— —— s — deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 2 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. P 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurſckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ——— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ———— 2 3. Penkwürdigkeiten eines Atztes. Von Alexandre Dumas. Vierte Abtheilung: Die Gräfin von Charny. Einundzwanzigſtes bis ſechsundzwanzigſtes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Joller. —— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. —„— „—— CVIII. Die rothe Fahne. Dieſe Truppen werden angeführt von einem Adju⸗ tanten von Lafahette; von welchem? man nennt ihn nicht. Lafayette hatte immer ſo viele Adjutanten, daß ſich die Geſchichte in dieſem Punkte verliert. Wie dem ſein mag, ein Flintenſchuß geht von den Glacis los und trifft dieſen Adjutanten; doch die Wunde iſt durchaus nicht gefährlich, und da der Schuß verein⸗ zelt war, ſo verachtet man es, darauf zu antworten. Eine Scene derſelben Art ereignet ſich im Gros⸗ Caillou.— Durch den Gros⸗Caillou kommt Lafayette mit dreitauſend Mann und ſchwerem Geſchütz herbei. Fournier iſt aber an der Spitze einer Bande von Schuften; wahrſcheinlich dieſelben, welche den Perücken⸗ macher und den Invaliden ermordet haben; ſie errichten eine Barricade. Lafayette marſchirt gegen dieſe Barricade und zer⸗ ſtört ſie. Durch die Räder eines Wagens und aus unmittel⸗ barer Nähe drückt Fuurnier eine Flinte gegen Lafayette ab; zum Glück verſagt die Flinte. Die Barricade wird erſtürmt und Fournier gefangen genommen. Man führt ihn vor Lafayette. „Wer iſt dieſer Menſch?“ fragt er. Die Gräfin von Charny. VI. 1 5 „Derjenige, welcher auf Sie geſchoſſen, und deſſen Flinte verſagt hat.“ „Gebt ihn frei, und er laſſe ſich anderswo hängen!“ Fournier ließ ſich nicht hängen: er verſchwand für den Augenblick und erſchien bei den September⸗Metzeleien wieder. Lafahette kommt auf das Marsfeld; man unter⸗ zeichnet hier die Petition; es herrſcht hier die vollkom⸗ menſte Ruhe. Dieſe Ruhe war groß, da Fran von Condorcet ihr einjähriges Kind hier ſpazieren führte. Lafayette geht bis zum Altar des Vaterlands; er erkundigt ſich, was man treibe: man zeigt ihm die Pe⸗ tition. Die Petitionäre machen ſich anheiſchig, nach Hauſe zu gehen, ſobald die Petition unterzeichnet ſein werde. Er ſieht nichts Tadelnswerthes in Allem dem und zieht ſich mit ſeinen Truppen zurück. Wenn aber dieſer Schuß, der den Adjutanten von Lafayette verwundet hat, wenn die Flinte, die auf ihn verſagt hat, nicht auf dem Marsfelde gehört worden ſind, ſo haben ſie doch einen furchtbaren Wiederhall in der Nationalverſammlung gehabt. Vergeſſen wir nicht, daß die Nationalverſammlung royaliſtiſchen Staatsſtreich will, und daß ſie Alles edient. „Lafahette iſt verwundet, ſein Adjutant getödtet... Man ermordet ſich auf dem Marsfelde!“ Dies iſt die Kunde, welche Paris durchläuft und von der Nationalverſammlung officiell dem Stadthauſe zugeſandt wird. Doch das Stadthaus iſt ſchon durch das, was auf dem Marsfelde geſchieht, beunrubigt; es hat ſeinerſeits drei Municipalräthe, die Herrn Jacques, Renand und Hardy, abgeſchickt. Vom Altar des Vaterlands herab ſehen die Unter⸗ 5„„———————— S—— 3 zeichner der Petition einen neuen Cortége auf ſich zu⸗ ſchreiten; dieſer kommt von der Seite des Fluſſes. Sie ſenden dem Cortsge eine Deputation entgegen. Die drei Municipalbeamten,— ſie ſind es, welche auf dem Marsfelde erſcheinen,— gehen gerade auf den Altar des Vaterlands zu; doch ſtatt der Menge von Meuterern, die ſie beſtürzt, im Tumult und voller Dro⸗ hungen zu finden erwarteten, ſehen ſie Bürger, die Einen in Gruppen ſpazieren gehend, die Andern die Petition unterzeichnend, wieder Andere die Farandole tanzend und das Ga ira ſingend.* Die Menge iſt ruhig; vielleicht iſt aber die Petition meuteriſch. Die Municipalbeamten verlangen, daß ihnen die Petition vorgeleſen werde. Die Petitivn wird ihnen von der erſten bis zur letzten Zeile vorgeleſen, und es folgen, wie es ſchon ein⸗ mal geſchehen iſt, auf dieſe Leſung allgemeine Bravos, einſtimmige Acckamationen. „Meine Herren,“ ſprechen ſodann die Municipal⸗ beamten,„wir find entzückt. Ihre Geſinnungen nun zu kennen; man meldete uns, es ſei hier Tumult: man hat uns getänſcht. Wir werden nicht verſänmen, von dem, was wir hier geſehen, Bericht zu erſtatten und zu ſagen, welche Ruhe hier herrſcht; und weit entfernt, Sie zu verhindern, Ihre Petition zu machen, werden wir Sie mit der öffentlichen Macht unterſtützen, ſollte man es verſuchen, Sie zu ſthren. Wären wir nicht in Func⸗ tion, ſo würden wir ſie ſelbſt unterzeichnen, und zweifeln Sie an unſern Abſichten, ſo werden wir als Geißeln bei Ihnen bleiben, bis alle Unterſchriften beigeſetzt ſind.“ So iſt alſo der Geiſt der Petition der Geiſt Aller, da die Mitglieder der Municipalität ſelbſt als Bürger dieſe Petition unterzeichnen würden, wenn ihre Eigen⸗ ſchaft als Municipalräthe allein ſie nicht verhinderte, zu unterzeichnen. Dieſe Beipflichtung von drei Männern, mit Vertrauen auf ſich zukommen ſehen, während ſie feindliche Abſichten bei ihnen vorausſetzten, ermuthigt die Petitionäre. Bei dem Streite ohne ernſte Bedentung, der zwiſchen dem Volke und der Nationalgarde ſtattge⸗ funden hat, ſind zwei Menſchen verhaftet worden; die zwei Gefangenen ſind, wie dies beinahe immer der Fall iſt, vollkommen unſchuldig; die Angeſehenſten unter den Petitionären verlangen, daß man ſie in Freiheit ſetze. Wir können das nicht auf uns nehmen,“ antwor⸗ ten die Abgeordneten der Municipalität;„doch ernennen Sie Commiſſäre: dieſe Commiſſäre mögen uns nach dem Stadthauſe begleiten, und es wird ihnen Gerechtigkeit bewilligt werden.“ Man ernennt zwölf Commiſſäre; mit Einſtimmigkeit ernannt, gehört Billot zu dieſer Commiſſion, die mit den drei Abgeordneten den Weg nach der Municipalität einſchlägt. Bei ihrer Ankunft auf dem Grove⸗Platze ſind die Commiſſäre erſtaunt, da ſie dieſen Platz ganz von Sol⸗ daten beſetzt finden; ſie öffnen ſich mit großer Mühe einen Weg durch den Wald von Bajonneten. Billot führt ſie an; man erinnert ſich, daß er das Stadthaus kennt: wir haben ihn mehr als einmal mit Piton dort geſehen. An der Thüre des Sitzungsſaales erſuchen die drei Municipalbeamten die Commiſſäre, einen Angenblick zu warten, laſſen ſich die Thüre aufmachen, treten ein und erſcheinen nicht wieder. Die Commiſſäre warten eine Stunde. Keine Nachrichten! Billot wird ungeduldig, faltet die Stirne und ſtampft mit dem Fuße. Plötzlich wird die Thüre geöffnet. Der Municipal⸗ rath erſcheint mit Bailly an der Spitze. Beilly iſt ſehr bleich; das iſt vor Allem ein Ma⸗ er hat genan das Gefühl des Rechts und ——— e—— e e e⸗ ie ſ en P m it it ät ie ⸗ he as tit rei zu ud nd al⸗ ⸗ nd 5 des Unrechts; er fühlt, daß man ihn zu einer ſchlimmen Handlung antreibt; doch der Befehl der Nationalver⸗ ſammlung iſt da: Bailly wird ihn bis zum Ende voll⸗ ziehen. Billot geht gerade auf ihn zu. „Herr Maire,“ ſpricht er zu Bailly mit dem feſten Tone, den unſere Leſer an ihm kennen,„wir erwarten Sie ſeit mehr als einer Stunde.“ „Wer ſind Sie, und was haben Sie mir zu ſa⸗ gen?“ fragt Bailly. „Wer ich bin?“ antwortet Billot;„es wundert mich, daß Sie mich fragen, wer ich ſei, Herr Bailly. Aller⸗ dings vermöchten diejenigen, welche links gehen, denjeni⸗ gen nicht zu begegnen, die ihrem geraden Wege fol⸗ gen... Ich bin Billot.“ Bailly machte eine Bewegung: dieſer Name allein erinnerte ihn an den Mann, der Einer der Erſten in die Baſtille eingedrungen war; an den Manu, der das Stadthaus in den gräßlichen Tagen der Metzelungen von Foulon und Berthier bewacht hatte; an den Mann, der am Schlage des von Verſailles zurückkommenden Königs marſchirt war, der die dreifarbige Cocarde an den Hut von Ludwig XVI. geheftet, der Lafayette in der Nacht vom 5. auf den 6. October aufgeweckt, und endlich Lndwig XVI. von Varennes zurückgeführt hatte. „Was ich Ihnen zu ſagen habe?“ fuhr Billot fort, „ich habe Ihnen zu ſagen, daß wir die Abgeſandten des auf dem Marsfelde verſammelten Volkes find.“ „Und was verlangt das Volk?“ „Es verlangt, daß man das von Ihren drei Abge⸗ ordneten gegebene Verſprechen halte, das heißt, daß man zwei mit Unrecht angeklagte Männer, für deren Unſchuld wir uns verbürgen, in Freiheit ſetze.“ „Gut,“ ſagte Bailly, indem er weiter zu gehen verſuchte;„ſtehen wir für ſolche Verſprechungen?“ „Und warum ſollten Sie nicht dafür ſtehen?“ „Weil ſie Meuterern gemacht worden find.“ Die Commiſſäre ſchauten ſich erſtaunt an. Billot faltete die Stirne. „Meuterern?“ verſetzte er;„ah! nun ſind wir Meuterer?“ „Ja,“ erwiederte Bailly,„Meuterer, und ich will mich aufs Marsfeld begeben, um dort den Frieden wie⸗ derherzuſtellen.“ Billot zuckte die Achſeln und lachte mit jenem plumpen Gelächter, das durch gewiſſe Lippen kommend einen drohenden Ausdruck annimmt. „Den Frieden auf dem Marsfelde wiederherſtellen?“ ſagte er;„Ihr Freund Lafayette kommt ja vom Mars⸗ felde; Ihre drei Abgeordneten kommen ja von dort, und ſie ſagen Ihnen, das Marsfeld ſei ruhiger als der Platz des Stadthauſes!“ Gerade in dieſem Augenblick läuft der Kapitän einer Compagnie vom Centrum des Boulevard Bonne⸗Nouvelle ganz erſchrocken herbei und fragt: Wo iſt der Herr Maire?“ Billot tritt auf die Seite, um Bailly zu demaskiren. „Hier bin ich,“ antwortet Bailly. „Zu den Waffen, Herr Maire! zu den Waffen!“ ruft der Kapitän;„man ſchlägt ſich auf dem Marsfelde, wo fünfzigtauſend verſammelte Schurken gegen die Nationalverſammlung zu marſchiren ſich anſchicken.“ Kaum hat der Kapitän dieſe Worte geſprochen, da laſtet die ſchwere Hand von Billot auf ſeiner Schulter. „Und wer ſagt das?“ fragt der Pächter. „Wer es ſagt? Die Nationalverſammlung.“ „Die Nationalverſammlung hat gelogen!“ entgegnet Billot. „Mein Herr!“ ruft der Kapitän, indem er ſeinen Säbel zieht. „Die Rationalverſammlung hat gelogen!“ wieder⸗ holt Billot. 7 Und er faßt den Säbel halb beim Griffe, halb bei der Klinge und reißt ihn dem Kapitän aus den Händen. „Genug, genng, meine Herren!“ ſpricht Bailly; „wir werden das ſelbſt ſehen;... Herr Billot, ich bitte Sie, geben Sie dieſen Säbel wieder; und wenn Sie Einfluß auf diejenigen haben, welche Sie ſchicken, ſo kehren Sie zu ihnen zurück und fordern Sie dieſelben auf, ſich zu zerſtreuen.“ Billot warf den Säbel zu den Füßen des Kapitäns. „Sich zu zerſtreuen?“ ſagte er;„ah! ja wohl; das Petitionsrecht iſt uns durch ein Decret zuerkannt worden, und bis ein Decret es uns wieder nimmt, wird es Niemand, weder einem Maire, noch einem Comman⸗ danten der Nationalgarde, erlaubt ſein, Bürger zu ver⸗ hindern, ihren Wunſch auszudrücken. Sie begeben ſich auf das Marsfeld? Wir gehen Ihnen voran, Herr Maire.“ Diejenigen, welche die handelnden Perſonen dieſer Stene umgaben, erwarteten nur einen Befehl, ein Wort, einen Wink von Bailly, um Billot zu verhaften; Bailly fühlte aber, daß dieſe Stimme, welche ſo laut und ſo feſt zu ihm geſprochen, eine Stimme des Volkes war. Er machte ein Zeichen, daß man Billot und die Commiſſäre gehen laſſe. Man ging auf den Platz hinab: eine große rothe Fahne drehte und wand an einem der Fenſter des Stadt⸗ hauſes ihre blutigen Falten in den erſten Luftſtrömen eines Sturmes, der zum Himmel aufſtieg. Zum Unglück dauerte dieſer Sturm nur einige Au⸗ genblicke; er toſte ohue Regen, vermehrte die Hitze des Tages, verbreitete ein wenig Elektricität in der Luft, und das war Alles. Bei der Rücktehr von Billot und den elf anderen Commiſſären auf das Marsfeld hat ſich die Menge faſt um ein Drittel vermehrt. So weit man in dem ungeheuren Baſſin die Zahl derjenigen, welche es bevölkern, berechnen kann, müſſen ungefähr ſechzigtauſend Seelen da ſein. Dieſe ſechzigtauſend Bürger und Bürgerinnen ſind ſowohl auf den Böſchungen, als um den Altar des Va⸗ terlands, und auf der Plattform und den Stufen des Altars ſelbſt vertheilt. Billot und ſeine elf Collegen kommen an. Es eut⸗ ſteht eine ungehenre Bewegung; von allen Punkten läuft man herbei; auf allen Seiten drängt man ſich... „Sind die zwei Bürger befreit worden? Was hat der Herr Maire antworten laſſen?“ „Die zwei Bürger ſind nicht befreit worden, und der Herr Maire hat nicht antworten laſſen, ſondern hat ſehr gut ſelbſt geantwortet, die Petitionäre ſeien Meuterer.“ Die Meuterer lachen über den Titel, den man ihnen gibt, und Jeder ſetzt ſeinen Spaziergang fort, kehrt an ſeinen Platz zurück, nimmt ſeine Beſchäftigung wieder auf. Während dieſer ganzen Zeit hat man unabläſſig die Petition unterzeichnet. Man zählt ſchon vier⸗ bis fünftauſend Unterſchriften; ehe es Abend iſt, wird man fünfzigtauſend zählen. Die Nationalverſammlung wird genöthigt ſein, ſich unter dieſer erſchrecklichen Einſtimmigkeit zu beugen. Plötzlich läuft ein Bürger kenchend herbei. Nicht nur hat er, wie die Commiſſäre, die rothe Fahne an den Fenſtern des Stadthanſes geſehen, ſondern es haben auch bei der Ankündigung, man marſchire auf das Mars⸗ feld, die Nationalgarden Freudenſchreie ausgeſtoßen; dann haben ſie ihre Gewehre geladen; dann, als die Gewehre geladen waren, iſt ein Municipalbeamter von Reihe zu Reihe gegangen und hat den Anführern leiſe ins Ohr geſprochen. 3 Wonach ſich die ganze Maſſe der Nationalgarde, Bailly und die Municipalität an der Spitze, nach dem Marsfelde in Marſch geſetzt. —— 9 Derjenige, welcher dieſe Details bringt, iſt voraus⸗ gelaufen, um den Patrioten ſeine traurigen Nachrichten zu verkündigen. Doch es herrſcht eine ſolche Ruhe, eine ſolche Ueber⸗ einſtimmung, eine ſolche Brüderlichkeit auf dieſem durch die Föderation des vorhergehenden Jahres geheiligten ungehenren Raume, daß die Bürger, welche hier ein durch die Conſtitution auerkauntes Recht ausüben, nicht glauben können, ſie ſeien es, die man bedrohe. Sie denken lieber, der Bote irre ſich. Man fährt fort zu unterzeichnen: die Tänze und Geſänge verdoppeln ſich. Man fängt indeſſen an das Raſſeln der Trommeln zu hören. Dieſes Geräuſch nähert ſich. Da ſchaut man ſich an, man wird unruhig. Es entſteht zuerſt ein großer Lärm auf den Glacis: man zeigt ſich die Bajonnete, welche wie ein eiſernes Korn⸗ feld glänzen. Die Mitglieder der verſchiedenen patriotiſchen Ge⸗ ſellſchaften verſammeln ſich, gruppiren ſich, und ſchlagen vor, man möge ſich zurückziehen. Doch von der Plattform des Altars ruft Billot: „Brüder, was machen wir, und warum dieſe Furcht? Entweder iſt das Kriegsgeſetz gegen uns gerichtet, oder es iſt nicht gegen uns gerichtet; iſt es nicht gegen uns gerichtet, warum fliehen? iſt es gegen uns, ſo wird man es bekannt machen, wir werden durch die Aufforderun⸗ gen in Kenntniß geſetzt ſein, und es iſt dann noch Zeit, daß wir uns zurückziehen.“ „Ja, ja,“ ruft man von allen Seiten,„wir ſind in den Gränzen des Geſetzes.. erwarten wir die Auf⸗ forderungen... es braucht dei Aufforderungen Bleiben wir! bleiben wir!“ Und man bleibt. In demſelben Augenblicke raſſeln die Trommeln mehr „ 10 in der Nähe, und die Nationalgarde erſcheint bei den drei Eingängen des Marsfeldes. Ein Drittel dieſer bewaffneten Maſſe kommt durch die Oeffnung unfern der Ecole⸗Militaire; Ein zweites Drittel durch die Oeffnung, die ſich ein wenig weiter unten findet; Das dritte endlich durch die, welche den Anhöhen von Chaillot gegenüber liegt. Auf dieſer Seite marſchirt die Mannſchaft über den Pont de Bois und rückt, die rothe Fahne an ihrer Spitze, Bailly in ihren Reihen, vor. Rur iſt die rothe Fahne eine faſt unſichtbare Stan⸗ darte, welche die Augen der Menge nicht mehr auf dieſes Corps, als auf die zwei andern zieht. Das iſt es, was die Petitionäre des Marsfeldes ſehen.. Was ſehen nun die Ankommenden? Die weite Ebene mit den harmloſen Spaziergängern und mitten auf der Ebene den Altar des Vaterlands, einen rieſigen Bau, zu deſſen Plattform man auf vier Rieſentreppen, welche vier Bataillons zugleich erſteigen können, hinaufgeht. Auf dieſer Plattform erheben ſich noch pyramiden⸗ artig Stufen, welche zur unmittelbaren Umgebung vom Altar des Vaterlands führen, den ein zierlicher Palm⸗ baum beſchattet. Jede Stufe von der unterſten bis zur oberſten dient als Sitz für eine mehr oder minder beträchtliche An⸗ zahl von Zuſchauern. Die menſchliche Pyramide erhebt ſich ſo geräuſch⸗ voll und belebt. Die Nationalgarde des Marais und des Faubourg Saint⸗Antoine,— ungefähr viertanſend Mann,— mit ihrer Artillerie kam durch die Oeffnung, welche an die füd⸗ liche Ecke der Ecole⸗Militaire gränzt. Sie dehnte ſich vor dem Gebäude aus. Lafayette traute wenig dieſen Menſchen des Marais e— 0——„—— e— in P er n⸗ es rn s, ier en en⸗ om m⸗ ent ln⸗ ſch⸗ urg mit üd⸗ ais 11 und der Vorſtädte, welche die demokratiſche Seite ſeines Heeres bildeten: er hatte ihnen auch ein Bataillon von der beſoldeten Garde beigegeben. Die beſoldete Garde, das waren die modernen Prä⸗ torianer. Sie beſtand, wie wir geſagt haben, aus ehemaligen Militären von den entlaſſenen Gardes⸗frangaiſes, aus wüthenden Fayettiſten, die, da ſie wußten, daß man auf ihren Gott geſchoſſen, kamen, um dieſes Verbrechen zu rächen, das in ihren Angen ein ganz anderes Ver⸗ brechen war, als das an der Nation, welches der Kö⸗ nig begangen hatte. Dieſe Garde kam von der Seite des Gros⸗Caillou, marſchirte lärmend, furchtbar, drohend mitten durch das Marsfeld herein, und befand ſich ſogleich nach ſeinem Eintritt dem Altar des Vaterlands gegegüber. Das dritte Corps endlich, das über den Pont de Bois, die von uns erwähnte ärmliche rothe Fahne voran, ausmündete, beſtand aus der Reſerve der Nationalgarde, mit der ein Hundert Dragoner und eine Bande Perrü⸗ ckenmacher den Degen tragend, wie dies ihr Privilegium und bis an die Zähne bewaffnet, vermiſcht waren. Durch dieſelben Oeffnungen, durch welche die Na⸗ tionalgarde zu Fuß zog, drangen zu gleicher Zeit einige Schwadronen Reiterei ein, und den durch jenen Sturm eines Augenblicks, den man als ein Vorzeichen betrachten konnte, ſchlecht niedergeſchlagenen Staub emportreibend, entzogen dieſe Reiter den Zuſchauern den Anblick des Dramas, das in Erfüllung gehen ſollte, oder ließen ſie e nur durch einen Schleier oder durch weite Riſſe ehen. Was man durch dieſen Schleier oder durch dieſe Riſſe erſchauen konnte, wollen wir zu beſchreiben ver⸗ ſuchen. Es iſt vor Allem die Menge wirbelnd vor den Reitern, deren Pferde in den weiten Cirens geſprengt werden; die Menge, welche, völlig eingeſchloſſen in einen eiſernen Kreis, ſich an den Fuß vom Altar des Vater⸗ S. flüchtet, wie zur Schwelle eines unverletzlichen Aſyls. Sodann, auf der Seite des Fluſſes, ein einzelner Flintenſchuß und ein kräftiges Kleingewehrfeuer, deſſen Rauch zum Himmel aufſteigt. Bailly iſt durch das Geziſche der Straßenjungen empfangen worden, welche die Böſchung auf der Seite von Grenelle bedecken; unter dieſem Geziſche hat ſich ein Flintenſchuß hörbar gemacht, und eine Kugel hat, hinter dem Maire von Paris, leicht einen Dragoner verwundet. Da hat Bailly befohlen, Feuer zu geben, doch in die Luft zu feuern, und nur um zu erſchrecken. Wie ein Echo dieſes Kleingewehrfeuers antwortet aber ein anderes Kleingewehrfener. ſc. war die beſoldete Garde, welche ebenfalls o Auf wen? auf was? Auf die harmloſe Menge, die den Altar des Vater⸗ lands umgab! Ein erſchreckliches Geſchrei folgte auf dieſes Feuer, dann ſah man, was man damals noch ſo wenig geſehen hatte, und was man ſeitdem ſo oft geſehen: Die Menge fliehend und unbewegliche Leichname zurücklaſſend, Verwundtete, die ſich im Blute ſchleppten; Und unter dem Rauche und Stanbe die Reiterei mit aller Erbitterung die Flüchtlinge verfolgend. Das Marsfeld bot einen beklagenswerthen Anblick. Die Frauen und die Kinder waren beſonders getroffen worden. Da geſchah, was unter ſolchen Umſtänden geſchieht: die Wuth, Blut zu vergießen, die Gierde des Schlach⸗ tens erſaßte anſteckend die Einen nach den Andern. Die Artillerie pflanzte ihre Stücke auf und ſchickte ſich an, Feuer zu geben. ————„ e— — t c— —) — r, n ne 15 en t: h⸗ te 13 Lafayette hatte nur Zeit, auf ſie zuzureiten und ſich ſeinem Pferde vor die Mündung der Kanonen zu tellen. Nachdem ſie einen Angenblick gewirbelt, warf ſich die erſchrockene Menge inſtinctartig in die Reihen der Nationalgarde des Marais und des Faubourg Saint⸗ Antvine. Die Nationalgarde öffnete ihre Reihen und nahm die Flüchtlinge aufz der Wind hatte den Rauch auf dieſe Seite getrieben, ſo daß ſie nichts geſehen hatte und glaubte, die Menge werde durch die Furcht allein fort⸗ geriſſen. Als der Rauch ſich verlor, ſah ſie zu ihrem Schre⸗ cken die Erde mit Blut befleckt und mit Todten beſtreut. In dieſem Augenblicke kam ein Adjutant im Galopp und gab der Nationnlgarde des Faubourg Saint⸗An⸗ toine und des Marais Befehl, geradeaus zu marſchi⸗ ren und den Platz zu ſäubern, um ihre Verbindung mit den zwei andern Truppen zu bewerkſtelligen. Sie ſchlng aber im Gegentheil auf den Adjutan⸗ ten und die Reiter, welche die Menge verfolgten, an. Adjutant und Reiter wichen vor den patriotiſchen Ba⸗ jonneten zurück. Alles, was auf dieſe Seite geflohen war, fand hier einen unerſchütterlichen Schutz. In einem Augenblicke war das Marsfeld geräumtz es blieben nur die Leiber der bei dem entſetzlichen Feuer der beſoldeten Garde getödteten oder verwundteten Män⸗ ner, Weiber und Kinder, oder der durch die Dragoner niedergehauenen oder von den Pferden zertretenen un⸗ glücklichen Flüchtlinge. Und mitten unter dieſem Blutbade, ohne vor dem Falle der Todten, dem Geſchrei der Verwundeten zu erſchrecken, unter dem Kleingewehrfener, vor der Mün⸗ dung der Kanonen, ſammelten die Patrioten die Hefte der Petition, welche, wie die Menſchen eine Zu⸗ 14 flucht in den Reihen der Nationalgarde des Marais ge⸗ funden hatten, aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Aſyl im Hauſe von Santerre fanden. Wer hatte den Befehl zu ſchießen gegeben? Nie⸗ mand wußte es. Das iſt eines von den hiſtoriſchen Geheimniſſen, welche, trotz der ängſtlichſten Nachforſchun⸗ gen, unerklärt bleiben. Weder der ritterliche Lafayette, noch der ehrliche Bailly liebten das Blut, und dennoch verfolgte ſie dieſes Blut bis zu ihrem Tode. Ihre Popularität ertrank darin an demſelben Tage. Wie viel Opfer blieben auf dem Felde der Schläch⸗ terei? Man weiß es nicht, deun die Einen verminderten ihre Zahl, um die Verantwortlichkeit des Maire und des Sbercommandanten zu mildern, die Andern vermehr⸗ ten ſie, um den Zorn des Volkes zu ſteigern. Sobald es Nacht geworden war, warf man die Leichen in die Seine; die Seine, eine blinde Mitſchul⸗ dige, wälzte ſie nach dem Oceanz der Ocean ver⸗ ſchlang ſie. Vergebens wurden aber Bailly und Lafayette von der Nationalverſammlung nicht nur freigeſprochen, ſon⸗ dern ſogar beglückwünſcht; vergebens nannten die con⸗ ſtitutionellen Journale dieſe Hondlung den Triumph des Geſetzes; dieſer Triumph wurde gebrandmarkt, wie es alle die unſeligen Tage verdienen, wo die Gewalt tödtet, ohne zu kämpfen. Das Volk, das den Dingen ihren wahren Namen gibt, nannte dieſen angeblichen Triumph: Die Metzelei vom Marsfelde. ———— —— —,—,——— N — S* n 1⸗ i⸗ 6 8 lt n P CIX. Vach der Metzelei. Kehren wir nach Paris zurück und ſehen wir ein wenig, was hier vorging. Paris hatte den Lärmen des Gewehrfeners gehört, es hatte gebebt. Paris wußte noch nicht vollkommen, wer Recht oder wer Unrecht hatte; doch es fühlte, daß es eine Wunde erhalten, und daß durch dieſe Wunde das Blut floß. Robespierre hielt ſich in Permanenz bei den Jaco⸗ binern, wie ein Gouverneur in ſeiner Feſtung; hier war er wahrhaft mächtig. Doch für den Augenblick war die Volkscitadelle aufgebrochen, und Jedermann konnte durch die Breſche eingehen, welche ſich zurückziehend Barnave, Duport und Lameth gemacht hatten. Die Jacobiner ſchickten Einen der Ihrigen auf Er⸗ kundigung aus. Was ihre Rachbarn die Feuillants betrifft, ſo hat⸗ ten ſie nicht nöthig, zu ſchicken: ſie waren Stunde für Stunde, Minute für Minute unterrichtet. Es wurde ihre Partie geſpielt, und ſie hatten ſie gewonnen. Der Abgeſandte der Jacobiner kam nach Verlauf von zehn Minuten zurück. Er war den Flüchtlingen be⸗ gegnet, und ſie hatten ihm die furchtbare Nachricht zu⸗ geſchleudert: „Lafayette und Bailly erwürgen das Volk.“ Richt Jedermann hatte die verzweifelten Schreie von Bailly hören können; nicht Jedermann hatte können 16 Lafayette ſich vor die Mündung der Kanonen werfen ſehen. Der Abgeordnete kam alſo ſelbſt einen Schreckens⸗ ſchrei ausſtoßend in die Verſammlung zurück, welche übrigens nicht zahlreich warz kaum dreißig bis vierzig Jacobiner waren in dem alten Kloſter anweſend. Sie begriffen, auf ſie werden die Feuillants die Verantwortlichkeit der Herausforderung zurückfallen laſ⸗ ſen. War die erſte Petition nicht von ihrem Clubb aus⸗ gegangen? Sie hatten ſie allerdings zurückgezogen⸗ doch die zweite war offenbar die Tochter der erſten. Sie hatten bange. Dieſes bleiche Geſicht, dieſes Geſpenſt der Tugend⸗ dieſer Schatten der Philoſophie von Rouſſean, Robes⸗ pierre genannt, wurde von blaß leichenfarbig. Der kluge Abgeordnete von Arras verſuchte es, ſich aus dem Staube zu machen, und konnte dies nicht: er war genö⸗ thigt, zu bleiben und einen Entſchluß zu faſſen. Dieſer Entſchluß wurde ihm von der Angſt eingegeben. Die Geſellſchaft erklärte, ſie bekenne ſich nicht zu den falſchen oder verfälſchten Druckſchriften, die man ihr zugeſchrieben, und ſie ſchwöre aufs Neue Treue der Conſtitution, Gehorſam den Decreten der Nationalver⸗ ſammlung. Kaum hatte ſie dieſe Erklärung gemacht, als man durch die alten Corridors der Jacobiner einen von der Straße herkommenden gewaltigen Lärmen vernahm. Dieſer Lärm beſtand aus Gelächter, Geziſche, Ge⸗ ſchrei, Drohungen und Geſängen. Das Ohr geſpannt, hofften die Jacobiner, er werde vorbeiziehen und ſeinen Weg nach dem Palais Royal nehmen. Durchaus nicht! Der Lärm machte Halt, ſtellte ſich vor der niedrigen, finſteren Thüre, welche nach der Rue Saint⸗Honors ging, feſt, und um den Schrecken, der ſchon herrſchte, zu vermehren, riefen Einige von den Anweſenden: 17 „Es ſind die beſoldeten Garden, welche vom Mars⸗ felde zurückkommen.. Sie ſtürmen den Saal!. Sie begehren, ihn mit Kanonenſchüſſen zu zerſtören.“ Zum Glücke waren, aus Vorſicht, Soldaten als Schildwachen vor den Thüren aufgeſtellt worden. Man ſchloß alle Ausgänge, um dieſen wüthenden und von dem Blute, das er vergoſſen, trunkenen Trupp zu verhindern, ufs Neue zu vergießen; dann gingen Jacobiner und Zuſchauer nach und nach hinaus; die Räumung dauerte nicht lange, denn wie der Saal nur dreißig bis vierzig Mitglieder enthielt, ſo waren auf den Tribunen kaum hundert Zuhörer anweſend. Madame Roland, welche an dieſem Tage überall ar, gehörte zu den Letzteren. Sie erzählt, bei der „ Nachricht, die beſoldeten Truppen ſeien im Begriffe, ſich r des Saales zu bemächtigen, habe ein Jacobiner derge⸗ n ſtalt den Kopf verloren, daß er auf die Tribune der Frauen geſprungen. Sie, Madame Roland, beſchämte ihn wegen dieſes Schreckens und ging da hinaus, wo ſie hereingekom⸗ u men war. — Es ſchlüpften indeſſen, wie geſagt, Schauſpieler und 2 Zuſchauer nach einander durch die halb geöffnete Thüre hinaus. Robespierre ging auch ab. . Einen Augenblick zögerte er. Sollte er ſich nach rechts oder nach links wenden? Er mußte ſich nach links wenden, um nach Hauſe zurückzukehren;— Robes⸗ 8 pierre wohnte bekanntlich im Fond des Marais,— doch t„ dann mußte er die Reihen dieſer beſoldeten Garde durch⸗ en ſchreiten. Er zog es vor, ſich nach dem Faubourg Saint⸗ Honoré zu begeben, um ein Aſyl von Pétion zu verlan⸗ er gen, der dort wohnte. n, Er wandte ſich rechts. Die Gräfin von Charnp. VI. 62 18 Robespierre wünſchte ſehr, unbekannt zu bleiben; no doch wie war das möglich, mit dieſem vlivenfarbigen, ei jeder bürgerlichen Reinheit entbehrenden Rocke,— der geſtreifte Rock kam erſt ſpäter;— mit dieſer Brille, de welche davon zeugte, daß vor dem Alter die Augen des tugendhaften Patrioten durch Nachtwachen abgenutzt wa⸗ ſo ren; mit dieſem ſchiefen Gange des Wieſels und des Fuchſes. de Robespierre hatte auch keine zwanzig Schritte auf der Straße gemacht, als ſchon ein paar Perſonen zu na einander ſagten: du „Robespierre!„. Siehſt Du Robespierre?.. ver Das iſt Robespierre!“ Die Frauen bleiben ſtehen und falten die Hände: bei die Frauen liebten ungemein Robespierre, der in allen mit ſeinen Reden ängſtlich beſorgt war, die Empfindſamkeit ihn ſeines Herzens voranzuſtellen. „Wie, der liebe Robespierre, er iſt es?“ „Jan“ ſah „Wo denn?“ der „Dort, dort!.. Siehſt Du den kleinen, mageren nicht gepuderten Mann, der an der Mauer hinſchleich und und aus Beſcheidenheit ausweicht?“ bei Robespierre wich nicht aus Beſcheidenheit aus, e zwe wich aus Angſt aus; doch wer hätte es gewagt, il von ſagen, der tugendhafte, der unbeſtechliche Robespiert,; der Tribun des Voltes weiche aus Angſt aus? in 8 Ein Mann ſchaute ihm unter die Raſe, um ſich il verſichern, daß er es ſei. Robespierre drückte ſeinen Hut ins Geſicht, da ſich nicht wußte, in welcher Abſicht man ihn anſchaute. Der Mann erkannte ihn und rief: die „Es lebe Robespierre!“ D Robespierre hätte es lieber mit einem Feinde up thun gehabt, als mit einem ſolchen Freunde⸗ di Robespierre!“ rief ein Anderer, der noch viel ſi ie en; en, der ille, des wa⸗ des auf zu „ nde: allen nkeit eren, leich „1 ierre ich z da e nde Duplay. 19 natiſcher:„es lebe Robespierre! Wenn man durchaus einen König braucht, warum ſollte er es nicht ſein?“ O großer Shakeſpeare!„Cäſar iſt todt: ſein Mör⸗ der werde zum Cäſar gemacht!“ Wenn je ein Menſch ſeine Volksbeliebtheit verfluchte, ſo war es ſccherlich Robespierre in dieſem Angenblicke. Ein ungeheurer Kreis bildete ſich um ihn: es han⸗ delte ſich darum, ihn im Triumphe zu tragen! Er warf über ſeine Brille einen erſchrockenen Blick nach rechts und nach links, um eine offene Thüre, einen dunklen Gang zu ſuchen, wohin er fliehen, wo er ſich verbergen könnte. Gerade in dieſem Momente fühlte er, daß man ihn beim Arme faßte und raſch auf die Seite zog, während mit freundſchaftlichem Ausdrucke eine Stimme leiſe zu ihm ſagte: „Kommen Sie!“ Robespierre gab dem Impulſe nach, ließ ſich gehen, ſah eine Thüre hinter ſich ſchließen und befand ſich in der Bude eines Schreiners. Dieſer Schreiner war ein Mann von ungefähr zwei⸗ undvierzig bis fünfundvierzig Jahren; ſeine Frau war bei ihm; in einem Zimmer im Hintergrunde richteten zwei ſchöne Mädchen, das eine von fünfzehn, das andere von achtzehn Jahren, das Abendbrod der Familie zu. Robespierre war ſehr bleich und ſchien nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. „Leonore,“ ſagte der Schreiner,„ein Glas Waſſer!“ Leonore, die älteſte Tochter des Schreiners, näherte ſich ganz zitternd mit einem Glaſe Waſſer in der Hand. Vielleicht berührten die Lippen des ſtrengen Tribuns die Finger von Mademoiſelle Duplay. Denn Robespierre befand ſich beim Schreiner Während Madame Roland, welche die Gefahr kennt, iel ſi die er läuft, und ſich dieſelbe übertreibt, vergebens ſich 20 nach dem Marais begibt, um ihm ein Aſyl bei ihr an⸗ zubieten, verlaſſen wir Robespierre, der in Sicherheit laſ iſt, in der Mitte der trefflichen Familie Duplay, aus die welcher er die ſeinige machen wird, um im Gefolge des vio Doctor Gilbert in die Tuilerien einzutreten. ein Auch diesmal wartet die Königin; da es aber nicht wi Barnave iſt, den ſie erwartet, ſo iſt ſie nicht im Entreſol da von Madame Campan, ſondern bei ſich, nicht ſtehend, die Hand an einer Thürklinke, ſondern ſitzend in einem lich Fauteuil, den Kopf in ihrer Hand. Fr Sie erwartet Weber, den ſie nach dem Marsfelde wa geſchickt, und der von den Anhöhen von Chaillot herab beſ Alles geſehen hat. Um gegen die Königin gerecht zu ſein, und damit ſie man den Haß wohl begreife, welchen ſie, wie man be⸗ De hauptete, gegen die Franzoſen hegte, und den man i an ſo ſehr vorgeworfen, wollen wir, nachdem wir erzählt, ha⸗ ver ben was ſie auf ihrer Reiſe von Varennes gelitten, ſagen⸗ was ſie ſeit ihrer Rückkehr gelitten hat. for Ein Geſchichtſchreiber könnte parteiiſch ſein; wir ſind nur Romanendichter: die Parteilichkeit iſt uns nicht Fre erlaubt. der RNachdem der König und die Königin in Verhaft genommen worden ſind, hat das Volk nur eine Ider⸗ da ſie ein erſtes Mal geflohen, ſo könnten ſie auch reg ein zweites Mal fliehen, und dieſes zweite Mal die Gränz. gen erreichen. her Die Königin beſonders wurde für eine Zauberi tior gehalten, welche, wie Medea, im Stande, durch ei zu Fenſter auf einem von zwei Drachen gezogenen Wagel Fa zu entfliegen. Dieſe Ideen hatten nicht nur Curs unter den öun Volke; ſie fanden ſeibſt bei den mit der Bewachung vol Marie Antvinette beauftragten Officieren Glauben.„ Herr von Gonvion, der ſie bei der Flucht nat wie Varennes zwiſchen ſeinen Händen hatte durchſchlüpfe au⸗ meit us des icht eſol nd, nem elde rab amit be⸗ iht ha⸗ gen⸗ wit nicht rhaft dee auch ränze berin ein vagel den 9 vol nac üpfr 21 laſſen, und durch deſſen Geliebte, eine Garderobe⸗Dame, die Abreiſe Bailly angezeigt worden war, Herr von Gon⸗ vion hatte erklärt, erverweigere jede Verantwortlichkeit, wenn eine andere Fran, als Frau von Rochereul,— dies war, wie man ſich erinnert, der Name der Garderobe⸗Dame,— das Recht, bei der Königin einzutreten, habe. Dem zu Folge hatte er unten an der zu den könig⸗ lichen Gemächern führenden Treppe das Portrait von Frau von Rocherenl aufſtellen laſſen, damit die Schild⸗ wache, die Identität jeder Perſon, welche erſcheinen ſollte, beſtätigend keiner andern Frau den Eintritt erlaubte. Die Königin wurde von dieſem Befehle unterrichtet; ſie ging ſogleich zum König und beklagte ſich bei ihm. er König konnte nicht daran glauben: er ſchickte unten an die Treppe, um ſich der Thatſache zu verſichern; es verhielt ſich wirklich ſo. Der König ließ Herrn von Lafayette rufen und forderte von ihm die Entfernung dieſes Portraits. Das Portrait wurde entfernt, und die gewöhnlichen der Königin nahmen ihren Dienſt bei ihr wie⸗ der auf. Doch an der Stelle dieſer demüthigenden Anord⸗ nung, war eine nicht minder verletzende Vorſichtsmaß⸗ regel beſchloſſen worden: die Bataillon⸗Chefs, welche gewöhnlich in dem dem Schlafzimmer der Königin vor⸗ hergehenden Salon, genannt das große Cabinet, ſta⸗ tionirten, hatten den Befehl, die Thüre beſtändig offen zu laſſen, um die Augen immer auf der königlichen Familie zu haben. Eines Tages wagte es der König, dieſe Thüre zu⸗ zumachen. Sogleich öffnete ſie der Officier wieder. Einen Angenblick nachher machte ſie der König wieder zu. Doch der Officier öffnete ſie aufs Neue und ſagte: 22 „Sire, vergebens machen Sie dieſe Thüre zu: ſo oft Sie ſie zumachen, ebenſo oft werde ich ſie wieder öffnen; das iſt der Befehl.“ Die Thüre blieb offen. Alles, was man von den Officieren erlangen konnte, war, daß dieſe Thüre, ohne völlig geſchloſſen zu ſein, an das Geſims angelehnt werden ſollte, wenn ſich die Königin auskleiden oder ankleiden würde. Sobald die Königin angekleidet war oder im Bette lag, öffnete ſich die Thüre wieder. Das war eine unerträgliche Tyrannei. Die Kö⸗ nigin hatte den Gedanken, an ihr Bett das Bett ihrer Kammerfrau zu ziehen, ſo daß dieſes zwiſchen ſie und die Thüre geſtellt wäre. Mit Vorhängen verſehen, bildete dieſes Bett für ſie einen Windſchirm, hinter welchem ſie ſich an⸗ und aus⸗ kleiden konnte. In einer Nacht, als er ſah, daß die Kammerfrau ſchlief und die Königin wachte, benützte der Ofſicier dieſen Schlaf der Kammerfrau, um bei der Königin einzutreten und ſich ihrem Bette zu nähern. Die Königin, als er herbeikam, betrachtete ihn mit jener Miene, welche die Tochter von Maria Thereſia anzunehmen wußte, wenn man die Achtung gegen ſie verletzte; doch der wackere Mann, der durchaus nicht die Achtung gegen ſie zu verletzen glaubte⸗ bekümmerte ſich nichts um ihre Miene und ſchante ſie ſeinerſeits mit einem Ausdrucke des Mitleids an, in dem man ſich nicht täuſchen konnte. „Ah! bei meiner Treue!“ ſagte er,„da ich Sie allein finde, Madame, ſo muß ich Ihnen einige Rath⸗ ſchläge geben.“ Und ſogleich, ohne danach zu ftagen, ob ihn die Königin hören oder nicht hören wollte, erklärte er ihr, was er thun würde wenn er an ihrer Stelle wäre. bis ihr u er te, in, die tte dö⸗ rer und ſie us⸗ ran cier igin mit reſia ſie die ſich mit nicht Sie ath⸗ die elle 23 Die Königin, welche, als ſie ihn ſich hatte nähern ſehen, in Zorn gerathen war, ließ ihn beruhigt durch ſeinen gutmüthigen Ton ſprechen, und hörte ihn am Ende mit einer tiefen Schwermuth an. Mittlerweile erwachte die Kammerfrau, und als ſie einen Mann beim Bette der Königin ſah, ſtieß ſie einen Schrei aus und wollte um Hülfe rufen. Doch die Königin hielt ſie zurück und ſagte: „Nein, Campan, laſſen Sie mich hören, was dieſer Herr ſpricht. Der Herr iſt ein guter, wie ſo viele Andere, über unſere Abſichten getäuſchter Franzoſe, und ſeine Reden bezeichnen eine wahre Anhänglichkeit an das Königthum.“ Und der Officier ſagte bis zum Ende der Königin, was er ihr zu ſagen hatte. Vor ihrer Abreiſe nach Varennes hatte Marie An⸗ toinette nicht ein graues Haar. In der Nacht, welche auf die von uns erzählte Scene zwiſchen Charny und ihr folgte, wurden ihre Haare faſt völlig weiß. Als ſie dieſe traurige Metamorphoſe wahrnahm, lächelte ſie mit Bitterkeit, ſchnitt eine Locke ab und ſchickte ſie an Frau von Lamballe in London mit den Worten: „Weiß geworden durch das Unglück!“ Wir haben ſie Barnave erwartend geſehen, wir haben den Hoffnungen von dieſem gleichſam beigewohnt; doch er hatte große Schwierigkeiten gehabt, die Königin dieſe Hoffnungen theilen zu machen. Marie Antoinette fürchtete die gewaltſamen Scenen; bis dahin hatten ſich dieſe Scenen beſtändig gegen ſie gewendet; hievon zeugen der 14. Juli, der d. und der 6. October, die Verhaftung in Varennes. Sie hatte von den Tuilerien aus den Lärmen des unſeligen Musketenfeners auf dem Marsfelde gehört; ihr Herz war dadurch tief beunruhigt worden. Im Gan⸗ 24 zen war die Reiſe von Varennes eine große Lehre für ſie geweſen. Bis zu dieſem Moment hatte die Re⸗ volution in ihren Augen die Höhe eines Syſtems von Herrn Pitt, einer Intrigne des Herzogs von Orleans nicht überſchritten; ſie glanbte, Paris werde durch einige Rädelsführer geleitet; ſie ſagte mit dem König:„Un⸗ ſere gute Provinz!“ Sie hatte die Provinz geſehen: die Provinz war mehr revolutionär geweſen, als Paris! Die Nationalverſammlung war ſehr altersſchwach, ſehr geiſtesarm, ſehr hinfällig, um muthig dieVerbindlich⸗ keiten zu halten, welche Barnave in ihrem Namen über⸗ nommen hatte; war ſie nicht überdies dem Sterben nahe? Die Umarmung einer Sterbenden war nicht ſehr geſund! Die Königin erwartete alſo, wie geſagt, Weber mit großer Bangigkeit. Die Thüre öffnete ſich: ſie wandte raſch die Augen nach dieſer Seite. Doch ſtatt des guten, dicken öſterrei⸗ chiſchen Geſichtes ihres Milchbruders ſah ſie das ſtrenge, kalte Geſicht des Doctor Gilbert erſcheinen. Die Königin liebte ihn nicht, dieſen Royaliſten mit den conſtitutionellen Theorien, welche ſichbei ihm ſo ſehr feſtgeſtellt, daß ſie ihn als einen Republicaner betrachtete; und dennoch hatte ſie eine gewiſſe Achtung vor ihm; ſie hätte ihn weder bei einer körperlichen, noch bei einer moraliſchen Kriſe holen laſſen; war er aber einmal da, ſo unterwarf ſie ſich ſeinem Einfluſſe. Als ſie ihn erblickte, bebte ſie. Sie hatte ihn ſeit dem Abend der Riückkehr von Varennes nicht geſehen. „Sie ſind es, Doctor?“ murmelte ſie. Gilbert verbengte ſich und erwiederte: „Ja, Madame, ich bin es Ich weiß daß Sie Weber erwarteten; doch die Neuigkeiten, die er Ihnen bringt, bringe ich noch genauer als er. Er war auf ſit he ſel fu üb ha gin hre Re⸗ von ans ige Un⸗ war ach, ich⸗ ber⸗ ben ſehr mit gen rei⸗ nge, mit ſehr ete; ſie iner da, Sie hnen auf 25 einer Seite der Seine, wo man nicht mordete, während ich im Gegentheil auf der Seite der Seine war, wo man mordete... „Wo man mordete! Was iſt geſchehen, mein Herr?“ fragte die Königin. „Ein großes Unglück, Madame: die Partei des Hofes hat geſiegt!“ „Die Partei des Hofes hat geſiegt! Und Sie nen⸗ nen das ein Unglück, Herr Gilbert?“ „Ja, weil ſie durch eines der entſetzlichen Mittel geſiegt hat, welche den Sieger entnerven und ihn zu⸗ weilen neben dem Beſiegten hinſtrecken!“ „Was iſt denn vorgefallen?“ „Lafahette und Bailly haben auf das Volk geſchoſ⸗ ſen, ſo daß nun Lafahette und Bailly außer Stande ſind, Ihnen zu dienen.“ „Warum dies?“ „Weil ſie ihre Popnlarität verloren haben.“ Und was that das Volk, auf das man geſchoſſen hat „Es unterzeichnete eine Petition, welche die Ent⸗ ſetzung verlangt.“ „Die Entſetzung weſſen?“ „Des Kolban „Und Sie finden, man habe Unrecht gehabt, auf das Volk zu ſchießen?“ fragte die Königin, deren Auge funkelte. „Ich glaube, man hätte beſſer daran gethan, es zu überzeugen, als es zu erſchießen.“ „Von was überzeugen?“ „Von der Aufrichtigkeit des Königs.“ „Der König iſt ja aufrichtig!“ „Verzeihen Sie, Madame. Vor drei Tagen habe ich den König verlaſſen; mein ganzer Abend ver⸗ ging damit, daß ich es verſuchte, ihm begreiflich zu machen, ſeine wahren Feinde ſeien ſeine Brüder, Herr 26 von Condé, die Emigrirten. Auf den Knieen flehte ich den König an, ſeine Verbindung mit ihnen abzubre⸗ chen und offen die Conſtitution anzunehmen, mit dem Porbehalte, die Artikel zu revidiren, deren Ausübung zur Erkenntniß der Unmöglichkeit ihrer Anwendung füh⸗ ren würde. Ueberzeugt,— ich glaubte es wenigſtens,— hatte der König die Güte, mir zu verſprechen, es ſei vorbei zwiſchen ihm und der Emigration, und hinter mir, Madame, hat der König unterzeichnet und Sie unterzeichnen laſſen einen Vrief für ſeinen Bruder, für Monſieur, in welchem er ihn beim Kaiſer von Oeſterreich und beim König von Preußen bevollmächtigt... Die Königin erröthete wie ein Kind, das auf einem Fehler ertappt worden iſt; doch ein auf einem Fehler ertapptes Kind bengt ſich: ſie empörte ſich im Gegentheil. „Unſere Feinde haben alſo Spione bis im Cabi⸗ net des Königs?“ „Ja, Madame,“ erwiederte Gilbert ruhig,„und das iſt es, was jeden falſchen Schritt auf Seiten des Kö⸗ nigs ſo gefährlich macht.“ „Aber, mein Herr, der Brief war ganz von der Hand des Königs geſchrieben; er iſt, ſobald ich ihn un⸗ terzeichnet hatte, vom König zuſammengelegt, geſiegelt und dem Conrier, der ihn überbringen ſollte, eingehän⸗ digt worden.“ „Das iſt wahr, Madame.“ „Man hat alſo den Courier angehalten?“ „Der Brief iſt geleſen worden.“ „Wir ſind alſo nur von Verräthern umgeben?“ „Es ſind nicht alle Menſchen ein Graf von Charny.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ach! Madame, damit will ich ſagen: eines der unſeligen Vorzeichen, welche den Untergang der Könige prophezeien, iſt, wenn ſie von ſich Menſchen entfernen, die ſie mit eiſernen Banden an ihr Glück feſſeln müßten.“ „Ich habe Herrn von Charny nie entfernt,“ er⸗ d d d vo „ in de em ler it. bi⸗ nd kö⸗ der un⸗ gelt än⸗ 27 wiederte bitter die Königin;„Herr von Charny iſt es, der ſich entfernt hat. Werden die Könige unglücklich, ſo gibt es keine Bande mehr, welche ſtark genug, um ihre Freunde bei ihnen zurückzuhalten!“ Gilbert ſchaute die Königin an und ſchüttelte ſanft den Kopf. „Verleumden Sie Herrn von Charny nicht, Ma⸗ dame, oder das Blut ſeiner Brüder wird aus der Tiefe des Grabes ſchreien, Marie Antoinette ſei eine Un⸗ dankbare.“ „Mein Herr!“ rief Marie Antvinette. „Oh! Sie wiſſen wohl, daß ich die Wahrheit ſpreche, Madame,“ verſetzte Gilbert;„Sie wiſſen wohl, daß eines Tags, wenn Sie eine wirkliche Gefahr be⸗ droht, Herr von Charny an ſeinem Poſten ſein, und daß dieſer Poſten der der Gefahr ſein wird.“ Die Königin neigte das Haupt: „Gleichviel,“ ſagte ſie ungeduldig,„ich denke, Sie ſind nicht gekommen, um von Herrn von Charny mit mir zu reden?“ „Nein, Madame, aber die Ideen ſind zuweilen wie die Ereigniſſe, ſie verketten ſich durch unſichtbare Fäden, und es werden oft plötzlich ſolche an den Tag gezogen, welche in der Dunkelheit des Herzens verborgen bleiben müßten... Nein, ich kam, um zur Königin zu ſpre⸗ chen; verzeihen Sie, wenn ich, ohne es zu wollen, zur Frau geſprochen habe, doch ich bin nun bereit, meinen Fehler wieder gut zu machen.“ „Und was wollten Sie der Königin ſagen, mein Herr?“ „Ich wollte ihr ihre Lage, die von Frankreich, die von Europa vor die Angen ſtellen, ich wollte ihr ſagen: „„Sie ſpielen um das Glück oder das Unglück der Welt in gebundener Partie; Sie haben die erſte Partie am 6. Oetober verloren; Sie haben ſo eben, wenigſtens in den Augen Ihrer Höflinge, die zweite gewonnen. Mor⸗ 28 gen werden Sie die entſcheidende Partie eingehen; ver⸗ lieren Sie, ſo geht es um den Thron, um die Freiheit, vielleicht um das Leben!““ „Mein Herr,“ ſagte die Königin, indem ſie ſich lebhaft hoch aufrichtete,„glauben Sie, wir werden vor einer ſolchen Furcht zurückweichen?“. „Ich weiß, daß der König muthig iſt: er iſt der Enkelſohn von Heinrich IV.; ich weiß, daß die Königin heldenmüthig iſt: ſie iſt die Tochter von Maria Thereſia; ich werde es alſo ihnen gegenüber nie mit etwas Anderem, als der Ueberzeugung verſuchen; leider bezweifle ich, daß es mir je gelingt, in das Herz des Königs und der Königin die Ueberzeugung, die in dem meinen iſt, über⸗ gehen zu machen.“ „Warum nehmen Sie ſich dann eine ſolche Mühe mein Herr, wenn Sie dieſelbe für unuütz halten?“ „Um eine Pflicht zu erfüllen, Madame. Glauben Sie mir, es iſt, wenn man in ſtürmiſchen Zeiten, wie in den unſeren, lebt, ſüß, ſich bei jeder Anſtrengung, die man macht, und ſollte dieſe Anſtrengung auch fruchtlos ſein, zu ſagen:„„Es iſt eine Pflicht, die ich erfülle!““ Die Königin ſchaute Gilbert ins Geſicht. „Vor Allem, mein Herr,“ ſprach ſie,„denken Sie, es ſei noch möglich, den König zu retten?“ „Ich glaube es.“ „Und das Königthum?“ „Ich hoffe es.“ „Nun wohl! mein Herr,“ ſagte die Königin mit einem tief traurigen Seufzer,„Sie ſind glücklicher als ich; ich glaube, daß der Eine und das Andere verloren ſind, und ich, meines Theils, ſträube mich nur zur Befreiung meines Gewiſſens.“ „Ja, Madame, ich begreife das, weil Sie das deſpotiſche Königthum und den abſoluten König wollen; wie ein Geiziger, der ſelbſt im Angeſichte einer Küſte, welche bereit iſt, ihm mehr wiederzugeben, als er beim mit ich; ind, ung das len; iſte, eim 29 Schiffbruche verliert, nicht einen Theil von ſeinem Ver⸗ mögen zu opfern weiß und alle ſeine Schätze behalten will, werden Sie mit den Ihrigen, durch ihr Gewicht fortgeriſſen, untergeben... Machen Sie den Theil des Sturmes, werfen Sie in den Abgrund die ganze Ver⸗ gangenheit, wenn es ſein muß, und ſchwimmen Sie gegen die Zukunft!“ „Die Vergangenheit in den Abgrund werfen heißt mit allen Königen Europas brechen.“ „Ja, doch es heißt einen Bund mit dem franzö⸗ ſiſchen Volke ſchließen.“ „Das franzöſiſche Volk iſt unſer Feind!“ „Weil Sie daſſelbe an Ihnen zweifeln gelehrt haben.“ „Das franzöſiſche Volk kann nicht gegen ein euro⸗ päiſches Bündniß kämpfen.“ „Nehmen Sie an ſeiner Spitze einen König an, der aufrichtig die Conſtitution will, und das franzöſiſche Volk wird die Eroberung der Welt machen.“ „Hiezu braucht man eine Armee von einer Million enſchen.“ „Man macht die Eroberung Europas nicht mit einer Million Menſchen, Madame: man macht die Eroberung Europas mit einer Idee. Pflanzen Sie am Rhein und auf den Alpen zwei dreifarbige Fahnen mit den Worten auf:„Krieg den Tyrannen, Freiheit den Völkern!““ und Europa wird erobert ſein.“ „„Wahrhaftig, mein Herr, es gibt Augenblicke, wo ich verſucht bin, zu glauben, die Weiſeſten werden Narren!“ „Ach! Madame, Madame, Sie wiſſen alſo nicht, was in dieſem Moment Frankreich in den Angen der Nationen iſt? Frankreich, mit einigen individnellen Ver⸗ brechen, mit einigen örtlichen Exceſſen, welche jedoch ſein weißes Kleid nicht beflecken, ſeine reinen Hände nicht be⸗ ſchmutzen, dieſes Frankreich iſt die Jungfrau der Frei⸗ heit; die ganze Weit iſt in es verliebt; von den Nieder⸗ — 30 landen, vom Rhein, von Italien rufen es Millionen von Stimmen an! Es braucht nur einen Fuß über die Gränze zu ſetzen, und die Völker werden es auf den Knieen erwarten.. Die Hände voll von Freiheit an⸗ kommend, iſt Frankreich nicht mehr eine Nation; es iſt die unwandelbare Gerechtigkeit! es iſt die ewige Ver⸗ nunft. Oh! Madame, benützen Sie es, daß Frank⸗ reich noch nicht den Weg der Gewaltthat betreten hat, denn wenn Sie zu lange warten, wird es dieſe Hönde, die es über die Welt ausſtreckt, gegen ſich ſelbſt umdrehen Aber Belgien, aber Deutſchland, aber Italien folgen jeder ſeiner Bewegungen mit Blicken der Freude und der Liebe. Belgien ſagt zu ihm:„Komm!““ Deutſchland ſagt zu ihm:„„Ich erwarte dich!““ Ita⸗ lien ſagt zu ihm:„„Rette mich!““ Hat nicht im tiefen Norden eine unbekannte Hand auf den Tiſch von Guſtav geſchrieben:„„Keinen Krieg mit Frankreich!““ Ueber⸗ dies iſt keiner von den Königen, die Sie zu Hülfe rufen, bereit, Krieg mit uns anzufangen, Madame. Zwei Reiche haſſen uns tief; wenn ich ſage, zwei Reiche, ſo meine ich damit eine Kaiſerin und einen Miniſter: Ka⸗ tharina I. und HerrnPitt; doch ſie ſind machtlos gegen uns, wenigſtens zu dieſer Stunde. Katharina hält die Türkei unter einer ihrer Klauen und Polen unter der andern; ſie wird wohl ein paar Jahre zu thun haben, um die Eine zu unterwerfen und das Andere zu ver⸗ ſchlingen; ſie treibt die Deutſchen gegen uns; ſie bietet ihnen Frankreich an; ſie beſchämt Ihren Bruder Leopold wegen ſeiner Unthätigkeit; ſie zeigt ihm den König von Preußen, der ſich Hollands bemächtigt wegen eines ein⸗ fachen, ſeiner Schweſter bereiteten Mißvergnügens; ſie ſagt zu ihm:„„Marſchiren Sie doch!““ ſie marſchirt aber nicht„. Herr Pitt verſchlingt Indien in dieſem Augenblick; er iſt wie die Schlange Bva dieſe mühſame Verdauung macht ihn fühllos; warten wir, bis ſie voll⸗ endet iſt, ſo wird er uns ebenfalls angreifen, nicht ſo⸗ ge je ter S zie ſtu de on ie en n⸗ iſt r⸗ ik⸗ at, e, en en de „ a⸗ en av er⸗ n, vei d⸗ en die der en, er⸗ tet old on in⸗ ſie irt em me ⸗ ſo⸗ 31 wohl durch den Krieg mit dem Auslande, als durch den Bürgerkrieg.. Ich weiß, daß Sie eine tödtliche Angſt vor dieſem Pitt haben: ich weiß, Sie geſtehen, daß Sie nicht von ihm reden, ohne den kleinen Tod zu er⸗ leiden. Wollen Sie ein Mittel, ihn im Herzen zu tref⸗ fen? machen Sie aus Frankreich eine Republik mit einem Konig!.. Was thun Sie ſtatt deſſen, Madame? was thut ſtatt deſſen Ihre Freundin, die Primeſſin von Lam⸗ balle? Sie ſagt zu England, wo Sie ſie vertritt, das ganze Trachten Frankreichs ſei, zur großen Charte zu gelangen; vom König gezügelt, ſei die franzöſiſche Revv⸗ lution im Begriffe, rückwärts zu gehen! Uind was ant⸗ wortet Pitt auf dieſe Behauptungen? er werde nicht dulden, daß Frankreich Republik werde; er werde die Monarchie retten; doch alle Schmeicheleien, alle drin⸗ gende Bitten von Fran von Lamballe konnten ihn nicht zu dem Verſprechen bewegen, er werde den Monarchen ret⸗ ten; denn den Monarchen haßt er! Hat ihm nicht Lud⸗ wig XVI., der conſtitutionelle König, der philoſophiſche König, Indien ſtreitig gemacht und America entriſſen? Ludwig XVI.! Pitt wünſcht nur Eines: daß die Ge⸗ ſchichte ein Seitenſtück zu Karl I. aus ihm mache!“ „Mein Herr!“ rief die Königin erſchrocken,„wer entſchleiert Ihnen denn alle dieſe Dinge?“ „Dieſelben Menſchen, die mir ſagen, was in den Briefen ſteht, die Gure Majeſtät ſchreibt.“ „Wir haben alſo keinen Gedanken mehr, der uns gehört?“ „Ich habe Ihnen geſagt, Madame, die Könige ſeien von einem unſichtbaren Netze umhüllt, in dem ſich die⸗ lenigen, welche widerſtehen wollten, vergebens zerarbei⸗ ten werden. Widerſtehen Sie nicht, Madamet ſtellen Sie ſich an die Spitze der Ideen, die Sie rückwärts zu ziehen verſuchen, und das Netz wird für Sie eine Rü⸗ ſtung werden, und diejenigen, welche Sie haſſen, wer⸗ den Ihre Vertheidiger werden, und die unſichtbaren Ool⸗ —— 32 che, die Sie bedrohen, werden zu Schwertern werden, bereit, Ihre Feinde zu ſchlagen.“ „Aber, mein Herr, Sie vergeſſen immer, daß dieje⸗ nigen, welche Sie unſere Feinde nennen, die Könige unſere Brüder ſind.“ „Ei! Madame, nennen Sie einmal die Franzoſen Ihre Kinder, und Sie werden ſehen, wie wenig Ihnen dann dieſe Brüder der Politik und der Diplomatie noch ſind! Scheinen Ihnen nicht überdies alle dieſe Könige, alle dieſe Fürſten mit dem unſeligen Siegel des Wahn⸗ ſinns gezeichnet? Fangen wir mit Ihrem Bruder Leo⸗ pold an, der, hinfällig in ſeinem vierzigſten Jahre, mit ſeinem von Toscana nach Wien trausportirten Harem, ſeine verſcheidenden Fähigkeiten durch mörderiſche Reiz⸗ mittel, die er ſelbſt fabricirt, wiederzubeleben ſucht.*). Sehen Sie Friedrich; ſehen Sie Guſtav; der Eine iſt todt, der Andere wird ohne Nachkommenſchaft ſterben, denn in den Angen Aller iſt es bekannt, daß der könig⸗ liche Erbe Schwedens der Sohn von Monk und nicht von Guſtav... Sehen Sie den König von Portugal mit ſeinen dreihundert Nonnen... Sehe Sie den Kö⸗ nig von Sachſen**) mit ſeinen dreihundert und vierund⸗ fünfzig Baſtarden... Sehen Sie Katharina, dieſe Paſiphae des Norden, welche drei Heere zu Liebhabern hat!.. Oh! Madame, bemerken Sie nicht, daß alle diefe Könige und alle dieſe Königinnen dem Abgrunde, dem Selbſtmorde zugehen? und daß, wenn Sie wollten, Sie! ſtatt dem Abgrunde, dem Selbſtmorde zuzu⸗ ſchreiten, zur Herrſchaſt der Welt, zur Univerſalmonarchie ſchreiten würden?“ *) Ein deutſcher Hiſtoriker dürfte ſchwerlich dieſe Paſ⸗ ſage unterzeichnen. D. Ueberſ. **) Einen König von Sachſen zählte Deutſchland zu jener Zeit nicht unter ſeinen Fürſten. D. Ueberſ. gen liti ral beſ rei Fr wir hei n, e⸗ 33 „Warum ſagen Sie das nicht dem König, Herr Gilbert?“ fragte die Königin erſchüttert. „Ei! mein Gott! ich ſage es ihm, doch wie Sie die Ihren haben, ſo hat er ſeine böſen Geiſter, welche wieder zerſtören, was ich gemacht habe.“ Dann mit tiefer Schwermuth: „Sie haben Mirabeau gebraucht, Sie gebrauchen arnave; Sie werden nach ihnen und wie ſie mich ge⸗ brauchen, und Alles wird abgemacht ſein!“ „Herr Gilbert,“ ſprach die Königin,„erwarten Sie mich hier.. ich gehe einen Angenblick zum König und komme wieder.“ Gilbert verbengte ſich; die Königin ging an ihm vorüber und entfernte ſich durch die Thüre, welche zum König führte. Der Doctor wartete zehn Minuten, eine Viertel⸗ ſtunde, eine halbe Stunde; endlich öffnete ſich eine Thüre, jedoch der gegenüber, durch welche die Königin wegge⸗ gangen war. Es war ein Huiſſier, der, nachdem er ängſtlich nach allen Seiten geſchaut hatte, auf Gilbert zuging, ein Freimaurerzeichen machte, ihm einen Brief übergab und ſich wieder entfernte.. Gilbert öffnete den Brief und las: „Du verlierſt Deine Zeit, Gilbert; in dieſem Au⸗ genblick hören der König und die Königin Herrn von Breteuil, der von Wien kommt und ihnen folgenden po⸗ litiſchen Plan bringt. „Es mit Barnave machen wie mit Mi⸗ rabeau; Zeit gewinnen, die Conſtitution beſchwören, ſie buchſtäblich vollziehen, um zu zeigen, daß ſie unausführbar iſt. Frank⸗ reich wird erkalten, ſich langweilen; die Franzoſen haben einen leichten Sinn, es wird eine neue Mode entſtehen, und die Frei⸗ heit wird vorübergehen. Die Gräfin von Charny. VI. 3 . 34 „Geht die Freiheit nicht vorüber, ſo wird man ein Jahr gewonnen haben; und in einem Jahre werden wir zum Kriege be⸗ reit ſein. „Laß alſo hier dieſe zwei Verurtheilten, die man aus Spott noch den König und die Königin nennt, und begib Dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, in das Hoſpital des Gros-Caillou; Du wirſt dort einen Ster⸗ benden finden, der weniger krank iſt, als ſie; denn die⸗ ſen Sterbenden kannſt Du vielleicht retten, während ſie ohne daß Du ſie retten kannſt, bei ihrem Sturze Dich mit hinabziehen werden!“ Das Billet war nicht unterzeichnet; Gilbert erkannte aber die Handſchrift von Caglioſtro. In dieſem Augenblick trat Madame Campan ein; ſie kam durch die Thüre der Königin. Sie übergab Gilbert einen in folgenden Ausdrücken abgefaßten kleinen Zettel: „Der König bittet Herrn Gilbert, ihm ſchriftlich den ganzen politiſchen Plan, den er der Königin auseinander⸗ geſetzt, vorzulegen. „Durch eine wichtige Angelegenheit abgehalten, be⸗ dauert die Königin, nicht zu Herrn Gilbert zurückkeh⸗ ren zu können; es wäre alſo unnütz, wenn er länger warten würde.“ Gilbert las, blieb einen Augenblick nachdenkend, ſchüttelte den Kopf und mutmelte: „Die Wahnſinnigen!“ „Haben Sie Ihren Majeſtäten nichts ſagen zu laſ⸗ ſen?“ fragte Madame Campan. Gilbert gab der Kammerfrau den Brief ohne Un⸗ terſchrift, den er ſo eben erhalten, und ſprach; „Hier iſt meine Antwort.“ Und er ging ab. 35 CX. Reinen Herrn! keine Herrin mehr! Ehe wir Gilbert in das Hoſpital des Gros⸗Caillou folgen, wohin ihn die Behandlung des von Caglioſtro empfohlenen unbekannten Verwundeten ruft, werſen wir einen letzten Blick auf die Nationalverſammlung, die ſich auflöſen wird nach der Annahme dieſer Conſtitution, an der die Nichtentſetzung des Königs hängt, und ſehen wir, welchen Nutzen der Hof aus dem unſeligen Siege am 17. Juli ziehen wird, der zwei Jahre ſpäter Bailly den Kopf koſten ſoll. Dann werden wir zu den Helden un⸗ ſerer Geſchichte zurückkehren, die wir ein wenig aus dem Blicke verloren haben, entrückt wie ſie ſind, durch den politiſchen Sturm, der uns nöthigt, vor die Augen der Leſer die großen Unruhen der Straße zu ſtellen, wo die Individuen verſchwinden, um den Maſſen Platz zu machen. ſeri haben geſehen, welcher Gefahr Robespierre preisgegeben war, und wir wiſſen, wie er durch die Dazwiſchenkunft des Schreiners Duplay dem vielleicht tödtlichen Triumphe entging, der ſeiner Popularität zu⸗ erkannt werden ſollte. Während er in Familie in einem auf den Hof geh⸗ enden Stübchen mit dem Manne, der Frau und den zwei Töchtern zu Nacht ſpeiſt, ſind ſeine Freunde, von der Gefahr, die er gelaufen, unterrichtet, in Unruhe über ihn. Madame Roland beſonders.. Ein Weſen voll Hingebung, vergißt ſie, daß ſie auf dem Altar des Va⸗ terlands geſehen und erkannt worden iſt, und daß ſie 36 dieſelbe Gefahr läuft, wie die Anderen. Sie fängt damit an, daß ſie Robert und Fräulein von Keralio bei ſich aufnimmt; ſodann, da man ihr ſagt, die National⸗ verſammlung werde noch in derſelben Nacht eine An⸗ klageacte gegen Robespierre abfaſſen, geht ſie, um ihn hievon zu benachrichtigen, nach dem äußerſten Marais, und da ſie ihn nicht findet, kehrt ſie nach dem Quai des Théatins zu Buzot zurück. Buzot iſt einer der Bewunderer von Madame Ro⸗ land; ſie weiß, welchen Einfluß ſie auf Buzot hat. Darum wendet ſie ſich an ihn. Buzot ſchickt ſogleich eine Zeile an Grégoire. Greift man Robespierre bei den Feuillants an, ſo wird ihn Grögoire bei den Feuillants vertheidigen; greift man Robespierre in der Nationalverſammlung an, ſo wird Buzot Robespierre in der Nationalverſammlung ver⸗ theidigen. Das iſt von ſeiner Seite um ſo verdienſtlicher, als er Robespierre nicht anbetet.. Grégoire ging zu den Feuillants und Buzot in die Nationalverſammlung: es war nicht die Rede davon, Robespierre oder irgend einen Andern anzuklagen. Ab⸗ geordnete und Feuillants waren erſchrocken über ihren eigenen Sieg, beſtürzt über den blutigen Schritt, den ſie zu Gunſten der Royaliſten gethan hatten. In Er⸗ mangelung einer Anklage gegen die einzelnen Männer, führte man eine gegen die Clubbs; ein Mitglied der Nationalverſammlung verlangte, daß man ſie ſogleich ſchließe. Man glanbte einen Augenblick, es werde Ein⸗ ſtimmigkeit für dieſe Maßregel ſtattfinden; aber Duport, aber Lafayette reckamirten; die Clubbs ſchließen hieße die Fenillants ſchließen. Lafayette und Duport waren noch nicht enttäuſcht über die Gewalt, welche dieſe Waffe in ihre Hände legte. Sie glaubten, die Feuillants wer⸗ den die Jacobiner erſetzen, und durch die ungeheure Maſchine werden ſie den Geiſt Frankreichs lenken. den wei vor ein terr vor im lun für ſan lich ängt bei nal⸗ An⸗ ihn ais, Auai Ro⸗ hat. reift ihn man vird ver⸗ als in on, Ab⸗ ren den Er⸗ ner, der eich in⸗ ort, eße ren affe ver⸗ ure 37 Am andern Tage empfing die Nationalverſammlung den doppelten Bericht des Maire von Paris und des Commandanten der Nationalgarde. Jedermann hatte ein Intereſſe, ſich zu tänſchen: die Komödie war leicht zu ſpielen. Der Commandant und der Maire ſprachen von der ungeheuren Unordnung, die ſie haben unterdrücken müſ⸗ ſen, vom Henken am Morgen und von den Flin⸗ tenſchüſſen am Abend,— zwei Dinge, die in gar keiner erbindung mit einander ſtanden;— von der Gefahr, welche den König, die Nationalverſammlung und die ganze Geſellſchaft bedroht habe,— eine Gefahr, von er ſie beſſer als irgend Jemand wußten, daß ſie nie beſtanden. Die Nationalverſammlung dankte ihnen für eine Energie, welche zu entwickeln ihnen nie eingefallen war, ſie wünſchte ihnen Glück zu einem Siege, den Jeder im Grunde des Herzens beklagte, und dankte dem Himmel, der es geſtattet, daß man mit einem einzigen Schlage den Aufruhr und die Aufrührer vernichtet habe. Hörte man die Beglückwünſchten und die Glück⸗ wünſchenden, ſo war die Revolution beendigt. Die Revolution fing an. Die alten Jacobiner, die den anderen Tag nach dem vorhergehenden beurtheilten, glaubten ſich mittler⸗ weile angegriffen, verfolgt, umſtellt, und bereiteten ſich vor, ſich Vergebung für ihr wirkliches Gewicht durch eine geheuchelte Demnth zu verſchaffen. Noch ganz zit⸗ ternd, daß er zum König an der Stelle von Ludwig XVI. vorgeſchlagen worden, verfaßte Robespierre eine Adreſſe im Namen der Gegenwärtigen und der Abweſenden. In dieſer Adreſſe dankte er der Nationalverſamm⸗ lung für ihre edelmüthigen Anſtrengungen, für ihre Weisheit, ihre Feſtigkeit, ihre Wach⸗ ſamkeit, ihre unparteiiſche und unbeſtech⸗ liche Gerechtigkeit. 38 Warum ſollten die Feuillants nicht wieder Muth gefaßt und ſich allmächtig geglaubt haben, da ſie dieſe Demuth ihrer Feinde ſahen? Einen Augenblick hielten ſie ſich nicht nur für die Herren von Paris, ſondern auch für die Herren von Frankreich. Ach! die Feuillants hatten die Lage nicht begriffen: ſich von den Jacobinern trennend, hatten ſie ganz einfach eine zweite Nationalverſammlung, ein Unterfutter der erſten gemacht. Die Aehnlichkeit zwiſchen beiden Geſell⸗ ſchaften war ſo groß, daß man bei den Fenillants wie bei der Kammer nur Eintritt fand, wenn man Stener bezahlte, nur unter der Bedingung, daß man activer Bürger, Wähler der Wähler war. Das Volk hatte zwei bürgerliche Kammern ſtatt einer. Das war es nicht, was es wollte. Es wollte eine volksthümliche Kammer, welche nicht die Verbündete, ſondern die Feindin der Nationalver⸗ ſammlung ſein ſollte, welche nicht dieſe in der Wieder⸗ herſtellung des Königthums unterſtützen, ſondern ſie daſſelbe zu zerſtören zwingen ſollte. Die Feuillants entſprachen alſo keines Weges dem öffentlichen Geiſte; das Publicum verließ ſie auch auf dem kurzen Uebergange, den ſie gemacht hatten. Ihre Popularität verlor ſich über die Gaſſe gehend⸗ Im Juli zählte die Provinz vierhundert Geſell⸗ ſchaften; von dieſen vierhundert Geſellſchaften correſpon⸗ dirten dreihundert gleichmäßig mit den Feuillants und den Jacobinern; hundert mit den Jacobinern allein. Vom Juli bis zum September entſtanden ſechs⸗ hundert andere Geſellſchaften, von denen nicht eine mit den Feuillants correſpondirte. Und ſowie die Feuillants immer ſchwächer wurdel reconſtituirten ſich die Jacobiner unter der Hand vol Nuth dieſe die von ffen: fach der ſell⸗ wie euer tiver ſtatt nicht lver⸗ der⸗ ſie dem auf end. eſell⸗ ſpon⸗ und ct mit den, von 39 Robespierre.. Robespierre fing an der populärſte Mann Frankreichs zu ſein. Die gegen Gilbert ausgeſprochene Prophezeihung von Caglioſtro ging in Betreff des kleinen Advocaten von Arras in Erfüllung. Vielleicht werden wir ſie ebenſo getreu in Betreff des kleinen Corſen von Ajactio in Erfüllung gehen ſehen. Mittlerweile ſchlug die Stunde, welche das Ende der Nationalverſammlung ſehen ſollte: ſie ſchlug aller⸗ dings langſam wie für jene Greiſe, bei denen ſich das Tropfen um Tropfen verzehrt, bis es völlig erliſcht. Nachdem ſie dreitauſend Geſetze votirt, hatte ſie endlich die Reviſion der Conſtitution beſchloſſen. Dieſe Conſtitution war ein eiſerner Käfich, in den ſie, faſt unwilltürlich, faſt ohne ihr Wiſſen, den König eingeſperrt hatte. Sie hatte das Gitter des Käfichs vergoldet, am Ende aber, obſchon vergoldet, verbarg das Gitter das Gefängniß nicht. Der königliche Wille war in der That unmächtig geworden; es war ein Rad, das die Bewegung empfing, ſtatt ſie zu verleihen. Der ganze Widerſtand von Lud⸗ wig XVI. lag in ſeinem Veto, das auf drei Jahre den Vollzug der erlaſſenen Decrete ſuspendirte, wenn dieſe Decrete dem König nicht genehm warenz dann hörte das Rad auf ſich zu drehen und hemmte durch ſeine Unbeweglichkeit die ganze Maſchine. Abgeſehen von dieſer Trägheitskraft war das König⸗ thum von Ludwig XIV. und Heinrich IW., das ganz Initiative unter dieſen zwei großen Königen, nur noch eine majeſtätiſche Nutzloſigkeit. Es nahte indeſſen der Tag, wo der König die Conſtitution beſchwören ſollte. England und die Emigrirten ſchrieben dem König: — 40 „Gehen Sie unter, wenn es ſein muß; eruiedrigen Sie ſich aber nicht dadurch, daß Sie ſchwören.“ Leopold und Barnave ſagten: d „Schwören Sie immerhin; es wird halten, wver t da kann.“ Der König endlich entſchied die Frage durch die d Phraſe: w „Ich erkläre, daß ich in der Conſtitution keine ge⸗ A nügende Mittel der Thätigkeit und der Einheit ſehe da aber die Meinungen über dieſen Gegenſtand verſchie li den ſind, ſo willige ich darein, daß die Erfahrung der be einzige Richter hierüber ſein ſoll.“ in Es fragte ſich, an welchem Orte die Conſtitution ge dem König zur Annahme vorgelegt werden ſollte; in al den Tuilerien oder in der Nativnalverſammlung? Der König ſchnitt die Schwierigkeit dadurch ab, bli daß er erklärte, er werde die Conſtitution da beſchwören, Z6 wo ſie votirt worden ſei. Re Der vom König beſtimmte Tag war der 15. Sep⸗ lic tember. De Die Rationalverſammlung empfing dieſe Mitthei⸗ v lung mit einſtimmigem Beifallsrufe. Der König kam zu ihr! gri In einem Aufſchwunge von Begeiſterung erhob ſich Lafayette und verlangte eine allgemeine Amneſtie für diejenigen, welche die Flucht des Königs begünſtigt zu haben beſchuldigt waren. a Die Nationalverſammlung beſchloß die Amneſtie durch Acclamation. A Dieſe Wolke, welche einen Angenblick den Himmel n von Gilbert und Andrée verdüſtert hatte, zerſtreute ſich alſo, nachdem ſie ſich kaum gebildet. nig Eine Deputation von ſechzig Mitgliedern wurde jei ernannt, um dem König für ſeinen Brief zu danken. Der Siegelbewahrer ſtand auf und eilte fort, um put dem König dieſe Deputation anzukündigen. igen wer die ge⸗ he; hie⸗ der tion in ab, ren, ep⸗ hei⸗ ſich für zu ſtie mel ſich rde im 41 An demſelben Morgen hatte ein Beſchluß den heiligen Geiſt Orden aufgehoben und den König allein ermächtigt, dieſes Band, das Emblem der hohen Ariſtokratie, zu tragen. Die Deputation fand den König nur mit dem Kreuze des St. Ludwigs⸗Ordens decorirt, und als Ludwig XVI. wahrnahm, welche Wirkung auf die Abgeordneten die Abweſenheit des blauen Bandes hervorbrachte, ſprach er: „Meine Herren, Sie haben heute Morgen den hei⸗ ligen Geiſt⸗Orden aufgehoben und ihn mir allein vor⸗ behalten; da aber ein Orden, welcher es auch ſein mag, in meinen Augen keinen andern Werth hat, als den, mit⸗ getheilt werden zu können, ſo halte ich ihn von heute an als aufgehoben für mich, wie für die Anderen.“ Die Königin, der Dauphin und Madame Royale blieben bei der Thüre ſtehen; die Königin bleich, die Zähne an einander gepreßt, alle Fibern bebend; Madame Royale ſchon leidenſchaftlich, heftig, hoffärtig, empfind⸗ lich für die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Demüthigungen;— der Dauphin ſorglos wie ein Kind; nur ſchien er durch ſein Lächeln und durch die Bewegung, die er ſich gab, eine lebende Perſon in einer Marmor⸗ gruppe zu ſein. Der König hatte ein paar Tage vorher zu Herrn von Montmorin geſagt: „Ich weiß wohl, daß ich verloren bin. Alles, was man fortan zu Gunſten des Königthums verſuchen wird, verſuche man für meinen Sohn.“ Ludwig XVI. beantwortete mit einer ſcheinbaren Aufrichtigkeit die Rede der Deputation. Als er geendigt hatte, wandte er ſich gegen die Kö⸗ nigin und die königliche Familie und ſprach. „Hier ſind meine Frau und meine Kinder; ſie thei⸗ len alle meine Gefühle.“ Ja, Frau und Kinder theilten ſie, denn als die De⸗ putation, der der König mit einem beſorgten, die Köni⸗ 42 gin mit einem gehäſſigen Blicke folgten, ſich entfernt hatte, näherten ſich die zwei Gatten einander, Marie Antoinette legte ihre weiße, marmorkalte Hand auf den Arm des Königs und ſagte: „Dieſe Leute wollen keine Fürſten mehr. Sie reiſ⸗ ſen die Monarchie Stein um Stein nieder, und aus dieſen Steinen machen ſie uns ein Grabmahl!“ Sie täuſchte ſich, die unglückliche Frau! Im Sarge der Armen beerdigt, ſollte ſie nicht einmal ein Grab⸗ mahl haben! Angriffe aller Tage auf das königliche Prärogativ. Herr von Malouet war Präſident der National⸗ verſammlung; das war ein Vollblutroyaliſt, doch er hielt ſich für verpflichtet, in Berathſchlagung zu bringen, ob die Verſammlung ſtehend oder ſitzend bleiben ſollte, während der König den Eid ſprechen würde. „Sitzend! ſitzend!“ rief man von allen Seiten. „Und der König?“ fragte Herr von Malouet. „Stehend und mit entblößtem Haupte!“ rief eine Stimme. Die ganze Verſammlung ſchauerte. Dieſe Stimme war vereinzelt, aber entſchieden, ſtar klangvoll; es ſchien die Stimme des Volkes zu ſein, die ſich nur allein hören läßt, um beſſer gehört zu werden⸗ Der Präſident erbleichte. Wer hatte dieſe Worte geſprochen? Waren ſie vom Saale oder von den Tribunen ausgegangen? Gleichviel! ſie hatten eine ſolche Macht, daß der Präſident genöthigt war, darauf zu antworten. „Meine Herren,“ ſprach er,„es gibt keinen Um⸗ ſtand, wo die in Gegenwart des Königs verſammelte Nation ihn nicht als ihr Oberhaupt anerkennt. Leiſtet der König ſeinen Eid ſtehend, ſo verlange ich, daß ihn die Verſammlung in derſelben Haltung anhört.“ Da ließ ſich dieſelbe Stimme vernehmen. Das aber, worin ſie ſich nicht tänſchte, waren dieſ 2 S( S 8 d 8 fernt darie den reiſ⸗ aus arge rab⸗ dieſe onal⸗ ngen, ollte, eine ſtarb t, die rden. vom ß der Um⸗ melte iſtet 43 „Ich habe ein Amendement vorzuſchlagen, das alle Welt in Einklang bringen wird,“ ſagte ſie.„Beſchließen wir, daß es Herrn von Malouet und Jedem, der diefe Stellung vorzieht, erlaubt ſein ſoll, den König auf den Knieen anzuhören; laſſen Sie uns aber den Antrag aufrecht erhalten.“ Der Antrag wurde beſeitigt. Am Tage nach dieſer Discuſſion ſollte der König den Eid leiſten. Der Saal war gedrängt voll; auf den Tribunen war jeder Raum von Zuſchauern beſetzt. Um Mittag verkündigte man die Ankunft des Kö⸗ nigs. Der König ſprach ſtehend; die Nationalverſammlung hörte ſtehend; als die Rede geſprochen war, unterzeich⸗ man die Verfaſſungsurkunde, und Jedermann ſetzte ich. Da erhob ſich der Präſident,— es war Thouret— um ſeine Rede zu halten; doch nach den erſten paar Sätzen, als er ſah, daß der König nicht aufſtand, ſetzte er ſich auch wieder. Dieſe Handlung rief ein gewaltiges Beifallklatſchen der Tribunen hervor. Bei dem mehrere Male wiederholten Beifallklat⸗ ſchen erbleichte der König unwillkürlich. Er zog ſein Schnupſtuch aus der Taſche und wiſchte ſich den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne rieſelte. Die Königin wohnte der Sitzung in einer beſondern Loge bei; ſie konnte es nicht länger aushalten, ſtand auf, ging hinaus, warf heſtig die Thüre zu und ließ ſich wieder nach den Tuilerien führen. Sie kam in ihre Gemächer zurück, ohne ein einzi⸗ ges Wort, ſelbſt zu ihren Vertrauteſten, zu ſagen. Seit Charny nicht mehr bei ihr war, ſchluckte ihr Herz die Galle ein, gab ſie aber nicht mehr von ſich. Der König kam eine halbe Stunde nach ihr zurück. „Die Königin?“ fragte er ſogleich. 44 Man bezeichnete ihm, wo ſie war. Ein Huiſſier wollte ihm vorangehen. Er hieß ihn durch einen Wink beiſeit bleiben, öff⸗ nete ſelbſt die Thüren und erſchien plötzlich auf der Schwelle des Zimmers, wo ſich die Königin befand. Er war ſo bleich, ſo entſtellt, der Schweiß floß in ſo großen Tropfen von ſeiner Stirne, daß die Königin, als ſie ihn erblickte, raſch aufſtand und einen Schrei ausſtieß. „Oh! Sire,“ ſagte ſie,„was iſt denn geſchehen?“ Der König warf ſich, ohne zu antworten, in einen Lehnſtuhl und brach in ein Schluchzen aus. „Oh! Madame,“ rief er,„warum haben Sie die⸗ ſer Sitzung beigewohnt? Mußten Sie Zeuge meiner Demüthigung werden? Habe ich Sie hiezu, unter dem Vor⸗ wande, Königin zu ſein, nach Frankreich kommen laſſen?“ Ein ſolcher Ausbruch von Seiten Ludwigs XVI. war um ſo herzzerreißender, als es eine höchſt ſeltene Erſcheinung. Die Königin konnte nicht an ſich halten, ſ lief auf den König zu und ſank vor ihm auf die niee. In dieſem Augenblicke machte das Geräuſch einer Thüre, die man öffnete, daß ſie ſich umwandte. Madame Campan trat ein⸗ uf Die Königin ſtreckte den Arm gegen ſie aus und rief: „Oh! laſſen Sie uns, Campan, laſſen Sie uns!“ Madame Campan täuſchte ſich nicht in dem Gefühle, das die Königin veranlaßte, ſie zu entfernen. Sie zog ſich ehrerbietig zurück, doch vor der Thüre ſtehend, hörte ſie noch lange die beiden Gatten durch ihr Schluchzen unterbrochene Worte austauſchen. Endlich ſchwiegen die Sprechenden, das Schluch⸗ zen beſänftigte ſich; nach einer halben Stunde wurde die Thüre wieder geöffnet und die Königin rief ſelbſt Mo⸗ dame Campan. öff⸗ der in in, hrei 2“ nen ie⸗ ner or⸗ n7 VI. ene ten, die iner ame und hle, z06 örte zen die No 45 „Campan,“ ſagte ſie,„übernehmen Sie es, dieſen Brief Herrn von Malden zuzuſtellen; er iſt an meinen Bruder Leopold adreſſirt. Herr von Malden ſoll unver⸗ züglich nach Wien abreiſen; dieſer Brief muß vor der Kunde von dem, was heute vorgefallen iſt, dort ankom⸗ men. Braucht er ein paar hundert Louis d'or, ſo geben Sie ihm dieſelben; ich werde ſie Ihnen wiedergeben.“ Madame Campan nahm den Brief und ging hinaus. Zwei Stunden nachher reiſte Herr von Malden nach Wien ab. Das Schlimmſte bei Allem dem war, daß man lä⸗ cheln, ſchmeicheln, eine heitere Miene haben mußte. Den ganzen Tag waren die Tuilerien gefüllt von einer zahlloſen Menge. Am Abend funkelte die ganze Stadt von Beleuchtungen. Man lud den König und die Königin ein, auf den Champs⸗Elyſées, unter dem Geleite der Adjutanten und der Chefs der Pariſer Armee, ſpa⸗ zieren zu fahren. Kaum erſchienen ſie, als die Rufe:„Es lebe der König!“ und:„Es lebe die Königin!“ hörbar wurden. Doch in einem Zwiſchenraume, wo dieſe Rufe erloſchen und der Wagen angehalten hatte, ſagte ein Mann mit wildem Geſichte, der mit gekreuzten Armen beim Fuß⸗ tritte ſtand: „Glaubt ihnen nicht! Es lebe die Nation!“ Der Wagen fuhr im Schritt weiter, doch der Mann aus dem Volke ſtützte ſeine Hand auf den Schlag, ging beſtändig neben dem Wagen, und ſo oft das Volk:„Es lebe der König! es lebe die Königin!“ rief, wiederholte er mit ſeiner ſcharfen Stimme: „Glaubt ihnen nicht... Es lebe die Nation!“ Die Königin kehrte zurück, das Herz zermalmt von dem unabläßigen Hammerſtreich, der mit dem periodiſchen Weſen der Halsſtarrigkeit und des Haſſes ſchlug. Vorſtellungen organiſirten ſich in den verſchiedenen 46 Theatern: einmal in der großen Oper, ſodann in der Comédie⸗Frangaiſe und bei den Italienern. In der Oper und bei den Frangais machte man den Saal, und der König und die Königin wurden mit einſtimmigen Acclamationen empfangen; als man aber dieſelben Vorſichtsmaßregeln bei den Italienern neh⸗ men wollte, war es nicht mehr Zeit: das Parterre war ſchon in Maſſe gemiethet. Man begriff, es werde bei den Italienern nicht ſein wie in der Oper und in der Comédie⸗Frangaiſe, und es werde dort wahrſcheinlich Lärm geben. Die Furcht verwandelte ſich in Gewißheit, als man ſah, wie das Parterre zuſammengeſetzt war. Danton, Camille, Desmoullns, Legendre, Santerre nahmen hier die erſten Plätze ein. In dem Augenblicke, wo die Königin in ihre Loge trat, verſuchten es die Gal⸗ lerien, Beifall zu klatſchen. Das Parterre ziſchte. Die Königin tauchte mit Angſt ihren Blick in dieſen vor ihr gähnenden Krater; ſie ſah, wie durch eine Flam⸗ menatmoſphäre, Augen voller Zorn und Drohung. Sie kannte keinen von dieſen Menſchen von Geſicht, Einige nicht einmal dem Namen nach. „Mein Gott! was habe ich ihnen denn gethan?“ fragte ſie ſich, indem ſie ihre Bangigkeit unter einem Sichein zu verbergen ſuchte,„und warnm haſſen ſie mich 0* Plötzlich heftete ſich ihr Blick mit Schrecken auf ei⸗ nen Mann, der an einer der Säulen ſtand, auf denen die Gallerie ruhte. Dieſer Mann ſchaute ſie mit entſetzlicher Starrheit an. Es war der Mann vom Schloſſe Taverney, der Mann von der Rückkehr von Sdvres, der Mann vom Tuilerien⸗Garten; es war der Mann mit den drohenden Worten, mit den geheimnißvollen, furchtbaren Handlungen⸗ un der man irden man neh⸗ war ſein d es man terre licke, Gal⸗ ieſen lam⸗ ſicht, an?“ inem mich f ei⸗ enen rheit der vom nden igen. 47 Sobald einmal die Angen der Königin auf dieſem Manne verweilten, konnten ſie ſich nicht mehr von ihm abwenden. Er übte auf ſie die Zanbermacht, welche die Schlange auf den Vogel übt. Das Schauſpiel fing au; die Königin machte eine Anſtrengung, brach den Zauber, und es gelang ihr, den opf abzuwenden und auf die Bühne zu ſchauen. Man gab die Unvorhergeſehenen Ereigniſſe von Grétry. Doch wie ſehr ſich Marie Antvinette auch anſtrengte, um ihren Geiſt von dem geheimnißvollen Manne abzu⸗ ziehen, unwillkürlich und wie durch die Wirkung einer mag⸗ netiſchen Kraft, welche ſtärker als ihr Wille, wandte ſie ſich wieder um und ſchleuderte ihren erſchrockenen Blick in dieſer einzigen Richtung. Und der Mann ſtand unabläßig an demſelben Platze, — unbeweglich, ſpöttiſch, höhniſch. Das war ein ſchmerz⸗ licher, unſeliger Druck, etwas, im Wachen, dem Aehn⸗ liches, was der Alp bei Nacht iſt. Es ſchwamm eine Art von Elektricität in der Luft. Dieſe zwei ſchwebenden Grimme mußten unfehlbar zu⸗ ſammenſtoßen, wie in den Gewittertagen im Auguſt zwei von beiden Extremitäten des Horizonts kommende Wol⸗ ken, und wie dieſe zwei zuſammenſtoßenden Wolken den Blitz, wenn nicht gar den Donnerſtrahl entfeſſeln. Die Gelegenheit bot ſich bald. Madame Dugazon, dieſe reizende Frau, hatte ein Duett mit dem Tenor zu ſingen, und in dieſem Dnett ſang ſie die Verſe: „Oh! wie lieb' ich meine Herrin!“ Das muthige Geſchöpf trat raſch vorne auf die Bühne, erhob die Arme und die Augen zur Köuigin und warf die verhängnißvolle Herausforderung hin. Die Königin begriff, daß hier der Sturm war. 48 Sie wandte ſich erſchrocken ab, und ihre Augen rich⸗ teten ſich unwillkürlich auf den Mann der Säule. Sie glaubte ihn ein Zeichen des Befehls machen zu ſehen, dem das ganze Parterre gehorchte. In der That, mit einer Stimme, mit einer furcht⸗ baren Stimme rief das Parterre: „Keinen Herrn mehr! keine Herrin mehr! Freiheit!“ Doch auf dieſen Ruf antworteten Logen und Gal⸗ lerien: „Es lebe der König! es lebe die Königin! es leben unſer Herr und unſere Herrin!“ „Keinen Herrn mehr! keine Herrin mehr! Freiheit! Freiheit! Freiheit!“ brüllte zum zweiten Male das Par⸗ terre. Als ſodann dieſe doppelte Kriegserklärung hinge⸗ ſchlendert und angenommen war, begann der Kampf. Die Königin ſtieß einen Angſtſchrei aus und ſchloß die Augen; ſie fühlte nicht mehr die Kraft in ſich, dieſen Dämon anzuſchauen, der der König der Unordnung, der Geiſt der Vernichtung zu ſein ſchien. In demſelben Augenblick umſchloßen ſie die Officiere der Nationalgarde, machten ihr einen Wall aus ihren Leibern und zogen ſie aus dem Saale fort. Doch in den Gängen verfolgte ſie nnaufhörlich das Geſchrei: „Keinen Herrn mehr! keine Herrin mehr! keinen König mehr! keine Königin mehr!“ Man trug ſie ohnmächtig in ihren Wagen. Es war dies das letzte Mal, daß die Königin ins Theater ging. Am 30. September erklärte die Nationalverſamm⸗ lung, durch das Organ ihres Präſidenten Thouret, ſie habe ihre Miſſion erfüllt, und ſchloß ihre Sitzungen. Wir geben hier mit ein paar Zeilen das Reſultat. ihrer Arbeiten, welche zwei Jahre und vier Monate ge⸗ dauert hatten: de ſer zu lu ich⸗ zu cht⸗ t zal⸗ ben eit! ar⸗ ge⸗ loß ſen der ere ten as en 49 Die völlige Desorganiſation der Monarchie; Die Organiſation der Volksgewalt; Die Vernichtung aller adeligen und geiſtlichen Pri⸗ vilegien; Zwölfhundert Millionen Aſſignate decretirt; Die Nationalgüter mit Hypotheken beſchwert; Die Glaubensfreiheit anerkannt; Die klöſterlichen Gelübde aufgehoben; Die geheimen Verhaftsbefehle vernichtet; Die Gleichheit der öffentlichen Aemter feſtgeſtellt; Die iuneren Donanen unterdrückt; Die Nationalgarde eingeführt; Endlich, die Conſtitution votirt und der Annahme des Königs unterworfen. Man hätte ſehr traurige Vorherſehungen haben müſ⸗ ſen, um,— als König oder Königin von Frankreich,— zu glauben, man habe mehr von der Nationalverſamm⸗ lung zu befürchten, welche zuſammentreten ſollte, als von der, welche ſich aufgelöſt. CXI. Der Abſchied von Varnave. Am 2. Oktober, das heißt, zwei Tage nach der Auflöſung der conſtituirenden Verſammlung, zur Stunde, wo er die Königin zu ſehen pflegte, wurde Barnave, nicht mehr in das Entreſol von Madame Campan, ſon⸗ ern in das Zimmer, welches man das große Cabinet nannte, eingeführt. Die Gräfin von Charny. VI. 4 50 Am Abend des Tages, wo der König die Conſtitu⸗ tion beſchworen, waren Schildwachen, Adjutanten von Lafayette aus dem Innern des Schloſſes verſchwunden, und wenn der König nicht wieder mächtig geworden, ſo war er doch wenigſtens wieder frei geworden. Das war ein kleiner Erſatz für die Demüthigung, über die wir ihn ſich ſo bitter bei der Königin haben beklagen ſehen. Ohne öffentlich und mit dem Gepränge einer feier⸗ lichen Audienz empfangen zu werden, ſollte alſo Barnave diesmal nicht mehr den Vorſichtsmaßregeln unterworfen ſein, welche bis dahin ſeine Gegenwart in den Tuilerien nöthig gemacht hatte. Er war ſehr bleich und ſchien ſehr traurig; dieſt Traurigkeit und dieſe Bläſſe fielen der Königin auf. Sie empfing ihn ſtehend, obſchon ſie wußte, welche Achtung der junge Advorat für fie hegte, und ſicher war er würde, wenn ſie ſich ſetzte, nicht thun, was der Präſident Thouret gethan hatte, als er ſah, daß der König nicht aufſtand. „Nun, Herr Barnave,“ ſagte ſie,„Sie ſind wohl zufrieden; der König hat Ihren Rath befolgt und die Conſtitution beſchworen.“ „Die Königin iſt ſehr gut, daß ſie ſagt, der Köniz habe meinen Rath befolgt,“ erwiederte Barnave, inden er ſich verbengte.„Wäre dieſer Rath nicht zugleich der des Kaiſers Leopold und des Fürſten Kaunitz geweſen ſo würde Seine Majeſtät vielleicht mehr gezögert haben dieſen Act zu vollbringen,— der einzige indeſſen, der den König zu retten vermochte, konnte der König... Barnave hielt inne. „Konnte der König gerettet werden, nicht wahr mein Herr, das iſt es, was Sie ſagen wollten?“ verſetzt die Königin, die Frage ins Geſicht mit dem Muthe und wir können ſagen, mit der Kühnheit, die ihr eigenthün⸗ lich, angreifend. 1 iſtitn⸗ n von inden, n, ſo gung, haben feier⸗ rnave orfen lerien dieſe . welche war, s der ß der wohl d die önig ndem det eſen, aben, de ahr ſetzt und ün „Gott behüte mich, Madame, daß ich mich zum Propheten ſolcher Mißgeſchicke mache. Und dennoch, im egriffe, Paris zu verlaſſen, im Begriffe, mich auf im⸗ mer von der Königin zu entfernen, möchte ich Ihre Majeſtät weder zu ſehr in Verzweiflung bringen, noch ihr zu viel Illuſionen laſſen.“ „Sie verlaſſen Paris, Herr Barnave, Sie entfer⸗ r?“ „Die Arbeiten der Nationalverſammlung, deren Mitglied ich war, ſind beendigt, Madame, und da die Verſammlung beſchloſſen hat, kein Conſtituirender könne an der geſetzgebenden Verſammlung Theil nehmen, ſo habe ich keinen Grund mehr, in Paris zu bleiben.“ „Nicht einmal den, uns nützlich zu ſein, Herr Bar⸗ nave?“ Barnave lächelte traurig. „Nicht einmal den, Ihnen nützlich zu ſein, Ma⸗ dame, denn in der That, von heute an, oder vielmehr von vorgeſtern an, kann ich Ihnen nichts mehr nützen.“ „Ohi mein Herr,“ ſprach die Königin,„Sie haben zu wenig Vertrauen zu Ihren Kräften.“ „Ach! nein, Madame, ich beurtheile mich, und ich wach ich wäge mich ab, und ich finde mich leicht„Was meine Stärke bildete, eine Stärke, der ehte, das war mein Einfluß auf die Nationalverſamm⸗ lung, meine Herrſchaft bei den Jacobinern, das war endlich meine ſo mühſam erworbene Popularität; doch ie Rutionalverſammlung iſt aufgelöſt, doch die Jacobi⸗ ner ſind die Feuillants geworden, und ich befürchte ſehr, die Feuillants ſpielen, indem ſie ſich von den Jacobinern rennen, ein ſehr ſchlimmes Sie Kurz, meine Popularität„ Barnave lächelte noch trauriger als das erſte Mal. zurz. meine Popularität iſt verloren!“ Die Königin ſchaute Barnave an und ein ſeltſamer, 52 Schimmer, der einem Blitze des Triumphes glich, zuckte in ihren Augen. „Nun!“ ſagte ſie,„Sie ſehen alſo, daß die Popu⸗ larität ſich verliert.“ Barnave ſtieß einen Seufzer aus. Die Königin begriff, daß ſie eine von den kleinen Grauſamkeiten begangen hatte, welche bei ihr Gewohn⸗ heit waren. In der That, wenn Barnave ſeine Popularität ver⸗ loren, wenn ein Monat hiezu genügt hatte, wenn er ge⸗ nöthigt geweſen, das Haupt unter dem Worte von Ro⸗ bespierre zu beugen, weſſen Schuld war es? War es nicht die Schuld dieſer unſeligen Monarchie, welche Alles, was ſie berührte, nach dem Abgrunde fortriß, dem ſie ſeibſt zulief? war es nicht die Schuld des entſetzlichen Geſchickes, das aus Marie Antoinette, wie aus Maria Stuart, eine Art von Engel des Todes machte, der dem Grabe alle diejenigen weihte, denen er erſchien? Sie gehörte daher gewiſſer Maßen um, und da ſie Barnave dafür Dank wußte, daß er mit einem einfachen Seufzer geantwortet hatte, während ek mit den nieder⸗ ſchmetternden Worten:„Für wen habe ich meine Popula⸗ rität verloren, Madame, wenn nicht für Sie?“ hätte ant⸗ worten können, ſo ſagte ſie: „Doch nein, Sie reiſen nicht ab, nicht wahr, Herr Barnave?“ „Gewiß,“ erwiederte Barnave,„wenn die Königin mir zu bleiben befiehlt, ſo werde ich bleiben, wie unter der Fahne ein Soldat bleibt, der ſeinen Abſchied hat, und den man für die Schlacht behält; doch wenn ich bleibe, wiſſen Sie, was geſchehen wird, Madame? Stalt ſchwach zu ſein, werde ich Verräther werden!“ „Wie ſo, mein Herr?“ fragte die Königin leicht verletzt;„erklären Sie ſich, ich verſtehe Sie nicht.“ „Erlaubt mir die Königin, ſie wohl vor die Lage kon wa Sie kan Sie ten; chen bea könn verſ iſt, ſtirt uckte pn⸗ inen ohn⸗ ver⸗ ge⸗ Ro⸗ es lche dem chen aria dem ſie chen der⸗ ula⸗ ant⸗ err igin nter tat eicht age, 53 nicht nur in der ſie ſich befindet, ſondern in der ſie ſich befinden wird, zu ſtellen?“ „Thun Sie das, mein Herr; ich bin gewohnt, die Abgründe zu ſondiren, und wenn ich leicht empfänglich für den Schwindel wäre, ſo müßte ich längſt hinabge⸗ ſtürzt ſein.“ „Die Königin betrachtet vielleicht die Nationalver⸗ ſammlung, die ſich zurückzieht, als ihre Feindin?“ „Unterſcheiden wir, Herr Barnave; in dieſer Ver⸗ ſammlung habe ich Freunde gehabt; doch Sie werden nicht leugnen, daß die Majorität dieſer Verſammlung dem Königthum feindlich geſinnt war.“ „Madame,“ erwiederte Barnave,„die Nationalver⸗ ſammlung hat nur einen Act der Feindſeligkeit gegen den König und Sie begangen: das war an dem Tage, wo beſchloſſen wurde, keines ihrer Mitglieder könne an der geſetzgebenden Verſammlung Theil nehmen.“ „Ich verſtehe Sie nicht recht: erklären Sie mir das,“ fagte die Königin mit einem Lächeln des Zweifels. „Das iſt ganz einfach: ſie hat den Schild vom Arme Ihrer Freunde geriſſen.“ „Und, wie mir ſcheint, auch ein wenig das Schwert aus den Händen meiner Feinde.“ „Ach! Madame, Sie täuſchen ſich! dieſer Streich kommt von Robespierre, und er iſt furchtbar wie Alles, was von dieſem Menſchen kommt! Vor Allem wirft er Sie, der neuen Verſammlung gegenüber, ins Unbe⸗ kannte. Bei den Conſtitutrenden wußten Sie, wen Sie zu bekämpfen hatten, was Sie zu bekämpfen hat⸗ ten; bei den Legislativen iſt ein neues Studium zu ma⸗ chen. Dann bemerken Sie wohl, Madame, indem er beantragte, daß Keiner von uns wiedergewählt werden könne, wollte Robespierre Frankreich in die Alternative verſetzen, entweder die Schicht zu nehmen, die über uns iſt⸗ oder die Schicht, die unter uns iſt. Ueber uns exi⸗ ſtirt nichts mehr; die Emigration hat Alles desorganifitt, 54 und ſelbſt angenommen, der Adel ſei in Frankreich ge⸗ blieben,— nicht unter den Adeligen würde das Volk ſeine Vertreter ſuchen. Unter uns, es mag ſein! unter uns hat das Volk ſeine Abgeordneten genommen: dann wird die ganze Verſammlung demokratiſch ſein; es wird Nuancen bei dieſer Demokratie geben, nichts Anderes!“ Man ſah auf dem Geſichte der Königin, daß ſie mit tiefer Aufmerkſamkelt der Demonſtration von Bar⸗ ane folgte und, da ſie allmälig begriff, zu erſchrecken anfing. „Ich habe ſie geſehen, dieſe Abgeordneten,“ fuhr Barnave fort,„denn ſchon ſeit drei bis vier Tagen ſtrömen Sie nach Paris; ich habe beſonders diejenigen geſehen, welche von Bordeaux kommen. Es ſind faſt lauter Menſchen ohne Namen, die es aber drängt, ſich einen zu machen, um ſo mehr drängt, als ſie jung ſind. Abgeſehen von Condorcet, Briſſot und einigen Anderen, ſind die Aelteſten von ihnen kaum dreißig Jahre alt. Das iſt die Thronbeſteigung der das reifere Alter ver⸗ jagenden und die Tradition entthronenden Jugend. Keine weiße Haar mehr! ein neues Frankreich wird mit ſchwarzen Haaren im Rathe der Geſetzgeber ſitzen.“ „Und Sie glauben, mein Herr, wir haben mehr von denjenigen, welche kommen, als von denen, welche gehen, zu befürchten?“ „Ja, Madame, denn diejenigen, welche kommen, kommen bewaffnet mit einem Mandat: den Krieg gegen die Adeligen und die Prieſter führen! Was den König betrifft, man ſpricht ſich noch nicht über ihn aus, man wird ſehen... Will er ſich damit begnügen, daß er executive Gewalt iſt, ſo wird man ihm vielleicht die Ver⸗ gangenheit verzeihen.“ „Wie!“ rief die Königin,„wie! ihm die Vergan⸗ genheit verzeihen?... Ich denke, es wäre am König, zu verzeihen!“* „Das iſt es gerade; Sie ſehen, hierüber wird mal „—+ S— — ———)—— e⸗ olk un ird 1. ſie ar⸗ ken uhr gen gen ſich nd. en, alt. er⸗ nd. mit ehr lche len, gen nig nau er zer⸗ an⸗ nig, man 55 ſich nie verſtändigen: diejenigen, welche kommen,— und Sie werden leider den Beweis hievon erhalten,— werden nicht einmal die heuchleriſche Schonung der Ab⸗ gehenden beobachten!.. Für ſie,— ich weiß das von einem Abgeordneten der Gironde, einem meiner Collegen Namens Vergniaud,— für ſie iſt der König der Feind!“ „Der Feind?“ verſetzte die Königin ganz erſtannt. „Ja, Madame,“ wiederholte Barnave,„der Feind! das heißt, der freiwillige oder unfreiwillige Mittelpunkt aller inneren und äußeren Feinde; ach! ja, man muß es wohl zugeſtehen,— und ſie haben nicht ganz Un⸗ recht, dieſe Nenkommenden, welche eine Wahrheit entdeckt zu haben glauben, während ihnen kein anderes Verdienſt gebührt, als daß ſie laut ſagen, was Ihre heftigſten Gegner nicht leiſe zu ſagen wagten.“ „Feind?“ wiederholte die Königin;„der König Feind ſeines Volkes? Oh! Herr Barnave, das iſt eine Sache, die Sie mich nicht nur nie zuzugeben bewegen werden, ſondern die Sie mich auch nir werden begreifen machen!“ „Es iſt dennoch die Wahrheit, Madame; Feind von Natur, Feind von Temperament! Nicht wahr, vor drei Tagen hat er die Conſtitution angenommen?“ „Ja; nun?“ „Nun, als er, der König, hierher zurückkam, war ihm übel vor Zorn, und am Abend ſchrieb er an den Kaiſer.“ „Eil warum ſollen wir denn ſolche Demüthigungen ertragen?“ „Ah! Madame, Sie ſehen es wohl: Feind, un⸗ ſeliger Weiſe Feind. Freiwilliger Feind, denn von Herrn de la Vanguyon, dem General der Jeſuiten⸗Partei, er⸗ zogen, hat der König ſein Herz in der Hand der Prie⸗ ſter, welche die Feinde der Nation ſind!“ unfreiwilliger Feind, denn er iſt das gezwungene Hanpt der Gegen⸗ revolution; und nehmen Sie ſogar an, er verlaſſe Paris nicht, ſo iſt er doch in Koblenz mit der Emigration, in 56 der Vendée mit den Prieſtern, in Wien und in Preußen mit ſeinen Verbündeten Leopold und Friedrich. Der König thut nichts„ich gebe zu, daß er nichts thut, Madame,“ ſprach Barnave traurig;„nun wohl! in Er⸗ mangelung ſeiner Perſon, beutet man ſeinen Namen aus: in der Hütte, auf der Kanzel, im Schloſſe iſt es der arme König, der gute König, der fromme König! ſo daß man der Herrſchaft der Revolution eine erſchreck⸗ liche Revolte entgegenſetzt: die Revolte des Mitleids.“ „Wirklich, Herr Barnave, ſind Sie es, der mir dieſe Dinge ſagt, und ſind Sie nicht der Erſte geweſen, der uns beklagte?“ „Oh! ja, Madame, ich beklagte Sie! ja, ich be⸗ klage Sie noch, und zwar aufrichtig! doch es findet der Unterſchied zwiſchen mir und denjenigen, von welchen ich ſpreche, ſtatt, daß dieſe Sie beklagen, um Sie ins Verderben zu ſtürzen, und daß ich Sie beklage, um Sie zu retten.“ „Aber, mein Herr, iſt unter denjenigen, welche kommen und, wenn man Ihnen glauben muß, kommen, um einen Vernichtungskrieg gegen uns zu führen, zum Voraus etwas ausgemacht, ein Plan feſtgeſtellt?“ „Nein, Madame, und ich habe bis jetzt nur unbe⸗ ſtimmte Anſinnungen in Erfahrung gebracht: die Unter⸗ drückung des Titels Majeſtät für die Eröffnungs⸗ ſitzung; ſtatt des Thrones ein einfaches Fauteuil links vom Präſidenten.4 „Sehen Sie hierin etwas mehr als in der Hand⸗ lung von Herrn Thouret, der ſich ſetzte, weil der König ſaß 2“ „Das iſt wenigſtens ein neuer Schritt vorwärts, ſtatt ein Schritt rückwärts zu ſein... Dann iſt noch das Erſchreckliche, Madame, daß Lafayette und Bailly erſetzt werden ſollen!“ „Oh! was dieſe betrifft,“ erwiederte lebhaft die Königin,„ich bedaure ihren Verluſt nicht.“ e⸗ er en ns ie he n, im e⸗ r⸗ ks ig s, ly ie 57 „Und Sie haben Unrecht, Madame, Herr Bailly und Herr von Lafayette ſind Ihre Freunde„ Die Königin lächelte bitter. „Ihre Freunde, Madame! Ihre letzten Freunde viel⸗ leicht! Seien Sie alſo behntſam mit ihnen; haben ſie einige Popularität gerettet, ſo benützen Sie dieſelbe, beeilen Sie ſich aber: ihre Popularität wird bald auswandern, wie es die meinige gethan hat.“ „Am Ende von Allem dem, mein Herr, zeigen Sie mir den Abgrund, Sie führen mich bis an ſeinen Kra⸗ ter, Sie laſſen mich ſeine Tiefe ermeſſen, doch Sie ſagen mir nicht das Mittel, ihn zu vermeiden.“* Barnave blieb einen Augenblick ſtumm. Dann ſtieß er einen Seufzer aus und ſprach: „Ach! Madame, warum hat man Sie auf der Straße von Montmédy verhaftet!“ „Gut!“ ſagte die Königin,„nun billigt Herr Bar⸗ nave die Flucht nach Varennes!“ „Ich billige ſie nicht, Madame, denn die Lage, in der Sie ſich heute befinden, iſt die natürliche Folge die⸗ ſer Flucht; da aber dieſe Flucht eine ſolche Folge haben ſollte, ſo beklage ich, daß ſie nicht beſſer abgelaufen iſt.“ „So, daß heute Herr Barnave, Mitglied der Na⸗ tionalverſammlung, von dieſer Verſammlung mit den Herren Pétion und Latour⸗ Maubourg abgeſandt, um den König und die Königin nach Paris zurückzuführen, es beklagt, daß der König und die Königin nicht im Auslande ſind?“ „Oh! verſtehen wir uns recht, Madame; derjenige, welcher dies beklagt, iſt nicht das Mitglied der National⸗ verſammlung, es iſt nicht der College der Herren Latvur⸗ Maubourg und Pétion; es iſt der arme Barnave, der nichts mehr iſt, als Ihr unterthäniger Diener, bereit, ih Sie ſein Leben, das heißt Alles, was er beſitzt, zu geben.“ „Ich danke, mein Herr,“ ſprach die Königin;„der 58 Ausdruck, mit dem Sie mir dieſes Anerbieten machen, beweiſt mir, daß Sie der Mann wären, es zu halten; doch ſch hoffe, ich werde keine ſolche Aufopferung von Ihnen zu verlangen haben.“ „Deſto ſchlimmer für mich,“ verſetzte einfach Barnave. „Warum deſto ſchlimmer?“ „Ja, ſoll ich einmal fallen, ſo hätte ich wenigſtens gern kämpfend fallen mögen, während Folgendes geſchehen wird: in der Tiefe meines Dauphiné, wo ich Ihnen unnütz ſein werde, werde ich wohl mehr noch Wünſche für die junge und ſchöne Frau, für die zärtliche und hin⸗ gebende Mutter, als für die Königin hegen; dieſelben Fehler, welche die Vergangenheit gemacht haben, werden die Zukunft vorbereiten; Sie werden auf eine fremde Hülfe rechnen, welche nicht ankommen oder zu ſpät kom⸗ men wird; die Jacobiner werden die Gewalt in der Nationalverſammlung und außerhalb derſelben an ſich reißen; Ihre Freunde werden Frankreich verlaſſen, um der Verfolgung zu entfliehen; diejenigen, welche bleiben, werden verhaftet, eingekerkert werden: ich werde zu die⸗ ſen gehören, denn ich will nicht fliehen! Dann wird man mich richten, verurtheilen; mein dunkler Tod wird Ihnen vielleicht unnütz, ſogar unbekannt ſein, oder wenn das Gerücht von dieſem Tode zu Ihnen gelangt, bin ich eine ſo geringe Unterſtützung für Sie geweſen, daß Sie die paar Stunden, während welcher ich Ihnen nütz⸗ lich ſein zu können hoffen durfte, werden vergeſſen haben.“ „Herr Barnave,“ ſprach die Königin mit großer Würde,„ich weiß durchaus nicht, welches Lvos die Zu⸗ kunft dem König und mir vorbehält; was ich aber weiß, iſt, daß die Namen der Menſchen, die uns Dienſte ge⸗ leiſtet haben, gewiſſenhaft in unſer Gedächtniß eingetra⸗ gen ſind, und daß nichts von Dem, was dieſen Glück⸗ liches oder Unglückliches begegnen mag, uns fremd ſein wird... Mittlerweile, Herr Barnave: vermögen wir etwas für Sie?“ n n on ve. ens hen nen ſche in⸗ ben den mde om⸗ der ſich um ben, die⸗ man nen „Viel... Sie perſönlich, Madame, Sie können mir beweiſen, daß ich kein ganz werthloſes Weſen in Ihren Augen war.“ „Und was muß ich zu dieſem Ende thun?“ Barnave ſetzte ein Knie auf die Erde. „Mir Ihre Hand zu küſſen geben, Madame.“ Eine Thräne trat an die trockenen Augenlider von Marie Antoinette; ſie ſtreckte gegen den jungen Mann dieſe weiße, kalte Hand aus, welche im Zeitraume eines Jahres die beredteſten Lippen der Nationalverſammlung: die von Mirabean und von Barnave, küſſen ſollten. Barnave berührte ſie nur leicht; man ſah, daß der arme Wahnſinnige befürchtete, wenn er ſeine Lippen auf dieſe ſchöne Marmorhand drücke, könne er ſich nicht mehr davon losmachen. Dann erhob er ſich und ſprach: „Madame, ich werde nicht ſo hoffärtig ſein, zu Ihnen zu ſagen:„„Die Monarchie iſt gerettet!““ doch ich ſage Ihnen:„Iſt die Monarchie verloren, ſo iſt der⸗ jenige, welcher nie die Gunſt, die ihm eine Königin be⸗ willigt hat, vergeſſen wird, mit ihr verloren!““ Und er verbeugte ſich vor der Königin und ging ab. Marie Antvinette ſchaute ihm, während er ſich ent⸗ fernte, ſeufzend nach, und als die Thüre hinter Barnave geſchloſſen war, ſagte ſie: „Arme, leere Citrone! ſie haben nicht viel Zeit ge⸗ braucht, um von Dir nur die Schale übrig zu laſſen!..“ 60 CXII. VDas Schlachtfeld. Wir haben die entſetzlichen Ereigniſſe, welche auf dem Marsfelde am Nachmittag des 17. Juli 1791 vor⸗ gefallen waren, zu ſchildern verſucht; ſuchen wir einen Begriff von dem Schauſpiele zu geben, das die Scene bot, nachdem wir den Leſern das Drama, das hier ge⸗ ſpielt worden, und deſſen Hauptſchauſpieler Bailly und Lafayette geweſen waren, vor die Augen geſtellt haben. Dieſes Schauſpiel war es, was einen als Officier der Nationalgarde gekleideten jungen Mann ergriff, der, aus der Rue Saint⸗Honoré ausmündend, über den Pont Louis KV. gegangen war und durch die Rue de Gre⸗ nelle nach dem Marsfelde kam. Dieſes Schauſpiel,— das bei zwei Dritteln ſeiner zunehmenden Periode ein Mond beleuchtete, der ſich zwi⸗ ſchen ſchweren ſchwarzen Wolken hinrollend von Zeit zu Zeit in dieſen verlor,— war unheimlich anzuſehen. Das Marsfeld hatte den Anblick eines Schlacht⸗ feldes bedeckt mit Todten und Verwundeten, unter denen wie Schatten Menſchen umherirrten, welche beauftragt waren, die Todten in die Seine zu werfen und die Ver⸗ wundeten nach dem Militärhoſpital des Gros⸗Caillou zu bringen. Der junge Mann, dem wir von der Rue Saint⸗ Honoré an folgen, blieb einen Augenblick beim Eingange des Marsfeldes ſtehen, faltete die Hände mit einer Ge⸗ berde naiven Schreckens und murmelte: „Jeſus Gott! die Sache iſt alſo noch ſchlimmer geweſen, als man mir geſagt hat?“ 3 61 Sodann, als er einige Minuten die ſeltſame Opera⸗ tion, welche man hier vollbrachte, angeſchaut hatte, ging er auf zwei Männer zu, die er einen Leichnam nach der Seine tragen ſah, und fragte ſie: „Bürger, wollt Ihr mir wohl ſagen, was Ihr mit dieſem Menſchen macht?“ „Folge uns, und Du wirſt es ſehen,“ antworteten die zwei Männer. Der junge Officier folgte ihnen. Als ſie die hölzerne Brücke erreicht hatten, ſchaukel⸗ ten die zwei Männer den Leichnam, indem ſie:„Eins, zwei, drei!“ zählten, und bei drei warfen ſie den Kör⸗ per in die Seine. Der junge Mann ſtieß einen Schreckensſchrei aus. „Aber was macht Ihr denn da, Bürger?“ fragte er. „Sie ſehen es wohl, mein Officier,“ antworteten die zwei Männer;„wir räumen den Boden ab.“ „Und Ihr habt Befehle, um ſo zu handeln?“ „Offenbar.“ „Von wem?“ „Von der Municipalität.“ „Oh!“ machte der junge Mann erſtaunt. Dann, nach einem Augenblicke des Stillſchweigens und nachdem er mit ihnen auf das Marsfeld zurückge⸗ kehrt war: „Habt Ihr ſchon viele Leichname in die Seine ge⸗ worfen?“ „Fünf oder ſechs,“ antwortete einer von den zwei Männern. „Verzeiht, Bürger,“ ſagte der junge Mann,„ich habe ein großes Iutereſſe bei der Frage, die ich an Euch thun will: habt Ihr unter den fünf bis ſechs Leich⸗ namen einen Mann bemerkt, ſechsundvierzig bis achtund⸗ vierzig Jahre alt, ungefähr fünf Fuß ſechs Zoll groß, unterſetzt, kräftig, halb Bauer, halb Bürger?“ „Bei meiner Trene,“ erwiederte einer von den Män⸗ —— 62 nern,„wir haben nur eine Bemerkung zu machen: ob die Leute, die hier liegen, todt oder lebendig ſind; ſind ſie todt, ſo werfen wir ſie in den Fluß, ſind ſie nicht todt, ſo bringen wir ſie nach dem Hoſpital des Gros⸗ Caillou.“ „Ah!“ ſprach der junge Mann,„einer meiner Freunde iſt nicht nach Hauſe zurückgekommen, und da man mir geſagt hat, man habe ihn einen Theil des Tages hier geſehen, ſo befürchtete ich, er ſei unter den Verwundeten oder den Todten.“ „Ei!“ erwiederte einer von den Trägern, der einen Leichnam rüttelte, indeß ihn der andere mit einer La⸗ terne beleuchtete,„war er hier, ſo iſt er wahrſcheinlich noch hier; iſt er nicht nach Hauſe gekommen, ſo wird er wahrſcheinlich nicht mehr kommen.“ Und der Mann der Municipalität rüttelte doppelt ſtark den zu ſeinen Füßen liegenden Körper und rief: „He! biſt Du todt oder lebſt Du? Biſt Du nicht todt, ſo ſuche zu antworten.“ „Oh! dieſer iſt es wohl!“ ſagte der Zweite;„er hat eine Kugel mitten in die Bruſt bekommen.“ „In den Fluß alſo!“ verſetzte der Erſte. Und die zwei Männer hoben den Leichnam auf und ſchlugen wieder den Weg nach der Brücke ein. „Bürger,“ ſprach der Officier,„Ihr braucht Eure Laterne nicht, um dieſen Menſchen ins Waſſer zu wer⸗ fen: habt die Gefälligkeit, ſie mir einen Angenblick zu leihen; während Ihr Euren Gang macht, ſuche ich mei⸗ nen Freund.“ Die Träger gewährten die Bitte, und die Laterne ging in die Hände des jungen Officiers über; dieſer be⸗ gann ſeine Nachforſchung mit einer Sorgfalt und mit einem Ausdrucke der Phyſiognomie, woran zu erkennen, daß er dem Todten oder dem Verwundeten, den er ſuchte, einen Titel gegeben, der nicht nur von ſeinen Lippen, ſondern auch aus ſeinem Herzen kam. ob ſind icht os⸗ nde mir hier eten inen La⸗ lich d er pelt icht hat und Fure wer⸗ k zu mei⸗ erne mit nen, chte, pen⸗ 63 Zehn bis zwölf ebenfalls mit Laternen verſehene Menſchen waren wie er mit der traurigen Nachforſchung beſchäftigt. Von Zeit zu Zeit, mitten unter dem Stillſchwei⸗ gen,— denn die erſchreckliche Feierlichkeit des Schauſpiels ſchien beim Anblicke des Todes die Stimme der Lebenden zu erſticken,— von Zeit zu Zeit, mitten unter dem Still⸗ ſchweigen, durchzog ein mit lauter Stimme ausgeſpro⸗ chener Name den Raum. Zuweilen antwortete eine Klage, ein Stöhnen, ein Schrei auf dieſen Namen; am öfteſten aber erhielt er nur ein unheimliches Schweigen zur Antwort! Der junge Officier, nach einem Zögern, als wäre ſeine Stimme durch eine gewiſſe Angſt gefeſſelt, folgte endlich dem Beiſpiel, das man ihm gab, und rief dreimal: „Herr Billot!.. Herr Billot!.. Herr Billot!..“ Doch keine Stimme antwortete ihm. „Oh! er iſt ſicherlich todt!“ murmelte er, während er mit ſeinem Aermel die Thränen abwiſchte, die ſeinen Angen entfloſſen.„Armer Herr Billot!“ In dieſem Angenblicke gingen zwei Männer, einen Leichnam nach der Seine tragend, an ihm vorüber. „Ei!“ ſagte derjenige, welcher den Rumpf hielt und folglich am nächſten beim Kopfe war,„ich glaube, unſer Leichnam hat einen Seufzer von ſich gegeben!“ „Gut!“ verſetzte der Andere lachend,„wenn man Lie dieſe Burſche hören wollte, ſo gäbe es nicht einen odten.“ „Bürger,“ ſprach der Officier,„ich bitte, laßt mich den Mann ſehen, den Ihr tragt.“ „Oh! gern, mein Officier,“ antworteten die beiden Träger. Und ſie ſetzten den Körper auf ſein Hintertheil, da⸗ mit es dem Officier leichter würde, ſein Geſicht zu be⸗ leuchten. 64 Der junge Mann näherte ſeine Laterne und ſtieß einen Schrei aus. N Trotz der furchtbaren Wunde, die ihn entſtellte, glaubte er den Menſchen, den er ſuchte, erkannt zu S haben. Nur fragte es ſich, war er todt oder lebte er? Demjenigen, welcher ſchon den halben Weg zu S ſeinem feuchten Grabe gemacht hatte, war, der Kopf 8 durch einen Säbelhieb geſpalten. Die Wunde war, wie he geſagt, erſchrecklich; ſie hatte die ganze behaarte Haut vom linken Seitenwandsbeine losgemacht, ſo daß ſie über die die Backe herabhing und den Knochen des Schädels ent⸗ F blößt ließ; die Schlafpulsader war durchſchnitten wor⸗ den, und der ganze Leib des Verwundeten oder des Tod⸗ ten war von Blut überſtrömt. Auf der Seite der Wunde war er unkenntlich. Der Officier hielt mit einer zitternden Hand die ba Laterne auf die andere Seite, „Oh! Bürger,“ rief er,„er iſt es! es iſt der, welchen ich ſuche: es iſt Herr Billot.“ „Ah! Teufel!“ verſetzte einer von den beiden Trä⸗ B ern. Nun, er iſt ein wenig beſchädigt, Ihr Herr illot „Sagtet Ihr nicht, er habe einen Seufzer von ſich gegeben?“ „Ich glaubte es wenigſtens zu hören.“ G „Dann thut mir einen Gefallen„ ni Der Officier zog einen kleinen Thaler aus der kö Taſche. „Welchen?“ fragte der Träger voll guten Willens zw beim Anblicke des Geldſtückes. „Lauft zum Fluſſe und holt Waſſer in Eurem Hute.“ Gern. Der Mann lief nach der Seine zu. Der junge lite Officier hatte ſeinen Platz eingenommen und hielt den. Verwundeten. „ tieß Ute, zu aut ber nt⸗ Or⸗ od⸗ die e rä⸗ err ſich der ens e. nge den 65 Nach fünf Minuten kam der Bote zurück. „Sprengt ihm Waſier ins Geſicht,“ ſagte der junge ann. Der Träger gehorchte; er benetzte ſeine Hand im Hute, ſchütteite ſie, wie man es mit einem Weihwedel thut, und beſprengte das Geſicht des Verwundeten. „Er hat geſchauert!“ rief der junge Mann, der den Sterbenden in ſeinen Armen hielt;„er iſt nicht todt!.. Hh! lieber Herr Billot, welch ein Glück, daß ich hier⸗ her gekommen bin!“ „Ja, bei meiner Treue, das iſt ein Glück!“ ſagten die zwei Männer;„noch zwanzig Schritte, und Ihr Freund kam in den Netzen von Saint⸗Clond zu ſich.“ „Beſprengt ihn noch einmal mit Waſſer.“ Der Träger wiederholte die Operation; der Ver⸗ wundete ſchauerte und gab einen Seufzer von ſich. „Ah! ah!“ ſagte der zweite Träger,„er iſt offen⸗ bar nicht todt.“ „Nun, was machen wir mit ihm 2“ „Helft mir ihn nach der Rue Saint⸗Honoré zum Herrn Doctor Gilbert transportiren, und Ihr follt eine gute Belohnung bekommen!“ erwiederte der junge Mann. „Wir könuen nicht.“ „Warum nicht?“ „Wir haben Befehl, die Todten in die Seine zu werfen und die Verwundeten nach dem Hoſpital des Gros⸗Caillon zu bringen Da er behauptet, er ſei nicht todt und wir ihn folglich nicht in die Seine werfen können, ſo müſſen wir ihn nach dem Hoſpital tragen.“ „Nun, ſo tragen wir ihn nach dem Hoſpital, und zwar ſo raſch als möglich,“ ſagte der junge Mann. Er ſchaute rings umher. „Ungefähr dreihundert Schritte von der Ecole Mi⸗ litaire.“ Die Gräfin von Charny. VI. 5 66 „Es iſt alſo dort?“ c „Ja. „Wir haben über das ganze Marsfeld zu gehen?“ „Der Länge nach.“ „Mein Gott! habt Ihr denn keine Tragbahre?“ „Ei! das findet ſich wohl,“ antwortete der zweite Träger;„das iſt wie Waſſer, und mit einem zweiten kleinen Thaler...“ „Ganz richtig!“ verſetzte der junge Mann,„Ihr habt nichts bekommen... Hier iſt ein zweiter kleiner Thaler: findet nur eine Tragbahre.“ Nach zehn Minuten war die Tragbahre gefunden. Der Verwundete wurde auf einer Matratze darauf gelegt; die zwei Träger ergriffen die Gabeln, und der traurige Zug wanderte nach dem Hoſpitale vom Gros⸗ Caillou, escortirt von dem jungen Manne, der mit ſei⸗ ner Laterne in der Hand am Kopfe des Verwundeten ging. Es war etwas Gräßliches, dieſer nächtliche Marſch auf einem von Blut überſtrömten Boden, mitten unter unbeweglichen, ſtarren Leichen, an die man auf jedem Schritte ſtieß, oder Verwundeten, die ſich aufrichteten, um nach Hülfe rufend wieder niederzufallen. Nach einer Viertelſtunde ſchritt man über die Schwelle des Hoſpitals vom Gros⸗Caillon. n 20 2 veite eiten Ihr einer en. rauf der ros⸗ ſei⸗ eten arſch inter dem eten, welle 67 CXIII. Das Hoſpital vom Gros-Caillou. Zu jener Zeit waren die Hoſpitäler und beſonders die Militärhoſpitäler entfernt nicht organiſirt, wie ſie es heute ſind. Man wird ſich alſo nicht wundern über die Unruhe, die im Hoſpital vom Gros⸗Caillon herrſchte, und über die ungeheure Unordnung, die ſich der Erfüllung der Verordnungen der Wundärzte entgegenſtellte. Das Erſte, woran es gemangelt, waren Betten. Man hatte ſodann die Matratzen der Einwohner der umliegenden Straßen in Beſchlag genommen. Dieſe Matratzen wurden auf den Boden und ſogar in den Hof gelegt; auf jeder derſelben war ein Ver⸗ wundeter, Hülfe erwartend, und die Wundärzte fehlten wie die Matratzen, und waren noch ſchwieriger zu finden. Der Officier,— in welchem unſere Leſer ſicherlich unſern alten Freund Piton erkannt haben,— bewirkte gegen zwei weitere kleine Thaler, daß man ihm die Ma⸗ tratze der Tragbahre überließ, ſo daß Billot ziemlich ſanft im Hofe des Hoſpitals gebettet wurde. Piton, der von der Lage mindeſtens das Wenige was ſie Gutes hatte, nehmen wollte, hatte den Verwun⸗ deten ſo nahe als möglich bei der Thüre unterbringen laſſen, um ſich auf ſeinem Wege des erſten Wundarztes, der aus⸗ oder eingehen würde, bemächtigen zu können. Er hatte große Luſt, in den Sälen umherzulaufen und einen um jeden Preis herbeizuführen: doch er wagte es nicht, den Verwundeten zu verlaſſen; er befürchtete, unter dem Vorwande, dieſer ſei todt,— man konnte ſich 68 hierüber ohne ſchlechte Abſicht tänſchen,— werde Einer die Matratze nehmen und den vorgeblichen Leichnam auf das Pflaſter des Hofes werfen. Piton war ſeit einer Stunde da und hatte mit kräf⸗ tiger Stimme den paar Wundärzten gerufen, die er hatte vorübergehen ſehen, ohne daß Einer ihm auf ſeinen Ruf geantwortet, als er einen ſchwarz gekleideten Mann er⸗ blickte; dieſer Mann, dem zwei Krankenwärter leuchteten, beſuchte eines nach dem andern alle die Sterbelager. Je mehr der ſchwarz gekleidete Mann gegen Piton vorrückte, deſto mehr glanbte ihn dieſer zu erkennenz bald hörten alle ſeine Zweifel auf, und Piton, der es wagte, ſich ein paar Schritte vom Verwundeten zu ent⸗ fernen, um ſich eben ſo viel dem Arzte zu nähern, rief mit aller Gewalt ſeiner Lunge: „He! hierher, Herr Gilbert, hierher!“ Der Arzt,— es war in der That Gilbert,— lief auf ſeine Stimme herbei. „Ah! Du biſt es, Piton?“ ſagte er. „Mein Gott! ja, Herr Gilbert.“ „Haſt Du Billot geſehen?“ „Ei! hier iſt er,“ antwortete Piton, indem er auf den Verwundeten deutete, der immer unbeweglich da lag. „Iſt er todt?“ fragte der Doctor. „Ach! lieber Herr Gilbert, ich hoffe, nein; doch ich verberge Ihnen nicht, daß es gar nicht gut bei ihm eht.“ Gilbert näherte ſich der Matratze, und die zwei Krankenwärter, die ihm folgten, belenchteten das Geſicht des Verwundeten. „Es iſt am Kopfe, Herr Gilbert,“ ſagte Piton,„es iſt am Kopfe! Der arme Herr Billot! Der Kopf iſt ihm bis an den Kinnbacken geſpalten.“ Gilbert betrachtete die Wunde aufmerkſam.. „Die Wunde iſt allerdings bedentend,“ murmelte e ——————— iner auf räf⸗ ate Ruf er⸗ ten, iton nen; res ent⸗ rief lief 69 Und ſich an einen der zwei Krankenwärter wendend, fügte er bei: „Ich brauche ein beſonderes Zimmer für dieſen Mann, der einer meiner Freunde iſt.“ Die zwei Krankenwärter beriethen ſich. „Es gibt kein beſonderes Zimmer,“ ſagten ſie,„doch die Weißzengkammer iſt da.“ „Vortrefflich!“ verſetzte Gilbert,„tragen wir ihn nach der Weißzeugkammer.“ Man hob den Verwundeten ſo ſachte als möglich auf, doch wie behutſam man auch zu Werke ging, es entſchlüpfte ihm ein Seufzer. „Ah!“ ſprach Gilbert,„nie hat ein Ansruf der Frende mir ein Vergnügen gemacht, wie dieſer Seufzer des Schmerzes! Er kebt: das iſt die Hauptſache.“ Billot wurde nach der Weißzeugkammer gebracht und auf das Bett von einem der Angeſtellten gelegt; dann nahm Gilbert ſogleich den Verband vor. Die Schlafpulsader war durchſchnitten, und hiedurch war ein ungeheurer Blutverluſt erfolgt; doch dieſer Blut⸗ verluſt hatte die Ohnmacht herbeigeführt, und die Bewe⸗ gungen des Herzens vermindernd, hatte die Ohnmacht den Blutfluß gehemmt. Die Natur hatte dies ſogleich benützt, um einen Blutklumpen zu bilden, durch den die Pulsader geſchloſ⸗ ſen wurde. Mit einer bewunderungswürdigen Geſchicklichkeit un⸗ terband Gilbert zuerſt die Arterie mittelſt eines ſeidenen Fadens; dann wuſch er das Fleiſch und vereinigte es wieder auf dem Knochen. Die Friſche des Waſſers und vielleicht auch die durch den Verband verurſachten leb⸗ hafteren Schmerzen machten, daß Billot die Augen und ein paar Worte breiig und ohne Folge prach. „Es hat eine Gehirnerſchütterung ſtatt efunden,“ murmelte Gilbert. 6 „ 70 „Sobald er aber nicht todt iſt, werden Sie ihn ret⸗ ten, nicht wahr, Herr Gilbert?“ fragte Pitou. Gilbert lächelte traurig und erwiederte: „Ich werde mich bemühen; doch Du haſt abermals geſehen, mein lieber Piton, daß die Natur ein viel ge⸗ ſchickterer Wundarzt iſt, als Einer von uns.“ Gilbert vollendete ſodann den Verband. Nachdem die Haare ſo viel als möglich abgeſchnitten waren, ver⸗ einigte er die zwei Ränder der Wunde, befeſtigte ſie mit Heftpflaſterſtreifen, und befahl, dafür zu ſorgen, daß der Kranke faſt ſitzend mit dem Rücken und nicht mit dem Kopfe an die Kiſſen angelehnt werde. Erſt nachdem dieſe ganze Arbeit gethan war, fragte er Piton, wie er nach Paris gekommen, und wie er, nachdem er nach Paris gekommen, gerade zu rechter Zeit hier geweſen, um Billot Hülfe zu leiſten. Die Sache war ſehr einfach: ſeit dem Verſchwinden von Catherine und dem Abgange ihres Mannes war die Mutter Billot, die wir unſern Leſern nie als einen ſehr ſtarken Geiſt gegeben haben, in eine Art von Blödfinn verfallen, der beſtändig zugenommen. Sie lebte jedoch auf eine ganz mechaniſche Art, und jeden Tag ſpannte ſich ab oder brach eine neue Feder der armen menſchli⸗ chen Maſchine; allmälig wurden ihre Worte ſeltener; daun ſprach ſie am Ende gar nicht mehr, und legte ſich auch nicht mehr zu Bette; und der Doctor Raynal er⸗ klärte, es gebe nur Eines auf der Welt, was die Mut⸗ ter Billot dieſer tödtlichen Erſtarrung entziehen könnte: der Anblick ihrer Tochter. Sogleich erbot ſich Piton, nach Paris zu gehen, oder; er reiſte vielmehr ab, ohne ſich zu erbieten. Bei den langen Beinen des Kapitäns der National⸗ garde von Haramont waren die achtzehn Meilen, welche die Heimath von Demouſtier von der Hauptſtadt tren⸗ nen, nur ein Spaziergang. Piton war in der That um vier Uhr Morgens ab⸗ ret⸗ nals ge⸗ dem ver⸗ 71 gegangen und zwiſchen halb acht Uhr und acht Uhr Abends in Paris angelangt. Piton ſchien prädeſtinirt, für die großen Ereigniſſe nach Paris zu kommen. Das erſte Mal war er gekommen, um der Einnahme der Baſtille beizuwohnen und daran Theil zu nehmen; das zweite Mal, um der Föderation von 1790 beizuwoh⸗ nen; das dritte Mal kam er am Tage der Metzelei auf dem Marsfelde. Er fand Paris auch ganz im Aufruhr; das war übrigens der Zuſtand, in welchem er Paris zu ſehen die Gewohnheit hatte. Schon bei den erſten Gruppen, auf die er ſtieß, er⸗ fuhr er, was auf dem Marsfelde vorgefallen. Bailly und Lafayette hatten auf das Volk ſchießen laſſen; das Volk verfluchte mit voller Lunge Bailly und Lafayette. Piton hatte ſie als Götter und angebetet verlaſſen! Er fand ſie wieder von ihren Altären geſtürzt und ver⸗ flucht: er begriff durchaus nichts hievon. Er begriff nur, daß auf dem Marsfelde Kampf, Metzelei wegen einer patriotiſchen Petition ſtattgefunden, und daß Gilbert und Billot dort ſein mußten. Obgleich Pitou, wie man gewöhnlich ſagt, ſeine achtzehn Meilen im Leibe hatte, verdoppelte er doch den Schritt und kam nach der Rue Saint-Honoré und in die Wohnung von Gilbert. Der Doctor war nach Hauſe zurückgekehrt, Billot hatte man aber nicht geſehen. Das Marsfeld war übrigens, wie der Diener ſagte, der Pitou dieſe Auskunft gab, mit Todten und Verwun⸗ deten beſtrent; Billot befand ſich vielleicht unter den Ei⸗ nen oder den Andern. Das Marsfeld mit Todten und Verwundeten be⸗ deckt! Dieſe Kunde ſetzte Piton nicht minder in Erſtau⸗ nen, als ihn die von Bailly und Lafayette, den zwei 72 Idolen des Volks, welche auf das Volk geſchoſſen, in Erſtaunen geſetzt hatte. Das Marsfeld mit Todten und Verwundeten be⸗ deckt! Piton konnte ſich das nicht vorſtellen. Dieſes Mars⸗ feld, das er, Einer der Zehntanſend, hatte nivelliren helfen, das ihm die Erinnerung voller Illuminationen, freudigen Geſänge, munteren Farandolen in den Geiſt. zurückrief! bedeckt mit Todten und Verwundeten! weil man hatte, wie im vorhergehenden Jahre, hier den Jah⸗ restag der Einnahme der Baſtille und den der Födera⸗ tion feiern wollen! Das war unmöglich! Wie, in einem Jahre war das, was ein Motiv der Freude und des Triumphes geweſen, eine Urſache des Aufruhrs und der Schlächterei geworden? Welcher Schwindelgeiſt war denn während dieſes Jahres über das Haupt der Pariſer hingezogen? Wir haben es geſagt; der Hof hatte während die⸗ ſes Jahres, Dank dem Einfluſſe von Mirabeau, Dank der Schöpfung des Clubbs der Feuillants, Dank der Un⸗ terſtützung von Bailly und Lafayette, Dank endlich der Reaction, die ſich in Folge der Rückkehr von Varennes bewerkſtelligt, ſeine verlorene Macht wiedererlangt; und ii Macht gab ſich durch die Trauer und die Metzelei und. Der 17. Juli rächte den 5. und 6. October. Wir haben geſehen, wie, beſchäftigt mit allen dieſen Ideen,— von denen übrigens keine den Einfluß hatte, daß ſie ſeinen Gang langſamer machte,— unſer Freund Ange Piton über den Pont Louis XV. und durch die Rue de Greuelle auf dem Marsfelde gerade zu rechter Zeit angekommen war, um es zu verhindern, daß Billot als Todter in den Fluß geworfen wurde. Andererſeits erinnert man ſich, wie Gilbert, der beim König war, ein Billet ohne Unterſchrift erhielt, in be⸗ rs⸗ iren ten, eiſt veil ah⸗ der des eſes ie⸗ ank Un⸗ der nes und elei ſen tte, ind die ter llot der elt, 73 wobei er aber die Hand von Caglioſtro erkannte, und in welchem ſich folgende Worte fanden: „Laß doch dieſe Verurtheilten, die man aus Spott noch den König und die Königin nennt, und begib Dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, in den Hoſpital vom Gros⸗Caillou: Du wirſt dort einen Sterbenden finden, der weniger krank iſt, als ſie; denn dieſen Sterbenden kannſt Du vielleicht retten, während ſie, ohne daß Du ſie retten kanuſt, Dich bei ihrem Sturze mit hinabziehen werden.“ Sogleich, wie wir erzählt, nachdem er durch Ma⸗ dame Campan erfahren, die Königin, welche ihn mit der Einladung, ihre Wiederkehr abzuwarten, verlaſſen, werde anderswo zurückgehalten und gebe ihm den Abſchied, ſo⸗ gleich war Gilbert aus den Tuilerien weggegangen und, beinahe demſelben Wege folgend wie Piton, in das Hoſpital vom Gros⸗Caillon gelangt; er hatte ſchon von Bett zu Bett, von Matratze zu Matratze die Säle, die Gänge, die Veſtibules und ſogar den Hof beſucht, als ihn eine Stimme zum Lager eines Sterbenden rief. Dieſe Stimme war, wie wir wiſſen, die von Pitvu; der Sterbende war Billot. Wir haben geſagt, in welchem Zuſtande er den wür⸗ digen Pächter gefunden, und welche Chancen ſeine Lage bot; gute und ſchlimme Chancen, bei denen aber ſicher⸗ lich die ſchlimmen die Oberhand über die guten behalten hätten, hätte er es mit einem minder geſchickten Manne, als dem Doctor Gilbert, zu thun gehabt. 74 CXIV. Catherine. Von den zwei Perſonen, welche der Doctor Raynal über den verzweifelten Zuſtand von Frau Billot benach⸗ richtigen zu müſſen geglaubt hatte, war die eine, wie man ſieht, in einer dem Tode nahen Lage im Bette ge⸗ halten; das war der Mann. Die andere Perſon konnte alſo allein kommen und der Sterbenden in ihren letzten Augenblicken beiſtehen: das war die Tochter. Es handelte ſich darum, Catherine von dem Zu⸗ ſtande, in dem ſich ihre Mutter befand, und ſogar von dem ihres Vaters in Kenntniß zu ſetzen; nur fragte es ſich, wo war Catherine? Es gab nur ein mögliches Mittel, dies zu erfahren, das war, ſich an den Grafen von Charny zu wenden. Piton war ſo freundlich, ſo wohlwollend von der Gräfin aufgenommen worden, am Tage, wo er ihr, im Auftrage von Gilbert, ihren Sohn gebracht, daß er nicht anſtand, ſich zu erbieten, er wolle die Adreſſe von Ca⸗ therine im Hauſe der Rue Cog⸗Héron erfragen, ſo weit vorgerückt auch die Stunde der Nacht war. Es ſchlug in der That halb zwölf auf der Uhr der Ecole Militaire, als, nachdem der Verband vollendet war, Gilbert und Piton das Bett von Billot verlaſſen konnten. Gilbert empfahl den Verwundeten den Krankenwär⸗ tern: es war nichts mehr zu thun, als die Natur wir⸗ ken zu laſſen. Ueberdies ſollte er im Verlaufe des andern Tages wiederkommen. nal ich⸗ wie ge⸗ ute ten Zu⸗ von es en, der icht Ca⸗ eit der det ſeu är⸗ ir⸗ 75 Piton und Gilbert ſtiegen in den Wagen des Doc⸗ tors, der vor der Thüre des Hoſpitals wartete; der Doctor befahl dem Kutſcher, nach der Rue Coq⸗Héron zu fahren. Alles war geſchloſſen und erloſchen im Quartier. Nachdem er eine Viertelſtunde geklingelt, hörte end⸗ lich Pitou, der von der Klingel zum Klopfen übergehen wollte, nicht die Hausthüre, ſondern die Thüre von der Loge des Concierge knarren, und eine heiſere, verdrieß⸗ liche Stimme fragte mit einem Ausdrucke der Ungeduld, in dem man ſich nicht tänſchen konnte: „Wer iſt da?“ „Ich,“ antwortete Piton. „Wer, Sie?“ „Ah! es iſt wahr.. Ange Piton, Kapitän der Nationalgarde.“ „Ange Pitou?. Ich kenne das nicht.“ „Kapitän der Nationalgarde.“ 6„Kapitän...“ wiederholte der Concierge,„Kapi⸗ än„ „Kapitän!“ wiederholte Pitou, indem er einen be⸗ ſondern Nachdruck auf dieſen Titel legte, deſſen Einfluß er kannte. Der Concierge konnte in der That glauben, in die⸗ ſem Augenblicke, wo die Nationalgarde wenigſtens dem ehemaligen Uebergewichte der Armee die Waage hielt, habe er es mit einem Adjutanten von Lafayette zu thun. Dem zu Folge fragte er mit einem etwas gemil⸗ derten Tone, jedoch ohne die Thüre zu öffnen, der er ſich nur näherte: „Nun, Herr Kapitän, was verlangen Sie?“ „Ich verlange den Herrn Grafen von Charny zu ſprechen.“ „Er iſt nicht hier.“ „Alſo die Frau Gräfin.“ „Sie iſt auch nicht hier.“ 76 „Wo ſind ſie denn?“ „Sie ſind heute Morgen abgereiſt.“ „Nach welcher Gegend?“ „Nach ihrem Gute Bourſonnes.“ „Ah! Teufel!“ ſagte Piton wie mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend;„ihnen werde ich wohl in Dammartin begegnet ſein; ſie waren ohne Zweifel in jener Poſtchaiſe... Wenn ich das gewußt hätte!“ Pitou wußte es aber nicht, ſo daß er den Grafen und die Gräfin hatte vorbeifahren laſſen. „Mein Freund,“ ſprach die Stimme des Doctors, der bei dieſer Stelle der Unterredung dazwiſchen trat, „könnten Sie uns wohl in Abweſenheit Ihrer Herrſchaft eine Auskunft geben?“ „Ah! verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte der Con⸗ cierge, der in Folge ſeiner ariſtokratiſchen Gewohnheiten eine Herrenſtimme in der erkannte, welche mit ſo viel Artigkeit und Milde gefragt hatte. Und der gute Mann öffnete die Thüre und kam in den Unterhoſen und ſeine baumwollene Mütze in der Hand an den Wagenſchlag des Doctors, um, wie man im Bedientenſtyle ſagt, die Befehle in Empfang zu nehmen. 5 „Welche Auskunft wünſcht der Herr?“ fragte der Concierge. „Mein Freund, kennen Sie ein Mädchen, für das der Herr Graf und die Frau Gräfin einiges Intereſſe hegen müſſen?“ „Mademoiſelle Catherine?“ verſetzte der Concierge. „Ganz richtig!“ erwiederte Gilbert. „Ja, mein Herr. Der Herr Graf und die Frau Gräfin haben ſie zweimal beſucht und mich oft zu ihr geſchickt, um ſie fragen zu laſſen, ob ſie etwas brauche; doch die arme Demvoiſelle, obſchon ich ſie nicht für reich halte,— weder ſie, noch ihr liebes Kind des guten Got⸗ tes,— antwortet immer, ſie brauche nichts.“ )—— — —„ 6 ſe e. u r ch — 77 Bei den Worten:„Kind des guten Gottes,“ konnte ſich Piton eines ſchweren Seufzers nicht erwehren. „Nun, mein Freund,“ ſagte Gilbert,„der Vater der armen Catherine iſt heute auf dem Marsfelde ver⸗ wundet worden, und ihre Mutter, Frau Billot, ſtirbt in Villers⸗Coterets: wir müſſen ihr nothwendig dieſe tran⸗ rige Kunde zu wiſſen thun. Wollen Sie mir ihre Adreſſe geben?“ „Oh! die Arme, Gott ſtehe ihr bei! ſie iſt doch ſchon ſo unglücklich! Sie wohnt in Ville⸗d'Avrah, mein Herr, in der großen Straße... Ich vermöchte Ihnen die Hausnummer nicht genan zu ſagen, doch es iſt einem Brunnen gegenüber.“ „Das genügt,“ verſetzte Piton;„ich werde ſie finden.“ „Ich danke, mein Freund,“ ſprach Gilbert, indem er dem Concierge einen Sechs⸗Livres⸗Thaler in die Hand drückte. „Oh! das war nicht nöthig,“ ſagte der gute alte Mann;„Gott ſei Dank! unter Chriſten muß man ein⸗ ander helfen.“ Und er machte dem Doctor ſeinen Bückling und kehrte in ſeine Loge zurück. „Nun?“ fragte Gilbert. „Nun,“ antwortete Piton,„ich gehe nach Ville⸗ d'Avray.“ Piton war immer bereit, zu gehen. „Weißt Du den Weg?“ verſetzte der Doctor. „Nein, doch Sie werden mir ihn bezeichnen.“ „Du biſt ein goldenes Herz und ein ſtählernes Knie!“ ſagte lachend der Doctor.„Doch ruhe zuvor aus, Du wirſt morgen früh abgehen.“ 6 „Wenn es aber Eile hat? 4 „Es iſt weder auf der einen, noch auf der andern Seite dringlich,“ erwiederte der Doctor:„der Zuſtand von Billot iſt ernſter Art, kommen aber nicht unvorher⸗ 78 geſehene Zwiſchenfälle dazu, ſo iſt er nicht tödtlich. Was die Mutter Billot betrifft, ſie kann noch zehn bis zwölf Tage leben.“ „Ah! Herr Doctor, als man ſie vorgeſtern zu Bette brachte, ſprach ſie nicht mehr, rührte ſie ſich nicht mehr, nur ihre Augen ſchienen noch zu leben.“ „Gleichviel, ich weiß, was ich ſage, Piton, und ich ſtehe dafür, daß ſie noch zehn bis zwölf Tage lebt.“ „Ei! Herr Gilbert, Sie wiſſen das beſſer als ich.“ „Man läßt lieber dieſer armen Catherine noch eine Nacht der Unwiſſenheit und Ruhe; eine Nacht des Schla⸗ fes mehr, das iſt für die Unglücklichen von Bedentung, iton.“ Piton ergab ſich dieſem letzten Grunde. „Nun alſo,“ fragte er,„wohin gehen wir?“ „Zu mir, bei Gott! Du wirſt Dein altes Zimmer wiederfinden.“ „Ah!“ ſagte Piton lächelnd,„es wird mir Ver⸗ gnügen machen, daſſelbe wiederzuſehen!“ „Und morgen früh um ſechs Uhr werden die Pferde angeſpannt ſein,“ fügte Gilbert bei. „Warum die Pferde angeſpannt?“ fragte Piton, der das Pferd durchaus nur als einen Luxusgegenſtand „Um Dich nach Ville⸗d Avray zu führen.“ „Gut! es ſind alſo fünfzig Meilen von hier nach Ville⸗d'Avray?“ „Rein, es ſind zwei oder drei,“ erwiederte Gilbert, dem vor den Angen, wie ein Blitz aus ſeiner Jugend, die Spaziergänge vorüberzogen, die er mit ſeinem Leh⸗ rer Rouſſean in den Wäldern von Louveciennes, Meu⸗ don und Ville⸗d'Avray gemacht hatte. „Nur drei Meilen, das iſt die Sache einer Stunde, verſetzte Piton;„das verſchluckt ſich wie ein Ei!“ „Und Catherine,“ fragte Gilbert,„glaubſt Du, ſie — 79 verſchlucke auch wie ein Ei die drei Meilen von Ville⸗ d'Avray nach Paris und die achtzehn Meilen von Paris nach Villers⸗Coterets?“ „Ah! das iſt wahr; entſchuldigen Sie, Herr Gil⸗ bert: ich bin ein Dummkopf.. Doch ſagen Sie, wie geht es Sebaſtian?“ „Vortrefflich! Du wirſt ihn morgen ſehen.“ „Immer noch beim Abbé Bérardier?“ „Immer.“ „Ah! deſto beſſer es wird mich ſehr freuen, ihn zu ſehen.“ „Und er wird ſich auch freuen, Piton; denn er liebt Dich, wie ich, von ganzem Herzen.“ Nach dieſer Verſicherung hielten der Doctor und Ange Piton vor der Thüre der Rue Saint⸗Honoré. Piton ſchlief, wie er marſchirte, wie er aß, wie er ſich ſchlng; nur war er, vermöge der auf dem Lande angenommenen Gewohnheit, frühzeitig aufzuſtehen, ſchon um fünf Uhr auf. um ſechs Uhr ſtand der Wagen bereit. Um ſieben Uhr klopfte er an die Thüre von Catherine. Es war mit dem Doctor Gilbert verabredet, daß man ſich um acht Uhr am Bette von Billot finden ſollte. Catherine öffnete und ſtieß einen Schrei aus, als ſie Piton erblickte. „Ah!“ rief ſie,„meine Mutter iſt todt!“ hnd ſie erbleichte und lehnte ſich an die Wand an. „Nein,“ erwiederte Piton,„nur müſſen Sie ſich veeilen, wenn Sie ſie ſehen wollen, ehe ſie ſtirbt, Ma⸗ demoiſelle Catherine.“ Dieſer Austauſch von Worten, der mit Wenigem ſo viele Dinge ſagte, ſchnitt alle Präliminarien ab und ſtellte Catherine gleichſam mit einem Sprunge ihrem Unglücke gegenüber. 80 „Und dann iſt noch ein anderes Unglück,“ fuhr Pi⸗ ton fort. „Welches?“ fragte Catherine mit dem kurzen, faſt gleichgültigen Tone eines Weſens, das, nachdem es das Maß der menſchlichen Schmerzen erſchöpft hat, nicht mehr fürchtet, daß ſich ſeine Schmerzen vermehren. „Herr Billot iſt geſtern auf dem Marsfelde gefähr⸗ lich verwundet worden.“ „Ah!“ machte Catherine. Das Mädchen war offenbar viel weniger empfind⸗ lich für dieſe Nachricht, als für die erſte. „Da habe ich mir geſagt,“ fuhr Piton fort,„und das war auch die Anſicht des Herrn Doctor Gilbert: Mademoiſelle Catherine wird im Vorübergehen einen Beſuch bei Herrn Billot machen, den man nach dem Hoſpital vom Gros⸗Caillon gebracht hat, und von da wird ſie die Diligence nach Villers⸗Coterets nehmen.“ „Und Sie, Herr Piton?“ fragte Catherine. „Ich,“ erwiederte Piton,„ich dachte, da Sie dort Fran Billot werden ſterben helfen, ſo ſei es an mir, hier zu bleiben und Herrn Blllot wo möglich wieder⸗ aufleben zu helfen... Ich bleibe bei demjenigen, wel⸗ ru hat: Sie begreifen, Mademviſelle Cathe⸗ rine?“ Piton ſprach dies mit ſeiner engeliſchen Naivetät, ohne zu bedenken, daß er ſo mit ein paar Worten die ganze Geſchichte ſeiner aufopfernden Hingebung machte. Catherine reichte ihm die Hand. „Sie ſind ein wackeres Herz, Piton!“ ſagte ſie. „Kommen Sie und küſſen Sie meinen armen Iſidor.“ Und ſie ging voran, denn die kurze Scene, die wir erzählt haben, hatte ſich im Gange, bei der Haus⸗ thüre, zugetragen. Sie war ſchöner als je, die arme Catherine! ganz W W u — S—* — —— * 81 in Trauer gekleidet, wie ſie war, was Piton einen zwei⸗ ten Seufzer entriß. Catherine ſchritt dem jungen Manne in ein auf ei⸗ nen Garten gehendes kleines Zimmer voran: in dieſem Zimmer, das mit einer Küche und einem Ankleidecabinet die ganze Wohnung von Catherine bildete, ſtanden ein Bett und eine Wiege. Das Bett der Mutter, die Wiege des Kindes. Das Kind ſchlief. Catherine zog einen Gazevorhang zurück und trat auf die Seite, um die Augen von Piton in die Wiege tauchen zu laſſen. „Oh! das ſchöne Engelchen!“ rief Piton, die Hände faltend.* Und als wäre er wirklich vor einem Engel geweſen, kniete er nieder und küßte dem Kinde die Hand. Piton wurde raſch für das, was er gethan, belohnt: er fühlte über ſeinem Geſichte die Haare von Catherine ſchweben, und zwei Lippen legten ſich auf ſeine Stirne. i2½ Mutter gab den dem Sohne gegebenen Kuß urück. „Meinen Dank, guter Piton!“ ſagte ſie.„Seit dem letzten Kuſſe, den er von ſeinem Vater empfangen, 0 außer mir den armen Kleinen mehr geküßt.“ „Oh! Mademviſelle Catherine!“ murmelte Piton, geblendet und erſchüttert durch den Kuß des Mädchens, wie er es durch den elektriſchen Funken geweſen wäre. Und dieſer Kuß beſtand doch einfach aus Allem dem, und Dankbares im Kuſſe einer Mut⸗ er iſt. Die Gräfin von Charny. VI. 6 82 CXV. Die Tochter und der Pater. gehn Minuten nachher fuhren Catherine, Piton und der Keine Iſidor im Wagen von Doctor Gilbert auf der Straße nach Paris. Der Wagen hielt vor dem Hoſpital vom Gros⸗Cail⸗ lon an. Catherine ſtieg aus, nahm ihren Sohn in ihre Arme und folgte Pitou. Vor der Thüre der Weißzeugkammer angelangt blieb ſie ſtehen und fragte: „Sie haben mir geſagt, wir werden den Doctor Gilbert beim Bette meines Vaters finden?“ ln Piton öffnete ein wenig die Thüre. „Und er iſt wirklich da,“ erwiederte er. „Sehen Sie, ob ich ohne Furcht, eine zu ſtarke Aufregung bei ihm zu verurſachen, eintreten kann.“ Piton ging in das Zimmer hinein, befragte den Doctor und kam beinahe in demſelben Augenblicke wieder zu Catherine zurück. „Die durch den Hieb, den er bekommen, verurſachte Erſchütterung iſt ſo groß, daß er noch Niemand erkennt, wie der Herr Doctor Gilbert ſagt.“ Catherine wollte mit dem kleinen Iſidor in den Ar⸗ men eintreten. „Geben Sie mir Ihr Kind, Mademoiſelle Cathe⸗ rine,“ ſagte Pitou. Catherine zögerte einen Angenblick. en er te nt, 83 „Oh! es mir geben iſt, als ob Sie es nicht ver⸗ ließen.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Catherine. Und wie ſie es bei einem Bruder gethan hätte, mit mehr Vertrauen vielleicht, übergab ſie das Kind Ange Piton und ging mit feſtem Schritte in den Saal gerde au das Bett ihres Vaters zu. Doctor Gilbert war, wie geſagt, beim Bette erwundeten. Es hatte ſich wenig im Zuſtande des Kranken ver⸗ ändert; er war, wie am Tage vorher, mit dem Rücken an ſeine Kiſſen angelehnt, und der Doctor befeuchtete, mit Hülfe eines mit Waſſer getränkten und in ſeiner Hand ausgepreßten Schwammes, die Streifen, welche den auf die Wunde gelegten Verband feſthielten. Trotz eines Anfangs von Entzündungsfieber war das Geſicht von Billot in Folge der Blutmaſſe, die er verloren, to⸗ desbleich; die Geſchwulſt hatte ſich des Auges und eines Theils der linken Backe bemächtigt. Beim erſten Eindrucke der Kühle hatte er ein paar Worte ohne Folge gemurmelt und die Angen geöffnet; doch die gewaltige Schlafſucht, wwelche die Aerzte Coma nennen, hatte die Sprache auf's Neue bei ihm ausgelöſcht und ſeine Angen wieder geſchloſſen. Als Catherine das Bett erreicht hatte, ſank ſie auf ſi Kniee, hob die Hände zum Himmel empor und prach: „O mein Gott! Du biſt Zeuge, daß ich Dich aus i Jiefe meines Herzens um das Leben meines Vaters itte! Das war Alles, was dieſe Tochter für den Vater thun konnte, der ihren Geliebten hatte tödten wollen. Bei ihrer Stimme bewegte übrigens ein Schauer den Körper des Kranken; ſein Athem wurde heſtiger; er öffnete wieder die Augen, und ſein Blick, nachdem er einen Moment umhergeſchweift war, als wollte er erken⸗ 84 nen, woher die Stimme komme, heftete ſich auf Cathe⸗ rine. Seine Hand machte eine Bewegung, wie um dieſe Erſcheinung, die der Verwundete ohne Zweifel für eine Viſion ſeines Fiebers hielt, zu vertreiben.% Der Blick des Mädchens begegnete dem ſe ters, und Gilbert ſah mit einer Art von Schre Flammen zuſammentreffen, welche eher zwei Haſſes, als zwei Strahlen der Liebe zu ſein ſchienen. Wonach Catherine aufſtand und mit demſelben Schritte, mit dem ſie eingetreten, zu Piton zurücktehrte. Catherine nahm ihr Kind wieder mit einer Heftig⸗ keit, welche mehr Aehnliches mit der Liebe der Löwin, als mit der des Weibes hatte, preßte es an ihre Bruſt und rief: „Mein Kind! oh! mein Kind!“ In dieſem Schrei lagen alle Bangigkeiten der Mut⸗ ter, alle Klagen der Witwe, alle Schmerzen der Frau. Pitou wollte Catherine bis zum Bureau der Dili⸗ gence begleiten, welche Morgens um zehn Uhr abging. Doch ſie ſchlug es aus. „Nein,“ ſprach ſie,„Sie haben geſagt, Ihr Platz ſei bei demjenigen, welcher allein: bleiben Sie, Pitvu.“ Und ſie ſchob mit der Hand Piton in's Zimmer zurück. Piton wußte nur zu gehorchen, wenn Catherine befahl. Während ſich Pitou dem Bette von Billot näherte, während dieſer bei dem Geräuſche, das der ein wenig ſchwerfällige Tritt des Kapitäns der Nationalgarde machte, die Augen wieder öffnete und ein wohlthätiger Eindruck auf ſeinem Geſichte dem feindſeligen Eindrucke folgte, den wie eine Sturmwolke der Anblick ſeiner Toch⸗ ter darüber ziehen gemacht hatte, ſtieg Catherine die Treppe hinab und erreichte, ihr Kind in den Armen, in der Rue Saint⸗Denis das Hötel du Plat⸗d'Etain, von wo die Diligence nach Villers⸗Coterets abging. e⸗ eſe ne a⸗ ei es en te. ig⸗ in, ut⸗ u. ili⸗ atz 1.“ ner hl. te, nig tde ger cke ch die in von — 85⁵ Die Pferde waren angeſpannt; der Poſtillon ſaß im Sattel; es war ein Platz im Innern übrig: Cathe⸗ rine nahm ihn. Acht Stunden nachher hielt der Wagen in der Rue de Soiſſons an. Es war ſechs Uhr Nachmittags, das heißt, es war noch heller Tag. Als Mädchen und bei Lebzeiten von Iſidor ihre Mutter in guter Geſundheit beſuchend, hätte Catherine den Wagen am Ende der Straße von Largny anhalten laſſen, wäre um die Stadt gegangen und nach Piſſelen gekommen, ohne geſehen zu werden, denn ſie hätte ſich geſchämt. Als Witwe und Mutter dachte ſie nicht einmal an die Provinzſpöttereien; ſie ſtieg ohne Frechheit, aber auch ohne Furcht aus dem Wagen: ihre Trauer und ihr Kind ſchienen ihr, die eine ein finſterer Engel, das andere ein lächelnder Engel, welche Beleidigung und Verachtung von ihr entfernen müßten. Anfangs erkannte man ſie nicht: Catherine war ſo bleich und ſo verändert, daß ſie nicht mehr dieſelbe Frau zu ſein ſchien: was ſie aber noch mehr vor den Blicken verbarg, war jene Miene der Diſtinction, die ſie im banine mit einem ausgezeichneten Manne angenommen atte. Es erkannte ſie auch eine einzige Perſon, und ſie war ſogar ſchon fern. Das war die Tante Angélique. Die Tante Angélique ſtand vor der Thüre des Rathhauſes und plauderte mit ein paar Baſen über den von den Prieſtern geforderten Eid; ſie erklärte, ſie habe den Abbé Fortier ſagen hören, nie werde er den Eid den Jacobinern und der Revolution leiſten, und er werde eher das Märtyrthum erdulden, als den Kopf unter das revolutionäre Joch beugen. „Oh!“ rief ſie plötzlich, ſich mitten in ihrer Rede 86 unterbrechend,„Jeſus Gott! die Billotte mit ihrem Kinde ſteigt aus dem Wagen!“ „Catherine! Catherine!“ wiederholten mehrere Stimmen. „Ei! ja; ſeht, ſie flüchtet ſich dort durch das Gäß⸗ Tante Angölique täuſchte ſich: Catherine flüchtete ſich nicht; Catherine hatte Eile, zu ihrer Mutter zu kommen, und ging raſch; Catherine nahm den Weg durch das Gäßchen, weil es der kürzeſte Weg war. Bei dem Worte der Tante Angélique:„Es iſt die Billotte!“ und bei dem Ausrufe ihrer Nachbarinnen: „Catherine!“ fingen mehrere Kinder an dieſer nachzu⸗ laufen, und als ſie ſie erreicht hatten, ſagten ſie: „Ah! ja, es iſt wahr, es iſt Mademoiſelle„ „Ja, meine Kinder, ich bin es,“ erwiederte Cathe⸗ rine mit ſanftem Tone. Hierauf, da ſie beſonders von den Kindern ge⸗ liebt wurde, denen ſie immer etwas, eine Liebkoſung in Ermangelung von etwas Anderem, zu geben hatte, ſag⸗ ten die Kinder: „Guten Tag, Mademviſelle Catherine!“ chen „Guten Tag, meine Kinder,“ verſetzte Catherine. „Nicht wahr, meine Mutter iſt nicht todt?“ „Oh! nein, noch nicht.“ Und ein anderes Kind fügte bei: „Herr Raynal ſagt, ſie habe wohl noch acht bis zehn Tage zu leben.“ „Ich danke, meine Kinder!“ ſprach Catherine. Und ſie ging weiter, nachdem ſie ihnen einige Münze gegeben hatte. Die Kinder kamen zurück. „Nun?“ fragten die Baſen. „Nun!“ antworteten die Kinder,„ſie iſt es, und zum Beweiſe dient, daß ſie ſich bei uns nach ihrer Mut⸗ ter erkundigt und uns dies gegeben hat.“ e re ⸗ te zu die u⸗ ge⸗ ag⸗ bis inze — und Rut⸗ 87 Und die Kinder zeigten die Münzſtücke, die ſie von Catherine bekommen. „Es ſcheint, was ſie verkauft hat, verkauft ſich theuer in Paris, daß ſie den Kindern, die ihr nachlau⸗ hi weiße Stücke geben kann,“ ſagte die Tante Angs⸗ ique. Tante Angélique liebte Catherine Billot nicht. Catherine Billot war jung und ſchön, und Tante Angeélique war alt und häßlich; Catherine Billot war groß und wohlgewachſen, Tante Angélique war klein und hinkend. Sodann hatte bei Billot, aus dem Hauſe der Tante Angélique gejagt, Ange Piton ein Aſyl gefunden: Endlich war es Billot, der am Tage der Erklärung der Menſchenrechte gekommen, um den Abbé Fortier zu nöthigen, die Meſſe am Altar des Vaterlands zu leſen. Lauter genügende Gründe, in Verbindung mit der natürlichen Bitterkeit ihres Charakters, daß Tante An⸗ glique die Billot im Allgemeinen und Catherine ins⸗ beſondere haßte. Und wenn Tante Angélique haßte, ſo haßte ſie ſehr, und haßte ſie als Scheinheilige. Sie lief zu Mademoiſelle Adelaide, der Nichte des Abbé Fortier, und theilte ihr die Neuigkeit mit. Der Abbé Fortier ſoupirte einen in den Teichen von Wualée gefangenen Karpfen nebſt einer Schüſſel geſottener Eier und einer Platte Spinat. Es war Faſttag. Der Abbé Fortier hatte die ſtarre, aſcetiſche Miene eines Mannes angenommen, der jeden Augenblick auf das Märtyrthum gefaßt iſt. „Was gibt es wieder?“ fragte er, als er die zwei Frauen im Flurgange ſchwatzen hörte;„holt man mich, um den Namen Gottes zu bekennen?“ „Nein, noch nicht, mein lieber Oheim,“ erwiederte Mademoiſelle Adelaide,„es iſt nur Tante Angélique 88 (Jedermann gab, nach Piton, der alten Jungfer dieſen Ramen), nein, es iſt nur Tante Angélique, die mir eine ärgerliche Neuigkeit mittheilt.“ „Wir leben in einer Zeit, wo das Aergerniß auf den Straßen umherläuft,“ autwortete der Abbé Fortier... „Was für ein neues Aergerniß melden Sie mir, Tante Angelique?“ Mademoiſelle Adelaide führte die Stühlevermietherin vor den Abbé. „Diener, Herr Abbé!“ ſagte dieſe. „Dienerin, müßten Sie ſagen, Tante Angélique,“ verſetzte der Abbé, der auf ſeine pädagogiſchen Gewohn⸗ heiten nicht verzichten konnte. „Ich habe immer ſagen hören Diener,“ entgeg⸗ nete die Tante Angélique;„ich wiederhole, was ich ge⸗ hört; entſchuldigen Sie, wenn ich Sie beleidigt habe, Herr Abbé.“ „Nicht mich haben Sie beleidigt, Tante Angélique, ſondern die Syntaxe.“ „Ich werde mich bei ihr entſchuldigen, ſo bald ich ihr begegne,“ erwiederte demüthig Tante Angélique. „Gut, Tante Angélique, gut! Wollen Sie ein Glas Wein trinken?“ „Ich danke, Herr Abbé!“ antwortete Tante Angé⸗ lique,„ich trinke nie Wein.“ „Sie haben Unrecht, der Wein iſt durch die Vor⸗ ſchriften der Kirche nicht verboten.“ „Oh! nicht weil der Wein verboten oder nicht ver⸗ boten iſt, trinke ich keinen Wein, ſondern weil die Flaſche neun Sous koſtet.“ „Sie ſind alſo immer geizig?“ fragte der Abbé, indem er ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurückwarf. „Ach! mein Gott! Herr Abbé, geizig! man muß es wohl ſein, wenn man arm iſt.“ „Oh! Sie arm! und die Vermiethung der Stühle, die ich Ihnen umſonſt gebe, Tante Angéliqne, während — ——— 89 ich hundert Thaler von der erſten der beſten Perſon dafür haben könnte.“ „Ah! Herr Abbé, wie würde das dieſe Perſon ma⸗ chen? Umſonſt, Herr Abbé! dabei iſt nur Waſſer zu trinken!“ „Darum biete ich Ihnen ein Glas Wein an, Tante Angélique.“ „Nehmen Sie es doch an,“ ſagte Mademvoiſelle Adelaide;„es wird meinen Oheim verdrießen, wenn Sie es nicht annehmen.“ „Sie glauben, das werde Ihren Herrn Oheim ver⸗ drießen?“ verſetzte Tante Angélique, welche ſtarb vor Verlangen, den Wein anzunehmen. „Sicherlich.“ „Dann ein paar Tröpſfchen, Herr Abbé, um Ihnen nicht unangenehm zu ſein.“ „Gut!“ ſprach der Abbé Fortier, während er ein Glas mit einem Burgunder ſo rein wie ein Rubin voll ſchenkte;„leeren Sie mir das, Tante Angélique, und wenn Sie Ihre Thaler zählen, werden Sie glauben, Sie haben das Doppelte.“ Tante Angelique ſetzte das Glas an ihre Lippen. „Meine Thaler?“ ſagte ſie.„Ah! Herr Abbé, reden Sie nicht ſolche Dinge, Sie, der Sie ein Mann des guten Gottes ſind: man würde Ihnen glauben.“ „Trinken Sie, Tante Angsélique, trinken Sie.“ Tante Angélique benetzte, als wollte ſie nur dem Abbé Fortier Vergnügen machen, ihre Lippen am Glaſe, ſchlürfte aber dann, indem ſie die Angen ſchloß, mit gottſeliger Miene das Drittel ſeines Inhalts. „Oh! wie ſtark das iſt!“ ſagte ſie;„ich weiß nicht, wie man puren Wein trinken kann.“ „Und ich,“ verſetzte der Abbé,„ich weiß nicht, wie man Waſſer in ſeinen Wein gießen kann; doch gleichviel, das hält mich nicht ab, zu wetten, Tante Angélique, daß Sie einen hübſchen Schatz haben.“ 90 „Oh! Herr Abbs, Herr Abbé, ſagen Sie das nicht, ich kann nicht einmal meine Steuern bezahlen, die ſich auf drei Livres zehn Sous jährlich belaufen.“ Nach dieſen Worten verſchluckte Tante Angélique das zweite Drittel des im Glaſe enthaltenen Weines. „Ja, ich weiß, daß Sie das ſagenz doch ich ſtehe nichtsdeſtoweniger dafür, daß an dem Tage, wo Sie den Geiſt aufgeben, Ihr Reffe Ange Piton, wenn er gut ſucht, in irgend einem alten wollenen Strumpfe genug finden wird, um die ganze Rue du Pleux zu kaufen.“ „Herr Abbé! Herr Abbé!“ rief Tante Angélique, „wenn Sie ſolche Dinge äußern, ſo werden Sie machen, daß mich die Räuber ermorden, welche die Pachthöfe niederbrennen und die Ernten abſchneidenz denn auf das Wort eines frommen Mannes wie Sie werden ſie glauben, ich ſei reich... Oh! mein Gott! mein Gott! welch ein Unglück!“ Und die Angen feucht von einer Thräne des Wohl⸗ behagens, leerte ſie den Reſt des Glaſes. „Ei!“ ſagte der Abbé immer ſpöttiſch,„Sie ſehen wohl, daß Sie ſich an dieſes Weinchen gewöhnen wür⸗ den, Tante Angélique.“ „Gleichviet!“ erwiederte die Tante Angélique,„die⸗ ſer Wein iſt ſehr ſtark.“ Der Abbé hatte ſein Abendbrod beendigt. „Nun,“ fragte er,„laſſen Sie hören! was iſt das neue Aergerniß, das Iſrael in Auftuhr bringt?“ „Herr Abbé, die Billotte iſt ſo eben mit ihrem Kinde auf der Diligence angekommen.“ „Ah! ah!“ verſetzte der Abbé,„ich glaubte, ſie habe es ins Findelhaus gebracht?“ „Und ſie hätte wohl daran gethan,“ erwiederte die Tante Angélique;„der arme Kleine hätte wenigſtens nicht über ſeine Rückkehr zu erröthen gehabt.“ „Wahrlich, Tante Angélique,“ ſprach der Abbé, — en r⸗ e⸗ as ſie die ens bö, 91 „das iſt die Anſtalt unter einem neuen Geſichtspunkte betrachtet... Und was will ſie hier?“ „Es ſcheint, ſie will ihre Mutter beſuchen; denn ſie hat die Kinder gefragt, ob ihre Mutter noch lebe.“ „Sie wiſſen, Tante Angélique,“ ſagte der Abbé mit einem boshaften Lächeln,„Sie wiſſen, daß die Mut⸗ ter Billot zu beichten vergeſſen hat?“ „Oh! Herr Abbs,“ verſetzte die Tante Angélique, „das iſt nicht ihre Schuld; die arme Frau hat ſeit drei bis vier Monaten den Kopf verloren, wie es ſcheint, doch es war zur Zeit, da ihr ihre Tochter noch nicht ſo viel Kummer gemacht hatte, eine fromme, gottesfürch⸗ tige Frau, welche, wenn ſie in die Kirche kam, immer zwei Stühle nahm, einen, um ſich darauf zu ſetzen, den andern, um ihre Füße darauf zu legen.“ „Und ihr Mann?“ fragte der Abbé, deſſen Augen vor Zorn funkelten;„der Bürger Billot, der Sieger der Baſtille, wie viel Stühle nahm er?“ „Ah! ich weiß es nicht,“ antwortete Tante Angs⸗ liqne naiv;„er kam nie in die Kirche; doch was die Mutter Billot betrifft... „Es iſt gut, es iſt gut,“ verſetzte der Abbé;„das iſt eine Rechnung, die wir am Tage ihres Begräbniſſes ins Reine bringen werden.“ Und er machte das Zeichen des Kreuzes und ſagte: ſ„Sprecht das Dankgebet mit mir, meine Schwe⸗ ern.“ Die alten Jungfern wiederholten das Zeichen des Kreuzes, das der Abbé gemacht hatte, und ſprachen an⸗ dächtig das Dankgebet. 92 CXVI. Die Tochter und die Mutter. Mittlerweile verfolgte Catherine ihren Weg. Als ſie aus dem Gäßchen hervorkam, wandte ſie ſich nach links, erreichte einen Fußpfad, der querfeldein lief, und gelangte ſo auf den Weg nach Piſſeleu. Alles war eine ſchmerzliche Erinnerung für Cathe⸗ rine dieſen Weg entlang. Vor Allem war es das Brückchen, wo Iſidor von ihr Abſchied genommen und wo ſie ohnmächtig liegen ge⸗ blieben bis zu dem Angenblicke, da ſie Piton kalt und zu Eis erſtarrt aufgefunden. Dann, als ſie ſich dem Pachthofe näherte, der hohle Weidenbaum, wo Iſidor ſeine Briefe verbarg. Dann, als ſie noch näher hinzu kam, das kleine Fenſter, durch welches Iſidor bei ihr einſtieg, und an dem auf den jungen Mann von Billot angelegt worden war, in jener Racht, wo zum Glücke das Gewehr des Pächters abgebrannt hatte. Endlich, dem großen Thore des Pachthofes gegen⸗ über, der Weg nach Bourſonne, den Catherine ſo oft durchlaufen hatte, und den ſie ſo wohl kannte, der Weg, auf dem Iſidor kam„. Wie oft hatte ſie bei Nacht, an dieſes Fenſter ge⸗ lehnt, die Augen auf die Straße geheftet, keuchend ge⸗ wartet und, wenn ſie im Schatten ihren Geliebten er⸗ ſchaut, der immer pünktlich, immer treu, ihre Bruſt ſich löſen gefühlt und ihm dann ihre geöffneten Arme ent⸗ gegengeſtreckt! 6 93 Heute war er todt; doch ihre vereinigten Arme ſchloßen wenigſtens ihr Kind an ihre Bruſt. Was ſprachen denn alle dieſe Leute von ihrer Un⸗ ehre, ihrer Schande? Konnte ein ſo ſchönes Kind je für eine Mutter eine Unehre oder eine Schande ſein? tof Sie trat auch raſch und ohne Furcht in den Pacht⸗ of ein. Ein großer Hund bellte, als ſie vorüberging; plötz⸗ lich aber, da er ſeine junge Gebieterin erkannte, näherte er ſich ihr in der ganzen Länge ſeiner Kette, richtete ſich, die Pfoten in der Luft, auf und ſtieß kleine Frenden⸗ ſchreie aus. Auf das Gebelle des Hundes erſchien bei der Thüre ein Mann, der ſehen wollte, was die Urſache ſei. „Mademoiſelle Catherine!“ rief er. „Vater Clouis!“ ſagte das Mädchen. „Ah! ſeien Sie willkommen, meine liebe Demoi⸗ ſelle!“ ſprach der alte Jäger;„das Haus bedarf Ihrer Gegenwart.“ „Und meine arme Mutter?“ fragte Catherine. „Ach! weder beſſer, noch ſchlechter, oder eher ſchlech⸗ ter, als beſſer; ſie erliſcht, die liebe arme Frau.“ „Und wo iſt ſie?“ „In ihrer Stube,“ „Ganz allein?“ „Nein, nein, nein... Ah! das hätte ich nicht er⸗ laubt. Ei! Sie müſſen mich entſchuldigen, Mademoi⸗ ſelle: in Abweſenheit von Ihnen Allen habe ich ein wenig den Herrn hier geſpielt; die Zeit, die Sie in meiner armen Hütte zugebracht, machte mich gleichſam zum Familiengliede; ich liebte Sie ſo ſehr, Sie und den armen Herrn Iſidor!“ „Sie haben es erfahren?“ ſagte Catherine, indem ſie zwei Thränen abwiſchte. „Ja, ja, getödtet durch die Königin, wie Herr 94 Georges... Nun, Modemviſelle, was wollen Sie? nicht wahr, er hat Ihnen dieſes ſchöne Kind hinterlaſſen? man muß den Vater beweinen, doch dem Sohn lächeln.“ „Meinen Dank, Vater Clouis,“ ſprach Catherine dem alten Jäger die Hand reichend;„doch meine Mut⸗ „Sie iſt, wie ich Ihnen geſagt habe, in ihrer Stube mit Frau Clément, derſelben Krankenwärterin, welche Sie gepflegt hat.“ „Und... fragte Catherine zögernd,„ſie iſt noch beim Bewußtſein, die arme Mutter?“ „Es gibt Angenblicke, wo man es glauben ſollte,“ erwiederte der Vater Clouis:„ſo, wenn man Ihren Na⸗ men ausſpricht... Ah! das iſt das große Mittel, es hat bis vorgeſtern gewirkt; erſt ſeit vorgeſtern gibt ſie kein Zeichen des Bewußtſeins mehr von ſich, ſeutß.wenn man von Ihnen ſpricht.“ „Laſſen Sie uns eintreten, Vater Clouis,“ ſagte Catherine. „Treten Sie ein, Mademoiſelle!“ verſetzte der alte Jäger, indem er die Stubenthüre von Frau Billot öffnete. Catherine tauchte ihren Blick in das Zimmer. In ihrem Bette mit den grünen Sarſchevorhängen liegend, belenchtet von einer der dreiſchnäbeligen Lampen, wie wir ſie noch heute in den Pachthöfen ſehen, wurde ihre Mutter, wie der Vater Clouis geſagt hatte, von Frau Clément gepflegt. Dieſe duſſelte, in einem Lehnſtuhle ſitzend, in jenem Zuſtande der den Krankenwärterinnen eigenthümlichen Schlafſucht, welche eine ſomnambule Mitte zwiſchen dem Wachen und dem wirklichen Schlafe iſt. Die arme Mutter Billot ſchien nicht verändert, nur war ihre Geſichtsfarbe elfenbeinartig bleich geworden. „Meine Mutter! meine Mutter!“ rief Catherine, ſich auf das Bett ſtürzend. te te ot In d vie hre em hen em nur ine, 95 Die Kranke öffnete die Augen und machte eine Be⸗ wegung mit dem Kopfe gegen Catherine; ein Blitz der Faſſungskraft glänzte in ihrem Blicke; ihre Lippen ſtam⸗ melten unverſtändliche Laute, welche nicht einmal den Werth von Worten ohne Folge erreichten; ihre Hand hob ſich auf und ſuchte durch das Gefühl die faſt erloſchenen Sinne des Gehörs und des Geſichts zu ergänzen; doch dieſer Verſuch ſcheiterte, die Bewegung erloſch, das Auge ſchloß ſich wieder, der Arm laſtete wie ein träger Kör⸗ per auf dem Kopfe von Catherine, welche vor dem Bette ihrer Mutter kniete, und die Kranke verſank wieder in die Unbeweglichkeit, aus der ſie momentan bei dem gal⸗ vaniſchen Schlage, den ihr die Stimme ihrer Tochter ge⸗ geben, hervorgegangen war. Aus den zwei Lethargien des Vaters und der Mutter waren, wie zwei von entgegengeſetzten Horizonten aus⸗ gehende Blitze, zwei ganz conträre Gefühle entſprungen. Der Vater Billot war aus ſeiner Ohnmacht her⸗ vorgegangen, um Catherine fern von ſich zu ſtoßen; Die Mutter Billot war aus ihrer Erſtarrung her⸗ vorgegangen, um Catherine an ſich zu ziehen. Die Ankunft von Catherine hatte eine Revolution im Pachthofe zur Folge. Man erwartete Billot, und nicht ſeine Tochter. Catherine erzählte den Unfall, der Billot widerfah⸗ ren, und ſagte, wie in Paris der Mann dem Tode ſo nahe, als es die Frau in Piſſelen war. Mur folgte offenbar jedes von den zwei Sterbenden einem verſchiedenen Wege: Billot ging vom Tode zum Leben; ſeine Frau ging vom Leben zum Tode. Catherine kehrte in das Zimmer zurück, das ſie als Mädchen bewohnte. Es waren viele Thränen für ſie in den Erinnerungen, welche dieſes Stübchen hervorrief, wo ſie die ſchönen Träume des Kindes, die glühenden Lei⸗ denſchaften des Mädchens durchlebt hatte, und wohin ſie mit dem gebrochenen Herzen der Witwe zurückkehrte. 96 Von dieſem Augenblicke an nahm übrigens Catherine in dem in Unordnung gerathenen Hauſe die ganze Herr⸗ ſchaft wieder auf, die ihr eines Tages ihr Vater mit Hintanſetzung ihrer. Mutter anvertraut hatte. Der Vater Clouis ſchlug, nachdem er Dank und Belohnung empfangen⸗ wieder den Weg nach ſeinem Bau ein, wie er ſeine Hütte beim Clouis⸗Stein nannte. Am andern Tage kam der Doctor Raynal nach dem Pachthofe. Er kam alle Tage dahin, mehr in einem Gefühle des Gewiſſens, als in einem Gefühle der Hoffnung; er wußte wohl, daß nichts hier zu thun war, und daß dieſes Leben, das erloſch wie eine Lampe, die einen Reſt von Oel verzehrt, durch keine menſchliche Anſtrengung gerettet werden konnte. Der Doctor war ſehr erfreut, als er das Mädchen angekommen fand. Er nahm die große Frage in Angriff, die er mit Billot nicht zu verhandeln gewagt hatte, die der Sa⸗ cramente. Billot war, wie man weiß, ein wüthender Voltai⸗ rianer. Der Doctor war kein Mann von eremplariſcher Frömmigkeit; nein, ganz im Gegentheil; mit dem Geiſte der Zeit verband er den Geiſt der Wiſſenſchaft. War aber die Zeit noch beim Zweifel⸗ ſo war die Wiſſenſchaft ſchon bei der Verneinung. Unter Umſtänden, wie die, in denen er ſich befand, hielt er es indeſſen für Pflicht, die Verwandten zu warnen. Die frommen Verwandten benützten die Warnung und ließen den Prieſter holen. Die gottloſen Verwandten befahlen, wenn der Prieſter ſich zeige, ihm die Thüre vor der Raſe zu ſchließen. Catherine war fromm. — Sie wußte nichts von den Zwiſtigkeiten⸗ weſche ——— — ——— e—— — „— 97 e zwiſchen Billot und dem Abbé Fortier ſtattgehabt, oder ſie legte vielmehr kein großes Gewicht darauf. it Sie beauftragte Frau Clément, ſich zum Abbé Fortier zu begeben, um ihn zu bitten, er möge ihrer Mutter die d Sterbeſacramente bringen. Piſſeleu, das ein zu kleines u Dörſchen war, um ſeine beſondere Kirche und ſeinen eige⸗ nen Pfarrer zu haben, gehörte zu Villers-Coterets. m Man beerdigte ſogar auf dem Kirchhofe von Villers⸗ Coterets die Todten von Piſſelen. le Eine Stunde nachher ertönte das Abendmahglöckchen er vor dem Thore des Pachthofes. es Das heilige Sacrament wurde auf den Knieen von on Catherine empfangen. tet Doch kaum war der Abbé Fortier in die Stube der Kranken eingetreten, kaum hatte er bemerkt, daß die, für welche man ihn rief, ohne Sprache, ohne Blick⸗ 3 ohne Stimme war, da erklärte er, er gebe die Ab⸗ nit ſolution nur denjenigen, welche beichten können; und wie ſehr man auch in ihn drang, er nahm das Abend⸗ ahl wieder mit. ai⸗ Der Abbé Fortier war ein Prieſter von der finſtern er⸗ ſchrecklichen Schule; er wäre der heilige Dominicus in her Spanien und Valverde in Mexico geweſen. iſte„ Man konnte ſich an keinen Andern wenden, als an ihn: Piſſelen gehörte, wie geſagt, zu ſeinem Kirchſpiele, die und kein Prieſter der Gegend hätte es gewagt, in ſeine Rechte überzugreifen. ind, Catherine war ein frommes und zartes Herz, zu⸗ zu gleich aber voll Vernunft: ſie machte ſich aus der Wei⸗ gerung des Abbs Fortier nur den Kummer, den ſie ſich ung machen mußte, und hoffte, Gott werde nachſichtiger gegen die arme Sterbende ſein, als es ſein Diener war. eſter Dann fuhr ſie fort in Erfüllung ihrer Tochterpflich⸗ ten gegen ihre Mutter, ihrer Mutterpflichten gegen ihr Kind, und ſie theilte ſich völlig zwiſchen dieſer jungen eſche Die Gräfin von Charny. VI. 7 98 Seele, die ins Leben eintrat, und dieſer müden Seele, die ſich daraus entfernen ſollte. Acht Tage und acht Nächte verließ ſie das Bett ihrer Mutter nur, um an die Wiege ihres Kindes zu gehen. In der Nacht vom achten auf den neunten Tag, während Catherine am Bette der Sterbenden wachte, welche wie eine in eine Tiefe hinabgleitende Barke ſich allmälig in die Ewigkeit verſenkte, öffnete ſich die Thüre von Frau Billot, und Piton erſchien auf der Schwelle. Er kam von Paris, von wo er nach ſeiner Gewohn⸗ heit am Morgen abgegangen war. Als ſie ihn ſah, ſchauerte Catherine. Einen Augenblick befürchtete ſie, ihr Vater ſei ge⸗ ſtorben. Aber die Phyſiognomie von Piton, ohne gerade heiter zu ſein, war doch nicht die eines Menſchen, der eine Trauerkunde bringt. Es ging in der That immer beſſer bei Billot; ſeit vier bis fünf Tagen ſtand der Doctor für ihn, und am Morgen der Abreiſe von Piton ſollte der Kranke vom Hoſpital des Gros⸗Caillon nach dem Hauſe des Doctors gebracht werden. Sobald Billot in Gefahr zu ſein aufgehört, hatte Piton ſeinen förmlichen Entſchluß, nach Piſſelen zurück⸗ zukehren, erklärt. Nicht für Billot befürchtete er mehr, ſondern für Catherine. Piton hatte den Augenblick vorhergeſehen, wo man Billot mittheilen würde, was man ihm noch nicht hatte mittheilen wollen: den Zuſtand, in welchem ſich ſeine Fran befand. Es war ſeine Ueberzeugung, in dieſem Augenblicke, ſo ſchwach er war, werde Billot nach Villers⸗Coterets abreiſen. Und was würde geſchehen, wenn er Catherine im Pacht⸗ hofe fände? Der Doetor Gilbert hatte Piton nicht verborgen, † „—— 4 tt 8„ e, re e⸗ de e eit am om ors * tte ick⸗ für an atte ine * ſo ſen. cht⸗ en, 99 welchen Eindruck auf den Kranken die Erſcheinung von Catherine und ihr Aufenthalt von einem Augenblick an ſeinem Bette hervorgebracht. Dieſe Erſcheinung war offenbar im Grunde ſeines Geiſtes geblieben, wie im Grunde des Gedächtniſſes, wenn man aufwacht, die Erinnerung an einen böſen Tranm bleibt. So wie die Vernunft bei ihm zurückgekehrt, hatte der Kranke Blicke umher geworfen, welche nach und nach von der Unruhe zum Haſſe übergegangen waren.. Ohne Zweifel erwartete er jeden Augenblick, die unſelige Viſion wiedererſcheinen zu ſehen. Er hatte übrigens kein Wort geſagt; nicht ein ein⸗ ziges Mal hatte er den Namen von Catherine aus⸗ geſprochen; doch der Doctor war ein zu tiefer Beob⸗ achter, um nicht Alles errathen, Alles geleſen zu haben. Er hatte dem zu Folge, ſobald Billot in der Wie⸗ eherſing begriffen, Piton nach dem Pachthofe ab⸗ geſchickt. Es war deſſen Anfgabe, Catherine von da zu ent⸗ fernen. Piton hatte, um zu dieſem Reſultate zu gelan⸗ gen, noch zwei bis drei Tage vor ſich, denn der Boctor wollte es vor ein paar Tagen noch nicht wagen, die ſchlimme Kunde, welche Pilon gebracht, dem Wiederge⸗ neſenden zu eröffnen. Piton theilte Catherine ſeine Befürchtungen mit aller Bangigkeit mit, die ihm ſelbſt der Charakter von Billot einflößte, doch Catherine erklärte, ſie werde ſich, und ſollte ſie ihr Vater am Bette der Sterbenden töd⸗ ten, nicht entfernen, ehe ſie ihrer Mutter die Angen zu⸗ gedrückt habe. Piton ſeufzte tief über dieſen Entſchluß, doch er fand kein Wort, um ihn zu bekämpfen. Er blieb alſo da, bereit, im Nothfalle zwiſchen dem Vater und der Tochter ins Mittel zu treten. Es vergingen noch zwei Tage und zwei Nächte: das 100 Leben der Mutter Billot ſchien Athem um Athem zu entfliehen. Schon ſeit zwei Tagen aß die Kranke nicht mehr; man erhielt ſie nur dadurch, daß man ihr von Zeit zu Zeit einen Löffel voll Sirnp in den Mund flößte. Man hätte nicht glauben ſollen, ein Körper könne mit einer ſolchen Unterſtätzung leben... Dieſer arme Körper brauchte freilich ſo wenig! In der Nacht vom zehnten auf den elften Tag, in dem Angenblick, wo jeder Athem bei ihr erloſchen zu ſein ſchien, ſchien ſich die Kranke wiederzubeleben, die Arme machten einige Bewegungen, die Lippen rührten ſich, die Angen öffneten ſich groß und ſtarr. „Meine Mutteri meine Mutter!“ rief Catherine. Und ſie ſtürzte nach der Thüre, um ihr Kind zu holen. Es war, als zöge Catherine die Seele ihrer Mutter mit ſich fort: als ſie den kleinen Iſidor in ihren Armen haltend zurückkam, hatte die Sterbende eine Bewegung gemacht, um ſich nach der Seite der Thüre zu wenden. Die Augen waren ganz weit offen und ſtarr geblieben. Bei der Rückkehr von Catherine ſchleuderten die Angen einen Blitz, gab der Mund einen Schrei von ſich, ſtreckten ſich die Arme aus. Catherine fiel mit ihrem Kinde vor dem Bette ihrer Mutter auf die Kniee. Da bewerkſtelligte ſich ein ſeltſames Phänomen: die Mutter Billot erhob ſich auf ihrem Kiſſen und ſtreckte langſam die Arme über dem Kopfe von Catherine und ihrem Sohne aus; dann ſprach ſie mit einer Anſtrengung ähnlich der des jungen Sohnes von Kröſus: „Meine Kinder, ich ſegne Euch!“ Und ſie ſank auf ihr Kiſſen zurück, ihre Arme bo⸗ gen ſich, ihre Stimme erloſch. Sie war todt. Rur ihre Angen allein waren offen geblieben, als ob die gute Fran, weil ſie ſie nicht genug zn ihren „— —„— S„—„————1 e„—„— e e in in ne ie . en ng n. n. ie ch, ie kte nd ug s en 101 Lebzeiten geſehen, ihre Tochter noch von jenſeits des Grabes hätte anſchauen wollen. CXVII. Wo der Abb Fortier in Betreff der Mutter Billot die Vrohung vollführt, die er gegen die Lante Angslique ausgeſprochen hatte. Catherine ſchloß in frommer Weiſe die Angen ihrer Mutter zuerſt mit der Hand, ſodann mit den Lippen. Frau Clément hatte längſt dieſe letzte Stunde vor⸗ hergeſehen und zum Voraus zwei Kerzen gekauft. Während Catherine, ganz triefend von Thränen, in ihr Zimmer ihr Kind, das weinte, zurücktrug und es da⸗ durch einſchläferte, daß ſie ihm ihre Bruſt gab, zündete Frau Clément die zwei Kerzen auf beiden Seitih des Bettes an, kreuzte die Hände der Todten auf ihrer Bruſt, gab ihr ein Crucifix in die Hände und ſtellte auf einen Stuhl eine Schüſſel mit Weihwaſſer mit einem Buchs⸗ zweige vom letzten Palmſonntag. Als Catherine zurückkam, hatte ſie nur noch beim Bette ihrer Mutter mit ihrem Gebetbuche in der Hand niederzuknieen. Während dieſer Zeit beſorgte Piton die anderen Leichenangelegenheiten: das heißt, da er es nicht wagte, zum Abbé Fortier zu gehen, mit weſchem er, wie man ſich erinnert, über den Fuß geſpannt war, ſo ging er zum Sacriſtan, um die Todtenmeſſe zu beſtellen, zu den Trä⸗ gern, um ſie von der Stunde zu unterrichten, zu der ſie 102 den Sarg abholen ſollten, zum Todtengräber, um ihn mit der Bereitung des Grabes zu beauftragen. Von da begab er ſich nach Haramont und benach⸗ richtigte ſeinen Lieutenant, ſeinen Unterlientenant und ſeine neununddreißig Mann Nationalgarde, die Beer⸗ digung von Frau Billot finde am andern Tage Morgens um elf Uhr ſtatt. Da die Mutter Billot zu ihren Lebzeiten, die arme Frau, weder ein öffentliches Amt, noch irgend einen Grad bei der Nationalgarde oder beim Heere inne ge⸗ habt hatte, ſo war die Mittheilung von Piton officiös und nicht officiell, wohl verſtanden; es war eine Einladung, der Beerdigung beizuwohnen, und nicht ein Befehl. Doch man wußte zu genau, was Billot für die Revolution gethan hatte, welche die Köpfe verdrehte und alle Herzen entflammte, man wußte zu genau, welche Gefahr noch in dieſem Augenblick Billot auf ſeinem Schmerzenslager lief, er, der in Vertheidigung der hei⸗ ligen Sache verwundet worden, um nicht die Einladung als einen Befehl zu betrachten; die ganze National⸗ garde von Haramont verſprach alſo ihrem Chef, freiwil⸗ lig in Waffen am andern Tage um elf Uhr beim Hauſe der Todten zu erſcheinen. Am Abend war Billot im Pachthofe zurück; vor der Thüre traf er den Schreiner, der den Sarg auf ſeinen Schultern brachte. Pitou hatte inſtinctartig alle Zartheiten des Herzens, die man ſo ſelten bei den Bauern und ſelbſt bei den Leu⸗ ten der Geſellſchaft trifft; er ließ den Schreiner und ſei⸗ nen Sarg im Stalle verbergen, und um Catherine den Anblick der Todtenlade, das gräßliche Getöſe des Ham⸗ mers zu erſparen, trat er allein ein. Catherine betete am Fuße des Bettes ihrer Mut⸗ ter: der Leichnam war durch die fromme Sorge der zwei Frauen gewaſchen und in ſein Tuch genäht worden. Piton erſtattete Catherine Bericht über die Verwen⸗ — 9 —,— r⸗ n6 ne en e⸗ nd g⸗ ie che em 6 ng al⸗ il⸗ uſe der en ns eu⸗ ei⸗ en„ ut⸗ der en. en⸗ 103 dung ſeines Tages, und forderte ſie auf, ein wenig Luft zu ſchöpfen. Catherine wollte aber ihre Pflichten bis zum Ende erfüllen und weigerte ſich, in's Freie zu gehen. „Es wird Ihrem lieben kleinen Iſidor ſchädlich ſein, wenn Sie nicht ausgehen,“ ſagte Pitou. „Nehmen Sie ihn mit und laſſen Sie ihn Luft ſchöpfen, Herr Piton.“ Catherine mußte ein ſehr großes Vertrauen zu Pi⸗ ton haben, um ihm ihr Kind zu übergeben, und war es auch nur auf fünf Minuten. Piton ging hinaus, als wollte er gehorchen; doch nach fünf Minuten kam er zurück. „Er will nicht mit mir gehen,“ ſagte er:„er weint.“ Catherine hörte in der That durch die offenen Thü⸗ ren das Schreien ihres Kindes. Sie küßte die Stirne des Leichnams, deſſen Form und ſogar Züge man durch das Tuch unterſchied, und getheilt zwiſchen ihren zwei Gefühlen der Mutter und der verließ ſie ihre Mutter, um zu ihrem Kinde zu gehen. Der kleine Iſidor weinte in der That. Catherine nahm ihn in die Arme und ging Piton folgend aus dem Pachthofe weg. Hinter ihr trat der Schreiner mit ſeinem Sarge ein. Pitou wollte Catherine ungefähr auf eine halbe Stunde entfernen. Wie durch Zufall führte er ſie auf den Weg nach Bourſonne. Dieſer Weg war ſo voll von Erinnerungen für die Arme, daß ſie hier eine halbe Meile ging, ohne ein Wort zu Piton zu ſagen; ſie hörte auf die verſchiedenen Stimmen ihres Herzens und antwortete ihnen ſtillſchwei⸗ gend, wie ſie ſprachen. 104 Als Piton glaubte, die Einſargungsarbeit ſei been⸗ digt, ſagte er: „Mademoiſelle Catherine, wenn wir nach dem Pacht⸗ hofe zurückgingen?“ Catherine erwachte aus ihren Gedanken wie aus ei⸗ nem Traume. „Ah! ja,“ antwortete ſie,„Sie ſind ſehr gut, mein lieber Piton.“ Und ſie ſchlug wieder den Weg nach Piſſelen ein. Bei der Rückkehr bedeutete Frau Clément mit dem Kopfe nickend, die Leichenoperation ſei beendigt. Catherine ging in ihr Zimmer, um den kleinen Iſi⸗ dor zu Bette zu bringen. Nachdem dieſer mütterlichen Sorge Genüge gethan war, wollte ſie wieder ihren Platz am Bette ihrer Mut⸗ ter einnehmen. Doch auf der Schwelle ihres Zimmers fand ſie Piton. „Mademoiſelle Catherine,“ ſagte er,„Alles iſt be⸗ endigt.“ „Wie, Alles iſt beendigt?“ „Ja... In unſerer Abweſenheit...“ Piton zögerte. „In unſerer Abweſenheit hat der Schreiner... „Ah! deshalb drangen Sie ſo darauf, daß ich aus⸗ gehe. Ich begreife, guter Piton.“ Und zur Belohnung erhielt Piton von Catherine einen dankbaren Blick. „Ein letztes Gebet, und ich komme zurück,“ fügte das Mädchen bei. Catherine ging gerade auf die Stube ihrer Mutter zu und trat ein. Piton folgte ihr auf den Fußſpitzen, doch er blieb auf der Schwelle ſtehen. Der Sarg war auf zwei Stühle mitten im Zim⸗ mer geſtellt. . 105 Bei dieſem Anblick blieb Catherine auch ſtehen, und neue Thränen entfloßen ihren Augen. Dann kniete ſie vor dem Sarge nieder und ſtützte ihre durch die Ermüdung und den Schmerz bleich ge⸗ wordene Stirne auf das Eichenholz. Auf dem peinvollen Wege, der den Todten von ſei⸗ nem Sterbebette zum Grabe, ſeiner ewigen Wohnung, führt, ſtoßen die Lebenden, die ihm folgen, jeden Augen⸗ blick auf einen nenen Umſtand, welcher beſtimmt ſcheint, ihren leidenden Herzen alle ihre Thränen bis auf die letzte entſtürzen zu machen. Das Gebet war lang; Catherine konnte ſich vom Sarge nicht losreißen; ſie begriff wohl, die Arme, daß ſie ſeit dem Tode von Iſidor nur zwei Freunde auf Er⸗ den hatte: ihre Mutter und Piton. Ihre Mutter hatte ſie geſegnet und von ihr Abſchied genommen; heute im Sarge, würde ihre Mutter mor⸗ gen im Grabe ſein. Piton blieb ihr allein. Man verläßt nicht ohne Kummer ſeinen vorletzten Freund, wenn dieſer vorletzte Freund eine Mutter iſt. Piton fühlte wohl, daß er Catherine zu Hülfe kom⸗ men mußte; er trat ein, und da er ſah, daß ſeine Worte vergeblich waren, ſo ſuchte er Catherine unter den Ar⸗ men aufzuheben. „Noch ein Gebet, Herr Piton! ein einziges!“ „Sie werden ſich krank machen, Mademviſelle Ca⸗ therine,“ ſagte Piton. „Und dann?“ „Dann hole ich eine Amme für Herrn Iſidor.“ „Du haſt Recht, Du haſt Recht, Piton,“ verſetzte Catherine.„Mein Gott! wie gut biſt Du, Piton! mein Gott! wie liebe ich Dich!“ Piton wankte und wäre beinahe rückwärts gefallen. Er lehnte ſich bei der Thüre an die Wand an, und 106 ſtile Thränen, faſt der Freude, floßen über ſeine Wangen. Hatte Catherine nicht geſagt, ſie liebe ihn? Piton käuſchte ſich nicht über die Art, wie ihn Ca⸗ therine liebte; doch auf welche Art ſie ihn auch liebte: es war viel für ihn? Nachdem ſie ihr Gebet beendigt, ſtund Catherine, wie ſie es Piton verſprochen, auf, ging langſamen Schrit⸗ tes gegen ihn zu und ſtützte ſich auf ſeine Schulter. Piton ſchlang ſeinen Arm um den Leib von Cathe⸗ rine, um ſie fortzuziehen. Dieſe ließ mit ſich machen; doch ehe ſie über die Schwelle trat, drehte ſie den Kopf über die Schulter von Pitou, warf noch einen Blick auf den, traurig durch die zwei Kerzen beleuchteten, Sarg und ſprach: „Gott befohlen, meine Mutter! zum letzten Male Gott befohlen!“ Und ſie ging hinaus. Vor der Thüre des Zimmers von Catherine und in dem Augenblicke, wo dieſe hier eintreten wollte, hielt ſie Piton zurück. Catherine fing an Piton ſo gut zu kennen, daß ſie begriff, Piton habe ihr etwas zu ſagen. „Nun?“ fragte ſie. „Mademoiſelle Catherine,“ ſtammelte Piton ein we⸗ nig verlegen,„finden Sie nicht, es ſei der Augenblick gekommen, den Pachthof zu verlaſſen?“ „Ich werde den Pachthof erſt verlaſſen, wenn ihn meine Mutter verlaſſen hat,“ antwortete Catherine. Catherine ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Fe⸗ ſtigkeit, daß Pitou wohl ſah, es ſei ein unwiderruflicher Entſchluß. „Und wenn Sie den Pachthof verlaſſen,“ ſagte Pi⸗ tou:„Sie wiſſen, daß es eine halbe Meile von hier zwei Orte gibt, wo ſie einer guten Aufnahme ſicher ſind: e er le in ſie ſie e ick hu e⸗ er i⸗ ier d: 107 das iſt die Hütte des Vaters Clouis und das kleine Haus von Pitou.“ Piton nannte ſeine Stube und ſein Cabinet ein Haus. „Ich danke, Piton!“ erwiederte Catherine, indem ſie zu gleicher Zeit mit dem Kopfe nickend bezeichnete, ſie werde das eine oder das andere von dieſen Aſylen annehmen. Catherine kehrte in ihr Zimmer zurück, ohne ſich um Piton zu bekümmern, der ſeinerſeits immer ſicher war, er werde ein Lager finden. Am andern Morgen, von zehn Uhr an, erſchienen die zum Leichenbegängniß berufenen Freunde beim Pacht⸗ hofe. Alle Pächter der Umgegend fanden ſich am Zuſam⸗ menkunftsorte ein. Der Maire von Villers⸗Coterets, der gute Herr von Longpré, war unter den Erſten. Um halb elf Uhr kam die Nationalgarde von Ha⸗ ramont mit klingendem Spiele und flatternder Fahne, ohne daß ein Mann fehlte. Ganz ſchwarz gekleidet, in ihren Armen ihr Kind haltend, das wie ſie ſchwarz angethan war, empfing Ca⸗ therine jeden Ankommenden, und Keiner, wir müſſen es ſagen, hatte ein anderes Gefühl, als das der Ehrfurcht für dieſe Mutter und dieſes Kind mit ihrer doppelten Trauer⸗ kleidung. um elf Uhr waren über dreihundert Perſonen beim Pachthofe verſammelt. . Der Prieſter, der Kirchendiener, die Träger fehlten allein. Man wartete eine Viertelſtunde. Nichts kam. Piton ſtieg auf den höchſten Speicher des Pacht⸗ 8. hofe Vom Fenſter aus überſchaute man die Ebene, die ſich von Villers⸗Coterets zum Dörſchen Piſſelen erſtreckt. So gute Augen Piton auch hatte, er ſah nichts. 108 Er ſtieg wieder herab und theilte Herrn von Long⸗ pré nicht nur ſeine Beobachtungen, ſondern auch ſeine Reflexionen mit. Seine Beobachtungen waren, es komme gewiß nichts; ſeine Reflexionen, es werde wahrſcheinlich nichts kommen. Man hatte ihm den Beſuch des Abbs Fortier und die Weigerung von dieſem, die Mutter Billot mit den Sacramenten zu verſehen, erzählt. Piton kannte den Abbé Fortier; er errieth Alles: der Abbé Fortier wollte den Beiſtand ſeines heiligen Amtes der Beerdigung von Frau Billot nicht gewähren, und der Vorwand, nicht die Urſache, war der Mangel der Beichte. Dieſe von Piton Herrn von Longpré und von Herrn von Longpré den Anweſenden mitgetheilten Reflexionen brachten einen ſchmerzlichen Eindruck hervor. Man ſchante ſich ſtillſchweigend an, dann ſagte eine Stimme: „Nun, was! wenn der Herr Abbé Fortier die Meſſe nicht leſen will, ſo kann man ſie auch entbehren.“ Dieſe Stimme war die von Déſiré Maniquet. Defiré Maniquet war bekannt wegen ſeiner antireli⸗ giöſen Anſichten. Es trat ein Angenblick des Stillſchweigens ein. Offenbar ſchien es der Verſammlung ſehr kühn, ſich der Meſſe zu überheben. Und man war doch mitten in der Schule Voltaire und Rouſſeau. „Meine Herren,“ ſprach der Maire,„gehen wir im⸗ merhin nach Villers⸗Coterets. In Villers⸗Coterets wird ſich Alles erklären.“ „Nach Villers⸗Coterets!“ riefen alle Stimmen. Piton winkte vier von ſeinen Leuten; man ſchob die Läufe von zwei Flinten unter den Sarg und hob die Todte auf. Bei der Thüre kam der Sarg an Catherine, welche — 109 kniete, und am kleinen Iſidor, den ſie neben ſich hatte knieen laſſen, vorüber. Als man den Sarg vorbeigetragen hatte, küßte Ca⸗ therine die Schwelle dieſer Thüre, wohin ſie nie mehr einen Fuß zu ſetzen gedachte, ſtand dann auf und ſagte zu Piton: „Sie werden mich in der Hütte von Vater Clonis finden.“ Und ſie entfernte ſich raſch durch den Hof des Hau⸗ ſes und die Gärten, welche auf die Gründe von Naue gingen. CXVIII. wo der Abbé Fortier ſieht, daß es nicht im- mer ſo leicht iſt, als man glaubt, das gegebene Wort zu halten. Das Trauergeleite zog ſchweigſam, in einer langen Linie auf der Straße hin, als plötzlich diejenigen, welche den Schluß bildeten, einen Ruf vernahmen. Sie wandten ſich um. Ein Reiter ſprengte im ſtärkſten Galopp von der Se von Jvors, das heißt auf der Straße von Paris, erbei. Ein Theil ſeines Geſichtes war von zwei ſchwarzen Bandſtreifen durchfurcht; er hielt ſeinen Hut in der Hand und machte ein Zeichen, daß man warte. Piton wandte ſich um wie die Andern. 1¹⁰ „Ah!“ ſagte er,„Herr Billot!... Gut! ich möchte nicht in der Haut des Abbs Fortier ſtecken!“ Beim Ramen Billot machte Jedermann Halt. Der Reiter kam raſch näher, und ſowie er näher kam, erkannte ihn Jeder ſeinerſeits, wie ihn Pitou er⸗ kannt hatte. An der Spitze des Zuges angelangt, ſprang Billot von ſeinem Pferde, dem er den Zügel auf den Hals warf, und nachdem er mit ſo kräftiger Stimme, daß Je⸗ der es hörte, geſagt hatte:„Guten Morgen und meinen Dank, Bürger!“ nahm er hinter dem Sarge den Platz von Piton ein, der in ſeiner Abweſenheit das Trauer⸗ geleit anführte. Ein Stallknecht übernahm das Pferd und brachte es nach dem Pachthofe. Jeder warf einen nengierigen Blick auf Billot. Er war ein wenig mager und ſehr bleich geworden. Ein Theil ſeiner Stirne und die nächſte Umgebung ſeines linken Auges hatte die blänliche Farbe des aus⸗ getretenen Blutes behalten. Seine an einander gepreßten gähne, ſeine zuſammen⸗ gezogenen Brauen bezeichneten einen finſtern Zorn, der nur auf den Augenblick, ſich nach außen zu verbreiten, wartete. „Wiſſen Sie, was vorgefallen iſt?“ fragte Piton. „Ich weiß Alles,“ antwortete Billot. Sobald Gilbert dem Pächter mitgetheilt, in wel⸗ chem Zuſtande ſich ſeine Frau befand, hatte er ein Ca⸗ briolet gemiethet, das ihn bis Nanteuil geführt. Sodann, da ihn das Pferd nicht mehr weiter hatte bringen können, hatte Billot, ſo ſchwach er noch war, einen Poſtklepper genommenz in Levignan hatte er ge⸗ wechſelt, und er kam nach dem Pachthofe, als das Lei⸗ chengeleit eben abgegangen war, Mit zwei Worten hatte ihm Frau Clément Alles geſagt. Billot war wieder zu Pferde geſtiegen: bei der — r , l⸗ a⸗ te r, e⸗ ei⸗ es er — 9 111 Biegung der Mauer hatte er das Geleit erblickt, das die Straße entlang zog, und er hatte es durch ſein Rufen aufgehalten. Nun war, wie geſagt, er es, der, die Stirne ge⸗ faltet, den Mund drohend, die Arme auf der Bruſt ge⸗ kreuzt, den Zug anführte. Schon ſchweigſam und düſter, wurde der Zug noch ſchweigſamer und noch düſterer. Beim Eingange von Villers⸗Coterets fand man eine Gruppe von Perſonen, welche warteten. So wie der Zug durch die Straßen vorrückte, ka⸗ men Männer, Weiber, Kinder aus den Häuſern, grüßten Billot, der ihnen mit dem Kopfe nickend antwortete und ſchloßen ſich den Reihen an ihrem Schweife an. Als der Zug auf den Platz kam, zählte er über fünfhundert Perſonen. Vom Platze aus fing man an die Kirche zu erſchauen. Was Piton vorher geſehen, geſchah: die Kirche war geſchloſſen. Man kam an die Thüre und machte Halt. Billot war leichenbleich geworden; der Ausdruck ſeines Geſichtes wurde immer drohender. Die Kirche und die Mairie ſtießen an einander Der Kirchendiener, der zugleich Hausmeiſter der Mairie war und folglich ſowohl vom Maire als vom Abbs Fortier tinſ, wurde gerufen und von Herrn von Longpré efragt. Der Abbé Fortier hatte allen Leuten der Kirche verboten, bei der Beerdigung mitzuwirken. Der Maire fragte, wo die Kirchenſchlüſſel ſeien. Die Schlüſſel waren beim Meßner. „Hole die Schlüſſel,“ ſagte Billot zu Piton. Piton öffnete den Cirkel ſeiner langen Beine, kam nach fünf Minuten zurück und ſagte: „Der Abbé hat die Schlüſſel zu ſich bringen laſſen, um ſicher zu ſein, daß die Kirche nicht geöffnet werde.“ 112 „Man muß die Schlüſſel beim Abbé holen,“ rief Deſiré Maniquet, ein geborener Anſtifter bei allen extre⸗ men Mitteln. „Ja, ja, holen wir die Schlüſſel beim Abbé!“ rie⸗ fen zweihundert Stimmen! „Das wäre ſehr langwierig,“ verſetzte Billot,„und wenn der Tod an eine Thüre klopft, ſo pflegt er nicht zu warten.“ Da ſchante er umher: der Kirche gegenüber baute man ein Haus. Die Zimmerleute vierten einen Balken ab. Billot ging gerade auf ſie zu und bedeutete ihnen durch ein Zeichen mit der Hand, er bedürfe des Balkens, den ſie abvierten. Die Arbeiter traten auf die Seite. Der Balken war auf Bohlen gelegt. Billot ſchob ſeinen Arm zwiſchen dem Balken und der Erde, ungefähr um die Mitte des Holzſtückes, durch; dann hob er ihn mit einer einzigen Anſtrengung auf Doch er hatte auf mangelnde Kräfte gerechnet. Unter dem ungehenren Gewichte wankte der Coloß, und man glaubte einen Augenblick, er werde fallen. Das war das Zucken eines Blitzes; Billot erlangte, auf eine erſchreckliche Weiſe lächelnd, ſein Gleichgewicht wieder; dann rückte er, den Balken unter dem Arme, mit langſamem, aber feſtem Schritte vor. Man hätte glauben ſollen, es ſei einer von den Sturmböcken des Alterthums, mit denen die Alexander, die Hannibal und die Cäſar die Mauern umſtürzten. Er ſtellte ſich mit ausgeſpreisten Beinen vor die Thüre, und die furchtbare Maſchine fing an zu ſpielen. Die Thüre war von Eichenholz; die Riegel, die Schlöſſer, die Angeln waren von Eiſen. Beim dritten Stoße waren die Riegel, die Schlöſſer, die Angeln geſprengt; die Thüre gähnte geöffnet. Billot iieß den Balken fallen⸗ ——— —,— — 5— n , 113 Vier Männer hoben ihn auf und trugen ihn mit Mühe an den Platz, wo ihn Billot genommen. „Herr Maire,“ ſprach Billot,„laſſen Sie nun den Sarg meiner armen Frau, die Niemand etwas zu Leide gethan, mitten in den Chor bringen, und Du, Piton, verſammle die Kirchendiener, die Cantoren und die Chor⸗ knaben; ich übernehme den Prieſter; Der Maire trat, dem Sarge voran, in die Kirche ein. Piton ſuchte die Cantoren, die Chorknaben und die Kirchendiener auf, wobei er ſich von ſeinem Lieutenant Déſiré Maniquet und vier Mann für den Fall, daß er ſie widerſpänſtig finden würde, begleiten ließ; Billot wandte ſich nach dem Hauſe des Abbé Fortier. Mehrere Männer wollten Billot begleiten. „Laßt mich allein,“ ſagte er;„vielleicht wird das, was ich zu thun im Begriffe bin, ernſt werden: Jedem die Verantwortlichkeit für ſeine Werke.“ Und er entfernte ſich raſch. Es war das zweite Mal im Zeitraume von einem Jahre, daß ſich der revolntionäre Pächter dem royaliſti⸗ ſchen Prieſter gegenüber finden ſollte. Man erinnert ſich, was das erſte Mal vorgefallen war; man ſollte wahrſcheinlich Zeuge einer ähulichen Stene ſein. Als man hn raſchen Schrittes nach der Wohnung des Abbs gehen ſah, blieb auch Jeder unbeweglich auf der Schwelle der Thüre und folgte ihm, den Kopf ſchüttelnd, mit den Augen, jedoch ohne einen Schritt zu machen. „Er hat verboten, ihm zu folgen,“ ſagten die Zu⸗ ſchauer zu einander. Die große Thüre des Abbé war geſchloſſen wie die der Kirche.* Billot ſchaute umher, ob in der Gegend nicht ein Gebände ſei, von dem er einen nenen Balken entlehnen Die Gräfin von Gharny. VI. 8 * 114. könntez es war nur ein durch müßige Kinder losgemach⸗ ter und in ſeiner Höhle wie ein Zahn in ſeiner Lade zitternder Weichſtein da. Der Pächter ging auf den Welchſtein zu, rüttelte ihn heftig, erweiterte ſeine Höhle und riß ihn aus ſeiner„ Umſchließung mit Pflaſterſteinen. Dann hob er ihn über ſeinen Kopf empor, wie ein anderer Ajax oder ein zweiter Diomedes, wich drei Schritte zurück und ſchlenderte den Granitblock mit der⸗ ſelben Kraft, wie es eine Catapult gethan hätte. Die zerbrochene Thüre flog in Stücke. Zu gleicher Zeit, da ſich Villot auf dieſe furchtbare Weiſe Bahn brach, öffnete ſich das Fenſter des erſten Stockes, und der Abbé Fortier erſchien, aus Leibeskräften ſeine Pfarrkinder zu Hülfe rufend. Doch die Stimme des Hirten fand kein Gehör bei der Herde, welche feſt entſchloſſen, den Wolf und den Schäfer die Sache mit einander ausfechten zu laſſen. Billot brauchte eine gewiſſe Zeit, um die zwei oder drei Thüren, welche ihn noch vom Abbé Fortier trenn⸗ ten, zu ſprengen, wie er die erſte geſprengt hatte. Die Sache nahm ihm ungefähr zehn Minuten weg. Rach Ablauf von zehn Minuten, nachdem die erſte Thüre zertrümmert war, konnte man aus dem immer heftigeren Geſchrei und den immer ausdrucksvolleren Ge⸗ berden des Abbs entnehmen, dieſe wachſende Agitation ene davon her, daß ſich ihm die Gefahr immer mehr nähere. Man ſah in der That plötzlich hinter dem Prieſter den bleichen Kopf von Billot erſcheinen, dann eine Hand ſich ausſtrecken und ſich mächtig auf ſeine Schulter nie⸗ 15 derſenken. Der Prieſter klammerte ſich an das hölzerne Quer⸗ ſtück an, das dem Fenſter als Geſims diente; er wat ſelbſt ein Mann von einer ſprüchwörtlichen Stärke, und e=„— —— 2 S— 115 es wäre für Hercules nichts Leichtes geweſen, ihn zum Losloſſen zu bringen. Billot ſchlang ſeinen Arm wie einen Gürtel um den Leib des Prieſters, ſtemmte ſich auf ſeinen Beinen an und riß mit einem Rucke, um eine Eiche zu entwurzeln, den Abbé Fortier von dem in ſeinen Händen zerbrechen⸗ den Querſtücke. Der Pächter und der Prieſter verſchwanden in den Tiefen des Zimmers, und man hörte nur noch das Ge⸗ ſchrei des Abbé, das ſich immer mehr entfernte, wie das Gebrülle eines Stieres, den ein Löwe des Atlas nach ſeiner Höhle ſchleppt. Mittlerweile hatte Piton zitternd Cantoren, Chor⸗ knaben, den Meßner und den Thürſteher herbeigeführt; Alles dies hatte ſich beeilt, zuerſt Chorrock und Chorhemd anzuzieben, und dann die Kerzen anzuzünden und alle Dinge für die Todtenmeſſe vorzubereiten. Man war ſo weit, als man aus dem kleinen Aus⸗ gange, der auf den Schloßplatz führte, Billot hervor⸗ kommen ſah. Er ſchleppte den Prieſter nach ſich, und zwar, trotz ſeines Widerſtandes, mit ſo raſchem Schritte, als ob er allein gegangen wäre. Das war kein Menſch mehr; es war eine der Kräfte der Natur, etwas wie ein Strom oder eine Lawine; nichts Menſchliches ſchien fähig, ihm zu widerſtehen: es hätte eines Elementes bedurft, um gegen ihn zu kämpfen. Der arme Abbé hörte hundert Schritte von der Kirche auf ſich zu ſträuben. Er war völlig gebändigt. Alle Anweſende traten auf die Seite, um dieſe zwei Männer durchgehen zu laſſen. Der Abbé warf einen erſchrockenen Blick auf die wie eine Glasſcheibe zerbrochene Thüre, und als er an ihren Plätzen,— ihr Inſtrument, ihre Hellebarde oder ihr Buch in der Hand,— alle dieſe Leute ſah, denen er 116 einen Fuß in die Kirche zu ſetzen verboten hatte, da ſchüttelte er den Kopf, als hätte er erkannt, etwas Mäch⸗ tiges, Unwiderſtehliches laſte nicht nur auf der Religion, ſondern auch auf ihren Dienern. Er trat in die Sacriſtei ein und kam nach einem Augenblicke in ſeiner Amtstracht und das heilige Sacra⸗ ment in der Hand wieder heraus. Doch in dem Momente, wo er, nachdem er die Stufen des Altars hinaufgeſtiegen war und das heilige Eiborium auf den heiligen Tiſch geſetzt hatte, ſich um⸗ wandte, um die erſten Worte der Meſſe zu ſprechen, ſtreckte Billot die Hand aus und rief: „ „Genng, ſchlechter Diener Gottes! ich habe nur doch man ſoll erfah⸗ ren, daß eine fromme Frau, wie die meinige, die Gebete eines fanatiſchen und haßerfüllten Prieſters Deiner Art entbehren kann.“ Deinen Stolz zu beugen geſucht; Dann, als ein gewaltiger Lärm in Folge dieſer Worte unter den Gewölben der Kirche aufſtieg, ſprach er: „Iſt das eine Entheiligung, ſo falle ſie auf mich urück.“ Und ſich gegen das ungeheure Geleit umwendend⸗ das nicht nur die Kirche, ſondern auch den Platz der Mairie und den des Schloſſes füllte, rief er: „Bürger, nach dem Friedhofe!“ Alle Stimmen wiederholten:„Nach dem Friedhofe!“ Die vier Träger ſchoben aufs Neue die Läufe ihrer Flinten unter den Sarg, hoben den Körper auf und gingen⸗ wie ſie gekommen waren, ohne Prieſter, ohne Kirchen⸗ geſänge, ohne das Leichengepränge, mit dem die Religion den Schmerz der Menſchen zu geleiten pflegt, unter An⸗ führung von Billot, welchem ein Trauerzug von ſechshundert Perſonen folgte, nach dem Friedhofe, der, wie man ſich erinnert, fünfundzwanzig Schritte vom Hauſe der Tante Angélique entfernt lag. e 1“ gen, eu⸗ gion An⸗„ dert ante 117 Die Thüre des Friedhofes war geſchloſſen wie die des Abbs Fortier, wie die der Kirche. Hier, vor dieſem ſchwachen Hinderniſſe, hiell Billot ſeltſamer Weiſe an. Der Starke achtete die Ruhe der Todten. Auf einen Wink des Pächters lief Piton zum Todten⸗ gräber. Der Todtengräber hatte den Schlüſſel des Fried⸗ hofes, das war ganz richtig. Nach fünf Minuten brachte Piton nicht nur den Schlüſſel, ſondern auch zwei Spaten. Der Abbs Fortier hatte die arme Todte ſowohl aus der Kirche, als von der heiligen Erde verbannt: der Todtengräber hatte Befehl erhalten, kein Grab zu graben. Bei dieſer letzten Kundgebung des Haſſes des Prie⸗ ſters gegen den Pächter durchlief etwas wie ein Drohungsſchauer, die Anweſenden. Wäre im Herzen von Billot ein Viertel von der Galle geweſen, welche in die Seele der Devoten tritt, ſo brauchte Billot nur ein Wort zu ſagen, und der Abbé Fortier hatte endlich die Satisfaction des Märtyrthums, das er mit gewaltigem Geſchrei an dem Tage herbeigerufen, wo er ſich gewei⸗ gert, die Meſſe am Altar des Vaterlands zu leſen. Billot hatte aber den Zorn des Volkes und des Löwen; er zerriß, zerbrach, zermalmte im Vorübergehen, kam jedoch nicht wieder auf ſeinen früheren Weg zurück. Er machte Piton, deſſen Abſicht er begriff ein Zei⸗ chen des Dankes, nahm den Schlüſſel aus ſeinen Hän⸗ den, öffnete die Thüre, ließ den Sarg zuerſt hineintra⸗ gen und folgte demſelben, wonach ihm das Leichengeleit ſ das ſich aus Allem, was gehen konnte, rekrutirt atte. Die Royaliſten und die Devoten waren allein zu Hanſe geblieben, Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Tante Angélique, welche zu den Letzteren gehörte, mit Schrecken ihre Thüre, 118 über abſcheuliche Ruchlofigkeit ſchreiend und die himm⸗ liſchen Blitze auf das Haupt ihres Neffen herabrufend geſchloſſen hatte. Doch Alles, was ein gutes Herz, einen guten Sinn und die Familienliebe beſaß; Alles, was der der Barm⸗ herzigkeit unterſchobene Haß⸗ die der Milde unterſchobene Rache empörte, kurz drei Viertel der Stadt waren⸗ nicht gegen Gott⸗ nicht gegen die Religion, ſondern gegen die Prieſter und ihren Fanatismus proteſtirend, da. An dem Orte angelangt, wo das Grab hätte ſein ſollen, und wo der Todtengräber, der nicht gewußt, er — werde den Befehl erhalten, es nicht zu graben, ſchon ſeinen Platz bezeichnet hatte, ſtreckte Billot die Hand ge⸗ gen Piton aus, und dieſer gab ihm einen von ſeinen zwei Spaten. Da begannen Billot und Piton, mit entblößtem Haupte, inmitten eines Kreiſes von Bürgern, die das Haupt wie ſie entblößt, unter der verzehrenden Sonne der letzten Julitage, das Grab der Unglücklichen zu gra⸗ ben, welche, fromm und ergeben unter Allen, ſehr erſtaunt geweſen wäre, hätte man ihr zu ihren Lebzeiten geſagt⸗ was für ein Aergerniß ſie nach ihrem Tode verurſachen werde. Die Arbeit dauerte eine Stunde, und weder dem Einen, noch dem Anderen der zwei Arbeiter fiel es ein⸗ ſich zu erheben, ehe ſie beendigt war. Mittlerweile hatte man Seile geholt, und als die Arbeit beendigt war, lagen die Seile bereit. Es waren abermals Billot und Piton, die den Sarg in das Grab verſenkten. Dieſe zwei Menuſchen erwieſen auf eine ſo einfache und natürliche Art die letzte Pflicht derjenigen, welche ſie erwartete, daß keinem der Anweſenden der Gedanke fam, ihnen Hülfe zu leiſten. Man hätte es als eine Ruchloſigkeit betrachtet, ſie nicht bis zum Ende machen zu laſſen. —— 119 Nur ſtrich bei den erſten Schaufeln voll Erde, die auf dem eichenen Sarge erſchollen, Billot mit der Hand über ſeine Augen und Piton mit dem Aermel. Dann füllten ſie entſchloſſen die Grube mit der Erde auf. Als dies beendigt war, ſchleuderte Billot ſeinen Spaten fern von ſich und ſtreckte ſeine Arme gegen Pitou aus. Piton warf ſich dem Pächter an die Bruſt, und Billot ſprach: 2 „Gott iſt mein Zenge, daß ich in Dir umarme, was es Alles an einfachen und großen Tugenden auf Erden gibt: die Menſchenliebe, die aufopfernde Erge⸗ benheit, die Selbſtverleugnung und die Brüderlichkeit, und daß ich mein Leben dem Triumphe dieſer Tugenden weihen werde.“ Und die Hand über dem Grabe erhebend: „Gott iſt mein Zenge, daß ich einen ewigen Krieg ſchwöre dem König, der mich hat morden laſſen; den Adeligen, die meine Tochter entehrt; den Prieſtern, die meiner Fran das Begräbniß verweigert.“ Hienach wandte ſich Billot gegen die Zuſchauer um, welche voll Sympathie für dieſe doppelte Beſchwörung, und ſagte: „Brüder! eine neue Nationalverſammlung wird ſtatt der Verräther, welche zu dieſer Stunde bei den Feuillants ſitzen, zuſammenberufen werden; wählet mich zum Re⸗ präſentanten bei dieſer Verſammlung, und Ihr ſollt ſehen, ob ich meine Eide zu halten weiß.“ Ein Ruf allgemeiner Beiſtimmung erfolgte anf den Vorſchlag von Billot, und zur Stunde wurde auf dem Grabe ſeiner Frau, einem erſchrecklichen Altar würdig des furchtbaren Schwures, den er empfangen, die Can⸗ didatur von Billot für die geſetzgebende Verſammlung feſtgeſtellt; wonach, und nachdem Billot ſeinen Lands⸗ leuten für die Sympathie, die ſie ihm in ſeiner Freund⸗ 120 ſchaft und in ſeinem Haſſe bewieſen, gedankt hatte, Jeder, Bauer oder Städter, ſich nach Hauſe zurückzog,— in ſeinem Herzen jenen Geiſt revolutionärer Propaganda mitnehmend, dem in ihrer Verblendung ſeine tödtlichſten Waffen gerade diejenigen,— Könige, Adelige und Prie⸗ ſter,— gerade diejenigen lieferten, welche er verſchlin⸗ gen ſollte. CXIX. Villot Abgeordneter. Die von uns ſo eben erzählten Ereigniſſe hatten einen tiefen Eindruck, nicht nur auf die Einwohner von Villers⸗Coterets, ſondern auch auf die Pächter der um⸗ liegenden Dörfer hervorgebracht. Die Pächter ſind aber eine große Macht bei der Wahlangelegenheit: ſie beſchäftigen jeder zehn, zwanzig, dreißig Tagelöhner, und obgleich das Wahlrecht zwei Abſtufungen hatte, hing doch die Wahl völlig von dem ab, was man das Land nannte. Jeder Mann hatte, als er Billot verließ und ihm zum Abſchied die Hand drückte, einfach zu ihm die zwei Worte geſagt: „Sei ruhig!“ Und Billot war wirklich ruhig nach dem Pachthofe zurückgekehrt, denn zum erſten Male erſchaute er ein mächtiges Mittel, dem Adel und dem Königthum das Böſe, das ſie ihm angethan, wiederzuvergelten. 6— * ———— 0 121 Billot fühlte, er urtheilte nicht, und ſein Verlangen nach Rache war blind wie die Streiche, die er empfangen. Er kehrte nach dem Pachthofe zurück, ohne von Ca⸗ therine ein Wort zu ſprechen. Niemand koante wiſſen, ob ihm ihre vorübergehende Anweſenheit bekannt war⸗ Bei keinem Umſtande hatte er ſeit einem Jahre ihren Namen genanntz ſeine Tochter war für ihn, als ob ſie nicht mehr exiſtirte. Nicht ſo war es bei Piton, dieſem Goldherzen! er hatte es auf das Innigſte beklagt, daß ihn Catherine nicht lieben konnte; als er aber Iſidor geſehen und ſich mit dem eleganten jungen Manne verglichen, da hatte er vollkommen begriffen, daß Catherine ihn liebe. Er hatte Iſidor beneidet, doch Catherine durchaus nicht gegrollt; im Gegentheil, er hatte ſie immer mit einer tiefen, unbegrenzten Ergebenheit geliebt. Sagen, diefe Ergebenheit ſei von Beklemmungen völlig frei geweſen, hieße lügen, doch ſelbſt dieſe Beklem⸗ mungen, die das Herz von Piton bei jedem neuen Be⸗ weiſe von Liebe, den ſie ihrem Liebhaber gab, bedrückten, zeugten von der unausſprechlichen Güte dieſes Herzens. Nachdem Iſidor in Varennes getödtet worden, hatte Piton für Catherine nur noch ein tiefes Mitleid empfun⸗ den; da hatte er,— gerade das Gegentheil von Bil⸗ lot,— dem jungen Manne vollkommen Gerechtigkeit widerfahren laſſen und ſich deſſen erinnert, was Schönes, Gutes, Edelmüthiges in demjenigen war, welcher, ohne es zu vermuthen, ſein Nebenbuhler geweſen. Hiedurch war erfolgt, was wir geſehen: daß nicht nur Piton vielleicht die betrübte und in Traner gekleidete atherine mehr geliebt, als er die heitere und coquette Catherine geliebt hatte, ſondern daß er ſogar, was man är unmöglich gehalten hätte, dazu gelangt war, daß er die arme kleine Waiſe faſt eben ſo ſehr als ſie liebte. Man wird ſich alſo nicht wundern, daß Piton, nach⸗ dem er wie die Andern vom Pächter Abſchied genom⸗ 122 men, ſtatt ſich nach dem Pachthofe zu wenden, gegen Haramont ging. Man war übrigens ſo ſehr an das unerwartete Verſchwinden und die ebenſo unerwarteten Rückkehren von Piton gewöhnt, daß ſich trotz der hohen Stellung, die er als Kapitän im Dorfe einnahm, Niemand um ſeine Abweſenheiten bekümmerte; wenn Piton abgegan⸗ gen, ſo flüſterte man ſich zu: „Der General Lafayette hat ihn rufen laſſen.“ Und damit war Alles geſagt. Kam Piton zurück, ſo fragte man ihn nach Neuig⸗ keiten aus der Hauptſtadt, und da Pitou, mit Hülfe von Gilbert, die friſcheſten und beſten gab, da man einige Tage, nachdem er dieſe Neuigkeiten gegeben, die Vorher⸗ ſagungen von Piton ſich verwirklichen ſah, ſo hatte man fortwährend das blindeſte Vertrauen zu ihm ſowohl als Kapitän, wie als Propheten. Gilbert ſeinerſeits wußte, was alles Gutes und Hin⸗ gebendes in Piton warz er fühlte, in einem gegebenen Angenblicke ſei es ein Menſch, dem er ſein Leben, das Leben von Sebaſtian, einen Schatz, eine Sendung, kurz Alles, was man mit Ruhe der Redlichkeit und der Stärke übergibt, anvertrauen könnte. So oft Piton nach Paris kam, fragte ihn Gilbert, ohne daß dies Piton im Min⸗ deſten erröthen machte, ob er etwas brauche; faſt immer antwortete Pitou:„Nein, Herr Gilbert;“ was Herrn Gilbert nicht abhielt, Piton einige Louis d'or zu geben⸗ welche Pitou in ſeine Taſche ſteckte. Eeinige Louis d'or nebſt ſeinen Privatmitteln und dem Zehenten, den er in Natnrerzengniſſen vom Walde des Herzogs von Orleans erhob, das war für Piton ein Vermögen; Piton hatte noch nie das Ende ſeiner paar Louis d'or geſehen, wenn er Herrn Gilbert wie⸗ der ſah und ein Händedruck des Doctors in ſeiner Taſche die Quelle des Pactolus erneuerte. Man erſtaunte alſo nicht, daß Piton bei der Stim⸗ N — S— 1 en 8 15 ke is n⸗ er n n„ nd de ou er ie⸗ he —„———————— 123 mung ſeines Gemüthes in Beziehung auf Catherine und Iſidor ſich haſtig von Billot trennte, um zu erfahren, was aus der Mutter und dem Kinde geworden. Sein Weg, wenn er nach Haramont ging, führte ihn am Clouis⸗Steine vorbei; hundert Schritte von der Hütte begegnete er dem Vater Clouis, der mit einem Haſen in ſeiner Jagdtaſche zurückkam. Es war ſein Haſentag. Mit zwei Worten theilte der Vater Clouis Pitou mit, Catherine ſei gekommen und habe ihn um ihr altes Lager gebeten, das er ihr ſchleunigſt wieder eingeräumt; ſie habe viel geweint, die Arme, als ſie in die Stube zurückgekehrt, wo ſie Mutter geworden, und wo ihr Iſidor ſo lebhafte Beweiſe ſeiner Liebe gegeben. Doch alle dieſe Trübſale waren nicht ohne eine Art von Reiz; Jeder, der einen großen Schmerz empfunden hat, weiß, daß die grauſamen Stunden diejenigen ſind, wo die verſiegten Thränen zu fließen ſich weigern, die glücklichen und ſüßen Stunden die, wo man die Thränen wiederfindet. Als Piton auf der Schwelle der Hütte erſchien, fand er Catherine, die Wangen feucht, ihr Kind in den Ar⸗ men, auf ihrem Bette ſitzend. Sobald ſie Piton ſah, legte Catherine das Kind in ihren Schooß und bot dem jungen Manne die Hände und die Stirne; Piton ergriff ganz frendig ihre beiden Hände, küßte ſie auf die Stirne, und das Kind fand ſich einen Augenblick geſchirmt unter dem Bogen, den über ihm dieſe ſich preſſenden Hände, dieſe auf die Stirne ſeiner Mutter gedrückten Lippen von Piton bildeten. Dann fiel Piton vor Catherine auf die Kniee, küßte die Hände des Kindes und ſagte: „Ah! Mademoiſelle Catherine, ſeien Sie ruhig, ich bin reich: es wird Herrn Iſidor an nichts mangeln.“ Piton hatte fünfzehn Louis d'or: er nannte das reich ſein. 124 Selbſt gut von Geiſt und Herz, ſchätzte Catherine Alles, was gut war. „Ich danke, Herr Pitou,“ erwiederte ſie,„ich glaube Ihnen und bin glücklich, Ihnen zu glauben, denn Sie ſind mein einziger Freund, und würden Sie mich ver⸗ laſſen, ſo wären wir allein auf der Erde; doch nicht wahr, Sie werden uns nie verlaſſen?“ „Oh! Mademviſelle,“ verſette Piton ſchluchzend, „ſagen Sie mir nicht ſolche Dinge! Sie würden mich alle Thränen meines Leibes weinen machen!“ Piton weinte in der That ſo ſtark, daß er dem Er⸗ ſticken nahe. „Ich habe Unrecht,“ ſprach Catherine,„ich habe Unrecht: entſchuldigen Sie mich.“ „Nein,“ ſagte Pitvu,„nein, Sie haben im Gegen⸗ theil Recht! ich bin dumm, daß ich ſo weine.“ „Herr Piton, ich habe Luft nöthig; geben Sie mir den Arm, daß wir uns ein wenig unter den großen Bäumen ergehen. Ich glaube, das wird mir wohl thun.“ „Und mir auch, Mademoiſelle, denn ich fühle, daß ich erſticke.“ Das Kind hatte keine Luft nöthig; es hatte reich⸗ lich ſeine Nahrung am mütterlichen Buſen genommen, und es bedurfte des Schlafes. Catherine legte es auf ihr Bett und gab Piton den Arm. Nach fünf Minuten befanden ſie ſich unter den groſ⸗ ſen Bäumen des Waldes, einem prächtigen von der Hand des Herrn der Natur, ſeiner göttlichen, ſeiner ewigen Tochter, errichteten Tempel. Dieſer Spaziergang, wobei ſich Catherine auf ſei⸗ nen Arm ſtützte, erinnerte Piton unwillkürlich an den, welchen er zwei und ein halbes Jahr vorher am Pfingſt⸗ tage Catherine nach dem Ballſaale führend gemacht, wo zu ſeinem großen Schmerze Iſidor mit ihr getanzt hatte. Wie viele Ereigniſſe hatten ſich während dieſer dritte⸗ 8* 125 halb Jahre aufgehäuft, und wie ſehr, ohne ein Philoſoph auf der Höhe von Herrn von Voltaire oder Herrn Rouſſeau zu ſein, begriff Piton, daß er und Catherine nur im allgemeinen Wirbel fortgeriſſene Atome waren! Doch dieſe Atome in ihrer Geringfügigkeit hatten nichtsdeſtoweniger, wie die voruehmen Leute, wie die Fürſten, wie der König, wie die Königin, ihre Freude und ihren Schmerz; dieſe Mühle, welche ſich in den Händen des Verhängniſſes drehend die Kronen zermalmte und die Throne in Staub verwandelte, hatte das Glück von Catherine zermalmt und in Staub verwandelt nicht mehr und nicht minder, als hätte ſie auf einem Throne geſeſſen und eine Krone auf dem Haupte getragen. Nach drittehalb Jahren hatte im Ganzen dieſe Re⸗ volution, zu der er ſo mächtig beigetragen, übrigens ohne zu wiſſen, was er that, folgende Verſchiedenheit in der Lage von Piton herbeigeführt. Drittehalb Jahre vorher war Piton ein armer, von Tante Angélique fortgejagter, von Billot aufgenommener, von Catherine beſchützter, Iſidor geopferter Bauern⸗ burſche geweſen. Heute war Piton eine Macht; er hatte einen Säbel an der Seite, Epauletten auf der Schulter; man nannte ihn Kapitän; Iſidor war getödtet, und er, Pitou, war es, der Catherine und ihr Kind beſchützte. Die Antwort von Danton, als man ihn fragte: „In welcher Abſicht machen Sie eine Revolution?“„Um hinunter zu bringen, was oben iſt, und hinauf, was un⸗ ten iſt,“ war alſo in Beziehung auf Piton vollkommen genau. Aber man hat geſehen, obgleich ihm alle dieſe Ideen im Kopfe herumtrabten, zog doch der gute, der beſchei⸗ dene Piton keinen Vortheil daraus, und er war es, der auf den Knieen Catherine anflehte, ſie möge ihm erlau⸗ ben, daß er ſie und ihr Kind beſchütze. Catherine ihrerſeits hatte, wie alle leidende Her⸗ 6 zen, eine viel feinere Schätzung im Schmerz, als in der 126 Freude. Piton, der zur Zeit ihres Glückes für ſie nur ein braver Burſche ohne Wichtigkeit war, wurde das fromme Geſchöpf, das er in Wirklichkeit, das heißt, der Menſch der Güte, der Unſchuld und der Ergebenheit. Hieraus erfolgte, daß ſie, unglücklich und eines Freundes bedürftig, begriff, Piton ſei gerade der Freund, den ſie brauche, und immer von Catherine empfangen mit einer gegen ihn ausgeſtreckten Hand, mit einem reizenden Lä⸗ cheln auf den Lippen, fing Pitou an ein Leben zu füh⸗ ren, von dem er nie, ſelbſt in ſeinen Träumen des Pa⸗ radieſes, eine Ahnung gehabt hatte. Während dieſer Zeit verfolgte Billot, immer ſtumm hinſichtlich ſeiner Tochter, indeß er ſeine Ernte machte, ſeinen Gedanken, zum Abgeordneten bei der geſetzgeben⸗ den Verſammlung ernannt zu werden. Ein einziger Mann hätte den Sieg über ihn davon tragen können, wäre er von demſelben Ehrgeize beſeſſen geweſen; doch ganz nur ſeinem Glücke und ſeiner Liebe hingegeben, ge⸗ noß der Graf von Charny mit Andrée, in ſeinem Herren⸗ hauſe in Bourſonne eingeſchloſſen. die Freuden einer un⸗ erwarteten Glückſeligkeit; die Welt vergeſſend, glaubte ſich der Graf von Charny von ihr vergeſſen; der Graf von Charny dachte nicht einmal daran. Da ſich nichts im Canton Villers⸗Coterets der Wahl von Billot widerſetzte, ſo wurde Billot mit einer unge⸗ heuren Stimmenmehrheit zum Abgeordneten gewählt. Als Billot gewählt war, bemühte er ſich, ſo viel als möglich Geld zu realiſiren. Das Jahr war gut ge⸗ weſen; er machte den Theil ſeiner Grundeigenthümer, nahm den ſeinigen, behielt, was er an Korn für ſeine Saaten, was er an Hafer, Stroh und Heu für das Fut⸗ ter ſeiner Pferde, was er an Geld für die Nahrung ſei⸗ ner Leute brauchte, und ließ eines Morgens Pitou kommen. ₰ Piton machte, wie wir erwähnt, von Zeit zu Ze Bilot ſeinen Beſuch. e⸗ n⸗ n⸗ te on hl e⸗ iel ge⸗ er, ine ut⸗ ei⸗ tou eit 127* Billot empfing Piton immer mit offener Hand, bot ihm Frühſtück an, wenn es die Stunde des Frühſtücks war, Mittagsbrod, wenn es die Stunde des Mit⸗ tageſſens war, ein Glas Wein oder Obſtmoſt, war es die Stunde, ein Glas Obſtmoſt oder Wein zu trinken. Nie aber hatte Billot Piton holen laſſen. Nicht ohne Beſorgniß begab ſich alſo Piton nach dem Pachthofe. 5 Billot war immer ernſt; Niemand konnte ſagen, er babe ein Lächeln über die Lippen des Pächters ziehen ſehen ſeit dem Angenblicke, wo ſeine Tochter den Pacht⸗ hof verlaſſen. Billot war noch ernſter als gewöhnlich. Er reichte indeſſen, wie er dies zu thun pflegte, ſeine Hand Piton, drückte ſogar ſtärker als gewöhnlich die, welche ihm Piton gab, und behielt ſie in ſeinen Händen. Piton ſchaute den Pächter mit Erſtaunen an. „Pitou,“ ſagte dieſer,„Du biſt ein redlicher Menſch.“ „Ei! ich glaube wohl, Herr Billot,“ erwiederte Pitou. „Und ich, ich weiß es gewiß.“ „Sie ſind ſehr gut, Herr Billot.“ „Ich habe alſo beſchloſſen, Dich, wenn ich abgehe, an die Spitze des Pachthofes zu ſtellen.“ „Mich, Herr Billot?“ verſetzte Piton erſtaunt;„un⸗ möglich!“ „Warum unnöglich?“ „Ei! Herr Billot, weil es eine Menge Einzelheiten gibt, wobei das Auge einer Fran unerläßlich iſt.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Billot;„Dn wirſt ſelbſt die Frau wählen, welche die Beanſſichtigung mit Dir theilen ſoll; ich frage Dich nicht nach ihrem Namen; ich brauche ihn nicht zu wiſſen; und komme ich nach dem Pachthofe, ſo werde ich Dich acht Tage vorher davon 128 be nachrichtigen, damit, ſollte ich dieſe Frau nicht ſehen, oder ſollte ſie mich nicht ſehen, dieſelbe Zeit hätte, ſich zu entfernen.“ „Gut, Herr Billot.“ „Es iſt nun auf der Tenne das für die Ausſaat nöthige Korn; auf dem Speicher Hafer, Stroh und Heu, ſo viel als für das Futter der Pferde erforderlich, und in dieſer Schublade das für den Lohn und die Koſt der 5 Leute nothwendige Geld.“ Billot öffnete eine Schublade voll Geld. „Einen Augenblick Geduld, Herr Billot!“ ſagte Piton;„wie viel iſt in dieſer Schublade?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Billot, während er ſie wieder zurückſchob. Dann ſchloß er ſie, gab den Schlüſſel Piton und ſagte: „Wenn Du kein Geld mehr haſt, wirſt Du von mir verlangen.“ Piton begriff, was Alles an Vertrauen in dieſer Antwort lag; er öffnete beide Arme, um Billot damit zu umfangen; doch plötzlich wahrnehmend, was er ge⸗ than, ſei ſehr vermeſſen von ihm, ſagte er: „Oh! verzeihen Sie, Herr Billot; ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung!“ „Verzeihung für was?“ fragte Billot ganz gerührt von dieſer Demuth;„Verzeihung dafür, daß ein ehrli⸗ cher Menſch ſeine Arme ausgeſtreckt hat, um einen an⸗ dern ehrlichen Menſchen zu umfangen? Auf, komm, Piton! komm, umarme mich!“ Pitou warf ſich in die Arme von Billot. „Und wenn Sie zufällig dort meiner bedürfen...“ ſagte er. „Sei ruhig, Piton, ich werde Dich nicht vergeſſen,“ ſprach Billot. Und er fügte bei: „Cs iſt zwei Uhr Rachmittags; ich reiſe um fünf n, at u, id er te er 129 Uhr nach Paris ab. Um ſechs Uhr kannſt Du mit der Frau hier ſein, die Du zu Deiner Unterſtützung gewählt haben wirſt.“ „Gut!“ ſagte Pitou.„Dann habe ich keine Zeit zu verlieren! Auf Wiederſehen, lieber Herr Billot!“ „Auf Wiederſehen, Piton!“ Piton eilte aus dem Pachthofe fort. Billot folgte ihm mit den Augen, ſo lange er ihn ſehen konnte; dann, als er verſchwunden war, ſagte er: „Oh! warum hat ſich meine Tochter Catherine nicht eher in einen braven Burſchen wie Piton verliebt, als in dieſen gdeligen Schuft, der ſie als Witwe, ohne ver⸗ heirathet,§ ohne Frau geweſen zu ſein, hin⸗ terließ!“ 6 Es iſt nun unnöthig, zu ſagen, daß um fünf Uhr Billot in die Diligence von Villers⸗Coterets nach Paris ſtieg, und daß um ſechs Uhr Piton, Catherine und der kleine Iſidor in den Pachthof kamen. CXX. Anblich der neuen Verſammlung. Am 1. October 1791 ſollte die Eröffnung der ge⸗ ſetgebenden Verſammlung ſtattfinden. Billot kam, wie die andern Abgeordneten, am Ende des Septembers an. Die neue Verſammlung beſtand aus ſiebenhundert fünf und vierzig Mitgliedern; unter ihnen zählte man Die Gräfin von Charny. VI. 9 130 vierhundert Advocaten und Rechtsgelehrte; zwei und ſil⸗ benzig Literaten, Journaliſten, Dichter; ſiebenzig con⸗ ſtitutionelle Prieſter, das heißt, Prieſter, die der Con⸗ ſtitutivn den Eid geleiſtet;— die zweihundert und drei Uebrigen waren Grundeigenthümer oder Pächter wie Bil⸗ lot, Grundeigenthümer und Pächter zugleich, oder Lente, welche freie Künſte und ſogar Handwerke trieben. Der eigenthümliche Charakter, unter welchem die neuen Abgeordneten erſchienen, war indeſſen die Ju⸗ gend: die Mehrzahl derſelben war nicht über ſechs und zwanzig Jahre alt; man hätte glauben ſollen, es ſei eine neue, unbekannte Generation, von Frankreich abge⸗ ſandt, um gewaltſam mit der v brechen; geräuſchvoll, ſtürmiſch, revolutionär kam ſie, um die Tra⸗ dition zu entthronen; faſt Alle von eultivirtem Geiſte, die Einen, wie geſagt, Dichter, die Andern Advokaten, wieder Andere Chemiker; voll Energie, von einer außer⸗ ordentlichen Begeiſterung, von einer gränzenloſen Hinge⸗ bung an Ideen, ſehr unwiſſend in den Staatsangelegen⸗ heiten, unerfahren, Schwätzer, leichtſinnig, ſtreitſüchtig, brachten ſie offenbar die große, aber furchtbare Sache, die man das Unbekannte nennt. Das Unbekannte in der Politik iſt aber immer die Beſorgniß. Condorcet und Briſſot ausgenommen, konnte ui jeden von dieſen Menſchen fragen:„Wer ſind i 3 In der That, wo waren die Lichter und ſogar die Fackeln der conſtituirenden Verſammlung? wo waren die Mirabeau, die Barnave, die Siéhos, die Dupont, die Bailly, die Robespierre, die Cazalos? Alles dies war verſchwunden. Stellenweiſe, wie verirrt unter dieſer glühenden Ju⸗ gend, einige weiße Köpfe. Die Uebrigen repräſentirten das junge oder männ⸗ liche Frankreich, Frankreich mit ſchwarzen Hagren. ¹ „ . e n⸗ g, e, ie te nd ie ie ie ar 131 Schöne Köpfe, für eine Revolution abzuhauen, die auch faſt alle abgehauen wurden! Außer dem fühlte man den Bürgerkrieg im Innern keimen, man fühlte den Krieg mit dem Auslande kom⸗ men; alle dieſe jungen Leute waren keine einfache Ab⸗ geordnete; es waren Streiter: die Gironde,— die ſich im Falle des Krieges ganz, vom zwanzigſten bis zum fünfzigſten Jahre, an die Gränze zu marſchiren angebo⸗ ten hatte,— die Gironde ſchickte eine Vorhut. Dieſe Vorhut, das waren die Vergniand, die Gua⸗ det, die Genſonné, die Fonfrode, die Ducos; es war dieſer Kern, der ſich die Gironde nennen und ſeinen Namen einer weltbekannten Partei geben ſollte, welche, trotz ihrer Fehler, durch ihre Mißgeſchicke ſympathiſch ge⸗ blieben iſt. Von einem Kriegshauche geboren, traten ſie mit ei⸗ nem Sprunge und wie Athleten kampfgierig in die blu⸗ tige Arena des politiſchen Lebens ein. Wenn man ſie nur ſtürmiſch ihre Plätze in der Kammer einnehmen ſieht, erräth man in ihnen jenes Wehen des Sturmes, das die Ungewitter vom 20. Juni, 10. Auguſt und 21. Februar machen wird. Keine rechte Seite mehr: die Rechte iſt aufgehoben; folglich keine Ariſtokraten mehr. Die ganze Verſammlung iſt gegen zwei Feinde ge⸗ waffnet; die Adeligen, die Prieſter⸗ Widerſtreben dieſe, ſo iſt das Mandat, das ſie er⸗ halten, ihren Widerſtand zu brechen. Was den König betrifft, ſo hat man das Gewiſſen der Abgeordneten als Richter hinſichtlich des Verfahrens gelaſſen, das man gegen ihn beobachten ſoll; man be⸗ klagt ihn, man hofft, er werde der dreifachen Macht der Königin, der Ariſtokratie und der Geiſtlichkeit entkom⸗ men; unterſtützt er ſie, ſo wird man ihn mit ihnen ver⸗ nichten. Der arme König! man nennt ihn weder mehr Kö⸗ 132 nig, noch Ludwig den XVI., noch Majeſtät: man nennt ihn die executive Gewalt. Die erſte Bewegung der Abgeordneten, als ſie in dieſen Saal eintraten, der ihnen hinſichtlich ſeiner Ein⸗ theilung völlig fremd, war, daß ſie umherſchauten. Auf jeder Seite öffnete ſich eine vorbehaltene Tribune. „Für wen fſind dieſe Tribunen?“ fragten mehrere Stimmen. „Dieſe Tribunen ſind für die abgehenden Deputir⸗ ten,“ antwortete der Baumeiſter. „Ho! ho!“ murmelte Vergniand,„was ſoll das be⸗ deuten? ein Cenſurausſchuß? Iſt die Legislative*) eine Repräſentantenkammer der Nation, oder eine Schüler⸗ claſſe?“ 8 „Warten wir,“ ſagte Hérault de Sechelles,„wir werden ſehen, wie ſich unſere Herren benehmen.“ „Huiſſier!“ rief Thuriot,„Sie werden ihnen, ſo wie ſie eintreten, ſagen, es ſei in der Verſammlung ein Mann, der beinahe den Gouverneur der Baſtille von ſeinen Mauern hinabgeworfen hätte, und dieſer Mann heiße Thuriot.“ Anderthalb Jahre ſpäter nannte man dieſen Mann Tue⸗Roi.**) Der erſte Act der neuen Verſammlung war, daß ſie eine Deputation nach den Tuilerien ſchickte. Der König war ſo unklug, ſich durch einen Miniſter ſuppliren zu laſſen. „Meine Herren,“ ſagte der Miniſter,„der König * . * f q „ k n 1˙ kann ſie in dieſem Augenblicke nicht empfangen; kommen„ Sie in drei Stunden wieder.“ Die Abgeordneten entfernten ſich. *) Geſetzgebende Verſammlung. **) Königstödter. nt in R⸗ ne re ir⸗ e⸗ n r⸗ ir ſo in on un * 133 „Nun?“ fragten die andern Mitglieder, als ſie die⸗ ſelben ſo bald zurückkommen ſahen. „Bürger!“ erwiederte einer der Abgeſandten,„der König iſt nicht bereit, und wir haben drei Stunden voraus.“ „Wohl!“ rief von ſeinem Platze aus der Hinkebein Couthon,„benützen wir dieſe drei Stunden. Ich trage darauf an, daß der Titel Majeſtät abgeſchafft werde.“ Ein allgemeines Hurrah antwortete. Der Titel Ma⸗ jeſtät wurde durch Zuruf abgeſchafft. „Wie wird man die executive Gewalt nennen?“ fragte ſodann eine Stimme. „Man wird ſie den König der Frarzoſen nennen,“ antwortete eine andere Stimme.„Dieſer Titel iſt ſchön genug, daß ſich Herr Capet damit begnügen mag.“ Aller Angen wandten ſich gegen den Mann, der den König von Frankreich Herr Capet genannt hatte. Es war Billot. „Gut; es bleibe beim König der Franzoſen,“ rief man faſt einſtimmig. „Warten Sie,“ ſagte Couthon,„es bleiben uns noch zwei Stunden übrig. Ich habe einen neuen Antrag zu machen.“ „Thun Sie es!“ riefen alle Stimmen. Ich beantrage, daß man beim Eintritt des Königs aufſtehe, ſobald aber der König eingetreten iſt, ſich wie⸗ der ſetze und ſich bedecke.“ Es herrſchte einen Augenblick ein furchtbarer Tu⸗ mult! das Zuſtimmungsgeſchrei war ſo heftig, daß man es hätte für ein Geſchrei der Oppoſition halten können. Als der Lärm ſich endlich legte, bemerkte man, daß alle Welt einverſtanden war. Der Antrag wurde angenommen. Couthon ſchaute nach der Pendeluhr. „Wir haben noch eine Stunde,“ ſagte er.„Ich habe einen dritten Antrag zu machen.“ 134 „Sprechen Sie,“ rief man von allen Seiten. „Ich beantrage,“ ſprach Conthon mit der ſanften Stimme, welche bei Gelegenheit auf eine ſo entſetzliche Weiſe zu vibriren wußte,„ich beantrage, daß es keinen Thron mehr für den König gebe, ſondern einen einfachen Armſtuhl.“ Der Redner wurde durch gewaltiges Beifallklatſchen unterbrochen. „Warten Sie,“ rief er, die Hand erhebend,„ich bin noch nicht zu Ende.“ Sogleich trat wieder Stille ein. „Ich beantrage, daß der Stuhl des Königs zur Linken des Präſidenten ſtehe.“ „Sehen Sie wohl zu!“ ſprach eine Stimme,„das heißt nicht nur den Thron abſchaffen, ſondern ſogar den König ſubordiniren.“ „Ich beantrage, nicht nur den Thron abzuſchaffen, ſondern auch den König zu ſubordiniren,“ ſagte Conthon. Hierauf erfolgten erſchreckliche Acclamationen; es lagen der ganze 20. Juni und der ganze 10. Auguſt in dieſem furchtbaren Händeklatſchen. „Es iſt gut, Bürger,“ ſprach Couthon,„die drei Stunden ſind abgelaufen. Ich danke dem König der Franzoſen, daß er uns hat warten laſſen: wir haben unſere Zeit beim Warten nicht verloren.“ Die Deputation kehrte nach den Tuilerien zurück. Diesmal empfing ſie der König, doch es war ein Entſchluß gefaßt worden. „Meine Herren,“ ſprach er,„ich kann mich erſt in drei Tagen in die Aſſemblée begeben.“ Die Deputirten ſchauten ſich au. „Es wird alſo am 4. ſein, Sire?“ ſagten ſie. „Ja, meine Herren, es wird am 4. ſein,“ autwor⸗ tete der König. Und er wandte ihnen den Rücken zu. — — c— — — 135 Am 4. October ließ der König ſagen, er ſei leidend und werde ſich erſt am 7. in die Sitzung begeben. Deſſen ungeachtet hielt am 4., in Abweſenheit des Königs, die Conſtitutivn von 1791, das heißt das wich⸗ tigſte Werk der letzten Verſammlung, ihren Einzug in die neue Verſammlung. Sie war umgeben und bewacht von den zwölf älte⸗ ſten Deputirten der conſtituirenden Verſammlung. „Gut!“ ſagte eine Stimme,„das ſind die zwölf Greiſe der Apokalypſe!“ Der Archivar Camus trug ſie und beſtieg damit die Tribune. „Volk,“ ſprach er, wie ein zweiter Moſes,„hier ſind die Geſetztafeln.“ Dann begann die Ceremonie des Eides. Die ganze Verſammlung defilirte traurig und kalt; Viele wußten zum Voraus, dieſe unmächtige Conſtitution werde nicht ein Jahr leben: man ſchwor, um zu ſchwö⸗ ren, weil es eine auferlegte Ceremonie war. Drei Viertel von denjenigen, welche ſchworen, wa⸗ ren entſchloſſen, ihren Eid nicht zu halten. Es verbreitete ſich indeſſen in Paris das Gerücht von den drei in der Verſammlung gefaßten Beſchlüſſen: Keine Majeſtät mehr! Keinen Thron mehr! Einen einfachen Armſtuhl zur Linken des Präſidenten! Damit war ungefähr geſagt:„Keinen König mehr!“ Das Geld war, wie gewöhnlich, das Erſte, was Angſt bekam: die Fonds ſanken entſetzlich; die Bangniers fingen an zu befürchten. Am 9. October ging eine große Veränderung vor. Nach dem neuen Geſetze gab es keinen Obercvm⸗ mandanten der Nationalgarde mehr. Am 9. October ſollte Lafayette ſeine Entlaſſung nehmen, und jeder von den ſechs Legionschefs ſollte ſei⸗ nerſeits commandiren. 136 Der für die königliche Sitzung beſtimmte Tag kam; man erinnert ſich, daß es der 7. war. Der König trat ein. Ganz im Widerſpruche mit dem, was man hatte er⸗ warten können, ſo groß war noch das Privilegium, ſtand man beim Eintritte des Königs nicht nur auf, man ent⸗ blößte ſich nicht nur, ſondern es erſcholl ſogar einſtim⸗ miges Beifallklatſchen. Die Aſſemblée rief:„Es lebe der König!“ Sogleich aber, als hätten die Royaliſten den neuen Abgeordneten eine Herausforderung zuſchleudern wollen, riefen die Tribunen: „Es lebe Seine Majeſtät!“ Ein langes Gemurre durchlief die Bänke der Re⸗ präſentanten der Nation: die Augen erhoben ſich zu den Tribunen, und man erkannte, daß vornehmlich von den den abgetretenen Deputirten der conſtituirenden Ver⸗ ſammlung vorbehaltenen Tribunen dieſe Rufe ausgegan⸗ gen waren. „Es iſt gut, meine Herren,“ ſagte Couthon;„mor⸗ gen wird man ſich mit Euch beſchäftigen.“ Der König bedeutete durch ein Zeichen, er wolle ſprechen. Man hörte. Die Rede, die er hielt, ein Werk von Duport du Tertre, war äußerſt geſchickt abgefaßt und brachte eine große Wirkung hervor; ſie handelte ganz von der Noth⸗ wendigkeit, die Ordnung aufrecht zu erhalten und ſich in der Liebe für das Vaterland zu vereinigen. Paſtoret präſidirte der Verſammlung. Paſtoret war Royaliſt. Der König hatte in ſeiner Rede geſagt, es ſei für ihn Bedürfniß, geliebt zu werden. „Und für uns, Sire, iſt es auch Bedürfniß, von Ihnen geliebt zu ſein,“ erwiederte der Präſident. 6 r⸗ d t⸗ ⸗ en n, e⸗ n en r⸗ ⸗ le P ne in ir on — —,— 137 Bei dieſen Worten brach der ganze Saal in einen Beifallsſturm aus. Der König nahm in ſeiner Rede die Revolution als beendigt an. Einen Augenblick glaubte es die Aſſemblée wie er. Der in der Nationalverſammlung hervorgebrachte Eindruck verbreitete ſich alsbald in Paris. Der König ging am Abend mit ſeiner Familie ins Theater. Er wurde mit donnerndem Beifall empfangen. Viele weinten, und er ſelbſt, der ſo wenig zugäng⸗ lich für dieſe Art von Empfindſamkeit, vergoß Thränen. Ju der Racht ſchrieb der König an alle Mächte, um ihnen ſeine Annahme der Conſtitution von 1791 mitzutheilen. Man weiß übrigens, daß er eines Tags, in einem Augenblick der Begeiſterung, dieſe Conſtitution, ehe ſie nur vollendet war, beſchworen hatte. Am andern Tage erinnerte ſich Couthon deſſen, was er am Tage vorher den Conſtituirenden verſprochen hatte. Er verkündigte, er habe eine Motion zu machen. Man kannte die Motionen von Couthon. Jeder ſchwieg. „Bürger,“ ſprach Couthon,„ich verlange, daß man aus dieſer Verſammlung jede Spur von Privilegium verſchwinden mache, und daß folglich alle Tribunen dem Publikum geöffnet werden.“ Die Motion wurde einſtimmig angenommen. Am andern Tage ergriff das Publikum Beſitz von den Tribnnen der vormaligen Deputirten, und von die⸗ ſer Beſitzergreifung an war der Schatten der Conſtitui⸗ renden verſchwunden. 138 CXXI. Frankreich und das Ausland. Die Verſammlung war, wie geſagt, beſonders gegen die Adeligen und die Prieſter abgeſandt. Es war ein wahrer Kreuzzug, nur trugen die Fah⸗ nen ſtatt: Gott will es, den Wahlſpruch: Das Volk will es, an ſich. Am 9. October, dem Tage der Entlaſſung von Lafayette, laſen Gallois und Genſonné ihren Bericht über die religiöſen Unruhen in der Vendée. Er war vernünftig, gemäßigt, und brachte gerade darum einen tiefen Eindruck hervor. Wer hatte ihn eingegeben, wenn nicht geſchrieben? Ein ſehr gewandter Politiker, den wir ſpäter auf der Bühne und in dieſem Buche wiedererſcheinen ſehen. Die Aſſemblée war duldſam. Eines ihrer Mitglieder, Fauchet, verlangte nur, daß der Staat aufhöre, die Prieſter zu bezahlen, welche er⸗ klären würden, ſie wollen der Stimme des Staates nicht gehorchen, man möge indeſſen denjenigen Widerſpänſtigen, welche alt und gebrechlich ſeien, Penſionen geben. Ducos ging weiter: er rief die Toleranz an; er ver⸗ langte, daß man den Prieſtern jede Freiheit laſſe, den Eid zu ſchwören oder nicht zu ſchwören. Noch weiter ging der conſtitutionelle Biſchof Torne. Er erklärte geradezu, die Weigerung der Prieſter ſtehe mit großen Tugenden im Zuſammenhange. Wir werden ſogleich ſehen, wie die Devoten von Avignon dieſe Toleranz erwiederteu. Nach der, übrigens nicht beendigten, Discuſſion in —„ e—„„8 8— — N ———— 139 Betreff der conſtitutionellen Prieſter ging man zu den Emigrirten über. Das hieß vom inneren Kriege zum äußeren Kriege bcen und ſomit die zwei Wunden Frankreichs be⸗ rühren. Fauchet hatte die Frage der Geiſtlichkeit behandelt, Briſſot behandelte die der Emigration. Er nahm ſie von der erhabenen und humanen Seite; er nahm ſie da, wo ſie Mirabeau ein Jahr vor⸗ her aus ſeinen ſterbenden Händen hatte fallen laſſen. Er verlangte, daß man einen Unterſchied zwiſchen der Emigration der Furcht und der des Haſſes mache; er verlangte, daß man nachſichtig gegen die eine, ſtreng gegen die andere ſei. Seiner Anſicht nach konnte man die Bürger nicht in das Königreich einſchließen; man mußte ihnen im Gegentheil alle Thore deſſelben offen laſſen. Er wollte nicht einmal die Confiscation gegen die Emigration des Haſſes. Er verlangte nur, daß man aufhöre, diejenigen zu bezahlen, welche ſich gegen Frankreich bewaffnet haben. In der That, wunderbar! Frankreich fuhr fort im Auslande die Gehalte den Lambesc, den Conds, den Karl von Lothringen zu bezahlen. Wir werden ſogleich ſehen, wie die Emigrirten dieſe Milde erwiederten. Als Fauchet ſeine Rede vollendete, erhielt man Nachrichten von Avignon. Als Briſſot die ſeinige endigte, erhielt man Nach⸗ richten von Europa. Dann erſchien eine große Helle im Weſten wie ein ungeheurer Brand: das waren Nachrichten von Amerika. Fangen wir mit Avignon an. Geben wir mit wenigen Worten die Geſchichte von dieſem zweiten Rom. 140 Benedict Xl. war 1304 eines anſtößig plötzlichen Todes geſtorben. Man ſagte auch, er ſei durch Feigen vergiftet worden. Philipp der Schöne, der Bonifaz VII. durch die Hand von Colonna beohrfeigt hatte, hielt die Augen auf Perugia geheftet, wo das Conclave gehalten wurde. Seit langer Zeit hatte er den Gedanken, das Papſt⸗ thum von Rom wegzuziehen und nach Frankreich zu brin⸗ gen, um es,— hätte er es einmal in ſeinem Gefäng⸗ niß,— zu ſeinem Vortheil arbeiten zu laſſen, und, wie unſer großer Meiſter Michelet ſagt,„um ihm die lucra⸗ tiven Bullen zu dictiren, ſeine Unfehlbarkeit auszubeuten und den heiligen Geiſt zum Schreiber und Einnehmer für das Haus Frankreich zu beſtellen.“ Eines Tags kam zu ihm ein ſtaubbedeckter, ſterbens⸗ müder Bote, der kaum ſprechen konnte. Er brachte ihm folgende Kunde: Die franzöſiſche Partei und die antifranzöſiſche Partei hielten ſich ſo gut im Conclave die Wage, daß kein Papſt aus den Wahlen hervorging, und daß davon die Rede war, in einer andern Stadt ein neues Conclave zu verſammeln. Dieſer Beſchluß kam den Perugianern nicht recht, denn es lag ihnen viel an der Ehre, daß ein Papſt in ihrer Stadt gewählt werde. Sie gebrauchten auch ein ſinnreiches Mittel. Sie zogen einen Cordon um das Conclave, um es zu verhindern, daß man den Cardinälen zu eſſen und zu trinken bringe. Die Cardinäle erhoben ein gewaltiges Geſchrei. „Wählt einen Papſt, und Ihr ſollt zu eſſen und zu trinken bekommen,“ riefen die Perugianer. Die Cardinäle hielten vier und zwanzig Stun⸗ den aus. Nach vier und zwanzig Stunden entſchieden ſie ſich. W u 1 S i e e — 8 u Es wurde beſchloſſen, die antifranzöſiſche Partei ſollte drei Cardinäle wählen, und die franzöſiſche Partei ſollte aus dieſen drei Candidaten einen Papſt wählen. Die antifranzöſiſche Partei wählte drei erklärte Feinde von Philipp dem Schönen. Unter der Zahl dieſer drei Feinde war aber Ber⸗ trand de Got*), Erzbiſchof von Bordeaux, von dem man wußte, daß er noch mehr der Freund von ſeinem Intereſſe, als der Feind von Philipp dem Schönen war. Ein Bote ging ab, der dieſe Rachricht überbringen ollte. Dies war der Bote, der den Weg in vier Tagen und vier Nächten zurückgelegt hatte und ſterbensmüde ankam. Es war keine Zeit zu verlieren. Philipyſchickte einen Expreſſen an Bertrand de Got, der durchaüs nichts von der hohen Sendung, die ihm zu Theil geworden, wußte, und lnd ihn zu einer Zuſam⸗ menkunft im Walde von Andelys ein. Die Zuſammenkunft fand in einer finſtern Nacht, welche einer Beſchwörungsnacht glich, mitten auf einer Krenzſtraße, nach der drei Wege mündeten, ſtatt; unter einer ähnlichen Lage beſchworen diejenigen, welche über⸗ menſchliche Begünſtigungen erlangen wollten, den Teu⸗ fel und küßten, indem ſie ſeine Vaſallen zu ſein gelob⸗ ten, den Pferdefuß Satans. Nun fing man,— ohne Zweifel, um den Erzbiſchof zu beruhigen,— damit an, daß man die Meſſe hörte; hiebei ſchworen ſich auf dem Altar, im Augenblicke der Aufhebung der Hoſtie, der König und der Prälat Ver⸗ ſchwiegenheit; dann erloſchen die Kerzen, der Prieſter, der die Meſſe geleſen, entfernte ſich, gefolgt von ſeinen Chorknaben und das Kreuz und die heiligen Gefäße mit ſich nehmend, als hätte er eine Profanation befürchtet, *) Bertrand d'Agvuſt.. D. Ueherſ. 142 wenn ſie die ſtummen Zeugen der Scene wären, welche vor ſich gehen ſollte. Der Erzbiſchof und der König blieben allein. Wer unterrichtete von dem, was wir ſagen wollen, Villani, bei welchem wir es leſen? Satan vielleicht, der ſicherlich als Dritter bei der Zuſammenkunft war. „Erzbiſchof,“ ſprach der König zu Bertrand de Got, „ich habe die Gewalt, Dich zum Papſte zu machen, wenn ich will: darum bin ich zu Dir gekommen.“ „Den Beweis?“ fragte Bertrand de Got. „Den Beweis? hier iſt er,“ erwiederte der König. Und er zeigte ihm einen Brief ſeiner Cardinäle, welche, ſtatt ihm zu ſagen, die Wahl ſei gemacht, ihn fragten, wen ſie wählen ſollten. „Was muß ich thun, um Papſt zu werden?“ ſagte der Gasconier, der ganz außer ſich vor Freude ſich Phi⸗ lipp dem Schönen zu Füßen warf. „Dich verbindlich machen, mir die ſechs Gefällig⸗ keiten zu gewähren, um die ich Dich bitten werde,“ ant⸗ wortete der König. „Sprecht, mein König,“ ſagte Bertrand de Got, „ich bin Euer Unterthan, und es iſt meine Pflicht, Euch zu gehorchen.“ Der König hob ihn auf, küßte ihn auf den Mund und ſprach: „Die ſechs Gefälligkeiten, um die ich Dich bitte, ſind die folgenden...“ Bertrand de Got hörte mit allen ſeinen Ohren; denn er befürchtete, der König werde nicht Dinge, die ſein Seelenheil gefährden, ſondern unmögliche Dinge von ihm verlangen. „Die erſte iſt,“ ſagte Philipp,„daß Du mich mit der Kirche verſöhnſt und mir Vergebung der Miſſethat verſchaffſt, die ich dadurch begangen, daß ich in Anagni den Papſt Bonifaz VIII habe verhaften laſſen.“ hn nt⸗ 143 „Bewilligt!“ erwiederte raſch Bertrand de Got. „Die zweite iſt, daß Du mir und den Meinigen wieder die Communion gibſt.“ Philipp der Schöne war excommunicirt. „Bewilligt!“ ſagte Bertrand de Got, erſtaunt, daß man ſo wenig von ihm verlangte, um ihn ſo groß zu machen. Es waren allerdings noch vier Bitten übrig. „Die dritte iſt, daß Du mir den Zehenten der Geiſt⸗ lichkeit in meinem Königreiche auf fünf Jahre bewilligſt, um die Koſten des Krieges in Flandern beſtreiten zu helfen.“ „Bewilligt.“ „Die vierte iſt, daß Du die Bulle von Papſt Bo⸗ nifaz: Ausculta, fli, annullirſt und vernichteſt. „Bewilligt! bewilligt!“ „Die fünfte iſt, daß Du die Cardinalswürde Marco Jacopo und Meſſire Pietro von Colonna wiederverleihſt, und mit ihnen gewiſſe Freunde von mir zu Cardi⸗ nälen machſt.“ „Bewilligt! bewilligt! bewilligt!“ Als ſodann Philipp ſchwieg, fragte der Erzbiſchof mit Bangigkeit: „Und die ſechste, mein König?“ „Die ſechste?“ erwiederte Philipp der Schöne,„ich behalte mir vor, hierüber ſeiner Zeit und gehörigen Ortes zu reden, denn das iſt etwas Großes und Geheimes.“ Srrße und Geheimes?“ wiederholte Bertrand e Got. „So groß und ſo geheim,“ verſetzte der König, „daß Du mir zum Voraus die Bewilligung auf das Crucifix ſchwörſt.“ Und er zog ein Crucifix aus ſeiner Bruſt und bot es dem Erzbiſchof dar. Dieſer zögerte nicht einen Augenblick; das war der 144 letzte Graben, über den er zu ſpringen hatte: hatte er den Sprung gemacht, ſo war er Papſt. Er ſtreckte die Hand gegen das Bild des Heilands aus und ſprach mit feſter Stimme: „Ich ſchwöre!“ „Es iſt gut!“ ſagte der König.„In welcher Stadt meines Reiches willſt Du nun gekrönt werden?“ „In Lyon.“ „Komm mit mir! Du biſt Papſt unter dem Namen Clemens V.“ Clemens V. folgte Philipp dem Schönen, doch er war ſehr in Unruhe wegen des ſechsten Punktes, den ſein Fürſt von ihm zu verlangen ſich vorbehielt. Am Tage, wo er dies that, ſah Clemens V., daß es etwas Geringes war; er machte auch keine Schwie⸗ rigkeit: es war die Vernichtung des Templer⸗Ordens. Alles dies iſt wahrſcheinlich nicht ganz nach dem Herzen Gottes; darum zeigte Gott ſeine Unzufriedenheit auf eine augenſcheinliche Weiſe. In dem Momente wo der Zug, die Kirche verlaſſend, in der Clemens V. gekrönt worden war, an einer mit Zuſchauern beladenen Mauer vorüberkam, ſtürzte die Mauer ein, verletzte den König, tödtete den Herzog von Bretagne und warf den Papſt nieder. Die Tiara fiel und das Symbol des Papſtthums rollte entwürdigt in die Goſſe. Acht Tage nachher bekommen bei einem Feſtmahle, das der neue Papſt gibt, die Leute Seiner Herrlichkeit und die der Cardinäle Streit. Der Bruder des Papſtes will ſie trennen; er wird getödtet.. Das waren ſchlimme Vorzeichen. Mit den ſchlimmen Vorzeichen verband ſich ſodann das böſe Beiſpiel: der Papſt brandſchatzte die Kirche, doch eine Frau brandſchatzte den Papſt. Dieſe Frau war die ſchöne Bruniſſande, welche nach der Behaup⸗ nn e, au p⸗ —— 145⁵ tung der Chronikſchreiber jener Zeit der Chriſtenheit mehr koſtete, als das heilige Land. Der Papſt erfüllte ſeine Verſprechen eines nach dem andern. Dieſer Papſt, den Philipp gemacht, war ſein Papſt, eine Art von Henne mit goldenen Eiern, die er Morgens und Abends legen ließ, und der er ihren Bauch zu öffnen drohte, wenn ſie nicht legte. Jeden Tag nahm er, wie der Kaufmann von Ve⸗ nedig, ſeinem Gläubiger ein Pfund Fleiſch von dem Gliede, das ihm beliebte. Endlich, nachdem Bonifaz VIII. als Ketzer und fal⸗ ſcher Papſt erklärt worden, nachdem der König des Kir⸗ chenbannes entbunden worden, nachdem die Zehenten der Geiſtlichkeit auf fünf Jahre bewilligt und zwölf dem König ergebene Männer zu Cardinäken ernannt waren, nachdem die Bulle von Bonifaz VIII, welche Philipp dem Schönen den Beutel der Geiſtlichkeit verſchloß, wi⸗ derrufen, der Templer-Orden aufgelöſt und die Tempel⸗ herren in Verhaft genommen waren,— geſchah es, daß am 1. Mai 1308 Kaiſer Albrecht von Oeſterreich ſtarb. Da hatte Philipp der Schöne den Gedanken, ſeinen Bruder Karl von Valois zum Kaiſer wählen zu laſſen. Clemens V. ſollte abermals manveuvriren, um die⸗ ſes Reſultat herbeizuführen. Die Knechtſchaft des Verkauften währte fort; ge⸗ ſattelt und gezäumt, ſollte die arme Seele von Bertrand de Got vom König von Frankreich bis in die Hölle ge⸗ ritten werden. Sie hatte endlich die Velleität, ihren furchtbaren Reiter abzuwerfen. Clemens V. ſchrieb oſtenſibel zu Gunſten von Karl von Valvis, insgeheim gegen ihn. Von dieſem Augenblicke an mußte er darauf bedacht ſein, ſich aus dem Königreiche zu entfernen; das Leben des Papſtes war um ſo weniger in Sicherheit auf dem„ Die Gräfin von Charny. VI. 10 146 Gebiete des Königs, als die Ernennung der zwölf Car⸗ dinäle die zukünftigen Papſtwahlen in die Hände des Königs von Frankreich legte. Clemens V. erinnerte ſich der Feigen von Benedict Kl. Er war in Poitiers. Es gelang ihm, bei Nacht zu entkommen und Avig⸗ non zu erreichen. Ziemlich ſchwer iſt es, zu erklären, was Avignon war. Es war Frankreich, und es war nicht Frankreich. Es war eine Gränze, eine Freiſtadt, ein Ueberreſt von Reich, eine Republik wie San Marino. Nur wurde es von zwei Königen regiert. Vom König von Neapel als Grafen von Provence; Vom König von Frankreich als Grafen von Toulouſe. Jeder von ihnen hatte die Herrſchaft von einer Hälfte von Avignon. Keiner konnte einen Flüchtling auf dem Boden des Andern verhaften laſſen. Clemens V. flüchtete ſich natürlich auf den Theil von Avignon, der dem König von Neapel gehörte. Doch wenn er der Gewalt von König Philippy dem Schönen entging, ſo entging er nicht dem Fluche des Großmeiſters vom Templer⸗Orden. Vom Wallgange ſeinen Scheiterhaufen beſteigend, hatte Jacques von Molay ſeine zwei Henker beſchworen, auf die Ladung ihres Opfers am Ende des Jahres vor Gott zu erſcheinen. Clemens V. gehorchte zuerſt der grauenvollen La⸗ dung. In einer Nacht träumte er, er ſehe ſeinen Palaſt in Flammen;„von dieſer Nacht an,“ ſagt ſein Biograph, „war er nicht mehr heiter, und währte er nicht mehr lange.“ Sieben Monate nachher kam die Reihe an Philipp. Wie ſtarb er? 2 Es gibt zwei Verſionen über ſeinen Tod. SS ò—— 8 „„— 147 Die eine oder die andere ſcheint eiue von der Hand Gottes gefallene Rache zu ſein. Die von Sauvage überſetzte Chronik läßt ihn auf der Jagd ſterben. „Er ſah den Hirſch auf ſich zukommen, zog ſeinen Degen, gab ſeinem Pferde die Sporen, und während er den Hirſch zu treffen glaubte, trug ihn ſein Pferd gegen einen Baum mit ſoicher Schnelligkeit, daß der gute König hart im Herzen getroffen zu Boden ſiel und nach Corbeil gebracht wurde.“ Hier verſchlimmerte ſich nach der Angabe der Chronik die Krankheit dergeſtalt, daß der König daran ſtarb. Man ſieht, die Krankheit konnte nicht ſchlimmer werden. Guillaume von Nangis erzählt dagegen den Tod des Siegers von Monsten⸗Puelle alſo: „Philipp, König von Frankreich, wurde durch eine lange Krankheit zurückgehalten, deren, den Aerzten unbekannte, Urſache für dieſe und für viele Andere der Gegenſtand großer Verwunderung war, um ſo mehr, als weder ſein Puls, noch ſein Urin andeuteten, er ſei krank oder in Todesgefahr. Endlich ließ er ſich durch die Seinigen nach Fontainebleau, ſeinem Geburtsorte, bringen. Hier, nachdem er in Gegenwart und im An⸗ geſichte einer großen Anzahl Leute das Sacrament mit bewunderungswürdiger Frömmigkeit und Inbrunſt em⸗ pfangen hatte, übergab er ſeine Seele glücklich dem Schöpfer, im Bekenntniß des wahren und katholiſchen Glaubens, im dreißigſten Jahre ſeiner Regierung, am Freitag, am Vorabend vom Feiertag des heiligen Andreas.“ Jeder bis auf Dante findet eiven Tod für den Mann ſeines Haſſes. Er läßt ihm von einem Wildſchweine den Bauch aufſchlißen. „Er ſtarb an einem Rüſſelſchlage, der Betrüger, den man an der Seine die Münze hat fälſchen ſehen!“ 148 Die Päpſte, welche Avignon nach Clemens V. be⸗ wohnten, nämlich Johann XXII., Benedict XII., Cle⸗ mens VI., warteten nur auf eine Gelegenheit, um Avig⸗ non zu kaufen. Sie bot ſich für den Letzten. Eine noch minderjährige junge Frau, Johanna von Neapel, wir ſagen nicht verkaufte es, ſondern gab es für die Abſolution eines Mordes, den ihre Liebhaber be⸗ gangen hatten. Volljährig geworden, reclamirte ſie gegen die Ab⸗ tretung; doch Clemens VI. hielt feſt. So daß, als Gregor XI. im Jahre 1377 den Sitz des Papſtthums wieder nach Rom verlegte, Avignon, von einem Legaten verwaltet, dem heiligen Stuhle un⸗ terworfen blieb. Es war noch ſo 1791, als die Ereigniſſe kamen, welche dieſe lange Abſchweifung veranlaßt haben. Wie an dem Tage, wo Avignon noch zwiſchen dem König von Neapel, Grafen von Provence, und dem König von Frankreich, Grafen von Tonlouſe, getheilt war, gab es zwei Avignon in Avignon: das Avignon der Prieſter, das Avignon der Handelsleute. Das Avignon der Prieſter hatte hundert Kirchen, zweihundert Klöſter, ſeinen Palaſt des Papſtes. Das Avignon der Handelsleute hatte ſeinen Fluß, ſeine Arbeiter in Seidenzeugen, ſeinen Tranſit von Lyon nach Marſeille, von Nimes nach Turin. Es gab gewiſſer Maßen in dieſer unglücklichen Stadt die Franzoſen des Königs und die Franzoſen des Papſtes. Die Franzoſen von Frankreich waren wirklich Fran⸗ zoſen; die Franzoſen von Italien waren faſt Italiener. Die Franzoſen von Frankreich gaben ſich viel Mühe, arbeiteten viel, um zu leben, um ihre Frauen, um ihre Kinder zu ernähren, und es gelang ihnen kaum. Die Franzoſen von Italien, das heißt die Prieſter, hatten Alles, Reichthum und Macht; das waren Aebte, e⸗ e⸗ g⸗ n es e⸗ t n n m k, er n, ß, n n en ⸗ e, re 149 Biſchöfe, Erzbiſchöfe, Cardinäle, müßig, elegant, keck, Cicisbei bei den vornehmen Damen, Herren bei den Frauen aus dem Volke, welche, wenn ſie vorüberkamen, niederknieten, um ihre weißen Hände zu küſſen. Wollen Sie einen Typus hievon? Nehmen Sie den ſchönen Abt Maury; das war ein ächter Franco⸗Italiener vom Comtat, Sohn eines Schu⸗ ſters, Ariſtokrat wie Lauzun, ſtolz wie ein Clermont⸗ Tonnerre, frech wie ein Lackei. Ueberall, ehe ſie Männer ſind und folglich Leiden⸗ ſchaften haben, lieben ſich die Kinder. In Avignon wird man ſich haſſend geboren. Am 14. September 1791,— zur Zeit der conſti⸗ tnirenden Verſammlung,— hatte ein Decret des Königs Avignon und das Comtat Venaiſſin mit Frankreich ver⸗ einigt. Seit einem Jahre war Avignon bald in den Hän⸗ den der franzöſiſchen Partei, bald in den Händen der antifranzöſiſchen Partei. Der Sturm hatte 1790 begonnen. In einer Nacht beluſtigten ſich die Papiſten damit, daß ſie einen mit den drei Farben geſchmückten Stroh⸗ mann aufhingen. Am Morgen ſprang Avignon bei dieſem Anblick. Man riß aus ihren Häuſern vier Papiſten, welche nicht dafür konnten: zwei Adelige, einen Bürger, einen Arbeiter; man hing ſie an der Stelle des Stroh⸗ mannes auf. Die franzöſiſche Partei hatte zu Häuptern zwei junge Leute, Duprat und Mainvielle, und einen Mann von einem gewiſſen Alter Namens Leseuyer. Dieſer Letzte war ein Franzoſe in der vollen Bedeu⸗ tung des Wortes: er war Pieard, von einem glühenden und zugleich überlegten Charakter, und hatte in Avignon ſeinen Aufenthalt als Notar und Secretär der Munici⸗ palität. 150 Dieſe drei Männer hatten einige Soldaten, zwei bis dreitauſend vielleicht, auf die Beine gebracht und mit ihnen gegen Carpentras eine Expedition verſucht, welche mißglückt war. Der Regen, ein kalter, eiſiger Regen, einer von den Regen, welche vom Berge Ventoux herabkommen, zer⸗ ſtreute das Heer von Mainvielle, Duprat und Lescuyer, wie der Sturm die Flotte von Philipp M. zerſtrent hatte. Wer hatte dieſen wunderbaren Regen fallen gemacht? wer hatte die Macht gehabt, das revolutionäre Heer zu zerſtrenen? Die Jungfrau! Duprat, Mainvielle und Lesecuyer hatten aber einen Catalonier genannt der Chevalier Pams, den ſie zum General eruannt, im Verdachte, er habe ſo wirkſam die Jungfran bei dem Wunder unterſtützt, daß ſie ihm die ganze Ehre davon zuerkannten. In Avignon iſt ein Verrath bald beſtraft: man tödtet den Verräther. Patus wurde getödtet. Woraus beſtand nun das die franzöſiſche Partei vertretende Heer? Aus Bauern, Laſtträgern, Ausreißern. Man ſuchte einen Mann aus dem Volke, um dieſe Leute aus dem Volke zu befehligen. Man glaubte den Mann, den man brauchte, in einem gewiſſen Mathieu Jonve, der ſich Jourdan nennen ließ, gefunden zu haben. Geboren in Saint⸗Juſte, beim Puy⸗en⸗Velay, war er Anfangs Maulthiertreiber, dann Soldat, dann Schenk⸗ wirth in Paris geweſen. In Avignon verkaufte er Krapp. Das war ein Menſch, der mit Morden und Verbre⸗ chen aller Art prahlte. Er zeigte einen Säbel und ſagte, mit dieſem Säbel ——— 151 habe er dem Gouvernenr der Baſtille und zwei Gardes du corps am 6. October den Kopf abgeſchlagen. Halb mit Spott, halb mit Furcht hatte das Volk dem Beinamen Jourdan, den er ſich gegeben, den Coupe⸗ Téte*) beigefügt. Duprat, Mainvielle, Lescuyer und ihr General Jourdan⸗Coupe⸗Töte waren lange genug Herren der Stadt geweſen, daß man anfing ſie weniger zu fürchten. Eine dumpfe, weit umfaſſende Verſchwörung orga⸗ niſirte ſich gegen ſie geſchickt, und im Finſtern ſchleichend, wie es die Verſchwörungen der Prieſter ſind. Es handelte ſich darum, die religiöſen Leidenſchaften wiederzuerwecken. Die Frau eines franzöſiſchen Patrioten hatte ein Kind ohne Arme geboren. Es verbreitete ſich das Gerücht, bei Nacht einen ſilbernen Engel aus einer Kirche entwendend, habe die⸗ ſem der Patriot den Arm gebrochen. Das gebrechliche Kind war nichts Anderes als eine Strafe Gottes. Der Vater war genöthigt, ſich zu verbergen; man hätte ihn in Stücke gehauen, ohne ſich nur zu erkundi⸗ gen, in welcher Kirche der Engel geſtohlen worden. Die Jungfrau beſchützte und begünſtigte beſonders die Royaliſten, waren ſie nun Chouans in Bretagne oder Papiſten in Avignon. 1789 hatte die Jungfrau in einer Kirche der Rue du Bac geweint. 1790 war ſie im vendeeiſchen Bocage hinter einer alten Eiche erſchienen. 1791 hatte ſie das Heer von Duprat und Main⸗ vielle, ihnen Hagel ins Geſicht blaſend, zerſtreut. In der Kirche der Franciscaner endlich war ſie, ——— *) Kopfabſchneider. 152 6 ohne Zweifel aus Scham über die Gleichgültigkeit des Volkes, erröthet. Dieſes beſonders von den Frauen,— die Männer ſchenkten ihm keinen großen Glauben,— beſtätigte Wun⸗ der hatte die Geiſter ſchon zu einer gewiſſen Höhe ge⸗ ſteigert, als ſich ein noch viel mehr aufregendes Gerücht in Avignon verbreitete. Eine große Kiſte mit Silberzeug war aus der Stadt gebracht worden. Am andern Tage war es nicht mehr eine Kiſte, es waren ſechs Kiſten. Am zweiten Tage waren es achtzehn volle Kiſten. Und was für Silberzeng war es, das dieſe acht⸗ zehn Kiſten enthielten? Die Effecten des Leihhauſes, welche die franzöſiſche Partei, die Stadt räumend, der Sage nach mitnahm. Bei dieſer Kunde durchzog ein Sturmwind die Stadt; dieſer Wind iſt das bekaunte Zn-zu, das bei den Auſſtänden pfeift und die Mitte hält zwiſchen dem Brüllen des Tigers und dem Ziſchen der Schlange. Das Elend war ſo groß in Avignon, daß faſt Jeder etwas verpfändet hatte. So wenig der Arme verpfändet hatte, er hielt ſich für ruinirt. Der Reiche wird bei einer Million rninirt, der Arme bei einem Lumpen. Alles iſt relativ. Das war am 16. October, an einem Sonutage Morgens. Alle Bauern der Umgegend waren in die Stadt gekommen, um die Meſſe zu hören. Man ging zu jener Zeit unr bewaffnetz es waren folglich Alle bewaffnet. Der Augenblick war alſo gut gewählt, und der Streich wurde gut geſpielt. Es gab da weder mehr eine ſtanzöſiſche Partei, es ſer n⸗ e⸗ cht er m 153 noch eine antifranzöſiſche: es waren Diebe, welche einen ſchändlichen Raub begangen, die Armen beſtohlen hatten. Die Menge ſtrömte nach der Kirche der Francisca⸗ ner; Bauern, Stadtbürger, Handwerksleute, Laſtträger, Weiße, Rothe, Dreifarbige, ſchrieen, auf der Stelle, ohne Verzug müſſe ihnen die Muniecipalität durch das Organ ihres Secretärs Lescuyer Rechenſchaft geben. Warum hatte ſich der Zorn des Bolkes gegen Les⸗ cuyer gerichtet? Man weiß es nicht. Soll ein Leben einem Men⸗ ſchen gewaltſam entriſſen werden, ſo gibt es ſolche Ver⸗ hängniſſe. Plötzlich, mitten unter dem Gottesdienſte, brachte man Lescnyer. Er hatte ſich nach der Municipalität geflüchtet, als er erkannt, ergriffen,— nein, nicht ergriffen,— mit Fauſtſchlägen, mit Fußtritten, mit Stockſtreichen in die Kirche getrieben worden war. Sobald er in der Kirche, ſtieg der Unglückliche, bleich, aber dennoch kalt und ruhig, auf die Kanzel und verſuchte es, ſich zu rechtfertigen. Das war leicht, er brauchte nur zu ſagen:„Oeff⸗ net und zeigt das Leihhaus dem Volke, und es wird ſehen, daß alle Gegenſtände, welche weggenommen zu haben man uns beſchuldigt, noch dort ſind.“ Er fing an: „Meine Brüder, ich habe die Revolution für nöthig erachtet; ich habe mit meiner ganzen Macht dazu bei⸗ keiraen Doch man ließ ihn nicht weiter gehen, man befürch⸗ tete zu ſehr, er könnte ſich rechtfertigen. Rauh wie der Nordweſtwind, unterbrach ihn das entſetzliche Zu⸗zu. Ein Laſtträger ſtieg hinter ihm auf die Kanzel und warf ihn dieſer Meute zu. Von dieſem Augenblicke an ertönte das Halali. 154 Man zog ihn nach dem Altar. Hier mußte der Revolutionär erwürgt werden, auf daß das Opfer der Jungfrau, in deren Namen man bei Allem dem handelte, angenehm wäre. Noch lebend, machte er ſich im Chor von den Hän⸗ den der Mörder los und flüchtete ſich in einen Chorſtuhl. Eine liebereiche Hand reichte ihm Schreibzeug. 6 ſollte reiben, was er zu ſagen nicht Zeit gehabt. 8 ſ unerwartete Hülfe gab ihm einen Augenblick riſt. Ein bretagniſcher Edelmann, der zufällig, nach Mar⸗ ſeille reiſend, vorüberkam, war in die Kirche eingetreten und von Mitleid für das arme Opfer erfaßt worden. Mit dem Muthe und der Hartnäckigkeit eines Bretag⸗ ners wollte er den Unglücklichen retten; zwei oder drei⸗ mal entfernte er die Meſſer oder die Stöcke, von denen er eben getroffen werden ſollte, und er rief;:„Meine Herren, im Namen des Geſetzes! meine Herren, im der Ehre! meine Herren, im Namen der Menſch⸗ ichkeit!“ Die Meſſer und die Stöcke wandten ſich ſodann gegen ihn; doch unter den Meſſern und den Stöcken bedeckte er fortwährend den armen Lescuyer mit ſeinem Leibe „Meine Herren, im Namen der Menſchlich⸗ eitt Endlich wurde das Volk müde, ſo lange ſeines Jä⸗ gerrechts beraubt zu ſein; es ergriff den Edelmann Ind ſchleppte ihn fort, um ihn aufzuhängen. rei Männer befreiten aber den Fremden und riefen: „Machen wir zuerſt mit Lescuyer ein Ende, wir werden dieſen hernach wiederfinden.“ Das Volk begriff die Richtigkeit dieſes Raiſonnement und ließ den Bretagner los. Man nöthigte ihn, zu entfliehen. der der te, än⸗ hl. eit lick ar⸗ ten en. ag⸗ ei⸗ ten ine im en kte be ä⸗ nd nd nt 155⁵ Er hieß Herr von Roſély. Lescuyer hatte nicht Zeit gehabt, zu ſchreiben; hätte er auch Zeit gehabt, ſein Zettel wäre nicht geleſen wor⸗ den: es herrſchte ein zu großer Tumult. Doch mitten unter dieſem Tumulte gewahrte Les⸗ cuher hinter dem Altar eine kleine Ausgangsthüre; er⸗ reichte er dieſe Thüre, ſo war er vielleicht gerettet! Er raffte ſich auf und ſtürzte in dem Augenblick fort, wo man ihn vom Schrecken niedergeworfen glaubte. Lescuyer war nahe daran, die Thüre zu erreichen; die Mörder waren unverſehens berückt worden; doch am Fuße des Altars verſetzte ihm ein Taffetarbeiter einen ſo furchtbaren Stockſtreich auf den Kopf, daß der Stock zerbrach. Lescuyer ſiel betäubt nieder, wie ein Ochs unter dem Schlagbeile fällt. Er rollte gerade dahin, wo man ihn haben wollte: an den Fuß des Altars. Sodann, während die Weiber, um dieſe Lippen zu beſtrafen, welche die revolutionäre Blasphemie:„Es lebe die Freiheit!“ ausgeſprochen, ihm die Lippen zerſchnitten, tanzten ihm die Männer auf dem Bauche und zermalm⸗ ten ihn wie den heiligen Stephan mit Steinwürfen. Mit ſeinen blutigen Lippen rief Lescuyer: „Guade, meine Brüder! im Namen der Menſchlich⸗ keit, meine Schweſtern! bewilligt mir den Tod!“ Das heißt zu viel verlangen: man verurtheilte ihn, ſeinen Todeskampf zu durchleben. Er dauerte bis zum Abend. Der Unglückliche koſtete den ganzen Tod! Das waren die Nachrichten, welche der geſetzgeben⸗ den Verſammlung als Antwort auf die philanthropiſche Rede von Fauchet zukamen. Allerdings kam zwei Tage nachher eine andere Kunde. 1⁵6 Duprat und Jourdan waren von dem, was vor⸗ ging, unterrichtet worden. Wo ſollten ſie ihre zerſtreuten Leute finden? Duprat hatte eine Idee; in Form eines Rappells die bekannte ſilberne Glocke läuten, welche nur bei zwei Viſen ertönte: bei der Weihung der Päpſte, bei ihrem ode. Sie gab einen ungewöhnlichen, geheimnißvollen, ſelten gehörten Ton von ſich. Dieſer Ton brachte zwei entgegengeſetzte Wirkungen hervor. Er machte das Herz der Papiſten zu Eis erſtarren, er verlieh den Revolutionären wieder den Muth. Beim Tone dieſer Glocke, die einen unbekannten Sturm läutete, eilten die Lente vom Lande aus der Stadt und entflohen Jeder in der Richtung ſeines Wohn⸗ ortes. Bei dieſem Rufe der ſilbernen Glocke verſammelte Jourdan ungefähr dreihundert von ſeinen Soldaten. Er nahm wieder die Thore der Stadt und ließ hier hundert und fünfzig Mann, um ſie zu bewacheu. Mit den hundert und fünfzig Anderen marſchirte er gegen die Franciscaner Kirche. Er hatte zwei Kanonen; dieſe pflanzte er gegen die Menge auf, ſchoß und tödtete auf's Gerathewohl. Dann drang er in die Kirche ein. Die Kirche war verlaſſen; Lescuyer röchelte zu den Füßen der Jungfran, welche ſo viel Wunder gethan, aber nicht die Gnade gehabt hatte, ihre Hand auszu⸗ ſtrecken, um dieſen Unglücklichen zu retten. Man hätte glauben ſollen, er könne nicht ſterben; dieſer blutige Fetzen, der nur noch eine Wunde, war auf das Leben erpicht. Man trug ihn ſo durch die Straßen; überall, wo der Zug durchkam, ſchloßen die Leute ihre Fenſter und riefen: lls wei em en, en n, en er n⸗ ie en n. u⸗ r d 157 „Ich war nicht bei den Franciscanern!“ Jourdan und ſeine hundert und fünfzig Mann konn⸗ ten fortan mit Avignon und ſeinen dreißigtauſend Ein⸗ wohnern machen, was ſie wollten, ſo groß war der Schrecken. Sie machten damit im Kleinen, was Marat und Panis mit Paris am 2. September machten. Man wird ſpäter ſehen, warum wir ſagen Marat und Panis, und nicht Danton. Man ermordete ſiebenzig bis achtzig Unglückliche, die man durch die päpſtlichen Oublietten im Thurme der Glaciöre ſtürzte. Das war die Nachricht, welche kam und durch er⸗ ſchreckliche Repreſſalien den Tod von Leseuyer vergeſſen machte. Was die Emigrirten betrifft, weiche Briſſot ver⸗ tbeidigte, und denen er Frankreich ſeine Thore wollte öffnen ſehen, ſie thaten Folgendes im Auslande: Sie verſöhnten Oeſterreich mit Preußen und mach⸗ ten zwei Freunde aus dieſen zwei geborenen Feinden. Sie bewirkten, daß Rußland unſerem Botſchafter verbot, ſich in den Straßen von Petersburg zu zeigen, einen Geſandten zu den Flüchtlingen in Coblenz chickte. Sie machten, daß Bern eine Schweizer⸗Stadt beſtrafte, die das revolutionäre Ca ira geſungen hatte. Sie machten, daß Genf, die Vaterſtadt von Rouſ⸗ ſeau, der ſo viel für dieſe Revolution gethan, welche die Franzoſen volfführten, gegen uns die Mündung ſeiner Ka⸗ nonen richtete. Sie machten, daß der Biſchof von Lüttich ſich wei⸗ gerte, einen franzöſiſchen Geſondten zu empfangen. Allerdings thaten die Könige von ſelbſt ganz An⸗ eres. Rußland und Schweden ſchickten uneröffnet Lud⸗ 158 wig XVI. die Depechen zurück, worin er ihnen mittheilte, daß er der Conſtitution beigetreten. Spanien weigerte ſich, ſie zu empfangen, und über⸗ lieferte der Inquiſition einen Franzoſen, der dem San⸗ Benito nur dadurch entging, daß er ſich ſelbſt tödtete. Venedig warf auf den St. Marcus⸗Platz den Leich⸗ nam eines in der Nacht auf Befehl des Rathes der Zehn erwürgten Mannes mit dem einfachen Anhängezettel: „Erdroſſelt als Freimaurer!“ Der Kaiſer und der König von Preußen antworte⸗ ten endlich, doch ſie antworteten mit einer Drohung. „Wir wünſchen,“ ſagten ſie,„daß man der Roth⸗ wendigkeit zuvorkomme, ernſte Maßregeln gegen die Rück⸗ kehr der Dinge zu ergreifen, welche zu ſo traurigen Vor⸗ zeichen Anlaß geben!“ Alſo Bürgerkrieg in der Vendée, Bürgerkrieg im Süden, Kriegsdrohung des Auslandes öberall. Sodann, jenſeits des Atlantiſchen Meeres, das Ge⸗ ſchrei der ganzen Bevölkerung einer Inſel, die man er⸗ mordet. Was iſt denn dort im Weſten geſchehen? wer ſind die ſchwarzen Sklaven, welche, müde, geſchlagen zu wer⸗ den, nun tödten? Es ſind die Neger von St. Domingo, die ſich eine blutige Genugthnung nehmen! Wie haben ſich die Dinge ereignet? Mit zwei Worten,— das heißt, auf eine weniger weitſchweifige Art als bei Avignon: bei Avignon haben wir uns fortreißen laſſen; mit zwei Worten werden wir es Ihnen erklären. Die conſtituirende Verſammlung hatte den Regern die Freiheit verſprochen. Ogé ein junger Mulatte, eines von den wackeren, glühenden, hingebenden Herzen, wie ich viele habe kennen lernen, war über die Meere zurückgekehrt und hatte die lte, er⸗ an⸗ ehn te⸗ th⸗ or⸗ ne e en ir rn n, en ie 159 befreienden Decrete in dem Augenblick, wo ſie erlaſſen worden, mitgenommen. Obſchon noch nichts Officielles über dieſe Decrete angelangt war, forderte er doch den Gouverneur, in ſei⸗ nem Drange nach Freiheit, auf, ſie zu verkündigen. Der Gouverneur gab Befehl, ihn zu verhaften; Ogs flüchtete ſich nach dem ſpaniſchen Theile der Inſel. Die ſpaniſchen Behörden,— man weiß, wie Spa⸗ nien für die Revolntion geſinnt war,— die ſpaniſchen Behörden lieferten ihn aus. Ogé wurde bei lebendigem Leibe gerädert! Ein paniſcher Schrecken folgte auf dieſe Hinrichtung; man vermuthete, er habe eine große Anzahl MWitſchuldige auf der Inſel; die Pflanzer machten ſich ſelbſt zu Rich⸗ tern und vervielfältigten die Executionen. In einer Nacht empörten ſich ſechzigtauſend Neger; die Weißen wurden durch den ungeheuren Brand, der ihre Pflanzungen verzehrte, aufgeweckt. 5 Acht Tage nachher war der Brand im Blute ge⸗ öſcht. Was wird Frankreich, ein in einen Feuerkreis ein⸗ geſchloſſener, armer Salamander machen? Wir werden es ſogleich ſehen! 160 OXXII. Der Rrieg. — In ſeiner ſchönen, energiſchen Rede über die Emi⸗ grirten hatte Briſſot klar die Abſichten der Könige und die Todesart, die ſie der Revolution vorbehielten, nach⸗ gewieſen. Würde man ſie ſchlachten? Nein, man würde ſie erſticken! Nachdem er ſodaun das Gemälde des europäiſchen Bundes gemacht, nachdem er dieſen Kreis von Fürſten gezeigt, die Einen mit dem Schwerte in der Hand und offen die Fahne des Haſſes aufpflanzend, die Anderen noch ihr Geſicht mit der Larve der Heuchelei bedeckend, bis ſie dieſelbe abwerfen könnten, rief er: „Nun, es ſei! nehmen wir nicht nur die Heraus⸗ forderung vom ariſtokratiſchen Europa an, ſondern kom⸗ men wir ihm ſogar zuvor; warten wir nicht, bis man uns angreift: greifen wir ſelbſt an!“ Und bei dieſem Rufe begrüßte ein ungeheurer Bei⸗ fallsſturm den Redner. Briſſot, mehr ein Mann des Inſtinctes, als des Genies, hatte geantwortet auf den heiligen Gedanken, auf den Gedanken der Hingebung, der bei den Wahlen von 1791 den Vorſitz geführt: Krieg!* Nicht jener egoiſtiſche Krieg, den ein Deſpot erklärt, um eine ſeinem Throne, ſeinem Namen, dem Namen von einem ſeiner Verbündeten angethane Beleidigung zu rächen, oder eine unterworfene Provinz ſeinem König⸗ reiche oder ſeinem Kaiſerthum beizufügen, ſondern der Krieg, der den Lebenshauch mit ſich führt; der Krieg, mi⸗ und ach⸗ 161 deſſen ſchmetternde Fanfaren überall, wo ſie gehört wer⸗ den, ſagen: Erhebet Euch, Ihr, die Ihr frei ſein wollt! wir bringen Euch die Freiheit!“ Und, in der That, die Welt fing an ein großes Gemurre zu hören, das, ähnlich dem Toſen einer Fluth, immer mehr ſtieg und zunahm. Dieſes Gemurre war das von dreißig Millionen Stimmen, welche noch nicht ſprachen, aber ſchon brüll⸗ ten, und dieſes Gebrülle hatte Briſſot durch die Worte überſetzt:„Warten wir nicht, bis man uns angreift: greifen wir ſelbſt an!“ Von dem Augenblicke, wo auf ſeine drohende Rede ein allgemeines Beifallklatſchen geantwortet hatte, war Frankreich ſtark; es konnte nicht nur angreifen, ſondern es ſollte ſogar ſiegen. Es blieben die Detailfragen. Unſere Leſer mußten bemerken, daß es ein geſchichtliches Buch iſt, und nicht ein Roman, was wir machen; wir werden wahrſcheinlich nie auf dieſe große Epoche zurückkommen, der wir ſchon lanche von Beaulieu und den Chevalier von Maiſon Ronge, ſo wie ein ſeit drei Jahren geſchrie⸗ benes Buch, das noch nicht erſchienen iſt, aber erſcheinen wird, entlehnt haben: wir müſſen alſo Alles das, was ſie enthält, ausdrücken. Nichtsdeſtoweniger werden wir raſch über dieſe Detailfragen hingehen, um ſo ſchnell als möglich zu den reigniſſen zu kommen, die wir noch zu erzählen haben, und mit denen mehr insbeſondere die Perſonen unſeres Buches vermengt ſind. Die Erzählung der Ereigniſſe in der Vendée, der Metzeleien in Avignon, der Inſulten Europas erſcholl wie ein Donnerſchlag in der geſetzgebenden Verſammlung. Am 20. October begnügte ſich Briſſot, wie wir geſehen, mit einer Auſlage auf die Güter der Emigrirten, am 25. verurtheilte Condorcet ihre Güter zum Sequeſter und Die Gräfin von Charny. VI. 11 162 forderte von ihnen den Bürgereid.— Den Bürgereid von Menſchen, die ſich außerhalb Frankreich, gegen Frankreich bewaffnet, aufhielten! Da erhoben ſich zwei Repräſentanten, von denen der Eine der Barnave, der Andere der Mirabeau dieſer Verſammlung wurden: Vergniand, Isnacd. Vergniaud, eine von den poetiſchen, zarten, ſympa⸗ thetiſchen Erſcheinungen, wie ſie die Revolutionen nach ſich ziehen, war ein Kind der fruchtbaren Limoges, ſanſt, mehr liebreich, als leidenſchaftlich, gut und glücklich ge⸗ boren, ausgezeichnet durch Turgot, den Intendanten des Limouſin, und von ihm in die Schule von Bordeaux ge⸗ ſchickt; ſeine Rede war weniger herb, weniger mächtig, als die von Mirabean; aber, obſchon von den Griechen inſpirirt und ein wenig mit Mythologie überladen, we⸗ niger weitſchweifig, weniger rabuliſtiſch, als die von Bar⸗ nave. Was den fortdauernd lebendigen, einflußreichen Theil ſeiner Beredtſamkeit bildete, das war die menſch⸗ liche Note, die ewig darin vibrirte; in der Verſammlung, unter den glühenden und erhabenen Zornausbrüchen der Tribunen, hörte man immer aus ſeiner Bruſt den Aus⸗ druck der Natur oder des Mitleids hervorſpringen; das Haupt einer erbitterten, heftigen, ſtreitſüchtigen Partei, ſchwebte er immer ruhig und würdig über der Lage⸗ ſeibſt wenn die Lage tödtlich war; ſeine Feinde nannten ihn nnentſchieden, weich, zuweilen indolent; ſie fragten, wo ſeine Seele ſei, welche abweſend zu ſein ſchien; ſie hat⸗ ten Recht: ſeine Seele wohnte nur in ihm, wenn er eine Anſtrengung machte, um ſie in ſeine Bruſt zu feſ⸗ ſeln; ſie irrte umher auf den Lippen, ſie zeigte ſich durch⸗ ſcheinend in den Augen, ſie vibrirte in der Harfe der ſchönen, der guten, der reizenden Candeille. Isnard,— ganz das Gegentheil von Vergniaud, der gewiſſer Maßen ihre Ruhe,— Isnard war der Zorn der legislativen Verſammlung. Geboren in Graſſe, 2 Fr ber bel get M ver eid en der ſer„ pa⸗ ſich nft, ge⸗ des ge⸗ tig, hen we⸗ ar⸗ chen ſch⸗ ung⸗ der lus⸗ das rtei, age, nten „wo hat⸗ ner feſ⸗ urch⸗ der 2 iaud, der raſſe, 163 der Heimath der Wohlgerüche und des Miſtrals*), hatte er die heftigen plötzlichen Zornausbrüche dieſes Rieſen der Luft, der mit demſelben Hauche die Felſen entwur⸗ zelt und die Roſen entblättert; ſeine unbekannte Stimme brach los wie einer von jenen unerwarteten Donnern der erſten Gewitter des Sommers: beim erſten Tone dieſer Stimme ſchauerte die ganze Verſammlung, die Zerſtreuteſten ſchauten empor, und Jedermann war, be⸗ bend wie Kain bei der Stimme Gottes, im Begriffe, zu fragen:„Sprichſt Du mit mir, Herr?“ Man hatte ihn unterbrochen. „Ich frage,“ rief er,„ich frage die Verſammlung, Frankreich, die Welt,— Sie, mein Herr!... Und er bezeichnete den Unterbrecher. „Ich frage, ob Einer da iſt, der, in gutem Glau⸗ ben und in der geheimen Zuſtimmung ſeines Gewiſſens behaupten will, die emigrirten Prinzen conſpiriren nicht gegen das Vaterland... Ich frage zweitens, ob Einer in dieſer Verſammlung iſt, der zu behaupten wagt, jeder Renſch, der conſpirire, müſſe nicht ſchleunigſt angeklagt, verfolgt und beſtraft werden. „Iſt Einer da, ſo ſtehe er auf.“ „Man hat Ihnen geſagt, die Milde ſei die Pflicht der Stärke, gewiſſe Mächte ſetzen ihre Truppen auf den Friedensfuß; und ich, ich ſage Ihnen, daß wir wachen müſſen, daß der Deſpotismus und die Ariſtokratie weder Ruhe noch Raſt haben, und daß die Nationen, wenn ſie einen Augenblick einſchlafen, gefeſſelt wiedererwachen. Das am Wenigſten verzeihliche Verbrechen iſt das, wel⸗ ches zum Zwecke hat, den Menſchen zur Sklaverei zurück⸗ zuführen. Wäre das Feuer des Himmels in der Gewalt der Menſchen, ſo müßte man diejenigen damit ſchlagen, welche ſich an der Freiheit der Völker vergreifen.“ *) Nordweſtwind. 164 Es war das erſte Mal, daß man ſolche Worte hörte; dieſe derbe, ungeſtüme Beredtſamkeit riß Alles mit ſich fort, wie die Lawine, die von den Alpen herabkommt, Bäume, Herden, Hirten, Häuſer fortreißt. Noch während der Sitzung wurde beſchloßen: „Weun Ludwig Stanislaus Kaver, franzöſiſcher —, Prinz, nicht in zwei Monaten zurückkehrt, ſo entſagt er ſeinen Rechten auf die Regentſchaft.“ Feruer am 8. November: „Wenn die Emigrirten nicht bis zum 1. Januar zurückkehren, ſo werden ſie der Conſpiration ſchuldig er⸗ klärt, gerichtlich verfolgt und mit dem Tode beſtraft werden.“ Am 29. November iſt ſodann die Reihe au den Prieſtern. „Der Bürgereid wird in der Friſt von acht Tagen gefordert werden. „Diejenigen, welche ihn verweigern, werden der Em⸗ pörung verdächtig gehalten und zur Ueberwachung den Behörden empfohlen. „Befinden ſie ſich in einer Gemeinde, wo religiöſe Unruhen entſtehen, ſo kann ſie das Directorium des etenenſe von ihrem gewöhnlichen Wohnorte ent⸗ ernen. eingeſperrt; reizen ſie zum Ungehorſam auf, auf zwei Jahre. ſchreiten genöthigt iſt, hat die Koſten davon zu tragen⸗ „Die Kirchen ſollen nur für den beſoldeten Cultus des Staates dienen; diejenigen, welche nicht hiefür nöthig ſind, können für einen andern Cultus gekauft werden⸗ aber nicht für die, welche den Eid verweigern. „Die Municipalitäten werden an die Departements und dieſe an die geſetzgebende Verſammlung die Liſte der Prieſter, welche geſchworen, und derjenigen, welche „Sind ſie ungehorſam, ſo werden ſie auf ein Jahr „Die Gemeinde, wo die bewaffnete Macht einzu⸗ —„— — te; ſich nt, er ar er⸗ = 165 den Eid verweigert haben, mit Bemerkungen über ihre Verbindung unter ſich und mit den Emigrirten ſchicken, damit die legislative Verſammlung auf Mittel, die Re⸗ bellion zu vertilgen, bedacht ſei. „Die legislative Verſammlung betrachtet als eine Wohlthat die guten Werke, welche die Landlente über die angeblichen religiöſen Fragen aufklären können: ſie wird ſie drucken laſſen und die Verfaſſer belohnen.“ Wir haben geſagt, was aus den Conſtituirenden, ſonſt genannt die Conſtitutionellen, geworden, wir haben gezeigt, in welcher Abſicht ſie die Feuillants gegründet. Ihr Geiſt war vollkommen im Einklunge mit dem Departement Paris. Es war der Geiſt von Barnave, von Lafayette, von Lameth, von Duport, von Bailly, der noch Maire war, aber es zu ſein aufhören ſollte. Sie ſahen in dem Decret über die Prieſter„ein Decret,“ wie ſie ſagten,„gegen das öffentliche Gewiſſen erlaſſen,“ ſie ſahen in dem Decret über die Emigrirten, „ein Decret gegen die Familienbande erlaſſen,“ ein Mit⸗ tel, es mit der Macht des Königs zu verſuchen. Der Clubb der Fenillants entwarf und das Direc⸗ torium von Paris unterzeichnete gegen dieſe zwei Decrete eine Proteſtation, in welcher man Ludwig XVI. bat, dem die Prieſter betreffenden Decret ſein Veto ent⸗ gegenzuſetzen. Man erinnert ſich, daß die Conſtitution Ludwig XVI. das Recht des Veto vorbehielt. Wer unterzeichnete dieſe Proteſtation? Der Mann, der zuerſt die Geiſtlichkeit angegriffen, der Mephiſtophe⸗ les, der mit ſeinem Pferdefuß den Spiegel zerbrochen: Talleyrand! Der Mann, der ſeitdem gemacht hat, daß die Diplomatie mit der Loupe nicht mehr ſehr klar in der Revolution ſah. Das Gerücht vom Veto verbreitete ſich zum Vor⸗ aus. 166 1 Die Cordeliers ſtellten Camille Desmoulins voran, — dieſen Lanzenträger, den man immer bereit findet, ſeine Pieke mitten ins Ziel zu ſtoßen. Er machte auch ſeine Petition. Doch ein unmöglicher Stammler, wenn er das Wort* . nehmen verſuchte, beauftragte er Fauchet, ſie zu eſen. Fauchet las ſie. Sie wurde vom Anfang bis zum Ende beklatſcht. Es war ſchwierig, die Frage mit mehr Ironie zu handhaben, und zugleich der Sache mehr auf den Grund zu gehen. „Wir beklagen uns,“ ſagte der Schulkamerad von Robespierre und der Freund von Danton,„wir bekla⸗ gen uns weder über die Conſtitution, die das Veto zu⸗ geſtanden hat, noch über den König, der davon Gebrauch macht, indem wir uns der Maxime eines großen Politi⸗ kers, des Macchiavelli, erinnern: Soll der Fürſt auf die, Souverainetät verzichten, ſo wäre die Nation zu unge⸗ recht, zu grauſam, fände ſie es ſchlimm, daß er ſich be⸗ ſtändig dem allgemeinen Willen widerſetzt, weil es ſchwer gegen die Ratur iſt, freiwillig von ſo hoch herabzu⸗ fa en.““ „Durchdrungen von dieſer Wahrheit, ein Beiſpiel an Gott ſelbſt nehmend, deſſen Gebote durchaus nicht unmöglich ſind, werden wir nie vom vormaligen Son⸗ verain eine unmögliche Liebe für die nationale Souve⸗ rainetät fordern, und wir finden es nicht ſchlimm, daß er ſein Veto gerade den beſten Decreten entgegenſetzt.“ Die Verſammlung klatſchte, wie geſagt, Beifall,; nahm die Petition an, beſchloß die Einſchreibung in das Protocoll und die Ueberſendung des Protocolls an die Departements. Am andern Tage geriethen die Feuillants in Auf⸗ ruhr. ———„— e— 167 an, Viele Mitglieder des Clubbs, Abgeordnete bei den det, Legislativen, hatten der Sitzung nicht beigewohnt. Die am Tage vorher Abweſenden drangen am an⸗ dern Tage ſtürmiſch in die Verſammlung ein⸗ ort* Sie waren ihrer zweihundert und ſechzig. Man erklärte den Beſchluß vom vorhergehenden Tage u z dem Ziſchen und Pfeifen der Tribunen für un⸗ gultig. ht. Das war der Krieg zwiſchen der geſetzgebenden zu Verſammlung und dem Clubb, der ſich von da an nur uud um ſo mehr auf die durch Robespierre vertretenen Jacv⸗ biner und auf die durch Danton repräſentirten Corde⸗ von liers ſtützte. kla⸗ Danton gewann in der That an Popularität, ſein zu⸗ ungeheurer Kopf fing an ſich über die Menge zu erhe⸗ n ben; ein Rieſe Adamaſtor wuchs er vor dem Königthum, liti⸗ und er ſagte zu ihm:„Nimm dich in Acht! das Meer, die, auf dem du ſchiffſt, heißt das Meer der Stürme!“ nge⸗ Dann kommt plötzlich die Königin den Jacobinern be⸗ gegen die Feuillants zu Hülſe. wer Der Haß von Marie Antvinette iſt bei der Revo⸗ bzu⸗ lution das geweſen, was auf dem Atlantiſchen Meere die Windſtöße ſind. piel Marie Antoinette haßte Lafayeite, der ſie am 6. Oe⸗ icht tober gerettet, der ſeine Popularität um des Hofes wil⸗ ou⸗ len am 17. Juli verloren hatte. uve⸗ Lafayette trachtete darnach, Bailly als Maire von daß Paris zu erſetzen. t.“ Die Königin, ſtatt Lafayette zu unterſtützen, ließ fall,; die Royaliſten zu Gunſten von Pétion ſtimmen. Selt⸗ das ſame Verblendung! zu Gunſten von Pötion, ihrem bru⸗ die talen Reiſegefährten bei der Rückkehr von Varennes. Am 19. December erſcheint der König in der legis⸗ Auf⸗ lativen Verſammlung; er bringt ſein Veto gegen das über die Prieſter erlaſſene Decret. 168 Am Tage vorher hatte bei den Jacobinern eine ernſte Demonſtration ſtattgefunden. Ein Schweizer von Reuchatel, Virchaux, derſelbe, der auf dem Marsfelde die Petition für die Republik ſchrieb, hatte der Geſellſchaft einen Damascener⸗Säbel, beſtimmt für den erſten General, der die Feinde der Freiheit beſiegen würde, angeboten. Isnard war da; er nahm den Säbel des jungen Republicaners, zog ihn aus der Scheide, ftürzte auf die Tribune und rief: „Hier iſt das Schwert des Würgengels! Es wird ſiegreich ſein! Frankreich wird einen gewaltigen Schrei ausſtoßen, und die Völker werden antworten; die Erde wird ſich dann mit Streitern bedecken, und die Feinde ehi werden von der Liſte der Menſchheit ge⸗ löſcht ſein!“ Ezechiel hätte nicht beſſer geſprochen! Das gezogene Schwert ſollte nicht wieder in die Scheide geſteckt werden: ein doppelter Krieg war dem Innern und dem Auslande erklärt. 3 Das Schwert des Republicaners von Neuchatel ſollte zuerſt den König von Frankreich treffen; dann, nach dem König von Frankreich, die auswärtigen Khnige. e, lit el, en ie d ei e e e n e —— 169 cxRIII. Ein Mliniſter von der Fagon von Frau von Stasl. Gilbert hatte die Königin nicht wiedergeſehen ſeit dem Tage, wo ihn dieſe, nachdem ſie ihn gebeten, einen Augenblick in ihrem Cabinet auf ſie zu warten, hier ge⸗ laſſen, um den politiſchen Plan zu hören, den Herr von Breteuil von Wien zurückbrachte, und der in folgenden Worten abgefaßt war: „Es mit Barnave machen wie mit Mirabeau, Zeit gewinnen, die Conſtitution beſchwören, ſie buchſtäblich vollziehen, um zu zeigen, daß ſie unausführbar iſt. Frankreich wird erkalten, ſich langweilen; die Franzoſen haben einen leichten Sinn: es wird eine neue Mode ent⸗ ſtehen, und die Freiheit wird vorübergehen. „Geht die Freiheit nicht vorüber, ſo wird man ein Jahr gewonnen haben, und in einem Jahre werden wir zum Kriege bereit ſein.“ Seit dieſer Zeit waren ſechs Monate verlaufen, die Freiheit war nicht vorübergegangen, und die fremden Fürſten waren vffenbar im Zuge, ihr Verſprechen zu er⸗ füllen, und trafen Anſtalten zum Kriege. Gilbert war ganz erſtaunt, als er eines Morgens den Kammerdiener der Königin bei ſich eintreten ſah. Er dachte Anfangs, der König ſei krank und laſſe ihn holen. Doch der Kammerdiener beruhigte ihn. Man verlangte nach ihm im Schloſſe. Gilbert wollte durchaus wiſſen, wer nach ihm ver⸗ 170 lange, doch der Kammerdiener, der ohne Zweifel Befehle hatte, ging nicht ab von der Formel: „Man verlangt nach Ihnen im Schloſſe.“ Gilbert hegte eine tiefe Anhänglichkeit für den König; er beklagte Marie Antvinette noch mehr als Frau, denn als Königin: ſie flößte ihm weder Liebe, Ergebenheit ein, er fühlte nur ein inniges Mitleid ür ſie. Er gehorchte ſchleunigſt. 5 Man führte ihn in das Entreſol ein, wo man Bar⸗ nave empfing. Eine Frau erwartete ihn in einem Fauteuil; ſie ſtand auf, als ſie Gilbert erſcheinen ſah. Gilbert erkannte Madame Eliſabeth. Für dieſe hatte er eine tiefe Ehrfurcht, denn er wußte, was Alles von engeliſcher Güte in ihrem Her⸗ zen war. verbeugte ſich vor ihr und begriff auf der Stelle die Lage. Weder der König, noch die Königin hatten es ge⸗ wagt, ihn in ihrem Namen holen zu laſſen: man ſtellte Madame Eliſabeth voran. Die erſten Worte von Madame Eliſabeth bewieſen dem Doctor, daß er ſich in ſeinen Vermuthungen nicht täuſchte. „Herr Gilbert,“ ſprach ſie,„ich weiß nicht, ob An⸗ dere die Zeichen von Theilnahme, die Sie meinem Bruder bei unſerer Rückkehr von Verſailles gegeben, die, welche Sie meiner Schwägerin bei unſerer Ankunft von Varennes gegeben, vergeſſen haben: ich erinnere mich derſelben.“ 8 Gilbert verbeugte ſich.* „Madame,“ ſagte er,„Gott hat in ſeiner Weisheit beſchloſſen, Sie ſollen alle Tugenden haben, ſelbſt die des Gedächtniſſes, eine ſeltene Tugend in unſeren Ta⸗ gen, beſonders bei den königlichen Perſonen.“. S 6* „Sie ſagen das nicht hinſichtlich meines Bruders, nicht wahr, Herr Gilbert? Mein Brudet ſpricht oft mit mir von Ihnen, und er hält ſehr viel auf Ihre Erfah⸗ rung.“ „Als Arzt?“ fragte lächelnd Gilbert. „Als Arzt, ja, mein Herr; nur glaubt er, Ihre Erfahrung laſſe ſich zugleich auf die Geſundheit des Königs und auf die des Königreiches anwenden.“ „Der König iſt ſehr gut, Madame! Für welche von beiden Geſundheiten läßt er mich in dieſem Augenblicke rufen?“ „Es iſt nicht der König, der Sie rufen läßt, mein Herr,“ Madame Eliſabeth leicht denn dieſes keuſche Herz konnte nicht lügen,„ich bin es.“ eh fragte Gilbert.„Oh! es iſt wenigſtens nicht Ihre Geſundheit, was Sie quält. Ihre Bläſſe iſt die der Ermattung und der Unruhe, nicht die der Krankheit.“ „Sie haben Recht, mein Herr, nicht für mich zittere ich, für meinen Bruder: er beunruhigt mich.“ „Mich auch, Madame,“ ſprach Gilbert. „Ah! unſere Beſorgniß kommt wahrſcheinlich nicht aus derſelben Quelle; ich will ſagen, er beunruhige mich wegen ſeiner Geſundheit.“ „Sollte der König krank ſein?“ „Nicht gerade,“ verſetzte Madame Eliſabeth,„doch der König iſt niedergeſchlagen, entmuthigt... So hat er heute vor zehn Tagen,— Sie begreifen, ich zähle die Tage,— heute vor zehn Tagen hat er nicht ein ein⸗ ziges Wort geſprochen, außer mit mir und bei ſeiner gewöhnlichen Partie Triktrak, wo er genöthigt iſt, die bei dieſem Spiele nnerläßlichen Worte zu ſagen.“ „Es ſind heute elf Tage, daß er in der Aſſemblée erſchienen iſt, um ihr ſein Veto zu bedenten... Wa⸗ rum iſt er nicht ſtumm am Morgen dieſes Tages gewor⸗ den, ſtaͤtt die Sprache am andern Tage zu verlieren!“ 172 „Mein Herr,“ rief lebhaft Madame Eliſabeth,„es war alſo Ihre Anſicht, mein Bruder hätte dieſen gottloſen Beſchluß ſanctioniren ſollen?“ „Madame, den König den Prieſtern gegen den Strom, der kommt, gegen die Fluth, welche ſteigt, gegen den Sturm, der toſt, voranſtellen heißt meiner Anſicht nach wollen, daß König und Prieſter mit einem Schlage zerſchmettert werden.“ „Was würden Sie aber an der Stelle meines Bruders thun?“ „Madame, es gibt in dieſem Augenblicke eine Par⸗ tei, welche wächſt, wie jene Rieſen von Tanſend und eine Nacht, die, in ein Gefäß eingeſchloſſen, eine nachdem das Gefäß zerbrochen iſt, hundert Ellen hoch ſind.“ „Sie meinen die Jacobiner, mein Herr?“ Gilbert ſchüttelte den Kopf. „Nein, ich meine die Gironde. Die Jacobiner wollen nicht den Krieg; die Gironde will ihn: der Krieg iſt national!“ „Aber den Krieg... den Krieg mit wem, mein Gott? Mit dem Kaiſer, unſerem Bruder? mit dem König von Spanien, unſerem Reffen? Unſere Feinde, Herr Gilbert, ſind in Frankreich, und nicht außer Frank⸗ reich, und zum Beweiſe...“ Madame Eliſabeth zögerte. „Sprechen Sie, Madame,“ ſagte Gilbert. „Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich Ihnen das ſa⸗ gen kann, Doctor, obſchon ich Sie deshalb habe kom⸗ men laſſen.“ „Sie können mir, einem ergebenen Manne, der be⸗ reit iſt, ſein Leben dem König zu opfern, Alles ſagen.“ „Mein Herr,“ fragte Madame Fliſabeth,„glauben Sie, daß es ein Gegengift gibt?“ „Ein allgemeines? Nein, Madame; nur hat jede giftige Subſtanz ihr Gegengift, obgleich in der Regel⸗ 173 ich es ſagen, dieſe Gegengifte faſt immer unmäch⸗ tig ſind.“ „Oh! mein Gott!“ „Man müßte vor Allem wiſſen, ob das Gift ein mineraliſches oder vegetabiliſches iſt. Gewöhnlich wirken die mineraliſchen Gifte auf den Magen und die Einge⸗ weide, die vegetabiliſchen auf das Nervenſyſtem. Welche Art von Gift meinen Sie, Madame?“ „Hören Sie, ich will Ihnen ein Geheimniß ſagen.“ „Ich höre, Madame.“ „Nun, ich befürchte, man vergiftet den König.“ „Wer ſoll ſich eines ſolchen Verbrechens ſchuldig machen?“ „Vernehmen Sie, was geſchehen iſt: Herr Laporte der Intendant der Civilliſte, Sie wiſſen?“ „Ja, Madame... „Nun wohl, Herr Laporte hat uns mittheilen laſ⸗ ſen, ein Menſch von der Officin des Königs, der ſich als Paſtetenbäcker im Palais⸗Royal etablirt hatte, werde zu den Functionen ſeiner früheren Stelle zurückkehren, die ihm der Tod ſeines Anwarters wiedergebe. Dieſer Menſch, der ein unbändiger Jacobiner iſt, hat ganz laut geſagt, man würde Frankreich durch die Ver⸗ giftung des Königs eine große Wohlthat erweiſen.“ „Im Allgemeinen, Madame, rühmen ſich die Leute, die ein ſolches Verbrechen begehen wollen, nicht zum Voraus damit.“ „Oh! mein Herr, es wäre ſo leicht, den König zu vergiſten. Zum Glück hat derjenige, welchem wir miß⸗ nien im Palaſte nichts Anderes als Backwerk zu be⸗ orgen.“ „Sie haben alſo Vorſichtsmaßregeln getroffen, Ma⸗ ame?“ „Ja, es iſt beſchloſſen worden, der König ſoll nur noch Braten eſſen; das Brod ſoll durch Herrn Thierry, den Intendanten der kleinen Gemächer, gebracht werden, der 174 es zugleich übernimmt, den Wein zu liefern. Was das Backwerk betrifft, das der König ſehr liebt, ſo hat Ma⸗ dame Campan Befehl erhalten, ſolches, wie für ſich, bald bei dem einen, bald bei dem andern Paſtetenbäcker zu kaufen. Man hat uns beſonders empfohlen, dem ge⸗ ſtoßenen Zucker zu mißtrauen.“ „Weil man Arſenik darunter miſchen kann, ohne daß man es bemerkt.“ „Garz richtig... Die Königin pflegte ihr Waſſer mit ſolchem Zucker zu vermiſchen: wir haben das völlig aufgegeben. Der König, die Königin und ich, wir eſſen mit einander; wir behelfen uns ohne irgend eine Dienſtperſon: hat Eines von uns etwas zu verlangen, ſo klingelt es. Madame Campan bringt, ſobald der König bei Tiſche ſitzt, durch einen beſonderen Eingang das Backwerk, das Brod und den Wein; man verbirgt Alles dies unter der Tafel, und man gibt ſich den An⸗ ſchein, als tränke man Wein vom königlichen Keller, als äße man das Brod und das Backwerk aus den Bäckereien des Hofes. So leben wir, mein Herr! Und dennoch zittern wir, die Königin und ich, jeden Augen⸗ blick, den König plötzlich erbleichen und die zwei furcht⸗ baren Worte:„„Ich leide!““ ausſprechen zu hören!“ „Laſſen Sie mich Ihnen vor Allem verſichern, Ma⸗ dame, daß ich an dieſe Vergiftungsdrohungen nicht glaube. Sodann aber ſtelle ich mich nichtsdeſtoweniger ganz und gar zu den Dienſten Ihrer Majeſtäten. Was wünſcht der König? Will der König mir ein Zimmer im Schloß geben? Ich werde hier bleiben, daß man mich jeden Angenblick findet, bis zu dem Momente, wo ſeine Befürchtungen...5— „Oh! mein Bruder befürchtet nichts,“ verſetzte leb⸗ haft Madame Eliſabeth. „Ich irre mich, Madame„. Bis zu dem Mo⸗ mente, wo Ihre Befürchtungen vorüber ſein werden. Ich habe einige Praris in den Giften und Gegengiften, und 175 ich werde mich bereit halten, ſie zu bekämpfen, von wel⸗ cher Art ſie auch ſein mögen; doch erlauben Sie mir, beizufügen, Madame, daß man, wenn der König wollte, bald nichts mehr für ihn zu befürchten hätte.“ „Oh! was muß man zu dieſem Ende thun?“ fragte eine Stimme, welche nicht die von Madame Eliſabeth war, und die durch ihren vibrirenden Klang Gilbert ſich umzudrehen veranlaßte. Der Doctor täuſchte ſich nicht, dieſe Stimme war die der Königin. Gilbert verbeugte ſich und ſprach: „Madame, brauche ich der Königin die Betheuerun⸗ gen der Ergebenheit, die ich ſo eben Madame Eliſabeth machte, zu wiederholen?“ „Nein, mein Herr, nein; ich habe Alles gehört... Ich wollte nur wiſſen, was Ihre Geſinnung in Beziehung auf uns iſt?“ „Die Königin hat an der Feſtigkeit meiner Gefühle gezweifelt?“ „Oh! mein Herr, ſo viele Köpfe und ſo viele Her⸗ zen drehen ſich bei dieſem Sturmwinde, daß man wahr⸗ haftig nicht mehr weiß, wem man trauen ſoll.“ „Und darum wird die Königin von der Hand der Feuillants einen von Frau von Stasl faconnirten Mi⸗ niſter empfangen?“ Die Königin ſchauerte. „Sie wiſſen das?“ ſagte ſie. „Ich weiß, daß Eure Majeſtät mit Herrn von Narbonne in Verbindung ſteht.“ „Und Sie tadeln mich ohne Zweifel?“ „Nein, Madame, das iſt ein Verſuch wie ein an⸗ derer.“ „Sie haben Frau von Staöl kennen lernen, mein Herr?“ fragte die Königin. Ich habe dieſe Ehre gehabt, Madame. Als ich die Baſtille verließ, begab ich mich zu ihr, und von Herrn 176 von Necker habe ich erfahren, daß ich auf Empfehlung der Königin verhaftet worden war.“ Die Königin erröthete ſichtbar; dann ſagte ſie mit einem Lächeln: „Wir haben verſprochen, nicht auf dieſen Irrthum zurückznkommen.“ „Ich komme nicht auf dieſen Irrthum zurück, Ma⸗ dame; ich antworte auf eine Frage, die Enere Majeſtät an mich zu richten die Gnade hatte.“ „Was denken Sie von Herrn Necker?“ „Das iſt ein aus heterogenen Elementen zuſammen⸗ geſetzter Deutſcher, der ſich, durch das Barocke gehend, bis zur Emphaſe erhebt.“ „Gehörten Sie aber nicht zu denjenigen, welche den König antrieben, ihn wiederzunehmen?“ „Herr Necker war, mit Recht oder mitt Unrecht, der populärſte Mann des Königreichs. Ich habe dem König geſagt:„„Sire, ſtützen Sie ſich auf ſeine Popnlarität.““ „Und Frau von Staöl?“ „Ihre Majeſtät erweiſt mir, glaube ich, die Ehre, mich zu fragen, was ich von Frau von Staöl denke?“ Jar „Ei! was das Körperliche betrifft: ſie hat eine große Naſe, grobe Züge, eine dicke Figur...“ Die Königin lächelte:; der Frau war es nicht un⸗ angenehm, von einer andern Frau, mit der man ſich viel beſchäftigte, ſagen zu hören, ſie ſei nicht ſchön. „Fahren Sie fort,“ ſagte ſie. „Ihre Haut iſt von mittelmäßig anziehender Qua⸗ lität; ihre Geberden ſind eher energiſch, als anmuthig; ihre Stimme iſt rauh, zuweilen, um Zweifel zu erregen, ob es die einer Frau iſt. Bei Allem dem zählt ſie ein⸗ undzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre, hat den Hals einer Göttin, wundervolle ſchwarze Haare, herrliche Zähne, ein Ange voll Feuer: ihr Blick iſt eine Welt!“ — 177 „Doch in moraliſcher Hinſicht? als Talent? als Verdienſt?“ fragte haſtig die Königin. „Sie iſt gut und edelmüthig, Madame; nicht Einer ihrer Feinde wird ihr Feind bleiben, nachdem er ſie eine Viertelſtunde hat reden hören.“ „Ich ſpreche von ihrem Genie, mein Herr; man macht nicht mit dem Herzen allein Politik.“ „Madame, das Herz verdirbt nichts, ſelbſt in der Politik; was das Wort Genie betrifft, das Eure Ma⸗ jeſtät ausgeſprochen, ſeien wir geizig mit dieſem Worte, Madame. Frau von Stasl iſt ein großes, ungeheures Talent, das ſich aber nicht bis zum Genie erhebt; etwas Schwerfälliges, aber nicht Starkes, Dickes, aber nicht Mächtiges laſtet an ihren Füßen, wenn ſie die Erde ver⸗ laſſen will; von ihr zu Jean⸗Jacques, ihrem Meiſter, iſt derſelbe Abſtand wie vom Eiſen zum Stahl.“ „Sie ſprechen von ihrem Talente als Schriftſtellerin; ſprechen Sie ein wenig von der politiſchen Frau.“ „Madame,“ erwiederte Gilbert,„in dieſer Hinſicht gibt man nach meiner Meinung Frau von Staöl viel mehr Bedeutung, als ſie verdient Seit der Emigration von Mounier und von Lally iſt ihr Salon die Tribune der engliſchen Partei, halbariſtokratiſch mit den zwei Kammern. Da ſie bürgerlich und zwar ſehr bürgerlich iſt, ſo hat ſie die Schwäche, die vornehmen Herren an⸗ zubetenz ſie bewundert die Engländer, weil ſie das eng⸗ liſche Volk für ein ausnehmend ariſtokratiſches Volk hält; ſie kennt die Geſchichte von England nicht; ſie kennt den Mechanismus ſeiner Regierung nicht; ſo daß ſie für Ca⸗ valiere aus der Zeit der Kreuzzüge unabläſſig unten ge⸗ ſchöpfte Adelige von geſtern hält. Die anderen Völker machen zuweilen mit dem Alten Neues; England macht mit dem Neuen beſtändig Altes.“ „Sie glauben, vermöge dieſes Gefühles ſchlage uns Frau von Staöl Herrn von Narbonne vor?“„ Die Gräfin von Charny. vI. 12 25 178 „Nicht wegen ſeines Verdienſtes, denke ich.“ „Niemand iſt aber weniger ariſtokratiſch, als Herr von Narbonne: man kennt nicht einmal ſeinen Vater.“ „Oh! weil man nicht in die Sonne zu ſchauen wagt„ „Herr Gilbert, ich bin Weib und liebe folglich die Klatſchereien: was ſagt man von Herrn von Narbonne?“ „Man ſagt, er ſei gewandt, muthig, witzig.. „Ich ſpreche von ſeiner Geburt.“ „Man ſagt, als die Jeſuiten⸗Partei Voltaire, Mar⸗ chault, d'Argenſon,— kurz diejenigen, welche man die Philoſophen nannte,— habe vertreiben laſſen, habe ſie gegen Frau von Pompadour kämpfen müſſen; die Tra⸗ ditionen von Regenten waren aber da: man wußte, was die väterliche Liebe, verdoppelt durch eine andere Liebe, vermag;— da wählte man,— die Jeſuiten haben eine glückliche Hand bei ſolchen Wahlen, Madame!— da wählte man eine Tochter des Königs und brachte ſie dahin, daß ſie ſich dieſem inceſtuos⸗herviſchen Werke unterzog; hievon der reizende Cavalier, deſſen Vater man nicht kennt, wie Eure Majeſtät ſagt, nicht weil ſeine Geburt ſich in der Dunkelheit verliert, ſondern weil ſie am Lichte verſchmilzt.“ „Sie glauben alſo nicht, wie die Jacobiner, wie Herr von Robespierre, zum Beiſpiel, Herr von Narbonne gehe aus der ſchwediſchen Geſandtſchaft hervor?“ „Doch, Madame, nur kommt er aus dem Boudoir der Frau und nicht aus dem Cabinet des Mannes. Annehmen, Herr von Stasl ſei von einer Bedeutung hiebei, hieße annehmen, er ſei der Mann ſeiner Frau.. Oh! mein Gott! nein, Madame, es iſt kein Geſandten⸗ verrath; das iſt eine Liebhaberſchwäche. Es braucht nicht weniger, als die Liebe, dieſen großen, ewigen Ver⸗ blender, um eine Frau anzutreiben, in die Hand dieſes leichtſigen Rous das rieſige Schwert der Revolution zu geben.“ 179 „Sprechen Sie von dem, welches Herr Isnard im err Clubb der Jacobiner geküßt hat?“ „Ach! Madame, ich ſpreche von dem, welches über len Ihrem Haupte ſchwebt.“ „Ihrer Anſicht nach, Herr Gilbert, haben wir alſo die Unrecht, Herrn von Narbonne als Kriegsminiſter an⸗ 20 zunehmen?“ „Sie würden beſſer daran thun, ſogleich den zu nehmen, welcher auf ihn folgen wird.“ r⸗„Wen denn?“ die„Dumouriez.“ ſie„Dumouriez, einen Glücksofficier?“ a⸗„Ah! Madame, das große Wort iſt heraus!.. as und dem gegenüber, welchen es trifft, iſt es ungerecht!“ be,„Iſt Herr Dumouriez nicht gemeiner Soldat ge⸗ ine weſen?“ da„Herr Dumouriez, ich weiß es wohl, Madame, iſt ſie nicht von dem Hofadel, dem man Alles opfert. Herr rke Dumouriez, ein Provinzadeliger, der ein Regiment we⸗ tan der erlangen, noch kaufen konnte, nahm Dienſte als ge⸗ ine meiner Huſar Mit zwanzig Jahren ließ er ſich von ſie fünf bis ſechs Reitern eher in Stücke hauen, als daß er ſich ergeben hätte, und trotz dieſes Zuges von Muth, wie trotz einer wahren Intelligenz hat er ſich in den unteren nne Graden hingeſchleppt.“ „Seine Intelligenz, ja, er hat ſie Ludwig KV. als vir Spion dienend entwickelt,“ „Warum nennen Sie bei ihm Spioniren, was Sie ng bei Andern Diplomatie nennen? Es iſt mir wohl be⸗ kannt, daß er, ohne Wiſſen der Miniſter des Königs, n⸗ einen Briefwechſel mit dem König unterhielt. Wer iſt cht der Hofadelige, der nicht eben ſo viel gethan hat?“ er⸗„Aber, mein Herr,“ rief die Königin, die ihr tiefes ſes Studium der Politik durch die Details, in die ſie ein⸗ on ging, verrieth,„derjenige, welchen Sie mir empfehlen, iſt ein weſentlich unmoraliſcher Menſch! er hat keine 2 180 Grundſätze, kein Ehrgefühl. Herr von Choiſeul hat mir de geſagt, Dumouriez habe ihm zwei Projecte in Betreff ge der Corſen, eines, um ſie zu knechten, das andere, um K ſie zu befreien, vorgelegt.“ „Das iſt wahr, Madame; doch Herr von Choiſeul B hat vergeſſen, Ihnen zu ſagen, das erſte ſei vorgezogen ter worden, und Dumouriez habe ſich tapfer geſchlagen, um ihm den Sieg zu verſchaffen.“ zw „Am Tage, wo wir Herrn Dumouriez als Miniſter Er annehmen, wird es ſein, als ob wir Europa eine Kriegs⸗ Pr erklärung machten.“ the „Ei! Madame,“ verſetzte Gilbert,„die Erklärung iſt in allen Herzen gemacht! Wiſſen Sie, was die Regiſter die von dieſem Departement an Bürgern angeben, die ſich fer eingeſchrieben, um freiwillig abzugehen? Sechsmalhundert⸗ tauſend! Im Jura haben die Frauen erklärt, alle Männer ſpr können gehen, und wenn man ihnen Pieken geben wolle, ſo werden ſie genügen, um das Land zu bewachen.“ „Mein Herr, Sie haben ein Wort ausgeſprochen, Lie das mich beben macht,“ ſagte die Königin. „Entſchuldigen Sie, Madame, und ſagen Sie mir, zut welches Wort dies iſt, damit mir kein ſolches Unglück nic mebr widerfährt.“ „Sie haben das Wort Pieken ausgeſprochen... gut Oh! die Pieken von neun und achtzig, mein Herr! ich ſehe noch die Köpfe meiner zwei armen Gardes du corps auf der Spitze von zwei Pieken!“* „Und dennoch iſt es eine Frau und eine Mutter, M welche vorgeſchlagen, eine Subſcription zu eröffnen, um ren Pieken anfertigen zu laſſen.“ rot „Iſt es auch eine Frau und eine Mutter, welche ma die Jacobiner veranlaßt hat, die rothe Mütze, die Blut⸗ farbe, anzunehmen?“ „Hier iſt Eure Majeſtät abermals in einem Irr⸗ thume begriffen,“ erwiederte Gilbert.„Man wollte die Gleichheit durch ein Symbol weihen, konnte aber nicht 181 decretiren, alle Franzoſen ſollen dieſelbe Kleidung tra⸗ genz zur Erleichterung wählte man bloß einen Theil der Kleidung: die Mütze der armen Bauern; nur zog man die rothe Farbe vor, nicht weil es die düſtere Farbe des Blutes iſt, ſondern im Gegentheil, weil das Rothe hei⸗ ter, glänzend, der Menge angenehm iſt.“ „Es iſt gut, Doctor,“ ſprach die Königin,„ich ver⸗ zweifle nicht, da Sie ſo ſehr Parteigänger der neuen Erfindungen ſind, Sie eines Tages, um dem König den Puls zu fühlen, mit der Pieke in der Hand und der ro⸗ then Mütze auf dem Kopfe kommen zu ſehen.“ Und halb ſpöttiſch, halb bitter, da ſie ſah, daß ſie dieſen Mann bei keinem Punkte angreifen konnte, ent⸗ fernte ſich die Königin. Madame Eliſabeth wollte ihr folgen; Gilbert aber ſprach mit einem faſt flehenden Tone: „Madame, nicht wahr, Sie lieben Ihren Bruder?“ „Oh! erwiederte Madame Eliſabeth,„es iſt nicht Liebe, was ich für ihn hege, es iſt Anbetung.“ „Und Sie ſind geneigt, ihm einen guten Rath mit⸗ zutheilen, einen Rath, der von einem Freunde kommt, nicht wahr?“ „Oh! ſprechen Sie, und wenn der Rath wirklich gut iſt...“ „Aus meinem Geſichtspunkte iſt er vortrefflich.“ „Dann reden Sie!“ „Nun wohl, dieſer Rath iſt, ſobald ſein Feuillant⸗ Miniſterium gefallen,— und das wird nicht lange wäh⸗ ren,— ein Miniſterium zu wählen, das insgeſammt die rothe Mütze trägt, welche der Königin ſo ſehr bange macht,“ ſprach Gilbert. Und er verbengte ſich tief vor Madame Eliſabeth und ging ab. 182 un bo CXXIV. re Die Voland. 5 Wir haben die Unterredung der Königin mit dem za Doctor Gilbert berichtet, um den, immer ein wenig mo⸗ te notonen, Lauf einer geſchichtlichen Erzählung zu unter⸗ brechen, und um etwos minder trocken als in einem me chronologiſchen Gemälde die Reihenfolge der Ereigniſſe und die Lage der Parteien zu zeigen. wi Das Miniſterium Narbonne dauerte drei Monate. un Eine Rede von Vergniaud tödtete es. Wie Mirabeau geſagt hatte:„Ich ſehe von hier aus ſic das Fenſter...“ ſo rief bei der Kunde, die Kaiſerin von Rußland habe mit der Türkei einen Vertrag abge⸗ ſchloſſen, und Oeſterreich habe mit Preußen am 7. Fe⸗ bruar in Berlin ein Schutz⸗ und Trutzbündniß unterzeich⸗ vo net,— Vergniaud rief, die Tribnne beſteigend: „Und ich auch, ich kann ſagen, von dieſer Tribune m aus ſehe ich den Palaſt, wo ſich die Gegenrevolution m anzettelt, und wo man die Manveuvres vorbereitet, die uns Oeſterreich in die Hände liefern ſollen.... Der Tag iſt gekommen, wo wir ſo viel Frechheit ein Ziel ſetzen und die Verſchwörer verwirren können; die Furcht und der Schrecken ſind oft von dieſem Palaſte im Na⸗ men des Deſpotismus ausgegangen; der Schrecken und die Furcht mögen heunte im Namen des Geſetzes dahin g zurückgehen!“ Und durch eine mächtige Geberde ſchien der herr⸗ i liche Redner die zwei zerzauſten Töchter der Angſt und des Eutſetzens vor ſich her zu jagen. Sie gingen in der That in die Tuilerien zurück, H 183 und, durch einen Liebeshauch emporgehoben, wurde Nar⸗ bonne durch ein Sturmeswehen niedergeſtürzt. Dieſer Fall fand am Anfang des Märzes 1792 ſtatt. Es wurde auch kaum drei Monate nach der Unter⸗ redung der Koͤnigin mit Gilbert ein Mann, klein von Wuchs, behende, munter, nervig, mit einem geiſtreichen Kopf, an dem Augen voll Feuer funkelten, ſechs und fünfzig Jahre alt, obgleich er zehn Jahre weniger zu zählen ſchien, das Geſicht bedeckt mit den braunen Tin⸗ ten der Bivouacs, bei König Ludwig XVI. eingeführt. Er war bekleidet mit der Uniform eines General⸗ majors. Nur einen Augenblick blieb er allein in dem Salon, wo er eingeführt worden war; die Thüre öffnete ſich, und der König trat ein. Es war das erſte Mal, daß dieſe zwei Perſonen ſich einander gegenüber fanden. Der König warf auf den kleinen Mann einen trü⸗ ben Blick⸗ en nicht von Beobachtung frei; der kleine Mann heftete auf den König einen forſchenden Blick voll Mißtrauen und Feuer. Niemand war da geblieben, um den Fremden zu melden, was bewies, daß der Fremde zum Voraus ge⸗ meldet war. „Sie ſind es, Herr Dumouriez?“ ſagte der König. Dumouriez verbeugte ſich und erwiederte: „Ja, Sire.“ „Seit wann ſind Sie in Paris 2“ „Seit dem Anfange des Monats Februar, Sire.“ „Herr von Narbonne hat Sie kommen laſſen?“ „Um mir zu eröffnen, ich ſoll bei der Armee im Elſaß unter dem Marſchall Luckner verwendet werden und die Diviſion von Beſangon commandiren.“ „Sie ſind aber nicht abgegangen?“ „Sire, ich habe angenommen; doch ich glaubte Herrn von Narbonne bemerken zu müſſen, da der Krieg 184 nahe bevorſtehe Ludwig XVI. bebte ſichtbar), und allge⸗ mein zu werden drohe,“ fuhr Dumouriez fort, ohne daß er dieſes Beben zu bemerken ſchien,„ſo glaube ich, es ſei gut, ſich mit dem Süden zu beſchäftigen, wo man unverſehens angegriffen werden könne; mir ſcheine es dem zu Folge dringend, einen Vertheidigungsplan für den Süden zu machen und dahin einen Obergeneral und eine Armee zu ſchicken.“ „Ja, und Sie haben Ihren Plan Herrn von Nar⸗ bonne gegeben, nachdem Sie ihn Herrn Genſonné und mehreren Mitgliedern der Gironde mitgetheilt?“ „Herr Genſonns iſt mein Freund, und ich halte ihn wie mich für einen Freund Eurer Majeſtät.“ „Ich habe es alſo mit einem Girondiſten zu thun?“ ſagte lächelnd der König. „Sire, Sie haben es mit einem Patrioten, einem uetiau zu thun.“ udwig XVI. biß ſich auf ſeine dicke Lippen. „Und um dem König und dem nnener zu dienen, haben Sie die interimiſtiſche Stelle des Mi⸗ niſters der auswärtigen Angelegenheiten ausgeſchlagen?“ „Sire, ich habe vor Allen geantwortet, ich ziehe ei⸗ nem interimiſtiſchen oder nicht interimiſtiſchen Miniſterium das Commando vor, das mir verſprochen geweſen; ich bin ein Soldat und kein Diplomat!“ „Man hat mir im Gegentheil verſichert, ſie ſeien das Eine und das Andere, mein Herr.“ „Man hat mir zu viel Ehre angethan, Sire.“ „Und auf dieſe Verſicherung bin ich auf meinem Wunſche, daß Sie die Stelle annehmen, beharrt.“ „Ja, Sire, und ich habe mich fortwährend gewei⸗ gert, ſo ſehr ich es bedauerte, Ihnen ungehorſam ſein zu ſollen.“ „Und warum weigern ſie ſich?“ „Weil die Lage ernſt iſt, Sire; ſie hat Herrn von Narbonne geſtürzt und Herrn von Leſſart compromit⸗ S—e„„——————— h 185 tirt; jeder Mann, der ſich für Etwas hält, hat alſo das Recht, entweder ſich nicht verwenden zu laſſen, oder zu verlangen, daß man ihn nach ſeinem Werthe verwende. Ich bin nun Etwas werth, Sire, oder ich bin Nichts werth; bin ich Nichts werth, ſo laſſen Sie mich in mei⸗ ner Dunkelheit; wer weiß, für welches Geſchick Sie mich aus derſelben würden hervortreten laſſen? Bin ich etwas werth, ſo machen Sie nicht aus mir einen Miniſter von einem Tag, eine Gewalt von einem Augenblick, ſondern geben Sie mir, worauf ich mich ſtützen kann, damit Sie Ihrerſeits ſich auf mich ftützen können. Unſere Angele⸗ genheiten— ich bitte um Verzeihung, Sire, Eure Ma⸗ jeſtät ſieht, daß ich aus Ihren Angelegenheiten die mei⸗ nen mache,— unſere Angelegenheiten find in zu großem Mißeredit im Auslande, als daß die Höfe mit einem interimiſtiſchen Miniſter unterhandeln könnten: die⸗ ſes Interim,— verzeihen Sie die Offenherzigkeit eines Soldaten(nichts war weniger offenherzig als Dumon⸗ riez, doch ünter gewiſſen Umſtänden lag ihm daran, es zu ſcheinen),— dieſes Interim wäre ein Ungeſchicklich⸗ keit, gegen welche ſich die Aſſemblée erheben würde, und die mich meiner Popularität bei ihr berauben müßte; ich ſage mehr, dieſes Interim würde den König com⸗ promittiren, der das Anſehen hätte, er halte an ſeinem alten Miniſterium, und er warte nur auf eine Gelegen⸗ heit, um zu denſelben zurückzukommen.“ „Sie glauben alſo, wenn dies meine Abſicht, die Sache wäre mir unmöglich?“ „Sire, ich glaube, es iſt Zeit, daß Eure Majeſtät ein für alle Male mit der Vergangenheit bricht.“ „Ja, und daß ich Jacobiner werde, nicht wahr? Sie haben das Laporte geſagt.“ „Vei meiner Treue, wenn Eure Majeſtät dies thäte, ſo würde ſie wohl alle Parteien, und die Jacobiner viel⸗ leicht mehr als jede andere, in Verlegenheit bringen.“ 186 „Warum rathen Sie mir nicht ſogleich, die rothe Mütze aufzuſetzen?“ „Ei! Sire, wenn das ein Mittel wäre. ſprach Dumouriez. Der König ſchaute einen Augenblick mit einem ge⸗ wiſſen Mißtrauen den Mann an, der ihm dieſe Antwort gegeben; dann ſagte er: „Es iſt alſo ein Miniſterium ohne Interim, was Sie wollen?“ „Ich will nichts, Sire; ich bin bereit, die Befehle des Königs zu empfangen; nur wäre es mir lieber, wenn mich die Befehle des Königs an die Gränze ſchick⸗ ten, ſtatt mich in Paris zurückzuhalten.“ „Und wenn ich Ihnen im Gegentheil den Befehl ge⸗ ben würde, in Paris zu bleiben und definitiv das Por⸗ tefenille der auswärtigen Angelegenheiten zu übernehmen, was würden Sie ſagen?“ Dumouriez lächelte. „Sire, ich würde ſagen, Eure Majeſtät ſei von Vor⸗ urtheilen zurückgekommen, die man ihr gegen mich ein⸗ gegeben.“ „Nun wohl, ja, ganz und gar, Herr Dumoriez. Sie ſind mein Miniſter.“ „Sire, ich weihe mich Ihrem Dienſte, aber „Vorbehalte?“ „Erklärungen, Sire.“ „Sprechen Sie, ich höre.“ „Sire, die Miniſterſtelle iſt nicht mehr, was ſie früher war; ohne daß ich aufhöre, der treue Diener Eurer Majeſtät zu ſein, werde ich, in das Miniſterium eintretend, der Mann der Ration. Verlangen Sie alſo von heute an von mir nicht die Sprache, an die Sie meine Vorgänger gewöhnt haben: ich werde nur der Freiheit und der Conſtitution gemäß ſprechen können; in meine Functionen eingeſchloſſen, werde ich Ihnen nicht den Hof machen; ich werde nicht die Zeit dazu haben ——— C le r, k⸗ e⸗ r⸗ n, r⸗ n⸗ 187 und alſo jede königliche Etiquette brechen, um meinem Kö⸗ nig beſſit zu dienen; ich werde nur mit Ihnen oder im Rathe arbeiten, und, ich ſage es Ihnen zum Voraus, Sire, dieſe Arbeit wird ein Kampf ſein.“ „Ein Kampf, mein Herr! und warum?“ „Oh! das iſt ſehr einfach, Sire: faſt Ihr ganzes diplomatiſches Corps iſt offen contrerevolutionär; ich werde Sie auffordern, es zu wechſeln, ich werde Ihren Neigungen bei den Wahlen Zwang anthun; ich werde Euerer Majeſtät Subjecte vorſchlagen, die ſie nicht einmal dem Namen nach kennt, andere, die ihr mißfallen werden.“ „Und in dieſem Falle, mein Herr. 2“ unter⸗ brach lebhaft Ludwig XVI. „In dieſem Falle, wenn der Widerwille Eurer Ma⸗ jeſtät zu ſtark, zu ſehr motivirt iſt, werde ich, da Sie der Herr ſind, gehorchen; werden Ihnen aber Ihre Wah⸗ len durch Ihre Umgebung in den Sinn gebracht und ſcheinen mir ſichtbar gemacht, um Sie zu compromittiren, ſo werde ich Eure Majeſtät bitten, mir einen Nachfolger zu geben.... Sire, denken Sie an die erſchrecklichen Gefahren, welche Ihren Thron belagern; Sire, man muß ihn durch das öffentliche Vertrauen aufrecht erhal⸗ ten, und dieſes hängt von Ihnen ab!“ „Erlanben Sie, mein Herr, daß ich Sie unter⸗ breche.“ „Sire Dumouriez verbeugte ſich. „Dieſe Gefahren, ich habe längſt an ſie gedacht.“ Dann die Hand gegen das Portrait von Karl I. ausſtreckend, ſagte Ludwig XVI., indem er ſeine Stirne mit ſeinem Taſchentuche abwiſchte: „Und wollte ich ſie vergeſſen, ſo würde mich dieſes Gemälde hier daran erinnern!“ Sire „Warten Sie, mein Herr, ich bin noch nicht zu 188 Ende. Die Lage iſt dieſelbe; die Gefahren ön alſo ähnlich; das Schaffot von White⸗Hall wird ſich vielleicht auf dem Groöve⸗Platze erheben.“ „Das heißt zu weit ſehen, Sire!“ „Das heißt an den Horizont ſehen, mein Herr. In dieſem Falle werde ich nach dem Schaffot gehen, wie Karl I. dahin gegangen iſt, vielleicht nicht als Ritter wie er, doch wenigſtens als Chriſt.... Fahren Sie fort, mein Herr.“ Erſtaunt über dieſe Feſtigkeit, die er nicht erwar⸗ tete, hielt Dumouriez inne. „Sire,“ ſagte er ſodann,„erlauben Sie mir, das Geſpräch auf ein anderes Terrain zu führen.“ „Wie Sſe wollen, mein Herr,“ erwiederte der Kö⸗ nig,„doch es liegt mir daran, zu beweiſen, daß ich die Zukunft nicht fürchte, die man mich fürchten machen will, oder daß ich, wenn ich ſie fürchte, wenigſtens darauf vorbereitet bin.“ „Sire,“ ſprach Dumouriez,„ſoll ich mich, trotz deſ⸗ ſen, was ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, im⸗ merhin als Ihren Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten betrachten?“ „Ja, mein Herr.“ „Dann werde ich in den erſten Miniſterrath vier Depechen bringen; ich mache den König im Voraus darauf aufmerkſam, daß ſie in keiner Hinſicht,— weder was die Grundſätze, noch was den Styl betrifft,— de⸗ nen meiner Vorgänger gleichen werden; ſie werden den Umſtänden angemeſſen ſein. Iſt dieſe erſte Arbeit Eurer Majeſtät anſtändig, ſo fahre ichfort; wenn nicht, ſo werde ich immer meine Equipagen bereit halten, um Frankreich und meinem König an der Gränze zu dienen, und was man auch Eurer Majeſtät von meinen Talenten in der Diplomatie geſagt haben mag,“ fügte Dumouriez bei, „das iſt mein wahres Element und der Gegenſtand al⸗ ler meiner Arbeiten ſeit ſechs und dreißig Jahren.“ ſo ht n n f 189 Wonach er ſich verbeugte, um abzugehen. „Warten Sie,“ ſagte der König,„wir ſind nun über einen Punkt einverſtanden, doch es bleiben ſechs andere feſtzuſtellen.“ „Meine Collegen.“ „Ja, Sie ſollen nicht kommen und mir ſagen, Sie ſeien durch Dieſen oder Jenen verhindert: wählen Sie Ihr Miniſterium, mein Herr.“ „Sire, Sie geben mir da eine ſchwere Verantwort⸗ lichkeit!“ „Ich glaube Ihren Wünſchen zu dienen, wenn ich Sie damit belaſte.“ „Sire,“ ſprach Dumouriez,„ich kenne Niemand in Paris, außer einem Manne Ramens Lacoſte, den ich Eurer Majeſtät für die Marine empfehle.“ „Lacoſte?“ verſetzte der König;„iſt das nicht ein einfacher Obercommiſſär?“ „Ja, Sire, der eher ſeine Eutlaſſung bei Herrn von Boynes genommen, als ſich bei einer Ungerechtigkeit be⸗ theiligt hat.“ „Das iſt eine gute Empfehlung... Und hinſicht⸗ lich der Andern ſagen Sie?“ „Ich werde mich Raths erholen.“ Darf ich wiſſen, wen Sie zu Rathe ziehen wol⸗ en?“ „Briſſot, Condorcet, Pétion, Röderer, Genſonné. „Die ganze Gironde alſo.“ „Ja, Sire.“ „Gut, die Gironde mag gelten! wir werden ſehen, ob ſie ſich beſſer herauszieht, als die Conſtitutivnellen und die Feuillants.“ „Dann bleibt noch Etwas, Sire.“ „Was?“ „Es fragt ſich, ob die vier Briefe, die ich zu ſchrei⸗ ben gedenke, Eurer Majeſtät zuſagen werden.“ 190 „Das werden wir heute Abend erfahren, mein Herr.“„ „Heute Abend, Sire?“ „Ja, die Dinge drängen; wir werden einen außer⸗ n ordentlichen Rath halten, der aus Ihnen, Herrn von Grave und Cahier von Gerville beſtehen ſoll.“ n „Aber Duport du Tertre?“ ſt „Er hat ſeine Entlaſſung genommen.“ „Ich werde heute Abend zu den Befehlen Seiner Majeſtät ſein.“ Hienach verbeugte ſich Dumouriez, um ſich zu ver⸗ abſchieden. „Nein,“ ſagte der König,„warten Sie einen Augen⸗ blick, ich will Sie compromittiren.“ Er hatte nicht vollendet, als die Königin und Ma⸗ dame Eliſabeth erſchienen. Sie hielten ihre Gebetbücher in der Hand. „Madame,“ ſprach der König zu Marie Antoinette, „das iſt Herr Dumouriez, der uns gut zu dienen ver⸗ ſpricht, und mit dem wir heute Abend ein neues Mini⸗ ſterium feſtſetzen werden.“ m Dumouriez verbeugte ſich, während die Königin mit vi Nengierde den kleinen Mann anſchaute, der ſo viel Ein⸗ fluß auf die Angelegenheiten Frankreichs haben ſollte.“ tr „Mein Herr,“ fragte ſie,„kennen Sie den Doctor di Gilbert?“ du „Nein, Madame,“ antwortete Dumouriez. „Nun, ſo machen Sie ſeine Bekanntſchaft.“ ſta „Darf ich wiſſen, in welcher Hinſicht ihn mir die ni Königin empfiehlt?“ „Als einen vortrefflichen Propheten: vor drei M⸗ naten hat er mir vorhergeſagt, Sie werden der Nach⸗ folger von Herrn von Rarbonne ſein.“ In dieſem Angenblicke öffnete man die Thüren vom der Cabinet des Königs, der zur Meſſe gehen wollte. hai Dumouriez ging hinter ihm ab. ⸗ 191 Alle Höflinge traten vor ihm wie vor einem Peſt⸗ kranken auf die Seite. Ich ſagte es Ihnen wohl,“ flüſterte ihm der Kö⸗ nig lachend zu,„Sie ſind nun compromittirt.“ „Der Ariſtokratie gegenüber, Sire,“ erwiederte Du⸗ mouriez:„das iſt eine neue Gnade, die mir Eure Maje⸗ ſtät erweiſt.“ Und er entfernte ſich. CXXV. Hinter dem Vorhang. Am Abend, zur verabredeten Stunde, erſchien Du⸗ mouriez mit den vier Deputirten; Grave und Cahier von Gerville waren ſchon da und erwarteten den König. Als ob der König, um zu erſcheinen, nur den Ein⸗ tritt von Dumouriez abgewartet hätte, trat, nachdem dieſer durch eine Thüre eingetreten war, Ludwig XvI. durch die andere ein. Die zwei Miniſter erhoben ſich raſch; Dumouriez ſtund noch und brauchte ſich nur zu verbeugen, der Kö⸗ nig gräßte mit dem Kopfe nickend. Dann nahm er ein Fautenil, ſetzte ſich mitten an den Tiſch und ſprach: „Meine Herren, ſetzen Sie ſich.“ Da ſchien es Dumouriez, die Thüre, durch welche der König eingetreten, ſei offen geblieben, und der Vor⸗ hang bewege ſich. War das der Wind? war es die Berührung einer 192 Perſon, welche durch dieſen Schleier horchte, der, wenn Blick hemmend, doch den Ton durchdringen ließ? Die drei Miniſter ſetzten ſich. „Haben Sie Ihre Depechen, mein Herr?“ fragte der König Dumouriez. „Ja, Sire,“ erwiederte der General. lind er zog die vier Briefe aus ſeiner Taſche. „An welche Mächte ſind ſie gerichtet?“ „An Spanien, Oeſterreich, Preußen und England.“ „Leſen Sie.“ Dumouriez warf einen zweiten Blick nach dem Vor⸗ hange und wurde durch ſeine Bewegung überzeugt, daß Jemand horchte. Er begann die Leſung der Depechen mit einer feſten Stimme. Der Miniſter ſprach im Namen des Königs, aber im Sinne der Conſtitution,— ohne Drohung, aber auch ohne Schwäche. Er erörterte die wahren Intereſſen jeder Macht, hinſichtlich der franzöſiſchen Revolution. Da jede Macht ſich ihrerſeits über jacobiniſche Pamphlete beklagte, ſo ſchob er dieſe verächtlichen Inju⸗ rien auf jene Preßfreiheit, deren Sonne ſo viel giftiges Gewürm auskriechen macht, zugleich aber auch ſo reiche Eruten zur Reife bringt. Er verlangte endiich den Frieden im Namen einer freien Ration, deren erblicher Repräſentant der König ſei. Der König hörte, bei jeder Depeche ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit verdoppelnd, zu. „Ah!“ ſagte er, als Dumonriez geendigt hatte,„uie habe ich Aehnliches gehört, General.“ „So müßten die Miniſter immer im Namen der K reden und ſchreiben,“ fügte Cahier von Ger⸗ ville bei. r h t, e . e er i. k⸗ ie er l= — 193 „Nun,“ ſprach der König,„geben Sie mir dieſe Depechen, ſie werden heute abgehen.“ „Sire, die Couriere ſind bereit und warten im Hofe der Tuilerien.“ „Ich hätte ein Duplicat zu behalten gewünſcht, um es der Königin mitzutheilen,“ verſetzte der König mit einer gewiſſen Verlegenheit. „Ich habe den Wunſch Eurer Majeſtät vorherge⸗ ehen,“ erwiederte Dumouriez;„hier ſind vier von mir beglaubigte, gleichlautende Abſchriften.“ 3„Laſſen Sie alſo Ihre Briefe abgehen,“ ſagte der önig. Dumouriez ging bis an die Thüre, durch welche er eingetreten war; ein Adjutant wartete: er übergab ihm die Briefe. Einen Augenblick nachher hörte man den Galopp mehrerer Pferde, die ſich gleichzeitig aus dem Hofe der Tuilerien entfernten. „Wohlan!“ ſprach der König, ſeinen eigenen Gedan⸗ ken beantwortend, als dieſes bezeichnende Getöſe erloſchen war;„und nun wollen wir Ihr Miniſterium ſehen.“ „Sire,“ ſagte Dumonriez,„ich wünſchte vor Allem, Eure Majeſtät würde Herrn Cahier von Gerville bitten, er möge Einer der Unſern bleiben.“ „Ich habe ihn ſchon darum gebeten,“ erwiederte der önig. pe„Und ich mußte zu meinem Bedauern bei meiner eig erung beharren: meine Geſundheit zerrüttet ſich von ag zu Tag mehr, und ich bedarf der Ruhe.“ „Sie hören ihn, mein Herr?“ fragte der König, ſich gegen Dumonriez umwendend. „Ja. Sire.“ „Nun alſo, Ihre Miniſter, mein Herr?“ mn„Wir haben Herrn von Grave, der uns bleiben . die Gräfin von Charny. VI. 13 194 Herr von Grave ſtreckte die Hand aus und ſagte: „Sire, die Sprache von Herrn Dumouriez hat Sie nij ſo eben durch ihre Offenherzigkeit in Erſtaunen geſetzt; No die meine wird Sie noch viel mehr durch ihre Demuth in Erſtaunen ſetzen.“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ erwiederte der König. „Sire,“ ſagte Herr von Grave, indem er ein Pa⸗ we pier aus ſeiner Taſche zog,„hier iſt eine etwas ſtrenge⸗ rie aber ziemlich gerechte Werthbeſtimmung, welche von mir zie eine Frau von viel Geiſt macht: haben Sie die Güte, pfe dieſelbe zu leſen.“ Der König nahm das Papier und las: ihr „„Grave iſt Kriegsminiſter; das iſt ein kleiner Mann M in jeder Hinſicht: die Natur hat ihn ſanft und ſchüchtern S gemacht; ſeine Vorurtheile gebieten ihm den Stolz, wäh⸗ eir rend ihm ſein Herz liebenswürdig zu ſein eingibt. Dar⸗ üb aus geht hervor, daß er in ſeiner Verlegenheit, Alles wo auszugleichen, in Wahrheit nichts iſt. Mir ſcheint, ich ſehe ihn als Höfling hinter dem König gehen, den Kopf dr hoch auf ſeinem ſchwachen Körper, das Weiße ſeiner blauen Augen zeigend, die er nach dem Mahle nur mit W Hülfe von drei bis vier Taſſen Kaffee offen halten kann; wenig ſprechend wie aus Zurückhaltung, in Wirklichkeit De aber, weil es ihm an Ideen fehlt, und ſo ſehr den Kopf un unter den Geſchäften ſeines Departements verliered, tu daß er früher oder ſpäter ſeine Entlaſſung fordern wird.““ „In der That.“ ſprach Ludwig KVI., der bis zum ſta Ende zu leſen angeſtanden und dies nur auf die Auf⸗ forderung von Herrn von Grave ſelbſt gethan hatte ei „das iſt eine Frauenſchätzung. Wäre ſie von Frau von Staöl?“ we „Nein, das iſt von Stärkerem, es iſt von Madame di Roland, Sire.“ „Und Sie ſagten, Herr von Grave, dies ſei Ihre Bit Anſicht über Sie ſelbſt?“ — — nn ern äh⸗ ar⸗ lles ich opf iner mit nn; hkeit Kopf end, dern zum Auf⸗ atte, von dame c 195 „In vielen Punkten, Sire. Ich werde alſo im Mi⸗ niſterium bleiben bis zu dem Angenblick, wo ich meinen Nachfolger auf das Laufende gebracht habe, wonach ich Majeſtät meine Entlaſſung anzunehmen bitten werde.“ „Sie haben Recht, mein Herr, das iſt eine Sprache, welche noch viel wunderbarer, als die von Herrn Dumou⸗ riez. Gern würde ich, wenn Sie ſich durchaus zurück⸗ ziehen wollen, einen Nachfolger von Ihrer Hand em⸗ pfangen.“ „Ich wollte Eure Majeſtät bitten, mir zu erlauben, ihr Herrn Servan vorzuſchlagen,— einen redlichen Mann in der vollen Bedeutung des Wortes, von ſolidem Schlage, von reinen Sitten, mit der ganzen Strenge eines Philoſophen und der Herzensgüte eines Weibes; überdies, Sire, erleuchteter Patriot, tapferer Soldat, wachſamer Miniſter!“ „Es bleibe bei Herrn Servan! Wir haben nun alſo drei Miniſter: Herr Dumouriez, auswärtige Angelegen⸗ heiten, Herr Servan, Krieg, Herr Lacoſte, Marine. Wem werden wir die Finanzen geben?“ „Herrn Clavidres, Sire, wenn es Ihnen beliebt. Das iſt ein Mann, der große Kenntniſſe im Finanzweſen und eine außerordentliche Geſchicklichkeit in der Verwal⸗ tung des Geldes hat.“ „Ja, in der That,“ ſprach der König,„man ſagt, er ſei thätig, ein großer Arbeiter, aber jähzornig, hais⸗ ſtarrig, krittelig und häkelig in der Diseuſſion.“ „Das ſind Fehler, welche alle Cabinetsmänner mit einander gemein haben, Sire.“. „Wir wollen über die Fehler von Herrn Clavisres weggehen; Herr Clavières alſo Finanzminiſter. Nun die Juſtiz, wem geben wir ſie?“ „Sire, man empfiehlt mir einen Advocaten von Ihre Bordeaux, Herrn Duranthon.“ „Die Gironde, wohl verſtanden?“ 196 „Ja, Sire; das iſt ein ziemlich erleuchteter Mann, ſehr rechtlich, ein ſehr guter Bürger, aber ſchwach und langſam; wir werden ihm Feuer unter den Leib machen ge und ſtark für ihn ſein.“ „Dann bleibt das Innere.“ fr „Es iſt die einſtimmige Meinung, Sire, daß dieſes Miniſterium Herrn Roland gebührt.“ „Madame Roland, wollen Sie ſagen?“ „Herrn und Madame Roland.“ v kennen Beide?“ ein, Sire, doch wie man mir verſichert, gleicht der Eine einem Manne von Plutarch, die Andere einer Fran von Livius.“ ie „Wiſſen Sie, wie man Ihr Miniſterium nennen wird, Herr Dumouriez, oder wie man es vielmehr ſchon nennt?“ „Nein, Sire.“ „Das Miniſterium ohne Hoſe.“ ni „Ich nehme die Benennung an, Sire; man wird m um ſo beſſer ſehen, daß wir Männer ſind.“ „Und alle Ihre Collegen ſind bereit?“ la „Kaum die Hälſte von ihnen iſt unterrichtet.“ „Sie werden annehmen?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Run ſo gehen Sie, mein Herr, und übermorgen der erſte Miniſterrath.“ ſo „Uebermorgen, Sire.“ * „Meine Herren,“ ſagte der König, indem er ſich an ot Cahier von Gerville und Grave wandte,„Sie haben ar bis übermorgen Zeit, zu überlegen.“ ve „Sire, wir haben überlegt, und wir werden über⸗ morgen nur kommen, um unſere Rachfolger einzuführen.“ a Die drei Miniſter entfernten ſich. Ehe ſie aber die große Treppe erreicht hatten, holte d ſie ein Kammerdiener ein; dieſer ſprach zu Dumouriez: v 8 ht er P n d 197 „Herr General, der König bittet Sie, mir zu fol⸗ gen; er hat Ihnen etwas zu ſagen.“. Dumouriez grüßte ſeine Collegen, blieb zurück und ragte: „Der König oder die Königin?“ „Die Königin, mein Herr; doch ſie hat es für un⸗ nöthig erachtet, dieſe Herren damit bekannt zu machen, daß ſie nach Ihnen verlange.“ Dumouriez ſchüttelte den Kopf. „Oh! das befürchtete ich!“ murmelte er. „Sie wollen nicht?“ fragte der Kammerdiener, der kein Anderer war, als Weber. „Nein, ich folge Ihnen.“ „Kommen Sie.“ Der Kammerdiener führte durch nothdürftig erleuch⸗ tete Gänge Dumouriez nach dem Gemache der Königin. Dann ſagte er, ohne den General mit ſeinem Na⸗ men zu melden: „Hier iſt die Perſon, nach der Eure Majeſtät ver⸗ langt hat.“ Nie, in dem Augenblick, wo er einen Angriff voll⸗ führt oder eine Breſche erſtiegen, hatte ſein Herz ſo ge⸗ waltig geklopft. Das war ſo, weil er wohl begriff, daß er nie eine ſolche Gefahr gelaufen. Der Weg, den man ihm geöffnet, war mit todten oder lebendigen Leichnamen beſäet, und er hatte darauf an die Leiber von Calonne, von Necker, von Mirabeau, von Barnave und von Lafayette ſtoßen können. Die Königin ging mit großen Schritten auf und ab; ſie war ſehr roth. Dumouriez blieb auf der Schwelle der Thüre ſtehen, die ſich hinter ihm ſchloß. Die Königin trat mit einer majeſtätiſchen, gereizten Miene auf ihn zu und ſprach, die Frage mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Lebhaftigkeit in Angriff nehmend: 198 „Mein Herr, Sie ſind in dieſem Augenblicke all— mächtig, doch durch die Gunſt des Volkes, und das Volk zerbricht ſchnell ſeine Götzen. Sie ſollen viel Talent. haben; haben Sie vor Allem das, einzuſehen, daß weder der König, noch ich alle dieſe Neuerungen dulden können. Ihre Conſtitution iſt eine Luftpumpe: das Königthum erſtickt darunter aus Mangel an Luft; ich habe Sie alſo holen laſſen, um Ihnen zu ſagen, ehe Sie weiter gehen, Sie mögen Ihren Entſchluß faſſen und zwiſchen uns und den Jacobinern wählen.“ „Madame,“ erwiederte Dumouriez,„ich bin troſt⸗ los über das peinliche Geſtändniß, das mir Eure Ma⸗ jeſtät macht; da ich aber die Königin hinter dem Vor⸗ hange, wo ſie verborgen war, errathen habe, ſo erwartete ich das, was mir begegnet.“ „Dann haben Sie eine Antwort vorbereitet?“ ſagte die Königin. „Vernehmen Sie dieſe, Madame: Ich bin zwiſchen dem König und der Nation; doch vor Allem gehöre ich dem Vaterlande.“ „Dem Vaterlande? dem Vaterlande?“ wiederholte die Königin;„der König iſt alſo nichts mehr, daß nun alle Welt dem Vaterlande gehört, und Niemand ihm?“ „Doch, Madame, der König iſt immer der König; er hat aber der Conſtitution den Eid geleiſtet, und von dem Tage an, wo dieſer Eid ausgeſprochen war, muß der König einer der erſten Sklaven der Conſtitution ſein.“ „Ein gezwungener Eid, mein Herr! ein ungül tiger Eid!“ Dumouriez blieb einen Augenblick ſtumm, und, ein geſchickter Schauſpieler, betrachtete er die Königin wäh⸗ rend dieſes Augenblicks mit einem tiefen Mitleid. „Madame,“ ſagte er endlich,„erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Ihr Heil, das des Königs, das Ihrer erhabenen Kinder an dieſe Conſtitution geknüpſft ſind, welche Sie verachten, und die Sie retten wird, wenn — — —— —.— —„— U⸗ olk ent der n. m lſo en, n a⸗ r⸗ ete — —— — —— 199 Sie von ihr gerettet ſein wollen... Ich würde Ihnen ſchlecht dienen, Madame, und ich würde dem König ſchlecht dienen, ſpräche ich anders.“ Die Königin unterbrach ihn aber mit einer gebie⸗ teriſchen Geberde und entgegnete: „Oh! mein Herr, ich verſichere Ihnen, Sie ſchlagen einen falſchen Weg ein,“ Und mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke der Droh⸗ ung fügte ſie bei: „Nehmen Sie ſich in Acht!“ „Madame,“ erwiederte Dumouriez mit vollkommen ruhigem Tone,„ich bin über fünfzig Jahre alt; mein Leben iſt durch viele Gefahren gegangen, und als ich das Miniſterium übernahm, ſagte ich mir, die miniſte⸗ rielle Verantwortlichkeit ſei nicht die geringſte der Ge⸗ fahren, die ich laufe.“ „Oh!“ rief die Königin, indem ſie ihre Hände an einander ſchlug,„es blieb Ihnen nichts mehr Anderes zu thun, als mich zu verleumden, mein Herr.“ „Sie verleumden, Madame?“ „Ja. Soll ich Ihnen den Sinn der Worte, die ſo eben ausgeſprochen, erklären?“ „Thun Sie es, Madame.“ „Wohl denn, Sie haben geſagt, ich ſei im Stande, Sie ermorden zu laſſen... Oh! oh! mein Herr!“ rief die Königin. Und zwei große Thränen entſtürzten ihren Augen. Dumouriez war ſo weit als möglich gegangen; er wußte, was er wiſſen wollte: ob noch eine empfindliche Fiber im Grunde dieſes vertrockneten Herzeus ſei. „Gott behüte mich, daß ich der Königin eine ſolche Beleidigung anthue!“ ſprach er;„der Charakter Eurer Majeſtät iſt zu groß, zu edel, um dem Grauſamſten ihrer Feinde einen ſolchen Verdacht einzuflößen; ſie hat Beweiſe von Heldenmuth gegeben, die ich bewundert, und die mich zu ihr hingezogen.“ Si * 200 „Sprechen Sie die Wahrheit, mein Herr?“ fragte die Königin mit einer Stimme, in der die Gemüthsbe⸗ wegung allein noch beſtand. „Oh! Madame, ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre!“ „Dann entſchuldigen Sie mich, und geben Sie mir Ihren Arm,“ ſagte die Königin;„ich bin ſo ſchwach, daß es Augenblicke gibt, wo ich mich dem Fallen nahe fühle.“ Und ſie warf in der That erbleichend den Kopf zurück. War das eine Wirklichkeit? war es eines von den erſchrecklichen Spielen, in denen die verführeriſche Medea ſo geſchickt? Dumouriez, ſo gewandt er ſelbſt war, ließ ſich da⸗ durch einnehmen, oder, noch gewandter als die Königin, ſtellte er ſich vielleicht, als ließe er ſich einnehmen. „Madame,“ ſagte er,„glauben Sie mir, ich habe kein Intereſſe, Sie zu tänſchen: ich verabſcheue eben ſo ſehr als Sie die Anarchie und die Verbrechen; glauben Sie mir, ich habe Erfahrung; ich bin beſſer geſtellt, als Eure Majeſtät, um die Ereigniſſe zu beurtheilen; was vorgeht, iſt keine Intrigue von Herrn von Orleans, wie man Ihnen hat zu verſtehen gegeben; es iſt nicht die Wirkung des Haſſes von Herrn Pitt, wie Sie vermu⸗ then; es iſt nicht einmal eine augenblickliche Volksbewe⸗ gung; es iſt der faſt einhellige Aufſtand einer großen Nation gegen eingewurzelte Vorurtheile. Bei Allem dem, ich weiß es wohl, herrſchen gewaltige Leidenſchaf⸗ ten des Haſſes, die den Brand ſchüren. Laſſen wir die Schurken und die Narren beiſeit; behalten wir bei der Revolution, welche in Erfüllung geht, nur den König und die Nation im Auge; Alles, was darauf abzielt, ſie zu trennen, zielt auf ihren gegenſeitigen Ruin ab. Ich, Madame, ich bin gekommen, um mit meiner gan⸗ zen Macht für ihre Vereinigung zu arbeiten; helfen Sie —————— 201 mir, ſtatt mir entgegenzutreten. Sie mißtrauen mir? Bin ich ein Hinderniß bei Ihren contrerevolutionären Projecten? Sagen Sie es mir: ich bringe auf der Stelle dem König mein Entlaſſungsgeſuch, und ich gehe, um in einem Winkel über das Schickſal meines Vaterlands und das Ihre zu ſeufzen!“ „Nein! nein!“ rief die Königin,„bleiben Sie und entſchuldigen Sie mich!“ „Ich! Sie entſchuldigen, Madame? Oh! ich bitte Sie inſtändig, demüthigen Sie ſich nicht ſo!“ „Warum mich nicht demüthigen? Bin ich noch eine Königin? Bin ich nur noch eine Frau?“ Sie ging an das Fenſter und öffnete es, trotz der Kälte des Abends; der Mond verſilberte den entlaubten. Gipfel der Bäume der Tuilerien. „Nicht wahr, Jedermann hat ein Recht auf Licht und Sonne? Nun, mir allein ſind die Sonne und die Luft verſagt; ich wage es weder auf der Seite des Ho⸗ fes, noch auf der Seite des Gartens ans Fenſter zu ſtehen; vorgeſtern ſtelle ich mich daran auf der Seite des Hofes; ein Kanonier von der Wache ſchlendert mir eine plumpe Beleidigung zu und fügt bei:„„Oh! wel⸗ ches Vergnügen würde es mir machen, Deinen Kopf auf der Spitze meines Bajonnets zu tragen!““ Geſtern öffne ich das Fenſter, das nach dem Garten geht; auf der einen Seite ſehe ich einen Mann, der auf einem Stuhle ſteht und Gräuel gegen uns vorlieſt; auf der andern einen Prieſter, den man nach einem Baſſin ſchleppt und dabei mit Schmähungen und Schlägen überhäuft; und zu glei⸗ cher Zeit, als lägen dieſe Scenen im gewöhnlichen Laufe der Dinge, bemerke ich Leute, welche, ohne ſich darum zu bekümmern, Ball ſchlagen oder ruhig ſpazieren gehen Welche Zeit, mein Herr! welch ein Aufenthalt! welch ein Volk! Und Sie wollen, daß ich mich noch für eine Königin halte, daß ich mich noch für eine Frau halte?“ rief die Königin. 202 Und ſie warf ſich auf ein Canapé und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Dumvouriez ſetzte ein Knie auf die Erde, nahm ehr⸗ erbietig den Saum ihres Kleides und küßte ihn. „Madame,“ ſprach er,„von dem Augenblicke, wo ich mich anheiſchig mache, den Kampf auszuhalten, wer⸗ den Sie wieder die glückliche Frau, werden Sie wieder die mächtige Königin, oder ich laſſe dabei mein Leben!“ Und er ſtand auf, verbeugte ſich vor der Königin und ging eiligſt hinaus. Die Königin ſchaute ihm mit einem verzweifelten Blicke nach. „Die mächtige Königin!“ wiederholte ſie.„Viel⸗ leicht iſt das durch Dein Schwert noch möglich, doch die glückliche Frau, nie! nie! nie!“ Und ſie ileß den Kopf zwiſchen die Kiſſen des Ca⸗ naps ſinken und murmelte einen Namen, der ihr jeden Tag theurer und ſchmerzlicher wurde: den Namen Charny. CXKXVI. Pie rothe Mütze. Dumouriez hatte ſich, wie wir geſehen, raſch ent⸗ ſernt, vor Allem, weil ihm die Verzweiflung der Königin peinlich: ziemlich weuig gerührt durch die Ideen, war dies Dumouriez ſehr durch die Menſchen; er hatte kein Gefühl des politiſchen Gewiſſeus, doch er war ſehr em⸗ pfänglich für das menſchliche Mitleid; ſodann erwartete ihn Briſſot, um ihn bei den Jacobinern einzuführen⸗ und S— ——— n t⸗ in ar ein m⸗ ete nd 203 Dumouriez wollte nicht ſäumen, dem furchtbaren Clubb ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Was die legislative Verſammlung betrifft,— er bekümmerte ſich wenig um ſie, ſobald er der Mann von Pétion, Genſonné, Briſſot und der Gironde war. Doch er war nicht der Mann von Robespierre, von Collot⸗dHerbois und von Couthon, und es waren Collot⸗ dHerbois, Cvuthon und Robespierre die Männer, welche die Jacobiner lenkten. Seine Gegenwart war nicht vorhergeſehen; zu den Jacobinern kommen, das war ein für einen Miniſter des Königs zu verwegener Streich; man hatte auch kaum ſeinen Ramen ausgeſprochen, als ſich Aller Augen gegen ihn wandten. Was würde Robespierre bei dieſem Anblicke thun? Robespierre wandte ſich um wie die Andern und horchte auf den Namen, der von Mund zu Mund flog; dann faltete er die Stirne, wurde kalt und ſchweigſam. Eine eiſige Stille verbreitete ſich alsbald im Saale. Dumouriez begriff, daß er ſeine Schiffe verbrennen mußte. ſ, Jacobiner hatten als Zeichen der Gleichheit die rothe Mütze angenommen; nur drei bis vier Mit⸗ glieder hatten ohne Zweifel gedacht, ihr Patriotismus ſei hinlänglich bekannt, daß es für ſie nicht nöthig, einen ſolchen Beweis davon zu geben. Robespierre gehörte zu dieſer Zahl. Dumouriez zögert nicht: er wirft ſeinen Hut fern von ſich, nimmt vom Kopfe des Patrioten, neben dem er ſitzt, deſſen rothe Mütze, drückt ſie ſich bis auf die Ohren ein und beſteigt, das Zeichen der Gleichheit aufpflanzend, die Tribune. Der ganze Saal brach in einen Beifallsſturm aus. Etwas dem Ziſchen einer Viper Aehnliches ſchlän⸗ gelte ſich mitten durch dieſen Beifallsſturm und löſchte ihmplötzlich aus. 204 Das war ein St! das von den dünnen Lippen von Robespierre kam. Dumounriez geſtand mehr als einmal ſeitdem, nie habe ihn das Pfeifen der Kanonenkugeln, welche auf einen Fuß über ſeinem Kopfe hingeflogen, ſchauern ge⸗ macht, wie das Ziſchen dieſes von den Lippen des Exde⸗ putirten von Arras kommenden St! Dumouriez war aber ein gewaltiger Kämpe, General und Redner zugleich, ſchwer auf dem Schlachtfelde wie auf der Tribune aus dem Sattel zu heben. Er wartete, bis die eiſige Stille völlig wiederher⸗ geſtellt war, und ſprach dann mit vibrirender Stimme: „Brüder und Freunde, alle Angenblicke meines Le⸗ bens ſollen fortan Dem geweiht ſein, daß ich den Willen des Volkes thue und das Vertrauen des conſtitutionellen Königs rechtfertige; ich werde in meine Unterhandlun⸗ gen mit dem Auslande alle Kräfte eines freien Volkes legen, und dieſe Unterhandlungen werden entweder einen dauerhaf⸗ ten Frieden oder einen entſcheidenden Krieg herbeiführen!“ Hier brach trotz des St! von Robespierre der Bei⸗ fall aufs Neue los. „Haben wir dieſen Krieg,“ fuhr der Redner fort, „ſo werde ich meine politiſche Feder zerbrechen und mei⸗ nen Rang im Heere einnehmen, um zu ſiegen oder frei mit meinen Brüdern zu ſterben! Eine große Bürde laſtet auf meinen Schultern: Brüder, helft mir ſie tragen; ich bedarf der Rathſchläge: laßt mir ſie durch Eure Journale zukommen; ſagt mir die Wahrheit, die reinſte Wahr⸗ heit, ſtoßt aber die Verleumdung zurück und nicht einen Bürger, den Ihr als aufrichtig und unerſchrocken kennt, und der ſich der Sache der Revolution weiht.“ Dumouriez hatte geendigt. Er ſtieg unter Beifall⸗ klatſchen herab; dieſes Beifallklatſchen ärgerte Collot⸗ d'Herbois, den ſo oft ausgeziſchten, ſo ſelten beklatſchten Schauſpieler. „Warum dieſes Beifallklatſchen?“ rief er von ſei⸗ net 205 nem Platze aus.„Kommt Dumouriez als Miniſter hier⸗ her, ſo iſt ihm nichts zu antworten; kommt er als Mit⸗ glied und als Bruder, ſo thut er nur ſeine Pflicht und ſtellt ſich auf das Niveau ſeiner Meinungen; wir haben ihm alſo nur eine Antwort zu geben: er handle, wie er geſprochen hat!“ Dumouriez machte mit der Hand ein Zeichen, wel⸗ ches beſagen wollte:„So habe ich es verſtanden!“ Da erhob ſich Robespierre mit ſeinem ſtrengen Lä⸗ cheln; man begriff, daß er nach der Tribune gehen wollte, und trat auf die Seite, daß er ſprechen wollte, und ſchwieg. Nur war dieſes Stillſchweigen im Vergleiche mit dem, welches Dumouriez empfangen hatte, ſanft und ſammetartig. Er beſtieg die Tribune und ſprach mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Feierlichkeit: „Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche es für durch⸗ aus unmöglich halten, daß ein Miniſter Patriot iſt, und ich nehme ſogar mit Vergnügen die Vorzeichen an, die uns Herr Dumouriez gibt. Wird er dieſe Vorzeichen er⸗ füllt, wird er die gegen uns durch ſeine Vorgänger und die Verſchworenen, die noch heute die Regierung leiten, trotz der Austreibung einiger Miniſter, bewaffneten Feinde gebändigt haben, dann werde ich erſt geneigt ſein, ihm Lobſpenden zuzuerkennen; aber ſelbſt daun werde ich nicht denken, jeder gute Bürger dieſer Geſellſchaft ſei nicht ſeines Gleichen: das Volk allein iſt groß, iſt allein ver⸗ ehrungswürdig in meinen Augen; die Klappern der mini⸗ ſteriellen Macht verſchwinden vor ihm. Aus Achtung vor dem Volke, vor dem Miniſter ſelbſt, verlange ich, daß man ſeinen Eintritt hier nicht durch Huldigungen be⸗ zeichne, welche vom Verfalle des öffentlichen Geiſtes zeu⸗ gen würden. Er fordert von uns Rathſchläge: ich ver⸗ ſpreche für meinen Theil, ihm Rathſchläge zu geben, welche ihm und der öffentlichen Sache nützlich ſein wer⸗ 206 den. So lange Herr Dumouriez durch angenſcheinliche Proben von Patriotismus und beſonders durch dem PVaterlande geleiſtete wirkliche Dienſte beweiſen wird, daß er der Bruder der guten Bürger und der Verthei⸗ diger des Volkes iſt, wird er hier nur Stützen haben; ich fürchte nicht für dieſe Geſellſchaft die Gegenwart ei⸗ nes Miniſters, doch ich erkläre, daß ich in dem Augen⸗ blick, wo ein Miniſter hier mehr Gewicht hätte, als ein Bürger, ſeine Vertreibung verlangen würde. Es wird nie ſo ſein!“ Und unter allgemeinem Beifallklatſchen ſtieg der herbe Redner von der Tribune; doch eine Falle harrte ſeiner auf der erſten Stufe. Begeiſterung heuchelnd, war Dumouriez mit offenen Armen da. „Tugendhafter Robespierre!“ rief er,„unbeſtechlicher Bürger, erlaube, daß ich Dich umarme.“ Und trotz der Gegenanſtrengungen des Erdeputirten von Arras drückte er dieſen an ſein Herz. Man ſah nur den Act, der in Erfüllung ging, und nicht den Widerwillen, mit dem ihn Robesplerre in Er⸗ füllung gehen ließ⸗ Der ganze Saal brach aufs Neue in einen Bei⸗ fallsſturm aus. „Komm,“ ſagte leiſe Dumvuriez zu Briſſot,„die Komödie iſt geſpielt! Ich habe die rothe Mütze aufge⸗ ſetzt und Robespierre nmarmt: ich bin für heilig und unverletzlich erklärt.“ Und er erreichte wirklich unter den Hurrahs des Saales und der Tribunen die Thüre. An der Thüre wechſelte ein junger Mann, bekleidet mit der Würde eines Huiſſier, mit dem Miniſter einen raſchen Blick und einen noch raſcheren Händedruck. Dieſer junge Mann war der Herzog von Chartres. Es hatte eif Uhr Abends geſchlagen. Briſſot führte F d r⸗ ie e⸗ nd det en es. rte 207 Dumouriez. Beide begaben ſich mit haſtigem Schritte zu der Roland. Die Roland wohnten immer noch in der Rue Gus⸗ négaud. Sie waren am Tage vorher von Briſſot davon un⸗ terrichtet worden, daß Dumvuriez, auf die Eingebung von Genſonné und ihm, Briſſot, dem König Roland zum Miniſter des Innern vorſchlagen ſollte. Briſſot hatte ſodann Roland gefragt, ob er ſich ſtark genug für eine ſolche Bürde fühle, und Roland hatte, einfach diesmal wie immer, geantwortet, er glaube es. Dumouriez kam, um ihm zu eröffnen, die Sache ſei gemacht. Roland und Dumonriez kannten ſich nur dem Na⸗ men nach; ſie hatten ſich noch nie geſehen. Man begreift die Reugierde, mit der ſich die zu⸗ künftigen Collegen betrachteten. Nach den üblichen Complimenten, wobei Dumouriez Roland ſeine beſondere Freude darüber ausſprach, daß er zur Regierung einen erleuchteten und tugendhaften Patrioten wie ihn berufen ſehe⸗ fiel das Geſpräch natür⸗ lich auf den König. „Von dort wird das Hinderniß kommen,“ ſagte Ro⸗ land mit einem Lächeln. „Nun wohl, hiebei werden Sie an mir eine Raive⸗ tät erkennen, mit der man mich ſicherlich nicht beehrt: ich halte den König für einen redlichen Mann und für ei⸗ nen aufrichtigen Patrioten.“ Als er ſodann ſah, daß Madame Roland nicht ant⸗ wortete und ſich nur auf ein Lächeln beſchränkte, fragte Dumouriez: „Das iſt nicht die Anſicht von Madame Roland?“ „Sie haben den König geſehen?“ ſagte ſie. „Ja. „Haben Sie die Königin geſehen?“ 208 Dumouriez antwortete ſeinerſeits auch nicht und be⸗ ſchränkte ſich ebenfalls auf ein Lächeln. Man verabredete, am andern Tage um elf Uhr Mor⸗ gens zuſammenzukommen, um den Eid zu leiſten. Wenn man die Aſſemblée verließe, ſollte man ſich zum König begeben. Es ſchlug halb zwölf Uhr; Dumouriez wäre wohl geblieben, doch es war zu ſpät für kleine Lente wie die Roland. Warum wäre Dumouriez geblieben? Ah! das iſt es. Bei dem raſchen Blicke, den eintretend Dumouriez auf die Frau und den Mann geworfen, hatte er ſogleich das Alter des Mannes,— Roland war zehn Jahre äl⸗ ter als Dumonriez, und Dumouriez ſchien zwanzig Jahre weniger als Roland zu zählen,— und den Reichthum der Formen der Frau bemerkt. Madame Roland, wie geſagt, die Tochter eines Graveur, hatte von ihren Kin⸗ derjahren an in der Werkſtätte ihres Vaters und, Fran geworden, im Cabinet ihres Mannes gearbeitet; die Ar⸗ beit, dieſer harte Beſchützer, hatte die Jungfrau geſchützt, wie er die Gattin ſchützen ſollte. Dumouriez gehörte zu jener Race von Männern, welche einen alten Ehemann nicht ſehen können, ohne zu uen und eine junge Fran nicht, ohne nach ihr zu be⸗ gehren. Er mißſiel auch zugleich der Frau und dem Manne. Darnm bemerkten Beide Briſſot und dem General, es ſei ſpät. Briſſot und Dumouriez enifernten ſich. „Nun,“ fragte Roland, als die Thüre wieder ge⸗ ſchloſſen war,„was denkſt Du von unſerem zukünftigen Collegen?“ Madame Roland lächelte. „Es gibt Menſchen,“ ſagte ſie,„die man nicht zwei⸗ mal zu ſehen braucht, um ſich eine Meinung über ſie zu ma ger übe bea der ſpã Ro zu the lut Na die fel, er tra der Co fül ve üb tr 209 machen. Das iſt ein verſchmitzter Kopf, ein geſchmeidi⸗ ger Charakter, ein falſcher Blick; er hat eine große Freude über die patriotiſche Wahl, die er Dir zu verkündigen beauftragt ſei, ausgedrückt; es würde mich nicht wun⸗ dern, wenn er dahin wirkte, daß man Dir früher oder ſpäter den Abſchied gäbe.“ „Das iſt Punkt für Punkt meine Anſicht,“ ſprach Roland. Und Beide legten ſich mit ihrer gewöhnlichen Ruhe zu Bette, ohne daß der Eine oder die Andere vermu⸗ thete, die eiſerne Hand des Geſchickes habe ihre zwei Namen mit Blutbuchſtaben auf die Tabletten der Revo⸗ lution geſchrieben. Am andern Morgen leiſtete der neue Miniſter der Nationalverſammlung den Eid, dann begab er ſich in die Tuilerien. Roland hatte Schuhe mit Schnüren an, obne Zwei⸗ fel, weil er kein Geld beſaß, um Schnallen zu kaufen; er trug einen runden Hut, da er nie einen andern ge⸗ tragen. Er begab ſich in ſeiner gewöhnlichen Tracht nach den Tuilerien; er war der Letzte in der Reihe ſeiner Collegen. Der Ceremonienmeiſter, Herr von Brézé, ließ die fünf Erſten vorbeigehen, hielt aber Roland an. Roland wußte nicht, warum man ihm den Eintritt verweigerte. „Ich auch,“ ſagte er,„ich bin Miniſter wie die Anderns Miniſter des Innern ſogar!“ Der Ceremonienmeiſter ſchien ganz und gar nicht überzeugt. Dumouriez hörte den Streit und trat dazwiſchen. „Warum verweigern Sie Herrn Roland den Ein⸗ tritt?“ fragte er. „Ei! mein Herr,“ rief der Ceremonienmeiſter, die Hände ringend,„ein runder Hut! und keine Schnallen!“ Die Gräfin von Charny. VI. 14 210 „Ah! mein Herr,“ erwiederte Dumouriez mit der größten Kaltblütigkeit,„ein runder Hut und keine Schnal⸗ len; Alles iſt verloren!“ Und er ſchob Roland in das Cabinet des Königs. C(XXVII. Vas Reußere und das Innere. Dieſes Miniſterium, das ſo viel Mühe hatte, in das Cabinet des Königs zu gelangen, konnte man das Kriegs⸗ miniſterium nennen. Am 1. März war Kaiſer Leopold, getödtet durch die Reizmittel, die er ſelbſt bereitete, geſtorben. Die Königin, welche in irgend einem jacobiniſchen Pamphlet geleſen hatte, eine Paſtetenkruſte werde den Kaiſer von Oeſterreich richten, die Königin, welche Gil⸗ bert hatte kommen laſſen, um ihn zu fragen, ob es nicht ein allgemeines Gegengift gebe, die Königin hatte laut geſchrieen, ihr Bruder ſei vergiſtet worden. Mit Leopold war die temporiſirende Politik Oeſter⸗ reichs geſtorben. Derjenige, welcher den Thron beſtieg, Franz II.,— den wir gekannt haben, und der, nachdem er der Zeit⸗ genoſſe unſerer Väter geweſen, der unſere wurde,— war gemiſcht von deutſchem und italieniſchem Blute. Ein Oe⸗ ſterreicher, geboren in Florenz, ſchwach, heftig, verſchmitzt; ein redlicher Mann nach dem Sinne der Prieſter; eine harte, bigotte Seele, ſeine Falſchheit unter einer wohl⸗ wollenden Phyſiognomie verbergendz gleichſam durch Fe⸗ en n l⸗ ut r⸗ ar e⸗ ine 211 derkraft gehend wie ein Automat, wie die Statue des Gouverneur oder das Geſpenſt des Königs von Däne⸗ mark; ſeine Tochter ſeinem Sieger gebend, um ihm nicht ſeine Staaten geben zu müſſen, ſodann ihn von hinten ſchlagend beim erſten Rückzuge, zu dem ihn der eiſige Wind des Nordens nöthigt; Franz II., der Mann der Kerker des Spielbergs,— das iſt der Beſchützer der Emigrirten, der Verbündete Preußens, der Feind Frank⸗ reichs! Unſer Geſandter in Wien, Herr von Noailles, war, ſo zu ſagen, Gefangener in ſeinem Pallaſte. Unſerem Geſandten in Berlin, Herrn von Segur, ging dahin das Gerücht voraus, er komme, um die Ge⸗ heimniſſe des Königs von Preußen dadurch zu ergattern⸗ daß er ſich zum Liebhaber ſeiner Maitre ſen mache. Zufällig hatte dieſer König. pu Herr von Ségur erſchlen in der öffentlichen Audienz zugleich mit dem Geſandten von Coblenz. Der König wandte dem Botſchafter Frankreichs den Rücken zu und fragte den Mann der Prinzen ſogleich⸗ wie ſich der Graf d'Artvis befinde. Preußen glaubte ſich zu jener Zeit, wie es ſich heute noch glaubt, an der Spitze des deutſchen Fort⸗ ſchrittes; es lebte von den ſeltſamen philoſophiſchen Tra⸗ ditionen von König Friedrich, der zu den türkiſchen Wi⸗ derſtänden und den polniſchen Revolutionen anſpornte, während er die Freiheiten Hollands erwürgte; eine Regierung mit gekrümmten Händen, welche unabläßig im trüben Waſſer der Revolutionen bald Neufchatel, bald en Theil von Pommern, bald einen Theil von Polen t 6 Das waren unſere zwei ſichtbaren Feinde: Franz lI. und Friedrich Wilhelm; die noch unſchtbaren Feinde waren England, Rußland und Spanien. Das Haupt dieſes ganzen Bundes ſollte der kriege⸗ riſche König von Schweden ſein, dieſer als Rieſe bewaffnete 212 Zwerg, den man Guſtav III. nannte, und den Katha⸗ rina II. in ihrer Hand hielt. 5 Die Thronbeſteigung von Franz II. gab ſich durch folgende diplomatiſche Note kund: 1. Die im Königreiche begüterten deutſchen Fürſten befriedigen,— mit anderen Worten die kaiſerliche Ober⸗ lehensherrlichkeit mitten in unſeren Departements aner⸗ — HOeſterreich ſelbſt in Frankreich unterworfen ein. 2. Avignon zürückgeben, damit die Provence, wie früher, zerſtückelt ſei. 3. Die Monarchie auf dem Fuß vom 22. Juni 1789 wiederherſtellen. Dieſe Note entſprach augenſcheinlich den geheimen Wünſchen des Königs und der Königin. Dumouriez zuckte darüber die Achſeln. Man hätte denken ſollen, Heſterreich ſei am 23. Juni eingeſchlafen, und nach einem dreijährigen Schlafe glaube es am 24. Juni wiederzuerwachen. Am 16. März 1792 iſt Guſtav auf einem Balle er⸗ mordet worden. Zwei Tage nach dieſer, Frankreich noch unbekannten, Ermordung kam die öſterreichiſche Note bei Dumou⸗ riez an. Er brachte ſie ſogleich Ludwig XVI. So ſehr Marie Antoinette, die Frau der extremen Entſchlüſſe, einen Krieg wünſchte, weil ſie glaubte, es ſei ein Befreiungskrieg für ſie, ebenſo ſehr fürchtete der König, der Mann der die Mitte behauptenden Ent⸗ ſchlüſſe, der Langſamkeit, der Ausflüchte und der krum⸗ men Wege, eben ſo ſehr, ſagen wir, fürchtete der König den Krieg. In der That, war der Krieg erklärt, ſo nehmet einen Sieg an: dann war er der Willkür des ſiegenden Gene⸗ rals preisgegeben; nehmet eine Niederlage an, dann ————— dat es die klä no gen der geſ tet, 2 er E ig en e⸗ in ——ů 213 machte ihn das Volk dafür verantwortlich, ſchrie über Verrath und fiel über die Tuilerien her. Drang endlich der Feind bis Paris vor, wen brachte er zurück? Monſienr, das heißt den Regenten des König⸗ reiches. Ludwig XVI. entthront, Mgrie Antoinette als un⸗ etreue Gattin in Anklageſtand e e Wder n Lankreich als im Ehebruche erzeugte erfärt, dies waren die Reſültäte der Rückkfehr der Emigraton ſach Frank⸗ reich. Der König traute den Oeſterreichern, den Dent⸗ ſchen, den Preußen, aber er mißtraute den Emigrirten. Als er die Note las, begriff er indeſſen, die Stunde, das Schwert Frankreichs zu ziehen, ſei gekommen, und es laſſe ſich nicht zurückweichen. Am 20. April treten der König und Dumouriez in die Nationalverſammlung ein: ſie bringen die Kriegser⸗ klärung an Oeſterreich. Die Kriegserklärung wird mit Begeiſterung aufge⸗ nommen. Zu dieſer feierlichen Stunde, welcher ſich zu bemächti⸗ gen der Roman nicht den Muth hat, weshalb er ſie ganz der Geſchichte überläßt, beſtehen in Frankreich vier wohl geſchiedene Parteien: Die abſoluten Royaliſten; die Königin gehört hiezu; Die conſtitutionellen Rohaliſten; der König behaup⸗ tet, zu dieſen zu gehören; Die Republikaner; Die Anarchiſten. Die abſoluten Royaliſten haben, abgeſehen von der Königin, keine offenbare Häupter in Frankreich. Sie werden vertreten im Auslande durch Monſieur, durch den Grafen d'Artois, durch den Prinzen von Condé und durch den Herzog Karl von Lothringen. Herr von Breteuil in Wien, Herr Mereci d'Argen⸗ 214 ſon in Brüſſel ſind die Repräſentanten der Königin bei dieſer Partei. Die Häupter der conſtitutionellen Partei ſind La⸗ jehete Bailly, Barnave, Lameth, Duport, kurz die Feuil⸗ ants. Der König verlangt nichts Anderes, als das abſo⸗ lute Königthum zu verlaſſen und mit ihnen zu gehen; er iſt indeſſen mehr geneigt⸗ ſich hinten— als vorne zu halten.— Die Häupter der repůĩtaniſchen Partei ſind Briſ⸗ ſot, Vergniand, Guadet, Pétion, Roland, Isnard, Du⸗ cos, Condorcet und Couthon. Die Häupter der Anarchiſten ſind Marat, Danton, Santerre, Gonchon, Camille Desmoulins, Hébert, Le⸗ gendre, Fabre dEglantine und Collot d'Herbvis. Dumouriez wird ſein, was man will, wenn er nur Iutereſſe und Ruf dabei findet. Robespierre iſt in den Schatten zurückgetreten: er wartet. Wem ſollte man nun die Fahne der Revolution übergeben, welche Dumouriez⸗ dieſer ſchwankende Patriot, 2 Tribune der Nationalverſammlung geſchwungen atte? Lafayette, dem Manne vom Marsfelde! Luckner! Frankreich kannte ihn nur durch das Böſe, das er ihm als Parteigänger während des ſiebenjährigen Krieges zugefügt. Rochambeau, der vom Kriege nur die Defenſive wollte und ſich dadurch gedemüthigt fühlte, daß er Du⸗ mouriez ſeine Befehle geradezu an ſeine Lieutenants richten ſah ohne ſie die Cenſur ſeiner alten Erfahrung paſſiren zu laſſen. Das waren die drei Männer, welche die drei Armeecorps commandirten, die ins Feld zu rücken bereit ſtanden.* — 21⁵ i Lafayette hielt das Centrum; er ſollte raſch an der Maas hinab, von Givet gegen Namur, marſchiren. Luckner bewachte die Franche⸗Comté. Rochambeau Flandern. Unterſtützt von einem Corps, das Rochambeau von 3 Flandern unter dem Commando von Biron ſchicken würde, ſollte Lafayette Namur nehmen und gegen Brüſſel mar⸗ 3 ſchiren, wo ihn mit offenen Armen die Revolution von Brabant erwartete. ⸗ Lafayette hatte die ſchöne Rolle: er war in der Vor⸗ hut; ihm behielt Dumouriez den erſten Sieg vor. Dieſer Sieg machte ihn zum Obergeneral. — , War Lafayette Sieger und Obergeneral, Dumouriez e Kriegsminiſter, ſo warf man die rothe Mütze ab, man zermalmte mit einer Hand die Gironde, mit der andern ur die Jacobiner. Die Gegenrevolution war gemacht! er Aber Robespierre? Robespierre war, wie geſagt, in den Schatten zu⸗ n rückgetreten, und Viele behaupteten, es gebe einen unter⸗ t, irdiſchen Gang von der Bude des Schreiners Duplay en üur königlichen Wohnung von Ludwig XVI. Kam nicht hievon die ſpäter von der Frau Herzo⸗ gin von Angouléme an Mademoiſelle Robespierre bezahlte ſe, Penſion? en Doch diesmal wie immer ließ Lafayette Lafayette im Stiche. v Dann ſollte man den Krieg mit Parteigängern des Friedens machen; die Proviantmeiſter beſonders waren ats die Freunde unſerer Feinde; ſie hätten gern unſere Trup⸗ ng pen ohne Lebensmittel und ohne Munition gelaſſen, und das thaten ſie auch, um das Brod und das Pulver den rei Preußen und den Oeſterreichern zu ſichern. eit Ueberdies bemerke man wohl, daß der Mann der 4 dumpfen Ränke, der finſtern Schleichwege, Dumouriez, 216 ſeinen Verkehr mit den Orleans nicht vernachläßigte, ein Verkehr, der ſeinen Untergang zur Folge hatte. Biron war ein orleaniſtiſcher General. So ſollten Orleaniſten und Feuillants, Lafayette und Biron, die erſten Schwertſtreiche thun, die Fanfaren des erſten Sieges erſchallen laſſen. Am 28. April Morgens bemächtigte ſich Biron des Fleckens Quiévrain und marſchirte gegen Mons. Am andern Tage, am 29., begab ſich Theobald Dil⸗ lon von Lille gegen Tournay. Biron und Dillon, zwei Ariſtokraten, zwei ſchöne und tapfere junge Leute, gewandt, geiſtreich, von der Schule von Richelien, der Eine offen in ſeiner patrioti⸗ ſchen Geſinnung, der Andere hat noch nicht Zeit gehabt, zu erfahren, welcher Meinung er war: er ſoll ermordet werden. Wir haben irgendwo geſagt, die Dragoner ſeien die ariſtokratiſche Waffe des Heeres geweſen: zwei Regimen⸗ ter Dragoner marſchirten an der Spitze der dreitauſend Mann von Biron. Plötzlich fangen die Dragoner, ohne nur den Feind zu ſehen, an zu ſchreien:„Rettet Euch! wir ſind ver⸗ rathen!“ Dann drehen ſie um und reiten, immer ſchreiend⸗ über die Infanterie weg, die ſie niedertreten; die Infan⸗ terie glaubt, ſie werden verfolgt, und flieht ebenfalls. Alles wird von einem paniſchen Schrecken ergriffen. Dillon ſtößt auf ein Corps von neuntauſend Oeſter⸗ reichern; die Dragoner ſeiner Vorhut bekommen Angſt, fliehen, reißen die Infanterie mit ſich fort, laſſen Fuhr⸗ werk, Eqnipagen, Artillerie im Stiche und, haiten erſt in Lille an. Hier ſchieben die Flüchtlinge die Feigheit auf ihre Anführer und ermorden Theobald Dillon und den Oberſt⸗ lieutenant Bertois, wonach ſie die Leiber dem Pöbel von Sc — —— 217 Lille preisgeben, der ſie aufhängt und um die Leichname tanzt. Durch wen war dieſe Niederlage organiſirt worden, wer hatte zum Zwecke, das Zagen ſich des Herzens der Patrioten bemächtigen und das Vertrauen das Herz des Feindes erfüllen zu machen? Die Gironde, die den Krieg gewollt hatte und auf zwei Seiten von der doppelten Wunde, die ſie erhalten, blutete, die Gironde,— und man muß ſagen, aller Anſchein gab ihr Recht,— die Gironde klagte den Hof, das heißt die Königin an. Ihre erſte Idee war, Marie Antoinette Schlag für Schlag zurückzugeben. Doch man hatte dem Königthum Zeit gelaſſen, ſich mit einem Küraß zu bekleiden, der ſolider als jenes Bruſtſtück, deſſen Kugeffeſtigkeit die Königin in einer Nacht mit Andrée verſucht hatte. Die Konigin hatte nach und nach die bekannte, von der conſtituirenden Verſammlung genehmigte, conſtitutio⸗ nelle Garde reorganiſirt; ſie belief ſich auf nicht weniger als ſechstauſend Mann. Und was für Leute! Raufer und Fechtmeiſter, welche die Repräſentanten ſelbſt auf den Bänken der National⸗ verſammlung inſultirten; Edelleute aus der Bretagne und der Vendée, Provengalen von Nimes und Arles, robuſte Prieſter, welche, unter dem Vorwande der Eidesverwei⸗ gerung, die Soutane abgeworfen und ſtatt des Weih⸗ wedels den Degen, den Dolch und die Piſtole genommen hatten; überdies eine Welt von St. Ludwigs⸗Rit⸗ tern, welche man wußte nicht woher kamen, die man wußte nicht warum decorirte. Dumouriez ſelbſt beklagt ſich darüber in ſeinen Denkwürdigkeiten: welche Regierung auch auf die beſtehende folgen mag, ſie wird dieſes ſchöne und unglückliche Kreuz, das man verſchwendet, nicht wieder zu Ehren bringen können. Es ſind ſechs⸗ tauſend ſolche Kreuze ſeit zwei Jahren gegeben worden! 218 Dies iſt ſo, daß der Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten für ſich das große Band ausſchlägt und es Herrn von Watteville, Major des Schweizer Regiments Erneſt, geben läßt. Man mußte damit anfangen, daß man den Küraß angriff, dann würde man den König und die Königin ſchlagen. Plötzlich verbreitete ſich das Gerücht, bei der ehe⸗ maligen Militärſchule ſei eine weiße Fahne; dieſe Fahne, welche uneueur teckt werden ſollte, habe der König ge ebet„ Si erte an die ſchwarze Co⸗ undih F ober Pei der dem Polke ekannhen contrerevolutionären S es Hänigs nd der Königin war man ſo erſtaunt, die weiße Fähn zicht zuf den Tuilerien flat⸗ tern zu ſchen⸗ Wuri inem ſchönen Morgen auf einen aldirn Gebäube zu eſſchauen erwartete. ½ unenvon 3 enz dieſer Fahne erhielt, begab ſich dis Volk b aſerne. Die Oficieleß wten Widerſtand leiſten, die Sol⸗ daten verließen ſte⸗ Man fand eine Fahne ſo groß wie eine Hand, welche in einen vom Dauphin geſchenkten Kuchen gepflanzt wor⸗ den war. Doch außer dieſem bedentungsloſen Fetzen fand man viele Hymnen zu Ehren des Königs, viele für die Aſſem⸗ blée beleidigende Lieder und Tauſende von contrerevo⸗ lutionären Blättern. Bazire macht auf der Stelle der Aſſemblée eine Meldung: die Garde des Königs iſt in ein Freudenge⸗ ſchrei ausgebrochen, als ſie die Niederlage von Tournah und Quiévrain erfuhr; ſie hat die Hoffnung ausgedrückt, in drei Tagen werde Valenciennes genommen und in vierzehn Tagen das fremde Heer in Paris ſein. Mehr noch: ein Reiter von dieſer Garde, ein guter Franzoſe, Namens Joachim Murat, der in eine wahre carde vo ——c„ ————— e—, —————. e———„— 219 conſtitutionelle Garde, wie dies ihr Titel bezeichnete, ein⸗ zutreten geglaubt hatte, nimmt ſeinen Abſchied;— man ihn mit Geld beſtechen und nach Coblenz ſchicken wollen. Dieſe Garde iſt eine furchtbare Waffe in den Hän⸗ den des Königthums; kann ſie nicht auf einen Befehl des Königs gegen die Nationalverſammlung marſchiren, die Manége umzingeln, die Repräſentanten der Nation ge⸗ fangen nehmen oder ſie vom Erſten bis zum Letzten tödten? Weniger als dies; kann ſie nicht den König neh⸗ men, mit ihm Paris verlaſſen, ihn an die Gränze füh⸗ ren, eine zweite Flucht nach Varennes machen, welche diesmal glücken wird? Am 22. Mai, drei Wochen nach der doppelten Schlappe von Tournay und Quiévrain, ſchrieb auch Pé⸗ tion, der neue Maire von Paris, der durch den Ein⸗ fluß der Königin ernannte Mann, welcher ſie von Va⸗ rennes zurückgebracht hat, und den ſie begünſtigt aus Haß gegen den, welcher ſie hatte fliehen laſſen, Pétion ſchrieb an den Commandanten der Nationalgarde, drückte ihm ganz unverholen ſeine Befürchtungen über die mög⸗ liche Abreiſe des Königs aus und forderte ihn auf, zu beobachten, zu überwachen und die Patrouil⸗ len in der Umgegend zu vervielfältigen. Zu überwachen, zu beobachten, was? Pétion ſagt es nicht. Die Patrouillen in der Umgegend von was zu ver⸗ vielfältigen? Daſſelbe Schweigen. Doch wozu die Tuilerien und den König nennen? Was beobachtet man? den Feind! Um was vervielfältigt man die Patrouillen? Um das feindliche Lager! Welches iſt das feindliche Lager? Die Tuilerien. Welcher iſt der Feind? Der König. So iſt alſo die große Frage geſtellt. Es iſt Pétion, der kleine Advocat von Chartres, der 220 Sohn eines Procurators, der ſie dem Abkömmling vom heiligen Ludwig, dem Enkel von Ludwig XKIV., dem König von Frankreich ſtellt! Und der König von Frankreich beklagt ſich darüber, denn er begreift, daß dieſe Stimme lauter ſpricht, als die ſeine; er beklagt ſich in einem Briefe, den das Di⸗ rectorinm des Departements an den Mauern von Paris anſchlagen läßt. Pétion bekümmert ſich aber nicht im Mindeſten da⸗ rum; er antwortet nicht; er beharrt bei ſeinem Befehle. Pétion iſt alſo der wahre König. Zweifelt Ihr daran, ſo ſollt Ihr ſogleich den Be⸗ weis erhalten. Der Bericht von Bazire verlangt, daß man die con⸗ ſtitutionelle Garde auflöſe und die Verhaftung von Herrn von Briſſac, ihrem Chef, beſchließe. Das Eiſen war heiß: die Girondiſten ſchmiedeten es als gewaltige Schmiede, was ſie waren. Es handelte ſich für ſie um Sein oder Nichtſein. Das Decret wurde an denſelben Tage erlaſſen, die conſtitutionelle Garde wurde verabſchiedet, gegen den Herzog von Briſſac erging ein Verhaftsbefehl, und die Poſten der Tuilerien wurden wieder der Nationalgarde übergeben.. D Charny! Charny, wo warſt Du? Du, der Du in Varennes beinahe die Königin mit Deinen dreihun⸗ dert Reitern wiedergenommen hätteſt, was würdeſt Du in den Tuilerien mit ſechstauſend Mann gethan haben? Charny lebte glücklich und vergaß Alles in den Ar⸗ men von Andrée. CXXVIII. Die Rue Gusnégaud und die Tuilerien. Man erinnert ſich, daß Grave ſeine Entlaſſung ver⸗ langt hatte; ſie war vom König beinahe, von Dumou⸗ riez gunz verweigert worden. Es war Dumouriez daran gelegen geweſen, Grave, der ſein Mann, zu behalten; er hatte ihn in der That behalten; doch bei der Rachricht von der von uns er⸗ wähnten doppelten Schlappe mußte er ſeinen Kriegsmi⸗ niſter opfern. Er gab ihn auf,— einen dem Cerberus der Jaco⸗ biner, um ſein Gebelle zu beſchwichtigen, hingeworfenen Kuchen. Er nahm ſtatt ſeiner den Oberſten Servan, Exgou⸗ verneur der Pagen, welchen er von Anfang an dem Kö⸗ nig vorgeſchlagen. Allerdings wußte er nicht, was für ein Mann ſein College wurde, und welchen Schlag dieſer Mann dem Königthum beibringen ſollte. Während die Königin in den Tuilerien wachte und nach dem Horizont ſchaute, ob ſie die ſo ſehr erſehnten Oeſterreicher nicht kommen ſehe, wachte eine andere Frau in ihrem kleinen Zimmer der Rue Guénégand. Die Eine war die Gegenrevolution, die Andere die Revolution. Man begreift, daß es Madame Roland iſt, die wir meinen. Sie hatte Servan ins Miniſterium gebracht, wie Frau von Stasl Herrn von Narbonne. 222 Die Hand der Frauen iſt überall in den drei ent⸗ ſetzlichen Jahren: 91, 92, 93. Servan verließ den Salon von Madame Roland nicht; wie alle Girondiſten, deren Hauch, Licht, Energie ſie war, inſpirirte er ſich durch dieſe muthige Seele, welche unabläßig brannte, ohne ſich je zu verzehren. Man ſagte, ſie ſei die Geliebte von Servan: ſie ließ die Leute ſagen, und, beruhigt durch ihr Gewiſſen, lä⸗ chelte ſie über die Verleumdung. Jeden Tag ſah ſie ihren Gatten gelähmt vom Kampfe nach Hauſe kommen: er fühlte ſich gegen den Abgrund mit ſeinem Collegen Claviöres fortgeriſſen, und dennoch war nichts ſichtbar, Alles ließ ſich leugnen. An dem Abend, wo ihm Dumouriez das Miniſte⸗ rium des Innern angeboten, hatte er ſeine Bedingungen gemacht. „Ich habe kein anderes Vermögen als meine Ehre,“ hatte er geſagt;„meine Ehre ſoll unbefleckt aus dem Miniſterium hervorgehen. Ein Secretär wird allen Con⸗ ferenzen des Miniſterraths beiwohnen und die Meinungs⸗ äußerungen von Jedem aufzeichnen; man wird auf dieſe Art ſehen, ob ich mich je gegen den Patriotismus und die Freiheit verfehlt habe.“ Dumouriez hatte beigeſtimmt; er fühlte das Be⸗ dürfniß, die Uupopularität ſeines Namens mit dem gi⸗ rondiſtiſchen Mantel zu bedecken; Dumonriez war einer von den Menſchen, welche immer verſprechen, entſchloſſen, ſpäter je nach den Umſtänden nicht zu halten. Dumvouriez hatte nicht gehalten, und Roland hatte vergebens ſeinen Secretär gefordert. Da hatte Roland, da er dieſes geheime Archiv nicht erlangen konnte, an die Oeffentlichkeit appellirt. Er hatte das Journal der Thermometer ge⸗ gründet, er ſah aber ſelbſt ſehr wohl ein, daß es Sitzun⸗ gen des Conſeil gab, deren unmittelbare Veröffentlichung ein Verrath zum Vortheile des Feindes geweſen wäre. * —** 223 Die Ernennung von Servan kam ihm zu Hülfe. Doch das war nicht genug: neutraliſirt durch Du⸗ mouriez, rückte der Conſeil nicht weiter vor. Die legislative Verſammlung hatte wohl einen Schlag gethan: ſie hatte die conſtitutionelle Garde ver⸗ abſchiedet und Briſſac verhaftet. Roland, als er mit Servan am 29. Mai Abends zurückkam, theilte die Neuigkeit zu Hauſe mit. „Was hat man mit den verabſchiedeten Garden gemacht?“ fragte Madame Roland. „Nichts.“ „Sie ſind alſo frei?“ „Ja; nur ſind ſie gezwungen geweſen, die blaue Uniform abzulegen.“ „Morgen werden ſie die rothe Uniform anziehen und als Schweizer einhergehen.“ Am andern Tage waren in der That die Straßen von Paris von Schweizer Uniformen durchfurcht. Die verabſchiedeten Garden hatten nur die Kleider gewechſelt. Sie waren da, in Paris, ſtreckten den Fremden die Hand entgegen, winkten ihnen zu kommen, bereit, den⸗ ſelben die Barrioren zu öffnen. Die zwei Männer, Roland und Servan, fanden kein Mittel hiegegen. Madame Roland nahm ein Blatt Papier, gab Ser⸗ van eine Feder in die Hand und ſagte: „Schreiben Sie! Antrag, in Paris, aus Ver⸗ anlaſſung des Feſtes vom 14. Juli, ein Lager von zwan⸗ zigtauſend Freiwilligen zu errichten.... Servan ließ die Feder fallen, ehe er den Satz ge⸗ endigt hatte. „Nie wird der König einwilligen!“ ſagte er. „Man muß auch nicht dem König dieſe Maßregel vorſchlagen, ſondern der Rationalverſammlung; man . 224 muß ſie auch nicht als Miniſter verlangen, ſondern als Bürger.“ Servan und Roland hatten beim Scheine eines Blitzes einen ungeheuren Horizont erſchaut. „Oh! Sie haben Recht!“ ſagte Servan;„hiemit und mit einem Decrete über die Prieſter halten wir den König.“ „Sie begreifen wohl, nicht wahr? die Prieſter, das iſt die Gegenrevolution in der Familie und in der Geſellſchaft. Die Prieſter haben dem Credo den Satz beifügen laſſen:„Und diejenigen, welche die Steuer vezahlen, werden verdammt ſein!““ Fünfzig beeidigte Prieſter ſind ermordet worden; ihre Häuſer hat man geplündert, ihre Felder ſeit ſechs Monaten verwüſtet; die Nationalverſammlung richte ein Dringlichkeitsdecret gegen die widerſpänſtigen Prieſter. Vollenden Sie Ihre Motion, Servan!— Roland wird das Decret redi⸗ giren!“ Servan vollendete ſeinen Satz. Roland ſchrieb mittlerweile. „Die Deportation des widerſpänſtigen Prieſters aus dem Königreiche wird in einem Monat ſtattfinden, wenn ſie von vierundzwanzig activen Bürgern verlaugt, vom Diſtrict gebilligt und von der Regierung ausgeſprochen wird; der Deportirte ſoll drei Franken täglich als Rei⸗ ſekoſten bis zur Gränze erhalten.“ Servan las ſeinen Antrag über das Lager von zwanzigtauſend Freiwilligen. Roland las ſeinen Entwurf des Decretes über die Deportation der Prieſter. Die ganze Frage lag in der That hierin. Handelte der König offen? Verrieth der König? War der König wahrhaft conſtitutionell, ſo würde er die zwei Decrete ſanctioniren. Verrieth der König, ſo würde er ſein Veto bei⸗ ſetzen. ve N de un rai che ein wic ſo r te n et * i⸗ 8 n . 225 „Ich werde die Motion über das Lager als Bür⸗ ger unterzeichnen,“ ſagte Servan. „Und Vergniand wird das Decret über die Prieſter beantragen,“ ſagten gleichzeitig der Mann und die Frau. Schon am andern Tage ſchlenderte Servan ſein Verlangen der Nationalverſammlung zu. Vergniaud ſteckte das Decret in ſeine Taſche und verſprach, es herauszuziehen, wenn es Zeit wäre. Am Abend der Ueberſendung der Motion an die Nationalverſammlung trat Servan wie gewöhnlich in den Miniſterrath. Sein Schritt war bekannt; Roland und Clavisres unterſtützten ihn gegen Dumouriez, Lacoſte und Du⸗ ranthon. „Oh! kommen Sie, mein Herr, und geben Sie Re⸗ chenſchaft über Ihr Benehmen!“ rief Dumouriez. „Wem, wenn es beliebt?“ fragte Servan. „Ei! dem König, der Nation, mir!“ Servan lächelte. „Mein Herr,“ ſprach Dumouriez,„Sie haben heute einen wichtigen Schritt gethan.“ „Ja,“ erwiederte Servan,„ich weiß es, einen höchſt wichtigen.“ „Haben Sie die Befehle des Königs eingeholt, um ſo zu handeln?“ „Nein, mein Herr, ich geſtehe es.“ „Haben Sie Ihre Collegen um ihren Rath ge⸗ fragt?“ „Eben ſo wenig, als ich die Befehle des Königs eingeholt habe, ich geſtehe es.“ „Warum haben Sie dann ſo gehandelt?“ „Weil das mein Recht als Privatmann und als Pürger war.“ „Alſo haben Sie als Privatmann und als Bürger dieſe aufrühreriſche Motion übergeben?“ Die Gräfin von Charny. VI. 15 226 „Ja.“ „Warum haben Sie dann Ihrer Unterſchrift den Litel Kriegsminiſter beigefügt?“ „Weil ich der Nationalverſammlung beweiſen wollte, ich ſei bereit, als Miniſter zu unterſtützen, was ich als Privatmann verlange.“ „Mein Herr,“ ſagte Dumouriez,„was Sie gethan haben, iſt das Benehmen zugleich eines ſchlechten Bür⸗ gers und eines ſchlechten Miniſters!“ 1 „Mein Herr,“ erwiederte Servan,„erlauben Sie mir, nur mich zum Richter über Dinge zu nehmen, welche mein Gewiſſen betreffen; hätte ich einen Richter bei ei⸗ ner ſo zarten Frage zu nehmen, ſo würde ich darnach trachten, daß er nicht Dumouriez hieße.“ Dumouriez erbleichte und machte einen Schritt ge⸗ gen Servan. Dieſer legte die Hand an den Griff ſeines Degens. Dumouriez that daſſelbe. In dieſem Angenblicke trat der König ein. Fr wußte noch nichts von der Motion von Servan. Man ſchwieg. Am andern Tage wurde das Deeret, das die Ver⸗ ſammlung der zwanzigtauſend Föderirten in Paris ver⸗ langte, in der Aſſemblée verhandelt. Der König war beſtürzt bei dieſer Nachricht. Er ließ Dumouriez rufen. „Sie ſind ein treuer Diener, mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„ich weiß, wie Sie ſich der Intereſſen des Kö⸗ gegen dieſen elenden Servan angenommen aben.“ „Ich danke Eurer Majeſtät,“ erwiederte Dumon⸗ riez. Dann, nach einer Pauſe, fragte er: „Der König weiß, daß das Decret durchgegan⸗ gen iſt?“ „Nein, doch gleichviels ich bin bei dieſem Umſtande i⸗ T⸗ er⸗ 227 entſchloſſen, von meinem Rechte des Veto Gebrauch zu machen.“ Dumouriez ſchüttelte den Kopf. „Das iſt nicht Ihre Anſicht, mein Herr?“ fragte der König. „Sire,“ antwortete Dumouriez,„ohne irgend eine Widerſtandskraft, ſo, wie Sie es ſind, dem Argwohne der Mehrzahl der Ration, der Wuth der Jacobiner, der tie⸗ fen Politik der republicaniſchen Partéi bloßgeſtellt,— wird ein ſolcher Entſchluß von Ihrer Seite eine Kriegs⸗ erklärung ſein.“ „Gut, es ſei, Krieg! Ich führe ihn wohl mit mei⸗ nen Freunden: ich kann ihn mit meinen Feinden führen.“ „Sire, beim einen haben Sie zehn Chancen des Sieges; beim andern zehn Chancen der Niederlage!“ „Sie wiſſen alſo nicht, in welcher Abſicht man die zwanzigtauſend Mann fordert?“ „Eure Majeſtät erlaube mir, fünf Minuten frei zu reden, und ich werde ihr beweiſen, daß ich nicht nur weiß, was man begehrt, ſondern auch vermuthe, was geſchehen wird.“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ ſagte der König:„ich bre.“ Und, in der That, den Ellenbogen auf den Arm ſeines Fautenil geſtützt, den Kopf in ſeine hohle Hand gelegt, hörte Ludwig XVI. „Sire,“ ſprach Dumonriez,„diejenigen, welche die⸗ ſes Decret verlangt haben, ſind eben ſo ſehr die Feinde des Vaterlands, als die des Königs.“ „Sie ſehen wohl!“ unterbrach Ludwig XVI.,„Sie geſtehen es ſelbſt!“ „Ich ſage mehr: ſeine Vollziehung kann ein großes Unglück herbeiführen.“ „Nun, alſo!“ „Erlauben Sie, Sire... „Ja; weiter! weiter!“ 228 „Der Kriegsminiſter iſt ſehr ſtrafbar, daß er eine Verſammlung von zwanzigtauſend Mann bei Paris ver⸗ langt hat, während unſere Heere ſchwach, unſere Grän⸗ zen entblößt, unſere Kaſſen erſchöpft ſind.“ „Oh!“ murmelte der König,„ſtrafbar, ich glaube es wohl!“ „Nicht nur ſtrafbar, Sire, ſondern auch unklug,— was noch viel ſchlimmer iſt! unklug, daß er bei der Nationalverſammlung die Zuſammenkunft einer undis⸗ ciplinirten Schaar beantragt, welche unter einem Namen herbeigerufen wird, der ihren Patriotismus übermäßig ſteigern muß, ſo daß ſich der erſte, der beſte Ehrgeizige derſelben bemächtigen kann.“ „Oh! es iſt die Gironde, die durch die Stimme von Servan ſpricht.“ „Ja,“ etwiederte Dumouriez,„doch die Gironde wird nicht den Nutzen davon haben.“ „Es ſind vielleicht die Feuillants, die den Nutzen ziehen werden?“ „Weder die Eine, noch die Andern; es werden die Jacobiner ſein! die Jacobiner, deren Verbindungen ſich über das ganze Königreich erſtrecken, und die un⸗ ter zwanzigtauſend Föderirten vielleicht neunzehntau⸗ ſend Adepten finden werden. Glauben Sie alſo mir, Sire, die Beförderer des Decrets werden durch das Decret ſelbſt geſtürzt werden.“ „Ah! wenn ich das glaubte, ſo würde ich mich bei⸗ nahe tröſten!“ rief der König. „Ich denke alſo, Sire, das Decret iſt gefährlich für die Nation, für den König, für die Nationalver⸗ ſammlung und beſonders für ſeine Urheber, deren Strafe es ſein wird; und dennoch können Sie meiner Anſicht nach nichts Anderes thun, als es ſanctioniren; es iſt durch eine ſo tiefe Bosheit hervorgerufen worden, daß ich ſage, Sire, es ſteckt eine Fran dahinter!“ ———— G — — — S 1 e — ** — S* 8 229 „Madame Roland, nicht wahr? Warum ſtricken oder ſpinnen die Frauen nicht, ſtatt Politik zu treiben?“ „Was wollen Sie, Sire? Frau von Maintenon, Frau von Pompadour und Madame Dubarry haben es dahin gebracht, daß ſie die Gewohnheit verloren... Das Decret, ſagte ich, iſt durch eine Vosheit hervorge⸗ rufen, mit Heftigkeit debattirt, mit Begeiſterung ange⸗ nommen worden; alle Welt iſt verblendet hinſichtlich dieſes unglücklichen Decrets; machen Sie dabei von Ih⸗ rem Veto Gebrauch, ſo wird es nichtsdeſtoweniger voll⸗ zogen werden. Statt zwanzigtauſend Mann verſammelt durch ein Geſetz, die man folglich Ordonnanzen unterwer⸗ fen kann, werden aus den Provinzen, zur Zeit der Fö⸗ deration, vierzigtauſend Mann ohne ein Decret ankom⸗ men, welche mit einem Streiche die Conſtitution, die Nationalverſammlung und den Thron umſtürzen kön⸗ nen! Wären wir Sieger geweſen, ſtatt Beſiegte zu ſein,“ fügte Dumouriez die Stimme dämpfend bei;„hätte ich einen Vorwand gehabt, um Lafayette zum Oberge⸗ neral zu machen und hunderttauſend Mann in ſeine Hand zn geben, Sire, dann ſagte ich zu Ihnen: „„Nehmen Sie nicht an!..““ Wir ſind aber aus⸗ wärts wie im Innern geſchlagen, und ich ſage, Sire: „„Nehmen Sie an!““ In dieſem Augenblick kratzte man an der Thüre des Königs. „Herein!“ rief Ludwig XVI. Es war der Kammerdiener Thierry. Sire,“ meldete er,„Herr Duranthon, der Juſtiz⸗ miniſter, verlangt Eure Majeſtät zu ſprechen.“ „Was will er von mir? Sehen Sie nach, Herr Dumouriez.“ Dumouriez ging hinaus. In derſelben Secundee wurde der Vorhang an der Verbindungsthüre, welche zur Königin ging, aufge⸗ hoben, und Marie Antoinette erſchien. 230 „Sire! Sire!“ ſagte ſie,„halten Sie feſt! Dieſer Dumouriez iſt ein Jacobiner wie die Andern! Hat er nicht die rothe Mütze aufgeſetzt? Was Lafayette betrifft: Sie wiſſen, ich will lieber ohne ihn zu Grunde gehen, als durch ihn gerettet werden!“ Und da man die Tritte von Dumouriez ſich der Thüre nähern hörte, fiel der Vorhang wieder, und die Viſion verſchwand. CXXIX. Das Veto. Als der Vorhang niedergefallen war, wurde die Thüre wieder geöffnet. „Sire,“ ſagte Dumouriez,„auf den Antrag von Herrn Vergniaud iſt das Decret gegen die Prieſter ſo eben durchgegangen.“ „Oh!“ rief der König, indem er aufſtand,„das iſt eine Verſchwörung. Und wie iſt das Decret abgefaßt?“ „Hier iſt es, Sire, Herr Duranthon brachte es für Sie, Sire. Ich dachte, Eure Majeſtät würde mir die Ehre erweiſen, mir allein ihre Meinung darüber zu ſagen, ehe ſie von dieſer Sache im Cabinetsrathe ſpräche.“ „Sie haben Recht. Geben Sie mir dieſes Papier.“ Und mit einer vor Aufregung zitternden Stimme las der König das Decret, deſſen Inhalt wir ſchon ge⸗ geben haben. on en iſt 2 ür ie zu he . me 231 Nachdem er geleſen, zerknitterte er das Papier in ſeinen Händen und warf es weit von ſich. „Nie werde ich ein ſolches Decret ſanctioniren!“ ſagte er. „Sire,“ ſprach Dumouriez,„entſchuldigen Sie, daß ich diesmal einer der Eurer Majeſtät entgegengeſetzten Anſicht bin.“ „Mein Herr, ich kann in politiſchen Dingen un⸗ ſchlüſſig ſein, in religiöſen nie. In politiſchen Dingen urtheile ich mit meinem Geiſte, und der Geiſt kann ſich irren; in religiöſen Dingen urtheile ich mit meinem Ge⸗ wiſſen, und das Gewiſſen iſt unfehlbar.“ „Sire,“ eutgegnete Dumouriez,„vor einem Jahre haben Sie das Decret über den Eid der Prieſter ſanc⸗ tionirt.“ „Ei! mein Herr,“ rief der König,„ich bin genö⸗ thigt worden, dies zu thun!“ „Sire, hiebei hätten Sie Ihr Veto ausſprechen müſſen; das zweite Decret iſt nur die Conſequenz des erſten. Das erſte hat alle Uebel Frankreichs herbeige⸗ führt; das zweite iſt das Mittel gegen dieſe Uebel: es iſt hart, aber nicht grauſam; das erſte war ein religiöſes Geſetz: es griff die Denkfreiheit in Dingen des Cultus an. Dieſes iſt ein politiſches Geſetz, das nur die Si⸗ cherheit und die Ruhe des Königreichs betrifft; es iſt die Sicherheit der nicht beeidigten Prieſter gegen die Verfolgung. Weit entfernt, ſie durch Ihr Veto zu ret⸗ ten, nehmen Sie ihnen den Beiſtand des Geſetzes, ſetzen Sie dieſelben der Gefahr der Ermordung aus, und trei⸗ ben Sie die Franzoſen an, ihre Henker zu werden. Es iſt alſo meine Anſicht, Sire— verzeihen Sie die Offen⸗ herzigkeit eines Soldaten,— es iſt meine Anſicht, daß⸗ da Sie, ich wage es zu ſagen, den Fehler begangen ha⸗ ben, das Decret über den Eid der Prieſter zu ſanctio⸗ niren, Ihr Veto bei dieſem zweiten Decrete angewendet, welches die Ströme des Blutes, das vergoſſen werden ſoll, 232 aufhalten kann, auf das Gewiſſen Eurer Majeſtät alle Verbrechen laden wird, zu denen ſich das Volk hinreiſ⸗ ſen läßt.“ „Zu was für Verbrechen ſoll es ſich denn hinreißen laſſen? zu was für Verbrechen, die größer als diejeni⸗ gen, welche es ſchon begangen hat?“ ſagte eine Stimme, die aus der Tiefe des Gemaches kam. Dumouriez bebte bei dieſem vibrirenden Tone; er hatte den metalliſchen Klang der Stimme der Königin erkannt. „Ah! Madame,“ ſagte er,„ich hätte lieber Alles mit dem König zu Ende gebracht.“ „Mein Herr,“ erwiederte die Königin mit einem bittern Lächeln für Dumouriez und einem beinahe ver⸗ ächtlichem Blicke für den König,„ich habe nur eine Frage an Sie zu machen.“ „Welche, Madame?“ „Glauben Sie, daß der König noch länger die Droh⸗ ungen von Roland, die Unverſchämtheiten von Claviöres und die Schurkereien von Servan ertragen ſoll?“ „Nein, Madame,“ erwiederte Dumouriez,„ich bin hierüber entrüſtet wie Sie; ich bewundere die Geduld des Königs, und wenn dieſer Punkt zur Sprache kommt, werde ich es wagen, den König zu bitten, er möge ſein Miniſterium ganz und gar wechſeln.“ „Ganz und gar?“ verſetzte der König. „Ja; Eure Majeſtät entlaſſe uns alle Sechs, und ſe wähle, wenn ſie ſolche finden kann, Männer, welche kei⸗ ner Partei angehören. 6 „Nein, nein,“ verſetzte der Königz„nein, Sie ſollen bleiben, Sie und der gute Lacoſte, und Duranthon auch; thun Sie mir aber den Gefallen, mich von dieſen drei unverſchämten Meuterern zu befreien; denn ich ſchwöre Ihnen, mein Herr, meine Geduld iſt zu Ende.“ „Die Sache iſt gefährlich.“ 8ð 233 „Und Sie weichen vor der Gefahr zurück?“ ſagte die Königin. „Nein, Madame,“ erwiederte Dumouriez,„nur werde ich meine Bedingungen machen.“ „Ihre Bedingungen?“ rief hoffärtig die Königin. Dumvouriez verbeugte ſich. „Sprechen Sie, mein Herr,“ ſagte der König. „Sire,“ ſprach Dumouriez,„ich bin den Streichen von drei Parteien, welche Paris theilen, bloßgeſtellt. Girondiſten, Feuillants, Jacobiner ſchlagen gegen mich um die Wette; ich bin völlig der Popularität beraubt und da man nur durch die öffentliche Meinung einige Fäden der Regierung feſthalten kann, ſo kann ich Ih⸗ nen wirklich nur unter einer Bedingung nützlich ſein.“ „Unter welcher?“ „Daß man laut ſagt, Sire, ich ſei mit meinen zwei Collegen nur geblieben, um die zwei Decrete, welche ſo eben erlaſſen worden, zu ſanctioniren.“ „Das kann nicht ſein!“ rief der König. „Uumöglich! unmöglich!“ wiederholte die Königin. „Sie ſchlagen dies aus?“ „Mein grauſamſter Feind würde mir nicht härtere Bedingungen, als die, welche Sie mir machen, aufer⸗ legen,“ ſagte der König. „Sire, ſo wahr ich ein Edelmann bin, bei meiner Soldatenehre, ich glaube, daß ſie für Ihre Sicherheit nothwendig ſind,“ ſprach Dumonriez. Sodann ſich an die Königin wendend: „Madame, wenn es nicht für Sie ſelbſt iſt, wenn die unerſchrockene Tochter von Maria Thereſia nicht nur die Gefahr verachtet, ſondern ſogar, nach dem Beiſpiele ihrer Mutter, bereit iſt, derſelben entgegenzugehen, ſo bedenken Sie, daß Sie nicht allein ſind, denken Sie an den König, denken Sie an Ihre Kinder; ſtatt ſie an den Abgrund zu treiben, verbinden Sie ſich mit mir, um Seine Majeſtät am Rande des Abgrundes, gegen 234 den ſich der Thron neigt, zurückzuhalten! Habe ich die Sanction der Decrete für nothwendig erachtet, ehe Seine Majeſtät gegen mich ihren Wunſch ausdrückte, von die⸗ ſen zwei Meuterern, die ihr beſchwerlich ſind, befreit zu werden,“ fügte er bei, indem er ſich an den König wandte,„ſo beurtheilen Sie, wie ſehr ich ſie, wenn es ſich darum handelt, dieſelben zu entfernen, für unerläß⸗ lich halten muß; entlaſſen Sie die Miniſter, ohne die Decrete zu ſanctioniren, ſo wird das Volk zwei Motive haben, auf Sie aufgebracht zu ſein: es wird Sie als einen Feind der Conſtitution anſehen, und die entlaſſe⸗ nen Miniſter werden in ſeinen Angen für Märtyrer gel⸗ ten, und ich ſtehe nicht dafür, daß binnen wenigen Ta⸗ gen nicht die gewichtigſten Ereigniſſe zugleich Ihre Krone und Ihr Leben in Gefahr ſetzen. Ich für meine Per⸗ ſon mache Eure Majeſtät zum Voraus darauf aufmerk⸗ ſam, daß ich nicht, ſelbſt um ihr zu dienen, ich ſage nicht ge⸗ gen meine Grundſätze, ſondern gegen meine Ueberzeugungen gehen kann. Duranthon und Lacoſte denken wie ich; ich habe jedochkeinen Auftrag, für ſie zu ſprechen. Ich, was mich betrifft, das habe ich Ihnen geſagt, Sire, und ich wieder⸗ hole es, werde nur im Miniſterium bleiben, wenn Eure Majeſtät die zwei Decrete ſanctionirt.“ Der König machte eine Bewegung der Ungeduld. Dumouriez verbengte ſich und ging nach der Thüre. Der König wechſelte einen raſchen Blick mit der Königin. „Mein Herr!“ rief dieſe. Dumouriez blieb ſtehen. „Bedenken Sie doch, wie hart es für den König iſt, ein Decret zu ſanctioniren, das nach Paris zwanzig⸗ tauſend Schufte führt, die uns umbringen können!“ „Madame,“ erwiederte Dumouriez,„ich weiß⸗ die Gefahr iſt groß; darum muß man ihr ins Geſicht ſchauen und ſie nicht übertreiben. Das Decret ſagt, die executive Gewalt werde den Ort der Zuſammenkunft dieſer zwan⸗ — )— — ſc SS 2 nig ig die uen 235 zigtauſend Mann bezeichnen, welche nicht lauter Schufte find; es ſagt auch, der Kriegsminiſter werde ihnen Officiere und eine Organiſationsweiſe geben.“ „Aber, mein Herr, der Kriegsminiſter iſt Servan!“ „Nein, Sire: der Kriegsminiſter bin ich von dem Angenblicke an, wo Servan ſich zurückzieht.“ „Ah! ja, Sie?“ ſagte der König. „Sie werden alſo das Kriegsminiſterium überneh⸗ men?“ fragte die Königin. „Ja, Madame, und ich werde hoffentlich gegen Ihre Feinde das über Ihrem Haupte ſchwebende Schwert drehen.“ Der König und die Königin ſchauten ſich aufs Neue an, als wollten ſie ſich mit einander berathen. „Nehmen Sie an,“ fuhr Dumouriez fort,„ich be⸗ zeichne Soiſſons als Platz für das Lager, ich ernenne dort als Commandanten einen feſten und verſtändigen Generallieutenant mit zwei guten Generalmajoren; man wird dieſe Leute in Bataillons formiren; ſowie vier bis fünf vorhanden ſind, wird der Miniſter Geſuche der Generale benützen, um ſie an die Gränze zu ſchicken, und dann, Sie ſehen es wohl, Sire, wird dieſes, in ſchlimmer Abſicht gemachte Deeret, weit entfernt, ſchädlich zu ſein, nützlich werden.“ „Sind Sie aber ſicher, daß Sie die Erlaubniß er⸗ halten, die Verſammlung in Soiſſons ſtattfinden zu laſſen?“ fragte der König. „Ich ſtehe dafür.“ „Dann übernehmen Sie das Kriegsminiſterinm.“ „Sire,“ ſagte Dumouriez,„beim Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten habe ich nur eine leichte, mittelbare Verantwortlichkeit; ganz anders iſt es beim Kriegsminiſterium: Ihre Generale ſind meine Feinde; Sie haben ihre Schwäche geſehen; ich werde für ihre Fehler verantwortlich ſein; doch es handelt ſich um das Leben Eurer Majeſtät, um die Sicherheit der Königin, 236 um die ihrer erhabenen Kinder, um die Aufrechthaltung der Conſtitution, und ich nehme an! Ueber dieſen Punkt, Sire, über die Sanction des Decrets die zwanzigtau⸗ ſend Mann betreffend, ſind wir alſo einverſtanden?“ „Sind Sie Kriegsminiſter, mein Herr, ſo verlaſſe ich mich ganz auf Sie.“ „Kommen wir nun auf das Decret hinſichtlich der Prieſter.“ „Dieſes, mein Herr, werde ich, wie ich Ihaen ſchon geſagt habe, nie ſanctioniren.“ „Sire, dadurch, daß Sie das erſte ſanctionirten, haben Sie ſich ſelbſt in die Nothwendigkeit verſetzt, das zweite zu ſanctioniren.“ „Ich habe einen erſten Fehler gemacht, den ich mir vorwerfe, das iſt aber kein Grund, um einen zweiten zu machen.“ „Sire, ſanctioniren Sie dieſes Decret nicht, ſo Sſ der zweite Fehler noch viel größer ſein, als der erſte.“ „Sire!“ ſagte die Königin. Der König wandte ſich gegen Marie Antoinette um. „Und Sie auch, Madame?“ „Sire, ich muß geſtehen, daß ich bei dieſem Punkte und uach den Erklärungen, die er uns gegeben hat, der Anſicht von Herrn Dumouriez bin.“ „Nun wohl, dann... ſprach der König. „Dann, Sire...“ wiederholte Dumouriez. „Ich willige ein, doch unter der Bedingung, daß Sie mich ſo bald als möglich von den drei Meuterern befreien.“ „Glauben Sie, Sire,“ erwiederte Dumouriez,„ich werde die erſte Gelegenheit ergreifen, und dieſe Gelegen⸗ heit, deſſen bin ich ſicher, Sire, wird nicht auf ſich war⸗ ten laſſen.“ Und er verbeugte ſich vor dem König und der Kö⸗ nigin und ging ab. mi ſpr ſen ihn her ere ihn er hie das 237 8 Beide folgten mit den Augen dem neuen Kriegs⸗ miniſter, bis die Thüre wieder geſchloſſen war. „Sie haben mir gewinkt, daß ich annehmen ſoll,“ ſprach der König;„was haben Sie mir nun zu ſagen?“ „Nehmen Sie vor Allem das Decret in Betreff der zwanzigtauſend Mann an,“ erwiederte die Königin;„laſ⸗ 5 ſen Sie ihn ſein Lager in Soiſſons machen, kaſſen Sie ihn ſeine Leute zerſtrenen, und hernach... Nun, wohl, n hernach werden Sie ſehen, was Sie hinſichtlich des De⸗ cretes über die Prieſter zu thun haben.“ 3„Er wird mich an mein Wort mahnen, Madame.“ „Gut! er wird compromittirt ſein, und Sie werden ihn feſthalten.“ tr 3„Er wird im Gegentheil mich feſthalten, Madames zu er wird mein Wort haben.“ „Bah!“ verſetzte die Königin,„es gibt ein Mittel hiefür, wenn man ein Zögling von Herrn de la Vau⸗ e guhn eiſt!“ Und ſie nahm den Arm des Königs und zog ihn in 4 das anſtoßende Zimmer fort. kte er CXXX. ern 3 Die Gelegenheit. ich n Der wahre Krieg des Augenblicks wurde, wie ge⸗ ſagt, zwiſchen der Rue Guénégand und den Tuilerien, wiſchen der Königin und Madame Roland geführt. ö⸗ Seltſamer Weiſe hatten die zwei Frauen auf ihre 238 Männer einen Einfluß, der ſie alle Vier zum Tode führte. Nur ging Jeder auf einem entgegengeſetzten Wege dahin. Die von uns ſo eben erzählten Ereigniſſe waren am 10. Juni vorgefallen; am Abend des 11. Juni trat Servan ganz frendig bei Madame Roland ein. „Wünſchen Sie mir Glück, liebe Freundin,“ ſagte habe die Ehre, aus dem Conſeil gejagt worden zu ſein.“ „Wie dies?“ fragte Madame Roland. „Die Sache verhält ſich ganz genau ſo: Dieſen Morgen begab ich mich zum König, um mit ihm über einige Angelegenheiten meines Departements zu ſprechen, und nachdem dies beendigt war, nahm ich warm die Frage über das Lager von zwanzigtauſend Mann in Angriff; aber.. Rber „Beim erſten Worte, das ich hievon ſagte, wandte mir der König ſehr übler Laune den Rücken zu, und heute Abend hat mir Herr Dumouriez im Namen Sei⸗ ner Majeſtät das Portefeuille des Krieges wieder abge⸗ nommen.“ „Dumouriez?“ „Er ſpielt da eine garſtige Rolle, was mich aber nicht wundert. Fragen Sie Roland, was ich ihm über dieſen Menſchen an dem Tage ſagte, wo ich ihn zum erſten Male ſah. Ueberdies ſind wir davon unterrichtet, daß er täglich Beſprechungen mit der Königin hat.“ „Das iſt ein Verräther!“ „Nein, doch ein Ehrgeiziger. Holen Sie Roland und Elaviöres.“ „Wo iſt Roland?“ „Er gibt Andienzen im Miniſterium des Innern.“ „Und Sie, was werden Sie mittlerweile machen?“ —— te n en er E ie n te d i⸗ e er er m t. nd — — 239 „Einen Brief, den ich Ihnen bei Ihrer Rückkehr mittheilen werde... Gehen Sie.“ „Sie ſind wahrhaftig die berühmte Göttin Ver⸗ K welche die Philoſophen ſeit ſo langer Zeit an⸗ rufen.“ „Und die die Leute von Gewiſſen gefunden haben.. Kommen Sie nicht ohne Claviöres zurück.“ „Dieſe Ermahnung wird wahrſcheinlich einen Ver⸗ zug veranlaſſen.“ „Ich brauche eine Stunde.“ „Arbeiten Sie! und der Genius Frankreichs inſpi⸗ rire Sie.“ Servan ging ab. Als die Thüre kaum geſchloſ⸗ ſen war, ſaß Madame Roland an ihrem Bureau und ſchrieb folgenden Brief: „Sire, „Der gegenwärtige Zuſtand Frankreichs kann nicht länger fortwähren: das iſt eine Kriſe, deren Heftigkeit den höchſten Grad erreicht hat; ſie muß mit einem Aus⸗ bruche endigen, der Eure Majeſtät eben ſo ſehr intereſſi⸗ ren ſoll, als er von gewichtiger Bedeutung für das ganze Reich iſt. „Mit Ihrem Vertrauen beehrt und auf einen Po⸗ ſten geſtellt, wo ich die Wahrheit ſehen muß, wage ich es, ſie Ihnen zu ſagen; das iſt eine Verpflichtung, die mir durch Sie ſelbſt auferlegt wird. Die Franzoſen ha⸗ ben ſich eine Conſtitution gegeben; ſie hat Unzufriedene und Rebellen gemacht; die Majorität der Nation will ſie aufrecht erhalten; ſie hat geſchworen, ſie um den Preis ihres Blutes zu vertheidigen, und mit Freuden hat ſie den Bürgerkrieg geſehen, der ihr ein großes Mittel ſie zu ſichern bot. Doch die Minorität hat, unterſtützt durch Hoffnungen, alle ihre Kräfte zuſammengerafft, um den Vortheil zu erringen; hievon dieſer innere Krieg gegen die Geſetze, dieſe Anarchie, über welche die guten 240 Bürger ſeufzen und die die Böswilligen ſich zu Nutze zu machen beſorgt geweſen ſind, um das neue Regime zu verleumden; hievon die überall erregte Spaltung, denn nirgends beſteht Gleichgültigkeit: man will entweder den Sieg oder die Abänderung der Conſtitution; man han⸗ delt, um ſie aufrecht zu halten oder um ſie zu verwan⸗ deln. Ich enthalte mich, zu prüfen, was ſie an und für ſich iſt, um nur zu erwägen, was die Umſtände heiſchen, und indem ich mich der Sache ſo viel als möglich fremd mache, ſuche ich, was man erwarten kann und was zu begünſtigen ſich geziemt. „Eure Majeſtät genoß große Prärogative, von denen ſie glaubte, ſie gehören dem Königthum; erzogen in der Idee, ſie ſich zu bewahren, konnte ſie ſich dieſelben nicht mit Vergnügen nehmenſehen; das Verlangen, dieſelben ſich zurückgeben zu laſſen, war ebenſo natürlich, als das Be⸗ dauern, ſie vernichten zu ſehen. Dieſe Gefühle, welche der Natur des menſchlichen Herzens gleichſam ankleben, mußten an der Berechnung der Feinde der Revolution Theil nehmen; ſie zählten alſo auf eine geheime Gunſt, bis die Umſtände eine erklärte Protection erlauben wür⸗ den. Es konnten dieſe Geſinnungen der Nation ſelbſt nicht entgehen, und ſie mußten ſie im Mißtrauen erhalten. Eure Majeſtät war daher beſtändig in der Alternative, ihren erſten Gewohnheiten, ihren Privatneigungen nach⸗ zugeben, oder durch die Philoſophie dictirte, durch die Nothwendigkeit geforderte Opfer zu bringenz folglich die Rebellen dadurch kühn zu machen, daß Sie die Nation beunruhigten, oder dieſe dadurch zu beſchwichtigen, daß Sie ſich mit ihr verbanden. Alles hat ſein Ziel, und das der Ungewißheit iſt endlich gekommen. „Kann Eure Majeſtät heute ſich offen mit denjeni⸗ gen verbinden, welche die Conſtitution abzuändern ſich beſtreben, oder muß ſie ſich edelmüthig und ohne Rück⸗ halt dem weihen, daß ſie ihr den Sieg verſchafft? Das 241 iſt die wahre Frage, deren Löſung der gegenwärtige Zu⸗ ſtand der Dinge unvermeidlich macht. „Was die ſehr metaphyſiſche Frage betrifft, ob die Franzoſen für die Freiheit reif ſeien, ſo iſt ihre Erörte⸗ rung hier ohne Werth, denn es handelt ſich nicht darum, zu beurtheilen, was in einem Jahrhundert aus uns wird geworden ſein, ſondern zu ſehen, wozu die gegenwärtige Nation fähig iſt. „Die Erklärung der Menſchenrechte iſt ein politi⸗ ſches Evangelium geworden und die franzöſiſche Conſti⸗ tution eine Religion, für welche das Volk umzukommen bereit iſt. Man iſt in der Hitze zuweilen auch ſchon ſo weit gegangen, daß man das Geſetz ergänzt hat, und war dieſes nicht ſtreng genug, um die Störer im Zaume zu halten, ſo haben ſich die Bürger erlanbt, ſie ſelbſt zu beſtrafen. So ſind Güter von Emigrirten oder von Per⸗ ſonen, die man als zu ihrer Partei gehörend erkannte, den Verwüſtungen, welche die Rache einflößte, preisgege⸗ ben geweſen; darum haben ſich ſo viele Departements genöthigt geſehen, ſtreng gegen die Prieſter zu verfahren, welche die öffentliche Meinung geächtet hatte, und aus denen ſie Opfer gemacht haben würde. „Bei dieſem Zuſammenſtoß der Intereſſen haben alle Gefühle den Ausdruck der Leidenſchaft angenommen. Das Vaterland iſt kein Wort, das die Einbildungskraft aus Wohlgefallen verſchönert hat; es iſt ein Weſen, dem man Opfer gebracht, dem man ſich alle Tage mehr durch die Beſorgniſſe, die es verurſacht, anſchließt, das man durch große Anſtrengungen geſchaffen hat, das ſich mitten unter Unruhen erhebt, und das man eben ſo ſehr durch das, 6 es koſtet, als durch das, was man davon hofft, liebt. Bis zu welchem Grade muß dieſe Begeiſterung ſtei⸗ gen in dem Augenblicke, wo die auswärts vereinigten feindlichen Kräfte ſich mit den inneren Intriguen einver⸗ ſtehen, um die unſeligſten Streiche zu führen! Die Gräfin von Charny. VI. 16 242 „Die Gährung iſt außerordentlich in allen Theilen des Reiches; ſie wird auf eine furchtbare Art losbrechen, wenn ſie nicht endlich ein durch die Vernunft begründe⸗ tes Vertrauen zu beſänftigen vermag; doch dieſes Ver⸗ trauen wird ſich nicht mit Betheuerungen wieder her⸗ ſtellen: es vermöchte nur Thatſachen zur Baſis zu haben. „Es iſt ſür die franzöſiſche Nation augenſcheinlich, daß ihre Conſtitution fortſchreiten kann, daß die Regie⸗ rung jede Stärke, die ihr nothwendig iſt, haben wird, ſobald Eure Majeſtät durchaus den Sieg dieſer Conſti⸗ tution will, darum den legislativen Körper mit der gan⸗ zen Macht der Vollziehung unterſtützt und ſo den Beſorg⸗ niſſen des Volkes jeden Vorwand und den Unzufriedenen jede Hoffnung benimmt. „So ſind, zum Beiſpiel, zwei Beſchlüſſe gefaßt wor⸗ denz beide intereſſiren weſentlich die öffentliche Ruhe und die Wohlfahrt des Staates. Die Verzögerung ihrer Sanction flößt Mißtrauen ein; zieht ſie ſich in die Länge, ſo wird ſie Unzufriedenheit verurſachen, und ich muß ſa⸗ gen: bei der gegenwärtigen Gährung der Geiſter kann die Unzufriedenheit zu Allem führen! „Es iſt nicht mehr Zeit, zurückzuweichen; es iſt ſo⸗ gar nicht mehr möglichz zu temporiſiren. Die Revolution iſt in den Geiſtern gemacht; ſie wird ſich um den Preis des Blutes vollenden und mit dieſem beſiegelt werden, kommt die Weisheit nicht Mißgeſchicken zuvor, die ſich noch vermeiden laſſen. „Ich weiß, daß man ſich einbilden kann, man ver⸗ möge Alles zu bewerkſtelligen und Alles im Zaume zu halten durch extreme Maßregeln; hätte man aber die Gewalt angewendet, um die Nationalverſammlung zu zwingen, hätte man den Schrecken in Paris, die Spal⸗ tung und die Beſtürzung in ſeinen Umgebungen ver⸗ breitet, ſo würde ſich ganz Frankreich mit Entrüſtung er⸗ heben und, ſich ſelbſt in den Gräueln eines Bürgerkrie⸗ n is n, h r⸗ U ie 1 ⸗ r⸗ 243 ges zerreißend, jene finſtere Energie, die Mutter der Tu⸗ genden und der Verbrechen, entwickeln, die immer unheil⸗ voll für diejenigen, welche ſie hervorgerufen haben. „Die Wohlfahrt des Staates und das Glück Eurer Majeſtät ſind innig verbunden; keine Macht iſt im Stande, ſie zu trennen; grauſame Bangigkeiten und ſichere Unglücksfälle werden Ihren Thron umgeben, wird er nicht durch Sie ſelbſt auf die Grundlagen der Con⸗ ſtitutivn geſtützt und befeſtigt in dem Frieden, den ihre Aufrechthaltung uns endlich verſchaffen muß. Die Stimmung der Geiſter, der Lauf der Dinge, die Gründe der Politik, das Intereſſe Eurer Majeſtät machen ſomit die Obliegenheit, ſich mit dem geſetzgeben⸗ den Körper zu vereinigen und dem Wunſche der Ration zu entſprechen, unerläßlich; ſie machen eine Nothwendig⸗ keit aus dem, was die Principien als eine Pflicht dar⸗ ſtellen; die dieſem liebreichen Volke natürliche Empfäng⸗ lichkeit iſt aber bereit, ein Motiv der Dankbarkeit hierin zu finden. Man hat Sie grauſam getäuſcht, Sire, wenn man Ihnen Entfremdung oder Mißtrauen gegen dieſes leicht zu rührende Volk einflößte; indem man Sie in beſtändiger Unruhe erhielt, hat man Sie zu einem Benehmen gebracht, das dieſes Volk ſelbſt beunruhigen mußte. Es ſehe, daß Sie entſchloſſen ſind, ihren Gang die Conſtitution, an die es ſeine Glückſeligkeit geknüpft hat, nehmen zu laſſen, und bald werden Sie der Gegen⸗ ſtand ſeiner Bankesäußerungen ſein. „Das Benehmen der Prieſter an vielen Orten, die Vorwände, die der Fanatismus den Unzufriedenen lie⸗ ferte, haben ein weiſes Geſetz gegen die Ruheſtörer ver⸗ anlaßt. Eure Majeſtät gebe ihm ihre Sanction! die öffentliche Ruhe fordert ſie und das Heil der Prieſter verlangt danach; beſteht dieſes Geſetz nicht in Kraft, ſo werden die Departements genöthigt fein, ihm, wie ſie es allenthalben thun, Gewaltsmaßregeln zu ſubſtituiren, und das aufgebrachte Volk wird durch Exceſſe dabei ergänzen 244 „Die Verſuche unſerer Feinde, die Aufregung, die ſich wiederholt in der Hauptſtadt kundgegeben hat, die außerordentlichen Beſorgniſſe, welche das Benehmen Ih⸗ rer Garde einflößte, und die durch die Beweiſe von Zu⸗ friedenheit unterhalten werden, welche man ihr durch Eure Majeſtät in einer unter den obwaltenden Umſtän⸗ den wahrhaft unpolitiſchen Proclamation hat geben laſ⸗ ſen, die Lage von Paris, ſeine Rähe bei der Gränze haben das Bedürfniß eines Lagers in ſeiner Nachbar⸗ ſchaft fühlbar gemacht; dieſe Moßregel, deren Weisheit und Dringlichkeit von allen guten Geiſtern entſchieden anerkannt worden iſt, erwartet nur noch die Sauction Eurer Majeſtät. Warum müſſen ihr Zögerungen das Anſehen der Unluſt geben, während ihr die Schnelligkeit alle Herzen gewinnen würde! Schon haben die Verſuche des Generalſtabs der Pariſer Nationalgarde gegen dieſe Maßregel auf die Vermuthung geführt, er handle durch höhere Eingebung; ſchon erregen die Declamationen eini⸗ ger übertriebenen Demagogen den Verdacht, ſie ſtehen in Verbindung mit den beim Umſturze der Conſtitution Intereſſirten; ſchon compromittirt die öffentliche Meinung alle Intentionen Eurer Majeſtät. Noch ein Verzug, und das Volk wird betrübt in ſeinem König den Freund und Genoſſen der Verſchwörer ſehen. „Gerechter Himmel! ſollteſt du mit Blindheit die Mächte der Erde geſchlagen haben, und werden ſie immer nur Räthe hören, die ſie zu ihrem Untergange fort⸗ reißen? „Ich weiß, daß die ſtrenge Sprache der Wahrheit ſelten deim Throne angenommen wird; ich weiß auch⸗ daß, weil ſie ſich nie dort hörbar macht, die Revolutio⸗ nen nothwendig werden; ich weiß beſonders, daß ich ſie gegen Eure Majeſtät führen muß, nicht nur als den Geſetzen untergebener Bürger, ſondern auch als mit ih⸗ rem Vertrauen beehrter oder mit Functionen, die es vorausſetzen, bekleideter Miniſter, und ich kenne nichts, geſ zur der ſol vo ter ver coll du 245 was mich abhalten kann, eine Pflicht zu erfüllen, deren Bewußtſein ich habe. „In demſelben Geiſte wiederhole ich Eurer Maje⸗ ſtät meine Vorſtellungen über die Vepyflichtung und die Nützlichkeit, das Geſetz zu vollziehen, das einen Secre⸗ tär im Conſeil zu haben vorſchreibt; ſchon die Exiſtenz des Geſetzes allein ſpricht ſo mächtig, daß es ſcheinen ſollte, der Vollzug müſſe ohne Aufſchub erfolgen; es iſt aber wichtig, den Berathungen den erforderlichen Ernſt, die nothwendige Weisheit und Reife zu erhalten, und verantwortliche Miniſter brauchen ein Mittel, ihre Mei⸗ nungen zu conſtatiren: hätte dieſes beſtanden, ſo würde ich mich in gegenwärtigem Augenblicke nicht ſchriftlich an Eure Majeſtät wenden. „Das Leben iſt nichts für einen Mann, der ſeine Pflichten höher als Alles achtet; doch nach dem Glücke, ſie erfüllt zu haben, iſt das einzige Gut, für das er noch empfänglich iſt, das, zu beweiſen, daß er ſie mit Treue erfüllt hat, und ſelbſt dies iſt eine Verbindlichkeit für den Staatsmann. „Am 10. Juni 1792, im Jahre W der Freiheit.“ Der Brief war vollendet; er war in einem Zuge geſchrieben worden, als Servan, Clavieres und Roland zurückkamen. Mit zwei Worten ſetzte Madume Roland den Plan den drei Freunden auseinander. Der Brief, den man unter Dreien leſen würde, ſollte am andern Tage den drei abweſenden Miniſtern vorgeleſen werden; Duranthon, Lacoſte und Dumouriez- Sie würden ihn entweder gut heißen und ihre Un⸗ terſchrift der von Roland beiſetzen, oder ſie würden ihn verwerfen, und Servan, Clavidres und Roland würden collectiv ihre Entlaſſung nehmen, welche motivirt wäre durch die Weigerung ihrer Collegen, einen Brief zu un⸗ 246 terzeichnen, der den drei ſo eben Genannten die wahre Meinung Frankreichs auszudrücken ſchien. Man würde ſodann den Brief in der Nationalver⸗ ſammlung niederlegen, und es könnte Frankreich kein Zweifel über die Urſache des Austritts der drei patrio⸗ tiſchen Miniſter bleiben. Der Brief wurde den drei Freunden vorgeleſen, und ſie fanden kein Wort daran zu ändern. Madame Roland war eine gemeinſchaftliche Seele, aus der Jeder das Elixir der Vaterlandsliebe ſchöpfte. Nicht daſſelbe war aber am andern Tage der Fall, nachdem Roland den Brief Dumouriez, Lacoſte und Du⸗ ranthon vorgeleſen hatte. Alle Drei billigten den Gedanken, waren jedoch verſchie⸗ dener Meinung über die Art, ihn auszudrücken; ſchließ⸗ lich weigerten ſie ſich, zu unterzeichnen, indem ſie ſagten, es ſei beſſer ſich in Perſon zum König zu begeben. Das war eine Art, der Frage auszuweichen. Roland ſchickte noch am Abend dem König den Brief von ihm allein unterzeichnet. Beinahe in demſelben Augenblick überſandten Lacoſte, Roland und Claviöres ihre Entlaſſung. Wie Dumouriez geſagt, hatte die Gelegenheit nicht auf ſich warten laſſen. Allerdings hatte ſie der König auch nicht verſäumt. Am andern Tage wurde, wie dies verabredet war, der Brief von Roland auf der Tribune zu gleicher Zeit vorgeleſen, da man ſeine Entlaſſung und die ſeiner zwei Collegen Clavieres und Servan verkündigte. Die Nationalverſammlung erklärte mit einer unge⸗ heuren Stimmenmehrheit, die drei entlaſſenen Miniſter haben ſich um das Vaterland wohl ver⸗ dient gemacht. So war der Krieg im Innern und auswärts erklärt. Die Nationalverſammlung wartete, um die erſten — r er⸗ ein io⸗ nd nd as il, u⸗ ie⸗ n, 247 Schläge zu führen, nur noch, bis ſie wüßte, was der Kö⸗ nig in Betreff der zwei Beſchlüſſe thun würde. CXXXI. Der Jögling von Herrn de la Pauguyon. In dem Augenblick, wo die Nationalverſammlung den Dank für die drei abtretenden Miniſter durch Zuruf votirte und den Druck und die Verſendung in die Depar⸗ tements des Briefes von Roland beſchloß, erſchien Du⸗ mouriez an der Thüre des Sitzungsſaales. Man wußte, daß er muthig, man wußte nicht, daß er verwegen war. Er hatte gehört, was vorging, und kam kühn, um den Stier bei den Hörnern anzugreifen. Der Vorwand ſeiner Anweſenheit in der National⸗ verſammlung war eine merkwürdige Denkſchrift über den Zuſtand unſerer militäriſchen Kräfte; Kriegsminiſter ſeit dem vorhergehenden Tage, hatte er dieſe Arbeit in der Nacht gemacht und machen laſſen; es war eine Anklage gegen Servan, welche in Wirklichkeit auf Grave und be⸗ ſonders auf Narbonne, ſeinen Vorgänger, zurückfiel. Servan war nur zehn bis zwölf Tage lang Mini⸗ ſter geweſen. Dumouriez kam ſehr ſtark: er verließ ſo eben den König, den er beſchworen hatte, er möge tren ſein dem von ihm in Betreff der Sanction der zwei Beſchlüſſe gegebenen Worte, und der König hatte ihm nicht nur ſein Verſprechen erneuert, ſondern ihm auch geſagt, die Geiſt⸗ 248 lichen, die er zu Rathe gezogen, um ſein Gewiſſen ſicher zu ſtellen, ſeien jalle derſelben Anſicht wie Dumouriez geweſen. Der Kriegsminiſter ging auch gerade auf die Tri⸗ bune zu; er beſtieg ſie unter verworrenem Geſchrei und wildem Gebrülle. Hier angekommen, verlangte er kalt das Wort. Es wurde ihm unter einem entſetzlichen Tumulte bewilligt. Die Begierde, zu hören, was Dumouriez ſagen würde, machte endlich, daß man ſich beſänftigte. „Meine Herren,“ ſprach Dumouriez,„der General Gouvion iſt getödtet worden; Gott hat ihn für ſeine Tapferkeit belohnt; er iſt die Feinde Frankreichs be⸗ kämpfend geſtorbenz er iſt ſehr glücklich! Er iſt nicht Zeuge unſerer gräulichen Zwiſtigkeiten! Ich beneide ihn um ſein Loos!“ Mit großer Würde und tiefer Melancholie geſpro⸗ chen, machten dieſe paar Worte Eindruck auf die Natio⸗ nalverſammlung; überdies war dieſer Tod eine Diverſion für die erſten Gefühle. Man berathſchlagte über das, was man thun ſollte, um der Familie des Generals ſein Beileid zu bezeigen, und es wurde beſchloſſen, der Prä⸗ ſident ſollte einen Brief ſchreiben. Dann verlangte Dumouriez zum zweiten Male das Wort. Es wurde ihm bewilligt. Er zog ſeine Denkſchrift aus der Taſche, doch kaum hatte er den Titel: Denkſchrift über das Kriegsminiſterium geleſen, als Jacobiner und Girondiſten zu brüllen anfingen, daß man die Leſung nicht geſtatte. Da las der Miniſter, unter dem Lärmen, den Ein⸗ gang mit ſo kräftigem Ausdruck, mit ſo klarer Stimme, daß man hörte, dieſer Eingang ſei gegen die Factionen — S* u N N 249 gerichtet und handle von den einem Miniſter ſchuldigen Rückſichten. Eine ſolche Feſtigkeit war gemacht, um die Zuhörer von Dumouriez im höchſten Grade zu erbittern, wären ſie ſelbſt in einer minder reizbaren Stimmung des Gei⸗ ſtes geweſen. „Hört Ihr ihn?“ rief Guadet;„er glaubt ſich ſchon ſo ſicher der Macht, daß er uns Rathſchläge zu geben wagt!“ „Warum nicht?“ erwiederte ruhig Dumouriez, indem er ſich gegen den Unterbrecher umwandte. Wir haben vor langer Zeit ſchon geſagt, das Klügſte in Frankreich ſei der Muth: der Muth von Dumouriez imponirte ſeinen Gegnern; man ſchwieg oder man wollte wenigſtens hören, und man horchte. Die Denkſchrift war verſtändig, lichtvoll, geſchickt berechnet: ſo ſehr man gegen den Miniſter eingenommen war, bei zwei Stellen klatſchte man Beifall. Lacuée, der Mitglied des Militär⸗Ausſchuſſes war, beſtieg die Tribune, um Dumouriez zu antwerten; da rollte dieſer ſeine Denkſchrift zuſammen und ſteckte ſie ruhig in die Taſche. Die Girondiſten ſahen die Bewegung; Einer von ihnen rief: „Seht Ihr ihn, den Verräther? Er ſteckt ſeine Denkſchrift wieder in die Taſche; er will ſich mit ſeiner Denkſchrift aus dem Staube machen... Halten wir ihn zurück! dieſes Stück wird zu ſeiner Beſchämung dienen.“ Dumouriez, der nicht einen Schritt gegen die Thüre gemacht hatte, zog aber auf dieſes Geſchrei ſeine Denk⸗ ſchrift wieder aus der Taſche und übergab ſie dem Huiſſier. Ein Secretär ſtreckte ſogleich die Hand danach aus und ſuchte, nachdem er ſie erhalten, die Unterſchrift. 250 „Meine Herren,“ ſagte der Secretär,„die Denk⸗ ſchrift iſt nicht unterzeichnet.“ „Er unterzeichne ſie! er unterzeichne ſie!“ rief man von allen Seiten. „Das war wohl meine Abſicht,“ erwiederte Dumon⸗ riez,„und die Schrift iſt ſo gewiſſenhaft gemacht, daß ich nicht anſtehe, ihr meinen Namen beizuſetzen. Geben Sie mir Tiute und eine Feder.“ Man gab ihm eine in die Tinte getauchte Feder. Er ſetzte ſeinen Fuß auf die Stufen der Tribune und unterzeichnete die Denkſchrift auf ſeinem Schooße. Der Huiſſier wollte ſie ſodann wieder nehmenz Du⸗ mouriez ſchob aber ſeinen Arm zurück und legte die Denkſchrift auf das Bureau; dann ging er mit kleinen Schritten und von Zeit zu Zeit ſtillſtehend durch den Saal, und entfernte ſich durch die unter den Bänken der Linken liegende Thüre. Ganz das Gegentheil vom Eintritt, der von Geſchrei und Geziſche bedeckt geweſen war, wurde der Abgang von der größten Stille begleitet; die Zuſchauer der Tri⸗ bunen ſtürzten in die Gänge, um den Mann zu ſehen, der einer ganzen Verſammlung Trotz geboten hatte. Vor der Thüre der Feuillants war er von drei bis vier⸗ hundert Perſonen umgeben, die ſich mit mehr Reugierde als Haß um ihn drängten, als hätten ſie am Ende vor⸗ herſehen können, drei Monate ſpäter werde er Frankreich bei Valmy retten. Einige royaliſtiſche Abgeordnete gingen hinter ein⸗ ander aus dem Saale weg und liefen Dumouriez nach; für ſie unterlag es keinem Zweifel mehr: der General gehörte zu den Ihrigen. Das war es gerade, was Du⸗ mouriez vorhergeſehen, und darum hatte er den König verſprechen kaſſen, er werde den zwei Decreten ſeine Sanction geben. „Ei! General,“ ſagte Einer von ihnen,„ſie machen den Teufel da drinnen.“ —— —— 251 „Sie find ihm das wohl ſchuldig,“ erwiederte Du⸗ mouriez,„denn ich kenne nur den Teufel, der ſie hat machen können.“ „Sie wiſſen nicht,“ ſagte ein Anderer,„es iſt in der Nationalverſammlung davon die Rede, Sie nach Orleans zu ſchicken und Ihnen dort den Proceß zu ma⸗ chen.“ „Gut!“ verſetzte Dumouriez,„ich brauche Feierzeit; nen dort Bäder nehmen, Molken trinken und aus⸗ ruhen.“ „General,“ rief ein Dritter,„ſie haben ſo eben den Druck Ihrer Denkſchrift beſchloſſen.“ „Deſto beſſer! das iſt eine Ungeſchicklichkeit, welche alle Unparteiiſche zu mir zurückführen wird.“ Mitten unter dieſem Geleite und unter dieſen Aeuße⸗ rungen kam er nach dem Schloſſe. Der König empfing ihn vortrefflich. Der neue Conſeil war verſammelt. Servan, Clavidres und Roland entlaſſend, hatte Dumouriez für ihre Erſetzung beſorgt ſein müſſen. Als Miniſter des Innern hatte er Mourgues von Montpellier vorgeſchlagen, einen Proteſtanten, Mitglied mehrerer Academien, ehemaligen Feuillant, der ſich aus dem Clubb zurückgezogen. Der König hatte dieſen angenommen. Als Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten hatte er Maulde, Sémonville oder Naillac vorgeſchlagen. Der König hatte Raillac gewählt. Als Finanzminiſter hatte er Vergennes, einen Nef⸗ fen des früheren Miniſters, vorgeſchlagen. Vergennes hatte dem König vollkommen zugeſagt, und der König hatte ſogleich nach ihm geſchickt, doch Vergennes hatte, während er die tiefſte Ergebenheit für den König kundgegeben, die Stelle ausgeſchlagen. Man hatte ſodann beſchloſſen, dem Miniſter des Innern ſollte interimiſtiſch auch das Finanzminiſterium 252 übertragen werden, und Dumouriez ſollte, ebenfalls inte⸗ rimiſtiſch,— in Erwartung von Raillac, der von Paris abweſend,— die auswärtigen Angelegenheiten beſorgen. Nur waren die vier Miniſter, die ſich die ernſte Lage der Dinge nicht verbargen, übereingekommen, wenn der König, nachdem er die Entlaſſung von Servan, Cla⸗ vidres und Roland erlangt, das Verſprechen nicht halte, gegen welches dieſe Entlaſſung gemacht worden ſei, wer⸗ den ſie abtreten. Der neue Conſeil war alſo, wie geſagt, verſammelt. Der König wußte ſchon, was in der Nationalver⸗ ſammlung vorgefallen; er beglückwünſchte Dumouriez wegen der Haltung, die er beobachtet, ſanctionirte un⸗ mittelbar den Beſchluß über das Lager von zwanzigtau⸗ ſend Mann, verſchob jedoch auf den andern Tag die Sauction des Decretes über die Prieſter. Er wand einen Gewiſſensſkrupel ein, der, wie er ſagte, von ſeinem Beichtiger gehoben werden müſſe. Die Miniſter ſchauten einander an; ein erſter Zwei⸗ fel hatte ihr Herz beſchlichen. Im Ganzen konnte aber das furchtſame Gewiſſen des Königs dieſer Friſt bedürfen, um ſich wiederzube⸗ feſtigen. Am andern Tage kamen die Miniſter auf die Frage vom vorhergehenden Abend zurück. Doch die Nacht hatte ihr Werk gethan: der Wille, wenn nicht das Gewiſſen des Königs, hatte ſich wieder⸗ befeſtigt; er erklärte, er ſetze ſein Veto dem Beſchluſſe entgegen. Die vier Miniſter, Einer nach dem Andern,— Du⸗ mouriez zuerſt, er, dem das Wort verpfändet worden war,— ſprachen mit Ehrfurcht, aber mit Feſtigkeit zum König. Der König hörte ſie, die Augen ſchließend, in der Haltung eines Mannes an, deſſen Entſchluß gefaßt iſt. — — c e ———— W 253 Als ſie geendigt hatten, ſprach der König in der That: „Meine Herren, ich habe einen Brief an den Prä⸗ ſidenten der Nationalverſammlung geſchrieben, um ihm meinen Entſchluß mitzutheilen. Einer von Ihnen wird ihn contraſigniren, und Sie alle Vier werden ihn mit einander in die Nationalverſammlung tragen.“ Das war ein Befehl ganz im Weſen des alten Re⸗ gime, aber übel klingend in den Ohren conſtitutioneller, folglich verantwortlicher Miniſter. „Sire,“ ſagte Dumouriez, nachdem er mit dem Blicke ſeine Collegen um Rath gefragt hatte,„haben Sie uns nichts mehr zu befehlen?“ „Nein,“ antwortete der König. Und er zog ſich zurück. Die Miniſter blieben und beſchloßen ſogleich, eine Andienz für den andern Tag zu verlangen. Sie kamen überein, ſich in keine Erklärung einzu⸗ laſſen, ſondern gemeinſchaftlich ihren Abſchied zu be⸗ gehren. Dumouriez begab ſich nach Hauſe. Es war dem König beinahe geglückt, ihn, den feinen Politiker, den verſchmitzten Diplomaten, den General mit dem durch die Intrigue verſtärkten Muthe, zu hintergehen! Er traf drei Billets von verſchiedenen Perſonen, die ihm mittheilten, es finden Zuſammenrottungen im Faubourg Saint⸗Antoine und Berathungen bei Santerre ſtatt. Er ſchrieb ſogleich an den König, um ihn von dem, was man ihm mittheilte, in Kenntniß zu ſetzen. Eine Stunde nachher erhielt er folgendes, nicht vom König unterzeichnetes, aber eigenhändeg von ihm ge⸗ ſchriebenes Billet: „Glauben Sie nicht, mein Herr, daß es gelingt, 254 mich durch Drohungen einzuſchüchtern; mein Eutſchluß iſt gefaßt.“ Dumouriez nahm eine Feder und ſchrieb dagegen: „Sire, Sie beurtheilen mich ſchlecht, wenn Sie mich der Anwendung eines ſolchen Mittels fähig glaubten. Meine Collegen und ich, wir haben die Ehre gehabt, an Eure Majeſtät zu ſchreiben, daß ſie uns die Gnade bewillige, uns morgen Vormittag um zehn Uhr zu em⸗ pfangen; ich bitte mittlerweile Eure Majeſtät inſtändig, einen Nachfolger für mich zu wählen, der mich binnen vierundzwanzig Stunden, in Betracht der Dringlichkeit der Angelegenheiten des Kriegsminiſteriums, erſetzen kann, und meine Entlaſſung anzunehmen.“ Er ließ dieſen Brief durch ſeinen Secretär über⸗ bringen, um einer Antwort darauf ſicher zu ſein. Der Secretär wartete bis Mitternacht und kam um halb ein Uhr mit folgendem Billet zurück: „Ich werde morgen um zehn Uhr meine Miniſter ſehen, und wir ſprechen ſodann über das, was Sie mir ſchreiben.“ Die Gegenrevolution zettelte ſich angenſcheinlich im Schloſſe an. Man hatte in der That Kräfte, auf die man rech⸗ nen konnte; Eine conſtitutionelle Garde von ſechstanſend Mann, zwar verabſchiedet, aber bereit, ſich auf den erſten Ruf zu verſammeln; Sieben bis achttauſend St. Ludwigs⸗Ritter, deren rothes Band das Erkennungszeichen war; Drei Bataillons Schweizer, jedes von ſechzehnhun⸗ dert Mann, eine Elitetruppe, unerſchütterlich wie die alten helvetiſchen Felſen; Sodann, beſſer als Alles dies, einen Brief von La⸗ fayette, in welchem ſich der Satz fand: „Harren Sie aus, Sire! ſtark. durch die Macht⸗ vollkommenheit, die Ihnen die Nationalverſammlung zu⸗ n. t, de g en it n, er ir m n, uf 255 erkannt hat, werden Sie alle gute Bürger um Ihren Thron geſchaart finden!“ Man vernehme, was man thun konnte, was man im Sinne hatte: Mit einem Pfiffe conſtitutionelle Garde, St. Lud⸗ wigs⸗Ritter und Schweizer verſammeln; An demſelben Tag, zur ſelben Stunde die Kanonen der Sectionen nehmen; den Clubb der Jacobiner und die Nationalverſammlung ſchließen; alle Royaliſten der Nationalgarde vereinigen,— was ein Contingent von ungefähr fünfzehntauſend Mann bilden würde,— und Lafayette erwarten, der in drei Tagen mit forcir⸗ ten Märſchen von den Ardennen kommen konnte. Zum Unglück wollte die Königin nichts von Lafayette ören. Lafayette war die gemäßigte Revolution, und nach der Anſicht der Königin konnte dieſe Revolution ſich feſt⸗ ſtellen, ausdauern, Halt bekommen; die Revolution der Jacobiner würde im Gegentheil das Volk bald aufs Aeußerſte treiben, und könnte keine Conſiſtenz haben. Oh! wenn Charny da geweſen wäre! doch man wußte nicht einmal, wo Charny war, und hätte man es auch gewußt, ſo wäre es eine zu große Erniedrigung, wenn nicht für die Königin, doch für die Frau geweſen, zu ihm ſeine Zuflucht zu nehmen. Die Nacht verging im Schloſſe ſtürmiſch und in Berathungen; man hatte die Mittet zur Vertheidigung und ſogar zum Angriffe, doch keine Hand, welche ſtark genug, um ſie zu vereinigen und zu lenken. Um zehn Uhr Morgens befanden ſich die Miniſter beim König. Das war am 16. Juni. Der König empfing ſie in ſeinem Zimmer. Duranthon führte das Wort. Im Namen Aller bat er, mit einer zarten und tie⸗ 256 fen Ehrfurcht, um die Entlaſſung ſeiner Collegen und um die ſeine. „Ja, ich begreife,“ ſagte der König,„die Verant⸗ wortlichkeit!“ „Sire,“ rief Lacoſte,„die königliche Verantwortlich⸗ keit, ja; was uns betrifft, glauben Sie, wir ſind bereit, für Eure Majeſtät zu ſterbenz aber für die Prieſter ſterbend würden wir nur den Fall des Königthums be⸗ ſchleunigen!“ Ludwig XVI. wandte ſich an Dumouriez und ſagte zu ihm: „Mein Herr, ſind Sie immer voch der Geſinnung, die Ihr Brief von geſtern gegen mich ausdrückte?“ „Ja, Sire,“ antwortete Dumouriez,„wenn ſich Eure Majeſtät nicht durch unſere Treue und unſere Ergeben⸗ heit beſiegen läßt.“ t „Nun wohl,“ ſprach der König mit düſterer Miene, „da Ihr Entſchluß gefaßt iſt, ſo nehme ich Ihre Ent⸗ iaſſung an; ich werde die nöthigen Vorkehrungen treffen.“ Alle Vier verbengten ſich; Mourgues hatte ſein Ent⸗ laſſungsgeſuch ſchriftlich bei ſich; er gab es dem Konig. Die drei Andern trugen es mündlich vor. Die Höflinge warteten im Vorzimmer; ſie ſahen die vier Miniſter herauskommen und erkannten an ihren Mienen, daß Alles beendigt war. Die Einen freuten ſich, die Andern erſchraken darüber. Die Atmoſphäre wurde ſchwer wie an den heißen Sommertagen; man fühlte den Sturm kommen. Vor der Thüre der Tuilerien traf Dumouriez den Commandanten der Nationalgarde, Herrn von Romain⸗ villiers. Er war ſo eben in aller Haſt hier angekommen. „Herr Miniſter,“ ſagte er,„ich laufe hierher, um Ihre Befehle einzuholen.“ dr ſic thr gel nit erl che riez D 5 ⁸ 257 d„Ich bin nicht mehr Miniſter, mein Herr,“ erwie⸗ derte Dumouriez. t⸗„Man bemerkt aber Zuſammenrottungen in den Vorſtädten.“ ⸗„Laſſen Sie ſich die Befehle vom König geben.“ it,„Das drängt.“ ter„So beeilen Sie ſich! Der König hat meine Ent⸗ e⸗ laſſung angenommen.“ Herr von Romainvilliers ſprang die Stufen hinab. gte Am 17. Morgens ſah Dumvuriez die Herren von Chambonnas und Lajard bei ſich eintreten. Beide er⸗ ig, ſchienen im Auftrage des Königs, Chambonnas, um das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten, und La⸗ re jard, um das des Krieges in Empfang zu nehmen. en⸗ Der König erwartete am andern Morgen, am 18., Dumouriez, um mit ihm ſeine letzte Arbeit der Verrech⸗ ne, nung und der geheimen Ausgaben abzuſchließen. ut⸗ Als man ihn wieder im Schloſſe erſcheinen ſah, n glaubte man, er kehre zu ſeinem Poſten zurück, und man nt⸗ drängte ſich um ihn, um ihm Glück zu wünſchen. i„Meine Herren,“ ſagte Dumouriez,„nehmen Sie ſich in Acht! Sie haben es nicht mit einem Manne zu hen thun, der zurückkehrt, ſondern mit einem Manne, der ab⸗ ren geht: ich komme, um meine Rechenſchaft abzulegen!“ Sogleich entſtand ein leerer Raum um ihn⸗ ken In dieſem Augenblicke meldete ein Huiſſier, der Kö⸗ nig erwarte Herrn Dumouriez in ſeinem Gemache. ßen Der König hatte ſeine ganze Heiterkeit wieder⸗ erlangt. den War das Seelenſtärke? war es trügeriſche Si⸗ in⸗cherheit? Dumouriez legte ſeine Rechenſchaft ab. Nachdem die Arbeit beendigt war, ſtand Dumon⸗ um riez auf. „Sie werden ſich alſo wieder zur Armee von Luck⸗ Die Gräfin von Charny. VI. 17 8 6 258 ner begeben?“ ſagte der König⸗ während er ſich in ſei⸗ nem Lehnſtuhle zurückwarf. „Ja, Sire; ich ſcheide mit Wonne von dieſer gräu⸗ lichen Stadt und habe nur ein Bedauern: daß ich Sie hier in Gefahr laſſe.“ „In der That,“ ſprach der König mit anſcheinen⸗ der Gleichgültigkeit,„ich kenne die Gefahr, die mich bedroht!“ „Sire,“ ſagte Dumouriez,„Sie müſſen einſehen, daß ich nun nicht mehr aus perſönlichem Intereſſe zu Ihnen rede: einmal aus dem Conſeil entfernt, bin ich auf immer von Ihnen getrennt; aus Treue alſo, im Namen der reinſten Anhänglichkeit, aus Vaterlandsliebe, für Ihr Heil, für das der Krone, der Königin, Ihrer Kinder, im Namen Alles deſſen, was dem Herzen des Menſchen thener und heilig iſt, flehe ich Eure Majeſtät an, ſie möge nicht auf der Anwendung ihres Veto be⸗ ſtehen: dieſe Hartnäckigkeit wird zu nichts nützen, und Sie werden ſich zu Grunde richten, Sire.“ „Reden Sie nicht mehr hievon,“ entgegnete unge⸗ duldig Ludwig XVI.:„mein Entſchluß iſt gefaßt.“ „Sire! Sire! Sie haben mir daſſelbe hier in die⸗ ſem Zimmer vor der Königin geſagt, als Sie mir die Decrete zu ſanctioniren verſprachen.“ „Ich habe Unrecht gehabt, Ihnen dies zu verſpre⸗ chen, und ich bereue es.“ „Sire, ich wiederhole Ihnen,— es iſt dies das letzte Mal, daß ich die Ehre habe, Sie zu ſehen, ver⸗ zeihen Sie alſo meine Freimüthigkeit: ich bin drei und fünfzig Jahre olt und beſitze Erfahrung,— nicht, als Sie mir die Decrete zu ſanctioniren verſprachen, hatten Sie Unrecht, ſondern heute, da Sie ſich weigern, Ihr Verſprechen zu halten, haben Sie Unrecht Man mißbraucht Ihr Gewiſſen, Sire; man führt Sie zum Bürgerkriege; Sie ſind ohne Macht, Sie werden unter⸗ liegen; und die Geſchichte wird Ihnen, während ſie Sie 259 beklagt, vorwerfen, Sie haben die Mißgeſchicke Frank⸗ reichs verurſacht.“ „Die Mißgeſchicke Frankreichs?“ verſetzte der Kö⸗ nig;„mir, behaupten Sie, werde man ſie vorwerfen?“ „Ja, Sire.“ „Gott iſt aber mein Zeuge, daß ich nur ſein Glück „Ich bezweifle es nicht, Sire; Sie ſind jedoch Gott nicht nur für die Reinheit, ſondern auch für die erleuch⸗ tete Ausführung Ihrer Intentionen Rechenſchaft ſchuldig. Sie glauben die Religion zu retten: Sie vernichten ſie; die Prieſter werden umgebracht werden; Ihre zerbrochene Krone wird in Ihrem Blute, in dem ber Königin, in dem Ihrer Kinder vielleicht rollen, o mein König! mein König!“ rief Dumouriez. Und er drückte faſt erſtickend ſeine Lippen auf die Hand, die ihm Ludwig XVI. reichte. Da ſprach der König mit einer Heiterkeit und einer Majeſtät, der man ihn nicht hätte ſollen fähig halten: „Sie haben Recht, ich bin auf den Tod gefaßt; und ich verzeihe ihn zum Voraus meinen Mördern Sithabemr mr hrt edent ich ſchätze Sie und weiß Ihnen Dank für Ihre Empfindſamkeit. Gott bee fohlen, mein Herr!“ Und raſch aufſtehend, zog ſich der König in eine Fenſtervertiefung zurück. Dumonriez nahm langſam ſeine Papiere zuſammen, um Zeit zu haben, ſein Geſicht den Umſtänden anzupaſ⸗ ſen, und dem König Zeit zu laſſen, ihn zurückzurufen. Dann wandte er ſich mit kleinen Schritten nach der Thüre, bereit, auf das erſte Wort, das ihm der König ſagen würde, zurückzukommen; doch dieſes erſte Wort war zu⸗ gleich das letzte. „Gott befohlen, mein Herr! ſeien Sie glücklich!“ ſagte der König. wi 260 Nach dieſen Worten war es nicht möglich, einen Angenblick länger zu bleiben. Dumouriez ging ab. Das Königthum hatte mit ſeiner letzten Stütze ge⸗ brochen; der König hatte ſeine Larve abgenommen. Er ſtand mit entblößtem Geſichte vor dem Volke. Sehen wir, was es ſeinerſeits that,— dieſes Volk. CXXXII. Eine Zuſammenkunft in Charenton. Ein Mann war den ganzen Tag im Faubourg Saint⸗Antoine, in Generalsuniform, auf einem dicken flämiſchen Roſſe hin und hergeritten, hatte rechts und links die Hände gedrückt, hier Die ſhönen Wädchen. ge⸗ küßt, dort den jungen Leuten zu trinken bezahlt. Das war einer von den ſechs Erben von Lafayette, der Bataillonschef Santerre.. Bei ihm, wie ein Adjntant bei ſeinem General rei⸗ ten würde, ritt auf einem kräſtigen Pferde ein Mann, in welchem man nach ſeiner Tracht einen Patrioten vom Lande erkennen konnte. Eine Rarbe ließ ihre Spur auf ſeiner Stirne, und wie der Bataillonschef ein treuherziges Lächeln, ein offe⸗ nes Geſicht hatte, ſo hatte er ein finſteres Ange, eine drohende Phyſiognomie. „Haltet Euch bereit, meine guten Freunde, wachet über die Nation! Die Verräther haben ſich gegen ſie verſchworen; doch wir ſind da,“ ſagte Santerre. 261 „Was ſollen wir thun, Herr Santerre?“ fragten die Vorſtädter.„Sie wiſſen, daß wir Ihnen gehören! Wo ſind die Verräther? führen Sie uns gegen ſie.“ „Wartet,“ erwiederte Santerre.„Wenn der Augen⸗ blick gekommen iſt!... „Und der Augenblick kommt?“ Santerre wußte es nicht; doch aufs Gerathewohl antwortete er: „Ja, ja, ſeid ruhig, man wird Euch davon in Kennt⸗ niß ſetzen.“ Und der Mann, der Santerre folgte, neigte ſich auf den Hals ſeines Pferdes, ſprach gewiſſen Leuten, die er an gewiſſen Zeichen erkannte, ins Ohr und ſagte zu ihnen: „Am 20. Juni! am 20. Juni! am 20. Juni!“ Und die Leute gingen mit dieſem Datum: auf zehn, zwanzig, dreißig Schritte bildete ſich eine Grupve um ſie, und das Datum kreiſte:„Am 20. Juni!“ Was würde man am 20. Juni thun? Man wußte es nicht; was man aber wußte, war, man würde etwas thun. Unter der Zahl der Menſchen, denen dieſes Datum mitgetheilt worden, konnte man einige erkennen, die den ſchon von uns erzählten Ereigniſſen nicht fremd ſind. Saint⸗Huruge, den wir am 5. October Morgens, vom Garten des Palais⸗Royal eine erſte Schaar nach Verſailles führend, haben abgehen ſehen; Saint⸗Huruge, dieſer von ſeiner Frau vor 1789 betrogene Ehemann, in die Baſtille geſetzt, am 14. Juli befreit, und ſich am Adel und am Königthum für ſeine ehelichen Mißgeſchicke und ſeine ungeſetzliche Einkerkerung rächend. Verriöres,— nicht wahr, Sie kennen ihn?— er iſt uns zweimal erſchienen, dieſer bis ans Kinn geſpal⸗ tene Buckelige der Apokalypſe: einmal in der Schenke von Sovres mit Marat und dem als Frau verkleideten 262 Herzog von Aiguillon; ein ander Mal auf dem Mars⸗ felde einen Augenblick, ehe das Feuer begann. Fournier der Americaner, der durch die Räder eines Wagens auf Lafayette geſchoſſen hat, und deſſen Flinte verſagte; er verſpricht ſich diesmal einen höheren Punkt, als den Commandanten der Nationalgarde zu treffen, und damit ſein Gewehr nicht verſagte, wird er mit einem Schwerte ſchlagen. Herr von Beauſire, der die Zeit, die wir ihn im Schatten gelaſſen, nicht benützt hat, um ſich zu beſſern; Herr von Beauſire, der Mademviſelle Oliva aus den Händen des ſterbenden Mirabeau wiederangenommen, wie der Chevalier des Grienx Manou Lescaut aus den Händen wiedernahm, die, nachdem ſie ſie einen Augen⸗ blick aus dem Kothe aufgehoben, dieſelbe wieder in den Schlamm fallen ließen. Mouchy, ein krummes, hinkendes, ſäbelbeiniges MWännchen, aufgeputzt mit einer ungeheuren dreifarbigen Schärpe, die ihm den halben Leib bedeckt, Municipal⸗ beamter, Friedensrichter, was weiß ich? Gonchon, der Mirabeau des Volkes, den Pitou noch häßlicher fand als den Mirabeau des Adels; Gvonchon, der mit dem Aufruhr verſchwand, wie in einem Zanber⸗ ſtücke, um ſpäter und immer hitziger, immer erſchreck⸗ licher, immer giftiger wiederzuerſcheinen, der Dämon verſchwindet, deſſen der Autor für den Augenblick nicht bedarf. Sodann, mitten unter dieſer ganzen um die Ruinen der Baſtille, wie auf einem zweiten Aventiniſchen Berge, verſammelten Menge ging ein junger Mann hin und her,— mager, bleich, mit glatten Haaren, mit Augen voller Blitze, einſam wie der Adler, den er ſpäter zum Emblem nehmen ſollte, Niemand kennend und Niemand bekannt. Das war der Artillerielieutenant Bonaparte, zufällig im Urlaub in Paris, der junge Mann, über den, wie „—+ e—— —— N — — 263 man ſich erinnert, am Tage, wo er bei den Jacobinern erſchienen war, Caglioſtro Gilbert eine ſo ſeltſame Pro⸗ phezeiung gemacht hatte. Durch wen war dieſe ganze Menge in Bewegung geſetzt, angereizt? Durch einen Mann mit der mächtigen Halsgeſtalt, mit der Löwenmähne, mit der brüllenden Stimme, den Santerre, nach Hauſe kehrend, in ſeiner Hinterbude, wo er ihn erwartete, finden ſollte,— durch Danton! Das iſt die Stunde, wo der furchtbare Revolu⸗ tionsmann,— der uns nur durch den Lärm, den er im Parterre des Théätre⸗Frangais bei der Vorſtellung von Karl IX. von Chénier gemacht hat, und durch ſeine ent⸗ ſetzliche Beredtſamkeit auf der Tribune der Cordeliers bekannt iſt,— wirklich auf der politiſchen Bühne er⸗ ſcheint, von der er ſeine Rieſenarme ausſtrecken ſoll? Woher kommt die Macht dieſes Menſchen, der ſo unheilvoll für das Königthum ſein wird? Von der Kö⸗ nigin ſelbſt! Sie hat Lafayette nicht bei der Mairie von Pa⸗ ris haben wollen, die haßerfüllte Oeſterreicherin; ſie hat ihm Pétion vorgezogen, den Mann der Reiſe von Va⸗ rennes, der ſich, kaum auf der Mairie, durch ſeinen Be⸗ fehl, die Tuilerien zu überwachen, mit dem König in Kampf geſetzt. Pétion hatte zwei Freunde, die er zu ſeiner Rechten und ſeiner Linken an dem Tage führte, wo er vom Stadthauſe Beſitz ergriff: Manuel zu ſeiner Rechten, Danton zu ſeiner Linken. Er hatte Manuel zum Anwalt der Commune ge⸗ macht, Danton zu ſeinem Subſtituten. Vergniaud hatte, nach den Tuilerien deutend, auf der Tribune geſagt: „Der Schrecken iſt ſo oft aus dieſem unſeligen Pa⸗ laſte im Namen des Deſpotismus hervorgegangen; er kehre dahin im Namen des Geſetzes zurück!“ 264 Nun, es war die Stunde gekommen, durch einen materiellen Act das ſchöne und furchtbare Bild des Red⸗ ners der Gironde zu überſetzen; man mußte den Schrecken im Faubourg Saint⸗Antoine holen und ihn mit ſeinem mißtönigen Geſchrei und ſeinen gekrümmten Armen in den Palaſt von Catharina von Medici treiben. Wer konnte ihn beſſer hervorrufen, als der entſetz⸗ liche revolutionäre Zauberer, den man Danton nannte? Danton hatte breite Schultern, eine mächtige Hand, eine athletiſche Bruſt, in der ein ſtarkes Herz ſchlug; Danton, das war der Tamtam der Revolution; den Schlag, den er empfing, gab er ſogleich durch ein ge⸗ waltiges Vibriren zurück, das ſich auf die Menge, dieſe berauſchend, verbreitete; Danton berührte einerſeits das Volk durch Hébert, andererſeits den Thron durch den Herzog von Orleans. Danton, zwiſchen dem Contre⸗ marquenhändler an der Straßenecke und dem königlichen Prinzen an der Ecke des Thrones, Danton hatte vor ſich ein ganzes vermittelndes Clavier, von dem jede Taſte mit einer ſocialen Fiber correſpondirte. Werft die Blicke auf dieſe Tonleiter: ſie durchläuft zwei Oetaven und iſt im Einklange mit ſeiner mächtigen Stimme: Hébert, Legendre, Gonchon, Roſſignol, Momoro, Brune, Huguenin, Rotondo, Santerre, Fabre d'Eglantiene, Camille Desmoulins, Dugazon, Lazuski, Sillery, Genlis, der Herzog von Orleans. Denn bemerke wohl, daß wir hier nur die ſichtba⸗ ren Gränzen ſetzen. Wer wird uns nun ſagen, wie tief ſie hinabgeht, und wie hoch ſie ſich erhebt, dieſe Macht, über deren Gränzen unſer Ange ſich verliert? Dieſe Macht war es, die den Fanbourg Saint⸗ Antoine aufwiegelte. Schon am 16. nimmt ein Danton ergebener Mann, der Pole Lazuski, Mitglied des Rathes der Commune, die Sache in Angriff. Zie err alt ſeit in unk Hir dur Ant ſche gen für 265 Er kündigt im Rathe an, am 20. Juni werden die zwei Vorſtädte, der Faubourg Saint-Antoine und der Faubourg Saint⸗Marceau, der Nationalverſammlung und dem König Petitionen in Beziehung auf das Veto über das die Prieſter betreffende Decret überreichen, und ſie werden zugleich auf der Terraſſe der Feuillants einen Freiheitsbaum zum Andenken an die Sitzung vom Ball⸗ hauſe und an den 20. Inni 1789 pflanzen. Der Rath verweigert ſeine Genehmigung. „Man wird ſie entbehren können,“ flüſterte Danion Lazuski ins Ohr. Und Lazuski wiederholte laut: „Man wird ſie entbehren können.“ Das Datum des 20. Juni hatte folglich eine ſicht⸗ bare Bedentung und eine verborgene Bedeutung. Die eine, die der Vorwand war: dem König eine Petition überreichen und einen Freiheitsbaum pflanzen. Die andere, die das nur einigen Adepten bekannte Ziel war; Frankreich von Lafayette und den Feuillants erretten, und den unverbeſſerlichen König, den König des alten Regime, davon unterrichten, es gebe politiſche Stürme, in denen ein Monarch mit ſeinem Throne, mit ſeiner Krone, mit ſeiner Familie untergehen könne, wie in den Abgründen des Oeeans ein Schiff mit Mann und Maus verſinkt. Danton erwartete, wie geſagt, Santerre in ſeiner Hinterbude. Er hatte ihm am vorhergehenden Tage durch Legendre ſagen laſſen, er brauche am nächſten Tage einen Anfang von Aufſtand im Faubourg Saint⸗ Antvine. Am andern Tage war ſodann Billot beim patrioti⸗ ſchen Bierbrauer erſchienen, hatte das Erkennungszeichen gemacht und ihm angekündigt, der Ausſchuß gebe ihn für den ganzen Tag ſeiner Perſon bei. Darum wußte Billot, während er das Anſehen 266 hatte, als ſei er der Adjutant von Santerre, mehr als Santerre ſelbſt. Danton hatte ſich mit Santerre auf die Nacht des kommenden Tages in einem kleinen Hauſe in Charenton, das auf dem rechten Ufer der Marne, am Ende der Brücke lag, zuſammenbeſtellt. Hier ſollten ſich alle jene Männer mit den ſeltſamen, unbekannten Exiſtenzen treffen, die man immer den Lauf der Aufſtände lenkend findet. Jeder war pünktlich beim Rendez⸗vous. Die Leivenſchaften von allen dieſen Menſchen waren verſchieden. Wo hatten ſie ihren Urſprung genommen? Darüber wäre eine ganze düſtere Geſchichte zu ſchreiben. Einige handelten aus Liebe für das Vaterland; Viele, wie Billot, aus Rache für empfangene Beleidigungen; eine noch größere Zahl aus Haß, aus Nothdurft, aus ſchlechten Inſtincten. Im erſten Stocke war ein geſchloſſenes Zimmer, in das nur die Häupter einzutreten das Recht hatten; ſie kamen daraus herab, mit genauen, ſcharfen Inſtructionen: man hätte glauben ſollen, es ſei ein Tabernakel, wo ein unbekannter Gott die Ausſprüche von ſich gebe. Ein rieſiger Plan von Paris war auf einem Tiſche aufgelegt, Der Finger von Danton zeichnete darauf die Quel⸗ len, die Zuflüſſe, den Lauf und den Vereinigungspunkt dieſer Menſchenbäche und Menſchenſtröme, welche zwei Tage nachher Paris überſchwemmen ſollten. Der Baſtille⸗Platz, nach welchem man durch die Straßen des Fanbourg Saint⸗Antoine, durch das Quar⸗ tier des Arſenals, durch den Faubourg Saint⸗Marceau mündet, wurde als Sammelplatz bezeichnet; die Natio⸗ nalverſammlung als Vorwand; die Tuilerien als Ziel. Das Boulevard war die breite, ſichere Straße, auf der dieſe ganze toſende Woge verlaufen ſollte. Nachdem Jedem die Poſten angewieſen waren, nach⸗ dem man ein der im kühr im acht; und Lütt gan terſt Age in d ihr Leb Vor des ben mas zu gew als es on, der en, uf ten n en. le, n; us in ſie ent ein e el⸗ nkt vei die ar⸗ au io⸗ uf ch⸗ — „ 267 dem Jeder ſich dabei einzufinden verſprochen hatte, trennte man ſich. Das allgemeine Loſungswort war:„Mit dem Schloſſe ein Ende machen!“ Auf welche Art würde man ein Ende machen? Das blieb unbeſtimmt. Den ganzen Tag des 19. hielten ſich Gruppen auf der Stelle der Baſtille, in der Umgegend des Arſenals, im Faubourg Saint⸗Antoine auf. Plötzlich erſchien mitten unter dieſen Gruppen eine kühne, erſchreckliche Amazone, roth angethan, Piſtolen im Gürtel und an der Seite jenen Säbel, der durch achtzehn andere Wunden das Herz von Suleau ſuchen und finden ſollte. Das war Théroigne von Méricvurt, die ſchöne Lütticherin. Wir haben ſie auf der Straße von Verſailles am 5. October geſehen. Wie iſt es ihr ſeit jener Zeit er⸗ angen? Lüttich hat ſich empört: Théroigne wollte ihrer Va⸗ terſtadt zu Hülfe eilen; ſie wurde unter Weges durch Agenten von Leopold verhaftet und achtzehn Monate lang in den Gefängniſſen Oeſterreichs feſtgehalten. Iſt ſie entflohen? hat man ſie gehen laſſen? hat ſie ihr Gitter durchfeilt? hat ſie ihren Kerkermeiſter beſto⸗ chen? Alles dies iſt geheimnißvoll wie der Anfang ihres Lebens, gräßlich wie das Ende. Wie dem ſein mag, ſie kommt zurück! Sie iſt da! Von der Courtiſane des Reichthums iſt ſie die Buhlerin des Volkes geworden; der Adel hat ihr das Geld gege⸗ ben, mit dem ſie die wohl gehärteten Klingen, die da⸗ mascirten Piſtolen kaufen wird, um ihre Feinde damit zu treffen. Das Volk erkennt ſie auch und empfängt ſie mit gewaltigem Geſchrei. 268 Wie rechtzeitig kommt ſie, ſo roth gekleidet, für das blutige Feſt am andern Tage an, die ſchöne Thérvigne! Am Abend deſſelben Tages ſieht ſie die Königin längs der Terraſſe der Feuillants hingaloppiren; ſie begibt ſich vom Baſtille⸗Platze nach den Champs⸗Elyſées, von der Volksverſammlung zum patriotiſchen Bankett. Von den Manſarden der Tuilerien, zu denen ſie bei dem Geſchrei, das ſie gehört, hinaufgeſtiegen iſt, erblickt die Königin zugerichtete Tafeln; der Wein kreiſt, patriv⸗ tiſche Geſänge erſchallen, und bei jedem Toaſt auf die Nationalverſammlung, auf die Gironde, auf die Freiheit ſtrecken die Tiſchgenoſſen die Fauſt gegen die Tuilerien aus. Der Schauſpieler Dugazon ſingt Lieder gegen den König und gegen die Königin, und vom Schloſſe aus können der König und die Königin das Beifallklatſchen hören, das auf jeden Refrain erfolgt. Wer ſind die Tiſchgenoſſen? Die Föderirten von Marſeille, geführt von Barba⸗ rvur: ſie ſind am Tage vorher angekommen. Am 18. Juni hat der 10. Augnſt ſeinen Einzug in Paris gehalten! ſam Ank Dis ſein ten bew theil * eine Ma . ung liche rege als das gne! igin gibt von bei lickt trio⸗ die heit rien den aus ſchen rba⸗ E 269 CXXXIII. Der 20. Juni. Der Tag kommt frühzeitig im Monat Juni. Um fünf Uhr Morgens waren die Bataillons ver⸗ ſammelt. Diesmal war der Aufſtand geregelt; er hatte den Anblick einer Invaſion angenommen. Das Volk unterzog ſich, Chefs anerkennend, einer Disciplin, hatte ſeinen bezeichneten Platz, ſeine Reihe, ſeine Fahne. Santerre war zu Pferde mit einem Stabe von Leu⸗ ten aus der Vorſtadt. Billot verließ ihn nicht; man hätte glauben ſollen, er ſei durch eine verborgene Macht beauftragt, ihn zu bewachen. 6 Die Verſammlung war in drei Armeecorps abge⸗ theilt: Santerre commandirte das erſte; Saint⸗Huruge das zweite; Théroigne von Méricourt das dritte. Gegen elf Uhr Morgens ſetzte ſich auf einen von einem Unbekannten überbrachten Befehl die ungeheure Maſſe in Marſch. Bei ihrem Abgange von der Baſtille beſtand ſie aus ungefähr zwanzigtauſend Mann. Dieſe Schaar bot einen ſeltſamen, wilden, erſchreck⸗ lichen Anblick! Das von Santerre angeführte Bataillon war das regelmäßigſte; es fanden ſich dabei viele Uniformen und als Waffen eine Anzahl Flinten und Bajonnete. 270 Doch die zwei andern, waren die Armee des Vol⸗ kes, eine Armee in Lumpen, hohläugig, abgemagert; vier Jahre Brodtheuerung und Hungersnoth und in dieſen vier Jahren drei Revolutionen! Das war der Schlund, aus der dieſe Armee her⸗ vorkam. Hier auch keine Uniformen, keine Flinten, Kittel in Fetzen, zerriſſene Blouſen, ſeltſame Waffen in einer erſten Aufwallung des Zornes ergriffen: Pieken, Spieße, ab⸗ geſtumpfte Lanzen, Säbel ohne Griff, Meſſer an das Ende langer Stöcke gebunden, Zimmermannsäxte, Mau⸗ rerhämmer, Schuſterkneife. Sodann, als Standarten, ein Galgen mit einer an einem Stricke bammelnden Puppe, die Königin vorſtel⸗ lend; ein Ochſenkopf mit ſeinen Hörnern, mit denen ſich eine obſcöne Deviſe verſchlingt; ein Kalbsherz an einen geſteckt mit dem Worte: Ariſtokraten⸗ erz. Ferner Fahnen mit den Wahlſprüchen: Die Sanection oder den Dod! Zurückbernfung der patriotiſchen Miniſter! Zittere, Tyrann! Deine Stunde iſt gekommen! An der Ecke der Rue Saint⸗Antoine ſpaltete ſich die Schaar. Santerre und ſeine Nationalgarde folgten dem Bou⸗ levard; Santerre hatte ſeine Uniform als Bataillonschef; Saint⸗Huruge, auf einem trefflich gezäumten Pferde rei⸗ tend, das ihm ein unbekannter Stallknecht gebracht hatte, und Théroigne von Méricourt, auf einer von Leuten mit bloßen Armen gezogenen Kanone liegend, folgten der Rue Ler in! Sainte⸗Antoine. ſpr ſchi ſi die ſch alli ſan Ru cul hör ma von ihr dur cor auf ein ver den doc wol erſc den zot⸗ vier eſen her⸗ in ſten ab⸗ das an tel⸗ ſich nen n iſt die ine * 271 Man ſollte ſich bei den Feuillants wiederver⸗ einigen. Drei Stunden lang defilirte die Armee, auf ihrem Marſche die Bevölkerung der Quartiere, durch die man zog, fortreißend. Sie war jenen Strömen ähnlich, welche, wachſend, ſpringen und ſchäumen. Auf jedem Kreuzwege wuchs ſie an, an jeder Ecke ſchäumte ſie. Die Maſſe dieſes Volkes war ſchweigſam; nur trat ſie in Zwiſchenräumen auf eine unerwartete Weiſe aus dieſem Stillſchweigen hervor und ſtieß ungeheures Ge⸗ ſchrei aus, oder ſang das bekannte Ca ira von 1790, das, allmälig ſich modificirend, von einem Ermunterungsge⸗ ſang ein Drohungsgeſang wurde; endlich ließ ſie die Rufe ertönen:„Es lebe die Nation! es leben die Sans⸗ eulottes! nieder mit Herrn und Frau Veto!“ Lange, ehe man die Köpfe der Colonne erblickte, hörte man das Geräuſch der Tritte dieſer Menge, wie man das Rauſchen einer ſteigenden Fluth hört; ſodann, von Zeit zu Zeit, ertönte der Ausbruch ihrer Geſänge, ihrer Schreie, ihrer Rufe, wie das Pfeifen des Sturmes durch die Lüfte ertönt. Auf dem Vendome⸗Platze angelangt, fand das Armee⸗ corps von Santerre, das den Pappelbaum trug, der auf die Terraſſe der Feuillants gepflanzt werden ſollte, einen Poſten von der Rationalgarde, der ihm den Weg verſperrte; nichts wäre dieſer Maſſe leichter geweſen, als den Poſten zwiſchen ihren tauſend Falten zu zermalmen; doch nein, das Volk hatte ſich ein Feſt verſprochen und wollte lachen, ſich beluſtigen, Herrn und Frau Veto erſchrecken: es wollte nicht tödten. Diejenigen, welche den Baum trugen, gaben das Vorhaben, ihn auf die Terraſſe zu pflanzen, auf und pflanzten ihn in den Hof in der Nähe der Capucines. Die Rationalverſammlung hörte den ganzen Lär⸗ 272 men ſeit faſt einer Stunde, als die Commiſſäre dieſer Menge kamen und für diejenigen, welche ſie vertraten, um die Erlaubniß baten, vor ihr defiliren zu dürfen. Vergniand verlangte die Zulaſſung, zu gleicher Zeit machte er aber den Antrag, ſechzig Deputirte abzu⸗ ſchicken, um das Schloß zu beſchützen. Die Girondiſten wollten auch den König und die Königin erſchrecken, doch ſie wollten nicht, daß man ihnen Böſes zufüge. Ein Feuillant bekämpfte den Antrag von Vergniaud und ſagte, dieſe Vorſichtsmaßregel wäre eine Ungerech⸗ tigkeit gegen das Volk von Paris. Lag nicht die Hoffnung auf ein Verbrechen unter dieſem ſcheinbaren Vertrauen? Die Zulaſſung wird bewilligt, das Volk der Vor⸗ ſtädte wird in Waffen im Saale defiliren. Alsbald öffnen ſich die Thüren und gewähren den dreißigtauſend Petitionären Durchgang. Das Defilé be⸗ ginnt um Mittag und iſt erſt um drei Uhr zu Ende. Das Volk hat den erſten Theil von dem, was es verlangte, erreicht; es hat vor der Nationalverſammlung defilirt, es hat ſeine Petition vorgeleſen, es bleibt ihm nur noch übrig, vom König ſeine Sanction zu ver⸗ langen. Wenn die Nationalverſammlung die Deputation empfangen hatte, wie war es dem König möglich, ſie nicht zu empfangen? Der König war ſiherlich kein vor⸗ nehmerer Herr, als der Präſident, da der König, wenn er zum Präſidenten kam, nur ein dem ſeinigen ähnliches Fauteuil, und zwar zu ſeiner Linken hatte. Der König ließ auch antworten, er werde die Peti⸗ tion überreicht von zwanzig Perſonen empfangen. Das Volk hatte nie geglaubt, es ſollte ihm der Eintritt in die Tuilerien geſtattet ſein; es rechnete dar⸗ auf, ſeine Abgeordneten werden eintreten, während es ſelbſt unter den Fenſtern defiliren würde. all die geſ der vie ſche rif ohr um ſer en, zu⸗ die ſen en Ne⸗ es ug m r⸗ n ſie r⸗ in 8 r . 273 Alle dieſe Fahnen mit drohenden Wahlſprüchen, alle dieſe kläglichen Standarten würde es den König und die Königin durch die Fenſterſcheiben ſehen laſſen. Alle gegen das Schloß gehende Thüreh hatte man geſchloſſen; es waren ſowohl, im Hofe als im Garten der Tuilerien, drei Linienregimenter, zwei Schwadronen Gendarmerie, mehrere Bataillons Nationalgarde und vier Kanonen. Die königliche Familie ſah aus den Fenſtern dieſen ſcheinbaren Schutz und ſchien ziemlich ruhig. Immer ohne ſchlimme Abſſcht, verlangte indeſſen das Volk, daß man ihm das Gitter öffne, das nach der Ter⸗ raſſe der Feuillants ging. Die Officiere, die es bewachten, weigerten ſich, es ohne den Befehl des Königs zu öffnen. Da verlangten drei Municipalbeamte den Eintritt, um den Befehl zu holen. Man ließ ſie paſſiren. Montjoye, der Verfaſſer der Geſchichte von Marie Antoinette, hat ihre Namen aufbe⸗ wahrt. Es waren Boucher Renés, Boucher⸗Saint⸗Sauveurund Mouchet; Mouchet, dieſer kleine Friedensrichter des Ma⸗ rais, krumm, ſäbelbeinig, ein Zwerg, mit der ungeheuren dreifarbigen Schärpe. Sie wurden ins Schloß eingelaſſen und zum König geführt. Mouchet nahm das Wort und ſprach: „Sire, eine Volksſchaar marſchirt unter der Aegide des Geſetzes; Sie dürfen keine Beſorgniß haben; fried⸗ liche Bürger haben ſich vereinigt, um eine Petition an die Nationalverſammlung zu machen, und wollen ein bürgerliches Feſt aus Veranlaſſung des im Ballhauſe im Jahre 1789 ausgeſprochenen Schwures feiern. Die Bür⸗ ger verlangen über die Terraſſe der Fu zu paſſi⸗ Die Gräfin von Charny. VI. 274 ren, dereu Thor nicht nur geſchloſſen iſt, ſondern zu wel⸗ cher auch den Zugang eine aufgepflanzte Kanone verwehrt. Wir kommen nun, um zu bitten, Sire, daß dieſes Git⸗ ter geoffnet und ein freier Durchgang geſtattet werde.“ „Mein Herr,“ erwiederte der König,„ich ſehe an Ihrer Schärpe, daß Sie Municipalbeamter ſind; es iſt alſo Ihre Sache, das Geſetz vollziehen zu machen. Hal⸗ ten Sie es der Nationalverſammlung wegen für noth⸗ wendig, ſo laſſen Sie das Thor der Terraſſe der Feuil⸗ lants öffnen; die Bürger mögen über dieſe Terraſſe defi⸗ liren und durch das Thor der Stallungen abgehen. Verſtändigen Sie ſich zu dieſem Ende mit dem Herrn Obercommandanten der Garde und ſorgen Sie beſonders dafür, daß die öffentliche Ruhe nicht geſtört wird.“ Die drei Municipalbeamten verbeugten ſich und gin⸗ gen ab, in Begleitung eines Officiers, der beauftragt war, zu bekräftigen, der Befehl, das Thor zu öffnen, ſei wirklich vom König ſelbſt gegeben worden. Man öffnete das Gitter. Sobald das Gitter geöffnet war, wollte Jeder hinein. Es war zum Erſticken; man weiß, was die er⸗ ſtickende Menge iſt: das iſt der Dampf, der ausbricht und zertrümmert. Das Gitter der Terraſſe der Feuillants krachte wie ein Weidengeflechte. Die Menge athmete und verbreitete ſich heiter im Garten. Man hatte es verſäumt, das Thor der Stallungen zu öffnen. Als ſie dieſes Thor geſchloſſen fand, defilirte die Menge vor der im Spalier an der Fagade der Tuile⸗ rien aufgeſtellten Nationalgarde. Dann ging ſie durch das Thor vom Quai ab, und da ſie im Ganzen nach ihrer Vorſtadt zurückkehren mußte, ſo nel an beit mar arm vorl mit dies ten und ſaue vel⸗ hrt. Hit⸗ e. an iſt al⸗ oth⸗ uil⸗ efi⸗ en. rrn ers in⸗ agt en, der er⸗ cht vie en ie le⸗ nd 6 275 ſo wollte ſie den Weg durch die Einläſſe des Carrouſel nehmen. 8 Die Einläſſe waren geſchloſſen und bewacht. Doch bedrängt, geſtoßen, gequetſcht, fängt die Menge an in Zorn zu gerathen. Vor ihrem Toſen öffnen ſich die Einläſſe, und die Menge verbreitet ſich auf dem ungeheuren Platze. hier erinnert ſie ſich, die Hauptangelegenheit des Tages ſei die Petition an den König, daß er ſein Veto aufhebe. Eine Folge hievon iſt, daß, ſtatt ihres Weges zu ziehen, die Menge beim Carrouſel wartet. Eine Stunde vergeht; ſie wird ungeduldig. Sie wäre wohl gegangen, doch das ſtand den Füh⸗ rern nicht an.„ Es waren Lente da, welche von Gruppe zu Gruppe gingen und ſagten:„Bleibet, aber bleibet doch! der Kö⸗ nig wird ſeine Sanction geben; gehen wir nur mit der Sanction nach Hauſe, oder das wird wiederanfangen.“ Die Menge fand, dieſe Leute haben vollkommen Recht; zu gleicher Zeit bedachte ſie aber, die viel beſprochene Sanction laſſe lange auf ſich warten. Man hatte Hunger; das war der allgemeine Schrei. Die Brodtheuerung hatte aufgehört; aber keine Ar⸗ beit, kein Geld mehr; und ſo wohlfeil das Brod iſt, man gibt es doch nicht umſonſt. Alles dies war Morgens um fünf Uhr von ſeinem armſeligen Bette aufgeſtanden, wo ſich Viele am Abend vorher nüchtern niedergelegt hatten. Alles dies, Arbeiter mit ihren Weibern, Mütter mit ihren Kindern, Alles dies hatte ſich auf den Weg begeben in der unbeſtimm⸗ ten Hoffnung, der König werde das Decret ſanctioniren, und die ganze Sache werde gut gehen. Der König ſchien ganz und gar nicht geneigt, zu ſanctioniren. Es war heiß, und man hatte Durſt. 276 Der Hunger, der Durſt und die Hitze machen die Hunde wüthend. Nun, dieſes arme Volk wartete und geduldete ſich. Man fängt indeſſen an, an den Gittern des Schloſ⸗ ſes zu rütteln. Ein Municipalbeamter erſcheint im Hofe der Tuile⸗ rien und haranguirt das Volk. „Bürger,“ ſpricht er,„das iſt das Domicil des Kö⸗ nigs, und bewaffnet hineingehen hieße daſſelbe verletzen. Der König will eine Petition in Empfang nehmen doch nur überreicht von zwanzig Abgeordneten.“ Alſo die Abgeordneten, welche die Menge erwartet, die ſie ſeit einer Stunde beim König glaubt, die Ab⸗ geordneten ſind nicht eingeführt! Plötzlich hört man gewaltiges Geſchrei auf der Seite der Quais. Das ſind Santerre und Saint-Huruge auf ihren Pferden; das iſt Théroigne auf ihrer Kanone. „Nun! was macht Ihr da vor dieſem Gitter?“ ruft Saint⸗Huruge;„warum geht Ihr nicht hinein?“ „In der That,“ ſagen die Leute aus dem Volke, „warum gehen wir nicht hinein?“ „Ihr ſeht wohl, daß das Thor geſchloſſen iſt,“ wen⸗ den mehrere Stimmen ein. Théroigne ſpringt von ihrer Kanone herab und ruft: „Sie iſt geladen: ſprengt das Thor mit der Kugel!“ Und man protzt die Kanone vor dem Thore auf. „Wartet! wartet!“ rufen zwei Municipalbeamte, „keine Gewaltthat; man wird Euch ſogleich öffnen!“ Und ſie drücken wirklich auf den Schlagbaum, der die zwei Flügel ſchließt; der Schlagbaum ſpielt, das Thor öffnet ſich.„ Alle drängen ſich hinein. Wollt Ihr wiſſen, was die Menge iſt, und welch einen furchtbaren Strom ſie macht? Nun, die Menge dringt ein; die Kanone rollt fort⸗ ger ſtei ob fra ni kei die h. leſ⸗ Kö⸗ en. och tet, Ab⸗ der hren r 2 olke, ven⸗ uft: el!“ mte, der das velch fort⸗ 277 geriſſen in ihren Wogen hin, zieht mit ihr durch den Hof, ſteigt mit ihr die Stufen hinauf, und findet ſich mit ihr oben auf der Treppe. Oben auf der Treppe find Municipalbeamte mit der Schärpe. „Was gedenkt Ihr mit einer Kanone zu thun?“ fragen ſie.„Eine Kanone in den Gemächern des Kö⸗ nigs! Glaubt Ihr etwas durch eine ſolche Gewalthätig⸗ — keit zu erlangen?“ „Das iſt wahr,“ erwiedern dieſe Leute, ſelbſt ganz erſtaunt, daß dieſe Kanone da war. Und ſie wenden die Kanone um und wollen ſie hinabführen. Die Achſe hängt ſich an einer Thüre an, und die Mündung der Kanone iſt gegen die Menge gekehrt. „Gut! es iſt Artillerie bis in den Gemächern des Königs!“ rufen die Ankommenden, welche, da ſie nicht wiſſen, wie ſich dieſes Stück hier findet, die Kanone von Théroigne nicht erkennen und glauben, ſie ſei gegen ſie aufgeführt worden. Auf den Befehl von Mouchet zerhauen und zertrüm⸗ mern zwei Männer mit Aexten die Bekleidung der Thüre und machen die Kanone los, die ſodann unter das Veſtibule gebracht wird. Dieſe Operation, durch welche man die Kanone zu befreien beabſichtigt, macht glanben, man breche die Thü⸗ ren mit Axtſtreichen auf. Ungefähr zweihundert Edelleute ſind ins Schloß geeilt, nicht um es zu vertheidigen, ſondern ſie glauben, man wolle dem König das Leben nehmen, und ſie kom⸗ men, um mit ihm zu ſterben. Uebetdies ſind da der alte Marſchall von Mouchy; Herr d'Hervilly, Commandant der verabſchiedeten conſti⸗ tutionellen Garde; Acloque, Commandant des Bataillon der Nationalgarde vom Fanbourg Saint⸗Marcean; drei Grenadiere vom Bataillon des Faubourg Saint⸗Martin, 278 welche allein auf ihrem Poſten geblieben waren, die Herren Lecrosnier, Bridand und Goſſe; ein ſchwarz ge⸗ kleideter Mann, der ſchon einmal herbeigeeilt iſt, um ſeine Bruſt der Kugel der Mörder zu bieten, deſſen Rathſchläge man beſtändig verworfen hat, und der am Tage der Gefahr, die er zu beſchwören verſucht, ſich als ein letzter Wall zwiſchen die Gefahr und den König ſtellt: Gilbert. Sehr beunruhigt durch den erſchrecklichen Lärmen dieſer ganzen Menge, hatten ſich der König und die Kö⸗ nigin allmälig an dieſen Lärmen gewöhnt. Es war halb vier Uhr Nachmittags; ſie hofften, das Ende des Tages werde verlaufen wie der Anfang. Die königliche Familie war im Schlafzimmer des Königs verſammelt. Plötzlich erſchallt das Geräuſch der Aexte bis in dieſem Gemache, nur zuweilen beherrſcht durch Geſchrei, das dem entfernten Heulen des Sturmes gleicht. In dieſem Augenblicke ſtürzt ein Mann in das Schlaf⸗ zimmer des Königs und ruft: „Sire, verlaſſen Sie mich nicht; ich ſtehe für Alles!“ „ 279 m en CXXXKIV. m der Rönig ſieht, daß es gewiſſe Umſtände gibt, unter denen man, ohne Jacobiner zu ſein, die rothe Mütze aufſetzen kann. n, Dieſer Mann war der Doctor Gilbert. Man ſah ihn nur in faſt periodiſchen Zwiſchenräu⸗ es men, und bei allen großen Peripetien des ungeheuren Dramas, das ſich entrollte. in„Ah! Doctor, Sie da! Was geht denn vor?“ frag⸗ ei, ten gleichzeitig der König und die Königin. Sire,“ erwiederte Gilbert,„das Schloß wird ge⸗ af⸗ ſtürmt und der Lärm, den Sie hören, iſt der, den das Volk macht, das den König zu ſehen verlangt.“ E„Oh!“ rufen die Königin und Madame Eliſabeth: „wir verlaſſen Sie nicht, Sire!“ „Sirk,“ ſprach Gilbert,„will mir der König auf eine Stunde die Gewalt geben, die ein Schiffskapitän auf einem Schiffe während des Sturmes hat?“ „Ich gebe ſie Ihnen,“ antwortete der König. In dieſem Augenblick erſchien der Commandant der Nationalgarde Acloque ebenfalls an der Thüre,— bleich, aber entſchloſſen, den König bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen. „Mein Herr!“ rief Gilbert,„hier iſt der König: er iſt bereit, Ihnen zu folgen; ſorgen Sie für den König.“ Sodann zum König: „Gehen Sie, Sire, gehen Sie!“ „Aber ich,“ rief die Königin,„ich will meinem Ge⸗ mahle folgen!“ 280 „Und ich meinem Bruder!“ rief Madame Eliſabeth. „Folgen Sie Ihrem Bruder, Madame,“ ſprach Gil⸗ bert zu Madame Eliſabeth;„doch Sie, Madame, blei⸗ ben Sie,“ fügte er, ſich an die Königin wendend, bei. „Mein Herr!“ ſagte Marie Antvinette. „Sire! Sire!“ rief Gilbert,„um des Himmels willen, bitten Sie die Konigin, ſie möge ſich auf mich verlaſſen, oder ich ſtehe für nichts.“ „Madame,“ ſprach der König,„hören Sie auf den Rath von Herrn Gilbert, und, wenn es ſein muß, ge⸗ horchen Sie ſeinen Befehlen.“ Dann zu Gilbert: „Mein Herr, Sie ſtehen mir für die Königin und für den Dauphin?“ „Sire, ich ſtehe für ſie, oder ich werde mit ihnen ſterben! das iſt Alles, was ein Steuermann während eines Sturmes ſagen kann.“ Die Königin wollte einen letzten Verſuch machen; Gilbert ſtreckte aber die Arme aus, um ihr den Weg zu verſperren. „Madame,“ ſagte er,„Sie, und nicht der König, laufen die wahre Gefahr. Mit Recht oder mit Unrecht bezüchtigt man Sie, Sie ſeien Schuld am Widerſtande des Königs; Ihre Gegenwart würde ihn alſo bloßſtel⸗ len, ohne ihn zu beſchützen. Thun Sie den Dienſt des Wetterableiters; wenden Sie den Blitz ab, wenn Sie können!“ „Dann falle der Blitz auf mich allein und verſchone meine Kinder!“ „Ich habe mich dem König für Sie und für Ihre Kinder verbürgt, Madame. Folgen Sie mir.“ Hierauf wandte ſich Gilbert an Frau von Lamballe, welche einen Monat vorher aus England und drei Tage vorher von Vernon angekommen war, und an die ande⸗ ren Frauen und fügte bei: 5 „Folgen Sie uns.“ — 3, — — th. il⸗ ei⸗ els ich en ge⸗ nd len end nz ig, ide es ie ne hre lle, ge de⸗ 281 Die audern Frauen der Königin waren die Prin⸗ zeſſin von Tarent, die Prinzeſſin de la Trémouille, die Damen von Tourzel, von Mackau und de la Roche⸗ Aymon. Gilbert kannte das Innere des Schloſſes: er orien⸗ tirte ſich. Was er ſuchte, das war ein großer Saal, wo Je⸗ dermann ſehen und hören könnte; das war ein erſter Wall; er würde die Königin, ihre Kinder, die Frauen hinter dieſen Wall ſtellen und ſich vor den Wall ſelbſt. Er dachte an den Conſeilſaal. Zum Glücke war er noch frei. Fr ſchob die Königin, die Kinder, die Prinzeſſin von Lamballe in die Vertiefung eines Fenſters. Die Mi⸗ nuten waren ſo koſtbar, daß man nicht mehr Zeit hatte, zu ſprechen; ſchon klopfte man an die Thüren. Er ſchleppte den ſchweren Tiſch des Conſeil vor das Fenſter; der Wall war gefunden. Madame Royale ſtand auf dem Tiſche bei ihrem ſitzenden Bruder. Die Königin befand ſich hinter ihnen: die Unſchuld beſchirmte die Unpopularität. Marie Antoinette wollte ſich im Gegentheil vor ihre Kinder ſtellen. „Alles iſt gut ſo,“ rief Gilbert mit dem Tone eines Generals, der ein entſcheidendes Manveuvre commandirt; „rühren Sie ſich nicht.“ Und da man an der Thüre rüttelte und er eine Woge von Weibern in dieſer heulenden Fluth erkannte, zog er die Riegel und ſagte: „Tretet ein, Bürgerinnen; die Königin und ihre Kinder erwarten Euch!“ Sobald die Thüre geöffnet war, drang die Woge wie durch einen gebrochenen Damm ein. „Wo iſt ſie, die Oeſterreicherin? wo iſt ſie, Frau Veto?“ riefen fünfhundert Stimmen. 282 Das war der furchtbare Augenblick. Gilbert begriff, daß in dieſem äußerſten Momente alle Gewalt der Hand der Menſchen entſchlüpfte und in die Hand Gottes überging. „Ruhe, Madame!“ ſagte er zur Königin;„ich brauche Ihnen die Güte nicht zu empfehlen!“ Eine Frau ſchritt den Andern, mit fliegenden Haa⸗ ren, einen Säbel ſchwingend, ſchön vor Zorn, vor Hun⸗ ger vielleicht, voran. „Wo iſt die Oeſterreicherin?“ rief ſie;„ſie ſoll nur von meiner Hand ſterben.“ Gilbert nahm ſie beim Arme, führte ſie vor die Kö⸗ nigin und ſagte: „Hier iſt ſie!“ Da fragte die Königin mit ihrer ſanfteſten Stimme: „Habe ich Ihnen ein perſönliches Unrecht angethan, mein Kind?“ „Keines, Madame,“ erwiederte die Vorſtädterin, ganz erſtaunt zugleich über die Milde und die Majeſtät von Marie Antvinette. „Nun, warum wollen Sie mich denn tödten?“ „Man hat mir geſagt, Sie ſtürzen die Nation ins Verderben,“ ſtammelte verblüfft das Mädchen, während es die Spitze ſeines Säbels gegen den Boden ſenkte. „Dann hat man Sie getänſcht. Ich habe den Kö⸗ nig von Frankreich geheirathet; ich bin die Mutter des Dauphin, dieſes Kindes hier, ſehen Sie. ich bin Franzöſin, ich werde mein Vaterland nie wiederſehen: ich kann alſo nur in Frankreich glücklich oder unglücklich ſein.... Ach! ich war glücklich, als Ihr mich lieb⸗ tet!“ fügte die Königin bei. Und ſie ſtieß einen Seufzer aus. Das Mädchen ließ ſeinen Säbel fallen und fing an zu weinen. „Ah! Madame,“ ſagte die Vorſtädterin,„ich kannte 283 Sie nicht; verzeihen Sie mir: ich ſehe, daß Sie gut ſind.“ „Fahren Sie fort, Madame,“ flüſterte Gilbert der Königin zu,„und Sie ſind nicht nur gerettet, ſondern es wird ſogar all dies Volk in einer Viertelſtunde vor Ihnen auf den Knieen liegen.“ Sodanu die Königin ein paar Nationalgarden, welche in aller Haſt herbeikamen, und dem Kriegsminiſter La⸗ jard, der mit dem Volke eingetreten war, vertrauend, eilte er zum König. Der König war auf eine ungefähr ähnliche Scene geſtoßen. Ludwig XVI. war dem Lärmen zugelaufen: in dem Augenblicke, wo er in den Saal des Oeil⸗de⸗Boeuf eintrat, öffneten ſich die zertrümmerten Tbürfüllungen, und die Bajonnete, die Piekenſpitzen, die Axtſchneiden drangen durch die Oeffnungen ein. „Oeffnet!“ rief der König,„öffnet!“ „Bürger,“ ſprach mit lauter Stimme Herr d'Her⸗ villy,„es iſt unnöthig, die Thüre zu ſprengen: der Kö⸗ nig will, daß man ſie öffne!“ Zu gleicher Zeit zieht er die Riegel und dreht den Schlüſſel; die halb zerbrochene Thüre knarrt auf ihren Angeln. Herr Acloque und der Herzog von Mouchy haben Zeit gehabt, den König in die Vertiefung eines Fen⸗ ſters zu ſchieben, während einige anweſende Grenadiere haſtig Bänke vor ihn werfen und anfhäufen. Als er die Menge mit Geſchrei, Gebrülle, Verwün⸗ ſchungen in den Saal ſtürzen ſah, da rief der König unwillkürlich: „Zu Hülfe, meine Herren!“ Vier Greradiere zogen ſogleich ihre Säbel aus der Scheide und ſtellten ſich ihm zur Seite. „Den Säbel in die Scheide, meine Herren!“ rief der König;„bleiben Sie an meiner Seite, nur das verlange ich von Ihnen.“ 284 In der That, es wäre bald zu ſpät geweſen. Ein Mann in Lumpen, mit nackten Armen, den Schaum auf dem Munde, ſtürzt auf den König los. „Ah! da biſt Du, Veto! ruft er. Und er verſucht es, mit einer an das Ende eines Stockes gebundenen Meſſerklinge dem König einen Stoß zu verſetzen. Einer von den Grenadieren, welcher trotz des Befehles des Königs ſeinen Säbel noch nicht wieder in die Scheide geſteckt hatte, ſchlägt den Stock mit ſeinem Säbel nieder. Doch nun iſt es der König ſelbſt, der völlig wieder zu ſich gekommen, den Grenadier mit der Hand auf die Seite ſchiebt, und er ſpricht: „Laſſen Sie mich, mein Herr! Was kann ich mitten unter meinem Volke zu befürchten haben?“ Hienach machte Ludwig XVI. einen Schritt vor⸗ wärts mit einer Majeſtät, der man ihn nicht fähig ge⸗ halten hätte, mit einem Muthe, welcher bei ihm bis dahin fremd geſchienen, und bot ſeine Bruſt den Waffen aller Art dar, die man gegen ihn richtete. „Stille!“ rief unter dieſem erſchrecklichen Tumulte eine Stentorſtimme;„ich will ſprechen.“ Vergebens hätten ſich Kanonen unter dieſem gräß⸗ lichen Geſchrei hörbar zu machen geſucht, und dennoch erloſchen Lärm und Geſchrei bei dieſer Stimme. Es war die Stimme des Schlächters Legendre. Er trat ſo nahe auf den König zu, daß er ihn beinahe berührte. Man hatte einen Kreis um ihn gebildet. In dieſem Angenblick erſchien ein Mann an der äußerſten Linie des Kreiſes, und hinter der furchtbaren Geſtalt von Danton erkannte der König das bleiche, aber heitere Geſicht von Gilbert. Ein Blick des Königs fragte ihn:„Was haben Sie mit der Königin gemacht, mein Herr?“ ——— 8— 31 —„— 285 Ein Lächeln des Doctors antwortete:„Sie iſt in Sicherheit, Sire!“ Der König dankte Gilbert durch ein Zeichen. „Mein Herr!“ ſagte Legendre, ſich an den König wendend. Bei dem Worte mein Herr, das die Abſetzung zu bezeichnen ſchien, drehte ſich der König um, als ob ihn eine Schlange gebiſſen hätte. „Ja, Herr... Herr Veto, mit Ihnen ſpreche ich,“ ſagte Legendre;„hören Sie uns an, denn Sie ſind ge⸗ macht, um uns zu hören. Sie ſind ein Treuloſer; Sie haben uns immer betrogen, und Sie betrügen uns noch; nehmen Sie ſich in Acht! das Maß iſt voll, und das Volk iſt müde, Ihr Spielzeug und Ihr Opfer zu ſein!“ „Nun, ich höre Sie, mein Herr,“ verſetzte der König. „Deſto beſſer! Sie wiſſen, warum wir hieher ge⸗ kommen ſind? Wir ſind gekommen, um von Ihuen die Sanction der Decrete und die Zurückberufung der Mi⸗ niſter zu verlangen... Hier iſt unſere Petition.“ Hiebei zog Legendre aus ſeiner Taſche ein Papier, das er entfaltete, und er las dieſelbe drohende Petition, welche ſchon in der Nationalverſammlung vorgeleſen wor⸗ den war. Der König hörte ihn, die Angen auf den Boden geheftet, an, und als Legendre geendigt hatte, ſagte er, wenigſtens dem Anſcheine nach, ohne die geringſte Ge⸗ müthsbewegung: „Mein Herr, ich werde thun, was mir die Geſetze und die Conſtitution zu thun gebieten.“ „Ah! ja,“ entgegnete eine Stimme,„das iſt Dein großes Schlachtroß, die Conſtitutiun! die Conſtitution von 91, die Dir erlaubt, die ganze Maſchine zu hemmen, Frankreich an den Pfahl zu binden und zu warten, bis die Oeſterreicher kommen, um es daran zu erwürgen.“ Der König wandte ſich gegen dieſe neue Stimme 286 um, denn er begriff, daß von dieſer Seite ein ernſterer Angriff kum. Gilbert machte auch eine Bewegung und legte ſeine Hand auf die Schulter des Mannes, der geſprochen hatte. „Ich habe Sie ſchon geſehen, mein Freund,“ ſagte der König.„Wer ſind Sie?“ Und er ſchaute ihn mit mehr Reugierde als Furcht an, obgleich das Geſicht dieſes Mannes einen Charakter erſchrecklicher Entſchloſſenheit an ſich trug. „Ja, Sie haben mich ſchon geſehen, Siré Sie haben mich ſchon dreimal geſehen: einmal bei der Rück⸗ kehr von Verſailles am 16. Juli; einmal in Varennes; einmal hier... Sire, erinnern Sie ſich meines Na⸗ mens; ich habe einen Namen von unſeliger Bedeutung: ich heiße Billot*).“ In dieſem Augenblick verdoppelte ſich das Geſchrei; ein mit einer Pieke bewaffneter Menſch verſuchte es, den König damit zu ſtechen. Billot packte aber die Pieke, riß ſie dem Mörder aus den Händen, zerbrach ſie auf ſeinem Knie und ſaßte „Keinen Mord! Nur ein Eiſen hat das Recht, die⸗ ſen Mann zu berühren: das des Geſetzes. Es ſoll einem König von England durch ein Gericht des Volkes, das er verrathen, der Kopf abgeſchlagen worden ſein; Du mußt ſeinen Namen wiſſen, Ludwig? Vergiß ihn nicht!“ „Billot!“ murmelte Gilbert. „Oh! Sie mögen machen, was Sie wollen,“ ver⸗ ſetzte Billot den Kopf ſchüttelnd,„dieſer Menſch wird als Verräther gerichtet und verurtheilt werden!“ „Ja, Verräther!“ riefen hundert Stimmen:„Ver⸗ räther! Verräther! Verräther!“ *) Block. de be kel die 287 Gilbert warf ſich zwiſchen den König und das Volk. „Fürchten Sie nichts, Sire,“ ſagte er,„und ſuchen Sie durch irgend eine materielle Demonſtration dieſe Wüthenden zufrieden zu ſtellen.“ Der König nahm die Hand von Gilbert, legte ſie auf ſein Herz und ſprach: „Sie ſehen, daß ich nichts fürchte, mein Herr; ich habe dieſen Morgen die Sacramente empfangen: man mache mit mir, was man will. Was das materielle Zeichen betrifft, welches aufzuſtecken Sie mich ermah⸗ nen. nun, ſind Sie zufrieden?“ Und der König nahm eine rothe Mütze vom Kopfe eines Sansculotte und ſetzte ſie auf ſeinen eigenen Kopf. Sogleich brach die Menge in ein Beifallklatſchen aus. „Es lebe der König! es lebe die Nation!“ Tiefen alle Stimmen. Ein Mann durchſchnitt die Menge und näherte ſich dem König: er hielt eine Flaſche in der Hand. „Wenn Du das Volk liebſt, wie Du ſagſt, dicker eto, ſo beweiſe es dadurch, daß Du auf die Gefññßheit es Volkes trinkſt.“ Und er reichte ihm die Flaſche. „Trinken Sie nicht, Sire!“ flüſterte dem König eine Stimme zu:„dieſer Wein kann vergiſtet ſein.“ „Trinken Sie, Sire; ich ſtehe für Alles,“ ſagte Gilbert. Der König nahm die Flaſche und ſprach „Ich trinke auf die Geſundheit des Volkes!“ Und er trank. Aufs Neue ſchrie man von allen Seiten:„Es lebe der König!“ „Sire,“ ſagte Gilbert,„Sie haben nichts mehr zu befürchten; erlauben Sie, daß ich zur Königin zurück⸗ kehre.“ „Gehen Sie!“ erwiederte der König, indem er ihm die Hand drückte. 288 In dem Augenblicke, wo Gilbert wegging, traten Isnard und Vergniaud ein. Sie hatten die Nationalverſammlung verlaſſen und kamen von ſelbſt, um dem König einen Wall mit ihrer Volksbeliebtheit, im Nothfalle mit ihrem Leibe zu bilden. „Iſt der König da?“ fragten ſie. Gilbert zeigte ihnen den König mit der Hand, und die beiden Deputirten eilten auf ihn zu. Um zur Königin zu gelangen, mußte Gilbert meh⸗ rere Zimmer und unter anderen das Schlafzimmer des Königs durchſchreiten. Das Volk war überall eingedrungen. „Ahl!“ ſagten Lente, die ſich auf das königliche Bett ſeßten,„der Di ahrlich ein Bett. das beſier iſt nre“ fes das ſonnie nicht mehr ſehr beunruhigen; der erſte Angenblick des Aufbrauſens war vorüber. Gilbert kam ruhiger zur Königin zurück. Als er in den Saal eintrat, wo er ſie gelaſſen hatte, warf er einen raſchen Blick nach ihr, und er athmete. Sie war immer noch auf demſelben Platze; der kleine Dauphin hatte, wie ſein Vater, eine rothe Mütze auf. Im anſtoßenden Zimmer fand ein gewaltiger Lärm ſtatt, der den Blick von Gilbert nach der Thüre zog. Dieſen Lärmen machte herbeikommend Santerre. Der Coloß trat in den Saal ein. „Ho! ho!“ rief er,„hier iſt alſo die Oeſterreicherin?“ Gilbert ging, den Saal in einer Diagonale durch⸗ ſchneidend, raſch auf ihn zu und ſagte: „Herr Santerre!“ 3 Santerre wandte ſich um. „Ei!“ rief er ganz freudig,„der Doctor Gilbert.“ „Der nicht vergeſſen hat, daß Sie einer von den⸗ jenigen waren, welche ihm die Thore der Baſtille geöff⸗ net ſte bri „ n r »„ 289 net haben..„Laſſen Sie mich Sie der Königin vor⸗ ſtellen.“ „Der Königin? mich der Königin vorſtellen?“ brummte der Bierbrauer. „Ja, der Königin. Schlagen Sie es aus?“ „Bei meiner Trene, nein!“ erwiederte Santerre; „ich war im Begriffe, mich ſelbſt vorzuſtellen, doch da . Sie da ſind... „Ich kenne Herrn Santerre,“ ſagte die Königin; „ich weiß, daß im Augenblicke der Hungersnoth er allein die Hälfte des Faubourg Saint⸗Antvine genährt hat.“ Santerre blieb erſtaunt ſtehen; dann heftete er ſeinen Blick ein wenig verlegen auf den Dauphin, und als er ſah, daß der Schweiß in großen Tropfen über die Wan⸗ gen des armen Kindes floß, ſagte er zu den Leuten aus dem Sb ſehildc dieſem Kinde die Mütze ab. Ihr ſeht wohly daß eseerſtiebt“ Die Königin dankte ihm mit einem Blicke. Sodann neigte ſich der wackere Flamänder gegen ſie, ſtützte ſeine Arme auf den Tiſch, und ſagte mit halber Stimme zu ihr: „Sie haben ſehr ungeſchickte Freunde, Madame! ich kenne welche, die Ihnen beſſere Dienſte leiſten würden.“ Eine Stunde nachher hatte ſich dieſe ganze Menge verlaufen, und der König kehrte in Begleitung ſeiner Schweſter in das Zimmer zurück, wo ihn die Königin und ſeine Kinder erwarteten. Die Königin lief auf ihn zu und warf ſich zu ſei⸗ nen Füßen nieder; die zwei Kinder ergriffen ſeine Hände; man umarmte ſich wie nach einem Schiffbruche. Nun erſt bemerkte der König, daß er die rothe Mütze noch auf dem Kopfe hatte. „Oh!“ rief er,„ich hatte ſie vergeſſen!“ Und er nahm ſie mit der vollen Hand und warf ſie mit Ekel weit von ſich. Die Gräfin von Charny. VI. 19 290 Ein junger Artillerie⸗Ofſicier, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, hatte dieſer ganzen Scene, an einen Baum der Terraſſe am Fluſſe angelehnt, beigewohnt. Durch das Fenſter hatte er alle Gefahren geſehen, die der Kö⸗ nig gelaufen, alle Demüthigungen, die er erduldet; doch bei der Epiſode mit der rothen Mütze hatte er es nicht länger aushalten können. „Oh!“ murmelte er,„wenn ich nur zwölfhundert Mann und zwei Kanonen hätte, ich würde ſehr raſch den König von dieſer ganzen Canaille befreien!“ Da er aber ſeine zwölfhundert Mann und ſeine Kanonen nicht hatte, und da er den Anblick des häß⸗ lichen Schauſpiels nicht mehr ertragen konnte, ſo ent⸗ fernte er ſich. Dieſer junge Officier war Napoleon Bonaparte. ——— ——————— CXXXV. Reaction. Die Räumung der Tuilerien ging ſo ſtumm und tranrig vor ſich, als das Erſtürmen geräuſchvoll und er⸗ ſchrecklich geweſen war. Das Volk ſagte ſich, ſelbſt erſtaunt über das ge⸗ ringe Reſultat des Tages:„Wir haben nichts erreichtz wir müſſen wiederkommen.“ Das war in der That zu viel für eine Drohung⸗ zu wenig für ein Attentat. Diejenigen, welche über das hinaus, was vorgefal⸗ len, geſehen, hatten Ludwig XVI. nach ſeinem Rufe be⸗ nd r⸗ e⸗ 291 urtheilt; ſie erinnerten ſich des Königs, wie er unter dem Kleide eines Lackeis nach Varennes floh, und ſie ſagten ſich:„Beim erſten Lärmen, den Ludwig XVI. hört, wird er ſich in einem Schranke, unter einem Tiſche, hinter einem Vorhange verbergen; man wird aufs Ge⸗ rathewohl einen Degenſtoß danach thun und dann ein⸗ fach wie Hamlet, der den Tyrannen von Dänemark zu tödten glaubt, ſagen:„„Eine Ratte!““ Er war ganz anders geweſen: nie hatte ſich der König ſo ruhig benommen; ſagen wir mehr: nie war der König ſo groß geweſen. Die Beſchimpfung war ungeheuer geworden; doch ſie war nicht bis zur Höhe ſeiner Reſignation geſtiegen. Seine ſchüchterne Feſtigkeit, wenn man ſo ſagen darf, hatte der Erregung bedurft, und in der Erregung hatte ſie die Härte des Stahles angenommen; durch die außer⸗ ordentlichen Umſtände, unter denen man ſich befand, em⸗ porgehoben, hatte er fünf Stunden lang, ohne zu erblei⸗ chen, die Aexte über ſeinem Haupte flammen, die Lanzen, die Schwerter, die Bajonnete vor ſeiner Bruſt zurück⸗ weichen ſehen; kein General war vielleicht in zehn Schlachten, ſo mörderiſch ſie geweſen, eine Gefahr ge⸗ laufen der ähnlich, welcher Ludwig XVI. bei dieſer langſamen Revue des Aufruhrs getrotzt hatte! Die Théroigne, die Saint⸗Huruge, die Lazuski, die Fournier, die Verridre, alle dieſe Vertrauten des Mordes, waren in der ſehr beſtimmten Abſicht, ihn zu tödten, abgegan⸗ gen, doch dieſe unerwartete Majeſtät, die ſich unter dem Sturme geoffenbart, hatte den Dolch ihren Händen ent⸗ fallen gemacht. Ludwig XVI. hatte ſeine Paſſion ge⸗ habt; der königliche Bece Homo hatte ſich die Stirne umgeben von ſeiner rothen Mütze, wie Jeſus von ſeiner Dornenkrone, gezeigt; und wie Jeſus unter den Schmäh⸗ ungen und Mißhandlungen ſagte:„Ich bin Euer Chri⸗ ſtus!“ ſo hatte Ludwig XVI. unter den Beleidigungen 292 und Beſchimpfungen unabläſſig geſagt:„Ich bin Euer König!“ Das Thor der Tuilerien ſprengend, hatte die revo⸗ lutionäre Idee geglaubt, ſie werde hier nur den trägen, zitternden Schatten des Königthums finden, und zu ihrem großen Erſtaunen fand ſie aufrecht und lebendig das Vertranen des Mittelalters. Und man hatte einen Au⸗ genblick zwei Principien einander gegenüber geſehen, das eine in ſeinem Untergange, das andere in ſeinem Auf⸗ gange; etwas Erſchreckliches, als ob man zugleich am Himmel eine Sonne, welche aufginge, ehe die andere untergegangen wäre, erblicken würde! Nur war eben ſo viel Größe und Glanz bei der einen wie bei der andern, eben ſo viel Trene und Glauben bei der Forderung des Volkes, als bei der Verweigerung des Königthums. Die Royaliſten waren entzückt, der Sieg war im Ganzen ihnen geblieben. . Durch Gewalt in Verzug gebracht, der Nationalver⸗ ſammlungzu gehorchen, hatte der König, ſtatt, wie er dies zu thun bereit war, eines von den beiden Deereten zu ſanctioniren,— der König, der wußte, daß er nicht mehr Gefahr lief, wenn er beide verwarf, als wenn er eines zurückwies,— hatte der König, ſagen wir, ſein Veto auf beide geſetzt. Sodann war das Königthum an dem unſeligen Tage des 20. Juni ſo tief hinabgeſtiegen, daß es ſchien, es habe den Boden des Abgrunds berührt, und es werde fortan nur wieder aufzuſteigen haben. Und die Sache ſchien wirklich ſo in Erfüllung zu gehen. Am 21 erklärte die Rationalverſammlung, es werde keine bewaffnete Bürgerſchaar vor den Schranken zuge⸗ laſſen. Das hieß die Bewegung vom vorhergehenden Tage desavouiren, mehr noch, verdammen.* Am Abend des 20. war Pétion in den Tuilerien angekommen, als Alles gerade zu Ende gehen ſollte. 293 „Sire“ ſagte er zum König,„ich habe zu dieſer Stunde erſt die Lage Eurer Majeſtät erfahren.“ „Das iſt erſtaunlich!“ erwiederte der König.„Es dauert doch ſchon ziemlich lange!“ Am andern Tage verlangten die Conſtitutionellen, die Royaliſten und die Feuillants von der Rationalver⸗ ſammlung die Verkündigung des Kriegsgeſetzes. Man weiß, was die erſte Verkündigung dieſes Ge⸗ ſetzes am vorhergehenden 17. Juli auf dem Marsfelde herbeigeführt hatte. Pétion lief nach der Nationalverſammlung. Man gründete dieſes Verlangen auf neue Zuſam⸗ menrottungen, welche ſtattfinden ſollten. Pétion verſicherte, dieſe neuen Zuſammenrottungen haben nie ſtattgefunden; er haftete für die Ruhe von Paris. Die Verkündigung des Kriegsgeſetzes wurde ver⸗ worfen. Am Schluſſe der Sitzung, gegen acht Uhr Abends, begab ſich Pétion in die Tuilerien, um den König über den Zuſtand der Hauptſtadt zu beruhigen. Er war be⸗ glettet von Sergent: Sergent,— Kupferſtecher und Schwager von Marceau, war Mitglied des Municipal⸗ raths und einer der Adminiſtratoren der Polizei.— Ein paar andere Mitglieder der Municipalität hatten ſich ihnen angeſchloſſen. Als ſie durch den Hof des Carrouſels gingen, wur⸗ den ſie von St. Ludwigs⸗Rittern, conſtitutionellen Gar⸗ den und Nationalgarden inſultirt. Pétion wurde perſön⸗ lich angegriffen, Sergent wurde, trotz der Schärpe, die er trug, auf die Bruſt und ins Geſicht geſchlagen und ſogar durch einen Fauſtſchlag niedergeworfen. Kaum eingeführt, begriff Pétion, daß er zu einem Kampfe hierher gekommen war. Marie Antoinette ſchlenderte ihm einen von den Blicken zu, wie ſie nur die Augen von Maria Thereſia 294 abzuſchießen wußten: zwei entſetzliche, niederſchmetternde Blitze. Der König wußte ſchon, was in der Rationalver⸗ ſammlung vorgefallen war. „Nun, mein Herr,“ ſagte er zu Pétion,„Sie ſind es alſo, der verſichert, die Ruhe in der Hauptſtadt ſei wiederhergeſtellt?“ „Ja, Sire,“ antwortete Pétion;„das Volk hat Ihnen ſeine Vorſtellungen gemacht, es iſt ruhig und zu⸗ frieden.“ „Geſtehen Sie, mein Herr,“ ſprach der König den Kampf beginnend,„geſtehen Sie, daß der geſtrige Tag ein großer Scandal iſt, und daß die Municipalität we⸗ der das, was ſie thun ſollte, noch das, was ſie thun konnte, gethan hat.“ „Sire,“ erwiederte Pétion,„die Municipalität hat Pflicht gethan; die öffentliche Meinung wird ſie richten.“ „Sagen Sie die ganze Nation, mein Herr.“ „Die Municipalität fürchtet das Urtheil der Nation nicht.“ „Und in welchem Zuſtande iſt in dieſem Augenblick Paris?“ „Ruhig, Sire.“ „Das iſt nicht wahr.“ „Site „Schweigen Sie!“ „Der Beamte des Volkes hat nicht zu ſchweigen, Fie wenn er ſeine Pflicht thut und die Wahrheit ſpricht.“ „Es iſt gut, gehen Sie.“ Pétion verbengte ſich und ging ab. Der König war ſo heftig geweſen, ſein Geſicht trug den Ausdruck eines ſo tiefen Zornes an ſich, daß die Königin, die aufbrauſende Frau, die hitzige Amazone, darüber erſchrocken war. — de d ei at 1⸗ n e⸗ t ie 295 „Mein Gott!“ ſagte ſie zu Röderer, als ſich Pétion entfernt hatte,„finden Sie nicht, daß der König ſehr lebhaft geweſen iſt, und fürchten Sie nicht, daß ihm dieſe Lebhaftigkeit bei den Pariſern ſchadet?“ „Madame,“ erwiederte Röderer,„Niemand wird es erſtaunlich finden, daß der König Stillſchweigen einem auferlegt, der die Achtung gegen ihn verletzt.“ Am andern Tage ſchrieb der König an die Natio⸗ nalverſammlung und beklagte ſich über dieſe Profanation des Schloſſes, des Königthums und des Königs. Dann erließ er eine Proclamation an ſein Volk. Es gab alſo zwei Völker: das Volk, das den 20. Juni gemacht hatte, und das Volk, bei dem ſich der König hierüber beklagte, Am 24. ließen der König und die Königin die Na⸗ tionalgarde die Revue paſſiren, und ſie wurden mit Be⸗ geiſterung empfangen. An demſelben Tage ſuſpendirte das Directorium von Paris den Maire. Was verlieh ihm eine ſolche Kühnheit? Drei Tage nachher klärte ſich die Sache auf. Lafayette, der von ſeinem Lager mit einem einzigen Officier abgegangen war, kam am 27. in Paris an und ſtieg bei ſeinem Freunde, Herrn de la Rochefoucauld, ab. In der Nacht unterrichtete man die Conſtitutionel⸗ len, die Feuillants und die Royaliſten, und man war beſorgt, die Tribunen für den andern Tag zu machen. Am andern Tage erſchien der Geueral in der Na⸗ tionalverſammlung. Drei Beifallsſalven empfingen ihn, doch jede der⸗ en wurde durch das Gemurre der Girondiſten er⸗ icte Man begriff, daß die Sitzung furchtbar ſein ſollte. Der General Lafayette war einer der muthigſten Menſchen, welche exiſtirten, doch der Muth iſt nicht die 296 Verwegenheit: es gehört ſogar zu den Seltenheiten, daß ein wahrhaft muthiger Mann verwegen iſt. Lafayette ſah ein, welche Gefahr er liefz allein gegen Alle ſpielte er um den Reſt ſeiner Popularität: verlor er, ſo richtete er ſich ſelbſt zu Grunde, gewann er, ſo konnte er den König retten. Das war um ſo ſchöner von ſeiner Seite, als er den Widerwillen des Königs, den Haß der Königin gegen ihn kannte:„Ich will lieber durch Pétion umkommen, als durch Lafayette gerettet werden!“ Vielleicht kam er auch nur, um einen Unterlieute⸗ nants⸗Trotz zu vollführen, um auf eine Herausforderung zu antworten. Dreizehn Tage vorher hatte er zugleich an den Kö⸗ nig und an die Nationalverſammlung geſchrieben: an den König, um ihn zum Widerſtande zu ermuntern; an die Nationalverſammlung, um ſie zu bedrohen, wenn ſie an⸗ zugreifen fortfahre. „Er iſt ſehr frech inmitten ſeiner Armee,“ hatte eine Stimme geſagt,„doch wir werden ſehen, ob er dieſelbe Sprache allein mitten unter uns ſpricht.“ Dieſe Worte waren Lafayette in ſeinem Lager bei Maubeuge hinterbracht worden. Vielleicht waren dieſe Worte die wahre Urſache ſei⸗ ner Reiſe nach Paris. Er beſtieg die Tribune unter dem Beifallklatſchen der Einen, aber auch unter dem Murren und den Droh⸗ ungen der Andern. „Meine Herren,“ ſprach er,„man hat mir vorge⸗ worfen, ich habe meinen Brief vom 16. Juni mitten in meinem Lager geſchrieben. Es war meine Pflicht, gegen dieſe Bezüchtigung der Furchtſamkeit zu proteſtiren, aus dem ehrenvollen Walle hervorzutreten, den die Zunei⸗ gung der Truppen um mich bildete, und allein vor Ih⸗ nen zu erſcheinen. Sodann rief mich ein noch mächtige⸗ res Motiv. Die Gewaltthätigkeiten vom 20. Juni haben ſion 297 die Entrüſtung aller guten Bürger und beſonders des Heeres erregt; die Officiere, Unterofficiere und Soldaten ſind nur Eins; ich habe von allen Corps Adreſſen vol⸗ ler Ergebenheit für die Conſtitutivn und voll Haß gegen die Meuterer erhalten; ich habe dieſe Kundgebungen ge⸗ hemmt und es übernommen, allein die Gefühle Aller auszudrücken: ich ſpreche als Bürger mit Ihnen. Es iſt Zeit, der Conſtitution Garantien zu geben, die Freiheit der Nationalverſammlung, die des Königs, ſeine Würde zu ſichern. Dringend bitte ich die Nationalverſammlung, zu befehlen, daß die Exceſſe vom 20. Juni als Verbre⸗ chen der Majeſtätsbeleidigung verfolgt werden, wirkſame Maßregeln zu ergreifen, um allen conſtituirten Gewalten und beſonders der Ihrigen und der des Königs Achtung zu verſchaffen und der Armee die Verſicherung zu geben, daß die Conſtitution keinen Angriff im Innern erleiden werde, während die braven Franzoſen ihr Blut für die Vertheidigung der Gränze vergießen!“ Guadet hatte ſich langſam, und ſo wie er Lafayette ſeinem Redeſchluß ſich nähern fühlte, erhoben, mitten unter dem ſtürmiſchen Beifalle, der demſelben zu Theil wurde, ſtreckte der herbe Redner der Gironde den Arm als Zeichen aus, daß er zu antworten verlange. Wollte die Gironde den Pfeil der JIronie abſchießen, ſo übergab ſie Guadet den Bogen, und Guadet hatte nur aufs Gerathewohl einen Pfeil aus ſeinem Köcher zu nehmen. Kaum war das Geräuſch der letzten Beifallsäuße⸗ rungen erloſchen, da folgte das Getöſe ſeiner vibriren⸗ den Rede. „In dem Augenblicke, wo ich Herrn Lafahette ſah, bot ſich meinem Geiſte ein ſehr tröſtlicher Gedanke,“ rief er.„Wir haben alſo keine äußere Feinde mehr,““ ſagte ich mir;„die Oeſterreicher ſind alſo beſiegt,““ ſagte ich mirz„Herr Lafayette kommt, um uns ſeinen Sieg und ihre Vernichtung zu verkündigen!““ Die Illu⸗ ſion hat nicht lange gedanert, unſere Feinde ſind immer 298 dieſelben, unſere äußeren Gefahren haben ſich nicht ge⸗ ändert, und dennoch iſt Herr Lafayette in Paris; er tritt als Organ der redlichen Leute und des Herres auf! Dieſe redlichen Lente, wer ſind ſie? Dieſes Heer, wie hat es deliberiren können? Ei! vor Allem zeige uns Herr Lafayette ſeinen Urlaub.“ Bei dieſen Worten fühlt die Gironde, der Wind werde ſich nun ihr zuwenden, und ſie ſind in der That kaum geſprochen, da empfängt ſie ein Beifallsdonner. Ein Deputirter ſteht auf und ruft von ſeinem Platze: „Meine Herren, Sie vergeſſen, mit wem Sie ſpre⸗ chen, und von wem die Rede iſt, Sie vergeſſen beſon⸗ ders, was Lafayette iſt! Lafayette iſt der älteſte Sohn der franzöſiſchen Freiheit, Lafayette hat der Revolution ſein Vermögen, ſeinen Adel, ſein Leben geopfert.“ „Ah!“ ruft eine Stimme,„es iſt ſeine Leichenrede, was Sie da halten.“ „Meine Herren,“ ſpricht Ducos,„die Diseuſſions⸗ freiheit iſt unterdrückt durch die Gegenwart eines der Nationalverſammlung fremden Generals in dieſem Saale.“ „Das iſt nicht Alles!“ ruft Vergniaud:„dieſer General hat ſeinen Poſten vor dem Feinde verlaſſen; ihm und nicht einem einfachen Generalmajor, den er ſtatt ſeiner zurückgelaſſen, iſt das Armeecorps, das er com⸗ mandirt, anvertraut worden. Wir müſſen wiſſen, ob er die Armee ohne Urlanb verlaſſen hat, und hat er ſie ohne Urlaub verlaſſen, ſo verhafte man ihn und ſtelle ihn als Deſertenr vor ein Gericht.“ „Das iſt der Zweck meiner Frage,“ ſagt Guadet, „und ich unterſtütze den Antrag von Vergniand.“ „Unterſtützt! unterſtützt!“ ruft die ganze Gironde. „Die Namenaufrufung!“ ſagt Genſonné. Die Namenauftufung gibt eine Majorität von zehn Stimmen für die Freunde von Lafayette. flö vie ger der ein tio mi als zut dat ma tol das mit übe nic un gel ror nig fen ter —— 299 Gleich dem Volke am 20. Juni hatte Lafahette zu viel und zu wenig gewagt; das iſt einer von den Sie⸗ gen in der Art derjenigen, über welche ſich Pyrrhus, der die Hälfte ſeines Heeres eingebüßt, beklagt:„Noch ein Sieg wie dieſer, und ich bin verloren!“ ſagte er. Wie Pétion, begab ſich Lafayette, als er die Na⸗ tionalverſammlung verließ, zum König. Er wurde mit einem freundlicheren Geſichte, aber mit einem nicht minder geſchworeneu Herzen empfangen. Lafayette hatte dem König und der Königin mehr als ſein Leben geopfert: er hatte ihnen ſeine Popularität zum Opfer gebracht. Zum dritten Male machte er ihnen dieſes Geſchenk, das koſtbarer als eines von denen, welche die Könige machen können: das erſte Mal in Verſailles am 6. Oe⸗ tober, das zweite Mal auf dem Marsfelde am 17. Juni, das dritte Mal an dieſem Tage. Lafayette hatte eine letzte Hoffnung; das war die Hoffnung, die er ſeinen Souverains in den Tuilerien mittheilen wollte: er würde am andern Tage eine Revne über die Nationalgarde mit dem König halten; es war nicht zu zweifeln an der Begeiſterung, die des Königs und des ehemaligen Obercommandanten Gegenwart ein⸗ flößen müßte; Lafayette würde dieſen Einfluß benützen, gegen die Nationalverſammlung marſchiren und die Gi⸗ ronde feſtnehmen: während des Tumultes würde der Kö⸗ nig abreiſen und das Lager von Maubeuge erreichen. Das war ein kühner Streich, doch bei der Beſchaf⸗ fenheit der Geiſter war er faſt ſicher. Unglücklicher Weiſe trat um drei Uhr Morgens Danton bei Pétion ein, um ihn vom Complott zu un⸗ terrichten. Bei Tagesanbruch beſtellte Pétion die Revue ab. Wer hatte denn den König und Lafahette verrathen? Die Königin! 300 Hatte ſie nicht geſagt, ſie wolle lieber durch einen Andern umkommen, als durch Lafayette gerettet werden? Sie hatte es richtig getroffen, ſie ſollte durch Dan⸗ ton umkommen.. In der Stunde, wo die Revue hätte ſtattfinden ſol⸗ len, verließ Lafayette Paris und kehrte zu ſeiner Armee urück. Und dennvch hatte er noch nicht alle Hoffnung, den König zu retten, verloren. CXXXVI. Pergniaud wird ſprechen. Der Sieg von Lafayette, ein zweifelhafter Sieg, 2 ein Rückzug folgte, hatte ein ſeltſames Reſultat gehabt. Er hatte die Royaliſten niedergeſchlagen, während die vermeintliche Niederlage der Girondiſten dieſe wieder aufgerichtet; ſie hatte ſie aufgerichtet, indem ſie ihnen den Abgrund gezeigt, in welchen ſie beinabe gefallen wären. Man denke ſich weniger Haß im Herzen von Marie Antoinette, und die Gironde war vielleicht zu dieſer Stunde vernichtet. Man durfte dem Hofe nicht Zeit laſſen, den Feh⸗ ler, den er begangen, wieder gut zu machen. Man mußte wieder ſeine Kraft und ſeine Richtung dem revolutionären Strome geben, der einen Augenblick umgekehrt und zu ſeiner Quelle zürückgegangen war. zu rur kon ode irr ſuc fen zen rer ter an lun tig — — 301 Jeder ſuchte das Mittel, Jeder glaubte es gefunden zu haben; war ſodann das Mittel vorgeſchlagen, ſo ſah man ſeine Unwirkſamkeit, und man verzichtete darauf. Madame Roland wollte durch eine große Erſchütte⸗ rung in der Nationalverſammlung zum Ziele gelangen. Wer konnte aber dieſe Erſchütterung hervorbringen? wer konnte dieſen Streich führen? Vergniaud. Was that aber dieſer Achilles unter ſeinem Zelte? oder vielmehr der in den Gärten Armidas umher⸗ irrende Rinaldo?— Er liebte. Es iſt ſo ſchwer, zu haſſen, wenn man liebt! Er liebte die ſchöne Madame Simon Candeille, Schauſpielerin, Dichterin, Tonkünſtlerin; ſeine Freunde ſuchten ihn zuweilen ein paar Tage, ohne ihn zu tref⸗ fen; dann fanden ſie ihn endlich zu den Füßen der rei⸗ zenden Frau liegend, eine Hand auf ihren Schooß aus⸗ geſtreckt, mit der anderen zerſtreut über die Saiten ih⸗ rer Harfe hinſtreifend. Sodann ſaß er jeden Abend im Orcheſter des Thea⸗ ters, um diejenige zu beklatſchen, welche er am Tage anbetete. Eines Tages gingen zwei Deputirte in Verzweif⸗ lung aus der Nationalverſammlung weg: dieſe Unthä⸗ tigkeit von Vergniand erſchreckte ſie für Frankreich. Das waren Grangenenve und Chabot. Grangeneuve, der Advocat von Bordeaux, der Freund, der Rebenbuhler von Vergniaud, und, wie er, Deputir⸗ ter der Gironde. Chabot, der entkuttete Capuziner, der Verfaſſer oder einer der Verfaſſer des Katechismus der Sanseu⸗ lottes, der über das Königthum und die Religion die im Kloſter angehäufte Galle ergoß. c igsſerße ging düſter und nachdenkend neben Chabot. Dieſer ſchaute ihn an, und es ſchien ihm, als ſähe 302 er durch die Stirne ſeines Collegen den Schatten ſeiner Gedanken ziehen. „Was denkſt Du?“ fragte ihn Chabot. „Ich denke,“ erwiederte Grangeneuve,„daß alle dieſe Langſamkeiten das Vaterland entnerven und die Revolution tödten.“ „Ah! Du denkſt dies!“ verſetzte Chabot mit dem bittern Lachen, das ſeine Gewohnheit war. „Ich denke,“ fuhr Grangeneuve fort,„daß, wenn das dem Königthum Zeit läßt, das Volk verlo⸗ ren iſt!“ Chabot ließ ſein ſcharfes Gelächter hören. „Ich denke,“ vollendete Grangenenve,„daß es nur eine Stundefür die Revolutionen gibt; daß diejenigen, welche ſie entwiſchen laſſen, dieſelbe nicht wiederfinden und dafür ſpäter Gott und der Nachwelt Rechenſchaft ſchuldig ſind.“ „Und Du glaubſt, Gott und die Nachwelt werden von uns Rechenſchaft über unſere Trägheit und unſere Unthätigkeit fordern?“ „Ich befürchte es.“ Dann, nach einem Stillſchweigen, ſagte Grange⸗ neuve: „Höre, Chabot, ich habe eine Ueberzeugung: daß das Volk von ſeiner letzten Niederlage müde iſt; daß es ſich nicht ohne einen mächtigen Hebel, ohne eine blutige Triebfeder erheben wird; es braucht einen Anfall von Wuth oder von Schrecken, aus dem es eine verdoppelte Energie ſchöpfen muß.“ „Wie ſoll man ihm dieſen Anfall von Wuth oder von Schrecken geben?“ fragte Chabot. „Hieran denke ich gerade,“ erwiederte Grangeneuve, „und ich glaube, ich habe das Geheimniß gefunden.“ Chabot näherte ſich ihm; nach dem Stimmtone ſei⸗ nes Gefährten hatte er begriffen, dieſer werde ihm etwas Erſchreckliches vorſchlagen. fall nen Feſ „ich und die nes von mär ker zur gen geb teſt den verſ die ich Gro faßt er le ie m in 0⸗ r n, en ft 303 „Aber,“ fuhr Grangeneuve fort,„werde ich gleich⸗ falls einen Mann finden, der fähig iſt zu einem für ei⸗ nen ſolchen Act nothwendigen Entſchluſſe?“ „Sprich,“ ſagte Chabot mit einem Ausdrucke von Feſtigkeit, der ſeinem Collegen keinen Zweifel laſſen ſollte; „ich bin zu Allem fähig, um zu vernichten, was ich haſſe, und ich haſſe die Könige und die Prieſter!“ „Nun wohl,“ ſprach Grangenenve, die Blicke auf die Vergangenheit werfend,„ich habe geſehen, daß rei⸗ nes Blut in der Wiege aller Revolutionen war, von der von Lucretia bis zu der von Sidneh. Für die Staats⸗ männer ſind die Revolutionen eine Theorie; für die Völ⸗ ker ſind die Revolutionen eine Rache; will man die Menge zur Rache antreiben, ſo muß man ihm ein Opfer zei⸗ gen: dieſes Opfer verweigert uns der Hof; nun wohl, geben wir es ſelbſt unſerer Sache!“ „Ich verſtehe nicht,“ ſagte Chabot. „Nun, es muß Einer von uns— einer der Bekann⸗ teſten, einer der Hitzigſten, einer der Reinſten,— nnter den Streichen der Ariſtokraten fallen.“ „Fahre fort.“ „Derjenige, welcher fallen wird, muß zur National⸗ verſammlung gehören, damit die Nationalverſammlung ze Rei in die Hand nehmez kurz, dieſes Opfer muß ein! „Die Ariſtokraten werden Dich aber nicht ſchlagen, Grangeneuve: davor werden ſie ſich hüten!“ „Ich weiß es; darum ſagte ich, man müſſe einen Mann von Entſchloſſenheit finden. Wozu?“ „Um mich zu ſchlagen!“ Chabot wich einen Schritt zurück; Grangenenve faßte ihn aber beim Arme und ſagte: „Chabot, ſo eben behaupteteſt Du, Du ſeiſt zu Al⸗ em fähig, um zu vernichten, was Du haſſeſt: biſt Du ähig, mich zu ermorden?“ 304 Der Mönch blieb ſtumm. Grangeneuve fuhr fort: „Mein Wort iſt nichtig; mein Leben iſt werthlos für die Freiheit, während ihr mein Tod im Gegentheil nützen wird. Meine Leiche wird die Fahne des Aufruhrs ſein, und ich ſage Dir...“ Grangeneuve ſtreckte mit einer heftigen Geberde die Hand gegen die Tuilerien aus. „Dieſes Schloß und diejenigen, welche es enthält, müſſen in einem Sturme verſchwinden!“ Chabot ſchaute Grangeneuve ſchauernd vor Bewun⸗ derung an. „Nun?“ ſagte Grangenenve. „Nun, großer Diogenes,“ erwiederte Chabot,„öſche Deine Laterne aus: der Menſch iſt gefunden!“ „So laß uns Alles feſtſetzen, und dieſen Abend noch werde es beendigt. Ich will heute Nacht allein hier(man befand ſich vor den Einläſſen des Lonvre) an dem ödeſten und dunkelſten Orte auf⸗ und abgehen; glaubſt Du, Deine Hand werde Dir verſagen, ſo benach⸗ richtige zwei andere Patrioten: ich werde dieſes Zeichen machen, damit ſie mich erkennen.“ Grangenenve hob ſeine beiden Arme in die Luft empor. „Sie werden mich niederſtoßen, und ich verſpreche Dir, zu fallen, ohne einen Schrei von mir zu geben.“ Chabot wiſchte mit ſeinem Taſchentuche über ſeine Stirne. 1„Am Tage wird man meinen Leichnam finden,“ fuhr Grangeneuve fort;„Du wirſt den Hof anklagen; die Rache des Volkes wird das Uebrige thun.“ „Es iſt gut,“ erwiederte Chabot;„heute Nacht!“ Und die zwei ſeltſamen Verſchworenen drückten ſich die Hand und verließen ſich. Grangeneuve begab ſich nach Hauſe und machte ſein das er von Bordeaux und ein Jahr rückwärts datirte. vo ſei ſp 305 Chabot ſpeiſte im Palais Royal zu Mittag. Nach dem Mittageſſen trat er bei einem Meſſer⸗ ſchmied ein und kaufte ein Meſſer. Als er von dem Meſſerſchmied wegging, fielen ſeine Blicke auf die Theaterzettel. Mademoiſelle Candeille ſpielte: der Mönch wußte, wo er Vergniaud zu finden hatte. Er begab ſich nach der Comédie⸗Frangaiſe, ging in die Loge der ſchönen Schauſpielerin hinauf und fand bei dieſer ihren gewöhnlichen Hof: Vergniaud, Talma, Ché⸗ nier, Dugazon. Sie ſpielte in zwei Stücken. Chabot blieb bis zum Ende des Schauſpiels. Sodann, als das Schauſpiel beendigt, als die ſchöne Künſtlerin ausgekleidet war und Vergniand ſich anſchickte, ſie nach der Rue de Richelien, wo ſie wohnte, zurückzu⸗ führen, ſtieg er hinter ſeinem Collegen in den Wagen⸗ „Sie haben mir etwas zu ſagen, Chabot?“ fragte Vergniaud, der begriff, daß es der Capuziner mit ihm zu thun hatte. „Ja doch ſeien Sie unbeſorgt, es wird nicht lange währen.“* „So ſagen Sie es ſogleich.“ Chabot zog ſeine Uhr. „Es iſt nicht die Stunde,“ erwiederte er. „Und wann wird es die Stunde ſein?“ „Um Mitternacht.“ Die ſchöne Candeille zitterte bei dieſem geheimniß⸗ vollen Dialog. „Oh! mein Herr!“ murmelte ſie. „Beruhigen Sie ſich,“ verſetzte Chabot,„Vergniaud 6 nichts zu befürchten; nur bedarf das Vaterland einer.“ Der Wagen rollte nach der Wohnung der Schau⸗ ſpielerin. Die Gräfin von Charny. VI. 20 306 Die Frau und die zwei Männer blieben ſchweigſam. Vor der Thüre von Mademoiſelle Candeille fragte Ver⸗ gniaud: „Gehen Sie hinauf?“ „Nein, Sie werden mit mir kommen.“ „Aber, mein Gott! wohin führen Sie ihn denn?“ fragte die Schauſpielerin. „Zweihundert Schritte von hier; in einer Viertel⸗ ſtunde wird er frei ſein, das verſpreche ich Ihnen.“ Vergniaud drückte ſeiner ſchönen Geliebten die Hand⸗ machte ihr ein Zeichen, um ſie zu beruhigen, und ent⸗ fernte ſich mit Chabot durch die Rue Traverſiére. Sie gingen durch die Rue Saint⸗Honors und ſchlu⸗ gen den Weg nach der Rue de LEchelle ein. An der Ecke dieſer Straße drückte der Mönch mit einer Hand auf die Schulter von Vergniaud, und mit der andern zeigte er ihm einen Mann, der an den den Mauern des Louvre auf und abging. „Siehſt Du?“ fragte er Vergniaud. „Was?“ „Dieſen Mann?“ „Ja,“ antwortete der Girondiſt. „Run, es iſt unſer College Grangeneuve.“ „Was macht er da?“ „Er wartet.“ „Worauf wartet er?“ „Daß man ihn tödte.“ „Daß man ihn tödte?“ „Ja. „Uind wer ſoll ihn tödten?“ „3 5 Vergniaud ſchante Chabot an, wie man einen Nar⸗ ren anſchaut. „Erinnere Dich Spartas, erinnere Dich Roms und höre,“ ſagte Chabot. Dann erzählte er ihm Alles. biſ fur ner ſei um Ta wer ruh Rick er ſ ern abre gen wird d 307 So wie der Mönch ſprach, neigte Vergniaud das Haupt. Er ſah ein, welche Entfernung von ihm, dem wei⸗ biſchen Tribun, dem verliebten Löwen, bis zu dieſem furchtbaren Republicaner war, der, wie Decius, nur ei⸗ nen Schlund verlangte, um ſich hineinzuſtürzen, damit ſein Tod das Vaterland rette. „Es iſt gut,“ ſagte er,„ich verlange nur drei Tage, um meine Rede vorzubereiten.“ „Und in drei Tagen?“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte Vergniaud„in drei Tagen werde ich an dem Götzenbilde brechen, oder ich werde es umſtürzen!“ „Ich habe Dein Wort, Vergniaud?“ „Ja.“ „Es iſt das eines Mannes?“ „Es iſt das eines Republicaners!“ „Dann bedarf ich Deiner nicht mehr; geh und be⸗ ruhige Deine Geliebte.“ Vergniand ſchlug wieder den Weg nach der Rue de Richelien ein. Chabot ging auf Grangeneuve zu. Als dieſer einen Mann auf ſich zukommen ſah, zog er ſich nach der dunkelſten Stelle zurück. Chabot folgte ihm dahin. Grangeneuve blieb am Fuße der Mauer ſtehen, da er nicht mehr weiter gehen konnte. Chabot näherte ſich ihm. Grangenenve machte die Arme aufhebend das ver⸗ abredete Zeichen. Sodann, als Chabot unbeweglich blieb, ſagte Gran⸗ genenve: „Nun, was hält Dich zurück? Stoß zu!“ „Das iſt unnöthig,“ erwiederte Chabot,„Vergniand wird ſprechen.“ 308 „Es ſei!“ verſetzte Grangeneuve mit einem Seufzer; „doch ich glaube, das andere Mittel war beſſer!“ „ Was ſollte das Königthum gegen ſolche Männer un? CXXXVII. Vergniaud ſpricht. Es war Zeit, daß Vergniand ſich entſchloß. Die Gefahr wuchs außen und im Innern. Außen, in Regensburg, hatten ſich die verſammel⸗ ten Geſandten einſtimmig geweigert, den Miniſter Frank⸗ reichs anzunehmen. England, das ſich unſern Freund nannte, machte eine ungeheure Rüſtung. Die Fürſten des Reiches, welche ganz laut ihre Neutralität rühmten, führten nächtlicher Weile den Feind in ihre feſten Plätze ein. Der Markgraf von Baden hatte Oeſterreicher nach Kehl, ganz nahe bei Straßburg, gebracht. In Flandern war es noch ſchlimmer: Luckner, ein alter, einfältiger Haudegen, der allen Plänen von Du⸗ mouriez, dem einzigen Manne, wenn nicht von Genie, doch wenigſtens von Kopf, den wir von dem Feinde hat⸗ ten, entgegenwirkte. Lafayette gehörte dem Hofe, und ſein letzter Schritt hatte bewieſen, daß die Nationalverſammlung, das heißt Frankreich, nicht auf ihn rechnen durfte. Biron endlich, brav und redlich, entmuthigt durch ⸗ te re nd ch in u⸗ ie, t⸗ itt ßt tch 309 krieg. Dies, was das Aeußere betrifft. Im Innern verlangte das Elſaß mit gewaltigem Geſchrei Waffen, doch der Kriegsminiſter, der ganz dem Hofe ergeben war, hütete ſich wohl, ihm zu ſchicken. Im Süden ließ ein Generallientenant der Prinzen, unſere erſten Niederlagen, begriff nur einen Defenfiv⸗ Gouverneur von Nieder⸗Languedoc und den Cevennen ſeine Vollmachten durch den Adel beglaubigen. Im Weſten verkündigt ein einfacher Bauer, Allan Redeler, beim Ausgange der Meſſe, es finde eine be⸗ waffnete Zuſammenkunft der Freunde des Königs bei einer benachbarten Kapelle ſtatt. Auf den erſten Ruf verſammelten ſich daſelbſt fünf⸗ hundert Bauern. Die Chonannerie war in der Vendée der Bretagne gepflanzt: ſie brauchte nur noch zu treiben. Faſt von allen Directorien der Departements kamen endlich contrerevolutionäre Adreſſen an. Die Gefahr war groß, drohend, erſchrecklich, ſo groß, daß es nicht mehr die Menſchen waren, die ſie bedrohte, es war das Vaterland. Ohne laut proclamirt worden zu ſein, liefen auch⸗ Worte umher:„Das Vaterland iſt in Ge⸗ ahr!“ Die Nationalverſammlung wartete übrigens. Chabot und Grangeneuve hatten geſagt:„In drei Tagen wird Vergniand ſprechen!“ Und man zählte die verlaufenden Stunden. Weder am erſten, noch am zweiten Tage erſchien Vergniaud in der Verſammlung. Am dritten Tage kam Jeder ſchauernd herbei. Nicht ein Abgeordneter fehlte auf ſeiner Bank; die Tribunen waren überfüllt. Zuletzt von Allen trat Vergniand ein. Ein Gemurmel der Frende durchlief die Verſamm⸗ 310 lung, die Tribunen klatſchten, wie es das Parterre beim Auftreten eines beliebten Schauſpielers thut. Vergniaud ſchaute empor, um mit den Augen zu ſuchen, wem dieſes Klatſchen gelte: ein Verdoppeln deſ⸗ ſelben unterrichtete ihn, daß es ihm galt. Vergniand war damals kaum drei und dreißig Jahre alt; ſein Charakter war meditativ und träge; ſein indolentes Genie gefiel ſich in Nachläſſigkeiten; er war nur glühend beim Vergnügen, als beeilte er ſich, mit vollen Händen die Blumen einer Jugend zu pflücken, welche einen ſo kurzen Frühling haben ſollte! Er ging ſpät zu Bette und ſtand kaum vor Mittag auf; ſollte er ſprechen, ſo bearbeitete er drei bis vier Tage vorher ſeine Rede, er blänkte, er putzte, er ſchärfte ſie, wie am Vorabend einer Schlacht ein Soldat ſeine Waffen blänkt, putzt und ſchärft. Das war als Redner, was man in einem Fechtſaale einen ſchönen Fechter nennt; der Conp ſchien ihm nicht gut, wenn er nicht glänzend ausgeführt war und ſtark beklatſcht wurde; er mußte ſein Wort für die Augenblicke der Gefahr, für die äußerſten Momente vorbehalten. Er war nicht der Mann aller Stunden, hat ein Dichter geſagt; er war der Mann der großen Tage. Was das Aeußere betrifft, ſo war Vergniand eher klein als groß, nur war er ein Mann von robnſtem Körperbau, dem man den Athleten anſah. Seine Haare trug er lang und flatternd; bei ſeinen redneriſchen Be⸗ wegungen ſchüttelte er ſie, wie es ein Löwe mit ſeiner Mähne macht; unter ſeiner breiten Stirne glänzte, von dichten Brauen beſchattet, ein Paar Augen voll von Sanftmuth oder von Flammenz die Naſe war kurz, ein wenig breit, an den Flügeln ſtolz emporgerichtet; die Lip⸗ pen waren dick, und wie aus der Oeffnung einer Quelle das Waſſer reichlich und branſend hervorſprudelt, ſo fie⸗ len die Worte in ſchäumenden, rauſchenden Cascaden von ſeinem Munde. Seine ganz von den Pocken gezeichnete 311 Haut ſchien mit Diamanten beſäet zu ſein, wie der noch nicht durch den Meißel des Bildhauers geglättete, ſon⸗ dern erſt durch den Hammer des Gehülfen aus dem Gro⸗ ben gearbeitete Marmor; ſein bleicher Teint färbte ſich entweder mit Purpur oder wurde bleifarbig, je nachdem das Blut ihm zu Geſichte ſtieg oder ſich zum Herzen zurückzog. In der Ruhe und unter der Menge war es ein gewöhnlicher Menſch, auf dem das Auge des Geſchicht⸗ ſchreibers, ſo durchdringend es ſein mochte, zu verweilen keinen Grund gehabt hätte; machte aber die Flamme der Leidenſchaft ſein Blut kochen, zuckten die Muskeln ſeines Gefichtes, gebot ſein ausgeſtreckter Arm Stillſchweigen und beherrſchte die Menge, ſo wurde der Menſch zum Gotte, der Redner verwandelte ſich, die Tribune war ſein Thabor! Dies war der Mann, welcher mit der noch ge⸗ ſchloſſenen, aber ganz mit Blitzen geladenen Hand an⸗ kam. Aus dem Beifallklatſchen, das bei ſeinem Anblick erſcholl, errieth er, was man von ihm erwartete. Er verlangte das Wort nicht; er ging gerade auf die Rednerbühne zu, ſtieg hinauf und begann ſeine Rede unter einem Stillſchweigen voller Schauer. Seine erſten Worte wurden mit dem traurigen, tie⸗ fen, concentrirten Tone eines niedergeſchlagenen Mannes geſprochen; er ſchien ſchon am Anfang ermüdet, wie man es gewöhnlich am Ende iſt: ſeit drei Tagen kämpfte er mit dem Genius der Beredtſamkeit, und er wußte, wie Simſon, hei der äußerſten Anſtrengung, die er zu verſu⸗ chen gedachte, werde er unfehlbar den Tempel umſtürzen, und nachdem er die Tribune inmitten ſeiner noch ſtehen⸗ den Säulen, unter ſeinem noch ſchwebenden Gewölbe be⸗ ſtiegen, werde er über die Trümmer des Königthums ſchreitend davon herabſteigen. Da der Geiſt von Vergniaud ganz in dieſer Rede liegt, ſo werden wir ſie unverkürzt hier gebenz wir glau⸗ 312 ben, man wird ſie leſend dieſelbe Neugierde empfinden, die man beim Beſuche eines Arſenals vor einer jener hiſtoriſchen Kriegsmaſchinen, welche die Mauern von Sagunt, Rom oder Carthago niedergeworfen hätten, empfinden würde. „Bürger,“ ſprach Vergniaud mit einer Anfangs kaum verſtändlichen Stimme, welche aber bald gewichtig und ſonvr wurde,„Bürger, ich komme zu Euch und ich frage Euch: „Was iſt denn die ſeltſame Lage, in der ſich die Nationalverſammlung befindet? Welches Verhängniß ver⸗ folgt uns und bezeichnet jeden Tag durch Ereigniſſe, die, Unordnung in unſere Arbeiten bringend, uns unabläſſig in die ſtürmiſche Aufregung der Beſorgniſſe, der Hoff⸗ nungen, der Leidenſchaften zurückwerfen? Welches Ge⸗ ſchick bereitet Frankreich die erſchreckliche Gährung, in deren Schooße man verſucht wäre, zu zweifeln, ob die Revolution rückwärts ſchreite, oder ob ſie ihrem Ziele zuſchreite? „In dem Augenblicke, wo unſere Nord⸗Armeen in Belgien Fortſchritte zu machen ſcheinen, ſehen wir ſie plötzlich vor dem Feinde zurückweichen; man führt den Krieg auf unſer Gebiet zurück. Es wird von uns bei den unglücklichen Belgiern nichts bleiben, als die Erin⸗ nerung an die Brände, welche unſern Rückzug beleuchtet haben werden! Auf der Seite des Rheins häufen ſich die Preußen unabläſſig an unſeren entblößten Gränzen an. Wie kommt es, daß man gerade im Augenblick einer für die Exiſtenz der Nation ſo entſcheidenden Kriſe die Be⸗ wegung unſerer Heere einſtellt, durch eine plötzliche Des⸗ organiſation des Miniſteriums die Bande des Vertrauens zerreißt und dem Zufall und unerfahrenen Händen das Heil des Reiches überläßt? Sollte es wahr ſein, daß man unſere Siege fürchtet? Iſt man mit dem Blute von Koblenz oder mit dem unſern geizig? Droht der Fana⸗ tismus der Prieſter uns zugleich den Zerklüftungen des 6 , er n 1, 313 Bürgerkrieges und der Invaſion preiszugeben, was iſt dann die Abſicht derjenigen, welche mit einer unüber⸗ windlichen Halsſtarrigkeit die Sanction unſerer Beſchlüſſe verwerfen machen? Wollen ſie über verlaſſene Städte, über verwüſtete Felder regieren? Was iſt genan das Quantum von Thränen, von Elend, von Blut, von Todten, das ihrer Rache genügt? Woran ſind wir? Und Sie, meine Herren, deren Muth erſchüttert zu ha⸗ ben die Feinde der Conſtitution ſich ſchmeicheln, Sie, deren Gewiſſen, deren Redlichkeit ſie jeden Tag dadurch zu beunruhigen ſuchen, daß ſie Ihre Liebe für die Frei⸗ heit als Meutereigeiſt bezeichnen,— als hätten Sie ver⸗ geſſen, daß ein deſpotiſcher Hof und die feigen Helden der Ariſtokratie den Namen Meuterer den Repräſentan⸗ ten, welche den Eid im Ballhauſe ſchwuren, den Siegern der Baſtille, allen denjenigen gaben, welche die Revolu⸗ tion gemacht und unterſtützt haben!— Sie, die man nur verleumdet, weil Sie der Kaſte fremd ſind, welche die Conſtitution in den Staub geworfen hat, und weil die entarteten Menſchen, die den Verluſt der ſchänd⸗ lichen Ehre, vor ihr zu kriechen, beklagen, nicht Genoſſen in Ihnen zu finden hoffen; Sie, die man gern vom Volke abwendig machen möchte, weil man weiß, daß das Volk Ihre Stütze iſt, und daß es, würden Sie durch eine ſtrafbare Abtrünnigkeit von ſeiner Sache ſelbſt von ihm verlaſſen zu werden verdienen, leicht wäre, Sie aufzu⸗ löſen; Sie, die man hat entzweien wollen, die Sie aber bis nach dem Kriege Ihre Spaltungen und Zwiſtigkeiten vertagen werden, da Sie es nicht ſo ſüß finden, ſich zu haſſen, daß Sie dieſen hölliſchen Genuß der Wohlfahrt des Vaterlandes vorzögen; Sie, die man durch bewaff⸗ nete Petitionen erſchrecken wollte, als wüßten Sie nicht, daß am Anfange der Revolution das Allerheiligſte der Freiheit von Trabanten des Deſpotismus umgeben war, Paris von der Armee des Hofes belagert wurde, und daß dieſe Tage der Gefahr die Tage des Ruhmes 314 unſerer erſten Nationalverſammlung waren; ich werde endlich Ihre Aufmerkſamkeit auf den Zuſtand der Kriſe lenken, in welchem wir uns befinden. „Dieſe inneren Unruhen haben zwei Urſachen: ari⸗ ſtokratiſche Manoenvres, prieſterliche Manoeuvres; beide ſtreben nach demſelben Ziele, der Gegenrevolution. „Der König hat ſeine Sanction Ihrem Beſchluſſe über die religiöſen Unruhen verweigert. Ich weiß nicht, ob der finſtere Geiſt der Medici und des Cardinals von Lothringen noch unter den Gewölben des Palaſtes der Tuilerien umherirrt, und ob das Herz des Königs durch die fantaſtiſchen Ideen, die man ihm in den Sinn gibt, beunruhigt wird; doch ohne ihm eine Beleidigung anzu⸗ thun und ihn zu bezüchtigen, er ſei der gefährlichſte Feind der Revolution, iſt es nicht erlaubt, zu glauben, er wolle durch die Strafloſigkeit zu den verbrecheriſchen Verſuchen des prieſterlichen Ehrgeizes aneifern und den hoffärtigen Helfershelfern der Tiara die Macht wieder⸗ geben, mit der ſie gleichmäßig die Völker und die Kö⸗ nige unterdrückt haben; es iſt, ohne ihm eine Beleidi⸗ digung anzuthun und ihn für den grauſamſten Feind des Reiches zu erklären, nicht erlaubt, zu glauben, er gefalle ſich darin, die Empörungen fortzupflanzen, die Unord⸗ nungen zu verewigen, die ihn durch den Bürgerkrieg zu ſeinem Untergange fortreißen würden. Ich ſchließe hier⸗ aus, daß er, wenn er ſich Ihren Decreten widerſetzt, ſich für mächtig genug erachtei, ohne die Mittel, die Sie ihm bieten, den öffentlichen Frieden aufrecht zu er⸗ halten. Geſchieht es alſo, daß der Friede nicht aufrecht erhalten wird, daß die Fackel des Fanatismus abermals das Königreich in Brand zu ſtecken droht, daß die reli⸗ giöſen Gewaltthaten fortwährend die Departements ver⸗ heeren, ſo ſind die Agenten der königlichen Autorität ſelbſt die Urſache aller unſerer Uebel. Nun wohl! ſie mögen mit ihrem Kopfe für alle Unruhen haften, deren Vorwand die Religion ſein wird zeigen Sie bei dieſer — 315 furchtbaren Verantwortlichkeit die Gränze Ihrer Geduld und der Beſorgniſſe der Nation. „Ihre Fürſorge für die äußere Sicherheit des Rei⸗ ches hat Sie ein Lager bei Paris beſchließen laſſen; alle Föderirte Frankreichs ſollten hier am 14. Juli ihren Schwur, frei zu leben oder zu ſterben, wiederholen. Der giftige Hauch der Verleumdung hat dieſen Plan gebrandmarkt; der König hat ſeine Sanction verweigert. Ich achte zu ſehr die Ausübung eines conſtitutionellen Rechtes, um bei Ihnen zu beantragen, die Miniſter für dieſe Weigerung verantwortlich zu machen; geſchieht es aber, daß vor der Verſammlung der Bataillons der Boden der Freiheit profanirt wird, ſo müſſen Sie die⸗ ſelben als Verräther behandeln! Sie müſſen ſie ſelbſt in den Abgrund werfen, den ihre Sorgloſigkeit oder ihre Böswilligkeit unter den Schritten der Freiheit gegraben haben wird! Zerreißen wir die Binde, welche die Intri⸗ gue oder die Schmeichelei auf die Augen des Königs gelegt haben, und zeigen wir ihm das Ziel, zu dem fal⸗ ſche Freunde ihn zu führen bemüht ſind. „Im Namen des Königs wiegeln die franzöſiſchen Prinzen gegen uns die Höfe Europas auf; um die Würde des Königs zu rächen, iſt der Vertrag von Pillnitz ge⸗ ſchloſſen worden; um den König zu vertheidigen, ſieht man in Deutſchland unter der Fahne des Aufruhrs die ehemaligen Compagnien der Gardes du corps herbeilau⸗ fen; um dem König zu Hülfe zu kommen, treten die Emigrirten in die öſterreichiſchen Heere ein und ſchicken ſich an, den Schooß des Vaterlandes zu zerreißen; um ſich dieſen tapfern Rittern der königlichen Prärogative an⸗ zuſchließen, verlaſſen Andere ihren Poſten in Gegenwart des Feindes, werden zu Verräthern an ihren Schwüren, beſtehlen die Kaſſen, beſtechen die Soldaten, und ſetzen ſo ihre Ehre in die Feigheit, den Meineid, die Inſubor⸗ dination, den Diebſtahl und die Morde. Kurz der Kö⸗ nig iſt bei allen dieſen Mißgeſchicken! 316 „Ich leſe nun in der Conſtitution: „„Stellt ſich der König an die Spitze eines Heeres und lenkt die Kräfte deſſelben gegen die Nation, oder er widerſetzt ſich nicht durch einen förmlichen Act einem ſol⸗ chen in ſeinem Namen ausgeführten Unternehmen, ſo wird er dafür angeſehen werden, daß er die Regierung niedergelegt habe.““ „Vergebens würde der König antworten: „„Allerdings behaupten die Feinde der Nation, ſie handeln nur, um meine Macht wiederzu heben; doch ich habe bewieſen, daß ich nicht ihr Genoſſe war; ich habe der Conſtitution gehorcht; ich habe Truppen ins Feld geſtellt. Allerdings waren dieſe Heere zu ſchwach; doch die Con⸗ ſtitution bezeichnet nicht den Grad von Stärke, den ich ihnen geben mußte. Allerdings habe ich ſie zu ſpät ver⸗ ſammelt; doch die Conſtitution bezeichnet nicht die Zeit, zu der ich ſie verſammeln mußte. Allerdings hätten ſie Reſervelager unterſtützen können; doch die Conſtitution verpflichtet mich nicht, Reſervelager zu bilden. Allerdings, wenn die Generale ohne Widerſtand auf dem feindlichen Gebiete vorrückten, befahl ich ihnen, zurückzuweichen; doch die Conſtitution gebietet mir nicht, den Sieg davonzu⸗ tragen. Allerdings haben meine Miniſter die National⸗ verſammlung über die Zahl, die Diſpoſition der Truppen und ihre Verproviantirung getäuſcht; doch die Conſtitu⸗ tion gibt mir das Recht, meine Miniſter zu wählen; ſie gebietet mir nirgends, mein Vertrauen den Patrioten zu gewähren und die Contrerevolutionäre fortzujagen. Al⸗ lerdings hat die Nationalverſammlung für die Verthei⸗ digung des Vaterlandes nothwendige Beſchlüſſe gefaßt, welche zu ſanctioniren ich mich geweigert; doch die Con⸗ ſtitution garantirt mir dieſe Befugniß. Allerdings be⸗ werkſtelligt ſich die Gegenrevolution, iſt der Deſpotismus es er ⸗ ſo ig „ —— 2—— X——————— S X N S v S— S 317 im Begriffe, ſein eiſernes Scepter wieder in meine Hände zu geben, werde ich Euch damit niederſchmettern, werdet Ihr kriechen, werde ich Euch dafür beſtrafen, daß Ihr die Frechheit gehabt habt, frei ſein zu wollen; doch Al⸗ les dies geſchieht conſtitutionell. Es iſt mir kein Act ent⸗ floſſen, den die Conſtitutivn verdammt: es iſt alſo nicht erlaubt, an meiner Treue gegen Euch und an meinem Eifer für ihre Vertheidigung zu zweifeln.““ „Meine Herren, wäre es möglich, daß bei den Ca⸗ lamitäten eines unſeligen Krieges, bei den Unordnungen eines contrerevolutionären Umſturzes der König der Fran⸗ zoſen dieſe höhniſche Sprache wäre es möglich, daß er von ſeiner Liebe für die Conſtitution mit einer ſo verletzenden Ironie ſpräche, hätten wir dann nicht das Recht, ihm zu antworten: „„O König! der Sie ohne Zweifel mit dem Thran⸗ nen Lyſander geglaubt haben, die Wahrheit ſei nicht mehr werth, als die Lüge, und man müſſe die Menſchen mit Eiden beluſtigen, wie man die Kinder mit Knöchel⸗ chen beluſtigt; der Sie ſich den Anſchein gegeben, als liebten Sie die Geſetze, nur um die Macht zu behalten, die Ihnen dienen würde, um denſelben zu trotzen, die Conſtitution, nur damit man Sie nicht vom Throne ſtürze, auf dem Sie bleiben mußten, um ſie zu vernichten; die Nation, nur um den Erfolg Ihrer Treuloſigkeiten zu ſichern, indem Sie ihr Vertrauen einflößten, gedenken Sie uns heute durch heuchleriſche Betheuerungen zu hinter⸗ gehen? Gedenken Sie uns auf eine falſche Fährte über die Urſache unſerer Mißgeſchicke durch den Kunſtgriff Ih⸗ rer Eutſchuldigungen und die Frechheit Ihrer Sophismen zu führen? Hieß es uns vertheidigen, den fremden Sol⸗ daten Streitkräfte entgegenſtellen, deren Minderwerth nicht einmal die Ungewißheit über ihre Niederlage ließ? Hieß es uns vertheidigen, Pläne, welche darauf abziel⸗ 318 ten, das Innere des Königreiches zu befeſtigen, auf die Seite ſchieben, oder Anſtalten zum Widerſtande für eine Periode machen, wo wir ſchon die Beute der Tyrannen geweſen wären? Hieß es uns vertheidigen, nicht einen General im Zaume halten, der die Conſtitution verletzte, und dem Muthe von denjenigen, welche ihr dienten, Feſſeln anlegen? Hieß es uns vertheidigen, unabläßig die Regierung durch beſtändige Desorganiſativn des Mi⸗ niſteriums lähmen? Ließ Ihnen die Conſtitution die Wahl der Miniſter für unſer Gläück oder für unſern Ruin? Machte ſie Sie zum Chef unſeres Heeres für unſern Ruhm oder für unſere Schmach? Gab ſie Ihnen endlich das Sanctionsrecht, eine Civilliſte und ſo viele große Prärogative, um conſtitutionell die Conſtitution und das Reich zu Grunde zu richten? Nein, nein, Mann, den die Großmuth Frankreichs nicht bewegen konnte! Mann, den die Liebe für den Deſpotismus allein empfindlich machen konnte! Sie haben den Willen der Conſtitution nicht er⸗ füllt! Sie kann umgeſtürzt werden, doch Sie werden die Frucht Ihres Meineides nicht ernten; Sie haben ſich nicht durch einen förmlichen Act den Siegen widerſetzt, die man in Ihrem Namen davon trug, doch Sie werden die Frucht dieſer ſchmählichen Triumphe nicht ernten! Sie ſind nichts mehr für dieſe Conſtitution, die Sie ſo ſchändlich verletzt, für dieſes Volk, das Sie ſo nieder⸗ trächtig verrathen haben!“ „Da die von mir angeführten Thatſachen nicht frei ſind von einem ſehr auffallenden Zuſammenhange mit meh⸗ reren Handlungen des Königs, da es gewiß iſt, daß die falſchen Freunde, die ihn umgeben, an die Verſchwore⸗ nen von Koblenz verkauft ſind, und daß ſie brennen vor Verlangen, den König zu Grunde zu richten, um die Krone auf das Haupt von einem der Chefs ihrer Com⸗ plotte zu übertragen; da es für ſeine perſönliche Sicher⸗ heit ſowohl, als für die des Reiches wichtig iſt, daß ſein die ne en en te, 6 ig ti⸗ hl rn ich as ie en en r⸗ ie 319 Benehmen nicht mehr von Verdacht umgeben bleibe, ſo werde ich Ihnen eine Adreſſe vorſchlagen, die ihn an die Wahrheiten, welche ich ſo eben habe hören laſſen, erin⸗ nern ſoll, und worin man ihm darthun wird, daß die Neutralität, die er zwiſchen dem Vaterlande und Koblenz beobachtet, ein Verrath gegen Frankreich wäre. „Ich verlange überdies, daß Sie erklären, das Va⸗ terland ſei in Gefahr. Sie werden ſehen, daß bei die⸗ ſem Rufe alle Bürger ſich zuſammenſchaaren, die Erde ſich mit Soldaten überzieht, und die Wunder ſich er⸗ neuern, welche die Völker des Alterthums mit Ruhm bedeckt haben. Sind die regenerirten Franzoſen von 89 dieſes Patriotismus verluſtig geworden? Iſt nicht der Tag gekommen, diejenigen zu vereinigen, welche in Rom, und die, welche auf dem Aventiniſchen Berge ſind? Wer⸗ den Sie warten, bis, müde der Anſtrengungen der Revolution, oder verdorben durch die Gewohnheit, um ein Schloß zu paradiren, ſchwache Menſchen ſich daran gewöhnen, von Freiheit ohne Begeiſterung und von Skla⸗ verei ohne Abſchen zu ſprechen? Was bereitet man uns? Iſt es die Militärherrſchaft, die man feſtſtellen will? Man hat den Hof im Verdachte treuloſer Projecte; er gibt Anlaß, von militäriſchen Bewegungen, vom Kriegs⸗ geſetze zu reden; man macht die Einbildungskraft mit dem Blute des Volkes vertrant. Der Palaſt des Königs der Franzoſen hat ſich plötzlich in ein befeſtigtes Schloß ver⸗ wandelt. Wo ſind aber ſeine Feinde? Gegen wen rich⸗ ten ſich dieſe Kanonen und dieſe Bajonnete? Die Freunde der Conſtitution ſind aus dem Miniſterium ausgeſtoßen worden; die Zügel der Regierung bleiben ſchwebend auf den Zufall, in dem Augenblicke, wo man, um ſie feſtzu⸗ halten, eben ſo viel Kraft, als Patriotismus bedürfte. Ueberall nährt man die Zwietracht, der Fanatismus triumphirt, die Connivenz der Regierung vermehrt die Dreiſtigkeit der fremden Mächte, die gegen uns Heere und Eiſen ſpeien, und kühlt die Sympathie der Völker — iiii 320 ab, welche geheime Wünſche für den Sieg der Freiheit hegen. Die feindlichen Cohorten ſetzen ſich in Marſch; die Intrigne und die Treuloſigkeit zetteln Verrathe an; der legislative Körper ſtellt dieſen Complotten ſtrenge, aber nothwendige Beſchlüſſe entgegen: die Hand des Kö⸗ nigs zerreißt ſie! Rufen Sie, es iſt Zeit dazu, rufen Sie alle Franzoſen herbei, um das Vatetland zu retten! Zei⸗ gen Sie ihnen den Abgrund in ſeiner ganzen Unermeß⸗ üchkeit! Nur durch eine außerordentliche Anſtrengung können ſie darüber wegſetzen! Es iſt an Ihnen, ſie hie⸗ rauf durch eine elektriſche Bewegung vorzubereiten, die das ganze Reich den Anlauf nehmen macht. Ahmen Sie ſelbſt den Spartanern der Thermopylen nach, oder jenen ehrwürdigen Greiſen des römiſchen Senats, welche auf ihrer Thürſchwelle den Tod erwarteten, den wilde Sieger ihrem Vaterlande brachten! Sie brauchen nicht Wünſche zu hegen, damit Rächer aus Ihrer Aſche erſtehen: an dem Tage, wo Ihr Blut die Erde röthet, werden die Tyrannei, ihre Hoffart, ihre Paläſte, ihre Beſchützer auf immer vor der nationalen Allmacht und vor dem Zorne des Volkes verſchwinden.“ Es war in dieſer furchtbaren Rede eine aufſteigende Kraft, eine wachſende Gradation, ein Crescendo von Stürmen, das die Luft mit einem ungeheuren, dem des Orkans ähnlichen Flügel ſchlug. Die Wirkung war auch die einer Wetterſäule: die ganze Nationalverſammlung, Feuillants, Royaliſten, Con⸗ ſtitutionelle, Republicaner, Abgeordnete, Zuſchauer, Bänke, Tribunen, Alles wurde umhüllt, forſgeriſſen, emporgeho⸗ ben durch den mächtigen Wirbel; von allen Seiten er⸗ ſcholl das gewaltigſte Geſchrei der Begeiſterung. An demſelben Abend ſchrieb Barbaroux an ſeinen Freund Rebecqui, der in Marſeille geblieben war: „Schicke mir fünfhundert Mann, welche zu ſterben wiſſen.“ eit ch; in; ge, ie ei⸗ .* ng ie⸗ die Sie nen auf ger ſche die auf rne nde von des die on⸗ nke, eho⸗ er⸗ inen ar: en.“ 321 CXXXVIII. Der dritte Zuhrestag der Einnahme der . Baſtille. Am 11. Juli erklärte die Nationalverſammlung, das Vaterland ſei in Gefahr. Um aber dieſe Erklärung zu promulgiren, bedurfte es der Genehmigung des Königs. Der König gab ſie erſt am 21. Abends. Und, in der That, verkündigen, das Vaterland ſei in Gefahr, das war ein Geſtändniß ihrer Unmacht von Seiten der Staatsgewalt; es war ein Aufruf an die Aation, ſich ſelbſt zu retten, da der König nichts mehr vermöge oder nichts mehr thun wolle. Im Zwiſchenraume vom 11. auf den 21. Juli hatte ein großer Schrecken das Schloß in Bewegung geſetzt. Der Hof machte ſich für den 14. auf einen Anſchlag gegen das Leben des Königs gefaßt. Eine Adreſſe der Jacobiner hatte ihn in dieſem Glauben beſtärkt: ſie war abgefaßt von Robespierre; das läßt ſich leicht an ihrer doppelten Schneide erkennen. Sie war gerichtet an die Föderirten, welche nach Paris zu dem Feſte vom 14. Juli kamen, das im vor⸗ hergehenden Jahre ſo grauſam mit Blut gefärbt wor⸗ den war. „Heil den Frauzoſen der drei und achtzig Departe⸗ ments,“ ſagte der Unbeſtechliche;„Heil den Marſeillern! Heil dem mächtigen, unbeſiegbaren Vaterlande, das ſeine Kinder um ſich verſammelt am Tage ſeiner Gefahren Die Gräfin von Charny. VI. 21 — 322 und ſeiner Feſte. Heffnen wir unſere Häuſer unſeren Brüdern! „Bürger, ſeid Ihr nur herbeigeeilt wegen einer lee⸗ ren Föderationsfeier und wegen überflüſſiger Eide? Nein, nein, Ihr eilt herbei auf den Schrei der Nation, die Euch, anßen bedroht und innen verrathen, ruft! Un⸗ ſere trenkoſen Chefs führen unſere Heere in die Falle; unſere Generale reſpectiren das Gebiet des öſterreichiſchen Tyrannen und verbrennen die Dörfer unſerer belgiſchen Brüder; ein Ungehener, Lafahette! iſt gekommen und hat die Nationalverſammlung in's Geſicht beſchimpft; ernied⸗ rigt, verhöhnt, bedroht, beſteht ſie noch? So viele Atten⸗ tate wecken endlich die Nation auf, und Ihr ſeid herbei⸗ geeilt. Die Einſchläferer des Volkes werden es verſu⸗ chen, Euch zu verführen; flieht ihre Schmeicheleien, flieht ihre Tafeln,'wo man den Moderantismus und das Vergeſſen der Pflicht trinkt; bewahret Euren Argwohn in Eurem Herzen; die verhängnißvolle Stunde ſchlägtl „Hier iſt der Altar des Vaterlands! Werdet Ihr dulden, daß niederträchtige Götzenbilder ſich zwi⸗ ſchen die Freiheit und Ench ſtellen, um den Cultus, der ihr gebührt, zu uſurpiren? Leiſten wir den Eid nur dem Vaterlande, in die unſterblichen Hände des Königs der Natur. Alles erinnert uns auf dieſem Marsfelde an den Meineid unſerer Feinde; wir können nicht eine einzige Stelle aufgraben, die nicht mit dem unſchuldigen Blute, das ſie darauf vergoſſen, befleckt iſt! Reiniget dieſen Boden, rächet dieſes Blut, und verlaßt dieſen Umkreis nicht eher, als bis Ihr das Heil des Vaterlan⸗ des entſchieden habt!“ Es war ſchwer, ſich kategoriſcher zu erklären; nie iſt ein Rath zum Morde in beſtimmteren Ausdrücken ge⸗ geben worden; nie ſind blutige Repreſſalien mit einer klareren und dringlicheren Stimme gepredigt worden. Und, man bemerke wohl, es war Robespierre, der en m hr i⸗ er ur 8 de ne en get en n⸗ nie e⸗ ter er 323 verſchmitzte Tribun, der umſchweifige Redner, der mit ſeiner ſüͤßlichen Stimme zu den Abgeordneten der drei und achtzig Departements ſagte:„Meine Freunde, glau⸗ bet mir, man muß den König tödten!“ Man hatte große Angſt in den Tuilerien, der König beſonders; man war überzeugt, der 20. Juni habe kei⸗ nen anderen Zweck gehabt, als die Ermordung des Kö⸗ nigs unter einem Getümmel, und wenn man das Ver⸗ brechen nicht begangen, ſo ſei dies nur durch den Muth des Königs verhindert worden, der ſeinen Mördern im⸗ ponirt habe. Es war wohl etwas Wahres an Allem dem. Das Verbrechen, ſagte Alles das, was an Höflin⸗ gen den zwei Verdammten blieb, die man den König und die Königin nannte, das Verbrechen, das am 20. Juni geſcheitert iſt, iſt nun auf den 14. Juli verſchoben worden. Man war hievon ſo ſehr überzeugt, daß man den König flehentlich bat, ein Bruſtſtück anzulegen, damit der erſte Meſſerſtich auf ſeiner Bruſt ſich abſtumpfen, oder die erſte Kugel darauf abprallen würde und ſeine Freunde hiedurch Zeit hätten, ihm zu Hülfe zu kommen. Ach! die Königin hatte nicht mehr, wie das erſte Mal, Andrée da, um ihr bei ihrer nächtlichen Arbeit zu helfen und um Mitternacht mit einer zitternden Hand, in einem abgelegenen Winkel der Tuilerien, wie ſie es in Verſailles gethan, die Solidität des ſeidenen Harniſches zu verſuchen. Zum Glücke war das Bruſtſtück aufbewahrt worden, das der König bei ſeiner erſten Reiſe nach Paris, um der Königin Vergnügen zu machen, verſucht, und ſodann anzulegen ſich geweigert hatte. Nur war der König ſo ſcharf bewacht, daß man nicht einen Augenblick fand, um es ihn zum zweiten Male anziehen zu laſſen und die Fehler zu verbeſſern, die es 324 haben konnte; Madame Campan trug es drei Tage un⸗ ter ihrem Kleide. Endlich, eines Morgens, als ſie im Zimmer der Königin war und die Königin noch im Bette lag, trat der König ein und legte raſch ſeinen Rock ab, wonach Madame Campan die Thüren ſchloß und das Bruſtſtück probirte. Als das Bruſtſtück probirt war, zog der König Ma⸗ dame Campan zu ſich und ſagte leiſe zu ihr: „Um die Königin zufrieden zu ſtellen, thue ich, was ich thue; ſeien Sie unbeſorgt, Campan, ſie werden mich nicht ermorden; ihr Plan iſt abgeändert, und ich muß mich auf eine andere Todesart gefaßt machen. In jedem Falle kommen Sie zu mir, wenn Sie von der Königin weggehen; ich habe Ihnen etwas anzuvertrauen.“ Der König ging ab. Die Königin hatte das Sondergeſpräch geſehen, ohne es zu hören; ſie folgte dem König mit einem un⸗ ruhigen Blicke, und als die Thüre wieber hinter ihm geſchloſſen war, fragte ſie: „Campan, was ſagte Ihnen denn der König?“ Madame Campan warf ſich, in Thränen zerfließend, auf die Kniee vor dem Bette der Königin, die ihr beide Hände reichte, und ſie wiederholte laut, was der König leiſe geſagt hatte. Die Königin ſchüttelte traurig den Kopf. „Ja,“ ſprach ſie,„das iſt die Meinung des Königs, und ich fange an ſeiner Anſicht beizutreten; der König behauptet, Alles, was in Frankreich vorgehe, ſei eine Nachahmung deſſen, was im vergangenen Jahrhundert in England vorgefallen; er lieſt unabläſſig die Geſchichte des unglücklichen Karl, um ſich beſſer zu benehmen, als es der König von England gethan hat... Ja, ja, ich komme dazu, einen Proceß für den König zu befürchten, meine liebe Campan! Ich, was mich betrifft, ich bin ———— — 325 eine Fremde, und ſie werden mich ermorden... Ach! was wird aus meinen armen Kindern werden?“ Die Königin konnte nicht weiter ſprechen: ihre Stärke verließ ſie; ſie brach in ein Schluchzen aus. Da ſtand Madame Campan auf und bereitete raſch ein Glas Zuckerwaſſer mit Aether; doch die Königin winkte ihr mit der Hand. „Meine liebe Campan,“ ſagte ſie,„die Nervenübel ſind die Krankheiten der glücklichen Frauen, doch alle Arzneimittel der Welt vermögen nichts gegen die Krank⸗ heiten der Seele! Seit meinen Mißgeſchicken fühle ich meinen Körper nicht mehr, ich fühle nur mein Ver⸗ hängniß. Sagen Sie nichts hievon dem König, und ſuchen Sie ihn nun auf.“ Madame Campan zögerte, zu gehorchen. „Nun, was haben Sie?“ fragte die Königin. „Oh! Madame!“ rief Madame Campan,„ich muß Ihnen ſagen, daß ich für Eure Majeſtät ein dem Bruſt⸗ ſtücke des Königs ähnliches Corſet gemacht habe, und auf den Knieen bitte ich Eure Majeſtät, es anzuziehen.“ „Ich danke, meine liebe Campan,“ erwiederte Marie Antoinette. „Ah! Eure Majeſtät nimmt es alſo an?“ rief die Kammerfrau ganz frendig. „Ich nehme es an als einen Dank für Ihre gute, liebevolle Abſicht, doch ich werde mich wohl hüten, es anzuziehen.“ Und ſie ergriff die Hand von Madame Campan und fügte bei: „Ich werde zu glücklich ſein, wenn ſie mich ermor⸗ den! Mein Gott! ſie werden mehr für mich gethan haben, als Du mir das Leben gebend gethan haſt: ſie werden mich davon befreit haben... Gehe, Cam⸗ pan, geh!“ Madame Campan ging hinaus; es war Zeit: ſie erſtickte. 326 Im Corridor traf ſie den König, der ihr entgegen⸗ kam; als er ſie ſah, blieb er ſtehen und reichte ihr die Hand. Madame Campan ergriff die königliche Hand und wollte ſie küſſen, doch der König zog ſie an ſich und küßte ſie auf beide Wangen. Und ehe ſie ſich von ihrem Erſtaunen erholt hatte, ſagte er: „Kommen Sie!“ Der König ging ihr voran und blieb ſodann in dem inneren Corridor ſtehen, der von ſeinem Zimmer zu dem des Danphin führte; er ſuchte mit der Hand eine Feder und öffnete einen Schrank, der in der Mauer dadurch verborgen war, daß ſich die Oeffnung deſſelben unter den braunen Einſchnitten verlor, welche den ſchat⸗ tirten Theil dieſer gemalten Steine bildeten. Das war der eiſerne Schrank mit dem künſtlichen Schloſſe, den er mit Hülfe von Gamain verfertigt hatte. Ein großes Portefeuille, voll von Papieren, lag in dieſem Schranke, in welchem eines ſeiner Bretter mit ein paar tauſend Louis d'or belaſtet war. „Madame Campan,“ ſagte der König,„nehmen Sie dieſes Portefenille und tragen Sie es in Ihr Zimmer.“ Madame Campan verſuchte es, das Portefenille aufzuheben, doch es war zu ſchwer. „Sire,“ ſagte ſie,„ich kann nicht.“ „Warten Sie, warten Sie,“ erwiederte der König. und nachdem er den Schrank wieder geſchloſſen, der, ſobald er geſchloſſen war, völlig unſichtbar wurde, nahm er das Portefeuille und trug es in das Cabinet von Madame Campan. „Hier iſt es!“ ſagte er, indem er ſich die Stirne abwiſchte. „Sire,“ fragte Madame Campan,„was ſoll ich mit dieſem Portefenille machen?“ „Die Königin wird es Ihnen ſagen und Ihnen n in in 327 zugleich mittheilen, was es enthält,“ autwortete der König. Und er entfernte ſich wieder. Damit man das Portefeuille nicht ſehe, ſchob es Madame Campan mit großer Anſtrengung zwiſchen zwei Matratzen ihres Bettes; dann trat ſie bei der Königin ein und ſprach: „Ich habe in meinem Zimmer ein Portefenille, das der König dahin gebracht hat; er ſagt mir, Eure Ma⸗ jeſtät werde mich unterrichten, was es enthalte, und was ich damit zu thun habe.“ Da legte die Königin ihre Hand auf die von Ma⸗ dame Campan, welche, die Antwort erwartend, vor ihrem Bette ſtand, und erwiederte: „Campan, das ſind Stücke, welche tödtlich für den König wären, ginge man, was Gott verhüten wolle, ſo weit, daß man ihm den Proceß machen würde; doch es findet ſich zugleich, und das iſt es ohne Zweifel, was ich Ihnen ſagen ſoll, in dieſem Portefeuille der Rechen⸗ ſchaftsbericht über eine Sitzung des Conſeil, in der der König ſeine Meinung gegen den Krieg ausgeſprochen hat; er hat ihn von allen Miniſtern unterzeichnen laſſen, und im Falle dieſes Proceſſes zählt er darauf, ſo ſehr ihm die anderen Stücke ſchädlich wären, eben ſo ſehr werde ihm dieſes nützlich ſein.“ „Was ſoll ich aber mit dieſem Portefenille ma⸗ chen?“ fragte faſt erſchrocken die Kammerfrau „Was Sie wollen, Campan, wenn es nur in Sicher⸗ heit iſt; Sie ſind allein verantwortlich dafür; Sie wer⸗ den ſich übrigens nicht von mir entfernen, ſelbſt wenn Sie nicht den Dienſt haben; die Umſtände ſind ſo, daß ich jeden Augenblick Ihrer bedürfen könnte. In dieſem Falle, da Sie eine von den Freundinnen ſind, auf die nr rechnen kann, wünſche ich Sie bei der Hand zu aben.“ Das Feſt vom 14. Juli kam. 328 Es handelte ſich für die Revolution darum, nicht Ludwig XVI. zu ermorden,— wahrſcheinlich hatte man nicht einmal dieſen Gedanken,— ſondern den Sieg von Pötion über den König zu proclamiren. Wir haben geſagt, in Folge des 20. Juni ſei Pé⸗ tion durch das Directorium von Paris ſuspendirt worden. Das wäre ohne die Beiſtimmung des Königs nichts geweſen, doch dieſe Suspenſivn war durch eine an die Nationalverſammlung überſandte königliche Proclamativn beſtätigt worden. Am 13., das heißt am Vorabend des Jahrestages der Einnahme der Baſtille, hatte die Nationalverſamm⸗ lung aus eigener Machtvollkommenheit dieſe Suspenſion aufgehoben. Am 14. Morgens um elf Uhr ſtieg der König mit der Königin und ſeinen Kindern die große Treppe herabz drei⸗ bis viertauſend Mann nnentſchiedene Truppen escor⸗ tirten die königliche Familie; die Königin ſuchte ver⸗ gebens auf den Geſichtern der Soldaten und der Na⸗ tionalgarden ein Merkmal von Sympathie; die Erge⸗ Lui wandten den Kopf ab und vermieden ihren lick. Was das Volk betrifft, ſo konnte man ſich über ſeine Gefühle nicht täuſchen; der Ruf:„Es lebe Pétion!“ erſcholl von allen Seiten; ſodann, um dieſer Ovation etwas Dauerhafteres als die Begeiſterung des Augen⸗ blicks zu geben, konnten der König und die Königin auf allen Hüten die drei Worte leſen, welche zugleich ihre Niederlage und den Triumph ihres Feindes beſtätigten: „Es lebe Pétion!“ Die Königin war bleich und zitternd; trotz deſſen, was ſie zu Madame Campan geſagt hatte, überzengt, es beſtehe ein Complott gegen das Leben des Königs, ſchauerte ſie jeden Augenblick, weil ſie eine mit einem Meſſer verſehene Hand ſich ausſtrecken, einen mit einer Piſtole bewaffneten Arm ſich ſenken zu ſehen glaubte. — ——r—— )— ie es ⸗ n it r⸗ r⸗ 4 e. n er n 329 Auf dem Marsfelde angelangt, ſtieg der König aus dem Wagen, nahm Platz zur Linken des Präfidenten der Nationalverſammlung und ging mit ihm auf den Altar des Vaterlands zu. Hier mußte ſich die Königin vom König trennen, um auf die ihr vorbehaltene Tribune mit ihren Kindern zu ſteigen. Sie blieb ſtehen, weigerte ſich, hinaufzugehen, ehe er angekommen wäre, und folgte ihm mit den Augen. Am Fuße vom Altar des Vaterlands entſtand plötz⸗ lich eine von den Wogungen, wie ſie die Mengen machen. Der König verſchwand wie überſchwemmt. Die Königin ſtieß einen Schrei aus und wollte ihm nacheilen. Doch er erſchien wieder und ſtieg die Stufen vom Altar des Vaterlands hinauf. Unter den gewöhnlichen Symbolen, welche bei den Feierlichkeiten figuriren, wie die Gerechtigkeit, die Stärke, die Freiheit, war eines, das man, geheimnißvoll und erſchrecklich, unter einem Florſchleier glänzen ſah, und das ein ſchwarz gekleideter, mit Cypreſſenzweigen bekränz⸗ ter Mann trug. Dieſes entſetzliche Symbol zog beſonders die Augen der Königin an. Sie war wie an ihren Platz genagelt, und faſt beruhigt über den König, der die Höhe vom Altar des Vaterlands erreicht hatte, konnte ſie die Augen nicht von der finſtern Erſcheinung abwenden. Mit einer äußerſten Anſtrengung die Feſſeln ihrer Zunge löſend, fragte ſie, ohne ſich an Jemand zu wenden: „Wer iſt der ſchwarz gekleidete Mann mit dem Cy⸗ preſſenkranze?“ Eine Stimme, welche ſie beben machte, antwortete: „Der Henker!“ „Und was hält er in der Hand unter dieſem Flor?“ „Das Beil von Karl I.“ 330 Die Königin wandte ſich erbleichend ab; es ſchien ihr, ſie habe den Ton dieſer Stimme ſchon gehört. Sie täuſchte ſich nicht: derjenige, welcher geſpro⸗ chen hatte, war der Mann vom Schloſſe Taverney, von der Brücke von Sovres, von der Rückkehr von Varennes: es war Caglioſtro. Sie ſtieß einen Schrei aus und fiel ohnmächtig in die Arme von Madame Eliſabeth. CXXXIX. Das Paterland iſt in Gefahr. Am 22. Juli, um ſechs Uhr Morgens, acht Tage nach dem Feſte auf dem Marsfelde, bebte ganz Paris beim Lärmen einer Kanone von ſtarkem Caliber, welche auf dem Pont⸗Neuf gelöſt wurde. Eine Kanone vom Arſenal antwortete, ihr Echo bildend. Von Stunde zu Stunde, den ganzen Tag hindurch, ſollte ſich dieſes gräßliche Geräuſch wiederholen. Geführt von ihren ſechs Commandanten, waren die ſechs Legionen der Nationalgarde vor Tagesanbruch beim Stadthauſe verſammelt. Man organiſirte hier zwei Cortéges, um in die Straßen von Paris und in die Vorſtädte die Proclama⸗ tion der Gefahr des Vaterlands zu bringen. Danton hatte den Gedanken des erſchrecklichen Feſtes gehabt, und er hatte das Programm dazu von Sergent verlangt. 331 Sergent, ein mittelmäßiger Künſtler als Kupfer⸗ ſtecher, aber ein Mann von ungeheurem Talente, um in Scene zu ſetzen; Sergent, deſſen Haß ſich durch die Beleidigungen, die man ihm in den Tuilerien zugefügt, verdoppelt hatte,— Sergent hatte in dieſem ganzen Programm das großartige Gepränge entwickelt, deſſen letztes Wort er am 10. Auguſt gab. Jeder von den zwei Cortésges, der eine, der durch Paris hinauf⸗, der andere, der hinabgehen ſollte, brach vom Stadthauſe Morgens um ſechs Uhr auf. Zuerſt kam eine Abtheilung Cavalerie mit Muſik an der Spitze; für dieſe Gelegenheit componirt, war die Melodie, welche die Muſik ſpielte, düſter und ſchien eih Leichenmarſch zu ſein. Hinter der Cavalerieabtheilung kamen ſechs Kanonen, neben einander, wo die Straßen oder die Quais breit genug waren, zu zwei und zwei in den engen Straßen fahrend. Sodann vier Huiſſiers zu Pferde, vier Fahnen tra⸗ gend; auf jeder Fahne ſtand eines von den vier Worten geſchrieben: Freiheit.— Gleichheit.— Conſtitution.— Vaterland. 55 Hierauf zwölf Municipalbeamte mit Schärpe und den Säbel an der Seite. 6 Sodann allein, vereinzelt wie Frankreich, ein Na⸗ tionalgarde zu Pferde, ein großes dreifarbiges Banner haltend, auf dem die Worte geſchrieben ſtanden: Bürger, das Vaterland iſt in Gefahr! Dann folgten, in derſelben Ordnung, wie die erſten, ſechs Kanonen mit dem tiefen Getöſe, mit dem ſchweren Aufſtoßen. 332 Dann ein Detachement von der Nationalgarde. Endlich eine zweite Abtheilung Cavalerie, den Marſch ſchließend. Man gebot Stillſchweigen durch ein Wirbeln der Trommeln. Sodann ſchwang man die Fahnen, und als kein Geräuſch mehr hörbar, als der keuchende Athem von zehntauſend Zuſchauern gefangen in ihre Bruſt zurück⸗ gekehrt war, erhob ſich die ernſte Stimme des Muni⸗ cipalbeamten, und er verlas die Acte der Nationalver⸗ ſammlung und fügte bei: Das Vaterland iſt in Gefahr. Dieſer letzte Ruf war furchtbar und vibrirte in allen Herzen. Es war der Schrei der Nation, des Vaterlands, Frankreichs. Es war eine Mutter im Todeskampfe, welche:„Zu Hülfe, meine Kinder!“ rief. Und dann, von Stunde zu Stunde, donnerte der Kanonenſchuß vom Pont⸗Neuf mit ſeinem Echo vom Arſenal. Auf allen großen Plätzen von Paris,— der Vor⸗ platz von Notre⸗Dame war der Mittelpunkt davon,— hatte man Amphitheater für die freiwilligen Anwerbungen errichtet. In der Mitte dieſer Amphitheater war ein brei⸗ tes, auf zwei Trommeln gelegtes Brett, das als Ein⸗ ſchreibungstiſch diente, und bei jeder Bewegung, welche dieſen Amphitheatern verliehen wurde, ſtöhnten die Trom⸗ meln wie ein ferner Sturmeshauch. Rings um dieſe Amphitheater waren Zelte mit drei⸗ farbigen Wimpeln und Eichenkränzen darüber errichtet. Municipalbeamte mit Schärpe ſaßen um den Tiſch n n k⸗ i⸗ T⸗ — S 1* 333 und übergaben, ſowie die Einſchreibungen ſtattfanden, den Freiwilligen Certificate. Auf jeder Seite des Amphitheaters waren zwei Ka⸗ nonen; am Fuße der doppelten Treppe, auf der man hinaufſtieg, eine beſtändige Muſik; vor den Zelten und derſelben krummen Linie folgend ein Kreis von bewaff⸗ neten Bürgern. Das war zugleich groß und ſchrecklich! Es war ein Rauſch von Patriotismus! Jeder eilte hinzu, um eingeſchrieben zu werden. Die Schildwachen konnten diejenigen, welche kamen, nicht zu⸗ rückſtoßen: jeden Augenblick wurden die Reihen ge⸗ brochen. Die zwei Treppen des Amphitheaters,— es war eine da um hinaufzuſteigen, eine um herabzuſteigen,— genügten nicht, ſo breit ſie waren. Jeder ſtieg hinauf, wie er konnte, unterſtützt von denen, welche ſchon hinaufgeſtiegen waren; ſodann, wenn man ſeinen Namen eingeſchrieben, wenn er ſein Certi⸗ ficat erhalten hatte, ſprang er mit Ausrufungen des Stolzes zu Boden, ſchwang ſein Pergament in der Luft, ſang das Ga ira und küßte die Mündung der Kanonen. Das war das Verlöbniß des franzöſiſchen Volkes mit dem zweiundzwanzigjährigen Kriege, der, wenn er es nicht in der Vergangenheit gehabt hat, zum Re⸗ ſultate in der Zukunft die Freiheit der Welt haben wird. Unter dieſen Freiwilligen waren zu alte, welche, er⸗ habene Gecken, ihr Alter verleugneten, zu junge, welche, fromme Lügner, ſich auf die Fußſpitzen erhoben und: „Sechzehn Jahre!“ antworteten, während ſie nicht vier⸗ zehn zählten. So gingen von der Bretagne der alte Latour d'Au⸗ vergne, vom Süden der junge Viala ab. Diejenigen, welche durch unauflösliche Bande zu⸗ rückgehalten wurden, weinten, daß ſie nicht abgehen 334 konnten; ſie verbargen vor Scham ihre Köpfe in ihren Händen, und die Auserwählten riefen ihnen zu: „Ei! ſo ſingt doch, Ihr Leute! ei! ſo ruft doch: Es lebe die Nation!““ Und plötzliche, furchtbare Schreie:„Es lebe die Nation!“ ſtiegen in die Lüfte empor, während von Stunde zu Stunde die Kanone vom Pont⸗Neuf und ihr Echo vom Arſenal donnerten. Die Gährung war ſo groß, die Geiſter waren ſo mächtig erſchüttert, daß die Nationalverſammlung ſelbſt über ihr Werk erſchrak. Sie ernannte vier Mitglieder, um Paris in allen Richtungen zu durchziehen. Dieſe hatten den Auftrag, zu ſagen: „Brüder, im Namen des Vaterlands, keinen Auf⸗ ſtand! Der Hof will einen ſolchen, um die Entfernung des Königs zu erlangen: keinen Vorwand dem Hofe; der König muß unter uns bleiben.“ Dann fügten ſie leiſe bei, die erſchrecklichen Worte⸗ ſäer:„Er muß beſtraft werden!“ Und man klatſchte überall, wo dieſe Männer durch⸗ kamen, in die Hände, und man hörte es durch die Menge laufen, wie man den Hauch eines Sturmes durch die Aeſte eines Waldes laufen hört:„Er muß beſtraft werden.“ Man ſagte nicht wer, doch Jeder wußte wohl, wen er beſtrafen wollte. Das währte bis Mitternacht. Bis um Mitternacht donnerten die beiden Kanonen; bis um Mitternacht ſtand die Menge um die Amphi⸗ theater aufgepflanzt. Viele Freiwillige blieben da, um ihren erſten Bi⸗ vouac vom Altar des Vaterlands zu datiren. Jeder Kanonenſchuß hatte bis ins Herz der Tuile⸗ rien ertönt. Das Herz der Tuilerien, das war das Zimmer des eit ſie m — S u N —* n 335 Königs, wo Ludwig XVI., Marie Antoinette, die könig⸗ lichen Kinder und die Prinzeſſin von Lamballe ſich ver⸗ ſammelt hatten. Sie verließen ſich am Tage nicht; ſie fühlten wohl, daß ihr Schickſal es war, was an dieſem Tage gohr. Die Familie trennte ſich erſt um Mitternacht, das heißt, als ſie wußte, man habe die Kanonen zu löſen aufgehört. Seit den Zuſammenrottungen in den Vorſtädten ſchlief die Königin nicht mehr im Erdgeſchoße. Ihre Freunde hatten es dahin gebracht, daß ſie in ein Zimmer des erſten Stockes ging, das zwiſchen der Wohnung des Königs und der des Dauphin lag. In der Regel bei Tagesanbruch erwachend, verlangte ſie, daß man weder Läden, noch Vorhänge ſchließe, da⸗ mit ihre Schlafloſfigkeiten weniger peinlich ſeien. Madame Campan ſchlief in demſelben Zimmer wie die Königin. Sagen wir, bei welcher Veranlaſſung die Königin eingewilligt hatte, daß eine ihrer Frauen bei ihr ſchlafe. In einer Nacht, als die Königin ſich niedergelegt hatte,— es war Morgens gegen ein Uhr, Madame Campan ſtand vor dem Bette von Marie Antvinette und plauderte mit ihr,— hörte man plötzlich im Corridor Tritte, ſodann ein Geränſch ähnlich dem eines Kampfes zwiſchen zwei Menſchen. Madame Campan wollte nachſehen, was vorgehe, doch die Königin klammerte ſich an ihre Kammerfrau oder vielmehr an ihre Freundin und ſagte: „Verlaſſen Sie mich nicht, Campan!“ Mittlerweile rief eine Stimme aus dem Corridor: „Seien Sie ohne Furcht, Madame; es iſt ein Schurke, der Sie tödten wollte, doch ich halte ihn.“ Das war die Stimme des Kammerdieners. „Mein Gott!“ ſagte die Königin, die Arme zum 336 Himmel erhebend,„welch ein Leben! Beſchimpfungen am Tage, Mörder bei Nacht!“ Da rief die Königin dem Kammerdiener zu: „Laſſen Sie dieſen Menſchen los und öffnen Sie ihm die Thüre.“ „Aber, Madame..“ verſetzte die Kammerfrau. „Ei! meine Liebe, hielte man ihn feſt, ſo würde er morgen von den Jacobinern im Triumphe umherge⸗ tragen.“ Man ließ den Menſchen los, der ein Toilettediener des Königs war. Von dieſem Tage an hatte es der König dahin ge⸗ bracht, daß Jemand bei der Königin ſchlief. Marie Antvinette hatte Madame Campan gewählt. In der Nacht, welche auf die Proclamation der Gefahr des Vaterlands folgte, wachte Madame Campan gegen zwei Uhr Morgens auft ein Mondſtrahl drang, wie ein nächtliches Licht, wie eine befreundete Flamme, durch die Scheiben ein und brach ſich auf dem Bette der Königin, deſſen Tüchern er eine bläuliche Tinte gab. Madame Campan hörte einen Seufzer: ſie begriff, daß die Königin nicht ſchlief. „Eure Majeſtät leidet?“ fragte ſie leiſe. „Ich leide immer, Campan,“ erwiederte Marie An⸗ toinette;„ich hoffe indeſſen, daß dieſes Leiden bald en⸗ digen wird.“ „Guter Gott! Madame,“ rief die Kammerfrau, „hat denn Eure Majeſtät abermals einen finſtern Ge⸗ danken?“ „Nein, im Gegentheil, Campan,“ antwortete die Königin. Und ſie ſtreckte ihre bleiche Hand aus, welche im Reflexe des Mondſtrahles noch bleicher wurde, und ſprach mit einer tiefen Melancholie: „In einem Monat wird dieſer Strahl uns frei und von unſern Feſſeln entbunden ſehen.“ 3 18 337 „Ah!“ rief Madame Campan ganz freudig,„haben Sie den Beiſtand von Herrn von Lafayette angenommen und werden Sie fliehen?“ „Den Beiſtand von Herrn von Lafayette? Oh! nein, Gott ſei Dank!“ ſagte die Königin mit einem Ausdrucke des Widerwillens, in dem man ſich nicht täuſchen konnte; „nein, doch in einem Monat wird mein Neffe Franz in Paris ſein.“ „Sind Sie deſſen ſicher, Majeſtät?“ rief Madame Campan erſchrocken. „Ja,“ ſprach die Königin, Alles iſt entſchieden: es iſt ein Bündniß zwiſchen Oeſterreich und Preußen ab⸗ geſchloſſen; die zwei vereinigten Mächte marſchiren gegen Paris; wir haben die Marſchlinie der Prinzen und der verbündeten Heere, und wir können mit Sicherheit ſagen: „„An dem und dem Tage werden unſere Retter in Valen⸗ ciennes ſein au dem und dem Tage in Verdun an dem und dem Tage in Paris.““ „Und Sie befürchten nicht... 7“ Madame Campan hielt inne. „Ermordet zu werden?“ vollendete die Königin ihren Satz.„Das iſt wohl wahr, ich weiß es; doch wer nichts wagt, gewinnt nichts.“ „Und an welchem Tage hoffen die verbündeten Sou⸗ verains in Paris zu ſein?“ fragte Madame Campan. „Zwiſchen dem 15. und 20. Auguſt,“ antwortete die Königin. „Gott höre Sie!“ ſprach Madame Campan. Gott hörte zum Glücke nicht; oder vielmehr er hörte und ſandte Frankreich eine Hülfe, auf die es nicht rech⸗ nete: die Marſeilkaiſe. 338 Die Marſeillaiſe. Was die Königin beruhigte, hätte ſie gerade er⸗ ſchrecken müſſen; das Manifeſt des Herzogs von Braun⸗ ſchweig. Dieſes Manifeſt, das, in den Tuilerien abgefaßt, erſt am 20. Juli nach Paris zurückkommen ſollte, war in den erſten Tagen des Monats abgegangen. Sagen wir aber, was zu gleicher Zeit, da der Hof in Paris dieſes wahnſinnige Stück redigirte, deſſen Wir⸗ kung wir ſogleich ſehen werden, in Straßburg vorging. Straßburg, eine unſerer franzöſiſchſten Städte, ge⸗ rade weil es vorher öſterreichiſch geweſen war, Straß⸗ burg, eines unſerer feſteſten Vollwerke, hatte, wie geſagt, den Feind vor ſeinen Thoren. In Straßburg verſammelten ſich auch ſeit ſechs Mo⸗ naten, das heißt ſeitdem vom Kriege die Rede war, dieſe jungen Bataillons von Freiwilligen mit dem glühenden, patriotiſchen Geiſte. Straßburg, ſeinen hohen Münſterthurm im Rhein ſpiegelnd, der uns allein vom Feinde trennte, war ein kochender Herd zugleich des Krieges, der Jugend, der Freude, des Vergnügens, der Bälle, der Revuen, wo ſich der Lärm der Kriegsinſtrumente beſtändig mit dem der Feſtinſtrumente vermengte. Von Straßburg, wo durch ein Thor die erſt zu formirenden Freiwilligen ankamen, gingen durch das an⸗ dere die Soldaten ab, die man für ſchlagfähig hielt; hier fanden ſich die Freunde wieder, umarmten ſich und ſagten ſich Lebewohl; die Schweſtern weinten, die Mütter * 3 * 3 339 beteten, die Väter ſprachen:„Geht, und ſterbt für Frank⸗ reich!“ Und Alles dies beim Schalle der Glocken, beim Donner der Kanonen, bei dieſen zwei ehernen Stimmen, welche zu Gott ſprechen, die eine, um ſeine Barmherzig⸗ keit, die andere, um ſeine Gerechtigkeit anzurufen. Bei einem dieſer Abgänge, der feierlicher war als die andern, weil er beträchtlicher, lud der Maire von Straßburg, Dietrich, ein würdiger, vortrefflicher Patriot, dieſe jungen Leute zu ſich ein, um bei einem Bankett mit den Officieren der Garniſon zu fraterniſiren. Die zwei Töchter des Maire und zwölf bis fünf⸗ zehn von ihren Geſpielinnen, blonde, edle Mädchen des Elſaß, die man nach ihren goldenen Haaren für Nym⸗ phen von Ceres gehalten hätte, ſollten, nicht präſidiren bei dieſem Bankett, doch es wenigſtens verſchönern und durchdüften. Unter der Zahl der Geladenen, ein gewöhnlicher Genoß des Hauſes Dietrich, ein Freund der Familie, war ein junger edler Hochburgunder Namens Rouget de 1 Jsle. Wir haben ihn alt gekannt, und er ſelbſt, der ſie uns ganz mit eigener Hand ſchrieb, hat uns die Geburt dieſer edlen Kriegsblume erzählt, deren Erſchließen der Leſer beiwohnen ſoll. Rouget de[Isle war damals zwanzig Jahre alt und lag als Officier vom Genie in Straßburg in Gar⸗ niſon. Dichter und Muſiker, war ſein Piano eines von den Inſtrumenten, das man bei dieſem ungeheuren Con⸗ certe hörte; ſeine Stimme eine von denen, welche unter den ſtärkſten und patriotiſchſten ertönten. Nie war ein mehr franzöſiſches, mehr nationales Feſt von einer glühenden Juniſonne beleuchtet worden. 5 Niemand ſprach von ſich, Alle ſprachen von Frank⸗ reich. 340 Der Tod war allerdings da, wie bei den Banketten des Alterthums; doch der ſchöne, lächelnde Tod, nicht mit der häßlichen Senſe und der grauenvollen Sanduhr, ſon⸗ dern in der einen Hand ein Schwert, in der andern eine Palme haltend! Man ſuchte, was man ſingen könnte: das alte Ga ira war ein Geſang des Zornes und des Bürgerkriegs; man brauchte einen patriotiſchen, brüderlichen und dennöch für das Ausland drohenden Ruf. Wer ſollts der moderne Tyrtäos ſein, der unter dem Dampfe der Kanonen, unter dem Pfeifen der Kugeln die Hymne Frankreichs dem Feinde zuſchleudern würde? Enthuſiaſtiſch, liebeglühend, patriotiſch, antwortete Rouget 1Isle auf dieſe Frage: „J Und er ſtürzte aus dem Saale. In einer halben Stunde, während man ſich kaum um ſeine Abweſenheit bekümmerte, war Alles gemacht, Worte und Muſik, Alles war von einem Guſſe, in die Form gefloſſen wie die Statue eines Gottes. Rouget de l'Isle erſchien wieder, die Haare zurück⸗ geworfen, die Stine mit Schweiß bedeckt, keuchend von dem Kampfe, den er gegen die zwei erhabenen Schwe⸗ ſtern, die Muſik und die Poeſie, beſtanden hatte. „Höret,“ ſprach er,„höret Alle!“ Als ſeine Stimme ertönte, wandten ſich Alle um, die Einen ihr Glas in der Hand, die Andern eine bebende Hand in der ihrigen haltend. Rouget de lIsle begann: Mons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé! Contre vous de la tyrannie Létendard sanglant est levé. Entendez-vous dans vos campagnes Rugir ces féroces soldats! 1 3 — 3 341¹ Is viennent jusque dans nos bras gorger nos flls, nos compagnes! Aux armes, citoyens, formez vos bataillons! Marchons, marchons, Ou'un sang impur abreuve nos sillons! Bei der erſten Strophe durchlief ein elektriſcher Schauer die ganze Verſammlung. Ein paar Schreie des Enthuſiasmus erſchollen, doch begierig, das Uebrige zu hören, riefen alsbald andere Stimmen: „Stille! Stille! höret.“ ſort Rouget fuhr mit einer Geberde tiefer Entrüſtung ort: Oue veut cette horde d'esclaves, De traftres, de rois conjurés? Pour qui ces ignobles entraves, Ces fers dös longtemps préparés? Frangais! pour nous, ah! quel outrage! Quels transports il doit exciter! C'est nous, qu'on ose méditer De rendre à l'antique es elavage! Aux armes, citoyens! Diesmal hatte Ronget de lJsle nicht nöthig, den Chor herbeizurufen, ein Schrei ſchwang ſich aus aller Bruſt emporz Formez vos bataillons! Marchons, marchons! Qu'un sang impur abreuve nos sillons! Da fuhr er unter einer wachſenden Begeiſterung fort: 342 Quoi! des cohortes 6trangdres, Feraient la loi dans nos foyers? Quoi! ces phalanges mercenaires Terrasseraient nos flers guerriers? Grand Pieu! par des mains enchainées Nos fronts sous le joug se ploiraient! Des vils despotes deviendraient Les maitres de nos destinées! Keuchend erwartete die Bruſt von Hunderten den zweiten Theil, und ehe dieſer letzte Vers vollendet war, riefen ſie: „Nein! nein! nein!“ Dann erſcholl mit dem Ungeſtüm eines Wetterwir⸗ bels der erhabene Chor: Aux armes, citoyens! formez vos bataillons! Marchons, marchons; Qu'un sang impur abreuve nos sillons. Diesmal durchlief ein ſolcher Schauer alle Zuhörer, daß es Rouget de lIsle war, der ſich, um ſeine vierte Strophe fingen zu können, genöthigt ſah, Stille zu ver⸗ langen. Man hörte fieberhaft. Die entrüſtete Stimme wurde drohend. Tremblez, tyrans! et vous Perfdes⸗ Fopprobré de tous Jés partis! Ireuc: Los Projets parricides ont enflin recevoir Ieur prix. Taut est Soldat pour vous combattre: S'ils tombent, nos jeunes Férös, La terre en produit des nouveaux Contre vous tous pröts à 8e battre! 7 . — . 4 343 „Ja! ja!“ riefen alle Stimmen. lind die Väter ſchoben die Söhne vor, welche mar⸗ ſchiren konnten, die Mütter hoben in ihren Armen die⸗ jenigen empor, welche ſie noch trugen. Da bemerkte Ronget de 1 Isle, daß ihm eine Strophe fehlte; der Geſang der Kinder; erhabener Chor der ent⸗ ſtehenden Ernte, des keimenden Kornes, und während die Bankettgenoſſen raſend den furchtbaren Refrain wie⸗ derholten, ließ er ſeinen Kopf in ſeine Hand fallen; unter dem Lärmen und den Bravos improviſirte er ſo⸗ dann folgende Strophe: Nous entrerons dans la carrière, Ouand nos ainés n y seront plus; Nous J trouverons leur poussière Et la trace de leurs vertus. Bien moins jaloux de leur survivre Oue de partager leur cercueil, Nous aurons le sublime orgueil De les venger ou de les suivre! Und durch das erſtickte Schluchzen der Mütter, durch die enthuſiaſtiſchen Ausrufungen der Väter, hörte man die reinen Stimmen der Kindheit im Chore ſingen: Aux armes, citoyens! formez vos pataillons! Marchez, marchonsz Ou'un sang impur abreuve nos sillons! „Oh!“ murmelte einer von den Gäſten,„gibt es keine Gnade für diejenigen, welche nur verirrt ſind?“ „Warten Sie, warken Sie,“ rief Rouget de lJsle, „und Sie werden ſehen, daß mein Herz dieſen Vorwurf nicht verdient.“ Und mit einer Stimme voll Rührung ſang er die 344 fromme Strophe, in der die ganze Seele von Frankreich liegt: menſchlich, groß und edelmüthig, und in ſeinem Zorne mit den Flügeln der Barmherzigkeit über ſeinem Zorne ſelbſt ſchwebend:. . Frangais! en guerriers magnanimes, 1 Portez ou retenez vos coups: Pargnez ces tristes victimes S'armant à regret contre vous... * 1 Ein Beifallsſturm unterbrach den Sänger. „Oh! ja! ja!“ rief man von allen Seiten,„Barm⸗ herzigkeit, Verzeihung unſern verirrten Brüdern, unſern geknechteten Brüdern, unſern Brüdern, die man mit der Peitſche und dem Bajonnet gegen uns treibt!“ „Ja,“ ſprach Ronget de[Jsle,„Gnade und Barm⸗ herzigkeit für dieſe.“ Mais ces despotes sanguinaires, Mais les complices de Bouills, Contre ces tigres sans pitié, Déchirant le sein de leur möre! Aux armes, citoyens! formez vos pataillons! 1 „Ja!“ riefen alle Stimmen gegen dieſe... Marchons marchons! Qu'un sang impur abreuve nos sillons! „Nun auf die Kniee, ſo viel Ihr Eurer ſeid!“ rief Ronget de lJsle. Man gehorchte. Rouget de LIole allein blieb ſtehen, ſetzte einen von ſeinen Füßen auf den Stuhl von einem der Gäſte, wie auf die erſte Stufe des Tempels der Freiheit, hob ſeine 345 Arme zum Himmel empor und ſang die letzte Strophe, die Anrufung an den Genius Frankreichs: Amour sacré de la patrie, Conduis, soutiens nos braves vengeurs; Liberté, liberté chérie, Combats avec tes défenseurs! Sous nos drapeaux, que la victoire Accoure à tes mäles accents; Que nos ennemis expirants Voient ton triomphe et notre gloire! „Ah!“ ſprach eine Stimme,„nun iſt Frankreich gerettet!“ Und in einem erhabenen Rufe, De profundis des Deſpotismus, Magnificat der Freiheit, ertönte es aus Aller Munde: Aux armes, citoyens! formez vos bataillons! Marchons, marchons; Qu'un sang impur abreuve nos sillons. Dann war es nur eine tolle, berauſchende, wahn⸗ ſinnige Freude; Jeder warf ſich ſeinem Nachbar in die Arme, die Mädchen nahmen ihre Blumen von Sträußen und Kränzen mit vollen Händen und ſtreuten ſie zu den Füßen des Dichters. Achtunddreißig Jahre ſpäter, als er mir dieſen großen Tag erzählte, mir, dem jungen Manne, der ich zum erſten Male 1830 durch die mächtige Stimme des Volkes die heilige Hymne ſingen hörte,— achtunddreißig Jahre ſpäter ſtrahlte noch die Stirne des Dichters von der glänzenden Glorie von 1792. Und das war Gerechtigkeit! Woher kommt es, daß ich ſelbſt, indem ich dieſe letzten Strophen aufzeichne, ganz bewegt bin? Woher 346 kommt es, daß, während meine rechte Hand zitternd den Chor der Kinder, die Anrufung an den Genius Frankreichs ſchreibt, woher kommt es, daß meine linke Hand eine Thräne abwiſcht, welche nahe daran, auf das Papier zu fallen? Davon, daß die heilige Marſeillaiſe nicht nur ein Kriegsgeſchrei, ſondern auch ein Erguß, ein Auf⸗ ſchwung der Bruderliebe iſt, daß die königliche, mäch⸗ tige Hand Frankreichs allen Völkern gereicht iſt, daß es immer der letzte Schrei der ſterbenden Freiheit, immer der erſte der wiedererſtehenden Freiheit ſein wird! Wie iſt nun die in Straßburg unter dem Namen Rheinlied geborene Hymne plötzlich im Herzeu Frank⸗ reichs unter dem Namen Marſeillaiſe hervorgebrochen? Das wollen wir unſern Leſern ſagen. CXLI. Die fünfhundert Mann von Varbarour. Am 28. Juli, als ſollte dadurch der Proclamation der Gefahr des Vaterlands eine Baſis gegeben werden, kam das Manifeſt von Koblenz. 5 Das war, wie geſagt, ein wahnſinniges Werk, eine Drohung, folglich ein Schimpf für Frankreich. Der Herzog von Braunſchweig, ein Mann von Geiſt, fand das Manifeſt albern, doch über dem Herzog waren die Könige des Bundes; ſie erhielten das Schrift⸗ ſtück ganz abgefaßt von den Händen des Königs von Frankreich, und es wurde von ihnen ihrem General auferlegt. 4 4 347 Nach dem Manifeſte war ganz Frankreich ſtrafbar; jede Stadt oder jedes Dorf ſollte niedergeriſſen oder in Aſche verwandelt werden.— Was Paris, das zu Dor⸗ nen und Unkraut verdammte moderne Jeruſalem betrifft, ſo ſollte kein Stein davon auf dem andern bleiben. Dies beſagte das Manifeſt, das von Koblenz an Tage des 28. mit dem Datum des 26. ankam. Welcher Adler hatte es in ſeinen Klauen gebracht, daß er zweihundert Meilen in ſechs und dreißig Stun⸗ den zurückgelegt? Man kann ſich die durch ein ſolches Stück hervor⸗ gebrachte Erploſion denken: es war die, welche ein auf die Pulverbüchſe fallender Funke hervorbringt. Alle Herzen bebten, alle geriethen in Unruhe, alle ſchickten ſich zum Kampfe an. Wählen wir unter allen dieſen Männern einen Mann, unter allen dieſen Typen einen Typus. Wir haben den Mann ſchon genannt: es iſt Bar⸗ baroux. Wir wollen es verſuchen, den Typus zu ſchildern. Barbaroux ſchrieb, wie wir erwähnt, am Anfange des Juli an Rebecqui:„Schicke mir fünfhundert Mann, welche zu ſterben wiſſen.“ Wer war der Mann, der einen ſolchen Satz ſchrei⸗ ben konnte, und welchen Einfluß hatte er auf ſeine Landsleute? Er hatte den Einfluß der Jugend, der Schönheit, des Patriotismus. Dieſer Mann, das war Charles Barbaroux, ein ſanftes, reizendes Geſicht, das Madame Roland bis in ihrem ehelichen Gemache beunruhigte, das Charlotte Cor⸗ day bis am Fuße des Schaffots träumen machte. Madame Roland fing an ſich ſelbſt zu mißtranen. Warum mißtraute ſie ſich? Er war zu ſchön! Das war der Vorwurf, den man zwei Männern 346 der Revolution machte, deren Köpfe, ſo ſchön ſie waren, in einem Zwiſchenraume von vierzehn Monaten, der eine in der Hand des Henkers von Bordeaux, der andere in der Hand des Henkers von Paris erſchienen: der Erſte war Barbaroux, der Zweite Hérault de Séchelles. Man höre, was Madame Roland von ihnen ſagt. „Barbaroux iſt leichten Sinnes; die Anbetungen, welche die ſittenloſen Frauen an ihn verſchwenden, ſcha⸗ den dem Ernſte ſeiner Gefühle. Sehe ich dieſe ſchönen jungen Männer zu ſtark berauſcht von dem Eindrucke, den ſie hervorbringen, wie Barbaronx und Hérault de Scéchelles, ſo denke ich unwillkürlich, ſie beten zu ſehr ſich ſelbſt an, um das Vaterland genng anzubeten.“ Sie täuſchte ſich, die ſtrenge Pallas. Das Vaterland war nicht die einzige, doch die erſte Geliebte von Barbarvux; wenigſtens liebte er es am Innigſten, da er für daſſelbe ſtarb. Barbaroux war kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war geboren in Marſeille, von einer Familie von jenen kühnen Schiffern, welche aus dem Handel eine Poeſie gemacht haben. Was die Form, die Anmuth, die Idealität, das griechiſche Profil beſonders betrifft, ſo ſchien er in gerader Linie von einem der Phokäer ab⸗ zuſtammen, welche ihre Götter von den Ufern des Par⸗ naſſos nach denen der Rhone brachten. Jung, hatte er ſich in der großen Kunſt der Rede geübt,— in dieſer Kunſt, aus der ſich die Männer des Süden zugleich eine Waffe und einen Schmuck zu machen wiſſen,— ſodann in der Poeſie, dieſer Blume des Par⸗ naſſos, welche die Gründer von Marſeille mit ſich vom Meerbuſen von Korinth nach dem Meerbuſen von Lyon*) verſetzten. Er hatte ſich ferner mit der Phyſik beſchäf⸗ tigt, und ſich mit Sauſſure und Marat in Correſpondenz geſetzt. 349 Man ſah ihn plötzlich während der Gährungen in ſeiner Vaterſtadt, in Folge der Wahl von Mirabeau, hervorkommen. Er wurde damals zum Secretär der Municipalität ernannt. Später fanden Unruhen in Arles ſtatt. Unter dieſen Unruhen erſchien die ſchöne Geſtalt von Barbaroux, dem bewaffneten Antinons ähnlich. Paris reclamirte ihn; der große Ofen brauchte von dieſem wohlriechenden Rebholze; der ungeheure Tiegel be⸗ durfte dieſes Metalles. Er wurde dahin geſchickt, um über die Unruhen von Avignon Bericht zu erſtatten; man hätte glauben ſollen, er gehöre keiner Partei an; ſein Herz, wie das der Ge⸗ rechtigkeit, hege weder Haß, noch Freundſchaft: er ſagte die Wahrheit einfach und erſchrecklich, wie ſie war, und indem er ſie ſagte, ſchien er groß wie ſie. Die Girondiſten waren ſo eben angekommen. Was die Girondiſten von den anderen Parteien unterſchied, was ihnen vielleicht das Verderben bereitete, iſt, daß ſie ächte Künſtler waren: ſie liebten, was ſchön; ſie reichten ihre warme, biedere Hand Barbaronx; dann führten ſie, ganz ſtolz auf dieſe neue Rekrutirung, den Marſeiller zu Madame Roland. Man weiß, wie beim erſten Anblicke Madame Ro⸗ land von Barbaronx gedacht hatte. Was Madame Roland beſonders in Erſtaunen ge⸗ ſetzt, war, daß ſeit langer Zeit ihr Mann in Correſpon⸗ denz mit Barbaroux ſtand, und daß die Briefe des jun⸗ gen Mannes regelmäßig, pünktlich, voll Vernunft an⸗ kamen. Sie hatte weder nach dem Alter, noch nach dem äußeren Anſehen dieſes ernſten Correſpondenten gefragt: es war für ſie ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem durch das Denken kahl gewordenen Schädel, mit einer durch die Nachtwachen gerunzelten Stirne. 350 Sie kam dem Traume entgegen, den ſie gemacht, und fand einen fünfundzwanzigjährigen jungen Mann, heiter, lachluſtig, leicht, die Frauen liebend: dieſe ganze reiche, glühende Generation, welche im Jahre 92 blühte, um im Jahre 93 gemäht zu werden, liebte die Frauen. In dieſem Kopfe, der ſo leichtfertig zu ſein ſchien, und den Madame Roland zu ſchön fand, bildete ſich vielleicht der erſte Gedanke des 10. Auguſt. Der Sturm war in der Luft; die wüthenden Wol⸗ — liefen von Norden nach Süden, von Weſten nach ſten. Barbaronx gab ihnen eine Richtung; er häufte ſie auf dem Schieferdache der Tuilerien auf. Als noch Niemand einen feſten Plan hatte, ſchrieb er an Rebecqui:„Schicke mir fünfhundert Männer, welche zu ſterben wiſſen.“ Ah! der wahre König von Frankreich, das war die⸗ ſer König der Revolution, welcher ſchrieb, man ſolle ihm fünfhundert Mann ſchicken, die zu ſterben wüßten, und dem man eben ſo einfach, als er ſie verlangt hatte, die⸗ ſelben zuſchickte. Rebecqui hatte ſie ſelbſt ausgewählt, unter der fran⸗ zöſiſchen Partei von Avignon rekrutirt. Sie ſchlugen ſich ſeit zwei Jahren; ſie haßten ſeit zehn Generationen. Sie hatten ſich in Toulouſe, in Nimes; in Arles geſchlagen; ſie hatten ſich ans Blut gewöhnt; von Stra⸗ pazen ſprachen ſie nicht einmal. Am beſtimmten Tage hatten ſie, wie eine einfache Etape, den Marſch von zweihundertundzwanzig Meilen unternommen. Warnm nicht? Das waren rauhe Seeleute, harte Bauern; Geſichter durch den Sirocco Africas, oder durch den Miſtral des Ventoux verbrannt, Hände geſchwärzt den Theer unempfindlich gemacht durch die vbeit. 351 Ueberall, wo ſie vorüberkamen, nannte man ſie Räuber. Bei einem Halte, den ſie bei Orgon machten, er⸗ hielten ſie,— Worte und Muſik,— die Hymne von Ronget de 1 Jsle. Barbaroux ſchickte ihnen dieſe Wegzehrung, damit ihnen der Marſch minder lang ſcheine. Einer von ihnen entzifferte die Muſik und ſang die Worte; dann wiederholten Alle mit einem ungehenren Schrei den furchtbaren Geſang, der noch viel furchtbarer, als es Rouget de lIsle ſelbſt geträumt hatte. Durch den Mund der Marſeiller gehend, hatte ſein Geſang den Charakter geändert, wie die Worte den Ausdruck. Das war nicht mehr ein Geſang der Verbrüderung: es war ein Geſang der Vernichtung und des Todes; es war die Marſeillaiſe, das heißt die weithin ſchallende Hymne, die uns im Schvoße unſerer Mütter beben ge⸗ macht hat. Die kleine Bande von Marſeillern erſchreckte, durch Städte und Dörfer ziehend, Frankreich durch den Eifer, mit dem ſie dieſes neue, noch unbekannte Lied ſang. Als er ſie in Montereau wußte, lief Barbaroux zu Santerre, um ihn davon zu unterrichten. Santerre verſprach ihm, die Marſeiller in Charenton mit vierzigtauſend Mann zu empfangen. Man vernehme, was Barbaroux mit den vierzig⸗ tauſend Mann von Santerre und ſeinen fünfhundert Marſeillern zu thun gedachte: Die Marſeiller an die Spitze ſtellen, mit einem An⸗ laufe das Stadthaus und die Nationalverſammlung über⸗ wältigen, über die Tuilerien hingehen, wie man am 14. Juli 1789 über die Baſtille hingegangen war, und auf den Ruinen des florentiniſchen Palaſtes die Republik proclamiren. 352 Barbaroux und Rebecqui erwarteten in Charenton Santerre mit ſeinen viertanſend Mann. 6 Santerre kam mit zweihundert Mann! Vielleicht wollte er den Marſeillern, das heißt Fun den, den Ruhm eines ſolchen Handſtreichs nicht laſſen. Die kleine Bande mit den glühenden Augen, mit den ſchwarzbraunen Geſichtern, mit den ſcharfen Worten durchzog ganz Paris vom Jardin du Roi bis zu den Champs⸗Elyſées, beſtändig die Marſeillaiſe ſingend. Warum ſollten wir ſie anders nennen, als man nannte? Die Marſeiller ſollten auf den Champs⸗ Ciyſee lagern, wo man ihnen am andern Tage ein Bankett zu geben gedachte. Das Bankett fand in der That ſtatt; doch zwiſchen den Champs⸗Elyſées und dem Pont Tournant, ein paar Schritte vom Gaſtmahle, waren die Grenadierbataillons der Section der Filles⸗Saint⸗Thomas aufgeſtellt. Das war eine royaliſtiſche Garde, welche das Schloß dahin als einen Wall zwiſchen den Ankömmlingen und ihm geſtellt hatte. Marſeiller und Grenadiere der Filles⸗Saint⸗Thomas rochen ſich gegenſeitig den Feind an. Man wechſelte zu⸗ erſt Schmähungen, dann Streiche; beim erſten Blute, das floß, riefen die Marſeiller zu den Waffen, ſprangen zu ihren in Pyramiden aufgeſtellten Gewehren und grif⸗ fen mit dem Bajonnet an. Die Pariſer Grenadiere wurden durch dieſen erſten Anfall über den Haufen geworfen; zum Glücke hatten ſie die Tuilerien und ihre Gitter hinter ſich: der Pont Tour⸗ nant beſchützte ihre Flucht und erhob ſich wieder vor ihren Feinden. Die Flüchtlinge fanden ein Aſyl in den Gemächern des Königs. Die Tradition behauptet, ein Verwunde⸗ ter ſei mit eigenen Händen von der Königin gepflegt worden. —„— Se — 353 Die Föderirten, Marſeiller, Bretagner und Dau⸗ 6 vhinéer, waren ihrer fünftauſend; dieſe fnftauſend Mann deten eine Macht, nicht durch die Zahl, ſondern durch ven Glauben. Der Geiſt der Revolution war in ihnen. Am 17. Juli hatten ſie eine Adreſſe an die Natio⸗ it nalverſammlung abgeſandt. en„Ihr habt das Vaterland in Gefahr erklärt,“ ſagten e ſie;„bringt Ihr es aber nicht ſelbſt dadurch in Gefahr, d. daß Ihr die Strafloſigkeit der Verräther verlängert? ie WVerfolgt Lafayette, ſuspendirt die executive Ge⸗ walt, ſetzt die Directoren der Departements ab, ſtellt e— die richterliche Gewalt wieder her.“ zu Am 3. Auguſt iſt es Pöétion ſelbſt, der daſſelbe Verlangen ſtellt, Pétion, der mit ſeiner eiſigen Stimme n den Aufruf zu den Waffen fordert. r Allerdings hat er hinter ſich zwei Doggen, die ihn 8 in die Beine beißen: Danton und Sergent. 2„Die Commune,“ ſagt Pétion,„denuncirt Euch ie ereentive Gewalt. Um die Uebel Frankreichs d zu heilen, muß man ſie an threr Quelle angreifen, und man darf keinen Augenblick verlieren. Wir hätten nur 8 die momentane Suspenſion von Ludwig XWI. zu ver⸗ u⸗ langen gewünſcht: die Conſtitution widerſetzt ſich dieſem; e, er ruft unabläßlich die Conſtitutivn an: wir rufen ſie en unſererſeits auch an, und wir verlangen die Ab⸗ f⸗ ſetzung.“ Höret Ihr den König von Paris, der den König en von Frankreich denuucirt, den König des Stadthauſes, ie der dem König der Tuilerien den Krieg erkärt? r⸗ Die Nationalverſammlung wich vor der entſetzlichen or Maßregel zurück, die man bei ihr beantragte. Die Abſetzungsfrage wurde auf den 9. Auguſt ver⸗ n ſchoben. ⸗ Am 8. Anguſt erklärte die Nationalverſammlung⸗ gt Die Gräfin von Charny. VI. 23 es ſei kein Grund zur Anklage gegen Lafayette vor⸗ handen. Die Nationalverſammlung wich zurück. Was würde ſie am andern Tage in Betreff der Ab⸗ ſetzung beſchließen? Würde ſie ſich auch in Oppoſition mit dem Volke ſtellen? Sie nehme ſich in Acht! Weiß ſie nicht, was vor⸗ geht, die Unkluge? Am 3. Auguſt,— an demſelben Tage, wo Pétion die Abſetzung verlangt hat,— wird der Faubourg Saint⸗ Marceau müde, Hungers zu ſterben bei dieſem Kampfe, der weder der Friede, noch der Krieg iſt: er ſchickt Ab⸗ geordnete an die Section der Quinze⸗Vingt und läßt ſeine Brüder vom Faubourg⸗Saint⸗Antoine fragen: „Wenn wir gegen die Tuilerien marſchiren, mar⸗ ſchirt Ihr mit uns?“ „Wir marſchiren,“ antworteten dieſe. Am 4. Auguſt verdammt die Nationalverſammlung die aufrühreriſche Proclamation der Section Mauconſeii. Am 5. weigert ſich die Commune, das Decret be⸗ kaunt zu machen. Es iſt nicht genug, daß der König von Paris dem König von Frankreich den Krieg erklärt; nun ſetzt ſich die Commune in Oppoſition mit der RNationalver⸗ ſammlung! Alle dieſe Oppoſitionsgerüchte kommen den Marſeillern zu; die Marſeiller hatten Gewehre, doch ſie hatten keine Patronen. Sie verlangten mit gewaltigem Geſchrei Patronen: man gab ihnen keine. Am 4. Auguſt, Abends, eine Stunde, nachdem ſich das Gerücht verbreitet, die Nationalverſammlung habe die aufrühreriſche Proclamation der Section Mauconſeil verdammt, begeben ſich zwei junge Marſeiller nach der Mairie. Es ſind auf dem Bureau nur zwei Municipalbe⸗ ———— amte: Sergent, der Mann von Danton; Panis, der Mann von Robespierre. „Was wollen Sie?“ fragen die zwei Beamten. „Patronen!“ antworten die beiden jungen Leute. „Es iſt ausdrücklich verboten, abzugeben,“ ſagt Panis. „Verboten, Patronen abzugeben?“ verſetzt Einer der Marſeiller;„die Stunde des Kampfes naht aber heran, und wir haben nichts, um ihn auszuhalten!“ „Man hat uns alſo nach Paris kommen laſſen, um uns zu ermorden?“ ruft der Andere. Der Erſte zieht eine Piſtole aus der Taſche. Sergent lächelt. „Drohungen, junger Mann?“ ſpricht er;„nicht mit Drohungen ſchüchtern Sie zwei Mitglieder der Com⸗ mune ein!“ „Wer ſpricht von Drohungen und Einſchüchterun⸗ gen?“ erwiedert der junge Maun;„dieſe Piſtole iſt nicht für Sie: ſie iſt für mich!“ Und er hält das Gewehr an ſeine Stirne und ruft: „Pulver! Patronen! oder ſo wahr ich ein Marſeiller bin, ich zerſchmettere mir die Hirnſchale!“ Sergent hatte eine Künſtlereinbildungskraft, ein Franzoſenherz: er fühlte, daß der Schrei, den der junge Mann ausgeſtoßen, der Schrei Frankreichs war. „Panis,“ ſagte er,„nehmen wir uns in Acht! tödtet ſich dieſer junge Mann, ſo wird ſein Blut auf uns zurückfallen!“ „Geben wir aber Patronen ab, ſo ſpielen wir um unſern Kopf.“ „Gleichviel! ich glanbe, die Stunde, um unſern Kopf zu ſpielen, iſt gekommen. In jedem Falle Jeder für ſich; ich ſpiele um den meinigen und überlaſſe es Dir, ob Du um den Deinigen nicht ſpielen willſt.“ Und er nahm ein Papier, ſchrieb den Befehl, den Marſeillern Patronen abzugeben, und unterzeichnete. 356 „Gib!“ ſagte Panis, als Sergent geendigt hatte. Und er unterzeichnete nach Sergent. Man konnte fortan ruhig ſein: ſobald die Marſeiller Patronen hatten, würden ſie ſich nicht ermorden laſſen. Nachdem die Marſeiller bewaffnet ſind, empfängt die Nationalverſammlung eine donnernde Adreſſe, die ſie an dieſelbe richten; ſie empfängt ſie nicht nur, ſondern ſie läßt ſogar die Petitionäre zur Ehre der Sitzung zu. Sie hat gewaltig Angſt, die Nationalverſammlung, dergeſtalt Angſt, daß ſie berathſchlagt, ob ſie ſich nicht nach der Provinz zurückziehen ſoll. Vergniaud allein hält ſie davon ab. Und, mein Gott! warum? Wer wird ſagen, nicht um bei der ſchö⸗ nen Candeille zu bleiben, habe Vergniaud in Paris blei⸗ ben wollen? Uebrigens gleichviel! „In Paris,“ ſpricht Vergniand,„muß man den Sieg der Freiheit ſichern, oder mit ihr untergehen! Veriaſſen wir Paris, ſo kann es nur ſein, wie Themi⸗ ſtokles, mit allen Bürgern, indem wir nichts als Aſche zurücktaſſen, und bloß einen Augenblick vor dem Feinde fliehen, um ihm ein Grab zu graben!“, Alle Welt iſt alſo im Zweifel, alle Welt zaudert, Jeder fühlt die Erde unter ſich zittern und vefürchtet, ſie werde ſich unter ſeinen Schritten öffnen. Am 4. Auguſt,— am Tage, wo die Nativnalver⸗ ſammlung die Proclamation der Section Mauconſeil verdammt, an dem Tage, wo die zwei Marſeiller durch Panis und Sergent Patronen an ihre fünfhundert Lands⸗ leute austheilen laſſen,— an demſelben Tage fand eine Verſammlung im Cadran⸗Bleu auf dem Boulevard du Temple ſtatt; Camille Desmoulins war für ſeine Rech⸗ nung und für die von Danton da; Carra führte die Feder und entwarf den Inſurrectionsplan. Nachdem der Plan entworfen war, begab man ſich zu dem Exconſtituanten Antvine, der in der Rue Saint⸗ 357 Honors beim Schreiner Duplay, in demſelben Hauſe wie Robespierre, wohnte. Robespierre war nicht bei Allem dem; als Frau Duplay dieſe ganze Bande von Ruheſtörern ſich bei Antvine feſtſetzen ſah, ſtieg ſie raſch in das Zimmer hinauf, wo ſie verſammelt waren, und rief in ihrem Schrecken: „Aber, Herr Antoine, Sie wollen alſo Herrn Ro⸗ bespierre ermorden laſſen?“ „Es handelt ſich wohl um Robespierre!“ antwortete der Exconſtituant.„Gott ſei Dank! Niemand denkt an ihn; hat er Angſt, ſo mag er ſich verbergen!“ Uum Mitternacht wurde der von Carra geſchriebene Plan an Santerre und Alexandre, die zwei Comman⸗ danten der Vorſtadt, geſchickt. Alexandre wäre marſchirt; doch Santerre antwor⸗ tete, die Vorſtadt ſei nicht bereit. Santerre hielt das der Königin am 20. Juni ge⸗ gebene Wort. Am 10. Auguſt marſchirte er nur, als er es nicht anders machen konnte. Der Aufſtand wurde verſchoben. Autvine hatte geſagt, man denke nicht an Robes⸗ pierre: er täuſchte ſich. Die Geiſter waren ſo ſehr beunruhigt, daß man den Gedanken hatte, ihn zum Hebel einer Bewegung zu machen, ihn, dieſen Mittelpunkt der Unbeweglichkeit! Und wer hatte dieſen Gedanken? Barbaroux! Er war faſt verzweifelt, dieſer kühne Marſeiller; er war ganz nahe daran, Paris zu verlaſſen, nach Mar⸗ ſeille zurückzukehren. Man höre Madame Roland. „Wir rechneten wenig auf die Vertheidigung des Norden; wir prüften, mit Servan und Barbarvux, die Chancen, die Freiheit im Süden zu retten und dort eine Republik zu gründen; wir nahmen Landkarten und zogen Demarcationslinien.„„Glückt es unſern Mar⸗ 358 ſeillern nicht, ſo wird dies unſere Hülfsquelle ſein,““ ſagte Barbaroux.“ Nun wohl, Barbaroux glaubte eine andere Hülfs⸗ quelle gefunden zu haben: das Genie von Robespierre. Oder vielleicht wollte Robespierre wiſſen, woran Barbaroux war. ie Marſeiller hatten ihre Kaſerne verlaſſen, welche zu weit entfernt, um zu den Cordeliers zu kommen. Bei den Cordeliers waren die Marſeiller bei Danton. Sie würden alſo im Falle einer inſurrectionellen Bewegung von Danton ausgehen, dieſe erſchrecklichen Marſeiller! Und glückte die Bewegung, ſo würde Dan⸗ ton die ganze Ehre davon haben. Barbaroux hatte Robespierre zu ſehen verlangt. Robespierre hatte den Anſchein, als gäbe er ſeinem Wunſche nach: er ließ Barbaroux und Rebecqui ſagen, er erwarte ſie bei ſich. Robespierre wohnte, wie geſagt, beim Schreiner Duplay. Der Zufall hatte ihn, wie man ſich erinnert, am Tage des Zuſammenſtoßes auf dem Marsfelde dahin eführt. Robespierre betrachtete dieſen Zufall als einen Se⸗ gen des Himmels, nicht allein, weil ihn für den Augen⸗ blick dieſe Gaſftfreundſchaft von einer drohenden Gefahr rettete, ſondern auch weil ſie ganz natürlich die Inſteni⸗ rung ſeiner Zukunft bildete. Für einen Mann, der den Titel: der Unbeſtechliche, verdienen wollte, war dies gerade die Wohnnng, die er brauchte. Robespierre war jedoch nicht ſogleich hier eingezo⸗ gen: er hatte eine Reiſe nach Arras gemacht; von dort hatte er ſeine Schweſter Mademoiſelle Charlotte von Robespierre mitgebracht, und er wohnte in der Rue Saint⸗ Florentin mit dieſer magern, dürren Perſon, der ich acht⸗ „ — 6 — 359 unddreißig Jahre ſpäter vorgeſtellt zu werden die Ehre gehabt habe. Er wurde krank. Frau Duplay, welche für Robespierre ſchwärmte, erfuhr dieſe Krankheit, machte Mademviſelle Charlotte Vorwürfe, daß ſie ſie nicht von der Krankheit ihres Bruders unterrichtet, und verlangte, daß der Kranke zu ihr gebracht werde. Robespierre ließ gewähren; ſein Wunſch, da er von den Duplay als Gaſt eines Angenblicks wegging, war geweſen, als Miethsmann zu ihnen zurückzukehren. Frau Duplay ging alſo ganz in ſeine Combinatio⸗ nen ein. Sie hatte auch von der Ehre geträumt, den Unbe⸗ ſtechlichen zu beherbergen, und ſie ſetzte eine enge, aber reinliche Manſarde in Bereitſchaft, wohin ſie die beſten und ſchönſten Meubles ihres Hauſes bringen ließ, um einem reizenden, blau und weißen Bette Geſellſchaft zu leiſten, einem Bette voll Coquetterie, wie es ſich für einen Mann geziemte, der ſich im Alter von ſiebenund⸗ zwanzig Jahren eine Roſe in der Hand haltend hatte malen laſſen. ⸗ In dieſer Manſarde ließ Frau Duplay durch den Geſellen ihres Mannes neue Fächer von Tannenholz anbringen, um Bücher und Papiere darauf zu legen. Die Bücher waren nicht zahlreich: die Werke von Racine und von Jean-Jacques Rouſſean bildeten die ganze Bibliothek des ſtrengen Jacobiners; außer dieſen zwei Schriftſtellern las Robespierre kaum etwas Anderes, als Robespierre. Alle andere Fächer waren auch beladen mit ſeinen Denkwürdigkeiten als Advokat und ſeinen Reden als Tribun. Was die Wände betrifft, ſie waren bedeckt mit allen Portraits, welche die fanatiſche Frau Duplay vom groſ⸗ ſen Manne hatte finden können; wie Robespierre nur die 360 Hand auszuſtrecken brauchte, um Robespierre zu leſen, ſo ſah Robespierre, auf welche Seite er ſich drehte, nur Robespierre. In dieſes Allerheiligſte, in dieſes Tabernakel führte man Barbaronx und Rebecqui ein. Die mitſpielenden Perſonen der Scene ausgenom⸗ men, vermöchte Niemand zu ſagen, mit welcher weit⸗ ſchweifigen Adreſſe Robespierre die Unterredung in An⸗ griff nahm; er ſprach zuerſt von den Marſeillern, von ihrem Patriotismus, von der Furcht, die er hege, ſelbſt die beſten Gefühle übertreiben zu ſehen; dann ſprach er von ſich, von den Dienſten, die er der Revolution ge⸗ leiſtet, von der weiſen Langſamkeit, mit der er den Lauf derſelben geregelt. Doch dieſe Revolution, war es nicht Zeit, daß ſie inne hielt? war es nicht die Stunde, wo alle Parteien ſich vereinigen, den unter Allen volksbeliebten Mann wählen, ihm dieſe Revolution in die Hände legen und ihn beauſtragen mußten, ihre Bewegung zu lenken? Rebecqui ließ ihn nicht weiter gehen. „Ah!“ ſagte er,„ich ſehe Dich kommen, Robes⸗ pierre!“ Robespierre wich zurück, als ob ſich eine Schlange vor ihm erhoben hätte. Da ſtand Rebecqui auf und rief: „Eben ſo wenig einen Dictator, als einen König! Komm, Barbaroux!“ Und Beide verließen ſogleich die Manſarde des Un⸗ beſtechlichen. Panis, der ſie dahin geführt hatte, folgte ihnen bis auf die Straße. „Ah!“ ſagte er,„Ihr habt die Sache ſchlecht auf⸗ gefaßt, den Gedanken von Robespierre ſchlecht begriffen; es handelte ſich ganz einfach um eine momentane Auto⸗ rität, und verfolgte man dieſen Gedanken, ſo wäre gewiß Keiner mehr als Robespierre...“ 361 Barbaronx unterbrach ihn aber und wiederholte die Worte ſeines Freundes: „Eben ſo wenig einen Dietator, als einen König!“ Dann entfernte er ſich mit Rebecqui. CXLII. warum die Königin nicht hatte fliehen wollen. Eines beruhigte die Tuilerien: es war dies gerade das, was die Revolutionäre erſchreckte. In Vertheidigungsſtand geſetzt, waren die Tuilerien eine Feſtung mit einer furchtbaren Garniſon geworden. An dem berufenen Tage des 10. Auguſt, an dem man ſo viele Dinge gethan hat, iſt das Königthum für ſeinen Theil nicht unthätig geblieben. In der Nacht vom 4. auf den 5. Auguſt hat man in der Stille von Courberoie nach den Tullerien die Schweizer⸗Bataillons kommen laſſen. Nur einige Compagnien ſind zertheilt und nach Gaillon geſchickt worden, wohin der König ſich vielleicht flüchten wird. Drei ſichere Männer, drei erprobte Chefs ſind bei der Königin: Maillardot mit ſeinen Schweizern; d'Her⸗ villy mit ſeinen St. Ludwigs⸗Rittern und ſeiner conſti⸗ tutionellen Garde; Mandat, Obercommandant der Na⸗ tionalgarde, der zwanzigtauſend entſchloſſene und ergebene ſtreitbare Männer verſpricht. Am 8. Abends kam ein Mann in das Innere des Schloſſes. 362 Alle Welt kannte dieſen Mann: er gelangte alſo ohne Schwierigkeit bis in die Wohnung der Königin. Man meldete den Doctor Gilbert. „Laſſen Sie ihn eintreten,“ ſagte die Königin mit einer fieberhaften Stimme. Gilbert trat ein. „Ah! kommen Sie, kommen Sie, Doctor! Ich bin glücklich, Sie zu ſehen.“ Gilbert ſchlug die Augen zu ihr auf; es war in der ganzen Perſon von Marie Antoinette etwas Freudiges, Zufriedenes, was ihn ſchauern machte. Er hätte die Königin lieber bleich und niederge⸗ ſchlagen geſehen, als fieberhaft und aufgeregt, wie ſie war. „Madame,“ ſagte er zu ihr,„ich befürchte, zu ſpät und in einem ſchlimmen Augenblicke zu kommen.“ „Im Gegentheil, Doctor,“ erwiederte die Königin mit einem Lächeln,— ein Ausdruck, den ihr Mund faſt verlernt hatte,„Sie erſcheinen zu rechter Zeit, und Sie ſind willkommen! Sie ſollen etwas ſehen, was ich Ihnen längſt gern gezeigt hätte: einen König, der wahr⸗ haft König!“ „Madame,“ entgegnete Gilbert,„ich befürchte, Sie täuſchen ſich ſelbſt, und Sie zeigen mir eher einen Platz⸗ commandanten, als einen König.“ „Herr Gilbert, es iſt möglich, daß wir uns ebenſo wenig über den ſymboliſchen Charakter des Königthums, als über ſo viele andere Dinge verſtehen. Für mich iſt ein König nicht nur ein Mann, der ſagt:„„Ich will nicht!““ Es iſt beſonders ein Mann, welcher ſpricht: „„Ich will]““ Die Königin ſpielte auf das bekannte Veto an, das die Lage der Dinge zu dem extremen Punkte ge⸗ führt hatte, wo man ſich nunmehr befand.. „Ja, Madame,“ erwiederte Gilbert,„und für Eure 363 Majeſtät iſt ein König beſonders ein Mann, der ſich rächt.“ „Der ſich vertheidigt, Herr Gilbert! denn Sie wiſ⸗ ſen, wir ſind öffentlich bedroht; man ſoll uns mit be⸗ waffneter Hand angreifen. Es ſind, wie man verſichert, fünfhundert Marſeiller, angeführt von einem gewiſſen Barbaronx, da, welche auf den Trümmern der Baſtille geſchworen, ſie werden nicht eher nach Marſeille zurück⸗ als bis ſie auf denen der Tuilerien gelagert aben.“ „Ich habe das wirklich ſagen hören.“ „Und das hat Sie nicht lachen gemacht, mein Herr?“ „Das hat mich für den König und für Sie, Ma⸗ dame, erſchreckt.“ „So daß Sie kommen und uns vorſchlagen, wir mögen abdanken und uns auf Gnade und Ungnade in Hände von Herrn Barbaroux und ſeinen Marſeillern eben?“ „Oh! Madame, wenn der König abdanken und durch das Opfer ſeiner Krone ſein Leben, das Ihre, das Ihrer Kinder ſichern könnte!“ „Sie würden ihm hiezu rathen, nicht wahr, Herr Gilbert?“ „Ja, Madame, und ich würde mich ihm zu Füßen werfen, daß er meinen Rath befolge!“ „Herr Gilbert, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie nicht feſt in Ihren Meinungen ſind.“ „Ei! Madame, meine Meinung iſt immer dieſelbe... Meinem König und meinem Vaterlande ergeben, hätte ich den Einklang des Königs und der Conſtitution zu ſehen gewünſcht; von dieſem Wunſche und von meinen ſucceſſiven Tänſchungen rühren die verſchiedenen Rath⸗ ſchläge her, die ich Eurer Majeſtät zu geben die Ehre gehabt habe.“ „Und was für einen Rath geben Sie uns in dieſem Augenblicke, Herr Gilbert?“ 364 „Nie iſt es mehr in Ihrer Macht gelegen, ihn zu befolgen, Madame, als in dieſem Momente.“ „So laſſen Sie hören.“ „Ich gebe Ihnen den Rath, zu fliehen.“ „Zu fliehen?“ „Ah! Sie wiſſen wohl, daß dies möglich iſt, Ma⸗ dame, und daß Ihnen nie eine ſolche Leichtigkeit hiezu geboten war.“ „Wie ſo?“ „Sie haben ungefähr dreitauſend Mann im Schloſſe.“ „Faſt fünftauſend,“ verſetzte die Königin mit einem Lächeln der Zufriedenheit,„und das Doppelte auf das erſte Zeichen, das wir machen werden.“ „Sie brauchen kein Zeichen zu machen, das aufge⸗ fangen werden kann; Ihre fünftauſend Mann werden genügen.“ „Nun wohl, Herr Gilbert, was müſſen wir nach Ihrer Anſicht mit unſern fünftauſend Mann thun?“ „Sich mit dem König und Ihren erhabenen Kindern in ihre Mitte ſtellen; die Tuilerien in dem Augenblicke verlaſſen, wo man es am wenigſten erwartet; zwei Mei⸗ len von hier zu Pferde ſteigen, Gaillon und die Nor⸗ mandie erreichen, wo man Ihnen entgegenharrt.“ „Das heißt, mich den Händen von Herrn von Lafay⸗ ette anvertrauen.“ „Dieſer hat Ihnen wenigſtens bewieſen, doß er er⸗ geben war.“ „Nein, mein Herr, nein! Mit meinen fünftanſend Mann und den fünftauſend, die auf dos erſte Zeichen, das wir machen, herbeieilen können, will ich lieber etwas Anderes verſuchen.“ „Was werden Sie verſuchen?“ „Die Empörung einmal für allemal zu erdrücken.“ „Ah! Madame, Madame! wie ſehr hatte er Recht, als er mir ſagte, Sie ſeien verurtheilt!“ „Wer dies, mein Herr?“ — 365 „Ein Mann, deſſen Namen ich Ihnen nicht wieder⸗ holen will; ein Mann, der ſchon dreimal mit Ihnen ge⸗ ſprochen hat.“ „Stille!“ ſagte die Königin erbleichend;„man wird bemüht ſein, ihn zum Lügner zu machen, den ſchlechten Propheten.“ „Madame, ich befürchte, Sie verblenden ſich.“ „Sie ſind alſo der Meinung, ſie werden es wagen, uns anzugreifen?“ „Der öffentliche Geiſt wendet ſich dahin.“ „Und man glaubt, man werde hier eindringen, wie am 20. Juli?“ „Die Tuilerien ſind kein feſter Platz.“ „Nein; und dennoch, wenn Sie mit mir kommen wollen, Herr Gilbert, werde ich Ihnen zeigen, daß ſie ſich eine Zeit lang halten können.“ „Es iſt meine Pflicht, Ihnen zu folgen,“ ſprach Gil⸗ bert ſich verbengend. „So kommen Sie!“ ſagte die Königin. Und ſie führte Gilbert an das Fenſter in der Mitte, an das, welches auf den Carrouſel⸗Plaß geht, und von wo aus man, nicht den ungehenren Hof, der ſich heute an der ganzen Facade des Palaſtes erſtreckt, ſondern die drei kleinen mit Mauern geſchloſſenen Höfe überſchaute, welche damals exiſtirten, und die der vom Pavillon de Flore der Prinzen⸗Hof, der von der Mitte der Tuilerien⸗Hof, und der, welcher in unſern Tagen an die Rue de Rivoli gränzt, der Schweizer Hof hießen. „Sehen Sie!“ ſprach Marie Antoinette. Gilbert bemerkte in der That, daß die Mauern von ſchmalen Oeffnungen durchbrochen waren und der Gar⸗ niſon einen erſten Wall bieten konuten, durch deſſen Schieß⸗ ſcharten ſie auf das Volk feuern würde. Wäre dieſer erſte Wall forcirt, ſo würde ſich die Garniſon nicht nur in die Tuilerien, von denen jedes Thor einen Hof vor ſich hatte, ſondern auch in die Sei⸗ 366 tengebände zurückziehen; ſo daß die Patrioten, die ſich in die Höfe wagen würden, zwiſchen drei Feuer geſtellt wären. „Was ſagen Sie hiezu, mein Herr?“ fragte die Königin.„Rathen Sie Herrn Barbaroux und ſeinen fünfhundert Marſeillern immer noch, ſich in ihr Unter⸗ nehmen einzulaſſen?“ „Könnte mein Rath von ſo fanatiſirten Leuten, wie ſie ſind, gehört werden, ſo würde ich bei ihnen, einen Schritt thun dem ähnlich, welchen ich bei Eurer Ma⸗ jeſtät thue. Ich ermahne Sie, den Angriff nicht ab⸗ ich würde dieſe Leute ermahnen, nicht anzu⸗ greifen.“ „Und wahrſcheinlich würden ſie in ihrem Unterneh⸗ men fortfahren?“ „Wie Sie bei Ihrem Plane beharren werden. Ach! das iſt das Unglück der Menſchheit, daß ſie unabläßig Rathſchläge verkangt, um ſie nicht zu befolgen.“ „Herr Gilbert,“ entgegnete lächelnd die Königin, „Sie vergeſſen, daß der Rath, den Sie uns zu geben die Güte haben, nicht erbeten worden iſt.“ „Das iſt wahr, Madame,“ erwiederte Gilbert, in⸗ dem er einen Schritt rückwärts machte. „Weshalb wir Ihnen nur um ſo dankbarer ſind,“ fügte die Königin, dem Doctor die Hand reichend, bei. Ein bleiches Lächeln des Zweifels ſchwebte über die Lippen von Gilbert. In dieſem Augenblicke wurden Wagen beladen mit ſchweren Bohlen öffentlich in die Höfe der Tuilerien eingeführt, wo ſie Männer erwarteten, in denen man unter ihren bürgerlichen Kleidern Militäre erkannte. Dieſe Männer ließen die Bohlen ſechs Fuß lang und drei Zoll dick ſägen. 5 „Wiſſen Sie, was für Leute das ſind?“ fragte die Königin. „Ingenieurs, wie es ſcheint,“ antwortete Gilbert. — 367 „Ja, mein Herr, und wie Sie ſehen, ſchicken ſie ſich an, die Fenſter zu blenden,*) wobei ſie nur Schieß⸗ ſcharten, um zu feuern, reſerviren.“ Gilbert ſchaute die Königin traurig an. „Was haben Sie, mein Herr?“ fragte Marie An⸗ tvinette. „Oh! Madame, ich beklage Sie aufrichtig, daß Sie Ihr Gedächtniß genöthigt haben, dieſe Namen zu behal⸗ ten, und Ihren Mund, ſie auszuſprechen.“ „Was wollen Sie, mein Herr?“ erwiederte die Kö⸗ nigin;„es gibt Umſtände, wo ſich die Frauen zu Män⸗ nern machen müſſen: das iſt, wenn die Männer...“ Die Königin hielt inne. ⸗ „Doch,“ ſprach ſie, nicht ihren Satz, ſondern ihren Gedanken vollendend,„doch diesmal iſt der König ent⸗ ſchloſſen.“ „Madame,“ verſetzte Gilbert,„ſobald Sie zu der entſetzlichen Extremität entſchloſſen ſind, aus der ich Sie Ihren Sicherheitshafen machen ſehe, hoffe ich, daß Sie alle Zugänge des Palaſtes in Vertheidigungsſtand ge⸗ ſetzt haben: ſo, zum Beiſpiel, die Gallerie des Louvre.“ „In der That, Sie mahnen mich hieran... Kom⸗ men Sie mit mir, mein Herr, ich will mich verſichern, ob man den BVefehl vollzieht, den ich gegeben habe.“ Und die Königin führte Gilbert durch die Gemächer bis zur Thüre des Pavillon de Flore, der auf die Ge⸗ mäldegallerie geht. Als die Thüre geöffnet war, ſah Gilbert Arbeiter beſchäftigt, die Gallerie auf eine Breite von zwanzig Fuß zu durchſchneiden. „Sie ſehen,“ ſagte die Königin. Sodann ſich an den Officier wendend, der die Ar⸗ beit leitete: *) Die Frauzoſen haben hiefür das offenbar vom Deut⸗ ſchen entlehnte Wort blinder. „Nun, Herr dHervilly?“ „Madame, die Rebellen mögen uns vierundzwanzig Stunden laſſen, und wir werden im Stande ſein.“ „Glauben Sie, daß ſie uns vierundzwanzig Stun⸗ den laſſen werden?“ fragte die Königin den Doctor. „Wenn etwas geſchieht, Madame, ſo wird es am 10. Auguſt ſein.“ „Am 10.2 Ein Freitag? Ein ſchlimmer Tag für einen Auſſtand, mein Herr! Ich glaubte, die Rebellen wären ſo geſcheit geweſen, einen Sonntag zu wählen!“ Und ſie ſchritt Gilbert voran. Als man die Gallerie verließ, traf man einen Mann in Generalsuniform. „Nun, Herr Mandat,“ fragte die Königin,„ſind Ihre Anordnungen getroffen?“ „Ja, Madame,“ antwortete der General Comman⸗ dant, während er Gilbert mit Unruhe anſchaute. „Oh! Sie können vor dieſem Herrn ſprechen,“ ver⸗ ſetzte die Königin;„der Herr iſt ein Freund.“ Und ſich an Gilbert wendend: „Nicht wahr, Doctor?“ „Ja, Madame, und einer Ihrer Ergebenſten,“ er⸗ wiederte Gilbert. „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſagte Mandat... „Ein Corps Nationalgarde, das beim Stadthauſe aufge⸗ ſtellt iſt, ein anderes auf dem Pont⸗Neuf werden die Aufrührer vorüberziehen laſſen, und während Herr d'Her⸗ villy und ſeine Edelleute, Herr Maillardot und ſeine Schweizer ſie von vorne empfangen, werden Jene ihnen den Rückzug abſchneiden und ſie von hinten zermalmen.“ „Sie ſehen, mein Herr,“ ſprach die Königin,„Ihr 10. Auguſt wird kein 20. Juni ſein.“ „Ach! Madame,“ verſetzte Gilbert,„ich befürchte es in der That!“ „Für uns? für uns?“ fragte dringlich die Königin. „ 369 g „Madame,“ erwiederte Gilbert,„Sie wiſſen, was ich Eurer Mojeſtät geſagt habe. So ſehr ich Varennes beklagte„ „Ja, ebenſo ſehr rathen Sie zu Gaillen!. Ha⸗ ben Sie Zeit, mit mir bis in die unteren Säle hinab⸗ zugehen, Herr Gilbert?“ „Gewiß, Madame.“ „Nun, ſo kommen Sie.“ Die Königin nahm den Weg über eine kleine Wen⸗ deltreppe, welche ſie in das Erdgeſchoß des Schloſſes führte. Das Erdgeſchoß des Schloſſes war ein wahres La⸗ ger, ein Lager befeſtigt und vertheidigt durch die Schwei⸗ zer; alle Fenſter waren ſchon geblendet, wie die Kö⸗ nigin geſagt hatte. Die Königin ging auf den Oberſten zu⸗ „Nun, Herr Maillardot,“ fragte ſie,„was ſagen Sie von Ihren Leuten?“ „Madame, ſie find, wie ich, bereit, für Eure Maje⸗ ſtät zu ſterben.“ Sie werden uns alſo bis aufs Aeußerſte ver⸗ theidigen?“ „Hat das Feuer einmal begonnen, Madame, ſo wird man es nur auf einen Befehl des Königs einſtellen.“ „Sie hören, mein Herr? Anßerhalb des Schloſſes kann Alles feindlich gegen uns geſiunt ſein, doch im Innern iſt uns Alles treu.“ „Das iſt ein Troſt, Madame, es iſt aber keine Sicherheit.“ „Wiſſen Sie, daß Sie ein Unglücksvogel ſind, Doctor?“ „Eure Majeſtät hat mich geführt, wohin ſie wollte; wird ſie mir nun erlanben, ſie in ihre Gemächer zurück⸗ zuführen?“ „Gern, Doctor; doch ich bin müde, geben Sie mir den Arm.“ Die Gräfin von Charny. VI. 24 370 Gilbert verbeugte ſich vor dieſer hohen Gunſt, welche ſo ſelten von der Königin, ſelbſt ihren Vertranteſten, ſeit ihrem Unglücke beſonders, bewilligt wurde. Er führte ſie bis in ihr Schlafzimmer zurück. Hier angelangt ſank Marie Antvinette in ein Fautenil. Gilbert ließ ſich aufein Knie vor ihr nieder und ſprach: „Madame, im Namen Ihres erhabenen Gemahls, im Namen Ihrer theuren Kinder, im Namen Ihrer eige⸗ nen Sicherheit beſchwöre ich Sie zum letzten Male: be⸗ dienen Sie ſich der Kräfte, die Sie um ſich her haben, nicht um zu kämpfen, ſondern um zu fliehen.“ „Mein Herr,“ erwiederte die Königin,„ſeit dem 14. Juli ſtrebe ich danach, den König ſeine Genug⸗ thuung nehmen zuſehen; der Augenblick iſt gekommen, wir glauben es wenigſtens: wir werden das Königthum retten, oder es unter den Trümmern der Tuilerien begraben.“ „Nichts kann Sie von dieſem unſeligen Entſchluſſe abbringen, Madame?“ „Nichts!“ antwortete die Königin. Und zu gleicher Zeit reichte ſie Gilbert die Hand, halb um ihm zu bedeuten, er möge aufſtehen, halb um ſie ihm zum Kuſſe zu bieten. Gilbert küßte ehrerbietig der Königin die Hand, ſtand auf und ſagte: „Madame, wird mir Eure Majeſtät erlanben, ein paar Zeilen zu ſchreiben, die ich für ſo dringlich erachte, daß ich ſie nicht eine Minute verſchieben will?“ „Thun Sie das, mein Herr,“ antwortete die Köni⸗ gin auf einen Tiſch deutend. Gilbert ſetzte ſich und ſchrieb folgende vier Zeilen: Kommen Sie, mein Herr! Die Königin iſt in To⸗ desgefahr, beſtimmt ſie nicht ein Freund, zu fliehen, und ich glaube, daß Sie der einzige Freund ſind, der dieſen Einfluß auf ſie haben kann.“ Dann unterzeichnete er und ſetzie die Adreſſe darauf. 371 „Ohne zu nengierig zu ſein,“ fragte die Königin, „an wen ſchreiben Sie?“ „An Herrn von Charny, Madame,“ antwortete Gilbert. „An Herrn von Charny?“ rief die Königin erhlei⸗ chend und zugleich bebend.„Und warum ſchreiben Sie ihm?“ „Damit er von Eurer Majeſtät verlange, was ich nicht verlangen kann.“ „Herr von Charny iſt zu glücklich, um an ſeine unglücklichen Freunde zu denken: er wird nicht kommen!“ ſagte die Königin. Die Thüre öffnete ſich, ein Huiſſier erſchien und meldete: „Der Herr Graf von Charnv, der in dieſem Augen⸗ blicke ankommt, fragt, ob er Eurer Majeſtät ſeine Ehr⸗ erbietung bezeigen könne?“ Die Königin wurde von blaß, wie ſie war, leichen⸗ bleich; ſie ſtammelte ein paar unverſtändliche Worte. „Er trete ein! er trete ein!“ rief Gilbert:„der Himmel ſchickt ihn!“ Charny erſchien an der Thüre in der Tracht eines Marineofficiers. „Ah! kommen Sie, mein Herr!“ ſagte Gilbert zu ihm;„ich ſchrieb Ihnen.“ Und er übergab ihm den Brief. „Ich habe vernommen, welche Gefahr Ihre Maje⸗ ſtät lief, und ich bin gekommen,“ ſagte Charny ſich verbeugend. „Madame, Madame,“ rief Gilbert,„um des Him⸗ mels willen, bören Sie, was Herr von Charny ſprechen wird: ſeine Stimme wird die Frankreichs ſein.“ Und er verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor der Köni⸗ gin, grüßte den Grafen, und ging, eine letzte Hoffnung mit ſich tragend, ab. r.ee e