Lei vthek dentſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur . vo Ednard Okimann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————.———— auf Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. ² Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Die Königin wurde hiedurch in ihrer erſten Bewe⸗ gung zurückgehalten: ſie hatte Charny entgegeneilen, mit ihrem Taſchentuche das Blut, mit dem er bedeckt war, abwiſchen und ihm einige von jenen tröſtenden Worten ſagen wollen, welche, vom Herzen ausgegangen, zum Herzen gelangen; doch ſie konnte ſich nur von ihrem Stuhle erheben, die Arme gegen ihn ausſtrecken und murmeln: Slvier Er winkte, düſter und ruhig, den anweſenden Fremden und ſagte mit ſanfter, aber feſter Stimme: „Verzeihen Sie, meine Herren, ich muß mit Ihren Majeſtäten ſprechen.“ Die Nationalgarden verſuchten es, zu antworten, ſie ſeien im Gegentheil da, um es zu verhindern, daß der König mit irgend Jemand von außen verkehre. Charny preßte ſeine bleichen Lippen zuſammen, faltete ſeine Stirne, öffnete ſeinen Ueberrock, der, indem er ſcich öffnete, ein Paar Piſtolen ſehen ließ, und wieder⸗ holte mit einer Stimme, welche vielleicht noch ſanfter, als das erſte Mal, aber darum nur um ſo drohender: Die Gräfin von Charny. v. 1 Meine Herren, ich habe ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, ich müſſe mit dem König und mit der Königin allein ſprechen.“ Und zu gleicher Zeit bedeutete er den Fremden durch ein Zeichen mit der Hand, ſie ſollen weggehen. Bei dieſer Stimme und bei dieſer Macht, welche Charny, indem er ſie über ſich ſelbſt übte, über die An⸗ dern übte, erlangten Herr von Damas und die zwei Gardes du corps ihre ganze, einen Angenblick geſunkene Energie wieder, und Nationalgarden und Neugierige vor ſich her treibend, räumten ſie raſch das Zimmer. Da begriff die Königin, von welchem Nutzen ein ſolcher Maun im Wagen des Königs geweſen wäre, hätte die Etiquette nicht gefordert, daß Frau von Tour⸗ zel ſtatt ſeiner darin Platz nahm. Charny ſchaute umher, um ſich zu verſichern, daß für den Angenblick nur treue Diener bei der Königin blieben, näherte ſich ihr dann und ſprach: „Madame, hier bin ich. Ich habe ſiebenzig Hu⸗ ſaren vor dem Thore der Stadt und glaube auf ſie zäh⸗ len zu können. Was beſehlen Sie mir?“ „Ah! vor Allem,“ ſagte die Königin deutſch,„was iſt Ihnen begegnet, mein armer Charny?“ Charny gab der Königin durch ein Zeichen zu ver⸗ ſtehen, Malden ſei da, und er ſpreche Deutſch. „Ach! ach!“ fuhr die Königin in franzöſiſcher Sprache fort,„da wir Sie nicht ſahen, hielten wir Sie für todt.“ „Madame,“ erwiederte Charny mit tiefer Schwer⸗ muth,„leider bin ich es noch nicht, der todt, es iſt mein Bruder Iſidor... Er konnte ſich einer Thräne nicht erwehren. „Aber,“ murmelte er mit leiſet Stimme,„die Reihe wird an mich kommen“ „Charny, Charny!“ ſagte die Königin,„ich frage S— 3 Sie, was Ihnen begegnet ſei, und warum ſie ſo ver⸗ ſchwunden?“ Dann fügte ſie leiſe deutſch bei: „Olivier, Sie haben uns ſehr gefehlt, mir beſonders.“ Charny verbengte ſich und antwortete: „Ich glaubte, mein Bruder habe Eure Majeſtät von der Urſache unterrichten müſſen, welche mich für den Augenblick von ihr entfernt.“ „Ja, ich weiß, Sie verfolgten dieſen Menſchen, dieſen unglücklichen Dronet, und eine Zeit lang haben wir befürchtet, es ſei Ihnen bei dieſer Verfolgung Un⸗ glück widerfahren.“ Es iſt mir in der That großes Unglück widerfah⸗ ren; trotz aller meiner Anſtrengungen konnte ich ihn nicht zeitig genug erreichen! Ein zurückkehrender Poſtil⸗ lon ſagte ihme, der Wagen Eurer Majeſtät, von dem er glaubte, er folge der Straße nach Verdun, habe den Weg nach Varennes genommen. Da warf er ſich in den Wald von Argonne; ich that zwei Piſtolenſchüſſe auf ihn: die Piſtolen waren nicht geladen! Ich hatte mich in Sainte-Menehould im Pferde geirrt und das von Herrn Dandoins ſtatt des meinigen genommen. Was wollen Sie, Madame, ein Verhängniß! Nichts⸗ deſtoweniger habe ich ihn im Walde verfolgt, doch ich kannte die Wege nicht; er kannte ſie bis auf den gering⸗ ſten Fußpfad; dann nahm die Finſterniß jeden Augen⸗ blick zu; ſo lange ich ihn ſehen konnte, habe ich ihn mit dem Geſichte verfolgt, wie man einen Schatten verfolgt; ſo lange ich ihn hören konnte, habe ich ihn nach dem Geräuſche verfolgt; doch das Geräuſch erloſch, wie der Schatten verſchwunden war, und ich fand mich allein, verloren mitten im Walde, verirrt in der Finſterniß.. Oh! Madame, ich bin ein Mann, Sie kennen mich: in dieſem Augenblicke hier.. weine ich nicht! doch mitten in jenem Walde, in jener Finſterniß, habe ich Thränen des Zorns vergoſſen, habe ich Wuthſchreie ausgeſtoßen!“ 4 Die Königin reichte ihm die Hand. Charny verbengte ſich und berührte dieſe zitternde Hand mit dem Ende der Lippen. „Aber Niemand hat mir geantwortet,“ fuhr Charny fort; ich bin die ganze Nacht umhergeirrt, und bei Ta⸗ gesanbruch befand ich mich beim Dorfe Goves, auf der Straße von Varennes nach Dun.... Hatten Sie das Glück gehabt, Dronet zu entkommen, wie er mir ent⸗ kommen? das war möglich; dann hatten Sie Varen⸗ nes paſſirt, und es war unnöthig, daß ich dahin ging. Hatte man Sie in Varennes angehalten? dann war ich allein, und meine Ergebenheit wurde unnütz. Ich be⸗ ſchloß alſo, meinen Weg nach Dun fortzuſetzen. Ein wenig vor der Stadt traf ich Herrn Deslon und hun⸗ dert Huſaren. Herr Deslon war beſorgt, doch er hatte keine Kunde; nur hatte er, mit verhängten Zügeln von Stenny her fliehend, Herrn von Bouillé und Herrn von Raigecvurt vorüberreiten ſehen. Warnm hatten ſie ihm nichts geſagt? Ohne Zweifel mißtrauten ſie ihm; ich aber kannte Herrn Deslon als einen guten und loyalen Edelmann; ich errieth, daß Eure Majeſtät in Varennes angehalten worden war, daß die Herren von Bouillé und von Raigecourt die Flucht ergriffen hatten, und den General benachrichtigen wollten. Ich ſagte Herrn Des⸗ lon Alles, ich beſchwor ihn, mir mit ſeinen Huſaren zu folgen, was er auf der Stelle that, wobei er indeſſen dreißig von ſeinen Leuten zurückließ, um die Brücke über die Maas zu bewachen. Eine Stunde nachher wa⸗ ren wir in Varennes; wir hatten vier Meilen in einer Stunde gemacht! ich wollte unmittelbar den Angriff be⸗ ginnen, Alles niederwerfen, um bis zum König und zu Eurer Majeſtät zu gelangen: wir fanden Barricaden über Barricaden; es verſuchen, ſie zu überſteigen, wäre eine Tollheit geweſen. Da verſuchte ich es, zu parla⸗ mentiren; es zeigte ſich ein Nationalgarde⸗Poſten, ich bat ihn um Erlaubniß, meine Huſaren mit denen ver⸗ 5 einigen zu dürfen, welche in der Stadt waren; dieſe Er⸗ laubniß wurde mir verweigert; ich verlangte, die Befehle des Königs einholen zu dürfen, und da man ohne Zwei⸗ fel im Begriffe war, mir dieſes zweite Geſuch abzuſchla⸗ gen, wie man das erſte abgeſchlagen hatte, ſo gab ich meinem Pferde die Sporen, ſetzte über die erſte Barri⸗ cade, dann öber die zweite... Geleitet von den Ge⸗ räuſchen eilte ich im Galopp hierher, und ich kam auf den Platz in dem Augenblick, wo... Eure Majeſtät, ſich zurückwerfend, den Balcon verließ. Und nun erwarte ich die Befehle Eurer Majeſtät,“ ſchloß Charny. Die Königin drückte Charny abermals die Hand in ihren Händen. Dann wandte ſie ſich gegen den immer in dieſelbe ſtarre Fühlloſigkeit verſunkenen König und fragte ihn: „Sire, Sie haben gehört, was Ihr getreuer Die⸗ ner, Herr von Charny, geſprochen hat?“ Der König antwortete nicht. Da ſtand die Königin auf, ging zu ihm und ſagte: „Sire, es iſt keine Zeit zu verlieren, und leider haben wir ſchon zu viel Zeit verloren. Hier iſt Herr von Charny, der, wie er behauptet, über ſiebenzig Leute verfügt und um Ihre Befehle bittet.“ Der König ſchüttelte den Kopf. „Sire, rief die Königin,„um des Himmels willen Ihre Befehle!“ Und Charny flehte mit dem Blicke, während die Königin mit der Stimme flehte. „Meine Befehle?“ wiederholte der König;„ich habe keine Befehle zu geben; ich bin Gefangener... Thun Sie Alles, was Sie thun zu können glauben.“ verſetzte die Königin,„mehr verlangen wir nicht.“ Und ſie zog Charny zurück und ſprach zu ihm: „Sie haben ununſchränkte Vollmacht; thun Sie, 6 wie der König geſagt hat, Alles, was Sie thun zu kön⸗ nen glauben.“ Dann fügte ſie leiſe bei: „Handeln Sie aber raſch und mit Nachdruck, oder wir ſind verloren!“ „Es iſt gut, Madame,“ erwiederte Charny;„ge⸗ ſtatten Sie, daß ich mich einen Angenblick mit dieſen Herru beſpreche, und was wir beſchließen, wird auf der Stelle ausgeführt werden.“ In dieſem Augenblick trat Herr von Chviſeul ein. Er hielt in der Hand einige in ein blutiges Ta⸗ ſchentuch gewickelte Papiere. Ohne etwas zu ſagen, reichte er ſie Charny. Der Graf begriff, daß es die bei ſeinem Bruder gefundenen Papiere waren; er ſtreckte die Hand aus, um die blutige Erbſchaft in Empfang zu nehmen, zog das Taſchentuch an ſeine Lippen und küßte es. 2 Die Königin konnte ſich eines Schluchzens nicht ers wehren.* Charny wandte ſich aber nicht einmal um, ſteckte die Papiere in ſeine Bruſttaſche und ſagte dann: „Meine Herren, können Sie mich bei dem letzten Verſuche den ich machen will,unterſtützen?“ „Wir ſind bereit, unſer Leben dabei zu opfern,“ antworteten die jungen Leute. „Glauben Sie für ein Dutzend treu gebliebener Männer ſtehen zu können?“ „Wir ſind ſchon unſerer acht oder neun.“ „Wohl denn! ich kehre zu meinen ſiebenzig Huſaren zurück; während ich die Barricaden von vorne ahgreife, machen Sie eine Diverſion von hinten; von dieſer Di⸗ verſion begünſtigt, forcire ich die Barricaden, und mit unſeren vereinigten Truppen dringen wir bis hierher, und wir entführen den König.“ Statt jeder Antwort, reichten die jungen Leute dem Grafen die Hand. — 7 Dann wandte ſich dieſer an die Königin und ſprach zu ihr: „Madame, in einer Stunde wird Eure Majeſtät frei ſein oder ich bin todt.“ „Oh! Graf, Graf,“ erwiederte die Königin, „ſprechen Sie dieſes Wort nicht aus, es thut zu wehe.“ Olivier verbengte ſich nur zur Beſtätigung ſeines Verſprechens, und ohne ſich um einen neuen Lärmen, der auf der Straße hörbar wurde, um neue Geräuſche, die in das Haus einzudringen ſchienen, zu bekümmern, ging er gerade auf die Thüre zu. Doch in dem Moment, wo er die Hand an den Schlüſſel legte, öffnete ſich die Thüre und gewährte einer neuen Perſon Einlaß, die ſich in die ſchon ſo ver⸗ wickelte Intrigue dieſes Drama mengen ſollte. Es war ein Mann von vierzig bis zwei und vier⸗ zig Jahren, mit finſterem, ſtrengem Geſichte; ſein weit zurückgeworfener Kragen, ſein offener Rock, ſeine durch die Strapaze gerötheten Augen, ſeine beſtaubten Kleider deuteten an, daß auch er, von einer heftigen Leiden⸗ ſhtf angetrieben, einen gewaltigen Lauf gemacht hatte. Er trug ein Paar Piſtolen in ſeinem Gürtel und ein Säbel hing an ſeiner Seite. Keuchend, beinahe ohne Stimme in dem Augenblick, wo er die Thüre öffnete, ſchien er erſt bernhigt, als er den König und die Königin erkannte; ein Lächeln be⸗ friedigter Rache zog über ſein Geſicht, und ohne ſich um die Rebenperſonen zu bekümmern, welche die Tiefe des Zimmers einnahmen, ſtreckte er von der Thüre, die er beinahe ganz mit ſeiner mächtigen Geſtalt ſchloß, die Hand aus und ſprach: „Im Namen der Nationalverſammlung, Sie ſind Alle meine Gefangenen.“ Mit einer Bewegung ſo raſch als der Gedanke, ſprang Herr von Chviſeul, eine Piſtole in der Hand, 8 vor und ſtreckte den Arm ebenfalls aus, um die Hirn⸗ ſchale dem Ankommenden zu zerſchmettern, der an Frech⸗ heit und Entſchloſſenheit Alles, was man bis daher ge⸗ ſehen, zu übertreffen ſchien. Doch mit einer noch raſcheren Bewegung hielt die Königin dieſe drohende Hand zurück, und ſie ſagte leiſe zu Herrn von Choiſeul. „Beſchleunigen Sie nicht unſer Verderben, mein Herr; Klugheit... mit Allem dem gewinnen wir Zeit, und Herr von Bouills kann nicht mehr fern ſein.“ „Ja, Sie haben Recht, Madame,“ erwiederte Herr von Chviſeul. Und er ſteckte ſeine Piſtole wieder in ſeine Bruſt. Die Königin warf einen Blick auf Charny, denn ſie war erſtaunt, daß ſie bei dieſer nenen Gefahr ihn nicht hatte vorſtürzen ſehen, doch ſeltſamer Weiſe ſchien es, als wünſchte Charny von dem ſo eben Angekomme⸗ nen nicht geſehen zu werden, und, ohne Zweifel um ſei⸗ nen Blicken zu entgehen, hatte er ſich in die dunkeſſte Ecke der Stube zurückgezogen. Die Königin, die den Grafen kannte, dachte in⸗ deſſen, in dem Augenblick, wo es ſein müßte, würde er zugleich aus dieſem Schatten und aus dieſem Geheimniß heraustreten. LXXXIX. Ein Zeind mehr. Die ganze Scene von Herrn von Choiſeul, der den Mann bedrohte, welcher im Namen der National⸗ verſammlung ſprach, war vorübergegangen, ohne daß dieſer zu bemerken geſchienen, er ſei einer Todesgefahr entkommen. 8 Es nahm ihn wohl ein Gefühl in Anſpruch, das eine ganz andere Macht auf ſein Herz übte, als das Gefühl der Furcht; man konnte ſich im Ausdrucke ſeines Geſichtes nicht tänſchen; es war der des Jägers, der endlich in derſelben Grube, wo ſie ſeine Beute ſind, den Löwen, die Löwin und die jungen Löwen, welche in ſein einziges Kind verſchlungen, zuſammengeſchaart ieht. Bei dem Worte Gefangene, das Herrn von Choi⸗ ſeul vorſtürzen gemacht hatte, war indeſſen der König aufgeſtanden. „Gefangene! Gefangene im Namen der Rational⸗ verſammlung! Was wollen Sie damit ſagen? Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ „Das iſt doch ganz einfach und leicht zu verſtehen,“ erwiederte der Mann.„Trotz des Eides, den Sie ge⸗ ſchworen, Frankreich nicht zu verlaſſen, ſind Sie bei nächt⸗ licher Weile, ein Verräther an Ihrem Worte, ein Ver⸗ räther an der Nation, ein Verräther am Volke, ent⸗ flohen; ſo daß die Nation zu den Waffen gerufen hat, ſo daß das Volk aufgeſtanden iſt, und daß Volk und Nation Ihnen durch die Stimme von einem Ihrer letz⸗ ten Unterthanen, welche, weil ſie von unten kommt, dar⸗ 10 um nicht minder mächtig iſt, ſagen:„„Sire, im Na⸗ meu des Volkes, im Ramen der Nation, im Namen der Nationalverſammlung ſind Sie mein Gefangener.““ Im anſtoßenden Zimmer erſcholl ein Geräuſch der Billigung, begleitet oder vielmehr gefolgt von wüthen⸗ den Bravos. „Madame, Madame,“ flüſterte Herr von Choiſeul der Königin ins Ohr,„Sie werden nicht vergeſſen, daß Sie nich zurückgehalten haben, und daß Sie, ohne das Mitleid, das Sie mit dieſem Menſchen gehabt, eine ſolche Beleidigung nicht zu erdulden hätten.“ „Alles dies wird nichts ſein, wenn wir uns rächen,“ erwiederte leiſe die Königin. „Ja,“ verſetzte Herr von Choiſeul,„aber wenn wir uns nicht rächen?“ Die Königin gab einen dumpfen, ſchmerzlichen Seufzer von ſich. Doch die Hand von Charny ſtreckte ſich langſam über der Schulter von Herrn von Choiſeul aus und be⸗ rührte den Arm der Königin. Marie Antoinette wandte ſich lebhaft um. „Laſſen Sie dieſen Mann ſprechen und machen,“ flüſterte der Graf;„ich nehme ihn auf mich.“ Ganz betänbt von dem neuen Schlage, den man ihm beigebracht, ſchaute der König mit Erſtaunen den finſtern Menſchen an, der im Namen der Rationalver⸗ ſammlung, der Nation und des Volks eine ſo energiſche Sprache gegen ihn führte, und mit dieſem Erſtaunen vermiſchte ſich eine gewiſſe Neugierde; denn es ſchien Ludwig-XVI., obgleich er ſich nicht erinnern konnte, wo er ihn geſehen, es ſei nicht das erſte Mal, daß er dieſen Menſchen ſehe. 6 Aber was wollen Sie denn von mir? reden Sie!“ ſagte'r. „Sire, ich will, daß weder Sie, noch die königliche Familie einen Schritt mehr gegen das Ausland machen.“ 11 „Und Sie kommen ohne Zweifel mit Tauſenden von Bewaffneten, um ſich meinem Marſche zu widerſetzen?“ fragte der König, der in der Erörterung Größe gewann. „Nein, Sire, ich bin allein, oder wir ſind vielmehr zu zwei: der Adjutant des General Lafayette und ich, das heißt ein einfacher Bauer; nur hat die Nativnalver⸗ ſammlung ein Decret erlaſſen; ſie hat auf uns gezählt, daß es vollzogen werde, und es wird dies geſchehen.“ „Geben Sie das Deecret, daß ich es wenigſtens ſehe,“ ſprach der König. „Ich habe es nicht, mein Gefährte hat es. Mein Gefährte iſt von Herrn von Lafayette und der National⸗ verſammlung abgeſandt, um die Befehle der Nation voll⸗ ziehen zu laſſen; ich bin von Herrn Bailly und beſon⸗ ders von mir ſelbſt abgeſandt, um dieſen Gefährten zu überwachen und ihm eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen, wenn er ſtrauchelt.“ Die Königin, Herr von Choiſeul, Herr von Damas und die anderen Anweſenden ſchauten ſich mit Erſtaunen an; ſie hatten das Volk nie anders als unterdrückt oder wüthend, um Gnade bittend oder mordend geſehen; ſie ſahen es zum erſten Male ruhig, aufrecht, mit gekreuzten Armen, ſeine Stärke fühlend und im Namen ſeiner Rechte ſprechend. Ludwig XVI begriff auch ſehr raſch, daß nichts von einem Manne von dieſem Schlage zu hoffen war, und da es ihn drängte, mit ihm ein Ende zu machen, ſo fragte er: „Nun, wo iſt Ihr Gefährte?“ „Hier, hinter mir,“ antwortete der Mann. Und er machte bei dieſen Worten einen Schritt vorwärts und entblößte dadurch die Thüre, durch deren Oeffnung man einen jungen Mann in der Uniform eines an ein Fenſter angelehnt, ſehen onnte. Er war auch in der größten Unordnung; nur war 12 ſeine Unordnung, ſtatt die der Stärke zu ſein, die der Niedergeſchlagenheit. Sein Geſicht rieſelte von Thränen und er hielt in. der Hand ein Papier. Es war Herr von Romeuf, das heißt der junge Adjutant von Herrn von Lafahette, mit dem wir, unſer Leſer erinnert ſich ohne Zweifel, zur Zeit der Ankunft von Herrn Lonis von Bouillé in Paris Bekanntſchaft gemacht haben. Herr von Romeuf war, wie man aus dem Geſpräche entnehmen konnte, das er in jenem Angenblick mit dem jungen Royaliſten hatte, Patriot, und zwar aufrichtiger Pa⸗ triot; doch, während der Dictatur von Herrn von Lafayette in den Tuilerien, beſonders beauftragt, die Königin zu überwachen und ſie bei ihren Ausgängen zu begleiten, hatte er in ſeinen Beziehungen zu ihr mit ſo viel ehr⸗ furchtsvoller Zartheit zu Werke zu gehen gewußt, daß ihm die Königin wiederholt ihre Dankbarkeit ausgedrückt. Als ſie ihn erblickte, rief ſie auch ſchmerzlich er⸗ ſtaunt: „Oh! mein Herr, Sie ſind es?“ Dann fügte ſie mit jenem peinlichen Seufzen der Frau, die eine Macht fallen ſieht, welche ſie für unbe⸗ ſiegbar gehalten, bei: „Oh! ich hätte das nie geglaubt!“ „Gut!“ murmelte lächelnd der zweite Bote,„es ſcheint, ich habe wohl daran gethan, daß ich gekom⸗ men bin.“ Herr von Romeuf trat langſam, mit niedergeſchla⸗ genen Augen und ſeinen Beſchluß in der Hand holtend herbei. Ungeduldig, ließ ihm aber der König keine Zeit, dieſen Beſchluß zu überreichen: er trat ihm raſch einen Schritt entgegen und riß ihm das Papier aus den Händen. Dann, nachdem er es geleſen, ſprach er: N n 13 „Es gibt keinen König mehr in Frankreich!“ Der Mann, der Herrn von Romeuf begleitete, lä⸗ chelte, als hätte er ſagen wollen:„Ich weiß es wohl!“ Bei dieſen Worten des Königs machte die Königin gegen ihn eine Bewegung, um ihn zu befragen. „Hören Sie, Madame,“ ſprach der König.„Das iſt das Decret, welches die Nationalverſammlung zu erlaſſen gewagt hat.“ Und er las mit einer vor Entrüſtung zitternden Stimme folgende Zeilen: „Die Nationalverſammlung befiehlt, daß der Mi⸗ niſter des Innern auf der Stelle Couriere an die Departements abfertige, mit dem Befehle an alle öffentliche Beamte, Nationalgarden und Linientruppen des Reichs, jede aus dem Königreiche ſich entfernende Perſon zu verhaften oder verhaften zu laſſen, ſowie auch jeden Abgang von Effecten, Waffen, Munition, klingender Münze in Gold oder Silber, von Pferden und Wagen zu verhindern; und falls die Couriere den König, einige Individnen von der königlichen Familie, oder diejenigen, welche zu ihrer Entführung hätten beitragen können, einholen würden, ſollen die genannten öffentlichen Beamten, Nationalgarden und Linientruppen gehalten ſein, alle mögliche Maßregeln zu ergreifen, um die Entführung aufzuhalten, die be⸗ treffenden Perſonen zu verhindern, ihre Reiſe fortzuſe⸗ tzen, und ſofort dem geſetzgebenden Körper Bericht zu erſtatten.“ Die Königin hatte mit einer Art von Erſtarrung zu⸗ gehört; als aber der König geendet, ſchüttelte ſie den Kopf, als wollte ſie ihre Lebensgeiſter wieder zu erlan⸗ gen ſuchen, ſtreckte dann die Hand aus, um das ver⸗ ſw Decret auch in Empfang zu nehmen, und agte: „Geben Sie... Das iſt unmöglich!“ Während dieſer Zeit beruhigte der Gefährte von 14 Herrn von Romeuf durch ein Lächeln die Nationalgar⸗ den und die Patrioten von Varennes. Das Wort unmöglich, von der Königin ausge⸗ ſprochen, hatte ſie bennruhigt, obgleich ſie von einem Ende zum andern den Inhalt des Decrets gehört. „Oh! leſen Sie, wenn Sie noch zweifeln,“ ſagte der König mit Bitterkeit; leſen Sie, das iſt geſchrie⸗ ben und unterzeichnet vom Präſidenten der Nationalver⸗ ſammlung.“ „Und welcher Menſch hat es gewagt, ein ſolches Decret zu ſchreiben und zu unterzeichnen?“ „Ein Adeliger, Madame,“ antwortete der König; „der Herr Marquis von Beauharnais.“ Iſt es nicht etwas Seltſames, was zum Beweiſe für die geheimnißvollen Verkettungen der Vergangenheit mit der Zukunft dient, daß das Decret, welches auf ihrer Flucht Ludwig XVI., die Königin und die könig⸗ liche Familie aufhielt, einen Namen an ſich trug, der, bis dahin dunkel, auf eine glänzende Weiſe in der Ge⸗ ſchichte des Anfangs vom 19ten Jahrhundert hervortre⸗ ten ſollte?„ Die Königin nahm das Decret und las es, die Stirne gefaltet, die Lippen zuſammengepreßt. Dann nahm es der König wieder aus ihren Hän⸗ den, um es abermals zu leſen, und nachdem er es zum zweiten Male geleſen, warf er es auf das Bett, wo unempfindlich für dieſe Erörterung, welche über ihr Loos entſchied, der Dauphin und Madame Royale ſchliefen. Doch bei dieſem Anblick vermochte die Königin nicht länger an ſich zu halten, ſie ſtürzte gleichſam brül⸗ lend hinzu, ergriff das Papier, zerknitterte es in ihren Händen, warf es fern vom Bette und rief: „Oh! mein Herr, nehmen Sie ſich doch in Acht! ich will nicht, daß dieſes Papier meine Kinder beflecke.“ Ein ungeheures Geſchrei erhob ſich im anſtoßenden Zimmer. Die Nationalgarden machten eine Bewegung, S 15 um in das Zimmer einzudringen, in dem die erhabenen Flüchtlinge waren. Dem Adjutanten des General Lafayette entſchlüpfte ein Schreckensausruf. Sein Gefährte ſtieß einen Wuthſchrei aus. „Ah!“ brummte der Letztere zwiſchen den Zähnen, „man inſultirt die Nationalverſammtung, man inſultirt die Nation, man inſultirt das Volk! es iſt gut!“ Und er wandte ſich gegen dieſe Menſchen um, welche, ſchon zum Streite angereizt, das erſte Zim⸗ mer, bewaffnet mit Flinten, Säbeln und Senſen, füllten, und rief: „Herbei, Bürger!“ Dieſe machten, um in das Zimmer einzudringen, eine zweite Bewegung, welche nur die Vervollſtändigung der erſten war, und Gott weiß, was aus dem Zuſam⸗ menſtoß der zwei Zornanfälle entſpringen ſollte, als Charny, der nur am Aufang der Scene die von uns erwähnten paar Worte geſprochen und ſeit dieſer Zeit ſich abſeits gehalten hatte, vorſtürzte, dieſen unbekann⸗ ten Nationalgarde in dem Angenblick, wo er die Hand an das Heft ſeines Säbels kegte, beim Arme er⸗ griff und ihm zurief: „Ein Wort mit mir, wenn es Ihnen beliebt, Herr Billot; ich wünſche Sie zu ſprechen.“ Billot, denn er war es, entſchlüpfte ein Schrei des Erſtaunens, er wurde bleich wie der Tod, blieb einen Augenblick unentſchloſſen, ſteckte dann ſeinen halb gezo⸗ genen Säbel wieder in die Scheide und erwiederte: „Wohl, es ſei! Ich habe auch mit Ihnen zu ſpre⸗ chen, Herr von Charny!“ Und indem er ſich ſogleich gegen die Thüre wandte, ſagte er: „Bürger, macht uns Platz, wenn's beliebt. Ich habe einen Angenblick mit dieſem Officier zu reden; doch ſeid unbeſorgt,“ fügte er leiſe bei,„weder Wolf, noch 2 16 Wölfin, noch die kleinen Wölfe werden uns entkommen. Ich bin da, und ich ſtehe für ſie! Als ob dieſer Menſch, der ihnen ſo unbekannt war, wie dem König und ſeinem Gefolge, abgeſehen von Charny, nichtsdeſtoweniger das Recht gehabt hätte, ihnen Befehle zu geben, gingen ſie rückwärts hinaus und ließen das erſte Zimmer frei. Jeder hatte übrigens ſeinen Gefährten außen zu erzählen, was innen vorgefallen, und den Patrioten zu empfehlen, mehr als je gute Wache zu halten. ittlerweile ſagte Charny leiſe zur Königin: „Herr von Romeuf iſt Ihnen zugethan, Madame; ich laſſe Sie mit ihm, ziehen Sie den beſtmöglichen Nutzen daraus.“ Und dies wurde ihr um ſo leichter, als, in das erſte Zimmer gelangt, Charny die Thüre wieder ſchloß und, ſich an dieſe Thüre anlehnend, Jedermann, ſelbſt Billot, bei der Königin einzutreten verhinderte. XC. Der Haß eines Menſchen aus dem Volke. Als die zwei Männer allein waren, ſchauten ſie ſich ein paar Secunden an, ohne daß der Blick des Edel⸗ manns die Augen des Mannes ans dem Volke ſich ſenken machen konnte. Mehr noch, Billot war es, der zuerſt das Wort nahm. „Der Herr Graf hat mir die Ehre erwieſen, mir — S /0) S= 8=——) anzukündigen, er müſſe mir etwas ſagen. Ich erwarte, daß er die Güte hat, zu ſprechen.“ „Billot,“ fragte Charny, woher kommt es, daß ich Sie hier, beauftragt mit einer Racheſendung, treffe? Ich hielt Sie für den Freund von uns Adeligen und über⸗ dies für einen guten und trenen Unterthan des Königs.“ „Ich bin ein guter und treuer Unterthan des Kö⸗ nigs geweſen, Herr Graf; ich bin nicht Ihr Freund geweſen, eine ſolche Ehre war einem armen Pächter, wie mir, nicht beſchieden, ſondern Ihr gehorſamer Diener.“ „Nun?“ „Nun, Herr Graf, Sie ſehen, ich bin nichts mehr von Allem dem.“ „Ich begreife Sie nicht.“ „Warum wollen Sie mich begreifen, Herr Graf? Frage ich Sie nach den Urſachen Ihrer Treue für den König, nach den Urſachen Ihrer Ergebenheit für die Königin? Rein, ich nehme an, Sie haben Ihre Gründe, um ſo zu handeln, und da Sie ein redſicher und vernünftiger Mann ſind, ſo ſeien Ihre Gründe gut, oder wenigſtens nach Ihrem Gewiſſen gut. Ich habe nicht Ihre hohe Stellung, Herr Graf, ich habe dicht Ihr Wiſſen; doch Sie kennen mich oder haben mich auch als einen redlichen und vernünftigen Mann gekannt! nehmen Sie alſo an, ich habe, wie Sie, meine Gründe, welche, wenn ſie nicht gut, doch meinem Gewiſſen entſprechen!“ „Billot,“ ſagte Charny, der durchaus nichts von den Motiven des Haſſes wußte, welche der Pächter gegen den Adel oder das Königthum haben konnte,„ich habe Sie, und das iſt nicht lange her, ganz anders gekannt, als Sie heute ſind.“ „Oh! gewiß, ich lengne es nicht,“ erwiederte Billot mit einem bittern Lächeln;„ja, Sie haben mich ganz anders gekannt, als ich heute bin; ich will Ihnen ſagen, wie ich war, Herr Graf: ich war ein ächter Patriot, Die Gräfin von Charny. V. 2 18 zwei Menſchen und einer Sache ergeben: dieſe zwei Menſchen waren der König und Herr Gilbert; dieſe Sache war mein Vaterland. Eines Tages kamen die Agenten des Königs, und ich geſtehe,“ ſprach der Päch⸗ ter, den Kopyf ſchüttelnd,„das fing an mich mit ihm zu entzweien,— eines Tages kamen die Agenten des Kö⸗ nigs zu mir und nahmen mir halb mit Gewalt, halb mit Liſt eine Caſſette, ein koſtbares Depot, das mir von Herrn Gilbert anvertraut worden war. Alsbald reiſte ich nach Paris; ich kam dort am 12. Inli Abends an; es war mitten unter der Emente der Büſten des Herrn Herzogs von Orleans und von Herrn von Necker; man trug dieſe Büſten umher und rief:„„Es lebe der Herr Herzog von Orleans! es lebe Herr von Necker!““ Das that dem König nicht viel Eintrag, und dennoch griffen uns plötzlich die Soldaten des Königs an. Ich ſah arme Teufel, die kein anderes Verbrechen begangen⸗ als daß ſie zwei Männer, die ſie wahrſcheinlich nicht kannten, hatten hoch leben laſſen, um mich her, die Einen den Kopf von Säbelhieben geſpalten, die Andern die Bruſt von Kugeln durchbohrt, fallen; ich ſah Herrn von Lambesc, einen Freund des Königs, in den Lnile⸗ rien Weiber und Kinder, welche gar nicht geſchrieen, verfolgen und unter den Füßen ſeines Pferdes einen ſiebenzigjährigen Greis zertreten. Das entzweite mich noch ein wenig mehr mit dem König. Am andern Tage begab ich mich in die Penſion des kleinen Sebaſtian, und ich erfuhr von dem armen Knaben, ſein Vater ſei in der Baſtille auf einen Befehl des Königs, den eine Dame vom Hvoſe nachgeſucht! und ich ſagte nun fortwährend der König, von dem man behaupte, er ſei ſo gut, habe mitten unter dieſer Güte große Momente des Irrthums, der Unwiſſenheit oder der Vergeſſenheit, und um, ſo vie an mir lag, einen der Fehler, den der König in einen ſolchen Angenblicke der Vergeſſenheit, der Unwiſſenhei oder des Irrthums begangen, wieder gut zu machel de no fü zic zu ſol er we me we ein ber fre das gri fün ſa Eir ein r nich mir a glei an zuri gen, icht die dern errn nile⸗ een, inen mich Lage tian, ei in ame rend, habe ums, viel einen enheit achel 19 trug ich mit allen meinen Kräften dazu bei, die Baſtille zu nehmen. Es gelang uns nicht ohne Mühe; die Sol⸗ daten des Königs ſchoßen auf uns, tödteten uns unge⸗ fähr zweihundert Leute, was mir abermals Anlaß gab, nicht der Meinung von Jedermann über die große Güte des Königs zu ſein; am Ende war aber die Baſtille ge⸗ nommen: in einem der Kerker fand ich Herrn Gilbert, für den ich mich ſo eben der Gefahr ausgeſetzt, zwan⸗ zigmal getödtet zu werden, und die Freude, ihn wieder⸗ zufinden, ließ mich viele Dinge vergeſſen. Uebrigens ſagte mir Herr Gilbert zu allererſt, der König ſei gut, er wiſſe nichts von der Mehrzahl der Schändlichkeiten, welche in ſeinem Namen geſchehen, und nicht ihm müſſe man deshalb übel wollen, ſondern ſeinen Miniſtern; weil aber Alles, was Herr Gilbert mir damals ſagte, ein Evangelinm für mich war, ſo glaubte ich Herrn Gil⸗ bert, und da ich die Baſtille genommen, Herrn Gilbert frei und mich und Piton unverſehrt ſah, ſo vergaß ich das Kleingewehrfeuer der Rue Saint-Honors, die An⸗ griffe und Metzeleien in den Tuilerien, die hundert und fünfzig bis zweihundert Menſchen, die uns der Dudel⸗ ſack des Herrn Prinzen von Sachſen getödtet, und die Einkerkerung von Herrn Gilbert auf die einfache Bitte einer Dame vom Hofe Doch verzeihen Sie, Herr Graf,“ unterbrach ſich Billot,„Alles dies geht Sie nichts an, und Sie haben nicht unter vier Augen mit mir zu ſprechen verlangt, um das Wiederkäuen eines Bauern ohne Erziehung zu hören, Sie, der Sie zu⸗ gleich ein vornehmer Herr und ein Gelehrter ſind.“ Hienach machte Billot eine Bewegung, um die Hand an das Schloß zu legen und in das Zimmer des Königs zurückzukehren. Doch Charny hielt ihn zurück. Um ihn zurückzuhalten, hatte Charny zwei Gründe: Der erſte war, daß er die Urſachen dieſer Feindſe⸗ 20 ligkeit von Billot erfuhr, welche in einer ſolchen Lage nicht ohne Gewicht, der zweite, daß er Zeit gewann. „Nein!“ ſagte er, erzählen Sie mir Alles, mein lieber Billot, Sie wiſſen, welche Freundſchaft wir für Sie hegten, meine armen Brüder und ich, und was Sie mir mittheilen, intereſſirt mich im höchſten Grade.“ Bei den Worten: meine armen Brüder! lächelte Billot bitter. „Wohl denn!“ ſprach er,„ich will Ihnen Alles er⸗ zählen, Herr von Charny, und ich bedaure, daß Ihre armen Brüder... Einer beſonders..„ Herr Iſidor, nicht da find, um es zu hören.“ Billot hatte die Worte: Einer beſonders, Herr Iſidor, mit einem ſo ſeltſamen Ausdrucke geſprochen, daß Charny die Bewegung des Schmerzes zurückdrängte, den der Name ſeines vielgeliebten Bruders in ſeiner Seele erweckte, und, ohne Billot, der ſichtbar nichts von dem Unglück wußte, das dem Bruder von Charny widerfahren, deſſen Gegenwart er wünſchte, etwas zu antworten, dem Pächter winkte, er möge fortfahren. Billot fuhr fort: „Als der König nach Paris aufbrach, ſah ich in ihm auch nur einen Vater, der unter ſeine Kinder zurückkehrt. Ich marſchirte mit Herrn Gilbert neben dem königlichen Wagen, bildete für diejenigen, welche er enthielt, einen Wall mit meinem Leibe und ſchrie aus vollem Halſe: „Es lebe der König!““ Das war die erſte Reiſe des Königs; er hatte rings um ſich her, vorne, hinten, auf ſeinem Wege, unter den Füßen ſeiner Pferde, unter den Rädern ſeines Wagens, Segnungen und Blumen. Als er auf dem Platze des Stadthanſes ankam, bemerkte man, daß der König nicht mehr die weiße Cocarde, aber noch nicht die dreifarbige Cocarde hatte; man rief:„Die Cocarde die Cocarde!““ Ich nahm die, welche an meinem Hute befeſtigt war, und gab ſie ihm; er dankte mir und ſteckte ſie an ſeinen Hut unter gewaltigen Acclamationen en ele em en, em m 7 rt. en en 3 es uf den Als an, Die em und nen 21 der Menge. Ich war trunken vor Freude, meine Cocarde am Hute dieſes guten Königs zu ſehen; ich ſchrie auch allein:„Es lebe der König!““ ſtärker als die ganze Welt; ich war ſo begeiſtert für dieſen guten König, daß ich in Paris blieb. Meine Ernte war reif und beduͤrfte meiner Gegenwart... bah! was lag mir an meiner Ernte? Ich war wohl reich genug, um eine Ernte zu verlieren, und konnte meine Gegenwart dieſem guten König, dem Vater des Volks, dem Wiederherſteller der franzöſiſchen Freiheit, wie wir Dummköpfe ihn damals nanuten, zu etwas nütze ſein, ſo war es ſicherlich mehr werth, wenn ich in Paris blieb, als wenn ich nach Piſ⸗ ſeleu zurückkehrte; meine Ernte, die ich der Fürſorge von Catherine anvertraut, war beinahe verloren! Catherine hatte, wie es ſcheint, etwas Anderes zu thun, als ſich um die Ernte zu bekümmern... Reden wir nicht mehr hievon!... Man ſagte indeſſen, der König nehme nicht ganz offenherzig die Revolution an; gezwungen marſchire er mit; nicht die dreifarbige Cocarde habe er an ſeinem Hute tragen wollen, ſondern die weiße Cocarde. Diejenigen, welche dies ſagten, waren Verleumder, was klar bewieſen wurde durch das Mahl der Herren Gardes du corps, wobei die Königin weder die weiße Cocarde, noch die nationale Cocarde, noch die franzöſiſche Cocarde aufſteckte, ſondern ganz einfach die Cocarde von ihrem Bruder Joſeph II., die öſterreichiſche Cocarde, die ſchwarze Cocarde. Ah! ich geſtehe, diesmal fing mein Zweifel wieder an; doch wie es mir Herr Gilbert ſagte:„Billot, es iſt nicht der König, der das thut, ſondern die Königin; die Königin iſt aber ein Weib, und gegen die Weiber muß man nachſichtig ſein.““ Ich glaubte dies ſo ſehr, daß ich mich, als man von Paris kam, um das Schloß anzu⸗ greifen, obgleich ich im Grunde des Herzens fand, die⸗ jenigen, welche es angreifen wollen, haben nicht ganz Un⸗ recht, auf die Seite von denjenigen ſchlug, die es vertheidigten; ſo daß ich es war, der Herrn von Lafayette, * 22 welcher ſchlief, der liebe arme Mann, daß es eine Luſt war, aufweckte und ihn ins Schloß führte, gerade zeitig genug, um den König zu retten. Ah! an dieſem Tage fah ich Madame Eliſabeth Herrn von Lafayette in ihre Arme ſchließen; ich ſah die Königin ihm die Hand zum Kuſſe reichen; ich hörte den König ihn ſeinen Freund nennen, und ich ſagte mir:„Bei meiner Treue, es ſcheint, Herr Gilbert hatte Recht. Sicherlich nicht aus Angſt machen ein König, eine Königin und eine könig⸗ liche Prinzeſſin ſolche Demonſtrationen, und wenn ſie nicht die Meinungen dieſes Mannes theilen würden, von welchem Nutzen derſelbe ihnen auch in dieſem Augenblick ſein dürfte, es würden ſich doch drei ſolche Perſonen nicht zur Lüge erniedrigen.““ Auch diesmal alſo kam ich darauf zurück, daß ich die arme Königin beklagte, welche nur unklug war, und den armen König, der nur ſchwach warz doch ich ließ ſie ohne mich nach Paris zurückkehren... ich, ich war in Verſailles beſchäftigt; Sie wiſſen womit, Herr von Charny?“ Charny ſtieß einen Seufzer aus. „Die zweite Reiſe ſoll nicht ſo heiter geweſen ſein, als die erſte! ſtatt den Segnungen ſoll man Flüche ver⸗ nommen haben! ſtatt der Vivats ſoll Todesgeſchrei er⸗ ſchollen ſein! ſtatt Sträuße unter die Füße der Pferde und unter die Räder des Wagens zu werfen, ſoll man Köpfe abgeſchnitten und am Ende von Spießen getragen haben! Ich weiß es nicht, ich war nicht dabei, ich war in Verſailles geblieben. Ich ließ den Pachthof immer ohne Herrn! Bah! ich war reich genug, um, nachdem ich die Ernte von 1789 verloren hatte, auch die Ernte von 1790 zu verlieren! Doch, an einem ſchönen Morgen, kam Pitou an und meldete mir, ich ſei auf dem Punkte, etwas zu verlieren, was zu verlieren ein Vater nie reich genug iſt: das war meine Tochter!“ Charny ſchauerte. Billot ſchaute Charny ſtarr an und fuhr dann fort: U 23 „Ich muß Ihnen ſagen, Herr Graf, daß eine Meile von uns, in Bourſonnes, eine adelige Familie iſt, eine ſehr vornehme Familie, eine gewaltig reiche Familie. Dieſe Familie beſtand aus drei Brüdern. Als ſie noch Kinder waren und von Bourſonnes nach Villers⸗Coterets gingen, erwieſen mir die Jüngeren von dieſen drei Brüdern bei⸗ nahe immer die Ehre, im Pachthofe anzuhalten; ſie ſag⸗ ten, ſie haben nie ſo gute Milch getrunken, als die Milch von meinen Kühen, nie ſo gutes Brod gegeſſen, als das Brod der Mutter Billot, und von Zeit zu Zeit fügten ſie bei,— ich armer Dummkopf glaubte, es geſchehe, um mir meine Gaſtfreundſchaft zu bezahlen!— von Zeit zu Zeit fügten ſie bei, ſie haben nie ein ſo ſchönes Kind geſehen, als meine Tochter Catherine... Und ich, ich dankte ihnen dafür, daß ſie meine Milch tranken, mein Brod aßen und meine Tochter hübſch fanden! Was wollen Sie? ich glaubte dem König, der, wie man ſagt, halb Deutſcher iſt durch ſeine Mutter, ich konnte wohl ihnen glauben! Als der Zweite, welcher die Heimath ſeit langer Zeit verlaſſen hatte und Georges hieß, in Verſailles, vor der Thüre der Königin, in der Nacht vom 5. auf den 6. October, da er muthig ſeine Pflicht als Edelmann that, getödtet wurde, Gott weiß, wie tief ich von dem Streiche, der ihn tödtete, verwundet war! Ah! Herr Graf, ſein Bruder hat mich geſehen, ſein älteſter Bruder, der, welcher nicht in mein Haus kam, nicht weil er zu ſiolz war, ich muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſondern weil er ſich noch jünger als ſein Bruder Georges aus der Heimath entfernt hatte; er hat mich auf den Knieen geſehen, vor dem Leichnam, ſo viel Thränen vergießend, als dieſer Blut vergoſſen! ich glaube noch dort zu ſein, im Hintergrunde eines grünen, feuchten kleinen Hofes, wohin ich ihn in meinen Armen getragen, damit der unglückliche junge Mann nicht verſtümmelt würde, wie ſeine Gefähr⸗ ten, die Herren von Varicourt und des Huttes verſtümmelt worden waren, ſo daß ich faſt eben ſo viel Blut an mei⸗ 24 nen Kleidern hatte, als Sie an den Ihrigen haben, Herr Graf. Oh! das war auch ein reizender Knabe, den ich immer noch ſehe, wie er nach dem Colläge von Villers⸗ Coterets ritt, auf ſeinem Grauſchimmelchen, mit ſeinem Korbe an der Hand, und das iſt ſo wahr, daß ich glaube, ich würde an ihn denkend, wenn ich nur an ihn dächte, weinen, wie Sie weinen, Herr Graf! Doch ich denke an den Andern,“ fügte Billot bei,„und ich weine nicht.“ „An den Andern! was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Charny. „Warten Sie,“ erwiederte Billot,„wir kommen hie⸗ zu. Piton hatte ſich alſo in Paris eingefunden und mir ein paar Worte geſagt, welche mir bewieſen, daß es nicht mehr meine Ernte war, was Gefahr lief, ſondern mein Kind; daß es nicht mein Vermögen war, was vernichtet werden ſollte, ſondern mein Glück! Ich ließ alſo den König in Paris. Da er ein Mann von Treue und Glanben war, wie mir Herr Gilbert ſagte, ſo konnte es nicht fehlen, daß Alles auf das Beſte ging, mochte ich da ſein oder nicht da ſein, und ich kehrte nach dem Pachthofe zurück. Ich glaubte Anfangs, Catherine ſei nur in Todesgefahr: ſie hatte das Delirinm, eine Gehirnentzündung, was weiß ich? Der Zuſtand, in dem ich ſie fand, beunruhigte mich um ſo mehr, als der Doctor mir ſagte, es ſei mir ſo lange, als ſie nicht wiederhergeſtellt, verboten, in ihr Zim⸗ mer einzutreten. Da ich aber nicht eintreten konnte, ſo dachte ich, der arme Vater in ſeiner Verzweiflung, es ſei mir wohl erlaubt, an ihrer Thüre zu horchen. Ich horchte alſo! hiedurch erfuhr ich, daß ſie beinahe geſtorben wäre, daß ſie die Gehirnentzündung hatte, daß ſie faſt wahn⸗ ſinnig war... weil ihr Geliebter abgereiſt! Ich war ein Jahr vorher auch abgereiſt, und ſtatt wahnſinnig darüber zu werden, daß ihr Vater ſie verließ, hatte ſie bei meinem Abgange gelächelt. Ließ ihr mein Abgang nicht die Freiheit, ihren Geliebten zu ſehen?... Cathe⸗ rine kehrte zur Geſundheit zurück, doch nicht zur Freude! — 25 ein Monat, zwei Monate, drei Monate, ſechs Monate vergingen, ohne daß ein Strahl der Heiterkeit ihr Geſicht, das meine Augen nicht verließen, aufklärte; eines Morgens ſah ich ſie lächeln, und ich zitterte: ihr Liebhaber ſollte alſo zurückkommen, da ſie gelächelt hatte? Am andern Tage erzählte mir in der That ein Schäfer, der ihn hatte vorüberreiten ſehen, er ſei an demſelben Morgen angekom⸗ men! Ich bezweifelte nicht, er werde am Abend dieſes Tags bei mir oder vielmehr bei Catherine ſein! Als es Abend geworden war, lud ich auch meine Doppelflinte und ſtellte mich auf den Anſtand... „Billot!“ rief Charny,„Sie haben das gethan?“ „Warum nicht?“ verſetzte Billot,„ich ſtelle mich wohl auf den Anſtand, um das Wildſchwein zu erlegen, das meine Kartoffeln umwühlt, den Wolf, der meine Lämmer erwürgt, den Fuchs, der meine Hühner umbringt, und ich ſollte mich nicht auf den Anſtand ſtellen, um den Menſchen zu tödten, der mir mein Glück raubt, den Lieb⸗ haber, der meine Tochter entehrt?“ „Als Sie aber ſo weit waren, da wurde Ihr Herz ſchwach, Billot!“ ſagte lebhaft der Graf. „Nein,“ erwiederte Billot,„nicht das Herz, ſondern das Auge und die Hand; eine Blutſpur bewies mir in⸗ deſſen, daß ich ihn nicht ganz gefehlt hatte; nur, Sie begreifen wohl,“ fügte Billot mit Bitterkeit bei,„zwiſchen einem Geliebten und einem Vater blieb meine Tochter nicht unſchlüſſig. Als ich in das Zimmer von Catherine eintrat, war ſie verſchwunden.“ „Und Sie haben ſie ſeitdem nicht wiedergeſehen?“ fragte Charny. „Nein, antwortete Billot;„doch warum ſollte ich ſie wiederſehen? Sie weiß wohl, daß ich ſie, wenn ich ſie wiederſähe, tödten würde.“ Charny machte eine Bewegung, während er mit einem Gefühle der Bewunderung gemiſcht mit Schrecken die mächtige Natur anſchaute, die er vor ſich hatte. „ 26 „Ich machte mich wieder an die Arbeiten meines Pacht⸗ hofes, fuhr Billot fort.„Was lag an meinem Unglück, wenn nur Frankreich glücklich war? Ging der König nicht offenherzig auf dem Wege der Revolution? Sollte er nicht Theil nehmen am Feſte der Föderation? ſollte ich ihn nicht dort wiederſehen, dieſen guten König, dem ich meine dreifarbige Cocarde am 16. Juli gegeben, und dem ich am 6. October beinahe das Leben gerettet! Welche Freude mußte es für ihn ſein, ganz Frankreich, wie ein einziger Menſch die Einheit des Vaterlands beſchwörend, auf dem Marsfelde verſammelt zu ſehen! Ich vergaß auch einen Augenblick, als ich ihn ſah, Alles bis auf Catherine... Nein, ich lüge, ein Vater vergißt ſeine Tochter nicht! Er ſchwor ſeinerſeits auch! Mirſchien wohl, er ſchwöre ſchlecht, er ſchwöre mit dem Ende der Lippen, er ſchwöre von ſeinem Platze aus, ſtatt auf dem Altar des Vaterlandes zu ſchwören. Bah! er hatte geſchworen: dies war das Weſentliche; ein Eid iſt ein Eid! nicht der Ort, wo man ihn ſchwört, macht ihn mehr oder minder heilig, und wenn er einen Schwur gethan hat, ſo hält ihn ein ehrlicher Mann! Der König würde ſeinen Eid halten. Als ich nach Villers⸗Coterets zurückkam, — da ich mich nur noch mit Politik zu beſchäftigen hatte, nachdem ich mein Kind verloren,— hörte ich allerdings ſagen, der König habe ſich wollen durch Herrn von Favras entführen laſſen, die Sache ſei aber geſcheitert; der König habe mit ſeinen Tanten fliehen wollen, der Plan ſei aber nicht geglückt; der König habe nach Saint⸗Cloud gehen und von da Rouen erreichen wollen, das Volk habe ſich aber widerſetzt; wohl hörte ich Alles dies ſagen, doch ich glaubte nicht daran: hatte ich nicht mit meinen Augen auf dem Marsfelde den König die Hand ausſtrecken ſehen? hatte ich ihn nicht mit meinen eigenen Ohren der Nation den Eid leiſten hören? Wie ſollte ich glauben, ein König, weil er im Angeſichte von dreimalhunderttauſend Bürgern geſchworen, werde ſeinen Eid für minder heilig * **.— 27 halten, als den, welchen die anderen Menſchen ſchwören? Das war nicht wahrſcheinlich. Nachdem ich vorgeſtern auf dem Markte von Meaux geweſen, war ich auch ſehr erſtaunt, als ich bei Tagesanbruch,— ich muß Ihnen bemerken, daß ich beim Poſtmeiſter, einem meiner Freunde, mit dem ich einen bedeutenden Kornhandel abgeſchloſſen, übernachtet hatte,— ich war auch ſehr erſtaunt, ſage ich, als ich in einem Wagen, der die Pferde wechſelte, den Kö⸗ nig, die Königin und den Dauphin ſah und erkannte! Ich konnte mich nicht tänſchen, denn ich war gewohnt, ſie im Wagen zu ſehen! ich hatte ſie am 16. Juli von Verſailles nach Paris begleitet; da hörte ich einen von den gelb gekleideten Herren ſagen:„„Straße nach Chalons!““ Die Stimme fiel mir auf, ich wandte mich um und erkannte, wen? Den, welcher mir Catherine entführt hatte, einen adeligen Herrn, der ſeine Lackeienpflicht that, indem er dem Wagen des Königs voranritt.. Bei dieſen Worten ſchaute Billot den Grafen ſtarr an, als wollte er ſehen, ob dieſer begreife, es handle ſich um ſeinen Bruder Iſidor; Charny wiſchte aber nur mit ſeinem Taſchentuche den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne floß, und ſchwieg. Billot fuhr fort: „Ich wollte ihn verfolgen, er war ſchon fern; er hatte ein gutes Pferd, er war bewaffnet, und ich war es nicht. Einen Augenblick knirſchte ich mit den Zähnen beim Gedanken an dieſen König, der Frankreich entwiſchte,. und an dieſen Räuber, der mir entwiſchte; plötzlich je⸗ doch kam mir eine Idee:„„Halt!““ ſagte ich,„ich habe auch der Nation einen Eid geſchworen, und da der König den ſeinigen bricht,— wenn ich den meinigen halten würde? Bei meiner Treue! ja, halten wir ihn! Ich bin nur zehn Meilen von Paris entfernt; es iſt drei Uhr Morgens; auf einem guten Pferde iſt das die Sache von zwei Stunden! Ich werde hierüber mit Herrn Bailly, einem ehrlichen Manne reden, der mir zur Partei von 28 denjenigen, welche ihren Eid halten, gegen diejenigen, welche ihn nicht halten, zu gehören ſcheint.““ Als dieſer Punkt feſtgeſtellt war, bat ich, um keine Zeit zu verlieren, meinen Freund, den Poſtmeiſter von Meanx, wohlver⸗ ſtanden, ohne ihm etwas von dem, was ich vorhatte, zu ſagen, mir ſeine Nationalgarde⸗Uniform, ſeinen Säbel, und ſeine Piſtolen zu leihen. Ich nahm das beſte Pferd aus ſeinem Stalle, und ſtatt in kurzem Trabe nach Villers⸗Coterets zu reiten, ritt ich im ſtärkſten Galopp nach Paris! Bei meiner Treue! ich kam gerade recht an; man wußte ſchon die Flucht des Königs, doch man wußte nicht nach welcher Seite er entflohen war. Herr von Romeuf war von Herrn von Lafayette auf die Straße nach Valenciennes geſchickt worden! Aber ſehen Sie, was der Zufall iſt!... an der Bariöre war er angehalten wor⸗ den, man hatte ihn in die Nationalverſammlung zurückge⸗ führt, und er erſchien hier in dem Angenblick, wo Herr von Bailly, von mir unterrichtet, über die Reiſelinie Seiner Majeſtät die genaueſten Details angab; es war nur ein ganz wohl geordneter Befehl zu ſchreiben, um die Route zu ändern. Die Sache war in einem Augenblicke ge⸗ ſchehen! Herr von Romeuf wurde auf der Straße nach Chalpns abgeſandt, und ich, ich erhielt den Anſtrag, ihn zu begleiten, ein Auftrag, den ich erfülle, wie Sie ſehen. Ich habe nun den König eingeholt, der mich als Franzoſen getänſcht, und ich bin ruhig,“ fügte Billot mit düſterer Miene bei,„er wird mir nicht entkommen! zu dieſer Stunde bleibt mir nur noch derjenige einzuholen, welcher mich als Vater betrogen hat! und ich ſchwöre, Herr Graf, er wird mir auch nicht entkommen!“ „Ach! mein lieber Billot,“ erwiederte Charny ſeufzend, Sie irren ſich.“ „Wie ſo?“ Ich ſage, der Unglückliche, von dem Sie ſprechen, iſt Ihnen entkommen.“ 29 „Er iſt geflohen?“ rief Billot mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Wuth. „Nein,“ ſprach Charny,„er iſt todt.“ „Todt!“ rief Billot, unwillkürlich ſchauernd, indem er ſeine Stirne abwiſchte, die ſich auf der Stelle mit Schweiß bedeckt hatte. „Todt!“ wiederholte Charny,„und dieſes Blut, das Sie ſehen, und mit dem Sie ſo eben mit Recht das verglichen, mit welchem ſie im kleinen Hofe von Verſailles bedeckt waren, dieſes Blut iſt das ſeinige.. Zweifeln Sie daran, ſo gehen Sie hinab, mein lieber Billot, und Sie werden den Körper in einem kleinen Lofe, ungefähr dem von Verſailles ähnlich, liegend finden, Sie werden ihn erſchlagen finden aus derſelben Urſache, aus der Jener dort erſchlagen wurde.“ Billot ſchaute Charny, der mit einer ſanften Stimme zu ihm ſprach, während zwei ſchwere Thränen über ſeine Wange floßen, mit ſtieren Angen und einem erſchrockenen Geſichte an; dann ſtieß er plötzlich einen Schrei aus und rief: „Ah! es iſt alſo eine St im Himmel!“ Und aus dem Zimmer laufend, ſagte er Hett Graf, ich glithe Ihrg Worten; doch gleich⸗ viel, ich will mich mit meinen eigenen Augen verſichern, daß Gerechtigkeit geſchehen iſt.“ e Charny ſchante ihm nach, während er ſich entfernte, unterdrückte einen Seufzer und wiſchte ſeine Thrä⸗ nen ab.* ½ Dann, da er einſah, daß jeine Minute zu verlieren war, eilte er ſeinerſeits in das Zimmer der Königin, ging gerade auf ſie zu und fragte leiſe: „Herr von Romeuf?“ „Er gehört uns,“ antwortete die Königin. „Deſto beſſer,“ ſagte Charny,„denn auf der andern Seite iſt nichts zu hoffen.“ „Was alſo thun?“ „Zeit gewinnen, bis Herr von Bouillé ankommt.“ „Wird er aber ankommen?“ „Ja, denn ich werde ihn holen.“ „Oh!“ rief die Königin,„die Straßen ſind von Menſchen verſperrt, Sie ſind ſignaliſirt und werden nicht durchkommen, man wird Sie zuſammenhauen! Olivier! DOlivier!“ Doch Charny öffnete, ohne zu antworten, lächelnd das Fenſter, das nach dem Garten ging, ſandte ein letztes Verſprechen dem König, einen letzten Gruß der Königin zu, und ſprang die fünfzehn Fuß hinab, die ihn vom Boden trennten. Die Königin gab einen Angſtſchrei von ſich und verbarg ihren Kopf in ihren Händen; die jungen Leute aber liefen an's Fenſter und antworteten durch einen Freudenſchrei auf den Angſtſchrei der Königin. Charny hatte die Mauer des Gartens erklettert und war auf der andern Seite dieſer Mauer ver⸗ ſchwunden. Es war Zeit: in dieſem Augenblick erſchien Billot wieder auf der Schwelle des Zimmers. . * Herr von Vouillé Sehen wir, was während dieſer Stunden der Bangigkeit der Herr Marquis von Bouillé that, welchen man mit ſo großer Ungeduld im Varennes erwartete, 31 und auf dem die letzten Hoffnungen der königlichen Fa⸗ milie beruhten. Um neun Uhr Abends, das heißt ungefähr in dem Augenblick, wo die Flüchtlinge in Clermont ankamen, verließ der Herr Marquis von Bouillé Stenay mit ſeinem Sohne, Herrn Louis von Bouillé, und rückte gegen Dun vor, um ſich dem König zu nähern. Eine Viertelmeile von letzterer Stadt angelangt, befürchtete er indeſſen, ſeine Gegenwart könnte hier be⸗ merkt werden, machte mit ſeinen Gefährten am Rande der Straße Halt und ſtellte ſich mit ſeinem Pferde in einem Graben feſt. Hier wartete man: es war die Stunde, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach der Courier des Königs bald er⸗ ſcheinen mußte. Unter ſolchen Umſtänden nahmen die Minuten die Länge von Stunden, die Stunden die Länge von Jahr⸗ hunderten an. Man hörte langſam und mit der Unempfindlichkeit, welche die Wartenden ſo gern nach den Schlägen ihrer Herzen regeln möchten, zehn Uhr, eilf Uhr, Mitternacht ſchlagen, dann ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr Morgens. Zwiſchen zwei und drei Uhr hatte der Tag zu grauen angefangen; während dieſer ſechs Stunden des Wartens brachte das geringſte Geräuſch, das zu den Ohren der Wachenden gelangte, mochte es ſich nähern oder entfernen, ihnen die Hoffnung oder die Ver⸗ zweiflung.„ Als es Tag war, verzweifelte der kleine Trupp. Herr von Bouillé dachte, es ſei ein Unfall geſchehen, da er aber nicht wußte, welcher, ſo befahl er, nach Stenay zurückzukehren, damit er, im Mittelpunkte ſeiner Streitkräfte befindlich, dieſen Unfall ſo viel als möglich pariren könnte. Man ſtieg zu Pferde und ritt langſam auf dem Weg nach Stenay zurück. 32 Man war kaum noch eine Viertelmeile von der Stadt, als Herr Louis von Buuillé, der ſich um⸗ waudte, von fern auf der Straße den durch den Galopp mehrerer Pferde emporgetriebenen Staub be⸗ merkte. Man hielt an, man wartete. Als die neuen Reiter näher kamen, glaubte man ſie zu erkennen. Bald zweifelte man nicht mehr: es waren die Herren Jules von Bouillé und von Raigecburt. Der kleine Trupp ritt ihnen entgegen. In dem Augenblick, wo man zuſammentraf, machten alle Münde von einem der beiden Truppe dieſelbe Frage; jeder Mund des andern gab dieſelbe Antwort.§. „Was iſt geſchehen?“ Der König iſt feſtgehalten worden.“ Es mochte vier Uhr des Morgens ſein. Die Kunde war erſchrecklich, um ſo erſchrecklicher, als die zwei jungen Leute, am Ende der Stadt, beim Gaſthofe zum Großen Monarchen, aufgeſtellt, wo ſie ſich plötzlich vom Aufruhr umhüllt gefunden, genöthigt ge⸗ weſen waren, ſich durch die Menge Bahn zu brechen, und zwar ohne eine genaue Nachricht mitnehmen zu können. So erſchrecklich aber dieſe Kunde war, ſo zerſtörte ſie doch nicht jede Hoffnung. Herr von Bouillé, wie alle Oberofficiere, die ſich auf eine abſolute Disciplin verlaſſen, glaubte, ohne an die Hinderniſſe zu denken, alle ſeine Befehle ſeien voll⸗ zogen.. War aber der König in Varennes feſtgehalten wor⸗ den, ſo mußten die verſchiedenen Poſten, welche Befehl erhalten hatten, ſich hinter dem König zuſammenzuziehen, in Varennes angekommen ſein. Dieſe verſchiedenen Poſten mußten beſtehen aus vier⸗ . r mn ch n, P r⸗ hl n, 33 zig Huſaren vom Regimente Lauzun, unter dem Com⸗ mando des Herzogs von Choiſeul; Aus dreißig Dragonern von Sainte Menehould, com⸗ mandirt von Herrn Dandoins; Aus hundert und vierzig Dragonern von Clermont, befehligt von Herrn von Damas; Und endlich aus ſechzig Huſaren von Varennes, commandirt von den Herren von Bonillé und Raigecvurt, mit welchen die zwei jungen Leute allerdings im Augen⸗ blick ihres Abgangs nicht hatten verkehren können, die aber in ihrer Abweſenheit unter den Befehlen von Herrn von Rohrig geblieben waren. Wohl hatte man Herrn von Rohrig, einem zwanzig⸗ jährigen jungen Manne, nichts anvertrauen wollen, Herr von Rohrig würde aber die Befehle von den anderen Chefs, den Herren von Choiſeul, Dandoins oder von Damas erhalten und ſeine Leute mit denen, welche dem König zu Hülfe eilten, verbinden. Der König müßte alſo zur Stunde etwas wie hun⸗ dert Huſaren und hundert und ſechzig bis hundert und achtzig Dragoner um ſich haben. Das war Alles, was man brauchte, um gegen den Aufruhr eines kleinen Fleckens von achthundert Seelen Stand zu halten. Man hat geſehen, wie die Ereigniſſe den ſtrategi⸗ ſchen BVerechnungen von Herrn von Bouillé Unrecht gaben. Dieſer Sicherheit wurde übrigens bald ein erſter Schlag beigebracht. Während die Herren von Bouillé und Raigecvurt dem General ihre Meldungen machten, ſah man einen Reiter im ſchnellſten Galopp ſeines Pferdes herbei⸗ kommen. Dieſer Reiter mußte Neuigkeiten bringen. Aller Augen wandten ſich alſo nach ihm, und man erkannte Herrn von zorngſi p Die Gräfin von Charny v. 3 34 Als er ihn erkannte, ritt ihm der General ent⸗ gegen. Er war in einer von jenen Stimmungen, in denen es einem nicht unangenehm iſt, die Schwere ſeines Zornes ſelbſt auf einen Unſchuldigen fallen zu laſſen. „Was ſoll das bedeuten,“ rief der General,„und warum haben Sie Ihren Poſten verlaſſen?“ „Mein General,“ antwortete Herr von Rohrig, „entſchuldigen Sie mich, ich komme auf Befehl von Herrn von Damas.“ „Nun! Herr von Damas iſt mit ſeinen Dragonern in Varennes?“ „Herr von Damas iſt in Varennes ohne ſeine Dra⸗ goner, mein General, mit einem Officier, einem Adju⸗ tanten und zwei bis drei Mann.“ „Und die Anderen?“ „Die Anderen wollten nicht marſchiren.“ „Und Herr von Dandoins und ſeine Dragoner?“ fragte Herr von Buuillé. „Sie ſollen Gefangene auf der Municipalität von Sainte⸗Menehould ſein.“ „Es iſt aber doch wenigſtens Herr von Choiſeul mit ſeinen Huſaren und den Ihrigen in Varennes?“ rief der General. „Die Huſaren von Herrn von Choiſenl ſind auf die Seite des Volks getreten und rufen:„Es lebe die Nation!““ Meine Huſaren werden in ihrer Kaſerne von der Rationalgarde bewacht.“ „Und Sie haben ſich nicht an ihre Spitze geſtellt, mein Herr, und Sie haben keinen Angriff auf dieſe ganze Canaille gemacht, und Sie haben ſich nicht um den König verſammelt?“ „Mein General vergißt, daß ich keinen Befehl hatte, daß die Herren von Bouillé und Raigecourt meine Chefs waren und daß ich durchaus nichts davon wußte, daß Seine Majeſtät durch Varennes kommen ſollte.“ en ies ig, on ra⸗ ju⸗ 2. on eul rief die die rne lt, ieſe um tte, efs daß 35 „Das iſt richtig,“ ſprachen gleichzeitig die Herren von Buuillé und von Raigecourt, der Wahrheit hul⸗ digend. „Beim erſten Lärmen, den ich hörte,“ fuhr der Unterlieutenant fort,„ging ich auf die Straße hinab und erkundigte mich: ich vernahm, ein Wagen, in dem der König und die königliche Familie ſein ſollten, ſei ungefähr eine Viertelſtunde vorher angehalten worden, und man habe die in dieſem Wagen befindlichen Per⸗ ſonen zum Gemeindeanwalt geführt. Ich begab mich nach dem Hauſe des Gemeindeanwalts. Es war eine große Menge bewaffneter Menſchen verſammelt; man ſchlug die Trommel, man läutete die Sturmglocke. Mitten unter dieſem Tumulte fühlte ich, daß man meine Schulter berührte; ich wandte mich um und erkannte Herrn von Damas mit einem Ueberrock über ſeiner Uniform.„„Sie ſind der Unterlieutenant, der die Hu⸗ ſaren von Varennes commandirt?“ ſagte er zu mir. „„Ja, mein Oberſt.“„„Sie kennen mich?“„„Sie ſind der Graf Charles von Damas.““„„Wohlan denn, ſteigen Sie zu Pferde, ohne eine Secunde zu verlieren, reiten Sie nach Dun, nach Stenay. rennen Sie, bis Sie den Herrn Marquis von Buuillé getroffen habenz ſagen Sie ihm, Dandoins und ſeine Bragoner ſeien Gefangene in Sainte⸗Menehould, meine Dragoner haben wir den Gehorſam verweigert, die Huſaren von Choiſeul drohen, ſich auf die Seite des Volks zu ſchlagen, und der König und die königliche Familie, welche in dieſem Hauſe feſtgehalten werden, hoffen nur noch auf ihn.““ Auf einen ſolchen Befehl, mein General, glanbte ich keine Bemerkung machen zu dürfen; ich hielt es im Gegentheil für meine Pflicht, blindlings zu gehorchen. Ich ſtieg daher zu Pferde, jagte mit verhängten Zügeln fort, und hier bin ich.“ „Und Herr von Damas hat Ihnen nichts Anderes geſagt?“ 36 „Doch, er hat mir noch geſagt, man werde alle Mittel anwenden, um Zeit zu gewinnen, und Ihnen hiedurch die erforderliche Zeit zu geben, in Varennes einzutreffen.“ „Oh! ich ſehe, daß Jeder gethan hat, was er thun konnte,“ ſprach Herr von Bouillé, einen Seufzer aus⸗ ſtoßend.„Nun iſt es an uns, unſer Möglichſtes zu, thun.“ Dann wandte er ſich gegen den Grafen Louis um und ſagte zu ihm: „Louis, ich bleibe hier. Dieſe Herren werden die verſchiedenen Befehle beſtellen, die ich gebe. Vor Allem werden die Detachements von Mouzon und von Dun gegen Varennes marſchiren und, zugleich den Uebergang über die Maas bewachend, den Angriff beginnen. Herr von Rohrig, überbringen Sie ihnen dieſen Befehl von mir und ſagen Sie ihnen, ſie werden ganz von der Nähe unterſtützt werden.“ Der junge Mann, dem der Befehl gegeben worden, ſalutirte und ritt in der Richtung von Dun weg, um ihn zu vollziehen. Herr von Bouillé fuhr fort: „Herr von Raigecourt, reiten Sie dem Schweizer⸗ Regimente von Caſtella entgegen, das auf dem Marſche iſt, um ſich nach Stenay zu begeben; wo ſie es treffen, ſagen Sie ihm, wie dringlich die Lage, und daß ich ihm befehle, die Etapen zu verdoppeln. Gehen Sie.“ Dann, als er den jungen Officier in einer Richtung der entgegengeſetzt, welcher mit der ganzen Schnelligkeit ſeines ſchon müden Pferdes Herr von Rohrig folgte, hatte abgehen ſehen, wandte er ſich an ſeinen zweiten Sohn und ſagte: Jules, wechſle das Pferd in Stenay und reite nach Montmsdy. Herr von Klinglin ſoll nach Dun das Re⸗ giment Naſſau⸗Infanterie, das in Montmédy iſt, mar⸗ lle en es uu zu m ie m un ug rr on he N, hn r⸗ che m ng eit tte hn e⸗ r⸗ 37 ſchiren laſſen und ſich in Perſon nach Stenay begeben. Vorwärts!“ Der junge Mann grüßte und ritt ebenfalls weg. Endlich wandte er ſich an ſeinen älteſten Sohn und ſprach: „Louis, das Regiment Royal⸗Allemand iſt in Stenay?“ „Ja, mein Vater.“ „Es hat den Befehl erhalten, bei Tagesanbruch be⸗ reit zu ſein?“ „Ich habe ſelbſt in Ihrem Auftrage ſeinem Oberſt den Befehl gegeben.“ „Führe es zu mir, ich will hier auf der Straße warten; vielleicht werden mir andere Nachrichten zu⸗ kommen. Royal⸗Allemand iſt ſicher, nicht wahr?“ „Ja, mein Vater.“ „Wohl denn! Royal„Allemand wird genügen; wir werden mit ihm nach Varennes marſchiren. Vor⸗ wärts!“ Der Graf Louis eilte auch fort. Nach zehn Minuten erſchien er wieder und meldete dem General: „Royal⸗Allemand folgt mir.“ „Du haſt es alſo marſchfertig gefunden?“ „Nein, und zwar zu meinem großen Erſtaunen. Der Commandant muß mich geſtern ſchlecht verſtanden haben, als ich ibm Ihren Befehl überbrachte, denn ich fand ihn noch im Bette. Doch er ſteht auf und hat mir verſprochen, ſelbſt in die Kaſernen zu gehen, um den Abmarſch zu beſchlen⸗ nigen. Da ich befürchtete, Sie könnten ungeduldig wer⸗ den, ſo kam ich wieder hierher, um Ihnen die Urſache des Verzugs mitzutheilen.“ „Gut,“ ſprach der General,„er wird alſo kommen?“ „Der Commandant hat mir geſagt, er folge mir auf dem Fuße.“ 38 Man wartete zehn Minuten, dann eine Viertelſtunde, dann zwanzig Minuten, Niemand erſchien. Ungeduldig, ſchaute der General ſeinen Sohn an.. „Ich kehre zurück, mein Vater,“ ſagte dieſer.. Und er ſetzte ſein Pferd wieder in Galopp und ritt zum zweiten Male in die Stadt. Die Zeit, ſo lange ſie der Ungeduld von Herrn von Bouillé geſchienen hatte, war doch ſchlecht vom Comman⸗ danten benützt worden; es waren kaum ein paar Leute bereit; der junge Officier beklagte ſich bitter, wiederholte den Befehl des Generals und kehrte auf das beſtimmte Verſprechen des Commandanten, in fünf Minuten werden ſeine Soldaten und er anßerhalb der Stadt ſein, zu ſei⸗ nem Vater zurück. Als er zurückritt, bemerkte er, daß das Thor, durch welches er ſchon viermal paſſirt war, von der National⸗ garde bewacht wurde. Man wartete abermals fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelſtunde, Niemand erſchien. Und Herr von Bouillé begriff doch, daß jede ver⸗ lorene Minute ein vom Leben der Gefangenen abge⸗ ſchnittenes Jahr war. Man ſah ein Cabriolet auf der Straße, von Dun her, kommen. Dieſes Cabriolet war das von Leonard, der ſeine Fahrt immer mehr beängſtigt fortſetzte. Herr von Bouillé hielt ihn an; doch je weiter ſich der arme Burſche von Paris entfernte, deſto mehr zogen die Erinnerung an ſeinen Bruder, deſſen Hut und Ueber⸗ rock er mit mitgenommen, und die an Frau von der Aage, welche nur von ihm gut frifirt war und, um fri⸗ ſirt zu werden, auf ihn wartete, in ſeinem Geiſte umher und brachten darin ein ſolches Chaos hervor, daß Herr von Bouillé nichts Vernünftiges aus ihm herausbringen konnte. Leonard, der vor der Verhaſtung des Königs von de, ritt von an⸗ te olte mte den ſei⸗ urch nal⸗ ten, ver⸗ ge⸗ dun eine ſich gen ber⸗ der fri⸗ cher err gen von 39 Varennes abgefahrn war, konnte Herrn von Bouillé wirk⸗ lich auch nichts Neues mittheilen. Dieſer kleine Vorfall machte, daß der General wie⸗ der ein paar Minuten Geduld hatte. Nachdem aber end⸗ lich faſt eine Stunde abgelaufen war, ſeitdem der Com⸗ mandant von Royal⸗Allemand ſeinen Befehl erhalten, hieß Herr von Bouillé ſeinen Sohn zum dritten Male nach Stenay reiten und nicht ohne das Regiment zurück⸗ kommen. Der Graf Louis ging wüthend ab. Als er auf den Platz kam, ſtieg ſein Zorn noch mehr: kaum fünfzig Mann waren zu Pferde. Er fing damit an, daß er dieſe fünfzig Mann nahm und ſich mit ihnen des Thores bemächtigte, das ſeinen freien Aus⸗ und Eingang ſicherte; dann kam er zum General zurück, der immer wartete, und verſicherte ihn, dies Mal folgen ihm der Commandant und ſeine Sol⸗ daten. Er glanbte es. Doch erſt nach zehn Minuten und als er im Begriffe war, zum vierten Mal in die Stadt zu reiten, erblickte man die Spitze von Royal⸗Allemand. Unter allen andern Umſtänden hätte Herr von Bouillé den Commandanten durch ſeine eigenen Leute verhaften laſſen; doch in einem ſolchen Augenblick befürchtete er, Anführer und Soldaten unzufrieden zu machen; er be⸗ ſchränkte ſich alſo darauf, daß er einige Vorwürfe über ſeine Langſamkeit an ihn richtete; dann harauguirte er die Soldaten und ſagte ihnen, für welchen ehrenvollen. Auftrag ſie beſtimmt ſeien; wie nicht nur die Freiheit, ſondern auch das Leben des Königs und der königlichen Familie von ihnen abhängen; er verſprach den Officieren Ehrenauszeichnungen, den Soldaten Belohnungen, und theilte, um anzufangen, vierhundert Louis d'or unter die Letzteren aus. Die Rede, welche mit dieſem Schluſſe endigte, brachte von ihm erwartete Wirkung hervor; ein ungeheurer — 40 Ruf:„Es lebe der König!“ erſcholl, und das ganze Regiment marſchirte in ſtarkem Trab nach Varennes ab. In Dun fand man, die Brücke über die Maas be⸗ wachend, das Detachement von dreißig Mann, das Herr Deslon, als er ſich von Dun mit Charny entfernte, hier gelaſſen hatte. Dieſen dreißig Mann befahl man, ſich anzuſchließen, und man marſchirte weiter. Man hatte acht ſtarke Meilen in einer Gegend zu machen, wo es immer Berg auf und Berg ab ging, und marſchirte alſo nicht ſo raſch, wie man gewollt hätte; man mußte ankommen, aber beſonders mit Soldaten an⸗ kommen, welche einen Angriff aushalten oder eine Charge unternehmen konnten. Indeſſen fühlte man, daß man im feindlichen Lande vorrückte: rechts und links wurde in den Dörfern die Sturmglocke geläntet; vor ſich hörte man etwas wie ein Kleingewehrfeuer krachen. Man zog immer weiter. Bei der Frange au Bois erſcheint, auf ſein Pferd gebückt, ein Reiter ohne Hut, der den Weg zu verſchlin⸗ gen ſcheint. Man beeilt ſich; das Regiment und der Mann nähern ſich einander. Dieſer Reiter iſt Herr von Charuy. „Zum König, meine Herren! zum König!“ ruft er aus der Ferne, indem er ſeine Hand aufhebt. „Zum König! es lebe der König!“ rufen zugleich Soldaten und Officiere. Charny hat in den Reihen Platz genommen; mit vier Worten ſetzt er die Lage auseinander. Der König befand ſich beim Abgange des Grafen noch in Varennes; es war noch nicht Alles verloren. Die Pferde ſind ſehr müde, doch gleichviel, man wird ſie in ihrem Gange unterſtützen; die Pferde ſind mit Hafer wohl gefüttert worden, die Leute ſind wohl er⸗ hitzt durch die Reden und die Louis d'or von Herrn von E. c— — e— n„ tze b. e 41 Bouillé: das Regiment rückt wie ein Orkan unter dem fort⸗ währenden donnernden Rufe:„Es lebe der König!“ vor. In Crépy begegnet man einem Prieſter; dieſer Prieſter iſt conſtitutionell: er ſieht die ganze Schaar, die nach Varennes eilt. „Jagt, jagt!“ ſpricht er;„zum Glück werdet Ihr zu ſpät kommen.“. Der Graf von Buuillé hört ihn und ſtürzt mit auf⸗ gehobenem Säbel auf ihn los. „Unglücklicher!“ ruft ihm ſein Vater zu,„was machſt Du?“ Der jnunge Graf ſieht in der That ein, daß er im Begriffe iſt, einen wehrloſen Menſchen zu tödten, und daß dieſer Menſch ein Geiſtlicher,— doppeltes Ver⸗ brechen: er macht ſeinen Fuß vom Steigbügel los und gibt dem Prieſter einen Tritt auf die Bruſt. „Ihr werdet zu ſpät kommen!“ wiederholt der Prie⸗ ſter, während er in den Staub rollt. Den Unglückspropheten verfluchend, zieht man weiter. Man nähert ſich indeſſen allmälig den Flinten⸗ ſchüſſen. Es ſind Herr Deslon und ſeine ſiebenzig Huſaren, welche mit einer ungefähr gleichen Anzahl von Leuten von der Nationalgarde ſcharmützeln. * Man greift die Nationalgarde an, man zerſtrent ſie, man paſſirt. Hier aber erfährt man von Herrn Deslon, daß der König ſchon um acht Uhr Morgens von Varennes ab⸗ gegangen iſt. Herr von Bouillé zieht ſeine Uhr: es iſt neun Uhr weniger fünf Minuten. Wohl! noch iſt nicht jede Hoffnung verloren. Man darf nicht daran denken, durch die Stadt zu marſchiren, wegen der Barricaden: man wird Varennes umgehen. Man wird es auf der linken Seite umgehen: rechts iſt es unmöglich wegen der Beſchaffenheit des Terrain. 42 Links wird man über den Fluß zu ziehen habenz Charny verſichert aber, er ſei durchwatbar. Man läßt Varennes rechts, man eilt auf den Wieſen⸗ gründen fort; man wird auf der Straße nach Clermont die Bedeckung angreifen, ſo ſtark ſie ſein mag; man wird den König befreien oder ſich tödten laſſen. Bei zwei Dritteln der Höhe der Stadt findet man den Fluß. Charny treibt zuerſt ſein Pferd hinein, die Herren von Bouillé folgen ihm, die Officiere eilen nach, die Soldaten folgen den Officieren. Der Lanf des Fluſſes verſchwindet unter den Pferden und den Unifor⸗ men. In zehn Minuten iſt die Furt durchritten. Dieſe Paſſage durch das fließende Waſſer hat Reiter und Pferde erfriſcht. Man ſetzt ſich wieder in Galopp und ſucht in gerader Richtung die Straße nach Clermont zu erreichen. Plötzlich hält Charny, der der Schaar um zwanzig Schritte voranreitet, an und ſtößt einen Schrei aus: er iſt am Rande eines tief ausgegrabenen Kanals, den er vergeſſen, obgleich er ihn in ſeinen topographiſchen Ar⸗ beiten ſelbſt aufgenommen hat. Dieſer Kanal erſtreckt ſich auf mehrere Meilen, und überall bietet er dieſelben Schwierigkeiten, wie an dem Orte, wo man angekommen. Setzt man nicht auf der Stelle über denſelben, ſo wird man nie überſetzen. Charny gibt das Beiſpiel: er ſtürzt ſich zuerſt ins Waſſer; der Kanal iſt nicht durchwatbar, doch das Pferd von Charny ſchwimmt kräftig nach dem andern Ufer. Nur iſt das Ufer eine jähe, lettige Böſchung, in welche die Hufeiſen des Pferdes nicht eingreifen können. Drei bis viermal verſucht Charny hinaufzureiten; doch trotz aller Wiſſenſchaft des gewandten Reiters gleitet ſein Pferd, nachdem es verzweifelte, verſtändige, bei⸗ nahe menſchliche Anſtrengungen gemacht, um ſich auf dem Ufer zu erheben, rückwärts in Ermangelung eines feſten Anhaltspunktes unter ſeinen Vorderfüßen, und fällt 3 n nt an an die ch, es or⸗ ter p ont zig er Ar⸗ und dem der ins ferd i nen. ten; eitet bei⸗ auf eines fält 43 wieder peinlich ſchnaufend und halb auf ſeinen Reiter zurückgeworfen ins Waſſer. Charny ſieht ein, das das, was ſein Pferd, ein aus⸗ erleſenes Vollblutpferd, geführt von einem vollendeten Reiter, nicht thun kann, vierhundert Schwadronspferde noch weniger werden thun können. Das iſt ein verfehlter Verſuch; das Verhängniß iſt ſtärker; der König und die Königin ſind verloren, und da er ſie nicht hat retten können, ſo bleibt ihm nur noch eine Pflicht zu erfüllen: die, mit ihnen unterzugehen. Er unternimmt eine letzte Anſtrengung, fruchtlos wie die andern, um die Höhe des Ufers zu erreichen; bei dieſem letzten Verſuche aber hat er ſeinen Säbel bis an die Mitte der Klinge in den Thon eingedrückt. Dieſer Säbel iſt darin geblieben als ein für das Pferd unnützer Anhaltspunkt, der aber dem Reiter die⸗ nen ſoll. Charny läßt in der That Steigbügel und Zügel los; er läßt ſein Pferd ſich ohne Reiter in dieſem unſeligen Waſſer zerarbeiten; er ſchwimmt gegen den Säbel, er ergreift ihn, er klammert ſich daran an, es gelingt ihm nach einigen vergeblichen Verſuchen, den Fuß aufzuſetzen, und er ſchwingt ſich auf die Höhe des Ufers. Da wendet er ſich um, und jenſeits des Kanals ſieht er Herrn von Bouillé und ſeinen Sohn weinend vor Zorn, alle Soldaten düſter und unbeweglich, denn nach dem Kampfe, den Charny unter ihren Augen ge⸗ kämpft, begreifen ſie, wie fruchtlos der Verſuch wäre, über dieſen Kanal zu ſetzen, über den man nicht zu ge⸗ langen vermochte. Herr von Bouillé beſonders ringt die Hände aus Verzweiflung, er, deſſen Unternehmungen ſtets alle geglückt, er, deſſen Handlungen alle von den günſtigſten Erfolgen gekrönt worden waren, er, der im Heere Veranlaſſung Glücklich wie Bonillé, gegeben atte. 44 „Oh! meine Herren,“ rief er mit ſchmerzlichem Tone,„ſagen Sie noch, ich ſei glücklich!“ „Nein, General,“ erwiederte Charny vom andern Ufer,„doch ſeien Sie ruhig, ich werde ſagen, Sie haben Alles gethan, was ein Menſch thun konnte, und wenn ich es ſage, ſo wird man es glauben. Gott befohlen, General.“ Und, zu Fuße, querfeldein, ganz mit Koth überzogen, von Waſſer triefend, ſeines Säbels beraubt, der im Kanal geblieben, ſeiner Piſtolen beraubt, deren Pulver durchnäßt iſt, nimmt Charny ſeinen Lauf und verſchwin⸗ det unter den Baumgruppen, welche, wie Vorpoſten des Waldes, diesſeits der Straße ſtehen. Dieſe Straße iſt endlich diejenige, auf welcher man den König und die königliche Familie gefangen wegführt. Er braucht ihr nur zu folgen, um ſie einzuholen. Doch ehe er ihr folgt, wendet er ſich zum letzten Male um und ſieht auf dem Ufer des verfluchten Kanals Herrn von Bouillé und ſeine Schaar, welche trotz der anerkannten Unmöglichkeit, weiter zu gehen, ſich nicht zum Rückzuge zu entſchließen vermögen. Er macht ihnen ein letztes verlorenes Zeichen, eilt auf der Straße weiter, dreht ſich um eine Ecke, und Alles verſchwindet. Nur bleibt ihm als Führer der ungeheure Lärmen, der ihm vorangeht und aus Schreien, Drohungen, Ge⸗ lächter und Flüchen von zehntauſend Menſchen beſteht. 4⁵ sunnid 6 2880 Der Abgang. Man weiß, daß der König abgegangen war. Es bleiben uns aber ein paar Worte über dieſen Abgang und über dieſe Reiſe zu ſagen, wobei wir die ver⸗ ſchiedenen Geſchicke der treuen Diener und der letzten Freunde, welche das Verhängniß, der Zufall oder die Ergebenheit um die ſterbende Monarchie gruppirt hatten, werden in Erfüllung gehen ſehen. Kehren wir in das Haus von Herrn Sauſſe zurück. Charny hatte, wie geſagt, kaum den Boden berührt, als ſich die Thüre geöffnet und Billot wieder auf der Schwelle erſchienen war. Sein Geſicht war düſter; ſein Auge, auf das der Gedanke die Braue niederſenkte, war forſchend und tief: er ſchaute eine nach der andern alle Perſonen des Drama an; doch in dem Kreiſe, den er durchlief, ſchien ſein Blick nur zwei Bemerkungen zu machen. Die Flucht von Charny; ſie war offenbar; der Graf war nicht mehr da, und Herr von Damas ſchloß wieder das Fenſter hinter ihm; würde er ſich vorwärts geneigt haben, ſo hätte Billot den Grafen können über die. Gartenmauer klettern ſehen. Dann eine Art von Vertrag, der ſo eben zwiſchen der Königin und Herrn von Romeuf geſchloſſen worden, ein Vertrag, bei dem Alles, was Herr von Romeuf hatte verſprechen können, geweſen war, er wolle neutral bleiben. 6 Hinter Billot hatte ſich das erſte Zimmer mit den, ſelben Leuten aus dem Volke, bewaffnet mit Flinten“ 46 Säbeln oder Senſen gefüllt, welche eine Geberde des Pächters hinausgetrieben. Dieſe Leute ſchienen übrigens inſtinctartig, durch einen magnetiſchen Einfluß hingezogen, dieſem Anführer zu gehorchen, der Plebejer wie ſie, und in dem ſie einen dem ihrigen gleichen Patriotismus, beſſer geſagt, einen dem ihrigen gleichen Haß erkannten. Billot warf einen letzten Blick zurück; dieſer Blick, der ſich mit dem der bewaffneten Leute kreuzte, belehrte ihn, daß er auf ſie zählen könne, ſelbſt in dem Fall daß man Gewalt gebranchen müßte. „Nun!“ fragte er Herrn von Romeuf,„ſind ſie entſchloſſen, abzugehen?“ Die Königin warf auf Billot einen von jenen ſchie⸗ fen Blicken, welche die Unklugen, an die ſie dieſelben rich⸗ tete, vernichtet haben würden, hätte ſie die Macht des Blitzes darein legen können. Dann ſetzte ſie ſich und faßte den Arm ihres Lehn⸗ ſtuhles, als hätte ſie ſich daran anklammern wollen. „Der König verlangt noch ein paar Angenblicke,“ antwortete Herr von Romeuf;„Niemand hat heute Nacht geſchlafen, und Ihre Majeſtäten ſind von Müdig⸗ keit niedergedrückt.“ „Herr von Romeuf,“ ſprach Billot,„Sie wiſſen wohl, daß Ihre Majeſtäten, nicht weil ſie müde ſind, ein paar Augenblicke verlangen, ſondern weil ſie hoffen, wäh⸗ rend dieſer paar Augenblicke werde Herr von Bouillé ankommen. Nur,“ fügte Billot mit abſichtlichem Nach⸗ druck bei,„nur mögen ſich Ihre Majeſtäten in Acht neh⸗ men, denn wenn ſie ſich weigern, gutwillig zu kommen, ſo wird man ſie an den Füßen in ihren Wagen ſchleppen.“ „Elender!“ rief Herr von Damgs, mit dem Säbel in der Hand auf Billot losſtürzend. Doch Billot wandte ſich um und kreuzte die Arme. Er hatte in der That nicht nöthig, ſich ſelbſt zu vertheidigen; acht bis zehn Lente brachen vom erſten 47 Zimmer in das zweite ein, und Herr von Damas, fand ſich zugleich von zehn Waffen bedroht. Der König ſah, es bedürfe nur eines Wortes oder einer Geberde, daß die zwei Gardes du corps, Herr von Choiſeul, Herr von Damas und die paar Officiere oder Unterofficiere, welche bei ihm waren, ermordet werden. 6 „Es iſt gut,“ ſagte er,„laſſen Sie die Pferde an⸗ ſpannen. Wir gehen ab.“ Madame Brunier, eine von den Frauen der Köni⸗ gin, ſtieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Dieſer Schrei weckte die zwei Kinder auf. Der junge Dauphin fing an zu weinen. „Ah! mein Herr,“ ſagte die Königin zu Billot, „Sie haben alſo kein Kind, daß Sie in einem ſolchen Grade grauſam gegen eine Mutter find?“ Billot bebte: alsbald aber erwiederte er mit einem bittern Lächeln: „Nein, Madame, ich habe keines.“ Dann zum König: „Man braucht die Pferde nicht anzuſpannen, ſie ſind angeſpannt.“ „So laſſen Sie den Wagen vorfahren.“ „Er iſt vor der Thüre.“ Der König trat an das Fenſter, das auf die Straße ging, und ſah wirklich den Wagen angeſpannt; unter dem ungeheuren Lärmen, der auf der Straße ſtattfand, hatte er ihn nicht kommen hören. Das Volk erblickte den König durch die Scheiben. Da erhob ſich ein furchtbares Geſchrei oder viel⸗ mehr eine furchtbare Drohung aus der Menge. Der König erbleichte. von Choiſeul näherte ſich der Königin und e „Was befiehlt Eure Majeſtät? Ich und meine Ka⸗ wollen lieber ſterben, als ſehen, was hier vor⸗ ge“ ſag 48 „Glauben Sie, daß Herr von Charny gerettet iſt?“ fragte leiſe und lebhaft die Königin. „Oh! was das betrifft, ja,“ erwiederte Herr von Choiſeul,„dafür würde ich ſtehen.“. „Nun, ſo wollen wir aufbrechen; doch in des Him⸗ mels Namen, mehr noch um Ihretwillen, als um unſe⸗ retwillen, verlaſſen Sie uns nicht, Sie und Ihre Freunde.“ Der König begriff, welche Furcht die Königin er⸗ üllte. „In der That,“ ſprach er,„die Herren von Choi⸗ ſeul und von Damas begleiten uns, und ich ſehe ihre Pferde nicht.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Herr von Romeuf, ſich an Billot wendend,„wir können es nicht verhin⸗ dern, daß dieſe Herren dem König und der Königin folgen.“ „Dieſe Herren werden dem König und der Königin folgen, wenn ſie können,“ entgegnete Billot;„unſere Befehle beſagen, daß wir den König und die Köni⸗ gin zurückführen ſollen, und ſprechen nicht von dieſen Herren.“ „Ich aber,“ verſetzte der König mit mehr Feſtigkeit, als man hätte von ihm erwarten können,„ich erkläre, daß ich nicht abreiſen werde, wenn dieſe Herren ihre Pferde nicht haben.“ „Was ſagt Ihr hiezu?“ fragte Billot, indem er ſich an die Leute wandte, die das Zimmer verſperrten. „Der König wird nicht abgehen, wenn dieſe Herren nicht ihre Pferde haben.“ Die Leute brachen in ein Gelächter aus. „Ich will ſie vorführen laſſen,“ ſprach Herr von Romeuf.“ Doch Herr von Choiſeul machte einen Schritt vorwärts, trat ihm in den Weg und ſagte zu ihm: „Verlaſſen Sie Ihre Majeſtäten nicht, Ihre Sen⸗ 12 von im⸗ iſe⸗ hre vi⸗ hre ſih in⸗ gin gin ere ni⸗ ſen eit, re, hre er en. ren on itt n⸗ 49 dung gibt Ihnen einige Gewalt über das Volk, und es iſt die Sache Ihrer Ehre, daß kein Haar vom Haupte Ihrer Majeſtäten fällt.“ Herr von Romeuf blieb zurück. Billot zuckte die Achſeln. „Es iſt gut,“ ſagte er,„ich gehe.“ Und er ging zuerſt ab. Doch auf der Thürſchwelle wandte er ſich um und fügte die Stirne faltend bei: „Nicht wahr, man folgt mir?“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederten die Leute mit einem Gelächter, welches andeutete, man dürfe im Falle des Widerſtandes kein Mitleid erwarten. Bis zu einem ſolchen Grade von Aufregung gelangt, hätten dieſe Leute ſicherlich Gewalt gegen die könig⸗ liche Familie angewandt, oder auf Jeden gefeuert, der zu fliehen verſucht haben würde. Billot hatte auch nicht einmal die Mühe, wieder hinaufzugehen. Einer von den Leuten ſtand am Fenſter und ver⸗ folgte mit den Angen, was auf der Straße geſchah. „Hier ſind die Pferde,“ ſagte er;„vorwärts!“ „Vorwärts!“ wiederholten ſeine Gefährten mit einem Tone, der keine Erörterung zuließ. Der König ging zuerſt hinaus. Dann kam Herr von Choiſeul, die Königin am Arme führend; dann Herr von Damas mit Madame Eliſabeth am Arme; dann Frau von Tourzel mit den zwei Kindern, und um ſie, eine Gruppe bildend, der Reſt der kleinen treuen Schaar. Herr von Romeuf als Abgeſandter der Nationalver⸗ ſammlung, und folglich mit einem heiligen Character bekleidet, war beauftragt, ganz beſonders über dem kö⸗ niglichen Gefolge zu wachen. Doch man muß ſagen, Herr von Romeuf hatte ſelbſt Die Gräfin von Charny. V. 4 50 ſehr nöthig, daß man über ihm wachte; es hatte ſich das Gerücht verbreitet, er habe nicht nur auf eine ſchlaffe Art die Befehle der Nationalverſammlung vollzogen, ſon⸗ dern auch, wenn nicht thätig, doch wenigſtens durch ſeine Trägheit die Flucht von einem der ergebenſten Die⸗ ner des Königs begünſtigt, welcher, wie man ſagte, Ihre Majeſtäten nur verlaſſen hatte, um Herrn von Bouillé den Befehl, ihnen zu Hülfe zu kommen, zu über⸗ bringen. Eine Folge hievon war, daß, als er auf die Thür⸗ ſchwelle kam, während das Benehmen von Billot von dieſem ganzen Volke, das ihn als ſeinen einzigen Füh⸗ rer anzuerkennen geneigt ſchien, verherrlicht wurde, Herr von Romeuf um ſich her, in Begleitung von Drohun⸗ gen, die Worte Ariſtokrat und Verräther ertönen hörte. Man ſtieg in den Wagen und befolgte dabei dieſelbe Ordnung, welche man befolgt hatte, um die Treppe her⸗ abzugehen. Die zwei Gardes du corps nahmen wieder ihre Plätze auf dem Bock ein. In dem Angenblick, wo man herabging, hatte ſich Herr von Valory dem König genähert und zu ihm ge⸗ ſagt: 8„Sire, mein Kamerad und ich wollten uns eine Gnade von Eurer Majeſtät erbitten.“ „Welche, meine Herren?“ verſetzte der König, er⸗ ſtaunt, daß es noch irgend eine Gnade gab, über die er verfügen konnte. „Sire, die Gnade, da wir nicht mehr das Glück haben, Eurer Majeſtät als Militäre anzugehören, bei Ihnen den Platz Ihrer Bedienten einnehmen zu dürfen.“ „Meiner Bedienten, meine Herren!“ rief der König; „unmöglich!“ Herr von Valory verbeugte ſich und ſprach; „Sire, in der Lage, in der ſich Eure Majeſtät be⸗ 8 fe 1. ch e⸗ e, n r⸗ n h⸗ rr n⸗ en be r⸗ 51 findet, würde dieſer Platz, unſerer Anſicht nach, Prinzen von Geblüt Ehre machen, um ſo viel mehr armen Edel⸗ lenten, wie wir ſind.“ „Wohl, es ſei, meine Herren,“ erwiederte der Kö⸗ nig mit Thränen in den Augen,„bleiben Sie, verlaſſen Sie uns nie mehr.“ So hatten die zwei jungen Leute, eine Wirklichkeit aus ihrer Livree und aus ihren ſcheinbaren Functionen als Couriere machend, ihre Plätze wieder auf dem Bock eingenommen. Herr von Choiſeul ſchloß den Wagenſchlag. „Meine Herren,“ ſagte der König,„ich gebe den beſtimmten Befehl, daß man mich nach Montmédy führe. Poſtillons, nach Montmédy!“ Doch eine Stimme, eine ungeheure Stimme, eine Stimme, nicht einer einzigen Bevölkerung, ſondern von zehn vereinigten Bevölkerungen rief: „Nach Paris! nach Paris!“ In einem Augenblicke der Stille aber deutete Bil⸗ lot auf den Weg, dem man folgen ſollte, und ſagte: „Straße nach Clermont.“ Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung, um dieſem Befehle zu gehorchen. „Ich nehme Sie Alle zu Zeugen, daß man mir Ge⸗ walt anthut,“ ſprach Ludwig XVI. Erſchöpft von dieſer Willensanſtrengung, die keine von denen übertraf, welche er noch gemacht hatte, ſank dann der unglückliche König in den Hintergrund des Wagens zwiſchen die Königin und Madame Eliſabeth. Der Wagen fuhr weiter. Nach fünf Minuten und ehe er zwei hundert Schritte gemacht hatte, hörte man hinten gewaltiges Geſchrei. Durch die Dispoſitivn der Perſonen und vielleicht auch durch die der Temperamente, war die Königin die Erſte, die den Kopf aus dem Schlage beugte. 52 Doch beinahe in demſelben Momente warf ſie ſich wieder in den Wagen zurück, bedeckte die Augen mit ihren Händen und rief: „Oh! wehe uns! man ermordet Herrn von Choi⸗ eul.“ Der König verſuchte es, eine Bewegung zu machen, doch die Königin und Madame Eliſabeth zogen ihn ſo rückwärts, daß er zwiſchen ſie fiel. Ueberdies hatte ſich der Wagen um eine Straßenecke gedreht, und es war unmöglich, zu ſehen, was zwanzig Schritte von da vor⸗ ing. Man vernehme, was geſchah. Vor der Thüre von Herrn Sauſſe waren die Her⸗ ren von Choiſeul und von Damas zu Pferde geſtiegen; doch das Pferd von Herrn von Romeuf, der übrigens mit Poſt gekommen, war verſchwunden. Herr von Romeuf, Herr von Floirac, und der Ad⸗ jutant Foucg folgten alſo zu Fuß in der Hoffnung, Pferde von Huſaren oder von Dragonern zu finden, mochten nun Dragoner oder Huſaren, treu geblieben, ihnen ihre Pferde anbieten, oder würden ſie Pferde finden, die von ihren Herren verlaſſen worden, welche, wenigſtens die Mehrzahl, mit dem Volke fraterniſirten und auf die Geſundheit der Nation tranken. Doch man hatte nicht fünfzehn Schritte gemacht, da bemerkt vom Schlage des Wagens ans, den er geleitet, Herr von Choiſeul, daß die Herren von Romeuf, von Floirac und Foucq Gefahr laufen, von der Menge umhüllt, zerdrückt zu werden. Er hält einen Augenblick an, läßt den Wagen vor⸗ beifahren, und da er denkt, Herr von Romeuf könne, kraft der Sendung, mit der man ihn betraut, unter den drei Männern, die einer gleichen Gefahr preisgegeben, derjenige ſein, welcher der königlichen Familie die größ⸗ ten Dienſte leiſten würde, ſo ruft er ſeinem, mit der ganzen Menge vermiſchten, Bedienten James Briſack zu; r⸗ e⸗ n n ß⸗ er 53 „Mein zweites Pferd Herrn von Romeuf!“ Kaum hat er dieſe Worte geſprochen, da geräth das Volk in Zorn, brauſt auf, umzingelt ihn und ſchreit: „Das iſt der Graf von Choiſeul, das iſt einer von denjenigen, welche den König entführen wollten! Tod dem Ariſtokraten! Schlagt den Verräther todt!“ Man weiß, mit welcher Schnelligkeit bei den Volks⸗ aufſtänden die Wirkung auf die Drohung folgt. Von ſeinem Sattel herabgeriſſen, wurde Herr von Choiſeul rückwärts niedergeworfen und verſchwand ver⸗ ſchlungen von dem entſetzlichen Schlunde, den man die Menge nennt, und aus welchem man, in jener Evpoche tödtlicher Leidenſchaften faſt nie anders als in Fetzen hervorkam. Zu gleicher Zeit aber, als er fiel, eilten ihm fünf Perſonen zu Hülfe. Das waren Herr von Damas, Herr von Floirac, Herr von Romeuf, der Adjutant Foucg und derſelbe Bediente James Briſack, deſſen Händen man das Pferd entriſſen, das er hielt, und der, da er die Hände frei hatte, dieſe im Dienſte ſeines Herrn beſchäftigen konnte. Es fand dann einen Augenblick ein erſchreckliches Gemenge ſtatt, eine Gemenge ähnlich jenen Kämpfen, wie ſie die Völker des Alterthums gekämpft, oder wie man ſie in unſeren Tagen bei den Arabern ſieht, wenn dieſe um die blutigen Leiber ihrer Verwundeten und ihrer Todten ſtreiten. Gegen alle Wahrſcheinlichkeit war zum Glück Herr von Choiſeul weder todt, noch verwundet, oder ſeine Wunden waren wenigſtens, trotz der gefährlichen Waffen, die ſie ihm beigebracht, nur leicht. Ein Gendarme parirte mit dem Laufe ſeiner Mus⸗ kete einen für ihn beſtimmten Senſenhieb. James Bri⸗ ſack parirte einen andern mit einem Stocke, den er einem der Angreifenden entriſſen. 54 Der Stock wurde wie ein Rohr durchſchnitten, doch der Streich verwundete nur das Pferd von Herrn von Choi⸗ ſeul. Da ſiel es dem Adjutanten Foueg ein, zu rufen: „Zu Hülfe, Dragoner!“ Einige Soldaten liefen auf dieſen Ruf herbei, und da ſie ſich ſchämten, den Mann niederhauen zu laſſen, der ſie commandirt hatte, ſo brachen ſie ſich Bahn bis u ihm. Herr von Romeuf ſtürzte ſelbſt vor und rief: „Im Namen der Nationalverſammlung, deren Man⸗ datar ich bin, und des General Lafayette, welcher mich abgeordnet: führet dieſe Herren auf die Municipalität.“ Die zwei Namen Nationalverſammlung und General Lafayette genoßen damals ihre ganze Popularität; ſie brachten auch ihre Wirkung hervor. „Auf die Municipalität! auf die Municipalität!“ riefen viele Stimmen. Die Leute von gutem Willen ſtrengten ſich an, und Herr von Choiſeul und ſeine Gefährten ſahen ſich nach dem Gemeindehanſe fortgezogen. Man brauchte mehr als anderthalb Stunden, um hier anzukommen; jede Minute von dieſen anderthalb Stunden war eine Drohung oder ein Tödtungsverſuch; jede Heffnung, welche ihre Vertheidiger um die Gefan⸗ genen ließen, gewährte der Klinge eines Säbels, dem Dreizack einer Heugabel oder der Spitze einer Senſe Durchgang. Endlich kam man zum Stadthauſe; ein einziger Municipalbeamter war da, ſehr erſchrocken über die Ver⸗ autwortlichkeit, die auf ihm laſtete. um ſich dieſer Verantwortlichkeit zu entledigen, be⸗ fahl er, daß die Herren von Chviſeul, von Damas und von Floirac ins Gefängniß gebracht und von den Nationalgarden bewacht werden ſollten. Herr von Romeuf erklärte dann, er wolle Herrn 55 4 von Chviſeul, der ſich für ihn Allem ausgeſetzt, nicht verlaſſen. Der Municipal befahl, Herrn von Romeuf mit den Andern ins Gefängniß zu bringen. Auf ein Zeichen, das Herr von Choiſeul ſeinem Bedienten machte, verſchwand dieſer, der zu wenig war, als daß man ſich um ihn bekümmert hätte. Seine erſte Sorge betraf die Pferde,— vergeſſen wir nicht, daß James Briſack Reitknecht war Er erfuhr, die Pferde ſtehen faſt unverſehrt in einem Wirthshanſe unter der Obhut von mehreren Schildwachen. Ueber dieſen Punkt beruhigt, trat er in ein Kaffee⸗ haus ein und verlangte Thee, eine Feder und Tinte, und ſchrieb an Frau von Choiſeul und an Frau von Gram⸗ mont, um ſie über das Loos ihres Sohnes und ihres Neffen zu beruhigen, der aller Wahrſcheinlichkeit nach gerettet war, ſobald er im Gefängniß. Der arme James Brifack ging viel zu weit bei den guten Nachrichten, die er gab; ja, Herr von Chvi⸗ ſeul war Gefangener; ja, Herr von Choiſeul war im Kerker; ja, Herr von Choiſeul war unter der Bewa⸗ chung der Stadtmiliz; doch man hatte vergeſſen, Schild⸗ wachen vor die Luftlöcher des Kerkers zu ſtellen, und durch dieſe Luftlöcher fenerte man viele Flintenſchüſſe auf die Gefangenen. Sie wareu alſo genöthigt, ſich in die Ecken zu flüchten. Dieſe ziemlich precäre Lage dauerte vier und zwan⸗ zig Stunden, während welcher Herr von Romeuf mit einer bewunderungswürdigen Aufopferung ſich weigerte, ſeine Gefährten zu verlaſſen. Als endlich am 23. Juni die Nationalgarde von Verdun angekommen war, brachte es Herr von Romeuf dahin, daß die Gefangenen ihr übergeben wurden, und er verließ ſie erſt, nachdem ihm bei ihrem Ehrenworte die 56 Officiere verſprochen hatten, über ihnen zu wachen, bis ſie in dem Gefängniſſe des oberſten Gerichtshofes wären. Was den armen Iſidor von Charny betrifft, ſo wurde ſein Leichnam in das Haus eines Webers ge⸗ ſchleppt, wo ihn fromme, aber fremde Hände begruben; er war hierin minder glücklich, als Georges, dem wenig⸗ ſtens die letzte Ehre von den brüderlichen Händen des Grafen und von den befreundeten Händen von Gilbert und Billot erwieſen worden war. Denn damals war Billot ein ergebener und ehr⸗ furchtsvoller Freund. Wir haben geſehen, wie ſich dieſe Freundſchaft, dieſe Ehrfurcht und dieſe Ergebenheit in Haß verwandelten, in einen Haß ſo unverſöhnlich, als dieſe Freundſchaft, dieſe Ehrfurcht und dieſe Ergebenheit tief geweſen waren. XCIII. Der Schmerzensweg. Die königliche Familie ſetzte indeſſen ihre Reiſe nach Paris fort, dem folgend, was wir ihren Schmerzens⸗ weg nennen können. Ach! Ludwig XVI. und Marie Antvinette hatten auch ihre Schädelſtätte! Sühnten ſie vielleicht durch dieſes gräßliche Leiden die Sünden der Monarchen, wie Jeſus Chriſtüs die Sünden der Menſchen ſühnte? Das iſt das Problen, welches die Vergangenheit nicht gelöſt hat, das aber vielleicht die Zukunft aufklären wird. Man rückte langſam weiter, denn die Pferde konnten —————— e———— c——— 8„ 8 8 . M M — 57 nur im Schritte der Escorte gehen, und dieſe Escorte, während ſie der Mehrzahl nach aus Männern beſtand, welche, wie geſagt, mit Heugabeln, Flinten, Senſen, Säbeln, Spießen, Dreſchflegeln bewaffnet waren, ver⸗ vollſtändigte ſich durch eine zahlloſe Menge von Weibern und Kindern,— Weiber, die ihre Kinder über ihre Köpfe emporhoben, um ſie dieſen König ſehen zu laſſen, welchen man mit Gewalt nach ſeiner Hauptſtadt zurück⸗ brachte, und den ſie ohne dieſen Umſtand wahrſcheinlich nie geſehen hätten. Und unter dieſer Menge, die auf der Straße hin⸗ zog und auf beiden Seiten in die Ebene überſtrömte, glich der große Wagen des Königs, hinter welchem das Cabriolet von Madame Brunier und Frau von Reuville fuhr, einem Schiffe, gefolgt von einer Schaluppe, das wüthende Wellen umtoſen und zu verſchlingen drohen. Von Zeit zu Zeit machte ein unerwarteter Umſtand, — man erlaube uns, unſere Vergleichung zu verfolgen,— daß dieſer Sturm neue Gewalt erlangte. Die Schreie, die Flüche, die Drohungen verdoppelten ſich; die menſch⸗ lichen Wogen hoben ſich, ſenkten ſich, ſtiegen wie eine Fluth, und verbargen zuweilen gänzlich in ihren Tie⸗ fen das Fahrzeng, das ſie mit großer Anſtrengung ſeines Vordertheils durchſchnitt, die Schiffbrüchigen, die es trug, und die ſchwache Schaluppe, die es am Schlepp⸗ tau nachzog. Man kam nach Clermont, ohne daß man die er⸗ ſchreckliche Escorte, obgleich man vier Meilen gemacht, hatte abnehmen ſehen; die Männer, die ſie bildeten und von ihren Geſchäften nach Hauſe zurückgerufen wurden, waren bald von denen erſetzt, welche aus der Umgegend herbeiliefen und ſich an dem Schauſpiel weiden wollten, von dem die Andern ſchon geſättigt. 5 Von allen Gefangenen, die das ambulante Gefäng⸗ niß wegführte, waren zwei ganz beſonders dem Zorne der Menge ausgeſetzt und die Zielſcheibe ihrer Drohun⸗ 58 gen: das waren die zwei unglücklichen Gardes du corps, welche auf dem breiten Bocke des Wagens ſaßen. Je⸗ den Augenblick, und das war eine Art, die königliche Familie zu treffen, die der Befehl der Nationalverſamm⸗ lung unverletzlich machte, jeden Augenblick waren die Bajonnete gegen ihre Bruſt gewendet; eine Senſe, welche wirklich die des Todes, erhob ſich über ihrem Haupte, oder eine Lanze, die wie eine falſche Schlange durch die Zwiſchenräume ſchlüpfte, ſtach mit ihrem ſcharfen Eiſen in das lebendige Fleiſch und kam mit einer ebenſo raſchen Bewegung zurück, um vor die Augen ihres da⸗ durch, daß er ſein Ziel nicht verfehlt, befriedigten Herrn ihre feuchte und geröthete Spitze zu bringen Plötzlich ſah man mit Erſtaunen einen Mann ohne Hut, ohne Waffen, die Kleider mit Koth bedeckt, die Menge durchſchneiden, nachdem er den König und die Königin einfach, aber ehrfurchtsvoll gegrüßt, auf das Vor⸗ dergeſtell des Wagens ſpringen und auf dem Bocke zwi⸗ ſchen den Gardes du corps Platz nehmen. der Freude und des Schmerzes aus. Sie hatte Charny erkannt. war ſo verwegen, daß er nur durch ein Wunder dieſen gefährlichen Platz hatte erreichen können, ohne verwundet worden zu ſein. Der Freude, denn ſie war glücklich, ihn den unbe⸗ kannten Gefahren entgangen zu ſehen, denen er auf ſeiner Flucht hatte preisgegeben ſein müſſen; Gefahren, ſonders zu bezeichnen, es der Einbildungskraft überließ, ſie ihr alle zu bieten. Des Schmerzes, daß ſie, da ſie Charny allein wie⸗ derſah, auf jede Hoffnung, von Herrn von Bonillé Hülfe zu erhalten, verzichten mußte. Uebrigens ſchien die Menge, erſtaunt über die Kühn⸗ Die Königin ſtieß einen Schrei zugleich der Angſt, Der Angſt, denn das, was er vor Aller Augen that, welche um ſo größer, als die Wirklichkeit, ohne eine be⸗ e⸗ che m⸗ die ſe, em ige fen nſo da⸗ rn ne die die or⸗ vi⸗ . 59 hheit dieſes Mannes, ihn gerade wegen dieſer Kühnheit reſpectirt zu haben. Bei dem Geräuſche, das um den Wagen her ent⸗ ſtanden war, wandte ſich Billot, der an der Spitze der Escorte ritt, um und erkannte ſogleich Charny. „Ah!“ murmelte er,„es freut mich, daß ihm nichts widerfahren iſt; doch wehe dem, der nun etwas Aehn⸗ liches verſuchen würde, denn er müßte ſicherlich für zwei bezahlen!“ Man kam gegen zwei Uhr Nachmittags in Sainte⸗ Menehould an. Die Entbehrung des Schlafes in der Nacht der Abreiſe, die Anſtrengungen und Gemüthsbewegungen in der abgelaufenen Nacht hatten auf Jedermann, und be⸗ ſonders auf den Dauphin, ihren nachtheiligen Einfluß geübt. Als man in Sainte⸗Menehould ankam, war das arme Kind einem erſchrecklichen Fieber preisgegeben. Der König befahl, Halt zu machen. Zum Unglück war von allen an der Straße liegen⸗ den Städten Sainte Menehould vielleicht die am heftig⸗ ſten im Aufruhr gegen dieſe unglückliche Familie, die man gefangen zurückführte, begriffene. Man nahm alſo keine Rückſicht anf den vom König gegebenen Befehl, und es wurde von Billot der entgegen⸗ geſetzte Befehl gegeben, daß man die Pferde anzuſpan⸗ nen habe. Man gehorchte. Der Dauphin weinte und fragte unter ſeinem Schluchzen: Warum kleidet man mich denn nicht aus und legt mich in mein gutes Bett, da ich krank bin?“ Die Königin konnte ſeinen Klagen nicht widerſtehen, und ihr Stolz war einen Angenblick gebrochen. Sie hob ir Armen den in Thränen zerfließen⸗ en und ganz ſchauernden Prinzen auf, zeigte ihn dem Lolte und if 3 ſi 60 „Ah! meine Herren, aus Mitleid mit dieſem Kinde, halten Sie an!“ Doch die Pferde waren ſchon am Wagen. „Vorwärts!“ rief Billot. Vorwärts!“ ſchrie das Volk. Und als der Pächter am Schlage vorüberritt, um wieder ſeinen Platz an der Spitze des Zuges einzu⸗ nehmen, ſprach die Königin zu Billot: „Ah! mein Herr, ich wiederhole Ihnen, Sie müſſen kein Kind haben.“ „Und ich, Madame, ich wiederhole Ihnen,“ ant⸗ wortete Billot mit ſeinem düſteren Blicke und ſeinem rauhen Tone:„ich habe eines gehabt, doch ich habe es nicht mehr!“ „Handeln Sie alſo, wie Sie wollen,“ ſagte Marie Antvinette,„Sie ſind der Stärkere. Doch nehmen Sie ſich in Acht, es gibt keine Stimme, welche lauter: Wehe! ſchreit, als die ſchwache Stimme der Kinder.“ Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Die Fahrt durch die Stadt war grauſam. Der Enthufiasmus, den der Anblick von Drouet erregte, welchem man die Verhaftung der Gefangenen zu ver⸗ danken hatte, wäre für dieſe eine für die Könige ent⸗ ſetzliche Lehre geweſen; doch in dieſem Geſchrei ſahen Ludwig KVI. und Marie Antoinette nur eine blinde Wuth; in dieſen Patrioten, welche überzeugt waren, ſie retten Frankreich, ſahen der Koͤnig und die Königin nur Rebellen. Der König war niedergeſchmettert; der Schweiß der Scham und des Zorns floß von der Stirne der Köni⸗ gin; Madame Eliſabeth, ein Engel des Himmels, der, ſich auf die Erde verirrt, betete leiſe, nicht für ſich, ſon⸗ dern für ihren Bruder, für ihre Schwägerin, für ihren Neffen, für ihre Nichte, für das ganze Volk. Die fromme Frau wußte nicht diejenigen, welche ſie als Opfer be⸗ trachtete, von denjenigen, die ſie als Henker alſah, 7„c — n————— de, um zu⸗ en it⸗ m es tie ie er T⸗ t⸗ en de ie ur 61 zu trennen, und in einer Anrufung legte ſie Dieſe und Jene zu den Füßen des Herrn. Beim Eingange von Sainte⸗Menehould konnte die Woge, welche einer Ueberſchwemmung ähnlich die Ebene bedeckte, nicht durch die enge Straße vordringen. Sie ſchäumte auf beiden Seiten der Stadt und folgte der äußeren Umfangslinie; da man aber in Sainte⸗ Menehould nur die zum ümſpannen nöthige Zeit anhielt, ſo kam ſie am anderen Ende der Stadt zurück, um noch heſtiger an den Wagen zu ſchlagen. Der König hatte geglaubt,— und dieſer Glaube hatte ihn vielleicht auf einen ſchlechten Weg getrieben,— der König hatte geglaubt, der Geiſt von Paris ſei allein irre geführt; er zählte auf ſeine gute Provinz. Nun entging ihm ſeine gute Provinz nicht nur, ſondern ſie wandte ſich ſogar nnbarmherzig gegen ihn. Dieſe Pro⸗ vinz hatte Herrn von Choiſeul in Pont de Sommcville erſchreckt, ſie hatte Herrn Dandoins in Sainte-Mene⸗ hould gefangen geſetzt, ſie hatte auf Herrn von Damas in Clermont geſchoſſen, ſie hatte ſo eben Iſidor unter den Augen des Königs getödtet. Alles erhob ſich gegen die Flucht, ſelbſt der Prieſter, den der Chevalier von Bouillé mit dem Abſatze ſeines Stiefels über die Straße hinab geworfen hatte. Und das wäre noch viel ſchlimmer geweſen, hätte der König ſehen können, was in den Orten ſelbſt, Dör⸗ fern und Städten, vorging, wo die Rachricht, daß man ihn verhaftet, eintraf. Auf der Stelle erhob ſich die ganze Bevölkerung, die Weiber nahmen die Wickelkinder in ihre Arme, die Mütter zogen an der Hand die Kleinen, welche gehen konnten, fort, die Männer beluden ſich mit Waffen, ſo viel ſie hatten, ſo viel hingen ſie um ſich oder trugen ſie auf den Schultern; ſie kamen an entſchloſſen, nicht dem König das Geleite zu bilden, ſondern den König zu tödten, der im Augenblick der Ernte,— traurige Ernte der Champagne in der Gegend von Chalons, welche ſo 62 arm, daß ſie das Volk in ſeiner ausdrucksvollen Sprache die Champagne pouilleuse*) nennt!— dieſen König, der im Augenblick der Ernte, damit ſie ſie unter den Füßen ihrer Roſſe zerträten, den plündergierigen Huſaren, den raubſüchtigen Pandnren**) holen wollte. Doch drei Engel bewachten den königlichen Wagen: der arme kleine Dauphin, der ganz krank und ſchnatternd auf dem Schvoße ſeiner Mutter lag; Madame Royale, welche, ſchön in jener glänzenden Schönheit der Frauen mit rothen Haaren, am Wagenſchlage ſtand und Alles dies mit ihrem erſtaunten, aber feſten Ange anſchaute; Ma⸗ dame Eliſabeth endlich, welche ſchon ſieben und zwanzig Jahre alt, der aber die Keuſchheit des Körpers und des Herzens die Glorie der reinſten Jugend um die Stirne legte. Dieſe Menſchen ſahen Alles dies, dabei dieſe auf ihr Kind gebengte Königin, dieſen tief niedergeſchlagenen König, und ihr Zorn ging hin und verlangte einen an⸗ dern Gegenſtand, auf den er niederſtürzen könnte. Sie ſchrieen gegen die Gardes du corps, ſie ſchmähten ſie, ſie nannten ſie,— dieſe edlen und ergebenen Herzen!— Herzen von Feigen und Herzen von Verräthern; dann fiel auf alle dieſe exaltirten Köpfe, welche meiſtens bloß, meiſtens erhitzt durch den ſchlechten Wein der Schenken, ſenkrecht die Juniſonne, und ſie machte einen Flammen⸗ regenbogen in dem kreidigen Staube, den dieſes ganze ungeheure Gefolge den Weg entlang aufwühlte. Was würde dieſer König geſagt haben, der ſich vielleicht noch Illuſionen machte, hätte er geſehen, wie ein Mann in Méziores, mit ſeiner Flinte auf der Schulter, aufbrach, in drei Tagen ſechzig Meilen zurücklegte, um den* *) Die kauſige Champagne. **) Die Panduren hätten ſich hiezu die Pferde erſt in Frankreich verſchaffen müſſen. D. Ueberſ. » . che nig, den ren, drei rme dem che, mit dies Na⸗ tzig des rne auf nen an⸗ Sie ſie unn en, en⸗ nze ſich wie ter, den » * 63 König zu tödten, ihn in Paris erreichte, und in Paris, da er ihn ſo arm, ſo gedemüthigt, ſo unglücklich er⸗ blickte, den Kopf ſchüttelnd auf ſein Vorhaben verzichtete? Was würde er geſagt haben, hätte er einen Tiſchler geſehen, der, da er nicht zweifelte, nach ſeiner Flucht werde der König ſogleich vor ein Gericht geſtellt und verurtheilt werden, tief aus Burgund abging und auf den Straßen forteilte, um bei dieſem Gerichte und bei dieſer Verurtheilung anweſend zu ſein? Auf dem Wege macht ihm ein Tiſchlermeiſter begreiflich, das werde län⸗ ger dauern, als er glanbe, und hält ihn zurück, um mit ihm Brüderſchaft zu ſchließen; der junge Tiſchler verweilt in der That beim alten Meiſter und heirathet ſeine Tochter.*) Was Ludwig XVI. ſah, war vielleicht ausdrucksvoll, aber weniger furchtbar; denn wir haben geſagt, wie der dreifache Schild der Unſchuld den Zorn von ihm ab⸗ wandte und gegen ſeine Diener zurückſandte. Als man Sainte⸗Menehould verließ, ſah man, viel⸗ leicht eine halbe Meile von der Stadt, querfeldein im ſtärkſten Galopp ſeines Pferdes, einen alten Edelmann, Ritter vom Orden des heiligen Ludwig, kommen; er trug ſein Kreuz an ſeinem Knopfloch; einen Augenblick glaubte ohne Zweifel das Volk, dieſer Mann eile nur durch die Neugierde bewogen herbei, und man machte ihm Platz. Der alte Edelmann näherte ſich dem Wagenſchlage, ver⸗ beugte ſich vor dem König und der Königin und nannte ſie Majeſtäten. Das Volk hatte ermeſſen, wo die wahre Stärke und die wirkliche Majeſtät waren, und entrüſtete ſich, daß man ſeinem Gefangenen einen Titel gab, der ihm gebührte; es fing an zu murren und zu drohen. 7 Dieſe doppelte Anefdote wird von Michelet, dem poe⸗ tiſchen und pittoresken Geſchichtsſchreiber, erzählt. 64 Der König hatte dieſes Murren ſchon kennen ge⸗ lernt; er hatte es um das Haus von Varennes gehört und errieth ſeine Bedeutung. „Mein Herr,“ ſagte er zu dem alten Ritter vom Ludwigs⸗Orden,„die Königin und ich ſind ſehr gerührt von dem Zeichen der Ergebenheit, das Sie uns ſo eben auf eine ſo öffentliche Weiſe dargebracht haben; aber um Gottes willen, entfernen Sie ſich, Ihr Leben iſt nicht in. Sicherheit!“ „Mein Leben gehört dem König,“ erwiederte der alte Ritter,„und der letzte Tag meines Lebens wird ſein ſchönſter ſein, wenn ich für den König ſterbe.“ Es vernahmen Einige dieſe Worte und murrten noch auter.. „Ziehen Sie ſich zurück, mein Herr! entfernen Sie ſich!“ rief der König. Dann neigte er ſich hinaus und ſprach: „Meine Freunde, ich bitte, machen Sie Herrn von Dampierre Platz. Die Nächſten, diejenigen, welche die Bitte des Königs hörten, leiſteten Folge und machten Platz. Zum Unglück kamen in einiger Entfernung vom königlichen Wagen Roß und Reiter in's Gedränge; der Reiter trieb ſein Pferd mit dem Zügel und mit dem Sporn an, doch die Menge war ſo compact, daß ſie ſelbſt nicht Herrin in ihren Bewegungen; einige gequetſchte Weiber ſchrieen, ein er⸗ ſchrockenes Kind weinte, die Männer wieſen die Fauſt, der hartnäckige Greis zeigte die Peitſche; da verwandel⸗ ten ſich die Drohungen in Gebrülle; dieſer große Volks⸗ und Löwenzorn brach los. Herr von Dampierre war ſchon am Saume dieſes Waldes von Menſchen: er gab ſeinem Pferde beide Sporen; es ſetzte muthig über den Graben und galoppirte querfeldein. In dieſem Angenblick wandte ſich der alte Edelmann um, nahm den Hut in die Hand und rief:„Es lebe der König!“ Die letzte Huldi⸗ z — + c— 8— c —— c— e⸗ rt en in 65 gung ſeinem Souverain dargebracht, aber auch die größte Beleidigung für das Volk! Es krachte ein Flintenſchuß. Er zog eine Piſtole aus dem Holfter und erwiederte Schuß durch Schuß. Dann feuerte Alles, was eine geladene Flinte hatte, zugleich auf dieſen Wahnfinnigen. Das von Kugeln durchlöcherte Pferd ſtürzte nieder. War der Mann verwundet, war er getödtet durch das entſetzliche Feuer? Die Menge wälzte ſich wie eine Lawine nach dem Ort, wo der Mann und das Pferd gefallen waren; dann entſtand einer von den Tumulten, wie ſie nur um Leichname ſtattfinden, verwor⸗ rene Bewegungen, ein ungeſtaltes Chaos, ein Abgrund von Lärmen und Geſchrei, worauf man plötzlich am Ende einer Pieke einen Kopfmit weißen Haaren ſich erheben ſah. Das war der des unglücklichen Chevalier von Dom⸗ pierre. Die Königin ſtieß einen Schrei aus und warf ſich in den Wagen zurück. „Ungeheuer! Cannibalen! Mörder!“ brüllte Charny. „Schweigen Sie, ſchweigen Sie, Herr Graf,“ ſagte Billot,„ſonſt würde ich nicht mehr für Sie ſtehen. „Gut!“ erwiederte Charny,„ich bin des Lebens müde! Was kann mir Schlimmeres geſchehen, als mei⸗ nem armen Bruder?“ „Ihr Bruder war ſtrafbar, Sie ſind es nicht,“ verſetzte Billot. Cherny machte eine Bewegung, um vom Bocke zu ſpringen; die zwei Gardes du corps hielten ihn zu⸗ rück; zwanzig Bajonnete wandten ſich gegen ihn.“ „Freunde,“ ſprach Billot mit ſeiner feſten und ein⸗ drucksvollen Stimme,„was dieſer auch thun oder ſagen mag,“ und er deutete auf Charnh,„ich verbiete, daß ein Haar von ſeinem Haupte falle.„ Ich hefte für ihn ſeiner Frau.“ Die Gräfin von Charny. V. 5 66 „Seiner Frau!“ murmelte die Königin bebend, als ob eines der Bajonnete, welche Charny bedrohten, ihr ins Herz geſtochen hätte.„Seiner Frau! warum?“ Warum? Billot hätte es ſelbſt nicht ſagen können. Er hatte den Namen und das Bild der Frau von Charny angerufen, weil er wußte, wie mächtig dieſe Namen auf die Mengen wirken, welche im Ganzen aus Vätern und Gatten beſtehen. XCIV. Der Schmetzensweg. Man kam ſpät nach Chalons. Der Wagen fuhr in den Hof der Intendanz; Couriere waren vorausge⸗ ſih worden, um die Wohnungen bereit halten zu laſſen. Dieſer Hof war gefüllt von der Nationalgarde und den Neugierigen. Man ſah ſich genöthigt, die Zuſchauer auf die Seite zu treiben, daß der König aus dem Wagen ſteigen konnte. Der König ſtieg zuerſt aus, dann die Königin, den Dauphin in ihren Armen tragend, dann Madame Eliſa⸗ beth und Madame Royale, endlich Frau von Tourzel. In dem Augenblick, wo Ludwig XVI. den Fuß auf die Treppe ſetzte, ging ein Schuß los, und die Kugel pfiff an den Ohren des Königs hin. War hiebei eine königsmörderiſche Abſicht? War es ein einfacher Zufall? 7 „Gut!“ ſagte der König, indem er ſich mit viel ls hr n. ny uf nd ite te. 67 Ruhe umwandte,„das iſt ein Ungeſchickter, der ſein Ge⸗ wehr hat losgehen laſſen!“ Dann ſprach er laut: Meine Herren, Sie müſſen ſich in Acht nehmenz es iſt bald ein Unglück geſchehen!“ Charny und die zwei Gardes du corps folgten der königlichen Familie ohne Hinderniß. Abgeſehen von dem unglücklichen Schuſſe, hatte es der Königin ſchon geſchienen, als trete ſie in eine mildere Atmoſphäre ein. Vor der Thüre, wo der ſtürmiſche Zug der Landſtraße angehalten, hatte das Geſchrei auch Halt gemacht; ein gewiſſes Gemurmel des Mitleids war ſo⸗ gar in dem Augenblick hörbar geworden, wo die könig⸗ liche Familie aus dem Wagen ſtieg. Als man in den erſten Stock kam, fand man eine Tafel ſo koſtbar als möglich, und ſervirt mit einer Eleganz, daß die Gefan⸗ genen ſich ganz erſtaunt anſchauten. Bedienten ſtanden wartend da; doch Charny forderte für ſich und die zwei Gardes du corps das Vorrecht der Bedienung. Unter dieſer Demuth, welche heute ſelt⸗ ſam ſcheinen könnte, verbarg der Graf den Wunſch, den König nicht zu verlaſſen, in ſeiner Nähe zu bleiben und ſich für jedes Ereigniß bereit zu halten. Die Königin begriff, doch ſie wandte ſich nicht ein⸗ mal noch ſeiner Seite um, doch ſie dankte ihm weder mit der Hand, noch mit dem Blicke, noch mit der Rede. Das Wort von Billot:„Ich hafte für ihn ſeiner Frau!“ toſte wie ein Sturm in der Tiefe des Herzeus von Marie Antoinette. Charny, den ſie aus Frankreich zu entführen glaubte, Charny, den ſie mit ſich aus dem Vaterlande zu ent⸗ fernen glaubte, Charny kam nit ihr nach Paris zurück! Charny ſollte Andrée wiederſehen. Er ſeinerſeits wußte nichts von dem, was im Her⸗ zen der Königin vorging. Er konnte nicht vermuthen, 68 ſie habe dieſe Worte gehört; überdies fing ſein Geiſt an Hoffnungen zu faſſen. Wie wir erwähnt haben, war Charny vorher abge⸗ ſchickt worden, um alle Verhältniſſe der Straße auszu⸗ kundſchaften, und er hatte ſeine Sendung gewiſſenhaft erfüllt. Er wußte alſo, wie der Geiſt des geringſten Dorfes war. In Chalons, einer alten Stadt ohne Han⸗ del und bevölkert mit Bürgern, Rentiers, Edelleuten, war die Geſinnung royaliſtiſch. So kam es, daß die erhabenen Gäſte kaum bei Tiſche ſaßen, als ihr Wirth, der Intendant des Depar⸗ tement, vortrat, ſich vor der Königin, die nichts Gutes mehr erwartete, tief verbengte, ſie mit Bangigkeit an⸗ ſchaute und ſprach: „Madame, die jungen Mädchen von Chalons find unten und bitten um die Gnade, Eurer Majeſtät Blu⸗ men überreichen zu dürfen.“ Die Königin wandte ſich ganz erſtaunt gegen Ma⸗ dame Eliſabeth, dann gegen den König um.. „Blumen?“ ſagte ſie. „Madame,“ verſetzte der Intendant,„iſt der Augen⸗ blick ſchlecht gewählt oder die Bitte zu kühn, ſo wedde ich Befehl geben, daß dieſe Mädchen nicht herauf⸗ kommen.“ „Oh! nein, nein! mein Herr, im Gegentheil!“ rief die Königin.„Junge Mädchen! Blumen! Oh! laſſen Sie ſie kommen!“ Der Intendant entfernte ſich, und einen Augenblick nachher erſchienen zwölf vierzehn- bis ſechzehnjährige Mädchen, die ſchönſten, die man in der Stadt hatte finden können, im Vorzimmer und blieben bei der Thür⸗ ſchwelle ſtehen. „Oh! tretet ein! tretet ein, meine Kinder!“ rief die Königin, indem ſie die Arme gegen ſie ausſtreckte. Eine von den jungen Perſonen, die Dolmetſcherin nicht nur ihrer Gefährtinnen, nicht nur ihrer Eltern, M 69 ſondern auch der Stadt, hatte eine ſchöne Rede auswen⸗ dig gelernt, die ſie zu wiederholen ſich anſchickte; doch bei dieſem Rufe der Königin, bei dieſen gegen ſie ge⸗ öffneten Armen, bei dieſer Gemüthsbewegung der könig⸗ lichen Familie fand die Arme nur Thränen und die aus der tiefſten Tiefe der Bruſt hervorgehenden, die allge⸗ meine Meinung zuſammenfaſſenden Worte: „Oh! Eure Majeſtät, welch ein Unglück!“ Die Königin nahm den Strauß und küßte das Mädchen. Charny neigte ſich während dieſer Zeit an das Ohr des Königs und ſagte leiſe: „Sire, vielleicht iſt ein Vortheil aus der Stadt zu ziehen; vielleicht iſt noch nicht Alles verloren; will mir Eure Majeſtät auf eine Stunde Urlaub geben, ſo werde ich hinabgehen, und ihr dann, wenn ich zurückkomme, Bericht erſtatten über das, was ich geſehen, gehört und vielleicht auch gethan habe.“ „Gehen Sie, mein Herr,“ erwiederte der König, „doch ſeien Sie vorſichtig; wenn Ihnen Unglück wider⸗ fahren würde, ſo könnte ich mich nie tröſten. Ach! es iſt ſchon genug mitzwei Todesfällen in derſelben Familie!“ „Sire,“ ſprach Charny,„mein Leben gehört dem König, wie ihm das meiner Brüder gehörte.“ Und er ging hinaus. Während er aber wegging, wiſchte er ſich eine Thräne ab. Es bedurfte der Gegenwart der ganzen königlichen Familie, um aus dieſem Manne mit dem feſten, aber zärtlichen Herzen den Stoiker zu machen, der zu ſcheinen er ſich anſtrengte; fand er ſich wieder ſich ſelbſt gegen⸗ über, ſo fand er ſich ſeinem Schmerze gegenüber. „Armer Iſidor!“ murmelte er. Und er drückte mit ſeiner Hand an ſeine Bruſt, um zu ſehen, ob in ſeiner Taſche immer noch die ihm von Herrn von Choiſeul überbrachten Papiere ſeien, welche auf dem 70 Leichname ſeines Bruders gefunden worden, und die er im erſten Augenblick der Ruhe mit derſelben frommen Gewiſſenhaftigkeit, mit der er ein Teſtament geleſen hätte, zu leſen ſich gelobte. Hinter den Mädchen, welche Madame Royale wie Schweſtern küßte, erſchienen die Eltern: es waren, wie geſagt, beinahe alle entweder würdige Bürger oder alte Edelleute; ſie kamen ſchüchtern und baten in Demuth um die Gnade, ihren unglücklichen Souverain begrüßen zu dürfen. Der König ſtand auf, als ſie erſchienen, und die Königin ſprach mit ihrer weichſten Stimme: „Treten Sie ein!“ War man in Chalons? war man in Verſailles? hatten wirklich ein paar Stunden vorher die Gefange⸗ nen den unglücklichen Herrn von Dampierre unter ihren Augen ermorden ſehen? Nach einer halben Stunde kam Charny zurück. Die Königin hatte ihn weggehen und zurückkehren ſehen, doch ſelbſt dem ſchärſſten Auge wäre es unmöglich geweſen, auf ihrem Geſichte etwas von dem Gegenſchlage zu leſen, den ihrer Seele dieſer Abgang und dieſe Rück⸗ kehr gaben. „Nun?“ fragte der König ſich gegen Charny neigend. „Sire,“ antwortete der Graf,„Alles ſteht auf das Beſte. Die Nationalgarde erbietet ſich, Eure Majeſtät morgen nach Montmédy zurückzuführen.“ „Sie haben alſo etwas beſchloſſen?“ „Ja, Sire, ich habe mit den oberſten Chefs Ver⸗ abredung getroffen. Morgen vor der Abfahrt wird der — König die Meſſe zu hören verlangen; man kann ſich die⸗ ſem Verlangen Eurer Majeſtät nicht widerſetzen, es iſt das Fronleichnamsfeſt. Der Wagen wird den König vor der Thüre der Kirche erwarten; wenn er heraus⸗ kommt, wird der König in den Wagen ſteigen, die Vivat werden erſchallen, und unter dieſen Vivat wird 1 en te, vie ie lte um nd ge⸗ en ren lich ige ick⸗ nd. das ſtät er⸗ der die⸗ iſt nig ns⸗ die vird — 71 der König den Befehl geben, umzukehren und nach Mont⸗ médy zu fahren.“ „Es iſt gut, ich danke, Herr von Charny,“ ſagte der König;„hat ſich bis morgen nichts geändert, ſo werden wir es machen, wie Sie ſagen. Nun ruhen Sie aus, Sie und Ihre Gefährten, Sie müſſen der Ruhe mehr bedürfen, als wir.“ Dieſer Empfang junger Mädchen, guter Bürger und wackerer Edelleute dehnte ſich, wie man begreift⸗ nicht lange in die Nacht aus; der König und die königliche Familie zogen ſich um nenn Uhr zurück. Als ſie zu ihrem Gemache kamen, erinnerte eine Schildwache, die ſie vor ihrer Thüre ſahen, den König und die Königin daran, daß ſie immer noch Gefangene waren. Dieſe Schildwache präſentirte vor ihnen das Gewehr. An der pünktlichen Bewegung, mit der dieſe Ehren⸗ bezeigung gegen die königliche Majeſtät, ſelbſt gegen die gefangene, geſchah, erkannte der König einen alten Soldaten. „Wo haben Sie gedient, mein Freund?“ fragte er die Schildwache. „Bei den Gardes frangaiſes Sire,“ antwortete der Mann. „Dann wundere ich mich nicht, Sie hier zu ſehen,“ verſetzte der König mit trockenem Tone. Ludwig XVI. konnte nicht vergeſſen, daß ſchon am 13. Juli 1789 die Gardes frangaiſes zum Volke über⸗ gegangen waren. Der König und die Königin traten ein. Dieſe Schildwache ſtand gerade vor der Thüre des Schlaf⸗ zimmers. Eine Stunde nachher, als ſie abgelbſt wurde, ver⸗ langte die Schildwache mit dem Auführer der Escorte zu ſprechen. Dieſer Anführer war Billot. Er ſpeiſte auf der Straße zu Nacht mit den Leu⸗ ten, welche von den verſchiedenen am Wege liegenden 72 Dörfern gekommen waren, und ſuchte ſie zu beſtimmen, am andern Tage zu bleiben. Doch die Meiſten von dieſen Menſchen hatten ge⸗ ſehen, was ſie hatten ſehen wollen, nämlich den König, und mehr als die Hälfte wollte durchaus das Fronleich⸗ namsfeſt in ihrem Dorfe feiern. Billot gab ſich alle Mühe, ſie zurückzuhalten, weil ihn die Geſinnung der ariſtokratiſchen Stadt beunruhigte. Sie aber, wackere Landleute, antworteten ihm: „Wenn wir nicht nach Hauſe gingen, wer würde denn morgen dem guten Gott zu ſeinem Feſte Glück wünſchen und Tücher vor unſeren Häuſern ausſpannen?“ Mitten unter dieſer Beſchäftigung trat die Schild⸗ wache auf ihn zu. Beide ſprachen leiſe und ſehr lebhaft. Dann ließ Billot Drouet holen. Daſſelbe Geſpräch mit leiſer Stimme, aber belebt und mit einer Menge von Geberden erneuerte ſich. In Folge dieſer Unterredung gingen Billot und Drouet zum Poſtmeiſter, dem Freunde des Letztern. Der Poſtmeiſter ließ ihnen zwei Pferde ſatteln, und zehn Minuten nachher galoppirte Billot auf der Straße nach Rheims, und Drouet auf der nach Vitry⸗le⸗Francais. Der Tag brach an; es waren kaum noch hundert und ſechzig Mann von der Escorte vom vorigen Tag übrig,— die erbittertſten oder die müdeſten; ſie hatten die Nacht auf der Straße auf den Strohbünden zuge⸗ bracht, die man ihnen herbeigeſchafft; als ſie ſich in der erſten Morgendämmerung ſchüttelten, ſchien es ihnen, als ſähen ſie ein Dutzend Menſchen in Uniform bei der In⸗ tendanz eintreten und einen Augenblick nachher wieder herauslaufen. Es war in Chalons ein Standquartier der Garden von der Compagnie Villeroy; ein Dutzend von die⸗ ſen Herren befand ſich noch in der Städt. n, 2 P — 73 Sie hatten die Befehle von Charny entgegenge⸗ nommen. Charny hatte ihnen geſagt, ſie ſollen ihre Unifor⸗ men anziehen und ſich zu Pferde vor der Thüre der Kirche im Augenblick des Abgangs des Königs einfinden. Sie trafen die Vorkehrungen zu dieſem Manoenvre. Einige von den Bauern, welche am Abend die Escorte des Königs gebildet, hatten ſich, wie geſagt, nicht zurückgezogen, weil ſie müde waren, doch am Mor⸗ gen zählten ſie die Meilen: die Einen waren zehn Mei⸗ ien, die Andern fünfzehn von Hauſe entfernt. Hundert bis zweihundert gingen ab, trotz der dringenden Vor⸗ ſtellungen, die ihnen ihre Kameraden machten. Die Getreuen waren auf vierhundert oder höchſtens vierhundert und fünfzig zuſammengeſchmolzen. Man konnte aber auf eine wenigſtens gleiche An⸗ zuhl von Nationalgarden rechnen, die dem König er⸗ geben, ohne die königlichen Garden und die Officiere zu zählen, die man rekrutiren ſollte,— eine Art von hei⸗ ligem Bataillon bereit, allen Gefahren ſich ausſetzend, das Beiſpiel zu geben. Ueberdies war, wie man weiß, die Stadt ariſto⸗ kratiſch. Am Morgen, von ſechs Uhr an, waren die für die royaliſtiſche Sache eifrigſten Einwohner auf den Beinen und warteten im Hofe der Intendanz. Charny und die zwei Gardes du corps befanden ſich mitten unter ihnen und warteten auch. Der König ſtand um ſieben Uhr auf und ließ ſa⸗ gen, es ſei ſeine Abſicht, der Meſſe beizuwohnen. Man ſuchte Dronet und Billot, um ihnen den Wunſch des Königs mitzutheilen, doch man fand weder den Einen, noch den Andern. Nichts widerſetzte ſich alſo der Erfüllung dieſes Wunſches. 74 Charny ging zum König hinauf und meldete ihm die Abweſenheit der zwei Anführer der Escorte. Der König freute ſich hierüber; Charny aber ſchüt⸗ telte den Kopf; wenn er Drouet nicht kannte, ſo kannte er dagegen Billot. Die Vorzeichen ſchienen indeſſen günſtig. Die Straßen waren mit Menſchen gefüllt, es ließ ſich aber leicht ſehen, daß dieſe ganze Bevölkerung eine theilneh⸗ mende war. So lange die Läden des Zimmers des Königs und die des Zimmers der Königin geſchloſſen geblieben, war dieſe Menge, um den Schlaf der Ge⸗ fangenen nicht zu ſtören, geräuſchlos, mit leiſen Tritten, die Hände und die Augen zum Himmel erhebend, und ſo zahlreich umhergegangen, daß man kaum, in ihren Rei⸗ hen verloren, die vier- bis fünfhundert Bauern der Um⸗ gegend ſah, welche beharrlich nicht in ihre Dörfer zu⸗ rückgekehrt waren. Sobald ſich aber die Läden bei dem erhabenen Fürſtenpaare öffneten, erſchollen die Rufe: Es lebe der König!“ und:„Es lebe die Königin!“ mit ſolcher Ener⸗ gie, daß, ohne ſich ihren Gedanken mitgetheilt zu haben, von ſelbſt und jedes auf ſeiner Seite, der König und die Königin auf ihren Balcons erſchienen. Da waren die Rufe einſtimmig, und ein letztes Mal konnten ſich die zwei Verurtheilten des Geſchicks Illuſion machen. „Oh! es geht Alles gut,“ ſagte von einem Balcon zum andern Ludwig XVI. zu Marie Antoinette. Marie Antoinette ſchlug die Angen zum Himmel auf, antwortete aber nicht. In dieſem Momente verkündigte ein Glockengelänte das Oeffnen der Kirche. Zu gleicher Zeit klopfte Charny leiſe an die Thüre. „Es iſt gut,“ ſagte der König,„ich bin bereit.“ Charny warf einen raſchen Blick auf den König: er war ruhig, beinahe feſt; er hatte ſo viel gelitten, daß hm üt⸗ nte ie er e ſen ze⸗ n, ei⸗ u⸗ er r⸗ nd al on n 75 man hätte glauben ſollen, in Folge des großen Leidens verliere er ſeine Unentſchloſſenheit. Der Wagen wartete vor der Thüre. Der König, die Königin und die königliche Familie ſtiegen ein, umgeben von einer Menge, welche wenigſtens ebenſo beträchtlich war, als am vorhergehenden Tage; doch ſtatt die Gefangenen zu ſchmähen und zu beſchimpfen, bat ſie die Menge um ein Wort, um einen Blick, und fühlte ſich glücktich, die Flügel vom Rocke des Königs zu berühren, den Saum des Kleides der Königin zu küſſen. Die drei Officiere nahmen wieder ihre Plätze auf dem Bock ein. Der Kutſcher erhielt den Befehl, den Wagen au die Kirche zu führen, und gehorchte, ohne eine Bemerkung zu machen. Woher hätte übrigens ein Gegenbefehl kommen kön⸗ nen? Die zwei Anführer waren immer noch abweſend. Charny ſchaute nach allen Seiten und ſuchte ver⸗ gebens Billot und Drouet. Man kam zur Kirche. Die Escorte der Bauern hatte ſich wohl um den Wagen her geſchaart; doch jede Minute vermehrte ſich die Zahl der Nationalgarden: an jeder Straßenecke mar⸗ ſchirten ſie in Compagnien hervor. Als man die Kirche erreichte, ſchätzte Charny die Leute, über die er verfügen könnte, zu ſechshundert. Man hatte Plätze für die königliche Familie unter einer Art von Thronhimmel vorbehalten, und obgleich es erſt acht Uhr Morgens war, begannen die Prieſter doch eine große Meſſe. Charny bemerkte es; er fürchtete nichts ſo ſehr, als einen Verzug; ein Verzug könnte tödtlich für die Hoff⸗ nungen ſein, an welche er ſich wieder angeklammert. Er ließ dem das Amt haltenden Prieſter ſagen, es ſei 76 weſentlich, daß die Meſſe nicht über eine Viertelſtunde dauere. „Ich begreife,“ ließ der Prieſter antworten,„und ich will zu Gott beten, daß er Ihren Majeſtäten eine glückliche Reiſe bewillige.“ Die Meſſe dauerte gerade die bezeichnete Zeit, und dennoch zog Charny mehr als zwanzigmal ſeine Uhr; der König ſelbſt konnte ſeine Ungeduld nicht verbergen; zwiſchen ihren beiden Kindern knieend, ſtützte die Königin den Kopf auf das Kiſſen des Betpultes; ruhig und klar wie eine Jungfrau von Alabaſter, mochte ſie nun nichts von dem Vorhaben wiſſen, mochte ſie ſchon ihr Leben und das ihres Bruders in die Hände des Herrn gelegt haben, gab Madame Eliſabeth kein Zeichen der Unge⸗ duld von ſich. Endlich ſprach der Prieſter, ſich umwendend, die ſacramentalen Worte: Ite, missa est. Und er ſtieg, das Ciborinm in der Hand, die Stu⸗ fen des Altares herab und ſegnete im Vorübergehen den König und die königliche Familie. Dieſe verneigten ſich ihrerſeits und antworteten auf den Wunſch, der ſich im Herzen des Prieſters belebte, leiſe:„Amen!“ Dann gingen ſie nach der Thüre. Alle, die mit ihnen die Meſſe gehört hatten, knieten an ihrem Wege nieder; die Lippen Aller bewegten ſich, ohne daß ein Ton aus ihrem Munde hervorkam; doch es war leicht zu errathen, um was alle dieſe ſtummen Lippen baten. Vor der Thüre der Kirche fand man die zehn bis zwölf Garden zu Pferde. Das royaliſtiſche Geleite nahm coloſſale Verhält⸗ niſſe an.— Und dennoch war es offenbar, daß die Bauern mit ihrem rohen, ungeſchlachten Willen, mit ihren Waffen, welche vielleicht weniger tödtlich als die der Stadtbür⸗ S„8 8== —— de d e 1 f , n n 77 ger, aber furchtbarer anzuſchauen,— ein Drittel hatte— ſich mit Flinten, die Uebrigen hatten ſich mit Senſen und Spießen bewaffnet,— es war offenbar, daß die Bauern im entſcheidenden Augenblick ein unheilvolles Gewicht in die Wagſchale legen konnten. Richt ohne eine gewiſſe Bangigkeit neigte ſich daher Charny zum König, von dem man ſeine Befehle ver⸗ langte, und ſagte, um ihn zu ermuthigen: „Auf, Sire, auf!“ Der König war entſchloſſen. Er beugte ſich mit dem Kopfe aus dem Schlage, wandte ſich an diejenigen, welche den Wagen umgaben, und ſprach: „Meine Herren, geſtern in Varennes hat man mir Gewalt angethan: ich hatte den Befehl gegeben, nach Montmédy zu fahren, und mit Gewalt hat man mich nach einer empörten Hauptſtadt zurückgeführt; doch ge⸗ ſtern war ich mitten unter Rebellen, heute bin ich unter wackeren Unterthanen, und ich wiederhole: Nach Mont⸗ médy, meine Herren!“ „Nach Montmédy!“ rief Charny. „Nach Montmédy!“ wiederholten die Garden von der Compagnie Villeroy. „Nach Montmédy!“ wiederholte nach ihnen die ganze Nationalgarde von Chalons. Dann ließ ein allgemeiner Chor den Ruf:„Es lebe der König!“ ertönen. Der Wagen drehte ſich um die Straßenecke und nahm wieder, um zu gehen, den Weg, dem man am Tage vorher gefolgt war, um zu kommen. Charny hatte die Angen auf dieſer ganzen Bevöl⸗ kerung der Dörfer; ſie ſchien, in Abweſenheit von Drouet und Billot, befehligt von dem Garde frangaiſe, der vor der Thüre des Königs Schildwache geſtanden war; er folgte der Bewegung und ließ derſelben ſeine Leute fol⸗ gen, deren düſteres Auge ziemlich klar andeutete, ſie 78 haben wenig Gefallen an dem Manveuvre, das ausge⸗ führt werde. Nur ließen ſie die ganze Nationalgarde vorüber⸗ ziehen und ordneten ſich dahinter in Maſſen als Nachhut. In den erſten Reihen marſchirten die mit Pieken, Heugabeln und Senſen bewaffneten Leute. Dann kamen ungefähr hundert und fünfzig Mann mit Flinten bewaffnet. Dieſes Manveuvre, das ſo gut ausgeführt wurde, als wären es an Kriegsübungen gewöhnte Truppen geweſen, beunruhigte Charny; doch er hatte kein Mittel, ſich zu widerſetzen, und konnte, von dem Platze, den er einnahm, nicht einmal nach einer Erklärung fragen. Die Erklärung wurde ihm bald gegeben. So wie man dem Thore der Stadt näher rückte, ſchien es, als hörte man, trotz des Geränſches des Wa⸗ gens, trotz des Lärmens derjenigen, welche ihn umgaben, etwas wie ein dumpfes Rollen, das immer mehr zunahm.. Plötzlich erbleichte Charny, legte die Hand auf das Knie des Garde du corps, der neben ihm ſaß, und ſagte zu ihm: „Alles iſt verloren!“ „Warum?“ fragte der Garde du corps. „Erkennen Sie denn dieſes Geräuſch nicht?“ „Man ſollte glauben, es wäre das Getöſe von Trommeln... Nun?“ „Sie werden ſehen!“ ſprach Charny. In dieſem Augenblicke wandte man ſich um die Ecke eines Platzes. Zwei Straßen mündeten auf dieſen Platz, die Straße von Rheims und die Straße von Vitry⸗le⸗Frangais. Durch jede dieſer Straßen rückten mit Trommlern an der Spitze und mit fliegenden Fahnen zwei beträcht⸗ liche Schaaren Rationalgarden hervor. Die eine von ungefähr achtzehnhundert Mann, die —— die ße rn t⸗ ——— 79 26⸗ von zweitauſend fünfhundert bis dreitauſend ann. Jede von dieſen zwei Schaaren ſchien befehligt von einem Manne zu Pferde. 1 Der Eine von dieſen Männern war Billot, der Andere Drouet. Charny brauchte nur einen Blick auf die Richtung zu werfen, der jede Schaar folgte, um Alles zu be⸗ greifen. Die Abweſenheit von Drouet und Billot, eine un⸗ erklärliche Abweſenheit, wurde nur zu klar. Ohne Zweifel waren ſie in Kenntniß geſetzt wor⸗ den von dem Streiche, den man in Chalons machinirte; ſie waren abgegangen, der Eine, um die Ankunft der Nationalgarde von Rheims zu beſchleunigen, der Andere, um die Nationalgarde von Vitryle⸗Fraugais zu holen. Ihre Maßregeln waren im Einklang getroffen wor⸗ den: Beide kamen zu rechter Zeit an. Sie ließen ihre Leute Halt machen auf dem Platze, den ſie völlig abſperrten. Dann wurde, ohne irgend eine andere Demonſtra⸗ tion, der Befehl gegeben, die Gewehre zu laden. Der Zug hielt an. ⸗ Der König ſteckte den Kopf durch den Schlag. Er fand Charny ſtehend, bleich, die Zähne an ein⸗ ander gepreßt. „Was gibt es?“ fragte der König. „Sire, unſre Feinde haben Verſtärkung geholt, und man ladet, wie Sie ſehen, die Gewehre, während hinter der Nationalgarde von Chalons die Bauern mit ihren ſchon geladenen Gewehren aufgepflanzt ſind.“ „Was denken Sie hievon, Herr von Charny?“ „Ich denke, Sire, daß wir zwiſchen zwei Feuern gefaßt ſind! was indeſſen kein Hinderniß iſt, daß Sie, wenn Sie paſſiren wollen, paſſiren werden; nur, wie weit Eure Majeſtät gehen wird, weiß ich nicht.“ 80 „Es iſt gut,“ ſprach der König,„kehren wir um.“ „Eure Majeſtät iſt feſt entſchloſſen?“ „Herr von Charny, es iſt ſchon genug Blut für mich gefloſſen, und zwar Blut, das ich mit biiteren Thrä⸗ uen beweine. Es ſoll kein Tropfen mehr vergoſſen wer⸗ den. Kehren wir um.“ Bei dieſen Worten ſprangen die zwei jungen Leute vom Bocke an den Schlag; die Garden von der Com⸗ pagnie Villeroy eilten herbei; dieſe wackeren, glühen⸗ den Militäre verlangten nichts Anderes, als den Kampf mit den Bürgern zu beginnen. Doch der König wieder⸗ holte den Befehl noch beſtimmter, als er ihn ſchon ge⸗ geben. „Meine Herren,“ ſprach Charnhmit lauter und gebie⸗ tender Stimme, kehren wir um, der König will es.“ Und er ſelbſt nahm ein Pferd am Zügel und ließ den ſchweren Wagen umdrehen; am Pariſer Thore trat die Nationalgarde von Chalons, welche unnütz gewor⸗ den, ihren Platz den Bauern, der Nationalgarde von Vitry und der Nationalgarde von Rheims ab. „Finden Sie, daß ich wohl gethan habe, Madame?“ ſagte Ludwig XVI. zu Marie Antoniette. „Ja, mein Herr,“ antwortete dieſe;„nur finde ich, daß Ihnen Herr von Charny zu leicht gehorcht hat...“ Und ſie verſank in eine finſtere Träumerei, welche nicht ganz der Lage, ſo erſchrecklich ſie war, in der man ſich befand, angehörte. 8 W —* 81 XCV. Der Schmetzensweg. Der königliche Wagen folgte traurig der Straße nach Paris, bewacht von den zwei finſtern Männern, welche ſeine gezwungene Umkehr bewirkt hatten, als, zwi⸗ ſchen Epernay und Dormans, Charny, vermöge ſeiner großen Geſtalt und von ſeinem hohen Sitze aus einen Wagen erſchauen konnte, der im Galopp von vier Poſt⸗ pferden von Paris kam. Charny errieth ſogleich, daß dieſer Wagen irgend eine ernſte Nachricht oder eine wichtige Perſon brachte. Als er die Vorhut der Bedeckung erreicht batte, ſah man in der That, nachdem ein paar Worte gewech⸗ ſelt worden waren, die Reihen dieſer Vorhut ſich öffnen und die Leute, welche ſie bildeten, ehrerbietig das Ge⸗ wehr präſentiren. Die Berline des Königs hielt an, und man konnte ein gewaltiges Geſchrei hören. Alle Stimmen wiederholten gleichzeitig:„Es lebe die Nationalverſammlung!“ Der Wagen, der von der Seite von Paris kam, ſetzte ſeine Fahrt fort, bis er zur Berline des Königs gekommen war. Dann ſtiegen aus dieſem Wagen drei Männer aus, von denen zwei den erhabenen Gefangenen völlig unbe⸗ kannt waren. 3 Der Dritte aber hatte kaum ſeinen Kopf gezeigt, als die Königin Ludwig XVI. in's Ohr flüſterte: „Herr von Latour⸗Maubourg, dieſer Menſch, der mit Leib und Seele Lafayette gehört.“ Die Gräfin von Charny. v. 82 Dann ſetzte ſie den Kopf ſchüttelnd hinzu: „Das weiſſagt uns nichts Gutes.“ Von dieſen drei Männern kam der Aelteſte herbei, öffnete auf eine brutale Art den Schlag vom Wagen des Königs und ſagte: „Ich bin Pétion, und dies ſind die Herren Barnave und Latonr⸗Maubourg, abgeſandt wie ich und mit mir von der Nationalverſammkung, um Ihnen als Geleite zu dienen und darüber zu wachen, daß der Zorn des Volks nicht für ſich ſelbſt Gerechtigkeit übe. Rücken S alſo ein wenig zuſammen und machen Sie uns spie Königin ſchleuderte auf den Abgeordneten von Chartres und ſeine zwei Gefährten einen von jenen ver⸗ ächtlichen Blicken, wie ſie zuweilen von der Höhe des Stolzes der Tochter von Marie Thereſie herabfielen. Herr von Latour⸗Maubvurg, ein Edelmann⸗Höf⸗ ling aus der Schule von Lafayette, konnte dieſen Blick nicht ertragen. „Ihre Majeſtäten ſitzen ſchon ſehr gedrängt in die⸗ Wagen,“ ſagte er:„ich werde in den nachfolgenden eigen.“ „Steigen Sie ein, wo Sie wollen,“ verſetzte Pé⸗ tion;„mein Platz iſt im Wagen des Königs, und ich ſteige hier ein.“ Und zu gleicher Zeit ſtieg er in den Wagen. Auf dem Hinterſitze ſaßen der König, die Königin und Madame Eliſabeth. Pétion ſchaute ſie nach einander an.. Dann wandte er ſich an Madame Eliſabeth und agte: „Verzeihen Sie, Madame, der Ehrenplatz gehört mir als dem Repräſentanten der Nationalverſammlung. Haben Sie die Gefälligkeit, aufzuſtehen und ſich auf den Vorderſitz zu ſetzen.“ „Ah! das iſt zu ſtark,“ murmelte die Königin. 7— —— e ir te n 8 r⸗ 5 83 „Mein Herr!“ rief der König. „Es iſt ſo.. Auf, Madame, erheben Sie ſich und geben Sie mir Ihren Platz.“ Madame Fliſabeth ſtand auf und trat ihren Platz ab, indem ſie ihrem Bruder und ihrer Schwägerin ein Zeichen der Reſignation machte. Mittlerweile hatte ſich Herr von Latour⸗Maubourg weggeſchlichen und um einen Platz die zwei Damen des Cabriolet angeſprochen,— gewiß mit mehr Höf⸗ lichkeit, als es Pétion beim König und der Königin gethan. Barnave war außen geblieben, er nahm Anſtand, ob er auch in dieſe Berline ſteigen ſollte, in der ſchon ſieben Perſonen zuſammengepreßt waren. „Nun! Barnave,“ ſagte Pétion,„kommen Sie nicht?“ „Wohin ſoll ich denn ſitzen?“ erwiederte Barnave ein wenig verlegen. „Wollen Sie meinen Platz, mein Herr?“ fragte die Königin bitter. „Ich danke Ihnen, Madame,“ erwiederte Barnave verletzt;„ein Platz auf dem Vorderſitze wird mir ge⸗ nügen.“ Durch eine und dieſelbe Bewegung zog Madame Eliſabeth Madame Royale zu ſich, während die Königin den Dauphin auf ihren Schooß nahm. So entſtand ein Platz auf dem Vorderſitze des Wa⸗ gens, und Barnave ſaß nun der Königin Knie an Knie gegenüber. „Vorwärts!“ rief Pétion, ohne den König um Er⸗ laubniß zu fragen. Und der Wagen ſetzte ſich in Bewegung unter dem Geſchrei:„Es lebe die Nationalverſammlung!“ Das Volk war mit Barnave und Pétion in den Wagen des Königs geſtiegen. October gemacht.*) Während eines Augenblicks des Stillſchweigens, das nun eintrat, prüfte und beobachtete Jeder, Pétion ausgenommen, der, verſchloſſen in ſein rauhes Weſen, gegen Alles gleichgültig zu ſein ſchien. Man erlaube uns nun ein paar Worte von den Perſonen zu ſagen, die wir in Scene gebracht haben. Jerrome Pétion war ein Mann von kaum zwei und dreißig Jahren, mit kräftig ausgeprägten Zügen⸗ deſſen Verdienſt in der Exaltation, in der Schärfe und in der Gewiſſenhaftigkeit ſeiner politiſchen Grundſätze beſtand. Geboren in Chartres, war er hier in den Ad⸗ vocatenſtand eingetreten und im Jahre 1789 als Mitglied Es hatte ſeine Proben am 14. Juli, am 5. und 6. der Nationalverſammlung nach Paris geſchickt worden. Er ſollte Maire von Paris werden, eine Volksgunſt ge⸗ nießen, welche beſtimmt war, die von Bailly und La⸗ fayette auszulöſchen, und dann auf den Heiden von Bor⸗ deaux, von den Wölfen erwürgt, ſterben. Er und Ca⸗ mille Desmoulins waren ſchon Revolutionäre in Frank⸗ reich, als es noch Niemand war. Pierre Joſeph Marie Barnave war geboren in Grenoble und kaum dreißig Jahre alt; in die National⸗ verſammlung geſchickt, hatte er ſich zugleich einen großen Ruf und eine große Popularität dadurch erworben, daß er mit Mirabeau in dem Augenblick kämpfte, wo die Volksbeliebtheit und der Ruf des Deputirten von Air abnahmen. Alle diejenigen, welche die Feinde des gro⸗ ßen Redners waren,— und Mirabeau genoß das Pri⸗ vilegium der Männer von Genie, Alles, was mittelmäßig, *) Es war früher in Frankreich nur Perſonen vom äl⸗ teſten Adel, welche alle mögliche Ahnenproben zu ma⸗ chen im Stande ſein mußten, vergönnt, in den könig⸗ D lichen Wagen zu ſteigen. Ueberſ. e d h d on n, vei en, nd itze ld⸗ ied en. ge⸗ La⸗ or⸗ La⸗ nk⸗ in al⸗ ßen daß die Aix ro⸗ Bri⸗ ßig⸗ äl⸗ nig⸗ . 85 zum Feinde zu haben,— alle Feinde von Mirabeau waren die Freunde von Barnave geworden und hatten ihn unter⸗ ſtützt, emporgehoben in den redneriſchen Kämpfen, von denen das Lebensende des erhabenen Tribuns begleitet geweſen. Es war, wir reden von Barnave, wie geſagt, ein junger Mann von kaum dreißig Jahren, der höch⸗ ſtens fünf und zwanzig zu ſein ſchien, mit ſchönen blauen Angen, großem Munde, aufgeſtülpter Naſe und ſcharfer Stimme. Seine Perſon war übrigens elegant; Heraus⸗ forderer und Duellant, glich er einem jungen Feldhaupt⸗ manne in bürgerlichem Gewande. Sein Anblick war tro⸗ cken, kalt und boshaft. Er beſaß mehr Werth, als ſein Anblick bezeichnete. Er gehörte zur royaliſtiſch⸗conſtitutionellen Partei. In dem Augenblick, wo er ſeinen Platz auf dem Vorderſitze nahm und ſich der Königin gegenüber ſetzte, ſprach Ludwig XVI: „Meine Herren, ich muß Ihnen vor Allem erklä⸗ ren, daß es nie meine Abſicht geweſen iſt, das König⸗ reich zu verlaſſen.“ Barnave, der halb ſaß, hielt inne, ſchaute den Kö⸗ nig an und fragte: „Sprechen Sie die Wahrheit, Sire? Dann iſt dies ein Wort, das Frankreich retten wird.“ Und er ſetzte ſich. Da geſchah etwas Seltſames zwiſchen dieſem Manne, der aus dem Bürgerſtande einer kleinen Provinzſtadt hervorgegangen, und dieſer Frau, welche halb von einem der größten Throne der Welt herabgeſtiegen. Beide waren bemüht, im Herzen von einander zu leſen, nicht wie zwei politiſche Feinde, welche Staats⸗ geheimuiſſe darin ſuchen wollen, ſondern wie ein Mann und eine Frau, welche Liebesgeheimniſſe darin ſuchen. Woher kam im Herzen von Barnave dieſes Gefühl, das nach einer Forſchung von ein paar Minuten das 86 durchdringende Auge von Marie Antvinette darin ent⸗ deckte? Wir werden es ſogleich ſagen und damit eine von den Tabletten des Herzens in's Licht ſtellen, welche die geheimen Legenden der Geſchichte machen und am Tage der großen Entſcheidungen des Geſchicks mehr in der Wagſchale wiegen, als die officiellen Ereigniſſe. Barnave hatte die Prätenſion, in allen Dingen der Nachfolger und Erbe von Mirabeau zu ſein; ſeiner Meinung nach war er nun ſchon der Nachfolger und Erbe des großen Redners auf der Tribune. Es blieb aber ein anderer Punkt. Wir wiſſen, wie ſich die Sache verhielt, und haben es Allen vor Augen gelegt. Mirabeau war dafür an⸗ geſehen worden, daß ihn der König mit ſeinem Ver⸗ trauen und die Königin mit ihrem Wohlwollen beehrt. Die einzige Zuſammenkunft, die der Unterhändler im Schloſſe von Saint⸗Clond erlangt, war in mehrere ge⸗ heime Conferenzen verwandelt worden bei denen die. Anmaßung von Mirabeau bis zur Frechheit und die Herablaſſung der Königin bis zur Schwäche gegangen wären. Zu jener Zeit war es Mode, nicht nur die arme Marie Antvinette zu verleumden, ſondern auch dieſen Verleumdungen zu glauben. Was aber Barnave erſtrebte, war das ganze Erbe von Mirabeau; daher ſein Eifer, ſich zu einem der drei Commiſſäre ernennen zu laſſen, welche zum König ge⸗ ſchickt wurden. Er war ernannt worden und kam mit der Dreiſtig⸗ keit eines Menſchen, welcher weiß, er werde, wenn er nicht das Talent habe, zu machen, daß man ihn liebe, vei⸗ die Macht haben, zu bewirken, daß man ihn aſſe. Das hatte die Königin mit ihrem raſchen Frauen⸗ blicke geahnet, beinahe errathen. „ e— 5— —— — t⸗ on * ie ge er er er nd en n⸗ r⸗ rt. im e⸗ ie ie me en rei e⸗ g⸗ be, ihn en⸗ 87 Was ſie auch noch errieth, war die gegenwärtige Befangenheit von Barnave. Fünf oder ſechs Mal im Verlaufe der Viertelſtunde, der er ſich ihr gegenüber befand, drehte ſich der junge Ab⸗ geordnete um und betrachtete mit einer ängſtlichen Auf⸗ merkſamkeit die drei Männer, welche auf dem Bocke des Wagens ſaßen, und vom Bocke aus kehrte ſein Blick jedes Mal härter und feindſeliger auf die Königin zurück. Barnave wußte in der That, daß einer von dieſen drei Männern,— welcher? das wußte er nicht,— der Graf von Charny war. Das öffentliche Gerücht gab aber den Grafen von Charny der Königin zum Lieb⸗ haber. Barnave war eiferſüchtig. Erkläre, wer kann, die⸗ ſes Gefühl im Herzen des jungen Mannes, doch er war es. Und das errieth die Königin. Und ſobald ſie es errathen, war ſie ſehr ſtark; ſie kannte die ſchwache Seite ihres Gegners; es handelte ſich nur noch darum, zu ſchlagen und richtig zu ſchlagen. „Mein Herr,“ ſprach ſie, indem ſie ſich an den König wandte,„Sie haben gehört, was der Mann ſagte, der den Wagen führt?“ 6„In welcher Beziehung, Madame?“ fragte der önig. 3n Beziehung auf Herrn von Charny.“ Barnave bebte. Dieſes Beben konnte der Königin nicht entgehen, die ſein Knie mit dem ihrigen berührte. „Hat er nicht erklärt, er nehme die Verantwortlich⸗ keit für das Leben des Grafen auf ſich?“ verſetzte der König. „Ganz richtig, und er fügte bei, er hafte für dieſes Leben der Gräfin.“ „Nun?“ fragte der König. Barnave ſchloß die Augen, horchte aber ſo, daß er 88 keine Sylbe von dem, was die Königin ſagen würde, verlieren konnte. „Nun, die Gräfin iſt meine alte Freundin, Fräu⸗ lein Andrée von Taverney. Finden Sie nicht, es wäre gut, wenn ich bei unſerer Rückkehr nach Paris Herrn von Charny Urlaub gäbe, damit er ſeine Frau be⸗ ruhigen könnte? Er iſt großen Gefahren preisgegeben geweſen; ſein Bruder iſt für uns geſtorben. Ich glaube, von ihm die Fortſetzung ſeiner Dienſte bei Ihnen ver⸗ langen, Sire, hieße dieſem Ehepaare etwas Grauſames anthun.“ Barnave athmete und riß die Augen weit auf. „Sie haben Recht, Madame,“ erwiederte der König, „obſchon ich, offenherzig geſtanden, bezweifle, daß Herr von Charny es annimmt.“ „Nun!“ ſagte die Königin,„dann wird Jedes von uns gethan haben, was es thun ſollte: wir, indem wir ihm dieſen Urlaub anboten, er, indem er ihn aus⸗ ſchlug.“ Die Königin fühlte, gewiſſer Maßen, durch eine magnetiſche Mittheilung, die Gereiztheit von Barnave ſich abſpannen. Er, ein edles Herz, ſah zu gleicher Zeit ſeine Ungerechtigkeit dieſer Frau gegenüber ein und ſchämte ſich derſelben. Er hatte bis dahin den Kopf hoch und anmaßend getragen, wie ein Richter vor einer Schuldigen, die er zu richten und zu verurtheilen befugt iſt, und, auf eine Anklage antwortend, die ſie nicht errathen konnte, ſagte dieſe Schuldige nun plötzlich das Wort entweder der Un⸗ ſchuld oder der Reue. Doch warum nicht der Unſchuld? „Wir werden um ſo ſtärker ſein,“ fuhr die Königin fort,„als wir Herrn von Charny nicht mitgenommen haben, und ich, meines Theils, vermuthete ihn ganz ruhig in Paris, als ich ihn plötzlich am Schlage unſe⸗ res Wagens erſcheinen ſah.“ 89 „Das iſt wahr,“ bemerkte der König;„doch dies beweiſt Ihnen, daß der Graf nicht angeſtachelt zu werden braucht, wenn er eine Pflicht zu erfüllen glaubt.“ Sie war unſchuldig, das unterlag keinem Zweifel. Oh! wie ſollte es Barnave machen, daß ihm die Königin den ſchlechten Gedanken verzeihe, den er gegen die Frau gehabt? Die Königin anreden? Barnave wagte es nicht. Warten, bis die Königin zuerſt ſprach? Zufrieden mit der Wirkung, die die paar Worte, welche ſie geſagt, hervorgebracht, ſprach aber die Königin nicht mehr. Barnave war wieder ſanft, beinahe demüthig ge⸗ worden; Barnave flehte die Königin mit dem Blicke an; doch die Königin ſchien Barnave keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Der junge Mann war in einem von jenen Zuſtän⸗ den nervöſer Exaltation, wo man, um von einer unauf⸗ merkſamen Frau bemerkt zu werden, die zwölf Arbeiten des Hercules unternehmen würde, auf die Gefahr, ſchon bei der erſten zu unterliegen. Er bat das höchſte Weſen(im Jahre 1791 bat man ſchon nicht mehr Gott), er bat das höchſte Weſen, ihm irgend eine Gelegenheit zu ſchicken, die Augen der könig⸗ lichen Gleichgültigen auf ſich zu ziehen, als plötzlich, wie wenn das höchſte Weſen die Bitte, die man an daſſelbe gerichtet, gehört hätte, ein armer Prieſter, der am Rande der Straße auf das Vorüberfahren des Kö⸗ nigs wartete, näher hinzutrat, um den erhabenen Ge⸗ fangenen beſſer zu ſehen, ſeine von Thränen gefüllten Augen und ſeine flehenden Hände zum Himmel erhob und ausrief: „Sire, Gott bewahre Eure Majeſtät!“ Das Volk hatte lange keinen Gegenſtand oder keinen Vorwand gehabt, um in Zorn zu gerathen. Nichts hatte ſich geboten, ſeitdem es in Stücke den alten Edel⸗ 90 mann gehauen, deſſen Kopf immer noch am Ende einer Pieke nachgetragen wurde. Eine Gelegenheit war ihm endlich gegeben: er er⸗ griff ſie mit dem größten Eifer. Auf die Geberde des Greiſes, auf das Gebet, das er ausſprach, antwortete das Volk durch ein Gebrülle; es warf ſich in einem Nu auf den Prieſter, und er war, ehe Barnave ſeiner Träumerei entzogen worden, auf den Boden geworfen und mit der gräßlichſten Mißhandlung bedroht, als die Königin erſchrocken Barnave zurief: „Oh! mein Herr, ſehen Sie nicht, was vorgeht?“ Barnave erhob das Haupt, tauchte einen raſchen Blick in den Ocean, wo der arme Greis verſchwunden war, in dieſen Ocean, der in toſenden, ſtürmiſchen Wellen um den Wagen rollte, und rief, als er ſah, um was es ſich handelte, indem er mit einer ſolchen Heftig⸗ keit aufſprang, daß der Schlag ſich öffnete und er hin⸗ ausgefallen wäre, hätte ihn nicht mit einen von jenen Bewegungen des Herzens, welche ſo raſch bei Madame Eliſabeth, dieſe am Rockſchoße zurückgehalten,— er rief: „Oh! Elende, oh! Tiger, Ihr ſeid alſo keine Fran⸗ zoſen, oder iſt Frankreich, das Volk der Braven, ein Mördervolk geworden?“ Die Anrede wird uns vielleicht ein wenig präten⸗ tiös ſcheinen, aber ſie war im Geſchmacke der Zeit. Ueberdies vertrat Barnave die Nationalverſammlungz die oberſte Gewalt ſprach durch ſeine Stimme, das Volk wich zurück, der Greis war gerettet. Er erhob ſich und ſagte: „Sie haben wohl daran gethan, mich zu retten; ein Greis wird für Sie beten.“ Und er machte das Zeichen des Kreuzes und ent⸗ fernte ſich. Das Volk ließ ihn weggehen, beherrſcht durch die ——— 91 Geberde und den Blick von Barnave, der die Statue des Befehls zu ſein ſchien. Dann, als der Greis fern war, ſetzte ſich der junge Abgeordnete, einfach, natürlich, wieder nieder, ohne daß er das Anſehen hatte, als ahnete er nur, er habe einem Menſchen das Leben gerettet. „Mein Herr,“ ſprach die Königin,„ich danke Ihnen.“ Bei dieſen einzigen Worten ſchauerte Barnave am ganzen Leibe. Wohl war die Königin, ohne Widerſpruch, während der langen Periode, die wir mit der unglücklichen Marie Antoinette durchlaufen, ſchön geweſen, nie aber ſo rührend. In der That, ſtatt als Königin zu thronen, thronte ſie als Mutter; ſie hatte zu ihrer Linken den Dauphin, einen reizenden Knaben mit blonden Haaren, der, mit der Sorgloſigkeit und Naivetät ſeines Alters, von dem Schooße ſeiner Mutter zwiſchen die Beine des tugend⸗ haften Pétion übergegangen war, welcher ſich ſo weit ge⸗ ſellig machte, daß er mit ſeinen Locken ſpielte; ſie hatte zu ihrer Rechten ihre Tochter, Madame Royale, die ein Portrait ihrer Mutter in der erſten Blüthe der Jugend und der Schönheit zu ſein ſchien. Sie ſelbſt endlich hatte am Platze der goldenen Krone des Königthums eine Dornenkrone des Unglücks und über ihren ſchwar⸗ zen Augen, über ihrer bleichen Stirne ihr herrliches blondes Haar, unter dem einige vor dem Alter gekom⸗ mene ſilberne Fäden glänzten, welche beredter zum Her⸗ zen des jungen Abgeordneten ſprachen, als es die ſchmerzlichſte Klage hätte thun können. Er betrachtete dieſe königliche Grazie und fühlte ſich ganz bereit, vor dieſer ſterbenden Majeſtät auf die Kniee zu fallen, als der junge Dauphin einen Schmerzensſchrei ausſtieß. Er hatte dem tugendhaften Pétion irgend einen muthwilligen Streich geſpielt, den dieſer dadurch, daß er ihn kräftig an den Ohren zog, zu beſtrafen für geeignet erachtete. Der König erröthete vor Zorn; die Königin er⸗ bleichte vor Scham. Sie ſtreckte die Arme aus und hob den Knaben zwiſchen den Beinen von Pétion auf, und da Barnave dieſelbe Bewegung machte, wie ſie, ſo be⸗ fand ſich der Dauphin, von ihren vier Armen überge⸗ tragen und von Barnave angezogen, bald auf dem Schooße von Barnave. Marie Antoinette wollte ihn auf den ihrigen zurück⸗ ziehen. „Nein,“ ſagte der Dauphin,„ich bin gut hier.“ Und als Barnave, der die Bewegung der Königin geſehen hatte, die Arme auseinander that, damit ſie in der Ausführung ihres Willens frei wäre, ließ die Köni⸗ gin,— war es Coquetterie der Mutter, war es Ver⸗ führung der Frau,— den jungen Prinzen, wo er war. Es ging in dieſem Augenblick im Herzen von Bar⸗ nave etwas vor, was ſich unmöglich ſchildern läßt: er war zugleich ſtolz und glücklich. Das Kind fing an mit dem Jabot von Barnave zu ſpielen, dann mit ſeiner Binde, dann mit den Knö⸗ pfen ſeines Deputirtenrockes. Dieſe Knöpfe beſonders beſchäftigten den jungen Prinzen; es war ein Wahlſpruch darauf gravirt. Der Dauphin buchſtabirte die Lettern nacheinander und las am Ende, indem er ſie zuſammenſetzte, die vier Worte: Frei leben oder ſterben.“ „Was will das beſagen, mein Herr?“ fragte er. Barnave zögerte, zu antworten. „Das will beſagen, mein Bürſchchen,“ erklärte Petion,„die Franzoſen haben geſchworen, keinem Herrn mehr unterthan zu ſein; begreifſt Du das?“ „Pétion!“ rief Barnave. „Nun! ſo erkläre den Wahlſpruch anders, wenn Du 93 einen andern Sinn dafür weißt,“ erwiederte Pétion auf das Allernatürlichſte. Barnave ſchwieg. Dieſer Wahlſpruch, den er am Tage vorher erhaben fand, ſchien ihm faſt grauſam in der gegenwärtigen Lage. Doch er nahm die Hand des Dauphin und ſenkte ehrerbietig ſeine Lippen auf dieſe Hand. Die Königin wiſchke verſtohlen eine von ihrem Her⸗ zen zu ihrem Angenlide emporgeſtiegene Thräne ab. Und der Wagen, der Schauplatz dieſes ſeltſamen, bis zur Naivetät einfachen kleinen Dramas rollte mitten durch das Geſchrei der tobenden Menge, ſechs von den acht Perſonen, die er enthielt, zum Tode führend, immer weiter. Man kam nach Dormans. XCVI. Der Schmerzensweg. Hier war nichts für den Empfang der königlichen Familie vorbereitet, und dieſe ſah ſich genöthigt, in einem Wirthshauſe abzuſteigen. Geſchah es auf Befehl von Pétion, den das Still⸗ ſchweigen des Königs und der Königin auf dem Wege ſehr verletzt hatte, war das Wirthshaus wirklich voll, man fand für die erhabenen Gefängenen nur drei Man⸗ ſarden, mit denen ſie ſich begnügen mußteu. Als er vom Wagen ſtieg, wollte ſich Charny, nach ſeiner Gewohnheit, dem König und der Königin nähern, 7 94 um ihre Befehle entgegenzunehmen, doch die Königin heet ihm durch einen Blick, er möge ſich abſeits alten. Ohne die Urſache dieſer Ermahnung zu wiſſen, be⸗ eiferte ſich doch der Graf, zu gehorchen. Pötion hatte die Functionen eines Quartiermeiſters übernommen und war in das Wirthshaus eingetreten: er gab ſich nicht einmal die Mühe, wieder herabzugehen, und es kam nur ein Kellner, um zu melden, die Zim⸗ mer für die königliche Familie ſeien bereit. Barnave war ziemlich in Verlegenheit; er ſtarb vor Verlangen, der Königin ſeinen Arm anzubieten, doch er befürchtete, dieſe, welche einſt die Etiquette ſo ſehr in der Perſon von Frau von Noailles verſpottet, könnte ſie anrufen, wenn er, Barnave, dagegen verſtoße. Er wartete alſo. Der König ſtieg zuerſt aus; er ſtützte ſich auf die Arme der zwei Garden, der Herren von Malden und von Valory. Charny war, wie man weiß, auf einen Wink von Marie Antvinette ein wenig auf die Seite getreten. Die Königin ſtieg dann auch aus und ſtreckte die Arme in den Wagen, daß man ihr den Dauphin gebe, doch als ob der arme Knabe gefühlt hätte, wie ſeine Mutter dieſer Schmeichelei bedürfe, ſagte er: „Nein, ich will bei meinem Freunde Barnave bleiben.“ Marie Antoinette machte ein Zeichen der Einwilli⸗ gung, begleitet von einem ſüßen Lächeln. Barnave ließ Madame Eliſabeth und Madame Royale vorangehen und ſtieg, den Dauphin in ſeinen Armen tragend, nach ihnen aus. Hierauf kam Frau von Tourzel, welche nur dar⸗ nach trachtete, ihren königlichen Zögling wieder aus den unwürdigen Händen zu nehmen, die ihn hielten; doch ein neuer Wink der Königin beſchwichtigte den ariſto⸗ 5⁵ kratiſchen Eifer der Gonvernante der Kinder von Frank⸗ reich. Die Königin ſtieg die ſchmutzige, ſchmale, tannene Treppe, ſich auf den Arm ihres Gemahls ſtützend, hinauf. Im erſten Stocke hielt ſie anz ſie glaubte, zwanzig Stufen erſteigend, habe ſie genug gethan; doch die Stimme des Kellners rief: „Höher! höher!“ Auf dieſe Aufforderung ſtieg die Königin noch wei⸗ ter hinauf. Der Schweiß der Scham perlte auf der Stirne von Barnave. „Wie, höher?“ fragte er. „Ja,“ erwiederte der Kellner,„hier ſind der Speiſe⸗ ſaal und die Zimmer der Herren von der Nationalver⸗ ſammlung.“ Eine Blendung zog über die Augen von Barnave. Pétion hatte die Zimmer des erſten Stocks für ſich und ſeine Collegen genommen und die königliche Familie in den zweiten verbannt. Der junge Abgeordnete ſagte indeſſen nichts; doch da er ohne Zweifel die erſte Bewegung der Königin fürchtete, wenn ſie die Zimmer des zweiten Stockes von Pétion für ſie und ihre Familie beſtimmt ſehen würde, ſo ſetzte Barnave, als er in den zweiten Stock kam, das königliche Kind auf den Ruheplatz. „Madame! Madame!“ ſagte der junge Prinz zu ſeiner Mutter,„mein Freund Barnave geht.“ „Er thut wohl daran,“ erwiederte lachend die welche einen Blick auf die Wohnung geworfen atte. Die Wohnung beſtand aus drei in einander gehen⸗ den Zimmern. Die Königin quartierte ſich im erſten mit Madame Royale ein; Madame Eliſabeth nahm das zweite für 96 fich, den Dauphin und Frau von Tourzel; der König endlich nahm das dritte, das ein kleines Cabinet war und eine Ausgangsthüre auf die Treppe hatte. Der König war müde: er wollte ſich, in Erwar⸗ tung des Abendbrods, ein paar Angenblicke auf ſein Bett werfen, doch dieſes Bett war ſo kurz, daß er ſich nach einer Minute genöthigt ſah, wieder aufzuſtehen, und er öffnete die Thüre und verlangte einen Stuhl. Die Herren von Valory und von Malden waren bereits auf ihren Poſten auf den Stufen der Treppe. Herr von Malden ging hinab, nahm einen Stuhl aus dem Speiſezimmer und brachte ihn dem König. Ludwig XVI., der ſchon einen hölzernen Stuhl in ſeinem Cabinet hatte, ſtellte dieſen zweiten Stuhl, den ihm Herr von Malden brachte, auf eine Art, um ein Bett nach ſeiner Geſtalt daraus zu machen. „Oh! Sire,“ ſagte Herr von Malden, die Hände faltend und ſchmerzlich den Kopf ſchüttelnd,„wollen Sie denn ſo die Nacht zubringen?“ „Gewiß, mein Herr,“ erwiederte der König. Dann fügte er bei: „Wenn übrigens das, was man mir vom Elend meines Volkes in die Ohren ſchreit, wahr iſt,— wie Viele von meinen Unterthanen wären glücklich, dieſes kleine e dieſes Bett und dieſe zwet Stühle zu aben?“ 5 Und er ſtreckte ſich auf dieſem improviſirten Lager aus,— ein Vorſpiel der langen Schmerzen des Temple! Nach einem Augenblick meldete man Ihren Maje⸗ ſtäten, es ſei aufgetragen. Der König ging hinab und ſah ſechs Gedecke auf der Tafel. „Warum dieſe ſechs Gedecke?“ fragte er. „Eines für den König, eines für die Königin, eines für Madame Eliſabeth, eines ſür Madame Royale, eines ſ S S*— X— f —— 97 für Monſeigneur den Dauphin und eines für Herrn Pé⸗ tion,“ antwortete der Kellner. „Und warnm nicht auch eines für Herrn Bärnave eines für Herrn Latour⸗Maubourg?“ fragte der önig. „Sie waren da, Sire, doch Herr Barnave hat ſie wegnehmen heißen,“ erwiederte der Kellner. „Und er hat das von Herrn Pétion gelaſſen?“ „Herr Pétion hat verlangt, daß es bleibe.“ In dieſem Angenblick erſchien das ernſte, mehr als ernſt, das ſtrenge Geſicht des Abgeordneten von Char⸗ tres im Thürrahmen. Der König that, als ob er nicht da wäre, und ſagte zum Kellner: „Ich ſetze mich nur mit meiner Familie zu Tiſche; wir ſpeiſen unter uus, oder mit den Leuten, die wir ein⸗ laden, anders ſpeiſen wir nicht.“ „Ich wußte wohl,“ ſprach Pétion,„daß Eure Maje⸗ ſtät den erſten Artikel der Erklärung der Menſchen⸗ rechte vergeſſen; doch ich glaubte, ſie würde wenigſtens das Anſehen haben, als erinnerte ſie ſich deſſelben.“ Der König gab ſich den Anſchein, als hörte er Pétion nicht, wie er ſich den Anſchein gegeben, als ſähe er ihn nicht, und befahl mit einem Zeichen der Augen dem Kellner, das Gedeck wegzunehmen. Der Kellner gehorchte. Pétion ging wüthend ab. „Herr von Malden,“ ſagte der König„machen Sie zu, damit wir ſo viel als möglich unter uns n 1 Serr von Malden gehorchte, und Peétion konnte die Thüre hinter ihm ſchließen hören. So gelang es dem König, in Familie zu ſpeiſen. Die zwei Gardes du corps bedienten wie gewöhnlich. Charny erſchien nicht; war er nicht mehr der Diener, ſo war er doch immer der Sklave der Königin. Die Gräfin von Charny. v.„ 7 98 Doch es gab Momente, wo dieſer paſſive Gehor⸗ ſam gegen die Königin die Frau verletzte. So ſuchte während des ganzen Mahles Marie Antvinette ungedul⸗ dig mit den Augen Charny. Sie hätte gewünſcht, er würde, nachdem er kurze Zeit gehorcht, ihr am Ende ungehorſam werden. In dem Augenblick, wo der König nach beendigtem Abendbrode den Stuhl rückte, um vom Tiſche aufzuſtehen, öffaete fich der Salon, ein Kellner trat ein und bat im Namen von Herrn Barnave Ihre Majeſtäten, die Woh⸗ nung des Erſteren ſtatt der ihrigen nehmen zu wollen. Ludwig KVI. und Marie Antoinette ſchauten ſich an. Sollte man ſich Würde geben und die Höflichkeit des Einen zurückweiſen, um die Grobheit des Andern zu be⸗ ſtrafen? Es wäre dies vielleicht die Meinung des Königs geweſen, doch der Daupbhin lief in den Salon und rief: „Wo iſt er, mein Freund Barnave?“ Die Königin folgte dem Dauphin und der König der Königin. Barnave war nicht im Salon. Vom Solon ging die Königin in die Zimmer; es waren drei wie im oberen Stocke. Man hatte keine Eleganz machen können, doch man hatte für die Reinlichkeit geſorgt. Die Kerzen brannten allerdings in meſſingenen Leuchtern; doch es brannten Kerzen im Ueberfluß. Wiederholt hatte die Königin unter Weges gleich⸗ ſam laut aufgeſchrieen, wenn man an ſchönen blumen⸗ reichen Gärten vorüberkam; das Zimmer der Königin war geſchmückt mit den ſchönſten Sommerblumen, während zugleich die geöffneten Fenſter den zu ſcharfen Gerüchen zu eutfliehen geſtatteten; die Mouſſelinevorhänge, welche die Oeffnung dieſer Fenſter verſchloßen, widerſetzten ſich, daß ein indiscreter Blick die erhabene Gefangene in ihrem Gemache verfolgte. Varnave war für Alles dies bemüht geweſen⸗ n d e 2 „—— c— ——,— e [⸗ B e i ⸗ 99 Sie ſeufzte, die arme Königin: ſechs Jahre früher würde dieſe Sorge Charny übernommen haben. Barnave hatte indeſſen die Zartheit, ſich keinen Dank hiefür zu holen. Das hätte Charny auch gethan. Wie hatte ein armer Provinzadvocat dieſelben Auf⸗ merkſamkeiten und dieſelben Zartheiten, die der elegan⸗ teſte und ausgezeichnetſte Mann des Hofes gehabt hätte? Hierin lag gewiß Stoff, eine Frau träumen zu ma⸗ chen, und mochte dieſe Frau auch eine Königin ſein. Die Königin träumte auch über dieſes ſeltſame Ge⸗ heimniß einen Theil der Nacht. Was ging mittlerweile mit Charny vor? Der Graf von Charny hatte ſich, wie wir geſehen⸗ auf einen Wink der Königin zurückgezogen und war ſeit dieſem Augenblick nicht mehr erſchienen. Charny, den ſeine Pflicht an die Schritte von Lud⸗ wig XVI. und Marie Antoinette feſſelte, war glücklich, daß ihm der Befehl der Königin, deſſen Grund er micht einmal ſuchte, einen Augenblick der Einſamkeit und des Nachdenkens gab. Er hatte ſeit drei Tagen ſo raſch gelebt; er hatte, wenn man ſo ſagen darf, ſo außer ſich ſelbſt gelebt; er hatte ſo viel für die Andern gelebt, daß es ihn durchaus nicht verdroß, auf einige Augenblicke den Schmerz der Andern zu verlaſſen, um zu ſeinem eigenen Schmerze zurückzukehren. Charny war der Edelmann der alten Tage, der Mann der Familie beſonders: er liebte auf das Innigſte ſeine Brüder, deren Vater mehr, als älterer Bruder er war. Beim Tode von Georges war ſein Schmerz groß geweſen; er hatte aber wenigſtens beim Leichname knieend, in dem finſteren kleinen Hofe von Verſailles, ſeinen Schmerz mit ſeinen Thränen ergießen können; es blieb ihm aber wenigſtensſein zweiter Bruder Iſidor, auf den ſich ſeine ganze 100 Liebe übertrug, Iſidor, der ihm wo möglich noch theurer geworden während der drei bis vier Monate, die ſeiner Abreiſe vorhergegangen, und in denen der junge Mann ihm als Vermittler bei Andrée gedient. Wir haben es, wenn nicht begreiflich zu machen, doch wenigſtens zu erzählen geſucht, dieſes ſeltſame Ge⸗ heimniß gewiſſer Herzen, weiche die Trennung befeuert, ſtatt ſie abzukühlen, und die in der Abweſenheit eine neue Nahrung für die Erinnerung ſchöpfen, die ſie beſchäftigt. Nun wohl! je weniger Charny Andrée ſah, deſto mehr dachte er an ſie, und immer mehr an Andrée denken hieß für Charny ſie lieben. In der That, wenn er Andrée ſah, wenn er bei ihr war, ſchien es ihm ganz einfach, als ſei er bei einer Bildſäule von Eis, die der geringſte Liebesſtrahl ſchmel⸗ zen machen würde, und die, im Schatten in ſich ſelbſt zurückgezogen, eben ſo ſehr die Liebe fürchte, als(wirklich von Eis) eine Bildſäule die Sonne fürchten würde; er war in Berührung mit dieſer langſamen, kalten Geberde, mit dieſem ernſten, abgemeſſenen Worte, mit dieſem ſtummen, verſchleierten Blicke; hinter vieſer Geberde, hinter dieſem Worte, hinter dieſem Blicke erſchaute er nichts. Alles dies war weiß bleich, milchicht wie Alabaſter, kalt und matt wie dieſer. So war ihm, abgeſehen von ſeltenen Zwiſchenräu⸗ men der Belebung, herbeigeführt durch heftige Situativ⸗ nen, Andrée während ihrer letzten Zuſammenkünfte erſchie⸗ nen, beſonders bei der, welche er mit der unglücklichen rau in der Rue Coq⸗Héron an dem Abend gehabt, wo ie ihren Sohn zugleich wiedergefunden und verloren. Doch ſobald er ſich von ihr entfernte, brachte die Entfernung, die zu lebhaften Tinten dämpfend, die zu ſcharfen Conturen wiſchend, ihre gewöhnliche Wirkung her⸗ vor. Da beſeelte ſie die kalte, langſame Geberde von Andrée; da wurde das ernſte, abgemeſſene Wort von Andrée klangvoll; da hob der ſtumme und verſchleierte ⸗ 1e n P ⸗ ſt ar it n, r, U⸗ o⸗ e⸗ en vo ie zu r⸗ on on rte * 101 Blick von Andrée ihre lange Augenwimper empor und ſchlenderte eine feuchte und verzehrende Flamme; da ſchien es ihm, ein inneres Feuer entzünde ſich im Herzen der Bildſäule und durch den Alabaſter des Fleiſches ſehe er das Blut kreiſen und das Herz ſchlagen. Ah! in dieſen Augenblicken der Abweſenheit und der Einſamkeit war Andrée die Nebenbuhlerin der Königinz in der Dunkétheit dieſer fieberhaften Nächte glaubte Charny plötzlich zu ſehen, wie ſich die Wand ſeines Zim⸗ mers aufthne oder der Vorhang ſeiner Thüre ſich auf⸗ hebe und, die Arme offen, die Lippen murmelnd, das Auge voll Liebe, dieſe durchſichtige Statue, die das Feuer ihrer Seele erleuchte, ſich ſeinem Bette nähere. Dann ſtreckte Charny auch die Arme aus; dann ſuchte Charny das Geſpenſt an ſein Herz zu drücken. Aber ach! das Geſpenſt entſchlüpfte ihm; er umarmte nur den leeren Raum und fiel wieder aus ſeinem keuchenden Traume in die traurige, kalte Wirklichkeit. Iſidor war ihm alſo theurer geworden, als ihm je Georges geweſen, und es hatte, wie wir geſehen, der Graf nicht die düſtere Freude gehabt, über dem Leichname von Iſidor zu weinen, wie er über dem von Georges geweint. Beide waren hinter einander für dieſe unheilbbrin⸗ gende Frau, für dieſe Sache voller Abgründe gefallen. Für dieſelbe Frau und in denſelben Abgrund würde er, Charny, ſicherlich auch fallen. Seit dieſen zwei Tagen nun, ſeit dem Tode ſeines Bruders, ſeit der letzten Umarmung, welche ſeine Kleider von ſeinem Blute gefärbt, ſeine Lippen vom letzten Seuf⸗ zer des Opfers lau gelaſſen, ſeit der Stunde, in wel⸗ cher ihm Herr von Choiſeul die bei Iſidor gefundenen Papiere übergeben, hatte er dieſem großen Schmerze kaum einen Augenblick zu weihen gehabt. Den Wink der Königin, die ihm angedeutet, er möge ſich entfernt halten, hatte er daher als eine Gunſt aufge⸗ nommen und als eine Freude angenommen. 102 Dann hatte er einen Winkel geſucht, einen abgelegenen Ort, wo er, indeß er nahe genng bliebe, um der könig⸗ lichen Familie anf den erſten Ruf, beim erſten Schrei zu Hülfe zu kommen, nichtsdeſtoweniger mit ſeinem Schmerze ſehr allein, mit ſeinen Thränen ſehr vereinzelt ſein könnte. Er hatte eine Manſarde gefunden, welche oben an derſelben Treppe lag, wo die Herren von Valory und von Malden wachten. Sobald er hier allein eingeſchloſſen war und an einem Tiſche ſaß, der durch eine von jenen dreiſchnäbeligen kupfernen Lampen, wie wir ſie noch heute in einigen Dorfhäuſern finden, beleuchtet war, zog er aus ſeiner Taſche die blutigen Papiere, die einzigen Reliquien, die ihm von ſeinem Bruder blieben. Die Stirne in ſeinen Händen, die Augen ſtarr auf dieſe Buchſtaben geheftet, in denen die Gedanken von demjenigen, welcher nicht mehr war, fortlebten, ließ er dann lange von ſeinen Wangen auf den Tiſch haſtige, ſtille Thränen fließen. Endlich ſtieß er einen Seufzer aus, erhob und ſchüt⸗ telte er den Kopf, nahm und entfaltete einen Brief. Er war von der armen Catherine. Charny vermuthete ſeit mehreren Monaten dieſe Ver⸗ bindung von Iſidor mit der Tochter des Pächters, als es ſich Billot in Varennes zur Aufgabe machte, ſie ihm in allen ihren Einzelnheiten zu erzählen, doch erſt nach der Erzählung des Pächters gab er ihr die Wichtigkeit, die ſie in ſeinem Geiſte anzunehmen verdiente. Dieſe Wichtigkeit vermehrte ſich noch beim Leſen des Briefes. Da ſah er, wie der Titel der Geliebten durch den Muttertitel heilig geworden, und in den ſo einfachen Ausdrücken, in welchen Catherine ihre Liebe aus⸗ einanderſetzte, gewahrte er das ganze Leben der Frau hingegeben zur Sühne des Fehlers der Jungfrau. Er öffnete einen zweiten, dann einen dritten Brief; — lt n d en en er ie uf on e, it⸗ er⸗ s er die ſen ten us⸗ rau ief; 103 es waren immer dieſelben Pläne für die Zukunſt, die⸗ ſelben Glückshoffnungen, dieſelben mütterlichen Freuden, dieſelben Befürchtungen der Liebenden, dieſelben Klagen, dieſelben Schmerzen, dieſelbe Reue. Plötzlich, unter dieſen Briefen, ſah er einen, deſſen Handſchriſt ihm auffiel. Es war die Handſchrift von Andrée. Er war gn ihn adreſſirt. An dem Briefe war ein viereckig zuſammengelegtes Papier durch ein Siegel von Wachs mit dem Wappen von Iſidor befeſtigt. Dieſer an ihn, Charny, adreſſirte und unter den Popieren aufgefundene Brief von der Handſchrift von Andrée dünkte ihm etwas ſo Seltſames, daß er zuerſt das an den Brief geheftete Billet öffnete, ehe er den Brief ſelbſt öffnete. Das von Iſidor mit Bleiſtift und ohne Zweifel auf einem Wirthshanstiſche, während man ihm ein Pferd ſattelte, geſchriebene Billet enthielt folgende vaar Zeilen: „Dieſer Brief iſt adreſſirt nicht an mich, ſondern an meinen Bruder den Grafen Olivier von Charny er iſt geſchrieben von ſeiner Frau, der Gräfin von Charny. Sollte mir Unglück widerfabren, ſo wird der, welcher dieſes Papier fände, gebeten, es dem Grafen Olivier von Cbarny zukommen zu laſſen oder an die Gräfin von Charny zurückzuſchicken. „Ich babe ihn von dieſer mit folgendem Auftrage: „Sollte der Graf bei dem Unternehmen, das er verfolgt, ohne Unfall davonkommen, den Brief der Gräfin zurückgeben. „Würde er ſchwer verwundet, jedoch ohne DTodesgefabv, ihn bitten, ermöge ſeiner Frau die Gunſt bewilligen, ſich zu ihm begeben zu dürſen „Würde erendlich aufden Tod verwun⸗ det, ihm dieſen Brief übergeben und 104 wennerihn nicht mehr ſelbſt leſen kann, ihm denſelbenvorleſen, damiter, bevor er verſcheidet, das Geheimniß, das er enthält, kennen lerne. „Iſt der Brief an meinen Bruder den Grafen überſchickt, ſo wird er, da man ihm ohne Zweifel die⸗ ſes Billet zugleich übergibt, in Betreff obiger drei Em⸗ pfehlungen ſo handeln, wie es ihm ſein Zartgefühl räth. „Ich vermache ſeiner Fürſorge die arme Catherine welche im Dorfe Ville⸗d'Avray mit meinem Kinde wohnt. „Iſidor von Charny.“ Anfangs ſchien der Graf ganz und gar nur von dieſem Billet ſeines Bruders ergriffen und exfüllt zu ſein; ſeine, kurze Zeit unterbrochenen, Thränen fingen wieder an, gleich reichlich zu fließen; endlich aber richteten fich ſeine noch von Zähren verſchleierten Angen auf den Brief von Frau von Charny; er ſchaute ihn lange an, nahm ihn, drückte ihn an ſeine Lippen, drückte ihn an ſein Herz, als hätte er dieſem Herzen das Geheimniß, das er enthielt, mittheilen können, und las noch ein⸗ mal, zweimal, dreimal die Enpfehlung ſeines Bruders. Dann ſagte er halblaut und den Kopf ſchüttelnd: „Ich habe nicht das Recht, dieſen Brief zu öffnen. Doch ich will ſie ſelbſt ſo inſtändig bitten, daß ſie ihn mich wird leſen laſſen.“ Und als wollte er ſich in dieſem Entſchluß, der für ein minder redliches Herz als das ſeinige unmöglich ge⸗ weſen wäre, ermuthigen, wiederholte er noch: „Nein, ich werde ihn nicht leſen.“ Er las ihn in der That nicht; doch der Tag über⸗ raſchte Charny an demſelben Tiſche und nait dem Blicke die Adreſſe dieſes Briefes verſchlingend, welcher ganz feucht von ſeinem Athem, ſo oft hatte er ihn an ſeine Lip⸗ pen gedrückt. 105⁵ Plötzlich unter dem Lärmen, der im Gaſthofe ſtatt⸗ fand und verkündigte, man ſchicke ſich zur Abreiſe an, vernahm mon die Stimme dem Grafen von Charny rief. „Hier bin ich,“ antwor Und er ſteckte in ſeine von Herrn von Malden, der tete dieſer. 1— Rocktaſche die Papiere des armen Iſidor, küßte zum letzten Male den unverſehrten Brief, legte ihn auf ſein Herz und ging raſch hinab. Er traf auf der Treppe Barnave, der ſich nach der Königin erkundigte und Herrn von Valory beauftragte, ihre Befehle für die Stunde der Abreiſe entgegenzu⸗ nehmen. Es war leicht zu ſehen, daß Barnave ſich nicht zn Bette gelegt und eben ſo wenig als der Graf Olivier von Charny geſchlafen hatte. Die zwei Männer begrüßten ſich, und Charny würde ſicherlich den Blitz der Eiferſucht bemerkt haben, der in den Augen von Barnave zuckte, als er ihn ſich ſelbſt nach der Geſundheit der Königin erkundigen hörte, hätte er ſich mit etwas Anderem beſchäftigen können, als mit dem Briefe, den er mit dem Arme an ſein Herz drückte. XCVII. Der Schmerzensweg. Als ſie wieder in den Wagen ſtiegen, bemerkten der König und die Königin zu ihrem Erſtaunen, daß ſie um ſich, um ſie abfahren zu ſehen, nur noch die Einwohner⸗ 106 ſchaft der Stadt und, um ſie zu bezleiten, nur Reiterei hatten. Das war abermals eine Aufmerkſamkeit von Bar⸗ nave er wußte, was am Tage vorher die Königin, ge⸗ zwungen, im Schritt zu fahren, von der Hitze, vom Staube, von den Inſekten, von der Menge und von den Drohungen gelitten, welche man gegen ihre Gardes und die getrenen Diener ausgeſtoßen, welche zu einer letzten Begrüßung herbeikamen; er hatte ſich den Anſchein gegeben, als habe er Kunde von einer Invaſion erhalten: Herr von Bouillé kehrte nach Frankreich mit fünfzigtauſend Mann Oeſter⸗ reichern zurück; gegen ihn ſollte ſich jeder Mann wenden, der eine Flinte, eine Senſe, eine Pieke, irgend eine Waffe beſaß, und die ganze Bevölkerung hatte dieſen Aufruf gehört und war ſchleunigſt umgekehrt. Damals herrſchte in Frankreich ein wahrer Haß gegen das Ausland, ein Haß, der ſo mächtig, daß er den überwog, welchen man gegen den König und die Königin hegte, die Königin, deren größtes Verbrechen darin be⸗ ſtand, daß ſie eine Fremde war. Marie Antoinette errieth, woher ihr dieſe neue Wohl⸗ that zukam. Wir ſagen Wohlthat, und das Wort iſt nicht übertrieben. Sie dankte Barnave mit einem Blicke. In dem Moment, wo ſie im Wagen Platz nehmen wollte, ſuchte ihr Ange das von Charny. Charny war ſchon auf ſeinem Sitze; nur, ſtatt ſich in die Mitte zu ſetzen, wie am Tage vorher, hatte er hartnäckig Herrn von Malden dieſen Piatz abtreten wollen, welcher minder gefährlich, als der, den bis dabin der getreue Garde du corps eingenommen. Charny hätte gewünſcht, eine Wunde erlaube ihm, den Brief der Gräfin zu öffnen, der ihm auf dem Herzen brannte. Er ſah alſo den Blick der Königin, als ſie den ſeinigen ſuchte, nicht. Die Königin ſtieß einen tiefen Seufzer aus.. — —————,— 107 Barnave hörte es. Begierig, zu erfahren, wohin dieſer Seufzer ging, blieb der junge Mann auf dem Fußtritte des Wagens ſtehen und ſagte: „Madame, ich bemerkte geſtern, daß Sie in dieſer Berline ſebr gepreßt waren; eine Perſon weniger wird Ihnen vielleicht einige Erleichterung verſchaffen.... Wenn Sie es wünſchen, ſo werde ich mit Herrn von Latour⸗ Maubourg in den nachfolgenden Wagen ſteigen oder Sie zu Pferde begleiten.“ Barnave, indem er dieſes Anerbieten machte, würde die Hälfte der Tage, die ihm zu leben blieben,— und es blieben ihm nicht viele,— dafür gegeben haben, daß dieſes Anerbieten ausgeſchlagen werde. Dies geſchah auch. „Nein,“ erwiederte die Königin lebhaft,„bleiben Sie bei uns.“ Zu gleicher Zeit ſtreckte der Dauphin ſeine kleinen Hände aus, um den jungen Abgeordneten an ſich zu ziehen, und rief: „Mein Freund! mein Freund Barnave! ich will nicht, daß Du gehſt.“ Barnave nahm ſtrahlend ſeinen Platz vom vorher⸗ gehenden Tag wieder ein. Kaum ſaß er hier, als auch der Dauphin vom Schooße der Königin auf den ſeinigen überging. Während ſie ihn ans ihren Händen gleiten ließ, küßte die Königin den Daupbin auf beide Wangen. Die feuchte Spur ihrer Lippe blieb auf die ſammet⸗ artige Haut des Kindes gedrückt. Barnave ſchaute dieſe Spur des mütterlichen Kuſſes an, wie Tantalus die Früchte anſchauen mußte, die über ſeinem Haupte hingen. „Madame,“ ſagte er zur Königin,„würde Eure Majeſtät die Gnade haben, mir zu geſtatten, den hohen Prinzen zu küſſen, der, geleitet durch den unfehlbaren 108 Inſintt ſeines Alters mich wohlwollend ſeinen Freund nennt?“ Die Königin nickte lächelnd mit dem Kopfe. Da klebten ſich die Lippen von Barnave auf dieſe Spur der Lippen der Königin mit einer ſolchen Gluth, daß das Kind erſchrocken einen Schrei von ſich gab. Die Königin verlor nichts von dieſem ganzen Spiele, bei dem Barnave ſeinen Kopf einſetzte. Vielleicht hatte ſie eben ſo wenig geſchlafen als Barnave und Charny; vielleicht wurde dieſe Art von Belebung, die ihren Augen die Gluth wieder gab, verurſacht durch das innere Fieber, das ſie verzehrte; aber ihre mit einer Purpurlage bedeck⸗ ten Lippen, ihre von einem beinahe unmerklichen Roſa leicht gefärbten Wangen machten aus ihr jene gefähr⸗ liche Sirene, welche ſicher war, an einem ihrer Haare ihre Anbeter bis zum Abgrunde zu führen. Durch die Fürſorge von Barnave legte der Wagen nun zwei Meilen in der Stunde zurück. In Chateau⸗Thierrh hielt man an, um zu Mittag zu ſpeiſen. Das Haus, wo man Halt machte, hatte eine reizende Lage am Fluſſe und gehörte einer reichen Holzhändlerin, welche nicht abgewartet, daß man ſie bezeichne, ſondern am Tage vorher, als ſie erfuhr, die königliche Familie ſollte durch Chateau⸗Thierry kommen, einen von ihren Commis zu Pferde hatte abgehen laſſen, um den Herren Abgeordneten der Nationalverſammlung, ſowie dem König und der Königin Gaſtfreundſchaft in ihrem Hauſe anzu⸗ bieten. Dies wurde angenommen. Sobald der Wagen vor dem Hanſe erſchien, deuteten die eifrigſten Bemühungen von Dienern den erhabenen Gefangenen einen Empfang an, der ſehr verſchieden von dem, welcher ihnen am Tage vorher im Wirthshauſe von Dormans zu Theil geworden. Der König, die Königin, Madame Eliſabeth, Frau von Tourzel und die zwei Kinder wurden in abgeſonderte Zimmer geführt, —— 109 wo alle Vorbereitungen getroffen waren, daß Jedes auf ſeine Toilette die ängſtlichſte Sorge verwenden konnte. Seit ihrer Abreiſe von Paris hatte die Königin keine ſolche Umſicht in allen Vorkehrungen getroffen. Die zarteſten Gewohnheiten der Frau waren auf das Freund⸗ lichſte durch dieſe ariſtokratiſche Aufmerkſamkeit berückſich⸗ tigt. Marie Antvinette, welche ſolche Mühewaltungen zu ſchätzen anfing, fragte, um ihr zu danken, nach ihrer guten Wirthin. Eine Frau von vierzig Jahren, noch friſch und mit außerordentlicher Einfachheit gekleidet, erſchien nach einem Angenblick. Sie war bis jetzt ſo beſcheiden geweſen, ſich hu von den Blicken derjenigen, welche ſie empfing, zu alten. „Sie ſind die Gebieterin des Hauſes?“ fragte die Königin. „Ah! Madame!“ rief die vortreffliche Frau in Thränen zerfließend,„überall, wo Eure Majeſtät anzu⸗ halten geruht, und welches auch das mit ihrer Gegenwart beehrte Haus ſein mag, iſt die Königin die alleinige Ge⸗ bieterin.“ Marie Antoinette ſchaute im Zimmer umher, um zu ſehen, ob ſie allein ſeien. Dann, nachdem ſie ſich verſichert, daß ſie Niemand ſehen oder hören konnte, ſprach ſie, indem ſie die Hand ihrer Wirthin nahm, ſie zu ſich zog und küßte, wie ſie es bei einer Freundin gethan hätte: „Wenn Sie ſich füͤr unſere Ruhe intereſſiren, und wenn Sie einiger Maßen für Ihr eigenes Wohl beſorgt ſind, beſänftigen Sie ſich und mäßigen Sie dieſe Zeichen des Schmerzes, denn würde man das Motiv wahrnehmen, das ſie verurſacht, ſo könnten ſie unheilbringend für Sie ſein, und Sie werden begreifen, wie ſehr es, wenn Ihnen eine Unannehmlichkeit widerführe, unſere Leiden ver⸗ mehren würde! Wir werden uns vielleicht wiederſehen; bewältigen Sie ſich alſo und bewahren Sie mir eine 110 Freundſchaft, der heute begegnet zu ſein für mich etwas ſo Seltenes und Koſtbares iſt*).“ Nach Tiſche begab man ſich auf den Weg; die Hitze war erdrückend; der König, als er mehrere Male be⸗ merkte, daß Madame Eliſabeth, gelähmt vor Müdiakeit, ihren Kopf auf ihre Bruſt fallen ließ, verlangte, daß die Prinzeſſin bis Meanx, wo man über Nacht bleiben ſollte, ſeinen Platz im Fond des Wagens einnehme; auf den ausdrücklichen Befehl des Königs gab Madame Eliſa⸗ beth nach. Pétion hatte dieſer ganzen Debatte beigewohnt, ohne ſeinen Platz anzubieten. Barnave verbarg, purpurroth vor Scham, ſeinen Kopf in ſeinen Händen; doch durch die Oeffnungen ſeiner Finger konnte er das ſchwermüthige Lächeln der Königin ſehen. Nachdem man eine Stunde gefahren war, nurde die Müdigkeit von Madame Eliſabeth ſo groß, daß ſie völlig ſchlief, und das Bewußtſein deſſen, was ſie that, war ſo in ihr erloſchen, daß ſich ihr ſchöner Engelskopf, nachdem er ſich einen Augenblick nach rechts und nach links geſchau⸗ kelt hatte, endlich auf die Schulter von Pétion zur Ruhe legte. Was den Abgeordneten von Chartres zur Behaup⸗ tung in ſeinem nicht gedruckten Reiſeberichte veranlaßte, Madame Eliſabeth, das bekannte heilige Weſen, habe ſich in ihn verliebt, und einen Angenblick mit ihtem Kopfe auf ſeiner Schulter ruhend, habe ſie der Natur nach⸗ gegeben. Gegen vier Uhr Nachmittags kam man nach Meaux⸗ und man hielt vor dem biſchöflichen Palaſte an, in wel⸗ *) Wir ſchreiben aus dem Berichte von einem der Gar⸗ des du cotps, welche die Flucht von Varennes vorbe⸗ reiteten und den König auf dieſer Flucht begleiteten, die eigenen Worte der Königin ab. „ 11¹1 chem Boſſuet gewohnt hatte und ſiebenundachtzig Jahre früher der Verfaſſer des Discours sur lhistoire univer- selle geſtorben war. Der Palaſt wurde von einem con⸗ ſtitutionellen und beeidigten Prieſter bewohnt. Man be⸗ merkte es ſpäter an der Art, wie er die königliche Familie empfing. Für den Augenblick aber war die Königin nur betroffen von dem düſteren Anblick des Gebäudes, in das ſie eintreten ſollte. Nirgends erhob ſich ein fürſt⸗ licher oder geiſtlicher Palaſt, der durch ſeinen melancho⸗ liſchen Charakter würdiger geweſen wäre, dem erhabenen Unglück, das für eine Nacht ein Aſyl von ihm forderte, Obdach zu gewähren. Das iſt nicht mehr wie in Ver⸗ ſailles, wo die Größe prachtvoll iſt; hier iſt die Größe einfach; eine breite, mit Backſteinen gepflaſterte Abdachung führt zu den Gemächern und die Gemächer gehen auf einen Garten, deſſen Widerhalt die Wälle der Stadt bil⸗ den. Dieſer Garten wird beherrſcht von dem ganz mit Epheu bedeckten Kirchthurme und führt durch einen mit Stechpalmen eingefaßten Gang nach dem Cabinet, aus dem der beredte Biſchof von Meaux von Zeit zu Zeit einen von jenen unheilvollen Schreien ſchleuderte, welche den Sturz der Monarchien weiſſagen. Die Königin ließ ihren Blick über dieſes finſtere Gebäude hinlaufen, und da ſie es ganz nach dem Zu⸗ ſtande ihres Geiſtes fand, ſchaute ſie umher und ſuchte einen Arm, auf den ſie den ihrigen ſtützen könnte, um den Palaſt zu beſichtigen. Barnave war allein da. Die Königin lächelte. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„geben Sie mir den Arm und dienen Sie mir als Führer in dieſem alten Palaſte; ich würde mich nicht allein hineinwagen, denn ich hätte bange, darin die gewaltige Stimme zu hören, welche einſt die Chriſtenheit beben machte, durch den Ruf:„Madame ſtirbt! Madame iſt todt!“ Barnave näherte ſich raſch der Königin und reichte ihr den Arm mit einem mit Ehrfurcht gemiſchten Eifer. 112 Doch die Königin warf einen letzten Blick umher; die beharrliche Abweſenheit von Charnh beunruhigte ſie. Barnave, der Alles ſah, bemerkte dieſen Blick. „Wünſcht die Königin etwas?“ fragte er. „Ja, ich wünſche zu wiſſen, wo der König iſt?“ antwortete Marie Autoinette. „Er hat Herrn Pétion die Ehre erwieſen, ihn zu empfangen, und er ſpricht mit ihm,“ ſagte Barnave. Die Königin ſchien befriedigt. Dann, als wäre es für ſie Bedürfniß geweſen, ſich ihr ſelbſt zu entreißen und aus ihren eigenen Gedanken herauszutreten, ſprach ſie raſch: „Kommen Sie, mein Herr!“ Und ſie zog Barnave durch die Gemächer des bi⸗ ſchöflichen Palaſtes fort. Man hätte glauben ſollen, ſie fliehe, dem von ihrem Geiſte gezeichneten ſchwebenden Schatten folgend und weder vorwärts, noch rückwärts ſchauend. Im Schlafzimmer des großen Predigers hielt ſie end⸗ lich beinahe athemlos an. Der Zufall wollte, daß ſie ſich einem Frauenportrait gegenüber befand. Sie ſchlug maſchinenmäßig die Augen auf, las auf dem Rahmen die Worte: Madame Henriette, und ſchauerte. Dieſes Schauern fühlte Barnave, ohne es zu be⸗ greifen. „Leidet Eure Majeſtät?“ fragte er. „Nein,“ erwiederte die Königin;„doch dieſes Por⸗ trait Madame Henriette!... Barnave errieth, was im Herzen der armen Frau vorging. „Ja,“ ſagte er,„Madame Henriette; doch Madame Henriette von England, nicht die Witwe des unglücklichen Karl I., ſondern die Fran des leichtſinnigen Philipp von Orleans; nicht diejenige, welche vor Kälte im Louvre 113 zu ſterben glaubte, ſondern die, welche vergiftet in Saint⸗ Clond ſtarb und ſterbend ihren Ring Boſſuet ſchickte!“ eüt⸗ nach einem Augenblick des Zögerns, fügte er bei: „Ich wollte lieber, es wäre das Portrait der An⸗ dern.“ „Und warum?“ fragte Marie Antvinette. „Weil es Münde gibt, die allein gewiſſe Rathſchläge u ertheilen wagen, und dieſe Münde ſind beſonders die⸗ jenigen, welche der Tod geſchloſſen hat.“ „Könnten Sie mir nicht ſagen, mein Herr, was mir der Mund der Witwe von Karl I. rathen würde?“ fragte die Königin. „Wenn Eure Majeſtät befiehlt, ſo werde ich es ver⸗ ſuchen,“ erwiederte Barnave. „Verſuchen Sie es alſo.“ „„Ah! meine Schweſter!““ würde Ihnen dieſer Mund ſagen,„„bemerkſt Du nicht, welche Aehnlichkeit zwiſchen unſern beiden Geſchicken obwaltet? Ich kam von Frankreich, wie Du von Oeſterreich kommſt; ich war für die Engländer eine Fremde, wie Du eine Fremde für die Franzoſen biſt. Ich hätte meinem verirrten Ge⸗ mahle gute Rathſchläge geben können, doch ich ſchwieg, oder ich gab ihm ſchlechte; ſtatt ihn mit ſeinem Volke und ſein Volk mit ihm auszuſöhnen und wiederzuvereinigen, ſtachelte ich ihn zum Kriege an; ich gab ihm den Rath, mit den iriſchen Proteſtanten gegen London zu marſchiren. Ich unterhielt nicht nur einen Briefwechſel mit dem Feinde Englands, ſondern ich begab mich auch zweimal nach Frankreich, um fremde Soldaten nach England zu führen. Endlich...““ Barnave hielt inne. „Fahren Sie fort,“ ſprach die Königin, deren Stirne ſich gefaltet, deren Lippen ſich zuſammenpreßten. „Warum ſollte ich fortfahren, Madame?“ verſetzte Die Gräſin von Gharny. V. 8 114 der junge Redner tranrig den Kopf ſchüttelnd.„Sie ken⸗ nen ſo gut als ich das Ende dieſer blutigen Geſchichte...“ „Ja, ich will alſo fortfahren und Ihnen ſagen, was das Portrait von Madame Henriette mir ſagen würde, damit Sie mich belehren, wenn ich mich täuſche: „„Endlich verriethen die Schottländer ihren König und überlieferten ihn ſeinen Feinden. Der König wurde in dem Augenblick in Haft genommen, wo er nach Frank⸗ reich zu gehen träumte. Ein Schneider verhaftete ihn; ein Schlächter führte ihn ins Gefängniß; ein Kärrner ſäuberte die Kammer, durch die er gerichtet werden ſollte; ein Bierwirth präſidirte dem Gerichtshofe, und damit nichts der Gehäſſigkeit dieſes Urtheils und der Reviſion dieſes ungerechten Prozeſſes fehle, der vor den höchſten Richter gebracht wurde, welcher alle Prozeſſe revidirt, ſchlug ein verlarvter Henker dem Opfer den Kopf ab!““ Dies würde mir das Portrait von Madame Henriette ſagen, nicht wahr? Ei! mein Gott! ich weiß Alles dies ſo gut als irgend Jemand; ich weiß es um ſo mehr, als nichts zur Aehnlichkeit fehlt. Wir haben unſern Bier⸗ wirth der Vorſtädte: nur, ſtatt ſich Cromwell zu nennen, heißt er Santerre; wir haben unſern Schlächter: nur, ſtatt ſich Harriſon zu nennen, heißt er, wie?.. Legendre, glaube ich; wir haben unſern Kärrner: nur, ſtatt ſich Pridge zu nennen, heißt er.. Oh! das weiß ich nicht! der Menſch iſt ſo wenig, daß ich nicht einmal ſei⸗ nen Namen kenne. Sie wiſſen ihn ſicherlich auch nicht; doch fragen Sie ihn, er wird es Ihnen ſagen: es iſt der Mann, der unſere Escorte anführt.. ein gemeiner Bauer, was weiß ich? Nun! das würde alſo Madame Henrieite mir ſagen.“ „Und was würden Sie ihr antworten?“ „Ich würde ihr antworten:„„Arme, liebe Prinzeſſin, es ſind nicht Rathſchläge, die Du mir da gibſt, ſondern es iſt ein Curſus der Geſchichte, den Du mir hältſt. Der Curſus der Geſchichte iſt beendigt, nun erwarte ich die Rathſchläge.““ *5 11⁵ „Oh! dieſe Rathſchläge, Madame, wenn Sie ſich nicht weigerten, dieſelben zu befolgen, würden Ihnen nicht nur die Todten geben, ſondern auch die Lebendigen,“ er⸗ wiederte Barnave. „Todte oder Lebendige, diejenigen, welche ſprechen ſollen, mögen ſprechen: wer ſagt, man werde die Rath⸗ ſchläge, wenn ſie gut ſind, nicht befolgen?“ „Ei! mein Gott! Madame, Todte oder Lebendige haben Ihnen nur einen Rath zu geben.“ „Welchen?“ „Machen Sie, daß das Volk Sie liebt!“ „Es iſt ſo leicht, ſich bei Ihrem Volke beliebt zu machen!“ „Ei! Madame, dieſes Volk iſt viel mehr das Ihrige, als das meinige, und zum Beweiſe dient, daß bei Ihrer Ankunft in Frankreich dieſes Volk Sie anbetete.“ „Oh! mein Herr, Sie berühren da eine ſehr ver⸗ gängliche Sache: die Popularität!“ „Madame! Madame! wenn ich, ein Unbekannter, aus meiner dunklen Sphäre hervorgegangen, dieſe Po⸗ pularität errungen habe, wie viel leichter war es Ihnen, ſie zu erhalten, oder wie viel leichter wäre es Ihnen, ſie wiederzuerobern! Doch nein,“ fuhr Barnave ſich belebend fort,„nein; Ihre Sache, die Sache der Mo⸗ narchie, die heiligſte, die ſchönſte Sache, wem haben Sie ſie anvertraut? Welche Stimmen und welche Arme ha⸗ ben ſie vertheidigt? Man ſah nie eine ſolche Unkennt⸗ niß der Zeiten, ein ſolches Vergeſſen des Geiſtes von Frankreich. Oh! Madame, ich, der ich um den Auf⸗ trag. Ihnen entgegen zu gehen, einzig und allein in die⸗ ſer Abſicht nachgeſucht habe, ich, der ich Sie ſehe, ich, der ich mit Ihnen rede, mein Gott! wie oft bin ich nicht im Begriffe geweſen, mich Ihnen anzubieten, mich Ihnen zu ergeben, zu..5 „Stille, man kommt,“ unterbrach ihn die Königin; „wir werden von Allem dem wieder ſprechen, Herr Bar⸗ 116 nave; ich bin bereit, Sie öfter zu ſehen, Sie zu hören, Ihre Rathſchläge zu befolgen.“ „Oh! Madame! Madame!“ rief Barnave entzückt. „Stille!“ wiederholte die Königin. „Eure Majeſtät iſt bedient,“ meldete auf der Thür⸗ ſ erſcheinend der Diener, deſſen Tritte man gehört atte. Man kehrte ins Speiſezimmer zurück; der König kam durch eine andere Thüre dahin; ſo lange die Köni⸗ gin mit Barnave geſprochen, hatte er eine Unterredung mit Pétion gehabt, und er ſchien ſehr aufgeregt. Die zwei Gardes du corps warteten ſtehend, denn ſie nahmen wie immer das Vorrecht, Ihre Majeſtäten zu bedienen, in Anſpruch. Von Allen am weiteſten entfernt, ſtand Charny in einer Fenſtervertiefung. Der König ſchaute umher, und einen Augenblick be⸗ nützend, wo er mit ſeiner Familie, den zwei Gardes und dem Grafen allein war, ſagte er zu den Letztern: „Meine Herren, nach dem Abendbrode muß ich mit Ihnen ſprechen. Sie werden mir alſo gefälligſt in mein Zimmer folgen.“ Die drei Officiere verbeugten ſich. Der Dienſt begann wie gewöhnlich. Obgleich diesmal bei einem der erſten Biſchöfe des Königreichs, war doch die Tafel am Abend in Meaur ſo ſchlecht beſtellt, als ſie am Morgen in Chateau Thierry gut beſtellt geweſen. Der Konig hatte, wie immer, großen Appetit und aß viel, trotz der ſchlechten Mahlzeit. Die Königin nahm nur zwei Eier zu ſich. Seit dem vorhergehenden Tage verlangte der Dauphin, der ein wenig krank war, Erdbeeren; doch der arme Knabe war ſchon nicht mehr in der Zeit, wo man ſeinen geringſten Wünſchen zuvorkam. Seit dem vorhergehenden Tage hatten ihm Alle, an die er ſich gewendet, geant⸗ 8—*b 117 „Es gibt keine hier!“ oder:„Man kann keine nden!“ Und er hatte doch unter Weges große Bauern⸗ knaben nach Herzensluſt von Erdbeerſträußen, die ſie im Walde gepflückt, eſſen ſehen. Der arme Kleine hatte ſie ſehr beneidet, dieſe Kna⸗ ben mit den blonden Haaren, mit den roſenfarbigen Backen, die keine Erdbeeren zu verlangen brauchten und, wenn ſie ein Gelüſte darnach hatten, ſie ſelbſt pflückten, da ſie die Lichtungen kannten, wo die Erdbeeren wuchſen, wie die kleinen Vögel die Felder kennen, auf denen die Steckrübe und der Hanfſame zu finden ſind. Daß ſie dieſen Wunſch nicht zu befriedigen im Stande geweſen, hatte die Königin ſehr betrübt, ſo ſehr, daß, als das Kind Alles ausſchlug, was man ihm anbot, und auf's Neue Erdbeeren verlangte, Thränen in die Augen der unmächtigen Mutter traten. Sie ſuchte umher, an wen ſie ſich wenden könnte, und ſah Charny ſtumm, unbeweglich in einer Fenſter⸗ vertiefung ſtehen. Sie winkte ihm einmal, zweimal; doch in ſeine Gedanken verſunken, ſah Charny die Zeichen nicht, die ihm die Königin machte. Endlich rief ſie mit einer vor Aufregung rauhen Stimme: „Herr Graf von Charny!“ Charny bebte, als ob man ihn aus einem Traume geriſſen hätte, und machte eine Bewegung, um zur Kö⸗ nigin zu eilen. Doch in dieſem Augenblicke öffnete man die Thüre, und tie erſchien mit einer Platte Erdbeeren in der and. „Die Königin wird mich entſchuldigen, wenn ich ſo eintrete,“ ſagte er,„und der König wird mir, wie ich hoffe, gütigſt verzeihen: ich habe den Herrn Dauphin heute mehrere Male Erdbeeren verlangen hören; dieſe 118 Platte fand ich auf dem Tiſche des Biſchofs; ich nahm ſie und bringe ſie hier.“ Mittlerweile hatte ſich Charny der Königin genähert; doch dieſe ließ ihm nicht einmal Zeit, bis zu ihr zu kommen, und ſagte: „Ich danke, Herr Graf, Herr Barnave hat errathen,„ was ich wünſchte, und ich brauche nichts mehr.“ Charny verbeugte ſich und kehrte, ohne ein einziges Wort zu erwiedern, an ſeinen Platz zurück. Ich danke, mein Freund Barnave,“ rief der junge Dauphin. „Herr Barnave,“ ſprach der König,„unſer Mahl iſt nicht gut, doch wenn Sie daran Theil nehmen wollen, ſo werden Sie der Königin und mir ein Ver⸗ gnügen machen.“ „Sire,“ erwiederte Barnave,„eine Einladung des Königs iſt ein Befehl. Wohin beliebt Eurer Majeſtät, daß ich mich ſetze?“ Zwiſchen die Königin und den Dauphin,“ ſagte der König. Barnave ſetzte ſich, wahnſinnig zugleich vor Liebe und Stolz. Charny ſchaute dieſer ganzen Scene zu, ohne daß der geringſte Schauer von Eiferſucht von ſeinem Herzen nach ſeinen Adern lief. Nur ſagte er, als er dieſen armen Schmetterling ſah, der ſich auch am königlichen Lichte verbrannte: „Abermals Einer, der ſich in's Verderben ſtürzt! es iſt Schade; dieſer war mehr werth, als die An⸗ deren.“ Daun murmelte er, zu ſeinem beharrlichen Gedan⸗ ken zurückkehrend: 5 „Dieſer Brief! was kann in dieſem Briefe ſtehen?“ 8 3 119 XCVIII. Die Schädelſtätte. Nach dem Abendbrode gingen, wie ſie hiezu den Befehl erhalten hatten, die drei Officiere in das Zim⸗ mer des Königs hinauf. Madame Royale, der Herr Dauphin und Frau von Tourzel waren in ihrem Zimmer; der König, die Königin und Madame Eliſabeth warteten. Als die jungen Leute eingetreten waren, ſprach der König: „Herr von Charny, haben Sie die Güte, die Thüre zu ſchließen, daß uns Niemand ſtört; ich habe Ihnen Etwas von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen. Ge⸗ ſtern, meine Herren, in Dormans hat mir Herr Pétion den Vorſchlag gemacht, Sie unter einer Verkleidung ent⸗ weichen zu laſſen; doch wir, die Königin und ich, haben uns widerſetzt, weil wir befürchteten, dieſer Vorſchlag ſei nur eine Falle, und man ſuche Sie nur von uns zu entfernen, um Sie zu ermorden, oder in irgend einer Pro⸗ vinz einer Militärcommiſſion auszuliefern, die Sie zum Erſchießen verurtheilen würde, ohne Ihnen einen Recurs zu laſſen. Wir haben es alſo auf uns genommen, die⸗ ſen Vorſchlag zurückzuweiſen; doch heute iſt Herr Pétion wieder auf dieſe Sache zurückgekommen und hat dabei ſein Ehrenwort als Abgeordneter verpfändet, und ich glaube Ihnen das, was er befürchtet, und das, was er vorſchlägt, mittheilen zu müſſen„. „Sire,“ unterbrach Charny den König,„ehe Eure Majeſtät weiter geht,— und ich ſpreche hier nicht allein in meinem Namen, ſondern ich glaube auch der Dol⸗ 120 metſcher der Gefühle dieſer Herren zu ſein,— will uns der König, ehe er weiter geht, eine Gnade gewähren?“ „Meine Herren,“ ſagte Ludwig XVI.,„Ihre Erge⸗ benheit für die Königin und für mich hat ſeit drei Ta⸗ gen Ihr Leben beſtändig allen Gefahren ausgeſetzt; jeden Augenblick waren Sie mit dem grauſamſten Tode be⸗ droht; jeden Augenblick theilten Sie die Schmach, mit der man uns tränkt, die Beleidigungen, mit denen man uns überhäuft. Meine Herren, Sie haben das Recht, nicht nur um eine Gnade zu bitten, ſondern auch Ihren Wunſch auseinanderzuſetzen, und vieſer Wunſch müßte, um nicht unmittelbar erfüllt zu werden, außer der Macht der Königin und der meinigen liegen.“ „Nun wohl! Sire,“ ſprach Charny,„wir bitten Eure Majeſtät unterthänigſt, aber inſtändig, uns, was auch die von den Herren Abgeordneten in Beziehung auf uns gemachten Vorſchläge ſein mögen, die Fähigkeit zu laſſen, dieſe Vorſchläge anzunehmen oder zu ver⸗ werfen.“ „Meine Herren,“ erwiederte der König,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihrem Willen keinen Zwang anthun werde; was Sie wünſchen, wird ge⸗ ſchehen.“ „Dann, Sire, hören wir mit Dank,“ ſagte Charny. Die Königin ſchaute Charny erſtaunt anz ſie begriff nicht dieſe zunehmende Gleichgültigkeit, vie ſie an ihm wahrnahm, bei ſeinem beharrlichen Willen, ſich nicht einen Augenblick von dem zu entfernen, was er ohne Zweifel als ſeine Pflicht betrachtete. Sie antwortete auch nicht und ließ den König das Geſpräch fortſetzen. Er ſagte: 6— „Vernehmen Sie nun, nachdem Ihnen Ihr freier Wille vorbehalten iſt, die eigenen Worte von Herrn Pé⸗ tion:„„Sire, es iſt im Augenblick Ibrer Rückkehr nach Paris keine Sicherheit für die dret Officiere, welche Sie begleiten. Weder ich, noch Barnave, noch Herr von La⸗ — 8 1 * it t. n 3 8 it . be en e⸗ rend ich mich zugleich zu ihrer Verfügung ſtellen würde, 121 tour⸗Maubourg können dafür ſtehen, mit Gefahr unſres Lebens, retten, ut Voraus dem Volke verfallen.““. Charny ſchaute ſeine zwei Gefährten an: ein Lä⸗ cheln der Verachtung zog über ihre Lippen. „Nun! Sire,“ ſagte Charny,„hernach?“ „Hören Sie was Herr Pétion vorſchlägt: Er will Ihnen drei Anzüge von Nationalgarden verſchaffen, heute Nacht die Thüre des biſchöflichen Palaſtes öffnen, nu Jedem von Ihnen die volle Freiheit laſſen, zu ent⸗ iehen.“ Charny befragte abermals ſeine zwei Gefährten, doch daſſelbe Lächeln antwortete ihm. „Sire,“ ſagte er, indem er ſich an den König wandte,„unſere Tage ſind Euren Majeſtäten geweiht geweſen; ſie haben die Gnade gehabt, unſere Hingebung anzunehmen, es wird uns leichter ſein, für ſie zu ſter⸗ ben, als uns von ihnen zu trennen; bewilligen Sie uns alſo die Gunſt, uns morgen zu behandeln, wie Sie uns geſtern behandelt haben, nicht mehr, nicht we⸗ niger. Von Ihrem ganzen Heere, von allen Ihren Gar⸗ den bleiben Ihnen drei getrene Herzen; nehmen Sie ihnen nicht den einzigen Ruhm, nach dem ſie ſtreben, den, bis zum Ende treu zu ſein.“ „Es iſt gut, meine Herren,“ ſprach die Königin, „wir willigen ein; nur muß, Sie begreifen das, von dieſem Angenblick an Alles bei uns gemeinſchaftlich ſein. Sie ſind keine Diener mehr für uns, Sie ſind Freunde und Brüder; ich ſage Ihnen nicht, Sie ſollen mir Ihre Namen geben, ich kenne ſie, aber,“ ſie zog Tabletten aus ihrer Taſche,„aber geben Sie mir die Ihrer Väter, Ihrer Mütter, Ihrer Brüder, Ihrer Schweſtern; wir können das Unglück haben, Sie zu verlieren, ohne daß wir unterliegen. Dann wäre es meine Aufgabe, dieſe geliebten Weſen voneihrem Unglück zu unterrichten, wäh⸗ 122 um ſie, ſo viel nſerer Macht läge, zu unterſtützen.. Auf, Herr auf, Herr von Valory, ſagen Sie dreiſt, für den Fall des Todes,— und wir ſind Alle der Wirklichkeit ſo nahe, daß wir nicht vor dem Worte zurückweichen dürfen,— wer ſind die Verwand⸗ ten, wer ſind die Freunde, die Sie uns empfehlen?“ Herr von Malden empfahl ſeine Mutter, eine alte, kränkliche Dame, welche auf einem kleinen Gute in der Gegend von Blois wohnte; Herr von Valory empfahl ſeine Schweſter, eine junge Waiſe, die er in einem Klo⸗ ſter in Soiſſons erziehen ließ. Es waren gewiß ſtarke, muthvolle Herzen, die Her⸗ zen dieſer zwei Männer, und dennoch, während die Kö⸗ nigin die Namen und die Adreſſen von Frau von Malden und von Fräulein von Valory aufſchrieb, ſtrengten ſich Beide vergebens an, um ihre Thränen zurückzuhalten. Die Königin war auch genöthigt, ſich im Schreiben zu unterbrechen, um ihr Taſchentuch hervorzuziehen und ihre Thränen abzuwiſchen. Dann, nachdem ſie die Adreſſen vollends aufgezeich⸗ net hatte, wandte ſie ſich an Charny und ſprach: „Ach! Herr Graf, ich weiß, daß Sie Niemand zu empfehlen haben; Ihr Vater und Ihre Mutter ſind todt, und Ihre Brüder Die Stimme verſagte der Königin. „Meine zwei Brüder haben die Ehre gehabt, ſich für Eure Majeſtät tödten zu laſſen, ja, Madame,“ fügte Charny bei; doch der letzte Todte hat ein armes Mäd⸗ chen hinterlaſſen, das er mir durch eine Art von Teſta⸗ ment empfiehlt, welches ich bei ihm gefunden. Dieſes Mädchen hat er ſeiner Familie entführt, von der es keine Verzeihung erwarten darf. So lange ich lebe, wird es weder dem Mädchen, noch dem Kinde an Etwas fehlen; doch Eure Majeſtät hat es ſo eben mit ihrem bewunde⸗ rungswürdigen Muthe geſagt: wir ſind Alle im Ange⸗ ſichte des Todes, und träfe mich der Tod, ſo blieben das S— S — — — w 123 arme Mädchen und ſein Kind ohne Mittel; Madame, haben Sie die Gnade, den Namen einer unglücklichen Bäuerin aufzuzeichnen, und ſollte ich, wie meine beiden Brüder, das Glück haben, für meinen erhabenen Gebieter und meine edle Gebieterin zu ſterben, ſo erniedrigen Sie Ihre Großmuth bis zu Catherine Billot und ihrem Kinde, man wird ſie Beide im Dörſchen Ville⸗d'Avray finden. Ohne Zweifel war das Bild von Charny, dem eben⸗ falls Sterbenden, wie ſeine Brüder geſtorben waren, ein zu peinliches Schanſpiel für Marie Antoinette, denn ſie warf ſich mit einem ſchwachen Schrei zurück, ließ ihre Tabletten aus ihrer Hand gleiten, wankte und fiel in einen Lehnſtuhl. Die zwei Gardes du corps ſtürzten auf ſie zu, in⸗ deß Charny die königlichen Tabletten aufhob, den Namen und die Adreſſe von Catherine Billot darein ſchrieb und ſie dann auf den Kamin legte. ſ Königin raffte ſich zuſammen und kam wieder zu ſich. Dann machten die jungen Leute, da ſie einſahen, wie ſehr es für die Königin nach einer ſolchen Gemüths⸗ erſchütterung Bedürfniß ſein müſſe, ſich allein zu befin⸗ den, einen Schritt rückwärts, um ſich zu beurlauben. Doch Marie Antvinette ſtreckte die Hand gegen ſie aus und ſprach: „Meine Herren, ich hoffe, Sie werden mich nicht verlaſſen, ohne mir die Hand zu küſſen.“ Die zwei Gardes traten in derſelben Ordnung vor, in der ſie ihre Namen und ihre Adreſſen gegeben hat⸗ ten: Herr von Malden zuerſt, dann Herr von Valory. Charny näherte ſich zuletzt. Die Hand der Köni⸗ gin war zitternd in Erwartung dieſes Kuſſes, für den ſie ſicherlich die zwei andern gegeben hätte. Doch die Lippen des Grafen berührten kaum dieſe ſchone Hand, ſo ſehr ſchien es ihm, mit dem Briefe von Andrée auf dem Herzen heiße es eine Ruchloſigkeit be⸗ 124 gehen, mit ſeinen Lippen die Hand der Königin zu be⸗ rühren. Marie Antvinette ſtieß einen Seufzer aus, der einem Stöhnen glich; nie hatte ſie beſſer als durch dieſen Kuß den Abgrund ermeſſen, den jeder Tag, jede Stunde, wir möchten ſagen, faſt jede Minute zwiſchen ihr und ihrem Geliebten grub. Die Herren von Latour⸗Maubvurg und Barnave, welche ohne Zweifel nicht wußten, was am Tage vorher zwiſchen dem König und den drei Officieren vorgegan⸗ gen war, drangen in dieſe, am Morgen vor der Abreiſe, um ſie zu bewegen, Nationalgarde⸗Uniformen anzuzie⸗ hen, doch ſie weigerten ſich entſchieden, ſagten, ihr Platz ſei auf dem Bocke des königlichen Wagens, und ſie haben keine andere Kleidung zu nehmen, als die, welche ihnen der König zu tragen befohlen. Dann wollte Barnave, daß ein Brett, das rechts und links über den Bock vom Wagen hinausrage, auf dieſem Bocke befeſtigt werde, damit zwei Grenadiere ſich darauf ſetzen und, ſo viel in ihren Kräften läge, die hart⸗ näckigen Diener des Königs beſchützen könnten. Um zehn Uhr Morgens verließ man Meaux; man ſollte nach Paris zurückkommen, von wo man ſeit fünf Tagen abweſend war. Fünf Tage! welche unergründliche Tiefe war wäh⸗ rend dieſer fünf Tage gegraben worden! Kaum war man eine Meile jenſeits Meaux, da nahm der Zug ein erſchrecklicheres Ausſehen, als er je gehabt, an. Alle Einwohnerſchaften der Umgegend von Paris ſtrömten herbei. Barnave hatte die Poſtillons zwingen wollen, im Trab zu fahren; doch die Nationalgarde von Claye verſperrte den Weg, indem ſie das Bajonnet vorhielt. Es wäre unklug geweſen, es zu verſuchen, dieſen Damm zu durchbrechen; die Königin ſelbſt begriff die „ —.* N 125 Gefahr und bat die Abgeordneten inſtändig, nichts zu thun, um dieſen Zorn des Volks zu vermehren,— ein entſetzlicher Sturm, den man brauſen hörte, den man kommen fühlte. Bald war die Menge ſo angewachſen, daß die Pferde kaum im Schritt gehen konnten. Nie war es ſo heiß geweſen; es war nicht mehr Luft, was man athmete, ſondern Feuer. Die freche Neugierde dieſer Menge verfolgte den König und die Königin bis in die zwei Ecken des Wa⸗ gens, in die ſie ſich geflüchtet. Männer ſtiegen auf die Fußtritte und ſteckten ihre Köpfe in die Berline, Andere hißten ſich oben auf den Wagen, Andere ſtiegen hinten auf; wieder Andere klam⸗ merten ſich an die Pferde an. Es war ein Wunder, daß Charny und ſeine zwei Gefährten nicht zwanzigmal getödtet wurden. Die zwei Grenadiere genügten nicht, um die Streiche zu pariren; ſie baten, ſie flehten, ſie befahlen ſogar im Namen der Nationalverſammlung, doch ihre Stimmen verloren ſich unter dem Geſchrei und dem Tumulte. Eine Vorhut von mehr als zweitauſend Menſchen ſchritt dem Wagen voran, eine Nachhut von mehr als viertauſend folgte ihm. An ſeinen Seiten wälzte ſich eine Menge, welche unabläſſig zunahm. So wie man Paris näher kam, ſchien es, als fehlte, von der Rieſenſtadt abſorbirt, die Luft gänzlich. Der Wagen bewegte ſich unter einer Sonne von zwei und dreißig Grad, durch eine Staubwolke, von der jedes Atom wie ein Theilchen zerſtoßenes Glas war. Mehrere Male warf ſich die Königin zurück und rief, ſie erſticke. In Bourget wurde der König todesbleich; er war einer Ohnmacht nahe und verlangte ein Glas Wein. Wenig fehlte, daß man ihm, wie Chriſtus, einen in „ 126 Galle und Eſſig getauchten Schwamm bot. Der Vor⸗ ſchlag wurde gemacht, aber zum Glück zurückgewieſen. Man erreichte la Villette. Die Menge brauchte über eine Stunde, um ſich ge⸗ nug zu verdünnen, daß ſie ſich durch die zwei Neihen von Häuſern durchwinden kounte, deren weiße Steine h Sonnenſtrahlen zurückſandten und die Hitze verdop⸗ pelten. Ueberall waren Männer, Weiber, Kinder. Nie hat der Blick eine ſolche Menge gemeſſen: die Pflaſterſteine waren ſo bedeckt, daß die, welche ſie bedeckten, ſich nicht rühren konnten. Die Thüren, die Fenſter, die Dächer der Häuſer waren mit Zuſchauern beladen. Die Bäume bogen ſich unter der Laſt dieſer leben⸗ digen Früchte. All dieſes Volk hatte den Hut auf dem Kopf. Schon am Tage vorher war an allen Mauern von Paris ein Zettel folgenden Inhalts angeſchlagen worden: Celui qui saluera 1e roi aura des coups de bäton; Celui qui Iinsultera sera pendu. 69 Alles dies war ſo erſchreckend, daß die Commiſſäre es nicht wagten, durch die Rue du Faubourg Saint⸗ Martin zu fahren, denn dies war eine Straße voller Volkshaufen und folglich voller Drohungen, eine unheil⸗ volle Straße, eine blutige Straße, eine Straße, be⸗ rühmt in den Annalen des Mordes, ſeit der gräßlichen Geſchichte von Berthier. Man beſchloß alſo, über die Champs⸗Elyſées zu fahren, und der Zug bewegte ſich auf den äußeren Boule⸗ vards fort. Wer den König grüßt, bekommt Stockſtreiche; wer ihn beleidigt, wird gehenkt. re er e⸗ en zu le⸗ er 127 Das waren drei Stunden der Folter mehr, und dieſe Folter wurde ſo unerträglich, daß die Königin auf dem kürzeſten Wege zurückzukehren verlangte, und ſollte dieſer Weg auch der gefährlichſte ſein. Zweimal hatte ſie es verſucht, die Vorhänge herun⸗ terzulaſſen; zweimal wurde ſie durch das Murren des Volks genöthigt, ſie wieder aufzuziehen. Von der Barridre an umgab übrigens ein ſtarker Trupp Grenädiere den Wagen. Mehrere von ihnen marſchirten bei den Schlägen und verbargen beinahe mit ihren Pelzmützen die Oeff⸗ nungen der Berline. Endlich, gegen ſechs Uhr, erſchien die Vorhut über den Mauern des Garten von Monceaux; ſie führte drei Kanonen mit ſich, welche, immer wieder auf dem unglei⸗ chen Pflaſter aufſpringend, einen betäubenden Lärmen machten. Dieſe Vorhut beſtand aus Reitern und Fußgängern, vermiſcht mit Volkswogen, unter denen es ihnen beinahe unmöglich war, in Ordnung zu marſchiren. Diejenigen, welche ſie erblickten, ſtrömten gegen die Höhe der Champs⸗Elyſées zurück; es war das dritte Mal, 3 Ludwig XVI. durch dieſe unſelige Barrisre einfahren ollte. Das erſte Mal, nach der Einnahme der Baſtille. Das zweite Mal, nach dem 3. und 6. Oktober. Das dritte Mal— nun— nach der Flucht nach Varennes. Ganz Paris war, als man erfuhr, der Zug komme auf der Straße von Neuilly herbei, nach den Champs⸗ Elyſées geeilt. Als man zur Barrisre kam, ſahen auch der König und die Königin ins Endloſe ein Meer von finſtern, ſchweigſamen, drohenden Menſchen, welche ihre Hüte auf dem Kopfe hatten, ſich entrollen. 2 gk Trübſeliger aber, wenn nicht erſchrecklicher als Alles 128 dies, war ein doppeltes Spalier von Nationalgarden, wel⸗ che ihre Gewehre zum Zeichen der Trauer verkehrt hielten und ſich von der Barridre bis zu den Tuilerien ausdehnten. Es war in der That ein Tag der Trauer, einer ungeheuren Trauer, einer Trauer um eine Monarchie von ſieben Jahrhunderten. Der Wagen, der langſam mitten unter all dieſem Volke hinrollte, war der Leichenwagen, der das König⸗ thum im Sarge führte. Als ſie dieſe lange Reihe von Nationalgarden er⸗ blickten, bewegten die Soldaten, die den Wagen beglei⸗ teten, ihre Gewehre in der Luft und riefen:„Es lebe die Nation!“ Der Ruf:„Es lebe die Nation!“ erſcholl alsbald auf der ganzen Linie von der Barridre bis zu den Tuilerien. Das war der Verbrüderungsſchrei, den ganz Frank⸗ reich erhob. Nur eine Familie, die, welche Frankreich hatte fliehen wollen, war von dieſer Verbrüderung ausgeſchloſſen. Man brauchte eine Stunde von der Barrière bis zur Place Louis XV. Die Pferde bogen ſich unter der Laſt. Jedes von ihnen trug einen Grenadier. Hinter der Berline, in der der König, die Königin, die königliche Familie, Barnave und Pétion ſaßen, kam das Cabriolet, das die zwei Frauen der Königin und Herrn von Latour⸗Maubourg enthielt; hinter dem Cab⸗ riolet endlich ein offenes, aber durch Aſtwerk beſchattetes Cariol, auf dem Drouet, Guillaume und Maugin, das heißt derjenige, welcher den König verhaftet, und die⸗ jenigen, welche ihm bei der Verhaftung Beiſtand geleiſtet, fuhren. Die Müdigkeit hatte ſie gezwungen, ihre Zu⸗ * flucht zu dieſer Art von Locomotion zu nehmen. Billot allein war unermüdlich, als hätte ihn der Eifer der Rache von Erz gemacht, zu Pferde geblieben, und ſchien den ganzen Zug anzuführen. — — ——, en is er n, m nd b tes as ie⸗ et, der en 129 Als man auf die Place Louis XV. ausmündete, bemerkte der König, daß man der Statue ſeines Groß⸗ vaters die Augen verbunden hatte. „Was wollten ſie hiedurch ausdrücken?“ fragte der König Barnave. „Ich weiß es nicht, Sire,“ antwortete derjenige, an welche die Frage gerichtet war. „Ich weiß es,“ ſagte Pétion;„ſie wollten hiedurch die Blindheit der Monarchie ausdrücken.“ Trotz der Bedeckung, trotz der Commiſſäre, trotz der Anſchlagzettel, welche bei Strafe des Henkens den König zu beleidigen verboten, durchbrach das Volk auf dem Wege zweimal das Spalier der Grenadiere, einen ſchwachen, ohnmächtigen Damm, dem Gott vergeſſen hatte, wie dem Meere zu ſagen:„Du wirſt nicht weiter gehen!“ Wenn der Stoß kam, wenn das Brechen ſtattfand, ſah die Königin plötzlich an den Wagenſchlägen eine Anzahl von jenen Menſchen mit häßlichen Geſichtern, mit unver⸗ ſöhnlichen Worten erſcheinen, welche nur an gewiſſen Tagen zur Oberfläche der Geſellſchaft emporſteigen, wie gewiſſe Ungeheuer nur an den Tagen des Sturms auf der Oberfläche des Oceans erſcheinen. Einmal war ſie ſo erſchrocken über dieſe Erſcheinung, daß ſie eines von den Fenſtern des Wagens herun⸗ terließ. „Warum die Fenſter herunterlaſſen?“ riefen zehn wüthende Stimmen. „Oh! meine Herren,“ ſprach die Königin,„ſehen Sie meine Kinder an, in welchem Zuſtande ſie ſind!“ Und den Schweiß abwiſchend, der von ihren Wangen troff, fügte ſie bei: „Wir erſticken.“. „Bab!“ verſetzte eine Stimme,„das iſt nichts; ſet werden. ganz anders erſticken!“ nd mit einem Fauſtſchlage zerſchmetterte er die Scheibe in tauſend Stücke. agt zerſc Die Gräfin von Charny. V. 9 130 Mitten unter dieſem gräßlichen Schauſpiel hätten übrigens einige Epiſoden den König und die Königin tröſten können, wäre der Ausdruck des Guten ſo leicht zu ihnen gekommen, als der Ausdruck des Böſen zu ihnen gelangte. Trotz des Anſchlagzettels, der den König zu grüßen verbot, entblößte Herr Guilhermy, ein Mitglied der Rationalverſammlung, das Haupt, als der König vorüber⸗ kam, und als man ihn zwingen wollte, ſeinen Hut wie⸗ der aufzuſetzen, warf er ihn fern von ſich und ſagte: „Man verſuche es, ihn mir wiederzubringen.“ Beim Eingange der Brücke fand man zwanzig Depu⸗ tirte, welche die Rationalverſammlung abgeſandt hatte, um den König und die königliche Familie zu beſchützen. Dann kam Lafayette mit ſeinem Generalſtabe. Lafayette ritt an den Wagen. „O! Herr von Lafayette,“ rief die Königin, ſobald ſie ihn erblickte,„retten Sie die Gardes du corps. Dieſer Ruf war nicht unnöthig, denn man näherte ſich einer großen Gefahr. Während dieſer Zeit ereignete ſich eine Scene, der es nicht an Poeſie gebrach, vor den Thoren des Schloſſes. Fünf bis ſechs Frauen der Königin, welche nach der Flucht ihrer Gebieterin die Tuilerien verlaſſen hatten, weil ſie geglaubt, die Königin ſelbſt habe ſie auf immer verlaſſen, wollten in das Schloß zurückkehren, um ſie zu empfangen. „Zurück!“ riefen die Schildwachen, indem ſie ihnen die Spitze ihrer Bajonnete entgegenſtreckten. „Sklavinnen der Oeſterreicherin!“ brüllten die Poiſ⸗ ſarden. Und ſie wieſen ihnen die Fäuſte. Da machte durch die Bajonnete der Soldaten, den Drohungen der Weiber der Halle trotzend, die Schwe⸗ ſter von Madame Campan ein paar Schritte vorwärts und ſprach: „Ich bin bei der Königin ſeit meinem fünfzehnten 5 — 131 Jahre im Dienſte; ſie hat mich ausgeſteuert und ver⸗ heirathet; ich habe ſie bedient, als ſie mächtig war; heute iſt ſie unglücklich, ſoll ich ſie verlaſſen?“ „Sie hat Recht!“ rief das Volk;„Soldaten, laßt ſie paſſiren.“ Und auf dieſen Befehl, gegeben von dem Herrn, dem man nicht widerſteht, öffneten ſich die Reihen, und die Frauen gingen vorbei. Einen Augenblick nachher konnte ſie die Königin ihre Taſchentücher im erſten Stocke ſchwingen ſehen. Und mittlerweile rollte der Wagen immer weiter und trieb eine Volksmenge und eine Staubwolke vor ſich her, wie ein Schiff, das ſich dem Sturme überläßt, die Wellen des Oceans und eine Schaumwolke vor ſich her⸗ treibt, und dieſe Vergleichung iſt um ſotreffender, als nie Schiffbrüchige von einem Meere bedroht waren, das ſo brauſend und ſo ſtürmiſch wie das, welches ſich anſchickte, die unglückliche Familie in dem Augenblick zu verſchlin⸗ gen, wo ſie es verſuchen würde, dieſe Tuilerien zu er⸗ reichen, die für ſie das Geſtade waren. Endlich hielt der Wagen an. Man war zu den Stufen der großen Terraſſe gekommen. „Oh! meine Herren,“ ſagte abermals die Königin, diesmal jedoch, indem ſie ſich an Pétion und Barnave wandte,„die Gardes du corps! die Gardes du corps!“ „Sie haben mir Niemand ganz beſonders unter die⸗ ſen Herren zu empfehlen?“ fragte Barnave. Die Königin ſchaute ihn mit ihren klaren Augen feſt an und erwiederte: „Niemand.“ Und ſie verlangte, der König und ihre Kinder ſoll⸗ ten zuerſt aus dem Wagen gehen.- Die zehn Minuten, welche nun verliefen, waren,— wir nehmen die nicht aus, die ſie auf das Blutgerüſte führten,— ſicherlich die grauſamſten ihres Lebens. Sie war überzeugt, nicht daß ſie ermordet werden * 132 ſollte, ſterben war nichts, ſondern man werde ſie dem Volke als ein Spielzeug preisgeben oder in ein Gefäng⸗ niß einſchließen, aus welchem ſie nur durch die Thüre eines ſchändlichen Prozeſſes herauskäme. Als ſie den Fuß auf die Stufen des Wagens ſetzte, der beſchützt war durch das eiſerne Gewölbe, welches über ihrem Haupte auf Befehl von Barnave die Flinten und die Bajonnete der Nationalgarden bildeten, erfaßte ſie eine ſolche Blendung, daß ſie glaubte, ſie werde rück⸗ wärts fallen. Doch als ihre Augen nahe daran waren, ſich zu ſchließen, ſchien es ihr, als ſähe ſie, in dem letzten Angſt⸗ blicke, wo man Alles ſieht, ſich gegenüber dieſen Mann, dieſen entſetzlichen Mann, der im Schloſſe Taverney auf eine ſo geheimnißvolle Art für ſie den Schleier der Zu⸗ kunft aufgehoben hatte; dieſen Mann, den ſie ein ein⸗ ziges Mal wiedergeſehen, da ſie am 6. October von Verſailles zurückkam, der endlich nur erſchien, um große Kataſtrophen zu prophezeien, oder zur Stunde, wo dieſe großen Kataſtrophen in Erfüllung gingen⸗ Oh! da ſchloßen ſich ihre Augen, welche noch zöger⸗ ten, nachdem ſie ſich wohl verſichert hatten, daß ſie ſie nicht täuſchten; ſie ſtieß einen Schrei aus und ließ ſich gehen,— ſtark gegen die Wirklichkeiten, aber träge und ohnmächtig gegen dieſe unheilvolle Viſion. Es war ihr, als verſchwände die Erde unter ihren Füßen, als wirbelten dieſe Menge, dieſe Bäume, dieſer glühende Himmel, dieſes unbewegliche Schloß um ſie her; kräftige Arme ergriffen ſie, und ſie fühlte, daß man ſie mitten unter dem Geſchrei und Gebrülle forttrug. In dieſem Moment glaubte ſie die Stimmen der Gardes du corps zu hören, welche zu ſich den Zorn des Volkes rie⸗ fen, in der Hoffnung, ihn ſo von ſeiner wahren Neigung abzulenken. Sie öffnete noch eine Serunde die Angen und ſah dieſe Unglücklichen von ihrem Sitze geriſſen, Charny bleich und ſchön wie immer, allein gegen zehn 133 Menſchen kämpfend, den Blitz des Märtyrthums in den Augen, das Lächeln der Verachtung auf den Lippen. Von Charny gingen ihre Blicke auf denjenigen über, der ſie unter dieſem ungeheuren Wirbel forttrug; mit Schrecken erkannte ſie den geheimnißvollen Mann von Taverney und Sovres. „Sie! Sie!“ rief ſie, indem ſie ihn mit ihren er⸗ ſtarrten Händen zurückzuſtoßen ſuchte. „Jo, ich!“ flüſterte er ihr ins Ohr.„Ich bedarf Deiner noch, um die Monarchie an ihren letzten Abgrund zu treiben, und ich rette Dich!“ Diesmal war es mehr, als ſie ertragen konnte; ſie ſtieß einen Schrei aus und fiel wirklich in Ohnmacht. Während dieſer Zeit ſuchte die Menge die Herren von Charny, von Malden und von Valory in Stücke zu hauen, und trug Drouet und Billot im Triumphe umher. XCIX. Der Relch. Als die Königin wieder zu ſich kam, befand ſie in ihrem Schlafzimmer in 5 Tuilerien. je Frau von Miſery und Madame Campan, ihre zwei Lieblingsfrauen, waren an ihrer Seite. Mit dem erſten Schrei fragte ſie nach dem Dauphin. Der Dauphin befand ſich in ſeinem Zimmer und lag in ſeinem Bette, bewacht von Frau von Tourzel, ſeiner Gonvernante, und Madame Brunier, ſeiner Kam⸗ merfrau. 134 Dieſe Verſicherung genügte der Königin nicht; ſie erhob ſich ſogleich und lief noch ganz in Unordnung, wie ſie war, in die Wohnung ihres Sohnes. Das Kind hatte gewaltig Angſt gehabt und viel ge⸗ 3 ſeine Bangigkeiten waren beſchwichtigt, und es ſchlief. Nur beunruhigten leichte Schauer ſeinen Schlaf. Die Königin blieb lange, an die Säule ſeines Bettes angelehnt, die Augen auf den Knaben geheftet, ſtehen und ſchaute ihn durch ihre Thränen an. Die entſetzlichen Worte, die jener Mann leiſe zu ihr geſagt:„Ich bedarf Deiner, um die Monarchie an ihren ietzten Abgrund zu treiben, darum rette ich Dich,“ toſ⸗ ten unabläßig in ihrem Ohre fort. Es wahr alſo wahr? ſie trieb alſo die Monarchie zum Abgrunde? Das mußte ſo ſein, da ihre Feinde über ihrem Le⸗ ben wachten, weil ſie ſich auf Marie Antvinette verließen, taßz das Werk der Zerſtörung beſſer vollführe, als ſie elbſt. Würde dieſer Abgrund, an den ſie die Monarchie trieb, ſich wieder ſchließen, nachdem er den König, ſie und den Thron verſchlungen? Müßte ſie in den Schlund nicht auch ihre zwei Kinder werfen? War es nicht in den Religionen des Alterthums nur die Unſchuld, was die Götter entwaffnete? Allerdings hatte der Herr das Opfer Abrahams nicht angenommenz doch er hatte das von Jephta ange⸗ nommen. Das waren finſtere Gedanken für eine Königin, noch finſterer für eine Mutter. Endlich ſchüttelte ſie den Kopf und ging mit lang⸗ ſamen Schritten in ihre Wohnung zurück. Hier erſt dachte ſie an die Unordnung in ihrem Aeußeren. Ihre Kleider waren zerknittert und an mehreren Stellen zerriſſen; ihre Schuhe waren von den ſpitzigen —— 135 Kieſelſteinen, auf denen ſie gegangen, durchlöchert worden, und ihre ganze Perſon war mit Staub bedeckt. Sie verlangte andere Schuhe und ein Bad. Barnave war zweimal da geweſen, um ſich nach ihr zu erkundigen. Als ſie ihr dieſen Beſuch meldete, ſchante Madame Campan die Königin mit Erſtaunen an. „Sie werden ihm freundlichſt danken,“ ſagte Marie Antoinette. Madame Campan ſchaute ſie noch mehr erſtaunt an. „Wir haben große Verbindlichkeiten gegen dieſen jungen Mann, Madame,“ ſprach die Königin, die ſich wider ihre Gewohnheit herbeiließ, eine Erklärung ihres Gedankens zu geben. „Mir ſchien aber, Herr Barnave ſei ein Demokrat, ein Menſch aus dem Volke, dem alle Mittel gut gewe⸗ ſen, um dahin zu gelangen, wo er nun iſt,“ wagte die Kammerfrau zu bemerken. 16 „Alle Mittel, die das Talent bietet, ja, Madame, das iſt wahr,“ verſetzte die Königin;„aber behalten Sie wohl, was ich Ihnen ſagen werde: ich entſchuldige Bar⸗ nave; ein Gefühl des Ehrgeizes, das ich nicht zu tadeln vermöchte, hat ihn Alles das beklatſchen laſſen, was den Weg zum Ruhme für die Claſſe ebnete, in der er ge⸗ boren iſt. Keine Verzeihung für die Adeligen, die ſich in die Revolution geworfen haben! Kehrt aber die Macht wieder in unſere Hände zurück, ſo iſt Barnave die Verzeihung zum Voraus bewilligt. Gehen Sie und ſuchen Sie Rachricht über die Herren von Valory und von Malden zu erhalten.“ Das Herz der Königin fügte dieſen zwei Namen den des Grafen bei, doch ihre Lippen weigerten ſich. ihn auszuſprechen. Man meldete ihr, das Bad ſei bereit. Während der Zeit, die ſeit dem Beſuche der Köni⸗ gin beim Dauphin verlaufen war, hatte man überallhin 136 ſelbſt vor die Thüre ihres Ankleidecabinets, ſelbſt vor die ihres Badezimmers Schildwachen geſtellt. Die Königin brachte es mit großer Mühe dahin, daß dieſe Thüre geſchloſſen bleiben ſollte, während ſie ihr Bad nehmen würde. Was Prud'homme in ſeinein Jonrnal Revolutions de Paris ſagen ließ: „Einige gute Patrioten, in denen das Gefühl des Königthums nicht das des Mitteids erſtickt hat, ſchienen beſorgt über den moraliſchen und phyſiſchen Zuſtand von Ludwig XVI. und ſeiner Familie nach einer ſo unglück⸗ lichen Reiſe, wie es die von Sainte⸗Menehould war. „Sie mögen ſich beruhigen! Unſer Ehem aliger befand ſich am Samſtag Abend, da er in ſeine Gemä⸗ cher zurückkam, nicht mehr unwohl, als bei der Heim⸗ kehr von einer ermüdenden Jagd; er verſchlang wie ge⸗ wöhnlich ſein Huhn. Am andern Tage, nach Beendi⸗ gung ſeines Mittagsmahles, ſpielte er mit ſeinem Sohne. „Was die Mutter betrifft, ſie nahm ein Bad bei ihrer Ankunft; es war ihr erſter Befehl, daß ſie Schuhe verlangte, wobei ſie gefliſſentlich zeigte, die von ihrer Reiſe ſeien durchlöchert; ſie benahm ſich ſehr leicht gegen die ihrer Bewachung vorgeſetzten Officiere, fand es lächerlich und unſchicklich, daß ſie ſich gezwungen ſehe, die Thüre ihres Badezimmers und die ihres Schlafzimmers offen zu laſſen.“ Seht doch das Ungeheuer, das die Schändlich⸗ keit begeht, bei ſeiner Ankunft ein Huhn zu eſſen und am andern Tage mit ſeinem Sohne zu ſpielen! Seht doch dieſe Sybaritin, die ein Bad nach fünf Tagen im Wagen und drei Nächten im Wirths⸗ hauſe nimmt! Seht doch die Verſchwenderin, welche Schuhe verlangt, weil die von ihrer Reiſe durchlöchert ſind! Seht doch die Meſſalina, welche, da ſie es un⸗ — — 137 ſchicklich und lächerlich findet, ſich gezwungen zu ſehen, die Thüre ihres Badezimmers und die ihres Schlafzimmers offen zu laſſen, die Schildwachen um Erlanbniß bittet, dieſe Thüren ſchließen zu dürfen! Ah! Herr Jonrnaliſt, Sie haben mir ganz den Anſchein, als äßen Sie Huhn nur an den vier großen Feſttagen des Jahrs, als hätten Sie keine Kinder, als nähmen Sie kein Bad, und als gingen Sie in Ihre Loge der Rationalverſammlung mit durchlöcherten Schuhen! Auf die Gefahr des Aergerniſſes, das die Sache bereiten könnte, bekam die Königin ihr Bad, und ſie — wie geſagt, dahin, daß die Thüre geſchloſ⸗ en blieb. Die Schildwache verfehlte auch nicht, Madame Cam⸗ pan eine Ariſtokratin zu nennen, in dem Angenblick, wo ſie, nachdem ſie Erkundigungen eingezogen, in das Badezimmer zurückkehrte. Die Nachrichten waren nicht ſo unglücklich, als man hätte glauben ſollen. Bei ihrer Ankunft an der Barridre hatten Charny und ſeine zwei Gefährten einen Plan entworfen: dieſer Plan hatte zum Zwecke, einen Theil der Gefahren, welche der König und die Königin liefen, dadurch abzu⸗ lenken, daß ſie dieſelben ſich zuziehen würden. Dem zu Folge wurde verabredet, daß ſich, ſobald der Wagen an⸗ gehalten, der Eine rechts werfen ſollte, der Andere links, und der, welcher die Mitte inne hatte, vorwärts; auf dieſe Art würde man die Schaar der Mörder theilen, und, indem man ſie nöthigte, drei entgegengeſetzte Fährten zu verfolgen, drei verſchiedene Jagden herbei⸗ führen; vielleicht bliebe dann ein Weg, auf welchem der König und die Königin frei das Schloß erreichen würden. Der Wagen hielt, wie wir wohl erwähnt, über dem erſten Baſſin, bei der großen Terraſſe des Schloſſes, an. Die Haſt der Mörder war ſo groß, daß zwei derſelben, indem ſie dem Wagen entgegenſtürzten, ſich ſchwer ver⸗ 138 wundeten. Einen Augenblick gelang es den außen am Bocke ſitzenden Grenadieren, die drei Officiere zu be⸗ ſchützen; bald aber, nachdem man ſie zu Boden gezogen, ließen ſie die Letzteren wehrlos zurück. Das war der Augenblick, den ſie wählten; alle Drei ſprangen hinab, jedoch nicht ſo raſch, daß ſie nicht bei ihrem Sprunge fünf bis ſechs Menſchen niederwarfen, welche auf die Räder und die Fußtritte ſtiegen, um ſie von ihren Sitzen zu reißen. Da verzettelte ſich, wie ſie es ſich gedacht hatten, der Zorn des Volkes auf drei Punkte. Kaum anf der Erde, befand ſich Herr von Malden unter der Axt von zwei Sapeurs. Die beiden Aexte waren aufgehoben und ſuchten nur ein Mittel, ihn allein zu treffen. Er machte eine raſche, heftige Bewegung, durch welche er die Menſchen, die ihn am Kragen hielten, von ſich entferute, ſo daß er ſich abermals vereinzelt ſah. Dann kreuzte er die Arme und rief: „Schlagt zu!“ Eine von den beiden Aexten blieb aufgehoben. Der Muth des Opfers lähmte den Mörder. Die andere fiel blutdürſtig, doch im Fallen begeg⸗ nete ſie einem Musketon, deſſen Lauf ſie abweichen machte, und nur die Spitze traf Herrn von Malden an den Hals und brachte ihm eine leichte Wunde bei. Dann drang er unerſchrocken in die Menge ein, die ſich öffnete; doch nach einigen Schritten wurde er von einer Gruppe von Officieren in Empfang genommen, die ihn, da ſie ihn retten wollten, gegen das Spalier der Nationalgarde fortſchoben, welches Spalier für den König und die königliche Familie einen bedeckten Weg vom Wagen zum Schloſſe bildete. In dieſem Angen⸗ blick erſchante ihn der General Lafayette; ſchleunigſt ritt er auf ihn zu, faßte ihn beim Kragen und zog ihn an ſeinen Steigbügel, um ihn gewiſſer Maßen durch ſeine v — 139 Popularität zu beſchirmen; Herr von Malden aber, der ihn erkannte, rief ihm zu: „Weichen Sie von mir, mein Herr, ſorgen Sie nur für die königliche Familie und überlaſſen Sie mich der Canaille.“ Herr von Lafayette ließ ihn in der That los und ſprengte, da er einen Menſchen die Königin forttragen ſah, auf die Seite dieſes Menſchen. Nun wurde Herr von Malden niedergeworfen, wieder aufgehoben, von den Einen angegriffen, von den Andern vertheidigt, und rollte ſo bedeckt mit Quetſchungen, Wunden und Blut fort bis zur Thüre des Schloſſes; hier packte ihn ein Officier vom Dienſte, der ihn dem Unterliegen nahe ſah, beim Kragen, riß ihn an ſich und rief: „Es wäre Schade, wenn ein ſolcher Wicht eines ſo ſanften Todes ſterben würde. Für einen Schuft dieſer Art muß man eine beſondere Marter erfinden. Ueber⸗ laßt ihn mir, ich nehme ihn auf mich!“ Und er ſchmähte Herrn von Malden fortwährend und ſagte zu ihm: Komm, Schurke! komm hierher; Du ſollſt es mit mir zu thün haben!“ zog ihn aber mittler⸗ weile bis zu einem dunkleren Orte fort, wo er ihm zu⸗ flüſterte: „Fliehen Sie, mein Herr, und verzeihen Sie die Liſt, die ich habe gebrauchen müſſen, um Sie den Hän⸗ den dieſer Elenden zu entreißen.“ Da eilte Herr von Malden auf die Treppen des Schtoſſes und verſchwand. Etwas ungefähr Aehnliches trug ſich mit Herrn von Valory zu; er bekam zwei bedeukende Wunden am Kopfe; doch in dem Augenblick, wo ſich zwanzig Ba⸗ jonnete, zwanzig Säbel, zwanzig Dolche erhoben, um ſeinem Leben ein Ende zu machen, ſtürzte Pétion herbei, ſtieß die Mörder mit der ganzen Stärke, mit der er begabt war, zurück und rief: 140 „Im Namen der Nationalverſammlung erkläre ich Euch für unwürdig des Namens von Franzoſen, wenn Ihr nicht auf der Stelle zurückweicht und mir dieſen Men⸗ ſchen überlaßt! Ich bin Pétion!“ Und Petion, der unter einer etwas rauhen Hülle eine große Redlichkeit, ein muthiges und loyales Herz ver⸗ barg, ſtrahlte, indem er dieſe Worte ſagte, dergeſtalt in den Angen der Mörder, daß ſie zurückwichen und ihm Herrn von Valory überließen. Er führte den jungen Mann, indem er ihn unter⸗ ſtützte,— denn ganz betäubt von den Streichen, die er bekommen, konnte ſich Herr von Valory kaum aufrecht halten,— er führte ihn dann bis zum Spalier der Nationalgarden und übergab ihn hier dem Adjutanten Mathien Dumas, der mit ſeinem Kopfe für ihn haftete und ihn in der That unter ſeinem Schutze ins Schloß brachte. In dieſem Momente hörte Pétion die Stimme von Barnave. Barnave rief um Hülfe, da er nicht mehr genügte, um Charny zu vertheidigen. Von zwanzig Armen aufgehoben, niedergeworfen, im Staube fortgeſchleppt, hatte ſich der Graf wieder aufge⸗ richtet, ein Bajonnet von einer Flinte geriſſen und ſtieß mit aller Macht gegen die Menge, die ihn umgab. Doch in dieſem ungleichen Kampfe müßte er bald unterlegen ſein, wären ihm nicht Barnave und dann Pétion zu Hülfe geeilt. Die Königin hörte dieſe Erzählung in ihrem Bade an; aber Madame Campan, die ihr dies erzählte, konnte ihr ſichere Nachrichten nur von den Herren von Valory und von Malden geben, die man im Schloſſe gequetſcht, blutig, jedoch im Ganzen ohne gefährliche Wunden, geſehen. Von Charny wußte man nichts Beſtimmtes; man ſagte wohl, er ſei durch die Herren Pétion und Barnave gerettet worden, doch man hatte ihn nicht ins Schloß zurückkehren ſehen. 141 Bei dieſen letzten Worten von Madame Campan überzog eine ſolche tödtliche Bläſſe das Geſicht der Kö⸗ nigin, daß die Kammerfrau, im Glauben, dieſe Bläſſe rühre von der Furcht her, es ſei dem Grafen Unglück widerfahren, ausrief: „Oh! Ihre Majeſtät darf nicht an der Rettung von Herrn von Charny verzweifeln; die Königin weiß, daß die Gräfin Charny in Paris wohnt, und vielleicht hat ſich der Graf zü ſeiner Frau geflüchtet.“ Gerade dieſer Gedanke war Marie Antoinette ge⸗ kommen und hatte ſie ſo gräßlich erbleichen gemacht. Sie ſprang aus dem Bade und rief: „Kleiden Sie mich an, Campan! kleiden Sie mich raſch an! ich muß durchaus wiſſen, was aus dem Gra⸗ fen geworden iſt!“ Aus welchem Grafen?“ fragte Frau von Miſery eintretend. „Aus dem Grafen von Charny!“ rief die Königin. „Der Graf von Charny iſt im Vorzimmer Ihrer Majeſtät und bittet um die Ehre einer kurzen Unter⸗ redung mit ihr, ſagte Frau von Miſery. „Ah!“ murmelte die Königin,„er hat alſo ſein Wort gehalten!“ Die zwei Frauen ſchauten einander an, denn ſie wußten nicht, was die Königin ſagen wollte, welche keuchend, unfähig, ein Wort mehr zu ſprechen, ihnen durch einen Wink bedeutete, ſie ſollen ſich beeilen. Nie war eine Toilette raſcher beendigt. Allerdings beſchränkte ſich Marie Antoinette darauf, ihre Haare, die ſie, um den Staub herauszubringen, mit einem wohlrie⸗ chenden Waſſer hatte waſchen laſſen, einfach zu drehen und über ihr Hemd ein weites Gewand von weißer Mouſſeline anzuziehen. Als ſie in ihr Zimmer zurückkam und den Grafen einzuführen befahl, war ſie ſo weiß wie ihr ewand. 142 Per Lamzenſtich.— Nach einigen Secunden meldete der Kammerdiener den Grafen von Charny, und dieſer erſchien im Thür⸗ rahmen, beleuchtet vom goldenen Reflexe eines Strahls der untergehenden Sonne. Er hatte auch, wie die Königin, die Zeit, welche ſeit ſeiner Rückkehr ins Schloß verlaufen war, dazu verwendet, die Spuren dieſer langen Reiſe und des furchtbaren Kampfes, den er bei ſeiner Ankunft ausge⸗ halten, verſchwinden zu machen. Er hatte ſeine alte Uniform, das heißt das Coſtume eines Fregatten⸗Kapitäns mit den rothen Revers und dem Spißenjabot wieder angezogen. Das war daſſelbe Coſtume, welches er an dem Tage trug, wo er die Königin und Andrée von Taverney auf dem Platze des Palais⸗Royal traf, und wo er Beide, nachdem er ſie zu einem Fiacre geführt, nach Verſailles zurückgeleitete. Rie war er ſo elegant, ſo ruhig, ſo ſchön geweſen, und die Königin, als ſie ihn erblickte, konnte kaum glau⸗ ben, es ſei dies derſelbe Mann, der eine Stunde vorher vom Volke beinahe in Stücke zerriſſen und zerhauen worden wäre. „Oh! mein Herr,“ rief die Königin,„man mußte Ihnen ſagen, wie ſehr ich um Sie beſorgt war, und wie ſch nach allen Seiten ſchickte, um mich nach Ihnen erkun⸗ digen zu laſſen.“ „Ja, Madame,“ erwiederte Charny ſich verbeugend; „doch glauben Sie mir, ich bin nicht in meine Wohnung er ls he zu es ne d ge uf e, es u, er en te ie n id; ng 143 urückgekehrt, ohne mich zuvor bei Ihren Frauen ver⸗ zu haben, daß Sie auch geſund und unverſehrt nd.“ „Man behauptet, Sie verdanken das Leben Herrn Pötion und Herrn Barnave; iſt das wahr, und ſollte ich dieſe neue Verbindlichkeit gegen den Letzteren haben?“ „Das iſt wahr, Madame, und ich bin ſogar Herrn Barnave doppelt zu Dank verpflichtet; denn er, der mich nicht verlaſſen wollte, bis ich in meinem Zimmer wäre, hatte die Güte, mir zu ſagen, Sie haben ſich unter Weges mit mir beſchäftigt.“ „Mit Ihnen, Graf! und auf welche Art?“ „Indem Sie dem König die Beſorgniſſe ausein⸗ anderſetzten, welche, wie Sie dachten, Ihre alte Freundin während meiner Abweſenheit haben müſſe... Ich bin weit entfernt, an die Lebhaftigkeit dieſer Beſorgniſſe zu glauben; jedoch...“ Er hielt inne, denn es ſchien ihm, die Königin, die ſchon ſo bleich, erbleiche noch mehr. „Jedoch?“ wiederholte die Königin. „Ohne in ſeinem ganzen Umfang den Urlaub au⸗ zunehmen, den Eure Majeſtät mir anzubieten beabſich⸗ tigte, glanbe ich jedoch in der That, daß es nun, da ich über das Leben des Königs, über das Ihrige und das Ihrer erhabenen Kinder beruhigt bin, ſchicklich iſt, wenn ich in Perſon der Frau Gräfin von Charny Nachricht von mir gebe.“ Die Königin drückte ihre linke Hand an ihr Herz, als hätte ſie ſich verſichern wollen, daß dieſes Herz nicht geſtorben an dem Schlage, den es empfangen, und mit einer durch die Trockenheit ihrer Kehle faſt erſtickten Stimme ſprach ſie: „Ei! mein Herr, das iſt in der That nur zu billig, und ich frage mich, wie Sie ſo lange haben warten können, um dieſe Pflicht zu erfüllen.“ „Die Königin vergißt, daß ich ihr mein Wort ge⸗ 144 geben, ich werde die Gräfin ohne ihre Erlaubniß nicht wiederſehen.“ „Und um dieſe Erlaubniß wollen Sie mich erſuchen?“ „Ja, Madame, und ich bitte Eure Majeſtät inſtän⸗ dig, ſie mir zu bewilligen.“ „Sonſt würden Sie ſich in Ihrem glühenden Eifer, Frau von Charny wiederzuſehen, derſelben überheben, nicht wahr?“ „Ich glaube, daß die Königin ungerecht gegen mich iſt,“ erwiederte Charny.„In dem Augenblick, wo ich Paris verließ, dachte ich es für lange Zeit, wenn nicht für immer, zu verlaſſen. Während dieſer ganzen Reiſe habe ich menſchlich Alles gethan, was zu thun in meiner Vacht lag, damit die Reiſe glücke. Es iſt nicht meine Schuld, Eure Majeſtät erinnere ſich deſſen, wenn ich nicht, wie mein Bruder, in Varennes das Leben ge⸗ laſſen habe, oder, wie Herr von Dampierre, in Stücke gehauen worden bin, auf der Landſtraße oder im Tuile⸗ rien⸗Garten. Hätte ich die Freude gehabt, Eure Majeſtät über die Grenze zu führen, oder die Ehre, für ſie zu ſterben, ſo verbannte ich mich oder ſtarb ich, ohne die Gräfin wiederzuſehen. Doch ich wiederhole Eurer Majeſtät, nach Paris zurückgekehrt, kann ich der Frau, die meinen Namen trägt,— und Sie wiſſen, wie ſie ihn trägt!— nicht dieſes Zeichen von Gleichgültigkeit geben, daß ich ihr keine Kunde von mir bringe, beſon⸗ ders da mein Bruder Iſidor nicht mehr lebt, um mich zu erſetzen.. Uebrigens hat ſich entweder Herr von Barnave getäuſcht, oder es war dies vorgeſtern noch die Meinung Eurer Majeſtät.“ Die Königin ließ ihren Arm an der Lehne ihres Canapé hinabgleiten, machte mit der ganzen Höhe ihres Leibes eine Bewegung, die ſie Charny näher brachte, und ſagte: „Sie lieben dieſe Frau alſo ſehr, daß Sie mir kalt einen ſolchen Schmerz bereiten?“ 145 „Madame,“ erwiederte Charny,„es ſind bald ſechs Jahre, daß Sie ſelbſt in einem Augenblicke, wo ich nicht daran dachte, weil für mich nur eine Fran auf der Erde exiſtirte und dieſe Frau Gott ſo hoch über mich geſtellt hatte, daß ich ſie nicht erreichen konnte,— es ſind bald ſechs Jahre, daß Sie mir zur Gattin Fräulein Andrée von Taverney gegeben haben. Seit dieſen ſechs Jahren hat meine Hand nicht zweimal die ihrige berührt; ich habe ohne Nothwendigkeit nicht zehn⸗ mal mit ihr geſprochen, und unſere Blicke ſind ſich nicht zehnmal begegnet. Mein Leben war in Anſpruch ge⸗ nommen, erfüllt von einer andern Liebe, beſchäftigt durch die tauſend Sorgen, durch die tauſend Arbeiten, durch die tauſend Kämpfe, die das Daſein des Mannes be⸗ wegen. Ich habe bei Hofe gelebt, die großen Wege durchſchritten, für meinen Theil und mit dem Faden, den der König mir anzuvertrauen die Gnade hatte, die rieſige Intrigne angeknüpft, welche ſo eben vom Verhängniß geldſt worden iſt; ich habe aber die Tage nicht gezählt, ich habe die Monate nicht gezählt, ich habe die Jahre nicht gezählt; die Zeit verging um ſo raſcher, als ich mit allen dieſen Neigungen, mit allen dieſen Sorgen, mit allen dieſen Intriguen, die ich genannt, beſchäftigt war. Doch nicht ſo war es bei der Gräfin von Charny. Seitdem ſie den Schmerz gehabt hat, Sie zu verlaſſen, nachdem ſie ohne Zweifel ſo unglücklich geweſen iſt, Ihnen zu mißfallen, lebt ſie allein, vereinzelt, verloren in dem Pavillon der Rue Coq⸗Héron; dieſe Einſamkeit, dieſe Vereinzelung, dieſe Verlaſſenheit hat ſie augenom⸗ men, ohne ſich zu beklagen; denn ein liebefreies Herz bedarf nicht derſelben Zuneigungen, wie die anderen Frauen; was ſie aber vielleicht nicht ohne ſich zu be⸗ klagen annehmen würde, wäre mein Vergeſſen in Betreff der einfachſten Pflichten, der gewöhnlichſten Convenienzen.“ „Ei! mein Gott!“ rief die Königin,„Sie ſind ſehr Die Gräfin von Charny v. 10 146 beſorgt über das, was Frau von Charny von Ihnen meinen oder nicht meinen werde, wenn ſie Sie ſieht oder nicht ſieht. Ehe Sie ſich vieſe ganze Sorge machen, wäre es gut, zu wiſſen, ob ſie an Sie gedacht hat im Augenblick ihrer Abreiſe, ob Sie an ſie denkt im Augen⸗ blick Ibrer Rückkehr.“ DOb die Gräfin in der Stunde meiner Rückkehr an mich denkt, weiß ich nicht, Madame, doch im Augenblick ſ Abreiſe hat ſie an mich gedacht, deſſen bin ich er „Sie haben ſie alſo im Augenblick Ihrer Abreiſe ge⸗ ſehen?“ „Ich hatte die Ehre, Eurer Majeſtät zu ſagen, ich habe Frau von Charny nicht gefehen, ſeitdem ich der Königin mein Wort gegeben, ſie nicht zu ſehen.“ „Sie hat Ihnen alſo geſchrieben?“ Charny ſchwieg. „Nun!“ rief die Königin,„Sie hat Ihnen geſchrie⸗ ben, geſtehen Sie es!“ „Sie hat meinem Bruder Iſidor einen Brief für mich übergeben.“ „Und Sie haben dieſen Brief geleſen?.. Was ſagte ſie Ihnen?. was konnte ſie Ihnen ſchreiben? Ah! ſie datte mir doch geſchworen. Laſſen Sie hören, antworten Sie raſch. Nun! in dieſem Briefe ſagte ſie Ihnen?.. Sprechen Sie doch! Sie ſehen, daß ich koche.“ „Ich kann Eurer Majeſtät nicht wiederholen, was mir die Gräfin in dieſem Briefe ſagte; ich habe ihn nicht geleſen.“„ „Sie haben ihn zerriſſen?“ rief die Königin freu⸗ dig;„Sie haben den Briof in's Feuer geworfen, ohne ihn zu leſen? Charny! Charny! wenn Sie das gethan haben, ſind Sie der Redlichſte der Menſchen, und ich hatte Unrecht, mich zu beklagen, und ich habe nichts ver⸗ loren.“ n 4 n, m 1⸗ n c e⸗ ür as ie fe as hn u⸗ ne an ich 147 Und die Königin ſtreckte beide Arme gegen Charny aus, als wollte ſie ihn zu ſich rufen. Charny blieb aber an ſeinem Platze und ſprach: „Ich habe ihn nicht zerriſſen, ich habe ihn nicht in's Fener geworfen.“ „Aber warum haben Sie ihn dann nicht geleſen?“ fragte die Königin, während ſie wieder auf ihr Canapé zurückſank. „Der Brief ſollte mir von meinem Bruder nur in dem Falle, daß ich auf den Tod verwundet wäre, über⸗ geben werden. Ach! ich ſollte nicht ſterben, ſondern er! Als er todt war, brachte man mir ſeine Pa⸗ piere; unter ſeinen Papieren war der Brief der Gräfin und dieſes Billet... Sehen Sie, Madame,“ ſagte Charny. Und er reichte der Königin das von der Hand ſeines Bruders geſchriebene Billet, das dem Briefe bei⸗ gefügt war. Marie Antvinette nahm dieſes Billet mit einer zitternden Hand und klingelte. Während der von uns erzählten Scene war es Nacht geworden. „Licht!“ ſagte ſie,„auf der Stelle!“ Der Kammerdiener eilte hinaus; es trat eine Mi⸗ nute des Stillſchweigens ein, in der man kein anderes Geräuſch hörte, als das keuchende Athmen der Königin und die haſtigen Schläge ihres Herzens. Der Kammerdiener kam mit zwei Candelabern zu⸗ rück, die er auf den Kamin ſtellte. Die Königin ließ ihm nicht einmal Zeit, ſich wieder zu entfernen, und trat ſchon, indeß er wegging und die Thüre wieder ſchloß, mit dem Billet in der Hand an den Kamin. Doch zweimal warf ſie ihre Blicke auf das Papier, ohne etwas zu ſehen. 148 „Oh!“ murmelte ſie,„das iſt nicht Papier, das iſt Flamme!“ Und ſie ſtrich mit der Hand über ihre Augen, als wollte ſie ihnen die Fähigkeit, zu ſehen, die ſie verloren zu haben ſchienen, wiedergeben. „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte ſie, vor Ungeduld mit dem Fuße ſtampfend. Vom Willen bewältigt, hörte endlich ihre Hand auf zu zittern, und ihre Augen fingen an zu ſehen. Sie las mit einer heiſeren Stimme, welche nichts mit ihrer gewöhnlichen Stimme gemein hatte: „„Dieſer Brief iſt adreſſirt, nicht an mich, ſondern an meinen Bruder, den Grafen Olivier von Charny; er iſt geſchrieben von ſeiner Frau, der Gräfin von Charny.““ Die, Königin hielt einige Secunden inne; dann fuhr ſie fort: „„Sollte mir Unglück widerfahren, ſo wird der, . welcher dieſes Papier fände, gebeten, es dem Grafen Hlivier von Charny zukommen zu laſſen, oder es an die Gräfin von Charny zurückzuſchicken.“ Die Königin hielt zum zweiten Male inne, ſchüttelte den Kopf und las weiter: „„Ich habe ihn von dieſer mit folgendem Auf⸗ tra e.““ „Ah! dieſen Auftrag wollen wir ſehen,“ murmelte die Königin. Und ſie ſtrich abermals mit ihrer Hand über ihre Angen. „„Sollte der Graf bei dem Unternehmen, das er verfolgt, ohne Unfall davonkommen, den Brief der Gräfin zurückgeben.““ Die Stimme der Königin wurde immer keuchender, je weiter ſie las. Sie fuhr fort: „„Würde er ſchwer verwundet, jedoch ohne Todes⸗ —, als ren ud auf hts ern er . inn er, fen die elte lte 149 gefahr, ihn bitten, er möge ſeiner Frau die Gunſt be⸗ willigen, ſich zu ihm begeben zu dürfen.““ „Oh! das iſt klar!“ ſtammelte die Königin. Dann mit einer beinahe unverſtändlichen Stimme: „„Würde er endlich auf den Tod verwundet, ihm dieſen Brief übergeben, und, wenn er ihn nicht mehr ſelbſt leſen kann, ihm denſelben vorleſen, damit der Graf, bevor er verſcheidet, das Geheimniß, das er enthält, kennen lerne.“⸗ „Nun! werden Sie es leugnen!“ rief Marie An⸗ toinette, den Grafen mit einem entflammten Blicke gleich⸗ ſam bedeckend. „Was?“ „Ei! mein Gott! daß ſie Sie liebt!“ „Wer? mich! die Gräfin liebe mich? Was ſagen Sie da, Madame?“ rief Charny. „Oh! ich Unglückliche, ich ſage die Wahrheit!“ „Die Gräfin liebe mich? unmöglich!“ „Und warum? Ich liebe Sie wohl!“ „Wenn die Gräfin mich liebte, ſo würde ſie es mir ſeit ſechs Jahren geſagt haben, ſie hätte es mich wahr⸗ nehmen laſſen!“ Es war für die arme Marie Antoinette der Augen⸗ blick gekommen, wo ſie ſo ſehr litt, daß ſie das Bedürfniß fühlte, ſich wie einen Dolch das Leiden bis in die tiefſte Tiefe des Herzens einzudrücken. „Nein,“ rief ſie,„nein, ſie hat Sie nichts wahr⸗ nehmen laſſen; nein, ſie hat Ihnen nichts geſagt; doch wenn ſie Ihnen nichts geſagt hat, wenn ſie nichts hat wahrnehmen laſſen, ſo weiß ſie wohl, daß ſie nicht Ihre rau ſein kann.“ „Die Gräfin von Charny kann nicht meine Frau ſein?“ wiederholte Olivier.. „Sie weiß wohl,“ fuhr die Königin, ſich immer mehr in ihrem eigenen Schmerze berauſchend, fort,„ſie 15⁰ weiß, daß zwiſchen Ihnen ein Geheimniß beſteht, das Ihre Liebe tödten würde.“ „Ein Geheimniß, das unſere Liebe tödten würde?“ „Sie weiß, daß Sie ſie, ſobald ſie ſpräche, ver⸗ achten würden.“ „Ich! die Gräfin verachten!“ „Wenigſtens, wenn man das Mädchen, das Frau iſt ohne Mann, Mutter ohne Gatten, verachtet.“ Nun war die Reihe an Charny, bleich zu werden wie der Tod und eine Stütze auf dem ſeiner Hand nächſten Lehnſtuh le zu ſuchen. „Oh! Madame, Madame!“ rief er,„Sie haben zu viel oder zu wenig geſagt, und ich habe das Recht, von Ihnen eine Erklärung zu verlangen.“ „Eine Erklärung, mein Herr, von mir, der Köni⸗ gin, eine Erklärung!“ „Ja, Madame,“ erwiederte Charny,„und ich ver⸗ lange ſie.“ In dieſem Augenblick wurde die Thüre geöffnet. „Was will man von mir?“ rief die Königin un⸗ geduldig. „Eure Majeſtät ſagte früher, ſie ſei immer für den Doctor Gilbert zu Hauſe,“ antwortete der Kammer⸗ diener. „Nun!“ „Der Doctor bittet um die Ehre, Eurer Majeſtät ſeinen unterthänigen Reſpect bezeigen zu dürfen.“ „Der Doctor Gilbert!“ verſetzte die Königin, N „ſind Sie ſicher, daß es der Doctor Gilbert iſt?“ „Ja, Madame.“ „Oh! er trete ein, er trete ein,“ rief die Königin⸗ Dann wandte ſie ſich gegen Charny um und ſprach die Stimme erhebend: Sie wollten eine Erklärung in Beziehung auf Frau von Charny: verlangen Sie dieſe Erklärung vom Herrn den ind ben cht, ni⸗ un⸗ den er⸗ ſü in in. rau rrn 15¹ Doctor Gilbert; beſſer als irgend Jemand iſt er im Stande, ſie Ihnen zu geben.“ Gilbert war mittlerweile erſchienen. Er hatte die Worte gehört, welche die Königin zuletzt geſprochen, und war unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtehen geblieben. Die Königin warf Charny das Billet ſeines Bruders zu und machte ein paar Schritte, um ihr Ankleidecabinet zu erreichen; doch ſchneller als ſie, verſperrte ihr der Graf den Weg⸗ faßte ſie beim Handgelenke und ſagte: „Verzeihen Sie, Madame, dieſe Erklärung muß in Ihrer Gegenwart ſtattfinden.“ „Mein Herr,“ erwiederte Marie Antvinette, das Auge fieberhaft und mit den Zähnen knirſchend,„ich glaube, Sie vergeſſen, daß ich die Königin bin.“ „Sie ſind eine undankbare Freundin, welche ver⸗ leumdet; Sie ſind eine eiferſüchtige Frau, welche eine andere Frau beſchimpft, die Frau eines Mannes, der ſeit drei Tagen zwanzigmal ſein Leben für Sie gewagt hat, die Frau des Grafen von Charny! Vor Ihnen, die Sie ſie verleumdet, beſchimpft haben, ſoll ihr Gerechtig⸗ keit widerfahren.. Setzen Sie ſich alſo und warten Sie. „Wohl! es ſei,“ erwiederte die Königin.„Herr Gilbert,“ fuhr ſie fort, indem ſie ein Gelächter verſuchte, das ihr ſchlecht gelang,„Sie ſehen, was dieſer Herr wünſcht.“ „Herr Gilbert,“ ſprach Charny mit höflichem, aber nietit Tone,„Sie hören, was die Königin be⸗ e Gilbert trat näher hinzu und ſchaute Marie An⸗ toinette traurig an. „Oh! Madame! Madame!“ ſagte er leiſe. Dann wandte er ſich an Charny und ſprach: err Graf, was ich Ihnen mitzutheilen habe, iſt die Schande eines Mannes und der Ruhm einer Frau. Ein Unglücklicher, ein Bauer, ein Erdenwurm liebte 152 Fräulein von Taverneh. Eines Tags fand er ſie ohn⸗ mächtig, und ohne Achtung für ihre Jugend, für ihre Unſchuld that ihr der Elende Gewalt an, und ſo wurde das Mädchen Frau ohne Mann, Mutter ohne Gatten... Fräulein von Taverneh iſt ein Engel! Frau von Charny iſt eine Märtyrin.“ Charny wiſchte den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne floß. „Ich danke, Herr Gilbert,“ ſagte er. Dann ſich an die Königin wendend: „Madame, ich wußte nicht, daß Fräulein von Ta⸗ verneh ſo unglücklich geweſen iſt; ich wußte nicht, daß Frau von Charny ſo ehrwürdig iſt; ſonſt hätte ich, ich bitte Sie, dies zu glauben, ich hätte nicht ſechs Jahre hingehen laſſen, ohne vor ihr auf die Kniee zu fallen und ſie anzubeten, wie ſie angebetet zu werden verdient.“ Und er verbeugte ſich vor der erſtaunten Königin und ging ab, ohne daß die unglückliche Frau es wagte, eine Bewegung zu machen, um ihn zurückzuhalten. Rur hörte er den Schmerzensſchrei, den ſie ausſtieß, als ſah, wie ſich die Thüre zwiſchen ihr und ihm ſchloß. Sie begriff, an dieſe Thüre, wie an die der Hölle, habe die Hand des Dämons der Eiferſucht den furcht⸗ baren Spruch geſchrieben: Lasciate ogni speranza.*) *) Verzichtet auf jede Hoffnung. 153 CI. Date lilia. — Sagen wir ein wenig, wie es der Gräfin von Charny erging; während zwiſchen der Königin und Charny die ſo eben von uns erzählte Scene ſtattfand, welche den Schluß einer ſo langen Reihe von Schmerzen bildete. Uns, die wir den Zuſtand ihres Herzens kennen, iſt es vor Allem leicht, uns eine Vorſtellung von dem zu machen, was ſie von der Abreiſe des Grafen an litt. Zitternd befürchtete ſie zugleich, daß dieſer große Plan, von dem ſie errathen, er ſei der einer Flucht, ge⸗ linge oder ſcheitere. Von der Minute an, wo Iſidor von ihr Abſchied genommen, hatte daher die Gräfin das Auge beſländig offen gehabt, um jeden Schimmer aufzufaſſen, das Ohr immer aufmerkſam, um jedes Geräuſch zu vernehmen. Am andern Tage erfuhr ſie, mit der übrigen Be⸗ völkerung der Hanptſtadt, der König und die Königin haben Paris in der Nacht verlaſſen. Kein Unfall hatte dieſe Abreiſe bezeichnet. Da die Abreiſe ſtattgefunden, wie ſie vermuthet, ſo war Charny dabei geweſen; Charny verließ ſie alſo. Sie gab einen tiefen Seufzer von ſich, kniete nie⸗ der und betete für eine glückliche Reiſe. 60 Dann blieb Paris zwei Tage lang ſtumm und ohne v. Endlich, am Morgen des dritten Tages, brach ein ewaltiges Getöſe über der Stadt aus: Der König war n Varennes angekommen. 154 Es gab keine Einzelheiten. Außer dieſem Donner, kein Geräuſch; außer dieſem Blitze, Nacht! Andrée wußte nicht, was Varennes war. Dieſe kleine Stadt, welche ſeitdem eine ſo unſelige Berühmt⸗ heit erlangt hat, dieſer Flecken, der ſpäter eine Drohung für jedes Königthum werden ſollte, theilte die Dunkel⸗ heit, die auf zehntauſend eben ſo wenig wichtigen und ebenſo unbekannten Gemeinden Frankreichs laſtete und noch laſtet. Andrée ſchlug in einem geographiſchen Lexicon nach und las: „Varennes in Argonne, Cantonshauptort, 1607 Einwohner.“ Dann ſuchte ſie auf einer Karte und entdeckte Va⸗ rennes als Dreiecksmittelpunkt zwiſchen Stenay, Ver⸗ dun und Chalons geſtellt, am Saume ſeines Waldes, am ufer ſeines Flüßchens. Auf dieſem dunklen Punkte Frankreichs concentrirte ſich alſo fortan ihre ganze Aufmerkſamkeit. Hier lebte ſie in Gedanken, Hoffnungen und Befürchtungen. Dann, allmälig, im Gefolge der großen Neuigkeit, tamen die ſecundären Neuigkeiten, wie beim Aufgange der Sonne nach dem großen Ganzen, das ſie aus dem Chaos zieht, allmälig die kleinen Einzelheiten kommen. Dieſe kleinen Einzelheiten waren für ſie ungeheuer. Herr von Bonillé, ſagte man, ſei dem König ge⸗ folgt, habe die Escorte angegriffen und ſich nach einem heſtigen Kampfe, die königliche Familie in den Händen der ſiegenden Patrioten laſſend, zurückgezogen. Ohne Zweifel hatte Charuy an dieſem Kampfe Theil genommen; ohne Zweifel hatte ſich Charny als der Letzte zurückgezogen, wenn überhaupt Charny nicht auf dem Schlachtfelde geblieben war. Bald verbreitete ſich die Nachricht, einer von den — drei Gardes du corps, die den König begleiteten, ſei getödtet worden. Dann wurde der Name genannt. Nur wußte man nicht, ob es der Vicomte oder der Graf, Iſidor oder Olivier war. Es war ein Charny, mehr konnte man nicht ſagen. Während der zwei Tage, in denen dieſe Frage un⸗ entſchieden blieb, ſchwebte das Herz von Andrée in un⸗ ausſprechlichen Bangigkeiten Endlich kündigte man die Rückkehr des Königs und der königlichen Familie auf Sonnabend den 26. an. Die erhabenen Gefangenen waren in Meaun über Nacht geweſen. Berechnete man die Zeit und den Raum nach dem gewöhnlichen Maße, ſo mußte der König vor Mittag in Paris ſein; nahm man an, der König werde auf der directeſten Straße in die Tuilerien zurückkehren, ſo mußte er durch den Faubourg Saint⸗Martin kommen. um elf Uhr war Frau von Charny in der allerein⸗ fachſten Tracht, das Geſicht mit einem Schleier bedeckt, bei der Barrieére. Sie wartete bis drei Uhr. Um drei Uhr verkündigten die erſten Volkswogen, Alles vor ſich her treibend, der König umgehe die Stadt und werde durch die Barrière der Champs⸗Elyſées ein⸗ fahren. Da mußte man ganz Paris durchſchneiden, und zwar zu Fuße. Niemand hätte es gewagt, ſich im Wa⸗ gen unter dieſer compacten Menge, welche die Straßen füllte, zu bewegen. Seit der Einnahme der Baſtille hatte man nie ein ſolches Gedränge auf dem Boulevard geſehen. Andrée zögerte nicht, ſie ſchlug den Weg nach den Champs⸗Elyſées ein und kam unter den Erſten an. Hier wartete ſie drei Stunden, drei tödtliche Stunden. 156 Endlich erſchien der Zug. Wir haben geſagt, in welcher Ordnung und unter welchen Verhältniſſen er ing. gandrée ſah den Wagen vorüberfahren; ſie gab einen Frendenſchrei von ſich, denn ſie hatte Charny auf dem Bock erkannt. Ein Schrei, der das Echo des ihrigen geſchienen hätte, wäre es nicht ein Schmerzensſchrei geweſen, ant⸗ wortete ihr. Andrée wandte ſich nach der Seite um, woher die⸗ ſer Schrei kam; eine junge Perſon zerarbeitete ſich in den Armen von drei bis vier barmherzigen Menſchen, welche ihr Hülfe zu leiſten ſich beeiferten. Sie ſchien der heftigſten Verzweiflung preisge⸗ eben. Andrée würde vielleicht dem Mädchen eine wirkſa⸗ mere Aufmerkſamkeit gewährt haben, hätte ſie nicht um ſich her alle Arten von Verwünſchungen gegen die vorne auf dem königlichen Wagen ſitzenden drei Männer mur⸗ meln hören. Auf ſie würde der Zorn des Volkes fallen; ſie wür⸗ den die Sündenböcke dieſes großen königlichen Verraths ſein; ſie würden ohne Zweifel in dem Augenblicke, wo der Wagen anhielte, in Stücke zerriſſen. Und Charny war einer von dieſen drei Männern. Andrée beſchloß, Alles, was ſie könnte, zu thun, um in den Tuilerien⸗Garten einzudringen. Zu dieſem Ende mußte man aber die Menge um⸗ gehen, auf dem Ufer des Fluſſes, das heißt, auf dem Quai de la Conférence zurückkehren und in den Garten, wenn das möglich war, über den Quai der Tuilerien gelangen. Andrée nahm den Weg durch die Rue de Chaillot und erreichte den Quai. Nach vielen Verſuchen, auf die Gefahr, zermalmt zu werden, glückte es ihr, durch das Gitter einzugehen; —. —. 157 doch es drängte ſich eine ſolche Menge bei der Stelle, wo der Wagen anhalten ſollte, daß man nicht daran denken durfte, in die erſten Reihen zu kommen. Andrée dachte, von der Terraſſe am Ufer werde ſie dieſe ganze Menge überſchauen. Allerdings wäre die Entfernung zu groß, als daß ſie etwas im Einzelnen unterſcheiden, etwas ſicher hören könnte. Gleichviel, ſollte ſie auch ſchlecht ſehen und ſchlecht hören, ſo war dies doch beſſer, als nichts ſehen und gar nichts hören. Sie ſtieg alſo auf die Terraſſe. Von hier aus ſah ſie in der That den Bock des königlichen Wagens, Charny und die zwei Gardes du corps; Charny, der nicht vermuthete, daß hundert Schritte von ihm ein Herz ſo heftig für ihn ſchlug; Charny, der in dieſem Angenblicke wahrſcheinlich keine Erinnerung für Andrée hatte; Charny, der nur an die Königin dachte, der ſeine eigene Sicherheit vergaß, um über der Sicherheit der Königin zu wachen. Oh! wenn ſie gewußt hätte, daß er in dieſem Au⸗ genblick ihren Brief an ſein Herz drückte und ihr im Geiſte den letzten Seufzer bot, welchen auszuhauchen er ſich ganz nahe glaubte! Endlich hielt der Wagen unter Geſchrei und Ge⸗ brülle an. Beinahe in demſelben Momente entſtand um den Wagen ein gewaltiger Lärmen, eine große Bewegung, ein ungeheurer Tumult. Die Bajonnete, die Pieken, die Säbel erhoben ſich; man hätte glauben ſollen, eine eiſerne Ernte werde unter einem Sturme gemacht. Die drei vom Bocke geſtürzten Männer verſchwan⸗ den, als ob ſie in einen Schlund gefallen wären. Dann bildete ſich ein ſolcher Wirbel in dieſer ganzen Menge, daß ihre letzten Reihen, rückwärts ſtrömend, ſich an der Schützmauer der Terraſſe brachen. 158 Andrée war von einem Angſtſchleier umhüllt; ſie ſah nichts mehr, ſie hörte nichts mehr; ſie ſtreckte die Arme aus und gab keuchend unarticulirte Laute, unter dieſem entſetzlichen Concert von Flüchen, von Gottesläſterungen und Mordſchreien, von ſich. Dann wußte ſie ſich nicht mehr Rechenſchaft von dem zu geben, was vorging! die Erde drehte ſich, der Himmel wurde roth, ein Geräuſch, ähnlich dem der ſtei⸗ genden Meeresfluthen, brauſte in ihren Ohren. Das war das Blut, das vom Herzen zum Kopfe ſtieg und ſich des Gehirns bemächtigte. Sie fiel ohnmächtig nieder und begriff nur noch, daß ſie lebte, weil ſie liebte. Der Eindruck von etwas Friſchem, Kühlem machte, daß ſie wieder zu ſich kam; eine Frau drückte ihr auf die Stirne ein in Seine⸗Waſſer getauchtes Taſchentuch, indeß ſie eine andere an einem Salzfläſchchen riechen ließ. Sie erinnerte ſich dieſer andern Frau, die ſie ſter⸗ vend, wie ſie, an der Barrière geſehen, ohne zu wiſ⸗ ſen, welche inſtinctartige Analogie durch ein unbekanntes Band den Schmerz dieſer Frau mit ihrem Schmerse verknüpfte. Als ſie zu ſich kam, war ihr erſtes Wort: „Sind ſie todt?“ Das Mitleid iſt verſtändig. Diejenigen, welche Andrée umgaben, begriffen, daß es ſich um die drei Männer handelte, deren Leben ſo grauſam bedroht ge⸗ weſen war. „Nein,“ antwortete man ihr,„ſie find gerettet.“ „Alle Drei?“ fragte ſie. „Ja, alle Drei!“ „Dh! der Herr ſei geprieſen! Wo ſind ſie?“ „Man glaubt, ſie ſeien im Schloſſe.“ „Im Schloſſe? ich danke.“ üind die junge Frau ſtand auf, ſchüttelte den Kopf, ſuchte ſich mit irrem Auge zu vrientiren, und ging durch 159 das Gitter am Ufer hinaus, um durch den Einlaß des Louvre zurückzukommen. Nit Recht dachte ſie, auf dieſer Seite werde die Menge weniger gedrängt ſein. Die Rue des Orties war in der That beinahe leer. Sie ſchritt über einen Winkel der Place du Carrouſel hin, trat in den Prinzenhof ein, und eilte zum Con⸗ eierge. Dieſer Mann kannte die Gräfin: er hatte ſie in den erſten paar Tagen der Rückkehr von Verſailles im Schloſſe aus⸗ und eingehen ſehen. Dann hatte er ſie daraus weggehen ſehen, um nicht mehr zurückzukehren, an dem Tagewo, von Sebaſtian ver⸗ folgt, Andrée den Knaben in ihrem Wagen entführte. Der Concierge zeigte ſich bereit, Erkundigungen ein⸗ zuziehen. Durch die inneren Corridors gelangte er bald in das Herz des Schloſſes. Die drei Officiere waren gerettet. Herr von Charny hatte ſich unverſehrt in ſein Zimmer zurückgezogen. Nach einer Viertelſtunde war er in der Uniform eines Marine⸗Officiers wieder herausgekommen und hatte ſich zur Königin begeben, wo er in dieſem Augenblick ſein mußte. Andrée athmete, reichte ihre Börſe dem, der ihr ſo gute Nachrichten gab, und verlangte, ganz betäubt, ein Glas Waſſer. Ah! Charny war alſo gerettet! Sie dankte dem braven Manne und kehrte nach ihrem Hauſe in der Rue Cog⸗Héron zurück. Hier angekommen, fiel ſie, nicht auf einen Stuhl, ſondern vor ihrem Betpulte nieder. Das geſchah nicht, um mit dem Munde zu beten; es gibt Augenblicke, wo die Dankbarkeit gegen den Herrn ſo groß iſt, daß die Worte fehlen; dann ſind es die Arme, es ſind die Augen, es iſt der ganze Körper, 160 8 onke Herz, die ganze Seele, was ſich zu Gott erhebt. Sie war in dieſe ſelige Extaſe verſunken, als ſie die Thüre öffnen hörte; ſie wandte ſich um, denn ſie be⸗ griff nicht dieſes irdiſche Geränſch, das ſie in der Tiefe ihrer Träumerei aufſuchte. Ihre Kammerfrau ſtand da und ſuchte ſie mit den Angen, da ſie in der Dunkelheit verloren war. Hinter der Kammerfrau erhob ſich ein Schatten, eine unbeſtimmte Form, der aber ihr Inſtinct ſogleich Umriſſe und einen Namen gab. „Der Herr Graf von Charny,“ ſagte die Kammer⸗ rau. Andrée wollte ſich erheben, doch es gebrach ihr an den Kräften hinzu; ſie ſank mit den Knieen wieder auf das Kiſſen, und halb ſich umwendend, ſtützte ſie ihren Arm auf die abhängige Fläche des Betpultes. „Der Graf!“ murmelte ſie,„der Graf!“ Und obgleich er hier vor ihren Augen war, konnte ſie doch nicht an ſeine Gegenwart glauben. Andrée machte ein Zeichen mit dem Kopfe: ſie war nicht im Stande, zu ſprechen. Die Kammerfrau trat auf die Seite, um Charny vorbeigehen zu laſſen, ent⸗ fernte ſich dann und ſchloß wieder die Thüre. Charny und die Gräfin waren allein. „Madame, man hat mir geſagt, Sie ſeien ſo eben nach Hauſe gekommen; bin ich nicht indiseret, daß ich Ihnen ſo auf dem Fuße gefolgt?“ ſprach Charny. „Nein,“ erwiederte ſie mit zitternder Stimme, „nein, Sie ſind willkommen. Ich fühlte mich ſo un⸗ ruhig, daß ich ausging, um zu erfahren, was ſich zu⸗ trug.“ 8„Sie waren. ſchon lange ausgegangen?“ „Schon am Morgen; zuerſt ging ich an die Barrière Saint⸗Martin, dann an die der Champs⸗Elyſées; dort habe ich geſehen. Sie zögerte.„ich habe den %) S8.— Sſ)£ ——— — 6 tt ſie e fe n, ich er⸗ an as rm nte ar rat nt⸗ en ich ne, un⸗ zu⸗ 161 König, die königliche Familie geſehen ich habe Sie geſehen, und ich war, wenigſtens für den Augen⸗ blick, beruhigt... man befürchtete für Sie beim Ab⸗ ſteigen vom Wagen. Dann kehrte ich in den Tuile⸗ rien⸗Garten zurück.. Ah! hier glaubte ich zu ſter⸗ ben „Ja,“ verſetzte Charny, die Menge war groß, S gepreßt, beinahe erſtickt worden..„ich be⸗ Freifé „Nein, nein,“ ſagte Andrée den Kopf ſchüttelnd, „oh! nein, das iſt es nicht... Endlich erkundigte ich mich, und ich erfuhr, Sie ſeien gerettet; ich kehrte hier⸗ her zurück, und Sie ſehen ich lag auf den Knieen ich betete, ich dankte Gott.“ „Da ſie auf den Knieen lagen, Madame, da ſie zum Herrn ſprachen, erheben Sie ſich nicht, ohne ein paar Worte für meinen armen Bruder zu ſagen.“ „Herr Iſidor! Ah! er war es alſo!“ rief Andrée. „Unglücklicher junger Mann!“ Und ſie ließ ihren Kopf in ihre beiden Hände fallen. Charuy machte ein paar Schritte vorwärts und betrachtete mit einem tiefen Ausdruck von Zärtlichkeit und Schwermuth dieſes betende keuſche Geſchöpf. Es lag überdies in ſeinem Blicke ein ungehenres Gefühl von Mitleid und ſanftem Erbarmen. Dann etwas wie ein verhaltener Wunſch. Hatte ihm die Königin nicht geſagt oder ſich die ſeltſame Offenbarung entſchlüpfen laſſen, Andrée liebe ihn? Als ihr Gebet beendigt war, wandte ſie ſich um und fragte: „Und er iſt geſtorben?“ „Geſtorben, Madame, wie der arme Georges ge⸗ ſtorben iſt, für dieſelbe Sache und dieſelbe Pflicht er⸗ füllend.“ 3 und unter dieſem großen Schmerze, den Ihnen der Die Gräfin von Charny. V. 11 162 Tod eines Bruders bereiten mußte, haben Sie Zelt ge⸗ habt, an mich zu denken, mein Herr?“ ſagte Andrée mit ſo ſchwacher Stimme, daß ihre Worte kaum verſtändlich waren. Zum Glück hörte Charny mit dem Herzen und mit den Ohren zugleich. „Madame,“ ſprach er,„hatten Sie meinen Bruder nicht mit einem Auftrage für mich betraut?“ „Mein Herr!“ ſtammelte Andrée, indem ſie ſich auf ein Knie erhob und den Grafen mit Bangigkeit an⸗ ſchaute. „Hatten Sie ihm nicht einen Brief an mich über⸗ geben?“ „Mein Herr!“ wiederholte Andrée mit bebender Stimme. Nach dem Tode des armen Iſidor ſind mir ſeine Papiere eingehändigt worden, Madame, und Ihr Brief vefand ſich unter dieſen Papieren.“ „Sie haben ihn geleſen?“ rief Andrée, ihren Kopf in ihren Händen verbergend.„Ach!“ „Madame, ich ſollte den Inhalt dieſes Briefes nur kennen lernen, wenn ich auf den Tod verwundet wäre, und Sie ſehen, ich bin wohlbehalten.“ „Alſo iſt der Brief... „Hier iſt er unberührt und ſo, wie Sie ihn meinem Bruder übergeben haben, Madame.“ „Oh!“ murmelte Andrée, während ſie den Brief nahm,„was Sie da thun, iſt ſehr ſchön oder ſehr grauſam!“ Charny ſtreckte den Arm aus, nahm die Hand von Andrée und legte ſie in ſeine Hände. Andrée machte eine Bewegung, um ihre Hand zu⸗ rückzuziehen. Dann, als Charny flüſternd:„Ich bitte, Madame,“ dies nicht duldete, gab ſie einen Seufzer beinahe der ——— ⸗ nit ich nit ich n⸗ de ine ief pf ur re, em ief on zu⸗ . der 163 Angſt von ſich; doch, ohne Kraft gegen ſich ſelbſt, ließ ſie ihre feuchte, ſchauernde Hand in den Händen von Charny. In tiefer Verlegenheit, nicht wiſſend, wohin ſie ihre Angen wenden, wie ſie den Blick von Charny, den ſie auf ſich geheftet fühlte, fliehen ſollte, der Möglichkeit, zurückzuweichen, beraubt, weil ſie an ihr Betpult ange⸗ lehnt war, ſagte ſie dann: „Ja, ich begreife, mein Herr, und Sie ſind gekom⸗ men, um mir dieſen Brief zurückzugeben?“ „Deshalb ja, und auch aus einem andern Grunde. Ich habe Sie ſehr um Verzeihung zu bitten, Gräfin.“ Andrée bebte bis in den Grund ihres Herzens; es war das erſte Mal, daß ihr Charny den Titel Gräfin gab, ohne das Wort Fran vorhergehen zu laſſen. Dann hatte ſeine Stimme den ganzen Satz mit einer Biegung von unendlicher Milde geſprochen. „Um Verzeihung, mich, Herr Graf? Und aus wel⸗ chem Anlaß, wenn ich fragen darf?“ „Wegen der Art, wie ich mich ſeit ſechs Jahren gegen Sie benommen habe.. Andrée ſchaute ihn mit einem tiefen Erſtaunen an und erwiederte: „Habe ich mich je beklagt, mein Herr?“ „Nein, Madame, weil Sie ein Engel ſind.“ ünwillkürlich verſchleierten ſich die Augen von Andrée, und ſie fühlte ihnen Thränen entquellen. „Sie weinen, Andrée?“ ſagte Charny. „Oh!“ rief Andrée in Thränen zerfließend,„ent⸗ ſchuldigen Sie mich, mein Herr, ich bin nicht daran ge⸗ wöhnt, daß Sie ſo mit mir ſprechen.. Ah! mein Gott! mein Gott!“ und ſie ſank auf ein Canapé und ließ ihren Kopf in ihre Hände fallen. 164 Nach einem Augenblick aber that ſie ihre Hände wieder aus einander, ſchüttelte den Kopf und rief: „Wahrhaftig, ich bin toll!“ Plötzlich hielt ſie inne. Während ſie die Angen in ihre Hände verſenkt hatte, war Charny vor ihr nieder⸗ gekniet. „Sie! vor mir auf den Knieen, zu meinen Füßen!“ ſprach ſie. „Habe ich Ihnen nicht geſagt, Andrée, ich komme, um Sie um Verzeihung zu bitten?“ „Auf den Knieen, zu meinen Füßen!“ wiederholte ſe wie eine Frau, welche nicht glanben kann, was ſie ieht. „Andrée, Sie haben mir Ihre Hand entzogen,“ ſagte Charny. Und er reichte ihr abermals die Hand⸗ Doch ſie wich mit einem Gefühle, das dem Schre⸗ cken glich, zurück und murmelte: „Was will das bedeuten?“ „Andrée,“ antwortete Charny mit ſeiner ſanfteſten Stimme,„das will bedeuten, daß ich Sie liebe.“ Andröe drückte ihre Hand an ihr Herz und ſtieß einen Schrei aus. Dann richtete ſie ſich hoch auf, als ob ſie eine Fe⸗ der auf ihre Füße geſtellt hätte, preßte ihre Schläfe zwi⸗ ſchen ihren beiden Händen und wiederholte: „Er liebt mich! er liebt mich! Das iſt ja un⸗ möglich!“ „Sagen Sie, es ſei unmöglich, daß Sie mich lie⸗ ben, Andrée, ſagen Sie aber nicht, es ſei unmöglich, daß ich Sie liebe.“ Sie ſenkte ihren Blick auf Charny, als wollte ſie ſich verſichern, daß er wahr ſpreche; die großen ſchwarzen Augen des Grafen ſagten weit mehr, als ſeine Worte geſagt hatten. de er⸗ ne, lte ſie n, re⸗ ten tieß Fe⸗ wi⸗ un⸗ lie⸗ lich, ſie rzen orte 165 Andrée, welche an den Worten hätte zweifeln kön⸗ nen, zweifelte nicht am Blicke. „Oh! mein Gott! mein Gott!“ murmelte ſie; „gibt es auf der Welt ein Geſchöpf, das unglücklicher iſt, als ich?“ „Andrée,“ ſprach Charny,„ſagen Sie mir, daß Sie mich lieben, ſagen Sie mir wenigſtens, daß Sie mich nicht haſſen.“ „Ich, Sie haſſen?“ rief Andrée. ünd ihren ſo ruhigen, ſo klaren, ſo durchſichtigen Augen entſchlüpfte ein doppelter Blitz. „Oh! mein Herr, Sie wären ſehr ungerecht, wenn Fi das Gefühl, das Sie mir einflößen, für Haß ielten.“ „Aber wenn es nicht Haß iſt, wenn es nicht Liebe iſt, was iſt es denn, Andrée?“ „Es iſt nicht Liebe, weil es mir nicht erlaubt iſt, Sie zu lieben; haben Sie mich nicht zu Gott aufſchreien hören, ich ſei das unglücklichſte Geſchöpf der Erde?“ „Und warum iſt es Ihnen nicht erlaubt, mich zu lieben, wenn ich Sie, Andrée, mit allen Kräften meines Herzens liebe?“ „Ah! das will ich nicht, das kann ich nicht, das darf ich Ihnen nicht ſagen,“ erwiederte Andrée, die Hände ringend. „Wenn aber,“ verſetzte Charny, den Klang ſeiner Stimme noch mehr mildernd,„wenn aber das, was Sie mir nicht ſagen wollen, können, dürfen, eine andere Per⸗ ſon mir geſagt hätte?“ Andrée ſtützte ihre beiden Hände auf die Schultern von Charny und rief erſchrocken: „Was höre ich?“ „Wenn ich es wüßte!“ fuhr Charny fort. „Mein Gott!“ Und wenn ich mich, weil ich Sie gerade durch dieſes Unglück ehrwürdiger gefunden, dieſes entſetz⸗ 166 liche Geheimniß erfahrend, entſchloſſen hätte, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe?“ „Wenn Sie das gethan hätten, ſo wären Sie der Edelſte, der Hochherzigſte der Menſchen!“ „Ich liebe Sie, Andrée,“ wiederholte Charny,„ich liebe Sie! ich liebe Sie!“. „Ach!“ rief Andrée, ihre Arme zum Himmel erbe⸗ bend,„mein Gott! ich wußte nicht, daß es eine ſolche Freudè in dieſer Welt geben könnes“ „Aber ſagen Sie mir nun, Andrée, daß Sie mich lieben.“ „Oh! nein, ich werde es nie wagen!“ erwiederte Andrée;„leſen Sie jedoch dieſen Brief, der Ihnen auf Ihrem Sterbebette übergeben werden ſollte.“ Und ſie reichte dem Grafen den Brief, den er ihr zurückgebracht. Während Andrée ihr Geſicht mit ihren beiden Hän⸗ den bedeckte, erbrach Charny lebhaft das Siegel dieſes Briefes, las ſeine erſten Zeilen und gab einen Schrei von ſich; dann entfernte er von ihrem Geſichte die Hände von Andrée, zog ſie beinahe mit derſelben Bewegung an fein Herz und ſprach: „Seit dem Tage, wo Du mich geſehen, ſeit ſechs Jahren! o heiliges Weſen, wie werde ich Dich je genug ſeben, um Dich vergeſſen zu laſſen, was Du gelit⸗ ten haſt.“ „Mein Gott!“ flüſterte Andrée, ſich biegend wie ein Rohr uuter dem Gewichte von ſo viel Glück,„wenn das ein Traum iſt, gib, daß ich nie erwache, oder daß ich erwachend ſterbe!.. Und nun wollen wir diejenigen, welche glücklich ſind, vergeſſen, um zu denen zurückzukehren, welche lei⸗ den, welche kämpfen oder haſſen, und vielleicht wird ſie ihr böſes Geſchick vergeſſen wie wir. — he⸗ che ich rte auf — 167 CI. Ein wenig Schatten nach der Honne. Am 16. Juli 1791, das heißt, einige Tage nach den ſo eben von uns erzählten Ereigniſſen, ſchrieben zwei neue Perſonen, mit denen wir unſre Leſer bekannt zu machen bis zu dieſem Augenblick gezögert haben, um ſie ihnen unter ihrem wahren Lichte vorzuſtellen, beide an einem Tiſche, in einem kleinen Salon im dritten Stocke des in der Rue Guénégand liegenden Hotel Britannique. Dieſer kleine Salon ging durch eine ſeiner Thüren auf ein beſcheidenes Speiſezimmer, in welchem man übrigens in allen Punkten die gewöhnliche Ausſtattung von Hotels garnis erkannte, und durch eine andere Thüre auf ein Schlafzimmer, in dem ein Zwillingsbett ſtand. Die zwei Schreiber waren von verſchiedenem Ge⸗ ſchlecht und verdienen je eine beſondere Erwähnung. Der Mann ſchien ſechzig Jahre alt zu ſein, viel⸗ leicht etwas weniger; er war groß, er war mager; er hatte etwas zugleich Strenges und Leidenſchaftliches in ſeinem Aeußern; die geraden Linien ſeines Geſichtes be⸗ zeichneten einen ruhigen und ernſten Denker, bei dem die ſtarren Eigenſchaften des Geiſtes die Phantaſien der Ein⸗ bildungskraft beherrſchten. Die Fran ſah aus, als zählte ſie erſt dreißig bis zwei und dreißig Jahre, während ſie in Wirklichkeit über ſechs und dreißig Jahre alt war. An einem gewiſſen Glanze des Blutes, an einer gewiſſen kräftigen Fleiſch⸗ haltung ließ ſich erkennen, daß ſie aus dem Volke ſtammte. Sie hatte reizende Augen von jener unbeſtimmten Farbe, welche die verſchiedenen Nuancen des Grau, des Grün 168 und des Blau entlehnt, ſanfte und zugleich feſte Augen, einen großen Mund, aber geſchmückt mit friſchen Lippen und weißen Zähnen, eine aufgeſtülpte Naſe, eine ſchöne, obgleich etwas ſtarke Hand, eine reiche, üppige, wohlge⸗ bogene Taille, einen wundervollen Hals und die Hüften der Venus von Syrakus⸗ Der Mann war Jean Marie Roland de la Pla⸗ tiore, geboren 1732 in Villefranche, bei Lyon. Die Frau war Manon Jeanne Philipon, geboren in Vu 1754. Sie hatten ſich elf Jahre vorher, das heißt 1780 geheirathet. Wir haben geſagt, die Frau ſei von der Volksrace geweſen; die Namen: Manon Jeanne Philipon deuten auf ihren Urſprung hin; Tochter eines Graveur, gravirte ſi ſie ſelbſt, bis ſie im Alter von fünf und zwanzig Jahren Roland heirathete, der zwei und zwanzig Jahre älter war als ſie; dann verſah ſie Copiſten⸗, Ueberſetzers⸗, Compilators⸗Geſchäfte. Bücher, wie die Kunſt des Torfgräbers, die Kunſt des Wollefabri⸗ kanten, das Wörterbuch der Manufacturen, abſorbirten in einer harten und undankbaren Arbeit die ſchönſten Jahre dieſer Frau mit der reichen Natur, welche Jungfrau hinſichtlich aller Sünden, wenn auch nicht aller Leidenſchaften blieb, nicht aus Unfruchtbarkeit des Her⸗ zens, ondern aus Seelenreinheit. In dem Gefühle, das ſie ihrem Manne gewidmet, überwog die Ehrfurcht der Tochter die Liebe der Frau. Dieſe Liebe war eine Art von keuſchem Cultus ohne alle phyſiſche Beziehungen; ſie ging ſo weit, daß ſie die gute Frau bewog, die Arbeiten des Tags zu verlaſſen, die ſie in den Nachtſtunden wieder einholte, um ſelbſt das Mahl des Greiſes zu bereiten, deſſen geſchwächter Ma⸗ gen nur eine gewiſſe Art von Nahrung ertragen konnte. Im Jahre 1789 führte Madam Roland dieſes dunkle, arbeitſame Leben in der vg z. Ihr Gatte — 169 wohnte damals in einem Garten, genannt la Platière, von dem er ſeinen Namen annahm. Dieſer Garten lag, in Villefranche bei Lyon. Hier machte Beide der Kano⸗ nendonner der Baſtille erbeben. Beim Lärmen dieſer Kanonen erwachte Alles, was darin Großes, Patriotiſches, heilig Franzöſiſches lag, im Herzen des edlen Geſchöpfes. Frankreich war nicht mehr ein Königreich, es war eine Nation! es war nicht mehr einfach ein Land, das man bewohnt, es war ein Vaterland! Es kam die Föderation von 1790; die von Vyon ging, wie man ſich erinnert, der von Paris voran. Jeanne Philipon, die im väterlichen Hauſe auf dem Quai de[Horloge alle Tage, wenn ſie aus ihrem Fenſter nach dem tiefen Blau des Himmels ſchaute, die Sonne auf⸗ gehen ſah, der ſie folgen konnte bis zum äußerſten Ende der Champs⸗Elyſées, wo ſie ſich auf die grünen, belaub⸗ ten Gipfel der Bäume zu ſenken ſchien, hatte Morgens um drei Uhr von der Höhe von Fourvidres die andere viel mächtiger verzehrende, viel heller leuchtende Sonue, die man die Freiheit nennt, aufgehen ſehen; von hier hatte ihr Blick dieſes ganze große bürgerliche Feſt um⸗ faßt; von hier war ihr Herz in den Verbrüderungsocean getaucht, und es war daraus, wie Achilles, überall un⸗ verwundbar, eine einzige Stelle ausgenommen, hervor⸗ gegangen. An dieſer Stelle traf ſie die Liebe; doch ſie unterlag wenigſtens der Wunde nicht. Ganz begeiſtert von dem, was ſie geſehen, ſchrieb ſie am Abend dieſes großen Tags, ſich Dichterin, Ge⸗ ſchichtſchreiberin fühlend, einen Bericht über das Feſt. Dieſen Bericht ſchickte ſie ihrem Freunde Champagneux, dem Oberredacteur des Journal de Lyon. Völlig geblendet von dieſer glühenden Erzählung, ließ ſie der junge Mann in ſeine Zeitung drucken, und am andern Tage hatte das Journal, das gewöhnlich zwölf⸗ bis fünfzehnhundert Exemplare abzog, ſechzigtauſend ab⸗ gesogen. 170 Erklären wir mit zwei Worten, wie dieſe Dichter⸗ phantaſie und diefes Frauenherz ſo ſehr bei der Politik in's Feuer geriethen: von ihrem Vater als Graveurge⸗ hülfe, von ihrem Manne als Secretär behandelt, in dem vä⸗ terlichen oder dem ehelichen Hauſe nur mit den herben, ſtren⸗ gen Dingen des Lebens in Berührung, betrachtete Ma⸗ dame Roland, durch deren Hände nie ein frivoles Buch gekommen, als eine große Zerſtreuung, als einen herr⸗ lichen Zeitvertreib das Protocoll der Wähler von 89 oder die Erzählung der Einnahme der Baſtille. Was Roland betrifft,— er war ein Beiſpiel davon, welche Veränderung die Vorſehung, der Zufall oder das Verhängniß durch ein unbedentendes Factum im Leben eines Menſchen oder in der Exiſtenz eines Reiches her⸗ beiführen können. Er war der Letzte von fünf Brüdern. Man wollte einen Prieſter aus ihm machen, er wollte ein Menſch bleiben. Mit neunzehn Jahren verläßt er das väterliche Haus und durchwandert allein, zu Fuß, ohne Geld, Frank⸗ reich, begibt ſich nach Nantes, tritt bei einem Rheder ein, und bringt es dahin, daß man ihn nach Indien ſchickt. Im Augenblick der Abreiſe, in der Stunde, wo das Schiff unter Segel gehen will, erfaßt ihn aber ein ſo heftiges Blutſpeien, daß ihm der Arzt die See verbietet. Hätte ſich Cromwell nach America eingeſchifft, ſtatt, durch den Befehl von Karl 1 zurückgehalten, in England zu bleiben, ſo erhob ſich vielleicht das Schaffot von Whitehall nicht; reiſte Roland nach Indien, ſo fand viel⸗ leicht der 10. Auguſt nicht ſtatt! Da Roland den Abſichten, die der Rheder, bei dem er eingetreten iſt, mit ihm hat, nicht entſprechen kann, ſo verläßt er Rantes und begibt ſich nach Rouen. Hier erkennt einer ſeiner Verwandten, an den er ſich wendet, den Werth des jungen Mannes und verſchafft ihm den Platz eines Manufactnren⸗Inſpectors. 171 Von da an wird das Leben von Roland ein Leben der Studien, der Arbeiten. Die Oekonomie iſt ſeine Muße, der Handel ſein inſpirirender Gott; er reiſt, er ſammelt, er ſchreibt, er verfaßt Denkſchriften über die Zucht der Heerden, Theorien über die mechaniſchen Künſte, er ſchreibt Briefe aus Sicilien, Italien, Malta, den franzöſiſchen Finanzmann und die anderen ſchon von uns angeführten Werke, die er ſeine Frau copiren läßt, welche er, wie geſagt, im Jahre 1780 ge⸗ heirathet hat; vier Jahre nachher macht er mit ihr eine Reiſe nach England; bei ſeiner Rückkehr ſchickt er ſie nach Paris, wo ſie um einen Adelsbrief ſolicitiren und die Inſpection von Lyon ſtatt der von Rouen verlangen ſoll; bei der Inſpection glückt es ihr, beim Adel aber ſcheitert ſie. Roland iſt nun in Lyon und unwillkürlich bei der Volkspartei, zu der ihn übrigens ſeine Inſtincte und ſeine Ueberzeugungen hintreiben. Er verſieht die Functionen des Handels⸗ und Manufacturen⸗Inſpectors der Generalität von Lyon zur Zeit, da die Revolution ausbricht, und bei dieſer neuen, wiedergebärenden Mor⸗ genröthe fühlen er und ſeine Frau in ihrem Herzen die ſchöne Pflanze mit den goldenen Blättern und der de⸗ mantenen Blüthe keimen, die man die Begeiſterung nennt. Wir haben geſehen, wie Madame Roland den Bericht über das Feſt am 30. Mai ſchrieb, wie das Journal, das denſelben veröffentlichte, ſechzigtanſend Exemplare davon abzog und wie jeder Nationalgarde, der in ſeinen Flecken oder in ſeige Stadt zurückkehrte, einen Theil von der Seele von Madame Roland mitnahm. Und da das Journal nicht unterzeichnet iſt, da der Bericht nicht unterzeichnet iſt, ſo kann Jeder denken, die Freibeit ſelbſt habe, auf die Erde herabgeſtiegen, einem unbekannten Propheten den Bericht des Feſtes dictirt, wie ein Engel das Evangelium dem heiligen Johannes dictirte. Die beiden Gatten waren hier, voll Glauben⸗ voll 172 Vertrauen, voll Hoffnung, und lebten inmitten eines kleinen Kreiſes von Freunden, Champagneux, Bosc, Lanthenas, und vielleicht ein paar Anderen, als der Kreis ſich durch einen neuen Freund vermehrte. Lanthenas, der ganz vertraulich bei den Roland lebte und hier Tage, Wochen, Monate zubrachte, führte eines Abends einen von den Wählern ein, deren Rechenſchafts⸗ bericht Madame Roland ſo ſehr bewundert hatte. Man nannte den Neuvorgeſtellten Bancal des Iſſarts. Es war ein Mann von neunundreißig Jahren, ſchön einfach, ernſt, zart und religiös; nichts gerade Glänzendes doch ein gutes Herz, eine milde Seele. Er war Notar geweſen und hatte ſeine Stelle auf⸗ gegeben, um ſich ganz in die Politik und die Philoſophie zu werfen. Nachdem der Gaſt acht Tage im Hauſe war, ſagten ſich Roland, Lanthenas und er ſo gut zu, dieſe Gruppe bildete eine ſo harmoniſche Dreieinigkeit in ihrer Hinge⸗ bung an das Vaterland, in ihrer Liebe für die Freiheit, in ihrer Ehrfurcht für alle heilige Dinge, daß die drei Männer ſich nicht mehr zu verlaſſen, mit einander und auf gemeinſchaftliche Koſten zu leben beſchloßen. Beſonders als Bancal ſie für den Angenblick ver⸗ laſſen hatte, machte ſich das Bedürfniß dieſes Vereins fühlbar. „Kommen Sie, mein Freund,“ ſchrieb ihm Roland, „was zögern Sie? Sie haben unſere offene, runde Art, zu leben und zu handeln, geſehen? NRicht in meinem Alter wechſelt man, wenn man nie gewechſelt hat. Wir predigen den Patriotismus, wir erheben die Seele; Lanthenas treibt ſein Doctorshandwerk; meine Frau iſt die Kranken⸗ wärterin des Cantons. Sie und ich, wir heilen die An⸗ gelegenheiten der Geſellſchaft.“ Der Verein dieſer drei goldenen Mittelmäßigkeiten machte in der That etwas, was einem kleinen Glücke 173 glich. Lanthenas beſaß ungefähr zwanzigtauſend Livres, Roland ſechzigtauſend, Bancal hunderttauſend. Mittlerweile erfüllte Roland ſeine Sendung, die Sendung eines Apoſtels; bei ſeinen Reiſen als Inſpec⸗ tor katechiſirte er die Bauern der Gegend; ein vortreff⸗ licher Fußgänger mit dem Stocke in der Hand, zog dieſer Pilger der Menſchheit vom Norden nach dem Süden, vom Oſten nach dem Weſten auf ſeinem Wege, rechts und links, vor ſich und hinter ſich, das neue Wort, das fruchtbare Korn der Freiheit ausſäend; einfach, beredt, leidenſchaftlich unter einer kalten Hülle, war Bancal für Roland ein Schüler, ein Gehülfe, ein zweites Er ſelbſt; es kam dem Geiſte des zukünftigen Collegen von Claviöre und Dumouriez nicht einmal der Gedanke, Ban⸗ cal könnte ſeine Frau lieben, und ſeine Frau dieſen. War nicht ſeit fünf bis ſechs Jahren Lanthenas, ein ganz jun⸗ ger Mann, bei der keuſchen, arbeitſamen, nüchternen reinen Frau wie ein Bruder bei ſeiner Schweſter? War nicht Madame Roland, ſeine Jeanne, die Bildſäule der Stärke und der Tugend? Roland war auch ganz glücklich, als Bancal auf das angeführte Billet durch einen liebevollen Brief voll zärt⸗ licher Anhänglichkeit antwortete. Roland empfing dieſen Brief in Lyon und ſchickte ihn unmittelbar nach der Pla⸗ tière, wo ſeine Frau war. Oh! leſen Sie mich nicht, leſen Sie Michelet, wenn Sie durch eine einfache Analyſe dieſes bewunderungswür⸗ dige Weſen, das man Madame Roland nennt, wollen kennen lernen. Sie erhielt den Brief an einem der heißen Tage, wo die Electricität durch die Luft läuft, wo die kälteſten Herzen ſich beleben, wo ſelbſt der Marmor träumt und ſchauert. Man war ſchon im Herbſte, und dennoch toſte ein ſchweres Gewitter am Himmel. Mit dem Tage, wo ſie Bancal geſehen, war etwas Unbekanntes im Herzen der kenſchen Frau erwacht; dieſes 174 Herz hatte ſich geöffnet, und es war wie aus dem Kelche einer Blume ein Wohlgeruch daraus hervorgekommen; ein Geſang ſüß wie der des Vogels in der Tiefe der Wälder zwitſcherte an ihr Ohr. Man hätte glauben ſollen, der Frühling bilde ſich für ihre Einbildungskraft, und auf dem unbekannten Felde, das ſie undentlich hinter dem Nebel erſchaute, der es noch bedeckte, bereite die Hand des mächtigen Maſchiniſten, den man Gott nennt, eine neue Decoration voller duftender Gebüſche, kühler Waſſerfälle, ſchattenreicher Wieſen und fonniger Streif⸗ lichter. Sie kannte die Liebe nicht, doch ſie errieth ſie, wie alle Frauen. Sie begriff die Gefahr, und Thränen in den Augen, aber lächelnd ging ſie gerade auf einen Tiſch zu und ſchrieb, ohne Zögern, ohne Umwege, an Bancal, zeigte ihm, eine arme verwundete Clorinde, ihre ſchwache Seite, legte das Bekenntniß ab, und tödtete mit demſelben Schlage die Hoffnung, die dieſes Bekenntniß entſtehen machen konnte. Bancal begriff Alles, ſprach nicht mehr vom Vereine, ging nach England und blieb dort zwei Jahre. Es waren antike Herzen, dieſe Herzen! Ich dachte auch, es wäre für meine Leſer angenehm, nach allen den Tumulten und allen den Leidenſchaften, die ſie durch⸗ ſchritten haben, einen Augenblick im friſchen, reinen Schat⸗ ten der Schönheit, der Stärke, und der Tugend aus⸗ zuruhen. Man ſage nicht, wir machen Madame Roland anders, als ſie war,— keuſch in der Werkſtätte ihres Vaters, keuſch am Lager ihres alten Gatten, kenſch bei der Wiege ihres Kindes. In der Stunde, wo man nicht lügt, im Angeſichte der Guillotine ſchrieb ſie:„Ich habe immer meine Sinne beherrſcht, und Niemand hat die Wolluſt weniger gekannt, als ich.“ Und man ſchreibe nicht der Kälte der Frau das Ver⸗ dienſt ihrer Ehrlichkeit zu. Nein, die Epoche, zu der wir 175⁵ gelangt ſind, iſt eine Epoche des Haſſes, ich weiß es wohl, aber auch eine Epoche der Liebe. Frankreich gab das Beiſpiel: ein armes, lange Zeit eingekerkertes, in Ketten liegendes Weſen, löſte man es vonſeinen Feſſeln und ſetzte es in Freiheit. Wie Marie Stuart, da ſie aus dem Gfängniſſe kam, hätte es gern einen Kuß auf die Lippen der Schöpfung drücken, die ganze Natur in ihren Armen vereinigen, ſie mit ihrem Hauche befruchten mögen, daß daraus die Freiheit des Landes und die Unabhängigkeit der Welt geboren werden. Nein, alle dieſe Frauen liebten fromm, alle dieſe Männer liebten glühend: Lucile und Camille Desmoulins, Danton und ſeine Loniſe, Fräulein von Keralio und Robert, Sophie und Condorcet, Vergniand und Fräulein Candeille. Jeder bis auf den kalten einſchneidenden Robespierre, kalt und einſchneidend wie das Meſſer der Guillotine, fühlte ſein Herz zerſchmelzen an dieſem großen Liebesherde. Und war es denn nicht auch Liebe, ich weiß, weniger reine Liebe,— doch gleichviel, die Liebe iſt die große Tugend der Herzen,— die Liebe von Madame Tallien, die Liebe von Frau von Beauharnais, die Liebe von Frau von Genlis, alle dieſe Liebesleidenſchaften, deren tröſten⸗ der Hauch noch auf dem Schaffot über das bleiche Ge⸗ ſicht der Sterbenden hinſtreifte? Ja, dieſe ganze Welt liebte in jener beſeligenden Epoche; und man nehme hier das Wort Liebe in jedem Sinne. Die Einen liebten die Idee, die Andern die Materie; Dieſe das Vaterland, Jene das Menſchenge⸗ ſchlecht. Seit Rouſſeau hatte das Bedürfniß, zu lieben, immer mehr zugenommen; es war, als müßte man ſich beeilen, jede Liebe im Vorüberziehen feſtzunehmen; man hätte glauben ſollen, beim Herannahen des Grabes, des Schlundes, des Abgrundes poche jedes Herz von einem unbekannten, leidenſchaftlichen, verzehrenden Hauche be⸗ wegt, jede Bruſt ſchöpfe ihren Athem am allgemeinen 176 Herde, und dieſer Herd waren alle Liebesleidenſchaften in eine einzige Liebe verſchmolzen. Wir ſind nun fern von dem Greiſe und der jungen Frau, welche im dritten Stocke des Hotel Britannique ſchrieben. Kehren wir zu ihnen zurück. CIII. Die erſten Bepublikaner. Am 20. Februar 1791 hatte man Roland als außer⸗ ordentlichen Abgeordneten von Lyon nach Paris geſchickt: ſein Auftrag war, für die Sache der zwanzigtauſend brod⸗ loſen Arbeiter zu ſprechen. Er befand ſich ſeit fünf Monaten in Paris, als ſich das unglückliche Ereigniß von Varennes zutrug, welches einen ſolchen Einfluß auf das Geſchick unſerer Helden und auf das Loos von Frankreich übte, daß wir ihm einen ganzen Band widmen zu miſſen glaubten. Seit der Rückkehr des Königs am 26. Juni bis zu dem Tage zu dem wir gekommen ſind, dem 16. Juli, waren aber viele Dinge vorgefallen. Alle Welt hatte geſchrieen:„Der König flüchtet ſich!“ alle Welt war dem König nachgelaufen, alle Welt hatte ihn nach Paris zurückgebracht, und ſobald der König zurückkam, ſobald der König in Paris war, ſobald der König in den Tuilerien war, wußte Niemand mehr, was man mit ihm machen ſollte! Jeder bringt ſeine Meinung, die Meinungen blaſen von allen Seiten; man hätte glauben ſollen, es ſeien en en ue r⸗ ch s id en 177 Winde während des Sturmes. Wehe dem Schiffe, das bei einem ſolchen Ungewitter auf der See iſt. Am 20. Juni, dem Tage der Flucht des Königs, machten die Cordeliers ihren Anſchlag, unterzeichnet von Legendre, dieſem franzöſiſchen Schlächter, den die Königin das Seitenſtück des engliſchen Schlächters Harriſon nannte. Der Anſchlagzettel hatte als Ueberſchrift folgende Worte: Si parmi les Frangais il se trouvait un traitre Qui regrettät les rois et qui voulüt un mäitre, Que le perfide meure au milieu des tourments, Et que sa cendre soit abandonné6e aux vents.) Die Verſe waren von Voltaire, ſie waren ſchlecht und reimten ſich ſchlecht, doch ſie hatten das Verdienſt, daß ſie den Gedanken der Patrioten, deren Anſchlag ſie ſchmückten, ſcharf ausdrückten. Dieſer Anſchlag erklärte, alle Cordeliers haben ge⸗ ſchworen, die Thrannen zu erdolchen, welche es wagen würden, das Gebiet, die Freiheit oder die Conſtitution anzugreifen. Marat, der immer allein geht und als Vorwand für ſeine Abſonderung angibt, der Adler lebe einſam, und die Truthähne leben in Truppen, Marat ſchlägt einen Dictator vor. „Nehmet,“ ſpricht er in ſeinem Journal,„nehmet einen guten Franzoſen, einen guten Patrioten, nehmet den Bürger, der ſeit dem Anfange der Revolution am meiſten Erleuchtung, Eifer, Treue und Uneigennützigkeit *) Fände ſich unter den Franzoſen ein Verräther, der den König beklagte und einen Herrn haben wollie, ſo ſterbe der Treuloſe unter Qualen, und ſeine Aſche werde den Winden preisgegeben. Die Gräfin von Charny v. 12 178 zeigt, nehmet ihn, ohne zu zögern, oder die Sache der Revolution iſt verloren!“ Was beſagen wollte:„Nehmet Marat!“ Prudhomme,— er ſchlägt weder einen Menſchen, noch eine neue Regierung vor; nur verabſcheut er die alte in der Perſon des Königs und ſeiner Abkömmlinge: hören wir ihn: 6 „Zwei Tage nachher, am Montag, führte man den Dauphin, um Luft zu ſchöpfen, längs der nach dem Fluſſe gehenden Terraſſe der Tuilerien ſpazieren; als man eine ziemlich beträchtliche Anzahl von Bürgern er⸗ blickte, nahm ein beſoldeter Grenadier das Kind auf ſeine Arme und ſetzte es auf das ſteinerne Geländer der Terraſſe: getren der ihm am Morgen ertheilten Lection, ſandte das königliche Bübchen dem Volke Küſſe zu; das hieß um Gnade für ſeinen Papa und ſeine Mama ſchreien. Einige Zuſchauer waren ſo feig, zu rufen:„„Es lebe der Dauphin!““ Bürger, ſeid auf Eurer Hut gegen die Schmeicheleien eines Hofes, der mit dem Volke kriecht, wenn er nicht der ſtärkere iſt.“ Unmittelbar nach dieſen Zeilen kamen dann die fol⸗ genden: „Es geſchah am 27. Februar 1649, daß das Par⸗ lament von England Karl I. zur Enthauptung verurtheilte, weil er die königlichen Prärogative hatte ausdehnen und ſich in den Uſurpationen von Jacob I., ſeinem Vater, be⸗ haupten wollen; es geſchah am 30. deſſelben Monats, daß er ſeine, beinahe durch den Gebrauch legitimirten und durch eine zahlreiche Partei geheiligten, Frevelthaten büßte. Doch die Stimme des Volkes hatte ſich hören laſſen, das Parlament erklärte den König einen Flüchtling, Verräther, öffentlichen Feind, und Karl Stuart wurde vor dem Banten aale des Palaſtes Whitehall enthauptet.“ Bravo Bürger Prudhomme, Du biſt wenigſtens nicht im Vorzuge am 21. Januar 1793; wenn Ludwig XVI. *—— 179 auch enthauptet wird, haſt Du das Recht, die Initiative anzuſprechen, da Du am 27. Juni 1791 das Beiſpiel angegeben haſt!“ Allerdings wird Prudhomme ſpäter Royaliſt und Reactionär werden und die Geſchichte der während der Revolution begangenen Verbrechen her⸗ ausgeben. Es iſt doch etwas Schönes um das Gewiſſen! Die Bouche de fer'*) iſt offenherziger: keine Heuchelei, keine zweideutige Worte, keine Falſchheit; es iſt Bonneville, der redliche, der kühne, der junge Bonne⸗ ville, ein bewunderungswürdiger Narr, der bei den ge⸗ wöhnlichen Umſtänden ausſchweift, bei den großen aber ſich nie täuſcht, er redigirt die Bouche defer, welche in der Rue de l'Ancienne Comédie, beim Odeon, zwei Schritte vom Club der Cordeliers geöffnet iſt. „Man hat vom Eide das ſchändliche Wort König weggeſtrichen,“ ſagt er;„keine Könige mehr, keine Menſchenfreſſer mehr! Man wechſelte bis jetzt oft den Namen und behielt immer die Sache: keinen Regenten, keinen Dictator, keinen Protector, keinen Orleans, keinen Lafayette! Ich liebe ihn nicht, dieſen Sohn von Phi⸗ lipp von Orleans, der gerade dieſen Tag nimmt, um die Wache in den Tuilerien zu beziehen, und eben ſo wenig ſeinen Vater, den man nie in der Nationalver⸗ ſammlung erblickt, während man ihn immer auf der Terraſſe der Feuillants ſieht. Braucht eine Nation immer unter Vormundſchaft zu ſein? Unſere Departements mögen ſich conföderiren und erklären, ſie wollen weder Tyrannen, noch Monarchen, noch Protector, noch Regenten, noch irgend einen von dieſen Königsſchatten, Schatten, welche ſo un⸗ berlvoll für die öffentliche Sache ſind, als der Schatten jenes verfluchten Banmes Bohon⸗lipas, der tödtlich iſt. *) Der eiſerne Mund. 180 „Doch es genügt nicht, daß man ſagt:„„Republik!““ Venedig war auch Republik. Man muß eine nationale Gemeinſchaft, eine nationale Regierung haben. Ver⸗ ſammelt das Volk im Angeſichte der Sonne; verkündigt, das Geſetz allein ſei ſouverän. Schwöret, es werde all⸗ ein herrſchen. Es gibt keinen Freund der Freiheit auf der Erde, der den Schwur nicht wiederholt!“ amille Desmoulins war auf einen Stuhl im Pa⸗ lais Royal, das heißt auf dem gewöhnlichen Schauplatze ſeiner oratoriſchen Heldenthaten, geſtiegen und hatte geſagt: „Meine Herren, es wäre ein Unglück, wenn dieſer treuloſe Menſch zu uns zurückgebracht würde. Was wür⸗ den wir mit ihm machen? Er käme, wie Thereſites, und vergöße vor uns jene fetten Thränen, von denen Homer ſpricht. Bringt man ihn zu uns zurück, ſo mache ich die Motion, ihn, mit dem rothen Taſche che auf dem Kopf, drei Tage dem öffentlichen Gels auszuſtellen und ſodann etapenweiſe nach den Grenzen zu führen.“ Von allen dieſen Vorſchlägen, geſtehen wir es, war der des furchtbaren Kindes, das man Camille Desmon⸗ lins nennt, nicht der tollſte. Noch ein Wort, welches ziemlich gut das allgemeine Gefühl ſchildern wird; Dumont ſagt es, ein von Eng⸗ land penſitonirter Genfer, folglich ein Mann, der durchaus nicht der Parteilichkeit für Frankreich verdächtig iſt: „Das Volk ſchien von einer erhabenen Weisheit in⸗ ſpirirt. Eine große Verlegenheit iſt abgereiſt, ſagte es heiter; hat uns aber der König verlaſſen, ſo bleibt die Nation; es kann eine Nation ohne König leben, aber kein König ohne Nation.“ Man ſieht, daß unter Allem dem das Wort Repu⸗ blik nur von Bonneville ausgeſprochen worden iſt: we⸗ der Briſſon, noch Dauton, noch Robespierre, noch ſogar Pétion wagen es, dieſes Wort in den Mund zu nehmen; es erſchreckt die Condeliers, es entrüſtet die Jacobiner. 181 Am 13. Juli hat Robespierre auf der Tribune ausgerufen:„Ich bin weder Republikaner, noch Monarchiſt.“ Hätte man Robespierre in die Enge getrieben, ſo müßte er, wie man ſieht, ſehr in Verlegenheit geweſen ſein, zu ſagen, was er war. Nun wohl,— alle Welt war ungefähr ſo, Bonne⸗ ville und dieſe Frau ausgenommen, welche, ihrem Manne gegenüber, eine Proteſtation in einem dritten Stocke der Rue Guénégand abſchreibt. Am 22. Juni, am Tage nach der Abreiſe des Königs, ſchrieb ſie: „Das Gefühl der Republik, die Entrüſtung gegen Ludwig XVI., der Haß gegen die Könige machen ſich hier auf allen Seiten Luft.“ Das Gefühl, Sie ſehen wohl, das Gefühl der Republik iſt in den Herzen; doch die Republik iſt kaum im Munde Einiger. Die Nativnalverſammlung beſonders iſt feindlich ge⸗ gen ſie geſinnt. Das große Unglück ſolcher Verſammlungen iſt, daß ſie immer bei dem Augenblick, wo ſie gewählt worden ſind, ſtehen bleiben, daß ſie den Ereigniſſen nicht Rech⸗ nung tragen, daß ſie nicht mit dem Geiſte des Landes gehen, daß ſie nicht dem Volke dahin, wohin es geht, folgen, und dennoch behaupten, ſie repräſentiren fortwäh⸗ rend das Volk. Die Nationalverſammlung ſagte: Die Sitten Frankreichs ſind nicht republikaniſch. Die Nationalverſammlung brach Lanzen gegen Herrn de la Paliſſe, und trug, unſerer Anſicht nach, den Sieg über den berühmten Wahrheitenſprecher davon. Wer hätte die Sitten Frankreichs zur Republik gebildet? Die Monarchie etwa? Die Monarchie bedurfte des Gehor⸗ ſams, der Servilität, der Corruption. Die Republik iſt 182 es, die die republikaniſchen Sitten bildet. Habt zuerſt die Republik, und die republikaniſchen Sitten werden her⸗ nach kommen. Es hatte übrigens einen Augenblick gegeben, wo es leicht geweſen wäre, die Republik auszurufen; dies war der Augenblick, wo man erfuhr, der. König ſei abge⸗ reiſt und habe den Dauphin mitgenommen. Statt ihnen nachzulaufen und ſie zurückzuführen, mußte man ihnen die beſten Pferde aus den Poſtſtällen, kräftige Poſtillons mit Peitſchen in den Händen und Sporen an den Sttie⸗ feln geben; man mußte die Höflinge hinter ihnen, die Prie⸗ ſter hinter den Höflingen wegtreiben, und die Thüre hinter Allem dem ſchließen. Lafayette, der zuweilen Blitze, ſelten Ideen hatte, hatte einen von dieſen Blitzen. Um ſechs Uhr Morgens kam man, um ihm zu mel⸗ den, der König und die königliche Familie ſeien abge⸗ reiſt; man hatte alle Mühe der Welt, ihn aufzuwecken; er ſchlief jenen hiſtoriſchen Schlaf, den man ihm ſchon in Verſailles zum Vorwurf gemacht. „Abgereiſt?“ ſagte er;„unmöglich, ich habe Gon⸗ vion ſchlafend an die Thüre ihres Schlafzimmers ange⸗ lehnt verlaſſen.“ Er ſteht indeſſen auf, kleidet ſich an und geht hinab. Vor der Thüre trifft er Bailly, den Maire von Paris, und Beauharnais, den Präſidenten der Nationalverſamm⸗ lung,— Bailly hat eine längere Naſe und einen gel⸗ beren Finger als je, Beauharnais iſt beſtürzt. Nicht wahr, das iſt ſeltſam? der Gatte von Joſe⸗ phine, der, auf dem Schaffot ſterbend, ſeine Witwe auf dem Wege zum Throne zurückläßt, iſt beſtürzt über die Flucht von Ludwig XvI. „Welch ein linglück!“ ruft Vailly ans,„welch ein Unglück, daß die Nationalverſammlung noch nicht beifam⸗ men iſt!“ erſt er⸗ ar ge⸗ en en ns ie⸗ ie⸗ e, e⸗ n 183 „Oh! ja,“ ſagt Beauharnais,„das iſt ein großes Unglück!“ „Nun,“ fragt Lafayette,„er iſt alſo abgereiſt?“ „Ach! ja,“ antworten im Chor die zwei Staats⸗ männer. „Warum ach?“ ſpricht Lafayette. „Wie! Sie begreifen nicht?“ ruft Bailly.„Weil er mit den Preußen, mit den Oeſterreichern, mit den Emigranten zurückkommen wird, weil er uns den Bürger⸗ krieg, den Krieg mit dem Auslande bringen wird!“ „Alſo,“ verſetzt Lafayette ſchlecht überzeugt,„Sie denken alſo, das öffentliche Wohl verlange die Rückkehr des Königs?“ „Ja, antworten einſtimmig Bailly und Beauharnais. „In dieſem Falle eilen wir ihnen nach,“ ſagt Lafayette. Und er ſchreibt folgenden Zettel: „Da die Feinde des Vaterlands den König ent⸗ führt haben, ſo wird den Nationalgarden der Befehl ertheilt, ſie zu verhaften.“ In der That, man bemerke dies wohl: die ganze Politit des Jahres 1791, das ganze Ende der Natibnal⸗ verſammlung werden ſich hierum drehen. Da der König Frankreich nothwendig iſt, da man ihn zurückführen ſoll, ſo muß er entführtworden und nicht geflohen ſein. Alles dies hatte Lafayette nicht überzeugt; als er Romeuf abſchickte, empfahl er ihm auch, ſich nicht zu ſehr zu beeilen. Er ging auf der Straße ab, die der ent⸗ gegengeſetzt, welcher Ludwig XVI. folgte, um ſicher zu ſein, ihn nicht zu erreichen. Zum Unglück war auf der rechten Straße Billot. Als die Nationalverſammlung die Neuigkeit erfuhr, gerieth ſie in Schrecken. Der König hatte wirklich bei ſeiner Abreiſe einen ſehr bedrohlichen Brief hinterlaſſen; 184 er machte vollkommen begreiflich, er beabſichtige, den Feind zu holen, und werde zurückkommen, um die Franzoſen zur Vernunft zu bringen. Die Royaliſten ihrerſeits erhoben das Haupt und die Stimme. Einer von ihnen, Suleau, glaube ich, chrieb: „Alle diejenige, welche in der Amneſtie begriffen ſein wollen, die wir unſeren Feinden im Namen des Prinzen von Condés anbieten, können ſich in unſeren Bureaux von jetzt an bis zum Monat Anguſt einſchreiben. Wir wer⸗ den fünfzehnhundert Regiſter für die Bequemlichkeit des Publicums haben.“ Einer von denjenigen, welche die größte Angſt hat⸗ ten, war Robespietre. Als die Sitzung von drei Uhr bis halb fünf Uhr unterbrochen wurde, lief er zu Pétion. er Schwache ſuchte den Starken. Nach ſeiner Meinung war Lafahette ein Mitſchul⸗ diger des Hofes. Es handelte ſich um nichts Geringeres, als eine Bartholomäus⸗Racht mit den Deputirten zu machen. „Ich werde unter den Erſten getödtet werden!“ rief er mit kläglichem Tone.„Ich habe keine vierund⸗ zwanzig Stunden mehr zu leben.“ Pétion, ein Mann von ruhigem Charakter und lymphatiſchem Temperamente, ſah, ganz im Gegentheil, die Dinge anders an. „Gut,“ ſagte er,„nun kennt man den König, und man wird dem gemäß handeln.“ Briſſot kam, er war einer von den Männern jener Zeit, welche am weiteſten vorgerückt, er ſchrieb in den Patriote. „Man gründet ein neues Journal, von dem ich einer der Redacteurs ſein werde,“ ſagte er. „Welches?“ fragte Pétion. —————— — — e—— 8 185„ „Den Republicain.“ Robespierre grimaſſirte ein Lächeln. „Den Republicain?“ verſetzte er;„ich möchte wohl, daß Sie mir erklärten, was die Republik iſt.“ Sie waren ſo weit, als bei Pötion, ihrem Freunde, die zwei Roland erſchienen,— der Mann ernſt und ent⸗ ſchloſſen wie immer, die Frau eher lächelnd als erſchro⸗ cken, mit ihren ſchönen, klaren, ſprechenden Augen. Sie kamen von ihrer Wohnung in der Rue Gusnégaud und hatten den Anſchlag der Cordeliers geſehen. Wie die Cordeliers glanbten ſie ganz und gar nicht, ein Kö⸗ nig ſei für die Nation nothwendig. Der Muth des Mannes und der Frau gibt Robes⸗ pierre wieder Herz; er kehrt in die Verſammlung zurück als Beobachter und bereit, Alles zu benützen, von dem Winkel aus, wo er ſeinen Sitz hat, wie der am Rande ſeines Baues im Hinterhalte liegende Fuchs. Gegen neun UUhr Abends ſieht er, daß ſich die Verſammlung zum Sentimentalismus neigt, daß man Brüderlichkeit pre⸗ digt, und daß man, um das Beiſpiel mit der Theorie zu verbinden, im Begriffe iſt, zu den Jacobinern zu gehen, mit denen man ſehr ſchlecht ſteht, und die man eine Mörderbande nennt. Da gleitet er von ſeiner Bauk, ſchleicht ſich nach der Thüre, macht ſich, ohne bemerkt zu werden, davon, läuft zu den Jacobinern, beſteigt die Tribune, dennncirt den König, denuncirt das Miniſterium, denuncirt Bailly, denuncirt Lafayette, dennneirt die ganze Nationalver⸗ ſammlung, wiederholt die Fabel vom Morgen, ent⸗ rollt eine eingebildete VBartholomäus⸗Nacht und endigt damit, daß er ſeine Exiſtenz auf dem Altare des Vater⸗ landes opfert. Wenn Robespierre von ſich ſelbſt ſprach, erlangte er eine gewiſſe Beredtſamkeit. Bei dem Gedanken, der tugendhafte, der ſtrenge Robespierre laufe eine große Gefahr, ſchluchzt man.„Wenn Du ſtirbſt, ſo ſterben 166 wir mit Dir!“ ruft eine Stimme.„Ja, ja, Alle! Alle!“ wiederholen im Chore die Anweſenden, und die Einen ſtrecken die Hand aus, um zu ſchwören, die An⸗ dern ziehen den Degen, wieder Andere fallen auf die Kniee und erheben die Arme zum Himmel. Man erhob zu jener Zeit die Arme viel zum Himmel; das war die Geberde der Epoche. Seht nur den Schwur im Ball⸗ hauſe von David. Madame Roland war da, ohne recht zu begreifen, welche Gefahr Robespierre laufen konnte. Doch ſie war am Ende Weib und folglich zugänglich für die Gemüths⸗ bewegung. Die Gemüthsbewegung war groß, ſie wurde auch bewegt, ſie geſteht es ſelbſt. In dieſem Augenblick tritt Danton ein; an ihm, einer entſtehenden Popularität, iſt es, die wankende Po⸗ pularität von Lafayette anzugreifen. Warum dieſer Haß von aller Welt gegen La⸗ fayette? Vielleicht weil er ein ehrlicher Mann war und ſich immer von den Parteien bethören ließ, wenn nur die Parteien an ſeinen Edelmuth appellirten. In dem Augenblick, wo man die Nationalverſamm⸗ lung meldet, wo, um das Beiſpiel der Brüderlichkeit zu geben, Lameth und Lafayette, dieſe Todfeinde, Arm in Arm eintreten, macht ſich von allen Seiten der Ruf hörbar: „Danton auf die Tribune! auf die Tribune, Dan⸗ ton!“ Robespierre konnte nichts angenehmer ſein, als ſei⸗ nen Platz abzutreten. Robespierre war, wie geſagt, ein Fuchs und keine Dogge. Er verfolgte den abweſenden Feind, ſprang von hinten auf ihn, klammerte ſich an ſeinen Schultern feſt, zernagte ihm den Schädel bis aufs Gehirn, griff aber ſelten von vorne an. Die Tribune war alſo leer und erwartete Danton. Nur wurde es Danton ſchwierig, ſie zu beſteigen. a 2 ——)—— ———, n⸗ ei⸗ ein en an is n. ——— 187 Wenn er der einzige Menſch war, der Lafayette angreifen ſollte, ſo war Lafayette vielleicht der einzige Menſch, den Danton nicht angreifen konnte. Warum? Ah! wir wollen es ſagen. Es war viel von Mi⸗ rabeau in Danton, wie viel von Danton in Mirabeau war; daſſelbe Temperament, daſſelbe Bedürfniß nach Vergnügungen, dieſelben Geldklemmen und folglich die⸗ ſelbe Leichtigkeit für die Beſtechung. Man verſicherte, wie Mirabeau, habe Danton Geld vom Hofe bekommen. Wo? auf welchem Wege? wie viel? Man wußte es nicht, doch er hatte bekommen, deſſen war man gewiß; man ſagte es wenigſtens. Man vernehme, was wirklich an Allem dem war. Danton hatte an das Miniſterium ſeine Stelle als Advokat beim Rathe des Königs verkauft, und man ſagte, er habe vom Miniſterium den vierfachen Preis ſeiner Stelle erhalten. Dies entſprach der Wahrheit; nur war das Ge⸗ heimniß zwiſchen drei Perſonen: dem Verkäufer Danton, dem Käufer Herrn Montmorin, dem Vermittler Herrn von Lafayette. lagte Danton Lafayette an, ſo konnte ihm La⸗ fayette die Geſchichte von dieſer für ihren vierfachen Werth verkauften Stelle ins Geſicht werfen. Ein Anderer wäre zurückgewichen. Danton, im Gegentheil, ging vorwärts: er kannte Lafayette, dieſe Großmuth des Herzeus, welche zuwei⸗ len in Albernheit ausartete. Wir erinnern an 1830. Danton ſagte ſich, Herrvon Montmorin, der Freund von Lafayette, Herr von Montmorin, der die Päſſe des Königs unterzeichnet hatte, ſei in dieſem Augenblick zu ſehr compromittirt, als daß ihm Lafayette dieſen neuen Stein an den Hals hängen würde. Er ſtieg auf die Tribune. Seine Rede war nicht lang. 188 „Herr Präſident,“ ſagte er,„ich klage Lafayette an; der Verräther wird ſogleich kommen; man errichte zwei Schaffote, und ich will das eine beſteigen, wenn er nicht das andere zu beſteigen verdient hat.“ Der Verräther kam, er konnte die furchtbare Anklage hören, welche aus dem Munde von Danton hervorging: doch er hatte, wie dieſer vorhergeſehen, die Großmuth, nicht darauf zu antworten. Lameth übernahm dieſe Sorge; er goß über die Lava von Danton das laue Waſſer von einer ſeiner ſeyohnlichen Paſtoralen aus, er predigte die Brüder⸗ lichkeit. Dann kam Sieyos, der auch die Brüderlichkeit predigte. Dann Barnave, der abermals die Brüderlichkeit predigte. Dieſe drei Popularitäten gewannen am Ende die Oberhand über die von Danton. Man wußte Danton Dank, daß er Lafayette angegriffen, aber man wußte Lameth, Sieyos und Barnave auch Dank, daß ſie ihn vertheidigt hatten, und als Lafayette und Danton von den Jacobinern weggingen, da war es Lafayette, den man mit Fackeln begleitete, den man unter Acclamationen zurückführte. Die Hoſpartei hatte einen großen Sieg in dieſer Lafayette dargebrachten Huldigung davon getragen. Die zwei großen Mächte des Tages waren in der Perſon ihres Hauptes geſchlagen: Die Jacobiner in Robespierre; Die Cordeliers in Danton. Ich ſehe wohl, daß ich es abermals auf das andere Kapitel verſchieben muß, zu ſagen, was für eine Pro⸗ teſtation es war, die Madame Roland ihrem Mann gegen⸗ über in dieſem kleinen Salon des dritten Stockes vom Hotel Britannique abſchrieb. tte hte re on die ie er r it ie n te n en n en r e 1 n 189 CIV. Das Entreſol der Fuilerien. Sogleich werden wir erfahren, was die Proteſtation enthielt, welche Madame Roland copirte; damit aber der Leſer vollkommen mit der Lage vertraut ſein möge und klar in einem der dunkelſten Myſterien der Revolu⸗ tion ſehe, muß er vor Allem mit uns am Abend des 15. Juli durch die Tuilerien gehen. Hinter der Thüre einer Wohnung, die auf einen finſtern, öden, im Entreſol des Palaſtes liegenden Cor⸗ ridor ging, ſtand eine Frau, mit geſpanntem Ohr, die Hand auf dem Schlüſſel und bebend bei jedem Tritte, der ein Echo in der Umgegend erweckte. Dieſe Frau zu erkennen, wäre uns ſchwer, wüßten wir nicht, wer ſie iſt, denn außer der Dunkelheit, welche ſelbſt mitten am Tage in dieſem Corridor herrſcht, iſt die Nacht gekommen, und, war es nun Zufall, war es Vorbedacht, das Licht der einzigen Laterne, welche hier n iſt niedergeſunken und ſcheint dem Erlöſchen nahe. Dabei iſt nur das zweite Zimmer der Wohnung beleuchtet und dieſe Frau wartet, bebt und horcht an der Thüre des erſten. Wer iſt die wartende Frau? Marie Antoinette. Wen erwartet ſie? Barnave. O ſtolze Tochter von Maria Thereſia, wer Dir an dem Tage, da man Dich zur Königin der Franzoſen ſalbte, geſagt hätte, es werde ein Augenblick kommen, wo Du, verborgen hinter der Thüre der Wohnung Deiner Kammerfrau, bebend vor Furcht und Hoffnung, einen 190 kleinen Advocaten von Grenoble erwarteſt, Du, die Du Mirabeau ſo lange warten ließeſt, und ihn nur einmal zu empfangen die Gnade haben wollteſt! Doch man täuſche ſich nicht; die Königin erwartet Barnave in einem ganz politiſchen Intereſſe; an dieſem ſtockenden Athem, an dieſen nervöſen Bewegungen, an dieſer Hand, welche den Schlüſſel ſtreifend zittert, hat das Herz keinen Antheil, und der Stolz allein iſt hiebei intereſſirt. Wir ſagen der Stolz, denn trotz der tauſend Ver⸗ folgungen, denen der König und die Königin ſeit ihrer Rückkehr ausgeſetzt ſind, iſt ihr Leben doch unverletzt ge⸗ blieben und die ganze Frage foßt ſich zuſammen in den paar Worten:„Werden die Flüchtlinge von Varennes den Reſt ihrer Macht verlieren, oder werden ſie ihre verlorene Macht wiedererobern?“ Seit jenem verhängnißvollen Abend, wo Charny die Tuilerien verlaſſen hat, um nicht mehr dahin zurück⸗ zukehren, hat das Herz der Königin zu ſchlagen aufge⸗ hört. Ein paar Tage lang iſt ſie gleichgültig gegen Alles geblieben, ſelbſt gegen Beleidigungen; allmälig aber hat ſie bemerkt, es gebe zwei Punkte ihrer mächti⸗ gen Organiſation, durch welche ſie noch lebe: den Stolz und den Haß, und ſie iſt wieder zu ſich gekommen, um zu haſſen und um ſich zu rächen. Nicht um ſich an Charny zu rächen, nicht um Andrée zu haſſen, nein; wenn ſie an Charny und Andrée denkt, ſo haßt ſie ſich ſelbſt, ſo möchte ſie ſich an ſich ſelbſt rächen; denn ſie iſt zu redlich, um ſich nicht zu ſagen, auf ihrer Seite ſei alles Unrecht geweſen, und auf jener Seite alle aufopfernde Hingebung. Oh! wenn ſie Jene haſſen könnte, ſie wäre zu glücklich! Was ſie haßt, und zwar aus der tiefſten Tiefe ihres Herzens, das iſt das Volk, das Hand an ſie gelegt hat, wie an eine gewöhnliche Flüchtige, das ſie mit Placke⸗ 191 reien überhäuft, mit Beleidigungen verfolgt, mit Schmach 1 und Schande getränkt hat. Ja, ſie haßt es ſo ſehr, dieſes Volk, das ſie Ma⸗ t dame Deficit, Madame Veto genannt hat, das ſie die Heſterreicherin“mennt, das ſie die Witwe“— n Capet nennen wird! ℳ 36 Und wenn ſie ſich rächen kann, oh! wie wird ſie ſich rächen! 6 Was ihr Barnave bringen wird am 15. Juli 1791 2 um neun Uhr Abends, während Madame Roland ihrem er Manne gegenüber in dem kleinen Salon des dritten Stockes vom Hotel Britannique die Proteſtation abſchreibt, en deren Inhalt wir noch nicht kennen, iſt vielleicht die s Ohnmacht und die Verzweiflung, es iſt vielleicht aber re auch die göttliche Speiſe, die man die Rache nennt. Die Lage der Dinge iſt in der That im höchſten ) Grade bedrohlich. k⸗ Allerdings iſt durch Lafayette und die Nationalver⸗ 8 ſammlung der erſte Streich mit dem conſtitutionellen en Schilde parirt worden; man hatte den König entführt, ig er war nicht geflohen. ti⸗ Doch man erinnert ſich des Anſchlags der Cordeliers, o dch man erinnert ſich des Antrages von Marat, doch um man erinnert ſich der Diatribe des Bürgers Prudhomme, doch man erinnert ſich des ſeltſamen Einfalls von Bon⸗ neville, doch man erinnert ſich der Motion von Camille Desmoulins, doch man erinnert ſich des Axioms des ſch Genfers Dumont, doch man erinnert ſich endlich, daß cht ein neues Journal gegründet werden ſoll, an welchem en Briſſot zu arbeiten gedenkt, und daß dieſes Journal der Republicain heißen wird. zu Will man den Proſpert dieſes Journals kennen ler⸗ nen? Er iſt kurz, aber beſtimmt. Der Amerikaner Tho⸗ * mas Payne hat ihn abgefaßt, dann wurde er von einem at, jungen Officier, der den Unabhängigkeitskrieg mitgemacht, 192 überſetzt und mit der Unterſchrift von Duchatelet öffentlich angeſchlagen. Was für ein ſeltſames Ding iſt doch das Verhäng⸗ niß, das von den vier Ecken der Welt dieſem einſtürzen⸗ den Throne neue Feinde herbeiruft! Thomas Payne! Was will hier Thomas Payne? dieſer Menſch, der von allen Ländern iſt: Engländer, Amerikaner, Franzoſe, der alle Gewerbe betrieben hat, der Fabrikant, Schul⸗ meiſter, Zolleinnehmer, Matroſe, Journaliſt war! Was er will? Er will ſeinen Athem mit dieſem Sturmwinde der unbarmherzig auf die erlöſchende Kerze bläſt! 5 Folgendes iſt der Proſpect des Republicain von 1791, dieſes Journals, das erſchien oder erſcheinen ſollte, als Robespierre fragte, was eine Republik ſei. „Wir haben erfahren, daß die Abweſenheit eines Königs beſſer für uns iſt, als ſeine Gegenwart. Er iſt davon gegangen und hat folglich entſagt. Die Nation wird nie ihr Vertrauen einem Meineidigen, einem Flücht⸗ ling wiederſchenken. Iſt ſeine Flucht ſeine That oder die Anderer? Was liegt daran! Betrüger oder Dumm⸗ kopf, bleibt er immer unwürdig. Wir ſind von ihm frei, und er iſt er von uns; er iſt ein einfaches Individuum, Herr Lonis von Bourbon. Seine Sicherheit iſt gewiß, Frankreich wird ſich nicht entehren, das Königthum iſt beendigt. Was iſt ein dem Zufall der Geburt überlaſ⸗ ſenes Amt, welches von einem Blödſiunigen verſehen wer⸗ den kann? Iſt es nicht ein Nichts?“ Man begreift, welche Wirkung ein ſolcher Anſchlag, den man an allen Mauern von Paris erblickte, hervor⸗ bringen mußte. Der conſtitutionelle Malouet war dar⸗ über ganz erſchrocken. Er lief voll Angſt nach der Na⸗ tionalverſammlung, trat athemlos ein, denunekrte den Proſpect und verlangte die Verhaftung der Verfaſſer. n⸗ on ſe, ul⸗ as ide rze on lte, nes ion ht⸗ die m⸗ rei, im, iß, iſt aſ⸗ er⸗ ag⸗ or⸗ ar⸗ Na⸗ den 193 „Gut,“ antwortete Pétion,„doch leſen wir zuerſt dieſen Proſpect.“ Dieſen Proſpect kannte Pétion, einer der ſeltenen Republikaner, die es damals in Frankreich gab, ſicher⸗ lich. Malouet, der ihn denuncirt hatte, wich vor der Leſung zurück. Wenn die Tribunen Beifall klatſchen würden! Und er war gewiß, ſie würden es thun. Zwei Mitglieder der Nationalverſammlung Cha⸗ brond und Chapelier machten das Verſehen ihres Colle⸗ gen wieder gut. „Die Preſſe iſt frei,“ ſagten ſie,„und Jeder, Narr oder Weiſer, hat das Recht, ſeine Meinung zu äußern. Verachten wir das Werk eines Wahnſinnigen und gehen wir zur Tagesordnung über.“ Und die Verſammlung ging zur Tagesordnung über. Gut; ſprechen wir nicht mehr davon. das iſt die Hydra, welche die Monarchie be⸗ droht. Ein Kopf wird abgeſchnitten; während er wieder wächſt, beißt ein anderer. Man hat weder Monſieur, noch die Verſchwörung Favras vergeſſen. Der König entfernt, Monſieur zum Regenten ernannt! Heute handelt es ſich nicht mehr um Monſieur. Monſieur iſt, zu gleicher Zeit wie der König, geflohen und glücklicher als der König hat er die Grenze erreicht. Doch der Herr Herzog von Orleans iſt geblieben. Er iſt geblieben mit ſeinem Getreuen, mit dem Manne, der ihn vorwärts treibt, mit Laclos, dem Ver⸗ faſſer der Liaisons dangereuses. Es beſteht ein Decret über die Regentſchaft, ein Decret, das in den Mappen verſchimmelt; warum ſollte man dieſes Decret nicht benützen? Am 28. Juni bietet ein Journal die Regentſchaft Die Gräfin von Charny. V. 13 194 dem Herzog von Orleans an. Ludwig XVI. exiſtirt, wie Ihr ſeht, nicht mehr, was auch die Nationalverſamm⸗ lung dazu ſagen mag;— da man die Regentſchaft dem Herzog von Orleans anbietet, ſo gibt es keinen König mehr. Wohlverſtanden, der Herzog von Orleans gibt ſich den Anſchein, als wunderte er ſich, und ſchlägt es aus. Aber am 1. Juli proclamirt Laclos aus eigener Machtvollkommenheit die Abſchaffung des Königs und will einen Regenten; am 3. behauptet Réal, der Herzog von Orleans ſei wirklich Wächter des jungen Prinzen; am 4. verlangt er auf der Tribune der Jacobiner, daß man das Decret über die Regentſchaft wieder drucke und verkündige. Die Jacobiner aber, welche noch nicht wiſ⸗ ſen, was ſie ſind, wiſſen zum Unglück wenigſtens, was ſie nicht ſind. Sie ſind nicht Orleaniſten, obgleich der Herzog von Orleans und der Herzog von Chartres zu ihrer Geſellſchaft gehören. Die Regentſchaft des Herzogs von Orleans wird bei den Jacobinern verworfen; doch die Nacht iſt genügend für Laclos, um wieder Athem zu ſchöpfen. Iſt er nicht Herr bei den Jacobinern, ſo iſt er doch der Herr in ſeinem Journal, und hier proclamirt er die Regentſchaft des Herzogs von Orleans, und da das Wort Protector durch Cromwell profanirt worden iſt, ſo wird ſich der Regent, der alle Gewalt haben ſoll, Moderator nennen. Und Alles dies iſt, wie man ſieht, ein Feldzug gegen das Königthum, ein Feldzug, in welchem das Königthum, durch ſich ſelbſt unmächtig, keinen andern Verbündeten hat als die Natioualverſammlung; die Ja⸗ cobiner aber ſind eine viel einflußreichere und beſonders viel furchtbarere Verſammlung, als die Nationalverſamm⸗ lung. An 8. Juli bringt dahin Pétion die Frage von der königlichen Unverletzbarkeit. — 1—————— ————— ie n⸗ m 195 Nur trennt er die politiſche Unverletzbarkeit von der perſönlichen Unverletzbarkeit. Man wendet ihm ein, man werde ſich mit den Kö⸗ nigen entzweien, wenn man Ludwig XVI abſetze. „Wenn die Könige uns bekämpfen wollen,“ antwortet Pétion,„ſo nehmen wir ihnen, indem wir Ludwig XVI. abſetzen, ihren mächtigſten Verbündeten, während wir denſelben, wenn wir ihn auf dem Throne laſſen, die ganze Stärke geben, die wir ihm wieder verliehen haben werden.“ Briſſot beſteigt auch die Tribune und geht noch weiter. Er unterſucht die Frage: Kann der König ge⸗ richtet werden? „Später,“ ſpricht er,„werden wir, im Falle der Entſetzung, erörtern, welches die Regierung ſein wird, die die Stelle des Königthums einnehmen ſoll.“ Es ſcheint, Briſſot war herrlich. Man höre, was Madame Roland, welche der Sitzung beiwohnte, hier⸗ über ſagt: „Es war kein Beifallklatſchen mehr, es waren Schreie, Entzückungen: dreimal hat ſich die ganze Ver⸗ ſammlung völlig hingeriſſen, die Arme ausſtreckend, die Hüte empor haltend, in einer unausſprechlichen Begei⸗ ſterung erhoben. Es vergehe auf ewig derjenige, welcher dieſe großen Bewegungen empfunden oder getheilt hat und die Ketten wieder annehmen könnte!“ Es kann alſo nun nicht nur der König gerichtet wer⸗ den, ſondern man zollt ſogar begeiſterten Beifall dem⸗ jenigen, welcher die Frage löſt. Beurtheilt, welch ein erſchreckliches Echo das Beifalls⸗ geſchrei in den Tuilerien haben mußte. Auch die Nationalverſammlung mußte ihrerſeits dieſe entſetzliche Frage abthun. Die Conſtitutionellen, ſtatt vor der Debatte zurück⸗ ſ riefen ſie hervor: ſie waren der Majorität icher. 196 Doch die Majorität der Nationalverſammlung re⸗ präſentirte entfernt nicht die Majorität der Nation: gleich⸗ viel, Verſammlungen dieſer Art bekümmern ſich im All⸗ gemeinen wenig um ſolche Anomalien. Am 13. Juli ſind die Tribunen gefüllt mit ſicheren Leuten, die man im Voraus mit beſonderen Billets ein⸗ geführt hatte. Das iſt das, was wir heute Claquers nennen würden. Ueberdies bewachten die Royaliſten die Flurgänge. Man hat für dieſe Gelegenheit die Ritter vom Dolche wieder gefunden. Auf den Vorſchlag eines Mitglieds ſchließt man end⸗ lich die Tuilerien. Oh! ohne Zweifel hatte am Abend dieſes Tages die Königin Barnave ebenſo ungeduldig erwartet, als ſie ihn am Abend des 15. erwartet. Und an dieſem Tage ſollte doch nichts entſchieden werden. Nur der im Namen der fünf Ausſchüſſe abge⸗ faßte Bericht wurde verleſen. Dieſer Bericht ſagte: „Die Flucht des Königs iſt kein in der Conſtitution vorhergeſehener Fall; doch die königliche Unverletzlichkeit ſteht darin geſchrieben.“ Die Ausſchüſſe, welche den König als unverletzlich be⸗ trachteten, überlifertendem Gerichte alſo nur die Herren von Bouillé, von Charny, Frau von Tourzel, die Couriere, die Bedienten, die Lackeien. Nie hatte die geiſtreiche Fa⸗ bel von den Großen und den Kleinen eine ſo vollſtän⸗ dige Anwendung erhalten. Uebrigens wurde die Frage viel mehr bei den Ja⸗ gobinern, als in der Nationalverſammlung erörtert. Da ſie aber nicht zur Entſcheidung kam, ſo blieb Robespierre im Unbeſtimmten. Er war weder Republikaner, noch onarchiſt; man konnte frei ſein unter einem König wie unter einem Senat. Das war ein Mann, welcher ſich ſelten compromit⸗ 197 ttrte, dieſer Herr von Robespierre, und wir haben am Ende des vorigen Kapitels geſehen, welche Schrecken ihn er⸗ faßten, ſelbſt wenn er nicht compromittirt war. Doch es fanden ſich da Menſchen, die nicht dieſe koſtbare Klugheit beſaßen; dieſe Menſchen waren der Eradvocat Danton und der Schlächter Legendre, ein Bulldogg und ein Bär. „Die Nationalverſammlung kann den König freiſpre⸗ chen,“ ſagte Danton.„Das Urtheil wird von Frankreich reformirt werden, denn Frankreich verdammt ihn!“ „Die Ausſchüſſe ſind verrückt,“ ſagte Legendre: „würden ſie den Geiſt der Maſſen kennen, ſo kämen ſie zur Vernunft zurück; übrigens,“ fügte er bei,„wenn ich ſo ſpreche, ſo geſchieht es für ihr Heil.“ Solche Reden entrüſteten die Conſtitutionellen. Zu ihrem Unglück waren ſie aber nicht in der Ma⸗ jorität bei den Jacobinern, wie ſie es inder Nationalver⸗ ſammlung waren. Sie beſchränkten ſich alſo darauf, daß ſie weggingen. Sie hatten Unrecht; die Leute, welche den Platz verlaſſen, haben immer Unrecht, und es gibt hierüber ein aites ſehr ſinnreiches Sprichwort, welches ſagt:„Wer ſeinen Platz verläßt, verliert ihn.“ Die Conſtitutionellen verloren nicht nur ihren Platz, ſondern der Platz wurde ſogar von Volksdeputationen eingenommen, welche Adreſſen gegen die Ausſchüſſe brach⸗ ten und mit Acclamationen empfangen wurden. Zu gleicher Zeit wurde eine Adreſſe, die eine ge⸗ wiſſe Wichtigkeit in den folgenden Ereigniſſen erlangen ſollte, am andern Ende von Paris, im Marais, in ei⸗ nem Club oder vielmehr in einer brüderlichen Geſell⸗ ſchaft von Männern und Frauen abgefaßt, die man nach dem Orte ihrer Zuſammenkunft die Geſellſchaft der Mi⸗ nimes nannte. 6 Dieſe Geſellſchaft war eine Succurſale der Corde⸗ liers und auch belebt von der Seele von Danton. Ein 198 junger Mann von kaum dreiundzwanzig bis vierund⸗ zwanzig Jahren, deſſen Inneres Danton mit ſeinem Hauche angefacht hatte, führte die Feder und faßte die Adreſſe ab. Dieſer junge Mann war Jean Lambert Tallien. Die Adreſſe hatte als Unterſchrift einen furchtbaren Namen; ſie war unterzeichnet: das Volk. Diesmal war es unmöglich geweſen, dem Publikum die Tribunen zu verwehren;— unmöglich auch, wie die erſten Male die Corridors und die Zugänge mit Roya⸗ liſten und Rittern vom Dolche zu verſtopfen; unmöglich endlich, den Garten der Tuilerien zu ſchließen. Der Prolog war vor Claqueurs geſpielt worden, die Komödie aber ſollte vor dem wahren Publikum dargeſtellt werden. Und man muß ſagen, das Publikum war ſchlecht geſtimmt. So ſchlecht geſtimmt, daß man Duport, der drei Monate vorher noch volksbeliebt, mit einem finſtern Stillſchweigen zuhörte, als er darauf antrug, auf die Umgebung des Königs das Verbrechen des Königs zu⸗ rückfallen zu machen. Er ging indeſſen bis zum Ende und war nur ſehr erſtaunt, da er zum erſten Male ſprach, ohne ein Wort, ein Zeichen der Billigung hervorzurufen. Er war eines von den Geſtirnen jener Triade, de⸗ ren Licht allmälig am politiſchen Himmel erloſch: Du⸗ port, Lameth, Barnave. Robespierre beſtieg nach ihm die Tribune. Robes⸗ pierre, der kluge Mann, der ſich ſo gut zu decken wußte, was würde er ſagen? Der Redner, der acht Tage vor⸗ her erklärt hatte, er ſei weder Monarchiſt, noch Repub⸗ likaner, für wen würde er ſich ausſprechen? Er ſprach ſich nicht aus. Er ſtellte ſich mit ſeiner ſäuerlichen Süßigkeit als Advocat der Menſchheit auf; er ſagte, nach ſeinem Da⸗ fi — —— c—— eS„ N 199 fürhalten wäre es zugleich Ungerechtigkeit und Grauſam⸗ keit, nur die Schwachen zu ſchlagen; er greife den Kö⸗ nig nicht an, da die Nationalverſammlung den König als unverletzbar zu betrachten ſcheine, er vertheidige aber Bouillé, Charny, Frau von Tourzel, die Couriere, die Lackeien, die Bedienten, kurz alle diejenige, welche durch ihre abhängige Stellung zu gehorchen genöthigt geweſen ſeien. Die Nationalverſammlung murrte ſtark während dieſer Rede. Die Tribunen hörten mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu, da ſie nicht wußten, ob ſie billigen oder miß⸗ billigen ſollten; endlich ſahen ſie in den Worten des Redners das, was in Wahrheit darin war: einen wirk⸗ lichen Angriff auf das Königthum und eine falſche Ver⸗ theidigung der Höflinge. Da klatſchten die Tribunen Robespierre Beifall. Der Präſident verſuchte es, den Tribunen Still⸗ ſchweigen zu gebieten. Prieur(von der Marne) wollte die Debatte auf ein vollkommen von Ausflüchten und Paradoren entblöß⸗ tes Terrain führen. „Aber was würdet Ihr denn thun, Bürger,“ rief er,„wenn man, nachdem der König außer den Prozeß geſtellt wäre, von Euch verlangte, daß er in ſeine ganze Gewalt wiedereingeſetzt werde?“ Die Frage war um ſo peinlicher, als ſie direct kam; doch es gibt Augenblicke der Unverſchämtheit, wo nichts die reactionären Parteien in Verlegenheit bringt. Desmeuniers nahm die Apoſtrophe auf und ſchien⸗ zum Nachtheil des Königs, die Sache der Nationalver⸗ ſammlung zu vertheidigen. „Die Nationalverſammlung,“ ſpricht der Redner, „iſt ein allmächtiger Körper, und in ſeiner Allmacht hat er wohl das Recht, die königliche Gewalt zu ſuspendiren und dieſe Suspenſion zu behaupten, bis zu dem Augen⸗ 200 blick, wo die Conſtitution vollendet ſein wird.“ So würde alſo der König, der nicht geflohen, ſon⸗ dern entführt worden war, nur für den Augenblick, und weil die Conſtitution noch nicht vollendet, ſuspendirt werden; ſobald aber die Conſtitution vollendet, würde er mit vollem Rechte in die Ausübung ſeiner königlichen Functionen wieder eintreten. „Endlich,“ rief der Redner,„da man von mir ver⸗ langt,“— Riemand verlangte es von ihm,—„da man von mir verlangt, daß ich meine Erklärung als Decret abfaſſe, ſo iſt Folgendes der Entwurf, den ich vorſchlage: „1. Die Suspenſion wird dauern, bis der König die Conſtitution annimmt. „2. Nähme er ſie nicht an, ſo würde ihn die Na⸗ tionalverſammlug für entſetzt erklären.“ „Oh! ſeid unbeſorgt,“ rief Gregoire von ſeinem Platze aus,„er wird nicht nur annehmen, ſondern auch Alles, was Ihr wollt, beſchwören!“ Und er hatte Recht, wenn er nicht etwa hätte ſagen ſollen; er wird Alles, was Ihr wollt, beſchwören und annehmen. Die Nationalverſammlung war vielleicht nahe daran, den Entwurf von Desmeuniers gleichſam im Fluge zu ergreifen; Robespierre ſchleuderte aber auch von ſeinem Platze aus das Wort hin: „Nehmt Euch in Acht! ein ſolches Decret beſchließt zum Voraus, daß der König nicht gerichtet werden könne!“ Man war auf der That ertappt und wagte es nicht, abzuſtimmen. Ein Geränſch, das man vor der Thüre hite⸗ entzog die Nationalverſammlung ihrer Verlegen⸗ eit. Es war eine Deputation der brüderlichen Geſellſchaft der Minimes, welche die von Danton eingegebene, von —— —— —+„n— — 201 Tallien abgefaßte und„das Volk“ unterzeichnete Procla⸗ mation brachte. Die Nationalverſammlung rächte ſich an den Peti⸗ tionären; ſie weigerte ſich, ihre Adreſſe zu hören. Da erhob ſich Barnave und ſprach: „Sie mag heute nicht geleſen werden, doch worgen höret ſie, und laßt nicht eine erkünſtelte Meinung Einfluß auf Euch üben... Das Geſetz braucht nur ſein Sig⸗ nal aufzupflanzen, und man wird alle gute Bürger ſich um daſſelbe ſammeln ſehen.“ Leſer, behalte wohl dieſe paar Worte, lies ſie wie⸗ der, dieſe ſieben Worte, denke nach über den Satz: Das Geſetz braucht nur ſein Signal aufzu⸗ pflanzen! Die Phraſe iſt am 14. ausgeſprochen wor⸗ den; die Metzelei des 17 liegt in dieſer Phraſe! Man begnügte ſich nicht mehr damit, daß man dem Volke die Allmacht escamotirte, deren Herr es wieder durch die Flucht ſeines Königs oder, beſſer geſagt, durch den Verrath ſeines Mandatars geworden zu ſein glaubte, man gab öffentlich dieſe Allmacht Ludwig XVI. zurück, und wenn das Volk reclamirte, wenn das Volk Petitionen machte, ſo war es nur eine erkünſtelte Meinung, mit der die Nationalverſammlung, dieſer andere Mandatar des Volks, indem ſie ihr Signal aufpflanzte, wohl fertig werden würde. Was bedeuteten die Worte: Das Signal des Geſetzes aufpflanzen? „Das Kriegsgeſetz verkündigen und die rothe Fahne aufſtecken.“ Am andern Tag, am 15., das iſt der entſcheidende Tag, bietet die Nationalverſammlung in der That einen furchtbaren Anblick; Niemand bedroht ſie, doch ſie will das Anſehen haben, als würde ſie bedroht. Sie ruft Lafayette zu Hülfe, und Lafayette, der immer am wahren Volke vorbeigegangen iſt, ohne es zu ſehen, Lafayette ſchickt der Verſammlung fünftauſend Mann Rationalgarde, 202 unter welche er, um ſcheinbar das Volk zu betheiligen, tauſend Pieken vom Faubourg Saint⸗Antoine zu miſchen beſorgt iſt. Die Flinten, das war die Ariſtokratie der National⸗ garde; die Pieken, das war ihr Proletariat. Wie Barnave überzengt, ſie brauche nur das Sig⸗ nal des Geſetzes aufzupflanzen, damit ſie, nicht das Volk, ſondern Lafayette, den Commandanten der Nationalgarde, ſondern Bailly, den Maire von Paris, mit ſich verbinde, war die Nationalverſammlung entſchloſſen, eine Ende zu machen. Obgleich erſt zwei Jahre vorher geboren, war die Nationalverſammlung doch ſchon ſchlau wie eine Ver⸗ ſammlung von 1829 oder von 1846; ſie wußte, daß es ſich nur darum handelte, Mitglieder und Zuhörer durch untergeordnete Discuſſionen zu ermüden und die Haupt⸗ frage auf das Ende zu verſchieben, um dieſe Frage im Sturme zu entſcheiden. Sie verlor eine Hälfte der Sitzung damit, daß ſie die Leſung eines militäriſchen Berichts über die Angelegenheiten des Departement anhörte; dann ließ ſie gefällig drei bis vier Mitglieder ſprechen, welche mitten unter Privatconverſationen zu reden pfleg⸗ ten; an den Gränzen der Diseuſſion angelangt, ſchwieg ſie endlich, um zwei Reden, eine von Salles, eine von Barnave, zu hören. Zwei Advocateureden, welche die Nationalverſamm⸗ lung ſo gut überzeugten, daß ſie, nachdem Lafayette den Schluß verlangt hatte, mit aller Ruhe abſtimmte. Und, in der That, an dieſem Tage hatte die Natio⸗ nalverſammlung nichts zu befürchten: ſie hatte die Tri⸗ bunen gemacht; man laſſe uns dieſen rothwälſchen Aus⸗ druck hingehen, wir wenden ihn als den bezeichnendſteu an: die Tuilerien waren geſchloſſen; die Polizei war zu den Befehlen des Präſidenten; Lafayette ſaß mitten in der Kammer, um den Schluß zu verlangen; Bailly ſta⸗ tionirte auf dem Platze an der Spitze des Municipalraths n, en U⸗ g⸗ lk, de, de, zu die er⸗ rch pt⸗ im ng s te; en, eg⸗ on 203 und ganz bereit, ſeine Aufforderungen ergehen zu laſſen. Ueberall bot die öffentliche Gewalt unter den Waffen dem Volke den Kampf an. Das Volk, das nicht zu kämpfen im Stande war, verlief ſich auch die Bajonnete und die Pieken entlang und zog nach ſeinem Aventinus Mons, das heißt, nach dem Marsfelde. Und bemerkt wohl, es ging nicht nach dem Mars⸗ felde, um ſich zu empören; nein, es ging nach dem Marsfelde, weil es ſicher war, dort den Altar des Vater⸗ lands wiederzufinden, welchen man ſeit dem 14. zu zer⸗ ſtören noch nicht Zeit gehabt hatte, ſo geſchwinde ſonſt die Regierungen die Altäre des Vaterlands zu zerſtören pflegen. Das Volk wollte hier eine Proteſtation abfaſſen und dieſe Proteſtation der Nationalverſammlung über⸗ ſchicken. Während die Menge ihre Proteſtation abfaßte, votirte die Nationalverſammlung: 1. Die Präventivmaßregel: „Wenn der König ſeinen Schwur widerruft, wenn er ſein Volk angreift oder es nicht vertheidigt, ſo dankt er ab, wird einfacher Bürger, und kann wegen der nach ſeiner Abdankung von ihm begangenen Verbrechen ange⸗ klagt werden.“ 2. Die Repreſſivmaßregel: „Es ſollen gerichtlich verfolgt werden: Bouillé als Hauptſchuldiger, und als ſecundäre Schuldige alle Per⸗ ſonen, welche an der Entführung des Königs Theil ge⸗ nommen haben.“ In dem Augenblick, wo die Nationalverſammlung votirt hatte, hatte die Menge ihre Proteſtation abgefaßt und unterzeichnet; ſie kam zurück, um ſie der Verſamm⸗ lung zu überreichen, welche ſie beſſer als je bewacht fand. Alle Gewalten waren an dieſem Tage militäriſch: der Präſident der Nationalverſammlung war Charles 204 Lameth, ein junger Oberſt, der Commandant der Na⸗ tionalgarde war Lafayette, ein junger General; Jeder, bis auf unſern würdigen Aſtronomen Bailly, der auf ſeinen nachdenkenden Kopf den municipalen Dreiſpitz geſetzt und um ſeinen Gelehrtenrock die dreifarbige Schärpe gebunden, hatte ein gewiſſes kriegeriſches Aus⸗ ſehen; ſo daß ihn Madame Bailly, wenn ſie ihn ſo ſah, für Lafayette hätte halten können, wie ſie zuweilen, der Sage nach, Lafayette für ihn hielt. Die Menge parlamentirte; ſie zeigte ſich ſo wenig feindſelig, daß es unmöglich war, nicht zu parlamentiren. Der Erfolg dieſes Parlamentirens war, man werde den Abgeordneten erlauben, mit den Herren Pétion und Robespierre zu ſprechen. Seht Ihr die Popularität neuer Namen in demſelben Maaße wachſen, in welchem die der Duport, der Lameth, der Barnave, der Lafayette und der Bailly ſinkt? Die Abgeordneten, ſechs an der Zahl, gingen wohl begleitet nach der Nationalverſamm⸗ lung ab. Hievon in Kenntniß geſetzt, liefen ihnen Robespierre und Pétion, um ſie zu empfangen, zur Paſſage des Feuillants entgegen. Es war zu ſpät, die Abſtimmung war vorüber und zum Beſchluſſe erhoben. Die zwei Mitglieder der Nationalverſammlung, welche der Abſtimmung nicht günſtig waren, theilten ſie wahrſcheinlich den Abgeordneten des Volks nicht auf eine Art mit, um es dadurch zu veranlaſſen, dieſelbe ſanft zu verſchlucken. Dieſe Abgeordneten kamen auch wüthend zu denen, welche ſie geſchickt hatten, zurück. Das Volk hatte die Partie mit dem ſchönſten Spiele verloren, das je das Glück in die Hände eines Volkes gegeben. Gerade deshalb war es zornig: es verbreitete ſich in der Stadt und fing damit an, daß es die Theater ſchließen ließ. Sind die Theater geſchloſſen, ſo weht, Na⸗ er, auf pi ige Us⸗ ah, der nig ren. erde und ität em ette der m⸗ nen zur und ng, ſie eine tzu en ſten ines ſich ater eht, 205 wie einer unſerer Freunde im Jahre 1880 ſagte, die ſchwarze Fahne über Paris. Die Oper hatte Garniſon: ſie widerſtand. Lafayette mit ſeinen viertauſend Flinten und ſeinen tauſend Pieken verlangte nichts Anderes, als dieſen ent⸗ ſtehenden Aufruhr zu unterdrücken; die Municipalbehörde verweigerte die Befehle hiezu. Bis dahin war die Königin auf dem Laufenden der Ereigniſſe erhalten worden, doch hier waren die Berichte ſtehen geblieben, ihre Folge hatte ſich in der Nacht, welche minder düſter, als ſie, verloren. Barnave, den ſie mit großer Ungeduld erwartete, ſollte ihr ſagen, was am Tage des 15. vorgefallen war. Jedermann fühlte übrigens das Herannahen eines entſcheidenden Ereigniſſes. „ Der König, der Barnave auch im zweiten Zimmer von Madame Campan erwartete, war von der Ankunſt des Doctor Gilbert unterrichtet worden, und um der Erzählung der Ereigniſſe mehr Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, war er, Gilbert bei ſich behaltend und Barnave der Königin überlaſſend, zu ſich hinauf gegangen. Endlich, gegen halb zehn Uhr, erſcholl ein Tritt auf der Treppe, eine Stimme wurde hörbar, welche ein paar Worte mit der Schildwache, die auf dem Ruheplatze ſtand, wechſelte; dann erſchien am Ende der Flur ein junger Mann in der Kleidung eines Lieutenants dor Nationalgarde. Es war Barnave. Die Königin, der das Herz pochte, als wäre es der angebetetſte Geliebte geweſen, zog die Thüre zurück, und Barnave, nachdem er vor ſich und hinter ſich geſchaut, ſchlüpfte durch die ſchmale Oeffnung. Die Thüre ſchloß ſich ſogleich wieder, und ehe ein Wort geſprochen worden, hörte man das Knirſchen eines Riegels in ſeiner Schließkappe. CV. Der Tag des 15. Juli. Das Herz von Beiden ſchlug mit gleicher Heftigkeit, jedoch unter dem Impulſe von zwei ſehr entgegengeſetzten Gefühlen. Das Herz der Königin ſchlug in der Hoff⸗ nung auf Rache; das Herz von Barnave ſchlug im Ver⸗ langen, geliebt zu werden. Die Königin trat raſch in's zweite Zimmer ein; ſie eilte, ſo zu ſagen, zum Lichte. Gewiß fürchtete ſie weder Barnave, noch ſeine Liebe; ſie wußte, wie ehrfurchtsvoll und ergeben dieſe Liebe war; aber in einem weiblichen Inſtincte floh ſie die Dunkelheit. Als ſie in's zweite Zimmer gekommen war, ſank ſie auf einen Stuhl. Barnave blieb auf der Schwelle der Thüre ſtehen und umfaßte in einem Rundblicke den ganzen Raum des nur durch zwei Kerzen erleuchteten Zimmers. Er erwartete, den König zu finden: der König war bei ſeinen zwei vorhergehenden Zuſammenkünften mit der Königin gegenwärtig geweſen. Das Zimmer war einſam. Zum erſten Male ſeit ſeiner Promenade in der Gallerie des erzbiſchöflichen Palaſtes von Meaux ſollte er unter vier Augen mit der Königin zuſammenſein. Seine Hand legte ſich von ſelbſt auf ſein Herz, ſie drängte die Schläge deſſelben zurück. „Oh! Herr Barnave,“ ſagte die Königin, nachdem ſie einen Angenblick geſchwiegen,„ich erwarte Sie ſeit zwei Stunden.“ Die erſte Bewegung von Barnave auf dieſen Vor⸗ 4 eit, ten er⸗ ſie der oll en en des ar mit ſeit hen der ſie em ſeit or⸗ 207 wurf, der mit einer Stimme gemacht wurde, welche ſo ſanft klang, daß ſie anſchuldigend zu ſein aufhörte, um klagend zu werden, wäre geweſen, ſich der Königin zu Füßen zu werfen, hätte ihn nicht die Ehrfurcht zurück⸗— gehalten. „Ach! Madame, es iſt wahr,“ erwiederte er;„doch ich hoffe, Eure Majeſtät wird überzeugt ſein, daß mein Wille nicht an dieſem Verzuge Schuld iſt.“ „Oh! gewiß,“ verſetzte die Königin mit einer kleinen bejahenden Kopfbewegung;„ich weiß, daß Sie der Monarchie ergeben ſind.“ „Ich bin beſonders der Königin ergeben,“ ſprach Barnave,„und ich wünſche, daß Eure Majeſtät hievon wohl überzengt ſein möge.“ Ich zweifle nicht daran, Herr Barnave... Sie konnten alſo nicht früher kommen?“ „Ich habe es verſucht, um ſieben Uhr zu kommen, Madame, doch es war noch zu heller Tag, und ich traf,— wie wagt es ein ſolcher Menſch, ſich Ihrem Palaſte zu nähern!— und ich traf Herrn Marat auf der Terraſſe.“ „Herrn Marat?“ verſetzte die Königin, als ſuchte ſie in ihren Erinnerungen;„iſt das nicht ein Journaliſt, der gegen uns ſchreibt?“ „Der gegen die ganze Welt ſchreibt, ja... Sein Schlangenauge folgte mir, bis ich durch das Gitter der Feuillants verſchwunden war... Ich ging vorüber, ohne daß ich es wagte, nur mit einem Blick nach Ihren Fenſtern zu ſchauen. Zum Glück begegnete ich auf dem Pont Royal Saint⸗Prix.“ „Saint⸗Prix! Wer iſt das?“ fragte die Königin mit einer Verachtung, welche beinahe der gleich, die ſie für Marat gezeigt hatte;„ein Komödiant?“ „Ja, Madame, ein Komödiant,“ antwortete Bar⸗ nave;„doch was wollen Sie! das iſt einer der Charak⸗ tere unſerer Zeit: Komödianten und Zeitungsſchreiber, Leute, deren Exiſtenz die Könige früher nur kannten, um 208 ihnen Befehle zu geben, denen zu gehorchen ſie höchſt glücklich waren, Komödianten und Zeitungsſchreiber ſind Bürger geworden, die ihren Theil am Einfluße haben, die ſich nach ihrem Willen bewegen, die nach ihrer Eingebung handeln, die das Gute thun können, die das Böſe thun können... Saint⸗Prix hat das gut gemacht, was Marat verdorben hatte.“ „Wie ſo?“ „Saint Prix war in Uniform. Ich kenne ihn ge⸗ nau, Madame; ich näherte mich ihm und fragte ihn, wo er die Wache beziehe: zum Glück geſchah dies im Schloß! Ich wußte, daß ich mich ſeiner Disecretion anvertrauen konnte und ſagte ihm, ich habe die Ehre, eine Andienz bei Ihnen zu erhalten...5 „Oh! Herr Barnave!“ „Wäre es beſſer geweſen, zu verzichten...“ Barnave wollte ſagen: auf das Glück, doch er faßte ſich: „Wäre es beſſer geweſen, zu verzichten auf die Ehre, Sie zu ſehen, und Sie in Unwiſſenheti zu laſſen über die wichtigen Neuigkeiten, die ich Ihnen mitzutheilen habe?“ „Nein,“ erwiederte die Königin,„Sie haben wohl gethan... Und Sie denken, daß Sie Herrn Saint⸗ Prix trauen können?“ „Madame,“ ſprach Barnave ernſt, glauben Sie mir, der Augenblick iſt entſcheidend; die Männer, die Ihnen zu dieſer Stunde bleiben, ſind wahrhaft ergebene Freunde, denn wenn morgen,— und das wird ſich mor⸗ gen entſcheiden,— die Jacobiner die Oberhand über die Conſtitutionellen gewinnen, ſo werden Ihre Freunde Mitſchuldige ſein... Und Sie haben geſehen, das Geſetz entfernt die Strafe nur von Ihnen, um damit Ihre Freunde zu ſchlagen, die es Ihre Mitſchuldigen nennt.“ „Das iſt wahr... Sie ſagen alſo, Herr Saint⸗ Prir? hſt nd n, er as ht. e vo en nz re, ie 2 t⸗ ie ie ne r⸗ ie de 18 it en t⸗ 209 „Herr Saint⸗Prir, Madame, hat mir geſagt, er ſei in den Tuilerien von neun bis eilf Uhr auf der Wache, er werde bemüht ſein, den Poſten des Entreſol zu be⸗ kommen, und dann, während dieſer zwei Stunden, habe Eure Majeſtät jede Freiheit, mir Ihre Befehle zu er⸗ theilen... Nur hat er mir gerathen, ſelbſt die Klei⸗ dung eines Officiers der Nationalgarde zu nehmen, und ich befolgte ſeinen Rath, wie Eure Majeſtät ſieht.“ „Und Sie haben Herrn Saint⸗Prix auf ſeinem Poſten gefunden?“ „Ja, Madame... Es hat ihn zwei Theaterbillets gekoſtet, um dieſen Poſten von ſeinem Sergenten zu er⸗ halten... Sie ſehen, die Beſtechung iſt leicht,“ fügte Barnave bei. „Herr Marat... Herr Saint⸗Prir... zwei Theaterbillets...“ wiederholte die Königin, indem ſie einen erſchrockenen Blick in den Abgrund warf, aus wel⸗ chem die kleinen Ereigniſſe hervorgehen, die an Revolu⸗ tionstagen das Geſchick der Könige weben. „Oh! mein Gott! ja,“ ſagte Barnave;„das iſt ſeltſam, nicht wahr, Madame? Es iſt das, was die Alten das Verhängniß nannten; es iſt das, was die Phi⸗ loſophen den Zufall nennen; es iſt das, was die Gläu⸗ bigen die Vorſehung nennen.“ Die Königin zog an ihrem ſchönen Halſe eine Haar⸗ locke vor, ſchaute ſie traurig an und ſprach: „Es iſt das, was meine Haare bleichen gemacht àt Dann ſagte ſie zu Barnave, zur politiſchen Seite der Lage, welche einen Augenblick um der unbeſtimm⸗ ten und pittoresken willen verlaſſen worden war, zurück⸗ kehrend: „Aber ich glaubte gehört zu haben, wir haben heute in der Nationalverſammlung einen Sieg erlangt?“ „Ja, Madame, in der Rationalverſammlung iſt uns Die Gräfin von Charny. V. 14 210 der Sieg geworden; doch bei den Jacobinern haben wir eine Niederlage erlitten.“ „Mein Gott!“ rief die Königin,„ich begreife gar nicht mehr... Ich glaubte, die Jacobiner gehören Ihnen, Herrn Lameth und Herrn Duport; Sie halten ſie in der Hand; Sie machen mit ihnen, was Sie wollen?“ Barnave ſchüttelte traurig den Kopf und erwiederte: „So war es einſt; doch ein neuer Geiſt hat auf die Nationalverſammlung geweht.“ „Von Orleans, nicht wahr?“ fragte die Königin. p für den Augenblick kommt die Gefahr von da her.“ „Die Gefahr? Ich frage Sie noch einmal, ſind wir ihr nicht durch die Abſtimmung entgangen?“ „Begreifen Sie wohl, Madame,— denn um einer Lage die Stirne zu bieten, muß man ſie kennen,— Folgendes iſt der heutige Beſchluß:„„Wenn ein König ſeinen Eid widerruft, wenn er ſein Volk angreift oder nicht vertheidigt, ſo dankt er ab, wird einfacher Bürger und iſt wegen der nach ſeiner Abdankung von ihm be⸗ gangenen Verbrechen anzuklagen.““ „Nun wohl,“ ſagte die Königin,„der König wird ſeinen Eid nicht widerrufen; der König wird ſein Volk nicht angreifen, und wenn man ſein Volk angreift, ſo wird es der König vertheidigen.“ „Ja, doch durch dieſen Beſchluß, Madame, bleibt den Revolutionären und den Orleaniſten eine Thüre ge⸗ öffnet. Die Nationalverſammlung hat nicht über den König ſtatuirt: ſie hat Präventivmaßregeln gegen eine zweite Flucht votirt, doch ſie hat die erſte bei Seite ge⸗ laſſen, und wiſſen Sie, was heute Abend bei den Ja⸗ cobinern von Laclos, dem Manne des Herzogs von Or⸗ leans, beantragt worden iſt?“ „Oh! etwas Erſchreckliches, ohne Zweifel! Was r n en ie 1. 211 kann der Verfaſſer der Liaisons dangereuses Heilſames beantragen?“ „Er hat verlangt, daß man in Paris und durch ganz Frankreich eine Petitivn mache, um die Entſetzung zu reclamiren, und hat ſich dabei für zehn Millionen Unterſchriften verbürgt.“ „Zehn Millionen Unterſchriften!“ rief die Königin; „mein Gott! ſind wir denn ſo ſehr gehaßt, daß uns zehn Millionen Franzoſen verwerfen?“ „Oh! Madame, die Majoritäten ſind leicht zu machen!“ „Und die Motion von Herrn Laclos iſt durchge⸗ gangen?“ „Sie hat eine Discuſſion hervorgerufen, Danton hat ſie unterſtützt.“ „Danton? Ich glaubte, dieſer Herr Danton gehöre uns? Herr von Montmorin ſprach mir von einer, ich weiß nicht mehr, verkauften oder gekauften Stelle eines Advocaten beim Rathe des Königs, welche uns dieſen Mann gebe.“ „Herr von Montmorin hat ſich getäuſcht, Madame; gehoͤrte Danton irgend Jemand, ſo würde er dem Herzog von Orleans gehören.“ „Und Herr von Robespierre? Hat er geſprochen?... Man ſagt, er fange an einen großen Einfluß zu ge⸗ winnen.“ „Ja, Robespierre hat geſprochen. Er war nicht für die Petition; er war einfach für eine Adreſſe an die Jacobiner⸗Geſellſchaften in der Provinz.“ „Man müßte aber Herrn von Robespierre haben, wenn er einen ſolchen Einfluß erlangt...“ „Man hat Herrn von Robespierre nicht, Madame, Herr von Robespierre gehört ſich ſelbſt,— einer Idee, einem Utopien, einem Phantom, einem Ehrgeize vielleicht.“ „Wir können ja ſeinen Ehrgeiz, welcher es auch 212 ſein mag, befriedigen... Nehmen Sie an, er wolle reich ſein.“ „Er will nicht reich ſein.“ „Alſo Miniſter ſein?“ „Vielleicht will er mehr als Miniſter ſein.“ Die Königin ſchaute Barnave mit einer gewiſſen Bangigkeit an. „Mir ſchien jedoch,“ ſagte ſie,„ein Miniſterium ſei das höchſte Ziel, das einer unſerer Unterthanen er⸗ reichen könne?“ „Wenn Herr von Robespierre den König als ent⸗ ſetzt betrachtet, ſo betrachtet er ſich nicht als den Unter⸗ than des Königs.“ „Aber wornach ſtrebt er denn?“ fragte die Köni⸗ gin erſchrocken. „Madame, es gibt in gewiſſen Augenblicken Men⸗ ſchen, welche von neuen politiſchen Titeln an der Stelle der alten erloſchenen Titel träumen.“ „Ja, ich begreife, daß der Herr Herzog von Orleans davon träumt, Regent zu ſein... Gut; ſeine Geburt beruft ihn zu dieſer hohen Function. Doch Herr von Robespierre, ein kleiner Provinzadvocat!. Die Königin vergaß, daß Barnave auch ein kleiner Provinzadvocat war. Barnave blieb unempfindlich, mochte nun der Streich abgeglitten ſein, ohne ihn zu treffen, mochte er den Muth gehabt haben, ihn zu empfangen und den Schmerz davon zu verbergen. „Marius und Cromwell waren aus den Reihen des Volks hervorgegangen, Madame,“ ſagte er. „Marius! Cromwell!... Ach! wenn ich dieſe Namen in meiner Kindheit nennen hörte, vermuthete ich nicht, ſie werden eines Tags ſo unheilvoll meinem Ohre klingen!... Doch laſſen Sie hören,— denn wir entfernen uns unabläſſig von den Thatſachen, um uns in den Schätzungen umherzutreiben,— Herr von le ⸗ en rz es eſe ete em m on 213 Robespierre, ſagen Sie mir, habe ſich der von Herrn Laclos beantragten und von Herrn Danton unterſtützten Petition widerſetzt?“ „Ja, doch in dieſem Angenblick iſt eine Volkswoge hereingebrochen, die gewöhnlichen Beller des Palais Royal, eine Bande vonöffentlichen Mädchen, eine Maſchine, in Bewegung geſetzt, um Laclos zu unterſtützen; und die Motion iſt nicht nur durchgegangen, ſondern es iſt ſogar beſchloſſen worden, daß morgen Vormittag um eilf Uhr die verſammelten Jacobiner die Leſung der Petition hören ſollen, daß ſie von da nach dem Marsfelde zu tragen, auf dem Altar des Vaterlandes zu unterzeichnen und ſofort an die Provinz⸗Geſellſchaften, welche ſie eben⸗ falls unterzeichnen werden, zu ſchicken ſei.“ „Und wer verfaßt dieſe Petition?“ „Danton, Laclos und Briſſot.“ „Drei Feinde?“ „Ja, Madame.“ „Aber, mein Gott! unſere Freunde, die Conſtitutio⸗ nellen, was machen ſie denn?“ „Ah! das iſt es!... Madame, ſie ſind entſchloſ⸗ ſen, morgen um Alles gegen Alles zu ſpielen.“ „Aber ſie können nicht bei den Jacobinern bleiben?“ „Madame, Ihre bewunderungswürdige Kenntniß der Menſchen und der Dinge läßt Sie die Lage der Dinge ſo anſehen, wie ſie iſt. Ja, geführt von Duport und Lameth haben ſich Ihre Freunde ſo eben von Ihren Feinden getrennt. Sie ſetzen die Feuillants den Jaco⸗ binern entgegen.“ „Was iſt das, die Feuillants? Entſchuldigen Sie mich, ich weiß nichts. Es kommen ſo viele neue Namen und Wörter in unſere politiſche Sprache, daß ich fortwäh⸗ rend fragen muß.“ „Madame, die Feuillants, das iſt das große Ge⸗ bäude bei der Reitſchule, das ſeinen Namen der Terraſſe der Tuilerien gibt.“ 214 „Und wer wird bei dieſem Club ſein?“ „Lafayette, das heißt die Nationalgarde, Bailly, das heißt die Municipalität.“ „Lafayette, Lafayette.. Sie glauben auf Lafayette zählen zu können?“ 5 glaube, daß er dem König aufrichtig erge⸗ en iſt.“ „Dem König ergeben wie der Holzfäller der Eiche, die er an ihrer Wurzel abhaut! Bailly will ich noch gelten laſſen: ich habe mich nicht über ihn zu beklagen gehabt; ich ſage noch mehr; von ihm iſt mir die Anzeige der Frau, welche unſere Abreiſe verrathen hatte, über⸗ geben worden. Aber Lafayette„ „Eure Majeſtät wird ihn bei Gelegenheit beur⸗ theilen.“ „Ja, es iſt wahr,“ ſprach die Königin, einen ſchmerzlichen Blick rückwärts werfend,„ja.. Verſailles. Nun denn, dieſer Club, kommen wir hierauf zu⸗ rück: was wird man dort machen? Was wird man dort beantragen? Welche Macht wird er haben?“ „Eine ungeheure Macht, da er, wie ich Eurer Majeſtät ſagte, zugleich über die Nationalgarde, die Municipalität und die Majorität der Nationalverſamm⸗ lung, welche mit uns ſtimmt, verfügen wird. Was wird den Jacobinern bleiben? Fünf bis ſechs Deputirte viel⸗ leicht: Robespierre, Pétion, Laclos, der Herzog von Orleans; lauter heterogene Elemente, welche nichts mehr aufzurühren finden können, als den Haufen der neuen Mitglieder, Eindringlinge, eine Bande von Bellern, welche Lärm machen, aber keinen Einfluß haben werden.“ „Gott wolle es, mein Herr! Mittlerweile, was gedenkt die Nationalverſammlung zu thun?“ „Sie gedenkt ſchon morgen dem Herrn Maire von Paris über ſein heutiges Zögern und ſeine weichliche Unentſchloſſenheit einen ſcharfen Verweis zu geben. Dar⸗ aus wird entſpringen, daß der gute Bailly, der zur —— c—9 —7)—— — e en ge r⸗ n U⸗ rt er ie n⸗ rd l⸗ on hr en . as on he r⸗ ur 2¹⁵ Familie der Pendeluhren gehört und, um zu gehen, nur zu ſeiner Stunde aufgezogen zu werden braucht, gehen wird, da er aufgezogen iſt.“ In dieſem Augenblick ſchlug es drei Viertel auf eilf Uhr, und man hörte die Schildwache huſten. „Ja, ja,“ murmelte Barnave,„ich weiß es, es iſt Zeit, daß ich mich entferne, und mir ſcheint doch, ich hatte Eurer Majeſtät noch tauſend Dinge zu ſagen.“ „Und ich, Herr Barnave,“ ſprach die Königin,„ich habe Ihnen nur Eines zu antworten: daß ich Ihnen, Ihnen und Ihren Freunden, dankbar bin für die Ge⸗ fahren, denen Sie ſich für mich ausſetzten.“ „Madame, die Gefahr iſt ein Spiel, bei dem ich Alles zu gewinnen habe, mag ich beſiegt werden oder Sieger ſein, wenn nur die Königin, bin ich beſiegt oder Sieger, mich mit einem Lächeln belohnt.“ „Ach! mein⸗ Herr,“ verſetzte die Königin,„ich weiß kaum mehr, was lächeln iſt! Doch Sie thun ſo viel für mich, daß ich es verſuchen werde, mich der Zeit zu erinnern, wo ich glücklich war, und ich verſpreche Ihnen, daß mein erſtes Lächeln Ihnen gehören ſoll.“ Barnave legte die Hand auf ſein Herz, verbeugte ſich und ging, rückwärts ſchreitend, ab. „Ah!“ rief die Königin,„wann werden wir uns wiederſehen?“ Barnave ſchien zu berechnen. „Morgen die Petition und die zweite Abſtimmung der Kammer. Uebermorgen der Ausbruch und die proviſoriſche Unterdrückung... Am Sonntag Abend, Madame, werde ich zu kommen ſuchen, um Ihnen zu ſagen, was auf dem Marsfelde vorgefallen iſt.“ Und er entfernte ſich. Die Königin ging ganz nachdenkend zu ihrem Ge⸗ mahle hinauf, den ſie eben ſo nachdenkend fand. Der Doctor Gilbert war kurz vorher von ihm weggegangen, 216 und er hatte ihm ungefähr dieſelben Dinge geſagt, welche Barnave der Königin geſagt hatte. Der Eine und die Andere brauchten nur einen Blick zu wechſeln, um zu ſehen, daß auf beiden Seiten die Nachrichten düſter geweſen waren. Der König hatte ſo eben einen Brief geſchrieben. Er reichte dieſen Brief der Königin, ohne ein Wort zu ſagen. Es waren Vollmachten Monſienr ertheilt, damit er im Namen des Königs von Frankreich die Interven⸗ tion des Kaiſers von Oeſterreich und des Königs von Preußen nachſuche. „Monſieur hat mir viel Schlimmes angethan,“ ſprach die Königin,„Monſieur haßt mich und wird mir abermals alles Böſe anthun, was er mir anthun kann, da er jedoch das Vertrauen des Königs beſitzt, ſo hat er auch das meinige.“ Und ſie nahm ihre Feder und ſetzte heldenmüthig ihre Unterſchrift neben die des Königs. CVI. Wwo wir endlich zu der Proteſtation kommen, welche Madame Boland abſchrieb. Die Unterredung der Königin mit Barnave hat, wie wir hoffen, unſern Leſern eine beſtimmte Idee von der Lage gegeben in der ſich alle Parteien am 15. Juli 1791 befanden: 66 „ —— —— e ie 217 Die neuen Jacobiner an der Stelle der alten vor⸗ dringend; Die alten Jacobiner den Club der Feuillants ſchaffend; Die Cordeliers in der Perſon von Danton, Ca⸗ mille Desmoulins und Legendre ſich mit den neuen Ja⸗ cobinern verbindend; Die Nationalverſammlung royaliſtiſch conſtitutionell geworden, entſchloſſen, den König um jeden Preis zu erhalten; Das Volk entſchloſſen, die Entſetzung durch alle mögliche Mittel zu erlangen, zu gleicher Zeit aber auch entſchloſſen, zuerſt das der Proteſtation und der Petition anzuwenden. Was hatte ſich nun während des Tages und der Nacht ereignet, welche zwiſchen der durch den Schauſpie⸗ ler Saint⸗Prix begünſtigten Zuſammenkunft von Barnave mit der Königin und dem Augenblick, wo wir zu Ma⸗ dame Roland zurückkehren, verlaufen war. Wir wollen es mit ein paar Worten ſagen. Während dieſer Unterredung vor Allem und gerade in der Minute, wo ſie endigte, ſaßen drei Männer um einen Tiſch mit Papier, Federn und Tinte vor ſich, denn ſie hatten von den Jacobinern den Auftrag erhalten, die Petition abzufaſſen. Dieſe drei Männer waren Danton, Laclos und Briſſot. Danton war nicht der Mann ſolcher Zuſammen⸗ künfte; bei ſeinem Leben, das ganz vom Bedürfniſſe des Vergnügens und der Bewegung in Anſpruch genom⸗ men war, erwartete er immer mit Ungeduld das Ende von jedem Ausſchuſſe, zu dem er gehörte. Nach einem Augenblicke ſtand er anch auf und ließ Briſſot und Laclos die Petition abfaſſen, wie ſie es ver⸗ ſtünden. Lack ſah ihn weggehen und folgte ihm mit den 218 Augen, bis er verſchwunden war, mit dem Ohr, bis er ihn die Thüre hatte ſchließen hören. Dieſe doppelte Function ſeiner Sinne ſchien ihn einen Moment der erkünſtelten Schlafſucht zu entziehen, unter der er ſeine unermüdliche Thätigkeit verbarg; dann ſank er in ſeinen Lehnſtuhl zurück, ließ die Feder ſeiner Hand entfallen und ſagte: „Ah! bei meiner Treue, mein lieber Herr Briſſot, faſſen Sie das ab, wie es Ihnen beliebt; ich, was mich betrifft, ich unterwerfe mich... Ah! wäre es ein ſchlech⸗ tes Buch, wie man bei Hofe ſagt, eine Fortſetzung der Diaisons dangereuses, ſo würde ich meine Sache ma⸗ chen; doch eine Petition, eine Petitivn...“ fügte er bei, indem er gähnte, um ſich die Kinnlade auszurenken, „das langweilt mich entſetzlich!“ Briſſot war im Gegentheil der Mann von ſolchen Redactionen. Ueberzeugt alſo, er werde die Petition beſſer als irgend Jemand abfaſſen, nahm er das Mandat, das ihm die Abweſenheit von Danton und die Abdan⸗ kung von Laclos gaben, an, während Laclos die Angen ſchloß und es ſich in ſeinem Lehnſtuhle ſo bequem als mög⸗ lich machte, als wollte er ruhig ſchlafen, dabei aber ſich anſchickte, jeden Satz, jeden Buchſtaben abzuwägen, um bei Gelegenheit einen Vorbehalt für die Regentſchaft ſei⸗ nes Prinzen einzuſchalten. So wie Briſſot einen Satz ſchrieb, las er ihn vor, und Laclos billigte mit einer kleinen Bewegung des Kopfes und einem kleinen Tone der Stimme. Briſſot ſetzte, die Lage bezeichnend, ins Licht: 1) Das heuchleriſche oder furchtſame Stillſchweigen der Nationalverſammlung, welche über den König nicht hatte beſchließen wollen oder über ihn zu beſchließen nicht gewagt hatte. 2) Die factiſche Abdankung von Ludwig XVI., da er geflohen war und die Nationalverſammlung ihn ſuspen⸗ dirt und zu ſeiner Verfolgung und Verhaftung Befehl —, 219 gegeben hatte. Man verfolgt aber, man verhaftet, man ſuspendirt einen König nicht, oder wenn man ihn ver⸗ folgt, wenn man ihn ſuspendirt, wenn man ihn verhaftet, ſo geſchieht es, weil er nicht mehr König iſt. 3) Die Nothwendigkeit, beſorgt zu ſein für ſeine Erſetzung. „Gut! gut!“ ſagte Laclos bei dem letzten Worte. Dann, als Briſſot fortfahren wollte, ſprach der Secretär des Herzogs von Orleans: „Warten Sie warten Sie! Mir ſcheint nach dieſen Worten:„ Auf ſeine Erſetzung““ iſt etwas beizu⸗ fügen.. etwas, was die ſchüchternen Geiſter an uns anſchließt. Es iſt noch nicht Jedermann ſo weit wie wir, daß er ſich über Alles wegſetzt.“ „Das iſt möglich.. was würden Sie beifügen?“ „Oh! es iſt viel mehr Ihre Sache als die meinige, das zu finden, mein lieber Herr Briſſot... Ich würde beifügen... Laß ſehen... Laclos gab ſich den Anſchein, als ſuchte er einen Satz, der aber, längſt völlig ausgebildet in ſeinem Geiſte, nur auf den Augenblick, daraus hervorzugehen, wartete. „Nun denn,“ ſagte er endlich,„nach den Worten zum Beiſpiel:„„Die Nothwendigkeit, beſorgt zu ſein für ſeine Erſetzung““ würde ich beifügen:„durch alle conſtitutionelle Mittel.““ Studirt und bewundert, Ihr Politiker, vergangene, gegenwärtige und zukünftige Verfaſſer von Petitionen, Proteſtationen, Geſetzesentwürfen! Nicht wahr, es iſt ſehr wenig, dieſe harmloſen Worte? Nun denn, Ihr werdet es ſehen,— das heißt, diejenigen von unſern Leſern, welche das Glück haben, keine Politiker zu ſein, werden ſehen, wohin uns dieſe vier Worte:„Durch alle conſtitutionelle Mittel,“ führen. Alle conſtitutionelle Mittel, für die Er⸗ 220 ſetzung des Königs beſorgt zu ſein, beſchränkten ſich auf ein einziges. Dieſes einzige Mittel war die Regentſchaft. In Abweſenheit des Grafen von Provence und des Grafen von Artois, der Brüder von Ludwig XVI. und Oheime des Dauphin,— die ſich überdies durch ihre Emigration der Volksgunſt beraubt hatten,— wem kam die Regentſchaft zu? Dem Herzog von Orleans. Dieſe kleine unſchuldige, in eine im Namen des Volkes abgefaßte Petition eingeſchobene Phraſe machte alſo immerhin im Namen dieſes Volkes den Herzog von Orleans zum Regenten! Nicht wahr, es iſt etwas Schönes um die Politik? Nur wird das Volk noch viel Zeit brauchen, um klar darin zu ſehen, wenn es mit Männern von der Stärke von Herrn Laclos zu thun hat. Errieth nun Briſſot die in dieſen vier Worten ent⸗ haltende, ganz zum Ausbruche, wenn es ſein müßte, bereite Mine nicht, ſah er die Schlange nicht, welche unter dieſe Beifügung geſchlüpft war und ihr ziſchendes Haupt erheben würde, ſobald der Augenblick gekommen wäre, oder war es endlich ihm ſelbſt, da er wohl wußte, welche Gefahr er als Verfaſſer dieſer Petition lief, nicht unangenehm, ſich eine Ausgangsthüre vorzubehalten, er machte keine Einwendung, fügte den Satz bei und ſagte: 6„In der That, das wird uns einige Conſtitutionelle anſchließen... die Idee iſt gut, Herr Laclos!“ Der Reſt der Petition entſprach dem Gefühle, das ihren Beſchluß veranlaßt hatte. Am andern Tage begeben ſich Pétion, Briſſot, Danton, Camille Desmoulins und Laclos zu den Jaco⸗ binern. Sie überbringen die Petition. Der Saal iſt leer oder beinahe leer. — —)—= 8——— 8 d n — 221 Barnave hatte ſich nicht getäuſcht: die Deſertion war vollſtändig. Sogleich läuft Pétion zu den Feuillants. Wen findet er dort? Barnave, Duvort und Lameth, die eine Adreſſe an die Jacobiner⸗Geſellſchaften der Provinz abfaſſen, eine Adreſſe, durch welche ſie dieſen verkündigen, der Club der Jacobiner beſtehe nicht mehr und ſei zu den Fenillants unter dem Titel Geſell⸗ ſchaft der Freunde der Conſtitution überge⸗ gangen. Dieſe ſſociation, deren Gründung ſo viel Mühe gekoſtet hat und die ſich wie ein Netz über ganz Frank⸗ reich ausbreitet, wird alſo, gelähmt durch das Zaudern, zu handeln und zu wirken aufhören. Wem wird Frankreich glauben, wem wird es ge⸗ horchen, den alten oder den neuen Jacobinern? Mittlerweile wird man den contrerevolutionären Staatsſtreich machen, und das Volk, das keinen Stütz⸗ punkt hat, wird mit dem Glauben an diejenigen, welche für daſſelbe wachen, entſchlummernd, beſiegt und ge⸗ knebelt aufwachen. Es handelt ſich darnm, dem Sturme die Stirne zu ieten. Jeder wird ſeine Proteſtation abfaſſen und in der Provinz dahin ſchicken, wo er einiges Anſehen zu haben glaubt. Roland iſt der ſpecielle Deputirte von Lyon; er hat einen großen Einfluß auf die zweite Hauptſtadt des Königreichs; Danton, ehe er ſich nach dem Marsfelde begibt,— wo man, in Ermangelung der Jacobiner, die man nicht gefunden hat, das Volk die Petition unterzeichnen laſſen ſoll,— geht zu Roland, erklärt ihm die Lage der Dinge und fordert ihn auf, ohne Verzug an die Lyoner eine Proteſtation zu ſchicken, wo⸗ bei er ſich in Betreff der Abfaſſung dieſes wichtigen Stückes auf ihn verläßt. 222 Das Volk von Lyon wird dem Volke von Paris die Hand reichen und zu gleicher Zeit mit dieſem prote⸗ ſtiren. Dieſe von ihrem Gatten abgefaßte Proteſtation iſt es, was Madame Roland abſchreibt. Danton aber iſt zu ſeinen Freunden auf dem Mars⸗ felde zurückgekehrt. In dem Augenblick, wo er ankommt, wird eine große Diseuſſion ausgefochten: mitten auf einer unge⸗ heuren Arena iſt der für das Feſt am 14. errichtete Altar des Vaterlandes; er iſt hier wie das Gerippe der Vergangenheit ſtehen geblieben. Es iſt, wie wir aus Anlaß der Förderation von 1790 geſagt haben, eine Plattform, zu der man auf vier, den vier Cardinalpunkten entſprechenden, Stufen hinaufſteigt. Auf dem Altar iſt ein Gemälde, den Triumph von Voltaire, der am 12 ſtattgefunden hat, darſtellend; auf dem Gemälde iſt der Anſchlag der Cordeliers mit dem Schwure von Brutus. Die Discuſſion fand gerade über die von Laclos in die Petition eingeſchobenen vier Worte ſtatt. Sie wären beinahe unbemerkt durchgegangen, als ein Menſch, der nach ſeiner Tracht und ſeinen Manieren der Volksclaſſe anzugehören ſchien, ein Menſch von einer Offenherzigkeit, welche an Gewaltthätigkeit gränzte, un⸗ geſtüm den Leſer unterbrach und ausrief: „Halt! halt! man täuſcht das Volk!“ Wie ſo?“ fragte der Leſer. „Mit den Worten:„„Alle conſtitutionelle Mittel,““ erſetzt Ihr 1 durch 1... Ihr macht wieder ein König⸗ thum, und wir wollen keinen König mehr.“ „Nein, kein Königthum mehr! nein, keinen König mehr!“ rief die Mehrzahl der Anweſenden. Seltſame Erſcheinung! es waren nun die Jacobiner, welche die Partie des Königsthums nahmen. 223 is„Meine Herren, meine Herren,“ riefen ſie,„nehmen Sie ſich in Acht! kein Königthum mehr, keinen König mehr, das iſt die Erhebung der Republik, und wir ſind iſt nicht reif für die Republik.“ „Wir find nicht reif?“ verſetzte der Mann aus dem Volke? Es mag ſein... Doch ein paar Sonnen 3 wie die von Varennes werden uns reifen.“ 6„Zur Abſtimmung! die Petition zur Abſtimmung!“ S„Abſtimmung!“ wiederholten diejenigen, welche ſchon 3 gerufen hatten:„Kein Königthum mehr! keinen König mehr!“ Man mußte abſtimmen. „Diejenigen, welche wollen, daß man weder Ludwig uf XVI., noch irgend einen andern König anerkenne, mögen 3 die Hand aufheben,“ ſprach der Unbekannte. Es erhob eine ſo mächtige Majvrität die Hände, daß nicht einmal die Gegenabſtimmung vorzunehmen atte. 5„Gut,“ rief der Aufreizer,„morgen, am 17. Juli, wird ganz Paris hier ſein, um die Petition zu unter⸗ os zeichnen. Ich, Billot, übernehme es, die Einwohnerſchaft in Kenntniß zu ſetzen.“ s Bei dem Namen Billot erkannte Jeder den furcht⸗ F baren Pächter, der, in Begleitung des Adjutanten von 5 Lafahette, den König in Varennes verhaſtet und nach Paris zurückgeführt hatte. So waren mit dem erſten Schlage die Kühnſten der Cordeliers und der Jacobiner übertroffen; von wem? Von einem Manne aus dem Volke, das heißt vom In⸗ ſtincte der Maſſen; ſo daß Camille Desmoulins, Danton, Briſſot und Pétion erklärten, ihrer Anſicht nach, da ein ſolcher Act von Seiten der Pariſer Bevölkerung nicht in Erfüllung gehen könne, ohne einen Sturm zu erregen, 8 ſei es nothwendig, zuerſt vom Stadthauſe die Erlaub⸗ niß zu erlangen, ſich am andern Tage verſammeln zu dürfen. 224 Gut,“ rief der Mann aus dem Volke, erlangt, und wenu Ihr nicht erlangt, ſo werde ich verlangen.“ Camille Desmoulins und Briſſot wurden mit dieſem Schritte beauftragt. Bailly war abweſend; man fand nur den erſten Syndicus. Dieſer nahm nichts auf ſich, ſchlug nichts ab, ermächtigte aber auch zu nichts. Er beſchränkte ſich nur darauf, daß er mündlich die Petition billigte. Briſſot und Camille Desmoulins verließen das Stadthans, in⸗ dem ſie ſich als ermächtigt betrachteten. Unmittelbar nach ihrem Abgange ſchickte der Syn⸗. dicus zur Nationalverſammlung und ließ ſie von dem Schritte, den man bei ihm gethan hatte, in Kenntniß ſetzen. Die Nationalverſammlung war bei ihrer Blöße an⸗ gegriffen. Sie hatte nichts beſchloſſen hinſichtlich der Lage des flüchtigen, von ſeinem Königstitel ſuspendirten, in Va⸗ rennes eingeholten, nach den Tuilerien zurückgeführten und ſeit dem 26. Juni wie ein Gefangener bewachten Ludwig XVI. Es war keine Zeit zu verlieren. Desmeuniers beantragte, mit allem Anſchein eines Feindes der königlichen Familie, einen in folgenden Wor⸗ ten abgefaßten Decretsentwurf: „Die Suspenſion der executiven Gewalt wird dauern, bis die Verfaſſungsurkunde dem König vorgelegt und von ihm angenommen worden iſt.“ Um ſieben Uhr Abends beantragt, war das Decret um acht Uhr mit einer ungeheuren Stimmenmehrheit an⸗ genommen. Die Petitivn des Volks war alſo unnütz: nur ſus⸗ pendirt bis zum Tage, wo er die Conſtitution annehmen es a⸗ en en tes or⸗ rn, ret an⸗ us⸗ nen 225 würde, war der König wieder durch dieſe einfache Annahme König wie zuvor. Jeder, der die Entſetzung eines conſtitutionell durch die Nationalverſammlung in ſeiner Würde erhaltenen Königs verlangen wird, ſo lange ſich der König zu Er⸗ füllung dieſer Bedingung geneigt zeigt, wird alſo ein Rebell ſein. Da aber die Lage der Dinge ernſt iſt, ſo wird man die Rebellen durch alle mögliche Mittel verfolgen, welche das Geſetz zur Verfügung ſeiner Agenten ſtellt. Es verſammelten ſich auch am Abend der Maire und der Municipalrath im Stadthanſe. Die Sitzung wurde um halb zehn Uhr eröffnet. Um zehn Uhr hatte man beſchloſſen, am andern Tage, am Sonntag dem 17., müſſe Morgens um acht Uhr das, ſchon gedruckte und an allen Mauern von Paris angeſchlagene, Decret der Nationalverſammlung auch noch beim Trompetenſchalle auf allen Kreuzwegen von den Notablen und den Huiſſiers der Stadt unter gehöriger Truppenbedeckung verkündigt werden. Eine Stunde, nachdem dieſer Beſchluß gefaßt war⸗ kannte man ihn bei den Jacobinern. Die Jacobiner fühlten ſich ſehr ſchwach: der Ueber⸗ gang der Mehrzahl derſelben zu den Feuillants ließ ſie vereinzelt und ohne Stärke. Sie fügten ſich. Santerre, der Mann des Faubourg Saint⸗Antoine, der volksbeliebte Brauer der Baſtille, derjenige, welcher der Nachfolger von Lafayette werden ſollte, übernahm es, im Namen der Geſellſchaft, nach dem Marsfelde zu gehen und die Petition zurückzuziehen. Die Cordeliers zeigten ſich noch klüger. Danton erklärte, er werde den andern Tag in Fon⸗ tenay⸗ſous.Bois zubringen; ſein Schwiegervater, der Limonadier, hatte dort ein kleines Landhaus. Die Gräſin von Charny. V. 15 226 Legendre verſprach ihm ungefähr, ihm dahin mit Desmoulins und Fréron zu folgen. Die Roland erhielten ein Billetchen, in welchem man ſie benachrichtigte, es ſei unnöthig, daß ſie ihre Prote⸗ ſtation nach Lyon ſchicken. Alles ſei verfehlt oder aufgeſchoben. Es war nahe an Mitternacht, und Madame Roland hatte ſo eben ihre Abſchrift der Proteſtation beendigt, als das Billetchen von Danton ankam, das man durchaus nicht begreifen konnte. Gerade in dieſem Augenblick legten zwei Männer, welche in einer Hinterſtube einer Schenke des Gros⸗ Caillon an einem Tiſche ſaßen und die dritte Flaſche Wein für fünfzehn Sous leerten, die letzte Hand an einen ſeltſamen Plan. Dieſe zwei Männer waren ein Perückenmacher und ein Invalide. „Ah! was für ſchreckliche Gedanken habt Ihr doch⸗ Herr Lajariette!“ ſagte der Invalide, auf eine obſcöne, alberne Weiſe lachend. „So iſt es, Vater Rémy,“ verſotzte der Perücken⸗ macher;„nicht wahr, Ihr begreift? Vor Tagesanbruch gehen wir nach dem Marsfelde; wir heben ein Brett vom Altar des Vaterlandes auf; wir ſchlüpfen darnnter; wir legen das Brett wieder an ſeinen Platz; dann ma⸗ chen wir mit einem Bohrer, mit einem dicken Bohrer Löcher in das Brett... Junge und hübſche Bürgerinnen in Menge werden auf den Altar des Vaterlands kom⸗ men, um die Petition zu unterzeichnen, und, bei meiner Treue, durch die Löcher... Das obſcöne, alberne Gelächter des Invaliden ver⸗ doppelte ſich. Offenbar ſchaute er, in der Einbildung⸗ ſchon durch die Löcher vom Altar des Vaterlands. Der Perückenmacher lachte nicht ſo gumüthig; die ehrenwerthe und ariſtokratiſche Körperſchaft der Perücken⸗ macher, zu der er gehörte, war zu Grunde gerichtet durch das Unglück der Zeiten; die Emigration hatte den Coiffure Künſtlern,— nach dem, was wir von den Coif⸗ furen der Königin geſehen, war die Coiffure eine Kunſt zu jener Zeit,— die Emigration, ſagen wir, hatte die⸗ ſen Künſtlern ihre beſten Kunden genommen. Ueberdies hatte Talma den Titus in Berenice geſpielt, und die Art, wie er ſich coiffirt, hatte eine neue Mode geſchaffen, welche darin beſtand, daß man die Haare kurz und ohne Puder trug. Im Allgemeinen waren alſo die Perückenmacher Royaliſten. Leſet Prudhomme, und Ihr werdet ſehen, daß ſich am Tage der Hinrichtung des Königs ein Pe⸗ rückenmacher den Hals abſchnitt. Es war aber ein guter Streich, der ſich den nichtsnutzi⸗ gen Patriotinnen, wie ſie die wenigen in Frankreich zurück⸗ gebliebenen vornehmen Damen nannten, ſpielen ließ, fie unter einem Brette hervor zu beſchauen, und Meiſter Lajariette rechnete auf ſeine erotiſchen Erinnerungen, um damit einen Monat lang ſeine Converſationen am Mor⸗ gen zu ſchmücken. Der Gedanke dieſes Scherzes war ihm gekommen, während er mit einem ſeiner Freunde, einem alten Braven, trank, und er theilte es ihm mit und dieſer fühlte darüber die Nerven des Beines beben, das er bei Fontenay gelaſſen und großmüthig vom Staate, durch ein hölzernes Bein erſetzt erhalten hatte. Dem zu Folge verlangten die zwei Trinker eine vierte Flaſche, welche der Wirth herbeizubringen ſich be⸗ eilte. Sie wollten ſie eben angreifen, als der Invalide auch eine Idee hatte. Es war die Idee, ein Fäßchen zu kaufen, die Flaſche in das Fäßchen ſtatt in ihre Gläſer zu gießen, zwei wei⸗ tere Flaſchen dieſem beizufügen, für den Angenblick ihren Durſt unberückſichtigt zu laſſen und das Fäßchen mitzu⸗ nehmen. 228 Der Juvalide ſtützte ſeinen Vorſchlag auf das Ariom, es ſei ſehr erhitzend, in die Luft zu ſchauen. Der Perückenmacher lächelte huldreich; und da der Wirth ſeinen zwei Gäſten bemerkte, wenn ſie nicht mehr trinken, ſei es unnütz, daß ſie in der Schenke bleiben, ſo kamen unſere zwei Schlauköpfe mit ihm über den Preis eines Bohrers und eines Fäßchens überein, ſteckten den Bohrer in ihre Taſche, goßen ihre drei Flaſchen Wein in das Fäßchen, und wandten ſich auf den Schlag zwölf Uhr mitten durch die Finſterniß nach dem Mars⸗ felde, hoben das Brett auf, ſtreckten ſich,— das Föß⸗ chen zwiſchen Beiden,— weich auf dem Sande aus und entſchliefen. CVII. Die Petition. Es gibt gewiſſe Augenblicke, wo das Volk, durch fucceſſive Aufregungen, wie eine Fluth ſteigt und einer großen Abkühlung bedarf, um, wie der Ocean, in das Bett zurückzukehren, das ihm die Natur gegraben hat. So war es mit dem Pariſer Volke während der er⸗ ſten vierzehn Tage des Juli, in denen es ſo viele Er⸗ eigniſſe in Gährung gebracht hatte. Am Sonntag dem 10. war man dem Zuge von Vol⸗ taire entgegengegangen; doch das ſchlechte Wetter ver⸗ hinderte es, daß das Feſt ſtattfand, und der Zug hielt bei der Barrisre von Charenton an, wo die Menge den ganzen Tag geſtanden war. 229 Am Montag dem 11. hatte ſich das Wetter aufge⸗ hellt; der Zug ſetzte ſich in Bewegung, durchſchnitt Paris unter einem ungeheuren Volkszuſammenlaufe und machte Halt vor dem Hauſe, wo der Verfaſſer des Pictionnaire philosophique und der Pucelle geſtorben war, um Ma⸗ dame Villette, ſeiner Adoptivtochter, und der Familie der Calas Zeit zu laſſen, den Sarg zu bekränzen, der von den Chören der Künſtler der großen Oper begrüßt wurde. Am Mittwoch dem 13. Schauſpiel in Notre⸗Dame; man ſpielt dort die Einnahme der Baſtille mit großem Orcheſter. Am Donnerstag dem 14. Jahrestag der Föderation, Wallfahrt nach dem Altar des Vaterlands; drei Viertel von Paris ſind auf dem Marsfelde, und die Köpfe er⸗ hitzen ſich immer mehr bei dem tauſendfach wiederholten Rufe:„Es lebe die Nation!“ und beim Anblick der all⸗ gemeinen Beleuchtung, unter der der Palaſt der Tui⸗ lerien, düſter und ſtumm, ein Grab zu ſein ſcheint. Am Freitag dem 15. Abſtimmung in der Kammer, beſchützt durch die viertauſend Bajonnete und die tauſend Pieken von Lafayette, Petition der Menge, Schluß der Theater, Lärmen und Geräuſche aller Art den Abend hin⸗ durch und einen Theil der Nacht. Am 16. endlich Deſertion der Jacobiner, um zu den Feuillants überzugehen; heftige Sceuen auf dem Pont⸗ Neuf, wo Menſchen von der Polizei Fréron ſchlagen und einen Engländer nebſt einem italieniſchen Sprachmeiſter Namens Rotondo verhaften; Aufregung auf dem Mars⸗ felde, wo Billot in der Petition den Satz von Laclos entdeckt; Volksabſtimmung über die Eutſetzung von Lud⸗ wig XVI.; Zuſammenkunft beſchloſſen für den andern Cag, um die Petition zu unterzeichnen. Finſtere, bewegte Nacht voller Tumulte, wo, wäh⸗ rend die großen Führer der Jacobiner und Cordeliers ſich verbergen, weil ſie das Spiel ihrer Gegner kennen, 230 die gewiſſenhaften und naiven Männer der Partei ſich verſprechen, zuſammenzukommen und, was auch ge⸗ möge, dem angefangenen Unternehmen Folge zu eben. Dann wachen noch Andere in weniger redlichen und beſonders weniger philanthropiſchen Gefühlen; das ſind die Menſchen des Haſſes, die man bei jeder großen Er⸗ ſchütterung der Geſellſchaft wiederfindet, dieſe Leute, welche die Unruhe, den Tumult, den Anblick des Blutes lie⸗ ben, wie die Geier und die Tiger die Heere lieben, die ſich ſchlagen und ihnen Leichname liefern. Marat in ſeiner unterirdiſchen Wohnung, wohin ihn ſeine Monomauie verweiſt, Marat glaubt immer ver⸗ folgt, bedroht zu ſein, oder ſtellt ſich, als glaubte er es: er ſieht in der Finſterniß wie die Raubthiere und die Nachtvögel; aus dieſer Finſterniß kommen, wie aus der Höhle von Trophonius oder von Delphi, alle Morgen Unheil weiſſagende Orakel hervor, zerſtreut auf Blättern des Journals, das man den Ami du peuple nennt. Seit ein paar Tagen ſchwitzt das Blatt von Marat Blut; ſeit der Rückkehr des Königs ſchlägt er als einziges Mittel, die Rechte und die Intereſſen des Volkes zu ſchirmen, einen einzigen Dictator und eine allgemeine Schlächterei vor. Nach der Behauptung von Marat muß man vyr Allem die Nationalverſammlung erwürgen und die Behörden aufhängen; dann beautragt er, in Form einer Variante, da ihm das Erwürgen und das Hängen nicht genügen, die Hände abzuſägen, die Daumen abzu⸗ ſchneiden, lebendig zu begraben, auf Pfähle zu ſtecken! Es iſt Zeit, daß der Arzt von Marat nach ſeiner Ge⸗ wohnheit kommt und ihm ſagt:„Sie ſchreiben roth, Marat, ich muß Ihnen zur Ader laſſen!“ Verriore, dieſer abſcheuliche Buckelige, dieſer entſetz⸗ liche Zwerg mit den langen Armen und den langen Bei⸗ nen, den wir am Anfange dieſes Buches haben erſcheinen ſehen, um den 5. und 6. October zu machen, und der, 231 nachdem der 5. und der 6. October gemacht waren, in die Dunkelheit zurückgekehrt iſt,— am Abend des 16. iſt er wieder erſchienen, man hat ihn wieder geſehen, eine Viſion der Apokalypſe, ſagt Michelet, auf dem weißen Pferde des Todes reitend, an deſſen Flanken ſeine langen Beine mit den dicken Knieen und den großen Füßen bau⸗ melten; er hat an jeder Straßenecke, auf jedem Kreuz⸗ wege angehalten und, ein Unglücksherold, für den andern Tag das Volk auf das Marsfeld zuſammenberufen. Fournier, der ſich zum erſten Male producirt und den man Fournier den Amerikaner nennen wird, nicht weil er in Amerika geboren iſt,— Fournier iſt ein Au⸗ vergnat,— ſondern weil er in St. Domingo Sklaven⸗ jäger war; Fournier zu Grunde gerichtet, erbittert durch einen verlorenen Proceß, außer ſich durch das Stillſchwei⸗ gen, mit dem die Nationalverſammlung die zwanzig Pe⸗ titionen, die er ihr nach und nach zugeſchickt, aufgenom⸗ men hat, und das iſt ganz einfach, die Führer der Na⸗ tionalverſammlung ſind Pflanzer: die Lameth, oder Freunde der Pflanzer: Duport, Barnave. Bei der erſten Gelegenheit wird er ſich auch rächen, das gelobt er ſich⸗ und er wird ſein Wort halten, dieſer Menſch, der in ſei⸗ nem Geiſte die Tücke des Viehs und in ſeinem Geſichte das Grinſen der Hyäne hat. Seht, dies iſt die Lage Aller in der Nacht vom 16. auf den 17. Der König und die Königin warten ängſtlich in den Tuilerien: Barnave hat ihnen einen Triumph über das Volk verſprochen; er hat ihnen nicht geſagt, welcher Triumph es wäre, noch auf welche Art er ſich bewerk⸗ ſtelligen würde; daran war ihnen auch wenig gelegen! Sie bekümmerten ſich nichts um die Mittel; man handelte für ſie.. Nur wünſcht der König dieſen Triumph, weil er die Stellung des Königthums verbeſſern, die Kö⸗ nigin, weil dies ein Anfang der Rache ſein wird, und 232 dieſes Volk hat ſie ſo viel leiden laſſen, daß es ihr nach ihrer Meinung wohl erlaubt iſt, ſich zu rächen. Geſtützt auf eine erkünſtelte Majorität, wartet die Nationalverſammlung mit einer gewiſſen Ruhe; ihre Maßregeln ſind getroffen, ſie wird, was auch geſchehen mag, das Geſetz für ſich haben, und eintretenden Falles, wenn das Bedürfniß gekommen iſt, wird ſie das ſupreme Wort öffentliches Wohl! anrufen. Lafayette wartet auch ohne Furcht: er hat ſeine Nationalgarde, die ihm noch ganz ergeben iſt, und unter dieſer Rationalgarde ein Corps von neunhundert Mann⸗ beſtehend aus ehemaligen Militären, Gardes⸗Frangaiſes und Freiwilligen. Dieſes Corps gehört mehr dem Heere als der Stadt; es iſt überdies bezahlt: auch nennt man es die beſoldete Garde. Iſt am andern Tage eine furchtbare Execution vorzunehmen, ſo wird dieſes Corps ſie vollziehen. Bailly und die Municipalität warten ihrerſeits. Bailly, nach einem ganz im Studium und im Cabinet zugebrachten Leben, wird plötzlich in die Politik hinein⸗ und aufdie öffentlichen Plätze und die Kreuzwege hinaus⸗ geſtoßen. Er hat am Tage vorher von der Nationalver⸗ ſammlung einen Verweis wegen der Schwäche erhalten⸗ die er am Abend des 15. gezeigt, und er iſt eingeſchlafen⸗ den Kopf auf das Kriegsgeſetz geſtützt, das er am an⸗ dern Tage, wenn es Noth thut, in ſeiner ganzen Strenge anwenden wird. Die Jacobiner warten, doch in der volltändigſten Dislocation. Robespierre iſt verborgen; Laclos, der ſeine Phraſe hat durchſtreichen ſehen, ſchmollt; Pétion, Buzot und Briſſot halten ſich bereit, in der Vorausſetzung, der kommende Tag werde ein harter ſein; Santerre, der Morgens um eilf Uhr nach dem Marsfelde gehen ſoll, die Petition zurückzuziehen, wird ihnen Nachrichten geben. Die Cordeliers haben abgedankt. Danton iſt, wie 9 233 geſagt, in Fontenay bei ſeinem Schwiegervater, Legendre, Fréron und Camille Desmonlins werden ihm dahin nachfolgen. Der Reſt wird nichts thun: der Kopf fehlt. Das Volk, das von Allem dem nichts weiß, wird nach dem Marsfelde gehen; es wird die Petition unter⸗ zeichnen, es wird rufen:„Es lebe die Nation!“ es wird in der Runde um den Altar des Vaterlands tanzen und dabei das berüchtige Ca ira von 1790 ſingen. Zwiſchen 1790 und 1791 hat die Reaction einen Abgrund gegraben; um dieſen Abgrund zu füllen, wird man die Todten des 17. Juli brauchen! Wie dem auch ſein mag, der Tag brach herrlich an. Von Morgens um vier Uhr an begannen alle dieſe klei⸗ nen herumziehenden Gewerbsleute, die von den Mengen leben, dieſe Zigeuner der großen Städte, welche Süß⸗ holzwaſſer, Pfefferkuchen, Backwerk verkaufen, nach dem Altar des Vaterlands zu ziehen, der ſich einſam mitten auf dem Marsfelde, einem großen Katafalke ähnlich, erhob. Ein Maler, welcher, ſeinen Platz etwa zwanzig Schritte von der dem Fluſſe zugekehrten Seite hatte, machte eine höchſt genaue Zeichnung davon. Um halb fünf Uhr zählt man ſchon ungefähr hun⸗ dertundfünfzig Perſonen auf dem Marsfelde. Die Menſchen, die ſo früh am Morgen aufſtehen, ſind in der Regel die, weiche ſchlecht geſchlafen haben, und die Meiſten von denen, die ſchlecht ſchlafen,— ich ſpreche von Männern und Frauen aus dem Volke,— ſu Leute, welche ſchlecht oder gar nicht zu Nacht gegeſſen aben. Wenn man nicht zu Nacht gegeſſen oder ſchlecht zu Nacht gegeſſen hat, ſo iſt man gewöhnlich Morgens um vier Uhr übler Laune. Es fanden ſich alſo unter dieſen hundertundfünfzig Perſonen, die den Altar des Vaterlands umgaben⸗ nicht wenig Lente von ſchlimmer Laune und beſonders von ſchlimmem Ausſehen⸗. 234 Plötzlich ſtößt eine Frau, eine Limonadehändlerin, welche auf die Stufen des Altars geſtiegen iſt, einen Schrei aus. Die Spitze eines Bohrers iſt in ihren Schuh ein⸗ gedrungen. Sie ruft, man eilt hinzu. Der Boden iſt von Lö⸗ chern durchhöhlt, deren Urſache und Zweck man nicht begreift; nur dentet der Bohrer, der in den Schuh der Limonadehändlerin eingedrungen iſt, die Gegenwart von einem oder mehreren Menſchen unter der Plattform vom Altar des Vaterlandes an. Was können ſie hier machen? Man ruft ſie an, man fordert ſie auf, zu antworten, ihre Abſichten zu nennen, hervorzukommen, zu erſcheinen. Keine Antwort. Der Schmierer ſteht von ſeinem Schemel auf, ver⸗ läßt ſeine Leinwand und läuft nach dem Gros⸗Caillou, um hier die Wache zu holen. Die Wache, welche in einer mit einem Bohrer in den Fuß geſtochenen Frau kein genügendes Motiv ſich zu bemühen ſieht, verweigert den Dienſt und ſchickt den Schmierer zurück. Bei der Rückkehr von dieſem erreicht die Erbitterung den höchſten Grad. Alle Welt iſt um den Altar des Va⸗ terlandes zuſammengeſchaart,— wenigſtens dreihundert Perſonen. Man hebt ein Brett auf, man dringt in die Höhle ein; man findet den Perückenmacher und unſern Invaliden, Beide ganz verblüfft. Der Perückenmacher, der im Bohrer ein Ueberführ⸗ ungsmittel geſehen hat, wirft ihn fern von ſich; doch er hat nicht an die Beſeitigung des Fäßchens gedacht. Man packt Beide beim Kragen, man nöthigt ſie, auf die Plattform zu ſteigen, man befragt ſie über ihre Abſichten, und da ſie ſtammeln und ſtocken, ſo führt man ſie zum Commiſſär. Hier befragt, geſtehen ſie, in welchem Zwecke ſie ſich — 1— 235 verborgen haben; der Commiſſär ſieht hierin nur einen Scherz ohne Folgen und ſetzt ſie wieder in Freiheit; doch vor der Thüre finden ſie die Wäſcherinnen des Gros⸗ Faillon mit ihren Bläueln in der Hand. Die Wäſcherin⸗ nen des Gros Caillou ſind, wie es ſcheint, ſehr kitzlig im Punkte der Ehre der Frauen: ſie fallen, erzürnte Dianen⸗ mit gewaltigen Bläuelſtreichen über die modernen Ac⸗ teons her. In dieſem Augenblick läuft ein Menſch herbei: man hat unter dem Altar des Vaterlandes ein Pulverfaß ge⸗ funden; die zwei Schuldigen waren dort, nicht, wie ſie geſagt haben, um Löcher zu bohren und in die Luft zu ſchauen, ſondern um die Patrioten in die Luft zu ſprengen. Man brauchte nur den Zapfen des Fäßchens zu ziehen und ſich zu verſichern, daß es Wein und nicht Pulver war, was es enthielt; man brauchte nur zu be⸗ denken, daß die zwei Verſchwörer, wenn ſie Feuer an das Fäßchen legten,— angenommen, dieſes Fäßchen enthielt Pulver,— ſich zuerſt und noch viel ſicherer als die Patrioten in die Luft ſprengten, und die zwei an⸗ geblichen Schuldigen waren gerechtfertigt, ihre Unſchuld hatte ſich erwieſen; doch es gibt Angenblicke, wo man nichts überlegt, wo man nichts bewahrheitet, oder vielmehr, wo man nicht überlegen will, wo man etwas zu bewahr⸗ heiten ſich wohl hütet. Auf der Stelle verwandelt ſich der Windſtoß in ei⸗ nen Sturm. Eine Gruppe Menſchen erſcheint; woher kommt ſie? Man weiß es nicht.. Woher kamen jene Menſchen, welche Foulon, Berthier, Fleſſelles ge⸗ tödtet, welche den 5. und 6. October gemacht haben? Aus der Finſterniß, in die ſie zurückkehren, wenn ihr Todeswerk beendigt iſt. Dieſe Menſchen bemächtigen ſich des unglücklichen Invaliden und des armen Perückenma⸗ chers; Beide werden niedergeworfen; der Eine von ihnen⸗ der Invalide, erhebt ſich, von Meſſerſtichen durchbohrt, nicht mehr; der Andere, der Perückenmacher, wird unter 236 eine Laterne geſchleppt: man ſchlingt ihm einen Strick um den Hals und hißt ihn auf. In einer Höhe von un⸗ gefähr zehn Fuß zerreißt das Gewicht ſeines Körpers den Strick. Er fällt lebendig nieder, zerarbeitet ſich einen Angenblick und ſieht den Kopf ſeines Gefährten am Ende einer Pieke. wie fand ſich gerade hier eine Pieke?.. Bei dieſem Anblick ſtößt er einen Schrei aus und wird ohnmächtig. Da ſchneidet oder ſägt man ihm vielmehr den Kopf ab, und es findet ſich wie gerufen eine zweite Pieke, um die blutige Trophäe in Empfang zu nehmen! Sogleich bemächtigt ſich der Menge das Bedürfniß, die zwei abgeſchnittenen Koͤpfe in Paris umherzutragen, und gefolgt von etwa hundert ihnen ähnlichen Banditen ſchlagen die Kopfträger ſingend den Weg nach der Rue de Grenelle ein. Um nenn Uhr verkündigten die Municipalbeamten, die Notabeln, mit Huiſſiers und Trompetern, auf dem Platze des Palais Royal das Decret der Nationalver⸗ ſammlung und die Repreſſivmaßregeln, welche jede Ver⸗ letzung dieſes Decretes nach ſich ziehen würde, als durch die Rue Saint Thomas⸗du⸗Louvre die Mörder ausmün⸗ deten. Der Municipalität wurde hiedurch eine bewunderungs⸗ würdige Stellung gemacht: ſo herb ihre Maßregeln waren, ſie würden nie die Höhe des Verbrechens erreichen, das ſo eben begangen worden. Die Nationalverſammlung fing an ſich in ihrem Lo⸗ cale einzufinden; vom Platze des Palais Royal bis zur Reitſchule war es nicht weit; die Neuigkeit macht nur einen Sprung und bricht im Saale aus. Nur ſind es nicht mehr ein Perückenmacher und ein Invalide, die man übermäßig wegen eines Bubenſtreiches beſtraft hat; es ſind zwei gute Bürger, zwei Freunde der Ordnung, welche man ermordet, weil ſie den Revolu⸗ tionären Achtung vor den Geſetzen empfohlen haben. — —„ 1 S i5— u— ——— 237 Da ſtürzt Regnault von Saint⸗Jean d'Angely auf die Tribune und ruft: „Bürger, ich verlange das Kriegsgeſetz, ich verlange, daß die Rationalverſammlung diejenigen, welche durch individnelle oder collective Schriften das Volk zum Widerſtande bewegen würden, als ſchuldig des Verbrechens der beleidigten Nation erklärt.“ Die Nationalverſammlung erhebt ſich beinahe ganz und erklärt auf die Motion von Regnault von Saint⸗Jean d'Angely als ſchuldig des Verbrechens der beleidigten Nation diejenigen, welche durch individuelle oder collective Schriften das Volk zum Widerſtande be⸗ wegen. Somit ſind die Petitionäre ſchuldig des Verbrechens der beleidigten Nation. Das iſt es, was man wollte. Robespierre war in einem Winkel der Nationalver⸗ ſammlung verborgen; er hörte den Beſchluß verkündigen und lief zu den Jacobinern, um ihnen Nachricht von der Maßregel zu geben, welche getroffen worden. Der Saal der Jacobiner war verlaſſen; kaum fünf⸗ undzwanzig bis dreißig Mitglieder irrten in dem alten Kloſter umher. Santerre war da und wartete auf die Befehle der Häupter. Man ſchickt Santerre nach dem Marsfelde ab, daß er die Petitionäre von der Gefahr, die ſie laufen, be⸗ nachrichtige. Er findet ſie, zwei⸗ bis dreihundert an der Zahl, auf dem Altar des Vaterlands, die Petition der Jaco⸗ biner unterzeichnend. Der Mann des vorhergehenden Tages, Billot, iſt der Mittelpunkt dieſer großen Bewegung; er verſteht es nicht, zu ſchreiben, doch er hat ſeinen Namen genannt, er hat ſich die Hand führen laſſen und hat Einer der Erſten unterzeichnet. Santerre ſteigt zum Altar des Vaterlandes hinauf⸗ verkündigt, die Nationalverſammlung habe ſo eben Jeden 238 als Rebellen proclamirt, der es wagen würde, die Ent⸗ ſetzung des Königs zu verlangen, und erklärt, er ſei von den Jacobinern abgeſandt, um die von Briſſot verfaßte Petition zurückzuziehen. Billot ſteigt drei Stufen hinab und befindet ſich von Angeſicht zu Angeſicht dem berühmten Bierbrauer gegen⸗ über. Die zwei Männer des Volks ſchauen ſich an, 1 prüfen ſich, Beide Symbole der zwei materiellen Kräfte, r welche in dieſem Augenblick die Provinz, Paris in Be⸗ b wegung ſetzten. Beide erkennen ſich als Brüder: ſie haben neben einander bei der Baſtille gekämpſft. „Es iſt gut!“ ſpricht Billot,„man kann den Jaco⸗ binern ihre Petition zurückgeben; doch man wird eine neue machen.“ „Und dieſe Petition,“ ſagt Santerre,„braucht man nur zu mir nach dem Faubvurg Saint⸗Antoine zu brin⸗. gen; ich werde ſie unterzeichnen und von meinen Arbei⸗ tern unterzeichnen laſſen.“ Und er reichte ihm ſeine breite Hand, in die Billot die ſeinige legte. Beim Anblick dieſer mächtigen Brüderſchaft, welche die Provinz mit der Stadt verbindet, klatſcht man Beifall. Billot gibt Santerre ſeine Petition zurück, und dieſer entfernt ſich, indem er dem Volke eine von den Geberden des Verſprechens und der Beiſtimmung macht, in denen ſich das Volk nicht tänſcht; überdies fängt es an Santerre zu kennen. „Die Jacobiner haben nun Angſt,“ ſpricht Billot, „gut; da ſie Angſt haben, ſo ſind ſie berechtigt, ihre Petition zurückzuziehen, auch gut; doch wir, diewir keine Angſt haben, ſind berechtigt, eine neue zu machen.“⸗ „Ja, ja,“ rufen mehrere Stimmen,„eine andere Petition! hier! morgen!“ —„— 1 239 „Und warum nicht heute?“ fragt Billot;„morgen! wer weiß, was von jetzt bis morgen geſchehen wird?“ „Ja, ja,“ rufen mehrere Stimmen,„heute! ſogleich 12 Eine Gruppe ausgezeichneter Leute hat ſich um Bil⸗ lot gebildet: die Stärke beſitzt die Eigenſchaft des Mag⸗ nets: ſie zieht an. Dieſe Gruppe beſteht aus Abgeordneten der Corde⸗ liers oder Liebhaber⸗Jacobinern, welche, ſchlecht unter⸗ richtet oder verwegener als die Häupter, trotz des Gegen⸗ befehls nach dem Marsfelde gekommen ſind. Dieſe Männer hatten, der Mehrzahl nach, damals unbekannte Namen; ſie ſollten alle ungeſänmt dieſen Namen ſehr verſchiedenartige Celebritäten ſchaffen. Es waren: Robert, Fräulein von Kéralio, Roland, Madame Roland, Brune, Buchdrucker⸗Gehülfe, der Mar⸗ ſchall von Frankreich ſein wird; Hébert, öffentlicher Schreiber, zukünftiger Redacteur des furchtbaren Pere Duchsne; Chaumette, Journaliſt und Student der Me⸗ dicin; Sergent, Kupferſtecher, der der Schwager von Marceau ſein und die patriotiſchen Feſte in Scene ſetzen wird; Fabre d'Eglantine, der Verfaſſer der Intrigue epiſtolaire; Henriot, der Gendarme der Guillotine; Maillard, der erſchreckliche Huiſſier des Chatelet, den wir ſeit dem 6. October aus dem Geſichte verloren haben und am 2. September wiederfinden werden; Iſabey Vater und Iſabey Sohn, der Einzige vielleicht von den Schauſpielern dieſer Scene, der ſie erzählen kann, jung und lebhaft, wie er mit achtundachtzig Jahren noch iſt J. „Sogleich!“ rief das Volk, ja, ſogleich!“ Ein ungeheures Beifallsgeſchrei erhob ſich auf dem Marsfelde. „Wer wird aber die Feder führen?“ fragte eine Stimme. *) Im Sommer 1853. 240 Ich, Ihr, nein, Jedermann,“ rief Billot;„das wird wirklich die Petition des Volks ſein.“ Ein Patriot lief weg: er holte Papier, Tinte und Federn. In Erwartung ſeiner Rückkehr nahm man ſich bei den Händen und fing an, das berufene La ira fingend⸗ Faraudolen zu tanzen⸗ Der Patriot kam nach zehn Minuten zurück; er hatte eine Flaſche Tinte, ein Paquet Federn und fünf bis ſechs Hefte Papier gekauft. Da nahm Robert die Feder und ſchrieb, während Fräulein von Kéralio, Madame Roland und Roland nach und nach dictirten, folgende Petition: Petition an die Nationalverſammlung, abgefaßt auf dem Altar des Vaterlands, am . Juli 1791 Repräſentanten der Nation, „Ihr waret dem Ziele Eurer Arbeiten nahe, bald ſollten Nachfolger, Alle vom Volke ernannt, auf Eurer Syur fortſchreiten, ohne den Hinderniſſen zu begegnen, welche Euch die Abgeordneten von zwei privilegirten Klaſſen, nothwendige Feinde aller Grundſätze der heiligen Gleichheit, boten. „Ein großes Verbrechen wird begangen: Ludwig XVI. flieht; er verläßt unwürdig ſeinen Poſten; das Reich iſt zwei Finger breit von der Anarchie entfernt; Bürger verhaften ihn in Vareunes, und er wird nach Paris zurück⸗ geführt. Das Volk dieſer Hauptſtadt bittet Euch inſtän⸗ dig, nichts über das Loos des Schuldigen zu entſcheiden⸗ ehe Ihr den Ausdruck des Willens der zweiundachttig anderen Departements gehört habt. „Ihr verſchiebt: zahlreiche Adreſſen kommen der Na⸗ 1d er n, en en I. er ck⸗ in⸗ eu⸗ tig ta⸗ 241 tionalverſammlung zu; alle Sectionen des Reiches ver⸗ langen gleichzeitig⸗ Ludwig ſoll gerichtet werden. Ihr habt vorläufig entſchieden, er ſei unſchuldig und unver⸗ letzbar, und durch Euer Decret vom 16. erklärt, die con⸗ ſtitutionelle Charte werde ihm vorgelegt werden, ſobald die Conſtitution vollendet ſei.— Geſetzgeber, das war nicht der Wille des Volkes, und wir haben geglaubt, Euer höchſter Ruhm, Eure Pflicht ſogar beſtehe darin, daß Ihr Organ des öffentlichen Willens ſeiet. Ohne Zweifel ſeid Ihr zu dieſer Entſcheidung hingeriſſen worden durch die Menge jener widerſpänſtigen Abgeordneten⸗ welche zum Voraus ihre Proteſtation gegen die Verfaſſung ge⸗ macht haben; aber, Repräſentanten eines edelmüthigen und vertrauensvollen Volkes, erinnert Euch, daß zwei⸗ hundert und neunzig Proteſtirende keine Stimme in der Nationalverſammlung hatten; daß folglich dieſes Decret der Form und dem Inhalte nach null und nichtig iſt; nichtig dem Inhalte nach, weil es dem Willen des Sou⸗ verain widerſpricht; nichtig, der Form nach, weil es von zweihundert und neunzig Individuen ohne die erforderliche Eigenſchaft gegeben wurde. „Dieſe Erwägungen, alle dieſe Rückſichten auf das öffentliche Wohl, der gebieteriſche Wunſch, die Anarchie zu vermeiden, der uns der Mangel an Einklang zwiſchen den Vertretern und den Vertretenen ausſetzen würde, Alles macht es uns zum Geſetze, von Euch im Namen von ganz Frankreich zu verlangen, dieſes Decret wieder aufzuheben; in Betracht zu ziehen, daß das Vergehen von Ludwig XVI. erwieſen iſt, daß dieſer König abge⸗ dankt hat ſeine Abdankung anzunehmen und einen neuen conſtituirenden Körper zu berufen, um auf eine wahr⸗ haft nationale Weiſe zur Aburtheilung des Schuldigen und beſonders zur Einſetzung und Organiſation einer neuen executiven Gewalt zu ſchreiten.“ Als die Petition abgefaßt war, forderte man Die Gräſin von Charny. V. 16 242 Stille. Sogleich hört jedes Geränſch auf, die Stirnen entblößen ſich, und Robert lieſt mit lauter Stimme die Zeilen, die wir unſern Leſern vor Augen gelegt haben. Sie entſprachen dem Wunſche Aller; es wurde auch keine Bemerkung gemacht, ſondern es kam im Gegentheil ein einſtimmiges Beifallsgeſchrei beim letzten Satze zum Ausbruch. Es handelte ſich nur um das Unterzeichnen; man war nicht mehr zu zwei oder dreihundert: man war vielleicht zu zehntauſend, und da die Menge auf allen Zugängen des Marsfeldes herbeizukommen nicht aufhörte, ſo würden offenbar, bevor eine Stunde verginge, mehr als fünfzigtauſend Perſonen den Altar des Vaterlands umgeben. Die Verfaſſer unterzeichnen zuerſt, dann geht die Feder an ihre Nachbarn über; dann, da in einer Secunde der untere Theil der Seite mit Unterſchriften bedeckt iſt, theitt man weiße Blätter von demſelben Format wie die Petitivn aus; dieſe numerirten Blätter wird man als Fortſetzung beifügen. Sobald die Blätter vertheilt ſind, unterzeichnet man zuerſt auf den Schalen, welche die vier Ecken vom Altar des Vaterlands bilden, dann auf den Stufen, dann auf den Kniecen, auf der Form der Hüte, kurz auf Allem, was einen Stützpunkt bietet. Nach den Herrn von Lafayette ertheilten Befehlen der Nationalverſammlung, welche ſich nicht auf die Petition, die man zu dieſer Stunde unterzeichnet, ſondern anf den Mord am Morgen beziehen, kommen indeſſen die erſten Truppen auf dem Marsfelde an, doch man iſt dergeſtalt mit der Petition beſchäftigt, daß man kaum auf dieſe Truppen merkt. Was indeſſen nun vorgehen ſoll, wird einige Beden⸗ tung haben.