bibliothet Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Cduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nehentrich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 Wr— F N Ff 3 5 Auswärtige abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. r beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. g 2 S 8 a eih: und Keſebedingungen. Deukwürdigkeiten eines Atztes. Von Alexandre Dnmas. Vierte Abtheilung: Die Grüfin von Churn Elftes bis ſechzehutes Bändchen. *— Aus dem Franzöſiſchen von Dr. A rM Jolltr. —0— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagsh andlung. 1853. LI. Der Vater Clouis erſcheint wieder auf der Srene. Catherine hatte ſich nicht getänſcht. Trotz des freundlichen Empfangs, den er Piton gewährt, ſchien ihr Vater düſterer als je. Er gab Piton einen Händedruck, und Piton fühlte, daß ſeine Hand kalt und feucht war. Seine Tochter reichte ihm wie gewöhnlich ihre erbleich⸗ ten und ſchauernden Wangen, doch er beſchränkte ſich darauf, daß er ihre Stirne mit ſeinen Lippen ſtreifte; die Mutter Billot ſtand mit einer Bewegung auf, welche natürlich war, wenn ſie ihren Gatten eintreten ſah, mit einer Bewegung, an der zugleich das Gefühl ihrer Ried⸗ rigkeit im Vergleiche mit ihm und die Ehrfurcht, welche ſie für ihn hegte Theil hatten; doch der Pächter ſchenkte ihr keine Aufmerkſamkeit. „Iſt das Mittagsbrod bereit?“ fragte er. „Ja, mein Mann,“ erwiederte die Mutter Billot. „Dann zu Tiſche; ich habe für heute Abend noch Vieles zu thun.“ Man trat in das kleine Familienſpeiſezimmer ein. Dieſes Speiſezimmer ging auf den Hof, und Niemand, der von außen kam, konnte in die Küche eintreten, ohne an dem Fenſter vorüberzukommen, durch welches daſſelbe ſein Licht empfing. Ein Gedeck wurde für Piton beigefügt, den man Die Gräfin von Charnh. 1v. 1 2 zwiſchen die zwei Frauen»mit dem Rücken gegen das Fenſter ſetzte. So beſorgt Piton auch war, ſo hatte er doch ein Organ, auf das dieſe Beſorgniß nie einen Einfluß übte, das war der Magen; in Folge hievon konnte Billot, troß der Schärfe ſeines Blickes, an ſeinem Gaſte nichts Anderes wahrnehmen, als die Befriedigung, die er beim Anblick einer vortrefflichen Kohlſuppe und der Platte mit Ochſenfleiſch und Speck, die ihr folgte, empfand. Nichtsdeſtoweniger war es angenſcheinlich, daß Billot zu wiſſen wünſchte, ob der Zufall oder ein voraus überlegter Plan Piton nach dem Pachthofe geführt habe. In dem Augenblick, wo man das Ochſenfleiſch und den Speck wegnahm, um ein gebratenes Lammsviertel, ein Gericht, deſſen Eintritt Piton mit einer ſichtbaren Freude betrachtete, aufzuſtellen, demasquirte der Pächter auch plötzlich ſeine Batterien, wandte ſich unmittelbar an Piton und fragte ihn: „Mein lieber Piton, darf man nun, da Du weißt, daß Du im Pachthofe immer willkommen biſt, wiſſen, was Dich heute in unſere Gegend zieht?“ Piton lächelte, ſchaute umher, um ſich zu verſichern, daß es hier weder indiscrete Blicke, noch gefährliche Ohren gebe, ſchlug mit der Unken Hand den rechten Aermel ſeines Wammſes zurück und ſagte, indem er ein Dutzend Schlingen von Metalldraht zeigte, welche wie eine Armſpange um ſein Fauſtgelenke gerollt waren: „Sehen Sie, Vater Billot.“ „Ah! ah!“ verſetzte der Vater Billot.„Du haſt die Reviere Longpré und Taille⸗Fontaine entvölkert und wendeſt Dich hierher?“ „Das iſt es nicht,“ erwiederte Piton naiv:„doch ſeitdem ich es mit dieſen verdammten Kaninchen zu thun habe, erkennen ſie, glaube ich, meine Schlingen und ent⸗ fernen ſich. Ich habe alſo beſchloſſen, heute Nacht ein paar Worte mit denen des Vater Lajeuneſſe zu ſprechen; in e, 8 m te — 8 S—* 3 ſie ſind weniger ſchlau, aber ſchmackhaft, denn ſie freſſen Heidekraut und Quendel.“ „Teufel!“ rief der Pächter,„ich wußte nicht, daß Du ſo leckerhaft biſt, Piton!“ „Ah! nicht für mich bin ich ſo leckerhaft, ſondern für Mademoiſelle Catherine; da ſie kürzlich erſt krank geweſen iſt, ſo braucht ſie zartes Fleiſch...“ „Ja, Du haſt Recht,“ unterbrach der Pächter Pi⸗ tou,„denn Du ſiehſt, daß ſie noch keinen Appetit hat.“ Und er deutete auf den weißen Teller von Cathe⸗ rine, welche, nachdem ſie ein paar Löffel voll Suppe ge⸗ geſſen, weder das Rindfleiſch, noch den Speck angerührt hatte. „Ich habe keinen Appetit, mein Vater,“ verſetzte Catherine erröthend, da ſie ſo gleichſam zu einer Er⸗ klärung aufgefordert wurde,„ich habe keinen Appetit, weil ich eine große Taſſe Milch mit Brod einen Augen⸗ blick, ehe Piton an meinem Fenſter vorüberging und ich ihn rief, zu mir genommen.“ „Ich ſuche nicht den Grund, warum Du keinen haſt, ich beſtätige nur die Thatſache,“ ſagte illot. Dann ſchaute er durch das Fenſter in den Hof, ſtand auf und rief: „Ah! da kommt Einer für mich.“ Piton fühlte, daß der Fuß von Catherine raſch auf den ſeinigen drückte; er wandte ſich gegen ſie um und ſah, daß ſie ihm, bleich wie eine Todte, mit den Augen das Fenſter bezeichnete, das nach dem Hofe ging. Sein Blick folgte der Richtung des Blickes von Catherine, und er erkannte ſeinen alten Freund, den Va⸗ ter Clouis, der, die Doppelflinte von Billot auf der Schulter, am Fenſter vorüberging. ⸗ Die Flinte des Pächters zeichnete ſich vor andern dadurch aus, daß der Bügel von Silber war. „Ah!“ ſagte Piton, der in Allem dem nichts ſehr 4 Erſchreckliches ſah, das iſt der Vater Elouis. Er bringt Ihr Gewehr zurück, Herr Billot.“ Ja,“ ſprach Billot, während er ſich wieder ſetzte, „und er wird mit uns zu Mittag eſſen, wenn er noch nicht gegeſſen hat. Frau,“ fügte er bei,„öffne dem Fater Clonis die Thüre.“ Die Mutter Billot ſtand auf und öffnete die Thüre, indeß Piton, die Angen auf Catherine geheftet, ſich fragte, was Furchtbares in dem, was vorging, ihre Bläſſe ver⸗ urſachen könne. Der Vater Clonis trat ein: er hielt mit derſelben Hand auf ſeiner Schulter die Flinte des Pächters und eiten Haſen, den er offenbar mit dieſer Flinte geſchoſ⸗ en. Man erinnert ſich, daß der Vater Clouis vom Herrn Herzog von Orleans die Erlaubniß erhalten hatte, an einem Tag ein Kaninchen und am andern einen Haſen zu ſchießen. Das war, wie es ſcheint, der Haſentag. Er legte ſeine zweite nicht beſchäftigte Hand an eine Art von Pelzmütze, ſeine gewöhnliche Kopfbede⸗ ckung, an der kaum noch die Haut blieb, ſo ſehr war ſie aufgeritzt und abgerieben durch das Geſtrüppe, durch das der Vater Clouis jeden Tag faſt ſo unempfindlich für die Dorne als ein Wildſchwein ging. „Herr Billot und die Geſellſchaft,“ ſagte er,„ich habe die Ehre, Sie zu grüßen.“ „Guten Morgen, Papa Clonis,“ erwiederte Billot. „Sie ſind ein Mann von Wort“, und ich danke Ihnen.“ Oh! was man verſprochen hat, muß man auch halten, Herr Billot; Ste begegneten mir dieſen Morgen und ſagten zu mir:„„Vater Clouis, Sie ſind ein gu⸗ ter Schütze, richten Sie mir doch ein Dutzend Kugeln für das Caliber meiner Flinte zu, Sie werden mir einen Gefallen erweiſen.““ Woranf ich erwiederte:„„Für wann brauchen Sie das, Herr Billot?““ Sie ſagten: S— „„Für heute Abend unfehlbar.“ Da antwortete ich: „„Gut, Sie werden es haben,““ und hier iſt es.“ „Ich danke, Vater Clouis,“ wiederholte Billot. „Sie eſſen mit uns zu Mittag, nicht wahr?“ „Oh! Sie ſind ſehr gütig, ich habe kein Bedürf⸗ niß.“ Der Vater Clouis glaubte, die Höflichkeit heiſche, wenn man ihm einen Stuhl anbiete, zu ſagen, er ſei nicht müde, und wenn man ihn zum Eſſen einlade, zu antworten, er habe keinen Appetit. Billot kannte dies. „Gleichviel, ſagte er,„ſetzen Sie ſich immerhin zum Tiſche: es iſt zu eſſen und zu trinken da, und wenn Sie nicht eſſen, ſo werden Sie trinken Mittlerweile hatte die Mutter Billot mit der Re⸗ gelmäßigkeit und beinahe mit der Schweigſamkeit eines Automaten einen Teller, ein Beſteck und eine Serviette auf den Tiſch gelegt. Dann rückte ſie einen Stuhl an den Tiſch. „Nun! da Sie es durchaus wollen“. ſagte der Vater Clouis. Und er ſtellte die Flinte in eine Ecke, legte den Haſen auf den Rand des Schenktiſches und ſetzte ſich. Er ſaß gerade Catherine gegenüber, die ihn voll Bangigkeit anſchaute. Das ſanfte, freundliche Geſicht des alten Jägers ſchien ſo wenig gemacht, um dieſes Gefühl einzuflößen, daß ſich Piton die Gemüthsbewegung nicht erklären konnte, welche nicht nur das Geſicht von Catherine, ſondern auch das nervöſe Zittern, das ihren ganzen Körper ſchüttelte, verriethen. Billot hatte indeſſen das Glas und den Teller ſei⸗. nes Gaſtes gefüllt, und dieſer nahm, obgleich er er⸗ nän⸗ er habe kein Bedürfniß, Beides muthig in An⸗ griff. „Ah! das iſt ein ſchöner Wein, Herr Billot,“ rief 6 er, als wollte er der Wahrheit ſeine Huldigung leiſten. „Es ſcheint, Sie ſind der Anſicht des Sprüchworts, welches ſagt: „„Man muß die Lämmer zu jung eſſen und den Wein zu alt trinken.““ Niemand antwortete auf den Scherz von Vater Clonis, doch als dieſer ſah, daß das Geſpräch fiel, glaubte er es in ſeiner Eigenſchaft als Gaſt aufrecht halten zu müſſen und fuhr fort: „Ich habe mir alſo geſagt:„„Bei meiner Treue, es iſt heute die Reihe an den Haſen; gleichviel, ob ich meinen Haſen anf der einen oder auf der andern Seite des Waldes ſchieße. Ich will alſo meinen Haſen in der Hut des Vater Lajeuneſſe ſchießen. Zugleich werde ich ſehen, wie eine in Silber gefaßte Flinte die Kugel trägt.“ Ich goß alſo dreizehn Kugeln ſtatt zwölf. Bei meiner Treue! Ihre Flinte trägt die Kugel gut.“ „Ja, ich weiß, es iſt ein gutes Gewehr.“ „Ei! zwölf Kugeln,“ bemerkte Pitou,„gibt es denn irgendwo einen Preis für die Flinte?“ „Nein,“ antwortete Billot. „Ah! ich kenne ſie, die in Silber gefaßte, wie man ſie in der Gegend nennt,“ ſagte Piton;„ich habe ſie vor zwei Jahren bei dem Feſte in Bourſonnes ihre Sache machen ſehen. Dort hat ſie das ſilberne Beſteck gewonnen, mit dem Sie eſſen, Frau Billot, und den Becher, aus dem Sie trinken, Mademoiſelle Cathe⸗ rine! Oh! was haben Sie denn, Mademoiſelle2“ rief Piton erſchrocken. „Ich? nichts,“ erwiederte Catherine, während ſie ihre halb geſchloſſenen Augen wieder öffnete und ſich auf dem Stuhle aufrichtete, an deſſen Rücklehne ſie halb ohnmächtig geſunken war. „Catherine! was ſoll ſie denn haben?“ verſetzte Billot, die Achſeln zuckend. „Ich muß Ihnen alſo ſagen,“ fuhr der Vater Clouis fort:„unter dem alten Eiſen, bei Montognon dem Waffenſchmiede, fand ich eine Kugelform.. ah! es iſt ſelten, daß man einen Model findet, wie man ihn gerade braucht; dieſe kleinen Teufelsläufe von Leclerc haben beinahe alle das Caliber von vier und zwanzig, was ſie nicht abhält, Gott weiß wohin zu tragen. Ich habe alſo gerade einen Model vom Caliber Ihrer Flinte gefunden, ein wenig kleiner ſogar; doch das thut nichts, im Gegentheil, Sie wickeln die Kugeln in eine mit Fett beſchmierte Haut. Brauchen Sie die Kugeln für den Pürſchgang oder um aufgelegt zu ſchießen?“ „Ich weiß es nicht genau,“ erwiederte Billot,„ich kann Ihnen nur bemerken, daß ich auf den Anſtand zu gehen gedenke.“ „Ah! ja, ich begreife,“ rief der Vater Clouis,„die Wildſchweine des Herrn Herzogs von Orleans ſind lü⸗ ſtern nach Ihren Kartoffeln, und Sie haben ſich geſagt: „„So viel im Pökelfaſſe liegen, ſo viel freſſen nicht mehr.““ Es trat ein Stillſchweigen ein, das nur durch das keuchende Athmen von Catherine geſtört wurde. Die Augen von Piton gingen vom Jäger auf Bil⸗ lot und von Billot zu der Tochter über. Er ſuchte zu begreifen, und dies gelang ihm nicht. Was die Mutter Billot betrifft, ſo war es unnütz, von ihrem Geſichte eine Aufklärung zu fordern; ſie be⸗ griff nichts von dem, was man ſagte, und alſo um ſo viel mehr nichts von dem, was man ſagen wollte. „Ah!“ fuhr der Vater Clouis ſeinen Gedanken verfolgend fort:„ſind die Kugeln für die Wildſchweine beſtimmt, ſo ſind ſie vielleicht ein wenig klein; dieſe Herren haben eine harte Haut, abgeſehen davon, daß das gegen den Jäger umkehrt! Ich habe Wildſchweine geſehen, welche fünf, ſechs, acht Kugeln zwiſchen Haut und Fleiſch hatten, und zwar Musketenkugeln von ſechszehn auf das Pfund, und ſich darum doch ganz wohl befanden.“ „Es iſt nicht auf Wildſchweine gemünzt,“ ſagte Billot. Piton konnte ſeine Reugierde nicht überwinden. „Verzeihen Sie, Herr Billot,“ fragte er,„wenn es ſich nicht um ein Preisſchießen handelt, wenn Sie nicht auf Wildſchweine ſchießen wollen, wozu brauchen Sie dann die Kugeln?“ „Um auf einen Wolf zu ſchießen,“ erwiederte. Billot. „Ah! wenn Sie auf einen Wolf ſchießen wollen, dann iſt es gut,“ ſprach der Vater Clouis; und er nahm die zwölf Kugeln aus ſeiner Taſche und ließ ſie klirrend auf einen Teiler fallen„Was die dreizehnte betrifft, ſie iſt im Bauche des Haſen.. Ich weiß nicht, wie Ihre Flinte die Schrote trägt, doch die Kugel trägt ſie ſehr artig.“ Würde Piton Catherine angeſchaut haben, ſo hätte er geſehen, daß ſie einer Ohnmacht nahe war; doch ganz dem hingegeben, was der Vater Clouis ſprach⸗ ſchaute er das Mädchen nicht an. Als er den alten Waldhüter ſagen hörte, die drei⸗ zehnte Kugel ſei im Bauche des Haſen, konute er auch nicht widerſtehen, und er erhob ſich, um die Sache zu unterſuchen und außer Zweifel zu ſetzen. Es iſt bei meiner Treue wahr!“ ſagte er, indem er ſeinen kleinen Finger in das Loch der Kugel ſteckte; „das können nur Sie, Vater Clouis; Herr Billot, Sie ſchießen gut, doch Sie erlegen die Haſen noch nicht mit der Kugel.“ „Ah! gleichviel,“ verſetzte Billot,„ſobald das Thier zwanzigmal ſo groß als ein Haſe iſt, werde ich es hof⸗ fentlich nicht fehlen.“ „Allerdings,“ ſagte Piton,„ein Wolf iſt.. Doch Sie ſprechen von Wölfen, es gibt alſo im Bezirke? Das iſt wunderbar vor dem Schnee... „Ja, es iſt wunderbar, doch es iſt ſo.“ 9 „Sie ſind deſſen ſicher, Herr Billot?“ „Sehr ſicher,“ antwortete der Pächter, der zugleich Piton und Catherine anſchaute, was leicht war, da ſie neben einander ſaßen;„der Schäfer hat dieſen Morgen einen geſehen.“ „Wo dies?“ fragte Piton naiver Weiſe. „Auf der Straße von Paris nach Bonrſonnes, beim Gehölze von Jvors.“ „Ah!“ rief Piton, während er ſeinerſeits Billot und Catherine anſchaute. „Ja,“ fuhr Billot mit derſelben Ruhe fort,„man hatte ihn ſchon im vergangenen Jahre bemerkt und mich davon in Kenntniß geſetzt; eine Zeit lang glaubte man, er ſei verſchwunden, um nicht wiederzukommen, doch..“ „Doch?“ fragte Pitou. „Doch es ſcheint, er iſt zurückgekommen,“ erwiederte Billot,„und er ſchickt ſich an, wieder um den Pachthof herumzuſtreichen; darum habe ich den Vater Clouis ge⸗ e mir meine Flinte zu putzen und mir Kugeln zu gießen.“ Mehr konnte Catherine nicht aushalten; ſie gab eine Art von erſticktem Schrei von ſich, ſtand auf und wandte ſich ganz ſchwankend nach der Thüre. Halb naiv, halb beſorgt, ſtand Piton auch auf, und als er Catherine wanken ſah, eilte er ihr nach, emn ſie zu unterſtützen. Billot warf einen entſetzlichen Blick nach der Thüre, doch das ehrliche Geſicht von Piton offenbarte einen zu ſtarken Ausdruck des Erſtannens, als daß Billot ſeinen Eigenthümer im Verdachte einer Mitſchuld mit Catherine haben konnte. Ohne ſich weiter um Piton oder um ſeine Tochter zu bekümmern, fuhr er fort: „Sie ſagen alſo, Vater Clouis, um den Schuß zu ſichern, werde es gut ſein, die Kugeln in ein Stück mit Fett getränkte Haut zu wickeln?“ 10 Piton hörte wohl die Frage, aber er hörte die Ant⸗ wort nicht mehr, denn gerade in der Küche angelangt, wohin er Catherine nachgefolgt war, fühlte er, wie das Mädchen in ſeinen Armen zuſammenſank. „Mein Gott, was haben Sie denn?“ fragte er er⸗ ſchrocken. „Oh!“ erwiederte Catherine,„Sie begreifen alſo nicht? er weiß, daß Iſidor in Bourſonnes angekommen 3 und will ihn ermorden, wenn er ſich dem Pachthofe nähert.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre des Spei⸗ ſezimmers geöffnet, und Billot erſchien auf der Schwelle. „Mein lieber Piton,“ ſagte er mit einem ſo harten Tone, daß keine Erwiederung möglich war,„biſt Du wirklich wegen der Kaninchen von Vater Laſenneſſe ge⸗ kommen, ſo glaube ich, daß es für Dich Zeit iſt, zu gehen und Deine Schlingen zu legen; Du begreifſt, ſpäter würdeſt Du nicht mehr ſehen.“ „Ja, Herr Billot,“ antwortete demüthig Pitou,„ich bin deshalb gekommen und aus keinem anderen Grunde, das ſchwöre ich Ihnen.“ 2 „Nun alſo?“ „Alſo gehe ich, Herr Billot.“ Und er entfernte ſich durch das Hofthor, indeß Ca⸗ therine in Thränen zerfließend in ihre Stube zurückkehrte, deren Riegel ſie hinter ſich vorſchob. „Ja,“ murmelte Billot,„ja, ſchließe Dich ein, Un⸗ glückliche! Gleichviel, denn nicht auf dieſer Seite werde ich auf dem Anſtande ſein.“ N 11 LII. Das Rämmerchenſpiel. Pitou verließ den Pachthof ganz betäubt; nur hatte er nach den Worten von Catherine Tag in Allem dem geſehen, was bis dahin Finſterniß für ihn geweſen war, und dieſer Tag hatte ihn geblendet. Piton wußte, was er hatte wiſſen wollen, und ſo⸗ gar mehr. Er wußte, daß der Vicomte Iſidor von Charny am Morgen in Bourſonnes angekommen war, und daß er, wenn er es wagte, Catherine im Pachthofe ſehen zu wollen, Gefahr lief, von einer Flintenkugel getroffen zu werden. Es unterlag keinem Zweifel mehr: die Anfangs gleichnißweiſen Worte von Billot hatten ſich bei den paar Silben, welche Catherine geſprochen, aufgeklärt; der Wolf, den man im vergangenen Jahre um die Schä⸗ ferei hatte herumſtreichen ſehen, den man für immer ver⸗ ſchwunden glaubte, während man ihn an demſelben Mor⸗ gen bei dem Gehölze von Jvors, auf der Straße von Bourſonnes nach Paris, wiedergeſehen, war der Vi⸗ comte Iſidor von Charny. Für ihn war die Flinte geputzt worden; für ihn wa⸗ ren die Kugeln gegoſſen worden. Die Sache wurde ernſt, wie man ſieht. Piton, welcher zuweilen, wenn es die Gelegenheit erforderte, die Stärke des Löwen beſaß, beſaß immer die Klugheit der Schlange. In Contravention ſeit dem Tage, wo er das Alter der Vernunft erreicht hatte, in Betreff der Feldhüter, unter deren Naſe er die mit He⸗ 12 cken umſchloſſenen Obſtgärten oder die im freien Felde ſtehenden Bäume verwüſtete, die Geſetze verletzend den Jagdhütern gegenüber, auf deren Ferſen er ſeine Leim⸗ ruthen und ſeine Schlingen legte, hatte ſich Piton eine tiefe Ueberlegung und eine raſche Entſcheidung ſo ſehr zur Gewohnheit gemacht, daß es ihm bei allen ſchwie⸗ rigen Fällen, in die er ſich verwickelt geſehen, geſtattet geweſen war, ſich unter den beſtmöglichen Bedingun⸗ gen aus der Verlegenheit zu ziehen rief er vor Allem die raſche Entſcheidung zu Hülfe, und er beſchloß, ſogle ch nach dem ungefähr ac vom Pachthofe entfernt liegenden Walde zu gehen. Der Wald bildet eine Decke und unter dieſer Decke wo man leicht unbemerkt bleibt, kann man nach ſeinem Belieben nachdenken. Bei dieſer Veranlaſſung hatte Piton, wie man ſieht, die gewöhnliche Ordnung der Dinge umgekehrt und die raſche Entſcheidung vor die tiefe Ueberlegung geſetzt. Piton aber hielt ſich diesmal mit ſeinem inſtinetar⸗ tigen Verſtande an das Dringendſte, und das Dringend⸗ ſte war für ihn, eine Decke zu haben. Er ging alſo nach dem Walde mit einer ſo unge⸗ zwungenen Miene, als hätte ſein Kopf nicht eine Welt von Gedanken in ſich getragen, und er erreichte den Wald, nachdem er die Stärke gehabt, nicht einen Blick zurück⸗ zuwerfen Sobald er berechnet hatte, er ſei vom Pachthauſe aus nicht mehr zu erſchanen, bückte er ſich allerdings, als wollte er das Untertheil ſeiner Kamaſche zuknöpfen, und, den Kopf zwiſchen ſeinen zwei Beinen, befragte er den Horizont. Der Horizont war frei und ſchien für den Augen⸗ blick keine Gefahr zu bieten. Als Piton dies ſah, nahm er wieder die ſenkrechte Linie an und befand ſich mit einem Sprunge im Walde. Diesmal wie ſonſt' htzig Schritte 13 Der Wald, das war das Gebiet von Piton. Hier war er zu Hauſe; hier war er frei, hier war er König. König wie das Eichhörnchen, deſſen Behendigkeit er beſaß, wie der Fuchs, mit deſſen Liſt er vertraut war, wie der Wolf, deſſen Augen, welche bei Nacht ſehen, er hatte! Doch zu dieſer Stunde brauchte er weder die Behen⸗ digkeit des Eichhörnchens, noch die Liſt des Fuchſes, noch die in der Nacht ſehenden Augen des Wolfes. Es handelte ſich für Piton einzig und allein darum, ſchräge den Theil des Waldes, in welchen er eingedrun⸗ gen, zu durchſchneiden und zum Saume des Waldes zurückzukommen, welcher ſich in der ganzen Länge des Pachthofes erſtreckte. In einer Entfernung von ſechzig bis ſiebenzig Schrit⸗ ten würde Pitou Alles ſehen, was vorginge; mit einer Entfernung von ſechzig bis ſiebenzig Schritten trotzte Piton jedem Weſen, welches es auch ſein mochte, war es nur genöthigt, ſich ſeiner Füße und ſeiner Hände zu edienen, um anzugreifen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er noch mehr einem Reiter trotte, denn nicht Einer wäre im Stande gewe⸗ ſen, hundert Schritte im Walde auf den Wegen zu ma⸗ chen, auf die ihn Piton geführt haben würde. Im Walde hatte Piton auch keine Vergleichung, welche geringſchätzend genug, um zu ſagen, wie ſehr er einen Reiter verachte. Piton legte ſich der Länge nach in ein Gebüſch, ſtützte ſeinen Hals auf einen Zwillingsbaum, der ſich an ſeinem Stamme trennte, und verſenkte ſich in eine tiefe Ueberlegung. Er bedachte, daß es ſeine Pflicht war, ſo viel, als in ſeinen Kräften lag, zu verhindern, daß der Vater illot die entſeßliche Rache, auf die er ſann, zur Ans⸗ führung brachte. Das erſte Mittel, das ſich dem Geiſte von Piton bot, war, nach Bourſonnes zu laufen und Herrn Iſidor von der Gefahr zu unterrichten, die ſeiner harrte, wenn er ſich in die Gegend des Pachthofes wagte. Doch beinahe in demſelben Augenblick fielen ihm zwei Dinge ein. Einmal, daß er von Catherine keinen Auftrag er⸗ halten hatte, dies zu thun. Zweitens, daß die Gefahr Herrn Iſidor wohl nicht zurückhalten könnte. Welche Gewißheit hatte Piton ferner, der Vicomte, deſſen Abſicht es ohne Zweifel war, ſich zu verbergen, werde auf der für Wagen gebahnten Straße und nicht auf einem von den kleinen Fußpfaden kommen, welche die Holzhauer benützen, um ihren Weg abzukürzen? Suchte Pitou Iſidor auf, ſo verließ er überdies Catherine, und Pitou, dem es im Ganzen leid gethan hätte, wenn dem Vicomte Unglück widerfahren wäre, würde in Verzweiflung gerathen ſein, hätte Catherine ein Unglück betroffen. Das Vernünftigſte ſchien ihm alſo, da zu war⸗ ten, wo er war, und je nach dem was ſich ereignen würde, mit den Umſtänden zu Rathe zu gehen. Mittlerweile hefteten ſich ſeine Augen auf den Pacht⸗ hof ſtarr und glänzend wie die einer Tigerkatze, welche auf ihre Beute lauert. Die erſte Bewegung, die ſich beim Pachthofe bewerk⸗ ſtelligte, war der Abgang des Vater Clouis. Piton ſah ihn unter dem Thorwege von Billot Ab⸗ ſchied nehmen, ſodann längs der Mauer hinhinken und in der Richtung von Villers⸗Coterets verſchwinden, das er durchſchneiven oder umgehen mußte, um ſich zu ſeiner ungefähr anderthalb Stunden von Piſſelen entfernten Hütte zu begeben. In dem Augenblick, wo er wegging, trat die Abend⸗ dämmerung ein. † — — r z—— ou or un m r⸗ n, ht he es an ne r⸗ e, 15 Da der Vater Clouis nur eine ſehr untergeordnete Perſon, eine Art von Comparſe in dem Drama war, das man ſpielte, ſo ſchenkte ihm Piton keine große Aufmerkſamkeit, und nachdem er ihm zu Befreiung ſei⸗ nes Gewiſſens bis zu dem Momente gefolgt war, da er an der Ecke der Mauer verſchwand, lenkte er ſeine Augen nach dem Mittelpunkte des Gebäudes, das heißt dahin zurück, wo ſich der Thorweg und die Fenſter öffneten. Nach ein paar Secunden erleuchtete ſich eines von den Fenſtern: es war das der Stube von Billot. Von der Stelle aus, wo ſich Piton befand, tauchte der Blick ungehemmt in die Stube; Piton konnte alſo Billot mit aller vom Vater Clouis empfohlenen Vorſicht ſeine Flinte laden ſehen. Mittlerweile wurde es vollends Nacht. Billot, nachdem er ſeine Flinte geladen hatte, löſchte ſein Licht aus und zog die zwei Läden ſeines Fenſters an, doch ſo, daß ſie ein wenig geöffnet blieben, ohne Zweifel, damit ſein Blick durch dieſe kleine Oeffnung die Umgegend beobachten konnte. Von dem im erſten Stocke liegenden Fenſter von das Fenſter der im Erdgeſchoſſe liegenden Stube von Catherine wegen einer Biegung, welche die Mauern des Pachthofes bildeten, nicht; doch man überſchaute völlig den Weg von Bourſonnes und den ganzen Kreis des Waldes, der ſich vom Berge der Ferts⸗Milon bis zu dem Punkte rundete, den man das Gehölze von Jvors nannte. Während er das Fenſter von Catherine nicht ſah, konnte Billot, welcher vermuthete, Catherine werde durch dieſes Fenſter hinausſteigen und den Wald zu erreichen ſuchen, ſeine Tochter in dem Moment erſchauen, wo ſie in den von ſeinem Blicke umfaßten Rayon eintreten würde; nur, da die Nacht immer finſterer wurde, dürfte Billot eine Frau ſehen, er könnte vermuthen, dieſe Frau ſei Catherine, aber er wäre nicht im Stande, auf eine ſichere Art Catherine in ihr zu erkennen. Wir machen zum Voraus alle dieſe Bemerkungen, weil es die waren, welche ſich Piton machte. 3 Piton bezweifelte nicht, wenn es völlig Nacht ge⸗ worden, würde Catherine einen Ausgang verſuchen, um* Iſidor zu benachrichtigen. Ohne das Fenſter von Billot gänzlich aus dem Blicke zu verlieren, hefteten ſich alſo ſeine Augen ganz beſonders auf das von Catherine. Piton täuſchte ſich nicht. Als die Nacht einen Grad von Dunkelheit erreicht hatte, der dem Mädchen genü⸗ gend zu ſein ſchien, ſah Piton, für den es, wie geſagt, keine Dunkelheit gab, langſam den Laden von Catherine ſich öffnen, dann dieſe auf das Fenſtergeſimſe ſteigen, den Laden zurückſtoßen und an der Wand hinabgleiten. Catherine lief nicht Gefahr, geſehen zu werden, ſo lange ſie dieſer Linie folgen würde, und angenommen, 3 ſie hätte in Villers⸗Coterets zu thun gehabt, ſo konnte ſie unbemerkt dahin kommen; hatte ſie aber dagegen bei Bourſonnes zu thun, ſo mußte ſie nothwendig in den Rayon eintreten, den der Blick vom Fenſter ihres Vaters umfaßte.. Als ſie zum Ende der Mauer gelangt war, zögerte ſie ein paar Seeunden, ſo daß Piton einen Augenblick hoffte, ſie gehe nach Villers⸗Coterets und nicht nach Bourſonnes; doch plötzlich hörte dieſes Zögern auf, ſie bückte ſich, um ſich ſo viel als möglich den Augen zu entziehen, ſchritt quer über den Weg und warf ſich auf r einen kleinen Fußpfad, auf welchem ſie endlich nach un⸗ gefähr einer Viertelmeile auf den Weg nach Bourſonnes gelangen ſollte. r Dieſer Fußpfad mündete gegen einen kleinen Kreuz⸗ d weg aus, den man den Kreuzweg von Bonrg⸗Fontaine nannte. 4 17 Sobald ſich Catherine auf dieſem Fußpfade befand, waren der Weg, den ſie verfolgen würde, und die Ah⸗ ſicht, welche ſie dahin führte, ſo klar für Piton, daß er ſich nicht mehr mit ihr, ſondern nur mit den ein wenig geöffneten Läden beſchäftigte, durch welche, wie durch die Schießſcharte einer Citadelle, der Blick den Wald von einem Ende zum andern erſchante. Der ganze vom Auge von Billot umfaßte Rayon war, abgeſehen von einem Schäfer, welcher ſeinen Pferch aufſchlug, völlig verlaſſen. Pieraus ging hervor, daß Catherine, ſobald ſie in dieſen Rayon eintrat, obgleich ihr ſchwarzer kleiner Mantel ſie beinahe unſichtbar machte, doch dem durch⸗ dringenden Blicke des Pächters nicht entgehen konnte. Piton ſah die Läden ſich öffnen, den Kopf von Billot durch die Oeffnung hervorkommen und dann einen Moment ſtarv und unbeweglich bleiben, als hätte er in dieſer Finſterniß am Zeugniſſe ſeiner Augen gezweifelt; doch da die Hunde des Schäfers in der Richtung dieſes Schattens weggelaufen und, nachdem ſie einige Male leicht gebellt hatten, zu ihrem Herrn zurückgekommen waren, ſo bezweifelte Billot nicht mehr, dieſer Schatten ſei Catherine. Die Hunde hatten ſie, als ſie in ihre Nähe gekom⸗ men, erkannt und ſie erkennend zu bellen aufgehört. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſich für Piton Alles dies ſo klar überſetzte, als wäte er zum Voraus mit den verſchiedenen Vorfällen dieſes Drama vertraut geweſen. Er erwartete alſo die Läden der Stube von Billot wieder ſchließen ünd den Thorweg ſich öffnen zu ſehen. Nach einigen Secunden öffnete ſich in der That die Thüre, und als Catherine den Saum des Gehölzes er⸗ reichte, trat Billot mit ſeiner Flinte auf der Schulter über die Schwelle und ging mit großen Schritten auf den Wald zu, wobei er dem Wege von Bourſonnes Die Gräfin von Charnh. Iv. 2 18 folgte, gegen welchen nach einer halben Viertelmeile der von Catherine verfolgte Fußpfad einmünden mußte. Es war kein Augenblick zu verlieren, ſollte das Mädchen nicht in zehn Minuten ſeinem Vater gegenüber ſtehen. Das begriff Pitou. Er erhob ſich, ſprang durch das Gebüſche wie ein ſcheu gemachtes Reh, durchſchnitt ſchräge den Wald in einer ſeinem erſten Laufe entgegengeſetzten Richtung und befand ſich am Rande des Fußpfades in dem Angenblick, wo man ſchon die haſtigen Schritte und den keuchenden Athem des Mädchen hörte. Piton blieb verborgen hinter dem Stamme einer Eiche ſtehen. Nach Verlauf von zehn Secunden kam Catherine ſo nahe an der Eiche vorüber, daß man ſie mit der Hand erreichen konnte. Piton trat vor, verſperrte dem Mädchen den Weg und nannte ſich gleichſam mit einem Schlage. Er hatte die Einheit einer dreifachen Handlung für nöthig erachtet, um Catherine nicht zu ſehr zu erſchrecken. Sie gab in der That nur einen ſchwachen Schrei von ſich, blieb ganz zitternd, weniger von der gegenwär⸗ tigen, als von der vergangenen Aufregung, ſtehen und ſagte: „Sie hier, Herr Piton!.. Was wollen Sie von mir?“ „Um des Himmels willen, gehen Sie nicht einen Schritt weiter, Mademoiſelle!“ erwiederte Piton die Hände faltend. „Und warum nicht?“ „Weil Ihr Vater weiß, daß Sie ausgegangen ſind, weil er der Straße nach Bourſonnes mit ſeiner Flinte folgt, weil er Sie auf dem Kreuzwege von Bourg⸗ Fontaine erwartet,“ 3 de S S G Co ten die id, nte 19 „Doch er, er!„ verſetzte Catherine beinahe wahnſinnig;„er wird alſo nicht unterrichtet ſein?“ Und ſie machte eine Bewegung, um weiter zu gehen. „Wird er es mehr ſein, wenn Ihnen Ihr Vater den Weg verſperrt hat?“ ſprach Piton. „Was iſt zu thun?“ „Kehren Sie zurück, Mademviſelle Catherine, gehen Sie wieder in Ihr Zimmer; ich werde mich in der Gegend Ihres Fenſters in den Hinterhalt legen, und wenn ich Herrn Iſidor ſehe, ſo benachrichtige ich ihn.“ „Sie wollen dies thun, lieber Herr Pitou?“ „Für Sie werde ich Alles thun, Mademoiſelle Catherine! Oh! ich liebe Sie ſo ſehr!“ Catherine drückte ihm die Hände Dann, nach einer kurzen Ueberlegung, ſagte ſie: „Ja, Sie haben Recht, führen Sie mich zurück.“ Und da ihre Beine zu wanken aufingen, ſo ſchlang ſie ihren Arm um den von Pitou, und er ſchlug mit ihr den Weg nach dem Pachthofe ein. Nach zehn Minuten kam Catherine, ohne daß man ſie geſehen hatte, in ihre Stube zurück und ſchloß ihr Fenſter hinter ſich, während Piton auf die Gruppe von Weiden deutete, in der er wachen und warten wollte. LIII Der Anſtand auf den Wolf. Die Weidengruppe ſtand auf einer kleinen Auhöhe zwanzig bis fünfundzwanzig Schritte vom Fenſter von Catherine und überragte einen ſieben bis acht Fuß tie⸗ fen Graben, durch welchen ein Bach floß. Dieſer Bach, der ſich drehte wie der Weg, war ſtel⸗ lenweiſe beſchattet von Weiden ähnlich denen, welche die von uns erwähnte Gruppe bildeten, das heißt von Bäu⸗ men, die bei Nacht beſonders jenen Zwergen gleichen, welche auf einem kleinen Leibe einen großen zerzauſten Kopf tragen. In den letzten von dieſen durch die Zeit ausgehöhl⸗ ten Bäumen legte Piton alle Morgen die Briefe für Catherine, und Catherine holte ſie hier, wenn ſie ihren Vater hatte ſich entfernen und in einer entgegengeſetzten Richtung verſchwinden ſehen. Pitou ſeinerſeits und Catherine ihrerſeits hatten übrigens ſtets ſo viel Vorſicht gebraucht, daß nicht hier die Lunte gerochen worden war; es war durch einen reinen Zufall geſchehen, der an demſelben Morgen den Schäfer des Pachthofes auf den Weg von Iſidor geſtellt hatte; der Schäfer hatte die Rückkehr des Vicomte als eine Neuigkeit ohne Bedeutung erzählt; dieſe geheime Rückkehr, welche um fünf Uhr Morgens ſtattgefunden, hatte Billot mehr als verdächtig geſchienen. Seitdem er von Paris zurückgekommen, ſeit der Krankheit von Ca⸗ therine, ſeit der Ermahnung des Doctor Rahnal, nicht in das Zimmer der Kranken einzutreten, ſo lange ſie das Delirium hätte, war er überzengt geweſen, der Vi⸗ 21 comte von Charny ſei der Geliebte ſeiner Tochter, und da er am Ende dieſer Verbindung nur die Schande ſah, weil der Herr Vicomte von Charny Catherine nicht hei⸗ rathen würde, ſo hatte er beſchloſſen, dieſer Schande auf eine blutige Weiſe vorzubengen. Hievon rührten alle dieſe von uns erzählten Um⸗ ſtände her, welche, unbedeutend in nicht unterrichteten Blicken, ein furchtbares Gewicht in den Augen von Ca⸗ therine und, nach der von dieſer gegebenen Erklärung, auch in den Augen von Piton angenommen hatten. Man hat geſehen, daß Catherine, während ſie das Vorhaben ihres Vaters errathen, ſich demſelben nur da⸗ durch, daß ſie Iſidor unterrichten wollte, zu widerſetzen verſucht hatte, ein Schritt, bei welchem ſie glücklicher Weiſe durch Piton zurückgehalten worden war, da ſie ſtatt Iſidor ihren Vater auf dem Wege getroffen ha⸗ ben würde. Sie kannte zu genau den furchtbaren Charakter des Pächters, um etwas mit Hülfe von Bitten zu verſuchen; dadurch wäre nur der Sturm beſchlennigt, nur der Blißz herausgefordert, ſtatt abgelenkt worden. Einen Zuſammenſtoß ihres Geliebten mit ihrem Vater verhindern, das war Alles, wonach ſie trachtete. Oh! wie glühend wünſchte ſie in dieſem Augenblick, dieſe Abweſenheit, über der ſie zu ſterben geglaubt, hätte ſich verlängert! Wie würde ſie die Stimme geſegnet haben, welche zu ihr geſagt hätte:„Er iſt abgereiſt,“ hätte dieſe Stimme beigefügt:„Für immer!“ Piton hatte Alles dies ſo gut begriffen, als Cathe⸗ rine, darum hatte er ſich dem Mädchen als Vermittler angeboten; mochte der Vicomte zu Fuß, mochte er zu Pferde kommen, er hoffte ihn zu rechter Zeit zu ſehen oder zu hören, ihm entgegen zu eilen, ihn von der Lage der Dinge mit zwei Worten zu unterrichten und ihn zu be⸗ ſtimmen, zu fliehen, mit dem Verſprechen, demſelben am andern Tage Nachricht von Catherine zu bringen. 22 Piton hielt ſich alſo feſt an ſeine Weide angedrückt, als wäre er ein Theil der vegetabiliſchen Familie gewe⸗ ſen, in deren Mitte er ſich befand, und wandte die ganze Macht ſeiner an die Racht, an die Ebenen und an die Wälder gewöhnten Sinne an, um einen Schatten zu un⸗ terſcheiden oder einen Ton außzufaſſen. Plötzlich ſchien es ihm, als hörte er hinter ſich, vom Walde kommend, das Geränſch des Trittes eines Men⸗ ſchen, der in den Furchen geht; da ihm dieſer Tritt zu ſchwer dünkte, um der des jungen und eleganten Vicomte zu ſein, ſo drehte er ſich langſam und auf eine beinahe unmerkliche Art um ſeinen Weidenbaum und erblickte dreißig Schritte von ſich den Pächter mit ſeiner Flinte auf der Schulter. Dieſer hatte, wie es Piton vorhergeſehen, beim Kreuzwege von Bourg⸗Foutaine gewartet; da aber Niemand auf dem Fußpfade herbeikam, ſo glaubte er ſich getänſcht zu haben, und er kehrte zurück, um ſich, wie er ſelbſt geſagt, vor dem Fenſter von Catherine auf den Anſtand zu ſtellen, überzengt, durch dieſes Fenſter werde der Vicomte zu ihr hineinzu⸗ ſchlüpfen ſuchen. Zum Unglück wollte der Zufall, daß er für ſeinen Hinterhalt dieſelbe Weidengruppe wählte, in der ſich Piton verſteckt hatte. Piton errieth die Abſicht des Pächters; er konnte ihm den Platz nicht ſtreitig machen, glitt an der Böſchung hinab und verſchwand im Graben, den Kopf unter den hervorſpringenden Wurzeln des Weidenbaums verbergend, an den ſich Billot angelehnt hatte. Glücklicher Weiſe wehte der Wind mit einer gewiſ⸗ ſen Heftigkeit; ſonſt hätte Billot ſicherlich das Klopfen des Herzens von Pitou hören können. 6 Doch zur Ehre der bewunderungswürdigen Ratur unſeres Helden müſſen wir ſagen, daß es weniger ſeine perſönliche Gefahr, als die Verzweiflung, Catherine un⸗ X 23 willkürlich ſein Wort zu brechen, war, was ihm ſo bange machte. S Herr von Charny und es widerfuhr ihm ein Unglück, was würde Catherine von Piton denken? Vielleicht, er habe ſie verrathen? Piton hätte den Tod der Idee, Catherine könne denken, er habe ſie verrathen, vorgezogen.. Doch er konnte nichts Anderes thun, als bleiben, wo er war, und beſonders unbeweglich bleiben: die ge⸗ ringſte Bewegung hätte ſeine Anweſenheit geoffenbart. Es verging eine Viertelſtunde, ohne daß etwas die Stille der Nacht unterbrach; Piton hegte eine letzte Hoffnung, die, wenn der Vicomte glücklicher Weiſe ſpät käme, ſo würde Billot des Wartens überdrüſſig werden, an ſeinem Kommen zweifeln und in ſeine Wohnung zurückkehren. Doch plötzlich glaubte Piton, der durch ſeine Lage das Ohr an die Erde gedrückt hielt, den Galopp eines Pferdes zu hören; dieſes Pferd, wenn es eines war, auf dem Fußpfade kommen, der gegen den Wald zulief. Bald konnte man nicht mehr zweifeln, daß es ein Pferd war; es ging quer über den Weg, ungefähr ſech⸗ zig Schritte von der Gruppe der Weidenbäume; man hörte die Füße des Pferdes auf den Kieſelſteinen ſchallen und eines von ſeinen Hufeiſen machte anſtoßend ein paar Funken hervorſpringen. Piton ſah, wie der Pächter den Kopf vorneigte und in der Dunkelheit zu unterſcheiden ſuchte. Doch die Nacht war ſo ſchwarz, daß ſelbſt das Auge von Pitou, ſo ſehr es ſonſt die Finſterniß zu durchdringen vermochte, nur eine Art von Schatten er⸗ blickte, der über den Weg ſprang und an der Ecke der Mauern des Pachthofes verſchwand. Piton bezweifelte nicht einen Augenblick, daß es Iſidor war, doch er hoffte, der Vicomte habe, um in Stille. 24 den Pachthof zu gelangen, einen andern Eingang, als den durch das Fenſter. Billot befürchtete dies, denn er murmelte etwas wie einen Fluch. Dann herrſchte zehn Minuten lang eine entſetzliche Nach Verlauf dieſer zehn Minuten unterſchied Piton mit Hülfe ſeines ſcharfen Geſichtes eine menſchliche Ge⸗ ſtalt am Ende der Mauer. Der Reiter hatte ſein Pferd an einen Baum ange⸗ bunden und kam zu Fuß zurück. Die Nacht war ſo finſter, daß Pitou hoffte, Bil⸗ lot werde dieſe Art von Schatten nicht ſehen, oder zu ſpät ſehen. Er täuſchte ſich, Billot ſah den Schatten, denn Pitou hörte zweimal über ſeinem Kopfe das harte Geräuſch, das der Hahn einer Flinte macht, wenn er geſpannt wird. Der Menſch, der an der Mauer hinſchlüpfte, hörte ohne Zweifel auch dieſes Geräuſch, in welchem ſich das Ohr eines Jägers nicht täuſcht, denn er blieb ſtehen und ſuchte die Finſterniß mit dem Blicke zu durchdringen, das war aber unmöglich. Während dieſes Haltes von einer Secunde ſah Piton über dem Graben das Rohr der Flinte ſich erhe⸗ ben; doch ohne Zweifel war der Pächter auf dieſe Ent⸗ fernung ſeines Schuſſes nicht ſicher, oder er befürchtete wahrſcheinlich, einen Irrthum zu begehen, denn der Lauf, der ſich raſch erhoben hatte, ſenkte ſich langſam. Der Schatten nahm wieder ſeine Bewegung und ſchlüpfte weiter längs der Mauer hin. Er näherte ſich ſichtbar dem Fenſter von Catherine. Diesmal war es Pitou, der das Herz von Billot klopfen hörte. Piton fragte ſich, was er thun könnte, durch wel⸗ chen Schrei er den unglücklichen jungen Mann un⸗ — — e. ot I⸗ n⸗ 25 terrichten könnte, durch welches Mittel er ihn retten könnte. Doch nichts bot ſich ſeinem Geiſte, und aus Ver⸗ zweiflung drückte er ſeine Hände in ſeine Haare. Er ſah den Lauf zum zweiten Male ſich erheben, doch zum zweiten Male ſenkte ſich der Lauf wieder. Das Opfer war noch zu weit entfernt. Es verging ungefähr eine halbe Minute, während welcher der junge Mann die zwanzig Schritte machte, die ihn vom Fenſter trennten. Sobald er vor dieſes gekommen, klopfte er ſachte dreimal in gleichen Zwiſchenräumen an. Diesmal gab es keinen Zweifel mehr, es war ein Liebhaber, und dieſer Liebhaber kam wegen Catherine. Der Lauf der Flinte erhob ſich auch zum dritten Male, während Catherine, das gewöhnliche Zeichen er⸗ kennend, ihr Fenſter halb öffnete. Keuchend fühlte Piton gewiſſer Maßen die Feder der Flinte ſich abſpannen, das Anſchlagen des Steines an die Batterie wurde hörbar; ein Schein, ähnlich dem eines Blitzes, erleuchtete den Weg, doch kein Knall folgte auf dieſen Schein. Nur das Zündkraut hatte gebrannt. Der junge Edelmann ſah, welche Gefahr er gelau⸗ fen war, und machte eine Bewegung, um gerade auf das Feuer zuzugehen; doch Catherine ſtreckte den Arm aus, zog ihn an ſich und flüſterte ihm zu: „Unglücklicher! es iſt mein Vater!. er weiß Alles komm!„„ Und mit einer übermenſchlichen Stärke half ſie ihm durch ihr Fenſter ſteigen, deſſen Laden ſie hinter ihm zumachte. Es blieb dem Pächter ein zweiter Schuß, doch die zwei jungen Leute hatten einander ſo umſchlungen, daß er ohne Zweifel, auf Iſidor ſchießend, ſeine Tochter zu tödten befürchtete. 26 „Oh!“ murmelte er,„er muß wohl herauskom⸗ men, und wenn er herauskommt, werde ich ſeiner nicht fehlen.“ Zu gleicher Zeit öffnete er mit der Nadel ſeines Pulverhorns das Zündloch ſeiner Flinte und ſchüttete neues Pulver auf die Pfanne, damit ſich nicht das Wunder wiederhole, dem Iſidor das Leben verdankte. Fünf Minuten lang blieb alles Geräuſch, ſelbſt das des Athmens zweier Herzen, unterbrochen. Plötzlich, mitten unter dieſer Stille, erſcholl das Ge⸗ belle der Kettenhunde im Hofe. Billot ſtampfte mit dem Fuße, horchte einen Augen⸗ blick, ſtampfte abermals und ſagte: „Ah! ſie läßt ihn durch den Obſtgarten enfliehen! gegen ihn bellen die Hunde!“ Und er ſprang über den Kopf von Piton auf die andere Seite des Grabens und verſchwand, trotz der Nacht, mit Hülfe der Kenntniß, die er von den Oert⸗ lichkeiten hatte, mit der Geſchwindigkeit des Blitzes an der Ecke der Mauer des Pachthofes. Er hoffte zugleich mit Iſidor auf die andere Seite des Pachthofes zu kommen. Piton begriff das Manveuvre mit dem Verſtande des Naturmenſchen, er ſprang auch aus dem Graben, durchſchnitt den Weg in directer Linie, ging gerade auf das Fenſter von Catherine zu, zog den Laden, der ſich öffnete, an ſich, ſtieg in das leere Zimmer ein, erreichte die durch eine Lampe erleuchtete Küche, eilte in den Hof, kam in den Gang, der in den Obſtgarten führte, und erblickte hier mittelſt der Fähigkeit, die er beſaß, im Finſtern zu unterſcheiden, zwei Schatten, von denen der eine auf die Mauer kletterte und der andere mit ausgebreiteten Armen am Fuße dieſer Mauer ſtand. Doch ehe er ſich vollends über die Mauer hinüber⸗ ſchwang, drehte ſich der junge Mann zum letzten Male um und ſagte: kom⸗ nicht ines ttete das e. 27 „Auf Wiederſehen, Catherine, vergiß nicht, daß Du mir gehörſt!“ „Ohi ja, ja,“ erwiederte das Mädchenz„doch gehe, ehe 6.„Ja, gehen Sie, gehen Sie, Herr Iſidor!“ rief Piton,„gehen Sie!“ Man hörte das Geräuſch, das der junge Mann auf die Erde fallend machte, dann das Wiehern ſeines Pferdes, das ihn erkannte, dann die raſchen Sprünge des ohne Zweifel durch den Sporn angetriebenen Thie⸗ res, dann einen erſten Schuß, dann einen zweiten. Beim erſten ſtieß Catherine einen Schrei aus und machte eine Bewegung, als wollte ſie Iſidor zu Hülfe eilen; beim zweiten gab ſie einen Seufzer von ſich und ſank, da ihr die Kräfte entſchwanden, in die Arme von Piton. Dieſer horchte ängſtlich, um zu vernehmen, ob das Pferd ſeinen Lauf mit derſelben Geſchwindigkeit wie vor den Schüſſen fortſetze, und als er hörte, daß der Ga⸗ lopp des Pferdes, das ſich entfernte, nicht langſamer wurde, ſprach er mit entſchiedenem Tone: „Gut, es iſt Hoffnung vorhanden; man zielt nicht ſo feſt bei Racht, als bei Tag, und die Hand iſt nicht ſo ſicher, wenn man auf einen Menſchen ſchießt, als wenn man auf einen Wolf oder auf ein Wildſchwein ſchießt.“ Und er hob Catherine auf und wollte ſie in ſeinen Armen forttragen. Doch durch eine mächtige Willensan⸗ ſtrengung raffte dieſe alle ihre Kräfte zuſammen, glitt. auf den Boden, hielt Piton beim Arm zurück und fragte ihn: „Wohin führſt Du mich?“ „Aber, Mademoiſelle,“7 verſetzte Piton erſtaunt, „ich führe Sie in Ihre Stube.“ „Piton, haſt Du einen Ort, wo Du mich verber⸗ gen kannſt?“ 28 „Oh! was das betrifft, ja, und wenn ich keinen habe, ſo werde ich einen finden.“ „So führe mich weg.“ „Aber der Pachthof?“ „In fünf Minuten hoffe ich ihn verlaſſen zu haben, um nie mehr dahin zurückzukehren.“ „Aber Ihr Vater?“ „Alles iſt gebrochen zwiſchen mir und dem Manne, der meinen Geliebten hat tödten wollen.“ „Aber, Mademoiſelle...“ „Weigerſt Du Dich, mich zu begleiten, Piton?“ fragte Catherine, während ſie den Arm des jungen WMenſchen losließ. „Nein, Mademoiſelle Catherine. Gott behüte mich!“ „Nun, ſo folge mir,“ ſprach Catherine. Und ſie ging voran durch den Obſtgarten in den Küchengarten. Am Ende des Küchengartens war eine kleine Thüre, welche auf die Ebene von Noue führte. Catherine öffnete ſie, ohne zu zaudern, nahm den Schlüſſel, ſchloß die Thüre wieder doppelt hinter ſich und Pitou, und warf den Schlüſſel in einen Brunnen in der Nähe der Mauer. Dann entfernte ſie ſich feſten Schrittes querfeldein, auf den Arm von Piton geſtützt, und Beide verſchwanden bald in dem Thale, das ſich vom Dorfe Piſſelen bis zum Pachthofe von Noue erſtreckt. Niemand ſah ſie weggehen, und Gott allein wußte, wo Catherine den Zufluchtsort fand, den ihr Piton ver⸗ ſprochen hatte. len en, ne, 2“ en 1. en 29 LIV. Der Sturm iſt vorübergegangen. Es iſt mit den menſchlichen Stürmen, wie mit den himmliſchen Orkanen: der Himmel bedeckt ſich, der Blitz leuchtet, der Donner rollt, die Erde ſcheint auf ihrer Achſe zu wanken: es gibt einen furchtbaren Au⸗ genblick des Paroxysmus, wo man an die Vernichtung der Dinge und der Menſchen glaubt, wo Jeder zittert, bebt, und die Hände zum Himmel als zur alleinigen Güte, als zur alleinigen Barmherzigkeit erhebt. Dann bildet ſich allmälig die Ruhe, die Nacht verſchwindet, der Tag kommt wieder, die Sonne wird neugeboren, die Blumen öffnen ſich wieder, die Bäume richten ſich wieder auf, die Menſchen gehen an ihre Geſchäfte, über⸗ laſſen ſich wieder ihren Vergnügungen, ihrer Liebe; das Leben lacht und fingt am Rande der Wege und auf der Schwelle der Thüren, und man bekümmert ſich nicht um die theilweiſe Verwüſtung, die da, wo das Gewitter niedergefallen, entſtanden iſt. Eben ſo war es beim Pachthofe: die ganze Nacht tobte ohne Zweifel ein furchtbarer Sturm im Herzen des Mannes, der ſeinen Racheplan beſchloſſen und zur Ausſührung gebracht hatte. Als er die Flucht ſeiner Tochter wahrnahm, als er vergebens in der Dun⸗ kelheit die Spur ihrer Tritte ſuchte, als er ſie zuerſt mit der Stimme des Zorns, dann mit der des Flehens, dann mit der der Verzweiflung rief, und ſie auf keine von dieſen Stimmen antwortete, brach gewiß etwas vom Leben dieſer mächtigen Organiſation; als aber auf dieſen Sturm von Schreien und Drohungen, der ſeinen 30 Blitz und ſeinen Donner gehabt hatte, wie der himm⸗ liſche Sturm, die Stille der Erſchöpfung gefolgt war; als die Hunde, welche keine Urſache der Unruhe mehr hatten, zu heulen aufgehört; als ein mit Hagel ver⸗ miſchter Regen eine Blutſpur vertilgt hatte, weiche wie ein halb aufgelöſter Gürtel eine ganze Seite des Pacht⸗ hofes umgab; als die Zeit, dieſer unbemerkbare und ſtumme Zeuge von Allem dem, was hienieden vorgeht, in die Luft auf den bebenden ehernen Flügeln die letzten Stunden der Nacht geſchüttelt hatte, nahmen die Dinge wieder ihren gewöhnlichen Lauf: das Hoſthor ächzte auf ſeinen verroſteten Angeln; die Tagelöhner kamen her⸗ aus, die Einen, um zu ſäen, die Anderen, um zu eg⸗ gen, wieder Andere, um zu pflügen; dann erſchien auch Billot, die Ebene in allen Richtungen durchkreuzend; endlich kam der Tag, das übrige Dorf erwachte, und Einige, welche weniger gut geſchlafen hatten, als die Andern, ſagten mit einer halb neugierigen, halb gleich⸗ gültigen Miene: „Die Hunde von Vater Billot haben ſtark geheult heute Nacht, und man hat zwei Schüſſe hinter dem Pachthofe gehört.“ Das war Alles. Oh! nein, wir täuſchen uns. Als der Vater Billot, wie gewöhnlich, um neun Uhr zum Frühſtücke nach Haufe kam, fragte ihn ſeine Frau: „Sage, Mann, wo iſt Catherine?“ „Catherine?“ erwiederte der Pächter mit einer An⸗ ſtrengung;„die Luft des Pachthofes war ihr ſchädlich, und ſie iſt nach der Sologne zu ihrer Muhme abgereiſt.“ „Ah!“ verſetzte die Mutter Billot.„Und ſie wird lange bei ihrer Muhme bleiben?“ „So lange, als es nicht beſſer bei ihr geht,“ ant⸗ wortete der Pächter. Die Mutter Billot ſtieß einen Seufzer aus und entfernte ihre Taſſe Milchkaffee von ſich. 31 Der Pächter wollte ſich zwingen, um zu eſſen, doch beim dritten Mund voll, als erſtickte ihn dieſe Speiſe, nahm er die Flaſche Burgunder beim Halſe und leerte ſie auf einen Zug; dann fragte er mit einer hei⸗ ſeren Stimme: „Man hat hoffentlich mein Pferd nicht abge⸗ ſattelt?“ „Nein, Herr Billot,“ antwortete ſchüchtern ein ſu„der jeden Morgen ſein Frühſtück im Pachthofe hatte. „Gut,“ ſagte der Pächter. Und er ſchob ungeſtüm den Knaben zurück, beſtieg ſein Pferd und ſprengte es auf die Felder, während ſeine Frau, zwei Thränen trocknend, wieder ihren ge⸗ wöhnlichen Platz nuter dem Kaminmantel einnahm. Und abgeſehen von dem Singvogel, abgeſehen von der holden Blume, welche, unter den Zügen eines Mäd⸗ chens, die alten Mauern erheiterte und durchduftete, war der Pachthof am andern Tage wieder, wie er am Tage vorher geweſen. Piton ſah den Tag in ſeinem Hauſe in Haramont anbrechen, und diejenigen, welche um ſechs Uhr Morgens bei ihm eintraten, fanden ihn von einem Lichte, das ſchon lange brennen mußte, durfte man ſeinem hohen Dochte glauben, beleuchtet und eine Rechnung über die Verwendung der fünfundzwanzig Louis d'or ins Reine ſchreibend, die er für die Montirung und Equipirung der Nationalgarde von Haramont erhalten hatte, welche Rechnung er mit allen Belegen Gilbert ſchicken wollte. Allerdings ſagte ein Holzhauer, er habe gegen Mitternacht Piton, in ſeinen Armen etwas Schweres tragend, was das Ausſehen einer Frau gehabt, die Ab⸗ hänge, welche zur Einſiedelei des Vater Clouis führten, hinabſteigen ſehen. Doch das war nicht möglich, inſo⸗ fern der Vater Lajeuneſſe behanptete, er habe ihn gegen ein Uhr Morgens aus allen Kräften auf der Straße von ¹ 3 * . + nurt in geringem Grade diejenigen in Erſtaunen geſetzt 32 Bourſonnes laufen ſehen, während Maniquet, der ganz am Ende des Dorfes, auf der Seite von Longpré, wohnte, angab, er habe ihn um zwei Uhr oder halb drei Uhr an ſeiner Thüre vorübergehen ſehen und ihm zu⸗ gerufen:„Gute Nacht, Piton!“ auf welche Artigkeit ihm Piton geantwortet:„Gute Nacht, Maniquet!“ Es war alſo nicht zu bezweifeln, daß Maniquet um zwei Uhr oder halb drei Piton geſehen hatte. Sollte aber der Holzhauer Piton in der Gegend des Clouis⸗Steines, um Mitternacht, in ſeinen Armen etwas Schweres, was einer Frau glich, tragend geſehen ha⸗ ben; ſollte der Vater Lajeuneſſe Piton aus allen Kräften lau⸗ fend gegen ein Uhr Morgens auf der Straße von Bour⸗ ſonnes geſehen haben; ſollte Maniquet, als er um zwei Uhr oder halb drei Uhr an ſeiner Thüre vorüber⸗ gegangen, Pitou gute Nacht geſagt haben, ſo hätte Piton, den wir gegen zehn Uhr oder halb eilf Uhr mit Catherine in den Schluchten, welche das Dorf Piſſeleu von dem Pachthofe von Noue trennen, aus dem Geſichte verloren, von da nach dem Clouis⸗Stein gehen, das heißt, ungefähr anderthalb Meilen machen müſſen; er wäre dann vom Clouis⸗Stein nach Bourſonnes gelaufen, zwei weitere Meilen; er wäre von Bourſonne zum Clouis⸗Stein zurückgekehrt, hätte ſich dann vom Clouis⸗ Stein nach Hauſe begeben, was zur Annahme führen würde, er habe, um zuerſt Catherine in Sccherheit zu bringen, um ſich ſodann nach dem Vicomte zu erkundi gen und hernach Catherine Nachricht vom Vicomte zi geben, zwiſchen eilf Uhr Abends und halb drei Uhr Morgens etwas wie acht bis zehn Meilen gemacht. Dieſe Annahme wäre nun nicht einmal für die fürſtli⸗ chen Läufer zuläßig, von denen die Leute aus dem Volke einſt behaupteten, man habe ihnen die Milz aus⸗ genommen; doch ein ſolches Kraftſtück würde, im Ganzen, zanz pré, drei zu⸗ gkeit quet end men ha⸗ lau⸗ our⸗ um ber⸗ ätte mit eleu chte das er fen, zum uis⸗ hren t zu ndi zu Uhr cht. ſiti⸗ dem us⸗ zen, ſetzt 38 haben, welche einmal im Stande geweſen waren, die locomotiven Fähigkeiten von Piton zu ſchätzen. Nichtsdeſtoweniger, da Pitou Niemand die Ge⸗ heimniſſe dieſer Nacht offenbarte, in der er mit der Gabe der Allgegenwart ausgerüſtet geweſen zu ſein ſchien, ging hieraus hervor, daß, abgeſehen von Deſiré Maniquet, auf deſſen„Gute Nacht!“ er geantwortet, weder der Holzhauer, noch der Vater Lajeuneſſe es ge⸗ wagt hätten, mit einem Eidſchwure zu bekräftigen, es ſei Piton in Perſon, und nicht ein Schatten geweſen, ein Geiſt, ein Geſpenſt, das eine Aehnlichkeit mit Piton angenommen, was ſie beim Clouis⸗Steine oder auf der Landſtraße von Bourſonnes geſehen. Gewiß iſt, daß man Pitou um ſechs Uhr Morgens, als Billot zu Pferde ſtieg, um ſeine Felder zu beſuchen, ohne einen Anſchein von Müdigkeit oder Unruhe, einen Auszug aus den Rechnungen des Schneiders Dulauroy machen ſah, denen er als Belege die Empfangſcheine ſeiner drei und dreißig Mann beifügte. Noch eine andere Perſon von unſerer Bekanntſchaft hatte in dieſer Nacht ziemlich ſchlecht geſchlafen. Das war der Doctor Raynal. Er war um ein Uhr Morgens durch den Lackei des Vicomte von Charny, der mit aller Gewalt an ſeinem Hauſe läutete, geweckt worden. Er hatte ſelbſt geöffnet, wie dies ſeine Gewohnheit war, wenn die Nachtglocke ertönte. Der Lackei des Vicomte holte ihn wegen eines ſchweren Unfalls, der ſeinem Herrn zugeſtoßen. Er hielt ein zweites geſatteltes Pferd an der Hand, damit der Doctor Raynal nicht einen Augenblick aufge⸗ halten wäre. Der Doctor kleidete ſich eiligſt an, beſtieg das Pferd und entfernte ſich, im Galopp dem Lackei folgend, der ihm wie ein Courier voranritt. Die Gräfin von Charny. Iv. 3 Was für ein Unfall war dies? Er würde es erſt bei ſei⸗ ner Ankunft im Schloſſe erfahren. Man hatte ihn nur aufgefordert, ſeine chirurgiſchen Inſtrumente mitzunehmen. Der Unfall war eine Wunde in der linken Seite und eine Schramme an der rechten Schulter, gemacht mit zwei Kugeln, welche von demſelben Caliber zu ſein ſchienen, das heißt von einem Caliber von vier und zwanzig. Doch der Vicomte ſchwieg über die einzelnen Um⸗ ſtände dieſes Ereigniſſes. Eine von den beiden Wunden, die auf der Seite, war ernſt, bot jedoch keine Gefahr: die Kugel war in das Fleiſch eingedrungen, ohne ein wichtiges Organ zu verletzen. Was die andere Wunde betrifft, ſo ſchien es nicht der Mühe werth, ſich damit zu beſchäftigen. Als der Verband angelegt war, gab der junge Mann vier und zwanzig Louis d'or dem Doctor, daß er ſchweige. „Wenn ich ſchweigen ſoll, ſo müſſen Sie mir mei⸗ nen Beiuch zum gewöhnlichen Preiſe bezahlen, nämlich mit einer Piſtole,“ ſagte der wackere Doctor. Und er nahm einen Lonis d'or und gab auf dieſen Louis d'or vierzehn Livres dem Vicomte heraus, ſo ſehr auch dieſer in ihn drang, um ihn zu bewegen, mehr zu nehmen. Doch vergebens! Nur bemerkte der Doctor, er glaube, es werden drei Beſuche nothwendig ſein, und er werde folglich am zwei⸗ ten und am vierten Tage wiederkommen. Beim zweiten Beinche fand der Doctor ſeinen Kranken ſchon auf: mit Hülfe eines Gürtels, der den Verband an der Wunde feſthielt, hatte er ſchon am andern Tage zu Pferde ſteigen können, als ob nichts geſchehen wäre; ſo daß Niemand, ſeinen vertrauten Lackei ausgenommen, etwas von dem Vorfalle wußte. Als der Doctor zum dritten Male kam, war ſein ei⸗ ur n. ite cht in nd 35 Patient abgereiſt. Er wollte deshalb für dieſen ver⸗ geblichen Beſuch nur eine halbe Piſtole nehmen. Der Doctor Naynal war einer von den ſeltenen Aerzten, welche würdig ſind, in ihrem Zimmer den be⸗ rühmten Kupferſtich: Hippokrates die Geſchenke von Artaxerxes ausſchlagend, zu haben. LV. Der große Verrath von Herrn von Mirabeau. Man erinnert ſich der letzten Worte, welche Mira⸗ beau zu der Königin in dem Augenblick ſprach, wo ſie i da er Saint⸗Clond verließ, die Hand zum Kuſſe reichte: „Durch dieſen Kuß, Madame, iſt die Monarchie gerettet.“ Es handelte ſich darum, dieſes von Prometheus Juno, weiche der Enithronung nahe, geleiſtete Verſprechen zu verwirklichen. Mirabeau hatte, ſeiner Stärke vertrauend, den Kompf begonnen, ohne zu bedenken, daß man ihn nach ſo vielen Unvorſichtigkeiten und drei geſcheiterten Complotten zu einem unmöglichen Kampfe antrieb. 3 Mirabeau, und das wäre klüger geweſen, hätte viel⸗ leicht noch eine Zeit lang unter dem Schutze der Maske geſtritten. Doch zwei Tage, nachdem er bei der Königin geweſen, als er in die Nationalverſammlung ging, ſah er Gruppen und hörte er Ausrufungen. Er näherte ſich den Gruppen und erkundigte ſich nach der Urſache dieſer Ausrufungen. Man reichte ſich Brochuren, und von Zeit zu Zeit rief eine Stimme: „Der große Verrath von Herrn von Mi⸗ rabeau! der große Verrath von Herrn von Mirabeau!“ „Ah! ah!“ ſagte er, während er ein Goldſtück aus der Taſche zog,„es ſcheint, das geht mich an! Mein Freund,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Colporteur wandte, der die Brochuren austheilte und mehrere Tau⸗ ſende in Körben hatte, die ein Eſel geduldig trug, wohin es ihm ſeine Bude zu verſetzen beliebte,„was koſtet der große Verrath von Herrn von Mirabeau?“ Der Colporteur ſchaute Mirabeau ins Geſicht und erwiederte: „Herr Graf, ich gebe ihn umſonſt.“ Und leiſe fügt er bei: „Es ſind hunderttauſend Exemplare von dieſer Bro⸗ chure gedruckt worden.“ Mirabeau entfernte ſich nachdenkend. Dieſe Brochure, von der man hunderttauſend Erem⸗ plare abgezogen! Dieſe Brochure, die man umſonſt gab! Dieſer Colporteur, der ihn kannte! Doch ohne Zweifel war dieſe Brochure eine von den albernen oder gehäſſigen Veröffentlichungen, wie ſie zu Tauſenden um jene Zeit erſchienen. Das Uebermaß des Haſſes oder das nebermaß der Albernheit benahm ihr jeden Werth. Mirabeau warf einen Blick auf die erſte Seite und erbleichte. Die erſte Seite enthielt das Verzeichniß der Schul⸗ den von Mirabeau, und ſeltſamer Weiſe war dieſes Verzeichniß genan: W 37 Zweimalhundert und achttauſend Franken. üinter dem Verzeichniß ſtand das Datum des Tages, an welchem dieſe Summe an die verſchiedenen Gläubiger von Mirabeau durch Herrn von Fontanges, dem Almo⸗ ſenier der Königin, bezahlt worden war. Dann kam der Betrag der Summe, die ihm der Hof monatlich bezahlte: Sechs tauſend Franken. Dann endlich die Erzählung ſeiner Zuſammenkunft mit der Königin. Das war unbegreiflich; der anonyme Pamphlet⸗ ſchreiber hatte ſich nicht in einer Zahl, man könnte bei⸗ nahe ſagen, nicht in einem Worte geirrt. Welcher entſetzliche Feind voll von unerhörten Ge⸗ heimniſſen verfolgte ihn ſo oder verfolgte vielmehr in ihm die Monarchie?“ Der Colporteur, der mit ihm geſprochen, der ihn erkannt, der ihn Herr Graf genannt hatte,— es ſchien Mirabeau, ſein Geſicht ſei ihm nicht ganz fremd. Er kehrte um. Der Eſel ſtand immer noch mit ſeinen zu drei Vierteln leeren Körben da; doch der erſte Colporteur war verſchwunden, und ein anderer hatte ſeinen Platz eingenommen. Dieſer war Mirabeau völlig unbekannt. Er betrieb die Austheilung mit nicht weniger Eifer. Der Zufall wollte, daß im Augenblick dieſer, Austheilung der Doctor Gilbert, der beinahe alle Tage den Debatten der Nationalverſammlung beiwohnte, beſonders wenn dieſe Debatten einige Wichtigkeit hatten, über den Platz ging, wo ſich der Colporteur aufgeſtellt. Träumeriſch und in Gedanken verſunken, wäre er vielleicht bei dieſem Lärmen und dieſen Gruppen nicht ſtehen geblieben, doch mit ſeiner gewöhnlichen Dreiſtigkeit ging Mirabeau gerade auf ihn zu, nahm ihn beim Arme und führte ihn zum Austheiler der Brochuren. Dieſer that bei Gilbert, was er bei den Andern . hatte: er ſtreckte den Arm gegen ihn aus und agte: „Bürger, der große Verrath von Herrn von Mirabeau!“ Als er aber Gilbert erblickte, hielten ſein Arm und ſeine Zunge wie gelähmt an. Gilbert betrachtete ihn ebenfalls, ließ mit Ekel die Brochure fallen und entfernte ſich mit den Worten: „Sie treiben da ein häßliches Handwerk, Herr Beauſire.“ Er nahm den Arm von Mirabeau und ging weiter zur Nationalverſammlung, die den erzbiſchöflichen Pa⸗ laſt mit der Manége vertauſcht hatte. „Kennen Sie denn dieſen Menſchen?“ fragte Mi⸗ rabeau Gilbert. „Ich kenne ihn, wie man ſolche Menſchen kennt,“ erwiederte Gilbert;„es iſt ein ehemaliger Gefreiter, ein Spieler, ein Gauner; er hat ſich zum Verleumder gemacht, da er nicht mehr wußte, was er thun ſollte.“ „Ah!“ murmelte Mirabeau, indem er die Hand an die Stelle legte, wo er ſein Herz gehabt hatte, und wo nur noch ein Portefeuille, das Geld des Hofes enthal⸗ tend, war,„wenn er verleumdete...5 Und der große Redner ſetzte ſeinen Gang fort. „Wie,“ ſprach Gilbert,„ſollten Sie ſo wenig Phi⸗ loſoph ſein, daß Sie ſich durch einen ſolchen Angriff niederſchlagen laſſen?“ 6 „Ich?“ rief Mirabeau.„Ah! Doctor, Sie kennen mich nicht... Oh! ſie ſagen, ich ſei verkauft, während ſie einfach ſagen müßten, ich ſei bezahlt! Nun, morgen kaufe ich ein Hotel, morgen nehme ich Wagen, Pferde, Be⸗ dienten, morgen nehme ich einen Koch und halte offene Tafel. Ich, niedergeſchlagen? Ei! was liegt mir an der Volksbeliebtheit von geſtern und an der Unbeliebtheit von heute? Habe ich nicht die Zukunft?.. Nein, „ 89 Doctor, was mich niederſchlägt, iſt ein geleiſtetes Ver⸗ ſprechen, das ich wahrſcheinlich nicht halten kann; es ſind die Fehler, ich möchte beinahe ſagen, die Verräthereien des Hofes gegen mich. Ich habe die Königin geſehen, nicht wahr? Sie ſchien voll Vertrauen zu mir; einen Augenblick träumte ich,— wahnſinniger Traum bei einer ſolchen Frau,— einen Augenblick träumte ich, nicht der Miniſter eines Königs zu ſein, wie Richelien, ſondern der Miniſter, ſagen wir es gerade heraus, und die Welt hätte ſich dabei nicht ſchlimmer befunden, der Geliebte einer Königin, wie Mazarin. Was that ſie nun? An demſelben Tag, als ſie mich kaum verlaſſen, und ich habe den Beweis hievon, ſchrieb ſie an ihren Agenten in Deutſchland, Herrn von Flachsland:„„Sagen Sie mei⸗ nem Bruder Leopold, ich befolge ſeinen Rath; ich be⸗ diene mich des Herrn von Mirabeau, doch es ſei nichts Ernſtes in meinen Beziehungen zu ihm?““ „Sind Sie deſſen ſicher?“ fragte Gilbert. „Sicher, materiell ſicher... Doch das iſt noch nicht Alles... Wiſſen Sie, von was heute in der Kammer die Rede ſein ſoll?“ „Ich weiß, daß vom Kriege die Rede ſein ſoll⸗ doch ich bin ſchlecht unterrichtet über die Urſache dieſes Krieges.“ „Oh! mein Gott, das iſt ganz einfach: in zwei Parteien, Oeſterreich und Rußland einerſeits, England und Preußen andererſeits, getrennt, ſtrebt doch ganz Europa zu einem Haſſe, zum Haſſe gegen die Revolu⸗ tion hin. Für Rußland und für Oeſterreich iſt die Kundgebung nicht ſchwierig, es iſt die ibrer eigenen Meinung, doch das liberale England, das philoſophiſche Preußen brauchen Zeit, um ſich zu entſcheiden, um von einem Pole zum andern überzugehen, um abzuſchwören, zu verlengnen, um zu geſtehen. ſie ſeien das, was ſie in Wirklichkeit ſind, Feinde der Freiheit. England hat für ſeinen Theil Brabant Frankreich die Hand reichen — 40 ſehen, das hat ſeine Entſcheidung beſchleunigt. Unſere Revolntion, mein lieber Doctor, iſt anſteckend; es iſt mehr als eine nationale Revolution, es iſt eine Revolu⸗ tion der Menſchheit. Der Irländer Burke, ein Zögling der Jeſuiten von Saint⸗Omer, ein erbitterter Feind von Herrn Pitt, hat gegen Frankreich ein Manifeſt ge⸗ ſchleudert, das ihm in ſchönem Golde von Herrn Pitt bezahlt worden iſt. England führt nicht den Krieg ge⸗ gen Frankreich, nein, es wagt dies noch nicht; doch es überläßt Belgien dem Kaiſer Leopold, und es geht an das Ende der Welt, um Streit mit Spanien, unſe⸗ rem Verbündeten, zu ſuchen. Ludwig XVI. hat nun geſtern der Nationalverſammlung zu wiſſen gethan, er rüſte vierzehn Kriegsſchiffe aus⸗ Hierüber große Dis⸗ cuſſion heute in der Nationalverſammlung. Wem gehört die Initiative des Kriegs? Das iſt die Frage. Der König hat ſchon das Innere, er hat ſchon die Juſtiz verloren, verliert er auch den Krieg, was bleibt ihm dann? Andererſeits, greifen wir offenherzig hier von Ihnen zu mir, mein lieber Doctor, den Punkt an, den man in der Kammer noch nicht zu berühren wagte, an⸗ dererſeits iſt der Konig verdächtig; die Revolution hat ſich bis jetzt, und ich rühme mich, mehr als irgend Se⸗ mand hiezu beigetragen zu haben! die Revolution hat ſich nur dadurch gemacht, daß man das Schwert in der Hand des Königs gebrochen. Von allen Gewalten iſt die gefährlichſte, die man in ſeinen Händen laſſen könnte, ſicherlich der Krieg. Nun denn, getreu dem geleiſteten Verſprechen bin ich im Begriffe, zu verlangen, daß man ihm dieſe Gewalt laſſe, ich bin im Begriffe, meine Volks⸗ beliebtheit, mein Leben vielleicht zu wagen, indem ich dieſes Verlangen durchzuſetzen ſuche; ich bin im Begriffe, die Annahme eines Decretes zu bewirken, das den Kö⸗ nig zum Sieger machen wird. Was thut nun der Kö⸗ nig zu dieſer Stunde? Er läßt durch den Siegelbewahrer in den Archiven des Parlaments die alten Formeln der — 8S 8 c=—„„—— ———— 18—— re iſt U⸗ ng nd e⸗ itt in 4¹ Proteſtativnen gegen die Reichsſtände ſuchen, ohne Zwéi⸗⸗ fel, um eine geheime Proteſtation gegen die National⸗ verſammlung abzufaſſen. Ah! das iſt das Unglück, mein lieber Gilbert, man treibt zu viel geheime Dinge und thut zu wenig öffentliche Dinge mit entblößtem Geſichte, und darum will ich, Mirabeau, vernehmen Sie wohl? und darum will ich, daß man wiſſe, ich gehöre dem König und der Königin. Sie ſagen mir, dieſe gegen mich gerichtete Schändlichkeit beunruhige michz nein Doctor, ſie dient mir; ich brauche, was die Stürme brauchen, um auszubrechen: finſtere Wolken und widrige Winde. Kommen Sie, kommen Sie, Doctor, Sie ſol⸗ len eine ſchöne Sitzung ſehen, dafür ſtehe ich Ihnen.“ Mirabeau log nicht, und ſchon bei ſeinem Eintritt in die Mansge hatte er einen Beweis von Muth zu ge⸗ ben. Jeder ſchrie ihm ins Geſicht: Verrath! und der Eine zeigte ihm einen Strick, der Andere eine Piſtole. Mirabeau zuckte die Achſeln und ſchob diejenigen, welche ſich auf ſeinem Wege fanden, mit den Ellenbogen auf die Seite. Das Geſchrei verfolgte ihn bis in den Saal und ſchien hier neues Geſchrei zu erwecken. Kanm erblickte man ihn, da riefen hundert Stimmen:„Ah! hier kommt er, der Verräther! der abtrünnige Redner! der verkaufte Menſch!“ Barnave war auf der Tribune; er ſprach gegen Mirabean. Mirabeau ſchaute ihn feſt an. „Nun, ja,“ ſagte Barnave,„Du biſt es, den man Verräther nennt, und gegen Dich ſpreche ich.“ „Wenn Du gegen mich ſprichſt,“ erwiederte Mira⸗ beau,„ſo kann ich einen Gang nach den Tuilerien ma⸗ chen; ich werde Zeit haben, zurückzukommen, bevor Du geendigt.“ Und den Kopf hoch tragend, das Auge drohend, ging er unter Geziſche, unter Flüchen und Drohungen weg, erreichte die Terraſſe der Feuillants und ſtieg in die Tuilerien hinab. Ungefähr im Drittel der großen Allee hatte eine junge Frau, welche einen Eiſenkrautzweig in der Hand hielt, deſſen Wohlgeruch ſie einathmete, einen Kreis um ſich verſammelt. Ein Platz war auf ihrer Linken frei; Mirabeau nahm einen Stuhl und ſetzte ſich an ihre Seite. Die Hälfte von denſenigen, welche ſie umgaben, ſtand auf und ging weg. Die junge Frau reichte ihm die Hand. „Ah! Baronin,“ ſagte er,„Sie haben alſo nicht Angſt, von der Peſt angeſteckt zu werden?“ „Mein lieber Graf,“ antwortete die junge Frau, „man verſichert, Sie neigen ſich auf unſere Seite, ich ziehe Sie zu uns herüber. Mirabeau lächelte und plauderte drei Viertelſtunden mit der jungen Frau, welche keine Andere war, als Anna Louiſe Germaine Necker, Baronin von Stasl. Nach drei Viertelſtunden aber ſchaute er auf ſeine Uhr und ſagte: „Ah! Baronin, ich bitte um Verzeihung! Barnave ſprach gegen mich; er ſprach ſeit einer Stunde, als ich die Nationalverſammlung verließ, es ſind drei Viertel⸗ ſtunden, daß ich das Glück habe, mit Ihnen zu plau⸗ dern, es ſind alſo bald zwei Stunden, daß mein An⸗ kläger ſpricht; ſeine Rede muß ihrem Ende nahe ſein, und ich muß ihm antworten.“ „Gehen Sie,“ erwiederte die Baronin,„antworten Sie, und guten Muth!“ „Geben Sie mir dieſen Eiſenkrautzweig, Baronin⸗ er wird mir als Talisman dienen“ „Nehmen Sie ſich in Acht, mein lieber Graf, Eiſen⸗ kraut iſt die Pflanze, welche bei den Libationen für die Verſtorbenen dient!“ rie tr ne nd m u n cht u, ich en 1 ine we el⸗ u⸗ ln⸗ in, in, en⸗ die 43 „Geben Sie immerhin, es iſt gut, bekränzt zu ſein wie ein Märtyrer, wenn man in den Circus hinabſteigt.“ „Man kann allerdings nicht mehr Thier ſein, als die Rationalverſammlung geſtern war,“ verſetzte Frau von Stasl. „Ah! Baronin,“ rief Mirabeau, warum datiren?“ Und er nahm aus ihren Händen den Eiſenkraut⸗ zweig, den ſie ihm ohne Zweifel als Belohnung für dieſes Wort bot, grüßte artig, ſtieg die Stufen hinauf, welche zur Terraſſe der Feuillants führte, und kehrte in die Nationalverſammlung zurück. Barnave verließ gerade die Tribune unter den Accla⸗ mationen des ganzen Saales; er hatte eine von den nebeligen en gehalten, welche allen Parteien anſtehen. Lie man Mirabeau auf der Tribune, als ein Donner von Geſchrei und Flüchen gegen ihn losbrach. Doch er erhob ſeine mächtige Hand, wartete und rief dann, einen von den Augenblicken der Stille be⸗ niß„wie ſie beim Sturme und beim Auftuhr ein⸗ reten: „Ich wußte wohl, daß es nicht weit vom Capitol bis zum tarpejiſchen Felſen iſt.“ So groß iſt die Majeſtät des Genies, daß dieſes Wort den Erbittertſten Stillſchweigen auferlegte. Sobald Mirabean Stille erlangt hatte, war der Sieg halb gewonnen. Er forderte, daß dem König die Initiative gegeben werde; das hieß zu viel fordern, und man weigerte ſich. Da entſpann ſich der Kampf über die Amendements; der Hauptangriff war zurückgeſchlagen worden, man mußte das Terrain durch partielle Angriffe wiedererobern: er beſtieg fünfmal die Tribune. Endlich erlangte er Folgendes: Det König habe das Recht, die Anſtalten zum Kriege zu treffen, die Streitkräfte zu lenken, wie er wollte, er ſchlage den Krieg der Nationalverſammlung vor, welche nichts entſcheide, was nicht durch den König ſanctionirt ſei. Was hätte er nicht erlangt ohne die Anfangs durch den unbekannten Colporteur und ſodann durch Herrn von Beauſire ausgetheilte kleine Brochure, welche, wie geſagt, betitelt war: Großer Verrath von Herrn von Mirabeau. Als er die Sitzung verließ, wäre Mirabean beinahe in Stücke zerriſſen worden. Dagegen wurde Barnave im Triumphe vom Volk getragen. Armer Barnave, der Tag iſt nicht fern, wo Du Deinerſeits wirſt rufen hören: „Großer Verrath von Herrn Barnave.“ LVI. Vas Lebenselixir. Mirabean ging mit ſtolzem Auge und den Kopf hoch tragend aus der Nationalverſammlung weg. So lange er ſich der Gefahr gegenüber befand, dachte der nictige Athlete nur an die Gefahr und nicht an ſein Kräfte. 4 Es war bei ihm wie beim Marſchall von Sachſel in der Schlacht von Fontenoy; entkräftet, krank, blieb er den ganzen Tag feſter, als der tapferſte Kriegsmann ſeines Heeres; als aber die engliſche Armee gebrochen war, als der letzte Rauch des letzten Kanonenſchuſſe die Flucht der Engländer begrüßte, da ſank er ſterbend auf das Schlachtfeld, das er erobert hatte. 3 au un üb krä ſch ge ge ſei zu ma da urch von agt, on lahe Volk 4⁵ Ebenſo war es mit Mirabeau. Als er nach Hauſe kam, legte er ſich auf die Erde, auf Kiſſen mitten unter Blumen. Mirabeau hatte zwei Leidenſchaften: die Frauen und die Blumen. Seit dem Anfange der Sitzungen verſchlechterte ſich übrigens ſeine Geſundheit ſichtbar; obgleich mit einem kräftigen Temperamente ausgeſtattet, hatte er in phyſi⸗ ſcher und moraliſcher Beziehung ſo viel durch Verfolgun⸗ gen und Einkerkerungen gelitten, daß er nie mehr vöhig geſund geweſen war. So lange der Menſch jung iſt, agiren alle Organe ſeinem Willen unterworfen, bereit, dem erſten Befeble zu gehorchen, den ihnen das Gehirn ertheilt, gewiſſer Kopf * de ſein chſen blieb nann ochen uſſes d auf maßen gleichzeitig und ohne irgend eine Oppoſition gegen das Verlangen, das ſie in Bewegung ſetzt. Doch ſowie der Menſch im Alter vorrückt, macht jedes Organ, wie ein Bedienter, der noch gehorcht, den aber ein langer Dienſt verdorben hat, wenn man ſo ſagen darf, ſeine Bemerkungen, und nicht ohne Mühe und Kampf gelingt es einem, ſeinen Willen durchzuſetzen. Mirabeau war in dieſem Lebensalter; damit ſeine Organe ihn fortwährend mit der Schnelligkeit bedienten, an die er gewöhnt war, nußte er ſich ärgern, und der Zorn allein brachte dieſe müden und von Schmerzen heimgeſuchten Diener zum Gehorſam. Diesmal fühlte er in ſich etwas Ernſteres als ge⸗ wöhnlich, und er widerſtand nur ſchwach ſeinem Lackei, der davon ſprach, er wolle einen Arzt holen, als der Doector Gilbert klingelte und bei ihm eingeführt wurde. WMirabeau reichte dem Doctor die Hand und zog ihn zu ſich auf die Kiſſen, auf denen er mitten unter Blumen und Blättern lag. „Nun, mein lieber Graf,“ ſagte Gilbert zu ihm, „ich wollte nicht nach Hanſe gehen, ohne Ihnen Glück zu wünſchen. Sie hatten mir einen Sieg verſprochen. N Sie haben mehr als dies, Sie haben einen Triumph davon getragen.“ „Ja, doch Sie ſehen, das iſt ein Triumph, ein Sieg in der Art von dem von Pyrrhus; noch ein Sieg wie dieſer, Doctor, und ich bin verloren!“ Gilbert ſchaute Mirabeau an und ſprach dann: „Sie ſind in der That krank.“ Mirabeau zuckte die Achſeln. „Mein lieber Doctor, bei dem Handwerk, das ich treibe, wäre ein Anderer ſchon hundermal geſtorben,“ erwiederte er.„Ich habe zwei Secretäre, ſie ſind beide ganz erſchöpft, Pelline beſonders, der beauftragt iſt, die Brouillons meiner abſcheulichen Handſchrift zu copiren, und den ich nicht entbehren kann, weil er allein mich zu leſen und zu verſtehen vermag. Pellinc liegt ſeit drei Tagen im Bette. Doctor, bezeſchnen Sie mir doch, ich ſage nicht Etwas, was mich leben macht, ſondern Etwas, was mir Kraft gibt, ſo lange ich lebe.“ „Was wollen Sie,“ verſetzte Gilbert, nachdem er dem Kranken den Puls gefühlt, einer Organiſation wie der Ihrigen kann man keinen Rath geben. Rathen Sie doch die Ruhe einem Menſchen, der ſeine Kraft be⸗ ſonders aus der Bewegung ſchöpft, die Mäßigung einem Genie, das unter Exceſſen groß wird! Kann ich Ihnen ſagen, Sie ſollen aus Ihrem Zimmer dieſe Blumen und dieſe Pflanzen wegnehmen laſſen, welche bei Tag den Sauerſtoff und bei Nacht den Kohlenſtoff entwickeln Sie haben ſich eine Nothwendigkeit aus den Blumen ge macht, und Sie würden mehr durch ihre Abweſenheil leiden, als Sie unter ihrer Anweſenheit erdulden. Sol ich Ihnen ſagen, Sie müſſen die Frauen behandeln wie die Blumen und ſie, bei Nacht beſonders, entfernen? Sie werden mir antworten, Sie wollen lieber ſterben.. Leben Sie alſo, mein lieber Graf, mit den Bedingun gen Ihres Lebens, nur haben Sie um ſich her Blume —— h nph ein ieg 47 ohne Wohlgeruch und, wenn es Ihnen möglich iſt, Lie⸗ besverhältniſſe ohne Leidenſchaft.“ „Oh! in letzterer Hinſicht ſind Sie vortrefflich be⸗ dient, mein lieber Doctor,“ erwiederte Mirabeau!„die Liebesverhältniſſe mit Leidenſchaft ſind mir zu ſehr miß⸗ glückt, als daß ich wieder anfangen ſollte. Drei Jahre Gefängniß, ein Todesurtheil und der Selbſtmord einer von mir geliebten Frau, die ſich für einen Anderen als für mich das Leben nahm, haben mich von dieſer Art von Liebſchaften geheilt; einen Augenblick träumte ich etwas Großes, ich träumte die Verbindung von Eliſa⸗ beth mit Eſſex, von Anna von Oeſterreich mit Mazarin, von Catharine II. mit Potemkin; doch das war ein Traum. Was wollen Sie! ich habe ſie nicht wieder⸗ geſehen, dieſe Frau, für welche ich kämpfe, und ich werde ſie ohne Zweifel nie wiederſehen... Ah! Gil⸗ bert, es gibt keine größere Qual, als zu fühlen, daß man in ſich unermeßliche Pläne, die Woblfahrt eines Königreiches, den Trinmph ſeiner Freunde und die Vernichtung ſeiner Feinde trägt, und daß durch einen böſen Willen des Zufalls, durch eine Lanne des Verhängniſſes Alles dies uns entwiſcht. Oh! die Thor⸗ heiten meiner Jugend, wie laſſen ſie mich dieſelben büßen, wie büßen ſie ſie ſelbſt! Doch warum mißtrauen ſie mir? Habe ich nicht, abgeſehen von ein paar Veranlaſſungen, bei weſchen ſie mich auf das Aeußerſte trieben, und wo ich ſchlagen mußte, um ihnen das Maß meiner Streiche zu geben, habe ich nicht völlig ihnen gehört vom Anfang bis zum Ende? Bin ich nicht für das abſolute Veto geweſen, als ſich Herr Necker mit dem ſuspenſiven Veto begnügte? Bin ich nicht gegen jene Nacht vom 4. Auguſt geweſen, an der ich nicht Theil genommen, und die den Adel ſeiner Privilegien beranbt hat? Habe ich nicht gegen die Erklärung der Menſchenrechte proteſtirt, nicht als ob es mir eingefallen wäre, das Geringſte davon wegzuſchnei⸗ den, ſondern weil ich glaubte, der Tag ihrer Verkün⸗ digung ſei noch nicht gekommen. Habe ich ihnen nicht heute endlich über das hinaus, was ſie hoffen konnten, gedient? Habe ich nicht auf Koſten meiner Ehre, meiner Popularität, meines Lebens mehr erlangt, als ein Menſch, wäre er Miniſter, wäre er Prinz, für ſie erlangen konnte? Und wenn ich bedenke,— überlegen Sie wohl, was ich Ihnen ſagen werde, mächtiger Philoſoph, denn der 3 Sturz der Monarchie liegt vielleicht in dieſer Thatſache, — wennich bedenke, daß ich, der ich es als eine große Gnade, ſo groß, daß ſie mir nurein einziges Mal bewilligt worden iſt, betrachten muß, die Königin zu ſehen; wenn ich be⸗ denke, daß, wäre mein Vater nicht am Tage der Ein⸗ nahme der Baſtille geſtorben, hätte mich nicht die Schick⸗ lichkeit abgehalten, mich zwei Tage nach dieſem Tode zu zei⸗ gen, da Lafayette zum General der Nationalgarde und Bailly zum Maire von Paris ernannt wurden, ich an der Stelle von Bailly zum Muire ernannt worden wäre! Oh! dann än⸗ derten ſich die Dinge: der König befand ſich unmittelbar in der Nothwendigkeit, in Verbindung mit mir zu treten; ich flößte ihm andere Ideen als die ein, die er darüber hat, wie man eine Stadt, welche die Revolution in ihrem Schoße trägt, leiten muß; ich eroberte ſein Ver⸗ trauen, ich brachte ihn, ehe das Uebel zu tief eingewurzelt war, zu entſcheidenden Maßregeln der Conſervation, ſtatt daß ich, ein einfacher Abgeordneter, ein verdächtiger, von — der Eiferſucht verfolgter, gefürchteter, gehaßter Menſch . vom König entfernt, bei der Königin verleumdet wor⸗ den bin. Glauben Sie Eines, Doctor? als ſie mich in Saint⸗Clond erblickte, erbleichte ſie; ei! iſt das nicht ganz einfach, hat man ihr nicht den Glauben beigebracht, ich habe den 5. und 6. October gemacht? Nun, wäh⸗ rend dieſes Jahres hätte ich Alles das gethan, was man mich zu thun verhindert hat, indeß ich heute, ah! heute für die Geſundheit der Monarchie, wie für die meinige, befürchte, daß es zu ſpät iſt.. Und mit einem tiefen Ausdrucke von Schmerz, der on ſch or⸗ ich icht cht, äh⸗ as te, die der 49 auf ſeinem ganzen Geſichte verbreitet war, packte Mirabeau mit voller Hand das Fleiſch ſeiner Bruſt unter ſeinem Magen. „Sie leiden, Graf?“ fragte Gilbert. „Wie ein Verdammter! Es gibt Tage, wo ich, bei meinem Ehrenwort, glaube, daß man das, was man mir in moraliſcher Hinſicht mit der Verleumdung anthut, in phyſiſcher mit dem Arſenik macht... Glauben Sie an das Gift der Borgia, an die Aqua tofana von Perugia und an das Erbſchaftspulver der Voiſin, Doc⸗ tor?“ fragte lächelnd Mirabeau. „Nein, doch ich glaube an jene glühende Klinge, welche die Scheide verbrennt, an jene Lampe, deren er⸗ weiterte Flamme das Glas zerſprengt.“ Gilbert zog aus ſeiner Taſche ein Kryſtallfläſchchen, das zwei Fingerhut voll von einer grünlichen Flüſſigkeit enthielt. „Graf,“ ſprach er,„wir wollen einen Verſuch machen.“ „Welchen?“ verſetzte Mirabeau, indem er das Fläſch⸗ chen neugierig anſchaute. „Einer von meinen Freunden, den ich gern als den Ihrigen ſehen möchte, und der ſehr unterrichtet iſt in den Naturwiſſenſchaften und ſogar, wie er behauptet, in den verborgenen Wiſſenſchaften, hat mir das Recept von dieſem Tranke als einem ſpuveränen Gegengift, einem univerſellen Heilmittel, beinahe einem Lebenselexir gege⸗ ben. Oſt, wenn ich von jenen düſtern Gedanken erfaßt wurde, welche unſere Nachbarn, die Engländer, zur Schwermuth, zum Spleen und ſogar zum Tode führen, habe ich ein paar Tropfen von dieſer Flüſſigkeit getrun⸗ ken, und ich muß ſagen, die Wirkung iſt immer heilſam und raſch geweſen. Wollen Sie auch davon koſten?“ „Von Ihrer Hand, lieber Doctor, würde ich Alles annehmen, ſelbſt den Schierling, um ſo viel mehr alſo das Lebenselixir. Iſt eine Miſchung damit zu machen, oder wird es rein getrunken?“ Die Gräfin von Charuy. W. 4 große Gewalt. Befehlen Sie Ihrem Lackei, Ihnen ein paar Tropfen Branntwein oder Weingeiſt in einem Löffel zu bringen.“ „Teufel! Weingeiſt oder Branntwein, um Ihren Trank zu mildern! Das iſt alſo flüſſiges Feuer? Ich wußte nicht, daß ein Menſch davon getrunken, ſeit dem Prometheus dem Ahnberrn des Menſchengeſchlechts ein⸗ geſchenkt hat; nur ſage ich Ihnen zum Voraus, daß ich bezweifle, ob mein Lackei im ganzen Hauſe ſechs Tropfen Branntwein findet; ich bin nicht wie Pitt, und nicht hier bole ich meine Beredtſamkeit.“ Der Lackei kam indeſſen nach einigen Secunden mit einem Löffel zurück, der die verlangten fünf bis ſechs Tropfen Branntwein enthielt. Gilbert fügte dieſem Branntwein ein gleiches Quan⸗ tum von der Flüſſigkeit bei, welche das Fläſchchen ent⸗ hielt; auf der Stelle nahmen die zwei combinirten Flüſ⸗ ſigkeiten die Farbe des Wermuths an, und Mirabeau ergriff den Löffel und verſchluckte das, was er enthielt. „Teufel! Doctor,“ ſagte er zu Gilbert,„Sie haben wohl daran gethan, mich darauf aufmerkſam zu machen, daß Ihre Drogue kräftig iſt; mir iſt buchſtäblich, als hätte ich einen Blitz verſchluckt.“ Gilbert lächelte und ſchien mit Vertrauen zu warten. Mirabeau blieb einen Augenblick wie verzehrt durch die paar Tropfen Flamme, ſenkte den Kopf auf ſeine Bruſt und drückte die Hand an ſeinen Magen; doch plötz⸗ lich erhob er wieder dos Haupt und rief: „Ah! Doctor, es iſt wahrhaftig das Lebenselipxir, was Sie mich haben trinken laſſen.“ Dann ſtand er auf, athmete geräuſchvoll, hob die Stirne hoch empor, ſtreckte die Arme aus und ſprach: „Nun ſtürze die Monarchie, ich fühle mich ſtark genug, ſie zu halten.“ Gilbert lächelte. „Nein, denn dieſer Trank beſitzt in der That eine —— — — „ 51 „Sie fühlen ſich alſo beſſer?“ fragte er. „Doctor,“ ſagte Mirabean,„belehren Sie mich, wo man dieſen Trank kauft, und müßte ich jeden Tropfen mit einem Diamant von gleicher Größe bezahlen, müßte ich auf all meinen Luxus für dieſen Luxus an Kraft und Leben verzichten, ich ſtehe Ihnen dafür, ich werde auch dieſe flüſſige Flamme bekommen, und dann werde ich mich für unbeſiegbar halten.“ „Graf,“ erwiederte Gilbert,„verſprechen Sie mir, von dieſem Tranke nur zweimal in der Woche zu neh⸗ men, ſich nur an mich zu wenden, um wieder Vorrath zu erhalten, und dieſes Fläſchchen gehört Ihnen.“ „Geben Sie mir, und ich verſpreche Ihnen Alles, was Sie wollen.“ Hier. doch das iſt noch nicht Alles: Sie wer⸗ den Pferde und Wagen haben, wie Sie mir geſagt haben?“ Ja.“ „Nun, ſo leben Sie auf dem Lande; dieſe Blumen, welche die Luft Ihres Zimmers verderben, reinigen die Luft eines Gartens; die Fahrt die Sie alle Tage ma⸗ chen werden, um nach Paris zu kommen und auf das Land zurückzukehren, wird Ihnen heil am ſein; wählen ie, wenn es möglich iſt, einen Aufenthaltsort, der auf einer Anhöhe, in einem Walde, an einem Fluſſe liegt, Bellevue, Saint Germain oder Argenteuil.“ „Argenteuil!“ verſetzte Mirabeau,„ich habe meinen Bedienten abgeſchickt, um ein Landhaus dort zu ſuchen. Teiſch, ſagten Sie mir nicht, Sie haben dort etwas gefunden, was mir anſtehen werde? Ja, Herr Braf,“ antwortete der Bediente, der bei der Cur, welche Gilbert vorgenommen, gegenwärtig ge⸗ weſen war; ja, ein reizendes Haus, von dem mir ein gewiſſer Fritz, ein Landsmann von mir, geſagt hatte; er hat, wie mir ſcheint, mit ſeinem Herrn, der ein ftemder Banquier iſt, dort gewohut. Das Haus iſt zu vermiethen, und der Herr Graf kann es nehmen, wann er will.“ „Wo iſt dieſes Haus?“ „Außerhalb Argenteuil; man nennt es das Schloß vom Marais.“ „Oh! ich kenne das,“ ſagte Mirabeau;„ſehr gut, Teiſch. Als mich mein Vater aus ſeinem Hauſe mit ſeinem Fluche und einigen Stockſtreichen wegjagte. Sie wiſ⸗ ſen, S daß mein Vater in Argenteuil wohnte?“ „Ja.“ „Run, ſage ich, als mich mein Vater aus ſeinem Hauſe jagte, ging ich oft außen an den Mauern dieſes ſchönen Wohngebäudes ſpazieren, und ich ſagte mir dann, ich glaube, wie Horaz,— verzeihen Sie, wenn die Citation falſch iſt—: O rus, quando te aspiciam?“ „Dann iſt alſo der Augenblick gekommen, Ihren Wunſch zu verwirklichen! Brechen Sie auf, beſuchen Sie das Schloß Marais, verſetzen Sie dorthin ihr Do⸗ micil... je eher, deſto beſſer.“ Mirabeau überlegte einen Augenblick; dann wandte er ſich an Gilbert und ſagte: „Lieber Doctor, Ihre Pflicht gebietet, daß Sie über dem Kranken wachen, den Sie wiedererweckt haben; es iſt erſt fünf Uhr; wir ſind in den langen Tagen des Jahres; das Wetter iſt ſchön; ſteigen wir in den Wagen und fahren wir nach Argentenil.“ „Gut, fahren wir nach Argenteuil,“ erwiederte Gilbert.„Unternimmt man die Wiederherſtellung einer Geſundheit, welche ſo koſtbar wie die Ihrige, ſo muß man Alles ſtudiren... Laſſen Sie uns Ihr zukünftiges Landhaus ſtudiren!“ 53 LVII. Unter dem vierten Grade gibt es keine Ver- wandte mehr. Mirabean hatte kein eingerichtetes Haus und folglich keinen eigenen Wagen. Der Bediente holte einen Mieth⸗ wagen. Um jene Zeit war die Fahrt nach Argenteuil bei⸗ nahe eine Reiſe, während man dahin jetzt in eilf Mi⸗ nuten kommt und in zehn Jahren vielleicht in eilf Se⸗ cunden kommen wird. Warum hatte Mirabeau Argenteuil gewählt? Weil ſich einige Erinnerungen ſeines Lebens, wie er dem Doctor geſagt hatte, an dieſe kleine Stadt knüpften, und weil der Menſch ein ſo großes Bedürfniß hat, die kurze Periode des Daſeins, die ihm gegeben iſt, zu ver⸗ doppeln, daß er ſich, ſo lange er kann, an die Vergan⸗ genheit anklammert, um weniger raſch gegen die Zukunft fortgeriſſen zu werden. In Argenteuil war ſein Vater, der Marquis von Mirabeau, am 11. Juli 1789 geſtorben, wie ein ächter Edelmann ſterben mußte, der bei der Einnahme der Baſtille nicht gegenwärtig ſein wollte Am Ende der Brücke von Argenteuil ließ auch Mi⸗ rabean den Wagen halten. „Sind wir an Ort und Stelle?“ fragte der Doctor. „Ja und nein. Wir ſind noch nicht beim Schloſſe vom Marais angelangt, das eine Viertelmeile jenſeits Argentenil liegt. Was wir aber heute machen,— ich vergaß, Ihnen dies zu ſagen,— iſt nicht ein einfacher 54 Beſuch, es iſt eine Wallfahrt, und zwar eine Walffahrt in drei Stationen.“ „Eine Wallfahrt? verſetzte Gilbert lächelnd,„und zu welchem Heiligen?“ „Zum heiligen Riquetti, mein lieber Doctor; das iſt ein Heiliger, den Sie nicht kennen, ein Heiliger, den die Menſchen canoniſirt haben. Ich kann es nicht leug⸗ nen, ich bezweifle ſehr, ob der gute Gott,— angenom⸗ men er beſchäftige ſich mit allen Lappereien dieſer arm⸗ ſeligen Welt,— die Heiligſprechung ratificirt hat; da⸗ rum iſt es aber nicht minder gewiß, daß hier der heilige Rquetti, Marquis von Mirabeau, der Menſchen⸗ freund, verſchieden iſt, und zwar umgebracht wie ein Märthrer durch die Ausſchweifungen ſeines unwürdigen Sohnes Honorés Gabriel Victor Riquetti, Grafen von Mirabeau.“ Oh! es iſt wahr,“ ſagte der Doctor,„in Argenteuil iſt Ihr Vater geſtorben. Verzeihen Sie, daß ich das vergeſſen habe. Meine Entſchuldigung findet ſich in Fol⸗ gendem: als ich von Amerika zurückkehrte, wurde ich auf der Straße vom Havre nach Paris in den erſten Tagen des Juli verhaftet, und ich befand mich in der Baſtille, während ſich dieſer Tod ereignete. Am 14. Juli kam ich mit den ſieben andern Gefangenen,“ die ſie enthielt, wieder heraus, und ſo groß dieſes Ereigniß war, ſo hat es ſich, wenn nicht ais Factum, doch wenigſtens als Einzelheit in den ungeheuren Ereigniſſen verloren, welche derſelbe Monat ſich hat erſchließen ſehen.. Und wo wohnte Ihr Vater?“ In dem Augenblick, wo Gilbert dieſe Frage machte, blieb Mirabeau vor dem Gitter eines Hauſes ſtehen, das auf dem Quai dem Fluſſe gegenüber lag, von dem es durch eine Wieſe von ungefähr drei hundert Schritten und durch einen Vorhang von Bäumen getrennt war. Als er einen Menſchen vor dem Gitter ſtille ſtehen ſah, ſprang ein ungeheurer Hund von der Pyrenäen⸗ 55 Race knurrend vor, ſtreckte den Kopf durch die Gitter⸗ ſtangen und ſuchte ein Stück vom Fleiſche von Mirabeau oder einen Fetzen von ſeinen Kleidern zu erwiſchen. „Bei Gott! Doctor,“ rief Mirabeau zurückweichend, um den weißen, drohenden Zähnen des Moloſſes zu ent⸗ gehen, nichts hat ſich geändert, und man empfängt mich wie zu Lebzeiten meines Vaters.“ Es erſchien indeſſen ein junger Mann auf der Frei⸗ treppe, brachte den Hund zum Schweigen, rief ihn zu ſich und ſchritt gegen die zwei Fremden vor. „Verzeihen Sie, meine Herren,“ ſagte er,„die Herrſchaft hat keine Schuld an dem Empfange, den Ih⸗ nen der Hund bereitet; viele Spaziergänger bleiben vor dem Hauſe ſtehen, das einſt vom Marquis von Mirabeau bewohnt wurde, und da der arme Cartouche das hiſto⸗ riſche Intereſſe nicht begreifen kann, das mit der Woh⸗ nung ſeiner beſcheidenen Herrſchaft verknüpft iſt, ſo knurrt er ewig. In dein Reſt, Cartonche!“ Der junge Mann machte eine drohende Geberde, und der Hund verbarg ſich in ſeinem Stalle, aus wel⸗ chem indeſſen bald ſeine Vorderpfoten hervorkamen, auf denen er ſeine Schnauze mit den ſcharfen Zähnen, mit der blutigen Zunge und den feurigen Augen ausſtreckte. „Meine Herren,“ fuhr der junge Mann fort,„es iſt nun hinter dieſem Gitter ein Wirth bereit, es zu öff⸗ nen und Sie zu empfangen, ſollte ſich bei Ihnen die Neugierde nicht auf die Beſchauung des Aeußern be⸗ ſchränken.“ Gilbert ſtieß Mirabeau mit dem Ellenbogen und gab ihm dadurch zu verſtehen, er würbe gern das Innere des Hauſes beſuchen. Mirabean begriff; überdies ſtand ſein Wunſch mit dem von Gilbert im Einklange. „Mein Herr,“ ſagte er,„Sie haben im Grunde unſerer Gedanken geleſen. Wir wußten, daß dieſes Haus 56 einſt vom Menſchenfreunde bewohnt geweſen iſt, und waren begierig, es zu beſichtigen.“ „Und Ihre Neugierde wird ſich verdoppeln,“ ſagte der junge Mann,„wenn Sie erfahren, daß dieſes Haus, während ſich der Vater hier aufhielt, zwei oder dreimal durch den Beſuch ſeines berühmten Sohnes geehrt wurde, welcher, wenn man der Tradition glauben darf, ſich nicht immer ſo empfangen ſah, wie er es zu ſein verdiente, und wie wir ihn empfangen würden, käme ihn die Luſt die Sie haben, und die ich zu unterzeichnen mich eeile.“ Und der junge Mann verbeugte ſich, öffnete den zwei Beſuchern, ſtieß das Gitter wieder zu und ſchritt ihnen voran. Doch Cartauche ſchien nicht geneigt, ſie ſo die ih⸗ nen angebotene Gaſtfreundſchaft genießen zu laſſen; er ſprang abermals mit entſetzlichem Gebelle aus ſeinem Stalle. Der junge Mann warf ſich zwiſchen den Hund und denjenigen von ſeinen Gäſten, gegen welchen das Thier am meiſten erbittert zu ſein ſchien. Doch Mirabeau ſchob den jungen Mann mit der Hand zurück und ſagte: „Mein Herr, die Hunde und die Menſchen haben viel gegen mich gebellt:; die Menſchen haben mich zu⸗ weilen gebiſſen, die Hunde nie Ueberdies behauptet man, der menſchliche Blick wirke allmächtig auf die Hundez ich bitte, laſſen Sie mich die Probe machen.“ „Mein Herr,“ verſetzte raſch der junge Mann,„ich muß Ihnen bemerken, Cartouche iſt böſe.“ „Laſſen Sie, laſſen Sie,“ erwiederte Mirabeau, „ich habe alle Tage mit noch viel ſchlimmeren Thieren zu thun, als er eines iſt, und heute erſt bin ich mit ei⸗ ner ganzen Meute fertig geworden.“ „Ja, doch mit jener Meute können Sie ſprechen,“ 57 ſagte Gilbert,„und Niemand leugnet die Macht Ihrer Rede.“ „Doctor, ich glaubte, Sie ſeien ein Adepte des Magnetismus?“ „Allerdings. Nun?“ „Nun, dann müſſen Sie die Macht des Blickes an⸗ erkennen. Laſſen Sie mich Cartouche magnetiſiren.“ Mirabean ſprach hier jene kühne, von höheren Or⸗ ganiſationen ſo wohl begriffene Sprache. „Thun Sie es,“ erwiederte Gilbert. „Oh! mein Herr,“ wiederholte der junge Mann, „Sie gefährden ſich.“ „Ich bitte!“ rief Mirabean. Der junge Mann verbeugte ſich, um ſeine Einwilli⸗ gung zu bezeichnen, und trat auf die linke Seite, wäh⸗ rend Gilbert auf die rechte trat, wie es die Zeugen ei⸗ nes Duells thun, wenn der Gegner ihren Parthen anzu⸗ greifen im Begriffe iſt. Ueberdies ſchickte ſich der junge Mann, der auf die Stufen der Freitreppe geſtiegen war, an, Cartouche zu⸗ rückzuhalten, ſollten das Wort oder der Blick des Unbe⸗ kannten ungenügend ſein.. Der Hund wandte den Kopf nach rechts und links, als wollte er unterſuchen, ob derjenige, gegen welchen er in einem unverſöhnlichen Haſſe entbraunt zu ſein ſchien, von jedem Beiſtand getrennt ſei. Als er ihn ſodann al⸗ lein und ohne Waffen ſah, kroch er langſam, mehr Schlange als vierfüßiges Thier, vor, erhob ſich plötzlich und legte mit einem einzigen Sprunge den dritten Theil des Rau⸗ mes zurück, den er von ſeinem Gegner entfernt war. Da krenzte Mirabeau die Arme, und mit jener Macht des Blickes, welche aus ihm Jupiter den Donner⸗ gott der Tribnne machte, heftete er ſeine Augen auf das Thier. Zu gleicher Zeit ſchien Alles das, was der ſo kräftige Körper an Elektricität enthalten konnte, zu ſei⸗ ner Stirne emporzuſteigen; ſeine Haare ſträubten ſich, 58 wie es die Mähne eines Löwen thut, und wäre man ſtatt in dieſer Stunde des Tages zu ſein, wo die Sonne ſich ſchon neigt, aber immer noch erleuchtet, in den erſten Stunden der Nacht geweſen, ſo hätte man ohne Zweifel aus jedem von ſeinen Haaren einen Funken hervorſprühen ehen. Der Hund blieb kurz ſtehen und ſchaute ihn an. Mirabeau bückte ſich, nahm eine Hand voll Sand und warf ſie dem Hunde in's Geſicht. Der Hund brüllte und that einen zweiten Sprung, der ihn ſeinem Gegner um drei bis vier Schritte näher brachte; nun aber ging dieſer auf den Hund zu. Das Thier blieb einen Augenblick unbeweglich, wie der Hund des Jägers Kephalos; dann ſchien es, beun⸗ ruhigt durch das allmälige Fortſchreiten von Mirabeau, zwiſchen dem Zorn und der Furcht zu ſchwanken, drohte mit den Zähnen und den Angen, bog ſich aber auf ſeinen Hinterpfoten. Endlich ſtreckte Mirabeau den Arm mit jener gebieteriſchen Geberde aus, die ihm ſo oft auf der Tribune geglückt war, wenn er ſeinen Feinden den Hohn, die Beleidigung oder die Ironie zuſchleuderte, und beſiegt, an allen Gliedern zitternd, wich der Hund zurück, ſchaute hinter ſich, ob ihm der Rückzug geöffnet ſei, drehte ſich um ſich ſelbſt und kehrte haſtig in ſeinen Stall zurück. Mirabeau erhob das Haupt ſtolz und freudig wie ein Sieger der iſthmiſchen Spiele. „Ah! Doctor,“ ſprach er,„Herr Mirabeau der Vater hatte Recht, wenn er ſagte, die Hunde ſeien Can⸗ didaten der Menſchheit. Sie ſahen, wie dieſer frech und dann feig war, und Sie ſollen ihn knechtiſch ſehen wie einen Menſchen.“ und zu gleicher Zeit ließ er ſeine Hand an ſeinem Schenkel hinabhängen und rief mit befehlendem Tone: „Hier, Cartvuche, hier!“ Der Hund zögerte, doch auf eine Geberde der Un⸗ 59 geduld ſtreckte er den Kopf zum zweiten Male aus ſeinem Stalle heraus, kroch abermals ſeine Augen auf die von Mirabeau geheftet vor, legte ſo den ganzen Zwiſchenraum zurück, der ihn von ſeinem Beſieger trennte, hob, bei ſei⸗ nen Füßen angelangt, langſam und ſchüchtern ſeinen Kopf empor und berührte mit dem Ende ſeiner ſchnau⸗ benden Zunge das Ende der Finger von Mirabeau. Dann wandte dieſer ſich gegen Gilbert um, während der junge Mann, ſchauernd vor Angſt und ſtumm vor Erſtaunen, auf der Freitreppe geblieben war, und ſagte: „Wiſſen Sie, mein lieber Doctor, woran ich dachte, während ich die Tollheit machte, deren Zeuge Sie gewe⸗ ſen ſind? „Nein, doch ſagen Sie es, denn Sie haben das nicht aus bloßem Trotze gethan?“ „Ich dachte an die berüchtigte Nacht vom 5. auf den 6. October. Doctor, Doctor, ich gäbe die Hälfte der Tage, die ich noch zu leben habe, hätte König Ludwig XVI. dieſen Hund auf mich losſtürzen, in ſei⸗ nn Stall zurückkehren und mir endlich die Hand lecken ehen.“ Dann ſagte er zu dem jungen Manne: Mein Herr, nicht wahr, Sie verzeihen mir, daß ich Cartouche gedemüthigt habe?.. Sebhen wir nun das Haus des Menſchenfreundes, da Sie die Güte ha⸗ ben wollen, es uns zu zeigen.“ Der junge Mann trat auf die Seite, um Mirabeau vorbeigehen zu laſſen, der übrigens keinen Führer zu brauchen und das Haus ſo gut als irgend Jemand zu kennen ſchien. Ohne im Erdgeſchoße anzuhalten, ſtieg er raſch die Treppe hinauf, welche mit einem ziemlich künſtlich ge⸗ arbeiteten eiſernen Geländer verſehen war, und ſagte: „Hierher, Doctor, hierher.“ NRit ſeinem gewöhnlichen Ungeſtüm, mit jener Ge⸗ wohnheit des Herrſchens, die in ſeinem Temparamente . 60 lag, hatte ſich Mirabeau vom Zuſchauer zum Schau⸗ ſpieler, vom einfachen Beſucher zum Herrn des Hauſes gemacht. Gilbert folgte ihm. Nittlerweile rief der junge Menſch ſeinen Vater, einen Mann von fünfzig bis fünfundfünzig Jahren, und ſeine zwei Schweſtern, Mädchen von fünfzehn bis acht⸗ zehn Jahren, herbei, um ihnen zu ſagen, welchen ſeltſa⸗ men Gaſt er empfangen habe. Während er ihnen die Geſchichte der Unterwerfung von Cartouche erzählte, zeigte Mirabeau dem Doctor das Arbeitscabinet und den Salon des Marguis von Mirabean, und da jedes Zimmer, welche ſie beſuchten, in ihm eine neue Erinnerung erweckte, ſo erzählte Mira⸗ beau Anerdote auf Anecdote mit jenem ihm eigenthüm⸗ lichen hinreißenden Jauber. Der Eigenthümer und ſeine Familie horchten auf dieſen Cicerone, der ihnen die Geſchichte ihres eigenen Hauſes gab, indem ſie, um zu ſehen und zu hören, die Augen und die Ohren weit aufſperrten. Als die Wohnung im oberen Swcke beſichtigt war und es in der Kirche von Argentenil ſieben Uhr ſchlug, befürchtete Mirabeau ohne Zweifel, es könnte ihm an Zeit für das fehlen, was er noch zu thun hatte; — er ermahnte Gilbert zur Eile und gab ihm ſelbſt das Beiſpiel dadurch, daß er raſch die vier erſten Stufen hinabſtieg. „Mein Herr,“ ſagte der Eigenthümer des Hauſes, „Sie, der Sie ſo vieie Geſchichten über den Marquis von Mirabean und ſeinen berühmten Sohn wiſſen,— mir ſcheint, Sie hätien, wenn Sie wollten, über dieſe vier erſten Stufen eine Geſchichte zu erzählen, die nicht minder intereſſant wäre, als die, welche Sie erzählt haben.“ Mirabeau blieb ſtehen und lächelte. 61 „In der That,“ ſagte er,„doch dieſe gedachte ich mit Stillſchweigen zu übergehen.“ „Und warum dies, Graf?“ fragte der Doctor. „Bei meiner Treue, Sie ſollen ſelbſt urtheilen. Als er das Gefängniß von Vincennes verließ, wo er achtzehn Monate geblieben war, hatte Mirabeau, der doppelt ſo alt ſein mochte, als der verlorene Sohn⸗ und durchaus nicht wahrnahm, daß man das fette Kalb zur Feier ſeiner Rückkehr ſchlachtete, die Jee, ſeinen Pflichttheil zu reclamiren. Es waren zwei Gründe vor⸗ handen, warum Mirabeau, im väterlichen Hauſe ſchlecht empfangen wurde: einmal verließ er Vincennes, trotz des Marquis; ſodann kam er in das Haus, um Geld zu verlangen. Eine Folge hievon war, daß der Mar⸗ quis, der eben die letzte Hand an ein philanthropiſches Werk legte, aufſtand, als er ſeinen Sohn erblickte, bei den erſten Worten, die dieſer ſprach, ſeinen Stock er⸗ griff und auf ihn losſtürzte, ſobald er das Wort Geld gehört hatte. Der Graf kannte ſeinen Vater, und den⸗ noch hoffte er, ſeine ſiebenunddreißig Jahre werden ihn vor der Züchtigung ſchützen, mit der er bedroht war. Der Graf ſah ſeinen Irrthum ein, als er die Stock⸗ ſtreiche auf ſeine Schultern regnen fühlte.“ „Wie! Stockſtreiche?“ verſetzte Gilbert. „Ja, ächte, gute Stockſtreiche, nicht wie die, welche man in der Comédie Frangaiſe in den Stücken von Moliöre gibt und empfängt, ſondern reelle Stock⸗ ſtreiche, um den Kopf zu zerſchmettern und die Arme zu zerbrechen.“ Und was that Mirabeau?“ fragte Gilbert. „Bei Gott, er that, was Horaz in ſeinem erſten Gefechte that, er ergriff die Flucht. Leider hatte er nicht wie Horaz einen Schild, denn ſtatt ihn wegzu⸗ werfen, wie der Sänger der Lydia, würde er ſich deſ⸗ ſelben bedient haben, um die Streiche zu pariren; doch da er keinen hatte, ſo rumpelte er die vier erſten Stufen 62 dieſer Treppe hinab, ungefähr wie ich es ſo eben ge⸗ than habe, noch ſchneller vielleicht. Hier angelangt wandte er ſich um, hob ebenfalls ſeinen Stock empor und ſagte zu ſeinem Vater:„„Halt, mein Herr, unter dem vierten Grade gibt es keine Verwandte mehr*)!““ Das war ein ziemlich ſchlechter Calembour, der jedoch den guten Mann beſſer zurückhielt, als es der beſte Grund gethan hätte.„Ah! erwiederte er,„welch ein Unglück, daß der Baille geſtorben iſt, ich würde ihm dies geſchrieben haben.“ Mirabeau,“ fuhr der Erzähler fort, war ein zu guter Stratege, um nicht die ihm zum Rückzuge gebotene Gelegenheit zu benützen. Er ſtieg die übrigen Stufen ebenſo raſch hinab, als er es bei den erſten gethan hatte, und zu ſeinem großen Schmerze iſt er nie mehr in das Haus zurückgekehrt. Richt wahr, Doctor, dieſer Graf von Mirabeau iſt ein großer Schelm?“ Oh! mein Herr,“ ſprach der junge Menſch, der ſich Mirabeau mit gefalteten Händen näherte, als wollte er ihn um Verzeihung bitten, daß er einer der ſeinigen entgegengeſetzten Anſicht ſei,„ſagen Sie, ein großer Mann!“ Mirabeau ſchaute dem jungen Menſchen ins Geſicht und rief: „Ah! ah! es gibt alſo Leute, welche dies vom Grafen von Mirabeau denken?“ „Oh! mein Herr,“ erwiederte der junge Menſch, die Gefahr, Ihnen zu mißfallen, ich zu al⸗ ererſt.“ Junger Mann,“ ſprach Mirabeau lachend,„Sie müſſen das nicht zu laut in dieſem Hauſe ſagen, *) Dieſer Calembour iſt nicht wohl zu überſetzen; le degré heißt zugleich der Grad und die Stufe, und Mirabeau ſagt: Halte-la, monsieur, au-dessous de quatre degrés, il n7 a plus des parents! 6 —.———————— 63 oder die Mauern werden über Ihrem Kopfe zuſammen⸗ ürzen.“ 4 grüßte er ehrerbietig den Greis und höflich die zwei jungen Mädchen, und durchſchritt den Garten, indem er Cartouche freundſchaftlich mit der Hand winkte, was der Hund mit einer Art von Knurren erwiederte, wobei ſich ein Ueberreſt von Empörung mit der Unter⸗ würfigkeit vermiſchte. Gilbert folgte Mirabeau. Dieſer befahl dem Kut⸗ ſcher, in die Stadt hinein zu fahren und vor der Kirche zu halten. Nur ließ er an der Ecke der erſten Straße den Wagen Halt machen, zog eine Karte aus ſeiner Taſche und ſagte zu ſeinem Bedienten: „Teiſch, übergeben Sie von mir dieſe Karte dem jungen Manne, der nicht meiner Anſicht über Herrn von Mirabeau iſt.“ Dann ſprach er mit einem Seufzer: „Ah! Doctor, das iſt Einer, der den großen Verrath von Herrn von Mirabeau noch nicht geleſen hat.“ Teiſch kam zurück. Der junge Mann folgte ihm. „Oy! Herr Graf,“ ſagte der mit einem Aus⸗ drucke der Bewunderung, in welchem man ſich nicht täu⸗ ſchen konnte,„bewilligen Sie mir das, was Sie Cartouche bewilligt haben, die Ehre, Ihre Hand zu küſſen.“ Mirabeau öffnete ſeine Arme und drückte den jun⸗ gen Mann an ſeine Bruſt. „Herr Graf,“ ſprach dieſer,„ich heiße Mornais; bedürfen Sie je eines Menſchen, der für Sie ſterben ſoll, ſo erinnern Sie ſich meiner.“ Die Thränen traten Mirabeau in die Angen. „Doctor,“ ſagte er,„das find die Menſchen, welche unſere ich glaube, Sie ſind mehr werth, als wir.“ 64 Nachfolger ſein werden. Bei meinem Chrenwort, LVIII. Eine Frau, welche der Königin gleicht. Der Wagen hielt vor der Thüre der Kirche von Argenteuil. „Ich habe Ihnen geſagt, ich ſei nie mehr nach Ar⸗ genteuil zurückgekommen, ſeit dem Tage, wo mich mein Vater mit Stockſtreichen aus ſeinem Hauſe jagte; ich irrte mich: ich bin an dem Tage wieder hier geweſen, an welchem ich ſeinen Leib in dieſe Kirche führte,“ ſprach Mirabeau. Und er ſtieg aus dem Wagen, nahm ſeinen Hut in die Hand und trat baarhaupt mit langſamem, feier⸗ lichem Schritte in die Kirche ein. Es walteten bei dieſem ſeltſamen Menſchen ſo viele entgegengeſetzte Gefühle ob, daß er zuweilen Velleitäten der Religion in der Zeit hatte, wo Alle Philoſophen waren und Einige die Philoſophie bis zum Atheismus trieben. Gilbert folgte ihm in geringer Entfernung. Er ſah Mirabeau die ganze Kirche durchſchreiten und ſich nahe beim Altar der Jungfrau an eine maſſive Säule ankehnen, an deren römiſches Capitäl das Datum des zwölften Jahrhunderts geſchrieben zu ſein ſchien. Sein Haupt neigte ſich, ſeine Augen hefteten ſich auf eine den Mittelpunkt der Kapelle bildende ſchwarze Platte. — 65 Der Doctor ſuchte ſich Rechenſchaft von dem zu ge⸗ ben, was ſo den Geiſt von Mirabean in Anſpruch nahm: ſeine Angen folgten der Richtung der Augen von Die⸗ ſem und erblickten folgende Inſchrift: Hier ruht Frangoiſe von Caſtellane, Maraquiſe von Mirabenu, Ein Muſter von Frömmigkeit und Tugend; eine glückliche Gattin, eine glückliche Mutter. Geboren im Dauphiné 1685; geſtorben in Paris 1769. Beigeſetzt in Saint⸗ Sulpice; dann hierher gebracht, um vereinigt zu ſein in dem⸗ ſelben Grabe mit ihrem würdigen Sohne: Victor von Riquetti, Marquis von Mirabeau, genannt der Menſchenfreund; Geboren in Pertuis, in der Provence, am 4. October 1715. Geſtorben in Argenteuil am 11. Juli 1789. Betet zu Gott für ihre Seelen. Die Religion des Todes iſt ſo mächtig, daß der Doctor einen Angenblick den Kopf ſenkte und in ſeinem Gedächtniſſe ſuchte, ob ihm nicht irgend ein Gebet bleibe, um der Aufforderung zu gehorchen, welche an jeden St Grabſtein richtete, den er vor Augen atte. Doch wenn je Gilbert in ſeiner Kindheit, was un⸗ gewiß iſt, die Sprache der Demuth und des Glaubens zu ſprechen gewußt hatte, ſo hatte doch der Zweifel, dieſer Brand des vorigen Jahrhunderts, bis auf die letzte Zeile das lebendige Buch verwiſcht, und die Philoſophie hatte an ihre Stelle ihre Sophismen und ihre Paradoxen geſchrieben. Da er ſein Herz trocken und ſeinen Mund ſtumm Die Gräfin von Charny. 1v. 5 fand, ſo ſchlug er die Augen wieder auf und ſah zwei Thränen über das mächtige Geſicht von Mirabeau rollen, das von den Leidenſchaften durchfurcht war, wie es der Boden eines Vulcans durch die Lava iſt. Dieſe zwei Thränen von Mirabeau bewegten Gil⸗ bert ſeltſam. Er ging auf ihn zu und drückte ihm die Hand. Mirabean begriff. Thränen vergoſſen zum Andenken an dieſen Vater, der Mirabeau eingeſperrt, gequält, gemartert hatte, wären unbegreifliche oder alltägliche Thränen geweſen. „Es war eine würdige Frau,“ ſagte er,„dieſe Frangoiſe von Caſtellane, die Mutter meines Vaters. Als mich alle Welt abſcheulich fand, beſchränkte ſie ſich darauf, mich häßlich zu finden; als mich alle Welt haßte, liebte ſie mich beinahe! Was ſie aber über Alles liebte, war ihr Sohn. Sie ſehen auch, mein lieber Gilbert, ich habe ſie wiedervereinigt. Mit wem wird man mich vereinigen? Welche Gebeine werden bei den meinigen ruhen?... Ich habe nicht einmal einen Hund, der mich liebt.“ Und er lachte ſchmerzlich. „Mein Herr,“ ſprach eine Stimme mit dem herben, vorwurfsvollen Ausdruck, der nur den Devoten eigen iſt, „man lacht nicht in der Kirche!“ Mirabeau wandte ſein von Thränen überſtrömtes Geſicht nach der Seite, von welcher die Stimme kam, und erblickte einen Prieſter. „Mein Herr,“ fragte er mit ſanftem Tone,„ſind Sie der Prieſter, der in dieſer Kapelle den Gottesdienſt verſieht?“ „Ja. Was wollen Sie von ihm?“ „Haben Sie viele Arme in Ihrem Kirchſpiele?“ „Mehr als Lente, welche geneigt ſind, Almoſenzu geben.“ „Sie kennen doch einige wohlthätige Herzen, einige philanthropiſche Geiſter?“ 67 Der Prieſter lachte. „Mein Herr,“ bemerkte Mirabeau,„ich glaube, Sie haben mir die Ehre erwieſen, mir zu ſagen, man lache nicht in den Kirchen?“ „Mein Herr“ erwiederte der Prieſter verletzt, „ſollten Sie ſich erdreiſten, mir eine Lection zu geben?“ Nein, mein Herr, doch ich will Ihnen beweiſen, daß ſich die Leute, die ſich für verpflichtet halten, ihren Brüdern zu Hülfe zn kommen, nicht ſo ſelten ſind, als Sie denken. Aller Wahrſcheinlichkeit nach werde ich das Schloß vom Marais bewohnen Mein Herr, jeder Ar⸗ beiter, dem es an Beſchäftigung feblt, wird dort Arbeit und einen guten Lohn finden; jeder Greis, der Hunger hat, wird dort Brod finden; jeder Kranke, was auch ſeine politiſche Meinung und ſeine religiöſen Grundſätze ſein mögen, wird Unterſtützung finden; und von heute, Herr Pfarrer, biete ich Ihnen zu dieſem Zwecke einen Credit von tauſend Franken monatlich an.“ Und er riß ein Blatt aus ſeinen Tabletten und ſchriev auf dieſes Blatt mit Bleiſtiſt: „Gut für die Summe von zwölftauſend Franken, worüber der Herr Pfarrer von Argenteuil auf mich mit tauſend Franken monatlich verfügen kann, welche von ihm zu guten Werken von dem Tage meines Einzugs in das Schloß vom Marais verwendet werden ſollen. „Gegeben in der Kirche von Argenteuil und unter⸗ zeichnet auf dem Altar der Jungfrau. „Mirabeau der Aeltere.“ Mirabean ſchrieb wirklich dieſen Wechſel und unter⸗ zeichnete ihn auf dem Altar der Jungfrau. Als er den Wechſel geſchrieben und unterzeichnet hatte, übergab er ihn dem Pfarrer, welcher erſtannt war, ehe er ihn geleſen, und noch mehr erſtaunte, nach⸗ dem er ihn geleſen. 68 Dann verließ er die Kirche mit dem Doctor Gilbert. So kurz Mirabeau in Argenteuil geblieben war, ſo ließ er doch von ſeiner Etſcheinung zwei Erinnerun⸗ gen zurück, welche in der Nachwelt an Größe gewinnen ſollten. Das Eigenthümliche gewiſſer Organiſationen iſt, daß ſie ein Ereigniß aus jedem Orte, auf den ſie den Fuß ſetzen, hervorſpringen machen. So ſäet Kadmus Soldaten auf dem Boden von Theben aus. So zerſtrent Hereules ſeine zwölf Arbeiten auf der Oberfläche der Welt. Heute noch, und Mirabeau iſt doch ſeit ſechzig Jahren todt, heute noch machet in Argenteuil an dem⸗ ſelben Orte, wo ſie Mirabeau machte, die zwei von uns ſo eben bezeichneten Stationen, und wenn das Haus nicht unbewohnt oder die Kirche nicht verödet iſt, ſo werdet Ihr Einen finden, der Euch in allen ſeinen Einzeln⸗ heiten und als ob es ein Ereigniß von geſtern wäre, erzählen wird, was wir ſo eben erzählt haben. Der Wagen folgte der großen Straße bis an ihr Ende, dann verließ er Argenteuil und rollte auf dem Wege nach Beſons fort. Er hatte nicht hundert Schritte auf dieſem Wege zurückgelegt, als Mirabeau zu ſeiner Rechten die durch die Schieferdächer des Schloſſes und der dazu gehörigen Gebände getrennten blätterreichen Bäume eines Parkes erblickte. Das war das Marais. Rechts von der Landſtraße, der der Wagen folgte, ehe er zu dem Wege kam, welcher von dieſer Straße nach dem Gitter des Schloſſes mündet, ſtand eine dürf⸗ tige Hütte. Vor der Schwelle dieſer Hütte ſaß auf einem höl⸗ zernen Schemel eine Fran, die in ihren Armen ein ma⸗ geres, bleiches, vom Fieber verzehrtes Kind hielt. —* —* 69 Die Mutter, während ſie dieſe halbe Leiche wiegte, ſchlug die Augen zum Himmel auf und weinte. Sie wandte ſich an denjenigen, an welchen man ſich wendet, wenn man nichts mehr von den Menſchen erwartet. Mirabeau heftete von fern den Blick auf dieſes traurige Schauſpiel. „Doctor,“ ſagte er zu Gilbert, ich bin abergläu⸗ biſch wie ein Alter: ſtirbt dieſes Kind, ſo nehme ich das Schloß vom Marais nicht. Sehen Sie, das geht Sie an.“ Und er ließ ſeinen Wagen vor der Hütte halten und fügte bei: „Doctor, da ich nur noch zwanzig Minuten Tag habe, um das Schloß in Augenſchein zu nehmen, ſo laſſe ich Sie hier; Sie werden mir nachfolgen und mir ſagen, ob Sie das Kind zu retten hoffen. Dann ſprach er zur Mutter: „Gute Frau, dieſer Herr hier iſt ein großer Arzt; dankt der Vorſehung, der ihn Euch ſchickt: er will es verſuchen, Euer Kind zu heilen.“ Die Frau wußte nicht, ob das ein Traum war. Sie ſtand, ihr Kind auf ihren Armen haltend, auf und ſtammelte Dankſagungen. Gilbert ſtieg aus. Der Wagen fuhr weiter. Fünf Minuten nachher läutete Teiſch am Gitter des Schloſſes. Es verging einige Zeit, ohne daß man Jemand er⸗ ſcheinen ſab. Endlich öffnete ein Mann, der an ſeiner Kleidung ſeicht als der Gärtner zu erkennen war. Mirabeau erkundigte ſich zuerſt nach dem Zuſtande, in welchem ſich das Schloß befand. Das Schloß war ſehr bewohnbar, wenigſtens wie der Gärtner ſagte, und, es iſt nicht zu leugnen, auch nach dem zu urtheilen, wie es beim erſten Anblicke erſchien. 70 Es bildete einen Theil der Domaine der Abtei Saint⸗Denis, als Hauptort der Priorei Argentenil, und war in Folge der in Betreff der Güter der Geiſtlichkeit erlaſſenen Decrete zum Verkauf ausgeſetzt. Mirabeau kannte es, wie geſagt, ſchon, doch er hatte nie Gelegenheit gehabt, es ſo genau zu betrachten, als es ihm bei dieſer Veranlaſſung zu thun vergönnt war Nachdem man ihm das Gitter geöffnet, ſah er ſich in einem erſten faſt viereckigen Hofe. Rechts ſtand ein vom Gärtner bewohnter Pavillon, links ein zweiter Pa⸗ villon, der, ſelbſt äußerlich, ſo zierlich geſchmückt war, daß man einen Angenblick bezweifeln konnte, ob es der Bru⸗ der des erſten ſei. Es war indeſſen ſein Bruder; doch aus dem bür⸗ gerlichen Pavillon hatte die Verzierung ein beinahe ariſtokratiſches Wohnhaus gemacht: mit Blumen bedeckte rieſige Roſenſtöcke gaben ihm ein buntſcheckiges Kleid, während ein Gärtek von Weinreben ſeinen ganzen Leib mit einem grünen Bande umrankte. Jedes der Fenſter war durch einen Vorhang von Nelken, Heliotropen und Fuchſias geſchloſſen, deren dichte Zweige, deren volle Blüthen zugleich die Sonne und den Blick in die Woh⸗ nung einzudringen verhinderten; ein Gärtchen ganz von Lilien, Cactus Narciſſen, ein wahrer Teppich, von dem man von fern hätte glauben ſollen, er ſei von der Hand von Pelenope geſtickt, ſtieß an das Haus und erſtreckte ſich in der ganzen Länge des erſten Hofes, während eine rieſige Trauerweide und herrliche Ulmen auf der entgegengeſetzten Seite ſtanden. Wir haben von der Leidenſchaft von Mirabeau für die Blumen geſprochen. Als er dieſen in den Roſen verlorenen Pavillon, als er dieſen reizenden Garten ſah⸗ der einen Theil des Häuschens von Flora zu bilden ſchien, gab er einen Freudenſchrei von ſich. S S 8* n —„ 71 „Oh!“ ſagte er zum Gärtner,„dieſer Pavillon iſt zu vermiethen oder zu verkaufen, mein Freund?“ „Allerdings, mein Herr, da er zum Schloſſe gehört und das Schloß zu verkaufen oder zu vermiethen iſt,“ erwiederte der Gärtner.„Nur wird er in dieſem Angen⸗ blicke bewohnt; da aber die Perſon, die hier wohnt, kei⸗ nen Miethverirag hat, ſo könnte man ſie wegſchicken, wenn der Herr beim Schloſſe eins würde.“ „Ah!“ verſetzte Mirabeau.„Und wer iſt dieſe Perſon?“ „Eine Dame.“ „Jung?“ „Dreißig bis fünfunddreißig Jahre.“ „Schön?„ „Sehr ſchön.“ „Gut,“ fagte Mirabeau,„wir werden ſehen. Eine ſchöne Nachbarin verdirbt nichts... Laſſen Sie mich das Schloß beſichtigen, mein Freund.“ Der Gärtner ſchritt Mirabean voran und ging über eine Brücke, welche den erſten Hof vom zweiten trennte und unter der ein kleiner Bach durchfloß. Hier blieb der Gärtner ſtehen und ſagte: „Wenn der Herr die Dame vom Pavillon ungeſtört laſſen wollte, ſo wäre dies um ſo leichter zu thun, als dieſer Bach völlig den an den Pavillon anſtoßenden Theil des Parkes vom übrigen Garten abſondert: ſie wäre bei ſich und der Herr ebenfalls.. „Gut, gut,“ ſprach Mirabeau.„Sehen wir das Schloß an.“ Und er ſtieg behende die fünf Stufen der Frei⸗ treppe hinauf. Der Gärtner öffnete die Hauptthüre. Dieſe Thüre ging in ein Veſtibule von Stuck mit Niſchen, in denen Statuen enthalten waren, und mit Küen welche Vaſen, nach der Mode jener Zeit, rugen. Eine im Hintergrunde dieſes Veſtibule, der Ein⸗ gangsthüre gegenüber, angebrachte Thüre bildete den Ausgang gegen den Garten. Rechts vom Veſtibule waren das Billardzimmer und das Speiſezimmer. Links zwei Salons, ein großer und ein kleiner. Dieſe erſte Einrichtung gefiel ziemlich Mirabean, der übrigens zerſtreut und ungeduldig zu ſein ſchien.„ Man ſtieg in den erſten Stock hinauf. Der erſte Stock beſtand aus einem großen Salon, welcher ſich nach ſeiner Dispoſition ganz für ein Arbeits⸗ zimmer eignete, und aus drei bis vier Schlafzimmern für die Herrſchaft. Die Fenſter des Salon und der Schlafzimmer wa⸗ ren geſchloſſen. Mirabean ging von ſelbſt auf eines der Fenſter zu und öffnete es. Der Gärtner wollte die andern öffnen; Mirabeau winkte ihm aber mit der Hand, und der Gärtner unter⸗ ließ es. Gerade unter dem Fenſter, das Mirabeau geöffnet hatte, am Fuße einer ungeheuren Trauerweide, las eine Frau halb liegend, während ein Kind von fünf bis ſechs Jabren ein paar Schrirte von ihr auf den Raſen und unter Blumenſträuchen ſpielte. Mirabeau begriff, daß dies die Dame vom Pavil⸗ lon war. Man konnte unmöglich graziöſer und eleganter ge⸗ kleidet ſein als es dieſe Frau war mit ihrem Mäntelchen von Mouſſeline, mit Spitzen verziert, welches eine Weſte von weißem Taffet, beſetzt mit weißen und rothen Bän⸗ dern, bedeckte, mit ihrem Rocke von weißer Monſſeline mit Volants, welche wie die Weſte roſa und weiß ver⸗ ziert waren; mit ihrem Leibchen von Roſataffet, woran Schleifen von derſelben Farbe, und ihrer kleinen Capnce ganz mit Spitzen garnirt, die wie ein Schleier herab⸗ — ———. —,——. u„* — 73 fielen, und durch die man, wie durch einen Dunſt, ihr Geſicht unterſcheiden konnte. Feine, lange Hände mit ariſtokratiſchen Nägeln, Füße eines Kindes, welche in Pantöffelchen von weißem Atlaß mit roſa Bandknoten ſpielten, vervollſtändigten die⸗ ſes harmoniſche und verführeriſche Ganze. Vom Kopf bis zu den Füßen in weißen Atlaß ge⸗ kleidet trug das Kind,— eine ſeltſame Miſchung, welche indeſſen in jener Zeit ziemlich gewöhulich war,— einen kleinen Hut à la Henri IV. mit einem von jenen Gür⸗ teln, die man einen Nationalgürtel nannte. So war überdies das Coſtume das der junge Dauphin trug, als er das letzte Mal mit ſeiner Mutter auf dem Balcon des Tuilerien erſchien. Mirabeau batte durch ſeinen Wink dem Gärtner bezeichnen wollen, er möge die ſchöne Leſerin nicht ſtören. Es war wirklich die Frau vom Blumenpavillon; es war wirklich die Königin der Lilien, der Cactus und der Narciſſen; es war wirklich dieſe Nachbarin, welche Mirabeau, der Mann mit den ſtets nach der Woluſt binſtrebenden Sinnen, gewählt hätte, würde ſie der Zu⸗ fall nicht zu ihm geführt haben. Eine Zeit lang verſchlang er mit den Augen das reizende Geſchöpf, das unbeweglich blieb wie eine Statue, denn es wußte nichts von dem glühenden Blicke, von dem es umhüllt war Doch, mochte es Zufall, mochte es eine magnetiſche Strömung ſein, ihre Augen machten ſich von dem Buche los und wandten ſich nach der Seite des Fenſters. Sie erblickte Mirabeau, gab einen kleinen Schrei des Erſtaunens von ſich, rief ihren Sohn, entfernte ſich, dieſen bei der Hand haltend, jedoch nicht ohne mehrere Male den Kopf umzudrehen, und verſchwand mit dem Kinde unter den Bäumen, durch deren Zwiſchenräume Mirabeau dem öſteren Wiedererſcheinen ihres glän⸗ 74 zenden Gewandes folgte, deſſen Weiße mit den erſten Schatten der Nacht kämpfte. Auf den Schrei des Erſtaunens der Unbekannten antwortete Mirabeau durch einen Schrei der Ver⸗ wunderung. Dieſe Frau hatte nicht nur den königlichen Gang, ſondern auch, ſo weit der Spitzenſchleier, mit dem ihr Geſicht halb bedeckt war, dies zu beurtheilen erlaubte, die Züge von Marie Antvinette. Das Kind vermehrte die Aehnlichkeit: es war ge⸗ rade vom Alter des zweiten Sohnes der Königin,— der Königin, deren Gang, deren Geſicht, deren geringſte Bewegungen nicht nur dem Gedächtniſſe, ſondern, wir möchten ſagen, dem Herzen von Mirabean ſeit der Zu⸗ ſammenkunft in Saint Cloud ſo gegenwärtig geblieben waren, daß er die Königin, überall wo er ſie getroffen, erkannt hätte, und wäre ſie mit jener göttlichen Wolke umgeben geweſen, in welche Virgil Venus hüllt, da ſie ihrem Sohne auf dem Geſtade von Carthago erſcheint. Welches ſeltſame Wunder führte denn in den Park des Hauſes, das Mirabeau miethen wollte, eine geheim⸗ nißvolle Frau, die, wenn ſie nicht die Königin, wenig⸗ ſtens ihr lebendiges Ebenbild war? In dieſem Augenblick fühlte Mirabean, daß ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte. 7⁵ LIX wo ſich der Einfluß der unbekannten ame fühlbar zu machen anfängt. Mirabeau wandte ſich bebend um. Derjenige, welcher ihm die Hand auf die Schulter legte, war Gilbert. „Ah!“ ſagte Mirabeau,„Sie ſind es, Doctor? Nun?“ „Ich habe das Kind geſehen,“ erwiederte Gilbert. „ſind Sie hoffen es zu retten?“ „Nie darf ein Arzt die Hoffnung verlieren, und wäre es im Angeſichte des Todes!“ „Teufel,“ rief Mirabeau,„damit wollen Sie ſagen, die Krankheit ſei ernſt.“ „Mehr als ernſt, mein lieber Graf, ſie iſt tödtlich.“ „Was für eine Krankheit iſt es denn?“ „Es iſt mir lieb, in einige Details über dieſen Ge⸗ genſtund eingehen zu dürfen, in Betracht, daß dieſe De⸗ tails nicht ohne Intereſſe für einen Mann ſein werden, der, ohne zu wiſſen, was er ſich ausſetzt, den Entſchluß gefaßt hat, dieſes Schloß zu bewohnen.“ „Ei! werden Sie mir etwa ſagen, man laufe Ge⸗ fahr, die Peſt zu bekommen?“ „Rein, doch ich will Ihnen ſagen, wie das Kind das Fieber bekommen hat, an dem es aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach in acht Tagen geſtorben ſein wird. Seine Mutter ſchnitt das Gras des Schloſſes mit dem Gärt⸗ ner; freier zu ſein, hatte ſie das Kind ein paar Schritte von dieſen mit ſtehendem Waſſer gefüllten Grä⸗ 76 ben, die den Park umgürten, niedergeſetzt. Die gute Frau, welche keinen Begriff von der doppelten Bewegung der Erde beſitzt, hatte das kleine Geſchöpf in den Schatten gelegt, ohne zu vermuthen, in einer Stunde werde der Schatten der Sonne Platz gemacht haben. Als ſie ihr Kind, herbeigezogen durch fein Geſchrei, holen wollte, fand ſie es doppelt angegriffen: angegriffen durch das zu anhaltende Brennen der Sonne auf das junge Ge⸗ hirn, angegriffen durch das Einſaugen der ſumpfigen Ausdünſtungen, welches jene Art von Vergiftung herbei⸗ geführt hatte, die man die palndiſche nennt.“ „Entſchuldigen Sie, Doctor, ich verſtehe Sie nicht recht.“ Haben Sie nicht von den Fiebern der Pontiniſchen Sümpfe reden hören? Kennen Sie nicht, wenigſtens dem Rufe nach, die tödtlichen Miasmen welche die tosca⸗ niſchen Maremmen ansdünſten? Haben Sie nicht im ſorentiniſchen Dichter den Tod von Pia déi Tolomei geleſen?“ „Doch, Doctor, ich weiß Alles dies, aber als Welt⸗ mann und als Dichter, und nicht als Chemiker und Arzt. Cabanis hat mir, als ich ihn das letzte Mal ſah, etwas Aehnliches über den Saal der Manége geſagt, wo wir ſehr ſchlecht ſindz er behauptete ſogar, wenn ich nicht dreimal in jeder Sitzung hinaus gehe, um rie Luft der Tuilerien einzuathmen, ſo werde ich vergiftet ſterben.“ „Und Cabanis hatte Recht.“ „Wollen Sie mir das erklären, Doctor? Sie wer⸗ den mir ein Vergnügen machen.“ „Im Ernſte?“ Oh! ich verſtebe ziemlich gut mein Griechiſch und mein Latein; ich habe während der vier bie fünf Jahre, die ich zu verſchiedenen Zeiten in Folge der ſocialen Empfindlichkeiten meines Vaters im Gefängniß zubrachte, das Alterthum wohl ſtudirt. Ich habe ſogar in meinen ver⸗ lorenen Augenblicken ein obſcönes Buch geſchrieben, dem 77 es nicht an einer gewiſſen Kenntniß gebricht. Doch ich weiß durchaus nicht, wie man im Saale der National⸗ verſammlung vergiftet werden kann, wenn maen nicht etwa dort vom Abbé Maurh gebiſſen wird oder das Blatt von Herrn Marat lieſt.“ „So will ich es Ihnen ſagen; die Erklärung wird vielleicht ziemlich dunkel für einen Mann ſein, der die Beſcheidenheit hat, zu geſtehen, er ſei durchaus nicht ſtark in der Chemie und unwiſſend in der Phyſik. In⸗ deſſen werde ich es verſuchen, mich ſo klar als möglich zu machen.“ „Sprechen Sie, Doctor, nie werden Sie einen wißbegierigeren Zuhörer gefunden haben.“ „Dem Architekten, der den Saal der Manége gebaut hat, und leider, mein lieber Graf, ſind die Architekten, wie Sie, ziemlich ſchlechte Chemiker,— dem Architekten, der den Saal der Manége gebaut hat, iſt es nicht ein⸗ gefallen, Kamine zu bauen zu Ausführung der verdor⸗ benen Luft oder innere Röhren zu Erneuerung derſel⸗ ben. Eine Folge hievon iſt, daß die eilf hundert Münde, welche in dieſen Saal eingeſchloſſen Sauer⸗ ſtoff einathmen, dagegen kohlenſaure Dünſte von ſich ge⸗ ben, wodurch nach einer Sitzung von einer Stunde, be⸗— ſonders im Winter, wenn die Fenſter geſchloſſen und die Oefen geheizt ſind, die Luft nicht mehr athembar iſt.“ „Das iſt gerade die Arbeit, von der ich mir Re⸗ chenſchaft geben wollte, und wäre es nur, um es Bailly mitzutheilen.“ „Nichts kann einfacher ſein, als folgende Erklärung; die reine Luft, ſo wie ſie von unſerer Lunge abſorbirt wer⸗ den ſoll, die Luft, wie man ſie in einer auf einer klei⸗ nen Anhöhe gegen Morgen, mit einem Bache in der Nähe, liegenden Wohnung, das heißt unter den beſten Bedingungen, in denen man athmen kann, einathmet, beſteht us 77 Theilen Sauerſtoff, 21 Theilen Stick⸗ ſtoff un 2 Theilen Waſſerſtoff. „Sehr gut! bis daher begreife ich, und ich bemerke mir Ihre Ziffern.“ „Hören Sie weiter: das venöſe Blut wird ſchwarz und mit Kohlenſäure geſchwängert in die Lunge gebracht, wo es durch die Berührung der äußeren Luft, das heißt des Sauerſtoffs, der die Athmungsthätigkeit von der freien Luft entlehnt, wiederbelebt werden ſoll. Hier bewerkſtelligt ſich ein doppeltes Phänomen, das wir mit dem Namen Hematoſe bezeichnen. Der Sauerſtoff mit dem Blute in Berührung gebracht, combinirt ſich mit ihm, macht es von ſchwarz, wie es war, roth, und gibt ihm ſo das Lebenselement, welches in jeder Oeko⸗ nomie ſein muß; zu gleicher Zeit geht der Kohlenſtoff, der ſich mit einem Theile des Sauerſtoffs combinirte, in den Zuſtand der Kohlenſäure oder des Kohlenſauer⸗ ſtoffs über und wird bei dem Acte des Athmens, ver⸗ miſcht mit einem gewiſſen Quantum Waſſerſtoff, ausge⸗ dünſtet. Dieſe durch das Einathmen abſorbirte reine Luft, dieſe durch die Ausdünſtung verdorben zurückgege⸗ bene Luft bilden in einem geſchloſſenen Saale eine At⸗ moſphäre, welche nicht nur in den Bedingungen des Athemholens zu ſein aufhört, ſondern ſogar eine wahre Vergiſtung hervorbringen kann.“ „So daß ich Ihrer Anſicht nach ſchon halb vergif⸗ tet bin, Doctor?“ „Ganz richtig. Ihre Leibſchmerzen kommen von keiner andern Urſache her; wohlverſtanden, ich füge den Vergiftungen der Mansge die des erzbiſchöflichen Pala⸗ ſtes, die des Thurmes von Vincennes, die des Fort Joux und die des Schloſſes If bei. Erinnern Sie ſich ſicht, daß Frau von Bellegarde geſagt hat, es gebe im Schloſſe von Vincennes eine Stube, welche nicht durch Arſenik aufgewogen werden könne „Somit, mein lieber Doctor, iſt das arme Kind ganz und gar das, was ich nur halb bin, nämlich ver⸗ giſtet?“ 3 79 „Ja, und die Vergiftung hat bei ihm ein verderb⸗ liches Fieber herbeigeführt, deſſen Sitz im Gehirn und in den Gehirnhäuten iſt. Dieſes Fieber hat eine Krank⸗ heit erzeugt, die man einfach Gehirnentzündung nennt, und die ich mit einem neuen Namen taufe, die ich, wenn Sie wollen, Hydrocephalus acutus*) nennen werde. Hievon Convulſionen; hievon das angeſchwollene Ge⸗ ſicht; hievon die bläulichen Lippen; hievon das Einwärts⸗ drehen des Augapfels; hievon der ausgeſprochene Krampf der Kinnlade; hievon das keuchende Athmen, das Be⸗ ben des Pulſes an der Stelle der Schläfe; hievon end⸗ lich der kleberige Schweiß, der ſeinen ganzen Leib bedeckt!“ „Teufel! Doctor, wiſſen Sie, daß die Aufzählung, die Sie mir da machen, Schaner erregen kann? Wahr⸗ haftig, höre ich einen Arzt in techniſchen Worten reden, ſo iſt es mir, wie wenn ich einen Stempelbogen in ſpitz⸗ findigen Ausdrücken leſe: mir ſcheint immer, das Min⸗ deſte, was ich erwarten könne, ſei der Tod. Und was haben Sie denn dem armen Kleinen verordnet?“ „Die energiſchſte Behandlung, und ich bemerke Ih⸗ nen ſogleich, daß ein paar Louis d'or in die Verordnung gewickelt die Mutter in den Stand geſetzt haben, ſie zu befolgen. So die Kühlmittel auf den Kopf, die er⸗ regenden Mittel an den Extremitäten, Emetin als Vo⸗ metiv, Fieberrinde als Decoct!“ „Wahrhaftig? Und Alles dies wird nichts nützen?“ „Alles dies, ohne die Hülfe der Natur, wird nicht viel nützen. Zu Befreiung meines Gewiſſens habe ich dieſe Behandlung verordnet**). Sein Engel, wenn das arme Kind einen hat, wird das Uebrige thun.“ *) Hitziger Waſſerkopf. **) Im Jahre 1790 kannte man die ſchwefelſaure China noch nicht und wandte man nicht noch die Blutegel hin⸗ ter dem Ohr an. Die Verordnung des Doctor Gil⸗ bert war alſo ſo vollkommen, als es der Zuſtand uſaſt am Ende des 18. Jahrhunderts Frlaubte. „Hm!“ machte Mirabean. „Nicht wahr, Sie begreifen?“ fragte Gilbert. „Ihre Theorie des Kohlenſauerſtoffs? Ungefähr.“ Rein, das iſt es nicht: ich meine, Sie begreifen, daß Ihnen die Luft des Schloſſes vom Marais nicht zu⸗ träglich ſei? „Sie glauben, Doctor?“ „Ich bin feſt davon überzeugt.“ „Das wäre ſehr ärgerlich, denn das Schloß behagt mir ungemein.“ „Daran erkenne ich Sie, ewiger Feind Ihrer ſelbſt. Ich rathe Ihnen eine Anhöhe, Sie wählen ein flaches Terrain, ich empfehle Ihnen ein fließendes Waſſer, Sie wählen ein ſtehendes.“ „Aber welch ein Park! Schauen Sie doch dieſe Bäume an, Dortor!“ „Schlafen Sie eine einzige Nacht bei offenem Fen⸗ ſter, Graf, oder gehen Sie nach eilf Uhr Abends im Schatten dieſer ſchönen Bäume ſpazieren, und Sie n mir am andern Tage Nachricht von ſich geben.“ „Das heißt, ſtatt halb vergiftet zu ſein, wie 6 es bin, werde ich am andern Tage ganz vergiftet „Haben Sie die Wahrheit von mir verlangt?“ „Ja, und Sie ſagen ſie mir, nicht ſo, Doctor?“ „Oh! in ihrer ganzen Rohheit. Ich kenne Sie, mein lieber Graf. Sie kommen hierher, um die Welt zu fliehen, die Welt wird ſie hier aufſuchen; Jeder ſchleppt ſeine Kette nach ſich,— von Eiſen, von Gold oder von Blumen! Ihre Kette iſt das Vergnügen bei Nacht und das Studium bei Tag. So lange Sie jung geweſen ſind, haben Sie in der Wolluſt ausgeruht; doch die Arbeit hat Ihre Tage abgenutzt, die Wolluſt hat Ihre Nächte ermüdet. Sie ſagen es mir ſelbſt mit Ihrer 81 immer ſo ausdrucksvollen und ſo farbenreichen Sprache: Sie fühlen ſich vom Sommer zum Herbſte übergehen. Nun wohl, mein lieber Graf, bin ich in Folge eines Arbeitseyceſſes bei Tag, in Folge eines Vergnügens⸗ erceſſes bei Nacht genöthigt, Ihnen zur Ader zu laſ⸗ ſen,— in dieſem Angenblicke des Abganges von Kräf⸗ ten, bedenken Sie das wohl, werden Sie mehr als je fähig ſein, die bei Nacht durch die großen Bäume des Parkes und bei Tag durch die paludiſchen Miasmen des ſtehenden Waſſers verdorbene Luft einzuathmen. Was wollen Sie dann? Sie werden zwei gegen mich ſein, Beide ſtärker als ich: Sie und die Natur. Ich muß wohl unterliegen.“ „Sie glauben alſo, ich werde durch die Eingeweide ſterben, mein lieber Doctor? Teufel! es iſt mir pein⸗ lich, wenn Sie mir das ſagen. Die Krankheiten der Eingeweide währen lange und ſind ſchmerzlich! Ein guter Schlagfluß oder ein Aneurhsma wären mir lieber. Könnten Sie mir das nicht machen?“ „Oh! mein lieber Graf,“ erwiederte Gilbert,„ver⸗ langen Sie in dieſer Hinſicht nichts von mir: was Sie wünſchen, iſt geſchehen oder wird geſchehen. Meiner Anſicht nach ſind Ihre Eingeweide nur ſecundär, und bei Ihnen ſpielt das Herz die erſte Rolle und wird ſie ſpielen. Leider ſind die Herzkrankheiten bei Männern von Ihrem Alter zahlreich und verſchiedenartig, und ha⸗ ben nicht alle einen augenblicklichen Tod zur Folge. Allgemeine Regel, mein lieber Graf, hören Sie das wohl, das ſteht nirgends geſchrieben, doch ich ſage es Ihnen, ich, der ich viel mehr philoſophiſcher Beobach⸗ ter, als Arzt bin: die acnten Krankheiten des Menſchen folgen einer beinahe abſoluten Ordnung; bei den Kin⸗ dern iſt es das Gehirn, was ergriffen wird; beim Jüng⸗ ling iſt es die Bruſt; beim Erwachſenen ſind es die un⸗ Die Gräfin von Charny. 1V. 6 teren Eingeweide; beim Greiſe iſt es das Gehirn oder das Herz,— das, was viel gedacht und viel gelitten hat. Wenn die Wiſſenſchaft ihr letztes Wort geſprochen, wenn die ganze vom Menſchen beſragte Natur ihr letz⸗ tes Geheimniß preisgegeben, wenn jede Krankheit ihr Mittel gefunden hat, wenn der Menſch, abgeſehen von ei⸗ nigen Ausnahmen, wie die Thiere, die ihn umgeben, nur noch vor Alter ſterben wird, dann werden die zwei einzigen angreifbaren Organe bei ihm das Gehirn und das Herz ſein, und auch der Tod durch das Ge⸗ hirn wird zum Urſprung die Krankheit des Herzens haben!“ „Teufel!“ rief der Graf,„Sie haben keinen Be⸗ griff, wie ſehr Sie mich intereſſiren; man ſollte glau⸗ ben, mein Herz wiſſe, daß Sie von ihm ſprechen, ſehen Sie, wie es ſchlägt.“ Mirabean nahm die Hand von Gilbert und legte ſie an ſein Herz⸗ „Wohl,“ ſagte der Doctor,„das dient zur Unter⸗ ſtützung deſſen, was ich Ihnen erklärte. Wie ſoll ein Organ, das an allen Ihren Gemüthsbewegungen Theil nimmt, das ſeine Schläge beſchlennigt oder hemmt, um einem einfachen pathologiſchen Geſpräche zu folgen,— wie ſoll dieſes Organ, bei Ihnen beſonders, nicht ange⸗ griffen werden? Sie haben durch das Herz gelebt, Sie werden durch das Herz ſterben; begreifen Sie alſo Folgendes: es kommt keine lebhafte moraliſche Affection vor, es kommt keine hitzige körperliche Affection vor, die dem Menſchen nicht eine Art von Fieber gibt; es kommt kein Fieber vor, das nicht eine mehr oder min⸗ der große Beſchleunigung der Schläge des Herzens er⸗ zeugt. In dieſer Arbeit nun, die ein Leiden und eine Beſchwerlichkeit iſt, da ſie ſich außerhalb der normalen Drdnung bewerkſtelligt, nutzt ſich das Herz ab, ver⸗ dirbt ſich das Herz; hievon bei den Greiſen die Hyper⸗ ———— 83 trophie des Herzens, das heißt ſeine übermäßige Ver⸗ größerung; hievon die Herzverengerung: dieſe führt zu. Zerreißungen des Herzens, zum einzigen augenblicklichen Tode; die Hypertrophie führt zum Hirnſchlage, ein Tod, der zuweilen langſamer, wobei aber der Verſtand getödtet iſt und folglich der wahre Schmerz nicht mehr beſteht, da es keinen Schmerz gibt, ohne das Gefithl, welches dieſen Schmerz beurtheilt und ermißt. Stellen Sie ſich nun vor, Sie haben geliebt, Sie ſeien glück⸗ lich geweſen, Sie haben Augenblicke der Freude und Stunden der Verzweiflung gehabt, wie ſie kein Anderer vor Ihnen gehabt haben wird; Sie haben unbekannte Triumphe erreicht; Sie ſeien in unerhörte Täuſchungen hinabgeſunken; Ihr Herz habe Ihnen vierzig Jahre das Blut in brennenden oder haſtigen Katarakten vom Mittelpunkt zu den Extremitäten zurückgeſchickt; Sie haben ganze Tage lang gedacht, gearbeitet, geſprochen; Sie haben Nächte hindurch getrunken, gelacht, geliebt, und Ihr Herz, von dem Sie vollen Gebrauch gemacht, das Sie mißbraucht, werde Sie nicht eines Tags ver⸗ laſſen? Ah! mein lieber Freund: das Herz iſt wie eine Börſe, ſo gut ſie geſpickt ſein mag, dadurch, daß man immer von ihr entlehnt, erſchöpft man ſie am Ende. Nachdem ich Ihnen aber die ſchlimme Seite der Lage gezeigt habe, laſſen Sie mich Ihnen die gute ent⸗ wickeln. Bas Herz braucht Zeit, um ſich abzunutzen; verfahren Sie nicht mehr gegen das Ihrige, wie Sie es thun; verlangen Sie nicht mehr Arbeit von ihm, als es hervorbringen kann, geben Sie ihm nicht mehr Be⸗ wegungen, als es auszuhalten vermag, unterziehen Sie ſich den Bedingungen, welche keine ernſte Unordnungen in die drei Hauptfunctionen des Lehens bringen,— ich meine das Athmen, vas ſeinen Sitz in der Lunge hat, den Umlauf des Blutes, der ſeinen Sitz im Herzen hat, die Verdauung, die ihren Sitz im Gedärme hat,— und Sie können noch zwanzig, dreißig Jahre leben, und Sie können nur vor Alter ſterben; während Sie, wenn Sie im Gegentheil auf den Selbſtmord losgehen wol⸗ len,— oh! mein Gott! nichts iſt leichter für Sie,— Ihren Tod nach Belieben verzögern oder beſchleunigen werden. Stellen Sie ſich vor, Sie führen ein Paar un⸗ geſtüme Pferde, die Sie, ihren Führer, fortreißen; zwingen Sie dieſelben, im Schritte zu gehen, und ſie werden in einer langen Zeit eine lange Reiſe vollbrin⸗ gen; laſſen Sie dieſelben im Galopp gehen, und ſie werden, wie die der Sonne, in einem Tage und einer Nacht den ganzen Himmelskreis durchlaufen.“ „Ja, entgegnete Mirabeau,„doch während dieſes Tages erwärmen und erlenchten ſie, was wohl etwas iſt. Kommen Sie, Doctor, es wird ſpät,— ich werde über Alles dies nachdenken.“ „Denken Sie über Alles nach,“ ſagte der Doctor, indem er Mirabeau folgte,„doch als Anfang des Ge⸗ horſams gegen die Befehle der Facultät verſprechen Sie mir vor Allem, dieſes Schloß nicht zu miethen; Sie werden um Paris zehn, zwanzig, fünfzig finden, die Ihnen dieſelben Vortheile bieten, wie dieſes.“ Dieſer Stimme der Vernunft nachgebend, war Mirabeau vielleicht im Begriffe, zu verſprechen; plötz⸗ lich aber glaubte er unter den erſten Schatten der Racht, hinter einem Blumenvorhange, den Kopf der Frau mit dem weißen Taffetrocke und den roſa Volants erſcheinen zu ſehen; dieſe Frau, Mirabeau meinte es wenigſtens, lächelte ihm zu, doch er hatte nicht Zeit, ſich hierüber Gewißheit zu verſchaffen, denn in dem Momente, wo Gilbert, welcher errieth, es gehe etwas Neues bei ſei⸗ nem Kranken vor, mit den Augen ſuchte, um ſich das nervöſe Beben des Armes, auf den er geſtützt war, zu erklären, zog ſich der Kopf haſtig zurück, und man ſah am Fenſter des Pavillon nur noch die leicht bewegten Zweige der Rofenſtöcke, der Heliotropen und der Nelken. 85 „Nun,“ fragte Gilbert,„Sie antworten nicht?“ „Mein lieber Doctor,“ erwiederte Mirabeau,„er⸗ innern Sie ſich deſſen, was ich der Königin geſagt habe, als ſie mir, da ſie von mir ſchied, die Hand zum Kuſſe reichte:„Madame, durch dieſen Kuß iſt die Monarchie gerettet!““ Ja 3 „Nun wohl, ich habe da eine ſchwere Verbindlich⸗ keit übernommen, beſonders wenn man mich verläßt, wie man dies thut; doch dieſer Verbindlichkeit will ich mich nicht entziehen. Verachten wir den Selbſtmord nicht, von dem Sie ſprachen, Doctor; dieſer Selbſt⸗ mord wird vielleicht das einzige Mittel ſein, um mich auf eine ehrenhafte Art aus der Sache herauszuziehen. Zwei Tag nachher hatte Mirabeau das Schloß vom Marais durch Erbpacht erworben. LX. Das Marsfeld. Wir haben unſeren Leſern ſchon begreiflich gemacht, durch welchen unauflösbaren Knoten ganz Frankreich ſich verbunden, und welche Wirkung dieſe, dem allgemeinen Bunde vorhergehende Föderation auf Europa hervorge⸗ bracht hatte. Europa ſah ein, es werde eines Tages, wann? die Zeit war in den Wolken der uner⸗ meßlichen Zukunft verborgen,— Europa, ſagen wir, ſah ein, es werde eines Tags auch nur einen ungeheuren Bund von Bürgern, nur eine coloſſale Ge⸗ ſellſchaft von Brüdern bilden. Mirabeau hatte zu dieſem großen Bündniß ange⸗ trieben. Auf die Befürchtungen, die der König gegen ihn ausgedrückt, hatte er geantwortet, wenn es ein Heil für das Königthum in Frankreich gebe, ſo müſſe man es nicht in Paris, ſondern in der Provinz ſuchen. Ueberdies würde aus dieſer Verbindung von Men⸗ ſchen, welche aus allen Winkeln Frankreichs herbeigekom⸗ men, ein großer Vortheil entſpringen; der König würde ſein Volk ſehen und das Volk würde ſeinen König ſehen⸗ Würde die ganze Bevölkerung Frankreichs, vertreten durch dreimal hunderttauſend Verbündete, Bürger, Beamte, Nilitäre, auf dem Marsfelde rufen;„Es lebe die Na⸗ tion!“ und ihre Hände auf den Trümmern der Baſtille vereinigen, dann werden einige blinde oder bei der Ver⸗ blendung des Königs intereſſirte Höflinge dieſem nicht mehr ſagen, durch eine Handvoll Meuterer angeführt, verlange Paris eine Freiheit, welche das übrige Frank⸗ reich zu verlangen weit entfernt ſei nein, Mirabeau zählte auf den damals in der Tiefe des Herzens der Franzoſen noch ſo lebendigen Geiſt des Königthums, und er ahnete, aus dieſer ſo ungewohnten, unbekannten, unerhörten Berührung eines Monarchen mit ſeinem Volke werde ein heiliger Bund hervorgehen, den keine Intrigne zu brechen vermöchte. Die Menſchen von Genie werden oft von jenen er⸗ habenen Albernheiten befallen, welche zur Folge haben, daß die politiſchen Gimpel der Zukunft berechtigt ſind, ihrem Andenken ins Geſicht zu lachen. Schon hatte eine vorbereitende Föderation, ſo zu ſa⸗ gen, von ſich ſelbſt in den Ebenen von Lyon ſtattgehabt. Frankreich, das inſtinctartig zur Einheit hinmarſchirte, hatte das entſcheidende Wort dieſer Einheit auf den Ge⸗ filden der Rhone zu finden geglaubtz hier aber hatte es wahrgenommen, daß Lyon wohl Frankreich mit dem — —— 87 Genius der Freiheit verloben konnte, daß aber zur Trau⸗ ung Paris nothwendig war. Als der Antrag einer allgemeinen Föderation in die Nationalverſammlung durch den Maire und den Ge⸗ meinderath von Paris, welche nicht länger den Bitten anderer Städte widerſtehen konnten, gebracht wurde, entſtand eine große Bewegung unter den Zuhörern. Dieſe nach Paris, dem ewigen Mittelpunkte der Agitation, geführte zahlloſe Menſchenverſammlung wurde zugleich von den beiden Parteien, welche die Kammer trennten, von den Royaliſten und den Jacobinern, miß⸗ billigt. Pns hieße, ſagten die Royaliſten, ſich der Gefahr eines rieſigen 14. Juli, nicht mehr gegen die Baſtille, ſondern gegen das Königthum ausſetzen. Was ſollte aus dem König werden unter dieſem furchtbaren Gemenge von verſchiedenartigen Leidenſchaf⸗ ten, unter dieſem erſchrecklichen Conflicte von entgegenge⸗ ſetzten Meinungen? Andererſeits befürchteten die Jacobiner, denen es nicht unbekannt war, welchen Einfluß Ludwig XVI. noch auf die Maſſen übte, dieſe Verſammlung nicht weniger als ihre Feinde. In den Augen der Jacobiner würde eine ſolche Verſammlung den öffentlichen Geiſt dämpfen, das Miß⸗ trauen einſchläfern, die alte Götzendienerei wiederer⸗ wecken, kurz Frankreich royaliſiren. Doch es war nicht möglich, ſich dieſer Bewegung zu widerſetzen, welche nicht ihres Gleichen gehabt hatte, ſeitdem ſich im eilften Jahrhundert ganz Europa erhoben⸗ um das Grab Chriſti zu befreien. Und man wundere ſich nicht hierüber; dieſe zwei Bewegungen ſind einander nicht ſo fremd, als man glan⸗ ben könnte: der erſte Baum der Freiheit war auf der Schädelſtätte gepflanzt worden. Rur that die Rationalverſammlung, was ſie konnte, 88 um die Zuſammenkunft weniger beträchtlich zu machen, als man ſie werden fühlte. Man zog die Disecuſſion in die Länge, ſo daß bei denjenigen, welche vom Ende des Königreiches kommen würden, das geſchehen müßte, was bei der Föderation von Lyon den Abgeordneten von Corſica geſchehen war: ſo ſehr ſie ſich beeilt hatten, ſo waren ſie doch erſt am andern Tage gekommen. Ueberdies wurden die Ausgaben den Oertlichkeiten aufgebürdet. Frankreich hatte aber ſo arme Provinzen, und das wußte man, daß man nicht annehmen durfte, ſie könnten, ſelbſt wenn ſie die größten Anſtrengungen machen wollten, die Koſten auch nur zur Hälfte der Reiſe ihrer Abgeordneten oder vielmehr des Viertels vom Wege, den ſie zu machen hatten, da ſie nicht allein nach Paris gehen ſondern auch zurückkehren mußten, beſtreiten. Doch man hatte ohne die öffentliche Begeiſterung gerechnet. Man hatte ohne den Ueberſchlag gerechnet, bei dem die Reichen zweimal geben würden, einmal für ſich, einmal für die Armen. Man hatte ohne die Gaſt⸗ freundſchaft gerechnet, welche den ganzen Weg entlang rief;„Franzoſen, öffnet Eure Thüren, hier find Brüder, welche vom Ende Frankreſchs zu Euch kommen.“ Und dieſer letzte Ruf beſonders hatte kein taubes Ohr, keine widerſpänſtige Thüre gefunden. Keine Fremde, keine Unbekannte mehr, überall Franzoſen, Verwandte, Brüder.„Kommt, zu uns, Ihr Pilger des großen Feſtes! Kommt Ihr Nationalgarden! Kommt, Soldaten! Kommt, Seelente! Tretet bei uns ein; Ihr werdet Väter und Mütter, Ihr werdet Weiber finden, deren Söhnen und Männern die Gaſtfreundſchaft anderswo geboten wird, die wir Euch bieten.“ Für denjenigen, welcher, wie Chriſtus, nicht auf den höchſten Berg der Erde, ſondern nur auf den höch⸗ ſten Berg Frankreichs hätte verſetzt werden können, wäre es ein glänzendes Schanſpiel geweſen, ſie zu ſehen, dieſe dreimalhunderttauſend auf Paris zuwandernden „ 89 Pilger, alle dieſe gegen den Mittelpunkt zurückfließende Strahlen des Geſtirns. Und von wem wurden alle dieſe Wallfahrer der Freiheit angeführt? Von Greiſen, von armen Soldaten des ſiebenjährigen Krieges, von Unterofficieren von Fon⸗ tenoy, von Glücksofficieren, welche ein ganzes Leben der Arbeit, des Muthes und der aufopfernden Hinge⸗ bung gebraucht hatten, um die Epaulette des Lieutenants oder die zwei Epauletten des Kapitäns zu erwerben; von Seeleuten, welche Indien mit Buſſy und Dupleir erobert und mit Lally⸗Tollendal verloren hatten,— lebendige Trümmer gebrochen durch die Kanonen des Schlachtfeldes, abgenutzt bei des Meeres Ebbe und Fluch. In den letzten Tagen machten achtzigjährige Männer Tagemärſche von zehn bis zwölf Meilen, um zu rechter Zeit anzukommen und ſie kamen an. In dem Augenblick, wo ſie im Begriffe waren, ſich für immer niederzulegen und den Schlaf der Ewigkeit zu ſchlafen, hatten ſie die Kräfte der Jugend wieder gefunden: es hatte das Vaterland ihnen zugewinkt, es hatte ſie mit einer Hand zu ſich gerufen und ihnen mit der andern die Zukunft ihrer Kinder gezeigt. Dann ſangen ſie ein und eben daſſelbe Lied, mochten die Pilger von Norden oder von Süden, von Oſten oder von Weſten, vom Elſaß oder von Bretan⸗ nien, von der Provence oder von der Normandie kom⸗ men. Wer hatte ſie dieſes Lied gelehrt, das ſo ſchwer⸗ fällig gereimt iſt, als die alten Geſänge, welche die Krenzfahrer durch die Meere des Archipels und die Ebenen von Kleinaſien leiteten? Niemand weiß es: der Engel der Erneuerung, der im Vorüberziehen ſeine Flügel über Frankreich ſchüttelte.* Dieſes Lied war das berühmte Ca ira, nicht das das von 93; 93 hat Alles verkehrt, verwandelt: das Lachen in Thränen, den Schweiß in Blut. Nein, dieſes ganze Frankreich, das ſich ſich ſelbſt entriß, um nach Paris den allgemeinen Schwur zu brin⸗ gen, ſang nicht Worte der Drohung, es ſagte nicht: Ah! ca ira, ca ira, ca ira, Les aristocrat's à la lanterns; Ah! ea ira, ca ira, ca ira, Les aristocrat's, on les pendra*)! „—————— Nein, ſein Lied war kein Todeslied, ſondern ein Lebenslied; es war nicht die Hymne der Verzweiflung, ſondern der Geſang der Hoffnung. Es ſang auf eine andere Melodie folgende Worte:. Le peuple en ce jour sans cesse répöte: Ah! ca ira, ca ira, ca ira,. Suivant les maximes de l'Evangile; ˙ Ah! ga ira, ga ira, Ca ira, Du législateur tout s'accomplira; Celui qui s'élève, on Tabaissera; Celui qui s'abaisse, on[élövera*) Es bedurfte eines rieſigen Circus, um Provinz und Paris, fünfmalhunderttauſend Seelen, aufzunehmen; es bedurfte eines coloſſalen Amphitheaters, um einer Mil⸗ lion Zuſchauer Raum zu bieten. *) So wird's gehen, ſo wird's gehen, ſo wird's gehen, mit den Ariſtokraten an die Laterne; ſo wird's gehen u. ſ. w. die Ariſtokraten wird man henken. **) Das Volk wiederholt an dieſem Tage unabläßig: Ah! ſo wird's gehen, u. ſ. w. nach den Grundſätzen des Epangeliums. Ah! ſo wird's gehen, u. ſ. w. Alles, was der Geſetzgeber geſprochen, wird in Er⸗ 1* füllung gehen. Wer ſich ſelbſt erhöht, wird ernied⸗ rigt werden; wer ſich erniedrigt, wird erhöht werden. ⸗ 91 Zum erſten wählte man das Marsfeld. Zum zwei⸗ ten die Anhöhen von Paſſy und Chaillot. Nur bot das Marsfeld eine ebene Oberfläche. Man mußte ein weites Baſſin daraus machen, man mußte es ausgraben und die Erde rings darum aufhäufen, um Erhöhungen zu bilden. Fünfzehntauſend Arbeiter von jenen Menſchen, die ſich ewig laut beklagen, daß ſie vergebens Beſchäftigung ſuchen, und leiſe Gott bitten, er möge ſie keine finden laſſen, fünfzehntauſend Arbeiter wurden mit Spaten und Hauen von der Stadt Paris abgeſchickt, um dieſe Ebene in ein von einem großen Amphiheater eingefaßtes Thal zu verwandeln. Boch dieſen fünfzehntanſend Arbeitern blieben nur drei Wochen, um das Titanenwerk zu vollführen, und nach Verlauf von zwei Tagen bemerkte man, daß ſie drei Monate nöthig hätten. Vielleicht wurden ſie anderswoher beſſer bezahlt, um nichts zu thun, als man ſie bezahlte, um zu arbeiten. Da geſchah eine Art von Wunder, nach welchem man von der Pariſer Begeiſterung urtheilen konnte. Die ungeheure Arbeit, die einige Tauſende von Faullenzern nicht ausführen wollten oder konnten, unternahm die ganze Bevölkerung. An demſelben Tage, an welchem ſich das Gerücht verbreitete, das Marsfeld werde für den 14. Juli nicht bereit ſein, erhoben ſich hunderttauſend Menſchen und ſagten mit einer Sicherheit, welche den Willen eines Volkes oder den Willen eines Gottes be⸗ gleitet:„Es wird ſein.“ Abgeordnete ſuchten den Maire von Paris im Namen dieſer hunderttauſend Arbeiter auf, und man kam überein, daß man ihnen, um nicht den Arbeiten des Tages Eintrag zu thun, die Nacht geben werde. An demſelben Abend um ſieben Uhr verkündigte ein Kanonenſchuß, das Geſchäft des Tages ſei beendigt und das Werk der Nacht beginne. Und auf dieſen Kanonenſchuß wurde das Marsfeld von ſeinen vier Seiten überſtrömt. Jeder brachte ſein Werkzeng, Karſt, Spaten, Schau⸗ fel oder Karren. Andere rohlten Fäſſer voll Wein in Begleitung von Geigen, Zithern, Trommeln und Pfeifen herbei. Alle Alter, alle Geſchlechter, alle Stände waren vermiſcht; Bürger, Soldaten, Weltgeiſtliche, Mönche, ſchöne Damen, Damen der Halle, barmherzige Schwe⸗ ſtern, Schauſpielerinnen, Alles dies handhabte die Haue oder zog den Karren; Kinder ſchritten mit Fackeln in der Hand voran; Orcheſter folgten, alle Arten von Inſtrumenten ſpielend, und über all dieſem Geräuſche, über all die⸗ ſem Lärmen, über allen dieſen Inſtrumenten ſchwebend, erhob ſich das Ca ira, ein ungeheurer Chor, geſungen von hunderttauſend Münden, auf welchen hunderttanſend von allen Punkten Frankreichs kommende Stimmen aut⸗ worteten. Unter den thätigſten Arbeitern bemerkte man zwei, welche zuerſt und in Uniform gekommen waren; der Eine war ein Mann von kräftigem, unterſetztem Gliederbau, aber mit finſterem Geſichte. Er ſang nicht und ſprach kaum. Der Andere war ein junger Menſch von zwanzig Jahren mit offenem, freundlichem Geſichte, großen blauen Augen, weißen Zähnen, blonden Haaren und feſter Hal⸗ tung auf ſeinen großen Füßen und ſeinen dicken Knieen; er hob mit ſeinen breiten Händen ungeheure Laſten auf, rollte die ſchwerſten Karren, ohne je anzuhalten, ohne je auszuruhen, ſang immer, lachte aus dem Angenwin⸗ kel über ſeinen Gefährten, ſagte ihm ein gutes Wort, worauf dieſer nichts erwiederte, brachte ihm ein Glas Wein, das er zurückſtieß, nahm, traurig die Achſeln zuckend, wieder ſeinen Platz ein und fing abermals an zu arbeiten wie zehn und zu ſingen wie zwanzig. Dieſe zwei Menſchen waren zwei von den Abgeord⸗ 5 93 neten des neuen Departement der Aisne, welche, nur zehn Meilen von Paris entfernt, als ſie ſagen hörten, es fehle an Armen, in aller Eile herbeigelaufen waren, um der Eine ſeine ſchweigſame Arbeit, der Andere ſeine heitere und geräuſchvolle Mitwirkung anzubieten. Dieſe Männer waren Billot und Piton. Sagen wir, was in Villers-Coterets in der dritten Nacht nach ihrer Ankunft in Paris, das heißt in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli, gerade in dem Augen⸗ blick vorging, wo wir ſie in voller Thätigkeit mitten unter Arbeitern wiedergefunden haben. LXI. wo man ſieht, was aus Chaterine geworden war, wo man aber nicht ſieht, was aus ihr werden wird. Während dieſer Nacht vom 5. auf den 6. Juli, gegen eilf Uhr Abends, wurde der Doctor Raynal, wel⸗ cher ſich in der bei den Aerzten ſo oft getäuſchten Hoff⸗ nung, ſeine volle Nacht zu ſchlafen, zu Bette gelegt hatte, durch drei Schläge, die man mit kräftiger Fauſt an ſeine Thüre that, aufgeweckt. Es war, wie man weiß, die Gewohnheit des Doc⸗ tors, wenn man in der Nacht klopfte oder läutete, ſelbſt zu öffnen, um raſcher in Berührung mit den Lenten zu kommen, die ihn nöthig haben könnten. Diesmal wie ſonſt ſprang er aus ſeinem Bette, zog 94 ſeinen Schlafrock und ſeine Pantoffeln an und ging ſo raſch als möglich ſeine ſchmale Treppe hinab⸗ So ſehr er ſich aber beeilt hatte, ſo ſchien er doch noch zu langſam für den nächtlichen Beſuch, denn dieſer fing wieder an zu klopfen, diesmal aber ohne Zahl und Maß, als plötzlich die Thüre geöffnet wurde. Der Doctor Raynal erkannte denſelben Lackei, der ihn in einer gewiſſen Nacht geholt hatte, um ihn zum Vicomte Iſidor von Charny zu führen. „Hoſ ho!“ ſagte der Doctor, als er ihn erblickte, „abermals Sie, mein Freund? Das iſt kein Wort des Vorwurfs, verſtehen Sie wohl? Doch wenn Ihr Herr auf's Neue verwundet wäre, ſo müßte er ſich in Acht nehmen; es iſt nicht zuträglich, ſo an Orte zu gehen, wo es Kugeln regnet.“ „Nein, Herr Doctor,“ erwiederte der Lackei,„ich komme nicht wegen meines Herrn, nicht wegen einer Wunde, ſondern wegen einer Sache, welche nicht minder Eile heiſcht. Kleiden Sie ſich vollends an, hier iſt ein Pferd, und man erwartet Sie.“ Der Doctor verlangte nie mehr als fünf Minuten für ſeine Toilette. Diesmal aber ſchloß er aus dem Stimmtone des Lackei und beſonders aus der Art, wie er geklopft hatte, ſeine Gegenwart ſei dringend, und er brauchte nur vier. „Hier bin ich,“ ſagte er, als er beinahe in demſel⸗ ben Augenblick, da er verſchwunden, wiedererſchien. Der Lackei hielt, ohne abzuſteigen, dem Doctor Raynal den Zügel des Pferdes; dieſer befand ſich ſo⸗ gleich im Sattel und wandte ſich, dem Lackei folgend, der ihm den Weg bezeichnete, von ſeinem Hauſe aus nach rechts, ſtatt ſich, wie er es das letzte Mal gethan hatte, nach links zu wenden⸗ Man führte ihn diesmal auf die Bourſonnes ent⸗ gegengeſetzte Seite. Er ritt durch den Park, drang, Haramont links A en m ie id l⸗ or . id, us an nt⸗ nks 95 laſſend, in den Wald ein und befand ſich bald in einem ſo unwegſamen, ſo holperigen Theile des Gehölzes, daß es für das Pferd ſchwierig war, weiter zu gehen. Plötzlich demasquirte ſich ein hinter einem Baume verborgener Mann, indem er eine Bewegung machte, und fragte: „Sind Sie es, Doctor?“ Der Doctor, der ſein Pferd angehalten hatte, da er nicht wiſſen konnte, was der Vortretende im Sinne haben mochte, erkannte an dieſen Worten den Vicomte Iſi⸗ dor von Charny. „Ja,“ erwiederte er,„ich bin es. Wohin des Teufels laſſen Sie mich denn führen?“ „Sie werden es ſogleich ſehen,“ ſagte Iſidor;„doch ich bitte Sie, ſteigen Sie ab und folgen Sie mir.“ Der Doctor ſtieg ab; er fing an Alles zu be⸗ greifen. „Ah! ah!“ verſetzte er,„ich wette, es handelt ſich un eine 2 „Jä, Dockök, und Sie verſprechen mir folglich, zu ſchweigen, nicht wahr?“ Der Doctor zuckte die Achſeln wie ein Menſch, der ſagen wollte:„Ei! mein Gott, ſeien Sie doch ru⸗ hig, ich habe wohl andere Dinge geſehen.“ „So kommen Sie hierher,“ ſagte Iſidor, auf ſei⸗ nen Gedanken antwortend. Und mitten unter Stechpalmen, auf dem dürren, raſchelnden Laube, das unter der Dunkelheit rieſiger Buchen verborgen, durch deren Blätterwerk man von Zeit zu Zeit das Funkeln eines Sternes erblickte, ſtie⸗ gen Beide in die Tiefen hinab, wohin, wie geſagt, der Tritt der Pferde nicht dringen konnte. Nach einigen Augenblicken gewahrte der Doctor den oberen Theil des Clonis Steines. „Ho! ho!“ ſagte er,„ſollte es die Hütte des guten Clouis ſein, wohin wir gehen?“ „Nicht ganz, doch nahe dabei,“ antwortete Iſidor. Und er drehte ſich rings um den ungeheuren Felſen und führte den Doctor vor die Thüre eines von Back⸗ ſtein gebauten Häuschens, das ſo an die Hütte des alten Waldhüters angelehnt war, daß man hätte glauben kön⸗ nen, und daß man wirklich in der Gegend glaubte, der gute Mann habe zu größerer Bequemlichkeit dieſes Zuge⸗ hör ſeiner Wohnung beigefügt. Allerdings wäre man, ſogar ohne Catherine, welche auf einem Bette lag, durch den erſten Blick, den man in das Innere dieſer kleinen Stube geworfen, enttäuſcht worden. Eine hübſche Tapete, mit der die Wand beſchlagen war, Vorhänge von einem dieſer Tapete ähnlichen Stoffe, welche an den zwei Fenſtern hingen; zwiſchen dieſen zwei Fenſtern ein zierlicher Spiegel; unter dieſem Spie⸗ gel eine mit all ihrem Geräthe ausgeſtattete Toilette, ein kleines Tanaps und eine kleine Bibliothek: ſo war das beinahe, wie man heute ſagen wü b Innere, welches ſich dem Blicke bot, wenn man in die kleine Stube eintrat. Doch der Blick des guten Doctors verweilte bei nichts von Allem dem. Er hatte die auf dem Bette ausgeſtreckte Frau geſehen und ging gerade auf das Leiden zu. Als ſie den Docter erblickte, verbarg Catherine ihr Geſicht in ihren beiden Händen, doch dieſe konnten we⸗ der ihr Schluchzen bedecken, noch ihre Thränen ver⸗ bergen. Iſidor näherte ſich ihr und ſprach ihren Namen aus; ſie warf ſich in ſeine Arme. „Doctor,“ ſagte der junge Mann,„ich vertraue Ihnen das Leben und die Ehre von derjenigen, welche deute nur meine Geliebte iſt, eines Tags aber, wie ich hoſſe, meine Fran ſein wird.“ 97 „Oh! wie gut biſt Du, mein theurer Iſidor, daß Du ſolche Dinge ſagſt, denn Du weißt wohl, es iſt un⸗ möglich, daß Charny wird. Doch ich danke Dir darum nicht weniger; Du weißt, daß ich Kräfte nöthig haben werde, und Du willſt mir geben; ſei unbeſorgt, ich werde muthig ſein, und der erſte, der größte Muth, den ich haben kann, iſt, daß ich mich Ihnen, mein lieber Doctor, mit entblößtem Geſichte zeige und Ihnen die Hand biete.“ Und ſie reichte dem Doctor Raynal die Hand. Ein Schmerz noch heftiger, als irgend einer von denen, welche Catherine bis dahin ausgeſtanden hatte, zog ihre Hand krampfhaft in dem Augenblick zuſammen, wo ſie die des Doctor Raynal berührte. Dieſer machte Iſidor mit dem Blicke ein Zeichen, und Iſidor begriff, daß der Moment gekommen war. Der junge Männ kniete vor das Bett der Patien⸗ tin nieder und ſprach: „Catherine, mein geliebtes Kind, ohne Zweifel müßte ich hier bei Dir bleiben, um Dich zu unterſtützen und zu ermuthigen; doch ich befürchte, es würde mir die Stärke fehlen; wenn Du es indeſſen willſt. Catherine ſchlang ihren Arm um den Hals von Iſi⸗ dor und erwiederte: „Gehe, gehe, ich danke Dir für eine ſo große Liebe, daß Du mich nicht könnteſt leiden ſehen.“ Iſidor drückte ſeine Lippen auf die des armen Mäd⸗ chens, preßte nach einmal dem Doctor Raynal die Hand und eilte aus dem Zimmer. Zwei Stunden lang irrte er umher wie jene Schat⸗ ten, von denen Dante ſpricht, die nicht ſtille ſtehen kön⸗ nen, um auch nur kurze Zeit auszuruhen, und, wenn ſie ſtille ſtehen, von einem DBämon, der ſie mit einem eiſer⸗ nen Dreizacke ſticht, fortgeſtoßen werden. Alle Augenblicke kam er, nach einem mehr oder min⸗ Die Gräfin von Charny. IV. 7 der großen Kreiſe zu der Thüre zurück, hinter welchem F erium D rt in Erfüllung ging. Boch älsbäld iraf ihü immer wieder ein von Catherine ausgeſtoßener Schrei, der bis zu ihm drang, wie der eiſerne Dreizack des Verdammten, und nöthigte ihn, wieder umherzukaufen und unabläſſig ſich von dem S zu eutfernen, zu dem er unabläſſig wieder zurück⸗ kehrte. Mitten in der Nacht hörte er ſich durch die Stimme des Doctors und durch eine noch ſanftere und ſchwächere Stimme rufen. Mit zwei Sprüngen war er bei der dies Mal offenen Thüre, auf deren Schwelle ihn der Doctor, ein Kind in den Armen haltend, erwartete. „Ach! ach! Iſidor,“ ſprach Catherine,„nun bin ich doppelt Dein.. Dein als Geliebte, Dein als Mutter.“ en Stunde, in der Racht vom 13 auf den 14. Juli, öffnete ſich die Thüre abermals; zwei Männer trugen in einer Sänfte eine Frau und ein Kind; ein junger Mann begleitete ſie zu Pferde und empfahl den Trägern die größte Behutſamkeit. Als ſie zur Landſtraße von Haramont nach Villers Coterets ka⸗ men, fanden ſie eine mit drei Pferden beſpannte gute Berline, in welche die Mutter mit dem Kinde einſtieg. Der junge Mann gab ſodann ſeinem Bedienten einige Befehle, ſprang zu Boden, warf ihm den Zügel ſeines Pferdes zu und ſtieg ebenfalls in den Wagen, der, ohne in Villers Coterets anzuhalten und ohne dieſen Ort zu durchſchneiden, längs dem Parke von der Faſa⸗ nerie bis zum Ende der Rue de Larguy hinfuhr und hier angelangt im ſtarken Trabe ſeiner Pferde die Straße nach Paris verfolgte. Che er abreiſte, hatte der jnnge Mann eine mit Gold gefüllte Börſe für den Vater Clouis und die junge Frau einen Brief mit der Adreſſe von Piton zurückge⸗ laſſen. Der Doetor hatte auf eine Aufrage erwiedert, in cheee ed — 99 Betracht der raſchen Geneſung der Kranken und der gu⸗ ten Conſtitution des Kindes, das ein Knabe war, könne die Reiſe von Villers Coterets nach Paris in einem be⸗ guemen Wagen, ohne daß man einen Unfall zu befürch⸗ ten habe, gemacht werden. In Folge dieſer Verſicherung hatte ſich Iſidor zu der Reiſe entſchloſſen, welche überdies durch die nahe bevor⸗ ſtehende Rückkehr von Billot und Piton nothwendig wurde. Gott, der bis zu einem gewiſſen Augenblick zuwei⸗ len über denjenigen wacht, welche er ſpäter zu verlaſſen ſcheint, hatte erlanbt, daß die Niederkunft in Abweſen⸗ heit von Billot, der öbrigens nichts von dem Zufluchts⸗ 1„ſtättKefündeß. ünf Uhr Morgens kam der Wagen zur Porte Saint⸗Denis, doch er konnte nicht über die Bou⸗ levards fahren, wegen der durch das Feſt des Tages veranlaßten Zuſammenſchaarung. Catherine wagte es, ihren Kopf aus dem Schlage hinauszubengen, doch ſie zog ihn, einen Schrei ausſto⸗ ßend, auf der Stelle wieder zurück und verbarg ihn an der Bruſt von Iſidor. Die zwei erſten Perſonen, die ſie unter den Fö⸗ derirten erkannt hatte, waren Billot und Pitou. orte ſeiner Tochter wußte, und von Piton, Pelcher in Unſchuld den Zuſtand von Catherine nicht einma 100 LXII. Der 14. Zuli 1790. Die Arbeit, welche aus einer ungeheuren Ebene ein ungeheures Thal zwiſchen zwei Hügeln machen ſollte, war in der That durch die Mitwirkung von ganz Paris vollendet worden. — Viele Arbeiter-hattenſich;— um ſicher-zweſeimam andern Tage ihren Platz zu haben, hier niedergelegt, wie ſich Sieger auf das Schlachtfeld niederlegen. Billot und Piton waren zu den Föderirten zurück⸗ gekehrt und hatten unter ihnen auf dem Boulevard Platz genommen. Der Zufall wollte, wie wir geſehen, daß der den Abgeordneten des Departement der Aisne angewieſene Platz gerade der war, wo ſich der Wagen, e Catherine und ihr Kind nach Paris brachte, ſtoßen ollte. Dieſe nur aus Föderirten beſtehende Linie erſtreckte ſich in der That von der Baſtille bis zum Boulevard Bonne⸗Nouvelle. Jeder hatte ſein Beſtes gethan, um ſeine geliebten Gäſte zu empfangen. Als man erfuhr, die Bretannier, dieſe Alten der Freiheit, kommen an, gingen ihnen die Sieger der Baſtille bis Saint⸗Cyr entgegen und geleite⸗ ten ſie als ihre Gäſte. Die Vaterlandsliebe und die Uneigennützigkeit wur⸗ den in ſeltenem Aufſchwunge geübt. Die Wirthe vereinigten ſich und erniedrigten einſtim⸗ 101 mig ihre Preife, ſtatt ſie zu erhöhen. Dies in Betreff der Uneigennützigkeit. Die Journaliſten, dieſe herben Streiter aller Tage, welche ohne Unterlaß gegen einander einen Krieg mit jenen Leidenſchaften führen, die im Allgemeinen den Haß ſchärfen, ſtatt ihn auszulöſchen, die die Herzen von einander entfernen, ſtatt ſie einander näher zu bringen, die Journaliſten, zwei wenigſtens, Louſtalot und Camille Desmoulins, ſchlugen einen Föderativvertrag zwiſchen den Schriftſtellern vor. Sie ſollten auf jede Concurrenz, auf jede Eiferſucht verzichten und fortan keinen andern Wettſtreit verfolgen, als den des öffentlichen Wohls. Dies in Betreff der Vaterlandsliebe. Leider fand der Vorſchlag zu dieſem Vertrage kein Echo bei der Preſſe und blieb für die Gegenwart wie für die Zukunft ein erhabenes Utopien. Die Nationalverſammlung hatte ihrerſeits einen Theil von dem elektriſchen Schlage empfangen, der Frank⸗ reich wie ein Erdbeben erſchütterte. Einige Tage vor⸗ her hatte ſie auf den Antrag der Herren Montmorench und von Lafayette den durch den Abbs Maury, den Sohn eines Schuhflickers, vertheidigten Erbadel aufge⸗ hoben. Schon im Monat Februar hatte die Nationalver⸗ ſammlung damit angefangen, daß ſie die Erblichkeit des Böſen aufgehoben. Sie hatte bei Gelegenheit des Auf⸗ hängens der Brüder Agaſſe, welche wegen Wechſelfäl⸗ ſchung verurtheilt worden waren, beſchloſſen, das Schaf⸗ fot ſolle weder mehr die Kinder noch die Verwandten des Schuldigen brandmarken. An dem Tage, wo die Nationalverſammlung die Vererbung des Privilegiums aufhob, wie ſie die Verer⸗ bung des Böſen aufgehoben hatte, erſchien überdies ein Deutſcher, ein Mann von den Ufern des Rheins, der ſeinen Vornamen Johannes Baptiſta gegen den Vorna⸗ 102 men Anacharſis vertauſcht hatte, Anacharſis Cloots,*) ein preußiſcher Barvn, geborenin Cleve, erſchien vor den Schran⸗ ken als Abgeordneter des Menſchengeſchlechts. Er führte mit ſich ungefähr zwanzig Menſchen von allen Nationen in ihren Nationaltrachten, lauter Geächtete, und verlangte im Namen der Völker, der einzigen geſetzlichen Souve⸗ rains, ihren Platz beim Bunde. Es wurde dem Redner des Menſchenge⸗ ſchlechts ein Platz angewieſen. Andererſeits machte ſich der Einfluß von Mirabeau alle Tage fühlbar: durch dieſen mächtigen Streiter ge⸗ wann der Hof Parteigänger nicht nur in den Reihen der Rechten, ſondern auch in denen der Linken. Die Nationalverſammlung, votirte, wir möchten beinahe ſa⸗ gen mit Begeiſterung vierundzwanzig Millionen Civilliſte und vier Millionen Witthum für die Königin. Das hieß reichlich Beiden die zweimalhundertund⸗ achttauſend Franken Schulden, die ſie für den beredten Tribun bezahlt hatten, ſowie die ſechstauſend Livres Rente, welche ſie ibm monatlich gaben, wiedererſtatten. Mirabean ſchien ſich übrigens auch nicht über den Geiſt der Provinzen getäuſcht zu haben; diejenigen Fö⸗ derirten, welche von Ludwig XVI. empfangen wurden, brachten nach Paris die Begeiſterung für die National⸗ verſammlung, zu gleicher Zeit aber auch die Religion für das Königthum. Sie hoben ihre Hüte vor Herrn Bailly in die Höhe und riefen:„ Es lebe die Nation!““ Doch ſie knieten vor Ludwig XVI. nieder, legten ihre Degen zu ſeinen Füßen und riefen:„Es lebe der König!““ Leider antwortete der König, der ſehr wenig poe⸗ tiſch, ſehr wenig ritterlich, ſchlecht auf alle dieſe Herzens⸗ S *) Clvots. Jean Baptiſte dn Val de Grace, gewöhnlich Anacharſis Clvots, eigentlich Klohts, ein raſender Jacobiner. Im Jahre 1795 Robespierre verdächtig, wurde er hingerichtet. 103 ergüſſe. Leider ſchätzte die Königin, welche zu ſtolz, zu ſehr Lothringerin, wenn man ſo ſagen darf, nicht, wie ſie es verdienten, dieſe von Herzen kommenden Zeug⸗ ſchaften. Dann hatte die arme Frau etwas Finſteres im Grunde des Geiſtes, etwas, was einem von jenen dun⸗ un Punkten ähnlich, welche das Geſicht der Sonne be⸗ ecken. Dieſes finſtere Etwas, dieſer Flecken, der ihr Herz zernagte war die Abweſenheit von Charny. Von Charny, welcher ſicherlich hätte können zurück⸗ kommen, während er bei Herrn von Boullé blieb! Einen Augenblick hatte ſie, als ſie Mirabeau geſe⸗ hen, den Gedanken gehabt, zur Zerſtrenung Coquetterie mit dieſem Manne zu treiben. Sich zu ihren Füßen beugend, hatte das mächtige Genie ihrer königlichen und ihrer weiblichen Eitelkeit geſchmeichelt; doch was iſt im Ganzen für das Herz das Genie? was iſt den Leiden⸗ ſchaften an dieſen Triumphen der Eitelkeit, an dieſen Siegen des Stolzes gelegen? Vor Allem hatte die Königin in Mirabean mit ihren Frauenaugen den materiellen Menſchen geſehen, den Menſchen mit ſeiner krankhaften Feiſtigkeit, mit ſeinen von den Pocken durchfurchten, ausgehöhlten, zerriſſenen Backen, mit ſeinem rothen Auge und ſeinem verſtopften Halſe; ſie hatte ihn ſogleich mit Charuy verglichen, mit Charny, dem ſchmucken Cavalier in der Blüthe des Al⸗ ters, in der Reife der Schönheit, mit Charny in ſeiner glänzenden Uniform, die ihm das Ausſehen eines Für⸗ ſten der Schlachten gab, während Mirabeau in ſeiner Tracht, belebte nicht das Genie ſein mächtiges Geſicht, einem verkleideten Canvnicus glich. Sie hatte die Ach⸗ ſeln gezuckt; ſie hatte einen tiefen Seufzer ausgeſtoßen; mit ihren durch die Nachtwachen und die Thränen ge⸗ rötheten Angen hatte ſie die Entfernung zu durchdringen 104 geſucht und mit einer ſchmerzlichen, ſchluchzenden Stim⸗ me hatte ſie gemurmelt:„Charny! o Charny!“ Was lag dieſer Frau in ſolchen Augenblicken an den zu ihren Füßen aufgehäuften Bevölkerungen? Was lag ihr an dieſen wie eine Fluth von den vier Winden des Himmels angetriebenen Menſchenwogen, welche an die Stufen des Thrones ſchlugen und riefen:„Es lebe der König! es lebe die Königin!“ Eine Stimme, die ihr ins Ohr die Worte geflüſtert hätte:„Marie, nichts hat ſich in mir geändert! Antvinette, ich liebe Sie!“ dieſe Stimme würde ſie glanuben gemacht haben, es habe ſich auch nichts um ſie her geändert, und hätte mehr für die Befriedigung des Herzens, für die Heiter⸗ keit dieſer Stirne gethan, als alle dieſe Rufe, als alle dieſe Verſprechungen, als alle dieſe Schwüre. Endlich war der 14. Juli unempfindlich und zu ſei⸗ ner Stunde, die großen und die kleinen Ereigniſſe, wel⸗ che zugleich die Geſchichte der Niedrigen und der Mäch⸗ tigen, des Volks und des Königthums bilden, mit ſich führend, gekommen. Als ob dieſer hoffärtige 14. Juli nicht gewußt hätte, er komme, um ein unerhörtes, unbekanntes, glän⸗ zendes Schauſpiel zu beleuchten, erſchien er mit einer durch Wolken verſchleierten Stirne, mit Wind und Regen. Doch eine der Eigenſchaften des franzöſiſchen Vol⸗ kes iſt, daß es über Alles lacht, ſelbſt über den Regen an Feſttagen. Die Pariſer Nationalgarden und die Föderirten aus der Provinz, die ſeit fünf Uhr Morgens auf den Boulevards zuſammengeſchaart waren, lachten und ſangen, obgleich vom Regen durchnäßt und Hungers ſterbend. Allerdings hatte die Pariſer Bevölkerung, welche ſie nicht vor dem Regen ſchützen konnte, wenigſtens den Gedanken, ſie vom Hunger zu heilen. 105 Von allen Fenſtern fing man an an Stricken Brode, Schinken und Flaſchen Wein herabzulaſſen. Ebenſo war es in allen Straßen, durch die ſie kamen. Während ihres Marſches nahmen hundertund⸗ fünfzigtauſend Perſonen Platz auf den Erdhügeln des Marsfeldes und hundertundfünfzigtauſend andere ſtellten ſich hinter ſie. Die Amphitheater von Chaillot und Paſſy waren beladen von Zuſchauern, deren Zahl man unmöglich wiſſen konnte. Ein herrlicher Cireus, ein rieſiges Amphitheater, eine glänzende Arena, wo die Förderation Frankreichs ſtattfinden ſoll, und wo auch die Förderation der Welt ſtattfinden wird! Ob wir dieſes Feſt ſehen oder nicht ſehen, was liegt daran? Unſere Söhne werden es ſehen, die Welt wird es ſehen. Eines von den großen Irrthümern des Menſchen iſt, daß er glaubt, die ganze Welt ſei für ſein kurzes Leben gemacht, während es die Verkettungen von unend⸗ lich kleinen, ephemeren, außer für das Auge Gottes, bei⸗ nahe unſichtbaren Exiſtenzen ſind, welche die Zeit machen, das heißt die mehr oder minder lange Periode, wäh⸗ rend der die Vorſehung, dieſe Iſis mit den vierfachen Brüſten, die über den Nationen wacht, an ihrem ge⸗ heimnißvollen Werke arbeitet und ihre unabläſſiige Ge⸗ neſis verfolgt. Ei! ſicherlich glaubten alle diejenigen, welche da waren, ſie ganz in der Nähe an ihren Flügeln zu hal⸗ ten, die flüchtige Göttin, die man die Freiheit nennt, welche nur entftieht und verſchwindet, um jedes Mal ſtolzer und glänzender wiederzuerſcheinen. Sie täuſchten ſich, wie ſich auch ihre Söhne täuſch⸗ ten, die ſie verloren zu haben glaubten. Welche Frende, welches Vertrauen herrſchten auch in dieſer Menge, in der, welche ſigzend oder ſtehend 106 wartete, wie in derjenigen, welche auf einer vor Chaillot gebauten Brücke über den Fluß zog und durch den Triumphbogen das Marsfeld überſtrömte. Sowie die Bataillons der Föderirten eintraten, ertönten Schreie der Begeiſterung und vielleicht auch ein wenig des Erſtaunens bei dem Gemälde, das ihre Au⸗ gen traf, gewallige Schreie, durch das Herz ausgeſtoßen, aus Aller Mund. Und in der That, nie hatte das Auge eines Men⸗ ſchen ein ſolches Schauſpiel erblickt. Das Marsfeld war wie durch einen Zauber um⸗ geſtaltet! Eine Ebene in weniger als einem Monat in ein Thal von einer Meile im Umkreiſe verwandelt! Auf den Böſchungen dieſes Thales ſaßen oder ſtan⸗ den dreimalhunderttauſend Perſonen. In der Mitte der Altar des Vaterlands, zu dem man auf vier Treppen, den vier Seiten des Obelisks, der ihn überragt, entſprechend, hinaufſteigt! An jeder Ecke des Monuments ungehenre Räucher⸗ pfannen, auf denen jener Weihranch brennt, in Be⸗ treff deſſen die Nationalverſammlung beſchloſſen hatte, daß er nur noch für Gott verbrannt werden ſollte. Auf jeder der vier Seiten Inſchriften, welche der Welt verkündigen, das franzöſiſche Volk ſei frei und lade die anderen Nationen zur Freiheit ein. O große Freude unſerer Väter! Bei dieſem Anblick warſt du ſo lebhaft, ſo tief, ſo ächt, daß die Bebungen davon bis zu uns gekommen ſind. Und der Himmel war doch ſprechend wie ein Vor⸗ zeichen des Alterthums! Jeden Angenblick ſchwere Gußregen, Windſtöße, ſinſtere Wolken: 1793, 1814, 1825! Dann von Zeit zu Zeit mitten unter Allem dem eine glänzende Sonne: 1830, 18481 O Prophet, der Du gekommen wäreſt, um dieſer 107 Million Menſchen die Zukunft zu weiſſagen, wie hätten ſie Dich empfangen? Wie die Griechen Kalchas empſingen, wie die Tro⸗ janer Kaſſandra empfingen! Doch an dieſem Tage hörte man nur zwei Stim⸗ men: die des Glaubens, auf welche die der Hoffnung antwortete. Vor den Gebänden der Militärſchule waren Gal⸗ lerien errichtet. Dieſe mit Tüchern geſchmückten und von dreifarbi⸗ bigen Fahnen überragten Gallerien waren für die Kö⸗ nigin, für den Hof und für die Nationalverſammlung vorbehalten. Zwei ähnliche Throne, welche ſich drei Fuß von einander entfernt erhoben, waren für den König und den Präſidenten der Nationalverſammlung beſtimmt. Der König hatte, nur für dieſen Dag zum oberſten und ununſchränkten Chef der Nationalgarden von Frankreich ernannt, ſein Commando an Herrn von Lafayette übertragen. Herr von Lafayette war alſo an dieſem Tage Con⸗ netable⸗ Generaliſſimus von ſechs Millionen Bewaff⸗ neten. Sein Glück hatte Eile, den Gipfel zu errei⸗ chen; größer als er, mußte es bald abnehmen und er⸗ löſchen. An dieſem Tage war es auf ſeiner höchſten Höhe, doch wie jene phantaſtiſchen nächtlichen Erſcheinungen, welche nach und nach alle menſchliche Verhältniſſe überſteigen, war es nur übermäßig groß geworden, um ſich in Dunſt aufzulöſen und zu verſchwinden. Und dennoch traten unter dieſem winterlichen Re⸗ gen, unter dieſen heftigen Windſtößen, beim Scheine dieſer ſpärlichen Strahlen, nicht einmal der Sonne, ſon⸗ dern des Tags, welche durch das dunkle Gewölbe der Wolken ſiekerten, die Verbündeten in den ungeheuren 108 Circus durch die drei Oeffnungen des Triumphbogens ein; dann, hinter ihrer Vorhut, welche aus ungefähr fünfundzwanzigtauſend Menſchen beſtand, die ſich auf zwei kreisförmigen Linien entwickelten, um die Conturen des Circus zu umfaſſen, kamen die Wähler von Paris, ſodann die Repräſentanten der Gemeinde und endlich die Nationalverſammlung. Alle dieſe Körperſchaften, welche ihre vorbehaltenen Plätze auf den an die Militärſchule angelehnten Gallerien hatten, folgten einer geraden Linie, öffneten ſich nur wie die Woge vor dem Felſen, um den Altar des Va⸗ terlands zu umgehen, vereinigten ſich wieder jenſeits deſſelben, wie ſie es dieſſeits geweſen waren, und berühr⸗ ten ſchon mit dem Kopfe die Gallerien, während der Schweif, eine ungeheure Schlange, ſeine letzte Welle bis zum Triumphbogen ausſtreckte. Hinter den Wählern, den Repräſentanten der Gemeinde und der Nationalverſammlung kam der üb⸗ rige Zug: Föderirte, militäriſche Deputationen, Na⸗ tionalgarden. Jedes Departement trug ſein unterſcheidendes Ban⸗ ner, aber verbunden, umhüllt, nativnaliſirt durch je⸗ nen großen Gürtel von dreifarbigen Bannern, welche den Augen und den Herzen die zwei Worte ſagten, die einzigen, mit denen die Völker, die Arbeiter Gottes, die großen Dinge thun: Vaterland, Einheit. Zu gleicher Zeit, da der Präſident der National⸗ verſammlung ſeinen Stuhl beſtieg, ſetzte ſich der König auf den ſeinigen, und die Königin nahm Platz auf ihrer Tribune. Ach! arme Königin, ihr Hof war kärglich. Ihre beſten Freunde hatten ſie verlaſſen: vielleicht, wenn man gewußt hätte, daß der König durch Mirabeau vierund⸗ zwanzig Millionen Cwilliſte und die Königin vier Mil⸗ lionen Witthum erlangt hatte, vielleicht wären Einige zurückgekommen, doch man wußte es nicht. *— —* — n E 109 Was denjenigen betrifft, welchen ſie vergebens mit den Augen ſuchte, ſo wußte Marie Antoinette wohl, daß dieſen weder das Gold, noch die Macht zu ihr ziehen würden. In Ermangelung ſeiner wollten ſich ihre Au⸗ hen wenigſtens auf ein befreundetes, ergebenes Geſicht eften. Sie fragte, wo Herr Iſidor von Charnh ſei, und warum, da das Königthum ſo wenig Anhänger unter einer ſolchen Menge habe, ihre Vertheidiger ſich nicht auf ihrem Poſten um den König und zu den Füßen der Königin befinden. Niemand wußte, wo Iſidor von Charnh war, und derjenige, welcher ihr geantwortet hätte, er führe zu dieſer Stunde eine kleine Bäuerin, ſeine Geliebte, in ein beſcheidenes, an dem Abhange des Berges von Bellevue gebautes Haus, hätte ſicherlich gemacht, daß ſie vor Mit⸗ leid die Achſeln gezuckt, würde er ihr nicht etwa vor Eiferſucht das Herz zuſammengeſchnürt haben. Wer weiß in der That, ob nicht die Erbin der Cäſaren Thron und Krone gegeben hätte, ob ſie nicht eingewilligt hätte, eine dunkle Bäuerin, die Tochter eines dunklen Pächters zu ſein, um von Olivier noch geliebt zu werden, wie Catherine von Iſidor geliebt wurde. Ohne Zweifel waren es alle dieſe Gedanken, die ſie in ihrem Geiſte umherwälzte, als Mirabean, einen von ihren zweifelhaften Blicken, der halb Strahl des Himmels, halb Blitz des Sturmes, auffaſſend, unwill⸗ kürlich laut ſagte: „Aber woran denkt ſie denn, dieſe Zauberin 2“ Wäre Caglioſtro nahe genug geweſen, um dieſe e zu hören, vielleicht würde er ihm geantwortet aben: „Sie denkt an die verhängnißvolle Maſchine, die ich ſie im Schloſſe Taverney in einer Caraffe habe ſehen laſſen, und die ſie eines Abends in den Tuilerien unter der Feder des Doctor Gilbert wiedererkannte.“ Und er hätte ſich getäuſcht, der große Prophet, der ſich ſo ſelten täuſchte. Sie dachte an den abweſenden Charny und an die erloſchene Liebe. Und dies beim Lärmen von fünfhundert Trommeln und von zweitauſend muſikaliſchen Inſtrumenten, die man kaum hörte unter dem Geſchrei:„Es lebe der König! Es lebe das Geſetz! Es lebe die Nation!“ Plötzlich trat eine tiefe Stille ein. Der König ſaß wie der Präſident der Nationalver⸗ ſammlung. Zweihundert in weiße Chorhemden gekleidete Prie: ſter ſchritten auf den Altar zu, dem Biſchof von Autun, Herrn von Talleyrand, dem Patron aller vergange⸗ nen, gegenwärtigen und zukünftigen Eidſchwörern, folgend. Er ſtieg die Stufen des Altars mit ſeinem hinken⸗ den Fuße hinauf, dieſer Mephiſtopheles, der den Fauſt erwartete, welcher am 13. Vendemiaire erſcheinen ſollte. Die Banner der Departements und die dreifarbigen Fahnen in der Rähe des Altars bildeten ihm einen flat⸗ ternden Gürtel, deſſen tauſend Farben der Südweſt ent⸗ rollte und heftig bewegte. Nachdem die Meſſe beendigt war, ging Herr von Talleyrand ein paar Stufen herab und ſegnete die Na⸗ tionalfahne und die tements. Dann begann die hei Lafayette ſchwor zuer den des Königreichs. Der Präſident der Nationalverſammlung ſchwor als Zweiter im Namen Frankreichs. Der König ſchwor als Dritter in ſeinem eigenen Namen. Lafayette ſtieg vom Pferde, durchſchritt den Raum, Banner der dreiundachtzig Depar⸗ lige Ceremonie des Eides. ſt im Namen der Rationalgar⸗ ⸗ ſt . M u⸗ r⸗ 111 der ihu vom Altar trennte, ging die Stufen hinauf, zog ſeinen Degen, ſtützte die Spitze auf das Evangelien⸗ buch und ſprach mit feſter, ſicherer Stimme: „Wir ſchwören, ſtets getreu zu ſein der Nation, dem Geſetze, dem König; mit unſerer ganzen Macht die von der Nationalverfammlung beſchloſſene und vom König angenommene Conſtitution auftecht zu erhalten; den Geſetzen gemäß die Sicherheit der Perſon und des Eigenthums, die Circulation des Korns und der Le⸗ bensmittel im Innern des Reiches, die Erhebung der öffentlichen Steuern, unter welcher Form ſie beſtehen mögen, zu ſchützen; vereinigt zu bleiben mit allen Franzoſen durch die unauflösbaren Bande der Verbrü⸗ derung!“ Es hatte eine tiefe Stille während dieſes Schwu⸗ res geherrſcht. Kaum war er vollendet, als hundert Kanonen ſich gleichzeitig entflammten und den benachbarten Departe⸗ ments das Signal gaben. Dann erhob ſich der Präſident der Rationalver⸗ ſammlung ebeufalls und ſprach: „Ich ſchwöre, getreu zu ſein der Nation, dem Ge⸗ ſetze, dem König und mit meiner ganzen Macht die von der Nationalverſammlung beſchloſſene und vom König angenommene Conſtitution aufrecht zu erhalten.“ Und kaum hatte er geendigt, als dieſelbe Fla glänzte, als derſelbe Donner erſcholl und von Echos bis zu den äußerſten Enden Frankreichs hi Nun war die Reihe am König. Nehmen Sie ſich in Acht, Sire, die Wolke der Himmel öffnet ſich, die Sonne erſcheint. Die Sonne, das iſt das Auge Gottes, Gott Sie! „Ich, der König der Franzoſen,“ ſprach Ludw XVI.,„ſchwöre, die ganze Macht, die mir durch da conſtitutionelle Geſetz des Staates übertragen iſt, an⸗ 112 um die von der Nationalverſammlung be⸗ zuwenden, Conſtitution auf⸗ ſchloſſene und von mir angenommene recht zu erhalten.“ Oh! Sire, Sire, warum haben Sie auch dies Mal nicht auf den Altar ſchwören wollen? Der 21. Juni wird dem 14. Juli ontworten. Varennes wird das Wort des Räthſels vom Marsfelde ſagen. Doch falſch oder ächt, der Schwur rief nicht minder ſeine Flamme und ſeinen Lärmen hervor. Die hundert Kanonen donnerten, wie ſie es bei La⸗ fayette und beim Präſidenten der Nationalverſammlung gethan hatten, und das Geſchütz der Departements brachte zum dritten Male den Königen Europas die drohende Warnung: Nehmt Euch in Acht, Frankreich ſteht! nehmt Euch in Acht, Frankreich will frei ſein, und, wie jener römiſche Geſandte, der in einer Falte ſeines Mantels den Frieden und den Krieg trug⸗ i es bereit, auf die Welt ſeinen Mantel zu ſchütteln! LXIII. Hier wird getamt. war eine Stunde ungeheurer Freude in dieſer irabeau vergaß darüber einen Augenblick die Kö⸗ n. Billot vergaß einen Augenblick Catherine. 3 Der König zog ſich unter allgemeinen Acclamationen zurück. m eſer Kö⸗ nen 1¹3 Die Nationalverſammlung begab ſich wieder in ihren Sitzungsſaal, begleitet von demſelben Gefolge, das ſie bei ihrer Ankunft gehabt hatte. Was die von der Stadt Paris den Veteranen des Heeres geſchenkte Fahne betrifft, ſo wurde, ſagt die Geſchichte der Revolution von zwei Freunden der Freiheit, ſo wurde beſchloſſen, daß ſie am Ge⸗ wölbe des Saales der Nationalverſammlung aufgehängt bleiben ſollte, als ein Denkmal für die zukünftigen Ge⸗ ſetzgeber von der glücklichen Epoche die man gefeiert, und als ein Emblem geeignet, die Truppen daran zu erinnern, daß ſie den zwei Gewalten un⸗ terworfen ſeien, und daß ſie dieſelbe nicht entfalten können ohne ihre gegenſeitige Intervention. Sah denn Chapelier, auf deſſen Altrag dieſes Decret erlaſſen wurde, den 27. Juli, den 24. Februar und den 2. December vorher? Es kam die Nacht; das Feſt am Morgen hatte auf dem Marsfelde ſtattgefunden, das Feſt am Abend fand in der Baſtille ſtatt. Drei und achtzig Bäume, ſo viel als es Departe⸗ ments gab, repräſentirten, mit ihren Blättern bedeckt, die acht Thürme der Feſte, auf deren Fundamente ſie ge⸗ pflanzt waren. Bänder von Lichtern lieſen von Baum zu Baumz in der Mitte erhob ſich ein rieſiger Maſtbaum, der eine Fahne trug, woran man das Wort Freiheit las. In einem abſichtlich offen gelaſſenen Grabe lagen die Feſſeln, die Ketten, die Gitter der Baſtille und jenes bekannte Basrelief der Uhr, gefeſſelte Sklaven vorſtellend, begraben. Ueberdies hatte man weit aufgeſperrt und auf eine unheimliche Art beleuchtet die Kerker gelaſſen, welche ſo viele Thränen verſchluckt, ſo viele Seufzer erſtickt. Drang man endlich, angezogen durch die Mufik, welche mitten unter dem Blätterwerk ertönte, bis zu dem Orte Die Gräfin von Charny. 1v. 8 114 vor, wo einſt der innere Hof war, ſo fand man einen glänzend erleuchteten Ballſaal, über deſſen Eingang man die Worte las, welche nur die Verwirklichung der Prophezeiung von Caglioſtro waren: Hier wird getanzt. An einem von den tauſend um die Baſtille her errichteten Tiſchen ſtellten zwei Männer ihre durch einen ganzen Tag von Märſchen, Gegenmärſchen und Ma⸗ noeuvres erſchöpften Kräfte wieder her. Sie hatten vor ſich eine ungeheure Fleiſchwurſt, einen vierpfündigen Laib Brod und zwei Flaſchen Wein. „Ah! bei meiner Treue!“ ſagte, ſein Glas auf einen Zug leerend, der jüngere von den zwei Männern, der die Kleidung eines Kapitäns der Nationalgarde trug, während der Andere, welcher wenigſtens doppelt ſo alt, als Föderirter gekleidet war;„bei meiner Treue! es iſt etwas Gutes um das Eſſen, wenn man Hunger hat, und um das Trinken, wenn man Durſt hat.“ Dann, nach einer Pauſe, fragte er: „Sie haben alſo weder Durſt, noch Hunger, Vater Billot?“ „Ich habe gegeſſen und getrunken,“ erwiederte die⸗ ſer,„und mich hungert und dürſtet nur noch nach Einem... „Wonach?“ „Ich werde Dir das ſagen, Freund Piton, wenn die Stunde, mich zu Tiſche zu ſetzen, gekommen iſt.“ Piton ſah nichts Böſes in der Antwort von Billot. Billot hatte wenig gegeſſen und wenig getrunken, trotz der Anſtrengung des Tages und des Hungers, den ſie machte, wie Piton ſagte; aber ſeit ſeinem Ab⸗ gange von Villers⸗Coterets nach Paris und während der fünf Tage oder vielmehr der fünf Nächte der Arbeit auf dem Marsfelde hatte Billot gleichfalls ſehr wenig getrunken und ſehr wenig gegeſſen. N S— 8* 11⁵ Piton wußte, daß gewiſſe Unpäßlichkeiten, ohne ſonſt gefährlich zu ſein, für den Augenblick den kräftig⸗ en Organifationen den Appetit ranben, und ſo oft er wahrgenommen, wie wenig Billot aß, hatte er ihn, wie er es ſo eben gethan, gefragt, warum er ſo wenig eſſe; eine Frage, auf welche Billot ſtets antwortete, er habe keinen Hunger; eine Antwort, die Piton genügte. Nur war Eines Piton verdrießlich: nicht die Mä⸗ ßigkeit des Magens von Billot; Jedem ſteht es frei; wenig oder gar nicht zu eſſen. Ucberdies: je weniger Billot aß, deſto mehr blieb Piton. Es war die Wort⸗ kargheit des Pächters. Wenn Piton in Geſellſchaft aß, liebte er es, zu ſprechen; er hatte bemerkt, daß die Rede, ohne dem Ver⸗ ſchlucken zu ſchaden, die Verdauung unterſtützte, und dieſe Bemerkung hatte ſo tiefe Wurzeln in ſeinem Geiſte ge⸗ ſchlagen, daß Piton, wenn er allein aß, ſang. Wenn Piton nicht etwa traurig war. Doch Pitou hatte keinen Grund, um traurig zu ſein,— im Gegentheil. Sein Leben in Haramont war ſeit einiger Zeit ſehr angenehm geworden. Piton, wie man geſehen hat, liebte Catherine oder er betete ſie vielmehr an, und ich fordere den Leſer auf, das Wort buchſtäblich zu nehmen; was braucht aber der Italiener oder der Spanier, der ſeine Madonna anbetet? die Madonna zu ſehen, vor der Madonna niederzuknieen, die Madonna anzu⸗ be Was that Piton? Sobald es Nacht geworden war, ging er zum Clouis⸗Stein; er ſah Catherine; er kniete vor Catherine nieder; er betete zu Catherine. Und dankbar für den ungeheuren Dienſt, den er ihr geleiſtet, ließ ihn Catherine gewähren. Sie hatte ihre Augen anderswo, weiter, höher!.. Nur trat von Zeit zu Zeit ein kleines Gefühl von 1¹6 Eiferſucht bei dem armen Jungen ein, wenn er von der Poſt einen Brief von Iſidor für Catherine brachte, oder wenn er auf die Poſt einen Brief von Catherine an Iſidor trug. Im Ganzen genommen war aber dieſe Lage un⸗ vergleichbar beſſer, als die, welche man ihm im Pacht⸗ hofe bei ſeiner Rückkehr von Paris gemacht hatte, da Catherine, in ihm einen Demagogen, einen Feind der Adeligen und der Ariſtokraten erkennend, Piton vor die Thüre gejagt und ihm geſagt hatte, es gebe keine Arbeit für ihn im Pachthofe. Piton, der nichts von den Umſtänden von Catherine wußte, hegte alſo keinen Zweifel, daß dieſe Lage ewig währen werde. Er hatte auch Haramont mit einem großen Be⸗ danern, aber durch ſeinen höheren Rang genöthigt, das Beiſpiel des Eifers zu geben, verlaſſen und von Cathe⸗ rine Abſchied genommen, nachdem er ſie dem Vater Clouis empfohlen und ſo bald als möglich wiederzu⸗ kommen verſprochen hatte. Piton hatte alſo nichts zurückgelaſſen, was ihn hätte traurig machen können. In Paris hatte ſich Piton an keinem Ereigniſſe ge⸗ ſtoßen, was dieſes Gefühl in ſeinem Herzen hätte her⸗ vorbringen können. Er hatte den Doctor Gilbert gefunden, welchem er Rechenſchaft über die Verwendung der fünf und zwanzig Louisd'or ablegte und die Dankſagungen und Wünſche der drei und dreißig Mann Nationalgarde überbrachte, die er mit Hülfe dieſer fünf und zwanzig Louisd'or ge⸗ kleidet, und der Doctor Gilbert hatte ihm weitere fünf und zwanzig gegeben, welche diesmal nicht mehr aus⸗ ſchließlich für die Bedürfniſſe der Nationalgarde, ſondern zugleich auch für ſeine eigenen verwendet werden ſollten. Piton hatte einfach und naiv die fünf und zwanzig Louis d'or angenommen. 117 Gab Herr Gilbert, der ein Gott für ihn war, ſo konnte es nicht ſchlimm ſein, anzunehmen. Gab Gott den Regen oder die Sonne, ſo war es Pitou nie eingefallen, einen Regenſchirm oder einen Son⸗ nenſchirm zu nehmen, um die Gaben Gottes zurück⸗ zuweiſen. Nein, er hatte den einen und die andere angenom⸗ men, und ſich wie die Blumen, wie die Pflanzen, wie die Bäume immer wohl dabei befunden. Ueberdies, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, hatte Gilbert ſeinen ſchönen geiſtreichen Kopf emporge⸗ hoben und zu ihm geſagt: „Mein lieber Pitou, ich glaube, Billot hat mir viele Dinge zu erzählen; wollteſt Du nicht, während ich mit Billot plaudere, Sebaſtian einen Beſuch machen?“ „Oh! gewiß, Herr Gilbert,“ rief Piton, der ſeine beiden Hände wie ein Kind an einander ſchlug;„ich hatte von ſelbſt große Luſt hiezu; doch ich wagte es nicht, Sie um Erlaubniß zu bitten.“ Gilbert überlegte abermals. Dann nahm er eine Feder, ſchrieb ein paar Worte, faltete das Papier als Brief zuſammen und adreſſirte es an ſeinen Sohn. „Hier,“ ſagte er„nimm einen Wagen und ſuche Sebaſtian auf; wahrſcheinlich wird er nach dem, was ich ihm ſchreibe, einen Beſuch zu machen haben; Du führſt ihn, wohin er gehen ſoll, nicht wahr, mein lieber Piton? und Du erwarteſt ihn vor der Thüre; er wird Dich vielleicht eine Stunde, vielleicht mebr warten laſſen; doch ich kenne Deine Gefälligkeit, Du wirſt Dir ſagen, Du leiſteſt mir einen Dienſt, und dann langweilſt Du Dich nicht.“ „Oh! nein, ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Piton, „ich langweile mich nie; überdies werde ich, wenn ich an einem Bäcker vorbeikomme, ein gutes Stück Brod 118 mitnehmen, und wenn ich mich im Wagen langweile, ſo eſſe ich es!“ „Ein gutes Mittel!“ ſagte Gilbert;„nur, Pitou, es ſei Dir dies als Geſundheitsregel geſagt,“ fügte er lächelnd bei,„nur muß man nicht trockenes Brod eſſen, und es iſt gut, beim Eſſen zu trinken.“ „Dann werde ich,“ verſetzte Piton,„dann werde ich außer dem Stücke Brod ein Stück Schweinskäſe und eine Flaſche Wein kaufen.“ „Bravo!“ rief Gilbert. Und auf dieſe Ermuthigung ging Piton hinab, nahm einen Fiacre, ließ ſich nach dem Collége Saint⸗ Louis fahren, fragte nach Sebaſtian, der im Garten ſpazieren ging, hob ihn in ſeinen Armen auf, wie es Hercules mit Telephus gethan hat, umarmte ihn nach Herzensluſt, ſtellte ihn dann wieder auf die Erde und übergab ihm den Brief ſeines Vaters. Sebaſtian küßte zuerſt den Brief mit der ſanften Ehrfurcht und der zarten Liebe, die er für ſeinen Vater hegte; dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte er: „Piton, hat Dir mein Vater nicht geſagt, Du ſoll⸗ teſt mich irgend wohin führen?“ „Wenn es Dir genehm wäre, dahin zu gehen?“ „Ja, ja,“ erwiederte lebhaft das Kind,„es iſt mir genehm, und Du wirſt meinem Vater mittheilen, ich habe voll Eifer eingewilligt.“ „Gut!“ ſagte Piton,„es ſcheint, das iſt ein Ort, wo Du Dich beluſtigſt.“ „Es iſt ein Ort, wo ich nur ein einziges Mal ge⸗ weſen bin, wohin aber zurückkehren zu dürfen ich mich glücklich fühle.⸗ „Dann brauchſt Du nur den Abbé Berardier davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Du ausgehen willſt,“ ſprach Piton,„wir haben einen Fiacre vor der Thüre, und ich nehme Dich mit.“ 119 „Um keine Zeit zu verlieren,“ erwiederte der junge Menſch,„bringe ſelbſt dem Abbé dieſes Wörtchen von meinem Vater; ich mache ein wenig Toilette und folge Dir in den Hof nach.“ Piton trug ſein Wörtchen zum Studiendirector, nahm ein Exeat und ging in den Hof hinab. Die Zuſammenkunft mit dem Abbé Béradier hatte eine gewiſſe Befriedigung der Eitelkeit bei Piton zur Folge gehabt; er hatte ſich als den armen Bauernknaben zu erkennen gegeben, der mit einem Helme auf dem Kopfe, mit einem Säbel bewaffnet und ein wenig der Hoſe beraubt vor einem Jahre, gerade am Tage der Einnahme der Baſtille, in der Anſtalt zugleich durch die Waffen, die er beſaß, und durch die Kleidung, die ihm fehlte, Aufruhr erregt hatte. Heute erſchien er mit dem dreieckigen Hute, mit dem blauen Rocke, mit dem weißen Revers, mit der kurzen Hoſe und mit den Epauletten des Kapitäns auf der Schulter; heute erſchien er mit jenem Selbſtvertrauen, welches die Achtung verleiht, mit der manwon ſeinen Mitbürgern umgeben wird; heute erſchien er als Abgeordneter bei der Föderation; er hatte alſo ein Recht auf alle Arten von Rückſichten. Beinahe zu gleicher Zeit, als Piton die Treppe des Studiendirectors hinabſtieg, ging Sebaſtian, der ein beſonderes Zimmer hatte, die Treppe von ſeiner Woh⸗ nung hinab. Sebaſtian war kein Kind mehr; er war ein reizen⸗ der junger Menſch von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren, deſſen Geſicht ſchöne kaſtanienbraune Haare umrahm⸗ ten, deſſen blaue Augen die erſten jugendlichen Flam⸗ men, golden wie die Sonne des entſtehenden Tages, ſchlenderten. 5„Hier bin ich,“ ſagte er heiter zu Piton,„laß uns gehen.“ Piton ſchaute ihn mit einer ſo großen Freude ge⸗ 120 miſcht mit einem ſo großen Erſtaunen an, daß Seba⸗ ſtian genöthigt war, ſeine Einladung zu wiederholen. Nach dieſer Wiederholung folgte Pitou dem jungen Manne. Als ſie zum Gitter kamen, ſagte Pitou zu Se⸗ baſtian: „Ah! ich weiß nicht, wohin wir gehen; an Dir iſt es alſo, die Adreſſe zu geben.“ „Sei ruhig, erwiederte Sebaſtian, Und er wandte ſich an den Kutſcher und rief ihm zu: „Rue Coq⸗Héron Nro. 9. beim erſten Thorwege, wenn man durch die Rue Coquillisre hereinkommt.“ Dieſe Adreſſe ſagte Piton durchaus nichts. Pitou ſtieg auch hinter Sebaſtian in den Wagen, ohne irgend eine Bemerkung zu machen. „Aber, mein lieber Piton,“ ſagte Sebaſtian,„wenn die Perſon, zu der ich gehe, zu Hauſe iſt, ſo werde ich eine Stunde und vielleicht mehr bei ihr bleiben.“ „Sei hierüber unbeſorgt,“ verſetzte Piton, indem er ſeinen großen Mund öffnete, um luſtig zu lachen,„es iſt für den Fall vorhergeſehen. Hel Kutſcher! halt!“ Man fuhr in der That an einem der Kutſcher hielt an, Piton ſtieg aus, zweipfündigen Laib Brod und ſetzte ſich Fiacre. Ein wenig weiter hielt der Kutſch Das war vor einer Schenke. 6 Piton ſtieg aus, kaufte eine Flaſch nahm wieder ſeinen Platz neben Sebaſtian. Endlich hielt der Kutſcher zum dritten Male an; das war vor einem Speckhändler.. 4 Piton ſtieg aus und kaufte einen Vierling Schweins⸗ abermals an. * e Wein und „ käſe „Nun, vorwärts,“ ſagte er,„fahren Sie, ohne anzuhalten, nach der Rue Cog⸗Héron, ich habe Alles, was ich brauche.“ — 121 „Gut,“ ſprach Sebaſtian,„ich begreife nun, was Du thun willſt, und ich bin ganz ruhig.“ Der Wagen rollte bis zur Rue Coq⸗Héron und hielt erſt bei Nro. 9 an. Je näher er dem Hauſe kam, deſto mehr ſchien Sebaſtian von einer fieberhaften Aufregung ergriffen zu ſein. Er ſtand im Wagen, bengte den Kopf zum Schlage hinaus und rief dem Kutſcher zu, ohne daß dieſe Aufforderung, wir müſſen es zur Ehre des Kut⸗ ſchers und ſeiner zwei Roſſe ſagen, den Fiacre ein we⸗ nig raſcher fahren machte: „Vorwärts, Kutſcher, fahren Sie doch! vor⸗ wärts!“ Da indeſſen jedes Ding ſein Ziel erreichen muß, der Bach den Fluß, der Fluß den Strom, der Strom das Meer, ſo erreichte der Fiacre die Rue Coq⸗Höéron und hielt, wie geſagt, vor Nro. 9 an. Sogleich, ohne die Hülfe des Kutſchers abzuwar⸗ ten, öffnete Sebaſtian den Kutſchenſchlag, umarmte Piton zum letzten Male, ſprang zu Boden, klingelte lebhaft an der Thüre, fragte, als ſie geöffnet wurde, den Concierge nach der Frau Gräfin von Charny, und eilte, ehe er ihm geantwortet hatte, nach dem Pa⸗ villon. Der Concierge, der einen reizenden, wohlgekleide⸗ ten jungen Meuſchen ſah, verſuchte es nicht einmal, ihn aufzuhalten, und da die Gräſin zu Hauſe war, be⸗ ſchränkte er ſich darauf, daß er die Thüre wieder ſchloß, nachdem er ſich verſichert hatte, Niemand folge dem jungen Menſchen und wünſche mit ihm einzutreten. Nach Verlauf von fünf Minuten, während Piton mit ſeinem Meſſer den Schweinskäſe anſchnitt, zwiſchen ſeinen Knieen die entpfropfte Flaſche hielt und mit kräftigen Zähnen in das zarte Brod mit der krachenden Krnſte biß, öffnete ſich der Schlag des Fiacre, und der Concierge, mit ſeiner Mütze in der Hand, richtete an 122 Worte, die dieſer ſich zweimal wiederho⸗ en ließ: „Die Frau Gräfin von Charny bittet den Herrn Kapitän Piton, ihr die Ehre zu erweiſen, bei ihr einzutreten, ſtatt Herrn Sebaſtian im Fiacre zu er⸗ warten.“ Piton ließ ſich, wie geſagt, dieſe Worte zweimal wiederholen; da aber beim zweiten Male keine Täu⸗ ſchung mehr möglich war, ſo ſah er ſich genöthigt, mit einem Seufzer ſeinen Mundvoll zu verſchlucken, dem Papiere, in das er gewickelt war, den Theil vom Schweinskäſe, welchen er ſchon vom Ganzen getrennt hatte, zurückzu⸗ geben und ſeine Flaſche feſt in die Ecke des Fiacre zu ſtützen, damit der Wein nicht herauslaufe. Dann folgte er ganz betäubt von dem Abenteuer dem Concierge. Doch bald verdoppelte ſich ſeine Ver⸗ wirrung, als er ſah, daß er im Vorzimmer von einer ſchönen Dame erwartet wurde, welche, während ſie Se⸗ baſtian an ihre Bruſt drückte, ihm, Piton, die Hand reichte und zu ihm ſagte: „Herr Piton, Sie haben mir, indem Sie mir Se⸗ baſtian brachten, eine ſo große und unerwartete Freude gemacht, daß ich Ihnen ſelbſt danken wollte.“ Piton ſchaute, Piton ſtammelte, Piton ließ aber die Hand der ſchönen Dame gegen ihn ausgeſtreckt. „»Rimm dieſe Hand und küſſe ſie, Piton,“ ſagte Sebaſtian,„meine Mutter erlaubt es.“ „Deine Mutter!“ rief Pitou. Sebaſtian nickte bejahend mit dem Kopfe. „Ja, ſeine Mutter,“ ſprach André mit einem vor Freude ſtrahlenden Blicke;„ſeine Mutter, der Sie ihn nach einer Abweſenheit von neun Monaten zurückgebracht haben; ſeine Mutter, die ihn nur ein einziges Mal ge⸗ ſehen, und die, in der Hoffnung, Sie werden ihr ihn abermals bringen, kein Geheimniß für Sie haben will, 123 obgleich dieſes Geheimniß ihr Untergang ſein müßte, wenn es bekannt würde.“ So oft man ſich an das Herz und die Redlichkeit von Pitou wandte, durſte man ſicher ſein, daß der brave Junge auf der Stelle jede Befangenheit und jedes Stocken verlor. „Oh! Madame!“ rief er, während er die Hand, die ihm die Gräfin reichte, ergriff und ſie küßte,„ſeien Sie unbeſorgt, Ihr Geheimniß iſt hier.“ Und er richtete ſich hoch auf und legte mit einer gewiſſen Würde ſeine Hand auf ſein Herz. „Herr Pitou,“ fuhr die Gräfin fort,„mein Sohn ſagt mir, Sie haben nicht gefrühſtückt; treten Sie in das Speiſezimmer ein, und während ich mit Sebaſtian plaudere,(nicht wahr, Sie bewilligen dieſes Glück einer Mutter?) wird man Sie bedienen, und Sie wer⸗ den die verlorene Zeit wieder einbringen.“ Und ſie grüßte Piton mit einem von den Blicken, die ſie nie für die reichſten Herren des Hofes von Lud⸗ wig XV. oder des Hofes von Ludwig XVl. gehabt hatte, zog Sebaſtian durch den Salon bis in ihr Schlafzimmer fort und ließ Piton, der abermals ſehr betäubt war, im Speiſezimmer auf die Wirkung des Verſprechens, das man ihm gegeben, warten. Nach einigen Augenblicken ging dieſes Verſprechen in Erfüllung. Zwei Cotelettes, ein kaltes Huhn und ein Topf mit eingemachten Früchten waren auf dem Tiſche aufgeſtellt, bei einer Flaſche Bordeauxwein, einem Stän⸗ gelglaſe von venetianiſchem Krhſtall und einem Haufen Teller von chineſiſchem Porzellan. Trotz der Eleganz des Service wagen wir es nicht, zu behaupten, daß ſich Piton nicht nach ſeinem zwei⸗ pfündigen Brodlaibe, ſeinem Schweinskäſe und ſeiner Flaſche Wein mit dem grünen Siegel zurückſehnte. Als er ſein Huhn in Angriff nahm, nachdem er ſeine zwei Cotelettes verzehrt hatte, öffnete ſich das 124 Speiſezimmer, und es erſchien ein junger Cavalier, der dieſes Zimmer durchſchreiten wollte, um ſich in den Salon zu begeben. Piton ſchlug die Augen auf, der junge Cavalier ſenkte die Augen; Beide erkannten ſich gleichzeitig und gaben gleichzeitig den doppelten Ruf der Erkennung von ſich: „Der Herr Vicomte von Charny! Ange Piton!“ Piton ſtand auf, ſein Herz ſchlug heſtig; der An⸗ blick des jungen Mannes erinnerte ihn an die ſchmerz⸗ lichſten Gemüthsbewegungen, die er je erlitten hatte. Was Iſidor betrifft, ſo erinnerte ihn der Anblick von Piton durchaus an nichts, als an die Verbindlich⸗ keiten, welche Catherine, wie ſie ihm geſagt, gegen den braven Jungen hatte. Er wußte ganz und gar nichts und hatte nicht ein⸗ mal eine Vermuthung von der tiefen Liebe von Piton für Catherine, eine Liebe, aus welcher Piton ſeine Er⸗ gebenheit zu ſchöpfen die Kraft gehabt hatte. Er ging daher gerade auf Pitou zu, in welchem er aus Ge⸗ wohnheit den Bauern von Haramont, den Sammler der Wolfsheide, den Knecht im Pachthofe von Billot ſah. „Ah! Sie ſind es, Herr Pitou,“ ſagte er;„ich bin entzückt, Sie zu treffen, um Ihnen meinen innigen Dank für die Dienſte auszuſprechen, die Sie uns gelei⸗ ſtet haben.“ Herr Vicomte,“ erwiederte Piton mit ziemlich fe⸗ ſter Stimme, obſchon er ſeinen ganzen Körper beben fühlte,„dieſe Dienſte habe ich in Abſicht auf Mademoi⸗ ſelle Catherine, und auf ſie allein geleiſtet.“ „Ja, bis zu dem Angenblick, wo Sie erfuhren, daß ich ſie liebte; ſeit dieſem Augenblick muß ich mei⸗ nen Theil an Ihren Dienſten erkennen, und da Sie ſo⸗ wohl um meine Briefe in Empfang zu nehmen, als 125 um das Häuschen am Clouis⸗Stein zu bauen, Aus⸗ gaben gehabt haben müſſen.. Hier legte Iſidor die Hand an ſeine Taſche, als wollte er durch eine Demonſtration das Gewiſſen von Piton befragen. Doch dieſer hielt ihn zurück und ſprach mit jener Würde, die man zuweilen bei ihm zu finden erſtaunt war: „Mein Herr, ich leiſte Dienſte, wenn ich kann, doch ich laſſe ſie mir nicht bezahlen; überdies wiever⸗ hole ich Ihnen, ich habe dieſe Dienſte Mademoiſelle Catherine geleiſtet. Mademviſelle Catherine iſt meine Freundin; glaubt ſie mir etwas ſchuldig zu ſein, ſo wird ſie dieſe Schuld mit mir abmachen; Sie aber, mein Herr, ſind mir nichts ſchuldig, denn ich habe Alles für Mademoiſelle Catherine und nichts für Sie gethan; Sie haben mir alſo nichts zu bieten.“ Dieſe Worte, und beſonders der Ton, mit dem ſie geſprochen worden, fielen Iſidor auf; vielleicht be⸗ merkte er jetzt erſt, daß derjenige, welcher ſie ſprach, eine Uniform anhatte und Kapitänsepauletten trug. „Doch, Herr Pitou,“ verſetzte Iſidor, indem er leicht den Kopf neigte,„ich bin Ihnen Etwas ſchuldig und habe Ihnen Etwas zu bieten. Ich bin Ihnen mei⸗ nen Dauk ſchuldig und habe Ihnen meine Hand zu bieten; ich hoffe, Sie werden mir das Vergnügen machen, den einen auzunehmen, und die Ehre erweiſen, die andere zu berühren.“ Es lag eine ſolche Großartigkeit der Manier in der Antwort von Iſidor und in der Geberde, die ſie begleitete, daß Piton beſiegt die Hand ausſtreckte und n Ende der Finger die Finger von Iſidor be⸗ rührte. In dieſem Augenblick erſchien die Gräfin von Charny auf der Schwelle der Thüre des Salon, 126 „Herr Vicomte,“ ſagte ſie,„Sie haben nach mir verlangt, hier bin ich.“ Iſidor grüßte Piton und begab ſich der Einladung der Gräfin entſprechend in den Salon. Nur, da er die Thüre des Salon zumachen wollte, ohne Zweifel, um mit der Gräfin allein zu ſein, hielt Andrée dieſe Thüre zurück, welche hiedurch ein wenig geöffnet blieb. Es war ſichtbar die Abſicht der Gräfin, daß es ſo ſein ſolle. Piton konnte alſo hören, was im Salon geſprochen wurde. Er bemerkte, daß die mit der ſeinigen parallele Thüre des Salon, welche die des Schlafzimmers, auch offen war, ſo daß, obgleich er unſichtbar blieb, Sebaſtian hören könnte, was zwiſchen der Gräfin und dem Vi⸗ comte geſprochen würde, wie er es ſelbſt zu hören ver⸗ mochte. „Sie haben mich bitten laſſen?“ ſagte die Gräfin zu ihrem Schwager.„Darf ich wiſſen, was mir das Glück Ihres Beſuches verſchafft?“ „Madame, ich habe geſtern Briefe von Olivier er⸗ halten; wie er es in den anderen Briefen, die ich von ihm empfangen, gethan hat, beauftragt er mich, Ihnen ſein Andenken zu Füßen zu legen; er weiß noch nicht die Zeit ſeiner Rückkehr und wäre glücklich, wie er mir ſchreibt, wenn er Nachricht von Ihnen erhielte. Wollen Sie mir nun einige Zeilen an ihn übergeben oder mich einfach mit Ihren Grüßen beauftragen?“ Mein Herr,“ erwiederte die Gräfin,„ich habe bis „ heute den Brief, den mir Herr von Charny bei ſeiner Abreiſe geſchrieben, noch nicht erwiedern können, doch ich werde gern Ihre Vermittelung benützen, um ihn der Pflichtgefühle einer unterwürfigen und ehrerbietigen Frau zu verſichern. Morgen alſo, wenn Sie die Güte haben wollen, einen Brief für Herrn von Charny in 127 Empfang zu nehmen, werde ich denſelben bereit hal⸗ ten.“ „Schreiben Sie immerhin den Brief, Madame, nur, ſtatt ihn morgen abzuholen, werde ich ihn in fünf bis ſechs Tagen abholen; ich habe eine durchaus noth⸗ wendige Reiſe zu machen und weiß nicht genau, wie lange ſie dauern wird; doch unmittelbar nach mei⸗ ner Rückkehr werde ich Ihnen meine Hochachtung bezei⸗ gen und Ihre Auſträge entgegennehmen.“ Hienach grüßte Iſidor die Gräfin, welche ſeinen Gruß erwiederte und ihm ohne Zweifel einen andern Ausgang bezeichnete, denn um ſich zu entfernen, durch⸗ ſchritt er nicht das Speiſezimmer, wo Piton, nachdem er das Huhn verzehrt, wie er zuvor die zwei Cotelettes verzehrt hatte, den Topf mit eingemachten Früchten in Angriff zu nehmen begann. Der Topf mit eingemachten Früchten war längſt geleert und ſauber, wie das Glas, aus welchem Piton die letzten Tropfen ſeiner Flaſche Bordeauxwein getrun⸗ ken, als die Gräfin Sebaſtian zurückbrachte. Es wäre ſchwierig geweſen, das ſtrenge Fräulein von Taverney oder die ernſte Gräfin Charny in der jun⸗ gen Mutter mit den vor Freude glänzenden Augen, mit den von einem unausſprechlichen Lächeln erleuchteten Munde zu erkennen, welche, auf ihren Sohn geſtützt, wiedererſchien; ihre bleichen Wangen hatten, unter Thrä⸗ nen von einer unbekannten Süßigkeit und zum erſten Male vergoſſen, eine roſenfarbige Tinte angenommen, welche Andröe ſelbſt in Erſtaunen ſetzte, Andrée, die die mütterliche Liebe, das heißt die Hälfte der Exiſtenz der Frau, während dieſer mit ihrem Kinde zuge⸗ zwei Stunden in ſich ſelbſt zurückkehren gemacht atte. Sie bedeckte noch einmal mit Küſſen das Geſicht von Sebaſtian; dann übergab ſie ihn Piton, indem ſie die rauhe Hand des braven Jungen in ihren Händen 128 drückte, welche von erhitztem und erweichtem Marmor zu ſein ſchienen. Sebaſtian ſeinerſeits umarmte Andrée mit der Gluth, die ihm bei Allem, was er that, eigenthümlich war, und die allein in Beziehung auf ſeine Mutter für einen Angenblick jener unvorſichtige Ausruf hatte er⸗ talten können, den Andrée, als ſie mit ihm von Gil⸗ bert ſprach, nicht zurückzuhalten im Stande geweſen war. Doch während ſeiner Einſamkeit im Collége Saint⸗ Louis, während ſeiner Spaziergänge in dem abgeſon⸗ derten Garten war das ſanfte, mütterliche Phantom wiedererſchienen, und die Liebe war allmälig in das Herz des Knaben zurückgekehrt, ſo daß, als zu Seba⸗ ſtian der Brief von Gülbert kam, der ihm erlaubte, un⸗ ter der Führung von Piton ein paar Stunden bei ſeiner Mutter zuzubringen, dieſer Brief die geheimſten und thenerſten Wünſche des Kindes erfüllte. Ein Zartgefühl von Gilbert hatte dieſe Zuſammen⸗ kunft verzögert; er begriff, daß er, wenn er ſelbſt Se⸗ baſtian zu Andrée führte, ihr durch ſeine Gegenwart die Hälfte des Glückes, ihren Sohn zu ſehen, benahm, und ließ er ihn durch einen Andern als Pitou, dieſes gute Herz, dieſe naive Seele, dahin führen, ſo gefähr⸗ dete er ein Geheimniß, das nicht das ſeinige war. Piton nahm Abſchied von der Gräfin von Charny, ohne eine Frage zu machen, ohne einen Blick der Neu⸗ gierde auf das zu werfen, was ihn umgab, und Se⸗ baſtian fortziehend, welcher halb zurückgewendet Küſſe mit ſeiner Mutter wechſelte, erreichte er den Fiacre, wo er ſein Brod, ſeinen in Papier gewickelten Schweinskäſe und ſeine in der Ecke ſtehende Flaſche Wein wiederfand. Ebenſo wenig hiebei als bei ſeiner Reiſe von Vil⸗ lers⸗Coterets war Etwas, was Piton betrüben konnte. Schon an demſelben Abend arbeitete Piton auf dem Marsfelde; er kehrte am anderen Tage und die folgen⸗ 129 den Tage dahin zurück; er erhielt viele Complimente von Herrn Maillard, der ihn erkannt, und von Herrn von Bailly, dem er ſich zu erkennen gegeben. Er traf wieder die Herren Elie und Hullin, Sieger der Ba⸗ ſtille, wie er, und ſah ohne Neid die Medaille, welche ſie am Knopfloche trugen, und auf die er und Billot ebenſo viel Recht als irgend Jemand in der Welt hat⸗ ten. Endlich erſchien der große Tag, und er nahm ſchon am Morgen ſeinen Platz mit Billot bei der Porte Saint⸗ Denis ein. Er hakte vom Ende von drei verſchiedenen Stricken einen Laib Brod, einen Schinken und eine Flaſche Wein los. Er gelangte zu der Höhe vom Altar des Vaterlands, wo er eine Farandole, an einer Hand eine Künſtlerin der Oper, an der andern eine Bernhar⸗ dinernonne haltend, tanzte. Beim Einzuge des Königs nahm er wieder ſeinen Rang ein, und er hatte die Be⸗ friedigung, ſich durch Lafahette repräſentirt zu ſehen, was eine große Ehre für ihn, Pitou, war; dann, als die Schwüre geleiſtet, als die Kanonenſchüſſe gefeuert, als die Fanfaren in die Lüfte geſchleudert waren, als Lafayette mit ſeinem Schimmel durch die Reihen ſeiner theuren Kameraden ritt, ward ihm die Freude zu Theil, daß er von ihm erkannt wurde,— und einen von den dreißig⸗ bis vierzigtauſend Händedrücken bekam, die der General an dieſem Tage austheilte; wonach er das Marsfeld mit Billot verließ und da und dort ſtehen blieb, um den Spielen zuzuſchanen, die Beleuchtungen und die Kunſtfeuerwerke der Champs⸗Elyſées zu betrach⸗ ten; hierauf folgte er den Boulevards, und um nichts von den Beluſtigungen dieſes großen Tages zu verlieren, ging er, ſtatt ſich zu Bette zu legen, wie es jeder An⸗ dere nach einer ſolchen Anſtrengung gethan hätte, ging, ſagen wir, Piton, der nicht wußte, was müde ſein heißt, nach der Baſtille, wo er in einer Ecke des Thurmes ei⸗ nen unbeſetzten Tiſch fand, auf welchen er erwähnter Die Gräſin von Charny. lv. 9 130 Maßen zwei Pfund Brod, zwei Flaſchen Wein und eine Fleiſchwurſt bringen ließ. Für einen Menſchen, der nicht wußte, daß, Frau von Charny eine Abweſenheit von ſieben bis acht Tagen ankündigend, Iſidor in Villers Coterets dieſe ſieben bis acht Tage zubringen wollte; für einen Men⸗ ſchen, der nicht wußte, daß ſechs Tage vorher Catherine einen Knaben geboren, daß ſie das kleine Haus beim Clouis⸗Steine in der Nacht verlaſſen, daß ſie am Morgen in Paris mit Iſidor angekommen, und da ſie ihn und Billot bei der Porte⸗Saint Martin erblickt, einen Schrei ausgeſtoßen und ſich in den Wagen zurückgeworfen hatte, war nichts ſehr Trauriges, im Gegentheil, in dieſer Ar⸗ beit auf dem Marsfelde, in dieſem Zuſammentreffen mit Herrn Maillard, Herrn Bailly, Herrn Elie und Herrn Hullin, in dieſer zwiſchen einer Künſtlerin der Oper und einer Bernhardinernonne getanzten Farandole, in dieſem Wiedererkennen von Lafayette, in dieſem Händedruck, den er von ihm zu empfangen die Ehre gehabt, in dieſen Beleuchtungen endlich, in dieſen Kunſtfeuerwerken, in die⸗ ſer nachgemachten Baſtille und dem mit einem Laib einer Wurſt und zwei Flaſchen Wein belaſteten Tiſche. Die einzige Sache, welche Piton hätte traurig ma⸗ chen können, war alſo die Traurigkeit von Billot. — 1 ht ſe ⸗ e m n id ei e, r⸗ it id mn en en e⸗ ib en d⸗ — 131 LXV.* Das Bendez-vous. Piton beſchloß, wie man am Anfang des verher⸗ gehenden Kapitels geſehen, ebenſo ſehr um ſich ſelbſt in Heiterkeit zu erhalten, als um die Traurigkeit von Bil⸗ lot zu zerſtreuen, Piton beſchloß, ſagen wir, den Päch⸗ ter anzureden. „Sprechen Sie, Vater Billot,“ begann er nach ei⸗ nem kurzen Stillſchweigen, unter welchem er einen Vor⸗ rath von Worten geſammelt zu haben ſchien, wie ein Tirailleur, ehe er das Feuer eröffnet, ſich mit einem Vorrathe von Patronen verſieht,„wer Teufels hätte ge⸗ rade vor einem Jahre und zwei Tagen vermuthen kön⸗ nen als Mademoiſelle Catherine mir einen Lonis d'or gab und die Stricke, die meine Hände feſſelten, mit die⸗ ſem Meſſer ſehen Sie hier. durchſchnitt, wer hätte vermuthen können, es werden in einem Jahre und zwei Tagen ſo viele Ereigniſſe vorfallen?“ „Niemand,“ antwortete Billot, ohne daß Piton bemerkte, welchen furchtbaren Blick das Auge des Päch⸗ ters ſchleuderte, als er, Piton, den Namen von Cathe⸗ rine ausſprach. Pitou wartete, um zu ſehen, ob Billot nicht ein vaar Worte dem einzigen Worte, das er auf einen lan⸗ gen Satz, der dem Redner ziemlich gut gedreht zu ſein ſchien, erwiedert hatte, beifügen würde. Als er aber wahrnahm, daß Billot ſchwieg, lud Piton, wie jener Tirailleur, von dem wir ſo eben geſpro⸗ chen, ſein Gewehr wieder und fuhr, zum zweiten Male feuernd, fort: 132 „Sprechen Sie doch, Vater Billot, wer hätte uns geſagt, als Sie mir auf der Ebene von Ermenonville nachliefen; als Sie Cadet und mich beinahe zu Tode gejagt hätten; als Sie mich einholten, als Sie ſich nann⸗ ten, als Sie mich hinter Ihnen aufſitzen ließen; als Sic in Dammartin das Pferd wechſelten, um ſchneller in Paris zu ſein; als wir nach Paris kamen, um die Barridren brennen zu ſehen; als wir im Faubourg de la Villette von den Kaiſerlichen herumgeſtoßen wurden; als wir eine Proceſſion trafen, welche ſchrie:„„Es lebe Herr Necker!““ und:„„Es lebe der Herzog von Orleans!““ als Sie die Ehre hatten, einen von den Stäben der Bahre zu tragen⸗ auf welcher die Büſten dieſer zwei großen Mänuer ſtanden, während ich Margot das Leben zu retten verſuchte; als Royal Allemand auf der Place Vendome nach uns feuerte und Ihnen die Büſte von Herrn Recker auf den Kopf fiel; als wir durch die Rue Saint⸗Honoré flohen und:„„Zu den Waffen! man ermordet unſere Brüder!““ riefen,— wer hätte uns da geſagt, wir werden die Baſtille nehmen?“ „Niemand,“ antwortete der Pächter ebenſo lakoniſch als das erſte Mal. „Tenfel!“ ſagte Pitou beiſeit, nachdem er einen Augenblick gewartet hatte,„es ſcheint, das iſt ein ge⸗ faßter Entſchluß.. Auf! fenern wir zum dritten Mal.“ Dann ſprach er laut: „Sagen Sie, Vater Billot, wer hätte geglaubt, als wir die Baſtille genommen⸗ nach einem Jahre auf den Tag nach dieſer Einnahme werde ich Kapitän, wer⸗ den Sie Föderirter ſein, und wir werden Beide, ich be⸗ ſonders, in einer Baſtille von Blätterwerk, welche gerade an dem Orte gepflanzt iſt, wo die andere gebaut war, zu Nacht ſpeiſen?“ Niemand,“ wiederholte Billot mit einer noch dü⸗ ſterer Miene als die zwei erſten Male. Piton ſah ein, daß es nicht möglich war, den Päch⸗ — —, 133 ter zum Sprechen zu bringen; doch er tröſtete ſich mit dem Gedanken, er habe ſich keines Wegs des Rechtes allein zu ſprechen, entäußert. Er fuhr alſo fort, indem er Billot das Recht ließ, zu antworten, ſobald es ihm Vergnügen machen würde: „Wenn ich bedenke, daß es gerade ein Jahr iſt, daß wir in das Stadthaus eingetreten ſind, daß Sie Herrn von Fleſſelles(armer Herr von Fleſſelles, wo iſt er? wo iſt die Baſtille?) daß Sie Herrn von Fleſ⸗ ſelles am Kragen genommen haben, daß Sie ihn zwan⸗ gen, das Pulver zu geben, während ich an der Thüre Wache hielt, und außer dem Pulver ein Billet an Herrn de Launay; daß wir, nachdem das Pulver ansgetheilt war, Herrn Marat, der zu den Invaliden ging, ver⸗ ließen, um unſererſeits nach der Baſtille zu gehen; daß wir bei der Baſtille Herrn Gonchon, den Mirabeau des Volks, wie Sie ihn nannten, fanden... Wiſſen Sie, was aus Herrn Gonchon geworden iſt, Vater Billot? Nun! wiſſen Sie, was aus ihm geworden iſt?“ Billot beſchränkte ſich dies Mal darauf, daß er verneinend den Kopf ſchüttelte. „Sie wiſſen es nicht?“ fuhr Piton fort;„ich auch nicht. Vielleicht das, was aus der Baſtille geworden, was aus Herrn von Fleſſelles geworden iſt, was aus uns Allen werden wird,“ fügte Piton philoſophiſch bei,„pulvis es et in pulverem reverteris. Wenn ich bedenke, daß Sie durch das Thor, das dort war und nicht mehr da iſt, eingetreten ſind, nachdem Sie durch Herrn Maillard die treffliche Note über die Caſſette hatten ſchreiben laſſen, dieſe Note, welche ich dem Volke vorleſen ſollte, wenn Sie nicht mehr erſcheinen würden; wenn ich bedenke, daß Sie dort, wo jene Eiſen, jene Ketten in dem großen Loche liegen, das einem Grabe gleicht, Herrn de Launay trafen! Der arme Mann! ich ſehe ihn noch mit ſeinem leinblüthfarbenen Rocke, ſeinem dreieckigen Hute, ſeinem rothen Bande und ſeinem Degenſtocke; auch Einer, der Herrn von Fleſſelles nachgefolgt iſt! Wenn ich bedenke, 134 daß dieſer Herr de Launay Ihnen die Baſtille vom Grunde aus bis zur Firſte gezeigt hat, daß er Sie die⸗ ſelbe hat ſtudiren, meſſen laſſen... Mauern von drei⸗ ßig Fuß Dicke an ihrer Baſe und von fünfzehn Fuß an ihrem Gipfel! daß Sie mit ihm auf die Thürme ge⸗ ſtiegen ſind, und daß Sie ihm ſogar gedroht haben, ſich mit ihm, wenn er nicht vernünftig wäre, von den Thür⸗ men hinabzuſtürzen; wenn ich bedenke, daß er Ihnen beim Hinabſteigen die Kanone gezeigt hat, welche mich zehn Minuten ſpäter dahin, wo dieſer arme Herr von Fleſſelles iſt, wo auch der arme Herr de Launay ſein mag, geſchickt haben würde, hätte ich nicht eine Ecke gefunden, um mich dahinter zu verbergen; wenn ich endlich bedenke, daß Sie, nachdem Sie Alles dies geſehen hatten, ſagten, als ob es ſich vom Erklettern eines Heu⸗ bodens, eines Taubenſchlags oder einer Windmühle han⸗ delte..„Freunde, nehmen wir die Baſtille,“ und daß wir ſie genommen haben, dieſe berüchtigte Baſtille, der⸗ geſtalt genommen, daß wir heute an dem Orte wo ſie war, ſitzen, Wurſt eſſen und Burgunder trinken, gerade an der Stelle des Thurmes, den man dritte Bertau⸗ didre nannte, und wo ſich der Herr Doctor Gilbert fand! Wie ſeltſam! Und wenn ich an all dieſen Lärmen, an all dieſes Geſchrei, an alle dieſe Geräuſche denke!.. Ach!“ unterbrach ſich Piton,„was die Geränſche betrifft, was bedeutet dieſes? Sagen Sie doch, Vater Billot, es geht Etwas vor, oder es kommt Einer herbei; alle Welt läuft, alle Welt ſteht auf⸗ laſſen Sie uns doch ſehen wie alle Welt; kommen Sie, Vater Billot.“ Piton hob Billot auf, indem er ſeine Hand unter dem Arme des Pächters durchſchlang, und Beide gingen⸗ Piton mit Neugierde, Billot mit Gleichgültigkeit, nach der Seite, woher der Lärm kam. Dieſer Lärm ward verurſacht von einem Manne, der das ſeltene Vorrecht hatte, überall, wo er erſchien, Aufſehen zu erregen. 135 Unter dem Getöſe hörte man den Ruf:„Es lebe irabeau!“ ausgeſtoßen von der kräftigen Bruſt der Männer, welche zuletzt die Meinung, die ſe einmal über die Menſchen angenommen, wechſeln. Es war in der That Mirabeau, der mit einer Frau am Arme herbeikam, um die Baſtille zu beſuchen, und, da er erkannt worden, dieſen ganzen Lärmen veranlaßte. Die Frau war verſchleiert. Ein Anderer wäre über all dieſem Tumult, den er nach ſich zog, erſchrocken geweſen, beſonders erſchrocken, hätte er unter dieſer großen Stimme, die ihn verherr⸗ lichte, einige Schreie dumpfer Drohung gehört,— von jenen Schreien, welche dem Wagen des römiſchen Tri⸗ umphators folgten und ihm ſagten:„Cäſar, vergiß nicht, daß Du ſterblich Doch er, der Mann der Gewitter, dem es, wie dem Sturmpogel, nur unter Donner und Blitz wohl zu ſein ſchien, durchſchritt dieſen ganzen Tumult mit lä⸗ chelndem Geſichte, mit ruhigem Ange und gebieteriſcher Geberde, an ſeinem Arme die unbekannte Frau haltend, nhe beim Hauche ſeiner entſetzlichen Popularität ebte. Ohne Zweifel hatte die Unvorſichtige, wie Semele, Jupiter ſehen wollen, und nun war der Blitz nahe daran, ſie zu verzehren. „Ah! Herr von Mirabeau!“ ſagte Piton;„ſieh da, das iſt Herr von Mirabeau, der Mirabeau der Adeligen? Erinnern Sie ſich, Vater Billot, daß wir ungefähr hier Herrn Gonchon, den Mirabeau des Volks, geſehen haben, und daß ich Ihnen geſagt habe:„„Ich weiß nicht, wie der Mirabeau der Adeligen iſt, den des Volks finde ich aber ziemlich häßlich.“ Wiſſen Sie nun, daß ich heute, nachdem ich ſie Beide geſehen habe, den Einen ebenſo häßlich als den Andern finde; doch das ſoll uns nicht abhalten, laſſen Sie uns dem großen Manne unſere Huldigung darbringen!“ Hienach ſtieg Piton auf einen Stuhl und vom Stuhle auf einen Tiſch, ſteckte ſeinen dreieckigen Hut an das Ende ſeines Degens und rief: „Es lebe Herr von Mirabean!“ Billot entſchlüpfte kein Zeichen der Sympathie oder der Antipathie; er krenzte einfach ſeine beiden Arme auf ſeiner breiten Bruſt und murmelte mit düſterem Tone: Man ſagt, er verrathe das Volk.“ „Bah!“ verſetzte Pitou,„man hat dies von allen großen Männern des Alterthums, von Ariſtides bis Cicero, geſagt.“ Und mit einer noch volleren, noch mächtiger ſchal⸗ lenden Stimme rief er:„Es lebe Mirabeau!“ während der berühmte Redner dieſen Wirbel von Menſchen und Geſchrei nach ſich ziehend verſchwand. „Gleichviel, ſagte Piton, indem er vom Tiſche herabſprang,„es iſt mir lieb, daß ich Herrn von Mira⸗ beau geſehen habe.. Leeren wir unſere zweite Flaſche und verzehren wir vollends unſere Wurſt, Vater Billot.“ Und er führte den Pächter zum Tiſche zurück, wo in der That die neberreſte des von Piton beinahe allein verzehrten Mahles ihrer harrten, als ſie wahrnahmen, daß man einen dritten Stuhl an ihren Tiſch gerückt hatte, und daß ein Mann, der ſie zu erwarten ſchien, auf dieſem Stuhle ſaß. Piton ſchaute Billot an, der den Unbekannten anſchaute. Allerdings war der Tag ein Tag der Verbrüderung und geſtattete folglich eine gewiſſe Vertraulichkeit; doch in den Augen von Piton, der ſeine zweite Flaſche noch nicht getrunken und ſeine Wurſt nicht ganz verſpeiſt hatte, war dies eine Vertraulichkeit, welche beinahe ebenſo groß als die des unbekannten Spielers beim Che⸗ valier von Grammont. Und derjenige, welchen Hamilton den kleinen 137 Kürbis nennt, bat noch den Chevalier von Grammont wegen ſeiner großen Vertraulichkeit um Verzeihung, während der Unbekannte weder Billot, noch Pitou über irgend etwas um Verzeihung bat und im Gegentheil Beide mit einer gewiſſen ſpöttiſchen Miene, die ihm eigenthümlich zu ſein ſchien, anſchaute. Wahrſcheinlich war Billot nicht in der Laune, die⸗ ſen Blick ohne Erklärung zu ertragen, denn er rückte raſch auf den Unbekannten zu; doch ehe der Pächter den Mund geöffnet oder eine Geberde gewagt hatte, machte der Unbekannte ein Freimaurerzeichen, das Billot erwiederte. Dieſe zwei Männer kannten ſich allerdings nicht, doch ſie waren Brüder. Ueberdies trug der Unbekannte wie Billot die Klei⸗ dung eines Föderirten; nur bemerkte der Pächter an einem gewiſſen Unterſchiede im Coſtume, daß derjenige, welcher es trug, am Tage ſelbſt zu der kleinen Gruppe von Fremden gehört haben mußte, welche Anacharſis Cloots folgte und bei dem Feſte die Deputation des Menſchengeſchlechtes vorſtellte. Nachdem dieſes Zeichen vom Unbekannten gemacht und von Billot erwiedert war, nahmen Billot und Piton wieder ihren Platz ein. Billot neigte ſogar den Kopf in Form eines Gru⸗ ßes, während Piton frenndlich lächelte. Da indeſſen Beide den Unbekannten mit dem Blicke zu befragen ſchienen, ſo war er es, der das Wort nahm. „Ihr kennt mich nicht, Brüder,“ ſagte er,„doch ich kenne Euch.“ Billot ſchaute den Fremden feſt an und Piton, der offenherziger, rief: „Bah! wahrhaftig, Sie kennen uns?“ „Ich kenne Dich, Kapitän Piton,“ ſprach der Fremdez„ich kenne Dich, Pächter Billot.“ „So iſt es,“ ſagte Piton. „Warum dieſe düſtere Miene, Billot?“ fragte der Fremde.„Etwa weil man Dir, dem Sieger der Ba⸗ ſtille, in die Du zuerſt eingedrungen biſt, die Medaille vom 14. Init an das Knopfloch zu hängen und Dir heute die Ehren zu bezeigen vergeſſen hat, mit welchen die Herren Maillard, Elie und Hullin überhäuft wor⸗ den ſind?“ i lächelte mit einer Miene der Verachtung und prach: „Wenn Du mich kennſt, Bruder, ſo mußt Du wiſ⸗ ſen, daß eine ſolche Erbärmlichkeit ein Herz wie das meinige nicht zu betrüben vermöchte.“ „Wäre es alſo, weil Du es, in der Großmuth Dei⸗ ner Seele, vergebens verſucht haſt, Dich der Ermordung von de Launay, Foulon und Berthier zu widerſetzen?“ „Ich habe gethan, was ich nach Maßgabe meiner Kräfte thun konnte, um es zu verhindern, daß dieſe Verbrechen begangen würden,“ ſagte Billot.„Mehr als einmal habe ich in meinen Träumen diejenigen geſehen, welche die Opfer dieſer Verbrechen geweſen ſind, und nicht Einer derſelben hat die Idee gehabt, mich anzuklagen. Iſt es, weil Du nach n 5. und 6. October bei der itehr nach Deinem Pachthofe Deine Speicher leer und Deine Güter brach gefunden haſt?“ „Ich bin reich,“ erwiederte Billot,„an einer ver⸗ lorenen Ernte iſt mir wenig gelegen!“ „Alſo,“ fragte der Unbekannte, indem er Billot ins Geſicht ie„alſo weil Deine Tochter Ca⸗ „Stile!“ verſetzte der Pächter, der den Unbekannten beim Arme faßte,„ſprechen wir nicht hievon.“ „Warum nicht,“ ſagte der Unbekannte,„wenn ich mit Dir davon ſpriche, um Dich in Deiner Rache zun unterſtützen?“ 3 139 „Dann iſt es etwas Anderes,“ erwiederte Billot, zu⸗ gleich erbleichend und lächelnd,„ſprechen wir davon.“ Piton dachte weder mehr an das Eſſen, noch an das Trinken; er ſchaute den Unbekannten an, wie er einen Zauberer angeſchaut hätte. „Und Deine Rache,“ ſagte der Unbekannte mit ei⸗ nem Lächeln,„ſprich, wie gedenkſt Du dabei zu verfah⸗ ren? Auf eine ärmliche Art, indem Du einen Menſchen zu tödten verſuchſt, wie Du es haſt thun wollen?“ Billot wurde leichenbleich; Piton fühlte einen Schauer ſeinen ganzen Leib durchlaufen. „Oder dadurch, daß Du eine ganze Kaſte verfolgſt?“ „Dadurch, daß ich eine ganze Kaſte verfolge,“ er⸗ wiederte Billot,„denn das Verbrechen des Einen iſt das Verbrechen Aller, und Herr Gilbert, bei dem ich mich beklagt habe, ſagte zu mir:„„Armer Billot, was Dir widerfährt, iſt ſchon tauſend Vätern widerfahren! Was ſollten denn die jungen Adeligen thun, wenn ſie nicht die Mädchen aus dem Volke entführten, und die alten, wenn ſie nicht das Geld des Königs verzehrten?““ „Ah! Gilbert hat Dir das geſagt?“ „Sie kennen ihn?“ Der Unbekannte lächelte. „Ich kenne alle Menſchen,“ erwiederte er,„wie ich Dich, Billot, den Pächter von Piſſelen, kenne; wie ich Pitou, den Kapitän der Nationalgarde von Haramont, kenne; wie ich den Vicomte Iſidor von Charny, den gthern von Bourſonnes, kenne; wie ich Catherine enne.“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, Du ſollſt dieſen Na⸗ men nicht ausſprechen, Brnder.“ „Und warum nicht?“ „Weil es keine Cathetine mehr gibt.“ „Was iſt denn aus ihr geworden?“ „Sie iſt todt.“ 140 „Nein, ſie iſt nicht todt, Vater Billot,“ rief Pitou, „du Und ohne Zweifel wollte er beifügen:„da ich weiß, wo ſie iſt, und da ich ſie alle Tage ſehe,“ als Billot mit einer Stimme, welche keine Entgegnung zuließ, wiederholte: „Sie iſt todt!“ Piton verbeugte ſich; er hatte verſtanden. Catherine, welche vielleicht für die Anderen lebte war für ihren Vater todt. „Ah! ah!“ rief der Unbekannte,„wäre ich Dioge⸗ nes, ſo würde ich meine Laterne auslöſchen: ich glaube, ich habe einen Menſchen gefunden.“ Dann ſtand er auf, bot Billot den Arm und ſagte: „Bruder, komm, mach' einen Gang mit mir, während dieſer brave Burſche ſeine Flaſche Wein leert und ſeine Wurſt vollends zu ſich nimmt.“ „Gern,“ erwiederte Billot,„denn ich fange an zu begtrijſt was Du mir anbieteſt.“ nd er nahm den Arm des Unbekannten und ſprach zu Piton. „Erwarte mich hier, Piton, ich komme zurück.“ „Ah! Vater Billot,“ verſetzte Piton,„wenn Sie lange ausbleiben, ſo werde ich mich langweilen! Ich habe nur noch ein halbes Glas Wein, ein Stückchen Wurſt und ein Schnittchen Brod.“ „Es iſt gut, mein wackerer Pitou,“ ſagte der Un⸗ bekannte;„man kennt das Maß Deines Appetits, und man wird Dir hinreichend ſchicken, daß Du Geduld faſ⸗ ſen kannſt, während Du uns erwarteſt.“ Der Unbekannte und Billot waren in der That kaum an der Ecke von einer der grünen Mauern ver⸗ ſchwunden, als eine neue Wurſt, ein zweiter Laib Brod und eine dritte Flaſche Wein den Tiſch von Piton ſchmückten. —. 141 Piton begriff nichts von Allem dem, was vorgegan⸗ gen; er war zugleich ſehr erſtaunt und ſehr unruhig. Doch das Erſtaunen und die Unruhe machten, wie die Gemüthsbewegungen im Allgemeinen, Piton Hunger. Pitou füblte alſo, dergeſtalt war er erſtaunt und unruhig, ein unwiderſtehliches Bedürfniß, dem Proviant, den man ihm geſchickt hatte, Ehre anzuthun, und er überließ ſich dieſem Bedürfniß mit ſeinem uns bekannten Eifer, als Billot allein zurückkam und ſchweigſam, ob⸗ gleich die Stirne aufgeklärt von einem Schimmer, der dem der Freude glich, wieder ſeinen Platz Piton gegen⸗ über einnahm. „Nun?“ fragte dieſer den Pächter,„was gibt es Neues, Vater Billot?“ „Es gibt Reues, daß Du morgen allein abreiſen wirſt.“ „Und Sie?“ verſetzte der Kapitän der Nationalgarde. „Ich? ich bleibe.“ LXV. Die Loge der Bue platrière. Wollen unſere Leſer, nachdem acht Tage ſeit den von uns erzählten Ereigniſſen abgelaufen, einige von den Hauptperſonen unſerer Geſchichte wiederfinden, Perſonen, die nicht nur eine Rolle in der Vergangenheit geſpielt, ſondern auch eine Rolle in der Zukunft zu ſpielen be⸗ ſtimmt find, ſo müſſen ſie ſich mit uns zu jenem Brunnen 142 der Rue Platridre verſetzen, wo wir Gilbert als Kind und Gaſt von Rouſſeau ſein hartes Brod haben ins Waſſer tunken ſehen. Sind wir einmal hier, ſo wollen wir einem Manne folgen, der bald vorüberkommen muß, und den wir, nicht mehr an ſeiner Kleidung als Föderirter, ein Coſtume, das nach dem Abgange der hun⸗ derttauſend von Frankreich geſandten Deputirten nicht getragen zu werden vermöchte, ohne auf denjenigen, der es trägt, eine größere Summe von Aufmerkſamkeit zu ziehen, als dies unſer Mann wünſcht, ſondern an der einfachen, aber bekannten Tracht eines reichen Pächters aus der Umgegend von Paris erkennen werden. Ich brauche dem Leſer nun nicht zu ſagen, daß dieſer Mann kein Anderer iſt, als Billot, welcher der Rue Saint⸗Honors folgt, längs den Gittern des Palais Royal, dem die Rücktehr des mehr als acht Monate lang nach London verbannt geweſenen Herzogs von Or⸗ leans ſo eben wieder ſeinen ganzen nächtlichen Glanz verliehen hat, hingeht, ſeinen Wegs links durch die Rue de Grenelle nimmt und ohne Zögern in die Rue Pla⸗ triere eintritt. Doch gerade vor dem Brunnen angelangt, wo wir ihn erwarten, bleibt er unſchlüſſig ſtehen, nicht als ob es ihm an Herz gemangelt hätte, diejenigen, welche ihn kennen, wiſſen vollkommen, daß der wackere Pächter, wenn er in die Hölle zu gehen beſchloſſen, ohne zu er⸗ bleichen, dahin gehen würde, ſondern ohne Zweifel, weil ihm die Merkmale fehlten. Und in der That, es iſt nicht ſchwer, zu ſehen, be⸗ ſonders für uns, die wir ein Intereſſe haben, alle ſeine Schritte zu beſpähen, es iſt nicht ſchwer, zu ſehen, daß er jede Thüre wie ein Menſch, welcher keinen Irrthum begehen will, ſtudirt und prüfend betrachtet. Trotz dieſer Prüfung iſt er indeſſen zu ungefähr zwei Dritteln der Straße gelangt, ohne gefunden zu haben, was er ſucht. Hier aber iſt der D —,— 143 ſperrt durch die Bürger, die um eine Gruppe von Muſikanten ſtille ſtehen, aus deren Mitte ſich die Stimme eines Menſchen erhebt, welcher Lieder über die Ereigniſſe des Tags ſingt; was indeſſen wahrſcheinlich nicht genü⸗ gen würde, um eine ſo große Neugierde zu erregen, wären nicht ein paar Strophen von jedem Liede be⸗ ſtimmt, die anderen durch Epigramme über einzelne Men⸗ ſchen zu verſtärken. Es iſt beſonders ein Lied darunter, betitelt die Reit⸗ bahn, welches Frendenſchreie in der Menge hervorruft. Da die Nationalverſammlung ihren Sitz auf dem alten Platze der Mansge hat, ſo haben nicht nur die ver⸗ ſchiedenen Farben der Verſammlung die Nuancen des Pferdegeſchlechts, die Rappen und die Schimmel, die Fuchſen und die Braunen, angenommen, ſondern es haben auch Individuen hienach Namen von Pferden erhalten: Mirabeau heißt Ungeſtüm; der Graf von Clermont⸗ Tonnerre, Scheu; der Abbé Maury Bäu mer; Thou⸗ ret Donner; Bailly Glücklich. Billot bleibt einen Augenblick ſtehen, um dieſe An⸗ griffe zu hören, welche mehr ſaftig, als witzig; dann ſchlüpft er links gegen die Mauer und verſchwindet in den Gruppen. Ohne Zweifel hat er unter dieſer Menge gefunden, was er ſuchte, denn nachdem er auf der einen Seite der Gruppe verſchwunden iſt, erſcheint er auf der andern nicht wieder. Wir wollen nun hinter Billot in dieſe Gruppe ein⸗ dringen und ſehen, was ſie verbirgt. Eine niedrige Thüre, über der drei Buchſtaben be⸗ merkbar ſind, drei mit rother Kreide geſchriebene An⸗ fangsbuchſtaben, welche, ohne Zweifel Verſammlungs⸗ ſymbole für dieſe Nacht, am andern Morgen verwiſcht ſein werden. Dieſe Buchſtaben ſind ein L., ein D. und ein. die niedrige Thüre ſcheint ein Kellerhals zu ſein; man 144 ſteigt ein paar Stufen hinab, dann folgt man einem finſteren Gange. Dieſes zweite Merkmal beſtätigte ohne Zweifel das erſte, denn nachdem er aufmerkſam die drei Buchſtaben, ein für Billot, welcher, wie man ſich erinnert, nicht leſen konnte, unzulängliches Erkennungszeichen angeſchaut hatte, ſtieg der Pächter die Stufen hinab, die er während des Hinabſteigens zählte, und als er die achte erreicht hatte, drang er kühn in den Gang ein. Am Ende dieſes Ganges zitterte ein bleiches Licht; vor dieſem Lichte ſaß ein Mann und las eine Zeitung oder gab ſich wenigſtens den Anſchein, als läſe er⸗ Bei dem Geräuſche der Tritte von Billot ſtand die⸗ ſer Mann auf, drückte einen Finger an ſeine Bruſt und wartete. 4 Billot erhob gebogen denſelben Finger und drückte ihn wie ein Vorlegeſchloß an ſeinen Mund. Dies war wahrſcheinlich das von dem geheimnißvollen Pförtner erwartete Eintrittszeichen, denn er ſtieß zu ſei⸗ ner Rechten eine, wenn ſie geſchloſſen war, vollkommen unſichtbare Thüre auf und zeigte Billot eine Treppe mit ſteilen, ſchmalen Stufen, die ſich unter die Erde verſenkte. Billot trat ein; die Thüre ſchloß ſich wieder hinter ihm raſch, aber geräuſchlos. Der Pächter zählte diesmal ſiebenzehn Stufen, und auf der ſiebenzehnten angelangt, ſagte er, trotz der Stumm⸗ heit, zu der er verurtheilt zu ſein ſchien, leiſe zu ſich elbſt: ſ ich bin an Ort und Stelle.“ Ein Vorhang ſchwebte ein paar Schritte von da vor einer Thüre; Billot ging gerade auf dieſen Vorhang zu, hob ihn auf und befand ſich in einem großen, kreis⸗ förmigen Saale, wo etwa fünfzig Perſonen verſammelt waren. In dieſen Saal ſind unſere Leſer ſchon vor fünfzehn — 145⁵ bis ſechzehn Jahren im Gefolge von Rouſſeau hinabge⸗ ſtiegen. Wie zur Zeit von Rouſſeau waren die Wände mit rothen und weißen Tüchern beſchlagen, auf denen man den Compaß, das Winkelmaß und die Bleiwaage in ver⸗ ſchlungenen Zeichnungen gewahrte. Eine einzige am Gewölbe hängende Lampe warf einen bleichen Schein gegen die Mitte des Kreiſes und verbreitete hier ein gewiſſes Licht, das aber ungenügend war, um diejenigen zu beleuchten, welche ſich, da ſie nicht erkannt zu werden wünſchten, im Umkreiſe hielten. Eine Eſtrade, zu der man auf vier Stufen hinauf⸗ ſtieg, erwartete die Redner oder die Aufnahmscandida⸗ ten, und auf dieſer Eſtrade, auf dem Theile, welcher zu⸗ nächſt bei der Mauer, harrten ein einſamer Schreibtiſch und ein leerer Lehnſtuhl des Präſidenten. In einigen Minuten füllte ſich der Saal, ſo daß man nicht mehr darin umhergehen konnte. Menſchen von allen Ständen und allen Lebenslagen, vom Bauern bis zum Prinzen, kamen nach einander an, wie Billot angekommen war, und nahmen, ohne ſich zu kennen, oder weil ſie ſich kannten, ihre Plätze auf das Gerathe⸗ wohl oder nach ihren Sympathien. Jeder von dieſen Männern trug auf ſeinem Rocke entweder die Maurerſchürze, wenn er einfacher Maurer war, oder die Schärpe der Illuminaten, war er zugleich Maurer und Illuminat, das heißt in das große Myſte⸗ rium aufgenommen. Rur drei Männer trugen dieſes letzte Zeichen nicht und hatten bloß die Maurerſchürze. Der Eine war Billot; der Andere ein junger Menſch von kaum zwanzig Jahren; der Dritte endlich ein Mann von ungefähr zweiundvierzig Jahren, der nach ſeinen Manieren den höchſten Claſſen der Geſellſchaft anzuge⸗ hören ſchien. Die Gräfin von Charny. 1w. 10 146 Einige Secundeu, nachdem der Letztere ebenfalls eingetreten war, ohne daß ſeine Ankunft mehr Aufſehen erregt hatte, als die Ankunft des Einfachſten der Mit⸗ glieder der Verbindung, öffnete ſich eine masquirte Thüre und der Präſident erſchien, zugleich die Inſignien vom Großen Orient und vom Groß⸗Kophta an ſich tragend. Billot gab einen ſchwachen Schrei des Erſtaunens von ſich. Dieſer Präſident, vor dem ſich alle Häupter verneigten, war kein Anderer, als ſein Föderirter vom Baſtille⸗Platze. Er ſtieg langſam die Eſtrade hinauf, wandte ſich dann gegen die Verſammlung um und ſprach: „Meine Brüder, wir haben heute zwei Dinge zu thun; ich, ich habe drei neue Adepten aufzunehmen; ich habe Euch Rechenſchaft zu geben von meinem Werke, von dem Tage an, wo ich es unternommen, bis auf heute; denn da dieſes Werk von Tag zu Tag ſchwieriger wird, ſo müßt Ihr wiſſen, ob ich immer noch würdig bin Eures Vertrauens, und ich muß wiſſen, ob ich es fortwährend verdiene. Indem ich von Euch das Licht empfange und es Euch zurückſende, kann ich gehen auf dem dunkeln, erſchrecklichen Wege, den ich betreten habe. Die Häup⸗ ter des Ordens mögen alſo allein in dieſem Saale blei⸗ ben, damit wir zur Aufnahme oder zur Verwerfung der drei neuen Mitglieder ſchreiten, welche vor uns er⸗ ſcheinen. Sind dieſe drei Mitglieder aufgenommen oder verworfen, ſo wird Jedermann, vom Erſten bis zum Letzten, zur Sitzung zurückkehren, denn in Gegenwart Aller und nicht allein des höchſten Kreiſes will ich mein Verfahren auseinanderſetzen und den Tadel empfangen oder den Dank fordern.“ Bei dieſen Worten öffnete ſich eine Thüre der ge⸗ genüber, welche ſchon demasquirt worden war. Man erblickte weite gewölbte Tiefen, ähnlich den Grüften einer alten Baſiltka, und die Menge verlief ſich ſtillſchweigend und wie eine Proceſſion von Geſpenſtern unter den * 8 8 S* 147 Arkaden, welche kaum ſtellenweiſe durch kupferne Lampen erhellt waren, deren Licht gerade genügte, um, wie der Dichter geſagt hat, die Finſterniß ſichtbar zu machen. Nur drei Männer blieben. Das waren die drei Aufzunehmenden. Der Zufall wollte, daß ſie ſich an die Wand in un⸗ gefähr gleichen Entfernungen von einander angelehnt hatten. Sie ſchauten ſich alle Drei mit Erſtaunen an, denn nun erſt erfuhren ſie, daß ſie die drei Helden der Sitzung waren. In dieſem Angenblick öffnete ſich die Thüre wieder, durch welche der Präſident eingetreten war. Es erſchie⸗ nen ſechs Verlarvte und ſtellten ſich, drei zur Rechten und drei zur Linken, des Stuhles auf. „Die Nummern 2 und 3 mögen ſich einen Augenblick entfernen,“ ſprach der Präſident;„nur die oberſten Häup⸗ ter dürfen die Geheimniſſe der Aufnahme eines Bruder⸗ Maurers in den Orden der Illuminaten oder ſeine Ver⸗ werfung kennen.“ Der junge Menſch und der Mann mit der ariſto⸗ kratiſchen Miene zogen ſich in den Gang zurück, durch welchen ſie eingetreten waren. Billot blieb allein. „Nähere Dich,“ ſprach zu ihm der Präſident nach einem kurzen Stillſchweigen, deſſen Zweck es geweſen war, den zwei andereu Candidaten Zeit zu laſſen, ſich zu entfernen. Billot näherte ſich. „Was iſt Dein Name unter den Profanen?“ fragte ihn der Präſident. „Frangois Billot.“ „Was iſt Dein Name unter den Auserwählten?“ „Stärke.“ „Wo haſt Du das Licht geſehen?“ „In der Loge der Volksfreunde in Soiſſons,“ 14⁸ „Welches Alter haſt Du?“* „Sieben Jahre,“ erwiederte Billot. Und er bedeutete durch ein Zeichen, daß er den Meiſtergrad im Freimaurerorden einnehme. „Warum wünſcheſt Du einen Grad zu ſteigen und unter uns aufgenommen zu werden?“ „Weil man mir geſagt hat, dieſer Grad ſei ein Schritt mehr zum allgemeinen Lichte.“ „Haſt Du Pathen?“ „Ich habe Niemand als denjenigen, welcher mir zuerſt und von ſelbſt entgegengekommen iſt und ſich er⸗ boten hat, mich aufnehmen zu laſſen.“ Nach dieſen Worten ſchaute Billot den Präſidenten feſt an. „Mit welchem Gefühle wirſt Du auf dem Wege gehen, den Du Dir willſt öffnen laſſen?“ „Mit dem Haſſe gegen die Mächtigen, mit der Liebe für die Gleichheit.“ „Wer wird uns für dieſe Liebe für die Gleichheit und dieſen Haß gegen die Mächtigen bürgen?“ „Das Wort eines Mannes, der ſein Wort nie ge⸗ brochen hat.“ 3Was hat Dir dieſe Liebe für die Gleichheit einge⸗ ößt?“ „Die niedrige Lage, in der ich geboren bin.“ „Was hat Dir dieſen Haß gegen die Mächtigen eingeflößt?“ „Das iſt mein Geheimniß; dieſes Geheimniß, Du kennſt es. Warum willſt Du mich laut wiederholen laſ⸗ ſen, was ich mir ſelbſt leiſe zu ſagen zögere?“ „Wirſt Du gehen auf dieſem Wege der Gleichheit und machſt Du Dich verbindlich, nach Maßgabe Deiner Kraft und Deiner Gewalt Alles, was Dich umgibt, darauf gehen zu machen?“ „Ja.“ „Wirſt Du nach Maßgabe Deiner Kraft und Dei⸗ 149 ner Gewalt jedes Hinderniß niederſtürzen, das ſich der Freiheit Frankreichs und der Emancipation der Welt widerſetzen ſollte?“ Ja „Biſt Du frei von jeder früheren Verbindlichkeit, oder biſt Du, wenn Du eine Verbindlichkeit übernom⸗ men, wäre ſie den Verſprechungen, die Du geleiſtet, entgegengeſetzt, bereit, ſie zu brechen?“ Ja. Der Präſident wandte ſich an die ſechs verlarvten Häupter und ſagte: „Brüder, dieſer Menſch ſpricht die Wahrheit: ich habe ihn aufgefordert, Einer der Unſeren zu ſein. Ein großer Schmerz feſſelt ihn an unſere Sache durch die Verbrüderung des Haſſes. Er hat ſchon viel gethan für die Revolution und kann noch viel thun. Ich erkläre mich für ſeinen Pathen und bürge für ihn in der Ver⸗ gangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft.“ „Er ſei aufgenommen,“ ſprachen gleichzeitig die ſechs Stimmen. „Du hörſt? rief der Präſident.„Biſt Du bereit, den Eid zu ſchwören?“ „Sage ihn mir vor,“ erwiederte Billot,„und ich werde ihn wiederholen.“ Der Präſident erhob die Hand und ſprach langſam und mit feierlichem Tone: „Im Namen des gekrenzigten Sohnes ſchwöre zu brechen die fleiſchlichen Bande, welche Dich ketten an Vater, Mutter, Brüder, Schweſtern, Frau, Verwandte, Geliebte, Könige, Wohlthäter und jedwedes Weſen, dem Du Treue, Gehorſam, Dankbarkeit oder Dienſtbarkeit gelobt hätteſt.“ Billot wiederholte mit einer Stimme, welche viel⸗ leicht noch feſter, als die des Präſidenten, die Worte, die ihm dieſer vorgeſagt hatte. „Gut,“ ſprach det Präſident.„Von dieſer Stunde — 150⁰ an biſt Du befreit von dem vorgeblichen Eide, den Du dem Vaterlande und den Geſetzen geleiſtet. Schwöre alſo dem neuen Haupte, das Du anerkennſt, zu offen⸗ baren, was Du geſehen oder gethan, geleſen oder ge⸗ hört, erfahren oder errathen haben wirſt, und ſogar auf⸗ zuſuchen und zu erſpähen, was ſich nicht Deinen Augen bieten wird.“ „Ich ſchwöre!“ wiederholte Billot. „Schwöre,“ fuhr der Präſident fort,„zu ehren und u achten das Gift, das Eiſen und das Feuer, als raſche, chere und nothwendige Mittel, um den Erdball durch den Tod von denjenigen zu reinigen, welche die Wahr⸗ heit verächtlich zu machen oder unſeren Händen zu ent⸗ reißen ſuchen.“ „Ich ſchwöre,“ wiederholte Billot „Schwöre, Neapel zu fliehen, Rom zu fliehen, Spa⸗ nien zu fliehen, jedes verfluchte Land zu fliehen. Schwöre, zu fliehen die Verſuchung, etwas zu offenbaren von dem, was Du in unſeren Verſammlungen ſehen und hören kannſt, denn der Blitz würde nicht ſo ſchnell treffen, als Dich, an welchem Orte Du auch verborgen ſein möch⸗ teſt, das unſichtbare und unvermeidliche Meſſer träfe.“ „Ich ſchwöre,“ wiederholte Billot. „Und nun,“ ſprach der Präſident,„lebe im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“ Ein im Schatten verborgener Bruder öffnete die Thüre des Gewölbes, wo, die Beendigung der dreifachen Aufnahme erwartend, die niedrigeren Brüder des Ordens auf⸗ und abgingen. Der Präſident winkte Billot, dieſer verbengte ſich und ging zu den Männern, mit welchen ihn ſo eben der von ihm ausgeſprochene entſetzliche Schwur verbunden hatte. Die Nummer 2,“ ſagte laut der Präſident, als die Thüre wieder hinter dem neuen Adepten geſchloſſen Der die Thüre des Ganges masquirende Vorhang —— 151 wurde langſam aufgehoben, und der ſchwarz gekleidete junge Mann trat ein. Er ließ den Vorhang hinter ſich fallen und blieb auf der Schwelle ſtehen, in Erwartung, daß das Wort an ihn gerichtet würde. „Nähere Dich,“ ſprach der Präſident. Der junge Mann näherte ſich. Es war, wie geſagt, ein junger Mann von kaum zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, der bei ſeiner wei⸗ ßen und zarten Haut für eine Frau hätte gelten können. Die ungeheure, feſt geſchloſſene Halsbinde, die er trug, konnte allein zu jener Zeit glauben machen, der Glanz und die Durchſichtigkeit dieſer Haut haben zur Hauptur⸗ ſache nicht die Reinheit des Bluts, ſondern im Gegen⸗ theil eine verborgene Krankheit; trotz ſeiner hohen Ge⸗ ſtalt und dieſer hohen Halsbinde war ſein Hals verhält⸗ nißmäßig kurz; die Stirne war niedrig und der obere Theil des Kopfes ſchien gedrückt. Hievon kam es her, daß die Haare, ohne länger zu ſein, als man ſie ge⸗ wöhnlich auf der Stirne trug, beinahe die Angen be⸗ rührten und hinter dem Kopfe bis auf die Schultern fielen. Ueberdies war in ſeiner ganzen Perſon eine automatiſche Steifheit, welche aus dieſem jungen Men⸗ ſchen, der kaum auf der Schwelle des Lebens ſtand, einen Geſandten von einer anderen Welt, einen Abgeord⸗ neten des Grabes zu machen ſchien. Der Präſident ſchaute ihn einen Augenblick mit Auf⸗ merkſamkeit an, ehe er ſein Verhör begann. Doch dieſer Blick, eine Miſchung von Erſtaunen und Neugierde, konnte nicht machen, daß der junge Mann ſein ſtarres Ange niederſchlug. Er wartete. „Was iſt Dein Name unter den Profanen?“ „Antoine Saint⸗Juſt.“ „Was iſt Dein Name unter den Auserwählten?“ „Demuth.“ — 152 „Wo haſt Du das Licht geſehen?“ „In der Loge der Humanitarier in Laon.“ „Welches Alter haſt Du?“ „Fünf Jahre,“ erwiederte der Candidat. Und er bedeutete durch ein Zeichen, er ſei Geſelle in der Freimaurerei. „Warum wünſcheſt Du einen Grad zu ſteigen und unter uns aufgenommen zu werden?“ „Weil es im Weſen des Menſchen liegt, nach den Höhen zu ſtreben, und weil auf den Höhen die Luft rei⸗ ner und das Licht glänzender ſind.“ „Haſt Du ein Vorbild?“ „Den Philoſophen von Genf, den Mann der Natur, den unſterblichen Rouſſeau.“ „Haſt Du Pathen?“ „Ja.“ „Wie viele?“ „Zwei.“ „Wer ſind ſie?“ „Robespierre der Aeltere und Robespierre der Jüngere.“ „Mit welchem Gefühle gehſt Du auf dem Wege, den Du Dir willſt öffnen laſſen?“ „Mit dem Glauben.“ „Wohin ſoll dieſer Glaube Frankreich und die Welt führen?“ „Frankreich zur Freiheit, die Welt zur Befreiung.“ „Was würdeſt Du geben, daß Frankreich und die Welt zu dieſem Ziele gelangten?“ „Mein Leben; das iſt das Einzige, was ich beſitze, da ich mein Gut ſchon hingegeben.“ „So wirſt Du alſo gehen auf dieſem Wege der Freiheit und der Befreiung, und machſt Dich anheiſchig nach Maßgabe Deiner Kraft und Deiner Gewalt auf demſelben Alles, was Dich umgibt, gehen zu machen?“ ⸗ 153 „Ich werde auf dieſem Wege gehen und Alles, was mich umgibt, darauf gehen machen.“ „So wirſt Du alſo nach Maßgabe Deiner Kraft und Deiner Gewalt jedes Hinderniß, das ſich Dir auf Deinem Wege entgegenſtellt, niederſtürzen?“ „Ich werde es niederſtürzen.“ „Biſt Du frei von jeder Verbindlichkeit, oder wür⸗ deſt Du, wäre eine von Dir übernommene Verbindlichkeit den Verſprechungen die Du ſo eben geleiſtet, entgegenge⸗ ſetzt, dieſelbe brechen?“ „Ich bin frei.“ Der Präſident wandte ſich wieder an die ſechs Ver⸗ larvten und fragte: „Brüder, habt Ihr gehört?“ „Ja,“ antworteten gleichzeitig die ſechs Mitglieder des höchſten Kreiſes. „Hat er die Wahrheit geſprochen?“ „Ja,“ antworteten ſie abermals. „Seid Ihr der Anſicht, daß er aufgenommen wer⸗ den ſoll?“ „Ja,“ ſagten ſie zum letzten Male. „Biſt Du bereit, den Eid zu ſchwören?“ „Ich bin bereit,“ ſprach Saint⸗Juſt. Da wiederholte der Präſident Vort für Wort in ſeiner dreifachen Periode den Eid, den er ſchon Billot vorgeſagt hatte, und bei jeder Pauſe des Präſidenten erwiederte Saint-Juſt mit ſeiner feſten, ſcharfen Stimme: Ich ſchwöre.“ Als der Eid geſchworen war, öffnete ſich dieſelbe Thüre unter der Hand des unſichtbaren Bruders, und Saint⸗Inſt zog ſich mit demſelben ſteifen und automati⸗ ſchen Schritte zurück. Der Präſident wartete, bis die Thüre des Gewölbes ſich wieder zu ſchließen Zeit gehabt hatte, dann ſprach er mit lauter Stimme: „Die Nummer 3.“ 15⁵4 Der Vorhang wurde zum zweiten Male aufgehoben, und der dritte Adepte erſchien. Dieſer war, wie geſagt, ein Mann von vierzig bis zweiundvierzig Jahren, mit hochgefärbtem, beinahe aus⸗ geſchlagenem Geſichte, ein Mann, der trotz dieſer Zeichen von Gemeinheit in ſeiner ganzen Perſon ein ariſtokrati⸗ ſches Weſen athmete, mit welchem ſich ein mit dem erſten Blicke wahrnehmbarer Duft von Anglomanie verband. Seine Kleidung hatte, obgleich elegant, ein wenig von jener Strenge, die man in Frankreich zu adoptiren anfing, und deren wahre Quelle in den Verbindungen beſtand, welche die Franzoſen mit Amerika angeknüpft hatten. Sein Gang, ohne ſchwankend zu ſein, war weder feſt, wie der von Billot, noch ſteif, wie der von Saint⸗ Juſt. Nur erkannte man in ſeinem Gange, wie in allen ſeinen Bewegungen, ein gewiſſes Zaudern, das ſeine Na⸗ tur zu ſein ſchien. „Nähere Dich,“ ſprach der Präſident. Der Candidat gehorchte. „Was war Dein Name unter den Profanen?“ „Louis Philipp Joſeph Herzog von Orleans.“ „Was iſt Dein Name unter den Auserwählten?“ „Gleichheit.“ „Wo haſt Du das Licht geſehen?“ „In der Loge der freien Menſchen in Paris.“ „Welches Alter haſt Du?“ „Ich habe kein Alter,“ erwiederte der Herzog. Und er bedeutete durch ein Maurerzeichen, daß er mit der Würde des Roſenkreuzers bekleidet ſei. „Warum wünſcheſt Du unter uns aufgenommen zu werden?“ „Weil ich, nachdem ich immer unter den Großen gelebt, endlich unter den Menſchen zu leben wünſche; 155 weil ich, nachdem ich immer unter den Feinden gelebt, endlich unter den Brüdern zu leben wünſche.“ „Haſt Du Pathen?“ „Ich habe zwei.“ „Wie heißen ſie?“ „Der Eine der Haß, der Andere der Ekel.“ „Mit welchem Verlangen wirſt Du auf dem Wege gehen, den Du Dir willſt öffnen laſſen?“ „Mit dem Verlangen, mich zu rächen.“ „An wem?“ „An demjenigen, welcher mich mißkannt, an derjeni⸗ nigen, welche mich gedemüthigt hat.“ „Was würdeſt Du geben, um zu dieſem Ziele zu gelangen?“ „Mein Vermögen, mehr als mein Vermögen, mein Leben; mehr als mein Leben, meine Ehre!“ „Biſt Du frei von jeder Verbindlichkeit, oder wenn Du eine Verbindlichkeit übernommen haſt, die den Ver⸗ ſprechungen, welche Du ſo eben geleiſtet, entgegengeſetzt wäre, würdeſt Du ſie brechen?“ „Seit geſtern ſind meine Verbindlichkeiten alle ge⸗ brochen.“ „Brüder, Ihr habt gehört?“ ſagte der Präſident, indem er ſich an die Verlarvten wandte. „Ja.“ „Ihr kennt denjenigen, welcher erſcheint, um das Werk mit uns zu vollbringen?“ „Ja.“ „Und da Ihr ihn kennt, ſeid Ihr der Anſicht, daß er in unſere Reihen aufgenommen perden ſoll?“ „Ja, doch er ſchwöre.“ „Kennſt Du den Eid, den Du zu ſchwören haſt?“ fragte der Präſident den Prinzen. „Nein, doch ſage ihn mir vor, und welcher es auch ſein mag, ich werde ihn wiederholen.“ „Er iſt entſetzlich, beſonders für Dich.“ 156 „Nicht entſetzlicher, als die Beleidigung, die man mir angethan hat.“ „So entſetzlich, daß wir Dich, nachdem Du ihn ge⸗ hört, für frei erklären, Dich zurückzuziehen, wenn Du bezweifelſt, ob Du ihn im gegebenen Augenblicke in ſeiner ganzen Strenge halten kannſt.“ „Sage ihn.“ Der Präſident heftete auf den Candidaten ſeinen durchdringenden Blick; dann, als hätte er ihn allmälig auf das blutige Verſprechen vorbereiten wollen, kehrte er die Ordnung der Paragraphen um, fing mit dem zweiten an, ſtatt mit dem erſten anzufangen, und prach: . das Eiſen, das Gift und das Feuer zu ehren, als ſichere, raſche und nothwendige Mittel, um den Erdball zu reinigen durch den Tod derjenigen, welche die Wahrheit verächtlich zu machen oder unſeren Händen zu entreißen ſuchen.“ „Ich ſchwöre!“ ſagte der Prinz mit feſter Stimme. „Schwöre,“ fuhr der Präſident fort,„zu brechen die fleiſchlichen Bande, die Dich noch ketten an Vater, Mutter, Brüder, Schweſtern, Frau, Verwandte, Freunde, Geliebte, Könige, Wohlthäter und an jedwedes Weſen, dem Du Treue, Gehorſam, Dankbarkeit oder Dienſtbar⸗ keit gelobt hätteſt.“ Der Herzog blieb einen Angenblick ſtumm, und man konnte einen eiſigen Schweiß auf ſeiner Stirne per⸗ len ſehen. „Ich ſagte es Dir wohl!“ rief der Präſident. Doch ſtatt einfach zu antworten:„Ich ſchwöre,“ wie er es bei dem anderen Paragraph gethan hatte, wieder⸗ holte der Herzog, als hätte er ſich jedes Mittels zur Umkehr benehmen wollen, mit düſterem Tone: „Ich ſchwöre, zu brechen die fleiſchlichen Bande, die mich noch ketten an Vater, Mutter, Brüder, Schweſtern, Frau, Verwandte, Freunde, Geliebte, Könige, Wohlthäter 157 und jedes andere Weſen, dem ich Treue, Gehorſam, Dank⸗ barkeit oder Dienſtbarkeit gelobt hätte.“ Der Präſident wandte ſich gegen die Verlarvten, die einander anſchauten, und man ſah wie Blitze ihre Blicke durch die Oeffnungen ihrer Larven glänzen. Dann ſprach er zum Prinzen: „Lonis Philipp Joſeph Herzog von Orleans, von dieſem Angenblick an biſt Du befreit von dem Schwure, den Du dem Vaterlande und den Geſetzen geleiſtet; nur vergiß Eines nicht: daß der Blitz nicht ſchneller trifft als, an welchem Orte Du auch verborgen ſein möchteſt, das unſichtbare und unvermeidliche Meſſer treffen würde. Lebe nun im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ Nachdem er ſo geſchloſſen, bezeichnete der Präſident mit der Hand dems rinzen die Thüre des Gewölbes, die ſich vor ihm öffnete. Wie ein Menſch, der eine das Maß ſeiner Kräfte überſteigende Laſt aufgehoben, fuhr der Prinz mit ſeiner Hand über ſeine Stirne, athmete geräuſchvoll, machte eine Anſtrengung, um ſeine Füße von der Erde loszurei⸗ ßen, und rief, während er in das Gewölbe ſtürzte: „Ha! ich werde mich alſo rächen!. LXVI. Bechenſchaftsbericht. Als ſie allein waren, wechſelten die ſechs Verlarvten und der Präſident ein paar Vorte mit leiſer Stimme. 15⁸ Dann ſagte Caglioſtro laut: „Es mögen Alle eingeführt werden; ich bin bereit, die Rechenſchaft, die ich verſprochen, abzulegen.“ Sogleich wurde die Thüre geöffnet, die Mitglieder der Verbindung, welche zu zwei und zwei auf und ab gingen oder in Gruppen in den Gruftgewölben plauder⸗ ten, wurden eingeführt und füllten abermals den gewöhn⸗ lichen Saal der Sitzungen. Kaum hatte man die Thüre wieder hinter dem letz⸗ ten Affiliirten geſchloſſen, als Caglioſtro, die Hand aus⸗ ſtreckend wie ein Menſch, der den Werth der Zeit kennt und nicht eine Secunde davon verlieren will, mit lauter Stimme begann: „Brüder, Einige von Euch wohnten vielleicht einer Verſammlung bei, welche gerade vor zwanzig Jahren fünf Meilen vom Ufer des Rheins, zwei Meilen vom Dorfe Dannenfels, in einer der Grotten des Donnersbergs ſtattfand. Wohnten Einige von Euch derſelben bei, ſo mögen dieſe ehrwürdigen Stützen der großen Sache, die wir ergriffen haben, die Hand aufheben und ſagen:„„Ich war dabei!““ Fünf bis ſechs Hände erhoben ſich aus der Menge und bewegten ſich über den Köpfen. Zu gleicher Zeit wiederholten fünf bis ſechs Stim⸗ men, wie es der Präſident verlangt hatte: „Ich war dabei.“ „Gut, das iſt Alles, was ich brauche,“ ſprach der Redner;„die Andern ſind todt oder arbeiten auf der Oberfläche der Erde zerſtreut am gemeinſchaftlichen Werke, einem heiligen Werke, weil es das der ganzen Menſchheit iſt. Vor zwanzig Jahren war dieſes Werk, das wir in ſeinen verſchiedenen Perioden verfolgen werden, kaum begonnen; damals war der Tag, der uns erleuchtet, kaum in ſeinem Oſten, und die feſteſten Blicke ſahen die Zukunft nur durch die Wolke, die das Auge der Auser⸗ ſo er 32 n n n, t. ie p⸗ 159 wählten allein zu durchdringen vermag. Dieſer Verſamm⸗ lung werde ich erklären, durch welches Wunder der Tod, der für den Menſchen nur das Vergeſſen der abgelaufe⸗ nen Zeiten und der vergangenen Ereigniſſe iſt, nicht für mich beſtand, oder mich vielmehr, ſeit zwanzig Jahrhun⸗ derten, zweiunddreißigmal ins Grab gelegt, ohne daß die verſchiedenen Körper, die ephemeren Erben meiner un⸗ ſterblichen Seele, dieſes Vergeſſen erlitten hätten, das, wie geſagt, der einzige wahre Tod iſt. Ich konnte alſo durch die Jahrhunderte der Entwickelung des Wortes Chriſti folgen und die Völker langſam, aber ſicher von der Sklaverei zur Knechtſchaft und von der Knechtſchaft zu jenem Zuſtande des Aufathmens, der der Freiheit vor⸗ angeht, übergehen ſehen. Wie Sterne der Nacht, die ſich beeilen und, ehe die Sonne untergegangen iſt, ſchon am Himmel glänzen, haben wir nach und nach verſchie⸗ dene kleine Völker, verſchiedene Städte unſeres Europa es mit der Freiheit verſuchen ſehen: Rom, Venedig, Flo⸗ renz, die Schweiz, Genna, Piſa, Lucca, Arezzo, dieſe Städte des Süden, wo ſich die Blüthen raſcher öffnen, wo die Früchte früher reifen, machten nach einander Verſuche mit Republiken, von denen zwei bis drei die Zeit überlebt haben und heute noch dem Bündniſſe der Könige trotzen; doch alle dieſe Republiken waren und ſind mit der Urſünde befleckt: die einen ſind ariſtokra⸗ tiſch, die andern oligarchiſch, wieder andere despotiſch; Genua, zum Beiſpiel, eine von denen, welche noch beſte⸗ hen, iſt hochadelig; die Einwohner, einfache Bürger in ihr, ſind anßerhalb ihrer Mauern alle von Adel. Nur die Schweiz allein hat einige demokratiſche Inſtitutionen; doch ihremitten unter Gebirgen verlorenen, unmerkbaren Can⸗ tone ſind weder ein Beiſpiel, noch eine Unterſtützung für das Menſchengeſchlecht. Dies war es alſo nicht, was wir brauch⸗ ten; wir brauchten ein großes Land, das den Impuls nicht empfing, ſondern gab; ein ungeheures Räderwerk, 15⁰ in das Europa eingriff; einen Planeten, der, indem er ſich entflammte, die Welt erleuchten konnte!“ Ein beifälliges Gemurmel durchlief die Verſamm⸗ lung. Caglioſtro führ mit begeiſterter Miene fort: „Ich befragte Gott, den Schöpfer jedes Dinges, den Regierer jeder Bewegung, die Quelle jedes Fort⸗ ſchrittes, und ich ſah, daß er mit dem Finger auf Frank⸗ reich deutete. In der That, Frankreich, katholiſch ſeit dem 5. Jahrhundert, national ſeit dem 11., unitariſch ſeit dem 16., Frankreich, das der Herr ſelbſt ſeine ge⸗ liebte Tochter genannt hat, ohne Zweifel, um das Recht zu haben, es in den großen Stunden der Hingebung an das Kreuz der Menſchheit zu ſchlagen, wie er es mit Chriſtus gethan; in der That, Frankreich, nachdem es alle Formen der monarchiſchen Regierung, Fendalität, Ober⸗ herrſchaft und Ariſtokratie, abgenutzt, Frankreich ſchien uns am meiſten geeignet, unſern Einfluß zu erfahren und zu er⸗ wiedern, und wir beſchloſſen, geführt durch den himmli⸗ ſchen Strahl, wie es die Iſraeliten durch die Feuerſäule waren, wir beſchloſſen, Frankreich ſollte zuerſt frei ſein. Werft die Blicke auf Frankreich vor zwanzig Jahren, und Ihr werdet ſehen, daß eine große Kühnheit oder vielmehr ein erhabener Glaube dazu gehörte, um ein ſol⸗ ches Werk zu unternehmen. „Frankreich vor zwanzig Jahren war noch, in den ſchwachen Händen von Ludwig XV., das Frankreich von Ludwig XIV., das heißt, ein großes, ariſtokratiſches Königreich, wo alle Rechte den Adeligen, alle Privilegien den Reichen vorbehalten waren. An der Spiße dieſes Staates ſtand ein Maun, der zugleich das, was es Er⸗ habenſtes und Niedrigſtes, Größtes und Kleinſtes gibt, Gott und das Volk repräſentirte. Dieſer Mann konnte mit einem Wort einen Menſchen reich oder arm, glück⸗ lich oder unglücklich, frei oder gefangen, lebendig oder todt machen. Dieſer Mann hatte drei Enkel, drei Prin⸗ zen berufen, ihm⸗auf dem Throne zu folgen. Der Zu⸗ — W* —— ——* S v 5 e r 161 fall wollte, daß derjenige, welcher durch die Natur zu ſeinem Nachfolger bezeichnet worden war, es auch durch die öffentliche Stimme geworden wäre, wenn es damals eine öffentliche Stimme gegeben hätte. Man nannte ihn gut, gerecht, redlich, uneigennützig, unterrichtet, beinahe Philoſoph. Um auf immer die unheilvollen Kriege zu vernichten, welche in Europa die unſelige Erbfolge von Karl II. entzündet hatte, wählte man für ihn die Tochter von Maria Thereſia; die zwei großen Nationen, welche das wahre Gegengewicht von Europa find, Frankreich am Ufer des atlantiſchen Oceans, Oeſterreich am Ufer des ſchwarzen Meeres, ſollten unauflöslich verbunden ſein; das war ſo von Maria Thereſia, dem erſten poli⸗ tiſchen Kopfe Europas, berechnet worden. In dieſem Angenblick, wo Frankreich, geſtützt auf Oeſterreich, Ita⸗ lien und Spanien, in eine neue erſehnte Regierung ein⸗ gehen ſollte, wählten wir, nicht Frankreich, um das erſte der Königreiche daraus zu machen, ſondern die Franzoſen, um das erſte der Völker aus ihnen zu bilden. Nur fragte man ſich, wer in dieſe Höhle des Löwen eintreten, wel⸗ cher chriſtliche Theſeus, geleitet durch das Licht des Glau⸗ bens, die Krümmungen des ungeheuren Labyrinthes durchlaufen und dem königlichen Minotaurus trotzen ſollte. Ich antwortete:„„Ich.““ Dann, da einige glühende Geiſter, einige unruhige Organiſationen ſich erkundigten, wie viel Zeit ich brauche um die erſte Peripde meines Werkes, das ich in drei Perioden abgetheilt hatte, zu vollbringen, verlangte ich zwanzig Jahre. Man ſchrie auf. Begreift Ihr wohl2 die Menſchen waren Sklaven oder Leibeigene ſeit zwanzig Jahrhunderten, und man ſchrie auf, als ich zwanzig Jahre verlaugte, um ſie frei zu machen!“ 3 Caglioſtro ließ ſeinen Blick auf der Verſammlung umherlaufen, in der ſeine Worte ironiſches Lächeln her⸗ vorgerufen hatten. Die Gräfin von Charny. W. 11 162 Dann fuhr er fort: „Endlich erhielt ich dieſe zwanzig Jahre; ich gab unſern Brüdern den bekannten Wahlſpruch: Lilia pedibus destrue, und ich ſchritt zum Werke, indem ich Jeden aufforderte, daſſelbe zu thun. Ich trat in Frankreich im Schatten der Triumphbögen ein; die Lorbeeren und die Roſen machten eine Straße von Blumen und von Blätter⸗ werk von Straßburg bis Paris. Jeder rief:„„Es lebe die Danphine! es lebe die zukünftige Königin!““ Die ganze Hoffnung des Königreichs hing an der Fruchtbar⸗ keit der rettenden Vermählung. Ich will mir nun weder den Ruhm der Initiative, noch das Verdienſt der Er⸗ eigniſſe geben. Gott war mit mir, er hat geſtattet, daß ich die götiliche Hand ſah, welche die Zügel ſeines Feuerwagens hielt. Gott ſei gelobt! Ich habe die Steine vom Wege entfernt, ich habe eine Brücke über die Flüſſe geſchlagen, ich habe die Abgründe ausgefüllt, und der Wagen iſt fortgerollt,— das iſt Alles. Seht nun, Brüder, was ſeit zwanzig Jahren in Erfüllung ge⸗ gangen iſt: „Die Parlamente aufgelöſt; „Ludwig XV., genannt der Vielgeliebte, geſtorben unter der allgemeinen Verachtung; „Die Königin ſieben Jahre unfruchtbar, nach Ver⸗ lauf von ſieben Jahren beſtrittene Kinder gebärend; an⸗ gegriffen als Mutter bei der Geburt des Dauphin, entehrt als Frau bei der Halsbandgeſchichte; „Der König geſalbt unter dem Titel Ludwig der Erſehnte, unmächtig in der Politik, wie in der Liebe, von Utopien zu Utopien bis zum Bankerott, von Mini⸗ ſter zu iniſter bis zu Herrn von Calonne getrieben; „Die Verſammlung der Notablen zuſammenberufen und die Reichsſtände decretirend;. „Die Reichsſtände, ernannt durch allgemeine Abſtim⸗ mung, ſich zur Nationalverſammlung erklärend; 6 —** —————— 163 „Der Adel und die Geiſtlichkeit durch den dritten Stand beſiegt; „Die Baſtille genommen; „Die fremden Truppen aus Paris und Verſailles verjagt; „Die Nacht vom 4. Auguſt der Ariſtokratie die Nich⸗ tigkeit des Adels zeigend; „Die Nacht vom 5. und 6 October dem König und der Königin die Richtigkeit des Königthums zeigend; „Der 14 Juli 1790 der Welt die Einheit Frank⸗ reichs zeigend; „Die Prinzen durch die Emigration um die Gunſt des Volkes gebracht; „Monſieur durch den Prozeß von Favras ſeiner Po⸗ pularität verluſtig; Endlich die Conſtitution auf dem Altar des Va⸗ terlandes beſchworen; der Präſident der Nativnalver⸗ ſammlung auf einem Throne, dem des Königs ähnlich, ſitzend; das Geſetz und die Nation unter ihnen ſitzend; das aufmerkſame Europa, das ſich gegen uns neigt, ſchweigt und wartet! Alles, was nicht Beifall klatſcht, zittert „Brüder, iſt Frankreich wohl das, was ich geſagt habe, daß es ſein werde, das heißt, das Räderwerk, in welches Europa eingreift, die Sonne, in der ſich die Welt erleuchtet?“ „Ja! ja! ja!“ riefen alle Stimmen. „Brüder,“ fuhr Caglioſtro fort,„glaubt Ihr das Werk ſei genug vorgerückt, daß man es ſich ſeldſt über⸗ laſſen könne, glaubt Ihr, nachdem die Conſtitution be⸗ ſchworen, könne man dem königlichen Eide trauen?“ „Nein! nein! nein!“ riefen alle Stimmen. „Dann muß man die zweite revolutionäre Periode des großen demokratiſchen Werkes beginnen. In Euren Augen, wie in den meinigen, ich bemerke es mit Freude, iſt die Föderation von 1790 kein Ziel, ſondern ein Halt⸗ 164 Wohl, der Halt iſt gemacht, man hat ausgeruht, der Hof iſt wieder zu ſeinem Werke der Gegenrevolution geſchrit⸗ ten; umgürten wir auch unſere Lenden, begeben wir uns wieder auf den Weg. Ohne Zweifel werden für die furchtſamen Gemüther viele Stunden der Beſorgniß, viele Augenblicke der Ohnmacht kommen; oft wird der Strahl, der uns erleuchtet, zu erlöſchen, die Hand, die uns führt, uns zu verlaſſen ſcheinen. Mehr als einmal wird während dieſer langen Periode, die wir noch zu vollbringen haben, die Partie gefährdet, verloren ſogar durch einen unvorhergeſehenen Vorfall, durch ein unver⸗ muthetes Ereigniß ſcheinen; Alles wird uns Uurecht zu geben ſcheinen; die ungünſtigen Umſtände, der Triumph unſerer Feinde, der Undank unſerer Mitbürger; Manche, und zwar vielleicht ſogar von den Gewiſſenhafteſten, werden dazu kommen, daß ſie ſich ſelbſt nach ſo vielen wirklichen Anſtrengungen und nach ſo vielem ſcheinbarem Unvermögen fragen, ob ſie nicht einen falſchen Weg ein⸗ geſchlagen, ob ſie nicht den ſchlimmen Pfad betreten haben. Nein, Brüder, nein! Ich ſage es Euch zu dieſer Stunde, und meine Worte mögen ewig in Eurem Ohre tönen, beim Siege wie das Geſchmetter der Trompeten des Triumphes, bei der Niederlage wie eine Sturmglocke; nein, die leitenden Völker haben eine heilige Sendung, welche ſie providentiell, nach dem Verhängniß, erfüllen müſſen; der Herr, der ſie führt, hat ſeine geheimnißvollen Wege und offenbart ſich unſeren Angen nur im Glanze ihrer Vollendung; oft entzieht ihn eine Wolke unſeren Blicken, und man glaubt, er ſei abweſend; oft weicht eine Idee zurück und ſcheint im Abzuge begriffen zu ſein, da nimmt ſie im Gegentheil, wie jene Ritter der Turniere des Mittelalters, Raum, um ihre Lanze einzu⸗ legen und aufs Neue, erfriſcht und glühender, auf ihren Gegner loszuſprengen. Brüder! Brüder! das Ziel, nach dem wir ſtreben, iſt der auf dem hohen Berge ént⸗ zündete Leuchtthurm; zwanzigmal auf dem Wege laſſen 4„— 165 uns die Unebenheiten des Terrain denſelben aus dem Geſichte verlieren, und man hält ihn für erloſchen; dann murren die Schwachen, beklagen ſie ſich, ſtehen ſtille und ſagen:„Wir haben nichts mehr, was uns führt, wir marſchiren in der Nacht, bleiben wir, wo wir ſind; warum ſollen wir uns verirren?““ Die Starken gehen lächelnd und vertrauensvoll weiter, und bald erſcheint der Leucht⸗ thurm wieder, um abermals zu verſchwinden und wieder zu erſcheinen, und jedes Mal ſichtbarer und glänzender, denn er iſt näher! Und ſo werden kämpfend, ausdauernd und beſonders glaubend die Auserwählten der Welt zum Fuße des rettenden Leuchtthurmes kommen, deſſen Licht eines Tages nicht nur Frankreich, ſondern alle Völker erhellen ſoll. Schwören wir alſo, Brüder, ſchwören wir für uns und unſere Nachkommen, denn die Idee oder das ewige Princip verbrauchen oft in ihrem Dienſte mehrere Generationen, ſchwören wir alſo für uns und unſere Nachkommen, nicht eher anzuhalten, als bis wir ihn auf der ganzen Erde feſtgeſtellt haben, den heiligen Wahlſpruch Chriſti, deſſen erſten Theil wir ſchon oder beinahe errungen, den Wahlſpruch: Freiheit, Gleichheit, Brüderſchaft!“ Auf dieſe Worte von Caglioſtro folgte ſchallender Beifall; doch unter den Rufen und Bravos machten ſich, auf die allgemeine Begeiſterung niederfallend wie jene eiskalten Waſſertropfen, welche vom Gewölbe eines feuchten Felſen auf eine von Schweiß triefende Stirne fallen, aus⸗ geſprochen von einer ſcharfen, ſchneidenden Stimme die Worte hörbar: „Ja, ſchwören wir, doch zuvor erkläre uns, wie Du dieſe drei Worte verſtehſt, damit wir, Deine einfa⸗ chen Apoſtel, ſie nach Dir erklären können.“ Ein durchdringender Blick von Caglioſtro durch⸗ furchte die Menge und beleuchtete, wie der Strahl eines das bleiche Geſicht des Abgeordneten von rras. 166 „Es ſei!“ ſagte Caglioſtro„höre alſo, Maximilian.“ Dann erhob er zugleich die Hand und die Stimme, um ſich an die Menge zu wenden, und rief: „Höret, Ihr Alle!“ LXVII. Freiheit! Gleichheit! Vrüderſchaft! Es trat in der Verſammlung jenes feierliche Still⸗ ſchweigen ein, welches das Maß von der Wichtigkeit gibt, die man dem was man hören ſoll, gewährt. Caglioſtro ſprach: „Ja, man hat Recht gehabt, mich zu fragen, was die Freiheit ſei, was die Gleichheit ſei, was die Brüder⸗ ſchaft ſei; ich will es Euch ſagen Fangen wir mit der Freiheit an. Und vor Allem, Brüder, vermengt die Freiheit nicht mit der Unabhängigkeit; das ſind nicht zwei Schweſtern, die ſich gleichen, das ſind zwei Fein⸗ dinnen, die ſich haſſen. Beinahe alle Völker, welche ein Gebirgsland bewohnen, ſind unabhängigz ich weiß nicht, ob man ſagen kann, daß ein einziges, die Schweiz ausgenommen, wirklich frei iſt. Niemand wird leugnen, daß der Calabreſe, der Corſe und der Schottländer un⸗ abhängig ſind. Kein Menſch wird behaunten wollen, ſie ſeien frei. Es finde ſich der Calabrefe in ſeiner Phan⸗ taſie, der Corſe in ſeiner Ehre, der Schottländer in ſei⸗ nen Intereſſen verletzt, ſo wird der Calabreſe, der ſeine Zuflucht nicht zur Gerechtigkeit nehmen kann, weil es bei einem unterdrückten Volke keine Gerechtigkeit gibt, 167 der Calabreſe, ſage ich, wird an ſeinen Dolch, der Corſe an ſein Stilett, der Schotte an ſeinen Dirk appelliren; er ſchlägt, ſein Feind fällt, er iſt gerächt; das Gebirge iſt da, das ihm ein Aſyl bietet, und in Ermangelung der, vergebens vom Menſchen der Städte angerufenen, Frei⸗ heit findet er die Unabhängigkeit der tiefen Höhlen, der großen Wider der hohen Gipfel, das heißt, die Unab⸗ hängigkeit des Fuchſes, der Gemſe und des Adlers. Doch Adler, Gemſe und Fuchs, unenpfindliche, unver⸗ änderliche, gleichgültige Zuſchauer des großen menſchlichen Dramas, das ſich unter ihren Augen entrollt, ſind auf den Inſtinct beſchränkte und der Einſamkeit geweihte Thiere; die urſprünglichen, alten, man könnte ſagen, müt⸗ terlichen Civiliſationen, die Civiliſationen Indiens, Etru⸗ riens, Kleinaſiens, Griechenlands und Latiums, haben ihre Wiſſenſchaften, ihre Religionen, ihre Künſte, ihre Poeſieen vereinigend wie ein Bündel von Lichtern, die ſie auf die Welt ſchüttelten, um in ihrer Wiege und in ihren Entwickelungen die moderne Civiliſativn zu er⸗ leuchten, die Füchſe in ihren Bauen, die Gemſen auf ihren Gipfeln, die Adler inmitten ihrer Wolken gelaſſen; für ſie blühen die Wiſſenſchaften, doch es gibt keinen Fortſchritt; für ſie werden die Nationen geboren, wach⸗ ſen und fallen, doch es gibt keine Lehre. Das iſt ſo, weil die Vorſehung den Kreis ihrer Fähigkeiten auf den Inſtinct der individuellen Erhaltung beſchränkt hat, wäh⸗ rend von Gott dem Menſchen die Kenntniß des Guten und des Böſen, das Gefühl des Gerechten und des Un⸗ gerechten, die Abneigung gegen die Vereinzelung, die Liebe für die Geſellſchaft verliehen worden ſind. Darum hat ſich der Menſch, der einſam wie der Fuchs, ſcheu wie die Gemſe, vereinzelt wie der Adler geboren worden iſt, in Familien vereinigt, in Städten zuſammengezogen, in Völkern conſtituirt. Somit, Brüder, hat, wie ich Euch ſagte, das Individuum, das ſich abſondert, nur ein 168 Recht auf die Unabhängigkeit, während im Gegentheil die Menſchen, die ſich vereinigen, ein Recht auf die Frei⸗ heit haben. Die Freiheit. „Das iſt keine urſprüngliche und an und für ſich beſtehende Subſtanz wie das Geld; es iſt eine Blüthe, es iſt eine Frucht, es iſt eine Kunſt, kurz, es iſt ein Product; man muß ſie pflegen, damit ſie ſich erſchließt und reift. Die Freiheit iſt das Recht für Jeden, zu Gunſten ſeines Intereſſes, ſeiner Befriedigung, ſeiner Wohlfahrt, ſeiner Beluſtigung, ſeines Ruhmes Alles zu thun, was das Intereſſe der Anderen nicht verletzt; es iſt die Abtretung eines Theiles der individuellen Unab⸗ hängigkeit, um daraus einen Grundſtock allgemeiner Freiheit zu machen, aus welchem Jeder, wenn die Reihe an ihm iſt und in gleichem Maße ſchöpft; die Freiheit iſt mehr als Alles dies; es iſt die im Angeſichte der Welt übernommene Verbindlichkeit, die Summe der Lichter, der Fortſchritte, der Privilegien, die man errun⸗ gen hat, nicht in dem ſelbſtſüchtigen Kreiſe eines Volkes, einer Nation, einer Race einzuſchließen, ſondern ſie im Gegentheil mit vollen Händen zu verbreiten, ſei es als einzelner Menſch, ſei es als Geſellſchaft, ſo oft ein ar⸗ mes Individuum oder eine dürftige Geſellſchaft Euch auffor⸗ dert, Euren Schatz mit ihm zu theilen. Und befürchtet nicht, dieſen Schaß zu erſchöpfen, denn die Freiheit hat das göttliche Vorrecht, ſich gerade durch die Verſchwen⸗ dung zu vervielfältigen, ähnlich jener Urne der großen die Erde befeuchtenden Ströme, welche an ihrer Quelle um ſo voller iſt, je mehr die Ströme an ihrer Mündung Ueberfluß an Waſſer haben. Das iſt die Freiheit; eine himmliſche Manna, auf die Jeder ein Recht hat, und die das auserwählte Volk, für die ſie fällt, mit jedem Volke theilen muß, das ſeinen Theil fordert. Das iſt die Freiheit, wie ich ſie verſtehe,“ fuhr Caglioſtro fort, 169 ohne daß er ſich nur herabließ, demjenigen, welcher ihn interpellirt hatte, perſönlich zu antworten.„Gehen wir zur Gleichheit über.“ Ein ungeheures Gemurmel des Beifalls erhob ſich bis zu den Gewölben und umſchlang den Redner mit jener Liebkoſung, der ſüßeſten von allen, wenn nicht für das Herz, doch wenigſtens für den Stolz des Menſchen, die man die Popularität nennt. Doch er, als ein an dieſe menſchlichen Huldigungen ge⸗ wöhnter Mann, ſtreckte die Hand aus, um Stillſchweigen zu verlangen. „Brüder,“ ſprach er,„die Stunde vergeht, die Zeit iſt koſtbar, jede Minute von dieſer Zeit gräbt, benüßt von den Feinden unſerer heiligen Sache, einen Abgrund unter unſeren Schritten oder wirft ein Hinderniß auf unſerem Wege auf. Laßt mich Euch alſo ſagen, was die Gleichheit iſt, wie ich Euch geſagt habe, was die Freiheit iſt.“ Es wurde in Folge dieſer Worte ein vielſeitiges: St! ſt! hörbar, dann trat abermals ein tiefes Still⸗ ſchweigen ein, unter dem ſich die Stimme von Caglioſtro klar, ſonor, nachdrucksvoll erhob. „Brüder,“ ſprach er,„ich thue Euch nicht die Be⸗ leidigung an, daß ich glaube, ein Einziger von Euch habe unter dem verführeriſchen Worte Gleichheit einen Angenblick die Gleichheit der Materie und der Intel⸗ ligenz begriffen; nein, Ihr wißt ſehr wohl, daß die eine und die andere Gleichheit der wahren Philoſophie wider⸗ ſtreiten, und die Natur ſelbſt hat dieſe große Frage ſcharf dadurch entſchieden, daß ſie den Iſop zur Eiche, den Hügel zum Berge, den Bach zum Fluſſe, den See zum Ocean, die Dummheit zum Genie geſtellt. Alle Decrete der Welt werden den Chimborazo, den Himalaya oder den Mont⸗Blanc nicht um eine Elle erniedrigen; alle Beſchlüſſe einer Verſammlung von Menſchen werden die Flamme, welche auf der Stirne von Homer, von Dante 170 und Shakespeare glänzt, nicht auslöſchen. Niemand konnte den Gedanken haben, die vom Geſetze ſanctionirte Gleichheit werde die materielle und phyſiſche Gleichheit ſein; von dem Tage, wo dieſes Geſetz in die Tafeln der Conſtitution eingezeichnet ſei, werden die Generationen die Größe von Goliath, den Muth des Cid, das Genie von Voltaire haben; nein, Individuen und Maſſe, haben wir vollkommen begriffen und müſſen wir vollkommen begreifen, daß es ſich einfach um die ſociale Gleichheit handelt. Brüder, was iſt aber die ſociale Gleichheit? Die Gleichheit. „Es iſt die Aufhebung aller übertragbaren Privile⸗ gien; der freie Zugang zu jedem Amte, zu jedem Grade, zu jedem Range; es iſt die dem Verdienſte, dem Genie, der Tugend bewilligte Belohnung und nicht mehr die Apanage einer Kaſte, einer Familie oder einer Race. So iſt oder wird vielmehr der⸗Thron, angenommen, es bleibe ein Thron, nur noch eiſ höherer Poſten ſein, zu welchem der Würdigſte gelangen kann, während auf niedrigeren Stufen und nach ihren Verdienſten diejenigen ſtehen bleiben werden, welche ſecundärer Poſten würdig ſind, ohne daß man ſich in Betreff der Könige, der Miniſter, der Räthe, der Generale, der Richter einen Augenblick mehr, wenn man ſie angekommen ſieht, darum bekümmert, von wo ſie ausgegangen ſind. Es werden alſo Königthum oder Magiſtratur, Monarchenthron oder Präſidentenſtuhl nicht mehr die erbliche Apanage der Race ſein: Wahl. Alſo für den Rath, für den Krieg, für die Rechtspflege kein Privilegium in der Race mehr: Befähigung. Alſo für die Künſte, für die Wiſſenſchaften, für die Literatur keine Gunſt mehr: Wetteifer. Das iſt die ſociale Gleichheit! Dann, ſo wie mit der nicht nur unentgeldlichen und Allen zugäng⸗ lichen, ſondern für Alle zwangsweiſen Erziehung die Ideen wachſen werden, muß die Gleichheit mit ihnen d te it r e t 171 ſteigen; die Gleichheit, ſtatt mit den Füßen im Kothe zu bleiben, muß ihren Sitz auf den höchſten Gipfeln haben; eine große Nation wie die franzöſiſche darf nur die Gleichheit anerkennen, welche erhebt, und nicht die, welche erniedrigt; die Gleichheit, welche erniedrigt, iſt nicht mehr die des Titanen, es iſt die des Banditen; es iſt nicht das kaukaſiſche Lager von Prometheus, es iſt das Bett von Prokruſtes.— Das iſt die Gleichheit.“ Eine ſolche Definition mußte nothwendig alle Stimmen in einer Geſellſchaft von Menſchen mit erha⸗ benem Geiſte, mit ehrgeizigem Herzen vereinigen, wo Jeder, abgeſehen von einigen ſeltenen Ausnahmen von Beſcheidenheit, natürlich in ſeinem Nachbar eine von den Stufen ſeiner zukünftigen Erhebung ſehen durfte. Das Geſchrei, das Stampfen mit den Füßen, die Hurrahs und die Bravos brachen auch los und bezeugten, daß ſelbſt diejenigen, und es waren ſolche in der Verſamm⸗ lung, welche, im Augenblicke der Ausübung, die Gleich⸗ heit auf eine andere Art treiben ſollten, als Caglioſtro ſie verſtand, doch in dieſer Stunde der Theorie die Gleichheit ſo annahmen, wie ſie das mächtige Genie des ſeltſamen Hauptes, das ſie ſich gewählt, begriff. Aber Caglioſtro, glühender, erleuchteter glänzender, je mehr die Frage wuchs und größer wurde, verlangte Stillſchweigen, wie er es ſchon gethan, und fuhr mit einer Stimme fort, in welcher man unmöglich die ge⸗ ringſte Ermüdung erkennen oder das leichteſte Zögern wahrnehmen konnte: Brüder, wir ſind nun zum dritten Worte des Wahlſpruches gelangt, zu dem, welches die Menſchen zu begreifen am längſten brauchen werden, und das ohne Zweifel aus dieſem Grunde der große Civiliſator zuletzt geſetzt hat. Brüder, wir ſind zur Brüderſchaft gelangt. Brüderſchaft. „Oh! großes Wort, wenn es wohl begriffen wird! 172 erhabenes Wort, wenn es gut erklärt wird! Gott behüte mich, daß ich ſage, derjenige, welcher, da er die Höhe dieſes Wortes ſchlecht gemeſſen, es in ſeiner engen Be⸗ deutung nehme, um es auf die Einwohner eines Dorfes, auf die Bürger einer Stadt, auf die Menſchen eines Königreichs anzuwenden, ſei ein ſchlechtes Herz. Nein, Brüder, nein, das wird nur ein armſeliger Geiſt ſein. Beklagen wir die armſeligen Geiſter, ſuͤchen wir die bleiernen Sandalen der Mittelmäßigkeit abzuſchütteln. Als Satan Jeſus in Verſuchung führen wollte, brachte er ihn auf den höchſten Berg der Welt, von wo aus er ihm alle Reiche der Erde zeigen konnte, und nicht auf den Thurm von Nazareth, wo er ihn nur die armen Dörfer von Judäa ſehen zu laſſen vermochte. Brüder, nicht auf eine Stadt, nicht einmal auf ein Königreich muß man die Brüderſchaft anwenden, man muß ſie auf die ganze Welt erſtrecken. Brüder, es wird ein Tag kommen, wo das Wort, das uns geheiligt ſcheint: das Vaterland, wo ein zweites Wort, das uns heilig ſcheint: die Nationalität, verſchwinden werden wie jene Theatervorhänge, die man nur proviſoriſch herunter⸗ läßt, um den Malern und Maſchiniſten die Zeit zu ge⸗ ben, endloſe Fernſichten, unermeßliche Horizonte vorzu⸗ bereiten. Brüder, es wird ein Tag kommen, wo die Menſchen, welche ſchon die Erde und das Waſſer erobert haben, das Feuer und die Luft erobern werden; wo ſie Flammenroſſe nicht allein an den Geiſt, ſondern auch an die Materie anſpannen werden; wo die Winde, welche heute nur unbotmäßige Couriere des Sturmes ſind, die verſtändigen und gelehrigen Boten der Civiliſation ſein werden. Brüder, es wird endlich ein Tag kommen, wo die Völker durch die Communicationsmittel der Erde und der Luft, gegen welche die Könige keine Macht be⸗ ſitzen, begreifen werden, daß ſie mit einander durch die Solidarität der vergangenen Schmerzen verbunden ind, daß dieſe Könige, die ihnen die Waffen in die Hand — 173 gegeben, um ſich einander zu vertilgen, ſie nicht zum Ruhme, wie ſie ihnen ſagten, ſondern zum Brudermorde angetrieben, und daß ſie fortan der Rachwelt werden Rechenſchaft geben müſſen über jeden dem geringſten Mitgliede der großen menſchlichen Familie entzogenen Blutstropfen. Dann, Brüder, werdet Ihr ein prächtigtes Schauſpiel im Angeſichte des Herrn ſich entrollen ſehen; jede erkünſtelte, jede ideale Grenze wird verſchwinden; die Flüſſe werden nicht mehr ein Hemmniß, die Berge werden nicht mehr ein Hinderniß ſein; von einer Seite der Flüſſe zur andern werden ſich die Völker die Hand reichen, und auf jedem hohen Berggipfel wird ſich ein Altar erheben, der Altar des Vaterlands. Brüder! Brüder! Brüder! ich ſage Euch, das iſt die wahre Brü⸗ derſchaft des Apoſtels. Chriſtus iſt nicht geſtorben, um die Nazaräer allein zu erlöſen, Chriſtus iſt geſtorben, um alle Völker der Erde zu erlöſen. Macht alſo aus den drei Worten Freiheit, Gleichheit, Brüderſchaft nicht nur den Wahlſpruch von Frankreich; ſchreibt ſie auf das Labarum der Menſchheit als den Wahlſpruch der Welt. Und nun gehet, Brüder, Eure Aufgabe iſt groß, ſo groß, daß, durch welches Thal der Thränen oder des Blutes Ihr auch ſchreiten möget, Eure Nach⸗ kommen Euch um die heilige Sendung, die Ihr erfüllt, beneiden, und, wie jene Kreuzfahrer, die ſich immer zahl⸗ reicher und gedrängter auf den nach den heiligen Orten führenden Wegen folgten, werden ſie nicht ſtille ſtehen, ob⸗ gleich ſie ſehr oft ihre Straße nur an den gebleichten Knochen ihrer Väter zu erkennen im Stande ſein dürf⸗ ten.. Muth alſo, Apoſtel! Muth, Pilger! Muth, Sol⸗ daten!... Apoſtel bekehret! Pilger wandert! Sol⸗ daten kämpft!—“ Caglioſtro hielt inne; doch er würde nicht inne ge⸗ halten haben, hätten ihn nicht die Bravos, das Beifall⸗ klatſchen und die Rufe der Begeiſterung unterbrochen. Dreimal erloſchen ſie und dreimal erhoben ſie ſich wieder, unter den Gewölben der Gruft wie ein unterir⸗ diſcher Sturm hinrollend. Hierauf verbengten ſich die ſechs Verlarvten einer nach dem andern vor ihm, küßten ihm die Hand und zogen ſich zurück. Dann verbeugte ſich Jeder von den Brüdern vor dieſer Eſtrade, wo, wie ein zweiter Peter der Einſiedler, der neue Apoſtel den Kreuzzug der Freiheit gepredigt hatte, wiederholte den verhängnißvollen Wahlſpruch: „Lilia pedibus destrue,“ und ging ab. Mit dem Letzten erloſch die Lampe. Und Caglioſtro blieb allein, bebraben in den Ein⸗ geweiden der Erde, verloren im Schweigen und in der Finſterniß, jenen Göttern Indiens ähnlich, in deren My⸗ ſterien er zweitauſend Jahre vorher eingeweiht worden zu ſein behauptete, LXVIII. Die Frauen und die Blumen. Einige Monate nach den von uns erzählten Ereig⸗ niſſen, gegen das Ende des März 1791, machte ein Wagen, der raſch dem Wege von Argenteuil nach Be⸗ ſons folgte, eine Viertelmeile von der Stadt eine Biegung, fuhr auf das Schloß vom Marais zu, deſſen Gitter ſich vor ihm öffnete, und hielt im Hintergrunde des zweiten Hofes bei der erſten Stufe der Freitreppe an. Die am Giebel des Gebändes angebrachte Uhr be⸗ zeichnete die achte Stunde des Morgens. er d r r, gt 1⸗ r en n e⸗ le n e 1. ⸗ 175 Ein alter Diener, der ungeduldig auf die Ankunft des Wagens zu warten ſchien, eilte auf den Schlag zu, öffnete ihn, und ein ganz ſchwarz gekleideter Mann ſprang auf die Stufen. „Ah! Herr Gilbert,“ ſagte der Kammerdiener, „endlich ſind Sie da.“ „Was gibt es denn, mein armer Teiſch?“ fragte der Doctor. „Ach! Herr, Sie werden es ſehen,“ erwiederte der Diener. Und er ging dem Doctor voran und ließ ihn das Billardzimmer, deſſen, ohne Zweifel in einer vorgerückten Stunde der Racht angezündeten, Lampen noch brannten, und ſodann das Speiſezimmer durchſchreiten, in welchem der mit Blumen, entpfropften Flaſchen, Früchten und Backwerk beladene Tiſch von einem Abendbrod zeugte, das ſich über die gewöhnlichen Stunden ausgedehnt hatte. Gilbert warf auf dieſe Scene der Unordnung, wel⸗ che ihm bewies, wie wenig ſeine Vorſchriften befolgt worden waren, einen ſchmerzlichen Blick, zuckte die Ach⸗ ſeln mit einem Seufzer und ging die Treppe hinauf, welche in das im erſten Stocke liegende Zimmer von Mirabeau führte. „Herr Graf,“ meldete der Diener, der zuerſt in Zimmer eintrat,„hier iſt der Herr Doctor Gil⸗ ert.“ „Wie, der Doctor!“ verſetzte Mirabeau.„Man hat ihn wegen einer ſolchen Erbärmlichkeit geholt?“ Erbärmlichkeit, murmelte der arme Teiſch,„be⸗ urtheilen Sie ſelbſt, mein Herr.“ „Oh! Doctor,“ ſprach Mirabeau, während er ſich in ſeinem Bette erhob, glauben Sie, ich bedaure ſehr, man Sie, ohne mich zuvor zu befragen, ſo bemüht at.“ „Vor Allem, mein lieber Graf, heißt es nie mich be⸗ mühen, wenn man mir Gelegenheit gibt, Sie zu ſehen; Sie wiſſen, ich prakticire nur für einige Freunde, und dieſen gehöre ich ganz; laſſen Sie hören, was iſt ge⸗ ſchehen? Und haben Sie beſonders kein Geheimniß für die Facultät.“ „Teiſch, ziehen Sie die Vorhänge zurück und öffnen Sie die Fenſter.“ Als dieſer Befehl vollzogen war, überſtrömte die Tageshelle das Zimmer von Mirabeau, und der Doctor konnte ſehen, welche Veränderung in der ganzen Perſon des berühmten Redners ſeit ungefähr einem Monat, daß er ihn nicht mehr getroffen, vorgegangen war. „Ah! ah!“ machte er unwillkürlich. „Ja,“ ſprach Mirabeau,„nicht wahr, ich habe mich verändert?“ Gilbert lächelte traurig; doch da ein verſtändiger Arzt immer Nutzen aus dem zieht, was ihm ſein Kran⸗ ker ſagt, und ſollte dieſer eine Lüge ſagen, ſo ließ er ihn gewähren. „Sie wiſſen,“ fuhr Mirabeau fort,„Sie wiſſen, welche Frage man geſtern verhandelte.“ „Ja, die der Bergwerke.“ „Das iſt eine noch wenig oder gar nicht ergründete Frage; man hat die Intereſſen der Eigenthümer und der Regierung noch nicht genug unterſchieden; überdies war der Graf von der Mark, mein vertrauter Freund, ſehr intereſſirt bei der Frage: die Hälfte ſeines Vermö⸗ gens hing davon ab; ſeine Börſe, lieber Doctor, iſt im⸗ mer die meinige geweſen: man muß dankbar ſein. Ich habe geſprochen oder vielmehr fünfmal angegriffen; beim letzten Angriffe habe ich die Feinde in die Flucht ge⸗ ſchlagen, doch ich bin beinahe auf dem Platze geblieben. Als ich nach Hauſe kam, wollte ich indeſſen meinen Sieg feiern. Ich hatte einige Freunde zum Abendbrod; man lachte, ſchwatzte bis um drei Uhr Morgens; um drei Uhr ging man zu Bette; um fünf Uhr wurde ich von —— — Schmerzen in den Gedärmen gepackt; ich ſchrie wie ein Dummkopf, und Teiſch bekam als eine Memme Angſt und ließ Sie holen. Nun wiſſen Sie ſo viel als ich. Hier iſt der Puls, hier iſt die Zunge; ich leide wie ein Verdammter! Ziehen Sie mich da heraus, wenn Sie können; ich, was mich betrifft, ich erkläre Ihnen, daß ich mich nicht darein miſche.“ Gilbert war ein zu geſchickter Arzt, um nicht ohne die Hülfe des Pulſes und der Zunge zu ſehen, wie ernſt die Lage von Mirabeau. Der Kranke war dem Erſti⸗ cken nahe, hatte ein durch das Stocken des Blutes in der Lunge angeſchwollenes Geſicht; er beklagte ſich über Kälte an den Extremitäten, und von Zeit zu Zeit ent⸗ riß ihm die Heftigkeit des Schmerzes einen Seufzer oder wohl auch einen Schrei. Der Puls war krampfhaft und ungleich. „Oh! für diesmal wird es nichts ſein, mein lieber Graf, doch es war Zeit,“ ſagte Gilbert. Und er zog ſein Etui aus der Taſche mit jener Eilfertigkeit und zugleich mit jener Ruhe, welche die un⸗ terſcheidenden Merkmale des wahren Genies ſind. „Ah! ah!“ verſetzte Mirabeau,„Sie wollen mir zur Ader laſſen?“ „Auf der Stelle.“ „Am rechten oder am linken Arm?2“ „Weder an dem einen noch am andern; Ihre Lunge iſt ſchon nur zu ſehr verſtopft. Ich werde Ihnen am Fuß zur Ader laſſen, während Teiſch in Argenteuil Senfmehl und ſpaniſche Fliegen holt, damit wir Senf⸗ auflegen können. Nehmen Sie meinen Wagen, eiſch.“ „Teufel!“ rief Mirabeau,„es ſcheint, Doctor, daß es, wie Sie ſagten, Zeit war.“ Gilbert ſchritt, ohne ihm zu antworten, ſogleich zur veration, und bald ſprang, nachdem es einen Augen⸗ Die Gräfin von Charnh. W. 12 . 178 blick herauszukommen gezögert hatte, das Blut ſchwarz und dick aus dem Fuße des Kranken. Die Erleichterung war augenblicklich. „Ah! bei Gott!“ ſprach Mirabean, mit Behagen athmend,„Sie ſind entſchieden ein großer Mann, Doctor.“ „Und Sie ein großer Narr, Graf, daß Sie ſo ein Ihren Freunden und Frankreich koſtbares Leben für ein paar Stunden falſchen Vergnügens auf das Spiel ſetzen“ Mirabeau lächelte ſchwermüthig, beinahe ironiſch. „Bah! mein lieber Doctor, Sie übertreiben den Werth, den meine Freunde und Frankreich auf mich legen.“ „Bei meiner Ehre,“ ſagte Gilbert lachend,„die großen Männer beklagen ſich immer über den Undank der anderen Menſchen, und ſie ſind in der Wirklichkeit undankbar. Seien Sie morgen krank, und Sie werden ganz Paris unter Ihren Fenſtern haben; ſterben Sie übermorgen, und Sie werden ganz Frankreich bei Ihrem Leichenbegängniſſe ſehen.“ „Wiſſen Sie, daß das, was Sie mir da ſagen, ſehr tröſtlich iſt?“ erwiederte Mirabeau lachend. „Gerade weil Sie das Eine ſehen können, ohne das Andere zu befahren, ſage ich Ihnen das, und wahr⸗ haftig, Sie bedürfen einer großen Demonſtration, die Ihnen Ihr Inneres wieder hebt. Geſtatten Sie, daß ich Sie in zwei Stunden nach Paris zurückführe, Graf; laſſen Sie mich dem Commiſſionär der erſten Straßen⸗ ecke ſagen, Sie ſeien krank, und Sie werden ſehen.“ „Glauben Sie, daß ich nach Paris gebracht werden kann?“ „Heute noch, ja. Was empfinden Sie?“ „Ich athme viel freier, mein Kopf erleichtert, löſt ſich gleichſam, der Rebel, den ich vor den Augen hatte, verſchwindet.„ ich habe immer noch Schmerzen in den Gedärmen.“ arz en n„ ein ein . en ich ie n eit n, ne r ie ß fz n⸗ en ie em 179 „Oh! das iſt die Sache der Senfpflaſter, mein lie⸗ ber Graf. Der Aderlaß hat ſeine Wirkung gethan, und nun iſt die Reihe an den Senfpflaſtern, die ihrige zu thun. Ei! da kommt gerade Teiſch.“ Teiſch erſchien wirklich in demſelben Augenblick mit den verlangten Ingredienzien. Nach einer Viertelſtunde trat die vem Doctor vorhergeſagte Beſſerung ein. „Nun laſſe ich Ihnen eine Stunde Ruhe und dann nehme ich Sie mit,“ ſprach Gilbert. „Doctor,“ verſetzte Mirabean lachend,„wollen Sie mir erlauben erſt heute Abend abzugehen und Ihnen Rendez⸗vous in meinem Hauſe in der Chauſſée⸗d'Antin um elf Uhr zu geben?“ Gilbert ſchaute Mirabeau an. Der Kranke begriff, daß ſein Arzt die Urſache die⸗ ſer Zögerung errathen hatte. „Was wollen Sie!“ rief Mirabeau,„ich muß einen Beſuch empfangen.“ „Mein lieber Graf,“ erwiederte Gilbert,„ich habe viele Blumen auf dem Tiſche des Speiſezimmers geſe⸗ heu. Es war nicht allein ein Abendbrod von Freunden, was Sie geſtern gegeben?“ Sie wiſſen, daß ich die Blumen nicht zu entbehren vermöchte; das iſt meine Tollheit.“ „Ja, doch die Blumen gehen nicht allein, Graf.“ Eil wenn mir die Blumen nothwendig ſind, ſo muß ich mich wohl den Conſequenzen dieſer Noth⸗ wendigkeit unterziehen.“ „Graf! Graf! Sie werden ſich tödten.“ „Geſtehen Sie, Doctor, daß dies wenigſtens ein reizender Selbſtmord ſein wird.“ „Graf, ich verlaſſe Sie den ganzen Tag nicht.“ „Doctor, ich habe mein Wort gegeben, Sie werden nicht machen wollen, daß ich es breche.“ „Werden Sie heute Abend in Paris ſein?“ „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Sie um elf Uhr 180 in meinem kleinen Hotel in der Rue de la Chauſſée⸗ d'Antin erwarte.. Haben Sie es ſchon geſehen?“ „Noch nicht.“ „Ich habe es Julie, der Frau von Talma, abge⸗ tft Wahrhaftig, ich fühle mich ganz wohl, Doc⸗ vr. „Das helßt, Sie jagen mich fort.“ „Oh! wie ſollte ich das!“ „Sie thun übrigens wohl daran.. Ich habe den Dienſt in den Tuilerien.“ „Ah! ah! Sie werden die Königin ſehen,“ ſprach Mirabeau, der ſich verdüſterte. „Wahrſcheinlich. Haben Sie einen Auftrag an ſie?“ Mirabean lächelte bitter. „Ich würde mir nicht eine ſolche Freiheit nehmen, i ſagen Sie ihr nicht einmal, daß Sie mich ge⸗ ehen.“ „Warum nicht?“ „Weil ſie Sie fragen würde, ob ich die Monarchie gerettet habe, wie ich es ihr zu thun verſprochen, und Sie wären genöthigt, ihr nein zu antworten; übrigens,“ fügte Mirabean mit einem nervöſen Lachen bei,„übri⸗ gens iſt das ebenſo wohl ihre Schuld als die meinige.“ „Sie wollen nicht, daß ich ihr ſage, Ihre übermä⸗ ßige Arbeit, Ihr Kampf auf der Tribun⸗ tödten Sie?“ Mirabeau dachte einen Augenblick nach. „Ja,“ antwortete er,„ſagen Sie ihr das, machen Sie mich ſogar, wenn Sie wollen, kränker, als ich bin.“ „Warum?“ „Wegen nichts aus Neugierde um mir Aufklärung über Etwas zu geben„„ „Gut.“ „Sie verſprechen es mir, Doctor?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Und Sie werden mir das, was ſie ſagt, wieder⸗ holen?“ e⸗ oC⸗ 181 „Ihre eigenen Worte.“ „So wünſche ich Ihnen einen guten Tag, Doctor, und dunke Ihnen tauſendmal,“ ſprach Mirabeau. Und er reichte Gilbert die Hand. Gilbert ſchaute ſtarr Mirabeau an, den dieſer Blick in Verlegenheit zu ſetzen ſchien. „Ei!“ ſagte der Kranke,„was werden Sie mir vorſchreiben, ehe Sie gehen?“ * warme und rein verdünnende Getränke, Cichorie und Borragen, völlige Diät und beſon⸗ ders „Beſonders?“ „Keine Krankenwärterin, welche weniger als fünf⸗ zig Jahre alt iſt... Sie verſtehen, Graf?“ „Doctor,“ erwiederte Mirabeau lachend,„eher als daß ich mich gegen Ihre Verordnung verfehlte, würde ich zwei von fünfundzwanzig nehmen.“ An der Thüre begegnete Gllbert Teiſch. Der arme Burſche hatte Thränen in den Augen. „Oh! Herr, warum gehen Sie?“ fragte er. „Ich gehe, weil man mich fortjagt, mein lieber Teiſch,“ erwiederte Gilbert lachend. „Und Alles dies wegen einer Frau,“ murmelte der Greis,„und Alles, weil dieſe Frau der Königin gleicht! Ein Mann, der ſo viel Genie hat, wie man ſagt! Mein Gott, wie dumm muß er ſein!“ Und nach dieſem Schluſſe öffnete er Gilbert den Wagenſchlag; der Doctor ſtieg ganz in Gedanken ver⸗ ſunken ein und fragte ſich leiſe: „Was will er mit der Fran, die der Königin gleicht, ſagen?“ Einen Augenblick hielt er den Arm von Teiſch zurück, als wollte er ihn befragen, doch abermals ganz leiſe ſprach er zu ſich ſelbſt: „Nun! was wollte ich thun? Das iſt das Geheim⸗ 182 niß von Herrn von Mirabeau, und nicht das meinige. Kutſcher, nach Paris!“ LXIX. was der Rönig geſagt hatte; was die Königin geſagt hatte. Gilbert entledigte ſich gewiſſenhaft des Mirabeau geleiſteten doppelten Verſprechens. Als er nach Paris zurückkam, begegnete er Camille Desmoulins, der lebendigen Zeitung, dem eingefleiſchten Tagblatt. Er theilte ihm die Krankheit von Mirabeau mit, die er abſichtlich ſchwerer machte, nicht als ſie werden konnte, wenn Mirabeau eine neue Unvorſichtigkeit beging, ſondern als ſie in dieſem Augenblicke war. Dann ging er in die Tuilerien und benachrichtigte den König von derſelben Krankheit. Der König ſagte nur: „Ah! ah! der arme Graf! Und er hat den Appetit verloren?“ „Ja,“ antwortete Gilbert. „Dann iſt die Sache ernſt,“ verſetzte der König, und er ſprach von etwas Anderem. Gilbert, als er vom König wegging, trat bei der Königin ein und wiederholte ihr das, was er dem König mitgetheilt hatte. Die hoffärtige Stirne der Tochter von Maria The⸗ reſig faltete ſich. ige. in eau ille ten lit, en ig, gte tit 133 „Warum,“ ſagte ſie,„warum hat ihn dieſe Krank⸗ heit nicht am Morgen des Tages gepackt, wo er ſeine ſchöne Rede über die dreifarbige Fahne hielt?“ Dann, als bereute ſie, daß ſie ſich vor Gilbert den Ausdruck ihres Haſſes gegen das Zeichen der franzöſi⸗ ſchen Nationalität hatte entſchlüpfen laſſen, ſprach Marie Antoinette: „Gleichviel, es wäre ein Unglück für Frankreich und für uns, wenn dieſe Unpäßlichkeit Fortſchritte machte.“ „Ich glaubte die Ehre gehabt zu haben, der Königin zu ſagen, daß es nicht eine Unpäßlichkeit, ſondern eine Krankheit ſei.“ „Ueber die Sie Meiſter werden.“ „Ich werde mein Mögliches thun, Madame, doch ich ſtehe nicht dafür.“ „Doctor,“ ſagte die Königin,„hören Sie wohl? ich zähle auf Sie, daß Sie mir Nachricht von Herrn von Mirabeau geben.“ Und ſie ſprach von etwas Anderem. Am Abend, zur genannten Stunde, ſtieg Gilbert die Treppe des kleinen Hotels von Mirabeau hinauf. Mirabeau erwartete ihn auf einem Canapé liegend; da man aber Gilbert unter dem Vorwand, dem Grafen ſeine Gegenwart zu melden, einen Augenblick im Salon hatte verweilen laſſen, ſo ſchaute er bei ſeinem Eintritt umher, und ſeine Augen hefteten ſich auf eine Echarpe von Ka⸗ ſchemir, welche auf einem Lehnſtuhe liegen geblieben war. Doch, wollte er nun die Aufmerkſamkeit von Gilbert ablenken, oder legte er ein großes Gewicht auf die Frage, die auf die erſten zwiſchen ihm und dem Doctor gewech⸗ ſelten Worte folgen ſollte, Mirabeau ſagte: „Ah! Sie ſind es! Es iſt mir zu Ohren gekommen, daß Sie ſchon einen Theil Ihres Verſprechens gehalten haben. Paris weiß, daß ich krank bin, und es ſind für den armen Teiſch ſeit zwei Stunden keine zehn Minuten vergangen, ohne daß er meinen Freunden, welche kom⸗ 184 men, um zu ſehen, ob es mir beſſer geht, und vielleicht meinen Feinden, welche kommen, um zu ſehen, ob es mir ſchlechter geht, Auskunft geben muß. Dies, was den erſten Theil betrifft. Sind Sie nun dem zweiten treu geweſen?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie wiſſen es wohl.“ Gilbert zuckte, eine Verneinung bezeichnend, die ſeln. „Waren Sie in den Tuilerien?“ a. „Ja. „Haben Sie den König geſehen?“ ½ „Id. „Haben Sie die Königin geſehen?“ „Ja.§ „Und Sie haben ihnen gemeldet, Sie werden bald von mir befreit ſein?“ „Ich habe ihnen wenigſtens gemeldet, Sie ſeien krank.“ „Und was ſagten ſie?“ „Der König fragte, ob Sie den Appetit verloren aben.“ „Und auf Ihre bejahende Antwort?“ „Hat er Sie ſehr aufrichtig bedauert.“ „Guter König! Am Tage ſeines Todes wird er zu ſeinen Freunden ſagen wie Leonidas: „Ich ſpeiſe heute Abend bei Pluto.““ Doch die Königin S“ „Die Königin hat Sie beklagt und ſich mit Theil⸗ nahme nach Ihnen erkundigt.“ „In welchen Ausdrücken, Doctor?“ fragte Mirabeau, der offenbar einen großen Werth auf die Antwort legte, die ihm Gilbert geben würde. „In ſehr guten Ausdrücken,“ erwiederte der Doctor „Sie haben mir verſprochen, mir wortgetreu das, was ſie Ihnen geſagt haben werde, zu wiederholen.“ 185 „Oh! ich wüßte mich nicht Wort für Wort zu er⸗ innern.“ „Doctor, Sie haben nicht eine Sylbe vergeſſen.“ „Ich ſchwöre Ihnen...“ „Doctor, ich habe Ihr Wort: ſoll ich Sie als einen Treuloſen behandeln?“ „Sie ſind anſpruchsvoll, Graf.“ „So bin ich.“ „Muß ich Ihnen durchaus wiederholen, was die Königin geſagt hat?“ „Wort für Wort.“ „Nun wohl, ſie hat geſagt, dieſe Krankheit hätte Sie am Morgen des Tages, wo Sie auf der Tiibune die dreifarbige Fahne vertheidigten, packen müſſen.“ Gilbert wollte beurtheilen, welchen Einfluß die Kö⸗ nigin auf Mirabeau habe. Dieſer fuhr auf ſeinem Canapé auf, als wäre er mit einer voltaiſchen Säule in Berührung gebracht worden. Undank der Könige!“ murmelte er, dieſe Rede war hinreichend, um ſie die Civilliſte des Königs von vierundzwanzig Millionen und ihr Witthum von vier Millionen vergeſſen zu laſſen. Sie weiß alſo nicht, dieſe Frau, ſie ſieht alſo nicht ein, dieſe Königin, daß es ſich darum gehandelt, miteinem Schlage meine durch ſie verlorene Popularität wiederzuerobern! ſie erinnert ſich alſo nicht, daß ich die Vertagung der Wiedervereinigung von Avignon mit Frankreich beantragt habe, umdie religiöſen Bedenken des Kö⸗ nigs zuunterſtützen! Fehler! Sie erinnert ſich alſo nicht mehr, daß ich während meiner dreimonatlichen Präſidentſchaft, die mir zehn Jahre von meinem Leben genommen, das auf die activen Bürger beſchränkte Nationalgarde⸗Geſetz ver⸗ theidigt habe! Fehler! Sie erinnert ſich alſo nicht mehr, daß ich bei der Discuſſion über den Prieſtereid verlangt habe, daß man den Eid auf die Beichteprieſter beſchränke! Febler! Oh! dieſe Fehler! dieſe Fehler! ich habe ſie theuer bezahlt! und doch ſind es dieſe Fehler nicht, die 166 mich fallen gemacht haben! denn es gibt ſeltſame, wun⸗ derliche, anormale Cpochen, wo man nicht durch die Feh⸗ ler, die man begeht, fällt. Eines Tags habe ich noch für ſie eine Frage der Gerechtigkeit, der Menſchlichkeit vertheidigt: man griff die Flucht der Tanten des Königs an; man beantragte ein Geſetz gegen die Emigration. „„Wenn Ihr ein Geſetz gegen die Emigranten macht, ſo ſchwöre ich, daß ich demſelben nie gehorchen werde““, rief ich. Und der Geſetzesentwurf wurde einſtimmig ver⸗ worfen. Nun, was meine Niederlagen nicht hatten thun können, hat mein Sieg gethan. Man hat mich Dictator genannt, man hat mich auf die Tribune getrieben auf dem Wege des Zorns, dem ſchlimmſten von allen Wegen, den ein Redner nehmen kann. Ich ſiegte abermals, doch indem ich die Jacobiner angriff. Dann ſchworen mir die Jacobiner den Tod, die Dummköpfe! Duport, Lameth, Barnave, ſie ſehen nicht, daß ſie, wenn ſie mich umbrin⸗ gen, die Dictatur ihres Spielhanſes Robespierre geben! Mich, den ſie hätten hüten müſſen wie den Stern ihrer Augen, haben ſie erdrückt unter ihrer albernen Majorität; ſie haben den Blutſchweiß von meiner Stirne triefen ge⸗ macht; ſie haben mich den Kelch der Bitterkeit bis auf die Hefe leeren laſſen; ſie haben mich mit Dornen ge⸗ krönt, mir das Rohr in meine Hände gegeben und mich endlich gekreuzigt! und ich war noch glücklich, daß ich dieſes Leiden erduldet, wie Chriſtus, wegen einer Frage der Menſchlichkeit! Die dreifarbige Fahne! ſie ſehen alſo nicht, daß dies ihre einzige Zuflucht iſt; daß, wenn ſie ſich redlich, öffentlich unter ihren Schatten ſetzen wollten, dieſer Schatten ſie vielleicht noch einmal retten würde? Doch die Königin, ſie will nicht gerettet ſein, ſie will gerächt ſein; ſie hat keinen Gefallen an einer vernünfti⸗ gen Idee. Das Mittel, das ich als das wirkſamſte vor⸗ ſchlage, iſt das, welches ſie am meiſten verwirft: gemä⸗ ßigt, gerecht ſein und, ſo viel als möglich, immer Recht haben. Ich wollte zwei Dinge zugleich retten, das Kö⸗ 187 nigthum und die Freiheit: undankbarer Streit, in welchem ich allein, verlaſſen kämpfe, gegen was? wäre es noch gegen Menſchen, dann wäre es nichts; gegen Tiger, das wäre nichts; gegen Löwen, das wäre nichts; doch es iſt gegen ein Element, gegen das Meer, gegen die Welle, welche ſteigt, gegen die Fluth, welche wächſt. Geſtern ging es mir bis an den Knöchel; heute geht es mir bis an das Knie; morgen wird es mir bis an den Gürtel gehen, übermorgen über den Kopf. Doctor, ich muß gegen Sie offenherzig ſein. Zuerſt hat mich der Kummer erfaßt, dann der Ekel. Ich hatte von der Rolle des Schieds⸗ richters zwiſchen der Monarchie und der Revolution geträumt. Ich glaubte Macht über die Königin als Menſch zu bekommen, und als Menſch an einem ſchönen Tage, wenn ſie ſich unvorſichtig in den Fluß gewagt und den Boden verloren hätte, mich ins Waſſer zu ſtürzen und ſie zu retten. Doch nein; man wollte nie ernſt⸗ lich von meiner Hülfe Gebrauch machen; Doctor, man wollte mich compromittiren, mich der Volksgunſt berau⸗ ben, mich zu Grunde richten, mich vernichten, mich zum Guten, wie zum Böſen unvermögend machen. Das Beſte, was ich nun thun kann, iſt,— ich will es Ihnen ſagen, Doctor: zu rechter Zeit zu ſterben; es iſt beſonders, mich künſtleriſch niederzulegen wie der Athlet des Alterthums; mit Grazie den Hals darzubieten; auf eine anſtändige Art den letzten Seufzer auszuhauchen,“ ſchloß Mirabeau. Und er ſank auf ſein Canapé zurück und biß in ſeinem Grimme in das Kopfkiſſen. Gilbert wußte, was er wiſſen wollte, er wußte, wo das Leben und der Tod von Mirabeau waren. Graf,“ fragte er,„was würden Sie thun, wenn der König ſich morgen nach Ihnen erkundigen ließe?“ Der Kranke machte eine Bewegung mit den Achſeln, welche beſagen wollte:„Das wäre mir ſehr gleich⸗ gültig!“ 188 „Der König. oder die Königin?“ fügte Gil⸗ bert bei. „Wie?“ verſetzte Mirabeau, während er ſich auf⸗ richtete. „Ich ſage, der König oder die Königin,“ wiederholte Gilbert. Mirabeau ſtützte ſich auf ſeine zwei Fäuſte wie ein aufrecht ſitzender Löwe und ſuchte in der Tiefe des Her⸗ zens von Gilbert zu leſen. „Sie wird es nicht thun,“ erwiederte er. „Doch wenn ſie es thäte?“ „Sie glauben, die Königin würde ſo tief herab⸗ ſteigen?“ „Ich glaube nichts, ich nehme an.“ „Wohl, ich werde bis morgen Abend warten,“ ſprach Mirabeau. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Nehmen Sie dieſe Worte in dem Sinne, den ſie haben, Doctor, und ſehen Sie in ihnen nicht etwas An⸗ deres, als was ſie ſagen wollen. Ich werde bis morgen Abend warten.“ „Und morgen Abend?“ „Nun, morgen Abend, wenn ſie geſchickt hat, Doctor, wenn, zum Beiſpiel, Herr Weber gekommen iſt, ſo haben Sie Recht, und ich habe Unrecht. Wenn er dagegen nicht gekommen iſt, oh! dann habe ich Recht.“ „Gut, morgen Abend alſo. Bis dahin, mein lieber Demoſthenes, Ruhe, Ruhe, Ruhe!“ „Ich werde mein Canaps nicht verlaſſen!“ „Und dieſe Fcharpe?“ Gilbert deutete mit dem Finger auf den Gegenſtand, der ihm zuerſt bei ſeinem Eintritt in das Zimmer in die Augen gefallen war. Lächelnd erwiederte Mirabeau: „Bei meinem Ehrenwort!“ 1⁵5 „Wohl,“ ſagte Gilbert,„ſuchen Sie Ihre Racht in ungeſtörtem Frieden hinzubringen, und ich ſtehe für Sie.“ Hienach entfernte ſich der Doctvr. Vor der Thüre erwartete ihn Teiſch. „Nun, mein wackerer Teiſch,“ ſagte Gilbert,„es geht beſſer bei Deinem Herrn.“ Der alte Diener ſchüttelte traurig den Kopf. „Wie?“ fragte Gilbert,„Du zweifelſt an meinem Worte?“ „Ich zweifle an Allem, Herr Doctor, ſo lange ſein böſer Genius bei ihm ſein wird.“ Und er ſtieß einen Seufzer aus und ließ Gilbert auf der ſchmalen Treppe. An der Ecke von einem der Ruheplätze ſah Gilbert etwas wie einen verſchleierten Schatten. Dieſer Schatten, als er ihn erblickte, gab einen leichten Schrei von ſich und verſchwand hinter einer Thüre, welche ein wenig geöffnet war, um ihm dieſen Rückzug zu erleichtern, der einer Flucht glich. „Wer iſt dieſe Frau?“ fragte Gilbert. „Sie iſt es,“ antwortete Teiſch. „Wer, ſie?“ „Die Fran, die der Königin gleicht.“ Gilbert war zum zweiten Male betroffen von dem⸗ ſelben Gedanken, als er dieſelben Worte hörte; er machte zwei Schritte vorwärts, als hätte er das Geſpenſt verfol⸗ gen wollen, hielt aber wieder an und murmelte: „Unmöglich!“ Und er ging ſeines Weges und ließ den alten Die⸗ ner in Verzweiflung darüber zurück, daß ein ſo gelehrter Mann, wie der Doctor war, es nicht unternahm, den Dämon zu beſchwören, den er, in ſeiner innerſten Ueber⸗ zengung, für einen Abgeſandten der Hölle hielt. Mirabeau hatte eine ziemlich gute Nacht. Am andern Tag rief er frühzeitig Teiſch und ließ ſeine Fenſter öffnen, um die Morgenluft einzuathmen. 1⁰90⁰ Das Einzige, was den alten Diener beunruhigte, war die fieberhafte Ungeduld, der der Kranke preisge⸗ geben ſchien. Als er, von ſeinem Herrn befragt, antwortete, es ſei kaum acht Uhr, wollte es Mirabean nicht glauben, und er ließ ſich ſeine Uhr bringen, um ſich zu verſichern Dieſe Uhr legte er auf den Tiſch neben ſeinem ette. „Teiſch,“ ſagte er zu dem alten Diener,„Du wirſt unten den Platz von Jean einnehmen, der heute den Dienſt bei mir thun ſoll.“ „Oh! mein Gott!“ verſetzte Teiſch, ſollte ich das Unglück gehabt haben, den Herrn Grafen mit mir un⸗ zufrieden zu machen?“ „Im Gegentheil, mein guter Teiſch,“ erwiederte Mirabeau gerührt;„ich ſtelle Dich heute an die Thüre. Jeder Perſon, welche kommt, um ſich nach mir zu erkun⸗ digen, ſagſt Du, es gehe beſſer bei mir, doch ich em⸗ pfange Niemand; nur, kommt man von Seiten der... Mirabeau hielt inne und beſann ſich;„nur kommt man von Hofe, ſchickt man von den Tuilerien, ſo wirſt Du den Boten unter irgend einem Vorwande heranfführen, hörſt Du? Du läſſeſt ihn nicht gehen, ohne daß ich mit ihm ſpreche. Du ſiehſt, mein lieber Teiſch, daß ich Dich, indem ich Dich von mir emtferne, zum Poſten eines Ver⸗ trauten erhebe.“ Teiſch nahm die Hand von Mirabeau und küßte ſie. „Oh! Herr Graf,“ ſagte er,„wenn Sie nur leben wollten!“ Und er ging ab. „Bei Gotti“ ſprach Mirabeau, der ihm nachſchaute, „das iſt gerade das Schwierige!“ Um zehn Uhr ſtand Mirabeau auf und kleidete ſich mit einer Art von Coquetterie an. Jean friſirte und ra⸗ ſirte ihn und rückte ihm dann einen Lehnſtuhl ans Fenſter. 5—— * — 191 Bei jedem Schlage des Klopfers, bei jedem Vibri⸗ ren der Klingel hätte man können vom Hauſe gegen⸗ über ſein ängſtliches Geſicht hinter dem aufgehobenen Vorhange erſcheinen, ſeinen durchdringenden Blick in die Straße tauchen und dann den Vorhang wieder herab⸗ fallen ſehen, um beim nächſten Vibriren der Klingel, beim nächſten Schlage des Klopfers, abermals aufgeho⸗ ben zu werden. Um zwei Uhr kam Teiſch gefolgt von einem Lackei herauf. Das Herz von Mirabeau ſchlug heftig, der Lackei war ohne Livree. Der erſte Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, war, dieſer Bediente komme im Auftrage der Königin und ſei ſo gekleidet, um diejenige, welche ihn ſchickte, nicht zu gefährden. Mirabeau täuſchte ſich „Vom Herrn Doctor Gilbert,“ ſagte Teiſch. „Oh!“ machte Mirabeau erbleichend, als wäre er erſt fünfundzwanzig Jahre alt geweſen, und als hätte er, während er einen Boten von Frau von Monnier er⸗ wartete, einen Läufer von ſeinem Oheim dem Bailli kommen ſehen. „Herr Graf,“ ſagte Teiſch,„da dieſer Menſch vom Herrn Doctor Gilbert kommt und einen Brief für Sie bringt, ſo glaubte ich zu ſeinen Gunſten eine Ausnahme von dem Verbote machen zu müſſen.“ „Und Du haſt wohl gethan,“ verſetzte der Graf. Dann fragte er den Lockei: „Der Brief?“ Dieſer hielt ihn in der Hand und reichte ihn dem Grafen. Mirabeau öffnete den Brief; er enthielt nur die paar Worte: „Geben Sie mir Nachricht von ſich. Um eilf Uhr heute Abend werde ich bei Ihnen ſein. Ich hoffe, das 1⁵² erſte Wort, das Sie mir ſagen, iſt, daß ich Recht hatte, und daß Sie Unrecht hatten.“ „Du wirſt Deinem Herrn melden, Du habeſt mich aufgefunden, und ich erwarte ihn heute Abend,“ ſprach Mirabeau. Dann ſagte er zu Teiſch: „Dieſer Burſche ſoll zufrieden weggehen.“ Teiſch bedeutete durch ein Zeichen, daß er verſtehe, und führte den Bedienten hinaus. Die Stunden folgten ſich. Die Klingel hörte nicht auf, zu vibriren, der Klopfer nicht, zu ſchallen. Ganz Paris ſchrieb ſich bei Mirabeau ein. Auf der Straße waren Gruppen von Menſchen aus dem Volke, welche, da ſie die Kunde vernommen, nicht ſo, wie ſie war, ſon⸗ dern ſo, wie ſie die Journale gegeben, nicht an die be⸗ ruhigenden Bulletins von Teiſch glauben wollten und die Wagen nöthigten, rechts und links von der Straße abzufahren, damit das Geräuſch der Räder den erhabenen Kranken nicht ermüde. Gegen fünf Uhr Abends hielt es Teiſch für geeig⸗ net, abermals im Zimmer von Mirabeau zu erſcheinen, um ihn von dem, was wir ſo eben erzählt, zu benachrichtigen. „Oh!“ ſagte Mirabeau,„mein armer Teiſch, als ich Dich ſah, glaubte ich, Du habeſt mir etwas Beſſeres zu bringen.“ „Etwas Beſſeres?“ verſetzte Teiſch ganz erſtaunt. „Ich glaubte nicht, daß ich dem Herrn Grafen etwas Beſſeres melden könnte, als einen ſolchen Beweis von Liebe.“ „Du haſt Recht, Teiſch, und ich bin ein Undankba⸗ rer,“ ſprach Mirabeau. Als Teiſch die Thüre wieder zugemacht hatte, öff⸗ nete Mirabeau auch das Fenſter. Er trat auf den Balcon und machte mit der Hand ein Zeichen des Dankes den wackeren Leuten, die ſich als Hüter ſeiner Ruhe aufgepflanzt hatten. m 193 Dieſe erkannten ihn, und der Ruf:„Es lebe Mi⸗ rabeau!“ erſcholl von einem Ende der Rue de la Chauſſée⸗ d'Antin zum andern. Woran dachte Mirabeau, während man ihm dieſe unerwartete Huldigung darbrachte? Er dachte an jene hoffärtige Frau, die ſich nicht um ihn bekümmerte, und ſein Auge ſuchte jenſeits der in der Umgebung ſeines Hauſes gedrängten Gruppen, ob er nicht einen Lackei in blauer Livree erblicke, der von der Seite der Boulevards komme. Er kehrte mit gepreßtem Herzen in ſein Zimmer zurück. Es fing an dunkel zu werden, und er hatte nichts geſehen. Der Abend verging wie der Tag. Die Ungeduld von Mirabeau hatte ſich in eine finſtere Bitterkeit ver⸗ wandelt. Ohne Hoffnung, ging ſein Herz der Klingel oder dem Klopfer nicht mehr entgegen. Nein; er wartete, das Gepräge tiefen Verdruſſes im Geſichte, auf den Beweis von Theilnahme, der ihm verſprochen war und nicht kam. Um eilf Uhr öffnete ſich die Thüre, und Teiſch mel⸗ dete den Doctor Gilbert. Dieſer trat lächelnd ein; er erſchrak über den Aus⸗ druck des Geſichtes von Mirabeau. Sein Geſicht war der treue Spiegel der zerſtören⸗ den Stürme ſeines Herzens. Gilbert ahnete Alles. „Iſt man nicht gekommen?“ fragte er. „Von wo?“ „Sie wiſſen wohl, was ich ſagen will?“ „Ich? nein, bei meiner Ehre!“ „Vom Schloſſe.. in ihrem Auſtrage.“ „Ganz und gar nicht; es iſt Niemand gekommen, mein lieber Doctor.“ „Unmöglich!“ rief Gilbert. Mirabeau zuckte die Achſeln. Die Gräfin von Charny. W. 13 1 194 „Naiver, ehrlicher Mann!“ ſagte er. Dann ergriff er die Hand von Gilbert mit einer krampfhaften Bewegung und ſprach: „Doctor, ſoll ich Ihnen ſagen, was Sie heute ge⸗ than haben?“ „Ich,“ verſetzte Gilbert,„ich habe ungefähr das gethan, was ich alle Tage thue.“ „Nein, denn Sie gehen nicht alle Tage ins Schloß, und heute ſind Sie dort geweſen; nein, denn Sie ſehen nicht alle Tage die Königin, und heute haben Sie ſie geſehen; nein, denn nicht alle Tage erlauben Sie ſich, ihr Rathſchläge zu geben, und heute haben Sie ihr ei⸗ nen Rath gegeben.“ „Ah! bah!“ „Mein lieber Doctor, ich ſehe, was vorgegangen, und ich höre, was geſagt worden iſt, als ob ich dabei geweſen wäre.“ „Nun denn, mein Herr mit dem zweiten Geſichte, was iſt vorgegangen? was iſt geſagt worden?“ „Sie ſind heute um ein Uhr in die Tuilerien ge⸗ kommen; Sie haben die Königin zu ſprechen verlangt; Sie haben ſie geſprochen; Sie haben ihr geſagt, mein Zuſtand verſchlimmere ſich; es wäre gut von ihr als Königin, wohl gethan von ihr als Frau, ließe ſie ſich, wenn nicht aus Theilnahme, doch wenigſtens aus Be⸗ rechnung, nach meiner Geſundheit erkundigen. Sie ſtritt mit Ihnen; ſie ſchien überzeugt, Sie haben Recht; ſie hat Sie entlaſſen, nachdem ſie Ihnen geſagt, ſie werde zu mir ſchicken; Sie ſind, auf das königliche Wort bau⸗ end, glücklich und zufrieden weggegangen, und ſie iſt hoffärtig und bitter zurückgeblieben und hat gelacht über Ihre Leichtgläubigkeit, welche nicht weiß, daß ein könig⸗ liches Wort zu nichts verbindet.“ „Wahrhaftig,“ erwiederte Gilbert,„wären Sie da⸗ bei geweſen, mein lieber Graf, Sie hätten weder beſſer geſehen, noch beſſer gehört.“ „₰ th me 195 „Die Ungeſchickten!“ rief Mirabeau mit Bitterkeit. e„Ich ſagte Ihnen, Sie wiſſen nichts zu rechter Zeit zu thun. Eine mitten durch dieſe Menge, welche unter einen Fenſtern und vor meiner Thüre:„ Es lebe Mi⸗ rabeau!““ rief, bei mir eintretende königliche Livree, as gab ihnen auf ein Jahr wieder Popularität.“ Und Mirabeau ſchüttelte den Kopf und drückte die ß, Hand an ſeine Augen. en Gilbert ſah ihn zu ſeinem Erſtaunen eine Thräne ſie abwiſchen. h,„Was haben Sie denn, Graf?“ fragte er. ei⸗„Ich? nichts!“ erwiederte Mirabeau.„Wiſſen Sie etwas Neues von der Nationalverſammlung, von den Cordeliers oder von den Jacobinern? hat Robespierre n, eine neue Rede deſtillirt? hat Marat ein neues Pam⸗ i hlet geſpieen „Haben Sie lange nicht gegeſſen?“ fragte Gilbert. e,„Seit zwei Uhr heute Nachmittag nicht.“ „Dann werden Sie ein Bad nehmen, mein lieber t;„Ah! da haben Sie einen vortrefflichen Gedanken, in Doctor. Jean, ein Bad!“ s„Hier, Herr Graf?“ h,„Nein, nein, nebenan im Ankleidecabinet.“ Zehn Minuten nachher war Mirabeau im Bade, itt und Teiſch führte Gilbert, wie gewöhnlich, zurück. ſie Mirabeau erhob ſich aus ſeiner Badewanne, um de Bilbert mit den Augen zu folgen; dann, als er ihn aus u dem Geſichte verloren, horchte er auf das Geräuſch ſei⸗ iſt ner Tritte; dann blieb er unbeweglich, bis er die Thüre des Hotel öffnen und wieder ſchließen gehört hatte. g⸗ Hierauf klingelte er heftig und ſagte zu dem ein⸗ tretenden Bedienten: „Jean, laſſen Sie einen Tiſch in meinem Zimmer ſer zurichten und fragen Sie Oliva in meinem Namen, ob 5 2 196 ſie die Gefälligkeit haben wolle, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen.“ Der Lackei ging ſogleich ab, um zu gehorchen; Mi⸗ rabeau rief ihm aber noch nach: „Blumen, beſonders Blumen! ich bete die Blu⸗ men an.“ Um vier Uhr wurde der Doctor durch ein heftiges Läuten geweckt. „Ah!“ ſagte er, während er aus dem Bette ſprang, „es geht ſicherlich ſchlimmer bei Mirabeau!“ Der Doctor täuſchte ſich nicht. Mirabeau, nachdem er hatte Abendbrod auftragen und den Tiſch mit Blu⸗ men bedecken laſſen, ſchickte Jean weg und befahl Teiſch, zu Bette zu gehen. Dann ſchloß er alle Thüren, mit Ausnahme der, welche zu der unbekannten Frau ging, die der alte Teiſch ſeinen böſen Genius nannte. Doch die zwei Diener gingen nicht zu Bette; nur ſchlief Jean, obgleich jünger, in einem Lehnſtuhle im Vorzimmer ein. Teiſch wachte. Um drei Viertel auf vier Uhr ertönte ein heftiges Klingeln. Beide ſtürzten nach dem Zimmer von Mira⸗ beau. Die Thüren waren geſchloſſen. Da kam ihnen der Gedanke, einen Umweg durch die Wohnung der unbekannten Frau zu machen, und ſo konnten ſie in das Schlafzimmer eindringen.. Halb ohnmächtig, hielt Mirabeau dieſe Frau in ſeinen Armen, ohne Zweifel, damit ſie nicht um Hülfe rufen könnte, und erſchrocken läutete ſie mit dem Tiſch⸗ glöckchen, weil ſie nicht bis zu der Klingelſchnur am Ka⸗ min zu gehen vermochte. Sobald ſie die zwei Diener erblickte, rief ſie eben ſo wohl für ſich als für Mirabeau um Hülfe; in ſeinen Convulſionen erſtickte ſie Mirabeau. 197 zu Man hätte glauben ſollen, es ſei der verkleidete Tod, der ſie ins Grab zu ziehen ſuche. Ni⸗ Durch die vereinigte Anſtrengung der zwei Diener wurden die Arme des Sterbenden losgemacht; Mira⸗ lu⸗ beau fiel auf ſeinen Sitz zurück, und ſie ging, in Thränen zerfließend, in ihr Zimmer. ges Jean lief dann zum Doctor Gilbert, während Teiſch ſeinem Herrn die erſte Pflege zu geben bemüht war. ng, Gilbert nahm ſich weder Zeit, anſpannen, noch einen Wagen rufen zu laſſen. Von der Rue Saint⸗Honoré em bis ez Chauſſée⸗d'Antin war der Weg nicht weit; er lu⸗ folgte Jean, und nach zehn Minuten befand er ſich im ſch, Hotel von Mirabeau. Teiſch wartete unten im Veſtibule. er,„Nun, mein Freund, was gibt es wieder?“ fragte iſch Gilbert. „Ah! Herr Doctor,“ erwiederte der alte Diener, nur„dieſe Frau, immer dieſe Frau, und dann die verdamm⸗ im ten Blumen.. Sie werden ſehen.“ In dieſem Augenblick hörte man etwas wie ein Schluchzen. Gilbert ging haſtig die Treppe hinauf; ges als er auf die letzten Stufen gelangte, öffnete ſich eine ra⸗ Thüre in der Nähe der Thüre von Mirabeau, und eine Frau in einen weißen kurzen Mantel gehüllt erſchien plötzlich und fiel dem Doctor zu Füßen. uch„Oh! Gilbert, Gilbert,“ rief ſie, indem ſie ihn ſo nit beiden Händen bei der Bruſt faßte„um des Him⸗ mels willen, retten Sie ihn!“ in„Nicole!“ rief Gilbert,„Nicole! Oh! Unglückliche, ülfe Sie waren es alſo?“ ſch⸗„Retten Sie ihn! retten Sie ihn!“ wiederholte„ Ka⸗ Nicole. Gilbert blieb einen Augenblick wie in einen gräßli⸗ ſo chen Gedanken verſunken. nen„Ah!“ murmelte er,„Beaufire verkauft Pamphlete 198 gegen ihn, Nicole, ſeine Geliebte! Er iſt wahrhaftig ver⸗ loren, denn dahinter ſteckt Caglioſtro!“ Und er eilte nach dem Zimmer von Mirabeau, da er einſah, es ſei keine Minute zu verlieren. Es lebe Mirabeau! Mirabeau lag auf ſeinem Bette: er war wieder zum Bewußtſein gelangt. Die Ueberreſte vom Abend⸗ brode, die Schüſſeln, die Blumen waren da als eben ſo anklagende Zeugen, als es auf dem Boden eines Gefäſ⸗ ſes die Uebreſe vom Gifte beim Bette eines Selbſt⸗ mörders ſind. Gilbert ging raſch auf ihn zu und athmete, als er ihn ſah. „Ah!“ ſagte er, es iſt noch nicht ſo ſchlimm, als ich befürchtete.“ „Sie glauben?“ verſetzte lächelnd Mirabeau. Und er ſchüttelte den Kopf wie ein Menſch, der ſeinen Zuſtand wenigſtens eben ſo gut zu kennen meint, als der Doctor, welcher ſich zuweilen ſelbſt täuſchen will, um die Andern beſſer zu täuſchen. Diesmal hieit ſich Gilbert nicht an die äußeren Anzeichen. Er fühlte den Puls: der Puls ging ſtark und raſch; er beſchaute die Zunge: die Zunge war be⸗ legt und bitter; er unterſuchte den Zuſtand des Ko⸗ pfes: der Kopf war ſchwer und mit Schmerzen behaftet 199 Ein Anfang von Kälte machte ſich an den unteren Extremitäten fühlbar. Plötzlich traten die Krämpfe, an denen der Kranke zwei Tage vorher gelitten hatte, wieder ein und warfen ſich abwechſelnd auf das Schulterblatt, auf das Schlüſ⸗ ſelbein und auf das Zwerchfell Der Puls, der, wie ge⸗ ſagt, ſtark und raſch war, wurde ungleich und convul⸗ ſiviſch. Gilbert verordnete dieſelben ableitenden Mittel, welche eine erſte Beſſerung herbeigeführt batten. Zum Unglück, mochte uun der Kranke nicht die Kraft haben, das empfindliche Mittel zu ertragen, oder wollte er nicht geheilt ſein, zum Unglück beklagte er ſich nach einer Viertelſtunde über ſo heftige Schmerzen auf allen mit Senfpflaſtern belegten Gegenden, daß man dieſe Pflaſter wegnehmen mußte. 3 Von da an verſchwand die Beſſerung, die ſich ſeit der Anwendung dieſer Mittel geoffenbart hatte Es iſt nicht unſere Abſicht, der furchtbaren Krank⸗ heit in allen ihren Phaſen zu folgen nur verbreitete ſich das Gerücht davon am Morgen dieſes Tages in der Sr und diesmal ernſter als am vorhergehenden age. Es ſei ein Rückfall eingetreten, ſagte man, und die⸗ ſer Rückfall drohe mit dem Tode. Da war es erſt wirklich geſtattet, zu beurtheilen, welchen rieſigen Platz ein Mann in einer Nation einneh⸗ men kann Ganz Paris war bewegt, wie in der Stunde, wo ein allgemeines Unheil zugleich die einzelnen Men⸗ ſchen und die Bevölkerung bedroht. Den ganzen Tag, wie es ſchon am Abend vorher geweſen, war die Straße verſperrt und bewacht von Leuten aus dem Volke, damit das Geräuſch der Wagen nicht zu dem Kranken ge⸗ langte. Von Stunde zu Stunde erkundigten ſich die unter den Fenſtern verſammelten Gruppen; es wurden Bulletins ausgegeben, welche auf der Stelle von der 200 Rue de la Chauſſoe⸗d'Antin bis zu den äußerſten Enden von Paris kreiſten. Die Thüre war belagert von einer Menge von Bürgern von allen Ständen, von allen Mei⸗ nungen, als ob jede Partei, ſo ſehr ſie der andern ent⸗ gegengeſetzt, durch den Verluſt von Mirabeau etwas zu verlieren gehabt hätte. Während dieſer Zeit füllten die Freunde, die Verwandten und die Bekannten des gro⸗ ßen Redners die Höfe, die unteren Hausgänge und Zim⸗ mer, ohne daß er ſelbſt eine Idee von dieſer Zuſammen⸗ ſchaarung hatte. Es waren übrigens wenig Worte zwiſchen Mira⸗ beau und dem Doctor Gilbert gewechſelt worden. „Sie wollen offenbar ſterben?“ hatte der Doctor geſagt. leben?“ hatte Mirabeau erwiedert. Und Gilbert, der ſich der von Mirabeau gegen die Königin übernommenen Verbindlichkeiten und des Un⸗ danks von dieſer erinnert hatte, war nicht weiter in ihn gedrungen und hatte ſich nur gelobt, ſeine Pflicht als Arzt bis zum Ende zu erfüllen, während er wohl wußte, daß er kein Gott war, der gegen das Unmögliche käm⸗ pfen konnte. Am Abend dieſes erſten Tages des Rückfalls ſchickte die Geſellſchaft der Jacobiner, um ſich nach der Geſund⸗ heit ihres Expräſidenten zu erkundigen, eine Deputation, an deren Spitze Barnave war. Man hatte Barnave die zwei Lameth beigeben wollen, doch ſie hatten ſich geweigert. Als man Mirabeau von dieſem Umſtande unterrich⸗ tete, ſagte er: „Ah! ich wußte wohl, es ſeien Feige, doch ich wußte nicht, daß es Dummköpfe ſind!“ 5 Vierundzwanzig Stunden lang verließ der Doctor Gilbert Mirabeau nicht einen Augenblick. Am Mittwoch Abend, gegen elf Uhr, ſtand es gut genug, daß Gilbert n er i⸗ t⸗ 18 n ⸗ n ie n⸗ n 1 ⸗ or ch rt 201 einwilligte, in ein anſtoßendes Zimmer zu gehen, um ein paar Stunden zu ruhen. Che er ſich niederlegte, befahl der Doctor, ihn beim geringſten Wiedererſcheinen von ſchlimmen Zufällen ſo⸗ gleich zu benachrichtigen. Bei Tagesanbruch erwachte er. Niemand hatte ſei⸗ nen Schlaf geſtört, und dennoch ſtand er unruhig auf: es dünkte ihm unmöglich, daß ſich eine Beſſerung ſo ohne irgend einen ſchlimmen Zwiſchenfall erhalten habe. Als er hinab kam, meldete ihm wirklich Teiſch. mit Thränen in den Augen und in der Stimme: es ſtehe ſehr ſchlecht bei Mirabeau, doch der Kranke habe, welche Schmerzen er auch ausgeſtanden, verboten, den Doctor zu wecken. Und der Kranke hatte doch grauſam leiden müſſen: der Puls hatte den erſchrecklichſten Charakter angenom⸗ men. Die Schmerzen hatten ſich mit einem wahren Grimme entwickelt; endlich waren die Krämpfe und die Erſtickungsanfälle wieder gekommen. Mehrere Male, und Teiſch ſchrieb dies einem An⸗ fange vom Delirium zu, mehrere Male hatte der Kranke den Namen der Königin ausgeſprochen. „Die Undankbaren!“ hatte er geſagt,„ſie haben ſich nicht einmal nach mir erkundigen laſſen!“ Dann hatte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, bei⸗ gefügt: „Ich möchte wohl wiſſen, was ſie ſagen wird, wenn ſie morgen, übermorgen erfährt, daß ich todt bin. Gübert dachte, Alles hänge von der Kriſe ab, die ſich vorbereitete; er hielt ſich auch gerüſtet, kräftig gegen die Krankheit zu kämpfen, und verordnete vor Allem die Anwendung von Blutegeln an der Bruſt; doch als wären ſie Mitſchuldige des Sterbenden geweſen, biſſen die Blut⸗ egel ſchlecht an; man erſetzte ſie durch einen zweiten Aderlaß am Fuße und durch Moſchuspillen, Der Anfall dauerte acht Stunden. Gilbert focht, 202 ſo zu ſagen, mit dem Tode, parirte jeden Schlag, den er führte, kam einigen zuvor, wurde aber auch zuweilen von ihm getroffen. Endlich, nach acht Stunden, fiel das Fieber, und der Tod nahm ſeinen Rückzug; doch wie ein Tiger, der flieht, um wiederzukommen, drückte er ſeine erſchreckliche Klaue in das Geſicht des Kranken ein. Gilbert blieb mit gekreuzten Armen vor dem Bette ſtehen, wo der Kampf ſich vollendete. Et war zu tief in die Geheimniſſe der Kunſt eingeweiht, nicht nur, um irgend eine Hoffnung zu hegen, ſondern ſogar, um zu zweifeln. Mirabeau war verloren, und es war dem Doctor nicht möglich, in dem vor ſeinen Augen ausgeſtreckten Leichname den lebendigen Mirabean zu ſehen Seltſam! von dieſem Augenblicke an ſprachen der Kranke und Mirabeau, im Einklange und wie von einem und demſelben Gedanken berührt, von Mirabeau als von einem Menſchen, der geweſen, der aber zu ſein aufge⸗ hört. Von dieſem Augenblicke nahm auch die Phyſiogno⸗ mie den Charakter der Feierlichkeit an, der weſentlich dem Todeskampfe der großen Männer zukommt: ſeine Stimme wurde ernſt, beinahe prophetiſch; es lag von da an in ſeinem Worte etwas Strengeres, Tieferes, Umfangreicheres, in ſeinen Gefühlen etwas Liebevolleres, Hingebenderes, Erhabeneres. Man meldete ihm, ein junger Mann, der ihn nur einmal geſehen und der nicht ſagen wolle, wer er ſei, dringe darauf, daß man ihn einlaſſe. Er wandte ſich gegen Gilbert um, als wollte er ihn um Erlaubniß bitten, dieſen jungen Mann empfangen zu dürfen. Gilbert verſtand ihn: „Laſſen Sie ihn eintreten,“ ſagte er zu Teiſch. Teiſch öffnete die Thüre. Ein junger Menſch von kaum neunzehn Jahren erſchien auf der Schwelle, trat 203 langſam vor, kniete vor dem Bette von Mirabeau nie⸗ der, nahm ſeine Hand und küßte ſie unter heftigem Schluchzen. Mirabeau ſchien in ſeinem Gedächtniß eine ſchwan⸗ kende Erinnerung zu ſuchen. „Ah!“ ſagte er plötzlich,„ich erkenne Sie, Sie ſind der junge Mann von Argenteuil.“ „Mein Gott! ſei geprieſen! das war Alles, was ich mir von Dir erbat!“ ſprach der junge Mann. Und er ſtand, ſeine beiden Hände auf ſeine Augen drückend, auf und ging hinaus. Einige Secunden nachher trat Teiſch wieder ein; er hatte in der Hand ein Billet, das der junge Mann im Vorzimmer geſchrieben. Dieſes Billet enthielt folgende einfache Worte: „Als ich Herrn von Mirabeau in Argenteuil die Hand küßte, ſagte ich ihm, ich ſei bereit, für ihn zu ſterben.. „Ich komme, um mich meines Wortes zu entledigen. „In einem engliſchen Journal habe ich geſtern ge⸗ leſen, die Uebergießung von Blut ſei in einem Falle dem ähnlich, in welchem ſich der ruhmwürdige Kranke befindet, in London mit günſtigem Erfolge ausgeführt worden. „Sollte, um Herrn von Mirabeau zu retten, die uebergießung des Blutes für nützlich erachtet werden, ſo biete ich das meinige an, es iſt jung und rein.“ „Marnais.“ Als er dieſe paar Zeilen las, konnte ſich Mirabeau der Thränen nicht erwehren. Er befahl, den jungen Mann wieder einzuführen, doch dieſer, der ohne Zweifel einer ſo wohlverdienten Dankbarkeit entgehen wollte, hatte ſich ſchon mit Hinter⸗ —— 204 laſſung ſeiner doppelten Adreſſe in Paris und Argen⸗ teuil entfernt. Einige Angenblicke nachher willigte Mirabeau ein, Jedermann zu empfangen: die Herren von der Mark und Frochot, ſeine Freunde; Madame du Saillant, ſeine Schweſter; Frau von Aragon, ſeine Richte. Nur weigerte er ſich, einen anderen Arzt als Gil⸗ bert zu ſehen. „Nein,“ erwiederte er, als dieſer in ihn drang,„Sie haben alle Unannehmlichkeiten der Krankheit gehabt; heilen Sie mich, ſo ſoll Ihnen das ganze Verdienſt der Rettung zukommen.“ Von Zeit zu Zeit wollte er wiſſen, wer ſich nach ihm erkundigt habe, und obgleich er nicht fragte:„Hat die Königin vom Schloſſe geſchickt?“ errieth doch Gil⸗ bert an dem Seufzer, den der Sterbende ausſtieß, wenn er an das Ende der Liſte kam, daß der einzige Name, den er hier zu finden gewünſcht hätte, gerade derjenige war, welcher ſich nicht fand. Dann, ohne vom König oder von der Königin zu ſprechen,— Mirabeau war noch nicht ſo ſterbend, um hiezu zu gelangen,— warf er ſich mit einer bewun⸗ derungswürdigen Beredtſamkeit in die allgemeine Politik und beſonders in die, welche er England gegenüber ver⸗ folgt hätte, wäre er Miniſter geweſen. Mit Pitt beſonders Leib an Leib zu kämpfen würde ihn glücklich gemacht haben. „Oh! dieſer Pitt,“ rief er einmal aus,„das iſt der Miniſter der Vorbereitungen: er regiert mehr mit dem, womit er droht, als mit dem, was er macht; hätte ich gelebt, ſo würde ich ihm Kummer verurſacht haben.“ Von Zeit zu Zeit erhob ſich ein Geſchrei bis zu den Fenſtern: das war der traurige Ruf:„Es lebe Mirabeau!“ den das PVolk ertönen ließ, ein Ruf, der ein Gebet zu ſein ſchien, ein Ruf, der mehr einer Klage als einer Hoffnung glich. 205 Da horchte Mirabeau und ließ das Fenſter öffnen, damit dieſes Geräuſch, der Lohn für ſo viele ausgeſtan⸗ dene Leiden, zu ihm dringe. Einige Secunden blieb er mit geſpanntem Ohr und zog gleichſam in ſich und ver⸗ ſchlang dieſen ganzen Lärmen. Dann murmelte er: „Oh! gutes Volk! Volk, verleumdet, beleidigt, ver⸗ achtet wie ich, es iſt gerecht, daß ſie es ſind, die mich vergeſſen, und daß Du mich belohnſt!“ Es kam die Nacht. Gilbert wollte den Kranken nicht verlaſſen; er befahl, das Canaps an ſein Bett zu rücken und legte ſich darauf. Mirabeau ließ ihn gewähren; ſeitdem er ſicher war, daß er ſterben mußte, ſchien er ſeinen Arzt nicht mehr zu fürchten. Sobald der Tag anbrach, hieß er die Fenſter öffnen. „Mein lieber Doctor,“ ſagte er zu Gilbert,„heute werde ich ſterben. Wenn man da iſt, wo ich bin, hat man nur noch ſich in Wohlgerüche zu hüllen und mit Blumen zu bekränzen, um ſo angenehm als möglich in den Schlaf einzugehen, von dem man nicht mehr er⸗ it Habe ich die Erlaubniß, zu thun, was ich will?“ Gilbert bedeutete ihm mit dem Kopfe nickend, daß er vollkommen Herr ſeiner Handlungen ſei. Da rief er ſeine zwei Diener. „Jean,“ ſagte er,„hole für mich die reizendſten Blumen, die Du finden kannſt, während Teiſch bemüht ſein wird, mich ſo ſchön als möglich zu machen.“ Jean ſchien mit den Augen Gilbert um Erlaubniß zu fragen; der Doctor nickte ihm einwilligend zu. Jean ging hinaus, und Teiſch, der am Tage vorher ſehr krank geweſen war, fieng an ſeinen Herrn zu raſiren und zu friſiren. 206 „Ah!“ ſagte Mirabeau zu ihm,„Du warſt geſtern krank, mein armer Teiſch; wie geht es Dir heute?“ „Oh! ſehr gut, mein,lieber Herr,“ erwiederte der redliche Diener,„und ich wünſche, Sie wären an meinem Platze.“ „Ich,“ erwiederte Mirabeau lachend,„ich wünſche Dir, wenn Dir ein wenig am Leben gelegen iſt, nicht, an dem meinigen zu ſein.“ In dieſem Augenblick erſcholl ein Kanonenſchuß. Woher kam er? Man erfuhr es nie. Mirabeau bebte. „Oh!“ ſagte er, indem er ſich auftichtete,„iſt das ſchon des Leichenbegängniß von Achilles?“ Kaum hatte Jean, auf den, als er aus dem Hotel herauskam, Alles losſtürzte, um ſich nach dem hohen Kranken zu erkundigen, geäußert, er wolle Blumen holen, als Menſchen mit dem Rufe:„„Blumen für Herrn von Mirabeau!““ durch die Straßen liefen und alle Thüren ſich öffneten, und Jeder anbot, was er in ſeinen Treib⸗ häuſern oder in ſeinen Zimmern hatte, ſo daß in weni⸗ ger als einer Viertelſtunde das Hotel mit den ſeltenſten Blumen gefüllt war. Um neun Uhr Morgens war das Zimmer von Mi⸗ rabeau in ein wahres Blumenſtück verwandelt. In dieſem Augenblick hatte Teiſch ſeine Toilette vollendet. „Mein lieber Doctor,“ ſagte Mirabeau,„ich bitte Sie um eine Viertelſtunde, um Abſchied von Jemand zu nehmen, der das Haus vor mir verlaſſen ſoll. Wollte man dieſe Perſon beleidigen, ſo empfehle ich ſie Ihnen.“ „ Gilbert begriff. „Gut!“ erwiederte er,„ich laſſe Sie allein.“ „Ja, doch Sie warten im Nebenzimmer. Iſt dieſe Perſon weggegangen, ſo werden Sie mich bis zu meinem Tode nicht mehr verlaſſen.“ Gilbert machte ein bejahendes Zeichen. „ 207 „Geben Sie mir Ihr Wort,“ ſprach Mirabeau. Gilbert gab es ſtammelnd. Dieſer ſtoiſche Mann war ganz erſtaunt, daß er Thränen bei ſich fand, er, der glaubte, kraft der Philoſophie ſei er zur Unempfind⸗ lichkeit gelangt. Gilbert ging auf die Thüre zu. Mirabeau hielt ihn zurück. „Ehe ſie weggehen,“ ſagte er,„öffnen Sie meinen Secretaire und geben Sie mir eine kleine Caſſette, die ſich darin findet.“ Gilbert that, was Mirabeau wünſchte. Dieſe Caſſette war ſchwer. Gilbert ſchloß, ſie müſſe voll von Gold ſein. Mirabeau bedeutete ihm durch einen Wink, er möge ſie auf einen Nachttiſch ſtellen; dann reichte er ihm die Hand und ſprach: „Sie werden die Güte haben, mir Jean zu ſchicken; Jean, Sie hören wohl? nicht Teiſch; es ermüdet mich, zu rufen oder zu klingeln.“ Gilbert ging hinaus. Jean wartete im anſtoßenden Zimmer und trat durch dieſelbe Oeffnung, welche Gil⸗ bert Ausgang gewährt hatte, ein. Gilbert hörte, daß die Thüre hinter Jean mit dem Riegel geſchloſſen wurde. Die folgende halbe Stunde wurde von Gilbert an⸗ gewendet, um allen denjenigen, welche das Haus be⸗ Kunde vom Zuſtande von Mirabeau zu geben. Dieſe Kunde war verzweiflungsvoll; der Doctor verbarg der Menge nicht, daß Mirabeau wahrſcheinlich nicht mehr den ganzen Tag leben werde. Ein Wagen hielt vor der Thüre des Hotel an. Der Doctor hatte einen Augenblick den Gedanken, es ſei ein Wagen von Hofe, den man aus Rückſicht, trotz des allgemeinen Verbotes, ſich dem Hauſe haben nähern laſſen. 208 Er lief ans Fenſter. Es wäre ein ſo ſüßer Troſt für den Sterbenden geweſen, zu erfahren, die Königin beſchäftige ſich mit ihm. Doch es war ein einfacher Miethwagen, den Jean geholt hatte. Der Doctor errieth, für wen. Nach einigen Minuten kam wirklich Jean, eine in eine große Mantille gehüllte Frau führend, heraus. Dieſe Frau ſtieg in den Wagen. Vor dem Wagen trat die Menge, ohne ſich darum zu bekümmern, wer dieſe Frau ſei, ehrerbietig auf die Seite. Jean kam zurück. Rach einem Augenblick wurde die Thüre des Zim⸗ mers von Mirabeau wieder geöffnet, und man hörte die geſchwächte Stimme des Kranken nach dem Doctor verlangen. Gilbert lief zu ihm. „Mein lieber Doctor,“ ſagte Mirabeau,„ſtellen Sie dieſe Caſſette wieder an ihren Ort.“ Dann, da Gilbert ſehr erſtaunt ſchien, daß er ſie ſo ſchwer fand als zuvor, ſprach Mirabeau: „Ja, nicht wahr, das iſt ſeltſam? Wo des Teufels hat die Uneigennützigkeit ihr Reſt!“ Als der Doctor nahe zum Bette kam, fand er auf dem Boden ein geſticktes und ganz mit Spitzen beſetztes Taſchentuch.. Es war von Thränen benetzt. „Ah!“ ſagte er zu Mirabeau,„ſie hat nichts mit⸗ genommen, doch ſie hat etwas zurückgelaſſen.“ Mirabeau nahm das Tuch, und als er es ganz feucht fühlte, legte er es auf ſeine Stirne. „Oh!“ murmelte er,„nur ſie hat alſo kein Herz?“ Und er ſank mit geſchloſſenen Augen wieder auf ſein Bett zurück, ſo daß man ihn hätte für ohnmächtig 209 oder für todt halten können ohne das Röcheln ſeiner Bruſt, welches andeutete, daß er erſt im Begriffe war, zu ſterben. LXXI Zliehen! fliehen! fliehen! S Von dieſem Augenblick waren in der That die paar Stunden, welche Mirabean noch lebte, nur ein To⸗ deskampf. Gilbert hielt nichtsdeſtoweniger das gegebene Verſprechen und blieb bis zu ſeiner letzten Minute an ſein Bett gefeſſelt. So ſchmerzlich es ſein mag, ſo iſt es übrigens im⸗ mer eine große Lehre für den Arst und den Philoſophen, das Schauſpiel des letzten Kampfes zwiſchen der Ma⸗ terie und der Seele. Je größer das Genie geweſen, deſto intereſſanter iſt es zu ſtudiren, wie dieſes Genie den Kampf gegen den Tod aushält, der es am Ende bändigen ſoll. Dann fand die Seele des Doctors beim Anblick dieſes verſcheidenden großen Mannes noch eine andere Quelle düſterer Betrachtungen. Warum ſtarb Mirabeau, er, der Mann mit dem athletiſchen Temperamente, mit der herculiſchen Con⸗ ſtitution? Nicht, weil er die Hand ausgeſtreckt hatte, um dieſe Monarchie zu ſtützen und zu halten, welche dem Ein⸗ Die Gräfin von Charny. IV. 14 210 ſturze nahe war? Nicht, weil ſich einen Augenblick au ſeinen Arm die Unglücksfran gehängt hatte, die man Marie Antvinette nannte? Hatte ihm Caglioſtro nicht etwas wie dieſen Tod in Beziehung auf Mirabeau geweiſſagt, und dieſe zwei ſeltſamen Weſen, die er, das eine den Ruf, das andere die Geſundheit des großen Redners Frankreichs, der die Stüßze der Monarchie geworden, tödtend getroffen hatte, waren ſie nicht für ihn, Gilbert, ein Beweis, daß Alles, was ein Hinderniß bildete, wie die Baſtille, vor dieſem Manne oder vielmehr vor der Idee, die er ver⸗ trat, einſtürzen mußte? Während Gilbert in die tieſſte Tiefe ſeiner peinlichen Gedanken verſunken war, machte Mirabeau eine Bewe⸗ gung und öffnete die Augen. Er kehrte durch die Thüre des Schmerzes in das Leben zurück. Er verſuchte es, zu ſprechen; es war ver⸗ geblich. Doch weit entfernt, von dieſem neuen Ungemache angegriffen zu ſein, lächelte er, ſobald er ſich verſichert hatte, daß ſeine Zunge ſtumm, und verſuchte es, in ſeine Augen das Gefühl der Dankbarkeit übergehen zu laſſen, das er für Gilbert und für diejenigen hegte, deren zarte Sorge ihn auf dieſem letzten Wege, deſſen Ziel der Tod war, begleitete. Eine einzige Idee ſchien ihn indeſſen zu beſchäftigenz Gilbert allein konnte ſie errathen, und er errieth ſie. Der Kranke war nicht im Stande, die Dauer der Ohnmacht, aus welcher er ſo eben hervorgegangen, zu ſchätzen. Hatte ſie eine Stunde, hatte ſie einen Tag gedauert? Hatte während dieſer Stunde oder während dieſes Tages die Königin geſchickt, um ſich nach ihm zu erkundigen? Man ließ das Verzeichniß heraufholen, das unten auflag, und in das Jeder, mochte er als Bote oder auf eigene Rechnung kommen, ſeinen Namen einſchrieb. Kein Name, der als zur königlichen Intimität ge⸗ =* — 8 S — N —— 211 hörend bekannt war, deutete von dieſer Seite eine ver⸗ kleidete Theilnahme an. Man ließ Teiſch und Jean kommen und befragte ſie; doch Niemand, weder ein Kammerdiener, noch ein Huiſſier, war erſchienen. Man ſah nun, wie Mirabeau eine äußerſte Anſtren⸗ gung verſuchte, eine von jenen Anſtrengungen, wie ſie der Sohn von Cröſus machen mußte, als es ihm, da er ſeinen Vater vom Tode bedroht ſah, gelang, die Bande, die ſeine Zunge feſſelten, zu brechen und zu rufen: „Soldat, tödte Cröſus nicht!“ Es glückte Mirabeau. „Oh!“ rief er,„ſie wiſſen alſo nicht, daß ſie ver⸗ loren ſind, wenn ich todt bin! Ich trage die Trauer der Monarchie mit mir fort, und auf meinem Grabe werden die Aufrührer die Fetzen davon unter ſich theilen.“ Gilbert eilte auf den Kranken zu. Für einen ge⸗ ſchickten Arzt iſt Hoffnung vorhanden, ſo lange Leben vorhanden iſt. Mußte er überdies nicht, und wäre es nur um dieſem beredten Munde zu geſtatten, noch ein paar Worte zu ſprechen, alle Mittel der Kunſt anwenden? Er nahm einen Löffel, goß darein von der grün⸗ lichen Flüſſigkeit, von der er ſchon einmal Mirabeau ein Fläſchchen gegeben hatte, ein paar Tropfen und hielt, ohne dies Mal den Trank mit Branntwein zu miſchen, den Löffel an die Lippen des Kranken. „Oh! lieber Doctor,“ ſagte dieſer lächelnd,„wollen Sie, daß der Lebenstrank mich wirke, ſo geben Sie mir den Löffel voll oder das ganze Fläſchchen.“ „Wie ſo?“ fragte Gilbert, indem er Mirabeau feſt anſchaute. „Glauben Sie,“ erwiederte dieſer,„ich der vor⸗ zugsweiſe Mißbraucher von Allem, habe dieſen Lebens⸗ ſchatz in den Händen gehabt, ohne Mißbrauch damit zu treiben? Nein, ich habe Ihren Trank zerſetzen laſſen, mein lieber Aesenlap, und ich fand, daß er aus der 2¹2 Wurzel des indiſchen Hanfes gezogen wird, und dann habe ich nicht nur tropfenweiſe, ſondern Löffel voll, nicht nur um zu leben, ſondern auch um zu träumen, zu mir genommen. „Unglücklicher! Unglücklicher.“ murmelte Gilbert, „ich vermuthete es wohl, daß ich Ihnen Gift eingoß.“ „Süßes Gift, Doctor, mit deſſen Hülfe ich die letzten Stunden meines Daſeins verdoppelt, vervierfacht, verhundertfacht habe, durch das ich mit zweiundvierzig Jahren ſterbend das Leben eines Hundertjährigen gelebt haben werde, durch das ich endlich im Traume Alles beſeſſen habe, was mir in Wirklichkeit entging: Stärke, Reichthum, Liebe. Oh! Doctor! Doctor! bereuen Sie nicht, wünſchen Sie ſich im Gegentheil Glück. Gott hatte mir nur das reelle Leben, ein tranriges, armſeliges, ent⸗ färbtes, wenig bedauernswerthes Leben gegeben, ein Le⸗ ben, das man immer ihm als ein wucheriſches Anlehen zurückzugeben geneigt ſein mußte; Doctor, ich weiß nicht, ob ich Gott für das Leben Dank ſagen ſoll, aber ich weiß, daß ich Ihnen für Ihr Gift danken muß.. Füllen Sie doch den Löffel, Doctor, und geben Sie ihn mir.“ Gilbert that, was Mirabeau verlangte, und reichte ihm den Trank, den er mit Wonne zu ſich nahm. Nachdem er ſodann einige Secunden geſchwiegen, ſagte er, als vb beim Herannahen der Ewigkeit der Tod erlaubte, daß ſich für ihn der Schleier der Jukunſt lüfte: „Ah! Doctor, glücklich ſind diejenigen, welche in dieſem Jahre 1791 ſterben werden! Sie werden von der Revolution nur ihr glänzendes und heiteres Geſicht ge⸗ ſehen haben. Bis heute hat nie eine größere Revolution weniger Blut gekoſtet; das iſt ſo, weil ſie ſich bis heute nur in den Geiſtern bewerkſtelligt hat, während der Au⸗ genblick kommen muß, wo ſie in den Thatſachen und in den Dingen vor ſich gehen wird. Vielleicht glauben Sie, ſie werden mich dort in den Tuilerien beklagen; keines 213 Wegs. Mein Tod entbindet ſie einer eingegangenen Verpflichtung. Mit mir mußten ſie auf eine gewiſſe Art regieren; ich war ihnen keine Stütze mehr, ich war ihnen ein Hinderniß; ſie entſchuldigte ſich über mich bei ihrem Bruder.„„Mirabeau glaubt, er rathe mir,““ ſchrieb ſie ihm,„„und er bemerkt nicht, daß ich ihn nur durch Ver⸗ ſprechungen hinhalte.““ Oh! darum hätte ich haben mögen, daß ſie meine Geliebte und nicht meine Königin geweſen wäre. Welche ſchöne Rolle, Doctor, hat in der Geſchichte derjenige zu ſpielen, der mit einer Hand die junge Freiheit ſtützt und mit der andern Hand die alte Monarchie, der Beide nöthigt, denſelben Schritt nach demſelben Ziele, dem Glücke des Volks und der Achtung vor dem Königthum, zu gehen! Vielleicht war das mög⸗ lich, vielleicht war es ein Traum; doch dieſen Traum, ich habe die Ueberzeugung, ich allein konnte ihn verwirk⸗ lichen. Was mich ſchmerzt, Doctor, iſt nicht, daß ich ſterbe, ſondern daß ich unvollſtändig ſterbe, daß ich ein Werk uuternommen habe und einſehe, daß ich dieſes Werk nicht zum Ziele führen kann. Wer wird meine Idee verherrlichen, wenn ſie zur Mißgeburt gemacht, verſtümmelt, enthauptet iſt? Was man von mir wiſ⸗ ſen wird, Doctor, iſt gerade das, was man nicht wiſſen müßte: es iſt mein unregelmäßiges, tolles, umherſchwei⸗ fendes Leben; was man von mir leſen wird, ſind meine Briefe an Sophie, die Erotika⸗Biblion, die preußiſche Monarchie, Pamphlete und obſcöne Bü⸗ cher. Was man mir vorwerfen wird, iſt. daß ich mit dem Hofe einen Vertrag gemacht habe, und man wird mir dies vorwerfen, weil aus dieſem Vertrage nicht her⸗ vorgegangen iſt, was daraus hätte hervorgehen ſollen; mein Werk wird nur ein ungeſtalter Fötus, ein Unge⸗ heuer ſein, dem der Kopf fehlt, und man wird mich, der ich mit zweiundvierzig Jahren ſterbe, beurtheilen, als ob ich ein Menſchenleben gelebt hätte, mich, der ich mitten in einem Sturme verſchwinde, als ob ich, ſtatt genö⸗ 214 thigt, unabläſſig auf den Wellen, das heißt, auf einem Abgrunde zu gehen, auf einer großen, ſolid mit Ge⸗ ſetzen, Verordnungen und Vorſchriften gepflaſterten Straße gegangen wäre. Doctor, wem werde ich, nicht mein ver⸗ ſchleudertes Vermögen, ich habe keine Kinder und es iſt folglich nichts daran gelegen, ſondern mein verleumdetes Andenken vermachen, mein Andenken, das eines Tags Frankreich, Europa, der Welt zur Ehre gereichen konnte?.. „Warum haben Sie ſich auch ſo ſehr beeilt, zu ſter⸗ ben?“ verſetzte traurig Gilbert.. „Ja“ ſprach Mirabeau,„es gibt in der That Au⸗ genblicke, wo ich mich das, was Sie mich fragen, ſelbſt frage. Doch hören Sie mich wohl an; ich vermochte nichts ohne ſie, und ſie hat nicht gewollt. Ich hatte mich wie ein Alberner verbindlich gemacht; ich hatte wie ein Dummkopf geſchworen, immer jenen unſichtbaren Flügeln meines Gehirns unterthan, die das Herz fort⸗ reißen, während ſie, ſie nichts geſchworen, zu nichts ſich verbindlich gemacht hat... Somit ſteht alſo Alles auf das Beſte, Doctor, und wenn Sie mir Eines verſprechen wollen, ſo wird kein Bedauern die paar Stunden, die ich noch zu leben habe trüben.“ „Mein Gott! was kann ich Ihnen verſprechen?“ „Nun denn, verſprechen Sie mir, Doctor, wenn mein Uebergang von dieſem Leben in das andere zu ſchwer, zu ſchmerzlich wäre, und nicht allein von einem Arzte, ſondern von einem Menſchen, von einem Philo⸗ ſophen erbitte ich mir das, verſprechen Sie mir, daß Sie mich dabei unterſtützen werden?“ „Warum richten Sie ein ſolches Verlangen an mich?“ „Ah! ich will es Ihnen ſagen: obſchon ich fühle, daß der Tod da iſt, fühle ich doch auch, daß noch viel Leben in mir bleibt. Ich ſterbe nicht todt, lieber Doe⸗ — 8— n W— — * Ww W w— N 215 tor, ich ſterbe lebendig, und der letzte Schritt wird hart zu machen ſein.“ Der Doctor neigte ſein Geſicht auf das von Mira⸗ beau und ſagte: „Mein Freund, ich habe Ihnen verſprochen, Sie nicht zu verlaſſen; wenn Gott— und ich hoffe, daß dies nicht der Fall iſt,— Ihr Leben verurtheilt hat, ſo überlaſſen Sie im änßerſten Augenblick meiner tiefen Zärtlichkeit für Sie die Sorge, das zu vollbringen, was ich zu thun haben werde! Iſt der Tod da, ſo werde ich auch da ſein.“ Man hätte glauben ſollen, der Kranke habe nur auf dieſes Verſprechen warten wollen. Er murmelte: „Ich danke Ihnen,“ und fiel mit dem Kopfe auf ſein Kiſſen zurück. Dies Mal, trotz der Hoffnung, welche ein Arzt bis auf den letzten Tropfen in den Geiſt des Kranken zu gießen verpflichtet iſt zweifelte Gilbert nicht mehr. Die reichliche Doſis Haſchiſch, welche Mirabeau zu ſich genommen, hatte für einen Angenblick, wie die Er⸗ ſchütierungen der Voltaiſchen Säule, mit dem Worte, dem Spiele der Muskeln, das Leben des Geiſtes, wenn man ſo ſagen darf, welches daſſelbe begleitet, zurückge⸗ geben. Doch als er zu ſprechen aufhörte, ſanken die Muskeln zuſammen, dieſes Leben des Geiſtes verſchwand, und der Tod, der ſich ſchon ſeit der letzten Kriſe auf ſeinem Geſichte geoffenbart hatte, erſchien hier wieder tiefer als je ausgeprägt. Drei Stunden lang blieb ſeine eiskalte Hand in den Händen des Dockor Gilbert; drei Stunden lang, das heißt von vier bis ſieben Uhr, war der Todeskampf ruhig, ſo ruhig, daß man Jedermann einlaſſen konnte. Man hätte glauben ſollen, er ſchlafe. Doch gegen acht Uhr fühlte Gilbert die eiskalte Hand des Krauken in ſeinen Händen ſchauern; dieſes 216 S war ſo heftig, daß er ſich nicht darin täuſchen onnte. „Ah!“ ſprach er,„der wahre Todeskampf beginnt.“ Und es hatte ſich in der That die Stirne des Ster⸗ benden mit Schweiß bedeckt; ſein Ange hatte ſich wieder geöffnet und einen Blitz geſchleudert Er machte eine Bewegung, welche andeutete, daß er trinken wolle. Man beeilte ſich ſogleich, ihm Waſſer, Wein, Oran⸗ geade zu bieten. Das war es nicht, was er wollte. Er befahl durch einen Wink, ihm eine Feder, Tinte und Papier zu bringen. Man gehorchte, ſowohl um ihm zu gehorchen, als damit nicht ein Gedanke dieſes großen Genies, nicht einmal die des Deliriums verloren gehen. Er nahm die Feder und ſchrieb mit feſter Hand die zwei Worte:„Schlafen, ſterben.“ Das waren die zwei Worte von Hamlet. gab ſich den Anſchein, als verſtünde er nicht. Mirabeau ließ die Feder los, packte ſeine Bruſt mit vollen Händen, als wollte er ſie zerbrechen, gab ein paar unarticulirte Schreie von ſich, nahm wieder die Feder, machte eine übermenſchliche Anſtrengung, um dem Schmerz zu gebieten, ſich einen Augenblick zu enthal⸗ ten, und ſchrieb.„Die Schmerzen ſind ſtechend, uner⸗ träglich geworden. Darf man einen Freund vielleicht Tage lang auf dem Rade laſſen, während man ihm die Folter mit ein paar Tropfen Opium erſparen kann?“ Aber der Doctor zögerte. Ja, im äußerſten Augen⸗ blick würde er, wie er Mirabean geſagt hatte, im An⸗ geſichte des Todes da ſein, doch um den Tod zu bekäm⸗ pfen, nicht um ihn zu unterſtützen. Die Schmerzen wurden immer heftiger; der Ster⸗ 8 P te 1 ht ie uſt ein ie em al⸗ er⸗ cht ie en⸗ ln⸗ m⸗ 217 bende ſtrengte ſich an, rang die Hände, biß in ſein Kopfkiſſen. Endlich brachen ſie die Bande der Lähmung. „Oh! die Aerzte, die Aerzte!“ rief er plötzlich. „Sind Sie nicht mein Arzt und mein Freund⸗ Gilbert? Haben Sie mir nicht verſprochen, mir die Schmerzen eines ſolchen Todes zu erſparen? Soll ich das Bedauern mit mir nehmen, daß ich Ihnen mein Vertrauen ge⸗ ſchenkt? Gilbert, ich appellire an Ihre Freundſchaft! ich appellire an Ihre Ehre.“ Und mit einem Seufzer, einem Stöhnen, einem Schmerzensſchrei ſank er wieder auf ſein Kiſſen zurück. Gübert ſtieß auch einen Seufzer aus, reichte Mi⸗ rabeau die Hand und ſprach: „Es iſt gut, mein Frennd, man wird Ihnen geben, was Sie verlangen.“ Und er nahm eine Feder und ſchrieb eine Verord⸗ nung, welche nichts Anderes war als eine ſtarke Doſis Bruſtſyrup*) in deſtillirtem Waſſer. Doch kaum hatte er das letzte Wort geſchrieben, als ſich Mirabean in ſeinem Bette aufſetzte, die Hand aus⸗ ſtreckte und die Feder verlangte⸗ Gilbert gab ſie ihm ſchieunigſt. Da klammerte ſich ſeine vom Tode zuſammenge⸗ zogene Hand an das Papier an, und er ſchrieb mit einer kaum lesbaren Schrift:„Fliehen! fliehen! fliehen!“ Er wollte unterzeichnen, doch er war kaum im Stande, die vier erſten Buchſtaben ſeines Namens zu ſchreiben, und er ſtreckte abermals die Hand gegen Gil⸗ bert aus und murmelte: „Für ſie!“ *) Der Bruſtſyrup wird aus den Köpfen des weißen Mohns bereitet. 218 Dann ſank er ohne Bewegung, ohne Blick, ohne Hauch auf ſein Kiſſen zurück. Er war todt. Gilbert näherte ſich dem Bette, ſchaute ihn an, fühlte ihm den Puls, legte ihm die Hand auf das Herz, wandte ſich ſodann gegen die Zuſchauer dieſer erhabenen Scene um und ſprach: „Meine Herren, Mirabeau leidet nicht mehr.“ Und er drückte zum letzten Mal ſeine Lippen auf die Stirne des Todten, nahm das Papier, deſſen Be⸗ ſtimmung er allein kannte, faltete es gewiſſenhaft zu⸗ ſammen, ſteckte es in ſeine Bruſttaſche und ging raſch weg, denn er dachte, er habe nicht das Recht, nur einen Augenblick länger, als die Zeit, die man brauchte, um von der Chauſſée⸗d'Antin nach den Tuilerien zu gehen, die Ermahnung des erhabenen Todten zu behalten. Einige Secunden, nachdem der Doctor Gilbert das Sterbezimmer verlaſſen hatte, erhob ſich ein gewaltiges Geſchrei auf der Straße; ſchon fing das Gerücht vom Tode von Mirabeau an ſich zu verbreiten. Vald trat ein Bildhauer ein: er war von Gilbert geſchickt, um der Nachwelt das Bild des großen Redners in dem Angenblick, wo er in ſeinem Kampfe gegen den Tod unterlegen, zu bewahren. Ein paar Minuten Ewigkeit hatten ſchon dieſer Maske die Heiterkeit verliehen, welche eine mächtige Seele, wenn ſie den Körper verläßt, auf die Phyſio⸗ gnomie, die ſie belebt hat, wiederſcheint. Mirabeau iſt nicht todt, Mirabeau ſcheint einen Schlaf voll von Leben und lachenden Tränmen zu ſchlafen. LXXII. Das Teichenbegängniß. Der Schmerz war unermeßlich, allgemein; in einem Augenblicke verbreitete er ſich vom Mittelpunkte zum Umkreiſe, von der Rue de la Chauſſée-d'Antin zu den Barrieren von Paris. Es war halb neun Uhr Morgens. Das Volk ſtieß ein ungeheures Geſchrei aus: dann beauftragte es ſich ſelbſt, die Trauer zu decretiren. Es lief nach den Theatern, zerriß ihre Zettel und ſchloß ihre Thüren. Ein Ball fand an demſelben Abend in einem Hotel der Rue de la Chauſſée⸗d'Antin ſtatt; es ſtürmte das Hotel, zerſtreute die Tänzer und zerbrach die muſika⸗ liſchen Inſtrumente. Der Nationalverſammlung wurde der Verluſt, den ſie erlitten, durch ihren Präſidenten angezeigt. Sogleich beſtieg Barsre die Tribune und verlangte, daß die Nationalverſammlung im Protokoll dieſes un⸗ glücklichen Tages das Zeugniß des Bedauerns, das ſie dem Verluſte dieſes großen Mannes widme, niederlege und drang darauf, daß alle Mitglieder der Nationalver⸗ ſammlung eingeladen werden ſollen, ſeinem Leichenbe⸗ gängniſſe beizuwohnen. Am andern Tage, am 3. April, erſchien der Direc⸗ tor des Departement von Paris vor der Nationalver⸗ ſammlung verlangte und erhielt, daß die Saint⸗Ge⸗ nevidve⸗Kirche als Pantheon, geweiht dem Begräbniſſe großer Männer, errichtet, und daß Mirabeau zuerſt darin begraben werde. 220 Bezeichnen wir hier dieſes herrliche Decret der Na⸗ tionalverſammlung. Es iſt gut, daß man in dieſen Bü⸗ chern, welche die Staatsmänner für frivol halten, weil ſie das Unrecht haben, die Geſchichte unter einer etwas weniger ſchwerfälligen Form als die, welche die Ge⸗ ſchichtſchreiber anwenden, zu lehren, es iſt gut, ſagen wir, daß man ſo oft als möglich und gleichviel wo, wenn es nur im Bereiche der Augen iſt, dieſe Decrete findet, welche um ſo größer, als ſie unwillkürlich der Bewun⸗ derung und der Dankbarkeit eines Volkes entriſſen wor⸗ den ſind. 6. Es folgt hier das Decret in ſeiner ganzen Reinheit. Die Nationalverſammlung beſchließt: Das neue Sainte⸗Genevisve⸗Gebäude wird zur Auf⸗ nahme der Aſche der großen Männer, von der Epoche der franzöſiſchen Freiheit an, beſtimmt ſein. Art. II Der geſetzgebende Körper allein wird entſcheiden, welchen Männern dieſe Ehre zuerkannt werden ſoll. Art. III. erachtet. Att. W. Die Legislatur kann in Zukunft dieſe Ehre nicht einem ihrer aus ihrem Kreiſe geſtorbenen Mitglieder zu⸗ erkennen; ſie kann nur durch die folgende Legislatur zuerkannt werden. Honoré Riguetti Mirabeau wird dieſer Ehre würdig 22¹ Wt. Die Ausnahmen, welche in Beziehung auf einige vor der Revolution geſtorbene große Männer ge⸗ ſtattet werden dürften, können nur durch den geſetz⸗ gebenden Körper gemacht werden. Art. VI. Das Directorium des Departement von Paris wird beauftragt, das Sainte⸗Genevisve⸗Gebäude raſch in den Stand zu ſetzen, ſeine Beſtimmung zu erfüllen, und wird über dem Giebel die Worte eingraben laſſen:„ Den großen Männern das dankbare Vaterland. Art. VII. Bis die neue Sainte⸗Genevisve⸗Kirche vollendet iſt, wird der Leib von Riquetti Mirabean neben der Aſche von Descartes in der Gruft der Sainte⸗Genevisve⸗ Kirche*) niedergelegt. *) Das Pantheon iſt ſeitdem der Gegenſtand ver⸗ ſchiedener Decrete geweſen; wir führen ſie ohne Com⸗ mentare neben einander oder vielmehr hinter einander an. Decret vom 20. Februar 1806. (Der Titel I. dieſes Decrets beſtimmt die Kirche von Saint⸗Denis zum Begräbniß der Kaiſer.) Titel 1I. Art. VII. Die Saint⸗Genevisve⸗Kirche wird vollendet und dem 222 Am andern Tage um vier Uhr Nachmittags, verließ die ganze Nationalverſammlung den Saal der Reitbahn, Gottesdienſte, gemäß der Abſicht des Stifters, unter der Anrufung der heiligen Genevisve, der Partronin von Paris, zurückgegeben werden. Sie wird die Beſtimmung, die ihr die conſtituirende Verſammlung gegeben, behalten und geweiht ſein dem Begräbniſſe der Großwürdenträger des Reichs undder Krone, der Senatoren, der Großofficie⸗ re der Ehrenlegion und, kraft unſerer ſpeciellen Beſchlüſſe, der Bürger, welche in der Laufbahn der Waffen, oder der Adminiſtration, oder der Wiſſenſchaf⸗ ten dem Vaterlande ausgezeichnete Dienſte geleiſtet ha⸗ ben; ihre Leiber ſollen, einbalſamirt, in der Kirche begraben werden. Art. M. Die im Muſeum der franzöſiſchen Monumente anf⸗ bewahrten Grabmäler ſollen in dieſe Kirche verſetzt und hier nach der Ordnung von Jahrhunderten aufgeſtellt werden. Das erzbiſchöfliche Kapitel von Notre⸗Dame wird, vermehrt durch ſechs Mitglieder, beauftragt ſein, den Gottesdienſt der Sainte⸗Genevisve⸗Kirche zu verſehen. Mit der Obhut über dieſe Kirche wird ſpeciell ein unter den Domherrn gewählter Erzprieſter betraut werden. Es wird hier feierlicher Gottesdienſt gehalten wer⸗ +„ . 223 um ſich nach dem Hotel von Mirabeau zu begeben; ſie wurde hier erwartet vom Director des Departement, den, am 3. Januar, dem Feſte der heiligen Genevisve, am 15. Auguſt, dem Feſte des heiligen Napoleon und dem Jahrestage des Abſchluſſes des Concordats, am Aller⸗Seelen⸗Tage und am erſten Sonntag des Decem⸗ ber, als am Jahrestage der Krönung und der Schlacht von Auſterlitz, und ſo oft Beerdigungen im Vollzuge gegenwärtigen Decrets ſtattfinden werden. Jede andere religiöſe Function kann in genannter Kirche nur kraft unſeres Gutheißens geübt werden. unterz.: Napoleon. Ordonnanz vom 12. December 1821. „Ludwig von Gottes Gnaden, König von Frank⸗ reich und Navarra. „Allen denjenigen, welchen Gegenwärtiges zu Geſicht kommt, unſern Gruß. „Die Kirche, welche unſer Großvater Lud⸗ wig XV. unter Anrufung der heiligen Genevisve zu bauen angefangen, iſt glücklich vollendet, und wenn ſie noch nicht alle Ornamente erhalten hat, die ihre Herr⸗ lichkeit krönen ſollen, ſo iſt ſie doch in einem Zuſtande, der den Gottesdienſt darin zu feiern geſtattet. Darum, und um nicht länger die Erfüllung der Intentionen ihres Stifters zu verzögern und ſeinen und unſeren Abſichten gemäß den Cultus der Patronin wiederherzuſtellen, de⸗ ren Beiſtand unſere gute Stadt Paris in allen ihren Nöthen anzuflehen pflegte; „Haben wir verordnet und verordnen wir, auf den Bericht unſeres Miniſters des Innern und nach Anhö⸗ rung unſeres Geheimenraths, wie folgt: von allen Miniſtern und von mehr als hunderttauſend Perſonen. Art. 1. „Die von Ludwig XV. zu Ehren der heiligen Ge⸗ nevidve, der Patronin von Paris, geſtiftete neue Kirche wird unverzüglich der Uebung des Gottesdienſtes unter der Anrufung dieſer Heiligen geweiht ſein. Sie iſt zu dieſem Ende zur Verfügung des Erzbiſchofs von Paris geſtellt, der darin den Gottesdienſt durch Geiſtliche, welche er zu bezeichnen hat, wird verſehen laſſen. Art. 2. „Es wird ſpäter über den regelmäßigen und beſtän⸗ digen Dienſt, der gehalten werden ſoll, ſowie über die Natur des Dienſtes feſtgeſtellt und verordnet werden. Unterz.: Ludwig. Ordonnanz vom 26. Auguſt 1830. „In Betracht, daß es der nationalen Gerechtigkeit und der Ehre Frankreichs angemeſſen iſt, daß die großen Männer, welche ſich um das Vaterland, zu ſeiner Ehre und ſeinem Ruhme beitragend, wohl verdient gemacht haben, nach ihrem Tode ein glänzendes Zeugniß der öffentlichen Hochachtung und Dankbarkeit empfangen; „In Betracht, daß um dieſes Ziel zu erreichen, den Geſetzen, welche dem Pantheon dieſe Beſtimmung an⸗ gewieſen haben, wieder Kraft gegeben werden muß; Haben wir verordnet und verordnen wir, wie folgt: Mrt. 1 „Das Pantheon wird ſeiner urſprünglichen und ge⸗ ſeuchen Beſtimmung zurückgegeben werden. Die In⸗ „ it en re er n„ n⸗ 225 Doch von dieſen hunderttauſend Perſonen war nicht eine einzige ſpeciell im Auſtrage der Königin ge⸗ kommen. Den großen Männern das dankbare Vaterland wird an ſeinem Giebel wiederhergeſtellt werden. Die Ueberreſte der großen Männer, die ſich um das Vater⸗ land wohl verdient gemacht haben, ſollen darin nieder⸗ gelegt werden. Art. 2. „Es werden Maßregeln getroffen werden, um zu. beſtimmen, unter welchen Bedingungen und in welcher Form dieſes Zeugniß der nationalen Dankbarkeit im Namen des Vaterlands zuerkannt werden ſoll. Eine Commiſſion wird unmittelbar beauftragt werden, einen Geſetzesentwurf zu dieſem Ende vorzubereiten. Unterz.: Louis Philipp.“ Decret vom 6. December 1851. „Der Präſident der Republik, u. ſ. w. „Decretirt: „Die alte Saint⸗Genevisve⸗Kirche wird dem Got⸗ tesdienſte, gemäß der Intention ihres Stifters, unter der Anrufung der heiligen Genevisve, der Patronin von Paris, zurückgegeben. Es werden ſpäter Maßregeln ge⸗ troffen werden, um dvie beſtändige Uebung des katholi⸗ ſchen Cultus in dieſer Kirche zu regeln. Die Gräfin von Charny. W. 15 Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Lafayette ritt an der Spitze als General⸗Comman⸗ dant der Nationalgarden des Königreichs. Dann kam der Präſident der Nationalverſammlung koniglich umgeben von zwölf Huiſſiers von der ette. Dann folgten die Miniſter. Dann, die Nationalverſammlung, ohne Unterſchied der Partei. Sieyds gab den Arm Charles von Lameth. Dann, nach der Nationalverſammlung, der Club der Jacobiner als eine zweite Nationalverſammlung; er hatte ſich durch einen ohne Zweifel mehr prunkhaften als wah⸗ ren Schmerz bemerkbar gemacht; er hatte acht Tage Trauer beſchloſſen, und Robespierre, der zu arm, um Geld für einen Frack auszugeben, hatte einen entlehnt, wie er es ſchon bei der Trauer um Franklin gethan. Dann die ganze Bevölkerung von Paris, in zwei Linien von Nationalgarden eingeſchloſſen, die ſich auf mehr als dreißigtanſend Mann beliefen. Eine Trauermuſik, bei der man zum erſten Male zwei bis dahin unbekannte Inſtrumente, den Trombone und den Tamtam, hörte, bezeichnete dieſer ungeheuren Menge den Schritt. Erſt um acht Uhr kam man zu Saint-Euſtache. „Die Ordonnanz vom 26. Auguſt 1830 iſt aufge⸗ hoben. Art. 3. „Der Miniſter des öffentlichen Unterrichts und des Cultus und der Miniſter der öffeutlichen Arbeiten ſind mit dem Vollzuge gegenwärtigen Decrets beauſtragt.“ „Unterz.: Lonis Napoleon.“ er te e m t. le te n e⸗ 6 d 227 Die Leichenrede wurde von Cerutti geſprochen; beim letz⸗ ten Worte feuerten zehntauſend Mann der Nationalgarde, die ſich in der Kirche befanden, mit einem Schuſſe ihre Flinten ab. Die Nationalverſammlung, welche auf die⸗ ſes Feuern nicht gefaßt war, gab einen gewaltigen Schrei von ſich. Die Erſchütterung war ſo heftig gewe⸗ ſen, daß nicht eine Scheibe unverſehrt blieb. Man hätte einen Augenblick glanben können, das Gewölbe ſtürze ein, und die Kirche werde dem Sarge als Grab dienen. Man ſetzte ſich mit Fackeln wieder in Bewegung; die Finſterniß war herabgeſtiegen und hatte ſich nicht nur der Straßen, durch welche man zog, ſondern auch der Herzen bemächtigt. Der Tod von Mirabeau war in der That eine po⸗ litiſche Finſterniß. Wußte man, da Mirabeau todt war, welchen Weg man betreten ſollte? Der geſchickte Bän⸗ diger war nicht mehr da, um die ungeſtümen Renner zu lenken, welche man den Ehrgeiz und den Haß nennt. Man fühlte, daß er etwas mit ſich genommen, was fortan der Nationalverſämmlung fehlen würde: den mit⸗ ten im Kriege wachenden Genius des Friedens, die unter der Heftigkeit des Geiſtes verborgene Herzensgüte. Alle Welt hatte bei dieſem Tode verloren; die Royaliſten hatten keinen Stachel, die Revolutionäre keinen Zügel mehr. Fortan würde der Wagen raſcher rollen, und der Abhang war noch lang. Wer konnte ſagen, wohin man rollte, und ob es gegen den Triumph oder gegen den Abgrund war? Man erreichte das Pantheon erſt um Mitternacht. Ein einziger Menſch hatte beim Zuge gefehlt, Petion. Warum war Petion weggeblieben? Er ſagte es ſelbſt am andern Tage denjenigen von ſeinen Freunden, welche ihm ſeine Abweſenheit zum Vorwurf machten. Er behauptete, den Plan einer contrerevolutionären Verſchwörung, geſchrieben von der Hand von Mirahean, geleſen zu haben. 228 Drei Jahre nachher, an einem düſtern Herbſttage, nicht mehr im Saale der Reitbahn, ſondern im Saale der Tuilerien, als der Convent, nachdem er den König getödtet, nachdem er die Königin getödtet, nachdem er die Girondiſten getödtet, nachdem er die Cordeliers ge⸗ tödtet, nachdem er die Jacobiner getödtet, nachdem er die Montagnards getödtet, nachdem er ſich ſelbſt getödtet, nichts Lebendiges mehr zu tödten hatte, fieng er an die Todten zu tödten. Da erklärte er mit wilder Freude, er habe ſich in dem Urtheile, das er über Mirabeau ge⸗ fällt, getäuſcht, und in ſeinen Augen könne das Genie die Corruption nicht verzeihbar machen. Es wurde ein neues Decret erlaſſen, das Mirabeau vom Pantheon ausſchloß. Es kam ein Huiſſier, verlas auf der Schwelle des Tempels das Decret, welches Mi⸗ rabeau unwürdig erklärte, das Grab von Voltaire, Rouſſeau, Descartes zu theilen, und forderte den Hüter der Kirche auf, ihm den Leichnam zu übergeben. So rief eine Stimme furchtbarer als die, welche im Thale Joſaphat ertönt haben ſoll, vor der Stunde: „Pantheon, gib deine Todten zurück!“ Das Pantheon gehorchte; der Leichnam von Mira⸗ beau wurde dem Huiſſier übergeben, der, wie er ſelbſt ſagte, den genannten Sarg an den gewöhnlichen Hrt der Begräbniſſe bringen und hier be⸗ ſtatten ließ. Der gewöhnliche Ort der Begräbniſſe war aber Clamart, der Friedhof der Hingerichteten. Und, ohne Zweifel, um die Strafe, die ihn ſelbſt im Tode aufſuchen ſollte, noch erſchrecklicher zu machen, wurde der Sarg nächtlicher Weile und ohne Gefolge, ohne irgend ein Anzeichen des Begräbnißortes, ohne Kreuz, ohne Stein, ohne Inſchrift beerdigt. Nur führte ſpäter ein alter Todtengräber, befragt von einem von jenen Geiſtern, welche begierig ſind, das zu erfahren, was die Andern nicht wiſſen, eines Abends einen ———.— „— — — S— 7 ——.— 229 Mann durch den troſtloſen Gottesacker, blieb in der Mitte deſſelben ſtehen, ſtieß mit dem Fuße auf den Bo⸗ den und ſagte: „Hier iſt es.“ Dann, als der Neugierige weiter in den Todten⸗ te drang, um Gewißheit zu erhalten, wiederholte dieſer: „Hier iſt es, ich ſtehe dafür, denn ich habe ihn in ſein Grab verſenken helfen und wäre beinahe ſelbſt nachgerollt, ſo ſchwer war ſein verfluchter bleierner Sarg.“ Dieſer Mann war Nodier. Eines Tags führte er mich auch nach Clamart, ſtieß mit dem Fuße auf den⸗ ſelben Ort und ſagte zu mir: „Hier iſt es.“ Es ſind aber nun mehr als fünfzig Jahre, daß die Generationen, die ſich gefolgt, über dieſes unbekannte Grab von Mirabeau hinſchreiten. Iſt das nicht eine hinreichend lange Sühne für ein beſtreitbares Verbrechen, welches viel mehr das der Feinde von Mirabeau, als das von Mirabean ſelbſt war, und wird es nicht Zeit ſein, bei der erſten Gelegenheit dieſe unreine Erde, in der er ruht, zu durchwühlen, bis man den bleiernen Sarg fin⸗ det, der ſo ſchwer in den Armen des Todtengräbers laſtete, und an dem man den Geächteten des Pantheon erkennen wird? Vielleicht verdient Mirabeau das Pantheon nicht, doch ſicherlich ruhen Viele in chriſtlicher Erde und werden Viele darin ruhen, welche das Hochgericht mehr als er verdienen. Frankreich! zwiſchen dem Hochgerichte und dem Pantheon ein Grab für Mirabean! mit ſeinem Namen ſtatt jeder Grabſchrift, mit. ſeiner Büſte ſtatt jeder Ver⸗ zierung, mit der Zukunft ſtatt jedes Richters! LXXIII. Die Voten. Am Morgen deſſelben 2. April, vielleicht eine Stunde, ehe Mirabeau den letzten Seufzer aushauchte, ging ein Oberofficier der Marine, in ſeiner großen Uniform des Kapitäns eines Linienſchiffes, der von der Rue Saint⸗ Honoré kam, nach den Tuilerien durch die Rue Saint⸗ Lonis und durch die Rue de lEchelle. Er ließ, als er zum Hofe der Ställe gelangte, dieſen links, ſprang über die Ketten, die ihn vom innern Hofe trennten, erwiederte der Schildwache, die das Gewehr vor ihm präſentirte, ihren Gruß und befand ſich im Schweizerhofe. Hier ging er wie ein Menſch, der mit dem Wege vertraut iſt, auf eine kleine Geſindetreppe zu, welche durch einen langen Corridor mit dem Cabinet des Königs in Verbindung ſtand. Als ihn der Kammerdiener erblickte, gab er einen Ausruf des Erſtaunens, beinahe der Freude von ſich; doch der Ankommende legte einen Finger auf ſeinen Mund und ſagte: „Herr Hue, kann mich der König in dieſem Angen⸗ blick empfangen?“ „Der König iſt mit dem Herrn General von La⸗ fayette, dem er ſeine Befehle für den Tag gibt,“ er⸗ wiederte der Kammerdiener.„Doch ſobald der General weggegangen iſt... „Werden Sie mich melden?“ verſetzte der Officier. „Oh! das iſt ohne Zweifel unnöthig; Seine Maje⸗ n 231 ſtät erwartet Sie, denn ſchon geſtern Abend hat ſie Be⸗ fehl gegeben, Sie ſogleich bei Ihrer Ankunft einzuführen.“ In dieſem Augenblick hörte man die Klingel im Cabinet des Königs ertönen. „Ah!“ ſagte der Kammerdiener,„der König klin⸗ gelt wahrſcheinlich, um ſich nach Ihnen zu erkundigen.“ „Dann gehen Sie hinein, Herr Hue, und laſſen Sie uns keine Zeit verlieren, wenn der König mich wirk⸗ lich empfangen kann.“ Der Kammerdiener öffnete die Thüre, und beinahe in demſelben Augenblick, ein Beweis, daß der König allein war, meldete er: „Der Herr Graf von Charny.“ „Oh! er trete ein! er trete ein!“ rief der König; „ſeit geſtern erwarte ich ihn.“ Charny trat raſch ein, näherte ſich dem König mit einem ehrfurchtvollen Eifer und ſprach: „Sire, ich bin, wie es ſcheint, um einige Stunden im Verzuge, doch wenn ich Seiner Majeſtät die Urſache dieſes Verzugs geſagt habe, wird ſie mir verzeihen.“ Kommen Sie, kommen Sie, Herr von Charny. Ich erwartete Sie allerdings mit Ungeduld; doch ich bin zum Voraus überzeugt, daß nur eine wichtige Urſache Ihre Reiſe weniger raſch machen konnte, als ſie hätte ſein ſollen. Sie ſind nun hier, ſeien Sie willkommen.“ Und er reichte dem Grafen eine Hand, die dieſer ehrerbietig küßte. „Sire,“ fuhr Charny fort, als er die Ungeduld des Königs wabrnahm, ich habe Ihren Befehl vorgeſtern in der Nacht erhalten und bin geſtern Morgen um drei Uhr von Montmédy abgereiſt.“ „Wie ſind Sie gereiſt?“ „Mit Poſtkutſche.“ „Das erklärt mir die paar Stunden Verzug,“ ſprach lächelnd der König. „Sire, ich hätte allerdings mit verhängten Zügeln 232 kommen können, und auf dieſe Art wäre ich zwiſchen zehn und elf Uhr und ſogar früher, der directen Straße fol⸗ gend, hier geweſen; doch ich wollte mir Rechenſchaft von den guten oder ſchlimmen Chancen der Straße geben, welche Eure Majeſtät gewählt hat; ich wollte die gut beſtellten und die ſchlecht bedienten Poſten kennen lernen; ich wollte beſonders genau wiſſen, wie viel Zeit man auf die Minute, auf die Secunde brauche, um von Montmédy nach Paris und folglich von Paris nach Mont⸗ médy zu kommen. Ich habe mir Alles notirt und bin nun im Stande, Ihnen über Alles zu antworten.“ „Bravo! Herr von Charny,“ ſprach der König, „Sie ſind ein vortrefflicher Diener; nur laſſen Sie mich damit anfangen, daß ich Ihnen ſage, wo wir hier ſind; Sie werden mir dann ſagen, wo Sie dort ſind.“ „Oh! Sire,“ verſetzte Charny,„wenn ich nach dem urtheile, was mir davon zu Ohren gekommen iſt, ſtehen die Sachen ſehr ſchlecht.“ „Dergeſtalt, daß ich Gefangener in den Tuilerien bin, mein lieber Graf! Ich ſagte es ſo eben dieſem gu⸗ ten Herrn von Lafayette, meinem Kerkermeiſter, ich möchte lieber König von Metz, als König von Frankreich ſein; doch zum Glück ſind Sie nun hier.“ „Seine Majeſtät erwies mir die Ehre, mir zu ſagen, Sie wolle mich mit der Lage der Dinge bekannt machen.“ „Es iſt wahr, mit zwei Worten alſo... Sie haben die Flucht meiner Tanten erfahren.“ „Ja, wie Jedermann, Sire, doch ohne irgend ein Detail.“ „Ah! mein Gott, das iſt ganz einfach. Sie wiſſen, daß uns die Rationalverſammlung nur noch beeidigte Prieſter geſtattet. Nun wohl! die armen Frauen ſind erſchrocken beim Herannahen der Oſtern; ſie glaubten, es ſei Gefahr für ihre Seele dabei, wenn ſie einem conſti⸗ tutionellen Prieſter beichten, und auf meinen Rath, ich muß es ſagen, ſind ſie nach Rom abgereiſt. Kein Geſetz 233 ſtellte dieſer Reiſe ein Hinderniß entgegen, und man durfte nicht befürchten, daß zwei arme alte Frauen die Partei der Emigranten ſehr verſtärken. Sie hatten Nar⸗ bonne mit dieſer Abreiſe beauftragt; doch ich weiß nicht, wie er ſich dabei benahm: die ganze Lunte wurde gero⸗ chen, und ſie erhielten einen Beſuch in der Art desjenigen, welchen wir in Verſailles am 5. und 6. October erhielten, in Bellevue gerade an dem Abend, wo ſie aufbrachen. Zum Glück gingen ſie durch eine Thüre weg, während all dieſe Canaille durch die andere zu ihnen kam. Ver⸗ ſtehen Sie, Graf? nicht ein Wagen bereit! drei ſollten beſpannt unter den Remiſen warten. Sie mußten bis Meudon zu Fuße gehen. Hier fand man endlich die Wagen, und man reiſte ab. Drei Stunden nachher un⸗ geheurer Lärmen in ganz Paris; diejenigen, welche ge⸗ kommen waren, um ſie an der Flucht zu verhindern, hatten das Neſt noch warm, aber leer gefunden. Am andern Tag Gebrülle der ganzen Preſſe. Marat ſchreibt, ſie nehmen Millionen mit; Desmoulins, ſie entführen den Dauphin. Nichts von Allem dem war wahr; die armen Frauen hatten drei- bis viermalhunderttauſend Franken in ihrer Börſe und waren mit ſich ſelbſt genug in Ver⸗ legenheit, ohne ſich mit einem Kinde zu belaſten, das ſie nur erkennbar machen konnte; und zum Beweiſe dient, daß ſie zuerſt in Moret erkannt wurden, wo man ſie weiter ziehen ließ, und ſodann in Arnay⸗le⸗Duc, wo man ſie verhaftete. Ich mußte an die Nationalverſammlung ſchreiben, daß ſie weiter reiſen durften, und trotz meines Briefes, hat die Nationalverſammlung einen ganzen Tag eſtritten. Endlich wurde es ihnen erlaubt, ihre Reiſe ein doch unter der Bedingung, daß der Ausſchuß ein Geſetz über die Emigration vorlege.“ „Ja,“ ſagte Charny,„aber mir ſchien, auf eine hetrliche Rede von Herrn von Mirabeau hat die Na⸗ tionalverſammlung das Geſetz, das der Ausſchuß beantragte, verworfen.“ ——— 234 „Allerdings hat ſie ihn verworfen. Doch neben die⸗ ſem kleinen Triumphe erwartete mich eine große Demü⸗ thigung. Als man ſah, welchen Lärmen die Abreiſe der armen Frauen machte, eilten einige ergebene Freunde, — es blieben mir noch mehr, als ich glaubte, mein lie⸗ ber Graf,— eilten einige ergebene Freunde, etwa hundert Edellente, nach den Tuilerien und boten mir ihr Leben an. Sogleich verbreitet ſich das Gerücht, es entwickle ſich eine Verſchwörung, und man wolle mich entführen. Lafayette, den man unter dem Vorwande, man richte die Baſtille wieder auf, nach dem Faubourg Saint⸗Antoine hatte laufen laſſen, kommt wüthend darüber, daß man ihn ſo dupirt, nach den Tuilerien zurück, dringt mit dem Degen in der Fauſt, mit gefälltem Bajonnet ein, ver⸗ haftet unſere armen Freunde und entwaffnet ſie. Man findet bei den Einen Piſtolen, bei den Andern Meſſer. Jeder hatte das genommen, was er im Bereiche ſeiner Hand gefunden. Gut, der Tag wird in die Geſchichte unter einem neuen Namen eingetragen werden: er wird der Tag der Ritter vom Dolche heißen“ „Oh! Sire! Sire! in was für erſchrecklichen Zeiten leben wir!“ rief Charny, den Kopf ſchüttelnd. „Warten Sie doch. Alle Jahre begeben wir uns nach Saint Clond; das iſt eine abgemachte Sache. Vor⸗ geſtern beſtellen wir die Wagen, wir gehen hinab; wir finden fünfzehnhundert Perſonen um dieſe Wagen ver⸗ ſammelt, es iſt nicht möglich, vorzurücken; das Volk ſpringt den Pferden an die Zügel, erklärt, ich wolle fliehen, doch ich werde nicht fliehen. Nach einer Stunde vergeblicher Verſuche mußten wir zurückkehren: die Kö⸗ nigin weinte vor Zorn.“ „Aber war denn der General Lafayette nicht da, um Eurer Majeſtät Achtung zu verſchaffen?“ „Lafayette! wiſſen Sie, was er that? Er ließ die Sturmglocke in Saint⸗Roche läuten; er lief nach dem Stadthauſe und verlangte die rothe Fahne, um das Va⸗ 235 terland in Gefahr zu erklären. Das Vaterland in Ge⸗ fahr, weil der König und die Königin nach Saint⸗Clond fahren! Wiſſen Sie, wer ihm die rothe Fahne verweigert, wer ſie ihm aus den Händen geriſſen hat, denn er hielt ſie ſchon? Danton. Man behauptet auch, Danton ſei an mich verkauft, Danton habe hunderttauſend Franken von mir bekommen. So weit ſind wir, mein lieber Graf, abgeſehen von Mirabeau, welcher ſtirbt, welcher zu dieſer Stunde vielleicht ſchon geſtorben iſt.“ „Dann iſt ein Grund mehr vorhanden, ſich zu ſpu⸗ ten, Sire.“ „Das wollen wir auch thun. Laſſen Sie hören, was haben Sie dort mit Bouillé beſchloſſen? Er iſt nun ſtark, wie ich hoffe. Die Geſchichte in Nancyh war für mich eine Gelegenheit, ſein Commando zu vermehren, neue Truppen unter ſeinen Befehl zu ſtellen.“ „Ja, Sire, doch die Anordnungen des Kriegsmini⸗ ſters widerſetzen ſich den unſern. Er hat ihm ſo eben das Regiment Sachſen⸗Huſaren entzogen und verweigert ihm die Schweizer Regimenter. Nur mit großer Mühe hat er in der Feſtung Montmédy das Regiment Bouil⸗ lon⸗Jufanterie behalten.“ „Er zweifelt alſo nun?“ „Nein, Sire, das ſind einige Chancen weniger; doch gleichviel! bei ſolchen Unternehmen muß man wohl den Theil des Feuers oder des Zufalls machen, und wir haben ſtets, wenn das Unternehmen gut geleitet wird, neun⸗ zig Chancen von hundert.“ „Wenn die Sache ſo iſt, laſſen Sie uns auf uns zu⸗ rückkommen.“ Sire, Euere Majeſtät iſt immer noch feſt ent⸗ ſchloſſen, die Straße nach Chalons, Sainte⸗Menehould, Clermont und Stenay zu verfolgen, obgleich dieſer Weg wenigſtens zwanzig Meilen weiter iſt, als die andern, und obgleich ſich keine Poſt in Varennes findet?“ „ ———— 236 „Ich habe ſchon Herrn von Bouillé die Gründe ge⸗ ſagt, die mich dieſen Weg vorziehen ließen.“ „Ja, Sire, und er hat uns in dieſer Hinſicht die Befehle Eurer Majeſtät überbracht. Nach dieſen Befehlen iſt ſogar von mir die ganze Straße, Buſch für Buſch, Stein für Stein, aufgenommen worden; die Arbeit muß ſich in den Händen Eurer Majeſtät befinden.“ „Und ſie iſt ein wahres Muſter von Klarheit. Ich zenn nun die Straße, als ob ich ſie ſelbſt gemacht ätte.“ „Wohl, Sire, vernehmen Sie die Notizen, welche meine letzte Reiſe den andern beigefügt hat.“ „Sprechen Sie, Herr von Charny, ich höre Sie, und zu größerer Genauigkeit iſt hier die von Ihnen ſelbſt gezeichnete Karte.“ Und als er ſo geſprochen, zog der König aus einem Futteral eine Karte und legte ſie auf dem Tiſche auf. Dieſe Karte war nicht nur entworfen, ſondern mit der Hand gezeichnet, und es fehlte, wie Charny geſagt hatte, darauf nicht ein Baum, nicht ein Stein; es war das Werk einer mehr als achtmonatlichen Arbeit. Charny und der König neigten ſich auf dieſe Karte. „Sire,“ ſprach Charny,„die wahre Gefahr wird für Eure Majeſtät in Sainte⸗Menehould anfangen und in Stenay aufhören. Auf dieſen achtzehn Meilen müſſen wir unſere Detachements vertheilen.“ „Könnte man ſie nicht mehr in die Nähe von Pa⸗ ris bringen? ſie zum Beiſpiel bis nach Chalons kommen laſſen?“ „Sire,“ erwiederte Charny,„das iſt ſchwierig. Chalons iſt eine zu ſtarke Stadt, als daß vierzig, fünf⸗ zig, hundert Mann ſogar etwas Wirkſames zum Heile Euerer Majeſtät thun könnten, wenn dieſes Heil bedroht wäre. Ueberdies verbürgt ſich Herr von Bouillé erſt von Saint⸗Menehould an. Alles, was er thun kann, und auch dies hat er mich noch mit Euerer Majeſtät zu er⸗ 237 örtern beauftragt, iſt, daß er ſein erſtes Detachement nach Pont⸗de⸗Sommevelle legt... Sie ſehen, Sire, hierher, das heißt auf die erſte Poſt nach Chalons.“ Hier bezeichnete Charny mit dem Finger auf der Karte den Ort, von dem die Rede war. „Gut,“ ſprach der König,„in zehn bis zwölf Stun⸗ den kann man in Chalons ſein. In wie viel Stunden haben Sie Ihre neunzig Meilen gemacht?“ „Sire, in ſechsunddreißig.“ „Doch in einem leichten Wagen, in welchem Sie allein mit Ihrem Bedienten fuhren?“ „Sire, ich habe drei Stunden unter Weges dadurch verloren, daß ich unterſuchte, an welchem Ort in Varen⸗ nes man das Relais legen ſollte, ob dieſſeits, auf der Seite von Menehould, oder jenſeits, auf der Seite von Dun. Das kommt alſo auf daſſelbe heraus. Dieſe drei verlorenen Stunden werden die Schwere des Wagens ausgleichen. Es iſt nun meine Anſicht, daß der König von Paris nach Montmédy in fünfunddreißig bis ſechs⸗ unddreißig Stunden fahren kann.“ „Und Sie haben ſich für das Relais in Varennes entſchieden? Das iſt der wichtige Punkt; wir müſſen ſicher ſein, daß es uns dort nicht an Pferden fehlt.“ „Ja, Sire, und es iſt meine Meinung, daß das Relais jenſeits der Stadt, auf der Seite von Dun, gelegt werden muß.“ „Worauf ſtützen Sie dieſe Meinung?“ „Auf die Lage der Stadt ſelbſt, Sire.“ „Erklären Sie mir dieſe Lage, Graf.“ „Sire, die Sache iſt leicht. Ich bin ſeit meiner Abreiſe von Paris fünf⸗ bis ſechsmal durch Varennes gekommen, und geſtern blieb ich von Mittag bis um drei Uhr vort. Varennes iſt eine kleine Stadt von ungefähr ſechszehnhundert Einwohnern und wird gebildet von zwei ſehr geſchiedenen Quartieren, welche man die obere Stadt und die untere Stadt nennt. Dieſe beiden Theile —————— 238 ſind getrennt durch den Fluß Aire und ſtehen mit einan⸗ der in Verbindung durch eine über dieſen Fluß gebaute Brücke. Wenn Seine Majeſtät die Gnade haben will, mir auf der Karte zu folgen.. hier, Sire, beim Walde von Argonne, am Saume, wird ſie ſehen.“ „Oh! ich bin dabei,“ ſagte der König;„die Straße macht eine ungeheure Biegung im Walde, um nach Cler⸗ mont zu gehen“ „So iſt es, Sire.“ „Doch Alles dies erklärt mir nicht, warum Sie das Relais jenſeits der Stadt legen, ſtatt es dieſſeits zu legen.“ „Warten Sie doch, Sire. Die Brücke, welche von einem Quartier zum andern führt, wird beherrſcht von einem hohen Thurme; dieſer Thurm, ein alter Zollthurm, ruht auf einem finſtern, ſchmalen Gewölbe. Hier kann jedes Hinderniß die Durchfahrt aufhalten; beſſer iſt es alſo, weil man hier einer Gefahr ausgeſetzt iſt, in ſtarkem Trab mit Pferden und Poſtillons zu fahren, welche von Clermont kommen als fünfhundert Schritte diesſeits der Brücke umzuſpannen, welche, wenn der König zufällig beim Umſpannen erkannt würde, auf ein einfaches Sig⸗ nal von drei bis vier Mann bewacht und vertheidigt werden könnte.“ „Das iſt richtig,“ ſprach der König;„überdies wer⸗ den Sie da ſein, Graf, im Falle eines Verzugs.“ „Das wird für mich zugleich eine Ehre und eine Pflicht ſein, vorausgeſetzt, daß mich der König der⸗ ſelben würdig erachtet.“ Der König reichte Charny abermals die Hand und ſagte dann: „Herr von Bouillé hat alſo ſchon die Etapen be⸗ zeichnet und die Mannſchaft ausgewählt, die er auf mei⸗ nem Wege aufſtellen wird?“ 2„Mit Vorbehalt der Billigung Euerer Majeſtät, ja, ire.“ 239 6„Hat er Ihnen in dieſer Hinſicht eine Note über⸗ eben?“ Charny zog aus ſeiner Taſche ein zuſammengefaltetes Papier und überreichte es, ſich verbeugend dem König. Der König entfaltete das Papier und las: „Es iſt die Anſicht des Marquis von Bonillé, daß die Detachements nicht über Sainte⸗Menehould hinausgehen ſollten. Sollte jedoch der König fordern, daß ſie bis Pont⸗de Sommevelle kommen, ſo ſchlage ich Seiner Ma⸗ jeſtät vor, die Mannſchaft, die ihr als Bedeckung zu dienen hat, alſo zu vertheilen: 1. In Pont⸗de⸗Sommevelle vierzig Huſaren vom Regiment Lauzun, commandirt von Herrn von Chviſeul, der unter ſeinem Befehle den Lieutenant Bonudet haben wird. 2. In Sainte⸗Menehould dreißig Dragoner vom Regiment Royal unter dem Commando von Herrn Dandoins, Kapitän. 3. In Clermont hundert Dragoner vom Regiment Monſieur und vierzig vom Regiment Royal, unter dem Commando des Graſen von Damas. 4. In Varenues ſechzig Huſaren vom Regiment Lauzun, commandirt von den Herren von Rohrig, von Bouillé Sohn und von Raigecourt. 5. In Dun hundert Huſaren vom Regiment Lauzun, unter dem Commando von Deslon, Kapitän. 6. In Mouzay fünfzig Reiter von Royal⸗allemand, commandirt von Herrn Guntzer, Kapitän. 7. Endlich in Stenay das Regiment Royal⸗alle⸗ mand, evmmandirt von ſeinem Oberſt⸗Lieutenant, Herru Baron von Mandell.“ „Das ſcheint mir gut ſo,“ ſagte der König, nachdem er geleſen hatte;„doch wenn die Detachements genöthigt ſind, einen, zwei oder drei Tage in dieſen Städten oder Dörfern zu ſtationiren, welchen Vorwand wird man der Sache geben?“ 240 „Sire, der Vorwand iſt ganzgefunden; man wird glau⸗ ben, Sie warten auf einen Geldtransport, den das Mini⸗ ſterinm der Nord⸗Armee ſchicke.“ „Ah!“ rief der König mit einer ſichtbaren Befriedi⸗ gung,„es iſt für Alles vorhergeſehen.“ Charny verbeugte ſich. „Und was dieſen Geldtransport betrifft,“ ſagte der König,„wiſſen Sie, ob Herr von Bouillé die Million bekommen hat, die ich ihm ſchickte?“ „Ja, Sire, nur iſt Euerer Majeſtät bekannt, daß dieſe Rillion in Aſſignaten geſchickt wurde, welche zwanzig Procent verlieren?“ „War er wenigſtens im Stande, ſie um dieſen Preis zu discontiren?“ „Sire, vor Allem iſt ein getreuer Unterthan Euerer Majeſtät ſo glücklich geweſen, für ſich allein hunderttau⸗ ſend Thaler nehmen zu können, wohlverſtanden, ohne Discontv.“ Der König ſchaute Charny an und fragte: „Und der Reſt, Graf?“ „Der Reſt,“ erwiederte Herr von Charny,„iſt von Herrn Bouillé Sohn bei dem Banquier ſeines Vaters, Herrn Perregaux, discontirt worden, welcher ihm den Betrag in Wechſeln auf die Herren Bethmann in Frank⸗ furt bezahlt hat, und dieſe haben die Wechſel für d Verfallzeit acceptirt. Das Geld wird alſo nicht ehlen.“ „Ich danke, mein lieber Herr Graf,“ ſprach Lud⸗ wig XWI.„Nun haben Sie mich mit dem Namen des treuen Dieners bekannt zu machen, der vielleicht ſein Vermögen gefährdet hat, um dieſe hunderttauſend Thaler Herrn von Bouillé zu geben.“ „Sire, dieſer treue Diener iſt ſehr reich, und es iſt folglich kein Verdienſt von ihm geweſen, zu thun, was er gethan hat.“ 241 „Gleichviel, mein Herr, der König wünſcht ſeinen Namen zu wiſſen.“ „Sire,“ erwiederte Charny,„die einzige Bedingung, welche er bei dem angeblichen Dienſte, den er Euerer Majeſtät geleiſtet, geſtellt hat, war, daß er anonym blei⸗ ben wolle.“ „Doch Sie kennen ihn?“ fragte der König. „Ich kenne ihn, Sire.“ „Herr von Charny,“ ſprach nun der König mit je⸗ ner ſeelenvollen Würde, die er in gewiſſen Angenblicken beſaß,„dieſer Ring hier iſt mir ſehr theuer.“. Und er zog einen einfachen Ring von ſeinem Finger.„Ich habe ihn von der Hand meines hingeſchiedenen Vaters genommen, als ich dieſe durch den Tod in Eis verwan⸗ delte Hand küßte. Sein Werth iſt alſo der, den ich darauf lege; er hat keinen andern; doch für ein Herz, das mich zu begreifen weiß, wird dieſer Ring koſtbarer werden, als der koſtbarſte Diamant. Wiederholen Sie dem getrenen Diener, was ich Ihnen geſagt habe, Herr von Charny, und geben Sie ihm dieſen Ring in meinem Auftrage.“ Zwei Thränen entſtürzten den Augen von Charny, ſeine Bruſt ſchwoll an, und keuchend ſetzte er ein Knie auf die Erde, um den Ring aus den Händen des Königs zu empfangen. In dieſem Angenblicke öffnete ſich die Thüre. Der König wandte ſich raſch um, denn die Thüre, welche ſich ſo geöffnet, war eine ſolche Verletzung der Regeln der Etiquette, daß ſie eine große Beleidigung bildete, wurde ſie nicht durch eine große Nothwendigkeit entſchuldigt. Es war die Königin; die Königin, bleich und ein Papier in der Hand haltend. Doch beim Anblick des Grafen, der auf den Knieen lag, den Ring des Königs küßte und ihn an ſeinen Finger ſteckte, ließ ſie das Papier ihrer Hand entfallen und gab einen Schrei des Erſtaunens von ſich. Die Gräfin von Charny. 1v. 16 242 Charnh ſtand auf und verbengte ſich ehrfurchtsvoll vor der Königin. „Herr von Charny!... Herr von Charny!. hier beim König.. in den Tuilerien...“ mur⸗ melte Marie Antvinette zwiſchen den Zähnen. Und leiſe fügte ſie bei: „Und ich wußte es nicht.“ Es lag ein ſolcher Schmerz in den Augen der armen Frau, daß Charny, der das Ende des Satzes nicht gehört, aber errathen hatte, zwei Schritte gegen ſie machte. „Ich komme in dieſem Augenblick an,“ ſagte er, „und ich war gerade im Begriffe, den König um Erlaub⸗ e bitten, Ihnen meine Huldigung darbringen zu dürfen.“ Das Blut erſchien wieder auf den Wangen der Kö⸗ nigin. Es war lange her, daß ſie nicht mehr die Stimme von Charny und in dieſer Stimme die ſanfte Betonung gehört, die er ſeinen Worten gegeben. Sie ſtreckte dann beide Hände aus, als wollte ſie ihm entgegengehen, doch beinahe in demſelben Au⸗ genblick zog ſie eine an ihr Herz zurück, das ohne Zweifel zu heftig ſchlug. Charny ſah Alles, hörte Alles, obgleich dieſe Ein⸗ drücke und Empfindungen, zu deren Erklärung wir zehn Zeilen nöthig haben, ſich während der Zeit erzeugt hatten, die der König gebraucht, um das Papier aufzuheben, das der Hand der Königin entfallen war, und das die gleichzeitige Oeffnung der Feuſter und der Thüre bis in den Hintergrund des Cabinets fliegen gemacht hatte. Der König las das, was auf das Papier geſchrieben war, doch ohne etwas davon zu begreifen. „Was wollen dieſe drei Worte:„„Fliehen!.. fliehen!.. fliehen!““ und dieſe Hälfte von einer Un⸗ terſchrift beſagen?“ fragte der König. „Sire,“ antwortete die Königin,„ſie wollen beſa⸗ „ N 1⸗ 1 1, e 243 gen, daß Herr von Mirabeau vor zehn Minuten geſtorben iſt, und daß dies der Rath iſt, den er uns ſterbend gibt.“ „Madame,“ ſprach der König,„der Rath wird be⸗ folgt werden, denn er iſt gut, und dies Mal iſt der Augen⸗ blick gekommen, ihn in Ausführung zu bringen.“ Hierauf wandte er ſich an Charny und fügte bei:. „Graf, Sie können die Königin in ihr Gemach begleiten und ihr Alles ſagen.“ Die Königin ſtand auf und ſchaute abwechſelnd den König und Charny an. Dann ſprach ſie zu dem Letzteren: „Kommen Sie, Herr Graf.“ Und ſie verließ haſtig das Cabinet, denn würde ſie noch eine Minute länger geblieben ſein, ſo wäre es ihr nicht möglich geweſen, alle die entgegengeſetzten Ge⸗ fühle, welche ihr Herz verſchloß, zu bewältigen und zurückzuhalten. Charny verbengte ſich zum letzten Male vor dem König und folgte Marie Antvinette. LXXIV. Das Perſprechen. Als die Königin in ihr Zimmer zurückkam, ſank ſie auf ein Canapé und hieß Charny durch einen Wink die Thüre hinter ihm zumachen. Zum Glück war das Bondoir, in das ſie eintrat, verlaſſen, da Gilbert ohne Zeugen mit der Königin zu ſprechen verlangt hatte, um ihr zu ſagen, was vorge⸗ fallen, und ihr die letzte Ermahnung von Mirabeau zu übergeben. Kaum ſaß ſie, da überſtrömte ihr zu volles Hers, und ſie brach in ein Schluchzen aus. Dieſes Schluchzen war ſo ſtark und ſo wahr, daß es aus der Tiefe des Herzens von Charny die Ueberreſte ſeiner Liebe hervorrief. Wir ſagen die Ueberreſte ſeiner Liebe, denn wenn eine Leidenſchaft der ähnlich, welche wir entſtehen und groß werden ſahen, im Herzen eines Mannes geglüht hat, ſo erliſcht ſie, wenn ſie nicht einen von den erſchreck⸗ lichen Stößen, welche den Haß auf die Liebe folgen laſſen, erleidet, nie völlig. Charny befand ſich in jener ſeltſamen Lage, welche nur diejenigen allein, die ſich in einer ähnlichen Lage befunden haben, zu ſchätzen vermögen: er hatte zugleich eine alte und eine neue Liebe in ſich. Er liebte ſchon Andrée mit der ganzen Flamme ſei⸗ nes Herzens, Er liebte noch die Königin mit dem ganzen Mitleid ſeiner Seele. Bei jedem Zerreißen dieſer armen Liebe, einem Zer⸗ reißen verurſacht durch den Egoismus, daß heißt, durch das Uebermaß dieſer Liebe, hatte er ſie, ſo zu ſagen, im Herzen der Fran bluten gefühlt, und jedes Mal hatte er, während er dieſen Egvismus begriff, wie alle dieje⸗ nigen, für welche eine vergangene Lieve eine Laſt wird, nicht die Kraft gehabt, ſie zu entſchuldigen. Und dennoch, ſo oft dieſer ſo wahre Schmerz vor ihm ohne Anſchuldigung und ohne Vorwürfe ausbrach, maß er die Tiefe dieſer Liebe, erinnerte er ſich, wie viel menſchliche Vorurtheile, wie viel geſellſchaftliche Pflichten dieſe Frau für ihn verachtet hatte, und über dieſen Ab⸗ grund geneigt, konnte er ſich nicht enthalten, ebenfalls 245 eine Thräne des Bedauerns und ein Wort des Troſtes„ darein fallen zu laſſen. Doch drang durch das Schluchzen der Vorwurf durch, doch traten durch die Thränen die Anſchuldigungen an den Tag, dann erinnerte er ſich auf der Stelle der An⸗ ſprüche dieſer Liebe, dieſes unumſchränkten Willens, dieſes königlichen Deſpotismus, der ſich unabläſſig mit den Ausdrücken der Zärtlichkeit, mit den Beweiſen der Lei⸗ denſchaft vermiſcht hatte; er ſtemmte ſich gegen die An⸗ ſprüche, er bewaffnete ſich gegen den Deſpotismus, er trat in den Kampf gegen dieſen Willen, er verglich damit das unſtörbare Antlitz von Andrée und fing an dieſe Natur ganz von Eis, wie er glaubte, mit dem Bilde der Lei⸗ denſchaft zu vergleichen, das immer bereit war, durch die Augen Blitze ſeiner Liebe, ſeiner Leidenſchaft oder ſeines Stolzes zu ſchleudern. Dies Mal weinte die Königin, ohne etwas zu ſagen. Es waren mehr als acht Monate vergangen, daß ſie Charny nicht mehr geſehen. Getreu dem Verſprechen, das er dem König gegeben, hatte ſich der Graf während dieſer Zeit Niemand geoffenbart. Die Königin war alſo unwiſſend über dieſe Exiſtenz geblieben, welche ſo innig mit der ihrigen verbunden, daß ſie zwei oder drei Jahre lang geglaubt hatte, man könne die eine von der andern nur dadurch trennen, daß man beide breche. Und Charny hatte ſich doch von ihr getrennt, ohne ihr zu ſagen, wohin er ging. Nur wußte ſie ihn, und das war ihr einziger Troſt, im Dienſte des Königs ver⸗ wendet; ſo daß ſie ſich ſagte:„Indem er für den König arbeitet, arbeitet er auch für mich; er iſt alſo, wollte er mich vergeſſen, genöthigt, an mich zu denken.“ Doch er war ein ſchwacher Troſt, dieſer Gedanke, der ihr durch einen Gegenſchlag zukam, während er ſo lange ihr allein gehört hatte; als ſie plötzlich Charny in dem Augenblick wiederſah, wo ſie ihn am wenigſten wie⸗ 246 derzuſehen erwartete, als ſie ihn hier beim König bei ſeiner Rückkehr faſt an demſelben Orte wiederfand, wo ſie ihn am Tage ſeiner Abreiſe getroffen,— oh! alle Schmer⸗ zen, die ihre Seele gepeinigt, alle Gedanken, die ihr Herz gequält, alle Thränen, die ihre Angen während der langen Abweſenheit des Grafen verſengt hatten, über⸗ ſtrömten da auch mit einander ſtürmiſch ihre Wangen und erfüllten ihre Bruſt mit allen Bangigkeiten, die ſie ver⸗ ſchwunden, mit allen Schmerzen, die ſie vorübergegangen laubte. Sie weinte, um zu weinen: ihre Thränen hätten ſie erſtickt, wären ſie nicht nach außen entfloſſen. Sie weinte, ohne ein Wort zu ſprechen. War das Freude? war es Schmerz?... Vielleicht vom Einen und vom Andern: jede mächtige Gemüthsbewegung faßt ſich in Thränen zuſammen. Ohne etwas zu ſagen, doch mit mehr Liebe, als Ehrfurcht, näherte ſich auch Charny der Königin, machte er eine von den Händen los, mit denen ſie ihr Geſicht be⸗ deckte, drückte ſeine Lippen auf dieſe Hand und ſprach dann: „Madame, ich bin glücklich und ſtolz, Sie verſichern zu können, daß, ſeit dem Tage, an welchem ich von Ih⸗ nen Abſchied genommen, keine Stunde vergangen iſt, in der ich mich nicht mit Ihnen beſchäftigt habe.“ „Oh! Charny, Charny!“ erwiederte die Königin, „es gab eine Zeit, wo Sie ſich vielleicht weniger mit mir beſchäftigt, aber mehr an mich gedacht hätten.“ „Madame, der König hatte mir eine ſchwere Ver⸗ antwortlichkeit auferlegt; dieſe Verantwortlichkeit gebot mir völliges Stillſchweigen bis zu dem Tage, wo meine Sendung erfüllt wäre. Sie iſt es heute erſt. Heute darf ich Sie wiederſehen, darf ich Sie ſprechen, während ich Ihnen bis heute nicht einmal ſchreiben konnte.“ „Sie haben da ein ſchönes Beiſpiel von Redlichkeit gegeben, Olivier,“ ſagte ſchwermüthig die Königin,„und 247 ich bedaure bloß Eines: daß Sie es nur auf Koſten eines andern Gefühls geben konnten.“ „Madame,“ ſprach Charny,„geſtatten Sie, da ich vom König hiezu die Erlaubniß erhalten habe, daß ich Sie von dem, was ich für Ihr Wohl gethan, unter⸗ richte.“ „Oh! Charny, Charny!“ rief die Königin,„haben Sie mir denn nichts Dringenderes zu ſagen?“ Und ſie drückte zärtlich dem Grafen die Hand und ſchaute ihn mit jenem Blicke an, für den er einſt ſein Leben geboten hätte, welches er immer noch, wenn nicht zu bieten, doch zu opfern bereit war. Und während ſie Charny ſo anſchaute, ſah ſie ihn, nicht als beſtaubten Reiſenden, der eben aus einer Poſtchaiſe ſteigt, ſondern als einen Hofmann voll Eleganz, der ſeine Ergebenheit allen Regeln der Etiquette unterworfen hat. Dieſe ſo vollſtändige Eleganz, mit der die anſpruchs⸗ vollſte Königin hätte zufrieden ſein können, beunruhigte die Frau ſichtbar. „Wann ſind Sie denn angekommen?“ fragte ſie. „Ich komme ſo eben an,“ erwiederte Charny. „Und Sie kommen?...5 „Von Montmédy.“ ſ„Alſo haben Sie die Hälfte von Frankreich durch⸗ reiſt?“ „Ich habe neunzig Meilen ſeit geſtern Morgen ge⸗ macht.“ Pferde? im Wagen?“ „In einer Poſcchaiſe.“ „Wie geht es aber zu, daß Sie nach dieſer langen und ermüdenden Reiſe,— entſchuldigen Sie meine Fra⸗ gen, Charny,— ſo gut gebürſtet, lackirt, gekämmt ſind, als ein Adjutant des General Lafayette, der vom Gene⸗ ralſtabe käme? Die Nachrichten, die Sie gebracht haben, waren alſo nicht ſehr wichtig?“ „Im Gegentheil, ſehr wichtig, Madame; doch ich 248 dachte, wenn ich im Hofe der Tuilerien mit einer mit Staub und Koth bedeckten Poſtchaiſe ankäme, ſo würde ich die Neugierde erregen. Der König ſagte mir noch ſo eben, wie ſcharf Sie bewacht ſeien; und als ich dies hörte, wünſchte ich mir Glück, daß ich ſo vorſichtig ge⸗ weſen war, zu Fuße und in meiner Uniform zu kommen⸗ wie ein eiufacher Officier, der nach einer Abweſenheit von ein paar Wochen bei Hofe erſcheint, um ſeine Ehrfurcht zu bezeigen.“ Die Königin drückte Charny krampfhaft die Hand; man ſah, daß ihr noch eine letzte Frage zu machen blieb, und daß ſie nur mehr Schwierigkeit hatte, dieſe Frage zu bilden, je wichtiger ihre Frage ihr dünkte. Sie nahm auch eine andere Form des Fragens an und ſagte mit erſtickter Stimme: „Ah ja, ich vergaß, daß Sie ein Abſteigequartier in Paris haben.“ Charny bebte. Jetzt erſt ſah er den Zweck aller dieſer Fragen. „Ich, ein Abſteigequartier in Paris?“ verſetzte er. „Wo denn, Madame?“ Die Königin erwiederte nach einer Anſtrengung: „In der Rue Coq⸗Hsron. Wohnt nicht dort die Gräfin?“ Charny war nahe daran, aufzubrauſen wie ein Pferd, das man mit dem Sporn in eine noch friſche Wunde deückt; doch es lag in der Stimme der Königin ein ſolches Gefühl von Zaghaftigkeit, ein ſolcher Ausdruck von Schmerz, daß er Mitleid mit dem bekam, was ſie, die ſo hoffärtig, die ſo viel Selbſtbeherrſchung beſaß, leiden mußte, um ihre Gemüthserſchütterung in dieſem Grade ſehen zu laſſen. „Madame,“ ſprach er mit einem Tone tiefer Trau⸗ rigkeit, der vielleicht nicht ganz durch das Leiden der Kö⸗ nigin verurſacht wurde,„ich glaubte die Ehre gehabt zu haben, Ihnen vor meiner Abreiſe zu ſagen, daß das 249 Haus von Frau von Charny nicht das meinige iſt. Ich bin bei meinem Bruder, dem Vicomte Iſidor von Charny, abgeſtiegen, und bei ihm habe ich die Kleider ge⸗ wech ſelt.“ Die Königin that einen Freudenſchrei, ſank auf ihre Kniee, und zog die Hand von Charny an ihre Lippen. Doch, eben ſo raſch als ſie, faßte er ſie unter bei⸗ den Armen, hob ſie auf und rief: „Oh! Madame, was machen Sie?“ „Ich danke Ihnen, Olivier,“ erwiederte die Königin mit einer ſo ſanſten Stimme, daß Charny Thränen in ſeine Augen treten fühlte. „Sie danken mir...“ ſagte er.„Mein Gott! und wofür?“ „Wofür?.. Sie fragen mich, wofür?“ rief die Kö⸗ nigin;„dafür, daß Sie mir den einzigen Augenblick voll⸗ ſtändiger Freude gegeben, den ich ſeit Ihrer Abreiſe ge⸗ habt habe. Mein Gott! ich weiß, es iſt etwas Tolles, Wahnſinniges, aber Bemitleidenswerthes um die Eifer⸗ ſucht. Sie ſind auch zu einer Zeit eiferſüchtig geweſen. Heute vergeſſen Sie es. Oh! die Männer, wenn ſie eifer⸗ ſüchtig ſind, ſind ſehr glücklich; ſie können ſich mit ihren Nebenbuhlern ſchlagen, ſie tödten, oder getödtet werden. Doch die Frauen, ſie können nur weinen, obgleich ſie wahrnehmen, daß ihre Thränen vergeblich, gefährlich ſind; denn wir wiſſen es wohl, daß unſere Thränen, ſtatt denjenigen, für welchen wir ſie vergießen, uns näher zu bringen, ihn häufig noch mehr von uns entfernen. Das iſt aber der Schwindel der Liebe: man ſieht den Ab⸗ grund, und ſtatt ſich davon zurückzuziehen, ſtürzt man ſich darein. Ich danke Ihnen noch einmal, Olivier; Sie ſehen, ich bin nun freudig, und ich weine nicht mehr.“ Und die Königin ſuchte in der That zu lachen, doch ihr Lachen, als hätte ſie durch die Gewalt der Schmer⸗ zen die Freude verlernt, hatte einen ſo traurigen, ſo ſchmerzlichen Ton, daß der Graf darüber ſchauerte. „Oh! mein Gott!“ murmelte er,„iſt es denn mög⸗ lich, daß Sie ſo viel gelitten haben?“ Marie Antoinette faltete die Hände und ſprach: „Sei geprieſen, o Herr! denn an dem Tage, wo er meinen Schmerz begreift, wird er nicht die Stärke haben, mich nicht mehr zu lieben.“ Charny fühlte, wie es ihn auf einem Abhange hin⸗ zog, wo es ihm in einem gegebenen Augenblicke unmög⸗ lich wäre, ſich zurückzuhalten. Er machte eine Anſtren⸗ gung, wie jene Schlittſchuhläufer, welche, um ſich auf⸗. zuhalten, ſich zurückbiegen, auf die Gefahr, das Eis zu brechen, auf dem ſie hingleiten. „Madame,“ ſprach er,„werden Sie mir denn nicht erlauben, die Frucht dieſer langen Abweſenheit dadurch zu pflücken, daß ich Ihnen erkläre, was ich für Sie zu thun ſo glücklich geweſen bin?“ „Oh! Charny,“ erwiederte die Königin,„was Sie mir ſo eben ſagten, war mir viel lieber; doch Sie haben Recht: man muß die Frau nicht zu lange vergeſſen laſſen, daß ſie Königin iſt. Sprechen Sie, Herr Geſandter: die Frau hat Alles erhalten, was ſie zu erwarten berech⸗ 1 tigt war; die Königin hört Sie.“ Da erzählte ihr Charny Alles: wie er zu Herrn 1t von Bouillé geſchickt worden; wie der Graf Louis nach Paris gekommen; wie er, Charny, Buſch für Buſch, die Straße aufgenommen, auf der die Königin fliehen ſollte; wie er endlich zurückgekehrt, um dem König zu melden, daß gewiſſer Maßen nur noch der materielle Theil des Planes in Ausführung zu bringen ſei. Die Königin hörte Charny mit großer Aufmerkſam⸗ keit und zugleich mit tiefer Dankbarkeit an. Es ſchien ihr unmöglich, daß die einfache Ergebenheit ſo weit gehe. Die Liebe, und zwar eine glühende, ängſtliche Liebe allein, konnte dieſe Hinderniſſe vorherſehen und die Mittel er⸗ ſ ſinnen, welche ſie bekämpfen und überwinden ſollten. Sie ließ ihn daher bis zum Ende ſprechen. Dann⸗ —— 251 als er geendigt hatte, fragte ſie Charny, indem ſie ihn mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Zärtlichkeit an⸗ ſchaute: „Sie werden alſo ſehr glücklich ſein, mich gerettet zu haben, Charny?“ „Oh!“ rief der Graf,„Sie fragen mich das, Ma⸗ dame? Das iſt der Traum meines Ehrgeizes, und wenn es mir gelingt, ſo wird es der Ruhm meines Lebens ſein!“ „Ich würde es viel mehr vorziehen, wenn es ganz einfach der Lohn Ihrer Liebe wäre,“ ſprach ſchwermüthig die Königin.„Doch gleichviel... Nicht wahr, es iſt Ihr glühender Wunſch, daß dieſes große Werk der Ret⸗ tung des Königs, der Königin und des Dauphin von Frankreich durch Sie vollführt werde?“ „Ich erwarte nur Ihre Einwilligung, um dieſem Werke mein Daſein zu weihen.“ „Ja, ich begreife, mein Freund, dieſe Hingebung muß rein ſein von jedem fremden Gefühle, von jeder ma⸗ teriellen Zuneigung. Es iſt unmöglich, daß mein Ge⸗ mahl und meine Kinder durch eine Hand gerettet wer⸗ den, die es nicht wagen würde, ſich gegen ſie auszuſtrecken, um ſie zu ſtützen, zu halten, würden ſie auf dem Wege, den wir mit einander zu durchlaufen haben, ausgleiten. Ich übergebe Ihnen ihr Leben und das meinige, mein Freund; doch nicht wahr, Sie werden auch Mitleid mit mir haben?“ „Mitleid mit Ihnen, Madame?“ „Ja. Sie werden nicht wollen, daß in den Angen⸗ blicken, wo ich meine ganze Stärke, meinen ganzen Muth, meine ganze Geiſtesgegenwart nöthig haben werde, — eine tolle Idee vielleicht, doch es gibt Leute, die ſich nicht in die Nacht hinaus wagen, aus Furcht vor Ge⸗ ſpenſtern, während ſie, wenn der Tag gekommen iſt, ein⸗ ſehen, daß es keine gibt,— Sie werden nicht wollen, daß Alles vielleicht verloren iſt durch den Mangel eines Verſprechens, eines gegebenen Worts? Sie werden das nicht wollen?.. Charny unterbrach die Königin: „Madame, ich will das Heil Eurer Majeſtät; ich will das Glück Frankreichs; ich will den Ruhm, das Werk zu vollenden, das ich begonnen habe, und ich ge⸗ ſtehe, ich bin in Verzweiflung, daß ich Ihnen nur ein ſo ſchwaches Opfer zu bringen habe; ich ſchwöre Ihnen, Frau von Charny nur mit der Erlaubniß Eurer Majeſtät zu ſehen.“ Und er verbengte ſich ehrerbietig und kalt vor der Königin und entfernte ſich, ohne daß dieſe, in Eis ver⸗ wandelt durch den Ton, mit dem er die letzten Worte geſprochen, ihn zurückzuhalten ſuchte. Doch kaum hatte er die Thüre hinter ſich geſchloſſen, als Marie Antoinette, die Hände ringend, voll Schmerz ausrief: „Oh! wie viel mehr würde es mich beglücken, wenn ich es wäre, welche er nicht mehr zu ſehen geſchworen hätte, und wenn er mich liebte, wie er ſie liebt!..“ LXXV. Voppeltes Geſicht. An dem darauf folgenden 19. Juni, gegen acht Uhr Morgens, ging Gilbert mit großen Schritten in ſeiner Wohnung in der Rue Saint⸗Honoré auf und ab; von Zeit zu Zeit trat er ans Fenſter und neigte ſich hinaus —„— m,—— 1 ——, hr er on us 253 wie ein Menſch, der mit Ungeduld Jemand erwartet, den er nicht kommen ſieht. ₰ Er hielt in der Hand ein viereckig zuſammengelegtes Papier mit Buchſtaben und Siegeln, welche von der andern Seite, wo ſie aufgedrückt waren, durchſchienen. Es war ohne Zweifel ein Papier von großer Wichtigkeit, denn zwei⸗ oder dreimal während dieſer ängſtlichen Mi⸗ nuten der Erwartung entfaltete es Gilbert, las es, legte es wieder zuſammen, um es abermals zu öffnen und abermals zuſammenzulegen. Endlich machte das Geräuſch eines Wagens, der vor der Thüre hielt, daß er in aller Eile nach dem Fenſter lief; doch es war zu ſpät: derjenige, welchen der Wa⸗ gen gebracht hatte, befand ſich ſchon im Gange. Gilbert zweifelte indeſſen offenbar nicht an der Iden⸗ tität der Perſon, denn er ſtieß die Thüre des Vorzim⸗ mers auf und rief: „Baſtian, öffnen Sie dem Herrn Grafen von Charny, den ich erwarte.“ Und zum letzten Male entfaltete er das Papier, das er eben wieder las, als Baſtian, ſtatt den Grafen von Charny zu melden, den Herrn Grafen von Caglioſtro meldete. Dieſer Name war zu dieſer Stunde ſo fern vom Geiſte Gilberts, daß er ſchanerte, als wäre ein Blitz, ihm den Donner verkündigend, vor ſeinen Augen vorüber⸗ gezogen. Er legte raſch das Papier wieder zuſammen und verbarg es in der Seitentaſche ſeines Rockes. „Der Herr Graf von Caglioſtro!“ wiederholte er, noch ganz erſtaunt über die Meldung. „Ei! mein Gott, ja, ich ſelbſt, mein lieber Gilbert,“ ſagte der Graf;„nicht mich erwarteten Sie, ich weiß es wohl, ſondern Herrn von Charny; doch Herr von Charny iſt beſchäftigt, ich werde Ihnen ſogleich ſagen, womit, ſo daß er kaum vor einer halben Stunde kommen * 2⁵⁴ kann; als ich dies ſah, ſagte ich, bei meiner Treue, zu mir ſelbſt:„Ha ich mich im Quartier befinde, ſo will ich einen Augenblick zum Doctor Gilbert hinaufgehen.““ Ich hoffe, daß Sie mich, weil Sie mich nicht erwarteten, doch darum nicht minder gut empfangen werden.“ „Lieber Meiſter,“ erwiederte Gilbert,„Sie wiſſen wohl, daß zu jeder Stunde des Tags und der Nacht zwei Thüren für Sie geöffnet ſind: die Thüre des Hauſes und die Thüre des Herzens.“ „Ich danke, Gilbert. Eines Tags wird es mir viel⸗ leicht auch vergönnt ſein, Ihnen zu beweiſen, in welchem Grade ich Sie liebe; iſt dieſer Tag gekommen, ſo wird der Beweis nicht auf ſich warten laſſen. Doch plau⸗ dern wir nun.“ „Und worüber?“ fragte Gilbert lächelnd, denn die Gegenwart von Caglioſtro kündigte ihm immer ein neues Erſtaunen an. „Worüber?““ wiederholte Caglioſtro.„Nun, über das, was das Modegeſpräch iſt, über die nahe bevorſte⸗ hende Abreiſe des Königs.“ Gilbert fühlte ſich vom Scheitel bis zu den Zehen ſchandern, doch das Lächeln verſchwand nicht einen Au⸗ genblick von ſeinen Lippen, und durch ſeine Willenskraft, wenn er auch den Schweiß nicht verhindern konnte, an der Wurzel ſeiner Haare zu perlen, verhinderte er doch wenigſtens die Bläſſe, auf ſeinen Wangen zu erſcheinen. „Und da wir einige Zeit zu plaudern haben wer⸗ den, inſofern dieſe Sache Stoff bietet, ſo will ich mich ſetzen,“ fügte Caglioſtro bei. Und er ſetzte ſich in der That. Als indeſſen die erſte Bewegung des Schreckens vorüber war, bedachte Gilbert, daß, wenn ein Zufall Caglioſtro zu ihm geführt hatte, dieſer Zufall wenigſtens providentiell war. Caglioſtro, der keine Geheimniſſe für ihn zu haben pflegte, würde ihm ohne Zweifel Alles er⸗ er e⸗ n 1 t. n n8 all n8 ür r⸗ 255⁵5 zählen, was er von dieſer Abreiſe des Königs und der Königin wüßte, von der er ihm ein Wort geſagt. „Nun,“ ſprach Caglioſtro, als er ſah, daß Gilbert wartete,„für Morgen iſt es alſo beſtimmt?“ „Liebſter Meiſter,“ erwiederte Gilbert,„Sie wiſſen, daß es meine Gewohnheit iſt, Sie bis zum Ende re⸗ den zu laſſen; ſelbſt wenn Sie ſich irren, iſt immer et⸗ was für mich zu lernen, und zwar nicht allein in einer Rede, ſondern auch in einem Worte von Ihnen.“ „Und worin habe ich mich bis jetzt geirrt, Gilbert? Etwa, als ich Ihnen den Tod von Favras prophezeite, den zu verhindern ich indeſſen im gegebenen Augenblicke Alles, was ich konnte, gethan habe? Etwa, als ich Sie darauf aufmerkſam machte, daß der König ſelbſt gegen Mirabeau intriguire, und daß Mirabeanu nicht zum Mi⸗ niſter ernannt werde? Etwa, als ich Ihnen ſagte, Ro⸗ bespierre werde das Schaffot von Karl I. und Buona⸗ parte den Thron von Karl dem Großen wiedererrichten? Was dies betrifft, ſo können Sie mich des Irrthums beſchuldigen, denn die Zeiten ſind noch nicht abgelaufen, und von dieſen Dingen gehören die einen dem Ende dieſes Jahrhunderts und die andern dem Anfange des nächſten an. Heute aber, mein lieber Gilbert, wiſſen Sie beſſer als irgend Jemand, daß ich die Wahrheit ſpreche, wenn ich Ihnen ſage, der König ſoll in der Nacht von morgen fliehen, da Sie Einer der Agenten dieſer Flucht ſind.“ Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte Gilbert,„ſo erwar⸗ ten Sie nicht von mir, daß ich es Ihnen geſtehe, nicht wahr?“ „Brauche ich Ihr Geſtändniß? Es iſt Ihnen wohl bekannt, nicht nur, daß ich Derjenige bin, welcher iß. auch, daß ich Derjenige bin, welcher ei v „Aber wenn Sie Derjenige ſind, welcher weiß, ſo wiſſen Sie, daß die Königin geſtern zu Herrn von Mont⸗ 256 morin in Betreff der Weigerung von Madame Eliſa⸗ beth am Sonntag dem Frouleichnamsfeſte beizuwohnen, geſagt hat:„„Sie will nicht mit uns nach Saint⸗Ger⸗ main[Auxerrois; ſie betrübt mich, ſie könnte doch wohl dem König ihre Meinungen zum Opfer bringen.““ Wenn nun die Königin am Sonntag mit dem König in die Saint⸗Germain⸗1Auxerrois⸗Kirche geht, ſo reiſen ſie morgen Nacht nicht ab oder ſie machen wenigſtens keine lange Reiſe.“ „Ja, aber ich weiß auch, daß ein großer Philoſoph geſagt hat:„„Das Wort iſt dem Menſchen gegeben worden, um ſeine Gedanken zu verbergen.““ Und Gott iſt nicht ſo exeluſiv, um den Menſchen allein ein ſo koſt⸗ bares Geſchenk gemacht zu haben.“ „Mein lieber Meiſter,“ ſagte Gilbert, der immer auf dem Boden des Scherzes zu bleiben ſuchte,„Sie kennen die Geſchichte vom ungläubigen Apoſtel.“ „Welcher zu glauben anfing, als ihm Chriſtus ſeine Füße und ſeine Hände gezeigt hatte. Wohl, mein lieber Gilbert, die Königin, die an alle ihre Bequemlichkei⸗ ten gewöhnt iſt und dieſe Bequemlichkeiten während ihrer Reiſe nicht vermiſſen will, obgleich dieſe Reiſe, wenn die Berechnung von Herrn von Charny richtig iſt, nur fünfunddreißig bis ſechsunddreißig Stunden dauern ſoll, die Königin hat bei Desbroſſes in der Rue Notre⸗ Dame des Victvires ein reizendes Receſſaire ganz von Vermeil beſtellt, von welchem man glaubt, es ſei für ihre Schweſter, die Erzherzogin Chriſtine, Statthalterin der Riederlande, beſtimmt. Das Neceſſaire, das erſt geſtern Morgen fertig wurde, iſt geſtern Abend in die Tuilerien gebracht worden; dies, was die Hände be⸗ trifft. Man fährt in einer großen, geräumigen Reiſe⸗ berline, welche leicht ſechs Perſonen faßt. Sie iſt bei Louis, dem erſten Wagenmacher des Champs⸗Elyſées, durch Herrn von Charny beſtellt worden, der ſich in die⸗ ſem Angenblick bei ihm befindet und ihm hundert und ——„——„—„— — „— 257 zwanzig Louisd'or, das heißt, die Hälfte der vertrags⸗ mäßigen Summe, bezahlt. Man hat ſie geſtern mit vier Poſtpferden probirt, und ſie hat vollkommen ausgehaltenz Herr Iſidor von Charny hat auch einen vortrefflichen Bericht darüber erſtattet; dies, was die Füße betrifft. Endlich hat Herr von Montmorin, ohne zu wiſſen, was er unterzeichnete, dieſen Morgen einen Paß für die Frau Baronin von Korff, ihre zwei Kinder, ihre zwei Kam⸗ merfrauen, ihren Intendanten und ihre drei Bedienten unterzeichnet. Frau von Korff iſt Frau von Tourzel, Gouvernante der Kinder von Frankreich; ihre zwei Kin⸗ der ſigd Madame Royale und Monſeigneur der Dau⸗ phin; ihre zwei Kammerfrauen ſind die Königin und Madame Eliſabeth; ihr Intendant iſt der König; ihre drei Bedienten endlich, welche als Couriere gekleidet voranreiten und den Wagen begleiten ſollen, ſind Herr Iſidor von Charny, Herr von Malden und Herr von Valory; dieſer Paß iſt das Papier, das Sie in der Hand hielten, als ich eintrat, das Sie zuſammenfalte⸗ ten und in Ihrer Taſche verbargen, als Sie mich er⸗ blickten; es iſt in folgenden Worten abgefaßt: „Im Namen des Königs,“ „Befehlen wir, die Frau Baronin von Korff mit ihren zwei Kindern, einer Kam merfrau, einem Kammerdiener und drei Bedienten paſſiren zu laſſen. „Der Miniſter der answärtigen Angelegenheiten, „Montmorin.“ „Dies, was die Seite betrifft.. Bin ich gut unter⸗ richtet, mein lieber Gilbert?“ „Abgeſehen von einem kleinen Widerſpruche zwiſchen Ihren Worten und der Abfaſſung des genannten Paſſes.“ Die Gräfin von Charny. I.. 17 „Nun?“ „Sie ſagen, die Königin und Madame Eliſabeth ſtellen die zwei Kammerfranen von Madame Tourzel vor, und ich ſehe auf dem Paſſe nur eine einzige Kam⸗ merfrau.“ „Ah! ja: wenn Sie in Bondy angekommen ſind, wird Frau von Tourzel, welche glaubt, ſie mache die Reiſe bis Montmédy mit, gebeten werden, auszuſteigen. Herr von Charny, der ein zlverläſſiger, vertrauter Mann iſt, auf den man rechnen kann, wird an ihrer Stelle einſteigen und die Naſe im Nothfall an den Kutſchen⸗ ſchlag halten, um, wenn es ſein muß, ein Paar Piſtolen aus ſeiner Taſche zu ziehen. Die Königin ſoll dann Frau von Korff werden, und da außer Madame Royale, welche überdies zu den Kindern gehört, nur eine Frau, Madame Eliſabeth, im Wagen ſein wird, ſo war es un⸗ nöthig, auf den Paß zwei Kammerfrauen zu ſetzen. Wollen Sie nun noch andere Details? es ſei, es fehlt nicht an ſolchen, und ich werde Ihnen geben. Die Ab⸗ reiſe ſollte vor dem 1. Juni ſtattfinden; Herr von Bonillé lag viel hieran; er hat ſogar in dieſer Hinſicht an den Konig einen ſeltſamen Brief geſchrieben, in welchem er ihn auffordert, ſich zu beeilen, in Betracht, ſagte er, daß die Truppen von Tag zu Tag ſchlechter werden, und daß er für nichts ſtehe, wenn man die Soldaten den Eid leiſten laſſe. Unter dieſen Worten, ſie wer⸗ den ſchlechter,“ fügte Caglioſtro mit ſeiner ſpöttiſchen Miene bei,„muß man verſtehen, die Armee fange an zu erkennen, da ſie zwiſchen einer Monarchie, welche drei Jahrhunderte das Volk dem Adel, den Soldaten dem Officier geopfert hat, und einer Conſtitution zu wählen habe, welche die Gleichheit vor dem Geſetze proclamirt und aus den Graden die Belohnung des Verdienſtes und des Muthes macht, dieſe undankbare Armee fange an das Wahre zu erkennen und neige ſich zur Conſti⸗ tution. Doch weder die Berline, noch das Neceſſaire — d * S- 8 8 c—* en n ei en rt es ge ti⸗ re —————— 259 waren fertig, und man konnte unmöglich am 1. abreiſen, was ein großes Unglück iſt, indem ſeit dem 1. die Ar⸗ mee immer ſchlechter werden konnte und die Soldaten den Eid auf die Conſtitution geſchworen haben; wo⸗ nach die Abreiſe auf den 8. feſtgeſetzt wurde. Doch Herr von Bouillé hat die Bezeichnung dieſes Datums zu ſpät erhalten, und ſo war er ſeinerſeits genöthigt, zu antworten, er ſei nicht bereit; da wurde die Sache ein⸗ hellig auf den 12. verſchoben; man hätte den 11. vor⸗ gezogen, aber eine ſehr demokratiſche Frau, welche über⸗ dies die Geliebte von Herrn von Gouvion, dem Adju⸗ tanten von Herrn von Lafayette, Frau von Rochereul, wenn Sie ihren Namen wiſſen wollen, hatte den Dienſt beim Dauphin, und man befürchtete, ſie könnte etwas wahrnehmen und, wie der arme Herr von Mirabeau ſagte, von dem verborgenen Keſſel, den die Königin im⸗ mer in einem Winkel ihres Palaſtes kochen laſſe, An⸗ zeige machen. Am 12. bemerkte der König, daß er nur noch ſechs Tage zu warten hatte, um ein Quartal von ſeiner Civilliſte, ſechs Millionen, zu beziehen. Teufel! Sie werden zugeben, mein lieber Gilbert, das war wohl der Mühe werth, ſechs Tage zu warten! Ueberdies hatte Leopold, der große Temporiſirer, der Fabius der Kö⸗ nige, verſprochen, es werden fünfzehntauſend Oeſterrei⸗ cher am 15. die Ausgänge von Arlon beſetzen. Ei! Sie begreifen, es fehlt dieſen guten Königen nicht am Wil⸗ len, doch ſie haben ihrerſeits auch ihre kleinen Angele⸗ genheiten zu Ende zu bringen. Oeſterreich hatte Lüttich und Brabant verzehrt und war gerade in der Verdau⸗ ung von Stadt und Provinz begriffen, wenn aber Oeſter⸗ reich verdaut, ſchläft es. Catherine war im Zuge, den kleinen König Guſtav VI. zu ſchlagen, dem ſie endlich einen Waffenſtillſtand bewilligt hat, damit er Zeit habe, in Aix in Savohen die Königin von Frankreich, wenn ſie aus ihrem Wagen ſteige, zu empfangen; mittlerweile wird ſie von der Türkei abnagen, was ſie kann, und die Knochen von Polen ausſaugen⸗ Das philoſophiſche Preußen und das philanthropiſche England ſind im Zuge, die Haut zu wechſeln, damit ſich das Eine vernünftig gegen das Ufer des Rheins und das Andere auf der Nordſee ausdehnen kann. Kurz, die Abreiſe war auf Sonntag den 19. um Mitternacht verſchoben worden; am 18. Morgens wurde eine neue Depeche abgefertigt, welche dieſe Abreiſe auf Montag den 20. zu derſelben Stunde, das heißt, auf morgen Abend verſchob, was wohl ſeinen Uebelſtand haben dürfte, inſofern Herr von Buuillé ſchon Befehle an alle ſeine Detachements geſchickt hatte und er Gegenbeſehle ſchicken mußte. Merken Sie⸗ wohl auf, mein lieber Gilbert, Alles dies ermüdet die Soldaten und gibt den Einwohnerſchaften zu denken.“ „Graf,“ erwiederte Gilbert,„ich werde mich keiner Liſt gegen Sie bedienen; Alles, was Sie geſagt haben, iſt wahr, und ich will es Ihnen gegenüber um ſo weni⸗ ger leugnen, als es nicht meine Anſicht war, daß der König abreiſen, oder vielmehr, daß der König Frankreich verlaſſen ſollte. Geſtehen Sie nun offenherzig, aus dem Geſichtspunkte der Gefahr für die Königin und ihre Kinder, wenn der König als König bleiben müßte, iſt es ihm als Menſchen, als Gatten, als Vater nicht ge⸗ ſtattet, zu fliehen?“ „Nun denn, ſoll ich Ihnen Eines ſagen, mein lie⸗ ber Gilbert? Nicht als Pater, nicht als Gatte, nicht als Menſch flieht Ludwig XVI., nicht wegen des 5. und 6. Octobers verläßt er Frankreich; nein, durch ſeinen Vater iſt er, im Ganzen genommen, Bourbon, und die Bourbonen wiſſen, was es heißt, der Gefahr ins Ange ſchauen; nein, er verläßt Frankreich wegen dieſer Con⸗ ſtitution, die ihm, nach dem Beiſpiele der Vereinigten Staaten, die Nationalverſammlung fabricirt hat, ohne zu bedenken, daß das Modell, dem ſie gefolgt, für eine Republik geſchnitten iſt und, auf eine Monarchie ange⸗ wendet, dem König kein hinreichendes Quantum athem⸗ N 261 barer Luft gewährt; nein, er verläßt Frankreich wegen der berüchtigten Geſchichte der Ritter vom Dolche, bei der Ihr Freund Lafayette unehrerbietig mit dem Königthum und ſei⸗ nen Getreuen umgegangen iſt; nein, er verläßt Frankreich wegen der berüchtigten Geſchichte von Saint Clond, bei welcher er ſeine Freiheit bewähren wollte, indeß ihm hiebei das Volk bewies, daß er Gefangener war; nein, ſehen Sie, mein lieber Gilbert, Sie, der Sie ehrlich, offenherzig, redlich conſtitutioneller Royaliſt ſind, Sie, der Sie an das ſüße und tröſtliche Utopien einer durch die Freiheit gemilderten Monarchie glanben, Sie müſſen Eines wiſ⸗ ſen: daß die Könige in Nachahmung Gottes, deſſen Stelldertreter auf Erden ſie zu ſein behaupten, eine Religion haben, die Religion des Königthums; nicht nur ihre in Rheims geſalbte Perſon iſt heilig und unverletz⸗ lich, ſondern auch ihr Palaſt iſt heilig, ihre Diener ſind geheiligt; ihr Palaſt iſt ein Tempel, in den man nur betend eintreten darf; ihre Diener ſind Prieſter, mit denen man nur auf den Knieen ſprechen darf; man darf die Könige bei Todesſtrafe nicht anrühren! man darf ihre Diener bei Strafe der Excommunication nicht an⸗ rühren! Am Tage nun, wo man den König verhindert hat, nach Saint⸗Clond zu fahren, hat man den König angerührt; am Tage, wo man aus den Tuilerien die Ritter vom Dolche ausgetrieben, hat man ſeine Diener angerührt; das iſt es, was der König nicht ertragen konnte; das iſt der höchſte Grad der Ruchloſigkeit; das iſt es, warum man Herrn von Charny von Montmédy hat zurückkommen laſſen; darum willigt der König, der es ausgeſchlagen, ſich von Herrn von Favras entführen zu laſſen und ſich mit ſeinen Tanten zu flüchten, ein, morgen mit einem Paſſe von Herrn von Montmorin, der nicht weiß, für wen er den Paß unterzeichnet hat, un⸗ ter dem Namen Durand ünd in der Kleidung eines Be⸗ dienten zu fliehen, wobei er indeſſen befohlen hat, nicht zu vergeſſen, in den Koffer den goldgeſtickten rothen Siock zu legen, den er in Cherbourg getragen.“ — Während Caglioſtro ſprach, ſchante ihn Gilbert ſtarr an und war bemüht, zu errathen, was im Grunde der Gedanke dieſes Mannes ſei. Doch das war vergeblich. Kein menſchlicher Blick hatte die Macht, jenſeits dieſer ſpöttiſchen Maske zu ſe⸗ hen, mit der der Schüler von Althotas ſein Geſicht zu bedecken pflegte. Gilbert faßte alſo den Entſchluß, die Frage offen⸗ herzig in Angriff zu nehmen. „Graf,“ ſprach er,„Alles, was Sie ſo eben geſagt haben, iſt, ich wiederhole es, wahr. In welcher Abſicht haben Sie es mir nun geſagt? Unter welchem Titel er⸗ ſcheinen Sie bei mir? Kommen Sie als ein redlicher Feind, der darauf aufmerkſam macht, daß er kämpfen werde? Kommen Sie als ein Freund, der ſich zur Hülfe anbietet?“ „Mein theurer Gilbert,“ erwiederte Caglioſtro liebe⸗ voll,„ich komme vor Allem, wie der Meiſter zum Schü⸗ ler kommt, um ihm zu ſagen:„Freund, Du ſchlägſt einen falſchen Weg ein, indem Du Dich an dieſe Ruine bindeſt, welche fällt, an dieſes Gebäude, welches einſtürzt, an dieſes Princip, welches ſtirbt und das man die Mo⸗ narchie nennt. Die Menſchen wie Du ſind nicht die Menſchen der Vergangenheit, ſind nicht einmal die Men⸗ ſchen der Gegenwart, es ſind die Menſchen der Zukunft. Verlaſſe die Sache, an die Du nicht glaubſt, und tritt zu der Sache über, an die wir glauben; entferne Dich nicht von der Wirklichkeit, um dem Schatten zu folgen, und wenn Du Dich nicht zum ſelbſtthätigen Soldaten der Revolution machſt, ſo ſchaue ihr zu, wie ſie vorü⸗ berzieht, und verſuche es nicht, ſie auf ihrem Wege auf⸗ zuhalten; Mirabeau war ein Rieſe, und Mirabeau iſt der Arbeit unterlegen.““ 2 „Graf,“ erwiederte Gilbert,„ich werde hierauf an dem Tage antworten, wo der König, der ſich mir an⸗ vertraut hat, in Sicherheit iſt. Ludwig XVI. hat mich —— 4 263 zum Vertrauten, zum Beiſtand, zum Mitſchuldigen, wenn Sie wollen, bei dem Werke gewählt, das er unternimmt. Ich habe dieſe Sendung angenommen und werde ſie mit offenem Herzen und geſchloſſenen Augen bis zum Ende erfüllen. Ich bin Arzt, mein lieber Graf, das materielle Wohl meines Kranken vor Allem! Antworten Sie mir nun auch. Iſt es für Sie bei Ihren geheimnißvollen Projecten, bei Ihren finſteren Combinationen nöthig, daß dieſe Flucht gelinge oder daß ſie ſcheitere? Wollen Sie, daß ſie ſcheitere, ſo iſt es unnütz, zu kämpfen, ſprechen Sie: „„Reiſet nicht!““ und wir werden bleiben, und das Haupt beugen und den Schlag erwarten.“ „Bruder!“ ſprach Caglioſtro,„wenn ich, angetrie⸗ ben durch den Gott, der mir meinen Weg vorgezeichnet hat, entweder diejenigen, welche Dein Herz liebt, oder diejenigen, welche Dein Geiſt beſchützt, ſchlagen müßte, ſo würde ich im Dunkeln bleiben und von der über⸗ menſchlichen Macht, der ich gehorche, nur Eines verlan⸗ gen: daß ſie Dich nicht wiſſen laſſe, von welcher Hand der Schlag ausgegangen iſt. Nein, ich komme nicht als Freund, ich kann nicht der Freund der Könige ſein, ich, der ich ihr Opfer geweſen bin: ich komme auch nicht als Feind; ich komme mit einer Wage in der Hand und ſage zu Dir:„„Ich habe die Geſchicke dieſes letzten Bourbon abgewogen, und ich glaube nicht, daß ſein Tod von Gewicht für das Heil der Sache iſt. Gott behüte aber mich, der ich mir wie Pythagoras kaum das Recht zuerkenne, über das Leben des letzten Inſekts der Schöp⸗ fung zu verfügen, daß ich unvorſichtig das des Men⸗ ſchen, des Königs der Schöpfung, anrühre!““ Mehrnoch; ich komme nicht nur, um Dir zu ſagen:„„Ich werde neutral bleiben,““ ſondern ich füge noch bei:„„Bedarfſt Du meiner Hülfe? Ich biete ſie Dir an.““ Gilbert verſuchte es zum zweiten Mal, in der Tiefe des Herzens von Caglioſtro zu leſen. „Gut,“ ſagte dieſer, indem er ſeine ſpöttiſche Miene wieder annahm,„nun zweifelſt Du. Höre, ge⸗ lehrter Mann, kennſt Du nicht die Geſchichte von der Lanze des Achilles, welche verwundete und heilte? Dieſe Lanze beſitze ich. Die Frau, welche für die Köni⸗ gin in den Gebüſchen von Verſailles gegolten hat, kann ſie nicht auch für die Königin in den Gemächern der Tuilerien oder auf irgend einer Landſtraße der entge⸗ gengeſetzt gelten, welcher die wahre Flüchtige folgen wird? Was ich Ihnen da anbiete, iſt nicht zu verach⸗ ten, mein lieber Gilbert.“ „Seien Sie alſo bis zum Ende offenherzig, Graf, und ſagen Sie mir, in welcher Abſicht Sie mir dieſes Anerbieten machen?“ „Mein lieber Doctor, das iſt ganz einfach: in der Abſicht, daß der König gehe, in der Abſicht, daß der König Frankreich verlaſſe, in der Abſicht, daß er uns die Republik proclamiren laſſe.“ „Die Republik?“ verſetzte Gilbert erſtaunt. „Warum nicht?“ „Mein lieber Graf, ich ſchaue in Frankreich umher vom Süden nach dem Norden, vom Oſten nach dem Weſten, und ich ſehe nicht einen einzigen Republikaner.“ „Vor Allem täuſchen Sie ſich, ich ſehe drei: Petion, Camille Desmoulin und Ihren Diener; jene können Sie ſehen wie mich; ferner ſehe ich noch diejenigen, welche Sie nicht ſehen, die Sie aber ſehen werden, wenn es Zeit iſt, daß ſie erſcheinen. Dann verlaſſen Sie ſich auf mich, daß ich einen Theatercoup mache, der Sie in Erſtaunen ſetzen wird; nur, Sie begreifen, wünſche ich, daß bei der Veränderung ſich nicht zu viel ernſte Un⸗ fälle ereignen. Die Unfälle werden immer dem Ma⸗ ſchiniſten zur Laſt gelegt.“ Gilbert ſann einen Augenblick nach; dann reichte er Caglioſtro die Hand und ſprach: „Graf, beträfe es nur mich, beträfe es nur meine Fhr⸗ meinen Ruf, mein Andenken, ſo würde ich auf der 265 Stelle annehmen; doch es betrifft ein Königreich, einen König, eine Königin, eine Monarchie, und ich kann es nicht auf mich nehmen, für ſie zu unterhandeln. Bleiben Sie neutral, mein lieber Graf, das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ Caglioſtro lächelte. „Ja, ich begreife,“ ſagte er,„der Mann des Hals⸗ bands... Nun wohl, mein lieber Gilbert, der Mann des Halsbands wird Ihnen einen Rath geben.“ „Stille,“ ſprach Bilbert,„man klingelt.“ „Was iſt daran gelegen! Sie wiſſen wohl, daß der⸗ jenige, welcher klingelt, der Herr Graf von Charny iſt. Den Rath, den ich Ihnen zu geben habe, kann er aber auch hören und benützen. Treten Sie ein, Herr Graf, treten Sie ein!“ Charny war in der That bei der Thüre erſchienen. Als er einen Fremden ſah, wo er nur Gilbert zu treffen glaubte, blieb er unruhig und zögerte. „Dieſer Rath iſt,“ fuhr Caglioſtro fort:„Miß⸗ trauen Sie den zu reichen Neceſſaires, den zu ſchweren Wagen, den zu ähnlichen Portraits. Leben Sie wohl, Gilbert; leben Sie wohl, Herr Graf, und um die For⸗ mel von denjenigen anzuwenden, welchen ich wie Ih⸗ nen eine glückliche Reiſe wünſche: Gott halte Sie in ſeiner heiligen und gnädigen Obhut.“ Hienach grüßte der Prophet freundſchaftlich Gilbert und höflich Charny, und entfernte ſich, gefolgt von dem unruhigen Blicke des Einen und von dem fragenden Blicke des Andern. „Wer iſt dieſer Menſch, Doctor? fragte Charny, als das Geräuſch ſeiner Tritte auf der Treppe erlo⸗ ſchen war. „Einer meiner Freunde,“ erwiederte Gilbert,„ein Mann, der Alles weiß, der mir aber ſein Wort gegeben hat, daß er nichts verrathen werde.“ „Und er heißt?“ * dann: ſen Geſicht kenne. ganz von der Gilbert zögerte einen Augenblick und antwortete „Der Baron Zannone,“ „Das iſt ſeltſam,“ verſetzte Charny,„ich kenne die⸗ Namen nicht, und es ſcheint mir doch, daß ich dieſes Haben Sie den Paß, Doctor?“ „Hier iſt er, Graf.“ Charny nahm den Paß, entfaltete ihn raſch, und Aufmerkſamkeit, die er dieſem wichtigen Anſpruch genommen, vergaß er, für Stücke weihte, in s auf den Baron den Augenblick wenigſtens, Alles bi Zannone. LXXVI. VDer Abend des 20. Juni. Wir werden nun ſehen, was am 20. Juni von neun Uhr Abends bis um Mitternacht auf den verſchiedenen Punkten der Hauptſtadt vorging. Nicht ohne Grund hatte man Frau von Rochereul mißtraut; obgleich ihr Dienſt am 11. aufgebört, hatte ſie doch, da ſie Verdacht geſchöpft, NRittel gefunden, in das Schloß zurückzukehren, und ſie hatte wahrgenommen⸗ daß, wenn auch die Etuis immer noch an ihrem Platze waren, die Diamanten ſich nicht mehr hier befanden; ſie waren in der That von Marie Antvinette ihrem Friſeur Leonard anvertraut worden, der am Abend des 20, ein paar Stunden vor ſeiner erhabenen Gebieterin, mit Herrn von Choiſeul abreiſen ſollte; dieſer befehligte die Soldaten 267 des in Pont⸗de⸗Sommevelle aufgeſtellten erſten Detache⸗ ment; er war überdies mit dem Relais in Varennes, das aus ſechs guten Pferden beſtehen ſollte, beauftragt und wartete in ſeinem Hauſe in der Rue d'Artois auf die letzten Befehle des Königs und der Königin. Es war vielleicht ein wenig indiscret, Herr von Chviſeul mit Meiſter Leonard zu beläſtigen, und ein wenig unvor⸗ ſichtig, ſeinen Friſeur mitzunehmen; doch welcher Künſt⸗ ler hätte es in der Fremde unternommen, die bewun⸗ derungswürdigen Coiffuren zu machen, welche Leonard ſpielend ausführte? Was wollen Sie? Wenn man einen Friſeur hat, der ein Mann von Genie iſt, ſo verzichtet man nicht gern auf ihn! Eine Folge hievon war, daß die Kammerfrau des Herrn Dauphin, welche vermuthete, die Abreiſe ſei auf Montag den 20. Abends um eilf Uhr feſtgeſetzt, nicht nur ihrem Liebhaber Herrn von Gouvion, ſondern auch Herrn von Bailly Nachricht hievon gab. Herr von Lafayette ſuchte den König auf, um ſich mit ihm über dieſe Anzeige offenherzig zu erklären, doch der König zuckte die Achſeln und antwortete ausweichend. Herr von Bailly that etwas Beſſeres; während Lafayette blind wurde wie ein Aſtronom, wurde er, Bailly, höflich wie ein Chevalier: er ſchickte der Köni⸗ gin den Brief der Frau von Rochereul. Herr von Gouvion, auf den mehr ein unmittelbarer Einfluß geübt wurde, behielt allein einen tieferen Ver⸗ dacht; von ſeiner Geliebten in Kenntniß geſetzt, verſam⸗ melte er unter dem Vorwande einer kleinen militäriſchen Geſellſchaft ein Dutzend Officiere der Nationalgarde; er ſtellte fünf bis ſechs derſelben als Vedetten an verſchie⸗ denen Thüren auf, und er ſelbſt übernahm es, mit fünf Bataillonchefs die Thüren der Wohnung von Herrn Villequier, der ſpeciell ſeiner Aufmerkſamkeit bezeichnet worden war, zu bewachen. Es war ungefähr um dieſelbe Stunde, als in der in einem uns bekannten der ſie uns ſchon erſchie⸗ nen iſt, eine junge Frau, ſchön⸗ ſcheinbar ruhig, aber im Grunde des Herzens tief bewegt, mit einem jungen Manne von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren ſprach, der, bekleidet mit einer gemsfarbigen Courierjacke und einer anliegenden ledernen Hoſe, ein Paar Stulp⸗ ſtiefeln an den Beinen und mit einem Hirſchfänger be⸗ waffnet, vor ihr ſtand. 2 Er hielt in der Hand einen runden Hut mit einer ort* rte. Die junge Frau ſchien dringlich zu reden, der junge Mann ſchien ſich zu vertheidigen. „Ich frage Sie noch einmal, Vicomte, warum iſt er in den dritthalb Monaten, ſeitdem er nach Paris zu⸗ rückgekehrt, nicht ſelbſt gekommen?“ „Madame, mein Bruder hat mich ſeit ſeiner Rück⸗ kehr mehrere Male beauftragt, die Ehre zu haben, Ihnen Nachricht von ihm zu geben.“ „Ich weiß es⸗ und ich bin ihm, wie Ihnen, Vicomte, ſehr dankbar hiefür; aber mir ſcheint, in dem Augenblick ſeiner Abreiſe hätte er ſelbſt kommen können, um von mir Abſchied zu nehmen.“ „Allerdings, Madame, doch das wird ihm unmög⸗ lich geweſen ſein, denn er hat mich mit dieſer Sorge betraut.“ „Und wird die Reiſe, die Sie unternehmen, lange dauern?“ „Ich weiß es nicht, Madame.“ „Ich ſage Sie, weil ich nach Ihrer Tracht denken muß, daß Sie auch in der Abreiſe begriffen ſind.“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach werde ich Paris heute um Mitternacht verlaſſen haben.“. „Begleiten Sie Ihren Bruder oder folgen Sie einer der ſeinigen entgegengeſetzten Richtung?“ Rue Coq⸗Höéron, Numero 9. Salon auf einer Cauſeuſe, auf — — 269 „Ich glaube, Madame, daß wir denſelben Weg verfolgen.“ Werden Sie ihm ſagen, Sie haben mich geſehen?“ „Ja, Madame, denn bei der Sorgſamkeit, mit der er mich zu Ihnen geſchickt hat, bei ſeinen wiederholten Ermahnungen, nicht wieder mit ihm zuſammenzutreffen, ohne Sie geſehen zu haben, würde er es mir nicht ver⸗ zeihen, wenn ich eine ſolche Sendung vergeſſen hätte.“ Die junge Frau ſtrich mit der Hand über die Au⸗ gen, gab einen Seufzer von ſich und ſagte, nachdem ſie einen Angenblick überlegt hatte: „Vicomte, Sie ſind ein Edelmann, Sie müſſen das ganze Gewicht der Frage, die ich an Sie mache, be⸗ greifen. Antworten Sie mir, wie Sie mir antworten würden, wenn ich wirklich Ihre Schweſter wäre, wie Sie Gott antworten würden. Läuft Herr von Charny auf der Reiſe, die er unternimmt, eine ernſte Gefahr?“ „Wer kann ſagen, Madame,“ erwiederte Iſidor, der die Frage zu umgehen ſuchte,„wer kann ſagen, wo in der Zeit, in der wir leben, die Gefahr iſt oder nicht iſt? Am Morgen des 5. Oetober befragt, ob er eine Gefahr zu laufen befürchte, würde unſer armer Bruder Georges ſicherlich geantwortet haben: nein; am andern age lag er bleich und entſeelt quer vor der Thüre der Königin. Die Gefahr, Madame, ſteigt in unſerer Zeit aus der Erde empor, und man befindet ſich zuweilen von Angeſicht zu Angeſicht dem Tode gegenüber, ohne zu wiſſen, woher er kommt, noch wer ihn gerufen hat.“ Andrée erblaßte. „Es iſt alſo Todesgefahr vorhanden, nicht wahr, Vicomte?“ fragte ſie. „Ich habe das nicht geſagt, Madame.“ „Doch Sie denken es.“ „Ich denke, Madame, daß, wenn Sie meinem Bru⸗ der etwas Wichtiges mitzutheilen haben, das Unterneh⸗ men, in welches er ſich, wie ich, einläßt, wichtig genug iſt, daß Sie mich mündlich oder ſchriftlich beauftragen, Ihren Gedanken, Ihren Wunſch oder Ihre Ermahnung ihm zu überbringen.“ „Es iſt gut, Vicvmte,“ ſprach Andrée, während ſie aufſtand.„Ich bitte Sie nur fünf Minuten.“ Und mit dem ihr eigenthümlichen kalten, langſamen Schritt trat die Grafin in ihr Zimmer ein⸗ deſſen Thüre ſie hinter ſich ſchloß. Als die Gräfin weggegangen war, ſchaute der junge Mann mit einer gewiſſen Unruhe auf ſeine Uhr. „Ein Viertel nach neun Uhr,“ murmelte er,„der König erwartet uns um halb zehn Uhr... Zum Glück iſt es nur ein Schritt von hier nach den Tuilerien.“ Doch die Gräfin brauchte nicht einmal die Summe der Zeit, die ſie verlangt hatte. Nach ein paar Secunden kehrte ſie, einen verſiegel⸗ ten Brief in der Hand haltend, zurück. „Vicomte,“ ſprach ſie mit feierlichem Tone,„Ihrer Ehre vertrane ich dies.“ Iſidor ſtreckte die Hand aus, um den Brief zu nehmen. „Warten Sie,“ fuhr Andrée fort,„und verſtehen Sie wohl, was ich Ihnen ſagen werde: vollbringt Ihr Bru⸗ der, der Herr Graf von Charny, ohne Unfall das Un⸗ ternehmen, das er verfolgt, ſo iſt ihm nichts Anderes zu ſagen, als das, was ich Ihnen geſagt habe: Gleich⸗ gefühi für ſeine Loyalität, Achtung für ſeine aufopfernde Ergebenheit, Bewunderung für ſeinen Charakter. Wird er verwundet...“ die Stimme von Andrée bebte leicht..„wird er ſchwer verwundet, ſo werden Sie ihn bitten, er möge mir die Gnade bewilligen, zu ihm kommen zu dürfen, und bewilligt er dieſe Gnade, ſo ſchicken Sie mir einen Boten, der mir mit Sicherheit angibt, wo er ſich befindet, denn ich werde auf der Stelle abreiſen; iſt er auf den Tod verwundet. die Erſchütterung war nahe daran, die Stimme von Andrée — 271 zu erſticken..„ſo übergeben Sie ihm dieſen Brief; kann er nicht mehr ſelbſt leſen, ſo werden Sie ihm den⸗ ſelben vorleſen, denn ehe er ſtirbt, ſoll er wiſſen, was dieſer Brief enthält. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort als Edelmann, daß Sie thun werden, was ich wünſche, Vicomte?“ Ebenſo bewegt als die Gräfin, ſtreckte Iſdor die Hand aus und ſprach: „Bei meiner Ehre, Madame!“ „So nehmen Sie dieſen Brief und gehen Sie, Vicomte.“ Iſidor nahm den Brief, küßte der Gräfin die Hand und ging hinaus. „Oh!“ rief Andrée, indem ſie wieder auf ihr Ca⸗ napé zurückfiel,„wenn er ſtirbt, ſoll er wenigſtens ſter⸗ bend erfahren, daß ich ihn liebe.“ Gerade in dem Augenblick, wo Iſidor die Gräfin verließ und den Brief in ſeine Bruſttaſche ſteckte, neben geleſen hatte, gingen zwei Männer, durchaus in derſel⸗ ben Tracht wie er, nach einem gemeinſchaftlichen Ver⸗ ſammlungsorte, nämlich nach jenem Bondvir der Königin, in das wir ſchon unſere Leſer auf zwei verſchiedenen Wegen eingeführt haben: der Eine folgte der Gallerie des Lonvre, die ſich längs dem Quai hinzieht und heute das Gemälde⸗Muſeum iſt, und an deren Ende ihn Weber erwartete; der Andere ſtieg die kleine Treppe hinauf, die man Charny bei ſeiner Ankunft von Montmödy hat wählen ſehen. Oben auf dieſer Treppe, wie ſein Ge⸗ ährte am Ende der Gallerie des Loupre von Weber, dem Kammerdiener der Königin, erwartet wurde, wurde dieſer von Frangois Hue, dem Kammerdiener des Kö⸗ nigs, erwartet. Man führte Beide, und zwar beinahe zu gleicher Zeit, durch verſchiedene Thüren ein; der zuerſt Eingeführte war Herr von Valory. 272 Ein paar Secunden nachher öffnete ſich, wie geſagt, eine zweite Thüre, und mit einem gewiſſen Erſtaunen ſah Herr von Valory ein anderes Er⸗ſelbſt eintreten. Die zwei Officiere kannten ſich nicht, doch in der Vorausſetzung, ſie ſeien Beide für eine und dieſelbe Sache berufen, gingen ſie auf einander zu und grüß⸗ ten ſich. In dieſem Angenblick wurde eine dritte Thüre ge⸗ öffnet, und der Vicomte von Charny erſchien. Das war der dritte Courier, ebenſo unbekannt den zwei erſten, als die zwei erſten ihm unbekannt waren. ſammelt hatten, und welches gemeinſchaftliche Werk ſie vollbringen ſollten. Ohne Zweifel ſchickte er ſich an, auf die Fragen zu antworten, welche ſeine zwei zukünftigen Gefährten an ihn richteten, als die Thüre ſich abermals öffnete und der König erſchien. „Meine Herren,“ ſprach Ludwig XVI. indem er ſich an die Herren von Malden und von Valory wandte, „entſchuldigen Sie mich, daß ich ohne Ihre Erlaubniß über Sie verfügt habe, doch ich hielt Sie für trene Die⸗ ner des Königthums: Sie gehörten zu meinen Garden. Ich habe Sie eingeladen, zu einem Schneider, deſſen Adreſſe ich Ihnen zuſandte, zu gehen, ſich Jeder ein Courierkleid machen zu laſſen und ſich heute Abend um halb zehn Uhr in den Tuilerien einzufinden; Ihre Ge⸗ genwart beweiſt mir, daß Sie die Güte haben wollen, die Sendung anzunehmen, mit der ich Sie zu beauftra⸗ gen beabſichtige.“ Die zwei ehemaligen Gardes du corps verbeng⸗ ten ſich. „Sire,“ erwiederte Herr von Valory,„Eure Ma⸗ jeſtät weiß, daß ſie nicht nöthig hat, ihre Edelleute zu Iſidor allein wußte, in welcher Abſicht ſie ſich ver⸗ —— S— 8—— — ni 273 fragen, um über ihre Ergebenheit, ihren Muth und ihr Leben zu verfügen.“ „Sire,“ ſprach Herr von Malden,„für ſich ſelbſt antwortend, hat mein Standesgenoſſe auch für mich ge⸗ antwortet, und, ich denke, wohl ebenſo für unſern dritten Gefährten.“ „Ihr dritter Gefährte, meine Herren, mit welchem Bekanntſchaft zu machen ich Sie auffordere, iſt der Herr Vicomte Iſidor von Charny, deſſen Bruder in Verſailles die Thüre der Königin vertheidigend getöd⸗ tet wurde; wir ſind nun ſo an die aufopfernde Erge⸗ benheit der Leute ſeiner Familie gewöhnt, und dieſe Oyferwilligkeit iſt uns ſo bekannt, daß wir ihnen nicht einmal mehr dafür danken.“ „Nach dem, was der König ſagt,“ ſprach Herr von Valory,„weiß der Vicomte von Charny ohne Zweifel den Beweggrund, der uns verſammelt, wäh⸗ rend wir ihn nicht wiſſen, Sire, aber ſogleich zu erfah⸗ ren wünſchen.“ „Meine Herren,“ antwortete der König,„es iſt Ihnen bekannt, daß ich Gefangener bin, Gefangener des Commandanten der Nationalgarde, Gefangener des Präſidenten der Nationalverſammlung, Gefangener des Maire von Paris, Gefangener des Volks, Gefangener von aller Welt. Nun wohl! meine Herren, ich habe auf Sie gezählt, daß Sie mir dieſe Demüthigung ab⸗ ſchütteln und meine Freiheit wiedererlangen helfen. Mein Loos, das der Königin, das meiner Kinder, liegt in Ihren Händen; Alles iſt bereit, daß wir heute Abend fliehen können; übernehmen Sie es nur, uns von hier wegzubringen.“ „Sire, befehlen Sie,“ ſagten die drei jungen Leute. „Sie begreifen wohl, meine Herren, wir können nicht mit einander weggehen. Unſer gemeinſchaftliches Rendez⸗ Die Gräfin von Charny. v. 18 274 vous iſt an der Ecke der Rue Saint⸗Nicaiſe, wo uns der Herr Graf von Charny mit einem Miethwagen er⸗ warten wird; Sie, Vicomte, übernehmen die Königin und antworten auf den Namen Melchior. Sie, Herr von Malden, übernehmen Madame Eliſabeth und Ma⸗ dame Royale und heißen Jean; Sie, Herr von Valorh, übernehmen Frau von Tourzel und den Dauphin und heißen Francois. Vergeſſen Sie Ihre neue Namen nicht, meine Herren, und erwarten Sie hier weitere Inſtruc⸗ tionen“ Der König reichte nach und nach ſeine Hand den drei jungen Leuten und entfernte ſich dann, in dieſem Zimmer drei Männer zurücklaſſend, welche geneigt wa⸗ ren, für ihn zu ſterben. Herr von Chviſeul, der dem König am Tage vor⸗ her im Namen von Herrn von Bouillé erklärt, es ſei unmöglich, länger als bis zum 20. um Mitternacht zu warten, und zugleich angekündigt hatte, am 21. um vier Uhr Morgens, wenn er keine Nachrichten habe, werde er aufbrechen und mit ſich alle Detachements nach Dun, Stenay und Montmédy zurückführen, Herr von Choiſeul war, wie geſagt, in ſeinem Hauſe in der Rue dArtois, wo ihn die ietzten Befehle des Hofes aufſuchen ſollten, und da es neun Uhr ſchlug, fing er an zu ver⸗ zweifeln, als der einzige von ſeinen Leuten, den er be⸗ halten hatte, und der glaubte, er ſei auf dem Punkte, nach Metz abzureiſen, ihm meldete, ein Unbekannter verlange ihn im Namen der Königin zu ſprechen. Er befahl, ihn heraufkommen zu laſſen Es trat ein Mann mit einem runden Hute, den er tief in die Augen gedrückt, und in einen ungeheuren Ueberrock gehüllt, ein. „Sie ſind es, Leonard,“ ſagte Herr von Chviſeul, „ich erwartete Sie mit Ungeduld⸗“ „Wenn ich Sie habe warten laſſen, Herr Herzog, ſoiſt'es nicht meine Schuld, ſondern die der Königin, r⸗ ei m e. ch on ue en r⸗ e⸗ te, ter in, 275 die mich erſt vor zehn Minuten davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt hat, daß ich zu Ihnen gehen ſollte.“ „Sie hat Ihnen nichts Anderes geſagt?“ „Doch, Herr Herzog, ſie hat mich beauftragt, alle ihre Diamanten mitzunehmen und Ibnen dieſen Brief zu bringen“ „Geben Sie,“ rief der Herzog mit einer leichten Ungeduld, welche das ungeheure Anſehen, das die wichtige Perſon, die ihm die königliche Depeche über⸗ gab, genoß, nicht ganz bewältigen konnte. Der Brief war lang, voll von Aufträgen und Er⸗ mahnungen; er theilte dem Herzog mit, man werde um Mitternacht abreiſen, er erſuchte den Herzog, ſogleich aufzubrechen, und richtete auf's Neue die Bitte an ihn, Leonard mitzunehmen, welcher, fügte die Königin Befehl erhalten habe, ihm zu gehorchen wie ihr ſelbſt. Und ſie unterſtrich folgende ſieben Worte: „Ich wiederhole ihm hier abermals die⸗ ſen Befehl.“ Der Herzog ſchlug die Augen zu Leonard auf, der mit einer ſichtbaren Unruhe wartete; der Friſeur war grotesk unter ſeinem furchtbaren Hute und in ſeinem un⸗ geheuren Ueberrocke. „Sammeln Sie alle Ihre Erinnerungen,“ ſprach der Herzog.„Was hat Ihnen die Königin geſagt?“ „Ich will es Wort für Wort dem Herrn Herzog wiederholen.“ „Ich höre.“ „Sie ließ mich alſo vor ungefähr drei Viertelſtun⸗ den rufen, Herr Herzog.“ „Gut.“ „Sie ſagte mit leiſer Stimme zu mir„ „Ihre Majeſtät war alſo nicht allein?“ „Nein, Herr Herzog, der König ſprach eben in ei⸗ ner Fenſtervertiefung mit Madame Eliſabeth. Der Herr 276 Dauphin und Madame Royale ſpielten mit einander; Königin betrifft, ſie war an einen Kamin an⸗ gelehnt.“ „Fahren Sie fort, Leonard, fahren Sie fort.“ „Die Königin ſagte alſo mit leiſer Stimme zu mir:„Leonard, ich kann auf Sie zählen?““ Ah! Madame, antwortete ich, verfügen Sie über mich; Eure Majeſtät weiß, daß ich Ihr mit Leib und Seele ergeben bin.„Nehmen Sie dieſe Diamanten und ſchieben Sie dieſelben in Ihre Taſchen; nehmen Sie die⸗ ſen Brief und tragen Sie ihn in die Rue d'Artvis zum Herzog von Choiſeul, übergeben Sie ihn aber nur dem Herzog ſelbſt; iſt er nicht nach Hauſe gekommen, ſo wer⸗ den Sie ihn bei der Herzogin von Grammont finden.““ Dann, als ich mich ſchon entfernte, um den Befehlen der Königin zu gehorchen, rief mich Ihre Majeſtät zu⸗ rück und fügte bei:„„Setzen Sie einen breitkrämpigen Hut auf und ziehen Sie einen weiten Ueberrock an, um nicht erkannt zu werden. Mein lieber Leonard, gehor⸗ chen Sie beſonders Herrn von Choiſeul wie mir ſelbſt.““ Da ging ich in meine Wohnung hinauf, nahm den Hut und den Ueberrock meines Bruders, und hier bin i 1* 2„Alſo,“ fagte Herr von Choiſeul,„die Königin t alſo empfohlen, mir zu gehorchen wie ihr ſelbſt?“ „Das ſind die erhabenen Worte Ihrer Majeſtät, Herr Herzog.“ „Es freut mich ſehr, daß Sie ſich ſo gut dieſer mündlichen Ermahnung erinnern; in jedem Fall ſteht dieſe Ermahnung auch hier geſchrieben, und da ich den Brief verbrennen muß, ſo leſen Sie.“ Hiebei hielt Herr von Choiſeul den Untertheil des Briefes, den er ſo eben empfangen, Leonard vor das Geſicht, und dieſer las laut: „Ich habe meinem Friſeur Leonard den Befehl ge⸗ 277 geben, Ihnen zu gehorchen wie mir; ich wiederhole dieſen Befehl hier abermals.“. „Sie begreifen, nicht wahr?“ fragte Herr von Choiſeul. „Oh! Herr Herzog,“ erwiederte Leonard,„glau⸗ ben Sie mir, der mündliche Befehl Ihrer Moeſtät ge⸗ nügte.“ „Gleichviel,“ rief Herr von Choiſenl. Und er verbrannte den Brief. In dieſem Augenblick kehrte der Bediente zurück und meldete, der Wagen ſei bereit. „Kommen Sie, mein lieber Leonard„ ſagte der Herzog. „Wie, ich ſoll kommen! Und die Diamanten?“ „Sie nehmen dieſelben mit.“ „Wohin?“ „Wohin ich Sie führe.“ „Aber wohin führen Sie mich?“ „Ein paar Meilen von hier, wo Sie einen beſon⸗ dern Auftrag zu vollziehen haben.“ „Herr Herzog, unmöglich!“ „Wie, unmöglich! Hat Ihnen nicht die Königin geſagt, Sie ſollen mir gehorchen wie ihr ſelbſt?“ „Das iſt wahr, doch wie iſt das zu machen? Ich habe den Schlüſſel in der Thüre unſerer Wohnung ſtecken laſſen. Wenn mein Bruder nach Hauſe kommt, wird er weder ſeinen Ueberrock, noch ſeinen Hut finden. Sieht er mich nicht zurückkehren, ſo wird er nicht wiſſen, wo ich bin. Und dann Frau von der Aage, der ich ver⸗ ſprochen habe, ſie zu friſiren, und die auf mich war⸗ tet; zum Beweiſe dient, Herr Herzog, daß mein Cabriolet und mein Bedienter im Hofe der Tuilerien ſind.“ „Nun, mein lieber Lernard,“ ſagte Herr von Choiſeul lachend,„was wollen Sie? Ihr Bruder wird einen andern Ueberrock kaufen; Sie werden Frau 278 von der Aage an einem andern Tage frifiren, und Ihr Bedienter, wenn er Sie nicht zurückkommen ſieht, wird Ihr Pferd ausſpannen und wieder in den Stall füh⸗ doch das unſere iſt angeſpannt, und ſo wollen wir gehen.“ Und ohne den Wehklagen von Leonard weiter irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ließ der Herr Herzog von Choiſeul den verzweifelten Friſeur in ſein Cabrio⸗ let ſteigen und trieb ſein Pferd zum ſcharfen Trabe nach der Barrière de la petite Villette an. Der Herzog von Choiſeul hatte noch nicht die letz⸗ ten Häuſer der Villette hinter ſich, als eine Gruppe von fünf Perſonen, welche vom Club der Jacobiner zurück⸗ kamen, in die Rue Saint Honors mündete und ſich, wie es ſchien, nach dem Palais Royal wandte. Dieſe fünf Perſonen waren: Camille Desmoulins, der dieſe Thatſache ſelbſt erzählt, Danton, Fréron, Ché⸗ nier und Legendre. Als er bei der Höhe der Rue de l'Echelle angelangt war, warf Camille Desmoulins einen Blick auf die Tui⸗ lerien, und da er die tiefe Stille des Abends wahrnahm, ſagte er: „Ei! ſcheint Euch Paris heute Abend nicht mehr als ruhig, kommt Euch Paris nicht völlig verlaſſen vor? Auf dem ganzen Wege, den wir gemacht haben, ſind wir nicht einer einzigen Patrouille begegnet.“ „Das iſt ſo,“ erwiederte Frsron,„weil Maß⸗ regeln getroffen ſind, um dem König den Weg frei zu laſſen.“ „Wie, dem König den Weg frei?“ fragte Danton. „Allerdings,“ erwiederte Fréron,„er reiſt heute Nacht ab.“ „Ah! das iſt Scherz!“ rief Legendre. „Es iſt vielleicht ein Scherz,“ verſetzte Fréron, „doch man benachrichtigt mich hievon in einem Briefe.“ „Dn haſt einen Brief erhalten, der Dich von der 279 Flucht des Königs benachrichtigt?“ ſagte Camille Des⸗ moulins,„einen unterzeichneten Brief?“ „Nein, einen anonymen Brief; übrigens habe ich ihn bei mir„ da iſt er, leſet.“ Die fünf Patrioten traten an eine Laterne und laſen: „Der Bürger Fréron wird davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt, daß heute Abend Herr Capet, die Oeſterreicherin und ihre zwei jungen Wölfe Paris verlaſſen, um mit Herrn von Bouillé, dem Schlächter von Nanch, zuſam⸗ menzutreffen, der ſie an der Grenze erwartet.“ „Ah! Herr Capet,“ ſagte Camille Desmoulins, „der Name iſt gut, ich werde fortan Ludwig XVI. Herr Capet nennen.“ „Und man wird Dir nur Eines vorzuwerfen haben,“ verſetzte Chénier:;„daß Ludwig XVI. nicht Capet, ſondern Bourbon iſt.“ „Bah! wer weiß das?“ rief Camille Desmoulins, „ein paar Pedanten wie Du! Nicht wahr, Legendre, Capet iſt ein guter Name?“ „Mittlerweile,“ bemerkte Danton,„wenn der Brief die Wahrheit ſpräche, und wenn ſich wirklich heute Abend der ganze königliche Troß aus dem Staube ma⸗ chen würde?“ „Da wir bei den Tuilerien ſind, ſo wollen wir ſehen,“ ſagte Camille. Und die fünf Patrioten machten zu ihrer Beluſti⸗ gung die Runde um die Tuilerien; als ſie gegen die Rue Saint⸗Nicaiſe zurückkamen, erblickten ſie Lafayette, der f vit ſeinem ganzen Generalſtabe in die Tuilerien egab. „Ei! ſeht doch,“ rief Danton,„Blondinet will dem Schlafengehen der königlichen Familie beiwohnen; unſer Dienſt iſt beendigt, der ſeinige beginnt. Gute Nacht, meine Herren; wer geht mit mir nach der Rue du Paon?“ „Ich,“ erwiederte Legendre. 280 Und die Gruppe trennte ſich in zwei Theile und verſchwand in der Dunkelheit der Nacht. LXXVII. Die Abreiſe. Um eilf Uhr Abends, in dem Augenblick, wo die Damen von Tourzel und Brennier, nachdem ſie Madame Royale und den Dauphin ausgekleidet hatten, dieſe wie⸗ der aufweckten und ihnen ihre Reiſecoſtumes anzogen, zum großen Verdruſſe des Dauphin, der ſeine Knaben⸗ kleider anziehen wollte und ſich gegen die Mädchenklei⸗ dung ſträubte, empfingen die Königin und Madame Eliſabeth wirklich Herrn von Lafayette und die Herren von Gouvion und Romeuf, ſeine Adjutanten. Dieſer Beſuch war äußerſt beunruhigend, beſonders nach dem Verdachte, den man über Frau von Roche⸗ reul hatte. Die Königin und Madame Eliſabeth hatten am Abend eine Spazierfahrt im Wäldchen von Boulogne gemacht und waren um acht Uhr zurückgekehrt. Herr von Lafayette fragte die Königin, ob die Spazierfahrt gut geweſen ſei, nur, fügte er bei, habe ſie Unrecht, ſo ſpät nach Hauſe zurückzukehren, und es ſei zu befürchten, daß ihr die Abendnebel ſchaden. „Die Abendnebel im Monat Juni?“ verſetzte die Königin lachend;„wahrhaftig, wenn ich nicht ausdrück⸗ lich ſolche machen laſſe, um meine Flucht zu verbergen, ſo weiß ich nicht, wo ich finden ſollte. ich ſage, um —— ——— —— 281 meine Flucht zu verbergen, denn ich ſetze voraus, daß das Gerücht, wir reiſen ab, immer noch geht.“ „Es iſt wahr, Madame,“ erwiederte Lafayette, „man ſpricht mehr als je von dieſer Abreiſe, und ich habe ſogar Nachricht erhalten, ſie finde heute Abend ſtatt.“ „Ah!“ rief die Königin,„ich wette, Sie haben dieſe ſchöne Kunde von Herrn von Gouvion?“ „Und warum von mir, Madame?“ fragte errö⸗ thend der junge Officier. „Weil ich glaube, daß Sie Einverſtändniſſe im Schloſſe haben. Ei! Herr Romeuf hat keine, und ich bin feſt überzeugt, daß er ſich für uns verbürgen würde.“ „Und ich hätte dabei kein großes Verdienſt, Ma⸗ dame, da der König der Nationalverſammlung ſein Wort gegeben hat, er werde Paris nicht verlaſſen,“ ſagte der junge Officier. Nun war es an der Königin, zu erröthen. Man ſprach von etwas Anderem. Um halb zwölf Uhr nahmen Herr von Lafayette und ſeine beiden Adjutanten Abſchied vom König und von der Königin. Durchaus nicht beruhigt, kehrte indeſſen Herr von Gouvion in ſein Zimmer im Schloſſe zurück; er fand hier ſeine Freunde als Schildwache, und ſtatt ſie von der Wache abzulöſen, empfahl er ihnen, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zu verdoppeln. Herr von Lafayette aber begab ſich nach dem Stadt⸗ hauſe, um Bailly hinſichtlich der Abſichten des Königs en ſollte überhaupt Bailly irgend eine Furcht haben. Als Lafayette weggegangen war, riefen der König, die Königin und Madame Eliſabeth ihre Hausgenoſſen⸗ ſchaft und ließen ſich die Loilettedienſte leiſten, welche 282. ſie zu erhalten gewohnt waren, wonach ſie zur gewöhn⸗ lichen Stunde alle Welt entließen. Die Königin und Madame Eliſabeth kleideten ſich gegenſeitig an; ihre Röcke waren äußerſt einfach, ihre Hüte hatten einen großen Rand und verbargen völlig ihre Geſichter. Als ſie angekleidet waren, trat der König ein. Er trug einen grauen Rock und eine von jenen kleinen Per⸗ rücken, die man à la Rouſſeau nannte; er hatte ferner eine kurze Hoſe, graue Strümpfe und Schnallenſchuhe. Seit acht Tagen ging der Kammerdiener Hue, der ein durchaus gleiches Coſtume trug, durch die Thüre von Herrn von Villequier, welcher ſeit ſechs Monaten emigrirt war, hinaus und begab ſich nach dem Platze des Car⸗ rouſel und der Rue Saint⸗Nicaiſe. Dieſe Vorſichtsmaßregel hatte man getroffen, damit man ſich daran gewöhne, einen auf dieſe Art gekleideten Mann alle Abende vor⸗ übergehen zu ſehen, und daß man nicht auf den König aufmerkſam werde, wenn er auch vorübergehe. Man holte die drei Couriere aus dem Boudoir der Königin, in welchem ſie gewartet hatten, bis die Stunde gekommen war, und man ließ ſie durch den Salon in das Zimmer von Madame Royale gehen, wo ſich dieſe mit dem Dauphin befand. Dieſes Zimmer war in der Vorausſicht der Flucht am 11. Juni von der Wohnung von Herrn von Vil⸗ lequier genommen worden. Der König hatte ſich die Schlüſſel der Wohnung am 13 übergeben laſſen. Befand man ſich einmal bei Herrn von Villequier, ſo war es keine große Schwierigkeit mehr, aus dem Schloſſe zu kommen. Man wußte, daß die Wohnung verlaſſen war, man wußte, daß ſich der König die Schlüſſel hatte zuſtellen laſſen, und unter gewöhnlichen Umſtänden bewachte man ſie nicht. Ueberdies waren die Schildwachen im Hofe, ſobald N — 283 es elf Uhr geſchlagen hatte, daran gewöhnt, viele Leute zugleich hinausgehen zu ſehen. Dies waren die Leute vom Dienſte, welche nicht im Schloſſe ſchliefen und nach Hauſe gingen. Hier ſetzte man alle Anordnungen für die Reiſe feſt. Herr Iſidor von Charny, der den Weg mit ſeinem Bruder aufgenommen hatte und alle ſchwierige oder ge⸗ fährliche Orte kannte, ritt voraus; er würde die Po⸗ ſtillons benachrichtigen, damit die Relais nie einen Ver⸗ zug erlitten. Auf dem Bocke ſitzend, würden Herr von Valory und Herr von Malden den Poſtillons ein Trinkgeld von dreißig Sous bezahlen; gewöhnlich gab man dieſen fünf und zwanzig Sous Trinkgeld, doch man würde es in der Schwere des Wagens um fünf Sous er⸗ öhen. Wären die Poſtillons ſehr gut gefahren, ſo würden ſie noch bedeutendere Trinkgelder erhalten, doch ſie ſoll⸗ ten nie vierzig Sous überſteigen, denn der König allein bezahlte einen Thaler. Der Herr Graf von Charny würde ſich im Wagen bereit halten, alle Unfälle zu pariren. Er würde, wie die drei Couriere, ſehr gut, bewaffnet ſein. Jeder von ihnen ſollte ein Paar Piſtolen im Wagen finden. Man hatte berechnet, dreißig Sous Trinkgeld be⸗ zahlend und nur mittelmäßig fahrend, werde man in dreizehn Stunden in Chalons ſein. Alle Inſtructionen waren zwiſchen dem Herrn Gra⸗ fen von Charny und dem Herrn Herzog von Choiſeul feſtgeſtellt worden. Sie wurden mehrere Male den drei jungen Leuten wiederholt, damit ſich Jeder ſeine Functionen tief einpräge. Der Vicomte von Charny ritt voraus und beſtellte die Pferde. Die Herren von Valory und von Malden bezahlten auf dem Bocke ſitzend. 284 Der Herr Graf von Charny, der ſeinen Platz im Innern hatte, ſchaute zum Wagen hinaus und ſprach, wenn zu ſprechen war. Jeder gelobte, ſich an das Programm zu halten. Man blies die Kerzen aus und ſchritt tappend nach der Wohnung von Herrn von Villequier. Es ſchlug Mitternacht, als man vom Zimmer von Madame Royale nach dieſer Wohnung ging. Der Graf von Charny mußte ſeit mehr als einer Stunde auf ſei⸗ nem Poſten ſein., Tappend fand der König die Thüre. Er war im Begriffe, den Schlüſſel in das Schlüſ⸗ ſelloch zu ſtecken, als ihn die Königin zurückhielt. „St!“ machte ſie. Man horchte und hörte Tritte und Geflüſter im Corridor. Es ging etwas Außerordentliches vor. Frau von Tourzel, die im Schloſſe wohnte, und deren Gegenwart im Gange, zu welcher Stunde es auch ſein mochte, keine Verwunderung erregen konnte, über⸗ nahm es, die Wohnung zu umgehen und nachzuſehen, woher das Geräuſch der Tritte und dieſes Geflüſter kämen. Man wartete, ohne eine Bewegung zu machen, und Jeder hielt ſeinen Athem zurück. Je tiefer die Stille war, um ſo leichter ließ ſich er⸗ kennen, daß der Corridor von mehreren Perſonen beſetzt ſein mußte. Frau von Tourzel kam zurück; ſie hatte Herrn von Gouvion und verſchiedene Uniformen erkannt. Es war unmöglich, durch die Wohnung von Herrn von Villequier hinauszugehen, wenn dieſe Wohnung nicht einen andern Ausgang hatte, als den, welchen man Anfangs gewählt. Nur war man ohne Licht. Eine Nachtlampe brannte im Zimmer von Madame 285 Royale. Madame Eliſabeth zündete daran die Kerze an, die man ausgeblaſen hatte. Durch dieſe Kerze erleuchtet, fing die kleine Schaar der Flüchtlinge an einen Ausgang zu ſuchen. Lange glaubte man, die Nachforſchung ſei vergeblich, und mit dieſer Nachforſchung verlor man über eine Vier⸗ telſtunde. Endlich fand man eine kleine Treppe, welche zu einem vereinzelten Zimmer im Entreſol führte. Dieſes Zimmer war das des Lackeien von Villequier und ging auf einen Corridor und eine Gefindetreppe. Die Thüre war mit dem Schlüſſel geſchloſſen. Der König verſuchte alle Schlüſſel ſeines Bundes am Schloſſe. Der Vicomte von Charny wollte den Riegel mit ſeinem Jagdmeſſer zurückdrücken, doch der Riegel wi⸗ derſtand. Man hatte einen Ausgang, und dennoch war man ſo eingeſchloſſen, als zuvor. Der König nahm die Kerze aus den Händen von Madame Eliſabeth, ließ alle Welt in der Finſterniß, kehrte in ſein Schlafzimmer zurück und ſtieg auf der Geheimtreppe in die Schmiede hinauf. Hier nahm er einen Bund Haken von verſchiedenen, zum Theil bizar⸗ ren Formen und ging wieder hinab. Ehe er wieder mit der Gruppe zuſammentraf, die ihn voll Angſt erwartete, hatte er ſchon ſeine Wahl ge⸗ troffen. Der vom König gewählte Haken drang in das Schlüſſelloch ein, knirſchte, indem er ſich drehte, griff den Riegel an, ließ ihn zweimal wieder entwiſchen, packte ibn aber beim dritten Male ſo gut, daß nach ein paar Minuten der Riegel nachgeben mußte. Der Riegel wich. Die Thüre öffnete ſich; der ſtockende Athem kehrte bei Allen zurück. Ludwig XVI. wandte ſich mit einer triumphirenden Miene gegen die Königin um und ſprach: 286 „Nun, Madame?“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte die Königin lachend, „es iſt wahr, und ich ſage nicht, es ſei ſchlecht, Schloſ⸗ ſer zu ſein; ich ſage nur, es ſei zuweilen auch gut, König zu ſein.“ Es handelte ſich nun darum, die Ordnung des Ab⸗ gangs zu beſtimmen. Madame Eliſabeth ging zuerſt, Madame Royale führend, hinaus. Auf zwanzig Schritte ſollte ihr Frau von Tourzel, den Danphin führend, folgen. Zwiſchen ihnen ging Herr von Malden, bereit, der einen und der andern Grnppe Hülfe zu leiſten. Als dieſe erſten Körner vom königlichen Roſenkranze gelöſt waren, ſtiegen die armen Kinder, deren Liebe rückwärts ſchaute und die andere Liebe ſuchte, die ihnen mit den Augen folgte, zitternd und auf den Fußſpitzen hinab, traten in den Lichtkreis ein, den die Laterne bildete, welche die auf den Hof führende Thüre des Pa⸗ laſtes beleuchtete, und gingen an der Schildwache vor⸗ über, ohne daß ſich dieſe um ſie zu bekümmern ſchien. „Gut,“ ſagte Madame Eliſabeth,„nun iſt ſchon ein ſchlimmer Schritt überwunden.“ Als man zu der Pforte kam, welche nach dem Car⸗ rouſel ging, fand man die Schildwache in ihrem Marſche den Gang der Flüchtlinge kreuzend. „Meine Tante,“ ſagte Madame Rohale, während ſie die Hand von Madame Eliſabeth preßte,„wir ſind verloren, dieſer Menſch erkennt uns.“ „Gleichviel, mein Kind,“ erwiederte Madame Eli⸗ ſabeth,„wir ſind ganz anders verloren, vz wir zu⸗ rückweichen.“ Und ſie gingen weiter. Als ſie nur noch vier Schritte von der Schildwache entfernt waren, drehte dieße den Rücken, und ſie konnten vorbeigehen. 1„— cx. ze be P en ne d⸗ T⸗ r⸗ he nd nd * he en 287 Hatte ſie dieſer Menſch in der That erkannt? wußte er, welche hohe Flüchtlinge er paſſiren ließ? Die Prin⸗ zeſſinnen blieben hievon überzeugt und ſandten fliehend tauſend Segnungen dieſem unbekannten Retter zu. Jenſeits der Pforte erblickten ſie das beſorgte Ge⸗ ſicht von Charny. Der Graf war in einen großen blauen Carrick ge⸗ hüllt und hatte den Kopf mit einem runden Hute von Wachstuch bedeckt. „Ah! mein Gott!“ murmelte er,„endlich ſind Sie da! und der König und die Königin?“ „Sie folgen uns,“ antwortete Madame Eliſabeth. „Kommen Sie, ſagte Charny. Und er führte raſch die Flüchtlinge zu dem Remiſe,*) die in der Rue Saint Nicaiſe ſtand. Ein Fiacre hatte ſich neben dem Remiſe aufgeſtellt, als wollte er ihn beſpähen. „Nun, Kamerad,“ ſagte der Kutſcher des Fiacre, als er ſah, daß der Graf von Charny einige Perſonen angeworben hatte,„es ſcheint, Du haſt geladen?“ „Wie Du ſiehſt,“ erwiederte Charny. Dann flüſterte er dem Garde du corps zu: „Mein Herr, nehmen Sie dieſen Fiacre und fahren 5 Seen Weges nach der Porte Saint⸗Martin. Sie nkei werde ne Mühe haben, den Wagen zu erkennen, der uns erwartet.“. Herr von Malden begriff und ſprang in den Fiacre. „Und Du auch,“ ſagte er,„Du haſt auch geladen. Nach der Oper, raſch!“ Die Oper war damals bei der Porte Saint⸗Martin. Der Kutſcher glaubte, er habe es mit einem Läufer zu thun, der ſeinen Herrn im Theater abholen müſſe, uud fuhr ab, ohne eine andere Bemerkung, als die Worte, welche einen pecuniären Vorbehalt bezeichneten: ———— *) Wagen, die man auf den Tag oder auf den Monat miethet, 288 „Sie wiſſen, daß es Mitternacht iſt, Herr?“ „Ja, fahre gut, und ſei unbeſorgt.“ Da die Lackeien zu jener Zeit zuweilen freigebiger waren, als ihre Herren, ſo fuhr der Kutſcher, mit dieſer Erwiederung zufrieden, in ſtarkem Trabe weg. Kaum hatte er um die Ecke der Rue de Rohan ge⸗ dreht, als man durch dieſelbe Pforte, welche Madame Royale, Madame Eliſabeth. Frau von Tourzel und dem Dauphin Auslaß gewährt, mit einem gewöhnlichen Schritte und wie einen Expeditor, der nach einem langen Tage der Arbeit von ſeiner Kanzlei kommt, einen Mann in grauem Rocke, die Spitze des Hutes auf der Naſe und die Hände in den Taſchen, herauskommen ſah. Das war der König. Ihm folgte Herr von Valory. Auf dem Wege machte ſich eine Schnalle von ſeinen Schuhen los; er ging weiter, ohne darauf merken zu wollen; Herr von Valory hob ſie auf. Charny ging ihm ein paar Schritte entgegen; er hatte den König erkannt, nicht an ihm ſelbſt, ſondern an Valory, der ihm folgte. Er gehörte zu denjenigen, welche immer den König im König ſehen wollen. Er ſtieß einen Seufzer des Schmerzes, beinahe der Scham aus und ſagte: „Kommen Sie, Sire, kommen Sie.“ Dann leiſe zu Herrn von Valory: „Und die Königin?“ „Die Königin folgt uns mit Ihrem Herrn Bruder.“ „Gut, nehmen Sie den kürzeſten Weg und erwarten Sie uns bei der Porte Saint⸗Martin; ich werde den längeren nehmen; das Rendez vous iſt um den Wagen.“ Volory folgte der Weiſung von Charny. Man wartete auf die Königin. Es verging eine halbe Stunde. Wir werden es nicht verſuchen, die Angſt der Flücht⸗ e e c— — e n e d er n 8 289 linge zu ſchildern. Charny, auf dem die ganze Verant⸗ wortlichkeit laſtete, war wie wahnſinnig. Er wollte in's Schloß zurückkehren, nachforſchen, ſich erkundigen. Der kleine Dauphin weinte und rief unabläßig: „Mama! Mama!“ ohne daß es den Damen gelang, ihn zu tröſten. Die Angſt verdoppelte ſich, als man den Wagen des Herrn von Lafayette in Begleitung von Fackeln zu⸗ rückkommen ſah. Man vernehme, was geſchehen war. Vor dem Hofthore wollte ſich der Vicomte von Charny, der der Königin den Arm gab, nach links wen⸗ den; doch die Königin hielt ihn zurück und ſagte: „Wohin gehen Sie denn?“ „Nach der Ecke der Rue Saint⸗Nicaiſe, wo uns mein Bruder erwartet,“ erwiederte Iſidor. „Iſt die Rue Saint⸗Ricaiſe am Ufer?“ fragte die Königin. „Nein, Madame.“ „Ihr Bruder erwartet uns beim Einlaſſe am Ufer.“ Iſidor wollte auf ſeiner Meinung beſtehen; doch die Königin ſchien deſſen, was ſie ſagte, ſo ſicher, daß ſich ein Zweifel in ſeinem Geiſte regte. „Mein Gott! Madame,“ ſagte er,„nehmen wir uns wohl in Acht, jeder Irrthum wäre tödtlich.“ „Am Ufer,“ verſetzte die Königin,„ich habe genau gehört, am Ufer.“ „Gehen wir alſo nach dem Ufer, Madame; doch wenn wir den Wagen dort nicht finden, kehren wir ſo⸗ gleich nach der Rue Saint⸗Nicaiſe zurück, nicht wahr?“ „Ja, doch laſſen Sie uns eilen,“ antwortete die Königin. Und ſie zog ihren Cavalier fort durch drei Höfe, welche zu jener Zeit durch eine dicke Mauer getrennt Die Gräfin von Charnh. 1V. 15 290— waren und mit einander nur durch eine ſchmale, mittelſt einer Kette verſperrte und mit einer Schildwache beſetzte Oeffnung, zunächſt beim Palaſte, in Verbindung ſtanden. Die Königin und Iſidor drangen hinter einander durch dieſe drei Oeffnungen und ſtiegen über die drei Ketten. Nicht einer Schildwache fiel es ein, ſie aufzuhalten. Wer hätte in der That glauben ſollen, dieſe junge Frau in der Tracht einer Kammerjungfer von gutem Hauſe, die den Arm einem hübſchen Burſchen in der Livrée des Prinzen von Condé gab und ſo leicht über die ſchweren Ketten ſtieg, ſei die Königin von Frankreich? Man kam an das Ufer. Der Quai war verlaſſen. „Dann iſt er auf der andern Seite,“ ſagte die Königin. Iſidor wollte zurückkehren. Doch wie von einem Schwindel erfaßt, ſagte ſie: „Nein, nein, er iſt hier.“ Und ſie zog Iſidor nach dem Pont Royhal fort. Als man den Pont Rohal überſchritten hatte, fand man den Quai des linken Ufers gerade ſo verlaſſen, als den des rechten. „Sehen wir in dieſer Straße,“ ſagte die Königin. Und ſie zwang Iſidor, einen Winkel nach der Rue du Bac zu machen. Nach hundert Schritten erkannte ſie indeſſen, daß ſie ſich täuſchen mußte, und blieb keuchend ſtehen. Die Kräfte entſchwanden ihr. „Nun, Madame,“ ſagte Iſidor, beſtehen Sie noch auf Ihrer Meinung?“ „Nein,“ erwiederte die Königin;„nun iſt es Ihre Sache, führen Sie mich, wohin Sie wollen.“ „Madame, in des Himmels Namen, Muth!“ ſprach Iſidor. „Oh! nicht der Muth iſt es, woran es mir gebricht, ſondern die Kraft.“ ——— — iſt zte en. er rei n. ge m er ie d ls er 291 Dann ſich zurückwerfend: „Mir ſcheint, ich werde nie meinen Athem wieder⸗ finden können. Mein Gott! mein Gott!“ Iſidor wußte, daß dieſer Athem, der der Königin fehlte, für ſie zu dieſer Stunde ſo nothwendig war, als er es für den von den Hunden verfolgten Hirſch iſt. Er blieb ſtehen. „Athmen Sie, Madame,“ ſagte er,„wir haben Zeit. Ich verbürge mich für meinen Bruder; er wird, wenn es ſein muß, warten bis zum Tag.“ „Sie glauben alſo, daß er mich liebt?“ rief eben⸗ ſo unvorſichtig als lebhaft die Königin, indem ſie den Arm des jungen Mannes an ihre Bruſt drückte. „Ich glanbe, daß ſein Leben wie das meinige, Ih⸗ nen gehört, und daß das Gefühl, das bei uns Liebe und Ehrfurcht, bei ihm Anbetung iſt.“ „Dank!“ ſprach die Königin,„Sie thun mir wohl; ich athme. Laſſen Sie uns gehen!“ Und mit derſelben Fieberhaftigkeit eilte ſie auf dem Wege zurück, den ſie ſchon gemacht hatte. Nur, ſtatt in die Tuilerien zurückzukehren, ließ ſie Iſidor durch den Einlaß des Carronſel gehen. Man ſchritt über den ungeheuren Platz hin, der bis um Mitternacht mit kleinen ambulanten Buden und hier aufgeſtellten Fiacres bedeckt blieb. Er war faſt verlaſſen und ganz dunkel; doch man hörte etwas wie ein ſtarkes Geräuſch von Wagenrädern und Pferdetritten. Man war zum Einlaß der Rue de[Echelle gekom⸗ men. Dieſe Pferde, deren Tritt man hörte, dieſe Wagen, deren Rollen man vernahm, ſollten offenbar durch den genannten Einlaß paſſitren. Man gewahrte ſchon einen Schein, ohne Zweifel den der Fackeln, welche dieſen Wagen begleiteten⸗ Iſidor wollte zurückweichen; die Königin zog ihn vorwärts.. 292 Iſidor ſtürzte unter die Pforte, um ſie zu beſchützen, gerade in dem Augenblick, wo die Pferde der Fackelträ⸗ ger am entgegengeſetzten Eingang erſchienen. Er drängte ſie in die dunkelſte Vertiefung zurück und ſtellte ſich vor ſie. Doch die dunkelſte Vertiefung war bald vom Lichte der Fackelträger überſtrömt. Mitten unter ihnen, halb in ſeinem Wagen liegend, angethan mit ſeiner eleganten Generalsuniform der Na⸗ tionalgarde, ſah man den General Lafayette. In dem Angenblick, wo dieſer Wagen vorüberfuhr, fühlte Iſidor, daß ein Arm ſtark an Willen, wenn nicht an wirklicher Kraft, ihn raſch auf die Seite ſchob. Dieſer Arm war der linke Arm der Königin. In der rechten Hand hielt ſie ein Bambusſtöckchen mit goldenem Knopfe, wie es die Frauen zu jener Zeit trugen. Sie ſchlug damit auf die Räder des Wagens und ſagte: „Geh' zum Henker, Kerkermeiſter, ich bin aus Dei⸗ nem Gefängniſſe heraus!“ „Was machen Sie, Madame? welcher Gefahr ſetzen Sie ſich aus?“ ſprach Iſidor. „Ich räche mich,“ erwiederte die Königin;„hiefür kann man wohl etwas wagen.“ Und hinter dem letzten Fackelträger ſprang ſie hin⸗ aus, ſtrahlend wie eine Göttin, freudig wie ein Kind. — G en, rä⸗ r, 293 LXXVIII. Eine Etiquettefrage. Die Königin hatte nicht zehn Schritte außerhalb der Pforte gemacht, als ein Mann, in einen blauen Carrick gehüllt und das Geſicht unter einem Wachstuch⸗ hute verborgen, ſie krampfhaft beim Arme faßte und zu einem Remiſe fortzog, der an der Ecke der Rue Saint⸗ NRicaiſe ſtand. Dieſer Mann war der Graf von Charny. Dieſer Remiſe war der, in welchem ſeit mehr als einer halben Stunde die ganze königliche Familie wartete. Man glaubte, man werde die Königin beſtürzt, ge⸗ lähmt, ſterbend ankommen ſehen, ſie kam lachend und freudig; die Gefahren, die ſie gelaufen war, die ausge⸗ ſtandene Anſtrengung, die verlorene Zeit, die Folgen, die dieſer Verzug haben konnte,— der Schlag, den ſie mit ihrem Stöckchen dem Wagen von Lafayette gegeben hatte, und den ſie ihm ſelbſt gegeben zu haben ſchien, hatte ſie Alles dies vergeſſen laſſen. Zehn Schritte von dem Miethwagen hielt ein Be⸗ dienter ein Pferd an der Hand. Charny deutete nur mit dem Finger auf das Pferd, und Iſidor ſchwang ſich darauf und ſprengte im Galoppweg. Er ritt nach Bondy voraus, um hier die Pferde zu beſtellen. Die Königin, als ſie ihn abgehen ſah, warf ihm ein paar Worte des Dankes zu, die er nicht hörte. „Auf, Madame,“ ſagte Charny mit jenem mit Ehrfurcht gemiſchten feſten Willen, den die wahrhaft 294 ſtarken Männer bei großen Veranlaſſungen ſo gut anzu⸗ nehmen wiſſen,„es iſt keine Secunde zu verlieren.“ Die Königin ſtieg in den Wagen, in welchem ſchon der König, Madame Eliſabeth, Madame Royale, der Dauphin und Frau von Tourzel, das heißt, fünf Per⸗ ſonen waren; ſie ſetzte ſich in den Fond und nahm den Dauphin auf ihren Schvoß; der König ſaß neben ihr. Madame Eliſabeth, Madame Royale und Frau von Tourzel hatten den Vorderſitz inne. Charny ſchleß wieder den Schlag, ſtieg auf den Beck und ließ die Pferde, um die Spione, wenn vor⸗ handen waren, von der Fährte abzubringen, ſich drehen, fuhr die Rue Saint Honoré hinauf und folgte dann den Boulevards bis zur Porte Saint⸗Martin. Der Wagen war da, auf einem äußeren Wege wartend, der nach dem Orte führte, den man das Straßen⸗ amt nannte. Dieſer Weg war verlaſſen. Der Graf von Charny ſprang von ſeinem Sitze herab und öffnete den Schlag des Remiſe. Der des großen Wagens, welcher für die Reiſe dienen ſollte, war ſchon offen. Herr von Valory und Herr von Malden ſtanden auf den beiden Seiten des Fußtritts. In einem Augenblicke waren die ſechs Perſonen, die den Miethwagen inne hatten, auf dem Wege. Dann führte der Graf dieſen Wagen an den Rand der Straße und warf ihn in einen Graben, worauf er zu dem großen Wagen zurückkehrte. Die königliche Familie ſtieg raſch ein, Herr von Malden ſetzte ſich hinten auf, Herr von Valory nahm ſeinen Platz neben Charny auf dem Bock. Der Wagen war mit vier Pferden beſpannt; ein Schnalzen mit der Zunge machte, daß ſie im Trabe ab⸗ gingen; der Conducteur führte ſie vom Bocke aus. n⸗ n er r⸗ en r. n en r u, en ge n ze ſe nd es n nd on m in b⸗ 295 Es ſchlug ein Viertel auf zwei Uhr in der Saint⸗ Laurent Kirche. Man brauchte eine Stunde bis Bondy. Die Pferde warteten eingeſchirrt und bereit, ange⸗ ſpannt zu werden, vor dem Stalle. Iſidor wartete bei den Pferden. Auf der andern Seite der Straße ſtand auch ein mit Poſtpferden beſpanntes Mietbeabriolet. In dieſem Mietheabriolet ſaßen zwei Kammerfrauen, welche zum Dienſte des Dauphin und von Madame Royale gehörten. Sie hatten geglaubt, ſie werden in Bondy einen Wagen zu miethen finden, und da ſie keinen gefunden, ſo waren ſie mit dem Herrn des Cabrivlets übereinge⸗ kommen, der ſein Fuhrwerk um tauſend Franken an ſie verkaufte. Zufrieden mit dem Handel, wollte dieſer ohne Zweifel ſehen, was mit den Perſonen vorginge, welche ſo einfältig geweſen, ihm tauſend Franken für einen ſolchen Karren zu geben, und wartete im Poſthauſe trinkend. Er ſah den Wagen des Königs, geführt von Charny, ankommen; Charny ſtieg vom Bocke und trat an den Schlag. Unter ſeinem Kutſchersmantel hatte er ſeine Uni⸗ form; im Koffer vom Bock lag ſein Hut. Es war zwiſchen dem Könin, der Königin und Charny verabredet, daß in Bondy Charny im Innern den Platz von Frau von Tourzel einnehmen ſollte, die dann allein nach Paris zurückkehren würde. Doch man hatte vergeſſen, in Betreff dieſer Ver⸗ änderung Frau von Tourzel zu Rathe zu ziehen. Der König legte ihr die Frage vor. Frau von Tourzel war, abgeſehen von ihrer tiefen Ergebenheit für die königliche Familie, bei der Etiquette⸗ frage das Seitenſtück der alten Frau von Noailles. „Sire,“ antwortete ſie,„meine Aufgabe iſt es, über 296 den Kindern von Frankreich zu wachen und ſie nicht einen Augenblick zu verlaſſen; ohne einen ausdrücklichen Befehl Euerer Majeſtät,— ein Befehl, der keinen Vorgang hätte,— werde ich mich nicht von ihnen treunen.“ Die Königin bebte vor Ungeduld, ein doppelter Grund machte es ihr wünſchenswerth, Charny im Wagen zu haben: als Königin ſah ſie hierin ihre Sicherheit, als Frau fand ſie hierin ihre Freude. „Liebe Frau von Tourzel,“ ſagte die Königin,„wir ſind Ibnen ſo dankbar, als nur immer möglich, doch Sie ſind leidend, Sie gingen aus übertriebener Ergebenheit mit uns; bleiben Sie in Bondy und folgen Sie uns ſpäter an den Ort, wo wir ſein werden.“ „Madame,“ erwiederte Frau von Tourzel,„der König befehle, und ich bin bereit, auszuſteigen und, wenn es ſein muß, auf der Landſtraße zu bleiben. Doch nur ein Befehl allein kann mich bewegen, nicht nur meine Pflicht zu verletzen, ſondern auch auf mein Recht zu verzichten.“ Sire,“ ſagte die Königin,„Sire!“ Ludwig XVI. wollte ſich aber in dieſer ernſten Frage nicht ausſprechen; er ſuchte einen Seitenweg, eine Ausflucht. „Herr von Charny,“ ſagte er,„können Sie nicht auf dem Bock bleiben?“ „Ich kann Alles, was der König will,“ erwiederte Herr von Charny;„nur muß ich hier entweder in meiner Officiersuniform, und in dieſer Uniform ſieht man mich ſeit vier Monaten auf der Landſtraße, und Jeder wird mich erkennen,— oder mit meinem Carrick und meinem Lohnkutſchershute bleiben, und dieſe Tracht iſt ein wenig zu beſcheiden für einen ſo eleganten Wagen.“ „Steigen Sie ein, Herr von Charny, ſteigen Sie ein,“ ſagte die Königin;„ich nehme den Dauphin auf meinen Schvoß, Madame Eliſabeth nimmt Marie Thereſe 297 auf den ihrigen, und das wird vortrefflich gehen... wir ſitzen nur ein wenig enge.“ Charny wartete auf die Antwort des Königs. „Unmöglich, meine Liebe,“ ſprach der König,„be⸗ denken Sie, daß wir neunzig Meilen zu machen haben.“ Frau von Tourzel war aufgeſtanden und hielt ſich bereit, dem Befehle des Königs zu gehorchen, ſollte ihr der König befehlen, auszuſteigen; doch der König wagte es nicht, dies zu thun, ſo groß ſind bei den Hofleuten ſelbſt die kleinſten Vorurtheile. „Herr von Charny,“ fragte der König den Grafen, „können Sie nicht den Platz von Ihrem Herrn Bruder einnehmen und vorausreiten, um die Pferde zu beſtellen?“ „Ich habe dem König ſchon geſagt, ich ſei zu Allem bereit; nur muß ich dem König bemerken, daß die Pferde gewöhnlich von einem Courier und nicht von einem Schiffskapitän beſtellt werden; dieſe Veränderung, welche den Poſtmeiſtern auffallen wird, könnte ernſte Unannehmlichkeiten herbeiführen.“ „Das iſt richtig,“ ſagte der König. „Oh! mein Gott! mein Gott!“ murmelte die Kö⸗ nigin außer ſich vor Ungeduld. Danmſich an Charny wendend: „Richten Sie das ein, wie Sie mögen, Herr Graf; doch ich will nicht, daß Sie uns verlaſſen.“ „Das iſt auch mein Wunſch, Madame,“ erwiederte Charny,„und ich ſehe nur ein Mittel hiefür.“ „Welches? ſprechen Sie geſchwinde,“ rief die Königin. „Statt in den Wagen zu ſteigen, ſtatt auf den Bock zu ſitzen, ſtatt voraus zu reiten, folge ich in der einfachen Tracht eines Mannes, der Poſt reitet, und ehe Sie zehn Meilen gemacht haben, werde ich fünfhundert Schritte von Ihrem Wagen ſein.“ „Alſo kehren Sie nach Paris zurück?“ „Allerdings, Madame, doch bis Chalons hat Eure 298 Majeſtät nichts zu befürchten, und vor Chalons habe ich ſie eingebolt.“ „Aber wie wollen Sie nach Paris zurückkehren?“ „Auf dem Pferde, mit welchem mein Bruder ge⸗ kommen iſt, Madame; das iſt ein vortrefflicher Renner; er hat Zeit gehabt, zu ſchnaufen, und in weniger als einer halben Stunde werde ich in Paris ſein.“ „Sodann?“ Sodann kleide ich mich in eine ſchickliche Tracht, nehme ein Pferd auf der Poſt und jage mit verhängten Zügeln, bis ich Sie eingeholt habe.“ „Gibt es kein anderes Mittel?“ fragte Marie An⸗ toinette in Verzweiflung. „Ich ſehe keines,“ verſetzte der König. „So wollen wir keine Zeit verlieren,“ ſagzte Charnh; „auf, Jean und Frangois, an Euren Poſten; vorwärts, Melchior; Poſtillons, zu Euren Pferden!“ Triumphirend ſetzte ſich Frau von Tourzel wieder, und der Wagen ging, vom Cabriolet gefolgt, im Galopp ab. Die Wichtigkeit der Erörterung hatte zur Folge, daß man vergaß, die Piſtolen, welche im Wagenkaſten lagen, an den Vicomte von Charuy, Herrn von Valory und Herrn von Malden auszutheilen. Was ging in Paris vor, wohin der Graf von Charny mit verhängten Zügeln zurückeilte? Ein Perruquier, Namens Buſeby, der in der Rue de Bourbon wohnte, hatte am Abend in den Tuilerien einen von ſeinen Freunden beſucht, welcher auf der Wache warz dieſer Freund hatte ſeine Officiere viel von der Flucht reden hören, die wie ſie verſicherten, in der⸗ ſelben Nacht ſtatifindeu ſollte; er ſprach hievon mit dem Perruquier, der ſich nicht aus ſeinem Geiſte den Gedan⸗ ken ſchlagen konnte, dieſer Plan ſei wirklich gefaßt worden, und die königliche Flucht, von der man ſchon ſo — „ — 8—** — 299 lange ſprach, werde in der Nacht zur Ausführung gebracht werden. Als er nach Hauſe kam, erzählte er ſeiner Frau, was er in den Tuilerien gehört hatte, doch dieſe behan⸗ delte die Sache als einen Traum; der Zweifel der Perruquière übte ſeinen Einfluß auf ihren Mann, und dieſer kleidete ſich am Ende aus und ging zu Bette, ohne ſeinem Verdachte eine weitere Folge zu geben. Doch ſobald er im Bette war, erfaßte ihn wieder ſein erſter Glanben, und er wutde bald ſo mächtig in ihm, daß er nicht den Muth hatte, zu widerſtehen: er ſprang aus ſeinem Bette, kleidete ſich wieder an und lief zu einem ſeiner Freunde Namens Hucher, welcher zugleich Bäcker und Sapeur beim Bataillon der Thea⸗ tins war. Hier wiederholte er Alles, was man ihm in den Tuilerien geſagt hatte, und er theilte ſeine Befürchtun⸗ gen in Betreff der Flucht der köntglichen Familie auf eine ſo lebhafte Art dem Bäcker mit, daß dieſer denſelben nicht nur beitrat, ſondern auch, hißiger als der, von welchem er die Nachrichten hatte, ebenfalls aus ſeinem Bette ſprang, ohne daß er ſich Zeit ließ, ein anderes Kleidungsſtück anzuziehen, als eine Hoſe, auf die Straße lief und, an die Thüren klopfend, über dreißig Nachbarn aufweckte. Es war ungefähr ein Viertel nach Mitternacht und ein paar Minuten, nachdem die Königin Herrn von Lafayette unter der Pforte der Tuilerien getroffen hatte. Die vom Perruquier Buſeby und vom Bäcker Hucher aufgeweckten Bürger beſchloſſen, ſich in der Uniform der Nationalgarde zum General Lafayette zu begeben und von dem, was vorging, in Kenntniß zu ſetzen. Der Beſchluß war nicht ſo bald gefaßt, als man ihn auch ausführte. Herr von Lafayette wohnte in der Rue Saint⸗Honoré, im Hotel Roailles, bei den Feuilants; 300 3. W ſich auf den Weg und kamen gegen halb ein Uhr zu ihm. der General, nachdem er dem Schlafengehen des Königs beigewohnt, nachdem er ſeinen Freund Bailly davon in Kenntiß geſetzt, daß der König zu Bette ge⸗ gangen, nachdem er Herrn Emmery, einem Mitgliede der Nationalverſammlung, einen Beſuch gemacht, war nach Hauſe zurückgekehrt und wollte ſich eben auskieiden. In dieſem Augenblick klopfte man an das Hotel Noailles. Herr von Lafayette ſchickte ſeinen Kammer⸗ diener ab, um ſich zu erkundigen. Dieſer kam baid wieder und ſagte, es ſeien fünf und zwanzig bis dreißig Bürger da, die den General auf der Stelle in einer Sache von der höchſten Wichtig⸗ keit ſprechen wollen. In jener Zeit hatte der General Lafayette die Ge⸗ wohnheit, zu jeder Stunde zu empfangen. Da überdies am Ende eine Angelegenheit, wegen der ſich fünf und zwanzig bis dreißig Bürger bemühten, eine wichtige Angelegenheit ſein konnte und mußte, ſo befahl er, diejenigen, welche ihn zu ſprechen wünſchten, einzuführen. Der General brauchte nur ſeinen Rock, den er ſo eben abgelegt hatte, wieder anzuziehen, und er befand ſich in Empfangstracht. Dann ſetzten ihm die Herren Buſeby und Hucher in ihrem und ihrer Gefährten, Namen ihre Befürchtungen auseinander; Herr Buſeby ſtützte ſie auf das, was er in den Tnuilerien hatte ſagen hören die Anderen auf das, was ſie täglich von allen Seiten ſagen hörten. Doch über alle dieſe Befürchtungen lachte der Ge⸗ neral nur, und da er ein guter Herr und ein Muhh Schwätzer war, ſo erzählte er ihnen, woher alle di Gerüchte kamen, wie ſie durch Frau von Rochereul und Herrn von Gouvion verbreitet worden waren; wie er, um ſich von ihrer Falſchheit zu überzeugen, den König du gat durch ein Zeichen, gangen,“ ſagte er. 301 habe zu Bette gehen ſehen, gerade wie ſie ihn, La⸗ fayette, könnten ſich ſchlafen legen ſehen, wenn ſie noch ein paar Minuten bleiben würden; als ihnen aber dieſes ganze Geſchwätz vicht genügend ſchien, ſagte ihnen Herr von Lafayette, er hafte für den König und die königliche Familie mit ſeinem Kopfe. Hienach war es unmöglich, einen Zweifel kundzu⸗ geben; ſie beſchränkten ſich alſo darauf, daß ſie Herrn von Lafahette nach dem Loſungsworte fragten, damit man ſie bei ihrer Rückkehr nicht beunruhige. Herr von Lafayette ſah keine Schwierigkeit darin, ihnen dieſes Vergnügen zu machen, und gab ihnen das Loſungswort. Hiemit verſehen, beſchloſſen ſie indeſſen, den Saal der Reitſchule, um zu erfahren, ob es nichts Neues auf dieſer Seite gebe, und die Höfe des Schloſſes, um zu ſehen, ob nichts Außergewöhnliches hier vorgehe, in Augenſchein zu nehmen. Sie kamen die Rue Saint⸗Honoré entlang zurück und traten in die Rue de Echelle ein, als ein Reiter im Galopp mitten unter ſie ſprengte. Da in einer ſolchen Nacht Alles Ereigniß iſt, ſo kreuzten ſie ihre Flinten und riefen dem Reiter zu, er müſſe halten. Der Reiter hielt an. „Was wollen Sie von mir?“ fragte er. „Wir wollen wiſſen, wohin Sie gehen?“ riefen die Nationalgarden. „Nach den Tuilerien.“ „Was wollen Sie in den Tuilerien thun?“ „Dem König Bericht machen über eine Sendung, mit der er mich beauftragt hat.“ „Zu dieſer Stunde?“ „Allerdings zu dieſer Stunde.“ Einer von den Schlauſten bedentete den Andern ſie mögen ihn machen laſſen. „Aber zu dieſer Stunde iſt der König ſchlafen ge 302 „Ja,“ erwiederte der Reiter,„doch man wird ihn aufwecken.“ „Wenn Sie mit dem König zu thun haben,“ ſagte derſelbe Menſch,„ſo müſſen Sie die Loſung kennen.“ „Das wäre kein Grund,“ bemerkte der Reiter,„in Betracht, daß ich könnte von der Grenze, ſtatt von drei Meilen, kommen und vor einem Monat abgereiſt ſein, ſtatt daß ich vor zwei Stunden abgegangen bin.“ „Das iſt richtig,“ ſprachen die Nationalgarden. „Sie haben alſo den König vor zwei Stunden ge⸗ ſehen?“ fuhr der Frager fort. „Ia. „Sie haben ihn geſprochen?“ „Ja.“ „Was machte er vor zwei Stunden?“ „Er wartete nur auf den Abgang des General La⸗ fayette, um ſich ſchlafen zu legen.“ „Somit haben Sie das Loſungswort?“ „Allerdings; der General, da er wußte, daß ich um ein Uhr oder zwei Uhr Morgens nach den Tuilerien zurückkehren ſollte, gab es mir, damit ich keinen Verzug erleide?“ „Und dieſes Loſungswort?“ „Paris und Poitiers.“ „So iſt es,“ riefen die Nationalgarden.„Gute Heimkehr, Kamerad, und ſagen Sie dem König, Sie haben uns vor der Thüre des Schloſſes wachend gefun⸗ den, weil wir befürchtet, er wolle fliehen.“ Und ſie traten vor dem Reiter auf die Seite. „Ich werde nicht unterlaſſen, dies zu thun,“ ant⸗ wortete der Reiter. Und er gab ſeinem Pferde beide Sporen und ſprengte unter den Einlaß der Tuilerien, wo er ver⸗ ſchwand. „Wenn wir warteten, bis er aus den Tuilerien ch en 8 te ie n⸗ t⸗ nd r⸗ 303 herauskommt, um zu erfahren, ob er den König geſehen hat?“ ſagte Einer von den Bürgern. „Wenn er aber in den Tuilerien wohnt,“ verſetzte ein Anderer,„dann werden wir bis morgen warten.“ „Das iſt richtig,“ ſprach der Erſte,„und hei mei⸗ ner Treue, da der König zu Bette gegangen iſt, da Herr von Lafayette ſich ſchlafen legt, gehen wir auch zu Bette, und es lebe die Nation!“ Die fünfundzwanzig bis dreißig Patrioten wieder⸗ holten im Chor:„Es lebe die Nationſ“ und legten ſich ſchlafen, glücklich und ſtolz, daß ſie aus dem Munde von Lafayette ſelbſt erfahren hatten, es ſei nicht zu be⸗ fürchten, daß der König Paris verlaſſe. LXXIX. Vie Landſtraße. Wir haben, im ſcharfen Trabe von vier kräftigen Poſt⸗ pferden gezogen, den Wagen, der den König und ſeine Fa⸗ milie entführte, abgehen ſehen; verfolgen wir die Reiſe in allen ihren Einzelnheiten, wie wir dies bei der Flucht gethan haben. Das Ereigniß iſt ſo groß und hat einen ſo unglücklichen Einfluß auf das Geſchick der königlichen Familie ausgeübt, daß der geringſte Vorfall dieſer Reiſe der Wißbegierde oder des Intereſſes würdig zu ſein ſcheint. Es wurde gegen drei Uhr Morgens Tag; man wechſelte die Pferde in Meaux. Der König hatte Hun⸗ * 304 ger, und man fing an die Mundvorräthe anzugreifen. Dieſe Mundvorräthe beſtanden aus einem Stücke kalten Kalbsbraten, das der Graf von Charny nebſt Brod und vier Flaſchen nicht mouſſirenden Champagner in den Flaſchenkeller des Wagens hatte legen laſſen. Da man weder Meſſer, noch Gabeln beſaß, ſo rief der König Jean. Jean war, wie man ſich erinnert, der Reiſenamen von Herrn von Malden. Herr von Malden näherte ſich. „Jean,“ ſagte der König,„leihen Sie uns Ihr Jagdmeſſer, daß ich ich dieſen Kalbsbraten zerſchneiden kann.“ Mittlerweile neigte ſich die Königin aus dem Wa⸗ gen und ſchaute zurück, ohne Zweifel, um zu ſehen, ob Herr von Charny nicht komme. „Wollen Sie etwas zu ſich nehmen, Herr von Mal⸗ den?“ fragte leiſe der König. „Nein, Sire,“ antwortete Herr von Malden eben ſo leiſe;„ich fühle noch kein Bedürfniß.“ „Weder Sie, noch Ihre Gefährten mögen ſich Zwang anthun,“ ſagte der König. Dann wandte er ſich gegen die Königin um, welche immer zum Schlage hinausſchaute, und ſprach: „Woran denken Sie, Madame?“ „Ich?“ erwiederte die Königin, indem ſie zu lächeln ſuchte,„ich denke an Herrn von Lafayette; wahrſchein⸗ lich iſt es ihm zu dieſer Stunde nicht ſehr behaglich.“ Dann ſagte ſie zu Herrn von Valory, der ſich eben⸗ falls dem Schlage näherte. „Frangois, mir ſcheint, es geht Alles gut, und wir wären ſchon angehalten, wenn wir dies hätten ſein ſol⸗ len. Man wird unſere Abreiſe nicht bemerkt haben.“ „Das iſt mehr als wahrſcheinlich,“ antwortete Herr von Valory,„denn ich bemerke nirgends eine verdächtige Bewegung. Muth gefaßt, Madame: Alles geht gut.“ —— —„— 305 „Vorwärts,“ rief der Poſtillon., Herr von Valory und Herr von Malden ſtiegen wieder auf ihren Sitz, und der Wagen fuhr weiter. Gegen acht Uhr Morgens kam man unten an einen langen Bergabhang. Rechts und links von dieſem Abhang war eir ſchö⸗ ner Wald, wo die Vögel ſangen, und durch den die erſten Sonnenſtrahlen von einem der ſchönſten Junitage wie goldene Pfeile drangen. Der Poſtillon ließ ſeine Pferde im Schritte gehen. Die zwei Gardes du corps ſprangen vom Bocke. „Jean,“ ſagte der König,„laſſen Sie den Wagen halten und öffnen Sie den Schlag: ich möchte gern ge⸗ hen, und ich glaube, daß es der Königin und den Kin⸗ dern auch nicht unangenehm wäre, dieſe kleine Strecke zu Fuß zu machen.“ Herr von Malden winkte: der Poſtillon hielt an; der Schlag wurde geöffnet: der König, die Königin, Madame Eliſabeth und die zwei Kinder ſtiegen aus; Frau von Tourzel allein blieb, ſie war zu leidend, um auszuſteigen. Sogleich verbreitete ſich die ganze kleine königliche Colonie auf dem Wege. Der Dauphin lief Schmetterlingen nach und Madame Royale pflückte Blumen. Madame Eliſabeth nahm den Arm des Königs; Madame Royale ging allein. Sah man dieſe ſo auf dem Wege zerſtreute Fami⸗ lie, dieſe ſpielenden und laufenden Kinder, dieſe auf den Arm ihres Bruders geſtützte und ihm zulächelnde Schwe⸗ ſter, dieſe ſchöne, nachdenkende, rückwätts ſchauende Frau, Alles dies eleuchtet durch eine herrliche Morgenſonne des Juni, welche den durchſichtigen Schatten des Wal⸗ des bis mitten auf die Straße warf, ſo hätte man glau⸗ ben ſollen, es ſei eine heitere Familie, die nach ihrem Schloſſe zurückkehre, um ihren friedlichen, regelmäßigen Lebenslauf fortzuſetzen, und nicht eine Königin und ein Die Gräfin von Charnp. W. 20 306 König, die einen Thron fliehen, zu dem man ſie nur zurückbringen ſollte, um ſie auf das Schaffot zu führen. Allerdings ſollte bald ein Vorfall in dieſes friedliche, heitere Gemälde die Unruhe der im Grunde der Herzen der verſchiedenen Perſonen dieſer Geſchichte ſchlummern⸗ den Leidenſchaften bringen. Plötzlich blieb die Königin ſtehen, als hätten ihre Füße in der Erde Wurzel gefaßt. Ein Reiter erſchien in einer Entfernung von unge⸗ fähr einer Viertelmeile, in die Staubwolke gehüllt, wel⸗ che der Galopp ſeines Pferdes auftrieb. Marie Antoinette wagte nicht zu ſagen:„Das iſt der Graf von Charny.“ Doch ein Schrei entſchlüpfte ihrer Bruſt. „Ah! Nachrichten von Paris,“ ſagte ſie. Alle wandten ſich um, nur der Dauphin nicht: das ſorgloſe Kind hatte den Schmetterling erhaſcht, dem es nachlief; wenig lag ihm an den Rachrichten von Paris. Ein wenig kurzſichtig, zog der König eine kleine Lorgnette aus ſeiner Taſche. „Ei!“ rief er,„das iſt, glaube ich, Herr von Charny!“ „Ja,“ erwiederte die Königin,„er iſt es.“ „Gehen wir weiter,“ ſprach der König,„er wird uns immerhin einholen, und wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Die Königin wagte nicht, zu entgegnen, es ſei wohl der Mühe werth, wegen der Rachrichten, welche Herr von Charny bringe, zu warten. Uebrigens war dies nur ein Verzug von ein paar Secunden: der Reiter eilte mit der ganzen Geſchwindig⸗ keit ſeines Roſſes herbei. Er ſelbſt, ſowie er näher kam, ſchaute mit großer Aufmerkſamkeit und ſchien nicht zu begreifen, warum der rieſige Wagen ſeine Reiſenden auf der Landſtraße ver⸗ breitet habe. v ( b 5 ſi V ð ⸗ as es ne ird zu hl err ar ig⸗ er der er⸗ 307 v Er holte ſie endlich in dem Augenblick ein, wo der Wagen den Gipfel des Bergabhanges orreichte und auf dieſem Gipfel Halt machte. Es war wirklich Herr von Charny, wie es das Herz der Königin und die Augen des Königs errathen hatten. Er trug einen kleinen grünen Ueberrock mit flat⸗ terndem Kragen, einen Hut mit breiter Rundſchnur und ſtählerner Schnalle, eine weiße Weſte, eine anliegende Lederhoſe und große, bis über die Kniee gehende militä⸗ riſche Stiefel. Seine gewöhnlich matt weiße Geſichtsfarbe war be⸗ lebt durch den ſcharfen Ritt, und die Funken der Flam⸗ me, welche ſein Geſicht röthete, ſprangen aus ſeinen Augenſternen hervor. Es war etwas von einem Sieger in ſeinem mäch⸗ tigen Hauche und in ſeinen erweiterten Naſenflügeln. Nie hatte ihn die Königin ſo ſchön geſehen. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus. 3 Er ſprang von ſeinem Pferde und verbeugte ſich vor dem König. Dann wandte er ſich um und grüßte die Königin. Alle gruppirten ſich um ihn, die zwei Gardes du corps ausgenommen, welche aus Beſcheidenheit entfernt blieben. „Kommen Sie näher, meine Herren,“ ſagte der König,„die Nachrichten, welche Herr von Charny bringt, ſind für Jedermann von Gewicht.“ „Sire, Alles geht gut,“ ſagte Charny,„und heute Morgen um zwei Uihr muthmaßte noch Niemand Ihre Flucht.“ Jeder athmete. Dann vervielfältigten ſich die Fragen. Charny erzählte, wie er nach Paris zurückgekehrt war, wie er in der Rue de Echelle die Patronille der 308 Patrioten getroffen; wie er von dieſer befragt wor⸗ den war und ſie überzeugt, der König ſei zu Bette ge⸗ gangen und ſchlafe, zurückgelaſſen hatte. Dann ſagte er, wie er, ſobald er im Inneren der wie an den gewöhnlichen Tagen ruhigen Tuilerien geweſen, in ſein Zimmer hinaufgegangen ſei, die Kleider gewech⸗ ſelt und durch die Corridors des Königs wieder hinab⸗ ſteigend ſich verſichert habe, daß Niemand die königliche Flucht ahne, nicht einmal Herr von Gouvion, der, als er geſehen, daß die von ihm um die Gemächer des Kö⸗ nigs aufgeſtellte Linie von Schildwachen nichts nütze, dieſe entlaſſen und Officiere und Bataillonchefs nach Hauſe geſchickt habe. Herr von Charny habe dann wieder ſein Pferd ge⸗ nommen, das ihm einer der Diener von der Nachtwache gehalten, und da er gedacht, er könnte ſich auf der Poſt von Paris zu dieſer Stunde nur mit Mühe einen Klep⸗ per verſchaffen, ſo ſei er auf demſelben Pferde wieder nach Bondy geritten. Dieſes unglückliche Pferd war beinahe rehe ange⸗ kommen; doch es war angekommen, und mehr brauchte es nicht. Hier hatte der Graf ein neues Pferd genommen und ſeinen Ritt fortgeſetzt. Im Uebrigen war ihm nichts Beunruhigendes auf dem Wege, den er zurückgelegt, aufgefallen. Die Königin fand Veranlaſſung, Charny die Hand zu reichen: die guten Nachrichten, welche er brachte, wa⸗ ren wohl eine ſolche Gunſt werth. Charny küßte der Königin ehrerbietig die Hand. Warum erbleichte die Königin? Geſchah es aus Freude, wenn Charny ihr die Hand gedrückt hatte? Geſchah es aus Schmerz, wenn er ſie nicht gedrückt hatte? — er c— 309 Man ſtieg wieder in den Wagen, Der Wagen ging ab. Charny galoppirte am Schlage. Auf der nächſten Poſt fand man die Pferde bereit, nur war kein Reitpferd für Charuy beſtellt. Iſidor hatte dieſes Pferd nicht beſtellen können, weil er nicht wußte, daß ſein Bruder es brauchte. Bei dieſem Pferde fand alſo ein Verzug ſtatt, doch nach fünf Minuten ſaß Charny im Sattel. Uebrigens war es verabredet, daß er dem Wagen folgen und ihn nicht escortiren ſollte. Nur ſollte er ihm nahe genug folgen, daß die Kö⸗ nigin, wenn ſie ihren Kopf aus dem Schlage neigte, ihn erblicken würde, und daß er auf jeder Station zeitig genug ankäme, um ein paar Worte mit den hohen Rei⸗ ſenden zu ſprechen. Charny hatte in Montmirail ſein Pferd gewechſelt; er glaubte, der Wagen habe eine Viertelſtunde Vorſprung vor ibm, da ſtößt plötzlich bei der Biegung einer Straße ſein Pferd mit der Naſe an den ſtille ſtehenden Wagen und die zwei Gardes, welche einen Zugriemen wieder zurecht zu richten ſuchen. Der Graf ſpringt von ſeinem Pferde herab und ſteckt ſeinen Kopf durch den Wagenſchlag, um dem König zu empfehlen, er möge ſich verbergen, und der Königin, ſie möge nicht unruhig ſein; dann öffnete, er eine Art von offer, in den man zum Voraus alle Gegenſtände, wel⸗ che ein Unfall nothwendig machen kann, gelegt hat: man findet darin ein Paar Zugriemen und nimmt einen davon durch welchen man den zerriſſenen erſetzt. Die zwei Gardes benützen dieſe Zeit, um ihre Waffen zu verlangen; aber der König widerſetzt ſich förmlich, daß man ſie ihnen übergebe. Man wendet ihm ein, es wäre dies für den Fall, daß der Wagen angehalten würde, doch er erwiedert, in keinem Falle wolle er, daß Blut fließe. Endlich iſt der Zugriemen wieder zurecht gerichtet, 310 der Koffer wieder geſchloſſen; die zwei Gardes ſteigen auf ihren Bock; Charny ſchwingt ſich in den Sattel, und der Wagen geht ab. Nur hat man mehr als eine halbe Stunde verloren, und dies, während jede Minute ein unwiederbringlicher Verluſt iſt. Um zwei Uhr kam man nach Chalons. „Wenn wir nach Chalons fommen, ohne angehal⸗ ten zu werden,“ hatte die Königin geſagt,„wird Alles gut gehen.“ Man war nach Chalons gekommen, ohne angehalten zu werden, und wechſelte die Pferde. Der König hatte ſich einen Augenblick gezeigt. Mit⸗ ten unter den Gruppen, die ſich um den Wagen gebil⸗ det, hatten ihn zwei Männer mit einer beharrlichen Auf⸗ merkſamkeit angeſchaut. Plötzlich entfernt ſich einer von dieſen zwei Män⸗ nern und verſchwindet. Der Andere nähert ſich und ſagt leiſe: „Sire, zeigen Sie ſich nicht ſo, oder Sie ſind ver⸗ oren.“ Dann ruft er dem Poſtillons zu: „Vorwärts, Ihr trägen Burſche! Bedient man ſo brave Reiſende, welche dreißig Sous Trinkgeld be⸗ zahlen?. Und er legte ſelbſt Hand an und half den Poſtillons. Das war der Poſtmeiſter. Endlich ſind die Pferde angeſpannt, die Poſtillons im Sattel. Der erſte Poſtillon will ſeine Pferde fort⸗ führen. Beide ſtürzen nieder. Die Pferde erheben ſich wieder unter den Peitſchen⸗ hieben; man will den Wagen abfabren laſſen: die zwei Pferde des erſten Poſtillon ſtürzen ebenfalls nieder. Der Piſtillon liegt unter einem Pferde. — f r i 311 Charny, der ſtillſchweigend wartet, zieht den Po⸗ ſtillon unter ſeinem Pferde, wo er ſeine ſteifen Stiefel läßt, hervor. „Oh! mein Herr!“ ruft Charny dem Poſtmeiſter zu, deſſen Anhänglichkeit er nicht kennt,„was für Thiere haben Sie uns gegeben?“ „Die beſten vom Stalle! Nur find dieſe Pferde dergeſtalt in die Stränge verwickelt, daß ſie, je mehr ſie ſich zu erheben ſuchen, immer mehr gefeſſelt werden.“ Charny wirft ſich auf die Pferde und ſagt: „Vorwärts, ſpannen wir ſie aus und wieder an: das wird ſchneller geſchehen ſein.“ Der Poſtmeiſter geht weinend vor Verzweiflung wie⸗ der an die Arbeit. Mittlerweile läuft der Menſch, der ſich entfernt hat und verſchwunden iſt, zum Maire. Er meldet ihm, in dieſem Augenblick wechſele der König und die ganze kö⸗ nigliche Familie auf der Poſt die Pferde, und er ver⸗ langt von ihm einen Verhaftsbefehl. Zum Glück iſt der Maire ſehr wenig Republikaner, oder er will eine ſolche Verantwortlichkeit nicht auf ſich nehmen. Statt ſich des Factums zu verſichern, verlangt er alle Arten von Erklärungen, leugnet, daß die Sache wahr ſein könne, und kommt endlich, auf das Aeußerſte getrieben, nach dem Poſthauſe in dem Augenblick, wo der Wagen an der Biegung der Straße verſchwindet. Man hat über zwanzig Minuten verloren. Im königlichen Wagen herrſcht die größte Bangig⸗ keit. Dieſe Pferde, welche hinter einander ohne irgend eine Urſache niederſtürzten, erinnern die Königin an jene Kerzen, welche ganz allein erloſchen. Während ſie zu den Thoren der Stadt hinausfah⸗ ren, ſagen indeſſen der König, die Königin und Ma⸗ dame Eliſabeth zu einander: „Wir ſind gerettet.“ 312 Doch nachdem ſie hundert Schritte weiter gefahren ſind, eilt ein Mann herbei, ſteckt ſeinen Kopf durch den Schlag und ruft den hohen Reiſenden zu: „Ihre Maßregeln ſind ſchlecht getroffen: man wird Sie verhaften!“ Die Königin ſtößt einen Schrei aus; der Unbe⸗ kannte wirft ſich auf die Seite und verſchwindet in ei⸗ nem Gehölze.. Zum Glück iſt man bloß noch vier Meilen von Pont de Sommevelle entfernt, wo man Herrn von Choi⸗ ſeul und ſeine vierzig Huſaren finden wird. Nur iſt es drei Uhr Nachmittags, und man iſt um beinahe vier Stunden im Verzug. LXRXR. PDas Verhängniß. Man erinnert ſich, daß der Herzog von Choiſeul mit Poſtpferden in Begleitung von Leonard fährt, der in Verzweiflung darüber iſt, daß er die Thüre ſeines Zimmers offen gelaſſen, den Hut und den Ueberrock ſei⸗ nes Bruders mitgenommen und ſein der Frau von der Aage geleiſtetes Verſprechen, ſie friſiren zu wollen, nicht gehalten hat. Was den armen Leonard tröſtete, war, daß ihm Herr von Choiſeul beſtimmt erklärt hatte, er nehme ihn nur auf zwei bis drei Meilen mit, um ihm einen . 313 beſtimmten Auftrag von der Königin zu geben, und dann ſei er wieder frei. Als man nach Bondy kam und er fühlte, daß der Wagen anhielt, athmete er auch und ſchickte ſich an, aus⸗ zuſteigen. Doch Herr von Choiſeul hielt ihn zurück und ſagte: „Hier noch nicht.“ Man hatte die Pferde zum Voraus beſtellt; in ein paar Secunden waren ſie angeſpannt, und der Wa⸗ gen ging wie ein Pfeil wieder ob. „Aber, Herr Herzog, wohin gehen wir denn?“ fragte der arme Leonard. „Wenn Sie nur morgen früh wieder zurück ſind,“ erwiederte Herr von Choiſeul,„was liegt Ihnen am Uebrigen?“ „Es iſt wahr, wenn ich nur um zehn Uhr in den Tuilerien bin, um die Königin zu friſtren...„ „Nicht wahr, mehr brauchen Sie nicht?“ „Allerdings.. Doch es wäre nicht ſchlimm, wenn ich früher zurückkäme, weil ich meinen Bruder beruhigen und Frau von der Aage erklären könnte, es ſei nicht meine Schuld, daß ich mein Wort ge⸗ brochen.“ „Wenn es bloß das iſt, ſeien Sie unbeſorgt, mein lieber Leonard; Alles wird auf das Beſte gehen,“ ſprach Herr von Choiſeul. Leonard hatte keinen Grund, zu glauben, Herr von Choiſeul entführe ihn; er beruhigte ſich auch, wenig⸗ ſtens für den Augenblick. Doch in Clahe, als er ſah, daß man abermals umſpannte, und daß vom Anhalten noch keine Rede war, rief der Unglückliche: „Ah! Herr Herzog, wir gehen alſo bis an das Ende der Welt?“* „Hören Sie, Leonard,“ ſprach nun Herr von Chviſeul mit einer ernſten Miene,„nicht in ein Hqus 4 314 in der Nähe von Paris führe ich Sie, ſondern an die Grenze.“ Leonard ſtieß einen Schrei aus, ſtützte ſeine beiden Hände auf ſeine Kniee und ſchaute den Herzog mit einer erſchrockenen Miene an. „An die an die Grenze!“ ſtammelte er. „Ja, mein lieber Leonard, ich ſoll dort bei mei⸗ nem Regimente einen Brief von der höchſten Wichtigkeit für die Königin finden. Da ich ihn nicht ſelbſt überge⸗ ben kann, ſo mußte ich eine ſichere Perſon haben, um ihr denſelben zu ſchicken. Ich bat die Königin, mir Jemand zu bezeichnen: ſie hat Sie als Denjenigen ge⸗ wählt, welcher durch ſeine Ergebenheit am meiſten ihres Vertrauens würdig.“ „Oh! Herr Herzog! gewiß bin ich des Vertrauens der Königin würdig!“ rief Leonard.„Doch wie werde ich zurücktkommen? Ich bin in Escarpins, weißen ſeide⸗ nen Strümpfen und einer ſeidenen Hoſe. Ich habe we⸗ der Wäſche, noch Geld.“ Der arme Mann vergaß, daß er für zwei Mil⸗ lionen Diemanten von der Königin in ſeinen Taſchen hatte. „Seien Sie unbeſorgt, mein lieber Freund,“ er⸗ wiederte Herr von Choiſeul,„ich habe in meinem Wa⸗ gen Stiefel, Kleider, Wäſche, Geld, Alles, was Sie brauchen, und nichts wird Ihnen fehlen.“ „Ei! allerdings, Herr Herzog, wird mir, ich bin es feſt überzeugt, nichts bei Ihnen fehlen; doch mein armer Bruder, deſſen Hut und Ueberrock ich genommen habe; doch die arme Frau von der Aage, welche nicht von mir friſirt iſt... Mein Gott! mein Gott! wie wird das Alles endigen?“ „Auf das Beſte, mein lieber Leonard, ich hoffe es wenigſtens,“ ſagte Herr von Choiſeul. Man ging wie der Wind; Herr von Choiſenl hatte ſeinen Courier beauftragt, zwei Betten und ein Abend⸗ en er 2 i⸗ eit e m ir 315 brod in Montmirail, wo er den Reſt der Racht zubrin⸗ gen würde, bereit halten zu laſſen. Als man nach Montmirail kam, fanden die Rei⸗ ſenden die zwei Betten bereit und das Abendbrod auf⸗ getragen. Abgeſehen von dem Ueberrock und dem Hute ſeines Bruders, abgeſehen von dem Schmerze, daß er gezwun⸗ gen geweſen, Frau von der Aage ſein Wort zu brechen, war Leonard faſt getröſtet. Von Zeit zu Zeit entſchlüpfte ihm ſogar ein Ausdruck der Zufriedenheit, woraus man leicht erſehen konnte, es ſchmeichle ſeinem Stolze, daß ihn die Königin zu einer ſo wichtigen Sendung, wie die, mit welcher er betraut zu werden ſchien, gewählt habe. Nach dem Abendbrode gab Herr von Choiſeul Be⸗ fehl, daß ihn ſein Wagen um vier Uhr angeſpannt er⸗ Sui ſollte; dann legten ſich die beiden Reiſenden zu ette. Um drei Viertel auf vier Uhr ſollte man an die Thüre des Herzogs klopfen, um ihn aufzuwecken, falls er ſchlafen würde. Um drei Uhr hatte Herr von Choiſeul noch kein Auge zugemacht, als er von ſeinem Zimmer aus, das über der Eingangsthüre der Poſt lag, das Rollen eines Wagens in Begleitung von Peitſchenknallen hörte, wo⸗ durch die Reiſenden oder die Poſtillons ihre An⸗ kunft verkündigen Aus dem Bette ſpringen und zum Fenſter lau⸗ fen, war für Herrn von Choiſeul die Sache eines Au⸗ genblicks. Ein Cabriolet hielt vor der Thüre. Zwei Männer in der Uniform der Nationalgarde ſtiegen aus und ver⸗ langten dringlich Poſtpferde. Wer waren dieſe Nationalgarden? was wollten ſie um drei Uhr Morgens? und warum verlangten ſie mit dieſer Dringlichkeit Pferde? 316 Herr von Choiſeul rief ſeinem Bedienten und be⸗ fahl ihm, anſpannen zu laſſen. Dann weckte er Leonard auf. Die zwei Reiſenden hatten ſich angekleidet auf ihre Betten geworfen. Sie waren alſo in einem Augen⸗ blick bereit. Als ſie hinabkamen, fanden ſie beide Wagen ange⸗ ſpannt. Herr von Choiſeul befahl dem Poſtillon, den Wagen der zwei Nationalgarden vorausfahren zu laſſen, nur ſollte er ihm ſo folgen, daß man ihn keine Minute aus dem Geſichte verlieren würde. Dann unterſuchte er die Piſtolen, die er in den Taſchen ſeines Wagens hatte, und ſchüttete neues Zünd⸗ kraut auf. Man fuhr ſo eine oder anderthalb Meilen; doch zwiſchen Etoge und Chaintry ſchlug das Cabriolet einen Duerweg ein und entfernte ſich in der Richtung von Ja⸗ lons oder Epernay. Die zwei Nationalgarden, von denen Herr von Choiſenl glaubte, ſie haben ſchlimme Abſichten, waren zwei brave Bürger, welche von la Ferté kamen und nach Hauſe zurückkehrten. Ueber dieſen Punkt beruhigt, fährt Herr von Choi⸗ ſeul weiter. Um zehn Uhr durchſchneidet er Chalons; um eilf Uhr kommt er in Pont de Sommevelle an. frer erkundigt ſich: die Huſaren ſind noch nicht einge⸗ roffen. Er hält beim Poſthauſe, ſteigt aus, verlangt ein Zimmer und zieht ſeine Uniform an⸗ Leonard betrachtete alle dieſe Anſtalten mit einer leb⸗ haften Beſorgniß und begleitete ſie mit Seufzern, welche Herrn von Choiſeul rührten. „Leonard,“ ſagte er zu ihm,„es iſt Zeit, daß ich Sie mit der Wahrheit bekannt mache.“ e e⸗ r 8 317 „Wie? mit der Wahrheit!“ rief Leonard, der von einem Erſtaunen zum andern überging;„ich weiß alſo die Wahrheit nicht?“ Sie wiſſen einen Theil davon, und ich will Ihnen das Uebrige mittheilen.“ Leonard faltete die Hände. „Sie ſind Ihren Gebietern ergeben, nicht wahr, mein lieber Leonard?“ „Auf Leben und Tod, Herr Herzog!“ ſe„Nun wohl! in zwei Stunden werden ſie hier ein.“ „Oh! mein Gott! iſt das möglich?“ rief der arme Friſeur.— „Ja,“ fuhr Herr von Choiſeul fort,„hier mit den Kindern, mit Madame Eliſabeth... Sie wiſſen, welche Gefahren ſie gelaufen ſind?(Leonard machte mit dem Kopf ein bejahendes Zeichen;) welche Gefah⸗ ren ſie noch laufen?(Leonard ſchlug die Augen zum Him⸗ mel auf.) Nun wohl! in zwei Stunden werden ſie ge⸗ rettet ſein!“ Leonard konnte nicht antworten; er weinte heiße Thränen. Nach einiger Zeit gelang es ihm jedoch, zu ſtammeln: „In zwei Stunden hier? Sind Sie deſſen ſicher?“ „Ja, in zwei Stunden. Sie mußten von den Tuilerien um eilf Uhr oder halb zwölf Abends abreiſen; ſie mußten um Mittag in Chalons ſein. Setzen wir anderthalb Stunden, um die vier Meilen zurückzulegen, die wir ſo eben gemacht haben, ſo werden ſie ſpäteſtens um zwei Uhr hier ſein. Wir verlangen zu Mittag zu ſpeiſen. Ich erwarte eine Abtheilung Huſaren, welche mir Herr von Gognelat zuführen ſoll. Wir werden Mittageſſen ſo lange als möglich dauern laſ⸗ en „Oh! Herr Herzog!“ unterbrach Leonard,„ich habe keinen Hunger.“ 318* „Gleichviel! Sie müſſen ſich anſtrengen und dennoch ſpeiſen.“ „Ja, Herr Herzog. „Wir laſſen alſo das Mittageſſen ſo lange als möglich dauern, damit wir einen Vorwand haben, zu bleiben.. Ei! ſehen Sie, die Huſaren kommen!“ Man hörte in der That zu gleicher Zeit die Trom⸗ pete und den Tritt der Pferde. In dieſem Augenblick trat Herr von Goguelat in das Zimmer ein und übergab Herrn von Choiſeul ein Paquet im Auftrage von Herrn von Bouillé. Dieſes Paquet enthielt ſechs Blanquette und einen förmlichen Befehl, erlaſſen vom König an alle Officiere des Heeres, was anch ihr Grad und ihre Ancienneté ſein möchten, Herrn von Choiſeul zu gehorchen. Herr von Choiſeul befahl, die Pferde anzubinden, ließ Brod und Wein an die Huſaren austheilen und ſetzte ſich dann ſelbſt zu Tiſche. Die NRachrichten, welche Herr von Goguelat brachte, waren nicht gut; überall auf ſeinem Wege hatte er eine große Aufregung gefunden. Seit mehr als einem Jahre waren die Gerüchte von der Abreiſe des Königs nicht nur in Paris, ſondern auch in der Provinz im Umlaufe, und die Detachements von verſchiedenen Waffen, welche in Sainte⸗Menehould und in Varennes ſtationirten, hat⸗ ten Verdacht erregt. Er hatte ſogar die Sturmglocke in einer der Ge⸗ meinden unfern von der Landſtraße läuten hören. Alles dies war wohl geeignet, um ſelbſt Herrn von Choiſeul den Appetit zu benehmen. Nachdem er eine Stunde bei Tiſche zugebracht und es halb ein Uhr ge⸗ ſchlagen hatte, ſtand er auch auf, übergab den Befehl über das Detachement an Herrn Vondet und ging auf die Landſtraße, welche, da ſie ſich über eine Anhöhe zieht, mehr als eine halbe Meile Weges zu umfaſſen geſtattet. „———— —8 2— h l zu n as et en on ine ge⸗ ehl auf öhe ſen 319 Man ſah weder Courier, noch Wagen; doch darüber durfte man ſich nicht wundern. Man erwartete, wie ge⸗ ſagt, denn Herr von Choiſeul brachte die kleinen Un⸗ fälle in Anſchlag, den Courier nicht vor anderthalb Stunden, den König nicht vor zwei Stunden. Die Zeit verging indeſſen, und nichts erſchien auf der Landſtraße, wenigſtens nichts, was dem, was man erwartete, glich. Von fünf zu fünf Minnten zog Herr von Choiſenil ſein Uhr; Leonard ſagte: „Oh! ſie werden nicht kommen. Meine arme Herrſchaft! es wird ihr Unglück widerfahren ſein!“ Und der arme Mann vermehrte noch durch ſeine Verzweiflung die Beſorgniſſe von Herrn von Choiſeul. Um halb drei Uhr, um drei Uhr, um halb vier Uhr kein Courier, kein Wagen! Man erinnert ſich, daß der König erſt um drei Uhr Chalons verließ. Während aber Herr von Choiſeul ſo auf der Land⸗ ſtraße wartete, bereitete das Verhängniß in Pont de Sommevelle ein Ereigniß vor, das den größten Ein⸗ auf das Drama, welches wir erzählen, haben ollte. Das Verhängniß, wiederholen wir das Wort, hatte gemacht, daß gerade ein paar Tage vorher die Bauern eines Frau von Elbveuf gehörenden Gutes, das bei Pont de Sommevelle lag, die Bezahlung der nicht ab⸗ lösbaren Steuern verweigerten. Man bedrohte ſie dann mit militäriſcher Execution; doch die Föderation trug ihre Früchte, und die Bauern der umliegenden Dörfer verſprachen den Banern vom Gute der Frau von Elbveuf bewaffneten Beiſtand, ſoll⸗ ten ſich dieſe Drohungen verwirklichen. Als ſie die Huſaren ankommen und Halt machen ſahen, glaubten die Bauern, dieſe erſchienen in einer feindlichen Abſicht. Eilboten wurden von Pont de Sommevelle in die — 320⁰ benachbarten Dörfer geſchickt, und gegen drei Uhr fing die Sturmglocke an in der ganzen Gegend zu er⸗ tönen. Als er dieſen Lärmen hörte, kehrte Herr von Choi⸗ ſeul nach Pont de Sommevelle zurück; er fand ſeinen Unterlientenant Herrn Bondet ſehr unruhig. Dumpfe Drohungen waren gegen die Huſaren, welche zu jener Zeit gerade eines der verhaßteſten Corps des Heeres, ausgeſtoßen worden; die Bauern verhöhn⸗ 46 ſie und ſangen ihnen unter die Naſe das improviſirte ied: Gott der Herr ſoll uns bewahren Vor den ſchuftigen Huſaren! Andere Perſonen, welche beſſer unterrichtet oder ſcharfſinniger, fangen dabei an zu ſagen, die Huſaren ſeien da, nicht um eine Execution gegen die Bauern von Frau von Elbveuf vorzunehmen, ſondern um den Kö⸗ nig und die Königin zu erwarten. Mittlerweile ſchlägt es vier Uhr, ohne daß Courier oder Nachrichten eintreffen. Herr von Choiſenl entſchließt ſich indeſſen, noch zu bleiben. Nur läßt er die Poſtpferde wieder an ſeinen Wagen ſpannen, übernimmt die Diamanten von Leo⸗ nard und ſchickt dieſen nach Varennes ab, wobei er ihn beauftragt, in Saint⸗Menehould Herrn Dandoins, in Cler⸗ mont Herrn von Damas und in Varrennes Herrn von Sohn zu ſagen, in welcher Lage er ſich be⸗ inde. Dann, um die Exaltation, die ſich um ihn her kundgibt, zu beſchwichtigen, erklärt er, er und die Hu⸗ ſaren ſeien nicht da, wie man glaube, um gegen die Bauern von Frau von Elboeuf einzuſchreiten, ſondern um einen Schatz zu escortiren, den der Kriegsminiſter dem Heere ſchicke. Doch dieſes Wort Schatz, das einen doppelten Sinn bietet, beſchwichtigt die Gereiztheit bei — S S—— S 8 hr r i⸗ en n, ps n⸗ rte er on § b⸗ ier ien eo⸗ hn er⸗ o be⸗ her u⸗ die ern ter nen bei 321¹ einem Punkte und beſtätigt den Verdacht bei dem au⸗ dern. Der König und die Königin find auch ein Schatz, und dieſer Schatz iſt es gewiß, den Herr von Choiſeul erwartet. Nach einer Viertelſtunde ſind Herr von Choiſeul und ſeine Huſaren dergeſtalt bedrängt und eingeſchloſſen, daß er begreift, er könne ſich nicht länger halten, und wenn unglücklicher Weiſe in dieſem Augenblick der König und die Königin kommen, ſo werde er unvermögend ſein, ſie zu beſchützen. Nach ſeinem Befehle ſoll er ſo handeln, daß der Wagen des Königs ſeine Fahrt ohne Hinderniß fortſegen kann. Statt ein Schutz zu ſein, iſt ſeine Gegenwart ein Hinderniß geworden. Das Veſte, was ſich thun läßt, iſt, ſelbſt für den Fall, daß der König ankäme, abzugehen. Sein Abgang wird in der That die Straße wieder frei machen. Nur muß man einen Vorwand haben, um abgehen zu können.. Der Poſtmeiſter iſt da mitten unter fünf bis ſechs⸗ hundert Neugierigen, für die es nur ein Wort braucht, um Feinde aus ihnen zu machen. Er ſchaut, wie die Andern, mit gekreuzten Armen zu und ſteht gerade unter der Naſe von Herrn von Choiſeul. „Mein Herr,“ ſagte der Herzog zu ihm,„haben Sie Kenntniß von einer Geldſendung, welche nach Metz expe⸗ dirt worden iſt?“ „Dieſen Morgen erſt,“ antwortete der Poſtmeiſter, zhat die Diligence hunderttauſend Thaler dahin gebracht; ſie wurde von zwei Gendarmen escortirt.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte Herr von Choiſenl ganz erſtaunt über die Parteilichkeit, mit der ihn der Zufall bediente. Die Gräfin von Charny. W. 21 322 „Bei Gott! das iſt wahr!“ rief ein Gendarme,„Ro⸗ bin und ich hatten die Bedeckung.“ „Dann wird wohl,“ ſprach Herr von Choiſeul, indem er ſich ruhig gegen Herrn von Goguelat umwandte, „dann wird wohl der Miniſter dieſe Art der Sendung vorgezogen haben, und da unſere Gegenwart hier keinen Grund mehr hat, ſo glanbe ich, daß wir uns entfernen können. Auf, Huſaren! zäumt die Pferde.“ Ziemlich beſorgt, gehorchten die Huſaren ſehr gern dieſem Befehle. In einem Augenblicke waren die Pferde gezäumt und die Huſaren im Sattel. Sie ſtellten ſich in einer Linie auf. Herr von Choiſeul ritt an der Front der Linie hinab, warf einen Seitenblick gegen Chalons und rief dann mit einem Seufzer: „Auf! Huſaren, zu Vieren brecht ab, und im Schritt, Marſch!“ Und er verließ Pont de Sommevelle, Trompeter ſſ Spitze, als es im Kirchthurme halb ſechs Uhr chlug. Zweihundert Schritte vom Dorfe nahm Herr von Choiſeul einen Querweg, um Sainte⸗Menehonld zu ver⸗ meiden, wo der Sage nach eine große Aufregung herrſchte. Gerade in dieſem Angenblicke kam Iſidor von Charny, der mit den Sporen und der Peitſche ein Pferd antrieb, mit welchem er zwei Stunden gebraucht hatte, um vier Meilen zurückzulegen, bei der Poſt an, erkundigte ſich, während er das Pferd wechſelte, ob man nicht eine Abtheilung Huſaren geſehen habe, erfuhr, dieſe Abtheilung ſei vor einer Viertelſtunde auf der Straße nach Sainte⸗Menehould im Schritt weggeritten, beſtellte die Pferde und eilte, in der Hoffnung, Herrn von Choiſeul einzuholen und in ſeinem Rückzuge aufzuhalten, im ſtärkſten Galopp eines friſchen Pferdes davon. Herr von Choiſeul hatte, wie man geſehen, die m te, ng en en rn rie ief tt, ter hr on er⸗ ng ny, nit len nd ng oe uld der em en die 325 Straße nach Sainte⸗Menehould verlaſſen und einen Quer⸗ weg gerade in dem Augenblicke eingeſchlagen, wo der Vicomte von Charny zur Poſt kam, ſo daß dieſer den Herzog nicht erreichte. LXXXI. Verhängniß. Zehn Minuten nach dem Abgange von Iſidor von Charny kam der Wagen des Königs an. Die Verſammlung hatte ſich, wie Herr von Choiſeul vorhergeſehen, völlig zerſtreut. Der Graf von Charny, da er wußte, es müſſe ein erſtes Detachement von Truppen in Pont de Sommevelle ſein, hatte es nicht für dringend nothwendig erachtet, zurückzubleiben; er galoppirte am Schlage des Wagens und ermahnte zur Eile die Poſtillons, welche ein Loſungs⸗ wort erhalten zu haben und abſichtlich in kurzem Trab zu fahren ſchienen. Als man nach Pont de Sommevelle kam und der König weder die Huſaren, noch Herrn von Chviſeul ſah, beugte er unruhig ſeinen Kopf zum Fenſter hinaus. „Ich bitte, Sire,“ ſagte Charnh,„zeigen Sie ſich nicht, ich will mich erkundigen.“ Und er trat in das Poſthaus ein. Fünf Minnten nachher erſchien er wieder; er hatte Alles erfahren und wiederholte Alles dem König. Der König begriff, daß ſich Herr von Choiſeul, um ihm die Paſſage frei zu laſſen, zurückgezogen hatte. 324 Das Wichtigſte war, Weg zu gewinnen und in Sainte⸗Menehould anzukommen; ohne Zweifel hätte Herr von Choiſeul eine Wendung gegen Sainte⸗Menehould gemacht, und man würde Huſaren und Dragoner ver⸗ einigt finden. Im Augenblick des Abgangs näherte ſich Charny dem Schlage und fragte: „Was befiehlt die Königin? ſoll ich voraus reiten, ſoll ich nachfolgen?“ „Verlaſſen ſie mich nicht,“ erwiederte die Königin. Charny verbeugte ſich auf ſeinem Pferde und galop⸗ pirte am Schlage. Iſidor von Charny ritt indeſſen voraus, ohne die Verlaſſenheit der Straße zu begreifen, welche in einer ſo geraden Linie angelegt war, daß man bei gewiſſen Punkten auf die Entfernung von einer bis anderthalb Meilen vor ſich ſehen konnte. Beſorgt, trieb er ſein Pferd an und erreichte einen größern Vorſprung vor dem Wagen, als dies bis jetzt geſchehen war; er befürchtete, die Einwohner von Sainte⸗ Menehould konnten Verdacht gegen die Dragoner von Herrn Dandoins geſchöpft haben, wie die von Pont de Sommevelle Verdacht gegen die Huſaren von Herrn von Choiſeul geſchöpft hatten. Er täuſchte ſich nicht. Das Erſte, was er in Sainte⸗ Meuehould erblickte, war eine große Anzahl von Natio⸗ nalgarden, welche in den Straßen umher zerſtrent ſtanden. Die ganze Stadt ſchien in Bewegung zu ſein, und in dem Viertel dem entgegengeſetzt, durch welches Iſidor einritt, wurde die Trommel gerührt. Der Vicomte ſprengte durch die Straßen, ohne daß er ſich nur im Geringſten um dieſe Bewegung zu beküm⸗ mern ſchien, und hielt vor der Poſt an. Als er über den großen Platz kam, bemerkte er ein Dutzend Dragoner, welche mit der Polizeimütze auf dem Kopfe auf einer Bank ſaßen. 32⁵ Ein paar Schritte von ihnen, an einem Fenſter des Erdgeſchoſſes, ſtand der Marquis Dandvins ebenfalls mit einer Polizeimütze und eine Reitpeitſche in der Hand haltend. Iſidor ritt vorüber, ohne anzuhalten, und gab ſich den Anſchein, als ſähe er nichts; er ſetzte voraus, Herr Dandoins, welcher wiſſe, wie die Tracht der Couriere des Königs ſein müſſe, werde ihn erkennen und folglich kein anderes Anzeichen nöthig haben. Ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren mit à la Titus geſchnittenen Haaren, wie ſie damals die Patrioten trugen, mit einem Backenbart, der unter dem Kinn durchlief und die Runde um das Geſicht machte, ſtand in einem Schlafrock bei der Thüre. Iſidor ſuchte, an wen er ſich wenden ſollte. „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ fragte ihn der junge Mann mit dem ſchwarzen Backenbart. „Mit dem Poſtmeiſter zu ſprechen,“ erwiederte Iſidor. „Der Poſtmeiſter iſt für den Augenblick abweſend, mein Herr; doch ich bin ſein Sohn Jean Baptiſte Drouet... Kann ich ihn erſetzen, ſo reden Sie.“ Der junge Mann legte einen beſonderen Nachdruck auf die Worte: Jean Baptiſte Dronet, als hätte er er⸗ rathen, dieſe Worte oder vielmehr dieſe Namen werden in der Geſchichte eine unſelige Celebrität erlangen. „Ich wünſche ſechs Poſtpferde für zwei Wagen, die mir folgen.“ Drouet nickte mit dem Kopfe auf eine Weiſe, welche beſagen wollte, der Courier werde erhalten, was er wünſche, ging dann aus dem Hauſe in den Hof und rief: „He! Poſtillons! ſechs Pferde für zwei Wagen und einen Klepper für den Courier!“ In dieſem Augenblicke trat der Marquis Dandoins raſch ein.* „Mein Herr,“ ſagte er, indem er ſich an Iſidor 326 wandte,„nicht wahr, Sie reiten dem Wagen des Königs voran?“ Ja, mein Herr, und ich bin ganz erſtaunt, Sie und Ihre Leute in Polizeimützen zu ſehen.“ „Wir ſind nicht in Kenntniß geſetzt worden, mein Herr; überdies finden ſehr bedrohliche Demonſtrationen um uns her ſtatt: man verſucht es, meine Leute abſpänſtig zu machen. Was ſoll ich thun?“ „Da der König hier durchpaſſiren wird, bewachen Sie ſeinen Wagen, gehen Sie mit den Umſtänden zu Rathe und marſchiren Sie eine halbe Stunde nach derköniglichen Familie ab, um als Nachhut zu dienen.“ Dann plötzlich ſich unterbrechend, ſagte Iſidor: „Stille! man beſpäht uns; vielleicht hat man uns gehört. Gehen Sie zu Ihrer Schwadron und thun Sie Ihr Möglichſtes, um Ihre Leute in ihrer Pflicht zu erhalten“ Drouet ſteht in der That unter der Thüre der Küche, wo dieſes Geſpräch ſtattfindet. Herr Dandoins entfernt ſich. In demſelben Augenblick hört man die Peitſchen knallen, der Wagen des Königs kommt an, fährt über den Platz und hält vor der Poſt. Bei dem Geräuſche, das er macht, gruppirt ſich die Einwohnerſchaft neugierig in der Umgebung. Herr Dandoins, der es ſich angelegen ſein läßt, dem König zu erklären, warnm er ſeine Leute in der Ruhe, ſtatt unter den Waffen finde, ſtürzt, mit ſeiner Polizei⸗ mütze in der Hand, an den Schlag und bringt mit allen Arten von Zeichen der Ehrfurcht ſeine Entſchuldigung beim König und der königlichen Familie vor. Der König, während er ihm antwortet, zeigt ſeinen Kopf zu wiederholten Malen durch den Wagenſchlag. Einen Fuß im Steigbügel, ſteht Iſidor in der Nähe von Drouet, welcher mit einer tiefen Aufmerkſamkeit in den Wagen ſchaut; er iſt im Jahre vorher bei der Fö⸗ +— — — v8 327 . deration geweſen: er hat den König geſehen und glaubt ihn zu erkennen. Am Morgen hat er eine bedentende Summe in Aſſignaten erhalten. Er hat dieſe mit dem Portrait des Königs geſtempelten Aſſignate unterſucht, um zu ſehen, ob ſie nicht falſch ſeien, und dieſe Stempel des Königs, welche in ſeinem Gedächtniſſe geblieben, ſcheinen ihm zu⸗ zurufen⸗„Der Menſch, den Du vor dir haſt, iſt der König.“ Er zieht ein Aſſignat aus ſeiner Taſche, ver⸗ gleicht das Original mit dem auf das Aſſignat geſtochenen Portrait und murmelt: Es iſt entſchieden der König!“ Iſidor reitet auf die andere Seite des Wagens; ſein Bruder bedeckt mit ſeinem Leibe den Schlag, auf welchen ſich die Königin mit dem Ellenbogen ſtützt. „Der König iſt erkannt!“ ſagte er zu ihm.„Be⸗ ſchleunige den Abgang des Wagens und ſchaue wohl dieſen großen braunen Burſchen an!... Er iſt der Sohn des Poſtmeiſters, er hat den König erkannt! Er heißt Jean Baptiſte Drouet!“ „Gut,“ verſetzte Olivier,„ich werde wachen; reite!“ Iſidor ſprengte im Galopp weg, um die Pferde in Clermont zu beſtellen. Kaum iſt er am Ende der Stadt, als angeſpornt durch die dringenden Ermahnungen der Herren von Malden und von Valory und durch das Verſprechen eines Tha⸗ lers Trinkgeld die Poſtillons die Wagen in ſcharfem Trabe fortführen. Der Graf hat Drouet nicht aus dem Geſichte verloren. Drouet hat ſich nicht gerührt; nur hat er leiſe mit einem Stallknecht geſprochen. Charny tritt auf ihn zu und ſagt zu ihm: „Mein Herr, iſt nicht ein Pferd für mich beſtellt worden?“ „Doch, mein Herr,“ antwortet Drouet,„aber es ſind keine Pferde mehr vorhanden.“ „Wie! es ſind keine Pferde mehr vorhanden?“ — 328 3 verſetzt der Graf;„was für ein Pferd iſt denn das, welches man eben im Hofe ſattelt, mein Herr?“ „Das meinige.“ „Können Sie mir es nicht abtreten, mein Herr? Ich werde bezahlen, was Sie wollen.“ „Unmöglich, mein Herr, es iſt ſpät, und ich muß noch einen Ritt machen, den ich nicht verſchieben kann.“ Beharren heißt Verdacht erregen; es verſuchen, das Pferd mit Gewalt zu nehmen, heißt Alles gefährden. Charuy hatte überdies ein Mittel gefunden, welches Alles ausgleicht. Er geht auf Herrn Dandoins zu, der dem Wa⸗ gen des Königs mit den Augen bis zu der Biegung der Straße gefolgt iſt. Herr Dandvins fühlt, daß ſich eine Hand auf ſeine Schulter legt. Er wendet ſich um. „Stille!“ flüſtert ihm Olivier zu,„ich bin es, der Graf von Charny... Es gibt kein Pferd mehr für mich auf der Poſt... Laſſen Sie mir von einem Ihrer Dragoner das ſeinige abtreten; ich muß dem Kö⸗ nig und der Königin folgen! Ich allein weiß, wo das Relais von Herrn von Choiſenl iſt, und wenn ich nicht dabei bin, bleibt der König in Varennes.“ „Graf,“ antwortet Herr Dandoins,„nicht das Pferd von einem meiner Leute werde ich Ihnen geben, ſondern eines von den meinigen.“ „Ich nehme es an. Das Heil des Königs und der königlichen Familie hängt von dem geringſten Unfall ab. Je beſſer das Pferd iſt, deſto beſſer wird die Chance ſein.“ Und Beide entfernen ſich durch die Straßen und gehen nach der Wohnung des Marqnis Dandoins. Ehe ſie ſich entfernen, hat Charny einen Quar⸗ —— — 8 es a⸗ er ne er ür vo ch as n er ll ie nd 3²9 tiermeiſter beauſtragt, alle Bewegungen von Drouet zu beobachten. Zum Unglück iſt das Haus des Marquis fünfhundert Schritte vom Platze entfernt. Bis die Pferde geſattelt ſind, wird man wenigſtens eine Viertelſtunde verloren haben; wir ſagen, die Pferde, denn Herr Dandoins will auch aufſitzen, um nach dem Befehle, den ihm der König gegeben, mit ſeinen Leuten durch eine Wen⸗ hinter dem Wagen zu reiten und die Nachhut zu den. Plötzlich ſcheint es Charny, als hörte er ein ge⸗ waltiges Geſchrei und mit dieſem Geſchrei vermiſcht die Worte:— „Der König! die Königin.“ Er ſtürzt aus dem Hauſe und erſucht Herrn Dan⸗ doins nur noch, ihm ſein Pferd auf den Platz führen zu laſſen. ſ Es iſt in der That die ganze Stadt im Aufruhr. Kaum haben Herr Dandoins und Charny den Platz verlaſſen, da ruft Drouet, als hätte er nur dieſen Au⸗ genblick abgewartet, um auszubrechen: „Der Wagen, der ſo eben hier durchgekommen, iſt der Wagen des Königs! Und der König, die Königin und die Kinder von Frankreich befinden ſich in dieſem Wagen!“ Und er ſchwingt ſich auf ſein Pferd. Mehrere von ſeinen Freunden verſuchen es, ihn zu⸗ rückzuhalten. „Wohin geht er? was will er thun? was iſt ſein Vorhaben?“ Er antwortet ihnen leiſe: „Der Oberſt und das Dragoner⸗Detachement waren da. Unmöglich, den König feſtzuhalten, ohne eine Collifion, welche eine ſchlimme Wendung für uns neh⸗ men konnte. Was ich hier nicht gethan habe, werde ich 1 330 in Clermont thun... Haltet die Dragoner zurück, das iſt Alles, was ich von Euch verlange.“ Und er reitet im Galopp auf der Spur des Königs weg. Da verbreitet ſich das Gerücht, der König und die Königin ſeien in dem Wagen, welcher durchgefah⸗ ren, und das Geſchrei, das bis zu Charny dringt, wird hörbar. Auf dieſes Geſchrei ſind der Maire und die Muni⸗ eipalität herbeigelaufen, und der Maire fordert die Dra⸗ goner auf, in die Kaſerne zurückzukehren, da es acht Uhr geſchlagen habe. Charny hat Alles gehört: der König iſt erkannt, Drouet iſt abgegangen; er ſtampft vor Ungeduld mit den Füßen. In dieſem Augenblick kommt Herr Dandoins auf ihn zu. Die Pferde! die Pferde!“ ruft Charny, ſo bald er ihn von fern erblickt. „Man bringt ſie auf der Stelle,“ antwortet Herr Dandoins.. „Haben Sie Piſtolen in die Holfter des meinigen ſtecken laſſen?“. „Jat“ „Sind ſie in gutem Stande?“ „Ich habe ſie ſelbſt geladen.“ „Gut! Nun hängt Alles von der Geſchwindigkeit Ihres Pferdes ab. Ich muß einen Mann, der ſchon faſt eine Viertelſtunde Vorſprung vor mir hat, einholen und ihn tödten!“ „Wie! Sie müſſen ihn tödten?“ „Ja! Wenn ich ihn nicht tödte, iſt Alles ver⸗ loren!“ „Alle Teufel! dann gehen Sie den Pferden ent⸗ gegen.“ „Bekümmern Sie ſich nicht um mich; beſchäſtigen 3 it uf er rr n 331 Sie ſich wit Ihren Dragonern, die man zu einer Meu⸗ terei anwirbt... Sehen Sie dort den Maire, der ſie haranguirt? Sie haben ebenſo wenig Zeit zu verlieren; gehen Sie, gehen Sie!“ In dieſem Augenblick kommt der Bediente mit den zwei Pferden. Charny ſpringt auf das Gerathewohl auf dasjenige, welches ſich näher bei ihm befindet, entreißt die Zügel den Händen des Bedienten, faßt ſie zuſammen und jagt wie eine Windsbraut Drouet auf der Spur nach, ohne genau die letzten Worte zu verſtehen, die ihm der Mar⸗ quis Dandoins zuwirft. Dieſe letzten Worte, die der Wind fortgetragen, ſind jedoch wohl von Gewicht. „Sie haben mein Pſerd ſtatt des Ihrigen genom⸗ men, und es ſind Ihre Piſtolen nicht geladen!“ hat Herr Dandoins gerufen. LXXXII. verhängniß. Indeſſen flog der Wagen des Königs, dem Iſidor voranritt, auf der Straße von Sainte⸗Menehould nach Clermont. Der Tag neigte ſich, wie geſagt; es hatte acht Uhr geſchlagen, und der Wagen drang in den Wald von ein, der gleichſam rittlings auf der Landſtraße itzt. Charny hatte die Königin nicht von der Unannehm⸗ — 382 lichkeit, die ihn zurückhielt, in Kenntniß geſetzt, da der königliche Wagen weggefahren war, ehe Drouet geant⸗ wortet, es gebe keine Pferde mehr. Als ſie vor die Stadt kam, bemerkte die Königin, daß ihr Cavalier den Schlag ihres Wagens verlaſſen hatte, doch es war weder möglich, den Lauf zu hemmen, noch die Poſtillons zu befragen. Zehnmal vielleicht neigte ſie ſich aus dem Wagen, um zurückzuſchauen; ſie entdeckte aber nichts. Einmal glanbte ſie einen Reiter zu unterſcheiden, der in großer Entfernung galoppirte; doch dieſer Reiter fing ſchon an ſich in den wachſenden Schatten der Nacht zu verlieren. Mittlerweile, denn zum Verſtändniſſe der Ereigniſſe und um jeden Punkt dieſer entſetzlichen Reiſe klar zu machen, müſſen wir abwechſelnd von einem Schauſpieler zum andern übergehen, mittlerweile, das heißt, während Iſdor als Courier dem Wagen eine Viertelmeile vor⸗ anreitet, während der Wagen det Landſtraße von Sainte⸗ Menehould nach Clermont folgt und in den Wald von Argonne eindringt, während Drouet dem Wagen nach⸗ jagt und Charny Drouet nachſetzt, kehrt der Marquis Dandoins zu ſeiner Schaar zurück und läßt zum Auf⸗ ſißen blaſen. Doch die Soldaten, die es verſuchen, ſich in Marſch zu ſetzen, finden die Straßen dergeſtalt mit Menſchen verſperrt, daß die Pferde keinen Schritt vorwärts ma⸗ chen können. Mitten unter dieſer Menge ſind dreihundert Mann Nationalgarde in Uniform und mit der Muskete in der Hand. Den Kampf wagen, und Alles deutet an, er werde heftig ſein, heißt den König in's Verderben ſtürzen. Beſſer iſt es, zu bleiben und bleibend all dies Volk zurückzuhalten. Herr Dandoins parlamentirt mit ihm, er fragt die Führer, was ſie wollen, was ſie wünſchen, 333 der und warum dieſe Drohungen und feindſeligen Demon⸗ nt⸗ in, ſen en, en, ſtrativnen. Während dieſer Zeit wird der König Cler⸗ mont erreichen und hier Herrn von Damas mit ſeinen hundertundvierzig Dragonern finden. Hätte er hundertundvierzig Dragoner wie Herr von Damas, ſo würde der Marquis Dandoins etwas ver⸗ ſuchen; doch er hat nur dreißig. Was thun mit dreißig Dragonern gegen drei bis viertauſend Menſchen? Parlamentiren, und das iſt es, wie geſagt, was er thut. Um halb zehn Uhr kommt der Wagen des Kö⸗ nigs, dem Iſidor nur auf ein paar hundert Schritte voranreitet, während die Poſtillons raſch gefahren ſind, in Clermont anz er hat nicht mehr als fünf Viertelſtunden gebraucht, um die vier Meilen zurückzulegen, welche die eine Stadt von der andern trennen. Das erklärt bis auf einen gewiſſen Grad der Köni⸗ gin die Abweſenheit von Charny. Er wird ſie auf der Station einholen. Vor der Stadt erwartet Herr von Damas den Wagen des Königs. Er iſt von Leonard in Kenntniß geſetzt worden; er erkennt die Livee des Couriers und hält Iſidor an. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſpricht er,„es iſt wohl der König, dem Sie voranreiten?“ „Und Sie, mein Herr,“ fragt Charny,„Sie ſind wohl Graf Charles Damas?“ 3 „Nun wohl, mein Herr, ich reite in der That dem önig voran. Verſammeln Sie Ihre Dragoner und escortiren Sie den Wagen Seiner Majeſtät.“ „Mein Herr,“ antwortete der Graf,„es weht durch die Lüfte ein Aufruhrwind, der mich erſchreckt, und ich muß Ihnen geſtehen, daß ich nicht für meine Dragoner hafte, wenn ſie den König erkennen. Alles, was ich Ihnen verſprechen kann, iſt, daß ich, ſobald der Wagen 334 paſſirt iſt, meine Mannſchaft hinter ihm zuſammenziehen und die Straße ſchließen werde.“ „Thun Sie Ihr Möglichſtes, mein Herr. Hier kommt der König.“ Und er deutet mitten in der Finſterniß auf den ankommenden Wagen, deſſen Lauf man nach den Fun⸗ ken, welche unter den Hufen der Pferde auſſprühen, ver⸗ folgen kann. Die Pflicht Iſidors iſt es, voranzueilen und die Relais zu beſtellen. Fünf Minuten nachher hält er vor dem Poſthauſe; beinahe zu gleicher Zeit mit ihm kommen Herr von Da⸗ mas und fünf bis ſechs Dragoner an. Dann der Wagen des Königs. 3 Der Wagen des Königs folgt Iſidor ſo nahe, daß er nicht Zeit gehabt hat, wieder zu Pferde zu ſteigen. Dieſer Wagen, ohne prächtig zu ſein, iſt ſo bemerkbar, daß viele Perſonen ſich vor dem Hauſe des Poſtmeiſters zuſammenzuſchaaren anfingen. Herr von Damas verweilte dem Schlage gegenüber, ohne entfernt nur den Anſchein zu haben, als kenne er die hohen Reiſenden. Doch weder der König, noch die Königin konnten dem Verlangen widerſtehen, Erkundigungen einzuziehen. Auf der einen Seite winkte der König Herrn von Damas, auf der andern winkte die Königin Iſidor. „Sie ſind es, Herr von Damas?“ fragte der KFönig. „Ja, Sire.“ „Warnm ſind Ihre Dragoner nicht unter den Waffen?“ „Sire, Eure Majeſtät iſt um fünf Stunden im Verzug. Meine Schwadron war ſeit vier Uhr heute Nachmittag zu Pferde Ich habe die Sache ſo lange als möglich hinausgezogen; doch die Stadt fing an in Bewegung zu gerathen, meine Dragoner ſelbſt ſtellten en ier den un⸗ 6 die ſe Ja⸗ aß en. ar, ers er, ten en. von der den ute nge in ten 335 beunruhigende Vermuthungen auf. Kam die Gährung vor dem Durchzuge Eurer Majeſtät zum Ausbruch, ſo erſcholl die Sturmglocke, und die Straße war verſperrt. Ich habe alſo nur ein Dutzend Mann zu Pferde behal⸗ ten und den Andern in ihre Wohnungen zurückzukehren befohlen; nur habe ich die Trompeter bei mir einge⸗ ſchloſſen, um ſie, ſobald es nöthig wäre, zum Aufſitzen blaſen zu laſſen. Eure Majeſtät ſieht übrigens, daß Alles auf das Beſte ſteht, da die Straße frei iſt.“ „Sehr gut, mein Herr,“ erwiedert der König,„Sie haben als ein kluger Mann gehandelt. Sobald ich abgefahren bin, laſſen Sie zum Aufſitzen blaſen, und Sie folgen dem Wagen auf ungefähr eine Viertelmeile.“ „Sire,“ ſprach die Königin,„wollen Sie hören, was Herr Iſidor von Charny ſagt?“ „Und was ſagt er?“ fragte der König mit einer gewiſſen Ungeduld. „Sire, er ſagt, Sie ſeien vom Sohne des Poſt⸗ meiſters von Sainte⸗Menehould erkannt worden; er wiſſe das gewiß; er habe dieſen jungen Mann, ein Aſſignat in der Hand, ſich von der Aehnlichkeit Ihres Portraits, dieſes mit Ihnen ſelbſt vergleichend, verſichern ſehen; von Herrn Iſidor unterrichtet, ſei ſein Bruder zu⸗ rückgeblieben, und ohne Zweifel gehe in dieſem Angen⸗ blick etwas Ernſtes vor, da wir den Herrn Grafen von Charny nicht zurückkommen ſehen.“ „Wenn wir erkannt worden ſind, ſo iſt dies ein Grund mehr, daß wir uns beeilen, Madame.“ „Herr Iſidor, treiben Sie die Poſtillons an und reiten Sie voraus.“ Das Pferd von Iſidor war bereit. Der junge ſchwang ſich in den Sattel und rief den Poſtil⸗ ons zu: „Straße nach Varennes!“. Die zwei Gardes du corps, welche auf dem Bocke ſaßen, wiederholten:„Straße nach Varennes!“ 336 Herr von Damas wich zurück, indem er ehrerbietig den König grüßte, und die Poſtillons ſprengten ihre Pferde an. Der Wagen war in einem Augenblick umgeſpannt und entfernte ſich mit der Geſchwindigkeit des itzes. Als er aus der Stadt hinausfuhr, kreuzte er ſich mit einem Quartiermeiſter von den Huſaren, welcher eben eintritt. Herr von Damas hatte einen Angenblick den Ge⸗ danken, dem Wagen des Königs mit den paar Leuten, über die er verfügen konnte, zu folgen, doch der König hatte ihm ganz entgegengeſetzte Befehle gegeben; er glaubte dieſen Befehlen um ſo mehr entſprechen zu müſ⸗ ſen, als ſich eine gewiſſe Aufregung in der Stadt zu verbreiten anfing. Die Bürger liefen von Hauſe zu Hauſe; die Fenſter öffneten ſich, und man ſah daran“ ſowohl Köpfe als Lichter erſcheinen. Herr von Damas bekümmerte ſich nur um Eines: um die Sturmglocke, welche geläutet werden konnte, und er lief nach der Kirche und bewachte ihre Thüre. Ueberdies ſollte jeden Augenblick Herr Dandvins mit ſeinen dreißig Mann ankommen und ihn verſtärken. Alles ſchien ſich indeſſen zu beruhigen. Nach einer Viertelſtunde kam Herr von Damas auf den Platz zu⸗ rück. Er fand hier ſeinen Escadronchef Herrn von Noirville; er gab ihm Inſtructionen für den Weg und eſh ihm, die Mannſchaft unter die Waffen treten zu laſſen. In dieſem Augenblick meldete man Herrn von Da⸗ mas, ein von Herrn Dandvins abgeſchickter Dragoner⸗ Unterofficier erwarte ihn in ſeiner Wohnung. Dieſer Unterofficier zeigte ihm an, daß er weder Herrn Dandvins, noch ſeine Dragoner zu erwarten habe, da Herr Dandvins auf der Municipalität von den Bür⸗ gern von Sainte⸗Menehonld zurückgehalten werde; daß 337 überdies, was Herr von Damas ſchon wußte, Drouet mit verhängten Zügeln weggeritten ſei, um dem Wagen zu ſolgen, den er wahrſcheinlich nicht zu erreichen ver⸗ mocht, da man ihn nicht in Clermont geſehen. Herr von Damas war ſo weit mit den ihm von dem Unterofficier vom Regiment Royal gegebenen Nachrichten, als man ihm eine Ordonnanz der Huſaren von Lauzun meldete. Dieſe Ordonnanz war von Herrn von Rohrig abge⸗ ſchickt worden, der mit den Herren von Byuillé Sohn und von Raigecourt den Poſten von Varennes befehligte. Beſorgt, daß ſie die Stunden verlaufen ſahen, ohne daß Jemand kam, ſchickten dieſe wackeren Edelleute zu Herrn von Damas, um ſich erkundigen zu laſſen, ob er Nach⸗ richten vom König habe. „In welchem Zuſtand haben Sie den Poſten von Varennes verlaſſen?“ fragte vor Allem Herr von Damas. „Vollkommen ruhig,“ antwortete die Ordonnanz. „Wo ſind die Huſaren?“ „In der Kaſerne mit den geſattelten Pferden.“ „Sind Sie keinem Wagen auf der Straße begegnet?“ „Doch, einem Wagen mit vier Pferden und einem mit zwei.“ „Das ſind die Wagen, nach welchen Sie ſich er⸗ kundigen wollten. Alles geht gut,“ ſagte Herr von Damas. Wonach er in ſeine Wohnung zurückkehrte und den Trompetern zum Aufſitzen zu blaſen befahl. Er ſchickte ſich an, dem König zu folgen und ihm, wenn es nöthig wäre, bewaffneten Beiſtand zu leiſten. Fünf Minuten nachher blieſen die Trompeter. Alles ging alſo auf das Beſte, abgeſehen von dem Unfall, der in Sainte Menehould die dreißig Mann von Herrn Dandoins zurückhielt. Die Gräfin von Charny. IW. 22 — 338 Doch mit ſeinen vierzig Dragonern würde wohl Herr von Damas dieſes Zuwachſes von Kräften ent⸗ behren können. Kehren wir zum Wagen des Königs zurück, der, ſtatt von Clermont abgehend der geraden Linie zu folgen, welche nach Verdun führt, ſich nach links gewandt hat und auf der Straße nach Varennes fortrollt. Wir haben die topographiſche Lage der in eine obere und eine untere Stadt abgetheilten Stadt Varen⸗ nes angegeben; wir haben geſagt, es ſei beſchloſſen wor⸗ den, die Pferde am Ende der Stadt, auf der Seite von Dun, zu wechſeln, und wie man müſſe, um dahin zu ge⸗ langen, die Straße, die den Abhang hinaufſteige, ver⸗ laſſen, dann die Straße nehmen, weiche nach der Brücke führe, dieſe Brücke unter dem Gewölbe des Thurmes durch paſſiren und das Relais von Herrn von Choiſeul erreichen, um welches die Herren von Bouillé und von Raigecourt wachen ſollten. Herrn von Rohrig, einen zwanzigjährigen jungen Officier, hatte man nicht in das Vertrauen gezogen, und er glaubte hieher gekommen zu ſein, um eine Geldſendung für das Heer zu escortiren. Bei dieſem ſchwierigen Punkte angelangt, ſollte übri⸗ gens, wie man ſich erinnert, Herr von Charny den kö⸗ niglichen Wagen in dem Irrſale der Straßen führen; Charny iſt vierzehn Tage in Varennes geblieben, er hat Alles ſtudirt, Alles aufgenommen; es gibt keinen Weich⸗ ſtein, der ihm nicht bekannt, kein Gäßchen, mit dem er nicht vertraut iſt. Zum Unglück iſt Charny nicht da. Die Unruhe verdoppelt ſich auch bei der Königin. Daß Charny unter ſolchen Umſtänden den Wagen nicht einholt, muß ihm ein ernſter Unfall widerfahren ſein! Da man ſich Varennes nähert, wird der König ſelbſt unruhig; auf Charny zählend, hat er nicht einmal den Plan der Stadt mitgenommen. Dann iſt die Nacht ganz finſter und nur durch die — —— —— hl t⸗ er, n, at ne n⸗ or⸗ on ge⸗ er⸗ icke nes eul on nen das zu en. ri⸗ kö⸗ en; hat ich⸗ er gin. icht 1 nig mal die 33⁵ Sterne erleuchtet; es iſt eine von den Nächten, in denen man ſich leicht ſelbſt bei bekannten Oertlichkeiten verirrt, um ſo mehr in den Krümmungen einer fremden Stadt. Iſidor hatte die Weiſung, die ihm Charny ſelbſt gegeben, vor der Stadt anzuhalten. Dort würde ihn ſein Bruder ablöſen und, wie geſagt, ſelbſt die Führung der kleinen Caravane über⸗ nehmen. Doch Iſidor wurde, wie die Königin und vielleicht ebenſo ſehr als die Königin, unruhig über die Abweſen⸗ heit ſeines Bruders. Die einzige Hoffnung, die ihm blieb, war, Herr von Bouillé oder Herr von Raigecourt ſeien in ibrer Ungeduld dem König entgegengeritten und warten dieſſeits Vareunes. Da ſie ſich ſeit ein paar Tagen in der Stadt befinden, ſo werden ſie dieſe kennen und leicht als Führer dienen. Als er unten an den Hügel kam und ein paar ſpär⸗ liche Lichter in der Stadt glänzen ſah, hielt Iſidor auch unentſchloſſen an, ſchaute umher und ſuchte die Finſter⸗ niß mit ſeinem Blicke zu durchdringen. Er ſah nichts. Da rief er mit leiſer Stimme, dann laut, dann endlich mit voller Stimme den Herren von Bouillé und von Raigecourt. Niemand antwortete. Man hörte das Rollen des Wagens, der von einer Viertelmeile wie ein entfernter Donner allmälig ſich nähernd herbeifuhr. Da kam Iſidor ein Gedanke. Dieſe Herren waren vielleicht im Saume des Waldes verborgen, der ſich links vom Wege hinzog. Er trat in den Wald ein und durchforſchte den ganzen Saum. Riemand! Er konnte keinen andern Entſchluß faſſen, als den, zu warten, und er wartete. — Nach fünf Minuten hatte ihn der Wugen des Kö⸗ nigs erreicht. Die beiden Köpfe des Königs und der Königin beugten ſich zu den beiden Seiten des Wagens heraus. Ihre beiden Stimmen fragten gleichzeitig: „Sie haben den Herrn Grafen von Charny nicht geſehen?“ „Sire,“ erwiederte Iſidor,„ich habe ihn nicht ge⸗ ſehen, und da er nicht hier iſt, ſo muß ihm in der Ver⸗ folgung des unglücklichen Drouet ein ernſter Unfall widerfahren ſein.“ Die Königin ſtieß einen Seufzer aus. Was iſt zu thun?“ ſagte der König. Dann ſich an die zwei Gardes du corps wendend, welche abgeſtiegen waren: „Kennen Sie die Stadt, meine Herren?“ Niemand kannte ſie, und die Antwort war verneinend. „Sire,“ ſagte Iſidor,„Alles iſt ſtille, und es ſcheint folglich Ales ruhig zu ſein. Eure Majeſtät wolle die Gnade haben, zehn Minuten hier zu warten. Ich will in die Stadt reiten und Rachricht von den Herrn von Bouillé und von Raigecvurt oder wenigſtens über das Relais von Herrn von Choiſeul zu erhalten ſuchen. Eure Majeſtät erinnert ſich nicht des Namens des Gaſthofes, wo die Pferde warten ſollen?“ „Ach! nein,“ erwiederte der König,„ich habe ihn gewußt, doch wieder vergeſſen. Gleichviel, gehen Sie im⸗ merhin; wir werden mittlerweile hier einige Erkundigun⸗ gen einzuziehen ſuchen.“ Iſidor ſprengte in der Richtung der unteren Stadt fort und verſchwand bald hinter den erſten Häuſern. d. es lle Ich rrn s ure es, hu m⸗ un⸗ adt 341 LXXXIII. Zean Vaptiſte Drouet. Das Wort des Königs:„Wir wollen hier ei⸗ nige Erkundigungen einziehen,“ wurde erklärt durch die Gegenwart von ein paar Häuſern, vorgerückten oſten der oberen Stadt, auf der rechten Seite der Straße. Eines von dieſen Häuſern, das nächſte, war beim Geräuſche der zwei Wagen geöffnet worden, und man hatte Licht durch die Oeffnung der Thüre erſchaut. Die Königin ſtieg aus, nahm den Arm von Herrn von Malden und wandte ſich nach dem Hauſe. Doch als ſie hinzukamen, wurde die Thüre wieder geſchloſſen. Dieſe Thüre war aber nicht ſo raſch zugedrückt worden, daß Herr von Malden, der die wenig gaſtfreundlichen Abſichten des Hausherrn wahrgenommen, nicht Zeit ge⸗ habt hatte, an das Haus zu laufen und die Thüre feſt⸗ zuhalten, ehe der Riegel in die Schließkappe eingefal⸗ len war.„ Unter der Erſchütterung von Herrn von Malden, und trotz der Gegenanſtrengung, öffnete ſich die Thüre wieder. Hinter der Thüre ſtand ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mit nackten Beinen, in einen Schlafrock gehüllt und die Füße in Pantoffeln. Nicht ohne ein gewiſſes Erſtaunen, wie man leicht begreift, fühlte der Mann mit dem Schlafrocke ſich in ſein Haus zurückgedrängt und ſah ſeine Thüre ſich unter — 342 dem Drucke eines Unbekannten öffnen, hinter welchem eine Frau ſtand. Der Mann mit dem Schlafrock warf einen raſchen Blick auf die Königin, deren Geſicht durch die Kerze, die er in der Hand hielt, beleuchtet war, und bebte. „Was wollen Sie, mein Herr?“ fragte er Herrn von Malden. „Mein Herr,“ antwortete der Garde du corps, „wir kennen Varennes nicht, und wir bitten Sie, ſo gut zu ſein, uns den Weg nach Stenay zu zeigen.“ „Und wenn ich es thue,“ verſetzte der Unbekannte, „und wenn man erfährt, daß ich Ihnen dieſe Auskunft gegeben habe, und ich, weil ich ſie Ihnen gegeben, ver⸗ loren bin?“ „Ah! mein Herr,“ erwiederte der Garde du corps, „ſollten Sie auch eine Gefahr laufen, wenn Sie uns dieſen Dienſt leiſten, ſo ſind Sie doch zu artig, um nicht einer Frau gefällig zu ſein, welche ſich in einer bedroh⸗ lichen Lage befindet.“ „Mein Herr,“ entgegnete der Mann mit dem Schlaf⸗ rocke,„die Perſon, welche hinter Ihnen ſteht, iſt keine rau Er näherte ſich dem Ohre von Herrn von Malden und flüſterte ihm zu: „Es iſt die Königin!“ „Mein Herr!“ „Ich habe ſie erkannt.“ Die Königin, welche gehört oder errathen hatte, was zog Herrn von Malden zurück und ſagte zu ihm: „Ehe wir weiter gehen, benachrichtigen Sie den König, daß ich erkannt worden bin.“ Herr von Malden hatte in einer Secunde dieſen Auftrag vollzogen. „Nun! ſo bitten Sie dieſen Mann, hierher zu kommen, um mit mir zu reden,“ ſprach der König. f⸗ ne en 343 Herr von Malden kehrte zurück und ſagte, da er dachte, es ſei unnöthig, ſich zu verſtellen: „Mein Herr, der König wünſcht Sie zu ſprechen.“ Der Mann ſtieß einen Seufzer aus, ließ ſeine Pan⸗ toffeln fallen und ging, um weniger Geräuſch zu ma⸗ chen, mit nackten Füßen auf den Wagenſchlag zu. „Ihr Name, mein Herr?“ fragte ihn der König vor Allem. „Herr von Préfontaine, Sire,“ antwortete er zögernd. „Was ſind Sie?“ „Cavalerie-Major und Ritter des königlichen und militäriſchen Ordens vom heiligen Ludwig.“ „In Ihrer doppelten Eigenſchaft als Major und als Ritter vom heiligen Ludwig haben Sie mir zwei⸗ mal den Eid der Treue geſchworen; es iſt alſo Ihre Pflicht, mir in der Verlegenheit, in der ich mich befinde, beizuſtehen.“ „Gewiß,“ ſtammelte der Major;„doch ich bitte (r Majeſtät inſtändig, ſich zu beeilen, man könnte mich ſehen.“ „Ei! mein Herr,“ verſetzte Herr von Malden, „wenn man Sie ſehen würde, deſto beſſer! Sie werden nie eine ſo ſchöne Gelegenheit gehabt haben, Ihre Pflicht zu thun.“ Der Major, deſſen Anſicht dies nicht zu ſein ſchien, ſtieß einen zweiten Seufzer aus. Die Königin zuckte mitleidig die Achſeln und ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf den Boden. Der König machte ihr ein Zeichen und ſprach dann zum Major: „Mein Herr, ſollten Sie zufällig gehört haben, Pferde erwarten einen Wagen, der paſſiren werde, und haben Sie Huſaren geſehen, welche ſeit geſtern in der Stadt ſtationiren?“ 50 „Ja, Sire, Pferde und Huſaren find jenſeits der 344* Stadtt die Pferde im Gaſthauſe zum Großen Monarchen, die Huſaren wahrſcheinlich in der Kaſerne.“ „Ich danke, mein Herr... Gehen Sie nun in Ihr Haus zurück. Niemand hat Sie geſehen.... es wird Ihnen alſo nichts geſchehen.“ „Sipe nohit Ohne weiter zu hören, reichte der König der Köni⸗ gin die Hand, um ihr in den Wagen ſteigen zu helfen, und ſich an die Gardes du corps wendend, welche auf ſeine Befehle warteten, ſagte er: „Meine Herren, auf Ihren Sitz und nach dem Großen Monarchen.“ Die beiden Officiere nahmen ihre Plätze wieder ein und riefen den Poſtillons zu:„Nach dem Großen Mo⸗ narchen!“ Doch in demſelben Angenblick ſprengte eine Art von Schatten zu Pferde, ein phantaſtiſcher Reiter, aus dem Walde hervor, durchſchnitt die Straße in einer ſchrägen Linie und rief: „Poſtillons, keinen Schritt weiter!“ „Warum nicht?“ fragten erſtaunt die Poſtillons. „Weil Ihr den König fahrt, der flieht. Doch im Namen der Nation befehle ich Euch: rührt Euch nicht.“ Die Poſtillons, welche ſchon eine Bewegung ge⸗ macht hatten, um den Wagen fortzuführen, hielten an und murmelten: „Der König!“ Ludwig KVI. ſah, daß der Augenblick entſchei⸗ dend war. „Mein Herr,“ rief er,„wer ſind Sie denn, daß Sie hier Befehle geben?“ „Ein einfacher Bürger... nur vertrete ich das Geſetz, und ich ſpreche im Namen der Nation. Poſtillons, rührt Euch nicht, ich befehle es Euch zum zweiten Male! Ihr kennt mich wohl: ich bin Jean Baptiſte Drouet, der Sohn des Poſtmeiſters von Sainte⸗Menehould.“ — ——„ N N —— , in es i⸗ n, uf in 6 on m en 4 K an ei⸗ as 8, e et, 345 „Oh! der Unglückliche!“ riefen die zwei Gardes du corps, indem ſie von ihren Sitzen aufſprangen und ihre Jagdmeſſer zogen,„er iſt es!“ Doch ebe ſie den Boden erreicht hatten, war Drouet in die Straßen der untern Stadt geſprengt. „Ach! Charny! Charny!“ murmelte die Königin, „was iſt aus ihm geworden?“ Und ſie ſank in den Wagen zurück, faſt gleichgültig gegen das, was vorgehen würde. Was war Charny begegnet und warum hatte er Drouet entkommen laſſen? Immer das Verhängniß! Das Pferd von Dandoins war ein guter Läufer, Dronet hatte aber zwanzig Minuten Vorſprung vor dem Grafen. Dieſe zwanzig Minuten mußten eingeholt werden. Charny ſtieß ſeinem Pferde beide Sporen in den Bauch, das Thier ſprang auf, ſchnanbte Rauch durch ſeine Rüſtern und jagte davon. Drouet ſeinerſeits, ohne zu wiſſen, daß er verfolgt wurde, ritt im ſtärkſten Galopp. Nur hatte Dronet einen Poſtklepper und Charny ein Vollblutpferd. In Folge hievon hatte Charny nach einer Meile Drouet ein Drittel des Weges abgerungen. Da bemerkte Drouet, daß er verfoigt wurde, und er verdoppelte ſeine Anſtrengungen, um demjenigen zu ent⸗ kommen, der ihn zu erreichen drohte. Am Ende der zweiten Meile hatte Charny in dem⸗ ſelben Verhältniß Weg gewonnen, und Drouet wandte ſich öfter und mit einer wachſenden Beſorgniß um. Drouet war ſo raſch von Hauſe weggeritten, daß er keine Waffen mitgenommen. Der junge Patriot fürchtete nicht den Tod— das hat er ſeitdem bewieſen,— ſondern er befürchtete, in ſeinem Laufe aufgehalten zu werden, er befürchtete, den König 346 entfliehen zu laſſen, er befürchtete, dieſe unſelige Gelegen⸗ heit die ihm geboten war, ſeinen Namen auf immer be⸗ rühmt zu machen, könnte ihm entgehen. Er hatte noch zwei Meilen zurückzulegen, ehe er nach Clermont kam; doch man würde ihn offenbar am Ende der zweiten Meile, oder vielmehr der dritten ſeit ſeinem Abgange von Sainte⸗Menehould, erreicht haben. Und um ſeinen Eifer anzuſtacheln, fühlte er doch den Wagen des Königs vor ſich. Wir ſagen, er fühlte, denn es war ungefähr halb zehn Uhr Abends, und obgleich man in den längſten Ta⸗ gen des Jahres, fing es doch an Nacht zu werden⸗ Dronet verdoppelte ſeine Sporenſtiche und ſeine Peitſchenhiebe. Er war nur noch drei Viertelmeilen von Clermont, doch Charny war nur noch zweihundert Schritte von ihm entfernt. 5 Ohne allen Zweifel wußte Dronet, daß es in Va⸗ rennes keine Poſt gab, ohne allen Zweifel würde der König ſeine Fahrt über Verdun fortſetzen. Dronet fing an zu verzweifeln: ehe er den König erreicht hätte, würde er ſelbſt erreicht worden ſein. Eine halbe Meile von Clermont hörte er den Galopp des Pferdes von Charny das ſeinige bedrängend, und das Gewieher des Pferdes von Charny auf das Gewieher ſeines Pferdes antwortend. Er mußte auf die Verfolgung verzichten oder ſich entſchließen, ſeinem Gegner die Stirne zu bieten, und um ſeinem Gegner die Stirne zu bieten, hatte Drouet, wie geſagt, keine Waffen. Plötzlich, da Charny nur noch fünfzig Schritte von ihm entfernt iſt, begegnen ihm Poſtillons, die auf ausgeſpannten Pferden zurückkehrten. Drouet erkennt diejenigen, welche die Wagen des Königs geführt aben. „—— 8— ſ k —— * — 347 „Ah!“ ruſt er,„Ihr ſeid es? Straße nach Verdun, nicht wahr?“ „Wie! Straße nach Verdun?“ fragten die Po⸗ ſtillons. „Ich ſage, die Wagen, die Ihr gefahren, haben ihren Weg nach Verdun genommen,“ wiederholte Drouet. Und ſein Pferd mit einer letzten Anſtrengung zur Eile antreibend, reitet er an ihnen vorbei. „Nein,“ rufen ihm die Poſtillons nach,„Straße nach Varennes.“ Drouet brüllt vor Freude. Er iſt gerettet, und der König iſt verloren. Hätte der König die Straße nach Verdun verfolgt, ſo war er genöthigt, da der Weg eine gerade Linie von Sainte⸗Menehould nach Verdun zog, der geraden Straße zu folgen. Doch der König hat den Weg von Varennes nach Clermont eingeſchlagen; die Straße von Varennes wirft ſich nach links in einem beinahe ſpitzigen Winkel. Drouet ſprengt in den Wald von Argonne, deſſen Wege und Stege er alle kennt; den Wald ſchräge durch⸗ ſchneidend, wird er dem König eine Viertelſtunde zuvorkommen; überdies wird ihn die Dunkelheit des Waldes beſchützen. Charny, der die allgemeine Topographie beinahe eben ſo gut kennt, als Drouet, begreift, daß Drouet ihm ent⸗ kommt, und gibt einen Schrei des Zorns von ſich. Beinahe zu gleicher Zeit mit Drouet treibt er ſein Pferd auf die ſchmale Ebene, welche die Landſtraße vom Walde trennt, und ruft: „Halt an! halt an!“ Doch Drouet hütet ſich wohl, zu antworten; er neigt ſich auf den Hals ſeines Pferdes, ſtachelt es mit den Sporen, der Reitpeitſche und der Stimme an. Er erreicht den Wald; das iſt Alles, was er braucht; er iſt gerettet. 348 Er wird den Wald erreichen, nur wird er, um ihn zu erreichen, auf zehn Schritte an Charny vorüber⸗ kommen. Charny nimmt eine von ſeinen Piſtolen, zielt auf Drouet und ruft ihm zu: „Halt! oder Du biſt des Todes!“ Drouet neigt ſich noch tiefer auf den Hals ſeines Pferdes und preßt es noch ſtärker. Charny drückt los, doch die Funken des Steines, welche auf die Batterie fallen, glänzen allein in der Dunkelheit. Wüthend, ſchlendert Charny ſeine Piſtole nach Drouet, nimmt die zweite, wirft ſich in dem Wald hinter dem Flüchtigen her und ſchießt abermals; doch wie das erſte Mal verſagt ſeine Piſtole! Da erinnert er fich, daß ihm Herr Dandoins, als er ſich entfernte, etwas zugerufen hat, was er nicht verſtanden. „Ah!“ ſagte er,„ich habe mich im Pferde geirrt, und ohne Zweifel bat er mir zugerufen, die Piſtolen des Pferdes, das ich genommen, ſeien nicht geladen. Gleichviel, ich werde dieſen Elenden einholen und, wenn es ſein muß, mit den Händen erwürgen!“ Und er ſetzt dem Schatten, den er noch in der Fin⸗ ſterniß erſchaut, immer weiter nach. Doch kaum hat er hundert Schritte in dieſem Walde gemacht, den er nicht kennt, da ſtürzt ſein Pferd in einen Graben; Charny rollt über ſeinen Kopf, erhebt ſich wie⸗ der und ſpringt in den Sattel, Drouet iſt aber ver⸗ ſchwunden! So iſt Drouet Charny entkommen; ſo iſt er auf der Landſtraße, einem drohenden Geſpenſte ähnlich, vor⸗ übergeritten und hat den Poſtillons, die den König fahren, keinen Schritt mehr zu thun befohlen. Die Poſtillons haben angehalten, denn Drouet hat n r⸗ uf en e⸗ e⸗ uf r⸗ ig 349 ſie beſchworen im Namen der Nation, der mächtiger zu ſein anfängt, als der Name des Königs! Kaum iſt Drouet in die untere Stadt eingedrungen, da hört man im Austauſche gegen den Galopp ſeines Pferdes, das ſich entfernt, den Galopp eines Pferdes, das herbeikommt. Durch dieſelbe Straße, durch welche Dronet geritten iſt, erſcheint Iſidor wieder. Seine Nochrichten ſind ganz wie die Auskunft, welche Herr von Préfontaine gegeben hat. Die Pferde von Herrn von Choiſeul und der Herren von Bouillé und von Raigecourt ſind am andern Ende der Stadt im Gaſthofe zum Großen Monarchen. Der drikte Officier, Herr von Rohrig, iſt mit den Huſaren in der Kaſerne. Ein Kaffeehauskellner, der gerade ſein Etabliſſe⸗ ment ſchloß, hat ihn verſichert, dieſe Angaben ſeien ganz enau. Doch ſtatt der Frende, die er den hohen Reiſenden zu bringen glaubt, findet er ſie in die tiefſte Beſtürzung verſetzt. S von Préfontaine wehklagt; die zwei Gardes du corps bedrohen etwas Unſichtbares und Unbekanntes. i Iſidor hält mitten in ſeiner Erzählung inne und ragt: „Was iſt denn geſchehen, meine Herren?“ „Haben Sie nicht in jener Straße einen Menſchen geſehen, der im Galopp vorbeiritt?“ „Ja, Sire,“ antwortete Iſidor. „Nun, dieſer Menſch iſt Drouet,“ ſpricht der König. „Drouet!“ ruft Iſidor mit einer entſetzlichen Herzens⸗ angſt.„Dann iſt mein Bruder todt!“ Die Königin ſtößt einen Schrei aus und verbirgt ihren Kopf in ihren Händen. 350 LXXXIV. Der Zollthurm der Vrücke von Parennes. Es trat ein Augenblick unausſprechlicher Niederge⸗ ſchlagenheit unter allen dieſen von einer unbekannten, aber entſetzlichen Gefahr bedrohten Unglücklichen ein. Iſidor raffte ſich zuerſt zuſammen und ſagte: „Sire! mag mein Bruder todt oder lebendig ſein, denken wir nicht mehr an ihn, denken wir nur an Eure Majeſtät. Es iſt kein Augenblick zu verlieren; die Poſtillons kennen das Gaſthaus zum Großen Monarchen. Im Galopp, zum Großen Monarchen!“ Doch die Poſtillons rühren ſich nicht. „Habt Ihr nicht gehört?“ fragt ſie Iſidor. „Doch.“ „Nun! warum fahrt Ihr nicht?“ „Weil es Herr Drouet verboten hat.“ „Wie! Herr Drouet hat es verboten? Und wenn der König befiehlt und Herr Drouet verbietet, gehorcht Ihr Herrn Drouet?“ „Wir gehorchen der Ration.“ „Auf, meine Herren,“ ſpricht Ifidor zu ſeinen zwei Gefährten,„es gibt Angenblicke, wo das Leben eines Menſchen für nichts zählt; nehmen Sie Jeder einen von den Leuten auf ſich; ich nehme dieſen auf mich; wir werden uns ſelbſt fahren.“ Und er packt den Poſtillon, der ihm am nächſten iſt, am Kragen und ſetzt ihm die Spiße ſeines Jagd⸗ meſſers auf die Bruſt. ——— 8„——+ cx.— — ein, ure ons pp. der Ihr wei ines von den ſten igd⸗ 851 Die Königin fieht die drei Klingen glänzen und ſtößt einen Schrei aus. „Meine Herren,“ ruft ſie,„meine Herren! ich bitte!“. Dann ſagt ſie zu den Poſtillons: „Meine Freunde, fünfundzwanzig Lonis d'or ſogleich und zwiſchen Euch Dreien zu theilen, und eine Penſion von fünfhundert Franken Jedem, wenn Ihr den König rettet.“ Waren ſie durch die Demonſtration der drei jungen Leute erſchreckt worden, verführte ſie das Gebot, die Poſtillons treiben ihre Pferde an und verfolgen ih⸗ ren Weg. Herr von Préfontaine kehrt zitternd in ſeine Wohnung zurück und verbarricadirt ſich. Iſidor galoppirt vor dem Wagen. Es handelt ſich darum, durch die Stadt zu fahren und die Brücke zu paſſiren; iſt Beides geſchehen, ſo wird man in fünf Mi⸗ nuten beim Gaſthofe zum Großen Monarchen ſein. Der Wagen rollt in der größten Eile den Abhang hinab, der zur untern Stadt führt. Doch bei dem Gewölbe angelangt, das über der Brücke und unter dem Thurme gebaut ſteht, bemerkt ſun daß einer von den Flügeln des Thores geſchloſ⸗ en iſt. Man öffnet dieſen Flägel, ein paar Karren ver⸗ ſperren die Brücke. „Herbei, meine Herren!“ ruft Iſidor, indem er von ſeinem Pferde herabſpringt, um die Karren zu beſeitigen. In dieſem Augenblick hört man das erſte Raſſeln der Trommeln und das erſte Gelänte der Sturmglocke. Drouet vollbringt ſein Werk. „Ha! Elender!“ ruft Iſidor, mit den Zähnen knir⸗ ſchend,„wenn ich Dich wiederfinde... Und durch eine unerhörte Anſtrengung ſtößt er einen von den zwei Karren auf die Seite, während die 352 Herren von Malden und von Valorh daſſelbe mit einem andern thun. Ein dritter bleibt zurück. „Nun den letzten!“ ruft Iſidor. Zu gleicher Zeit fährt der Wagen unter das Ge⸗ wölbe. Plöglich ſieht man zwiſchen der Leiter des dritten Karrens die Läufe von vier bis fünf Flinten hervor⸗ kommen. „Nicht einen Schritt weiter, oder Sie ſind des To⸗ des, meine Herren,“ ſpricht eine Stimme. „Meine Herren, meine Herren!“ ruft der König, der den Kopf aus dem Wagenſchlage neigt,„verſuchen Sie es nicht, den Durchgang zu erzwingen, ich befehle es Ihnen.“. Die zwei Officiere und Iſidor machen einen Schritt rückwärts. „Was will man von uns?“ fragt der König. Zu gleicher Zeit hört man einen Schreckensſchrei im Wagen ausſtoßen.. Außer den Menſchen, welche die Paſſage verſperren, ſind ein paar Andere hinter den Wagen geſchlüpft, und die Läufe mehrerer Flinten zeigen ſich an den Schlägen. Einer von ihnen iſt auf die Bruſt der Königin ge⸗ richtet. Iſidor hat Alles geſehen; er ſtürzt vor, packt den Lauf der Flinte und drückt ihn zurück. „Feuer! Feuer!“ rufen mehrere Stimmen. Einer von den Menſchen gehorcht; zum Glück ver⸗ ſagt ſeine Flinte. Iſidor hebt den Arm auf und will dieſen Menſchen mit feinem Jagdmeſſer niederſtoßen; die Königin hält ihm den Arm zurück. „Ah! Madame!“ ruft Iſidor wüthend,„um des Himmels willen, laſſen Sie mich doch dieſe Canaille an⸗ greifen!“ ſte ind en r⸗ g, en le g. im n, nd n. 3e⸗ en 353 „Nein, mein Herr,“ erwiederte die Königin;„das Meſſer in die Scheide! hören Sie wohl?“ Iſidor gehorcht halb: er läßt ſein Jagdmeſſer fallen, ſteckt es aber nicht in die Scheide. „Ah! wenn ich Drouet treffe!...“ murmelt er. „Was dieſen betrifft,“ flüſterte ihm die Königin zu, indem ſie ihm den Arm mit einer ſeltſamen Stärke drückte, „dieſen überlaſſe ich Ihnen.“ „Aber, meine Herren,“ wiederholte der König,„was wollen Sie?“ „Wir wollen die Päſſe ſehen,“ antworteten ein paar Stimmen. „Die Päſſe? Gut!“ ſpricht der König.„Holen Sie die Behörden der Stadt, und wir werden ſie ihnen zeigen.“ „Ah, beim Teufel! das ſind gar zu viel Umſtände!“ ſchreit der Mann, deſſen Gewehr ſchon verſagt hat, indem er auf den König anſchlägt. Doch die zwei Gardes du corps werfen ſich auf ihn und ſchlendern ihn zu Boden. Im Kampfe geht die Flinte los, die Kugel trifft aber Niemand. „Polla!“ ruft eine Stimme,„wer hat geſchoſſen?“ Der von den zwei Gardes du corps mit den Füßen getretene Menſch ſtößt ein Gebrülle aus und ſchreit: „Zu Hülfe!“ Da eilten ihm die fünf bis ſechs Vewaffneten zu Hülfe. Die Gardes du corps zogen ihre Jagdmeſſer und ſchickten ſich zum Kampfe 65 Der König und die Königin waren vergebens be⸗ müht, die Einen und die Andern zurückzuhalten: der Kampf ſollte ſich furchtbar, wüthend, tödtlich entſpinnen. In dieſem Augenblick ſtürzten zwei Männer mitten unter das Gemenge: der Eine hatte eine dreifarbige Schärpe um den Leib, der Andere trug eine Uniform. Die Gräſin von Charny. Iv. 23 — Der Mann mit der dreifarbigen Schärpe war der Anwalt der Gemeinde Herr Sauſſe). Der Mann mit der Uniform war der Commandant der Nationalgarde Hannonet. Der König begriff, daß bei dieſen zwei Männern, wenn nicht eine Hülfe, doch wenigſtens eine gewiſſe Si⸗ cherheit war. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich bin bereit, mich, wie die Perſonen, die mich begleiten, Ihnen anzuver⸗ trauen, doch ſchützen Sie uns vor den Brutalitäten die⸗ ſer Leute.“ Und er deutete auf die mit Flinten Bewaffneten. „Nieder die Gewehre, meine Herren,“ rief Hannonet. Die Leute gehorchten murrend. „Sie werden uns entſchuldigen, mein Herr,“ ſprach der Gemeindeanwalt, indem er ſich an den König wandte, „es hat ſich das Gerücht verbreitet, Seine Majeſtät Kö⸗ nig Ludwig XVI. befinde ſich auf der Flucht, und es iſt unſere Pflicht, uns zu verſichern, ob dies wahr iſt.“ „Sie wollen ſich verſichern, ob dies wahr iſt!“ rief Iſidor.„Wenn es wahr iſt, daß dieſer Wagen den König enthält, ſo müſſen Sie zu den Füßen des Königs ſein, iſt es dagegen der Wagen eines einfachen Privat⸗ manns, warum halten Sie dieſen auf?“ „Mein Herr,“ ſagte Sauſſe, der ſich fortwährend an den König wandte,„mit Ihnen ſpreche ich; wollen Sie mir die Ehre erweiſen, mir zu antworten.“ „Sire,“ flüſterte Ifidor dem König zu,„gewinnen Sie Zeit, Herr von Damas und ſeine Dragoner folgen uns ohne Zweifel und werden ungeſäumt ankommen.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte der König. Dann fragte er Herrn Sauſſe: *) Die Stelle eines Procureur de la commune, Ge⸗ meindeanwalt, beſtand in Frankreich nur in der Revolu⸗ tionszeit. —,———„— ———— der ant rn, Si⸗ ich, er⸗ ie⸗ net. ach dte, Kö⸗ iſt rief den nigs vat⸗ rend Uen nen lgen Ge⸗ oln⸗ 355 „Und wenn unſere Päſſe in Ordnung ſind, werden Sie uns unſere Reiſe fortſetzen laſſen?“ „Allerdings,“ antwortete Sauſſe. „Nun, Frau Baronin,“ ſprach der König zu Frau von Tourzel,„haben Sie die Güte, Ihren Paß zu ſuchen und dieſem Herrn zu geben.“ Frau von Tourzel begriff, was der König mit den Worten:„Haben Sie die Güte, Ihren Paß zu ſuchen,“ ſagen wollte. Sie fing auch in der That an zu ſuchen, doch in den Taſchen, wo er nicht war. „Ei!“ rief eine ungeduldige, drohende Stimme, „Ihr ſeht wohl, daß ſie keinen Paß haben!“ „Doch, meine Herren,“ erwiederte die Königin, „wir haben einen; aber da ſie nicht dachte, man werde ihn von uns verlangen, ſo weiß die Frau Baronin von Korff nicht mehr, was ſie damit gemacht hat.“ Eine Art von Geziſche erhob ſich in der Menge, daß ſie ſich nicht durch dieſe Ausflucht bethö⸗ ren ließ. „Es gibt etwas Einfacheres als Alles dies,“ ſagte Sauſſe.„Poſtillons! führt den Wagen vor mein Ma⸗ gazin. Dieſe Herren und dieſe Damen werden bei mir eintreten, und Alles wird ſich aufklären. Poſtillons, vorwärts! Meine Herren von der Nationalgarde, escor⸗ tiren Sie den Wagen.“ Dieſe Einladung glich zu ſehr einem Befehle, als daß man ſich ihr zu widerſetzen verſucht hätte. Ueberdies, würde man es verſucht haben, ſo wäre es doch wahrſcheinlich nicht geglückt. Die Sturmglocke ertönte fortwährend, die Trommein raſſelten beſtändig, und dier ege die den Wagen umgab, nahm jeden Augen⸗ ick zu. Der Wagen ſetzte ſich in Marſch. „Oh! Herrvon Damas! Herrvon Damas!“ murmelte der König,„wenn er nur kommt, ehe wir bei dieſem ver⸗ fluchten Hauſe find!“ 356 8„ Die Königin ſagte nichts, ſie dachte an Charnh, erſtickte ihre Seufzer und hielt ihre Thränen zurück. Man gelangte an die Thüre des Magazins von Herrn Sauſſe, ohne daß man von Herrn von Damas etwas gehört hatte. Was war denn auf dieſer Seite vorgefallen, und was verhinderte dieſen Edelmann, auf deſſen⸗Ergebenheit man ſicher zählen konnte, die Befehle, die er erhalten, und das Verſprechen, das er geleiſtet, zu vollführen? Wir werden es mit zwei Worten ſagen, damit jeder Punkt dieſer traurigen Geſchichte aus der Dunkelheit her⸗ vortrete. Wir haben Herrn von Damas verlaſſen, als er die Trompeter, die er zu größerer Sicherheit in ſeinem Hauſe zurückbehalten, zum Aufſitzen blaſen ließ. In dem Augenblick, wo der erſte Ton der Trom⸗ pete erſcholl, nahm er ſein Geld aus der Schublade ſei⸗ nes Secretaire, und indem er ſein Geld nahm, zog er zugleich einige Papiere heraus, die er weder zurücklaſſen, noch mitnehmen wollte. Er beſchäftigte ſich mit dieſer Sorge, als die Thüre ſeines Zimmers ſich öffnete und einige Mitglieder der Municipalität auf der Schwelle erſchienen. Einer von ihnen näherte ſich dem Grafen. „Was wollen Sie von mir?“ fragte dieſer ganz er⸗ ſtaunt über den unerwarteten Beſuch, indem er ſich auf⸗ richtete, um ein Paar Piſtolen, die er auf den Kamin gelegt, zu verbergen. „Herr Graf,“ erwiederte einer von denjenigen, welche eingetreten waren, mit Höflichkeit, aber zugleich mit feſtem Tone,„wir wünſchen zu wiſſen, warum Sie zu dieſer Stunde abmarſchiren“ Herr von Damas ſchaute mit Verwunderung den⸗ jenigen an, welcher ſich erlaubte, eine ſolche Frage an einen Oberofficier der Armee des Königs zu machen. „Das iſt ganz einfach, mein Herr,“ antwortete er: — —————.———— n.— S n n as 8 n id er T⸗ ie ⸗ i⸗ er n re er 1. in he it u n⸗ n 357 „ich marſchire zu einer ſolchen Stunde ab, weil ich den Befehl hiezu erhalten habe.“ „In welcher Abſicht entfernen Sie ſich, Herr Oberſt?“ fuhr der Frager fort. Herr von Damas heftete einen immer mehr erſtaun⸗ ten Blick auf ihn. „In welcher Abſicht ich aufbreche? Einmal weiß ich es nicht, und dann, wenn ich es wüßte, würde ich es nicht ſagen.“ Die Abgeordneten der Municipalität ſchauten einan⸗ der an und ermuthigten ſich gegenſeitig durch die Ge⸗ berde, ſo daß derjenige, welcher zuerſt das Wort an Herrn von Damas gerichtet hatte, weiter ſprach: „Mein Herr, es iſt der Wunſch der Municipalität von Clermont, daß Sie nicht heute Abend, ſondern erſt morgen früh abmarſchiren.“ Herr von Damas lächelte mit jenem ſchlimmen Lä⸗ cheln des Soldaten, von dem man, ſei es aus Unwiſſen⸗ heit, ſei es in der Hoffnung, ihn einzuſchüchtern, etwas lnt was mit den Geſetzen der Disciplin unverträg⸗ ich iſt. „Ah!“ ſagte er,„es iſt der Wunſch der Municipa⸗ lität vou Clermont, daß ich bis morgen früh bleibe?“ „Ja.“ „Wohl denn, mein Herr, ſagen Sie der Municipa⸗ lität von Clermont, ich bedaure unendlich, ihrem Wun⸗ ſche nicht entſprechen zu können, in Betracht, daß kein Geſetz, wenigſtens das ich kenne, die Municipalität von Clermont ermächtigt, den Marſch der Truppen zu hem⸗ men. Was mich betrifft, ich habe nur Befehle von mei⸗ nen militäriſchen Chefs zu empfangen, und hier iſt mein Abmarſchbefehl“ Nach dieſen Worten bot Herr von Damas ſeinen Befehl den Abgeordneten der Municipalität. Derjenige, welcher am nächſten beim Grafen war, empfing ihn aus ſeinen Händen und theilte ihn ſeinen — 358 Gefährten mit, während Herr von Damas hinter ſich die zum Voraus auf den Kamin gelegten und durch ſeinen Leib verborgenen Piſtolen nahm. Nachdem es das Papier, das ihm übergeben wor⸗ den, mit ſeinen Collegen unterſucht hatte, ſagte das Mit⸗ glied der Municipalität, das zuerſt zu Herrn von Da⸗ mas geſprochen: „Mein Herr, je beſtimmter dieſer Befehl iſt, deſto mehr müſſen wir uns ihm widerſetzen; denn ohne Zweifel gebietet er Ihnen etwas, was im Intereſſe Frankreichs nicht in Erfüllung gehen ſoll. Ich erkläre Ihnen alſo im Namen der Nation, daß ich Sie verhafte.“ „Und ich, meine Herren,“ ſprach der Graf, indem er ſeine beiden Piſtolen entblößte und auf die zwei Muniecipalräthe richtete, welche am nächſten bei ihm ſtan⸗ den,„ich erkläre Ihnen, daß ich abmarſchiren werde.“ Die Municipalräthe waren nicht auf dieſe bewaffnete Drohung gefaßt; ein erſtes Gefühl von Furcht oder von Erſtaunen machte, daß ſie vor Herrn von Damas zurück⸗ traten; dieſer ſchritt raſch über die Schwelle des Salon, eilte durch das Vorzimmer, deſſen Thüre er doppelt ſchloß, und ſtürzte die Treppe hinab; da er ſein Pferd vor der Thüre fand, ſo ſprang er darauf, jagte mit Windeseile auf den Platz, wo ſich ſein Regiment verſam⸗ melte, und ſagte zu Herrn von Floirac, einem ſeiner Of⸗ ficiere, den er zu Pferde fand: „Wir müſſen uns da herausziehen, wie wir können; das Wichtigſte iſt, daß der König gerettet iſt.“ Für Herrn von Damas, der nichts vom Abgange von Drouet wußte, der nur den Aufruhr von Clermont kannte, war der König gerettet, weil der König Cler⸗ mont hinter ſich hatte und bald Varennes erreichen würde, wo die Relais von Herrn von Chviſeul und die Huſaren von Lauzun, befehligt durch die Herren Jules von Bouillé und von Raigecourt, ſtationirten. Zu größerer Sicherheit aber wandte er ſich an den —— e, 359 Regimentsquartiermeiſter, der ſich unter den Erſten mit den Fourieren und den Bedeckungs⸗Dragonern auf den Platz begeben hatte, und ſagte leiſe zu ihm: „Herr Rémy, gehen Sie in aller Eile ab, nehmen Sie den Weg nach Varennes, reiten Sie, was Ihr Pferd laufen kann, und holen Sie die Wagen ein, welche hier durchpaſſirt ſind: Sie haſten mir mit Ihrem Kopfe hiefür.“ Der Quartiermeiſter gab ſeinem Pferde beide Spo⸗ ren und ſprengte mit den Fourieren und vier Dragonern davon. Als er aber vor Clermont hinaus und zu einer Stelle kam, wo die Straße ſich in zwei Aeſte theilte, wählte er den falſchen Weg und verirrte ſich. Alles nahm eine ſchlimme Wendung in dieſer unſe⸗ ligen Nacht. Auf dem Platze bildete ſich langſam das Regiment. Die bei Herrn von Damas eingeſchloſſenen Municipal⸗ räthe waren, die Thüre ſprengend, leicht aus ihrem Gefängniß herausgekommen; ſie wiegelten das Volk auf und trieben die Nationalgarde an, die ſich mit einem ganz andern Eifer und in einer ganz andern Haltung, als die Dragoner, verſammelte. Welche Bewegung Herr von Damas auch machte, er mußte wahrnehmen, daß drei bis vier Flinten, deren Korn ihn nicht verließ, auf ihn an⸗ gelegt waren, was immer mehr beunruhigend wurde. Er ſah ſeine Soldaten ängſtlich, beſorgt, und ritt durch ihre Reihen, um es zu verſuchen, ihre Ergebenheit für den König wiederzubeleben, aber die Soldaten ſchüt⸗ telten den Kopf. Obgleich ſie noch nicht alle verſammelt waren, dachte er doch, es ſei die höchſte Zeit, aufzu⸗ brechen. Er gab Befehl zum Abmarſch, aber Niemand rührte ſich. Mittlerweile riefen die Municipalräthe: „Dragoner! Eure Officiere ſind Verräther; ſie führen Euch zur Schlachtbank. Die Dragoner ſind Patrioten.. Es leben die Dragoner!“ 360 Die Leute der Nationalgarde und das Volk riefen: „Es lebe die Nation!“ Herr von Damas, der den Befehl zum Aufbruche mit halber Stimme gegeben hatte, glaubte Anfangs, dieſer Befehl ſei nicht gehört worden; er wandte ſich um und ſah, wie die Dragoner vom zweiten Gliede vom Pferde ſtiegen und mit dem Volke fraterniſirten. Von da an begriff er, daß er nichts von ſeinen Leuten zu erwarten hatte. Er verſammelte durch einen Blick die Officiere um ſich und ſprach: „Meine Herren, die Soldaten verrathen den König. Ich appellire von den Soldaten an die Edelleute: wer mich liebt, folge mir nach Varennes!“ Und er drückte die Sporen ſeinem Pferde in die Flanken und ſprengte zuerſt durch die Menge, gefolgt von Herrn von Flvirac und drei Officieren. Dieſe drei Officiere, oder vielmehr Unterofficiere, waren der Adjutant Foucg und die Quartiermeiſter Saint Charles und la Potterie. Fünf bis ſechs getreue Dragoner ritten aus den Rei⸗ hen vor und folgten Herrn von Damas. Einige Kugeln, die man dieſen heldenmüthigen Flücht⸗ lingen nachſandte, waren verlorene Kugeln. Darum hatten ſich Herr von Damas und ſeine Dra⸗ goner nicht an Ort und Stelle befunden, um den König zu vertheidigen, als der König unter dem Gewölbe des Zollthurmes von Varennes angehalten, aus ſeinem Wagen zu ſteigen genöthigt und zum Gemeindeanwalt, Herrn Sauſſe, geführt wurde. ,———— + e 5 m n n d⸗ ig es en rn 361 LXXXV. Das Haus von Herrn Sauſſe. Das Haus von Herrn Sanſſe beſtand, wenigſtens ſo weit es die erhabenen Gefangenen und ihre Unglücks⸗ gefährten ſahen, aus einem Specereiladen, in deſſen Hintergrund durch ein Fenſterwerk ein Speiſezimmer er⸗ ſchien, von welchem aus man, wenn man bei Tiſche ſaß, die Kunden erſchauen konnte, die in den Laden ein⸗ traten; dieſen Eintritt verkündigte übrigens noch ein Glöckchen in Schwung gebracht durch die Oeffnung einer kleinen, niedrigen Gitterthüre in der Form derjenigen, welche am Tage die Provinzmagazine ſchließen, die ihre Eigenthümer, ſei es aus Berechnung, ſei es aus De⸗ muth, den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen nicht das Recht zu haben ſcheinen. In einer Ecke des Ladens führte eine Treppe in den erſten Stock. Dieſer erſte Stock beſtand aus zwei Stuben; die eine, ein Zugehör des Magazins, war voll von Ballots, die man auf der Erde aufgehäuft, von Lichtern, welche am Plafond hingen, von Zuckerhüten, die auf dem Ka⸗ min in ihrem groben blauen Papier aufgeſtellt und mit ihren grauen Hauben verſehen waren, welche man abnahm, um die Feinheit und die Weiße ihres Korns zu ſehen; die zweite war die Schlafſtube des durch Drouet aufge⸗ weckten Eigenthümers des Geſchäftes, welche Stube noch die Spuren der durch dieſes plötzliche Aufwecken verur⸗ ſachten Unordnung ſehen ließ.. Frau Sauſſe kam halb angekleidet aus dieſem erſten Zimmer heraus, durchſchritt das zweite und erſchien oben auf der Treppe in dem Angenblick, wo die Königin dann der König, dann die Kinder von Frankreich, dann endlich Madame Eliſabeth und Frau von Tour⸗ zel über die Schwelle des Magazins traten. Den Reiſenden einige Schritte vorangehend, war der Gemeindeanwalt zuerſt eingetreten. Mehr als hundert Perſonen, die den Wagen beglei⸗ teten, blieben vor dem Hauſe von Herrn Sauſſe, das auf einem kleinen Platze lag. „Nun?“ fragte der König bei ſeinem Eintreten. „Mein Herr.“ erwiederte Sauſſe,„es iſt vom Paſſe die Rede geweſen; will die Dame, welche ſagt, ſie ſei die Herrin des Wagens, die Güte haben, mir den ihri⸗ gen zu zeigen, ſo werde ich ihn auf die Municipalität tragen, wo ſich der Rath verſammelt hat, um zu ſehen, ob er gültig iſt.“ Da im Ganzen der von Frau von Korff dem Gra⸗ fen von Charny und vom Grafen von Charny der Kö⸗ nigin gegebene Paß in Ordnung war, ſo bedentete der König Frau von Tourzel, ſie möge dieſen Paß Sauſſe einhändigen. Sie zog das koſtbare Papier aus ihrer Taſche und übergab es Herrn Sauſſe. Dieſer beauftragte ſeine Fran, die Honneurs des Hauſes ſeinen geheimnißvollen Gäſten zu machen, und ging nach der Municipalität ab. Die Geiſter waren hier ſehr erhitzt, denn Drouet wohnte der Sitzung bei; Herr Sauſſe erſchien mit dem Paſſe. Jeder wußte, daß die Reiſenden zu ihm geführt worden waren, und bei ſeiner Ankunft trat die Stille der Neugierde ein. Er legte den Paß vor dem Maire nieder. Wir haben den Inhalt des Paſſes ſchon angegeben, der Leſer weiß alſo, daß nichts daran auszuſetzen iſt. Nachdem er ihn geleſen, ſagte auch der Maire: „Meine Herren, der Paß iſt vollkommen gut.“ ſe d ne en et m rt lle en 363 „Gut?“ wiederholten acht bis zehn Stimmen mit Verwunderung. Und zu gleicher Zeit ſtreckten ſie die Hände aus, um ihn in Empfang zu nehmen. „Allerdings gut, da die Unterſchrift des Königs darauf ſteht,“ erwiederte der Maire. Und er ſchob den Paß gegen die ausgeſtreckten Hände, die ſich ſeiner alsbald bemächtigten. Doch Drouet entriß ihn beinahe den Händen, die ihn hielten. „Unterzeichnet vom König!“ rief er;„iſt er es aber auch von der Nationalverſammlung?“ „Ja,“ erwiederte einer von ſeinen Nachbarn, der den Paß zu gleicher Zeit mit ihm beim Scheine eines Lichtes las,„hier iſt die Unterſchrift der Mitglieder von einem der Ausſchüſſe.“ „Einverſtanden,“ verſetzte Drouet,„doch iſt er es vom Präſidenten? Und überdies iſt das nicht die Frage,“ ſchnitt der junge Patriot die Debatte kurz ab;„die Reiſenden ſind nicht Frau Korff, eine ruſſiſche Dame, ihre Kinder, ihr Intendant, ihre zwei Geſellſchafterin⸗ nen und drei Bedienten; die Reiſenden ſind der König die Königin, der Dauphin, Madame Royale, Madame Eliſabeth, irgend eine Palaſtdame, drei Couriere, kurz die königliche Familie! Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht die königliche Familie aus Frankreich weggehen laſſen?“ Die Frage ſtellte ſich unter ihren wahren Geſichts⸗ vunkt, doch ſo geſtellt war ſie noch viel ſchwieriger für arme Gemeinderäthe einer Stadt dritten Ranges, wie Varennes, zu löſen. Man berathſchlagte alſo, und da ſich die Berathung in die Länge zu ziehen drohte, ſo beſchloß der Gemeinde⸗ anwalt, die Municipalherren deliberiren zu laſſen und nach Hauſe zurückzukehren. Er fand die Reiſenden in ſeinem Magazine ſtehend. Frau Sauſſe hatte ihnen dringend zugeſprochen, ſie mö⸗ 4 364 gen in ihr Zimmer hinaufgehen, dann, ſie mögen ſich im Laden ſetzen, und endlich, ſie mögen etwas zu ſich nehmen; doch ſie hatten Alles zurückgewieſen. Es ſchien ihnen, als würden ſie, wenn ſie ſich in dieſem Hauſe feſtſetzten oder etwas annähmen denje⸗ nigen, welche ſie verhaftet hatten, eine Conceſſion machen und auf ihre nahe Abreiſe, den Gegenſtand aller ihrer Wünſche, verzichten. Alle ihre Sinne blieben, ſo zu ſagen, ſchwebend bis zur Rückkehr des Herrn vom Hauſe, der die Ent⸗ ſcheidung der Municipalität über den ſo wichtigen Punkt des Paſſes bringen ſollte. Plötzlich ſah man ihn die Menge, welche die Thüre belagerte, durchſchneiden und ſich gewaltig anſtrengen, um in ſein Haus hineinzukommen. Der Konig ging ihm drei Schritte entgegen und fragte ihn mit einer Bangigkeit, die er vergebens zu verbergen bemüht war: „Nun, wie iſt es mit dem Paſſe?“ „Der Paß,“ erwiederte Herr Sauſſe,„ich muß ſa⸗ gen, daß er in dieſem Augenblick eine ernſte Discuſſion im Municipalrath erregt.“ „In welcher Hinſicht?“ fragte Ludwig XVI.„Sollie man zufällig an ſeiner Gültigkeit zweifeln?“ „Nein, doch man bezweifelt, daß er Frau Korff ge⸗ hört und es verbreitet ſich das Gerücht, wir haben wirk⸗ lich das Glück, den König und ſeine Familie in unſern Mauern zu beſitzen.“ Ludwig XVI. zögerte einen Augenblick, etwas hier⸗ auf zu erwiedern, doch plötzlich faßte er einen Entſchluß und ſprach: „Nun wohl, ja! mein Herr, ich bin der König, hier iſt die Königin, hier ſind meine Kinder, und ich bitte Sie, uns mit den Rückſichten zu behandeln, welche die Franzoſen immer für ihre Könige gehabt haben.“ Die Hausthüre war, wie geſagt, offen geblieben, ten — 365 viele Neugierige belagerten dieſe Thüre. Die Worte des Königs wurden nicht nur innen, ſondern auch außen gehört. Hatte ſie derjenige, welcher ſie ausgeſprochen, mit einer gewiſſen Würde geſagt, ſo entſprachen doch zum Unglück der graue Rock, in den er gekleidet war, ſeine Baſinweſte, ſeine Hoſen und ſeine grauen Strümpfe, wie die kleine Perrücke à la Jean⸗Jacques, die er trug, durch⸗ aus nicht dieſer Würde. Wie hätte man in der That einen König von Frank⸗ reich unter dieſer gemeinen Verkleidung erkennen ſollen! Die Königin fühlte den auf dieſe Menge hervorge⸗ brachten Eindruck und die Röthe ſtieg ihr zu Geſichte. „Nehmen wir an, was uns Frau Sauſſe angebo⸗ ten hat, und gehen wir in den erſten Stock hinauf,“ ſagte ſie raſch. Herr Sauſſe ergriff ein Licht und eilte nach der Treppe, um ſeinen erhabenen Gäſten den Weg zu zeigen. Die Kunde, es ſei wirklich der König derjenige, welcher in Varennes angekommen, und das Geſtänd⸗ niß ſei durch ſeinen eigenen Mund gemacht worden, ent⸗ eilte mit raſchem Fluge und verbreitete ſich in den Stra⸗ ßen der Stadt. Ein Mann trat ganz beſtürzt bei der Municipali⸗ tät ein. „Meine Herren,“ ſprach er,„die Reiſenden, welche ſich bei Herrn Sauſſe befinden, ſind wirklich der König und die königliche Familie! Ich habe ſo eben das Ge⸗ ſtändniß aus dem eigenen Munde des Königs ver⸗ nommen.“ „Nun! meine Herren,“ rief Drouet,„was ſagte ich Ihnen?“ Zu gleicher Zeit hörte man gewaltigen Lärmen in der Stadt, die Trommeln raſſelten fortwährend und die Sturmglocke erſcholl ohne Unterlaß. Warum zogen dieſe verſchiedenen Gerüchte und Ge⸗ 366 ränſche nicht in das Herz der Stadt und zu den Flücht⸗ lingen Herrn von Bouillé,*) Herrn von Raigecvurt und die Huſaren, welche in Varennes aufgeſtellt waren, um den König zu erwarten? Wir werden es ſogleich ſagen. Gegen neun Uhr Abends waren die zwei jungen Officiere nach dem Gaſthauſe zum Großen Monarchen zurückgekehrt, als ſie plötzlich das Geräuſch eines Wagens hörten. Beide befanden ſich in einem Saale des Erdgeſcho⸗ ßes und liefen ans Fenſter. Dieſer Wagen war ein einfaches Cabriolet. Die zwei Officiere hielten ſich indeſſen bereit, wenn es nöthig wäre, die Relais herauskommen zu laſſen. Doch der Reiſende, den ſie erblickten, war nicht der König, ſondern ein grotesker Menſch mit einem breit⸗ krämpigen Hute auf dem Kopfe und in einen ungeheuren Ueberrock gehüllt. Sie machten einen Schritt rückwärts, da rief ihnen der Reiſende zu: „Ei! meine Herren, iſt nicht einer von Ihnen der Herr Chevalier Jules von Byuillé?“ Der Chevalier hielt in ſeinem Rückzuge an. „Ja, mein Herr, ich bin es,“ ſprach er⸗ „Dann habe ich Ihnen viele Dinge zu ſagen,“ rief der Mann mit dem ungeheuren Ueberrock und dem breit⸗ krämpigen Hute. „Mein Herr,“ erwiederte der Chevalier von Bouillé, „ich bin bereit, Sie zu hören, obgleich ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen; wollen Sie indeſſen ſo gut ſein, *) Dieſer Herr von Bouille war Jules und nicht Louis von Bouille, denwir ſchon im Laufe unſerer Geſchichte ha⸗ ben erſcheinen ſehen, dies beſonders, da er als Schloſ⸗ ſergeſelle verkleidet in die Schmiede des Königs kam. — n n s o⸗ ie ig er ⸗ en en er ief it⸗ llé, hre in, von oſ⸗ im. 367 aus Ihrem Wagen auszuſteigen und in dieſes Wirthshaus einzutreten, ſo werden wir Bekanntſchaft machen.“ 1 „Gern, Herr Chevalier, ſehr gern!“ rief der Mann mit dem Ueberrock. Und er ſprang aus ſeinem Wagen, ohne den Fuß⸗ tritt zu berühren, und trat haſtig in das Gaſthaus ein. Der Chevalier bemerkte, daß er ganz beſtürzt zu ſein ſchien. „Ah! Herr Chevalier,“ ſagte der Unbekannte,„nicht wahr, Sie werden mir die Pferde geben, die Sie hier haben?“ „Wie! die Pferde, die ich hier habe?“ verſetzte Herr von Bopillé, ebenfalls beſtürzt. „Ja! ja! Sie werden ſie mir geben! Sie brau⸗ chen mir nichts zu verbergen, ich weiß Alles!“ „Mein Herr, erlauben Sie mir, zu geſtehen, daß mich das Erſtaunen verhindert, Ihnen zu antworten, und daß ich nicht ein Wort von dem, was Sie mir ſagen wollen, begreife.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich Alles weiß; der König iſt geſtern Abend von Paris abgereiſt... doch es hat nicht den Anſchein, daß er ſeinen Weg zu verfol⸗ gen im Stande geweſen iſt; ich habe ſchon Herrn von Damas davon in Kenntniß geſetzt, und er hat ſeine Po⸗ ſten zurückziehen laſſen: das Dragoner⸗Regiment hat ſich meuteriſch gezeigt, und es iſt ein Aufruhr in Clermont ausgebrochen... Ich hatte viel Mühe, durchzukom⸗ men, ich, der ich mit Ihnen ſpreche!“ „Aber wer ſind Sie denn, Sie, der Sie mit mir ſprechen?“ rief Herr von Bouillé voll Ungeduld. „Ich bin Leonard, der Friſeur der Königin. Wie! Sie kennen mich nicht! Stellen Sie ſich vor, daß mich Herr von Choiſeul wider meinen Willen mit ſich fortge⸗ führt hat. Ich brachte ihm die Diamanten der Kö⸗ nigin und von Madame Eliſabeth, und wenn ich bedenke, mein Herr, daß mein Bruder, deſſen Hut und Ueberrock — 368 ich habe, nicht weiß, was aus mir geworden iſt, und daß dieſe arme Frau von der Aage, welche mich geſtern erwartete, um ſie zu friſiren, noch zu dieſer Stunde auf mich wartet! Oh! mein Gott! was für eine Geſchichte iſt dies!“ rief Leonard. Und er ging mit großen Schritten im Saale auf und ab und hob ſeine Arme voll Verzweiflung zum Himmel empor. Herr von Bouillé fing an zu begreifen. „Ah! Sie ſind Herr Leonard,“ ſagte er. „Gewiß bin ich Leonard,“ verſetzte der Rei⸗ ſende, nach Art der großen Männer den Titel abſchnei⸗ dend, den ihm der Chevalier von Bouillé gegeben hatte, „und da Sie mich nun kennen, ſo werden Sie mir Ihre Pferde überlaſſen, nicht wahr?“ „Herr Leonard,“ erwiederte der Chevalier, der be⸗ harrlich den erhabenen Friſeur in die gewöhnliche Claſſe der Sterbenden zurückverſetzte,„die Pferde, die ich hier habe, gehören dem König, und Niemand, als der König, wird ſich derſelben bedienen.“ „Aber wenn ich Ihnen ſage, mein Herr, es ſei nicht wahrſcheinlich, daß der König hier durchkomme..“ „Allerdings, Herr Leonard; doch der König kann durchkommen, und käme er durch, ohne ſeine Pferde zu finden, und ich ſagte ihm, ich habe ſie Ihnen gegeben, ſo würde er mir vielleicht antworten, ich bezahle ihn mit einem ziemlich ſchlechten Grunde.“ „Wie, ein ſchlechter Grund!“ verſetzte Leonard. „Sie glauben, in einer extremen Lage, wie die iſt, in welcher wir uns befinden, würde mich der König tadeln, daß ich ſeine Pferde genommen S Der Chevalier konnte ſich eines Lächelns nicht er⸗ wehren. „Ich behaupte nicht,“ erwiederte er,„der König würde Sie tadeln, daß Sie ſeine Pferde genommen —— — c„ c 8— H cSc——„„ c— Ww W* — — — ⸗ ſe 2 3⸗ ei 4 n zu n, it 369 doch er würde ſicherlich finden, ich habe Unrecht gehabt, ſie Ihnen zu geben.“ „Ah!“ rief Leonard,„ah! Teufel ich hatte die Frage nicht von dieſer Seite in Betrachtung gezo⸗ gen! Sie verweigern mir alſo die Pferde, Herr Che⸗ valier?“* „Entſchieden.“ Leonard ſtieß einen Seufzer aus. „Doch,“ ſagte er, ſeinen Angriff erneuernd,„doch Sie werden ſich wenigſtens dafür verwenden, daß ich Pferde bekomme.“ „Ah! was das betrifft, von Herzen gern, mein lie⸗ ber Herr Leonard,“ erwiederte Herr von Bouillé. Herr Leonard war in der That ein ziemlich beſchwer⸗ licher Gaſt; er ſprach nicht nur laut, ſondern er verband auch mit ſeinen Worten eine äußerſt ausdrucksvolle Pan⸗ tomime, und dieſe Pantomime nahm durch die breite Krämpe ſeines Hutes und die übermäßige Weite ſeines Rockes eine groteske Form an, deren Lächerlichkeit immer auf diejenigen, mit welchen er ſprach, zurückſprang. Herr von Bouillé hatte alſo die größte Eile, ſich von Leonard zu befreien. Er rief dem zu Folge den Wirth zum Großen Mo⸗ narchen und bat ihn, Pferde zu beſorgen, welche den Reiſenden bis nach Dun führen könnten, und nachdem dieſer Auftrag gegeben war, überließ er Leonard ſeinem guten Glücke, indem er ihm ſagte, er wolle, was der Wahrheit entſprach, auf Erkundigungen ausgehen. Die zwei Officiere, Herr von Bouillé und Herr von Raigecourt, gingen wirklich wieder in die Stadt, durch⸗ ſchritten ſie ganz, machten eine Viertelmeile auf dem Wege nach Paris, ſahen nichts, hörten nichts, und da ſie auch zu glauben anfingen, der König, der um acht bis zehn Stunden im Verzuge war, werde nicht paſſiren, ſo kehrten ſie nach dem Gaſthauſe zurück. Die Gräfin von Charny. IV. 370 Leonard war weggefahren. Es ſchlug elf Uhr. Schon ſehr unruhig und beſorgt, ehe ſie nur das gehört hatten, was ihnen der Friſeur der Königin ge⸗ ſagt, hatten ſie überdies ein Viertel nach neun Uhr eine Ordonnanz abgeſchickt. Das war die Ordonnanz, welche ſich mit den Wagen beim Abgange aus Clermont ge⸗ kreuzt, und die wir bei Herrn von Damas ankommen ſahen. Die zwei Officiere warteten bis um Mitternacht. Um Mitternacht warfen ſie ſich, jedoch ganz ange⸗ kleidet, auf ihre Betten. Um halb ein Uhr wurden ſie durch die Sturm⸗ glocke, die Trommeln und das Geſchrei aufgeweckt. Sie traten an das Fenſter des Gaſthauſes und ſa⸗ hen, wie die ganze Stadt im größten Tumulte gegen die Municipalität zulief oder vielmehr ſtürzte. Viele bewaffnete Männer liefen in derſelben Rich⸗ tung. Dieſe Männer trugen die Einen Commißflinten, die Andern Doppelflinten, wieder Andere waren einfach mit Säbeln, Degen oder Piſtolen bewaffnet. Die zwei Oſſiciere gingen in die Ställe und fingen damit an, daß ſie die Pferde des Königs herausziehen ließen, welche ſie ſodann für jeden Fall und um ſie zu er⸗ halten, vor die Stadt führten: wäre der König durch die Stadt gefahren ſo würde er ſie hier finden. Hienach kamen ſie zurück, holten ihre eigenen Pferde und führten ſie auch zu den, durch Poſtillons bewachten Pferden des Königs. Doch dieſes Hin⸗ und Hergehen hatte Verdacht er⸗ regt, und um aus dem Gaſthofe mit ihren eigenen Pfer⸗ den herauszukommen, hatten ſie eine Art von Kampf auszuhalten gehabt, wobei zwei⸗ oder dreimal auf ſie geſchoſſen worden war. Zu gleicher Zeit, mitten unter dieſem Geſchrei und dieſen Drohnugen, hatten ſie erfahren, daß der König (— 8 Z e e e⸗ n e⸗ ⸗ a⸗ en ch⸗ n, ach zen en er⸗ die rde ten ſi er⸗ mpf ſie und nig 371 angehalten und zum Gemeindeanwalt geführt worden war. Sie berathſchlagten ſich, was ſie zu thun hätten. Sollten ſie ihre Huſaren verſammeln und einen Verſuch wagen, um den König zu befreien? Sollten ſie zu Pferde ſteigen und Herrn von Bouillé benachrichtigen, den ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach in Dun und ſcherlich in Stenay treffen würden? Dun war von Varennes nur fünf Meilen, Stenay nur acht Meilen entfernt; in anderthalb Stunden konn⸗ ten ſie in Dun, in zwei Stunden konnten ſie in Stenay ſein, und dann unmittelbar mit dem kleinen Armeecorps, u Herr von Bouillé befehligte, auf Varennes mar⸗ iren. Sie blieben bei Letzterem ſtehen, und eine halbe Stunde nach Mitternacht, als der König gerade in das Zimmer des Gemeindeanwalts im erſten Stocke hinauf⸗ ſtieg, entſchloſſen ſie ſich, das Relais, das ihnen anver⸗ traut war, ſeinem Schickſale zu überlaſſen, und eilten im ſtärkſten Galopp gegen Dun fort. Das war abermals ein unmittelbarer Beiſtand, auf den der König rechnete, und der ihm ſo entging. LXXXVI. Der Rath der Perzweiflung. Man erinnert ſich der Lage, in der ſich Herr von Choiſeul, welcher den erſten Poſten in Pont de Somme⸗ velle commandirte, befunden hatte; als er den Aufruhr ——— 372 3 immer mehr um ſich her zunehmen ſah, hatte er, da er ei⸗ nen Seußhirnvn wollte, nachläßig, ohne länger auf den König zu warten, geäußert, wahrſcheinlich ſei der Schatz ſchon paſſirt, und hatte ſich dann gegen Varennes gewendet. Nur hatte er, um nicht durch Saint⸗Menehould zu kommen, das, wie man ſich erinnert, in völliger Aufre⸗ gung begriffen war, einen Querweg genommen, wobei er indeſſen beſorgt geweſen, bis zu dem Augenblick, da er die Landſtraße verließ, im Schritt zu marſchiren, um dem Cihnrier die Chance, ihn einzuholen, zu geben. Doch der Courier hatte ihn nicht eingeholt, und in Orbeval war er von der Landſtraße abgegangen. Herr von Choiſeul glaubte feſt, der König ſei durch irgend ein unvorhergeſehenes Ereigniß zurückgehalten worden. Sollte er übrigens das Glück haben, ſich zu täuſchen, und der König ſetzte ſeine Reiſe fort, würde er nicht Herrn Dandoins in Saint⸗Menehould und Herrn von Damas in Clermont finden? Wir haben geſehen, was Herrn von Dandoins, der mit ſeinen Lenten auf der Municipalität zurückgehalten wurde, und Herrn von Damas, der ſich beinahe allein zu fliehen genöthigt ſah, begegnet war. Doch was uns bekannt iſt, die wir in der Höhe von ſechzig Jahren über dieſem erſchrecklichen Tage ſchwe⸗ ben und unter unſern Augen den Bericht von jeder der bei dieſem großen Drama handelnden Perſonen haben, war Herrn von Choiſeul noch durch die Wolke der Gegen⸗ wart verborgen. Herr von Choiſeul, der, wie geſagt, in Orbeval einen Querweg eingeſchlagen hatte, kam alſo gegen Mitternacht im Walde von Varennes in dem Au⸗ genblicke an, wo Charny in einen andern Theil dieſes Waldes in der Verfolgung von Drouet eindrang. In dem letzten am Saume liegenden Dorfe, nämlich in Neu⸗ ville au Pont, war er genöthigt, eine halbe Stunde da⸗ durch zu verlieren, daß er auf einen Führer wartete. Während dieſer Zeit erſcholl die Sturmglocke in allen ten er ern der ten zu öhe we⸗ der ben, en⸗ agt, alſo Au⸗ eſes In Reu⸗ da⸗ tete. allen 373 umliegenden Dörfern, und eine Nachhut von vier Huſa⸗ ren war von den Bauern in Verhaft genommen worden. Sogleich hievon benachrichtigt, eilte Herr von Choiſeul zurück, machte einen gewaltigen Angriff auf die Bauern, und die vier Huſaren waren befreit. Doch von dieſem Angenblicke ertönte die Sturm⸗ glocke voll Wuth, ohne mehr anzuhalten. Der Weg durch dieſe Wälder war äußerſt beſchwer⸗ lich und ſogar oft gefährlich; der Führer, geſchah es nun abſichtlich oder ohne daß er es wollte, leitete den kleinen Trupp irre; jeden Augenblick waren die Huſaren, um einen ſteilen Hügel hinaufzuklettern oder hinabzu⸗ reiten, genöthigt, vom Pferde zu ſteigen; zuweilen war der Weg ſo ſchmal, daß ſie Einer hinter dem Andern marſchiren mußten; ein Huſar fiel in einen Abſturz, und da man an ſeinem Hülferuf erkannte, daß er nicht todt war, ſo weigerten ſich ſeine Kameraden, ihn zu verlaſ⸗ ſen. Man verlor drei Viertelſtunden mit der Rettungs⸗ operation; dieſe drei Viertelſtunden waren gerade dieje⸗ nigen, während welcher der König aus dem Wagen zu ſteigen genöthigt und zu Herrn Sauſſe geführt wurde. Um halb ein Uhr in der Nacht, als die Herrn von Bouillé und von Raigecourt auf der Straße nach Dun flohen, erſchien Herr von Choiſeul am andern Ende der Stadt. Auf der Höhe der Brücke wurde er von einem kräf⸗ tigen:„Wer da?“ empfangen. Dieſes: Wer da? rief ihm ein Nationalgarde, wel⸗ cher Schildwache ſtand, zu. „Frankreich! Lauzun⸗Huſaren!“ antwortete Herr von Chviſeul. In demſelben Augenblick trat eine große Bewegung in der Bevölkerung ein; man ſah in der Nacht Maſſen bewaffneter Leute ſich zuſammendrängen und beim Schim⸗ mer der Fackeln und der Lichter, die an den Fenſtern erſchienen, die Flinten in den Straßen glänzen. 374— Da er nicht wußte, mit wem er es zu thun hatte, noch was vorgefallen war, ſo wollte Herr von Chviſeul ſich vor Allem zurecht finden. Er fing damit an, daß er mit dem Polizeipoſten des in Varennes ſtationirten De⸗ tachement in Verbindung geſetzt zu werden verlangte; dieſes Verlangen führte weitſchweifige Erörterungen her⸗ bei, endlich aber entſchloß man ſich, dem Wunſche von Herrn von Choiſenl zu entſprechen. Während man jedoch dieſen Entſchluß faßte und ihn ausführte, konnte Herr von Choiſeul ſehen, daß die Nationalgarden ihre Zeit benützten und Vertheidigungs⸗ anſtalten dadurch trafen, daß ſie Verhaue machten und gegen ihn und ſeine vierzig Mann zwei kleine Kanonen richteten. Als der Stückrichter eben ſeine Arbeit been⸗ digte, kam der Polizeipoſten an, jedoch unberitten; die Leute, aus denen er beſtand, wußten nichts, wenn nicht, daß der König, wie man ihnen geſagt hatte, feſtgenom⸗ men und nach dem Gemeindehaus geführt worden war; ſie ſelbſt waren vom Volk überfallen und ihrer Pferde beraubt worden. Sie wußten auch nicht, wie es ihren Gefährten ergangen. Als ſie dieſe Erklärungen gegeben, glaubte Herr von Choiſeul mitten in der Finſterniß einen kleinen Trupp zu Pferde vorrücken zu ſehen und zu gleicher Zeit hörte er rufen:„Wer da. „Frankreich,“ antwortete eine Stimme: „Welches Regiment?“ „Monſieur⸗-Dragoner.“ Bei dieſem Worte knallte ein Flintenſchuß von ei⸗ nem Nationalgarde abgefeuert. „Gut,“ ſagte Herr von Choiſeul zu einem Unter⸗ officier, der ſich in der Nähe befand,„das iſt Herr von Damas mit ſeinen Dragonern.“ 6 Und ohne länger zu warten, machte er ſich von zwei Menſchen los, die ſich an den Zaum ſeines Pfer⸗ des angeklammert hatten und ihm zuriefen, es ſei eit er⸗ on on er⸗ ſei 375 ſeine Pflicht, der Municipalität zu gehorchen und nur ſie anzuerkennen, commandirte: im Trab! ſchlug unver⸗ ſehens diejenigen, welche ihn feſthalten wollten⸗ zurück, erzwang die Paſſage und drang in die beleuchteten und von Menſchen wimmelnden Straßen ein. Als er ſich dem Hauſe von Sauſſe näherte, erblickte er den ausgeſpannten Wagen des Königs, ſodann einen kleinen Platz, wo einem unſcheinbaren Hauſe gegenüber eine zahlreiche Wache aufgeſtellt war. um ſeine kleine Schaar nicht in Berührung mit den Einwohnern zu bringen, ritt er gerade auf die Ka⸗ ſerne der Huſaren zu, deren Lage er kannte. Die Kaſerne war leer. Er ſchloß darin ſeine vierzig Huſaren ein. Sobald Herr von Choiſeul aus der Kaſerne heraus⸗ trat, hielten ihn zwei Männer, welche vom Gemeinde⸗ hauſe kamen, an und forderten ihn auf, ſich nach der Municipalität zu begeben. Doch Herr von Choiſeul, der noch von ſeinen Hu⸗ ſaren gehört werden konnte, ſchickte dieſe zwei Männer fort, indem er ihnen ſagte, er werde ſich nach der Mu⸗ nicipalität begeben, wenn er hiezu Zeit habe, und er befahl dann ganz laut der Schildwache, Niemand hinein⸗ zulaſſen. Ein paar Stallwächter waren bei der Kaſerne ge⸗ blieben. Herr von Choiſeul befragte ſie und erfuhr von ihnen, die Huſaren, da ſie nicht gewußt, was aus ihren Chefs geworden, ſeien den Bürgern gefolgt, welche ſie abgeholt, und trinken mit ihnen in der Stadt zerſtreut. Bei dieſer Kunde kehrte Herr von Choiſeul in die Kaſerne zurück. Er ſah ſich auf die vierzig Mann be⸗ ſchränkt, welche über zwanzig Meilen am Tage ge⸗ macht hatten. Leute und Pferde waren kreuzlahm. Es ließ ſich indeſſen nicht mit der Lage feilſchen. Herr von Choiſeul fing damit an, daß er die Piſtolen 376 unterſuchte, um zu ſehen, ob ſie geladen waren; dann er⸗ klärte er deutſch den Huſaren, welche, da ſie kein Wort Franzöſiſch verſtanden, nichts von dem, was um ſie her vorging, begriffen hatten, ſie ſeien in Varennes, man habe ſo eben den König, die Königin und die kö⸗ nigliche Familie verhaftet, es handle ſich darum, ſie aus den Händen derjenigen, welche ſie gefangen halten, zu ziehen oder zu ſterben. Die Anrede war kurz, aber warm: ſie ſchien auf die Huſaren einen lebhaften Eindruck hervorzubringen. „Der König! die Königin!“ wiederholten ſie mit Erſtaunen. Herr von Choiſeul ließ ihnen nicht Zeit, wieder zu erkalten; er befahl ihnen, den Säbel in die Hand zu nehmen, zu Vieren abzubrechen, und ritt in ſcharfem Trab nach dem Hauſe, wo er eine Wache geſehen, wohl ver⸗ muthend, in dieſem Hauſe werde der König gefangen gehalten. Hier, mitten unter den Schmähungen der Natio⸗ nalgarden, und ohne ſich um dieſe Schmähungen zu be⸗ kümmern, ſtellte er zwei Vedetten vor die Thüre und ſtieg ab, um in das Haus hineinzugehen. In dem Augenblick, wo er über die Schwelle treten wollte, fühlte er, daß mas ſeine Schulter be⸗ rührte. Er wandte ſich um und ſah den Grafen Charles von Damas, deſſen Stimme er, auf das: Wer da? der Nationalgarden antwortend, erkannt hatte. Herr von Choiſeul hatte vielleicht ein wenig auf dieſe Unterſtützung gerechnet. „Ah! Sie ſind es?“ ſagte er;„ſind Sie bei Kräften?“ „Ich bin allein oder beinahe allein,“ erwiederte Herr von Damas. „Warum dies?“ S—S S 8 *—*—* — 68 es er uf ei rr 377 „Mein Regiment hat ſich geweigert, mir zu folgen, und ich bin mit fünf bis ſechs Mann hier.“ „Das iſt ein Unglück, doch gleichviel, es bleiben mir meine vierzig Huſaren, ſehen wir, was mit ihnen zu machen iſt.“ Der König empfing eine Deputation der Gemeinde unter Anführung von Herrn Sauſſe. Dieſe Deputation ſprach zu Ludwig XVI.: „Da es für die Einwohner von Varennes nicht mehr zweifelhaft iſt, daß ſie das Glück haben, den Kö⸗ nig zu beſitzen, ſo kommen ſie, um ſeine Befehle entge⸗ genzunehmen.“ „Meine Befehle?“ verſetzte der König;„dann laſ⸗ ſen Sie ſogleich meine Wagen bereit halten, damit ich abreiſen kann.“ Man weiß nicht, was auf dieſes beſtimmte Verlan⸗ gen die Gemeinde⸗Deputation zu antworten im Begriffe war, als man den Galopp der Pferde von Herrn von Choiſeul hörte und durch die Scheiben die Huſaren ſich ur dem Platze mit dem Säbel in der Hand aufſtellen ah. Die Königin bebte, ein Strahl der Freude zuckte aus ihren Augen. „Wir ſind gerettet!“ flüſterte ſie Madame Eliſa⸗ beth zu. „Gott wolle es!“ erwiederte das fromme königliche Lamm, das Alles, Gutes und Schlechtes, Hoffnung und Verzweiflung, Gott zutrug. Der König richtete ſich auf und wartete. Die Municipalräthe ſchauten ſich unruhig an. In dieſem Augenblick machte ſich ein gewaltiges Geräuſch im Vorzimmer hörbar, das mit Senſen bewaff⸗ nete Bauern bewachten; es wurden einige Worte ge⸗ wechſelt, dann fand ein Kampf ſtatt, und Herr von Choi⸗ ſeul erſchien ohne Hut und mit dem Degen in der Hand auf der Schwelle. 378— Ueber ſeinen Schultern ſah man den bleichen, aber entſchloſſenen Kopf von Herrn von Damas. In dem Blicke der beiden Officiere lag ein ſolcher Ausdruck von Drohung, daß die Abgeordneten auf die Seite traten und den Raum, der die Ankommenden vom König und der königlichen Familie trennte, frei ließen. Als ſie eintraten, bot das Innere des Zimmers folgendes Bild: In der Mitte ſtand ein Tiſch, darauf ſah man Sier ei Flaſche Wein, ein paar Gläſer und rod. Der König und die Königin hörten ſtehend die Abgeordneten der Gemeinde anz beim Fenſter waren Madame Eliſabeth und Madame Royale; auf dem aus⸗ einander gemachten Bette lag der Dauphin, erſchöpft vor Müdigkeit; neben ihm ſaß Frau von Tourzel, die den Kopf auf ihre Hände ſtützte, und hinter ihr ſtanden die Frauen Brunier und von Neuville; die zwei Gar⸗ des du corps und, zugleich von Schmerz und Müdigkeit gelähmt, Iſidor von Charny verloren ſich im Helldun⸗ kel, halb auf Stühlen liegend. Als ſie Herrn von Choiſeul erblickte, durchſchritt die Königin das Zimmer in ſeiner ganzen Länge, nahm ſeine Hand und ſprach: „Ah Herr von Choiſeul! Sie da!.. Seien Sie willkommen!“ „Ach! Madame,“ erwiederte der Herzog,„mir ſcheint, ich komme ſehr ſpät.“ Gleichviel, wenn Sie nur in guter Geſellſchaft eintreffen.“ „Ah! Madame, wir ſind im Gegentheil beinahe allein. Herr Dandvins iſt mit ſeinen Dragonern in der Municipalität von Saint⸗Menehould zurückgehalten worden und Herrn von Damas haben ſeine Leute ver⸗ laſſen.“ r r ie en ei n id ie en 8⸗ ft ie en eit 379 Die Königin ſchüttelte traurig den Kopf. „Aber,“ fuhr Herr von Chviſeul fort,„wo iſt denn der Chevalier von Bouillé, wo iſt denn Herr von Raigecourt?“ Bei dieſen Worten ſchante Herr von Choiſeul rings umher und ſuchte ſie mit den Augen. Mittlerweile hatte ſich der König genähert. „Ich habe dieſe Herren nicht einmal erblickt,“ ſagte er. „Sire,“ ſprach Herr von Damas,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich glaubte, ſie ſeien vor den Rä⸗ dern Ihres Wagens getödtet worden.“ „Was thun?“ fragte der König. „Sie retten, Sire,“ antwortete Herr von Damas, „geben Sie Ihre Befehle.“ „Sire, ich habe hier vierzig Huſaren,“ ſprach Herr von Choiſenl,„ſie haben zwanzig Meilen in einem Tage gemacht, doch ſie werden wohl bis Dun reiten.“ „Aber wir?“ verſetzte der König. „Hören Sie, Sire,“ ſagte Herr von Choiſeul, „ich glaube, das Einzige, was ſich thun läßt, iſt Fol⸗ gendes: Ich habe, wie geſagt, vierzig Huſaren. Sie⸗ ben davon laſſe ich abſitzen; Sie werden, den Dauphin in Ihren Armen haltend, auf einem der Pferde reiten; die Königin wird das zweite Pferd beſteigen, Madame Eliſabeth das dritte, Madame Royale das vierte, und die Damen von Tourzel, von Neuville und Brunier, welche Sie nicht zurücklaſſen wollen, werden die drei andern reiten.. Wir umgeben Sie mit den drei und dreißig zu Pferde gebliebenen Huſaren; wir brechen uns Bahn mit Säbelhieben, und ſo haben wir wenigſtens eine Chance der Rettung. Doch bedenken Sie wohl, Sire, das iſt eine Maßregel, welche auf der Stelle er⸗ griffen werden muß, wenn Sie dieſelbe annehmen; denn in einer Stunde, in einer Viertelſtunde vielleicht, werden meine Huſaren gewonnen ſein!“ Herr von Choiſeul ſchwieg, die Antwort des Kö⸗ 380 nigs erwartend. Die Königin ſchien dem Plane beizu⸗ treten, und die Augen auf Ludwig XVI. geheftet, be⸗ fragte ſie ihn glühend mit dem Blicke. Er aber ſchien im Gegentheil die Augen der Kö⸗ nigin und den Einfluß zu fliehen, den ſie auf ihn erlan⸗ gen konnte. Endlich ſchaute der König Herrn von Chviſeul ins Geſicht und ſagte: „Ja, ich weiß wohl, daß dies ein Mittel iſt, und zwar vielleicht das einzige; doch können Sie mir dafür ſtehen, daß bei dieſem ungleichen Streite von drei und dreißig Mann gegen ſieben bis achthundert nicht ein Flintenſchuß meinen Sohn, oder meine Tochter, oder die Königin, oder meine Schweſter tödten wird?“ „Sire,“ antwortete Herr von Choiſeul,„geſchähe ein ſolches Unglück, und geſchähe es, weil Sie meinem Rathe gefolgt wären, ſo könnte ich mich nur noch vor den Augen Eurer Majeſtät tödten.“ „Nun wohlan,“ ſprach der König,„dann wollen wir, ſtatt uns zu ſolchen extremen Entſchlüſſen hinreißen zu laſſen, kalt überlegen.“ Die Königin ſtieß einen Seufzer aus und machte ein paar Schritte rückwärts. Bei dieſer Bewegung, wobei ſie ihr Mißvergnügen nicht verbarg, begegnete ſie Iſidor, welcher, durch das Geräuſch auf der Straße angezogen und immer boffend, dieſes Geräuſch werde durch die Ankunft ſeines Bruders veranlaßt, ſich dem Fenſter genähert hatte Sie wechſelten ein paar Worte, und Iſidor eilte aus dem Zimmer. Der König fuhr fort, ohne daß er zu bemerken geſchienen, was zwiſchen Iſidor und der Königin vorge⸗ gangen: „Die Municipalität weigert ſich nicht, mich ab⸗ gehen zu laſſen, ſie verlangt nur, daß ich bis Ta⸗ gesanbruch hier warte. Ich ſpreche nicht vom Gra⸗ ——— e„—— ₰ ein der he em or len en hte en s nd, ers us ken ge⸗ ab⸗ La⸗ ra⸗ 381 fen von Charny, der uns ſo tief ergeben iſt, und von dem wir keine Nachrichten haben. Doch der Herr Che⸗ valier von Bouillé und Herr von Raigecvurt ſind, wie man mich verſichert hat, zehn Minuten nach meiner An⸗ kunft abgegangen, um den Marquis von Bouillé zu be⸗ nachrichtigen und ſo zu machen, daß die Truppen, welche ſicherlich bereit ſind, hierher marſchiren. Wäre ich allein, ſo würde ich Ihren Rath befolgen, und ich käme durch; doch die Königin, meine zwei Kinder, meine Schweſter, dieſe Damen, es iſt unmöglich, ſo viel zu wagen mit den wenigen Leuten, die Sie haben, und denen man noch zum Theil müßte die Pferde nehmen, denn ich würde ganz gewiß nicht meine drei Gardes du corps hier zurücklaſſen!“ Er zog ſeine Uhr.. Es iſt bald drei Uhr; der jnunge Bouillé iſt eine halbe Stunde nach Mitternacht abgegangen; ſein Vater hat ſicherlich Trup⸗ pen in geeigneten Entfernungen von einander aufgeſtellt; die erſten wird der Chevalier in Kenntniß ſetzen; ſie werden nach einander ankommen... Es ſind nur acht Meilen von hier nach Stenay, in zwei bis dritthalb Stunden kann ſie ein Mann zu Pferde machen; es wer⸗ den die ganze Nacht Detachements eintreffen; gegen fünf oder ſechs Uhr kann der Marquis in Perſon hier ſein, und dann werden wir, ohne irgend eine Gefahr für meine Familie, ohne irgend eine Gewaltthat, Varennes verlaſſen und unſere Reiſe fortſetzen.“ Herr von Choiſeul mußte die Logik dieſes Raiſon⸗ nement anerkennen, und dennoch ſagte ihm ſein Inſtinct, es gebe gewiſſe Augenblicke, wo man nicht auf die Logik hören dürfe. Er wandte ſich alſo gegen die Königin und ſchien ſie anzuflehen, ſie möge ihm andere Befehle geben, oder es wenigſtens beim König bewirken, daß er die, welche er ihm gegeben, widerrufe. Doch ſie ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ich will nichts auf mich nehmen, am König iſt 382 es, zu befehlen; meine Pflicht iſt, zu gehorchen; überdies bin ich der Anſicht des Königs;: Herr von Bouillé muß ungeſäumt ankommen.“ Herr von Choiſeul verbeugte ſich und machte ein paar Schritte rückwärts; er zog Herrn von Damas mit ſich, mit dem er ſich verabreden mußte, und lud die zwei Gardes du corps durch einen Wink ein, an dem Rathe, den ſie halten würden, Theil zu nehmen. LXXXVII. Arme Catherine. Madame Royale hatte der Müdigkeit nicht wider⸗ ſtehen können, und Madame Eliſabeth und Frau von Tourzel hatten ſie zu ihrem Bruder gelegt. Sie war eingeſchlafen. Madame Eliſabeth verweilte beim Bette und ſtützte ihren Kopf auf eine der Ecken. Bebend vor Zorn, ſtand die Königin beim Kamin und ſchaute abwechſelnd den König, der ſich auf einen Waarenballen geſetzt hatte, und die vier Officiere an, welche bei der Thüre berathſchlagten. Eine achtzigjährige Frau lag auf den Knieen, wie vor einem Altar, beim Bette, wo die zwei Kinder ſchliefen. Das war die Großmutter des Gemeindean⸗ walts, welche betroffen von der Schönheit der zwei Kinder und der Ehrfurcht gebietenden Miene der Köni⸗ gin auf die Kniee gefallen war, in Thränen zerfloß und leiſe betett. 383 Was für ein Gebet war es, das ſie an Gott rich⸗ tete? War es, Gott möge dieſen zwei Engeln vergeben oder dieſe zwei Engel mögen den Menſchen vergeben? Herr Sauſſe und die Municipalräthe hatten ſich zu⸗ rückgezogen, nachdem ſie dem König verſprochen, die Pferde ſollen angeſpannt werden. Doch der Blick der Königin gab deutlich kund, ſie baue durchaus nicht auf dieſes Verſprechen; Herr von Choiſeul ſagte auch zu Herrn von Damas und den Herren von Floirac und von Foucg, die ihm gefolgt waren, ſowie zu den zwei Gardes du corps: „Meine Herren, halten wir uns nicht an die ver⸗ ſtellte Ruhe des Königs und der Königin; die Frage iſt keine verzweifelte, faſſen wir ſie aber ſo ins Auge, wie e iſt.“ 6 Die Officiere bedeuteten, mit dem Kopfe nickend, ſie höͤren, und Herr von Choiſeul könne ſprechen. „Herr von Bouills iſt zu dieſer Stunde wahrſchein⸗ lich in Kenntniß geſetzt, und er wird gegen fünf oder ſechs Uhr Morgens hier ankommen, da er zwiſchen Dun und Stenay mit einem Detachement von Royal„Alle⸗ mand ſein muß. Es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß ſeine Vorhut eine halbe Stunde vor ihm hier eintrifft, denn unter den Umſtänden, in denen wir uns befinden, muß Alles, was möglich iſt, vollbracht werden; doch wir dürfen uns nicht verhehlen, daß vier bis füuftauſend Menſchen uns umgeben, ud daß der Augenblick, wo man die Truppen von Herrn von Bouillé erblicken wird, auch der einer großen Gefahr und einer erſchrecklichen Gährung ſein muß. Man wird den König aus Varen⸗ nes hinausſchleppen wollen, man wird es verſuchen, ihn ein Pferd beſteigen zu laſſen, um ihn nach Clermont zu führen; man wird ſein Leben bedrohen und ſich ſogar vielleicht an ihm vergreifen, doch dieſe Gefahr, meine Herren,“ fuhr Choiſenl fort,„wird nur einen Augen⸗ 384—„ blick dauern, und ſobald die Barriere geſtürmt iſt, ſo⸗ bald die Huſaren in der Stadt ſind, wird die Flucht des Volks eine vollſtändige ſein. Wir werden uns alſo zehn Minuten halten müſſen; wir ſind zu zehn: nach der Be⸗ ſchaffenheit der Localitäten dürfen wir hoffen, daß man kaum einen Mann in der Minute tödten wird; wir haben folglich Zeit.“ Die Zuhörer beſchränkten ſich darauf, daß ſie ein bejahendes Zeichen machten; dieſe Ergebenheit, welche bis zum Tode ging, wurde, einfach vorgeſchlagen, mit derſelben Einfachheit angenommen. „Nun wohl, meine Herren, ich glaube, daß Fol⸗ gendes zu thun iſt,“ fuhr Herr von Choiſeul fort:„bei dem erſten Schuſſe, den wir hören, bei dem erſten Ge⸗ ſchrei, das auswärts ertönt, ſtürzen wir in das erſte Zimmer; wir tödten Alles, was ſich darin findet, und bemächtigen uns der Treppe und der Fenſter. Es ſind drei Fenſter: drei von uns werden ſie vertheidigen; die ſieben Andern ſtellen ſich auf der Treppe auf, welche bei ihrer Schneckenform leicht zu vertheidigen iſt, da ein Mann allein fünf bis ſechs Angreifenden die Spitze bieten kann. Es werden ſogar die Leichen von denjenigen von uns, welche die Feinde tödten, als Wall für die Anderen dienen; es iſt alſo Hundert gegen Eins zu wetten, daß die Truppen Meiſter der Stadt ſein werden, ehe wir bis auf den letzten Mann erwürgt ſind, und ſollten wir dies ſein, ſo wird der Platz, den wir daun in der Geſchichte e uns eine ſchöne Belohnung für unſere Ergebenheit gewähren.“ Die jungen Leute drückten ſich die Hände, wie es die Spartaner im Augenblick des Kampfes machten; dann beſtimmten ſie unter einander für Jeden ſeinen Schlacht⸗ poſten: die zwei Gardes du corps und Iſidor von Charny, für den man den Platz bewahrte, obgleich er ab⸗ weſend war, erhielten ihren Poſten bei den auf die Straße gehenden drei Fenſtern; Herr von Choiſeul unten an der 385 Treppe; dann nach ihm der Graf von Damas; dann Herr von Floirac, Herr Foucg und die zwei andern Un⸗ terofficiere vom Dragoner⸗Regiment, welche Herrn von Damas treu geblieben waren. In dem Augenblick, wo man dieſe Dispoſitionen beſchloſſen hatte, wurde ein gewiſſes Geräuſch auf der Straße hörbar.„ Das war eine zweite Deputation beſtehend aus Sauſſe, der das erſte Element aller Deputationen zu ſein ſchien, ferner aus dem Commandanten der Nationalgarde Hannonet und drei bis vier Municipalräthen. Sie ließen ſich melden, und der König, welcher glaubte, ſie kommen, um ihm zu ſagen, die Pferde ſeien endlich am Wagen, befahl, ſie einzuführen. Sie traten ein; die jungen Officiere, die jede Ge⸗ berde, jedes Zeichen, jede Bewegung auslegten, glaubten in der Phyſiognomie von Sauſſe ein Zögern und auf der Stirne von Hannonet einen entſchiedenen Willen zu be⸗ merken, was Beides ihnen kein gutes Vorzeichen zu ſein chien. Zu gleicher Zeit kam Iſidor wieder herauf, ſagte paar Worte zur Königin und eilte abermals hinab. Die Königin machte einen Schritt rückwärts und hielt ſich, ganz erbleichend, an dem Bette, wo die Kinder ſchliefen. 8 Der König aber beh mit den Augen die Abge⸗ ſandten der Gemeinde und wartete, daß ſie ihn anredeten. Doch ohne zu ſprechen, verbeugten ſich dieſe vor dem König. Ludwig XVI. gab ſich den Anſchein, als täuſchte er ſich in ihrer Intention.* „Meire Herren,“ ſprach er,„die Franzoſen ſind nur irre geleitet, und ihre Anhänglichkeit an den Kö⸗ nig iſt wirklich und wahr. Müde der unabläßigen Un⸗ Die Gräfin von Charny. 1v. 25 386 bilden, die ich in meiner Hauptſtadt erdulde, bin ich ent⸗ ſchloſſen, mich in die Tiefe meiner Provinzen, wo noch die heilige Flamme der Ergebenheit lebt, zurückzuziehen; dort bin ich verſichert, die alte Liebe meines Volkes für ſeine Sonverains wiederzufinden.“ Die Abgeordneten verbeugten ſich abermals. „Und den Beweis meines Vertranens zu meinem Volke bin ich zu geben bereit,“ fuhr der König fort.„So werde ich hier zur Hälfte Leute von der Nationalgarde, zur Hälfte Linientruppen nehmen, und dieſe Escorte wird mich begleiten bis Montmsdy, wohin ich mich zurückzuziehen Willens bin. Commandant, ich bitte Sie, wählen Sie ſelbſt unter der Mannſchaft Ihrer Nationalgarde die Leute aus, welche mich begleiten werden, und laſſen Sie die Pferde an meinen Wagen ſpannen.“ Es trat ein Angenblick des Stillſchweigens ein; während dieſes Augenblicks wartete Sauſſe ohne Zweifel, daß Hannonet ſpreche, und Hannonet wartete, daß Sauſſe das Wort nehme. Endlich verbeugte ſich Hannonet und antwortete: „Sire, mit dem größten Glücke würde ich Eurer Majeſtät gehorchen, doch es gibt einen Artikel in der Conſtitution, der dem König verbietet, ſich aus dem Reiche zu entfernen, und den guten Franzoſen, ihn bei ſeiner Flucht zu unterſtützen.“ Der König bebte. „Dem zu Folge,“ fuhr one fort, der mit der Hand ein Zeichen machte, um den König zu bitten, er möge ihn vollenden laſſen,„dem zu Folge hat die Mu⸗ nicipalität beſchloſſen, ehe ſie erlaube, daß der König weiter gehe, werde ſie einen Courier nach Paris ſchi⸗ cken und die Antwort der Nationalverſammlung abwarten. Der König fühlte den Schweiß auf ſeiner Stirne perlen, während die Königin vor Ungeduld auf ihre blei⸗ chen Lippen biß und Madame Eliſabeth die Hände und die Augen zum Himmel erhob. 387 „Holla! meine Herren!“ ſprach der König mit einer gewiſſen Würde, die bei ihm hervortrat, wenn er auf das Aeußerſte getrieben wurde,„ſteht es mirfnicht mehr frei, zu gehen, wohin es mir beliebt? Dann bin ich mehr Sklave als der letzte meiner Unterthanen!“ „Sire,“ erwiederte der Commandant der National⸗ garde,„Sie ſind immer der Herr, nur ſind alle Menſchen, König und einfache Bürger, durch ihren Eid verbunden; Sie haben den Eid geſchworen, gehorchen Sie zuerſt dem Geſetze, Sire. Sie geben dadurch nicht nur ein großes Beiſpiel, ſondern Sie erfüllen auch eine edle Pflicht.“ Mittlerweile fragte Herr von Choiſeul die Königin mit den Angen um Rath, und nachdem er auf die ſtum⸗ me Frage, die er gethan, eine bejahende Antwort erhal⸗ ten hatte, ging er ebenfalls hinab. Der König begriff, daß er, wenn er ſich ohne Wi⸗ derſtand dieſer Rebellion einer Dorfmunicipalität, und aus ſeinem Geſichtspunkte war es eine Rebellion, unter⸗ zog, ſich als verloren betrachten mußte. Ueberdies erkannte er eben dieſen revolutionären Geiſt. den Mirabeau in der Provinz hatte bekämpfen wollen, und den er ſchon vor ſeiner Perſon ſich in Paris erheben geſehen, am 14. Juli, am 5. und 6. October und am 18. April, wo der König, um einen Verſuch mit ſeiner Freiheit zu machen, nach Saint⸗Clond hatte fahren wollen und durch das Volk daran verhindert wor⸗ den war. B „Meine Herren,“ ſagte er,„das iſt Gewaltthat, doch ich bin nicht ſo vereinzelt, als ich zu ſein ſcheine. Ich habe hier vor der Thüre vierzig getreue Leute und um Varennes zehntauſend Soldaten; ich befehle Ihnen alſo, Herr Commandant, die Pferde auf der Stelle an meinen Wagen ſpannen zu laſſen. Sie hören, ich be⸗ fehle es Ihnen, ich will es.“ * 388 Die Königin näherte ſich dem König und ſprach leiſe zu ihm: „Gut! gut! Sire, wagen wir unſer Leben, geben wir aber nicht unſere Ehre und unſere Würde preis.“ „Und wenn wir uns weigern, Eurer Majeſtät zu gehorchen,“ verſetzte der Commandant der Nationalgarde, „was wird die Folge ſein?“ „Die Folge wird ſein, mein Herr, daß ich die Ge⸗ walt anrufe, und daß Sie verantwortlich werden für das Blut, welches fließen zu laſſen ich mich weigerte, und das in dieſem Falle in Wirklichkeit durch Sie vergoſſen werden wird.“ „Wohl, es ſei, Sire,“ ſprach der Commandant, „verſuchen Sie es, Ihre Huſaren zu Hülfe zu rufen, ich werde die Nationalgarde aufbieten.“ Und er ging ebenfalls hinab. Der König und die Königin ſchauten ſich beinahe erſchrocken an; vielleicht würde weder der Eine, noch die Andere einen äußerſten Verſuch gewagt haben,— wäre nicht, ihre Großmutter, welche fortwährend am Fuße des Bet⸗ tes betete, auf die Seite ſchiebend, die Frau des An⸗ walts Sauſſe hinzugetreten und hätte zu der Königin mit der derben Offenherzigkeit des Weibes aus dem Volke geſagt: h Madame, Sie ſind wirklich die Königin, nicht wahr?“ Die Königin wandte ſich um: ſie fühlte ſich durch ſe mehr als vertrauliche Frage in ihrer Würde ver⸗ etzt. „Ja,“ antwortete ſie,„wenigſtens glaubte ich es bis vor einer Stunde.“ „Nun! wenn Sie die Königin ſind,“ fuhr Frau Sauſſe ganz ruhig fort,„man gibt Ihnen vierundzwan⸗ zig Millionen, daß Sie Ihren Platz behaupten. Da der Platz gut bezahlt iſt, wie mir ſcheint, warum wollen Sie ihn verlaſſen?“ * 8 u n⸗ er en 6 389 Die Königin gab einen Schrei des Schmerzes von ſich und ſagte zum König: „Oh! Sire, Alles, Alles eher, als ſolche Schänd⸗ lichkeiten!“ Und ſie nahm den Dauphin, der auf ſeinem Bette völlig eingeſchlafen war, lief an das Fenſter, öffnete es und ſprach: „Sire, zeigen wir uns dem Volke, wir wollen ſehen, ob es ganz brandig iſt. In dieſem Falle rufen wir die Soldaten auf und feuern wir ſie mit der Stimme und der Geberde an. Das iſt das Wenigſte, was die⸗ jenigen verdienen, welche für uns ſterben ſollen.“ Der König folgte ihr maſchinenmäßig und erſchien mit ihr auf dem Balcon. Der ganze Platz, auf den die Blicke von Ludwig XVI. und Marie Antoinette niedertauchten, bot das Schauſpiel einer lebhaften Aufregung. Eine Hälfte der Huſaren von Herrn von Choiſeul war zu Fuße, die andere zu Pferde; diejenigen, welche zu Fuße waren, ließen vermengt mit den Gruppen der Bürger, verloren unter dem Volke, ihre Pferde von die⸗ ſem in allen Richtungen fortziehen: ſie waren ſchon für die Nation gewonnen. Die Anderen, die zu Pferde ſaßen, ſchienen noch Herrn von Choiſeul, der ſie deutſch haranguirte, zu gehorchen; doch ſie zeigten ihrem Ober⸗ ſten die Hälfte ihrer Kameraden, welche abfielen. Auf der Seite haltend, mit ſeinem Jagdmeſſer in der Hand, ſchien Iſidor von Charny, dieſem ganzen Ge⸗ wirre fremd, auf einen Menſchen zu warten, wie ein Jäger auf dem Anſtand auf das Wild wartet. Der Ruf:„Der König! der König!“ erſcholl bald aus dem Munde von fünfhundert Menſchen. Es zeigten ſich wirklich der König und die Königin am Fenſter; die Königin hielt, wie geſagt, den Dau⸗ phin in ihren Armen. 390 Wäre Ludwig KVI. königlich oder militäriſch ge⸗ kleidet geweſen, hätte er ein Scepter oder ein Schwert in der Hand gehalten, hätte er mit der ſtarken, Ehrfurcht gebietenden Stimme geſprochen, die zu jener Zeit dem Volke noch die Stimme Gottes oder ſeines vom Him⸗ mel herabſteigenden Abgeſandten zu ſein ſchien, vielleicht würde er auf dieſe Menge den Einfluß erlangt haben, den er zu erlangen hoffte. Doch der König, bei Tagesanbruch, beim unbeſtimm⸗ ten Scheine der farbloſen Dämmerung, welche ſelbſt die Schönheit häßlich macht, der König als Bedienter ge⸗ kleidet, mit ſeinem grauen Rocke, ohne Puder, die von uns erwähute gemeine kleine Perücke auf dem Kopfe; der König bleich, fettig, mit ſeinem dreitägigen Barte, ſeinen dicken Lippen, ſeinem trüben, keinen Gedanken, weder den der Tyrannei, noch der väterlichen Geſinnung, ausdrückenden Auge, der König, der abwechſelnd die zwei Worte ſtammelte:„Meine Kinder! meine Herren!“ ah! das war nicht das, was auf dieſem Balcon die Freunde des Königthums und ſogar ſeine Feinde er⸗ warteten! Und dennoch rief Herr von Choiſenl:„Es lebe der König!“ Iſidor rief:„Es lebe der König!“ und ſo groß war noch das Blendwerk des Königthums, daß, trotz dieſes Anblicks, der ſo ſchlecht der Wee entſprach, die man ſich vom Oberhaupte eines großen Reiches ge⸗ macht hatte, einige Stimmen in der Menge wiederhol⸗ ten:„Es lebe der König!“ Doch ein Ruf antwortete, aus dem Munde des Chef der Nationalgarde, der ganz anders wiederholt wurde und ein viel mächtigeres Echo hatte; das war der Ruf: „Es lebe die Nation!“ Dieſer Ruf zu dieſer Stunde war eine Rebellion, und der König und die Königin konnten ſehen, daß ein Theil der Huſaren mitgeſchrieen hatte. 391 Marie Antvinette ſtieß eine Art von Wutbgeſchrei aus, drückte an ihre Bruſt den Dauphin, ein armes Kind, das nichts von der Größe der Ereigniſſe wußte, welche vorgingen, neigte ſich über den Balcon, kaute zwiſchen ihren Zähnen und ſpuckte auf das Volk das Wort: „Elende!“ Einige hörten es und antworteten durch Drohungen: der Platz war nur noch ein großes Getümmel und ein ungeheures Geſchrei. Ganz in Verzweiflung, wollte ſich Herr von Choiſeul tödten laſſen; er machte einen letzten Verſuch. „Huſaren!“ rief er„im Namen der Ehre, rettet den König!“ Doch in dieſem Augenblick, mitten unter zwanzig Bewaffneten, trat eine neue Perſon in Scene. Das war Drouet, der von der Municipalität kam, wo er den Beſchluß, es zu verhindern, daß der König weiter reiſe, bewirkt hatte. „Ah!“ rief er, indem er auf Herrn von Choiſeul zuging,„Sie wollen den König entführen? gut! ich ſage Ihnen, Sie werden ihn nur todt haben.“ Herr von Choiſeul that ſeinerſeits mit aufgeho⸗ benem Säbel einen Schritt gegen Drouet. Doch der Commandant der Nationalgarde war da und rief Herrn von Chviſeul zu: „Wenn Sie noch einen Schritt machen, tödte ich Sie!“ Bei dieſen Worten ſprengte ein Mann vor, ohne daß ihn Drohungen oder Gruppen aufhalten konnten. Das war Iſidor von Charny: der Mann auf den er lauerte, war gerade Drouet. „Zurück! zurück!“ rief er, die Menge mit der Bruſt ſeines Pferdes durchſchneidend,„dieſer Menſch gehört mir!“ 2 Und ſein Jagdmeſſer ſchwingend, drang er auf Drouet ein. 392 Doch in der Secunde, wo er nahe daran war, ihn zu erreichen, gingen zwei Schüſſe los: ein Piſtolen⸗ ſchuß und ein Flintenſchuß. Die Piſtolenkugel plattete ſich auf dem Schlüſſel⸗ bein von Iſidor ab. Die Flintenkugel drang in ſeine Bruſt ein. Die zwei Schüſſe waren von ſo nahe gefeuert wor⸗ den, daß ſich der Unglückliche buchſtäblich von einer Flammenwoge und einer Rauchwolke umhüllt fand. Man ſah ihn den Arm ausſtrecken und hörte ihn murmeln: „Arme Catherine!“ Dann ließ er ſein Jagdmeſſer ſeiner Hand ent⸗ ſchlüpfen, ſiel rückwärts auf das Kreuz ſeines Pferdes und rollte von hier auf den Boden. Die Königin ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus; ſie hätte beinahe den Dauphin ihren Armen entgleiten laſſen, und warf ſich zurück, ohne einen neuen Reiter zu ſehen, der mit verhängten Zügeln von der Seite von Dun kam und gleichſam in die Furche eindrang, die mitten durch die Menge der Durchzug des armen Iſidor gemacht hatte. Hinter der Königin ging der König zurück und ſchloß das Fenſter⸗ Es waren nicht mehr nur ein paar Stimmen, welche: „Es lebe die Nation!“ riefen; es waren auch nicht mehr allein die Huſaren zu Fuße; es war die ganze Menge, und mit dieſer Menge die zwanzig Huſaren⸗ welche zu⸗ letzt treu geblieben: die einzige Hoffnung des Königthums in der äußerſten Noth! Die Königin warf ſich in einen Lehnſtuhl und ver⸗ barg ihr Geſicht in ihren Händen, tief erſchüttert bei dem Gedanken, daß ſie habe für ſie und zu ihren Füßen Iſidor von Charny fallen ſehen, wie ſie Georges hatte fallen ſehen. 393 Doch plötzlich entſtand bei der Thüre ein gewal⸗ tiger Lärmen, der ſie zwang, die Augen aufzuſchlagen. Was in einer Secunde im Herzen der Frau und der Königin vorging, werden wir nicht zu ſchildern ver⸗ ſuchen. Bleich und ganz blutig von der letzten Um⸗ armung ſeines Bruders, ſtand Olivier von Charny auf der Thürſchwelle. Der König ſchien vernichtet! Soeben erſchien im Verlage der Franckh'ſchen Ver⸗ lagsbuchhandlung in Stuttgart: Phyſik der Erdrinde und der Atmoſphäre. Populär dargeſtellt von Friedrich Zamminer, Dr. phil. und außerord. Profeſſor an der philoſ. Fakultät zu Gießen. Lerikon⸗Oktav 7 Bogen und 3 Karten, ſanber broſchirt. 24 Sgr.— 1 fl. 12 kr. Dieſe Schrift(an welche ſich die, von demſelben Ver⸗ faſſer im vorigen Jahre herausgegebene Phyſik in ihren wichtigſten Reſultaten dargeſtellt Ler.⸗8. 23 Bog. mit 11 lithog. Tafeln 2 Thlr. 8 Sgr— 3 fl. 48 kr. innig anſchließt), gibt in gedrängter und geiſtreicher Ueberſicht ein Bild von dem Walten der Kräfte, welche in dem Spiel der Meereswogen, dem Kreislaufe der Gewäſſer, den Quellen, den Vulkanen und Erdbeben, auf die Oberfläche der Erde heut zu Tage umgeſtaltend wirken und leitet zu den Schlüſſen an, welche uns die Geſchichte unſres Erd⸗ balls verſtändlich machen. Die zweite Abtheilung vereinigt in ſich die neueſten Reſultate der Witterungskunde. Namentlich iſt den Monatsiſothermen, durch welche der geiſtvolle Dove die Brücke zwiſchen der Climatologie und Meteorologie gebaut, gebührende Rückſicht geſchenkt und es geben drei Karten die Ueberſicht über die Linien gleicher Jahreswärme, ſowie der Iſothermen des Januar und Juli. Der Freund der Witterungskunde wird aus der angezeigten Schrift mit Befriedigung entnehmen, daß dieſe Wiſſenſchaft, von welcher man einerſeits häufig zu viel erwartet und welche andrerſeits als hoffnungslos aufgegeben wird, endlich eine feſte Grundlage zu gewinnen beginnt. Der Verfaſſer hat es ſich zur beſonderen Aufgabe gemacht, in der Skizze, welche er in allgemein verſtändlicher Form entworfen, die dauerhaften Parthieen deutlich hervortreten zu laſſen. — Im Verlage der Franckh' ſchen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart erſchien ſo eben: Geſchichte des Mittelalters Dr. Heinrich Rückert, Profeſſor an der Uniberſität zu Breslau. Ler.⸗8. 23 Bogen ſauber broſchirt. 1 Thlr. 18 Sgr.— 2 fl. 4 fr. Das vorſtehende geiſtreiche Geſchichts⸗Compendium des Mitlelalters(welches ſich an die, im gleichen Verlage von Dr. Al. Flegler, Profeſſor an der Univerſität zu Zürich, erſchienene Geſchichte des Alterthums, Lex.⸗8. 19 Bog. 1 Thlr. 9 Sgr. oder 2 fl. 12 kr., innig und wozu im Laufe dieſes Jahres, ebenfalls aus der eder des Profeſſor Pr. Rückert, die Geſchichte der Neuzeit erſcheinen wird), vermittelt in faßlicher Darſtellung dem gebildeten Publikum die Reſultate der modernen Geſchichtsforſchung, die ſich mit ſo beſonderer Vorliebe und dem größten Er⸗ folge der Periode des Mittelalters zugewendet hat. Die bunte Vielheit der Erſcheinungen dieſer Periode wird ſich aus der Darſtellung ſelbſt in ihrem äußerlichen Zuſammenhange und chrer innerlichſten Begründung er⸗ Flären und ſo dem Leſer zu einem viel klareren Verſtänd⸗ niß dieſer Epoche verhelfen, als es aus umfangreicheren Bearbeitungen, in denen der Blick durch Einzelnheiten von dem Mitteipunkt des Ganzen ſo leicht abgezogen wird, möglich iſt.— In dieſem Sinne bringt der Verfaſſer ſtets ein feſtes Centrum der Begebenheit und ihrer Entwickelung zur Erſcheinung und läßt ſo die maſſenhafte Fülle des mittelalterlichen Lebens als eine wirkliche, nicht blos als e äußerliche Einheit ſichthar werden.