— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1 Ofensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe iaen⸗ welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Pücher: B der Bücher auf ihre ei auf 1 Monat: 1 Wi.— Pf. 1 Mi 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „3„ 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung genen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — 2. 5 Denkwürdigkeiten eines Atztes. Von 6 Alexandre Bumas. Vierte Abtheilung: 4 Die Gräſfin von Charny. Siebentes bis zehntes Bändchen. . 6 Aus dem Franzöſiſchen 3 von Dr. Auguſt Zoller. ₰——— 4 . Stuttgart. Franckh ſche Verlagshandlung. 1853. —— 8 S— S 6 XXX. Wo der Teſer das Pergnügen haben wird, Herrn von Prauſtre ſo wiederzuſinden, wie er ihn verlaſſen. Nach dieſen artigen Worten des Graſen herrſchte ein kurzes Stillſchweigen; Caglioſtro ſchritt indeſſen bis in die Mitte der Stube vor und ſchaute mit einem forſchen⸗ den Blicke umher, ohne Zweifel, um die moraliſche und beſonders pecuniäre Lage der alten Bekannten zu ſchätzen, unter welche ihn die furchtbaren unterirdiſchen Schleich⸗ gänge, deren Mittelpunkt er war, unvermuthet zurück⸗ führten. 8 Dus Reſultat dieſes Blices konnte einen ſo ſcharſ⸗ ſete Manne, wie es der Graf war, keinen Zweifel laſſen. Ein gewöhnlicher Beobachter hätte,— was der Wahrheit entſprach,— errathen, die arme Haushaltung ſei bei ihrem letzten Vierundzwanzig⸗Sous⸗Stücke. Von den drei Perſonen, bei denen das Erſcheinen des Grafen ſo große Verwunderung verurſacht hatte, war die erſte, die das Stillſchweigen brach, diejenige, welche ihr Gedächtniß nur an die Ereigniſſe des Abends erinnerte, und der folglich ihr Gewiſſen nichts vorzuwerfen hatte. „Ah! mein Herr, welch ein Unglück!“ rief der junge Touſſaint,„ich habe meinen Louis d'or verloren!“ Die Gräfin von Charny. M. 1 2 Nicole öffnete den Mund, um die Umſtände nach ihrer Wahrheit darzuſtellen, aber ſie bedachte, ihr Still⸗ ſchweigen werde vem Kinde vielleicht einen zweiten Louis d'or eintragen, und dieſen zweiten Louis d'or werde ſie erben. Nicole täuſchte ſich nicht. „Du haſt Deinen Louis d'or verloren, mein armes Kind?“ ſagte Caglioſtro;„hier ſind zwei, verliere ſie diesmal nicht mehr!“ Und er zog aus einer Börſe, deren Rundheit die gie⸗ rigen Blicke von Beaufire entflammte, zwei andere Louis „d'or und ließ ſie in die kleine Hand des Kindes fallen. Nievle zulief,„da iſt einer für Dich und einer für mich.“ Und er theilte ſeinen Schatz mit ſeiner Mutter. Caglioſtro hatte bemerkt, mit welcher Zähigkeit der Blick des falſchen Sergenten ſeiner Börſe, die er geöff⸗ net, um den achtundvierzig Livres Abzug zu gewähren, bei den verſchiedenen Evolutionen, die ſie von ihrem Aus⸗ gange aus ſeiner Taſche bis zu ihrer Rückkehr gemacht, gefolgt war. 8 Als er ſie in den Tiefen der Weſte des Grafen ver⸗ ſchwinden ſah, ſtieß der Liebhaber von Nicole einen Seufzer aus. „Oh! Herr von Beauſire,“ ſagte Caglioſtro,„wie, immer ſchwermüthig?“ „Und Sie, Herr Graf, immer Millionär?“ „Ei! mein Gott! Sie, der Sie einer der größten Philoſophen ſind, die ich ſöwohl in den letzten Jahrhun⸗ derten, als im Alterthum gekannt habe, müſſen vertraut Das Geld macht nicht das Glück. Ich habe Sie verhältnißmäßig reich geſehen.“ 5 „Ja, es iſt wahr,“ erwiererte Beauſire,„ich be⸗ ſaß hunderttauſend Franken.“ „Sieh, Mama!“ rief der Knabe, während er quf ſein mit dem Axiom, das zu allen Zeiten in Ehren war: Dos iſt möglich; nur hatten Sie zur Zeit, wo ich ——„e c— — —*— 3 Sie wieder fand, bereits ungefähr vierzigtauſend davon verzehrt, ſo daß Sie nur noch ſechzigtauſend beſaßen, was, wie Sie zugeſtehen werden, immer noch eine ziem⸗ lich runde Summe für einen ehemaligen Gefreiten war.“ Beauſire ſeufzte. „Was ſind ſechzigtauſend Livres im Vergleiche mit den Summen, über welche Sie verfügen?“ ſagte er. „Als Verwahrer, Herr von Beauſire, denn wenn wir recht rechnen würden, ſo glaube ich, daß Sie der heilige Martin wären, und ich wäre der Arme, und Sie müßten mir, um mich nicht vor Kälte erfrieren zu laſſen, die Hälfte von Ihrem Mantel geben.... Nun, mein lieber Herr von Beaufire, erinnern Sie ſich ver Umſtände, unter welchen ich Sie getroffen habe? Sie hatten damals, wie ich ſo eben ſagte, ungefähr ſechzigtauſend⸗ Livres in Ihrer Taſche; waren Sie darum glücklicher?“ Beaufire ſtieß einen rückwärts ſchauenden Seufzer aus, der für ein Stöhnen gelten konnte. „Antworten Sie doch,“ ſagte Caglioſtro,„würden Sie gern Ihre gegenwärtige Lage, obgleich Sie nur den unglücklichen Louis d'or beſitzen, den Sie dem jungen Touſſaint genommen haben... „Mein Herr,“ unterbrach ihn der ehemalige Ge⸗ reite. „Erzürnen wir uns nicht, Herr von Beauſire; wir haben uns ſchon einmal erzürnt, und Sie ſahen ſich gens⸗ thigt, auf der Straße Ihren Degen zu ſuchen, der durch das Fenſter geflogen war, Ste erinnern ſich deſſen 2.. Nicht wahr, Sie erinnern ſich?“ wiederholte der Graf, als er wahrnahm, daß Beauſire nicht antwortete;„Ge⸗ dächtniß haben iſt ſchon etwas. Nun denn, ich frage Sie abermals, würden Sie gern Ihre gegenwärtige Lage, obgleich Sie nur den ung cklichen Louis d'or beſitzen, den Sie dem jungen Touſſaiuk genommen haben,— diesmal ging die Anſchuldigung ohne Einwurf vorüber,— gegen die precäre Lage vertauſchen, welcher Sie entzogen zu haben ich mich glücklich fühle?“ „Nein, Herr Graf,“ erwiederte Beauſire,„Sie ha⸗ ben Recht, ich würde nicht tauſchen. Ach! damals war ich von meiner theuren Nicole getrennt.“ „Und dann leicht von der Polizei verfolgt, wegen Ihrer Angelegenheit mit Portugal... Was Teufels iſt aus dieſer Sache geworden, Herr von Beaufire? Eine garſtige Geſchichte, ſo viel ich mich erinnern kann!“ „Sie iſt in's Waſſer gefallen, Herr Graf,“ ant⸗ wortete Beauſire.§. „Ah! deſto beſſer, denn ſie mußte Sie ſehr beun⸗ ruhigen; zählen Sie übrigens nicht zu viel auf dieſe Er⸗ ſäufung. Es gibt tüchtige Taucher bei der Polizei, und ſo trübe oder ſo tief das Waſſer ſein mag, eine garſtige iſt immer leichter zu fiſchen, als eine ſchöne Perle.“ „Nun, ja, Herr Graf, abgeſehen von der Armuth, zu der wir herabgeſunken ſind ℳ „Fühlen Sie ſich glücklich... ſo daß Sie nur ein Tauſend Louis d'or brauchen würden, damit dieſes Glück vollſtändig wäre?“ Die Augen von Nicole glänzten, die von Beauſire ſprühten Flammen. „Naͤmlich,“ rief der Letztere,„wenn wir tauſend Louis d'or hätten, nämlich, wenn wir vierundzwanzigtauſend Livres hätten, würden wlr ein Landgut für die Hälfte der Summe kaufen, mit der andern Hälfte würden wir eine kleine Ite gründen, und ich würde Feldbauer!“ „Wie neinnatus.“ „Wä o ſich Niecole ganz der Erziehung unſeres Kindes widmen konnte!“ k „Wie Cornela! Alle Wetter! Herr von Beauſire, das wäre nicht nur exemplariſch, ſondern auch ſehr rüh⸗ rend; Sie hoffen alſo nicht, ſo viel bei der Sache zu ge⸗ winnen, welche Sie in dieſem Augenblicke betreiben?“ d d te ir Beaufire bebte. „Welche Sache?“ fragte er. „Die Sache, bei der Sie ſich als Sergent von den Garden produciren; die Sache, für welche Sie ſich heute Abend unter die Arcaden der Place Royale be⸗ geben.“ Beaufire wurde bleich wie ein Todter. „Oh! Herr Graf,“ ſagte er, indem er mit einer flehenden Miene die Hände faltete. „Was 2“— „Stürzen Sie mich nicht ins Ververben!“ „Gut! Wie ſchweifen Sie nun aus! Bin ich der Polizeilieutenant, um Sie ins Verderben zu ſtürzen?“ „Hörſt Du!“ rief Nicole,„ich ſagte Dir wohl, Du laſſeſt Dich in eine ſchlimme Sache ein!“ „Ah! Sie kennen dieſe Angelegenheit, Mademviſelle Legay?“ „Nein, Herr Graf, doch es iſt... wenn er mir eine Angelegenheit verbirgt, ſo geſchieht es, weil ſie ſchlecht iſt, das weiß ich.„ „Was dieſe betrifft, ſo täuſchen Sie ſich, Made⸗ Legay, ſie kann im Gegentheil vortrefflich ein.“ „Ah! nicht wahr?“ rief Beauſtre.„Der Herr Graf iſt Evelmann, und der Herr Graf begreift, daß der ganze Adel dabei intereſſirt iſt„ „Daß ſie glückt. Es iſt wahr, doch das ganze Volk iſt ſeinerſeits dabei intereſſirt, daß ſie ſcheitert.... Wenn Sie mir nun glauben wollen, mein lieb Herr von Beauſire,— Sie verſtehen, es iſt ein N, den ich Ihnen gebe, ein wahrer Freundesrath, wenn Sie mir glauben wollen, ſo werden Sie weher ar den Adel, noch für das Volk Partei nehmen.“* 2„ 3 „Für wen werde ich aber dann Bartei nehmen 2“ „Für Sie.“ „Für mich?“ „Ei! allerdings, für Dich,“ ſagte Nicole.„Bei Gotti Du haſt genug an Andere gedacht, es iſt Zeit, daß Du an Dich denkſt!“ „Sie hören,— ſie ſpricht wie der heilige Johan⸗ nes Chryſoſtomos*). Erinnern Sie ſich wohl, Herr von Beauſire, jede Sache hat eine gute und eine ſchlimme Seite: gut für die Einen, ſchlimm für die Andern; eine Angelegenheit, welche es auch ſein mag, kann nicht ſchlimm für Jedermann oder gut für Jeder⸗ mann ſein; nun, es handelt ſich einzig und allein da⸗ rum, daß man ſich auf der guten Seite findet.“ „Ah! ah! und es würde ſcheinen, ich ſei nicht auf der guten Seite?“ „Nicht ganz, Herr von Beauſire; nein, entfernt nicht. Ich füge ſogar bei, daß, wenn Sie hartnäckig hiebei bleiben,— Sie wiſſen, ich miſche mich in das Prophetenthum,— ich füge ſogar bei, daß Sie, wenn Sie hartnäckig hiebei bleiben, diesmal nicht Ihre Ehre, nicht Ihr Vermögen in Gefahr ſetzen werden, ſondern Ihr Leben. Ja, Sie würden wahrſcheinlich gehenkt!“ „Mein Herr,“ erwiederte Beauſire, welcher ſeine Faſſung zu behaupten bemüht war, indeß er den Schweiß abwiſchte, der von ſeiner Stirne floß,„man henkt einen Edelmann nicht.“ „Das iſt wahr; doch um es dahin zu bringen, daß man Sie köpfen würde, lieber Herr von Beauſire, müß⸗ ten Sie Ihre Ahnenproben machen, was ein wenig lange dauern würde, lange genug, um das Tribunal ſo verdrießlich zu ſtimmen, daß es wohl proviſoriſch befehlen könnte, Sie ſollen gehenkt werden. Hiegegen werden Sie mir bemerken, wenn die Sache ſchön ſei, liege we⸗ nig an der Strafe. Das Verbrechen macht die Schande und nicht das Schaffot, hat ein großer Dichter geſagt.“ 6. Goldmund. 8— ⸗ N n e⸗ e er 7 „Aber..“ ſtammelte Beauſire immer mehr er⸗ ſchrocken. „Ja, aber Sie haͤngen nicht ſo ſehr an Ihren Mei⸗ nungen, duß Sie ihnen Ihr Leben vpfern würden; ich begreife das.... Teufel!„„Man lebt nur einmal,““ wie ein anderer, nicht minder großer Dichter geſagt at.“ „Herr Graf,“ ſprach endlich Beaufire,„ich habe in dem ſeltenen Verkehr, in den ich mit Ihnen zu kommen ſo glücklich geweſen bin, wahrgenommen, daß Sie eine Art von den Dingen zu reden beſitzen, welche die Haare auf dem Haupte eines ängſtlichen Menſchen ſich ſträuben machen würde.“ „Teufel! das iſt nicht meine Abſicht,“ verſetzte Caglioſtro;„übrigens ſind Sie kein ängſtlicher Menſch!“ „Nein,“ antwortete Beaufire,„es gibt indeſſen ge⸗ wiſſe Umſtände.. „Ja, ich begreife; z. B. die, wobei man hinter ſich die Galeeren wegen Betrugs hat und vor ſich den Galgen we⸗ gen des Verbrechens der beleidigten Natlon, wie man heute ein Verbrechen nennen würde, das etwa die Ent⸗ führung des Königs zum Zwecke hätte.“ „Mein Herr!“ rief Beauſire ganz beftürzt. „Unglücklicher!“ ſagte Oliva,„auf dieſe Entfüh⸗ rung bauteſt Du alſo Deine Goldträume 2“ „Und er hatte nicht ganz Unrecht, meine liebe De⸗ moiſelle; nur gibt es, wie ich Ihnen ſo eben zu ſagen vie Ehre gehabt habe, bei jeder Sache eine gute und eine ſchlimme Seite, eine erleuchtete Seite und eine dü⸗ ſtere Seite: Herr von Beauſire hat das Unrecht gehabt, vaß er die ſchlimme Seite adoptirt, die düſtere Seite geliebkoſt; er braucht ſich nur umzudrehen.“ „Iſt es noch Zeit?“ fragte Nicole. „Oh! gewiß.“ „Was muß ich thun, Herr Graf?“ fragte Beauſire. „Nehmen Sie Eines an, mein Herr,“ erwiederte Caglioſtro. „Was?“ „Nehmen Sie an, Ihr Complot ſcheitere; nehmen Sie an, die Mitſchuldigen des Verlarvten und des Man⸗ nes mit dem braunen Mantel ſeien verhaftet;— neh⸗ men Sie an,— man muß in der Zeit, in der wir le⸗ ben, Alles annehmen,— nehmen Sie an, ſie ſeien zum Tode verurtheilt. ei! mein Gott! man hat wohl Beſenval und Augeard freigeſprochen,— Sie ſehen, daß man Alles annehmen kann; nehmen Sie an,— werden Sie nicht ungeduldig: von Annahmen zu An⸗ nahmen kommen wir zu einer Thatſache;— nehmen Sie an, Sie ſeien einer von dieſen Mitſchuldigen; neh⸗ men Sie an, Sie haben den Strick um den Hals, und man ſage Ihnen, um auf Ibre Wehklagen zu antwor⸗ ten,— denn in einer ſolchen Lage, ei! mein Gott, ſo muthig er auch ſein mag, lamentirt ein Menſch im⸗ mer mehr oder weniger, nicht wahr?“ „Vollenden Sie, Herr Graf, ich bitte Sie inſtän⸗ dig; mir iſt ſchon, als ob ich erſtickte.“ „Bei Gott! darüber darf man ſich nicht wundern, ich nehme an, Sie haben den Strick um den Hals! Nun wohl! nehmen Sie an, man ſage zu Ihnen: „„Ah! armer Herr von Beauſire, lieber Herr von Beau⸗ ſire, das iſt Ihre Schuld!““ „Wie ſo?“ rief Beauſire. „Gemach! Sie ſehen wohl, daß wir von Annah⸗ men zu Annahmen zu einer Wirklichkeit kommen, da Sie mir antworten, als ob Sie ſchon dahei wären.“ „Ich geſtehe es“ „Wie ſo?““ würde Ihnen die Stimme antwor⸗ ten;„weil Sie nicht nur dem unglücklichen Tode, der 8 Sie in ſeinen Klauen hält, entgehen, ſondern auch tau⸗ ſend Lonis d'or verdienen konnten, mit denen Sie das Häuschen mit den grünen Hagebuchen gekauft haben ———— e—„——— —„„— — en n⸗ e⸗ en at n⸗ en ⸗ r t, 1* — v h⸗ 9 würden, wo Sie in Geſellſchaft von Mademoiſelle Oliva und dem kleinen Touſſaint von fünfhundert Louis d'or Rente leben ſollten, die Sie ſich von den zwölftauſend Livres gegründet hätten, welche nicht auf den Ankauf des Hauſes verwendet worden wären leben, wie Sie ſagten, als ein guter Landmann, mit Pantoffeln im Som⸗ mer und Holzſchuhen im Winter an den Füßen, wäh⸗ rend wir, Sie beſonders, ſtatt dieſes reizenden Horizonts vor den Augen den Grève„Platz haben, der mit zwei bis drei abſcheulichen Galgen bepflanzt iſt, von welchen der höchſte die Arme nach Ihnen ausſtreckt. Pfui! Herr von Beaufire, welch eine häßliche Ausſicht!““ „Aber wie hätte ich denn dieſem unglücklichen Tode entgehen können? Wie hätte ich dieſe tauſend Louis d'or verdienen können, welche meine Ruhe, die von Nicole und die von Touſſaint ſichern würden?“ „Würden Sie fragen, nicht wahr?„Nichts wäre leichter geweſen,““ würde Ihnen die Stimme antwor⸗ tenz;„„Sie hatten da, in Ihrer Nähe, nur zwei Schritte entfernt, den Grafen von Caglioſtro.“„„Ich kenne ihn,“, würden Sie bemerken;„„ein fremder Herr, der in Paris zu ſeinem Vergnügen wohnt und ſich zum Sterben langweilt, wenn es ihm an Neuigkei⸗ ten fehlt.“„„So iſt es. Nun, Sie brauchten ihn nur aufzuſuchen und zu ihm zu ſagen:— Herr Graf—“ „Aber ich wußte nicht, wo er wohnte,“ rief Beau⸗ ſire;„ich wußte nicht, daß er in Paris warz ich wußte nicht einmal, daß er noch lebte!“ „„Deshalb, mein lieber Herr von Beaufire,““ würde Ihnen die Stimme antworten,„„deshalb hat er auch Sie aufgeſucht, und von dem Augenblicke an, wo er Sie aufgeſucht, das müſſen Sie zugeſtehen, haben Sie keine Entſchuldigung mehr. Nun alſo! Sie hat⸗ ten nur zu ihm zu ſagen:— Herr Graf, ich weiß, wie lüſtern Sie nach Neuigkeiten ſindz ich habe, und zwar ganz friſche. Monſieur, der Bruder des Königs, con⸗ 10 ſpirirt—. Bah*..— Ja, mit dem Marquis von Favras„..— Nicht möglich!...— Doch; ich ſpreche wohlunterrichtet hievon, da ich einer der Agen⸗ ten von Herrn von Favras bin—...— Wahrhaftig? Und was iſt der Zweck des Complots?— Den König zu entführen und nach Peronne zu bringen. Nun wohl, err Graf, um Sie zu zerſtreuen, will ich, Tag für Tag, Stunde für Stunde, wenn Sie es wünſchen, Mi⸗ nute für Minute, wenn es ſein muß, Ihnen ſagen, wie die Sache ſteht.—„„Dann, mein lieber Freund, hätte der Graf, der ein freigebiger Herr iſt, Ihnen geantwor⸗ tet:— Wollen Sie das wirklich thun, Herr von Beau⸗ ſire?— Ja.— Wohl, da jede Mühe ihren Lohn ver⸗ dient, wenn Sie das gegebene Wort halten, ſo habe ich dort in einer Ecke vier und zwanzig tauſend Livres, die ich für eine gute Handlung verwenden wollte; bei meiner Treue, ich werde ſie für dieſe Laune hingeben, und am Tage, wo der Koͤnig entführt oder Herr von Favras verhaftet iſt, ſuchen Sie mich auf und bei meinem Ehren⸗ worte, die vier und zwanzig tauſend Livres ſollen Ihnen eingehändigt werden, wie ich Ihnen dieſe zehn Louis d'or einhändige, nicht als Vorſchuß, nicht als Darlehn, ſon⸗ dern als ein einfaches Geſchenk.““. Und bei dieſen Worten zog der Graf von Caglio⸗ ſtro, wie ein Schauſpieler, der mit den Requiſiten pro⸗ birt, aus ſeiner Taſche die gewichtige Börſe, ſteckte den Zeigefinger und den Daumen hinein und kniff mit einer Geſchicklichkeit, welche von ſeiner Gewohnheit in dieſer Art von Uebungen zeugte, gerade zehn Louis d'or, nicht mehr, nicht weniger, heraus, während ſeinerſeits Beau⸗ ſire, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, die Hand ausſtreckte, um das Gold in Empfang zu nehmen. 6 Caglioſtro ſchob ſachte dieſe Hand zurück und ogte: u⸗ ſ⸗ zu nd 11 „Verzeihen Sie, Herr von Beaufire, wir machten, glaube ich, Annahmen?“ „Ja,“ erwiederte Beauſire, deſſen Augen wie glühende Kohlen glänzten;„doch äußerten Sie nicht, von Annahmen zu Annahmen werden wir zur Thatſache kommen?“ „Sind wir dahin gekommen?“ Beauſire zögerte einen Augenblick. Bemerken wir ſogleich, daß es nicht die Redlichkeit, nicht die Treue für das gegebene Wort, nicht das er⸗ regte Gewiſſen war, was dieſes Zögern verurſachte. Wollten wir dies behaupten ſo kennen doch unſere Leſer Herrn von Beauſire zu gut, um uns nicht Lügen zu ſtrafen. Nein, es war einfach die Furcht, der Graf werde ſein Verſprechen nicht halten. „Mein lieber Herr von Beauſire,“ ſagte Caglio⸗ ſiro,„ich ſehe wohl, was in Ihnen vorgeht!“ „Ja,“ erwiederte Beauſire,„Sie haben Recht, Herr Graf, ich zögere, zum Verräther an dem Vertrauen zu werden, das ein wackerer Mann in mich geſetzt hat.“ Und er ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſchüttelte den Kopf wie Einer, der ſich ſagt:„Ach! das iſt ſehr hart!“. „Nein, das iſt es nicht,“ entgegnete Caglioſtro, „und Sie ſind mir ein neuer Beweis für die Wahrheit jenes Wortes des Weiſen:„„Der Menſch kennt ſich ſelbſt nicht.““ „Und was iſt es denn?“ fragte Beauſire, ein we⸗ nig verblüfft durch die Leichtigkeit, mit der der Graf in der tiefſten Tiefe des Herzens las. „Sie befürchten; nachdem ich Ihnen bie tauſend Louis d'or verſprochen habe, werde ich Ihnen dieſelben nicht geben.“ „Ah! Herr Graf!.. „Und das iſt ganz natürlich, ich ſage es Ihnen zu⸗ erſt; doch ich biete Ihnen eine Caution.“ „Eine Caution! Der Herr Graf hat das gewiß nicht nöthig!“ „Eine Caution, welche perſönlich für mich haften wird.“ „Und welche Caution iſt dies?“ fragte ſchüchtern Beauſire. „Mademoiſelle Nicole Oliva Legay.“ „Oh!“ rief Nicole,„wenn der Herr Graf uns et⸗ was verſpricht, ſo iſt es allerdings, als ob wir es hät⸗ ten, Beauſire.“ „Sehen Sie, mein Herr, ſo geht es, wenn man gewiſſenhaft die Verſprechen, die man geleiſtet hat, er⸗ füllt. An einem Tage, wo ſich dieſe Demoiſelle in der Lage befand, in der Sie ſind, abgeſehen vom Complot, das heißt, an einem Tage, wo Mademoiſelle von der Polizei ſehr geſucht war, machte ich ihr ein Anerbieten: das, bei mir eine Zuflucht zu nehmen. Mademoiſelle zögerte; ſie befürchtete für ihre Ehre. Ich gab ihr mein Wort, und trotz aller Verſuchungen, die ich zu erdulden hatte, was Sie beſſer als irgend Jemand hegreifen wer⸗ den, habe ich es gehalten, mein Herr. Iſt das wahr, Mademoiſelle*“ „Oh! bei unſerem kleinen Touſſaint ſchwöre ich es!“ rief Nicole. „Sie glauben alſo, Mademoiſelle Nicole, ich werde das Wort halten, das ich heute Herrn von Beauſire ver⸗ pfände, und ihm vier und zwanzig tauſend Livres an dem Tage geben, wo der König die Flucht ergriffen hat, oder an dem Tage, wo Herr von Favras verhaftet iſt? wohl verſtanden, abgeſehen davon, daß ich vie Schlinge löſe, welche Sie vorhin erſtickte, mein Herr, und daß nie mehr für Sie von Strick oder Galgen die Rede ſein wird, —+ an r⸗ er t, er n lle in en r⸗ nie rd, 13 — wenigſtens wegen dieſer Sache. Darüber hinaus hafte ich für nichts.... Einen Augenblick Geduld! verflehen wir uns recht! es gibt Berufe. „Herr Graf,“ unterbrach ihn Nicole,„für mich iſt es, als ob der Notar dabei geweſen wäre.“ „Nun wohl, meine liebe Demoiſelle,“ ſagte Caglio⸗ ſtro, während er die zehn Louis d'or, die er nicht losge⸗ laſſen, auf dem Tiſche an einander reihte,„machen Sie, daß Ihre Ueberzeugung in das Herz von Herrn von Beauſire übergeht, und die Sache iſt abge⸗ ſchloſſen.“ Und er bedeutete Beaufire durch einen Wink, er möge einen Augenblick mit Nicole reden. Das Geſpräch dauerte nur fünf Minuten; doch die Gerechtigkeit heiſcht von uns die Bemerkung, daß es während dleſer fünf Minuten äußerſt belebt war. Mittlerweile betrachtete Caglioſtro beim Lichte den vurchſtochenen Carton und machte Kopfbewegungen, als begrüßte er einen alten Bekannten.* „Ah! ah!“ ſagte er,„das iſt die berühmte Mar⸗ tingale von Herrn Law, die Sie wiedergefunden? Ich habe auf dieſe Martingale eine Million verloren.“ zu Und er ließ die Karten nachläßig auf den Tiſch allen. Dieſe Bemerkung von Caglioſtro ſchien dem Ge⸗ ſpräche von Nicole und Beaufire eine neue Thätigkeit zu verleihen. Endlich war Beauſire entſchloſſen. Er ging auf Caglioſtro zu, mit ausgeſtreckter Hand, wie ein Pferdehändler, der einen unauflösbaren Handel abſchließen will. Doch der Graf wich die Stirne faltend zurück. „Mein Herr,“ ſagte er,„unter Edelleuten gilt das Wort; Sie haben das meinige, geben Sie mir das Ihrige.“ 14 „Bei meinem Ehrenworte, Herr Graf,“ erwiederte Beauſire,„es iſt abgemacht.“ „Das genügt, mein Herr,“ ſprach Caglioſtro. Dann zog er aus ſeiner Taſche eine Uhr, auf wel⸗ cher das Portrait von König Friedrich von Preußen mit Diamanten verziert zu ſehen war, und fügte bei: „Es iſt drei Viertel auf neun Uhr, Herr von Beau⸗ ſire; auf den Schlag neun Uhr werden Sie unter den Arcaden der Place Royale, beim Hotel Sully, erwartet; nehmen Sie dieſe zehn Louis d'or, ſtecken Sie ſie in Ihre Weſtentaſche, ziehen Sie Ihren Rock an, ſchnallen Sie Ihren Degen um, gehen Sie über den Pont Notre⸗Dame und folgen Sie der Rue Saint⸗Antoine; Sie müſſen nicht auf ſich warten laſſen.“ Beauſire ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er nahm die zehn Louis d'or, ſteckte ſie in ſeine Taſche, zog ſeinen Rock an und ſchnallte ſeinen Degen um. „Wo werde ich den Herrn Grafen wiederfinden 2“ „Auf dem Saint⸗Jean⸗Friedhofe, wenn es Ihnen beliebt. Will man, ohne gehört zu werden, über ſolche Angelegenheiten plaudern, ſo plaudert man beſſer bei den Todten, als bei den Lebendigen.“ „Und um welche Stunde?“ „Um welche Stunde Sie frei ſind; wer zuerſt kommt, wird auf den Andern warten.“ „Der Herr Graf hat etwas zu thun?“ fragte Beau⸗ ſire mit Unruhe, als er ſah, daß ſich Caglioſtro nicht anſchickte, ihm zu folgen. „Ja, erwieverte Caglioſtro,„ich habe mit Made⸗ moiſelle Nicole zu reden.“ Beauſire machte eine Bewegung. „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein lieber Herr von Beauſire; ich habe ihre Ehre reſpectirt, als ſie Mäd⸗ chen war, um ſo mehr werde ich ſie reſpectiren, da ſie S iſt. Gehen Sie, Herr von Beauſire, gehen 7 Beaufire warf Nicole einen Blick zu, in welchem er ihr zu ſagen ſchien:„Frau von Beaufire, ſeien Sie des Vertrauens würdig, das ich zu Ihnen habe.“ Er küßte zärtlich den jungen Beauſire, grüßte mit einer mit Beſorgniß gemiſchten Chrerbietung den Grafen von Caglioſtro und ging gerade weg, als es auf Notre⸗Dame drei Viertel auf neun Uhr ſchlug. XXXI. Oedipus und Loth. Es war einige Minuten vor Mitternacht, als ein Mann aus der Rue Royale hervortrat, ſodann der Rue Saint⸗Antvine bis zur Fontaine Sainte⸗Catherine folgte, einen Augenblick hinter deren Schatten ſtehen dlieb, um ſich zu verſichern, daß er nicht beſpäht werde, dann den Weg durch das Gäßchen einſchlug, welches nach dem Hotel Saint⸗Paul führte, und, hier angelangt, durch die faſt völlig finſtere und öde Rue du Roi de Sicilie ging; dann aber hemmte er den Schritt immer mehr, je mehr er gegen das Ende der von uns genannten Straße kam; er trat ganz langſam in die Rue de la Croir⸗Blanche ein und blieb beſtändig zögernd vor dem Gitter des Saint⸗ Jean⸗Friedhofes ſtehen. Hier und als hätten ſeine Augen ein Geſpenſt aus der Erde hervorkommen zu ſehen befürchtet, blieb er abermals ſtehen und wiſchte ſich mit dem Aermel ſeines Rockes ei⸗ nes Sergenten von den Garden den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne floß, Und in der That, gerade in dem Augenblick, wo es zwölf Uhr zu ſchlagen anfing, erſchien eiwas wie ein Schatten und ſchlüpfte durch die Eibenbäume und die Cypreſſen. Dieſer Schatten näherte ſich dem Gitter, und pald konnte man an dem Knirſchen eines Schlüſſels im Schloſſe wahrnehmen, daß das Geſpenſt nicht nur die Fähigkeit, ſein Grab zu verlaſſen, ſondern auch, wenn es einmal ſein Grab verlaſſen hatte, die, aus dem Kirch⸗ hofe herauszutreten, beſaß. Bei dieſem Knirſchen wich der Militär zurück. Nun, Herr von Beauſire,“ ſagte vie ſpöttiſche Stimme von Caglioſtro,„erkennen Sie mich nicht mehr oder haben Sie unſer Rendez⸗vous vergeſſen?“ „Ah! Sie ſind es,“ verſetzte Beauſire, athmend wie ein Menſch, deſſen Herz um eine große Laſt erleichtert iſt,„gut! gut! Dieſe verteufelten Straßen ſind ſo finſter und öde, daß man nicht weiß, ob es beſſer iſt, hier einer lebenden Seele zu begegnen, oder allein zu gehen.“ „Ah bah!“ erwiederte Caglioſtro;„Sie fürchten etwas, zu welcher Stunde des Tags oder der Nacht es auch ſein mag? Ste werden mir das nicht glauben machen, ein Braver wie Sie, der mit dem Degen an der Flanke umhergeht! Kommen Sie übrigens auf dieſe Seite des Gitters, mein lieber Herr von Beauſire, und Sie konnen ruhig ſein, denn Sie treffen Niemand als i Beauſire entſprach der Einladung, und das Schloß, das geknirſcht hatte, um die Thüre vor ihm zu öffnen, knirſchte, um die Thüre hinter ihm zu ſchließen. „Nun, mein lieber Herr,“ ſagte Caglioſtro,„folgen Sie dieſem Fußpfade, und zwanzig Schritte von hier wer⸗ den wir einen halb zertrümmerten Altar finden, auf deſſen Stufen wir trefflich von unſern kleinen Angelegenheiten plaudern können.“ 5 Beaufire ſchickte ſich an, Caglioſirv zu folgen. Doch nach einem Augenblick des Zögerns ſagte er: „Wo des Teufels ſehen Sie denn einen Weg? Ich ſehe nichts als Brombeerſtauden, deren Dornen mir die Knoͤchel zerreißen, und Gras, vas mir bis an die Kniee reicht.“ „Dieſer Friedhof iſt allerdings einer von den am ſchlechteſten unterhaltenen, die ich kenne, doch darüber darf man ſich nicht wundern. Sie wiſſen, daß man hier nur Verurtheilte, welche auf der Grove hingerichtet worden ſind, begräbt, und für dieſe armen Teufel macht man nicht viel Umſtände. Wir haben indeſſen hier wahre Berühmtheiten, mein lieber Herr von Beauſire. Wenn es Tog wäre, ſo würde ich Ihnen den Platz zeigen, wo Buuteville von Montmorench begraben liegt, der enthaup⸗ tet worden iſt, weil er ſich geſchlagen; der Chevalier von Rohan enthauptet, weil er gegen vie Regierung con⸗ ſpirirt hatte; der Graf von Horn gerävert, weil er einen Juden ermordet; Damiens geviertheilt, weil er Ludwig XV. zu ermorden verſucht hat; was weiß ich 2 Oh! Sie haben Unrecht, über vieſen Frievhof zu fluchen, Herr von Beauſire; er iſt zwar ſchlecht unterhalten, aber gut bewohnt.“ Beauſire folgte Caglioſtro, wobei er ſeinen Gang ſo regelmäßig nach dem des Letzteren richtete, als dies ein Soldat des zweiten Gliedes nach ſeinem Vordermanne zu thun pflegt. „Ah!“ ſagte Caglioſtro, welcher plötzlich ſtehen blieb, ſo daß Beauſire, der auf dieſen raſchen Halt nicht gefaßt war, ihm mit dem Bauche auf den Rücken ſieß,„ſehen Sie, hier iſt etwas ganz Friſches; es iſt das Grab Ihres Standesgenoſſen Fleur vCpine, eines der Mörder des Bäckers Frangois, der vor acht Tagen in Folge eines Spruches des Chatelet aufgehängt worden iſt. Das muß Sie intereffiren, Herr von Beauſire; er Die Gräfin von Charny. M. 2 18 war wie Sie ein ehemaliger Gefreiter, ein falſcher Ser⸗ ſ gent und ein ächter Werber.“ 3 Die Zähne von Beauſire klapperten buchſtäblich; es kam ihm vor, ols wären dieſe Brombeerſtauden ebenſo ze viele Hände, welche aus der Eide herporkämen, um ihn g krampfhaft on den Beinen zu ziehen und ihm begreiflich zu machen, das Schickſal habe hier den Platz bezeichnet, a wo er den ewigen Schlaf ſchlafen ſollte. ſp „Ah!“ ſagte Caglioſtro, indem er endlich an einer Art von Ruine ſtehen blieb,„wir ſind an Ort und Stelle. di Und er ſetzte ſich auf eines der Trümmer und be⸗ ſo zeichnete mit dem Finger Beauſire einen Stein, welcher ic unmittelbar neben den andern gelegt zu ſein ſchien, um E Cäſar die Mühe zu erſparen, ſeinen Sitz dem von Au⸗ guſtus näher zu rücken. Es war Zeit; die Beine des ehemaligen Gefreiten eh baumelten dergeftalt, daß er auf die Steine mehr fiel, gie als ſich ſetzte. „Sprechen Sie nun, da wir hier ganz nach unſerer da. Bequemlichkeit zum Plaudern ſind, lieber Herr von i ſagte Caglioſtro;„was iſt heute Abend unter friü den Arcaden der Place Royal vorgefallen? Die Sitzung mußte intereſſant ſein.“ „Bel meiner Treue!“ erwiederte Beauſire,„ich geſtehe Ihnen, Herr Graf, mein Kopf iſt in dieſem Au⸗ genblick ein wenig verwirrt, und wahrhaftig, ich glaube, wir würden Beide dabei gewinnen, wenn Sie mich be⸗ fragten.“ „Wohl, es ſey! Ich bin ein guter Fürſt, und wenn ich zu dem gelange, was ich wiſſen will, ſo iſt mir wenig an der Form gelegen. Wie viel 1 es unter den Arcaden der Place Royale?“ 1 Ru lar ſein „Sechs, mich darunter begriffen.“ „Sechs, Sie mitgerechnet, lieber Herr von Bea fire. Wir wollen ſehen, ob dies wirklich vie Männ 19 Ser⸗ ſind, wie ich denke? Erſtens Sie, das unterliegt keinem Zweifel.“ es Beaufire ſtieß einen Seufzer aus, welcher be⸗ enſo zeichnete, die Moͤglichkeit eines Zweifels wäre ihm lieber ihn geweſen. lich„Sie erweiſen mir große Ehre, daß Sie mit mir net, anfangen, während ſo hohe Perſonen neben mir ſind,“ ſprach er. iner„Mein Lieber, ich befolge die Lehren des Evange⸗ und liums; ſagt nicht vas Evangelium;„„Die Erſten werden die Letzten ſeyn?““ Wenn die Erſten die Letzten ſeyn be⸗ ſollen, ſo werden die Letzten natürlich die Erſten ſein; cher ich verfahre alſo, wie ich Ihnen bemerkte, nach dem um Evangelium. Erſtens waren Sie da, nicht wahr?“ Au⸗„Ja.“ „Dann Ihr Freund Tourcaty, nicht wahr? ein ten ehemaliger Werber⸗ Offtcier, der es übernimmt, die Le⸗ iel, gion von Brabänt auf die Beine zu bringen?“ „Ja,“ erwiederte Beauſire,„Tourcaty war auch r da oon„Sodann ein guter Royaliſt Namens Marquié, ter früher Sergent bei den Gardes Frangaiſes 7“ ung„Ja, Herr Graf, Marquié.“ „Ferner Herr von Favras?“ ich„Ja, Herr von Favras.“ lu⸗„Hernach der Verlarvte?“ be,„Hernach der Verlarvte.“ be⸗„Koͤnnen Sie mir einige Auskunft über dieſen Ver⸗ larvten geben, Herr von Beaufire 2“ ind Beauſire ſchaute Caglioſtro ſo ſlarr an, daß iſt ſeine Augen in der Finſterniß zu entzünden ſchienen. ren„Aber,“ ſagte er,„iſt nicht?„ Und er hielt inne, als hätte er weite Ruchloſigkeit zu begehen befürchtet. u⸗„Iſt nicht was 2“ fragte Caglioſtro. „Iſt nicht* r gehend eine „Ah! mir ſcheint, Sie haben einen Knoten an der Zunge, mein lieber Herr von Beauſire; da müſſen Sie ſich in Acht nehmen. Die Knoten an der Zunge führen oft die Knoten am Halſe herbei, und dieſe find ganz be⸗ ſonders gefährlich.“ „Aber,“ verſetzte Beauſire in ſeiner Verſchanzung be⸗ drängt,„iſt es nicht Monſieur?“ „Was für ein Monſieur?“ fragte Caglioſtro. „Monſieur, der Bruder des Königs.“ „Ah! mein lieber Herr von Beauſire, wenn der Marquis von Favras, der ein Intereſſe hat, glauben zu machen, er berühre die Hand eines Prinzen von Ge⸗ blüt, ſagt, der Verlarvte ſei Monſteur, ſo begreift ſich das; wer nicht zu lügen weiß, weiß nicht zu conſpiriren; aber daß Sie und Ihr Freund Tourcath, zwei Werber, welche gewohnt find, das Maß ihres Nebenmenſchen nach Fußen, Zollen und Linien zu nehmen, ſich auf dieſe Art täuſchen laſſen, iſt nicht wahrſcheinlich.“ „In der That,“ verſetzte Beauſire. 5 „Monfieur hat 5 Fuß, 3 Zoll, 7 Linien,“ ſagte Caglioſtro,„und der Verlarvte hat beinahe 5 Fuß, 6 Zoll.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Beauſire,„und ich habe ſchon hieran gedacht; aber wenn es nicht Monſieur iſt, er kann es denn ſeyn?“ „Ah! bei Gott! ich wäre glücklich und ſtolz, mein lieber Herr von Beauſire, wenn ich Sie über etwae zu belehren hätte, indeß ich etwas von Ihnen zu erfahren glaubte.“. „Alſo,“ ſagte der Gefreite, der nach und nach wie⸗ der zu ſeinem natürlichen Zuſtande zurückkam,„alſo Sie wiſſen, wer dieſer Menſch iſt, Herr Graf?“ „Bei Gott!“ 3 „Wäre es unbeſcheiden, Sie zu fragen% 3 „Wie er heißt?“ zäh hiel Zei wei der Sie hren be⸗ be⸗ 21 Beauſire bezeichnete mit dem Kopfe nickend, daß er dies zu wiſſen wünſchte. „Es iſt immer etwas Ernſtes, einen Namen zu nen⸗ nen, Herr von Beauſire, und wahrhaftig, es wäre mir lieber, wenn Sie es erriethen.. „Ertathen!„ Seit vierzehn Tagen ſuche ich.“ „Ah! weil Ihnen Niemand hilft.“ „Helfen Sie mir, Herr Graf.“ „Sehr gern.„ Kennen Sie die Geſchichte von Oedipus?“ „Nicht genau, Herr Graf. Ich habe einmal das Stück in der Comédie Frangaiſe ſpielen ſehen, und gegen das Ende des dritten Aktes hatte ich das Ungück, einzu⸗ ſchlafen.“ „Teufel! ich wünſche Ihnen immer ein ſolches Un⸗ glück, mein lieber Herr.“ „Sie ſehen aber, daß mir dies heute zum Nachtheil gereicht.“ „Nun alſo! mit zwei Worten will ich Ihnen ſagen, wer Oedipus war. Ich habe ihn jung am Hofe von König Polybos und alt an dem von Koͤnig Admetes gekannt. Sie können alſo das, was ich Ihnen ſage, beſſer glauben, als Sie das glauben würden, was Ihnen Aeſchhlus, Sophokles, Seneca, Voltaire, Corneille oder Herr Ducks, welche möglicher Weiſe viel von ihm ſprechen hörten, aber nicht den Vortheil haben, ihn ſelbſt zu kennen, zu ſagen im Stande wären.“ Beauſire machte eine Bewegung, als wollte er Caglioſtro um eine Erklärung über ſeine Behauptung, er habe einen Mann gekannt, der ſchon vor dreitauſend und ſechshundert Jahren geſtorben, hitten; er dachte jedoch ohne Zweifel, es ſei nicht der Mühe werth, den Er⸗ zähler wegen einer ſolchen Kleinigkeit zu unterbrechen, 3 hielt ſeine Bewegung zurück und ſetzte ſie nur durch ein Zeichen fort, welches beſagen wollte;„Sprechen Sie weiter, ich höre.“ Caglioſtro fort: ſeiner Mutter ſein. Da er nun Polybo birge, den ich kannte, einzuſchlagen; do näckig, und da ich ten; der Mann ſaß auf einem Wagen verſperrte den ganzen Weg; Alles wäre zubiegen; aber Jeder wolſte die Mitte dern vor ihren Herrn, und einer nach d ſchritt über ſechs Leichname hinweg, und u namen war der ſeines Vaters.“ „Teufel!“ rief Beaufire. dem Wege nach Theben erhob ſich aber kion, und an einem Fußpfabe, welcher no der, wo Oedipus ſeinen Valer tödtete, mes Thier ſeine Höhle. Dieſes Thier b Und in der That, als hätie er nichts bemerkt, fuhr „Ich kannte alſo Oedipus. Man hatte ihm prophe⸗ zeit, er werde der Mörder ſeines Vaters und der Gatte s für ſeinen Va⸗ ter hielt, ſo verließ er ihn, ohne etwas zu ſagen, und reiſte nach Phokis ab. Im Augenblicke ſeiner Abreiſe gab ich ihm den Rath, ſlatt der Landſtraße von Daulis nach Delphi zu folgen, einen Weg durch das Ge⸗ ch er blieb hart⸗ ihm nicht ſagen konnte, in welcher Abſicht ich ihm dieſen Rath gab, ſo blieben alle meine Ermahnungen, um ihn zu hewegen, eine andere Straße zu wählen, vergeblich. Eine Folge dieſer Hartnäckigkeit war, daß das geſchah, was ich vorhergeſehen hatte. Bei der Verzweigung der Straße von Delphi nach The⸗ ben begegnete er einem Manne, dem fünf Sklaven folg⸗ und der Wagen zu fügen gewe⸗ ſen, hätte der Mann auf dem Wagen eingewilligt, ein wenig links zu fahren, und Oedipus, ein wenig rechts ab⸗ der Straße be⸗ haupten. Der Mann auf dem Wagen war choleriſchen Temperaments, Oedipus war von einer wenig Natur. Die fünf Sklaven warfen ſich eineren 8 geduldigen ach dem an⸗ em andern fiel; dann, nach ihnen, ſiel ihr Herr ebenfalls. Dedipus nter dieſen Leich⸗ „Dann zog er weiter ſeines Wegs gen Theben. Auf der Berg Phi⸗ ch ſchmaler als hatte ein ſeltſa⸗ eſaß die Flügel fuhr phe⸗ zatte Va⸗ und reiſe ulis Ge⸗ art⸗ cher eine aße keit tte. he⸗ g⸗ gen we⸗ ein ab⸗ be⸗ hen gen in⸗ s uf i⸗ 6 a⸗ el 33 6 eines Adlers, den Kopf und die Brüſte einer Frau, den Leib und die Klauen eines Löwen.“ „Ho! ho!“ machte Beauſire;„glauben Sie, Herr Graf, es gebe ſolche Ungeheuer?“ „Ich vermoͤchte es nicht zu behaupten, lieber Herr von Beauſire,“ erwiederte Caglioſtro ernſt,„in Betracht, daß, als ich mich auf demſelben Wege tauſend Jahre ſpäter, zur Zeit von Epaminondas, nach Theben begab, der Sphinr todt war. Zur Zeit von Oedipus aber lebte er, und es war eine von ſeinen Manien, ſich an der Landſtraße aufzuhalten, den Reiſenden ein Räthſel auf⸗ zugeben und ſie zu freſſen, wenn ſie es nicht löſen konnten. Da nun die Sacheüber drei Jahrhunderte dauerte, ſo wur⸗ den die Vorübergehenden immer ſeltener, und der Sphinx hatte ſehr lange Zähne. Als er Oevipus erblickte, legte er ſich mitten auf die Straße, hob die Pfote auf, be⸗ deutete dem jungen Manne durch ein Zeichen, er möge ſtille ſtehen, und ſagte:„„Reiſender, ich bin der Sphinr.““ „„Nun?““ fragte Oedipus.„„Das Schickſal hat mich auf die Erde geſchickt, um den Sterblichen ein Räthſel aufzugeben; errathen ſie es nicht, ſo gehören ſie mirz errathen ſie es, ſo gehöre ich dem Tode, und ich ſtürze mich von ſelbſt in ₰ Abgrund, in welchen ich bis jetzt alle diejenige, welche das Unglück hatten, mich auf ihrem Wege zu finden, geſtürzt habe.““ Oedipus warf einen Blick in die Tiefe des Abgrunds und ſah ihn weiß von Knochen.„„Es iſt aut,““ ſagte der junge Mann, „„wie lautet das Räthſel?““„„Höre,““ ſprach der Vogel⸗Löwe:„„Welches iſt das Thier, das auf vier Pfoten am Morgen, auf zwei am Mittag und auf drei am Abend geht?““ Oedipus dachte einen Augenblick nach; dann antwortete er mit einem Lächeln, das den Sphinx ungemein beunruhigte:„„Und wenn ich errathe, wirſt du dich von ſelbſt in den Ab⸗ grund ſtürzen?““„„Das iſt das Geſetz,““ antwortete 24 der Sphim.„„Nun,““ ſprach Hedipus,„„dieſes Thier iſt der Menſch.““ „Wie, der Menſch!“ rief Beauſire, welcher an dem Geſpräche ein Intereſſe nahm, als hätte es ſich um eine gleichzeitige Begebenheit gehandelt. „Ja, der Menſch! der Menſch, der in ber Kindheit, d. h. am Morgen ſeines Lebens, auf ſeinen Füßen und ſeinen Händen geht; der in ſeinem reiferen Alter, d. h. am Mittag, auf ſeinen zwei Füßen geht und ſich am Abend, d. h. in ſeinem Alter, auf einen Stab ſtützt.“ „Ah!“ rief Beauſire,„das iſt bei Gott wahr! Der Sphinr iſt angeführt.“ „Ja, mein lieber Herr von Beauſire, ſo ſehr ange⸗ führt, daß er ſich köpflings in den Abgrund fürzte und, da er ſo redlich war, ſich nicht ſeiner Flügel zu bedlenen, was Sie wahrſcheinlich ſehr einfältig von ihm finden werden, den Schädel auf den Felſen zerſchmetterte. Was Oedipus betrifft, ſo ſetzte er ſeine Wanderung fort, kam nach Theben, traf Jokaſte als Witwe, heirathete ſie und erfüllte ſo die Prophezeiung des Orakels, welches geſagt hatte, er werde ſeinen Vater tödten und ſeine Mutter heirathen.“ „Aber, Herr Graf,“ verſetzte Beauſire,„welche Aehnlichkeit ſehen Sie zwiſchen der Geſchichte von Oedi⸗ pus und der des Verlarvten?“ „Ohl eine große. Warten Sie. Vor Allem haben Sie ſeinen Namen zu wiſſen gewünſcht.“ Ja „Und ich, ich habe geſagt, ich wolle Ihnen ein Räth⸗ ſel aufgeben; ich bin allerdings eine beſſere Haut, als der Sphinx, und werde Sie nicht verſchlingen, wenn Sie das Unglück haben, es nicht zu errathen. Aufgepaßt, ich erhebe die Pfote: Welcher vornehme Herr des Hofes iſt der Enkel ſeines Vaters, der Bru⸗ der ſeiner Mutter und der Oheim ſeiner Schweſter?“ ſc h ſes ken len keh ier em ine it, nd h. m er d, n, n 6 m d t r e ⸗ n *— 25 „Ah! Teufel!“ murmelte Beauſire, der in eine Träumerei verſank, welche nicht minder tief war, als die von Oedipus. „Suchen Sie, mein lieber Herr,“ ſagte Caglioſtro. „Helfen Sie mir ein wenig, Herr Graf.“ „Gern.. Ich habe Sie gefragt, ob Sie die Ge⸗ ſchichte von Oedipus kennen.“ „Sie haben mir dieſe Ehre erwieſen.“ „Wir wollen nun von der heidniſchen Geſchichte zur heiligen übergehen. Kennen Sie die Anekdote von Loth?“ „Mit ſeinen Töchtern 7“ „Ganz richtig.“ „Ob ich ſie kenne! Aber warten Sie doch. Ah!. ja was man vom alten König Ludwig TV. und ſeiner Tochter Madame Adelaide „Sie find dabet, mein lieber Herr.“ „Der Verlarbte wäre alſo.. „Fünf Füb fünf Zoll.“ „Der Graf Louis „Stille doch!“ „Der Graf Louis von St „Sie ſagten ja, es ſehen hier nur Todte.“ „Wohl, aber auf ihrem Grabe wächſt Gras, und es wächſt ſogar hier beſſer, als anderswo. Nun, wenn die⸗ ſes Gras wie das Schilfrohr von Koͤnig Midas. kennen Sie die Geſchichte von König Midas?“ „Nein, Herr Graf.“ „Ich werde ſie Ihnen an einem andern Tage erzäh⸗ lenz für den Augenblick wollen wir zu der unſern zurück⸗ kehren.“ ſprach Caglioſtro. Dann nahm er wieder ſeinen Ernſt an und fügte bei: „Sie ſagten alſo?“ „Verzeihen Sie, ich glauhte. Sie fragen?“ „Sie haben Recht.“ 26 Während Caglioſtro ſeine Frage vorbereitete, mur⸗ melte Beaufire: „Es iſt bei meiner Treue wahr, der Enkel ſeines Vaters, der Bruder ſeiner Mutter, der Oheim ſeiner Schweſter. es iſt der Graf Louis von Nar.. „Merken Sie auf,“ ſagte Caglioſtro. Beauſire unterbrach ſich in ſeinem Monolog und hörte mit allen ſeinen Ohren. „Nun, da uns kein Zweiſel mehr über die verlarv⸗ ten oder nicht verlarvten Verſchworenen bleibt, gehen wir zum Zwecke des Complots über.“ Beaufire machte mit vem Kopfe ein Zeichen, wel⸗ ches beſagen wollte, er ſei bereit, zu antworten. „Der Zweck des Complots iſt wohl, den König zu entführen, nicht wahr?“ „Das iſt in der That der Zweck des Complots.“ „Ihn nach Peronne zu bringen?“ 8 „Nach Peronne.“. „Welches ſind nun die Mittel?“ „Die pecuniären?“ „Ja, zuerſt die pecuniären.“ „Man hat zwei Millionen.“ „Welche ein genueſiſcher Banquier leiht. Ich kenne dieſen Banquier. Es ſind keine andere vorhanden?“ „Nicht daß ich wüßte.. „So viel alſo, was das Geld betrifft; es iſt aber nicht genug, Geld zu beſitzen, man muß Menſchen haben.“ „Herr von Lafayette hat Vollmacht gegeben, eine Legion anzuwerben, um Brabant zu Hülfe zu kommen, welches ſich gegen das Reich empört.“ „Oh! dieſer gute Lafahettel“ murmelte Caglioſtro, „daran erkenne ich ihn.“ Dann ſprach er laut: „Wohl! man wird eine Legion haben, doch es iſt nicht eine Legion, was man zu Ausführung eines ſolchen Planes braucht, es iſt eine Armee.“ 0⸗ ir P ne er ne n, o, iſt en 27 „Man hat die Armee.“ „Ah! laſſen Sie hören.“ „Zwölfhundert Pferde treffen in Verſailles zuſam⸗ men; ſie gehen am beſtimmten Tage um eilf Uhr Abends ab, um zwei Uhr Morgens kommen ſie in drei Colonnen in Paris an.“ „Gut!“ „Die erſte marſchirt durch die Grille de Chaillot, die zweite durch die Barridre du Roule, die dritte durch die Barrisdre de Grenelle ein. Die Colonne, welche durch die Rue de Grenelle einmarſchirt, bringt den General Lafayette um; die, welche durch die Grille de Chaillot einmarſchirt, bringt Herrn Necker umz diejenige endlich, welche durch die Barridce du Roule kommt, bringt Herrn Bailly um.“ „Gut!“ wiederholte Caglioſtro. „Iſt der Streich ausgeführt, ſo vernagelt man die Kanonen, man verſammelt ſich auf den Champs⸗Elyſées und marſchirt nach den Tuilerien, welche uns gehoͤren.“ „Wie, Ihnen? Und die Nationalgarde?“ „Dort muß die Brabanter Legion agiren; ver⸗ einigt mit einem Theile der beſoldeten Garde, mit vier⸗ hundert Schweizern und dreihundert Verſchworenen aus der Provinz, bemächtigt ſie ſich, unterſtützt durch Ein⸗ verſtändniſſe, die wir am Platze haben, der äußeren und inneren Thore; man tritt beim König ein und ruft: „„Sire, der Faubourg Saint⸗Antoine iſt in vollem Auf⸗ ruhr„ ein Wagen ſteht bereit.. Sie müſſen flie⸗ hen!““ Willigt der König zur Flucht ein, ſo macht ſich die Sache ganz von ſelbſt; willigt er nicht ein, ſo bringt man ihn mit Gewalt fort und führt ihn nach Saint⸗ Denis.“ „Gut!“ „Dort findet man zwanziglauſend Mann Infanterie, mit denen ſich vie zwölfhundert Mann Cavalerie, die Brabanter Legion, die vierhundert Schweizer die dreihun⸗ dert Verſchworenen, zehn⸗, zwanzig⸗, dreißigtauſend un⸗ ter Weges recrutirte Royaliſten verbinden, und man führt den König nach Peronne.“ „Immer beſſer! Und was macht man in Peronne, mein lieber Herr von Beauſire?“ „In Peronne findet man zwanzigtauſend Mann, welche dort zu gleicher Zeit von Flandern, von der Pi⸗ cardie, vom Artois, von der Champagne, von Burgund, von Lothringen, vom Elſaß und vom Cambreſis ankom⸗ men. Man ſteht im Handel um zwanzigtauſend Schwei⸗ zer, zwölftauſend Deutſche und zwölftauſend Sardinier, welche in Verbindung mit der erſten Escorte des Konigs einen Effectivſtand von hundertfünfzigtauſend Mann bil⸗ den werden.“ „Eine ſchöne Zahl!“ ſagte Caglioſtro. „Und mit dieſen hundertfünfzigtauſend Mann mar⸗ ſchirt man gegen Paris; man ſchneidet oben und unten den Fluß ab und entzieht ſo der Stadt die Lebensmittel; das ausgehungerte Paris wird eapituliren; man löſt die Nationalverſammlung auf und ſetzt den König, ber nun wieder wahrhaft König, auf den Thron ſeiner Väter.“ „Amen!“ rief Caglioſtro. Dann ſtand er auf und ſprach: „Mein lieber Herr von Beauſire, Sie haben eine äußerſt angenehme Converſation; doch es iſt am Ende bei Ihnen, wie bei den größten Rednern: wenn ſie Alles geſagt haben, haben ſie nichts mehr zu ſagen,— und Sie haben Alles geſagt?“ „Ja, Herr Graf, für den Augenblick.“ „Dann gute Nacht, mein lieber Herr von Beau⸗ fire; brauchen Sie weitere zehn Louis d'or, immer als Geſchenk, wohlverſtanden, ſo ſuchen Sie mich in Belle⸗ vue auf.“ „In Bellevue, und ich frage nach dem Herrn Gra⸗ fen von Caglioſtro.“ „Nach dem Grafen von Caglioſtro? ohl nein, man — u — N N 29 würde nicht wiſſen, was Sie ſagen wollen; fragen Sie nach dem Baron Zannone.“ „Nach dem Baron Zannone!“ rief Beauſire.„Das iſt der Name des genueſiſchen Banquier, der die zwei Millionen Wechſel von Monſieur discontirt hat.“ „Das iſt möglich,“ ſprach Caglioſtro. „Wie, es iſt möglich?“ „Ja; ich mache ſo viele Geſchäfte, daß ſich dieſes mit den andern vermiſcht haben wird; darum erinnerte ich mich im erſten Augenblicke nicht genau; doch, in der That, nun glaube ich mich zu erinnern.“ Beauſire war voll Verwunderung vor dieſem Manne, der ſo Geſchäfte von zwei Millionen vergaß, und er fing an zu glauben, daß es, und wäre es auch nur aus dem pecuniären Geſichtspunkte, beſſer ſei, im Dienſte des Lei⸗ hers, als in dem ves Entlehners zu ſtehen.. Doch da vieſes Erſtaunen nicht ſo weit ging, daß es ihn den Ort vergeſſen ließ, wo er war, ſo fand Beau⸗ ſire bei den erſten Schritten von Caglioſtro die Bewe⸗ gung wieder, und er folgte ihm mit einem dergeſtalt nach dem ſeinigen geregelten Gange, daß man, würde man ſie ſo gleichſam an einander geklebt geſehen haben, hätte glau⸗ ben koͤnnen, es ſeien zwei durch eine und vieſelbe Feder in Bewegung geſetzte Automaten. Erſt an der Thüre und als das Gitter wieder ge⸗ ſchloſſen, ſchienen ſich die zwei Körper auf eine ſichtbare Art von einander zu trennen. „Und in welcher Richtung gehen Sie nun, lieber Herr von Beaufire?“ fragte Caglioſtrv. „In welcher gehen Sie?“ „In der, in welcher Sie nicht gehen.“ „Ich gehe nach dem Palais Royal, Herr Graf.“ „Und ich nach der Baſtille.“ Hierauf verließen ſich die zwei Männer; Beaufire grüßte den Grafen mit einer tiefen Verbeugung, Caglio⸗ ſtro grüßte Beauſire leicht mit dem Kopfe nickend, und Beide verſchwanden beinahe in demſelben Augenblick unter der Finſterniß, Caglioſtro in der Rue du Temple und Beaufire in der Rue de la Verrerie. 6„XRRII. Wo oaui Ibei daß ex wahrhaft Meiſter über Meiſter,§ deiſer über Alle iſt. Man ki des Wutſches, den der König in Gegenwart von Herin vön Läfayette und dom Herrn. Grafen von Bouillé ausgedrückt, des Wunſchts, ſeinen alten Meiſter Gamain zu haben, umh ſich von ihm bei einer wichtigen S Hoſſerarbeit unkerſtützen zu laſſen; der Koͤnig hatte ſpgar beigefügt,— bund wir hal⸗ ten es nicht für unnütz, bieſen Umſtanß zu bezeichnen,— ein geſchickter Geſelle wäre nicht zu viel, um di ſchmie⸗ dende Trilogie zu vervollſtändigen. Die Zahl drei, welche den Göttern gefällt, Hatty Lafayette nicht mißfallen, und er hatte dem zu Folteden Beſehl gegeben, daß Mei⸗ ſter Gamain und ſeinei Geſellen der freie Eintritt ge⸗ man ſie, ſobald ſie erſcheinen, in z——.———— nicht wundern, wenn man einige mitgetheilten Geſpräche Meiſter eſern nicht fremd iſt, da wir be⸗ ihn am Morgen des 6. October p einem unbekannten Waffenſchmiede in der Schenke des Phn de Sovres eine Flaſche Burgunder leerend zu zeigen,— man wird ſich nicht wundern, ſagen wir, wenn man einige „ ——— Tage nach dem von un Gamain, der unſeri +——— 3* d S 8 8 3 „ M * e d Tage nach dieſem Geſpräche Meiſter Gamain in Beglei⸗ tung eines Geſellen,— Beide in Arbeitskleidern.— am Thore der Tuilerien erſcheinen, nach ihrer Zulaſſung, welche keiner Schwierigkeit unterliegt, die königlichen Gemächer durch die Hausflur umgehen, die Treppe bis zum oberſten Stockwerke hinaufſteigen ſieht und, ſobald fie hier angelangt ſind, ihre Namen und ihren Stand dem Kammerdiener nennen hört. Die Namen waren: Nicolaus Claude Gamain; Und Louis Lecomte. Der Stand war: für den erſten der eines Schloſſer⸗ meiſters; Für den zweiten der eines Geſellen. Obgleich in Allem dem nichts ſehr Ariſtokratiſches war, lief doch Ludwig XVI., ſobald er Namen und Stand gehört hatte, ſelbſt nach der Thüre und rief: „Herein!“ „Hier, hier!“ ſagte Gamain, der mit der Vertrau⸗ lichkeit nicht nur eines Hausgenoſſen, ſondern eines Mei⸗ ſters eintrat. Mochte er nun weniger an den Verkehr mit Für⸗ ſten gewöhnt ſein oder hatte ihm vie Natur eine größere Ehrfurcht für gekrönte Häupter verliehen, unter wel⸗ chem Coſtume ſie ſich ihm auch zeigten, oder unter welchem Coſtume er vor ihnen erſchien, der Geſelle blieb, ohne der Einladung zu folgen, und nachdem er einen ſchicklichen Zwiſchenraum zwiſchen die Erſcheinung von Meiſter Gamain und die ſeinige geſetzt hatte, mit ſei⸗ nem Wammſe auf dem Arm und ſeiner Mütze in der Hand bei der Thüre ſtehen, die der Kammerdiener wieder hinter ihnen ſchloß. Vielleicht war er übrigens beſſer hier, als auf einer mit der von Gamain parallelen Linie, um den Blitz der Freude aufzufaſſen, der in dem trüben Auge von Lud⸗ wig XVI. glänzte, und um durch ein ehrerbietiges Zeichen mit dem Kopfe zu antworten. 32 „Ah! Du biſt es, mein lieber Gamain,“ ſagte Ludwig XVI.;„es freut mich ſehr, Dich zu ſehen; in der That, ich zählte nicht mehr auf Dich; ich glaubte, Du habeſt mich vergeſſen.“ „Und darum nahmen Sie einen Geſellen 2“ ver⸗ 1 ſetzte Gamain;„Sie haben wohl daran gethan, das war Ihr Recht, da ich nicht anweſendz leider aber,“ fügte er mit einer ſchlauen Geberde bei,„leider iſt Ge⸗ ſelle nicht Meiſter, wie?“ Der Geſelle machte dem König ein Zeichen. „Was willſt Du, mein armer Gamain,“ ſprach Ludwig XVI.,„man hatte mich verſichert, Du wolleſt mich weder von fern, noch von nahe mehr ſehen: man ſagte, Du befürchteſt, Dich zu gefährden.“ „Bei meiner Treue, Sire, Sie konnten ſich in Ver⸗ ſailles überzeugen, daß es nicht gut that, zu Ihren Freunden zu gehören, und ich habe ganz in meiner Nähe — von Herrn Leonard ſelbſt— in der kleinen Schenke des Pont de Sövres zwei Köpfe von Garden, welche ein abſcheuliches Geſicht ſchnitten, friſiren ſehen, weil ſie ſich in ſ Augenblick, wo Ihnen Ihre guten Pariſer einen Beſuch machten, in Ihren Vorzimmern befunden hatten.“ Eeine Wolke zog über die Stirne des Königs, und der Geſelle neigte das Haupt. „Doch man ſagt,“ fuhr Gamain fort,„man ſagt, es gehe beſſer, ſeitdem Sie nach Paris zurückgekehrt ſeien, und Sie machen nun mit den Pariſern, was Sie wollen. Ah! bei Gott, varüber darf man ſich nicht wundern, Ihre Pariſer ſind ſo dumm, und die Koͤnigin iſt ſo ſchmeich⸗ leriſch, wenn es ihr beliebt.“ Ludwig XVI. antwortete nichts, eine leichte Röthe ſtieg ihm aber zu den Wangen empor. n Der junge Mann ſchien ungeheuer unter den Ver⸗ traulichkeiten zu leiden, die ſich Meiſter Gamain erlaubte. „ Nachvem er ſeine von Schweiß bedeckte Stirne mit einem Taſchentuche abgewiſcht hatte, welches für das eines er⸗ ren ihe nke ein ch en nd t, n⸗ n, h⸗ he e. it es 33 Schloſſergeſellen vielleicht ein wenig fein war, näherte er ſich dem König und ſprach: „Sire, erlaubt mir Eure Majeſtät, ihr zu ſagen, wie Meiſter Gamain die Ehre hat, ſich vor Eurer Ma⸗ jeſtät zu befinden, und wie ich ſelbſt bei ihr bin?“ „Ja, mein lieber Louis,“ antwortete der König. „Ah! ſo, mein lieber Louis! armsdick!“ mur⸗ melte Gamain.„Mein lieber Louis zu einem Be⸗ kannten von vierzehn Tagen, zu einem Arbeiter, zu einem Geſellen!. Was wird man vann zu mir ſagen, zu mir, der ich Sie ſeit fünfundzwanzig Jahren kenne? zu mir, der ich Ihnen die Feile in vie Hand geſteckt habe? zu mir, der ich Meiſter bin? So geht es, wenn man eine goldene Zunge und weiße Hände hat.“ „Zu Dir ſage ich:„„Mein guter Gamain!““ Die⸗ ſen jungen Mann nenne ich meinen lieben Louis, nicht weil er ſich zierlicher ausdrückt, als Du, nicht weil er die Hände öfter wäſcht, als Du es vielleicht thuſt,— ich lege, wie Du weißt, ſehr wenig Werth auf alle dieſe Niedlichkeiten,— ſondern weil er das Mittel gefunden hat, Dich zu mir zurückzuführen, Dich, mein Freund, man behauptete, Du wolleſt mich nicht mehr ehen.“ „Oh! ich war es nicht, der Sie nicht mehr ſehen wollte, denn trotz aller Ihrer Fehler liebe ich Sie doch am Ende ſehr: aber meine Frau, Madame Gamain, ſagte mir alle Augenblicke:„„Du haſt ſchlimme Bekanntſchaf⸗ ten, Gamain, Bekanntſchaften, welche zu hoch für Dich; es thut in dieſer Zeit nicht gut, die Ariſtokratie zu ſehen; wir beſitzen ein Bischen, wachen wir varüber; wir haben Kinder, erziehen wir ſiez und will der Dauphin auch die Schloſſerei lernen, ſo wende er ſich an Andere als uns; es fehlt nicht an Schloſſern in Frankreich.““ Ludwig XVI. ſchaute den Geſellen an, unterdrückte einen halb ſpottiſchen, halb ſchwermüthigen Seufzer und — erwiederte: Die Gräfin von Charny. M. 3 34 „Ja, allerdings, es fehlt nicht an Schloſſern in Frankreich, doch es gibt keine Schloſſer, wie Du einer biſt.“ „Das ſagte ich dem Meiſter auch, Sire, als ich in Ihrem Auftrage zu ihm kam,“ ſprach der Geſelle;„ich ſagte ihm:„„Bei meiner Treue, der König iſt gerade beſchäftigt, ein Geheimſchloß zu verfertigen; er bedurfte eines Gehülfen; man ſprach von mir, er nahm mich zu ſich, viel Ehre für mich!... Doch es iſt eine feine Arbeit, die der König macht. Das war gut beim Schloß, ſo lange es nur den Kaſten, das Schloßblech und den Sperrkegel betraf; als es ſich aber um den Schloßriegel handelte, da kam der Arbeiter in Verlegenheit.““ „Ich glaube es wohl,“ ſagte Gamain,„der Riegel iſt die Seele des Schloſſes.“ „Und das Meiſterwerk der Schloſſerkunſt, wenn er gut gemacht iſt,“ verſetzte der Geſelle,„doch es iſt ein Unterſchied unter den Riegeln... es gibt ſtehende Riegel, Riegel mit Ziehſtange, Riegel mit Getriebe Kurz wir geriethen in Verlegenheit und blieben am Ende ſtecken. „Es iſt allerdings nicht Jedermann gegeben, ſich aus einer ſolchen Schwierigkeit herauszuwickeln,“ ſagte Gamain. „Ganz richtig..„„Nun darum,““ fuhr ich fort, „„darum bin ich zu Euch gekommen, Meiſter Gamain. So oft der König in Verlegenheit war, ſagte er mit einem Seufzer:„Ah! wenn Gamain da wäre!“ Da erwiederte ich:„Nun, Sire, laſſen Sie ihm ſagen, er ſoll kommen, Ihr großer Gamain, daß man ihn beim Geſchäfte ſieht!“ Der König antwortete aber:„Das wäre vergeblich, mein armer Louis, Gamain hat mich vergeſſen!“„Eure Majeſtät vergeſſen! ein Mann, der die Ehre gehabt hat, mit ihr zu arbeiten, unmöglich!“ Da ſagte ich zum König:„Ich will ihn aufſuchen, dieſen Meiſter über Meiſter, dieſen Meiſter über Alle!“ Der König erwie⸗ — —— e———— 8—— e+— 8„ S 8 8„ +—,——— ein el, rz de gte rt, So m rte en, 1 ein t, m er i⸗ 35 derte mir:„Gehe, doch Du wirſt ihn nicht zurückbringen!“ Ich aber verſetzte:„Ich werde ihn zurückbringen!“ und ich ging ab.““ Ah! Sire, ich wußte nicht, welche Arbeit ich übernommen, und mit was für einem Manne ich es zu thun hatte. Da ich als Geſelle bei ihm erſchten, ſo unterwarf er mich überdies elner Prüfung, daß es ſchlimmer war, als wenn ich in ein Cadettenhaus hätte eintreten wollen. Gut ich war alſo bei ihm. Am andern Tag wagte ich es, ihm zu ſagen, ich komme in Ihrem Auftrage. Diesmal glaubte ich, er werde mich vor die Thüre werfen: er nannte mich Spion, Mouchard. Ich mochte ihn immerhin verſichern, ich ſei von Ihnen abge⸗ ſandt,— das half nichts. Erſt als ich ihm geſtand, wir Beide haben ein Werk angefangen, das wir nicht vollenden können, that er die Ohren auf;z doch Alles dies beſtimmte ihn nicht. Er ſagte, das ſei eine Falle, die ihm ſeine Feinde ſtellen. Geſtern endlich, als ich ihm die zwanzig Loufs d'or übergab, die mir Eure Majeſtät für ihn eingehändigt hatte, ſprach er:„Ah! ah! in der That, das könnte wirklich vom König ſein!..„ Nun! gut!““ fügte er bei,„„wir werden morgen gehen; wer nichts wagt, gewinnt nichts.“ Den ganzen Abend habe ich den Meiſter in dieſer guten Stimmung erhalten und heute Morgen ſagte ich:„„Wir müſſen aber aufbrechenl““ Er machte wohl noch einige Schwierigkeiten, envlich je⸗ voch entſchloß er ſich. Ich band ihm die Schürze um den Leib, ich gab ihm den Stock in die Hand und ſchob ihn hinaus; wir ſchlugen den Weg nach Paris ein, und hier ſind wir!“ „Seid willkommen,“ ſprach der Koͤnig, während er mit einem Blicke dem jungen Manne dankte, der eben ſo viel Mühe gehabt zu haben ſchien, um dem Inhalte und beſonders der Form nach dieſe Erzählung zu machen, als Gamain gehabt hätte, um eine Rede von Boſſuet oder Flechier zu machen;„und nun, Gamain, mein — 36 Freund, da Du Eile zu haben ſcheinſt, laß uns keine Zeit verlieren.“ „Allerdings,“ erwiederte der Schloſſer;„auch habe ich Madame Gamain veiſprochen heute Abend zurückzu⸗ kommen.. Laſſen Sie ſehen, wo iſt denn vas Schloß?“ Der König reichte dem Meiſter ein zu vrei Vierteln vollendetes Schloß. „Nun, was ſagteſt Du denn, es ſei ein Benarde⸗ ſchloß?“ ſprach Gamain zum Lehrling;„ein Benarde⸗ ſchloß ſchließt ſich auf beiden Seiten, Stümper! und dieſes iſt ein Kaſtenſchloß!... Wir wollen ein wenig ſehen. Das geht alſo nicht, wie 2 GEi! mit Meiſter Gamain muß das wohl gehen!“ fügte der Schloſſer bei. Und er verſuchte es, den Schlüſſel ſich drehen zu machen. „Ah! ja, ja,“ ſagte er. „Du haſt ven Fehler gefunden, mein lieber Gamain?“ „Bei Gott!“ „Zeige mir das.“ „Das wird ſchnell geſchehen ſein, ſchauen Sie; der Bart heſchreibt wohl die Hälfte ſeines Kreiſes, hier aber, da er nicht ſchräge gearbeitet iſt, ſchlüpft er nicht allein durch, das iſt die Sache. Da der Lauf des Bartes ſechs Linien beträgt, ſo muß die Schulterung eine Linie betragen.“.* Ludwig XVI. und der Geſelle ſchauten ſich wie er⸗ ſtaunt über das Wiſſen von Gamain an. „Ei! mein Gott,“ ſagte dieſer, ermuthigt durch dieſe ſtillſchweigende Bewunderung,„es iſt doch ganz einfach, und ich begreife nicht, wie Sie das vergeſſen konnten! Sie müſſen, ſeitdem Sie mich nicht mehr ge⸗ ſehen, an eine Menge von Albernheiten gedacht haben, und darüber haben Sie das Gedächtniß verloren. Sie haben drei Bärte, nicht wahr? einen großen und zwei kleine; einen von fünf Linien, zwei von zwei Linien?“ 22 — — eine abe zu⸗ 2 teln de⸗ de⸗ und nig mit der zu 2 der er, ein tes nie er⸗ ch nz ſen e⸗ en, Sie vei 37 „Ja,“ erwiederte der König, der mit einem ge⸗ wiſſen Intereſſe der Auseinanderſetzung von Gamain folgte. „Nun, ſobald der Schlüſſel den großen Bart losge⸗ laſſen, muß er den Riegel öffnen können, den er geſchloſ⸗ ſen hat, nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte der König. „Dann muß er in umgekehrter Richtung, das heißt, auf ſeinem Wege zurückkehrend, den zweiten Bart in dem Augenblicke, wo er den erſten losläßt, ergreifen können.“ „Ah! ja, ja!“ rief der Konig. „Ah! ja, ja,“ wiederholte Gamain mit ſpottendem Tone.„Wie ſoll ſich nun dieſer arme Schlüſſel beneh⸗ men, wenn der Zwiſchenraum zwiſchen dem großen Barte und dem kleinen Barte nicht gleich iſt der Dicke des Kamms mit ein wenig Freiheit?“ Ab „Ah!“ wiederholte abermals Gamain.„Sie mögen immerhin König von Frankreich ſein, Sie mögen immer⸗ hin ſagen:„„Ich will!““ der kleine Bart ſagt:„„Ich will nicht!““ und dann gute Nacht! Das iſt gerade, wie wenn Sie ſich mit der Nationalverſammlung ſtreiten,— die Nationalverſammlung iſt ſtärker.“ „Es gibt aber doch Mittel, nicht wahr, Meiſter?“ fragke der König. „Ei! es gibt immer Mittel. Man braucht nur den erſten Bart ſchräge zu ſchneiden, die Schulterung um eine Linie auszuhöhlen, den erſten Bart um vier Linien vom zweiten zu entfernen, und in der gleichen Entfernung den dritten Bart wiederherzuſtellen,— den, welcher am Riegelhaken anhält.“ „Aber,“ bemerkte der Koͤnig,„für alle dieſe Verän⸗ derungen iſt wohl ein Tag Arbeit nöthig, meln lieber Gamain?“ „Ja, ein Anderer würde wohl einen Tag brauchen, doch für Gamain werden zwei Stunden genügen; nur muß man mich allein laſſen und nicht durch Bemerkungen 38 ſtören.. Gamain hier... Gamain da... Man laſſe mich alſo allein; die Schmiede ſcheint mir ziemlich gut mit Handwerkszeug verſehen, und in zwei Stunden nun, in zwei Stunden, wenn die Arbeit gehoͤrig angefeuchtet wird,“ fuhr Gamain lächelnd fort,„kann man wiederkommen; das Werk wird vollendet ſein.“ Was Gamain verlangte, entſprach ganz dem Wunſche des Koͤnigs. Blieb Gamain allein, ſo hatte er Gelegen⸗ heit, mit dem Geſellen unter vier Augen zu ſein. Er ſchien jedoch Schwierigkeiten zu machen. „Wenn Du aber etwas brauchſt, mein armer Ga⸗ main?“ 3 „Brauche ich etwas, ſo werde ich den Kammerdiener rufen, und wenn er Befehl hat, mir zu geben, was ich verlange, ſo iſt das hinreichend.“ Der König ging ſelbſt an die Thüre, öffnete ſie und ſagte: „Frangvis, ich bitte, bleiben Sie in der Nähe. Hier iſt Gamain, mein alter Meiſter in der Schloſſerkunſt, der mir eine mangelhafte Arbeit verbeſſert. Geben Sie ihm, was er braucht, und beſonders ein paqr Flaſchen treffli⸗ chen Bordeaux.“ „Sire, wenn Sie nur die Güte haben wollten, ſich zu erinnern, daß ich den Burgunder mehr liebe; dieſer Teufelsbordeaux, das iſt gerade, als ob man laues Waſſer tränke.“ „Ah! ja, es iſt wahr ich vergaß das,“ ver⸗ ſetzte der König lachend;„wir haben doch mehr als ein⸗ mal mit einander getrunken, mein armer Gamain. Frangols, Sie hören, Burgunder, Volnay!“ „Gut!“ ſagte Gamain, der mit der Zunge über ſeine Lippen ſtrich,„ich erinnere mich dieſes Namens.“ „Und er macht, daß Dir das Waſſer im Munde zuſammenläuft.“ „Sprechen Sie nicht von Waſſer, Sirez ich weiß nicht, wozu das Waſſer dienen ſoll, wenn nicht, um das n ch en ig in he n. er ch er er m, li⸗ 39 Eiſen zu härten. Diejenigen aber, welche es zu einem anderen Gebrauche genommen, haben es ſeiner wahren Beſtimmung entfremdet. Waſſer.. pfui!“ „Sei nur ruhig, ſo lange Du hier biſt, ſollſt Du nie von Waſſer reden hören, und da wir befürchten, es könnte das Wort dem Einen oder dem Andern entſchlüpfen, ſo laſſen wir Dich allein; wenn Du fertig biſt, ſchicke nach uns.“ „Und was machen Sie mittlerweile?“ „Den Schrank, für den das Schloß beſtimmt iſt.“ „Ah! ſchön, das iſt die Arbeit, die ſich für Sie ſchickt. Viel Vergnügen!“ „Guten Muth!“ erwiederte der König. Und er nickte zum Abſchied Gamain vertraulich mit dem Kopfe zu und entfernte ſich mit dem Geſellen Louis Lecomte vder dem Comte Louis, was ohne Zweifel der Leſer vorzieht, bei dem wir Scharfſinn genug voraus⸗ ſetzen, um zu glauben, er habe in dem falſchen Ge⸗ ſellen den Sohn des Marquis von Bouillé erkannt⸗ XXXIII. Wo man von Allem, nur nicht von der Schloſſerkunſt ſpricht. Nur ging Ludwig XVI. diesmal nicht aus der Werkſtätte auf der äußeren, für das ganze Haus gemein⸗ ſchaftlichen Treppe wegz er ſtieg die ihm allein vorbe⸗ haltene Geheimtreppe hinab. 40 Dieſe Treppe führte in ſein Arbeitscabinet. Ein Tiſch von dieſem Arbeitscabinet war mit einer ungeheuren Karte von Frankreich bedeckt, welche bewies, daß der König oft ſchon den kürzeſten Weg, um aus ſei⸗ nem Reiche zu kommen, ſtudirt hatte. Doch erſt unten an der Treppe, als die Thüre hinter ihm und dem Schloſſergeſellen wieder zugemacht war, ſchien Ludwig XVI., nachdem er einen forſchenden Blick im Cabinet hatte umherlaufen laſſen, denjenigen zu er⸗ kennen, welcher ihm mit dem Wamms anf der Schulter und die Mütze in der Hand folgte. „Endlich find wir allein, mein lieber Graf!“ ſagte erz„laſſen Sie mich Ihnen vor Allem zu Ihrer Gewandt⸗ heit Glück wünſchen und Ihnen für Ihre Ergebenheit danken.“ „Und mir, Sire,“ erwiederte der junge Mann, „erlauben Sie, Eure Majeſtät tauſendmal um Verzeihung zu bitten, daß ich es, wenn auch für ihren Dienſt, ge⸗ wagt habe, ſo gekleidet vor ihr zu erſcheinen und mit ihr zu ſprechen, wie ich es gethan habe.“ „Sie haben wie ein wackerer Edelmann geſprochen, mein lieber Louis, und wie Sie auch angethan ſein mö⸗ gen, es ſchlägt ein redlich Herz unter Ihrem Kleide. Doch wir haben keine Zeit zu verlieren; Niemand, ſelbſt nicht der Königin, iſt Ihre Gegenwart hier bekannt, Niemand hört uns, ſagen Sle mir geſchwinde, was Sie hieher führt.“ „Hat Eure Majeſtät meinem Vater nicht die Ehre erwieſen, ihm einen Officier von ihrem Hauſe zu ſchicken?“ „Ja, Herrn von Charny.“ „Herrn von Charny, ganz richtig. Er war der Ueberbringer eines Briefes.... „Eines unbedeutenden,“ unterbrach der Känig,„der a als Einführung für einen mündlichen Auftrag dienen ſollte.“ „Dieſer mündliche Auftrag iſt vollzogen, Sire, und 1 N v— 41¹ damit ſein Vollzug gewiß ſei, bin ich auf den Befehl meines Vaters und in der Hoffnung, allein mit Eurer Majeſtät zu ſprechen, nach Paris abgereiſt.“ „Sie ſind alſo von Allem unterrichtet?“ „Ich weiß, vaß der Konig in einem gegebenen Augen⸗ blick die Sicherheit, Paris verlaſſen zu können, haben möchte.“ „Und daß er auf den Marquis von Bouillé als auf den Mann gerechnet hat, der am Fähigſten, ihn bei ſeinem Plane zu unterſtützen.“ „Mein Vater iſt zugleich ſtolz und ſehr dankbar für die Ehre, die Sie ihm erwieſen.“ „Kommen wir zur Hauptſache. Was ſagt er von dem Plane?“ „Er ſei verwegen, er heiſche große Vorſicht, doch die Ausführung ſcheine ihm nicht unmöglich.“ „Vor Allem,“ ſagte der König:„müßte man nicht, um der Unterſtützung von Herrn von Bouillé die ganze Wirkſamkeit zu geben, welche ſein biederer Charakter und ſeine Ergebenheit verſprechen, ſeinem Commando von Metz das von mehreren Provinzen und beſonders das von Franche⸗Comté beifügen?“ „Das iſt die Anſicht meines Vaters, Sire, und ich bin glücklich, daß der König zuerſt ſeine Meinung in dieſer Hinſicht ausgeſprochen hat; der Marquis be⸗ fürchtete, der König könnte es einem perſönlichen Ehr⸗ geize zuſchreiben. „Ei! kenne ich denn die Uneigennützigkeit Ihres Va⸗ ters nicht? Laſſen Sie mich hören, hat er ſich mit Ihnen über den Weg beſprochen, der zu wählen wäre?“ „Mein Vater befürchtet vor Allem Eines, Sire.“ „Was?“ „Es dürften Eurer Majeſtät mehrere Fluchtpläne, ſei es nun von Seiten Spaniens, oder von Seiten des Reiches, oder von Seiten der Emigranten in Turin ge⸗ boten worden ſein, und da dieſe Pläne einander wider⸗ 42 ſprechen oder ſich durchkreuzen, ſo könnte der ſeinige durch einige von jenen Umſtänden ſcheitern, welche man auf Rechnunng des Verhängniſſes ſetzt, während ſie beinahe immer die Folge der Eiferſucht oder der Unklugheit der Parteien ſind.“ „Mein lieber Louis, ich verſpreche Ihnen, alle Welt um mich her intriguiren zu laſſen: das iſt einmal ein Bedürfniß der Varteien, und dann iſt es eine Nothwen⸗ digkeit meiner Lage. Während der Geiſt von Lafahette und die Blicke der Nattonalverſammlung allen Fäden folgen, welche keinen andern Zweck haben, als ſie irre zu führen, werden wir ohne weitere Vertraute, als die für die Ausführung des Planes ſtreng nothwendigen Perſonen,— lauter Perſonen, auf welche zählen zu können wir feſt überzeugt ſein dürfen, unſern Weg mit um ſo mehr Sicherheit verfolgen, je geheimnißvoller er ſein wird.“ „Sire, nachdem dieſer Punkt feſtgeſtellt iſt, hat mein Vater die Ehre, Eurer Majeſtät Folgendes vorzu⸗ ſchlagen.“ „Sprechen Sie,“ ſagte der König, indem er ſich auf die Karte neigte, um mit den Augen den verſchiedenen Entwürfen zu folgen, die ihm der Graf mit dem Worte auseinanderſetzen würde. „Sire, es gibt mehrere Punkte, nach denen ſich der Koͤnig zurückziehen kann.“ „Gewiß.“ „Hat der König ſeine Wahl getroffen?“ „Noch nicht. Ich erwartete die Anſicht von Herrn von Bouillé, und ich denke, Sie bringen ſie mir.“ Der junge Mann machte mit dem Kopfe ein ehrer⸗ bietiges und zugleich hejahendes Zeichen. „Sprechen Sie,“ ſagte Ludwig XVI. „Da iſt vor Allem Beſangon, Sire, deſſen Cita⸗ delle einen ſehr ſtarken und ſehr vortheilhaften Poſten bie⸗ tet, um eine Armee zu ſammeln und den Schweizern 3 43 das Signal und die Hand zu geben. Mit der Armee vereinigt, können die Schweizer durch Burgund, wo die Royaliſten zahlreich ſind, vorrücken und gegen Paris mar⸗ ſchiren.“ Der König machte eine Bewegung mit dem Kopfe, welche bezeichnete:„Etwas Anderes wäre mir lieber.“ Der junge Graf fuhr fort: „Dann iſt Valenciennes da, Sire, oder irgend ein an⸗ derer Platz Flanderns, der eine ſichere Garniſon hätte. Herr von Bouillé würde ſich ſelbſt mit den Truppen ſeines Commandos, entweder vor oder nach der Ankunft des Königs, dahin begeben.“ Der König machte eine zweite Bewegung mit dem Kopfe, welche beſagen wollte:„Etwas Anderes, mein Herr.“ „Der König kann auch,“ fuhr der junge Mann fort,„durch die Ardennen und Oeſterreichiſch⸗Flandern weggehen, ſodann über dieſelbe Grenze zurückkehren und ſich nach einem der Plätze begeben, welche Herr von Bouillé in ſeinem Commando übergeben würde, und wo man zum Voraus Truppen zuſammengezogen hätte.“ „Ich werde Ihnen ſogleich ſagen, was mich veran⸗ laßt, Sie zu fragen, ob Sie nicht etwas Beſſeres haben, als Alles dies.“ „Endlich kann ſich der König unmittelbar nach Se⸗ dan oder nach Montméoy begeben; der General, der ſich im Mittelpunkte ſeines Commandos befände, hätte dort, um dem Wunſche des Königs zu gehorchen, gefiele es ihm nun, ſich aus Frankreich zu entfernen oder wäre es ihm dienlicher, gegen Paris zu marſchiren, volle Freiheit, zu handeln und zu wirken.“ „Mein lieber Graf,“ erwiederte der König,„ich will Ihnen mit zwei Worten erklären, was mich die drei erſten Vorſchläge verwerfen läßt, und aus welchem Grunde ich wahrſcheinlich bei dem vierten ſtehen bleiben werde. Einwal iſt Beſangon zu weit entfernt, und ich 44 hätte zu viel Chancen, ehe ich dahin käme, feſtgenommen zu werden; die Entfernung von Volenciennes iſt gut, und es würde mir dies in Betreff des in dieſer Stadt herrſchenden vortrefflichen Geiſtes zuſagen, aber Herr von Rochambeau, der im Hennegau, das heißt vor feinen Thoren commmandirt, iſt ganz dem demokratiſchen Geiſte zugethan; was die Flucht über die Ardennen und durch Flandern betrifft, wobei man Oeſterreich anrufen müßte, — nein; abgeſehen davon, daß ich Oeſterreich nicht liebe, weil es ſich nur in unſere Angelegenheiten miſcht, um ſie in Verwirrung zu bringen, hat Oeſterreich zu dieſer Stunde genug an der Krankheit meines Schwagers, am Kriege mit den Türken und an der Empörung Brabants, ohne daß ich ihm noch einen Zuwachs an Verlegenheiten durch ſeinen Bruch mit Frankreich gebe; überdies will ich Frankreich nicht verlaſſen; hat einmal ein König den Fuß außerhalb ſeines Reiches, ſo weiß er nie, ob er dahin zurückkehren wird. Sehen Sie Karl II., ſehen Sie Jacob II.: der Eine kehrt nur nach Verlauf von dreizehn Jahren zurück, der Andere kehrt nie zurück. Nein ich ziehe Montmédy vor; Montmsdy liegt in einer entſprechenden Entfernung, im Mittelpunkte des Commando Ihres Vaters„ Sagen Sie dem Marquis, meine Wahl ſei getroffen, und ich begebe mich nach Montmédy.“ „Hat der König die Flucht feſt beſchloſſen, oder iſt es nur ein Plan?“ erdreiſtete ſich der junge Mann zu fragen. „Mein liebrr Louis,“ erwiederte Ludwig XVI.,„noch iſt nichts feſt beſchloſſen, und Alles wird von den Umſtän⸗ den abhängen. Sehe ich, daß die Königin und meine Kinder neue Gefahren laufen, wle die, welchen ſie in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober preisgegeben waren, ſo werde ich mich entſcheiden, und ſagen Sie Ihrem Vater: ſobald der Entſchluß gefaßt iſt, wird er unwider⸗ ruflich ſein.“ „Sire,“ fuhr der junge Mann fort,„wenn es mir d d 4⁵ nun erlaubt wäre, in Beziehung auf die Art, wie die Reiſe gemacht werden ſoll, der Weisheit des Königs die Anſicht meines Vaters zu unterwerfen.. „Oh! ſprechen Sie.“ „Seiner Anſicht nach, Sire, würde man die Ge⸗ fahren der Reiſe vermindern, wenn man ſie theilte.“ „Erklären Sie ſich.“ „Sire, Eure Majeſtät würde auf der einen Seite mit Madame Royale und Madame Eliſabeth abreiſen, während die Königin auf der andern mit Monſeigneur dem Dauhpin abginge, ſo daß Der Koͤnig ließ Herrn vou Buyuills ſeinen Satz uicht vollenden und erwiederte: „Es iſt unnütz, dieſen Punkt zu erörlern; wir, die RKonigin und ich, haben in einem feierlichen Augenblicke beſchloſſen, daß wir uns nicht verlaſſen werden. Will Ihr Vater uns retten, ſo rette er uns Beide mit einander oder keines von Beiden.“ Der junge Graf verbeugte ſich und ſprach: „Iſt der Augenblick gekommen, ſo wird der König ſeine Befehle geben, und ſeine Befehle ſollen vollzogen werden. Nur erlaube ich mir, dem König zu bemerken, daß es ſchwierig ſein wird, einen Wagen zu finden, der groß genug, daß Ihre Majeſtäten, deren erhabene Kinder, Madame Eliſabeth und einige Dienſtleute, welche ſie be⸗ gleiten ſollen, darin Platz haben.“ „Seien Sie deshalb unbeſorgt, mein lieber Louis; man wird ihn beſonders hiefür machen laſſen, denn es iſt für den Fall vorhergeſehen.“ „Noch etwas Anderes, Sire; es führen zwei Straßen nach Montmédy; ich habe Sie zu fragen, welche diejenige iſt, der Eure Majeſtät den Vorzug gibt, damit 3 ſie durch einen vertrauten Ingenieur ſindiren laſſen ann.“. „Dieſen vertrauten Ingenieur haben wir. Herr von Charny, der uns ganz ergeben iſt, hat Karten von den Ge⸗ 46 genden von Chandernagor mit der größten Treue und einem merkwürdigen Talente gezeichnet; je weniger Per⸗ ſonen wir in das Geheimniß ziehen, deſto beſſer wird es ſein; wir haben im Grafen einen ganz bewährten, ver⸗ ſtändigen und braven Diener: benützen wir ihn. Was die Straße betrifft, ſo ſehen Sie, daß ich mich damit beſchäftigt habe. Da ich zum Voraus Montmédy wählte, ſo ſind die zwei Straßen, welche dahin führen, auf die⸗ ſer Karte punktirt. „Es gibt ſogar drei,“ bemerkte ehrerbietig Herr von Bouillé. „Ja, ich weiß es, diejenige, welche von Paris nach Metz geht, die man verläßt, nachdem man durch Verdun gekommen iſt, um den Weg längs der Maaß, nach Stennay einzuſchlagen, wovon Montmédy nur drei Meilen entfernt ift.“ „Dann iſt die nach Rheims, Isle, Rethel und Stennay,“ ſagte der junge Graf ſo lebhaft, daß der Kö⸗ nig wahrnahm, er gebe dieſer den Vorzug. „Ah! ah,“ rief der König,„es ſcheint, das iſt die Straße, die Sie vorziehen?“ „Oh! nicht ich, Sire, Gott bewahre mich, daß ich, der ich beinahe ein Kind bin, die Verantwortlichkeit für eine in einer ſo ernſten Angelegenheit ausgeſprochene Meinung haben ſoll. Nein, Sire, das iſt nicht meine Meinung, es iſt die meines Vaters, und er ftützte ſich darauf, daß die Landſchaft, welche man durchreiſe, arm, beinahe verödet ſei, daß ſie folglich weniger Vorſichts⸗ maßregeln erforderte; er fügt bei, Royal⸗Allemand, das beſte Regiment des Heeres, das einzige vielleicht, wel⸗ ches völlig treu geblieben, liege in Garniſon in Stennay, und es könnte von Jele oder Rethel an mit der Bedeckung des Königs beauftragt werden; ſo würde man die Ge⸗ fahr einer zu großen Truppenbewegung vermeiden„ „Ja,“ unterbrach ihn der König,„doch man würde durch Rheims kommen, wo ich geſalbt worden bin, wo 47 der Erſte der Beſte mich zu erkennen im Stande iſt,. Nein, mein lieber Graf, über dieſen Punkt habe ich mich entſchieden.“ Der Koͤnig ſprach ſeine letzten Worte mit einem ſo feſten Tone, daß der Graf es nicht einmal wagte, dieſe Entſcheidung zu bekämpfen. „Der König hat ſich alſo entſchieden?.. fragte er. „Für die Straße nach Chalons durch Varennes, mit Vermeidung von Verdun. Was die Regimenter be⸗ trifft, ſo ſollen ſie in den zwiſchen Montmédy und Cha⸗ lons liegenden Dörfern echelonnirt werden; ich würde ſogar nichts Ungeeignetes darin ſehen, wenn mich das erſte Detachement in letzterer Stadt erwartete„ fügte der König bei. „Sire, wenn wir ſo weit ſind, wird es ein Punkt der Erörterung ſein, bis zu welcher Stadt ſich dieſe Regi⸗ menter wagen ſollenz nur iſt dem König nicht unbekannt, daß es in Varennes keine Pferdepoſt gibt.“ „Es freut mich, Sie ſo wohl unterrichtet zu ſehen, Herr Graf,“ ſagte der König lachend;„das beweiſt, daß Sie mit allem Ernſte an unſerem Plane gearbeitet ha⸗ ben; doch ſeien Sie hierüber ruhig, wir werden Mittel finden, Pferde dieſſeits und jenſeits der Stadt bereit hal⸗ ten zu laſſen; unſer Ingenieur wird uns ſagen, wo dies am Beſten geſchehen kann.“ „Und nun, Sire,“ ſprach der junge Graf,„ermäch⸗ tigt mich nun, da beinahe Alles feſtgeſtellt iſt, Eure Majeſtät, ihr im Namen meines Vaters ein paar Zeilen eines italieniſchen Schriftſtellers zu citiren, die ihm ſo ſehr der Lage, in welcher ſich der Koͤnig befindet, zu ent⸗ ſprechen ſchienen, daß er mir befahl, ſie auswendig zu ler⸗ nen, damit ich ſie dem König ſagen könnte.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Sie lauten:„„Der Verzug iſt immer nachtheilig, und bei allen Dingen, die man unternimmt, gibt es nie 48 völlig günſtige Umſtände; ſo daß derjenige, welcher wartet, bis er eine vollkommene Gelegenheit trifft, nie eine Sache unternehmen oder, wenn er ſie unternimmt, häufig ſchlecht davon kommen wird.““ Es iſt der Autor, welcher ſo ſpricht, Sire.“ „Ja, mein Herr, und dieſer Autor iſt Macchiavelli. Glauben Sie mir, ich werde den Rath des Geſandten der herrlichen Republick berückſichtigen„. Doch ſtille! ich hore Tritte auf der Treppe. Gamain kommt herab; gehen wir ihm entgegen, damit er nicht ſieht, wir haben uns mit etwas Anderem beſchäftigt, als mit dem e& Bei dieſen Worten öffnete der König die Thüre der Geheimtreppe. Es war Zeit, der Schloſſermeiſter ſtand, mit ſeinem Schloſſe in der Hand, auf der letzten Stufe. XXXIV. Wo bewieſen iſt, daß es wirklich einen Gott für die Trunkenen gibt. An demſelben Tage, gegen acht Uhr Abends, kam ein als Arbeiter gekleideter Mann, der vorſichtig die Hand auf die Taſche ſeines Wammſes drückte, als enthielte an dieſem Abend ſeine Taſche eine bedeutendere Summe, als die Taſche eines Arheiters gewöhnlich enthält, kam ein Mann, ſagen wir, aus den Tuilerien über den Pont Tournant, wandte ſich links und folgte von einem Ende zum andern der großen Allee, welche auf der Seite der 8 8 —— 49 Seine dieſen Theil der Champs⸗Elyſées verlängert, den man früher den Port au Marbre oder Port aur Pierres nannte und heute den Cours⸗la⸗Reine nennt. Am äußerſten Ende dieſer Allee befand er ſich auf dem Quai de la Savonnerie. Der Quai de la Savonnerie war zu jener Zeit ſehr heiter am Tage und ſehr erleuchtet am Abend durch eine Menge kleiner Schenken, wo am Sonntag die guten Bürger den flüſſigen und feſten Proviant kauften, den ſie auf Schiffen, welche ſie um zwei Sous für die Perſon mietheten, mit ſich nahmen, um den Tag auf der Schwaneninſel zuzubringen; eine Inſel, guf der ſie, ohne dieſe Vorſicht, Hungers zu ſterben Geſahr gelaufen wären, und zwar an gewoͤhnlichen Wochentagen, weil fie völlig verödet, und an Sonntagen, weil ſie zu ſehr be⸗ völkert war. Bei der erſten Schenke, die er an ſeinem Wege traf, ſchien der als Arbeiter gekleidete Mann einen heftigen Kampf mit ſich ſelbſt zu entſpinnen,— einen Kampf, aus dem er ſiegreich hervorging: ob er nämlich in die Schenke eintreten oder nicht eintreten ſollte. Er trat nicht ein und ging weiter. Bei der zweiten erneuerte ſich dieſelbe Verſuchung, und diesmal konnte ein zweiter Mann, der ihm wie ein Schatten, ohne daß er es bemerkte, ſeit einiger Zeit folgte, glauben, er werde nachgeben, denn, von ver geraden Linie abgehend, neigte er ſich ſo ſehr vor dieſer Beikirche des Baechus⸗Tempels, wie man damals ſagte, daß er ihre Schwelle berührte. Nichtsdeſtoweniger ſiegte auch diesmal die Mäßig⸗ keit, und es iſt wahrſcheinlich, daß er, würde ſich nicht eine dritte Schenke auf ſeinem Wege gefunden haben und er hätte zurückkehren müſſen, um den Eid zu brechen, den er ſich ſelbſt geſchworen zu haben ſchien, ſeine Wan⸗ derung fortgeſetzt hätte,— nicht nüchtern, denn der Die Gräfin von Charny. M. 4 Reiſende hatte wohl ſchon eine redliche Doſis von der Flüſſigkeit, die des Menſchen Herz erfreut, zu ſich ge⸗ nommen,— aber in einem Zuſtande der Selbſtbeherr⸗ ſchung, der ſeinem Kopfe erlaubte, ſeine Beine in einer hinreichend geraden Linie auf dem Wege zu führen, den er zu machen hatte. Unglücklicher Weiſe gab es nicht nur eine dritte, ſondern auch eine vierte, eine fünfte, eine zehnte, eine zwanzigſte Schenke auf dieſem Wege; eine Folge hievon war, daß, da ſich die Verſuchungen zu oft wiederholten, die Wiverſtandskraft ſich nicht im Einklange fand mit der Verſuchungskraft und der dritten Probe unterlag. Es iſt nicht zu leugnen, daß durch eine Art von Transaction mit ſich ſelbſt der Arbeiter, der ſo gläck⸗ lich den Dämon des Weins bekämpft hatte, als er in die Schenke eintrat, vor dem Zähltiſch ſtehen blieb und nur einen Schoppen verlangte. Der Dämon des Weins, gegen den er ſtritt, ſchien indeſſen ſiegreich durch den Unbekannten vertreten zu ſein, der ihm in einiger Entfernung folgte, wobei er bemüht war, in der Dunkelheit zu bleiben, ohne jedoch den Erſten aus den Augen zu verlieren. 4 Ohne Zweifel, um dieſe Perſpective zu genießen, die ihm angenehm zu ſein ſchien, ſetzte er ſich auf die Bruſt⸗ mauer gerade der Thüre der Schenke gegenüber, wo der Arbeiter ſeinen Schoppen trank, und begab er ſich wie⸗ der auf den Weg, fünf Secunden, nachdem dieſer ſein Glas geleert hatte und über die Schwelle getreten war, um weiter zu gehen. Doch wer kann ſagen, wo die Lippen ſtille ſtehen werden, welche ſich einmal am unſeligen Becher ter Trunkenheit befeuchtet und mit dem den Trunkenen eigen⸗ thümlichen, mit Befriedigung gemiſchten Erſtaunen wahr⸗ genommen haben, daß nichts ſo ſehr Durſt erregt, als das Trinken? Kaum hatte der Arbeiter hundert Schritte gemacht, da war ſein Durſt ſo mächtig, daß er abermals 5¹ anhalten mußte, um ihn zu löſchen; nur ſah er diesmal ein, daß ein Schoppen zu wenig war, und verlangte eine halbe Flaſche. Der Schatten, der an ihn feſtgebunden zu ſein ſchien, war wohl nicht unzufrieden mit dem wiederholten Ver⸗ zuge, den das Bedürfniß, ſich zu erfriſchen, in die Voll⸗ endung ſeines Weges brachte. Er blieb an der Ecke der Schenke ſtehen, und obgleich der Trinker ſich geſetzt hatte, um es ſich bequemer zu machen, und eine Viertelſtunde brauchte, um ſeine halbe Flaſche Wein zu ſchlürfen, gab der Schatten doch kein Zeichen von Ungeduld von ſich und folgte ihm nur wieder in dem Augenblick, wo er heraus⸗ kam, mit demſelben Schritte, den er bis zum Eingang gemacht hatte. Nach hundert weiteren Schritten wurde dieſe Lang⸗ muth auf eine neue und harte Probe geſtellt; der Arbei⸗ ter machte einen dritten Halt, und diesmal, da ſein Durſt immer mehr zunahm, verlangte er eine ganze Flaſche. Das war abermals eine halbe Stunde des Wartens für den geduldigen Argus, der ſich an ſeine Ferſe ange⸗ hängt hatte. Dieſe nach und nach verlorenen fünf Minuten, fünf⸗ zehn Minuten, dreißig Minuten erregten ohne Zweifel Gewiſſensbiſſe im Herzen des Trinkers; denn da er, wie es ſchien, nicht mehr anhalten wollte, während er fortzu⸗ trinken wünſchte, ſo ging er mit ſich ſelbſt eine Art von Ver⸗ gleich ein, der darin beſtand, daß er ſich im Augenblick ſeines Abganges mit einer entpfropften Flaſche Wein ver⸗ ſah, aus der er ſeine Reiſegefährtin zu machen beſchloß. Dies war ein weiſer Entſchluß, der denjenigen, wel⸗ cher ihn gefaßt, nur aufhielt nach Maßgabe der immer mehr ausgedehnten krummen Linien und der immer öſter wiederholten Zickzacke, die das Reſultat von jeder An⸗ näherung waren, welche zwiſchen dem Halſe der Flaſche und den durſtigen Lippen des Trinkers ſtattfand. In einer dieſer geſchickt combinirten krummen Linien 52 gelangte er durch die Barriere de Paſſy ohne irgend ein Hinderniß... Die Flüſſigkeiten find bekanntlich beim Ausgange von jedem Oetrol frei. Der Unbekannte, der ihm folgte, ging hinter ihm und mit demſelben Glücke wie er hinaus. Hundert Schritte vor der Barrière mußte ſich unſer Mann Glück wünſchen zu der ſinnreichen Vorſichtsmaß⸗ regel, die er genommen, denn von da an wurden die Schenken immer ſeltener, bis ſie am Ende völlig ver⸗ ſchwanden. Doch was war unſerem Philoſophen hieran gelegen? Wie der Weiſe des Alterthums, trug er nicht nur ſeine Habe, ſondern auch ſeine Freude mit ſich. Wir ſagen ſeine Freude, in Betracht, daß bei der Hälfte der Flaſche unſer Trinker zu ſingen anfing, und Niemand wird beſtreiten, daß der Geſang, mit dem Lachen, eines von den Mitteln iſt, die dem Menſchen gegeben find, um ſeine Freude zu offenbaren. Der Schatten des Trinkers ſchien ſehr empfänglich für die Harmonie dieſes Geſangs, den er leiſe wiederholte, und für den Ausdruck dieſer Freude, deren Phraſen er mit einem ganz beſonderen Intereſſe folgte. Leider aber war die Freude ephemer und der Geſang von kurzer Dauer. Die Freude währte nur gerade ſo lange, als der Wein in der Flaſche, und ſobald die Flaſche leer und wieder⸗ holt vergebens zwiſchen den Händen des Trinkers gepreßt worden war, verwandelte ſich der Geſang in ein Grunzen, das immer ſtärker wurde und am Ende in Verwünſchun⸗ gen ausartete. Dieſe Verwünſchungen waren an unbekannte Ver⸗ folger gerichtet, über welche ſich ſtolpernd unſer armer Wanderer beklagte. „Oh! der Unglückliche!“ ſagte er,„oh! der Un⸗ glückliche! einem alten Freunde, einem Meiſter einen ver⸗ fälſchten Wein geben!. pfui! Er laſſe mich wieder holen, um ſeine Schlöſſer zu verbeſſern; er ſchicke ſeinen ſchur⸗ — N v 8 — 53 kiſchen Geſellen, der mich verläßt, wieber zu mir, und ich werde kommen und ihm ſagen:„„Gute Nacht, Sire, Deine Majeſtät verbeſſere ihre Schlöſſer ſelbſt!““ Und wir werden ſehen, ob man ein Schloß macht wie ein Decret!„. Ahl ich werde Dir Schlöſſer mit drei Bärten geben ah! ich werde Dir Schlöſſer mit Zu⸗ haltung geben ich werde Dir geben gebohr. gebohrte Schlüſſel mit einge.. eingeſchnittenem Kamm... Oh! der Unglückliche! oh! die Unglückliche! ſie haben mich offenbar vergiftet.“ Und während er dieſe Worte ſprach, fiel er, ohne Zweifel beſiegt durch die Macht des Giftes, der Länge nach zum dritten Male auf das Straßenpflaſter, wo ihn alsbald eine dichte Kothlage umhüllte. Die zwei erſten Male war unſer Mann allein wie⸗ der aufgeſtanden. Die Operation war ſchwierig geweſen, doch er hatte ſie zu ſeiner Ehre vollbracht; das dritte Mal war er nach verzweifelten Anſtrengungen genöthigt, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß die Aufgabe ſeine Kräfte über⸗ ſtieg, und mit einem Seufzer, der einem Stöhnen glich, ſchien er ſich zu entſchließen, zur Lagerſtätte für dieſe Nacht den Schooß unſerer gemeinſchaftlichen Mutter, der Erde, zu nehmen. Bei dieſem Punkte der Entmuthigung und der Schwäche erwartete ihn ohne Zweifel unſer Unbekannter, der ihm von der Place Louis XV. an mit ſo viel Be⸗ harrlichkeit folgte, denn nachdem er, ſich in der Entfer⸗ nung haltend, ihn die fruchtloſen Anſtrengungen, welche wir zu ſchildern verſucht, hatte unternehmen laſſen, näherte er ſich ihm vorſichtig, ging im Kreiſe um ſeine zuſam⸗ mengeſunkene Größe, rief einem Fiacre, der vorüberfuhr, und ſagte zum Kutſcher: „Mein Freund, hier liegt mein Geſelle, dem es un⸗ wohl geworden iſt; nehmt dieſen Sechs⸗Livres⸗Thaler, ſchafft den armen Teufel in Euren Wagen und führt ihn 54 nach der Schenke des Pont de Soͤvres. Ich werde zu Euch hinaufſteigen.“ Man durfte ſich nicht wundern über den Vorſchlag, ſeinen Sitz zu thellen, den derjenige von den zwei Ge⸗ fährten, welcher ſtehen geblieben war, dem Kutſcher machte, da er ſelbſt ein Menſch von ziemlich geringem Stande zu ſein ſchien. Mit dem rührenden Vertrauen, das die Menſchen von ſolchen Verhältniſſen zu einander haben, erwiederte auch der Kutſcher: „Sechs Franken„ und wo find Deine ſechs Franken?“ „Hier, mein Freund,“ ſagte, ohne daß er ſich im Geringſten zu ärgern ſchien, indem er dem Kutſcher den Thaler darreichte, der Mann, welcher dieſe Summe ange⸗ boten hatte. „Und wenn wir dort ſind, mein Bürger,“ verſetzte der durch das Bildniß des Königs beſänftigte Automedon, „wird es nicht ein kleines Trinkgeld geben?“ „Je nachdem wir gefahren ſind. Schaffe dieſen armen Teufel in Deinen Wagen, ſchließe ſorgfältig die Schläge, ſei bemüht, bis dort Deine zwei Mähren auf ihren Beinen zu halten, und ſind wir beim Pont de Sovres, ſo werden wir ſehen... Haſt Du uns gut ge⸗ fahren, ſo ſollſt Du bedacht werden.“ „Schön,“ ſagte der Kutſcher,„das heiße ich ant⸗ worten. Seien Sie ruhig, Sie werden zufrieden ſein. Steigen Sie auf den Bock und verhindern Sie die wäl⸗ ſchen Hühner, Dummheiten zu machen; ah! zu dieſer Stunde riechen ſie den Stall und haben Eile, nach Hauſe zu kommen; das Uebrige iſt meine Sache.“ Der freigebige Unbekannte folgte ohne irgend eine Bemerkung der Inſtruction, die man ihm gab. Der Kut⸗ ſcher hob mit aller Zartheit, der er fähig war, den Trun⸗ kenen in ſeinen Armen auf, legte ihn ſanft zwiſchen die zwei Sitze ſeines Fiaere, ſchloß den Schlag, ſtieg auf ſeinen Bock, wo er den Unbefannten fand, ließ ſeinen icuee 3 e⸗ e, P ie 55 Wagen ſich umwenden und peitſchte ſeine Pferde, welche bald mit dem bei dieſen Vierfüßigen gewöhnlichen me⸗ lancholiſchen Gang durch den Flecken Point⸗du⸗Jour trab⸗ ten und nach einer halben Stunde zu der Schenke des Pont de Sovres kamen. Im Innern dieſer Schenke finden wir nach zehn Mi⸗ nuten, die man der Auspackung des Bürgers Gamain widmete, den der Leſer ohne Zweifel längſt erkannt hat, den würdigen Meiſter über Meiſter, Meiſter über Alle wieder; er ſitzt an demſelben Tiſche und demſelben Waffen⸗ ſchmiede gegenüber, wie wir ihn im erſten Kapitel dieſer Geſchichte geſehen haben. XXXV. Was der Jufall iſt! Wie hatte ſich nun dieſe Auspackung bewerkſtelligt, und wie war Meiſter Gamain aus dem beinahe ſtarrſüch⸗ tigen Zuſtande, in welchem wir ihn verlaſſen, zu dem faſt natürlichen Zuſtande, in dem wir ihn wiederſehen, über⸗ gegangen? 8 Der Wirth der Schenke des Pont de Sovres lag im Bette, und nicht der geringſte Lichtfaden drang durch die Spalten ſeiner Fenſterläden, als die erſten Fauſtſchläge des Philanthropen, der Meiſter Gamain aufgenommen hatte, an ſeiner Thüre erſchollen. Dieſe Fauſtſchläge wurden auf eine Art angebracht, daß ſie nicht glauben ließen, die Beſitzer des Hauſes, ſo 56 ſehr ſie dem Schlafe ergeben ſein mochten, dürften eine lange Ruhe einem ſolchen Angriffe gegenüber genießen. Ganß ſchlaftrunken, gonz ſtolpernd, ganz brummend, offnete auch der Schenkwirth ſelbſt denjenigen, welche ihn bemerkten, wobei er ſich vornahm, ſie einen der Stö⸗ rung würdigen Erſatz entrichten zu laſſen, ſollte, wie er ſagte, das Spiel nicht das Licht werth ſein. Es ſcheint, daß das Spiel wenigſtens dem Werthe des Lichtes das Gleichgewicht hielt, denn bei dem erſten Worte, das der Mann, welcher auf eine ſo unehrerbietige Art angeklopft hatte, dem Wirthe der Schenke des Pont de Sovres in's Ohr flüſterte, nahm vieſer ſeine baum⸗ wollene Mütze ab, machte Bücklinge, welche durch ſein Coſtume ganz ſonderbar grotesk wurden, und führte den Unbekannten und Meiſter Gamain in das fleine Cabinet, wo wir dieſen ſchon den Burgunder, ſein Lieblingsge⸗ tränke, hahen verkoſten ſehen. Diesmal aber, weil er zu viel verkoſtet, war Meiſter Gamain beinahe ohne Bewußtſein. Vor Allem, da Kutſcher und Pferde, der eine mit ſeiner Peitſche, die andern mit ihren Beinen gethan hat⸗ ten, was ſie thun konnten, fing der Fremde damit an, daß er ſich ſeiner Zuſage entledigte, indem er ein Vier⸗ undzwanzig⸗Sous⸗Stück als Trinkgeld ven ſechs Livres beifügte, die er ſchon als Bezahlung gegeben hatte. Dann, als er Meiſter Gamain, den Kopf an das Täfelwerk angelehnt, mit einem Tiſche vor ſeiner Perſon, viereckig auf einem Stuhle ſitzen ſah, ließ er ſchleunig durch den Wirth zwei Flaſchen Wein und eine Carafe Waſſer bringen und öffnete ſelbſt das Fenſter und die Lä⸗ den, um die mephitiſche Luft zu verändern, die man im Innern der Schenfe einathmete. Dieſe Maßregel wäre unter anderen Umſtänden ge⸗ fährdend geweſen. Jeder Beobachter weiß in der That, daß nur die Leute von einer gewiſſen Welt das Bedüpfniß 57 haben, die Luft in dem Verhältniß einzuathmen, in wel⸗ chem die Natur ſie macht, das heißt, beſtehend aus ſiebenundſiebenzig Theilen Sauerſtoff, einundzwanzig Thei⸗ len Stickſtoff und zwei Theilen Waſſer, während die ge⸗ meinen Leute, an ihre verpeſteten Wohnungen gewöhnt, ſie ohne Schwierigkeit einathmen, ſo ſehr ſie auch mit Kohlenſtoff und Stickſtoſſ geſchwängert ſein mag. Zum Glück war Niemand da, um eine ſolche Be⸗ merkung zu machen. Selbſt der Wirth, nachdem er mit Eile die zwei Flaſchen Wein und langſam die Carafe Waſſer gebracht, hatte ſich ehrerbietig zurückgezogen und den Unbekannten unter vier Augen mit Meiſter Gamain gelaſſen. Der Erſte war, wie wir geſehen, gleich Anfangs beſorgt geweſen, friſche Luft einzulaſſen; dann, ehe er noch das Fenſter wieder geſchloſſen, hatte er ein Flacon an die weit geöffneten, pfeifenden Naſenlöcher des Schloſſer⸗ meiſters gehalten, welcher ſich dem ekelhaften Schlafe des Rauſches überließ, der gewiß die Trunkenbolde von der Weinliebe heilen würde, wäre es durch ein Wunder der Allmacht den Berauſchten nur ein einziges Mal gegeben, ſich ſchlafen zu ſehen. Als er ven durchdringenden Geruch der im Flacon enthaltenen Flüſſigkeit einathmete, riß Meiſter Gamain; die Augen weit auf und nieſte ſogleich ganz wüthend; dauu murmelte er ein paar Sylben, welche ohne Zweifel unverſtändlich für jeden Andern, als den geübten Philo⸗ logen, dem es, mit tiefer Aufmerkſamkeit horchend, ge⸗ lang, folgende Worte zu unterſcheiden: „Der Unglückliche„ er hat mich vergiftet... vergiftet!... Der Waffenſchmied ſchien zu ſeiner Zufriedenheit zu erkennen, vaß Meiſter Gamain immer noch von der⸗ ſelben Idee beherrſcht wurde; er hielt den Flacon aber⸗ mals an ſeine Naſe, was, einige Kraft dem würdigen Sohne Noä verleihend, dieſem geſtattete, den Sinn ſei⸗ 58 nes Satzes dadurch zu vervollſtändigen, daß er den ſchon ausgeſprochenen Worten drei weitere Worte beifügte, welche eine um ſo ſchrecklichere Anſchuldigung enthielten, als dieſe zugleich einen Vertrauensmißbrauch und ein Ver⸗ geſſen des Herzens bezeichnete. „Einen Freund vergiften!.. einen Freund!„ „Das iſt in der That entſetzlich,“ bemerkte der Waf⸗ fenſchmied. „Entſetzlich!“ ſtammelte Gamain. „Schändlich!“ ſagte Nr. 1. „Schändlich!“ wiederholte Nr. 2. „Zum Glück war ich da“ ſprach der Woffenſchmied, „ich, um Ihnen Gegengift zu geben.“ „Ja, zum Glück!“ murmelte Gamain. „Doch da eine erſte Doſis nicht für eine ſolche Ver⸗ giftung genügt, ſo nehmen Sie noch dieſes,“ fuhr der Unbekannte fort. Und er goß in ein halbes Glas Woſſer fünf bis ſechs Tropfen von der im Flacon enthaltenen Flüſſigkeit, was nichts Anderes war, als aufgelöſter Ammoniat. Dann näherte er das Glas den Lippen von Gamain. „Ah! ah!“ ſtammelte dieſer,„das iſt zu trinken durch den Mund; ich liebe das mehr, als durch die Naſe!“ Und er verſchluckte gierig den Inhalt des Glaſes. Doch kaum war der Teufelstrank durch ſeinen Hals gelaufen, da riß er die Augen übermäßig weit auf und rief zwiſchen einem zweimaligen Nieſen: „Ha! Schurke, was haſt Du mir da gegeben? Pfui! pfui!“ „Mein Lieber,“ erwiederte der Unbekannte,„ich habe Ihnen einen Trank gegeben, der Ihnen ganz einfach das Leben rettet.“ „Ahl“ verſetzte Gamain,„wenn er mir das Leben rettet, ſo thaten Sie wohl daran, mir denſelben —, 59 zu geben; doch wenn Sie das einen Trank nennen, ſo haben Sie Unrecht.“ Und ex nieſte abermals, zog den Mund zuſammen und ſperrte die Augen auf wie die Larve der alten Tragödie. Der Unbekannte benützte dieſen Augenblick der Pan⸗ tomime, um, nicht das Fenſter, ſondern die Läden zu ſchließen. 3 Gamain hatte indeſſen nicht ohne Vortheil die Augen ein zweites oder drittes Mal geöffnet. Während dieſer Bewegung, ſo krampfhaft ſie war, ſchaute der Schloſſer⸗ meiſter umher, und mit jenem Gefühle tiefer Dankbarkeit, das die Trunkenbolde für die Wände einer Schenke haben, erkannte er dieſe als ihm nichts weniger als fremd. Bei den häufigen Reiſen, welche nach Paris zu machen ihn ſein Geſchäft veranlaßte, kam es in der That ſelten vor, daß er nicht in der Schenke des Pont de So⸗ vres einkehrte. Sein Einkehren konnte ſogar aus einem gewiſſen Geſichtspunkte als eine Nothwendigkeit betrachtet werden, da die fragliche Schenke ungefähr die Hälfte des Weges bezeichnete. Dieſes Erkennen brachte ſeine Wirkung hervor; es verlieh vor Allem ein großes Vertrauen dem Schloſſer⸗ meiſter, indem es ihm bewies, daß er in befreundetem Lande war. „Eil ei!“ ſagte er,„gut! es ſcheint, ich habe ſchon die Hälfte des Weges zurückgelegt.“ „Ja, mit meiner Hülfe,“ verſetzte der Waffenſchmied. „Wie, mit Ihrer Hülfe?“ ſtammelte Gamain, der ſeine Augen von den lebloſen Gegenſtänden zu den leben⸗ digen überlenkte;„mit Ihrer Hülfe? Wer ſind Sie denn 7“ „Mein lieber Herr Gamain,“ erwiederte der Unbe⸗ kannte,„das iſt eine Frage, welche mir beweiſt, daß Sie ein kurzes Gedächtniß haben.“. Gamain ſchaute den Sprechenden aufmerkſamer als das erſte Mal an und ſagte; 60 „Warten Sie voch, warten Sie doch; mir ſcheint wirklich, ich habe Sie ſchon geſehen.“ „Ah! wahrhaftig? Das iſt ein Glück!“ „Ja, ja, ja; aber wann und wo? das iſt die Sache!“ „Wo dies? Wenn Sie umherſchauen, werden viel⸗ leicht die Gegenſtände, die Sie erblicken, ein wenig Ihre Erinnerungen unterſtützen.. Wann? das iſt etwas Anderes; wir werden vielleicht genöthigt ſein, Ihnen eine neue Doſis Gegengift zu geben, damit Sie dies ſagen können.“ „Nein, ich danke,“ erwiederte Gamain, während er den Arm ausſtreckte;„ich habe genug von Ihrem Gegen⸗ gifte, und da ich beinahe gerettet bin, ſo werde ich hie⸗ bei ſtehen bleib en.. Wo habe ich Sie geſehen.. wo habe ich Sie geſehen? Mun, hier.“ „Ja wohl!“ „Wann ich Sie geſehen habe? warten Sie doch! an dem Tage, wo ich von Paris von einer.. geheimen Arbeit zurückkam... Es ſcheint,“ fügte Gamain lachend bei,„ich bin offenbar der Unternehmer von ſolchen Arbeiten.“ „Sehr gut. Und nun, wer hin ich?“ „Wer Sie ſind? Sie ſind ein Mann, der mir zu trinken bezahlt hat, folglich ein wackerer Mannz ſchlagen Sie ein!“ „Mit um ſo viel mehr Vergnügen,“ erwiederte der Unbekannte,„als der Schloſſermeiſter vom Waffenſchmied nur eine Hand breit entfernt iſt.“ „Ah! gut, gut, gut! Ich erinnere mich nun. Ja, es war am 6. October, an dem Tage, wo der Kö⸗ nig nach Paris zurückkam; wir haben ſogar an dieſem Tage ein wenig von ihm geſprochen.“ „Und ich fand Ihre Conberſation äußerſt intereſſant, Meiſter Gamain, weshalb ich Sie, da ich ſie noch fer⸗ ner zu genießen wünſche und das Gedächtniß bei Ihnen zurückkehrt, fragen möchte, wenn es keine Unbeſcheidenheit 61 iſt, was Sie vor einer Stunde machten,— Ihrer ganzen Länge nach über die Straße ausgeſtreckt und nur zwanzig Schritte von einem Frachtwagen entfernt, der nahe daran war, Sie entzweizuſchneiden, wenn ich nicht in das Mit⸗ tel trat. Haben Sie Kummer, Meiſter Gamain, und hatten Sie den Entſchluß gefaßt, ſich das Leben zu nehmen?“ „Mir vas Leben nehmen? Bei meiner Treue, nein. Was ich dort mitten auf dem Wege, auf dem Pflaſter liegend, machte?... Wiſſen Sie auch gewiß, daß ich dort lag?“ „Bei Gott! ſchauen Sie ſich an.“ Gamain warf einen Blick auf ſich ſelbſt. „O ho!“ machte er,„Madame Gamain wird ein wenig ſchreien, ſie, welche geſtern zu mir ſagte:„„Ziehe nicht Deinen neuen Rock an, nimm Dein altes Wamms, das iſt gut genug, um in die Tuilerien zu gehen.““ „Wie, um in die Tuilerien zu gehen?“ verſetzte der Unbekannte;„Sie kommen aus den Tutlerien?“ Gamain kratzte ſich am Kopf und ſuchte ſeine noch ganz verwirrten Erinnerungen zu ſammeln. „Ja, ja, ſo iſt es,“ ſagte er,„gewiß kam ich aus den Tuilerien. Warum nicht? Es iſt kein Geheimniß, daß ich Schloſſermeiſter von Herrn Veto geweſen bin.“ „Wie, von Herrn Veto? Wen nennen Sie denn Herr Veto?“ „Ah! Sie wiſſen nicht; daß man den König ſo nennt? Woher kommen Sie denn? Von China?“ „Was wollen Sie? ich treibe mein Handwerk und beſchäftige mich nicht mit Politik.“ „Sie find ſehr glücklich, ich beſchäftige mich leider damit, oder man zwingt mich vielmehr, daß ich mich vamit beſchäftige; das wird mich zu Grunde richten.“ Hier ſchlug Gamain die Augen zum Himmel auf und ſtieß einen Seufzer aus. „Bah!“ verſetzte der Unbekannte,„find Sie nach 62 Paris gerufen worden, um eine Arbeit in der Art von der zu machen, welche Sie gemacht hatten, als ich Sie zum erſten Male ſah?“ „Ganz richtig, damals wußte ich nur nicht, wohin ich ging, und hatte die Augen verbunden, während ich diesmal wußte, wohin ich ging, und die Augen offen hatte.“ „So daß es Ihnen keine Mühe machte, die Tuilerien zu erkennen?“ „Die Tuilerien!“ wiederholte Gamain.„Wer hat Ihnen geſagt, ich ſei in den Tuilerien geweſen?“ „Sie ſelbſt ſo eben, bei Gott! Wie ſollte ich wiſſen, Sie kommen aus den Tullerien, wenn Sie es mir nicht geſagt hätten?“ „Das iſt wahr,“ murmelte Gamain mit ſich ſelbſt ſprechend;„wie ſollte er es in der That wiſſen, wenn ich es ihm nicht geſagt hätte?“ Dann wandte er ſich wieder an den Unbekannten und fuhr fort: „Ich habe vielleicht Unrecht gehabt, es Ihnen zu ſagen; doch bei meiner Treue, gleichbiel! Sie ſind nicht die ganze Welt. Nun wohl, ja, da ich es Ihnen geſagt habe, wiverrufe ich nicht: ich bin in den Tuilerien ge⸗ weſen.“ „Und,“ ſprach der Unbekannte,„Sie arbeiteten mit dem Konig, der Ihnen die fünfundzwanzig Louis d'or gab, welche Sie in Ihrer Taſche haben.“ „Wie!“ rief Gamain;„ich hatte in der That fünf⸗ undzwanzig Louis d'or in meiner Taſche.“ „Und Sie haben ſie immer noch.“ Gamain fuhr mit ſeinen Fingern in die Tiefen ſeiner Taſche und zog eine Handvoll Gold, gemiſcht mit kleiner Silbermünze und einigen Sous, heraus. „Warten Sie doch, warten Sie doch; fünf, ſechs, ſieben gut! und ich hatte das vergeſſen zwölf, dreizehn, vierzehn. fünf undzwanzig Louis d'or ſind eine Summe„ſiebenzehn, achtzehn, neunzehn.. eine 63 Summe, die man in gegenwärtiger Zeit nicht unter dem Fuße eines Pferdes findet. dreiundzwanzig, vierund⸗ zwanzig, fünfundzwanzig! Ah!“ fügte Gamain freier ath⸗ mend bei,„Gott ſei Dank, die Rechnung iſt richtig.“ „Da ich es Ihnen ſagte, ſo konnten Sie ſich auf mich verlaſſen, wie mir ſcheint.“ „Auf Sie? Und woher wußten Sie, daß ich fünf⸗ undzwanzig Louis d'or bei mir hatte?“ „Mein lieber Herr Gamain, ich hatte ſchon die Ehre Ihnen zu ſagen, ich habe ſie quer über die Landſtraße liegend, zwanzig Schritte von einem Frachtwagen, der ſie entzweizuſchneiden im Begriffe war, gefunden. Ich hieß den Fuhrmann halten; ich rief einem Fiaere, der vorüber kam, ich machte eine von den Laternen ſeines Wagens los, und als ich Sie beim Scheine dieſer Laterne betrachtete, erblickte ich ein paar Louis d'or, welche auf dem Pflaſter rollten. Da dieſe Louis d'or in der Nähe Ihrer Taſche waren, ſo vermuthete ich, ſie ſeien aus dieſer herausge⸗ fallen. Ich ſteckte die Finger hinein, und an zwanzig weiteren Louts d'or, die Ihre Taſche enthielt, erkannte ich, daß ich mich nicht täuſchte; doch da ſchüttelte der Kutſcher den Kopf und ſagte:„„Nein, mein Herr, nein.““ „„Wie ſo, nein 7“„„Nein, ich nehme dieſen Mann hier nicht.““„„Und warum nimmſt Du ihn nicht?““ „„Weil er zu reich iſt für ſeine Kleidung fünfund⸗ zwanzig Louis d'or in der Taſche einer Weſte von Baum⸗ wollenſammet, das riecht auf eine Stunde nach dem Gal⸗ gen, mein Herr.“„„Wie!““ ſagte ich.„„Du glaubſt, Du habeſt es mit einem Diebe zu thun?““ Es ſcheint, dieſes Wort ſiel Ihnen auf:„„Dieb?““ ſagen Sie, „„Dieb, ich?““„„Allerdings, Dieb Sie,““ erwiederte der Kutſcher;„„wenn ſie kein Dieb wären, wie hätten Sie fünfundzwanzig Louis d'or in Ihrer Taſche?““„„Ich habe fünfundzwanzig Louis d'or in meiner Taſche, weil mein Schüler, der König von Frankreich, ſie mir gege⸗ ben,““ erwiedern Sie. Bei dieſen Worten glaubte ich in der That Sie zu erkennen; ich näherte die Laterne Ihrem Geſichte und rief:„„Ei! Alles erklärt ſich, das iſt Herr Gamain, der Schloſſermeiſter von Verſailles; er hat mit dem König gearbeitet und der König hat ihm fünfundzwanzig Louis d'or für ſeine Mühe gegeben. Vor⸗ wärts, ich verbürge mich für ihn.““ Sobald ich mich für Sie verbürgte, machte der Kutſcher keine Schwierig⸗ keit mehr. Ich ſteckte die Louis d'or, welche herausgefallen waren, wieder in Ihre Taſche; man legte ſie ſachte in den Wagen, ich ſetzte mich auf den Bock, wir ſtiegen bei dieſer Schenke ab, und hier ſind Sie und beklagen ſich, Gott ſei Dank! über nichts, als daß Sie Ihr Geſell verlaſſen hat.“. „Ich habe von meinem Geſellen geſprochen? Ich habe mich über ſein Verlaſſen beklagt?“ rief Gamain immer mehr erſtaunt. „Ah! gut, nun erinnert er ſich nicht mehr deſſen, was er ſo eben geſagt hat.“ „Ich?“ „Wie, haben Sie nicht in dieſem Augenblicke geſagt: „„Das iſt der Fehler von dieſem Burſchen, von dieſem..““ Ich entfinne mich des Namens, den ſie genannt, nicht mehr.“ „Louis Lecomte.“ „So iſt es„ Wie! Sie haben nicht ſo eben geſagt:„„Das iſt der Fehler von dieſem Burſchen, von vieſem Louis Leeomte, der mit mir nach Verſailles zurück⸗ zukehren verſprochen hatte und ſich im Augenblick meines Abgangs, ohne Abſchied zu nehmen, von mir entfernte.“ „Das konnte ich allerdings wohl ſagen, da es die Wahtheit iſt“ „Nun alſo, wenn es die Wahrheit iſt, warum leug⸗ nen Sie es? Wiſſen Sie, daß bei einem Anderen als bei mir alle dieſe Geheimnißkrämereien in der Zeit, in der wir leben, gefährlich wären, mein Lieber?“ — S 8 8 S SS — 65 „Ja, doch bei Ihnen,“ verſetzte Gamain, dem Un⸗ bekannten ſchmeichelnd. „Bei mir? Was will das beſagen?“ „Das will beſagen, bei einem Freunde.“ „Ah! ja, Sie bezeigen Ihrem Freunde großes Vertrauen. Sie ſagen ihm ja und dann ſagen Sie ihm nein; Sie ſagen ihm: Das iſt wahr, und dann: Das iſt nicht wahr. Gerade wie damals hier, bei meinem Ehrenwortl Sie erzählten mir eine Geſchichte. man mußte von Pezenas ſein, um ſie nur einen Augenblick zu glauben.“ „Welche Geſchichte?“ „Die Geſchichte von der geheimen Thüre, welche Sie beſchlagen hatten, bei dem vornehmen Herrn, deſſen Adreſſe Sie mir nicht einmal nennen konnten.“ „Nun! Sie mögen mir diesmal glauben oder nicht glauben, es handelte ſich abermals um eine Thüre.“ „Beim König?“ „Beim König. Nur, ſtatt um eine Treppenthüre, um die Thüre eines Schrankes.“ „Und Sie werden mir zu verſtehen geben, der König, der ſich in die Schloſſerei miſcht, habe Sie holen laſſen, um ihm eine Thüre zu beſchlagen? Gehen Sie doch!“ „Es iſt dennoch ſo. Ah! der arme Mann, er hielt ſich freilich für ſtark genug, um meiner entbehren zu können. Er hatte ſein Schloß ſo angefangen.„„Wozu Gamain? Was mit Gamain machen? Braucht man Gamain?““ Ja, doch man verhaſpelt ſich in den Bärten, und man muß auf dieſen armen Gamain zurück⸗ kommen!“ „Dann hat er Sie durch einen vertrauten Kammer⸗ diener holen laſſen: durch Hue, vurch Durch oder durch Weber?“ „Ei! gerade darin täuſchen Sie ſich. Er hatte, um ſich von ihm helfen zu laſſen, einen Geſellen angenommen, Die Gräfin von Charny. MI. 5 66 der noch weniger verſtand als er, und ſo kam dieſer Geſelle an einem ſchönen Morgen zu mir nach Verſailles und ſagte:„„Vater Gamain, wir wollten ein Schloß machen, der Konig und ich, ja, gute Nacht! das ver⸗ dammte Schloß geht nicht!““„„Was ſoll ich dabei thun?““ erwiederte ich.„„Sie ſollen es in Stand ſetzen!““ Und da ich ihm entgegnete:„„Das iſt nicht wahr; Sie kommen nicht im Auftrage des Königs, Sie wollen mich in eine Falle locken,““ da ſprach er: „„Gut! der König hat mir Befehl gegeben, Ihnen fünfundzwanzig Louis d'or zuzuſtellen, damit Sie nicht zweifeln.“„„Fünfundzwanzig Louis d'or!““ verſetzte ich.„„Wo ſind Sie?““„„Hier.“ Und er gab ſie mir.“ „Das ſind alſo die fünfundzwanzig Louis d'or, die Sie bei ſich haben?“ fragte der Waffenſchmied. „Nein, das find andere, die erſten fünfundzwanzig das war eine Abſchlagszahlung.“ „Teufel! fünfzig Louis d'or, um ein Schloß zu Ler⸗ beſſern! Dahinter ſleckt etwas, Meiſter Gamain.“ „Das ſagte ich mir auch; um ſo mehr als der Ge⸗ ſelle„ „Nun, der Geſelle?“ „Das ſieht mir aus wie ein falſcher Geſelle. Ich hätte ihn ausforſchen, ihn über die einzelnen Umſtände ſeiner Reiſe in Frankreich befragen ſollen.“ „Sie ſind aber nicht der Mann, der ſich täuſcht, wenn er einen Geſellen bei einer Arbeit ſieht.“ „Gewiß nicht. Dieſer handhabte die Feile und den Meißel ziemlich gut. Ich habe ihn eine eiſerne Stange mit einem Schlage durchhauen und eine Platte mit einem Rattenſchwanz durcharbeiten ſehen, als hätte er es mit einem Bohrer an einer Latte gethan. Bei Allem dem war aber mehr Theorie als Praris; er hatte nicht ſobald ſeine Arbeit beendigt, ols er ſeine Hände wuſch, und er wuſch nicht ſobald ſeine Hände, als ſie weiß wurden. Werden 3 . 3 67 wahre Schloſſershände ſo weiß? Ah, ja wohl! ich dürfte die meinigen immerhin waſchen!“ ſagte Gamain. Und er zeigte mit Stolz ſeine ſchwarzen, ſchwieligen Hände, welche in der That allen Mandelteigen und allen Seifen der Erde zu trotzen ſchienen. „Aber, verſetzte der Unbekannte, den Schloſſer zu der Sache zurückführend, die ihn am meiſten zu intereſſiren ſchien, „was haben Sie gethan, als Sie beim König ankamen?“ „Vor Allem ſcheint es, daß wir erwartet wurden. Man ließ uns in die Schmiede eintreten. Dort gab mir der König ein Schloß das, hei meiner Treue! nicht ſchlecht angefangen war, doch es blieb in den Bärten ſtecken. Ein Schloß mit drei Bärten, ſehen Sie, es gibt nicht viele Schloſſer, welche im Stande ſind, dies zu machen, und Koͤnige noch viel weniger, wie Sie leicht begreifen werden. Ich ſchaute mir das Ding an und ſagte:„„Es iſt gut, laſſen Sie mich eine Stunde allein, und in einer Stunde wird das gehen wie auf Rädchen.““ Da erwieberte der König:„Wohl, Gomain, mein Freund, Du biſt zu Hauſe; hier ſind Feilen, hier find Schraubſtöcke; arbeite, mein Junge, arbeite, wir wollen den Schrank zurichten.“ Wonach er mit dem Teufelsgeſellen wegging.“ „Auf der großen Treppe?“ fragte nachläſſig der Waffen ſchmied. „Nein, auf der kleinen Geheimtreppe, welche in ſein Arbeitscabinet führt.. Als ich ſertig war, ſagte ich zu mir:„„Der Schrank iſt nur ein Schein; ſie haben ſich mit einander eingeſchloſſen, um irgend ein Complott ein⸗ zufädeln. Ich will ſachte hinabgehen; ich öffne die Thüre des Cabinets und ſo ſehe ich ein wenig, was ſie thun.““ „Und was thaten ſie?“ fragte der Unbekannte. Ah! ja wohll ſie horchten wahrſcheinlich. Sie be⸗ greifen, ich habe nicht den Tritt eines Tänzers! Ich mochte mich immerhin ſo leicht als möglich machen, die Treppe krachte unter meinen Füßen, und ſo hörten ſie nich; ſie ſtellten ſich, als kämen ſie mir entgegen, und in 7 dem Augenblick, wo ich die Hand an den Knopf der Thüre legen wollte, krach! da öffnete ſie ſich. Wer war übertölvelt? Gamain.“ „So wiſſen Sie alſo nichts?“ „Warten Sie doch!„„Ah! Gamain,““ ſagte der König,„„Du biſt es?““„„Ja, Sire,““ erwiederte ich;„„ich bin fertig.““„„Und wir auch, wir ſind auch fertig,“ ſprach er;„„komm, ich will Dir nun ein anderes Geſchäft geben.““ Und er ließ mich raſch das Cabinet durchſchreiten, doch nicht ſo raſch, daß ich nicht auf einem Tiſche ausgebreitet eine große Karte ſah, die ich für eine Karte von Frankreich halte, in Betracht, daß ſie drei Lilien an einer ihrer Ecken hatte.“ „Und Sie haben nichts Beſonderes an dieſer Karte von Frankreich bemerkt?“. „Doch: drei lange Reihen von Nadeln, welche, vom Mittelpunkte ausgehend, in einiger Entfernung von einan⸗ der hinliefen und gegen das Ende vorrückten: man hätte glauben ſollen, es ſeien Soldaten, die auf drei ver⸗ ſchiedenen Straßen nach der Grenze marſchirten.“ „Wahrhaftig, mein lieber Gamain,“ ſprach der Un⸗ bekannte, als wäre er von Bewunderung hingeriſſen, „Sie ſind von einem Scharfſinn, dem nichts entgeht.. Und Sie glauben, ſtatt ſich mit Ihrem Schranke zu be⸗ ſchäftigen, haben ſich der König und Ihr Geſelle mit dieſer Karte beſchäftigt?“ „Ich bin deſſen ſicher,“ verſetzte Gamain. „Sie können nicht deſſen ſicher ſein.“ „Doch.“ „Wie ſo?“ „Das iſt ganz einfach: die Nadeln hatten Köpfe von Wachs,— die einen von ſchwarzem Wachs, die andern von blauem Wachs, die dritten von rothem Wachsz nun wohl! der Koͤnig hielt in der Hand und putzte ſich die Zähne, ohne es zu bemerken, mit einer Nadel mit rothem Kopf.“ . 7 69 „Ah! Gamain, mein Freund,“ ſagte der Unbekannte, „wenn ich ein neues Syſtem der Kunſt des Waffenſchmieds entdecke, ſo werde ich Sie nicht in mein Cabinet einlaſſen, nicht einmal, um es raſch zu durchſchreiten, dafür ſtehe ich Ihnen! Oder ich verbinde Ihnen die Augen, wie an dem Tage, wo man Sie zu dem fraglichen vornehmen Herrn führte; und trotz Ihrer verbundenen Augen bemerkten Sie doch, daß die Freitreppe zehn Stufen hatte, und daß das Haus auf das Boulevard ging.“ „Warten Sie doch!“ ſagte Gamain, entzückt über das Lob, das man ihm ſpendete,„Sie find nicht beim Ende: es war wirklich ein Schrank da!“ „Ah! ah! Und wo dies?“ „Ah! ja wo dies! Errathen Sie ein wenig! In die Mauer eingegraben, mein lieber Freund k“ „In welche Mauer?“ „In die Mauer des innern Corridors, der vom Alcoven des Königs mit dem Zimmer des Dauphin in Verbindung ſteht.“ „Wiſſen Sie, daß das, was Sie mir da ſagen, ſehr intereſſant iſt?.. Und dieſer Schrank war ganz offen?“ „Ja, proſit! Das heißt, ich mochte immerhin mit allen meinen Augen ſchauen, ich ſah nichts und ich ſagte:„„Nun, dieſer Schrank, wo iſt er denn?““ Da blickte der König umher und ſprach zu mir:„„Gamain, ich habe immer Vertrauen zu Dir gehabt: es ſollte auch kein Anderer als Du mein Geheimniß kennen. Sieh! Und ſo ſprechend, während der Geſelle uns leuchtete,— denn das Tageslicht dringt nicht in dieſen Corridor ein,— nahm der König eine Füllung des Täfelwerks weg, und ich erblickte ein rundes Loch, das ungefähr zwei Fuß im Durchmeſſer bei ſeiner Heffnung hatte. Dann, als er mein Erflaunen ſah, ſagte er, unſerem Geſellen mit dem Auge zublinzelnd:„„Mein Freund, Du fiehſt wohl dieſes Loch? Ich habe es gemacht, um Geld darin zu ver⸗ bergen; dieſer junge Mann hat mir während der vier 70 bis fünf Tage, die er im Schloſſe war, geholfen. Nun muß man vas Schloß an dieſer eiſernen Thüre anbrin⸗ gen, welche ſo ſchtießen ſoll, daß die Füllung wiever ihren Platz einnimmt und ſie verbirgt, wie ſie das Loch verbarg.. Brauchſt Du einen Gehülfen, ſo wird Dich vieſer junge Mann unterſtützen; kannſt Du ſeiner entbehren, ſo verwende ich ihn anderswo, doch immer in meinem Dienſte.“„Oh!““ erwiederte ich,„„Sie wiſſen wohl, daß ich, wenn ich ein Geſchäft allein verrichten kann, keine Hülfe verlange. Es ſind hier vier Stunden Arbeit für einen guten Arbeiter, und ich, ich bin Meiſter, was beſagen will, daß in drei Stunden Alles fertig ſein wird. Gehen Sie alſo an Ihre Geſchäfte, junger Mann, und Sie an die Ihrigen, Sire, und wenn Sie etwas hier zu verbergen haben, ſo kommen Sie in drei Stunden wie⸗ der.“ Man muß glauben, daß der König, wie er ſagte, für unſeren Geſellen anderswo Arbeit hatte, denn ich habe ihn nicht wievergeſehen; nach Verlauf von drei Stunden kam der König allein zurück und fragtet „„Nun, Gamain, wie weit ſind wir?““„„Es iſt fer⸗ tig,““ erwiederte ich, und ich zeigte ihm die Thüre, welche ging, daß es ein Vergnügen war, ohne den ge⸗ ringſten Ton von ſich zu geben, und das Schloß, das ſpieite wie ein Automat von Herrn Vaucauſon.„„Gut,““ ſagte er zu mir:„„nun wirſt Du mir das Geld zählen helfen, das ich varin verbergen will.““ Und er ließ vier Säcke Doppel⸗Louis d'or durch den Kammerdiener bringen und ſprach zu mir:„„Zählen wir.““ Da zählte er eine Million und ich eine Million, wonach er, da fünf und zwanzig Louis d'or Ueberſchuß blieben, zu mir ſagte; „„Hier, Gamain, nimm dieſe fünf und zwanzig Louis d'or; das iſ für Deine Mähez““ als wäre es nicht eine Schande, einen armen Mann, der fünf Kinder hat, eine Million Louis d'or zählen zu laſſen und ihm nur fünf und zwanzig zur Belohnung zu geben!! Wie! was ſagen Sie dazu?“ 1 „ — 8 S— — S u — — „— 74 Der Unbekannte machte eine Bewegung mit den LAlppen und erwiederte:„Das iſt filzig!“ „Warten Sie doch, das iſt nicht Alles. Ich nehme die fuͤnf und zwanzig Louis d'or, ich ſtecke ſie in meine Taſche und ſage:„„Ich danke, Sire! doch mit Allem dem habe ich ſeit heute Morgen weder gegeſſen, noch ge⸗ trunken, und ich ſterbe vor Durſt.“ Ich hatte nicht geendigt, als die Königin durch eine masquirte Thüre eintrat, ſo daß ſie plötzlich, ohne nur: Aufgeſchaut! zu ſagen, vor mir ſtand; ſie hielt in der Hand einen Teller, worauf ein Glas Wein und eine Butterſtolle.„Mein lieber Gamain,““ ſagte ſie zu mir,„Sie haben Durſt, trinken Sie dieſes Glas Wein; Sie haben Hunger, eſſen Sie dieſe Butterſtolle.“„„Ah!““ erwiederte ich, in⸗ dem ich mich verbeugte,„„Frau Königin, Sie hätten ſich meinetwegen nicht bemühen ſollen.““ Sprechen Sie, was denken Sie hievon? ein Glas Wein einem Men⸗ ſchen, der ſagt, er habe Durſt, eine Butterſtolle einem Menſchen, der ſagt, er habe Hunger!... Was ſoll man damit machen, Königin?.. Man ſieht wohl, daß das nie Hunger und nie Durſt gehabt hat? Ein Glas Wein! man bekommt wahrlich Mitleid!“ „Sie haben es alſo ausgeſchlagen?“ „Es wäre beſſer geweſen, ich hätte es ausgeſchla⸗ gen nein, ich habe es getrunken. Die Butterſtolle wickelte ich aber in mein Taſchentuch ein, und ich ſagte zu mir:„„Was nicht gut für den Väter iſt, iſt gut für die Kinder.““ Dann danfte ich Ihrer Majeſtät, wie es der Mühe werth war, und ich begab mich auf den Weg, indem ich ſchwur, daß ſie mich in den Tuilerien nicht mehr ſehen ſollen!... „Und warum ſagen Sie, Sie hätten beſſer daran gethan, den Wein auszuſchlagen?“ „Weil ſie Gift hinein gemiſcht haben müſſen! Kaum hatte ich den Pont Tournant überſchritten, als mich ein Durſt erfaßte„aber ein Durſt!„dergeſtalt, daß ich, da ich den Fluß zu meiner Linken und die Wein⸗ ſchenken zu meiner Rechten hatte, einen Augenblick ſchwankte, ob ich nicht in den Fluß gehen ſollte. Ah! da ſah ich, was für eine ſchlechte Qualität Wein ſie mir gegeben hatten: je mehr ich trank, deſto mehr bekam ich Durſt. Das dauerte ſo lange, bis ich das Bewußtſein verlor. Sie können auch ruhig ſein: for⸗ dert man mich je zum Zeugniß gegen ſie auf, ſo werde ich ſagen, ſie haben mir fünf und zwanzig Louis d'or dafür gegeben, daß ſie mich hatten vier und zwanzig Stunden arbeiten und eine Millton zählen laſſen, und aus Furcht, ich könnte den Ort verrathen, wo ſie ihren Schatz verbergen, haben ſie mich vergiftet wie einen Hund*)!“ „Und ich, mein lieber Gamain,“ verſetzte, während er aufſtand, der Waffenſchmied, der ohne Zweifel Alles wußte, was er wiſſen wollte,„ich werde Ihr Zeugniß unterſtützen und ſagen, ich habe Ihnen das Gegengift gegeben, durch welches Sie ins Leben zurückgerufen wor⸗ den ſeien.“ „Zwiſchen uns,“ ſprach Gamain, indem er die Hände des Unbekannten ergriff,„zwiſchen uns Beiden fortan auf Leben und Tod!“ Und nachdem er mit einer ganz ſpartaniſchen Mäßig⸗ keit das Glas Wein zurückgewieſen, das ihm zum dritten oder vierten Male der unbekannte Freund anbot, dem er ſo eben eine ewige Zärtlichkeit geſchworen hatte, ſchlug Gamain, auf welchen der Ammoniak ſeine doppelte Wirkung, indem er ihm im Augenblick den Rauſch benahm und bei ihm für vier und zwanzig Stunden einen Ekel gegen den Wein erregte, hervorgebracht hatte, ſchlug Gamain, ſagen wir, wieder den Weg nach Verſailles ein, wo er wohl⸗ behalten Morgens um zwei Uhr mit den fünf und *) Das war wirklich die Anklage, welche dieſer Elende vor dem Convent vorbrachte. han 73 zwanzig Louis d'or in ſeiner Weſtentaſche und der Butter⸗ ſtolle der Koͤnigin in ſeiner Wammstaſche ankam. Der falſche Waffenſchmied aber, der hinter ihm im Cabinet geblieben war, zog aus ſeinem Sacke Tabletten von Schildpatt mit Gold ineruſtirt und ſchrieb darein die doppelte Notiz: „Hinter dem Alcoven des Königs, in dem ſchwarzen Corridor, der zum Zimmer des Dauphin führt,— eiſerner Schrank. „Sich verſichern, ob dieſer Louis Lecomte, Schloſſergeſelle nicht ganz einfach der Graf Louis, Sohn des Marquis von Buoillé, vor eilf Tagen aus Metz angekommen, wäre⸗“ XxRv. Die Maſchine von Herrn Guillotin. Durch die ſeltſamen und vielfachen Verzweigungen des Verkehrs, welche Caglioſtro in allen Claſſen der Ge⸗ ſellſchaft, ſelbſt im Dienſte des Koͤnigs beſaß, wußte er, zwei Tage nachher, daß der Graf Louis von Bouillé am 15. oder 16. November in Paris angekommen, von Herrn von Lafayette, ſeinem Vetter, am 18. entdeckt und an demſelben Tage dem König vorgeſtellt worden war, ſich als Schloſſergeſelle Gamain am 22. angeboten hatte, am vierten Tage mit ihm von Verſailles nach Paris ge⸗ wandert, ohne Schwierigkeiten beim Koͤnig eingeführt worden, aus den Tuilerien zwei Stunden vor Gamain weggegangen, in die Wohnung, die er bei ſeinem Freunde . „ 74 Achille du Chaſtellet inne hatte, zurückgekehrt und, nachdem er die Kleider gewechſelt, noch an demſelben Abend mit Poſtpferden nach Metz abgereiſt war. Andererſeits hatte er am Tage nach der nächtlichen Conferenz, welche zwiſchen ihm und Herrn von Beauſire auf dem Saint⸗Jean Kirchhofe ſtattgefunden, dieſen ganz beſtürzt nach Bellevue zum Banquier Zannone laufen ſehen. Als er um fieben Uhr Morgens vom Spiele nach Hauſe kam, nachdem er Alles, bis auf ſeinen letzten Louis v'or, trotz der unfehlbaren Martingale von Herrn Law, verloren, hatte nämlich Meiſter Beauſire das Haus völlig leer gefunden: Madémoiſelle Oliva und der junge Touſ⸗ ſaint waren verſchwunden. Da erinnerte ſich Beaufire, daß der Graf von Caglioſtro mit ihm wegzugehen ſich geweigert und erklärt hatte, er habe mit Mademoiſelle Oliva etwas Ver⸗ trauliches zu reden. Das war ein dem Verdachte ge⸗ öffneter Weg: Oliva war vom Grafen von Caglioftro entführt worden; als guter Leithund hatte Herr von Beauſire die Naſe auf der rechten Fährte, und er ver⸗ folgte ſie bis Bellevue; hier nannte er ſich, und ſogleich wurde er eingeführt beim Baron Zannone, oder beim Grafen von Caglloſtro, wie der Leſer, wenn nicht die Hauptperſon, doch wenigſtens den Schließnagel des Dra⸗ mas, das wir zu erzählen unternommen, nennen will. Als er in den Salon eingeführt war, den wir ken⸗ nen, weil wir am Anfange dieſer Geſchichte den Doetor Gilbert und den Marquis von Favras hier haben ein⸗ treten ſehen, als er ſich dem Grafen gegenüber fand, zoͤgerte Beauſire; der Graf ſchien ihm ein ſo vornehmer Herr zu ſein, daß er es nicht einmal wagte, ſeine Ge⸗ liebte von ihm zurückzufordern. Doch als hätte er in der Tiefe des Herzens des ehemaligen Gefreiten leſen können, ſagte Caglioſtro; „Herr von Beaufire, ich habe Eines bemerkt: Sie 75 hahen auf der Welt nur zwei wahre Leidenſchaften: das Spiel und Mademvoiſelle Oliva.“ „Ah! Herr Graf,“ rief Beaufire,„Sie wiſſen alſo, was mich hierher führt?“ „Vollkommen. Sie wollen Mademviſelle Oliva von mir zurückverlangen; ſie iſt bei mir.“ „Wie! ſie iſt beim Herrn Grafen?“ „Ja, in meinem Hauſe in der Rue Saint⸗Claude; ſie hat dort wieder ihre alte Wohnung gefundenz und wenn Sie vernünftig ſind, wenn ich mit Ihnen zufrieden bin, wenn Sie mir Neuigkeiten bringen, die mich in⸗ tereſſiren oder beluſtigen, nun, Herr von Beauſtre, ſo werden wir Ihnen dieſer Tage fünf und zwanzig Louis d'or in die Taſche ſtecken und einen ſchönen Rock auf den Leib geben, damit Sie den adeligen Herrn im Pa⸗ lais Royal und den Liebesritter in der Rue Saint⸗ Claude ſpielen können.“ Beaufire hatte große Luſt, die Stimme zu erheben und Mademoiſelle Oliva zu reclamiren; aber Caglloſtro hatte ein paar Worte von der unglücklichen Geſchichte mit der portugieſiſchen Geſandtſchaft fallen laſſen, welche immer wie das Schwert des Damokles über dem Haupte des ehemaligen Gefreiten ſchwebte, und Beauſire ſchwieg. Als er ſodann einen Zweifel darüber äußerte, daß Mademoiſelle Oliva im Hotel der Rue Saint⸗Claude ſei, befahl der Herr Graf anzuſpannen, fuhr mit Beauſire nach dem genannten Hotel, führte ihn in das Aller⸗ heiligſte ein und ließ ihn, indem er ein Bild verrückte, durch eine geſchickt angebrachte Oeffnung Mademoiſelle Oliva ſehen, welche, angethan wie eine Königin, in einer großen Cauſeuſe eines von jenen, damals ſo allgemein verbreiteten, ſchlechten Büchern las, welche, wenn ſie das Glück hatte, ein ſolches zu treffen, die Freude der ehe⸗ maligen Kammerjungfer von Fräulein von Taverney bildeten, während Herr Touſſaint, ihr Sohn, gekleidet wie ein Königsſohn, mit einem mit Federn geſchmückten — weißen Hut à la Henri IV. und einer himmelblauen Pumphoſe, welche ein golvbefranſter dreifarbiger Gürtel um den Leib feſthielt, ſich mit herrlichem Spielzeug beluſtigte. Da fühlte Beauſire, wie ſich in ihm das Herz des Liebenden und des Vaters ausdehnte; er verſprach Alles, was der Graf wollte, und getreu ſeinem Worte erlaubte der Graf Herrn von Beauſtre, an den Tagen, wo er eine intereſſante Neui gkeit bringen würde, nachdem er in Gold die Bezahlung aus ſeiner Hand empfangen hätte, ſich den Preis in. Liebe in den Armen von Mademoiſelle Oliva zu holen. Alles ging alſo nach den Wünſchen des Grafen und, wir möchten beinahe ſagen, auch nach denen von Beaufire, als gegen das Ende des Monats December zu einer für dieſe Jahreszeit ſehr ungebührlichen Stunde, nämlich um ſechs Uhr Morgens, der Doctor Gilbert, ver ſchon ſeit anderthalb Stunden bei der Arbeit war, drei Schläge an ſeine Thüre thun hörte und an den Zwiſchenräumen zwiſchen dieſen Schlägen erkannte, derjenige, welcher ſich ankündige, ſei ein Bruder Maurer. Dem zu Folge öffnete er. Ein Lächeln auf den Lippen ſtand Caglioſtro jenſeits der Thüre. Gilbert fand ſich nie ohne einen gewiſſen Schauer dieſem geheimnißvollen Manne gegenüber. „Ah! Sie ſind es, Graf?“ fagte er. Dann, nach einer Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, fügte er, indem er ihm die Hand reichte, bei: „Seien Sie willkommen, zu welcher Stunde Sie auch erſcheinen, und was auch die Urſache ſein mag, die Sie hieher führt.“ „Die Urſache, die mich hieher führt, mein lieber Gilbert,“ erwiederte der Graf,„iſt der Wunſch, Sie einem philanthroßiſchen Experimente, von dem ich mit 77 Ihnen zu ſprechen die Ehre gehabt habe, beiwohnen zu laſſen.“ Gilbert ſuchte ſich zu erinnern, aber vergebens, von welchem Experimente der Graf mit ihm geſprochen hatte. „Ich entſinne mich nicht,“ ſagte er⸗ „Kommen Sie immerhin, mein lieber Gilbert, ſeien Sie unbeſorgt, ich ſtöre Sie nicht umſonſt. Ueberdies werden Sie da, wohin ich Sie führe, Perſonen von Ihrer Bekanntſchaft treffen.“ „Lieber Graf, überallhin, wohin Sie mich auch führen, gehe ich um Ihretwillen; der Ort, an den ich gehe, und die Perſonen, die ich dort treffe, ſind nur ſe⸗ cundäre Dinge.“ „Dann kommen Sie, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Gilbert war ganz angekleidet; er hatte nur ſeine Feder niederzulegen und ſeinen Hut zu nehmen. Als dieſe beiden Operationen vollbracht waren, ſagte er: „Graf, ich bin zu Ihren Befehlen.“ „Laſſen Sie uns gehen,“ erwiederte einfach der Graf. Und er ging voran; Gilbert folgte ihm. Ein Wagen wartete unten; die zwei Männer ſtiegen ein. Der Wagen entfernte ſich raſch, ohne daß der Graf einen Befehl zu geben brauchte. Der Kutſcher wußte offenbar zum Voraus, wohin man ging. Nach einer Fahrt von einer Viertelſtunde, während welcher Gilbert bemerkte, daß man durch ganz Paris und vor die Barriere kam, hielt man in einem großen vier⸗ eckigen Hofe an, gegen den zwei Stockwerke von vergit⸗ terten Fenſtern gingen. Hinter dem Wagen ſchloß ſich das Thor wieder, das ihn eingelaſſen. Als er ausgeſtiegen war, bemerkte Gilbert, daß er ſich im Hofe eines Gefängniſſes befand, und bei näherer 78 5 Betrachtung dieſes Hofes erkannte er, daß es der von Bicétre war. Dieſer vurch ſeinen natürlichen Anblick ſchon ſehr trau⸗ rige Ort der Scene wurde noch trauriger gemacht durch das zweifelhafte Tageslicht, das nur mit Bedauern in dieſen Hof herabzuſteigen ſchien. Es war ungefähr ein Viertel auf ſieben Uhr Mor⸗ gens, eine unbehagliche Stunde im Winter, denn in dieſer Stunde wird die Kälte ſelbſt für die kräftigſten Organi⸗ ſationen empfindlich. Ein feiner, florartiger Regen ſiel ſchräge und zog Streifen an den grauen Mauern. Mitten im Hofe errichteten fünf bis ſechs Arbeiter unter der Anführung eines Meiſters und unter den Be⸗ fehlen eines ſchwarz gekleideten Mannes, der ſich ſelbſt mehr Bewegung machte als alle Andere, eine Maſchine von einer unbekannten, ſeltſamen Form. Als er die zwei Fremden gewahrte, erhob der kleine Mann das Haupt. Gilbert ſchauerte; er hatte den Doctor Guillotin erkannt, den er bei Marat getroffen. Dieſe Maſchine war im Großen dieſelbe, die er im Kleinen im Keller des Redacteur der Zeitung: L'Ami du Peuple geſehen. Der kleine Mann erkannte ſeinerſeits Caglioſtro und Gilbert.. Die Ankunft dieſer zwei Männer ſchien ihm wichtig genug, daß er einen Augenblick die Leitung ſeiner Arbeit verließ und zu ihnen kam. Dies geſchah indeſſen nicht, ohne daß er dem Zim⸗ mermeiſter die groͤßte Aufmerkſamkeit bei der Arbeit em⸗ pfahl, mit der er beſchäftigt war. „Nun, nun, Meiſter Guidon es iſt gut,“ ſagte er;„vollenden Sie die Plattform; die Plattform, das iſt die Baſis des Gebäudes; iſt die Plattform vollendet, ſo werden Sie die zwei Pfoſten errichten, wobei Sie wohl auf vie Zeichen Acht haben müſſen, damit ſie nicht zu 79 welt von rinander entfernt, noch zu nahe bei einander ſind. Uebrigens bin ich da und verliere Sie nicht aus dem Blicke.“ Dann näherte er ſich Caglioſtro und Gilbert, die ihm die Hälfte des Weges erſparten, und ſprach: „Guten Morgen, Baron, es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie zuerſt kommen und uns den Doctor bringen. Doctor, erinnern Sie ſich, daß ich Sie bei Marat eingeladen habe, mein Erperiment anzuſehen: ich vergaß nur, Sie um Ihre Adreſſe zu bitten. Sie werden etwas Seltſames ſehen, die menſchenfreunvlichſte Maſchine, die je erfunden worden iſt.“ Dann wandte er ſich plötzlich gegen dieſe Maſchine, den Gegenſtand ſeiner theuerſten Beſorgniſſe um, und rief: „Ei! ei! Guidon, was thun Sie? Sie machen das Vordere hinten hin!“ Und er ſprang auf die Treppe, welche zwei Geſellen an das Gerüſte angeſetzt hatten, und befand ſich in einem Augenblick auf der Plattform, wo durch ſeine Gegenwart in ein paar Seeunden der Fehler verbeſſert wurde, den die mit den Geheimniſſen dieſer neuen Maſchine noch nicht ſehr vertrauten Arbeiter begangen hatten. „Gut, gut“ ſagte der Doctor Guillotin, ſehr erfreut darüber, daß nun, da er ſie leitete, die Dinge ganz von ſelbſt gingen;„es handelt ſich nur noch darum, das Meſſer in den Falz einzufügen Guivon, Guidon,“ rief er plötzlich, wie von einem Schrecken erfaßt,„warum iſt denn der Falz nicht mit Kupfer beſchlagen?“ „Ah! Dockor: ich dachte gehörig mit Fett ein⸗ geſchmiertes Eichenholz ſei ſo ſo gut als Kupfer,“ erwie⸗ derte der Zimmermeiſter. „Ja wohl,“ ſprach der Doctor mit einer verächtlichen Miene,„Erſparniſſe, Erſparniſſe! wenn es ſich um den Fortſchritt der Wiſſenſchaft und das Wohl der Menſchheit handelt! Guidon, ſchlägt unſer Verſuch heute fehl, ſo mache ich Sie verantwortlich. Meine Herren, ich nehme 8⁰ Sie zu Zeugen,“ fuhr der Doector, ſich an Caglioſtro und Gilbert wendend, fort,„ich nehme Sie zu Zeugen, daß ich die Falze in Kupfer verlangt hatte; ich proteſtire gegen den Mangel des Kupfers; bleibt das Meſſer unter Weges ſtecken oder ſchlüpft ſchlecht, ſo bin ich nicht daran Schuld, und ich waſche meine Hände.“ Und der Doctor machte auf der Plattform der Ma⸗ ſchine dieſelbe Geberde, welche Pilatus auf der Terraſſe ſeines Palaſtes gemacht hatte. Trotz aller dieſer kleinen Hinderniſſe und Schwierig⸗ keiten erhob ſich indeſſen die Maſchine und nahm, indem ſie ſich erhob, eine gewiſſe mörderiſche Haltung an, die ihren Erfinder erfreute, den Doctor Gilbert aber ſchauern machte. Caglioſtro blieb unempfindlich; ſeit dem Tode von Lorenza hätte man glauben ſollen, er ſei von Marmor geworden. Folgendes war die Form, welche die Maſchine an⸗ nahm. Vor Allem ein Boden, zu dem eine Art von Mül⸗ lertreppe führte. Dieſer Boden, in Form eines Schaffots, bot eine Plattform von fünfzehn Fuß Breite an allen ſeinen Seiten; auf dieſer Plattform, bei zwei Dritteln ihrer Länge, erhoben ſich zwei parallele zehn bis zwölf Fuß hohe Pfoſten. An dieſen zwei Pfoſten oder Säulen war der erwähnte Falz, bei welchem Meiſter Guidon das Kupfer geſpart, eine Erſparung, über welche der philanthropiſche Doctor Guillotin laut aufgeſchrieen hatte. In dieſem Falze glitt mittelſt einer Feder, welche ihm, indem ſie ſich öffnete, alle Freiheit ließ, mit der Gewalt ſeines eigenen Gewichts, verhundertfacht durch ein Gewicht, ein Meſſer in Form eines Halbmondes herab. Eine kleine Oeffnung war zwiſchen den zwei Säulen angebracht; die zwei Flügel dieſer Oeffnung, durch welche 6 ein Menſch ſeinen Kopf ſtrecken konnte, fügten ſich ſo zu⸗ ſammen, daß ſie ſeinen Hals faßten wie ein Halsband. Eine Schaukel, beſtehend aus einem Brette von der Länge eines Menſchen von gewöhnlichem Wuchſe, präſen⸗ tirte ſich von ſelbſt in der Hoͤhe dieſes Fenſters. Alles dies war, wie man fieht, äußerſt finnreich. Während die Zimmerleute, Meiſter Guidon und der Doetor die letzte Hand an die Errichtung ihrer Maſchine legten, während Caglioſtro und Gilbert über die größere oder geringere Reuheit des Inſtrumentes ſprachen, deſſen Erfindung der Graf dem Doctor Guillotin flreitig machte, indem er ähnliche in der italieniſchen Mannay und beſonders in jenem Schnittmeſſer fand, mit welchem der Marſchall Montmorency enthauptet wurde, hatten neue Zuſchauer, ohne Zweifel berufen, um auch dem Verſuche beizuwohnen, den Hof bevölkert. Es war vor Allem ein Greis, ein Bekannter von uns, der eine thätige Rolle in dieſer langen Geſchichte geſpielt hat; von der Krankhett befallen, an der er bald ſterben ſollte, hatte er ſich auf die Bitten ſeines Colle⸗ gen Guillotin dem Zimmer entriſſen und war, trotz der frühen Stunde und des ſchlechten Wetters, in der Abſicht, die Maſchine arbeiten zu ſehen, gekommen. Gilbert erkannte ihn und ging ihm ehrerbietig ent⸗ gegen. Er erſchien in Begleitung von Herrn Giraud, dem Baumeiſter der Stadt Paris, der ſeinen Functionen die Gunſt einer beſonderen Einladung verdankte. Die zweite Gruppe, welche Niemand gegrüßt hatte und von Niemand gegrüßt worden war, beſtand aus vier ſehr einfach ſchwarz gekleideten Männern. Kaum eingetreten, hatten ſich dieſe vier Männer in die von der, wo Caglioſtro und Gilbert waren, entfern⸗ teſte Ecke zurückgezogen, und hier ſtanden ſie demüthig⸗ und trotz des Regens mit dem Hut in der and. Die Gräfin von Charny. M, 6 682 Derjenige, welcher der höchſte unter vieſen vier Männern zu ſein ſchien, oder wenigſtens derjenige, wel⸗ chen ſie mit Achtung anhörten, wenn er leiſe ein paar Worte ſprach, war ein Mann von fünfzig bis zwei und fünfzig Jahren, von hohem Wuchſe, mit einem wohlwol⸗ lenden Lächeln und einer offenen Phyſiognomie. Dieſer Mann hieß Charles Louis Sanſon; er war geboren den 15. Februar 1738 in Paris; er hatte Da⸗ miens durch ſeinen Vater viertheilen ſehen, und hatte die⸗ ſen unterſtützt, als ihm die Ehre zu Theil wurde, Herrn von Lally⸗Tollendal den Kopf abzuſchlagen. Man nannte ihn gewöhnlich: Herr von Paris. Die drei Anderen waren ſein Sohn, welcher die Ehre haben ſollte, ihm bei der Enthauptung von Lud⸗ wig XVI. beizuſtehen, und ſeine zwei Gehülfen. Die Gegenwart von Herrn von Paris, ſeinem Sohn und ſeinen zwei Gehülfen gab der Maſchine von Herrn Guillotin eine erſchreckliche Beredtſamkeit, denn ſie be⸗ wies, daß der Verſuch, der angeſtellt werden ſollte, wenn nicht mit der Garantie, doch wenigſtens mit der Billigung der Regierung gemacht wurde. Für den Augenblick ſah Herr von Paris ſehr traurig aus: wurde die Maſchine, deren Probearbeit anzuſehen er berufen war, angenommen, ſo war damit die ganze pittoreske Seite ſeiner Phyſiognomie abgeſchnitten; der Scharfrichter erſchien der Menge nicht mehr als der Würgengel bewaffnet mit dem flammenden Schwerte, der Henker war nur noch eine Art von Hausmeiſter, der dem Tode die Schnur zog. Hier war auch die wahre Oppoſitivn. Da der Regen feiner vielleicht, ſicherlich aber ge⸗ prängter zu fallen fortfuhr, ſo wandte ſich der Doctor Guillotin, der ohne Zweifel befürchtete, das ſchlechte Wetter könnte ihm einen von ſeinen Zuſchauern entführen, an die wichtigſte Gruppe, nämlich an diejenige, welche aus Caglioſtro, Gilbert, dem Doetor Louis und dem — 83 Baumeiſter Giraud beſtand, und ſprach wie ein Theater⸗ virector, welcher fühlt, daß das Publikum ungeduldig wird: „Meine Herren, wir erwarten nur noch eine Perſon, den Herrn Doctor Cabanis; iſt der Doctor Cabanis da, ſo fangen wir an.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein vritter Wagen in den Hof einfuhr und ein Mann von acht und dreißig bis vierzig Jahren mit kahler Stirne, ver⸗ ſtändiger Phyſiognomie und lebhaftem, forſchendem Auge ausſtieg. Das war der letzte Zuſchauer, den man erwartete; es war der Doctor Cabanis. Er grüßte Jeden auf eine freundliche Weiſe, wie es ein Philoſoph⸗Arzt machen muß, reichte die Hand Guil⸗ lotin, der ihm von ſeiner Plattform herab zurief:„Kom⸗ men Sie doch, Doctor, kommen Sie doch, man erwar⸗ tet nur noch Sie!“ Dann vermiſchte er ſich mit der Gruppe von Gilbert und Caglioſtro. Mittlerweile ſchloß ſich ſein Wagen den zwei andern Wagen an. Der Fiaere von Herrn von Paris war demüthig vor dem Thore geblieben. „Meine Herren,“ ſprach der Doctor Guillotin, „da wir Niemand mehr erwarten, ſo wollen wir an⸗ fangen.“ Und auf einen Wink ſeiner Hand oͤffnete ſich eine Thüre und man ſah zwei in eine Art von grauer Uni⸗ form gekleidete Männer hervortreten, welche auf ihren Schultern einen Sack trugen, unter deſſen Tuch ſich un⸗ n die Form eines menſchlichen Körpers hervor⸗ ob. Hinter den Scheiben der Fenſter erſcheinen die bleichen Geſicher der Kranken, mit einem erſchrockenen Auge ſchauten ſie, ohne daß Jemand daran gedacht hatte, 84 ſie einzuladen, dieſem unerwarteten gräßlichen Schau⸗ zu, von dem ſie weder die Zubereitungen, noch en Zweck begreifen konnten. XXXVI. Eine Abendgeſellſchaft im Pavillon de Flore. Am Abend deſſelben Tages, d. h. am 24. Decem⸗ ber, am Weihnachtsabend, fand Empfang im Pavillon de Flore ſtatt. Da die Königin nicht in ihren Gemächern hatte empfangen wollen, ſo empfing für ſie die Prinzeſſin von Lamballe und machte die Honneurs, bis die Königin ein⸗ getreten war. Nach Ankunft der Königin nahm Alles ſeinen Gang, als fände die Soirée im Pavillon Marſan und nicht im Pavillon de Flore ſtatt. Im Verlaufe des Morgens war der junge Baron Iſidor von Charny von Turin zurückgekehrt, und er war ſogleich nach ſeiner Rückkehr zuerſt beim König und dann bei ver Königin zugelaſſen worden. Er hatte bei Beiden ein außerordentliches Wohl⸗ wollen gefunden; doch bei der Königin machten dieſes Wohlwollen zwei Gründe beſonders merkwürdig. Einmal war Iſidor der Bruder von Charny, und da Charny abweſend, ſo bot es einen großen Reiz für die Königin, ſeinen Bruder zu ſehen. Sodann überbrachte Ifidor vom Herrn Grafen dArtvis und vom Herrn Prinzen von Condé Worte, 85 die nur zu ſehr mit denjenigen im Einklange ſtanden, welche ihr eigenes ihr Herz zuflüſterte. Die Prinzen empfahlen der Königin den Plan von Herrn von Favras und forderten ſie auf, die Ergebenheit dieſes muthigen Edelmanns zu benützen, um zu fliehen und zu ihnen nach Turin zu kommen. Iſidor war überdies beauftragt, im Namen der Prin⸗ zen Herrn von Favras die ganze Sympathie auszudrücken, die ſie für ſeinen Plan hegten, und ihm zu ſagen, wie ſehr ſie wünſchten, er möchte glücken. Die Königin behielt Iſidor eine Stunde bei ſich, lud ihn ein, am Abend im Cercle von Frau von Lam⸗ balle zu erſcheinen, und erlaubte ihm nur, ſich zu ent⸗ fernen, weil er ſie um Entlaſſung bat, damit er ſeine Sendung bei Herrn von Favras vollziehen könne. Die Königin hatte nichts Beſtimmtes in Beziehung auf ihre Flucht geäußert. Sie hatte nur Iſidor beauf⸗ tragt, Herrn und Frau von Favras das zu wiederholen, was ſie ihm geſagt, als ſie Frau von Favras bei ſich empfangen hatte und ſodann plötzlich beim König ein⸗ getreten war, während ſich Herr von Favras hier befand. Als er die Königin verließ, begab ſich Iſidor un⸗ mittelbar zu Herrn von Favras, der auf der Place Royale Nro. 21 wohnte. Frau von Favras empfing den Baron von Charny. Sie ſagte ihm zuerſt, ihr Gatte ſei ausgegangen; ſobald ſie aber erfuhr, wie ihr Beſuch hieß, welche erhabene Perſonen er vor einer Stunde geſehen, welche andere er fünf oder ſechs Tage früher verlaſſen hatte, geſtand ſie, ihr Gatte ſei im Hauſe anweſend, und ließ ihn rufen. Der Marquls trat mit offenem Geſicht, und lächeln⸗ dem Auge ein; er war unmittelbar von Turin in Kennt⸗ i geſetzt worden und wußte, in weſſen Auftrag Iſidor am. Die Botſchaft, mit der überdies die Königin den 86 jungen Mann betraut hatte, erfreute den Verſchwörer im höchſten Maße. Alles unterſtützte in der That ſeine Hoffnung; das Complot nahm einen vortrefflichen Gang; die zwölfhundert Reiter waren in Verſailles ver⸗ ſammelt, jeder ſollte einen Fußgänger hinter ſich auf⸗ ſitzen laſſen, und man hatte ſomit 2400 Mann ſtatt 1200. Was den dreifachen Mord betrifft, welchen nach dem Plane gleichzeitig die drei Colonnen bei ihrem Einmarſche in Paris an Necker, Bailly und Lafayette vollbringen ſollten, ſo hatte man hierauf verzichtet, bedenkend, daß es genüge, ſich des General Lafayette zu entledigen. Für dieſe Expedition waren aber vier Mann, gut berit⸗ ten und gut bewaffnet, hinreichend; ſie hätten ſeinen Wagen am Abend um elf Uhr, in dem Augenblick, wo Herr von Lafayette gewöhnlich die Tuilerien verließ, er⸗ wartet; zwei wären längs der Straße, rechts und links geritten, zwei wären dem Wagen entgegengekommen. Einer von dieſen hätte, ein Papier in der Hand haltend, dem Kutſcher zugewinkt und geſagt, er habe dem General eine wichtige Meldung zu machen. Dann würde der Wagen angehalten haben, der General hätte den Kopf zum Schlage herausgeſtreckt, und ſogleich hätte man ihm eine Piſtolenkugel durch das Gehirn gejagt. Das war übrigens die einzige Veränderung von Belang, die man bei dem Complot beſchloſſen; im Uebrigen walteten noch dieſelben Bedingungen und Umſtände ob; nur war das Geld bezahlt, die Leute waren in Kennt⸗ niß geſetzt, der König brauchte hloß„Ja!“ zu ſagen, und auf ein Zeichen von Herrn von Favras würde die Sache losbrechen. Eines beunruhigte Herrn von Favras: das war das Stlllſchweigen des Königs und der Königin in Beziehung auf ihn. Die Königin hatte dieſes Stillſchweigen durch vie Vermittelung von Iſidor gebrochen, und ſo unbe⸗ ſtimmt die Worte waren, die dieſer Herrn und Frau von Favras zu überbringen beauftragt geweſen, ſie hatten * — 87 voch, als aus einem koͤniglichen Munde kommend großes Gewicht. Iſidor verſprach Herrn von Favras, noch an dem⸗ ſelben Abend der Koͤnigin und dem König den Ausvruck ſeiner Ergebenheit zu melden. Der junge Baron war bekanntlich nach Turin am Tage ſeiner Ankunft in Paris abgereiſt; es ſtand ihm alſo keine andere Wohnung zu Gebot, als das Zimmer, das ſein Bruder in den Tuilerlen inne hatte. Da ſein Bruder abweſend, ſo ließ er ſich dieſes Zimmer durch einen Lackei des Grafen öffnen. Um neun Uhr Abends trat er bei der Frau Prin⸗ zeſſin von Lomballe ein. Er war der Prinzeſſin nicht vorgeſtellt worden. Dieſe kannte ihn nicht; aber am Tage durch ein Wort von der Königin benachrichtigt, ſtand die Prinzeſſin, als man ſeinen Namen meldete, auf und zog ihn mit der reizenden Anmuth, welche die Stelle des Geiſtes bei ihr vertrat, ſogleich in den Kreis der Vertrauten. Weder der König, noch die Königin waren bis jetzt gekommen. Monſieur, der ziemlich unruhig zu ſein ſchien, plauderte in einer Ecke mit zwei Evelleuten, welche zu ſeinen Vertrauten gehörten, mit Herrn de la Chatre und Herrn d'Avary. Der Herr Graf Louis von Nar⸗ bonne ging von einer Gruppe zur andern mit der Behaglichkeit eines Menſchen, der ſich in Familie fühlt.. Dieſer Kreis der Vertrauten beſtand aus jungen Edelleuten, welche ſich von der Manie der Auswanderung nicht hatten fortreißen laſſen. Das waren die Herren von Lameth, welche der Königin viel verdankten und noch nicht Partei gegen ſie genommen hatten; Herr d'Ambly, einer von den guten oder ſchlimmen Köpfen der Zeit, wie man will; Herr von Caſtries, Herr von Ferſen, Suleau, der erſte Redacteur des geiſtreichen Blattes: les Actes des Apötres(die Apoſtelgeſchichte), lauter revliche Her⸗ 3. 88 zen, aber auch lauter glühende, zum Theil ſogar ein wenig tolle Köpfe. Iſidor kannte keinen von dieſen jungen Leuten, doch bei ſeinem wohl bekannten Namen, bei dem beſonderen Wohlwollen, mit dem ihn die Prinzeſſin beehrte, ſtreckten ſich alle Hände gegen ihn aus. Ueberdies brachte er Nachrichten von jenem andern Frankreich, das im Auslande lebte. Jeder hatte einen Verwandten oder einen Freund bei den Prinzen; Iſidor hatte alle dieſe Menſchen geſehen und war ſomit eine zweite Zeitung. Wir haben geſagt, Suleau ſei die erſte geweſen. Suleau führte das Geſpräch, und man lachte viel. Suleau hatte an dieſem Tage der Sitzung der National⸗ verſammlung beigewohnt. Herr Guillotin hatte die Tri⸗ bune beſtiegen, die Annehmlichkeiten der von ihm erfun⸗ denen Maſchine gerühmt, von dem fiegreichen Verſuche erzählt, den man am Morgen damit gemacht, und ver⸗ langt, daß man ihm die Ehre erweiſe, ſie die Stelle aller anderer Tödtungswerkzeuge,— des Rades, des Galgens, des Scheiterhaufens, der Viertheilung,— welche nach und nach die Gröve in Schrecken geſetzt, einnehmen zu laſſen. ſ Durch die Sammetmilde dieſer neuen Maſchine verführt, war die Nationalverſammlung nahe daran, ſie anzunehmen. Suleau hatte in Beziehung auf die Nationalver⸗ lammlung, Herrn Guillotin und ſeine Maſchine auf die Melodie des Menuets Exaudet ein Lied gemacht, zut am andern Tage in ſeinem Journal erſcheinen ollte. Dieſes Lied, das er dem munteren Kreiſe, von dem er umgeben war, mit halber Stimme vorſang, erregte ein ſo treuherziges Gelächter, daß der König, der gerade mit der Königin ankam, es im Vorzimmer hörte und, der arme König! da er kaum mehr lachte, heſchloß, ſich — — 89 nach dem Gegenſtande zu erkundigen, der in den Zeiten der Traurigkeit, in denen man ſich befand, eine ſolche Heiterkeit hervorrufen konnte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, ſobald ein Huiſ⸗ ſier den König und ein anderer die Königin angekündigt hatten, alles Gelächter, alles Geflüſter, alle Geſpräche aufhörten, um dem ehrerbietigſten Stillſchweigen Platz zu machen. Die zwei erhabenen Perſonen traten ein. Je mehr außen der revolutionäre Geiſt dem König⸗ thume alle ſeine Blendwerke hinter einander abſtreifte, veſto mehr, es iſt nicht zu leugnen, nahm im Innern die Verehrung zu, der die Mißgeſchicke eine neue Stärke verleihen. 89 hat Beiſpiele von großem Undank geſehen, 93 aber hat Beweiſe von der hoͤchſten aufopfernden Er⸗ gebenheit geliefert. Frau von Lamballe und Mavame Eliſabeth bemäch⸗ tigten ſich der Königin. Monſteur ging gerade auf den Konig zu, um ihm ſeinen Reſpect zu bezeigen; er verbeugte ſich und ſagte! „Mein Bruder, könnten wir, Sie, die Konigin, ich und einige von Ihren Freunden nicht ein beſonderes Spiel machen, damit wir unter dem Anſcheine eines Whiſts ein wenig vertraulich zu ſprechen im Stande wären?“ „Gern, mein Bruder,“ erwiederte der König;„ord⸗ nen Sie das mit der Königin.“ Monſieur näherte ſich Marie Antoinette, der Charny ſeine Huldigung varbrachte: dieſer ſagte leiſe: „Madame, ich habe Herrn von Favras geſehen und ich muß Eurer Majeſtät Mittheilungen von der größten Wichtigkeit machen.“ „Meine liebe Schwägerin,“ ſprach Monfieur,„der Koͤnig wünſcht, daß wir eine Whiſtpartie zu vier ſpie⸗ len; wir verbinden uns gegen Sie, und er läßt Ihnen die Wahl Ihres Partners.“ „Gut,“ erwiederte die Königin, welche vermuthete, 90 dieſe Whiſtpartie ſei nur ein Vorwand,„meine Wahl iſt getroffen. Herr von Charny, Sie werden bei unſerem Spiele ſein und während wir ſpielen, theilen Sie uns Neuigkeiten von Turin mit. „Ah! Sie kommen von Turin?“ fragte Monſieur. „Ja, Monſeigneur, und von Turin zurückkehrend, nahm ich meinen Weg über die Place Royale, wo ich einen dem König, der Königin und Eurer Hoheit ſehr ergebenen Mann ſah.“ Monſieur erröthete, huſtete, entfernte ſich. Das war ein Mann ganz der Umwege und der Vorſicht: die⸗ ſer gerade und beſtimmte Geiſt beunruhigte ihn. Er warf Herrn de la Chatre einen Blick zu; dieſer näherte ſich ihm, erhielt leiſe ſeine Befehle und ging ab. Mittlerweile grüßte der König und empfing die Huldigungen der etwas ſpärlichen Herren und Damen, welche den Kreis der Tuilerien zu beſuchen fortfuhren. Die Koͤnigin nahm ihn beim Arm und zog ihn zum Spiele. Er trat an den Tiſch, ſuchte mit den Augen den vierten Spieler und erblickte nur Iſidor. „Ah! ah! Herr von Charny,“ ſagte er,„in Abweſenheit Ihres Bruders ſind Sie unſer Vier⸗ ter; er konnte nicht beſſer erſetzt werden; ſeien Sie will⸗ kommen.“ Und mit einem Winke lud er die Königin ein, ſich zu ſetzen; er ſetzte ſich nach ihr, dann folgte Monſieur. Die Königin machte eine Geberde der Einladung gegen Iſidor, und dieſer nahm zuletzt Platz. Madame Eliſabeth kniete auf eine Cauſeuſe hinter dem König und ſtützte ihre beiden Arme auf die Lehne ſeines Fautuil. Man ſpielte zwei⸗ oder dreimal herum und ſprach nur auf das Whiſt bezügliche Worte. Dann endlch, während ſie ſpielte und nachdem ſie —,— 91¹ bemerkt hatte, vaß die Ehrfurcht Jedermann vom könig⸗ lichen Tiſche entfernt hielt, fragte ſie, indem ſie ſich an Monſieur wandte: „Mein Schwager, hat Ihnen der Barvn geſagt, er komme von Turin?“ „Ja,“ erwiederte Monſieur,„er hat es mit einem Wort gegen mich berührt.“ „Er hat Ihnen geſagt, der Herr Graf d'Artois und der Herr Prinz von Condé fordern uns auf, wir moͤgen uns zu ihnen geſellen?“ Dem König entſchlüpfte eine Bewegung der Un⸗ geduld. „Mein Bruder,“ flüſterte Madame Eliſabeth mit ihrer Engelsſanftmuth,„ich bitte, hören Sie.“ „Und Sie auch, meine Schweſter?“ „Ich mehr als irgend Jemand, mein Bruder, denn ich liebe Sie mehr, als Sie irgend Jemand liebt, und ich bin beſorgt.“ „Ich fügte ſogar bei,“ wagte Iſidor zu bemerken, „ich fügte ſogar bei, ich ſei über die Place Royale ge⸗ kommen und habe mich eine Stunde in Nr. 21. aufge⸗ halten.“ „In Nr. 21?“ fragte der König,„was iſt das?“ „In Nr. 21., Sire,“ erwiederte Iſidor,„wohnt ein, wie wir Alle, Eurer Majeſtät ſehr ergebener Edel⸗ mann, ein Mann, bereit, für Sie zu ſterben, wie wir Alle, der aber, thätiger als wir Alle, einen Plan com⸗ binirt hat.“ „Welchen Plan, mein Herr?“ fragte der König, das Haupt erhebend. „Glaubte ich das Unglück zu haben, dem König zu mißfallen, indem ich Seiner Majeſtät wiederhole, was ich von dieſem Pl ane weiß, ſo würde ich auf der Stelle ſchweigen.“ „Nein nein, mein Herr,“ ſagte lebhaft die Königin, „ſprechen Sie. Es machen Leute genug Pläne gegen „ 92 uns; es iſt alſo das Wenigſte, daß wir diejenigen kennen lernen, welche für uns wachen, damit wir, während wir unſeren Feinden verzeihen, dankbar ſind gegen unſere Freunde. Herr Baron, ſagen Sie uns, wie dieſer Evel⸗ mann heißt.“ „Es iſt der Herr Marquis von Favras, Ma⸗ ame.“ „Ah!“ verſetzte die Königin,„wir kennen ihn; und Sie glauben an ſeine Ergebenheit, Herr Baron?“ „An ſeine Ergebenheit, ja, Madame, ich glaube nicht nur daran, ſondern ich bin derſelben ſicher. „Geben Sie wohl Acht, mein Herr,“ ſprach der König,„Sie behaupten viel.“ „Das Herz richtet mit dem Herzen, Sire. Ich verbürge mich für die Ergebenheit von Herrn von Favras. Was die Güte ſeines Planes, was die Chancen des Gelingens betrifft, oh! das iſt etwas Anderes. Ich bin zu jung und, wenn es ſich um das Heil des Königs und der Königin handelt, zu klug, um es zu wagen, eine Meinung hierüber auszuſprechen.“ „Und dieſer Plan, laſſen Sie hören, wie weit iſt er?“ ſagte die Königin. „Madame, er iſt bei ſeiner Ausführung, und wenn der König geruht, heute Abend ein Wort zu ſagen, einen Wink zu geben, ſo wird er morgen um dieſe Stunde in Peronne ſein.“ Der König ſchwieg. Monſteur zerknitterte einen armen ſchuldloſen Herzbuben. „Sire,“ fragte die Konigin, indem ſie ſich an ihren Gemahl wandte,„haben Sie gehört, was der Baron geſagt hat?“ „Ja, gewiß, ich hore,“ antwortete der König, die Stirne faltend. Monſieur. „Ich bin nicht tauber als der Koͤnig.“ „Und Sie, mein Schwager?“ fragte die Königin 93 „Nun, was ſagen Sie dazu? Das iſt ein Vor⸗ ſchlag, wie mir ſcheint.“ „Allerdings,“ erwiederte Monſieur,„allerdings.“ Dann wandte er ſich an Iſidor und ſprach: „Auf, Baron, wieverholen Sie uns dieſes hübſche Couplet.“ Iſidor antwortete: „Ich ſagte, der Koͤnig habe nur ein Wort zu ſpre⸗ chen, einen Wink zu geben, und durch die von Herrn von Favras getroffenen Maßregeln werde er nach vierund⸗ ſeanſ Stunden in Sicherheit in ſeiner Stadt Peronne ein!“ „Nun, mein Bruder,“ fragte Monfieur,„iſt das, was Ihnen der Baron da vorſchlägt, nicht verführeriſch?“ Der König wandte ſich raſch gegen Monſieur um, heftete ſeinen Blick auf den ſeines Bruders und ſagte: „Und wenn ich reiſe, reiſen Sie mit mir?“ Monſieur wechſelte die Farbe; ſeine Backen zitterten von einer Bewegung, die er nicht zu bemeiſtern ver⸗ mochte. „Ich?“ verſetzte er. „Ja, Sie, mein Bruder,“ wiederholte Ludwig XVI.; „Sie, der Sie mich auffordern, Paris zu verlaſſen, Sie frage ich: Wenn ich reiſe, reiſen Sie mit mir?“ „Aber,“ ſtammelte Monfieur,„ich war nicht in Kenntniß geſetzt, es ſind keine Anſtalten bei mir ge⸗ troffen.“ „Wie! Sie waren nicht in Kenntniß geſetzt,“ ſagte der Konig,„und Sie lieferten Herrn von Favras das Geld! Es ſind keine Anſtalten bei Ihnen getroffen, und Sie ſind Stunde für Stunde davon unterrichtet, auf welchem Punkte das Complot ſteht!“ „Das Complot!“ wiederholte Monſieur erbleichend. „Gewiß, das Complot. denn das iſt ein Complot, ein ſo ächtes Complot, daß, wenn man es entdeckt, Herr von Favras eingekerkert, in das Chatelet geführt und zum 94 Tode verurtheilt wird, wenn Sie ihn nicht durch Bitten z. Geld retten, wie wir Herrn von Beſenval gerettet aben.“ „Wenn der König Herrn von Beſenval gerettet hat, ſo wird er auch Herrn von Favras retten.“ „Nein, denn was ich für den Einen vermochte, werde ich wahrſcheinlich nicht für den Andern vermögen. Ueber⸗ dies war Herr von Beſenbal mein Mann, wie Herr von Favras der Ihrige iſt. Jeder rette den ſeinigen, mein und wir werden Beide unſere Pflicht gethan aben.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſtand der König auf. 4 Die Königin hielt ihn am Flügel ſeines Rockes zurück. „Sire,“ ſprach ſie,„ob Sie zurückweiſen, ob Sie annehmen wollen, Sie ſind Herrn von Favras eine Ant⸗ wort ſchuldig.“ „Ich 2“ „Ja; was wird der Baron von Charny im Namen des Königs antworten?“ „Er wird antworten,“ erwiederte Ludwig XVI., während er ſeinen Rock von den Händen der Königin losmachte,„er wird antworten, der König könne nicht erlauben, daß man ihn entführe.“ Und er entfernte ſich. „Das will beſagen,“ bemerkte Monſieur,„wenn der Marquis von Favras den König ohne ſeine Erlaubniß entführe, ſo werde er ſehr willkommen ſein, unter der Bedingung indeſſen, daß er reuſſire, denn Jeder, der nicht reuſſirt, iſt ein Dummkopf, und in der Politik verdienen die Dummköpfe doppelt beſtraft zu werden.“ „Herr Baron,“ ſprach die Königin,„noch heute Abend, ohne einen Augenblick zu verlieren, laufen Sie zu Herrn von Favras und ſagen Sie ihm die eigenen Worte des Königs:„„Der König kann nicht erlauben, daß man —,——— 9⁵ ihn entführt.““ Es iſt ſeine Sache, ſie zu begreifen, oder die Ihrige, ſie ihm zu erklären.. Gehen Sie.“ Der Baron, der mit Recht die Antwort des Koͤnigs und die Aufforderung der Königin als eine doppelte Ein⸗ willigung betrachtete, nahm ſeinen Hut, eilte hinaus, ſprang in einen Fiacre und rief dem Kutſcher zu; „Place Royale, Nr. 21.“ Was die Rönigin in einer Caraffe wanzig Jahre krüher im Schloſſe Taverney geſeheu hatte. Der König, als er vom Spieltiſche aufſtand, wandte ſich zu der Gruppe der jungen Leuten, deren munteres Gelächter, noch ehe er in den Salon eintrat, ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt hatte. Sobald er ſich der Gruppe näherte, trat das tiefſte Stillſchweigen ein. „Nun, mein Herren,“ ſagte er,„iſt denn der König ſo unglücklich, daß er die Traurigkeit mit ſich trägt?“ „Sire,“ murmelten die jungen Leute. „Die Heiterkeit war groß und das Gelächter ge⸗ räuſchvoll, als ich vorhin mit der Königin eintrat,“ ſprach Ludwig XVI. Dann ſchüttelte er den Kopf und fügte bei: „Wehe den Königen, vor denen man nicht zu lachen wagt!“ „Sire,“ verſetzte Herr von Lameth,„die Ehr⸗ furcht!„ 96 „Mein lieber Charles, wenn Sie an den Sonntagen und Donnerſtagen aus der Penſion kamen und ich Sie zur Beluſtigung nach Verſailles rufen ließ, enthielten Sie ſich da auch des Lachens, weil ich da war? Sch ſagte ſo eben:„„Wehe den Königen, vor denen man nicht zu lachen wagt.““ Ich ſage nun:„„Glücklich ſind die Könige, vor denen man lacht!““ „Sire,“ erwiederte Herr von Caſtries,„der Gegen⸗ ſtand, der uns in Heiterkeit verſetzte, wird vielleicht Eurer Majeſtät nicht äußerſt komiſch erſcheinen.“ „Wovon ſprachen Sie denn, meine Herren?“ „Sire,“ antwortete Suleau vortretend,„ich über⸗ liefere den Schuldigen Eurer Majeſtät.“ „Ah!“ ſagte der König,„Sie find es, Herr Suleau. Ich habe die letzte Nummer der Actes des Apotres gſe Nehmen Sie ſich in Acht! nehmen Sie ſich in Acht!“ „Wovor?“ fragte der junge Journaliſt. „Sie ſind ein wenig zu royaliſtiſch. Sie könnten ſich wohl ſchlimme Händel mit dem Liebhaber von Ma⸗ demviſelle Theroigne zuziehen?“ „Mit Herrn Populus?“ verſetzte Suleau lachend. „Ganz richtig. Und was iſt aus der Heldin Ihres Gedichtes geworden?“ „Aus Thervigne?“ „Ja Ich höre nicht mehr von ihr ſprechen.“ „Sire, ich glaube, ſie findet, unſere Revolution gehe nicht raſch genug, und ſie hat ſich nach Brabant begeben, um dort zu agiren. Eure Majeſtät weiß wahrſcheinlich, daß dieſe keuſche Amazone von Lüttich iſt?“ „Nein, ich wußte es nicht„ Lachten Sie ihret⸗ wegen, vorhin?“ „Nein, Sire, über die Nationalverſammlung.“ „Ho! ho! meine Herren, da haben Sie wohl daran gethan, daß Sie ernſt wurden, als Sie mich erblickten. Ich kann nicht erlauben, daß man über die Nationalver⸗ — — 97 ſammlung bei mir lacht. Allerdings,“ fügte ver König in Form einer Capitulation bei,„allerdings bin ich nicht bei mir, ſondern bei der Prinzeſſin von Lamballe; indem Sie nicht mehr lachen, oder indem Sie leiſe lachen, können Sie mir alſo ſagen, was Sie ſo laut lachen machte.“ „Der Konig weiß, von was heute während der ganzen Sitzung der Nationalverſammlung die Rede ge⸗ weſen iſt?“ „Ja, und das hat mich ſogar ſehr intereſſirt. War nicht von einer neuen Maſchine, um die Verbrecher hin⸗ zurichten, die Rede?“ „Von Herrn Guillotin der Nation angeboten„. ja, Sire,“ erwiederte Suleau. „Ho! ho! und Sie ſpotteten über Herrn Guillotin, über einen Philanthropen! Ahl Sie vergeſſen, daß ich ſelbſt Philanthrop bin.“ „Oh! Sire, ich weiß wohl, was ich ſagen will; es iſt ein Unterſchied zwiſchen den Philanthropen. Es ſteht zum Beiſpiel an der Spitze der franzöſiſchen Nation ein Philanthrop, der die Folter aufgehoben hat; dieſen achten, Sihen wirz wir thun noch mehr; dieſen lieben wir, . Alle die jungen Leute verbengten ſich mit einer Bewegung. „Aber,“ fuhr Suleau fort,„es gibt Andere, welche, während ſie ſchon Aerzte ſind und in ihren Händen tau⸗ ſend Mittel, von denen die einen immer geſchickter vder ungeſchickter, als die andern, haben, um die Kranken aus dem Leben hinauszubringen, auch noch das Mittel ſuchen, diejenigen hinauszuſchaffen, welche ſich wohl befinden. Ahl bei meiner Treue, dieſe, Sire, bitte ich Eure Ma⸗ jeſtät, mir zu überlaſſen.“ „Und was wollen Sie mit ihnen machen, Herr Su⸗ leau? Werden Sie vieſelben ohne Schmerz enthaup⸗ Die Gräfin von Charnh. m. 7 96 ten2“ fragte der König, auf die vom Doctor Gulllotin ausgeſprochene Behauptung anſpielend;„werden ſie mit einer leichten Kühle davon kommen, die ſie auf dem Halſe fühlen?“ „Sire, das wünſche ich denſelben, voch ich verſpreche es ihnen nicht,“ erwiederte Suleau. „Wie, das wünſchen Sie ihnen?“ verſetzte der König. „Ja, Sire, ich liebe es, daß die Leute, welche neue Maſchinen erfinden, ſie ſelbſt verſuchen. Ich beklage nicht ſehr Meiſter Aubriot, der die Mauern der Baſtille zu verſuchen hatte, und Meſſire Enguerrand von Marigny, der zuerſt den Galgen von Montfaucon ſchmückte. Leiver habe ich nicht die Ehre, König zu ſein; leider habe ich nicht das Gluck, Richter zu ſein. Ich werde mich alſo wahrſcheinlich genöthigt ſehen, dem ehrenwerthen Doetor Gulllotin gegenüber mich auf das zu beſchränken, was ich ihm verſpreche, und auf das, was ich zu halten ſchon angefangen habe.“ „Und was haben Sie verſprochen, oder was haben Sie vielmehr gehalten?“ „Es iſt mir der Gedanke gekommen, Sire, dieſer große Wohlthäter der Menſchheit müſſe ſeine Belohnung aus der Wohlthat ſelbſt ziehen. Morgen nun, in der Nummer der Aetes des Apotres, die man heute Nacht druckt, wird die Taufe ſtattfinden. Es iſt nicht mehr als billig, daß die Tochter von Herrn Guillotin, heute öffentlich von ihrem Vater im Angeſichte der Na⸗ tionalverſammlung anerkannt, Mademoiſelle Guillotine heiße.“ Der König ſelbſt konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Und da es weder Hochzeit noch Taufe ohne Lied gibt, ſo hat Suleau über ſeine Pathe ein Lied gemacht,“ ſagte Charles Lameth. „Auf welche Melodie haben Sie dieſes Lied gemacht? ue ht zu y, er lſo tor ich on e ſer ng der ute cht in, ka⸗ ine cht ied ſ 99 Ich denke, nur die Melodie von De profundis wird da⸗ für gehen.“ „Pfui doch, Sire! Eure Majeſtät vergißt, welche Annehmlichkeit man haben wird, wenn man ſich den Kopf durch die Tochter von Herrn Guillotin abſchneiden läßt. Nein, Sire, mein Lied geht auf eine Melodie, welche ſehr in der Mode iſt, auf die des Menuets Ex- audet.“ „Kann man einen Vorgeſchmack von Ihrer Dichtung haben, Herr Suleau?“ fragte der König. Suleau verbeugte ſich und erwiederte: „Ich gehoͤre nicht zu der Nationalverſammlung, um ſo anmaßend zu ſeir, die Macht des Königs beſchränken zu wollen; nein, ich bin ein treuer Unterthan Seiner Majeſtät, und es iſt meine Anſicht, daß der König Alles kann, wenn er will.“ „So laſſen Sie hören.“ „Sire, ich gehorche,“ ſagte Suleau. Und er ſang mit halber Stimme auf die Melodie des Menuets Exaudet: Guillotin, Médecin Politique, lmagine, un beau matin, Que pendre est inhumain Et peu patriotique. Aussitot Il lui faut Un supplice Qui, sans corde ni poteau, Supprime du bourreau Loffice. O'est en vain que l'on publie Que c'est pure jalousie D'un suppot 100 Du tripot D'Hippocrate, Qui de tuer impunément, Méme exclusivement, Se flatte. Le Romain Guillotin, Qui s'appréte, Consulte gens du metier, Barnave et Chapelier Méme le coupertéte; Et sa main Fait soudain La machine. Qui simplement nous türa Et que l'on nommera: Guillotine!*) *) Dieſe ächt franzöſiſche Verſification iſt dem Geiſte der deutſchen Sprache ſo fremd, daß wir das Lied im Original geben und nur eine Ueberſetzung in Proſa beifügen zu müſſen glaubten:„Guillotin, ein Arzt, ein Politifer, denkt an einem ſchönen Morgen, das Henken ſei unmenſchlich und unpa⸗ triotiſch. Sogleich muß er eine Strafe haben, welche, ohne Strick und ohne Galgen, den Dienſt des Henkens aufhebt. Vergebens behauptet man öffentlich, es ſei reine Eiferſucht eines Helfershel⸗ fers des Hippokrates, welcher ungeſtraft, ſogar ausſchließlich, tödten zu können ſich ſchmeichle. Der Römer Guillotin, der ſich in Bereitſchaft ſetzt, zieht Leute vom Handwerk, Barnave und Chapelier, ſelbſt den Kopfabſchneider zu Rath; und ſeine Hand macht plötzlich die Maſchine, die uns einfach noi ſoll, und die man nennen wird: Gnil⸗ otine! — — „ vS „ 101 Das Gelächter der jungen Leute verdoppelte ſich, und obgleich Alles dies dem König nicht ſehr heiter dünkte, wollte er doch nicht, da Suleau einer ſeiner Ergebenſten war, die Beklemmung ſehen laſſen, die ihm das Herz zu⸗ ſammenſchnürte. „Nun, meine Herren,“ ſagte er,„Sie lachen; wenn aber dieſe Maſchine von Herrn Guillotin beſtimmt wäre, den unglücklichen Verurtheilten erſchreckliche Leiden zu erſparen! Was verlangt die Geſellſchaft, wenn ſie den Tod eines Schuldigen fordert? Die reine, einfache Un⸗ terdrückung des Individuums. Wird dieſe Unterdrückung von Leiden begleitet, wie beim Rade, wie bei der Vier⸗ theilung, ſo iſt es nicht mehr Gerechtigkeit, ſondern Rache.“ „Aber, Sire,“ bemerkte Suleau,„wer ſagt Eurer Majeſtät, der Schmerz ſei durch das Factum der Tren⸗ nung des Kopfes vom Rumpfe aufgehoben, unterdrückt? Wer ſagt Ihnen, das Lebhen beſtehe nicht zugleich in die⸗ ſen zwei Stümpfen fort, und der Sterbende leide nicht doppelt, da er das Bewußtſein ſeiner Dualität habe?“ „Das iſt eine Frage, welche die Leute der Kunſt zu erörtern haben; es muß übrigens, wie ich glaube, dieſen Morgen in Bicétre ein Verſuch gemacht worden ſein. Hat Niemand von Ihnen dieſem Verſuche beigewohnt?“ „Nein, Sirel nein, nein, nein!“ riefen beinahe gleichzeitig zwölf bis fünfzehn ſ öttiſche Stimmen. „Ich war dabei,“ ſprach eine ernſte Stimme. Der König wandte ſich um und erkannte Gilbert, wel⸗ cher während der Discuſſion eingetreten war, ſich ehrer⸗ bietig der Gruppe genähert hatte und, nachdem er bis jetzt geſchwiegen, nun auf die Frage des Königs ant⸗ wortete. „Ahl Sie da, Doctor?“ ſagte der Koͤnig ſchauernd; „ah! Sie waren dabei?“ „Ja, Sire!“ „Und iſt der Verſuch gelungen?“ 102 „Vollkommen bei den zwei Erſten; voch beim Drit⸗ ten, obgleich der Rückgrat durchſchnitten war, mußte man die Trennung des Kopfes mit einem Meſſer vollenden.“ Die jungen Leute horchten mit offenem Munde und ſtieren Augen. „Wie, Sire,“ ſagte Charles Lameth, der ſichtbar im Namen aller Andern und in dem ſeinigen ſprach, „man hat drei Menſchen heute Morgen hingerichtet?“ „Jo, meine Herren!“ antwortete der König,„nur waren dieſe Menſchen Leichname, welche vas Hotel⸗Dieu geliefert hatte. Und Ihre Anſicht, Gilbert?“ „Worüber, Sire?“ „Ueber das Inſtrument.“ „Sire, das iſt offenbar ein Fortſchritt neben allen bis heute erfundenen Maſchinen verſelben Art; doch der Unfall, der ſich beim dritten Leichname zugetragen hat, beweiſt, daß dieſe Maſchine der Vervollkommnung be⸗ darf.“ „Und wie iſt ſie gemacht?“ fragte der Koͤnig, bei dem der Geiſt der Mechanik erwachte. Gilbert verſuchte es, eine Erläuterung zu geben; da aber der König nach den Worten des Doctors die Form des Inſtrumentes nicht genau auffaſſen konnte, ſo ſagte er: „Kommen Sie, Doctor; hier auf dieſem Tiſche ſind Federn, Tinte und Papier. Sie zeichnen, glaube ich?“ „Ja, Sire.“ „Nun, ſo machen Sie mir eine Skizze, und ich werde beſſer begreifen.“ Und da es die jungen Leute, durch die Ehrfurcht zurückgehalten, nicht wagten, dem König zu folgen, ohne aufgefordert zu ſein, ſo fügte Ludwig XVI. bei: „Oh! kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, dieſe Fragen intereſſiren die ganze Menſchheit.“ „Und dann, wer weiß,“ ſagte Suleau halblaut, „wer weiß, ob nicht Einer von uns zu der Ehre, Made⸗ moiſelle Guillotine zu heirathen, beſtimmt iſt! Auf, meine ————— 3——„— e— 5— —— 103 Herren, wir wollen mit unſerer Braut Bekanntſchaft machen!“ Alle ſchloſſen ſich dem König und Gilbert an und grup⸗ pirten ſich um den Tiſch, an den ſich Gilbert, um ſeine Zeichnung leichter auszufüͤhren, auf die Einladung des Königs ſetzte. Gilbert begann die Skizze der Maſchine, deren ſuie Ludwig XVI. mit der ängſtlichſten Aufmerkſamkeit olgte. Nichts fehlte daran, weder die Plattform, noch die Treppe, welche auf dieſe führte, noch die zwei Säulen, noch die Schaukel, noch das kleine Fenſter, noch das Eiſen in Form eines Halbmonds. Kaum hatte er dieſe letzte Einzelheit beendigt, als ihn der König zurückhielt. „Wahrhaftig!“ ſagte er,„man darf ſich nicht wun⸗ dern, daß der Verſuch mißglückt iſt, beſonders beim drit⸗ ten Male.“ „Wie ſo, Sire?“ fragte Gilbert. „Das rührt von der Form des Meſſers her,“ er⸗ wieberte Ludwig XVI.;„man muß keinen Begriff von der⸗ Mechanik haben, um einem Gegenſtande, der die Beſtimmung hat, eine Wiverſtand bietende Materie zu durchſchneiden, die Form eines Halbmonds zu geben.“ „Welche Form würde ihm denn Eure Majeſtät geben?“ „Das iſt ganz einfach, die eines Dreiecks.“ Gilbert ſuchte ſeine Zeichnung zu berichtigen. „Nein, nein, nicht dies,“ rief der König,„nicht dies. Geben Sie mir Ihre Feder.“ „Sire, ſagte Gilbert,„hier iſt die Feder, hier der Stuhl.“ „Warten Sie, warten Sie, verſetzte Ludwig XVI., fortgeriſſen von ſeiner Liebe für die Mechanik;„machen Sie mir das Meſſer ſchräge, ſo ja!„ſo und ich ſtehe Ihnen dafür, daß Sie fünfundzwanzig Köpfe 104 hintereinander abſchneiden würden, ohne daß das Eiſen bei einem einzigen widerſpänſtig wäre.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein herz⸗ zerreißender Schrei, ein Schrei des Schreckens, beinahe des Schmerzes, über ſeinem Haupte erſcholl. Er wandte ſich um und ſah die Königin beſtürzt, bleich wanken und dann ohnmächtig in die Arme von Gilbert fallen. Wie die Andern von ver Neugierde angetrieben, war ſie an den Tiſch getreten, hatte ſich über den Stuhl des Koͤnigs geneigt und in dem Augenblick, wo er den Haupt⸗ punkt verbeſſerte, die häßliche Maſchine erkannt, welche ſie Caglioſtro, zwanzig Jahre früher, im Schloſſe Taver⸗ ney⸗Maiſon⸗Rouge hatte ſehen laſſen. Bei dieſem Anblick hatte ſie nur noch die Kraft gehabt, einen Schrei auszuſtoßen, und war, nachdem ſie das Leben verlaſſen, als ob die unſelige Maſchine an ihr vperirt hätte, wie geſagt, ohnmächtig in die Arme von Gilbert gefallen. 4 XXXVII. Der Arzt des Leibes und der Arzt der Seele. Man begreift, daß nach einem ſolchen Ereigniß die Abendgeſellſchaft natürlich unterbrochen war. Obgleich ſich Niemand die Urſachen erklären konnte, welche die Ohnmacht der Königin herkeigeführt hatten, beſtand doch die Thatſache. Als ſie die durch den König verbeſſerte Zeichnung — 105 von Gilbert erblickt, hatte die Königin einen Schrei ausgeſtoßen und war in Ohnmacht gefallen. So lautete das Gerücht, das in den Gruppen kreiſte, und wer nicht zu der Familie oder wenigſtens zu den Vertrauten gehorte, zog ſich zurück. Gilbert trug zuerſt Sorge für die Königin. Frau von Lamballe wollte ſie nicht in ihre Wohnung bringen laſſen. Das wäre auch ſchwierig geweſen; Frau von Lamballe wohnte im Pavillon de Flore, die Königin im Pavillon Marſan: man hätte alſo die ganze Länge des Schloſſes zu durchſchreiten gehabt. Man legte daher die erhabene Kranke auf ein Ca⸗ napé im Schlafzimmer der Prinzeſſin; mit der den Frauen eigenthümlichen inneren Anſchauung hatte dieſe errathen, es ſei ein düſteres Geheimniß hierunter verbor⸗ gen, und ſie entfernte Alle, ſelbſt den König, ſiellte ſich oben an das Canapé und wartete mit zart beſorgtem Auge, bis die Königin durch die Bemühungen des Doe⸗ tor Gilbert wieder zum Bewußtſein käme. Nur von Zeit zu Zeit befragte ſie mit einem Wort den Doctor. Doch ſelbſt unvermögend, die Rückkehr des Lebens zu beſchleunigen, konnte Gilbert die Prinzeſſin nur durch allgemeine Verſicherungen beruhigen. Der Schlag, der dem ganzen Nervenſyſteme der armen Frau beigebracht worden, war in der That ſo heftig, daß die Anwendung von Riechſalz unter der Naſe und das Einreiben von Eſſig an den Schläfen nicht ge⸗ nügten; endlich zeigten jedoch leichte Zuckungen an den Extremitäten die Rückkehr des Empfindungsvermögens an. Die Königin bewegte matt den Kopf von rechts nach links, wie man es in einem peinlichen Traume thut, gab einen Seufzer von ſich und öffnete die Augen.. Doch es war bei ihr offenbar das Leben vor der Vernunft erwacht; ſie ſchaute auch einige Seeunden lang im Zimmer umher mit dem unbeſtimmten Blicke, der eine Perſon bezeichnet, welche nicht weiß, wo ſie ſich be⸗ 106 findet, noch was ihr widerfahren iſt; bald aber durchlief ein leichtes Zittern ihren ganzen Koͤrper, ſie ſließ einen ſchwachen Schrei aus und drückte ihre Hand auf ihre Augen, als wollte ſie ihnen den Anblick eines erſchreck⸗ lichen Gegenſtandes entziehen. Sie erinnerte ſich. Die Kriſe war indeſſen vorüber. Gilbert, der ſich nicht verbarg, der Unfall habe eine ganze moraliſche Urſache, der auch wußte, wie gering die Wirkſamkeit der Arznei⸗ wiſſenſchaft bei ſolchen Phänomenen iſt, ſchickte ſich an, wegzugehen; doch beim erſten Schritte, den er rückwärts machte, ſtreckte die Königin, als hätte ſie ſeine Abſicht durch einen inneren Blick errathen, die Hand gegen ihn aus, ergriff ihn beim Arme und ſagte mit einer Stimme, welche ſo nervös als die Geberde, die ſie begleitete: „Bleiben Sie!“ Gilbert blieb ganz erſtaunt ſtehen. Es war ihm nicht unbekannt, wie wenig Sympathie die Königin für ihn hegtez andererſeits jedoch hatte er den ſeltſamen und bei⸗ nahe magnetiſchen Einfluß bemerkt, den er auf ſie übte. „Ich bin zu den Befehlen der Königin,“ erwiederte erz „aber ich glaube, daß es gut wäre, die Beſorgniſſe des Kö⸗ nigs und der im Salon zurückgebliebenen Perſonen zu be⸗ ſchwichtigen, und wenn Eure Majeſtät es erlaubt. „Thereſe,“ ſagte die Königin zur Prinzeſfin von Lamballe,„melde dem König, daß ich wieber zu mir ge⸗ kommen bin, und wache darüber, daß man mich nicht ſtört: ich habe mit dem Doctor zu ſprechen.“ Die Prinzeſſin gehorchte mit jener paſſiven Sanft⸗ heit, welche der vorherrſchende Zug ihres Charakters und ſogar ihrer Phyſiognomie war. Auf ihren Ellenbogen geſtützt, folgte die Koͤnigin der Prinzeſſin mit den Augen; ſie wartete, als wollte ſie ihr Zeit laſſen, ſich ihres Auftrags zu entledigen, und als ſie ſah, daß dieſer Auftrag wirklich vollzogen war, und daß ſie durch die Wachſamkeit von Frau von Lam⸗ 107 balle die Freiheit haben ſollte, nach Belieben mit dem Doctor zu reden, wandte ſie ſich auf ſeine Seite um, heftete ihren Blick auf den ſeinigen und ſagte zu ihm: Doctor, ſind Sie nicht erſtaunt über den Zufall, der Sie mir immer in den phyſiſchen und moraliſchen Kriſen meines Lebens gegenüberſtellt?“ „Ach! Madame,“ erwiederte Gilbert,„ich weiß nicht, ob ich dieſem Zufall danken, oder mich über ihn bekla⸗ gen ſoll.“ „Warum, mein Herr?“ „Weil ich tief genug im Herzen leſe, um wahrzu⸗ nehmen, daß ich weder Ihrem Wunſche, noch Ihrem Willen dieſe ehrenvolle Berührung zu verdanken habe.“ „Ich ſagte auch: Zufall.. Sie wiſſen, daß ich offenherzig bin. Und Sie haben mir gleichwohl bei den letzten Umſtänden, vie uns im Einklange zu handeln ver⸗ anlaßten, eine wahre Ergebenheit gezeigt; ich werde das nicht vergeſſen und danke Ihnen dafür.“ Gilbert verbeugte ſich. Die Königin folgte der Bewegung ſeines Leibes und ſeines Geſichtes. „Ich bin auch Phyſiognomin,“ ſagte ſie;„wiſſen Sie, was Sie mir ſo eben, ohne rine Silbe zu ſprechen, geantwortet haben?“ „Madame.“ erwiederte Gilbert,„ich wäre in Verzwelf⸗ lung, ſollte mein Stillſchweigen weniger ehrerbietig ſein, als meine Worte!“ „Sie antworteten mir:„„Es iſt gut, Sie haben mir gedankt, vas iſt eine abgemachte Sache; gehen wir zu etwas Anderem über!““ „Ich hegte wenigſtens den Wunſch, Ihre Majeſtät möchte meine Ergebenheit auf eine Probe ſtellen, welche dieſer erlaubte, ſich auf eine wirkſamere Art, als ſie es bis jetzt gethan, zu offenbaren; davon mochte eine gewiſſe verlangende Ungeduld herrühren, welche die Königin 108 in der That vielleicht in meinem Geſichte wahrgenom⸗ men hat.“ „Herr Gilbert,“ ſprach die Königin, den Doctor feſt anſchauend,„Sie ſind in der That ein Mann von hohem Werthe, und ich thue Ihnen Abbitte; ich hatte gegen Sie, dieſe Vorurtheile beſtehen nicht mehr.“ „Erlaubt mir Eure Majeſtät, ihr aus tiefſtem Her⸗ zen zu danken, nicht für das Compliment, das ſie mir gemacht, ſondern für die Verſicherung, die ſie mir zu geben die Gnade gehabt?“ „Doetor,“ ſprach die Königin, als verkette ſich das, was ſie ſagen wollte, auf eine ganz natürliche Weiſe mit dem, was ſie geſagt hatte,„was denken Sie von dem, was ſo ehen vorgefallen iſt?“ „Madame, ich bin ein poſitiver Mann, ein Mann der Wiſſenſchaft; haben Sie die Güte, mich beſtimmter zu fragen.“ „Ich frage Sie, mein Herr, ob Sie glauben, die Ohnmacht, aus der ich erwache, ſei durch eine von jenen Nervenkriſen verurſacht worden, denen die armen Weiber durch die Schwäche ihrer Organiſation unterworfen ſind, oder ob Sie vermuthen, dieſer Unfall habe eine ernſtere Urſache?“ „Ich antworte Eurer Majeſtät, daß die Tochter von Maria Thereſia, die Frau, die ich ſo muthig in der Nacht vom fünften auf den ſechsten October geſehen, keine gewöhnliche Frau iſt, und folglich nicht von einem der Zufälle, welche Macht über die gewöhnlichen Frauen haben, erſchüttert werden konnte.“ „Sie haben Recht, Doctor; glauben Sie an Ah⸗ nungen?“ „Die Wiſſenſchaft verwirft alle dieſe Phänomene, welche den materiellen Lauf der Dinge über den Haufen werfen würden, und dennoch ſtrafen die Thatſachen zu⸗ weilen die Wiſſenſchaft Lügen.“ 2 —————————— „ 109 „Ich hätte ſagen ſollen: Glauben Sie an Pro⸗ phezeiungen?“ „Ich glaube, daß die höchſte Güte, für unſer eigenes Glück, unſere Zukunft mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckt. Einige Perſonen, welche von der Natur einen großen mathematiſchen Scharffinn erhalten haben, können durch das tiefe Stuvium der Vergangenheit dazu gelangen, daß ſie eine Ecke von dieſem Schleier lüften und, wie durch einen Nebel, die zukünftigen Dinge er⸗ ſchauen; voch dieſe Ausnahmen ſind ſelten, und ſeitdem die Religion das Verhängniß aufgehoben, ſeitdem die Philoſophie dem Glauben Grenzen geſetzt hat, haben die Propheten drei Viertel von ihrem Zauber verloren. Und gleichwohl...“ fügte Gilbert bei. „Und gleichwohl?“ verſetzte die Königin, als ſie ſah, daß Gilbert nachdenkend inne hielt. „Und gleichwohl, Mavame,“ fuhr er fort, als machte er eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, um Fragen zu be⸗ rühren, welche ſeine Vernunft auf das Gebiet des Zwei⸗ fels verbannte,„und gleichwohl gibt es einen Mann.4 „Einen Mann?“ ſagte die Königin, welche mit einem im hoͤchſten Maße geſteigerten Intereſſe den Wor⸗ ten von Gilbert folgte. „Es gibt einen Mann, der zuweilen alle Argumente meines Verſtandes durch die unverwerflichſten Thatſachen zu Schanden gemacht hat.“ „Und dieſer Mann iſt?“ „Ich wage es nicht, ihn Eurer Majeſtät zu nennen.“ „Dieſer Mann iſt Ihr Lehrer, nicht wahr, Herr Gilbert? der allmächtige Mann, der unſterbliche Mann, der göttliche Caglioſtro!“ „Madame, mein einziger, mein wahrer Lehrer iſt die Natur. Caglioſtro iſt nur mein Retter. Von einer Kugel getroffen, welche meine Bruſt durchbohrte, verlor ich all mein Blut durch eine Wunde, welche ich, Arzt geworden und nach zwanzigjährigen Stig 365 unheil⸗ 1¹⁰ bar halte; er aber hat mich mittelſt eines Balſams, deſſen Zuſammenſetzung ich nicht kenne, geheilt; davon rührt meine Dankharkeit, ich möchte beinahe ſagen, meine Bewunderung her.“ „Und dieſer Mann hat Ihnen Prophezeiungen ge⸗ macht, welche in Erfüllung gegangen ſind?“ „Seltſame, unglaubliche, Madame! dieſer Mann geht in der Gegenwart mit einer Sicherheit, welche an ſeine Kenntniß der Zukunft glauben machen ſollte.“ „So daß Sie, wenn Ihnen dieſer Mann etwas vor⸗ hergeſagt hätte, an ſeine Prophezeiung glauben würden?“ „Ich würde wenigſtens handeln, als müßte ſie ſich verwirklichen.“ „So daß Sie ſich, wenn er Ihnen einen frühzeiti⸗ gen, gräßlichen, entehrenden Tod geweiſſagt hätte, auf dieſen Tod vorbereiten würden?“ „Ja, Madame,“ erwiederte Gilbert, die Königin tief anſchauend,„nachdem ich indeſſen alle mögliche Mit⸗ tel, um ihm zu entkommen, aufgeſucht hätte.“ „Ihm entkommen? nein, Doctor, nein! Ich ſehe wohl, vaß ich verurtheilt bin,“ ſprach die Königin; „dieſe Revolution iſt ein Abgrund, der den Thron ver⸗ ſchlingen muß; dieſes Volk iſt ein Löwe, der mich auf⸗ freſſen wird.“ „Ah! Madame,“ erwiederte Gilbert,„der Löwe, der Sie erſchreckt,— es hängt von Ihnen ab, ihn ſich zu Ihren Füßen wie ein Lamm niederlegen zu ſehen.“ „Haben Sie ihn nicht in Verſailles geſehen?“ „Haben Sie ihn nicht in den Tutlerien geſehen 2 Das iſt das Meer, Madame, das unabläſſig, bis es ihn entwurzelt, an den Felſen ſchlägt, der ſich ſeinem Laufe widerſetzt, und wie eine Amme die Barke liebkoſt, die ſich ihm anvertraut.“ „Doctor, Alles iſt längſt zwiſchen dieſem Volke und mir zerriſſen: es haßt mich, und ich verachte es.“ „Weil Sie das Volk nicht kennen und das Volk 3, n ne e— 1e 1¹¹ Sie nicht kennt! Hören Sie auf, für dasſelbe eine Kö⸗ nigin zu ſein, werden Sie eine Mutter; vergeſſen Sie, daß Sie die Tochter von Maria Thereſia, unſerer alten Feindin, die Schweſter von Joſeph II., unſerem falſchen Freunde, ſind; ſeien Sie Franzöſin, und Sie werden die Stimmen dieſes Volkes ſich zu Ihnen erheben hoͤ⸗ ren, um Sie zu ſegnen, und Sie werden die Arme dieſes Volkes ſich gegen Sie ausſtrecken ſehen, um Sie zu ſtreicheln.“ Marie Antoinette zuckte die Achſeln. „Ja, ich weiß das es ſegnet geſtern, es ſtrei⸗ chelt heute, und morgen erſtickt es diejenigen, welche es geſegnet und geſtreichelt hat.“ „Weil es fühlt, daß in dieſen ein Widerſtand gegen ſeinen Willen, ein Haß iſt, der in Oppoſition gegen ſeine Liebe.“ „Und weiß es ſelbſt, was es liebt oder haßt, dieſes Volk, dieſes zerſtorende Element? zerſtörend, wie der Wind, das Waſſer und das Feuer, mit den Launen eines Weibes?“ „Weil Sie es vom ufer aus ſehen, Madame, wie derjenige, welcher die Geſtade beſucht, den Oecean ſieht; weil es, ohne ſcheinbaren Grund vorrückend und ſich zu⸗ rückziehend, zu Ihren Füßen brandet und Sie mit ſeinen Klagen umhüllt, die Sie für Gebrülle halten; doch nicht ſo muß man es ſehen; man muß es ſehen getragen vom Geiſte des Herrn, der über den großen Waſſern ſchwebt; man muß es ſehen, wie es Gott ſieht, in Einheit fort⸗ ſchreitend und Alles brechend, was ein Hinderniß iſt, um zu dieſem Ziele zu gelangen. Sie find Koͤnigin der Fran⸗ zoſen, Madame, und Sie wiſſen nicht, was in dieſem Augenblick in Frankreich vorgeht. Heben Sie Ihren Schleier auf, Madame, ſtatt ihn niederzulaſſen, und Sie werden bewundern, ſtatt zu fürchten.“ „Was werde ich denn ſo Schönes, ſo Herrliches, ſo Glänzendes ſehen?“ 112 „Sie werden die neue Welt mitten unter den Trüm⸗ mern der alten ſich erſchließen ſehen; Sie werden die Wiege des zukünftigen Frankreichs auf einem Fluſſe ſchwimmen ſehen, der breiter iſt, als der Nil, als das Mittelländiſche Meer, als der Ocean.. Gott beſchütze dich, o Wiege! Gott behüte dich, v Frankreich!“ Und ſo wenig enthuſiaſtiſch Gilbert war,— er erhob die Arme und die Augen zum Himmel. Die Königin ſchaute ihn mit Verwunderung an: ſie begriff ihn nicht. „Und wo wird dieſe Wiege landen?“ fragte die Koͤ⸗ nigin.„Bei der Nationalverſammlung, dieſer Verſamm⸗ lung von Streitern, Zerſtörern, Nivellirern? Soll das alte Frankreich das neue führen? Eine traurige Mutter für ein ſo ſchönes Kind, Herr Gilbert!“ „Nein, Madame; wo dieſe Wiege früher oder ſpäter, heute, morgen vielleicht, landen ſoll, das iſt an einem bis zu dieſer Stunde unbekannten Lande, welches man das Vaterland nennt. Dort wird ſie die kräftige Amme finden, welche die Völker ſtark macht: die Freiheit.“ „Ah! große Worte,“ ſagte bie Königin;„ich glaubte, der Mißbrauch habe ſie getödtet.“ e „Nein, Madame, große Dinge!“ erwiederte Gilbert. r „Sehen Sie Frankreich in dem Augenblick, wo Alles n ſchon eingeriſſen und nichts wieder aufgebaut iſt, wo es e keine regelmäßige Municipalitäten, keine Departements hat, wo es keine Geſetze hat, ſich aber ſelbſt ſein Geſetz macht; ſehen Sie es mit feſtem Auge und ſicherem Gange über die über einen Abgrund geworfene ſchmale Brücke ſchreiten, die es von einer Welt zur andern führt; ſehen Sie dieſe Brücke, welche ſo ſchmal wie die von Mahomet, es geht darüber, ohne zu ſtraucheln.. Wohin geht es, vieſes alte Frankreich? Zur Einheit des Vater⸗ lands. Alles, was es bis jetzt für ſchwierig, mühevoll, unmöglich gehalten hat, iſt ihm nicht nur möglich, ſondern ſogar leicht geworden. Unſere Provinzen waren ein Bündel —— — — ——e u* — * S 8 6 S 6 —— — n 113 von verſchiedenen Vorurtheilen, von entgegengeſetzten Inte⸗ reſſen, von individuellen Erinnerungen; nichts, glaubte man, würde die Oberhand behalten gegen dieſe fünfund⸗ zwanzig bis dreißig Natlonalitäten, welche die allgemeine Nationalität zurückſtießen. Werden das alte Toulouſe, das alte Languedoc, die alte Bretagne einwilligen, Normandie, Burgund oder Dauphiné zu werden? Nein, Madame, doch Alle werden ſich zu Frankreich machen. Warum waren ſie ſo halsſtarrig in Betreff ihrer Rechte, ihrer Privilegien, ihrer Geſetzgebung? Weil ſie kein Vaterland hatten! Ich habe Ihnen aber geſagt, Madame, das Vater⸗ land iſt denſelben erſchienen, noch ſehr fern in der Zukunft vielleicht; doch ſie haben es geſehen, ſie haben ſie geſehen, dieſe Patria, eine unſterbliche, fruchtbare Mutter, welche ſie, die vereinzelten; verlorenen Kinder, zu ſich in ihre Arme ruft; diejenige, welche ſie zu ſich ruft, iſt die ge⸗ meinſchaftliche Mutter; ſie hatten die Demuth, ſich für Languedocker, Provengalen, Bretannier, Normannen, Bur⸗ gunder, Dauphinois zu halten; nein, ſie täuſchten ſich Alle: ſie waren Franzoſen!“ „Aber wenn man Sie hört,“ ſagte die Königin mit einem ſpöttiſchen Ausdruck,„ſollte man glauben, Frank⸗ reich, das alte Frankreich, dieſe älteſte Tochter der Kirche, wie es die Päpſte ſeit dem 9. Jahrhundert nennen, beſtehe erſt ſeit geſtern?“ „Und das iſt gerade das Wunder, Madame, daß es ein Frankreich gab und daß es heute Franzoſen gibt; nicht nur Franzoſen, ſondern ſogar Brüder; Brüder, welche ſich alle bei der Hand halten. Ei! mein Gott, Madame, die Menſchen find weniger ſchlimm, als man ſagt; ſie ſtreben darnach, ſich zu ſocialiſiren; um ſie zu entzweien, um ſie zu verhindern, ſich einander zu nähern, brauchte es eine ganze Welt von naturwidrigen Erfindungen: innere Zoll⸗ ſtätten, Abgaben aller Art, Barridren auf den Straßen, Fähren auf den Flüſſen, Verſchiedenheiten der Geſetze, der Die Gräfin von Charnp. M. 8 114 Verordnungen, des Maaßes, des Gewichts, Rivalitäten von den Provinzen, vom Lande, von den Städten, von den Dörfern. An einem ſchönen Tag kommt ein Erdbeben, ſtürzt alle dieſe alten Mauern um und zerſtört alle dieſe Hinderniſſe. Da ſchauen ſich die Menſchen an im Ange⸗ fichte des Himmels, bei dem ſanften, guten Sonnenlichte, das nicht nur die Erde, ſondern auch die Herzen befruchtet; die Brüderſchaft wächſt empor wie ein frommes Saatfeld, und erſtaunt über den Haß, der ſie ſo lange angetrieben hat, rücken die Feinde nicht gegen einander, ſondern zu einander vor,— nicht mit bewaffneten, ſondern mit offe⸗ nen Armen;— nichts Officielles, nichts Befohlenes! Unter dieſer ſteigenden Fluth verſchwinden Flöſſe und Berge, die Geographie iſt getoͤdtet, die Accente ſind ver⸗ ſchieden, doch die Sprache iſt dieſelbe, und die Univerſal⸗ hymne, welche dreißig Millionen Franzoſen ſingen, beſteht aus den paar Worten: „Gelobt ſei Gott, der uns ein Vaterland gemacht!“ „Nun, worauf zielen Sie ab, Doctor? Glauben Sie mich durch den Anblick dieſes Univerſalbundes von dreißig Millionen Rebellen gegen ihre Königin und ihren König zu beruhigen?“ „Ei! Madame, enttäuſchen Sie ſich!“ rief Gilbert; „nicht das Volk iſt rebelliſch gegen ſeine Konigin und ſeinen König, der König und die Koͤnigin ſind rebelliſch gegen ihr Volk; ſie ſprechen fortwährend die Sprache der Privilegien und des Koͤnigthums, während man um ſie her die Sprache der Brüderlichkeit und der Hingebung ſpricht! Werfen Sie die Blicke auf eines von den impro⸗ viſirten Feſten, Madame, und Sie werden beinahe immer mitten auf einer weiten Ebene oder auf dem Gipfel eines Berges einen Altar ſehen, einen Altar ſo rein wie der von Abel, und auf dieſem Altar ein kleines Kind, das eſe e te, 26 ld, en zu 6 nd er⸗ al⸗ ht 1¹⁵ Alle avoptiren, und das ausgeſtattet mit den Wünſchen, den Gaben, den Thränen Aller das Kind Aller wird. Nun, Madame, Frankreich, vas geſtern geborene Frank⸗ reich, von dem ich ſpreche, iſt das Kind auf dem Altar; nur find es nicht mehr die Städte und die Dörfer, die ſich um dieſen Altar gruppiren, es ſind die Völker, es ſind die Nationen. Frankreich iſt der Chriſtus, der in einer Krippe unter Niedrigen für das Heil der Welt ge⸗ boren worden, und die Völker freuen ſich über ſeine Geburt, bis die Könige die Kniee vor ihm beugen und ihm ihren Tribut bringen. Italien, Polen, Irland, Spanien ſchauen dieſes Kind an, das ihre Zukunft in ſich trägt, und, die Augen in Thränen, ſtrecken ſie die Hände aus und rufen:„Frankreich! Frankreich! wir find frei in dir!““ Madame, Madame!“ fügte Gilbert bei,„es iſt noch Zeit, nehmen Sie das Kind vom Altar und werden Sie ſeine Mutter!“ „Doctor,“ erwiederte die Koͤnigin,„Sie vergeſſen, daß ich noch andere Kinder habe, die Kinder meines Leibes, und daß ich, wenn ich thue, was ſie ſagen, ſie um eines fremden Kindes willen enterbe.“ „Wenn es ſo iſt, Madame,“ ſprach Gilbert mit einer tiefen Traurigkeit,„hüllen Sie dieſe Kinder in Ihren königlichen Mantel, in den Kriegsmantel von Maria Thereſia, und tragen Sie ſie mit ſich aus Frankreich hinaus, denn Sie haben wahr geſprochen, das Volk wird Sie verſchlingen und Ihre Kinder mit Ihnen. Nur iſt keine Zeit zu verlieren: eilen Sie, Madame, eilen Sie!“ „Und Sie werden ſich dieſer Abreiſe nicht widerſetzen, mein Herr?“ „Weit entfernt. Nun, da ich Ihre wahren Inten⸗ tionen kenne, werde ich Ihnen beiſtehen, Madame.“ „Oh! das kommt vortrefflich,“ ſagte die Königin, „denn es iſt ein Cdelmann bereit, zu handeln, ſich aufzu⸗ opfern, zu ſterben!“ 1¹6 „Ah! Madame,“ verſetzte Gilbert erſchrocken,„ſprechen Sie nicht von Herrn von Fabras?“ „Wer hat Ihnen ſeinen Namen genannt? wer hat Ihnen ſeinen Plan enthüllt?“ „Oh! Madame, ſehen Sie wohl zu! dieſen verfolgt auch eine unglückliche Wahrſagung?“ „Auch wieder von demſelben Propheten?“ „Immer, Madame!“ „Und welches Schickſal harrt des Marquis nach der Meinung des Propheten?“ „Ein frühzeitiger, gräßlicher, entehrender Tod, wie der, von welchem Sie vorhin ſprachen.“ „Dann ſagten Sie die Wahrheit; es iſt keine Zeit zu verlieren, um dieſen Propheten Lügen zu ſtrafen.“ „Sie wollen Herrn von Favras erklären, daß Sie ſeinen Beiſtand annehmen?“ „Man iſt zu dieſer Stunde bei ihm, Herr Gilbert, und ich erwarte ſeine Antwort.“ In dieſem Augenblick und als Gilbert, ſelbſt er⸗ ſchrocken über die Umſtände, in die er ſich vermckelt ſah, mit ſeiner Hand über ſeine Stirne ſtrich, um Licht dahin zu ziehen, trat Frau von Lamballe ein und ſagte der Königin leiſe ein paur Worte in's Ohr. 2 „Er trete ein!“ rief die Königin,„der Doctor weiß Alles. Doctor,“ fuhr ſie fort,„es iſt Herr Iſidor von Charny, der mir die Antwort des Marquis von Favras bringt. Morgen wird die Königin Paris verlaſſen haben, übermorgen werden wir außerhalb Frankreich ſein. Kom⸗ men Sie, Baron, kommen Sie„ Großer Gott! was haben Sie? und warum ſind Sie ſo bleich?“ „Die Frau Prinzefſin von Lamballe hat mir geſagt; ich könne vor dem Doctor Gilbert reden?“ fragte Iſivor. „Und ſie hat wahr geſprochen; ja, ja, reden Sie, Sie haben den Marquis von Favras geſehen? Der Marquis iſt bereit? wir nehmen ſein Anerbieten an, wir werden Paris verlaſſen, Frankreich verlaſſen!„ t t — — S v— ——— 117. „Der Marquis von Favras iſt vor einer Stunde in der Rue Beaurepaire verhaftet und nach dem Chatelet geführt worden,“ antwortete Iſidor. Der Blick der Koͤnigin begegnete, leuchtend, ver⸗ zweiflungsvoll, von Zorn entbrannt, dem von Gilbert. Die ganze Stärke von Marie Antoinette ſchien ſich jedoch in dieſem Blitze erſchöpft zu haben. Gilbert trat auf ſie zu und ſprach mit einem Aus⸗ drucke tiefen Mitleids: „Madame, kann ich Ihnen zu etwas nützen, ſo ver⸗ fügen Sie über mich; meinen Verſtand, meine Ergeben⸗ heit, mein Leben, Alles lege ich zu Ihren Füßen.“ Die Königin ſchlug die Augen zu Gilbert auf und ſagte langſam, im Tone tiefer Reſignation: „Herr Gilbert, Sie, der Sie ſo gelehrt ſind und heute Morgen dem Verſuche heigewohnt haben, find Sie der Anſicht, daß der Tod, den dieſe abſcheuliche Maſchine gibt, ſo ſanft iſt, als es ihr Erfinder behauptet?“ Gilbert ſeufzte und bedeckte ſeine Augen mit ſeinen Händen. In dieſem Augenblick verlangte Monfieur, der Alles wußte, was er wiſſen wollte, denn das Gerücht von der Verhaftung des Marquis von Favras hatte ſich in ein paar Secunden im ganzen Palaſte verbreitet, in aller Haſt ſeinen Wagen und entfernte fich, ohne ſich um die Geſundheit der Königin zu bekümmern, und beinahe ohne Abſchied zu nehmen. Ludwig XVI. aber verſperrte ihm den Weg. „Mein Bruder,“ ſagte er,„ich denke, Sie haben keine ſo große Eile, nach dem Luxembourg zurückzakehren, daß Ihnen nicht Zeit bliebe, mir einen Rath zu ertheilen. Was ſoll ich nach Ihrer Anſicht thun?“ „Sie wollen mich fragen, was ich an Ihrer Stelle thun würde?“ „Ja.“ 118 „Ich würde Herrn von Favras preisgeben und der Conſtitution Treue ſchwören.“ „Wie ſoll ich einer Conſtitution, die nicht vollendet iſt, Treue ſchwören?“ „Ein Grund mehr,“ erwiederte Monſieur mit dem falſchen, ſchielenden Blicke, der aus den tiefſten Krümmun⸗ gen ſeines Herzens kam,„ein Grund mehr, daß Sie ſich nicht verpflichtet glauben, Ihren Eid zu halten.“ XXXVIII. Monſteur verleugnet Herrn von Favras, und der König beſchwört die Conſtitution. Am Tage nach der Verhaftung von Herrn von Favras ging folgendes ſeltſame Rundſchreiben durch die ganze Stadt: „Der Marquis von Favras(Place Royale) iſt mit ſeiner Frau Gemahlin in ver Nacht vom 24. auf den 25. verhaftet worden, wegen eines von ihm gehegten Planes, zwanzigtauſend Mann auf die Beine zu bringen, um Herrn von Lafayette, ſowie den Maire von Paris zu er⸗ morden und uns ſodann die Lebensmittel abzuſchneiden. „Monſieur, der Bruder des Königs, ſtand an der Spitz. „Unterzeichnet; Baranz.“ 11¹9 Man begreift, welch eine ſonderbare Revolution in dem ſo leicht erregbaren Paris von 1790 ein ſolches Rundſchreiben zur Folge hatte. Ein angezündetes Lauffeuer hätte keine raſchere Flamme hervorgebracht, als die war, welche überall auf⸗ ſchlug, wo das Papier durchging. Alsbald war es in allen Händen, und nach zwei Stunden wußte es Jeder auswendig. Am 26. Abends, als die Mandatare der Gemeinde auf dem Stadthauſe im Rathe verſammelt waren und den vom Nachforſchungsausſchuſſe gefaßten Beſchluß laſen, meldete plötzlich der Huiſſier, Monfieur verlange eingeführt zu werden. „Monſieur!“ wiederholte der gute Bailly, der bei der Verſammlung präfidirte:„welcher Monſieur?“ „Monſieur, der Bruder des Koͤnigs,“ erwiederte der Huiſſier. Bei dieſen Worten ſchauten die Mitglieder des Ge⸗ meinderaths einander an, Der Name von Monſieur war ſeit dem Morgen des vorhergehenden Tags in Aller Munde. Während ſie ſich aber anſchauten, ſtanden ſie auf. Bailly ließ einen fragenden Blick umherlaufen, und da ihm die ſtummen Antworten, die er in den Augen ſeiner Collegen las, einſtimmig zu ſein ſchienen, ſo ſagte er: „Melden Sie Monſieur, wir ſeien, obgleich er⸗ ſtaunt über die Ehre, die er uns erweiſt, bereit, ihn zu empfangen.“ Nach einigen Secunden wurde Monſieur einge⸗ ührt. Er kam allein; ſein Geſicht war bleich und ſein gewöhnlich unſicherer Gang an dieſem Abend noch ſchwan⸗ kender als ſonſt. Zum Glück für den Prinzen blieb, da jedes Mit⸗ glied des Gemeinderaths Lichter bei ſich auf dem unge⸗ 120 heuren hufeiſenförmigen Tiſche hatte, an dem jedes arbei⸗ h⸗ die Mitte dieſes Hufeiſens in einer relativen Dun⸗ elheit. Dieſer Umſtand entging Monſieur nicht, und er ſchien ſich zu beruhigen. Er ſchaute ſchüchtern in der zahlreichen Verſamm⸗ lung umher, in welcher er wenigſtens den Reſpect in Ermangelung der Sympathie fand; und ſagte mit einer Anfangs zitternden, ſtufenweiſe aber ſich befeſtigenden Stimme: „Meine Herren, das Verlangen, eine grauſame Verleumdung zurückzuweiſen, führt mich in Ihre Mitte. Herr von Favras iſt vorgeſtern auf Befehl Ihres Nach⸗ forſchungsausſchuſſes verhaftet worden, und man verbreitet heute abſichtlich das Gerücht, ich ſtehe in enger Verbin⸗ dung mit ihm.“ Ein Lächeln ſchwebte über die Lippen der Zuhorer und vielſeitiges Geflüſter empfing dieſen erſten Theil der Rede von Monſieur. Er fuhr fort: „Als Bürger von Paris glaubte ich Sie ſelbſt von den einzigen Beziehungen, unter denen ich Herrn von Favras kenne, unterrichten zu müſſen.“ Die Aufmerkſamkeit der Herren Mitglieder des Ge⸗ meinderathes verdoppelte ſich, wie man leicht erräth; man war begierig, aus dem Munde von Monſieur ſelbſt die Beziehungen Seiner Koͤniglichen Hoheit zu Herrn von Favras zu erfahren, entſchloſſen jedoch, davon zu glauben, was man wollte. Seine Königliche Hoheit ſprach weiter: „Im Jahre 1772 iſt Herr von Favras hei meinen Schweizer⸗-Garden eingetreten. 1775 iſt er wieder aus⸗ getreten, und ich habe ihn ſeitdem nicht mehr ge⸗ ſprochen.“ Ein Gemurmel der Ungläubigkeit durchzog das Au⸗ vitorium; doch ein Blick von Herrn Bailly unterdrückte 3 1. in er en ie ⸗ et 1. r 121¹ dieſes Gemurmel, und Monſieur konnte im Zweifel bleiben, ob es ein billigendes oder ein mißbilligendes war. Monſieur fuhr fort: „Seit mehreren Monaten des Genuſſes meiner Ein⸗ künfte beraubt, in Beſorgniß wegen bedeutender Zah⸗ lungen, die ich im Monat Januar zu machen habe, wünſchte ich meinen Verbindlichkeiten nachkommen zu können, ohne dem öffentlichen Schatze zur Laſt zu ſein. Ich beſchloß dem zu Folge ein Anlehen zu machen; Herr von Favras wurde mir vor vierzehn Tagen von Herrn de la Chatre als derjenige bezeichnet, welcher dieſes An⸗ lehen bei einem genueſiſchen Banquier effectuiren könne. Ich unterſchrieb eine Obligation von zwei Millionen, welche Summe ich nöthig hatte, um mich meiner Ver⸗ bindlichkeiten am Anfange des Jahres zu entledigen und meinen Haushalt zu bezahlen. Da dieſe Angelegenheit rein finanziell war, ſo betraute ich mit der Ausführung meinen Intendanten. Ich habe Herrn von Favras nicht geſehen, ich habe ihm nicht geſchrieben, ich habe keine Gemeinſchaft mit ihm gehabt; was er außerdem gethan hat, iſt mir völlig unbekannt*).“ Ein Hohngelächter, das aus den Reihen des Pub⸗ likums kam, bewies, daß nicht Jedermann geneigt war, ſo auf das Wort dieſer ſeltſamen Behauptung des Prin⸗ zen zu glauben, der, ohne ihn zu ſehen, Wechſel im Be⸗ trage von zwei Millionen einem Vermittler anvertraut haben wollte, beſonders wenn dieſer Vermittler einer von ſeinen ehemaligen Gardeoffickeren war. Monſieur erröthete, und da es ihn ohne Zweifel drängte, der falſchen Stellung, in die er ſich begeben, ein Ende zu machen, ſo fuhr er raſch fort: „Ich habe indeſſen erfahren, meine Herren, man * Wir wieverholen, ohne eine Silbe daran zu ändern, die eigenen Worte des Prinzen. 122 theile verſchwenderiſch in der Hauptſtadt ein Papier fol⸗ genden Inhalts aus Und Monſieur las, was ſehr überflüſſig war, da es Jevermann in der Hand oder im Gedächtniß hatte,— das vorhin von uns angeführte Bulletin. Bei den Worten:„Monſieur, der Bruder des Kö⸗ nigs, ſtand an der Spitze,“ verbeugten ſich alle Mitglie⸗ der des Gemeinderathes. Wollten ſie damit ſagen, ſie ſeien der Meinung des Bulletin? wollten ſie einfach ſagen, die Bezüchtigung ſei ihnen wohlbekannt? Monſieur ſprach: „Sie erwarten ohne Zweifel nicht von mir, daß ich mich herablaſſe, mich über ein ſo gemeines Verbrechen zu rechtfertigen; doch in einer Zeit, in der die albern⸗ ſten Verleumdungen leicht die beſten Bürger mit den Feinden der Revolution zu vermengen im Stande ſind, glaube ich es dem König, Ihnen, meine Herren, und mir ſelbſt ſchuldig zu ſein, in alle die Einzelheiten, die Sie gehört haben, einzugehen, damit die öffentliche Meinung nicht einen Augenblick ungewiß bleiben könne. Seit dem Tage, wo ich mich in der zweiten Notabelnverſammlung über die Fundamentalfrage, welcht die Geiſter noch theilte, erklärte, habe ich nicht aufgehört, zu glauben, eine große Revolution ſei in Bereitſchaft; der König müſſe durch ſeine Abſichten, ſeine Tugenden und ſeinen erhabenen Rang das Haupt derſelben bilden, weil ſie nicht erſprießlich für die Nation ſein könne, ohne es gleichmäßig für den Monarchen zu ſein; das königliche Anſehen müſſe endlich das Bollwerk der natlonalen Frei⸗ heit und die nationale Freiheit die Baſis der königlichen Gewalt ſein.“ Obgleich der Sinn der Phraſe nicht ganz klar war, machte doch die Gewohnheit, die man damals hatte, ge⸗ wiſſen Combinationen von Worten Beifall zu klatſchen, 3 daß man auch dieſe beklatſchte. ww w 8—*—— 8— vw* 8 v 8 — 123 Hiedurch ermuthigt, erhob Monſieur die Stimme und fügte bei, indem er ſich mit etwas mehr Sicherheit an die Mitglieder der Verſammlung wandte: „Man führe eine einzige von meinen Handlungen, eine einzige von meinen Reden an, welche gezeigt hätte, es haben, in was für Verhältniſſe ich auch geſtellt ſein mochte, das Glück des Königs, das des Volks aufge⸗ hört, der einzige Gegenſtand meiner Gedanken und Wünſche zu ſein; ich darf darauf Anſpruch machen, daß man mir glaubt, denn nie habe ich Gefühle und Grund⸗ ſätze geändert uud nie werde ich ſie ändern.“ Obgleich Romanendichter, mußten wir, die un⸗ lautere Rede Seiner Königlichen Hoheit in ihrem gan⸗ zen Umfange wiederholend, für den Augenblick in die Geſchichte eingreifen. Es erſcheint als gut, daß ſelbſt die Leſer von Romanen wiſſen, wie mit fünfundvreißig Jahren der Prinz war, der mit ſechzig den Franzoſen mit ihrem Art. 14 ausgeſtattete Charte octroiren ſollte. Da wir aber nicht ungerechter gegen Bailly als gegen Seine Königliche Hohheit ſein wollen, ſo werden wir die Antwort des Maire von Paris geben, wie wir die Rede von Monſieur gegeben haben. Bailly antwortete: „Es gewährt den Repräſentanten der Gemeinde von Paris ein großes Vergnügen, in ihrer Mitte den Bru⸗ der eines geliebten Königs, eines die Freiheit der Fran⸗ zoſen wiederherſtellenden Königs zu ſehen. Erhabene Brüder, ſind Sie durch dieſelbe Geſinnung verbunden. Monfieur hat ſich als erſter Bürger des Königreichs ge⸗ zeigt, indem er für den dritten Stand in der zweiten Notabelnverſammlung ſtimmte; er iſt beinahe der Einzige von dieſer Meinung mit einer ſehr kleinen Anzahl von Volksfreunden geweſen, und er hat die Würde der Ver⸗ nunft allen ſeinen übrigen Anſprüchen auf die Achtung der Nation beigefügt. Monſieur iſt alſo der erſte Urhe⸗ 124 ber der bürgerlichen Gleichheit; er gibt heute ein neues Beiſpiel hievon vadurch, daß er hierher kommt und ſich unter die Repräſentanten der Gemeinde miſcht, wo er, wie es ſcheint, nur durch ſeine patrivtiſchen Gefühle ge⸗ ſchätzt werden will. Seine Geſinnung iſt in den Erklä⸗ rungen bezeichnet, welche Monſieur der Verſammlung zu geben die Gewogenheit hat. Der Prinz kommt der öffentlichen Meinung entgegen; der Bürger beſtimmt den Werth der Meinung ſeiner Mitbürger, und ich biete Monſieur im Namen der Verſammlung den Tribut der Ehrfurcht und der Dankbarkeit, den ſie ſeiner Geſin⸗ nung, der Ehre ſeiner Gegenwart und beſonders dem Werthe ſchuldig iſt, welchen ſie auf die Schätzung der freien Männer legt.“ Hierauf erwiederte Monſieur, der wohl begriff, es werde trotz des großen Lobes, das Bailly ſeinem Be⸗ nehmen ſpendete, vieſes Benehmen verſchiedenartig ge⸗ ſchätzt werden,— mit jener väterlichen Miene, die er ſich unter den Umſtänden, wo ſie ihm nützlich ſein konnte, ſo gut zu geben wußte: „Meine Herren, die Pflicht, die ich ſo eben erfüllt habe, iſt peinlich für ein tugendhaftes Herz geweſen; doch ich bin reichlich entſchädigt durch die Gefühle, welche die Verſammlung gegen mich ausgedrückt hat, und mein Mund ſoll ſich nur noch aufthun, um Gnade für diejenigen zu erbitten, welche mich beleidigt haben.“ Man ſieht, Monſieur machte ſich nicht verbinvlich und machte auch die Verſammlung nicht verbindlich. Für wen verlangte er Gnade? Nicht für Herrn von Favras, denn Niemand wußte, ob Herr von Favras ſchuldig war, und überdies hatte Favras Monſieur nicht be⸗ leidigt.. Nein, Monſieur verlangte ganz einfach Gnade für den anonymen Verfaſſer des Rundſchreibens, das ihn an⸗ ſchuldigte, doch der Verfaſſer brauchte keine Gnade, weil er uabekannt war. * ec— e„— ——— e— — er 125 Die Geſchichtſchreiber gehen ſo oft, ohne ſie aufzu⸗ nehmen, an Schändlichkeiten von Prinzen vorüber, daß es die Aufgabe von uns Romandichtern iſt, in dieſem Falle ihre Pflicht zu erfüllen, auf die Gefahr, während eines Kapitels den Roman ſo langweilig werden zu ſehen, als es die Geſchichte iſt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man, wenn wir von blinden Geſchichtſchreibern und langweiligen Geſchichten reden, weiß, von welchen Geſchichtſchreibern und von welchen Geſchichten wir ſprechen. Monſieur hatte alſo für ſeine Rechnung einen Theil des Rathes, den er Ludwig XVI. gegeben, zur Anwen⸗ dung gebracht. Er hatte Herrn von Favras verleugnet, und aus dem Lobe, das ihm der tugendhafte Bailly zuerkannt, er⸗ ſieht man, daß die Sache von einem vollen Succeſſe be⸗ gleitet war. Dies ohne Zweifel erwägend, entſchloß ſich Ludwig XVI. ſeinerſeits, der Conſtitution Treue zu ſchwören. Eines Morgens meldete alſo der Huiſſier dem Prä⸗ ſidenten der Nationalverſammlung, der an dieſem Tage Herr Bureaux von Puzy war,— wie der Huiſſier des Gemeinderathes dem Maire in Beziehung auf Monſieur gemeldet hatte,— der König mit ein paar Miniſtern und drei oder vier Officieren klopfe an die Thüre der Reit⸗ ſchule, wie Monſieur an die Thüre des Stadthauſes ge⸗ klopft hatte. Die Volksrepräſentanten ſchauten einander erſtaunt an. Was konnte ihnen der König zu ſagen haben, er, der ſeit langer Zeit getrennt von ihnen ging? Man ließ Ludwig XVI. einführen, und der Präſi⸗ dent trat ihm ſeinen Stuhl ab. Auf's Gerathewohl brach der ganze Saal in Acela⸗ mationen aus. Abgeſehen von Pétion, Camille Des⸗ moulins und Marat war noch ganz Frankreich rohaliſtiſch oder glaubte es zu ſein. . 126 Der König hatte das Bedürfniß gefühlt, die Na⸗ tio nalverſammlung wegen ihrer Arbeiten zu beglückwüu⸗ ſchen; er hatte die ſchöne Eintheilung Frankreichs in Departements zu loben, was er aber beſonders auszu⸗ drücken nicht länger verſchieben wollte, denn dieſes Ge⸗ fühl erſtickte ihn, das war ſeine glühende Liebe für die Conſtitution. Der Anfang der Rede,— vergeſſen wir nicht, daß, ſchwarz oder blau, royaliſtiſch oder conſtitutionell, Ari⸗ ſtokrat oder Patriot, nicht ein Repräſentant nicht wußte, worauf der Koͤnig abzielte,— der Anfang der Rede verurſachte einige Beſorgniſſe, die Mitte machte die Gei⸗ ſter zur Erkenntlichkeit geneigt, doch das Ende,— oh! das Ende!— das Ende ſteigerte die Gefühle bis zum Enthuſiasmus! Der König konnte nicht dem Verlangen widerſtehen, ſeine Liebe für die kleine Conſtitution von 1791 auszu⸗ ſprechen, welche noch nicht geboren,— wie würde es erſt ſein, wenn ſie vollig an das Tageslicht getreten wäre? Dann würde der König nicht Liebe für ſie haben, ſondern Fanatismus. Wir führen die Rede des Königs nicht anz Teufel! ſie umfaßt ſechs Seiten! es iſt genug, doß wir die von Monſieur citirt haben, welche nur eine Seite ſtark war und uns dennoch furchtbar lang vorkam. So viel iſt gewiß, daß Ludwig XVI. der National⸗ verſammlung nicht zu weitſchweiſig ſchien; ſie weinte vor Rührung, während ſie ihn anhörte. Wenn wir ſagen, ſie weinte, ſo iſt dies keine Me⸗ tapher. Barnave weinte, Lameth weinte, Duport weinte, Mirabeau weinte, Barrère weinte; es war eine wahre Sündfluth. Die Nationalverſammlung verlor darüber den Kopf. Sie erhob ſich in Geſammtheit; das Volk auf den Tri⸗ bünen auf. Jeder ſtreckte die Hand aus und ieiſie 6 —, en, zu⸗ rſt 7 en, el! on ar al⸗ e de⸗ te, hre . ri⸗ ete 127 den Eid der Treue der Conſtitution, welche noch nicht beſtand. Der König ging ab; doch der König und die Natio⸗ nalverſammlung konnten ſich nicht ſo trennen: dieſe geht hinter ihm hinaus, ſie ſtürzt ihm nach, ſie bildet ſein Gefolge, ſie kommt in die Tuilerien, die Königin em⸗ pfängt ſie. Die Königin! ſie iſt keine Enthuſiaſtin, dieſe harte Tochter von Maria Thereſia; ſie weint nicht, dieſe wür⸗ dige Schweſter von Leopold; ſie reicht den Abgeordneten der Nation ihren Sohn dar. „Meine Herren,“ ſpricht ſie,„ich theile ganz die Geſinnung des Königs; ich ſchließe mich mit Herz und Seele dem Schritte an, den ihm ſeine zärtliche Liebe für ſein Volk dictirt hat. Hier iſt mein Sohn, ich werde nichts verſäumen, um ihn frühzeitig die Tugenden des Beſten der Väter annehmen, die öffentliche Freiheit achten und die Geſetze, deren feſteſte Stütze er, wie ich hoffe, ſein wird, aufrecht erhalten zu lehren.“ Es bedurfte eines wirklichen Enthuſiasmus, daß ihn eine ſolche Rede nicht abkühlte; der der Notionalverſamm⸗ lung war noch glühend. Man machte den Vorſchlag, auf der Stelle den Eid zu leiſten; man faßte ihn ſogleich ab; der Präſident ließ zuerſt von Allen folgende Worte vernehmen: „Ich ſchwöre, treu zu ſein der Nativn, dem Geſetze und dem König, und mit meiner ganzen Macht die von der Nationalverſammlung beſchloſſene und vom König an⸗ genommene Conſiitution aufrecht zu erhalten.“ Und alle Mitglieder der Verſammlung, ein einziges ausgenommen, erhoben die Hand, und Jeder wiederholte: „Ich ſchwöre!“ Die zehn Tage, welche auf dieſen glücklichen Schritt folgten, der der Nativnalverſammlung Freude, Paris die Ruhe, Frankreich den Frieden gegeben hatte, vergingen in Feſten, Bällen, Beleuchtungen. Man pörte von allen 128 Seiten nur Eide leiſten; man ſchwor überall: man ſchwor auf der Gröve, im Stadthauſe, in den Straßen, auf den öffentlichen Plätzen; man errichtete dem Vaterlande Altäre; man führte die Schüler dahin, und die Schuler ſchworen, als ob ſie ſchon Männer wären, und als ob ſie wüßten, was ein Eid iſt. Die Nationalverſammlung befahl ein Te Deum, dem ſie in Maſſe beiwohnte. Nur ging der König nicht in Notre⸗Dame und ſchwor jolgich nicht.. Man bemerkte ſeine Abweſenheit; doch man war ſo freudig, man war ſo vertrauensvoll, daß man ſich mit dem erſten Vorwande begnügte, welchen für ſein Nicht⸗ erſcheinen anzugeben i ihm beliebte. „Warum ſind Sie nicht beim Te Deum geweſen? warum haben Sie nicht wie die Andern auf den Altar geſchworen?“ fragte ironiſch die Königin. „Weil ich wohl lügen will, Madame, aber keinen Meineid ſchwören,“ erwiederte Ludwig S Die Königin athmete. Bis dahin hatte ſie wie Jedermann 3 die Treue des Königs geglaubt. XRRIR. Ein Edelmann. Dieſet Beſuch des Königs in der Nationalverſamm⸗ fand am 4. Februar 1790 ſtatt. Zwölf Tage ſpäter, in der Nacht vom 17. auf den — e r—„ 8 n⸗ Sch 129 18. deſſelben Monats, erſchien in Abweſenheit des Gou⸗ verneur vom Chatelet, der an demſelben Tage einen ur⸗ laub nachgeſucht und erhalten hatte, um ſich nach Soiſſons zu ſeiner ſterbenden Mutter zu begeben, ein Mann an der Thüre des Gefängniſſes als Ueberbringer eines vom Polizeilieutenant unterzeichneten Befehls, welcher Befehl den Erſcheinenden ermächtigte, ohne Zeugen ſich mit Herrn von Favras zu unterreden. Ob der Befehl ächt oder gefälſcht war, vermöchten wir nicht zu ſagen; in jedem Falle aber erkannte ihn der Un⸗ tergouverneur, den man aufweckte, um ihm das Papier vorzulegen, als gut, da er ſoglelch den Ueberbringer des Schreibens in den Kerker von Herrn von Favras einzuführen gebot. Wonach er, ſich auf die gute Hut ſeiner Schließer im Innern und ſeiner Schildwachen außen verlaſſend, wieder zu Bette ging, um ſeine auf eine ſo unangenehme Weiſe geſtörte Nachtruhe zu beendigen. Unter dem Vorwande, er habe, als er den Befehl aus ſeiner Brieftaſche gezogen, ein wichtiges Papier fai⸗ len laſſen, nahm der Unbekannte die Lampe und ſuchte auf dem Boden, bis er den Herrn Untergouverneur des Chatelet hatte in ſein Zimmer zurückkehren ſehen. Dann erklärte er, er habe vas Papier auf ſeinem Nachttiſche liegen laſſen, ſollte man es jedoch finden, ſo bitte er, ihm daſſelbe im Augenblicke ſeines Abganges zu geben. Er reichte ſodann die Lampe dem Schließer, der bei ihm wartete, und forderte dieſen auf, ihn in den Kerker von Herrn von Favras zu führen. Der Schließer oͤffnete eine Thüre, ließ den Unbe⸗ kannten vorangehen, folgte ihm und ſchloß dann wieder die Thüre. Er ſchien den Unbekannten mit Neugierde anzuſchauen, als erwartete er jeden Augenblick, dieſer werde ihn in Betreff einer wichtigen Mittheilung anreden. Die Gräfin von Charnh. m. 9 130 Man ſtieg zwölf Stufen hinab und gelangte in einen unterirdiſchen Gang. Dann kam eine zweite Thüre, welche der Schließer wie die erſte öffnete und ſchloß. Der Unbekannte und ſein Führer befanden ſich nun auf einer Art von Ruheplatz und hatten vor ſich ein zweites Stockwerk von Stufen zum Hinabſteigen. Der Unbekannte blieb ſtehen, verſenkte ſeinen Blick in die Tiefe des düſtern Ganges, und als er ſich wohl verſichert hatte, die Fin⸗ ſterniß ſei eben ſo einſam als ſtumm, fragte er: „Sie ſind der Schließer Louis?“ „Ja,“ antwortete der Gefangenwärter. „Bruder der amerikaniſchen Loge?“ „Ja.“ „Sie find vor acht Tagen durch eine geheimnißvolle Hand hieher geſtellt worden, um ein unbekanntes Werk zu vollbringen?“ „Ja. „Sie ſind bereit, dieſes Werk zu vollbringen?“ „Ich bin bereit.“ „Sie ſollen Befehle von einem Manne erhalten?“ „Ja, vom Meſſias.“ „Woran ſollen Sie dieſen Mann erkennen?“ „An drei auf ein Bruftſtück geſlickten Buchſtaben.“ „Ich bin der Mann, und hier ſind die Buchſtaben.“ Bei dieſen Worten machte der Unbekannte ſein Spitzenjabot auf und zeigte auf ſeiner Bruſt geſtickt die drei Buchſtaben, deren Einfluß zu bemerken wir im Ver⸗ laufe dieſer Geſchichte öfter Gelegenheit gehabt haben; L. P. D. ³). „Meiſter,“ ſprach der Gefangenwärter, indem er ſich verbeugte,„ich bin zu Ihren Befehlen.“ Beſonders im Kapitel n. der erſten Abtbeilung der Denkwürdigkeiten eines Arztes: Joſeph Balſamv. rk 4 . in ie r⸗ der . 131 „Gut. Oeffnen Sie mir den Kerker von Herrn von Favras und halten Sie ſich bereit, zu gehorchen.“ Der Gefangenwärter verbeugte ſich, ohne zu antwor⸗ ten, ging voran, um zu leuchten, blieb dann vor einer niedrigen Thüre ſtehen und murmelte: „Es iſt hier.“ Der Unbekannte nickte mit dem Kopfe; der in das Schloß geſteckte Schlüſſel knirſchte zweimal, und die Thüre öffnete ſich. Während man dem Gefangenen gegenüber die ſtreng⸗ ſten Vorſichtsmaßregeln genommen und ihn in einen zwan⸗ zig Fuß unter dem Boden vergrabenen Kerker gebracht hatte, hatte man doch zugleich auch einige Rückſcht für ſeinen Stand gehabt. Er beſaß ein reinliches Bett und weiße Tücher. Bei dem Bette ſtand ein Tiſch, worauf mehrere Bücher, Tinte, Feder und Papier, ohne Zweifel, um eine Vertheidigungsſchrift vorzubereiten. Eine ausgelöſchte Lampe überragte das Ganze. In einer Ecke glänzte auf einem zweiten Tiſche Toilettegeräthe, das man aus einem eleganten Neceſſaire mit dem Wappen des Marquis genommen hatte; an die Wand war ein kleiner, aus demſelben Neceſſaire herſtam⸗ mender Spiegel angelehnt. Herr von Fayras ſchlief ſo tief, daß die Thüre ge⸗ öffnet wurde, daß der Unbekannte ſich ihm näherte, daß der Gefangenwärter eine zweite Lampe zu der erſten ſtellte, ohne daß ihn das Geräuſch und die Bewegung ſeinem Schlafe zu entziehen vermochten. Der Unbekannte betrachtete einen Augenblick dieſen Entſchlummerten mit einem Gefühle tiefer Schwermuth; dann, als hätte er ſich erinnert, die Zeit ſei koſtbar, legte er ihm die Hand auf die Schulter, ſo ſehr er es auch zu bereuen ſchien, daß er dieſe gute Ruhe ſtören mußte. Der Gefangene bebte, wandte ſich raſch um und riß die Augen weit auf, wie es diejenigen zu thun pflegen, 132 welche mit der Erwartung, ſie werden durch eine ſchlimme Nachricht geweckt werden, eingeſchlafen find. „Beruhigen Sie ſich, Herr von Favras,“ ſprach der Unbekannte,„es iſt ein Freund.“ Herr von Favras ſchaute einen Augenblick den nächt⸗ lichen Beſuch mit einer Miene des Zweifels an, welche ſein Erſtaunen darüber ausdrückte, daß ein Freund acht⸗ zehn bis zwanzig Stufen unter dem Boden zu ihm kam. Dann raffte er plötzlich ſeine Erinnerungen zuſammen und ſagte: „Ah! ah! der Herr Baron Zannone.“ „Ich ſelbſt, lieber Marquis.“ Favras blickte lächelnd umher, zeigte dem Baron mit dem Finger einen von allen Büchern und allen Klei⸗ dungsſtücken freien Schämel und ſprach: „Haben Sie die Güte, ſich zu ſetzen.“ „Mein lieber Marquis,“ ſagte der Baron,„ich komme, um Ihnen etwas vorzuſchlagen, was keine lange Erörte⸗ rung zuläßt und dann haben wir auch keine Zeit zu verlieren.“ „Was wollen Sie mir vorſchlagen? Ich hoffe, kein Anlehen?“ „Warum?“ „Weil mir die Garantien, die ich Ihnen zu geben hätte, ziemlich unſicher zu ſein ſcheinen.“. „Das könnte kein Grund bei mir ſein, Marquis, und ich wäre im Gegentheil ganz bereit, Ihnen eine Million anzubieten.“ „Mir?“ verſetzte Favras lächelnd. „Ja, Ihnen. Da es aber unter Bedingungen ge⸗ ſchähe, die Sie nicht annehmen würden, ſo werde ich Ihnen nicht einmal dieſes Anerbieten machen.“ „Dann kommen Sie zur Sache, Baron, da Sie mir ſagten, Sie haben Eile.“ „Sie wiſſen, daß man Sie morgen richtet, Mar⸗ quis?“ =— 8 133 „Ja, ich habe ſo etwas ſagen hören,“ erwieberie Favras. „Sie wiſſen, daß die Richter, vor denen Sie er⸗ ſcheinen, dieſelben find, welche Augeard und Beſenval freigeſprochen haben?“ „Sie wiſſen, daß der Eine und der Andere nur durch die allmächtige Vermittelung des Hofes freigeſprochen worden ſind?“ „Ja,“ antwortete zum dritten Male Favras, ohne daß ſeine Stimme die geringſte Veränderung in ſeinen drei Antworten erlitten hatte. „Sie hoffen ohne Zweifel, der Hof werde für Sie thun, was er für Ihre Vorgänger gethan hat?“ „Diejenigen, mit welchen ich in einer Beziehung für das Unternehmen, das mich hieher gebracht, zu ſein die Ehre gehabt habe, wiſſen, was ſie in Betreff meiner thun ſol⸗ len, Herr Baron; was ſie thun, wird wohlgethan ſein.“ „Sie haben in vieſer Hinſicht ſchon ihren Entſchluß gefaßt, Herr Marquis, und ich kann Sie von dem, was ſie gethan, unterrichten.“ Favras bezeigte keine Neugierde, es zu erfahren. „Monſieur,“ fuhr der Baron fort,„Monfieur iſt auf dem Stadthauſe erſchienen und hat erklärt, er kenne Sie kaum; im Jahre 1772 ſeien Sie bei ſeinen Schweizer Garden eingetreten; 1775 ſeien Sie wieder ausgetreten, und ſeit dieſer Zeit habe er Sie⸗ nicht mehr geſehen.“ Favras nickte beſtätigend mit dem Kopfe. „Was den König betrifft, ſo denkt er nicht nur nicht mehr an eine Flucht, ſondern er hat ſich ſogar am 4. dieſes Monats mit der Nationalverſammlung ausgeſoͤhnt und die Conſtitution beſchworen.“ Ein Lächeln ſchwebte über die Lippen von Favras. „Sie zweifeln?“ fragte der Baron. „Ich ſage das nicht,“ erwiederte Favras. „Sie ſehen alſo, Marquis, Sie dürfen nicht auf Monſieur rechnen Sie dürfen nicht auf den König rechnen. „Zur Sache, Herr Baron.“ „Sie werden alſo vor Ihre Richter kommen.“ „Sie haben die Güte gehabt, mir das zu ſagen.“ „Sie werden verurtheilt werden... „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Zum Tode!. „Das iſt möglich.“ Favras neigte ſich wie ein Mann, der bereit iſt, den Streich, der ihn treffen ſoll, zu empfangen. „Aber,“ ſprach der Baron,„wiſſen Sie, zu welchem Tode, mein lieber Marquis?“ „Gibt es zwei Todesarten, mein lieber Baron?“ „Ohl es gibt zehn: den Pfahl, die Viertheilung, die Schlinge, das Rad, den Galgen, die Enthauptung.. oder es hat vielmehr noch in der vorigen Woche alle dieſe Todesarten gegeben! Heute gibt es, wie Sie ſagen, nur noch eine: den Galgen.“ „Den Galgen!“ „Ja. Die Nationalverſammlung, nachdem fie die Gleichheit vor dem Geſetze ausgeſprochen, hat es ge⸗ recht gefunden, auch die Gleichheit vor dem Tode zu proclamiren! Jetzt gehen Adelige und Gemeine durch dieſelbe Pforte aus dieſer Welt: ſie werden gehenkt, Marquis.“ „Ah! ah!“ verſetzte Favras. „Zum Tode verurtheilt, werden Sie gehenkt. eine traurige Sache für einen Edelmann, welcher, ich bin es feſt überzeugt, den Tod nicht fürchtet, aber einen Widerwillen gegen den Galgen hat.“ „Ahl Herr Baron, ſind Sie gekommen, um mir nur alle dieſe guten Neuigkeiten mitzutheilen, oder haben Sie mir noch etwas Beſſeres zu ſagen?“ 6 Ich bin gekommen, um Ihnen zu eröffnen, daß Alles für Ihre Entweichung bereit iſt, und um Ihnen zu g le n, ie E. u i. tir en 135 ſagen, daß Sie in zehn Minuten, wenn Sie außer Ihrem Gefängniſſe, und in vier und zwanzig Stunden außerhalb des Landes ſein können.“ Favras dachte einen Augenbllck nach, ohne daß das Anerbieten, welches ihm der Baron gemacht hatte, irgend eine Gemüthsbewegung in ihm hervorzubringen ſchien. Dann fragte er: „Kommt mir dieſes Anerbieten vom König oder von Seiner Königlichen Hoheit zu?“ „Nein, mein Herr, es kommt von mir.“ Favras ſchaute den Baron an. „Von Ihnen, mein Herr?“ ſagte er.„Und warum von Ihnen?“ „Wegen der Theilnahme, die ich für Sie hege, Marquis.“ Welche Theilnahme können Sie für mich hegen, mein Herr?“ verſetzte Favras.„Sie haben mich nur zweimal geſehen.“ „Man braucht einen Mann nicht zweimal zu ſehen, um ihn zu kennen, mein lieber Marquis. Aechte Edel⸗ leute aber ſind ſelten, und ich will einen, ich ſage nicht Frankreich, ſondern der Menſchheit erhalten.“ „Sie hahen keinen andern Grund?“ „Ich habe den, daß ich Ihnen, da ich ein Anlehen von zwei Millionen mit Ihnen nterhandelt und an Sie das Geld ausbezahlt, das Mittel, in Ihrem heute entdeckten Complot weiter zu gehen, gegeben und folglich unwill⸗ kürlich zu Ihrem Tode beigetragen habe.“ Lächelnd erwiederte Favras: „Haben Sie kein anderes Verbrechen begangen, als dieſes, ſo ſchlafen Sie ruhig: ich ſpreche Sie frei.“ „Wie!“ rief der Baron,„Sie weigern ſich, zu fliehen?“ Favras reichte ihm die Hand und ſprach: „Ich danke Ihnen aus ſn Herzen, Herr Ba⸗ en, zich danke Ihnen im Namen meiner Frau und mei⸗ ner Rinder, doch ich ſchlage es aus.“ „Weil Sie glauben, unſere Maßregeln ſeien ſchlecht getroffen, Marquis, und weil Sie befürchten, ein ge⸗ ſcheiterter Entweichungsverſuch erſchwere Ihre Sache.“ „Ich glaube, mein Herr, daß Sie ein kluger Mann, und ſogar ein verwegener Mann ſind, da Sie kommen, um mir dieſe Flucht vorzuſchlagenz doch ich wiederhole, ich will nicht fliehen.“ „Ohne Zweifel befürchten Sie, gezwungen, aus Frankreich wegzugehen, laſſen Sie hier Ihre Frau und Ihre Kinder im Elend zurück. Ich habe für dieſen Fall vorhergeſehen, mein Herr, und kann Ihnen dieſe Brief⸗ taſche anbieten, in welcher hunderttauſend Franken in Kaſſenbillets enthalten ſind.“ Favras ſchaute den Baron mit einer Art von Be⸗ wunderung an. Dann ſchüttelte er den Kopf und er⸗ wiederte: „Das iſt es nicht, mein Herr. Auf Ihr Wort, und ohne daß Sie mir dieſe Brieftaſche zu übergeben nöthig gehabt hätten, würde ich Frankreich verlaſſen haben, wäre es meine Abſicht geweſen, zu fliehen; ich ſage Ihnen aber noch einmal, mein Entſchluß iſt gefaßt; ich werde nicht fliehen.“ Der Baron ſchaute denjenigen, welcher dieſe Wei⸗ gerung ausſprach, an, als bezweifelte er, ob er ſeine ganze Vernunft befitze. „Das wundert Sie, mein Herr,“ ſprach Favras mit einer ſeltſamen Heiterkeit,„und Sie fragen ſich, ohne daß Sie mich ſelbſt fragen wollen, woher bei mir der ſonderbare Entſchluß komme, bis zum Ende zu gehen und, wenn es ſein müſſe, zu ſterben, welcher Tod auch meiner harren möge?“ „Ich geſtehe es, Marquis.“ „Nun, ich will es Ihnen ſagen. Ich bin Royaliſt, mein Herr, doch nicht auf die Art derjenigen, welche in pr—— ₰ c—— 6) ⸗ N M N— v— 8S 8 137 das Ausland emigriren oder ſich in Paris verbergen; meine Meinung iſt keine auf einer Berechnung des In⸗ tereſſe beruhende Sache, es iſt ein Cultus, ein Glaube, eine Religion, mein Herr; und die Könige ſind nichts Anderes für mich, als das, was ein Erzbiſchof oder ein Papſt wäre, nämlich die ſichtbaren Repräſentanten der Religion, von der ich ſo eben ſprach. Fliehe ich, ſo wird man annehmen, entweder der König oder Monfieur haben mich zur Flucht veranlaßt; haben dieſe mich aber zur Flucht veranlaßt, ſo ſind ſie meine Mit⸗ ſchuldigen, und Monſieur, der mich auf der Tribune ver⸗ leugnet, der König, der ſich geſtellt hat, als kennete er mich nicht, werden von dem Schlage getroffen, der in den leeren Raum geht. Die Religionen fallen, Herr Baron, wenn ſie keinen Märthrer mehr haben. Ich, ich werde die meinige erheben, indem ich für ſie ſterbe! Das wird ein der Vergangenheit gemachter Vorwurf, eine der Zukunft gebotene Warnung ſein!“ „Aber denken Sie doch an die Todesart, welche Ihrer harrt, Marquis.“ „Je ehrloſer der Tod ſein wird, mein Herr, deſto verdienſtlicher iſt das Opfer: Chriſtus iſt an einem Kreuze zwiſchen zwei Schächern geſtorben!“ „Ich würde das begreifen, mein Herr,“ ſprach der Baron,„wenn Ihr Tod den Einfluß für das Königthum haben könnte, den der von Chriſtus für die Welt hatte; aber die Sünden der Könige ſind ſo beſchaffen, Marquis, daß ich ſehr befürchte, nicht nur das Blut eines ein⸗ fachen Edelmanns, ſondern ſogar das eines Königs ge⸗ nüge nicht, um ſie zu ſühnen.“ „Es wird geſchehen, was Gott gefällt, Herr Ba⸗ ron. Doch in dieſer Zeit der Unentſchloſſenheit und des Zweifels, wo ſo viele Leute ihre Pflicht verletzen, werde ich mit dem Troſte, die meinige gethan zu haben, ſterben.“ „Ei! nein, mein Herr!“ rief der Baron mit einer Geberde der Ungeduld:„Sie werden nur mit dem Be⸗ dauern ſterben, ohne allen Nutzen geſtorben zu ſein.“ „Wenn der entwaffnete Soldat nicht fliehen will, wenn er dem Tode trotzt, wenn er ihn empfängt, weiß er vollkommen, daß dieſer Tod unnütz iſt; nur hat er ſich geſagt, die Flucht wäre ſchmählich, und er wolle lieber ſterben!“ „Mein Herr,“ erwiederte der Baron,„ich halte mich nicht für geſchlagen.“ Er zog ſeine Uhr; ſie bezeichnete die dritte Stunde des Morgens. „Wir haben noch eine Stunde,“ fuhr er fort. „Ich will mich an dieſen Tiſch ſetzen und eine halbe Stunde leſen; mittlerweile überlegen Sie. In einer halben Stunde werden Sie mir eine entſcheidende Ant⸗ wort geben.“ Und er nahm einen Stuhl, ſetzte ſich, dem Ge⸗ fangenen den Rücken zuwendend, an einen Tiſch, öffnete ein Buch und las. „Gute Nacht, mein Herr,“ ſprach Favras. Und er drehte ſich gegen die Wand um, ohne Zwei⸗ fel, um mit weniger Zerſtreuung nachzudenken. Ungeduldiger als der Gefangene, zog der Leſer zwei⸗ oder dreimal ſeine Uhr aus der Taſche. Dann, als die halbe Stunde abgelaufen war, ſtand er auf und näherte ſich dem Bette. Doch er mochte immerhin warten, Favras wandte ſich nicht wieder um. Da neigte ſich der Baron über ihn, und an ſeinem regelmäßigen, ruhigen Athmen erkannte er, daß der Ge⸗ fangene ſchlief. „Ah!“ ſagte er, mit ſich ſelbſt ſprechend,„ich bin geſchlagen; doch das Urtheil iſt noch nicht gefällt: viel⸗ leicht zweifelt er noch„ Und da er den Unglücklichen, den in ein paar Tagen ein ſo langer und ſo tiefer Schlaf erwartete, nicht auf⸗ * 1, ß er e 139 wecken wollte, ſo nahm er die Feder und ſchrieb auf ein weißes Blatt Papier: „Wenn das Urtheil gefällt iſt, wenn Herr von Favras zum Tode verdammt iſt, wenn er weder auf ſeine Richter, noch auf Monfieur, noch auf den König mehr eine Hoffnung hat, wenn er ſeine Anſicht ändert, braucht er nur den Gefangenwärter Louis zu rufen und ihm zu ſagen: Ich bin entſchloſſen, zu fliehen! und man wird Mittel finden, ſeine Flucht zu begünſtigen. „Wenn Herr von Favras ſich auf dem unſeligen Karren befindet, wenn Herr Lon Favras vor Notre⸗Dame Buße thut, wenn Herr von Favras mit nackten Füßen und gebundenen Händen den kurzen Raum durchſchreitet, welcher die Stufen des Stadthauſes von dem auf der Grove errichteten Galgen trennt, hat er nur mit lauter Stimme die Worte; Ich will gerettet ſein! aus⸗ zuſprechen, und er wird gerettet werden. „Caglioſtro.“ Wonach der Beſucher die Lampe nahm, ſich zumn zweiten Male dem Gefangenen näherte, um ſich zu ver⸗ ſichern, ob er aufgewacht ſei, und, als er ſah, daß er immer noch ſchlief, nicht ohne ſich mehrere Male um⸗ zuwenden, die Thüre erreichte, vor der mit der un⸗ empfindlichen Reſignation jener Adepten, welche zu allen Opfern bereit ſind, um zu Vollbringung des großen Werkes zu gelangen, das ſie unternommen haben, unbeweglich der Schließer Louis ſtand. „Nun, Meiſter,“ fragte dieſer,„was ſoll ich thun?“ „Im Gefängniſſe bleiben und bei Allem, was Dir Herr von Favras befehlen wird, gehorchen.“ Der Schließer verbeugte ſich, nahm die Lampe aus den Händen von Caglioſtro und ging ehrfurchtsvoll vor ihm her, wie ein Bedienter, der ſeinem Herrn leuchtet. XL. Die Vorherſagung von Caglioſtro geht in Erfüllung. An demſelben Tage, um ein Uhr Nachmittags, ſtieg e der Gerichtsſchreiber des Chatelet mit vier Bewaffneten in das Gefängniß von Herrn von Favras hinab und v kündigte ihm an, daß er vor ſeinen Richtern zu erſchei⸗ nen habe. Herr von Favras war von dieſem Umſtande in der Nacht von Caglioſtro und gegen neun Uhr Morgens vom ſc Untergouverneur des Chatelet in Kenntniß geſetzt worden. h Der allgemeine Bericht des Prozeſſes hatte um halb YM zehn Uhr Morgens begonnen und dauerte um drei Uhr de Nachmittags noch fort. Seit neun Uhr Morgens war der Saal überfüllt we mit Neugierigen, die ſich hier angehäuft hatten, um den⸗ ge jenigen zu ſehen, deſſen Urtheil gefällt werden ſollte. we Wir ſagen denjenigen, deſſen Urtheil gefällt werden S ſollte, weil Niemand an der Verurtheilung des Ge⸗ O fangenen zweifelte. Es gibt bei den politiſchen Verſchwörungen Un⸗ fri glückliche, welche zum Voraus geopfert find; man fühlt üb es, daß es eines Sühnopfers bedarf, und daß ſie das Verhängniß hiefür beſtimmt hat. Vierzig Richter ſaßen im Kreiſe oben im Saale, der bra Präſident unter einem Himmel, ein Gemälde, die Kreuzi⸗ der gung Chriſti vorſtellend, hinter ihm und vor ihm, am geh andern Ende des Saales, das Portrait des Koͤnigs. Ein Spalier von Nationalgrenadieren war im Um⸗ 141 kreiſe des Gerichtsſaales innen und außen aufgeſtellt; vier Mann bewachten die Thüre. Nach drei Uhr gaben die Richter den Befehl, den Angeklagten vorzuführen. Eine Abtheilung von zwölf Grenadieren, die, das Gewehr bei Fuß, auf dieſen Befehl mitten im Saale wartete, ſetzte ſich in Marſch. Von da an wanpten ſich alle Köpfe, ſelbſt die der Richter nach der Thüre, durch welche Herr von Favras eintreten ſollte. Nach Verlauf von ungefähr zehn Minuten ſah man vier Grenadiere wiedererſcheinen⸗ Hinter ihnen ging der Marquis von Favras. Die acht anderen Grenadiere folgten ihm. Der Gefangene trat unter jenem furchtbaren Still⸗ ſchweigen ein, das zweitauſend in demſelben Saale ange⸗ häufte Perſonen zu machen wiſſen, wenn endlich der Menſch oder die Sache erſcheint, welche der Gegenſtand der allgemeinen Erwartung iſt. Sein Geſicht war vollkommen ruhig; ſeine Toilette war mit der größten Sorgfalt gemacht; er trug einen geſtickten Rock von hellgrauer Seide, eine weiße Atlaß⸗ weſte, eine dem Rocke ähnliche Hoſe, ſeidene Strümpfe, Schnallenſchuhe und das Kreuz des heiligen Ludwigs⸗ Ordens an ſeinem Knopfloch. Er war beſonders mit einer ſeltenen Zierlichkeit friſirt, weiß gepudert, und nicht ein Haar ſtand über dem andern hervor, ſagen in ihrer Geſchichte der Revolution die„zwei Freunde der Freiheit.“ Während der kurzen Zeit, welche Herr von Favras brauchte, um den Zwiſchenraum zwiſchen der Thüre und der Bank der Angeklagten zurückzulegen, war jeder Athem gehemmt. Einige Secunden vergingen zwiſchen der Er⸗ ſcheinung des Angeklagten und den erſten Worten, welche der Präſident an ihn richtete., Endlich machte dieſer mit der Hand, was unnöthig 142 war, die bei den Richtern gewöhnliche Geberde, um Still⸗ ſchweigen zu empfehlen, und fragte mit bewegter Stimme: „Wer ſind Sie?“. „Ich bin Angeklagter und Gefangener,“ antwortete Favras mit der groͤßten Ruhe. „Wie heißen Sie?“: „Thomas Mahi, Marquis von Fabras.“ „Woher find Sie?“ „Von Blois.“ „Was iſt Ihr Stand?“ f „Oberſter im Dienſte des Königs.“ „Wo wohnen Sie?“ „Place Royale, Nro. 21.“ „Wie alt find Sie?“ „Sechsundvierzig Jahre.“ „Setzen Sie ſich!“ f Der Marquis gehorchte. Nun erſt ſchien der Athem bei den Anweſenden wie⸗ verzukehren; er ging in die Luft wie ein furchtbarer Hauch, wie ein Hauch der Rache. Der Angeklagte 2 täuſchte ſich hierin nicht; er ſchaute umher. Aller Augen glänzten vom Feuer des Haſſes, alle Fäuſte drohten; man fühlte, daß es ein Opfer brauchte, dieſes Volk, z deſſen Händen man ſo eben Augeard und Beſenval ent⸗ ſ riſſen hatte, und welches alle Tage mit großem Geſchrei for⸗ verte, daß man wenigſtens im Bildniſſe den Prinzen von 2 Lambesc aufhänge. Mitten unter allen dieſen erzürnten Geſichtern, unter 6 allen dieſen flammenden Blicken erkannte der Angeklagte g das ruhige Geſicht und das theilnehmende Auge ſeines nächtlichen Beſuches. Er grüßte ihn mit einer unmerklichen Geberde und 3 ſetzte dann ſeine Rundſchau fort. 2 „Angeklagter,“ ſprach der Präſident,„halten Sie ſich bereit, zu antworten.“ E Favras verbeugte ſich und erwiederte: * e⸗ er te en n; k, t⸗ r⸗ on ter te es nd 143 „Ich bin zu Ihren Befehlen, Herr Präſident.“ Da begann ein zweites Verhör, welches der Ange⸗ klagte mit derſelben Ruhe, wie das erſte, ausſtand. Dann kam die Vernehmung der Belaſtungszeugen. Favras, der ſich weigerte, ſein Leben durch die Flucht zu retten, wollte es durch die Discuſſion vertheidigen; er hatte vierzehn Entlaſtungszeugen vorladen laſſen. Nachdem die Belaſtungszeugen vernommen waren, erwartete er, bie ſeinigen zu ſehen, als plötzlich der Prä⸗ ſident die Worte ſprach: „Meine Herren, die Debatten ſind geſchloſſen.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ entgegnete Favras mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit,„Sie vergeſſen Eines, was allerdings von geringer Wichtigkeit iſt: Sie vergeſſen die auf mein Geſuch vorgeladenen vierzehn Zeugen ihre Aus⸗ ſagen machen zu laſſen.“ „Der Gerichtshof hat beſchloſſen, ſie ſollen nicht ge⸗ hört werden,“ erwiederte der Präſident. Etwas wie eine Wolke zog über die Stirne des Angeklagten; dann ſprang ein Blitz aus ſeinen Augen hervor, und er ſprach: „Ich glaubte durch das Chatelet von Paris gerichtet zu werden, doch ich täuſchte mich: ich werde, wie es ſcheint, von der ſpaniſchen Inquiſition gerichtet.“ „Man führe den Angeklagten ab!“ ſagte der Präſivent. Fabras wurde in ſein Gefängniß zurückgeführt. Seine Ruhe, ſeine Höflichkeit, ſein Muth hatten einen gewiſſen Eindruck auf diejenigen Zuſchauer gemacht, welche ohne Vorurtheile gekommen waren. Doch es iſt nicht zu leugnen, das war die kleinere Zahl. Der Rückzug von Fabras wurde von Schreien, Drohungen und mit Ziſchen begleitet. „Keine Gnade! keine Gnade!“ riefen fünfhundert Stimmen auf ſeinem Wege. 144 Dieſes Geſchrei verfolgte ihn bis jenſeits der Thü⸗ ren ſeines Gefängniſſes. Dann murmelte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend: „So iſt es, wenn man mit den Prinzen eonſpirirt!“ Sobald der Angeklagte abgegangen war, begannen die Richter die Berathung. Zu ſeiner gewöhnlichen Stunde legte ſich Favras zu Bette. Gegen ein Uhr Morgens trat man in ſein Gefäng⸗ niß ein und weckte ihn auf. Es war der Schließer Louis. Er hatte den Vorwand genommen, dem Gefangenen eine Flaſche Bordeaurwein zu bringen, welche von Favras nicht verlangt worden war. „Herr Marquis,“ ſagte er,„in dieſem Augenblick fällen die Richter Ihr Urtheil.“ „Mein Freund,“ erwiederte Fabras,„wenn Du mich deshalb aufgeweckt haſt, ſo hätteſt Du mich können ſchlafen laſſen.“. „Nein, Herr Marquis, ich habe Sie aufgeweckt, um Sie zu fragen, ob Sie der Perſon, welche Sie in der vergangenen Nacht beſucht hat, nichts wollen ſagen „Nichts.“ „Bedenken Sie wohl, Herr Marquis: wenn das Urtheil geſprochen iſt, werden Sie ſcharf bewacht; und ſo mächtig auch dieſe Perſon, ſo wird doch ihr Wille dann vielleicht durch die Unmöglichkeit gefeſſelt.“ „Ich danke, mein Freund,“ entgegnete Favras,„ich habe weder jetzt, noch ſpäter etwas zu verlangen.“ „So bedaure ich, Sie aufgeweckt zu haben,“ ſagte der Schließer;„doch Sie wären in einer Stunde geweckt worden „So daß es Deiner Anſicht nach nicht der Muͤhe werth iſt, daß ich wiever einſchlafe, nicht wahr?“ ver⸗ ſetzte Favras lächelnd. — —— — 8 — 145 „Urtheilen Sie ſelbſt,“ ſagte der Schließer. Man hörte in der That ein gewaltiges Geräuſch in den oberen Stockwerken; Thüren wurden geöffnet und wieder zugeſchlagen, Flintenkolben ſtießen auf den Boden. „Ah! ah!“ ſagte Favras,„um meinetwillen findet all dieſer Lärmen ſtatt.“ „Man kommt, um Ihnen Ihr Urtheil vorzuleſen, Herr Marquis!“ „Teufel! ſeien Sie dafür beſorgt, daß mir der Herr Referent Zeit läßt, meine Hoſe anzuziehen.“ Der Schließer ging in der That hinaus und machte die Thüre hinter ſich zu. Während dieſer Zeit zog Herr von Favras ſeine ſei⸗ denen Strümpfe, ſeine Schnallenſchuhe und ſeine Hoſe an. Er war ſo weit mit ſeiner Toilette, als man die Thüre wieder öffnete. Der Marquis hielt es nicht für geeignet, ſie weiter fortzuſetzen, und wartete. Er war wahrhaft ſchön mit ſeinem zurückgeworfenen Kopfe, ſeinen halb aufgelöſten ſn⸗ und ſeinem auf der Bruſt geöffneten Spitzen⸗ jabot. In dem Augenblick, wo der Referent eintrat, ſchlug er ſeinen Hemdkragen auf ſeine Schultern zurück und ſprach zum Referenten: „Sie ſehen, mein Herr, ich erwartete Sie, und zwar in der Haltung des Kampfes.“ Und er ſtrich mit der Hand über ſeinen entblößten, für das ariſtokratiſche Schwert oder die gemeine Schlinge bereiten Hals. „Sprechen Sie, mein Herr, ich höre Sie,“ fügte er hinzu. Der Reſerent las, oder ſtammelte vielmehr das Urtheil. Der Marquis war zum Tode verurtheilt; er ſollte Buße thun vor Notre⸗Dame und dann auf der Grove gehenkt werden. Die Gräfin von Charnh, UM. 10 146 Favras hörte dieſe ganze Leſung mit der größten Ruhe an und faltete nicht einmal die Stirne bei dem für einen Edelmann ſo harten Worte gehenkt. Nur, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſchaute er dem Referenten in's Geſicht und ſagte: „Oh! mein Herr, wie ſehr beklage ich Sie, daß Sie genöthigt geweſen find, einen Menſchen auf ſolche Be⸗ weiſe zu verurtheilen.“ Der Referent vermied die Antwort und ſprach: „Mein Herr, Sie wiſſen, daß Ihnen keine andere Tröſtungen mehr bleiben, als die der Religion.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ entgegnete der Ver⸗ urtheilte,„es bleiben mir noch die, welche ich aus mei⸗ nem Gewiſſen ſchöpfe.“ Hienach grüßte Herr von Favras den Referenten, und dieſer, da er nichts mehr bei ihm zu thun hatte, zog ſich zurück. An der Thüre wandte er ſich aber noch einmal um und fragte den Verurtheilten: „Wollen Sie, daß ich Ihnen einen Beichtiger ſchicke 2“. 7 „Einen Beichtiger von der Hand derjenigen, welche mich ermorden? Nein, mein Herr, er wäre mir ver⸗ dächtig. Ich will Ihnen wohl mein Leben überlaſſen, doch mein Seelenheil bewahre ich mir„. Ich verlange den Pfarrer von Saint⸗Paul.“. Zwei Stunden nachher befand ſich der ehrwürdige Geiſtliche, den er verlangt hatte, bei ihm. 147 XLI. Ver Grve-platz. Dieſe zwei Stunden waren wohl angewendet worden. Hinter dem Referenten waren zwei Männer mit fin⸗ ſteren Geſichtern und in einer Galgentracht eingetreten. Favras begriff, daß er es mit den Vorläufern des Todes, mit der Vorhut des Henkers zu thun hatte.. „Folgen Sie uns!“ ſagte einer von dieſen zwei Menſchen. Favras verbeugte ſich zum Zeichen der Einſtimmung. Dann deutete er mit der Hand auf den Reſt ſeiner Klei⸗ der, der auf einem Stuhle lag, und fragte: „Laſſen Sie mir Zeit, mich anzukleiden?“ Immerhin,“ erwiederte einer von den Leuten. Favras ging nun an den Tiſch, auf welchem die verſchiedenen Theile ſeines Neceſſaire ausgebreitet lagen, knöpfte mit Hülfe des kleinen Spiegels, der an die Wand angelehnt war, ſeinen Hemdkragen zu, ließ ſein Jabot eine zierliche Falte annehmen und gab dem Knoten ſeiner Halsbinde die ariſtokratiſchſte Form, die er ihm zu geben vermochte. Dann zog er ſeine Weſte und ſeinen Rock an. „Soll ich meinen Hut nehmen, meine Herren?“ fragte der Gefangene. „Das iſt unnöthig,“ erwiederte derſelbe Menſch, der ſchon geſprochen hatte. Derjenige von Beiden, welcher geſchwiegen, hatte Favras mit einer ſolchen Starrheit angeſchaut, daß dadurch die Aufmerkſamkeit des Marquis erregt worden war. Es 148 ſchien ihm ſogar, als hätte ihm dieſer Mann ein unmerk⸗ liches Zeichen mit dem Auge gemacht. Doch dieſes Zeichen war ſo raſch geweſen, daß Herr von Favras im Zweifel blieb. Was konnte ihm übrigens dieſer Menſch zu ſagen haben? Er bekümmerte ſich nicht weiter darum, machte dem Schließer Louis mit der Hand eine freundſchaftliche Ge⸗ berde und ſagte: „Es iſt gut, meine Herren, gehen Sie, ich folge Ihnen.“ Vor der Thüre wartete ein Huiſſier. Er ging voran, dann kam Favras, dann folgten die zwei Leichenmenſchen. Der traurige Zug wandte ſich nach dem Erdgeſchoſſe. Zwiſchen den zwei Kerkern wartete eine Abtheilung von der Nationalgarde. Da ſprach der Huiſſier, der ſich nun unterſtützt fühlte, zu dem Verurtheilten; „Mein Herr, übergeben Sie mir Ihr Kreuz vom heiligen Ludwigsorden.“ „Ich glaubte zum Tode und nicht zur Degravirung verurtheilt zu ſein,“ verſetzte Favras. „Das iſt der Befehl, mein Herr,“ erwiederte der Huiſſier. Favras machte ſein Kreuz los, und da er es nicht dem Juſtizmann übergeben wollte, ſo legte er es in die Hände des Sergent⸗Major, welcher die Abtheilung von der Natlonalgarde befehligte. „Es iſt gut,“ ſprach der Huiſſier, ohne weiter dar⸗ auf zu beſtehen, daß ihm das Kreuz perſoͤnlich übergeben werde;„folgen Sie mir.“ Man ſlieg wieder ungefähr zwanzig Stufen hinauf und hielt vor einer ganz mit Eiſen beſchlagenen eichenen Thüre an, vor einer von jenen Thüren, welche den Ge⸗ fangenen, wenn ſie ſie anſchauen, bis in den Grund der Adern kalt machen, vor einer von den Thüren, wie es 149 zwei oder vrei auf dem Wege zum Grabe gibt, hinter denen man, ohne zu wiſſen, was einen erwartet, etwas Entſetzliches erräth. Die Thüre öffnete ſich. Man ließ Favras nicht einmal Zeit, einzutreten: man ſtieß ihn hinein. Dann ſchloß ſich die Thüre plötzlich wieder, wie unter dem Impulſe eines eiſernen Armes. Favras befand ſich in der Folterkammer. „Ah! ah! meine Herren,“ fagte er leicht erbleichend, „was Teufels, wenn man die Leute an ſolche Orte führt, ſo ſetzt man ſie vorher davon in Kenntniß!“ Er hatte dieſe Worte noch nicht vollendet, als die zwei Menſchen, welche ihm folgten, über ihn herfielen, ihm ſeinen Rock und ſeine Weſte abriſſen, ſeine fo künſt⸗ lich umgelegte Halsbinde aufknüpften und ihm die Hände hinter den Rücken banden. Nur flüſterte ihm der Folterknecht, von dem er geglaubt, er habe ihm ein Zeichen gemacht, während er ſeinen Dienſt auf halbe Rechnung mit ſeinem Kameraden verſah, ganz leiſe ins Ohr: „Wollen Sie gerettet ſeyn? Es iſt noch Zeit!“ Dieſes Anerbieten brachte das Lächeln auf die Lippen von Favras zurück, indem es ihn an die Groͤße ſeiner Sendung erinnerte. Er ſchüttelte ſanft und verneinend den Kopf. Eine Folterbank ſtand bereit. Man legte den Ver⸗ urtheilten auf dieſe Bank. Der Folterknecht näherte ſich ihm mit eichenen Keilen in ſeiner Schürze und einem eiſernen Schlägel in der Hand. Favras bot ſelbſt dieſem Menſchen ſein zartes Bein, bekleidet mit ſeinem Schuhe mit rothem Abſatz und ſeinem ſeidenen Strumpfe. Da winkte der Huiſſier mit der Hand und ſprach: 150 „Es iſt genug; der Gerichtshof erläßt dem Verur⸗ theilten die Folter.“ „Ah!“ ſagte Fabras,„es ſcheint, der Gerichtshof befürchtet, ich könnte ſprechen; nichtsdeſtoweniger danke ich ihm; ich werde zum Galgen auf zwei geſunden Beinen gehen, was etwas werth iſt; und nun, meine Herren, wiſſen Sie, daß ich zu Ihrer Verfügung bin.“ „Sie müſſen eine Stunde in dieſem Saale zubringen,“ erwiederte der Huiſſier. „Das iſt nicht ergötzlich, aber intereſſant,“ ſagte Favras. Und er ſing an im Saale umherzugehen und eines nach dem andern alle dieſe abſcheulichen, coloſſalen eiſernen Spinnen, riefigen Scorplonen ähnliche, Inſtrumente zu unterſuchen. Man fühlte, daß in einem gegebenen Augen⸗ blicke und auf den Befehl einer verhängnißvollen Stimme Alles dies ſich belebte und grauſam biß. Es waren Werkzeuge von allen Formen und allen Zeiten da, von Philipp Auguſt bis auf Ludwig XVI.; es waren Haken da, mit denen man die Juden im dreizehnten Jahrhundert zerriſſen, es waren Räder da, mit denen man die Proteſtanten im ſiebenzehnten zermalmt hatte. Favras blieb vor jeder Trophäe ſtehen, fragte nach dem Namen von jedem Inſtrumente. Dieſe Kaltblütigkeit ſetzte am Ende ſelbſt die Folter⸗ knechte, Leute, die ſich bekanntlich nicht leicht über etwas wundern, in Erſtaunen. „In welcher Abſicht machen Sie alle dieſe Fragen?“ ſagte einer von ihnen zu Favras. Dieſer ſchaute ihn mit der den Eoelleuten eigen⸗ thümlichen ſpöttiſchen Miene an und erwiederte: „Mein Herr, es iſt moͤglich, daß ich auf dem Wege, den ich zurückzulegen habe, Satan treffe, und es wäre mir nicht unangenehm, ihn mir dadurch zum Freunde zu machen, daß ich ihm, um ſeine Verdammten zu martern, Maſchinen angäbe, die er nicht kennt.“ 151 Der Gefangene hatte gerade ſeine Runde vollendet, als die Glocke des Chatelet fünf Uhr ſchlug. Er hatte zwei Stunden vorher ſeinen Kerker ver⸗ laſſen. Man führte ihn vahin zurück, und er fand den Pfarrer von Saint⸗Paul, der auf ihn wartete. Man hat geſehen, daß er die zwei Stunden des Wartens nicht verloren, und daß, wenn etwas auf eine geeignete Art ihn zum Tode vorbereiten konnte, dies das Schauſpiel war, das er vor Augen gehabt. — Als ihn der Pfarrer erblickte, öffnete er ihm die rme. „Mein Vater,“ ſprach Favras,„entſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen nichts als mein Herz öffnen kann; Herren haben dafür geſorgt, daß ich Ihnen nur dieſes ne.“ 5 Und er zeigte ſeine hinter ſeinen Rücken gebundenen ände. „Könnt Ihr nicht für die Zeit, die er mit mir ſein wird, die Arme des Verurtheilten losbinden?“ fragte der Prieſter. „Das ſteht nicht in unſerer Macht,“ antwortete der Huiſſier. „Mein Vater,“ ſagte Favras,„fragen Sie dieſe Leute, ob ſie mir nicht meine Hände vorne binden konnten, ſtatt ſie hinter meinen Rücken zu binden; es wäre gerade wie für den Augenblick, wo ich eine Kerze halten oder meinen Urtheilsſpruch leſen werde.“ Die zwei Gehülfen ſchauten den Huiſſier an; die⸗ ſer machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches beſagen wollte, er finde nichts hiegegen einzuwenden, und die ver⸗ langte Gunſt wurde dem Marquis bewilligt. Dann ließ man ihn allein mit dem Prieſter. Was geſchah, während der Weltmann zum letzten Male mit dem Mann Gottes unter vier Augen zuſammen war, weiß Niemand. Entſiegelte vor der Heiligkeit der Religion Favras ſein Herz, das vor der Majeſtät der 15² Gerechtigkeit verſchloſſen geblieben war? Befeuchteten die Tröſtungen, welche ihm vieſe andere Welt bot, in die er eingehen ſollte, ſeine durch den Hohn vertrockneten Augen mit einer von jenen Thränen, die ſein Herz angehäuft und auf die geliebten Gegenſtände, die er allein in dieſer Welt, aus welcher er ſchied, laſſen ſollte, zu ergießen das Bedürfniß haben mußte? Das konnten diejenigen nicht offenbaren, die gegen drei Uhr Nachmittags in ſeinen Kerker eintraten und ihn mit lächelndem Munde, trockenen Au⸗ genlidern und feſtem Herzen fanden. Man kam, um ihm anzukündigen, es ſei für ihn Zeit, zu ſterben. „Meine Herren,“ ſprach er,„ich bitte um Ver⸗ zeihung, Sie haben mich warten laſſen.“ Dann, da er ſchon ſeinen Rock und ſeine Weſte anhatte, und da ſeine Hände gebunden waren, nahm man ihm ſeine Schuhe und ſeine Strümpfe ab und zog ein weißes Hemd über ſeine übrigen Kleidungsſtücke. Endlich hing man ihm auf die Bruſt eine Tafel, worauf die Worte ſtanden: Verſchwörer gegen den Staat. Vor der Thüre erwartete ihn ein von einer zahl⸗ reichen Wache umgebener Karren. In dieſem Karren war eine angezündete Fackel Als 3 Menge den Verurtheilten erblickte, klatſchte ſie in die Hände. Seit ſechs Uhr Morgens kannte man das Urtheil, und die Menge fand, es vergehe eine lange Zeit zwiſchen der Verurtheilung und der Hinrichtung. Leute liefen in den Straßen umher und forderten von den Vorübergehenden Trinkgelder. „Und aus welcher Veranlaſſung Trinkgelder?“ fragten dieſe. — —— e————,„— py 153 „Wegen der Hinrichtung von Herrn von Favras,“ antworteten die Bettler des Todes. Favras ſtieg mit feſtem Tritte in den Karren, er ſetzte ſich auf die Seite, wo die Fackel befeſtigt war, denn er begriff, daß man dieſe Fackel ſeinetwegen hierher geſtellt hatte. Hernach ſtieg der Pfarrer von Saint⸗Paul ein und ſetzte ſich auf ſeine Linke; dann kam der Scharfrichter, der ſich hinter ihn ſetzte. Es war derſelbe Mann mit dem traurigen, ſanften Blicke, den wir im Hofe von Bicétre dem Verſuche der Maſchine von Herrn Guillotin haben beiwohnen ſehen. Wir haben ihn geſehen, wir ſehen ihn, es wird uns die Gelegenheit werden, ihn wiederzuſehen. Das iſt der wahre Held der Epoche, in die wir eintreten. Ehe er ſich ſetzte, ſchlang der Henker um den Hals von Favras den Strick, mit welchem dieſer gehenkt werden ſollte. Das Ende deſſelben behielt er in ſeiner Hand. In dem Augenblick, wo ſich der Karren in Marſch ſetzte, trat eine Bewegung in der Menge ein. Favras richtete natürlich ſeinen Blick nach dem Orte, wo dieſe Bewegung ſtattfand. Er ſah Leute, die ſich ſtießen und drängten, um in die erſte Reihe zu kommen und bei ſeinem Vorüberfahren beſſer geſtellt zu ſein. Plötzlich bebte er unwillkührlich, denn in der erſten Reihe, in der Mitte von fünf bis ſechs von ſeinen Ge⸗ noſſen, die ſich eine Oeffnung durch die Menge gemacht hatten, erkannte er unter der Tracht eines Starken der Halle den nächtlichen Beſuch, der ihm geſagt hatte, er wache bis zum letzten Augenblicke über ihm. Der Verurtheilte machte ihm mit dem Kopfe ein Zeichen, jedoch ein Zeichen der Dankbarkeit, ohne irgend eine andere Bedeutung. 154 Der Karren fuhr weiter und hielt erſt vor Notre⸗ Dame an. Die mittlere Thüre war offen und ließ im Hinter⸗ grunde der düſtern Kirche den unter ſeinen angezündeten Kerzen glühenden Hochaltar ſehen. Der Zuſtrom von Reugierigen war ſo groß, daß der Karren alle Augenblicke ſtille halten mußte und nur wieder weiter fuhr, wenn es der Wache gelungen, auf's Neue den Weg zu öffnen, den unabläſſig eine den ſchwachen Damm, welchen man ihr entgegengeſetzt, durchbrechende Volswoge wieder ſchloß. Hier, auf dem Vorplatze der Kirche, brachte man es durch einen Kampf dahin, daß ein leerer Raum entſtand. „Sie müſſen abſteigen und Kirchenbuße thun,“ ſagte der Scharfrichter zum Verurtheilten. Favras gehorchte, ohne zu antworten. Der Prieſter ſtieg zuerſt ab, dann der Verurtheilte, dann der Scharfrichter, welcher immer das Ende des Strickes in der Hand hielt. Die Arme von Favras waren am Fauſtgelenke ge⸗ bunden, was ihm den Gebrauch der Hände ließ. In ſeine rechte Hand ſteckte man die Fackel, in ſeine linke gab man ihm den Urtheilsſpruch. Der Verurtheilte ſchritt bis an die Kirche vor und kniete nieder. In der erſten Reihe derjenigen, welche ihn umgaben, erkannte er abermals mit ſeinen Genoſſen denſelben Starken der Halle, den er ſchon, als er aus dem Chatelet herauskam, geſehen hatte. Dieſe Beharrlichkeit ſchien ihn zu rühren, doch nicht ein Wort kam, um ihn zu rufen, aus ſeinem Munde. Ein Gerichtsſchreiber des Chatelet erwartete ihn hier. „Leſen Sie, mein Herr,“ ſagte er laut zu ihm. Dann fügte er leiſe bei:„Herr Marquis, Sie wiſſen, daß Sie, wenn Sie gerettet ſein wollen, nur ein Wort zu ſagen haben.“ das raſ zu T wei Ga e⸗ es e⸗ ne b n, t t 155⁵ Ohne etwas zu erwiedern, begann der Verurtheilte ſeine Leſung. Er las mit lauter Stimme und nichts in ihrem Ausvrucke verrieth die geringſte Gemüthserſchütte⸗ rung; als er bis zum Schluſſe geleſen hatte, wandte er ſich an die Menge, die ihn umgab, und ſprach: „Bereit, vor Gott zu erſcheinen, vergebe ich den Menſchen, die mich gegen ihr Gewiſſen verbrecheriſcher Pläne bezüchtigt haben; ich liebte meinen König, ich werde dieſem Gefühle getreu ſterben, das iſt ein Beiſpiel, das ich gebe, und das, wie ich hoffe, von einigen edlen — Herzen befolgt werden wird. Das Volk verlangt meinen Tod mit gewaltigem Geſchrei; es braucht ein Opfer, gutl es iſt mir lieber, daß die Wahl des Verhängniſſes auf mich fällt, als wenn es auf einen Andern mit ſchwachem Herzen fiele, den die Gegenwart einer nicht verdienten Strafe in Verzweiflung bringen würde. Wenn ich alſo nichts Anderes hier zu thun habe, als das, was ich gethan habe, ſo laſſen Sie uns weiter gehen, meine erren.“ Man zog weiter. Die Halle von Notre⸗Dame iſt nicht fern von der Grsve, und dennoch brauchte der Karren eine gute Stunde, um dieſen Weg zurückzulegen. Als er auf den Platz kam, fragte Favras: „Meine Herren, kann ich nicht einen Augenblick in das Stadthaus hinaufgehen?“ „Haben Sie Offenbarungen zu machen?“ verſetzte raſch der Prieſter. „Nein, mein Vater, aber ich habe mein Teſtament zu dictiren; man hat mir geſagt, dieſe letzte Gnade, ſein Teſtament zu machen, werde einem Verurtheilten nie ver⸗ weigert.“ Der Karren wandte ſich, ſtatt gerade nach dem Galgen zu fahren, nach dem Stadthauſe. nil Ein gewaltiges Geſchrei erhob ſich im Volke. 156 „Er will Offenbarungen machen!“ rief man von allen Seiten. Bei dieſem Rufe hätte man können einen ſchönen jungen Mann erbleichen ſehen, der ganz ſchwarz wie ein Abbé gekleidet war und auf einem Weichſteine an der Ecke des Quai Pelletier ſtand. „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, Herr Graf Louis,“ ſprach Jemand in ſeiner Nähe mit ſpöttiſcher Stimme,„der Verurtheilte wird nicht ein Wort von dem ſagen, was auf der Place Royale vorgegangen iſt.“ Der ſchwarz gekleidete junge Mann wandte ſich leb⸗ haft um;z die Worte, die man an ihn gerichtet, waren von einem Starken ver Halle geſprochen worden, deſſen Geſicht man nicht ſehen konnte, weil der Redner, nachvem er den Satz vollendet, ſeinen weiten Hut auf ſeine Augen niedergedrückt hatte. Blieb übrigens dieſem ſchönen jungen Manne ein Zweifel, ſo war er bald zerſtreut. Als er oben auf der Freitreppe des Stadthauſes war, bedeutete Fabras durch ein Zeichen, er wolle ſprechen. Sogleich erloſch das Geräuſch, als hätte es der Weſtwind, der in dieſem Augenblick über den Platz ſtrich, mit ſich fortgetragen. „Meine Herren,“ ſagte Favras,„ich höre, daß man um mich her wiederholt, ich gehe in das Stadthaus hinauf, um Offenbarungen zu machen; es iſt dem nicht ſo, und ſollte ſich unter Ihnen, was möglich iſt, ein Mann befinden, der etwas zu befürchten hätte, wenn Offenbarungen gemacht würden, ſo mag er ſich beruhigen: ich gehe hinauf, um mein Teſtament zu diectiren.“ Und er trat mit feſtem Schritte unter das düſtere Gewölbe, ſtieg die Treppe hinauf, ging in die Stube hinein, in welche man gewöhnlich die Verurtheilten führte, und die man aus dieſem Grunde die Offenbarungsſtube nannte. von nen ein der ach der was leb⸗ ren ſſen em gen ein ſes olle der ich, an ius cht ein enn en: ere be te, be 157 Hier warteten drei ſchwarz gekleidete Männer, und unter dieſen drei Männern erkannte Herr von Favras den Gerichtsſchreiber, welcher auf dem Vorplatze von Notre Dame mit ihm geſprochen hatte. Da fing der Verurtheilte, der, weil ſeine Hände ge⸗ bunden waren, nicht ſchreiben konnte, an ſein Teſtament zu dietiren. Man hat viel vom Teſtamente von Ludwig XVI. ge⸗ ſprochen, weil man viel vom Teſtamente der Könige ſpricht. Wir haben das Teſtament von Herrn von Favras vor den Augen, und wir ſagen dem Publicum nur Eines: „Leſet und vergleicht.“ Als das Teſtament dictirt war, verlangte Favras es zu leſen und zu unterzeichnen. Man band ihm die Hände los; er las das Teſta⸗ ment, corrigirte drei Schreibfehler, die der Gerichts⸗ ſchreiber gemacht hatte, und unterzeichnete unten an jeder Seite:„Mahi von Favras.“ Wonach er ſeine Hände wieder darbot, damit man ſie ihm auf's Neue binde, eine Operation, welche ſogleich der Henker vollzog, der ſich nicht einen Augen⸗ blick von ihm entfernt hatte. Das Dictiren dieſes Teſtaments hatte indeſſen mehr als zwei Stunden weggenommen; das Volk wartete vom Morgen an und wurde ſehr ungeduldig: es fanden ſich da viele wackere Leute, welche, weil ſie nach der Hinrich⸗ tung zu frühſtücken gedachten, mit leerem Magen gekom⸗ men und noch nüchtern waren. Dem zu Folge erhob ſich jenes drohende und ent⸗ ſetzliche Gemurre, das man ſchon auf demſelben Platze am Tage der Ermordung von de Launay, des Aufhängens von Foulon und Berthiern gehört hat. Ueberdies glaubte das Volk allmälig, man Favras durch irgend eine Hinterthüre entweichen aſſen. In dieſer Vermuthung machten ſchon Einige 15⁵8 ven Vorſchlag, die Municipale an der Stelle von Fav⸗ ras zu henken und das Stadthaus niederzureißen. Zum Glück erſchien gegen neun Uhr Abends ber Verurtheilte wieder. Man hatte Fackeln unter die Sol⸗ vaten ausgetheilt, welche das Spalier bildeten; man hatte alle Fenſter des Platzes erleuchtet; der Galgen allein war in eine geheimnißvolle, erſchreckliche Finſterniß gehüllt geblieben. Die Erſcheinung des Verurtheilten wurde durch ei⸗ nen einſtimmigen Schrei und durch eine große Bewegung unter den fünfzigtauſend Perſonen, die den Platz füllten, begrüßt. Diesmal war man ganz ſicher, nicht nur, daß er nicht entkommen ſei, ſondern auch, daß er nicht entkom⸗ men werde. 3 Favras ſchaute umher, dann murmelte er, mit ſich ſelbſt ſprechend, mit dem ihm eigenthümlichen ironiſchen Lächeln: „Nicht eine Carroſſe; ah! der Adel iſt vergeßlich! er iſt artiger gegen den Grafen von Horn geweſen, als gegen mich.“ „Weil der Graf von Horn ein Mörder war, und Du, Du biſt ein Märtyrer,“ erwiederte eine Stimme. Favras wandte ſich um und erkannte den Starken der Halle, den er ſchon zweimal auf ſeinem Wege ge⸗ troffen hatte. „Gott beſohlen, mein Herr,“ ſagte Favras zu ihm; „ich hoffe, Sie werden im Nothfalle Zeugniß für mich ablegen.“ Und mit feſten Schritten ſtieg er die Stufen hinab und ging zum Galgen. In dem Augenblick, wo er den Fuß auf die erſte Sproſſe der Leiter ſetzte, rief eine Stimme: „Springe, Marquis!“ Die ernſte, ſonore Stimme des Verurtheilten er⸗ wiederte: .„— eS.—— S— 159 „Bürger, ich ſterbe unſchuldigz betet zu Gott für a ntch!“ Auf der vierten Stufe hielt er abermals an und wie⸗ der derholte mit eben ſo feſtem und lautem Tone, wie das Sol⸗ erſte Mal: man„Bürger, ich bitte Euch um den Beiſtand Eures lgen Gebets ich ſterbe unſchuldig!“ rniß Auf der achten Stufe, das heißt auf der, von wel⸗ er er vorgeſtürzt werden ſollte, ſagte er zum vritten ei⸗ Male: ung„Bürger, ich ſterbe unſchuldig„ hetet zu Gott en, für mich!“ „Aber wollen Sie denn nicht gerettet ſein?“ fragte er ihn einer der Gehülfen des Henkers, der neben ihm die m⸗ Leiter hinaufſtieg. „Ich danke, mein Freund,“ erwiederte Favras; ſich!„Gott belohne Sie für Ihre gute Abſicht.“ hen Dann erhob er das Haupt gegen den Henker, wel⸗ cher Befehle zu erwarten ſchien, ſtatt zu geben, und ſagte: ch!„Thun Sie Ihre Pflicht.“ als Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als der Henker ihn anſtieß und ſein Korper im leeren Raume und baumelte. Während eine ungeheure Bewegung bei dieſem An⸗ ken blick auf der Gréve entſtand, während einige Liebhaber ge⸗ in die Hände klatſchten und Da capo riefen, wie ſie es nach einem Lieve im Vaudeville oder nach einer großen mz Arie in der Oper gethan hätten, glitt der ſchwarz geklei⸗ ich dete junge Mann von dem Weichſteine herab, auf den er geſtiegen war, durchſchnitt die Menge, ſprang an der nab Ecke des Pont Neuf in einen Wagen ohne Livree und ohne Wappen und rief dem Kutſcher zu: rſie„Nach dem Lurembourg, raſch! raſch!“ Der Wagen fuhr im Galopp weg. Drei Männer erwarteten in der That mit großer er⸗ Ungeduld die Ankunft dieſes Wagens. 6 160 Dieſe drei Männer waren der Herr Graf von Pro⸗ vence und zwei von ſeinen Cavalieren, die wir ſchon im Verlaufe unſerer Geſchichte genannt haben. Sie warteten mit um ſo größerer Ungeduld, als ſie ſich um zwei Uhr zu Tiſche ſetzen ſollten, was ſie aber in ihrer Unruhe nicht gethan hatten. Der Koch war in Verzweiflung, er fing bereits das vritte Diner an, und dieſes dritte Diner, welches in zehn Minuten gerade recht wäre, würde in einer Viertelſtunde verdorben ſein. Man hatte alſo den äußerſten Augenblick erreicht, R man das Rollen eines Wagens im Innern der Höfe örte. Der Graf von Provence ſtürzte nach dem Fenſter, voch er konnte nur einen Schatten ſehen, der von der letzten Stufe des Fußtrittes vom Wagen auf die erſte Stufe der Treppe des Palaſtes ſprang. 1 Er verließ daher das Fenſter und lief nach der Thüre; doch ehe ſie der in ſeinem Gange immer etwas un⸗ beholfene zukünftige Koͤnig von Frankreich erreicht hatte, öffnete ſich dieſe Thüre, und ein ſchwarz gekleideter junger Mann trat ein. „Monſeigneur,“ ſagte er,„Alles iſt vorbei; Herr von Favras iſt geſtorben, ohne ein Wort zu ſprechen.“ lieber Louis.“ ½ *„Ja, Monſeigneur. das war, bei meiner Treue, ein würdiger Edelmann!“ ⁰ „Ich bin ganz Ihrer Anſicht,“ ſagte Seine König⸗ Conſtantia auf ſeine Geſundheit trinken. Zu Tiſche, meine Herren!“ Thüre geöffnet, und die hohen Gäſte begaben ſich aus dem Salon in den Speiſeſaal. „Dann können wir uns ruhig zu Tiſche ſetzen, mein liche Hoheit,„wir werden auch beim Nachtiſch ein Glas * In dieſem Augenblick wurden die beiden Flügel der ——— — 3 4— n e r 8 n de fe r„ er te er te, er rr in —— 161 XLII. Die Monarchie iſt gerettet. Einige Tage nach der von uns erzählten Hinrichtung ritt ein Mann auf einem Apfelſchimmel langſam die Allee von Saint⸗Cloud hinauf. Dieſen langſamen Gang durfte man weder der Müdigkeit des Reiters, noch der Ermattung des Pferdes zuſchreiben: der eine und das andere hatten nur einen unbedeutenden Marſch gemacht; s war leicht zu ſehen, denn der Schaum, der aus em Maule des Thieres hervorkam, rührte davon her, daß es, nicht übermäßig angetrieben, ſondern mit Hart⸗ näckigkeit zurückgehalten worden war. Was den Reiter be⸗ trifft, der, wie man mit dem erſten Blicke bemerken konnte, ein Edelmann war, ſo zeugte ſein ganzer von Flecken freier Anzug von der Vorſicht, die er beobachtet hatte, um ſeine Kleider vor dem Kothe, der den Weg bedeckte, zu bewahren. Es hielt den Reiter vor Allem der tiefe Gedanke zurück, in welchen er ſichtbar verſunken war, dann viel⸗ leicht aber auch die Nothwendigkeit, erſt zu einer ge⸗ wiſſen Stunde, welche noch nicht geſchlagen hatte, anzu⸗ kommen. ₰ Es mochte ein Mann von vierzig Jahren ſein, deſ⸗ ſen mächtiger Häßlichkeit es nicht an einem großartigen harakter gebrach: ein zu vicker Kopf, aufgedunſene Backen, ein von den Pocken bearbeitetes Geſicht, ein Teint leicht zur Belebung, Augen raſch, um Blitze zu ſchleudern, ein Mund gewohnt, Sarkasmen zu kauen und auszuſpucken: ſo war das Aeußere dieſes Mannes, von Die Gräfin von Charny. M. 1 6 162 welchem man im erſten Augenblicke fühlte, er ſei beſtimmt, einen großen Platz einzunehmen und einen großen Lär⸗ men zu machen. Nur ſchien dieſe ganze Phyſiognomie bedeckt von einem Schleier, welchen auf ſie eine von jenen organi⸗ ſchen Krankheiten geworfen, gegen die ſich vergebens die kräftigſten Temperamente zerarbeiten: eine dunkle graue Geſichtshout, matte rothe Augen, ein Anfang von Schwere und ungeſunder Feiſtigkeit,— ſo erſchien der Mann, den wir dem Leſer vor vie Augen geſtellt haben. Auf der Höhe der Allee angelangt, ritt er ohne Zögern durch das Thor, das in den Hof des Paloſtes ging, und durchforſchte mit den Blicken die Tiefen dieſes Hofes. Rechts zwiſchen zwei Gebänden, welche eine Art von Sackgaſſe bildeten, wartete ein anderer Mann. Er winkte dem Reiter herbeizukommen. Ein Thor ſtand offen; der Mann, welcher wartete, ging, unter dieſem Thore durch, der Reiter folgte ihm und befand ſich bald mit Jenem in einem zweiten Hofe. Hier blieb der Mann ſtehen; er trug einen ſchwar⸗ zen Rock, eine ſchwarze Hoſe und eine ſchwarze Weſte; nachdem er umhergeſchaut und geſehen hatte, daß der Hof ganz verlaſſen war, näherte er ſich mit dem Hute in der Hand dem Reiter. DerReiter kam ihm gewiſſer Maßen entgegen, denn er neigte ſich auf den Kopf ſeines Pferdes und fragte leiſe: 8„Herr Weber?“ „Der Herr Graf von Mirabeau?“ antwortete dieſer. „Er ſelbſt,“ ſagte der Reiter. er ab. „Treten Sie ein,“ ſprach Weber lebhaft,„und wol⸗ len Sie einen Augenblick warten, bis ich ſelbſt das Pferd in den Stall gebracht habe.“ Und leichter, als man hätte denken ſollen, ſtieg Zu gleicher Zeit öffnete er die Thüre eines Salon⸗ 7 S S er te nn te er. ieg ol⸗ erd on, 163 bon dem die Fenſler und eine zweite Thüre nach dem Parke gingen. Mirabeau trat in den Salon ein und wandte bie paar Minuten, die ihn Weber allein ließ, dazu an, daß er eine Art von ledernen Stiefeln abſchnallte, wodurch unverſehrte ſeidene Strümpfe und Schuhe von einem ta⸗ delloſen Firniß zum Vorſchein kamen. Weber kehrte, wie er verſprochen hatte, nach fünf Minuten zurück. „Kommen Sie, Herr Graf,“ ſagte er,„die Köni⸗ gin erwartet Sie.“ „Die Königin erwartet mich!“ erwiederte Mira⸗ beau.„Sollte ich das Unglück gehabt haben, auf mich warten zu laſſen? Ich glaubte doch pünktlich geweſen zu ſein.“ „Ich wollte nur ſagen, die Königin ſei ungeduldig, Sie zu ſehen. Kommen Sie, Herr Graf.“ Weber öffnete die in den Garten gehende Thüre und vertiefte ſich in das Labyrinth von Alleen, das nach dem einſamſten und höchſten Orte des Parkes führte. Hier, mitten unter Bäumen, die ihre troſtloſen, des Blätterwerks beraubten Aeſte ausſtreckten, erſchien in einer gräulichen, traurigen Atmoſphäre eine Art von Pavillon, bekannt unter dem Namen; der Kiosk. Die Vorhänge dieſes Pavillon waren hermetiſch geſchloſſen, mit Ausnahme von zweien, welche, nur an einander geſchoben, wie durch die Schießſcharten Thurmes zwei kaum zur Erleuchtung des Innern gehü⸗ gende Lichtſtrahlen einließen. Ein großes Feuer war im Herde angezündet und zwei Candelaber brannten auf dem Kamin. Weber ließ denjenigen, welchem er als Führer diente, in eine Art von Vorzimmer eintreten. Dann öffnete er die Thüre des Kivsks⸗ nachdem er ſachte daran gekratzt hatte, und meldete: „Der Herr Graf Riquetti von Miraheau,“ 164 Und er trat auf die Seite, um den Grafen an ſich vorübergehen zu laſſen. Hätte er in dem Augenblick, wo der Graf vorüber⸗ ging, gehorcht, ſo würde er ſicherlich das Herz in dieſer weiten Bruſt haben ſchlagen hören. Als man die Anweſenheit des Grafen meldete, ſtand eine Frau in der entfernteſten Ecke des Kiosks auf und machte mit einer Art von Zögern, von Angſt ſogar, ein paar Schritte ihm entgegen. Dieſe Frau war die Königin. Ihr Herz ſchlug auch gewaltig; ſie hatte vor den Augen vieſen gehaßten, verrufenen, verhängnißvollen Mann, dieſen Mann, welchen man bezüchtigte, er habe den 5. und den 6. Oktober gemacht, dieſen Mann, dem man ſich einen Augenblick zugewandt hatte, der aber von den Leu⸗ ten des Hofes ſelbſt zurückgeſtoßen worden war und ſeit⸗ dem die Nothwendigkeit, abermals mit ihm zu unterhan⸗ veln, durch zwei Donnerſchläge, durch zwei herrliche Zornausbrüche, welche bis zum Erhabeuen emporgeſtiegen waren, fühlbar gemacht hat. Der erſte war ſeine Anrede an die Geiſtlichkeit, der zweite die Rede, in der er erklärte, wie ſich die Reprä⸗ ſentanten des Volks von Amtsabgeordneten zur National⸗ verſammlung gemacht hatten. Mirabeau näherte ſich mit einer Anmuth und einer Höflichkeit, welche mit dem erſten Blicke an ihm zu er⸗ nen die Kön gin erſtaunt war, und die auch dieſe kräf⸗ tige Organiſation auszuſchließen ſchien. Nachdem er ein paar Schritte gemacht hatte, ver⸗ beugte er ſich ehrfurchtsvoll und wartete. Die Königin brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte mit einer Stimme, in der ſie die Aufregung nicht mäßigen konnte:. „Herr von Mirabeau, Herr Gilbert hat uns einſt die Verſicherung gegeben, Sie ſeien geneigt, ſich mit uns zu verbinden.“ 165 Mirabeau verbeugte ſich, um ſeine Beiſtimmung zu bezeichnen. Die Königin fuhr fort: 3 „Es iſt Ihnen ſodann eine Eröffnung gemacht wor⸗— den, die Sie durch den Entwurf eines Miniſteriums er⸗ 8 wiederten.“ Mirabeau verbeugte ſich zum zweiten Mole. „Es iſt nicht unſere Schuld, Herr Graf, wenn die⸗ ſer erſte Entwurf nicht durchdringen konnte.“ „Ich glaube es, Madame, und zwar beſonders von Seiten Eurer Majeſtät,“ erwieberte Mirabeauz„doch es iſt die Schuld der Leute, die ſich den Intereſſen der Mo⸗ narchie ergeben nennen.“ „Was wollen Sie, Herr Graf, das iſt ein Unglück unſerer Lage. Die Konige können ehenſo wenig ihre Freunde wählen als ihre Feinde; die Könige ſind oft ge⸗ nöthigt, Unheil bringende Ergebenheiten anzunehmen: Wir ſind umringt von Menſchen, die uns retten wollen und uns zu Grunde richten; ihre Motion, welche aus der nächſten Legislatur die Mitglieder der gegenwärtigen Na⸗ tionalverſammlung entfernt, iſt ein Beiſpiel gegen ſie. Soll ich Ihnen eines gegen mich anführen? Würden Sie wohl glauben, daß einer meiner Getreuſten, ein Mann, der, ich bin es feſt überzeugt, ſich für uns töd⸗ ieße, zu unferem oͤffentlichen Mittagsmahle die die Kinder von Herrn von Favras, alle drei ſchwarz gekleidet, geführt hat?. Meine erſte Bewegung, als ich ſie erblickte, war, daß ich aufſtand, auf ſie zu⸗ ging und den Kindern des Mannes, der ſo muthig für uns geſtorben iſt,— denn ich, Herr Graf, gehöre nicht zu denjenigen, welche ihre Freunde verleugnen,— Plätze zwiſchen dem König und mir geben ließ. Aller Augen waren auf uns geheftet. Man wartete, was wir thun würden. Ich wandte mich um Wiſſen Sie, wen ich hinter mir vier Schritte von meinem Stuhle hatte? Santerre! den Mann der Vorſtädte! Ich 166 ſank auf meinen Stuhl zurück, weinte vor Wuth und mochte nicht einmal dieſe Witwe und dieſe Waiſen an⸗ ſchauen. Die Royaliſten werden mich tadeln, daß ich nicht Allem getrotzt habe, um dieſer unglücklichen Familie ein Zeichen meiner Theilnahme zu geben; die Revolutio⸗ näre werden wüthend ſein bei dem Gedanken, ſie ſeien mir mit meiner Erlaubniß vorgeſtellt worden. Oh! mein Herr,“ fuhr die Königin den Kopf ſchürtelnd fort, „man muß wohl untergehen, wird mon angegriffen von Männern von Genie und vertheidigt von Leuten, welche allerdings ſehr ſchätzbar ſind, aber keinen Begriff von unſerer Lage haben.“ Und die Königin drückte mit einem Seufzer ihr Taſchentuch an die Augen. „Madame,“ ſagte Mirabeau, gerührt von dieſem großen Unglück, das ſich nicht vor ihm verbarg und ihm, ſei es durch die geſchickte Berechnung der Königin, ſei es durch die Schwäche der Frau, ihre Bangigkeiten zeigte und ihn ihre Thränen ſehen ließ,„wenn Sie von Menſchen ſprechen, vie Sie angreifen, ſo meinen Sie doch hoffentlich nicht mich? Ich bin ein Anhänger der monarchiſchen Grunvſätze geweſen, als ich im Hofe nur ſeine Schwäche ſah und weder die Seele, noch den Geiſt der erhabenen Tochter von Maria Thereſia kannte. Ich habe für die Rechte des Thrones gekämpft, als ich nur Mißtrauen einfloͤßte und alle meine Schritte, durch die Bosheit vergiftet, ebenſo viele Fallen zu ſein ſchienen. Ich habe dem König gedient, während ich genau wußte⸗ ich dürfe von dieſem gerechten, aber getäuſchten König weder eine Wohlthat, noch eine Belohnung erwarten. Was werde ich nun thun, Madame, da das Vertrauen meinen Muth erhebt und die Dankbarkeit, die mir der Empfang Eurer Majeſtät einflößt, aus meinen Grund⸗ ſätzen eine Pflicht macht? Es iſt ſpät, ich weiß es wohl, Madame, ſehr ſpät,“ fuhr Mirabeau, ebenfalls den Kopf ſchüttelnd, fort;„die Wonarchie, indem ſie mir —+„—+————„ — S S e S* 2 167 6 den Antrag macht, ſie zu retten, ſchlägt mir vielleicht in Wirklichkeit nur vor, mich mit ihr zu Grunde zu richten. Hätte ich nachgedacht, ſo würde ich vielleicht um die Gnade dieſer Audienz anzunehmen, einen andern Augenblick gewählt haben, als den, wo Seine Majeſtät gerade der Kammer das bekannte rothe Buch, das heißt die Ehre ſeiner Freunde überliefert hat.“ „Oh! mein Herr,“ rief die Königin,„halten Sie den König für mitſchuldig an dieſem Verrathe, und wiſ⸗ ſer Sie nicht, wie ſich die Dinge zugetragen haben 2 Vom König gefordert, iſt das rothe Buch nur unter der Bedingung abgegeben worden, daß der Ausſchuß es ge⸗ heim halte; der Ausſchuß hat es drucken laſſen: das iſt ein Wortbruch des Ausſchuſſes gegen den König und nicht ein Verrath des Königs gegen ſeine Freunde.“ „Ach! Madame, Sie wiſſen, welche Urſache den Ausſchuß zu dieſer Veröffentlichung beſtimmt hat, die ich als Mann von Ehre mißbillige, die ich als Abgeordneter verleugne. In demſelben Augenblick, wo der Koͤnig der Conſtitution Liebe ſchwor, hatte er einen beſtändigen Agenten in Turin mitten unter den Todfeinden dieſer Con⸗ ſtitution. Zur Stunde, wo er von pecuniären Reformen ſprach und diejenigen, welche ihm die Nationalverſamm⸗ lung vorſchlug, anzunehmen ſchien, beſtand in Trier von ihm beſoldet, von ihm gekleidet ſein großer und ſein kleiner Leibſtall unter den Befehlen des Prinzen von Lambesc, dem Todfeinde der Pariſer, welchen im Bild⸗ niſſe aufzuhängen vas Volk alle Tage verlangt. Man be⸗ zahlt dem Grafen dArtois, dem Prinzen von Condé, al⸗ len Emigrirten ungeheure Penſionen, und zwar ohne Rückſicht auf ein vor zwei Monaten erlaſſenes Decret, das dieſe Penſionen aufhebt. Allerdings hat der König vergeſſen, das Decret zu ſanctioniren. Was wollen Sie, Madame, man hat die letzten zwei Monate hindurch die Verwendung von ſechzig Millivnen geſucht und ſie nicht ge⸗ funden, Gebeten, angefleht, zu fagen, wohin das Geld 168 gekommen, hat ſich der König geweigert, es anzugeben; der Ausſchuß glaubte ſich ſeines Verſprechens entbunden und ließ das rothe Buch drucken. Warum liefert der Konig Waffen aus, die man ſo grauſam gegen ihn wen⸗ den kann 2“ „Alſo, mein Herr,“ rief die Königin,„wenn Sie zur Ehre, dem König zu rathen, zugelaſſen wären, würden Sie ihm nicht die Schwächen rathen, mit denen man ihn ins Verderben führt, mit denen man„ oh! ja, ſagen wir das Wort„„ mit denen man ihn entehrt?“ „Würde ich zu der Ehre berufen, dem König zu rathen, Madame,“ erwiederte Mirabeau,„ſo wäre ich bei ihm der Vertheidiger der durch die Geſetze geregel⸗ ten monarchiſchen Gewalt und der Apoſtel der durch die monarchiſche Gewalt garantirten Freiheit. Die Freiheit, Madame, hat drei Feinde: die Geiſtlichkeit, den Adel und die Parlamente; die Geiſtlichkeit iſt nicht mehr von vieſem Jahrhundert, ſie iſt durch die Motion von Herrn von Talleyhrand getödtet worden; der Adel iſt von allen Jahrhunderten: ich glaube alſo, daß man mit ihm rech⸗ nen muß, denn ohne Adel keine Monarchie; aber man muß ihn im Zaume halten, und dies iſt nur möglich, wenn man eine Coalition des Volkes mit dem königli⸗ chen Anſehen bildet. Die königliche Gewalt wird ſich aber nie aufrichtig mit dem Volke verbinden, ſo lange vie Parlamente beſtehen, denn ſie bewahren für den Kö⸗ nig und den Adel die unſelige Hoffnung, ihnen die alte Ordnung der Dinge wiederzugeben. Nach der Vernich⸗ tung der Geiſtlichkeit die exeeutive Gewalt wieverbele⸗ ben, die königliche Autorität wiederherſtellen und ſie mit der Freiheit ausſoͤhnen, das iſt meine ganze Politik, Madame; iſt es die des Königs, ſo nehme er ſie an, iſt es nicht die ſeinige, ſo weiſe er ſie zurück.“ „Mein Herr,“ ſprach die Königin, betroffen von der Klarheit, welche zugleich über die Vergangenheit, die „ ————— — — e 169 Gegenwart und die Zukunft die Ausſtrahlung dieſes weitumfaſſenden Verſtandes verbreitete,„ich weiß nicht, ob dieſe Politik die des Königs wäre, doch was ich weiß, iſt, daß es, wenn ich einige Macht beſäße, die meinige wäre. Laſſen Sie mich alſo Ihre Mittel, zu dieſem Ziele zu gelangen, kennen, Herr Graf; ich höre Sie, ich ſage nicht mit Aufmerkſamfeit, mit Intereſſe, ich ſage mit Dankbarkeit.“ Mirabeau warf einen raſchen Blick auf die Köni⸗ gin, einen Ablersblick, der den Abgrund ihres Herzens ſondirte, und er ſah, daß ſie, wenn nicht überzeugt, doch wenigſtens fortgeriſſen war. Dieſer Sieg über eine ſo erhabene Frau wie Marie Antvinette, ſchmeichelte auf die füßeſte Art der Eitelkeit von Mirabeau. „Madame,“ ſprach er,„wir haben Paris verloren oder beinahe verloren, doch es bleiben uns noch in der Provinz große zerſtreute Mengen, aus denen wir feſt verbundene Maſſen machen können; darum iſt es meine Anſicht, Madame, der König ſoll Paris verlaſſen, nicht Frankreich; er ſoll ſich nach Ronen unter ſein Heer zurückziehen. Von dort aus ſoll er Verordnungen er⸗ gehen laſſen, welche volksthümlicher als die Decrete der Nationalverſammlung; dann kein Bürgerkrieg, da ſich der König revolutionärer macht als die Revolution.“ „Aber dieſe Revolutivn, mag ſie uns vorangehen oder uns folgen, erſchreckt ſie Sie nicht?“ fragte die Königin. „Ach! Madame, ich glaube beſſer als irgend Je⸗ mand zu wiſſen, daß man ihr einen Theil zuſcheiden, einen Kuchen zuwerfen muß; ich habe es der Königin ſchon geſagt: die Monarchie auf den alten Grundlagen, welche die Revolution zerſiört hat, wiederherſtellen zu wollen, iſt ein menſchliche Kräfte überſteigendes Unter⸗ nehmen. Zu dieſer Revolution hat Jedermann in Frank⸗ reich beigetragen, vom Koͤnig an bis zum letzten ſeiner . 170 Unterthanen, ſei es vurch die Abſicht, ſei es durch die That, ſei es durch Unterlaſſung. Es iſt alſo nicht die alte Monarchie, die ich zu vertheidigen im Sinne habe, ſondern ich gedenke ſie zu modificiren, neu zu geſtalten, kurz eine Regierungsform zu gründen, die mehr oder„ minder der ähnlich, welche England auf den hoöchſten Gipfel ſeiner Macht und ſeines Ruhmes geſtellt hat. Nachdem er, wenigſtens wie mir Herr Gilbert geſagt, das Gefängniß und das Schoffot von Karl I. im Halb⸗ dunkel erſchaut, würde ſich alſo der König nicht mit dem Throne von Wilhelm III. oder Georg I. begnügen?“ „Oh! Herr Graf,“ rief die Königin, die ein Wort von Mirobeau durch einen tövtlichen Schauer an die Viſion im Schloſſe Taverney und an die Zeichnung des von Herrn Guillotin erfundenen Tödtungsinſtrumentes erinnert hatte,„ohl! Hert Graf, geben Sie uns vieſe Monarchie, und Sie werden ſehen, ob wir Undankbare ſind, wie man uns beſchuldigt.“ „Nun,“ rief Mirabeau,„das iſt es, was ich thun werde, Madame. Der König unterſtütze, die Königin ermuthige mich, und ich lege hier zu Ihren Füßen mei⸗ nen Schwur als Edelmann nieder, daß ich das Ver⸗ † ſprechen, welches ich Eurer Majeſtät leiſte, halten oder 15 ſterben werde!“ „Graf, Graf!“ ſagte Marie Antoinette,„vergeſſen Sie nicht, daß es mehr als eine Frau iſt, die Ihren Schwur gehört hat: es iſt eine Dynaſtie von fünf Jahr⸗ hunderten! es ſind ſieben Könige von Frankreich, welche von Pharamond bis Ludwig XV. in ihrem Grabe ruhen ni uns entthront ſein werden, wenn unſer Thron ällt!“ „Ich kenne die Verbinvlichkeit, die ich übernehme, Madame; ich weiß, ſie iſt ungeheuer, doch ſie iſt nicht größer als mein Wille, nicht ſtärker als meine Ergebenheit. Bin ich ſicher der Sympathie meiner v— rettet“ 171 Königin und des Vertrauens meines Königs, ſo werde ich das Werk unternehmen.“ „Wenn Sie nur dies brauchen, Herr von Mirabeau ſo verpfände ich Ihnen Beides,“ ſprach Marie Antoinette. Und ſie grüßte Mirabeau mit jenem Lächeln einer Sirene, das ihr alle Herzen gewann. Mirabeau begriff, daß die Audienz beendigt war. Der Stolz des Mannes der Politik war befriedigt, doch der Eitelkeit des Edelmannes fehlte noch etwas. „Madame,“ ſagte er mit einer achtungsvollen und zugleich kühnen Höflichkeit,„wenn Ihre erhabene Mutter, die Kaiſerin Maria Thereſia, zur Ehre ihrer Gegenwart einen ihrer Unterthanen zuließ, ſo verabſchiedete ſie ihn nie, ohne ihm ihre Hand zum Kuſſe zu reichen.“ Und er blieb ſtehen und wartete. Die Königin ſchaute dieſen gefeſſelten Löwen an, der nichts Anderes berlangte, als ſich zu ihren Füßen nieder⸗ zulegen. Mit dem Lächeln des Triumphes auf den Lip⸗ pen, ſtreckte ſie dann langſam ihre ſchöne, wie der Alabaſter kalte, beinahe wie dieſer durchſichtige Hand aus. Mirabeau verbeugte ſich, berührte mit ſeinen Lippen 3 dieſe Hand, erhob wieder das Haupt voll Stolz und ſprach: „Madame, durch dieſen Kuß iſt die Monarchie ge⸗ Und er entfernte ſich ganz bewegt, ganz freudig, ſelbſt glaubend, der arme Mann von Genie! an die Er⸗ füllung der Prophezeiung, die er gemacht. XLIII. Rückkehr zum Pachthofe. Während Marie Antvinette wieder der Hoffnung ihr ganz von Schmerzen zerfreſſenes Herz oͤffnet und, ſich mit dem Heile der Königin beſchäftigend, einen Augenblick die Leiden der Frau vergißt, während Mira⸗ beau träumt, er könne wie der Athlet Alkidamas allein das Gewölbe der Monarchie ſtützen, das, dem Einſturze nahe, zuſammenfallend ihn zu zerſchmettern vroht, wollen wir den durch ſo viel Politik ermüdeten Leſer zu de⸗ müthigeren Perſonen und friſcheren Horizonten zuruck⸗ führen. Wir haben geſehen, welche Befürchtungen, durch Pitou dem Herzen von Billot bei des Erſteren zweiter Reiſe von Haramont in die Hauptſtadt eingeblaſen, den Päch⸗ ter an den Pachthof, oder vielmehr den Vater an ſeine Tochter erinnerten. Dieſe Beſorgniſſe waren nicht übertrieben. Die Rückkehr fand am zweiten Tage nach der be⸗ kannten Nacht ſtatt, wo ſich das dreifache Ereigniß der Flucht von Sebaſtian Gilbert, der Abreiſe des Vicomte Iſidor von Charny und der Ohnmacht von Catherine auf dem Wege von Villers⸗Coterets nach Piſſeleu zu⸗ getragen hat. In einem andern Kapitel dieſes Buches haben wir erzählt, wie Pitou, nachdem er Catherine in den Pacht⸗ hof zurückgebracht, nachdem er von ihr, unter Weinen und Schluchzen, erfahren, der Unfall, der ihr zugeſtoßen, ſei vurch die Abreiſe von Iſidor veranlaßt worden, na Haramont, erdrückt unter der Laſt dieſes Geſtändniſſes 173 zurückkam, bei ſeiner Heimkehr den Brief von Sebaſtian fand und ſogleich nach Paris abging. In Paris ſahen wir ihn mit einer ſolchen Unruhe auf Gilbert und Sehaſtian warten, daß es ihm nicht einmal einſiel, mit Billot von dem Ereigniſſe des Pachthofes zu ſprechen. Erſt nachdem er ſich über das Loos von Sebaſtian, als er dieſen mit ſeinem Vater nach der Rue Saint⸗ Honoré zurückkommen ſah, beruhigt hatte, als er aus dem Munde des Knaben ſelbſt die Einzelnheiten ſeiner Reiſe erfahren und von ihm gehört hatte, wie er den Vicomte Iſidor getroffen, der ihn dann auf dem Kreuze ſeines Pferdes mit nach Paris nahm, erinnerte er ſich an Catherine, an den Pachthof und die Mutter Billot und ſprach von der ſchlechten Ernte, von dem unauf⸗ hörlichen Regen und der Ohnmacht von Catherine. Wir haben geſagt, von dieſer Ohnmacht ſei Billot beſonders ergriffen geweſen, und ſie habe ihn beſtimmt, von Gilbert einen Urlaub zu verlangen, den ihm dieſer bewilligte. Den ganzen Weg entlang befragte Billot Pitou über dieſe Ohnmacht, denn er liebte ſeine Frau ſehr, der würdige Pächter, er liebte ſeine Frau ungemein, der gute Gatte, was er aber über Alles liebte, war ſeine Tochter. Und dennoch hätte ihn bei ſeinen unwandelbaren Begriffen von Ehre, bei ſeinen unbefiegbaren Grundſätzen der Redlichkeit, dieſe Liebe bei zu einem ebenſo unbeugſamen Richter gemacht, als er ein zärt⸗ licher Vater war. Von ihm befragt, antwortete Pitou. Er hatte Catherine auf dem Wege liegend, ſtumm, unbeweglich, leblos gefunden; er hatte ſie für todt ge⸗ halten; er hatte ſie, ganz in Verzweiflung, in ſeinen Armen aufgehoben und auf ſeinen Schoos gelegt. Dann hatte er bald bemerkt, daß ſie noch athmete, und laufend 7 174 nach dem Pachthofe getragen, wo er ſie mit Hülfe der Mutter Billot auf ihr Bett gebracht. Hier hatte er ihr, während die Mutter Billot wehklagte, ungeſchlacht Waſſer ins Geſicht geſpritzt. Dieſe Friſche hatte gemacht, daß Catherine die Augen wieder geöffnet, und als er dies ge⸗ ſehen, fügte Pitou bei, habe er ſeine Gegenwart auf dem Pachthofe nicht mehr für nöthig gehalten und ſei weg⸗ gegangen. Das Uebrige, nämlich Alles, was ſich auf Sehaſtian bezog, hatte der Vater Billot einmal erzählen hören, und dieſe Erzählung genügte ihm. Eine Folge hievon war, vaß Billot, unabläſſig auf Catherine zuruͤckkommend, ſich in Muthmaßungen über den Unfall, der ihr zugeſtoßen, und über die wahrſchein⸗ lichen Urſachen dieſes Unfalls erſchöpfte. Dieſe Muthmaßungen überſetzten ſich in Fragen an Pitou gerichtet, auf welche Fragen Pitou diplomatiſch antwortete: „Ich weiß es nicht.“ Und es war ein Verdienſt von Pitou, daß er ant⸗ wortete:„Ich weiß es nicht;“ denn Catherine hatte, wie man ſich erinnert, die grauſame Offenherzigkeit ge⸗ habt, ihm Alles zu geſtehen, und folglich wußte Pitou. Er wußte, daß Catherine, weil ihr das Herz durch den Abſchied von Iſivor gebrochen, auf der Stelle, wo er ſie gefunden, in Ohnmacht gefallen war. Doch um kein Gold der Erde hätte er dies jemals dem Pächter geſagt. Pitou hatte ſich von einem großen Mitleiden für Catherine erfaſſen laſſen. Pitou liebte Catherine, er bewunderte ſie beſonders; wir haben ſeiner Zeit geſehen, wie dieſe Bewunderung und dieſe Liebe, ſchlecht geſchätzt und beſonders ſchlecht belohnt, Leiden in das Herz und Entzückungen in den Geiſt von Pitou brachten. Doch dieſe Entzückungen, ſo exaltirt fie waren, dieſe 175 Schmerzen, ſo ſcharf er ſie empfand, waren nie bis zur Ohnmacht gegangen. Piton ſtellte ſich alſo folgendes, äußerſt vernünftige Dilemma, welches er mit ſeiner gewöhnlichen Logik in drei Theile theilte: „Liebt Mademoiſelle Catherine Herrn Iſidor, um ohnmächtig zu werden, wenn er ſie. verläßt, ſo liebt ſie Herrn Iſidor mehr als ich ſie, Mademoiſelle Catherine, liebe, ich nie ich ſie gerlaſſen, in Ohnmacht ge⸗ all 7 on dieſem erſten Theile ging er zum zweiten über, und er ſagte zu ſich ſelbſt:„Liebt ſie ihn mehr als ich ſie liebe, ſo muß ſie alſo noch mehr leiden, als ich gelitten habe; in dieſem Falle leidet ſie viel.“ Von wo aus er zum dritten Thelle ſeines Dilem⸗ ma, d. h. zum Schluſſe kam, ein Schluß, der um ſo logiſcher, als er ſich, wie jeder gute Schluß, mit dem Eingange wiederverband: „Und in der That, ſie leidet mehr als ich leide, da ſie ohnmächtig wird und ich nicht ohnmächtig werde.“ Hievon das große Mitleid, das Pitou ſtumm Billot gegenüber in Beziehung auf Catherine machte, eine Stummheit, welche die Beſorgniſſe von Billot vermehr⸗ ten, die ſich, ſo wie ſie zunahmen, immer deutlicher in Peitſchenhiebe überſetzten, die der würdige Pächter ohne Unterlaß mit kräftigem Arme den Lenden des von Dammartin gemietheten Pferdes ertheilte, ſo daß um vier Uhr Nachmittags das Pferd, der kleine Wagen und die zwei Reiſenden, die er enthielt, vor der Thüre des Pachthofes ankamen, wo bald das Gebelle der Hunde ihre Gegenwart ſignaliſirte. 3 Kaum hielt der Wagen ſiill, als Billot zu Boden ſprang und raſch in den Pachthof eintrat. Doch ein Hinderniß, das er nicht erwartete, erhob ſich auf der Schwelle des Schlafzimmers ſeiner Tochter. Das war der Doctor Raynal, veſſen Namen wir, . 176 wie uns ſcheint, ſchon im Verlaufe dieſer Geſchichte aus⸗ zuſprechen Gelegenheit gehabt haben; er erklärte, jede Aufregung ſei bei dem Zuſtande, in dem ſich Catherine befand, nicht nur gefährlich, ſondern könne ſogar tödtlich ſein,— ein neuer Schlag, ver den armen Billot traf. Er wußte die Thatſache der Ohnmacht, doch von dem Augenblicke an, wo Piton hatte Catherine die Augen wieder öffnen und zu ſich kommen ſehen, bekümmerte er ſich, wenn man ſo ſagen darf, nur noch um die Urſachen und die moräli s. Und nun wollte das Unglück, daß a ußet ven utn ſachen und den moraliſchen Folgen auch ein körperliches Reſultat vorhanden war. Dieſes körperliche Reſultat war eine Gehirnentzün⸗ dung, welche ſich am Morgen des vorhergehenden Tages erklärt hatte und ſich auf den höchſten Grad der Intenſi⸗ tät zu ſteigern drohte. Der Doctor Raynal war bemüht, dieſe Gehirn⸗ entzündung durch alle Mittel, welche bei einem ſolchen Falle die Adepten der alten Arzneiwiſſenſchaft anwandten, nämlich durch Aderläſſe und Senfpflaſter zu bekämpfen. Doch dieſe Behandlung, ſo thätig ſie auch verfolgt wurde, war bis jetzt gleichſam nur an der Seite der Krankheit hingegangenz der Kampf zwiſchen dem Uebel und dem Mittel hatte ſich kaum entſponnen, und Cathe⸗ rine war vom Morgen an einem heftigen Delirium preisgegeben. In dieſem Delirium ſprach ſie ohne Zweifel ſeltſame Dinge, denn unter dem Vorwande, ihr Aufregungen zu erſparen, hatte der Doctor Raynal ſchon ihre Mutter von ihr entfernt, wie er in dieſem Augenblicke, ihren Vater fern zu halten ſuchte. Die Mutter Billot ſaß auf einem Schemel im Hintergrunde des ungeheuren Kamins; ſie hatte den Kopf in ihre Hände gedrückt und ſchien Allem, was um ſie her vorging, fremd zu ſein. —— ———— S„— ⸗ e 1e — 177 Unempfindlich für das Geräuſch des Wagens, für das Bellen der Hunde, für den Eintritt von Billot in die Küche, erwachte ſie indeſſen, als die Stimme von dieſem, mit dem Doctor ſtreitend, ihre in die Tiefe einer düſtern Träumerei verſunkene Vernunft ergriff. Sie richtete den Kopf auf, öffnete die Augen, hef⸗ tete ihren ſtumpfen Blick auf Billot und rief; „Ah! da iſt unſer Mann!“ Und ſie ſtand auf, ging ganz ſtolpernd und mit ausgeſtreckten Armen auf Billot zu und warf ſich an ſeine Bruſt. Dieſer ſchaute ſie mit einer erſchrockenen Miene, als ob er ſie kaum erkennete, an. „Ei!“ fragte er, Angſiſchweiß auf der Stirne, „was geht denn hier vor2“ „Es geht hier vor,“ erwiederte Doctor Raynal, „daß Ihre Tochter das hat, was wir eine Gehirnentzün⸗ dung nennen, und daß man, wenn man dies hat, wie man nur gewiſſe Dinge zu ſich nehmen darf, ebenſo auch nur gewiſſe Perſonen ſehen darf.“ „Iſt denn dieſe Krankheit gefährlich, Herr Ray⸗ nal?“ fragte der Vater Billot.„Stirbt man daran?“ „Man ſtirbt an allen Krankheiten, wenn man ſchlecht behandelt wird, mein lieber Herr Billotz laſſen Sie mich aber Ihre Tochter nach meiner Weiſe behandeln, und ſie wird nicht ſterben.“ „Wahrhaftig, Doctor?“ 5 „Ich ſtehe für ſie; doch in den nächſten paar Tagen können nur ich und die Perſonen, die ich bezeichnen werde, in ihr Zimmer eintreten.“ Billot ſtieß einen Seufzer aus; man hielt ihn für beſiegt; doch er wagte einen letzten Verſuch und ſagte mit dem Tone, mit dem ein Kind um eine Gnade ge⸗ beten hätte: „Kann ich ſie wenigſtens ſehen?“ Die Gräfin von Charny. M. 12 178 „Und wenn Sie ſie ſehen, wenn Sie ſie umarmen, werden Sie mich wenigſtens drei Tage ruhig laſſen und nichts mehr verlangen?“ „Ich ſchwöre es Ihnen, Doctor.“ „Nun, ſo kommen Sie.“ „Er öffnete die Thüre des Zimmers von Catherine, und der Vater Billot konnte ſeine Tochter mit einer in Eiswaſſer befeuchteten Binde um die Stirne, mit irrem Auge und das Geſicht glühend vom Fieber ſehen. Sie ſprach unzuſammenhängende Worte, und als Billot ſeine bleichen, zitternden Lippen auf ihre feuchte vrückte, ſchien es ihm, als vernähme er den Namen idor. Auf der Thürſchwelle der Küche gruppirten ſich die Mutter Billot mit gefalteten Händen, Pitou, der ſich auf die Spitze ſeiner langen Füße erhob, um über die Schulter der Pächterin zu ſchauen, und ein paar Tagelöh⸗ ner, welche gerade da waren und mit ihren eigenen Augen ſehen wollten, wie es ihrer jungen Gebieterin ginge. Seinem Verſprechen getreu zog ſich der Vater Billot zurück, als er ſein Kind geküßt hatte, nur zog er ſich mit gefalteter Stirne und vüſterem Blicke zurück und murmelte: „Ach! ich ſehe, es war Zeit, daß ich zurückkam.“ Und er ging wieder in die Küche, wohin ihm ſeine Frau maſchinenmäßig folgte, und wohin auch Piton fol⸗ gen wollte, als ihn der Doctor unten an ſeinem Wammſe zog und zu ihm ſagte: „Verlaſſe den Pachthof nicht, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Pitou wandte ſich erſtaunt um, und war im Begriffe, ſich beim Doctor zu erkundigen, wozu er ihm dienlich ſein könnte, doch dieſer legte geheimnißvoll und Still⸗ ſchweigen gebietend den Finger auf ſeinen Mund. Pitou blieb alſo auf der Stelle, wo er war, auf eine mehr groteske, als poetiſche Art jene Götter des uf 179 Alterthums verſinnlichend, welche, die Füße im Steine feſtgehalten den Leuten die Grenzen ihrer Felder bezeich⸗ neten. Nach Verlauf von fünf Minuten offnete ſich die Thüre des Zimmers von Catherine wieder, und man hörte die Stimme des Doctors Piton rufen. „Was?“ fragte dieſer, aus der Tiefe des Traumes erwachend, in den er verſunken ſchien,„was wollen Sie von mir, Herr Raynal?“. „Komm und hilf Frau Clement Catherine halten, während ich ihr zum dritten Male zur Ader laſſe.“ „Zum dritten Male!“ murmelte die Mutter Billot, per will meinem Kinde zum dritten Male zur Ader laſ⸗ ſen! Oh! mein Gott! mein Gott!“ „Weib, Weib,“ ſprach Billot mit ernſtem Tone⸗ „Alles dies wäre nicht geſchehen, hätteſt Du beſſer über Deinem Kinde gewacht.“ Und er kehrte in ſein Zimmer zurück, aus welchem er ſeit vrei Monaten entfernt war, währenb Pitou, durch den Doetor Raynal zum Range eines Zöglings der Chi⸗ rurgie erhoben, in das von Catherine eintrat. XLIV. Piton als Rranenkwärter. Piton wär ſehr erſtaunt, daß er dem Doetor zu etwas nützen ſollte; doch er wäre noch mehr erſtaunt geweſen, hätte ihm vieſer geſagt, er erwarte von ihm eher einen moraliſchen als einen phyſiſchen Beiſtand bei der Kranken, 180 Der Doctor hatte in der That bemerkt, daß Cathe⸗ rine in ihrem Delirium beinahe immer den Namen Piton mit dem von Iſivor verband. Das waren, wie man ſich erinnern wird, die zwei letzten Geſtalten, welche im Geiſte von Catherine hatten bleiben müſſen,— Iſivor, als ſie die Augen geſchloſſen, Pitou, als ſie dieſelben wieder geöffnet. Da jedoch die Kranke dieſe zwei Namen nicht mit dem⸗ ſelben Tone ausſprach und der Doctor Raynal, der nicht we⸗ niger Beobachter als ſein berühmter Homonyme, der Ver⸗ faſſer der philoſophiſchen Geſchichte Indiens, ſich ſogleich ſagte, von dieſen zwei mit verſchiedenem, aber dennoch bezeichnendem Tone ausgeſprochenen Namen Ifidor von Charny und Ange Piton müſſe der Name Ange Pitvu der des Freundes und der Name Iſidor von Charny der des Gellebten ſein, ſo ſah er nicht nur keinen Nachtheil, ſondern ſogar einen Vortheil darin, daß er zu der Kranken einen Freund einführte, mit dem ſie von ihrem Geliebten ſprechen konnte. Denn für den Doctor Raynal,— ohne daß wir ſei⸗ nem Scharfſinne etwas benehmen wollen,— war dies eine leichte Sache; für ihn war es klar, und er brauchte nur, wie bei den Fällen, wo die Aerzte legale Mediein treiben, die Thatſachen zu gruppiren, damit die volle Wahrheit vor ſeinen Augen erſchien. Jedermann wußte in Villers⸗Coterets, daß in der Nacht vom 5. auf den 6. October Georges von Charny in Verſailles getödtet worden, und daß am Abend des andern Tages ſein Bruder Iſidor, vom Grafen von Charny berufen, nach Paris abgereiſt war. Pitou hatte nun Catherine ohnmächtig auf dem Wege von Bourſonne nach Paris gefunden. Er hatte ſie bewußtlos nach dem Pachthofe zurückgetragen; in Folge dieſes Ereigniſſes war Catherine von der Hirnent⸗ zündung befallen worden. Dieſe Hirnentzündung hatte das Delirium herbeigeführt; in dieſem Delirium ſtrengte 181 ſie ſich an, einen Flüchtling zurückzuhalten, und dieſer Flüchtling hieß Iſidor. Man ſieht alſo, vaß es für den Doctor leicht ſein mußte, das Geheimniß der Krankheit von Catherine zu errathen, das nichts Anderes als das Geheimniß ihres Her⸗ zens war. Unter dieſen Umſtänden hatte ſich der Doctor folgen⸗ des Raiſonnement gemacht: Das erſte Bedürfniß einer durch das Gehirn ange⸗ griffenen Kranken iſt die Ruhe. Was kann die Ruhe in das Herz von Catherine bringen? Daß ſie erfährt, was aus ihrem Geliebten ge⸗ worden iſt. Bei wem kann ſie ſich nach ihrem Geliebten erkun⸗ digen? Bei dem, der etwas von ihm wiſſen kann. Und wer iſt derjenige, welcher etwas von ihm wiſſen kann? Pitou, der von Paris kommt. Das Raiſonnement war zugleich einfach und logiſch; der Doctor hatte es auch ohne alle Anſtrengung gemacht. Indeſſen verwendete er Piton zuerſt beim Dienſte eines Wundarztgehülfen; nur hätte er ſeiner bei dieſem Dienſte vollkommen entbehren können, inſofern kein Ader⸗ laß vorzunehmen, ſondern einfach der alte wieder zu öff⸗ nen war. Der Doetor zog ſachte den Arm von Catherine aus dem Bette, nahm das Bäuſchchen weg, das auf die Narbe gepreßt war, trennte mit ſeinen beiden Daumen das ſchlecht verbundene Fleiſch, und das Blut ſprang hervor. Als er dieſes Blut ſah, für vas er mit Freuden das ſeinige gegeben hätte, fühlte Piton, daß ihm ſeine Kräfte entſchwanden. Er ſetzte ſich in den Lehnſtuhl von Frau Clement, drückte die Hände auf ſeine Augen, ſchluchzte und zog bei jedem Schluchzen aus der Tiefe ſeines Herzens die orte: „Oh! Mademoiſelle Catherine, arme Mademviſelle Catherine!“ 182 Uund bei jedem dieſer Worte ſagte er ſich in ſeinem Innern durch jene doppelte Arbeit des Geiſtes, welche auf die Gegenwart und die Vergangenheit operirt: „Oh! ſie liebt ſicherlich ihren Iſidor mehr, als ich ſie liebe! Sicherlich leibet ſie mehr, als ich je gelitten habe, da man genöthigt iſt, ihr zur Ader zu laſſen, weil ſie die Hirnentzündung und das Delirium hat, zwei Dinge, welche fehr unangenehm zu haben ſind, und die ich nie gehabt habe!“ Und während er Catherine zwei neue Näpfchen Blut abzapfte, wünſchte ſich der Doctor Rahnal, der Pitou nicht aus dem Auge verlor, Glück, daß er ſo gut er⸗ rathen, die Kranke habe in ihm einen ergebenen Freund. Dieſe kleine Blutentziehung beruhigte, wie es der Doctor gevacht, das Fieber: die Pulsadern der Schläfe ſchlugen ſanfter; die Bruſt löſte ſich; der Athem, zuvor pfeifend, wurde gelinde und gleichmäßig; der Puls fiel von hundert und zehn Schlägen auf fünf und achtzig, und Alles deutete für Catherine eine ruhige Nacht an. Der Doctor Raynal athmete nun auch; er gab Frau Clement die nöthigen Vorſchriften und empfahl ihr unter Anderem ſonderbarer Weiſe, ein paar Stunden zu ſchla⸗ fen, während Pitou an ihrer Stelle wachen würde; dann winkte er Pitou, ihm zu folgen, und kehrte in die Küche zurück. Pitou folgte dem Doctor, der die Mutter Billot im Schatten des Kaminmantels begraben fand. Die arme Frau war ſo betrübt, daß ſie kaum zu begreifen vermochte, was ihr der Doctor ſagte. Es waren doch gute Worte für das Herz einer Mutter! „Aufl auf! Muth, Mutter Billot,“ ſprach der Doetor:„es geht ſo gut, als es gehen kann.“ Die arme Frau ſchien aus der andern Welt zu kommen. „Oh! lieber Herr Raynal, iſt das wirklich wahr, was Sie da ſagen?“ „Ja, die Nacht wird nicht ſchlecht ſein. Werden * 3— — 183 Sie indeſſen nicht ängſtlich, wenn Sie einige Schreie in dem Zimmer Ihrer Tochter hören, und treten Sie beſon⸗ ders nicht in daſſelbe ein.“ „Mein Gott! mein Gott!“ verſetzte die Mutter Billot mit einem Ausdrucke tiefen Schmerzes,„es iſt ſehr traurig, daß eine Mutter nicht in das Zimmer ihrer Tochter eintreten darf.“ „Was wollen Sie! das iſt meine ſtrenge Vorſchriftt weder Sie, noch Herr Billot.“ „Wer wird aber mein armes Kind pflegen?“ „Seien Sie unbeſorgt: Sie haben hiefür Frau Clemant und Pitou.“ 6 „Wie! Pitou?“ „Ja, Pitou. Ich erkannte ſo eben in ihm bewun⸗ derungswürdige Anlagen für die Medicin. Ich nehme ihn mit nach Villers⸗Coterets, wo ich beim Apotheker einen Trank bereiten laſſen will. Pitou bringt dann den Trank zurück; Frau Clement wird der Kranken einen Loffel um den andern eingeben, und ereignete ſich ein Unfall, ſo würde Pitou, der mit Frau Clement wacht, ſeine langen Beine an den Hals nehmen, und in zehn Minuten wäre er bei mir, nicht wahr, Pitou?“ „In fünf, Herr Raynal,“ erwiederte Pitou mit einem Selbſtvertrauen, das im Geiſte ſeiner Zuhörer keinen Zweifel laſſen konnte. „Sie ſehen, Frau Billot,“ ſprach der Doctor Raynal. „Gut, es ſei,“ verſetzte die Mutter Billot,„das wird ſo gehen; nur ſagen Sie dem armen Vater ein Wort von Ihrer Hoffnung.“ „Wo iſt er?“ fragte der Doctor. „Hier in der Stube nebenan.“ „Unnöthig,“ ſprach eine Stimme von der Thürſchwelle aus,„ich habe Alles gehört.“ Und die drei Redenden, die ſich bei dieſer unerwar⸗ teten Antwort ſchauernd umwandten, ſahen in der That 184 den Pächter mit bleichem Geſichte in der dunkeln Um⸗ rahmung ſtehen. Dann kehrte Billot, als wäre dies Alles geweſen, was er zu hören und zu ſagen hatte, in ſeine Stube zurück, ohne irgend eine Bemerkung über die vom Doctor Raynal für die Racht getroffenen Anordnungen zu machen. Pitou hielt Wort; nach einer Viertelſtunde war er mit dem mit ſeiner Etiquette verſehenen und durch das Siegel von Herrn Pacquenaud, Doctor⸗Apotheker vom Vater auf den Sohn in Villers⸗Coterets, verſicherten beruhigenden Tranke zurück. Der Botgpurchſchritt die Küche und trat in das Zim⸗ mer von Catherine ein, nicht nur ohne irgend eine Schwie⸗ rigkeit, ſondern ſogar ohne eine andere Anrede von irgend Je⸗ mand, als die Worte, welche Frau Billot an ihn richtete: „Ah! Du biſt es, Pitou?“ Und ohne daß er etwas Anderes erwiederte, als: „Ja, Frau.“ Catherine ſchlief, wie es der Doctor Raynald vor⸗ hergeſehen, ziemlich ruhig. In ihrer Nähe, in einem großen Lehnſtuhle ausgeſtreckt und die Füße auf die Feuer⸗ bocke geſtützt, befand ſich die Krankenwärterin in jenem Zuſtande von Schläfrigkeit, der dieſer ehrenwerthen Claſſe der Geſellſchaft eigenthümlich, welche, da ſie weder das Recht hat, völlig zu ſchlafen, noch die Kraft, wach zu bleiben, jenen Seelen gleicht, denen es verboten iſt, in die elyſäiſchen Felder hinabzuſteigen, während ſie doch nicht bis zum Tage aufſteigen können, weshalb ſie ewig an den Grenzen des Wachens und des Schlafens umher⸗ irren. Sie empfing in dieſem ſomnambulen Znſtande, der bei ihr zur Gewohnheit geworden, das Fläſchchen aus den Händen von Piton, entpfropfte es, ſtellte es auf den Nachttiſch und legte unmittelbar daneben den ſilbernen Löffel, damit die Kranke ſo wenig als möglich zur Stunde des Bedürfniſſes zu warten habe. Dann ſtreckte ſie ſich wieder in ihrem Lehnſtuhle aus. ———— — 185 Pitou aber ſetzte ſich auf den Rand des Fenſters, um Catherine nach ſeinem Belieben anzuſchauen. Das Gefühl des Mitleids, das ihn beim Gedanken an Catherine ergriffen, hatte ſich natürlich, als er ſie geſehen, nicht vermindert. Nun, da es ihm geſtattet war, ſo zu ſagen, das Uebel mit dem Finger zu berühren und zu beurtheilen, welche furchtbare Verwüſtung das abſtracte Ding, das man die Liebe nennt, anrichten konnte, war er mehr als je geneigt, ſeine Liebe zu vpfern, welche ihm von ſo leichtem Gehalte im Vergleiche mit der anſpruchs⸗ vollen, ſieberhaften, erſchrecklichen Liebe dünkte, die ſich des Mädchens bemächtigt zu haben ſchie Dieſe Gedanken verſetzten ihn aumiig in die Stim⸗ mung des Geiſtes, in der er nothwendig ſein mußte, um den Plan des Doctor Raynald zu begünſtigen. Der wackere Mann hatte in der That gedacht, das Heilmittel, deſſen Catherine hauptfächlich bedürfe, ſei dasjenige, welches man einen Vertrauten nennt. Er war vielleicht kein großer Arzt, doch, wie wir geſagt haben, ſicherlich ein großer Beobachter, dieſer Doctor Raynald. ungefähr eine Stunde nach der Rückkehr von Pitou bewegte ſich Catherine, ſtieß einen Seufzer aus und öff⸗ nete die Augen. Wir müſſen Frau Clement die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, bei der erſten Bewegung, welche die Kranke gemacht hatte, ſtand ſie bei ihr und ſtammelte: „Hier bin ich, Mademoiſelle Catherina! Was wünſchen Sie?“ „Ich habe Durſt,“ murmelte die Kranke, zum Leben durch einen phyſiſchen Schmerz und zum Gefühle durch ein materielles Bedürfniß zurückkehrend. Frau Clement goß in den Löffel ein paar Tropfen von dem ſchmerzſtillenden Mittel, das Piton gebracht hatte, und ſchob den Löffel zwiſchen die trockenen Lippen und die aneinander gebrückten Zähne von Catherine, welche maſchinenmäßig den beſänftigenden Trank ſchluckte. 186 Dann fiel Catherine aufs Neue mit dem Kopfe auf ihr Kiſſen zurück, und Frau Clement ſtreckte ſich, befriedigt durch die Ueberzeugung, eine Pflicht erfüllt zu haben, abermals in ihrem Lehnſtuhle aus. Piton ſeufzte; er glaubte, Catherine habe ihn nicht einmal geſehen, als er Frau Clement Catherine aufheben ge⸗ holfen; während ſie die paar Tropfen Arznei trank und wieder auf ihr Kiſſen zurückſank, hatte aber Catherine die Augen ein wenig geöffnet und mit dem ſterbenden Blicke, der zwiſchen ihren Augenlidern durchglitt, Pitou zu erſchauen geglaubt. Doch während des Deliriums, das ſie ſeit drei Tagen in ſeinen Klauen hielt, hatte ſie ſo viele Geſpenſter geſehen, welche immer nur erſchienen und wieder ver⸗ ſchwunden waren, daß ſie den wirklichen Pitou als einen phantaſtiſchen Pitou behandelte. Der Seufzer, den Piton von ſich gegeben, war alſo nicht ganz übertrieben. Die Erſcheinung dieſes alten Freundes, gegen den Catherine zuweilen ſo ungerecht geweſen, hatte indeſſen auf die Kranke einen Eindruck gemacht, der tiefer als die vorhergehenden, und obgleich ſie die Augen geſchloſſen hielt, ſchien es ihr doch, mit einem übrigens ruhigern und weniger fieberhaften Geiſte, als ſähe ſie vor ſich den wackern Reiſenden, den ihr der ſo oſt abgeriſſene Faden ihrer Ideen als bei ihrem Vater in Paris befindlich darſtellte. Eine Folge hievon war, daß ſie, diesmal gequält von der Idee, Piton ſei eine Wirklichkeit und keine Ausgeburt ihres Fiebers, ſchüchtern die Augen öffnete und ſuchte, ob derjenige, welchen ſie geſehen, immer noch an demſelben Platze ſei. Es verſteht ſich, daß er ſich nicht gerührt hatte. Als er die Augen von Catherine ſich wieder öffnen und auf ihm verweilen ſah, erleuchtete ſich das Geſicht von Piton; als er ihre Augen wieder zum Leben und ———— +„—— 187 zum Verſtande zurückkehren ſah, ſtreckte Piton die Arme aus. „Pitou!“ murmelte die Kranke. „Mademoiſelle Catherine!“ rief Pitou. „Was gibt es?“ fragte Frau Clement, indem ſie ſich umwandte. Catherine warf einen beſorgten Blick auf die Kran⸗ kenwärterin und ließ mit einem Seufzer ihren Kopf wieder auf das Kiſſen fallen. Pitvu errieth, daß die Gegenwart von Frau Clement Catherine beengte. Er ging auf ſie zu und ſagte leiſe zu ihr: „Frau Clement, berauben Sie ſich nicht des Schlafes, Sie wiſſen wohl, daß mich Herr Raynal hat hier bleiben heißen, damit ich bei Mademoiſelle Catherine wache, und damit Sie während dieſer Zeit einen Augenblick ruhen könnten.“ „Ah! das iſt wahr,“ erwiederte Frau Clement. Und als hätte ſie nur dieſe Erlanbniß erwartel, ſank in der That die gute Frau in ihrem Lehnſtuhle zuſammen, ſtieß ebenfalls einen Seufzer aus und bezeichnete nach einem Augenblicke der Stille durch ein Anfangs ſchüchter⸗ nes Schnarchen, das aber, immer kühner werdend, am Ende ganz und gar die Lage beherrſchte, daß ſie mit vollen Segeln in das Zauberland des Schlafes einlief, welches ſie gewöhnlich nur im Traume durchwanderte. Catherine war der Bewegung von Pitou mit einem gewiſſen Erſtaunen gefolgt, und mit dem den Kranken eigenthümlichen ſcharfen Gehöre hatte ſie nicht ein Wort von dem, was Pitou zu Frau Clement geſagt, verloren. Pitvu blieb einen Augenblick hei der Krankenwärterin, als wollte er ſich verſichern, daß ihr Schlaf ein ächter ſei; dann, als er keinen Zweifel mehr in dieſer Hinſicht hatte, näherte er ſich Catherine, indem er den Kopf ſchüttelte und die Arme fallen ließ. „Ah! Mademviſelle Catherine,“ ſagte er,„ich — 188 wußte wohl, daß Sie ihn lieben, voch ich wußte nicht, daß Sie ihn ſo ſehr lieben.“ XLV. Pitou als Vertrauter. Pitou ſprach dieſe Worte auf eine Art, daß Cathe⸗ rine darin zugleich den Ausvruck rines großen Schmerzes und den Beweis einer großen Liebe ſehen konnte. Dieſe zwei zu gleicher Zeit dem Herzeu des wackern Jungen, der ſie mit einem ſo traurigen Auge anſchaute, entfloſſenen Gefühle rührten die Kranke in einem gleichen Grade. So lange Ifidor in Bourſonne wohnte, ſo lange ſie ihren Geliebten auf eine Stunde von ſich fühlte, kurz, ſo lange Catherine glücklich war, abgeſehen von einigen durch die Beharrlichkeit, mit der Pitou ſie auf ihren Gängen begleiten wollte, veranlaßten Widerwärtigkeiten, abgeſehen von einigen Beſorgniſſen verurſacht durch ge⸗ wiſſe Paragraphen der Briefe ihres Vaters, hatte Cathe⸗ rine ihre Liebe in ſich ſelbſt begraben, wie einen Schatz⸗ von dem auch nur den geringſten Obol in ein anderes Herz als das ihrige fallen zu laſſen ſie ſich wohl gehütet hätte. Nun aber da Iſidor abgereiſt, da Catherine ver⸗ laſſen und allein war, da das Unglück ſich an die Stelle der Glückſeligkeit ſetzte, ſuchte Catherine vergebens einen ihrem Egoismus gleichkommenden Muth, und fie ſah ein, es wäre für ſie eine große Erleichterung, einen Menſchen zu treffen, der mit ihr von dem ſchönen Epelmann ſprechen — r— ——— — er— 2 6 S 8 ð — M*— 189 könnte, welcher von ihr geſchieden war, ohne vaß er ihr etwas Beſtimmtes über die Zeit ſeiner Rückkehr hatte ſagen können. Sie konnte aber von Iſidor weder mit Frau Cle⸗ ment, noch mit dem Dortor Rahnal, noch mit ihrer Mutter ſprechen, und ſie litt ſchmerzlich darunter, daß ſie zu dieſem Stillſchweigen verurtheilt war, als ploͤtzlich in dem Moment, wo ſie es am wenigſten vermuthete, die Vor⸗ ſehung vor ihre Augen, die ſie dem Leben und der Ver⸗ nunft wieder geöffnet, einen Freund ſtellte, an welchem ſie einen Augenblick, da er geſchwiegen, hatte zweifeln können, an dem ſie aber bei den erſten Worten, die er ſprach, nicht mehr zweifeln konnte. Auf dieſe Worte des Mitleids, welche mit einer ſo peinlichen Empſfindung aus dem Herzen des armen Neffen der Tante Angelique kamen, erwiederte auch Catherine, daß ſie nur entfernt ihre Gefühle zu verbergen uchte: „Ah! Herr Pitvu, ich bin ſehrunglücklich.“ Von da an war der Damm einerſeits gebrochen und der Strom andererſeits wiederhergeſtellt. „In jedem Falle, Mademoiſelle Catherine,“ fuhr Pitou fort,„obgleich es mir kein großes Vergnügen macht, von Herrn Iſidor zu ſprechen, kann ich Ihnen, ſollte es Ihnen angenehm ſein, Nachricht von ihm geben.“ „Du?“ fragte Catherine.“ „Ja, ich.“ „Du haſt ihn alſo geſehen?“ „Nein, doch ich weiß, daß er geſund und wohlbe⸗ halten in Paris angekommen iſt.“ 3 „Und woher weißt Du das?“ fragte Catherine mit einem ganz von Liebe glänzenden Blicke. Dieſer Blick machte, daß Pitou einen ſchweren Seufzer von ſich gab. „Ich weiß das von meinem jungen Freunde, Sebaſtiau Gilbert, den Herr Iſidor in der Nacht in der Nähe der 190 Fontaine⸗Eau⸗Claire getroffen und mit ſich nach Paris genommen hat.“ Catherine erhob ſich mit einer Anſtrengung auf ihren Ellbogen, ſchaute Pitou an und fragte lebhaft: „Er iſt alſo in Paris?“ „Das heißt,“ entgegnete Pitou, er ſoll nicht mehr dort ſein.“ „Und wo ſoll er denn ſein?“ fragte mit matter Stimme das Mädchen. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er mit einer Sendung nach Spanien oder nach Italien abreiſen ſollte.“ Catherine ließ bei dem Worte abreiſen ihren Kopf auf ihr Kiſſen mit einem Seufzer fallen, auf den hald reichliche Thränen folgten. „Mademviſelle,“ ſprach Pitou, dem dieſer Schmerz von Catherine das Herz brach,„wenn Sie durchaus wiſſen wollen, wo er iſt, ſo will ich mich erkundigen.“ „Bei wem?“ fragte Catherine. „Beim Herrn Doctor Gilbert, der ihn in den Tullerien verließ... Oder auch, wenn Sie lieber wollen,“ fügte Pitou bei, als er ſah, daß Catherine einen verneinenden Dank bezeichnend den Kopf ſchüttelte,„oder ich kann auch nach Paris zurückkehren und Erkundigungen einziehen Oh! mein Gott! das wird ſchnell geſchehen ſein, das iſt eine Sache von vierunvzwanzig Stunden.“ Catherine ſtreckte ihre ſieberhafte Hand aus und reichte ſie Pitou, dieſer aber, der die Gunſt nicht errieth, die ihm bewilligt war, erlaubte ſich nicht, ſie zu be⸗ rühren. „Nun, Herr Pitou?“ fragte ihn lächelnd Catherine, „haben Sie Angſt, mein Fieber zu bekommen?“ „Ohlentſchuldigen Sie mich, Mademviſelle Catherine,“ ſagte Pitou, während er die feuchte Hand des Mädchens in ſeinen plumpen Händen preßte;„ſehen Sie, ich verſtand Sie nicht! Sie nehmen alſo meinen Vorſchlag an?“ 194 „Nein, im Gegentheil, Piton, ich danke Dir. Das iſt unnöthig; ich muß nothwendig morgen früh einen Brief von ihm bekommen.“ „Einen Brief von ihm!.. ſagte Piton lebhaft. Dann hielt er inne und ſchaute mit Unruhe umher. „Nun! ja, einen Brief von ihm,“ erwiederte Cathe⸗ rine, indem ſie ſelbſt mit dem Blicke die Urſache ſuchte, welche ſo das freundliche Gemüth von Ange beunruhigen konnte. „Einen Brief von ihm! ah! Teufel!“ wiederholte Pitou, indem er ſich wie ein verlegener Menſch auf die Nägel biß. „Allerdings einen Brief von ihm. Was findeſt Du denn daran, daß er mir ſchreibt, ſo Außerordentliches?“ verſetzte Catherine,„Du, der Du Alles weißt, oder,“ fügte ſie mit leiſer Stimme bei,„beinahe Alles.“ „Ich finde nichts Außerordentliches daran, daß er Ihnen ſchreibt.. Wäre es mir erlaubt, Ihnen zu ſchreiben, Gott weiß, ich würde auch ſchreiben und zwar lange Briefe; aber ich habe bange„4 „Bange, wovor, mein Freund?“ „Daß der Brief von Herrn Iſidor in die Hände Ihres Vaters fällt.“ „Meines Vaters?“ Pitou machte mit dem Kopfe eine dreifache Geberde, welche dreimal Ja beſagen wollte. „Wie! meines Vaters!“ fragte Catherine immer mehr erſtaunt.„Iſt mein Vater nicht in Paris?“ „Ihr Vater iſt in Piſſeleu, Mademoiſelle Catherine, im Pachthofe, hier in der Stube nebenan. Nur hat mit Herr Raynal verboten, in Ihr Zimmer einzutreten, wegen des Deliriums, ſagte er, und er hat wohl daran gethan.“ „Und warum hat er wohl daran gethan?“ „Weil mir Herr Billot nicht ſehr zärtlich in Be⸗ ziehung auf Herrn Iſidor geſinnt zu ſein ſcheint, und weil er wegen eines einzigen Males, daß Sie ſeinen 192 Namen ausſprachen und er ihn hörte, eine heftige Gri⸗ maſſe machte, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Ah! mein Gott, mein Gott!“ murmelte Catherine ganz ſchauernd,„was ſagſt Du mir da, Pitou?“ „Die Wahrheit Ich horte ihn ſogar zwiſchen ſeinen Zähnen brummen;„Es iſt gut, es iſt gut, man wird nichts ſagen, ſo lange ſie krank iſt, doch hernach wird man ſehen!““ „Pitou!“ ſprach Catherine, indem ſie diesmal ſeine Hand mit einer ſo krampfhaften Geberde ergriff, daß nun die Reihe, zu beben, an ihm war. „Mademoiſelle Catherine!“ erwiederte er. „Du haſt Recht, ſeine Briefe dürfen nicht in die Hände meines Vaters fallen.. mein Vater würde mich tödten.“ „Sie ſehen wohl, Sie ſehen wohl. Der Vater Billot gibt bei dieſer Bagatelle der Vernunft kein Gehör.“ „Aber was iſt zu thun?“ „Erklären Sie mir das, Mademviſelle.“ „Es gibt wohl ein Mittel.“ „Wenn es ein Mittel gibt, ſo muß man es anwen⸗ den,“ verſetzte Piton. „Doch ich wage nicht„ „Wie! Sie wagen nicht?“ „Ich wage es nicht, Ihnen arzugebeg⸗ was man thun müßte.“ ₰ „Wie!l das Mittel hängt von mir ab, und Sie wagen nicht, es mir zu nennen? Ah! das iſt nicht gut, Made⸗ moiſelle Catherine, und ich hätte nicht geglaubt, daß es Ihnen an Vertrauen zu mir gebricht.“ „Es gebricht mir nicht an Vertrauen zu Dir, mein lieber Pitou,“ erwiederte Catherine. „Ah! dann iſt es gut,“ ſagte Piton, ſanft geliebkoſt durch die wachſende Vertraulichkeit von Catherine. „Doch es wird viel Mühe für Dich ſein, mein Freund.“ * ſ 2 „ 68 — 193 „Ohl wenn es nur Mühe für mich iſt, ſo müſſen Sie ſich nicht darum bekümmern, Mademoiſelle Catherine.“ „Du willigſt alſo im Voraus ein, zu thun, was ich von Dir verlangen werde?“ „Sicherlich. Das heißt, wenn es nicht unmög⸗ lich iſt.“ „Es iſt im Gegentheil ſehr leicht.“ „Wenn es ſehr leicht iſt, ſo ſprechen Sie.“ „Du müßteſt zu der Mutter Colombe gehen.“ „Zu der Gerſtenzuckerhändlerin?“ „Ja, ſie iſt zugleich Austrägerin der Brieſpoſt.“ „Ah! ich begreife und ich werde ihr ſagen, ſie ſoll nur mir die an Sie adreſſirten Briefe zuſtellen?“ „Du wirſt ihr ſagen, ſie ſoll nur Dir, Pitou, meine Briefe zuſtellen.“ „Mir?“ verſetzte Pitou.„Ah! ich hatte Anfangs nicht begriffen!“ Und er ſtieß ſeinen britten oder vierten Seufzer aus. „Du fiehſt ein, das iſt das Sicherſte, Pitou, wenn Du nicht etwa dieſen Dienſt mir nicht leiſten willſt.“ „Ich es Ihnen abſchlagen, Mademoiſelle Catherine? Ah! ja wohl!“ „Ich danke Dir!“ „Ich werde gehen, morgen werde ich ſicherlich gehen.“ „Morgen, das iſt zu ſpät, mein lieber Piton; Du müßteſt heute dahin gehen.“ „Wohl, es ſei; heute, dieſen Morgen, auf der Stelle!“ „Was für ein braver Junge biſt Du, Pitou, und wie ſehr liebe ich Dich!“ „Oh! Mademoiſelle Catherine,“ ſprach Pitou,„ſa⸗ gen Sie mir nicht ſolche Dinge, Sie würden mich ins Feuer gehen machen.“ „Schau', wie viel Uhr es iſt, Pitou,“ ſagte Ca⸗ therine. Die Gräfin von Charnh. m. 13 194 Pitou näherte ſich der Uhr des Mädchens, welche am Kamine hing, und erwiederte dann:„Halb ſechs Uhr.“ „Nun,“ murmelte Catherine,„mein lieber Freund Piton „Nun, Mademoiſelle?“ „Es wäre vielleicht Zeit. „Daß ich zur Mutter Colombe ginge.. Zu Ih⸗ ren Befehlen, Mademoiſelle. Doch Sie müßten ein wenig von dem Tranke nehmen; der Doctor hat einen Löffel voll alle halbe Stunden verordnet.“ „Ah, mein guter Pitou,“ verſetzte Catherine, während ſie einen Löffel von dem Tranke des Apothekers voll goß und Pitou mit Augen anſchaute, die ſein Herz ſchmelzen machten,„was Du für mich thuſt, iſt mehr werth, als alle Tränke der Welt.“ „Darum hat alſo der Doctor Raynal geſagt, ich beſitze ſo große Anlagen, um ein Zogling der Mediein zu werden.“ „Doch wohin wirſt Du ſagen, daß Du geheſt, Pi⸗ tou, damit man im Pachthofe nichts muthmaßt?“ „Oh! was das betrifft, ſeien Sie unbeſorgt,“ er⸗ wiederte Pitou. Und er nahm ſeinen Hut und fragte noch: „Soll ich Frau Clement aufwecken?“ „Oh! das iſt unnöthig, laß ſie ſchlafen, die arme Frau.. Ich brauche nun nichts, als „Als was?“ verſetzte Pitou. Catherine lächelte. „Ah! ja, ich habe es,“ murmelte der Liebesbote,„den Brief von Herrn Iſidor.“ nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fügte er bei: „Nun, ſo ſeien Sie ruhig; wenn er dort iſt, ſo werden Sie ihn bekommen; wenn er nicht dort iſt„ „Wenn er nicht dort iſt?“ fragte ängſtlich Catherine. „Wenn er nicht dort iſt, damit Sie mich abermals e 195 anſchauen, wie Sie mich vorhin anſchauten, damit Sie mir abermals zulächeln, wie Sie mir ſo eben zugelächelt, damit Sie mich abermals Ihren lieben Pitou und Ihren guten Freund nennen, wenn er nicht dort iſt.. nun, ſo hole ich ihn in Paris.“ „Gutes, vortreffliches Herz!“ ſprach Catherine, wäh⸗ rend ſie Pitvu, der wegging, mit den Augen folgte. Nach zehn Minuten wäre es der Kranken unmöglich geweſen, ſich ſelbſt zu ſagen, ob das, was vorgefallen, eine durch die Rückkehr ihrer Vernunft herbeigeführte Wirklichkeit, oder ein durch ihr Delirium erzeugter Traum geweſen; was ſie aber gewiß wußte, war, daß eine be⸗ lebende, ſanfte Friſche ſich aus ihrem Herzen nach den entfernteſten Extremitäten ihrer vom Fieber und von Schmerzen gepeinigten Glieder verbreitete. In dem Augenblick, wo Pitou die Küche durchſchritt, richtete die Mutter Billot den Kopf auf. Die Mutter Billot hatte ſich ſeit drei Tagen nicht zu Bette gelegt und nicht geſchlafen. Seit drei Tagen hatte ſie nicht ihren Schemel unter dem Kaminmantel verlaſſen, von wo aus ihre Augen in Ermangelung ihrer Tochter, zu welcher einzutreten ihr verboten war, wenigſtens die Thüre vom Zimmer des Mävchens ſehen konnten. „Nun?“ fragte ſie. „Mutter Billot, es iſt beſſer,“ erwiederte Pltou. „Und wohin gehſt Du denn?“ „Ich gehe nach Villers⸗Coterets.“ „Und was willſt Du dort machen?“ Pitou ſtockte einen Augenblick. Pitou war nicht der raſch beſonnene Menſch. „Was ich dort machen will?“ wiederholte er, um Zeit zu gewinnen. „Ja,“ ſprach die Stimme des Vater Billot,„meine Frau fragt Dich, was Du dort machen wolleſi.“ „Ich will den Doctor Raynal benachrichtigen.“ . 196 „Der Doctor Rahnal hat Dir geſagt, Du ſollſt ihn nur benachrichtigen, wenn es Neues gebe.“ „Ja,“ verſetzte Pitou,„doch es geht beſſer mit Ma⸗ demviſelle Catherine, und das ſcheint mir Neues zu ſein.“ Mochte nun der Vater Billot die Antwort von Pi⸗ ton entſchieden finden, mochte er ſich nicht zu ſchwierig gegen einen Menſchen zeigen wollen, der ihm im Ganzen eine gute Kunde brachte, er machte keine andere Einwen⸗ dung gegen den Abgang von Piton. Pitou entfernte ſich alſo, während der Vater Billot in ſeine Stube zurückkehrte und die Mutter Billot ihren Kopf wieder auf ihre Bruſt fallen ließ. Pitou kam nach Villers⸗Coterets um drei Viertel zuf ſechs Uhr Morgens. Er weckte gewiſſenhaft den Doctor Raynal auf, um ihm zu ſagen, daß es bei Catherine beſſer gehe, und ihn zu fragen, was weiter zu thun ſei. Der Doetor befragte ihn über ſeine Nachtwache, und zum großen Erſtaunen von Piton, der doch bei ſei⸗ nen Antworten mit der größten Vorſicht zu Werke ging, bemerkte der wackere Junge bald, daß der Doctor das, was zwiſchen ihm und Catherine vorgefallen war, bei⸗ nahe ſo genau wußte, als wenn er, in irgend einem Winkel des Zimmers, hinter den Vorhängen der Fenſter oder des Bettes ſeiner Unterredung mit dem Mädchen beigewohnt hätte. Der Doctor Raynal verſprach, im Laufe des Tages nach dem Pachthofe zu kommen, hieß, ſtatt jeder Ver⸗ ordnung, Catherine immer aus demſelben Faſſe bedienen, und entließ Pitou, welcher lange über dieſe räthſelhaften Worte nachdachte und am Ende begriff, der Doctor empfehle ihm, fortwährend mit dem Mädchen vom Vicomte Iſidor von Charny zu ſprechen. Vom Doctor ging es ſodann zur Mutter Colombe. Die Briefträgerin wohnte immer noch außen an der Rue de Lormet, das heißt, am andern Ende der Stadt. 197 Er kam an, als ſie ihre Thüre öffnete. Die Mutter Colombe war eine große Freundin der Tante Angelique; dieſe Freundſchaft hielt ſie aber nicht ab, den Neffen zu ſchätzen. Als er in den Laden der Mutter Colombe, der von Pfefferkuchen und Gerſtenzucker ſtrotzte, eintrat, ſah Pi⸗ tou zum erſten Male ein, wenn er in ſeiner Unterhand⸗ lung reuſſiren und es dahin bringen wolle, daß ihm die Briefträgerin die an Mademviſelle Catherine gerichteten Briefe herausgebe, ſo müſſe er, wenn nicht die Beſtechung, doch wenigſtens die Verführung anwenden. Er kaufte zwei Stangen Gerſtenzucker und einen großen Pfefferkuchen. Nachdem dieſer Ankauf gemacht und bezahlt wer, wagte er ſeine Bitte. Er ſtieß auf mehrere ernſte Schwierigkeiten. Die Briefe ſollten nur an die Perſonen, an welche ſie adreſſirt waren, oder an Leute, die mit geſchriebenen Vollmachten verſehen, übergeben werden. Die Mutter Colombe zweifelte nicht an dem Worte von Pitou, doch ſie forderte eine geſchriebene Vollmacht. Pitvn ſah, daß er ein Opfer bringen mußte. Er verſprach, am andern Tage einen Schein für den Brief, wenn einer da wäre, und eine Vollmacht, für Ca⸗ therine die andern Briefe, welche kommen würden, in Empfang zu nehmen, der Brieſträgerin zu überbringen,— ein Verſprechen, das er mit einem z n Ankauf von Gerſtenzucker und Pfefferkuchen begleitete. Wer kann dem widerſtehen, welcher Handgeld gibt, und beſonders auf eine ſo reichliche Art gibt! Die Mutter Colombe machte nur noch ſchwache Ein⸗ wendungen und erlanbte am Ende Pitvu, ihr zur Poſt zu folgen, wo ſie ihm den Brief an Catherine übergeben würde, ſollte ein ſiher angekommen ſein. Piton folgte ihr, ſeine zwei Pfefferkuchen verſpeiſend und ſeine vier Stangen Gerſtenzucker ſchnullend. 198 Nie, gar nie hatte er ſich eine ſolche Verſchwendung erlaubt; doch man weiß, durch die Freigebigkeit des Doctor Gilbert war Pitou reich. Als er über den großen Platz ging, ſtieg er auf den Brunnen, legte den Mund an eine der vier Röhren, aus denen ſich damals das Waſſer ergoß, und abſorbirte fünf Minuten lang den ganzen Ausfluß, ohne auch nur einen Tropfen fallen zu laſſen. Ehe er wieder herabſtieg, ſchaute er umher, und er erblickte eine Art von Schaubühne, welche mitten auf dem Platze aufgeſchlagen war. Da erinnerte er ſich, daß im Augenblicke ſeines Ab⸗ gangs ſtark davon die Rede geweſen war, ſich in Villers⸗ Coterets zu verſammeln, um die Grundlagen eines Bündniſſes zwiſchen dem Cantonshauptorte und den Doͤr⸗ fern der Umgegend zu bilden. Die verſchiedenen Privatereigniſſe, die ſich ſchnell ge⸗ folgt waren, hatten ihn dieſes politiſche Ereigniß, das jedoch nicht ganz ohne Wichtigkeit, vergeſſen laſſen. Er dachte ſodann an die fünfundzwanzig Louis d'or, die ihm der Doctor Gilbert im Augenhlicke ſeines Ab⸗ gangs gegeben, um ihm die Nationalgarde von Hara⸗ mont auf den beſtmöglichen Fuß ſetzen zu helfen. Und er richtete den Kopf mit Stolz auf bei dem Gedanken an die glänzende Figur, welche mittelſt dieſer fünfundzwanzig Louis d'or die dreiunddreißig Mann, die er unter ſeinen Befehlen hatte, ſpielen würden. fihm die zwei Pfefferkuchen und die vier verdauen, welche in Verbindung mit ſſe, die er verſchluckt, trotz der Wärme der Magenſäfte, mit denen ihn die Natur verſehen, hätten auf den Magen drücken können, wäre er des vortreff⸗ lichen Verdauungsmittels, ies en die befriedigte Eitel⸗ keit nennt, beraubt geweſen. S — 8— * vN 199 XLVI. piton als Geograph. Während Piton trank, während Piton verdaute, während Piton nachdachte, war ihm die Mutter Colombe weit vorangeſchritten und in die Poſt eingetreten. Doch Pitou kümmerte ſich nicht hierum. Die Poſt lag in einem Gäßchen, das auf denjenigen Theil des Parkes ging, wo die Seufzer⸗Allee, ſchmachtenden An⸗ denkens, war: mit fünfzehn tüchtigen Schritten würde er die Mutter Colombe wieder eingeholt haben. Er führte dieſe fünfzehn Schritte aus und gelangte auf die Schwelle der Poſt gerade, als die Muiter Co⸗ lombe mit ihrem Brieſpaquet in der Hand herauskam. Mitten unter allen ihren Briefen war ein in einem zierlichen Umſchlage eingeſchloſſener und elegant mit Sie⸗ gellack petſchirter. Dieſer Brief hatte die Adreſſe von Catherine Billot; es war offenbar ver, welchen Catherine erwartete. Nach der abgeſchloſſenen Uebereinkunft wurde dieſer Brief von der Austrägerin dem Käufer des Gerſtenzuckers e elcher auf der Stelle nach Piſſeleu freudig i Glück, das ber war der Bote ein Menſch t, daß er, um den verfluchten gen, unmerklich vom Schritt in n in den Galopp überging. vom Pachthofe blieb er plötzlich 200 ſtehen, denn er bedachte mit Recht, wenn er ſo keuchend und mit Schweiß bedeckt ankäme, könnte er wohl dem Vater Billot, der auf dem ſchmalen und vornigen Pfade des Verdachts zu gehen ſchien, Mißtrauen einſtößen. Er beſchloß alſo auf die Gefahr, um ein paar Mi⸗ nuten im Verzuge zu ſein, mit ruhigerem Gange das Ende des Weges, den er noch zu machen hatte, zurück⸗ zulegen, und in dieſer Abſicht ſchritt er mit dem Ernſte von einem jener Vertrauten der Tragödie fort, denen ihn wirklich das Vertrauen von Catherine ähnlich machte, als er, da er am Zimmer der jungen Kranken vorüber⸗ ging, bemerkte, daß die Wärterin, ohne Zweifel, um ein wenig friſche Luft in dieſes Zimmer einzulaſſen, das Fenſter etwas geöffnet hatte. Pitou drang zuerſt mit ſeiner Naſe und dann mit einem Auge in die Oeffnung. Weiter konnte er nicht eindringen wegen des Riegels. Doch das genügte ihm, um zu ſehen, daß Catherine wachte und wartete, und das genügte Catherine, um zu bemerken, daß Piton geheimnißvolle Zeichen machte. „Einen Brief!“ ſtammelte das Mädchen,„einen Brief!“ „St!“ machte Pitou. Und mit dem Auge eines Wildſchützen, der alle Auf⸗ ſeher eines Jagdreviers von der Fährte abbringen will, umherſchauend, ſchleuderte er, da er ſich allei Brief durch die Heffnung, und zwar mit Geſchicklichkeit er gerade in eine Art fiel, die diejenige, weiche ihn ete Kopfkiſſen bereitet hatte. Dann, ohne einen Dank entgehen konnte, ſprang er zur Weg nach der Thüre des Pachtho er Billot fand. Wäre die Krümmung nicht Mauer bildete, ſo hätte der Pächt 201 fallen, und Gott weiß, was bel der Stimmung des Gei⸗ ſtes, in der er ſich zu befinden ſchien, die Folge dieſer an die Stelle des einfachen Verdachts getretenen Gewiß⸗ heit geweſen wäre. Der ehrliche Pitou war nicht darauf gefaßt, ſich dem Pächter von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber zu ſehen, und er fühlte, daß er unwillkürlich bis über die Ohren erröthete. „Oh! Herr Billot,“ ſagte er,„wahrhaftig, Sie haben mir bange gemacht!“ „Bange Dir, Pitou! Einem Kapitän der Nationalgarde!. Einem Sieger der Baſlille bange!“ „Was wollen Sie?“ verſetzte Pitou,„es gibt ſolche Augenblicke. El! wenn man nichts vermuthet „Ja,“ unterbrach ihn Billot,„wenn man die Tochter zu treffen erwartet, aber den Vater trifft.“ „Oh! was das betrifft, nein,“ verſetzte Pitou,„ich erwartete nicht, Mademoiſelle Catherine zu treffen; ohl nein; obgleich es immer befſer bei ihr geht, wie ich hoffe, iſt ſie doch noch zu krank, um aufzuſtehen.“ „Haſt Du ihr nichts zu ſagen?“ fragte Billot. „Wem?“ „Catherine.“ „Ja. Ich ſoll ihr melden, Herr Raynal habe geſagt, es ſei gut und er werde im Verlaufe des Tages kommen; doch ein Anderer kann ihr das ebenſo gut er⸗ zählen als ich.“ „Ueberdies mußt Du Hunger haben, nicht wahr?“ „Hunger?„ Durchaus nicht.“ „Wie! Du haſt keinen Hunger?“ rief der Pächter. Pitou ſah, daß ihm eine Dummheit entfahren war. Pitou, ver um acht Uhr Morgens keinen Hunger hatte, war eine Störung im Gleichgewichte der Natur. „Gewiß habe ich Hunger!“ ſagte er. „Nun, ſo tritt ein und iß; die Tagelöhner ſind ge⸗ 202 rade beim Frühſlück und mußten Dir einen Platz auf⸗ bewahren.“ Pitou trat ein. Billot folgte ihm mit den Augen, obgleich die Treuherzigkeit des jungen Menſchen beinahe ſeinen Ver⸗ dacht abgelenkt hatte. Er ſah, wie er ſich oben an den Tiſch ſetzte und ſeinen Laib Brod und ſeinen Teller Speck angriff, als hätte er nicht zwei große Pfefferkuchen, vier Stangen Gerſtenzucker und eine Pinte Waſſer auf dem agen. Es iſt nicht zu leugnen, aller Wahrſcheinlichkeit nach war der Magen von Piton ſchon wieder frei geworden- Piton verſtand es nicht, viele Dinge zugleich zu thun, doch er that gut, was er that. Von Catherine mit einem Auftrage betraut, hatte er dieſen gut vollzogen, von Billot zum Frühſtück eingeladen, frühſtückte er gut. Billot beobachtete ihn fortwährend, doch als er ſah, vaß ſeine Augen ſich nicht von ſeinem Teller abwandten, als er wahrnahm, daß ſich ſeine Sorge auf die Flaſche Obſtmoſt beſchränkte, die er vor ſich hatte, als er be⸗ merkte, daß ſein Blick nicht einmal die Thüre von Ca⸗ therine geſucht hatte, glaubte er am Ende, der kleine Marſch von Pitou nach Villers⸗Coterets habe keinen andern Zweck gehabt, als den von ihm angegebenen. Gegen das Ende des Frühſtücks von Piton wurde die Thüre von Catherine geoffnet, und Frau Clement trat heraus und ſchritt durch die Küche mit dem de⸗ müthigen Lächeln der Krankenwärterinnen auf den Lip⸗ pen; ſie kam, um ihre Taſſe Kaffee zu holen. Es verſteht ſich, daß ſie um ſechs Uhr Morgens, das heißt, eine Viertelſtunde nach dem Abgange von Pitou, zum erſten Male erſchienen war, um ihr Gläschen Branntwein zu fordern, das Einzige, was ſie, wie ſie ſagte, wenn ſie eine ganze Nacht gewacht hatte, auf⸗ recht hielt. Als ſie ſie erhlickten, ging Frau Billot auf ſie zu 203 und trat Herr Billot wieder ein.„ Beide erkundigten ſich nach der Geſundheit von Catherine. „Es geht immer beſſer,“ erwiederte Frau Clement; „ich glaube indeſſen, daß in dieſem Augenblick Made⸗ moiſelle Catherine ein wenig delirirt.“ „Wie deliriren?“ perſetzte der Vater Billot;„das hat ſie alſo wieder befallen!“ „Oh! mein Gott! mein armes Kind!“ murmelte die Pächterin. Piton richtete den Kopf auf und horchte. „Ja,“ fügte Frau Clement bei,„ſie ſpricht von einer Stadt Namens Turin, von einem Lande genannt Sardinien und ruft Herr Pitou, daß er ihr ſage, was für ein Land und was für eine Stadt dies ſei.“ „Hier bin ich!“ ſagte Pitou, indem er raſch den Reſt ſeines Kännchens Obſtmoſt verſchluckte und den Mund mit ſeinem Aermel abwiſchte. Der Blick des Vater Billot hielt ihn zurück. „Das heißt.“ ſagte er,„wenn es Herr Billot für geeignet erachtet, daß ich Mavemoiſelle Catherine die Erklärungen gebe, die ſie zu haben wünſcht. „Warum nicht?“ verſetzte die Mutter Billot;„da es nach Dir verlangt, das arme Kind, gehe, mein Junge; um ſo mehr, als Herr Raynal geſagt hat, Du ſeiſt ein guter Zögling der Medicin.“ „Bei Gott!“ rief Pitou nalv,„fragen Sie nur Frau Clement, wie wir Mademoiſelle Catherine heute Nacht gepflegt haben Frau Clement, die würdige Frau! hat nicht einen Augenblick geſchlafen, und ich auch nicht.“ Es war eine große Geſchicklichkeit von Pitou, dieſen zarten Punkt hinſichtlich der Krankenwärterin anzugreifen. Indeß ſie einen vortrefflichen Schlaf von Mitternacht bis um ſechs Uhr Morgens gethan hatte, erklären, ſie habe nicht einen Augenblick geſchlafen, hieß ſich aus ihr eine . 204 Freundin, mehr als eine Freundin, eine Genoſfin machen. „Es iſt gut!“ ſprach der Vater Blllot;„da Ca⸗ therine nach Dir verlangt, gehe zu ihr. Es kommt vielleicht ein Augenblick, wo ſie auch nach uns, ihrer Mutter und mir, verlangen wird.“ Piton fühlte inſtinctartig, daß ein Sturm in der Luft war, und wie der Hirte auf dem Felde, obgleich bereit, dieſem Sturme zu trotzen, wenn es ſein müßte, ſuchte er nichtsdeſtoweniger zum Voraus einen Zufluchts⸗ ort, um ſein Haupt zu verbergen. Dieſer Zufluchtsort war Haramont. In Haramont war er König. Was ſage ich, Konig? Er war mehr als König: er war Commandant der Nationalgarde, er war Lafayette! Ueberdies hatte er Pflichten, die ihn nach Hara⸗ mont riefen. Er gelobte ſich auch, wenn ſeine Maßregeln mit Catherine getroffen wären, raſch nach Haramont zurück⸗ zukehren. Dieſes Vorhaben in ſeinem Kopfe feſiſtellend, trat er mit der ausgeſprochenen Erlaubniß von Herrn Billot und mit der ſillſchweigenden von Frau Billot in das Zimmer der Kranken ein. Catherine erwartete ihn mit Ungeduld; nach der Gluth ihrer Augen, nach der Färbung ihrer Wangen konnte man glauben, ſie werde, wie es Frau Clement geſagt hatte, vom Fieber beherrſcht. Kaum hatte Pitou die Thüre des Zimmers von Catherine hinter ſich zugemacht, als dieſe, die ihn an ſelnem Tritte erkannte und überdies ſeit anderthalb Stun⸗ den erwartete, ſich raſch umwandte und ihre Hände nach ihm ausſtreckte. „Ah! biſt Du da, Pitou?“ ſagte das Mädchen. „Wie lange biſt Du ausgeblieben?“ d 1 d 2 . „— —— — — Ihnen Alles ſagen!“ „Das iſt nicht meine Schuld, Mademoiſelle,“ er⸗ wiederte Pitou,„Ihr Vater hat mich zurückgehalten.“ „Mein Vater?“ „Er ſelbſt.„Oh! er muß etwas vermuthen. Und dann überdies,“ fügte Pitou mit einem Seufzer bei,„überdies beeilte ich mich nicht; ich wußte, daß Sie haben, was Sie zu haben wünſchten.“ „Ja, Pitou ja,“ verſetzte das Mädchen, die Augen nieverſchlagend,„„und ich danke Dir.“ Dann ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu:„Du biſt ſehr gut, Pitou, und ich liebe Dich ungemein!“ „Sie ſind ſelbſt ſehr gut, Mademoiſelle Catherine,“ erwiederte Pitvu dem Weinen nahe, denn er fühlte, daß dieſe ganze Freundſchaft für ihn nur ein Reflex ihrer Liebe für einen Andern war, und im Grunde des Herzens, ſo beſcheiden der arme Junge, demüthigte es ihn doch, daß er der Mond von Charny ſein ſollte. Er fügte auch raſch bei: „Ich habe es nur gewagt, Sie zu ſtören, Made⸗ moiſelle Catherine, weil man mir ſagte, Sie wünſchen etwas zu wiſſen.“ Catherine griff mit der Hand nach ihrem Herzen; ſie ſuchte hier den Brief von Iſivor, ohne Zweifel, um daraus den Muth zu ſchöpfen, Pitou zu befragen. Endlich, nach einer Anſtrengung, fragte ſie: „Pitvu, der Du ſo gelehrt, kannſt Du mir ſagen, was Sardinien iſt?“ Piton beſchwor alle ſeine geographiſchen Erinnerun⸗ gen herauf. „Warten Sie doch warten Sie doch, Made⸗ moiſelle,“ erwiederte er,„ich muß das wiſſen. Unter der Zahl der Dinge, die der Herr Abbé Fortier uns zu lehren ſich bemühte, war die Geographie. Warten Sie doch„Sardinien ich werde ſogleich dort ſein Ahl wenn ich das erſte Wort wiederfände, würde ich 206 „Oh! ſuche Pitou, ſuche!“ rief Catherine, die Hände faltend. „Bei Gott! das thue ich auch⸗ Sardinien. Ah! nun habe ich es!. Catherine athmete. „Sardinien,“ ſprach Pitou,„die Sardinia der Römer, eine von den drei großen Inſeln des Mittellän⸗ diſchen Meeres, im Süden von Corſica, von dem es vurch die Meerenge von Boniſfacio getrennt iſt, gehört zu den ſardiniſchen Staaten, welche ihren Namen hievon haben, und die man das Königreich Sardinien nennt; es hat ſechzig Meilen von Norden nach Süden, ſechzehn von Oſten nach Weſten und zählt 54000 Einwohner; Haupt⸗ ſtadt, Cagliari. Das iſt Sardinien, Mademviſelle Ca⸗ „Oh! mein Gott!“ rief das Mädchen,„wie gluͤck⸗ lich biſt Du, daß Du alle dieſe Dinge weißt, Piton!“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Pitou, befriedigt in ſeiner Eitelteit, wenn auch verletzt in ſeiner Liebe,„es iſt wahr, ich habe ein ziemlich gutes Gedächtniß.“ „Und nun,“ fragte weiter Catherine, doch mit weniger Schüchternheit,„nun, da Du mir geſagt haſt, was Sardinien iſt, willſt Du mir wohl auch ſagen, was Turin iſt?“ „Turin?...“ wiederholte Pitou,„ſicherlich, Made⸗ moiſelle Catherine, ich werde es Ihnen mit Vergnügen ſagen, wenn ich mich nämlich erinnern kann.“ „Oh! ſuche Dich zu erinnernz das iſt das Wich⸗ tigſte, Pitou.“ „Ei! iſt es vas Wichtigſte, ſo muß ich wohl.. Ueberdies, wenn ich mich nicht erinnere, werde ich nach⸗ forſchen.“ „Ich ſagte Catherine,„ich möchte es ſogleich wiſſen Suche alſo, mein lieber Pitou, ſuche.“ Catherine ſptach dieſe Worte mit einer ſo lieb⸗ — ———— — — 7 207 £ koſenden Stimme, vaß ſie einen Schauer den ganzen Leib von Pitou durchlaufen machte. „Ah! ich ſuche. Mademoiſelle,“ erwiederte er, „ich ſuche.“ Catherine ließ kein Auge von ihm. Pitou warf den Kopf zurück, als wollte er den Plafond befragen. „Turin„ ſagte er,„Turin Ei! Made⸗ moiſelle, das iſt ſchwieriger als Sardinien„ Sar⸗ dinien iſt eine große Inſel des Mittelländiſchen Meeres, und es gibt nur drei große Inſeln im Mittelländiſchen Meer: Sardinien, das dem König von Piemont gehört, Corſica, das dem König von Frankreich gehört, und Si⸗ eilien, das dem Konig von Neapel gehört, während Turin eine einfache Hauptſtadt iſt.“ „Wie haſt Du in Beziehung auf Sardinien geſagt, mein lieber Pitou? „Ich habe geſagt, Sardinien, das dem König von Piemont gehört, und ich glaube mich nicht zu täuſchen.“ „So iſt es„ ganz richtig, mein lieber Pitou. Iſidor ſagt in ſeinem Briefe, er gehe nach Turin in Pie⸗ mont.“ „Ah!“ verſetzte Pitou,„ich begreife nun. Gut! gutl gut! Nach Turin hat Herrn Iſidor der König geſchickt, und um zu wiſſen, wohin Herr Iſidor geht, befragen Sie mich.“. „Warum ſonſt, wenn nicht um ſeinetwillen?“ ver⸗ ſetzte das Mädchen.„Was gehen mich Sardinien, Pie⸗ mont, Turin an? So lange er nicht dahin ging, habe ich nichts von dieſer Inſel, von dieſer Hauptſtadt gewußt, und ich bekümmerte mich wenig darum. Doch er iſt nach Turin abgereiſt... begreifſt Du, mein lieber Pitvu? und ich will wiſſen, was Turin iſt Piton ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, ſchüttelte den Kopf, ſtrengte aber nichtsdeſtoweniger alle ſeine Kräfte an, um Catherine zu befriedigen.„ 208 „Turin ſagte er,„warten Sie Haupt⸗ ſtodt von Piemont. Turin. Ich habe es! Turin, Bodincomagus, Tauraſia, Colonia Julia, Auguſta Taurinorum bei den Alten, heute die Haupt⸗ ſtadt von Piemont und der ſardiniſchen Staaten, zwiſchen dem Po und der Dora liegend, eine der ſchönſten Städte Europas. Bevölkerung 120,000 Einwohner; regierender König Karl Emmanuel Das iſt Turin, Mademoi⸗ ſelle Catherine.“ „Und in welcher Entfernung liegt Turin von Piſſeleu? Du, der Du Alles weißt, Pitou, mußt auch dies wiſſen „Ahl! ja!“ verſetzte Pitou,„ich werde Ihnen wohl ſagen, wie weit Turin von Paris entfernt liegt, aber von Piſſeleu, vas iſt ſchwierig.“ „Nun, ſo ſage zuerſt von Paris, Pitou, und wir werden ſodann die achtzehn Meilen von Piſſeleu bis Paris beifügen.“ „Halt! das iſt bei meiner Treue wahr,“ rief Pitou. Und er fuhr fort: „Entfernung von Paris zweihundertundſechs Meilen, von Rom hundertundvierzig, von Konſtantinopel „Ich brauche nur Paris, mein lieber Pitou. Zwei⸗ hundert und ſechs Meilen. und achtzehn, das macht zweihundertvierundzwanzig. Er iſt alſo zweihundertvierund⸗ zwanzig Meilen von mir entfernt. Vor drei Tagen war er da„eine Stunde von hier„ an meiner Seite und heute heute.„ fügte Catherine in Thränen zerfließeod und die Hände ringend bei,„heute iſt er zweihundertvierundzwanzig Meilen von mir ent⸗ erntl„ „Oh! noch nicht,“ bemerkte Pitou ſchüchtern:„er iſt vorgeſtern erſt abgereiſt„ er hat den halben Weg zurückgelegt, und dies kaum.“ „Und wo iſt er dann?“ „Oh! was das betrifft, das weiß ich nicht,“ erwie⸗ S e— S—„—„— — e%— — 25)— — 209 derte Pitou,„der Abbs Fortier lehrte uns zwar, was die Koͤnigreiche und die Hauptſtädte ſind, er ſagte uns aber nichts von den Wegen, welche dahin führen.“ „Das iſt alſo Alles, was Du weißt, mein lieber Pitou?“ 2 „Ohl mein Gott, ja,“ erwiederte der Geograph, gedemüthigt davurch, daß er ſo ſchnell die Grenzen ſeines Wiſſens berührte,„wenn nicht etwa noch, daß Turin ein Ariſtokratenneſt iſt!“ „Was will das beſagen?“ „Das will beſagen, Mademoiſelle, daß ſich in Turin alle Prinzen, alle Prinzeſſinnen und alle Emigranten ver⸗ ſammelt haben: der Herr Graf dArtois, der Herr Prinz von Condé, Frau von Polignac, kurz, eine Maſſe von Schurken, welche gegen die Nation conſpiriren, und denen man hoffentlich eines Tags den Kopf mit einer ſehr ſinnreichen Maſchine, die ſoeben Herr Guillotin erfindet, abſchlagen wird.“ „Oh! Pitou!“ „Was denn?“ „Du wirſt wieder grauſam, wie bei Deiner erſten Rückkehr von Paris.“ „Grauſam! Ich!“ rief Pitou.„Ah! es iſt wahr. Ja, ja, ja. Herr Iſidor iſt einer von die⸗ ſen Ariſtokraten, und Sie haben bange für ihn.“ Dann fügte er mit einem von den ſchweren Seufzern, die wir wiederholt bezeichnet haben, bei: „Sprechen wir nicht hievon... Sprechen wir von Ihnen, Mademoiſelle Catherine, und auf welche Art ich Ihnen angenehm ſein kann.“ „Mein lieber Pitou,“ erwiederte Catherine,„der Brief, den ich dieſen Morgen empfangen habe, iſt wahr⸗ ſcheinlich nicht der einzige, den ich empfangen werde„ „Und Sie wünſchen, vaß ich die andern hole wie dieſen?“ Die Gräfin von Charnp. M, 14 2¹⁰ „pitn, da Du angefangen haſt, ſo gut zu ſein. 1 ſoll ich auch fortfahren⸗ nicht wahr?“ „Ja.“ „Herzlich gern.“ „Du begreifſt wohl, daß ich, von meinem Vater be⸗ kucht wie ich dies ſein werde, nicht in die Stadt gehen ann„ „Ah! ich muß Ihnen wohl ſagen, daß er mich auch ein wenig bewacht, der Vater Billot; ich habe es an ſeinem Auge geſehen.“ „Ja, doch Dir, Pitou, kann er nicht nach Haramont folgen, und wir können in Betreff eines Ortes überein⸗ kommen, wo Du die Briefe niederlegſt.“ „Oh! ſehr gut,“ erwiederte Piton,„zum Beiſpiel der große hohle Weidenbaum, der bei der Stelle iſt, wo ich Sie ohnmächtig gefunden“ habe?“ „Ganz richtig. Das iſt nicht weit vom Pachthofe entfernt und kann doch von den Fenſtern aus nicht geſehen werden. Abgemacht alſo, Du bringſt ſie dorthin 2“ „Ja, Mademviſelle Catherine.“ „Nur ſei beſorgt daß man Dich nicht ſieht.“ „Fragen Sie doch die Jagdaufſeher der Hut von Longpré, von Taille⸗Fontaine und von Montaigu, ob ſie mich je geſehen, und ich habe ihnen doch Dutzende von Kaninchen weggeblaſen!„ Aber Sie, Mademoiſelle wie werden Sie es machen, um ſie zu holen?“ ch? Oh!l ich,“ erwiederte Catherine mit einem Lächeln voll Hoffnung und Willen,„ich werde ſehr raſch zu geneſen ſuchen.“ Pitou ſtieß den ſchwerſten von den Seufzern aus, die er noch ausgeſtoßen hatte. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und der Doctor Raynal erſchien. 211 XLVII. Piton als Montirungs-Rapitän. Dieſer Beſuch kam ſehr gelegen, um den Abgang von Pitou zu erleichtern. Der Doctor näherte ſich der Kranken, nicht ohne zu bemerken, welche bedeutende Veränderung ſich bei ihr ſeit dem vorhergehenden Tage bewerkſtelligt hatte. Catherine lächelte dem Doctor zu und reichte ihm den Arm. „Ah!“ ſagte der Doctor,„geſchähe es nicht um des Vergnügens willen, Ihre hübſche Hand zu berühren, meine liebe Catherine, ſo würde ich nicht einmal Ihren Puls befragen. Ich wette, wir überſchreiten nicht fünf⸗ undſiebenzig Schläge in der Minute.“ „Es geht allerdings viel beſſer, Doctor, und Ihre Verordnungen haben Wunder gethan.“ „Meine Verordnungen. hm! hm!“ verſetzte der Doctor.„Sie begreifen, es iſt mir ganz lieb, wenn alle Ehre Ihrer Wiedergeneſung mir zufällt; doch ich muß, ſo eitel ich bin, einen Theil dieſer Geneſung meinem Zogling Pitou überlaſſen.“ Dann ſchlug er die Augen zum Himmel auf und ſprach: „O Natur, Natur! mächtige Ceres, große Iſis, wie viel Geheimniſſe bewahrſt du noch für diejenigen, welche dich zu befragen wiſſen werden!“ Und er wandte ſich nach der Thüre und rief: „Auf! aufl tretet ein, Vater mit dem düſteren Ge⸗ ſichte, Mutter mit dem bangen Auge, und ſeht die theure Kranke; ſie bedarf, um völlig zu geneſen, nur noch Eurer Liebe und Eurer Zärtlichkeit.“ 21¹² Als ſie die Stimme des Doctors vernahmen, liefen der Vater Billot und die Mutter Billot herbei: der Vater Billot mit einem Ueberreſte von Argwohn in der Phyſiognomie, die Mutter Billot mit einem ſtrahlenden Geſichte.. Während ſie eintraten, nahm Pitou, nachdem er den letzten Blick, den ihm Catherine zuwarf, erwiedert hatte, ſeinen Abgang. Laſſen wir Catherine, welche der auf ihrem Herzen liegende Brief von Iſidor fortan der Anwendung von Eis auf ihrem Kopfe und von Senf auf ihren Füßen über⸗ hebt, laſſen wir Catherine unter den Liebkoſungen ihrer würdigen Eltern zur Hoffnung und zum Leben zurück⸗ kehren und folgen wir Piton, der ganz einfach und naiv eine der ſchwierigſten vom Chriſtenthum den chriſtlichen Seelen auferlegten Pflichten, die Selbſtverleugnung und die Aufopferung für ſeinen Nebenmenſchen, geübt hatte. Wollten wir ſagen, der arme Junge habe Catherine mit freudigem Herzen verlaſſen, ſo würden wir zu viel ſagen. Wir beſchränken uns darauf, daß wir verſichern, er habe ſie mit zufriedenem Herzen verlaſſen. Obgleich er ſich keine Rechenſchaft von der Größe der Handlung gegeben, die er vollführt, fühlte er doch an den Glückwünſchen der inneren Stimme, welche Jeder in ſich trägt, daß er etwas Gutes und Frommes gethan hatte, nicht aus dem Ge⸗ ſichtspunkte der Moral, welche ſicherlich die Verbindung von Catherine mit dem Vicomte von Charny, das heißt einer Bäuerin mit einem vornehmen Herrn verwarf, ſondern aus dem Geſichtspunkte der Humanität. In der Zeit aber, von der wir ſprechen, war die Humanität eines von den Modeworten, und Pitou, der dieſes Wort mehr als einmal ausgeſprochen, ohne zu wiſſen, was es beſagen wollte, Piton hatte es in Aus⸗ übung gebracht, ohne genau zu wiſſen, was er gethan. Was er gethan, war eine Sache, die er aus Ge⸗ chicklichkeit haͤtte thun müſſen, würde er ſie nicht aus — S 8 S N N— 2¹3 Seclengüte gethan haben. Von einem Nebenbuhler von Charny,— eine Stellung, die er unmöglich behaupten konnte,— war Pitou der Vertraute von Catherine ge⸗ worden. Statt ihn hart anzulaſſen ſtatt ihn zurückſtoßend zu behandeln, ſtatt ihn vor die Thüre zu ſetzen, wie ſie es bei der Rückkehr von ſeiner erſten Reiſe nach Paris ge⸗ than, hatte ihm Catherine geſchmeichelt, ihn gedutzt, ge⸗ liebkoſt.. Als Vertrauter hatte er erlangt, was er als Nebenbuhler nie geträumt,— abgeſehen von dem, was er noch erlangen würde, nach dem Maße, in welchem die Ereigniſſe ſeine Theilnahme an dem geheimen Leben und den verborgenen Gefühlen des ſchönen Bauernmädchens immer nothwendiger machen würden. um ſich dieſe Zukunft freundlicher Zärtlichkeiten zu erhalten, fing Viton damit an, daß er Frau Colombe eine ihm von Catherine gegebene, beinahe unleſerliche Vollmacht brachte, nach der er für ſie und in ihrem Na⸗ men alle Briefe, welche für ſie und mit ihrem Namen ankämen, empfangen ſollte. Dieſer geſchriebenen Vollmacht fügte Piton noch ein münbliches Verſprechen von Catherine bei, die ſich an⸗ heiſchig machte, am nächſten Martini den Tagelöhnern von Piſſeleu einen ganz aus Pfefferkuchen und Gerſten⸗ zucker beſtehenden Imbiß zu geben. Gegen dieſe Vollmacht und dieſes Verſprechen, wo⸗ vurch zugleich das Gewiſſen und die Intereſſen der Mutter Colombe geſichert wurden, machte ſich dieſe anheiſchig, jeden Morgen die Briefe, welche für Catherine ankommen könnten, in Empfang zu nehmen und zur Verfügung von Pitou zu ſtellen. Nachdem dieſer Punkt geordnet war, wanderte Pitou, der nichts mehr in der Stadt, wie man prunkhaft Villers⸗Coterets nannte, zu thun hatte, nach dem Dorfe. Die Rückkehr von Pitou nach Haramont war ein 214 greigniß. Seine haſtige Abreiſe nach der Sit hatte eine große Anzahl von Commentaren eſ und nach dem, was in Folge des von Paris durch einen Ad⸗ jutanten von Lafayette überſchickten Befehls, ſich der beim Abbs Fortier aufbewahrten Gewehre zu bemächtigen, ge⸗ ſchehen war, hatten die Haramonter keinen Zweifel mehr an der politiſchen Wichtigkeit von Pitou gehabt. Die Einen ſagten, er ſei nach Paris durch den Doctor Gilbert berufen worden; die Andern, durch den General Lafayette, und wieder Andere,— das war allerdings die kleinſte Zahl,— durch den Koͤnig. Obgleich Pitou nichts von den Gerüchten wußte, die ſich in ſeiner Abweſenheit verbreitet hatten, Gerüchte, welche ganz zu ſeinen Gunſten lauteten, kehrte er nichts⸗ deſtoweniger mit einer ſolchen Würde in ſeine Heimath zurück, daß Jedermann über dieſe Würde erſtaunt war. Um in ihrer wahren Größe geſehen zu werden, müſſen die Menſchen auf dem Terrain geſehen werden, das ihnen eigen iſt. Schüler in der Anſtalt des Herrn Abbé Fortier, Tagelöhner im Pachthofe des Herrn Billot, war Pitou Mann, Bürger, Kapitän in Haramont. Abgeſehen davon, daß er als Kapitän außer fünf bis ſechs Louis d'or, die ihm eigen gehörten, wie man ſich erinnert, fünfundzwanzig Louis d'or mitbrachte, welche ihm großmüthig der Doctor Gilbert für die Gquipirung und Montirung der Nationalgarde von t ge⸗ geben hatte. Kaum war er auch in ſeinem Hauſe, kaum erſchien der Trommler bei ihm zum Beſuche, als er dieſem be⸗ fahl, für den nächſten Sonntag Mittag eine ofſicielle Revue mit Sack und Pack auf dem großen Platze von Haramont anzukündigen. Nun zweifelte man nicht mehr, Piton habe eine WMittheilung der Nationalgarde von Haramont im Auf⸗ trage der Regierung zu machen. Viele kamen zu Pitou und ließen ſich mit ihm in ein 3 —— e„bDec ——c 8 —— 2¹5 Geſpräch ein, um vor den Andern eiwas von dieſem großen Geheimniſſe zu erfahren; Pitou aber beobachtete in Betreff der öffentlichen Angelegenheiten ein majeſtäti⸗ ſches Stillſchweigen. Am Abend ging Pitou, den die öffentlichen Angele⸗ genheiten ebenſo wenig ſeinen Privatangelegenheiten entzo⸗ gen, als ihn die Privatangelegenheiten den öffentlichen abwendig machen konnten, ging Piteu hinaus, um ſeine Schlingen zu legen und Vater Clouis zu begrüßen, was ihn nicht verhinderte, um ſieben Uhr Morgens bei Meiſter Dulauroy, dem Schneider, zu ſein, nach⸗ dem er in ſeinem Hauſe in Haramont drei Kanin⸗ chen und einen Haſen niedergelegt und ſich bei Mutter erkundigt hatte, ob keine Briefe für Catherine da ſeien. Es fanden ſich keine vor, und Piton war beinahe betrübt, indem er an den Kummer dachte, den hierüber die arme Wiedergeneſende empfinden werde. Der Beſuch bei Herrn Dulauroy hatte zum Zweck, zu erfahren, ob dieſer die Montirung der Nationalgarde von Haramont auf Lieferung übernehmen und welchen Preis er vafür verlangen würde. Meiſter Dulauroy machte die bei ſolchen Vorkommen⸗ heiten üblichen Fragen über den Wuchs der Individuen, auf welche Fragen Pitou dadurch antwortete, daß er ihm mit Namen den Etat der dreiunddreißig Mann vor Augen legte, welche, Officiere, Unterofficiere und Sol⸗ S den Effectivſtand der Bürgergarde von Haramont ildeten. 4 Da die ganze Mannſchaft dem Meiſter Dulauroy bekannt war, ſo berechnete man Größe und Länge, und, mit Feder und Kreide in der Hand erklärte der Schnei⸗ der, er könne dreiunddreißig Roͤcke und dreiunddreißig Paar Hoſen in anſtändiger Beſchaffenheit nicht um weni⸗ ger, als um dreiunddreißig Louis d'or liefern. 2¹6 und Piton dürfte um dieſen Preis nicht einmal völ⸗ lig neues Tuch fordern. Pitou ſchrie auf und behauptete, er wiſſe aus dem Munde von Lafayette ſelbſt, daß er drei Millionen Mann, welche die Bürgergarde Frankreichs bilden, für fünfund⸗ zwanzig Livres den Mann habe kleiden laſſen, was fünf⸗ undſiebenzig Millionen für das Ganze mache. Meiſter Dulauroy entgegnete, bei einer ſolchen Zahl, wenn man im Einzelnen verliere, vermoͤge man ſich beim Ganzen herauszuziehen, er aber, und das ſei ſein letztes Wort, könne nicht mehr thun, als die Bürger⸗ garde von Haramont um zweiundzwanzig Franken den Mann kleiden, und in Betracht der nothwendigen Vor⸗ ſchüſſe könne er auch die Sache nur gegen baar Geld un⸗ ternehmen. Pitou zog eine Hand voll Gold aus der Taſche und erklärte, das wäre kein Hinderniß, allein er ſei in ſei⸗ nem Preiſe beſchränkt, und wenn Meiſter Dulauroh ſich weigere, die dreiunddreißig Röcke und ebenſo viel Paare Hoſen zu verfertigen, ſo werde er den Antrag dem Mei⸗ ſier Bligny, dem Zunftgenoſſen und Nebenbuhler von Meiſter Dulauroy, machen, da er ihm nur den Vorzug als einem Freunde der Tante Angelique gegeben habe. Es war in der That Pitou nicht unangenehm, wenn die Tante Angelique auf einem Umwege erfuhr, er, Pitou, habe Gold die Hülle und die Fülle, und er bezweifelte nicht, noch an demſelben Abend werde ihr der Schneider berichten, was er geſehen, nämlich, daß Pitou reich war wie der ſelige Cröſus. Die Drohung, anderswo einen Auftrag von ſolcher Beveutung zu geben, brachte ihre Wirkung, hervor und Meiſter Dulauroy ging ein, was Pitou haben wollte. Dieſer aber forderte, daß ihm ſeine Kleidung von neuem Tuche, gleichviel ob von feinem oder grobem,— er liebte vas grobe mehr als vas feine,— die Epauletten mitbegriffen, in den Kauf geliefert werden müſſe. ————— 2 —*5 2¹7 Das war der Gegenſtand einer neuen Debatte, welche nicht minder lang und nicht minder hitzig als die erſte, doch auch bei dieſer ſiegte Pitou in Folge der erſchreckli⸗ chen Drohung, von Meiſter Bligny zu erlangen, was er nicht bei Meiſter Delauroy durchſetzen konnte. Das Reſultat dieſer ganzen Verhandlung war, daß Meiſter Dulauroy ſich anheiſchig machte, am nächſten Sonnabend einunddreißig Rocke und eben ſo viel Paare Hoſen für die Soldaten, zwei Röcke und zwei Paare Hoſen für Sergent und Lieutenant, und einen Rock und ein Paar Hoſen für den Kapitän, den Rock mit ſeinen Epau⸗ letten geſchmückt, zu liefern. Würde nicht pünktlich geliefert, ſo blieb die Beſtel⸗ lung auf Rechnung des ſäumigen Schneiders, da die Feierlichkeit des Bündniſſes, das Villers⸗Coterets und die zu dieſem Cantonshauptorte gehörenden Dörfer ſchließen wollten, am Sonntag, den andern Tag nach dieſem Sonn⸗ abend, ſtattfinden ſollte. Dieſe Bedingung wurde angenommen wie die andern. Um neun Uhr Morgens war die große Angelegenheit zu Ende gebracht. Um halb zehn Uhr kehrte Pitou, zum Voraus ganz ſtolz auf die Ueberraſchung, die er ſeinen Mitbürgern be⸗ reitete, nach Haramont zurück. um eilf Uhr ſchlug der Trommler den Rappel. um Mittag manveuvrirte die Nationalgarde unter den Waffen mit der gewöhnlichen Präciſion auf dem öffentlichen Platze des Dorfes. Nach einem Manveuvre von einer Stunde, das dieſer wackeren Nationalgarde die Lobeserhebungen ihres Führers und die Bravos der Weiber, der Kinder und der Greiſe eintrug, die dieſem Schauſpiele mit der rührendſten Theilnahme zuſahen, rief Pitou den Sergent Claude Tellier und den Lieutenant Deſirs Maniquet zu ſich und befahl ihnen, ihre Leute zu verſammeln und ſie im Namen von ihm, Pitou, im Na⸗ men von Doctor Gilbert, im Namen von General La⸗ 218 fayette und endlich im Namen des Königs aufzufordern, ſich zu Meiſter Dulauroy, dem Schneider von Villers⸗ Coterets, zu begeben, der ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen habe. Die Trommel wurde abermals gerührt, der Sergent und der Lieutenant, welche nicht minder unwiſſend als die Soldaten, an die ſie ſich wandten, überbrachten ihren Leuten wortgetreu den Befehl des Kapitäns; dann ver⸗ nahm man von der ſchallenden Stimme von Piton den Ruf:„Eingerückt!“ Fünf Minuten nachher liefen die einundvreißig Sol⸗ daten der Bürgergarde von Haramont nebſt dem Sergen⸗ ten Claude Tellier und dem Lieutenant Deſiré Maniquet, als hätte man ihnen die Milz ausgenommen, auf der Straße nach Villers⸗Coterets. Am Abend gaben die zwei Spielleute von Haramont dem Kapitän eine Serenadez die Luft ward durchfurcht von Petarden, Raketen und ro⸗ maniſchen Lichtern, und einige, allerdings etwas weinſchwere, Stimmen riefen in Zwiſchenräumen: „Es lebe Ange Piton! der Vater des Volks!“ XLVIII. Wo der Abbé Fortier einen neuen Beweis von ſeinem contrerevolutionären Geiſte gibt. An dem darauf folgenden Sonntag wurden die Ein⸗ wohner von Villers⸗Coterets durch den Trommler aufge⸗ weckt, welcher ſchon um fünf Uhr des Morgens mit aller Heftigkeit den Rappel ſchlug. 2¹9 Nichts iſt meiner Anſicht nach unberſchämter, als auf dieſe Art eine Bevölkerung aufzuwecken, von der beinahe immer die Mehrzahl, es iſt nicht zu leugnen, lieber ruhig ihre Nacht beendigen und die ſieben Stunden Schlaf, die nach der Volksgeſundheitslehre jeder Menſch nöthig hat, um ſich friſch und munter zu erhalten, voll⸗ ſtändig machen würde. Doch in allen Revolutionszeiten iſt es ſo, und tritt man in eine von dieſen Perioden der Agitation und des Fortſchrittes ein, ſo muß man philoſophiſch den Schlaf zur Zahl der Opfer ſetzen, die man dem Vaterlande zu bringen hat.. Die Einwohner von Villers⸗Coterets, mochten ſie zufrieden oder unzufrieden, Patrioten oder Ariſtokraten ſein, wurden alſo am Sonntag den 18. October 1790 um fünf Uhr Morgens aufgeweckt. Die Feierlichkeit begann indeſſen erſt um zehn Uhr; voch fünf Stunden waren nicht zu viel, um zu vollenden, was Alles zu thun blieb. Eine große Schaubühne, die man vor mehr als zehn Tagen errichtet, erhob ſich mitten auf dem Platze. Doch dieſe Schaubühne, deren Erbauung vom Eifer der Schrei⸗ ner zeugte, war, ſo zu ſagen, nur das Gerippe des Mo⸗ numents. Das Monument bildete ein dem Vaterlande geweihter Altar, an welchem der Abbé Fortier mehr als vierzehn Tage vorher die Meſſe am Sonntag den 18. October zu leſen, ſtatt ſie in ſeiner Kirche zu leſen, aufgefordert worden war. Um aber das Monument ſeiner doppelten religiöſen und geſellſchaftlichen Beſtimmung würdig zu machen, mußte man alle Reichthümer der Gemeinde in Contribu⸗ tion ſetzen. Und wir müſſen ſagen, Jeder hatte großmüthig ſeine Reichthümer für dieſe Feſtlichkeit angeboten; Dieſer einen 220 Teppich, Jener ein Altartuch, der Eine ſeidene Vorhänge, der Andere ein Heiligenbild. Da aber die Stabilität im Monat October keine von den guten Eigenſchaften der Witterung iſt und der Fall, daß der Barometer beſtändig ſchön andeutet, unter dem Zeichen des Scorpions nur ſelten vorkommt, ſo hatte ſich Niemand der Gefahr ausgeſetzt, ſein Opfer zum Voraus zu hringen, und Jeder hatte den Tag des Feſtes abgewartet, um ſeinen Tribut zu entrichten. Die Sonne ging, nach ihrer Gewohnheit in dieſer Jahreszeit, um halb ſieben Uhr auf und verkündigte durch die Klarheit und Wärme ihrer Strahlen einen der ſchönen Herbſttage, welche einen Vergleich mit den ſchönen Tagen des Frühlings aushalten. Um neun Uhr Morgens wurde der Altar mit einem herrlichen Teppich von Aubuſſon bekleidet, mit einem mit Spitzen verzierten Tuche beveckt, und darauf ſetzte man ein Gemälde, die Predigt des heiligen Johannes in der Wüſte vorſtellend, während das Ganze durch einen Pracht⸗ himmel mit goldenen Crepinen beſchirmt war, von dem herrliche Brocatvorhänge herabhingen. Die für die Feier der Meſſe nothwendigen Gegen⸗ ſtände mußten natürlich von der Kirche geliefert werden, und man bekümmerte ſich nicht darum. Ueberdies hatte jeder Bürger wie am Fronleichnamsfeſte über die Vor⸗ derſeite ſeiner Thüre oder die Facade ſeines Hauſes Tü⸗ cher mit Epheuzweigen geſchmückt oder Tapetenwerk, theils Blumen, theils Perſonen vorſtellend, ausgeſpannt. Alle Mädchen von Villers⸗Coterets und der Umge⸗ gend ſollten, weiß gekleidet, einen dreifarbigen Gürtel um den Leib und in der Hand einen Zweig mit Blätterwerk haltend, den Altar des Vaterlandes umgeben. 3 Nachdem die Meſſe geleſen, ſollten die Männer der Conſlitutivn den Eid leiſten. Unter den Waffen von Morgens um acht Uhr an, erwartete die Nationalgarde von Villers⸗Coterets die 8„ e 8— c„ e— —— 8— — S. S„—— r h n n it n er t⸗ n⸗ n. te r⸗ ü⸗ s e⸗ m erk er n, die 221 Bürgergarden der verſchiedenen Dörfer und fraterniſirte mit ihnen, ſo wie ſie nach und nach ankamen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß unter allen dieſen patriotiſchen Milizen diejenige, welche mit der größten Ungeduld erwartet wurde, die Bürgergarde von Haramont war. Es hatte ſich das Gerücht verbreitet, durch den Einfluß von Pitou und eine ganz königliche Freigebigkeit ſeien die dreiunddreißig Mann, aus denen ſie beſtand, nebſt dem Kapitän Ange Pitou mit Uniformen bekleidet worden. Die Magazine von Meiſter Dulauroy waren die ganze Woche nicht leer geweſen. Es hatte ein großer Zuftrom von Neugierigen innen und außen ſtattgefunden, um die zehn Geſellen an der Rieſenbeſtellung, die ſeit Menſchengedenken nicht ihres Gleichen in Villers⸗Coterets gehabt, arbeiten zu ſehen. Die letzte Uniform, die des Kapitäns,— denn Piton hatte gefordert, daß man erſt an ihn denke, nachdem die Anderen bedient ſeien,— die letzte Uniform, ſagen wir, war nach der Uebereinkunft am Samſtag Abend um eilf Uhr fünfundfünfzig Minuten abgeliefert worden. Nach der Uebereinkunft hatte auch Piton die fünf⸗ undzwanzig Louis d'or bis auf den letzten Sou an Herrn Dulauroh bezahlt. Alles dies hatte natürlich großes Aufſehen im Hauptorte des Cantons gemacht, und man durfte ſich nicht wundern, daß am genannten Tage die Nationalgarde von Haramont mit Ungeduld erwartet wurde. Auf den Schlag neun Uhr ertönten eine Trommel und eine Pfeife am Ende der Rue de Largny. Man hörte gewaltige Schreie der Freude und der Bewunderung, und man erblickte von fern Pitou auf ſeinem Schimmel oder vielmehr auf dem Schimmel ſeines Lieutenants De⸗ ſiré Maniquet. Die Nationalgarde von Haramont, was gewöhnlich hei Dingen, von denen man lange geſprochen, nicht der 222 Fall iſt, die Nationalgarde von Haramont erſchien nicht unter ihrem Rufe. Man erinnere ſich des Triumphes, den die Hara⸗ monter erlangt hatten, da ſie ſtatt jeder Uniform nur dreiunddreißig ähnliche Hüte beſaßen, und Piton, da er als Auszeichnung ſeines Ranges nur den Helm und den Säbel eines gemeinen Dragoners trug. Man ſtelle ſich alſo vor, welches martialiſche Anſehen die dreiunddreißig Mann von Piton, mit Uniformsröcken und ſolchen Hoſen bekleivet, haben mußten, und welche wohl⸗ gefällige Miene ihr Anführer mit ſeinem kleinen Hute auf dem Oht, ſeinem Ringkragen auf der Bruſt, ſeinen Katzenpfoten auf den Schultern und ſeinem Degen in der Hand annehmen mußte. Es war nur ein Schrei der Bewunderung vom Ende der Rue de Largny bis zum großen Platze. Die Tante Angelique wollte mit aller Gewalt ihren Neffen nicht wiedererkennen. Sie hätte ſich beinahe vom Schimmel von Maniquet niedertreten laſſen, um Piton unter die Naſe zu ſchauen. Piton ſalutirte mit ſeinem Degen auf eine majeſtä⸗ tiſche Art und ſprach, daß er auf zwanzig Schritte in der Runde gehört werden konnte, ſtatt aller Rache die Worte: „Guten Morgen, Frau Angelique.“ Zu Boden geſchmettert unter dieſer ehrerbietigen An⸗ rufung, machte die alte Jungfer drei Schritte rückwärts, hob die Arme zum Himmel empor und rief: „Oh! der Unglückliche! die Ehrenbezeigungen haben ihm den Kopf verdreht; er kennt ſeine Tante nicht mehr.“ Pitou ritt majeſtätiſch weiter, ohne auf dieſen Ausruf zu antworten, und nahm am Fuße vom Altar des Vater⸗ landes den Ehrenplatz ein, der der Nationalgarde von Haramont als dem einzigen Truppe, welcher eine voll⸗ ſtändige Uniform hatte, gebührte. Hier angelangt, ſtieg Piton ab und gab ſein Pferd 8 r r n l⸗ f n in de en ä⸗ in ie n⸗ s, en uf r 223 zum Halten einem Straßenjungen, welcher für dieſe Be⸗ mühung ſechs Sous vom freigebigen Kapitän erhielt. Dieſer Umſtand wurde fünf Minuten nachher der Tante Angelique gemeldet, und ſie rief: „Ohl der Unglückliche! er iſt alſo Millionär!“ Und leiſe fügte ſie bei: „Ich war ſehr ſchlecht inſpirirt, daß ich mich mit ihm entzweite: die Tanten erben von den Neffen.“ Pitou hörte weder den Ausruf, noch die Betrachtung, Pitou war ganz einfach in Extaſe. Mitten unter den mit einem dreifarbigen Bande um⸗ gürteten und einen grünen Zweig in der Hand haltenden Mädchen hatte er Catherine erkannt. Catherine, noch bleich von der kaum überwundenen Krankheit, doch ſchöner in ihrer Bläſſe, als eine Andere im friſcheſten Colorit der Geſundheit geweſen wärel Catherine bleich, aber glücklich; am Morgen deſſelben Tages hatte ſie durch die Bemühungen von Piton einen Brief in dem hohlen Weidenbaume getroffen. Pitou fand, wie wir geſagt haben, Zeit zu Allem. Am Morgen um ſieben Uhr hatte er Zeit gefunden, bei der Mutter Colombe zü ſein, um ein Viertel auf acht Uhr hatte er Zeit gefunden, den Brief in den hohlen Weidenbaum zu legen, und um acht Uhr Zeit, mit ſeiner Uniform bekleidet ſich an die Spitze ſeiner dreiunddreißig Mann zu ſtellen. Er hatte Catherine ſeit dem Tage, wo er ſie in ihrem Bette im Pachthofe verlaſſen, nicht mehr geſehen. Sie winkte ihm zu ſich. Pitou ſchaute umher, um ſich zu verſichern, ob der Wink wirklich an ihn gerichtet ſei. Catherine wiederholte lächelnd ihre Einladung⸗ Man konnte ſich nicht täuſchen. Piton ſteckte ſeinen Degen in die Schelde, nahm artig ſeinen Hut an der Ecke und ſchritt mit entblößtem Haupte auf das Mädchen zu. 224 Für Herrn von Lafayette hätte Piton einfach die Hand an ſeinen Hut gelegt. „Ah! Herr Pitou,“ ſagte Catherine zu ihm,„ich erkannte Sie nicht.. Mein Gott, wie hübſch ſehen Sie aus in Ihrer Uniform!“ Dann fügte ſie leiſe bei: „Ich danke, mein lieber Pitou; oh! wie gut ſind Sie, und wie liebe ich Sie!“ Und ſie ergriff die Hand des Kapitäns der Natio⸗ nalgarde und drückte ſie in ihren Händen. Eine Blendung zog über die Augen von Pitou hinz ſein Hut entſchlüpfte der Hand, welche frei geblieben, und der arme Verliebte war vielleicht ſelbſt nahe daran, zu ſeinem Hute niederzufallen, als ein gewaltiges Geräuſch, begleitet von bedrohlichen Ausrufungen, auf der Seite der Rue de Soiſſons ertönte. Was auch die Urſache dieſes Geräuſches ſein mochte, Piton benützte den Vorfall, um ſich ſeiner Verlegenheit zu entreißen. Er machte ſeine Hand von den Händen von Cathe⸗ rine los, lief weg und rief an der Spitze ſeiner dreiund⸗ dreißig Mann: „In's Gewehr!“ Sagen wir, was die Urſache dieſes bedrohlichen Ge⸗ räuſches war. Man weiß, daß der Abbé Fortier das Bündniß durch eine Meſſe am Altar des Vaterlands zu feiern beſtimmt worden, und daß dvie heiligen Gefäße und die an⸗ dern Ornamente des Gottesdienſtes, wie Kreuze, Fahnen, Leuchter, von der Kirche nach dem mitten auf dem Platze errichteten Altar gebracht werden ſollten. Der Maire, Herr von Longpré, gab die Befehle in Betreff dieſes Theiles der Feſllichkeit.*. Herr von Longpré hatte, wie man ſich erinnert, ſchon einmal mit dem Abbé Fortier zu thun gehabt, als Pitou, mit dem Beſchluſſe von Herrn von Lafayette in der Hand, N —— 225. die bewaffnete Macht requirirte, um ſich der vom Abbé Fortier zurückbehaltenen Gewehre zu bemächtigen. Herr von Longpré kannte aber, wie Jedermann, den Charakter des Abbé Fortier; er wußte, daß er eigen⸗ willig bis zur Halsſtarrigkeit, reizbar bis zur Heftig⸗ keit war. Er vermuthete wohl, der Abbé Fortier habe kein zärtliches Andenken für ſeine Intervention in dieſer gan⸗ zen Flintenangelegenheit bewahrt. Statt dem Abbé Fortier einen Beſuch zu machen und die Sache von Seiten der bürgerlichen Behoͤrde mit der geiſtlichen Behörde zu verhandeln, beſchränkte er ſich auch darauf, daß er dem würdigen Diener Gottes das Feſtprogramm ſchickte, in welchem geſagt war: Art. 4. „Die Meſſe wird am Altar des Vaterlands vom Herrn Abbé Fortier geleſen; ſie wird Morgens um zehn Uhr beginnen.“ S „Die heiligen Gefäße und anderen Ornamente des Goitesdienſtes werden durch die Sorge des Herrn Abbé Fortier von der Kirche von Villers⸗Coterets zum Al⸗ tar des Vaterlands gebracht.“ Der Secretär der Mairie hatte in Perſon das Pro⸗ gramm dem Abbé Fortier überbracht; dieſer hatte es mit einer ſpöttiſchen Miene durchlaufen und mit einem Tone, der ganz ſeiner Miene ähnlich, erwiedert: „Es iſt gut.“ Um Uhr war, wie geſagt, der Altar des Va⸗ terlands völlig geſchmückt mit ſeinem Teppiche, mit ſei⸗ nen Vorhängen, mit ſeinem Tuche und mit ſeinem Ge⸗ mälde, den heiligen Johannes, wie er in der Wüſte pre⸗ digt, vorſtellend. Es fehlten nur noch die Leuchter, Tabernakel, Die Gräfin von Charnh. II. 226 das Kreuz und die anderen für den Gottesdienſt noth⸗ lich wendigen Gegenſtände. der Um halb zehn Uhr waren dieſe verſchiedenen Gegen⸗ Me ſtände noch nicht herbeigebracht. Der Maire wurde unruhig. Er ſchickte ſeinen Se⸗ ſetz cretäre nach der Kirche, um nachzuſehen, ob man ſich mit dem Transport der heiligen Gefäße beſchäftige. jed Der Seeretär kam zurück und ſagte, er habe die ner Kirche doppelt verſchloſſen gefunden. Br Er erhielt den Befehl, zum Meßner zu laufen; der des Meßner mußte natürlich der mit dieſem Transporte be⸗ auftragte Mann ſein dun Der unglückliche Meßner hatte ſich eine Muskel verdreht. P. um * Der Seeretär erhielt nun Befehl, zu den Cantoren die zu laufen. Ab Beide hatten ſich den Magen verdorben. Um ſich wiederherzuſtellen, hatte der Eine ein Brechmittel, der beſe Andere ein abführendes Mittel genommen. Die zwei und Arzneien wirkten auf eine wunderbare Art, und die bei⸗ zu den Kranken hofften, am andern Tage vollkommen wie⸗ derhergeſtellt zu ſein. ſon Der Maire fing an eine Verſchwörung zu arg⸗ eber wohnen. Er ſchickte ſeinen Secretär zum Abbé Fortier. Der Abbé Fortier hatte am Morgen einen Gicht⸗ geſe anfall bekommen, und ſeine Schweſter befürchtete ſehr, die Gicht könnte ihm in den Magen treten. den Von da an gab es für Herrn von Longpré keinen Zweifel mehr. Nicht nur wollte der Abbés Fortier keine gad Meſſe am Altar des Vaterlands leſen, ſondern, indem er den Meßner und die Cantoren vom Dienſte befreite lief und alle Kirchenthüren ſchloß, verhinderte er es auch, daß ein anderer Prieſter, wenn ſich zufällig einer gegen⸗ wärtig fand, die Meſſe an ſeiner Stelle las. die Die Lage der Dinge war ernſt. Sch Zu jener Zeit glaubte man noch nicht, die bürger⸗ — i⸗ e⸗ g⸗ t⸗ r, en ne m ite en⸗ er⸗ 227 liche Behörde könne ſich bei großen Veranlaſſungen von der geiſtlichen trennen, und irgend ein Feſt könne ohne Meſſe vor ſich gehen. Einige Jahre ſpäter verfiel man in den entgegenge⸗ ſetzten Exceß. Alles dieſes Hin⸗ und Herlaufen des Secretärs war jedoch nicht geſchehen, ohne daß dieſer einige Indiscretiv⸗ nen in Betreff der Muskelverdrehung des Meßners, des Brechmittels des erſten Cantors, des Abführungsmittels des zweiten und der Gicht des Abbé beging. Ein dumpfes Gerücht fing an die Bevölkerung zu durchlaufen. Man ſprach von nichts Geringerem, als daß man, um die heiligen Gefäße und die Ornamente des Gottes⸗ dienſtes zu holen, die Kirchenthüren ſprengen und den Abbé Fortier zum Altar des Vaterlands ſchleppen müſſe. Herr von Longpré, ein weſentlich verſöhnender Mann, beſchwichtigte dieſe erſten Bewegungen des Aufbrauſens und erbot ſich, ſelbſt als Botſchafter zum Abbé Fortier zu gehen. Demzufolge begab er ſich nach der Rue des Sviſ⸗ ſon und klopfte an die Thüre des würdigen Abbé, welche eben ſo ſorgfältig verriegelt war, als die der Kirche. Doch er mochte immerhin klopfen, die Thüre blieb geſchloſſen. Herr von Longpré glaubte nun, es ſei nothwendig, den Beiſtand der bewaffneten Macht zu requiriren. Er gab Befehl, den Quartiermeiſter und den Bri⸗ gadier der Gendarmerie zu benachrichtigen. Beide befanden ſich auf dem großen Platze. Sie liefen auf den Befehl des Maire herbei. Ein ungeheurer Volksſtrom zog ihnen nach. Da man weder Balliſte, noch Katapulte hatte, um die Thüre einzuſtoßen, ſo ließ man ganz einfäch einen Schloſſer holen. Doch in dem Augenblick, wo der Schloſſer den Ha⸗ * 228 ken in vas Schloß ſteckte, wurde die Thüre geöffnet, und der Abbé Fortier erſchien auf der Schwelle. Nicht wie Coligny, der ſeine Mörder fragte: „Meine Brüder, was wollt Ihr von mir 7“ Sondern wie Kalchas, das Auge in Flammen und die Haare geſträubt, nach den Worten von Racine in Iphigenie. „Zurück!“ rief er, ſeine Hand mit einer drohenden Geberde erhebend;„zurück, Ihr Ketzer, Ihr Gottloſe, Ihr Hugenotten, Ihr Abtrünnige! Zurück, Ihr Ama⸗ kekiter, Sodomiter, Gomorrhäer! Hebt Euch hinweg von der Schwelle des Herrn!“ Es entſtand ein großes Gemurre in der Menge, ein Gemurre, das, wir müſſen es ſagen, nicht zu Gunſten des Abbé Fortier war. „Verzeihen Sie,“ ſprach Herr von Longpré mit ſei⸗ ner fanften Stimme, der er den überredendſten Ausdruck gegeben,„verzeihen Sie, Herr Abbé, wir wünſchten nur zu wiſſen, ob Sie die Meſſe am Altar des Vaterlands leſen vder nicht leſen wollen?“ „Ob ich die Meſſe am Altar des Vaterlands leſen will?“ rief der Abbé in einem von jenen Zornausbrüchen, zu denen er ſo ſehr geneigt war,„ob ich die Empörung, den Aufruhr, den Undank heiligen will? Ob ich Gott bitten will, die Tugend zu verfluchen und die Sünde zu ſegnen? Sie haben das nicht gehofft, Herr Maire! Sie wollen wiſſen, ja oder nein, ob ich Ihre gottesläſterliche Meſſe leſen werde; nun wohl: nein! nein! nein! werde ſie nicht leſen.“ „Gut, Herr Abbé,“ erwiederte der Maire„Sie ſind frei, und man kann Sie nicht zwingen.“ „Ah! es iſt ein Glück, daß ich frei bin,“ ſagte der Abbé,„es iſt ein Glück, daß man mich nicht zwingen nn.„ Und mit dem frechſten Hohngelächter fing er an die Thüre den Behoͤrden vor der Raſe zuzuſtoßen. d d ie n e, n in en i⸗ ck ur ds ſen en, g tt zu Sie che c breiten.“ Sie der gen 229 Die Thüre war im Begriff, ihr holzernes Geſicht wie man in der Volks ſprache ſagt, der äußerſt verbüfften Verſammlung zu zeigen, als ein Mann raſch aus der Menge vortrat und mit einer mächtigen Anſtrengung den zu drei Vierteln geſchloffenen Flügel ſo wieder öffnete, daß er den Abbé, ſo ſtark er war, beinahe zurückgewor⸗ fen hätte. Dieſer Mann war Billot, Billot, bleich vor Zorn, mit gefalteter Stirne und mit den Zähnen knirſchend. Billot war, wie man ſich erinnert, Philoſoph. Als ſolcher verabſcheute er die Prieſter, die er„Pfaffennarren“ und„Faullenzer“ nannte. Eine tiefe Stille trat ein. Man begriff, daß etwas zwiſchen dieſen beiden Männern vorgehen ollte. Billot aber, der, um die Thüre zurückzuſtoßen, mit ſo großer Heftigkeit zu Werke gegangen war, debutirte mit einer ruhigen, beinahe ſanften Stimme. „Verzeihen Sie, Herr Maire,“ fragte er,„wie ha⸗ ben Sie da geſagt? Sie haben geſagt.. Ich bitte, wiederholen Sie doch„. Sie haben geſagt, wenn der Herr Abbé die Meſſe nicht leſen wolle, ſo könne man ihn nicht zwingen, es zu thun.“ „Ja, in der That,“ ſtammelte Herr von Longpré, „ja, ich glaube dies geſagt zu haben.“ „Ah! dann haben Sie ſich einen großen Irrthum zu Schulden kommen laſſen, Hert Maire, und in unſerer Zeit iſt es wichtig, daß ſich die Irrthümer nicht ver⸗ „Zurück, Ruchloſer! zurück, Gottloſer! zurück, Ab⸗ trünniger! zurück, Ketzer!“ rief der Abbé Billot zu. „Oh!“ verſetzte Billot,„ſchweigen wir, Herr Abbé, oder ich ſage Ihnen, das wird ein ſchlimmes Ende neh⸗ men. Ich beleidige Sie nicht, ich beſtreite. Der Herr an Maire glaubt, man könne Sie nicht zwingen, die Meſſe 230 zu leſen; ich, ich behaupte, daß man Sie dazu zwingen nn. „Ah! Manichäer!“ rief der Abbé,„ah! Heide!“ „Stillel“ erwiederte Billot,„ich ſage es, und ich beweiſe es.“ „Stille!“ rief alles Volk. „Sie hören, Herr Abbé,“ ſprach Billot mit derſel⸗ hen Ruhe,„Jedermann iſt meiner Anſicht. Ich predige nicht ſo gut, wie Sie; doch es ſcheint, ich ſage intereſ⸗ ſantere Dinge, da man mich anhört.“ Der Abbé hatte große Luſt, durch einen neuen Bann⸗ ſluch zu antworten, doch vieſe mächtige Stimme der Menge imponirte ihm unwillkürlich. „Sprich, ſprich!“ verſetzte er mit einer ſpöttiſchen Miene,„wir werden ſehen, was Du ſagſt.“ „Sie werden es in der That ſehen, Herr Abbé.“ „Vorwärts, ich höre Dich.“ „Und Sie thun wohl daran,“ ſprach Billot. Dann warf er einen Seitenblick auf den Abbé, als wollte er ſich verſichern, vaß vieſer ſchweigen werde, wäh⸗ rend er rede, und fuhr fort: „Ich ſage alſo etwas ganz Einfaches: Jeder, der einen Gehalt empfängt, iſt verbunden, gegen dieſen Ge⸗ halt das Gewerbe zu treiben, für welches er bezahlt wird.“ „Ah!“ ſprach der Abbé„ich ſehe Dich kommen.“ „Meine Freunde,“ ſagte Billot mit derſelben Sanft⸗ heit der Stimme, indem er ſich an die zwei⸗ bis prei⸗ hundert Zuſchauer dieſer Scene wandte,„wollt Ihr lieber die Beleidigungen des Herrn Ahbé, oder meine Beweis⸗ führung horen?“ „Sprechen Sie, Herr Billot, ſprechen Sie, wir hören! Stille! Abbé, ſtille 1“ Billot begnügte ſich diesmal vamit, daß er den; Abbé anſchaute, und ſprach dann weiter: „Ich ſagte alſo, Jeder, der einen Gehalt beziehe, . —— el⸗ ige eſ⸗ m⸗ der 231 müſſe das Gewerbe treiben, für das er bezahlt wird. Hier iſt z. B. der Herr Seeretär der Mairie, er wird dafür bezahlt, daß er die Schreibereien des Herrn Maire macht, vaß er ſeine Botſchaften beſorgt, daß er die Antworten von denjenigen, an welche dieſe Botſchaften gerichtet ſind, zurückbringt. Der Herr Maire hat ihn zu Ihnen geſchickt, Herr Abbé, um Ihnen das Feſtprogramm zu überbringen; ihm wäre es nicht eingefallen, zu ſagen;„„Herr Maire, ich will das Feſtprogramm nicht Herrn Fortier bringen.“ Nicht wahr, Herr Secretär, das wäre Ihnen nicht ein⸗ gefallen?“ „Nein, Herr Billot,“ erwiederte naiv der Seeretär, „bei meiner Treue! nein.“ „Sie hören, Herr Abbé?“ ſagte Billot. „Gottesläſterer!“ rief der Abbé. „Stille!“ wiederholten die Anweſenden. Billot fuhr fort: „Hier iſt der Herr Quartiermeiſter der Gendarmerie, welcher dafür bezahlt wird, daß er gute Ordnung hält, wo die gute Ordnung geſtört wird oder geſtört werden fann. Als der Herr Maire vorhin dachte, die gute Ord⸗ nung könnte durch Sie, Herr Abbo geſtört werden, und dem Herrn Quartiermeiſter ſagen ließ, er möge ihm zu Hülfe kommen, va dachte der Herr Quartiermeiſter nicht varan, zu antworten:„„Herr Moire, ſtellen Sie die Ordnung wieder her, wie Sie eben können, thun Sie es aber ohne mich.““ Nicht wahr, Sie dachten nicht hieran, Herr Quartiermeiſter?“ „Bei meiner Treue, nein! Es war meine Pflicht, zu kommen, und ich bin gekommen,“ erwiederte einfach der Quartiermeiſter. „Sie hören, Herr Abbé?“ ſagte Billot. Dei Abbe knirſchte mit den Zähnen. „Warten Sie,“ ſprach Billot,„hier iſt ein wackerer Mann von einem Schloſſer. Seine Aufgabe iſt es, wie 232 dies ſeine Benennung bezeichnet, Schlöſſer zu verfertigen, zu öffnen oder zu ſchließen. Vorhin hat der Herr Maire ihn holen laſſen, vamit er Ihre Thäre oͤffne. Es iſt ihm nicht einen Augenblick die Joee gekommen, dem Herrn Maire zu antworten:„„Ich will die Thüre von Herrn Fortier nicht öffnen.““ Nicht wahr, Picard, dieſe Idee iſt Dir nicht gekommen?“ „Bei meiner Treue, nein,“ erwiederte der Schloſſer, „ich habe meinen Haken genommen und bin gekommen. Jeder treibe ſein Handwerk, und die Kühe werden wohl gehütet ſein.“ „Sie hören, Herr Abbé?“ fragte Billot. Der Abbé wollte ihn unterbrechen, doch Billot hielt ihn durch eine Geberde zurück und fuhr fort: „Nun wohl, ſprechen Sie, woher kommt es, daß Sie allein, der Sie auserwählt find, um das Beiſpiel zu geben, während Jedermann ſeine Pflicht hier thut, daß Sie allein, ſage ich, ſie nicht thun?“ „Bravo, Billot! bravo!“ riefen einſtimmig die An⸗ weſenden. „Sie thun ſie nicht nur nicht,“ wiederholte Billot, „ſondern Sie geben ſogar das Beiſpiel der Unordnung und des Böſen.“ „Ah!“ rief der Abbé Fortier, der nun einſah, daß er ſich vertheidigen mußte,„die Kirche iſt unabhängig, gehorcht Niemand, die Kirche folgt nur ſich e.* „Ei! das iſt gerade das Schlimme, daß Ihr eine Gewalt im Lande, einen Körper im Staate bildet. Ihr ſeid Franzoſe oder Ausländer, Ihr ſeid Bürger oder ſeid es nicht; ſeid Ihr nicht Bürger, ſeid Ihr nicht Fran⸗ zoſe, ſeid Ihr Preuße, Engländer oder Oeſterreicher, iſt es Herr Pitt, Herr Coburg oder Herr von Kaunitz, der Euch bezahlt, ſo gehorcht Herrn Pitt, Herrn Coburg oder Herrn von Kaunitz; ſeid Ihr aber Franzoſe, ſeid Ihr Bürger, bezahlt Euch die Nation, ſo gehorcht der Nation.“ — e MWN — 233 „Ja! ja!“ riefen drelhundert Stimmen. „Und dann,“ ſprach Billot, die Stirne gefaltet, das Auge voll von Blitzen, und ſeine mächtige Hand bis auf die Schulter des Abbé ausſtreckend,“ und dann, im Namen ver Nation, Prieſter, fordere ich Dich auf, Deine Frie⸗ densſendung zu erfüllen und die Gnade des Himmels, den Segen der Vorſehung, die Barmherzigkeit des Herrn auf Deine Bürger und Dein Vaterland herabzurufen. Komm! komm!“ „Bravo! Billot, es lebe Billot!“ rief man ein⸗ ſtimmig. „Zum Altar! den Prieſter zum Altar!“ Und, ermuthigt vurch dieſen Zuruf, zog der Pächter mit ſeinem kräftigen Arme aus dem beſchützenden Ge⸗ wolbe der großen Thüre vielleicht den erſten Prieſter, der in Frankreich ſo offen das Signal der Gegenrevolution gegeben hatte. Der Abbé Fortier ſah ein, daß kein Widerſtand mög⸗ lich war. „Nun, ja,“ ſagte er,„das Märtyrerthum, ich rufe das Märtyrerthum herbei, ich verlange das Märtyrer⸗ thum.“. Und mit voller Lunge ſtimmte er das Libera nos, Domine! an. Dieſer ſeltſame Zug rückte gegen den großen Platz mit dem Geſchrei herbei, das Piton in dem Augenblick vernahm, wo er nahe daran war, unter den Dankſagun⸗ gen, den zärtlichen Worten und dem Händedruck von Ca⸗ therine ohnmächtig zu werden. XLIX. Die Erklärung der Menchenrechte. Piton, den dieſer Lärmen an die Pariſer Aufſtände, die er mehr als einmal gehört, erinnert hatte, glaubte, er ſehe eine Bande von Moͤrdern herankommen, dachte, er werde einen neuen Fleſſelle, einen neuen Foulon, einen neuen Berthier zu vertheidigen haben, rief:„„Ins Ge⸗ wehr!““ und ſiellte ſich an die Spitze ſeiner dreiund⸗ dreißig Mann. Da öffnete ſich die Menge, und er ſah fortgezogen von Billot, den Abbé Fortier ſich nähern, dem nur eine Palme fehlte, um den alten Chriſten zu gleichen, welche man in den Circus führte. Eine natürliche Bewegung trieb ihn zur Vertheidi⸗ gung ſeines ehemaligen Lehrers an, deſſen Verbrechen er noch nicht wußte. 5 Herr Billot!“ rief er, dem Pächter entgegen eilend. „Oh! mein Vater!“ rief Catherine mit einer ganz ähnlichen Bewegung. Doch es bedurfte nur eines Blickes, um Piton einerſeits und Catherine andererſeits zurückzuhalten. Es war etwas vom Adler und vom Löwen in dieſem Manne, der die Menſchwerdung des Volkes repräſentirte. Am Fuße der Bühne angelangt, ließ er von ſelbſt den Abbé Fortier los, deutete mit dem Finger auf den Altar und ſprach: „Sieh, hier iſt der Altar des Vaterlands, an welchem den Gottesdienſt zu verrichten Du verſchmähſt, und deſſen Prieſter zu ſein ich Dich meinerſeits für unwürdig er⸗ = — 235 kläre. Um dieſe heiligen Stufen zu erſteigen, muß man das Herz voll haben von drei Gefühlen; von dem Ver⸗ langen nach Freiheit, von der Ergebenheit gegen das Vaterland, von der Liebe für die Menſchheit! Prieſter, wünſcheſt Du die Befreiung der Welt? Prieſter, biſt Du Deinem Vaterlande ergeben? Prieſter, liebſt Du Deinen Nächſten? Dann ſieige kühn zu dieſem Altar hinauf und rufe Gott anz fühlſt Du Dich aber nicht den Erſten unter uns als Bürger, ſo tritt den Platz dem Würdigeren ab und ziehe Dich zurück! verſchwinde! gehe!„ „Ohl unglücklicher!“ rief der Abbé, während er ſich zurückzog und Billot mit dem Finger drohte;„Du weißt nicht, wem Du den Krieg erklärſt?“ „Doch, ich weiß es,“ erwiederte Billot,„ich erkläre den Krieg den Wölfen, den Füchſen und den Schlangen, Allem, was ſticht, Allem, was beißt, Alles, was in der Finſterniß zerreißt. Wohlan! es ſei,“ fügte er bei, indem er mit einer mächtigen Geberde an ſeine breite Bruſt mit beiden Händen ſchlug.„Zerreißt„ beißt. ſtecht. es iſt Etwas hiezu vorhanden!“ Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein; die ganze an⸗ weſende Menge öffnete ſich, um den Prieſter abgehen zu laſſen, ſchloß ſich wieder und blieb unbeweglich und in Bewunderung vor dieſer kräftigen Natur, die ſich als Zielſcheibe den Streichen der furchtbaren Gewalt darbot, deren Sklave damals noch die Hälfte dec Welt war, und die man die Geiſtlichkeit nannte. Es gab keinen Maire, keinen Adjuncten, keinen Mu⸗ nicipalrath mehr, es gab nur noch Billot. Herr von Longpré näherte ſich ihm und ſagte: „Aber mit Allem dem, Herr Billot, haben wir keinen Prieſter mehr.“ „Run, und dann?“ fragte Billot. „Da wir keinen Pfarrer mehr haben, ſo haben wir keine Meſſe mehr!“ „Ein großes Unglück!“ ſprach Billot, der ſeit ſeiner ⸗ erſten Communion nur zweimal, an ſeinem Heirathstage und am Tage der Taufe ſeiner Tochter, den Fuß in die Kirche geſetzt hatte. „Ich ſage nicht, es ſei ein großes Unglück,“ erwie⸗ derte der Maire, dem aus Gründen daran lag, Billot nicht zu wiverſprechen.„Doch was werden wir an die Stelle der Meſſe ſetzen?“ „An die Stelle der Meſſe?“ rief Billot im Auf⸗ ſchwunge einer wahren Begeiſterung;„ich will es Ihnen ſagen: ſteigen Sie mit mir zum Altar des Vaterlands hinauf, Herr Maire; ſteige auch mit hinauf, Pitou; Sie zu meiner Rechten, Du zu meiner Linken. ſo iſt es. Was wir an die Stelle der Meſſe ſetzen werden, höret Alle,“ ſprach Billot;„es iſt die Erklärung der Menſchen⸗ rechte, es iſt das Credo der Freiheit, es iſt das Evange⸗ lium der Zukunft.“ Alle Hände klatſchten gleichzeitig; alle dieſe ſeit dem vorhergehenden Tage freien oder vielmehr kaum entfeſſel⸗ ten Menſchen, alle dieſe Menſchen waren begierig, vie Rechte kennen zu lernen, welche man für ſie erobert, und die ſie noch nicht genoſſen hatten. Sie hatten ganz anders Durſt nach dieſem Worte, als nach dem, welches der Abbé Fortier das himmliſche Wort nannte. Zwiſchen dem Maire, der die geſetzliche Macht ver⸗ trat, und Pitou, der die bewaffnete Macht repräſentirte, ſtehend, ſtreckte Billot die Hand aus, und auswendig, aus dem Gedächtniß, aus der Erinnerung,— der ehrliche Pächter konnte nicht leſen, wie man weiß,— ſprach er mit ſonoren Stimme folgende Worte, welche die ganze Verſammlung ſtillſchweigens und mit entblößtem Haupte anhörte: 237 Erklärung der Menſchenrechte. Artikel 1. „„Die Menſchen werden geboren und bleiben frei und gleich in Rechten. Die ſocialen Unterſchiede können nur auf den gemeinſchaftlichen Nutzen gegründet ſein. Art. 2. „„Der Zweck jeder politiſchen Aſſociativn iſt die Erhaltung der natürlichen und unverjährbaren Rechte des Menſchen. Dieſe Rechte ſind vas Eigenthum, die Sicher⸗ heit und der Widerſtand gegen die Unterdrückung.““ Die Worte: der Widerſtand gegen die Unter⸗ vrückung, wurden von Billot als von einem Manne ausgeſprochen, der die Mauern der Baſtille hat fallen ſehen und weiß, daß nichts dem Arme des Volkes wider⸗ ſteht, wenn das Volk den Arm ausſtreckt. Sie erhoben auch jenes Geſchrei, das, von der Menge ausgeſtoßen, dem Gebrülle gleicht. Er fuhr fort: Art. 3. „Der Grundſatz jeder Souveränetät wohnt weſent⸗ lich der Nation inne. Kein Körper, kein Individuum kann eine Macht üben, die nicht weſentlich ihr ent⸗ fließt 9. Dieſer letzte Satz erinnerte zu lebhaft diejenigen, welche ihn hörten, an den Streit, der zwiſchen Billot und dem Abbé Fortier ſtattgefunden, und wobei Billot dieſen Grundſatz angerufen hatte, um unbemerkt vorüberzugehen; er wurde auch mit Bravos und Beifallklatſchen über⸗ ſchüttet. Billot ließ die Bravos und das Beifallklatſchen er⸗ löſchen und fuhr dann fort: 238 Art. 4. „„Die Freiheit beſteht darin, daß man Alles thun kann, was Anderen nicht ſchadet; ſo hat die Ausübung der natürlichen Rechte jedes Menſchen keine andern Grenzen, als die, welche den übrigen Mitgliedern der Geſellſchaft den Genuß derſelben Rechte ſichert; dieſe Grenzen können nur durch das Geſetz feſtgeſtellt werden„ Dieſer Artikel hatte etwas ein wenig Abſtractes für die einfachen Geiſter, welche ihn hörten; er ging auch kälter vorüber als die andern, obgleich er ein Grund⸗ artikel war. Art. 5. „„Das Geſetz,““ fuhr Billot fort,„hat nur das Recht, die der Geſellſchaft nachtheiligen Handlungen zu verbieten. Alles das, was nicht durch das Geſetz ver⸗ boten iſt, kann nicht verhindert werden, und Niemand kann gezwungen werden, das zu thun, was dasſelbe nicht gebietet 5 „Das heißt,“ fragte ei ne Stimme aus der Menge „da das Geſetz die Frohne nicht befiehlt und den Zehn⸗ ten aufgehoben hat, ſo koͤnnen weder die Prieſter mehr kommen, um den Zehnten von meinem Felde zu nehmen, noch kann mich der Koͤnig zur Frohne zwingen?“ „Ganz richtig,“ entgegnete Billot dem Fragenden, „und wir ſind von jetzt an und in Zukunft befreit von dieſen ſchmählichen Plackereien.“ „Es lebe alſo das Geſetz!“ rief der Fragende. Und alles Volk wiederholte im Chor: „Es lebe das Geſetz!“. Billot fuhr fort: Art. 6. „Das Geſetz iſt der Ausdruck des allgemeinen Willens.“ p 239 Hiebei hielt er inne, hob feierlich den Finger em⸗ por und rieft „Höret wohl, Freunde, Brüder, Mitbürger, Menſchen! „„Alle Franzoſen haben das Recht, perſoͤnlich oder vurch ihre Vertreter bei der Bildung des Geſetzes mit⸗ n Uad'er erhob die Stimme, damit nicht eine Sylbe von dem, was er ſagte, verloren gehe: „Es ſoll vasſelbe für Alle ſein, mag es beſchützen, mag es ſtrafen 44 Dann ſprach er noch lauter:„ „In ſeinen Augen ſind alle Bürger gleich zuläſſig zu allen Würden, Stellen und öffentiichen Aemtern nach Maßgabe ihrer Fähigkeit und ohne andere Aus⸗ zeichnungen als die ihrer Tugenden und ihrer Talente.““ Der Art. 6 wurde mit einem einſtimmigen Beifalls⸗ geſchrei aufgenommen. Billot ging zum Art. 7 über: „„Jeder Menſch kann nur in den durch das Geſetz beſtimmten Fällen und nach den von ihm vorgeſchriebenen Formen angeklagt, verhaftet oder geſangen gehalten wer⸗ den. Diejenigen, welche willkürliche Befehle nachſuchen, ausfertigen oder vollziehen, müſſen beſtraft werden; doch jeder Bürger, der kraft des Geſetzes vorgefordert oder ergriffen wird, muß auf der Stelle gehorchen; er macht ſich durch den Widerſtand ſchuldig. Art, 8. „Das Geſetz ſoll nur ſtreng nothwendige Strafen beſtimmen, und Jeder kann nur kraft eines feſtgeſtellten und vor dem Vergehen bekannt gemachten Geſetzes be⸗ ſtraft werden. . Art. 9. „„Da jeder Menſch als unſchuldig angenommen wird, bis er für ſchuldig erklärt worden iſt, ſo muß jede 240 Strenge, die nicht, um ſich ſeiner Perſon zu verſichern, für unerläßlich erklärt würde, kräftig vom Geſetze unter⸗ drückt werden. Art. 10. „„Niemand darf wegen ſeiner Geſinnung, ſelbſt wegen der religiöſen, beunruhigt werden, vorausgeſetzt, daß ihre Kundgebung nicht die vurch das Geſetz vor⸗ geſchriebene Ordnung ſtört. Art. 11. „„Der freie Austauſch der Gedanken und der Mei⸗ nungen iſt eines der koſtbarſten Rechte des Menſchen. Jeder Bürger kann alſo frei ſprechen, ſchreiben, drucken, unter der Bedingung, daß er für den Mißbrauch dieſer Freiheit in den durch das Geſetz beſtimmten Fällen ver⸗ antwortlich iſt. Art. 12 „„Die Garantie der Rechte des Bürgers macht eine öffentliche Macht nothwendig: dieſe Macht iſt alſo ge⸗ gründet für den Vortheil Aller und nicht für den Privat⸗ nutzen derjenigen, welchen man ſie anvertraut. Art. 13. „„Für die Unterhaltung der oͤffentlichen Macht und für die Ausgaben der Verwaltung iſt eine gemeinſchaft⸗ liche Steuer unerläßlich; ſie muß gleichmäßig unter vun Bürgern nach Maßgabe ihres Vermögens vertheilt ein. Art. 14. „„Alle Bürger haben das Recht, durch ſich ſelbſt oder durch ihre Vertreter die Nothwendigkeit der öffent⸗ lichen Steuer zu conſtatiren, ihre Verwendung zu ver⸗ folgen und ihren Betrag, ihre Vertheilung, ihren Ein⸗ zug und ihre Dauer zu beſtimmen. en K — vX„ 243 nicht kraft des Beliebens eines Gebieters, ſondern auf die Stimme von einem von ſeines Gleichen. Als nach dieſen letzten Worten: „Das Geſetz erkennt weder religiöſe Gelübde, noch irgend eine Verbindlichkeit mehr an, welche den natür⸗ lichen Rechten und der Conſtitution entgegen wäre,“ als nach dieſen Worten, ſagen wir, Billot den Ruf erhob, ver noch ſo neu, daß er ſtrafbar ſchien, den Ruf:„Es lebe die Nation!“ als er die Arme ausbreitend an ſeiner Bruſt in einer brüderlichen Umarmung die Schärpe des Maire und die Epauletten des Kapitäns vereinigte, wie⸗ derholte, obgleich dieſer Maire der eines Dörfchens, ob⸗ gleich dieſer Kapitän der Anführer einer Handvoll Bauern, da der Grundſatz trotz der Niedrigkeit derjeni⸗ gen, welche ihn vertraten, nicht minder groß war, es wieverholte Aller Mund:„Es lebe die Nation!“ und alle Arme öffneten ſich und ſchloßen ſich zu einem allge⸗ meinen Umfangen in der erhabenen Verſchmelzung aller Herzen in einem einzigen Herz, in der überwiegenden Hinneigung aller Privatintereſſen zur gemeinſchaftlichen Aufopferung. 5 Das war eine von den Scenen, von welchen Gilbert mit der Königin geſprochen, und die die Königin nicht begriffen hatte. Billot ſtieg vom Altar des Vaterlands unter dem und dem Zurufe der ganzen Bevölkerung erab. Die Muſik von Villers⸗Coterets ſtimmte im Ver⸗ eine mit den Muſiken der benachbarten Dörfer ſogleich die Melodie der brüderlichen Verſammlungen, die Melodie der Hochzeiten und der Taufen an: Ou peuton uétre mieux qu'a sein de sa famille**) Und in der That, von dieſer Stunde an wurde *) Wo kann man beſſer ſein, als im Schvoße ſeiner Familie? 244 Frankreich eine große Familie; von dieſer Stunde an waren der Haß der Religionen verſchwunden, die Vor⸗ urtheile der Probinzen vernichtet; von dieſer Stunde an prang das, was für die Welt an das Licht durchdrang, auch für Frankreich durch; die Geographie war getödtet; keine Berge, keine Flüſſe, keine Hinderniſſe mehr zwi⸗ ſchen den Menſchen; eine Sprache, ein Vaterland, ein Herz! Und auf dieſe Melodie, mit welcher einſt die Fami⸗ lie Heintich IV. empfangen hatte, und mit der heute ein Volk die Freiheit begrüßte, begann eine ungeheure Fa⸗ randole,*) die, auf der Stelle ſich wie eine endloſe Kette entwickelnd, ihre lebendigen Ringe vom Mittel⸗ punkte des Platzes bis zum Ende der Straßen rollte, welche nach demſelben ausmündeten. Dann ſtellte man Tiſche vor den Thüren auf. Arm oder reich, Jeder brachte ſeine Schüſſel, ſeine Kanne Obſtmoſt, ſeinen Schoppen Bier, ſeine Flaſche Wein oder ſeinen Krug Waſſer, und eine ganze Bevölkerung nahm Gott preiſend Theil an dieſem großen Liebesmahl; ſechstauſend Bürger communicirten an demſelben Tiſche an dem heiligen Tiſche der Brüderlichkeit. Billot war der Held des Tages. Er theilte großmüthig die Ehre deſſelben mit dem Maire und mit Pitou. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß bei der Fa⸗ ie Piton Mittel fand, um Catherine die Hand zu geben. Gs bedarf nicht der Erwähnung, daß bei Tiſche Pitou Mitttel fand, neben Catherine zu ſitzen. Doch ſie war traurig, die arme Catherine; ihre Freude am Morgen war verſchwunden, wie ein friſcher, lachender Sonnenſtrahl unter den ſtürmiſchen Dünſten des Mittags verſchwindet. *) Ein Tanz. — — 24⁵ In ſeinem Streite mit dem Abbé Fortier, in ſeiner Erklärung der Menſchenrechte hatte ihr Vater der Geiſt⸗ lichkeit und dem Adel eine Ausforderung zugeworfen, eine Ausforderung, welche um ſo erſchrecklicher, je mehr ſie von unten kam. Sie hatte an Iſidor gedacht, der nun nicht mehr höher ſtand als irgend ein anderer Menſch. Es war nicht der Titel, es war nicht der Rang, es war nicht der Reichthum, was ſie in ihm bedauerte; ſie hätte Iſidor geliebt, wäre er ein einfacher Bauer geweſen;z doch es ſchien ihr, man ſei heftig, ungerecht, brutal gegen dieſen jungen Mann; es ſchien ihr, ihr Va⸗ ter müſſe, indem er ihm ſeine Titel und ſeine Privile⸗ gien entreiße, ſtatt ihr ihn eines Tages näher zu bringen, Iſidor auf immer von ihr entfernen. Was die Meſſe betrifft, ſo ſprach Niemand mehr davon; man verzieh beinahe dem Abbé Fortier ſeinen contre⸗ revolutionären Ausfall; nur bemerkte er am andern Tage an ſeiner faſt leeren Claſſe den Schlag, den die Wei⸗ gerung, am Altar der Freiheit den Gottesdienſt zu verrichten, ſeiner Volksbeliebtheit bei den patriotiſchen Eltern von Villers⸗Coterets beigebracht hatte. L. Unter dem Fenſter. Die von uns hier erzählte Feſtlichkeit, deren Zweck es war, durch partielle Buͤndniſſe alle Gemeinden Frank⸗ reichs unter ſich zu verbinden, war nur das Vorſpiel der 246 großen Föderation, welche in Paris am 14. Juli 1790 ſtattfinden ſollte. Bei dieſen partiellen Verbindungen warfen die Gemeinden zum Voraus die Augen auf die Abge⸗ ordneten, die ſie zur allgemeinen Föderation ſchicken würden. Die Rolle, welche Billot und Piton am Sonntag den 18. October geſpielt hatten, bezeichnete natürlich ſie für die Stimmen ihrer Mitbürger, wenn der große Tag der allgemeinen Föderation gekommen wäre. Doch in Frwartung dieſes großen Tages war Alles in die gewöhnlichen Verhältniſſe des Lebens zurückgekehrt, aus denen Jeder für den Augenblick durch den Stoß her⸗ ausgetreten, welchen den ruhigen provinzialen Gewohn⸗ heiten dieſes denkwürdige Ereigniß gegeben hatte. Sprechen wir von ruhigen provinzialen Gewohnhei⸗ ten, ſo wollen wir damit nicht ſagen, in der Provinz habe das Leben weniger als anderswo ſeinen durch die Freuden erheiterten oder durch die Schmerzen vervüſter⸗ ten Lauf. Es gibt kein Waſſer, ſo klein es auch ſein mag, von dem Bache, der unter dem Graſe des Baum⸗ gartens eines armen Bauern murmelt, bis zu dem maje⸗ ſtätiſchen Fluſſe, der von den Alpen wie von einem Throne herabkommt, um ſich in das Meer zu werfen wie ein Eroberer, es gibt kein Waſſer, ſagen wir, vas nicht auf ſeinem beſcheidenen oder ſtolzen, mit Gänſeblümchen beſäten oder mit Villas beſetzten Ufer ſeine Zwiſchen⸗ räume von Schatten und Sonne hat. Und wenn wir hieran zweifelten, nach dem Palaſte der Tuilerien, in den wir unſere Leſer eingeführt, ſo könnte uns der Pachthof des Vater Billot, wohin wir unſere Leſer zurückgeführt, ein Beiſpiel geben. Nicht als hätte die Oberfläche nicht ruhig und bei⸗ nahe lächelnd geſchlenen. Am Morgen gegen fünf Uhr öffnete ſich in der That das große Thor, das nach der Ebene ging, wo ſich der Wald im Sommer wie ein grüner Vorhang, im Winter wie ein Trauerflor aus⸗ dehnt. Der Sämann trat zu Fuße ſeinen Sack Weizen gemiſcht mit Aſche auf der Schulter heraus; der Acker⸗ mann kam zu Pferde, um auf dem Felde den am Ende der Furche des vorhergehenden Tages ausgeſpannten Pflug zu holen; die Kuhhirtin führte ihre brüllende Herde, geleitet durch den Stier, den majeſtätiſchen Herrſcher ihrer Kühe und ihrer Kalben, unter denen die Lieblings⸗ kuh geht, die man an ihren ſonoren Glöckchen erkennt; hinter ihnen allen, auf einem kräftigen normaniſchen Wallachen, einem Paßgänger, reitend, kam Billot, der Herr, die Seele, das Leben dieſer ganzen Welt in Miniatur, dieſes Volkes in Abkürzung. Ein nicht betheiligter Beobachter hätte in dieſem von einer düſteren Braue bedeckten und die Umgegend befragenden Auge, in dieſem auf alle Geräuſche auf⸗ merkſamen Ohr, in dieſem um den Pachthof beſchriebe⸗ nen Kreiſe, während deſſen Dauer ſein Blick wie ver eines Jägers, welcher eine Fährte aufnimmt und eine Einkreiſung zieht, nicht einen Moment den Boden ver⸗ ließ, ein gleichgültiger Zuſchauer, ſagen wir, hätte in Allem dem nur das Weſen eines Mannes geſehen, der ſich verſicherte, der Tag werde ſchön werden und in der Nacht ſeien die Wölfe nicht wegen ſeiner Schäfereien, die Wilbſchweine nicht wegen ſeiner Kartoffeln, die Ka⸗ ninchen nicht wegen ſeines Klees aus dem Walde, dem Aſyle, herausgekommen, in welchem ſie allein noch das fürſtliche Blei des Herzogs von Orleans und ſeiner Hüter erreichen konnte. Doch für Einen, welcher gewußt hätte, was im Grunde der Seele des ehrlichen Pächters vorging, würde jeder ſeiner Schritte einen ernſteren Charakter angenom⸗ men haben. Nach was er in der Dunkelheit ſchaute, war, ob nicht irgend ein Herumſchwärmer ſich verſtohlen dem Pachthoſe nähere oder ſich daraus entferne. Auf was er in der Stille horchte, war, ob nicht irgend ein geheim⸗ nißvoller Ruf vom Zimmer von Catherine mit den Gruppen der die Landſtraße einfaſſenden Weiden oder den die Ebene vom Walde trennenden Gräben corre⸗ ſpondire. Was ſein Blick ſo lebhaft die Erde befragte, war, ob ſie nicht den Eindruck eines Trittes bewahrt habe, der durch ſeine Leichtigkeit oder ſeine Kleinheit die Ariſtokratie verrathen hätte. Was Catherine betrifft, ſo fühlte ſie, obgleich ſich das Geſicht ihres Vaters für ſie gemildert hatte, nichts⸗ veſtoweniger fortwährend jeden Augenblick das väter⸗ liche Mißtrauen um ſie hergehen. Eine Folge hievon war, daß ſie ſich in ihren langen, einſamen, angſt⸗ vollen Winternächten fragte, ob ſie es vorziehen würde, wenn Iſidor nach Bourſonnes zurückkäme, oder wenn er von ihr entfernt bliebe. Die Mutter Billot hatte ihr Pflanzenleben wieder aufgenommen: ihr Mann war zurückgekehrt, ihre Toch⸗ ter hatte ihre Geſundheit wiedererlangt; ſie ſchaute nicht über dieſen beſchränkten Horizont hinaus, und es wäre ein viel geübteres Auge als das ihrige nöthig ge⸗ weſen, um in der Tiefe des Geiſtes ihres Gatten den Verdacht, in der Tiefe des Herzens ihrer Tochter die Angſt zu ſuchen. Pitou, nachdem er mit einer Miſchung von Stolz und Traurigkeit ſich an ſeinem Kapitänstriumphe ge⸗ weidet hatte, war wieder in ſeinen gewöhnlichen Zuſtand, das heißt in eine ſanfte wohlwollende Melancholie verfallen. Nach ſeiner gewoͤhnlichen Regelmäßigkeit beſuchte er am Morgen die Mutter Colombe. Waren keine Briefe für Catherine da, ſo kam er traurig nach Haramont zurück, denn er dachte, wenn Catherine an einem Tage keine Briefe von Iſidor erhalte, ſo werde ſie keine Gelegenheit haben, an denjenjgen zu denken, welcher ſie ihr bringe. 249 Fand ſich ein Brief, ſo legte er ihn dagegen gewiſſen⸗ haft in den hohlen Baum und kam vft noch trauriger zurück, als an den Tagen, wo ſich keiner fand, denn er meinte, Catherine denke an ihn nur durch einen Rück⸗ ſchlag, und weil der ſchöne Edelmann, den die Erklärung der Menſchenrechte wohl ſeines Titels, aber nicht ſeiner Eleganz und ſeiner Anmuth hatte berauben können, der Leitfaden war, durch welchen er das beinahe ſchmerzliche Gefühl der Erinnerung empfing. Pitou war indeſſen, wie ſich leicht begreifen läßt, kein rein paſſiver Bote, und wenn auch ſtumm, war er doch nicht blind. In Folge ſeines Verhörs über Turin und Sardinien, das ihm das Ziel der Reiſe von Iſidor geoffenbart, hatte er am Stempel der Briefe erkannt, der junge Evelmann ſei in der Hauptſtadt von Piemont. Dann, an einem ſchoͤnen Tage, hatte der Stempel das Wort Lyon ſtatt des Wortes Turin angegeben, und zwei Tage nachher, d. h. am 25. December, war ein Brief mit dem Worte Paris ſtatt des Wortes Lyon angekommen. Ohne daß er ſeinen Scharffinn ſehr anzuſtrengen brauchte, begriff nun Piton, der Vicomte Iſidor von Charny habe Italien verlaſſen und ſei nach Frankreich zurückgekehrt. Befand er ſich einmal in Paris, ſo würde er of⸗ fenbar nicht zögern, Paris zu verlaſſen, um nach Bour⸗ ſonnes zu reiſen. Das Herz von Piton ſchnürte ſich zuſammen; wohl war er zu einer äufopfernden Ergebenheit entſchloſſen, darum blieb aber ſein Gemüth doch nicht unempfindlich für die verſchiedenen Bewegungen, die einen Angriff auf daſſelbe machten. An dem Tage, wo der von Paris datirte Brief ankam, beſchloß Piton auch, um ſich einen Vorwand zu geben, ſeine Schlingen auf der Hut der Wolfsheide zu legen, wo wir ihn am Anfange dieſes Werkes auf eine Frucht tragende Art haben operiren ſehen. Der Pachthof von Piſſeleu lag gerade am Wege von Haramont nach demjenigen Theile des Woldes, welchen man die Wolfsheide nannte. Man durfte ſich alſo nicht darüber wundern, daß Pitou im Vorübergehen hier anhielt. Um hier anzuhalten, wählte er die Stunde, wo Bil⸗ lot ſeinen Nachmittagsritt auf den Feldern machte. Seiner Gewohnheit gemäß durchſchritt Pitou die Ebene, wanderte von Haramont zur Landſtraße von Pa⸗ ris nach Villers⸗Coterets, von der Landſtraße zum Pachthofe von Noue und vom Pachthofe von Noue durch die Schluchten nach dem von Piſſeleu. Dann umging er die Mauern des Pachthofes, zog ſich an den Schäfereien und den Ställen hin, und befand ſich am Ende vor dem großen Eingangsthor, auf deſſen anderer Seite ſich die Wohngebände erhoben. Vor dem Thore des Pachthofes angelangt, ſchaut er umher, wie es Billot hätte thun können, und erblickt Catherine an ihrem Fenſter. Catherine ſchien zu warten. Ohne ſich auf irgend einen Punkt zu heften, ſchweifte ihr Auge auf der gan⸗ zen Ausdehnung des zwiſchen dem Wege von Villers⸗Co⸗ terets nach Ferté Milon und dem Wege von Villers⸗Co⸗ terets nach Bourſonnes liegenden Walde umher. Pitou ſuchte Catherine nicht zu überraſchen: er ſtellte ſich ſo, vaß er ſich in dem von ihrem Auge durch⸗ laufenen Kreiſe befand, und als es ihn traf, verweilte das Auge des Mädchens auf ihm. Sie lächelte ihm zu. Pitou war für Catherine nur noch ein Freund, oder er war vielmehr für ſie mehr als ein Freund. Piton war ihr Vertrauter. „Du biſt es, mein lieber Pitou,“ ſagte das Mäd⸗ chen;„welcher gute Wind führt Dich zu uns?“ 251 Pitou zeigte ſeine um ſeine Fauſt gerollten Schlin⸗ gen und erwiederte: „Ich habe die Idee, Sie ein paar ſehr zarte und ſchmackhafte Kaninchen eſſen zu laſſen, und da die der Wolfsheide wegen des Quenels, der hier im Ueberfluß wächſt, die beſten find, ſo habe ich mich lange vor der Zeit von Hauſe entfernt, um im Vorübergehen Sie zu ſehen und mich zugleich nach Ihrer Geſundheit zu er⸗ kundigen.“ Catherine fing damit an, daß ſie über dieſe Auf⸗ merkſamkeit von Piton lächelte. Nachdem ſie den erſten Theil ſeiner Rede durch dieſes Lächeln erwiedert hatte, erwiederte ſie auch den zweiten durch das Wort: „Du willſt Dich nach meiner Geſundheit erkundi⸗ gen? Du biſt ſehr gut, lieber Pitou. Durch die Sorge, die Du, während ich krank war, für mich hatteſt, und die Du mir ſeit meiner Wiedergeneſung fortwährend an⸗ gedeihen ließeſt, bin ich beinahe geheilt.“ „Beinahe geheilt,“ verſetzte Pitou mit einem Seuf⸗ zer.„Ich wollte, Sie wären es ganz.“ Catherine erröthete, ſeufzte ebenfalls, und nahm die Hand von Pitou, als wollte ſie ihm etwas Wichtiges ſagen; doch ſie beſann ſich ohne Zweifel eines Andern, machte ein paar Schritte durch ihr Zimmer, als ſuchte ſie ihr Taſchentuch, und nachdem ſie es gefunden, ſtrich ſie damit über ihre Stirne, welche mit Schweiß bedeckt war, obgleich man ſich in den kälteſten Tagen des Jah⸗ res befand. Keine von dieſen Bewegungen entging dem forſchen⸗ den Blicke von Pitou. „Sie haben mir etwas zu ſagen, Mademoiſelle Catherine?“ fragte er. „Ich?„ Nein„ Nichts.. Du täuſcheſt Dich, mein lieber Pitou,“ erwiederte das Mädchen mit ebender Stimme. Piton verſetzte nach einer Anſtrengung; „Sehen Sie Mademviſelle Catherine,„wenn Sie bedürfen, ſo müſſen Sie ſich keinen Zwang an⸗ thun.“ Catherine überlegte oder zögerte vielmehr einen Augenblick und ſagte dannt „Mein lieber Pitou, Du haſt mir bewieſen, daß ich bei Gelegenheit auf Dich rechnen konnte, und ich bin Dir ſehr erkenntlich hiefür; aber ich danke Dir zum zweiten Male.“ Dann fügte ſie mit leiſer Stimme bei: „Es iſt ſogar unnöthig, daß Du in dieſer Woche auf die Poſt gehſt; ich werde ein paar Tage keine Briefe erhalten.“ Pitou war nahe daran, zu erwiedern, er vermuthe es. Doch er wollte ſehen, wie weit das Vertrauen des Mädchens zu ihm ginge. Sie beſchränkte ſich auf die von uns erwähnte Em⸗ pfehlung, mit der ſie einfach bezweckte, Piton nicht je⸗ den Morgen einen unnützen Gang machen zu laſſen. Dieſe Empfehlung hatte aber in den Augen von Piton eine hohere Bedeutung. Daß er nach Paris zurückgekommen, war für Iſidor kein Grund, nicht zu ſchreiben. Schrieb Iſidor nicht mehr an Catherine, ſo zählte er darauf, ſie zu ſehen. Wer ſagte Piton, daß der von Paris datirte Brief, welchen er am Morgen deſſelben Tages in die hohle Weide niedergelegt hatte, Catherine nicht die nahe be⸗ vorſtehende Ankunft ihres Gellebten verfündigte? Wer ſagte ihm, daß der, als er bei ihr erſchien, im Raume umherſchweifende Blick, den ſeine Anweſenheit auf ihn ſelbſt zurückgeführt hatte, nicht am Saume des Waldes irgend ein Zeichen ſuchte, das Catherine andeutete, ihr Geliebter ſei eingetroffen 2„ Piton wärtete, um Catherine alle Zeit zu laſ⸗ ſen, mit ſich ſelbſt zu debattiren, ob ſie ihm eine ver⸗ 2⁵53 trauliche Mittheilung zu machen habe. daß ſie beharrlich ſchwieg, ſagte er: „Mademoiſelle Catherine, haben Sie bemerkt, welche Dann, als er ſah, Veränderung bei Herrn Billot vorgeht?“ — Catherine bebte. „Ah!“ ſprach ſie, auf eine Frage durch eine andere Frage antwortend,„haſt denn Du etwas bemerkt?“ „Mademoiſelle Catherine,“ erwiederte Piton den Kopf ſchüttelnd,„es kommt ſicherlich,— wann, das weiß ich nicht,— ein Augenblick, wo derjenige, welcher an dieſer Veränderung Schuld iſt, eine ſchlimme Vier⸗ haben wird. Das ſage ich Ihnen; verſtehen Sie?“ Catherine erbleichte. ₰ Nichtsdeſtoweniger aber ſchaute ſie Piton feſt an und fragte ihn: „Warum ſagſt Du Derjenige und nicht Dieje⸗ —— nige? Es wird vielleicht eine Frau und nicht ein Mann unter dieſem verborgenen Zorne zu leiden haben.. „Ahl Mademoiſelle Catherine, Sie erſchrecken mich. Haben Sie denn etwas zu befürchten?“ „Mein Freund,“ erwiederte Catherine traurig,„ich habe das zu befürchten, was ein armes Mädchen, welches ſeinen Stand vergeſſen hat und über demſelben liebt, von einem aufgebrachten Vater befürchten kann.“ „Mabemoiſelle,“ ſagte Pitou, der es wagen wollte, einen Rath zu geben,„mir ſcheint, an Ihrer e Er hielt inne. „Dir ſcheint, an meiner Stele?.. wiederholte Catherine. „Mir ſcheint, an Ihrer Stelle.. Ah! nein, Sie wären wegen einer einfachen Abweſenheit von ihm 3 beinahe geſtorben! Wenn Sie auf ihn verzichten müß⸗ ten, ſo würden Sie ganz ſterben, und Sie ſollen nicht z müßte ich Sie auch krank und traurig ſehen, ſo i —* 254 will ich Sie doch lieber ſo ſehen, als dort am Ende des Pleur„ Ahl Mademviſelle Catherine, das iſt eine unglückliche Geſchichte.“ „Stille!“ ſagte Catherine,„ſprechen wir von etwas An⸗ derem, oder ſprechen wir gar nicht. Dortkommtmein Vater.“ Pitou wandte ſich in der Richtung des Blickes von Catherine um und ſah in der That den Pächter im Trabe herbeireiten. Als er einen Menſchen beim Fenſter von Catherine erblickte, hielt Billot an; doch er erkannte ohne Zweifel alsbald denjenigen, welchen er geſehen, und ritt weiter. Pitou ging ihm lächelnd und ſeinen Hut in der Hand haltend ein paar Schritte entgegen. „Ahl ahl! Du biſt es, Pitou?“ ſagte Billot. „Willſt Du Mittagsbrod von uns fordern, mein Junge?“ „Nein, Herr Billot,“ erwiederte Piton,„ich werde mir das nicht erlauben, doch„. In dieſem Augenblick kam es ihm vor, als ermu⸗ thigte ihn ein Blick von Catherine. „Doch was?“ verſetzte Billot. „Doch wenn Sie mich einladen wollten, ſo würde ich es annehmen.“ „Nun,“ ſprach der Pächter,„ich lade Dich ein.“ „Dann nehme ich es an,“ erwiederte Piton. Der Pächter gab ſeinem Pferde die Sporen und kehrte unter das Gewölbe des Thorwegs zurück. Piton wandte ſich gegen Catherine um und fragte: „War es das, was Sie mir ſagen wollten?“ „Ja Er iſt heute noch düſterer als an den an⸗ dern Tagen Dann fügte ſie leiſe bei: „Ohl mein Gott! ſollte er wiſſen?.... „Was, Mavemoiſelle?“ fragte Pitou, der, ſo leiſe Catherine geſprochen, doch gehört hatte. 36 „Nichts,“ antwortete Catherine, indem ſie ſich in ihr Zimmer zurückzog und ihr Fenſter ſchloß. i