—— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 3 2„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ssſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. n Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alexandre Dumas. Vierte Abtheilung. Die Gräfin von Charny. Erſtes und zweites Bändchen. ( Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckhſchen Buchhandlung. 1852. . Erörterung über den wahren Sinn des Wartes Ende. Diejenigen von unſern vortrefflichen Leſern, welche ſich uns gewiſſer Maßen lehenspflichtig gemacht haben, viejenigen, welche uns überallhin folgen, wohin wir ge⸗ hen, diejenigen, welche es intereſſirt, nie, ſelbſt bei ſeinen *) Den Leſern des belletriſtiſchen Auslands diene zur Erflärung dieſes Kapitels: Als ich am Ende des letzten Kapitels der in den Feuilletons des Jour⸗ nals la Preſſe erſchienenen Denkwürdigkeiten eines Arztes das Wort Fin fand, welches immer den Schluß eines ganzen Werkes bezeichnet, ließ ich mich hiedurch nicht beirren. Ich durfte mit Sicherheit an nehmen, ſo ohne alle Entwicke⸗ lung und Löſung könne dieſer großartige Roman nicht aufhören. Von dieſer Vorausſetzung ausge⸗ hend, unterließ ich es, das Wort Ende am Schluſſe des von Ange⸗Piton Erſchienenen untenan zu ſetzen, und wiederholte die kurz zuvor öffentlich ge⸗ Feen Verſicherung, Alerandre Dumas werde ald eine weitere Serie von dieſen Denkwürdigk ei⸗ ten erſcheinen laſſen. Dumas löſt nun ſein Ver⸗ ſprechen mit der Gräfin von Charny und ich ſehe mich zu meiner Freude in meiner Annahme gerechtfertigt. Der ueberſetzer. Die Gräfin pon Charny. 1. 1 —————— Seitenſprüngen, einen Mann zu verloſſen, der ſich die große Aufgabe geſtellt, Blatt für Blatt jede Seite der Monarchie zu entrollen, mußten wohl begreifen, als ſie dos Wort Ende unten am letzten Feuilleton von Ange Pitou in der Preſſe und ſelbſt unten an der letzten Seite des achten Bandes, veröffentlicht von unſerem Freunde und Herausgeber Alexandre Cadot,— laſen, daß hier ein ungeheurer Irrthum obwalte, den wir ihnen früher oder ſpäter aufklären werden. In der That, wie ließ ſich annehmen, ein Schriſt⸗ ſteller, deſſen, vielleicht ſehr ungebührende, Prätenſion es iſt, vor Allem ein Buch mit ollen Bedingungen eines Buches machen zu können,— wie ein Architekt die Prätenſion hat, ein Haus mit allen Bedingungen eines Hauſes, ein Schiffebaumeiſter, ein Schiff mit allen Be⸗ vmgungen eines Schiffes machen zu können,— werde ſein Haus beim dritten Stocke im Stiche, ſein Schiff unvollendet bei der großen Stenge loſſen. So wäre es aber beim armen Ange Pitou, hätte der Leſer im Ernſte das Wort Ende genommen, welches er gerave bei der intereſſanteſten Stelle des Buches fand, nämlich da, wo der König und die Koͤnigin ſich anſchicken, Verſailles zu verloſſen, um nach Paris zu ziehen; wo Charny zu bemerken anfängt, daß eine reizende Frau, der er ſeit fünf Jahren nicht die geringſte Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt hat, erröthet, ſobald ſein Blick ihren Augen begegnet, ſobald ſeine Hand ihre Hand berührt; wo Gil⸗ bert und Billot mit einem düſteren, aber entſchloſſenen Auge in den revolutionären Abgrund ſchauen, der ſich vor ihnen öffnet, ausgegraben durch die monarchiſchen Hände von la Fayette und Mirabeau, von denen der Eine die Popularität, der Andere den Geiſt der Zeit re⸗ präſentirt; wo endlich der arme Ange Pitou, der de⸗ müthige Held dieſer demüthigen Geſchichte, über ſeinem Schooße, auf dem Wege von Villers⸗Cotterets nach Piſſelen, Catherine hält, welche ohnmächtig geworden — † . 3 beim letzten Lebewohl ihres Liebhabers, der querfeldein galoppirend mit ſeinem Bedienten der Straße nach Pa⸗ ris zueili. iund dann finden ſich noch andere Perſonen in die⸗ ſem Roman, allerdings untergeordnete Perſonen, denen aber unſere Leſer dennoch, wir ſind deſſen ſicher, eine ge⸗ wiſſe Theilnahme geſchenkt haben, und es iſt unſere Ge⸗ wohnheit, das weiß man wohl, ſobald wir einmal ein Drama in Scene gebracht haben, nicht nur unſere Haupt⸗ helden, ſondern auch die ſecundären Perſonen, auch die geringſten Comparſen bis in die dunſtigſten Fernen des Theaters zu verfolgen. Da iſt der Abbé Fortier, dieſer ſtrenge Monarchiſt, der ſich gewiß nicht in einen conſtitutionellen Prieſter verwan⸗ deln will, und die Verfolgung dem Eide vorziehen wird. Da iſt der junge Gilbert, zuſammengeſetzt aus zwei um dieſe Zeit im Kampfe begriffenen Naturen, aus zwei ſeit zehn Jahren ſich verſchmelzenden Elementen, dem de⸗ mokratiſchen Elemente, mit welchem er durch ſeinen Vater verwandt, dem ariſtokratiſchen Elemente, dem er durch ſeine Mutter entſproſſen iſt. Da iſt Frau Billot, die arme Frau, Mutter vor Allem, welche, blind wie eine Mutter, ihre Tochter auf dem Wege gelaſſen hat und allein nach dem Pachthofe zurückkehrt, ſelbſt ſchon ſo vereinzelt ſeit dem Abgange von Billot. Da iſt der Vater Clouis, in ſeiner Hütte im Walde, der noch nicht weiß, ob er mit der Flinte, die ihm Piton für diejenige gegeben, welche ihm ein paar Finger der linken Hand genommen hat, hundert und zweiundachtzig Haſen und hundert und zweiundachtzig Kaninchen in den gewöhn⸗ lichen Jahren und hundert dreiunvachtzig Haſen und hundert dreiunvachtzig Kaninchen in den Schaltjahren ſchießen wird. Da ſind endlich Claude Tellier und Déſiré Mani⸗ guet, dieſe Dorfrevolutionäre, welche nur darnach trachten, den Spuren der Pariſer Revolutionäre zu folgen, denen aber, wie man hoffen darf, der ehrliche Pitou, ihr Ka⸗ pitän, ihr Commandant, ihr Oberſter, als Zaum und Ge⸗ biß dienen wird. Alles, was wir hier geſagt haben, kann das Erſtau⸗ nen des Leſers in Betreff des Wortes Ende nur erneu⸗ ern, dieſes Wortes, das ſo ſeltſam unten an das Kapitel, welches es ſchließt, geſetzt iſt, daß man glauben ſollte, es ſei ein am Eingange ſeiner Höhle auf der Straße nach Theben liegender Sphinx, der den böotiſchen Reiſenden ein unauflösbares Räthſel aufgebe. Wir wollen alſo die Erklärung geben. Es war eine Zeit, wo die Jorunale gleichzeitig die Geheimniſſe von Paris von Eugène Sue, die Generalbeichte von Soulié, Mauprat von Ma⸗ dame Sand, Monte⸗Chriſto, den Chevalier von Maiſon⸗Rouge und den Frauenkrieg von mir veröffentlichten. Dieſe Zeit war die ſchöne Zeit des Feuilleton, aber die ſchlechte der Politik. Wer bekümmerte ſich damals um die Leitartikel von Herrn Armand Bertin, von Herrn Doctor Véron und vom Herrn Abgeordneten Chambolle? Niemand. Und man hatte ſehr Recht; denn da nichts von dieſen unglücklichen Leitartikeln übrig geblieben iſt, ſo waren ſie nicht werth, daß man ſich um ſie bekümmerte. Alles, was einen Werth hat, ſchwimmt obenauf und kommt irgendwo ans Land. Es gibt nur ein Meer, welches Alles verſchlingt, was man hineinwirft, das iſt das todte Meer. Es ſcheint, man warf in dieſes Meer die Leitar⸗ tikel von 1845, 1846, 1847 und 1848. Sodann, mit dieſen Leitartikeln von Herrn Armand Bertin, vom Herrn Doetor Véron und vom Herrn Ab⸗ geordneten Chambolle, warf man noch unter einander die Reden von Herrn Thiers und von Herrn Guizot, von — 5 Herrn Odilon Barrot und von Herrn Berryer, von Herrn Molé und von Herrn Duchatel hinein, was die Herren Duchatel, Molé, Berryer, Barrot, Guizot und Thiers wenigſtens eben ſo ſehr als den Herrn Abgeordneten Cham⸗ bolle, den Herrn Doctor Véron und Herrn Armand Ber⸗ tin verdroß. Es iſt wahr, daß man dagegen mit der größten Sorgfalt die Feuilletons der Geheimniſſe von Pa⸗ ris, der Generalbeichte, von Mauprat, von Monte Chriſto, vom Chevalier von Maiſon⸗ Rouge und vom Frauenkrieg abſchnitt; daß man dieſelben, nachdem man ſie am Morgen geleſen, am Abend auf die Seite legte; es iſt wahr, daß dies den Journalen Abonnenten und den Leſekabinets Kunden brachte; es iſt wahr, daß dies die Geſchichte die Hiſtoriker und das Volk lehrte; es iſt wahr, daß dies vier Millionen Leſer in Frankreich und fünfzig Millionen Leſer im Auslande ſchuf; es iſt wahr, vaß die franzöſiſche Sprache, welche ſeit dem fiebzehnten Jahrhundert die Sprache der Diplo⸗ matie geworden war, im neunzehnten Jahrhundert die Sprache der Literatur wurde; es iſt wahr, daß der Dich⸗ ter, der genug Geld verdiente, um ſich unabhängig zu machen, dem bis dahin durch die Ariſtokratie und das Königthum gegen ihn geübten Drucke entging; es iſt wohr, daß in der Geſellſchaft ein neuer Adel und ein neues Reich entſtanden: das waren der Adel des Talents und das Reich des Genies; es iſt wahr, daß dies ſo viele für die Indivivuen ehrenvolle und für Frankreich glorreiche Reſultate herbeiführte, daß man ſich ernſtlich damit be⸗ ſchäftigte, den Zuftand der Dinge, welcher dieſe Umwälzung veranlaßte, aufhören zu machen, vaß die anſehnlichen Männer eines Königreichs wirklich die angefehenen Männer waren, und daß der Ruf, der Ruhm und ſogar das Geld eines Landes denen zufielen, welche Alles dies wahrhaft verdient hatten. Die Staatemänner von 1847 waren alſo, wie ge⸗ ſagt, wirklich darauf bedacht, daß man dieſem Scandal ein Ende mache, als Herr Odilon Barrot, welcher wollte, daß man auch ein wenig von ihm ſpreche, die Idee be⸗ kam, nicht gute und ſchöne Reden auf der Tribune zu halten, ſondern ſchlechte Diners an den verſchiedenen Orten zu machen, wo ſein Name noch in Ehren war. Man mußte dieſen Diners einen Namen geben. In Frankreich liegt wenig daran, daß die Dinge den Namen haben, der ihnen gebührt, wenn ſie nur einen Namen haben. Dem zu Folge nannte man dieſe Diners Reform⸗ bankette. Es befand ſich damals in Paris ein Mann, der, nachdem er Peinz geweſen, General geweſen; der, nach⸗ vem er General geweſen, verbannt worden und als Ver⸗ bannter Lehrer der Geographie geweſen war; der, nach⸗ dem er Lehrer der Geographie geweſen, in Amerika ge⸗ reiſt war; der, nachdem er in Amerika gereiſt war, in Sicilten wohnte; der, nachdem er die Tochter eines Koͤnigs von Sicllien geheirathet hatte, nach Frankreich zurückge⸗ kehrt war; der, nachdem er nach Frankreich zurückgekehrt, von Karl X. zur Königlichen Hoheit gemacht worden war, und nachdem er von Karl K. zur Königlichen Hoheit ge⸗ macht worden ſich am Ende zum König gemacht hatte. Dieſer Mann war Seine Majeſtät König Louis Phi⸗ lipp, vom Volke erwählt. Bei uns ſind alle Kaiſer, alle Könige, alle Präſi⸗ denten vom Volke erwählt. Sie ſagen es wenigſtens, bis ſie das Volk nach St. Helena gehen läßt oder nach Holyrood, nach Clare⸗ mont oder anderswohin ſchickt. Nun denn, dieſer Prinz, dieſer General, dieſer Pro⸗ feſſor, dieſer Reiſende, dieſer König, dieſer Mann, den das Unglück und das Glück ſo viele Dinge hätte lehren ſollen, während ſie ihn nichts gelehrt hatten,— dieſer Mann hatte den Gedanken, Herrn Odilon Barrot zu verhindern, ———— — — 5 — —— 7 ſeine Reformbankette zu geben, er beharrte hartnäckig bel ſeinem Gedanken, ohne zu vermuthen, daß es ein Princip war, dem er den Krieg erklärte, und da jedes Princip von oben kommt und folglich ſtärker iſt, als das, was von unten kommt, da jeder Engel den Menſchen niederwerfen muß, mit dem er kämpft, und wäre dieſer Menſch Jacob, ſo warf der Engel Jacob nieder, das Princip warf den Menſchen nieder, und Louis Philipp wurde mit ſeiner doppelten Generation von Prinzen, mit ſeinen Söhnen und Enkeln, vom Throne geſtürzt. Hat nicht die Schrift geſagt:„Die Sünde der Väter wird auf die Kinder zurückſallen bis ins dritte und vierte Geſchlecht?“ Das machte Lärm genug in Frankreich, daß man ſich nicht mehr um die Pariſer Geheimniſſe, um die Generalbeichte, um Mauprat, um Monte Chriſto, um den Chevalier von Maiſon⸗Rouge, um den Frauenkrieg und ſogar, wir müſſen es ge⸗ ſtehen, auch nicht mehr um ihre Verfaſſer bekümmerte. Nein, man bekümmerte ſich um Ledru⸗Rollin, um Cavaignac und den Prinzen Louis Napoleon. Als ſich aber die Ruhe ein wenig wiederhergeſtellt hatte, bemerkte man, daß dieſe Herren unendlich weniger unterhaltend waren, als Herr Eugene Sue, als Herr Frévéric Soulis, als Madame George Sand und ſogar als ich, der ich mich in Demuth als den Letzten von Allen ſetze; da man erkannte, doß ihre Proſa, abgeſehen von der von Lamartine,— Ehre dem Ehre gebührt,— nicht ſo viel werth war, als die der Pariſer Ge heim⸗ niſſe, der Generalbeichte, von Mauprat, von Monte Chriſto, vom Chevalier von Maiſon⸗ Rouge und vom Frauenkrieg, ſo forderte man Herrn von Lamartine, die Weisheit der Nationen, auf, Proſa zu machen unter der Bedingung, daß es keine politiſche ſei, und die anderen Herren, mich eingerechnet, literariſche Proſa zu machen. Wozu wir uns ſogleich verſtanden, denn, glauben 8 Sie mir, wir hatten nicht nöthig, hiezu aufgefordert zu werden. Da erſchienen die Feuillelons wieder, da verſchwanden die Leitartikel, da fuhren dieſelben Redner zu ſprechen fort, welche vor der Revolution geſprochen hatten, welche nach der Revolution ſprachen, welche immer ſprechen werden. Unter allen dieſen Rednern war Einer, welcher we⸗ nigſtens gewöhnlich nicht ſprach. Man wußte ihm Dank hiefür und grüßte ihn, wenn er mit ſeinem Repräſentantenband vorüberging. Eines Tags beſtieg er die Tribune. Mein Gott! ich möchte Ihnen gern ſeinen Namen ſagen, doch ich habe ihn vergeſſen. Eines T gs beſtieg er die Tribune. Ah! Sie müſſen. Eines erfahren; die Kammer war an dieſem Tage ſehr ſchlechter Lanne. Paris hatte zu ſeinem Repräſentanten einen der Männer gewählt, welche Feuilletons machten. Ich erinnere mich des Namens dieſes Mannes ganz wohl. Er heißt Eugene Sue. Die Kammer war alſo ſehr mißſtimmt, daß man Eugene Sue gewählt, ſie hatte ohnehin ſchon auf ihren Bänken drei bis vier literariſche Flecken, die ihr uner⸗ träglich waren: Lamartine, Hugo, Felix Pyat u. ſ. w. Dieſer Deputirte, deſſen Name mir nicht gegenwärtig iſt, beſtieg alſo die Tribune und benützte geſchickt die ſchlechte Laune der Kammer. Jedermann machte;„St!“ Jeder horchte. Er ſagte, das Feuilleton ſei Schuld geweſen, daß Ravaillac Heinrich W. ermordet, daß Ludwig XIII. den Marſchall d'Ancre ermordet, daß Ludwig XIV. Fouquet ermordet, daß Damiens Ludwig XV. ermordet, daß Ma⸗ poleon den Herzog von Enghien ermordet, daß Louvel den Herzog von Berry ermordet, daß Fieschi Louis Philipp 7 — 9 ermordet, und daß endlich Herr von Praslin ſeine Frau ermordet. Er fügte bei, an allen Ehebrüchen, welche begangen worden, an allen Erpreſſungen, welche geſchehen, an allen Diebſtählen, welche man verübe, ſei das Feuilleton Schuld. Man hrauche nur das Feuilleton zu unterdrücken oder es zu ſtempeln: die Welt werde auf der Stelle Halt machen und, ſtatt nach dem Abgrunde fortzuſchreiten, gegen das goldene Zeitalter zurückſchreiten, welches es unfehl⸗ bar früher oder ſpäter erreichen müſſe, da es eben ſo viele Schritte rückwärts mache, als es vorwärts gemacht habe. Eines Tages rief der General Foy: „Es gibt ein Echo in Frankreich, wenn man die Worte Ehre und Vaterland aus ſpricht!“ Ja, es iſt wahr, zur Zeit des General Foy gab es dieſes Echo, wir haben es gehoͤrt, wir, die wir ſprechen, und es freut uns ſehr, daß wir es gehoͤrt haben. Wie es uns ſehr freut, den Kaiſer geſehen zu haben, welchen wir ſeit langer Zeit nicht mehr ſahen, und den wir nie mehr ſehen werden. „Wo iſt dieſes Echo?“ wird man uns fragen! „Welches?“ „Das Echo des General Foy.“ „Es iſt, wo die alten Scherze des Dichters Villon find; vielleicht wird man es eines Tags wiederfindenz hoffen wir!“ So viel iſt gewiß, daß es an dieſem Tage— nicht am Tage des General Foy— auf der Tribune ein ande⸗ res Echo gab. Es war ein ſeltſames Echo, es ſagte: „Es iſt en dlich Zeit, daß wir brandmarken, was Europa bewundert, und daß wir ſo theuer als möglich das verkaufen, was jede andere Regierung, wenn ſie das Glück hätte, es zu beſitzen, umſonſt geben würde: „Das Genie.“ Wir müſſen bemerken, daß dieſes armſelige Echo nicht 10 für ſeine Rechnung ſprach, ſondern nur die Worte des Red⸗ ners wieverholte. Die Kammer machte ſich mit wenigen Ausnahmen zum Echo des Echos. Ach! das war ſeit fünfunddreißig bis vierzig Jahren die Rolle der Majoritäten. In der Kammer gibt es wie auf dem Theater ſehr unglückliche Traditionen. Da nun die Kammer der Anſicht war, daß an allen Diebſtählen, welche verübt werden, an allen Erpreſſungen, welche geſchehen, an allen Ehebrüchen, welche man begeht, das Feuilleton Schuld ſei; Daß, wenn Herr von Praslin ſeine Frau ermordet; Daß, wenn Fieschi Louis Philipp ermordet; Daß, wenn Louvel den Herzog von Berry ermordetz Daß, wenn Napoleon den Herzog von Enghien er⸗ mordet; Daß, wenn Damiens Ludwig KV. ermordet; Daß, wenn Ludwig XIV. Fouquet ermordet; Daß, wenn Ludwig XIII. den Marſchall d'Ancre ermordet; Daß, wenn Ravaillac endlich Heinrich IW. ermordet; Alle dieſe Morde offenbar die Schuld des Feuilleton ſeien, ſelbſt ehe es geſchaffen worden, ſo nahm die Maſo⸗ rität den Stempel an. Der Leſer hat vielleicht nicht recht bedacht, was der Stempel iſt, und fragt ſich, wie der Stempel, das heißt ein Centime auf das Feuilleton, dieſes toͤdten könne? Lieber Leſer, ein Centime auf das Feuilleton, wenn vierzigtauſend Eremplare von einem Journal abgezogen werden, das macht, wiſſen Sie, wie viel? vierhundert Franken für das einzelne Feuilleton! Das heißt das Doppelte von dem, was man bezahlt, wenn der Schriftſteller Eugöne Sue, Lamartine, Méry, George Sand oder Alexandre Dumas heißt! Sagen Sie mir aber, zeugt es von einer großen Moralität einer Regierung, wenn ſie irgend eine Waare — — —— 1¹ mit einer Abgabe belaſtet, welche viermal beträchtlicher, als der innere Werth der Waare? Beſonders, wenn dieſe Waare eine Waare iſt, deren Eigenthum: den Geiſt, man uns ſtreitig macht. Ein Reſultat hievon iſt, daß es kein Journal mehr gibt, welches theuer genug, um Roman⸗Feuilletons zu kaufen. Ein Reſultat hievon iſt, daß beinahe alle Journale Geſchichts⸗Feuilletons veröffentlichen. Lieber Leſer, was ſagen Sie zu den Geſchichtsfeuille⸗ tons des Conſtitutionnel? „Püh!“ Nun! das iſt es gerade. Das wollten die Politiker, damit man nicht mehr von der Literatur ſpreche. Abgeſehen davon, daß dies das Feuilleton auf einen ſehr moraliſchen Weg treibt! So hat man zum Beiſpiel mir, der ich Monte Chriſto, die Musketiere, die Königin Margot geſchrieben, den Vorſchlag gemacht, die Geſchichte des Palais⸗Royal zu ſchreiben. Eine in zwei Abtheilungen ſehr intereſſante Geſchichte: Einerſeits die Geſchichte der Spielhäuſer; Andererſeits die Geſchichte der Freudenmädchen! Man hat mir vorgeſchlagen, mir, dem vorzugsweiſe religiöſen Menſchen: Die Geſchichte der Verbrechen der Päpſte! Man hat mir vorgeſchlagen. ich mag nicht Alles ſagen, was man mir vorgeſchlagen hat. Das wäre noch nichts, würde man ſich darauf be⸗ ſchränken, mir vorzuſchlagen, zu machen. Doch man hat mir vorgeſchlagen, nichts mehr zu machen. So erhielt ich eines Morgens folgenden Brief von Emile von Girardins); *) Hauptredacteur und Miteigenthümer des Jouruals: la Preſſe. 12 „Mein lieber Freund, Ich wünſche, daß Ange Pitou nur noch einen halben Band habe, ſtatt ſechs Bände, nur noch zehn Ka⸗ pitel, ſtatt hundert. „Richten Sie das ein, wie Sie wollen, und ſchneiden Sie ab, wenn Sie nicht wollen, daß ich abſchneide.“ Ich begriff wahrlich vollkommen. Emile von Girardin hatte meine Denkwürdigkeiten in ſeinen alten Cartons, er wollte lieber meine Denk⸗ würdigkeiten veröffentlichen, welche keine Stempelgebühren bezahlten, als Ange Piton, wofür er zu bezahlen hatte. Er unterdrückte mir auch ſechs Romanbände, um zwanzig Bände Denkwürdigkeiten zu drucken⸗ Und darum, theurer, vielgeliebter Leſer, wurde das Wort Ende vor das Ende geſetzt. Darum wurde Ange Pitou auf die Art von Kaiſer Paul, nicht um den Hals, ſondern mitten um den Leib erwürgt. Doch Sie wiſſen durch die Musketiere, welche Sie zweimal für todt gehalten, während ſie zweimal aufer⸗ ſtanden, meine Helden erwürgt man nicht ſo leicht, wie jenen Kaiſer. WMit Ange Pitou iſt es nun wie mit den Muske⸗ tieren. Pitou, der durchaus nicht todt, ſondern nur ber⸗ ſchwunden war, wird ſogleich wiedererſcheinen, und ich bitte Sie, in dieſen Zeiten der Unruhen und Revolutionen, welche ſo vlele Fackeln entzünden und ſo viele Kerzen auslöſchen, meine Helden nur für geſtorben zu halten, wenn Sie einen von meiner Hand unterzeichneten Anzeige⸗ brief empfangen haben werden. Und auch dann!.. ——————— 13 II. Die Schenke vom Pont de Sevren. Will der Leſer einen Moment zu unſerem Roman Ange Piton zurückkehren und das Buch öffnend ſeinen Blick auf das Kapitel, überſchrieben: Die Nacht vom 5 auf den 6. October, heften, ſo wird er dort einige Thatſachen finden, welche ſich ins Gedächtniß zurückzurufen für ihn nicht ohne Wichtigkeit iſt, ehe er dieſes Buch zu leſen beginnt, das ſich am 6. deſſelben Monats eröffnet. Nachdem wir ſelbſt einige wichtige Zeilen von dieſem Kapitel eitirt haben, werden wir die Umſtände und Er⸗ eigniſſe, welche der Wiederaufnahme unſerer Erzählung vorhergehen müſſen, in ſo wenig als möglich Worten zu⸗ ſammenfaſſen. Dieſe Zeilen folgen hier: „Um drei Uhr war Alles ſtill in Verſailles. „Durch den Bericht ihrer Huiffiers beruhigt, hatte ſich jelbſt die Nationalverſammlung zurückgezogen. „Man hoffte, dieſe Ruhe würde nicht geſtört werden. „Beinahe bei allen Volksbewegungen, welche die großen Revolutionen vorbereiten, iſt eine Zeit des Stillſtands, wo man glaubt, Alles ſei beendigt, und man könne ruhig ſchlafen. Man täuſcht ſich. „Hinter den Menſchen, welche die erſten Bewegungen machen, ſind diejenigen, welche warten, bis die erſten * ———— 14 Bewegungen gemacht ſind, und bis, ermüdet oder befriedigt, diejenigen, welche dieſe erſten Bewegungen vollbracht haben, in dem einen oder dem andern Falle nicht mehr weiter gehen wollen und ausruhen. „Dieſe unbekannten Menſchen, geheimnißvolle Agenten unſeliger Leidenſchaften, ſchleichen dann in der Finſterniß, nehmen die Bewegung wiever auf, wo ſie verlaſſen wor⸗ den iſt, und erſchrecken, indem ſie dieſelbe bis zu ihren äußerſten Grenzen treiben, bei ihrem Erwachen diejenigen, welche ihnen die Bahn eröffnet und ſich auf halbem Wege nievergelegt haben, im Glauben, der ganze Weg ſei durch⸗ laufen und das Ziel erreicht.“ Wir haben drei von vieſen Menſchen in dem Buche genannt, dem wir die hier angeführten paar Zeilen entlehnen. Man erlaube uns, auf unſere Scene, das heißt vor die Thüre der Schenke vom Pont de Sdvres, eine Perſon zu führen, die, weil ſie noch nicht von uns genannt worden, darum keine geringere Rolle in vieſer erſchreck⸗ lichen Nacht geſpielt hatte. Es war ein Mann von fünf und vierzig bis acht und vierzig Jahren, als Arbeiter gekleidet, das heißt mit einer Sammethoſe, welche durch eine lederne Schürze mit Taſchen geſchützt war, wie man ſie bei den Huf⸗ ſchmieden und Schloſſern ſieht. Er trug graue Strümpfe und Schuhe mit meſſingenen Schnallen und hatte ſeinen Kopf mit einer Art von Pelzmütze bedeckt; ein Wald von ergrauenden Haaren drang unter dieſer Mütze hervor, um ſich mit ungehenren Brauen zu verbinden und auf halbe Rechnung mit dieſen große, hervorſtehende, leb⸗ hafte und verſtändige Augen zu beſchatten, deren Reflexe ſo raſch, deren Nuancen ſo wechſelnd waren, vaß ſich ſchwer beſtimmen ließ, ob ſie grün oder grau, blau oder ſchwarz. Das übrige Geſicht beſtand aus einer mehr ſtarken, als miktleren Naſe, dicken Lippen, weißen Zähnen, und einer ſonnverbrannten Haut. 1 8 15 Ohne groß zu ſein, war dieſer Mann bewunderungs⸗ würdig gewachſen, er hatte feine Gelenke, einen kleinen Fuß, und man hätte auch ſehen können, daß er eine kleine und ſogar zarte Hand beſoß, hätten ſeine Hände nicht vie Bronzefärbung der Eiſenarbeiter gehabt. Stieg man aber von dieſer Hand zum Ellenbogen auf, und vom Ellenbogen bis zu der Stelle des Armes, wo das zurückgeſchlagene Hemd den Anfang einer kräftig gezeichneten Muskel ſehen ließ, ſo konnte man wohl be⸗ merken, vaß, trotz der Stärke dieſer Muskel, die Haut, welche ſie bedeckte, fein, dünn, beinahe ariſtokratiſch war. Dieſer Mann, der vor der Thüre der Schenke vom Pont de Seyvres ſtand, hatte in ſeiner Nähe eine reich mit Gold eingelegte Doppelflinte, auf deren Lauf man den Namen von Leclore, einem Waffenſchmiede leſen konnte, welcher bei den Pariſer Jägern ein großes An⸗ ſehen zu gewinnen anfing. Man wird uns vielleicht fragen, wie ſich ein ſo ſchoͤnes Gewehr in den Händen eines einfachen Arbeiters befunden habe; hlerauf antworten wir, daß in den Tagen der Aufſtände, und wir haben, Gott ſei Dank! einige geſehen, die ſchönſten Woffen ſich nicht immer in den weißeſten Händen finden. Unſer Mann war vor ungefähr einer halben Stunde von Verſailles angekommen und wußte ganz genau, was vorgefallen: denn auf die Frage, die der Wirth an ihn richtete, während er ihn mit einer Flaſche bediente, die er noch nicht angegriffen, antwortete er; Die Königin komme mit dem Koͤnig und dem Dauphin. Sie ſeien ungefähr gegen Mittag abgegangen. Sie haben ſich endlich entſchloſſen, den Palaſt der Tuilerien zu bewohnen; es werde daher Paris wahr⸗ ſcheinlich in Zukunſt nicht mehr an Brod fehlen, da es den Bäcker, die Bäckerin und den kleinen Bäckerburſchen beſitzen ſolle. Und er warte, um den Zug vorüberkommen zu ſehen. Dieſe letzte Behauptung konnte wahr ſein, und den⸗ noch war leicht zu bemerken, daß ſich ſein Blick neugieriger gegen Paris, als gegen Verſailles wandte, was zum Glauben Anlaß gab, er habe ſich nicht für verbunden er⸗ achtet, dem Wirthe, der ihn zu fragen ſich erlaubt, eine ſehr genaue Rechenſchaft von ſeinen Abſichten zu geben. Nach einigen Augenblicken ſchien indeſſen ſeine Er⸗ wartung befriedigt zu werden. Ein ungefähr wie er geklei⸗ deter Mann, der ein dem ſeinigen ähnliches Gewerbe zu treiben ſchien, zeigte ſich oben auf der Anhöhe, welche den Horizont der Straße begrenzte. Dieſer Mann ging ſchwerfällig und wie ein Reiſen⸗ der, der ſchon einen langen Weg gemacht hat. Je näher er kam, deſto mehr konnte man ſeine Züge und ſein Alter unterſcheiden. Sein Alter mochte das des Unbekannten ſein, das heißt, man konnte kühn behaupten, er ſei auf der ſchlimmen Selte der Vierzig, wie die Leute vom Volke ſagen. Was ſeine Züge betrifft, ſo waren es die eines Menſchen aus dem großen Haufen mit niedrigen Neigungen, mit gemeinen Inſtineten. Das Auge des Unbekannten heftete ſich neugierig auf ihn mit einem ſeltſamen Ausdruck, und als wollte er mit einem Blicke ermeſſen, was man Alles Unreines Schlechtes aus dem Herzen dieſes Menſchen ziehen nne. Als der Arbeiter, der von der Seite von Paris kam, nur noch zwanzig Schritte von demjenigen entfernt war, welcher bei der Thüre wartete, ging dieſer hinein, goß den erſten Wein aus der Flaſche in eines der zwei auf dem Tiſche ſtehenden Gläſer, kehrte mit dieſem Glaſe in der Hand vor die Thüre zurück und rief: „He! Kamerad, das Wetter iſt kalt, der Weg iſt lang; trinken wir nicht ein Glas Wein, um uns zu ſtärken und wieder zu erwärmen?“ ——— —— 17 Der von Paris kommende Arbeiter ſchaute umher, als wollte er ſehen, ob die Einladung wirklich an ihn gerichtet ſei.. „Sprechen Sie mit mir?“ fragte er. „Mit wem denn wenn's beliebt, da Sie allein find.“ „Und Sie bieten mir ein Glas Wein an?“ „Warum nicht?“ „Ah!“ „Iſt man nicht von demſelben Handwerk oder von einem ähnlichen?“ Der Arbeiter ſchaute den Unbekannten zum zweiten Mal an und erwiederte: „Jedermann kann von demſelben Handwerk ſein; das Wichtigſte iſt, zu wiſſen, ob man Geſell oder Meiſter iſt.“ „Nun! das werden wir ſogleich erfahren, wenn wir plaudernd ein Glas Wein mit einander trinken.“ „Meinetwegen!“ verſetzte der Arbeiter. Und er ging auf die Thüre der Schenke zu. Der Unbekannte zeigte ihm den Tiſch und deutete auf das Glas. Der Arbeiter nahm das Glas, betrachtete den Wein, als ob er ein Mißtrauen gegen denſelben gefaßt hätte, welches ſogleich verſchwand, ſobald ſich der Unbekannte ein zweites Glas wie vas erſte bis an den Rand gefüllt hatte. „Nun!“ fragte er,„iſt man zu ſtolz, um mit dem⸗ jenigen, welchen man einladet, anzuſtoßen?“ „Bei meiner Treue, nein, im Gegentheil; Auf die Nation!“ Die grauen Augen des Arbeiters hefteten ſich einen Moment auf denjenigen, welcher dieſen Toaſt ausgebracht. Dann ſpra b er: „Ei! bei Goit! wohl geſagt, ja: Auf die Nation!“ Und er leerte den Inhalt ſeines Glaſes auf einen Zug. Wonach er ſich die Lippen mit ſeinem Aermel ab⸗ wiſchte. Die Gräfin von Charnh. 1. 2 18 „Ah! ah!“ rief er,„das iſt Burgunder!“ „Und vom alten, wie? Man hat mir die Schenke empfohlen, im Vorbeigehen bin ich eingetreten, und ich bereue es nicht. Aber ſetzen Sie ſich doch, Kamerad; es iſt noch etwas in der Flaſche, und wenn nichts mehr in der Flaſche iſt, ſo wird es im Keller etwas geben.“ „Ah!“ fragte der Arbeiter,„was machen Sie denn da?“ „Sie ſehen es, ich komme von Verſailles, und ich erwarte den Zug, um ihn nach Paris zu begleiten.“ „Welchen Zug?“ „Eil den des Königs, der Königin und des Dauphin, welche in Geſellſchaft der Damen der Halle und von zwei hundert Mitgliedern der Nationalverſammlung, unter dem Schutze der Nationalgarde und von Herrn von La⸗ fayette, nach Paris, zurückkommen.“ „Er hat ſich alſo entſchloſſen, nach Paris zurückzu⸗ kehren, der Bürger?“ 4 „Er mußte wohl.“ „Ich habe es vermuthet, dieſen Morgen um drei Uhr, als ich nach Paris abging.“ „Ah! ah! Sie ſind dieſen Morgen um drei Uhr abgegangen, und Sie haben Verſailles nur ſo verlaſſen, ohne daß Sie neugierig waren, zu erfahren, was dort vorgehen würde?“ „Doch, ich hatte einige Luſt, zu erfahren, wie es mit dem Bürger gehen werde, um ſo mehr, als das, ohne mich zu rühmen, ein Bekannter iſt; doch Sie be⸗ greifen, die Arbeit vor Allem! Man hat Weib und Kind; man muß Alles dies ernähren, beſonders jetzt, da es keine konigliche Schmiede mehr geben wird.“ Der Unbekannte ließ die zwei Anſpielungen vorüber⸗ gehen, ohne ſie aufzunehmen. „Sie hatten alſo ein dringendes Geſchäft in Paris zu verrichten?“ fragte er. „Bei meiner Treue, ja, wie es ſcheint, und gut be⸗ hin, wei nter La⸗ zu⸗ drei Uhr ſen, dort mit hne und etzt, ber⸗ aris 19 zahlt,“ fügte der Arbeiter bel, inbem er ein paar Thaler in ſeiner Taſche klingen ließ,„obgleich es mir ganz ein⸗ fach von einem Bedienten bezahlt wurde, was nicht artig iſt— und noch von einem deutſchen Bedienten,— ſo daß man nicht einmal ein Bischen mit ihm plaudern konnte.“ „Und Sie haſſen das Plaudern nicht?“ „Eil wenn man nicht ſchlimm von den Andern ſpricht, ſo iſt das eine Zerſtreuung.“ Die zwei Männer lachten, der Unbekannte, indem er Wi Zähne, der Arbeiter, indem er verdorbene Zähne zeigte. „Alſo,“ ſagte der Unbekannte, wie ein Menſch, der allerdings nur Schritt für Schritt vorrückt, den aber nichts vorzurücken hindern kann, Sie haben alſo ein dringendes und gut bezahltes Geſchäft verrichtet?“ „Gut bezahlt, weil die Arbeit ohne Zweifel ſchwie⸗ rig war?“ „Schwierig? ja.“ „Ein Geheimſchloß, wie?“ „Eine unſichtbare Thüre. Stellen Sie ſich ein Haus in einem Hauſe vor,— Jemand, der ein Intereſſe hätte, ſich zu verbergen, nicht wahr? nun, er iſt da, und er iſt nicht da! Man klingelt: der Bediente öffnet die Thüre: „„Iſt der Herr zu Hauſe?““„„Nein.““„„Doch, er muß zu Hauſe ſein.““„„So ſuchen Sie!“« Man ſucht. Gute Nacht! ich fordere alle Welt heraus, den Herrn zu finden. Eine eiſerne Thüre, verſtehen Sie, welche auf das Genaueſte in das Simswerk hineinpaßt. Man zieht eine Lage von altem Eichenholz über Alles dies, und es iſt unmöglich, das Holz vom Eiſen zu unterſcheiden.“ „Ja, doch wenn man darauf klopft?“ „Bah! eine Lage Holz auf dem Eiſen, eine Linie dünn, doch dick genug, daß der Ton überall gleich iſt Tak, tak, tak, tak Sehen Sie, als die Sache fertig war, täuſchte ich mich ſelbſt.“ „Und wo Teufels haben Sie das gemacht?“ „Ah! das iſt es.“ „Das wollen Sie nicht ſagen?“ „Das kann ich nicht ſagen, weil ich es nicht weiß.“ „Man hat Ihnen die Augen verbunden?“ „Ganz richtig! Ich wurde mit einem Wagen bei der Barriore erwartet. Man fragte mich:„„Sind Sie der und der?““ Ich antwortete:„„Ja!““„„Gut, Sie erwarten wir, ſteigen Sie ein.““„„Ich ſoll ein⸗ ſteigen?““„„Ja.““ Ich ſiieg ein, man verband mir die Augen, der Wagen rollte ungefähr eine halbe Stunde, dann öffnete ſich ein Thor— ein großes Thor; ich ſtieß an die erſte Stufe einer Freitreppe, ich ſtieg zehn Stufen hinauf, ich trat in ein Vorhaus ein; hier fand ich einen deutſchen Bedienten, der zu den Anderen ſagte:„„Es iſt gut, geht; man braucht Euch nicht mehr.““ Die Ande⸗ ren entfernten ſich. Er nahm mir meine Binde ab und zeigte mir, was ich zu thun hatte. Ich ging als ein guter Arbeiter an's Geſchäft. In einer Stunde war es gethan. Man bezahlte mich in ſchönen Louis v'or, verband mir die Augen wieder, brachte mich in den Wagen, ließ mich an derſelben Stelle ausſteigen, wo ich eingeſtiegen war, wünſchte mir eine glückliche Reiſe, und hier bin ich.“ „Ohne daß Sie etwas geſehen haben,— nicht ein⸗ mal aus dem Augenwinkel? Was Teufel! eine Binde iſt nicht ſo feſt geſchloſſen, daß man nicht rechts oder links hinausſchielen kann.“ „Et! ja!“ „Nun, nun! geſtehen Sie doch, daß Sie geſehen haben,“ ſagte lebhaft der Unbekannte. „Hören Sie: als ich einen falſchen Tritt gegen die erſte Stufe der Freitreppe that, benützte ich dies, um eine Geberde zu machen; während ſch dieſe Geberde machte, verrückte ich ein wenig meine Binde. „Und dadurch, daß Sie Ihre Binde verrückten?“ fragte der Unbekannte mit derſelben Lebhaftigkeit. . . bei Sie ut, in⸗ die de, ieß fen en de⸗ gte ter an. die an hte in⸗ nks hen gen hte, 7* 21¹ „Sah ich eine Linie von Bäumen, was mich zum Glauben brachte, das Haus ſei auf dem Boulevard, ſonſt aber nichts.“ „Sonſt nichts?“ „Ah! bei meinem Ehrenwort.“ „Das beſagt nicht viel.“ „Weil die Boulevards lang ſind, und weil es mehr als ein Haus mit einem großen Thore und einer Frei⸗ treppe vom Cafe Saint⸗Honoré bis zur Baſtille gibt. „So, daß Sie dieſes Haus nicht wiedererkennen würden?“ Der Schloſſer dachte einen Augenblick nach. „Bei meiner Treue, nein,“ erwiederte er,„ich wäre nicht im Stande, es wiederzuerkennen.“ Der Unbekannte, obgleich ſein Geſicht gewöhnlich nur das zu ſagen ſchien, was er es gern wollte ſagen laſſen, war, wie man wahrnehmen konnte, ziemlich befrie⸗ digt durch dieſe Verſicherung. „Oh!“ ſagte er plötzlich, als wollte er zu einer an⸗ dern Ideenordnung übergehen,„es gibt alſo keinen Schloſ⸗ ſer mehr in Paris, daß die Leute, welche vort Geheim⸗ thüren brauchen, Schloſſer von Verſailles holen laſſen 2“ Und zu gleicher Zeit ſchenkte er ſeinem Gaſie ein volles Glas Wein eln und klopfte mit der leeren Flaſche auf den Tiſch, damit der Wirth eine neue volle hrächte. II. Meiſter Gamain. Der Schloſſer hob ſein Glas bis zur Höhe ſeines Auges empor und betrachtete es wohlgefällig. Dann koſtete er mit augenſcheinlicher Befriedigung davon und erwiederte: „Doch, es gibt Schloſſer in Paris.“ Er trank noch ein paar Tropfen. „Nun?“ „Es gibt ſogar Meiſter.“ Er trank abermals. „Das ſagte ich mir.“ „Doch es iſt ein Unterſchied unter den Meiſtern.“ „Ah! ah!“ ſagte der Unbefannte lächelnd,„ich ſehe, Sie ſind wie der heilige Alviſius, nicht nur Meiſter, ſondern Meiſter über Meiſter.“ „Und Meiſter über Alle. Sie find vom Handwerk?“ „So ungefähr.“ „Was ſind Sie?“ „Ich bin Waffenſchmied.“ „Haben Sie hier von Ihrer Arbeit?“ „Sehen Sie dieſe Flinte.“ Der Schloſſer nahm die Flinte aus den Händen des Unbekannten, unterſuchte ſie aufmerkſam, ließ die Federn ſpielen, billigte mit dem Kopfe nickend das ſcharfe und auf den Lauf geſchriebenen Namen und rief: Knacken der Batterien, las dann den auf das Schloßblech „Lerlöre? unmöglich, Freund! Leelère iſt höchſtens 8 es e, r, P en ie fe 23 achtundzwanzig Jahre alt, und wir gehen Belbe gegen das fünfzigſte, ohne Ihnen etwas Unangenehmes ſagen zu wollen.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte der Unbekannte,„ich bin nicht Leeléte, doch es iſt ganz daſſelbe.“ „Wie, es iſt ganz daſſelbe?“ „Allerdings, da ich ſein Lehrmeiſter bin.“ „Ah! gut,“ rief lachend der Schloſſer,„das iſt, als ob ich ſagen würde:„„Ich hin nicht der Koͤnig, doch das iſt ganz daſſelbe.““ „Wie, das iſt ganz voſſelbe?“ wiederholte der Unbe⸗ kannte. „Ei! ja, da ich ſein Lehrmeiſter bin,“ ſprach der Schloſſer. „Ho! ho!“ machte der Unbekannte, indem er auf⸗ ſtand und den militäriſchen Gruß parodirte,„ſollte ich vie Ehre haben, mit Herrn Gamain zu ſprechen 2“ „Mit ihm in Perſon, und um Ihnen zu dienen, wenn ich hiezu ſähig wäre,“ ſagte der Schloſſer, entzückt über die Wirkung, welche ſein Name hervorgebracht hatte. „Teufel,“ verſetzte der Unbekannte,„ich wußte nicht, daß ich es mit einem ſo anſehnlichen Mann zu thun habe.“ „Wie?“ „Mit einem ſo anſehnlichen Manne,“ wlederholte der Unbekannte. „So angeſehen, wollen Sie ſagen.“ „Ahl ja, verzeihen Sie,“ ſagte lachend der Unbe⸗ kannte.„Sie wiſſen ein armer Waffenſchmied verſteht es nicht, ſich auezuvrücken wie ein Lehrmeiſter, und was für ein Lehrmeiſter, der Lehrmeiſter des Königs von Frankreich.“ Dann nahm er das Geſpräch in einem andern Tone wieder auf und fügte bei: „Sagen Sie mir, es muß nicht ſehr beluſtigen, der Lehrmeiſter des Königs zu ſein?“ „Warum?“ „Ei! wenn man ewig Handſchuhe anhaben muß, um guten Morgen und guten Abend zu ſagen!“ „Oh! nein.“ „Wenn man ſagen muß:„Euere Majeſtät, nehmen Sie dieſen Schlüſſel mit der linken Hand.„ Sire, nehmen Sie dieſe Feile mit der rechten Hand.““ „Ah! darin lag gerade der Reiz bei ihm, denn ſehen Sie, er iſt im Grunde ein guter Menſch. War er ein⸗ mal in der Schmiede, hatte er die Schürze vorgebunden und die Aermel ſeines Hemdes zurückgeſchlagen, ſo hätte man nie glauben ſollen, er ſei der älteſte Sohn vom heiligen Ludwig, wie ſie ihn nennen.“ „In der That, Sie haben Recht, es iſt außerordent⸗ lich, wie ein König einem andern Menſchen gleicht.“ „Ja, nicht wahr? Diejenigen, welche in ihre Nähe kommen, haben dies längſt bemerkt.“ „Oh! es wäre nichts, wenn nur diejenigen, welche in ihre Nähe kommen, es bemerft hätten,“ ſprach der Unbekannte mit einem ſeltſamen Gelächter,„aber diejenigen, welche ſich von ihnen entfernen, fangen beſonders an, es zu bemerken.“ Gamain ſchaute den Unbefannten mit einer gewiſſen Verwunderung an. Doch dieſer, welcher ſchon ſeine Rolle vergeſſen hatte, ließ ihm nicht Zeit, den Werth des Satzes, den er aus⸗ geſprochen, abzuwägen, und ſagte, auf das Vorhergehende zurückkommend: „Ein Grund mehr: daß man einen Menſchen, wel⸗ cher iſt wie ein Anderer, Sire und Majeſtät nennen muß, ſinde ich demüthigend.“ „Man mußte ihn aber weder Sire, noch Majeſtät nennen! Sobald er in der Schmiede war, gab es Alles bies nicht. Ich nannte ihn Bürger, und er nannte mich Gamain; nur duzte ich ihn nicht, und er duzte mich.“ „Ja, doch wenn die Stunde des Frühſtücks oder„ en re, en in⸗ en en te, 8⸗ de el⸗ en ät es es 25 Mittagbrodes kam, ſchickte man Gamain in die Oſſice, wo er mit den Dienſtleuten, mit den Lackeien eſſen mußte.“ „Nein, oh! nein, das hat man nie gethan; im Ge⸗ gentheil, er ließ mir einen ganz gedeckten Tiſch in die Schmiede bringen, und oft, beim Frühſtück beſonders, ſetzte er ſich mit mir zu Tiſche und ſagte:„„Bah! ich werde nicht bei der Königin frühſtücken; ſo brauche ich mir die Hände nicht zu waſchen.“ „Ich begreife nicht recht „Sie begreifen nicht, daß der König, wenn er mit mir arbeitete, Eiſen ſchmiedete, Hände hatte, wie wir ſie haben, was uns nicht abhält, ehrliche Leute zu ſeinz ſo daß die Königin mit ihrem zimperlichen Geſichtchen zu ihm ſagte:„„Pful! Sire Sie haben ſchmutzige Hände““ Als ob man reinliche Hände haben könnte, wenn man in der Schmiede gearbeitet hat.“ „Sprechen Sie nicht hievon,“ ſagte der Unbekannte, „das iſt zum Weinen.“ „Sehen Sie, im Ganzen gefiel er ſich nur vort, dieſer gute Mann, oder in ſeinem geographiſchen Cabinet, mit mir oder mit ſeinem Bibliothekar; doch ich glaube, ich war es abermals, den er am meiſten liebte.“ „Gleichviel, es iſt nicht erſreulich, der Lehrmeiſter eines ſchlechten Zöglings zu ſein.“ „Eines ſchlechten Zoͤglings?“ rief Gamainz;„oh! nein, Sie müſſen das nicht ſagen; er iſt ſogar ſehr un⸗ glücklich, ſehen Sie, daß er als König auf die Welt ge⸗ kommen, und daß er ſich mit einer Menge von Dumm⸗ heiten zu beſchäftigen hat, wie die, mit welchen er ſich beſchäftigt, ſtatt unabläſſig Fortſchritte in der Kunſt zu machen. Das wird immer nur ein armer König ſein, er iſt zu redlich, und er wäre ein vortrefflicher Schloſſer geworden. Da iſt Einer zum Beiſpiel, den ich verfluche wegen der Zeit, die er durch ihn verlor: das war Herr Necker. Wie viel Zeit hat dieſer ihn verlieren laſ⸗ ſen, mein Goft! wie viel Zeit.“ 26 „Mit ſeinen Rechnungen, nicht wahr?“ „Ja, mit ſeinen blauen Rechnungen, mit ſeinen Luft⸗ rechnungen, wie man ſagte.“ „Nun wohl Freund, aber ſagen Sie mir doch„ „Was?“ „Es mußte ein vortrefflicher Kunde für Sie ſein, ein Zögling von dieſem Stande?“ „Oh! nein; gerade darin täuſchen Sie ſich, deshalb bin ich ihm gram, Ihrem Ludwig XVI., Ihrem Vater des Vaterlands, Ihrem Wiederherſteller der franzoſiſchen Nation. Man hält mich für reich wie Kröſus, und ich bin arm wie Hiob.“ „Sie ſind arm? Aber was machte er denn mit ſeinem Gelde?“ „Er gab eine Hälfte den Armen und die andere Hälfte den Reichen, ſo daß er nie einen Son hatte. Die Coigny, die Vaudreuil und die Polignac nagten an dem armen Manne! Eines Tages wollte er den Gehalt von Herrn von Coigny vermindern. Herr von Coigny wartete auf ihn vor der Thüre der Schmiedez fünf Minuten, nachdem der König hinausgegangen war, kam er ganz bleich wieder zurück und ſagte;„„Oh! bei meiner Treue, ich glaubte, er werde mich ſchlagen.“„„Und der Gehalt, Sire?““ fragte ich ihn.„„Ich hobe ihm ſeinen Gehalt gelaſſen,““ antwortete er;„„was konnte ich Anderes thun.““ Er wollte ein andermal der Königin Bemerkungen über ein Wickelzeug für Frau von Polignac machen, ein Wickelzeug von dreimalhunderttauſend Franken, denken Sie.“ „Das iſt hübſch!“ „Nun! das war nicht genug. Die Königin ſchenkte ihr eines von fünfmal hunderttauſend. Sehen Sie auch alle dieſe Polignac, welche vor zehn Jahren nicht einen Sou beſaßen und Franfreich nun mit Millionen verlaſſen haben! Wenn ſie nur Talent hätten, aber geben Sie allen dieſen Burſchen einen Amboß und einen Ham⸗ mer, ſie find nicht im Stande, ein Hufeiſen zu ſchmieden⸗ —— c——— in, alb ter en ich nit ere Die em on ete en, anz ue, lt, alt res gen ein e.“ kte uch en ſen en m⸗ en, 27 geben Sie ihnen eine Feile und einen Schraubſtock, fie ſind nicht im Stande, eine Schloßſchraube zu verfertigen. dagegen Schönredner, Chevaliers, wie ſie ſagen, die den König aufgeſtachelt und vorwärts getrieben haben, und nun ihn ſich heraueziehen laſſen, wie er kann,— mit Herrn Bailly, mit Herrn Lafayette und Herrn Mirabeau, während er mich, der ich ihm ſo gute Rathſchläge gegeben hätte, hätte er darauf hören wollen, mit einer Rente von fünfzehn hundert Livres, die er mir bewilligt hat, abſpeiſt, mich, ſeinen Lehrmeiſter, mich, ſeinen Freund, mich, der ich ihm die Feile in die Hand gegeben habe.“ „Ja, doch wenn Sie mit ihm arbeiten, gibt es im⸗ mer irgend einen Gewinn?“ „Ei! arbeite ich denn jetzt mit ihm? Vor Allem würde ich mich hiedurch gefährden. Seit der Einnahme der Baftille habe ich keinen Fuß mehr in den Palaſt ge⸗ ſetzt. Einmal oder zweimal bin ich ihm begegnet; vas erſte Mal waren Leute auf der Straße, und er beſchränkte ſich darauf, daß er mich grüßte; das zweite Mal, das war auf der Straße nach Satory, wir waren allein; er ließ ſeinen Wagen halten und ſagte mit einem Seufzer:„„Nun, mein armer Gamain, guten Morgen.““„„Ah! ja, nicht wahr, das geht nicht, wie Sie wollen, doch das wird Sie lehren„„Und Deine Frau und Deine Kindern,““ unterbrach er mich,„es befindet ſich Alles wohl?““„Vortrefflich! Alle haben einen Höllenap⸗ petit.““„„Höre, Du wirſt Ihnen dieſes Geſchenk von mir überbringen.““ Und er ſuchte in ſeinen Taſchen, in allen, und brachte neun Lonis d'or zuſammen.„Das iſt Alles, was ich bei mir habe, mein armer Gamain,““ ſagte er,„„und ich ſchäme mich ganz, daß ich Dir ein ſo trauriges Geſchenk mache.““ Und, in der That, Sie werden zugeſtehen, er hatte Urſache, ſich zu ſchämen? ein Koͤnig, der nur neun Louis d'or in ſeinen Taſchen hat, ein König, der einem Freunde, einem Kameraden ein Geſchenk von neun Louis d'or macht!„ Auch„ 28 „Sie haben es auch ausgeſchlagen.“ „Nein; ich habe mir geſagt:„„Man muß es im⸗ merhin nehmen, er könnte einen Andern treffen, der we⸗ niger verſchämt wäre und es annehmen würde!““ Doch gleichviel, er kann ruhig ſein, ich werde keinen Fuß mehr in das Schloß von Verſailles ſetzen, wenn er mich nicht holen läßt, und auch dann, auch dann!“ „Dankbares Herz!“ murmelte der Unbekannte. „Sie ſagen?“ „Ich ſage, Meiſter Gamain, es ſei rührend, eine Ergebenheit wie die Ihrige das Unglück überleben zu ſehen! Ein letztes Glas Wein auf die Geſundheit Ihres Lehrlings.“ „Ah! bei meiner Treue! er verdient es kaum, doch gleichviel! Dennoch auf ſeine Geſundheit!“ Er trank. „Und wenn ich bedenke.“ fuhr er fort,„wenn ich bedenke, daß er in ſeinen Kellern mehr als zehntauſend Flaſchen hatte, von denen die am mindeſten gute zehnmal ſo viel werth war als dieſe, und daß er nie zu einem Bedienten ſagte:„„So und ſo, nimm einen Korb Wein und trage ihn zu meinem Freunde Gamain!““ Ah! ja wohl, er ließ ihn lieber von ſeinen Gardes du corps, von ſeinen Schweizern und von ſeinen Soldaten vom Regi⸗ mente Flandern trinken; das iſt ihm gut bekommen!“ „Was wollen Sie?“ ſprach der Unbekannte, während er ſeln Glas in kleinen Zügen leerte,„die Koͤnige ſind pes ſo, die Undankbaren! Doch ſtille! wir ſind nicht mehr allein.“ aus dem Volke und eine Poiſarde, in dieſelbe Schenke eingetreten und hatten ſich an den Tiſch geſetzt, der das Seitenſtück zu dem bildete, an welchem der Unbekannte die zweite Flaſche vollends mit Meiſter Gamain leerte. Es waren in der That drei Perſonen, zwei Männer auf lichk war ſein Kop Der Schloſſer ſchaute nach ihnen hinüber und be⸗ zu ſ ſicht im⸗ we⸗ ch tehr icht eine zu res och end mal em zein ja von gi⸗ end ſind ehr ner nke das nte be⸗ 29 trachtete ſie mit einer Aufmerkſamkeit, welche den Unbe⸗ kannten lächeln machte. Dieſe drei neuen Perſonen ſchienen in der That eini⸗ ger Aufmerkſamkeit würdig. Von den zwei Männern war der Eine ganz Rumpf; der Andere war ganz Beine. Der Mann, der ganz Numpf war, glich einem Zwerge; er war kaum fünf Fuß hoch; vielleicht verlor er auch ein paar Zoll von ſeiner Höhe durch das Biegen ſeiner Kniee, welche, wenn er ſtand, ſich innen berührten, ſo weit auch ſeine Füße aus einander liefen. Statt den Eindruck dieſer Mißſtaltung zu ſchwächen, ſchien ſie ſein Geſicht noch viel bemerkharer zu machen; fett und ſchmutzig, lagen ſeine Haare flach auf ſeiner niedergedrückten Stirne; ſeine ſchlecht gezeichneten Brauen ſchienen durch Zufall gewachſen zu ſein; ſeine Augen waren im gewöhnlichen Zuſtande glaſig, trübe und ohne Flammen, wie die einer Rröte; nur in den Momenten der Aufreizung ſprühten ſie einen Funken, ähnlich dem, welcher aus dem zuſammen⸗ gezogenen Augapfel einer wüthenden Schlange ſpringt; ſeine Naſe war geplattet und verſtärkte noch, von der ge⸗ raden Linie abgehend, die Hervorragung der Backen⸗ knochen; dieſes häßliche Geſammtweſen vervollſtändigend, bedeckte ſein krummer Mund mit ſeinen gelblichen Lippen ein paar ſpärliche, wackelnde, ſchwarze Zähne. Dieſer Menſch ſchien beim erſten Anbiſck Galle ſtatt des Blutes in den Adern zu haben. Der Zweite, der das Gegentheil des Erſten bildete, deſſen Beine kurz und krumm, ſchien wie ein Reiher auf ein Paar Stelzen geſtellt zu ſein. Seine Aehn⸗ lichkeit mit dem Vogel, mit dem wir ihn verglichen, war um ſo größer, als er ebenfalls buckelig und als ſein völlig zwiſchen ſeinen beiden Schultern verlorener Kopf ſich nur durch zwei Augen, welche zwei Blutflecken zu ſein ſchienen, und durch eine lange, ſchnabelartige Naſe ſichtbar machte. Im erſten Moment hätte man auch 30 glauben ſollen, er habe die Fähigkeit, ſeinen Hals nach Art einer Feder auszudehnen und auf eine gewiſſe Ent⸗ 1 fernung ein Auge demjenigen auszuſtoßen, dem er dieſen ſchlechten Dienſt hätte leiſten wollen. Doch es verhielt d ſich nicht ſo; ſeine Arme allein hatten dieſe ſeinem Halſe verweigerte Elaſticität, und, ſo wie er ſaß, brauchte er b nur den rechten zu verlängern, um ein Taſchentuch auf⸗ a zuheben, das er hatte fallen laſſen, nachdem er ſich ſeine ſe zugleich vom Schweiß und vom Regen befeuchtete Stirne ſe abgewiſcht. et Der Dritte oder die Dritte, wie man will, war ein amphibiſches Weſen, deſſen Gattung man wohl zu erkennen vermochte, während ſich ſein Geſchlecht ſchwer unterſcheiden E ließ. Dieſe Perſon war ein Mann oder eine Frau von vreißig bis vier und dreißig Jahrem, in der eleganten at Tracht einer Poiſſarde, mit goldenen Ketten und Ohr⸗ ringen, mit Halbſchleier und Spitzenſacktuch; ihre Züge waren, ſo weit man ſie durch eine Lage von weißer und rother Schminke, die ihr Geſicht bedeckte, und durch die Schöͤnpfläſterchen von allen Formen, welche dieſe Schminke zw beſternten, leicht verwiſcht, wie man dies bei den ausge⸗ he arteten Racen gewahrt. Hatte man ſie einmal geſehen, war man einmal bei ihrem Anblick in den Zweifel ein⸗ getreten, den wir ſo eben ausgedrückt hahen, ſo wartete man mit Ungeduld, daß ſich ihr Mund öffne, um ein paar Worte zu ſprechen, denn man hoffte, der Ton ihrer Stimme werde ihrer ganzen zweifelhaften Erſcheinung einen Charakter geben, mit deſſen Hülfe dieſe Ungewißheit ſich löſen ließe. Doch es war nicht ſo. Ihre Stimme, welche die eines Sopran zu ſein ſchien, verſenkte den Neugierigen und den Beobachter noch tiefer in den Zweifel, welchen ihre Perſon erregt hatte; das Ohr klärte das Auge nicht auf; das Gehör ergänzte den Geſichtsfinn nicht. Die Strümpfe und die Schuhe der zwei Männer⸗ ſowie die Strümpfe der Frau zeigten an, vdaß diejenigen, „ — „ 31 welche ſie trugen, ſich ſchon lange auf der Straße her⸗ umtrieben. „Es iſt erſtaunlich,“ ſagte Gamain,„mir ſcheint, das iſt eine Frau, die ich kenne.“ „Das mog ſein; doch ſobald dieſe drei Perſonen beiſammen ſind, mein' lieber Herr Gamain, darf man annehmen, daß ſie etwas mit einander zu thun haben,“ ſagte der Unbekannte, indem er ſeine Flinte ergriff und ſeine Mütze tlefer auf das Ohr drückte;„ſobald ſie aber etwas zu thun haben, muß man ſie beiſammen laſſen.“ „Sie kennen ſie alſo?“ fragte Gamain. „Ja, vom Sehen,“ antwortete der Unbekannte.„Und Sie 2“ „Ich, ich wollte dafür ſtehen, daß ich dieſe Frau auch irgendwo geſehen habe.“ „Bei Hofe wahrſcheinlich,“ ſagle der Unbekannte. „Ah! ja wohl! eine Poiſſarde*)!“ „Sie gehen ſeit einiger Zeit oft dahin.“ „Wenn Sie ſie kennen, ſo nennen Sie mir doch die ſn Männer; das wird mir ſicherlich die Frau erkennen elfen.“ „Die zwei Männer?“ „Ja.“ „Welchen ſoll ich Ihnen zuerſt nennen?“ „Den Frummbeinigen.“ „Jean Paul Marat.“ „Ah! ah!“ „Hernach 2“ „Den Buckeligen 2“ „Proſper Verridres.“ —— MMan erlaube uns, obgleich wir vas gute deutſche Zui,. v Newuſce n o hiſtori ewordene Benennun oiſ⸗ „ ſarde vrizubehaiſ ohri Ueberſ. 5 —— — 32 „Ah! ah!“ „Nun! bringt Sie das auf die Spur der Poiſſarde?“„ „Bei meiner Treue, nein.“ 1 „Suchen Sie.“ „Ich zerbreche mir den Kopf.“ e „Nun, die Poiſſarde?“ „Warten Sie... Doch nein, ah! ja, ah! nein.“ ſ 5Doch „Es es iſt unmöglich.“ „Ja, beim erſten Anblick ſieht es aus, als ob es un⸗ i möglich wäre.“ Gstiſt 5 „Oh! ich ſehe wohl, daß Sie ihn nie nennen wer⸗ den, und daß ich ihn nennen muß: die Poifſarde iſt der z Herzog von Aiguilion.“ Als dieſer Name ausgeſprochen wurde, bebte die Poiſſarde und wandte ſich, wie die zwei andern Män⸗ ner, um. Alle Drei machten eine Bewegung, um aufzuſtehen, wie man es vor einem Vorgeſetzten thun würde, dem man ſeine Ehrfurcht bezeigen wollte. Doch der Unbekannte legte ſeinen Finger auf den Mund und ging hinaus. Gamain folgte ihm; er glaabte zu träumen. Vor der Thüre wurde er von einem Menſchen ge⸗ ſtoßen, der zu fliehen ſchien, verfolgt von Leuten, welche riefen: „Der Friſeur der Königin! der Friſeur der Königin!“ Unter dieſen laufenden und ſchreienden Leuten waren zwei, welche jeder einen blutigen Kopf am Ende eines die Spießes trugen. Es waren die Köpfe von zwei unglücklichen Gardes Kön du corps, Varicourt und Deshuttes, welche, vom Leibe getrennt, jeder an das Ende eines Spießes geſteckt worden Uhr waren. Dieſe Köpfe bildeten, wie geſagt, einen Theil des Di 33 Trupps, der dem Unglücklichen, welcher Gamain geſtoßen, nachlief. „Sieh da, Herr Leonard,“ ſagte Lieſer. „Stille, nenne mich nicht!“ rief der Friſeur, in die Schenke ſtürzend. „Was wollen ſie denn von ihm?“ fragte der Schloſ⸗ ſer den Unbekannten. „Wer weiß 2“ antwortete der Andere:„ſie wollen ihn vielleicht die Köpfe dieſer armen Teufel friſiren laſſen. In Revolutionszeiten hat man ſo wunderliche Einfälle!“ Und er vermiſchte ſich mit der Menge und ließ Ga⸗ main, dem er ohne Zweifel Alles entlockt hatte, was er er zu wiſſen brauchte, wie es ihm gutbünkte, nach ſeiner e Werkftätte in Verſailles zurückkehren. die in⸗ n,——— em W. ge⸗ che Caglioſtro. 1 ⸗ ren Es wurde dem Unbekannten um ſo leichter, ſich mit nes dieſer Menge zu vermiſchen, als ſie zahlreich war. Sie bildete die Vorhut vom Zuge des Königs, der des Königin und des Dauphln. ibe an war, wie es der König geſagt hatte, gegen ein den Uhr Nachmittags von Verſailles abgegangen. Die Königin, der Dauphin, Madame Royale, der des Die Gräfin von Charnh. 1. 3 34 Graf von Provence, Madame Eliſobeih und Andrée ²) waren in den Wagen des Königs geſtiegen. Hundert Wagen hatten die Mitglieder der National⸗ verſammlung, welche ſich vom König unzertrennlich er⸗ klärt, aufgenommen. Der Graf von Charny und Billot waren in Ver⸗ ſailles geblieben, um die letzte Ehre dem Baron George von Charny zu etweiſen, der, wie wir erzählt haben, in der erſchrecklichen Nacht vom 5. auf den 6. Oetober ge⸗ tödtet wurde, und um es zu verhindern, daß man ſeinen Leichnam verſtümmelte, wie man die Leichname der Gardes du corps VBaricourt und Deshuttes verſtümmelt hatte. Die Vorhut, von der wir geſprochen, welche zwei Stunden vor dem König aufgebrochen war und ihm un⸗ gefähr eine Viertelſtunde voranging, war gewiſſer Maßen um die zwei Köpfe der Gardes du corps verſammelt, die ihnen als Fahne dienten. Als dieſe Köpfe bei der Schenke vom Pont de Sövres anhielten, machte die Vorhut mit ihnen und zu gleicher Zeit mit ihnen Halt. Dieſe Vorhut beſtand aus zerlumpten, halb trunkenen Elenden,— Schaum, wie wan ihn auf der Oberfläche jeder Ueberſchwemmung ſieht, mag dieſe nun von Waſſer oder von Lava ſein. Plötzlich entſtund in dieſer Menge ein gewaltiger *) Wir ſprechen immer in der Ueberzengung oder wenigſtens in der Hoffnung, unſere Leſer von heute ſeien unſere Leſer von geſtern und folglich vertraut mit unſeren Perſonen. Wir glauben alſo nicht nicht nöthig zu haben, ſie an etwas Anderes zu erinnern, als daran, daß Fräulein Andrée von Da⸗ verney die Gräfin von Charny, die Schweſter von Philipp und die Tochter des Baron von Taverneh von Maiſon⸗Ronge iſt. Al. Dumas. k a h n C K V w V ihr wo Se Ei we al⸗ er⸗ er⸗ rge in ge⸗ nen des wei in⸗ en 35 Tumult. Man hatte die Bajonnete der Nationalgarde und bas weiße Pferd von Lafayette erblickt, welche un⸗ mittelbar vor den Wagen des Königs kamen. Lafayette liebte ſehr die Volksverſammlungen; in der Mitte des Volfes von Paris, deſſen Idol er war, regierte er wahrhaft. Doch er liebte den Pöbel nicht. Paris, wie Rom, hatte ſeine plebs und ſeine ple- becula. Er liebte beſonders die Erecutionen nicht, welche der Poͤbel ſelbſt vollzog. Man hat geſehen, daß er Alles gethan, was er hatte thun können, um Fleſſelles, Foullon und Berthier von Saubigny zu retten. Es war alſo zugleich um vor ihm ihre Trophäe zu verbergen und um die blutigen Inſignien beizubehalten, welche ihren Sieg beſtätigten, dieſe Vorhut ſo weit vorange⸗ gangen. Doch es ſcheint, daß, verſtärkt durch das Triumvirat, welches ſie in der Schenke zu treffen das Glück gehabt, die Fahnenträger ein Mittel gefunden hatten, Lafayette auszuweichen, denn ſie weigerken ſich, mit ihren Gefährten abzugehen, und beſchloßen, da Seine Majeſtät erklärt habe, ſie wolle ſich nicht von ihren getreuen Garden tren⸗ nen, ſo werden ſie Seine Majeſtät erwarten, um ihren Cortége zu hilden. Dem zu Folge begab ſich die Vorhut, nachdem ſie Kräfte geſammelt, wieder auf den Weg. Dieſer Pöbel, der auf der Landſtraße von Paris nach Verſailles abſloß,— einer ausgetretenen Goſſe ähnlich, welche, nuch einem Sturme, in ihren ſchwarzen, kothigen Wellen die Bewohner eines Palaſtes fortreißt, die ſie auf hrein Wege getroffen und in ihrer Heſtigkeit niederge⸗ worfen hatte,— dieſe Menge, ſagen wir, hatte auf jeder Seite der Straße eine Art von Sog, gebildet von den Einwoßnerſchaften der an dieſer Straße Kegenden Dorfer, welche herbeiliefen, um zu ſehen, was vorging. Von den⸗ 36 jenigen, welche ſo herbeiliefen, vermiſchten ſich Einige,— es war die kleinere Zahl,— mit der das Geleite des Königs hildenden Menge und ſchleuderten ihr Geſchrei unter all dieſes Geſchrei, doch die Mehrzahl blieb unbeweglich und ſchweigſam auf beiden Seiten des Weges. Sagen wir deshalb, ſie haben ſehr mit dem König und ver Königin ſympathiſirt? nein, denn, abgeſehen von denjenigen, welche zu der ariſtokratiſchen Klaſſe der Ge⸗ ſellſchaft gehorten, litt Jedermann mehr oder weniger unter der erſchrecklichen Hungersnoth, die ſich über Frankreich ausgebreitet hatte. Sie ſchmähten alſo den König, den Dauphin und die Königin nicht, ſie ſchwiegen, und das Stillſchweigen der Menge iſt vielleicht noch ſchlimmer als ihr Schmähen. Dagegen ſchrie dieſe Menge mit voller Lunge:„Es lebe Lafayette!“ welcher von Zeit zu Zeit den Hut mit der linken Hand abnahm und mit ſeinem Degen in der rechten Hand grüßte, und:„Es lebe Mirabeau,“ welcher von Zeit zu Zeit auch ſeinen Kopf aus dem Schlage der Carroſſe, in der er mit fünf Anderen aufgehäuft war, ſtreckte, um mit vollen Zügen die für ſeine große Lunge nothwendige äußere Luft einzuathmen. So hörte der unglückliche Ludwig XVI., für den Alles Stillſchweigen war, vor ſich die Sache, die er ver⸗ loren: die Volksbeliebtheit, und die, welche ihm immer gefehlt hatte: das Genie, beklatſchen. Gilbert marſchirte, wie er es bei der Fahrt des Königs allein gethan hatte, mit aller Welt vermiſcht am rechten Schlage der Carroſſe des Königs, das heißt auf der Seite der Königin. Die Königin, welche nie den Stvicismus von Gil⸗ bert begreifen konnte, dem die amerikaniſche Reiſe eine neue Herbheit beigefügt hatte, ſchaute mit Verwunderung dieſen Mann an, der, ohne Liebe und ohne Ergebenheit für ſeine Fürſten, ganz einfach hei ihnen das erfüllend, igs all nd ig on e⸗ ger ber en en, ch Es nit er er der ar, ge en er⸗ ler es uf il⸗ ine ng eit nd, 37 was er eine Pflicht nannte, dennoch hereit war, für ſie Alles zu thun, was man aus Ergebenheit und Liebe thut. Noch mehr, denn er war bereit, zu ſterben, und die Ergebenheit, die Liebe von Vielen gingen nicht ſo weit. Auf den beiden Seiten des Wagens des Königs und der Königin marſchirte,— außer jener Art von Leuten, die ſich dieſes Poſtens theils aus Neugierde, theils um bereit zu ſein, dem erhabenen Reiſenden im Nothfall bei⸗ zuſtehen, bemächtigt hatten,— in einem ſechs Zoll hohen Kothe patſchend, die Damen und die Starken der Halle, welche von Zeit zu Zeit, unter ihrem buntſcheckigen Fluſſe von Blumen und Bändern, wie eine eompactere Welle zu rollen ſchienen. Dieſe Welle war elne Kanone oder ein Pulberwagen mit Weibern beladen, welche mit lauter Stimme fangen oder aus vollem Halſe ſchrleen. Was ſie ſangen, war das alte Volkslied: Die Bäckerin hat Thaler, Sie koſten ſie nichts. Was ſie ſagten, war die neue Formel ihrer Hoff⸗ nung: „Es wird uns nun nicht mehr an Brod fehlen, wir bringen den Bäcker, die Bäckerin und den Bäckerjungen zurück.“ Die Königin ſchien Alles dies zu hören, ohne etwas davon zu hegreifen. Sie hielt zwiſchen ihren Beinen ſtehend den kleinen Dauphin, der dieſe Menge mit der beſtürzten Miene anſchaute, „den Herzog von Bordeaur und den Grafen von Paris haben anſchauen ſehen. Nur iſt unſere Menge ſtolzer und großmüthiger als jene, denn ſie iſt ſärker und begreift, daß ſie Gnade üben kann Der König ſchaute Alles dies mit ſeinem trüben, beſchwerten Blick an. Er hatte die vorhergehende Nacht 38 faum geſchlafen, er hatte bei ſeinem Frühſtück kaum ge⸗ geſſen, es hatte ihm an Zeit gefehlt, um ſeine Friſur wieder zurecht zu richten und zu pudern; ſein Bart war lang, ſeine Wäſche zerknittert, lauter Dinge, welche ihm ſehr zum Nachtheil gereichten. Ach! der arme König war nicht der Mann der ſchwierigen Umſtände. Unter allen ſchwierigen Umſtänden beugte er auch das Haupt. An einem einzigen Tag erhob er es: das war auf dem Schafſot, in dem Augenblick, wo es fallen ſollte. Madame Eliſabeth war der Engel der Sanftmuth und der Hingebung, den Gott zu dieſen verurtheilten Ge⸗ ſchöpfen geſtelit hatte, und der den König im Temple über die Abweſenheit der Königin tröſten, die Königin in der Conciergerie über den Tod des Königs tröſten ſollte. Herr von Provence hatte, hier wie immer, ſeinen ſchiefen, faſchen Blick; er wußte wohl, daß er, für den Moment wenligſtens, keine Gefahr lief; das war in dieſem Augenblick der Volksbeliebte der Famille— warum? man weiß es nicht;— vielleicht, weil er in Frankreich geblieben, während ſein Bruder, der Graf d'Artois, ab⸗ gereiſt war. Hätte aber der König im Grunde des Herzens von Herrn von Provence leſen können, ſo fragt es ſich, ob 2 das, was er darin geleſen, ſehr unverſehrt die Dankbar⸗ keit gelaſſen hätte, welche er ihm für das hegte, was er für Ergebenheit hielt. ſ Andrée ſah aus, als wäre ſie von Marmorz ſie hatte nicht beſſer geſchlafen als die Königin, nicht beſſer ge⸗ il geſſen als der König, doch die Lebensbedürfniſſe ſchienen 3 nicht für dieſe ausnahmsweiſe Natur gemacht. Sie hatte 8 nicht mehr Zeit gehabt, ihre Friſur wiederherzuſtellen oder dle Kleider zu wechſeln, und dennoch war auch nicht ein Haar auf ihrem Haupte in Unordnung, deutete nicht eine Falte ihres Kleides ein ungewohnliches Zerknittern an. Wie eine Statue ſchienen ſie dieſe Wogen, welche um ſie her verliefen, ohne daß ſie ihnen die geringſe ge⸗ iſur war hm nig ter pt. em 39 Aufmerkſamkeit ſchenkte, noch glatter und weißer zu ma⸗ chen; dieſe Frau hatte offenbar im Innerſten des Kopfes oder des Herzens einen einzigen, nur für ſie leuchtenden Gedanken, zu dem ihre Serle hinſtrebte, wie zum Polar⸗ ſtern die Magnetnavel hinſtrebt. Sie glich einer Art von Schatten unter den Lebendigen, und es veutete nur Eines bei ihe an, daß ſie lebte: das war der unwillkürliche Blitz, der aus ihrem Blicke zuckte, ſo oft ihr Ange dem Auge von Gilbert begegnete. In einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten, ehe er zu der Schenfe kam, von der wir geſprochen, machte der Zug Halt; das Geſchrei verdoppelte ſich auf der ganzen Linie. Die Königin beugte ſich leicht aus dem Schlage ihres Wagens, und auf dieſe Bewegung, welche voch einem Gruße glich, durchlief ein langes Gemurre die Menge. „Herr Gllbert?“ ſagte ſie. Gilbert näherte ſich dem Schlage. Do er ſeit Ver⸗ ſailles ſeinen Hut in der Hand htelt, ſo hatte er nicht nöthig ihn abzunehmon, um der Koͤnigin ein Zeichen von Ehrfurcht zu geben. „Madame?“ erwiederte er. Dieſes einzige Wort deutete durch die entſchiedene Betonung, mit der es ausgeſprochen wurde, an, daß Gil⸗ bert ganz zu den Befehlen der Königin war. „Herr Gilbert,“ fragte Marie Antoinette,„was ſingt denn, was ſagt denn, was ſchreit denn Ihr Volk?“ Man ſieht gerode an der Foim dieſes Satzes, daß ihn die Königin vorbereitet und ohne Zweifel ſeit langer Zeit zwiſchen ihren Zähnen gefaut hatte, che ſie ihn durch den Wagenſchlag dieſer Menge ins Geſicht ſpuckte. Gilbert ſtieß einen Seufzer aus, welcher bedeutete: „Immer dieſelbe!“ S. ſprach er mit einem tiefen Ausdruck von Schwer⸗ muth: „Ach! Madame, vieſes Volk, welches Sie meln ———— 40 Volk nennen, iſt einſt das Ihrige geweſen, und es iſt nun etwas weniger als zwanzig Johre her, daß Herr von Briſſac, ein äußerſt artiger Höfling, den ich vergebens hier ſuche, Ihnen vom Balcon eben vieſes Volk, welches; „„Es lebe die Dauphine!““ rief, zeigte und zu Ihnen ſagte:„„Madame, Sie haben da zweimalhunderttauſend Liebhaber.““ Die Königin biß ſich auf die Lippen; es war nicht möglich, dieſen Mann bei einem Mangel an Erwiederung oder bei einem Mangel an Reſpeet zu ertappen. „Ja, das iſt wahr,“ ſagte die Königin;„das be⸗ weiſt nur, daß die Völker ſich verändern.“ Diesmal verbeugte ſich Gilbert, antwortete aber nicht. „Ich richtete eine Frage an Sie, Herr Gilbert,“ ſagte die Königin mit jener Hartnäckigkeit, mit der ſie bei Allem, ſelbſt bei den Dingen, die ihr unangenehm ſein mußten, zu Werke ging. „Ja, Madame,“ erwiederte Gilbert,„und ich will Iirerten⸗ da Euer Majeſtät darauf beharrt. Das Volk ngt: Die Bäckerin hat Thaler, Sie koſten ſie nichts. Sie wiſſen, wen das Volk die Bäckerin nennt?“ „Ja, mein Herr, ich weiß, daß es mir die Ehre er⸗ weiſt; ich bin ſchon an dieſe Spottnamen gewöhnt: es nannte mich Madame Deficit. Iſt denn eine Analogie zwiſchen dem erſten Beinamen und dem zweiten?“ „Ja, Madame, und um ſich deſſen zu verſichern, brauchen Sie nur die zwei erſten Verſe zu erwägen, die ich Ihnen geſagt habe; Die Bäckerin hat Thaler, Sie koſten ſie nichts.“ Die Konigin wiederholte; m r⸗ ie 1, e 41¹ „Hat Thaler, ſie koſten ſie nichts 5ch verſtehe das nicht, mein Herr.“ Gilbert ſchwieg. „Nun!“ ſagte die Königin ungebuldig,„haben Sie nicht gehört, daß ich nicht verſtehe?“ „Und Eure Majeſtät verlangt beharrlich eine Er⸗ klärung?“ „Allerdings.“ „Das will beſagen, Madame, Cure Majeſtät habe ſehr gefällige Miniſter gehabt, Finanzminiſter beſonders, Herrn von Calonne, zum Beiſplel; das Volk weiß, wie Eure Majeſtät nur zu verlangen brauchte, daß man ihr gab, und da es keine große Mühe koſtet, zu verlangen, wenn man Königin iſt, weil man, indem man verlangt, befiehlt, ſo ſingt das Volk: Die Königin hat Thaler, Sie koſten ſie nichts, das heißt, ſie koſten ſie nur die Mühe, ſie zu verlangen.“ Die Königin preßte krampfhaft ihre weiße Hand zu⸗ ſammen, welche auf dem rothen Sammet des Wagen⸗ ſchlags lag. „Gut,“ ſprach ſie,„das iſt es alſo, was das Volk ſingt. Gehen wir nun, wenn es Ihnen beliebt, Herr Gilbert, da ſie ſeine Gedanken ſo gut erklären, zu dem über, was es ſagt.“ „Madame, das Volk ſagt:„„Es wird uns nicht mehr an Brod mangeln, nun da wir den Bäcker, die Bäckerin und den Bäckerjungen haben.““ „Sie werden mir dieſe zweite Unverſchämtheit ſo deutlich erklären, als die erſte, nicht wahr? Ich rechne darauf.“ „Mabame,“ erwiederte Gilbert mit derſelben ſchwer⸗ müthigen Sanftheit,„wenn Sie vielleicht nicht die Worte, ſondern die Intention dieſes Volkes erwägen wollten, ſo 42 würden Sie ſehen, daß Sie ſich nicht ſo ſehr, als Sie glauben, hierüber zu beklagen haben.“ „Laſſen Sie hoͤren,“ ſprach die Königin mit einem nervöſen Lächeln.„Sie wiſſen, daß es mir ſehr lieb iſt, wenn man mich aufklärt, Herr Doctor. Sprechen Sie, ich höre, ich warte.“ „Madame, mit Recht oder mit Unrecht hat man dieſem Volke geſagt, es werde in Verſailles ein großer Mehlhandel getrieben, und deshalb komme kein Mehl mehr nach Paris. Wer nährt dieſes arme Volk? Der Bäcker und die Bäckerin des Quartiers. Gegen wen ſtrecken der Vater, die Mutter, ver Sohn flehend ihre Hände aus, wenn in Ermangelung von Geld das Kind, die Frau oder der Vater Hungers ſierben2 Gegen dieſen Bäcker, gegen dieſe Bäckerin. Wen fleht der Arme nach Gott an, der die Ernten wachſen macht? Diejenigen, welche das Brod austheilen. Sind nicht Sie, Madame, iſt nicht der König, iſt nicht ſelbſt dieſes erhabene Kind, ſind Sie nicht alle Drei die Ausſpender des Brodes von Gott? Wundern Sie ſich alſo nicht über den ſüßen Namen, den Ihnen dieſes Volk gibt, und danken Sie ihm für die Hoffnung, daß es, ſo bald der König, die Königin und der Herr Dauphin in der Mitte von zwölfma hunderttauſend Hunge⸗ rigen ſein werden, dieſen zwölfmalhunderttauſend Hungerigen an Nichts mehr fehlen werde.“ Die Königin ſchloß ein paar Secunden die Augen, und man ſah ſie eine Bewegung mit dem Kinnbacken und dem Halſe machen, ols verſuchte ſie es, ihren Haß zugleich mit dem ſcharfen Speichel, der ihr die Kehle verbrannte, hinunter zu ſchlucken. „Und was es ruft dieſes Volk, was es vort vor uns, hinter uns ruft, müſſen wir ihm auch dafür danken, wie für die Spottnamen, die es uns gibt, wie für die Lieder, die es uns fingt?“ „Ohl ja, Madame, und zwar noch aufrichtiger; denn dieſes Lied, welches es ſingt, iſt nur der Ausdruck ſeiner — 43 guten Laune, denn die Spottnamen, die es Ihnen gibt, find nur die Offenbarung ſeiner Hoffnungen, aber die Rufe, die es ertönen läßt, ſind der Ausdruck ſeines Wunſches.“ „Ah! das Volk wünſcht, doß die Herren von La⸗ fayette und Mirabeau leben?“ Die Königin hatte, wie man ſieht, vollkommen ge⸗ hört, was man ſang, ſagte und rief. „Ja, Madame,“ antwortete Gilbert,„denn wenn ſie leben, ſo können Herr von Lafayette und Herr von Mira⸗ beau, welche, wie Sie ſehen, in dieſem Augenblick ge⸗ trennt find, getrennt durch den Abgrund, über dem Sie ſchweben,— denn wenn ſie leben, ſo können Herr von La⸗ fayette und Herr von Mirabeau ſich vereinigen und, indem ſie ſich vereinigen, die Monarchie retten.“ „Mein Herr,“ rief die Königin,„das helßt, die Mo⸗ narchie ſei ſo tief geſunken, doß ſie nur durch dieſe zwei Männer gerettet werden könne2“ Gilbert wollte eben antworten, als man Schreckens⸗ ſchreie, gemiſcht mit entſetzlichem Gelächter, vernahm und in der Menge eine große Bewegung vorgehen ſah, welche, ſtatt ihn davon zu entfernen, Gilbert dem Wagenſchlage näherte, an den er ſich anklammerte, denn er errieth, es ereigne ſich etwas, was vielleicht zur Vertheidigung der Königin die Anwendung ſeines Wortes oder ſeiner Kraft nothwendig mache.. Fs waren die zwei Kopfträger, welche, nachdem ſie die Koͤpfe durch den unglücklichen Leonard hatten pudern und friſtren laſſen, ſich das Vergnügen bereiten wollten, dieſelben der Koͤnigin zu präſentiren, wie ſie ſich,— die⸗ ſelben vielleicht,— das Vergnügen bereitet hatten, Ber⸗ den Kopf ſeines Schwiegervaters Foulon zu prä⸗ entiren. Dieſe Schreie waren die, welche bei dem Anblick der zwei Köpfe die Menge ausſtieß, während ſie auf die Seite 44 trat, von ſelbſt ſich zurückvrängte und ſich erſchrocken öffnete, um ſie durchzulaſſen. „In des Himmels Namen, Madame,“ ſprach Gil⸗ bert,„ſchauen Sie nicht nach rechts!“ Die Königln war nicht die Frau, einer ſolchen Er⸗ mahnung zu gehorchen, ohne ſich der Urſache zu verſichern, aus der man ſie ihr machte. Ihre erſte Bewegung war folglich, daß ſie die Au⸗ gen nach dem Punkte wandte, den ihr Gilbert verbot. Sie gab einen gräßlichen Schrei von ſich. Doch plötzlich gingen ihre Augen von dieſem entſetz⸗ lichen Schauſpiel ab, als wären ſie einem noch viel ent⸗ ſetzlicheren begegnet, und als könnten ſie, an ein Medu⸗ ſenhaupt genietet, ſich nicht von dieſem losmachen. Dieſes Meduſenhaupt war der Kopf des Unbekann⸗ ten, den wir in der Schenke vom Pont de Sevres mit Meiſter Gamain haben plaudern und trinken ſehen; er ſtand mit gekreuzten Armen an einen Baum gelehnt. Die Hand der Königin erhob ſich von dem ſammetnen Wagenſchlag; ſie ſtützte ſich auf die Schulter von Gil⸗ bert und hielt ſich einen Augenblick ſo krampfhaft daran, daß ſich ihre Nägel in das Flelſch einvrückten. Gilbert wandte ſich um. Er ſah die Konigin bleich, die Lippen bebend, die Augen ſtarr. Dieſe übermäßige nervöſe Aufregung hätte er vlel⸗ leicht der Gegenwart der zwei Köpfe zugeſchrieben, wäre das Auge von Marie Antvinette auf den einen oder den andern geheftet geweſen. Aber der Blick lief horizontal in Manneshöhe aus. Gilbert folgte dieſem Blicke, und wie die Königin einen Schreckensſchrei ausgeſtoßen hatte, gab er einen Schrei des Erſtaunens von ſich. Dann murmelten Beide gleichzeitig: „Caglioſtro!“ cken Hil⸗ Er⸗ ern, Au⸗ Sie etz⸗ nt⸗ du⸗ nn⸗ mit er en il⸗ an, die el⸗ ire en 8. in en 45⁵ Der Mann, der an dem Baume lehnte, ſah ſeiner⸗ ſeits vollkommen die Königin. Er winkte Gilbert mit der Hand, als wollte er ſagen:„Komm.“ In dieſem Augenblick machten die Wagen eine Be⸗ wegung, um weiter zu fahren. Durch eine maſchinenmäßige, inſtinctartige, natür⸗ liche Bewegung ſtieß die Königin gleichzeitig Gilbert fort, daß er nicht durch das Rad zermalmt werde. Er glaubte, die Königin habe ihn gegen dieſen Mann geſtoßen. Aber hätte ihn die Königin auch nicht geſtoßen, ſo ſtand es ihm doch, ſobald er erkannt, wer Jener war, gewiſſer Maßen nicht mehr frei, nicht zu ihm zu gehen. Dem zu Folge ließ er den Zug unbeweglich defiliren; dann folgte er dem falſchen Arbeiter, der ſich von Zeit zu Zeit umwandte, um zu erfahren, ob man ihm wirklich folgte, trat hinter ihm in ein Gäßchen ein, ſtieg gegen Bellevue auf einem ziemlich jähen Abhange hinauf und ver⸗ ſchwand hinter einer Mauer gerade in dem Augenblick, wo auf der Seite von Paris der Zug verſchwand, ſo völlig verborgen durch die abſchüſſige Lage des Berges, als ob er ſich in einen Abgrund verſenkte. * V. Vas Perhängniß. Gilbert folgte ſeinem Führer, der ihm in einer Ent⸗ fernung von ungefähr zwanzig Schritten voranging, bis zu der Hälfte der Anhoöhe. Hier, als man ſich vor einem großen und ſchönen Hauſe befand, zog derjenige, welcher zuerſt kam, einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche, welcher be⸗ ſtimmt war, dem Herrn dieſes Hauſes den Durchgang zu geſtatten, wollte dieſer Herr aus⸗ oder eingehen, ohne ſeine Dienſtboten dabei ins Vertrauen zu ziehen. Er ließ die Thüre ein wenig offen, was ſo klar als möglich andeutete, derjenige, welcher zuerſt eingetreten, lade ſeinen Geſährten ein, ihm zu folgen. Gilbert trat ein und ſchob ſachte die Thüre zurück, welche ſich, ſo ſachte ſie geſchoben wurde, ſtille auf ihren Angeln drehte und wieder ſchloß, ohne daß man den Rie⸗ gel knarren hörte. Ein ſolches Schloß würde Meiſter Gamain bewundert haben. Sobald er eingetreten war, befand ſich Gilbert in einem Corrivor, in deſſen doppelter Wand in Manneshöhe, das heißt ſo, daß vas Auge nicht eine von ihren wun⸗ derbaren Einzelnheiten verlor, Füllungen von Bronze nach denen geformt, mit welchen Ghlberti die Thüre der Tauf⸗ kapelle in Florenz bereichert hat, incruſtirt waren. Die Füße vertieften ſich in einen weichen türkiſchen Teppich. 3 Links war eine Thüre offen. Gilbert dachte, dieſe Thure ſei abermals für ihn ge⸗ öffnet, und trat in einen Salon ein, der mit indiſchem nt⸗ bis em her be⸗ zu hne als de ick, ie⸗ 47 Atlaß tapezirt und mit Meubles von demſelben Stoffe wie die Tapete ausgeſtattet war. Einer von den phanta⸗ ſtiſchen Vögeln, wie ſie die Chineſen malen oder ſticken, bedeckte mit ſeinen Flügeln von Gold und Azur den Pla⸗ fond und hielt zwiſchen ſeinen Klauen ben Kronleuchter, der mit Candelabern von einer herrlichen Arbeit, Lilien⸗ büſchel vorſtellend, zur Beleuchtung des Saales diente. Ein einziges Gemälde ſchmückte dieſen Salon und bildete ein Seitenſtück zum Spiegel des Kamins. Es war eine Jungfrau von Raphael. Gilbert bewunderte dieſes Meiſterwerk, als er hörte vder vielmehr errieth, daß man eine Thüre hinter ihm ne. Er wandte ſich um und erkannte Caglioſtro, der aus einem Ankleidecabinet herauskam. Ein Augenblick hatte ihm genügt, um den Schmutz von ſeinen Armen und ſeinem Geſichte verſchwinden zu machen, um ſeinen noch ſchwarzen Haaren die ariſtokra⸗ tiſchſte Richtung zu geben und ſeine Kleider völlig zu wechſeln. Es war nicht mehr der Arbeiter mit den ſchwarzen Händen, mit den glatten Haaren, mit den kothbefleckten Schuhen, mit der groben Sammethoſe und dem Hemde von roher Leinwand. Es war der elegante, vornehme Herr, den wir unſern Leſern ſchon zweimal, zuerſt in Joſeph Balſamo und vann im Halsband der Königin, vorgeſtellt haben. Sein mit Stickereien bedecktes Kleid, ſeine von Diaman⸗ ten funkelnden Hände contraſtirten mit der ſchwarzen Tracht von Gilbert und dem einfachen goldenen Ringe, einem Ge⸗ ſchenke von Waſhington, den er am Finger trug. Caglloſtro trat mit offenem, lachendem Geſichte vor und ſtreckte die Arme gegen Gilbert aus. Gilbert warf ſich darein. „Theurer Meiſter!“ rief er. „Oh! einen Augenblick Geduld,“ ſagte Caglioſtro —— 48 lachend;„mein lieber Gilbert, Sie haben, ſeitdem wir uns verlaſſen, ſolche Fortſchritte gemacht, beſonders in der 1 Philoſophie, daß Sie heute der Meiſter ſind, und daß ich kaum würdig bin, der Schüler zu ſein.“ n „Ich danke für das Compliment,“ erwiederte Gil⸗ bert;„doch angenommen, ich habe ſolche Fortſchritte 1 gemacht: woher wiſſen Sie es? Es ſind acht Jahre, daß b wir uns nicht wiedergeſehen.“ „Glauben Sie denn, lieber Doctor, Sie ſeien einer b von den Menſchen, von welchen man nichts wiſſe, weil 2 man ſie zu ſehen aufhört? Es iſt wahr, ich habe Sie ſeit ie acht Jahren nicht geſehen; doch ſeit dieſen acht Jahren v könnte ich Ihnen beinahe Tag für Tag ſagen, was Sie 5 gethan haben.“ m „Ho! ho!“ vo „Zweifeln Sie denn immer an meinem zweiten Ge⸗. 1 te2⸗ „Sie wiſſen, daß ich Mathematiker bin.“ 3 „Das heißt ungläubig.. Hören Sie alſo: Sie ſind die zum erſten Mal nach Frankreich gekommen, zurückgerufen Si durch Ihre Familienangelegenheiten; die Familienangele⸗ ver genheiten gehen mich nichts an und folglich. me „Nein,“ verſetzte Gilbert, der Caglioſtro in Verle⸗ Be genheit zu bringen glaubte;„ſprechen Sie, lieber Meiſter.“ wot „Nun wohl, diesmal hatten Sie ſich mit der Er⸗ Si ziehung Ihres Sohnes Sebaſtian zu beſchäftigen, ihn in Si Penſion in ein Städtchen achtzehn bis zwanzig Meilen gen von Paris zu bringen, Ihre Geſchäfte mit Ihrem Pächter 3 abzumachen, einem braven Mann, den Sie ſehr wider ſeinen Willen in Paris zurückhalten, und der aus tauſend Gründen bei ſeiner Frau äußerſt nöthig wäre.“ 8 „Wahrhaftig, Meiſter, Sie ſind wunderbar.“ edr „Ohl warten Sie doch.. Das zweite Mal ſind Sie nach Frankreich gekommen, weil Sie die politiſchen in Angelegenheiten dahin führten, wie dieſe ſo viele Andere dahin führen; dann haiten Sie gewiſſe Brochuren gemacht, S ir er aß il⸗ tte aß er il it en ie 49 die Sie König Ludwig XVI. ſchlckten, und da noch etwas vom alten Menſchen in Ihnen iſt, da Sie ſtolzer auf den Beifall eines Königs ſind, als Sie vielleicht auf den mei⸗ nes Vorgängers in der Erziehung bei Ihnen, Jean Jac⸗ aues Rouſſeau, ſein würden, der doch, wenn er noch lebte, etwas Anderes wäre, als ein König! ſo waren Sie begierig zu erfahren, was der Enkel von Ludwig XIV., von Heinrich 1V. und dem heiligen Ludwig vom Doctor Gil⸗ bert denke; unglücklicher Weiſe beſtand noch eine alte kleine Angelegenheit, an welche Sie nicht dachten, und bei der ich Sie voch an einem ſchoͤnen Tag, ganz blutig, die Bruſt von einer Kugel durchbohrt, in einer Grotte der Azoriſchen Inſeln, wo mein Schiff zufällig ſlille lag, hatte finden müſſen. Dieſe kleine Angelegenheit betraf Fräulein Andrée von Toverney, welche, in allen Ehren und um der Köni⸗ gin zu dienen, Gräfin Charny geworden iſt. Da nun die Königin der Frau, die den Grafen von Charny gehei⸗ rathet, nichts abſchlagen konnte, ſo verlangte und erhielt die Königin gegen Sie einen geheimen Verhaftsbefehlz Sie wurden auch auf dem Wege vom Havre nach Paris verhaftet und in die Baſtille geführt, wo Sie noch wären, mein lieber Doctor, hätte das Volk nicht eines Tags die Baſtille durch einen Schlag mit verkehrter Hand umge⸗ worfen. Als ein guter Royaliſt, mein lieber Gilbert, haben Sie ſich ſogleich mit dem König ausgeſoͤhnt, deſſen Arzt ie nun ſind. Geſtern, oder vielmehr dieſen Morgen, tru⸗ gen Sie mächtig zur Rettung der königlichen Familie dadurch bei, daß Sie in aller Eile den guten Lafayhette weckten, der den Schlaf des Gerechten ſchlief, und vorhin, als Sie mich ſahen, glaubten Ste, die Königin,— welche Sie, heiläufig geſagt, haßt, mein lieber Gilbert,— ſei bedroht, und ſchickten ſich an, einen Wall mit Ihrem Leibe für ſie zu bilden. Iſt es ſo? Habe ich irgend eine Einzelheit von geringerer Bedeutung vergeſſen, wie eine ma⸗ gnetiſche Sitzung in Gegenwart des Koͤnigs, die Wieder⸗ Die Gräfin von Charnh, I. 4 50 erlangung einer gewiſſen Caſſette aus gewiſſen Händen, welche ſich derſelben durch den Dienſt eines gewiſſen Pas⸗ deloup bemächtigt hatten? Sprechen Sie, ſagen Sie, und wenn ich mich eines Irrthums oder eines Vergeſſens ſchul⸗ dig gemacht habe, ſo bin ich bereit, öffentliche Abbitte zu thun.“ Gilbert war ganz erſtaunt geblieben vor dieſem ſelt⸗ ſamen Mann, der ſeine Wirkungsmittel ſo gut zu bereiten wußte, daß derjenige, auf welchen er operirte, verſucht war, zu glauben, er habe, wie Gott, die Gabe, zugleich die Geſammtheit der Welt und ihre Einzelnheiten zu umfaſſen und im Herzen der Menſchen zu leſen. „Ja, es iſt ſo,“ ſprach er,„und Sie ſind immer der Magier, der Zauberer Caglioſtro!“ Caglioſtro lächelte mit Befriedigung; er war offen⸗ bar ſtolz darauf, daß er auf Gilbert den Eindruck hervor⸗ gebracht hatte, den Gilbert unwillkürlich auf ſeinem Ge⸗ ſichte erſcheinen ließ. Gilbert fuhr fort: nun, da ich Sie gewiß eben ſo ſehr liebe, als Sie mich lieben, mein theurer Meiſter, und da mein Wunſch, zu erfahren, wie es Ihnen ſeit unſerer Trennung ergangen, wenigſtens eben ſo groß iſt, als der, welcher Sie veranlaßt hat, ſich zu erkundigen, was aus mir ge⸗ worden, ſo wollen Sie mir, wenn keine Indiscretion in meiner Frage liegt, ſagen, an welchem Orte der Welt Sie Ihr Genie ausgebreitet und Ihre Macht geübt haben.“ Caglioſtro erwiederte lächelnd: „Ohl ich, ich habe es gemacht wie Sie, ich habe Könige geſehen, viele ſogar, doch in einer andern Abſicht, Sie nähern ſich ihnen, um ſie zu unterſtützenz ich näher⸗ mich ihnen, um ſie zu ſtürzen; Sie verſuchen es, einen König vonſtitutionell zu machen, und es gelingt Ihnen nicht; ich mache aus Kaiſern, Königen, Prinzen Philo⸗ ſophen, und es gelingt mir.“ 8— en, as⸗ und ul⸗ zu elt⸗ ten cht eich zu ner en⸗ or⸗ He⸗ als ein ung her ge⸗ zelt be cht. ere nen nen lo⸗ 51 „Ahl wahrhaftig?“ unterbrach ihn Gilbert mit einer Miene des Zweifels. „Vollkommen! Allerdings waren ſie bewundernswür⸗ dig vorbereitet vurch Voltaire, d'Alembert und Diderot, dieſe erhabenen Verächter der Götter, und auch durch das Beiſpiel des lieben Königs Friedrich, den zu verlieren wir das Unglück gehabt haben. Doch Sie wiſſen,— die⸗ jenigen ausgenommfn, welche nicht ſterben, wie ich und der Graf von Saint Germain,— ſind wir Alle ſterblich. Es iſt gewiß, die Koͤnigin iſt ſchön, mein lieber Gilbert, und ſie rekrutirt Soldaten, welche gegen ſich ſelbſt kämpfen, Könige, welche zum Umſturz der Throne ſtärker antreiben, als die Bonifaz XIII., die Elemens VIII. und die Borgia ſe zum Umſturz des Altars angetrieben haben. So haben wir vor Allem den Kaiſer Joſeph, den Bruder unſerer vielgeliebten Königin, welcher drei Vlertel der Klöſter auf⸗ hebt, ſich der geiſtlichen Güter bemächtigt, alle Mönche bis auf die Carmeliter aus ihren Zellen jagt und ſeiner Schweſter Marie Antoinette Kupferſtiche ſchickt, auf denen Nonnen, die, vom Schleier befreit, neue Moden probiren, und Mönche, die, nachdem ſie ihre Kutte abgeworfen, ſich friſiren laſſen, vargeſtellt ſind. Wir haben den König von Dänemark; dieſer fing damit an, daß er der Henker ſei⸗ nes Arztes Struenſee wurde, und, ein frühreifer Philo⸗ ſoph, ſagte er mit ſiebenzehn Jahren;„„Herr von Voltaire hat mich zum Menſchen gemacht und denken gelehrt.““ Wir haben die Kaiſerin Catharine, welche, während ſie Polen zerſtückelt, ſo große Schritte in der Philoſophie macht, daß ihr Voltaire ſchrieb:„„Diderot, d'Alembert und ich, wir errichten Altäre.““ Wir haben die Koͤnigin von Schweden, wir haben endlich viele Fürſten vom Reiche und von ganz Deutſchland.“ „Es bleibt uns nur noch der Papſt zu bekehren, mein lieber Meiſter, und da ich glaube, daß Ihnen nichts un⸗ möglich iſt, ſo hoffe ich, daß Ihnen dies auch gelingt.“ „Ah! was das betrifft, das wird ſchwierig ſein! Ich 52 komme aus ſeinen Klauen; vor ſechs Monoten war ich im Caſlell St. Angelo, wie Sie vor drei Monaten in der Baſtille waren.“ „Bah! und die Trasteteviner haben auch vas Caſtell St. Angelo niedergeriſſen, wie das Volk des Faubourg Saint⸗Antoine die Baſtille niedergeriſſen hat?“ „Nein, mein lieber Doctor, das römiſche Volk iſt noch nicht ſo weit.. Oh! ſeien Sie unbekümmert, das wird eines Tags kommen; das Papſtthum wird ſeinen 5. und 6. Oktober haben, und in dieſer Hinſicht werden ſich Verſailles und der Vatſcan die Hände reichen.“ „Aber ich glaubte, wenn man einmal in das Caſtell St. Angelo eingeſchloſſen, komme man nicht mehr heraus.“ „Boh! und Benvenuto Cellini 2“ „Sie haben ſich alſo, wie er, ein paar Flügel ge⸗ macht und find, ein neuer Ikarus, über die Tiber ge⸗ flogen?“ „Das wäre ſehr ſchwierig geweſen, in Betracht, daß ich, aus größerer evangeliſcher Vorſicht, in einen ſehr tiefen und ſehr ſchwarzen Kerker einquartiert wurde.“ „Kurz, Sie ſind herausgekommen?“ „Sie ſehen es, da ich hier bin.“ „Sie haben durch Gold Ihren Kerkermeiſter be⸗ ſtochen.“ „Ich hatte das Unglück, in die Hände eines unbe⸗ ſiechlichen Kerkermeiſters zu fallen.“ „Unbeſtechlich? Teufel!“ „Ja, aber zum Glück war er nicht unſterblich: der Zufall, Einer, der mehr gläubig wäre, als ich, würde ſagen, die Vorſehung, machte, daß er am andern Tage, bei ſeiner dritten Weigerung, mir die Thüren des Gefäng⸗ niſſes zu öffnen, ſtarb.“ „Er ſtarb plötzlich?“ „Ja.“ „Ah!“ „Man mußte ihn erſetzen, man erſetzte ihn.“ ₰ K — 353 „Und der Reue war nicht unbeſtechlich?“ „Dieſer ſagte zu mir an dem Tage, an welchem er in Function trat, als er mir das Abendbrod brachte: „„Eſſen Sie gut, ſammeln Sie Kräfte, denn wir werden heute Nacht einen langen Weg zu machen haben.““ Bei Gott! der brave Mann log nicht. In derſelben Nacht ritten wir jeder drei Pferde zu Tode und legten hundert Meilen zurück*).“ „Und was ſagte der Gouverneur, als er Ihre Flucht gewahr wurde?“ „Er ſagte nichts. Er befahl, dem Leichnam des an⸗ dern RKerkermeiſters, den man noch nicht beerdigt hatte, die Kleider, die ich zurückgelaſſen, anzuziehen; er ſchoß ihm mitten in's Geſicht, ließ die Piſtole neben ihn fallen, er⸗ klärte, ich habe mir, er wiſſe nicht wie, ein Gewehr ver⸗ ſchafft und mich damit erſchoſſen, ließ meinen Tod con⸗ ſtatiren und den Kerkermeiſter unter meinem Namen be⸗ graben; ſo daß ich ganz einfach geſtorben bin, mein lie⸗ ber Gilbert; ich moͤchte immerhin ſagen, ich lebe, man würde mir durch meinen Todesſchein antworten und mir beweiſen, ich ſei geſtorben; doch man wird nicht nöthig haben, mir dies zu beweiſen, es ſtand mir für den Au⸗ genblick an, aus dieſer Welt zu verſchwinden; ich bin alſo, wie der Abbé Delille ſagt, bis an das finſtere Ufer nie⸗ dergetaucht und unter einem andern Namen wiederer⸗ ſchienen.“ „Und wie heißen Sie, damit ich keine Unvorſichtig⸗ keit begehe 2“ „Ich heiße Baron Zannoni und bin genueſiſcher Ban⸗ quler; ich disrontire die Obligationen der Prinzen;— ein gutes Papier, nicht wahr? in der Art der Verſchreibung des Herrn Cardinat von Rohan?— zum Glück ſehe ich bei 1 meinen Darleihen nicht auf das Intereſſe„ Ah! brau⸗ chen Sie Geld, mein lieber Gilbert? Sie wiſſen, daß mein Herz und meine Börſe heute, wie immer, zu Ihren Dienſten ſind.“ „Ich danke.“ 6 „Oh! Sie glauben vielleicht, Sie beläſtigen mich, weil Sie mich heute in der armſeligen Tracht eines Ar⸗ beiters geſehen haben? Eil bekümmern Sie ſich nicht hierum; das iſt eine von meinen Verkleidungen; Sie ken⸗ nen meine Anſichten über das Leben; es iſt ein langer Carneval, wo man immer mehr oder weniger verkleidet geht. In jedem Fall, mein lieber Gilbert, wenn Sie je Geld brauchen, hier in dieſem Seecretaire iſt meine Pri⸗ vatfaſſe; Privatkaſſe, Sie verſlehen? die große Kaſſe iſt in Paris in der Rue Saint⸗Claude, im Marais; Sie alſo Geld brauchen, mag ich da ſein oder nicht da ſein, werden Sie eintreten; ich zeige Ihnen, wie man meine kleine Thüre öffnet; Sie drücken an vieſe Feder, — ſehen Sie, das macht man ſo,— und Sie finden hier immer ungefähr eine Million.“ Caglioſtro drückte an die Feder; die Vorderſeite des Seeretaire ſenkte ſich von ſelbſt und entbloͤßte einen Hau⸗ fen Gold und mehrere Bündel Kaſſenbillets. „Sie ſind in der That ein wunderbarer Mann,“ ſagte Gllbert lachend;„doch Sie wiſſen, mit meinen zwanzig tauſend Livres Rente bin ich reicher, als der König.. Und befürchten Sie nun nicht, in Paris beunruhigt zu werden?“ „Wegen der Halsband⸗Geſchichte? Sie würden es nicht wagen! Bei dem gegenwärtigen Zuſtande der Gei⸗ ſter brauchte ich nur ein Wort zu ſagen, um einen Auf⸗ ruhr herbeizuführen; Sie vergeſſen, daß ich ein wenig der Freund von Allem dem bin, was volksbeliebt iſt: von Lafayette, von Herrn Necker, vom Grafen von Mirabeau, von Ihnen ſelbſt.“ „Und was wollen Sie in Paris machen?“ au⸗ daß en „Wer weiß? vielleicht das, was Sie in den Verei⸗ nigten Staaten gemacht haben: eine Republik.“ Gilbert ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Frankreich hat keinen republikaniſchen Geiſt.“ „Wir werden ihm einen machen.“ „Der König wird widerſtehen.“ „Das iſt möglich.“ „Der Adel wird die Waffen ergreifen.“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Aber was werden Sie dann machen?“ „Wir werden keine Republik machen, ſondern eine Revolution.“ Gilbert ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken und ſagte: „Wenn wir dahin kommen, Joſeph, das wird er⸗ ſchrecklich ſein!“ „Erſchrecklich, ja, treffen wir auf unſerem Wege viele Männer von Ihrer Stärke, Gilbert.“ „Ich bin nicht ſtark, mein Freund,“ erwiederte Gil⸗ bert,„ich bin nur redlich.“ „Ach! das iſt noch ſchlimmer; darum möchte ich Sie gern überzeugen, Gilbert.“ „Ich bin überzeugt.“ „Sie werden uns verhindern, unſer Werk auszu⸗ führen?“ „Wir werden Euch wenigſtens auf dem Wege auf⸗ halten.“ „Sie find verrückt, Gilbert; Sie begreifen die Sen⸗ dung Frankreichs nicht. Frankreich iſt das Gehirn der Welt; Frankreich muß denken, und zwar frei denken, damit die Welt, wie es denfen wird, auch frei handle. Wiſſen Sie, was die Baſtille zerſtört hat?“* „Das Volk.“ „Sie verſtehen mich nicht, Sie nehmen die Wirkung für die Urſache. Fünfhundert Jahre lang hat man in die Baſtille Barone, Grafen, Prinzen eingeſperrt, und die „ 56 Baſtille iſt ſtehen geblieben. Eines Tags iſt es einem wahnfinnigen König eingefallen, den Geiſt dort einzu⸗ ſperren, den Geiſt, den der Raum, die Ausdehnung, die Unendlichkeit braucht! Der Geiſt hat die Baſiille ge⸗ ſprengt, und das Volk iſt in die Breſche eingetreten.“ „Das iſt wahr,“ murmelte Gilbert. „Sie erinnern ſich deſſen, was Voltaire an Herrn von Chauvelin am 2. März 1764, das heißt vor unge⸗ fähr ſechs und zwanzig Jahren, ſchrieb?“ „Sagen Sie es immerhin.“ „Voltaire ſchrieb: „„Alles, was ich ſehe, ſtreut den Samen einer Re⸗ volution aus, welche unfehlbar ausbricht, obgleich ich nicht das Vergnügen haben werde, Zeuge davon zu ſein. Die Franzoſen kommen ſpät zu Allem, doch ſie kommen. Das Licht hat ſich nach und nach ſo ſehr verbreitet, daß man bei der erſten Gelegenheit ausbrechen wird, und dann wird es ein ſchöner Lärm ſein. „„Die jungen Leute ſind ſehr glücklich; ſie werden ſchöne Dinge ſehen!““ „Was ſagen Sie vom Lärmen von geſtern und von heute,— wie?“ „Erſchrecklich!“ „Was ſagen Sie von den Dingen, die Sie geſehen haben?“ „Entſetzlich!“ „Nun! Sie ſind erſt beim Anfang, Gilbert.“ „Unglücksprophet!“ „Hören Sie, ich war vor drei Jahren bei einem Arzte von großem Verdienſte, einem Philanthropen; wiſ⸗ ſen Sie, womit er ſich in dieſem Augenblick beſchäftigt?“ „Er ſucht ein Mittel für eine ſchlimme Krankheit, welche man für unheilbar hält!“ „Ach! ja wohl! er ſucht nicht vom Tode zu heilen, ſondern vom Leben.“ — ———— — T in 1⸗ ie £ 57 „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Damit will ich, Spaß beiſeit, ſagen, er finde,— während man die Peſt hat, die Cholera, das gelbe Fie⸗ ber, die Pocken, die Schlagflüſſe, fünfhundert und etliche für unheilbar erachtete Krankheiten und tauſend bis zwolfhundert, welche unheilbar werden können, wenn man ſie nicht gut behandelt! ich will ſagen, indeß man die Kanone hat, die Flinte, den Degen, den Säbel, den Dolch, das Waſſer, das Feuer, den Sturz von den Dächern herab, den Galgen, das Rad!— finde er, es gebe nicht genug Mittel, aus dem Leben hinauszugehen, wäh⸗ rend es nur ein einziges gibt, in dasſelbe einzutreten, und er erſinnt in dieſem Augenblick eine wahrlich ſehr geiſtreiche Maſchine, mit der er der Nation ſeine Ehrfurcht be⸗ zeigen will, eine Maſchine, um fünfzig, ſechzig, achtzig Perſonen in weniger als einer Stunde zu tödten! Nun, mein lieber Gilbert, glauben Sie, wenn ein ſo aus⸗ gezeichneter Arzt, ein ſo leutſeliger Philanthrop, wie der Doctor Guillotin, ſich mit einer ſolchen Maſchine be⸗ ſchäftige, müſſe man nicht anerkennen, das Bedürfniß derſelben mache ſich fühlbar? Ich erkenne die Ma⸗ ſchine um ſo mehr an, als dies keine neue, ſondern nur eine unbekannte Sache war, und zum Beweiſe dient, daß, als ich mich eines Tags beim Baron von Taverney be⸗ fand,— und, bei Gott! Sie müſſen ſich deſſen erinnern, denn Sie waren auch dabei; doch damals hatten Sie nur Angen für ein kleines Mädchen Namens Nicole,— die Koönigin war zufällig dahin gekommen,— ſie war damals nur Dauphine, oder vielmehr, ſie war nicht Dauphine— zum Beweiſe dient, ſage ich, daß ich ſie dieſe Maſchine in einer Caraffe ſehen ließ, und die Sache machte ihr ſo ſehr bange, vaß ſie einen Schrei ausſtieß und das Bewußtſein verlor. Nun, mein Lieber, dieſe Maſchine, welche zu jener Zeit noch nicht aus der Ge⸗ burt hervorgegangen war,— wenn Sie dieſelbe func⸗ tioniren ſehen wollen, ſo wird man ſie eines Tags pro⸗ 58 biren; an dieſem Tage werde ich Sie davon in Kenütniß ſetzen, und Sie müſſen entwever blind ſein, oder Sie werden den Finger der Vorſehung erkennen, welche denkt, es werde ein Augenblick kommen, wo der Henker zu viel Arbeit habe, wenn man ſich an die bekannten Mittel halte, und deshalb ein neues erfindet, damit man ſich aus ver Verlegenheit ziehen kann.“ „Graf, Graf, Sie waren tröſtlicher in Amerika.“ „Ich glaube es, bei Gott! wohl, ich war unter einem Volke, das ſich erhebt, und hier bin ich unter einer Geſellſchaft, welche endigt. Alles geht dem Grabe zu in unſerer gealterten Welt, Adel und Königthum, und dieſes Grab iſt ein Abgrund.“ „Oh! ich überlaſſe Ihnen den Adel, mein lieber Graf, oder vielmehr, der Avel hat ſich ſelbſt aufgegeben in der berüchtigten Nacht vom 11. Auguſt, doch⸗retten wir das Königthum, es iſt das Palladium der Nation!“ „Ah! das ſind große Worte, mein lieber Gilbert! hat das Palladium Troja gerettet? Retten wir das Königthum? Glauben Sie, es ſei etwas Leichtes, das Königthum mit einem ſolchen König zu retten?“ „Er iſt aber doch der Abkoͤmmling eines großen Geſchlechts.“ „Ja, eines Geſchlechts von Adlern, das mit Papa⸗ geien endigt. Damit Utopiſten, wie Sie, das König⸗ thum retten könnten⸗ mein lieber Gilbert, müßte ſich vor Allem das Königthum einiger Maßen anſtrengen, um ſich ſelbſt zu retten. Sprechen Sie auf Ihr Gewiſſen, Sie haben Ludwig XVI. geſehen, Sie ſehen ihn oft, Sie ſind nicht der Mann, der ſieht, ohne zu ſtudiren. Sagen ſie offenherzig: kann das Königthum leben, vertreten von einem ſolchen König? Iſt das der Begriff, den Sie ſich von einem Seepterträger machen? Glauben Sie, Karl der Große, der heilige Ludwig, Philipp Auguſt, Franz I, Heinrich IV. und Ludwig XIV. haben dieſes weiche Fleiſch, dieſe hängenden Lippen, dieſe Mattigkeit in den ßen pa⸗ nig⸗ 59 Augen, dieſen Zweifel im Gang gehabt? Nein, das waren Männer, es war Saſt, Blut, Leben unter ihrem Königsmantel;z ſie hatten noch nicht aus der Art ge⸗ ſchlagen durch die Uebertragung eines einzigen Prineips; dieſe Kurzſichtigen haben vie einfachſte medieiniſchen No⸗ tion vernachläſſigt. Um die animaliſchen und ſogar vegetabiliſchen Geſchlechter in einer langen Jugend und in einer beſtändigen Kraft zu erhalten, hat die Natur ſelbſt das Kreuzen der Racen und das Vermiſchen der Familien bezeichnet. Wie das Pfropfreis in der vegeta⸗ bilſchen Welt das erhaltende Prineip der Schönheit und der Größe der Geſchlechter iſt, ſo iſt beim Menſchen die Heirath unter zu nahen Verwandten eine Urſache der Verſchlimmerung der Individuen; die Natur leidet, zehrt ab und artet aus, wenn mehrere Generationen ſich mit demſelben Blute wiedererzeugen; die Natur wird im Gegentheil belebt, wiedergeboren und wiedergeſärkt, wie ein fremdes und neues Befruchtungsprineip der Em⸗ pfängniß zugeleitet wird. Sehen Sie die Helden an, welche die großen Racen gründen, und ſehen Sie die Schwächlinge, mit denen ſie endigen; ſehen Sie Heinrich HI., den Letzten der Valois; ſehen Sie Gaſton, den Letzten der Mevicis; ſehen Sie den Cardinal von YMork, den Letzten ver Stuarts; ſehen Sie Karl VI., den Letzten der Habsburg! Nun denn, dieſe erſte Urſache der Ent⸗ artung der Geſchlechter, die Heirath in den Familien, welche ſich in allen Häuſern, von denen wir geſprochen, fühlbar macht, macht ſich noch viel mehr im Hauſe Bour⸗ bon, als in irgend einem andern, fühlbar. Steigt man von Ludwig KV. zu Heinrich IV. und zu Maria von Medicis auf, ſo finden ſich Heinrich IV. fünfmal als Ahnherr von Ludwig XV. und Maria von Medicis fünfmal als ſeint Ahnfrau. Steigt man zu Philipp III. von Spanien und zu Margarethe von Oeſterreich auf, ſo iſt Philipp 1II. dreimal ſein Ahnherr und Margarethe von Oeſierreich dreimal ſeine Ahnfrau. Ich zählte, ich, 60 der ich nichts Anderes zu thun habe, als zu zählen; unter zwei und dreißig Ahnherren und Ahnfrauen von Lud⸗ wig XV. findet man ſechs Perſonen aus dem Hauſe Bourbon, fünf Perſonen aus dem Hauſe Medicis, eilf aus dem Hauſe Habsburg Oeſterreich, drei aus dem Hauſe Savoyen, drei aus dem Hauſe der Stuarts und eine däniſche Prinzeſſin. Unterwerfen Sie den beſten Hund und das beſte Blutpferd dieſem Tiegel, und in der vierten Ge⸗ neration werden Sie einen Pudel und eine Mähre haben. Wle des Teufels ſollen denn wir widerſtehen, wir, die wir Menſchen ſind? Was ſagen Sie zu meiner Berech⸗ nung, Doctor, Sie, der Sie Mathematiker ſind.“ „Lieber Zauberer,“ erwiederte Gilbert, während er aufſtand und ſeinen Hut nahm,„ich ſage, daß mich Ihre Berechnung erſchreckt und um ſo mehr nachdenken macht, als ich beim Konig bin.“ Gilbert machte ein paar Schritte gegen die Thüre. Caglioſtro hielt ihn zurück. „Hören Sie, Gilbert,“ ſagte er.„Sie wiſſen, ob ich Sie llebe, Sie wiſſen, ob ich, um Ihnen einen Schmerz zu erſparen, fähig bin, mich ſelbſt tauſend Schmerzen auszuſetzen.. Nun denn! glauben Sie mir„hören Sie einen Rath... „Welchen?“ „Der König flüchte ſich, der König verlaſſe Frank⸗ reich, ſo lange es noch Zeit iſt! In drei Monaten, in einem Jahr, in ſechs Wochen vielleicht wird es zu ſpät ſein.“ „Graf, würden Sie einem Soldaten rathen, ſeinen Poſten zu verlaſſen, weil Gefahr dabei wäre, auf dem⸗ ſelben zu bleiben?“ „Wenn dieſer Soldat dergeſtalt umzingelt, ein⸗ geſchloſſen, entwaffnet wäre, daß er ſich nicht vertheidigen könnte, wenn beſonders ſein gefährdetes Leben das Leben von einer halben Million Menſchen gefährdete.. ija, dann würde ich ihn jliechen heißen,. Und Sie 3 1 e 61 ſelbſt, Sie ſelbſt, Gllbert, werden es einſt dem König rathen Der RKönig wird Ihnen dann Gehör ſchenken wollen, doch es wird zu ſpät ſein. Warten Sie alſo nicht bis morgen; ſagen Sie es ihm heute; warten Sie nicht bis heute Abend, ſagen Sie es ihm in dieſer Stunde.“ „Graf, Sie wiſſen, daß ich zu der fataliſtiſchen Schule gehöre. Es mag geſchehen, was will! ſo lange ich irgend eine Macht über den Koͤnig habe, wird der König in Frankreich hleiben, und ich werde beim König bleiben. Gott befohlen, Graf, wir werden uns im Kampfe wiederſehen.“ „Ah!“ murmelte Caglioſtro,„der Menſch, ſo ver⸗ ſtändig und klug er ſein mag, kann nie ſeinem ſchlimmen Geſchicke entgehen. Ich ſuchte Sie auf, um Ihnen zu ſagen, was ich Ihnen geſagt habe; Sie haben es gehort. Wie die Weiſſagung von Caſſandra, iſt die meinige un⸗ nütz. Leben Sie wohl.“ „Offenherzig geſprochen, Graf,“ ſagte Gilbert, der auf der Schwelle des Salon ſtehen blieb und Caglioſtro feſt anſchaute,„haben Sie hier, wie in Amerika, die Prätenſion, mich glauben zu machen, Sie leſen die Zu⸗ kunft der Menſchen auf ihrem Geſichte2“ „Gilbert, ſo ſicher, als Du am Himmel den Weg lie⸗ ſeſt, welchen die Sterne beſchreiben, während der große Haufe glaubt, ſie ſeien unbeweglich oder ſie irren aufs Gerathewohl umher.“ „Hören Sie man klopft an die Thüre.“ „Es iſt wahr.“ „Sagen Sie mir das Schickſal desjenigen, welcher an die Thüre klopſt, wer es auch ſein mag; ſagen Sie mir, welchen Todes er ſterben muß, und wann er ſter⸗ ben wird.“ „Gut,“ erwiederte Caglioſtro,„öffnen wir ſelöſt.“ lbert ging an das Ende des Corridors, von dem wir goſprochen, mit einem Herzklopfen, das er nicht be⸗ 62 wältigen konnte, obgleich er ſich ſagte, es ſei albern von ihm, dieſen Charlätanismus im Ernſte zu nehmen. Die Thüre wurde geöffnet. Ein Mann von ausgezeichneter Tournure, hoch ge⸗ wachſen, in deſſen Geſicht ſich das kräftige Gepräge eines ſtarken Willens erkennen ließ, erſchien auf der Schwelle und warf auf Gilbert einen raſchen Blick, der nicht von Unruhe frei war. „Guten Morgen, Marquis,“ rief Caglioſtro. „Guten Morgen, Baron,“ erwiederte dieſer. Dann, da Caglioſtro bemerkte, daß ſich der Blick des Eintretenden wieder auf Gilbert richtete, ſagte er: „Marquis, der Herr Doetor Gilbert, einer meiner Freunde Mein lieber Gilbert, der Herr Marquis von Favras, einer meiner Kunden.“ Die zwei Männer begrüßten ſich. Dann wandte ſich Caglioſtro an den Fremden und ſprach; „Margquis, wollen Sie in den Salon gehen und mich dort einen Augenblick erwarten.“ 6 Der Marquis grüßte zum zweiten Mal, als er an Caglioſtro und Gilbert vorüberging, und verſchwand. „Nun?“ fragte Gilbert. „Sie wollen wiſſen, welchen Todes der Marquis ſterben wird?“ „Haben Sie ſich nicht anheiſchig gemacht, es mir zu ſagen?“ Caglioſtro lächelte auf eine ſeltſame Art; dann, nach⸗ dem er ſich vorgeneigt hatte, um zu ſehen, ob man nicht horche, ſagte er: „Haben Sie je einen Edelmann henken ſehen?“ „Nein.“ „Nun, da dies ein ſeltſames Schauſpiel iſt, ſo finden Sie ſich auf der Grove an dem Tage ein, wo man den Marquis von Favras henken wird.“ Hienach geleitete er Gilbert zur Hausthüre zurüc und ſprach; * on ge⸗ nes elle on lic ner uis uis mir ch⸗ icht den den 63„ „Hören Sie, wenn Sie zu mir kommen wollen, ohne zu klingeln, ohne geſehen zu werden und ohne einen an⸗ dern Menſchen als mich zu ſehen, ſo drücken Sie an die⸗ ſen Knopf von rechts nach links und von unten nach oben, ſo„Gett befohlen, entſchuldigen Sie mich, man muß diejenigen, welche nicht lange zu leben haben, nicht lange warten laſſen.“ Und er entfernte ſich und ließ Gilbert verblufft durch dieſe Drelſtigkeit, welche ſein Erſtaunen erregen, aber ſeine Ungläubigkeit nicht beſiegen konnte. Die Tuilerien. Mittlerweile ſetzten der Koͤnig, die Königin und die königliche Familie ihre Fahrt nach Parls fort. Dieſe Fahrt ging aber ſo langſam, verzögert durch die Gardes du corps, welche zu Fuß marſchirten, durch die gepanzerten Poiſſarden, welche auf ihren Pferden rit⸗ ten, durch dieſe Männer und Weiber der Halle, welche auf den mit Bändern geſchmückten Kanonen ſaßen, durch dieſe hundert Wagen der Abgeordneten, durch dieſe zwei bis drei hundert Wagen voll Korn und Mehl, die ſie in Ver⸗ ſailles genommen und mit herbßlich gelbem Blätterwerk bedeckt hatten, daß erſt um ſechs Uhr der königliche Wa⸗ gen, der ſo viel Schmerzen, ſo piel Haß, ſo viel Leiden⸗ ſchaften und ſo viel Unſchuld enthielt, bei der Barriére ankam. * 64 Unter Weges hatte der junge Prinz Hunger bekom⸗ men und zu eſſen verlangt. Die Königin hatte dann um⸗ hergeſchaut; nichts konnte leichter ſein, als ſich ein wenig Brod für den Dauphin zu verſchaffen, da jeder Mann vom Volke einen Laib an der Spitze ſeines Bajonnets trug. Sie ſuchte Gllbert mit den Augen. Gilbert war, wie man weiß, Caglioſtro gefolgt. Wäre Gilbert da geweſen ſo würde die Koͤnigin nicht gezögert haben, von ihm ein Stück Brod zu verlangen. Aber die Königin wollte nicht eine ſolche Bitte an einen von den Männern vom Volke richten, vor denen ſie einen Abſcheu hatte. So drückte ſie den Dauphin an ihre Bruſt und ſagte weinend zu ihm: „Mein Kind, wir haben kein Brod; warte bis heute Abend, heute Abend werden wir vielleicht bekommen.“ Der Dauphin ſtreckte ſein Händchen gegen die Män⸗ ner aus, welche Brode an der Spitze ihrer Bajonnete trugen, und erwiederte: „Die Leute dort haben.“ „Ja, mein Kind, doch dieſes Brod gehört ihnen und nicht uns, und ſie haben es in Verſailles geholt, weil ſie, wie ſie ſagen, ſeit drei Tagen in Paris keines mehr hatten.“ „Seit drei Tagen!“ verſetzte das Kind;„ſie haben alſo ſeit drei Tagen nicht gegeſſen, Mama?“ Gewöhnlich forderte die Etiquette, vaß der Dauphin ſeine Mutter Madame nannte, doch der Knabe hatte Hunger wie ein einfaches Armenkind, und da er Hunger hatte, ſo nannte er ſeine Mutter Mama. „Nein, mein Sohn,“ antwortete die Koͤnigin. „Dann müſſen ſie ſehr Hunger haben!“ ſagte das Kind mit einem Seufzer. es hörte auf, ſich zu beklagen, und ſuchte zu ſchla — en. Das arme königliche Kind, das mehr als einmol, ehe a6 zu he es ſtarb, vergebens, wie es ſo eben gethan, Brod ver⸗ langen ſollte! An der Barriere hielt man abermals an, diesmal nicht um auszuruhen, ſondern um die Ankunft zu feiern. Dieſe Ankunft ſollte vurch Geſänge und Tänze ge⸗ feiert werden. Ein ſeltſamer Halt, beinahe ſo bedrohlich in ſeiner Freude, als es die andern in ihrem Schrecken geweſen waren. Die Poiffarden ſtiegen in der That von ihren Pfer⸗ den, das heißt, von den Pferden der Gardes du corps ab und banden an die Sattelbogen die Säbel und Carabiner. Die Damen und die Starken der Halle ſtiegen von ihren Kanonen ab, die nun in ihrer entſetzlichen Nacktheit er⸗ ſchienen. Dann bildete man einen Reigen, der den Wagen des Königs umſchloß und ihn von der Nationalgarde und den Deputirten trennte,— ein furchtbares Emblem deſſen, was ſpäter geſchehen ſollte! Dieſer Reigen, den ſie in guter Abſicht und um der königlichen Familie ihre Freude zu bezeigen, bildeten, ſang, ſchrie, brüllte; die Weiber umarmten vle Männer, die Männer ließen die Frauen ſpringen, wie bei jenen chni⸗ ſchen Kirchmeſſen von Teniers. Dies geſchah beinahe bei Einbruch der Nacht, an einem düſteren, regneriſchen Tage, ſo daß der Reigen, nur durch die Lunten der Kanonen und einige Stücke Feuerwerk beleuchtet, in ſeinen Nuancen von Licht und Schatten phantaſtiſche, beinahe holliſche Tinten annahm. Nach einer halben Stunde des Schreiens, Singens, Tobens, Tanzens im Kothe, ließ das Gefolge ein unge⸗ heures Hurrah erſchallen: Alles, was eine geladene Flinte hatte, Männer, Weiber und Kinder, ſchoß in die Luft, ohne ſich um die Kugeln zu bekümmern, welche nach einem Augenblick wie ſchwere Schloſſen platſchend in die Waſſer⸗ lachen fielen. X Die Gräfin von Charnp. 1. 5 66 Der Dauphin und ſeine Schweſter weinten. 3 Sie hatten ſo ſehr Angſt, daß ſie ihren Hunger darüber vergaßen. Man folgte der Linie der Quais und kam zu dem Platze des Stadthauſes. Hier hatte das Militär ein Carré gebildet, um kei⸗ nen andern Wagen, als den des Königs, keine andere Perſon, als vie, welche zur königlichen Familie oder zur gehörten, zum Stadthauſe zuzu⸗ aſſen. Die Königin erblickte nun Weber, ihren vertrauten Kammerdiener, ihren Milchbruder, der ihr von Wien ge⸗ folgt war; er ſtrengte ſich gewaltig an, um das Verbot zu übertreten und in das Stadthaus einzudringen. Sie rief ihm. Weber eilte herbei. Als er in Verſailles ſah, daß ſich die Nationalgarde die Ehre des Tages erfreute, hatte ſich Weber, um ſich einiges Anſehen zu geben, mit deſſen Hülfe er der Königin nütz⸗ lich ſein könnte, als Nationalgardiſt gekleidet und ſeiner Uniform die Decoration eines Officiers vom Generalſtab beigefügt. Der Stallmeiſter der Königin hatte ihm ein Pferd geliehen. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte er ſich den ganzen Weg entlang bei Seite gehalten, wohlverſtanden mit der Abſicht, ſich der Königin zu nähern, ſollte ſie ſeiner bedürfen. Von der Koͤnigin erkannt und gerufen, eilte er alſo herbei. „Warum verſuchſt Du es, das Verbot zu übertreten?“ fragte ihn die Königin, welche die Gewohnheit, ihn zu duzen, beibehalten hatte.. „Um Eurer Majeſtät nützlich zu ſein.“ „Du wirſt mir im Stodthauſe ſehr unnütz ſein, wäh⸗ rend Du mir anderswo nützlich ſein kannſt.“ „ — en e⸗ ot ie er 67 „Wo dies, Majeſtät?“ „In den Tuilerien, mein lieber Weber, in den Tui⸗ lerien, wo uns Niemand erwartet, und wo wir, wenn Du uns nicht vorangehſt, weder ein Bett, noch ein Zim⸗ mer, noch ein Stück Brod finden werden.“ „Ah!“ ſagte der König,„das iſt ein vortrefflicher Gedanke, der Gedanke, den Sie da haben, Madame.“ Die Königin hatte deutſch geſprochen, und der König, der das Deutſche verſtand, aber nicht ſprach, hatte eng⸗ liſch geantwortet. Das Volk hatte auch gehört, aber nicht verſtanden. Dieſe frende Sprache, gegen welche es einen inſtinctorti⸗ gen Haß hegte, machte, daß es um den Wagen her ein Gemurte vernehmen ließ, welches in ein Brüllen überzugehen drohte, als ſich das Carré vor dem Wagen der Königin öffnete und hinter demſelben ſchloß. Bailly, eine von den Popularitäten jener Zeit, Bailly, den wir ſchon hei der erſten Fahrt des Königs haben er⸗ ſcheinen ſehen,— damals, wo die Bajonnete der Flinten und die Mündungen der Kanonen unter Blumenſträußen verſchwanden, die bei der zweiten Fahrt vergeſſen wurden, — Bailly erwartete den König und die Königin am Fuße eines für den Empfang improviſirten Thrones: ein ſchlecht befeſilgter, ſchlecht zuſammengefügter, unter dem Sammet, der ihn bedeckte, krachender Thron, ein wahrer Gelegen⸗ heitsthron! Der Maire von Paris ſagte ungefähr zum König bei zel zweiten Erſcheinung, was er bei der erſten geſagt e. Der König antwortete: „Ich komme immer mit Vergnügen und Ver⸗ z Pun in die Mitte der Einwohner meiner guten Stadt aris.“ Der König hatte leiſe, mit einer durch den Hunger und die Mädigkeit erloſchenen Stimme, geſprochen. 68 Bailly wiederholte den Satz ganz laut, damit ihn Jeder hörte. Nur vergaß er, geſchah es abſichtlich oder unwill⸗ kürlich, die zwei Worte: und Vertrauen⸗ Die Königin bemerkte es. Ihre Bitterkeit war glücklich, eine Stelle zu ſinden, um durchzubrechen. „Verzeihen Sie, Herr Maire,“ ſagte ſie laut genug, daß diejenigen, welche ſie umgaben, kelnes von ihren Worten verloren,„Sie hörten ſchlecht, vder ſie haben ein kurzes Gedächtniß.“ „Wie beliebt, Madame?“ ſtammelte Bailly, indem er gegen die Konigin das Aſtronomenauge wandte, das ſo gut am Himmel und ſo ſchlecht auf der Erde ſah. Jede Revolution hat bei uns ihren Aſtronomen und gräbt auf dem Wege dieſes Aſtronomen verrätheriſcher Weiſe die Grube, in die er fallen ſoll.*) Die Königin erwiederte: „Mein Herr, der König hat geſagt, er komme immer mit Vergnügen und Vertrauen in die Mitte der Ein⸗ wohner ſeiner guten Stadt Paris; da man aber bezweifeln kann, ob er mit Vergnügen hieher kommt, ſo ſoll man wenigſtens erfahren, daß er m it Vertrauen kommt.“ Dann ſtieg ſie die drei Stufen des Thrones hinauf und ſetzte ſich neben den Koͤnig, um die Reden der Wähler zu hören. Weber, vor deſſen Pferde ſich die Menge, vermöge ſeiner Uniform eines Officiers vom Generalſtab öffnete, eilte in den Palaſt der Tuilerien. Seit langer Zeit war dieſes königliche Logis der Tuilerien, wie man es früher nannte,— ein Logis er⸗ baut von Catharina von Medicis, einen Augenblick von ihr bewohnt, dann aufgegeben und mit dem Loupre ver⸗ *) Anſpielung guf Aragv. D. Ueberſ⸗ — — N *— 69 tauſcht von Karl IX., von Heinrich III., von Heinrich 1V., von Ludwig XIII., ſpäter mit Verſailles vertauſcht von Ludwig KIV, von Ludwig XV. und von Ludwig XVI,— nur ein Aushülfsgebäude der königlichen Paläſte, wo Leute von Hofe wohnten, in das aber der König und die Königin vielleicht nie einen Fuß geſetzt hatten. Weber unterſuchte die Appartements, und da er die Gewohnheiten des Königs und der Königin kannte, ſo wählte er dasjenige, welches die Gräfin von der Mark bewohnte, und das der Herren Marſchälle von Noailles und von Mouchy. Die Beſitznahme des Appartement, welches die Gräfin von der Mark ſogleich verließ, hatte ihre gute Seite: es war ganz bereit, um die Königin mit ihren Meubles, mit ihrer Wäſche, ihren Vorhängen und ihren Teppichen, welche Weber kaufte, zu empfangen. Gegen zehn Uhr hörte man das Geräuſch des Wa⸗ gens Ihrer Majeſtäten, welche zurückkehrten. Alles war bereit, und ſeinen erhabenen Gebietern entgegenlaufend, rief Weber;: „Bedient den König!“ Der König, die Königin, Madame Rohale, der Dau⸗ phin, Madame Eliſabeth und Andrée traten ein. Herr von Provence war in das Palais Luxembourg zurückgekehrt. Der König ſchaute unruhig umher, als er aber in den Salon eintrat, ſah er durch eine halbgeöffnete Thüre, welche auf eine Gallerie ging, das Abendbrod am Ende dieſer Gallerie aufgetragen. Zu gleicher Zeit wurde die Thüre vollends geöffnet, und ein Huiſſier erſchien und meldete: „Der Koͤnig iſt bedient.“ „Oh! welch ein Mann von Mitteln iſt dieſer We⸗ ber!“ ſprach der König mit einem Ausruf der Freude. „Madame, Sie werden ihm in meinem Auftrage ſagen, ich ſei ſehr zufrieden mit ihm.“ — 70 „Sire, ich werde nicht unterlaſſen, es ihm zu ſagen,“ antwortete die Königin. Und mit einem Seufzer, welcher den freudigen Aus⸗ ruf des Königs erwiederte, trat ſie in den Speiſeſaal ein. Die Gedecke des Königs, der Königin, von Madame vom Dauphin und von Madame Eliſabeth waren gelegt. Es war aber kein Gedeck für Andrée vorhanden⸗ Von ſeinem Hunger gedrängt, hatte der König dieſe Unterlaſſung nicht bemerkt, in der übrigens nichts Ver⸗ letzendes lag, da ſie dem Geſetze der ſtrengſten Etiquette entſprach. Doch die Königin, der nichts entging, bemerkte es mit dem erſten Blick. „Der König wird erlauben, daß die Gräfin von Charny mit uns zu Nacht ſpeiſt,“ ſagte die Königin. „Wie“ rief der König,„wir ſpeiſen heute in Fa⸗ milie, und die Gräfin von Charny gehört⸗zur Familie.“ „Site,“ erwiederte die Gräfin,„iſt es ein Befehl, den mir der König gibt?“ Der König ſchaute die Gräfin mit Erſtaunen an und antwortete: „NRein, Madame, es iſt eine Bitte, die der König an Sie richtet.“— „Dann,“ ſprach die Gräfin,„bitte ich den Konig, mich zu entſchuldigen; ich habe keinen Hunger.“ „Wie! Sie haben keinen Hunger?“ rief der König, der nicht begriff, daß man um zehn Uhr Abends, nach einem ſo anſtrengenden Tag, und wenn man ſeit zehn uhr Morgens nicht mehr gegeſſen, keinen Hunger haben konnte. „Nein, Sire,“ ſagte Andrée. „Ich auch nicht,“ ſprach die Königin. „Ich auch nicht,“ verſetzte Madame Eliſabeth. „Oh! Sie haben Unrecht, Madame,“ ſagte der König; „vom guten Zuſtand des Magens hängt der gute Zuſtand S 8—— 71 des übrigen Körpers und ſogar des Geiſtes ab; es gibt hierüber eine Fabel von Titus Livius, nachgeahmt von Shakspeare und von la Fontaine, über welche nachzu⸗ denken ich Sie auffordere.“ „Wir kennen ſie, Sire,“ erwiederte die Königin. „Es iſt eine Fabel, welche an einem Rebolutionstage vom alten Menenius dem römiſchen Volke geſagt wurde. An dieſem Tage war das römiſche Volk in einer Empörung begriffen, wie es heute das franzöfiſche iſt. Sie haben alſo Recht, Sire, ja dieſe Fabel entſpricht ganz den Um⸗ ſtänden.“. „Nun,“ ſagte der Koͤnig, indem er ſeinen Teller darbot, daß man ihm zum zweiten Mal Suppe gebe, „beſtimmt Sie dieſe hiſtoriſche Aehnlichkeit nicht, Gräfin?“ „Nein, Sire, und ich ſchäme mich wahrhaftig ganz, Eurer Majeſtät ſagen zu müſſen, daß ich, wenn ich ihr auch gehorchen wollte, es doch nicht könnte.“ „Sie haben Unrecht, Gräfin, dieſe Suppe iſt in der That vortrefflich! Warum iſt es das erſte Mal, daß man mir eine ſolche vorſetzt?“ „Weil Sie einen neuen Koch haben, Sire, den der Gräfin von der Mark, deren Zimmer wir bewohnen.“ „Ich behalte ihn in meinem Dienſte, und er ſoll zu meinem Hauſe gehören... Dieſer Weber iſt wahrhaftig ein wunderbarer Menſch, Madame.“* „Ja,“ murmelte traurig die Königin,„welch ein Unglück, daß man ihn nicht zum Miniſter machen kann!“ Der König hörte nicht, oder er wollte nicht hören; nur, da er Andrée ſehr bleich daſtehen ſah, während die Köni⸗ gin und Madame Eliſabeth, obgleich ſie ebenſo wenig aßen, als Andrée, an der Tafel ſaßen, wandte er ſich an die Gräfin von Charny und ſprach: „Madame, wenn Sie keinen Hunger haben, ſo wer⸗ den Sie doch nicht ſagen, Sie ſeien nicht müde; wenn Sie ſich weigern, zu eſſen, ſo werden Sie ſich doch nicht weigern, zu ſchlafen.“ — 7 ½ Dann ſagte er zur Königin: „Madame, ich bitte Sie, entlaſſen Sie Fran von Charny: in Ermangelung der Speiſe der Schlaf.“ Und er drehte ſich gegen ſeine Dienerſchaft um und fragte: „Ich hoffe, daß es mit dem Bette der Frau Gräfin von Charny nicht iſt, wie mit ihrem Gedeck, und daß man nicht vergeſſen hat, ein Zimmer für ſie bereit zu halten.“ „Oh! Sire,“ verſetzte Andrée,„wie ſollte man ſich bei einer ſolchen Unruhe mit mir beſchäftigt haben? Ein Lehnſtuhl wird genügen.“ „Rein, nein,“ rief der König;„Sie haben ſchon in der vergangenen Nacht wenig oder gar nicht geſchlafen; Sie müſſen heute Nacht gut ſchlafen; die Königin bedarf nicht nur ihrer Kräfte, ſondern auch der Kräfte ihrer Freunde.“. Mittlerweile kam der Bediente, der ſich erkundigt hatte, zurück und meldete: „Herr Weber, welcher die große Gunſt kennt, mit der vie Königin die Frau Gräfin beehrt, glaubte den Intentionen Ihrer Majeſtät zu entſprechen, indem er für die Frau Gräfin ein an das der Königin anſtoßendes Zimmer vorbehalten ließ.“ Die Koͤnigin bebte, denn ſie bedachte, daß es, wenn nur ein Zimmer für die Frau Gräfin vorhanden ſei, folg⸗ lich auch nur ein Zimmer für die Gräfin und den Gra⸗ fen gebe. Andrée ſah den Schauer, der die Adern der Köni⸗ gin durchlief. Keine der Empfindungen, welche eine von dieſen Frauen berührte, entging der andern. „Für heute Nacht, doch nur für heute Nacht werde ich das annehmen, Madame,“ ſagte Andrée.„Die Woh⸗ nung Ihrer Majeſtät iſt zu ſehr beſchränkt, als daß ich könnte ein Zimmer auf Koſten ihrer Bequemlichkeit haben — 8— — 65 wollen; es wird ſich wohl in den Manſarden des Schloſ⸗ ſes ein Winkelchen für mich finden.“ Die Königin ſtammelte ein paar unverſtändliche Worte. „Gräfin,“ ſagte der König,„Sie haben Recht; man wird Alles dies morgen ſuchen und Sie ſo gut als nur immer möglich unterbringen.“ Die Gräfin verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor dem Sig der Königin und Madame Eliſabeth und ging hinaus. Der Konig ſchaute ihr einen Augenblick, ſeine Gabel in der Höhe ſeines Mundes haltend, nach. „Es iſt in der That ein reizendes Geſchopf, dieſe Frau,“ ſagte er,„und der Herr Graf von Charny iſt glücklich, einen ſolchen Phönit am Hofe gefunden zu haben.“ Die Königin bog ſich in ihrem Lehnſtuhle zurück, um ihre Bläſſe zu verbergen, nicht vor dem König, der ſie nicht geſehen hätte, ſondern vor Madame Eliſabeth, welche darüber erſchrocken wäre. Sie war einer Ohnmacht nahe. 74 VII. a Die vier Rerſen. e Sobald die Kinder gegeſſen hatten, bat Marie An⸗ u toinette den König um Erlaubniß, ſich in ihr Zimmer e zurückziehen zu dürfen.. „Sehr gern, Madame,“ ſagte der König.„denn Sie ir müſſen müde ſein; nur, da es unmöglich iſt, daß Sie von S jetzt bis Morgen keinen Hunger bekommen, laſſen Sie ſich etwas bereiten und in Ihr Zimmer ſtellen.“ gi Die Königin entfernte ſich, ohne ihm zu antworten, 1 mit ihren Kindern. S Der König blleb bei Tiſche, um ſein Abenbbroo B vollends zu verzehren. Madame Eliſabeth deren Ergeben⸗ heit ſelbſt das alltägliche Weſen von Ludwig XVI. bei tr gewiſſen Gelegenheiten nicht vermindern konnte, blieb beim König, um ihn mit den kleinen Aufmerkſamkeiten h zu umgeben, welche ſelbſt den am beſten abgerichteten Be⸗ T dienten entgehen. ſa Die Königin, ſobald ſie in ihrem Zimmer war, ath⸗ mete; keine von ihren Frauen war ihr gefolgt, da ſie m ihnen befohlen, Verſailles nicht eher zu verlaſſen, als bis 2 ſie Nachricht erhalten hätten. 2 Sie beſchäftigte ſich damit, ein Canapé oder einen u großen Lehnſtuhl für ſich zu ſuchen, da ſie ihre zwei Kin⸗ der in ihrem Bette ſchlafen zu laſſen gedachte. Der kleine Dauphin ſchlummerte ſchon; kaum hatte 3 das arme Kind ſeinen Hunger geſtillt, als es vom Schlaf. erfaßt worden war. n⸗ er Sie on Sie rod en⸗ bei ieb Ze⸗ th⸗ ſie bis nen in⸗ tte laf 75 Madame Royhale ſchlief nicht und hätte, wenn es ns⸗ thig geweſen wäre, die ganze Nacht nicht geſchlafen: es war viel von der Hönigin in Madame Royale. Nachdem man den kleinen Prinzen in einen Lehnſtuhl gelegt hatte, forſchten Madame Royale und die Königin auch nach den Mitteln, die ſie nicht finden konnten. Die Königin näherte ſich zuerſt einer Thüre: ſie war im Begriff, ſie zu öffnen, als ſie jenſeits dieſer Thüre ein leichtes Geräuſch hörte. Sie horchte und vernahm einen zweiten Seufzer; ſie bückte ſich bis zum Schloſſe und erblickte durch das Schlüſſelloch Andrée, welche auf einem niedrigen Stuhle kniete und betete. Sie wich auf den Fußſpitzen zurück und betrachtete immer die Thüre mit einem ſeltſamen Ausdruck von Schmerz. Dieſer Thüre gegenüber war eine andere. Die Koni⸗ gin öffnete ſie und befand ſich in einem ſanft erwärmten und durch eine Nachtlampe beleuchteten Zimmer; beim Scheine dieſer Lampe erblickte ſie mit einem freudigen Beben zwei Betten friſch und weiß wie zwei Altäre. Da ſchwoll ihr Herz ab, eine Thräne befeuchtete ihr trockenes, glühendes Augenlid. „Oh! Weber, Weber,“ murmelte ſie,„die Königin hat dem König geſagt, es ſei ein Unglück, daß man aus Dir nicht einen Miniſter machen könne, doch die Mutter ſagt Dir, Du verdieneſt etwas Beſſeres.“ Dann, da der kleine Dauphin ſchlief, wollte ſie da⸗ mit anfangen, daß ſie Madame Royale zu Bette brächte. Doch mit der Ehrfurcht, welche ſie immer gegen ihre Mutter gehabt hatte, bat Madame Royale die Konigin um Erlaubniß, ihr helfen zu dürſen, damit ſie ſelbſt ſich raſcher zu Bette begeben könne. Die Königin lächelte traurig; ihre Tochter dachte, ſie könne ſchlafen nach einer ſolchen Nacht der Bangig⸗ keiten, nach einem ſolchen Tage der Demüthigungen! Sie wollte ſie in dieſem ſüßen Glauben laſſen. 76 Man fing alſo damit an, daß man den Herrn Dau⸗ . phin zu Bette brachte. Dann kniete Madame Rohale nach ihrer Gewohnheit nieder und verrichtete ihr Gebet am Die Königin wartete. „Mir ſcheint, Dein Gebet dauer lich?“ ſagte die Königin zur jungen Fuße ihres Bettes. tlänger als gewöhn⸗ Prinzeſſin. „Mein Bruder, das arme Kind, iſt eingeſchlafen, ohne daß er daran dachte, das ſeinige zu verrichten,“ ant⸗ wortete Madame Royale,„und da er gewohnt war, jeden Abend für Sie und den König zu beten, ſo ſage ich ſein Gebeichen nach dem meinigen, damit nichts an dem fehlt, was wir von Gott zu erflehen haben.“ Die Königin nahm Madame Royale und drückte ſie an ihr Herz. Die ſchon durch d guten Weber geöffnete und durch das Royale wiederbelebte Thränenquelle ie Bemühungen des Mitleid von Madame entſtürzte ihren Au⸗ gen, und es floſſen Zähren tief traurig, aber ohne Bitter⸗ keit an ihren Wangen herab. Sie blieb unbeweglich wie der Engel der Mütter⸗ lichkeit beim Bette von Madame Royale bis zu dem Augenblick ſtehen, wo ſie, durch den Schlaf erſchlafft, die Muskeln ihrer Hände, welche die ihrigen mit einer ſo zärtlichen und ſo tiefen kindlichen Liebe preßten, ſich ab⸗ ſpannen ſah. Dann legte ſie ſachte die Hände ihrer Tochter an ihren Leib, bedeckte ſie mit dem Betttuche, damit ſie nicht durch die Kälte leide, wenn ſich das Zimmer in der Nacht abkühlte, ſenkte auf die entſchlummerte Stirne der zukünf⸗ tigen Märtyrin einen Kuß leicht wie ein Hauch und ſanft wie ein Traum, und kehrte in ihr Zimmer zurück Dieſes Zimmer war durch einen Candelaber mit vier Kerzen erleuchtet. Dieſer Candelaber ſtand auf einem Tiſch. Dieſer Tiſch war mit einem rothen Teppich bedeckt. Die Königin ſetzte ſich an dieſen Tiſch und ließ u⸗ eit s. en, nt⸗ en ein lt, ſie des me lu⸗ er⸗ ter⸗ em die ab⸗ an icht acht inf⸗ und ück. vier eckt. ließ 77 ihren Kopf zwiſchen ihre zwei geſchloſſenen Fäuſte fallen, ohne etwas Anderes zu ſehen, als den vor ihr ausge⸗ breiteten Teppich. Wiederholt ſchuttelte ſie den Kopf bei dieſem blutigen Refler; es ſchien ihr, als unterliefen ſich ihre Augen mit Blut, als ſchlügen ihre Schläfe vom Fieber, und als brauſten ihre Ohren. Dann ging ihr ganzes Leben, wie ein beweglicher Nebel, an ihr vorüber. Sie erinnerte ſich, daß ſie am 2. November am Tage des Erdbebens von Liſſabon, das fünfzig tauſend Perſonen getödtet und den Einſturz von zweihundert Kir⸗ chen verurſacht hatte, geboren war. Sie erinnerte ſich, daß in dem erſten Zimmer, wo ſie in Strahburg geſchlafen, die Tapete die Ermordung der unſchuldigen Kindlein vorſtellte, und daß es ihr in eben dieſer Nacht beim flackernden Lichte der Nachtlampe geſchienen hatte, als flöße Blut aus den Wunden aller dieſer armen Kinder, während das Geſicht der Mörder einen ſo entſetzlichen Ausvruck annahm, daß ſie erſchrocken um Hülfe rief und den Befehl gab, bei Tagesanbruch aus dieſer Stadt abzureiſen, welche ein ſo furchthares Andenken an die erſte Nacht, die ſie in Frankreich zuge⸗ bracht, in ihr zurücklaſſen mußte. Sie erinnerte ſich, daß ſie, ihren Weg gegen Paris verfolgend, im Hauſe des Baron von Taverney angehalten hatte, daß ſie hier zum erſten Mal den elenden Caglioſtro getroffen, der ſeitdem hei der Halsband⸗Geſchichte einen ſo erſchrecklichen Einfluß auf ihr Geſchlck geübt, und daß er ihr bei dieſem Halt,— der ihrem Gedächtniſſe ſo ge⸗ genwärtig, daß es ihr ſchien, als wäre dieſes Ereigniß vom vorhergehenden Tag, obglieich ſeitdem zwanzig Jahre verlaufen waren,— auf ihre vringende Aufforderung in einer Caraffe etwas Ungeheures, eine fürchterliche, unbe⸗ kannte Todesmaſchine und am Ende dieſer Maſchine einen 16 Kopf gezeigt hatte, der vom Rumpfe gelöſt hinrollte und kein anderer war, als der ihrige. Sie erinnerte ſich, daß ihr Madame Lebrun, als ſie das reizende Portrait von ihr, einer ſchoͤnen, noch glückli⸗ chen jungen Frau, machte, aus Unbeachtſamkeit ohne Zweifel,— eine erſchreckliche Vorbedeutung,— die Stel⸗ lung gegeben hatte, welche Frau Henriette von England, die Gemahlin von Karl I., auf ihrem Portrait hat. Sie erinnerte ſich, daß an dem Tage, wo ſie zum erſten Male nach Verſailles kam, als ſie, aus ihrem Wagen geſtiegen, den Fuß auf das unſelige Pflaſter des Mar⸗ morhofes ſetzte, wo ſie am vorhergehenden Tage ſo viel Blut hatte fließen ſehen, ein ſo fürchterlicher Donnerſchlag erſcholl und ein ſo gräulicher Blitz die Luft zu ir Linken durchfurchte, daß der Herr Marſchall von Richelieu, der doch nicht leicht zu erſchrecken war, den Kopf ſchüt⸗ telte und;„Ein ſchlimmes Vorzeichen!“ murmelte. Und ſie erinnerte ſich aller dieſer Umſtände, während ſie vor ihren Augen den röthlichen Dunſt, der ihr immer dichter geworden zu ſein ſchien, wirbeln ſah. Dieſe Art von Verdüſterung war ſo fühlbar, daß die Königin die Augen bis zu dem Candelaber aufſchlug und bemerkte, daß ohne irgend eine Urſache eine von den Kerzen erloſchen war. Sie bebte, die Kerze rauchte noch und nichts gah pieſem Erlöſchen ein Motiv. Während ſie den Candelaber mit Erſtaunen anſchaute, kam es ihr vor, als erbleichte die Kerze zunächſt der er⸗ loſchenen langſam, und als würde ihre Flamme allmälig von weiß roth und von roth bläulichroth; dann ver⸗ dünnerte und verlängerte ſich die Flamme, dann ſchien ſie der Docht zu verlaſſen und zu entfliegen; dann ſchau⸗ kelte ſie ſich einen Augenblick, wie von einem unſichtbaren Hauche bewegt, und erloſch. 3 Die Königin ſchaute dieſem Todeskampfe der zweiten Kerze mit ſtieren Augen zu; ihre Bruſt keuchte immer — z—— kli⸗ hne tel⸗ nd, um gen ar⸗ viel lag rer ieu, üt⸗ end mer daß lug den gab ute, ers älig ver⸗ hien au⸗ ren iten mer 79 mehr, ihre ausgeſtreckten Hände näherten ſich immer mehr der Kerze, je mehr die Kerze dem Erlöſchen nahe war. Endlich, als ſie erloſchen war, ſchloß ſie die Augen, warf ſich in ihren Lehnſtuhl zurück und fuhr mit ihren Händen über ihre Stirne, die ſie von Schweiß triefend fand. Sie blieb ſo mit geſchloſſenen Augen ungefähr zehn Minuten, und als ſie dieſelben wieder öffnete, gewahrte ſie zu ihrem Schrecken, daß das Licht der dritten Kerze wie das der zwei erſten abzunehmen anfing. Marie Antoinette glaubte Anfangs, es ſei dies ein Traum und ſie leide unter der laſtenden Gewalt einer Sinnentäuſchung. Sie verſuchte es, aufzuſtehen, doch es ſchien ihr, als wäre ſie an ihren Stuhl gekettet. Sie verſuchte es, Madame Roy ale zu rufen, welche ſie zehn Minuten vorher nicht um eine zweite Krone aufgeweckt hätte, doch die Stimme erloſch in ihrer Kehle; ſie ver⸗ ſuchte es, den Kopf umzudrehen, doch ihr Kopf blieb ſtarr und unbeweglich, als hätte dieſe ſterbende dritte Kerze ihren Blick und ihren Athem an ſich gezogen. Endlich, wie die zweite die Farbe gewechſelt hatte, nahm die britte Kerze verſchiedene Töne an, erbleichte, verlän⸗ gerte ſich, flackerte von rechts nach links, dann von links nach rechts, und erloſch. Da ließ der Schrecken die Königin eine ſolche An⸗ ſtrengung machen, daß ſie fühlte, die Sprache komme ihr wieder; mit Hülfe dieſer Sprache wollte ſie ſich den Muth verleihen, der ihr fehlte, und ſie ſagte laut: Ich beunruhige mich nicht über das, was dieſen drei Kerzen wiverfahren iſt, doch wenn die vierte erliſcht wie die dret andern, oh! wehe! wehe mir!“ Plötzlich, ohne die Vorbereitungen, welche bei den anderen ſtattgefunden hatten, ohne daß die Flamme die arbe wechſelte, ohne daß ſie ſich zu verlängern oder zu ſchaukeln ſchien, erloſch die vierte Kerze, als ob ſie der Flügel des Todes im Vorüberziehen berührt hätte. Die Königin ſtieß einen ſchrecklichen Schrei aus, ———FHÜFYñYZᷓᷓ,ᷓ, 85 ſtand auf, drehte ſich zweimal um ſich ſelbſt, ſchlug die Luft und die Finſterniß mit ihren Armen und fiel ohn⸗ mächtig nieder. In der Secunde, wo das Geräuſch ihres Körpers auf dem Boden erſcholl, öffnete ſich die Verbindungsthüre, und in ihrem batiſtenen Nachtgewande erſchien Andrée, weiß und ſchweigſam wie ein Schatten, auf der Schwelle. Sie blieb einen Augenblick ſtehen, als ſähe ſie in⸗ mitten dieſer Finſterniß eine Art von Dunſt in der Nacht hinziehen; ſie horchte, als hätte ſie in der Luft die Falten eines Grabtuches ſich bewegen hören. Dann ſenkte ſie ihren Blick und gewahrte die Kö⸗ nigin auf dem Boden ohne Bewußtſein ausgeſtreckt. Sie machte einen Schritt rückwärts, als triebe ſie eine erſte Bewegung ihres Innern an, ſich zu entfernen; doch alsbald ſich ſelbſt gebietend, ohne ein Wort zu ſagen, ohne zu fragen,— eine Frage, welche übrigens unnütz geweſen wäre,— ohne die Koͤnigin zu fragen, was ſie habe, hob ſie dieſe in ihren Armen auf und trug ſie auf ihr Bett mit einer Stärke, der ſie ſich nicht fähig gehalten hätte, nur geleitet vurch die zwei Kerzen, welche ihr Zimmer erleuchteten, und deren Schein ſich durch die Thüre bis in das Zimmer der Königin verlängerte. — ——— Dann zog ſie einen Flacon mit Riechſalz aus der Taſche und hielt ihn Marie Antvinette unter die Naſe⸗ Trotz der Wirkſamkeit dieſes Salzes, war die Ohn⸗ macht von Marie Antoinette ſo tief, daß ſie erſt nach zehn Minuten einen Seufzer von ſich gab. Bei dieſem Seufzer, der der Fürſtin Rückkehr ins Leben verkündigte, war Andrée abermals verſucht, ſich zu entfernen, doch auch diesmal, wie das erſte Male, hielt ſie das, bei ihr ſo mächtige, Pflichtgefühl zurück. Sie zog nun ihren Arm unter dem Kopfe von Marie Antvinette hervor, den ſie in die Höhe gehoben hatte, damit kein Tropfen von dem ätzenden Eſſig, mit dem das Salz befeuchtet war, auf das Geſicht oder die Bruſt der ie 1. 6 e, e. en ſie 3 zu n6 n, ¹9 ig die n ch n6 zu elt rie te, as der Die Gräfin von Charnh. l. 81¹ Königin fallen konnte. Dieſelbe Bewegung ließ ſie den Arm entfernen, der den Flacon hielt. Nun aber fiel der Kopf auf das Kiſſen zurück, und nachdem der Flacon entfernt war, lag die Königin in eine Ohnmacht verſunken, welche noch tiefer als die, aus der ſie hervorgehen zu wollen geſchienen hatte. Immer kalt, beinahe unbeweglich, hob Andrée den Kopf von Marie Antoinette abermals auf und hielt ihr den Flacon zum zweiten Male unter die Naſe; er brachte ſeine Wirkung hervor. Ein leichter Schauer durchlief den ganzen Leib der Königin, ſie ſtöhnte, ihr Auge öffnete ſich; ſie ſammelte alle ihre Gedanken, ſie erinnerte ſich des erſchrecklichen Vorzeichens, und eine Frau in ihrer Nähe fühlend, um⸗ ſchlang ſie mit ihren Armen deren Hals und rief: „Oh! vertheidigen Sie mich, retten Sie mich!“ „Eure Majeſtät bedarf keiner Vertheidigung in der Mitte ihrer Freunde,“ erwiederte Andrée,„und ſie ſcheint mir nun von der Ohnmacht gerettet, in die ſie gefallen war.“ „„Die Gräfin von Charny!“ rief die Koͤnigin Andrée loslaſſend, welche ſie umſchlungen hielt und in einer erſten Bewegung beinahe zurückſtieß⸗ Weder dieſe Bewegung, noch das Gefühl, bas ſie eingegeben, entgingen Andrée. Doch im erſten Augenblick blieb ſie unbeweglich bis zur Unempfindlichkeit. Dann machte ſie einen Schritt rückwärts und fragte: pen die Konigin, vaß ich ihr ſich auskleiden elfe*“ „Nein, Gräſin, ich danke,“ antworteie die Königin mit bebender Stimme, werde mich allein auskleiden.“ Ich will in mein Zimmer zurückkehren, nicht um zu ſchlafen, Madame,“ fagte Andrse,„ſondern um über dem Schlafe Eurer Majeſtät zu wochen.“ 8² Und nachdem ſie ſich e hrerbietig verbeugt hatte, zog ſie ſich in ihr Zimmer zurück, mit dem langſamen, feier⸗ lichen Schritte, welcher der Statuen gehen würden. der Statuen wäre, wenn die VIII. Vie Straße nach Paris. An demſelben Abend, an dem die von uns erzählten Ereigniſſe vorgefallen waren, hatte ein nicht minder ernſtes Ereigniß die ganze Anſtalt gung gebracht. Sebaſtian Gilbert war des Abbé Fortier in Bewe⸗ gegen zehn Uhr Abends ver⸗ ſchwunden und, trotz der ängfilichen Nachforſchungen im ganzen Hauſe von Herrn Abbé Fortler und Mademoiſelle Alerandrine Fortier, der S dergefunden worden. chweſter des Abbé, nicht wie⸗ Man hatte ſich bei Jedermann erkundigt, und Nie⸗ mand wußte, was aus ihm Die Tante Angelique allein, welche gegen acht Uhr geworden. Abends aus der Kirche ging, wo ſie die Stühle geordnet hatte, glaubte ihn in der klei aſſe, die zwiſchen dem Gefängniß und ver Kirche vurchführt, gehen und dann * nach dem Puren geſehen zu haben. Dieſe Nachri vermehrte noch ſtatt den Abbé Fortier zu beruhigen, unruhe. Es waren ihm die ſelt⸗ % — en es e⸗ r lle ie⸗ ie⸗ net em h nn en, elt⸗ 63 ſamen Hallucinationen nicht unbekannt, welche ſich zu⸗ weilen Gilberts bemächtigten, wenn ihm die Frau, die er ſeine Mutter nannte, erſchien, und mehr als einmal war der Abbé, von dieſer Art von Schwindel, von Sinnen⸗ täuſchung unterrichtet, dem Knaben mit den Augen ge⸗ folgt, wenn er ihn zu tief in den Wald hatte eindringen ſehen, und in dem Moment, wo er ihn verſchwinden zu ſehen befürchtete, hatte er ihm durch die beſten Läufer ſeiner Anſtalt nachſetzen laſſen. Die Läufer hatten den Knaben immer keuchend, bei⸗ nahe ohnmächtig, an einen Baum angelehnt oder der Länge nach auf dem Mooſe, dem grünen Teppich dieſes herrlichen Hochwalds, liegend gefunden. Doch nie hatte ein ſolcher Schwindel Sebaſtian am Abend erfaßt, nie war man in der Nacht genöthigt ge⸗ weſen, ihm nachzulaufen. Es mußte alſo etwas Außerordentliches vorgefallen ſein; doch der Abbs Fortier mochte ſich immerhin den Kopf zerbrechen, er konnte nicht errathen, was vorge⸗ fallen war. Um zu einem glücklicheren Reſultat zu gelangen, als der Abbé Fortien, wollen wir Sebaſtian Gllbert folgen, wir, die wir wiſſen, wohin er gegangen iſt. Die Tante Angélique hatte ſich nicht geirrt; es war Sebaſtian Gilbert, den ſie hatte in der Dunkelheit hin⸗ ſchleichen und dann aus Leibeskräften nach demjenigen Theile des laufen ſehen, welchen man das Parterre*) nennt. Auf dem Parterre angelangt, war er nach der Fa⸗ ſanerie und von da auf den kleinen Waldweg geeilt, wel⸗ cher gerade nach Haramont führt. In drei Viertelſtunden war er im Dorfe. So bald wir wiſſen, daß das Ziel des Laufes von *) Das Luſtſtück. 84 Sebaſtian das Dorf Haramont war, iſt es uns nicht ſchwierig, zu errathen, was Schaſtian in vieſem Dorfe ſuchte. Sebaſtian ſuchte hier Pitou. Unglücklicher Weiſe ging Pitou auf einer Seite des Dorfes hinaus, während Sebaſtian auf der andern ein⸗ getreten war. Denn Piton hatte, wie man ſich erinnert, nach dem Bankett, das ſich die Nationalgarde von Haramont ge⸗ geben, wobei er allein, wie ein Ringer des Alterthums, aufrecht geblieben, während alle Andern zu Boden ge⸗ worfen worden waren, Pitou hatte Catherine aufgeſucht und, wie man ſich erinnert, auf dem Wege von Villers⸗ Cotterets nach Piſſeleu ohnmächtig und nur die Wärme des letzten Kuſſes, den ihr Iſidor gegeben, bewahrend gefunden. Gilbert wußte nichts von Allem dem, er ging gera⸗ den Wegs nach dem Häuschen von Pitou, deſſen Thüre er offen fand. Bei ſeinem einfachen Leben glaubte Pitou nicht nöthig zu haben, ſeine Thüre zu ſchließen, mochte er im Hauſe anweſend oder abweſend ſein. Aber hätte er auch die Gewohnheit gehabt, ſeine Thüre ängſtlich zu ſchließen, ſo war doch ſein Geiſt an dieſem Abend von ſo ſchweren Sorgen belaſtet, daß er ſicherlich dieſe Vorſichtsmaßregel zu nehmen vergeſſen haben würde. Sebaſtian kannte die Wohnung von Pitou wie ſeine eigene: er ſuchte den Zunder und den Feuerſtein, fand das Meſſer, welches Pitou als Feuerſtahl diente, zündete den Zunder und mit dem Zunder das Licht an und wartete. Doch Sebaſtian war zu ſehr bewegt, um ruhig zu warten, und beſonders, um lange zu warten. Er ging unabläſſig vom in zur Thüre und von der Thüre an die Straßenecke; dann kehrte er, wie Schwe⸗ ſter Anna, da er nichts kommen ſah, nach dem Hauſe — ——— 85⁵ zurück, um ſich zu verſichern, daß Pitou während ſeiner Abweſenheit nicht gekommen war. Endlich, da er ſah, daß die Zeit verſtrich, trat er an einen hinkenden Tiſch, auf dem er Tinte, Federn und Papier fand. Auf dem erſten Blatt dieſes Papiers ſtanden die Namen, die Vornamen und das Alter der zwei und dreißig Mann geſchrieben, welche den Effectivſtund der National⸗ garde von Haramont blldeten und unter den Befehlen von Piton marſchirten. Sebaſtian legte ſorgfältig dieſes erſte Blatt auf die Seite, dieſes Blatt, ein Meiſterwerk der Kalligraphie des Commandanten, der ſich, damit das Geſchäft beſſer be⸗ ſorgt werde, nicht ſchämte, zuweilen zum ſubalternen Grade elnes Fouriers herabzuſteigen. Dann ſchrieb er auf vas zweite Blatt: „Mein lieber Piton, „Ich kam, um Dir zu ſagen, ich habe vor acht Ta⸗ gen ein Geſpräch zwiſchen dem Herrn Abbé Fortier und dem Vicar von Villers Cotterets angehört. Es ſcheint, der Abbé Fortier iſt im Einverſtändniß mit den Ariſto⸗ kraten von Paris; er ſagte dem Vicar, es bereite ſich in Verſailles eine Gegenrevolution vor. „Das haben wir ſeitdem in Betreff der Königin er⸗ fahren, welche die ſchwarze Cocarde aufgeſteckt und die dreifarbige mit Füßen getreten hat. „Dieſe Drohung einer Gegenrevolution und das, was wir ſodann von den Ereigniſſen, welche auf das Bankett folgten, erfuhren, hatten mich ſchon ſehr wegen meines Vaters beunruhigt, der, wie Du weißt, der Feind der Ariſtokraten iſt; doch heute Abend, mein lieber Pitou, war das noch viel ſchlimmer. „Der Vicar kam am Abend wieder zum Pfarrer, und da ich für meinen Vater bange hatte, ſo glaubte 86 ich, es ſei nichts Schlimmes daran, wenn ich die Fortſetzung deſſen, was ich neulich vurch Zufall gehört, belauſche. „Es ſcheint, mein lieber Pitou, das Volk iſt nach Verſailles gezogen, es hat viele Perſonen niedergemetzelt, und unter dieſen Perſonen auch Herrn George von Charny. „Der Abbé Fortier fügte bei: „„Sprechen wir leiſe, um den kleinen Gilbert nicht zu beunruhigen, deſſen Vater nach Verſailles gegangen iſt und wohl wie die Anderen getödtet worden ſein könnte.““ „Du begreiſſt, mein lieber Piton, daß ich nicht mehr gehört habe. „Ich ſchlich ganz ſachte aus meinem Verſteck, ohne daß mich Jemand bemerkte, ging durch den Garten nach dem Schloßplatz und lief hierher zu Dir, um Dich zu bitten, mich wieder nach Paris zu führen, was zu thun und zwar von Herzen gern zu thun Du nicht unterlaſſen würdeſt, wenn Du hier wäreſt. „Da Du aber nicht hier biſt, da Du lange aus⸗ bleiben kannſt, weil Du wahrſcheinlich Schlingen im Walde von Villers⸗Cotterets legen gegangen biſt, da Du in dieſem Falle erſt bei Tage zurückkommen wirſt, ſo wird meine Unruhe zu groß, und ich vermöchte nicht bis dahin zu warten. „Ich reiſe alſo allein ab: ſei unheſorgt, ich kenne den Weg. Ueberdies bleiben mir noch von dem Gelde, das mir mein Vater gegeben hat, zwei Louis d'or, und ich werde einen Platz in dem erſten dem heſten Wagen nehmen, den ich auf der Landſtraße treffe.* „Dein Dich liebender 1. „Sebaſtian.“ „N. S. Ich habe den Brief ſehr lang gemacht, ein⸗ mal, um Dir die Urſache meiner Abreiſe zu erklären, und vann, weil ich immer hoffte, Du würdeſt zurückkommen, ehe er beendigt wäre. 2 „Er iſt beendigt, Du biſt nicht zurückgekommen, ich —— — S» —S ———————2 — 87 gehe ab! Gott befohlen, oder vielmehr auf baldiges Wie⸗ derſehen; iſt meinem Vater nichts geſchehen, läuft er keine Gefahr, ſo komme ich zurück. „Iſt es anders, ſo bin ich feſt entſchloſſen, ihn zu bitten, mich bei ſich zu behalten. „Beruhige den Abbé Fortier über meine Abreiſe; aber beruhige ihn erſt morgen, damit es zu ſpät iſt, mir nachlaufen zu laſſen. „Ich gehe nun entſchieden ab, da Du nicht zurück⸗ kommſt. Gott befohlen, oder vielmehr auf Wiederſehen.“ Und hienach löſchte Sebaſtian Gilbert, der die Spar⸗ ſamkeit ſeines Freundes kannte, das Licht aus, zog die Thüre zu und entfernte ſich. „ Würde man ſagen, Sebaſtian ſei, bei Nacht eine ſo lange Reiſe unternehmend, nicht ein wenig bewegt ge⸗ weſen, ſo würde man ſicherlich lügen. Doch dieſe Be⸗ wegung war nicht das, was ſie bei einem andern Kinde geweſen wäre; die Angſt; es war einfach das volle Ge⸗ fühl der Handlung, die er unternahm, dieſer Handlung, welche ein Ungehorſam gegen die Befehle ſeines Vaters, zugleich aber auch ein Beweis ſeiner kindlichen Liebe war, und ein ſolcher Ungehorſam mußte von allen Vätern ver⸗ ziehen werden. Ueberdies war Sebaſtian, ſeitdem wir uns mit ihm beſchäftigen, herangewachſen. Ein wenig bleich, ein wenig ſchwächlich, ein wenig nervös für ſein Alter, zählte Se⸗ haſtian fünfzzhn Jahre. In dieſem Alter, mit dem Tem⸗ perament von Sebaſtian, und wenn man der Sohn von und Andree iſt, iſt man nahe daran, ein Mann zu ſein. Ohne ein anderes Gefühl, als die von der Handlung, welche er beging, unzertrennliche Gemüthsbewegung, fing alſo der junge Mann an gegen Largny zu laufen, das er bald bei der bleichen Helle, welche von den Sternen fällt, wie der alte Corneille ſagt, entdeckte. 88 Er ging längs dem Dorfe hin und erreichte den großen Hohlweg, der ſich von dieſem Dorfe nach Vauciennes erſtreckt; in Vauciennes fand er die Landſtraße, und nun, da er ſich auf dem Wege des Königs ſah, marſchirte er ruhiger. Sebaſtian, der ein Junge voll Verſtand, der Latei⸗ niſch ſprechend von Paris nach Villers⸗Cotterets gekom⸗ men war und drei Tage zum Kommen gebraucht hatte, ſah wohl ein, daß man nicht in einer Nacht nach Paris zurückkehrt, und verlor ſeinem Athem nicht dadurch, daß er irgend eine Sprache ſprach. Er ſtieg alſo den erſten Berg von Vaueiennes im Schritt hinab und den zweiten eben ſo hinauf; doch auf einem ebenen Terrain angelangt, fing er an lebhafter zu marſchiren. Vielleicht wurde dieſe Lebhaftigkeit im Gange von Sebaſtian dadurch veranlaßt, daß er ſich einer ziemlich ſchlimmen Stelle näherte, die ſich auf der Straße findet und damals im Rufe von Hinterhalten ſtand, welcher Ruf ſich heute völlig verloren hat. Dieſe Stelle nennt man die Fontaine⸗Eau⸗Claire, weil eine klare Quelle zwan⸗ zig Schritte davon aus zwei Steinbrüchen fließt, die, zwei Höllenſchlünden ähnlich, ihren finſtern Rachen gegen die Landſtraße öffnen. Hatte Sebaſtian Angſt oder hatte er keine Angſt, als er über dieſe Stelle kam? das vermoͤchte man nicht zu ſagen, denn er beſchleunigte ſeine Schritte nicht, denn, während er auf dem entgegengeſetzten Rande der Straße gehen konnte, entfernte er ſich nicht von der Mitte des Weges; er mäßigte ſeinen Schritt etwas weiter, doch ohne Zweifel, weil er zu einer kleinen Steige gekommen war und endlich den Zuſammenlauf der zwei Straßen nach Paris und nach Creſpy erreichte. Hier blieb er plötzlich ſtehen. Von Paris kommend, hatte er nicht bemerkt, welcher Straße er folgte; nach S 89 Paris zurückkehrend, wußte er nicht, welcher Straße er folgen ſollte. War es die links? war es die rechts? Beide waren mit den gleichen Bäumen beſetzt, beide waren gleich gepflaſtert. Niemand fand ſich, um die Frage von Sebaſlian zu beantworten. Von einem und demſelben Punkte ausgehend, entfern⸗ ten ſich die zwei Straßen ſichthar und ſchnell von einan⸗ der; daraus war zu entnehmen, daß Sebaſtian, ſollte er, ſtatt die gute Straße zu wählen, die ſchlechte wählen, am andern Tage ſchon ſehr fern von ſeinem Wege wäre. Sebaſtian blieb unentſchloſſen ſtehen. Er ſuchte an irgend einem Merkmal zu erkennen, welcher von den zwei Straßen er gefolgt war; doch dieſes Merkmal, das ihm am Tage gefehlt hätte, fehlte ihm noch viel mehr in der Dunkelheit. Er hatte ſich entmuthigt an die Ecke der zwei Stra⸗ ßen niedergeſetzt, theils, um auszuruhen, theils, um zu überlegen, als er in der Ferne, von der Seite von Villers⸗ Cotterets herkommend, den Galopp von ein paar Pferden zu hoͤren glaubte. Er ſtand auf und horchte. Es war keine Täuſchung, das Geräuſch der auf der Landſtraße ſchallenden Hufeiſen wurde immer deutlicher. Sebaſtian ſollte alſo die Auskunft erhalten, auf die er wartete. Er ſchickte ſich an, die Reiter beim Vorüberkommen anzuhalten und ſich von ihnen dieſe Auskunft zu erbitten. Bald ſah er ihren Schatten in der Nacht hervor⸗ treten, während unter den Füßen ihrer Roſſe zahlreiche Funken ſtoben. Da erhob er ſich vollends, ging über den Graben und wartete. Die Cavalcade beſtand aus zwei Männern, von denen der eine drei bis pier Schritte vor dem andern galoppirte. 90 Sebaſtian dachte mit Recht, der Erſte von den bei⸗ den Männern ſei ein Herr, der Zweite ein Diener. Er machte alſo zwei Schritte, um ſich an den Erſten zu wenden. Dieſer, welcher einen Menſchen gleichſam aus dem Graben ſpringen ſah, glaubte, es ſei ein Hinterhalt, und griff nach ſeinen Holftern. Sebaſtian bemerkte die Bewegung und ſagte: „Mein Herr, ich bin kein Räuberz ich bin ein Kind, vas die letzten Ereigniſſe in Verſailles nach Paris ziehen, das dort ſeinen Vater ſuchen willz ich weiß nicht, welchen von dieſen zwei Wegen ich einſchlagen ſoll; bezeichnen Sie mir denjenigen, welcher nach Paris führt, und Sie werden mir einen großen Dienſt geleiſtet haben.“ Die ausgewählten Worte von Sebaſtian, der jugend⸗ liche Klang ſeiner Stimme, welche dem Reiter nicht un⸗ bekannt dünkte, machten, daß er, ſo große Eile er auch zu haben ſchien, ſein Pferd anhielt. „Mein Kind,“ fragte er,„wer ſind Sie, und warum wagen Sle ſich zu einer ſolchen Stunde auf die Land⸗ ſtraße?“ „Ich frage Sie nicht nach Ihrem Namen, ich frage Sie nach der Straße, an deren Ende ich erfahren werde, ob mein Vater todt iſt oder lebt.“ Es lag in dieſer beinahe noch kindiſchen Stimme ein Ausdruck von Feſtigkeit, der dem Reiter auffiel. „Mein Freund,“ ſagte er,„die Straße nach Paris iſt diejenige, welcher wir folgen; ich kenne ſie ſelbſt ſchlecht, da ich nur zweimal in Paris geweſen bin, aber ich bin darum nicht minder ſicher, daß die Straße, der wir folgen, die gute iſt.“ Sebaſtian danfte und machte einen Schritt rück⸗ wärts. Die Pferde waren des Schnaufens bedürſtig. Derjenige, welcher der Herr zu ſein ſchien, ritt weiter, aber weniger raſch. Der Lackei folgte ihm. ——————— ——— e, is ſt er er g. er⸗ —— 94 „Hat der Herr Vicomte dieſen Knaben erkannt?“ fragte er. „Nein, doch mir ſcheint.. „Wie, der Herr Vicomte hat den jungen Sebaflian Gilbert, der beim Abbé Fortier in Penſion iſt, nicht erkannt?“ „Sebaſtian Gilbert?“ „Ja, der, welcher von Zeit zu Zeit in den Pachthof von Mademoiſelle Catherine mit dem großen Pitou kam.“ „In der That, Du haſt Recht,“ rief der Herr. Dann hielt er ſein Pferd an, wandte ſich um und ragte: „Sind Sie es denn, Sebaſtian?“ „Ja, Herr Iſidor,“ antwortete der Knabe, der den Reiter vollkommen erkannt hatte. „So kommen Sie doch, mein junger Freund,“ rief der Reiter,„und erzählen Sie mir, wie es zugeht, daß ich Sie ſo allein zu dieſer Stunde auf der Straße finde.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Herr Iſivor, ich gehe nach Paris, um mich zu verſichern, ob mein Vater ge⸗ toͤdtet worden iſt oder noch lebt.“ „Ach! armes Kind,“ ſprach Iſidor mit einem Ge⸗ fühle tiefer Traurigkeit,„ich gehe aus einer ähnlichen Urſache nach Paris, nur zweifle äch nicht mehr.“ „Jo, ich weiß... Ihr Bruder?“ „Einer meiner Brüder. mein Bruder George iſt geſtern in Verſailles getödtet worden.“ „Ah! Herr von Charny!“ Sebaſtian machte eine Bewegung vorwärts und ſtreckte die Hände gegen Iſidor aus. Iſidor nahm ſie und drückte ſie. „Nun, mein liebes Kind,“ ſagte Iſidor,„da unſer Schickſal ein ähnliches iſt, ſo dürfen wir uns nicht mehr i Sie müſſen wie ich Eile haben, nach Paris zu ommen.“ „Oh! ja, mein Herr!“ 92 „Sie können nicht zu Fuße gehen.“ „Ich würde wohl zu Fuße gehen, doch das wäre langwierig; ich gedenke auch morgen meinen Platz in dem erſten dem beſten Wagen zu bezahlen, den ich treffe und der denſelben Weg macht wie ich, und mit ihm ſo weit, als ich kann, gegen Paris zu fahren.“ „Und wenn Sie keinen treffen?“ „Dann gehe ich zu Fuße.“ Sie ſich bei meinem Bedienten hinten auf.“ Sebaflian zog ſeine Hände aus denen von Ifidor zurück und ſagte: „Ich danke, Herr Vicomte.“ Dieſe Worte wurden auf eine ſo ausdrucksvolle Weiſe betont, daß Iſidor begriff, er habe das Kind dadurch verletzt, daß er ihm angeboten, ſich hinter ſeinem Lackei aufzuſetzen. „Oder vielmehr,“ ſprach er,„ich bedenke, nehinen Sie ſein Pferd;z er wird uns in Parts wieder einholen. Wenn er ſich in den Tuilerien erkundigt, wird er immer ſicher erfahren, wo ich bin.“ „Ich danke abermals,“ ſagte Sebaſtlan mit einer noch fanfteren Stimme, denn er hatte die Zartheit dieſes Vorſthlags begriffen;„ich danke, ich will Sie ſeiner Dienſie nicht berauben.“ Man brauchte ſich nur noch zu verſtändigen, die Friebznspräliminarien waren geſtellt. „Nun wohl, thun Sie etwas, was noch beſſer, als alles dies, Sebaſtian, ſteigen Sie bei mir hinten auf. Wir laſſen dort unſere Pferde, welche uns nicht weiter bringen ſollen, unter der Obhut von Baptiſt, und wir nehmen eine Poſichaiſe, die uns nach Paris bringen wird. Sie nichts in meinen Anordnungen.“ „Thun Sie etwas Beſſeres, mein liebes Kind, ſetzen Dies gedachte ich zu thun, und es ändert ſich alſo durch Der Tag bricht an; um zehn Uhr dieſen Morgen werden wir in Dammartin, das heißt auf dem halben Wege ſein. re er ls en or iſe ei en n. ler er er die s uf. —, o———— en in. ter vir rd. rch 93 „Iſt das wirklich wahr, Herr Iſidor?“ „Bei meinem Ehrenwort!“ „Dann machte der junge Menſch zögernd, aber zugleich ſterbenv vor Begierde, den Vorſchlag anzu⸗ nehmen. „Steige ab, Baptiſt, und hilf Herrn Sebaſtian auf⸗ ſteigen.“ „Ich danke, das iſt unnöthig, Herr Iſidor,“ ver⸗ ſetzte Sebaſtian; und behende wie ein Schüler, ſprang er auf das Kreuz des Pferdes von Charny. Dann entfernten ſich die drei Menſchen und die zwei Pferde im Galopp und verſchwanden bald auf der Steige von Gondreville. 3 IX. Die Erſcheinung. 3 Die drei Reiter hatten ihren Weg, wie es versbredet war, zu Pferde bis Dammartin verfolgt.* Sie kamen nach Dammartin gegen zehn Uhr. Alle hatten das Bevürfniß, etwas zu ſich zu nehmen; überdies mußte man ſich nach einem Wagen und Poſt⸗ pferden erkundigen. Während man das Frühſtück Iſidor und Sebaſtian vorſetzte,— weiche, Sebaſtian von Bangigkeit, Iſidor von Traurigkeit erfüllt, nicht ein Wort gewechſelt hatten, — beſorgte Baptiſt die Pferde ſeines Herrn und war bemüht, eine Carriole und Poſtpferde zu finden, 94 um Mittag war das Frühſtück beendigt, und die Pferde warteten mit der Carriole vor der Thüre. Nur wußte Iſidor, der immer in ſeinem Wagen mit der Poſt gereiſt war, nicht, daß man, wenn man mit den Wagen der Poſt reiſt, auf jeder Station damit wechſeln muß. So kam es, daß die Poſtmeiſter, welche ſtrenge die Vorſchriften beobachten ließen, aber ſich wohl hüteten, ſie ſelbſt zu beobachten, nicht immer Wagen in ihren Remiſen und Pferde in ihren Ställen haiten. Dem zu Folge waren die Reiſenden, welche um die Mittagsſtunde von Dammartin abgingen, erſt um halb fünf Uhr bei der Barriere und erſt um fünf Uhr Abends bei den Thoren der Tuilerien. Hier mußte man ſich anerkennen laſſen. Herr von Lafahette hatte ſich aller Poſten bemächtigt und bewachte in dieſen unruhigen Zeiten, da er ſich für die Perſon des Königs gegen die Nationalverſammlung verantwortlich gemacht, Ludwig KVI. mit aller Gewiſſenhaftigkeit. Als aber Charny ſich nannte, als er ſich auf den Namen ſeines Bruders berief, ebneten ſich die Schwierig⸗ keiten, und man führte Iſivor und Sehaſtian in den Schweizerhof ein, von wo ſie in den mittleren Hof ge⸗ langten. Sebaſtian wollte ſich auf der Stelle nach der Rue Saint⸗Honoré und in das Haus, vas ſein Vater bewohnte, führen laſſen. Iſidor bemerkte ihm aber, da der Doctor Gilbert Arzt des Königs ſei, ſo werde man beim König beſſer als irgendwo erfahren, wie es ihm ergangen. Sebaſtian, der vollkommen verſtändig war, ſtimmte mit dieſem Schluſſe überein und folgte Iſidor. Obgleich man am Tage vorher erſt angekommen, hatte man doch ſchon eine gewiſſe Etiquette im Palaſte der Tuilerien feſtgeſtellt. Iſidor wurde auf der Ehrentreppe eingeſührt, und ein Huiſſier ließ ihn in einem großen, grau ausgeſchlagenen Saale warten, den nur ſchwach zwei Can⸗ delaber erleuchteten. en g en e⸗ ue te der im en. nte tte —— 95 Der übrige Palaſt war in eine Halbdunkelheit ver⸗ ſunken; da der Paloſt immer durch Privatleute bewohnt worden war, ſo hatte man die großen Beleuchtungen, welche einen Theil des königlichen Lurus bilden, vernach⸗ läßigt. Der Huiſſier ſollte ſich zugleich nach dem Herrn Grafen von Charny und nach dem Doctor Gilbert er⸗ kundigen. Das Kind ſetzte ſich auf ein Canapé, Iſidor ging auf und ab. Nach zehn Minuten erſchien der Huiſſier wieder. Der Herr Graf von Charny befand ſich bei der Königin. Was den Doctor Gilbert betrifft, ſo war ihm nichts begegnet; man glaubte ſogar, doch ohne ſich dafür ver⸗ bürgen zu können, er ſei beim König,— denn der König hatte ſich, wie der Kammerdiener vom Dienſte geantwor⸗ tet, mit ſeinem Arzte eingeſchloſſen. Nur, da der König vier Aerzte, welche im Dienſte abwechſelten, und ſeinen gewöhnlichen Arzt hatte, wußte man nicht, ob der mit Seiner Majeſtät eingeſchloſſene Arzt Herr Gilbert war. Sollte er es ſein, ſo würde man ihn bei ſeinem Abgange benachrichtigen, es warte Jemand auf ihn in den Vorzimmern der Königin. Sebaſtian athmete frei; er hatte alſo nichts mehr zu befürchten, ſein Vater lebte und war geſund und un⸗ verſehrt. Er ging zu Iſidor und dankte ihm, daß er ihn geführt hatte. Iſivor umarmte ihn weinend. Der Gevankfe, daß Sebaſtian ſeinen Vater wieder⸗ gefunden, machte ihm den Bruder, den er verloren hatte und nicht wieverfinden würde, noch theurer. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre; ein Huiſſier rief: „Der Herr Vicomte von Charny?“ 96 1 „Das bin ich,“ antwortete Iſidor vortretend. „Man verlangt nach dem Herrn Vicomte bei der Königin,“ ſagte der Huiſſier, auf die Seite tretend. „Nicht wahr, Sebaſtian,“ ſprach Iſidor,„Sie wer⸗ den auf mich warten, wenn nicht etwa der Herr Doetor Gilbert Sie holt?.. Bedenken Sie, daß ich für Sie bei Ihrem Vater verantwortlich bin.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Sebaſtian,„und mitt⸗ lerweile empfangen Sie noch einmal meinen Dank.“ Iſidor folgte dem Huiſſier, und die Thüre ſchloß ſich. Sebaſtian nahm wieder ſeinen Platz auf dem Ca⸗ napé. Ruhig über die Geſundheit des Vaters, ruhig über ſich ſelbſt, ſicher, es würde ihm vom Doctor der Abſicht wegen verziehen werden, wandte ſich ſein Geiſt zum Abbé Forkier und zu Piton zurück, und er dachte an die Be⸗ ſorgniß, welche dem Einen ſeine Flucht, dem Andern ſein Brief bereiten würde. Er begriff ſogar nicht, wie bei allem Verzug, den ſie unter Wegs erlitten hatten, Pitou, der nur den Zirkel ſeiner langen Beine zu öffnen brauchte, um ſo ſchnell zu gehen als die Poſt, ſie noch nicht eingeholt. Und, durch den einfachen Mechanismus der Ideen, vachte er ganz natürlich, indem er an Piton dachte, an ſeinen gewöhnlichen Rahmen, das heißt, an jene großen Bäume, an jene ſchattigen Wege, an jene bläulichen Fernen, welche die Horizonte der Wälder ſchließenz dann, vurch eine ſtufenweiſe Verkettung, erinnerte er ſich der ſeltſamen Viſionen, welche ihm zuweilen unter dieſen großen Bäumen, in der Tiefe dieſer ungeheuren Gewolbe erſchienen. Er dachte an die Frau, die er ſo oft im Traume und nur einmal, er glaubte es wenigſtens, in Wirklichkeit geſehen, am Tage, wo er ſich im Walde von Satorh erging, und wo dieſe Frau kam, vorüberzog und verſchwand — n n n be ne eit nd 97 wie eine Wolke, entführt in einer prächtigen Caleche durch den Galopp zweier herrlicher Pferde. Und er erinnerte ſich der tiefen Gemüthserſchütterung, welche dieſer Anblick immer bei ihm verurſachte, und halb in dieſen Traum verſunken, murmelte er leiſe: „Meine Mutter! meine Mutter! meine Mutter!“ Plötzlich öffnete ſich die Thüre wieder, die ſich hin⸗ ter Iſidor von Charny geſchloſſen hatte. Diesmal erſchien eine Frau. Durch Zufall waren die Augen des Kindes auf dieſe Thüre im Momente der Erſcheinung gerichtet. Die Erſcheinung ſtand ſo gut im Einklang mit dem, was in ſeinem Geiſte vorging, daß das Kind bebte, da es ſeinen Traum ſich durch ein wirkliches Geſchöpf bele⸗ ben ſah. Doch es war noch ganz anders, als Sebaſtian in der Frau den Schatten und die Wirklichkeit erkannte: den Schatten ſeiner Träume, die Wirklichkeit von Satory. Er richtete ſich ganz gerade auf, als ob ihn eine Feder auf ſeiné Füße geſtellt hätte. Seine Lippen thaten ſich auf, ſein Auge vergrößerte ſich, ſein Augenſtern erweiterte ſich. Seine keuchende Bruſt verſuchte es vergebens, einen Ton zu bilden. Die Frau ging majeſtätiſch, ſtolz, kalt, hoffärtig, ohne ihm eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, vorbei. So ruhig ſie äußerlich zu ſein ſchien, ſo mußte doch dieſe Frau mit den zuſammengezogenen Brauen, mit der bleichen Geſichtsfarbe, mit dem pfeifenden Athem unter einer gewaltigen Nervenerregung leiden. Sie durchſchritt ſchräge den Saal, öffnete die Thüre der entgegengeſetzt, durch welche ſie erſchienen war, und entfernte ſich in den Corridor. Sebaſtian begriff, ſie würde ihm abermals ent⸗ ſchlüpfen, wenn er ſich nicht heeilte. Er ſchaute mit einer Die Gräfin von Charny.. 7 98 erſchrockenen Miene, als wollte er ſich der Wirklichkeit ihres Durchzugs verſichern, die Thüre an, durch welche ſie eingetreten, die Thüre, durch welche ſie abgegangen, und ſtürzte auf ihrer Spur nach, ehe die Schleppe ihres ſeidenen Kleides an der Ecke des Corrivors verſchwunden war. Doch ſie, da ſie Schritte hinter ſich hörte, ging ſchneller, als hätte ſie verfolgt zu werden befürchtet. Sebaſtian beſchleunigte ſeinen Lauf, ſo ſehr er konnte; der Corridor war düſter; er befürchtete, auch diesmal könnte die theure Erſcheinung entfliehen. Sie, da ſie die Schritte immer näher kommen hörte, lief doppelt ſo raſch, während ſie ſich umwandte. Sebaſtian gab einen ſchwachen Freudenſchrei von ſich; ſie war es, immer ſie. Die Frau ihrerſeits, welche einen Knaben mit aus⸗ geſtreckten Armen ihr folgen ſah, ohne etwas von dieſer Verfolgung zu begreifen, kam oben auf eine Treppe und eilte die Stufen hinab. Doch kaum war ſie einen Stock hinabgeſtiegen, als Sebaſtian ebenfalls am Ende des Corridors erſchien und: „Madame! Madame!“ rief. Dieſe Stimme brachte eine ſeltſame Empfindung im ganzen Weſen der jungen Frau hervor; es ſchien ihr, ein Schlag, halb ſchmerzlich, halb wohlthuend, habe ſie im Herzen getroffen und verbreite, mit vem Blute durch die Adern laufend, einen Schauer durch ihren ganzen Korper. Und dennoch, da ſie weder den Ruf, noch die Ge⸗ müthsbewegung, welche ſie erfaßte, begriff, vervoppelte ſie ihre Schritte und ging vom Laufen gewiſſer Maßen in die Flucht über. Doch ſie hatte nicht mehr genug Vorſprung vor dem Kinde, um ihm zu entgehen. Sie kamen beinahe mit einander unten an die Treppe⸗ Die junge Frau ſtürzte in den Hofz ein Wagen erwariete ſie hier, ein Bedienter hielt den Schlag des Wagens offen.* 99 it Sie ſtieg raſch ein und ſetzte ſich. he Doch ehe man den Schlag wieder geſchloſſen hatte, n„ war Sebaſtian zwiſchen den Bedienten und dieſen Schlag e geſchlüpft; er ergriff das Untertheil des Kleides der Flüch⸗ . tigen, tüßte es voll Leidenſchaft und rief: ng„Oh! Madame! oh! Madamel“ Die junge Frau ſchaute nun den reizenden Knaben e an, der ſie Anfangs erſchreckt hatte, und mit einer Stimme al ſanfter, als ſie gewöhnlich war, obgleich dieſe Stimme noch eine Miſchung von Aufregung und Furcht beibehal⸗ te, ten hatte, ſagte fie: „Nun! mein Freund, warum laufen Sie mir nach? on warum rufen Sie mich? was wollen Sie von mir?“ „Ich will Sie ſehen,“ antwortete das Kind ganz 8⸗ keuchend,„ich will Sie küſſen.“ ſer Und leiſe genug, daß es nur die junge Frau hören nd konnte fügte er bei: „Ich will Sie meine Mutter nennen.“ als Die junge Frau ſtieß einen Schrei aus, nahm den d: Kopf des Kindes in ihre beiden Hände, zog ihn, wie durch eine plotzliche Eingebung bewogen, raſch an ſich und drückte im ihre glühenden Lippen auf ſeine Stirne. ein Dann, als befürchtete ſie, es könnte Jemand kom⸗ im men und ihr den Knaben nehmen, den ſie ſo eben wieder⸗ die gefunden, hob ſie ihn zu ſich empor, bis er ganz im Wa⸗ er. gen war, ſchob ihn auf die entgegengeſetzte Seite, ſchloß e⸗ ſelbſt den Schlag, ließ das Fenſter nieder, das ſie ſogleich ſie„ wieder aufzog, und ſagte: die„Zu mir, Rue Coq⸗Héron Nr. 9, am erſten Thor⸗ weg von der Rue Platriere aus.“ em Und ſie wandte ſich gegen das Kind um und fragte: „Dein Name?“ pe⸗„Sebaſtian.“ gen„Ahl komm, Sehaſtian, komm hierher.. hierher, des an mein Herz!“ — 100 Dann warf ſie ſich zurück, als wäre ſie einer Ohn⸗ macht nahe, und murmelte: „Oh! was für eine unbekannte Empfindung iſt denn das? Sollte es das ſein, was man das Glück nennt?“ X. Der Pavillon von Andrse⸗ Der Weg war nur ein zwiſchen der Mutter und dem Sohne ausgetauſchter langer Kuß. Alſo dieſer Knabe,— ihr Herz zweifelte nicht einen Augenblick, daß er es ſei,— dieſer Knabe, der ihr in einer erſchrecklichen Nacht, in einer Nacht der Bangigkei⸗ ten und ver Schande geraubt worden war; dieſer Knabe, der verſchwunden war, ohne daß der Räuber eine andere Spur, als die ſeiner Fußſtapfen im Schnee zurückließ; dieſer Knabe, den ſie Anfangs gehaßt, verflucht, ſo lange ſie nicht ſeinen erſten Schrei gehört, ſein erſtes Wimmern aufgefaßt hatte; dieſer Knabe, den ſie gerufen, geſucht, zurückverlangt, den ihr Bruder in der Perſon von Gil⸗ bert bis auf den Ocean verfolgt hatte; dieſer Knabe, den ſie fünfzehn Jahre beklagt hatte, welchen je wieverzuſehen ſie verzweifelt war, an den ſie nur noch dachte, wie man an einen geliebten Todten, an einen theuren Schatten denkt; dieſer Knabe findet ſich da, wo ſie ihn am weni ſten zu treffen erwarten durfte, plötzlich durch ein Wunder — 101¹ wieder, durch ein Wunder erkennt er ſie, läuft er ihr nach, verfolgt ſie, nennt ſie ſeine Mutter! dieſen Knaben hält ſie an ihrem Herzen, drückt ſie an ihre Bruſt! ohne ſie je geſehen zu haben liebt er ſie mit einer kinvlichen Liebe, wie ſie ihn mit einer mütterlichen Liebe liebt! ihre, von jedem Kuſſe reine, Lippe findet alle Freuden ihres verlo⸗ renen Lebens in dem erſten Kuſſe wieder, den ſie ihrem Kinde gibt! Es gab alſo über dem Haupte der Menſchen etwas mehr als den leeren Raum, in dem die Welten rollen; es gab alſo im Leben der Menſchen etwas Anderes, als den Zufall und das Verhängniß. „Rue Coq⸗Héron, Nr. 9, am erſten Thorweg von 6 Nue Platriere aus,“ hatte die Gräfin von Charny geſagt.. Seltſames Zuſammentreffen, das nach Verlauf von vierzehn Jahren das Kind in vaſſelbe Haus zurückführte, wo es geboren worden, wo es den erſten Hauch des Le⸗ bens eingeathmet hatte, und wo es von ſeinem Vater ge⸗ raubt worden war! Dieſes kleine Haus, einſt vom alten Baron von Ta⸗ verney erkauft, als mit der großen Gunſt, mit der die Königin ſeine Familie beehrte, einiger Wohlſtand in die Verhältniſſe des Barons wiedergekehrt war, hatte Philipp von Taverney behalten, und es wurde von einem alten Concierge bewacht, den die ehemaligen Eigenthümer mit dem Hauſe verkauft zu haben ſchienen. Es diente als Ab⸗ ſteigequartier für den jungen Mann, wenn er von ſeinen Reiſen zurückkam, oder für die junge Frau, wenn ſie in Paris übernachtete. Nach der letzten Scene, welche Andrée mit der Kö⸗ nigin Rhabt, nach der Nacht, die ſie in ihrer Nähe zu⸗ gebracht, hatte Andrée beſchloſſen, ſich von dieſer Nehen⸗ buhlerin zu entfernen, welche ihr den Gegenſchlag von jedem ihrer Schmerzen zuſandte, und bei der die Mißge⸗ ſchicke der Königin, ſo groß ſie waren, immer noch unter 102 den Herzensbeklemmungen und Befürchtungen der Frau waren. Schon am Morgen hatte ſie ihre Dienerin nach dem Hauſe der Rue Cog⸗Héron mit dem Befehle geſchickt, den Pavillon in Bereitſchaft zu ſetzen, der, wie man ſich erinnert, aus einem Vorzimmer, einem kleinen Speiſe⸗ zimmer, einem Salon und einem Schlafzimmer beſtand. Früher hatte Andrée, um Nicole neben ſich unterzu⸗ bringen, aus dem Salon ein zweites Schlafzimmer ge⸗ macht; doch ſeitdem dieſe Nothwendigkeit verſchwunden, war jedes Zimmer ſeiner urſprünglichen Beſtimmung zu⸗ rückgegeben worden, und die Kammerfrau, welche den untern Theil ganz ihrer Gebieterin überließ, die übrigens ſelten und immer allein hierher kam, hatte ſich zu einer kleinen, im Dache angebrachten Manſarde bequemt. Andrée hatte ſich alſo bei der Königin, daß ſie das Zimmer in der Nähe des ihrigen nicht behalte, damit entſchuldigt, vaß die Königin, welche ſo enge wohne, mehr einer ihrer Kammerfrauen, als einer Perſon bedürfe, welche nicht ſpeciellihrem Dienſte zugetheilt ſei. Die Königin hatte nicht darauf gevrungen, Andrée bei ſich zu behalten, oder ſie hatte wenigſtens nur ſo weit die Schicklichkeit es erheiſchte, darauf gedrungen, und als Nachmittags gegen vier Uhr die Kammerfrau erſchien und Andrée meldete, der Pavillon ſei bereit, hatte ſie ihr befohlen, auf der Stelle nach Verſailles abzugehen und ihre Effecten, welche ſie in der Haſt der Abreiſe in der Wohnung, die ſie im Schloſſe inne gehabt, zurückgelaſſen, zuſammenzupacken und ihr am andern Tage dieſe Effecten nach der Rue Coq⸗Héron zu bringen. um fünf Uhr hatte die Gräfin von Charny dem zu Folge die Tuilerien verlaſſen, wobei ſie als einen genü⸗ genden Abſchied die paar Worte betrachtete, die ſie am Morgen der Königin geſagt, da ſie ihr die Verfügung über das Zimmer, welches ſie eine Nacht inne gehabt, zurückgab. 3 103 Als ſie aus dem Gemache der Königin, oder viel⸗ mehr aus dem an das Gemach der Königin anſtoßenden Zimmer wegging, hatte ſie den grünen Salon, wo Se⸗ haſtian wartete, durſchritten, war ſie, verfolgt von ihm, durch die Corridors geflohen, bis zu dem Augenblick, wo ihr Sebaſtian in den Fiacre nachgeſtürzt war, der, zum Voraus von der Kammerfrau beſtellt, ſie vor dem Thore der Tuilerien, im Prinzenhofe erwartete. Alles trug ſo dazu bei, für Andrée aus dieſem Abend einen glücklichen Abend zu machen, den nichts ſtören ſollte. Statt in ihrer Wohnung in Verſailles oder in ihrem Zimmer in den Tuilerien, wo ſie dieſes ſo wun⸗ derbar wiedergeſundene Kind nicht hätte empfangen kön⸗ nen, wo ſie wenigſtens ſich nicht dem ganzen Erguſſe ihrer mütterlichen Liebe hätte hingeben können, befand ſie ſich in einem ihr gehörigen Hauſe, in einem abgeſonderten Pavillon, ohne Bevienten, ohne Kammerfrau, ohne einen fragenden Blick! Sie gab auch mit einem Ausdrucktief gefühlter Freude die von uns oben erwähnte Adreſſe, welche den Stoff zu dieſer ganzen Abſchweifung geliefert hat. Es ſchlug ſechs Uhr, als ſich der Thorweg auf den Ruf des Kutſchers öffnete und der Fiacre vor der Thüre des Pavillon anhielt. Andrée wartete nicht einmal, bis der Kutſcher von ſeinem Bocke ſtieg; ſie öffnete den Schlag und ſprang, S nach ſich ziehend, auf die erſte Stufe der Frei⸗ reppe. Dann gab ſie geſchwinde dem Kutſcher ein Geldſtück vom voppelten Werthe deſſen, was ſie ihm ſchuldig war, und eilte, immer den Knaben an der Hand haltend, in das Innere des Pavillon, nachdem ſie ſorgfältig die Thüre des Vorzimmers geſchloſſen hatte. Im Salon angelangt, blieb ſie ſtehen. Der Salon war nur durch das im Herde brennende 104 Feuer und durch zwei auf dem Kamin angezündete Ker⸗ zen beleuchtet. Andrée zog ihren Sohn auf eine Art von Cau⸗ ſeuſe fort, wo ſich das doppelte Licht concentrirte. Dann rief ſie mit einem Freudenausbruch, in wel⸗ chem noch ein letzter Zweifel zitterte: „Oh! mein Kind, mein Kind, Du biſt es alſo wirk⸗ ch?“ 9„ „Meine Multer!“ erwiederte Sebaſtian mit einem Erguſſe des Gemüths, der ſich wie ein mildernder Thau auf dem ſpringenden Herzen und den fieberhaften Adern von Andrée verbreitete. „Und hier, hier,“ rief Andrée umherſchauend, da ſie ſich in demſelben Salon befand, wo ſie Sebaſtian gebo⸗ ren, mit Angſt und Schrecken dieſes Zimmer betrachtend, wo er ihr geraubt worden war. „Hier,“ wiederholte Sebaſtian,„was will dies beſagen, meine Mutter?“ „Dies will beſagen, mein Kind, daß Du vor bald fünfzehn Jahren hier in dieſem Zimmer, wo wir find, geboren worden biſt, und daß ich die Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes preiſe, der Dich nach Verlauf von fünfzehn Jahren ſo wunderbar zurückgeführt hat.“ „Oh! ja, wunderbar,“ ſprach Sebaſtian;„denn hätte ich nicht für das Leben meines Vaters gefürchtet, ſo wäre ich nicht allein und bei Nacht nach Paris abgegangen; wäre ich nicht allein und bei Nacht nach Paris abgegan⸗ gen, ſo würde ich nicht verlegen geweſen ſein, zu erfah⸗ ren, welchen von den zwei Wegen ich wählen mußte; ich hätte nicht auf der Landſtraße gewartet; ich hätte nicht Herrn Ifſidor von Charny, als er vorüberritt, gefragt; er hätte mich nicht erkannt, mir nicht angeboten, mit ihm nach Paris zu kommen, er hätte mich nicht in den Palaſt der Tuilerien geführt, und ich hätte Sie auch nicht in dem Augenblick geſehen, wo Sie durch den grünen Salon ſchritten; ich hätte Sie nicht erkanntz ich wäre Ihnen * —— — 8 8——— vN— 105 nicht nachgelaufen; ich hätte Sie nicht eingeholt; ich hätte Sie endlich nicht meine Mutter genannt! ein Wort, das ſehr ſüß und ſehr zärtlich auszuſprechen iſt!“ Bei den Worten von Sebaſttan:„Hätte ich nicht für das Leben meines Vaters gefürchtet,“ empfand Andrée eine ſcharfe Herzbeklemmung, ſie ſchloß die Augen und warf den Kopf zurück. Bei den Worten:„Hätte mich Herr Iſidor von Charny nicht erkannt, hätte er mir nicht angeboten, mit nach Paris zu kommen, hätte er mich nicht in den Pa⸗ laſt der Tuilerien geführt,“ öffneten ſich ihre Augen wieder, ihr Herz that ſich auf, ihr Blick dankte dem Himmel; denn in der That, es war ein Wunder, das Sebaſtian, geführt vom Bruder ihres Gatten, zurückbrachte. Bei den Worten endlich:„Ich hätte Sie nicht Mut⸗ ter genanntl ein Wort, vas ſehr ſüß und ſehr zärtlich auszuſprechen iſt,“ drückte ſie, zum Gefühle ihres Glügs zurückgerufen, Sebaſtian abermals an ihre Bruſt. 3 „Ja, ja, Du haſt Recht, mein Kind,“ rief Re; „ſehr ſüß! es gibt nur eines, das vielleicht ſüßer und zärtlicher iſt, es iſt das, welches ich Dir ſage, indem ich Dich an mein Herz drücke: mein Sohn! mein Sohn!“ Dann trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, und man hörte nur das ſanfte Beben der über die Stirne des Kindes hinſchweifenden mütterlichen Lippen. „Aber,“ rief plotzlich Andrée,„es iſt unmöglich, daß Alles ſo geheimnißvoll in mir und um mich her bleibt; Du haſt mir wohl erklärt, wie Du da warſt, aber Du haſt mir nicht erklärt, wie Du mich erkannteſt, warum Du mir nachliefſt, warum Du mich Deine Mutter nannteſt.“ „Kann ich es Ihnen ſagen?“ erwiederte Sebaſtian, Andrée mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Liebe anſchauend,„ich weiß es ſelbſt nicht. Sie ſprechen von Geheimniſſen: Alles iſt geheimnißvoll in mir wie in Ihnen.“ 106 „Aber es hat Dir doch Jemand in dem Augenblick wo ich vorüberging, geſagt:„„Kind, da iſt Deine Mutter!““ „Ja„mein Herz.“ Bein Herz? „Hören Sie, meine Mutter, ich will Ihnen etwas erzählen, was an's Wunderbare gränzt.“ Andrée rückte noch näher zu dem Kinde, während ſie einen Blick zum Himmel ſandte, als wolle ſie ihm dafür danken, daß er, als er ihr ihren Sohn zurückgab, ihn ſo zurückgab. „Es ſind zehn Jahre, daß ich Sie kenne, meine Mutter.“ Andrée bebte. „Sie begreifen nicht?“ Andrée ſchüttelte den Kopf. „Laſſen Sie ſich ſagen, ich habe zuweilen ſeltſame Träume, die mein Vater Sinnenläuſchungen nennt.“ Bei der Erinnerung an Gilbert, welche wie eine ſtählerne Spitze von den Lippen des Kindes in ihr Herz eindrang, ſchauerte Andrée. „Schon zwanzigmal habe ich Sie geſehen, meine Mutter.“ „Wie ſo?“ „In den Träumen, von denen ich ſo eben ſprach.“ Andrée dachte ihrerſeits an die ſchrecklichen Träume, die ihr Leben bewegt hatten, an den Traum, dem ihr Kind ſeine Geburt verdankte. „Stellen Sie ſich vor, meine Mutter,“ fuhr Se⸗ baſtian fort,„wenn ich, noch ein Kind, mit den Kindern des Dorfes ſpielte und im Dorfe blieb, waren meine Eindrücke ganz die der andern Kleinen, und nichts er⸗ ſchien mir, als die wirklichen Gegenſtände; doch ſobald ich das Dorf verließ, ſobald ich die letzten Gärten über⸗ ſchritt, ſobald ich den Saum des Waldes hinter mir hatte, fühlte ich etwas wie das Rauſchen eines Kleides 107 an mir vorüberziehenz ich ſtreckte die Arme aus, um es zu faſſen, doch ich faßte nur die Luft; da entfernte ſich das Phantom. Aber von unſichtbar, wie es Anfangs war, wurde es allmälig ſichtbarz im erſten Augenblick war es ein Dunſt durchſichtig wie eine Wolke, ähnlich der, mit welcher Virgil die Mutter des Aeneas umhüllte, da ſie ihrem Sohne auf der Küſte von Carthago erſchien; bald rerdichtete ſich dieſer Dunſt und nahm eine menſch⸗ liche Geſtalt anz dieſe menſchliche Geſtalt, welche die einer Frau war, glitt mehr über den Boden hin, als daß ſie auf der Erde ging: da zog mich eine unbekannte, ſeltſame, unwiverſtehliche Gewalt ihr nach. Sie drang in die dunkelſten Orte des Waldes ein, und ich verfolgte ſie hier mit ausgeſtreckten Armen, ſtumm wie ſiez denn obgleich ich ihr zu rufen verſuchte, gelang es meiner Stimme doch nie, einen Ton zu articuliren, und ich ver⸗ folgte ſie ſo, ohne daß ſie ſtille ſiand, ohne daß ich ſie einholen konnte, bis das Wunder, das mir ihre Gegen⸗ wart verkündigt hatte, mir ihren Abgang bezeichnete. Die Erſcheinung verſchwand allmälig, doch ſie ſchien ebenſo ſehr als ich unter dieſem Willen des Himmels zu leiden, der uns trennte, denn ſie entfernte ſich, indem ſie ſich nach mir umſchaute, und, gelähmt vor Müdigkeit, als ob ich nur durch ihre Gegenwart aufrecht erhalten worden wäre, fiel ich an derſelben Stelle, wo ſie ver⸗ ſchwunden war, nieder.“ Dieſe Art von zweiter Exiſtenz von Sebaſtian, dieſer in ſeinem Leben lebende Traum glich zu ſehr dem, was Andrée ſelbſt begegnet war, als daß ſie ſich nicht in ihrem Kinde hätte wiedererkennen ſollen. „Armes Kind,“ ſagte ſie, indem ſie ihn an ihr Herz vrückte,„es war alſo unnütz, daß der Haß Dich von mir entfernte; Gott hatte uns einander genähert, ohne daß ich es vermuthete; nur ſah ich Dich, weniger glücklich als Du, weder im Traume, noch in der Wirklichkeit, und dennoch, als ich durch den grünen Salon ging, er⸗ griff mich ein Schauerz als ich Deine Tritte hinter den meinigen hörte, zog etwas wie ein Schwindel zwiſchen meinem Geiſte und meinem Herzen durch; als Du m Mavame nannteſt, wäre ich beinahe ſtille geſtanden; als Du mich meine Mutter nannteſt, wäre ich beinahe ohnmächtig geworden; als ich Dich berührte, erkannte ich Dich.“ „Meine Mutter! meine Mutter! meine Mutter!“ wieverholte Sebaſtian vreimal, als wollte er ſeine Mut⸗ ter darüber tröſten, daß ſie ſo lange dieſen ſüßen Namen nicht gehoͤrt. „Ja, Deine Mutter!“ erwiederte die junge Frau mit einem unbeſchreiblichen Liebesentzücken. „Und nun, da wir uns wiedergefunden haben,“ ſagte das Kind,„da Du ſo zufrieden und glücklich biſt, mich wieder zu ſehen, werden wir uns nicht mehr verlaſſen, nicht wahr?“ Andrée bebte, ſie hatte die Gegenwart im Vorüber⸗ ziehen, die Augen halb über die Vergangenheit, ganz über die Zukunft ſchließend, ergriffen. „Mein armes Kind, wie würde ich Dich ſegnen, wenn Du ein ſolches Wunder bewirken könnteſt.“ „Laß mich machen,“ ſagte Sebaſtian,„ich werde Alles dies ordnen.“ „Und wie?“ fragte Andrée. „Ich kenne die Urſachen nicht, die Dich von meinem Vater getrennt haben.“ Andrée erbleichte. „Aber,“ fuhr Sebaſtian fort,„ſo ernſt und gewichtig ſie auch ſein mögen, ſie werden verſchwinden vor meinen Bitten und vor meinen Thränen, wenn es ſein muß.“ Andrée ſchüttelte den Kopf. „Niel nie!“ rief ſie. „Höre,“ verſetzte Sebaſtian, der nach den Worten die ihm Gilbert geſagt:„Kind, ſprich mir nie von Deiner Mutter,““ hatte glauben müſſen, das n en ie a6 109 Unrecht der Trennung ſei auf ihrer Seite,„höre, mein Vater betet mich an.“ Die Hände von Andrée, welche die ihres Sohnes hielten, löſten ſich; der Knabe ſchien nicht darauf zu merken und merkte vielleicht nicht darauf. Er fuhr fort: „Ich werde ihn vorbereiten, Dich wiederzuſehen; ich werde ihm all das Glück erzählen, das Du mir gegeben haſt; dann, eines Tages, werde ich Dich bei der Hand nehmen, zu ihm führen und ſagen:„„Hier iſt ſie! ſchau Vater, wie ſchön ſie iſt!““. Andrée ſtieß Sebaſtian zurück und ſtand auf. Der Knabe heftete ſeine Augen ganz erſtaunt auf ſie; ſie war ſo bleich, daß ſie ihm bange machte. „Nie!“ wiederholte ſie,„nie!“ Und diesmal drückte ihr Ton noch etwas mehr als den Schrecken, er drückte die Drohung aus. Der Knabe wich auf dem Canaps zurück; er hatte in dem Geſichte dieſer Frau jene erſchrecklichen Linien ent⸗ deckt, welche Raphael den erzürnten Engeln gibt. „Und warum,“ fragte er mit dumpfer Stimme, „warum weigerſt Du Dich, meinen Vater zu ſehen?“ Bei dieſen Worten brach, wie beim Zuſammenſtoß e zwei Wolken während des Sturmes, der Blitzſtrahl ervor. „Warum?“ verſetzte Andrée,„Du fragſt mich, warum? In der That, armes Kind, Du weißt es nicht?“ „Ja,“ ſagte Sebaſtian mit Feſtigkeit,„ich frage, warum?“ „Nun wohl,“ erwiederte Andrée, unfähig, länger unter den Biſſen der gehäſſigen Schlange, die ihr das Herz zernagte, an ſich zu halten,„weil Dein Vater ein Elender iſt! weil Dein Vater ein Schändlicher iſt!“ Sebaſtian ſprang von dem Canapé auf, auf dem er ſoß, und ſtand aufrecht vor Andrée. „Von meinem Vater ſagen Sie das, Madamel“ 111 Und ſie ſchob das erſchrockene Kind in das an⸗ ſtoßende Zimmer. Dann, während ſie die Thüre hinter ihm ſchloß, ſprach ſie: „Bleibe hier, und wenn er weggegangen iſt, werde r ich Dir ſagen, werde ich Dir erzählen... Nein! nein! nichts von Allem dem, ich werde Dich umarmen, Du wirſt einſehen, daß ich wirklich Deine Mutter E— i Sebaſtian antwortete nur durch eine Art von Seufzer. ch In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Vorzimmers, und, mit ſeiner Mütze in der Hand, entledigte ſich der alte Concierge ſeines Auftrags. ze⸗ Hinter ihm, im Halbſchatten, errieth das durchdringende ob⸗ Auge von Andrée eine menſchliche Geſtalt. lick„Laſſen Sie den Herrn Grafen eintreten,“ ſagte fie mit der feſteſten Stimme, die ſie finden konnte. ſich Der alte Concierge ging rückwärts hinaus, und der ielt. Graf von Charny erſchien, den Hut in der Hand, auf uer der Schwelle. rem el“ die wie ſagte fragen mich d in X Mann und Frau⸗ In Trauer um ſeinen Bruder, der zwei Tage vorher getödtet worden, war der Graf von Charnh ganz ſchwarz gekleidet. Dann, da dieſe Trauer, wie die von Hamlet, nicht nur auf den Kleidern, ſondern im Grunde des Herzens war, zeugte ſein bleiches Geſicht von den Thränen, die er vergoſſen, und von den Schmerzen, die er erduldet. Die Gräfin umfaßte dieſes Ganze mit einem einzigen Blick. Nie ſind die ſchönen Geſichter ſo ſchoͤn, als nach ihren Thränen. Nie war Charny ſo ſchön geweſen. Sie ſchloß einen Moment ihre Augen, warf leicht den Kopf zurück, als wollte ſie ihrer Bruſt die Fähigkeit zu athmen geben, und drückte ihre Hand auf ihr Herz, das ſie dem Brechen nahe fühlte. Als ſie ihre Augen wieder öffnete,— und dies ge⸗ ſchah ungefähr eine Secunde, nachdem ſie dieſelben ge⸗ ſchloſſen hatte,— ſtand Charny auf demſelben Platze. Der Blick und die Geberde von Andrée fragten ihn zu gleicher Zeit und ſo ſichtbar, warum er nicht einge⸗ treten ſei, daß er ganz natürlich auf dieſen Blick und dieſe Geberde antwortete: „Madame, ich wartete.“ Er machte einen Schritt vorwärts. Der Conclerge trat wieder ein und ſagte, zu ſeiner Frage durch den Bedienten des Grafen veranlaßt: — —— 1¹³ „Soll man den Wagen des Herrn Grafen fort⸗ ſchicken?“ Ein Blick von einem unbeſchreiblichen Ausdruck ſprang aus dem Augenſtern des Grafen hervor und richtete ſich auf Andrée, welche wie geblendet die Augen zum zweiten Mal ſchloß und unbeweglich, mit gehemmtem Athem, blieb, als hätte ſie die Frage nicht gehört, als hätte ſie den Blick nicht geſehen. Die eine und der andere waren indeſſen gerade bis in ihr Herz eingedrungen. Charny ſuchte an dieſer ganzen Biloſäule ein Zeichen, das ihm andeutete, was er antworten ſollte. Dann da der Schauer, der Andrée entſchlüpfte, ebenſowohl von der Furcht, daß der Graf nicht gehe, als von dem Wunſche, daß er bleibe, herrühren konnte, antwortete er: „Sagen Sie dem Kutſcher, er ſoll warten.“ Die Thüre ſchloß ſich wieder, und zum erſten Male vielleicht ſeit ihrer Verheirathung fanden ſich der Graf und die Gräfin allein beiſammen. Der Graf brach zuerſt das Stillſchweigen. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte er,„ſollte meine unerwartete Anweſenheit indiscret ſein? Ich ſtehe noch, der Wagen iſt vor der Thüre, und ich gehe wieder, wie ich gekommen bin.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Andrée lebhaft.„Ich wußte, daß Sie geſund und unberletzt ſind, bin aber dar⸗ um nach den Ereigniſſen, welche vorgefallen, nicht minder glücklich, Sie wiederzuſehen.“ „Sie haben die Güte gehabt, ſich nach mir zu er⸗ kundigen?“ fragte der Graf. „Allerdings... geſtern und heute Morgen, und man hat mir geantwortet, Sie ſeien in Verſailles; heute Abend, und man hat mir geantwortet, Sie ſeien bei der Königin.“ Waren dieſe letzten Worte einfach ausgeſprochen worden oder enthielten fie einen Vorwurf? Die Gräfin von Charnp.. 114 Der Graf ſelbſt, da er nicht wußte, was er zu denken hatte, beſchäftigte ſich in ſeinem Innern offenbar einen Augenblick hiemit. Doch wahrſcheinlich der Folge des Geſpräches die Sorge, den einen Augenblick vor ſeinem Geiſte herunter⸗ gelaſſenen Schleier aufzuheben, überlaſſend, erwiederte er alsbald: „Madame, eine traurige und fromme Pflicht hielt mich geſtern und heute in Verſailles zurückz eine andere Pflicht, die ich als heilig erachte in der Lage, in der ſich die Königin befindet, hat mich ſogleich bei meiner Ankunft in Paris zu Ihrer Majeſtät geführt.“ Nun ſuchte Andrée ſichtbar in ihrer ganzen Wirklich⸗ keit die Intention der letzten Worte des Grafen aufzufaſſen. Dann erwiederte fie, da ſie dachte, ſie ſei beſonders den erſten eine Antwort ſchuldig: „Ja, mein Herr. Ach! ich habe den entſetzlichen Verluſt erfahren, den Sie zögerte einen Augenblick. „Den Sie erlitten haben.“ Andrée war auf dem Punkte zu ſagen, den wir er⸗ litten haben. Doch ſie wagte es nicht und fuhr fort: „Sie haben das Unglück gehabt, Ihren Bruder, den Baron George von Charny zu verlieren.“ Man hätte glauben ſollen, Charny erwarte im Vor⸗ überziehen die zwei Worte, welche wir unterſtrichen haben, denn er bebte in dem Augenblick, wo jedes derſelben aus⸗ geſprochen wurde. „Ja, Madame,“ antwortete er,„es iſt, wie Sie ſagen, für mich ein entſetzlicher Verluſt, der Verluſt dieſes jungen Mannes,— ein Verluſt, den Sie zum Glück nicht ſchätzen können, da Sie den armen George ſo wenig gekannt haben.“ Es lag ein ſanfter, ſchwermüthiger Vorwuf in den Worten; zum Glück. Andrée begriff ihn, doch kein äußeres Zeichen offen⸗ barte, daß ſie darauf gemerkt hatte. „Eines würde mich indeſſen über dieſen Verluſt trö⸗ ſten, wenn ich getröſtet werden könnte,“ fügte Charny bei;„daß der arme George geſtorben iſt, wie Iſidor ſierben wird, wie ich wahrſcheinlich ſterben werde,— in Erfüllung ſeiner Pflicht.“ Die Worte: wie ich wahrſcheinlich ſterben werde, ergriffen Andrée tief. 3„Ach!“ fragte ſie,„glauben Sie denn, die Dinge ſtehen ſo verzweifelt, daß es noch neuer Blutopfer be⸗ vürfe, um den himmliſchen Zorn zu entwaffnen?“ „Madame, ich glaube, daß die Stunde der Könige, wenn fie noch nicht gekommen iſt, doch wenigſtens dem⸗ nächſt ſchlagen wird. Ich glaube, daß es einen böſen Genius gibt, der die Monarchie zum Abgrunde hintreibt. Ich denke, daß ſie, wenn ſie in denſelben hineinfällt, von allen denjenigen in ihrem Sturze begleitet werden muß, welche an ihrer Herrlichkeit Theil gehabt haben.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Andrée,„und wenn der Tag gekommen iſt, glauben Sie mir, er wird mich bereit zu jeder Hingebung finden.“ „Oh! Madame, Sie haben zu viel Beweiſe von Hin⸗ gebung in der Vergangenheit abgelegt, als daß irgend Jemand, und ich am wenigſten, an dieſer Hingebung in der Zukunft zweifeln könnte, und ich habe um ſo weniger das Recht, an der Ihrigen zu zweifeln, als die meinige, zum erſten Male vielleicht, vor einem Befehle der Köni⸗ gin zurückgewichen iſt.“ „Ich verſtehe nicht, mein Herr„ ſagte Andrée. „Bei meiner Ankunft von Verſailles fand ich den Befehl, ſogleich bei Ihrer Majeſtät zu erſcheinen.“ h machte Andrée traurig lächelnd. Dann, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, ſagte ſie: „Das iſt ganz einfach, die Königin ſieht wie Sie * 1¹6 die Zukunft geheimnißvoll und düſter und will um ſich alle Männer verſammeln, auf die ſie zählen kann.“ „Sie täuſchen ſich, Madame,“ erwiederte Charny, „nicht um mich ihr zu nähern, rief mich die Königin, ſondern um mich von ihr zu entfernen.“ „Sie von ihr entfernen!“ verſetzte lebhaft Andrée, indem ſie einen Schritt gegen den Grafen machte. Dann, nach einem Augenblick, da ſie wahrnahm, daß der Graf ſeit dem Anfang des Geſprächs bei der Thüre ſtehen geblieben war, ſagte ſie, auf einen Lehnſtuhl deutend: „Verzeihen Sie, ich laſſe Sie ſtehen, Herr Graf.“ Und während ſie dieſe Worte ſprach, ſiel ſie ſelbſt, unfähig, ſich länger aufrecht zu halten, auf das Canapé, wo ſie einen Augenblick vorher mit Sebaſtian geſeſſen hatte. „Sie entfernen!“ wiederholte ſie mit einer Gemüths⸗ bewegung, welche nicht ganz von Freude frei war, denn ſie dachte, Charny und die Königin würden getrennt wer⸗ den.„Und zu welchem Zwecke?“ „Zu dem Zwecke, daß ich in Turin eine Sendung beim Herrn Grafen d'Artois und beim Herrn Herzog von Bourbon, welche Frankreich verlaſſen haben, vollziehe.“ „Und Sie haben angenommen?“ Charny ſchaute Andrée feſt an. „Nein, Madame,“ erwiederte er. Andrée erbleichte dergeſtalt, daß Charny einen Schritt gegen ſie machte, als wollte er ihr Hülfe leiſten; doch bei dieſer Bewegung des Grafen raffte ſie ihre Kräfte zuſammen und kam wieder zu ſich. „Nein,“ ſtammelte ſie,„Sie haben nein auf einen Befehl der Königin geantwortet. Sie, mein Herr!“ Die drei letzten Worte wurden mit einem Ausdruck des Zweifels und des Erſtaunens geſprochen, der ſich nicht beſchreiben läßt. „Ich antwortete, ich glaube, meine Gegenwart, in dieſem Augenblicke beſonders, ſei in Paris nothwendige als in Turin: Jedermann könne die Sendung vollbringen —— „— mit der mich zu beauftragen man mir die Ehre erweiſen wolle, und ich habe gerade in dieſem Moment hier elnen Bruder, der ſo eben aus der Provinz angekommen, um ſich Ihrer Majeſtät zu Befehl zu ſtellen, und der bereit ſei, ſtatt meiner abzureiſen.“ „Und die Konigin iſt ohne Zweifel glücklich geweſen, den Stellvertreter anzunehmen?“ rief Andrée mit einem Ausdruck von Bitterkeit, den ſie nicht zurückzuhalten ver⸗ mochte, und der Charny nicht zu entgehen ſchlen. „Nein, Madame, im Gegentheil; denn dieſe Weige⸗ rung ſchien ſie tief zu verletzen. Ich wäre alſo genöthigt geweſen, abzureiſen, wäre nicht zum Glück in dieſem Au⸗ genblick der König eingetreten, und hätte ich ihn nicht zum Richter gemacht. „Und der König gab Ihnen Recht, mein Herr?“ verſetzte Andrée mit einem ironiſchen Lächeln,„und der König war, wie Sie, der Anſicht, daß Sie in den Tui⸗ lerien bleiben müſſen?. Oh! wie gut iſt Seine Ma⸗ jeſtät!“ Charny veränderte ſein Geſicht nicht im mindeſten und erwiederte: „Der König ſagte, mein Bruder Iſidor eigne ſich ganz zu dieſem Poſten, um ſo mehr, als man, da er zum erſten Mal an den Hof und beinahe zum erſten Mal nach Paris komme, ſeine Abweſenheit nicht bemerken werde, und er fügte bei, es ſei grauſam von der Königin, zu verlangen, daß ich mich in einem ſolchen Augenblick von Ihnen entferne.“ „Von mir!“ rief Andrée,„der König hat geſagt von mir?“ „Ich wiederhole Ihnen ſeine eigenen Worte, Madame. Dann ſuchte er mit den Augen um die Königin her und fragte, indem er ſich an mich wandte:„„Aber wo iſt denn die Gräfin von Charny? ich habe ſie ſeit geſtern Abend nicht geſehen!““ Da an mich hauptſächlich die Frage gerichtet war, ſo antwortete ich:„„Sire, ich habe 118 ſo wenig das Glück, Frau von Charny zu ſehen, daß es mir in dieſem Augenblick unmöglich wäre, Ihnen zu ſa⸗ gen, wo die Gräfin iſt; wünſcht aber Eure Majeſtät hier⸗ über unterrichtet zu werden, ſo wenden Sie ſich an die Königin; die Königin weiß es; die Koͤnigin wird ant⸗ worten.““ Und ich drang hierauf, weil ich, da ich die Königin die Stirne falten ſah, dachte, es ſei etwas mir Unbekanntes zwiſchen Ihnen und ihr vorgefallen.“ Andrée ſchien mit einer ſo glühenden Gierde zu hö⸗ ren, daß es ihr nicht einmal einfiel, etwas zu erwiedern. Da fuhr Charny fort: „„Sire,““ antwortete die Königin,„die Frau Gräfin von Charny hat die Tuilerien vor einer Stunde verlaſſen.“„Wie,““ fragte der Koͤnig,„„die Frau Gräfin von Charny hat die Tuilerien verlaſſen?““„„Ja, Sire.““„„Doch um bald wieder hierher zurückzukom⸗ men?““„Ich glaube nicht.““„„Sie glauben nicht, Madame?““ verſetzte der König;„„welchen Grund hat denn Frau von Charny, Ihre beſie Freundin, gehabt, Madame... Die Königin machte eine Bewegung.„„Ja, ich ſage es, Ihre beſte Freundin,““ wiederholte der Kö⸗ nig,„„um in einem ſolchen Augenblicke die Tuilerien zu verlaſſen?““„„Ich glaube, ſie findet, ſie wohne hier ſchlecht,““ erwiederte die Königin.„„Sie wohne ſchlecht? allerdings, wenn es unſere Abſicht geweſen wäre, ſie in dem an das Ihrige anſtoßenden Znmer zu laſſen; voch bei Gott! wir hätten eine Wohnung für ſie gefunden! eine Wohnung für ſie und für den Grafen. Nicht wahr, Graf, und ich hoffe, Sie hätten ſich nicht zu ſchwierig gezeigt?““„„Sire,““ erwiederte ich,„„der König weiß, daß ich mich immer für befriedigt durch den Poſten halten werde, den er mir anweiſt, wenn mir dieſer Poſten nur Gelegenheit gibt, ihm zu dienen.““„„Ei! das wußte ich wohl,““ ſagte der König;„„ſomit hat ſich die Frau Gräfin alſo zurückgezogen, und wohin, Madame? wiſſen Sie es 2““ „„Nein, Sire, ich weiß es nicht.““„Wie! Ihre Freun⸗ din verläßt Sie, und Sie fragen ſie nicht, wohin Sie gehe?““„Verlaſſen mich meine Freunde, ſo ſieht es ihnen frei, zu gehen, wohin ſie wollen, und ich bin nicht ſo indisecret, ſie zu fragen, wohin ſie gehen.““„„Gut!““ ſagte der König zu mir,„„Weiberzwiſt!... Herr von Charny, ich habe ein paar Worte mit der Königin zu ſprechen; erwarten Sie mich in meinem Zimmer und ſtellen Sie mir Ihren Bruder vor. Er wird noch heute Abend nach Turin abreiſen; ich bin Ihrer Anſicht, Herr von Charny, ich bedarf Ihrer und ich behalte Sie.““ Ich ſchickte nach meinem Bruder, der ſo eben angekom⸗ men war und mich, wie man mir hatte ſagen laſſen, im grünen Salon erwartete.“ Bei den Worten im grünen Salon kehrte Andrée, welche Sebaſtian beinahe vergeſſen hatte, ſo viel Intereſſe ſchlen ſie an der Erzählung des Grafen zu nehmen, im Geiſte zu Allem dem zurück, was zwiſchen ihr und ihrem Sohne vorgefallen war, und ſchaute mit Bangigkeit nach der Thüre des Schlafzimmers, wo ſie ihn eingeſperrt hatte. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte Charny,„ich be⸗ fürchte, ich erzähle Ihnen von Dingen, die Sie nur wenig intereſſiren, und ohne Zweifel fragen Sie ſich, warum ich hier ſei, und was ich hier machen wolle.“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte Andrée,„ganz im Gegentheil, was Sie mir zu erzählen die Güte haben, iſt für mich äußerſt intereſſant; und was Ihre Gegenwart bei mir betrifft, ſo wiſſen Sie, daß nach den Befürch⸗ tungen, die ich in Beziehung auf Sie gehegt habe, dieſe Gegenwart, welche beweiſt, daß Ihnen perſönlich kein Unglück zugeſtoßen iſt, mir nur ſehr angenehm ſein kann. Ich bitte alſo, fahren Sie fort, der König hieß Sie ihn in ſeinem Zimmer erwarten, und Sie ließen Ihren Bru⸗ der benachrichtigen.“ „Wir begaben uns in das Zimmer des Königs; zehn Minuten nach uns kam er zuräck. Da die Sendung an 1²⁰ die Prinzen dringend war, ſo fing der König mit ihr an. Sie hatten zum Zwecke, Ihre Hoheiten von den Ereig⸗ niſſen, welche ſo eben vorgefallen, zu unterrichten. Eine Viertelſtunde nach der Rückkehr Seiner Majeſtät war mein Bruder nach Turin abgereiſt. Wir blieben allein. Der König ging einen Augenblick nachdenkend auf und ab; plotzlich blieb er vor mir ſtehen und ſagte:„„Herr Graf, wiſſen Sie, was zwiſchen der Gräfin und der Koͤnigin vorgefallen iſt?““„„Nein, Sire,““ antwortete ich.„„Es muß aber etwas vorgefallen ſein,““ fügte er bei,„„denn ich habe die Königin in einer moͤrderiſchen Laune und ſogar, wie es mir ſchien, ungerecht gegen die Gräfin ge⸗ funden, was nicht ihre Gewohnheit bei ihren Freunden iſt, welche ſie, wie Sie wiſſen, vertheidigt, ſelbſt wenn ſie Unrecht haben.“„„Ich kann Eurer Majeſtät nur wie⸗ derholen, was ich ihr zu ſagen die Ehre gehabt habe,““ verſetzte ich.„„Ich weiß durchaus nicht, was zwiſchen der Königin und der Gräſin vorgefallen iſt, und nicht einmal, ob etwas vorgefallen iſt. Immerhin aber, Sire, wage ich es, zu behaupten, daß, wenn auf der einen oder der andern Seite ein Unrecht iſt, vorausgeſetzt, eine Koͤnigin könne ein Unrecht begehen, dieſes Unrecht nicht von der Seite der Gräfin fommt.““ „Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie ſo gut von mir gedacht haben,“ ſprach Andrée. Charny verbeugte ſich. 4 „„In jedem Falle,““ ſagte der König,„„wenn die Königin nicht weiß, wo die Gräfin iſt, müſſen Sie es wiſſen.“ Ich war eben ſo wenig unterrichtet, als die Königin, dennoch antwortete ich:„„Sire, ich weiß, daß die Frau Gräfin ein Abſteigequartier in der Rue Cog⸗ Héron hat, und dahin wird ſie ſich ohne Zweifel zurück⸗ gezogen haben.“„„Ja, ohne Zweifel iſt ſie dort,““ ſagte der König.„Gehen Sie dahin, ich gebe Ihnen Urlaub bis morgen, unter der Bedingung, daß Sie uns morgen die Gräſin zurückbringen.“ 12¹ Der Blick von Charnh hatte ſich, während er dieſe Worte ſprach, ſo feſt auf die Gräfin geheftet, daß es dieſer ganz unbehaglich zu Muthe wurde, und daß ſie, da ſie fühlte, ſie könne dieſem Blicke nicht ausweichen, die Augen ſchloß. Sie ſagen ihr,““ fuhr Charny immer im Namen des Königs ſprechend fort,„Sie ſagen ihr, wir werden eine Wohnung für ſie finden, und müßte ich ſelbſt ſuchen, eine Wohnung allerdings weniger groß als die, welche ſie in Verſailles hatte, jedoch hinreichend für einen Mann und eine Frau. Gehen Sie, Herr von Charny, gehen Sie; die Gräfin muß über Sie in Unruhe ſein, und Sie müſſen über die Gräfin in Unruhe ſein.““ Als ich ſchon ein paar Schritte gegen die Thüre gemacht hatte, rief er mich dann zurück und ſagte, indem er mir die Hand reichte, die ich küßte:„Ahl Herr von Charny, da i Sie in Trauer ſah, ſo hätte ich hiemit anfangen müſſen“ Sie haben das Unglück gehabt, Ihren Bruder zu verlieren; man iſt, und wenn man auch König, unver⸗ moͤgend, bei einem ſolchen Unglück zu tröſten; doch als Foͤnig kann man ſagen:„— War Ihr Bruder verhei⸗ rathet? hatte er eine Frau, Kinder 2 können dieſe Frau und dieſe Kinder von mir avoptirt werden 7.—“ Dann, mein Herr, wenn ſolche vorhanden find, bringen Sie mir ſie, ſtellen Sie mir ſie vor. Die Königin wird ſich der Mutter annehmen, ich werde mich der Kinder annehmen.““ Und als bei dieſen Worten Thränen am Rande der Augenlider von Charny erſchienen, fragte Andrée: „Ohne Zweifel wiederholte der König nur, was Ihnen die Königin geſagt hatte?“ „Die Königin,“ antwortete Charny mit einer zittern⸗ den Stimme,„die Königin hatte mir nicht einmal die Ehre erwieſen, ein Wort in dieſer Hinſicht an mich zu richten, und darum rührte mich die Erinnerung des Koͤnigs ſo tief, vaß er, als er mich in Thränen ausbre⸗ chen ſah, zu mir ſagte:„„Ah! ah! Herr von Charny, 122 ich habe vielleicht Unrecht gehabt, hievon mit Ihnen zu ſprechen; doch ich handle beinahe immer unter der Ein⸗ gebung meines Herzens, und mein Herz hieß mich thun, was ich gethan habe. Kehren Sie zu Ihrer theuren Andrée zurück, Graf; denn wenn uns die Leute, die uns lieben, auch nicht troſten können, ſo können ſie doch mit uns weinen und wir können mit ihnen weinen, was immer eine große Erleichterung iſt.“ Und ſo,“ fügte Charny hinzu, „ſo bin ich auf Befehl des Koͤnigs gekemmen, Madame weshalb Sie mich vielleicht entſchuldigen werden.“ „Ah! mein Herr,“ rief Andrée, indem ſie raſch auf⸗ ſtand und Charny ihre beiden Hände reichte,„zweifeln Sie daran?“ Charny ergriff lebhaft vieſe Hände und vrückte ſeine Lippen darauf. Andrée ſließ einen Schrei aus, als wären dieſe Lippen ein glühendes Eiſen geweſen, und fiel guf das Canapé zurück. Doch ihre Hände hatten ſich krampfhaft an die von Charny angeklammert, ſo daß ſie, auf das Canaps zu⸗ rückfallend, Charny nachzog, wodurch er ſich, ohne daß ſie es gewollt, ohne daß er es gewollt, neben ihr fitzend fand. In dieſem Augenblick entfernte ſich Andrée, welche Geräuſch im anſtoßenden Zimmer gehört zu haben glaubte, ſo raſch von Charny, daß dieſer, der nicht wußte, welchem Gefühle er ſowohl den von ihr ausgeſtoßenen Schrei, als die raſche Bewegung, die ſie gemacht, zuſchreiben ſollte, ſchnell ſich erhob und ſogleich wieder vor ihr ſtand. Penkwürdigkeiten eines Atztes. Von — Alexandre Bumas. Vierte Abtheilung: Die Grüfin von Charny. Drittes bis ſechstes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen von Pr. Auguſt Joller. Stuttgart: Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. XII. Das Schlafzimmer. Charny ſtützte ſich auf die Lehne des Canapé und ſtieß einen Seufzer aus. Andrée ließ ihren Kopf auf ihre Hand fallen. Der Seufzer von Charny hatte ihren Seufzer in die tiefſte Tiefe ihrer Bruſt zurückgedrängt. Was in dieſem Augenblick im Herzen der jungen Frau vorging, läßt ſich durchaus nicht beſchreiben. Seit vier Jahren an einen Mann verheirathet, den ſte anbetete, ohne daß dieſer, beſtändig mit einer andern Frou beſchäftigte, Mann je eine Idee von dem furcht⸗ baren Opfer gehabt, vas ſie ihn heirathend gebracht, hatte ſie, mit der Verleugnung ihrer doppelten Pflicht als Frau und als Unterthanin, Alles geſehen, Alles er⸗ tragen, Alles in ſich ſelbſt verſchloſſen; endlich, ſeit eini⸗ ger Zeit, ſchien es ihr nach einigen ſanfteren Blicken ihres Gatten, nach einigen härteren Worten der Königin, ihre Ergebenheit ſei nicht ganz unfruchtbar. Während der jüngſt vergangenen Tage, entſetzlicher Tage voller unabläſſiger Bangigkeiten für Jedermann, hatte Andrée, allein vielleicht inmitten aller dieſer Hoͤflinge und unter dieſen erſchrockenen Dienern, freudige Gemüthsbewegun⸗ gen und ſüße Schauer empfunden; dies war ſo, wenn in äußerſten Momenten Charny ſich durch eine Geberde, Die Gräfin von Charny. I. 1 2 vurch einen Blick, durch ein Wort mit ihr zu beſchäftigen, ſie unruhig zu ſuchen, zu ſeiner Freude wieverzufinden ſchien; es war ein leichter, verſtohlener Händedruck, der ein von der Menge, die ſie umgab, unbemerktes Gefühl mittheilte und für ſie allein einen gemeinſchaftlichen Ge⸗ vanken leben machte; es waren köſtliche Empfindungen, unbekannt dieſem Schneekörper und dieſen Demantherzen, welches von der Liebe nur das gekannt hatte, was ſie Schmerzlichſtes hat: die Einſamkeit. Und plötzlich, in dem Augenblick, wo das arme ver⸗ einzelte Geſchöpf ihr Kind wiedergefunden hatte und wieder Mutter geworden war, erhob ſich etwas wie eine Liebes⸗ morgendämmerung an ihrem bis dahin traurigen, düſteren Horizont. Nur,— ſeltſames Zuſammentreffen, was be⸗ wies, daß das Glück nicht für ſie gemacht war,— nur combinirten ſich vieſe zwei Ereigniſſe auf eine Art, daß vas eine das andere zerſtörte, und daß unvermeidlich die Rückkehr des Gatten die Liebe des Kindes vertrieb, weil die Gegenwart des Kindes die entſtehende Liebe des Gatten tödtete. Dies konnte Charny nicht errathen in dem dem Munde von Andrée entſchlüpften Schrei, in der Hand, die ihn zurückgeſtoßen, und in dem Stillſchweigen voll Traurigkeit, das auf dieſen Schrei, der ſo ähnlich einem Schmerzensſchrei, während es doch ein Liebesausruf war, und auf dieſe Bewegung folgte, von der man hätte glau⸗ ben können, ſie ſei vom Widerwillen eingegeben, indeß ſie nur die Angſt veranlaßt hatte. Charny betrachtete ein paar Secunden lang Andrée mit einem Auspruck, in dem ſich die junge Frau nicht getäuſcht haben würde, hätte ſie ihre Augen zu ihm auf⸗ geſchlagen. Charny ſtieß einen Seufzer aus und fragte dann, das Geſpräch da wieder aufnehmend, wo er es verlaſſen hatte: „Wos ſoll ich vem König melden, Madame?“ Andrée bebte beim Tone dieſer Stimme; dann ſchlug 1 S— ꝛ —,—— 3 ſie ihr klares, durchſichtiges Auge zum Grafen auf und erwiederte: „Mein Herr, ich habe ſo ſehr gelitten, ſeitdem ich am Hofe wohne, daß ich, da die Königin die Güte ge⸗ habt hat, mir meinen Abſchied zu geben, dieſen Abſchied mit Dank annehme. Ich bin nicht geboren, um in der Welt zu leben, und ich habe immer in der Einſamkeit, wenn nicht das Glück, doch wenigſtens die Ruhe gefunden. Die glücklichſten Tage meines Lebens ſind die Tage, die ich, ein junges Mädchen, im Schloſſe Taverney zugebracht, und ſpäter die, welche ich in der Zurückge⸗ zogenheit im Kloſter von Saint⸗Denis bei jener edlen Tochter von Frankreich, die man Madame Louiſe nannte, verweilt habe. Mit Ihrer Erlaubniß aber, mein Herr, werde ich dieſen Pavillon bewohnen, der für mich voll von Erinnerungen, die, obgleich traurig, nicht ganz ohne Süßigkeit ſind.“ Bei dieſer Erlaubniß, um die ihn Andrée bat, ver⸗ beugte ſich Charny wie ein Menſch, der bereit iſt, nicht nur eine Bitte zu gewähren, ſondern auch einem Befehle zu gehorchen. ſ „Madame,“ ſagte er,„das iſt alſo ein efaßter cugii 9„das iſt alſt 8 „Ja, mein Herr,“ antwortete Andrée ſanft, aber feſt. Charny verbeugte ſich abermals und ſprach: „Nun, Madame, habe ich Sie nur noch Eines zu fragen: wird es mir geſtattet ſein, Sie hier zu beſuchen?“ Andrée heftete auf Charny ihr großes, durchſichtiges, gewöhnlich ruhiges und kaltes, nun aber von Erſtaunen und fanfter Freundlichkeit erfülltes Auge und erwiederte: „Allerdings, mein Herr, und da ich Niemand ſehen werde, ſo werde ich, erlauben Ihnen die Pflichten, die Sie in den Tuilerien zu erfüllen haben, ein paar Augen⸗ blicke zu verlieren, immer dankbar ſein, wenn Sie die⸗ ſelben mir widmen, ſo kurz ſie auch ſein mögen.“ Charny hatte nie ſo viel Holdſeligkeit im Auge von 4 Andrée geſehen, er hatte nie vieſen Ausdruck von Zärt⸗ lichkeit in ihrer Stimme bemerkt. Es durchlief etwas wie jener zarte Schauer, den eine erſte Liebkoſung gibt, ſeine Adern. Er heftete ſeinen Blick auf den Platz, den er neben Andrée eingenommen, und der, ſeitdem er aufgeſtanden, leer geblieben war. Charny würde ein Jahr von ſeinem Leben gegeben haben, um ſich dahin zu ſetzen, ohne daß Andrée ihn zu⸗ rückgeſtoßen hätte, wie ſie es das erſte Mal gethan. Aber, ſchüchtern wie ein Kind, wagte er es nicht, ohne dazu ermuthigt zu werden⸗ Andrée hätte nicht ein Jahr, ſondern zehn Jahre gegeben, um hier an ihrer Seite denjenigen zu fühlen, welcher ſo lange von ihr entfernt geweſen war. Leider kannte keines von ihnen das undere, und jedes verhielt ſich unbeweglich, in einer beinahe ſchmerzlichen Erwartung. Charny brach abermals zuerſt das Stillſchweigen, dem nur derjenige, welchem es geſtattet iſt, im Herzen zu leſen, ſeine wahre Deutung geben konnte. „Sie ſagen, Sie haben viel gelitten, ſeitdem Sie am Hofe wohnen, Madame?“ fragte er.„Hatte der König nicht immer für Sie eine Achtung, welche bis zur Ver⸗ ehrung ging, und die Königin eine Zärtlichkeit, welche bis zur Abgötterei ging?“ „Ach! ja, mein Herr,“ erwiederte Andrée,„der König iſt ſtets vortrefflich gegen mich geweſen.“ „Erlauben Sie mir, zu bemerken, Madame, daß Sie nur auf einen Theil meiner Frage antworten: ſollte die Königin minder vortrefflich gegen Sie geweſen ſein, als es der König war?“ Die Kinnladen von Andrée preßten ſich zuſammen, als ſträubte ſich die empörte Natur gegen eine Antwort. Endlich aber ſprach ſie mit einer Anſtrengung:; „Ich habe der Königin nichts vorzuwerfen, und es —— 7— N—— 5 wäre unbillig von mir, wenn ich Ihrer Majeſtät nicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließe.“ „Ich ſage Ihnen das, Mavame,“ fuhr Charny fort, „weil ſeit einiger Zeit ich täuſche mich ohne Zwei⸗ fel.„doch mir ſcheint, die Freundſchaft, die ſie für Sie hegte, hat eine Erſchütterung erlitten.“ „Das iſt moͤglich, mein Herr,“ verſetzte Andrée, „und darum wünſche ich, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, den Hof zu verlaſſen.“ „Aber, Madame, Sie werden ſehr allein, ſehr ver⸗ einzelt ſein!“ „Bin ich es nicht immer geweſen, mein Herr,“ er⸗ wiederte Andrée mit einem S ufzer,„als Kind„als Mädchen und als 2 Andrée hielt inne: ſie ſah, daß ſie zu weit zu gehen im Begriffe war. „Vollenden Sie, Madame,“ ſprach Charny. „Oh! Sie haben mich errathen, mein Herr. ich wollte ſagen: und als Frau.. „Sollte ich ſo glücklich ſein, vaß Sie mir einen Vorwurf zu machen die Güte hätten?“ „Einen Vorwurf, mein Herr!“ verſetzte Andrée leb⸗ haft;„großer Gott! welches Recht hätte ich, Ihnen einen Vorwurf zu machen?.. Glauben Sie, ich habe die Umſtände vergeſſen, unter denen wir uns verbunden 2... Ganz das Gegentheil von denjenigen, die ſich am Fuße der Altäre gegenſeitige Liebe, gegenſeitigen Schutz ſchwö⸗ ren, haben wir uns ewige Gleichgültigkeit, völlige Tren⸗ nung geſchworen. Wir würden uns alſo nur einen Vor⸗ wurfzu machen haben, wenn eines von uns ſeinen Schwur vergeſſen hätte.“ Ein Seufzer, zurückgedrängt durch die Worte von Andrée, fiel auf das Herz von Charny. „Ich ſehe, daß Ihr Entſchluß feſt ſteht, Madame.“ ſprach er;„wollen Sie mir aber wenigſtens erlauben, 6 mich um die Art zu bekümmern, wie Sie hier leben werden 2 Werden Sie nicht ſehr ſchlecht hier ſein?“ Andrée lächelte traurig und ſprach: „Das Haus meines Vaters war ſo dürftig, daß, mit ihm verglichen, dieſer Pavillon, ſo entblößt er Ihnen ſcheinen mag, mit einem Luxus ausgeſtattet iſt, an den ich nicht gewöhnt war.“ „Aber. der reizende Aufenthalt in Trianon„ das Schloß von Verſailles. „Oh! ich wußte wohl, daß ich nur vorübergehend dort zu verweilen hatte.“ „Werden Sie wenigſtens hier Alles haben, was für Sie nothwendig iſt?“ „Ich werde Alles wientuden, was ich einſt hatte.“ „Laſſen Sie ſehen,“ ſprach Charny, der ſich eine Idee von der zukünftigen Wohnung von Andrée machen wollte und umherzuſchauen anfing. „Was wollen Sie ſehen, mein Herr?“ fragte Andröe, indem ſie lebhaft aufſtand und einen raſchen, ängſtlichen Blick nach dem Schlafzimmer warf. „Wenn Sie nicht zu demüthig in Ihren Wün⸗ ſchen ſind, Madame, ſo iſt dieſer Pavillon wahrhaftig keine Wohnung ich bin durch ein Vorzimmer ge⸗ gangen; hier befinde ich mich im Salon; dieſe Thüre— und er öffnete eine Seitenthüre,— ah! ja, dieſe Thüre führt in ein Speiſezimmer, und jene„ Andrée ſtellte ſich behende zwiſchen den Grafen von Charny und die Thüre, auf welche er zuſchritt und hinter der ſie im Geiſte Seboſtian ſah. „Mein Herr,“ rief ſie,„ich bitte Sie inſtändig, keinen Schritt weiter.“ Und ihre ausgebreiteten Arme verſchloſſen den Durch⸗ gang „das iſt die Thüre Ihres Schlafzimmers.“ „ „Ja, ich verſtehe,“ ſagte Charny mit einem Seufzer, 7 „Ja, mein Herr,“ ſtammelte Andrée mit erſtickter Stimme. Charny ſchaute die Gräfin anz ſie zitterte und war bleich; nie hatte ſich die Angſt durch einen ſchärferen Ausbruck kundgegeben, als der war, welcher ſich auf dem Geſichte von Andrée verbreitet hatte. „Ah! Madame,“ murmelte er mit einer thränen⸗ vollen Stimme,„ich wußte wohl, daß Sie mich nicht aber ich wußte nicht, daß Sie mich ſo ſehr haſſen!“ Und unfähig, länger bei Andrée zu bleiben, ohne auszubrechen, ſchwankte er einen Augenblick wie ein Trunkener; dann aber raffte er alle ſeine Kräfte zuſam⸗ men und ſtürzte aus dem Zimmer mit einem Schmerzens⸗ ſchrei, der his im Grunde des Herzens von Andrée wiederhallte. Die junge Frau ſchaute ihm nach, bis er verſchwun⸗ den war; ſie horchte mit geſpanntem Ohr, ſo lange ſie das Geräuſch ſeines Wagens, der ſich immer mehr ent⸗ fernte, unterſcheiden konnte; dann, da ſie fühlte, daß ihr Herz dem Brechen nahe war, und da ſie begriff, daß ſie nicht zu viel mütterliche Liebe hatte, um dieſe andere Liebe zu bekämpfen, eilte ſie in das Schlafzimmer und rief: „Sebaſtian! Sebaſtian!“ Aber keine Stimme antwortete der ihrigen, und auf dieſen Schmerzensſchrei forderte ſie vergebens ein tröſten⸗ des Echo. Beim Scheine der Nachtlampe, die das Zimmer erleuchtete, ſchaute ſie ängſtlich umher, und ſie bemerkte, daß das Zimmer leer war. Und ſie konnte doch kaum ihren Augen trauen. Zum zweiten Male rief ſie:„Sebaſtian! Sebaſtian!“ Dasſelbe Stillſchweigen. Nun erſt gewahrte ſie, baß das Fenſter offen ſtand, und daß die äußere Luft, in das Zimmer eindringend, die Flamme der Nachtlampe zittern machte. 8 Es war dasſelbe Fenſter, das man ſchon offen ge⸗ funden, als, fünfzehn Jahre früher, das Kind zum erſten Mal verſchwunden war. „Ah! ganz richtig!“ rief ſie,„hat er mir nicht ge⸗ ſagt, ich ſei nicht ſeine Mutter?“ Da begriff Andrée, daß ſie zugleich Alles, Kind und Gatten, verlor, in dem Augenblick, wo ſie beinahe Alles wiedergefunden hätte; ſie warf ſich, die Arme aus⸗ gebreitet, die Hände krampfhaft zuſammengezogen, auf ihr Bett; nun waren ihre Kräfte, ihre Ergebung, ihre Gebete erſchoͤpft. Sie hatte nur noch Schreie, Thränen, Schluchzen und ein ungeheures Gefühl ihres Schmerzes. Eine Stunde ungefähr verging in dieſer tiefen Ver⸗ nichtung, in dieſem Vergeſſen der ganzen Welt, in die⸗ ſem Wunſche nach allgemeiner Zerſtörung', der die Men⸗ ſchen in der Hoffnung erfaßt, in das Nichts zurück⸗ kehrend„werde ſie die Welt mit ſich fortreißen. Plotzlich ſchien es Andrée, etwas noch Gräßlicheres als ihr Schmerz ſchlüpfe zwiſchen dieſen Schmerz und ihre Thränen. Ein Gefühl, das ſie nur drei oder vier⸗ mal gehabt, und das immer den äußerſten Kriſen ihres Daſeins vorhergegangen war, raubte ihr langſam Alles, was Lebendiges in ihr blieb. Durch eine von ihrem Willen beinahe unabhängige Bewegung erhob ſie ſich allmälig; ihre bebende Stimme erloſch in ihrer Kehle; wie unwillkürlich angezogen, drehte ſich ihr ganzer Kör⸗ per um ſich ſelbſt. Durch den feuchten Nebel ihrer Thränen glaubten ihre Augen zu unterſcheiden, daß ſie nicht allein war. Vertrocknend, firirte ſich ihr Blick und klärte ſich auf: ein Mann, der über das Fenſtergefims geſtiegen zu ſein ſchien, um in das Zimmer einzupringen, ſtand vor ihr. Sie wollte rufen, ſchreien, die Hand nach einer Klingelſchnur ausſtrecken, doch das war unmöglich... ſie empfand die unüberwindliche Erſtarrung, welche ihr zinſt die Gegenwart von Balſamo bezeichnete. Envlich ——* —— 9 erkannte ſie in dem vor ihr ſtehenden Mann, der ſie mit dem Blicke und der Geberde bezauberte, Gilbert. Wie befand ſich Gilbert, der verfluchte Vater, am Platze des innig geliebten Sohnes, den ſie ſuchte? Dies beabſichtigen wir dem Leſer zu erklären. XIII. Ein bekannter Weg. Es war wirklich der Doctor Gilbert mit dem König in den Augenblick eingeſchloſſen geweſen, wo, nach dem Befehle von Iſidor und auf die Bitte von Sebaſtian, der Huiſſier ſich erkundigt hatte. Nach ungefähr einer halben Stunde ging Gllbert weg. Der König faßte immer mehr Vertrauen zu ihm; das redliche Herz des Königs ſchätzte, was an Biederkeit im Herzen von Gilbert war. Sobald er herauskam, meldeie ihm der Huiſſier, er werde im Vorzimmer der Königin erwartet. Er war eben in den Corridor eingetreten, der dahin führte, als ein paar Schritte von ihm eine Nebenthüre geoffnet wurde, aus der ein junger Mann trat, welcher, ohne Zweifel mit der Oertlichkeit nicht vertraut, zögerte, ob er rechts oder links gehen ſollte. Dieſer junge Mann ſah Gilbert auf ſich zukommen und blieb ſtehen, um ihn zu befragen. Plötzlich blieb Gilbert auch ſtehen: die Flamme einer Laterne trof ge⸗ rade auf vas Geſicht des jungen Mannes. 10 „Herr Iſidor von Charny!..“ rief Gilbert. „Der Doctor Gilbert!..“ erwiederte Iſidor. „Erwieſen Sie mir die Ehre, nach mir zu fragen?“ „Ja, Doctor, ja, ich. und dann noch 4 „Wer?“ „Einer, den Sie mit Vergnügen wiederſehen werden,“ fuhr Iſidor fort. „Sollte es indiscret ſein, Sie zu fragen, wer?“ „Nein! doch es wäre grauſam, Sie länger aufzu⸗ halten Kommen Sie„ oder führen Sie mich vielmehr in denjenigen Theil der königlichen Vorzimmer, welchen man ven grünen Salon nennt.“ „Bei meiner Treue,“ ſagte Gilbert lächelnd,„ich vin ſelbſt nicht viel ſtärker in der Topographie der Pa⸗ läſte, und beſonders in der des Palaſtes der Tuilerien, dennoch aber will ich es verſuchen, Ihr Führer zu ſein.“ Gilbert ging voran und drückte nach einigem Um⸗ hertappen eine Thüre auf. Dieſe Thüre führte in den grünen Salon. Nur war der grüne Salon leer. Iſidor ſuchte mit den Augen umher und rief nach einem Huiſſier. Die Verwirrung war noch ſo groß im Pa⸗ laſte, daß ſich, gegen alle Regeln der Etiquette, kein Huiſ⸗ ſier im Vorzimmer fand. „Einen Augenblick Geduld,“ ſprach Gilbert;„ieſer Menſch kann nicht fern ſein, und mittlerweile, mein Herr, wenn ſich dieſer Mittheilung nicht etwas wiverſetzt, ſagen Sie mir, ich bitte Sie, wer mich erwartete.“ Iſidor ſchaute unruhig umher. „Errathen Sie nicht?“ fragte er. „Nein.“ „Einer, den ich auf der Landſtraße traf, und der, beſorgt über das, was Ihnen begegnet ſein konnte, zu Fuße nach Paris ging„Einer, den ich hinter mich auf mein Pferd nahm und hierher führte.“ „Sie ſprechen nicht von Pitou?“ 1¹ „Nein, Doctor. Ich ſpreche bon Ihrem Sohne, von Sebaſtian.“ „Von Sebaſtian! rief Gilbert.„Nun! wo iſt er denn?“ ² Und ſein Auge durchlief raſch alle Winkel des großen Salon. „Er war hier; er verſprach, mich zu erwarten. Ohne Zweifel wird ihn der Huiſſier, vem ich ihn empfoh⸗ len, da er ihn nicht allein laſſen wollte, mit ſich genom⸗ men haben.“ In dieſem Augenblick kehrte der Huiſſier zurück. Er war allein. „Was iſt aus dem jungen Menſchen geworden, den ich hier gelaſſen habe?“ fragte Iſidor. „Welchen jungen Menſchen meinen Sie?“ verſetzte der Huiſſier. Gilbert beſaß eine ungeheure Selbſtbeherrſchung. Er fühlte, wie er bebte, doch er bewältigte ſich. Er trat ebenfalls hinzu. „Ah! mein Gott!“ murmelte unwillkürlich der Ba⸗ Charny, von einem Anfange von Beſorgniß er⸗ griffen. „Mein Herr,“ ſprach Gilbert mit feſter Stimme zum Huiſſier,„ſammeln Sie alle Ihre Erinnerungen. Dieſer Knabe iſt mein Sohn.„ er kennt Paris nicht, und iſt er unglücklicher Weiſe aus dem Schloſſe weg⸗ gegangen, ſo läuft er, da er Paris nicht kennt, Gefahr, ſich zu verirren.“ „Ein Knabe?“ ſagte ein zweiter Huiſſier, der ge⸗ rade eintrat. „Ja, ein Knabe, beinahe ein junger Mann.“ „Etwa fünfzehn Jahre alt?“ „So iſt es.“. „Ich habe ihn in den Gängen geſehen; er folgte einer Dame, welche von Ihrer Majeſtät herauskam.“ „Und dieſe Dame, wiſſen Sie, wer es war?“ 12 „Nein. Sie trug ihre Mante auf die Augen vor⸗ geſchlagen.“ „Aber was that ſie denn?“ „Sie ſchien zu fliehen, und das Kind verfolgte ſie und rief:„„Madame!““ 5 „Gehen wir hinab,“ ſprach Gilbert,„der Concierge wird uns ſagen, ob er ſich entfernt hat.“ Iſidor und Gilbert gingen durch denſelben Corridor, durch den eine Stunde vorher Andrée, verfolgt von Se⸗ baſtian, gelaufen war. Man kam zu der Thüre des Prinzenhofes und be⸗ fragte den Concierge. „Ja, in der That,“ antwortete er,„ich habe eine Frau geſehen, welche ſo raſch ging, daß ſie zu fliehen ſchien; ein Knabe kam hinter ihr.. Sie ſtieg in den Wagen; der Knabe ſtürzte ihr nach und erreichte ſie.“ „Hernach?“ fragte Gilbert. „Hernach zog die Dame den Knaben in den Wagen, umarmte ihn voll Leivenſchaft, gab ihre Adreſſe, ſchloß wieder den Schlag, und der Wagen fuhr ab.“ „Haben Sie die Adreſſe behalten?“ fragte Gilbert mit Bangigkeit. „Ja, vollkommen: Rue Coq⸗Héron, Nr. 9, der erſte Thorweg von der RuePlatriöre aus.“ Gilbert bebte. „Ei!“ ſagte Ifidor,„dieſe Adreſſe iſt die meiner Schwägerin, der Gräfin von Charny.“ „Verhängniß!“ murmelte Gilbert. In jener Zeit war man zu philoſophiſch, um zu ſagen: Vorſehung. Dann fügte er bei: „Er wird ſie erkannt haben.“ „Nun,“ ſprach Iſidor,„laſſen Sie uns zur Gräfin von Charny gehen.“ Gilbert begriff, in welche Lage er Andrée brächte, 13 würde er bei ihr mit dem Bruder ihres Gatten er⸗ ſcheinen. „Mein Herr,“ erwiederte er,„ſobald mein Sohn bei der Frau Gräfin von Charny iſt, befindeter ſich in Sicher⸗ heit, und da ich vie Ehre habe, ſie zu kennen, ſo glaube ich, daß es, ſtatt mich zu begleiten, geeigneter wäre, wenn Sie ſich auf den Weg begeben würden, denn nach dem, was ich beim König habe ſagen hören, nehme ich an, daß Sie es ſind, der nach Turin reiſt.“ „Ja, mein Herr.“ „So empfangen Sie meinen Dank für das, was Sie für Sebaſtian zu thun die Güte gehabt haben, und rei⸗ ſen Sie, ohne eine Minute zu verlieren.“ „Aber, Doctor.... „Mein Herr, ſobald ein Vater Ihnen ſagt, er ſei unbeſorgt, reiſen Sie. An welchem Orte Sebaſtian nun ſein mag, bei der Gräfin von Charny oder anderswo, befürchten Sie nichts, mein Sohn wird ſich wiederfinden.“ „Da Sie es wollen, Doctor.. „Ich bitte Sie darum.“ Iſidor reichte die Hand Gilbert, der ſie ihm mit mehr Herzlichkeit drückte, als er dies bei den Menſchen von ſeiner Klaſſe zu thun pflegte, und während Iſidor ins Schloß zurückkehrte, gelangte er auf den Carrouſel⸗ Platz, von da in die Rue de Chartres, ging ſchräge über den Platz des Palais Rohal, dann an der Rue Saint⸗ Honoré hin, und, einen Augenblick in dieſem Irrſal von Gäßchen verloren, befand er ſich bald an der Ecke von zwei Straßen. Das waren die Rue Platriere und die Rue Cog⸗ Héron. Dieſe Straßen hatten beide für Gilbert erſchreckliche Erinnerungen; hier, gerade an dem Orte, wo er ſich befand, hatte ſehr oft ſein Herz noch heftiger vielleicht geſchlagen, als es zu dieſer Stunde ſchlug; er ſchien auch einen Augenblick zwiſchen den zwei Straßen zu zögern, 14 voch er entſchloß ſich dann raſch und wählte die Rue Coq⸗Héron. Die Thüre von Andrée, dieſer Thorweg des Hauſes Rr. 9 war ihm wohl bekannt; alſo nicht, weil er ſich zu täuſchen befürchtete, blieb er hier ſtehen. Nein, er ſuchte offenbar einen Vorwand, um in dieſes Haus einzudringen, und da er dieſen Vorwand nicht gefunden hatte, ſo ſuchte er ein Mittel. Die Thüre, an welche er gedrückt, um zu ſehen, ob ſie nicht durch eines von den Wundern, die der Zu⸗ fall zuweilen zu Gunſten von Leuten thut, welche in Verlegenheit find, offen ſei, hatte widerſtanden. Er ging längs ver Mauer hin. Die Mauer war zehn Fuß hoch. Dieſe Höhe kannte er wohl; doch er ſuchte, ob nicht ein von einem Fuhrmann längs dieſer Mauer vergeſſener Karren ihm das Mittel gebe, die Firſte zu erreichen. Einmal auf der Firſte angelangt, würde er, be⸗ hende und kräftig, wie er war, leicht in das Innere ge⸗ ſprungen ſein. Es war kein Karren an der Mauer,— folglich auch kein Mittel, um hineinzugelangen. Er näherte ſich der Thüre, ſtreckte die Hand nach dem Klopfer aus und hob dieſen aufz aber, den Kopf ſchüttelnd, ließ er ihn ſachte und ohne daß ein Geräuſch unter ſeiner Hand erwachte, wieder fallen. Offenbar hatte ein neuer Gedanke, eine beinahe ver⸗ lorene Hoffnung zurückführend, einen Schimmer in ſeinen Geiſt geworfen. „Im Ganzen,“ murmelte er,„das iſt möglich!“ Und er ſchritt wieder gegen die Rue Platriére hinauf und auf der Stelle auch in dieſe hinein. Im Vorübergehen warf er einen Blick und einen Seufzer nach dem Brunnen, in welchen er, ſechszehn Jahre früher, mehr als ein Mal das ſchwarze, harte Brod ge⸗ „ W — 15 taucht hatte, das er der Großmuth von Thereſe und der Gaftfreundſchaft von Rouſſeau verdankte. Rouſſeau war tovt, Thereſe war todt: er war groß geworden, zu Anſehen, zu Ruf, zu Vermögen gelangt. Achl war er glücklicher, weniger bewegt, weniger voller Bangigkeiten in Betreff der Gegenwart und der Zukunft, als zur Zeit, wo er, entzündet von einer tollen Leiden⸗ ſchaft, ſein Brod in dieſen Brunnen getaucht hatte? Er ging weiter. Endlich, blieb er, ohne Zögern, vor einer Gangthüre ſtehen, deren oberer Theil vergittert war. Er ſchten an ſeinem Ziele angekommen zu ſein. Einen Augenblick jevoch lehnte er ſich an die Wand, mochte ihn nun die Summe der Erinnerungen, welche dieſe kleine Thüre in ihm zurückrief, faſt erdrücken, mochte er, bei dieſer Thüre angekommen, hier eine Täuſchung zu finden befürchten. Endlich ſtrich er mit der Hand über dieſe Thüre, und mit einer unausſprechlich freudigen Empfindung fühlte er an der Mündung eines kleinen runden Loches das Schnürchen hervorſtehen, mit deſſen Hülfe man am Tage die Thüre öffnete. Gilbert erinnerte ſich, daß man zuweilen dieſes Schnürchen bei Nacht einzuziehen vergaß, und daß er eines Abends, wo er, nachdem er ſich verſpätet, haſtig nach der Manſarde zurückkehrte, die er bei Rouſſeau be⸗ wohnte, dieſes Vergeſſen benützt hatte, um hineinzugelan⸗ gen und ſein Bett zu erreichen. Wie einſt, ſchien das Haus von Leuten bewohnt zu ſein, welche arm genug waren, um die Diebe nicht zu fürchten: dieſelbe Sorgloſigkeit hatte daſſelbe Verge ſſen herbeigeführt. Gilbert zog die Schnur an. Die Thüre öffnete ſich, und er befand ſich in dem finſtern, feuchten Gange, in deſſen Hintergrunde, wie eine auf ihrem Schwanze ſitzende Schlange, die klitſchige, kleberige Treppe ſich erhob. 16 Gilbert ſchloß die Thüre ſorgfältig wieder, und tappend erreichte er die erſten Stufen der Treppe. Als er zehn Stufen hinaufgeſtiegen war, blieb er ſtehen.— Ein ſchwacher, durch ein ſchmutziges Fenſterwerk vringender Schein deutete an, daß die Wand an dieſer Stelle durchbrochen und daß die, doch ſehr finſtere, Nacht weniger finſter außen, als innen war. Durch die Scheiben, ſo ſehr ſie getrübt, ſah man die Sterne an einer Stelle des Himmels glänzen. Gilbert ſuchte den kleinen Riegel, der das Fenſter ſchloß, und ſtieg auf demſelben Wege, dem er ſchon zwei⸗ mal gefolgt war, in den Garten hinab. Trotz des Verlaufes von fünfzehn Jahren, war der Garten dem Gedächtniß von Gilbert ſo gegenwärtig, daß er Alles wiedererkannte, Gänge. Bäume, Rabatten, Alles, bis auf die mit einer Rebe geſchmückte Ecke, wo der Gärtner ſeine Leiter aufſtellte. Er wußte nicht, ob zu dieſer Stunde der Nacht die Thüren geſchloſſen waren; er wußte nicht, ob Herr von Charny ſich bei ſeiner Frau befand, oder in Ermangelung von Herrn von Charny ein Diener oder eine Kammerfrau. Zu Allem entſchloſſen, um Sebaſtian wiederzufinden, war es doch in ſeinem Geiſte feſtgeſtellt, er werde Andrée nur in der äußerſten Noth compromittiren und zuerſt Alles thun, was er könne, um ſie allein zu ſehen. Sein erſter Verſuch galt der Thüre der Freitreppe: er vrückte am Knopfe der Thüre, und dieſe gab nach. Er muthmaßte demnach, da die Thüre nicht ge⸗ ſchloſſen ſei, ſo müſſe Andrée nicht allein ſein. Iſt ihr Inneres nicht im höchſten Maße von anderen gewichtigen Dingen erfüllt und in Anſpruch genommen, ſo verſäumt es eine Frau, welche allein einen Pavillon bewohnt, nicht, die Thüre zu ſchließen. Gilbert zog ſie ſachte und geräuſchlos zu,— glüc⸗ * —. —,. 17 lich jedoch, daß er wußte, es bleibe ihm dieſer Eingang als letztes Mittel. Er ſtieg die Stufen der Freitreppe hinab und drückte ſein Auge an jenen Sommerladen, der fünfzehn Jahre vorher, plötzlich unter der Hand von Andrée ſich öffnend, ihn vor die Stirne geſtoßen,— in der Nacht, wo er, mit den hunderttauſend Thalern von Balſamo in der Hand, der Hoffärtigen ſie zu heirathen angeboten hatte. Dieſer Laden war der des Salon. Der Salon war erleuchtet. Da aber Vorhänge an den Scheiben herabſielen, ſo war es nicht möglich, etwas im Innern zu erſchauen. Plötzlich ſchien es ihm, als ſähe er auf der Erde und auf den Bäumen einen von einem offenen Fenſter herkommenden ſchwachen Schein zittern. Das offene Fenſter war das des Schlafzimmers; dieſes Fenſter erkannte er auch, denn durch dasſelbe hatte er das Kind geraubt, welches er heute ſuchte. Er trat zurück, um aus dem durch das Fenſter aus⸗ geworfenen Lichtſtrahl zu gehen und, in der Dunkelheit verborgen, ſehen zu koͤnnen, ohne geſehen zu werden. Auf einer Linie angelangt, die ihm den Blick in das Innere des Zimmers zu tauchen erlaubte, ſah er zuerſt die Thüre des Salon offen; dann entdeckte ſein Auge in dem Kreiſe, den es durchlief, das Bett⸗ Auf dem Bette war eine erſtarrte, zerzauſte, ſter⸗ bende Frau; rauhe Kehltöne, wie die des Röchelns einer mit dem Tode Ringenden, kamen aus ihrem Munde her⸗ vor, von Zeit zu Zeit unterbrochen durch Schreie und durch Schluchzen. Gilbert näherte ſich langſam, die erleuchtete Linie umgehend, in welche einzutreten er aus Furcht, geſehen zu werden, zogerte. Endlich lehnte er ſeinen bleichen Kopf an die Ecke des Fenſters. Die Gräfin von Charny... 2 3 18 Es unterlag für Gilbert keinem Zweifel mehr: dieſe Frau war Andrée, und Andrée war allein. Aber wie war Andrée allein? Warum weinte Andrée? Das konnte Gilbert nur erfahren, wenn er ſie be⸗ fragte. Da ſtieg er geräuſchlos durch das Fenſter und be⸗ fand ſich hinter ihr in dem Augenblick, wo die mag⸗ netiſche Anziehungskraft, für welche Andrée ſo zugänglich, dieſe nöthigte, ſich umzuwenden. Die zwei Feinde waren alſo abermals beiſammen. XIV. Was aus Sebaſtian geworden war. Das erſte Gefühl von Andrée, als ſie Gilbert er⸗ blickte, war nicht nur ein tiefer Schrecken, ſondern auch ein unüberwindlicher Widerwille. Für ſie war der amerikaniſche Gilbert, der Gilbert von Waſhington und Lafayette, ariſtokratifirt durch die Wiffenſchaft, durch das Studium und das Genie, immer der elende kleine Gilbert, der in den Gebüſchen von Trianon verlorene Gnom. Im Gegentheil war auf der Seite von Gilbert für Andrée, trotz der Verachtung, trotz der Beleidigungen, trotz der Verfolgungen von dieſer, nicht mehr jene glü⸗ hende Liebe, die den jungen Menſchen ein Verbrechen hatte hegehen laſſen, wohl aber die zärtliche, tieſe Theilnahme, ſe te e⸗ g h er⸗ ch ert die er on für en lů⸗ tte 19 welche den Mann angetrieben hätte, ihr einen Dienſt zu leiſten, ſelbſt auf Gefahr ſeines Lebens. In dem inneren Sinne, mit dem Gilbert von der Natur begabt worden war, in der unerſchütterlichen Ge⸗ rechtigkeit, die er von der Etziehung empfangen, hatte er ſich ſelbſt gerichtet; er hatte eingeſehen, daß alles Un⸗ glück von Andrée von ihm kam, und daß er ſeiner Schuld gegen ſie nur entledigt wäre, wenn er ihr eine Summe von Glückſeligkeit gleich der Summe von Unglück, die er ihr zugezogen, gegeben hätte. Worin und wie konnte aber Gilbert auf eine wohl⸗ thätige Art Einfluß auf vie Zukunft von Andrée üben? Dies vermochte er nicht zu begreifen. Als er daher dieſe Frau, die er ſo vielfacher Ver⸗ zweiflung preisgegeben geſehen, in einer neuen Verzweif⸗ lung wiederfand, bewegte ſich Alles, was er an mitleldi⸗ gen Fibern in ſeinem Herzen hatte, für vieſes große Mißgeſchick. Statt ſogleich die magnetiſche Macht anzuwenden, die er ſchon einmal an ihr verſucht hatte, wollte er auch ſanft mit ihr ſprechen,— entſchloſſen, wenn er Andröée widerſpänſtig fände wie immer, zu dieſem Correctivmittol, das ihm nicht entgehen konnte, zurückzukehren. Hieraus ging hervor, daß Andrée, gleich Anfangs vom magnetiſchen Fluidum umhüllt, fühlte, wie allmälig durch den Willen und, wir möchten beinahe ſagen, mit der Erlaubniß von Gilbert dieſes Fluidum ſich zerſtreute, einem Nebel ähnlich, der verdunſtet und den Augen in entfernte Horizonte zu ſchauen geſtattet. Sie nahm zuerſt das Wort und ſprach: „Was wollen Sie von mir, mein Herr? was machen Sie hier? auf welchem Wege ſind Sie hierher ge⸗ kommen?“ „Auf welchem Wege, Madame?“ erwieberte Gilbert. „Auf vemſelben, auf dem ich früher kam. Seien Sie alſo unbeſorgt, Niemand hat mich geſehen, Niemand ver⸗ 5 3 20 muthet meine Gegenwart hier... Warum ich gekommen bin 2 Ich bin gekommen, weil ich von Ihnen einen Schatz zurückzufordern habe, der, gleichgültig für Sie, für mich koſthar iſt,— meinen Sohn. Wos ſch von Ihnen will? Sie ſollen mir ſagen, wo mein Sohn iſt, den Sie mit ſich fortgezogen, in Ihrem Wagen weggeführt und hierher gebracht haben.“* „Was aus ihm geworden iſt?“ verſetzte Andrée, „weiß ich es?. Er iſt von mir geflohen... Sie haben ihn ſo gut daran gewöhnt, ſeine Mutter zu haſſen!“ „Seine Mutter, Madame! Sind Sie wirklich ſeine Mutter?“ „Oh!“ rief Andrée,„er ſieht meinen Schmerz, er hat mein Geſchrei gehört, er hat meine Verzweiflung erſchaut, und er fragt mich, ob ich ſeine Mutter ſei!“ „Sie wiſſen alſo nicht, wo er iſt?“ „Ich ſage Ihnen ja, daß er geflohen iſt, daß er in dieſem Zimmer war, daß ich hierher zurückgekehrt bin, im Glauben, ihn wiederzufinden, daß ich aber nur das Fenſter vffen und das Zimmer leer geſunden habe.“ „Mein Gott!“ rief Gilbert,„wohin wird er ge⸗ gangen ſein? Der Unglückliche kennt Paris nicht, und es iſt Mitternacht vorüber!“ „Oh!“ rief Andrée, indem ſie einen Schritt gegen Gilbert machte,„glauben Sie, es ſei ihm ein Unglück zugeſtoßen?“ „Das werden wir erfahren,“ erwiederte Gilbert; „das werden Sie mir ſagen.“ Und er ſtreckte die Hand gegen Andrée aus. „Mein Herr! mein Herr!“ rief dieſe, indem ſie zu⸗ 66 um ſich dem magnetiſchen Einfluß zu ent⸗ ziehen. „Madame,“ ſprach Gilbert,„befürchten Sſe nichts; es iſt eine Mutter, die ich über das, was aus ihrem Sohne geworden iſt, befragen will.. Sie ſind mir heilig.“ —* * — 2¹ Andrée ſtieß einen Seufzer aus und fiel, den Namen Sebaſtian murmelnd, in einen Lehnſtuhl. „Schlafen Sie,“ ſagte Gilbert,„doch, obgleich ein⸗ geſchlafen, ſehen Sie durch das Herz.“ „Ich ſchlafe,“ erwiederte Andrée. „Muß ich die ganze Kraft meines Willens anwen⸗ den,“ fragte Gilbert,„oder ſind Sie geneigt, freiwillig zu antworten?“ „Werden Sie abermals meinem Kinde ſagen, ich ſei nicht ſeine Mutter?“ „Je nachdem Lieben Sie es?“ „Ohl er fragt, ob ich es liebe, dieſes Kind meines Herzens!. Oh! ja, ja, ich liebe es glühend.“ „Dann ſind Sie ſeine Mutter, wie ich ſein Vater bin, Madame, da Sie den Knaben lieben, wie ich ihn liebe.“ „Ahl“ machte Andrée athmend. „Sie werden alſo freiwillig antworten?“ fragte Gilbert. „Werden Sie mir erlauben, ihn wiederzuſehen, wenn Sie ihn gefunden haben?“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, Sie ſeien ſeine Mutter, wie ich ſein Vater bin? Sie lieben Ihr Kind, Madame, Sie werden Ihr Kind wiederſehen.“ „Ich danke,“ ſprach Andrée mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Freude, indem ſie ihre Hände an einander ſchlug.„Nun fragen Sie, ich ſehe. nur „Was?“ „Folgen Sie ihm von ſeinem Abgang an, damit ich ſicherer bin, daß ich ſeine Spur nicht verliere.“ „Es ſei. Wo hat er Sie geſehen 2“ „Im grünen Salon.“ „Wo iſt er Ihnen gefolgt?“ 5 „Durch die Corridors.“ „Wo hat er Sie eingeholt?“ 22 „In dem Augenblick, als ich in den Wagen ſtieg.“ „Wohin haben Sie ihn geführt?“ „In den Salon„ den Salon nebenan.“ „Wohin hat er ſich geſetzt?“ S „Zu mir, auf das Canapé.“ „Iſt er lange dort geblieben?“ „Ungefähr eine halbe Stunde.“ „Warum hat er Sie verlaſſen? „Weil das Geräuſch eines Wagens hörbar wurde.“ „Wer war in dieſem Wagen?“ Andrée zögerte. „Wer war in dieſem Wagen?“ wiederholte Gilbert mit feſterem Tone unv einem noch ſtärkeren Willen. „Der Graf von Charny.“ „Wo haben Sie den Knaben verborgen?“ „Ich habe ihn in dieſes Zimmer geſchoben.“ „Was hat er Ihnen geſagt, als er dort eintrat?“ „Ich ſei nicht ſeine Mutter.“ „Warum hat er Ihnen dies geſagt?“ Andrée ſchwieg. „Warum hat er Ihnen dies geſagt? Sprechen Sie, ich will es.“ i 3 ihm geſagt habe„ e 6 ihm geſagt habe,“ antwortete Andrée mit einer Anſtrengung,„Sie ſeien ein Elender und ein Schändlicher.“ „Schauen Sie in das Herz des armen Kindes und ₰ geben Sie ſich Rechenſchaft von dem Wehe, das Sie ihm angethan haben.“ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ murmelte Andrée, „verzeih, mein Kind, verzeih.“ ete Herr von Charny, der Knabe ſei hier?“ e n.. Sie deſſen ſicher?“ 5 23 „Warum iſt er nicht geblieben?“ „Weil Herr von Charny nicht bei mir bleibt.“ „Was wollte er denn hier?“ Andrée verharrte einen Augenblick nachdenkend, dle Ahen ſtarr, als ob ſie in der Finſterniß zu ſehen uchte. 2„Oh!“ ſagte ſie,„mein Gott! mein Gott!.. Olivier! theurer Olivier!“ Gilbert ſchauke ſie mit Erſtaunen an. „Oh! ich Unglückliche!“ murmelte Andrée.„Er kam zu mir zurück um bei mir zu bleiben, hatte er dieſe Sendung ausgeſchlagen. Er liebt mich, er liebt mich!“ Gilbert ſing an verworren in dieſem gräßlichen Drama zu leſen, in das ſein Auge zuerſt drang. „Und Sie,“ fragte er,„lieben Sie ihn?“ Andrée ſeufzte. „Lieben Sie ihn?“ wiederholte Gilbert. „Warum machen Sie dieſe Frage an mich?“ ſagte Andrée. „Leſen Sie in meinem Geiſte.“ „Ach! ja, ich ſehe, Ihre Abſicht iſt gut. Sie möchten mir gern Glück genug geben, um mich vas Böſe vergeſſen zu laſſen, das Sie mir zugefügt haben; doch ich würde das Glück ausſchlagen, müßte es mir durch Ste zu⸗ zenh Ich haſſe Sie und will fortfahren, Sie zu aſſen.“ „Arme Menſchheit!“ murmelte Gilbert,„iſt dir eine ſo große Summe von Glückſeligkeit zugetheilt wor⸗ den, daß du diejenigen wählen kannſt, von welchen du ſie iti ſollſt? Sie lieben ihn alſo?“ fügte er bei. g.“ „Seit wann?“ „Seit dem Augenblick, wo ich ihn geſehen, ſeit dem Tage, wo er von Paris nach Verſailles in demſelben Wagen mit der Königin und mir zurückgekommen iſt.“ 24 „Sie wiſſen alſo, was die Llebe iſt, Andrée2“ ſagte Gilbert traurig. „Ich weiß, daß die Liebe dem Menſchen gegeben worden iſt, damit er das Maß von dem habe, was er leiden kann,“ antwortete die junge Frau. „Es iſt gut, Sie ſind nun Frau, Sie ſind nun Mutter. Ein roher Diamant, haben Sie ſich geformt in den Händen des entſetzlichen Steinſchneiders, den man den Schmerz nennt Kommen wir auf Sebaſtian zurück.“ „Ja, ja, kommen wir auf ihn zurück! Verbieten Sie mir, an Herrn von Charny zu denken; das verwirrt mich, und ſtatt meinem Kinde zu folgen, würde ich viel⸗ leicht dem Grafen folgen.“ „Es iſt gut! Gattin, vergiß Deinen Gatten! Mutter, denke nur an Dein Kind.“ Ein gewiſſer Ausdruck ſanfter Liebfreundlichkeit, der ſich einen Augenblick nicht nur der Phyſiognomie, ſon⸗ dern der ganzen Perſon von Andrée bemächtigt hatte, verſchwand, um ihrem gewöhnlichen Ausdruck Platz zu machen. „Wo war er, während Sie mit Herrn von Charny ſprachen?“ „Er war, horchend dort.. dort, an der Thüre.“ „Was hat er von dieſem Geſpräche gehört?“ „Den ganzen erſten Theil.“ „In welchem Augenblick hat er ſich entſchloſſen, die⸗ ſes Zimmer zu verlaſſen 2“ „In dem Augenblick, wo Herr von Charny„ Andrée hielt inne. „In dem Augenblick, wo Herr von Charny 2.. wiederholte Gilbert unbarmherzig. „In dem Augenblick, wo ich, als Herr von Charny mir die Hand küßte, einen Schrei ausſtieß.“ „Sie ſehen ihn alſo wohl?“ — 25 „Ja, ich ſehe ihn mit ſeiner gefalteten Stirne, ſeine Lippen zuſammengepreßt und eine von ſeinen geſchloſſe⸗ nen Fäuſten auf ſeiner Bruſt.“ „Folgen Sie ihm alſo mit den Augen, und von dieſem Momente gehören Sie nur ihm und verlieren Sie ihn nicht aus dem Blick.“ „Ich ſehe ihn, ich ſehe ihn!“ ſagte Andrée. „Was macht er?“ „Er ſchaut umher, um zu ſehen, oh nicht eine Thüre da ſei, welche nach dem Garten führt; dann, da er keine ſieht, geht er zum Fenſter, öffnet es, wirft einen letzten Blick gegen den Salon, ſchwingt ſich über das Fenſter⸗ geſims und verſchwindet.“ „Folgen Sie ihm in der Dunkelheit.“ „Ich kann nicht,“ Gilbert näherte ſich Andrée und ſtrich mit der Hand über ihre Augen. „Sie wiſſen wohl, daß es keine Nacht für Sie gibt,“ ſagte er.„Sehen Sie.“ „Ah! nun läuft er längs der Mauer hin; er er⸗ reicht die große Thüre, er oͤffnet ſie, ohne daß es Jemand ſieht, ſtürzt hinaus gegen die Rue Platrisre Ah! er bleibt ſtehen; er ſpricht mit einer vorübergehenden Frau.“ „Hören Sie wohl, und Sie werden vernehmen, was er ſie fragt.“ „Ich höre.“ „Und, was fragt er?“ „Er fragt nach der Rue Saint⸗Honoré.“ „Ja, dort wohne ichz er wird zu mir nach Hauſe gegangen ſein. Er erwartet mich, der arme Knabe!“ Andröe ſchüttelte den Kopf. „Nein!“ ſagte ſie mit einem ſichtbaren Ausdruck von Unruhe;„nein er iſt nicht nach Hauſe gegan⸗ gen„nein„er wartet nicht„ 26 „Aber wo iſt er denn?“ „Laſſen Sie mich doch ihm folgen, over ich werde ihn verlieren.“ „Ohl folgen Sie ihm, folgen Sie ihm!“ rief Gil⸗ bert, denn er hegriff, daß Andrée ein Unglück errieth. „Ah!“ ſagte fie,„ich ſehe ihn, ich ſehe ihn.“ „Gut.“ „Er tritt in die Rue de Grenelle und dann in die Rue Saint⸗Honors ein. Er läuft über den Platz des Palais Rohal. Er fragt abermals nach ſeinem Wege, er eilt abermals weiter. Mun iſt er in der Rue de Richelieu, dann in der Rue des Frondeurs dann in der Rue Neuve⸗Saint⸗Roch„Halt ein, Kind! halt ein, Unglücklicher!„ Sebaſtian! Sebaſtian! ſiehſt Du nicht jenen Wagen, der durch die Rue de la Sourdière kommt? Ich ſehe ihn, ich ſehe ihn!! die Pferde„Qch!“ Andrée ſtieß einen gräßlichen Schrei aus und richtete ſich hoch auf, die mütterliche Angſt war auf ihrem Ge⸗ ſichte gemalt, über das zugleich in großen Tropfen der Schweiß und die Thränen rollten. „Oh!, rief Gilbert,„wenn ihm ein Unglück be⸗ gegnet, erinnere Dich, daß dieſes Unglück auf Dein Haupt zurückfallen wird.“ „Ah!“ machte Andrée aufathmend, ohne auf das zu hören, was Gilbert ſagte,„ah! Gott des Himmels! ſei geprieſen! die Bruſt des Pferdes hat ihn geſtoßen und auf die Seite, aus dem Bereiche des Rades gebvorfen.. er iſt gefallen, er liegt bewußtlos auf dem Boden aus⸗ geſtreckt; doch er iſt nicht todt oh! nein nein er iſt nicht todt! ohnmächtig nur ohn⸗ mächtig! Zu Hülfe! zu Hülfel es iſt mein Kind! es iſt mein Kind!“ Und mit einem herzzerreißenden Schrei ſiel Andrée ſelbſt beinahe ohnmächtig auf ihren Lehnſtuhl zurück. Wie glühend auch Gilbert mehr zu erfahren wünſchte, ——— 27 er bewilligte doch der keuchenden Andrée dieſe Ruhe eines Augenblicks, der ſie ſo ſehr bedurſte. Er befürchtete, wenn er ſie weiter antriebe, könnte eine Fiber in ihrem Herzen zerreißen oder eine Ader in ihrem Gehirn ſpringen. Sobald er ſie aber ohne Gefahr fragen zu können glaubte, ſagte er: „Nun?“ „Warten Sie, warten Sie,“ erwiederte Andrée. „Es hat ſich ein großer Kreis um ihn gebildet. Oh! ich bitte, laßt mich durch! laßt mich ſehen: es iſt mein Sohn! es iſt mein Sebaſtian! Ach! mein Gott! iſt denn Keiner von Euch Allen ein Wundarzt?“ „Ohl ich laufe zu ihm!“ rief Gilbert. „Warten Sie,“ ſagte Andrée, indem ſie ihn am Arme zurückhielt,„die Menge tritt auf die Seite. Ohne Zweifel iſt es derjenige, welchen man ruft; ohne Zweifel iſt es derjenige, welchen man erwartet... Kommen Sie, kommen Sie, mein Herr: Sie ſehen wobl„ daß er nicht todt iſt, Sie ſehen wohl, daß man ihn retten kann.“ Und mit einem Tone, der einem Angſiſchrei glich, rief ſie: Oh!“ „Mein Gott! was iſt es?“ fragte Gilbert. „Dieſer Mann ſoll mein Kind nicht berühren, das iſt kein Menſch, das iſt ein Zwerg, das iſt ein Gnom, vas iſt ein Vampyr. Oh! wie häßlichl wie häßlich!“ „Mabame, Madame,“ murmelte Gilbert ganz ſchau⸗ ernd,„in des Himmels Namen! verlieren Sie Sebaſtian nicht aus dem Geſichte!“ „Oh!“ erwiederte Andrée, das Auge ſtarr, die Lippen bebend, den Finger ausgeſtreckt,„ſeien Sie unbeſorgt... ich folge ihm ich folge ihm „Was macht dieſer Menſch?“ „Er trägt ihn fort. Er geht die Rue de la Sourdisre hinauf; er tritt links in der Sackgaſſe Sainte⸗ 28 Hyacinthe ein; er nähert ſich einer niedrigen, offen ge⸗ bliebenen Thüre; er ſtößt ſie vollends auf, er bückt ſich, er ſteigt eine Treppe hinab. Er legt ihn auf einen Tiſch, auf dem ſich eine Feder, Tinte, handſchriſtliche und be⸗ druckte Papiere finden; er zieht ihm ſeinen Rock aus; er ſchlägt ſeine Aermel zurück; er umſchließt ihm den Arm mit Binden, die ihm eine Frau, ſo ſchmutzig und häßlich als er, bringt; er öffnet ein Behältniß; er nimmt eine Lancette heraus; er iſt im Begriff, ihm zur Ader zu laſſen.„Oh! ich will das nicht ſehen„„ich will das Blut meines Sohnes nicht ſehen!“ „Nun, ſo ſteigen Sie wieder hinauf und zählen Sie die Stufen der Treppe,“ ſagte Gilbert. „Ich habe ſie gezählt: es find eilf.“ „Unterſuchen Sie ſorgfältig die Thüre und ſagen Sie mir, ob Sie etwas Merkwürdiges daran ſehen.“ „Ja eine kleine viereckige Oeffnung, an welcher zwei Gitterſtangen im Kreuze angebracht ſind.“ „Es iſt gut, mehr brauche ich nicht.“ „Laufen Sie, laufen Sie, und Sie werden ihn da fin⸗ den, wo ich geſagt habe.“ „Wollen Sie ſogleich aufwachen und ſich erinnern? Wollen Sie erſt morgen früh aufwachen und Alles ver⸗ geſſen haben?“ „Wecken Sie mich ſogleich auf und laſſen Sie mir die Erinnerung.“ Gilbert ſtrich, ihrer Biegung folgend, mit ſeinen bei⸗ den Daumen über die Augenbrauen von Andrée, blies ihr auf die Stirne und ſprach nur die Worte: „Wachen Sie auf.“ Sogleich belebten ſich die Augen der jungen Frau; ihre Glieder wurden geſchmeidig; ſie ſchaute Gilbert bei⸗ nahe ohne Schrecken an und ſagte, wach die Ermahnun⸗ gen ihres Schlafes fortſetzend: „Oh! laufen Siel laufen Sie! und entziehen Sie ihn den Händen dieſes Menſchen, der mir bange macht!“ 29 XV. Der Mann der Place Touis XV. Gilbert brauchte nicht zu ſeinen Nachforſchungen an⸗ gefeuert zu werden. Er eilte aus dem Zimmer, und da es zu lang geweſen wäre, den Weg, auf dem er gekom⸗ men, wiever einzuſchlagen, ſon lief er gerade zu der Thüre nach der Rue Coq⸗Héron, offnete ſie ohne Hülfe eines Dieners, zog ſie hinter ſich zu und befand ſich auf dem Pflaſter des Königs. Er hatte den von Andrée bezeichneten Weg voll⸗ kommen im Kopfe behalten und folgte mit der größten Haſt der Spur von Sebaſtlan. Wie der Knabe, ſchritt er über den Platz des Pa⸗ lais Rohal und längs der Rue Saint⸗Honors hin, welche nun ganz verödet, denn es war beinahe ein Uhr Morgens. An der Ecke der Rue de la Sourdidre ange⸗ langt, wandte er ſich rechts und vann links, und er be⸗ fand ſich in der Sackgaſſe Sainte⸗Hyaeinthe. Hier begann von ſeiner Seite eine gründlichere In⸗ ſpeetion der Oertlichkeit. In der dritten Thüre links erkannte er an der kreuzförmig durch Gitterſtangen geſchloſſenen Oeffnung die von Andrée beſchriebene Thüre. Die Bezeichnung war ſo beſtimmt, daß man ſich nicht täuſchen konnte. Er klopfte an. Niemand antwortete. Er klopfte zum zweiten Male. Da glaubte er furchtſame, argwoͤhniſche Tritte an der Treppe hinſchleichen und ſich nähern zu hören. Er klopfte zum dritten Male. „Wer klopft?“ fragte eine Weiberſtimme. 30 „Oeffnen Sie,“ antwortete Gilbert,„und ſeien Sie ohne Furcht; ich bin der Vater des verwundeten Kna⸗ ben, den Sie aufgenommen haben.“ „Oeffne, Albertine,“ ſprach eine andere Stimme, „es iſt der Doctor Gilbert.“ „Mein Vater! mein Vater!“ rief eine britte Stimme, in der Gilbert die von Sebaſtian erkannte. Gilbert athmete. Die Thüre wurde geöffnet. Einen Dank ſtammelnd, eilte Gilbert die Stufen hinab. Als er unten an die letzte gekommen war, befand er ſich in einer Art von Keller, der von einer Lampe er⸗ leuchtet wurde, welche auf dem von Andrée erſchauten, mit Handſchriften und bedruckten Papieren beladenen Tiſche ſtand. Im Schatten und auf einem ärmlichen Bette lie⸗ gend, erblickte Gllbert ſeinen Sohn, der die Arme nach ihm ausſtreckte und ihn zu ſich rief. So mächtig die Selbſibeherrſchung von Gilbert war, die väterliche Liebe trug den Sieg über das philoſophiſche Decorfum davon, und er ſtürzte auf den Knaben zu und drückke ihn an ſein Herz, wobei er indeſſen beſorgt war, weder ſeinen blutenden Arm, noch ſeine Schmerzen leidende Bruſt zu quetſchen. Dann, als ſie ſich in einem langen väterlichen Kuſſe, durch das ſanfte Geflüſter von zwei Münden, die ſich ſuchen, Alles geſagt hatten, ohne ein Wort zu ſprechen, wandte ſich Gilbert gegen ſeinen Wirth um, den er kaum erblickt hatte. Dieſer ſtand da mit ausgebreiteten Beinen, eine Hand auf den Tiſch, die andere auf ſeine Hüfte geſtützt, beleuchtet von dem Lichte der Lampe, deren Deckel er weggenommen hatte, um die Scene beſſer zu genießen, welche unter ſeinen Augen vorging. „Schau, Albertine,“ ſagte er,„und danke mit mir . 31 dem Zufall, der mir einem meiner Brüder dieſen Dienſt zu leiſten erlaubt hat.“ In dem Moment, wo der Wundarzt dieſe paar ein wenig emphatiſchen Worte ſprach, wandte ſich Gilbert, wie geſagt, um und warf einen erſten Blick auf das ungeſtalte Weſen, das er vor ſich hatte.* Es war etwas Gelbes und Grünes mit grauen Augen, die ihm aus dem Kopfe hervorſtanden, einer von jenen vom Zorne von Latona verfolgten Bauern, welche, im Begriffe, ihre Metamorphoſe zu vollführen, ſchon nicht mehr Menſchen, aber noch nicht Kröten ſind. Gilbert ſchauerte unwillkürlich; es ſchien ihm, als hätte er in einem häßlichen Traume, wie durch einen Blutſchleier, dieſen Menſchen ſchon einmal geſehen. Er näherte ſich Sebaſtian und drückte ihn noch zärtlicher an ſein Herz. Gilbert überwand indeſſen dieſe erſte Bewegung und ging auf den ſeltſamen Mann zu, den Andrée in ihrem magnetiſchen Schlafe geſehen und der ſie ſo ſehr erſchreckt hatte. „Mein Herr,“ ſprach er,„empfangen Sie den Dank eines Vaters, dem Sie ſeinen Sohn erhalten haben; mein Dank iſt aufrichtig und kommt aus dem Grunde des Herzens.“ „Mein Herr,“ erwiederte der Wundatzt, ſch habe nur die Pflicht gethan, die mir zugleich von meinem Herzen eingegeben und von der Wiſſenſchaft geboten war. Ich bin Menſch und, wie Terenz ſagt, nichts Menſch⸗ liches iſt mir fremd; überdies habe ich ein zartes Ge⸗ müth, ich kann kein Inſekt und folglich noch viel weniger meines Gleichen leiden ſehen.“ „Werde ich ſo glücklich ſein, zu erfahren, mit wel⸗ chem achtenswürdigen Philanthropen ich zu ſprechen die Ehre habe?“ „Sie kennen mich nicht, Collega?“ verſetzte der Wundarzt, auf eine Weiſe lachend, die er freundlich 32 machen wollte, während ſie nur häßlich war.„Nun, ich kenne Sie: Sie ſind der Doctor Gilbert, der Freund von Waſhington und Lafayette,— er legte einen ſelt⸗ ſamen Nachdruck auf das letzte Wort,— der Mann Amerikas und Frankreichs, der ehrliche Utopiſt, der über das conſtitutionelle Königthum herrliche Memoiren ge⸗ ſchrieben hat, die Sie von Amerika aus an Seine Majeſtät König Ludwig XVI. adreſſirten, für welche Memviren Seine Majeſtät König Ludwig XVI. Sie damit be⸗ lohnt hat, daß er Sie in dem Augenblick, wo Sie den Boden Frankreichs berührten, in die Baſtille ſchickte. Sie wollten ihn dadurch retten, daß Sie ihm den Weg der Zukunft zum Voraus abräumten, er öffnete Ihnen den zu einem Gefängniß,— königliche Dankbarkeit!“ Der Wundarzt lachte abermals, doch diesmal auf eine gräßliche, drohende Art. „Wenn Sie mich kennen, mein Herr, ſo iſt dies ein Grund mehr, daß ich auf meiner Bitte beſtehe und die Ehre habe, ebenfalls Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Oh! es iſt ſchon lange her, daß wir Bekanntſchaft gemacht haben, mein Herr,“ erwiederte der Wundarzt. „Es ſind zwanzig Jahre, und zwar in einer erſchrecklichen Nacht, in der Nacht vom 30. Mai 1770. Sie waren damals im Alter dieſes Knaben; Sie wurden mir, wie er, verwundet, ſterbend, zerquetſcht gebracht; Sie wurden mir durch meinen Lehrer Rouſſeau gebracht, und ich habe Ihnen auf einem ganz mit Leichnamen und abgeſchnitte⸗ nen Gliedern umgebenen Tiſche zur Ader gelaſſen. Oh! in jener erſchrecklichen Nacht, und das iſt eine gute Er⸗ innerung für mich, habe ich mit Hülfe des Eiſens, wel⸗ ches weiß, bis wohin es eindringen muß, um zu heilen, bis wohin es ſchneiden muß, um zu vernarben, viele Eriſtenzen gerettet.“ „Ahl mein Herr,“ rief Gilbert,„dann ſind Sie Jean Paul Marat.“ Und unwillkürlich wich er einen Schritt zurück, —— 33 „Du ſiehſt, Albertine,“ ſagte Marat,„mein Name bringt ſeine Wirkung hervor.“ Und er ſchlug ein unheimliches Gelächter auf. „Aber,“ fügte Gilbert lebhaft bei,„warum hier, warum in dieſem Keller, warum beleuchtet von dieſer rauchigen Lampe? Ich glaubte, Sie ſeien Arzt des Herrn Grafen dArtois?“ „Thierarzt ſeiner Ställe, wollen Sie ſagen. Doch der Prinz iſt emigrirt; kein Prinz mehr, keine Ställe mehrz keine Ställe mehr, kein Thierarzt mehr. Ueberdies hatte ich meine Entlaſſung genommen, ich will nicht den Tyrannen dienen.“ Hier richtete ſich der Zwerg in der ganzen Höhe ſeiner kleinen Geſtalt auf. „Aber warum hier, warum in dieſem Loche, warum in dieſem Keller?“ wiederholte Gilbert. „Warum, Herr Philoſoph? Weil ich Patriot bin, weil ich ſchrelbe, um die Ehrgeizigen anzuzeigen, weil Bailly mich fürchtet, weil Necker mich verflucht, weil Lafayette Jagd auf mich macht, weil er mich von ſeiner Nationalgarde hat umſtellen laſſen, weil er einen Preis auf meinen Kopf geſetzt hat, der Ehrgeizige, der Dietator; doch ich trotze ihm! Aus der Tiefe meines Kellers ver⸗ folge ich ihn, denuncire ich ihn, den Dictator! Sie wiſ⸗ ſen, was er gethan hat?“ „Nein,“ erwiederte Gilbert naib. „Er hat im Faubourg Saint⸗Antvine fünfzehn tauſend Tabaksdoſen mit ſeinem Bildniß verfertigen laſ⸗ ſen; dahinter ſteckt etwas, wie ich glaube nicht wahr? Ich bitte auch die guten Bürger, ſie zu zer⸗ brechen, wenn ſie ſie ſich verſchaffen können; ſie werden darin den Schlüſſel des großen royaliſtiſchen Complotts finden denn,— Sie wiſſen das nicht,— während der arme Ludwig XVI. mit heißen Thränen die Dummheiten int, die ihn die Oeſterreicherin machen läßt, con⸗ ſpirirt Lafayette mit der Koͤnigin.“ Die Gräfin von Charnp. n. 3 34 Mit der Königin?“ wiederholte Gilbert nach⸗ denkend. „Ja, mit der Konigin. Sie werden mir nicht ſagen, dieſe conſpirire nicht; ſie hat in den letzten Tagen ſo viel weiße Cocarden ausgetheilt, daß das weiße Band um drei Sous die Elle aufgeſchlagen iſt. Die Sache iſt ſicher, ich weiß es von einem der Mädchen der Ber⸗ tin, der Modehändlerin der Königin, ihrer erſten Mini⸗ ſterin, derjenigen, welche ſagt:„„Ich habe dieſen Mor⸗ gen mit Ihrer Majeſtät gearbeitet.“ „Und wo zeigen Sie Alles dies an?“ fragte Gilbert. „In meiner Zeitung, in der Zeitung, die ich ge⸗ gründet, und von der ich zwanzig Nummern habe er⸗ ſcheinen laſſen, in dem Blatte l'Ami du Peuple oder le Publiciſte Pariſien, einem politiſchen und un⸗ parteiiſchen Jvurnal. Um das Papier und den Druck der erſten Nummern zu bezahlen,— ſehen Sie, ſchauen Sie hinter ſich,— habe ich ſogar die Leintücher und Decken des Bettes, auf dem Ihr Sohn liegt, verkauft.“ Gilbert wandte ſich um und fah in der That, daß der kleine Sebaſtian auf dem verzerrten Zwillich einer ratze ausgeſtreckt lag, wo er überwältigt n e Mübigkeit ſo eben einge⸗ ſchlafen war. 5. Der Doctor Fäherte ſich dem Knaben, um zu ſehen, ob dieſer Schlaf nicht eine Ohnmacht ſei; doch beruhigt vurch das ſanfte, gleichmäßige Athmen, kehrte er zu dem Mann zurück, der ihm, ohne daß er ſich veſſen erwehren konnte, vasſelbe Intereſſe der Neugierde einflößte, das ihm ein wilves Thier, ein Tiger oder eine Hyäne, einge⸗ flößt hätte. „Und wer ſind Ihre Mitarbeiter bei dieſem rieſigen Werfe?“ „Meine Milarbeiter?“ verſetzte Marat.„Hal ha! —— 35 ha! die wälſchen Hühner gehen in Herden; der Abler marſchirt allein. Hier ſind meine Mitarbeiter.“ Marat zeigte ſeinen Kopf und ſeine Hände. „Sehen Sie dieſen Tiſch?“ fuhr er fort.„Das iſt die Werkſtätte, wo Vulcan,— die Vergleichung iſt gut gefunden, nicht wahr?— wo Vulcan den Blitz ſchmie⸗ det. Jede Nacht ſchreibe ich acht Seiten in Octav, die man am Morgen verkauft; acht Seiten, das genügt oft nicht, und ich verdoppele die Lieferung; ſechzehn Seiten ſind oft noch zu wenig; was ich mit großen Buchſtaben angefangen habe, vollende ich beinahe immer mit kleinen. Die anderen Journaliſten erſcheinen in Zwiſchenräumen, löſen ſich ab, laſſen ſich helfen, ich nie. Der Ami du Peuple,— Sie konnen die Copie ſehen, ſie iſt da,— der Ami du Peuple iſt ganz von derſelben Hand. Es iſt auch nicht bloß ein Journal; nein, es iſt ein Menſch, es iſt eine Perſoͤnlichkeit, ich bin es!“ „Aber,“ fragte Gilbert,„wie genügen Sie für dieſe ungeheure Arbeit?“ „Ah! das iſt das Geheimniß der Natur!.. Es iſt ein Vertrag zwiſchen dem Tode und mir ich gebe ihm zehn Jahre von meinem Leben, und er bewilligt mir Tage, welche nicht der Ruhe bedürfen, Nächte, welche nicht des Schlafes bedürfen..„ Meine Eriſtenz iſt eine einfache; ich ſchreibe„ich ſchreibe bei Nacht, ich ſchreibe bei Tag. Die Polizei von Lafayette nothigt mich, verborgen, eingeſchloſſen zu lebenz ſie überliefert mich mit Leib und Seele der Arbeit; ſie verdoppelt meine Thätigkeit. Dieſes Leben laſtete Anfangs at mir: ich bin nun daran gewöhnt. Es gefällt mir, die elende Geſellſchaft durch die enge, ſchräge Heffnung meines Kellers, durch das feuchte, finſtere Luftloch zu ſehen. Aus der Tiefe meiner Nacht regiere ich über die Welt der Lebendigen; ich richte ohne Appellation die Wiſſenſchaft und die Politik.. Mit einer Hand zerſtöre ich Newton, Franklin, Laplare, Monge, Lavviſier; mit der andern er⸗ 36 ſchüttere ich Bailly, Necker, Lafayette... Ich werde Alles dies umſtürzen„ja, wie Simſon, der den Tem⸗ vel umgeſtürzt hat, und unter den Trümmern, die mich ſelbſt vielleicht zermalmen, begrabe ich das König⸗ thum.“ Gilbert ſchauerte unwillkürlich; dieſer Menſch wie⸗ derholte ihm in einem Keller und unter den Lumpen des Elends ungefähr das, was ihm Caglioſtro in ſeinem ge⸗ ſtickten Rocke in einem Palaſte geſagt hatte. „Aber,“ ſprach er,„warum haben Sie es, volks⸗ beliebt, wie Sie ſind, nicht verſucht, ſich zur National⸗ verſammlung ernennen zu laſſen?“ „Weil der Tag noch nicht gekommen iſt,“ erwie⸗ derte Marat. Dann fügte er, ein Bedauern ausdrückend, beinahe in demſelben Augenblick bei: „Ohl wäre ich Volkstribun! würde ich durch ein paar tauſend entſchloſſene Menſchen unterſtützt, ich ſtehe dafür, daß von jetzt in ſechs Wochen die Conſtitution vollkommen wäre; daß die politiſche Maſchine auf das Beſte ginge; daß es kein Spitzbube wagen würde, ſie in Unorynung zu bringen; daß die Nation frei und glücklich wäre; daß ſie in weniger als einem Jahre wieder blühend und fruchtbar würde, und daß ſie ſo bliebe, ſo lange ich lebte.“ Und das eitle Geſchöpf verwandelte ſich unter dem Blicke von Gilbert; ſein Auge wurde von Blut unter⸗ laufen; ſeine gelbe Haut glänzte von Schweiß; das Un⸗ geheuer war groß in ſeiner Häßlichkeit, wie ein Anderer groß iſt in ſeiner Schönheit. „Ja,“ fuhr er fort, indem er ſeinen Gedanken wie⸗ der aufnahm, wo ihn die Begeiſterung unterbrochen hatte, „ja, aber ich bin nicht Tribun, ja, aber ich habe die vaar tauſend Menſchen nicht, deren ich bedürfte... Nein, aber ich bin Journaliſt. nein, aber ich habe mein Schreibzeug, mein Papier, meine Federn„nein, aber O 37 ich habe meine Abonnenten, ich habe meine Leſer, für die ich ein Orakel, ein Prophet, ein Wahrſager bin..Ich habe mein Volk, deſſen Freund ich bin, und das ich, ganz zitternd, von Verrath zu Verrath, von Entdeckung zu Entdeckung, von Schrecken zu Schrecken führe. In den erſten Nummern des Ami du Peuple denuncirte ich die Ariſtokraten, ich ſagte, es ſeien ſechshundert Schul⸗ dige in Frankreich, ſechshundert Stricke würden genügen. Hal ha! ha! ich täuſchte mich ein wenig vor ſechs Mo⸗ naten! Der 5. und 6. Oetober haben ſtattgefunden und mein Auge aufgeklärt... Es ſind auch nicht mehr ſechshundert Schuldige, die man richten muß, es ſind zwanzigtauſend Ariſtokraten, die man zu hängen hat.“ Gilbert lächelte. Zu vieſem Grade gelangt, kam ihm die Wuth wie Tollheit vor. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte er,„es wird in Frankreich nicht Hanf genug für das geben, was Sie thun wollen, und die Stricke werden einen ungeheuern Preis erreichen.“ „Man wird auch, wie ich hoffe, neue und wirkſamere Mittel finden. Wiſſen Sie, wen ich heute Abend er⸗ warte. wer binnen zehn Minuten an dieſe Thüre klopfen wird?“ „Nein, mein Herr.“ „Nun, ich erwarte einen von unſern Collegen, ein Mitglied der Nationalverſammlung, das Sie dem Nomen nach kennen, den Bürger Guillotin... „Ja,“ ſagte Gilbert,„derjenige, welcher den Depu⸗ tirten vorgeſchlagen hat, ſich im Ballhaufe zu verſam⸗ meln, als ſie aus dem Sitzungsſaale verjagt wurden; ein ſehr gelehrter Mann.“ „Wiſſen Sie wohl, was der Bürger Guillotln er⸗ funden hat?„ Er hat eine wunderbare Maſchine er⸗ funden, eine Maſchine, welche tövtet, öhne leiden zu laſſen; — denn der Tod muß eine Strafe⸗ ſein und nicht ein 38 Leiden; er hat dieſe Maſchine erfunden, und an einem der nächſten Morgen werden wir ſie verſuchen.“ Gilbert ſchauerte. Es war zum zweiten Male, daß ihn dieſer Mann in ſeinem Keller an Cagloſtro er⸗ innerte. Die von ihm erwähnte Maſchine war ohne Zweifel dieſelbe, von der Caglioſtro mit ihm geſprochen. „Ei! hören Sie,“ ſagte Marat,„man klopft eben an, er iſt es. Oeffne, Albertine, oͤffne.“ Die Frau von Marat erhob ſich von dem Schemel, auf welchem ſie gekauert war, und ſchritt maſchinen⸗ mäßig und wankend auf die Thüre zu. Gilbert aber ging, betäubt, erſchrocken, von einer Blendung erfaßt, die einem Schwindel glich, zu Se⸗ baſtian, den er in ſeine Arme zu nehmen und nach Hauſe zu bringen ſich anſchickte. „Sehen Sie,“ fuhr Marat mit Begeiſterung fort, „ſehen Sie eine Maſchine, welche ganz allein funetionirti welche nur eines Mannes bedarf, um ſie gehen zu machen! welche, dreimal das Meſſer wechſelnd, dreihundert Köpfe im Tag abſchneiden kann!“ „Und fügen Sie bei,“ ſagte eine kleine ſanfte, flöten⸗ artige Stimme hinter Marat,„welche dieſe dreihundert Köpfe ohne Schmerzen, ohne eine andere Empfindung, als eine leichte Kühle auf dem Halſe, abſchneiden kann.“ „Ah! Sie ſind es, Doetor,“ rief Marat, indem er ſich gegen einen kleinen Mann von fünf und vierzig Jahren umwandte, deſſen ſorgfältiger Anzug und ſanfte Miene einen höchſt ſeltſamen Contraſt mit Marat bil⸗ deten, und der in der Hand eine Schachtel von der Form und dem Umfang derjenigen trug, welche Spiel⸗ zeug von Kindern enthalten.„Was bringen Sie mir da?“ „Ein Modell von meiner Maſchine, mein lieber Ma⸗ rat„ Doch ich täuſche mich nicht,“ ſetzte der kleine Mann hinzu, indem er in der Dunkelheit zu erkennen ſutt„es iſt der Herr Doctor Gilbert, den ich hier ehe?“ — 39 „Er ſelbſt, mein Herr,“ erwiederte Gilbert ſich ver⸗ beugend. „Ich bin entzückt, Sie hier zu treffen, mein Herr; Sie ſind, Gott ſei Dank, nicht zu viel, und ich werde glücklich ſein, die Meinung eines ſo ausgezeichneten Mannes über eine Erfindung zu erfahren, die ich bekannt zu ma⸗ chen im Begriffe bin;— denn ich muß Ihnen ſa⸗ gen, mein lieber Marat, daß ich einen ſehr geſchickten Zimmermann, einen gewiſſen Meiſter Guidon gefunden habe, der mir meine Maſchine im Großen verfertigt... Das iſt theuer! er verlangt fünftauſend fünfhundert Franken von mir! Doch kein Opfer ſoll mir zu koſt⸗ ſpielig ſein für das Wohl der Menſchheit„ In zwei Monaten wird ſie fertig ſein, mein Freund, und wir können ſie verſuchen; dann biete ich ſie der Nationalver⸗ ſammlung an. Ich hoffe, Sie werden den Antrag in Ihrem vortrefflichen Journal unterſtützen, obgleich, in Wahrheit, meine Maſchine ſich von ſelbſt empfiehlt, Herr Gilbert, wie Sie mit Ihren eigenen Augen beurtheilen werden; doch ein paar Zeilen im Ami du Peuple können ihr nicht ſchaden.“ „Oh! ſeien Sie ruhig, ich werde ihr nicht ein paar Zeilen, ſondern eine ganze Nummer widmen.“ „Sie ſind ſehr gut, mein lieber Marat; aber ich will Ihnen nicht, wie man zu ſagen pflegt, eine Katze im Sack verkaufen.“ Und er zog aus ſeiner Taſche eine Schachtel, die, um ein Viertel kleiner als die erſte, ſich durch ein ge⸗ wiſſes inneres Geräuſch als von einem Thiere oder vielmehr von einigen ihres Gefängniſſes überdrüſſigen Thieren bewohnt verrieth. Dieſes Geräuſch entging den feinen Ohren von Marat nicht. „Ho! ho! was haben Sie da drinnen?“ fragte er. „Sie werden es ſehen,“ erwiederte der Doctor. Marat legte die Hand an die Schachtel. 40 „Nehmen Sie ſich in Acht,“ rief lebhaft der Doctor, „nehmen Sie ſich in Acht, die Thierchen entfliehen zu laſſen, wir könnten ſie nicht wieder erwiſchen: es ſind Mänſe, denen wir den Kopf abſchneiden wollen.— Nun, was machen Sie denn, Doctor Gilbert?.. Sie ver⸗ laſſen uns?“ „Ach! ja, mein Herr,“ antwortete Gilbert,„zu meinem großen Bedauern; mein Sohn, der heute Abend von einem Pferde auf das Pflaſter geſchleudert und ver⸗ wundet wurde, iſt vom Doctor aufgehoben und ſodann, nachdem er ihm zur Ader gelaſſen, verbunden worden; ich habe dem Doctor ſchon ſelbſt das Leben unter ähn⸗ lichen Umſtänden zu verdanken gehabt und wiederhole ihm meine innige Erkenntlichkeit. Mein Knabe aber be⸗ darf eines friſchen Bettes, der Ruhe, der Pflege; ich kann alſo Ihrem intereſſanten Verſuche nicht beiwohnen.“ „Doch Sie werden dem beiwohnen, welchen wir im Großen in zwei Monaten machen, nicht wahr, Sie ver⸗ ſprechen es mir, Doctor?“ „Ich verſpreche es Ihnen, mein Herr.“ „Ich nehme Sie beim Wort.“ „Es iſt gegeben.“ „Doctor,“ ſagte Marat,„ich brauche Ihnen nicht Geheimhaltung meines Zufluchtsortes zu empfehlen.“ „Oh! mein Herr„ „Ihr Freund Lafayette, wenn er ihn entdeckte, ließe mich erſchießen wie einen Hund oder aufhängen wie einen Dieb.“ „Erſchießen! aufhängen!“ rief Guillotin.„Man wird mit allen dieſen cannibaliſchen Todesarten ein Ende machen; es wird einen ſanften, leichten, augenblicklichen Tod geben; einen Tod, wie ihn die Greiſe, welche, des Lebens übervrüſſig, als Philoſophen und als Weiſe endi⸗ gen wollen, einem natürlichen Tode vorziehen werden. Sehen Sie das an, mein lieber Marat, ſehen Sie es.“ Und ohne ſich mehr um den Doctor Gilbert zu be⸗ 4¹ kümmern, öffnete er ſeine große Schachtel und ſing an ſeine Maſchine auf dem Tiſche von Marat zu errichten, der ihm mit einer ſeiner Begeiſterung gleichen Neugierde zuſchaute. Gilbert benützte dies, um den eingeſchlafenen Se⸗ baſtian aufzuheben und in ſeinen Armen fortzutragen. Albertine führte ihn bis zu der Thüre zurück, die ſie ſorgfältig wieder hinter ihm ſchloß. Als er ſich auf der Straße befand, fühlte er an der Kälte ſeines Geſichtes, vaß dieſes mit Schweiß be⸗ deckt war, und vaß der Nachtwind dieſen Schweiß auf ſeiner Stirne in Eis verwandelte. „Oh! mein Gott,“ murmelte er,„was wird mit dieſer Stadt geſchehen, deren Keller vielleicht zur Stunde fünfhundert Philanthropen verbergen, Philanthropen be⸗ ſchäftigt mit Werken, dem ähnlich, welches ich habe vor⸗ berelten ſehen, und die an einem ſchönen Tage an das Licht des Himmels treten werden?„ XVI. Catherine. Von der Rue de la Sourdiör, bis zu dem Hauſe, das Gilbert in der Rue Saint⸗Honoré hewohnte, war es nur ein Schritt. Dieſes Haus lag unfern der Aſſomption, einem Tiſchler Namens Duplay gegenüber. Die Kälte und die Bewegung weckten Sebaſtian auf. 42 Er wollte gehen, aber ſein Vater wiberſetzte ſich und trug ihn fortwährend in ſeinen Armen. Als der Doctor bei der Thüre angelangt war, ſtellte er Sebaſtian einen Augenblick auf ſeine Füße und klopfte ſtark genug, daß er, ſo ſehr auch der Concierger ein⸗ geſchlafen ſein mochte, doch nicht zu lange auf der Straße zu warten hatte. Ein ſchwerfälliger, obgleich raſcher Tritt erſcholl bald jenſeits der Thüre. „Sind Sie es, Herr Gilbert?“ fragte eine Stimme. „Ah!“ ſagte Sebaſtian,„das iſt die Stimme von Pitou.“ „Gott ſei gelobt!“ rief Pitou, während er öffnete. „Sebaſtian iſt wiedergefunden!“ Dann wandte er ſich gegen die Treppe um, in deren Tiefe man allmälig den Schein einer Kerze erblickte, und rief: „Herr Billot! Herr Billot! Sebaſtian iſt wiederge⸗ funden, und zwar ohne Unfall, wie ich hoffe,— nicht wahr, Herr Gilbert?“ „Wenigſtens ohne einen ernſten Unfall,“ erwiederte der Doctor.„Komm, Sebaſtian, komm!“ Und er überließ Pitou die Sorge, die Thüre zu ſchließen, hob abermals vor ten Augen des erſtaunten Concierge, der in der baumwollenen Mütze und im Hemde auf der Schwelle ſeiner Loge erſchien,— Sebaſtian in ſeinen Armen auf und fing an die Treppe hinaufzu⸗ ſteigen. Billot ſchritt, dem Doctor leuchtend, voran, Pitou ging hinter ihnen. Der Doctor wohnte im zweiten Stocke; die weit geöffneten Thüren deuteten an, vaß er erwartet wurde. Er legte Sebaſtian auf ſein Bett. Pitou folgte ängſtlich und ſchüchtern. An dem Kothe, der ſeine Schuhe, ſeine Strümpfe, ſeine Hoſe be⸗ deckte und ſeine übrigen Kleidungsſtücke befleckte, konnte 43 man leicht ſehen, daß er ganz friſch von einer langen Wanderung gekommen war. Nachdem er die in Thränen zerfließende Catherine zu ihrem Hauſe zurückgeführt, nachdem er aus dem Munde des Mädchens ſelbſt, das zu tief betroffen war, um ſeinen Schmerz zu verbergen, erfahren hatte, dieſer Schmerz rühre von der Abreiſe von Herrn Iſidor von Charny nach Paris her, hatte Pitou, dem dieſer Schmerz doppelt,— als Liebendem und als Freund,— das Herz brach, von Catherine, die ſich niedergelegt, und von ihrer Mutter, welche am Fuße des Bettes weinte, Abſchied genommen und war mit einem viel langſameren Schritt, als der geweſen, welcher ihn herbeigeführt, nach Hara⸗ mont zurückgekehrt. Die Langſamkeit dieſes Schrittes und der Umſtand, daß er ſich ſo oft umwandte, um traurig nach dem Pachthofe zu ſchauen, von dem er ſich, das Herz zugleich angeſchwollen vom Schmerz von Catherine und von ſei⸗ nem eigenen Schmerz, entfernte, machten, daß er erſt bei Tagesanbruch in Haramont ankam. Die geiſtige Beklommenheit, die ſich ſeiner bemäch⸗ tigt hatte, machte, daß er wie Sextus, da er ſeine todte Frau wiederfand, ſich mit ſtarren Augen und die Hände auf ſeinem Schooße gekreuzt auf ſein Bett ſetzte. Endlich erhob er ſich, und einem Menſchen ähnlich, der, nicht aus ſeinem Schlafe, ſondern aus ſeinen Ge⸗ danken erwacht, ſchaute er umher und ſah bei dem von ſeiner Hand beſchriebenen Blatte Papier ein zweites mit einer andern Schrift bedecktes Blatt. Er trat an den Tiſch und las den Brief von Se⸗ baſtian. Zum Lobe von Pitou müſſen wir ſagen, daß er ſo⸗ gleich ſeinen perſoͤnlichen Kummer vergaß, um nur an die Gefahren zu denken welche ſein Freund während der langen Reiſe, die er unternommen, laufen konnte. Dann, ohne ſich um den Vorſprung zu bekümmern, 44 bden der am Tage vorher abgegangene junge Menſch vor ihm haben mochte, ſetzte ihm Pitou, auf ſeine langen Beine vertrauend, nach, mit der Hoffnung, Sebaſtian einzuholen, hätte Sebaſtian keine Transportmiitel gefun⸗ den und wäre er genoͤthigt geweſen, ſeinen Marſch zu Fuß zu machen. Ueberdies müßte Sebaſtian wohl anhalten, während er immer marſchiren wurde. Er bekämmerte ſich nicht um irgend ein Gepäcke. Er umgürtete ſeine Lenden mit einem ledernen Riemen, wie er dies zu thun pflegte, wenn er eine lange Strecke zurückzulegen hatte; er nahm unter ſeinen Arm einen vierpfündigen Laib Brod, in den er eine Wurſt ſteckte, und in ſeine Hand ſeinen Reiſeſtock und begab ſich auf den Weg. Pitou machte mit ſeinem gewöhnlichen Schritt an⸗ derthalb Meilen in der Stunde; nahm er den Schnell⸗ ſchritt, ſo machte er zwei. Da er indeſſen anhalten mußte, um zu trinken, um die Schnüre ſeiner Schuhe zu knüpfen und um ſich nach Sebaſtian zu erkundigen, ſo brauchte er zehn Stunden, um vom Ende der Straße von Largny zur Barriere von la Villette zu kommen; ſodann eine Stunde, wegen der Hemmniſſe durch die Wagen, um von der genannten Barriere zum Hauſe des Doctor Gilbert zu gelangen: das machte eilf Stunden. Er war um neun Uhr Mor⸗ gens abgegangen und kam um acht Uhr Abends an. Das war, wie man ſich erinnert, gerade der Augen⸗ blick, wo Andrée Sebaſtian aus den Tuilerien wegführte, und wo der Doctor Gilbert mit dem König ſprach. Er fand alſo weder den Doctor Gilbert, noch Sebaſtian; doch er fand Billot. Billot hatte durchaus nichts von Sebaſtian gehört und wußte nicht, zu welcher Stunde Gilbert nach Hauſe zurückkehren würde. Der unglückliche Piton war ſo beſorgt, daß es ihm —— 45 nicht einſiel, mit Billot von Catherine zu ſprechen. Seine ganze Converſation war ein langer Seufzer über das Unglück, welches er gehabt, daß er nicht in ſeiner Stube geweſen, als Sebaſtian dahin gekommen war. Dann, da er den Brief von Sebaſtian mitgenommen, um ſich im Nothfall bei dem Doctor zu rechtfertigen, las er dieſen Brief abermals, was ſehr unnöthig, denn er hatte ihn ſo oft geleſen und wiedergeleſen, daß er ihn auswendig wußte. Die Zeit war ſo langſam und traurig für Piton und Billot ſeit acht Uhr Abends bis zwei Uhr Morgens vergangen. Sechs Stunden, das war ſehr lang! Pitou hatte nicht das Doppelte von dieſer Zeit gebraucht, um von Villers⸗Cotterets nach Paris zu kommen. Um zwei Uhr Morgens erſcholl der Klopfer zum zehnten Male ſeit der Ankunft von Pitou. Jedes Mal ftürzte Pitou nach der Treppe, und trotz der vierzig Stufen, die er hinabzuſteigen hatte, kam er immer in dem Augenblick unten an, wo der Concierge die Schnur zog. Doch jedes Mal wurde er in ſeiner Hoffnung ge⸗ täuſcht: weder Gilbert, noch Sebaſtian erſchienen, und er ging langſam und traurig wieder zu Billot hinauf. Wir haben erzählt, wie, als er zum letzten Male noch haſtiger als die andern Male hinabſtieg, ſeine Er⸗ wartung erfüllt wurde, da er zugleich den Vater und den Sohn, den Doctor Gilbert und Sebaſtian erſcheinen ſah. Gilbert dankte Pitou, wie man dem braven Jungen danken mußte, daß heißt durch einen Händedruck; dann, da er dachte, nach einem Trabe von achtzehn Meilen und einer Erwartung von ſechs Stunden müſſe der Reiſende Ruhe nöthig haben, wünſchte er ihm eine gute Nacht und ſchickte ihn zu Bette. Doch, über Sebaſtian beruhigt, hatte Piton nun 46 Billot ſeine Mittheilungen zu machen. Er winkte daher Billot, und Billot folgte ihm. Was Gilbert betrifft, ſo wollte dieſer Niemand die Sorge anvertrauen, Sebaſtian zu Bette zu bringen und bei ihm zu wachen. Er unterſuchte ſelbſt das blaue Mal auf der Bruſt ſeines Sohnes und hielt ſein Ohr an mehre Stellen des Rumpfes; als er ſich ſodann ver⸗ ſichert hatte, daß der Athem vollig frei war, legte er ſich auf ein Canapé bei dem Kinde, das, trotz eines ziemlich ſtarken Fiebers, ſogleich entſchlummerte. Bald aber bedachte er nach der Umuhe, die ihn ſelbſt erfüllt hatte, welche Bangigkeit Andrée quälen müſſez er rief ſeinen Kammerviener und befahl ihm, auf die nächſte Poſt, damit er bei der erſten Abgabe an ſeine Adreſſe käme, einen Brief zu tragen, in welchem nur die Worte ſtanden: „Beruhigen Sie ſich, das Kind iſt wiedergefunden und hat kein Unglück erlitten.“ Am andern Tage ließ Billot ſchon am frühen Mor⸗ gen Gilbert um Erlaubniß bitten, eintreten zu dürfen, was ihm bewilligt wurde. Das gute Geſicht von Piton ekſchien lächelnd an der Thüre hinter dem von Billot, deſſen traurigen, ernſten Ausdruck Gilbert wahrnahm. „Was gibt es denn, mein Freund, und was haben Sie?“ fragte der Doetor. „Herr Gilbert, Sie haben wohl daran gethan, mich hier zurückzuhalten, da ich Ihnen, Ihnen und dem Kinde, nützlich ſein konnte, aber während ich in Paris bleibe, geht dort Alles ſchlecht.“ Man glaube übrigens nach dieſen Worten nicht, Pitou habe die Geheimniſſe von Catherine geoffenbart und von der Liebſchaft des Mädchens mit Iſidor geſpro⸗ chen. Nein, die ehrliche Seele des wackern Comman⸗ panten der Nationalgarde von Haramont ſträubte ſich 17 gegen eine Angeberei. Er hatte Billot nur geſagt, die Ernte ſei ſchlecht geweſen, ver Rocken habe gefehlt, ein Theil vom Getreide ſei durch den Hagel niedergeſchlagen worden, die Scheunen ſeien nur zum Prittel voll, und er habe Catherine ohnmächtig auf dem Wege von Villers⸗ Cotterets nach Piſſeleu gefunden. Billot hatte ſich ſehr wenig um den Mangel an Rocken und das Verhogeln des Getreides bekümmert, aber es wäre ihm ſelbſt beinahe unwohl geworden, als er die Ohnmacht von Catherine erfuhr. Der brave Vater Billot wußte, daß ein Mädchen vom Temperament und von der Stärke von Catherine nicht ohne Grund auf der Landſtraße ohnmächtig wird. Ueberdies hatte er Pitou befragt, und welche Zu⸗ rückhaltung Pitou auch bei ſeinen Antworten beobachtet, mehr als einmal hatte Billot den Kopf geſchüttelt und eſagt: „Ja, ja, ich glaube, es iſt Zeit, daß ich zurück⸗ kehre.“ Gilbert, der ſelbſt empfunden, was ein Vaterherz leiden kann, begriff diesmal, was in dem von Billot vorging, als ihm Billot die von Pitou überbrachten Nachrichten mitthehte. „Gehen Sie alſo, mein lieber Billot, da Gut und Familie Sie zurückfordern,“ antwortete er;„aber ver⸗ geſſen Sie nicht, daß ich im Namen des Vaterlandes über Sie verfüge.“ „Ein Wort, Herr Gilbert,“ verſetzte der wackere Pächter,„und in zwölf Stunden bin ich in Paris.“ Nachdem er ſodann Sehaſtian, der ſich nach einer glücklich zugebrachten Nacht völlig außer Gefahr befand, umarmt und die zarte feine Hand von Gilbert in ſeinen zwei breiten Händen gedrückt hatte, ſchlug Billot den Weg nach ſeinem Pachthofe ein, den er auf acht Tage verlaſſen hatte, während er nun ſeit drei Monaten davon abweſend war. 4⁸ Pitou folgte ihm; er nahm,— eine Gabe des Doctor Gilbert,— fuͤnf und zwanzig Louis d'or mit, welche zur Kleidung und Equipirung der Nationalgarde von Haramont beſtimmt waren.. Sebaſtian blieb allein bei ſeinem Vater. XVII. Waffenſtillſtand. Eine Woche war zwiſchen den von uns erzählten Er⸗ eigniſſen und dem Tage verlaufen, wo wir den Leſer aber⸗ mals an der Hand nehmen und in das Schloß der Tuilerien führen, das fortan der Hauptſchauplatz der großen Kataſtrophe, welche in Erfüllung gehen ſollte. O Tuilerien! unſeliges Vermächtniß der Königin der Bartholomäus⸗Nacht, der ſeltſamen Catharina von Me⸗ vieis für ihre Abkömmlinge und Nachfolger, Palaſt des Schwindels, der du anziehſt, um zu verſchlingen, welche Verblendung ſindet ſich denn in deiner gähnenden Halle, in der ſich alle dieſe wahnſinnigen Gekrönten fangen, welche Könige genannt werden wollen, welche ſich nur für wahrhaft geſalbt und gehelligt halten, wenn ſie unter deinem moörderiſchen Täfelwerk geſchlafen haben, während du ſie einen nach dem andern, dieſe als Leichname ohne Köpfe, jene als Flüchtlinge ohne Krone, zurückwirfſt? Ohne Zweifel iſt in veinen, wie ein Juwel von Benvenuto Cellini, eiſelirten Steinen ein Unheilbringen⸗ des Zauberwerk; ohne Zweifel liegt unter deiner Schwelle 49 ein tödtlicher Talleman vergraben. Zähle die letzten Könige die du empfangen, und ſage, was du damtt ge⸗ macht haſt! Von dieſen fünf Königen iſt ein einziger von dir der Gruft zurückgegeben worden, wo ihn ſeine Ahnen erwarteten, einer wurde dem Schaffot überliefert und die drei andern der Verbannung! Eines Tags wollte eine ganze Verſammlung der Gefahr trotzen, den Platz der Könige einnehmen und ſich, als Mandatar des Volks, dahin ſetzen, wo die Er⸗ wählten der Monarchie geſeſſen hatten. Von dieſem Augenblick an erfaßte ſie der Schwindel; von dieſem Augenblick an zerſtörte ſie ſich ſelbſt: das Schaffot ver⸗ ſchlang die Einen, die Verbannung die Andern, und eine ſeltſame Brüderſchaft vereinigte Ludwig XVI. und Robes⸗ pierre, Collot⸗d'Herbois und Napoleon, Billaud⸗Varen⸗ nes und Karl XK., Vadier und Louis Philipp. O Tuilerien! v Tuilerien! ein Wahnſinniger muß alſo derjenige ſein, welcher es wagt, deine Schwelle zu überſchreiten und da einzutreten, wo Ludwig XVI., Na⸗ poleon, Karl X. und Louis Philipp eingetreten ind. denn ein wenig ſpäter, ein wenig früher wird er durch dieſelbe Thüre herauskommen wie ſie. Und doch, unheilvoller Palaſt! iſt Jeder von ihnen in deine Mauern unter den Acclamationen des Volkes eingetreten, und dein doppelter Balcon hat ſie, einen nach dem andern, dieſen Aeclamationen, im Glauben an die Wünſche und Verheißungen der Menge welche dieſelben erſchallen ließ, zulächeln ſehen, was zur Folge hatte, daß, kaum unter dem Thronhimmel ſitzend, Jeder von ihnen an ſeinem Werke zu arbeiten anfing, ſtatt an dem Werke des Volkes zu arbeiten; als dies das Volk eines Tags bemerkte, ſetzte es ihn vor die Thüre wie einen ungetrenen Pächter, oder es beſtrafte ihn wie einen undankbaren Mandatar. So fand nach dem erſchrecklichen vom Die Gräfin von Charny. 1. 50 6 October, mitten unter Koth, Blut und Geſchrei, die bleiche Sonne des andern Tages, als ſie aufging, den Hof der Tuilerien voll von einem von der Rückkehr ſeines Königs bewegten und nach ſeinem Anblick hungerigen Volke. Den ganzen Tag hindurch empfing der König die conſtituirten Körper; während dieſer Zeit wartete die Menge außen, ſuchte, beſpähte ſie ihn durch die Fenſter; verjenige, welcher ihn zu erblicken glaubte, ſtieß einen Freudenſchrei aus, zeigte ihn ſeinem Nachbar und ſagte: „Seht Ihr ihn? ſeht Ihr ihn, dort iſt er!“ Um Mittag mußte er ſich auf dem Balcon zeigen, und es erſchollen einſtimmig Bravos und Händegeklatſche. Am Abend mußte er in den Garten hinabgehen, und nun waren es nicht mehr Bravos und Händegeklatſche, es waren Rührungen und Thränen.. Madame Eliſabeth, ein junges, frommes, naives Herz, zeigte dieſes Volk ihrem Bruder und ſagte: „Mir ſcheint, es iſt nicht ſchwer, über ſolche Men⸗ ſchen zu regieren:“ Ihre Wohnung war im Erdgeſchoß. Am Abend ließ ſie die Fenſter öffnen und ſpeiſte vor aller Welt. Männer und Weiber ſchauten zu, klatſchten Beifall und grüßten durch die Oeffnungen, die Weiber beſonders: ſie ließen ihre Kinder auf das Geſims der Fenſter ſtei⸗ gen, befahlen den unſchuldigen Kleinen, der vornehmen Dame Küſſe zuzuſenden und ihr zu ſagen, ſie ſei ſehr ſchon. Und die kleinen Kinder wiederholten:„Sie ſind ſehr ſchön, Madame!“ und ſandten ihr mit ihren fleiſchigen Händchen zahlloſe und endloſe Küſſe zu. Jeder ſagte:„Die Revolution iſt beendigt; der König iſt nun von ſeinem Verſailles, von ſeinen Höflingen und ſeinen Räthen befreit. Der Zauber, der fern von ſeiner Hauptſtadt das gefangene Königthum in dieſer Welt von Automaten, Statuen und beſchnittenen Tax⸗ 51 bäumen hielt, welche man Verſailles nennt, iſt gebrochen. Gott ſei Dank, der König iſt wieder in das Leben und in die Wahrheit, daß heißt in die wirkliche Natur des Menſchen eingeſetzt. Kommen Sie, Sire, kommen Sie unter uns! Bis zu dieſem Tag hatten Sie ſo, wie Sie umgeben waren, nur die Freiheit, das Böſe zu thun; heute haben Sie in unſerer Mitte, mitten unter Ihrem Volke, die volle Freiheit, das Gute zu thun!“ Oft täuſchen ſich die Maſſen und die Individuen über das, was ſie ſind, oder vielmehr über das, was ſie alsbald ſein werden. Die während der Tage des 5. und 6. Oetober ausgeſtandene Angſt hatte zum Kinig nicht nur eine Menge von Herzen, ſondern auch viele Geiſter, viele Intereſſen zurückgeführt. Dieſes Geſchrei in der Dunkelheit, dieſes Erwachen in der Nacht, dieſe im Marmorhofe angezündeten und mit ihren unheimlichen Reflexen die großen Mauern von Verſailles beleuchtenden Feuer, Alles dies hatte die ehrlichen Imaginationen ſtark betroffen. Die Nationalverſammlung hatte gewaltig bange gehabt, mehr bange, da der König bedroht worden, als da fie ſelbſt bedroht worden war. Damals ſchien es ihr noch, als hinge ſie vom König ab; es werden nicht ſechs Monate verlaufen, ohne daß ſie im Gegentheil fühlt, daß der König von ihr abhängt. Hundert und fünfzig von ihren Mitgliedern nahmen Päſſe. Mounier und Lally,— der Sohn des auf der Greve geſtorbenen Lally.— flüchteten ſich. Die zwei populärſten Männer Frankreichs, Lafayette und Mirabeau, kamen als Royaliſten nach Paris zurück. Mirabeau ſprach zu Lafayette;„Vereinigen wir uns und retten wir den Koͤnig!“ Lafayette, ein vorzugsweiſe ehrlicher Mann, aber ein beſchränkter Geiſt, verachtete zum Unglück den Charakter von Mirabeau und begriff ſein Genie nicht. Er beſchränkte ſich darauf, daß er den Herzog von Orleans aufſuchte. 52 Man hatte viele Dinge über Seine Königliche Hoheit geſagt. Man hatte geſagt, der Herzog ſei, feinen Hut auf die Augen niedergedrückt, ein Stöckchrn in der Hand, geſehen worden, wie er die Gruppen im Marmor⸗ hoſe aufgewiegelt, wie er zur Plünderung des Schloſſes angetrieben, in der Hoffnung die Plünderung würde zugleich die Ermordung ſein. Mirabeau war ganz dem Herzog von Orleans ergeben. Lafoyette, ſlatt ſich mit Mirabeau zu berſtändigen, ging zum Herzog von Orleans und forderte ihn auf, Poris zu verlaſſen. Der Herzog von Orleans ſtritt, kämpfte, ſtemmte ſich entgegen; aber Lafahette war ſo ſehr König, daß man ihm gehorchen mußte. „Und wann werde ich zurückkommen 2“ fragte er Lafayette. „Wann ich Ihnen ſage, daß es Zeit iſt, mein Prinz.“ „Und wenn ich mich langweile und ohne Ihre Er⸗ laubniß zurückkomme, mein Herr?“ fragte hoffärtig der Herzog. „Dann,“ erwiederte Lafayette,„dann hoffe ich, Eure Hoheit wird mir am andern Tage nach ihrer Rückkehr die Ehre geben, ſich mit mir zu ſchlagen.“ Der Herzog von Orleans reiſte ab und kam erſt zurückgerufen wieder. Lafayette war wenig Royaliſt vor dem 6. October; nach dem 6. October wurde er es aber wirklich, auf⸗ richtig; er hatte die Königin gerettet und den König beſchützt. Man wird viel anhänglicher durch die Dienſte, die man leiſtet, als durch die, welche man empfängt. Dies rührt davon her, daß im Herzen des Menſchen mehr Stolz als Dankbarkeit iſt. Der Konig und Madame Eliſabeth, obgleich ſie fühlten, daß unter und vielleicht über all dieſem 53 Volke ein Unheil bringendes Element ſei, das ſich nicht mit ihm miſchen wolle, etwas Gehäſſiges und Rachſüch⸗ tiges wie der Zorn des Tigers, welcher brüllt, während er ſchmeichelt, der Koͤnig und Madame Eliſabeth waren wirklich gerührt geweſen. Nicht ſo war es bei Marie Antoinette. Die ſchlechte Stimmung, in der ſich ihr Herz befand, ſchadete dem Geiſte der Koͤnigin. Ihre Thränen waren Thränen des Verdruſſes, des Schmerzes, der Eiferſucht. Von dieſen Thränen, die ſie vergoß, galten eben ſo viele Charny, ven ſie ihren Armen entſchlüpfen fühlte, als dem Seepter, den ſie ihrer Hand entſchlüpfen fühlte. Sie ſah auch all dies Volk, hoͤrte auch all dies Geſchrei mit einem gereizten Geiſte und einem trockenen Herzen. Sie war in Wirklichkeit jünger als Madame Eliſabeth, oder vielmehr von demſelben Alter; aber die Jungfräulichkeit der Seele und des Körpers hatten dieſer ein Kleid der Unſchuld und Friſche gemacht das ſie noch nicht abgelegt, während die glühenden Leidenſchaften der Königin, Haß und Liebe, ihre Hände dem Elfenbein ähnlich gelb gefärbt, an ihre Zähne ihre gebleichten Lippen angepreßt und unter ihren Augen jene perlmutter⸗ artigen, bläulichen Nuancen ausgebreitet hatten, welche ein tiefes, unheilbares, beſtändiges Uebel offenbaren. Die Königin war krank, tief krank, krank an einem Uebel, von dem man nicht mehr geneſt, denn das einzige Mittel dafür iſt das Glück und der Friede, und die arme Marie Antvinette fühlte, daß es um ihren Frieden und um ihr Glück geſchehen war. Unter all dieſer Begeiſterung, unter all dieſem Ge⸗ ſchrei unter allen dieſen Vivats, wenn der Koͤnig den Männern die Hände reichte, wenn Madame Eliſabeth weinte und zugleich den Weibern und den kleinen Kindern zulächelte, fühlte auch die Königin ihr von den Thränen ihres eigenen Schmerzes befeuchtetes Auge vor ver öffent⸗ lichen Freude wieder trocken werden. 54 Die Sieger der Baſtille waren bel ihr erſchienen, und die Königin hatte ſich geweigert, ſie zu empfangen. Die Damen der Halle waren ebenfalls gekommen; ſie hatte die Damen der Halle empfangen, aber in der Entfernung, getrennt von ihnen durch ungeheure Körbe; überdies hatten ſich ihre Frauen wie eine Vorhut, be⸗ iri ſie vor jeder Berührung zu beſchützen, vor ſie geſtellt. Das war ein großer Fehler, den Marie Antoinette beging. Die Damen der Halle waren Royaliſtinnen; viele hatten den 6. Delober desavouirt. Dieſe Weiber hatten ſie ſodann angeredet,— denn in ſolchen Gruppen gibt es immer Redner. Eine Frau, welche kühner als die anderen, hatte ſich zum Rathe aufgeworfen. „Frau Königin,“ ſagte dieſe Frau,„wollen Sie mir erlauben, Ihnen einen Rath zu geben, einen Rath, der vom Herzen kommt?“ Die Königin machte mit dem Kopfe ein ſo unmerk⸗ liches Zeichen, daß die Frau es nicht ſah. „Sie antworten nicht?“ ſagte dieſe.„Gleichviel! ich werde Ihnen den Rath vennoch geben. Sie ſind nun unter uns, inmitten Ihres Volkes, das heißt, im Schooße Ihrer wahren Familie. Sie müſſen nun von Ihnen alle die Hoͤflinge entfernen, welche die Koͤnige verderben, und ein wenig dieſe armen Pariſer lieben, welche Sie in den zwanzig Jahren, die Sie in Frankreich find, vielleicht nicht viermal geſehen haben.“ „Madame,“ erwiederte trocken die Königin,„Sie ſprechen ſo, weil Sie mein Herz nicht kennen. Ich habe in Verſailles geliebt; ich werde Sie ebenſo in Paris lieben.“ Das hieß nicht vlel verſprechen. Eine andere Rednerin ſagte auch: „Ja, ja, Sie liebten uns in Verfailles. Aus Llebe wollten Sie alſo am 14. Juli die Stadt belagern und 55 ſie beſchießen laſſen? Aus Liebe wollten Sie alſo am 6. October an die Grenze fliehen, unter dem Vorwande, mitten in der Nacht nach Trianon zu gehen?“ „Das heißt,“ verſetzte die Königin,„man hat Ihnen das geſagt, und Sie haben es geglaubt: das iſt es, was zugleich das Unglück des Volks und das des Königs macht.“ Und dennoch, arme Frau! oder vielmehr arme Koͤ⸗ nigin! dennoch fand ſie unter dieſen Widerſtrebungen ihres Stolzes und unter vieſen Zerreißungen ihres Herzens eine glückliche Eingebung! Eine von dieſen Frauen, eine Elſäßerin von Geburt ſprach ſie deutſch an. „Madame,“ erwiederte die Königin,„ich bin der⸗ geſtalt Franzöfin geworden, daß ich meine Mutterſprache vergeſſen habe.“ Das war reizend zu ſagen; leider war es ſchlecht geſagt. Die Damen der Halle konnten ſich aus vollem Herzen:„Es lebe die Königin!“ rufend entſernen. Sie entfernten ſich mit dem Ende der Lippen rufend und zwiſchen ihren Zähnen brummend. Am Abend, als der König und Madame Eliſabeth beiſammen waren, ohne Zweifel, um ſich zu tröſten und gegenſeitig zu befeſtigen, erinnerten ſie ſich Alles deſſen, was ſie Gutes und Troͤſtliches in dieſem Volke gefunden. Die Königin wußte nur Eines Allem dem beizufügen, ein Wort des Dauphin, das ſie mehrere Male an dieſem Tag und an den folgenden Tagen wiederholte. Bei dem Lärmen, den die Damen der Hälle in die Gemächer eintretend gemacht hatten, war der arme Kleine zu ſeiner Mutter gelaufen, hatte ſich an ſie ange⸗ ſchmiegt und ausgerufen: „Guter Gott! Mama, iſt denn heute abermals geſtern?“ Der kleine Dauphin war daz er hörte, was ſeine 56 Mutter von ihm ſagte, und ſtolz wie alle Kinder, welche ſehen, daß man ſich mit ihnen beſchäftigt, näherte er ſich dem König und ſchaute ihn mit nachdenkender Miene an.. „Was willſt Du, Louis?“ ſagte der König. „Ich möchte Sie gern etwas ſehr Ernſtes fragen,“ antwortete der Dauphin. „Nun,“ verſetzte der König, indem er ihn zwiſchen ſeine Beine zog,„was willſt Du mich fragen! Laß hoͤren, ſprich.“ 3 „Ich wünſchte zu wiſſen,“ erwiederte das Kind, „warum Ihr Volk, daß Sie ſo ſehr liebte, plötzlich ſo ärgerlich gegen Sie geworden iſt, und was Sie gethan haben, um es ſo ſehr in Zorn zu bringen.“ „Louis!“ murmelte die Koͤnigin mit dem Ausdrucke des Vorwurfs. „Laſſen Sie mich ihm antworten,“ ſagte der König. Madame Gllſabeth iächelte dem Kinbezu. Ludwig XVI. nahm ſeinen Sohn auf ſeinen Schooß und ſprach, die Politik des Tages der Faſſungskraft des Kindes anpaſſend; „Mein Sohn, ich wollte das Volk noch glücklicher machen, als es war. Ich hatte Geld nöthig, um die durch die Kriege veranlaßten Ausgaben zu bezahlen; ich verlangte von meinem Volke, wie es meine Vorgänger immer gethan haben. Beamte, welche mein Parlament bilden, widerſetzten ſich und ſagten, mein Vork allein habe das Recht, mir dieſes Geid zu votiren. Ich ver⸗ ſammelte in Verſailles die Erſten jeder Stadt ihrer Ge⸗ burt, ihrem Vermögen und ihren Talenten nach; das iſt vas, was man die Generalſtaaten nennt. Als ſie verſammelt waren, verlangten ſie von mir Dinge, die ich nicht thun kann, wever für mich, noch für Dich, der Du mein Nachfolger ſein wirſt. Es fanden ſich boshafte Menſchen, die das Volk aufwiegelten, und die Exerſſe, zu denen es ſich in den letzlen Tagen hinreißen ließ, ſin . 57 ihr Werk! Mein Sohn, man darf dennoch deshalb dem Volke nicht boͤſe ſein!“ Bei dieſer letzten Ermahnung preßte Marie An⸗ toinette die Lippen zuſammen; mit der Erzlehung des Dauphin beauſtragt, würde ſie dieſe Erziehung offenbar nicht zum Vergeſſen der Beleidigungen gelenkt haben. Am andern Tage ſchickten die Stadt Paris und die Nationalgarde und ließen die Königin bitten, im Theater zu erſcheinen, und ſo durch ihre Gegenwart und durch die des Koͤnigs zu beſtätigen, daß ſie mit Vergnügen in der Hauptſtadt reſiviren. Die Königin antwortete, es wurde ihr ein großes Vergnügen bereiten, der Einladung der Stadt Paris zu entſprechen, aber ſie brauche Zeit, um die Erinnerung an die jüngſt vergangenen Tage aus dem Gedächtniß zu verlieren. Das Volk hatte ſchon vergeſſen; es war er⸗ ſtaunt, daß man ſich erinnerte. Als ſie erfuhr, ihr Feind der Herzog von Orleans ſei von Paris entfernt, hatte ſie einen Augenblick der Freude; ſie wußte aber Lafayette keinen Dank für vieſe Entfernung: ſie glaubte, es ſei eine perſönliche Angelegen⸗ heit zwiſchen dem Prinzen und dem General. Sie glaubte es, oder ſie gab ſich den Anſchein, als glaubte ſie es, weil ſie Lafayette nichts zu verdanken haben wollte. Eine wahre Prinzeſſin aus dem Hauſe Lothringen, wollte ſie ſiegen und ſich rächen. „Die Königinnen können nicht ertrinken,“ ſagte Frau Henriette von England mitten in einem Sturme, und ſie war der Anſicht von Frau Henriette von England. War übrigens Maria Thereſia nicht noch mehr als ſie nahe daran, zu ſierben, als ſie ihr Kind in ihre Arme genommen und ihren getreuen Ungarn gezeigt hatte? Dieſe heroiſche Erinnerung übte einen Einfluß auf die Tochter aus; das war ein Unrecht, das furchtbare 58 Unrecht von denjenigen, welche dle Lagen vergleichen, ohne ſie zu beurtheilen! Maria Thereſia hatte das Volk für ſich; Marie Antvinette hatte es gegen ſich. 8 Und dann war ſie vor Allem Frau, und ſie würde wohl die Lage der Dinge beſſer beurtheilt haben, wäre ihr Herz mehr im Frieden geweſen; vielleicht würde ſie 3 Volk weniger gehaßt haben, hätte ſie Charny mehr geliebt. Dies ging in den Tuilerien während der paar Tage vor, wo die Revolution einen Halt machte, wo ſich die eraltirten Leidenſchaften abkühlten und, wie während eines Waffenſtillſtandes, Freunde und Feinde ſich recognos⸗ cirten, um bei der erſten Feindſeligkeitserklärung einen neuen noch erbitterteren Kampf, eine neue noch mör⸗ deriſchere Schlacht zu beginnen. Dieſer Kampf iſt um ſo wahrſcheinlicher, dieſe Schlacht iſt um ſo drohender, als wir unſere Leſer nicht nur mit dem, was ſich auf der Oberfläche der Geſellſchaft ſehen läßt, ſondern auch mit Allem dem vertraut gemacht haben, was ſich in lhren Tiefen anſpinnt XVIII. Vas Portrait von Karl I. Während der abgelaufenen paar Tage, in denen die neuen Gäſte der Tuilerien ſich hier eingerichtet und ihre Gewohnheiten angenommen hatten, halte es Gilbert, der nicht zum Koͤnig berufen worden war, nicht für geeignet — 59 erachtet, ſich zu Ludwig XVI. zu begeben; als aber ſein Beſuchstag gekommen war, glaubte er, ſeine Pflicht ſei eine Entſchuldigung, die er nicht von ſeiner Ergebenheit hatte entlehnen wollen. Es war derſelbe Vorzimmerdienſt dem König von Paris nach Verſailles gefolgt; Gilbert war alſo in den ii von Paris bekannt wie in denen von Ver⸗ ailles. Ueberdies hatte der König, wenn er auch nicht ſeine Zuflucht zum Doctor genommen, dieſen doch nicht vergeſſen; Ludwig XVI. beſaß einen zu richtigen Geiſt, um nicht leicht ſeine Freunde von ſeinen Feinden zu unterſcheiden. Und Ludwig XVI. fühlte wohl bis in die Tiefe ſeines Herzens, was auch die Vorurtheile der Königin gegen Gilbert ſein mochten, Gilbert ſei vielleicht nicht der Freund des Königs, aber, was ebenſo viel werth war, der Freund des Koͤnigthums. Ludwig XVI. erinnerte ſich vaher, es ſei dies der Tag, an welchem Gilbert den Dienſt habe, und nannte ſeinen Namen, damit Gilbert ſogleich bei ſeiner Erſchei⸗ nung bei ihm eingeführt werde. Kaum hatte er auch die Thürſchwelle überſchritten, als der Kammerdiener vom Dienſte aufſtand, ihm ent⸗ gegenging und ihn in das Schlafzimmer des Königs einführte. Der Koͤnig ſchritt auf und ab, ſo ſehr in Gedanken verſunken, daß er dem Eintritt von Gilbert keine Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte und nicht einmal die Meldung, die ihm voranging, hoͤrte. Gilbert verharrte unbeweglich, ſtillſchweigend bei der Thüre und wartete, bis der König ſeine Gegenwart be⸗ merkte und ihn anſprach. Der Gegenſtand, der den Koͤnig beſchäftigte,— und das war leicht zu ſehen, denn von Zeit zu Zeit blieb er vor demſelben ſtehen,— war ein Portrait in Lebens⸗ groͤße von Karl., gemalt von Van Dyck, daſſelbe, das 60 heute im Palaſte des Louvre iſt, und das ein Engländer, wenn man es an ihn verkaufen wollte, ganz mit Gold⸗ ſtücken zu bedecken ſich anheiſchig gemacht hat. Sie kennen dieſes Portrait, nicht wahr, wenn nicht nach dem Gemälde, doch wenigſtens nach dem Stiche? Karl 1. iſt zu Fuße, unter einem von jenen mageren, ſpärlichen Bäumen, wie ſie auf den Küſten wachſen. Ein Page hält ſein geſatteltes und gezäumtes Pferd; das Meer bildet den Horizont. Der Kopf des Königs trägt ganz das Gepräge der Schwermuth an ſich. Woran denkt dieſer Stuart, der als Vorgängerin die ſchöne und unglückliche Maria ge⸗ habt hat und als Nachfolger Jacob II. haben wird? Oder woran pachte vielmehr der Maler, dieſes große Genie, dieſer Mann, der Geiſt genug hatte, um mit ſei⸗ nem Ueberfluſſe die Phyſiognomie des Königs zu begaben? Woran dachte er, als er ihn zum Voraus, wie in den letzten Tagen ſeiner Flucht, als einfachen Cavalier, bereit, wleder gegen die Rundköpfe in's Feld zu ziehen, malte? Woran dachte er, als er ihn ſo malle, an der ſlür⸗ miſchen Nordſee ſtehend, mit ſeinem Pferde an ſeiner Seite, ganz bereit zum Angriff aber auch ganz bereit zur Flucht? Fände man, wenn man dieſes Gemälde, dem Van Dyck jene tiefe Färbung von Traurigkeit verliehen hat, umkehrte auf der Rückſeite der Leinwand nicht irgend eine Anlage vom Schaſſot von White⸗Hall? Die Stimme dieſer Leinwand mußte ſehr laut ſpre⸗ chen, um ſich hörbar bei der ganzen materiellen Natur von Ludwig XVI. zu machen, deſſen Stirne ſie, einer Wolke ähnlich, welche vorüberzieht und ihren düſtern Refler auf die grünen Wieſen und vie goldenen Korn⸗ ſe der wirft, verfinſtert hatte. Dreimal unterbrach er ſeinen Spaziergang, um vor dieſem Portrait ſtehen zu bleiben, und dreimal begann er 61 ſeinen Spaziergang wieder, der immer und verhängnißi⸗ voller Weiſe dieſem Bilde gegenüber auszulaufen ſchirn. Endlich ſah Gilbert ein, daß es Umſtände gibt, wo ein Zuſchauer weniger indiscret iſt, wenn er ſeine Gegen⸗ wart anfündigt, als wenn er ſtumm bleibt. Er machte eine Bewegung. Ludwig XVI. bebte und wandte ſich um. „Ah! Sie ſind es, Doctor,“ ſagte er.„Kommen Sie, kommen Sie, ich bin glücklich, Sie zu ſehen.“ Gilbert verbeugte ſich und trat auf den König zu. „Wie lange ſfind Sie hier, Doctor?“ „Seit ein paar Minuten, Sire!“ „Ah!“ machte der König, der wieder nachdenkend wurde. Dann, nach einer Pauſe, führte er Gilbert vor das Meiſterwerk von Van Dyck und fragte: „Doctor, kennen Sie dieſes Portrait?“ „Ja, Sire.“ „Wo haben Sie es denn geſehen?“ „Als ein Kind, bei Madame Dubarry, aber, obgleich damals noch ein Kind, war ich doch tief davon be⸗ troffen.“ „Ja, bei Madame Dubarry, ſo iſt es,“ murmelte Ludwig XVI. Dann, nach einer neuen Pauſe von einigen Secunden, fragte er: „Kennen Sie die Geſchichte dieſes Portraits, Doctor?“* „Spricht Seine Majeſtät von der Geſchichte des Königs, den es vorſtellt, oder von der Geſchichte des Portraits ſelbſt?“ „Ich meine die Geſchichte des Portraits.“ „Nein, Sire, ich weiß nur, daß es in London im Jahre 1645 oder 1646 gemalt worden iſt; mehr kann ich nicht davon ſagen; doch ich weiß nicht, wie es nach 5 S—— 62 Frankreich übergegangen iſt, und wie es ſich in dieſem Augenblick im Zimmer Eurer Majeſtät findet.“ „Wie es nach Frankreich übergegangen iſt? das will ich Ihnen ſagen; wie es ſich in meinem Zimmer findet, das weiß ich ſelbſt nicht.“ Gilbert ſchaute Ludwig XVI. mit Erſtaunen an. „Wie es nach Frankreich übergegangen iſt,“ wieder⸗ holte Ludwig XVI.,„hören Sie: ich werde Ihnen über die Hauptſache nichts Neues mittheilen, aber viel über die Details; Sie werden dann begreifen, warum ich vor dieſem Portrait ſtehen blieb, und woran ich dachte, in⸗ dem ich ſtehen blieb.“ Gilbert verbeugte ſich, um zu bezeichnen, er höre aufmerkſam. „Es gab, vor ungefähr dreißig Jahren,“ ſprach Ludwig XVI.,„ein Miniſterum, das unheilvoll für Frank⸗ reich und beſonders für mich,“ ſetzte er hinzu, ſeufzend bei der Erinnerung an ſeinen Vater, von dem er immer geglaubt hatte, er ſei vergiftet worden:„das iſt das Miniſterium von Herrn von Choiſeul. Dieſes Miniſterium beſchloß man durch das Miniſterum dAiguillon und Maupeou zu erſetzen und zugleich die Parlamente zu brechen. Aber die Parlamente brechen war eine Hand⸗ lung, welche meinen Großvater, den König Ludwig XV., ſehr erſchreckte. Um die Parlamente zu brechen, bedurfte es eines Willens, den er verloren hatte. Mit den Trüm⸗ mern des alten Menſchen mußte er einen neuen Menſchen machen, und um aus dieſem alten Menſchen einen neuen zu machen, gab es nur ein Mittel: den ſchmählichen Harem zu ſchließen, der, unter dem Namen Hirſchpark, Frankreich ſo viel Geld und der Monarchie ſo viel Po⸗ pularität gekoſtet hatte; man mußte, ſtatt dieſer Welt von jungen Mädchen, wo ſich die Ueberreſte ſeiner Männ⸗ lichkeit erſchöpften, Ludwig XV. eine einzige Geliebte geben, die bei ihm die Stelle von allen vertreten würde, die nicht genug Einfluß hätte, um ihn eine politiſche Linie verfolgen zu laſſen, welche aber Gedächtniß genug beſäße, um ihm jeden Augenblick eine wohl eingelernte Lection zu wiederholen. Der alte Marſchall von Richelieu wußte, wo eine ſolche Frau zu ſuchen warz er ſuchte ſie da, wo ſie ſich finden, und fand ſie. Sie kannten ſie, Doctor, denn ſo eben ſagten Sie mir, Sie haben dieſes Portrait bei ihr geſehen.“ Gilbert verbeugte ſich.. „Wir liebten ſie nicht, dieſe Frau, weder die Köni⸗ gin, noch ich! die Koͤnigin weniger vielleicht, als ich, denn die Königin, eine Oeſterreicherin, inſtruirt von Maria Thereſia zu der großen europäiſchen Politik, deren Centrum Oeſterreich wäre, ſah in der Erhebung von Herrn d'Aiguil⸗ lon den Sturz ihres Freundes, des Herrn von Choiſeul; wir liebten ſie nicht, ſagte ich, und dennoch muß ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie das, was war, zerſtörend nach meinen beſondern Wünſchen und, ich ſage es auf mein Gewiſſen, dem allgemeinen Wohle gemäß handelte. Es war eine geſchickte Komödiantin: ſie ſpielte ihre Rolle vortrefflich; ſie ſetzte Ludwig XV. in Erſtaunen durch eine dem Königthum bis dahin un⸗ bekannte kecke Vertraullchkeit; ſie beluſtigte ihn, indem ſie über ihn ſpottete; ſie machte ihn zum Mann, indem ſie ihn glauben ließ, er ſei es Der Koͤnig hielt plötzlich inne, als würfe er ſich die Unvorſichtigkeit, ſo von ſeinem Großvater vor einem Fremden zu ſprechen, vor; aber ſeinen Blick auf das treuherzige, offene Geſicht von Gilbert heftend, ſah er, daß er dieſem Manne, der Alles ſo gut zu begreifen wußte, Alles ſagen konnte. Gilbert errieth, was im Geiſte des Königs vorging, und ohne Ungeduld, ohne eine Frage wartete er, indem er ſein Auge völlig dem forſchenden Auge des Koͤnigs öffnete. „Was ich Ihnen ſage, mein Herr,“ fuhr Ludwig XVI. mit einem gewiſſen Adel des Kopfes und der Geherde 64 fort, dle bei ihm nicht Gewohnbeit war,„was ich Ihnen ſage, müßte ich Ihnen vielleicht nicht ſagen, denn es iſt mein inniger Gedanke, und ein König ſoll den Grund ſeines Herzens nur diejenige! ſehen laſſen, in deren Herzensgrunde er leſen kann. Werden Sie mir Gleiches mit Gleichem vergelten, Herr Gilbert? und wenn Ihnen der König von Frankreich immer Alles ſagt, was er denkt, werden Sie ihm auch immer Alles ſagen, was Sie denken?“ „Sire,“ erwiederte Gilbert,„ich ſchwöre Ihnen, daß, wenn Eure Majeſtät mir dieſe Ehre erweiſt, ich ihr vieſen Dienſt leiſen werde; der Arzt iſt mit den Leibern beauſtragt, wie der Prieſter mit den Seelen; aber, ſtumm und unergründlich für die Andern, würde ich es für ein Verbrechen halten, die Wahrheit dem König nicht zu ſagen, der mir die Ehre erweiſt, ſie von mir zu ver⸗ langen.“ „Alſo, Herr Gilbert, nie eine Indiscretion?“ „Sire, ſollten Sie mir ſelbſt ſagen, in einer Viertel⸗ ſtunde werde ich, und zwar auch auf Ihren Befehl, ge⸗ tödtet, ich würde mich nicht berechtigt glauben, zu fliehen, fügten Sie nicht bei:„Fliehen Sie!““ „Sie thun wohl daran, daß Sie mir das ſagen, Herr Gilbert. Mit meinen beſten Freunden, ſelbſt mit der Königin, ſpreche ich oft nur ganz leiſe; mit Ihnen werde ich laut denken.“ Er fuhr fort: „Nun wohl, dieſe Frau, welche wußte, man könne bei Ludwig XV. höchſtens auf königliche Velleitäten rechnen, verlleß ihn kaum, um die geringſten von dieſen Velleitäten zu benützen. Sie folgte ihm in den Rath und neigte ſich über ſein Fauteuil; vor dem Kanzler, vor dieſen erſten Perſonen, vor dieſen alten Staatebeamten, legte ſie ſich zu ſeinen Füßen, ſich geberdend wie ein Affe, ſchwatzend wie ein kleiner Papagei, und Tag und Nacht blies ſie ihm das Königthum ein. Doch das war — 65 noch nicht genug, und die ſeltſame Egeria würde viel⸗ leicht ihre Zeit hiebei verloren haben, hätte Herr von Richelieu nicht den Gedanken gehabt, dieſen ungreifbaren Worten einen Körper zu geben, der die Lection, welche ſie ihm wiederholte, materiell machte. Unter dem Vor⸗ wande, der Page, den man auf dieſem Bilde ſieht, heiße Barty, kaufte man das Gemälde für ſie, als wäre es ein Familiengemälde. Das ſchwermüthige Geſicht, das den 30. Januar 1649 ahnete, hörte, in das Boudoir dieſer Frau geſtellt, ihr freches Gelächter, ſah ihre lasciven Beluſtigungen; denn es diente ihr zu Folgendem; während ſie lachte, nahm ſie Ludwig XV. beim Kopf, zeigte ihm Farl 1. und ſagte zu ihm:„„Siehſt Du, Frankreich, das iſt ein Konig, dem man den Hals abgeſchnitten hat, weil er ſchwach gegen ſein Parlament war; ſchone alſo noch das Deinige!““ Ludwig XV. caſſirte das Parlament und ſtarb ruhig auf dem Throne. Dann verbannten wir dieſe Frau, gegen welche wir vielleicht nachſichtiger hätten ſein müſſen. Das Bild blieb in den Manſarden von Verſailles, und nie fiel es mir nur ein, zu fragen, was daraus geworden... Wie kommt es nun, daß ich es hier finde? Wer hat befohlen, es hieher zu bringen? Warum folgt es mir, oder vielmehr, warum verfolgt es mich?“ Und nachdem er traurig den Kopf geſchüttelt, fügte Ludwig XVI. bei: „Doetor, iſt hierunter nicht ein Verhängniß?“ „Ein Verhängniß, wenn Ihnen dieſes Portrait nichts ſagt; doch eine Vorſehung, wenn es zu Ihnen ſpricht.“ „Wie ſoll ein ſolches Portrait nicht zu einem König in meiner Lage ſprechen, Doctor?“ „Nachdem Eure Majeſtät mir erlaubt hat, die Wahr⸗ heit zu ſagen, erlaubt ſie mir auch, ſie zu fragen?“ Ludwig XVI. ſchien einen Augenblick zu zögern. „Fragen Sie, Doector,“ ſagte er dann. Die Gräfin von Charny. M. 66 „Was ſagt dieſes Portrait Eurer Majeſtät, Sire?“ „Es ſagt mir, Karl I. habe den Kopf verloren, weil er Krieg gegen ſein Volk geführt, und Jacob II. habe den Thron verloren, weil er das ſeinige berlaſſen.“ „Dann iſt dieſes Portrait wie ich, Sire: es ſpricht die Wahrheit.“ „Nun?“ fragte der Koͤnig, Gilbert mit dem Blicke auffordernd. „Nun, da der König mir erlaubt hat, ihn zu be⸗ fragen, ſo frage ich ihn, was er dieſem Portrait, das ſo redlich mit ihm ſpricht, antwortet?“ „Herr Gilbert,“ erwiederte der König, ℳch gebe Ihnen mein Ehrenwort als Edelmann, daß ich noch nichts beſchloſſen habe: ich werde die Umſtände zu Rathe ziehen.“ „Das Volk befürchtet, der König gedenke Krieg gegen daſſelbe zu führen.“ Ludwig XVI. ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Nein, mein Herr, nein, ich kann nur Krieg gegen mein Volk mit der Unterſtützung des Auslandes führen, und ich kenne zu gut den Zuſtand Europas, um ihm zu vertrauen. Der König von Preußen bietet mir an, mit hunderttauſend Mann in Frankreich einzumarſchiren; aber ich kenne den intriganten, ehrgeizigen Geiſt dieſer kleinen Monarchie, die danach ſtrebt, ein großes Konigreich zu werden, welche überall zur Verwirrung antreibt, in der Hoffnung, in dieſer Verwirrung werde ſie ein neues Schleſien an ſich reißen. Oeſterreich ſtellt ebenfalls hun⸗ derttauſend Mann zu meiner Verfügung, aber ich liebe meinen Schwager Leopold, dieſen devoten Philoſophen, nicht. Mein Bruder d'Artois trägt mir die Unterſtützung von Sardinien und Spanien an, aber ich traue dieſen Mächten nicht, welche von meinem Bruder d'Artvis ge⸗ lenkt werden; er hat Herrn von Calonne bei ſich, das heißt den grauſamſten Feind der Königin, denjenigen, welcher,— ich habe die Handſchrift geſehen,— dem t r r „ e 1, ⸗ 8 1, 67 Pamphlet von Mabame Lamotte gegen uns in der ab⸗ ſcheulichen Halsbandgeſchichte Noten beigefügt hat. Ich weiß Alles, was dort vorgeht. In der vorletzten Sitzung iſt davon die Rede geweſen, mich abzuſetzen und einen Regenten zu ernennen, der wahrſcheinlich mein anderer vielgeliebter Bruder, der Herr Graf von Provence, wärez ſchließlich hat Herr von Condé, mein Vetter, den Vor⸗ ſchlag gemacht, in Frankreich einzudringen und gegen Lyon zu marſchiren, was auch dem König geſchehen moöchte!... Was die große Katharina betrifft, das iſt etwas Anderes; ſie beſchränkt ſich auf Rathſchläge; ſie gibt mir einen Rath, der auf das Erhabene abzielt, jedoch nur lächerlich iſt, beſonders nach dem, was in den letzten Tagen vorgefallen.„„Die Koͤnige,““ ſagt ſie, „„müſſen ihren Gang perfolgen, ohne ſich um das Ge⸗ ſchrei des Volks zu bekümmern, wie der Mond ſeinem Laufe folgt, ohne ſich um das Gebelle der Hunde zu be⸗ kümmern!““ Es ſcheint, die ruſſiſchen Hunde begnügen ſich damit, daß ſie bellen; ſie laſſe Deshuttes und Vari⸗ eourt fragen, ob die unſeren nicht beißen.“ „Das Volk befürchtet, der König gedenke zu fliehen, Frankreich zu verlaſſen...“ Der König zögerte zu antworten. „Sire,“ fuhr Gilbert lächelnd fort,„man hat immer Unrecht, eine von einem König gegebene Erlaubhniß buchſtäblich zu nehmen. Ich ſehe, daß ich indiscret bin e meinen Fragen einfach den Ausdruck einer Furcht mache.“ Der König legte ſeine Hand auf die Schulter von Gilbert und erwiederte: „Mein Herr, ich habe Ihnen die Wahrheit ver⸗ ſprochen und werde ſie Ihnen vollſtändig ſagen. Ja, es iſt hievon die Rede geweſen; ja, die Sache iſt mir vor⸗ geſchlagen wordenz ja, es iſt der Rath vieler redlicher Diener, die mich umgeben, ich ſoll fliehen. Doch in der Nacht vom 6. October, als, in meinen Armen weinend 68 und ihre Kinder in die ihrigen ſchließend, die Koͤnigin wie ich den Tod erwartete, ließ ſie mich ſchwören, daß ich nie allein fliehen werde, daß wir Alle mit einander abreiſen werden, um mit einander gerettet zu ſein oder zu ſterben. Mein Herr, ich habe geſchworen und werde mein Wort halten. Da ich es aber nicht für möglich erachte, daß wir Alle mit einander fliehen, ohne zehnmal, ehe wir die Grenze erreichen, feſtgenommen zu werden, ſo werden wir nicht fliehen.“ „Sire,“ ſprach Gilbert,„Sie ſehen mich in Bewun⸗ derung vor der Richtigkeit des Geiſtes Eurer Majeſtät. Oh! warum kann Sie nicht ganz Frankreich hören, wie ich Sie in dieſem Augenblicke gehört habe? Wie viel Leidenſchaften des Haſſes, die Eure Majeſtät verfolgen, würden ſich beſänftigen! wie viel Gefahren, die Sie um⸗ geben, würden ſich ſchwächen!“ „Haß?“ verſetzte der König;„Sie glauben alſo, daß mein Volk mich haßt? Gefahren? indem ich nicht zu ſehr im Ernſte die düſteren Gedanken nehme, die mir dieſes Portrait eingeflößt hat, ſage ich Ihnen: ich glaube, daß die größten vorüber ſind.“ Gilbert ſchaute den König mit einem tieſen Gefühle von Schwermuth an. „Iſt dies nicht Ihre Anſicht, Herr Gilbert?“ fragte Ludwig XVI.. „Meine Anſicht, Sire, iſt, daß Eure Majeſtät erſt in den Kampf eingetreten, und daß der 14. Juli und der 6. Oetober nur die zwei erſten Acte des erſchrecklichen Dramas ſind, welches Frankreich im Angeſichte der Na⸗ tionen ſpielen wird.“ Ludwig KVI. erbleichte leicht. „Ich hoffe, daß Sie ſich täuſchen, mein Herr,“ ſagte er. „Ich täuſche mich nicht, Sire.“ x „Wie können Sie über dieſen Punkt mehr Fi en, 4 * — W 69 als der ich meine Polizei und meine Gegenpolizei abe?“ „Sire, ich habe allerdings weder Polizei, noch Gegen⸗ polizei, aber durch meine Stellung bin ich die natürliche Mittelsperſon zwiſchen dem, was den Himmel betrifft, und dem, was ſich noch in den Eingeweiden der Erde ver⸗ birgt. Sire, was wir erfahren haben, iſt nur das Erd⸗ beben, wir haben noch das Feuer, die Aſche und die Lava des Vulkans zu bekämpfen.“ „Sie haben geſagt zu bekämpfen, mein Herrz wür⸗ den Sie nicht richtiger geſprochen haben, wenn Sie zu fliehen geſagt hätten?“ „Ich habe geſagt, zu bekämpfen, Sire.“ „Sie kennen meine Anſicht in Betreff des Auslandes. Ich werde die Fremden nie nach Frankreich rufen, wenn nicht, ich ſage nicht mein Leben,— was liegt mir an meinem Leben, ich habe es zum Opfer gebracht,— wenn nicht das Leben meiner Frau und meiner Kinder eine wirkliche Gefahr läuft.“ „Ich möchte mich zu Ihren Füßen niederwerfen, Sire, um Ihnen für ſolche Gefühle zu danken. Nein, Sire, es bedarf der Fremden nicht. Wozu ſollen die Fremden nützen, ſo lange Sie nicht Ihre eigenen Mittel und Quellen erſchöpft haben? Sie befürchten von der Revolution überflügelt zu werden, nicht wahr, Sire?“ „Ich geſtehe es.“ „Nun, es gibt zwei Mittel, zugleich den König und Frankreich zu retten.“ „Nennen Sie dieſelben, mein Herr, und Sie werden ſich um Beide verdient gemacht haben.“ „Das erſte iſt, Sire, daß Sie ſich an die Spitze der Revolution ſtellen und ſie lenken.“ „Sie würden mich mit ſich fortreißen, Herr Gilbert, nd ich will nicht vahin gehen, wohin ſie gehen.“ F„Das zweite iſt, ihr ein ziemlich ſolides Gebiß an⸗ iglegen⸗ um ſie zu bezähmen.“ 70 „Wie wird dieſes Gebiß heißen, mein Herr?“ „Die Volksbeliebtheit und das Genie.“ „Und wer wird der Schmied ſein?“ „Mirabeau!“ 5 Ludwig XVI. ſchaute Gilbert in's Geſicht, als ob er ſchlecht gehört hätte. XIX. Mirabeau. Gilbert ſah, daß er einen Kampf zu beſtehen hatte, doch er war vorbereitet. „Mirabeau,“ wiederholte er,„ja, Sire, Mirabeau.“ Der König wandte ſich gegen das Portrait von Karl I. um und fragte dieſes poetiſche Gemälde von Van Dyck: „Was würdeſt Du geantwortet haben, Karl Stuart, wenn in dem Augenblicke, wo Du die Erde unter Deinen Füßen zittern fühleſt, man Dir vorgeſchlagen hätte, Dich auf Cromwell zu ſtützen?“ „Karl Stuart würde ſich geweigert haben, und er hätte wohl daran gethan,“ ſagte Gilbert,„denn es findet keine Aehnlichkeit zwiſchen Cromwell und Mirabeau ſtatt.“. „Ich weiß nicht, wie Sie die Dinge anſehen, Doctor. Für mich gibt es keine Stufe beim Verrath; ein Ver⸗ räther iſt ein Verräther, und ich kann keinen Unterſchied zwiſchen dem machen, der es ein wenig iſt, und dem, der es ſehr iſt.“ 6 E 7¹ „Sire,“ erwiederte Gilbert mit tiefer Ehrfurcht, aher zugleich mit unüberwindlicher Feſtigkeit,„weder Cromwell, noch Mirabeau ſind Verräther.“ „Was ſind ſie denn?“ rief der König. „Cromwell iſt ein rebelliſcher Unterthan, und Mira⸗ beau iſt ein unzufriedener Edelmann.“ „Unzufrieden, worüber?“ Meber Alles über ſeinen Vater, der ihn in das Schloß If und in den Thurm von Vincennes hat einſperren laſſen, über den König, der ſein Genie verkannt hat und es noch verkennt.“ „Das Genie des Politikers iſt die Ehrlichkeit, Herr Gilbert,“ verſetzte lebhaft der König. „Die Antwort iſt ſchön, Sire, würdig eines Titus, eines Trajan, eines Marcus Aurelius; leider gibt ihr die Erfahrung Unrecht.“ „Wie ſo?“ „War es ein ehrlicher Mann, dieſer Auguſtus, der die Welt mit Lepidus und Antonius theilte, und Lepidus verbannte und Antonius toͤdtete, um die Welt für ſich allein zu haben? War es ein ehrlicher Mann, dieſer Karl der Große, der ſeinen Bruder Karlmann, um hier zu ſterben, in ein Kloſter ſchickte, und um ein Ende mit ſei⸗ nem Feinde Witekind zu machen, welcher ein beinahe eben⸗ ſo großer Mann als er, den Sachſen alle Köpfe abſchnitt, welche die Höhe ſeines Schwertes überragten? War es ein ehrlicher Mann, dieſer Ludwig XI., der ſich gegen ſeinen Vater empörte, um ihn zu entthronen, und der, obgleich er ſcheiterte, dem armen Karl VII. einen ſolchen Schrecken einfloͤßte, daß er aus Furcht, vergiftet zu wer⸗ den, Hungers ſtarb? War es ein ehrlicher Mann, dieſer Richelieu, der in den Alcoven des Louvre und auf den Treppen des Palais⸗Cardinal Conſpirationen machte, die er auf dem Gröve⸗Platze entwickelte? War es ein ehr⸗ licher Mann, dieſer Mazarin, der nicht nur eine halbe Million und fünfhundert Mann Karl II. verweigerte, ſon⸗ 72 dern ihn auch aus Frankreich wegjagte? War es ein ehrlicher Mann, dieſer Colbert, der Fouquet, ſeinen Pro⸗ tector, verrieth, anklagte, ſtürzte und ſich, während man dieſen lebendig in einen Kerker warf, aus dem er nur als eine Leiche herauskommen ſollte, unverſchämt und ſtolz in ſeinen noch warmen Lehnſtuhl ſetzte? Und den⸗ noch haben, Gott ſei Dank, weder die Einen noch die den Königen oder dem Königthum Eintrag ge⸗ than!“ „Aber, Herr Gilbert, Sie wiſſen wohl, daß Herr von Mirabeau nicht mir angehören kann, da er dem Herzog von Orleans angehört.“* „Ei! Sire, da der Herzog von Orleans verbannt iſt, ſo gehört Herr von Mirabeau Niemand mehr.“ „Wie ſoll ich mich einem käuflichen Menſchen an⸗ vertrauen?“ „Indem Sie ihn kaufen Können Sie ihm nicht mehr geben, als irgend Jemand in der Welt?“ Ein Unerſättlicher, der eine Million fordern wird!“ „Verkauft ſich Mirabeau für eine Million, Sire, ſo verſchenkt er ſich. Glauben Sie, er ſei zwei Millio⸗ nen weniger werth, als ein oder eine Polignac?“ 6 „Herr Gilbert!“ „Der König entzieht mir das Wort,“ ſagte Gilbert, indem er ſich verbeugte,„ich ſchweige.“ „Nein, im Gegentheil, ſprechen Sie.“ „Ich habe geſprochen, Sire.“ „So laſſen Sie uns die Sache erörtern.“ „Sehr gern. Ich weiß meinen Mirabeau auswen⸗ dig, Sire.“ 5 „Sie ſind ſein Freund?“ „Leider habe ich nicht dieſe Ehre; übrigens hat Herr von Mirabeau nur einen Freund, welcher zugleich der der Koͤnigin iſt.“ 73 „Ja, ich weiß es, der Herr Graf von der Mark; wir werfen es ihm alle Tage genug vor.“ „Eure Majeſtät müßte im Gegentheil bei Todesſtrafe verbieten, ſich je mit Mirabeau zu entzweien.“ „Von welcher Bedeutung ſoll denn beim Gewichte der öffentlichen Angelegenheiten ein Strohjunker wie Herr Riquetti von Mirabeau ſein?“ „Vor Allem, Sire, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Herr von Mirabeau ein Edelmann und kein Strohjunker iſt. Es gibt wenig Evelleute in Frankreich, welche aus dem 11. Jahrhundert datiren, da unſere Koͤ⸗ nige, um einige um ſich zu haben, ſo nachſichtig geweſen find, von denjenigen, welchen ſie die Ehre bewilligen, in ihre Carroſſen zu ſteigen, nur Proben von 1399 zu for⸗ dern. Nein, Sire, man iſt kein Strohjunker, wenn man von den Arrighetti von Florenz abſtammt, wenn man in Folge einer Nieverlage der Gibellinen nach der Provence gekommen iſt und ſich hier niedergelaſſen hat. Man iſt kein Strohjunker, weil man einen Vorfahren gehabt hat, der in Marſeille Handel getrieben, denn Sie wiſſen, Sire, daß der Adel von Marſeille, wie der von Venedig, das Privilegium hat, Handel zu treiben, ohne dadurch des Adels kluſtig zu werden.„ „Ein Wüſtling,“ unterbrach der König Gilbert,„ein Henker ſeinem Rufe nach, ein Geldabgrund!“ „Ah! Sire, man muß die Menſchen nehmen, wie ſie die Natur gemacht hat; die Mirabeau ſind ſtets ſtürmiſch und ungeorbnet in ihrer Jugend geweſen; aber ſie relfen, wenn ſie älter werden. Als junge Leute ſind ſie leider ſo, wie Eure Majeſtät ſagt; als Familienhäupter ſind ſie gebieteriſch, hoffärtig, aber ſtreng. Der König, der ſie mißkennen würde, wäre ein Undankbarer, denn ſie haben der Landarmee unerſchrockene Soldaten, dem See⸗ heere verwegene Seeleute geliefert. Ich weiß wohl, daß ſie in ihrem provincialen Geiſte, der gegen jede Centrali⸗ ſation gehäſſig iſt, in ihrer halb feudalen, halb republika⸗ 74 niſchen Oppoſition von ihren feſten Schlöſſern herab der Autorität der Miniſter, zuweilen ſogar der der Rönige trotzten; ich weiß wohl, daß ſie mehr als einmal in die Durance die Agenten des Fiscus, welche auf ihren Gütern operiren wollten, geworfen haben; ich weiß wohl, daß ſie die Höflinge und die Schreiber, die Generalpächter und die Gelehrten in derſelben Geringſchätzung vermengten, mit derſelben Verachtung bedeckten, und nur zwei Dinge in der Welt achteten: das Eiſen des Schwertes und das Eiſen des Pfluges; ich weiß wohl, daß Einer von ihnen geſchrieben hat:„„Die Knechterei iſt inſtinetartig bei den Hofleuten mit gipſenem Geſicht und gipſenem Herzen, wie bei den Enten das Plätſchern im Schlamme.““ Doch Alles dies, Sire, riecht durchaus nicht nach dem Strohjunker; Alles dies iſt vielleicht nicht von der red⸗ lichſten Moral, ſicherlich aber hat es das Gepräge des höchſten Adels.“ „Gut, gut, Herr Gilbert,“ ſprach mit einer Art von Aerger der König, welcher die bedeutenden Männer ſeines Reiches beſſer als irgend Jemand zu kennen glaubte, „Sie haben es geſagt, Sie wiſſen Ihren Mirabeau aus⸗ wendig. Da dies bei mir nicht der Fall iſt, ſo fahren Sie fort. Ehe man ſich der Leute bedient, lernt man ſie gern kennen.“ „Ja, Sire,“ erwiederte Gilbert, geſtachelt durch die Ironie, die er in der Betonung, mit der der König zu ihm ſprach, erkannte,„und ich ſage Eurer Majeſtät; Es war ein Mirabeau, jener Bruno von Riquetti, welcher an dem Tage, wo Herr de la Feuillade auf der Place de la Victvire ſeine Statue der Victoria mit ihren vier ge⸗ feſſelten Nationen einweihte, mit ſeinem Regimente, dem Garde⸗Regiment, Sire, vorüberziehend, auf dem Pont Neuf anhielt, ſein Regiment vor der Statue von Heinrich IV. Halt machen ließ und ſagte:„Meine Freunde, grüßen wir dieſen, denn dieſer iſt ſo viel werth, als ein Anderer!““ Es war ein Mirabeau, jener Frangois S 75 von Riquetti, der im Alter von ſiebenzehn Jahren von Malta zurückkommt, ſeine Mutter Anna von Pontéves in Trauer findet und ſie fragt, warum dieſe Trauer, da ſein Vater ſeit zehn Jahren todt ſei.„Weil ich beleidigt worden bin,““ antwortet die Mutter.„„Durch wen?““ „„Durch den Chevalier von Griasque.““„„Und Du haſt Dich nicht gerächt?““ fragt Frangois, der ſeine Mutter kannte.„„Ich hatte große Luſt! Eines Tages traf ich ihn alleinz ich ſetzte ihm eine geladene Piſtole an den Schlaf und ſagte:„„Wenn ich allein auf der Welt wäre, ſo würde ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagen, was ich, wie Du ſiehſt, thun kann; aber ich habe einen Sohn, der mich ehrenvoller rächen wird!““ „„Daran haſt Du wohl gethan, Mutter,“ erwiedert der junge Mann. Und ohne die Stiefeln auszuziehen, nimmt er wieder ſeinen Hut, ſchnallt ſeinen Degen um und ſucht den Chevalier von Griasque, einen Rau⸗ fer, auf, fordert ihn heraus, ſchließt ſich mit ihm in einen Garten ein, wirft die Schlüſſel über die Mauer und tövtet ihn. Es war ein Mirabeau, jener Marquis Jean Antoine, der eine Hoͤhe von ſechs Fuß, die Schön⸗ heit von Antinous, die Stärke von Milon hatte, zu dem aber dennoch ſeine Großmutter ſagte:„„Ihr ſeid keine Männer mehr, Ihr ſeid nur Diminutive von Männern,““ und der, von dieſer Virago erzogen, wie es ſeitdem ſein Enkel geſagt, die Federkraft und den Appetit des Unmöglichen hatte; der, Musketier mit achtzehn Jahren, immer im Feuer, die Gefahr leivenſchaftlich liebend, wie Andere das Vergnügen lieben, eine Legion von Männern, furchtbar hitzig, unbezähmbar wie er, befehligte, ſo vaß die andern Soldaten, wenn ſie dieſelben vorüberziehen ſahen, ſagten: „„Siehſt Du die rothen Aufſchläge? Das ſind die Mirainbaux, das heißt, eine Legion von Teufeln be⸗ fehligt von Satan.“ Und ſie täuſchten ſich über den Commandanten, wenn ſie ihn Satan nannten, denn es war ein ſehr frommer Mann, ſo fromm, daß er, als 76 eines Tags einer ſeiner Wälder in Brand gerieth, ſtatt Befehl zu geben, daß man ihn durch gewöhnliche Mittel zu löſchen ſuche, das heilige Sacrament dahin bringen ließ, wonach das Feuer erloſch. Allerdings war dieſe Frömmigkeit die eines feudalen Barons, und der Kapitän fand zuweilen Mittel, den Devoten aus einer grvßen Ver⸗ legenheit zu ziehen, wie es ihm eines Tags begegnete, vaß Deſſerteurs, vie er erſchießen laſſen wollte, ſich in die Kirche eines italieniſchen Kloſters geflüchtet hatten. Er befahl ſeinen Leuten, die Thüren einzuſtoßen, und fie waren im Begriffe, zu gehorchen, als die Thüren ſich von ſelbſt öffneten und der Abt in pontificatibus, mit dem heiligen Sacramente in den Händen, erſchien.“ „Nun?“ fragte Ludwig XVI., offenbar gefeſſelt durch dieſe Erzählung voll Leben und Farbe. „Er blieb einen Augenblick nachdenkend, denn die Lage der Dinge ſetzte ihn in Verlegenheit. Dann aber ſagte er, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, zu ſeinem Standartenjunker:„„Dauphin, man rufe den Feldkaplan, und er nehme den guten Gott aus den Händen dieſes Burſchen da.““ Was frommer Weiſe durch den Feld⸗ kaplan mit Unterſtützung der Musketen dieſer Teufel mit den rothen Aufſchlägen geſchah, Sire.“* „In der That, ja,“ ſprach Ludwig XVI.,„ich er⸗ innere mich dieſes Marquis Antvine. Sagte er nicht zum Generallieutenant Chamillard, welcher ihm nach einer Affaire, in der er ſich ausgezeichnet hatte, verſprach, von ihm mit ſeinem Bruder, dem Miniſter von Chamillard, zu reden:„„Ihr Herr Bruder iſt ſehr glücklich, daß er Sie hat, denn ohne Sie wäre er der dümmſte Mann des Königreichs.“ „Ja, Sire; man machte auch eine Promotion von Feldmarſchällen, wohei ver Miniſter Chamillard ſich wohl hütete, den Namen des Marquis auf die Befoͤrderungs⸗ liſte zu ſetzen.“ „Und wie endigte dieſer Held, der mir der Conds 5 77 vom Geſchlechte der Riquetti zu ſein ſcheint?“ fragte lachend der König. „Sire, auf ein ſchönes Leben folgt ein ſchöner Tod,“ erwiederte Gilbert mit ernſtem Tone.„In der Schlacht von Caſſano beauftragt, eine von den Kaiſerlichen an⸗ gegriffene Brücke zu vertheivigen, ließ er nach ſeiner Ge⸗ wohnheit ſeine Soldaten mit dem Bauche auf die Erde liegen, und er, ein Rieſe, blieb aufrecht ſtehen und bot fich als Zielpunkt dem Feuer des Feindes. Eine Folge hievon war, daß die Kugeln wie Hagel um ihn zu pfeifen anfingen; aber er rührte ſich ebenſo wenig als ein Weg⸗ weiſer. Eine von dieſen Kugeln zerſchmetterte vor Allem ſeinen rechten Arm; doch Sie begreifen, Sire, das war nichts. Er nahm ſein Taſchentuch, machte ſich damit für ſeinen rechten Arm eine Binde und ergriff mit ſeiner linken Hand eine Art, ſeine gewöhnliche Waffe, denn er verachtete den Säbel und den Degen als zu unbedeutend in ihrer Anwendung; doch kaum hatte er dieſes Manveuvre vollführt, als ihn ein zweiter Schuß an den Hals traf und die Kehlader, ſowie die Nerven des Halſes abſchnitt. Diesmal war es ernſter. Trotz der gräßlichen Wunde blieb der Koloß noch einen Augenblick ſtehen; dann aber ſtürzte er wie ein Baum, den man entwurzelt, auf die Brücke nieder. Bei dieſem Anblick wurde das Regiment entmuthigt und floh; mit ſeinem Chef hatte es ſeine Seele verloren. Ein alter Sergent, welcher hoffte, er ſei nicht ganz todt, wirft ihm im Vorbeilaufen einen Fleiſchhafen auf den Kopf, und ſeinem Regimente nachſetzend, paſſirt das ganze Heer des Prinzen Eugen, Cavalerie und In⸗ fanterie, über ſeinen Leib. Als die Schlacht beendigt war, hatte man die Leichen zu begraben. Der prächtige Rock des Marquis machte, daß man ihn bemerkte. Einer von ſeinen Soldaten, den man gefangen genommen, er⸗ kannte ihn. Der Prinz Eugen, da er ſah, daß er ath⸗ mete oder vielmehr noch röchelte, befahl, ihn in das Lager des Herzogs von Vendome zurückzutragen. Der 78 Befehl wird vollzogen. Man bringt den Körper des Morquis in das Zelt des Herzogs, wo ſich zufälliger Weiſe der berühmte Wundarzt Dumoulin befindet. Das war ein Mann voll Phantaſie: es erfaßt ihn die Ider, dieſen Leichnam in's Leben zurückzurufen; die Cur reizt ihn um ſo mehr, als ſie unmöglich ſcheint. Außer dieſer Bleſſur, die ihm, abgeſehen vom Rückgrath und einigen Fetzen Fleiſch, den Kopf faſt von der Schulter trennte, war ſein ganzer Körper, über welchen dreitauſend Pferde und ſechs⸗ tauſend Fußgänger gezogen, nur eine Wunde. Drei Tage bezweifelte man, ob er zum Bewußtſein kommen werde. Nach drei Tagen öffnet er ein Auge; zwei Tage nachher rührt er einen Arm; kurz, er unterſtützt die Hartnäckigkeit von Dumoulin mit einer gleichen Hart⸗ näckigkeit, und nach drei Monaten ſieht man den Marquis Jean Antvine mit einem gebrochenen, von einer ſchwarzen Binde getragenen Arm, mit ſieben und zwanzig auf ſeinem gänzen Leibe zerſtreuten Wunden,— vier mehr, als Cäſar,— und den Kopf geftützt durch ein ſilbernes Halsband, wieder erſcheinen. Sein erſter Beſuch galt Verſailles, wohin ihn der Herr Herzog von Vendome führte, und wo er dem König vorgeſtelit wurde, der ihn fragte, warum er, da er die Probe von einer ſolchen Tapferkeit abgelegt, noch nicht Feldmarſchall ſei.„„Sire,“% antwortete der Marquis Antoine,„„wenn ich, ſtatt auf der Brücke von Caſſano zu ihrer Vertheidigung zu bleiben, an den Hof gekommen wäre, um ein leichtfertiges Weib zu beſtechen, ſo hätte ich mein Avancement und weniger Wunden bekommen.““ Ludwig KIV. liebte es nicht, daß man ihm ſo antwortete; er wandte auch dem Marquis den Rücken zu.„„Jean Antvine, mein Freund,““ ſagte zu dieſem, als ſie weggingen, Herr von Vendome,„„fortan werde ich Dich dem Feinde, aber nie dem König vor⸗ ſtellen.“ Einige Monate nachher heirathete der Marquis mit ſeinen ſieben und zwanzig Wunden, mit ſeinem ge⸗ brochenen Arme und ſeinem ſilbernen Halsband Fräulein „ 79 von Caſtellane Norante, mit welcher er zwiſchen ſieben Feldzügen ſieben Kinder zeugte. Zuweilen, aber ſelten, wie die wahren Braven, ſprach er von der Affaire von Caſſano, und wenn er davon ſprach, ſo pflegte er zu ſagen:„Das iſt die Schlacht, wo ich getödtet wurde.““ „Sie ſagen mir wohl,“ ſprach Ludwig XVI., der ſich ſichtbar an dieſer Aufzählung der Vorfahren von Mirabeau ergötzte,„Sie ſagen mir wohl, mein lieber Doctor, wie der Marquis getödtet wurde, aber Sie ſagen mir nicht, wie er geſtorben iſt.“ „Er iſt geſtorben im Schloſſe Mirabeau, einem auf einem abſchüſſigen Felſen liegenden, einen doppelten, be⸗ ſtändig vom Nordwinde gepeitſchten, Paß verſperrenden, herben, harten Aufenthaltsorte; er iſt geſtorben mit jener gebieteriſchen, rauhen Rinde, die ſich auf der Haut der Riquetti, je mehr fie alt werden, bildet, ſeine Kinder in der Unterwürſigkeit und in der Ehrfurcht erziehend und ſie in einer ſolchen Entfernung haltend, daß der älteſte von ſeinen Söhnen ſagte:„Ich habe nie die Ehre gehabt, die Hand, die Lippen oder das Fleiſch dieſes ausgezeich⸗ neten Mannes zu berühren.““ Dieſer älteſte Sohn, Sire, war der Vater des gegenwärtigen Mirabeau, ein wilder Vogel, deſſen Neſt zwiſchen vier Thürmchen ge⸗ macht war, der ſich nie, wie er ſagte, enverſailliren wollte, weshalb ihm ohne Zweifel Eure Majeflät, die ihn nicht kennt, keine Gerechtigkeit widerfahren läßt.“ „Doch, mein Herr,“ entgegnete der König,„doch, ich kenne ihn; im Gegentheil, er iſt einer der Chefs der ökonomiſchen Schule. Er hatte Theil an der Revolu⸗ tion, welche in Erfüllung geht, indem er das Signal zu ſocialen Reformen gab und viele Irrthümer und einige Wahrheiten populariſirte, was um ſo ſtrafbarer von ihm, als er die Lage vorherſah, er, der ſagte:„„Es gibt heute keinen Frauenleib, der nicht einen Artebelle oder einen Maſaniello trägt.““ „Sire, es iſt in Mirabeau etwas, was Eurer Ma⸗ 80 jeſtät widerſtrebt oder ſie erſchreckt; laſſen Sie mich ihr ſagen, daß es der väterliche Despotismus und der könig⸗ liche Despotismus ſind, die Alles dies gethan haben.“ „Der königliche Despotismus!“ rief Ludwig XVI. „Allerdings, Sire; ohne den König vermochte der Vater nichts; denn welches Verbrechen hatte am Ende der Abköͤmmling dieſes großen Geſchlechtes begangen, daß ihn ſein Vater mit vierzehn Jahren in eine Corrections⸗ ſchule ſchickte, wo man ihn, um ihn zu demüthigen, nicht unter dem Namen Riquetti von Mirabeau, ſondern unter dem Namen Buffiéres einſchrieb? Was hatte er gethan, daß mit achtzehn Jahren ſein Vater einen Geheimbrief gegen ihn erhielt und ihn auf der Inſel Ré einſperrte? Was hatte er gethan, daß ihn ſein Vater mit zwanzig Jahren in die Reihen eines Disciplinar⸗Bataillon ſchickte, um den Krieg in Corſica mitzumachen, mit der Weiſſagung ſeines Vaters:„„Er wird ſich am 16. April auf der Ebene ein⸗ ſchiffen, die ſich ganz allein durchfurcht; Gott gebe, daß er dort nicht einen Tag rudere.“ Was hatte er gethan, daß nach einer einjährigen Ehe ſein Vater ihn nach Manosque verbannte? Wos hatte er gethan, daß nach einer Ver⸗ bannung von ſechs Monaten nach Manosque ſein Vater ihn nach dem Fort Joux bringen ließ? Was hatte er endlich gethan, um nach ſeiner Entweichung in Amſterdam ver⸗ haftet und in den Thurm von Vincennes eingeſperrt zu werden, wo als ganzer Raum ihm, der in der Welt er⸗ ſtickt, die väterliche Milde in Verbindung mit der könig⸗ lichen Milde einen Kerker von zehn Quadratfuß gibt, wo fünf Jahre ſeine Jugend ſich heftig bewegt, ſeine Leidenſchaft brüllt, zu gleicher Zeit aber ſein Geiſt wächſt und ſich erhöht und ſein Herz ſich ſtärkt?.. Was er gethan hatte, will ich Eurer Majeſtät ſagen. Er hatte ſeinen Profeſſor Poiſſon durch ſeine Leichtigkeit, Alles zu lernen und Alles zu begreifen, verführt; er hatte tüchtig an der ökonomiſchen Wiſſenſchaft angebiſſen; er hatte, da er die militäriſche Laufbahn ergriffen, ſie fortzuſetzen —— S S„ 8—— 81 gewünſcht; er hatte, auf ſechstauſend Livres Einkommen mit ſeiner Frau und efnem Kinde beſchränkt, ungefähr dreißig tauſend Franken Schulden gemacht; er hatte ſeine Verbannung in Manosque gebrochen, um einen unverſchämten Edelmann, der ſeine Schweſter beſchimpft, zu prügeln; er hatte endlich,— und das iſt ſein größtes Verbrechen, Sire,— den Verlockungen einer jungen und hübſchen Frau nachgebend, dieſe Frau ihrem alten, hin⸗ fälligen, mürriſchen, eiferſüchtigen Manne entführt.“ „Ja, mein Herr, und zwar, um ſie nachher zu ver⸗ laſſen,“ ſagte der König;„ſo daß die unglückliche Frau von Monnier, als ſie mit ihrem Verbrechen allein ge⸗ blieben war, ſich den Tod gab.“ Gilbert ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſtieß einen Seufzer aus. „Sprechen Sie, was haben Sie hierauf zu ant⸗ worten, mein Herr, und wie vertheidigen Sie Ihren Mirabeau?“ „Durch die Wahrheit, Sire, durch die Wahrheit, welche ſo ſchwer bis zu den Königen dringt, daß Sie, der Sie ſie ſuchen, der Sie ſie verlangen, der Sie ſie herbei⸗ rufen, dieſelbe beinahe nie kennen. Nein, Sire, Frau von Monnier iſt nicht geſtorben, weil Mirabeau ſie verlaſſen, denn als er aus Vincennes herauskam, galt ſein erſter Beſuch ihr. Er tritt als Hauſirer verkleidet in das Kloſter von Gien, wo ſie ein Aſyl gefordert hatte, einz er findet Sophie kalt, gezwungen. Eine Erklärung findet ſtatt; Mirabeau bemerkt, daß Frau von Monnier ihn nicht nur nicht mehr liebt, ſondern daß ſie ſogar einen Andern liebt: den Chevalier von Raucvurt. Dieſen Andern iſt ſie, durch den Tod ihres Gatten frei gewor⸗ den, zu heirathen im Begriffe. Mirabeau iſt zu frühe aus dem Gefängniß gekommen; man zählte auf ſeine Gefangenſchaft, man wird ſich damit begnügen müſſen, daß man ſeine Ehre tödtet. Mirabeau fritt den Platz Die Gräfin von Charny. I. 6 52 ſeinem glücklichen Nebenbuhler ab, Mirabeau zieht ſich zurück; Frau von Monnier iſt, wie geſagt, im Begriffe, Herrn von Raucourt zu heirathen; Herr von Raucvurt ſtirbt plötzlich! Die arme Frau hatte ihr gonzes Herz und ihr ganzes Leben in dieſe letzte Liebe gelegt. Vor einem Monat, am 9. September, ſchließt ſie ſich in ihr Cabinet ein und erflickt ſich. Dann ſchrieen die Feinde von Mirabeau, ſie ſterbe, weil ihr erſter Liebhaber ſie verlaſſen, während ſie aus Liebe für einen zweiten ſtirbt. Oh! die Geſchichte, die Geſchichte, ſo ſchreibt man ſie!“ „Ah!“ ſagte der König,„darum hat er alſo dieſe Nachricht mit ſo großer Gleichgültigkeit aufgenommen ²“ „Wie er ſie aufgenommen, kann ich Eurer Ma⸗ jeſtät auch ſagen, Sire, denn ich kenne venjenigen, welcher ſie ihm mitgetheilt hat: es iſt eines der Mtglieder der Nativnalverſammlung. Fragen Sie ihn ſelbſt, er wird es nicht wagen zu lügen, denn es iſt ein Prieſter; es iſt der Pfarrer von Gien, der Abbé Vallet; er ſitzt auf den Bänken, welche denen entgegengeſetzt, wo Mirabeau ſeinen Platz einnimmt. Er durchſchritt den Saal und ſetzte ſich zum großen Erſtaunen des Grafen zu dieſem. „„Was Teufels wollen Sie hier?““ fragte ihn Mira⸗ beau. Ohne zu antworten, übergab ihm der Abbé Vallet einen Brief, der die unſelige Kunde in allen ihren Einzel⸗ heiten mittheilte. Der Graf öffnete ihn und las lange, denn ohne Zweifel konnte er nicht an das Geſchehene glauben. Dann las er ihn zum zweiten Mal, und wäh⸗ rend dieſes zweiten Males entfärbte ſich von Zeit zu Zeit ſein Geſicht; er fuhr mit ſeinen Händen über ſeine Stirne, wiſchte ſich zugleich die Augen ab, huſtete, ſpuckte aus und verſuchte es, wieder Herr über ſich zu werden. Endlich mußte er nachgeben. Er ſtand auf, ging haſtig hinaus und erſchien drei Tage nicht mehr in der Verſammlung„. Oh! Sire, Sire, verzeihen Sie mir, daß ich in alle dieſe Einzelheiten eingehez es — genügt, ein Mann von gewöhnlichem Genie zu ſein, um 83 in allen Punkten und über jede Sache verleumdet zu werden; um ſo viel mehr, wenn der Mann von Genie ein Rieſe iſt!“ „Warum iſt es denn ſo, Doctor? und welches In⸗ tereſſe hat man, bei mir Herrn von Mirabeau zu ver⸗ leumden?“ „Welches Intereſſe man habe, Sire? das Intereſſe, das jede Mittelmäßigkeit hat, ihren Platz beim Throne zu behalten. Mirabeau iſt keiner von den Men⸗ ſchen, die in den Tempel eintreten können, ohne alle Verkäufer daraus zu verjagen. Mirabeau bei Ihnen, Sire, iſt der Tod der kleinen Intriguen, die Verbannung der kleinen Intriganten. Mirabeau bei Ihnen iſt das Genie, welches der Revlichkeit den Weg vorzeichnet. Was liegt Ihnen daran, daß Mirabeau ſchlecht mit ſeiner Frau gelebt hat? Was liegt Ihnen daran, daß Mirabeau Frau von Monnier verführt hat? Was liegt Ihnen darar, daß Mirabeau eine halbe Million Schulden hat? Be⸗ zahlen Sie dieſe halbe Million Schulden, Sirez dann fügen Sie dieſen fünfmal hundert tauſend Franken eine Million, zwei Millionen, zehn Millionen bei, wenn es ſein muß! Mirabeau iſt frei, laſſen Sie Mirabeau nicht entſch üpfen; nehmen Sie ihn, machen Sie einen Rath, einen Miniſter aus ihm; hoͤren Sie, was ſeine mächtige Stimme Ihnen ſagen wird, und was ſie Ihnen geſagt hat, wiederholen Sie Ihrem Volke, Europa, der Welt!“ „Herr von Mirabeau, der Tuchhändler in Aix ge⸗ worden iſt, um vom Volke ernannt zu werden, Herr von Mirabeau kann ſeinen Comittenten nicht dadurch lügen, daß er die Partei des Volkes verläßt, um zu der des Hofes überzutreten.“ „Sire, Sire, ich wiederhole Ihnen, Sie kennen Mirabeau nicht: Mirabeau ſſt ein Ariſtokrat, ein Adeli⸗ ger, ein Royaliſt vor Allem. Er hat ſich vom Volke erwählen laſſen, weil ihn der Adel verachtete, weil in WMirabeau das erhabene Bedürfniß war, welches die 84 Männer von Genie quält, das Bedürfniß, durch irgend ein Mittel zum Ziele zu gelangen. Er werde die Volks⸗ partei nicht der Hoſpartei zu Liebe verlaſſen, ſagen Sie 2 Ei! Sire, warum gibt es eine Volkspartei und eine Hofpartei? warum bilden dieſe zwei Parteien nicht eine? Nun, das wird Mirabeau machen.. Nehmen Sie Mirabeau, Sire! Durch Ihre Verachtung zurückgeſtoßen, wird ſich Mirabeau morgen vielleicht gegen Sie wenden, und dann, Sire, dann,— ich ſage Ihnen das, und dieſes Bild von Karl I. wird es Ihnen nach mir ſagen, wie daſſelbe es Ihnen vor mir geſagt hat,— dann wird Alles verloren ſein!“ „Mirabeau werde ſich gegen mich wenden, ſagen Sie? iſt das nicht ſchon geſchehen, mein Herr?“ „Ja, ſcheinbar vielleicht; doch im Grunde gehört Mirabeau Ihnen. Fragen Sie den Grafen von der Mark, was er ihm geſagt hat nach der Sitzung vom 21. Juni, denn Mirabeau allein lieſt mit erſchrecklichem Scharffinn in der Zukunft.“ „Nun, was ſagt er?“ „Er ringt vor Schmerz die Hände und ruft aus; „„So führt man die Könige zum Schaffot!““ und drei Tage nachher fügt er bei:„Dieſe Leute ſehen die Ab⸗ gründe nicht, die ſie unter den Schritten der Monarchie graben! Der König und die Königin werden dadurch um das Leben kommen, und das Volkf wird über ihren Leichen in die Hände klatſchen.““ Der König ſchauerte, erbleichte, ſchaute das Portrait von Karl I. an, und ſchien einen Augenblick bereit, ſich zu entſchließen, plötzlich aber ſagte er: „Ich werde hierüber mit der Koͤnigin reden, viel⸗ leicht entſchließt ſie ſich, mit Herrn von Mirabeau zu ſprechen; aber ich, ich werde nicht mit ihm ſprechen. Ich mag gern den Leuten, mit denen ich rede, die Hand drücken, wie ich die Ihrige in dieſem Augenblick vrücke, und ich möchte nicht um den Preis meines Thrones, — — 85 meiner Freiheit, meines Lebens Herrn von Mirabeau die Hand drücken.“ Gilbert wollte etwas erwiedern; vielleicht wollte er weiter in den König dringen, doch in dieſem Augen⸗ blick trat ein Huiſſier ein und meldete: i „Sire, die Perſon, welche Eure Majeſtät dieſen Morgen empfangen foll, iſt angekommen und wartet im Vorzimmer.“ Ludwig XVI. machte eine Bewegung der Unruhe, während er Gilbert anſchaute. „Sire,“ ſagte dieſer,„wenn ich die Perſon, welche Eure Majeſtät erwartet, nicht ſehen ſoll, ſo werde ich durch eine andere Thüre gehen.“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte Ludwig XVI.,„gehen Sie durch dieſe; Sie wiſſen, daß ich Sie für meinen Freund halte und kein Geheimniß für Sie habe; über⸗ dies iſt die Perſon, welche ich erwarte, ein einfacher Edelmann, der früher im Hauſe meines Bruders an⸗ geſtellt war und von dieſem mir empfohlen wurde. Er iſt ein treuer Diener, und ich will ſehen, ob es möglich iſt etwas, wenn nicht für ihn, doch wenigſtens für ſeine Frau und ſeine Kinder zu thun.— Gehen Sie, Herr Gilbert, Sie wiſſen, daß Sie ſiets willkommen ſind, ſo vft Sie wich beſuchen wollen, ſelbſt wenn Sie kämen, um von Herrn Rlquetti von Mirabeau zu ſprechen.“ „Sire,“ fragte Gilbert,„muß ich mich alſo für völlig geſchlagen betrachten?“ „Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, ich werde mit der Königin ſprechen, ich werve es überlegen; ſpäter wol⸗ len wir ſehen.“ „Später, Sire! von jetzt bis zu dieſem Augenblick werde ich zu Gott beten, daß es frühe genug ſein möge.“ „Ho! ho! glauben Sie denn, die Gefahr ſei ſo drohend?“ „Sire,“ ſprach Gilbert,„laſſen Sie nie aus Ihrem Zimmer das Portrait von Karl Stuart wegnehmen, es iſt ein guter Rathgeber.“ Und, ſich verbeugend, ging er gerade in dem Augen⸗ blick weg, wo vie vom Koͤnig erwartete Perſon bei der Thüre erſchien.. Gilbert konnte einen Schrei des Erſtaunens nicht zurückhalten.— Dieſer Edelmann war der Marquis von Favras, den er acht oder zehn Tage früher bei Caglioſtro getroffen, und von welchem dieſer ihm einen ſo erſchreck⸗ lichen, nahe bevorſtehenden Tod verkündigt hatte. XX. Favras. Während ſich Gilbert entfernte, erfaßt von einem unbekannten Schrecken, den ihm, nicht die wirkliche Seite, ſondern die unſichtbare und geheimnißvolle Seite der Er⸗ eigniſſe einflößte, wurde der Marquis von Favras, wie wir im vorhergehenden Kapitel geſagt haben, bei Lud⸗ wig XVI. eingeführt. Wie es der Doctor gemacht, blieb er bei der Thüre ſtehen, aber ver König, der ihn ſchon bei ſeinem Eintritt geſehen, winkte ihm, näher zu kommen. Favras trat vor, verbeugte ſich und wartete ehr⸗ furchtsvoll, daß der König ihn anrede. Ludwig XVI. heftete auf ihn den forſchenden Blick, der einen Theil der Erziehung der Könige zu bilven ſcheint und mehr oder minder oberflächlich, mehr oder minder tief iſt, je nach dem Geiſte desjenigen, welcher ihn anwendet. A Thomas Mahl, Marquis von Favras, war ein Edel⸗ 87 mann von vornehmer Miene, fünf und vierzig Jahre alt, von eleganter und zugleich feſter Tournure, mit einer offenen Phyſiognomie. Die prüfende Betrachtung war alſo günſtig für ihn, und etwas wie ein Lächeln ſchwebte über die Lippen des Königs, die ſich ſchon öffneten, um ihn zu befragen. „Sie ſind der Marquis von Favras, mein Herr?“ fragte der König. „Ja, Sire,“ antwortete der Marquis. „Sie haben mir vorgeſtellt zu werden gewünſcht?“ „Ich habe gegen Seine Königliche Hoheit den Herrn Grafen von Provence den lebhaften Wunſch, meine Hul⸗ digung zu den Füßen des Königs niederlegen zu dürfen, ausgevrückt.“ „Mein Bruder hat großes Vertrauen zu Ihnen.“ „Ich glaube es, Sire, und ich geſtehe, daß es mein glühender Ehrgeiz iſt, Eure Majeſtät möge dieſes Ver⸗ trauen theilen.“ „Mein Bruder kennt Sie ſeit langer Zeit, Herr von Favras. „Während Eure Majeſtät mich nicht kennt, ich be⸗ greife; aber Eure Majeſtät wolle mich gnädigſt befragen, und in zehn Minuten wird ſie mich ſo gut kennen, als mich ihr erhabener Bruder kennt.“ „Sprechen Sie, Marquis,“ ſagte Ludwig XVI., während er einen Seitenblick auf das Portrait von Karl Stuart warf, das weder ganz aus ſeinem Geiſte kommen, noch ſich ganz aus dem Rayon ſeines Auges entfernen konnte;„ſprechen Sie, ich höre Sie.“ „Eure Majeſtät wünſcht zu wiſſen?...5 „Wer Sie ſind und was Sie gethan haben.“ „Wer ich bin, Sire? Die Meldung meines Namens hat es Ihnen geſagt: ich bin Thomas Mahi, Marquis von Favras; geboren in Blois; im Jahre 1745 bin ich mit fünfzehn Jahren bei den Musketieren eingetreten und abe in dieſem Corps den Feldzug von 1761 mitgemacht; 88 ich wurde ſodann Kapitän und Regimentsadjutant im Regimente Belzunce, ſpäter Lieutenant der Schweizer der Garde des Herrn Grafen von Provence.“ „Und in dieſer Eigenſchaft haben Sie meinen Bru⸗ der kennen lernen?“ „Sire, ich habe die Ehre gehabt, ihm ein Jahr früher vorgeſtellt zu werden, ſo daß er mich ſchon kannte.“ „Und Sie haben ſeinen Dienſt verlaſſen 2“ „Im Jahre 1775, Sire, um mich nach Wien zu begeben, wo ich meine Frau als einzige und legitime Tochter des Prinzen von Anhalt Schaumburg anerken⸗ nen ließ.“ „Ihre Frau iſt nie vorgeſtellt worden, mein Herr?“ „Nein, aber ſie hat die Ehre, in dieſem Augenblick mit meinem älteſten Sohne bei der Königin zu ſein.“ Der König machte eine Bewegung der Unruhe, welche zu beſagen ſchien:„Ah! die Königin iſt hiebei.“ Dann, nach einem Augenblick des Stillſchweigens, den er dazu anwandte, daß er im Zimmer auf und ab⸗ ging und verſtohlen einen Blick auf das Portrait von Karl I. warf, fragte Ludwig KVI.: „Und ſodann?“ „Vor drei Jahren, Sire, bei dem Aufſtande gegen den Statthhouder, befehligte ich eine Legion und trug für meinen Theil zur Wiederherſtellung der Autorität bei; dann warf ich meine Blicke auf Frankreich, und da ich den ſchlechten Geiſt ſah, der hier Alles zu desorganiſiren anfing, ſo kehrte ich nach Paris zurück, um mein Schwert und mein Leben in den Dienſt des Königs zu ſtellen.“ „Nun, mein Herr, Sie haben in der That traurige Dinge geſehen, nicht wahr?“* „Sire, ich habe die Tage des 5. und 6. October geſehen.“ Der König ſchien dem Geſpräche eine andere Wen⸗ dung geben zu wollen. „Und Sie ſagen alſo, Herr Marquis,“ fuhr er fort, —. 89 „mein Bruder der Herr Graf von Provence habe ſo großes Vertrauen zu Ihnen, daß er Sie mit einem be⸗ trächtlichen Anlehen beauftragt?“ Bei dieſer Frage hätte derjenige, welcher als Dritter da geweſen wäre, von einer nervöſen Erſchütterung den Vorhang, der halb den Alcoven ſchloß, als ob Jemand dahinter verborgen, können zittern und zugleich Herrn von Favras beben ſehen, wie es ein Menſch thut, der auf eine Frage vorbereitet iſt, und an den man plotzlich eine andere richtet. „Ja, Sire, in der That,“ erwiederte er,„wenn es ein Zeichen des Vertrauens iſt, daß man einem Edel⸗ mann Geldintereſſen überträgt, ſo hat mir Seine König⸗ liche Hoheit die Ehre erwieſen, mir dieſes Zeichen zu geben.“ Der Koͤnig wartete auf die Fortſetzung und ſchaute den Marquis an, als ob die Richtung, die er die Unter⸗ redung hatte nehmen laſſen, ſeiner Neugierde viel mehr Intereſſe bote, als die, welche ſie Anfangs gehabt. Der Marquis fuhr alſo fort, jedoch als ein in ſeinen Erwartungen getäuſchter Mann: „Da Seine Königliche Hoheit, die ihrer Einkünfte in Folge der verſchiedenen Overationen der Natianalver⸗ ſammlung beraubt war, dachte, der Augenblick ſei gekom⸗ men, wo es für die Sache ihrer eigenen Sicherheit gut wäre, wenn die Prinzen eine ſtarke Summe zu ihrer Verfügung hätten, ſo übergab mir Seine Hoheit Verträge.“ „Auf welche Sie Anlehen gefunden haben, mein Herr?“ „Ja, Sire.“ „Eine beträchtliche Summe, wie Sie ſagten?“ „Zwei Millionen.“ „Und bei wem?“ Favras zögerte beinahe, dem König zu antworten, ſo ſehr ſchien ihm das Geſpräch aus dem Geleiſe zu treten und von den großen allgemeinen Intereſſen zu der Kenntniß der Privatintereſſen überzugehen, von der Po⸗ litik zur Polizei hinabzuſteigen.“ 90 „Ich frage Sie, hei wem Sie entlehnt haben,“ wiederholte der König. „Sire, ich wandte mich Anfangs an die Banquiers Schaumel und Sartorius; weil aber das Negoz ſcheiterte, ſo nahm ich meine Zuflucht zu einem fremden Banquier, der, da er Kenntniß vom Wunſche Seiner Königlichen Hoheit bekommen, mir zuerſt in ſeiner Liebe für unſere Prinzen und in ſeiner Achtung für den König Dienſt⸗ anerbietungen machen ließ.“ „Ah!„ Und dieſer Banquier heißt?“ „Sire!“ ſagte zögernd Favras. „Sie begreifen, mein Herr,“ ſprach der Koͤnig,„es iſt gut, einen ſolchen Mann zu kennen, und wäre es nur, um ihm für ſeine Ergebenheit zu vanken, wenn ſich eine Gelegenheit dazu bietet.“ „Sire,“ antwortete Favras,„er heißt Baron Zannone,“ „Ahl“ ſagte Ludwig XVI.,„es iſt ein Italiener!“ „Ein Genueſer, Sire.“ „Er wohnt?“ „Sire, er wohnt in Sevres, gerade gegenüber dem Orte,“ fuhr Favras fort, der durch dieſen Spornſtreich dem rehen Pferde ein wenig Feuer geben wollte,„gerade gegenüber dem Orte, wo der Wagen Eurer Majeſtäten am 6. Oetober bei der Rückkehr von Verſailles anhielt, als die Mörder unter der Anführung von Marat, Ver⸗ rières und dem Herzog von Aiguillon in der kleinen Schenke beim Pont de Sévres durch den Coiffeur der Koͤnigin die zwei abgeſchnittenen Köpfe von Varicourt und Deshuttes frifiren ließen.“ Der König erbleichte, und wenn er in dieſem Mo⸗ ment die Augen gegen den Alcoven gedreht hätte, ſo würde er den Vorhang noch nervöſer dieſes zweite Mal, als das erſte Mal ſich haben bewegen ſehen. Dieſes Geſpräch laſtete offenbar auf ihm, und er hätte viel gegeben, wenn er es nicht angeknüpft.“ 1 ————— — 9¹ Er beſchloß auch, demſelben ſo raſch als möglich ein Ende zu machen. „Es iſt gut, mein Herr,“ ſagte er,„ich ſehe, daß Sie ein treuer Diener des Königthums find, und ich verſpreche Ihnen, Sie bei Gelegenheit nicht zu ver⸗ eſſen.“ 6 Dann machte er eine Geberde mit dem Kopf, welche bei den Fürſten bedeutet:„Ich erweiſe Ihnen lange ge⸗ nug die Ehre, Sie anzuhoͤren und Ihnen zu antworten, Sie ſind ermächtigt, Abſchied zu nehmen.“ Favras begriff vollkommen. „Ich bitte um Verzeihung, Sire,“ ſprach er,„ich glaubte, Eure Majeſtät habe mich noch etwas Anderes zu fragen.“ „Nein,“ erwiederte der König, den Kopf ſchüttelnd, als ſuchte er in der That in ſeinem Geiſte, welche Frage er zu machen habe;„nein, Marquis, das iſt Alles, was ich zu wiſſen wünſchte.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ ſagte eine Stimme, bei der der König und der Marquis ſich nach dem Al⸗ coven umwandten,„Sie wünſchten zu wiſſen, wie der Vorfahre des Herrn Marquis von Favras ſich benommen habe, um die Flucht des Königs Stanislaus aus Danzig zu bewerkſtelligen und ihn unverſehrt bis zur preußiſchen Grenze zu führen.“ Beide gaben einen Ausruf des Erſtaunens von ſich: die dritte Perſon, welche plötzlich, ſich in das Geſpräch miſchend, erſchien, war die Königin; die Königin bleich, mit zuſammengepreßten, zitternden Lippen; die Königin, welche ſich nicht mit den von Favras gegebenen Erläute⸗ rungen begnügte und vermuthete, ſich ſelbſt überlaſſen, werde der König es nicht wagen, bis zum Ende zu gehen, war auf ber Geheimtreppe und durch den geheimen Gang herbeigekommen, um die Unterredung in dem Augenblick aufzunehmen, wo der König die Schwäche hätte, ſie fallen zu laſſen. —,,—FY§T,— 3 92 Dieſer Dazwiſchentritt der Königin und die Art, wie ſie das Geſpräch wieder aufnahm, indem ſie es an die Flucht des Königs Stanislaus anknüpfte, erlaubten übrigens Ludwig XVI. unter dem durchſichtigen Schleier der Allegorie Alles zu hören, ſelbſt die Anerbietungen, welche ihm Favras über ſeine, des Königs, eigene Flucht machen würde. Favras ſeinerſeits begriff auf der Stelle, welches Mittel ihm geboten war, ſeinen Plan zu enthüllen, und obgleich keiner von ſeinen Ahnen oder von ſeinen Ver⸗ wandten zu der Flucht des Königs von Polen beigetragen hatte, beeilte er ſich doch, indem er ſich verbeugte, zu erwiedern: „Eure Majeſtät ſpricht ohne Zweifel von meinem Vetter, dem General Steinflicht, welcher die Berühmt⸗ heit ſeines Namens dem ungeheuren ſeinem König ge⸗ leiſteten Dienſte verdankt,— ein Dienſt, der den glück⸗ lichen Einfluß auf das Schickſal von Stanislaus hatte, daß er ihn vor Allen den Händen ſeiner Feinde entriß und ihn ſodann durch eine providentielle Mitwirkung zum Ahnherrn Eurer Majeſtät machte.“ „So iſt es! ſo iſt es! mein Herr,“ ſagte lebhaft die Königin, während Ludwig XVI., einen Seufzer aus⸗ ſtoßend, das Portrait von Karl Stuart anſchaute. „Wohl denn,“ ſprach Favras,„Eure Majeſtät weiß. verzeihen Sie, Sire, Eure Majeſtäten wiſſen, daß der König Stanislaus, in Danzig frel, aber auf allen Seiten von der moskowitiſchen Armee eingeſchloſſen, hei⸗ nahe verloren war, wenn er ſich nicht zu einer raſchen Flucht entſchloß.“ „Oh! ganz verloren!“ unterbrach ihn die Koͤnigin, „Sie können ſagen, ganz verloren Herr von Fabras.“ „Madame,“ ſprach Ludwig XVI. mit einer gewiſſen Strenge,„die Vorſehung, welche über den Koͤnigen 4 wacht, hewirkt, daß ſie nie ganz verloren ſind.“ „Eil mein Herr,“ erwiederte die Koͤnigin,„mich 93 dünkt, daß ich ebenſo religiös und ebenſo gläubig an die Vorſehung bin, als Sie, aber dennoch iſt es meine Mei⸗ nung, daß man ſie ein wenig unterſtützen muß.“ „Das war auch die Anſicht des Königs von Polen, Sire,“ fügte Favras bei,„denn er erklärte ſeinen Freun⸗ den entſchieden, da er ſeine Lage nicht mehr als haltbar erachte und ſein Leben in Gefahr glaube, ſo wünſche er, daß man ihm mehrere Fluchtpläne entwerfe und vorlege. Trotz der Schwierigkeit, wurden drei Pläne angeboten; ich ſage, trotz der Schwierigkeit, Sire, weil Eure Maje⸗ ſtät bemerken wird, daß es viel ſchwieriger für den König Stanislaus war, aus Danzig zu entkommen, als es für Sie, zum Beiſpiel, wäre, wenn es Eurer Majeſtät in den Sinn käme, aus Paris wegzugehen. Mit einer Poſt⸗ chaiſe,— wenn Eure Majeſtät geräuſchlos und ohne Aufſehen zu erregen abreiſen wollte,— mit einer Poſt⸗ chaiſe könnte Eure Majeſtät in einem Tag und in einer Nacht die Grenze erreichen;— oder wenn ſie Paris als König verlaſſen wollte, könnte ſie einem Edelmann, den ſie mit ihrem Vertrauen beehrte, Befehle geben, dreißigtauſend Mann zu ſammeln und ſie aus dem Palaſte der Tuilerien abzuholen. In dem einen oder dem andern Fall wäre das Gelingen ſicher, das Unternehmen gewiß.“ „Sire,“ ſprach die Königin,„was Herr von Favras Eure Majeſtät weiß, daß es die ſtrenge Wahr⸗ eit iſt.“ „Ja,“ erwiederte der König,„aber meine Lage iſt entfernt nicht ſo verzweifelt, als es die des Königs Stanis⸗ laus war. Danzig war umgeben von Moskowiten, wie der Marquis ſagte; die Feſtung Weichſelmünde, ſein letztes Bollwerk, hatte eapitulirt, während ich...“ „Während Sie,“ unterbrach ihn ungeduldig die Königin,„Sie find mitten unter den Pariſern, welche am 14. Juli die Baſtille genommen haben, welche in der Nacht vom 5. auf den 6. October Sie ermorden wollten und am Tage des 6. Sie mit Gewalt nach Paris zurück⸗ 94 führten, wobei dieſe Menſchen während der ganzen Zeit, welche die Fahrt dauerte, Sie und Ihre Familie belei⸗ digten und beſchimpften.. Ah! es iſt wahr, die Lage iſt ſchön und verdient, daß man ſie der von König Stanis⸗ laus vorzieht!“ „Aber, Madame. „König Stanislaus risquirte nur das Gefängniß, den Tod vielleicht, indeß wir.. Ein Blick des Königs hielt ſie zurück. „Uebrigens,“ fuhr die Königin fort,„Sie find der Gebieter; Sie haben zu entſcheiden.“ Und ſie ſetzte ſich ungeduldig dem Portrait von Karl I. gegenüber. „Herr von Favras,“ ſagte ſie,„ich habe ſo eben mit der Marquiſe und Ihrem älteſten Sohne geſprochen; ich habe ſie Beide voll Muth und Entſchloſſenheit gefunden, wie es ſich für die Frau und den Sohn eines wackeren Edelmanns geziemt; was auch geſchehen mag— ange⸗ nommen, es geſchehe Etwas,— ſie können auf die Kö⸗ nigin von Frankreich zählen; die Königin von Frankreich wird ſie nicht verlaſſen: ſie iſt die Tochter von Maria Thereſia und weiß den Muth zu ſchätzen und zu be⸗ lohnen.“ Geſtachelt durch das ungeſtüme Benehmen der Kö⸗ nigin, ſprach Ludwig XVI.: 6 „Mein Herr, Sie ſagen, es ſeien dem König Stanis⸗ laus drei Entweichungsmittel vorgeſchlagen worden?“ „Ja, Sire.“ „Und dieſe Mittel waren?“ „Das erſte, Sire, war, ſich als Bauer zu verkleiden; die Gräſin Chapska, welche vortrefflich Deutſch ſprach, erbot ſich,— einem Manne ſich anvertrauend, den fie erprobt hatte und der das Land ganz genau kannte,— ſich als Bäuerin zu verkleiden und ihn für ihren Gatten auszu⸗ geben. Das war das Mittel, von dem ich ſo eben zum König von Frankreich ſprach, als ich ihm ſagte, wie t, i⸗ ge 8⸗ ß, er it n. n e⸗ 5⸗ ia e. 5⸗ 6. 95 leicht es für ihn wäre, falls er incognito und nächtlicher Weile fliehen wollte...“ „Das zweite?“ fragte Ludwig XVI., als ſähe er mit Ungeduld auf ſeine eigene Lage irgend eine Anwen⸗ dung von der machen, in welcher ſich Stanislaus befun⸗ den hatte. 3. „Das zweite, Sire, war, tauſend Mann zu nehmen und mit ihnen einen Durchbruch durch die Moskowiten zu wagen; das iſt auch dasjenige, welches ich vorhin dem König von Frankreich darbot, indem ich bemerkte, er habe nicht tauſend, ſondern vreißigtauſend Mann zu ſeiner Verfügung.“ „Herr von Fabras, Sie haben geſehen, wozu mir dieſe dreißigtauſend Mann am 14. Juli dienten. Gehen wir zum dritten Mittel über.“ „Das dritte Mittel, das, welches Stanislaus an⸗ nahm, war, ſich als Bauer zu verkleiden und aus Danzig wegzugehen,— nicht mit einer Frau, welche ein Hinder⸗ niß auf dem Wege ſein konnte, nicht mit tauſend Mann, welche alle vom erſten bis zum letzten getoͤdtet werden konnten, ohne daß es ihnen gelänge, einen Durchbruch zu bewerkſtelligen, ſondern nur mit zwei bis drei ſicheren Männern, welche immer und überall durchkommen. Dieſes Mittel war von Herrn Monti, dem franzöſiſchen Geſandten, vorgeſchlagen und von meinem Verwandten, dem General Steinflicht, unterftützt.“ „Dieſes wurde alſo angenommen?“ „Ja, Sire; und wenn ein König, der ſich in der Lage des Königs von Polen befände oder zu befinden glaubte, ſich zu dieſem Mittel entſchließen und mir gnä⸗ digſt daſſelbe Vertrauen gewähren würde, das Ihr er⸗ habener Ahnherr dem General Steinflicht ſchenkte, ſo glaubte ich für ihn bei meinem Kopfe haften zu können, beſonders, wenn die Wege ſo frei wären, wie es die Wege in Frankreich ſind, und wenn der König ein ſo guter Reiter wäre, als es Eure Majeſtät iſt.“ —— „Allerdings,“ ſagte die Königin.„Doch in der Nacht vom 5. auf den 6. October hat mir der König geſchworen, nie ohne mich abzureiſen und ſogar nie einen Plan zur Abreiſe zu machen, bei dem ich nicht betheiligt wäre; das Wort des Königs iſt verpfändet, mein Herr, und der Konig wird es nicht brechen.“ „Madame,“ erwiederte Fovras,„das macht die Reiſe ſchwieriger, aber nicht unmöglich, und wenn ich die Ehre hätte, eine ſolche Erpedition anzuführen, ſo wollte ich dafür haften, daß ich den König, die Königin und die königliche Familie unverſehrt nach Montmedy oder nach Brüſſel brächte, wie der General Steinflicht den König Stanislaus unverſehrt nach Marienwerder ge⸗ bracht hat.“ „Sie hören, Sire!“ rief die Königin,„ich glaube, vaß mit einem Manne, wie Herr von Favras, Alles zu thun und nichts zu fürchten iſt.“ „Ja, Madame,“ erwiederte der König,„ich bin auch dieſer Anſicht, nur iſt der Augenblick noch nicht ge⸗ kommen.“ 5 „Gut, mein Herr,“ verſetzte die Konigin,„warten Sie, wie es derjenige gethan hat, deſſen Portrait uns anſchaut, und deſſen Anblick,— ich glaubte es wenigſtens, — Ihnen einen beſſeren Rath geben mußte. warten Sie, bis Sie genoͤthigt ſind, zu einer Schlacht zu grei⸗ fen; warten Sie, bis dieſe Schlacht verloren iſt; warten Sie, bis Sie Gefangener ſind; warten Sie, bis ſich das Schaffot unter Ihrem Fenſter erhebt, und bann werden Sie, der Sie heute ſagen: Es iſt zu früh!““ ge⸗ nöthigt ſein, zu ſagen:„„Es iſt zu ſpät!““ „In jedem Falle, Sire, zu welcher Stunde es ſein mag, und hei ſeinem erſten Worte wird mich der Konig bereit finden,“ ſprach Favras, indem er ſich verbeugte; denn er befürchtete, ſeine Gegenwart, welche dieſen Con⸗ fliet zwiſchen der Königin und Ludwig XVI. herbeigeführt, könnte den König ermüden.„Ich habe nur mein Daſein in rt, 97 meinem Souverain zu bieten, und ich ſage nicht, daß ich es ihm biete, ich ſage, daß er jeder Zeit das Recht gehabt hat und haben wird, darüber zu verfügen, da dieſes Da⸗ ſein ihm gehört.“ „Es iſt gut, mein Herr,“ erwiederte der König,„und im erheiſchenden Falle erneuere ich Ihnen in Betreff der Marquiſe und Ihrer Kinder das Verſprechen, das Ihnen die Königin gegeben hat.“ Diesmal war es ein wirklicher Abſchied. Der Marquis war genöthigt, ihn zu nehmen, und wie große Luſt er vielleicht auch hatte, zu beharren, ging er doch, da er keine andere Ermuthigung fand, als den Blick der Köni⸗ gin, ſachte rückwärts ſchreitend ab. Die Königin folgte ihm mit den Augen, bis der Vorhang vor ihm niedergefallen war. „Ah! mein Herr,“ ſprach ſie dann, die Hand gegen das Gemälde von Van Dyck ausſtreckenv,„als ich dieſes Bild in Ihr Zimmer hängen ließ, glaubte ich, es werde Sie beſſer inſpiriren. 4 Uid hochmüthig! als berä räch zu verfolgen, ging ſie auf die Lhire be Alcoven zu; plötzlich aber blieb ſie ſtille ſtehen und ſagte: „Sire, geſtehen Sie, daß der Marquis von Favras nicht die erſte Perſon iſt, die Sie dieſen Morgen em⸗ pfangen haben?“ „Nein, Madame, Sie haben Recht; vor dem Mar⸗ quis von Favras habe ich den Doetor Gilbert em⸗ pfangen.“ Die Königin bebte. „Ah!“ rief ſie,„ich vermuthete es! Und der Doctor Gilbert, wie es ſcheint.. „Iſt meiner Anſicht, vaß wir Frankreich nicht ver⸗ laſſen ſollen.“ „Da er aber nicht der Anſicht iſt, daß wir es ver⸗ laſſen ſollen, mein Herr, ſo gibt er ohne Zweifel einen Rath, der uns den Aufenthalt möglich macht.“ Die Gräfin von Charny. U. 7 98 * „Ja, Madame, er gibt einen; leider finde ich ihn, wenn nicht ſchlecht, doch wenigſtens unausführbar.“ „Nun, was für ein Rath iſt das?“ „Wir ſollen Mirabeau für ein Jahr kaufen.“ „Und um welchen Preis?“ fragte die Königin. „Mit ſechs Millionen... und einem Lächeln von Ihnen.“ Die Phyſiognomie der Königin nahm einen tief nach⸗ denkenden Charakter an. „In der That,“ ſagte ſie,„das wäre vielleicht ein Mittel.“ „Ja, aber ein Mittel, gegen das Sie ſich Ihres Theils ſträuben würden; nicht wahr, Madame?“ „Ich antworte weder ja, noch nein, Sire,“ erwie⸗ derte die Königin mit jenem Unglück weiſſagenden Aus⸗ vruck, den der Engel des Böſen ſeines Sieges ſicher annimmt,„man muß das bedenken.“ Dann, während ſie ſich entfernte, fügte ſie leiſer bei: „Und ich werde es bedenken!“ XXI. wo ſich der Bänig mit Familienangelegenheiten brſchäftigt. 0 Als der König allein war, blieb er einen Augenblick unbeweglich ſtehen; dann, als hätte er befürchtet, der Räckzug der Königin ſei nur ein verſtellter, ging er an die Thüre, durch die ſie ſich entfernt hatte, öffnete ſie M N — ick er an ie 99 ⸗ und tauchte ſeinen Blick in die Vorzimmer und Cor⸗ ridors: Da er nur die Leute vom Dienſte erblickte, rief er halblaut. „Frangois!“ Ein Kammerdiener, der ſich, als die Thüre des königlichen Gemaches geöffnet wurde, erhoben hatte und die Befehle erwartend da ſtand, näherte ſich alsbald und ging, als der König in ſein Zimmer zurückgekehrt war, hinter ihm hinein. „Frangols,“ ſagte Ludwig XVI.,„kennen Sie die Gemächer von Herrn von Charny?“ „Sire,“ erwiederte der Kammerdiener, der kein An⸗ derer war, als der, welcher, nach dem 10. Auguſt zum König berufen, Memoiren über das Ende ſeiner Regierung hinterließ;—„Sire, Herr von Charny hat keine Ge⸗ mächer, er hat nur eine Manſarde oben im Pavillon de Flore.“ „Und warum eine Manſarde einem Officier von dieſem Range?“ „Man wollte dem Herrn Grafen etwas Beſſeres geben, Sire, doch er hat es ausgeſchlagen mit der Be⸗ merkung die Manſarde genüge ihm.“ „Gut. Sie wiſſen, wo dieſe Manſarde iſt?“ „Ja, Sire.“ „Holen Sie mir Herrn von Charny, ich wünſche ihn zu ſprechen.“ Der Kammerdiener ging ſogleich ab und ſtieg in die Manſarde von Herrn von Charny hinauf; er fand ihn auf die Fenſterſtange geſtützt und hinausſtarrend auf den Ocean von Dächern, der ſich am Horizont in Wellen von Ziegeln und Schiefer verliert. Zweimal klopfte der Kammerdiener an, ohne daß ihn Herr von Charny, in ſeine Betrachtungen verſunken, hörte; was ihn, da der Schlüſſel in der Thüre ſtak, von ſelbſt, . 100 durch den Befehl des Königs ermächtigt, einzutreten be⸗ ſtimmte. Bei dem Geräuſche, das er eintretend machte, drehte der Graf ſich um. „Ah! Sie find es, Herr Hue,“ ſagte er;„Sie ho⸗ len mich im Auftrage der Königin?“ „Nein, Herr Graf,“ erwiederte der Kammerdiener, „im Auftrage des Königs.“ „Im Auftrage des Königs!“ verſetzte Herr von Charny mit einem gewiſſen Erſtaunen. „Im Auftrage des Königs!“ wiederholte der Kam⸗ merdiener. „Es iſt gut, Herr Hue; ſagen Sie Seiner Majeſtät, ich ſei zu ihren Befehlen.“ Der Kammerdiener zog ſich mit der durch die Eti⸗ queite gebotenen Steifheit zurück, während ihn Herr von Charny mit jener Höflichkeit, welche der alte und ächte Avel gegen jeden von Seiten des Königs kommenden Mann beobachtet, mochte er nun die filberne Kette am Halſe tragen oder mit der Livree bedeckt ſein, zur Thüre geleitete. Als er ſich allein ſah, preßte Herr von Charny ſeinen Kopf einen Augenblick zwiſchen ſeinen Händen, als wollte er ſeine verworrenen, aufgeregten Gedanken zwingen, ihren Platz wieder einzunehmen; ſo bald aber die Ord⸗ nung in ſeinem Gehirne wiederhergeſtellt war, ſchnallte er ſeinen Degen, den er auf ein Fauteuil geworfen, um, nahm ſeinen Hut unter ſeinen Arm und ging hinab. Er fand in ſeinem Schlafzimmer Ludwig XVI., der, den Rücken dem Gemälde von Van Dyck zugewandt, ſich hatte Frühſtück ſerviren laſſen. Der König ſchaute empor und erblickte Herrn von Charny. „Ah! Sie da, Herr Graf,“ ſagte er;„ſehr gut. Wollen Sie mit mir frühſtücken 2“ „Sire, ich bin gezwungen, dieſe Ehre auszuſchlagen, 101 weil ich gefrühſtückt habe,“ erwiederte der Graf, ſich ver⸗ beugend. 8 dieſem Falle,“ ſagte Ludwig XVI.,„da ich Sie zu mir zu kommen gebeten habe, um von Angelegen⸗ heiten, und zwar von ernſten zu ſprechen, warten Sie einen Augenblick; ich liebe es nicht, von Angelegenheiten zu reden, wenn ich eſſe.“ „Ich bin zu den Befehlen des Königs,“ erwiederte Charny. „Dann ſprechen wir einſtweilen von etwas Anderem, von Ihnen, zum Beiſpiel.“ „Von mir, Sire? in welcher Hinſicht kann ich es verdienen, daß Eure Majeſtät ſich mit meiner Perſon beſchäftigt?“ „Als ich ſo eben fragte, wo Ihre Wohnung in den Tuilerien ſei, wiſſen Sie, was mir Frangois geantwortet hat, mein lieber Graf?“ „Nein, Sire.“ „Er hat mir geantwortet, Sie haben die Wohnung, die man Ihnen angeboten, ausgeſchlagen und nur eine Manfarde angenommen.“ „Das iſt wahr, Sire!“ „Warum dies, Graf?“ „Sire, weil ich es, da ich allein bin und keine an⸗ dere Bedeutung habe, als die, welche mir die Gunſt Ihrer Majeſtäten geben will, nicht für nützlich erachtet habe, dem Gouverneur des Palaſtes einer Wohnung zu berauben, während eine einfache Manſarde Alles war, was ich brauchte.“ „Verzeihen Sie, mein lieber Graf, Sie antworten aus Ihrem Geſichtspunkte und als oh Sie immer noch einfacher Officier und Junggeſelle wärenz doch Sie haben— und, Gott ſei Dank, in den Tagen der Gefahr vergeſſen Sie es nicht— Sie haben einen wichtigen Dienſt bei uns; überdies ſind Sie verheirathek; was werden Sie mit der Gräfin in Ihrer Manſarde machen?“ 102 „Sire,“ antwortete Charny mit einem Ausdruck von Schwermuth, der dem König nicht entging, ſo wenig zu⸗ gänglich er für dieſes Gefühl war,„ich glaube nicht, daß Frau von Charny mir die Ehre erweiſt, meine Wohnung mit mir zu theilen, mag ſie groß oder klein ſein.“ 4 „Aber, Herr Graf, Frau von Charny iſt, ohne eine Stelle bei der Königin zu bekleiden, ihre Freundin; die Königin kann, wie Sie wiſſen, ihrer nicht entbehren, ob⸗ gleich ich ſeit einiger Zeit zu bemerken geglaubt habe, es walte zwiſchen ihnen eine gewiſſe Erkaltung ob; wenn Frau von Charny in den Palaſt kommt, wo wird ſie wohnen 2“ „Sire, ich denke nicht, daß ohne einen ausbrücklichen Befehl Eurer Majeſtät Frau von Charny je wieder in den Palaſt kommt.“ „Ah! bah?“ Cbarny verbeugte ſich. „Unmöglich!“ ſagte ver König. „Eure Majeſtät wolle mir verzeihen, aber ich glaube veſſen, was ich behaupte, ſicher zu ſein.“ „Nun, das ſetzt mich weniger in Erſtaunen, als Sie ſich denken können, mein lieber Graf; ich ſagte Ihnen, wie mir ſcheint, ſo eben, ich habe die Erkaltung zwiſchen der Koͤnigin und ihrer Freundin wahrgenommen.“ „Eure Majeſtät hat in der That die Gnade gehabt, dies zu bemerken.“ „Frauengeſchmolle! wir werden Alles dies wieder aus⸗ zugleichen ſuchen. Mittlerweile ſcheint es, daß ich mich, ohne es zu wollen, auf eine tyranniſche Art gegen Sie benehme, Graf.“ „Wie ſo, Sire?“ „Dadurch, daß ich Sie nöthige, in den Tuilerien zu bleiben. indeß die Gräfin wo wohnt?“ „In der Rue Coq⸗Héron, Sire.“ „Ich frage Sie das nach der Gewohnheit, welche 103 die Könige haben, und auch ein wenig, weil ich die Adreſſe der Gräfin zu wiſſen wünſche, denn, da ich Paris ebenſo wenig kenne, als ob ich ein Ruſſe von Moskau oder ein Oeſterreicher von Wien wäre, ſo weiß ich nicht, ob die Rue Coq⸗Höéron nahe bei den Tuilerien oder fern da⸗ von iſt.“ „Das Zimmer, Sire,“ erwiederte Charny mit dem⸗ ſelben ſchwermüthigen Ausdruck, den der König ſchon in ſeiner Stimme bemerkt hatte,„das Zimmer, weſches ich in den Tuilerien habe, iſt kein einfoches Abſteigequartier, — im Gegentheil, es iſt eine feſte Wohnung, wo man mich zu jeder Stunde des Tages und der Nacht finden wird, wenn Seine Majeſtät mir die Ehre erweiſt, mich holen zu laſſen.“ „Ho! ho!“ rief, indem er ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurückwarf, der König, deſſen Frühſtück dem Ende nahe war,„was will das beſagen, Herr Graf?“ „Der König wird mich entſchuldigen, aber ich be⸗ greife nicht ſehr gut die Frage, die er an mich zu richten mir die Ehre erweiſt.“ „Bah! nicht wahr, Sie wiſſen nicht, daß ich ein guter Menſch bin? ein Vater, ein Gatte vor Allem, und daß ich mich beinahe eben ſo viel um das Innere mei⸗ nes Polaſtes, als um das Aeußere meines Königreichs bekümmere?. Was ſoll das bedeuten, mein lieber Graf? nach einer kaum vdreijährigen Ehe hat der Herr Graf von Charny eine feſte Wohnung in den Tuilerien und die Frau Gräfin eine ſeſte Wohnung in der Rue Coq⸗Héron!“ „Sire, ich vermöchte Eurer Majeſtät nichts Anderes zu antworten, als: Frau von Charny wünſcht allein zu wohnen.“ „Aber Sie beſuchen ſie doch alle Tage?. Nein zweimal in der Woche?. „Sire, ich habe nicht das Vergnügen gehabt, Frau 104 von Charny zu ſehen, ſeit dem Tage, wo Euere Majeſtät mir befohlen, mich nach ihr zu erkundigen.“ „Nun!„das ſind ja mehr als acht Tage?“ „Es ſind zehn, Sire,“ erwiederte Charny mit leicht bewegter Stimme. Der König begriff beſſer den Schmerz als die Schwermuth, und er faßte in dem Tonausdrucke des Grafen die Nuance einer Gemüthsbewegung auf, die er hatte entſchlüpfen laſſen. „Graf.“ ſprach Ludwig XVI., mit der Gutmüthig⸗ keit, die dem Hauswirth, wie er ſich zuweilen ſelbſt nannte, ſo ſchön ſtand,„Graf, daran ſind Sie theilweiſe Schuld.“ „Ich Schuld,“ verſetzte Charny lebhaft und unwill⸗ kürlich errothend. „Ja, ja, Sie; bei ver Entfremdung einer Frau, und beſonders einer ſo vollkommenen wie die Gräfin, liegt der Fehler immer ein wenig am Mann.“ „Sire!“ „Sie werden mir ſagen, das gehe mich nichts an, mein lieber Graf. Und ich, ich antworte Ihnen:„„Doch das geht mich an; ein König vermag Vieles durch ſein Wort.“ Seien Sie offenherzig, Sie ſind undankbar gegen das arme Fräulein von Taverney geweſen, das Sie ſo ſehr liebt!“ 3 „Das mich ſo ſehr liebt.. Sire„verzeihen Sie, hat Eure Majeſtät nicht geſagt,“ verſetzte Charny mit einem leichten Gefühle von Bitterkeit,„Fräulein von Taverney liebe mich ſehr?“ „Fräulein von Taverney oder Frau von Charny, das iſt ganz dasſelbe, denke ich.“ „Ja und nein, Sire.“ „Nun wohl, ich habe geſagt, Frau von Charny liebe Sie, und ich widerrufe nicht.“ „Sire, Sie wiſſen, daß es nicht erlaubt iſt, einen König Lügen zu ſtrafen.“ S 8 8— S— 8 105 „Oh! Sie mögen Lügen ſtrafen, ſo lange Sie wol⸗ len, ich verſtehe mich hierauf.“ „Und Seine Majeſtät hat an gewiſſen, ohne Zweifel für ſie allein ſichtbaren, Merkmalen wahrgenommen, Frau von Charny liebe mich„ ſehr?“ „Ich weiß nicht, ob die Merkmale für mich allein ſichtbar waren, mein lieber Graf; aber ich weiß, daß in ver erſchrecklichen Nacht vom 6. Oetober, von dem Mo⸗ ment an, wo ſie mit uns vereinigt war, die Gräfin Sie nicht eine Secunde aus dem Blicke verloren hat, und daß ihre Augen alle Bangigkeiten ihres Herzens aus⸗ drückten, ſo daß ich, als die Thüre des Oeil⸗de⸗boeuf nahe daran war, eingeſtoßen zu werden, die arme Frau eine Bewegung machen ſah, um ſich zwiſchen Sie und die Gefahr zu werfen.“ Das Herz von Charny ſchnürte ſich zuſammen; er hatte bei der Gräfin etwas dem, was ver Konig ſo eben gefagt, Aehnliches zu erkennen geglaubt; doch jede Ein⸗ zelheit ſeiner letzten Zuſammenkunft mit André war ſei⸗ nem Geiſte zu ſehr gegenwärtig, um nicht dieſe unbe⸗ ſtimmte Meinung ſeines Herzens und dieſe entſchiedene Behauptung des Königs zu überwiegen. „Und ich bin um ſo mehr darauf aufmerkſam ge⸗ weſen,“ fuhr Ludwig RVI. fort,„weil ſchon bei meiner Reiſe nach Paris, als Sie von der Koͤnigin zu mir nach dem Stadthauſe geſchickt wurden, die Königin mir be⸗ ſtimmt ſagte, die Gräfin ſei beinahe vor Schmerz in Ihrer Abweſenheit und vor Freude bei Ihrer Rückkehr geſtorben.“ „Sire,“ ſprach Charny traurig lächelnd,„Gott hat geſtattet, daß diejenigen, welche über uns geboren find, bei der Geburt und ohne Zweifel als eines der Privilegien ihres Geſchlechts den Blick erhalten, der im Grunde der Herzen Geheimnſſſe aufſucht, welche anderen Menſchen unbekannt bleiben. Der König und die Koͤnigin haben ſo geſehen: das muß alſo ſein; doch die Schwäche meines 106 Geſichts hat mich anders ſehen laſſen; darum bitte ich den König, ſich nicht zu ſehr um dieſe große Liebe von Frau von Charny für mich zu bekümmern. Will er mich zu einer gefährlichen und entfernten Sendung ver⸗ wenden, ſo werden die Abweſenheit oder die Gefahr, mei⸗ nerſeits wenigſtens, gleich willkommen ſein.“ „Als Sie aber vor acht Tagen die Königin nach Turin ſchicken wollte, ſchien es Ihr Wunſch zu ſein, in Paris zu bleiben?“ „Ich hielt meinen Bruder für genügend für dieſe Sendung und wollte mir eine ſchwierigere oder gefahr⸗ vollere vorbehalten.“ „Gerade, mein lieber Graf, weil der Augenblick ge⸗ kommen iſt, Ihnen eine heute ſchwierige und für die Zu⸗ kunft vielleicht nicht gefahrloſe Sendung anzuvertrauen, ſprach ich mit Ihnen von der Vereinzelung der Gräfin, und ich hätte gewänſcht, ſie bei einer Freundin zu ſehen, da ich ihr den Gatten entführe.“ „Ich werde ver Gräfin ſchreiben, Sire, um ihr die guten Gefühle Eurer Majeſtät mitzutheilen.“ „Wie, Sie werden ihr ſchreiben! gedenken Sie nicht die Gräfin vor Ihrer Abreiſe zu beſuchen?“ „Ich bin ein einziges Mal bei Frau von Charny erſchienen, ohne ſie um Erlaubniß zu bitten, Sire, und. nach der Art, wie ſie mich empfangen hat, bedürfte es nun, damit ich ſie auch nur um dieſe einfache Erlaubniß bäte, nicht weniger als des ausdrücklichen Befehls Eurer Majeſtät.“ „Sprechen wir alſo nicht mehr hierüber; ich werde von Allem dem mit der Königin während Ihrer Ab⸗ weſenheit reden,“ ſagte der König, während er vom Tiſche aufſtand. Dann huſtete er zwei bis dreimal mit der Befriedi⸗ gung eines Menſchen, der gut geſpeiſt hat und ſeiner Verdauung ſicher iſt, und bemerkte: „Bei meiner Treue, die Aerzte haben ſehr Recht, „ 3 —* d. 6 ß er de b⸗ he i⸗ 107 wenn ſie behaupten, jede Sache habe zwei Geſichter, die ſie verdrießlich einem leeren Magen und ſtrahlend einem vollen Magen bieten. Treten Sie in mein Cabinet ein, mein lieber Graf, ich fühle mich in der Stimmung, offenherzig mit Ihnen zu ſprechen.“ Der Graf folgte Ludwig XVI., während er an das dachte, was zuweilen an Majeſtät ein gekröntes Haupt durch die materielle und gemeine Seite verliert, welche die ſtolze Marie Antoinette ihrem Gemahle vorzuwerfen ſich nicht erwehren konnte. XXII. Wo ſich der Rönig mit Staatsangelegenheiten beſchäftigt. Oögleich der König erſt vlerzehn Tage in den Tuilerien reſidirte, waren doch zwei von ſeinen Gelaſſen völlig eingerichtet. Dieſe zwei Gelaſſe waren ſeine Schmiede und ſein Cabinet. Später und bei einer Veranlaſſung, welche auf das Geſchick des unglücklichen Fürſten keinen geringeren Ein⸗ fluß hatte, als dieſes, werden wir den Leſer in die könig⸗ liche Schmiede einführen; für den Augenblick aber haben wir im Cabinet zu thun; treten wir alſo hinter Charny ein, welcher nun vor dem Schreibtiſche ſtand, an den ſich der König geſetzt hat. Dieſer Schreibtiſch iſt beladen mit Karten, geo⸗ graphiſchen Werken, engliſchen Journalen und Papieren, 108 unter denen man die von der Handſchrift von Ludwig XVI. an der Vielfältigkeit der Zeilen erkennt, welche ſie bedecken und weder oben, noch unten, noch am Rande Raum laſſen. Der Charakter offenbart ſich in der kleinſten Einzel⸗ heit: der ſparſame Ludwig XVI. ließ nicht nur nicht das geringſte Stück weißes Papier verloren gehen, ſon⸗ dern unter ſeiner Hand bedeckte ſich dieſes Stück mit ſo vielen Buchſtaben, als es materiell enthalten konnte. Charny war in den drei bis vier Jahren, die er in vertrautem Umgang mit dem erhabenen Fürſtenpaare lebte, zu ſehr an alle dieſe Details gewohnt, um die Bemerkungen zu machen, die wir hier bezeichnen. Darum wartete er, ohne daß ſich ſein Auge auf irgend einen Gegenſtand heftete, ehrfurchtsvoll, bis der König das Wort an ihn richtete. Aber da angelangt, wo er war, ſchien der König, trotz des zum Voraus angekündigten Vertrauens, in Ver⸗ legenheit zu ſein, wie er in die Materie eingehen ſollte. Zuerſt, und gleichſam um ſich Muth zu geben, öff⸗ nete er eine Schublade ſeines Schreibtiſches, und in vieſer Schudlade ein geheimes Fach, zog einige mit Umſchlägen bedeckte Papiere heraus, legte ſie auf den Tiſch und drückte ſeine Hand darauf. „Herr von Charny,“ ſagte er endlich,„ich habe Eines bemerkt.. Er hielt inne und ſchaute Charny feſt an, dieſer aber wartete ehrerbietig, bis es dem Koͤnig gefiele, fort⸗ zufahren. „In der Nacht vom 5. auf den 6. October, als Sie zwiſchen der Garde der Konigin uud der meinigen zu wählen hatten, wieſen Sie Ihrem Bruder ſeinen Platz bei der Königin an und blieben bei mir.“ „Sire,“ erwiederte Charny,„ich bin das Haupt der Familie, wie Eure Majeſtät das Haupt des Staates iſt, ich hatte alſo das Recht, bei Ihnen zu ſterben.“ —„—— ₰ —,— e e t 1⸗ o 109 „Das brachte mich auf den Gedanken,“ fuhr Ludwig XVI. fort,„wenn ich jene geheime, ſchwierige und ge⸗ fährliche Sendung zu geben hätte, ſo könnte ich ſie Ihrer Loyalität als Franzoſe, Ihrem Herzen als Freund an⸗ vertrauen.“ „Oh! Sire,“ rief Charny,„ſo hoch mich der König erhebt, ich bin nicht ſo anmaßend, zu glauben, er könne aus mir etwas Anderes machen, als einen treuen und dankbaren Unterthan.“ „Herr von Charny, Sie ſind ein ernſter Mann, ob⸗ gleich Sie kaum ſechs und dreißig Jahre zählen; Sie machten nicht alle Ereigniſſe durch, die ſich um uns her entrollt, ohne einen Schluß daraus gezogen zu haben.. Herr von Charny, was denken Sie von mei⸗ ner Lage, und, wenn Sie mein erſter Miniſter wären, welche Mittel würden Sie mir vorſchlagen, um ſie zu verbeſſern?“ „Sire,“ antwortete Charny mit mehr Zögern als Verlegenheit,„ich bin ein Soldat... ein Seemann.. dieſe hohen ſocialen Fragen überſteigen das Maaß mei⸗ nes Verſtandes.“ „Mein Herr,“ ſprach der König, indem er Charny die Hand mit einer Würde reichte, welche plötzlich gerade aus der Lage, in die er ſich in dieſem Augenblick verſetzt hatte, hervorzuſpringen ſchien,„Sie ſind ein Mann, und ein anderer Mann, der Sie für ſeinen Freund hält, fragt Sie ganz einfach, Sie, ein revliches Herz, einen geſunden Geiſt, einen loyalen Unterthan, was Sie an ſeiner Stelle thun würden.“ „Sire,“ erwiederte Charny,„in einer Lage, welche nicht minder ernſt als es dieſe iſt, hat mir die Königin eines Tags die Ehre erwieſen, mich um meinen Rath zu fragen; es war am Tage der Einnahme der Baſtille: ſie wollte gegen die hunderttauſend bewaffneten und wie eine Hydra von Eiſen und Feuer über die Boulevards und die Straßen des Faubourg Saint⸗Antvine ſich hinwälzen⸗ 1¹⁰ den Pariſer ihre acht bis zehntauſend fremden Soldaten ſchicken. Wäre ich der Koͤnigin weniger bekannt geweſen, hätte ſie weniger Ergebenheit und Ehrfurcht in meinem Herzen geſehen, ſo würde mich meine Antwort ohne Zwei⸗ fel mit ihr entzweit haben.„ Ach! Sire, muß ich heute nicht befürchten, daß, vom König befragt, meine zu offenherzige Antwort den König verletzt?“ „Was haben Sie der Königin geantwortet?“ „Da Eure Majeſtät nicht ſtark genug ſei, um als Eroberer in Paris einzuziehen, ſo müſſe ſie als Vater einziehen.“ „Nun, mein Herr,“ ſprach der König,„iſt das nicht der Rath, den ich befolgt habe?“ „Gewiß, Sire.“ „Nur fragt es ſich, ob ich wohl daran gethan habe, ihn zu befolgen; denn ſagen Sie ſelbſt, bin ich diesmal als König oder als Gefangener eingezogen?“ „Sire, erlaubt mir der König mit aller Offenherzig⸗ keit zu ſprechen?“ „Thun Sie es, mein Herr; ſo bald ich Sie um Ihren Rath frage, frage ich Sie zugleich um Ihre Meinung.“ „Sire, ich habe das Mahl von Verſailles mißbilligt; Sire, ich habe die Königin flehentlich gebeten, in Ihrer Abweſenheit nicht in's Theater zu gehen; Sire, ich war in Verzweiflung, als Ihre Majeſtät die Cocarde der Nation mit Füßen trat, um die ſchwarze Cocarde, die Cocarde von Oeſterreich, aufzuſtecken.“ „Herr von Charny, glauben Sie, dies ſei die wahre urſache der Ereigniſſe des 5. und 6. October geweſen?“ „Nein, Sire, aber es war wenigſtens der Vorwand. Sire, nicht wahr, Sie ſind nicht ungerecht gegen das Volk? das Volk iſt gut, das Volk liebt Sie, das Volk iſt royaliſtiſch; doch das Volk leidet, doch das Volk friert, doch das Volk hungert; es hat über ſich, unter ſich, neben ſich ſchlimme Räthe, die es vorwärts treiben; be, al m t er ar er die d ter 111 es geht, es drängt, es wirft nieder, denn es kennt ſelbſt ſeine Stärke nicht; einmal losgelaſſen, verbreitet, rollend, iſt es eine Ueberſchwemmung vder eine Feuersbrunſt, es erſäuft oder verbrennt.“ 2 „Wohl denn, Herr von Charny, nehmen Sie an, was ſehr natürlich iſt, ich wolle weder erſäuft, noch ver⸗ brannt werden, was muß ich thun?„. „Sire, Sie müſſen der Ueberſchwemmung keinen Vorwand geben, ſich zu verbreiten, der Feuersbrunſt keinen, ſich zu entzünden.. Doch verzeihen Sie, Sire,“ ſagte Charnh inne haltend, ich vergeſſe, daß ſelbſt auf einen Befehl des Königs „Sie wollen ſagen, auf eine Bitte. Fahren Sie fort, Herr von Charny, fahren Sie fort, der König bittet Sie.“ „Sire, Sie haben dieſes Volk von Paris geſehen, das ſo lange ſeiner Souverains beraubt, ſo hungerig, ſie wiederzuſehen; Sie haben es drohend, mordbrenneriſch, mörderiſch in Verſailles geſehen, oder Sie haben es wenigſtens ſo zu ſehen geglaubt, denn in Verſailles war es nicht das Volk. Sie haben es geſehen, ſage ich, in den Tuilerien, unter dem doppelten Balcon des Palaſtes, Sie, die Königin, die königliche Familie grüßend, in Ihre Gemächer eindringend mittelſt ſeiner Deputationen, De⸗ putationen von den Damen der Halle, Deputationen von der Bürgergarde, Deputationen von den Municipalitäten, und diejenigen, welche nicht das Glück hatten, Abgeord⸗ nete zu ſein, in Ihre Gemächer einzudringen, Worte mit Ihnen zu wechſeln, haben Sie an den Fenſtern Ihres Speiſeſaales, durch welche die Mütter, ſüße Opfergaben! den erhabenen Tiſchgenoſſen die Küſſe ihrer kleinen Kin⸗ der zuſandten, ſich zuſammenſchaaren ſehen?“ „Ja,“ ſprach der König,„ich habe Alles dies geſehen, und daher kommt mein Zögern. Ich frage mich: welches iſt das wahre Volk, dasjenige, welches hrennt und mor⸗ det, oder dasjenige, welches liebkoſt und zujauchzt?“. . 112 „Oh! das letzte, Sire, das lette! Vertrauen Sie dieſem, und es wird Sie gegen das andere vertheidigen.“ „Graf, Sie wiederholen mir in einer Entfernung von zwei Stunden genau das, was mir dieſen Morgen der Doctor Gilbert ſagte.“ „Nun, Sire, warum geruhen Sie, da Sie ſich bei einem ſo tiefen, ſo gelehrten, ſo ernſten Manne wie der Doctor Raths erholt haben, mich, einen armen Officier, um den meinigen zu fragen““ „Ich will es Ihnen ſagen, Herr von Charny,“ er⸗ wiederte Ludwig XVI.„Weil ich glaube, daß ein Sgroßer Unterſchied zwiſchen Ihnen und dem Doctor ſtatt⸗ findet. Sie ſind dem König ergeben, und der Doctor iſt nur dem Königthum ergeben.“ „Ich begreife nicht recht, Sire.“ „Ich meine, unter der Bedingung, daß das König⸗ thum, das Prineip, unverſehrt wäre, würde er gern den König, den Menſchen, verlaſſen.“ „Dann ſpricht Eure Majeſtät die Wahrheit,“ ver⸗ ſetzte Charny,„dieſer Unterſchied findet zwiſchen uns ſtatt: Sie ſind zugleich für mich, Sire, der König und das Königthum. Unter dieſem Titel bitte ich Sie alſo über mich zu verfügen.“ „Vor Allem will ich von Ihnen wiſſen, Herr von Charny, an wen Sie ſich in dieſem Augenblick der Ruhe, in welchem wir uns vielleicht zwiſchen zwei Stürmen be⸗ finden, wenden würden, um die Spuren des vergangenen Sturmes zu verwiſchen und den zukünftigen Sturm zu beſchwören?“ „Wenn ich zugleich die Ehre und das Unglück hätte, König zu ſein, Sire, ſo würde ich mich der Rufe er⸗ innern, die meinen Wagen bei meiner Rückkehr von Ver⸗ ſailles umgeben haben, und ich würde die rechte Hand Herrn von Lafayette und die linke Herrn von Mirabeau reichen.“ „Graf,“ verſetzte der König lebhaft,„wie können ———— „— „— — 8 w e r⸗ r⸗ d u —— — 1¹3 Sie mir das ſagen, Sie, der Sie den Einen verabſcheuen und den Andern verachten?“ „Sire, es handelt ſich hier nicht um eine Sympathie, es handelt ſich um das Heil des Koͤnigs und die Zukunft des Königreichs.“ „Gerade dies hat mir auch der Doctor Gilbert ge⸗ ſagt,“ murmelte der Koͤnig, wie mit ſich ſelbſt ſprechend „Sire,“ rief Charny,„ich bin glücklich, in meiner Meinung mit einem ſo erhabenen Manne, wie der Doctor Gilbert, zuſammenzutreffen.“ „Sie glauben alſo, mein lieber Graf, aus der Ver⸗ bindung dieſer zwei Männer können die Ruhe der Nation und die Sicherheit des Königs herborgehen?“ „Mit der Hülfe Gottes, Sire, würde ich viel von der Verbindung dieſer zwei Männer hoffen.“ „Aber wenn ich mir dieſe Verbindung gefallen ließe, wenn ich zu dieſem Vertrag einwilligte und, trotz meines Wunſches, trotz des ihrigen vielleicht, die miniſterielle Combination, die ſie verbinden ſoll, ſcheiterte, was denken Sie, daß ich thun müßte?“ „Ich glaube, daß es, wenn er alle von der Vor⸗ ſehung in ſeine Hände gelegte Mittel erſchoͤpft, wenn er alle durch ſeine Stellung ihm auferlegte Pflichten er⸗ füllt hätte, Zeit wäre, daß der König an ſeine Sicherheit und die ſeiner Famille dächte.“ „Dann würden Sie mir vorſchlagen, zu fliehen?“ „Ich würde Eurer Majeſtät vorſchlagen, ſich mit denjenigen von ihren Regimentern und ihren Edelleuten, auf welche ſie zählen zu können glaubte, in eine Feſtung wie Metz, Straßburg oder Nancy zurückzuziehen.“ Das Geſicht des Königs ſtrahlte. „Ah! ah!“ ſagte er,„und von allen den Generalen, die mir Beweiſe von Anhänglichkeit gegeben haben, ſprechen Sie offenherzig, Charny, Sie, der Sie alle kennen, wel⸗ chem würden Sie den gefäͤhrlichen Auftrag, ſeinen König zu entführen oder zu empfangen, anvertrauen 2“ Die Gräfin von Charny. I. 8 114 „Oh! Sire, Sire,“ erwiederte Charny,„es iſt eine ſchwere Verantwortlichkeit, den König bei einer ſolchen Wahl zu leiten.. Sire, ich erkenne meine Unwiſſen⸗ heit, meine Schwäche, meine Ohnmacht„. Sire, ich verwerfe mich... „Nun wohl, ich will es Ihnen leicht machen. Die Wahl iſt getroffen; zu dieſem Manne will ich Sie ſchicken. Hier iſt der Brief geſchrieben, welchen Sie ihm zu überreichen beauftragt ſein werden; der Name, den Sie mir angeben, wird alſo keinen Einfluß auf meine Ent⸗ ſcheidung haben; nur wird er mir einen treuen Diener mehr bezeichnen, der ohne Zweifel auch Gelegenheit haben wird, ſeine Treue zu zeigen. Sprechen Sie, Herr von Charny, wenn Sie Ihren Koͤnig dem Muthe, der Redlichkeit, dem Verſtande eines Mannes anzuvertrauen hätten, welchen Mann würden Sie bezeichnen?“ „Sire,“ antwortete Charny,„ich ſchwöre Eurer Majeſtät, nicht weil Bande der Freundſchaft, ich möchte beinahe ſagen, der Famiiie, mich mit ihm verbinden, aber es gibt in der Armee einen Mann, der bekannt iſt durch die große Ergebenheit, die er für den König hegt, einen Mann, der als Gouverneur der Inſeln unter dem Winde während des amerikaniſchen Krieges unſere Be⸗ ſitzungen der Antillen ſehr wirkſam beſchützt und ſelbſt den Engländern mehrere Inſeln genommen hat, der ſeltdem mit verſchiedenen wichtigen Commandos beauftragt war und zu dieſer Stunde glaube ich, General⸗Gouverneur der Stadt Metz iſt; dieſer Mann, Sire, iſt der Marquis von Bouillé.— Als Vater würde ich ihm meinen Sohn, als Sohn würde ich ihm meinen Vater, als Unterthan würde ich ihm meinen König anvertrauen!“ So wenig demonſtrativ Ludwig XVI. war, er folgte doch mit einer offenbaren Bangigkeit den Worten des Grafen, und man hätte können ſein Geſicht immer mehr ſich auf⸗ klären ſehen, je mehr er die Perſon zu erkennen glaubte, welche Charny mit ſeinen Worten hezeichnete. Als der c+„— —— te 1¹⁵ Graf endlich den Namen dieſer Perſon ausſprach, konnte er ſich eines Freudenſchreies nicht erwehren. „Sehen Sie, ſehen Sie, Graf,“ ſprach er,„leſen Sie die Adreſſe vieſes Briefes und ſagen Sie, ob es nicht die Vorſehung ſelbſt iſt, die mir den Gedanken, mich an Sie zu wenden, eingegeben hat!“ Charny nahm den Brief aus den Händen des Königs und las ſolgende Aufſchrift: An Herrn Frangols Claude Amour, Mar⸗ quis von Bouillé, General⸗Commandanten der Stadt Metz. Thränen der Freude und des Stolzes ſtiegen zu den Augenlidern von Charny empor. „Stre,“ rief er,„ich vermöchte Ihnen hienach nur noch Eines zu ſagen: ich bin bereit, für Eure Majeſtät zu ſterben.“ „Uav ich, mein Herr, ich ſage Ihnen, daß ich nach dem, was vorgefallen iſt, mich nicht mehr für berechtigt haſte, Geheimn'ſſe gegen Sie zu haben, wetl, wenn die Stunde gekommen iſt, Sie es find, Sie allein, hören Sie wohl? dem ich meine Perſon, die der Königin und die meiner Kinder anvertrauen werde. Hören Sie mich alſo wohl an und vernehmen Sie, was man mir vorſchlägt und was ich ausſchlage.“ Charny verbengteſich, tiefe Aufmerkſamkeit bezeichnend. „Es iſt nicht das erſte Mal, Herr von Charny, wie Sie ſich wohl venken können, daß mir die Idee kommt, mir und denjenigen, welche mich umgeben, einen Plan dem ähnlich auszuführen, von welchem wir gerade reven. In der Nacht vom 5. auf den 6. October dachte ich darauf, die Konigin entweichen zu laſſen; ein Wagen hätte ſie nach Rambouillet gebracht, ich hätte ſie zu Pferde einge⸗ holt, und von dort aus würden wir leicht die Grenze er⸗ reicht haben, denn die Wachſamkeit, welche uns heute umgibt, war noch nicht thätig. Der Plan ſcheiterte, 2¹16 weil die Königin nicht ohne mich abreiſen wollte und mich meinerſeits ſchwören ließ, nicht ohne ſie zu reiſen.“ „Sire, ich war dabei, als dieſer fromme Schwur zwiſchen dem König und der Koͤnigin, oder vielmehr zwi⸗ ſchen dem Gatten und der Gattin ausgetauſcht wurde.“ „Seitdem hat Herr von Breteuil Unterhandlungen mit mir eröffnet,— durch die Vermittelung des Grafen von Innisdal, und vor acht Tagen habe ich einen Brief von Solothurn erhalten.“ Der König hielt inne, und als er ſah, daß der Graf ſtumm und unbeweglich blieb, ſagte er: „Sie antworten nicht, Graf?“ „Sire,“ erwiederte Charny ſich verbeugend,„ich weiß, daß Herr Baron v. Breteuil der Mann Oeſterreichs iſt, und ich befürchte, die gerechten Sympathien des Kö⸗ nigs in Betreff der Königin ſeiner Gemahlin und des Kaiſer Joſeph II. ſeines Schwagers zu verletzen.“ Der Konig ergriff die Hand von Charny, neigte ſich zu ihm und ſagte leiſe: „Befürchten Sie nichts, Graf, ich liebe Oeſterreich ebenſo wenig, als Sie es lieben.“ Die Hand von Charny bebte vor Erſtaunen zwiſchen den Händen des Königs. „Graf! Graf! wenn ein Mann von Ihrem Werthe ſich hingeben, das heißt, ſein Leben zum Opfer bringen will für einen andern Mann, der vor ihm nur den trau⸗ rigen Vorzug hat, Koͤnig zu ſein, ſo muß er auch den⸗ jenigen kennen, für welchen er ſich opfert. Graf, ich habe Ihnen geſagt und wiederhole Ihnen, ich liebe Oeſterreich nicht; ich liebe Maria Thereſia nicht, welche uns in den fiebenjährigen Krieg verwickelt hat, wobei wir zweimal hundert tauſend Mann, zwei Millionen und ſiebenzehn hundert Meilen Terrain in America verloren haben; welche Frau von Pompadour, eine Proſtituirte, ihre Couſine nannte; welche ſich ihrer Töchter als diplo⸗ matiſche Agenten bediente; welche durch die Erzherzogin 53 en he en u⸗ n⸗ f, he bei nd te, o⸗ in 117 Caroline Neapel regierte; welche durch die Erzherzogin Marie Antvinette Frankreich zu regieren gedachte.“ „Sire, Sire,“ ſagte Charny,„Eure Majeftät ver⸗ gißt, daß ich ein Fremder bin, ein einfacher Unterthan des Königs und der Königin von Frankreich!“ Und er unterſtrich durch ſeinen Tonausdruck das Wort Koͤnigin, wie wir es mit der Feder unterſtrichen haben. „Ich habe es Ihnen geſagt, Graf.“ fuhr der König fort,„Sie ſind ein Freund, und ich kann um ſo offen⸗ herziger mit Ihnen reden, als das Vorurtheil, das ich gegen die Königin hatte, zu dieſer Stunde völlig aus meinem Geiſte verſchwunden iſt. Aber gegen meinen Willen habe ich eine Frau aus dieſem dem Hauſe Frank⸗ reich zweimal feindlich geſinnten Hauſe empfangen,— feindlich als Lothringen, feindlich als Oeſterreich; wider meinen Willen habe ich an meinen Hof jenen Abbé von Vermond, den Lehrer der Königin dem Anſcheine nach, den Spion von Maria Thereſia in Wirklichkeit, kommen ſehen,— dieſen Menſchen, den ich zwei bis dreimal des Tages mit dem Ellenbogen ſtieß, dergeſtalt war er be⸗ auftragt, ſich zwiſchen meine Beine zu ſtecken, und an den ich im Verlaufe von neunzehn Jahren nicht ein einziges Wort richtete; gegen meinen Willen habe ich nach einem zehnjährigen Kampfe Herrn von Breteuil mit dem De⸗ partement meines Hauſes und dem Gouvernement von Paris beauftragt; gegen meinen Willen habe ich zu meinem erſten Miniſter den Erzbiſchof von Toulouſe, einen Atheiſten, ernannt; gegen meinen Willen endlich habe ich Oeſterreich die Millionen bezahlt, die es Holland aus⸗ preſſen wollte. Heute noch, zu dieſer Stunde, wo ich mit Ihnen ſpreche, wer räth, als Nachfolger der todten Maria Thereſia, der Königin, wer lenkt ſie? Ihr Bruder Joſeph II., welcher glücklicher Weiſe ſtirbt. Durch wen räth er ihr? Sie wiſſen es ſo gut als ich: durch das Organ ebendieſes Abbs von Vermond, des Baron von 1¹18 Breteuil und des Geſandten von Oeſterreich, Merch d'Argenteau. Hinter dieſem Greiſe iſt ein anderer Greis verborgen, Kaunitz, der ſiebenzigjährige Miniſter des hundertjährigen Oeſterreich. Dieſe zwei Alten lenken die Königin von Frankreich durch Mademoiſelle Bertin, ihre Pitzmacherin, und durch Herrn Leonard. ihren Fri⸗ ſeur, denen ſie Penſionen bezahlen; und wohin lenken ſie ſie? Zur Allianz mit Oeſterreich! mit Oeſterreich, das immer unheilbringend für Frankreich geweſen— als Freund und als Feind. Oeſterreich! dos einſt katholiſche und devote Oeſterreich, das heute abſchwört und ſich zur Hälfte philoſophiſch macht unter Joſeph II.; das unkluge Oeſterreich, das gegen ſich ſein eigenes Schwert, Ungarn, wendet; das unvorſichtige Oeſlerreich, dus ſich durch die belgiſchen Prieſter den ſchönſten Theil ſeiner Krone, die Niederlande, nehmen läßt; das abhängige Oeſterreich, das den Rücken Europa zuwendet, welches es nie aus dem Blicke verlieren ſollte, und gegen die Türken, unſere Verbündeten, ſeine beſten Truppen zum Vortheil von Rußland gebraucht. Nein, nein, nein, Herr von Charny, ich haſſe Oeſterreich, und Oeſterreich haſſend konnte ich mich ihm nicht anvertrauen.“ „Sire, Sire,“ verſetzte Charny,„ſolche vertrauliche Eröffnungen ſind ſehr ehrenvoll, zugleich aber auch ſehr gefährlich für denjenigen, welchem man ſie macht! Sire, wenn Sie eines Tags bereuen würden, ſie mir gemacht zu haben!“ „Oh! ich befürchte das nicht, und zum Beweiſe diene, daß ich vollende.“ „Sire, Eure Majeſtät hat mir befohlen, zu hören, ich höre.“ „Dieſer Vorſchlag zur Flucht iſt nicht der einzige, der mir gemacht worden. Kennen Sie Herrn von Favras?“ „Den Marquis von Favras, den ehemallgen Kapitän — +„ —— — 119 im Regiment Belzunce, den ehemaligen Lieutenant bei der Garde von Monſieur? ja, Sire.“ „Das iſt er,“ ſprach der König, indem er einen beſondern Nachdruck auf die letzte Qualfication legte⸗ „den ehemaligen Lieutenant bei der Garde von Monſieur. Was denken Sie von ihm?“ „Es iſt ein braver Soldat, ein wackerer Edelmann; ruinirt zum Unglück, was ihn unruhig macht und zu einer Menge von gefährlichen Verſuchen, von wahnſinnigen Projecten antreibt, aber ein Mann von Ehre, Sire, der ohne einen Schritt zurückzuweichen, ohne eine Klage aus⸗ zuſtoßen, ſterben wird, um das gegebene Wort zu halten, — ein Mann, dem Eure Majeſtät ſich für einen Handſtreich anzuvertrauen Recht hätte, der aber, wie ich befürchte, als Hanpt eines Unternehmens nichts taugen würde.“ „Das Haupt des Unternehmens iſt auch nicht er,“ ſagte der König mit einer gewiſſen Bitterkeit;„es iſt Monſieur. ja, es iſt Monſieur, der Geld macht; es Monſieur, der Alles vorbereitet; es iſt Monſieur, der, bis zum Ende ſich aufopfernd, bleibt, wenn ich abgereiſt ſein werde, reiſe ich wirklich mit Favras ab.“ Charnh machte eine Bewegung. „Nun! was haben Sie, Graf?“ fuhr der König fort.„Das iſt nicht die Partei von Oeſterreich, das iſt die Partei der Prinzen, der Emigranten, des Adels.“ „Sire, entſchuldigen Sie mich; ich habe es Ihnen geſagt, ich zweifle weder an der Redlichkeit, noch am Muthe von Herrn von Favras; an welchen Ort Herr von Favras Euer Majeſtät zu führen verſpricht, er wird ſie führen, oder in ihrer Vertheidigung unter Weges ſterben. Aber warum reiſt Monſieur nicht mit Eurer Majeſtät ab? warum bleibt Monſieur?“ „Aus Ergebenheit, und dann auch vielleicht,— für den Foll, daß das Bedürfniß, den Konig abzuſetzen und einen Regenten zu ernennen, ſich fühlbar machen würde, — damit das Volk, müde, unnütz einem Regenten nach⸗ 120 gelaufen zu ſein, ſeinen Regenten nicht zu fern zu ſuchen hätte.“ „Sire,“ rief Charny,„Eure Majeſtät ſagt mir er⸗ ſchreckliche Dinge.“ „Ich ſage, was die ganze Welt weiß, mein lieber Graf, was Ihr Bruder mir geſtern ſchreibt; im letzten Rathe der Prinzen in Turin iſt nämlich davon die Rede geweſen, mich abzuſetzen und einen Regenten zu ernennen; in demſelben Rathe hat Herr von Condé, mein Vetter, den Vorſchlag gemacht, gegen Lyon zu marſchiren, was auch dem König wiverfahren möchte. Sie ſehen alſo, daß ich Favras eben ſo wenig annehmen kann, als Bre⸗ teuil, Oeſterreich oder die Prinzen. Dies, mein lieber Graf, habe ich Niemand, als Ihnen geſagt, und dies ſage ich Ihnen, damit Sie, da Niemand, nicht einmal die Königin, ſei es aus Zufall, ſei es abſichtlich,— Ludwig XVI. betonte beſonders die von uns unterſtrichenen Worte,— damit Sie, da Niemand, nicht einmal die Königin Ihnen ein Vertrauen bewieſen hat, wie das, welches ich Ihnen zeige, auch Niemand ſo ergeben ſeien, wie mir.“ „Sire,“ fragte Charny, indem er ſich vorbeugte, „ſoll das Geheimniß meiner Reiſe vor Jedermann be⸗ wahrt werden?“ „Gleichviel, mein lieber Graf, ob man weiß, daß Sie reiſen, wenn man nur nicht weiß, in welcher Abſicht Sie reiſen.“ „Und der Zweck ſoll Herrn von Bouillé allein ent⸗ hüllt werden?“ „Herrn von Bouillé allein, und auch ihm nur, nachdem Sie ſich ſeiner Geſinnung wohl verſichert haben⸗ Der Brief, den ich Ihnen für den Gouverneur übergebe, iſt ein einfacher Einführungsbrief. Sie kennen meine Lage meine Befürchtungen, meine Hoffnungen beſſer als die Königin, meine Frau, beſſer als Herr Necker, mein Miniſter, beſſer als Herr Gilbert, mein Roth. Handeln 121¹ Sie dem gemäß, ich lege den Faden und die Scheere in Ihre Hände, entrollen Sie oder ſchneiden Sie ab.“ Hierauf übergab er dem Grafen einen offenen Brief und fügte bei: „Leſen Sie.“ Der Graf nahm den Brief und las: Palaſt der Tuilerien den 29. October. „Ich hoffe, mein Herr, Sie ſind fortwährend mit Ihrer Stellung als Gouverneur von Metz zufrieden. Der Herr Graf von Charny, Lieutenant meiner Garde, der durch dieſe Stadt reiſt, wird Sie fragen, ob es in Ihren Wünſchen liege, daß ich etwas Anderes für Sie thue; ich würde in dieſem Falle die Gelegenheit ergreifen, Ihnen angenehm zu ſein, wie ich dieſe ergreife, Ihnen die Ver⸗ ſicherung meiner Hochachtung zu wiederholen. „Ludwig.“ „Und nun,“ ſagte der König,„gehen Sie; Sie haben Vollmacht in Betreff der Herrn von Bonillé zu machenden Verſprechungen, wenn Sie glauben, es ſei nöthig, ihm Verſprechungen zu machen; verbinden Sie mich aber nur in dem Maße von dem, was ich halten kann.“ Und er reichte ihm zum zweiten Male die Hand. Charny küßte dieſe Hand mit einer Gemüthser⸗ ſchütterung, die ihn neuer Betheuerungen überhob, und er entfernte ſich aus dem Cabinet und ließ den König überzeugt zurück; Ludwig XVI. hatte ſich auch in der That durch ſein Vertrauen das Herz des Grafen beſſer erworben, als er es durch alle Reichthümer und alle Gunſtbezeugungen, über die er in den Tagen ſeiner All⸗ macht verfügt, hätte thun können. 122 KXIII. — Bei der Ränigin. Charny ging, das Herz voll von entgegengeſetzten Gefühlen, vom König weg. Aber das erſte von dieſen Gefühlen, das, welches auf die Oberfläche dieſer ſtürmiſch in ſeinem Gehirne rollenden Gedankenwogen ſtieg, war die tiefe Dankbar⸗ keit, die er für das grenzenloſe Vertrauen empfand, das der Koͤnig ihm bezeigt hatte. Dieſes Vertrauen legte ihm in der That Pflichten auf, welche um ſo heiliger, als ſein Gewiſſen entfernt nicht ſtumm war bei der Frinnerung an das Unrecht, das er gegen dieſen würdigen König hatte, der im Augen⸗ blicke der Gefahr ſeine Hand auf ſeine Schulter als auf eine treue und redliche Stütze ausſtreckte. Je mehr auch Charny im Grunde ſeines Herzens ſein Unrecht gegen ſeinen Herrn anerkannte, deſto mehr war er bereit, ſich für ihn zu opfern. Und je mehr dieſes Gefühl ehrfurchtsvoller Ergeben⸗ heit im Herzen des Grafen wuchs, deſto mehr nahm das minder reine Gefühl ab, das er Tage, Monate, Jahre lang der Koͤnigin gewidmet hatte. Darum hatte Charny, ein erſtes Mal zurückgehalten durch eine unbeſtimmte Hoffnung, welche mitten unter Gefahren geboren ward, wie jene Blumen, die auf Abſtürzen erblühen und mit ihren Wohlgerüchen die Ab⸗ gründe erfüllen,— eine Hoffnung, die ihn inſtinktartig zu Andrée zurückgeführt,— nachdem dieſe Hoffnung verloren war, voll Eifer eine Sendung ergriffen, die ihn 6 vom Hofe entfernte, wo er die doppelte Qual empfand⸗ ——— —.— 123 noch von der Frau geliebt zu werben, die er nicht mehr liebte, und noch nicht geliebt zu werden,— er glaubte es wenigſtens— von der Frau, die er ſchon liebte. Die Kälte benötzend, welche ſeit einigen Tagen in ſeinem Verhältniß zur Königin eingetreten war, kehrte er nach ſeinem Zimmer zurück, entſchloſſen, ihr ſeine Abreiſe durch einen einfachen Brief anzukündigen, als er an ſeiner Thüre Weber fand, der auf ihn wartete. Die Königin wollte ihn ſprechen und wünſchte ihn auf der Stelle zu ſehen. Es war nicht möglich, ſich dieſem Wunſche der Königin zu entziehen. Die Wünſche der gekrönten Häupter ſind Gebote.— Charny gab ſeinem Kammerdiener einige Befehle, beauſtragte ihn, die Pferde an ſeinen Wagen anſpannen zu loſſen, und folgte dem Milchbruder der Königin auf dem Fuße.„. Marie Antvinette war in einer geiſtigen Stimmung, welche ganz der von Charny entgegengeſetzt; ſie hatte ſich ihrer Härte gegen den Grafen erinnert, und bei der gleich⸗ zeitigen Erinnerung an die aufopfernde Ergebenheit, die er in Verſailles gezeigt, beim Anblick,— denn dieſer Anblick war ihr ſtets gegenwärtig,— beim Anblick des quer über den Corridor vor ihrem Zimmer ausgeſtreckten, mit Blut bedeckten Bruders von Charny fühlte ſie etwas wie einen Gewiſſensbiß, und ſie geſtand ſich ſelbſt, an⸗ genommen, Charny habe ihr nur Ergebenheit gezeigt, ſo habe ſie ihm dieſe Ergebenheit ſchlecht belohnt. Aber hatte ſie nicht auch das Recht, von Charny etwas Anderes zu verlangen, als Ergebenheit. Hatte Charny wirklich, wenn ſie es wohl überlegte, gegen ſie all das Unrecht, das ſie ihm aufbürdete? Mußte ſie nicht auf Rechnung der brüderlichen Trauer jene Art von Gleichgültigkeit ſetzen, die er bei ſeiner Rück⸗ kehr von Verſallles an den Tag gelegt? Ueberdies he⸗ 124 ſtand dieſe Gleichgültigkeit nicht nur auf der Oberfläche, und, eine unruhige Liebende, hatte ſie ſich vielleicht zu ſehr beeilt, Charny zu verurtheilen, als ſie ihm die Sendung nach Turin angetragen, um ihn von Andrée zu entfernen, welche Sen⸗ dung er ausgeſchlagen? Ihre erſte Bewegung, eine eifer⸗ ſüchtige ſchlimme Bewegung, war geweſen, dieſe Weigerung werde veranlaßt durch die entſtehende Liebe des Grafen für Andrée und durch ſeinen Wunſch, bei ſeiner Frau zu bleiben; und in der That, dieſer, welche um ſieben Uhr aus den Tuilerien abgegangen, war zwei Stunden ſpäter ihr Gatte bis in ihren Zufluchtsort in der Rue Cog⸗ Héron gefolgt. Doch die Abweſenheit von Charny hatte nicht lange gedauert; auf den Schlag neun Uhr war er ins Schloß zurückgekehrt; dann, ſobald er zurückgekehrt war, hatte er die aus drei Zimmern beſtehende Wohnung, welche man auf Befehl des Königs für ihn in Bereit⸗ ſchaft geſetzt, mit der Manſarde begnügt, die für ſeinen Bediemtén bezeichnet geweſen. Anfangs hatte dieſe ganze Combination der armen Königin eine Combination geſchienen, bei der ihre Eitel⸗ keit und ihre Liebe Alles zü leiden hätten; doch die ſtrengſte Nachforſchung hatte Charny nicht außerhalb des Polaſtes ertäppen können, angenommen in Angelegenheiten ſeines Dienſtes, und es war völlig erwieſen, in den Augen der Königin, wie in den Augen der anderen Bewohner des Palaſtes, daß ſeit ſeiner Rückkehr nach Paris und ſeinem Eintritt ins Schloß Charny kaum ſein Zimmer verlaſſen hatte. Es war andererſeits auch erwieſen, daß ſeit ihrem Abgange aus dem Schloſſe Andrée nicht wieder darin erſchienen. Hatten ſich Andrée und Charny geſehen, ſo war es nur eine Stunde, an dem Tage, wo der Graf die Sen⸗ dung nach Turin ausgeſchlagen. Allerdings hatte während dieſer ganzen Periode Charny eben ſo wenig die Königin zu ſehen geſucht; n⸗ 125 aber würde nicht, ſtatt in dieſer Fernhaltung ein Zeichen von Gleichgültigkeit zu erkennen, ein hellſehender Blick darin im Gegentheil einen Beweis von Liebe finden 2 Hatte ſich nicht Charny, verletzt durch den unge⸗ rechten Verdacht der Königin, nicht aus einem Ueber⸗ maaß von Kälte, ſondern aus einem Uebermaaß von Liebe beiſeit halten können? Denn die Konigin gab ſelbſt zu, daß ſie ungerecht und hart gegen Charny geweſen; ungerecht, daß ſie ihm zum Vorwurf gemacht, er ſei während jener erſchrecklichen Nacht vom 5. auf den 6. Oetober beim König geblie⸗ ben, ſtatt bei ihr zu bleiben, und er habe zwiſchen zwei Blicken für ſie einen für Andrée gehabt; hart, daß ſie nicht mit einem zärtlicheren Herzen den tiefen Schmerz getheilt, den Charny beim Anblick ſeines todten Bruders empfunden. Es iſt übrigens bei jeder tiefen und ächten Liebe ſo; gegenwärtig, erſcheint das Weſen, das der Gegenſtand derſelben iſt, in den Augen von dem Theile, welcher glaubt, er habe ſich zu beklagen, mit allen Rauhheiten der Gegenwart. In dieſer kurzen Diſtanz erſcheinen alle Vorwürfe, die man ihm machen zu dürfen glaubt, begründet; Mängel des Charakters, Bizarrerien des Geiſtes, Vergeſſungen des Herzens, Alles erſcheint wie durch ein Vergrößerungsglas; man begreift nicht, warum man ſo lange dieſe Liebesvefectuoſitäten nicht geſehen und ſie ſo lange ertragen hat. Doch der Gegenſtand dieſer unheilvollen Erforſchung entfernt ſich freiwillig oder mit Gewalt; kaum iſt er entfernt, ſo verſchwinden dieſe Rauhheiten, welche von nahe verwundeten wie Dorne; die zu harten Umriſſe verwiſchen ſich; der zu ſtrenge Realismus fällt unter dem poetiſchen Hauche der Entfernung und im liebkoſenden Blicke der Erinnerung; man richtet nicht mehr, man vergleicht, man kommt auf ſich ſelbſt zurück mit einer Strenge nach Maaßgabe der Nachſicht, die man für den Andern fühlt, von dem man 126 anerkennt, man habe ihn ſchlecht geſchätzt, und das Reſuttat von dieſer ganzen Arbeit des Herzens iſt, daß nach einer Abweſenheit von acht bis zehn Tagen die ab⸗ en Perſon uns theurer und nothwendiger ſcheint, als je. Wohl verſtanden, wir ſetzen voraus, daß keine andere Liebe vieſe Abweſenheit benützt, um im Herzen den Platz der erſten einzunehmen. Dies war aſſo die Geſinnung der Königin in Be⸗ ziehung auf Charny, als die Thüre ſich öffnete und der Graf, der, wie wir geſehen, aus dem Cabtnet des Königs kam, in der tadelloſen Haltung eines Officiers im Dienſte eintrat. In ſeiner, immer ſo tief ehrfurchtsvollen, Haltung lag aber zugleich eiwas ſo Eiſiges, was die magnetiſchen Ausflüſſe zuruckzuſtoßen ſchien, welche bereit waren, aus dem Herzen der Königin hervorzuſtürzen, um im Herzen von Charny alle die ſüßen, zärtlichen over ſchmerz⸗ lichen Erinnerungen aufzuſuchen, die ſich varin ſeit vier Jahren aufgehäuft, nach Maaßgabe, wie die ab⸗ wechſelnd langſame oder raſche Zeit aus der Gegenwart die Vergangenheit und aus der Zukunft die Gegenwart gemacht hatte. Charny verbeugte ſich und blieb beinahe auf der Schwelle. Die Königin ſchaute umher, als wollte ſie ſich fra⸗ gen, welche Urſache den jungen Mann am andern Ende des Gemaches zurückhalte, und als ſie ſich verſichert hatte, der Wille von Charny ſei die einzige Urſache ſeiner Entfernung, ſagte ſie: „Treten Sie näher, Herr von Charny, wir ſind allein.“* Charny näherte ſich. Dann ſprach er mit einer ſanften, aber zugleich ſo feſten Stimme, daß man un⸗ möglich die geringſte Bewegung darin erkennen konnte; e 3 6 le 8 —* — *— 127 „Hier bin ich zu den Befehlen Eurer Majeſtät, adame.“ „Graf,“ verſetzte die Königin mit ihrem liebe⸗ vollſten Tone,„haben Sie nicht gehört, daß ich Ihnen ſagte, wir ſeien allein?“ „Doch, Madame,“ erwiederte Charny;„aber ich ſehe nicht ein, in welcher Hinſicht dieſe Einſamkeit die Weiſe ändern kann, in der ein Unterthan mit ſeiner Jürſtin zu ſprechen hat.“ „Als ich Sie holen ließ, Graf, und von Weber hoͤrte, Sie folgen ihm, glaubte ich, es wäre ein Freund, welcher käme, um mit einer Freundin zu reden.“ Ein bitteres Lächeln trat leicht auf den Lippen von Charny hervor. „Ja, Graf,“ ſprach die Königin„ich begreife die⸗ ſes Lächeln, und ich weiß, was Sie ſich innerlich ſagen. Sie ſagen ſich ich ſei ungerecht in Verſailles geweſen, und in Paris ſei ich launenhaft.“ „Ungerechtigkeit oder Laune, Madame,“ verſetzte Charny,„Alles iſt einer Frau erlaubt, um ſo viel mehr einer Königin.“ „Ei! mein Gott! mein Freund,“ ſprach Marie Antoinette mit allem Zauber, den fie in ihre Augen und ihre Stimme legen konnte,„Sie wiſſen wohl Eines: daß,— die Laune mag von der Frau oder von der Königin kommen,— die Königin Sie nicht als Rath, die Frau Sie nicht als Freund entbehren kann.“ Und ſie reichte ihm ihre zarte, weiße Hand, welche, wenn auch ein wenig abgemagert, immer noch würdig war, als Modell für einen Bildhauer zu dienen. Charny nahm dieſe königliche Hand und ſchickte ſich, nachdem er ſie ehrerbietig geküßt, an, ſie wieder fallen zu laſſen, als er fühlte, daß Marie Antoinette die ſeinige zurückhielt. „Nun wohl, ja,“ ſprach die arme Frau, durch dieſe Worte auf die Bewegung antwortend, die er gemacht, * 128 „nun wohl, ja, ich bin ungerecht, mehr als ungerecht, ich bin grauſam geweſen, mein lieber Graf! Sie haben in meinem Dienſte einen Bruder verloren, den Sie mit väterlicher Zärtlichkeit liebten; dieſer Bruder war für mich geſtorben; ich mußte ihn mit Ihnen beweinen; in jenem Moment haben der Schrecken, der Zorn, die Eifer⸗ ſucht,— was wollen Sie, Charny, ich bin Weib!— die Thränen in meinen Augen zurückgehalten.. Als ich aber allein geblieben, während der zehn Tage, wo ich Sie nicht geſehen, habe zich Ihnen weinend meine Schuld bezahlt, und zum Beweiſe, ſchauen Sie mich an, mein Freund, ich weine noch,“ fügte Marie Antoinette bei. Und ſie warf leicht ihren ſchönen Kopf zurück, damit Charny ihre wie Diamanten durchſichtigen Thränen in der Furche, welche der Schmerz in ihren Wangen zu graben anfing, herabrollen ſehen könnte. Ach! hätte Charny wiſſen können, welche Menge von Thränen denen, die vor ihm floßen, folgen ſollte, er wäre ohne Zweifel, von einem ungeheuren Mitleid be⸗ wegt, vor der Königin auf die Kniee gefallen und hätte ſie um Verzeihung gebeten für das Unrecht, das ſie gegen ihn hatte. Doch die Zukunft iſt, durch die Erlaubniß des barmherzigen Gottes, in einen Schleier gehüllt, den keine Hand aufheben, kein Blick'vor der Stunde durchdringen kann, und der ſchwarze Stoff, aus welchem das Geſchick den von Marie Antvinette gemacht hatte, ſchien noch genug mit goldenen Stickereien geſchmückt zu ſein, daß man nicht bemerkte, es ſei ein Trauerſtoff.. „Glauben Sie mir, Madame,“ ſprach Charny,„ich bin ſehr dankbar für dieſe Erinnerung die ſich an mich wendet, und für dieſen Schmerz, der ſich an meinen Bruder wendet; leider habe ich kaum die Zeit, Ihnen meine Dankbarkeit auszudrücken. „Wie ſo, und was wollen Sie hiemit ſagen?“ fragte Marie Antvinette erſtaunt. e u e——— — 8— — S— S„— 5—— 1 5„*— 129 „Ich will hiemit ſagen, daß ich Paris in einer Stunde verlaſſe.“ „Sie verlaſſen Paris in einer Stunde?“ „Ja, Madame.“ „Oh! mein Gott! verlaſſen Sie uns wie die An⸗ dern?“ rief die Konigin.„Wandern Sie aus, Herr von Charny?“ „Ach!“ erwiederte Charny,„Eure Majeſtät hat mir durch dieſe grauſame Frage bewieſen, daß ich, aller⸗ dings ohne mein Wiſſen, viel Unrecht gegen ſie ge⸗ habt habe.“ „Verzeihen Sie, mein Freund, Sie ſagen mir, Sie reiſen ab„. Warum reiſen Sie 2. „Um eine Sendung zu vollbringen, mit welcher mich der König zu beauftragen mir die Ehre erwieſen hat.“ „Und Sie verlaſſen Paris?“ fragte die Königin mit Bangigkeit. „Ich verlaſſe Parls, ja, Madame.“ „Af wie lange?“ „Ich weiß es nicht.“ „Aber vor acht Tagen ſchlugen Sie eine Sendung aus, wie mir ſcheint?“ „Das iſt wahr, Madame.“ „Warum, nachdem Sie vor acht Tagen eine Sen⸗ dung ausgeſchlagen, nehmen Sie heute eine an?“ „Weil in acht Tagen, Madame, viele Veränderungen in der Eriſtenz eines Menſchen und in Folge hievon in ſeine Entſchließungen eintreten können.“ Die Königin ſchien eine Anſtrengung mit ihrem Willen und zugleich mit den verſchiedenen Organen zu machen, welche dieſem Willen unterthan und ihn zu übertragen betraut ſind. „Und Sie reiſen allein?“ fragte ſie. „Ja, Madame, allein.“ Marie Antvinette athmete. Die Gräfin von Charny. U. 9 130 Dann ſank ſie, wie gelähmt durch die Anſtrengung, die ſie gemacht, einen Moment auf ſich ſelbſt zuſammen, ſchloß die Augen, ſtrich mit ihrem Batiſttaſchentuch über ihre Stirne und fragte noch: „Und wohin gehen Sie ſo?“ „Wadame,“ erwiederte Charny ehrerbietig,„der König, ich weiß es, hat keine Geheimniſſe für Eure Majeſtät; die Koͤnigin frage ihren erhabenen Gemahl ſowohl nach dem Zwecke meiner Reiſe, als nach dem Gegenſtande meiner Sendung, und ich bezweifle nicht eine Secunde, daß er ihr Beides ſagt.“ Marie Antvinette öffnete die Augen wieder und heftete einen erſtaunten Blick auf Charny. „Warum ſollte ich mich aber an ihn wenden, da ich mich an Sie wenden kann?“ ſagte ſie. „Weil das Geheimniß, das ich in mir trage, das des Koͤnigs iſt, Madame, und nicht das meinige.“ „Mein Herr,“ verſetzte Marie Antvinette mit einer gewiſſen Hoheit,„mir ſcheint, wenn es das Geheimniß des Koͤnigs iſt, ſo iſt es auch das der Königin.“ „Ich bezweifte es durchaus nicht, Madame,“ erwie⸗ derte Charny, indem er ſich verbeugte;„darum getraue ich mich auch Eure Majeſtit zu verſichern, der Koͤnig werde keine Schwierigkeit machen, es ihr anzuvertrauen.“ „Iſt aber dieſe Sendung im Inneren von Frankreich oder nach dem Auslande?“ „Der König allein kann Eurer Majeſtät hierüber die Aufklärung geben die ſie verlangt.“ „Alſo,“ ſprach die Königin mit einem tiefen Schmerze, der für den Augenblick die Oberhand über die Gereizt⸗ heit gewann, welche in ihr die Zurückhaltung von Charnh verurſachte,„alſo Sie reiſen, Sie entfernen ſich von mir, Sie werden ohne Zweifel Gefahren preisgegeben ſein, und ich werde weder wiſſen, wo Sie ſind, noch welche Gefahren Sie laufen!“ „Madame, wo ich auch ſein mag, Sie werden da, b 6 —„— SSS c 1 r e P e 6 er iß e⸗ ue ig . er e 13¹ wo ich bin, darauf kann ich Ihnen einen Eid ſchwören, einen getreuen Unterthan, ein ergebenes Herz haben, und welchen Gefahren ich mich auch ausſetze, ſie werden mir ſüß ſein, da ich mich ihnen für den Dienſt der zwei Häupter ausſetze, die ich am meiſten auf der Welt verehre.“ Und der Graf verbeugte ſich und ſchien, um ſich zurückzuziehen, nur die Erlaubniß der Königin zu er⸗ warten. Die Koͤnigin ſtieß einen Seufzer aus, der einem unterdrückten Schluchzen glich, nahm ihren Hals in die Hand, als wollte ſie ihren Thränen wieder in ihre Bruſt hinabſteigen helfen, und ſagte dann: „Es iſt gut, mein Herr, gehen Sie.“ Charny verbeugte ſich abermals und ging feſten Schrittes nach der Thüre. Doch in dem Augenblick, wo der Graf die Hand auf den Drücker legte, rief die Königin, die Arme gegen ihn ausſtreckend: „Charny!“ Der Graf bebte und wandte ſich erbleichend um. „Charnh,“ fuhr Marie Antvinette fort,„kommen Sie hierher!“ Er näherte ſich ſchwankend. „Kommen Sie hierher, näher,“ fügte die Königin bei,„ſchauen Sie mir in's Geſicht„. RNicht wahr, Sie lieben mich nicht mehr?“ Charny fühlte einen ganzen Schauer ſeine Adern durchlaufen; er glaubte einen Augenblick in Ohnmacht zu ſinken. Es war dies das erſte Mal, daß die hochmüthige Frau, die ſtolze Fürſtin ſich vor ihm beugte. Unter allen andern Umſtänden, in jedem andern Mo⸗ ment wäre er vor Marie Antoinette auf die Kniee ge⸗ fallen und häkte ſie um Verzeihung gebeten: aber die Erinnerung an das, was zwiſchen ihm und dem König * 132 vorgegangen, hielt ihn aufrecht, und alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammenraffend, erwiederte er: „Madame, nach den Zeichen des Vertrauens und der Güte, mit denen mich der König überhäuft hat, wäre ich wahrhaftig ein Elender, wenn ich Eure Majeſtät nicht einzig unv allein meiner Ergebenheit und meiner Ehrfurcht verſichern würde.“ „Es iſt gut, Graf,“ ſprach die Königin,„Sie ſind frei, gehen Sie.“ Einen Aogenblick war Charny von einem unwider⸗ ſtehlichen Verlangen, der Königin zu Füßen zu ſtürzen, erfaßt, voch die unbeſiegbare Redlichkeit, die in ihm wohnte, ſchlug, ohne ſie zu vertilgen, die Reſte dieſer Liebe nieder, die er erloſchen glaubte, während ſie auf dem Punkte war, ſich glühender als je wiederzubeleben. Er eilte alſo aus vem Zimmer, eine Hand auf der Stirne, die andere auf ſeiner Bruſt, und Worte ohne Folge murmelnd, welche aber, ſo unzuſammenhängend ſie waren, wenn die Königin ſie gehoͤrt hätte, in ein Lä⸗ cheln des Triumphes die verzweifelten Thränen von Marie Antoinette verwandelt haben würden. Die Königin folgte ihm mit den Augen, immer in der Hoffnung, er werde ſich umwenden und zu ihr kommen. Doch ſie ſah die Thüre ſich vor ihm oͤffnen und ſich hinter ihm ſchließen. Doch ſie hörte ſeine Tritte ſich in den Vorzimmern und Corridors entfernen. Fünf Minuten, nachdem er verſchwunden und das Geränſch ſeiner Tritte erloſchen war, ſchaute und horchte ſie noch. Plötzlich wurde ihre Aufmerkſamkeit durch ein neues Geräuſch erregt, welches aus dem Hofe kam. Es war das eines Wagens. Sie lief an's Fenſter und erkannte den Reiſewagen d h 6 —, u e** — e 6 133 von Charny, der durch den Schweizerhof fuhr und ſich durch die Rue du Carouſel entfernte. Sie klingelte Weber. Weber trat ein. „Wenn ich nicht Gefangene im Schloſſe wäre,“ fragte ſie,„und ich wollte nach der Rue Coq⸗Héron gehen, welchen Weg müßte ich nehmen?“ „Majeſtät,“ erwiederte Weber,„Sie müßten durch das Thor des Schweizerhofes gehen und ſich nach der Rue du Carouſel wenden, ſodann der Rue Saint⸗Honors fol⸗ gen, bis„ „Gut genug. Er wird ihr Lebewohl ſagen,“ murmelte ſie. Und nachdem ſie einen Augenblick ihre Stirne an die eiskalte Fenſterſcheibe angelehnt hatte, fuhr ſie mit leiſer Siimme, jedes Wort zwiſchen ihren zuſammen⸗ gepreßten Zähnen brechend, fort: „Ohl ich muß doch wiſſen, woran ich mich zu halten habe!“ Dann ſprach ſie laut: „Weber. Du wirſt nach der Rue Coq⸗Héron Nr. 9 zu der Frau Gräſin von Charny gehen und ihr ſagen, ich wünſche ße heute Abend zu ſprechen.“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete der Kammerdiener, „ich glaubte, Eure Majeſtät habe ſchon über ihren Abend zu Gunſten des Herrn Doctor Gilbert verfügt?“ „Ahl es iſt wahr,“ verſetzte zögernd die Königin. „Was befiehlt Eure Majeſtät?“ „Beſtelle den Doctor ab und erſuche ihn, morgen früh zu kommen.“ Und leiſe ſprach ſie: „Ja, ſo iſt es gut, morgen früh die Politik. Ueber⸗ dies könnte die Unterredung, die ich mit Frau von Charny heute Abend zu pflegen gedenke, einigen Einfluß auf die Entſchließung haben, die ich faſſen werde!“ Und mit der Hand winkend entließ ſie Weber. — 134 XXIV. Düſterer Horizont. Die Königin täuſchte ſich. Charny ging nicht zur Gräfin. Er begab ſich auf die königliche Poſt, um Poſtpferde an ſeinen Wagen ſpannen zu laſſen. Nur, während man anſpannte, trat er beim Poſt⸗ meiſter ein, verlangte Feder, Tinte und Papier und ſchrieb einen Brief an vie Gräfin, welchen er dem Bevienten, der ſeine Pferde zurückführte, zu ihr zu tragen befahl. Halb auf einem an der Ecke des Kamins im Salon ſtehenden Canapé liegend, war die Gräfin, die ein Guscidon vor ſich hatte, beſchäftigt, dieſen Brief zu leſen, als Weber nach dem Privilegium der Leute, welche im Auftrage des Königs oder der Königin kamen, ohne vorhergehende Meldung bei ihr eingeführt wurde. „Herr Weber,“ ſagte die Kammerfrau, die Thüre öffnend. Die Gräfin faltete raſch den Brief zuſammen, den ſie in ihrer Hand hielt, und prückte ihn an ihre Bruſt, als ob der Kammerdiener der Koͤnigin gekommen wäre, um ihn ihr zu nehmen. Weber entledigte ſich ſelies Auftrages deutſch. Es war immer ein großes Vergnügen für den wackern Mann, die Sprache ſeiner Heimath zu ſprechen, und man weiß, daß Andrée, die das Deutſche in ihrer Jugend gelernt hatte, durch den vertrauten Umgang, in dem ſie zehn Jahre mit der Königin gelebt, ſo weit gekommen war, daß ſie das Deutſche wie ihre Mutterſprache ſprach⸗ Eine der Urſachen, welche Weber den Abgang von ir de eb n, on in zu he ne en re, Es in, iß, rnt ar, n 135 Andrée und ihre Trennung von der Konigin hatten beſon⸗ ders bevauern laſſen, war dieſe Gelegenheit, ſeine Sprache zu ſprechen, die der würdige Deutſche hiedurch verlor, geweſen. Er drang auch ſehr lebhaft darauf,— ohne Zweifel in der Hoffnung, aus der Zuſammenkunft werde eine Anäherung hervorgehen,— daß unter keinem Vorwande Andrée bei dem Rendezvous, das man ihr gab, fehle, und wiederholte mehrere Male, es ſei von der Königin eine Zuſammenkunft, die ſie mit dem Doctor Gilbert haben ſollte, abbeſtellt worden, damit ſie Herrin ihres Abends ſei. Andrée antwortete einfach, ſie werde den Befehlen Ihrer Majeſtät Folge leiſten. Als Weber abgegangen war, blieb Andrée einen Moment unbeweglich und mit geſchloſſenen Augen, wie eine Perſon, welche aus ihrem Geiſte jeden dem, welcher ſie beſchäftigt, fremden Gedanken verjagen will, und erſt, nachdem es ihr gelungen, wohl in ſich ſelbſt zurückzu⸗ kehren, nahm ſie ihren Brief wieder und fuhr fort, denſelben zu leſen. Als ſie den Brief geleſen hatte, küßte ſie ihn zärtlich und verbarg ihn an ihrem Herzen. Dann ſprach ſie mit einem Lächeln voll Traurigkeit: „Gott beſchirme Dich, theure Seele meines Lebens. Ich weiß nicht, wo Du biſt, aber Gott weiß es, und meine Gebete wiſſen, wo Gott iſt!“ Hienach, obgleich es ihr unmoͤglich war, zu errathen, aus weicher Urſache die Königin nach ihr verlangte, er⸗ wartete ſie ohne Ungeduld, wie ohne Furcht den Augen⸗ blick, ſich in die Tuilerien zu begeben. Nicht vaſſelbe war bei der Königin der Fall. Gewiſſer Maßen eine Gefangene im Schloſſe, ſchweifte ſie, um ihre Ungeduld abzunützen, vom Pavillon der Flora zum Pavillon Marſan hin und her.. Monſieur half ihr eine Stunde hinbringen. Monſieur 1³6 war in's Schloß gekommen, um zu erfahren, wie Favras vom König aufgenommen wordven. Die Königin, welche die Urſache der Reiſe von Charny nicht kannte und ſich dieſen Weg der Rettung bewahren wollte, ließ ſich für den König viel tiefer ein, als er ſich ſelbſt eingelaſſen hatte, und ſagte Monſieur, er möge nur fortfahren, und im gegebenen Augenblick nehme ſie Alles auf ſich. Monſieur ſeinerſeits war heiter und voll Vertrauen. Das Anlehen, welches er mit dem genueſiſchen Banquier, den wir einen Augenblick in ſeinem Landhauſe Bellevue ge⸗ ſehen, negocirte, war gelungen, und am Abend vorher hatte ihm Favras die zwei Millionen überbracht, von denen Mon⸗ ſieur Favras nicht hatte bewegen konnen, mehr anzunehmen, als hundert Louis d'or, die er durchaus brauchte, um die Ergebenheit von zwei Burſchen anzufeuchten, auf welche Favras, wie er ihm geſchworen, zählen konnte, und die ihn bei der königlichen Entführung unterſtützen ſollten. Favras hat Monſieur über dieſe zwei Menſchen näher unterrichten wollen; doch immer vorſichtig, hatte es Monſieur nicht nur ausgeſchlagen, ſie zu ſehen, ſondern auch, ihre Namen kennen zu lernen. Monſieur wurde dafür angeſehen, als wüßte er nichts von dem, was um ihn her vorging. Mouſieur gab Favras Geld, weil Favras einſt bei ſeiner Perſon ange⸗ ſtellt geweſen war; aber Monſieur wußte nicht und wollte nicht wiſſen, was Favras mit dieſem Gelde machte. Uebrigens, wie wir ſchon geſagt haben, im Falle der Abreiſe des Königs blieb Monſieur. Monſieur hatte den Anſchein, als wäre er dem Komplotte ganz fremd. Monſieur ſchrle, daß ihn ſeine Familie verlaſſen; und da Monſfieur das Mittel gefunden hatte, ſich ſehr populär zu machen, ſo würde äußerſt wahrſcheinlich,— das König⸗ thum war noch bei den meiſten Franzoſen eingewurzelt,— ſo würde äußerſt wahrſcheinlich, wie Ludwig XVI. zu Charny geſagt hatte, Monſieur zum Regenten ernannt. 6 1 1 6 ——— 1— 2 te 1 ie e ie 6 6 8 te le te U ⸗ 137 Scheiterte die Entführung, ſo wußte Monſieur von Nichts, oder Monſieur folgte vielmehr mit den fünfzehn bis achtzehnmalhunderttauſend Franken haarem Geld, die ihm blieben, nach Turin dem Grafen d'Artois und den Herren Prinzen von Condé. Als Monfieur weggegangen war, verbrauchte die Kö⸗ nigin eine andere Stunde bei Frau von Lamballe. Bis zum Tod ergeben,— man hat es bei Gelegenheit ge⸗ ſehen,— war indeſſen die arme Prinzeſſin immer nur der Nothbehelf von Marie Antoinette geweſen, welche ſie nach und nach verlaſſen hatte, um ihre unbeſtändige Gunſt auf Andrée und auf die Damen Polignac zu übertragen. Doch die Königin kannte ſie; ſie brauchte nur einen Schritt ihrer wahren Freundin entgegen zu machen, und dieſe machte den übrigen Weg mit offenen Armen und offenem Herzen. In den Tuilerien und ſeit der Rückkehr von Ver⸗ ſailles bewohnte die Prinzeſſin von Lamballe den Pavillon de Flore, wo ſie den wahren Salon von Marie Antvi⸗ nette hielt, wie es Frau von Polignac in Trianon that. So oft die Königin einen großen Schmerz oder eine große Unruhe hatte, ging ſie zu Frau von Lamballe,— ein Beweis, daß ſie ſich hier geliebt fühlte. Dann, ohne daß ſie etwas zu ſagen noͤthig hatte, ohne nur die ſanfte junge Frau zur Vertrauten ihres Schmerzes oder ihrer Unruhe zu machen, legte ſie ihren Kopf auf dieſe lebendige Statue der Freundſchaft, und vie Thränen, welche den Augen der Königin entſtrömen, vermiſchten ſich bald mit denen, welche aus den Augen der Prinzeſſin floßen. O arme Märtyrin! wer wird es wagen, in der Dunkelheit der Alcoven zu ſuchen, ob die Quelle dieſer Freundſchaft rein oder verbrecheriſch war, wenn die un⸗ erbittliche, erſchreckliche Geſchichte, mit den Füßen in Deinem Blute, ihm ſagen wird, um welchen Preis Du ſie bezahlt haft? Dann nahm das Mittagsmahl eine weitere Stunde 138 hin. Man ſpeiſte in Familie mit Madame Eliſabeth, Frau von Lamballe und den Kindern. Beim Mahle waren die zwei erhabenen Tiſchgenoſſen ſehr in ſich gekehrt. Jedes von ihnen hatte ein Geheim⸗ niß vor dem Andern: Die Königin die Sache Favras; Der König die Sache Bouillé. Ganz das Gegentheil vom König, der ſein Heil lieber Allem, ſelbſt der Revolution zu verdanken haben wollte, als dem Auslande, zog die Königin das Ausland Allem vor. Uebrigens muß man ſagen, das, was wir Franzoſen das Ausland nennen, war für die Königin die Familie. Wie hätte ſie dieſes Volk, das ihre Solvaten töotete, dieſe Weiber, die ſie in den Höfen von Verſailles be⸗ ſchimpft hatten, dieſe Männer, welche ſie in ihren Ge⸗ mächern ermorden wollten, dieſe Menge, die ſie die Oeſterreicherin nannte, in die Wagſchale legen können mit den Königen, von denen ſie Hülfe forderte, mit Joſeph II., ihrem Bruder, mit Ferdinand I., ihrem Schwager, mit Karl IV., ihrem Geſchwiſterkinde durch den König, mit dem er näher verwandt war, als ſelbſt der König mit den Orleans und den Condé. Die Königin ſah alſo in dieſer Flucht, die ſie vor⸗ bereitete, vas Verbrechen nicht, deſſen ſie ſeitdem be⸗ züchtigt wurde; ſie ſah im Gegentheil darin das einzige Mittel, die königliche Würde zu behaupten, und in der Rückkehr mit bewaffneter Hand, auf welche ſie hoffte, die einzige Sühnung von der Hoͤhe der Beleidigungen, die ihr widerfahren waren. Wir haben das Herz des Köniqs entblößt gezeigt. Er mißtraute den Kön'gen und den Prinzen. Er gehörte entfernt nicht der Königin an, wie Viele geglaubt haben, obgleich er Deutſcher durch ſeine Mutter war; doch die Deutſchen betrachten die Oeſterreicher nicht als Deutſche. Nein, der König gehörte den Prieſtern. d n e. e, e⸗ e⸗ en r ig r⸗ E. e er e, t. te n, ie ie 139 Er beſtätigte alle Deerete gegen die Könige, gegen die Prinzen, gegen die Emigranten. Er ſetzte ſein Veto auf das Deeret gegen die Prieſter. Für die Prieſter wagte er den 20. Juni, unterſtützte er den 10. Auguſt, erduldete er den 21. Januar. Der Popſt, der keinen Heiligen aus ihm machen konnte, machte auch einen Märtyrer aus ihm. Gegen ihre Gewohnheit blieb die Königin an die⸗ ſem Tage wenig bei ihren Kindern. Sie fühlte wohl, daß ſie, da ihr Herz nicht ganz dem König gehorte, zu dieſer Stunde nicht das Recht auf Liebkoſungen der Kin⸗ der hatte. Das Herz der Frau, dieſes geheimnißvolle Eingeweide, das die Leidenſchaft ausbrütet und die Reue auskriechen macht, kennt allein dieſe ſeltſamen Wider⸗ ſprüche. Die Koͤnigin zog ſich frühzeitig in ihre Wohnung zurück und ſchloß ſich ein. Sie ſagte, ſie habe zu ſchrei⸗ ben, und ſtellte Weber als Wache vor ihre Thüre. Der König bemerkte übrigens wenig von dieſem Rückzug, denn er war in ſeinem Geiſte mit den aller⸗ dings geringeren, aber doch ernſten Ereigniſſen beſchäftigt, von denen er, durch den Polizeilieutenant ſo eben in Kennt⸗ niß geſetzt, Paris bedroht wußte. Dieſe Ereigniſſe bezeichnen wir hier mit zwei Worten. Die Nationalverſammlung hatte ſich, wie wir ge⸗ ſehen, als vom König unzertrennlich erklärt, und ſobald ſich in Paris befand, war ſie ihm dahin nach⸗ gefolgt. Bis der für ſie beſtimmte Saal der Manége zu ihrer Aufnahme bereit war, hatte ſie zum Orte ihrer Sitzun⸗ gen den Saal des erzbiſchöflichen Palaſtes gewählt. Hier hatte ſie durch ein Decret den Titel König von Frankreich und Navarra in den König der Franzoſen berwandelt. Sie hatte die königlichen Formeln:„Nach unſerem 140 vollen Wiſſen und unſerer Machtvollkommenheit...“geächtet, und an ihre Strlle die:„Ludwig durch die Gnade Gottes und das conſtitutionelle Staatsgeſetz“ decretirt. Was bewies, daß die Nationalverſammlung, wie alle parlamentariſche Verſammlungen, deren Tochter oder deren Ahn ſie iſt, ſich oft mit nichtswürdigen Dingen beſchäftigte, während ſie ſich mit ſehr ernſten Dingen hätte beſchäftigen ſollen. Sie hätte ſch zum Beiſpiel mit der Nahrung von Paris, das buchſtäblich Hungers ſtarb, beſchäftigen ſollen. Die Rückkehr von Verſailles und die Ueberſiedelung des Bäckers, der Bäckerin und des Bäckerjungen in die Tuilerien, hatten nicht die erwartete Wirkung her⸗ vorgebracht. Es fehlte fortwährend an Mehl und Brod. Alle Tage gab es Zuſammenſchaarungen vor der Thüre der Bäcker, und dieſe Zuſammenſchaarungen ver⸗ urſachten große Unordnungen. Wie aber denſelben ſteuern? Das Verſammlungsrecht war geheiligt durch die Erklärung der Menſchenrechte. Doch die Nationalverſammlung wußte nichts von Allem dem. Ihre Mitglieder waren nicht genöthigt, vor den Thüren der Bäcker Queue zu machen, und bekam zufällig eines von ihren Mitgliedern während der Sitzung Hunger, ſo war es ſicher, in einer Entfernung von hun⸗ vert Schritten friſche kleine Brode zu finden bei einem Bäcker Namens Frangois, der in der Rue du Marché⸗ Palu, Bezirk von Notre⸗Dame, wohnte und, da er ſechs bis acht Mal im Tage backte, immer eine Reſerve für die Herren von der Nationalverſammlung hatte. Der Polizeilieutenant war alſo beſchäftigt, Ludwig XVI. ſeine Befürchtungen in Betreff dieſer Unordnungen mitzutheilen, welche ſich an einem ſchönen Morgen in einen Aufſtand verwandeln konnten, als Weber die Thüre e—— — e— c— Ft, tes vie ter en en on en. *g en er⸗ er r en ie ——— 141 des kleinen Cabinets der Königin öffnete und mit halber Stimme melvete: „Die Frau Gräfin von Charny.“ XXV. Frau ohne Mann.— Liebende ohne Geliebten. Obgleich die Königin ſelbſt Andrée hatte zu ſich rufen laſſen, obgleich ſie folglich die Meldung, die man ihr machte, erwartete, bebte ſie doch am ganzen Leibe bei den fünf Worten, welche Weber ausgeſprochen. Die Koͤnigin konnte ſich nicht verhehlen, daß zwi⸗ ſchen ihr und Andrée bei jenem, ſo zu ſagen, vom erſten Tage, wo ſie ſich als junge Mädchen im Schloſſe Ta⸗ verney geſehen, abgeſchloſſenen Vertrage ein Austauſch von Freundſchaft und von Dienſtleiſtungen ſtattgefunden, bei welchem Marie Antvinette immer die Schuldnerin geweſen. Nichts aber iſt den Königen ſo läſtig, als dieſe ein⸗ gegangenen Verbindlichkeiten, beſonders wenn ſie an den tiefſten Wurzeln des Herzens fe 6 Hieraus erfolgte, daß die Königin, welche Andrée holen ließ, im Glauben, ſie habe ihr große Vorwürfe zu machen, als ſie ſich von Angeſicht zu Angeſicht der jungen Frau gegenüber fand, ſich nun der Verbindlichkeiten er⸗ innerte, die ſie gegen ſie hatte. Was Andrée betrifft, ſie war immer dieſelbe: kalt, ruhig, rein wie der Diamant, aber auch ſchneidend und unverwunbbar wie er. „ 142 Die Königin zögerte einen Augenblick, um ſich zu beſinnen, mit welchem Namen ſie die weiße Erſcheinung begrüßen ſollte, die vom Schatten der Thüre in den Halbſchatten des Zimmers überging und allmälig in den Lichtkreis eintrat, den die drei Kerzen des auf dem Tiſche ſtehenden Fandelabers auswarfen. Endlich ſtreckte ſie die Hand gegen ihre alte Freun⸗ din aus und ſprach: „Seien Sie willkommen, heute wie immer, Andrée.“ So ſtark und ſo vorbereitet ſie in den Tuilerien er⸗ ſchien, ſo war es doch nun an Andrée, zu beben. Sie hatte in dieſen Worten, welche die Königin an ſie ge⸗ richtet, eine Erinnerung an den Ton erkannt, in dem einſt die Dauphine mit ihr ſprach. „Brauche ich Eurer Majeſtät zu ſagen,“ erwiederte Andrée, die Frage mit ihrer gewöhnlichen Offenherzigkeit und Beflimmtheit adoptirend,„daß ſie, würde ſie immer ſo mit mir geſprochen haben, wie ſie es ſo eben gethan, nicht noͤthig gehabt hätte, wenn ſie mit mir reden wollte, mich außerhalb des Palaſtes, den ſie bewohnt, holen zu laſſen?“ Nichts konnte der Königin beſſer dienen, als dieſe Art, auf welche Andrée in die Sache einging; ſie nahm ſie alſo wie eine Eroͤffnung auf, die ſie zu benützen gevachte. „Ach!“ ſagte ſie,„Sie müßten es wiſſen, Sie, die Sie ſo ſchön und ſo rein; Sie, deren Herz kein Haß gett hat; Sie, deren Setle keine Liebe vet⸗ rückt hat; Sie, die die Wolken des Sturmes bedecken und verſchwinden machen können wie einen Stern, wel⸗ cher jedes Mal, wenn der Wind den Sturm fegt, glän⸗ zender am Firmament wiedererſcheint! alle Frauen, ſelbſt die hoͤchſt geſtellten, haben nicht Ihre unerſchütterliche Seelenruhe; ich aber beſonders, die ich Sie um Bei⸗ ſtand gebeten, und der Sie ihn ſo edelmüthig be⸗ willigt.„ ie r ⸗ n l⸗ ⸗ ſt e i⸗ e⸗ 143 „Die Koͤnigin,“ erwiederte Andrée,„ſpricht von Zeiten, die ich vergeſſen hatte, und von denen ich glaubte, ſie erinnere ſich derſelben nicht mehr.“ „Die Antwort iſt ſtreng, Andrée,“ ſprach die Königin,„und dennoch verviene ich ſie, und Sie haben Recht, ſie mir zu geben; nein, es iſt wahr, ſo lange ich glücklich geweſen bin, habe ich mich Ihrer aufopfernden Ergebenheit nicht erinnert, und zwar vielleicht, weil keine menſchliche Macht, nicht einmal die königliche Macht mir ein Mittel bot, mich meiner Schuld gegen Sie zu entledigenz Sie mußten mich für undankbar halten, Andrée; aber vielleicht war das, was Sie für Undank hielten, nur Unvermögen.“ „Ich hätte das Recht, Sie anzuſchuldigen,“ verſetzte Andrée,„würde ich je etwos gewünſcht oder verlangt haben, und die Königin hätte ſich meinem Wunſche wider⸗ ſetzt und mein Verlangen zurückgewieſen; aber wie ſoll ich mich beklagen, Madame, da ich nie etwas gewünſcht oder verlangt habe?“ „Nun denn! ſoll ich es Ihnen ſagen, meine liebe Andrée? gerade dieſe Art von Gleichgültigkeit in Betreff der Dinge dieſer Welt erſchreckt mich bei Ihnen; ja, Sie ſcheinen mir ein übermenſchliches Weſen zu ſein, ein Geſchöpf von einer andern Sphäre durch einen Wirbel fortgetragen und unter uns geworfen, wie jene durch das Feuer geläuterten Steine, die, man weiß nicht, aus welcher Sonne fallen.. Hieraus geht hervor, daß man Anfangs erſchrocken iſt über ſeine Schwäche, wenn man ſich derjenigen gegenüber befindet, welche nie ſchwach ge⸗ weſen. Hernach aber beruhigt man ſich, man ſagt ſich, die hochſte Nachſicht liege in der höchſten Vollkommen⸗ heit; an der reinſten Quelle müſſe man ſeine Seele waſchen, und in einem Augenblicke tiefen Schmerzes thut man, was ich ſo eben gethan habe, Andrée, man ruft das übermenſchliche Weſen zu ſich, deſſen Tadel man fürchtete, um es um ſeinen Troſt zu bitten.“ 144 „Achl! Madame,“ erwiederte Andrée, wenn dies wirklich die Sache iſt, die Sie von mir verlangen, ſo befürchte ich ſehr, das Reſultat entſpricht der Erwar⸗ tung nicht.“ „Andrée! Andrée! Sie vergeſſen, bei welchem er⸗ ſchrecklichen Umſtande Sie mich ſchon unterſtützt und ge⸗ tröſtet haben!“ ſagte die Königin. Andrée erbleichte ſichtbar. Als ſie die Königin ſchwankend und die Augen geſchloſſen ſah, wie Jemand, deſſen Kraft entſchwindet, machte ſie eine Bewegung mit dem Arme und mit der Hand, um ſie auf dasſelbe Ca⸗ napé zu ziehen, auf welchem ſie ſaß; Andrée widerſetzte ſich aber und blieb ſtehen. „Madame,“ ſprach ſie,„wenn Eure Majeſtät Mit⸗ leid mit ihrer getreuen Dienerin hätte, ſo würde ſie ihr Erinnerungen erſparen, die von ſich zu entfernen ihr beinahe gelungen war; es iſt eine ſchlechte Tröſterin, diejenige, welche von Niemand einen Troſt verlangt, nicht einmal von Gott, weil ſie bezweifelt, ob Gott ſelbſt die Macht hat, bei gewiſſen Schmerzen zu tröſten.“ Die Königin heftete auf Andrée ihren klaren, tie⸗ fen Blick. „Gewiſſe Schmerzen!“ ſagte ſie;„Sie haben alſo noch andere Schmerzen, als die, welche Sie mir an⸗ vertraut?“ Andrée antwortete nicht. „Sprechen Sie,“ fuhr die Königin fort,„die Stunde, uns zu erklären, iſt gekommen, und ich habe Sie zu die⸗ ſem Ende zu mir rufen laſſen. Sie lieben Herrn von Charny?“ Andrée wurde bleich wie eine Todte, blieb aber umm. „Sie lieben Herrn von Charny?“ wiederholte die Königin. „Ja,“ antwortete Andrée. 8 e⸗ e⸗ n r 145 Die Königin ſtieß einen Schrei aus wle eine ver⸗ wundete Löwin. „Oh!“ rief ſie,„ich vermuthete es! und ſeit wann lieben Sie ihn?“ „Seit der erſten Stunde, wo ich ihn geſehen habe.“ Die Königin wich erſchrocken vor dieſer Marmor⸗ ſtatue zurück, welche geſtand, daß ſie eine Seele beſitze. „Oh!“ ſprach ſie,„und Sie haben geſchwiegen?“ „Sie wiſſen es beſſer, als irgend Jemand, Ma⸗ dame.“ „Und warum dies?“ . 4 4 „Wollen Sie denn ſagen, daß Sie ihn mehr Rebten, als ich ihn liebte, da ich nichts geſehen habe?“ „Ah!“ verſetzte Andrée mit Bitterkeit,„Sie haben nichts geſehen, weil er Sie liebte, Madame!“ „Ja und ich ſehe nun, weil er mich nicht mehr liebt. Das wollen Sie ſagen, nicht wahr?“ Andrée blieb ſtumm. „So antworten Sie doch!“ fuhr die Koͤnigin fort, indem ſie Andrée nicht mehr bei der Hand, ſondern beim „geſtehen Sie, daß er mich nicht mehr iebt!1“ Andrée antwortete weder durch ein Wort, noch durch eine Geberde, noch durch ein Zeichen. „Wahrhaftig,“ rief die Königin,„das iſt um zu ſterben!.. Aber toͤdten Sie mich doch auf der Stelle, indem Sie mir ſagen, daß er mich nicht mehr liebt!.. Nicht wahr, er llebt mich nicht mehr?“ „Die Liebe vder die Gleichgältigkeit des Herrn Grafen von Charny ſind ſeine Geheimniſſe; es iſt nicht meine Sache, ſie zu entſchleiern,“ erwiederte Andrée. „Oh! ſeine Geheimniſſe nicht die Geheimniſſe von ihm allein; denn ich ſetze voraus, daß er Sie zur ertrauten genommen hat!“ ſprach die Königin mit Bitterkeit. Die Gräfin von Charnp. U. 10 146 „Nie hat mir der Herr Graf von Charny ein Wort von ſeiner Liebe für Sie oder von ſeiner Gleichgültigkeit gegen Sie geſagt.“ „Nicht einmal dieſen Morgen?“ „Ich habe den Herrn Grafen von Charny dieſen Morgen nicht geſehen.“ Die Königin heftete auf Andrée einen Blick, der in die tiefſte Tiefe ihres Herzens zu dringen ſuchte. „Wollen Sie ſagen, Sie wiſſen nichts von der Ab⸗ reiſe des Grafen?“ „Ich will das nicht ſagen.“ „Woher iſt Ihnen aber dieſe Abreiſe bekannt, wenn Sie Hrrn von Chatnh ſicht geſehen hahein „Er hat mir geſchrieben, um ſie mir mitzutheilen.“ „Ah!“ rief die Königin,„er hat Ihnen ge⸗ ſchrieben?“ Und wie Richard II. in einem äußerſten Augenblick ausgerufen:„Ein Königreich ſür ein Pferd!“ ſo war Marie Antoniette nahe daran, zu rufen;„Meine Krone für dieſen Brief!“ Andrée begriff dieſen glühenden Wunſch der Königin; aber ſie wollte ſich die Freude machen, ihre Nebenbuhlerin einen Augenblick in der Angſt zu laſſen. „Und dieſer Brief, den Ihnen der Graf in der Stunde ſeiner Abreiſe geſchrieben hat„ ich bin über⸗ zeugt, Sie haben ihn nicht bei ſich?“ „Sie irren ſich, Madame,“ erwiederte Andrée,„hier iſt er.“ Und ſie zog aus ihrer Bruſt den von ihrer Wärme lauen und von ihrem Wohlgeruche duftenden Brief und reichte ihn der Königin. Dieſe nahm ihn ſchauernd, preßte ihn einen Augen⸗ blick zwiſchen ihren Fingern, da ſie nicht wußte, ob ſie ihn behalten oder zurückgeben ſollte, und ſchaute Andrée mit zuſammengezogenen Brauen an; dann warf ſie fern vonſich alles Zögern und ſagte; —„————— — 8 er r⸗ ne d E ie 6e 147 „Oh! die Verſuchung iſt zu ſtark.“ Und ſie öffnete den Brief, neigte ſich gegen das Licht des Candelabers und las wie folgt: „Madame, „Ich verlaſſe Paris in einer Stunde auf den aus⸗ drücklichen Befehl des Königs. „Ich kann Ihnen nicht ſagen, wohin ich gehe, warum ich reiſe, noch wie lange ich von Paris abweſend ſein werde; lauter Dinge, an denen Ihnen wahrſcheinlich ſehr wenig gelegen iſt, welche Ihnen mitzutheilen ich indeſ⸗ ſen wohl ermächtigt zu ſein gewünſcht hätte. „Einen Augenblick hatte ich die Abſicht, mich zu Ihnen zu begeben, um Ihnen meine Abreiſe mündlich anzukündigen, aber ich wagte es nicht, dies ohne Ihre Erlaubniß zu thun..„ Die Konigin wußte, was ſie zu wiſſen wünſchte, ſie wollte den Brief Andrée zurückgeben, doch dieſe, als hätte ſie zu befehlen, und nicht zu gehorchen gehabt, ſprach: „Gehen Sie bis zum Ende, Madame.“ Die Königin las weiter: „Ich habe die letzte Sendung, die man mir ange⸗ boten, ausgeſchlagen, weil ich armer Narr damals glaubte, irgend eine Sympathie halte mich in Paris zurück; ſeit⸗ dem habe ich aber leider den Beweis vom Gegentheil er⸗ langt, und ich ergriff mit Freuden dieſe Gelegenheit, mich von den Herzen zu entfernen, denen ich gleich⸗ gültig bin. „Sollte es mir während vieſer Reiſe ergehen, wie dem unglücklichen Georges, ſo ſind alle meine Maßregeln getroffen. Madame, daß Sie zuerſt von dem Unglück, vas mir widerfahren, und von der Freiheit, die Ihnen zurückzugeben wäre, unterrichtet werden. Dann terſt, * 148 Madame, werden Sie erfahren, welche tiefe Bewunterung in meinem Herzen Ihre erhabene Ergebenheit entſtehen gemacht hat, die ſo ſchlecht belohnt wurde von derjenigen, welcher Sie, jung, ſchön und geboren, um glüclich zu ſein, Jugend, Schönheit und Glück geopfert. „Alles, was ich mir dann von Gott und von Ihnen erbitte, iſt, daß Sie ein Andenken bewilligen dem Un⸗ glücklichen, der ſo ſpät den Werth des Schatzes, den er beſaß, erkannt hat. „Alle Ehrfurcht des Herzens, „Graf Olivier von Charny.“ Die Königin reichte den Brief Andrée, die ihn diesmal wieder nahm, und ließ mit einem Seufzer an ihrer Seite ihre träge, beinahe lebloſe Hand hinabfallen. „Nun, Madame,“ fragte Andrée,„ſind Sie ver⸗ rathen? habe ich, ich ſage nicht das Verſprechen, das ich Ihnen geleiſtet, denn ich habe Ihnen nie ein Verſprechen t ſondern das Vertrauen verletzt, das Sie in mich geſetzt?“ „Verzeihen Sie mir, Andrée,“ erwiederte die Königin. „Oh! ich habe ſo ſehr gelitten!.. „Sie haben gelitten!. Sie wagen es, vor mir zu ſagen, Sie haben gelitten, Madame! Und ich, was ſoll ich dann ſagen?.. Oh!l ich werde nicht ſagen, ich habe gelitten, denn ich will nicht ein Wort gebrauchen, deſſen ſich eine andere Frau ſchon bedient hat, um den⸗ ſelben Gedanken zu bezeichnen. Nein, ich müßte ein neues, unbekanntes, unerhortes Wort haben, welches der Inbegriff aller Schmerzen, der Ausdruck aller Qualen wäre„ Sie haben gelitten. und dennoch, Ma⸗ dame, haben Sie nicht den Mann, den Sie liebten, gleich⸗ gültig gegen dieſe Liebe, auf den Knieen und ſein Herz in den Händen, einer andern Frau ſich zuwenden ſehen; Sie haben nicht Ihren Bruder, der eiferfüchtig auf dieſe ———— c c— c———————————— ung hen en, zu nen In⸗ er 9.* al ite er⸗ ich en ich in. nir s 149 ndere Frau, welche er in der Stille und wie ein Heide ſeine Gottheit anbetete, ſich mit dem Manne, den Sie liebten, ſich ſchlagen ſehen; Sie haben nicht den Mann, den Sie liebten, durch Ihren Bruder auf eine Art ver⸗ wundet, die man einen Augenblick für tödtlich hielt, in ſeinem Delirium nur nach dieſer andern Frau rufen hören, deren Vertraute Sie waren; Sie haben nicht dieſe andere Frau wie einen Schatten durch die Corridors ſchlüpfen ſehen, wo Sie ſelbſt umſonſt wachten, um dieſe Töne des Deliriums zu hören, welche bewieſen, daß eine wahn⸗ ſinnige Liebe, wenn ſie auch nicht über das Leben hinaus⸗ reichte, dieſe doch wenigſtens bis an die Schwelle des Grabes begleitete; Sie haben dieſen Mann nicht, durch ein Wunder der Natur und der Wiſſenſchaft ins Leben zu⸗ rückkehrend, ſich aus ſeinem Bette erheben ſehen, um Ihrer Nebenbuhlerin zu Füßen zu fallen... Ihre Neben⸗ buhlerin, ja, Madame, denn in der Liebe mißt man nach der Größe der Liebe die Gleichheit der Rangſtufen; Sie haben ſich hernach nicht, in Ihrer Verzweiflung, mit fünf⸗ undzwanzig Jahren in ein Kloſter zurückgezogen und zu den eifigen Füßen eines Crucifixes die Liebe, die Sie verzehrte, auszulöſchen geſucht; dann, eines Tags, als Sie nach einem Jahre von Gebeten, von Schlafloſigkelten, von Faſten, von ohnmächtigen Wünſchen, von Schmerzens⸗ ſchreien, die Flamme, die Sie verzehrte, nicht gelöſcht, wohl aber eingeſchläfert zu haben glaubten, haben Sie nicht dieſe Nebenbuhlerin, Ihre alte Freundin, welche nichts begriffen, nichts errathen hatte, Sie in Ihrer Ein⸗ ſamkeit aufſuchen ſehen, um Sie zu bitten was 2. um Sie im Namen einer alten Freundſchaft, welche die Leiden nicht hatten ſchwächen können, im Namen ihres Heiles als Gattin, im Namen der gefährdeten koniglichen Majeſtät zu bitten, die Frau zu werden.. von wem?... von dieſem Manne, den Sie ſeit drei Jahren anbeteten! — Frau ohne Gatten, wohlverſtanden, ein einfacher Schleier zwiſchen die Blicke der Menge und das Glück Anderer 15⁰ geworfen, wie ein Tuch zwiſchen einem Leichname und der Welt ausgebreitet wird; Sie haben nicht, beherrſcht, nicht durch das Mitleid, die eiferſüchtige Liebe hat keine Barm⸗ herzigkeit,— und Sie wiſſen das wohl, Madame, Sie, die Sie mich geopfert; Sie haben nicht, beherrſcht durch die Pflicht die ungeheuere Aufopferung angenom⸗ men; Sie haben nicht den Prieſter Sie fragen hören, ob Sie zum Gatten einen Mann nehmen, der nie Ihr Gatte ſein werde; Sie haben nicht gefühlt, wie Ihnen dieſer Mann an den Finger einen goldenen Ring ſteckte, der, das Pfand eines ewigen Bundes, für Sie nur ein leeres, bedeutungsloſes Symbol warz; Sie haben nicht eine Stunde nach der Trauungsfeierlichkeit Ihren Gatten ver⸗ laſſen, um ihn nur als Liebhaber Ihrer Nebenbuhlerin wiederzuſehen!. Ah! Madame! Madame! die ab⸗ gelaufenen drei Jahre find drei grauſame Jahre, das ſage ich Ihnen!“ Die Königin hob ihre kraftlofe Hand auf, um die Hand von Andrée zu ſuchen. Andrée zog die ihrige zurück. „Ich, ich hatte nichts verſprochen,“ ſagte ſie,„und dies habe ich gehalten; Sie, Madame,“ fuhr die junge Frau fort, die ſich zur Anklägerin machte,„Sie hatten mir zwei Dinge verſprochen.“ „Andrée! Andrée!“ rief die Königin. „Sie hatten mir verſprochen, Herrn von Charny nicht wiederzuſehen; ein Verſprechen, das um ſo heiliger war, als ich es nicht von Ihnen verlangte.“ „Andrée!“ „Dann hatten Sie mir verſprochen,— oh! diesmal ſchriftlich,— Sie hatten mir verſprochen, mich wie eine Schweſter zu behandeln; ein Verſprechen, das um ſo heiliger war, als ich nicht darum nachgeſucht hatte.“ „Andrée!“ „Muß ich Sie an die Worte dieſes Verſprechens erinnern, das Sie mir in einem feierlichen Augenblick ne —— 15¹ geleiſtet, in einem Augenblick, wo ich Ihnen mein Leben.. mehr als mein Leben... meine Liebe„das heißt, mein Glück auf dieſer Welt und mein Heil in der andern geopfert hatte... Ja, mein Heil in der andern, denn man ſündigt nicht nur durch Handlungen, Madame, und wer ſagt mir, der Herr werde mir meine wahnfinnigen Begierden, meine gottloſen Wünſche vergeben? Nun wohl! in jenem Augenblick, wo ich Ihnen Alles geopfert, haben Sie mir ein Billet übergeben; dieſes Billet ſehe ich noch, jeder Buchſtabe flammt vor meinen Augen; dieſes Billet war in folgenden Worten abgefaßt: „Andrée, Sie haben mich gerettet! Meine Ehre kommt mir von Ihnen zu, mein Leben gehört Ihnen! Im Namen dieſer Ehre, die Sie ſo viel gekoſtet, ſchwöre ich Ihnen, daß Sie mich Ihre Schweſter nennen können. Verſuchen Sie es, Sie werden mich nicht erröthen ſehen. „Ich lege dieſe Schrift in Ihre Hand; es iſt das Pfand meiner Dankbarkeit; es iſt die Mitgift, die ich Ihnen ſchenke. „Ihr Herz iſt das edelſte von allen Herzen; es wird mir Dank wiſſen für das Geſchenk, das ich Ihnen biete. „Marie Antvinette.“ Die Königin ſtieß einen Seufzer kleinmüthiger Nie⸗ dergeſchlagenheit aus. „Ja, ich begreife,“ ſagte Andrée,„weil ich dieſes Billet verbrannte, glaubten Sie, ich habe es vergeſſen? Nein, nein, Madame, Sie ſehen, daß ich jedes Wert be⸗ halten habe, und je mehr Sie ſich nicht mehr desſelben zu entfinnnen ſchienen, deſto mehr erinnerte ich mich.“ „Oh! verzeih mir, verzeih mir, Andrée. Ich glaubte, er liebe Dich.“ „Sie glaubten alſo, es ſei ein Geſetz des Herzens, daß er, wenn er Sie weniger liebe, Madame, eine Andere lieben müſſe?“ — 152 Andrée hatte ſo viel gelitten, daß ſie ebenfalls grau⸗ ſam wurde. „Sie auch, Sie haben alſo auch bemerkt, er liebe mich weniger?“ ſagte die Königin mit einem Ausdruck des Schmerzes. Andrée antwortete nicht. Sie ſchaute nur die Kö⸗ nigin erſtaunt an, und etwas wie ein Lächeln trat auf ihre Lippen. „Aber was ſoll ich thun, mein Gott, was ſoll ich thun, um dieſe Liebe, das heißt mein Leben, das ent⸗ ſchwindet, zurückzuhalten? Ohl wenn Du das weißt, Andrée, meine Schweſter, meine Freundin, ſage es mir, ich flehe Dich an, ich beſchwore Dich!„ rief die Königin. Und ſie ſtreckte ihre beiden Hände gegen Andrée aus. Andrée wich einen Schritt zurück. „Kann ich das wiſſen, Madame,“ erwiederte ſie, „ich, die er nie geliebt hat?“ „Ja, aber er kann Dich lieben.. Eines Tages kann er Dir auf den Knieen Abbitte thun, er kann Dich um Verzeihung anflehen für Alles, was er Dich hat leiden laſſen; und, mein Gott! die Leiden ſind ſo ſchnell in den Armen desjenigen, welchen man liebt, vergeſſen! Die Verzeihung iſt ſo raſch demjenigen, welcher uns hat leiden laſſen, bewilllgt!“ „Wohl denn! kommt dieſes Unglück,— ja das wäre wahrſcheinlich ein Unglück für Beide, Madame;— ver⸗ geſſen Sie, daß ich, ehe ich die Frau von Charny würde, ihm ein Geheimniß mitzutheilen, ein Geſtändniß zu machen hätte, ein erſchreckliches Geheimniß, ein gräßliches Ge⸗ ſtändniß, welches auf der Stelle dieſe Liebe, die Sie fürchten, tödten würde? Vergeſſen Sie, daß ich ihm zu erzählen hätte, was ich Ihnen erzählt habe?“ „Sie würden ihm ſagen, Sie ſeien gon. Gilbert. ent⸗ ct worden?.. Sie würden-Ihm lagen Sie haben eln Kind?“ be uf 153 „Ja, wahrhaftig, Madame,“ erwiederte Andrée, „für wen halten Sie mich denn, daß Sie einen ſolchen Zweifel offenbaren?“ Die Königin athmete. „Sie würden alſo nichts thun, um es zu verſuchen, Herrn von Charny zu Ihnen zurückzuführen?“ fragte ſie. „Nein, Madame, ebenſo wenig in der Zukunft, als ich in der Vergangenheit etwas gethan habe.“ „Werden Sie ihm nicht ſagen, werden Sie ihn nicht vermuthen laſſen, daß Sie ihn lieben?“ „Wenn er nicht kommt und mir ſagt, er liebe mich, nein, Madame.“ „Und wenn er Ihnen ſagt, er liebe Sie, wenn Sie ihm ſagen, Sie lieben ihn, Sie ſchwören mir.„ „Ohl Madame,“ unterbrach Andrée die Königin. „Ja,“ ſprach die Königin,„ja, Sie haben Recht, Andrée, meine Schweſter, meine Freundin, und ich bin ungerecht, anſpruchsvoll, grauſam. Oh! doch wenn Alles mich verläßt, Freunde, Macht, Ruf, dann möchte ich wenigſtens, daß dieſe Liebe, der ich Ruf, Macht, Freunde opfern würde, mir bliebe.“ „Und nun, Madame,“ ſagte Andrée mit der eiſigen Kälte, welche ſie nicht einen Augenblick verlaſſen hatte, als ſie von den von ihr ausgeſtandenen Qualen ſprach; „haben Sie noch über einen andern Gegenſtand Auskunft zu verlangen haben Sie mir einige neue Befehle zu ertheilen?“ „Nein, ich danke. Ich wollte Ihnen meine Freund⸗ ſchaft wiedergeben, und Sie ſchlagen Sie aus. Leben Sie wohl, Andrée; nehmen Sie wenigſtens meine Dankbarkeit mit.“ Andrée machte mit der Hand eine Geberde, welche dieſes zweite Gefühl ebenſo zurückzuſtoßen ſchien, wie ſie das erſte zurückgeſtoßen hatte, und nach einer kalten, tiefen Verneigung ging ſie langſam und ſtllſchweigend wie eine Erſcheinung hinaus. 154 „Oh! Du haſt ſehr Recht, Eiskörper, Demantherz, Feuerfeele, daß Du weder meine Dankbarkeit, noch meine Freundſchaft willſt; ich fühle es,— und ich bitte den Herrn deshalb um Verzeihung— ich haſſe Dich, wie ich nie einen Menſchen gehaßt habe. denn wenn er Dich nicht liest. oh! ich bin feſt überzeugt, er wird Dich eines Tags lieben! Dann rief ſie Weber und fragte ihn: „Weber, haſt Du Herrn Gilbert geſehen?“ „Ja, Eure Majeſtät,“ antwortete der Kammer⸗ diener. „um welche Stunde wird er morgen früh kommen?“ „Um zehn Uhr, Madame.“ „Es iſt gut, Weber; ſage meinen Frauen, ich werde heute Abend ohne ſie zu Bette gehen, und leidend und müde wie ich bin, wünſche ich, daß man mich morgen bis zehn Uhr ſchlafen laſſe.. Die erſte und einzige Perſon, die ich empfange, wird der Doetor Gilbert ſein.“ XXVI. Der Päcker Frangois. Wir werden es verſuchen, zu ſchildern, wie dieſe Nacht für die zwei Frauen verlief. Eiſt um neun Uhr finden wir die Konigin wieder, die Augen durch die Thränen geröthet, die Wangen durch die Schlafloſigkeit gebleicht. Um acht Uhr, das heißt bei Tagesanbruch, denn man befand ſich in der traurigen Jahreszeit, in der die Tage kurz und düſter ſind, um acht — , it t 155⁵5 Uhr hatte ſie das Bett verlaſſen, wo ſie vergebens wäh⸗ rend der erſten Stunden der Nacht Ruhe geſucht, und wo ſie während der letzten nur einen fieberhaften, bewegten Schlaf gefunden. Seit einigen Augenblicken, obgleich nach den gegebenen Befehlen Niemand in ihr Zimmer zu treten wagte, hoörte ſie um ihre Wohnung das Hin⸗ und Herlaufen, das plötzliche Gelärme und das anhaltende Geräuſch, was anzeigt, daß außen etwas Ungewoͤhnliches vor ſich geht. In dieſem Augenblick war die Toilette der Königin beendigt; die Pendeluhr ſchlug die neunte Stunde. Mitten unter allen dieſen verworrenen Geräuſchen, welche in den Gängen zu laufen ſchienen, hörte ſie die Stimme von Weber Stillſchweigen fordern. Sie rief dem getreuen Kammerdiener. Auf der Stelle hörte jedes Geräuſch auf. Die Thüre öffnete⸗ſich. „Was gibt es denn, Weber?“ fragte die Königin; „was geht denn im Schloſſe vor, und was bedeuten alle dieſe Geräuſche?“ „Majeſtät,“ erwiederte Weber,„es ſcheint, es iſt Lärmen auf der Seite der Cité.“ „Lärmen!“ verſetzte die Königin,„und aus welchem Anlaß 2“ „Man weiß es noch nicht, Majeſtät, doch man ſagt, es bilde ſich ein Aufſtand wegen des Brodes.“ Früher wäre der Königin der Gedanke nicht gekom⸗ men, es gebe Leute, welche Hungers ſterben; aber ſeitdem ſie auf der Fahrt von Verſailles den Dauphin Brod von ihr hatte fordern horen, ohne daß ſie ihm geben konnte, begriff ſie, was die Hungersnoth war. „Arme Leute!“ murmelte ſie, indem ſie ſich der Worte, die ſie auf dem Wege gehört, und der Erklärung erinnerte, die ihr Gilbert von dieſen Worten gegeben hatte.„Arme Leute! ſie ſehen nun wohl, daß es weder 156 die Schuld des Bäckers, noch die der Bäckerin iſt, wenn ſie kein Brod haben.“ Dann fragte ſie laut: „Und befürchtet man, es werde ernſt?“ „Ich vermöchte es Eurer Majeſtät nicht zu ſagen. Nicht zwei Berichte gleichen ſich,“ erwiederte Weber. „Nun denn!“ ſprach die Königin,„lauf bis zur Cits, Weber, das iſt nicht weit von hier; ſieh mit Deinen Augen, was vorgeht, und komm und melde es mir.“ „Und der Herr Doctor Gilbert?“ fragte der Kam⸗ merdiener. „Sage Campan oder Miſery, daß ich ihn erwarte, und die Eine oder die Andere wird ihn bei mir ein⸗ führen.“ In dem Augenblick aber, wo Weber zu verſchwinden im Begriffe war, rief ihm die Königin nach: „Schärfe den Leuten ein, daß ſie den Doetor nicht warten laſſen, Weber; er, der von Allem unterrichtet iſt, wird uns erklären, was vorgeht.“ Weber verließ das Schloß, erreichte das Pförtchen des Louvre, eilte auf die Brücke, und geleitet durch das Geſchrei, der Woge folgend, die gegen den erzbiſchöflichen Palaſt rollte, kam er auf den Notre⸗Dame⸗Platz. Je mehr er gegen das alte Paris vorgerückt war, deſto mehr war die Menge angewachſen, deſto lebhafter war das Geſchrei geworden. Unter dieſem Geſchrei oder vielmehr unter dieſem Gebrülle hörte man von jenen Stimmen, wie man ſie nur am Himmel an Sturmtagen und auf der Erde an Se hört; man vernahm Stimmen, welche riefen: „Das iſt ein Aushungerer! Toͤdtet ihn! tödtet ihn! An die Laterne!“ Und Tauſende von Stimmen, welche nicht einmal wußten, wovon die Rede war, und unter denen man die W — e — 157 der Weiber unterſchied, wiederholten im Vertrauen unb in der Erwartung von einem der Schauſpiele, die das Herz der Menge immer vor Freude ſpringen machen: „Das iſt ein Aushungerer! Toͤdtet ihn! An die Laterne!“ Plotzlich fühlte ſich Weber von einer von jenen heftigen Erſchütterungen getroffen, wie ſie bei einer geoßen Menſchenmaſſe ſtattfinden, wenn ſich eine Strömung bildet, und er ſah durch die Rue Chanoineſſe eine menſchliche Woge, einen lebendigen Katarakt kommen, in deſſen Mitte ſich ein unglücklicher bleicher Menſch in zerriſſenen Klei⸗ dern zerarbeitete. Auf ihn hatte es all dieſes Volk abgeſehen; gegen ihn erhoben ſich alle dieſe Schreie, all dies Gebrülle, alle dieſe Drohungen. Ein einziger Mann vertheivigte ihn gegen dieſe Menge; ein einziger Mann bildete einen Damm gegen dieſen menſchlichen Strom. Dieſer Mann, der eine Aufgabe des Mitleids unter⸗ nommen hatte, welche die Kräfte von zehn Menſchen, von zwanzig Menſchen, von hundert Menſchen überſtieg, war Gilbert. Allerdings fingen Einige aus der Menge, die ihn erkannt hatten, an zu rufen: „Es iſt der Doetor Gilbert, ein Patriot, der Freund von Herrn Laſayette und von Herrn Bailly. Hören wir den Doctor Gilbert.“. Auf dieſe Rufe fand einen Augenblick ein Halt ſtatt, etwas wie jene vorübergehende Stille, die ſich auf den Wellen zwiſchen zwei Windſtößen ausbreitet. Weber benützte dies, um ſich einen Weg bis zu dem Doetor zu bahnen. Es gelang ihm mit großer Mühe. „Herr Doctor Gilbert,“ ſagte der Kammerdiener. Gilbert wandte ſich nach der Seite um, woher die Stimme kam. 158 „Ahl! Sie ſind es, Weber?“ verſetzte der Doctor. Dann winkte er ihn zu ſich und ſagte ihm leiſe: „Gehen Sie und melden Sie der Königin, ich werde vielleicht ſpäter kommen, als ſie mich erwartet. Ich bin beſchäftigt, einen Menſchen zu retten.“ „Ohl ja, ja!“ rief der Unglückliche, der dieſe letzten Worte horte,„nicht wahr, Sie werden mich retten, Doetor?.. Sagen Sie ihnen, ich ſei unſchuldig, ſagen Sie ihnen, meine Frau ſei guter Hoffnung. Ich ſchwöre Ihnen, daß ich kein Brod verborgen habe, Doctor.“ Doch als hätten dieſe Klage und dieſe Bitte den halb erloſchenen Zorn und Haß wieder in Brand geſteckt, verdoppelte ſich das Geſchrei, und die Drohungen ſuchten ſich in Thätlichkeiten zu verwandeln. „Meine Freunde,“ rief Gilbert, mit einer über⸗ menſchlichen Stärke gegen die Wüthenden kämpfend, „dieſer Menſch iſt ein Franzoſe, ein Bürger wie Ihr; man kann, man darf einen Menſchen nicht umbringen, ohne ihn zu hören. Führt ihn zum Diſtricte, und hernach wird man ſehen.“ „Ja!“ riefen einige Stimmen, welche denjenigen gehörten, die den Doctor erkannt hatten. „Herr Gilbert,“ ſagte der Kammerdiener der Köni⸗ gin,„halten Sie feſt. Ich will die Ojficiere vom Di⸗ ſtriet benachrichtigen„. der Diſtrict iſt nur ein paar Schritte entfernt; in fünf Minuten werden ſie hier ſein.“ Und er entſchlüpfte und verſchwand durch die Menge, ohne nur die Gutheißung von Gilbert abzuwarten. Fünf bis ſechs Perſonen waren indeſſen dem Doctor zu Hülfe gekommen und hatten aus ihren Leibern eine Art Verſchanzung für den unglücklichen gemacht. Dieſer Wall, ſo ſchwach er war, hielt für den Augenblick die Mörder im Zaume, welche indeſſen mit ihrem Geſchrei die Stimme des Doctors und die der — — n i⸗ r . e, or ne en it er 1⁵9 guten Bürger, die ſich ihm angeſchloſſen hatten, zu bedecken fortfuhren. Zum Glück entſteht nach fünf Minuten eine Bewe⸗ gung in der Menge, ein Gemurmel folgt darauf, und dieſes Gemurmel überſetzt ſich durch die Worte: „Die Officiere vom Diſtrict! die Officiere vom Diſtrict!“ Vor den Officieren vom Diſtrict verſtummen die Drohungen, tritt die Menge zurück. Die Mörder haben wahrſcheinlich das Loſungswort noch nicht. Man führt den Unglücklichen nach dem Stadthauſe. Er hat ſich an den Doctor angehängt, er hält ihn beim Arme, er will ihn nicht loslaſſen. Wer iſt nun dieſer Menſch? Wir wollen es Ihnen ſogleich ſagen. Es iſt ein armer Bäcker Namens Denis Frangois, derſelbe, deſſen Namen wir ſchon ausgeſprochen, und der die kleinen Brode den Herren von der Nationalverſamm⸗ lung lieferte. Am Morgen iſt eine Frau in ſein Magazin in der Rue du Marché⸗Palu in dem Augenblick eingetreten, wo er ſein ſechstes Geback*) Brod ausgetheilt hat und das ſiebente zu bereiten anfängt. Die alte Frau fordert einen Laib Brod. „Es iſt keiner mehr da,“ antwortet Frangois,„aber wartet auf mein ſiebentes Geback, und Ihr ſollt zuerſt bedient werden.“ „Ich will ſogleich Brod haben,“ entgegnet die Frau;„hier iſt Geld.“ „Wenn ich Euch ſage, daß keines mehr da iſt„ verſetzt der Bäcker. „Laßt mich ſehen.“ „Oh!l tretet ein, ſeht, ſucht, das iſt mir ganz lieb.“ *) Ofen voll. 160 Die alte Frau tritt ein, ſucht, riecht, durchſtöbert, öffnet einen Schrank und findet in dieſem Schranke drei altbackene Brodiaibe, jeden von vier Pfund, welche die Knechte für ſich aufbewahrt hatten. Sie nimmt einen, geht ab, ohne zu bezahlen, und auf die Reelamation des Bäckers wiegelt ſie das Volk auf und ſchreit, Frangois ſei ein Aushungerer, und er verberge die Hälfte von ſeinem Geback. Der Ruf Aushungerer bezeichnete zu einem beinahe gewiſſen Tod denjenigen, welcher der Gegenſtand des⸗ ſelben war. Ein ehemaliger Dragoner⸗Werber, genannt Fleur d'Epine, der in einer Schenke gegenüber trank, tritt aus dieſer Schenke und wiederholt mit einer weingrünen Stimme den von der Alten ausgeſtoßenen Schrei. Bei dieſem doppelten Geſchrei läuft das Volk brül⸗ lend herbei, erkundigt ſich, erfährt, wovon die Rede iſt, wiederholt die ausgeſtoßenen Schreie, ſtürzt nach der Bude des Bäckers, überwältigt die vier Mann Wache, welche die Polizei vor ſeine Thüre, wie vor die ſeiner Zunftgenoſſen geſtellt hatte, verbreitet ſich im Magazin, und findet außer den zwei von der Alten zurückgelaſſenen und denuncirten altgebackenen Laiben Brod zehn Dutzend friſche kleine Brode, welche für die Deputirten, die ihre Sitzungen im erzbiſchöflichen Palaſte, das heißt, hundert Schritte von Frangois, halten, reſervirt worden waren. Von da an iſt der Unglückliche verurtheilt; es iſt nicht mehr eine Stimme, es ſind hundert Stimmen, es ſind tauſend Stimmen, welche ſchreien:„Auf den Aus⸗ hungerer!“ Eine ganze Menge brüllt:„An die Laternel“ In dieſem Augenblick wird der Doctor Gllbert, der von einem Beſuche bei ſeinem Sohne zurückkommt, den er wieder zum Abbé Bérardier, ins Collége Louis le Grand⸗ geführt hatte, durch den Lärmen herbeigezogen; er ieht —— a 2 3 3 9 6 n u d 161 ein ganzes Volk, das den Tod eines Menſchen verlangt, und eilt dieſem Menſchen zu Hülfe. Hier hatte er mit ein paar Worten von Franevis erfahren, um was es ſich handelte; er hatte die Unſchuld des Bäckers erkannt und ihn zu vertheidigen geſucht. Da hatte die Menge zugleich den ungluͤcklichen Be⸗ drohten und ſeinen Vertheidiger, Beide in daſſelbe Anathem hüllend und bereit, Beide mit einem Schlage niederzu⸗ ſchmettern, mitfortgeriſſen. In dieſem Augenblick war Weber, von der Königin abgeſandt, auf den Notre⸗Dame⸗Platz gekommen und hatte Gilbert erkannt. Wir haben geſehen, wie nach dem Abgange von Weber die Officiere vom Diſtricte erſchienen und der un⸗ glücklichen Bäcker unter Bedeckung nach dem Stadthauſe geführt wurde. Angeklagter, Wachen des Diſtricts, gereizter, auf⸗ gebrachter Pöbel, Alles drang durch einander in das Stadthaus ein, deſſen Platz alsbald gefüllt war mit Ar⸗ beitern ohne Arbeit und Hungers ſterbenden armen Teufeln, welche immer bereit, ſich in alle Meutereien zu miſchen und Jedem, der in den Verdacht gerieth, die Urſache der öffentlichen Noth zu ſein, einen Theil von dem Elend, das ſie erduldeten, zurückzugeben. Kaum war auch der unglückliche Frangois unter der gähnenden Halle des Stadthauſes verſchwunden, als das Geſchrei ſich verdoppelte. Es ſchien allen dieſen Menſchen, man habe ihnen eine Beute, die ihnen gehorte, entführt. Individuen mit Unheil weiſſagenden Geſichtern durch⸗ furchten die Menge und flüſterten ihr zu: „Es iſt ein vom Hofe bezahlter Aushungerer, darum will man ihn retten.“ Und die Worte:„Es iſt ein Aushungerer! es iſt ein Aushungerer!“ ſchlängelten ſich durch dieſen ausgehungerten Die Gräfin von Charny. IM. 11 162 Pöbel wie die Lunte eines Feuerwerks, allen Haß enit⸗ zündend, allen Zorn in Brand ſteckend. Zum Unglück war es noch ſehr früh am Morgen, und RKeiner von den Männern, welche Gewalt über das Volk hatten,— weder Bailly, noch Lafayette,— war da. Sie wußten es wohl, diejenigen, welche in den Gruppen wiederholten:„Es iſt ein Aushungerer! es iſt ein Aushungerer!“ Endlich, da man den⸗Angeklagten nicht wieder er⸗ ſcheinen ſah, verwandelten ſich die Schreie in ein unge⸗ heures Hurrah, die Drohungen in ein allgemeines Ge⸗ brülle. Die Menſchen, von denen wir geſprochen, ſchlüpften unter der Halle durch, krochen längs der Treppen hin und drangen bis in den Saal ein, wo der unglückliche Bäcker war, den Gilbert nach ſeinen beſten Kräften ver⸗ theidigte. Die Nachbarn von Fransois ihrerſeits, welche beim Tumulte herbeigelaufen waren, beſtätigten, er habe ſeit dem Anfange der Revolution die größten Beweiſe von Gifer gegeben; er habe bis zehn Ofen voll jeden Tag gebacken; wenn es ſeinen Zunftgenoſſen an Mehl gefehlt, habe er ihnen von dem ſeinigen gegeben; um ſein Publi⸗ kum raſcher zu bedienen, habe er außer ſeinem Ofen den eines Zuckerbäckers gemiethet, wo er ſein Holz trocknen laſſe. Am Ende der Ausſagen und Angaben iſt erwieſen, daß dieſer Mann, ſtatt einer Strafe, eine Belohnung verdient. Doch auf dem Platze, auf den Treppen, im Saale ſogar ſchreit man ſortwährend:„Er iſt ein Aushungerer!“ und fordert den Tod des Schuldigen. Plötzlich findet ein unerwarteter Einbruch in den Saal ſtatt; er öffnet die Glieder der Nationalgarde, welche Frangois umgeben, und trennt ihn von ſeinen Be⸗ li⸗ en en n, ng le 1 en de, e⸗ — 163 ſchützern. Gegen das improvifirte Tribunal zurückgeſtoßen, ſieht Gilbert zwanzig Arme ſich erheben. Von ihnen ge⸗ packt, zurückgezogen, harpunirt, ſchreit der Angeklagte um Hülfe, ſtreckt flehend ſeine Hände aus, aber umſonſt... Vergebens macht Gilbert eine verzweifelte Anſtrengung, um ihn zu erreichen; die Oeffnung, durch welche der Un⸗ glückliche allmälig verſchwindet, ſchließt ſich wieder hinter ihm. Wie ein von einem Wirbel angezogener Schwimmer, hat er einige Seeunden, die Hände krampfhaft geballt, die Verzweiflung in den Augen, die Stimme in der Kehle erſtickt, gekämpft; dann hat ihn die Woge wieder bedeckt, der Schlund hat ihn verſchlungen! Von dieſem Augenblick an iſt er verloren. Oben von den Treppen herabgerollt, hat er auf jeder Stufe eine Wunde erhalten. Unter der Halle iſt ſein ganzer Leib ſchon nur eine große Wunde. Es iſt nicht mehr das Leben, um was er bittet, es iſt der Tod! Wo verbarg ſich denn der Tod zu jener Zeit, daß er ſo bereit war, herbeizulaufen, wenn man ihn rief? In einer Secunde iſt der Kopf des unglücklichen Frangois vom Leibe getrennt utd erhebt ſich auf der Spitze eines Spießes. Bei dem Geſchrei auf der Straße ſtürzen die Auf⸗ rührer, die ſich auf den Treppen und in den Sälen be⸗ finden, raſch die Stufen hinab. Man muß das Schau⸗ ſpiel bis zum Ende ſehen. Es iſt etwas Merkwürdiges, ein Kopf auf der Spitze eines Spießes; ſeit dem 6. Oetober hat man keinen mehr geſehen, und man iſt am 21. „Oh! Billot! Billot!“ murmelte Gilbert, während er aus dem Saale eilte,„wie glücklich biſt Du, daß Du Paris verlaſſen haſt!“ Er war über den Gréve⸗Platz, dem Ufer der Seine folgend, gegangen und hatte dieſen Spieß, dieſen blutigen Kopf und das brüllende Geleite ſich über den Pont⸗Neuf 164 entfernen laſſen, als er auf der Hälfte des Quai Pelletier fühlte, daß man ſeinen Arm berührte. Er richtete den Kopf auf, gab einen Schrei von ſich, wollte ſtehen bleiben und ſprechen; aber der Mann, den er erkannt hatte, ſchob ihm ein Billet in die Hand, legte einen Finger auf ſeinen Mund und entfernte ſich, gegen den biſchoflichen Polaſt zuſchreitend. Ohne Zweifel wollte dieſer Mann das Incognito beobachten; doch eine Dame der Halle, die ihn erkannt hatte, klatſchte in die Hände und rief: „Ah! das iſt unſer Mütterchen Mirabeau!“ „Es lebe Mirabeau!“ riefen ſogleich fünfhundert Stimmen;„es lebe der Vertheiviger des Volks! es lebe der patriotiſche Redner!“ Und der Schweif vom Cortége, der dem Kovfe des unglücklichen Fran gois folgte, wandte ſich, als er dieſes Geſchrei hörte, um und bildete eine Escorte für Mirabeau, den nun eine unermeßliche Menge, beſtändig ſchreiend, bis zur Thüre des erzbiſchöflichen Palaſtes begleitete. Es war in der That Mirabeau, der auf dem Wege zur Sitzung der Nationalverſammlung Gilbert begegnet war und ihm ein Billét zugeſtellt hatte, welches er auf dem Comptoir eines Weinhänvlers geſchrieben, mit der Abſicht, es ihm in ſeiner Wohnung zukommen zu laſſen., c —— 8 165 XRVI. Der Vortheil, den man aus einem abgeſchnittenen Bopfe ziehen kann. Gilbert hatte raſch das Billet geleſen, das ihm Mirabeau zugeſteckt, er hatte es langſam ein zweites Mal geleſen und ſodann in ſeine Weſtentaſche geſchoben. Hier⸗ auf hatte er einen Fiaere gerufen und dem Kutfcher Befehl gegeben, ihn in die Tuilerien zu führen. Bei ſeiner Ankunft fand er alle Gitter geſchloſſen und alle Wachen verdoppelt, auf Befehl von Lafayette, der, ſo bald er erfahren, es finden Unruhen in Paris ſtatt, damit angefangen, daß er auf die Sicherheit des Königs und der Königin bevacht geweſen war, wonach er ſich an den Ort, wo, wie man ihm geſagt, die Un⸗ ruhen ſtattfanden, begeben hatte. Gibert gab ſich dem Coneierge der Rue de lGchelle zu erkennen und gelangte in das Innere. Als ihn Madame Campan, welche von der Königin das Loſungswort erhalten hatte, erblickte, ging ſie ihm entgegen und führte ihn ſogleich ein. Weber war, der Konigin gehorchend, zu den Orten zurückgekehrt, wo Neues ſich ereignete. Als ſie Gilbert gewahrte, ſtieß die Königin einen Schrei aus. Ein Theil des Rockes und des Jabot von Gilbert war in dem Kampfe, den er ausgehalten, um den un⸗ glücklichen Frangols zu retten, zerriſſen worden, und einige Blutstropfen hefleckten ſelne Hand. „Madame,“ ſagte er,„ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, daß ich ſo vor ihr erſcheine; aber ich habe 166 ſie unwillkürlich ſchon lange genug warten laſſen, und ich wollte ſie nicht länger warten laſſen.“ „Und der Unglückliche, Herr Gilbert?“ „Er iſt tovt, Madame, er iſt ermordet, in Stücke zerriſſen worden„ „Er war doch wenigſtens ſchuldig?“ „Er war unſchuldig, Madame.“ „Oh! mein Herr, das ſind die Früchte Ihrer Re⸗ volution i Nachdem ſie die adeligen Herren, die Staats⸗ peamten, die Garden umgebracht haben, erwürgen ſie einander unter ſich; es gibt alſo kein Mittel, Gerechtig⸗ keit an vieſen Mördern zu üben?“ „Wir werden bemüht ſein, dies zu thun; mehr werth wäre es aber, den Mördern zuvorzukommen, als ſie zu beſtrafen.“ „Wie ſoll man denn zu dieſem Ziele gelangen? Meln Gottl der König und ich verlangen ja nichts Anderes.“ „Madame, alle dieſe unglücklichen Vorfälle rühren von einem großen Mißtrauen des Volkes gegen die Agen⸗ ten der Macht her: ſtellen Sie an die Svpitze der Re⸗ gierung Männer, welche das Vertrauen des Volkes haben, und nichts Aehnliches wird mehr vorfallen.“ „Ja, ja, Herrn von Mirabeau, Herrn von Lafayette, nicht wahr?“ „Ich hoffte, die Königin habe mich rufen laſſen, um mir zu ſagen, ſie habe den König dahin gebracht, daß er aufhöre, gegen die von mir vorgeſchlagene Combi⸗ nation feinvlich gefinnt zu ſein.“ „Vor Allem, Doctor, verfallen Sie in einen ſchweren Irrthum, einen Irrthum, in den übrigens auch Andere als Sie verfallen: Sie glauben, ich habe Ein⸗ fluß auf den Koͤnig Sie glau ben, er folge meinen Ein⸗ gebungen? Sie täuſchen ſich; wenn Jemand Einfluß auf den König hat, ſo iſt es Madame Eliſabeth und nicht ich, und zum Beweiſe dient, vaß er geſtern erſt einen — —— —,—— 8— wW n — i⸗ en ich in⸗ in⸗ uf cht en 167 von meinen Dienern, Herrn von Charny, in einer Miſ⸗ ſion abgeſchickt hat, ohne daß ich weiß, wohin derſelbe geht und in welchem Zwecke er abgereiſt iſt.“ „Und dennoch, wenn die Koͤnigin ihren Widerwillen gegen Herrn von Mirabeau überwinden wollte, könnte ich ihr dafür ſtehen, daß der König meinen Wünſchen bei⸗ zutreten beſtimmt würde.“ „Sprechen Sie, Herr Gilbert,“ verſetzte die Königin lebhaft,„werden Sie mir zufällig ſagen, dieſer Wider⸗ wille ſei nicht motivirt?“ „In der Politik, Madame, ſoll es weder Sympathie, noch Antipathie geben; es ſoll Verwandtſchaften der Prin⸗ eipien oder Combinationen der Intereſſen geben, und ich muß Eurer Majeſtät zur Schande der Menſchen bemerken, daß die Combinationen der Intereſſen viel ſicherer ſind, als die Principienverwandtſchaften.“ „Doctor, werden Sie mir im Ernſte ſagen, ich ſoll mich einem Manne anvertrauen, der den 5. und 6. Oe⸗ tober gemacht, und mit einem Redner einen Vertrag abſchließen, der mich öffentlich auf der Tribune be⸗ ſchimpft hat?“ „Glauben Sie mir, Madame, nicht Herr von Mi⸗ rabeau hat den 5. und 6. October gemacht; die Hun⸗ gersnoth, das Elend haben das Werk des Tags begonnen, ein geheimnißvoller, mächtiger, erſchrecklicher Arm aber hat das Werk der Nacht gemacht.. Vielleicht werde ich eines Tags im Stande ſein, Sie auf dieſer Seite zu vertheidigen und mit der finſtern Macht zu kämpfen, welche nicht nur Sie allein, ſondern auch alle die an⸗ deren gekrönten Häupter, nicht nur den Thron von Frankreich, ſondern auch alle Throne der Erde verfolgt. So wahr ich die Ehre habe, mein Leben zu Ihren Füßen und zu denen des Königs zu legen, Madame, eben ſo wahr iſt Herr von Mirabeau nicht betheiligt an jenen gräßlichen Tagen, und er hat in der Nationalverſamm⸗ lung wie die Andern, vielleicht ein wenig früher als die 168 Andern, durch ein Billet, das ihm zugeſtellt wurde, er⸗ fahren, das Volk marſchire gegen Verſailles.“ „Werden Sie auch das leugnen, was weltkundig iſt, ich meine die Beleidigung, die er mir auf der Tri⸗ bune angethan hat?“ „Madame, Herr von Mirabeau iſt einer von den Männern, die ihren Werth kennen und ſich erbittern, wenn, während ſie ſehen, wozu ſie taugen und von wel⸗ cher Hülfe ſie ſein können, die Könige halsſtarrig ſie nicht verwenden; ja, damit Sie die Augen gegen ihn wenden, Madame, wird Herr von Mirabeau jedes Mit⸗ tel, ſogar vie Beleidigung gebrauchen; es wird ihm lie⸗ ber ſein, wenn die erhabene Tochter von Maria Thereſia, Koͤnigin und Frau, einen zornigen Blick auf ihn wirft, als wenn ſie ihn gar nicht anſchaut.“ „Sie glauben alſo, Herr Gilbert, dieſer Mann würde einwilligen, uns zu gehören?“ „Er iſt ganz und gar hiezu bereit, Madame; ent⸗ fernt ſich Herr von Mirabeau vom Konigthum, ſo iſt es wie bei einem Pferde, das Seitenſprünge macht und nur den Zügel und ven Sporn ſeines Reiters zu fühlen braucht, um auf den rechten Weg zurückzukehren.“ „Da er aber ſchon dem Herrn Herzog von Orleans gehoͤrt, ſo kann er nicht der ganzen Welt gehören?“ „Darin liegt gerade der Irrthum, Madame.“ „Herr von Mirabeau gehoͤrt nicht dem Herrn Her⸗ zog von Orleans?“ verſetzte die Königin. „Er gehört ſo wenig dem Herrn Herzog von Or⸗ leans, daß er, als er vernahm, der Prinz habe ſich nach England vor den Drohungen von Herrn von Lafayette zurückgezogen, in ſeinen Händen das Billet von Herrn von Lauzun, welches ihm dieſe Abreiſe melvete, zer⸗ knitternd, ſagte:„„Man behauptet, ich gehöre zur Partei dieſes Menſchen. Ich möchte nicht einmal für meinen Lackei etwas von ihm!““ „Ahl das ſohnt mich wieder ein wenig mit ihm 1 . r ch tte rn r⸗ tei en 169 aus,“ ſprach die Konigin, indem ſie zu lächeln ſuchte, „und wenn ich glaubte, man konnte wirklich auf ihn zählen?„ „Nun?“ „Nun, vielleicht wäre ich weniger weit als der Konig vavon entfernt, auf ihn zurückzukommen.“ „Madame am Mocgen nach dem Tage, wo das Volk von Verſailles Eure Majeſtät, ſowie der König und die königliche Familie zurückgeführt hat, traf ich Herrn von Mirabeau..5 „Berauſcht von ſeinem Siege am vorhergehenden Tage*„ „Erſchrocken über die Gefahren, welche Sie liefen⸗ und über die, welche Sie noch laufen konnten.“ „Wahrhaftig, ſind Sie deſſen ſicher?“ verſetzte die Königin mit einer Miene des Zweifels. „Soll ich Ihnen die Worte mittheilen, die er mir geſagt hat?“ „Ja, Sie werden mir Vergnügen machen.“ „So vernehmen Sie dieſelben, Wort für Wortz ich habe ſie in mein Gedächtniß eingegraben, in der Hoff⸗ nung, ich werde eines Tags Gelegenheit haben, ſie Eurer Majeſtät zu wiederholen:„„Wiſſen Sie ein Mittel, ſich beim König und bei der Königin Gehör zu verſchaffen, ſo bringen ſie ihnen die Ueberzeugung bei, daß Frankreich und ſie verloren ſind, wenn die königliche Familie Paris nicht verlößt. Ich beſchäftige mich mit einem Plane, um ihren Abgang zu bewerkſtelligen. Wären ſie im Stande, ihnen die Verſicherung zu geben, daß ſie auf mich zählen können?““ Die Königin wurde nachdenkend. „Alſo,“ ſagte ſie,„es iſt alſo auch die Anſicht von Herrn von Mirabeau, daß wir Paris verlaſſen ſollen?“ „Es war ſeine Anſicht damals.“ 18 „Und er hat ſie ſeitdem geändert?“ 170 „Ja, wenn ich einem Billet glauben darf, welches ich vor einer halben Stunde erhalten habe.“ „Von wem?“ „Von ihm ſelbſt.“ „Kann man dieſes Billet ſehen?“ „Es iſt für Eure Majeſtät beſtimmt,“ erwiederte Gilbert. Und er zog das Papier aus ſeiner Taſche. „Eure Majeſtät wird entſchuldigen, es iſt auf Schülerpapier und auf dem Comptoir eines Weinhändlers geſchrieben worden.“ „Oh! ſeien Sie hierüber unbeſorgt; Papier und Pult, Alles iſt im Einklang mit der Politik, welche in dieſem Augenblick getrieben wird.“ Die Königin nahm das Papier und las: „Das Ereigniß von heute verändert das Angeſicht der Dinge. „Man kann einen großen Nutzen aus dieſem abge⸗ ſchnittenen Kopfe ziehen. „Die Nationalverſammlung wird bange haben und das Martialgeſetz verlangen. „Herr von Mirabeau kann das Martialgeſetz unter⸗ ſtützen und votiren laſſen. „Herr von Mirabeau kann behaupten, es ſei nur Heil darin zu ſuchen, daß man die Macht der Exekutiv⸗ gewalt zurückgebe. „Herr von Mirabeau kann Herrn von Necker über die Lebensmittel angreifen und ihn ſtürzen. „An der Stelle des Miniſteriums Necker mache man ein Miniſterium Mirabeau und Lafayette, Herr von Mirabeau ſteht für Alles!“ „Nun?“ ſagte die Königin,„dieſes Billet iſt nicht unterzeichnet?“ 5- „Hatte ich nicht die Ehre gehabt, Eurer Majeſtät zu ſagen, Herr von Mirabeau habe es mir ſelbſt übergeben?“ b d 2 e 5 —— —— 6 t e⸗ d ur v⸗ an on ht ät bſi 17¹ „Was denken Sie von Allem dem?“ „Meine Anſicht, Madame, iſt, daß Herr von Mira⸗ beau vollkommen Recht hat, und daß die Verbindung, die er vorſchlägt, allein Frankreich retten kann.“ „Gut; Herr von Mirabeau laſſe mir durch Sie eine Denkſchrift über die Lage der Dinge und den Entwurf eines Miniſteriums zukommen; ich werde Alles dem König vorlegen.“ „Und Eure Majeſtät wird es unterſtützen?“ „Ich werde es unterſtützen.“ „Mittlerweile alſo, und als erſtes dem Königthum gegebenes Pfand, kann Herr von Mirabeau das Martial⸗ geſetz vertheidigen und verlangen, vaß die Macht der Erecutivgewalt zurückgegeben werde?“ „Er kann das.“ „Dagegen würde, ſollte der Sturz von Herrn von Necker dringlich werden, ein Miniſterium Lafayette und Mirabeau nicht ungünſtig aufgenommen?“ „Durch mich? Nein. Ich will beweiſen, daß ich bereit bin, alle meine perſönlichen Gefühle dem Wohle des Staates zu opfern. Nur, wie Sie wiſſen, ſtehe ich nicht für den Koͤnig.“ „Würde uns Monfieur bei dieſer Angelegenheit beiſtehen?“ „Ich glaube, daß Monſieur ſeine eigenen Projecte hat, die ihn verhindern werden, die von Andern zu unterſtützen.“ „Und die Königin hat von den Projecten von Mon⸗ ſieur keine Idee?“ „Ich glaube, er iſt der erſten Anſicht von Herrn von Mirabeau, nämlich, daß der König Paris ver⸗ laſſen ſoll.“ „Eure Majeſtät ermächtigt mich, Herrn von Mira⸗ beau zu ſagen, daß vieſe Denkſchrift und dieſer Entwurf eines Miniſteriums von Eurer Majeſät verlangt werden?“ „Ich mache Herrn Gilbert zum Richter über das 172 Maaß, welches er einem Manne gegenüber zu beobachten hat, der unſer Freund von geſtern iſt und morgen wieder unſer Feind werden kann.“ „Oh! in dieſem Punkte verlaſſen Sie ſich auf mich; nur, da die Umſtände ernſt ſind, iſt keine Zeit zu ver⸗ lieren; erlauben Sie alſo, daß ich in die National⸗ verſammlung gehe und Herrn von Mirabeau heute noch zu ſehen ſuche; ſehe ich ihn, ſo wird Eure Majeſtät in zwei Stunden die Antwort haben.“ Die Königin machte mit der Hand ein Zeichen der Beiſtimmung und des Abſchieds. Gilbert entfernte ſich. Eine Viertelſtunde nachher war er in der National⸗ verſammlung. Er fand die Verſammlung in großer Aufregung wegen des vor ihren Thüren begangenen Verbrechens, und zwar begangen an einem Manne, der gleichſam ihr Die⸗ ner war. Die Mitglieder gingen von der Tribune zu ihren Bänken, von ihren Bänken in den Corridor hin und her. Mirabeau ſaß allein, unbeweglich auf ſeinem Platze. Er wartete und hatte die Augen auf die oͤffentliche Tribune geheftet. Als er Gilbert erblickte, klärte ſich ſein Löwen⸗ geſicht auf. Gilbert machte ihm ein Zeichen, das er durch eine Bewegung des Kopfes von oben nach unten erwieverte. Gilbert riß ein Blatt aus ſeinen Tabletten und ſchrieb: „Ihre Vorſchläge ſind angenommen, wenn nicht von beiden Partien, doch wenigſtens von derjenigen, welche Sie für die einflußreichere von beiden halten und die ich auch dafür halte. „Man verlangt eine Denkſchrift für morgen, den Entwurf eines Miniſteriums für heute. „Bewirken Sie, daß die Macht der Exe⸗ d n e n e. 173 cutivgewalt zurückgegeben wird, und die Ere⸗ cutivgewalt wird mit Ihnen rechnen.“ Dann legte er das Papier in Briefform zuſammen, ſchrieb als Adreſſe darauf:„An Herrn von Mirabeau,“ rief einem Huiſſier und ließ das Billet an ſeine Be⸗ ſtimmung tragen.* Von der Tribune, wo er war, ſah Gilbert den Huiſſier in den Saal eintreten, gerade auf den Abge⸗ ordneten von Air zugehen und ihm das Billet übergeben. Mirabeau las es mit einem Ausdrucke ſo tiefer Gleichgültigkeit, daß es ſeinem nächſten Nachbar unmög⸗ lich geweſen wäre, zu errathen, das Billet, welches er ſo eben empfangen, entſppeche ſeinen glühendſten Wünſchen; und mit derſelben Gleichgültigkeit ſchrieb er auf ein halbes Blatt Papier, das er vor ſich hatte, ein paar Zeilen, faltete es nachläſſig zuſammen, gab es, immer mit derſelben ſcheinbaren Sorgloſigkeit, dem Huiſſier und ſagte: „Der Perſon, welche Ihnen das Billet, das Sie mir gebracht, zugeſtellt hat.“ Gilbert öffnete vaſch das Papier. Es enthielt folgende vaar Zeilen, welche vielleicht für Frankreich eine andere Zukunft in ſich ſchloſſen, hätte der Plan, den ſie vorſchlugen, zur Ausführung gebracht werden können: „Ich werde ſprechen. „Morgen werde ich die Denkſchrift ſchicken. „Hier iſt die verlangte Liſte; man wird ein paar Namen modiſiciren können. „Herr Necker, erſter Miniſter„ Dieſer Name ließ Gilbert beinahe zweifeln, daß das Bilet, welcher er las, von der Hand von Mirabeau ſei. Da aber eine Note zwiſchen zwei Klammern auf dieſen Namen wie auf die andern folgte, ſo fuhr er fort: 174⁴ „Herr Necker, erſter Miniſter.(Man muß ihn ſo ohnmächtig machen, daß er unfähig iſt, und dennoch ſeine Popularität dem König erhalten.) „Der Erzbiſchof von Bordeaur, Kanzler.(Man wird ihm empfehlen, mit großer Sorgfalt ſeine Redacteurs zu wählen.) „Der Herzog von Liancourt, Krieg.(Er hat Ehre, Feſtigkeit, perſoönliche Zuneigung für den König, was dem König Sicherheit geben wird.) „Der Herzog von Larochefoucault. Haus des Königs, Stadt Paris.(Thouret mit ihm.) „Der Graf von der Mark,„Marine.(Er kann das Kriegsdepartement nicht haben, das man Herrn von Liancourt geben muß. Herr von der Markhat Treue, Charakter, Ausführung. „Der Biſchof von Autun, Miniſter der Finanzen⸗ (Seine Motion in Betreff der Geißtlichkeit hat ihm dieſe Stelle erworben. Laborde mit ihm. ſee Graf von Mirabeau im Conſeil des Königs. Ohne Departement.(Die kleinen Bedenklich⸗ keiten rückſichtlich des Urtheils der Menſchen ſind nicht mehr an der Zeitz die Regierung muß ganz laut verſichern und erklären, ihre erſten Hülfsgenoſſen werden fortan der Charakter und das Talent ſein.) „Target, Maire von Paris.(Die Baſoche wird ihn immer leiten.) „Lafayette im Conſeil; Marſchall von Frankreich, Generaliſſimus auf Termin, um die Armee neu zu bilden. „Herr von Montmorin, Gouverneur, Herzog und Palr.(Seine Schulden bezahlt.) X ſe fo ge be H 17⁵ n„Herr von Segur(von Rußland), auswärtige An⸗ ſt, gelegenheiten. ig„Herr von Mounier, die Bibliothek des Königs. „Herr Charpellier, die Gebäude. n Unter dieſe erſte Note war folgende zweite ge⸗ ſchrieben: Theil von Lafayette. en„Miniſter der Juſtiz, der Herzog von Laroche⸗ foucault. es„Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, der Biſchof von Autun. nn„Miniſter der Finanzen, Lambert, Haller oder an Clavières. 3 on„Miniſter der Marine... g. en. Theil der Königin. 3„Miniſter des Kriegs oder der Marine, von der it Mark⸗ „Chef des Bildungs⸗ und Erziehungsrathes, der g6. Abbs Siehes. „Geheimer Siegelbewahrer des Königs. Die zweite Note deutete offenbar die Veränderun⸗ gen und Modificationen an, welche ſich an der von Mira⸗ er beau vorgeſchlagenen Combination machen ließen, ohne 6 Hinderniſſe ſeinen Abſichten entgegenzuſetzen, ohne Ver⸗ 6 wirrung in ſeine Pläne zu hringen.*) * Dieſe Noten, welche man in den Papieren von Mirabeau wieder aufgefunden, ſind ſeitdem, in dem und von Herrn von Bacourt veröffentlichten Werke ge⸗ ſammelt worden, das ein ſcharfes Licht auf die zwei letzten Lebensjahre von Mirabeau wirft. 176 Alles war mit einer leicht zitternden Hand geſchrie⸗ ben, was bewies, daß Mirabeau, gleichgültig auf der Oberfläche, doch in ſeinem Innern von einer gewiſſen Bewegung ergriffen war. Gilbert las raſch, riß ein neues Blatt Papier aus ſeinen Tabletten und ſchrieb darauf folgende Zeilen, welche er, nachdem er ſie geſchrieben, dem Huiſſier übergab, den er ſich nicht zu entfernen gebeten hatte. „Ich kehre zu der Herrin der Wohnung zurück, die wir miethen wollen, und bringe ihr die Bevingungen⸗ unter denen Sie das Haus zu nehmen und wiederherzu⸗ ſtellen einwilligen. „Thun Sie mir in mein Haus, Rue Saint⸗Honoré, über der Aſſomption, der Bude eines Tiſchlers Namens Duplay gegenüber, das Reſultat der Sitzung zu wiſſen, ſo bald ſie beendigt iſt. Immer gierig nach Bewegung und Aufregung, angeſtachelt durch die Hoffnung, ſie werde durch die po⸗ litiſchen Intriguen die Leivenſchaften ihres Herzens zu bekämpfen vermögen, wartete die Königin voll Ungeduld auf die Rückkehr von Gilbert, während ſie die neue Er⸗ zählung von Weber anhoͤrte. Dieſe Erzählung betraf die Entwickelung der gräß⸗ lichen Scene, deren Anfang und nun auch Ende Weber geſehen hatte. Von der Konigin zurückgeſchickt, um Erkundigungen einzuziehen, war er auf ein Ende des Pont Notre⸗Dame gelangt, während auf dem andern Ende dieſer Brücke der hlutige Cortége erſchien, als Mordſtandarte den Kopf des Bäcker Franhois tragend, den in einer Volksver⸗ höhnung, ähnlich der, welche die Köpfe der Gardes du corps beim Pont de Sevres hatte raſiren und friſiren laſſen, einer der Mörder, der drolliger als die Andern, a 0 zu ld r⸗ ß⸗ er en ne cke pf r⸗ du en 177 mit einer baumwollenen Mütze, die er einem von ſeinen Zunftgenoſſen genommen, geſchmückt hatte. Ungefähr auf dem Drittel der Brücke blieb eine bleiche, beſtürzte, von Schweiß triefende junge Frau, welche trotz eines ſchon ſichtbaren Anfangs von wan⸗ gerſchaft ſo raſch als möglich nach dem Stkädthauſe ſief, plotzlich ſtehen. Dieſer Kopf, deſſen Züge ſie noch nicht zu unter⸗ ſcheiden im Stande geweſen war, hatte jedoch ſchon in der Entfernung die Wirkung des Schildes im Alterthum auf ſie hervorgebracht. Und wie der Kopf immer näher kam, ließ ſich leicht an der ſichtbaren Verwandlung der Geſichtszüge der Ar⸗ men wahrnehmen, daß ſie nicht in Stein verwandelt wgr. Als die gräßliche Trophäe nur noch zwanzig Schritte von ihr entfernt, gab ſie einen Schrei von ſich, ſtreckte die Arme mit einer verzweifelten Bewegung aus und fiel, als hätten ſich ihre Füße von der Erde geloͤſt, ohnmächtig auf die Brücke nieder. Das war die im fünften Monat ſchwangere Frau von Frangois. Man trug ſie bewußtlos vom Platze. „Oh! mein Gott!“ murmelte die Königin,„Du ſchickſt hier Deiner Magd die entſetzliche Lehre, daß es, ſo nguc man auch ſein mag, immer noch Unglücklichere gibt!“ In dieſem Augenblick erſchien Gilbert, eingeführt durch Madame Campan, welche Weber in der Bewachung der königlichen Thüre erſetzt hatte. Er fand nicht mehr die Königin, ſondern die Frau, das heißt die Gattin, das heißt die Mutter, niedergebeugt unter der Erzählung, die ſie zweimal in's Herz ge⸗ troffen. Die Stimmung war um ſo beſſer, da Gilbert, wenigſtens ſeiner Meinung nach, das Mittel bot, um allen dieſen Morden ein Ziel zu ſetzen. Die Gräfin von Charny. U. 12 178 Die Königin nahm, während ſie ihre Augen, denen Thränen entrollten, und ihre Stirne, auf der ver Schweiß perlte, abwiſchte, aus den Händen von Gilbert die Liſte, die er brachte. Doch ehe ſie einen Blick auf dieſes Papier warf, ſo wichtig es war, ſagte ſie: „Weber, wenn dieſe arme Frau nicht todt iſt, ſo werde ich ſie morgen empfangen, und iſt ſie wirklich in anderen Umſtänden, ſo werde ich die Pathe ihres Kin⸗ des ſein.“ „Oh! Majeſtät!“ rief Gilbert,„warum können nicht alle Franzoſen die Thränen ſehen, die Ihren Augen enifließen, die Worte hören, die aus Ihrem Munde kommen!“ Die Königin bebte. Das waren ungefähr dieſelben Worte, welche bei einem nicht minder kritiſchen Umſtande Charny ihr geſagt hatte. Sie warf einen Blick auf die Note von Mirabeauz voch in dieſem Moment zu ſehr erſchüttert, um eine ent⸗ ſprechende Antwort zu geben, ſagte ſie: „Es iſt gut, Dector; laſſen Sie mir dieſe Note. Ich werde es mir überlegen und Ihnen morgen ant⸗ worten.“ Dann ſtreckte ſie, vielleicht ohne zu wiſſen, was ſie that, gegen Gilbert eine Hand aus, welche dieſer, ganz erſtaunt, nur mit dem Ende der Finger und der Lippen berührte. Man wird zugeſtehen, es war ſchon eine furchtbare Verwandlung für die ſiolze Marie Antvinette, daß ſie E örterungen über ein Miniſterlum pflog, bei welchem Mirabeau und Lafohette betheiligt waren, und ihre Hand zum Kuſſe dem Doctor Gilbert reichte. Um ſieben Uhr Abends übergab ein Bedienter ohne Livree Gilbert folgendes Billet: „Die Sitzung iſt heiß geweſen. „Das Martialgeſetz iſt votirt. nt⸗ te. nt⸗ nz rte. are em ind hne 179 „Buzot und Robespierre wollten die Schöpfung eines höchſten Gerichtshofes für politiſche Verbrecher. „Ich habe derretiren laſſen, daß die Verbrechen der beleidigten Nation(vas iſt ein neues Wort, wel⸗ ches wir erfunden haben) durch das königliche Tribunal abgeurtheilt werden ſollen. „Ich habe, ohne Umſchweife, das Heil Frankreichs in die Macht des Koͤnigthums geſetzt, und drei Vieriel der Verſammlung klatſchten Beifall. „Es iſt heute der 21. October. Ich hoff⸗, das Königthum hat einen guten Weg ſeit dem 6. October gemacht. „Vale et me ama. 4 Das Billet war nicht unterzeichnet, aber es war von derſelben Handſchrift wie die miniſterielle Note und das Billet vom Morgen; was ganz auf eins herauskam, da dieſe Schrift die von Mirabeau war. XVXIII. Das Chatelet. Damit man den ganzen Umfang des Sieges, der Mirabeau und durch den Rückprall das Koͤnigthum, zu deſſen Mandatar er ſich gemacht, davon getragen, begreift, müſſen wir unſern Leſern ſagen, was das Chatelet war. Uebrigens wird bald eines ſeiner erſten Urtheile Stoff zu einer der gräßlichſten Scenen geben, welche auf 180 der Grove im Verlaufe des Jahres 1790 vorgefallen ſind, eine Scene, die, da ſie unſerem Gegenſtande nicht fremd iſt, nothwendig einen Platz in der Folge dieſer Erzählung ſinden wird. Das Chatelet, welches ſeit dem 13. Jahrhundert eine große hiſtoriſche Wichtigkeit, als Gericht und als Gefängniß, hatte, empfing die Allmacht, die es fünf Jahrhunderte hindurch übte, vom guten Ludwig 1X. Ein anderer König, Philipp Auguſt, war ein Lieb⸗ haber vom Bauen, wie es nur je einen gegeben hat. Er baute Notre Dame wenigſtens zum Theil. Er gründete die Hoſpitäler de la Trinité, de Saint⸗ Catherine und de Saint⸗Nicolas du Louvre. Er pflaſterte die Straßen von Paris, welche, mit Koth und Schlamm bedeckt, ihn, wie die Chronik ſagt, durch ihren Geſtankverhinderten, an ſeinem Fenſter zu bleiben. Er hatte in Wahrheit eine große Quelle für alle dieſe Ausgaben,— eine Quelle, welche ſeine Nachfolger leider erſchoͤpften: das waren die Juden. Im Jahre 1189 wurde er von der Narrheit der Zeit befallen. Die Narrheit der Zeit beſtand darin, daß man Jeruſalem den Sultanen Aſiens nehmen wollte. Er ver⸗ band ſich mit Richard Löwenherz und ging nach den heiligen Orten ab. Doch bei ſeinem Abgang ließ er ſeinen guten Pari⸗ ſern, damit ſie ihre Zeit nicht verlören und in ihren ver⸗ lorenen Augenblicken nicht auf den Gedanken kämen, ſich gegen ihn zu empören, wie ſich auf ſeine Anſtiftung mehr als einmal die Unterthanen und ſogar die Söhne von Heinrich II. von England empört hatten, er ließ ihnen einen Plan zurück und befahl ihnen, unmittelbar nach ſeiner Abreiſe zur Ausführung deſſelben zu ſchreiten. Dieſer Plan betraf eine ihrer Stadt neu zu er⸗ bauende Einſchließung, von welcher er, wie wir erwähnt, ſelbſt das Programm gab, und die aus einer ſoliven ℳ —— d d — ——— — n r⸗ ⸗ r⸗ P n r⸗ t⸗ n S Mauer, etner wahren Mauer des 12. Jahrhunderts, mit Thürmchen und Thoren verſehen, beſtehen ſollte. Dieſe Mauer war die dritte, welche Paris umgab. Die mit der Arbeit beauftragten Inginieurs nahmen, wie man leicht begreift, nicht ganz genau das Maaß von ihrer Hauptſtadt; ſie hatte ſehr ſchnell ſeit Hugo Capet zugenommen, und ſie verſprach ihren dritten Gürtel krachen zu machen, wie ſie die zwei erſten krachen ge⸗ macht hatte. Man hielt alſo ihren Gürtel ſchlaff, und in dieſen Gürtel ſchloß man, aus Vorſicht für die Zukunft, eke Menge von armen Dörfchen ein, welche beſtimmt waren, ſpäter Theile vom großen Ganzen zu werden. Dieſe Dörfer und Flecken hatten, ſo arm ſie ſein mochten, jedes ſeine herrſchaftliche Gerichtsbarkeit. Alle dieſe herrſchaftlichen Gerichte, welche ſich mei⸗ ſtens einander widerſprachen, machten nun, in eine und dieſelbe Ringmauer eingeſchloſſen, die Oppoſition noch fühlbarer und ſtießen ſich am Ende ſo ſonderbar, daß ſie eine große Verwirrung in die ſeltſame Hauptſtadt brachten. Es gab zu dieſer Zeit einen Oberherrn von Vincennes, der, da er ſich, wie es ſcheint, mehr als irgend ein An⸗ derer über dieſen Conflict zu beklagen hatte, demſelben ein Ende zu machen beſchloß. Dieſer Oberherr war Ludwig IX. Denn es iſt gut, die kleinen Kinder und auch die großen Perſonen darüber zu belehren, daß Ludwig 1K., wenn er unter der berühmten, ſprüchwörtlich gewordenen Eiche zu Gericht ſaß, dies als Obergerichtsherr und nicht als König that. Er befahl dem zu Folge, daß alle durch dieſe klei⸗ nen herrſchaftlichen Gerichte entſchiedenen Sachen auf dem Wege der Appellation vor ſein Chatelet in Paris gebracht werden ſollen. Die Gerichtsbarkeit des Chatelet fand ſich ſo all⸗ 182 mächtig, da ſie beauftragt war, in letzter Inſtanz das Urtheil zu fällen. Das Chatelet war alſo oberſtes Tribunal geblioben bis zu dem Augenblick wo das Parlament, nun ebenfalls in die königliche Juſiiz eingreifend, erklärte es werde auf dem Wege der Appellation in den im Chatelet eniſchie⸗ denen Sachen erkennen. Doch die Nationalverſammlung hatte die Parlamente aufgehoben. „Wir haben ſie lebendig begraben,“ ſagte Lameth, als er die Sitzung verließ. Und an der Stelle der Parlamente hatte ſie, auf das Zuvringen von Mirabeau, dem Chatelet ſeine alte Gewalt, vermehrt mit neuen Gewalten, zurückgegeben. Es war alſo ein großer Triumph für das König⸗ thum, daß die dem Martialgeſetze unterliegenden Ver⸗ brechen der beleidigten Nation vor ein ihm gehöriges Tribunal gebracht wurden. Das erſte Verbrechen, über welches das Chatelet zu erkennen hatte, war das, welches wir durch Erzählung mitgetheilt haben. Am Tage der Verkündigung des Geſetzes wurden zwei von den Mördern des unglücklichen Frangois, ohne ein anderes Prozeßverfahren, als vie oͤffentliche Anklage und die Notorität ves Verbrechens, gehenkt. Ein Dritter, der Werber Fleur d'Epine, deſſen Namen wir ausgeſprochen haben, wurde regelmäßig ge⸗ richtet und folgte, degravirt und vom Chatelet zum Tode verurtheilt, auf demſelben Wege, den ſie genommen, ſei⸗ nen zwei Gefährten in die Ewigkeit nach. In zwei Sachen hatte es noch ſein Urtheil zu fällen: In der des Generalpächters Augeard. In der des General⸗„Inſpectors der Schweizer, Pierre Victor von Beſenval. Das waren zwei dem Hofe ergebene Männer; man 16 uf e⸗ te uf te g r⸗ es 183 hatte ſich auch beeilt, ihre Sache vor das Chatelet zu bringen. Augeard war angeklagt, die Fonds geliefert zu hoben, mit welcher die Camarilla der Königin im Juli die auf dem Marßfelde verſammelten Truppen bezablte; da Augeard wenig bekonnt war, ſo hatte ſeine Verhaf⸗ tung kein großes Aufſehen gemacht; der Pobel hegte auch keinen Haß gegen ihn. Das Chatelet ſprach ihn ohne zu großes Aergerniß frei. Es blieb Beſenval. Beſenval, das war etwas Anderes: ſein Name war äußerſt populär auf der ſchlimmen Seite des Wortes. Er hatte die Schweizer bei Réveillon, an der Ba⸗ ſtille und auf dem Marsfeld commandirt. Das Volk erinnerte ſich, daß er es bei dieſen Veranlaſſungen ange⸗ griffen hatte, und es freute ſich, ſeine Genugthuung zu nehmen. Die entſchiebenſten Befehle waren dem Chatelet ge⸗ geben worden; der König und die Königin wollten, daß Herr von Beſenval unter keinem Vorwande verurtheilt werden ſollte. Es bedurfte nicht weniger, als dieſe doppelte Pro⸗ tection, um ihn zu retten. Er ſelbſt hatte ſich als ſchuldig anerkannt, da er nach der Einnahme der Baſtille entflohen war; man hatte ihn auf dem halben Wege zur Grenze feſtgenommen und nach Paris zurückgeführt. Als er in den Saal eintrat, begrüßte ihn auch faſt einſtimmig Todesgeſchrei. „Beſenval an den Galgen! Beſenval an die Laterne!“ brüllte man von allen Seiten. „Stille!“ riefen die Huiſſiers. Nur mit großer Mühe erlangte man Stillſchweigen. Einer von den Anweſenden benützte dieſes und rief mit einer herrlichen tiefen Tenorſtimme: 184 „Ich verlange, daß man ihn in dreizehn Stücke zerſchneide und jedem Canton eines davon ſchicke.“ Aber trotz der Belaſtungen der Anklage, trotz der Animoſität der ganzen Zuhörerſchaft, wurde Beſenval ſreigeſprochen. Entrüſtet über dieſe doppelte Freiſprechung, ſchrieb einer von den Zuhörern vier Verſe auf ein Stück Papier, das er in ein Kügelchen zuſammenrollte und dem Präſi⸗ denten zuwarf. Der Präſident hob das Kügelchen auf, entrollte das Papier und las folgende Strophe: Magistrats qui lavez Augeard, Qui lavez Besenval, qui laveriez la peste, Vous étes le papier brouillard: Vous enlevez la tache, et la tache vous reste ²)! Die Strophe war unterzeichnet. Das iſt nicht Alles: der Präſident drehte ſich, um den Verfaſſer der⸗ ſelben zu ſuchen. Der Verfaſſer ſtand auf einer Bank und verlangte durch ſeine Geberden nach dem Blicke des Präſidenten. Doch der Blick des Präſiventen ſenkte ſich vor ihm. Man wogte es nicht, ihn verhaften zu laſſen. Allerdings war der Verfaſſer Camille Desmoulins, der Antragſteller des Palais⸗Royal, der Mann mit em Stuhle, mit der Piſtole und den Kaſtanienblättern. Einer von denjenigen, welche in gedrängter Menge hinausgingen, ein Mann, den man nach ſeiner Kleidung für einen einfachen Bürger des Marais halten konnte, wandte ſich auch an einen von ſeinen Nachbarn, legte *) Richter, die Ihr Augeard weiß waſcht, Beſenval weiß waſcht und die Peſt weiß waſchen würdet, Ihr ſeid das Fließpapier! Ihr nehmt den Flecken weg und der Fleck bleibt Euch. — ke er al eb r, i⸗ P t r⸗ e 1. „ — — S —— 185 ihm die Hand auf die Schulter, obgleich dieſer einer höheren Claſſe der Geſellſchaft anzugehören ſchien, und ſagte zu ihm: „Nun, Herr Doector Gilbert, was denken Sie von dieſen zwei Freiſprechungen?“ Derjenige, an welchen er ſich wandte, bebte, ſchaute den Sprechenden an, erkannte ſein Geſicht, wie er ſeine Stimme erkannt hatte, und erwiederte: „Sie und nicht mich muß man dies fragen, Mei⸗ ſter; Sie, der Sie Alles wiſſen, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Zukunft!“ „Wohl denn, ich denke, nachdem dieſe zwei Schul⸗ digen freigeſprochen ſind, muß man ſagen:„Wehe dem Unſchuldigen, der als Dritter kommen wird!““ „Und warum glauben Sie, es werde ihnen ein Unſchuldiger folgen, und derjenige, welcher folge, werde beſtraft werden?“ verſetzte Gilbert. „Aus einem einfachen Grunde,“ erwiederte der Andere mit jener ihm natürlichen Ironie:„es iſt ziem⸗ lich Gewohnheit in dieſer Welt, daß die Guten für die Schlechten leiden.“ „Gott befohlen, Meiſter,“ ſagte Gilbert, indem er Caglioſtro die Hand reichte, denn an den paar Worten, die er geſprochen, hat man ohne Zweifel ſchon den furcht⸗ baren Skeptiker erkannt. „Und warum Gott befohlen?“ „Weil ich zu thun habe,“ erwiederte lächelnd Gilbert. „Ein Rendezvous?“ „Mit wem? mit Mirabeau, mit Lafayette oder mit der Königin?“ Gilbert blieb ſtehen und ſchaute Caglioſtro mit einer unruhigen Miene an. „Wiſſen Sie, daß Sie mich zuweilen erſchrecken?“ ſagte er. 186 „Im Gegentheil, ich müßte Sie beruhigen,“ verſetzte Caglioſtro. „Wie ſo?“ „Gehöre ich nicht zu Ihren Freunden?“ „Ich glaube es.“ „Seien Sie davon überzeugt, und wenn Sie einen Beweis wollen 4 „Nun?“ „Kommen Sie mit mir, und ich gebe Ihnen über dieſe ganze Unterhandlung, welche Sie für ſehr geheim halten, Details ſo geheimer Art, daß Sie, der Sie die Sache zu führen glauben, dieſelben nicht kennen.“ „Hören Sie!“ erwiederte Gi bert,„Sie ſpotten viel⸗ leicht meiner, mit Hülfe von einigen jener Blendwerke, mit denen Sie vertraut find; doch gleichviel, die Um⸗ ſtände, unter denen wir fortſchreiten, ſind ſo ernſt, daß ich eine Aufklärung, und wäre ſie mir vom Satan ge⸗ boten, annehmen würde. Ich folge Ihnen alſo, wohin Sie mich führen wollen.“ „Ohl ſeien Sie unbeſorgt, das wird nicht ſehr weit ſein, und beſonders werde ich Sie an einen Ort führen, der Ihnen nicht unbekannt iſt; nur erlauben Sie, daß ich den leeren Fiacre rufe, der gerade vorüberkommt; die Tracht, in der ich ausgegangen bin, hat mir nicht erlaubt, meinen Wagen und meine Pferde zu beſtellen.“ Und er winkte einem Fiacre, der auf der andern Seite der Straße fuhr. Der Fiacre näherte ſich, Beide ſtiegen ein. „Wohin ſoll ich Sie führen, Bürger?“ fragte der Kutſcher Caglioſtro, als hätte er begriffen, daß, obgleich einfacher gekleidet, derjenige, an welchen er ſich wandte, den Andern führte, wohin ſeinem Willen ihn zu führen beliebte. „Wohin Du weißt,“ erwiederte Caglioſtro, indem er dieſem Menſchen eine Art von Freimaurerzeichen machte. Der Kutſcher ſchaute Balſamo mit Erſtaunen an. 187 Verzeihen Sie, Monſeigneur,“ ſagte er, während er dieſes Zeichen durch ein anderes erwiederte,„ich hatte Sie nicht erkannt.“ „Das war bei mir nicht ſo,“ ſprach Caglioſtro mit feſtem ſtolzem Tone,„denn ſo zahlreich ſie auch ſind, ich kenne vom erſten bis zum letzten alle meine Unter⸗ thanen.“ Der Kutſcher ſchloß den Schlag, ſtieg auf ſeinen Bock und führte im Galopp ſeiner Pferde den Wagen vurch dieſen Irrſaal von Straßen, das ſich vom Chatelet bis zum Boulevard des Filles du Calvaire hinzog, und von da die Fahrt bis zur Baſſlle fortſetzend, hielt er erſt bei der Ecke der Rue Saint Claude an. Als der Wagen ſtille ſtand, war der Sch'ag mit einer Gelchwindigieit geöffnet, welche vom ehrfurchts⸗ vollen Eifer des Kutſchers zeugte. Caglroſtro winkte Gilbert, zuerſt auszuſteigen, flieg dann ebenfalls aus und fragte den Kutſcher: „Haſt Du mir nichts zu ſagen?“ „Doch, Monſeigneur,“ antwortete der Kutſcher,„und ich würde Ihnen meinen Bericht dieſen Abend gemacht haben, hätte ich nicht das Glück gehabt, Sie zu treffen.“ „Sprich alſo.“ „Das, was ich Monſeigneur zu ſagen habe, ſoll nicht von profönen Ohren gehört werden.“ „Oh!“ verſetzte Caglioſtro lächelnd,„derjenige, wel⸗ cher uns hört, iſt nicht ganz ein Profaner.“ Gilbert entfernte ſich nun aus Discretion. Er konnte ſich indeſſen nicht enthalten, mit einem Auge zu ſchauen und mit einem Ohre zu hören. Er ſah, bei der Erzählung des Kutſchers, ein Lächeln über das Geſicht von Balſamo ſchweben. Er hörte die zwei Namen, Monfieur und Favras; als der Bericht beendigt war, zog Caglioſtro zwei Louis d'or aus der Taſche und wollte ſie dem Kutſcher geben. 188 Aber dieſer ſchüttelte den Kopf. „Monſeigneur,“ ſprach er,„weiß wohl, daß es uns 8 von der oberſten Venta verboten iſt, uns unſere Berichte bezahlen zu laſſen.“ „Ich bezahle Dir auch nicht Deinen Bericht, ſondern ſ Deine Fahrt,“ erwiederte Balſamv. h „Unter dieſem Titel nehme ich es an,“ ſagte der Kutſcher. t Und er nahm die zwei Louis d'or und fügte hei: ² „Ich danke, Monſeigneur, das iſt mein Tagelohn.“ n Dann ſprang er leicht auf ſeinen Bock, fuhr im 2 Trab weg, klatſchte mit ſeiner Peitſche und ließ Gilbert ganz erſtaunt über das, was er geſehen und gehört, ſ zurück. „Nun!“ ſagte Caglioſtro, der die Thüre ſeit einigen 4 Seeunden offen hielt, ohne daß Gilbert eintrat,„tommen z Sie, mein lieber Doctor?“ zi „Hier bin ich,“ erwiederte Gilbert,„entſchuldigen ie.“. Und er trat über die Schwelle, ſo betäubt, daß er 2 ſchwankte wie ein Trunkener. be n XXIX. 6 v Abermals das Haus der Rue Baint-Clande. ſe Man weiß übrigens, welche Gewalt Gilbert über ſich beſaß; or hatte nicht den großen einſamen Hof durch⸗ ſchritten, als er ſich ſchon wieder erholt, und er ſtieg mit einem eben ſo feſten Tritte die Stufen der Freitreppe 189 hinauf, als er ſchwankend über die Thürſchwelle gegan⸗ gen war. Ueberdies kannte er das Haus, in das er eintrat, ſchon, da er in demſelben einen Beſuch in einer Epoche ſeines Lebens gemacht, welche tiefe Erinnerungen in ihm hinterlaſſen hatte. Im Vorzimmer traf er denſelben deutſchen Bedien⸗ ten, den er ſechszehn Jahre früher hier getroffen; er war an demſelben Platze und trug eine ähnliche Livree; nur war er, wie er, Gilbert, wie der Graf, wie ſelbſt das Vorzimmer, um ſechszehn Jahre älter geworden. Fritz,— man erinnert ſich, daß der würdige Diener ſo hieß,— Fritz errieth mit dem Auge, wohin ſein Herr Gilbert führen wollte, und raſch öffnete er zwei Thüren und blieb auf der Schwelle der dritten ſtehen, um ſich zu verſichern, ob ihm Caglioſtro keinen weiteren Befehl zu geben habe. Dieſe dritte Thür war die des Salon. Caglioſtro bedeutete Gilbert durch ein Zeichen mit der Hand, er könne in den Salon eintreten, und hieß mit dem Kopfe nickend Fritz ſich zurückziehen. Nur fügte er mit der Stimme in deutſcher Sprache ei: 5 5 bin bis auf weiteren Befehl für Niemand zu auſe.“ Dann wandte er ſich gegen Gilbert um und ſagte: „Nicht, damit Sie nicht verſtehen, was ich zu mei⸗ nem Bedienten ſage, ſpreche ich deutſch; ich weiß, daß Sie dieſer Sprache mächtig ſind; aber Fritz, ein Tyroler, verſteht das Deutſche beſſer als das Franzöſiſche Nun ſetzen Sie ſich, ich gehöre ganz Ihnen, lieber Doetor.“ Glilbert konnte ſich nicht enthalten, mit einem neu⸗ gierigen Blicke umherzuſchauen, und ſeine Augen hefteten ſich nach und nach auf die verſchiedenen Meubles und Gemälde, welche den Salon ſchmückten, und es ſchien 190 einer um den andern von dieſen Gegenſtänden in ſein Gedächtniß zurückzukehren. Der Salon war wohl derſelbe wie einſt, die acht Meiſterbilder hingen noch an den Wänden; die Fauteuils von kirſchrothem, goldgeſticktem Lompas ließen immer noch ihre Blumen in dem Halbſchatten, den die dichten Vorhänge verbreiteten, glänzen; der groſte Tiſch von Boule war an ſeinem Platze, und die mit Porzellan von Sdores beladenen Guécidons erhoben ſich immer noch zwiſchen den Fenſtern. Gilbert ſtieß einen Seufzer aus und ließ ſeinen Kopf in ſeine Hand fallen. Auf die Neugierde der Gegenwart waren, für einen Augenblick wenigſtens, die Erinnerungen an die Vergangenheit gefolgt. Caglioſtro ſchaute Gilbert an, wie Mevhiſtopheles Fauſt anſchauen mußte, als der deutſche Philoſoph ſo unklua war, ſich vor ihm ſeinen Tröumen hinzugeben. Plötzlich ſagte er mit ſeiner ſcharfen Stimme: „Es ſcheint, lieber Doctor, Sie erkennen dieſen Salon wieder?“ „Ja, und er erinnert mich an die Verbindlichkeiten, die ich gegen Sie habe.“ „Ah! bah! Chimären!“ „Wahrhaftig,“ fuhr Gilbert fort, der eben ſo wohl mit ſich ſelbſt, als mit Caglioſtro ſprach,„Sie ſind ein ſeltſamer Mann, und erlaubte mir die allmächtige Ver⸗ nunft den magiſchen Wundern, welche uns die Dichter und Chronikſchreiber des Mittelalters berichten, Glauben beizumeſſen, ſo wäre ich verſucht, zu glauben, Sie ſeien Zauberer wie Merlin oder Goldmacher wie Nicolas Flamel.“ „Ja, für alle Welt bin ich dies, Gilbertz doch für Sie, nein. Nie habe ich Sie durch Wunder zu blenden geſucht. Sie wiſſen, ich ließ Sie immer den Grund der Dinge berühren, und haben Sie zuweilen, auf meinen Ruf, die Wahrheit aus ihrem Schachte ein wenig mehr F en n, hl in er⸗ ter en en as ür en er en hr 191 geſchmückt, ein wenig beſſer gekleidet, als ſie dies zu ſein pflegt hervorkommen ſehen, ſo rührt vies davon her, daß ich als ächter Siciltaner, was ich bin, den Geſchmack für Flittergold habe.“ „Hier, wie Sie ſich erinnern, Graf, haben Sie hundert tauſend Thaler einem unglücklichen Kinde in Lum⸗ pen mit derſelben Leichtigkeit gegeben, wie ich einem Ar⸗ men einen Sou geben würde.“ „Sie vergeſſen etwas noch Außerordentlicheres, Gil⸗ bert,“ ſprach Caglioſtro mit ernſtem Tone:„daß mir dieſes Kind in Lumpen die hundert tauſend Thaler, weni⸗ ger zwei Louis d'or, die es angewendet, um ſich Kleiver zu kaufen, zurückgebracht hat.“ „Das Kind war nur ehrlich, während Sie herrlich waren.“ „Und wer ſagt Ihnen, Gilbert, es ſei nicht leichter herrlich, als ehrlich zu ſein, hundert tauſend Thaler zu geben, wenn man Millionen hat, als demjenigen, we cher er ſie Ihnen geliehen, hundert tauſend Thaler zurückzu⸗ bringen, wenn man keinen Sou hat.“ „Das iſt vielleicht wahr,“ verſetzte Gilbert. „Uebrigens hängt Alles von der Stimmung des Geiſtes ab, in der man ſich befindet. Es war mir kurz zuvor das größte Unglück meines Daſeins widerfahren, Gilbert; ich hing an nichts mehr, und hätten Sie mein Leben von mir verlangt, ich glaube, Gott verzeihe mir, ich würde es Ihnen gegeben haben, wie ich Ihnen die hundert tauſend Thaler gab.“ „Sie ſind alſo eben ſo dem Unglück unterworfen, wie die anderen Menſchen?“ ſagte Gilbert, indem er Caglioſtro mit einem gewiſſen Erſtaunen anſchaute. Caglioſtro ſeufzte. „Sie ſprachen von Erinnerungen, die dieſer Salon in Ihnen zurückruft. Spräche ich Ihnen von dem, wor⸗ an er mich erinnert„ Doch nein; vor dem Ende mei⸗ ner Erzählung würden der Reſt meiner Haare weiß werdenz 152 laſſen wir die abgelaufenen Ereigniſſe in ihrem Leichen⸗ tuche, der Vergeſſenheit,— in der Vergangenheit, ihrem Grabe,— ſchlafen. Plaudern wir von der Gegenwart, plaudern wir ſogar von der Zukunft, wenn Sie wollen.“ „Graf, ſo eben führten Sie mich ſelbſt zur Wirklich⸗ keit zurück; ſo eben brachen Sie für mich, wie Sie ſag⸗ ten, mit dem Charlatanismus, und nun ſprechen Sie ſelbſt das ſonore Wort: die Zukunft, aus? Als ob dieſe Zukunft in Ihren Händen wäre, und als ob Ihre Augen ihre unentzifferbaren Hieroglyphen leſen könnten!“ „Und Sie vergeſſen, daß man ſich, da ich zu meiner Verfügung mehr Mittel habe, als die anderen Menſchen, nb wundern darf, wenn ich beſſer und weiter ſehe, als „Immer Worte, Graf!“ „Sie ſind vergeßlich in Betreff der Thatſachen, Doector.“ „Was wollen Sie,— wenn meine Vernunft ſich weigert; zu glauben?“ „Erinnern Sie ſich des Philoſophen, der die Bewe⸗ gung leugnete?“ „Ja⸗ „Was that ſein Gegner?“ „Er ging von ihm.. Gehen Sie! ich ſchaue, oder vielmehr, ſprechen Sie! ich höre Sie.“ „In der That, wir find zu dieſem Ende gekommen, und es iſt nun ſchon viel Zeit mit Anderem verloren. Reden Sie, Doctor, woran ſind wir mit unſerem Fuſions⸗ miniſterium?“ „Wie, mit unſerem Fuſionsminiſterium?“ „Ja, mit unſerem Miniſterium Mirabeau⸗Lafayette.“ „Wir find bei leeren Gerüchten, welche Sie, wie vie Anderen, haben wieverholen hören, und Sie wollen ihre Realität erkennen, indem Sie mich befragen.“ „Doctor, Sie ſind der eingefleiſchte Zweifel, und das Erſchreckliche daran iſt, daß Sie zweifeln, nicht weil S w ſa 193 Sie nicht glauben, ſondern weil Sie nicht glauben wollen. Ich muß Ihnen alſo zuerſt ſagen, was Sie ſo gut wiſſen, als ich? Es ſei. Hernach werde ich Ihnen ſagen, was ich beſſer weiß, als Sie.“ „Ich höre, Graf.“ „Vor vierzehn Tagen ſprachen Sie mit dem König von Herrn von Mirabeau als von dem einzigen Manne, der die Monarchie retten könnte. An jenem Tage,— er⸗ nern Sie ſich deſſen,— gingen Sie aus dem Zimmer des Königs weg, als Herr von Favras gerade eintrat.“ „Was beweiſt, daß er damals noch nicht gehenkt war, Graf,“ ſagte Gilbert lachend. „Oh! Sie haben große Eile, Doctor! ich wußte nicht, daß Sie ſo grauſam ſind; laſien Sie doch dem armen Teufel ein paar Tage: ich habe Ihnen die Pro⸗ phezeiung am 6. October gemacht; heute iſt der 6. No⸗ vember, das iſt nicht mehr als ein Monat. Sie werden wohl ſeiner Seele, um aus ſeinem Körper zu gehen, die Zeit bewilligen, die man einem Miethmann bewilligt, um ſeine Wohnung zu verlaſſen— das Trimeſter. Doch ich muß Ihnen bemerken, Doctor, daß Sie mich vom geraden Wege abbringen.“ „Kehren Sie auf denſelben zurück, Graf; ich folge Ihnen mit Vergnügen.“ „Sie ſprachen alſo mit dem König von Herrn von Mirabeau als von dem einzigen Menſchen, der die Mo⸗ narchie retten könnte.“ „Das iſt meine Meinung, Graf; darum habe ich dieſe Combination dem König vorgeſchlagen.“ „Das iſt auch die meinige, Doctor; darum wird die Combination, die Sie dem Koͤnig vorgeſchlagen haben, ſcheitern.“ „Scheitern?“ „Allerdings Sie wiſſen wohl, ich will nicht, daß die Monarchie gerettet werde!“ Die Gräfin von Charny. I. 13 194 „Fahren Sie fort.“ „Ziemlich erſchüttert durch das, was Sie ihm ſagten, hat der König,— verzeihen Sie, ich bin genöthigt, von oben wieder aufzunehmen, um Ihnen zu beweiſen, daß mir nicht eine Phaſe der Unterhandlung unbekannt iſt,— ziemlich erſchüttert durch das, was Sie ihm ſagten, hat der König von Ihrer Combination mit der Königin geſprochen, und,— zum großen Erſtaunen der oberflächlichen Geiſter, wenn die große Schwätzerin, die man die Geſchichte nennt, laut ſagen wird, was wir hier leiſe ſagen,— war die Königin Ihren Plänen weniger entgegen als der König; ſie ließ Sie rufen; ſie erörterte mit Ihnen das Für und Wider unv ermächtigte Sie am Ende, mit Herrn von Mirabeau zu ſprechen. Iſt dies die Wahrheit, Doctor?“ fragte Caglioſtro, Gilbert ins Ge⸗ ſicht ſchauend. „Ich muß geſtehen, Graf, daß Sie bis hierher nicht einen Augenblick vom geraden Wege abgegangen ſind.“ „Wonach Sie, Herr Hochmüthiger, ſich entzückt und in der tiefen Ueberzeugung, dieſe königliche Verwandlung ſei Ihrer unwiderlegbaren Logik und Ihren unwiderſieh⸗ lichen Argumenten zuzuſchreiben, entfernt haben.“ Bei dieſem ironiſchen Tone biß ſich Gilbert unwill⸗ kürlich leicht auf die Lippen. „Und was hätte dieſe Verwandlung bewirkt, wenn nicht meine Logik und meine Argumente? ſprechen Sie, Graf; das Studium des Herzens iſt mir ſo koſtbar, als das des Leibes; Sie haben ein Inſtrument erfunden, mit deſſen Hülfe man in der Bruſt der Könige lieſt: geben Sie mir dieſes wunderbare Teleskop; Sie müßten ein Feind der Menſchheit ſein, wenn Sie es für ſich allein behalten würden.“ „Ich ſagte Ihnen, ich habe keine Geheimniſſe für Sie, Doctor. Ich werde alſo Ihrem Wunſche gemäß mein Teleskop in Ihre Hände legen; Sie können nach Ihrem Belieben durch das Ende ſchauen, welches vergroͤßert, oder t. . t er er ie er er te ie e⸗ ht nd g h⸗ ll⸗ nn ie, s nit n ein ein für ein em er 195 durch das, welches verkleinert. Nun denn, die Königin hat aus zwei Gründen nachgegeben: einmal, weil am Tage vorher ihr Herz einen großen Schmerz erduldet hatte, und weil ihr eine Intrigue zum Anknüpfen und zum Entwickeln vorſchlagen der Königin eine Zerſtreuung vorſchlagen hieß; ſodann, weil die Koͤnigin Frau iſt, weil man ihr Herrn von Mirabeau als einen Löwen, als einen Tiger, als einen Bären geſchildert hat und eine Frau nie dem für die Eitelkeit ſo ſchmeichelhaften Wunſche, einen Bären, einen Tiger oder einen Löwen zu zähmen, widerſtehen kann. Sie ſagte ſich:„„Es wäre ſeltſam, wenn ich zu meinen Füßen dieſen Mann beugte, der mich haßt; wenn ich den Tribun, der mich beſchimpft hat, da⸗ hin brächte, daß er in Demuth Abbitte thäte. Ich werde ihn vor mir knieen ſehen, das wird meine Rache ſein; geht dann aus dieſer Kniebeugung etwas Gutes für Frankreich und das Königthum hervor, deſto beſſer!““ Doch Sie begreifen, dieſes letzte Gefühl war ganz ſe⸗ cundär.“ „Sie bauen auf Hypotheſen, Graf, und Sie hatten mir verſprochen, mich durch Thatſachen zu überzeugen.“ „Sie ſchlagen mein Teleskop aus; ſprechen wir nicht mehr davon und kommen wir auf die materiellen Dinge zurück, auf die, welche man mit bloßen Augen ſehen kann, auf die Schulden von Herrn von Mirabeau, zum Beiſpiel. Ah! das gehort zu den Dingen, für welche man kein Teleskop braucht.“ „Nun, Graf, Sie haben da Gelegenheit, Ihre Frei⸗ gebigkeit zu zeigen.“ „Indem ich die Schulden von Herrn von Mirabeau bezahle?“ „Warum nicht? Sie haben wohl eines Tags die des Herrn Cardinal von Rohan bezahlt.“ „Ah! werfen Sie mir dieſe Speculation nicht vor, das iſt eine von denjenigen, welche mir am beſten ge⸗ glückt ſind.“ 196 „Und was hat ſie Ihnen eingetragen?“ „Die Halsbandgeſchichte mir ſcheint, das iſt hübſch. Um einen ſolchen Preis bezahle ich die Schulden von Herr von Mirabeau. Doch für den Augenblick wiſſen Sie, daß er nicht auf mich rechnet; er rechnet auf den zu⸗ künftigen Generaliſſimus Lafayette, der ihn unglücklichen fünfzigtauſend Franken, welche er ihm am Ende nicht gibt, wie einen Hund Kaſtanien nachſpringen läßt.“ „Oh! Graf!“ „Armer Mirabeau! in der That, wie alle diefe Dumm⸗ kopfe und dieſe Gecken, mit denen Du zu thun haſt, Dein Genie die Thorheiten Deiner Jugend bezahlen laſſen! Es iſt wahr, Alles dies iſt providentiell, und Gott iſt genöthigt, durch menſchliche Mittel zu verfahren.„„Der unmora⸗ liſche Mirabeau!““ ſagt Monſieur, der unvermögend iſt; „„Mirabeau, der Verſchwender!““ ſagt der Graf d'Artois, dem ſein Bruder dreimal ſeine Schulden bezahlt hat. Armes Genie! ja, Du würdeſt die Monarchie vielleicht retten, da aber die Monarchie nicht gerettet werden ſoll, ſo ſagt Rivarol:„„Mirabeau iſt ein ungeheurer Schwä⸗ tzer!““„„Mirabeau iſt ein Lump!““ ſagt Malby. „„Mirabeau iſt ein wunderlicher ausſchweifender Kopf!““ ſagt la Poule.„„Mirabeau iſt ein Ruchloſer!““ ſagt Gulllermy.„„Mirabeau iſt ein Mörder!““ ſagt der Abbé Maury„„Mirabeau iſt ein todter Mann!““ ſagt Target.„Mirabeau iſt ein begrabener Mann!““ ſagt Duport.„„Mirabeau iſt ein Redner, der mehr ausge⸗ ziſcht als beklatſcht worden iſt!““ ſagt Pelletier.„„Mi⸗ rabeau hat die Blattern an der Seele!““ ſagt Champeenetz. „Man muß Mirabeau auf die Galeeren ſchicken!““ ſagt Lambesc.„„Man muß Mirabeau aufhängen 1½ ſagt Marat. Und Mirabeau ſterbe morgen, ſo wird ihm das Volk eine Apotheoſe machen, und alle dieſe Zwerge, die er um die ganze Bruſt überragt, und auf denen er laſtet, ſo lange er lebt, werden ſeinem Leichenbegängniß folgen und ſingen und ſchreien;„„Wehe Frankreich, das 197 ſeinen Tribun verloren hat! wehe dem Königthum, das ſeine Stütze verloren hat!“ „Werden Sie mir auch den Tod von Mirabeau prophezeien?“ rief Gilbert beinahe erſchrocken. „Sprechen Sie offenherzig, Doctor, glauben Sie, er werde lange leben, dieſer Mann, den ſein Blut verbrennt, den ſein Herz erſtickt, den ſein Genie verzehrt? Glauben Sie, Kräfte, ſo rieſig ſie ſein moͤgen, erſchöpfen ſich nicht in einem ewigen Kampfe gegen den Strom der Mittel⸗ mäßigkeit? Das von ihm unternommene Werk iſt der Stein des Siſyphus. Erdrückt man ihn ſeit zwei Jah⸗ ren nicht unabläſſig mit dem Worte: Unſittlichkeit?2 So oft er es nach unerhörten Anſtrengungen üf den Gipfel des Berges zurückgeſchoben zu haben glaubt, fällt dieſes Wort ſchwerer als je wieder auf ihn herab. Was hat man dem König geſagt, der beinahe ver Meinung der Königin in Beziehung auf Herrn von Mirabeau als erſten Miniſter beigetreten war?„„Sire, Paris wird über Unſittlichkeit ſchreien; Frankreich wird über Unſittlichkeit ſchreien; Curopa wird über Unſittlichkeit ſchreien!““ Als ob Gott die großen Männer in derſelben Form göße, wie den gemeinen Haufen der Sterblichen, und als ob, ſich er⸗ weiternd, der Kreis, der die großen Tugenden umfaßt, nicht auch die großen Laſter umfaſſen müßte! Gilbert, Sie werden ſich erſchöpfen, Sie und ein paar Männer von Intelligenz, um Mirabeau zum Miniſter zu machen, das heißt zu dem, was Herr von Turgot, ein Einfalts⸗ pinſel, Herr Necker, ein Pedant, Herr von Calonne, ein Geck, Herr von Brienne, ein Atheiſt, geweſen ſind;— und Mirabeau wird nicht Miniſter ſein, weil er hundert⸗ tauſend Franken Schulden hat, welche bezahlt wären, wäre er der Sohn eines einfachen Generalpächters, und weil er zum Tode verurtheilt worden iſt, wegen der Ent⸗ führung der Frau eines alten Blödſinnigen, welche Frau ſich am Ende aus Liebe für einen ſchönen Kapitän mit Kohlendampf erſtickt hat.“ 198 „Aber was prophezeien Sie mir denn da?“ fragte Gilbert, der, während er dem Ausfluge, den der Geiſt von Caglioſtro in das Land der Phantaſie gemacht hatte, ſeinen Beifall gab, ſich nur um den Schluß bekümmerte, den er daraus zurückgebracht. „Ich ſage Ihnen,“ wieverholte Caglioſtro mit dem Prophetentone, der nur ihm eigenthümlich war und keine Entgegnung zuließ,„ich ſage Ihnen, Herr von Mirabeau, der Mann von Genie, der Staatsmann, der große Redner, wird ſein Leben aufzehren und am Grabe anlangen, ohne daß er es dazu gebracht hat, das zu ſein, was alle Welt geweſen ſein wird: Miniſter! Ah! die Mittelmäßigkeit iſt eine gute Protection, mein lieber Gilbert!“ „Aber der König widerſetzt ſich alſo?“ fragte Gilbert. „Peſt! er hütet ſich wohl; er müßte mit der Köni⸗ gin fireiten, der er beinahe ſein Wort gegeben hat. Sie wiſſen, daß die Politik des Königs in dem Worte bei⸗ nahe liegt; er iſt beinahe conſtitutionell, beinahe Philo⸗ ſoph, beinahe populär und beinahe fein, wenn er von Monſieur berathen wird. Gehen Sie morgen in die Nationalverſammlung, mein lieber Doctor, und Sie wer⸗ den ſehen, was vort vorfällt!“ „Können Sie mir es nicht zum Voraus ſagen?“ „Dies hieße Ihnen das Vergnügen der Ueberraſchung rauben.“ „Morgen, das iſt lang!“ „So thun Sie etwas Beſſeres. Es iſt fünf Uhr; in einer Stunde wird ſich der Club der Jacobiner er⸗ — öffnen. Das ſind Nachtvögel, wie Sie wiſſen, dieſe Herren Jacobiner. Gehören Sie zur Geſellſchaft?“ „Nein. Camille Desmoilins und Danton haben mich bei den Cordeliers aufnehmen laſſen.“ „Nun wohl, in einer Stunde wird, wie ich Ihnen ſagte, der Club der Jacobiner ſich eröffnen. Das iſt eine ſehr gut zuſammengeſetzte Geſellſchaft, in welcher ——— 18 — 8 er e½— 8+ 8b— — —,—— — — ————*— te i⸗ ie ⸗ n ie r⸗ 199 wir, ſeien Sie unbeſorgt, nicht am unrechten Orte ſein werden. Wir ſpeiſen mit einander zu Mittag; nach dem Eſſen nehmen wir einen Fiacre; wir laſſen uns in die Rue Saint⸗Honoré führen, und wenn Sie aus dem alten Kloſter weggehen, werden Sie erbaut ſein. Zwölf Stun⸗ den im Voraus in Kenntniß geſetzt, werden Sie überdies vielleicht Zeit haben, den Streich zu pariren. Nun aber laſſen Sie uns ſpeiſen.“ „Wie!“ fragte Gilbert,„Sie ſpeiſen um fünf Uhr zu Mittag?“ „Auf den Schlag fünf. Ich bin ein Vorläufer in allen Dingen; in zehn Jahren wird Frankreich nur zwei Mahle machen: ein Frühſtück um zehn Uhr Morgens und ein Mittagsmahl um ſechs Uhr Abends.“ „Und wer wird dieſe Veränderungen in den Ge⸗ wohnheiten herbeiführen?“ „Die Hungersnoth, mein Lieber.“ „Sie ſind wahrhaftig ein Unglücksprophet.“ „Nein, denn ich prophezeie Ihnen ein gutes Mahl.“ „Haben Sie Geſellſchaft?“ „Ich bin durchaus allein. Doch Sie kennen das Wort des alten Gaſtronomen:„„Lucullus ſpeiſt bei Lucullus.“. „Monſignieur iſt bedient,“ meldete ein Lakei, der beide Füügel der Thüre eines glänzend erleuchteten und koſtbar ſervirten Speiſezimmers öffnete. „Kommen Sie, Herr Pythagoräer,“ ſagte Caglioſtro, indem er Gilbert beim Arme nahm.„Bah! ein Mal iſt nicht Gewohnheit!“ Gilbert folgte dem Zauberer, unterjocht durch die Magie ſeiner Worte, und vielleicht auch hingezogen durch die Hoffnung, in ſeinem Geſpräche irgend einen Blitz glänzen zu machen, der ihn in der Nacht, in welcher er ging, leiten könnte. 200 Der Club der Jarobiner. Zwei Stunden nach der von uns mitgetheilten Unterredung hielt ein Wagen ohne Livree und ohne Wappen vor der Thüre der Saint⸗Roch⸗Kirche, deren Facade noch nicht durch die Kugeln des 13. Vendemiaire verſtümmelt worden war. Aus dieſem Wägen ſtiegen zwei Männer aus, ſchwarz gekleidet, wie es damals die Mitglieder des dritten Stan⸗ des waren, und beim gelben Schimmer der Reverberen, welche ſtellenweife den Nebel der Rue Saint⸗Honoré durchdrangen, einer Art von Strömung, welche die Menge bildete, folgend zogen ſie ſich auf der linken Seite der Straße bis zu der kleinen Thüre des Jacobiner⸗ Kloſters hin. Haben unſere Leſer, wie dies wahrſcheinlich iſt, er⸗ rathen, daß dieſe zwei Männer der Doctor Gilbert und der Graf von Caglioſtro oder der Banquier Zannone, wie er ſich zu jener Zeit nennen ließ, waren, ſo brauchen wir ihnen nicht zu erklären, warum ſie vor der kleinen Thüre ſtehen blieben, da dieſe Thüre das Ziel ihres nächtlichen Ganges war. Uebrigens hatten die zwei Ankömmlinge nur der Menge zu folgen, denn die Menge war groß. „Wollen Sie in das Schiff eintreten, oder werden Sie ſich mit einem Platze auf den Tribunen begnügen?“ fragte Caglioſtro Gilbert. „Ich glaubte, das Schiff ſei einzig und allein den der Geſellſchaft vorbehalten?“ erwiederte ilbert. — —— . 201 „Allerdings; aber bin ich nicht Mitglied von allen Geſellſchaften?“ verſetzte Caglioſtro lachend;„und da ich es bin, ſind es nicht auch meine Freunde? Hier iſt eine Karte für Sie, wenn Sie wollen; ich, was mich betrifft, ich habe nur ein Wort zu ſagen.“ „Man wird uns als Fremde erkennen und weggehen helßen,“ bemerkte Gilbert. „Vor Allem, mein lieber Doctor, muß ich Ihnen Eines ſagen.„ was Sie nicht wiſſen, wie es ſcheint, nämlich, daß die ſeit drei Monaten gegründete Geſellſchaft der Jacobiner ſchon ungefähr ſechzigtauſend Mitglieder in Frankreich zählt und, ehe ein Jahr vergeht, viermal hundert tauſend zählen wird; überdies, mein Theuerſter,“ fügte Caglioſtro lächelnd bei,„überdies iſt hier der wahre Große Orient, der Mittelpunkt aller geheimen Geſellſchaf⸗ ten, und nicht bei dem Dummkopf Fauchet, wie man glaubt. Wenn Sie nun nicht das Recht haben, unter dem Titel eines Jacobiners einzutreten, ſo haben Sie hier Ih⸗ ren Platz in der Eigenſchaft eines Roſenkreuzers anzu⸗ ſprechen.“ „Gleichviel,“ erwiederte Gilbert,„ich ziehe die Tribunen vor. Von den Tribunen herab werden wir über der ganzen Verſammlung ſchweben, und bietet ſich eine gegenwärtige oder zukünftige Illuſtration, die ich nicht kenne, ſo werden Sie mich mit ihr bekannt machen.“ Die Tribunen waren voll, doch bei der erſten, nach der er ſich wandte, brauchte Caglioſtro nur ein Zeichen zu machen und leiſe ein Wort auszuſprechen, und zwei Männer, welche vorne ſtanden, zogen ſich auf der Stelle zurück, als wären ſie nur hierher gekommen, um ſeinen Platz und den des Doctor Gilbert zu hüten. Die Ankömmlinge nahmen ihre Plätze ein. Die Sitzung war noch nicht eröffnet; die Mitglieder der Verſammlung waren in Unordnung im dunkeln Schiffe verbreitet; die Einen plauderten in Gruppen; die Andern gingen in dem engen Raume, den ihnen die große Anzahl ihrer Collegen ließ, auf und ab; wieder Andere träumten 202 vereinzelt, entweder im Schatten ſitzend oder ſtehend und an einen maſſiven Pfeiler angelehnt. Spärliche Lichter goßen in Streifen einige Helle auf dieſe Menge, deren Individualitäten nur hervortraten, wenn ſich ihre Geſichter oder ihre Perſonen zufällig unter einer von dieſen ſchwachen Flammen befanden. Nur war ſelbſt im Halbſchatten leicht zu ſehen, daß man ſich mitten in einem ariſtokratiſchen Vereine befand. Die geſtickten Roͤcke und die Uniformen der Land⸗ und Seeofficiere waren, die Menge mit Refleren von Gold und Silber beſprenkelnd, im Ueberfluſſe vorhanden. Zu jener Zeit demokratiſirte in der That nicht ein Arbeiter, nicht ein Mann aus dem Volke, wir möchten ſchen⸗ beinahe nicht ein Bürger die illuſtre Verſamm⸗ ung. Für die Leute von der kleinen Welt gab es einen zweiten Saal unter dem erſten. Dieſer zweite Saal wurde zu einer andern Stunde geöffnet, damit das Volk und die Ariſtokratie nicht mit dem Ellenbogen an einan⸗ der ſtießen. Für die Unterweiſung dieſes Volkes hatte man eine brüderliche Geſellſchaft gebildet. Die Mitglieder dieſer Geſellſchaft waren beauſtragt, ihm die Conſtitution zu erklären und ihm die Menſchen⸗ rechte auseinanderzuſetzen. Die Jacobiner waren, wie geſagt, zu jener Zeit eine militäriſche, ariſtokratiſche, intellectuelle und beſonders gelehrte und künſtleriſche Geſellſchaft. Die Gelehrten und die Künſtler ſind wirklich in der Mehrheit da. Es ſind hier an Literaten la Harpe, der Verfaſſer von Melanie; Cheénier, der Verfaſſer von Karl IX.; Andrieux, der Verfaſſer der Etourdis, der ſchon im Alter von dreißig Jahren dieſelben Hoffnungen gibt, die er noch im Alter von fiebenzig gab, und der geſtorben iſt, nach⸗ dem er 3 verſprochen und nie gehalten; da iſt auch Sedeine, der ehemalige Steinhauer, begünſtigt von e — v— 8—*— 203 der Königin, ein Royaliſt ſeinem Herzen nach, wie die Mehrzahl der Anweſendenz Chamfort, ver gekrönte Dichter⸗ Erſecretär des Herrn Prinzen von Condé, Vorleſer von Madame Eliſabeth; Laclos, der Mann des Herzogs von Orleans, der Verfaſſer der Liaisons dangereuses, der den Platz ſeines Patrons einnimmt und je nach den Um⸗ ſtänden beauftragt iſt, ihn bei ſeinen Freunden in's Ge⸗ dächtniß zurückzurufen, oder von ſeinen Feinden vergeſſen zu laſſen. An Kuͤnſtlern ſind da Talma der Roͤmer, der in ſeiner Rolle als Titus eine Revolution zu machen im Begriffe iſt; durch ihn wird es kommen, daß man einſt⸗ weilen die Haupthaare abſchneidet, bis es durch Callot d'Herbvis, ſeinen Collegen, dahin kommt, daß man die Köpfe abſchneidet; ferner David, der Leonidas und die Sabinerinnen träumt; David, der ſein großes Gemälde: der Schwur im Ballhauſe, anlegt und ſo eben vielleicht den Pinſel gekauft hat, mit dem er ſein ſchönſtes Gemälde und ſein häßlichſtes Bild: Marat in ſeinem Bade ermordet, machen wird; Vernet, der vor zwei Jahren von der Academie für ſein großes Bild: der Triumph des Paulus Aemilius, auf⸗ genommen worden iſt; der ſich damit beluſtigt, daß er Pferde und Hunde malt, ohne zu ahnen, daß vier Schritte von ihm, in der Verſammlung, am Arme von Talma, ein junger corſiſcher Lieutenant mit glatten, ungepuderten Haaren iſt, welcher ihm, ohne es ſelbſt zu vermuthen, fünf von ſeinen ſchoͤnſten Bildern, den Uebergang über den St. Bernhardsberg, die Schlachten vom Rivoli, vom Marengo, von Auſterlitz und von Wagram vorbereitet; ferner Larive, der Erbe der declamatoriſchen Schule, der noch nicht geruht, in Talma einen Collegen zu ſehen; den Voltaire Corneille und Belloy Racine vorzieht; ferner Lais, der Sänger, der das Entzücken der Oper in den Rollen des Kgufmanns in der Caravane, des Conſul in Trajan und des 204 Einna in der Veſtalin bildet; ſodann Lafahette, Lameth, Duport, Sieyos, Thouret, Chapellier, Rabaut⸗ Saint⸗Gtienne, Lanjuuiais, Monleſier; mitten unter Allem dem endlich, mit herausfordernder Miene und an⸗ maßendem Geſichte, der Abgeordnete von Grenoble, Barnave, aus dem die mittelmäßigen Menſchen einen Mirabeau machen, während Mirabeau ihn zermalmt, ſo oft er ſich herabläßt, den Fuß auf ihn zu ſetzen. Gilbert warf einen langen Blick auf dieſe glänzende Verſammlung, erkannte Jeden, ſchätzte in ſeinem Geiſte alle dieſe verſchiedenen Fähigkeiten und war wenig durch ſie beruhigt. Dieſe royaliſtiſche Geſammtheit tröſtete ihn inveſſen wieder ein wenig. „Im Ganzen,“ ſagte er plötzlich zu Caglioſtro, „welchen Mann ſehen Sie unter allen dieſen Männern, der wirklich feindlich gegen das Königthum geſinnt wäre?“ „Soll ich mit den Augen von Jedermann, mit den Ihrigen, mit denen von Herrn Necker, mit denen des Abbé Maury oder mit den meinigen ſehen?“ „Mit den Ihrigen,“ erwiederte Gllbert;„iſt es nicht entſchieden, daß es Zaubereraugen ſind?“ „Nun wohl, es finden ſich zwei hier.“ „Oh! das iſt nicht viel unter vierhundert Männern.“ „Es iſt genug, wenn Einer von vieſen zwei Män⸗ nern der Mörder von Ludwig XVI. ſein ſoll, und der Andere ſein Nachfolger.“ Gilbert bebte. „Ho! ho!“ murmelte er,„wir haben hier einen zukünftigen Brutus und einen zukünftigen Cäſar!“ „Nicht mehr, nicht weniger, mein lieber Doctor.“ „Sie werden mich wohl beide ſehen laſſen, nicht wahr, Graft“ ſagte Gilbert mit dem Lächeln des Zwei⸗ Lippen. ſtel mit ſchuppenbedeckten Augen!“ erwiederte 205 Caglioſtro,„ich werde etwas Beſſeres thun, wenn Du willſt; ich werde Dich ſie mit dem Finger berühren laſſen. Bei welchem ſoll ich anfangen?“ „Bei dem Umſtürzer, wie mir ſcheint; ich habe große Ehrfurcht für die chronologiſche Ordnung. Laſſen Sie mich zuerſt Brutus ſehen.“ „Du weißt,“ ſprach Caglioſtro, ſich belebend, als würde er vom Hauche der Inſpiration ergriffen,„Du weißt, daß die Menſchen nie mit denſelben Mitteln ver⸗ fahren, um ein ähnliches Werk zu vollbringen? Unſer Brutus wird alſo in keiner Hinſicht dem Brutus des Alterthums gleichen.“ „Ein Grund mehr, daß ich begierig bin, ihn zu ſehen.“ „Nun, ſo ſchau, dort iſt er!“ verſetzte Caglioſtro. Und er ſtreckte die Hand in der Richtung eines an die Kanzel angelehnten Mannes aus, deſſen Kopf ſich in vieſem Augenblick allein im Lichte fand, indeß der übrige Körper im Schatten verloren war. Dieſer bleiche Kopf ſah aus wie, in den alten Tagen der Proſcriptionen, ein abgeſchnittener, an die Redner⸗ bühne genagelter Kopf. Nur die Augen ſchtenen zu leben, mit einem bei⸗ nahe verächtlichen Ausdrucke des Haſſes, mit dem Aus⸗ drucke der Schlange, welche weiß, daß ihr Zahn ein tövtliches Gift enthält; ſie folgten bei ſeinen zahlreichen Evolutionen dem lärmenden und geſchwätzigen Barnave. Gilbert fühlte etwas wie einen Schauer ſeinen gan⸗ zen Leib durchlaufen. „In der That,“ ſagte er,„Sie haben mich zum Voraus darauf aufmerkſam gemacht; das iſt weder der Kopf von Brutus, noch der von Cromwell.“ „Nein,“ verſetzte Caglioſtro;„doch es iſt vielleicht der von Caſſius. Sie wiſſen, mein Lieber, was Cäſar ſagte:„Alle dieſe fetten Leute, alle dieſe Wohllebe⸗ menſchen, welche ihre Tage bei der Tafel, ihre Nächte 206 in Orgien hinbringen, fürchte ich nicht; nein, was ich fürchte, das ſind die Träumer mit magerem Leibe und bleichem Geſichte.““ Derjenige, welchen Sie mir zeigen, entſpricht den von Cäſar geſtellten Bedingungen.“ „Kennen Sie ihn denn nicht?“ fragte Caglioſtro. „Doch!“ erwiederte Gilbert, indem er ihn aufmerk⸗ ſam anſchaute,„ich kenne ihn oder ich erkenne vielmehr in ihm ein Mitglied der Nationalverſammlung.“ „So iſt es!“ „Einer der weitſchweiſigſten Redner der Linken.“ „So iſt es!“ „Den Niemand anhört, wenn er ſpricht.“ „So iſt es!“ „Ein kleiner Advocat von Arras, nicht wahr? er heißt Marimilian von Robespierre.“ „Ganz richtig! Nun wohl, ſchauen Sie dieſen Kopf mit Aufmerkſamkeit an.“ „Ich ſchaue ihn an.“ „Was ſehen Sie daran?“ „Graf, ich bin nicht Lavater.“ „Nein, doch Sie ſind ſein Schüler.“ „Ich ſehe den gehäſſigen Ausdruck der Mittelmäßig⸗ keit gegen das Genie.“ 8 „Das heißt, Sie beurtheilen ihn auch wie die ganze Welt. Ja, es iſt wahr, ſeine ſchwache, ein wenig herbe Stimme, ſein mageres, trauriges Geſicht, die Haut ſei⸗ ner Stirne, welche an ſeinen Schädel wie ein gelbes unbewegliches Pergament geklebt zu ſein ſcheint; ſein glaſiges Auge, das nur zuweilen einen grünlichen Flam⸗ menſtrahl hervorſpringen läßt, welcher ſogleich wieder er⸗ liſcht; dieſe beſtändige Spannung der Muskeln; dieſe gerade durch ihre Unbeweglichkeit ermüdende Phyſiog⸗ nomie; dieſer unveränderlich olivenfarbige Rock, ein einziger, dürrer, ſcharf gebürſteter Rock; ja, Alles dies, ich begreife es wohl, muß wenig Eindruck auf eine an — — — — ⸗ r er pf g⸗ ze ei⸗ es in m⸗ r eſe g⸗ ein 6, an 207 Rednern reiche Verſammlung machen, die das Recht hat, ſchwierig zu ſein, gewohnt, wie ſie es iſt, an das Löwen⸗ geſicht von Mirabeau, an die verwegene Anmaßung von Barnave, an die ſcharfe Gegenrede des Abbs Maury, an die Wärme von Cazalös und an die Logik von Sieyösz dieſem aber wird man nicht, wie Mirabeau, ſeine Immo⸗ ralität vorwerfen; dieſer iſt der redliche Mann; er geht nie aus den Principien heraus, und geht er je aus der Geſetzlichkeit heraus, ſo wird es geſchehen, um den alten Tert mit dem neuen Geſetze zu tödten!“ „Aber wer iſt denn dieſer Robespierre?“ „Ah! da biſt Du, Ariſtokrat des 17. Jahrhunderts! „„Wer iſt denn dieſer Cromwell?““ fragte der Graf von Strafford, dem der Protector den Kopf abſchlagen ſollte;„„ich glaube, ein Bierſchenk.““ „Wollen Sie damit ſagen, mein Kopf laufe dieſelbe Gefahr, wie der von Sir Thomas Wentworth?“ fragte Gilbert, der ein Lächeln verſuchte, welches ſich auf ſei⸗ nen Lippen in Eis verwandelte. „Wer weiß?“ verſetzte Caglivſtro. „Ein Grund mehr, daß ich mich erkundige,“ ſprach der Doctor. „Wer dieſer Robespierre iſt? In ganz Frankreich weiß es vielleicht Niemand als ich. Ich liebe es, damit bekannt zu ſein, woher die Auserwählten des Verhäng⸗ niſſes kommen; das hilft mir errathen, wohin ſie gehen. Die Robespierre ſind Irländer. Ihre Vorfahren gehörten vielleicht zu jenen iriſchen Colonien, welche im 16. Jahr⸗ hundert herüberkamen und die Seminarien und Klöſter unſerer noͤrblichen Küſten bevölkerten; dort werden ſie von den Jeſuiten die ſtarke Wiverſprecher⸗Erziehung er⸗ halten haben, die dieſe ihren Zöglingen gaben; ſie waren Notare vom PVater auf den Sohn. Ein Zweig der Famllie, der, von welchem dieſer abſtammt, ließ ſich in Arras, einem, wie Sie wiſſen, großen Centrum des Adels und der Geiſtlichkeit, nieder. Es waren in der 208 Stavt zwei Herren oder vielmehr zwei Könige: der Eine, der Abt von Saint⸗Waaſtz der Andere, der Biſchof von Arras, deſſen Palaſt die Hälfte der Stadt in den Schat⸗ ten ſiellt. In dieſer Stadt iſt derjenige, welchen Sie dort ſehen, im Jahre 1758 geboren. Was er als Kind gethan hat, was er als junger Mann gethan hat, was er in dieſem Aogenblicke thut, will ich Ihnen mit zwei Worten ſagen; was er thun wird, habe ich Ihnen ſchon mit einem geſagt. Es waren vier Kinder im Hauſe. Der Chef der Familie verlor ſeine Frau; er war Ad⸗ vocat beim Rathe von Artois; nach dem Tode ſeiner Frau verſank er in eine tiefe Traurigkeit; er hörte auf zu plaidiren, un ternahm eine Zerſtreuungsreiſe und kam nicht mehr zurück. Mit eilf Jahren war der älteſte Sohn,— dieſer hier,— ebenfalls Familienhaupt, Vor⸗ mund von einem Bruder und von zwei Schweſtern; in vieſem Allen begriff, ſeltſamer Weiſe, das Kind ſeine Aufgabe und machte ſich ſogleich zum Manne. In vier und zwanzig Stunden wurde er das, was er geblieben iſt: ein Geſicht, vas zuweilen lächelt, ein Herz, das nie lacht. Er war der beſte Zögling vom Collegium. Man erhielt für ihn vom Abte von Saint⸗Waaſt eines von den Stipendien, über welche der Prälat beim Collége Louis⸗le⸗Grand verfügte. Er kam allein nach Paris, empfohlen an einen Domherrn von Notre⸗Dame; im Verlaufe des Jahres ſtarb der Domherr. Beinahe zu gleicher Zeit ſtarb in Arras ſeine jüngere Schweſter, die er am meiſten liebte. Der Schatten der Jeſuiten, die man aus Frankreich vertrieben hatte, ſiel noch auf die Mauern von Louis⸗le⸗Grand. Sie kennen das Gebäude, wo zu dieſer Stunde Ihr Sebaſtian heranwächſt; düſter und tief wie die der Baſtille, entfärben ſeine Höfe die friſche⸗ ſten Geſichter; das des jungen Robespierre war bleich, ſie machten es leichenfarbig. Die anderen Kinder gingen zuweilen aus; für ſie hatte das Jahr Sonntage und Feſte; für den verwaiſten, jeder Protection entbehrenden 8— — — 1 209 Stipendiaten waren alle Tage bieſelben. Während die Anderen die Luft der Familie athmeten, athmete er die Luft der Einſamkeit, der Traurigkeit und der Langweile; drei ſchlimme Hauche, welche in den Herzen den Haß und den Neid entzünden und der Seele ihre Blüthe rau⸗ ben. Dieſer Hauch verſchmächtigte den Knaben und machte einen faden jungen Mann aus ihm. Eines Tags wird man nicht glauben, daß es ein Portrait von Robes⸗ pierre im Alter von vier und zwanzig Jahren gibt, wo er eine Roſe in einer Hand hält und die andere an ſeine Bruſt drückt mit der Deviſe:„Alles für meine Freundin!“ Gilbert lächelte traurig, indem er Robespierre an⸗ ſchaute. „Es iſt wahr,“ fuhr Caglioſtro fort,„als er dieſe Drviſe nahm und ſich ſo malen ließ, ſchwor dieſe Friüi⸗ Er wurde Advpeat, din, nichts auf der Welt werde ihr Schickſal trennen; er ſchwor auch, und zwar als ein Mann, der geſonnen iſt, ſeinen Schwur zu halten. Er machte eine Reiſe von drei Monaten und fand ſie verheirathet wieder. Der Abt von Saint⸗Waaſt war übrigens ſein Gönner ge⸗ blieben; er hatte ſeinem Bruder das Stipendium vom Collége Louis⸗le⸗Grand zukommen laſſen und ihm die Stelle eines Richters beim Criminaltribunal gegeben. Es kam ein Prozeß zur gerichtlichen Entſcheidung, ein Mörder war zu beſtrafen; Robespierre, voller Gewiſſens⸗ biſſe, daß er, ſelbdritte, es gewagt, über das Leben eines Menſchen zu verfügen, obgleich dieſer Menſch als ſchul⸗ dig erkannt war, Robespierre nahm ſeine Entlaſſung. denn er mußte leben und ſeine junge Schweſter ernähren; der Bruder wurde ſchlecht genährt im Collége Louis⸗le⸗Grand, aber er war doch am Ende genährt. Kaum hatte er ſich in die Liſte einſchreiben laſſen, als ihn Bauern baten, für ſie gegen den Biſchof von Arras zu plaidiren. Die Bauern waren in ihrem Die Gräfin von Charny. n. 14 2¹0 Rechte; Robespierre überzeugte ſich hievon durch die Prüfung der Acten, plaidirte, gewann den Prozeß der Bauern und wurde, noch ganz warm von ſeinem Siege, in die Nationalverſammlung geſchickt. In der National⸗ verſammlung fand ſich Robespierre zwiſchen einen mäch⸗ tigen Haß und eine tiefe Verachtung geſtellt: Haß der Geiſtlichkeit gegen den Advocaten, der es gewagt hatte, gegen den Biſchof von Arras zu plaidiren; Verachtung der Adeligen des Artvis gegen den durch die Wohlthätig⸗ keit erzogenen Robin*).“ „Aber was hat er denn bis heute gethan 7“ unter⸗ brach Gilbert. „Oh mein Gott! beinahe nichts für die Andern, aber ziemlich viel für mich. Entſpräche es nicht meinen Plänen und Abſichten, daß dieſer Menſch arm iſt, ſo gäbe ich jhm morgen eine Million.“ „Ich frage Sie noch einmal: was hat er gethan 7“ „Erinnern Sie ſich des Tages, wo die Geiſtlichkeit heuchleriſcher Weiſe in der Verſammlung den durch das königliche Veto unſchlüſſigen dritten Stand bat, ſeine Arbeiten zu beginnen?“— „Ja. „Nun wohl, durchleſen Sie noch einmal die Rede, welche an dieſem Tage der kleine Advocat von Arras hielt, und Sie werden ſehen, ob nicht eine ganze Zukunft in dieſer herben Heftigkeit liegt, die ihn beinahe beredt machte.“ „Doch ſeitdem?“ „Seitdem?„Oh! das iſt wahr. Wir ſind ge⸗ nöthigt, vom Monat Mai auf den Monat Oetober über⸗ zuſpringen. Als am 5. Maillard, der Abgeordnete der Pariſer Weiber, im Namen ſeiner Clientinnen die Na⸗ tionalverſammlung haranguirte, nun, da blieben alle Mit⸗ *) Ein Spottname für Magiſtratsperſonen, Advokaten, Rechtsgelehrte und dergl⸗ vv— — — F e⸗ er⸗ der it⸗ en, 21¹ glieder dieſer Verſammlung ſtumm und unbeweglich; dieſer kleine Advocat aber zeigte ſich nicht allein herb, er zeigte ſich vermeſſener, als Einer. Alle angebliche Ver⸗ theidiger des Volks ſchwiegen, er erhob ſich zweimal; das erſte Mal unter dem Lärmen, das zweite Mal unter dem Stillſchweigen. Er unterſtützte Maillard, der im Namen der Hungersnoth ſprach und Brod verlangte.“ „Ja, in der That,“ ſagte Gilbert nachdenkend, „das wird ernſter; doch vielleicht wird er ſich ändern.“ „Oh! mein lieber Doctor, Sie kennen nicht den Unbeſtechlichen, wie man ihn eines Tages nennen wird; wer würde übrigens den kleinen Advocaten, über den Jedermann lacht, erkaufen wollen 2 Dieſer Menſch, welcher ſpäter,— hören Sie wohl, was ich Ihnen ſage, Gilbert,— welcher ſpäter der Schrecken der Verſammlung ſein wird, iſt heute die Zielſcheibe des Spottes. Die aveligen Jacobiner ſind übereingekommen, Herr von Ro⸗ bespierre ſei der lächerlichſte Menſch der Nationalver⸗ ſammlung, derjenige, welcher alle Welt beluſtige und be⸗ luſtigen müſſe, derjenige, über welchen Jeder ſpotten könne und ſpotten müſſe. Die großen Verſammlungen langweilen ſich manchmal, es muß wohl ein Gimpel da ſein, der ſie erheitert. In den Augen der Lameth, der Cazales, der Maury, der Barnave, der Duport iſt Herr von Robespierre ein Gimpel. Seine Freunde verrathen ihn, indem ſie ganz leiſe lächeln, ſeine Feinde ziſchen ihn aus und lachen ganz laut; wenn er ſpricht, ſpricht alle Welt; wenn er die Stimme erhebt, ſchreit Jeder; hat er,— immer zu Gunſten des Rechts, immer um irgend ein Princip zu vertheidigen,— eine Rede gehalten, die Niemand angehört, ſo verlangt irgend ein unbekann⸗ tes Mitglied, auf das der Revner einen Moment ſeinen Blick heftet, ironiſch den Druck der Rede. Ein Einziger von ſeinen Collegen begreift ihn; ein Einziger! errathen Sie, welcher? Mirabeau.„„Dieſer Menſch wird weit gehen,“ ſagte er mir vorgeſtern,„„denn dieſer Menſch 2¹² glaubt, was er ſpricht.“ Was, wie Sie ſich denken können, Mirabeau ſeltſam ſcheint.“ „Ich habe die Rede dieſes Mannes geleſen und ſie mittelmäßig, flach gefunden,“ entgegnete Gilbert. „Ei! mein Gott, ich ſage Ihnen nicht, es ſei ein Demoſthenes oder ein Cicero, ein Mirabeau oder ein Barnave; ei! nein, es iſt ganz einfach Herr von Robes⸗ pierre, wie man ihn gefliſſenilich nennt. Uebrigens be⸗ handelt man ſeine Reden eben ſo rückſichtslos in der Druckerei, wie auf der Tribune: auf der Tribune unter⸗ hricht man ſie; in der Druckerei verſtümmelt man ſie. Die Journaliſten nennen ihn nicht einmal Herr von Ro⸗ hespierre; nein, die Journaliſten wiſſen ſeinen Namen nicht. Sie nennen ihn Herr B..„ Herr N.„oder Herr***. Oh! Gott allein und ich vielleicht wiſſen, was ſich an Galle in dieſer magern Bruſt, an Stürmen in dieſem engen Gehirne anhäuft; denn um alle dieſe Beleidigungen, alle dieſe Schmähungen, alle dieſe Ver⸗ rathe zu vergeſſen, hat der ausgeziſchte Redner, der ſeine Stärke fühlt, weder die Zerſtreuung der Familie, noch die Erleichterung der Welt. In ſeiner traurigen Wohn⸗ ung im traurigen Marais, in ſeinem kalten, dürftigen, jedes Hausraths entbehrenden Zimmer in der Rue Sain⸗ tonge, wo er ganz klein von ſeinem Gehalte als Abge⸗ ordneter lebt, iſt er allein wie in den feuchten Höfen von Louis⸗le⸗Grand. Bis zum vorigen Jahre iſt ſein Geſicht noch jung und ſanft geweſen; ſehen Sie, ſeit einem Jahre iſt es vertrocknet, wie die Köpfe der Caraiben⸗ Häuptlinge vertrocknen, welche von Oceanien die Cook und die la Pérouſe zurückbringen; er verläßt die Jaco⸗ biner nicht, und bei den für Alle unſichtbaren Aufregun⸗ gen, die er erleidet, bekommt er Blutflüſſe, welche ihn ſchon mehrere Male ohne Bewußtſein gelaſſen haben⸗ Sie ſind ein großer Algebriſt, Gilbert, nun, ich fordere Sie heraus, durch die übertriebenſten Multiplieationen das Blut zu herechnen, welches dieſem Adel, der ihn be⸗ ——— S X*5*X8 8 , n ſe r⸗ ne ⸗ n, n⸗ e⸗ on ht n⸗ ok n⸗ hn n. ere en be⸗ 2¹13 ſchimpft, dieſen Prieſtern, die ihn verfolgen, vieſem König, der nichts von ihm weiß, das Blut, das Robespierre verliert, koſten wird.“ „Warum kommt er aber in den Club der Jacohlner2“ „Oh! weil man ihn, der in der Nationalverſamm⸗ lung ausgeziſcht wird, bei den Jacobinern anhort. Die Jacobiner, mein lieber Doctor, das iſt der Minotaurus als Kind; er ſaugt an einer Kuh, ſpäter wird er ein Volk verſchlingen. Nun wohl, von den Jacobinern iſt Robespierre der Typus. Die Geſellſchaft faßt ſich in ihm zuſammen, und er iſt der Ausdruck der Geſellſchaft: nichts mehr, nichts weniger; er geht denſelben Schritt wie ſie, ohne ihr zu folgen, ohne ihr vorzugehen. Nicht wahr, ich habe Ihnen verſprochen, Sie ein kleines In⸗ ſtrument ſehen zu laſſen, mit dem man ſich gegenwärtig beſchäftigt, und das zum Zwecke hat, einen Kopf, viel⸗ leicht zwei in der Minute fallen zu machen 2 wohl, von allen hier anweſenden Perſonen iſt diejenige, welche die⸗ ſem Tödtungsinſtrumente am meiſten Arbeit geben wird, der kleine Advocat von Arras, Herr von Robespierre.“ „Wahrhaftig, Graf, Sie ſind fürchterlich,“ ſagte Gilbert,„und wenn mich Ihr Cäſar nicht ein wenig für Ihren Brutus tröſtet, ſo bin ich im Stande, die Urſache zu vergeſſen, aus der ich hierher gekommen.. Doch ver⸗ zeihen Sie, was iſt aus Cäſar geworden 2“ „Sehen Sie ihn vort? Er plaudert mit einem Manne, den er noch nicht kennt, während er ſpäter einen großen Einfluß auf ſein Geſchick haben wird. Dieſer Mann heißt Barras: behalten Sie ſeinen Namen und erinnern Sie ſich defſelben bei Gelegenheit.“ „Ich weiß nicht, ob Sie ſich täuſchen, Graf,“ ver⸗ ſetzte Gilbert,„aber in jedem Falle wählen Sie Ihre Ty⸗ pen ſehr gut. Ihr Cäſar hat eine wahre Stirne, um die Krone zu tragen, und ſeine Augen, deren Ausdruck ich nicht erfaſſen kann„ —— ——— — * ——— —4 = ———— 2¹4 „Ja, weil ſie inwendig ſchauen; das ſind die Augen, welche die Zukunft errathen, Doctor.“ „Und was ſagt er zu Barras?“ „Er ſagt ihm, wenn er die Baſtille vertheidigt hätte, ſo würde man ſie nicht genommen haben.“ „Das iſt alſo kein Patriot?“ „Die Männer wie er wollen nichts ſein, bevor ſie Alles ſind.“ „Sie behaupten alſo den Scherz in Betreff des klei⸗ nen Unterlieutenants?“ „Gilbert,“ ſprach Caglioſtro, indem er die Hand gegen Robespierre ausſtreckte,„ſo wahr als Dieſer das Schaffot von Karl I wieder errichten wird, ſo wahr wird Jener,“— und er ſtreckte die Hand gegen den Corſen mit den glatten Haaren aus,—„ſo wahr wird Jener den Thron von Karl dem Großen wieder aufbauen.“ „Alſo iſt unſer Kampf für die Freiheit unnütz?“ „Wer ſagt Ihnen, der Eine werde nicht eben ſo viel für ſie mit ſeinem Throne thun, als der Andere mit ſei⸗ nem Schaffot?“ „Das wird alſo ein Titus, ein Mare Aurel, es wird der Gott ſein, der die Welt für das eherne Zeit⸗ alter tröſtet?“ „Das wird zugleich Alerander und Hannibal ſein. Mitten im Kriege geboren, wird er durch den Krieg groß werden und durch den Krieg fallen. Ich habe Sie auf⸗ gefordert, das Blut zu berechnen, welches dem Adel und der Geiſtlichkeit, das Blut, das Robespierre verliert, ko⸗ ſten werde; nehmen Sie das Blut, das Prieſter und Adelige verloren haben werden, häufen Sie Multiplica⸗ tionen auf Multiplicationen, und Sie werden den Fluß, den See, das Meer von Blut nicht erreichen, das dieſer Mann mit ſeinen Heeren von fünfmal hunderttauſend Soldaten und ſeinen dreitägigen Schlachten mit ihren und füͤnfzigtauſend Kanonenſchüſſen vergießen wird.“ . i n — —— — 1——— t 2¹⁵ „Und was wird aus dieſem Lärmen, aus dieſem Rauche, aus dieſem Chaos hervorgehen?“ „Was aus jeder Geneſis hervorgeht,“ Gilbert; wir find beauftragt, die alte Welt zu begraben; unſere Kinder werden die neue Welt entſtehen ſehen; dieſer Mann iſt der Rieſe, der die Thüre derſelben bewacht; wie Lud⸗ wig XIV., wie Lev X., wie Auguſtus, wird er ſeinen Namen dem Jahrhundert geben, das ſich öffnet.“ „Und wie heißt dieſer junge Mann?“ fragte Gilbert, unterjocht durch die Miene der Ueberzeugung von Cag⸗ lioſtro.. „Er nennt ſich bis jetzt nur Bonaparte,“ erwiederte der Prophet;„doch eines Tags wird er Napoleon heißen.“ Gilbert neigte ſeinen Kopf auf ſeine Hand und ver⸗ ſank in eine ſo tiefe Träumerei, daß er, fortgezogen durch den Lauf ſeiner Gedanken, nicht bemerkte, daß die Sitzung eroffnet war und daß ein Redner die Tribune beſtieg. Eine Stunde war vergangen, ohne daß das Geräuſch der Verſammlung und der Tribunen, ſo ſtürmiſch die Sitzung, Gilbert ſeinem Nachſinnen hatte entziehen kön⸗ nen, als er fühlte, daß eine mächtige Hand ſich auf ſeine Schulter legte. Er wandte ſich um, Caglioſtro war verſchwunden, doch an ſeinem Platze fand er Mirabeau. Mirabeau mit einem durch den Zorn verſtorten Geſichte. Gilbert ſchaute ihn mit fragendem Auge an. „Nun!“ ſagte Mirabeau. „Was gibt es?“ fragte Gilbert. „Man hat uns zum Beſten gehabt, ſchmählich be⸗ handelt, verrathen; der Hof will nichts von mir; man hat Sie als einen Gimpel angeſehen und mich als einen Dummkopf.“ „Ich begreife Sie nicht, Graf.“ 216 „Sie haben alſo nicht gehoͤrt 2“ „Was?“ „Den Beſchluß, der gefaßt worden iſt!“ Wo?“ „Welcher Beſchluß?“ „Sie ſchliefen alſo 2“ „Nein,“ erwiederte Gilbert,„ich träumte.“ „Nun denn, morgen werden als Antwort auf meine heutige Motion, welche beantragt, die Miniſter einzuladen, den nationalen Berathungen beizuwohnen, vrei Freunde des Königs verlangen, daß kein Mitglied der Nationalverſamm⸗ lung während der Dauer der Seſſion Miniſter ſein könne. Hiemit ſtürzt die ſo mühſam errichtete Combination bei dem launenhaften Hauche Seiner Majeſtät des Königs Lud⸗ wigs XVI. zuſammen; doch,“ fuhr Mirabeau fort, in⸗ dem er wie Ajar ſeine geſchloſſene Fauſt gegen den Himmel ausſtreckte,„doch, bei meinem Namen Mirabeau, ich werde es ihnen zurückgeben, und wenn ihr Hauch ein Miniſterium umſtürzen kann, ſo werden ſie ſehen, daß der meinige einen Thron zu erſchüttern vermag!“ „Aber,“ verſetzte Gilbert,„Sie werden nichtsdeſto⸗ weniger in die Nationalberſammlung gehen, Sie werden nichtsdeſtoweniger bis zum Ende kämpfen?“ „Ich werde in die Nationalverſammlung gehen, ich werde bis zum Ende kämpfen. Ich gehöre zu denjenigen, welche man nur unter Trümmern begräbt.“ Und obgleich halb niedergeſchmeitert, entfernte ſich Mirabeau doch ſchöner und furchtbarer durch die gött⸗ liche Furche, welche der Donner ſeiner Stirne eingedrückt hatte. Am andern Tage nahm in der That auf den An⸗ trag von Lanjuinais, trotz der Anſtrengungen eines von Mirabeau entwickelten übermenſchlichen Geiſtes, die Na⸗ tionalverſammlung mit einer ungeheuren Stimmenmehr⸗ heit die Motion an:„Daß kein Mitglied der National⸗ —— S M X* — M 217 verſammlung während der Dauer der Seſſion Miniſter ſein könne.“ „Und ich,“ rief Mirabeau, als das Decret beſchlofſen war,„ich ſchlage folgendes Amendement vor, das nichts an Ihrem Geſetze ändern wird:„Alle Mitglieder der gegenwärtigen Verſammlung können Miniſter ſein, den Grafen von Mirabeau ausgenommen.““ Alle ſchauten einander beſtürzt über dieſe Dreiſtig⸗ keit an; dann ſtieg Mirabeau unter dem allgemeinen Stillſchweigen von ſeiner Eſtrade mit dem Schritte her⸗ ab, mit dem er auf Herrn von Dreux⸗Brezé zugegangen war, als er zu ihm ſagte:„Wir ſind hier durch den Willen des Volks, wir werden nur mit dem Bajonnet im Leibe weggehen.“ Er verließ den Saal. Die Niederlage von Mirabeau glich dem Siege eines Andern. Gilbert war nicht einmal in die Nationalverſamm⸗ lung gekommen. Er war zu Hauſe geblieben und ſann über dvie ſelt⸗ ſamen Weiſſagungen von Caglioſtro nach, ohne daran zu glauben; aber dennoch konnte er ſie nicht aus ſeinem Geiſte verwiſchen. Die Gegenwart kam ihm klein im Vergleiche mit der Zukunft vor. Vielleicht wird man mich fragen, wie ich, ein ein⸗ facher Geſchichtſchreiber der abgelaufenen Zeit, temporis acti, die Wahrſagung von Caglioſtro in Beziehung auf Robespierre und Napoleon erklären werde 2 Ich werde denjenigen, der bieſe Frage an mich richtet, bitten, mir die Prophezeiung zu erklären, welche Mademoiſelle Lenormand Joſephine gemacht hat? Auf jedem Schritte trifft man in dieſer Welt eine unerklärliche Sache; für diejenigen, welche ſolche Dinge nicht erklären können und nicht daran glauben wollen, iſt der Zweifel erfunden worden. — 218 XXXI. Metz und Paris. Wie es Caglioſtro geſagt, wie es Mirabeau errathen, war es der König, der die Projecte von Gilbert ſcheitern gemacht hatte. Die Königin, welche bei den Mirabeau gemachten Eröffnungen mehr mit dem Verdruſſe einer Liebenden und der Neugierde einer Frau, als mit der Politik einer Königin zu Werke gegangen war, ſah ohne großes Be⸗ dauern das ganze conſtitutionelle Gerüſte fallen, das im⸗ mer ihren Stolz ſcharf verletzte. Was den Konig betrifft, ſo war ſeine feſt beſchloſſene Politik, zu warten, Zeit zu gewinnen und aus den Um⸗ ſtänden Nutzen zu ziehen; überdies boten ihm zwei ange⸗ knüpfte Unterhandlungen, auf der einen oder der andern Seite, die Chance einer Flucht aus Paris und eines Rückzugs nach einem feſten Platze, was immer ſein Lieb⸗ lingsplan war. Dieſe Unterhandlungen waren, wie wir wiſſen, die, welche einerſeits Favras, der Mann von Monfieur, an⸗ dererſeits Charny, der eigene Bote von Ludwig KVI., an⸗ geknüpft hatten. Charny machte die Reiſe von Paris nach Metz in zwei Tagen. Er fand Herrn von Bouillé in Metz und übergab ihm den Brief. Dieſer Brief war, wie man ſich erinnert, nur ein Mittel, Charny mit Herrn von Bouillé in Verbindung zu bringen. Der Letztere, während er ſeine Unzufriedenheit über die Dinge, welche ſich ereigne⸗ ten, ausdrückte, fing damit an, daß er ſch äußerſt zurück⸗ haltend benahm. 2¹9 Die in dieſem Augenblick Herrn von Bouills ge⸗ gebene Eröffnung änderte in der That alle ſeine Pläne. Die Kaiſerin Katharina hatte ihm Anerbietungen gemacht, und er war auf dem Punkte, an den König zu ſchreiben und ihn um Erlaubniß zu bitten, in ruſſiſche Dienſte treten zu dürfen, als der Brief von Ludwig XVI. kam. Das Erſte bei Herrn von Bouillé war alſo ein Zö⸗ gern; doch bei dem Namen Charny, bei der Erinnerung n, an ſeine Verwandtſchaft mit Herrn von Suffren, bei dem rn Gerüchte, das im Umlaufe war, die Königin beehre ihn mit ihrem ganzen Vertrauen, fühlte er ſich, als getreuer en Royaliſt, durchdrungen von dem Wunſche, den König der en ſcheinbaren Freiheit zu entreißen, welche Viele als eine er wirkliche Gefangenſchaft betrachteten. e⸗ Ehe er indeſſen etwas mit Charny entſchied, beſchloß n⸗ HBerr von Bouillé, welcher behauptete, die Vollmachten von dieſem ſeien nicht ausgedehnt genug, nach Paris, um ne ſich unmittelbar mit dem König über dieſen wichtigen n Plan zu beſprechen, ſeinen Sohn, den Grafen Louis von e⸗ Buuillé, zu ſchicken. n Charny würde während dieſer Unterhandlungen in es Metz verweilen; kein perſonliches Verlangen rief ihn nach b⸗ Paris zurück und ſeine, vielleicht ein wenig übertriebene, Ehre machte es ihm beinahe zur Pflicht, als eine Art ie, von Geißel in Metz zu bleiben. n⸗ Der Graf Louis kam um die Mitte des Monats n⸗ November nach Paris. Um dieſe Zeit wurde der König von Herrn von Lafayette ſcharf bewacht, und der Graf in Louis von Bouillé war ein Vetter von Herrn von nd Lafayette. ich Er ſtieg bei einem ſeiner Freunde ab, deſſen pa⸗ s triotiſche Geſinnung ſehr bekannt war, und der damals er in England reiſte. e⸗ In das Schloß ohne Wiſſen von Herrn von Lafayette k kommen war alſo für den jungen Mann etwas, wenn 220 nicht Unmögliches, doch wenigſtens ſehr Gefährliches und ſehr Schwieriges. Andererſeits aber, da Herr von Lafayette in völliger Unwiſſenheit über die durch Charny zwiſchen dem König und Herrn von Bouillé angeknüpfte Verbindung ſein mußte, war nichts einfacher für den Grafen Louis, als ſich dem König gerade durch Herrn von Lafayette vor⸗ ſtellen zu laſſen. Die Umſtände ſchienen von ſelbſt den Wünſchen des jungen Mannes entgegenzukommen. Er war ſeit drei Tagen in Paris, ohne etwas be⸗ ſchloſſen zu haben, dachte über das Mittel, zum König zu gelangen, nach und fragte ſich, wie geſagt, ob es nicht das Sicherſte wäre, ſich an Lafayette ſelbſt zu wen⸗ den, als man ihm ein paar Zeilen von dieſem übergab, welcher ihn benachrichtigte, ſeine Ankunft in Paris ſei bekannt, und den Grafen elnlud, ihn beim Generalſtab der Nationalgarde oder im Hotel Noailles zu beſuchen. Das war gewiſſer Maßen die Vorſehung, welche laut auf die Bitte antwortete, die leiſe Herr von Bouillé an ſie richtete; es war eine gute Fee, wie ſie ſich in den rei⸗ zenden Mährchen von Perrault finden, die den Chevalier bel der Hand nahm und zu ſeinem Ziele führte. Der Graf begab ſich ſchleunigſt nach dem Gebäude des Generalſtabs. Der General war zum Stadthauſe abgegangen, wo er eine Mittheilung von Herrn Bailly zu empfangen hatte. Doch in Abweſenheit des Generals traf er ſeinen Adjutanten, Herrn Romeuf. Romeuf hatte in einem Regimente mit dem jungen Grafen gedient, und obgleich der Eine der Demokratie, und der Andere der Ariſtokratie angehörte, hatte doch ein freundliches Verhältniß zwiſchen ihnen ſtattgefunden; von ſelbiger Zeit an nahm Romeuf, der in eines von den nach dem 14. Juli aufgeloſten Regimentern übergegangen d er g in [s E 6 e⸗ 8 6 1. b, ei b it n i⸗ er 22¹ war, nur noch Dienſte bei der Nationalgarde, wo er den Poſten eines Lieblingsadjutanten des General Lafayette inne hatte. Obgleich ſehr verſchiedener Meinung über gewiſſe Punkte, ſtimmten doch die zwei jungen Leute bei dieſem überein; Beide liebten und verehrten den König. Nur liebte ihn der Eine auf Art der Patrioten, das heißt unter der Bedingung, daß er die Conſtitution beſchwöre, der Andere auf Art der Ariſtokraten, das heißt unter der Bedingung, daß er den Eid verweigere und, wenn es nöthig wäre, an das Ausland appellire, um die Rebellen zur Vernunft zu bringen. Unter den Rebellen verſtand Herr von Bouillé drei Viertel der Nationalverſammlung, die Nationalgarde, die u. ſ. w., das heißt, fünf Sechstel von Frank⸗ reich. Romeuf war ſechs und zwanzig Jahre alt, und der Graf Louis zwei und zwanzig, es war alſo ſchwierig für ſie, lange über Politik zu ſprechen. Ueberdies wollte der Graf nicht einmal, daß man vermuthe, er beſchäftige ſich mit einer ernſten Idee. Er vertraute als großes Geheimniß ſeinem Freunde Romeuf an, er habe Metz mit einer einfachen Erlaublliß ſ um in Paris eine Frau zu beſuchen, die er an⸗ ete. Während der Graf Louis dem Adjutanten dieſes Geſtändniß machte, erſchien der General Lafayette auf der Schwelle der offen gebliebenen Thüre; doch, obgleich er den Ankommenden in einem vor ihm hängenden Spie⸗ gel wohl geſehen hatte, ſetzte Herr von Byuills ſeine Erzählung nichtsdeſtoweniger fort; nur erhob er, trotz der Zeichen von Romeuf, welche er nicht zu verſtehen ſich den Anſchein gab, die Stimme ſo, daß der General nicht ein Wort von dem, was er ſprach, verlor. Der General hatte Alles gehört das wollte der Graf Louis.. 222 Er ſchritt hinter dem Erzähler vor, legte ihm, als vieſer geendigt hatte, die Hand auf die Schulter und ſagte: „Ah! mein Herr Leichtfuß, darum verbergen Sie ſich vor Ihren achtenswerthen Verwandten?“ Es war kein ſehr ſtrenger Richter, kein ſehr verdrieß⸗ licher Mentor, dieſer junge General von zwei und dreißig Jahren, der ſelbſt ſehr in der Mode hei allen gefeierten Damen jener Zeit; der Graf Louis ſchien auch nicht be⸗ ſonders erſchrocken über den Verweis, der ihn erwartete. „Ich verbarg mich ſo wenig, mein lieber Vetter, daß ich mir heute noch die Ehre geben wollte, bei dem Aus⸗ gezeichnetſten derſelben zu erſcheinen, wäre er mir nicht durch dieſe Botſchaft zuvorgekommen.“ Und er zeigte dem General den Brief, den er em⸗ pfangen hatte. „Nun! werden Sie ſagen, die Polizei von Paris ſei ſchlecht beſchaffen, meine Herren von der Provinz?“ ſprach der General mlt einer Miene der Befriedigung, welche bewies, daß er eine gewiſſe Eitelkeit hierein ſetzte. „General, wir wiſſen, daß man demjenigen, der über der Freiheit des Volkes und dem Heile des Königs wacht, nichts verbergen kann.“ Lafayette ſchaute ſeinen Vetter mit jener zugleich gutmüthigen und ein wenig ſpöttiſchen Miene an, die wir ſelbſt an ihm gekannt haben. Er wußte, daß dieſem Zweige der Familie ſehr viel am Helle des Königs gelegen war, daß ſie ſich aber ſehr wenig um die Freiheit des Volkes bekümmerte. Er antwortete auch nur auf einen Theil der Phraſe. „Und mein Vetter, der Herr Marquis von Bouillé,“ ſagte er, indem er einen beſondern Nachvruck auf einen Titel legte, auf den er ſeit der Nacht vom 4. Auguſt verzichtet hatte,„hat er ſeinen Sohn nicht mit irgend einem Auftrag für den König betraut, über deſſen Heil ich wache?“ „Er hat mich beauftragt, ihm den Ausdruck ſeiner — 223 ehrfurchtvollſten Gefühle zu Füßen zu legen, ſollte mich der General Lafayette nicht für unwürdig erachten, mei⸗ nem Souverain vorgeſtellt zu werden,“ erwiederte der junge Mann. „Sie vorſtellen und wann dies?“„ „So bald als möglich, General... ich glaube die Ehre gehabt zu haben, Ihnen oder Romeuf zu ſagen, da ich ohne Urlaub hier ſei. „Sie haben es Romeuf geſagt, doch das kommt auf eins heraus, da ich es gehört habe. Nun wohl, die guten Dinge dürfen nicht aufgeſchoben werden; es iſt eilf Uhr; jeden Tag zur Mittagsſtunde habe ich die Ehre, den König und die Königin zu ſehenz eſſen Sie einen Biſſen mit mir, wenn Sie nur ein erſtes Frühſtück zu ſich genommen haben, und ich werde Sie in die Tuilerien führen.“ „Aber,“ fragte der junge Mann, indem er einen Blick auf ſeine Uniform und ſeine Stiefel warf,„bin ich im Coſtume, lieber Vetter?“ „Vor Allem,“ erwiederte Lafayette,„vor Allem muß ich Ihnen ſagen, mein armes Kind, daß die große Eti⸗ quettefrage, welche Ihre Amme war, ſehr krank, wenn nicht gar geſtorben iſt, ſeit Ihrem Abgange; ſovann ſchaue ich Sie an: Ihr Rock iſt tadellos, Ihre Stiefel ſind ganz gut; welches Coſtume ſchickt ſich beſſer für einen Edelmann, der bereit iſt, für ſeinen König zu ſterben, als ſeine Kriegsuniform?„ Romeuf, ſehen Sie nach, ob aufgetragen iſt; ich nehme Herrn von Bouillé ſogleich nach dem Frühſtück in die Tuilerien mit.“ Dieſes Vorhaben ſtand auf eine zu directe Weiſe im Einklange mit den Wünſchen des jungen Mannes, als daß er einen ernſten Einwurf gemacht hätte; er verbeugte ſich auch, um ſeine Beiſtimmung und ſeinen Dank zu be⸗ zeichnen. Eine halbe Stunde nachher präſentirten die Schild⸗ 224 wachen an den Gittern das Gewehr vor dem General Lafayette und dem jungen Grafen von Bouillé, ohne zu ahnen, daß ſie die militäriſchen Ehren zugleich der Revo⸗ lution und der Gegenrevolution bezeigten. XXXII. Die Rönigin. Beide ſtiegen die kleine Treppe des Pavillon Marſan hinauf und traten in die Gemächer des erſten Stockes ein, den der König und die Königin bewohnten. Alle Thüren öffneten ſich vor Herrn von Lafayette. Die Schildwachen präſentirten das Gewehr; die Lackeien verbeugten ſich; man erkannte leicht den König des Kö⸗ nigs, den Major domus, wie Marat ſagte. Herr von Lafayette wurde zuerſt bei der Königin eingeführt; der König war in ſeiner Schmiede, ühd man benachrichtigte Seine Majeſtät. Herr Louis von Bouillé hatte Marie Antoinette drei Jahre nicht geſehen. Während dieſer drei Jahre waren die Stände ver⸗ ſammelt geweſen, war die Baſtille genommen worden und hatten die Tage des 5. und 6. Octobers ſtattgehabt. Die Königin hatte ein Alter von vier und dreißig Jahren erreicht,„ein rührendes Alter,“ ſagt Micheiet, „welches Van Dyck ſo oft mit Wohlgefallen gemalt hat, das Alter der Frau, das Alter der Mutter, und bei Marie Antvinette beſonders das Alter der Königin.“ Seit dieſen drei Jahren hatte die Königin viel an al zu o⸗ mn es te. en z⸗ in id 2²⁵ Geiſt und Herz, an Liebe und Eitelkeit gelitten. Die vier und dreißig Jahre erſchienen daher bei der armen Frau um ihre Augen durch jene leichten, perlmutterarti⸗ gen, bläulichen Nuancen, welche thränenreiche Tage und ſchlafloſe Nächte verrathen, welche beſonders das tiefe Uebel der Seele offenbaren, von dem die Frau,— Frau — ſobald ſie davon befallen iſt, nicht mehr geneſet. Es war das Alter der gefangenen Maria Stuart, das Alter, wo ſie die tieſſten Leidenſchaften durchlebte und erregte, das Alter, wo Douglas, Mortimer, Norfolk und Babington ſich ihr weihten und für ſie ſtarben. Der Anblick dieſer gefangenen, gehaßten, verleumde⸗ ten, bedrohten Königin,— der Tag des 5. October hatte bewieſen, daß die Drohungen nicht leer waren,— machte einen tiefen Eindruck guf das ritterliche Herz des jungen Louis von Buuillé. Die Frauen täuſchen ſich nicht in der Wirkung, die ſie hervorbringen, und da die Königinnen und die Könige überdies ein Gedächtniß für Geſichter haben, das gleich⸗ ſam einen Theil ihrer Erziehung bildet, ſo war Marie Antoinette Herrn von Bouills kaum gewahr geworden, als ſie ihn erkannte; ſie hatte kaum einen Blick auf ihn gorßen, als ſie ſich ſicher fühlte, ſie beſinde ſich einem Freunde gegenüber. Hiedurch erfolgte, daß, ehe der General den jungen Mann vorgeſtellt, ehe er ſich am Fuße des Divans befand, auf welchem die Königin halb lag, dieſe aufge⸗ ſtanden war und, wie man es zugleich bei einem alten Bekannten, den man mit Vergnügen wieberfieht, und bei einem Diener thut, auf deſſen Treue man zählen kann, ausgerufen hatte: „Ah! Herr von Buuillé!“ Dann hatte ſie, ohne ſich um den General Lafayette zu bekümmern, die Hand gegen den jungen Mann aus⸗ geſtreckt. Die Gräfin von Charny. I. 15 2²⁸ Der Graf Louis zögerte einen Augenblick, er konnte an eine ſolche Gunſt nicht glauben. Da aber die königliche Hand ausgeſtreckt blieb, ſo ſetzte er ein Knie auf die Erde und berührte mit ſeinen zitternden Lippen dieſe Hand. Das war ein Fehler, den die Koͤnigin machte, und ſie machte viele dieſem ähnliche; ohne dieſe Gunſtbezei⸗ gung gehoͤrte Herr von Bouillé ihr, und durch dieſe Herrn von Bouillé vor Herrn von Lafayette, dem nle eine ſolche Gnade zu Theil geworden, bewilligte Gunſt ſtellte ſie ihre Demarcationslinie feſt und verletzte den Mann, aus welchem ſich einen Freund zu machen ſie am meiſten nöthig hatte. Lafayette ſagte auch mit der Höflichkeit, von welcher nur einen Augenblick abzugehen der General unfähig war: „Bei meiner Treue, mein lieber Vetter, ich habe Ihnen angeboten, Sie Ihrer Majeſtät vorzuſtellen, doch, wie mir ſcheint, war es eher an Ihnen, mich ihr vorzu⸗ ſtellen.“ Die Königin war ſo freudig, vaß ſie ſich einem von den Dienern gegenüber fand, von welchen ſie wußte, ſie könne auf dieſelben zählen, die Frau war ſo ſtolz auf den Eindruck, den ſie, wie ihr ſchien, auf den Grafen hervorgebracht hatte, daß ſie ſich, in ihrem Herzen einen von jenen Strahlen der Jugend, die ſie erloſchen glaubte, und rings um ſich die Lüfte des Frühlings und der Liebe, die ſie todt wähnte, fühlend, gegen den General umwandte und mit ihrem Lächeln von Trianon und Verſailles er⸗ wiederte: 5 „Herr General, der Graf Louis iſt kein ſtrenger“ Republicaner, wie Sie; er kommt von Metz und nicht von America; er kommt nicht nach Paris, um an der Conſtitutlon zu arbeiten; er kommt, um mir ſeine Hul⸗ vigungen darzubringen. Wundern Sie ſich alſo nicht, vaß ich, die arme, halb entthronte Konigin, ihm eine i⸗ rn ne lte n, en er ig be ch, u⸗ on te, uf fen en te, be, dte er⸗ er cht der ul⸗ ht, ine 227 Gunſt bewillige, die für ihn, einen jungen Mann aus der Provinz, vielleicht noch dieſen Namen verdient, wäh⸗ rend für Sie.„ Und die Königin machte eine reizende Geberde, bei⸗ nahe eine Mädchengeberde, welche beſagen wollte:„Wäh⸗ rend Sie, Herr Seipiv, während Sie, Herr Cineinnatus, ſich den Henker um ſolche Freundlichkeiten bekümmern.“ „Madame,“ ſprach Lafayette,„ich werde ehrfurchts⸗ voll und ergeben an der Königin vorübergegangen ſein, ohne daß je die Königin meine Ehrfurcht begriffen, meine Ergebenheit geſchätzt hat; das wird ein großes Unglück für mich, ein noch größeres vielleicht für fie ſein.“ Und er verbeugte ſich. Die Königin ſchaute ihn mit ihrem tiefen, klaren Auge an. Mehr als einmal hatte ihr Lafayette ſolche Worte geſagt, mehr als einmal hatte ſie über die Worte, die ihr Lafayette geſagt, nachgedacht; aber zum Unglück für ſie, wie es dieſer ausgeſprochen, hegte ſie einen in⸗ ſtinctartigen Wiverwillen gegen den Menſchen. „Ah! General,“ verſetzte ſie,„ſeien Sie großmüthig, verzeihen Sie mir.“ „Ich, Madame, Ihnen verzeihen! Und was 2“ „Daß es mich ſo zu der guten Familie Bouillé hinge⸗ riſſen hat, die mich von ganzem Herzen liebt und zu deren elektriſchen Kette ſich zu machen dieſer junge Mann die Güte gehabt. Ich ſah ſeinen Vater, ſeine Oheime, ſeine ganze Familie erſcheinen, als er eintrat und mir mit ſeinen Lippen die Hand küßte.“ Lafayette verbeugte ſich abermals. „Und nun,“ ſagte die Königin,„nach der Verzeihung der Friede; einen guten Händedruck„ General, auf eng⸗ liſche oder amerieaniſche Art.“ Und ſie bot ihm die Hand, aber offen und die flache Seite nach außen. Lafayette berührte langſam und mit einer kalten Hand die Hand der Königin und erwiederte: 228 „Ich bedaure, daß Sie ſich nie erinnern wollen, daß ich Franzoſe bin, Madame. Es iſt doch nicht ſo weit vom 6. October zum 16. November. „Sie haben Recht, General,“ ſprach die Königin, indem ſie ihm nach einer Anſtrengung gegen ſich ſelbſt die Hand drückte;„ich bin eine Undankbare.“ Und ſie ſank wie gebrochen durch die Gemüthsbewe⸗ gung auf ihr Sofa zuräck und fügte bei: „Uebrigens darf Sie dies nicht in Erſtaunen ſetzen. Sie wiſſen, das iſt der Vorwurf, den man mir macht.“ Dann fragte ſie, den Kopf ſchüttelnd: „Nun, General, was gibt es Neues?“ Lafayette hatte eine kleine Rache zu üben; er ergriff die Gelegenheit. „Ah! Madame,“ ſagte er,„wie ſehr bedaure ich, daß Sie geſtern nicht in der Nationalverſammlung ge⸗ weſen ſind. Sie hätten eine rührende Scene geſehen, von der ſicherlich Ihr Herz bewegt worden wäre; ein Greis kam und vankte der Nationalverſammlung für das Glück, das er ihr, ihr und dem König verdanke, denn die Nationalverſammlung vermag nichts ohne die könig⸗ liche Sanction.“ „Ein Greis?“ wiederholte die Königin zerſtreut. „Ja, Madame; aber welch ein Greis! der Aelteſte der Menſchheit, ein höriger Bauer des Jura, hundert und zwanzig Jahre alt, vor die Schranken der National⸗ verſammlung durch fünf Generationen von Abkömmlingen geführt und hier erſcheinend, um für ihre Decrete vom 4. Auguſt zu danken. Sie begreifen, Madame, ein Mann, der Leibeigener ein halbes Jahrhundert unter Ludwig XIV. und ſiebenzig Jahre ſeitdem geweſen iſt!“ „Und was hat die Nationalverſammlung zu Gunſten dieſes Mannes gethan?“ „Sie iſt insgeſammt aufgeſtanden und hat ihn ge⸗ nöthigt, ſich zu ſetzen und zu bedecken.“ „Ah!“ ſagte die Königin mit dem Tone, der nur 3— 229 ihr eigenthümlich war,„das mußte in der That ſehr rüh⸗ rend ſein;„doch zu meinem Bedauern war ich nicht dort. Sie wiſſen beſſer, als irgend Jemand„ fügte ſie lächelnd bei,„ich bin nicht immer da, wo ich ſein will.“ Der General machte eine Bewegung, welche bezeich⸗ nete, er habe etwas zu erwiedern, doch ohne daß ſie ihm Zeit ließ, ein Wort zu ſagen, fuhr die Königin fort: „Nein, ich war hier, ich empfing die Frau Frangois, die arme Witwe des unglücklichen Bäckers der Natlonal⸗ verſammlung, den dieſe vor ihrer Thüre hat ermorden laſſen. Was that denn die Nationalberſammlung an dieſem Tage, Herr von Lafahette?“ „Madame,“ erwiederte der General,„Sie ſprechen da von einem der Unglücksfälle, welche die Repräſentan⸗ ten Frankreichs im hoͤchſten Maße betrübt haben: die Nationalverſammlung konnte dem Morde nicht vorbeugen, aber ſie mußte wenigſtens die Morder beſtrafen.“ „Ja, doch dieſe Strafe, das ſchwöre ich Ihnen, hat die arme Frau nicht getröſtet; ſie wäre beinahe raſend geworden, und man glaubt, ſie werde ein todtes Kind gebären; lebt das Kind, ſo habe ich ihr verſprochen, die Pathe deſſelben zu werden, und damit das Volk erfahre, ich ſei nicht ſo unempfindlich, als man ſagt, gegen das Unglück, das ihm begegnet, frage ich Sie, mein lieber General, ob keine Inconvenienz dabei wäre, daß das Kind in Notre⸗Dame getauft würde.“ Lafahette erhob die Hand wie ein Menſch, der im Begriffe iſt, um das Wort zu bitten, und der ſich entzückt fühlt, daß man es ihm bewilligt. „Madame,“ ſagte er,„das iſt die zweite Anſpielung, die Sie ſeit einem Augenblick auf die angebliche Ge⸗ fangenſchaft machen, in der ich Sie, wie man gern Ihre getreuen Diener glauben machen würde, halten ſoll. Madame, ich beeile mich, es vor meinem Vetter auszu⸗ ſprechen, ich werde es vor Paris, vor Europa, vor der 230 Welt, wenn es ſein muß, wiederholen, ich habe es geſtern Herrn Mounier geſchrieben, der aus dem Dauphins über die koͤnigliche Gefangenſchaft jammert,— Madame, Sie ſind frei, und ich habe nur einen Wunſch, ich richte nur eine Bitte an Sie; Sie mögen einen Beweis hievon da⸗ durch geben, daß der König ſeine Jagden und ſeine Fahrten wieder aufnimmt, und daß Sie ihn begleiten.“ Die Königin lächelte wie eine ſchlecht überzeugte erſon. „Was den Punkt betrifft, daß Sie Pathe der armen Waiſe ſein wollen, welche in der Trauer geboren wer⸗ den wird, ſo hat die Königin, dieſe Verpflichtung gegen die Witwe übernehmend, dem vortrefflichen Herzen gehorcht, das ihr die Achtung und die Liebe ihrer ganzen Umgebung erworben. Iſt der Tag der Ceremonie gekommen, ſo wird die Königin die Kirche wählen, wo ſie wünſcht, daß dieſe Ceremonie ſtattfinden ſoll; ſie wird ihre Befehle geben, und nach ihren Befehlen wird Alles geſchehen. Und nun,“ fügte der General, indem er ſich verbeugte, bei,„nun erwarte ich diejenigen, mit welchen Eure Ma⸗ ieſtät mich für heute zu beehren die Gnade haben wird.“ „Für heute, mein lieber General,“ erwiederte die Königin,„habe ich keine andere Bitte an Sie zu richten, als die, Sie mögen Ihren Vetter, wenn er noch einige Tage in Paris bleibt, einladen, Sie in eine der Abend⸗ geſellſchaften von Frau von Lamballe zu begleiten. Sie wiſſen, ſie empfängt für ſich und für mich.“ „Und ich, Madame,“ ſagte Lafahette,„ich werde von der Einladung für meine Rechnung und für die ſeinige Gebrauch machenz und wenn mich Eure Majeſtät nicht früher dort geſehen hat, ſo bitte ich ſie, überzeugt zu ſein, es rühre dies davon her, daß ſie es vergeſſen, mir ihren Wunſch, mich in dieſen Geſellſchaften zu ſehen, kundzugeben.“ Die Königin antwortete durch eine Verneigung des Kopfes und durch ein Lächeln. —„ c 8 e —— G+ 231 Das war der Abſchied. Jeder nahm davon, was ihm zukam. Lafayette den Gruß; der Graf Louis das Lächeln. Beide entfernten ſich rückwärts ſchreitend. Der Eine trug aus dieſer Zuſammenkunft mehr Bitterkeit, der Andere mehr Ergebenheit fort. XXXIII Ver Rönig. Vor der Thüre des Gemachs der Koͤnigin fanden der General und der Graf Louis den Kammerdiener des Königs, der auf ſie wartete. Der König ließ Herrn von Lafayette ſagen, da er, um ſich zu zerſtreuen, eine ſehr wichtige Schloſſerarbeit angefangen habe, ſo bitte er ihn, in die Schmiede hinauf⸗ zukommen. Eine Schmiede war das Erſte, wonach ſich Ludwig KVI. bei ſeiner Ankunft in den Tuilerien erkundigte, und als er erfuhr, dieſer für ihn unerläßlich nothwendige Gegenſtand ſei in den Plänen von Katharina von Medicis und Philibert von Lorme vergeſſen worden, wählte er im zweiten Stocke, gerade über ſeinem Schlafzimmer, eine große Manſarde, die eine äußere und eine innere Treppe hatte, um ſeine Schloſſerwerkſtätte daraus zu machen. Unter den ſchweren Sorgen, welche ihn ſeit den fünf Wochen, die er ungefähr in den Tuilerien war, be⸗ lagerten, vergaß Ludwig XVI. nicht einen Augenblick ſeine Schmiede. Seine Schmiede war eine ſire Idee; er 232 leitete ſelbſt ihre Feuereinrichtung, bezeichnete ſelbſt den Platz für den Blaſebalg, für den Herd, den Amboß, den Werktiſch und die Schraubſtöcke. Die Schmiede war ſeit dem vorhergehenden Tag eingerichtet; runde Feilen, flache Feilen, Karpfenzungen, Reißhaken waren an ihren Plätzenz Vorſchlaghämmer, Kreuzhämmer, Rundſchlaghämmer hin⸗ gen an ihren Nägein; Zwickzungen, Maulzangen, Beiß⸗ zangen lagen im Bereiche der Hand. Ludwig XVI. hatte nicht länger widerſtehen können, und vom Morgen an widmete er ſich mit giühendem Eifer dieſer Arbeit, welche etne ſo große Zerſtreuung für ihn bot, und in der er Meiſter geworden wäre, hätte ihn nicht, wie wir zum großen Bedauern von Meiſter Gamain geſehen, eine Anzahl von Faullenzern, wie Herr Turgot, Herr von Calonne, Herr Necker, von dieſer gelehrten Beſchäftigung abgezogen, um mit ihm nicht nur über die Angelegen⸗ heiten Frankreichs, was, ſtreng genommen, Meiſter Ga⸗ main geſtattete, ſondern auch, was ihm ſehr unnütz ſchien, über die Angelegenheiten von Brabant, von Oeſterreich, von England, von Spanien und Amerika zu reden. Dies erklärt, wie Koͤnig Ludwig XVI. in der erſten Hitze ſeiner Arbeit, ſtatt zu Herrn von Lafayette hinabzu⸗ gehen, Herrn von Lafayette hatte bitten laſſen, zu ihm heraufzukommen. Dann vielleicht auch war es Ludwig XVI., nachdem er ſich vor dem Commandanten der Nationalgarde in ſeiner Schwäche als König hatte ſehen laſſen, nicht un⸗ angenehm, ſich ihm in ſeiner Majeſtät als Schloſſer zu zeigen. Da es der Kammerdiener, um die Beſuche in die königliche Schmiede zu führen, nicht für geeignet gehalten hatte, die Wohnzimmer zu durchſchreiten und ſie die Privattreppe hinaufſteigen zu laſſen, ſo umgingen Herr von Lafayette und der Graf Louis dieſe Zimmer und ſtiegen die oͤffentliche Treppe hinauf, was ihren Weg ſehr verlängerte. —* — — ** — n * ie en ie rr d hr 233 Die Folge dieſes Abweichens von der geraden Linie war, daß der junge Graf Louis Zeit zum Nachdenken atte. Er dachte alſo nach. So voll ſein Herz von dem guten Empfang war, ver ihm von Seiten der Königin zu Theil geworden, ſo konnte er ſich doch nicht verleugnen, daß er nicht von ihr erwartet worden. Kein doppelfinniges Wort, keine ge⸗ heimnißvolle Geberde hatte ihm zu verſtehen gegeben, die erhabene Gefangene, was ſie zu ſein behauptete, habe Kenntniß von der Sendung, mit der er beauftragt war, und rechne auch nur im Geringſten auf ihn, daß er ſie ihrer Gefangenſchaft entziehe. Dies ſtand übrigens ganz gut mit dem im Einklange, was Charny von dem Geheim⸗ niſſe geſagt hatte, das der König aus ſeiner Miſſion für Alle und ſelbſt für die Königin gemacht habe. Welches Glück es auch dem Grafen Louis gewährte, die Koͤnigin wiederzuſehen, es war doch offenbar, daß er nicht zu ihr zurückkommen mußte, um die Löſung ſeiner Botſchaft zu ſuchen. Es war ſeine Aufgabe, zu ſtudiren, ob ſich im Em⸗ pfang des Königs, in ſeinen Worten oder in ſeinen Ge⸗ berden nicht ein ihm allein begreifliches Zeichen finde, welches ihm andeute, Ludwig XVI. ſei beſſer als Herr von Lafahette über die Urſachen ſeiner Reiſe nach Paris unterrichtet. Vor der Thüre der Schmiede wandte ſich der Kam⸗ merdiener um, und fragte, da er den Namen von Herrn von Bouillé nicht wußte: „Wen werde ich melden?“ „Melden Sie den Oberbefehlshaber der National⸗ garde. Ich werde die Ehre haben, dieſen Herrn Seiner Majeſtät vorzuſtellen.“ „Der Herr Obercommandant der Nationalgarde,“ meldete der Kammerdiener. 234 Der König wandte ſich um. „Ah! ah!“ ſagte er,„Sie ſind es, Herr von La⸗ fayette? Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie habe hier heraufkommen laſſen; doch der Schloſſer ver⸗ ſichert Sie, daß Sie in ſeiner Werkſtätte willkommen ſind; ein Kohlenbrenner ſagte zu meinem Ahnherrn, Hein⸗ rich IV.:„„Kohlenbrenner iſt Herr in ſeinem Hauſe.““ Ich ſage Ihnen, General:„„Sie ſind Herr beim Schloſ⸗ ſer, wie beim Koͤnig.““ Der König nahm, wie man ſieht, das Geſpräch un⸗ gefähr auf dieſelbe Art in Angriff, wie es Marie An⸗ toinette gethan hatte. „Sire,“ erwiederte Herr von Lafayette,„unter wel⸗ chen Umſtänden ich die Ehre habe, vor dem König zu erſcheinen, in welchem Stocke und in welcher Kleidung er mich empfängt, der König wird immer der König ſein, und derjenige, welcher ihm in dieſem Augenblick ſeine Ehrfurcht bezeigt,; wird immer ſein getreuer Unterthan und ſein ergebener Diener bleiben.“ „Ich bezweifle es nicht, Marquis; doch Sie ſind nicht allein? Haben Sie Ihren Adjutanten gewechſelt, und nimmt dieſer junge Officier bei Ihnen die Stelle von Herrn Gouvion oder von Herrn Romeuf ein?“ „Dieſer junge Officier, Sire,— ich bitte Eure Majeſtät um Erlaubniß, ihr derſelben vorſtellen zu dür⸗ fen,— dieſer Officier iſt mein Vetter, der Graf Louis von Bouillé, Kapitän bei den Dragonern von Mon⸗ ſieur. „Ah! ah!“ verſetzte der König, der ſich eines leich⸗ ten Bebens, welches der junge Edelmann wohl bemerkte, nicht erwehren konnte,„ah! ja, der Herr Graf Louis von Bouillé, Sohn des Marquis von Bouillé, Commandan⸗ ten von Metz.“ „So iſt es, Sire,“ ſagte lebhaft der junge Graf. „Ah! Herr Graf Louis von Bouillé, verzeihen Sie, is n 235 vaß ich Sie nicht erkannte, ich habe ein kurzes Geſicht. Und Sie haben Metz ſchon lange verlaſſen?“ „Vor fünf Tagen, Sire, und da ich mich in Paris zwar ohne einen officiellen Urlaub, aber mit beſonderer Ge⸗ nehmigung meines Vaters befand, ſo erſuchte ich meinen Verwandten, Herrn von Lafayette, um die Ehre, Eure Majeſtät vorgeſtellt zu werden.“ „Von Herrn von Lafahette! Sie haben wohl gethan, Herr Graf, Niemand war mehr im Stande, Sie zu jeder Stunde vorzuſtellen, und von Niemand konnte mir die Vorſtellung angenehmer ſein.“ Dieſes zu jeder Stunde bezeichnete, daß Herr von Lafayette den großen und den kleinen Zutritt, der ihm in Verſailles bewilligt worden war, behalten hatte. Die wenigen Worte, welche Ludwig XVI. geſprochen, hatten indeſſen genügt, um dem jungen Grafen anzudeu⸗ ten, er habe auf ſeiner Hut zu ſein. Die Frage beſonders: „Haben Sie Metz ſchon lange verlaſſen?“ beſagte: „Haben Sie Metz ſeit der Ankunft des Grafen von Charny verlaſſen?“ Die Antwort des Boten hatte den König hinreichend unterrichten müſſen.„Ich habe Metz vor fünf Tagen verlaſſen und bin in Paris ohne Urlaub, aber mit beſon⸗ derer Genehmigung meines Vaters,“ wollte beſagen:„Ja, Sire, ich habe Herrn von Charny geſehen, und mein Va⸗ ter hat mich nach Paris geſchickt, um mich mit Eurer Majeſtät zu verſtändigen und die Gewißheit zu erlangen, daß der Graf wirklich im Auftrage des Königs komme.“ Herr von Lafayette ſchaute nehgierig umher. Viele waren in das Arbeitscabinet des Königs, in ſeinen Con⸗ ſeilſaal, in ſeine Bibliothek, in ſein Betzimmer ſogar gekommen; Wenige hatten ſich der ausnehmenden Gunſt erfreut, in die Schmiede zugelaſſen zu ſein, wo der Kö⸗ nig Lehrling wurde, und wo der wahre Konig, der wahre Meiſter Herr Gamain war. Der General bemerkte die vollkommene Ordnung, in 236 der ſich alle Werkzeuge aufgeſtellt oder aufgehängt fanden, worüber man ſich indeſſen nicht wundern durfte, da der König erſt vom Morgen an arbeitete. „Und Eure Majeſtät,“ ſagte Lafayette, der ziemlich in Verlegenheit über den Gegenſtand war, den er bei einem König zur Sprache bringen könnte, welcher ihn mit aufgeſtreiften Aermeln, die Feile in der Hand und die lederne Schürze vorgebunden, empfing,„und Eure Majeſtät hat eine wichtige Arbeit unternommen?“ „Ja, General, ich habe das große Werk der Schloſ⸗ ſerei: ein Schloß, unternommen Ich ſage Ihnen, was ich mache, damit Sie, wenn Herr Marat erführe, ich arbeite wieder in der Werkſtätte, und behauptete, ich ſchmiede Ketten für Frankreich, ihm antworten könnten, das ſei nicht wahr„ Sie ſind weder Geſell, noch Meiſter, Herr von Bouillé?“ „Nein, Sire; doch ich bin Lehrling, und wenn ich Eurer Majeſtät in Etwas nützlich ſein könnte. „Ah! es iſt wahr, mein lieber Vetter,“ ſagte La⸗ fayette,„war nicht der Mann Ihrer Amme ein Schloſ⸗ ſer? und ſagte Ihr Vater nicht, obgleich er ein ziemlich mittelmäßiger Bewunderer des Verfaſſers von Emil iſt, wenn er in Beziehung auf Sie den Rath von Jean Jacques zu befolgen hätte, ſo würde er aus Ihnen einen Schloſſer machen?“ „Ganz richtig, und darum hatte ich die Ehre, Seiner Majeſtät, zu bemerken, ſollte ſie eines Lehrlings bedür⸗ ſepe „Ein Lehrling wäre mir unnütz, mein Herr,“ er⸗ wiederte der König;„ich müßte hauptſächlich einen Mei⸗ ſter haben.“ „Was für ein Schloß macht denn Seine Majeſtät?“ fragte der junge Graf mit der Quaſivertraulichkeit, zu der das Coſtume des Königs und der Ort, wo er ſich befand, berechtigten.„Iſt es ein Leierſchloß, ein Mahl⸗ ſchloß, ein Einſchlagſchloß oder ein Schraubenſchloß?“ en, er ich bei nd re oſ⸗ as ich ich n, ch ich ⸗ oſ⸗ ich ſt, an en er r⸗ er⸗ ei⸗ ð „Ho! ho! mein Vetter,“ rief Lafahette,„ich weiß nicht, was Sie als Praktiker machen koͤnnen, doch als Theoretiker ſcheinen Sie mir vertraut, ich ſage nicht mit dem Handwerk, da es ein König geadelt hat, ſondern mit der Kunſt.“ Ludwig XVI. hatte mit einem ſichtbaren Vergnügen den jungen Edelmann eine Anzahl Schlöſſer mit Namen nennen hoͤren. „Nein,“ ſagte er,„das iſt ganz einfach ein Schloß mit einer geheimen Feder, was man ein Benarde⸗Schloß nennt, welches auf beiden Seiten ſchließt; doch ich befürchte ſehr, meine Kräfte überſchätzt zu haben. Ahl wenn ich meinen armen Gamain noch hätte, ihn, der ſich Meiſter über Meiſter, Meiſter über Alle nannte!“ „Iſt denn dieſer brave Mann geſtorben, Sire?“ „Nein,“ erwiederte der König, indem er dem jungen Mann einen Blick zuwarf, der zu ſagen ſchien:„„Ver⸗ ſtehen Sie auf das halbe Wort;““„nein, er iſt in Ver⸗ ſailles in der Rue des Reſervoirs; der liebe Menſch wird nicht gewagt haben, mich in den Tuilerien zu be⸗ uchen.“ „Warum nicht, Sire?“ fragte Lafayette. „Aus Furcht, ſich zu gefährden. Ein König von Frankreich iſt ſehr gefährdend zu dieſer Stunde, und zum Beweiſe dient, daß alle meine Freunde, die Einen in London, die Andern in Koblenz oder Turin ſind. Wenn Sie indeſſen nichts Nachtheiliges darin finden, mein lie⸗ ber General, daß er mit einem von ſeinen Lehrburſchen hierher kommt, um mich ein wenig zu unterſtützen, ſo werde ich ihn dieſer Tage holen laſſen.“ „Sire,“ erwiederte raſch Herr von Lafayette,„Eure Majeſtät weiß wohl, daß es ihr vollkommen frei ſteht, zu ſehen, wen es ihr beliebt.“ „Ja, unter der Bedingung, daß Ihre Schildwachen die Beſuche betaſten, wie man es mit den Schmugglern an der Grenze macht; oh! mein armer Gamain würde 238„ ſich verloren glauben, hielte man ſein Werkzeug⸗ bündel für eine Patrontaſche und ſeine Feilen für Dolche!“ „Sire, ich weiß in der That nicht, wie ich mich bei Eurer Majeſtät entſchuldigen ſoll, aber ich hafte Pa⸗ ris, Frankreich, Europa für das Leben des Königs, und ich kann nicht genug Vorſichtsmaßregeln nehmen, damit dieſes koſtbare Leben unverſehrt bleibt. Was den wackern Mann betrifft, von dem wir ſprechen, ſo mag der König ſelbſt nach ſeinem Gefallen Befehle geben.“ „Es iſt gut; ich danke, Herr von Lafayette; doch das hat keine Eile; erſt in acht bis zehn Tagen,“ fügte er bei, indem er einen Seitenblick auf Herrn von Buuillé warf,„bedarf ich ſeiner und ſeines Lehrlings; ich werde ihn durch meinen Kammerdiener Durch, der mit ihm befreundet iſt, benachrichtigen.“ „Und er braucht nur zu erſcheinen, um beim König zugelaſſen zu werden, Sire; ſein Name wird ihm als Paſſirſchein dienen. Gott bewahre mich vor dem Ruſe eines Schließers, eines Gefangenwärters, eines Kerker⸗ meiſters, den man mir macht; nie iſt der König freier geweſen, als in dieſem Augenblick; ich kam ſogar, um Seine Majeſtät dringend zu bitten, ſie möge ihre Jag⸗ den, ihre Reiſen wieder anfangen.“ „Oh! meine Jagden, nein, ich danke! Uebrigens habe ich für den Augenblick, wie Sie ſehen, etwas ganz Anderes im Kopfe. Was meine Reiſen betrifft, das iſt ein Unterſchied; die letzte, die ich von Verſailles nach Paris gemacht, hat mich von allem Verlangen, zu reiſen, — wenigſtens in ſo großer Geſellſchaft,— geheilt,“ ſagte der König. Und er warf einen neuen Blick dem Grafen von Bouillé zu, der durch ein einfaches Blinzeln mit den Augenlidern dem Koͤnig zu verſtehen gab, er habe be⸗ griffen. „Und nun, mein Herr,“ ſprach der König zu dem jungen Grafen,„verlaſſen Sie Paris bald, um zu Ihrem Vater zurückzukehren?“ „Sire,“ erwiederte der junge Mann,„ich verlaſſe ris in zwei bis drei Tagen, doch nicht um nach Metz zurückzukehren. Ich habe eine Großmutter, welche in n der Rue des Reſervoirs wohnt, und ich muß ihr meine Ghrfurcht bezeigen. Dann bin ich von meinem Vater beauftragt, eine ziemlich wichtige Familienangele⸗ genheit zu Ende zu bringen, und ich kannerſt in acht bis zehn Tagen die Perſon ſehen, deren Befehle ich bei dieſer Ver⸗ anlaſſüng ein holen ſoll. Ich werde alſo bei meinem Vater früheſtens in den erſten Tagen des December ſein, wenn nicht etwa der König aus irgend einem beſondern Grunde wünſcht, daß ich meine Rückkehr nach Metz be⸗ ſchleunige.“ „Nein, mein Herr,“ ſagte der König,„nein, laſſen Sie ſich Zeit, gehen Sie nach Verſailles, beſorgen Sie die Angelegenheiten, mit denen Sie der Marquis beauf⸗ tragt hat, und wenn ſie abgemacht find, ſagen Sie ihm, ich vergeſſe ihn nicht, ich kenne ihn als einen meiner getreu⸗ ſten Unterthanen, und ich werde ihn eines Tags Herrn von Lafayeite empfehlen, damit ihn Herr von Lafayette Herrn du Portail empfiehlt.“ Lafayette lächelte mit dem Ende der Lippen, als er dieſe neue Anſpielung auf ſeine Allmacht hörte. „Sire,“ ſprach er,„ich würde längſt ſelbſt die Her⸗ ren von Bouillé Eurer Majeſtät empfohlen haben, hätte ich nicht die Ehre, mit dieſen Herren verwandt zu ſein. Die Furcht, man könnte ſagen, ich wende die Gunſtbe⸗ zeigungen des Königs meiner Familie zu, hat mich al⸗ lein bis jetzt abgehalten, dieſe Gerechtigkeit zu üben.“ „Et! das ſchickt ſich vortrefflich, Herr von Lafayettez wir werden wieder davon ſprechen, nicht wahr?“ „Erlaubt mir der König, ihm zu ſagen, daß mein Vater als eine Ungunſt, als eine Ungnade ſogar ein —— 240 weiſe die Mittel Seiner Majeſtät zu dienen, entzöge?“ „Oh! das verſteht ſich, Graf,“ erwiederte der König, „und ich werde nicht geſtatten, daß man die Stellung von Herrn von Bouillé anrührt, ohne ſie noch mehr ſei⸗ meine Herren!“ Und er entließ die beiden Herren mit einer majeſtä⸗ tiſchen Miene, welche einen ziemlich ſeltſamen Contraſt mit ſeinem gemeinen Anzug bildete. „Ich glaube, daß mich der junge Mann verſtanden hat, und daß ich in acht bis zehn Tagen Meiſter Gamain und ſeinen Lehrling haben werde, um mir mein Schloß anlegen zu helfen.“ Alte Bekannte. Am Abend deſſelben Tages, an welchem Herr Louis von Bouillé die Ehre gehabt hatte, zuerſt von der Kö⸗ nigin und dann vom Koͤnig empfangen zu werden, ereig⸗ nete ſich, zwiſchen ſechs und ſieben Uhr im vritten und letzten Stocke eines kleinen, alten, finſtern, ſchmutzigen Hauſes der Rue de la Juiverie eine Seene, welcher un⸗ ſere Leſer beiwohnen zu laſſen wir um Erlaubniß bitten. Avancement betrachten würde, das ihm ganz oder theil⸗ nen Wünſchen und den meinigen entſprechend zu machen. 3 Laſſen Sie uns, Herrn von Lafayette und mich, das ord⸗ nen und gehen Sie ihrem Vergnügen nach, ohne indeſſen darüber die Angelegenheiten zu vergeſſen. Gott befohlen, Dann, als die Thüre wieder zugemacht war, ſagte er: r en ter ein is d⸗ g⸗ nd en n⸗ n. 241 Wir werden ſie vom Eingange des Pont au Change mitnehmen, entweder beim Ausſteigen aus ihrer Car⸗ roſſe, oder beim Ausſteigen aus ihrem Fiacre, je nach⸗ dem ſie ſechs tauſend Livres jährlich für einen Kut⸗ ſcher, ein Paar Pferde und einen Wagen aufzuwenden oder dreißig Sous täglich für einen einfachen numme⸗ rirten Wagen zu geben haben. Wir werden mit ihnen dem Pont au Change folgen, ſodann in die Rue de la Pelleterie eintreten und durch dieſe in die Rue de la Juiverie gehen, wo wir vor der dritten Thüre links ſtehen bleiben. Wir wiſſen wohl, daß der Anblick dieſer Thüre,— welche die Miethleute des Hauſes nicht einmal zu ber⸗ ſchließen ſich die Mühe geben, ſo ſehr glauben ſie ſich vor jedem nächtlichen Verſuche der Herren Diebe der Cité geſchützt,— nicht beſonders anziehend iſt, aber, wie geſagt, wir brauchen die Leute, welche in den Man⸗ ſarden dieſes Hauſes wohnen, und da ſie uns nicht auf⸗ ſuchen würden, ſo müſſen wir, lieber Leſer oder geliebte Leſerin, muthig zu ihnen gehen. Sichern Sie alſo ſo viel als möglich Ihren Tritt, um nicht in dem kleberigen Kothe auszugleiten, der den Boden des ſchmalen, ſchwarzen Ganges, in welchen wir eindringen, bedeckt; ſchließen wir unſere Kleider feſt an unſern Leib, damit ſie nicht an den Wänden der feuchten, ſchmierigen Treppe, die im Hintergrunde dieſes Ganges, wie die Stücke einer ſchlecht zuſammengefügten Schlange, aufwärts kriecht, anſtreifen; halten wir an unſere Naſe einen Eſſigflacon oder vor unſer Geſicht ein parfumirtes Taſchentuch, damit der ſchärfſte und ariſtokratiſchſte von unferen Sinnen, der Geruch, ſoviel als möglich der Be⸗ rührung dieſer mit Stickſtoff geſchwängerten Luft ent⸗ gehe, die mon zugleich durch den Mund, durch die Nafe und durch die Augen einathmet, und bleiben wir auf dem Ruheplatze ves dritten Stockes vor einer Thüre Die Gräfin von Charny. M. 16 242 ſtehen, auf welche die unſchuldige Hand eines jungen Malers mit Kreide Figuren gezeichnet hat, die man An⸗ fangs für kabaliſtiſche Zeichen halten könnte, während es nur unglückliche Verſuche in der erhabenen Kunſt der Leonard da Vinci, der Raphael, der Michel Angelo ſind. Hier angelangt, werden wir, wenn Sie wollen, durch das Schlüſſelloch ſchauen, damit Sie, lieber Leſer oder geliebte Leſerin, wenn Sie ein gutes Gedächtniß haben, die Perſonen erkennen, welche Sie treffen werden. Er⸗ kennen Sie dieſelben aber nicht vom Anſehen, ſo mögen Sie Ihr Ohr an die Thüre halten und horchen. Dann muß Ihnen wohl, wenn Sie unſer Buch:„Das Hals⸗ band der Königin,“ ein wenig geleſen haben, vas Gehör zu Hülfe kommen: unſere Sinne vervollſtändigen einander. Sagen wir zuerſt, was man ſieht, wenn man durch das Schluſſelloch ſchaut. Das Innere eines Zimmers, das die Noth bezeich⸗ net und von drei Perſonen bewohnt wird; dieſe drei Perſonen find ein Mann, eine Frau und ein Kind. Der Mann iſt fünf und vierzig Jahre alt und ſcheint fünf und fünfzig zu ſein; die Frau iſt vier und dreißig alt, und ſcheint vierzig zu ſein; das Kind zählt fünf, und ſieht aus wie ſein Alter; es hat noch nicht Zeit gehabt, zweimal zu altern. Der Mann trägt die abgenutzte Uniform eines Sergenten bei den Gardes frangaiſes— eine verehrte Uniform ſeit dem 14. Juli, wo ſich die Gardes fran⸗ gaiſes mit dem Volke verbanden, um mit den Deutſchen von Herrn von Lambesc und den Schweizern von Herrn von Beſenval Flintenſchüſſe zu wechſeln. Er hält in der Hand ein vollſtändiges Kartenſpiel, vom Aß an mit dem Zweier, dem Dreier und dem Vierer von jeder Farbe bis zum König; er verſucht zum hundertſten, zum tauſendſten, zum zehntauſendſten Male eine unfehlbare Martingale. Ein Carton, durch den — 243 eben ſo viele Löcher geſtochen find, als es Sterne am Himmel gibt, ruht an ſeiner Seite. Wir haben geſagt ruht, und wir beeilen uns, die⸗ ſes Wort zurückzunehmen, denn es iſt ein ſehr ungeeig⸗ netes auf dieſen Carton angewandt, da ihn der Spie⸗ ler,— er iſt unbeſtreitbar ein Spieler,— unabläſſig quält, indem er ihn von fünf zu fünf Minuten um Rath fragt. Die Frau hat ein altes ſeidenes Kleid an; bei ihr iſt das Elend um ſo erſchrecklicher, als ſie mit Ueber⸗ reſten von Lurus erſcheint; ihre Haare werden über dem Nacken durch einen kupfernen, ehemals vergoldeten Kamm feſtgehalten; ihre Hände find ſorgfältig reinlich und haben durch dieſe große Reinlichkeit ein gewiſſes ariſtokratiſches Ausſehen bewahrt oder vielmehr erlangt; ihre Nägel, welche der Herr Baron von Taverney in ſeinem groben Realismus Horn nannte, find geſchickt gegen die Spitze zu gerundet; der Farbe beraubte, an gewiſſen Stellen verſchobene Pantoffeln, welche einſt mit Gold und Seide geſtickt waren, ſpielen an ihren, mit Ueberbleibſeln von durchbrochenen Strümpfen bedeckten, Füßen. „ Daos Geſicht iſt, wie geſagt, das einer Frau von vier und dreißig bis fünf und dreißig Jahren und würde, wäre es künſtlich nach der Mode der Zeit bear⸗ beitet, derjenigen, die es trägt, erlauben, ſich das Alter zu geben, an das ſich ein Luſtrum hindurch und ſogar zwei Luſtra die Frauen mit aller Hartnäckigkeit anklam⸗ mern, wir meinen neun unv zwanzig,— zeigt aber, der rothen und weißen Schminke beraubt und folglich von allen Mitteln entblößt, die Schmerzen und die Armuth, dieſen dritten und vierten Flügel der Zeit, zu verbergen, vier bis fünf Jahre mehr als die Wirklichkeit an. So entblößt aber auch dieſes Geſicht iſt, ſo fängt man doch an zu träumen, wenn man es ſieht, und ohne ſich Antwort geben zu können, ſo ſehr zögert der Geiſt, ſo kühn auch ſein Flug ſein mag, über eine ſolche Ent⸗ 244 fernung zu ſpringen, fragt man ſich, in welchem goldenen Palaſte, in welchem ſechsſpännigen Wagen, unter welchem königlichen Staube man ein glänzendes Geſicht, von dem dieſes nur der bleiche Refler iſt, geſehen habe. Das Kind iſt, wie wir erwähnt, fünf Jahre alt; es hat die krauſen Haare eines Cherubs, die runden Backen eines Franzapfels, die teufliſchen Augen ſeiner Mutter, den gefräßigen Mund ſeines Vaters, die Träghelt und die Launen von Beiden. Es iſt mit einem Reſte von einem nacaratfarbigen Sammetrock bekleidet, und während es ein Stück, beim Specereihändler der Ecke, mit Muß beſtrichenes Brod ißt, faſert es die Ueberbleibſel eines alten dreifarbigen Gürtels auf den Boden eines alten perlgrauen Hutes aus. Alles wird beleuchtet durch eine Talgkerze mit einem rieſigen Schnuppen, der eine leere Flaſche als Leuchter dient, und die, indeß ſie den Mann mit den Karten ins Licht ſetzt, die übrige Stube in einem Halbdunkel läßt. Nachdem dies vorangeſchickt iſt, und da, nach unſerer Vorausſicht, die Inſpection mit bloßem Auge uns nichts gelehrt hat, wollen wir horchen. Der Knabe bricht zuerſt das Stillſchweigen, er wirft über ſeinen Kopf das Mußbrob, welches auf den Fuß des nur noch aus einer Matratze beſtehenden Bettes fällt, und ruft ſeiner Mutter zu: „Mama, ich will kein Brod und kein Muß mehr pfui „Was willſt Du denn, Touſſaint?“ „Ich will eine Stange rothen Gerſtenzucker.“ „Hörſt Du, Beauſire?“ fragt die Frau. Dann, da ſie ſieht, daß Beauſire, in ſeine Berech⸗ n verſunken, nicht antwortet, wiederholt ſie noch auter: „Hörſt Du wos das arme Kind ſagt?“ Dasſelbe Stillſchweigen. Nun hebt ſie ihren Fuß bis zur Höhe der Hand —— 245 empor, nimmt ihren Pantoffel, ſchleudert ihn dem Rech⸗ ner an den Kopf und ruft: „He! Beauſire!“ „Nun! was gibt es?“ ſagt dieſer mit einem be⸗ merkbaren Ausdruck ſchlechter Laune. „Touſſaint verlangt rothen Gerſtenzucker, weil er kein Muß mehr will, der arme Knabe!“ „Er wird morgen bekommen.“ „Ich will heute, ich will dieſen Abend, ich will auf der Stelle!“ ruft das Kind mit einem weinerlichen Tone, der ſtürmiſch zu werden droht. „Touſſaint, mein Freund,“ ſpricht der Vater,„ich rathe Dir, uns Stillſchweigen zu gewähren, oder Du haſt es mit Papa zu thun.“ Das Kind ſtieß einen Schrei aus, welcher ihm mehr durch den Eigenſinn, als durch die Angſt entriſſen wurde. „Rühre doch den Kleinen ein wenig an, Trunken⸗ bold, und Du wirſt es mit mir zu thun haben!“ verſetzt ie Mutter, indem ſie gegen Beauſire die weiße Hand ausſtreckt, die bei der Sorgfalt, welche die Eigen⸗ thümerin auf die Form der Nägel verwendet hatte, im Nothfall eine Klaue werden konnte. „Ei! wer des Teufels will denn dieſes Kind an⸗ rühren? Du weißt wohl, daß dies eine Redensart iſt, Frau Oliva, und daß man, wenn man auch von Zeit zu Zeit der Mutter die Kleider ausklopft, doch immer das Wamms des Kindes reſpectirt hat. Komm und küſſe den armen Beaufire, der in acht Tagen reich ſein wird wie ein König; auf, komm, meine kleine Nicole!“ „Biſt Du einmal reich wie ein König, mein Herz⸗ chen, ſo wird es noch Zeit ſein, Dich zu umarmen, doch bis dahin, nein!“ „Ich ſage Dir aber, daß es iſt, als hätte ich hier eine Million; mache mir einen Vorſchuß, das wird uns Glück bringen; der Bäcker gibt uns Credit.“ 246 „Ein Menſch, der in Millionen wühlt und vom Bäcker Credit für einen vierpfündigen Laib Brod verlangt!“ „Ich will rothen Gerſtenzucker!“ rief das Kind mit einem Tone, der immer bedrohlicher wurde. „Nun, Du Millionär, gib dem Kinde ein Stück Gerſtenzucker.“ Beauſire machte eine Bewegung, als wollte er mit der Hand in die Taſche greifen, doch dieſe Hand legte nicht die Hälfte des Weges zurück. „Ei!“ ſagte er,„Du weißt wohl, daß ich Dir geſtern mein letztes Vierundzwanzig⸗Sous⸗Stück gege⸗ ben habe.“ „Da Du Geld haſt, Mutter,“ rief der Knabe, in⸗ dem er ſich gegen diejenige umwandte, welche der ehren⸗ werthe Herr von Beaufire abwechſelnd Oliva und Nicole genannt hatte,„ſo gib mir einen Sou, daß ich rothen Gerſtenzucker kaufen kann.“ „Hier haſt Du zwei, böſes Kind, und nimm Dich in Acht, daß Du nicht fällſt, wenn Du die Treppe hinab⸗ gehſt.“ „Ich danke, Mütterchen!“ verſetzte der Knabe, der die Hand ausſtreckte und vor Freude hüpfte. „Komm hierher, kleiner Burſche, ich will Dir Dei⸗ nen Gürtel umſchnallen und Deinen Hut aufſetzen, va⸗ mit man nicht ſagt, Herr von Beaufire laſſe ſein Kind ganz zerlumpt auf der Straße gehen, was ihm gleich⸗ gültig iſt, ihm, der kein Herz hat, worüber ich aber vor Scham ſterben würde.“ Der Knabe hatte große Luſt, was auch die Nach⸗ barn über den muthmaßlichen Erben des Hauſes Beauſire ſagen dürften, ohne Hut und Gürtel wegzulaufen, denn er hatte die Nützlichkeit dieſer Gegenſtände nur ſo lange anerkannt, als ſie durch ihre Friſche und ihren Glanz die Bewunderung der anderen Kinder erregten. Da aber Gürtel und Hut eine der Bedingungen der zwei Sous 2 247 waren, ſo mußte ſich der junge Schreihals, ſo wider⸗ ſpänſtig er war, wohl fügen. Er troſtete ſich damit, daß er, ehe er wegging, ſein Zwei⸗Sous⸗Stück ſeinem Vater unter die Naſe hielt, — ein reizender Spaß, über den Herr von Beauſire, in ſeinen Berechnungen verſunken, nur einfach lächelte. Dann hörte man ſeinen ängſtlichen, obwohl durch die Raſchhaftigkeit beſchleunigten, Tritt auf der Treppe ſich verlieren. Die Frau, nachdem ſie ihrem Kinde mit den Augen gefolgt war, bis ſich die Thüre wieder hinter ihm zuge⸗ than hatte, lenkte ihren Blick vom Sohne auf den Vater zurück und ſagte nach einem kurzen Stillſchweigen: „Ah! Herr von Beauſire, Ihr Verſtand wird uns doch aus der elenden Lage, in der wir uns befinden, reißen müſſen, ſonſt müßte ich zu dem meinigen Zuflucht nehmen.“ Und ſie ſprach dieſe letzten Worte, indem ſie ſich zierte wie eine Frau, der ihr Spiegel am Morgen ge⸗ fagt hätte:„Sei ruhig, mit dieſem Geſichte ſtirbt man nicht Hungers!“ „Du ſiehſt ja, meine kleine Nicole, daß ich mich hiemit beſchäftige,“ erwiederte Herr von Beauſire. „Ja, indem Du Karten umſchlägſt und Cartons durchſtichſt.“ „Ich ſage Dir aber, daß ich ſie gefunden habe!“ „Was 2* „Meine Martingale.“ „Gut, das fängt wieder an! Herr von Beauſire, ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ich in meinem Ge⸗ dächtniſſe unter meinen alten Bekannten ſuchen werde, ob nicht einer darunter iſt, der die Macht hätte, Sie als Narren nach Charenton bringen zu laſſen.“ „Ich ſage Dir, daß ſie unfehlbar iſt!“ „Ah! wäre Herr von Richelieu nicht topt!“ mur melte die junge Frau. ———— 248 „Was ſprichſt Du?“ „Wäre der Herr Cardinal von Rohan nicht zu Grunde gerichtet!“ „Wie?“ „Wäre Frau von La Mothe nicht auf der Flucht!“ „Was beliebt?“ „Man würde die Mittel finden und wäre nicht ge⸗ nöthigt, das Elend eines ſolchen alten Strolchs zu theilen.“ Und mit der Geberde einer Königin bezeichnete Mademviſelle Nicole Legay, genannt Madame Oliva, verächtlich Beauſire. „Ich ſage Dir aber,“ wiederholte dieſer mit dem Tone der Ueberzeugung,„morgen werden wir reich ſein!“ „Millionen?“ „Millionen!“ „Herr von Beanſire, zeigen Sie mir die erſten zehn Louis d'or von Ihren Millionen, und ich werde das Uebrige glauben.“ „Du wirſt ſie heute Abend ſehen, dieſe erſten zehn Louis d'or.“ „Und Du willſt ſie mir geben?“ fragte lebhaft Nicole. „Das heißt, ich werde Dir fünf davon geben, um ein ſeidenes Kleid für Dich und ein Sammetröckchen für den Kleinen zu kaufen; mit den fünf anderen „Nun, mit den fünf anderen?“ „Bringe ich Dir die verſprochene Million.“ „Du willſt abermals ſpielen, Unglücklicher?“ „Wenn ich Dir ſage, daß ich die unfehlbare Martin⸗ gale gefunden habe.“ „Ja, die Schweſter von der, mit welcher Du vie ſechzigtauſend Livres, die Dir von Deinem Geſchäfte mit Portugal blieben, verbraucht haſt.“ „Ein ſchlecht erworbenes Geld bringt keinen Vor⸗ theil,“ erwiederte Beauſire ſentenziös,„und es war immer — —————— 249 mieine Idee, die Art, wie uns jenes Geld zugekommen, habe uns Unglück gebraht.“ „Es ſcheint alſo, deſes fällt Dir durch die Erbſchaft zu. Du hatteſt einen Lheim, der in America oder in geſtorben iſt, un er hinterläßt Dir zehn Louis „Dieſe zehn Louis d'o, Mademoiſelle Nicole Legay,“ ſprach Beauſire mit eiwr gewiſſen erhabenen Miene, „dieſe zehn Louis d'or, höcen Sie? werden nicht nur auf eine ehrliche, ſondern auch auf eine ehrenvolle Art ver⸗ dient werden, und zwar in einer Sache, bei der ich, wie der ganze Adel Frankreichs, intereſſirt bin.“ „Sie ſind alſo von Adel, Herr Beauſire?“ verſetzte Nicole hohnlächelnd. „Sagen Sie von Beauſire, Mademviſelle Legay, von Beauſire,“ erwiederte er mit Nachdruck,„wie . dies conſtatirt der Geburtsſchein Ihres Kindes, abgefaßt in der Saint⸗Paul⸗Kircht und unterzeichnet von Ihrem Diener Jean Baptiſte Touſſaint von Beauſire an dem Tage, wo ich ihm meinen Namen gegeben habe.“ „Da haben Sie ihm ein ſchones Geſchenk gemacht!“ murmelte Nicole. „Und mein Vermögen!“ fügte Beauſire empha⸗ tiſch bei. „Schickt ihm der gute Gott nicht etwas Anderes,“ ſagte Nicvle den Kopf ſchüttelnd,„ſo iſt der arme Kleine ſicher, daß er von Almoſen leben und im Spital ſterben wird.“ „Wahrhaftig, Mademoiſelle Nicole,“ verſetzte Beau⸗ ſire unwillig,„das iſt nicht auszuhalten, Sie ſind nie zufrieden.“ „So holten Sie es doch nicht aus!“ rief Nicole, welche endlich ihrem lange unterdrückten Zorne die Zügel ſchießen ließ.„Ei! guter Gott, wer bittet Sie denn, es auszuhalten? Gott ſei Dank! ich bin für meine Perſon und für die meines Kindes nicht in Verlegenheit, N 25⁰ und ſchon heute Abend kann ich auch anderswo Gläck ſuchen.“ Nach dieſen Worten ſtand Nicole auf und machte drei Schritte gegen die Thüre. Beauſire ſeinerſeits machte einen gegen dieſelbe Thüre und verſperrte ſie, beide Arme öffnend. „Aber, Böſe“ rief er,„wenn man Dir doch ſagt, daß dieſes Vermögen heute Alend kommt „Nun?“ fragte Ricole. „Es kommt heute Abend; wenn man Dir ſagt, daß, ſollte die Martingabe falſch ſein,— was nach meinen Berechnungen unmöglich iſt,— fünf Louis d'or verloren wären und nicht mehr.“ „Es gibt Augenblicke, wo fünf Louis d'or ein Ver⸗ moͤgen ſind, hören Sie, Herr Verſchwender! Sie wiſſen das nicht, Sie, der Sie Gold ſo ſchwer wie dieſes Haus verzehrt haben.“ „Das iſt ein Beweis für mein Verdienſt, Nicole; habe ich dieſes Gold verzehrt, ſo halte ich es gewonnen, und wenn ich es gewonnen hatte, ſo kann ich es aber⸗ mals gewinnen; übrigens gibt es einen Gott für die ge⸗ wandten Leute.“ „Ah! ja, darauf rechne!“ ſei„Mademoiſelle Nicole, ſollten Sie zufällig Atheiſtin ein?“ Nicole zuckte die Achſeln. „Sollten Sie aus der Schule von Herrn von Vol⸗ taire ſein, der die Vorſehung leugnet?“ „Beauſire, Sie find ein Dummkopf,“ ſagte Nicvle. „Man dürfte ſich, da Sie vom Volke herkommen, nicht wundern, wenn Sie ſolche Ideen hätten. Ich muß Ihnen bemerken, daß es nicht diejenigen ſind, welche meiner geſellſchaftlichen Kaſte und meiner politiſchen Mei⸗ nung angehören.“ „Herr von Beauſire, Sie find ein Unverſchämter,“ rief Nicole. 1 251 „I ch glaube, verſtelen Sie ich, ich habe den Glau⸗ ben; und ſagte mir Einer:„„Dein Sohn, Jean Baptiſte Toufſaint von Beauſire, Ler hinabgegangen iſt, um rothen Gerſtenzucker für ein Zwei⸗Sous⸗Stück zu kaufen, wird, mit einer Borſe voll Gold in der Hand heraufkommen,““ ſo würde ich antworten;„„Das kann ſein, wenn es der Wille Gottes iſt!““ Hiebei ſchlug Beauſire ſeine Augen frommgläubig zum Himmel auf. „Beauſire, Sie ſind ein einfältiger Tropf!“ ſagte Nicole. Sie hatte dieſe Worte noch nicht vollendet, als man auf der Treppe die Stimme des jungen Touſſaint hörte. „Papa! Mama!“ rief er. Beauſire und Nicole horchten bei dieſer geliebten Stimme. „Papa! Mama!“ wiederholte die Stimme, welche immer näher kam. „Was iſt geſchehen?“ rief Nicole, während ſie die Thüre mit einer ganz mütterlichen Beſorgniß öffnete. „Komm, mein Kind, komm 0 „Papa! Mama!“ fuhr die Stimme fort, immer näher kommend, wie die eines Bauchredners, der ſich den Anſchein gibt, als öffnete er die Thüre eines Kellers. „Ich würde nicht erſtaunen,“ ſagte Beaufire, der in vieſer Stimme das auffaßte, was ſie Freudiges hatte, „ich würde nicht erſtaunen, wenn das Wunder ſich ver⸗ wirklichte und der Kleine die Börſe gefunden hätte, von der ich ſo eben⸗ ſprach.“ In dieſem Augenblick erſchien das Kind auf der letzten Stufe der Treppe und ſtürzte in das Innere; es hielt im Munde ſein Stück rothen Gerſtenzucker, ſchloß mit ſeinem linken Arm einen Sack Zuckerwerk an ſeine Bruſt und zeigte in ſeiner offenen und ausgeſtreckten rechten Hand einen Louis d'or, der beim Scheine des magern Talg⸗ lichtes glänzte wie der Stern Aldebaran. 252 „Ah! mein Gott! mein Gott!“ rief Nicole, welche es der Thüre überließ, ſich allein zu ſchließen.„Was iſt Dir denn begegnet, liebes armes Kind 2“ Und ſie bedeckte das ſchwierige Geſicht des jungen Touſſaint mit jenen mütterlichen Küſſen, welche nichts anekelt, weil ſie Alles zu reinigen ſcheinen. „Es iſt,“ ſaßte Beauſire, indem er ſich geſchickt des Louis d'or bemächtigte und ihn beim Lichte prüfend betrach⸗ tete,„es iſt ein ächter Louis d'or, vierundzwanzig Liv⸗ res werth.“ Dann kam er zu dem Kinde zurück und fragte: „Wo haſt Du das gefunden, Bürſchchen, vamit ich die andern ſuchen kann?“ „Ich habe es nicht gefunden,“ erwiederte das Kind, „man hat es mir geſchenkt.“ „Wie! man hat es Dir geſchenkt?“ rief die Mutter. „Ja, Mama, ein Herr.“ Nicole war nahe daran, wie Beauſire es hei dem Louis d'or gemacht hatte, zu fragen, wo dieſer Herr ſei. Doch klug durch die Erfahrung, denn ſie wußte, wie empfindlich Beauſire im Punkte der Eiferſucht war, wiederholte ſie nur: „Ein Herr!“ „Ja, Mütterchen,“ antwortete das Kind, während es ſeinen Gerſtenzucker unter ſeinen Zähnen krachen ließ, „ein Herr!“ „Ein Herr!“ wiederholte Beauſire ebenfalls. „Ja, Papachen, ein Herr, der beim Spezereihändler eintrat, während ich dort war; er ſagte:„„Herr Specereihändler, iſt es nicht ein junger Edelmann Namens von Beaufire, den Sie in dieſem Augenblicke zu bedienen die Ehre haben?““ Beauſire warf ſich in die Bruſt; Nicole zuckte die chſeln. „Und was hat der Specereihändler geantwortet, mein Sohn?“ fragte Beauſire. 253 „Er bat geantwortet:„Ich weiß nicht, ob er Edelmann iſt, aber er heißt wirklich Beauſire.““„„Und wohnt er nicht ganz hier in der Nähe?““ fragte der Herr.„„Dort in dem Hauſe links, im dritten Stocke.““ „„Geben Sie dieſem Kinde alle Arten von guten Dingen, ich bezahle,““ ſagte der Herr. Und zu mir ſprach er: „„Hier, Kleiner, da iſt ein Louis d'or; dafür kaufe Dir andere Bonbons. wenn dieſe gegeſſen ſind.“ Und er legte mir den Louis d'or in die Hand; der Specereihändler gab mir dieſes Paquet auf den Arm, und ich ging ſehr zu⸗ frieden weg.. Halt! wo iſt denn mein Louis vor 2“ Und der Knabe, der die Escamotage von Beauſire nicht geſehen hatte, fing an auf allen Seiten zu ſuchen. „Kleiner Ungeſchickter,“ ſagte Beauſire,„Du wirſt ihn verloren haben!“ „Nein! nein! nein!“ rief das Kind. Dieſer Streit hätte ernſter werden können, ohne das Ereigniß, das ſogleich folgen wird und vemſelben ein Ende machen mußte. Während das Kind, noch an ſich ſelbſt zweifelnd, auf der Erde den Louis d'or ſuchte, welcher ſchon im voppelten Boden der Weſtentaſche von Beauſire ruhte; während Beauſire den Verſtand des jungen Touſſaint bewunderte, der ſich durch die von uns mitgetheilte Er⸗ zählung geoffenbart, welche ſich vielleicht ein wenig unter unſerer Feder verbeſſert hat; während ſich Nicole, die Begeiſterung ihres Liebhabers für dieſe frühreife Beredt⸗ ſamkeit theilend, im Ernſte fragte, wer dieſer Spender von Bonbons und Louis d'or ſein könnte, wurde die Thüre geöffnet, und eine äußerſt ſanfte Stimme ließ die Worte vernehmen: „Guten Abend, Mademviſelle Nicole; guten Abend, Herr von Beauſire; guten Abend, junger Touſſaint.“ Alle Drei wandten ſich nach der Seite um, von der die Stimme kam. 254 Auf ver Schwelle ſtand, mit einem dieſem Familien⸗ gemälde zulächelnden Geſichte, ein ſehr eleganter Mann. „Ah! der Herr mit den Bonbons!“ rief der junge Touſſaint. „Der Graf von Caglivſtro!“ ſagten gleichzeitig Nicole und Beauſire. „Sie haben da ein reizendes Kind, Herr von Beau⸗ ſire,“ ſprach der Graf,„und Sie müſſen ſich äußerſt glücklich fühlen, Vater zu ſein.“ 50 —