Leihbibliothełk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3.(Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme etnes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 W.—. 1 Nr 2 F— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſo Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— ——————— — Der Chevalier von Harmental. IV. Der Chevalier von Harmental. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. Dritte verbeſſerte Auflage. Herausgegeben von Lonis Bvurdin. Vierter Theil. —— Leipzig, C. Berger's Buchhandlung. 1847. I. Die Schlinge. An andern Morgen um ſieben Uhr ward dem König als er eben aufſtand die Meldung gemacht, Se. königliche Hoheit der Herr Herzog von Orleans bitte um die Ehre Sr. Majeſtät bei der Toilette aufwarten zu dürfen. Ludwig NV., welcher damals noch gewohnt war nie⸗ mals etwas aus freiem Antriebe zu thun, wendete ſich zum Herrn von Fréjus, welcher im entfernteſten Win⸗ kel des Gemaches ſaß, und fragte ihn durch eine Geberde was er antworten ſolle. Herr von Fréjus begnügte ſich nicht damit durch ein Kopfnicken dem König anzu⸗ deuten daß er den Herzog von Orleans empfangen müſſe, ſondern er erhob ſich auch von ſeinem Sitze um dem letztern die Thür zu öffnen. Der Regent blieb einen Angenblick auf der Schwelle ſtehen um Fréjus zu dan⸗ Der Chevalier von Harmental. ken, ließ ſeinen Blick über das Gemach ſtreifen, um zu ſehen ob der Marſchall von Villeroh noch nicht ein⸗ getroffen ſei, und näherte ſich dann dem König. Ludwig XV. war damals ein ſchönes Kind von neun bis zehn Jahren mit langen kaſtanienbraunen Locken, ſchwarzen glänzenden Augen, einem kleinen Munde und einem roſigen Teint, der aber wie der ſeiner Mutter Ma⸗ ria von Savohen oft einem plötzlichen Erblaſſen wich. Obgleich er noch ſehr unentſchloſſenen Charakters war, indem der Marſchall von Villeroh und Herr von Fröjus den gewaltigſten Einfluß auf ihn äußerten, ſo hatte doch ſeine jugendliche Phhſiognomie etwas Feuriges, was den Abkömmling Ludwig's XIV. bezeichnete. An⸗ fangs eingenommen gegen den Herzog von Orleans, welchen man ihm als den feindſeligſten Mann in ganz Frankreich zu ſchildern befliſſen geweſen war, hatte der junge Ludwig nach einigen Zuſammenkünften mit ihm dieſes Vorurtheil bald abgelegt und zuletzt vermöge des jugendlichen Inſtinetes, welcher faſt niemals trügt, in ihm einen wahren Freund erkannt. Der Herzog von Orleans dagegen bezeigte dem König nicht nur die ihm gebührende Achtung ſondern auch die zuvorkommendſte Aufmerkſamkeit. Se. Majeſtät empfingen daher auch diesmal den Regenten mit dem — x — 2 Der Chevalier von Harmental. 7 wohlwollendſten Lächeln und reichten ihm mit vieler Gra⸗ zie die kleine Hand zum Kuſſe, während ſich der Biſchof von Fréjus in ſeinem Demuthsſyſteme wieder nach ſei⸗ nem entlegenen Winkel zurückzog. „Ich freue mich ſehr Sie zu ſehen, Herr Herzog,“ ſprach Ludwig XV. in ſanftem Tone und mit jenem bezau⸗ bernden Lächeln, dem ſelbſt die ihm anbefohlene Etikette nicht alle Grazie hatte rauben können,„und zwar um ſo mehr, da Ihr Erſcheinen zu ſo ungewohnter Stunde mich vermuthen läßt, daß Sie mir eine gute Nchricht nitzr. theilen haben.“ „Ich überbringe deren zwei, Sire!“ e der Regent;„zuvörderſt iſt bei mir ſo eben aus Nürnberg eine große Kiſte angelangt, welche ohne Zweifel.. „Recht viel Spielzeug für mich enthält! Recht ſehr viel, nicht wahr, Herr Regent?“ unterbrach ihn freudig das königliche Kind, indem es fröhlich in die Hände klatſchte und umherſprang, ohne ſich um ſeinen Kammer⸗ diener zu bekümmern, welcher ehrerbietig hinter ihm ſtand und den kleinen Degen in der Hand hielt, welchen er am Gürtel befeſtigen wollte.„Wie freue ich mich, wie ſehr bin ich Ihnen verbunden, Herr Regent! Wie gut ſind Sie!“ „Sire, ich thue nur meine Schuldigkeit,“ verſetzte Der Chevalier von Harmental der Herzog von Orleans ſich ehrerbietig verbeugend. „Ew. Majeſtät ſind mir dafür keinen Dank ſchuldig!“ „Und wo iſt ſie, wo iſt dieſe herrliche Kiſte?“ „In meinen Zimmern, Sire! Wenn Ew. Majeſtät befehlen, ſoll ſie noch heute oder morgen früh hierher geſchafft werden.“ „Noch heute, ja noch heute, mein Herr, oder ſogleich, ich bitte darum!“ „Aber ſie iſt ſchon in meinen Gemächern.“ „So wollen wir dorthin, auf der Stelle!“ rief der kleine König, indem er nach der Thür rannte und nicht daran dachte, daß zur Vervollſtändigung ſeiner Toi⸗ lette noch der Degen, die kleine Atlasweſte und das blaue Band des Heiligengeiſtordens fehlten. „Sire,“ nahm jetzt der Biſchof von Fréjus näher⸗ tretend das Wort,„ich erlaube mir Ew. Majeſtät darauf aufmerkſam zu machen, daß Sie ſich allzuſehr dem Ver⸗ gnügen überlaſſen, welches Ihnen der Beſitz von Dingen verſchafft, die Sie jetzt ſchon als unbedentende Spielereien betrachten ſollten.“ „Sie haben Recht, mein Herr, Sie haben Recht,“ antwortete Ludwig der Funfzehnte, indem er ſich Gewalt anthat ſeine Freude zu mäßigen;„aber Sie müſ⸗ Der Chevalier von Harmental. 9 ſen mir das verzeihen; ich bin noch nicht zehn Jahre alt und habe geſtern ſo viel gearbeitet!“ „Das iſt freilich wahr,“ lächelte Herr von Frsjus, „auch werden ſich Ew. Majeſtät an dem herrlichen Spiel⸗ werk ergötzen, ſobald Sie zuvor vom Herrn Regenten er⸗ fahren haben, wie die zweite Nachricht lautet die er über⸗ bringt.“ „Ach ja, mein Herr, und wie lautet denn Ihre zweite Nachricht?“ „Sie betrifft eine Arbeit, die für Frankreich von Nutzen ſein wird und ſo wichtig iſt, daß ich es für nöthig erachte ſie Ewr. Majeſtät vorzulegen.“ „Haben Sie dieſelbe mitgebracht?“ fragte der kleine König. „Nein, Sire, ich glaubte nicht Sie dafür ſo gut dis⸗ ponirt zu finden und habe ſie in meinem Cabinet zurück⸗ gelaſſen.“ „Wohlan,“ ſprach Ludwig der Funfzehnte, in⸗ dem er bald den Herrn von Fröjus bald den Regenten bittend anſah,„da könnten wir ja Beides vereinigen; ſtatt meinen gewöhnlichen Morgenſpaziergang zu machen, könnten wir uns ja in Ihre Zimmer begeben; ich ſähe dort das ſchöne Spielwerk und wir gingen dann in Ihr Cabinet.“ 10 Der Chevalier von Harmental. „Das iſt gegen die Etikette, Sire,“ entgegnete der Regent;„wenn aber Ew. Majeſtät befehlen...“ „Ja, ja, ich will es!“ rief das königliche Kind, wo⸗ bei es aber zugleich einen ſanften bittenden Seitenblick auf den Herrn von Fréjus richtete,„as heißt, wenn es mein guter Lehrer erlaubt.“ „Sollte Herr von Fréjus es für unziemlich halten?“ fragte der Herzog von Orleans ſich zu dieſem wen⸗ dend und in einem Tone, aus welchem deutlich hervor⸗ ging, daß es ihn verletzen würde, falls der Hofmeiſter die Bitte ſeines königlichen Zöglings nicht bewilligen ſollte. „Durchaus nicht,“ lautete die Antwort;„es iſt viel⸗ mehr gut, wenn Se. Majeſtät ſich an Arbeit gewöhnen. Und wenn auch die Geſetze der Etikette verletzt werden ſollten, ſo kann dies geſchehen, wenn für das Volk Nutzen daraus entſpringt. Ich will Sie, gnädigſter Herr, nur um die Erlaubniß erſuchen Se. Majeſtät begleiten zu dürfen.“ „Mit dem allergrößten Vergnügen, mein Herr!“ ent⸗ gegnete der Regent. „O wie freue ich mich! Wie glücklich bin ich!“ jubelte Ludwig XV.;„ſchnell meine Weſte, meinen Degen, mei⸗ nen Orden! Sehen Sie, Herr Regent, da bin ich fer⸗ tig!“ So ſprechend wollte er die Hand des Letztern er⸗ . Der Chevalier von Harmental. faſſen; der Herzog von Orleans aber, ſtatt ſich einer ſolchen Vertraulichkeit hinzugeben, verbeugte ſich ehrerbie⸗ tig vor dem jungen König, öffnete ihm ſelbſt die Thür, bat ihn durch eine Geberde voranzuſchreiten und folgte mit entblößtem Haupte in einer kleinen Entfernung nebſt dem Herrn von Fréjus. Die Zimmer des Königs befanden ſich wie die des Herzogs von Orleans im unterſten Stockwerk und wa⸗ ren nur durch ein Vorgemach getrennt, durch welches man zum Erſtern gelangte und das vermittelſt einer Ga⸗ lerie in das Vorzimmer des Letztern führte. Der Weg war alſo nur kurz. Mit lautem Jubelruf eilte der kleine König, die verſammelten Höflinge des Regenten unbeach⸗ tet laſſend, auf die erſehnte Kiſte zu, die in der Mitte des Zimmers auf einem Tiſche ſtand. Zwei Kammer⸗ diener flogen auf den Wink des Regenten mit Werkzeugen herbei; unter ihren Händen ſprang der Deckel der Kiſte bald auf und dieſe zeigte nun das köſtlichſte Spielzeug, welches je einem König von neun Jahren die Augen ge⸗ blendet hat. Bei dieſem verlockenden Anblick vergaß der kleine Mo⸗ narch Etikette, Hofmeiſter und Höflinge; er ſtürzte über das ihm geöffnete Paradies her und zog wie aus einem Zauberkäſtchen voller Jubel Städte, Thürme, Schiffe, Ca⸗ Der Chevalier von Harmental. valerie, Infanterie und Artillerie, kurz jene zahlloſen Wunder hervor, welche am Weihnachtsabend die Köpfe von ſo vielen tauſend Kindern verrücken. Hert von Fré⸗ jus ſelbſt achtete dieſen kindlichen Freudenmoment; die Höflinge aber beobachteten ein gewiſſes religiöſes Schwei⸗ gen.— Da aber ward plötzlich im Vorzimmer ein lauter Lärm vernehmbar. Die Thür öffnete ſich und der Huiſſier meldete den Herm Herzog von Villeroy. Gleich darauf erſchien der Marſchall mit dem Stock in der Hand und fragte ganz ungeſtüm nach dem König. Da man ſchon an ſeine derbe Art und Weiſe gewöhnt war, begnügte ſich der Regent ihm den jungen König zu zeigen, welcher noch immer beſchäftigt war die Kiſte zu leeren und Tiſche, Stühle und Fußboden mit dem glänzenden Spielzeug zu bedecken. Der Marſchall brummte in den Bart; da ihm aber der Hofmeiſter Herr von Fréjus zur Seite ſtand, ſo wagte er nicht das Kind in ſeiner Beſchäftigung zu ſtören. Als endlich die Kiſte ganz geleert war und Ludwig XV. ſich noch ein Weilchen an deren Inhalt geweidet hatte, naherte ſich ihm der Herzog von Orleans, noch immer den Hut unter dem Arme haltend, und erinnerte Der Chevalier von Harmental. 13 ihn freundlich daran, wie er ihm verſprochen habe jetzt eine Stunde den Staatsgeſchäften zu widmen. Ludwig XV. warf noch einen letzten Blick auf die Spielſachen, bat um die Erlaubniß die Herrlichkeiten in ſeine Gemächer ſchaffen zu dürfen und begab ſich dann in das angrenzende Cabinet, deſſen Thür ihm der Regent ſelbſt öffnete. Herr von Fröjus zog ſich nach ſeiner Art und Weiſe wieder in einen Winkel zurück, der Mar⸗ ſchall von Villeroh aber wollte ohne weiteres dem König in's Cabinet folgen. Dieſen Augenblick eben hatte der Regent mit Ungeduld erwartet. „Entſchuldigen Sie, Herr Marſchall,“ ſprach er ihm den Weg vertretend,„die Geſchäfte, welche ich mit Sr. Majeſtät zu verhandeln habe, bedingen die größte Ge⸗ heimhaltung; ich bitte Sie daher mich mit Sr. Majeſtät einige Augenblicke lang allein zu laſſen.“ „Allein? Allein? Herr Regent!“ rief Villeroh auf⸗ fahrend;„Sie wiſſen, Herr Herzog, daß das unmöglich iſt!“ „Unmöglich, Herr Marſchall?“ fragte der Regent mit der größten Ruhe,„unmmöglich? Und weshalb das, wenn ich fragen darf?“ „Weil ich als Gouverneur Sr. Majeſtät das Recht habe dieſelben überallhin zu begleiten.“ 14 Der Chevalier von Harmental. „Zuvörderſt, mein Herr Warſchall,“ verſetzte der Re⸗ gent,„ſcheint mir dieſes ſogenannte Recht durch nichts klar bewieſen; und wenn ich bis jetzt nicht dieſem Rechte ſondern dieſem Anſpruche gewillfahrt habe, ſo geſchah es nur weil ihn das Alter des Königs unbedenklich machte. Jetzt aber wo Se. Majeſtät bereits das zehnte Jahr er⸗ reicht haben, jetzt wo dieſelben geſtatten daß ich ſie in die Regierungskunſt einweihe, eine Kunſt, in welcher Frankreich mich zum Präſidenten erwählt hat, jetzt wer⸗ den Sie es für gut finden, mein Herr Marſchall, daß ich mich gleich Ihnen und dem Herrn von Fröjus mit dem Könige allein beſprechen darf.“ „Aber, Herr Herzog,“ rief der Marſchall, der immer heftiger ward und immer mehr die Faſſung verlor,„ich bemerke Ihnen daß der König mein Zögling iſt.“ „Ich weiß das ſehr wohl, Herr Marſchall,“ entgegnete der Regent in ironiſchem Tone;„machen Sie aus Sr. Majeſtät immerhin einen großen Feldherrn, ich werde Sie nicht daran hindern; Ihre Feldzüge in Italien und Flan⸗ dern beweiſen, daß wir dem jungen Monarchen darin kei⸗ nen beſſern Lehrmeiſter geben konnten. In dieſem Augen⸗ blick aber, mein Herr, iſt nicht die Rede von der Kriegs⸗ wiſſenſchaft, ſondern es handelt ſich hier von einem Staatsgeheimniß, welches ich nur Sr. Majeſtät mittheilen — — Der Chevalier von Harmental. 15 kann; Sie werden es alſo für gut finden, wenn ich Ih⸗ nen meinen Wunſch ausſpreche mich mit Sr. Majeſtät unter vier Augen ſprechen zu laſſen.“ „Das iſt unmöglich, ganz unmöglich, gnädigſter Herr!“ rief der Marſchall von Villeroh, deſſen Heftigkeit im⸗ mer noch wuchs. „Unmöglich!“ wiederholte der Regent,„und weshalb? frage ich nochmals.“ „Weshalb?“ verſetzte der Varſchall;„weil es meine Pflicht iſt den König auch nicht eine Secunde aus den Augen zu verlieren und weil ich nicht erlauben werde...“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Marſchall,“ unter⸗ brach ihn der Regent mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ druck von Hoheit,„ich fürchte Sie werden den mir ge⸗ bührenden Reſpeet verletzen.“ „Gnädigſter Herr,“ nahm Villeroh immer hitziger wieder das Wort,„ich weiß ebenſo gut welchen Reſpect ich Ewr. königlichen Hoheit ſchuldig bin als ich die Pflich⸗ ten kenne, welche mir mein Amt vorſchreibt, und deshalb werde ich Se. Majeſtät auch nicht eine Secunde aus den Augen verlieren, zumal da.. Er zögerte. „Zumal da?“ rief der Herzog;„fahren Sie fort, Serr Marſchall, fahren Sie ſörr 16 Der Chevalier von Harmental. „Zumal da ich für ſeine Perſon einſtehen muß,“ ſprach der Marſchall. Da erhob der Hetzog von Orleans das Saupt mit ſtolzem verächtlichem Lächeln.„Mein Herr von Ville⸗ roh,“ ſprach er,„Sie ſcheinen ſich in der Perſon zu ir⸗ ren, welche Sie vor ſich haben. Da Sie alſo vergeſſen haben wer ich bin, ſo muß ich Sie wohl daran erinnern. „Marquis von Lafare,“ fuhr er darauf zu ſeinem an⸗ weſenden Garde⸗Lieutenant gewendet fort,„thun Sie Ihre Schuldigkeit!“ Jetzt erſt ſah der Marſchall von Villeroy ein wel⸗ chen Abgrund er ſich ſelbſt geöffnet hatte; er wollte eine Entſchuldigung ſtammeln, aber der Regent ließ ihm nicht die Zeit den angefangenen Satz zu vollenden, ſondern ſchlug ihm die Thür des Cabinets vor der Naſe zu. Noch bevor ſich der Marſchall von ſeinem Schrecken er⸗ holen konnte, näherte ſich ihm der Herr von Lafare und bat um ſeinen Degen. Herr von Villeroh ſtand einen Augenblick wie nie⸗ dergedonnert da; er wollte ſprechen, aber ſeine Zunge verſagte ihm den Dienſt. Es erfolgte eine zweite Auf⸗ forderung, die in noch beſtimmterem Tone ausgeſprochen wurde, und nun reichte er ſeinen Degen dem Heyrn von Lafare. Der Chevalier von Harmental. 17 In demſelben Augenblick öffnete ſich eine Thür. Die Zimmer waren Parterre. Es wird ein Tragſeſſel herbei⸗ geſchafft, zwei Musquetiere heben den Marſchall hinein, die Thür wird wieder zugeworfen, Lafare und der Lieu⸗ tenant Artagan nehmen Platz an beiden Seiten, meh⸗ rere Chevaulögers folgen und der Gefangene wird ohne weiteres durch den Garten in ein Zimmer der Orangerie geſchafft, wo die genannten Cavaliere allein bei ihm zu⸗ rückbleiben. Der Marſchall, der endlich ruhiger geworden war, glaubte ſich verloren.„Meine Herren,“ rief er erblaſſend, „man hat doch hoffentlich nicht die 6 mich zu er⸗ morden?“ „Nicht doch, Herr Marſchall, nicht doch; beruhigen Sie ſich,“ erwiderte Lafare;„es handelt ſich um eine weit einfachere, keineswegs tragiſche Sache.“ „Und um was handelt es ſich denn?“ fragte der Marſchall, dem dieſe Verſicherung die Ruhe einigermaßen wiedergab. „Es iſt die Rede von zwei Briefen, mein Herr, welche Sie dem König dieſen Morgen übergeben wollten und die ſich in einer Taſche Ihres Rocks befinden müſſen.“ Der Marſchall von Villeroh fing wieder an zu zittern und führte die Hand nach der Taſche, worin ſich Chevglier v. Harmental. W. 9 18 Der Chevalier von Harmental. die Briefe befanden; er hatte über ſeiner eignen Angele⸗ genheit bisher die der Herzogin von Maine vergeſſen. „Entſchuldigen Sie, Herr Marſchall,“ rief Artagan, indem er Villeroh's Hand faßte,„wir ſind autoriſirt Sie zu benachrichtigen, daß der Herr Regent Abſchriften dieſer Briefe beſitzt...“ „Sowie daß wir,“ fügte Lafare hinzu,„falls Sie uns dieſe Briefe nicht aushändigen, das Recht haben uns mit Gewalt in den Beſitz derſelben zu ſetzen; keine Folge eines dadurch etwa herbeigeführten Kampfes wird uns zugerechnet werden.“ „Sie ſagen, meine Herren, daß der Herr Regent Ab⸗ ſchriften von dieſen Briefen habe?“ fragte Villeroh. „Unſer Ehrenwort darauf!“ antworteten Beide. „In dieſem Falle ſehe ich nicht ein, meine Herren, warum ich Ihnen dieſe Briefe vorenthalten ſollte, die mich übrigens ganz und gar nichts angehen und die ich nur aus Gefälligkeit zu übergeben verſprach.“ „Wir wiſſen das, Herr Marſchall,“ verſetzte Lafare. „Ich hoffe indeß, meine Herren,“ fuhr Villeroh fort,„Sie werden Sr. königlichen Hoheit berichten, wie ſchnell ich bereit war ſeinem Verlangen zu willfahren und wie ſehr es mich ſchmerzt Hochdieſelben beleidigt zu haben.“ Der Chevalier von Harmental. 19 „Zweifeln Sie nicht daran, Herr Marſchall; es ſoll alles geſchehen wie Sie wünſchen... aber die Briefe?“ „Hier ſind Sie!“ ſprach Villeroh, indem er La⸗ fare die beiden Briefe überreichte. „Artagan,“ ſprach darauf der Letztere,„führen Sie jetzt den Herrn Narſchall nach dem Orte ſeiner Beſtim⸗ mung und behandeln Sie ihn nebſt ſeinen Begleitern mit der hohen Achtung, welche ſeinen Verdienſten gebührt.“ Man ſchloß den Tragſeſſel wieder, rief die Träger herbei und der Warſchall, welcher jetzt erſt die Schlinge merkte in die er gerathen war, wurde bis zum Garten⸗ thor getragen, wo ein mit ſechs raſchen Pferden beſpann⸗ ter Wagen hielt. Der Marſchall ward in den Wagen gehoben, Artagan ſetzte ſich ihm zur Seite, ein Officier der Musquetiere und du Libvis, ein Cavalier des Königs, nahmen den Rückſitz ein, eine Abtheilung berit⸗ tener Musquetiere umringte den Wagen, man gab dem Kutſcher ein Zeichen und der Wagen rollte ſchnell von dannen. Der Marquis von Lafare kehrte darauf mit den bei⸗ den Briefen Philipp's V. in der Hand nach dem Pa⸗ laſte zurück. 2 II. Der Beſuch bei Cellamare. An demſelben Tage um zwei Uhr Nachmittags, als die Liebenden den guten Buvat auf der Bibliothek glaubten, wiederholte Harmental zu den Füßen Ba⸗ thildens dieſer zum tauſendſten Male, daß er nur ſie liebe und daß er niemals eine Andre lieben werde als ſie. Da trat Nanette ein und berichtete dem Chevalier, daß in ſeiner Wohnung jemand harre, der ihn in einer wich⸗ tigen Angelegenheit zu ſprechen wünſche. Harmental, begierig zu erfahren wer der Läſtige ſei, der ihn bis in das Paradies ſeiner Liebe verfolge, eilte an's Fenſter und ſah den Abbé Brigaud, welcher in ſeinem Zimmer mit großen Schritten auf⸗ und abging. Er beruhigte nun Bathildens Beſorgniß mit einem Lächeln, drückte einen innigen Kuß auf ihre Stirn und begab ſich in ſeine Wohnung. Der Chevalier von Harmental. 21 „Da ſind Sie endlich!“ rief ihm der Abbé entgegen; „während Sie mit Ihrer ſchönen Nachbarin liebeln, tra⸗ gen ſich wunderbare Dinge zu!“ „Und die wären?“ fragte Harmental. „Wie, Sie wiſſen noch nichts?“ „Nichts, durchaus nichts! Sprechen Sie, was giebt's denn? Sie ſehen ja ganz verſtört aus!“ „Wir ſind verrathen und verkauft worden, der Him⸗ mel weiß von wem!“ ſprach der Abbé.„Herr von Vil⸗ leroh iſt dieſen Morgen in Verſailles arretirt; die bei⸗ den Briefe, welche er dem König übergeben ſollte, befin⸗ den ſich in der Hand des Regenten!“ Harmental begriff die ganze Wichtigkeit dieſer Kunde; was für düſtre Gedanken ſie aber auch in ihm weckte, ſein Antlitz zeigte nur jene ruhige Entſchloſſenheit, wie ſie ihm im Augenblicke der Gefahr ſtets eigenthümlich war. Als der Abbé geendet hatte, fragte er mit einer Stimme, der man auch nicht die geringſte Gemüthsbe⸗ wegung anmerkte:„Iſt das alles?“ „Für den Augenblick ja,“ erwiderte der Abbé,„und mir ſcheint's als ſei das vor der Hand genug!“ „Mein lieber Brigaud,“ verſetzte Harmental,„als wir uns zum Verſchwörungsſpiele entſchloſſen, wußten wir, daß wir ſo ziemlich dieſelbe Ausſicht hatten zu ge⸗ Der Chevalier von Harmental. winnen oder zu verlieren. Unſte Actien waren geſtiegen jetzt ſinken ſie. Weiter iſt es nichts.“ „Ich bemerke mit Vergnügen, daß Sie ſich nicht ſo leicht aus dem Sattel heben laſſen,“ antwortete Bri⸗ gaud. „Sehen Sie, Abbé, ich bin eben jetzt ſo überglücklich und da betrachte ich die ganze Welt im Sonnenſcheine. Hätten Sie mir Ihre Kunde in einem traurigen Augen⸗ blicke überbracht, ſo würde ich alles in ſchwarzem Lichte geſehen und zu Ihrem de profundis ein Amen geſprochen haben.“ „Sie meinen alſo?“ „Daß das Spiel freilich nicht gut ſteht, darum aber noch nicht verloren iſt. Der Herr Marſchall von Vil⸗ leroh gehört nicht zur Verſchwörung, kennt alſo die Namen der Verſchworenen nicht; die Briefe Philipp's V. compromittiren niemanden, ſo viel ich weiß, und es iſt alſo bis jetzt niemand gefährdet als der Prinz von Cellamare. Die Unverletzlichkeit ſeines diplomatiſchen Charakters aber ſchützt ihn vor jeder wirklichen Gefahr. Auch dient Herr St. Aignant, wenn unſer Plan dem Cardinal Alberoni zugekommen iſt, für ihn als Geiſel.“ „Es liegt etwas Wahres in dem was Sie ſagen,“ bemerkte Brigaud. Der Chevalier von Harmental. 23 „Und von wem haben Sie alle dieſe Nachrichten?“ „Von Valef, welchem ſie die Herzogin von Maine mitgetheilt und der ſich ſogleich zum Prinzen von Cel⸗ lamare begeben hat. Ich habe ihn hierher beſtellt, und da ich zuvor beim Marquis von Pompadour war, ſo wundre ich mich ihn noch nicht hier zu finden.“ „Raovul! Ravul!“ rief plötzlich eine Stimme drau⸗ ßen auf der Treppe. „Da iſt er!“ ſprach Harmental nach der Thür ei⸗ lend und ſie öffnend. „Dank, ſchönen Dank!“ rief der Baron von Valef, „Sie kamen gerade zur rechten Zeit; ſchon wollte ich wieder fort, denn ich glaubte Brigaud habe ſich in der Adreſſe geirrt und es könne keine ehrliche Chriſtenſeele auf einem ſolchen Taubenſchlage wohnen.“ „Der Himmel gebe,“ ſiel Brigaud ein,„daß Sie, der Chevalier und ich in einigen Tagen nicht noch ſchlechter logirt werden!“ „Aha, Sie meinen in der Baſtille, Abbé! Ja ja, das iſt möglich! Die Baſtille iſt indeſſen doch immer eine königliche Wohnung und das erhöht ihren Werth; ein Edelmann kann dort wohnen ohne ſeinem Range etwas zu vergeben. Aber dieſes armſelige Dachſtübchen, ach 24 Der Chevalier von Harmental. pfui Chevalier, hier ſchmeckt alles nach dem Schreiber eines Procurators.“ „Wenn Sie wüßten, Valef, was ich in dieſer arm⸗ ſeligen Wohnung gefunden habe!“ bemerkte Harmen⸗ tal,„o dann würden Sie gleich mir ſie nicht wieder ver⸗ laſſen wollen!“ „Etwa eine kleine Griſette oder eine Madame Mi⸗ chelin? Nehmen Sie ſich in Acht, dergleichen iſt nur dem Richelien erlaubt! Unſereins, die wir vielleicht ſchwerer wiegen aber nicht ſo in der Mode ſind wie er, würde davon großen Nachtheil haben.“ „Wie frivol auch Ihre Aeußerungen ſein mögen, Baron,“ fiel Brigaud ein,„ſo höre ich ſie dennoch mit Vergnügen, weil ſie mir beweiſen, daß es mit unſern Angelegenheiten nicht ſo ſchlecht ſteht als wir fürchteten.“ „J nun,“ verſetzte Valef,„die ganze Verſchwörung iſt in die Luft geſprengt!“ „Was ſagen Sie da, Baron?“ rief Brigaud. „Ich ſage Ihnen, daß ich nicht Zeit zu haben glaubte Ihnen dieſe Kunde bringen zu können. Es fehlte kein Haarbreit daran. Sie wiſſen, Abbé, daß ich Sie verließ um mich zum Prinzen von Cellamare zu begeben. Ich war gerade dort, als man erſchien um ſeine Papiere in BVeſchlag zu nehmen.“ ber Der Chevalier von Harmental. 2 „Wie, ſeine Papiere wurden in Beſchlag genommen?“ „Alle bis auf die, welche wir verbrannt hatten; das war aber leider nicht der größte Theil!“ „Dann ſind wir ſämmtlich verloren!“ rief der Abbé. „Wie Sie gleich den Muth verlieren, Abbé! Bleibt uns nicht noch das Mittel eine kleine Fronde zu bilden? Gilt die Herzogin von Maine etwa nicht ebenſo viel als die Herzogin von Longueville?“ „Aber, Valef, wie hat ſich denn das zugetragen?“ fragte Harmental. „Stellen Sie ſich die drolligſte Scene von der Welt vor, lieber Chevalier. Ich hätte alles darum gegeben Sie dabei gegenwärtig zu ſehen. Wir hätten uns todt gelacht; Dubvis wäre außer ſich gekommen.“ „Wie! Dubois, Dubvis ſelbſt war beim Ge⸗ ſandten?“ fragte der Abbé. „In eigner hoher Perſon. Stellen Sie ſich vor⸗ Abbé, daß wir ganz ruhig am Kamin mit einander von unſern kleinen Angelegenheiten plauderten; der Prinz von Cellamare und ich, wir kramten in einem mit Briefen angefüllten Kaſten und verbrannten alle diejenigen, welche uns der Ehre eines Autodafe's würdig ſchienen, als plötz⸗ lich der Kammerdiener erſcheint und berichtet, das Ge⸗ ſandtſchaftshotel ſei von einer Schaar Musketiere umringt, 26 Der Chevalier von Harmental. Dubvis und Leblane verlangten mit dem Prinzen zu reden. Der Zweck ihres Beſuchs war leicht zu errathen. Ohne weitere Wahl wirft nun der Prinz ſchnell alle Pa⸗ piere des Kaſtens in's Feuer, ſchiebt mich in ein Cabinet und befiehlt die gemeldeten Herren einzulaſſen. Dieſer Befehl war übrigens überflüſſig, denn Leblanc und Dubvis ſtanden ſchon auf der Thürſchwelle. Zum Glück hatte mich keiner von ihnen bemerkt. Ich konnte von meinem Cabinet aus alles ſehen und hören. Du⸗ bois ſchritt voran, ſteckte ſeinen Fuchskopf in's Gemach und ſah ſich nach dem Prinzen von Cellamare um, der in ſeinem Schlafrock vor dem Kamin ſtand, um die Papiere vollends verbrennen zu laſſen. Meine Herren, begann der Prinz mit dem Phlegma das Sie an ihm kennen, darf ich fragen was mir die Ehre Ihres Beſuchs verſchafft? Die Urſache iſt ſehr einfach, gnädigſter Herr, verſetzte Dubois. Herr Leblane und ich wir hegen den Wunſch einen Vlick in Ihre Papiere zu thun, von denen uns (hier zeigte er die Briefe Philipp's V.) dieſe Briefe hier einen Vorſchmack gegeben haben.“ „Und wie benahm ſich der Prinz?“ fragte Har⸗ mental. „Der Prinz wollte Einwendungen machen und ſich Der Chevalier von Harmental. 27 auf das Recht eines Geſandten berufen, Dubvis aber bemerkte ihm ganz unumwunden, wie von ihm ſelbſt die⸗ ſes Recht dadurch gemißbraucht worden ſei, daß er eine Verſchwörung mit ſeinem gefandtſchaftlichen Mantel be⸗ deckt habe; kurz er mußte dulden was er nicht verhindern konnte. Uebrigens hatte Leblanc, ohne die Erlaubniß abzuwarten, bereits den Seeretär geöffnet und deſſen In⸗ halt unterſucht, während Dubois die Schubfächer eines Bureau's aufzog und gleichfalls darin herumkramte. Plötz⸗ lich verließ der Prinz ſeine bisherige Stellung und er⸗ faßte Leblane's Arm, der ſo eben ein mit einem roſa⸗ farbenen Bande umwickeltes Päcktchen ergriffen hatte. Entſchuldigen Sie, mein Herr, das ſind Briefe von Da⸗ men; Sie werden nicht ſo indiseret ſein.. Erlauben Ew. Excellenz, fiel Dubvis ein, indem er das Päcktchen aus Leblane's Händen nahm, ich weiß mit dergleichen Geheimniſſen umzugehen und das Ihrige ſoll wohlbewahrt bleiben. In dieſem Augenblick richtete Dubvis die Augen auf den Kamin und gewahrte unter der Aſche der ver⸗ brannten Briefe ein noch unverſehrtes Papier; er ſtürzte darauf zu und ergriff es gerade als die Flammen es er⸗ faſſen wollten. Dies geſchah mit einer ſolchen Schnellig⸗ 28 Der Chevalier von Harmental. keit, daß der Prinz von Cellamare es nicht verhindern konnte. Alle Teufel! rief der Prinz, während Dubvis ſich die Fingerſpitzen mit der Zunge netzte, ich wußte wohl daß der Regent gute Spione im Dienſte hat, aber ich wußte noch nicht, daß ſie für ihn ſelbſt in's Feuer gehen würden. Und wahrlich, mein Herr Geſandter, ſie ſind reichlich dafür belohnt, verſetzte Dubois, welcher das Papier be⸗ reits geöffnet hatte. Da ſehen Sie ſelbſt!— Der Prinz warf einen Blick auf das Papier. Ich weiß nicht was es enthielt, geſehen habe ich aber, daß der Prinz leichen⸗ blaß wurde und Dubvis laut auflachte. Cellamare zerſchmetterte in einem Ausbruche des Zorns eine kleine Marmorbüſte, auf welcher eben ſeine Hand geruht hatte. Dubois ſteckte das Papier gelaſſen zu ſich. Da wir jetzt ſo ziemlich gefunden haben was wir ſuchten, ſprach er in dem ihm eigenthümlichen unangenehmen Tone, und uns für heute noch andre Geſchäfte obliegen, ſo wollen wir jetzt die Siegel bei Ihnen anlegen. Die Siegel! die Siegel bei mir? rief der Geſandte auf's Aeußerſte gebracht. Mit Ewr. Excellenz Erlaubniß, ja. Herr Leblane, legen Sie Hand an's Werk, antwortete Dubois ganz Der Chevalier von Harmental. 29 ruhig. Leblanc nahm Papierſtreifen nebſt Siegellack und Petſchaft aus der Taſche, legte Siegel an den Se⸗ cretär und das Bureau und näherte ſich dann der Thür des Cabinets worin ich mich befand. Meine Herren, rief der Prinz, ich werde niemals dulden... Meine Herren, fiel Dubois ein, die Thür des Zim⸗ mers öffnend und zwei Officiere von den Musketieren hereinwinkend, der Herr Geſandte Spaniens hier iſt des Hochverraths angeklagt! Haben Sie die Güte ihn nach dem Wagen zu geleiten, welcher ihn erwartet, und brin⸗ gen Sie ihn an den bewußten Ort! Widerſetzt er ſich, ſo rufen Sie acht Mann herbei und laſſen ihn in den Wagen ſchaffen!“ „Und was that der Prinz?“ fragte Brigaud. „Der Prinz that was jeder Andre und alſo auch Sie an ſeiner Stelle gethan haben würden; er folgte den bei⸗ den Officieren und zwei Minuten darauf befand ſich Ihr ganz gehorſamer Diener unter königlichem Siegel.“ „Armer Freund,“ rief Harmental;„und wie ſind Sie wieder herausgekommen?“ „Das iſt eben das Beſte; hören Sie! Kaum war meine Thür verſiegelt, als Dubois den Kammerdiener des Prinzen rief. Wie heißen Sie? fragte er.— La⸗ 30 Der Chevalier von Harmental. pierre, Ihnen zu dienen, gnädigſter Herr, antwortete er zitternd.— Lieber Herr Leblane, fuhr Dubois fort, benachrichtigen Sie den Herrn Lapierre, welche Strafe deſſen harrt der Hand an dieſe Siegel legen ſollte! — Die Galeere ſteht darauf, bemerkte Leblane kalt⸗ blütig. Mein lieber Herr Lapierre, Sie haben es gehört, ſprach nun Dubois in honigſüßem Tone; wenn Sie Luſt verſpüren ſollten einige Jahre lang auf den Schiffen Sr. Majeſtät des Königs von Frankreich zu rudern, ſo berühren Sie eins dieſer Siegel oder dieſer Papierbänder nur mit Ihrem kleinen Finger... und Ihrem Wunſche kann allſogleich gewillfahrt werden. Wenn Ihnen aber hundert Louisd'or angenehmer ſind, ſo nehmen Sie dieſe Siegel unter Ihren beſondern Schutz... und ſchon nach drei Tagen ſollen Sie dieſe Summe empfangen. Die hundert Louisd'or ſind mir lieber, ſagte der Schelm Lapierre. Wohlan, ſo unterzeichnen Sie dieſes Protveoll; wir ernennen Sie zum Wächter des geſandtſchaftlichen Cabi⸗ nets! Lapierre unterzeichnete. Sie begreifen jetzt die ganze auf Ihnen laſtende Ver⸗ antwortlichkeit, fuhr Dubvis fort. Der Chevalier von Harmental. 31 Ja gnädigſter Herr.— Und Sie übernehmen die⸗ ſelbe?— Ich übernehme ſie.— Charmant! ſagte Du⸗ bois; Herr Leblanc, dann haben wir hier nichts wei⸗ ter zu thun—(und indem er auf das Papier in ſeiner Hand blickte, fügte er noch hinzu:) ich habe gefunden was ich ſuchte! Er entfernte ſich darauf mit Leblane. Als La⸗ pierre den Wagen fortrollen hörte, trat er an die Thür meines Cabinets und rief: Benutzen Sie unſer Alleinſein, Herr Baron, um ſich fort zu machen. Ich bin darum ihren Vertrag eingegangen. Aber wie ſoll ich denn hinauskommen? fragte ich. Durch's Fenſter, Herr Baron, durch das kleine Fen⸗ ſter, antwortete Lapierre, welches ſich links in der Wand befindet. Es führt in einen Alkoven. Laſſen Sie ſich dreiſt hinabgleiten, Sie fallen auf ein Bett! Geſagt, gethan. Ich reichte dem Kammerdiener, der zu mir in den Alkoven gekommen war, einen koſtbaren Ring, den ich gerade am Finger trug. Und wie ſoll ich nun meine Flucht weiter bewerkſtelligen? fragte ich ihn. Dieſe kleine Treppe hinab, Herr Baron, ſprach La⸗ pierre, von dort durch die Küche in den Garten und — 32 Der Chevalier von Harmental. dann durch das Hinterpförtchen, denn der iſt ſicherlich bewacht. Ich folgte ſeiner— und da bin ich nun!“ „Und der Prinz von Cellamare, wo iſt er?“ fragte Harmental. „Weiß ich's?“ entgegnete Valefz„wahrſcheinlich im Gefängniß!“ „Alle Teufel!“ rief Brigaud.„Wenn nur das ver⸗ wünſchte Papier nicht wäre, das der verdammte Dubvis gefunden hat; was mag es nur geweſen ſein?“ „Ich weiß nicht das Mindeſte davon; aber beruhigen Sie ſich, Herr Abbé, früher oder ſpäter werden wir ſchon erfahren was es enthält!“ In dieſem Augenblicke hörte man jemanden die Treppe heraufkommen; die Thür öffnete ſich und— Bonifaz ſteckte ſeinen dicken Kopf herein. „Verzeihen Sie, Herr Ravul,“ ſprach der muth⸗ maßliche Erbe der Madame Denis,„ich ſuche den Papa Brigaud; Mama wünſcht mit Ihnen zu ſprechen. Sie möchte gern von Ihnen erfahren, warum ſich morgen das Parlament verſammelt.“ 6 Der Chevalier von Harmental. 33 „Wie, das Parlament verſammelt ſich morgen?“ rie⸗ fen Harmental und Valef zugleich. „Und weshalb mag das geſchehen?“ fragte Brigaud, „und woher weiß Deine Mutter daß es geſchieht?“ „Ei durch mich!“ antwortete Bonifaz,„durch mich! Ich erfuhr es durch meinen Procurator. Dieſer befand ſich eben beim erſten Präſidenten, als der Befehl aus den Tuilerien bei demſelben anlangte.“ „Gut, gut,“ ſprach der Abbé;„ſage Deiner Mutter, ich werde bei ihr vorſprechen.“ „Das iſt ein Staatsſtreich den man beabſichtigt!“ murmelte Harmental, als Bonifaz ſich entfernt hatte, vor ſich hin. „Ich eile zur Frau von Maine um ſie zu benach⸗ richtigen!“ rief Valef. „Ich begebe mich zum Marquis von Pompadour um Nachrichten einzuſammeln!“ ſprach Brigaud. „Ich bleibe hier,“ bemerkte Harmentalz;„wenn Sie meiner bedürfen, Abbé, ſo wiſſen Sie wo ich zu fin⸗ den bin! Sollten Sie mich nicht hier antreffen, ſo brau⸗ chen Sie nur das Fenſter zu öffnen und dreimal in die Hände zu klatſchen, ich werde dann augenblicklich bei Ihnen ſein.“ Chevalier v. Harmental. IV. 3 3¹ Der Chevalier von Harmental. Brigaud und Valef gingen. Fünf Minuten dar⸗ auf verließ Harmental ſein Dachſtübchen und begab ſich zu Bathilden, die er in großer Unruhe fand.— Es hatte Nachmittags fünf Uhr geſchlagen und Buvat war noch nicht heimgekehrt. III. Verkleidungen. An folgenden Morgen um ſieben Uhr erſchien der Abbé Brigaud, um Harmental abzuholen, den er ſchon angekleidet und ſeiner wartend fand. Beide hüllten ſich in ihre Mäntel, drückten ihre Hüte tief in's Geſicht und ſchritten dem Palais⸗Rohal zu. Als ſie ſich der Rue Echelle näherten, bemerkten ſie auf der Straße eine ungewöhnliche Bewegung. Alle Zugänge zu den Tuile⸗ rien waren von Abtheilungen der Chevaulégers und Musketiere beſetzt und die auf dieſe Weiſe vom Hofe und den Gärten der Tuilerien ausgeſchloſſene Menge der Neu⸗ gierigen drängte ſich auf den Carrouſelplatz. Brigaud und Harmental miſchten ſich unter die Menge. Auf der Stelle angelangt, wo ſich jetzt der Triumph⸗ bogen befindet, wurden ſie von einem Officier der Mus⸗ S Der Chevalier von Harmental. ketiere angeredet, der ſich gleichfalls in einen Mantel ge⸗ hüllt hatte; es war Valef. „Nun Baron,“ fragte Brigaud,„was giebt's Neues?“ „Ha, ſind Sie's, Abbé! Wir ſuchten Sie, Laval, Malezieur und ich. Ich ſah ſie ſo eben, ſie müſſen ganz in der Nähe ſein. Bleiben wir hier und ſie wer⸗ den ſich uns bald anſchließen. Malezieur und ich, wrir blieben die ganze Nacht im Arſenal.“ „Hat ſich dort keine feindliche gezeigt?“ forſchte Harmental. „Durchaus keine. Der Herr Herzog von Maine und der Graf von Toulouſe waren zum Regentſchafts⸗ Conſeil beſchieden, welches dieſen Morgen vor dem Lit de Juſtice gehalten werden ſollte. Halb ſieben Uhr be⸗ fanden ſie ſich ſchon in den Tuilerien ſowie auch Frau von Maine, welche ſich, um deſto früher Nachrichten zu erhalten, in ihre Gemächer der Strintendanee begeben hat.“ „Weiß man was aus dem Prinzen von Cellamare geworden iſt?“ fragte Harmental. „Man hat ihn in einem vierſpännigen Wagen und von zwölf Chevaulégers begleitet nach Orleans gebracht.“ „Was ſagt die Herzogin von Maine zu alle dem?“ Der Chevalier von Harmental. 37 „Daß man etwas zum Nachtheil der legitimen Prin⸗ zen erbrüten und das Vorgegangene benutzen wird um ihnen einige ihrer Privilegien zu rauben. Auch hat ſie dieſen Morgen ihren Eheherrn tüchtig in's Gebet genom⸗ men; er verſprach ihr ſich tapfer zu halten, aber ſie rech⸗ net nicht darauf.“ „Und der Herr Graf von Toulouſe?“ „Wir ſahen ihn geſtern Abend; aber Sie wiſſen, mein lieber Abbé, es iſt mit ſeiner Beſcheidenheit oder viel⸗ mehr mit ſeinem demüthigen Weſen nichts anzufangen; er iſt ſtets bereit dem Regenten in allem nachzugeben.“ „Aber wie hat denn der junge König die Verhaftung ſeines Gouverneurs aufgenommen?“ „Wie, Sie wiſſen nicht? Es ſcheint zwiſchen dem Marſchall von Villeroh und dem Herrn von Fréjus eine Uebereinkunft ſtattgefunden zu haben, wonach, wenn man den einen dem König entzöge, der andre ſich auch zurückziehen müßte. Seit geſtern früh iſt Herr von Fré⸗ jus verſchwunden.“ „Und wo iſt er?“ „Gott weiß es. Der König, welcher den Verluſt des Marſchalls leicht ertrug, iſt untröſtlich über die Entfer⸗ nung ſeines Biſchofs.“ „Und wer hat Ihnen das alles geſagt?“ 38 Der Chevalier von Harmental. „Der Herzog von Richelieu, welcher geſtern um zwei Uhr nach Verſailles kam, um dem König ſeine Auf⸗ wartung zu machen; er fand Se. Majeſtät in Verzweif⸗ lung zwiſchen einem Porzellangefäß und den Fenſterſchei⸗ ben, die er in der erſten Aufwallung zerſchmettert hatte. Leider kennen Sie Richelieu; ſtatt den König in ſei⸗ ner Traurigkeit zu beſtärken, hat er ihn zum Lachen ge⸗ reizt; er erzählte ihm tauſend Schwänke und tröſtete ihn dadurch daß er mit ihm gemeinſchaftlich alles zerſchmet⸗ terte was an Porzellan und Scheiben noch ganz war.“ In dieſem Augenblicke glitt ein Mann in ſchwarzer Advocatentracht und mit der viereckigen Mütze auf dem Kopfe an den drei Obengenannten vorüber. Der Abbé Brigaud glaubte unter dieſer Verkleidung den Marquis von Pompadour zu erkennen. Der Advocat näherte ſich der Gruppe; dem Abbé Brigaud blieb kein Zwei⸗ fel, es war der Marquis. „Nun Meiſter Clément, was giebt's Neues im Pa⸗ laſt?“ fragte Brigaud. „Etwas höchſt Wichtiges, wenn es ſich anders beſtä⸗ tigt. Man ſagt, das Parlament weigere ſich nach den Tuilerien zu gehen.“ „Vortrefflich, vortrefflich! Das könnte mich mit den Der Chevalier von Harmental. 39 Rothröcken wieder ausſohnen!“ rief Valef;„aber ſie werden es nicht wagen!“ „Sie wiſſen ja, daß Herr von Mesmes zu den Unſ⸗ rigen gehört; er iſt neulich durch den Einfluß des Her⸗ zogs von Maine zum Präſidenten erwählt worden.“ „Das iſt ſchon lange her,“ bemerkte Brigaud,„und wenn Sie keinen beſſern Grund haben worauf Sie fußen, Meiſter Clément, ſo rathe ich Ihnen nicht allzuſehr darauf zu pochen.“ „Halt, dort geht etwas vor!“ ſiel Sarmental ein; „ſollte das Regentſchafts⸗Conſeil ſchon beendigt ſein?“ Es zeigte ſich nämlich im Hofe der Tuilerien eine ſtarke Bewegung und die beiden Equipagen des Herzogs von Maine und des Grafen von Toulvuſe näherten ſich dem Pavillon de LSorloge. In demſelben Augen⸗ blicke gewahrte man auch die beiden Brüder. Sie wech⸗ ſelten noch einige Worte mit einander, jeder ſtieg dann in ſeinen Wagen und dieſer rollte raſch mit ihnen von dannen. Zehn Minuten lang erſchöpften ſich die ſchon oft er⸗ wähnten vier Perſonen in Muthmaßungen über dieſen Vorfall, welcher auch der Volksmenge aufzufallen ſchien; da gewahrten ſie plötzlich Malezieur, welcher ſie ſuchte. 40 Der Chevalier von Harmental. Man ſah es an ſeinem verſtörten Geſicht daß er keine guten Nachrichten brachte. „Nun,“ fragte Pompadour,„haben Sie irgend eine Vermuthung über das was vorgeht?“ „Ich fürchte leider daß alles verloren ſei!“ entgegnete der Kanzler. „Sie wiſſen doch, daß der Herzog von Maine und der Graf von Toulouſe das Regentſchafts⸗Conſeil ver⸗ laſſen haben?“ fragte Valef.„Ich bin dem Wagen des Erſtern begegnet; er erkannte mich, ließ anhalten und warf mir dieſes mit Bleiſtift geſchriebene Billet zu.“ Brigand las: „Ich weiß nicht was man gegen uns im Schilde führt, aber der Regent hat mich und Toulouſe auf⸗ fordern laſſen uns aus dem Conſeil zu entfernen. Dieſe Aufforderung ſchien mir ein Befehl, und da es durch⸗ aus nichts helfen konnte ſich zu widerſetzen, indem wir im Conſeil kaum auf vier bis fünf Stimmen zählen kön⸗ nen, ſo mußten wir gehorchen. Suchen Sie die Her⸗ zogin zu ſprechen, welche ſich in den Tuilerien befinden muß, und ſagen Sie ihr, daß ich mich nach Ram⸗ bouillet zurückziehe, wo ich den Erfolg der Begeben⸗ heiten abwarten werde. Ihr wohlgeneigter Ludwig Auguſt.“ e Der Chevalier von Harmental. 41 „Der Feigling!“ rief Valef. „Das ſind die Menſchen, für die wir unſer Leben auf's Spiel ſetzen!“ murmelte Pompadour. „Sie irren, lieber Marquis, wir wagen unſer Leben um unſer ſelbſt willen und nicht für Andre, nicht wahr, Chevalier? Aber was zum Henker haben Sie denn?“ „Warten Sie hier, Abbé,“ ſprach Harmental,„ich glaube. ich erkenne dort... bei allen Teufeln, ich irre mich nicht er iſt es ſelbſt! Nicht wahr, Sie entfernen ſich nicht von hier, meine Gerren? Ich bin den Augenblick wieder bei Ihnen!“ Er ließ bei dieſen Wor⸗ ten den Arm Valef's fahren um ſich einem Individuum zu nähern, dem er ſchon ein Weilchen mit der größten Aufmerkſamkeit gefolgt war und das ſich vermittelſt ſei⸗ ner Körperkraft mit zwei Frauenzimmern bis zum Gitter vorgedrängt hatte. „Capitän Rogquefinette,“ ſprach Harmental das erwähnte Individuum auf die Schulter klopfend,„ich möchte gern zwei Worte mit Ihnen unter vier Angen ſprechen!“ „Vier, wenn Sie wollen!“ erwiederte der Capitän, indem er die Arme ſeiner beiden Begleiterinnen fahren ließ. „Erwartet mich hier, ihr Kleinodien meiner Seele! 42 Der Chevalier von Harmental. Sollte Euch jemand ein Leid zufügen, ſo gebt mir nur einen Wink; ich bleibe hier ganz in der Nähe... Jetzt bin ich zu Ihren Dienſten, Chevalier,“ fuhr er fort die⸗ ſen bei Seite ziehend;„ich habe Sie ſchon ſeit einigen Minuten bemerkt, aber es war für mich nicht rathſam Sie zuerſt anzureden.“ „Ich erſehe daraus mit Vergnügen, daß der Capitän Roquefinette noch immer vorſichtig iſt,“ verſetzte Harmental;„jetzt wollte ich Sie nur fragen ob Sie noch immer an demſelben Orte zu treffen ſind, falls ich Ihrer plötzlich bedürfen ſollte?“ „Allerdings, Chevalier,“ antwortete der Capitän,„nur wohne ich jetzt im fünften Stockwerk und nicht mehr im zweiten; wenn meine Actien fallen, ſo ſteige ich.“ „Wie,“ lächelte Harmental mit der Hand in ſeine Weſtentaſche greifend,„Sie ſind genirt und wenden ſich doch nicht an Ihre Freunde?“ „Ich Geld leihen!“ entgegnete der Capitän, indem er die Hand des Chevaliers zurückhielt,„ah, pfni doch! Ja, wenn ich jemandem einen Dienſt geleiſtet habe und dafür ein Geſchenk erhalte, dann iſt es etwas Andres. Aber ich ſehe, meine Dämchen werden ungeduldig. Auf Wie⸗ derſehen alſo! Wenn Sie meiner bedürfen, ſo wiſſen Sie wo ich zu finden bin!“ Und ohne weiter auf Har⸗ Der Chevalier von Harmental. 13 mental's Antwort zu warten, eilte er den Mädchen nach. Da es indeſſen erſt eilf Uhr Vormittags war und das Lit de Juſtice bis vier Uhr Nachmittags dauern konnte, ſo dachte der Chevalier beſſer zu thun, wenn er die Stun⸗ den bis dahin ſeiner Liebe als dem nutzloſen Gaffen wid⸗ mete; je mehr er ſich überhaupt einer Kataſtrophe näherte, mochte dieſe auch ausfallen wie ſie wollte, deſto heftiger fühlte er das Bedürfniß Bathilden zu ſehen. Ba⸗ thilde war ein Element ſeines Lebens, ein zu ſeiner Exiſtenz nothwendiges Organ geworden; und in einem Augenblicke, wo er vielleicht bald auf immer von ihr ge⸗ trennt werden ſollte, begriff er nicht wie er ohne ſie auch nur einen einzigen Tag leben könne. Er begab ſich da⸗ her auch, ohne ſich weiter um ſeine Gefährten zu beküm⸗ mern, wieder nach der Rue du Temps perdu. Harmental fand die arme Bathilde in der größ⸗ ten Unruhe. Buvat war ſeit geſtern halb zehn Uhr nicht wieder erſchienen; Nanette hatte ſich auf der Bibliothek nach ihm erkundigt, aber zu ihrem Schrecken erfahren, daß er ſeit fünf bis ſechs Tagen gar nicht da⸗ hin gekommen ſei. Eine ſolche Abweichung von ſeinen bisherigen Gewohnheiten deutete auf etwas ganz Außer⸗ ordentliches. Auf der andern Seite hatte die liebliche 44 Der Chevalier von Harmental. Bathilde an Harmental eine gewiſſe fieberhafte Un⸗ ruhe wahrgenommen, die irgend einer ernſten Kriſis vor⸗ auszugehen ſchien; und ſo war es ihr als ob eine ver⸗ derbenſchwangere Gewitterwolke über ihrem Haupte ſchwebe, die ſich jeden Augenblick ihres furchtbaren Inhalts ent⸗ laden konnte. S Sowie ſie aber den Geliebten wiederſah, tauchte jede Beſorgniß wegen der Zukunft in die Wonne der Gegen⸗ wart unter. Doch konnte ſie nicht umhin ihre Angſt um Buvat zu äußern, ſo daß bei Harmental durch das Ausbleiben deſſelben jetzt wieder ein Verdacht geweckt ward, der ihm bereits früher mehrfach aufgeſtiegen war. Es ſchlug vier Uhr, als die Liebenden kaum eine Stunde bei einander zugebracht zu haben meinten. Es war dies die Zeit wo ſie gewöhnlich von einander ſchie⸗ den. Sie kamen überein einander zu jeder Zeit des Tags oder der Nacht zu benachrichtigen, ſobald ſich etwas Neues zutragen ſollte, und trennten ſich dann unter tauſend Schwüren der Liebe. Vor dem Hauſe der Madame Denis traf Har⸗ mental den Abbé Brigaud. Das Lit de Juſtice war beendigt; man wußte noch nichts Beſtimmtes darüber, aber das Gerücht verkündete, es ſeien furchbare Maß⸗ regeln getroffen worden. Uebrigens mußten bald ſichere „—— Der Chevalier von Harmental. 15 Nachrichten eingehen, denn Brigaud hatte mit Pom⸗ padour und Malezieur eine Zuſammenkunft bei Harmental verabredet, deſſen entlegene und unbekannte Wohnung dazu am geeignetſten war. Nach einer Stunde erſchien auch wirklich der Mar⸗ quis von Pompadour. Das Parlament hatte ſich an⸗ fangs widerſetzen wollen, ſich aber endlich doch unter den Willen des Regenten gebeugt. Die Briefe des Königs von Spanien waren verleſen und verworfen worden, wor⸗ auf man den Beſchluß faßte, daß die Herzöge und Pairs im Range gleich nach den Prinzen von Geblüt kommen ſollten. Die Auszeichnung der legitimen Prinzen war auf ihre Pairswürde beſchränkt. Dem Herzoge von Maine ward die Oberintendanz der Erziehung des Kö⸗ nigs genommen, welche man dem Herzoge von Bour⸗ bon übertrug, und nur dem Grafen von Toulouſe waren ſeine bisherigen Vorrechte auf Lebenszeit gelaſſen worden. Malezieur langte darauf gleichfalls an; er kam ſo eben von der Herzogin. Noch während der Sitzung hatte man ihr angedeutet, ſie möge ihre Wohnung in den Tuilerien verlaſſen. Durch eine ſolche Veleidigung war die Enkelin des großen Condé begreiflicherweiſe außer ſich gerathen. Sie zerſchlug im erſten Zorn mit eigner 46 Der Chevalier von Harmental. hoher Hand die Spiegel und ließ die Mobilien zum Fen⸗ ſter hinauswerfen. Dann ſendete ſie Laval nach ihrem Gemahl aus, um dieſen zu irgend einer kräftigen That anzuſpornen, beauftragte Malezieux alle ihre Freunde noch für dieſe Nacht in's Arſenal zu beſcheiden, warf ſich endlich in einen Wagen und fuhr von dannen. Pompadour und Brigaud hielten dieſe Zuſam⸗ menkunft für höchſt unvorſichtig. Frau von Maine ward ohne Zweifel ſcharf beobachtet; ſie ſchlugen daher vor die Herzogin zu erſuchen, ſie möge doch einen andern Ort zur Zuſammenkunft beſtimmen; Malezieux und Harmental theilten dieſe vernünftige Anſicht, waren aber der Meinung, daß je größer die Gefahr, deſto größer auch die Ehre ſei. Noch beſprach man ſich in dieſer Rückſicht, und zwar ziemlich lebhaft, als man plötzlich die Schritte zweier Perſonen vernahm, welche die Treppe herauf kamen. Die Thür öffnete ſich und herein traten ein Soldat der fran⸗ zöſiſchen Garde und eine Griſette.— Der Soldat war der Baron von Valef— die Griſette hob den kleinen ſchwarzen Spitzen⸗Schleier, der ihr Antlitz bedeckte, und man erfannte in ihr— die Frau Herzogin von Maine. m⸗ ne her ern und ren er war ei Die ran⸗ war inen und von IV. Der Menſch denkt. „Ihr⸗ königliche Hoheit hier ein meiner armſeligen Behauſung!“ rief Harmental;„was habe ich gethan um eine ſolche Ehre zu verdienen?“ „Der Augenblick iſt gekommen, Chevalier,“ verſetzte die Herzogin,„wo wir denjenigen, die wir hochachten, beweiſen müſſen, wie werth ſie uns ſind. Ueberdem ſoll man nicht ſagen, daß die Freunde der Herzogin von Maine alles für ſie auf's Spiel ſetzen, während ſie nichts für ſie wagte. Ich bin, dem Himmel ſei Dank! die Enkelin des großen Condé und fühle, daß ich nicht ausgeartet bin!“ „Ewr. Hoheit Erſcheinen reißt uns aus einer großen Verlegenheit,“ nahm Pompadour das Wort;„wir be⸗ ſorgten daß eine Zuſammenkunft im Arſenal allzugefähr⸗ 48 Der Chevalier von Harmental. lich ſein würde, da die Polizei gewiß jetzt die Augen auf Gw. Hoheit gerichtet hat.“ „Ich habe das eingeſehen,“ verſetzte die Herzogin, „und deshalb kam ich hierher. Ich ließ mich durch Va⸗ lef zur Gräfin Chavignh, einer Freundin der De⸗ launoh begleiten, wo wir uns dieſe Verkleidung ver⸗ ſchafften und von wo wir uns hieher begaben.“ „Ich ſehe mit Vergnügen,“ ſprach Malezieux,„daß die Begebenheiten dieſes unglücklichen Tages Ew. Hoheit nicht niedergebeugt haben.“ „Niedergebeugt, mich! Malezieur, ich glaubte Ih⸗ nen genugſam bekannt zu ſein, um Sie das auch nicht einen Augenblick fürchten zu laſſen. Niedergebeugt! Im Gegentheil, ich habe mich nie ſtärker, nie willenskräftiger gefühlt. Ach, warum bin ich kein Mann!“ „Ew. Hoheit brauchen nur zu befehlen,“ rief Har⸗ mental,„und was Sie vollbracht hätten, ſoll durch uns vollbracht werden, durch uns an Ihrer Stelle!“ „Nein nein, was ich thäte, kann kein Andrer thun!“ entgegnete Frau von Maine. „Fünf entſchloſſenen Ihnen ganz ergebenen Männern iſt nichts unmöglich,“ erwiederte Harmental;„über⸗ dies erheiſcht unſer eignes Intereſſe einen raſchen energi⸗ ſchen Entſchluß. Man wähne ja nicht der Regent werde Der Chevalier von Harmental. 49 dabei ſtehen bleiben; morgen, ja heute ſchon ſind wir vielleicht ſämmtlich arretirt! Dubvis behauptet, das bei Cellamare dem Feuer entriſſene Papier enthalte nichts Geringeres als die Liſte der Verſchworenen. Uns allen hängt alſo in dieſem Augenblick das Schwert über dem Haupte! Warten wir nicht bis der Faden zerreißt, der es hält; ergreifen wir es vielmehr und ſchlagen wir damit drein!“ „Dreinſchlagen? Auf wen und wie?“ fragte Bri⸗ gaud.„Das unglückſelige Parlament hat alle unſre Pläne über den Haufen geworfen!“ „Unſer erſter Plan war der beſte,“ bemerkte Pom⸗ padourz;„ſchlimm daß ihn ein Zufall vereitelte!“ „Wir können ihn ja wieder aufnehmen,“ fiel Valef ein. „Allerdings!“ rief Malezieux, aber er würde jetzt ſcheitern, denn der Regent iſt vorſichtiger geworden.“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Pomp adour,„gerade weil dieſer Plan mißlang, wird man glauben er ſei auf⸗ gegeben worden. Der Regent iſt in dieſer Rückſicht alſo noch unvorſichtiger als früher; ſeit Mademoiſelle de Chartres ſich im Kloſter zu Chelles befindet, begiebt er ſich jede Woche einmal dorthin; er fährt alsdann nur von ſeinem Kutſcher und zwei Lakaien begleitet durch das Chevalier v. Harmental. IV. 4 50 Der Chevalier von Harmental. Gehölz von Vincennes, und zwar um acht oder neun Uhr Abends.“ „Und an welchem Tage geſchieht das?“ fragte Bri⸗ gaud. „Mittwochs,“ antwortete Malezieur. „Alſo morgen!“ rief die Herzogin. „Brigaud, haben Sie noch immer den Paß nach Spanien?“ fragte Valef. „Allerdings! Auch ſind noch alle Veranſtaltungen getroffen; der Poſtmeiſter iſt auf unſrer Seite und wir brauchen uns nur mit ihm zu verſtändigen.“ „Wohlan,“ rief Valef,„wenn Ew. königliche Hoheit mich dazu autoriſiren, erwarte den Regenten im Gehölz von Vincennes, entführe ihn und in drei Tagen ſind wir mit ihm in Pampelona!“ „Halt, halt, lieber Baron!“ fiel Harmental ein; „ich bemerke Ihnen, daß Sie mir in die Rolle fallen und daß dieſes Unternehmen mir zukommt. Meine Ehre ſteht auf dem Spiele; ich muß mich revanchiren.“ „Die Ehre dieſes Unternehmens gebührt allerdings Ihnen, Chevalier,“ entſchied die Herzogin von Maine. „Ja, in Ihre Hände lege ich das Schickſal des Sohnes Ludwig's des Vierzehnten und der Enkelin des Der Chevalier von Harmental. 51 großen Con dé. Ich verlaſſe mich ganz auf Ihre Er⸗ gebenheit und Ihren Muth und hoffe um ſo mehr daß Sie diesmal glücklich ſind, da das Glück Ihnen eine Ent⸗ ſchädigung ſchuldig iſt. Ihnen alſo, mein lieber Har⸗ mental, ſei alle Gefahr, aber auch alle Ehre!“ „Ich übernehme Beides mit dankbarem Herzen,“ ſprach Harmental die ihm dargebotene Hand der Her⸗ zogin ehrerbietig küſſend.„Morgen um dieſe Zeit bin ich entweder todt... oder der Regent befindet ſich auf dem Wege nach Spanien!“ „Das heiße ich wie ein Mann geſprochen,“ fiel Pom⸗ padour ein;„wenn Sie einer hülfreichen Hand bedür⸗ fen, ſo zählen Sie auf mich!“ „Und auf mich,“ fügte Vallef hinzu. „Und ſind wir Andern denn dabei gar nicht zu ge⸗ brauchen?“ fragte Malezieur. „Mein lieber Kanzler,“ verſetzte die Herzogin,„jedem das Seine!... Sind Sie überzeugt, Chevalier, dieſel⸗ ben Leute wieder zu finden, welche Ihnen das erſte Mal Beiſtand leiſteten?“ „Ich kann wenigſtens auf ihren Anführer rechnen.“ „Wann werden Sie ihn ſprechen?“ „Dieſen Abend.“ „Um welche Zeit?“ 4* S 10 Der Chevalier von Harmental. „Jetzt gleich, wenn Ew. Hoheit befehlen.“ „Je eher deſto lieber!“ „In einer Viertelſtunde bin ich bei ihm.“ „Wo werde ich Beſcheid erhalten?“ „Wo Ew. Hoheit ſich befinden werden.“ „Nur nicht im Arſenal,“ fiel Brigaud ein;„das iſt zu gefährlich!“ „Können wir hier auf Sie warten?“ fragte die Her⸗ zogin. „Unſer verlängerter Aufenthalt in dieſer Straße könnte Verdacht erwecken,“ bemerkte der Abbé. „Wohlan, ſo treffen wir uns auf dem Rundplatze der Eklhſäiſchen Felder,“ ſagte die Herzogin.„Ich und Ma⸗ lezieur begeben uns dorthin in einem Wagen ohne Wappen und Livree. Pompadvur, Valef und Bri⸗ gaud kommen jeder einzeln dorthin. Wir warten dann auf Harmental und verabreden unſre letzten Maß⸗ regeln.“ „Trefflich!“ rief Harmental;„mein Mann wohnt gerade in der Rue St. Honoré. In einer Stunde alſo auf dem Rundplatze der Elh⸗ ſäiſchen Felder,“ ſprach die Herzogin von Maine. Dar⸗ auf zog ſie ihren Schleier wieder ſorgfältig über das Geſicht und verließ mit Valef zuerſt das Dachſtubchen. Der Chevalier von Harmental. 33 Malezieur folgte in einiger Entfernung, doch ſo daß er ſie nicht aus den Augen verlor; dann verließen die nebrigen das Haus zu gleicher Zeit. Harmental be⸗ gab ſich ſofort in die Rue Saint⸗Honoré, wo er den Capitän Roquefinette zu finden wußte.— Er ſah ſich alſo nochmals und zwar mehr als je in die Ver⸗ ſchwörung verwickelt; doch ging er dem Unternehmen muthig entgegen, feſt entſchloſſen demſelben ſein Leben— ja ſelbſt ſeine Liebe zu opfern. Er trat alſo ohne weiteres zur Fillon ein und fragte, ob der Capitän Roquefinette zu ſprechen ſei. Die Fillon fragte ihn, ob er nicht derſelbe Herr wäre, der ſchon vor einigen Monaten einmal nach dem Capitän verlangt habe. Da nun Harmental ſchnellen Beſcheid wünſchte, ſo antwortete er unbedenklich mit Ja. Die Fillon rief darauf ſogleich eine Magd und gebot ihr den Herrn aus dem ſechſten Stockwerk nach Nr. 72 zu führen. Die Magd zündete ein Licht an und that wie ihr geheißen war. Harmental folgte; aber es ſchallte ihm diesmal nicht wie früher ein fröhlicher Geſang ent⸗ gegen, ſondern im ganzen Hauſe herrſchte das tiefſte Schweigen. Die ernſten Begebenheiten des Tages hielten ohne Zweifel die gewöhnlichen Kunden fern von der Wohnung der guten Wirthin des Capitäns. 54 Der Chevalier von Harmental. Vor Nr. 72 angelangt, pochte Harmental an die Thür.„Herein!“ rief Roquefinette mit ſeiner tiefen Baßſtimme. Der Chevalier ließ einen Louisd'or in die Hand der Magd gleiten, öffnete die Thür und befand ſich dem Capitän gegenüber. Dieſer war allein in dem klei⸗ nen dunklen, nur durch ein Stümpfchen Licht erleuchteten Dachſtübchen. Der ehrenwerthe Capitän ſtand vor dem Kamin; in einem Winkel ſah man ſeinen uns ſchon be⸗ kannten langen Degen. „Ah, Sie ſind's, Chevalier?“ rief er;„ich erwartete Sie!“ „Sie erwarteten mich? Was konnte Sie dazu ver⸗ anlaſſen?“ fragte Harmental. „Die Begebenheiten, Chevalier, die Begebenheiten. Man hat einen offnen Krieg führen zu können gemeint und den armen Roquefinette bei Seite geſchoben. Man hat eine Fronde bilden wollen, aber der gute Du⸗ bois hat alles erfahren. Die Pairs, auf die man zäh⸗ len zu dürfen glaubte, ſind abgefallen und das Parlament hat nicht Nein ſondern Ja geſagt. Jetzt ſucht man den ehrlichen Capitän wieder auf und es heißt lieber Capitän hinten und lieber Capitän vorn! Sagen Sie, Chevalier, habe ich nicht Recht? Nun er iſt da, der Capitän; was verlangt man von ihm?“ Der Chevalier von Harmental. 55 „In dem was Sie da ſagen, Capitän, iſt etwas Wah⸗ res,“ verſetzte Harmental;„aber darin irren Sie, daß Sie glauben ich hätte Ihrer vergeſſen. Wäre unſer Plan gelungen, ſo würden Sie den Beweis erhalten haben, daß mein Gedächtniß in dieſer Hinſicht nicht kurz iſt. Ich hätte Ihnen alsdann meinen ganzen Einfluß angebo⸗ ten, wie ich jetzt komme Sie um Ihren fernern Beiſtand zu erſuchen.“ „Hm hm, ſeit drei Tagen daß ich dieſen Käfig be⸗ wohne habe ich allerhand Betrachtungen über die menſch⸗ liche Eitelkeit angeſtellt; mehr als einmal verſpürte ich Luſt mich von allen Geſchäften zurückzuziehen oder we⸗ nigſtens nur ein ſolches zu übernehmen, welches mir eine ruhige Zukunft zu ſichern vermöchte.“ „Eben ein ſolches bietet ſich jetzt dar, Capitän,“ ſprach der Chevalier.„Es handelt ſich nämlich darum.. Er hielt ängſtlich inne und blickte ſich um..„Aber ich glaube Schritte zu horen oder doch ein Geräuſch... „Ei, das ſind die Ratten, woran es hier nicht fehlt,“ verſetzte der Capitän. „Das kann ſein. Es handelt ſich alſo jetzt darum,“ fuhr Harmental beruhigt fort,„den Zeitpunkt zu be⸗ nutzen, wenn der Regent nach dem Beſuch bei ſeiner Tochter von Chelles zurückkehrt, ihn unterwegs im Ge⸗ 56 Der Chevalier von Harmenial. hölz von Vincennes aufzuheben und ſogleich nach Spa⸗ nien zu fuͤhren.“ „Bevor Sie weiter gehen, Chevalier,“ fiel der Capi⸗ tän ein,„muß ich Ihnen bemerken, daß dies ein neuer Tractat iſt, der natürlich auch neue Bedingungen er⸗ fordert.“ „Sie ſelbſt ſollen dieſe Bedingungen feſtſtellen, Capi⸗ tän. Aber können Sie auch noch immer über Ihre Leute verfügen? Das iſt die Hauptſache!“ „Ei, das verſteht ſich!“ „Können Sie morgen um zwei Uhr bereit ſein?“ fragte Harmental weiter. „Allerdings!“ „Weiter brauchen wir nichts!“ „Etwas fehlt noch, entſchuldigen Sie. Wir brauchen Geld um ein Pferd und Waffen zu kaufen.“ „In dieſer Börſe befinden ſich hundert Louisd'or, nehmen Sie!“ „Gut, ich werde pünktlich Rechnung ablegen.“ „Alſo, ich erwarte Sie morgen um drei Uhr in mei⸗ ner Wohnung.“ „Abgemacht!“ „Auf Wiederſehen, Capitän!“ Der Chevalier von Harmental. 57 „Auf Wiederſehen, Herr Chevalier. Wir ſind alſo einverſtanden, daß Sie ſich nicht wundern, wenn ich eine etwas hohe Forderung aufſtelle?“ „Keineswegs! Sie wiſſen ja, daß ich mich das vo⸗ rige Mal über Ihre Beſcheidenheit beklagt habe. Adieu!“ „Warten Sie bis ich Ihnen leuchte,“ rief der Capi⸗ tän;„es wäre ſchade, wenn ein ſo freigebiger Cavalier wie Sie auf dieſer Hühnerſteige den Hals bräche!“ So ſprechend nahm er das Licht zur Hand und Har⸗ mental gelangte glücklich die ſteile Treppe hinab. Der Chevalier eilte nun in die Elyſäiſchen Felder, die zwar noch nicht ganz menſchenleer waren, ſich aber doch ſchon zu entvölkern begannen. Auf dem Rundplatze angelangt, gewahrte er einen dort haltenden Wagen und zwei Männer ſchritten in einiger Entfernung auf und ab. Ein Frauenzimmer ſteckte neugierig den Kopf aus dem Wagenfenſter und Harmental erkannte die Herzogin von Maine, welche die Herren Valef und Malezieur bei ſich hatte: Die beiden andern Männer, welche jetzt ebenfalls auf den Wagen zueilten, waren Brigand und Pompadour. Der Chevalier berichtete, ohne Roquefinette zu nennen, in der Kürze was er ausgerichtet hatte; dieſe 58 Der Chevalier von Harmental. Nachricht ward mit allgemeiner Freude aufgenommen. Die Herzogin reichte dem Chevalier ihre Hand zum Kuſſe, die vier Männer drückten ihm die ſeinige. Es ward ausgemacht, daß ſich die Herzogin nebſt ih⸗ ren vier Begleitern am folgenden Tage um zwei Uhr zur Mutter des Avranche begeben ſollte, welche im Fau⸗ bvurg St. Antvine Nr. 15 wohnte, wo ſie den Erfolg des Unternehmens abwarten wollten. Dieſes Reſultat ſollte ihnen d'Avranche ſelbſt überbringen, der ſich von drei Uhr an bei der Barriöre du Tröne mit zwei Pfer⸗ den(das eine für ihn ſelbſt, das andre für den Cheva⸗ lier) aufſtellen ſollte. Fünf andre Pferde wollte man geſattelt und gezäumt im Stalle des Hauſes der Rue St. Antoine bereit ſtehen laſſen, damit die Verſchwornen entfliehen könnten, falls das Unternehmen des Chevaliers wider Verhoffen mißlänge. Nachdem dies alles verabredet und geordnet war, nö⸗ thigte die Herzogin den Chevalier in den Wagen zu ſtei⸗ gen, entließ ihn aber auf dem Platze de la Victvire wie⸗ der, weil ſie befürchtete, das Erſcheinen der Carroſſe vor dem Hauſe der Madame Denis möchte Aufſehen er⸗ regen.— Es war bereits zehn Uhr Abends. Harmen⸗ tal hatte im Laufe des Tags Bathilden kaum ge⸗ Der Chevalier von Harmental. 59 ſehen, fühlte aber jetzt die innigſte Sehnſucht nach ihr; wohl war er ſicher ſie am Fenſter zu erblicken, aber das genügte ihm nicht; was er ihr unter den obwaltenden Umſtänden zu ſagen hatte, war zu ernſt und gewichtig, als daß er es ihr über die Straße hätte zurufen können. Er ſann alſo über ein Mittel nach ſich in ſo ſpäter Stunde noch zu ihr zu begeben, als er plötzlich vor der Thür ihres Hauſes ein Frauenzimmer ſtehen ſah. Es war Nanette. Sie hatte ſich auf Befehl Bathil⸗ dens an die Thür geſtellt, denn das arme Kind lebte in der größten Angſt, indem Buvat noch immer nicht wie⸗ der erſchienen war. Den ganzen Abend hatte ſie am Fenſter zugebracht, um die Rückkehr Harmental's ab⸗ zuwarten; dieſer aber kam ebenfalls nicht. Eine Ahnung ſagte ihr, daß zwiſchen Buvat's Ausbleiben und der umwölkten Stirn, welche ſie geſtern am Geliebten bemerkt hatte, irgend eine Verbindung beſtehen müſſe. Nanette wartete alſo vor der Thür auf Buvat und den Cheva⸗ lier. Als der letztere anlangte, blieb ſie vor der Thür, um auf Buvat zu harren, während Harmental zu Bathilden eilte. „Großer Gott, Ravul,“ rief ſie dem Eintretenden entgegen, deſſen ernſtes Antlitz ſie auf's neue erſchreckte, „ſprich, iſt Dir ein Unglück begegnet?“ 60 Der Chevalier von Harmental. „Bathilde,“ antwortete Harmental mit ſchwer⸗ müthigem Lächeln,„Du haſt mir oft geſagt, daß mein ganzes Weſen etwas Geheimnißvolles hätte was Dich beängſtige...“ „Ach ja,“ rief Bathilde,„und das iſt meine ein⸗ zige Qual, meine einzige Beſorgniß!“ „Und Du haſt vollkommen Recht, Bathilde! Denn ehe ich Dich kannte, Du Geliebte, ehe ich Dich nur ſah, habe ich mich meines freien Willens zum Theil begeben. Ein Theil meiner ſelbſt gehört mir nicht mehr an, er muß ſich einem höhern Geſetz unterwerfen, muß unvor⸗ hergeſehenen Ereigniſſen gehorchen. Das iſt der ſchwarze Punkt an einem ſchönen Himmel! Je nachdem der Wind weht, kann er plötzlich verſchwinden oder ſich zu einer ſchweren Gewitterwolke zuſammenballen. Die Hand, welche die meine gefaßt hält und leitet, kann mich zur glänzendſten Ehre erheben, kann mich aber auch in den tiefſten Abgrund ſtürzen. Sprich, Bathilde, biſt Du entſchloſſen mein Glück wie mein Unglück, meinen Son⸗ nenſchein wie meinen Sturm zu theilen?“ „Alles mit Dir, Raoul, alles, alles!“ „Bedenke, welche Verpflichtung Du über Dich nimmſt, Bathilde! Vielleicht iſt uns ein glänzendes, glückſeli⸗ — — Der Chevalier von Harmental. 61 ges Leben— vielleicht aber die Verbannung aufbewahrt — vielleicht droht mir Gefangenſchaft, vielleicht—— vielleicht wirſt Du Wittwe, ehe Du Frau wirſt!“ Bathilde erblaßte und zitterte ſo heftig, daß Har⸗ mental glaubte ſie werde in Ohnmacht ſinken, und ſchon die Arme ausſtreckte um ſie aufzufangen. Ba⸗ thilde aber beſaß Seelenkraft und feſten Willen; ſie raffte ſich zuſammen, reichte dem Geliebten die Hand und ſprach:„Habe ich Dir nicht geſagt, Ravul, daß ich Dich über alles liebte, daß ich nie einen Andern liebte als Dich, nie einen Andern lieben würde? Ich denke dieſe wenigen Worte ſchließen jedes Verſprechen ein das Du von mir verlangen kannſt. Dein Leben, Ravul, wird das meine ſein, Dein Tod der meine! Beide ſtehen in Gottes Hand. Der Wille des Herrn geſchehe im Himmel wie auf Erden!“ „Und ich, Bathilde,“ nahm Harmental das Wort, indem er die Geliebte vor das Chriſtusbild führte, das ſich am Fuße ihres Bettes befand,„ich ſchwöre im Angeſicht des Heilands, daß Du von dieſem Augenblick an mein Weib biſt vor Gott und den Menſchen. Jetzt, Bathilde, reiche Deinem Gatten vor unſerm Erlöſer den erſten Kuß!“ 62 Der Chevalier von Harmental. Und vor dem Bilde des Gekreuzigten ſanken die Lie⸗ benden einander in die Arme, wechſelten den erſten Kuß und tauſchten den Schwur ewiger Liebe und Treue aus. Als Harmental Bathilden verließ, war Buyvat noch nicht heimgekehrt. V. David und Goliath. Gegen acht Uhr Morgens trat der Abbé Brigaud bei Harmental ein. Er brachte ihm 20,000 Livres theils in Gold, theils in Wechſeln auf Spanien. Die Herzogin war die Nacht bei der Gräfin Cha⸗ vigny Rue du Mail geblieben. Sie rechnete feſt auf den Chevalier Harmental als ihren Erretter. Man hatte ſichere Kunde erhalten, daß ſich der Regent ſeiner Gewohnheit gemäß im Laufe des Tags nach Chelles be⸗ geben werde. Um zehn Uhr verließen Brigaud und Harmental das Haus, der Erſtere um ſich Pompadour und Va⸗ lef anzuſchließen, mit denen er ein Rendezvous auf dem Boulevard du Temple verabredet hatte, der Letztere um ſich zu Bathilden zu begeben. 6⁴ Der Chevalier von Harmental. Die Unruhe in dem kleinen Haushalte war aufs Höchſte geſtiegen, denn Buvat war noch immer ab⸗ weſend und an den Augen der lieblichen Bathilde ſah man wohl, daß ſie nur wenig geſchlafen, aber deſto mehr geweint hatte. Das junge Mädchen ſah auf den erſten Blick welchen ſie dem Geliebten zuwarf, daß die gefürch⸗ tete Kataſtrophe nahe ſei. Harmental trug ganz den⸗ ſelben dunklen Anzug wie in jener Nacht, wo er Piſtolen im Gürtel hatte; ſeine hohen mit Sporen verſehenen Stiefeln verkündeten, daß er einen Ritt unternehmen wolle. Bathilde verſuchte den Geliebten rückſichtlich ſeines Vorhabens zum Sprechen zu bringen, er aber wie⸗ derholte ihr, daß ſein Geheimniß nicht ihm allein ange⸗ höre, und bat ſie, nicht weiter in ihn zu dringen. Eine Stunde nach Harmental's Ankunft bei Ba⸗ thilden öffnete Nanette plötzlich die Thür mit ganz verſtörtem Geſicht; ſie kam von der Bibliothek. Buvat hatte ſich auch dort nicht gezeigt und niemand konnte ihr über ihn Auskunft geben. Jetzt vermochte ſich Bathilde nicht länger zu halten, ſie warf ſich in Harmental's Arme und weinte laut. Ravul theilte ihr jetzt ſeine Beſorgniſſe in dieſer Hinſicht mit. Die Papiere, welche der vorgebliche Prinz von Liſthnah ihrem Pflegevater zu copiren gab, waren — Der Chevalier von Harmental. 65 von großer politiſcher Wichtigkeit. Buvat war vielleicht compromittirt und verhaftet. Aber es war für ihn durch⸗ aus nichts zu fürchten; die paſſive Rolle, welche er in dieſer Angelegenheit geſpielt hatte, ſchützte ihn vor jeder Gefahr. Da Bathilde in ihrer Ungewißheit ein noch weit größeres Ungluck befürchtet hatte, ſo klammerte ſie ſich an dieſe Idee, die ihr wenigſtens einige Hoffnung übrig ließ. Die Zeit floh den Liebenden mit Blitzesſchnelle da⸗ hin; es war ſchon weit über ein Uhr und Harmental erinnerte ſich daß er den Capitän Roquefinette um zwei Uhr zu ſich beſchieden hatte. Er erhob ſich raſch von ſeinem Sitze.— Bathilde erblaßte.— Har⸗ mental begriff was ſie litt und verſprach zu ihr zurück⸗ zukehren, ſowie der welchen er erwartete ihn verlaſſen haben würde. Dieſes Verſprechen beruhigte das arme Mädchen einigermaßen. Sie ſchieden zwar traurig, aber gegenſeitig Eins des Andern gewiß. Uebrigens glaubten ſie ja ſich nur auf eine Stunde zu trennen. Der Chevalier befand ſich kaum einige Augenblicke an ſeinem Fenſter, als er auch ſchon den Capitän um die Rue Montmartre biegen ſah. Er ſaß auf einem Apfel⸗ ſchimmel, welcher offenbar zugleich für einen ſchnellen und langen Ritt geſchaffen war. Er ritt aber jetzt im lang⸗ Chevalier v. Harmental. IW. 5 66 Der Chevalier von Harmental. ſamen Schritt, wie jemand dem es gleichviel gilt, ob er bemerkt wird oder nicht. Durch die Bewegungen des Pferds hatte jedoch ſein Hut eine Mittelhaltung bekom⸗ men, welche ſelbſt ſeinen intimſten Bekannten nicht das Mindeſte rückſichtlich des damaligen Zuſtandes ſeiner Fi⸗ nanzen errathen ließ. Vor der Thür des Hauſes angelangt, ſaß Roque⸗ finette mit den gehörigen drei Tempi ab, als ob er ſich in einer Reitſchule befunden hätte. Er band das Pferd an einen Fenſterladen, ſah nach ob die Piſtolen ordentlich in ihren Halftern ſteckten und trat in's Haus. Einige Augenblicke darauf öffnete ſich die Thür des Zim⸗ mers und der Capitän befand ſich bei Harmental. Wie am vergangenen Abend war ſein Geſicht ernſt und nachdenkend, ſein Blick und ſeine zuſammengepreßten Lippen verkündeten einen feſten Entſchluß.„Ich ſehe, mein lieber Capitän, daß Sie fortwährend pünktlich und ein Mann von Wort ſind,“ begann der Chevalier, den das Weſen Roquefinette's etwas unruhig machte. „Das iſt ſo militäriſche Gewohnheit, Chevalier; es iſt bei einem alten Soldaten nicht zu verwundern.“ „Auch zweifelte ich nicht, daß Sie Ihr Verſprechen halten würden; aber Sie konnten vielleicht Ihre Leute nicht auffinden.“ en te Der Chevalier von Harmental. 67 „Ich bemerkte Ihnen ja, daß ich wüßte wo ich ſie treffen könnte.“ „Sie ſind alſo ſchon auf ihrem Poſten?“ „Das ſind ſie.“ „Und wo iſt er?“ „Auf dem Pferdemarkte, bei der Porte St. Martin.“ „Und Sie beſorgen nicht daß man ſie dort bemerke?“ „Wie ſoll man zwölf bis funfzehn als Bauern ge⸗ kleidete Burſche unter drei⸗ bis vierhundert Pferdehänd⸗ lern herauskennen? Ich allein finde ſie heraus.“ „Wie aber können dieſe Leute Sie begleiten, Capi⸗ tän?“ „Auf die einfachſte Weiſe von der Welt. Jeder von ihnen hat ſich ein Pferd erhandelt, wie es ihm paſſend ſcheint; ich lange an, gebe einem jeden 25 bis 30 Louis⸗ d'or, jeder bezahlt ſein Thier, läßt es ſatteln, ſitzt auf und ſchiebt die Piſtolen die er im Gürtel trägt in die Halfter, reitet davon und findet ſich um fünf Uhr mit den Uebrigen im Gehölz von Vincennes an einem be⸗ ſtimmten Platze ein. Dort erſt erfahren ſie zu welchem Vorhaben ſie beſchieden ſind; ich vertheile auf's neue Geld unter ſie, ſetze mich an die Spitze meiner Schwadron und führe den Streich aus, wenn wir anders über die Bedingungen einig werden.“ 68 Der Chevalier von Harmental. „Ich glaube, Capitän, Sie werden mit dem zufrieden ſein was ich Ihnen anbieten kann.“ „So laſſen Sie einmal hören,“ ſprach Roquefi⸗ nette, indem er ſich an den Tiſch ſetzte, die Elbogen auf denſelben, den Kopf in die Hände ſtützte und mit feſtem Blick auf Harmental ſchaute, der ihm gegenüber ſtand, den Rücken nach dem Kamin gewendet. „Zunächſt verdoppele ich die Summe, die Sie das letzte Mal empfingen,“ begann der Chevalier. „Oh!“ rief Roquefinette,„es liegt mir nichts am Gelde!“ „Woran liegt Ihnen denn, Capitän?“ „An einer Stellung im Leben.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß ich jeden Tag um 24 Stunden älter werde und daß die Philoſophie mit dem Alter kommt.“ „So ſprechen Sie, Capitän, wonach verlangt Ihre Philoſophie? Ich bin bereit zu hören.“ „Ich habe es ſchon einmal ausgeſprochen, Chevalier, nach einer Stellung, die meinen langen Dienſten ange⸗ meſſen iſt; nicht in Frankreich, Sie verſtehen mich. In Frankreich habe ich gar zu viele Feinde, den Herrn Po⸗ lizei⸗Lieutenant an der Spitze. Aber ſehen Sie, in Spa⸗ nien zum Beiſpiel! In Spanien, da könnte es mir ge⸗ — Der Chevalier von Harmental. 69 fallen! Ein herrliches Land, ſchöne Weiber, blanke Du⸗ blonen! Ja, ich möchte eine Anſtellung in Spanien.“ „Die Sache würde ſich machen laſſen; es kommt darauf an, welchen Rang Sie verlangen. „Ei, wenn man einmal wünſcht, dann wünſcht man etwas Rechtes. Ich ſah ſchon ſo manchen Gelbſchnabel an der Spitze eines Regiments, daß es mir durch den Kopf gegangen iſt Obriſt zu werden.“ „Obriſt? Obriſt! Unmöglich!“ rief Harmental. „Und weshalb das?“ fragte der Capitän. „Wenn man Sie, der Sie bei unſrer Angelegenheit doch nur eine untergeordnete Rolle ſpielen, zum Obriſten machte, ſo wüßte ich in der That nicht wozu ich mich er⸗ heben laſſen ſollte.“ „Ich will aufrichtig mit Ihnen reden, Chevalier! Die Sache hat ſich anders geſtaltet; das Schwert hängt über Ihrem Haupte und dem aller Mitverſchwornen. Der verdammte Dubois hat die Namenliſte; ohne einen Gewaltſtreich ſeid Ihr dieſen Abend vielleicht ſämmtlich arretirt, und wer kann Euch dann retten?... Nur der ehrſame Capitän Roquefinette! Und mit dem han⸗ deln Sie! Pfui, ſchämen Sie ſich; die Anſprüche ſteigen mit den Dienſten, die geleiſtet werden. Ich bin jetzt eine wichtige Perſon geworden; behandeln Sie mich alſo als 70 Der Chevalier von Harmental. eine ſolche oder ich lege die Hände in den Schoß und laſſe den Dubvis ſchalten.“ Harmental biß ſich in die Lippen, aber er begriff daß er es mit einem alten Condottieri zu thun habe, der daran gewohnt war ſeine Dienſte ſo theuer als möglich zu verkaufen; er kämpfte daher ſeinen Stolz nieder und fragte bloß: „Sie wollen alſo durchaus Obriſt werden, Capitän?“ „So iſt's,“ antwortete Roquefinette. „Wenn ich Ihnen nun aber auch dieſen Rang ver⸗ ſpreche, wer giebt Ihnen die Verſicherung, daß mein Ein⸗ fluß hinreicht Ihnen denſelben zu verſchaffen?“ „Ich denke alsdann meine kleine Angelegenheit ſelbſt zu leiten, Chevalier.“ „Und wo das?“ „In Madrid.“ „Wer ſagte Ihnen denn, daß ich Sie dorthin führen will?“ „Ich weiß nicht ob Sie mich dorthin führen wollen, ich weiß aber daß ich mich dorthin begeben werde.“ „Sie nach Madrid? Und was wollen Sie dort be⸗ ginnen?“ „Ich will den Regenten dorthin bringen.““ „Sie ſind toll!“ — —— Der Chevalier von Harmental. 71 „Keine ſolchen Ausdrucke, Chevalier, wenn ich bitten darf! Sie fragen nach meinen Bedingungen, ich ſage ſie Ihnen, ſie gefallen Ihnen nicht... auch gut, wir blei⸗ ben darum nicht minder gute Freunde.“ So ſprechend ſtand Roquefinette auf, nahm ſeinen Hut und that einige Schritte gegen die Thür. „Wie, Sie wollen fort?“ fragte Harmental. „Allerdings, ich gehe.“ „Aber Sie vergeſſen, Capitän...“ „Ja ſo, Sie haben Recht, Chevalier,“ ſagte der Ca⸗ pitän, der ſich ſtellte als ob er Harmental's Mah⸗ nung falſch verſtände und eine Börſe hervorzog.„Es iſt wahr, ich muß Ihnen zuvor Rechnung ablegen. Sie ga⸗ ben mir hundert Louisd'or. Hiervon ausgegeben; für ei⸗ nen Apfelſchimmel 30 Louisd'or, für ein Paar Piſtolen mit Doppelläufen 10 Louisd'or, für einen Sattel u. ſ. w. 2 Louisd'vr, zuſammen 42 Louisd'or. Hier ſind 58 Louis⸗ dor; Pferd, Sattel u. ſ. w. gehören Ihnen, und ſomit wären wir quitt.“ Bei dieſen Worten warf er die Börſe auf den Tiſch. „Ach davon iſt ja nicht die Rede, Capitän,“ fuhr Harmental fort. „Und wovon ſonſt?“ Der Chevalier von Harmental. „Ich meinte nur, daß es ganz unmöglich ſei Ihnen eine ſo wichtige Beſtallung zu geben.. „So ſoll es aber ſein, oder es unterbleibt alles. Ich führe den Regenten nach Madrid, ich allein, oder der Regent bleibt im Palais⸗Rohal.“ „Sie halten ſich alſo für erlaucht genug,“ fragte Har⸗ mental,„um Philipp von Orleans den Degen zu entreißen, womit er die jungfräuliche Feſtung Lerida er⸗ oberte?“ „Ich hörte in Italien,“ verſetzte der Capitän ganz ruhig,„daß in der Schlacht bei Pavia Franz I. den ſeinigen einem Schlächter übergab.“ „So nehmen Sie doch Vernunft an, Capitän; wir wollen uns verſtändigen. Ich führe den Regenten nach Spanien und Sie begleiten mich!“ „Ei das wäre! Damit der arme Capitän ſich in dem Staube verliere, welchen der ſchöne Chevalier auf⸗ wirbelt! Damit der glänzende Obriſt den armen Con⸗ dottierri ganz und gar verdunkle! Unmöglich, Chevalier! Das geht nicht! Ich leite die ganze Sache, oder ich ziehe meine Hand zurück!“ „Aber das iſt Verrath!“ rief Harmental. „Verrath, Verrath! Wie, Chevalier, wann hat ſich denn der Capitän Roquefinette als Verräther gezeigt? t* Der Chevalier von Harmental. 73 Wo ſind die Bedingungen die ich nicht gehalten, wo die Geheimniſſe die ich verrathen hätte? Ich, ein Verräther! ölle und Teufel, Chevalier! Sie wollten meine Be⸗ dingungen hören, ich habe ſie Ihnen genannt, wo iſt da Verrath?“ „Und wenn ich feig genug wäre ſie anzunehmen,“ fragte Harmental,„glauben Sie denn daß die Frau Herzogin von Maine das Vertrauen, womit ſie mich beehrt, auf den Capitän Roquefinette übertragen würde?“ „Was zum Henker hat die Herzogin von Maine damit zu ſchaffen? Sie haben die Sache übernommen, nun ja; aber unüberſteigliche Hinderniſſe halten Sie ab ſolche ſelbſt auszuführen; Sie übertragen mir Ihre Voll⸗ macht und das iſt alles!“ „Das heißt mit andern Worten,“ fil Harmental ein,„Sie wollen freie Hand haben den Regenten im Palais⸗Royhal zu laſſen, wenn er Ihnen das Doppelte von dem verſpricht, was Sie dafür erwarten könnten daß Sie ihn nach Spanien führten?“ „Vielleicht! Vielleicht!“ erwiderte Roquefinette in höhniſchem Tone. „Hören Sie, Capitän,“ begann Harmental wieder, indem er ſich bemühte kaltes Blut zu behalten und die Der Chevalier von Harmental. Unterhandlungen wieder anzuknüpfen,„hören Sie, ich zahle Ihnen 20,000 Livres baar. Ich nehme Sie mit nach Spanien— ich verpflichte mich Ihnen ein Regiment zu verſchaffen.“ Roquefinette trällerte ein Liedchen und ſchüttelte den Kopf. „Sehen Sie ſich vor, Capitän,“ ſprach Harmental in ernſtem Tone,„da die Sache ſchon ſo weit gediehen iſt, ſo laufen Sie viel mehr Gefahr dabei wenn Sie ſich zurückziehen als wenn Sie die Sache ausführen.“ „Und wenn ich mich nun zurückziehe, was könnte mir dann paſſiren?“ „Dann verlaſſen Sie dieſes Zimmer nicht wieder, Ca⸗ pitän,“ ſagte Harmental entſchloſſen. „Und wer würde mir's wehren?“ „Ich! Ich!“ rief Harmental, indem er ſich mit einem Piſtol in der Hand raſch vor die Thüre ſtellte. „Sie, Sie?“ fragte der Capitän, indem er die Arme kreuzweis übereinander ſchlug, ſich dem Chevalier um ei⸗ nen Schritt näherte und ihn feſt betrachtete. „Noch einen einzigen Schritt, Capitän,“ donnerte Harmental,„und ich zerſchmettre Ihnen das Gehirn, mein Ehrenwort darauf!“ „ „Mir das Gehirn zerſchmettern? Dann müßte Ihre Der Chevalier von Harmental. 75 Hand nicht ſo gewaltig zittern. Wiſſen Sie was paſſiren würde? Sie würden fehlſchießen, der Schuß würde die Nachbarn herbeilocken, man würde nach der Wache ſchicken, würde mich fragen weshalb Sie auf mich geſchoſſen hät⸗ ten und ich müßte die Wahrheit eingeſtehen.“ „Sie haben Recht, Capitän,“ ſagte Harmental, indem er den Hahn ſeiner Piſtolen in Ruheſtand ver⸗ ſetzte und ſie wieder in den Gürtel ſteckte.„Sie ſollen einen ehrenwerthern Tod finden als Sie verdienen. Her⸗ aus alſo mit dem Degen, mein Herr!“ Mit dieſen Wor⸗ ten zog Harmental den ſeinigen und nahm ſeine Stellung ein. Es war nur ein Galanteriedegen mit ele⸗ gantem Handgriff. Roquefinette lachte laut auf. „Und womit ſoll ich mich dagegen vertheidigen?“ ſprach er im Zimmer umherblickend;„haben Sie nicht etwa zufallig die Stricknadeln Ihrer Geliebten zur Hand, Chevalier?“ „Vertheidigen Sie ſich doch mit dem Degen der an Ihrer Seite hängt!“ entgegnete Harmental;„ſo lang er auch iſt, Sie ſehen, ich kann nicht weichen.“ „Was meinſt du dazu, mein Bratſpieß?“ lachte Ro⸗ quefinette, indem er ſeinem langen Degen den Titel gab, welchen ihm Ravanne ſpottweiſe beigelegt hatte. „Er meint daß Sie ein Feigling ſind,“ rief der Che⸗ 76 Der Chevalier von Harmental. valier,„weil man Sie in's Geſicht ſchlagen muß, um Sie zum Zweikampfe zu zwingen.“ So ſprechend ver⸗ ſetzte er dem Capitän blitzesſchnell mit ſeiner flachen Klinge einen Schlag in's Geſicht. Roquefinette ſtieß einen Schrei aus, den man für das Gebrüll eines Löwen hätte halten können, ſprang einen Schritt zurück, ent⸗ riß ſeinen Degen der Scheide und ſtellte ſich kampf⸗ bereit hin. Jetzt begann zwiſchen den Beiden ein furchtbarer Zweikampf. Nun hatte ſich das Blatt gewendet; Har⸗ mental hatte ſeine Kaltblütigkeit wieder gewonnen, das Blut des Capitäns kochte vor Wuth. Jeden Augenblick wurde der Erſtere von dem langen Rappiere des Letztern bedroht, jedesmal aber wußte der kleine Degen den Stoß geſchickt zu pariren. Fünf Minuten begnügte ſich der Chevalier damit ſich zu vertheidigen, da aber fühlte er plötzlich wie die Spitze des Degens ſeines Gegners ſeine Bruſt traf; Blutstropfen träufelten herab. Jetzt in Wuth gebracht, entſchloß er ſich zum Angriff; er ſprang ſo nahe auf ſeinen Gegner zu, daß ſein langer Degen die⸗ ſem nichts mehr nützen konnte. Er wollte zurückweichen, glitt aber auf dem glatten Fußboden aus und ſtürzte, während Harmental ihm ſeinen Degen bis an den Griff in die Bruſt ſtieß. Der Chevalier von Harmental. 77 „Verdammter Lerchenſpieß!“ ſtammelte der Capitän, indem er ſeinen letzten Athemzug aushauchte; die Waffe Harmental's war dem Rieſen bis in's Herz ge⸗ drungen. Harmental ſtarrte auf ihn hinab und ließ ſeinen Degen nach und nach ſinken ſowie ſich des Gefallenen der Tod bemächtigte. Endlich lag nur noch ein Leichnam vor ihm. Die Augen dieſes Leichnams aber waren ge⸗ oöffnet und ſtarr auf ihn gerichtet. Harmental ſtand 3 einen Augenblick wie niedergedonnert da, dann raffte er ſich zuſammen und fragte ſich, was er jetzt beginnen ſolle?— Wie konnte er unter den zwei⸗ bis dreihundert Pferdehändlern die zwölf bis funfzehn Burſche heraus⸗ finden, welche den Regenten entführen ſollten? In die⸗ ſem Augenblicke beginnt das Pferd vor der Thüre zu ſtampfen und zu wiehern; Harmental weiß nicht was er thun ſoll; er nähert ſich der Thür, deren Schwelle vom Blute des Capitäns geröthet iſt. Da fällt ihm ein daß Roquefinette vielleicht Papiere bei ſich haben könne, eine Liſte, ein Billet, die als Leidfäden zu ge⸗ brauchen wären. Er durchſucht die Taſchen des Entſeel⸗ ten, findet aber nichts als ein paar Rechnungen von ei⸗ nem Reſtaurateur und einen Liebesbrief von der Nor⸗ männin. 78 Der Chevalier von Harmental. Da Harmental nun nichts weiter in dieſem Zim⸗ mer zu ſchaffen hat, eilt er an ſeinen Seeretär, füllt die Taſchen mit Goldrollen und Wechſeln, macht die Thür hinter ſich zu, fliegt die Treppe hinab, wirft ſich auf das ungeduldig harrende Pferd und ſprengt raſch von dannen. VI. Der Retter Frankreichs. Wihrend dieſe furchtbare Kataſtrophe im Dachſtüb⸗ chen der Madame Denis ſtattfand, hatte Bathilde in ihrer Bangigkeit, weil das Fenſter ihres Nachbars ſo lange verſchloſſen blieb, das ihrige geöffnet; der erſte Gegenſtand, welchen ſie erblickte, war der vor der Thür angebundene Apfelſchimmel; da ſie den Capitän nicht hatte hineingehen ſehen, meinte ſie das Pferd ſei für Ravul beſtimmt. Sie blieb alſo am Fenſter ſtehen und blickte ſcharf auf alle Vorübergehenden, um ſich zu über⸗ zeugen ob dieſer oder jener beſtimmt ſei in dem geheim⸗ nißvollen Drama, welches ſich vorbereitete, eine Rolle zu ſpielen. Mit hochklopfendem Herzen und vorgeſtrecktem Halſe, mit auf⸗ und abſchweifendem Blick ſtand ſie da, bis plötzlich ein Gegenſtund ihre Augen feſſelte. In 80 Der Chevalier von Harmental. demſelben Augenblick ſtieß das junge Mädchen einen Freudenſchrei aus; ſie gewahrte nämlich wie Buvat, aus der Rue Montmartre kommend, um die Ecke der Straße bog. Es war in der That der ehrliche Kalli⸗ graph, welcher ſich dann und wann umblickte, als fürchte er verfolgt zu werden, und ſo raſch daherſchritt als ihn ſeine kleinen Beine fortzutragen vermochten. Es iſt aber nun wohl an der Zeit unſre geneigten Leſer aus der Unruhe zu reißen, die ſie ohne Zweifel über das lange Ausbleiben des ehrlichen Buvat mit Bathilden und Nanetten getheilt haben. Man wird ſich erinnern, wie der arme Mann von Dubvis gezwungen ward in deſſen Hauſe täglich die Abſchriften der Papiere zu fertigen, welche ihm der vorgebliche Prinz von Liſthnay übergab. Auf dieſe Weiſe ward der Miniſter des Regenten nach und nach mit allen Plänen der Verſchwörer bekannt, welche er durch die Gefangen⸗ nahme des Marſchalls von Villeroh und durch die Einberufung des Parlaments vereitelte. MWontags früh war Buvat wie gewöhnlich mit neuen Papieren erſchienen, die er am Abend zuvor von Avranches empfangen hatte; es war ein von Male⸗ zieux und Pompadour redigirtes Manifeſt nebſt den Der Chevalier von Harmental. 81 Briefen der angeſehenſten Edelleute der Bretagne, die ſich bekanntlich der Verſchwörung angeſchloſſen hatten. Buvat ſetzte ſich wie immer an ſeine Arbeit. Um vier Uhr, als er wie gewöhnlich aufhören wollte und ſchon Hut und Stock in der Hand hatte um fortzugehen, hatte ihn Dubois in ein Zimmerchen geführt, das ſich über dem befand in welchem er arbeitete. Dort ange⸗ langt, hatte er ihn gefragt, was er von dieſem Gemach halte? Von dieſer Auszeichnung des erſten Miniſters ge⸗ ſchmeichelt, der ſein Urtheil verlangte, hatte Buvat er⸗ wiedert, daß er es ungemein angenehm finde. „Das iſt gut,“ ſagte Dubvis,„es freut mich daß es Ihnen gefällt, denn es iſt für Sie beſtimmt.“ „Für mich?“ fragte Buvat erſtaunt. „Nun ja, für Sie! Es iſt nicht zu verwundern, daß ich einen ſo wichtigen Mann wie Sie ſtets bei der Hand und vor allen Dingen unter meinen Augen zu haben wünſche.“ „Wie, ich ſoll im Palais⸗Rohal bleiben?“ fragte Buvat. „Auf einige Tage, ja,“ antwortete Dubvis. „So laſſen Sie mich wenigſtens Bathilden benach⸗ richtigen, gnädigſter Herr!“ Chevalier v. Harmental. W. 6 Frankreichs gebührt; denn Sie haben Frankreich ge⸗ 82 Der Chevalier von Harmental. „Das iſt eben die Sache; Demoiſelle Bathilde ſoll es nicht wiſſen.“ „Aber ſowie ich wieder ausgehe, dann erlauben Sie „So lange Sie hier ſind, werden Sie nicht aus⸗ gehen.“ „Aber,“ rief Buvat von Schrecken erfaßt,„da bin ich ja ein Gefangener!“ „Ein Staatsgefangener, Sie haben es ausgeſprochen. Aber beruhigen Sie ſich, Ihre Gefangenſchaft wird nicht lange währen; und ſo lange ſie dauert, wird man Sie mit der Auszeichnung behandeln, welche dem Retter rettet, mein lieber Buvat; das Verdienſt kann Ihnen niemand rauben.“ „Wie, ich hätte Frankreich gerettet, ich?“ rief Bu⸗ vat;„und dennoch bin ich ein Staatsgefangener und ſoll unter Schloß und Riegel gehalten werden?“ „Wo zum Teufel ſehen Sie denn Riegel und Eiſen⸗ ſtangen, mein lieber Buvat?“ lachte Dubvis,„die Thür hat ja nichts als eine einfache Klinke, nicht einmal ein Schlüſſelloch! Das Fenſter geht in den Garten des Palais⸗Rohal hinaus und nicht das kleinſte Gitter ver⸗ in Der Chevalier von Harmental. 83 hindert Ihnen die Ausſicht; eine herrliche Ausſicht! Sie wohnen hier wie der Regent in eigner Perſon.“ „O mein Dachſtübchen, meine liebe Terraſſe,“ mur⸗ melte Buvat, indem er ſchmerzerfüllt in einen Lehnſeſſel ſank. Dubvis, welcher andre Dinge zu thun hatte als ihn zu tröſten, verließ das Zimmer und ſiellte eine Schild⸗ wache davor. Dieſe Maßregel iſt leicht zu erklären. Dubvis be⸗ ſorgte daß, ſobald die Gefangennahme Villeroh's kund würde, man errathen könne auf welche Weiſe das Geheimniß entſchleiert worden ſei, und daß Buvat auf Befragen alles eingeſtehen möchte. Das würde die Ver⸗ ſchwörer veranlaßt haben mit ihren fernern Projecten inne zu halten; Dubvis aber wollte daß ſie immer tiefer in die Schlinge gehen ſollten, damit dann alle jene kleinen Verſchwörungen auf einen Schlag beendigt würden. Gegen acht Uhr beim Beginn der Abenddämmerung hörte Buvat vor ſeiner Thür einen gewaltigen Lärm, wie ein Geraſſel von metallenen Gegenſtänden; er er⸗ ſchrak auf's heftigſte, denn er erinnerte ſich gehört zu ha⸗ ben, daß Staatsgefangene oft insgeheim ermordet wür⸗ den; angſterfüllt ſprang er demnach vom Seſſel auf und rannte an allen Gliedern zitternd an's Fenſter. Hof und Garten des Palais⸗Rohal waren mit Menſchen angefüllt, 66 8⁴ Der Chevalier von Harmental. die Galerien wurden erleuchtet, überall war Leben und Bewegung. Buvat ſtieß einen tiefen Seufzer aus, denn er meinte von dieſer ſchönen lebendigen Welt bald auf immer ſcheiden zu müſſen. In dieſem Augenblicke ward ſeine Thür geöffnet; er ſchrak zuſammen und gewahrte zwei Diener in rother Livree, welche einen völlig ſervir⸗ ten Tiſch trugen. Das Geraſſel, welches ihn ſo erſchreckt hatte, war durch das Ordnen der ſilbernen Schüſſeln und Teller veranlaßt worden. Das erſte Gefühl des ehrlichen Abſchreibers war jetzt ein Ausbruch der Dankbarkeit gegen den Ewigen, welcher die vermeintliche Gefahr ſo plötzlich in einen wenigſtens erträglichen Zuſtand umgewandelt hatte; aber faſt ebenſo ſchnell kam ihm der Schreckensgedanke, daß man vielleicht nur ein andres Mittel gewählt habe um ihn aus dem Wege zu ſchaffen und daß er am Ende gar mit den Speiſen vergiftet werden ſolle. Er ließ ſeinen Blick über die beiden Lakaien ſchweifen und glaubte in ihren Zügen etwas Düſteres zu ſehen, eine ſchwarze Abſicht zu er⸗ rathen; ſein Entſchluß ſtand demnach feſt; trotz dem Aroma der Speiſen, das ihm nur als ein Fallſtrick er⸗ ſchien, ſagte er mit majeſtätiſchem Anſtand daß er weder Hunger noch Durſt habe. Die beiden Lakaien ſahen einander vetrulingsbol an. Der Chevalier von Harmental. 85 Es waren ein Paar ſchlaue Burſche, welche ihren Mann auf den erſten Blick richtig beurtheilten; da ſie nicht be⸗ greifen konnten, wie man vor einem Faſan mit Trüffeln und einer Flaſche Chambertin weder Hunger noch Durſt haben könne, ſo ſahen ſie die Urſache ſeiner Weigerung auf der Stelle ein. Sie wechſelten leiſe einige Worte mit einander, dann trat der Keckſte unter ihnen auf Bu⸗ vat zu, welcher erſchreckt zurückwich, bis der Kamin ihn verhinderte weiter zu retiriren. „Mein Herr,“ ſprach er in ſcheinbar theilnehmendem Tone,„wir begreifen Ihre Beſorgniſſe. Als ehrliche Leute aber wollen wir Ihnen beweiſen, daß wir unfähig ſind die Hand zu einer That zu leihen wie Sie ſolche argwöhnen. Mein Kamerad und ich ſind demnach wäh⸗ rend Ihres hieſigen Aufenthalts bereit abwechſelnd von den Speiſen und dem Weine zu genießen, die man Ihnen vorſetzen wird. Wir werden uns glücklich ſchätzen, Sie vurch ein ſolches Verfahren einigermaßen beruhigen zu können.“ „Mein lieber Herr,“ entgegnete Buvat, der mit Scham ſeine geheimſten Gedanken durchſchaut ſah,„ich bin Ihnen für Ihre Höflichkeit ungemein verbunden, aber ich habe weder Hunger noch Durſt.“ „Gleichviel,“ verſetzte der Lakai,„mein Kamerad und 86 Der Chevalier von Harmental. ich ſind dennoch feſt entſchloſſen Ihnen dieſen Beweis unſter Redlichkeit zu liefern. Comtvis, mein lieber Freund!“ fuhr er fort, indem er den für Buvat be⸗ ſtimmten Platz einnahm,„ſei ſo gefällig mir einige Löffel von dieſer Suppe, einen Flügel von dem Capaun mit Reis und ein Schnittchen von der Paſtete da vorzu⸗ legen... So recht! Auf Ihre Geſundheit, mein Herr!“ „Bin Ihnen ſehr verbunden, mein Herr!“ ſprach Buvat, welcher den Schmauſer mit großen Augen be⸗ trachtete. Auf dieſe Weiſe fuhr dieſer fort allen Schüſ⸗ ſeln und beſonders der Flaſche wacker zuzuſprechen, ja ſelbſt der Nachtiſch und der Kaffee blieben nicht ver⸗ ſchont. „Jetzt hoffe ich, mein Herr, ſind Sie von unſrer Ehr⸗ lichkeit vollkommen überzeugt,“ rief der Lakai;„und nun fort mit dem Uebrigen! Denn es iſt nichts unangeneh⸗ mer als der Speiſen⸗ und Weingeruch für diejenigen, welche weder Hunger noch Durſt haben. Mein Herr,“ ſügte er hinzu, indem er mit ſeinem Kameraden den Tiſch wieder hinaustrug,„wenn Sie etwas bedürfen ſollten, ſo belieben Sie nur zu ſchellen! Die Klingel am Kamin gilt uns, die am Bett dem Kammerdiener.“ „Schönen Dank, mein Herr,“ ſagte Buvat;„ich wünſche niemanden zu beläſtigen.“ Der Chevalier von Harmenial. 87 „Geniren Sie ſich nicht, mein Herr,“ entgegnete der Lakai;„der gnädige Herr wünſcht daß Sie hier thun möchten als ob Sie zu Hauſe wären.“ Die Lakaien ent⸗ fernten ſich. Nichts reizt den Appetit mehr als der Anblick eines tefflichen Mahles, von dem man nur den Geruch einath⸗ met. Das ihm ſo eben vorgeſetzte übertraf an Köſtlich⸗ keit alles was der ehrliche Buvat bisher geſehen hatte, und er bereute jetzt ſeinen allzugroßen Argwohn, den er rückſichtlich der Argliſt ſeiner Verfolger gefaßt hatte; aber es war zu ſpät, und ſo beſchloß er ſeinen Hunger wo möglich zu verſchlafen. Bei dieſem Gedanken aber beſchlich ihn eine neue Angſt. Konnte man nicht ſeinen Schlaf benutzen um ihn aus dem Wege zu räumen? Die Nacht iſt einer ſolchen Niſſethat nur allzu günſtig. Er hatte in ſeiner Jugend von Betthimmeln erzählen hören, welche herabgelaſſen werden konnten um den Schläfer zu erſticken, von Betten welche in eine Fallthür verſanken, von verborgenen Thü⸗ ren welche ſich öffneten um den Mördern Einlaß zu ge⸗ ſtatten. Buvat ſtellte demnach mit der brennenden Wachskerze in der Hand die genauſte Unterſuchung an. Endlich hatte er ſich in dieſer Rückſicht einigermaßen be⸗ ruhigt; er entkleidete ſich, ließ eine der Wachskerzen bren⸗ 88 nen und ſtreckte ſich auf das weichſte Lager, auf dem er jemals geruht hatte. Das Bett aber giebt den Schlaf nicht. Sei es nun Angſt oder Leerheit des Magens, ge⸗ nug Buvat verbrachte eine ſehr unruhige Nacht und der Schlummer ſenkte ſich erſt gegen MWorgen auf ihn herab. Noch träumte ihm eben er ſei durch eine Ham⸗ melkeule vergiftet worden, als die Stimme des Kammer⸗ dieners ihn erweckte, welcher vor ſeinem Bette erſchien und ihn fragte, um welche Zeit er zu frühſtücken wünſche. Dieſe Frage ſtand mit dem ſo eben gehabten Traume in ſo naher Beziehung, daß Buvat bei dem Gedanken ſchauderte irgend etwas zu genießen; er antwortete daher nur durch ein unverſtändliches Gemurmel, welches der Kammerdiener aber auf ſeine Art auslegte, denn er zog ſich mit der Bemerkung zurück, daß der Herr unverzüglich bedient werden ſolle. Buvat ſprang aus dem Bette und hatte ſeine einfache Toilette kaum beendigt, als auch ſchon die beiden Lakaien mit dem Frühſtück erſchienen. Die geſtrige Scene beim Mittagseſſen ward beim Frühſtück wiederholt... bis auf den Kaffee, von wel⸗ chem der Lakai kaum einige Schluck gekoſtet hatte, als Buvat, vom abſcheulichſten Hunger gepeinigt, ſich ent⸗ ſchloß ihn ſelbſt vollends zu genießen; der Kaffee ward ihm demnach nebſt einem noch vorhandenen Brödchen Der Chevalier von Harmental. Der Chevalier von Harmental. 89 überlaſſen, während die Lakaien das Andre ſchmunzelnd forttrugen. Nachdem Buvat mit großer Begierde den trefflichen Kaffee und das Brödchen verzehrt hatte, fing er an die Dinge in einem etwas weniger ſchwarzen Lichte zu betrachten. Er begann nach und nach zu be⸗ greifen daß, wenn man auch aus irgend einem politiſchen Grunde ſeine Freiheit beſchränken wolle, man ihm doch nicht nach dem Leben trachte. Der ihn umgebende Lurus, wie er ihn bisher nicht gekannt hatte, wirkte ebenfalls auf ihn ein; was ihn aber noch bedeutend quälte, war der Gedanke daß die arme Bathilde ſeinetwegen in großer Unruhe ſchweben würde. Der ehrliche Buvat befand ſich demnach in einer ruhigern Stimmung, als die beiden Lakaien um ein Uhr mit dem Mittagseſſen erſchienen. Diesmal erklärte er ihnen, daß er von der edlen Abſicht ſeines erhabenen Wirthes vollkommen überzeugt ſei und das Mahl ſelbſt verzehren wolle, weshalb er ſie erſuche ihm zu ſerviren. Die Lakaien machten zwar ein ſchiefes Geſicht, mußten aber gehorchen. Man begreift, daß das treffliche Mahl den wackern Buvat mit ſeiner Lage noch mehr ausſöhnte. Am Abend äußerte das Souper dieſelbe Wirkung auf ihn. Von dem Chambertin und dem Sillery in ein angeneh⸗ 90 Der Chevalier von Harmental. mes Räuſchchen verſetzt, ſtreckte er ſich in einer wonnigen Empfindung auf's Lager, wo er im Laufe der Nacht träumte, er ſei der König Salomo und habe dreihundert Weiber; dies war zugleich das einzige etwas lockere Traumgebild, welches den ehrlichen Buvat während ſeines ganzen Lebens umgaukelte. Buvat erwachte friſch wie eine Roſe und fühlte ſich nach dem herrlichen Frühſtück noch muthiger. Da er nun keine Beſorgniß mehr hegte und nur noch bei dem Gedanken an Bathilde unruhig war, ſo fragte er, ob es ihm wohl erlaubt ſei an den Herrn Erzbiſchof von Cambrah zu ſchreiben. Man antwortete ihm, dem ſtehe nichts im Wege; er bat daher um Dinte, Feder und Pa⸗ pier, zog ſein Federmeſſer hervor das er ſtets bei ſich führte, ordnete alles und ſchrieb an Dubvis eine äußerſt rührende Epiſtel, worin er dieſen demüthig erſuchte, es möge ihm doch, falls ſeine Gefangenſchaft noch länger dauern ſolle, gütigſt geſtattet werden Bathilden zu ſich kommen zu laſſen oder ſie wenigſtens über ſein Ausblei⸗ ben zu beruhigen. Als ihm das Mittagsmahl gebracht wurde, übergab er ſein Schreiben einem der Lakaien, welcher ihm ſchon nach einer Viertelſtunde den Beſcheid brachte, daß der Herr Erzbiſchof in dieſem Augenblick nicht zu Hauſe ſei, Der Chevalier von Harmental. 91 daß aber ſein Subſtitut in den politiſchen Angelegenhei⸗ ten den Bittſteller nach Tiſche zu ſprechen wünſche. Zu ihm ward alſo der ehrliche Buvat geführt. Stolz ſchritt er an der Schildwache vorüber, ging dann über einen langen Gang und eine hohe Treppe hinab bis zu einem Zimmer, deſſen Thür der Lakai öffnete, in⸗ dem er Herrn Buvat meldete.* Buvat befand ſich in einer Art von Laboratorium des Erdgeſchoſſes vor einem Manne von ungefähr 42 Jahren, deſſen Aeußeres ihm nicht ganz unbekannt ſchien. Er war ganz einfach gekleidet und damit beſchäftigt vor einem Kamin den Erfolg einer chemiſchen Operation mit großer Aufmerkſamkeit zu beobachten. Dieſer Mann rich⸗ tete ſich auf, als er den guten Buvat gewahrte; er be⸗ trachtete ihn mit einiger Neugier und fragte:„Sie nen⸗ nen ſich Jean Buvat, mein Herr?“ „Ihnen zu dienen, mein Herr,“ antwortete dieſer ſich verbeugend. „Die Bittſchrift, welche Sie ſo eben an den Herrn Erzbiſchof gerichtet haben, iſt von Ihrer Hand geſchrie⸗ ben?“ „Von meiner eignen Hand, mein Herr!“ „Sie haben eine ſehr ſchöne Handſchrift, Herr Bu⸗ vat.“ 92 Der Chevalier von Harmental. Buvat verbeugte ſich mit einem gewiſſen ſelbſtgefäl⸗ ligen Lächeln. „Der Herr Erzbiſchof,“ fuhr der Unbekannte fort, „hat mir mitgetheilt, welche Dienſte Sie uns erwieſen haben.“ „Se. Eminenz ſind allzugnädig; was ich that iſt nicht der Rede werth.“ „Was Sie thaten, Herr Buvat, iſt gar ſehr der Rede werth; ſollten Sie etwas vom Regenten zu er⸗ langen wünſchen, ſo übernehme ich es mit Vergnügen ihm Ihr Geſuch vorzutragen.“ „Da Sie die Güte haben wollen, mein Herr, bei Sr. königlichen Hoheit mein Fürſprecher zu ſein,“ ver⸗ ſetzte Buvat,„ſo bitte ich Sie ihm gütigſt zu ſagen, daß er mir Cerſteht ſich, wenn es ihn nicht allzuſehr genirt) huldreichſt meinen kleinen Rückſtand auszahlen laſſe.“ „Wie, Ihren Rückſtand, Herr Buvat? Was wollen Sie damit ſagen?“ 3ch will damit ſagen, mein Herr, daß ich die Ehre habe in der königlichen Bibliothek angeſtellt zu ſein, daß ich aber ſeit ſechs Jahren keinen Gehalt empfangen habe.“ „Und wie hoch beläuft ſich dieſer Rückſtand?“ Der Chevalier von Harmental. 93 „Auf 5300 und einige Livres ungefähr.“ „und Sie wünſchen bezahlt zu ſein? Nicht wahr, Herr Buvat?“ „Ich geſtehe Ihnen, mein Herr, daß mir dies ſehr angenehm ſein würde.“ „Und weiter wünſchen Sie nichts?“ „Nicht das Mindeſte.“ „Aber fordern Sie denn nichts für den Dienſt, wel⸗ chen Sie Frankreich geleiſtet haben?“ „Doch, doch, mein Herr! Ich bitte dafür um die Erlaubniß, meine Pflegetochter, die ſich meinetwegen äng⸗ ſtigen wird, beruhigen zu dürfen und ihr ſagen zu kön⸗ nen, daß ich ein Staatsgefangener im Palais⸗Rohal bin. Ja, wenn ich Ihre Güte nicht zu mißbrauchen fürchtete, mein Herr, ſo würde ich den Wunſch äußern, daß ſie mich auf einige Augenblicke beſuchen dürfte.“ „Wir wollen mehr thun als das,“ lautete die Ant⸗ wort;„da die Urſachen, um deretwillen wir Sie hier zurückhielten, nicht mehr vorhanden ſind, ſo geben wir Ihnen Ihre Freiheit zurück und Sie können ſich ſelbſt. zu Ihrer Pflegetochter begeben.“ „Wie, mein Herr, ich bin kein Gefangener mehr?“ „Sie können ſich von hier entfernen ſobald Sie wollen.“ 94 Der Chevalier von Harmental. „So bin ich denn Ihr ganz gehorſamer Diener! Ich bleibe Ihnen mein ganzes Leben lang verpflichtet.“ „Entſchuldigen Sie, Herr Buvat, noch ein Wort! Ich wiederhole Ihnen, Frankreich hat gegen Sie Ver⸗ pflichtungen, deren es ſich entledigen muß. Schreiben Sie an den Regenten, ſetzen Sie auseinander was man Ihnen ſchuldet, ſchildern Sie ihm Ihre Lage und wenn Sie irgend einen Wunſch auf dem Herzen haben ſollten, ſo ſprechen Sie denſelben dreiſt aus; ich ſtehe Ihnen da⸗ für, er ſoll erfüllt werden.“ „Sie ſind allzu gütig, mein Herr, ich werde nicht er⸗ mangeln. Ich darf alſo hoffen daß, ſowie Gelder in die Staatskaſſe eingehen... „Wird man an Sie denken, mein Wort darauf.“ „Heute noch werde ich meine Bittſchrift anfertigen.“ „Dann werden Sie morgen bezahlt ſein.“ „Ach, mein Herr, wie unbeſchreiblich gütig ſind Sie!“ „Gehen Sie, Herr Buvat; Ihre Pflegetochter harrt Ihrer.“ „Sie haben Recht, mein Herr! Ach, wie wird ſie ſich über die Nachricht freuen, die ich ihr bringe! Ihr ganz unterthänigſter Diener, mein Herr! Aber darf ich Der Chevalier von Harmental. 95 nicht ſo frei ſein mich zuvor nach Ihrem Namen zu er⸗ kundigen, mein werther Herr?“ „Auf die Ehre Sie wiederzuſehen, Herr Philipp!“ „Adieu, Herr Buvat, Adieu! Doch halt, ich muß zuvor den Befehl ertheilen, daß man Sie hinauslaſſe.“ So ſprechend, klingelte Herr Philipp und ein Huſſter erſchien.„Ruft Ravanne herbei!“ ſagte er zu dieſem. „Ravanne,“ ſprach Herr Philipp,„geleiten Sie die⸗ ſen wackern Mann bis zum Eingang des Palais⸗Rohal; es ſteht ihm frei zu gehen wohin er will.“ „Zu Befehl, gnädigſter Herr!“ erwiederte der junge Officier. Buvat riß die Augen groß auf und öffnete eben den Mund um zu fragen, wer dieſer gnädigſte Herr ei⸗ gentlich ſei; Ravanne ließ ihm aber dazu keine Zeit. „Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie!“ rief er;„ ich warte auf Sie!“ Buvat gehorchte, indem er ſich große Schweiß⸗ tropfen von der Stirn trocknete. An der Eingangspforte wollte ihn die Schildwache anhalten. Ravanne aber ſprach:„Auf Befehl Sr. königlichen Hoheit des Regen⸗ ten, laßt dieſen Herrn paſſiren! Er iſt frei!“ Die Schildwache präſentirte das Gewehr. 96 Der Chevalier von Harmental. „Wie?“ ſtammelte Buvat;„der Herr, mit dem ich ſo eben ſprach, wäre...“ „Se. königliche Hoheit in eigner Perſon!“ Hierauf äußerte Ravanne ſein Bedauern, daß er ihn nicht wei⸗ ter begleiten könne, weil der Regent ſich in einer halben Stunde nach der Abtei Chelles begeben wolle und ihm zuvor noch einige Befehle zu ertheilen habe; Buvat aber eilte in großer Beſtürzung von dannen; er bog ge⸗ rade zu der Zeit als Harmental dem Capitän Ro⸗ guefinette den Degen in die Vruſt ſtieß, um die Ecke der Rue du Temps perdu. Bathildens Freude über das Wiederſehen ihres Pflegevaters war unbeſchreiblich; ſie flog ihm bis auf die Treppe entgegen, ſchloß ihn in die Arme und beſtürmte ihn mit Fragen über ſein langes Ausbleiben. „Sprechen Sie, o ſprechen Sie, lieber guter Papa, wo waren Sie die ganze Zeit, woher kommen Sie jetzt?“ „Vom Palais⸗Rohal, mein theures Kind!“ „Und bei wem waren Sie denn dort?“ „Bei Sr. königlichen Hoheit dem Regenten.“ „Sie, Sie, lieber Papa, beim Regenten? Was mach⸗ ten Sie denn hei ihm?“ „Ich war ein Gefangener, ein Staatsgefangener.“ „Und weshalb das?“ Der Chevalier von Harmental. 97 „Weil ich Frankreich gerettet habe.“ „Ach du mein Gott, mein lieber Papa, Sie haben doch nicht etwa den Verſtand verloren!“ rief Bathilde erſchrocken. „Ei behüte! Man könnte den Kopf wohl dabei ver⸗ lieren! Es war eine Verſchwörung gegen den Regenten im Werke. Ohne es zu wiſſen, war ich in dieſelbe mit hineingerathen. Du weißt, jener Prinz von Liſthnah ein falcher Prinz, Kind, ein falſcher Prinz... Die Abſchriften, die ich für ihn fertigen mußte, waren aufrühreriſche Manifeſte und Proclamationen. Ein allge⸗ meiner Aufſtand: die Bretagne— die Normandie— die. Generalſtaaten— der König von Spanien— ſieh, und das alles habe ich entdeckt!“ „Ewiger Gott, Sie!“ rief Bathilde. „Ja, ich, ich,“ fuhr Buvat eifrig fort,„ich, den Dubois ſelbſt den Retter Frankreichs genannt hat, ich, dem er ſeinen Rückſtand zahlen wird!“ „Sie ſprechen von einer Verſchwörung,“ fragte Ba⸗ thilde bebend;„kennen Sie die Namen der Verſchwo⸗ renen?“ „Ei freilich! Da iſt zuvörderſt der Herzog von Maine der armſelige Baſtard, dann ein Graf von La⸗ val, ein Marquis von Pompadour, ein Baron von Chevalier v. Harmental. 1V. 2 98 Der Chevalier von Harmental. Valef, der Prinz von Cellamare, der Abbé Bri⸗ gaud, denke nur der Abbé Brigaud...“ „Aber unter allen den Namen,“ fiel Bathilde mit angſtvoll klopfendem Herzen ein,„fanden Sie etwa auch unter ihnen den Namen des... des.. Ritters— des Chevalier Ravul von Harmental?“ „Das will ich meinen!“ verſetzte Buvat;„der Che⸗ valier von Harmental iſt gerade das Haupt der Ver⸗ ſchwörung! Der Regent aber kennt ſie alle! Dieſen Abend werden ſie ſämmtlich arretirt und morgen gehängt, geviertheilt oder lebendig gerädert!“ „Unglückſeliger!“ jammerte Bathilde die Hände ringend,„was haben Sie gethan? Sie haben den Mann getödtet, den ich liebe! Aber ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Mutter, ſtirbt er, ſo ſterbe auch ich!“ Schnell aber bedenkend, daß es vielleicht noch Zeit ſei den Ge⸗ liebten zu retten, flog ſie die Treppe hinab, in's Haus der Madame Denis bis hinauf zu Harmental's Dach⸗ ſtübchen. Sie ſchlug an Harmental's Thür, dieſe gab nach und das unglückliche Mädchen ſtand vor dem in ſeinem Blute ſchwimmenden Leichnam des Capitäns Roquefinette. Von Schrecken überwältigt, ſchrie ſie laut auf und ſtürzte zuſammen. Der Chevalier von Harmental. 99 Bei ihrem Schrei eilten die Nachbarn herbei. Der Fall hatte ſie ſchwer am Kopfe verletzt. Man trug Ba⸗ thilden zu Madame Denis, die ihr bereitwillig Pflege ſpendete. Den Leichnam des Capitäns Roquefinette ſchaffte man nach der Morgue, wo er drei Tage ſpäter von der Normännin erkannt wurde. VII. Gottlenkt. Harmental war unterdeſſen bekanntlich im Ga⸗ lopp davon geſprengt, überzeugt daß er keinen Augenblick zu verlieren habe, um die durch den plötzlichen Tod des Capitäns zur Ausführung des gewagten Unternehmens nothwendig gewordenen Veränderungen zu treffen. Er begab ſich demnach ſo ſchnell ihn ſein Roß fortzutragen vermochte, nach dem Pferdemarkte; aber trotz aller Mühe konnte er die zwölf bis funfzehn Leute des Capitäns nicht herausfinden, da ſie wie die übrigen Pferdeverkäufer gekleidet waren. Vergebens durchſtrich Harmental den Markt bis gegen fünf Uhr. Um acht oder neun Uhr ſollte der Re⸗ gent von Chelles zurückkehren; es war alſo keine Zeit zu verlieren, zumal da dies der letzte verzweiflungsvolle Der Chevalier von Harmental. 101 Schlag der Verſchwornen war, die jeden Augenblick arre⸗ tirt zu werden fürchten mußten. Er hatte die Ehre des Unternehmens verlangt, und auf ihm laſtete daher auch die ganze Verantwortlichkeit. Harmental war aber ein Mann von kräftigem Charakter und ſein Entſchluß war daher auch ſchnell ge⸗ faßt. Er durchſtrich noch einmal den Markt nach allen Richtungen, um zu ſehen ob ſich nicht einer vom Dutzend etwa durch ſeine Ungeduld verrathen würde; da jedoch auch dieſer letzte Verſuch mißlang, ſo galoppirte er ge⸗ radeswegs nach dem Faubourg St. Antvine, ſtieg vor dem Hauſe Nr. 15 ab, flog fünf Treppen hinan und fand oben in einem Dachſtübchen die Herzogin von Maine nebſt ihren vier Begleitern. Alle ſtießen bei ſeinem Erſcheinen einen Schrei des Erſtaunens aus. Harmental erzählte alles was ſich zugetragen, den Tod des Capitäns Roquefinette wie das vergebliche Nachſuchen, und forderte dann die Herren Laval, Pompadour und Valef auf mit ihm allein die kühne That zu vollbringen. Die genannten Herren erklärten ſich auch unverzüglich bereit dazu und verſpra⸗ chen dem Chevalier in allem zu folgen. Noch war alſo nichts verloren, denn vier entſchloſſene trefflich bewaffnete Männer, die für ihre Rechnung han⸗ 102 Der Chevalier von Harmental. delten, konnten leicht zwölf bis funfzehn erkaufte Land⸗ ſtreicher erſetzen. Avranches war noch nicht fort, ſo daß die kleine Schaar um einen kräftigen Mann ver⸗ mehrt werden konnte. Man ließ ſchwarzſammtne Masken holen, um dem Regenten die Züge ſeiner Entführer we⸗ nigſtens ſo lange als möglich zu verbergen, ließ die Her⸗ zogin von Maine, Malezieur und Brigaud zurück, beſtimmte als Sammelplatz St. Mandé und ſprengte als⸗ dann einzeln von dannen, um keinen Verdacht zu er⸗ wecken.— Eine Stunde darauf hatten ſich die fünf Ver⸗ ſchwornen wieder vereinigt. Sie legten ſich zwiſchen Vin⸗ cennes und Nogent⸗ſur-Marne in den Hinterhalt. Es ſchlug halb 7 Uhr auf dem Schloßthurme. Avranches hatte Erkundigungen eingezogen. Der Regent war um halb 4 Uhr den Weg paſſirt, hatte we⸗ der Gefolge noch Wachen bei ſich und befand ſich in ei⸗ nem vierſpännigen von zwei Jokehs geführten Wagen. Ein einziger Courier eilte voran. Es war alſo durchaus kein Widerſtand zu fürchten. Man hielt den Prinzen an und brachte ihn nach Charenton, wo der Poſtmeiſter er⸗ wähntermaßen der Herzogin von Maine durchaus erge⸗ ben war. Man fuhr dort in den Hof, deſſen Thür ſo⸗ gleich hinter dem Wagen geſchloſſen wurde. Man zwang ihn darauf in eine Poſſchaiſe zu ſteigen, die ein Poſtillon Der Chevalier von Harmental. 103 dort bereit hielt. Harmental und Valef ſetzten ſich neben den Regenten, man fuhr im Galopp von dannen, paſſirte die Marne und Seine, erreichte Grandvaur und — befand ſich zu Montlhöry auf dem Wege nach Spa⸗ nien. Würde der Regent unterweges nach Hülfe rufen, ſo wollte man ihn durch Drohungen zum Schweigen bringen und, falls er ſich nicht einſchüchtern ließe, den erwähnten Paß benutzen, worin er als ein Wahnſinniger dargeſtellt war, der ſich für den Herzog von Orleans hielte und den man zu ſeiner Familie nach Saragoſſa zurückzuführen beabſichtige. Kurz man begreift, das Ganze war ein wenig gewagt; ſolche Unternehmungen gelingen aber in der Regel. Es ſchlug ſieben, es ſchlug acht Uhr. Harmental und ſeine Gefährten bemerkten mit Vergnügen, daß es immer dunkler ward; halb 9 Uhr war es ganz finſter geworden. Um neun Uhr glaubte man endlich ein fernes Geräuſch zu vernehmen. Avranches legte ſich platt auf die Erde und hörte deutlich das Rollen eines Wa⸗ gens. In demſelben Augenblicke ſah man in der Entfer⸗ nung von tauſend Schritten bei einer Biegung des We⸗ ges ein Licht gleich einem Sterne aufblitzen. Kein Zwei⸗ fel mehr, das war der Courier mit der brennenden Fackel; bald erkannte man auch wirklich den Wagen an 104 Der Chevalier von Harmental. den beiden Laternen. Die Verſchwornen drückten einan⸗ der noch einmal die Hand, nahmen ihre Larven vor das Geſicht und jeder trat an ſeinen Poſten. Der Wagen rollte raſch heran; es war in der That der des Herzogs von Orleans; man erkannte beim Fackellichte den rothen Anzug des Couriers, welcher ſich ungefähr 25 Schritt vor dem Wagen befand.— Die Straße war todtenſtill und menſchenleer, alles ſchien den Plan der Verſchwornen zu begünſtigen. Harmental warf noch einen Blick auf ſeine Gefährten; er ſah mitten auf dem Wege Avranches, welcher ſich betrunken ſtellte; Laval und Pompadour ſtanden zu beiden Seiten des Wegs und ihnen gegenüber ſtand Valef mit einem Piſtol in der Hand. Der Wagen kam näher. Schon war der Courier an Harmental und Valef vorüber; jetzt aber prallte ſein Pferd plötzlich gegen Abranches an, welcher ſich raſch aufrichtete, dem Thiere in den Zügel fiel, dem Reiter die Fackel entriß und ſie verlöſchte. Bei dieſem Anblick woll⸗ ten die Jokehs mit dem Wagen umwenden, aber es war zu ſpät; Pompadour und Laval waren herbeigeeilt und hielten ſie durch ihre Piſtolen in Reſpect, während Harmental und Valef ſich an beide Seiten des Wa⸗ gens begaben, die Laternen verlöſchten und dem Regenten Der Chevalier von Harmental. 105 andeuteten, daß man ihm gar nicht nach dem Leben trachte, daß man aber, falls er Widerſtand leiſten oder um Hülfe rufen würde, zum Aeußerſten zu ſchreiten entſchloſſen ſei. Sehr gegen Harmental's und Valef's Erwarten, welche den Muth des Prinzen kannten, erwiederte dieſer ganz ruhig:„Schon gut, meine Herren; fügen Sie mir nur kein Leid zu; ich bin bereit, Ihnen überallhin zu folgen.“ Harmental und Valef warfen jetzt einen Blick auf die Landſtraße und ſahen wie ihre drei Gefährten den Courier mit ſeinem Pferde und die beiden Jokeys ſowie zwei vom Wagen abgeſpannte Pferde in's Dickicht führten. Sogleich ſprang der Chevalier von ſeinem Thiere und warf ſich auf das des Jokeh's; Laval und Valef ritten zu beiden Seiten des Wagens. Dieſer rollte raſch von dannen, ſchlug den Weg links ein und eilte geräuſch⸗ los und ohne Licht auf Charenton zu. Am Ende der Straße aber traf Harmental auf ein Hinderniß. Sei es Zufall oder Abſicht, genug die Barriöre war geſchloſſen und man mußte umkehren, um einen andern Weg einzuſchlagen. Der Chevalier wandte alſo die Pferde auf eine andre gleichfalls nach Charenton führende Straße. Es kam ihm ein Weilchen vor als ſähe er Menſchen in geringer Entfernung, bald aber ver⸗ 106 Der Chevalier von Harmental. ſchwand dieſe Viſion wieder ynd der Wagen rollte un⸗ gehindert weiter. Als man ſich dann einem Kreuzwege näherte, glaubte Harmental plötzlich das Schnaufen von Pferden und ein Geraſſel zu vernehmen, als ob Säbel aus den Schei⸗ den gezogen würden; indeſſen meinte er wohl es ſei der Wind, der durch die Blätter pfeife; er achtete demnach nicht weiter darauf, ſondern ſetzte die Fahrt mit der bis⸗ herigen Schnelligkeit fort. Aber am Kreuzwege ange⸗ langt, ſah Harmental trotz der Finſterniß eine Art von Mauer vor ſich. Er hielt ſofort den Wagen an und wollte umwenden, aber plötzlich hatte ſich hinter demſelben ebenfalls eine Art von Mauer erhoben. In dieſem Au⸗ genblick hörte er Laval und Valef rufen:„Wir ſind umringt! Rette ſich wer kann!“ Und bei dieſen Worten ſetzten Beide über den Graben und verſchwanden im Dickicht des Waldes. Dem Chevalier war es durchaus unmöglich ſeinen Gefaäͤhrten zu folgen, denn er ſaß auf einem angeſpannten Pferde; da er alſo die lebendige Mauer, die wie er nun wohl bemerkte aus grauen Mus⸗ quetieren beſtand, nicht umgehen konnte, beſchloß er ſie über den Haufen zu rennen, bohrte ſeinem Pferde die Sporen in beide Seiten, neigte ſich, in jeder Hand ein Piſtol haltend, ſo tief als möglich hinab und ſprengte d Der Chevalier von Harmental. 107 verzweiflungsvoll in das lebendige Gemäuer hinein; kaum aber hatte ſein Pferd zehn Sätze gemacht, als es von ei⸗ ner Musketenkugel getroffen unter ihm zuſammenſtürzte, ſo daß eins von Harmental's Beinen unter das Thier zu liegen kam. Acht bis zehn Reiter ſaßen ſofort ab und eilten auf Harmental zu, welcher das eine Piſtol auf's Gerathe⸗ wohl gegen ſie abfeuerte, während er das andre nach ſei⸗ ner Stirn hob, um ſich den Kopf zu zerſchmettern; er hatte jedoch keine Zeit dazu, denn zwei Musquetiere fie⸗ len ihm in die Arme und vier andre zogen ihn unter dem Pferde heraus. Man ließ den vermeintlichen Prin⸗ zen aus dem Wagen ſteigen, der nur ein verkleideter Diener war, und hob den Chevalier hinein, zwei Officiere ſetzten ſich zu hu⸗ man pannt⸗ ein friſches Pferd vor, der Wagen ward wieder in Bewegung geſetzt und ſchlug in Begleitung einer Schwadron Musquetiere einen andern Weg ein. Eine Viertelſtunde darauf rollte derſelbe über eine Zugbrücke, eine ſchwere Pforte knarrte in ihren An⸗ geln und Harmental fuhr durch einen gewölbten Gang, an deſſen anderm Ende ein Herr in Obriſten⸗Uniform ſeiner harrte.— Es war Herr de Launoh, Gouverneur der Baſtille. Sollten unſre geneigten Leſer noch nicht errathen ha⸗ 108 Der Chevalier von Harmental. ben, auf welche Weiſe dieſer neue Entführungsplan ent⸗ deckt worden war, ſo bitten wir ſie des Geſprächs zwiſchen Dubvis und der Fillon zu gedenken. Die Gevatterin und Spionin des erſten Miniſters hatte hinter einer höl⸗ zernen Wand mit angehört, was Harmental und Ro⸗ quefinette mit einander ſprachen. Dubvis war noch an demſelben Abend von allem benachrichtigt worden und hatte die erzählten Maßregeln ergriffen, um die Schuldi⸗ gen auf friſcher That zu ertappen. nt⸗ VIII. Das Gedächtniß eines Premierminiſters. Als Bathilde ihre Augen wieder aufſchlug, fand ſie ſich auf einem Bette im Zimmer der Demoiſelle Emi⸗ lie Denis. Mirza ruhte am Fuße ihres Lagers, die beiden Schweſtern ſtanden neben demſelben und Buvat ſaß mit geſenktem Haupte in einem Winkel. Anfangs ſchwammen VBathildens Gedanken wild durch einander. Ihr erſtes Gefühl war ein phhſiſcher Schmerz; ſie führte die Hand nach dem Kopfe, denn ſie war hinter dem Schlafe verwundet. Ein herbeigerufener Chirurg hatte ihr einen Verband angelegt und verordnet, man möge ihn wieder rufen, ſobald ſich Fieber zeigen ſollte. Staunend blickte ſie um ſich, bis endlich die Er⸗ innerung an den ſchrecklichen Vorfall wieder in ihr er⸗ wachte. Sie ſtieß nochmals einen lauten Schrei aus. 110 Der Chevalier von Harmental. Doch fielen eben ihre Blicke auf Buvat, dem ſie die Arme entgegenſtreckte. Der ehrliche Abſchreiber näherte ſich unter heißen Thränen ihrem Lager.„Kannſt Du mir verzeihen, Ba⸗ thilde?— Ach, ich wußte ja nicht... hätteſt Du geſtrochen „Sprechen Sie nicht ſo, mein lieber Papa!“ ſagte Bathilde;„ſuchen Sie nur in Erfahrung zu bringen, was aus ihm geworden iſt, ich beſchwöre Sie darum!“ „Ich gehe, gehe ſchon!“ ſprach Buvat ſeine Thrä⸗ nen trocknend;„wollte Gott, mein liebes Kind, ich könnte Dir gute Nachrichten bringen!“ So ſprechend nahm er Hut und Stock und verließ das Zimmer. Es war in der That nicht leicht Harmental's Spur zu verfolgen. Zwar erfuhr er von einer Nachba⸗ rin, daß der Chevalier auf einem Apfelſchimmel um die Ecke der Rue Gros⸗Chenet geritten ſei. Aber weiter als bis zur Porte St. Denis führte dieſe Nachforſchung nicht. Buvat fand bei ſeiner Rückkehr die arme Ba⸗ thilde kränker als er ſie verlaſſen hatte, denn das vom Wundarzt prophezeihte Wundfieber war im Anzuge. Ma⸗ dame Denis hatte wieder zum Arzte geſchickt; die gute Frau war gleichfalls in großer Unruhe, denn ſie fürchtete jetzt(und wie wir wiſſen mit Recht), daß der Abbé * Der Chevalier von Harmental. 111 Brigaud mit in die Verſchwörung verwickelt ſein möchte. Der Arzt erſchien; in ſeinem ernſten Geſicht war zu leſen, daß er Bathildens Zuſtand ſehr verſchlimmert fand. Er ſchlug ihr eine Ader, verordnete einen kühlen⸗ den Trank und gebot fortwährend jemanden bei der Kran⸗ ken wachen zu laſſen. Emilie erklärte, daß ſie dieſes Amt für die nächſte Nacht übernehmen wolle, während Vuvat ſich auf Bathildens ausdrückliches Verlangen in ſeine Wohnung zurückzog. Alle Uebrigen verließen nach und nach das Kranken⸗ zimmer. Emilie hatte ſchon ihre Nachtwache angetre⸗ ten, als plötzlich zwei⸗ bis dreimal ſtark an die Haus⸗ thur gepocht wurde. Bathilde ſchrak zuſammen und richtete ſich von ihrem Lager auf; Emilie legte das Buch weg, in welchem ſie las, und trat an das Bett der Kranken; man hörte die Hausthür und einige andre Thüren öffnen und wieder ſchließen. Endlich vernahm man eine Stimme, und noch bevor Emilie bemerkte: „Es iſt, nicht die Stimme des Herrn Raoul ſondern die des Abbé Brigaud!“ war Bathilde wieder auf ihr Kiſſen zurückgeſunken. Gleich darauf öffnete die Madame Denis die Thür und rief Emilien, welche auch dem Rufe folgte, ſo daß 112 Der Chevalier von Harmental. Bathilde nun allein blieb. Dieſe aber begann plötzlich zu zittern; der Abbé befand ſich nämlich im Nebenge⸗ mach und es war ihr, als höre ſie von ihm den Namen Ravul ausſprechen. Sie legte das Ohr dicht an die Wand, um etwas zu erhorchen. Brigaud erzählte der Madame Denis was ſich zugetragen hatte. Valef war nach dem Faubourg St. Antvine geeilt, um der Her⸗ zogin von Maine zu ſagen, daß alles geſcheitert ſei; die Herzogin hatte ſogleich die Verſchwornen ihres Wortes entlaſſen und Malezieur und Brigaud aufgefordert ſich durch die Flucht zu retten. Sie ſelbſt zog ſich in's Arſenal zurück. Brigaud war demnach gekommen um der Madame Denis Lebewohl zu ſagen; er wollte ſuchen in der Kleidung eines Colporteurs nach Spanien zu ge⸗ langen. Es war indeſſen nicht Zeit zu langem Abſchiednehmen; nachdem Madame Denis und ihre beiden Töchter unter vielen Thränen dem theuern Abbé ein Lebewohl geſagt hatten, verließ dieſer mit Bonifaz, der ihn durchaus bis an die Barriére begleiten wollte, das Zimmer um ſeine Flucht anzutreten. Da aber hörten ſie plötzlich, wie ſich der Hausmann unten dem Fortgehen einer Perſon zu widerſetzen ſchien. Sie eilten hinab. Bathilde, welche die Trauerkunde — — Der Chevalier von Harmental. 113 vom Schickſal ihres Geliebten erhorcht hatte, ſtand mit aufgelöſ'tem Haar, entblößten Füßen und nur in einen Mantel gehüllt am Fnße der Treppe und wollte trotz allen Vorſtellungen zum Hauſe hinaus. Ihr Fieber hatte ſich bis zum Wahnſinn geſteigert; ſie wollte zu Raoul, wollte ihn wiederſehen, wollte mit ihm ſterben. Endlich verließen ſie die Kräfte; man trug ſie ohnmächtig auf ihr Lager. Wit Anbruch des Tages kehrte Bonifaz zurück; er hatte Brigaud bis an die Barriöre begleitet, von wo aus der Abbé auf einem raſchen Pferde in ſeiner Ver⸗ kleidung die ſpaniſche Grenze zu erreichen hoffte. Das heftige Fieber Bathildens währte fort. Sie phantaſirte von ihrem Raoul und nannte oft Buvat's Namen, den ſie anklagte den Tod des Letztern veranlaßt zu haben. Buvat, welcher ſich ſchon mit Tagesanbruch wieder eingefunden hatte, weinte und ſann vergebens nach, wie er das Uebel wieder gut machen könnte, woran er ſchuld war. Endlich ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben; er drückte einen Kuß auf die fieberhaft brennende Hand Bathildens, welche ihn nicht erkannte, und eilte von dannen. Der ehrliche Schreiblehrer wollte Dubois aufſuchen und ihn als Belohnung ſeiner Dienſte nicht um die Be⸗ Chevalier v. Harmental. W. 8 114 Der Chevalier von Harmental. zahlung des Rückſtandes ſondern um die Begnadigung Harmental's anflehen. Dies war ſeiner Meinung nach das Wenigſte, was man einem Manne gewähren konnte, welchen der Miniſter ſelbſt den Retter Frankreichs genannt hatte. Es war zehn Uhr vorüber, als Buvat am Palais⸗ Rohal anlangte. Er hatte jedoch ſeine Zeit nicht gut gewählt, denn Dubvis, welcher ſeit fünf bis ſechs Ta⸗ gen raſtlos auf den Beinen geweſen war, litt entſetzlich an der Krankheit, woran er einige Monate ſpäter ſtarb; überdem war er ſehr übler Laune, daß man bloß Har⸗ mental erwiſcht hatte. So eben war an Leblanc und Argenſon der Befehl ergangen, den Proceß mit mög⸗ lichſter Strenge einzuleiten, als ihm von ſeinem Kammer⸗ diener Herr Buvat gemeldet wurde. „Wer iſt Herr Buvat?“ fragte der Miniſter. „Ich bin es, gnädigſter Herr,“ erwiederte Buvat, welcher ſich zwiſchen der Thür und dem Kammerdiener vorwagte und demüthig vor Dubvois verbeugte. „Wer ſind Sie?“ fragte Dubois, als ob er ihn nie geſehen hätte. „Wie, erkennen Sie mich nicht?“ fragte Buvat ganz erſtaunt.„Ich komme Ewr. Eminenz wegen der Entdeckung der Verſchwörung meinen Glückwunſch darzubringen.“ Der Chevalier von Harmental. 115 „Ich habe ſolche Gratulationen ſchon genug empfangen und danke für die Ihrigen,“ verſetzte Dubvis mürriſch. „Aber, gnädigſter Herr, ich komme auch noch um eine Gnade zu bitten.“ „Um eine Gnade, und was wäre das?“ „Ew. Eminenz werden ſich erinnern, daß Sie mir huldreichſt eine Belohnung verſprachen.“ „Eine Belohnung, Ihnen?“ „Wie, gnädigſter Herr, erinnern Sie ſich doch, haben Sie mir nicht in dieſem Cabinet geſagt, daß mein Glück in meinen eignen Händen ruhe?“ „Heute,“ unterbrach ihn Dubois,„heute beruht Ihr Leben auf Ihren Beinen, denn wenn Sie ſich nicht ſchnell davon machen...“ „Aber— gnädigſter Herr!!“ „Was, Du raiſonnirſt noch, Burſche!“ rief Dubois indem er ſich in ſeinem Lehnſeſſel ein wenig aufrichtete, „nimm Dich in Acht, oder Du ſollſt ſehen...“ Buvat hatte ſchon genug geſehen. Bei der drohen⸗ den Geberde des Miniſters wandte er ſich raſch um und eilte von dannen. Er hörte aber noch, daß Dubois ſeinem Kammerdiener fluchend befahl, ihn todt zu prü⸗ geln, wenn er ſich je wieder im Palais⸗Rohal zeigen ſollte. 8* 116 Der Chevalier von Harmental. Buvat begriff jetzt nur zu gut, daß von dieſer Seite nichts mehr zu hoffen ſei, und da ſein Weg an der Bi⸗ bliothek vorüberführte, beſchloß er hinauf zu gehen und ſich bei ſeinem Vorgeſetzten über ſein langes Wegbleiben zu rechtfertigen. Hier aber erwartete ihn ein neuer Schmerz. Als er die Thür des Bureau's öffnete, ſah er zu ſeinem Schrecken ſeinen Platz bereits durch einen An⸗ dern beſetzt. Buvat hatte ſeine Stelle auf der Bibliothek ver⸗ loren, weil— er Frankreich gerettet hatte. Das war mehr Mißgeſchick als der arme Mann ertragen konnte; er kehrte in ſeine Wohnung zurück, faſt ebenſo krank wie Bathilde. N. Bonifaz. Unterdeſſen ließ Dubvis den Prozeß gegen Har⸗ mental mit der größten Strenge fortſetzen, denn er hoffte deſſen Ausſagen würden ihm Waffen gegen die⸗ jenigen liefern, die er ſo gern treffen wollte. Harmen⸗ tal aber blieb in dieſer Rückſicht verſchwiegen wie das Grab und beſchränkte ſich auf die Erklärung, daß er jene That für ſich ganz allein unternommen habe, um ſich für die ihm von Seiten des Regenten gewordene Zurückſetzung zu rächen. Hinſichtlich der beiden Männer, die ihm bei dem Unternehmen hülfreiche Hand geleiſtet hatten, ver⸗ ſicherte er, es ſeien ein Paar armſelige Burſche geweſen, denen er Geld gegeben und nicht einmal geſagt hätte, wen ſie escortiren ſollten. Auch antwortete er auf alle an ihn gerichtete Fragen, daß er den Herzog und die 118 Der Chevalier von Harmenital. Herzogin von Maine nur ein- bis zweimal geſprochen und von ihnen niemals eine politiſche Miſſion übernom⸗ men habe. Man hatte nach und nach Laval, Pompadour und Valef arretirt und gleichfalls in die Baſtille ge⸗ führt. Da ſie aber wußten, daß ſie auf den Chevalier zählen konnten, ſo leugneten ſie alles hartnäckig. Du⸗ bois war wüthend; da aber ſein Plan, den Herzog und die Herzogin von Maine durch dieſen Schlag zu ver⸗ nichten, durch Harmental's Feſtigkeit vereitelt wurde, ſo richtete ſich jetzt ſein ganzer Zorn gegen dieſen. Unterdeſſen hatte ſich Bathildens Krankheit immer mehr geſteigert, ſo daß das arme Mädchen an den Rand des Grabes gebracht wurde; und doch trug endlich ihre Jugend den Sieg davon. Nach und nach erkannte ſie ihre freundliche Umgebung wieder; ſie reichte der Ma⸗ dame Denis und ihren Töchtern die bleiche zitternde Hand hin, ja ſie begann wieder Worte an ſie zu richten; den Namen Ravul aber ſprach ſie nie aus, und jeder⸗ mann glaubte, ihre Krankheit habe die furchtbaren Be⸗ gebenheiten aus ihrem Gedächtniſſe verwiſcht; jedermann aber irrte ſich, denn es verhielt ſich damit folgender⸗ maßen: Eines Morgens, als man Bathilden einge⸗ Der Chevalier von Harmental. 119 ſchlummert glaubte und ein Weilchen allein gelaſſen hatte, war Bonifaz, der trotz dem erhaltenen Korbe noch immer eine große Anhänglichkeit für ſeine Nachbarin hegte, wie gewöhnlich herbeigekommen, hatte die Thür ein wenig geöffnet und ſeinen dicken Kopf hindurch ge⸗ ſteckt. Bathilde aber, welche nicht ſchlief, hatte ſich ſchnell entſchloſſen von ihm das zu erforſchen, worüber ſie ihrer Anſicht zufolge die Andern nur vergeblich be⸗ fragen würde, nämlich das Schickſal Ravul's. Sie ſtreckte ihm ihre bleiche Hand entgegen, und der treuher⸗ zige Bonifaz, der früher nur durch ſeinen augenblick⸗ lichen Unmuth verleitet worden war harte Aeußerungen über Bathilden auszuſprechen, den aber ſehnlichſt nach einer Gelegenheit verlangte dieſen ſeinen Fehler wieder gut zu machen, folgte freudig ihrem Winke. Bathilde beſchwor ihn darauf, ihr alles, alles zu ſagen was er von Harmental erfahren habe. Und er theilte ihr auch wirklich mit, daß ſich derſelbe in der Baſtille be⸗ finde. Bathilde ließ ſich von dem wackern Bonifaz auf das feierlichſte geloben, ſie täglich und insgeheim in Kenntniß zu ſetzen wie es mit ihrem Geliebten ſtünde, ja ſie drang ihm ſogar das Verſprechen ab, daß er ſie, falls Harmental zum Tode verurtheilt würde, ſelbſt bis zum Schafotte begleiten wollte. 120 Der Chevalier von Harmental. So erfuhr Bathilde denn nach und nach, daß Harmental zwar ſtreng verhört werde, daß er aber durchaus nichts eingeſtünde; da min auf dieſe Weiſe in der Bruſt der armen Dulderin ein ſchwacher Hoffnungs⸗ ſtrahl erhalten wurde, ſo trug dieſer unſtreitig viel dazu bei ſie ihrer Geneſung entgegenzuführen, ſo daß ſie nach vierzehn Tagen zur Freude ihrer Umgebung ihr Lager verlaſſen konnte. Eines Tages kehrte Bonifaz gegen ſeine Gewohn⸗ heit ſchon gegen drei Uhr von ſeinem Proeurator zurück und trat in's Zimmer der Kranken. Der arme Burſche ſah ſo bleich aus, daß Bathilde auf der Stelle über⸗ zeugt war, er bringe ihr eine böſe Kunde; ſie ſtieß einen lauten Schrei aus und rief:„Es iſt gewiß keine Rettung mehr!“ „Ach,“ ſeufzte Bonifaz,„es iſt ſeine eigne Schuld; er iſt auch gar zu eigenſinnig! Man hat ihm ſeine Be⸗ gnadigung verſprochen, wenn er ſeine Mitverſchwornen nennen wolle, aber alles vergebens; er ſchwieg!“ „So iſt alſo alle Hoffnung dahin!“ jammerte Ba⸗ thilde;„er iſt alſo verurtheilt!“ „Dieſen Morgen, Mademoiſelle Bathilde, dieſen Morgen!“ „Und zum Tode?“ fragte Bathilde verzweifelnd. Der Chevalier von Harmental. 121 Bonifaz machte ein bejahendes Zeichen. „Und wann— wann?“ „MWorgen früh— um acht Uhr!“ „Gut,“ ſprach Bathilde. „Aber vielleicht iſt doch noch Hoffnung,“ bemerkte Bonifaz. „Und welche, welche?“ fragte Bathilde raſch. „Wenn er ſich entſchließt bis dahin die Mitſchuldigen zu nennen. Sehen Sie, Mademoiſelle, ich z. B. würde ohne Umſtände ſprechen: Ich bin es nicht, aber der iſt es und der und der!“ „Bonifaz,“ rief Bathilde plötzlich entſchloſſen, „ich muß auf der Stelle fort „Sie, Mademoiſelle Bathildes Es würde Ihnen den Tod bringen!“ „Ich muß fort, ſage ich Ihnen, ich muß!“ „Aber Sie können ſich ja kaum auf den Beinen er⸗ halten!“ „Sie irren, Bonifaz, ich habe Kraft genug. ſehen Sie!“ Und mit feſtem Schritt ging Bathilde im Zimmer auf und ab. „Ich bitte Sie mir einen F zu beſorgen.“ „Aber, Mademviſelle. „Bonifaz, mein lieber Freund, Sie haben ver⸗ ii —— 122 Der Chevalier von Harmental. ſprochen mir zu gehorchen. Bis jetzt haben Sie treulich Wort gehalten. Sind Sie etwa mein Freund nicht mehr? Sind Sie etwa Ihres Verſprechens überdrüſſig?“ „Ich, ich Ihr Freund nicht mehr! Bewahre mich der Himmel! Ich eile den Wagen zu holen!“ So ſprechend eilte er fort. Bathilde ordnete ſchnell ihren Anzug; ſie trug ein einfaches weißes Kleid, das ein Gürtel zuſammenhielt, warf einen kleinen Mantel über die Schultern und ſchickte ſich an das Zimmer zu verlaſſen, da trat ihr Madame Denis entgegen.„Um Gotteswillen, was haben Sie vor, liebes Kind?“ fragte die gute Frau. „Ich muß fort, Madame Denis, ich muß fort! Halten Sie mich nicht zurück; ich würde ſonſt ſterben!“ „Aber wohin wollen Sie?“ „Wiſſen Sie denn nicht daß er verurtheilt iſt, Ma⸗ dame?“ „Wie, um Gotteswillen, haben Sie das erfahren?“ „Gleichviel!“ rief Bathilde.„Noch ein Mittel beſitze ich vielleicht ihn zu retten. Laſſen ſie es mich alſo verſuchen; es iſt das Letzte was uns übrig bleibt!“ „So gehen Sie, mein liebes Kind, und Gott ſei mit Ihnen,“ ſprach Madame Denis, durch den bewegten Ton Bathildens bezwungen. Bathilde eilte die Der Chevalier von Harmental. 123 Treppen hinab und über die Straße in ihr Zimmer, welches ſie ſeit dem Tage der ſchrecklichen Kataſtrophe nicht wieder betreten hatte. Buvat und die ehrliche Nanette verſuchten vergebens ſie von ihrem Vorſatze abzuhalten.„Was aber willſt Du thun, mein liebes Kind?“ fragte der ehrliche Abſchreiber unter Thränen. „Meine Pflicht,“ antwortete Bathilde. Sie öffnete darauf ihren Schreibeſchrank und zog einen Brief hervor. „Ja ja, Du haſt Recht, Kind, Du haſt Recht!“ rief Buvat;„den Brief hatte ich ganz vergeſſen!“ „Ich gedachte ſeiner,“ ſprach Bathilde, indem ſie den Brief küßte und ihn auf ihrer Bruſt verbarg.„Es iſt das einzige Erbtheil welches mir meine Mutter hin⸗ terlaſſen hat.“ In dieſem Augenblicke rollte der Wagen vor. „Vater! Nanette! Betet, betet inbrünſtig, daß mir mein Vorhaben gelinge!“ rief ſie und eilte hinab in den Wagen.„Wohin?“ fragte der Kutſcher.„In's Arſenal!“ antwortete Bathilde. X. Die drei Viſiten. In Arſenal angelangt, fragte Bathilde nach De⸗ moiſelle Delaunoh, welche ſie auf ihr Verlangen auch ſogleich zur Herzogin von Maine führte. „Ah, Du biſt es, Kind!“ rief die Letztere, welche auf⸗ geregt und ſehr zerſtreut ſchien.„Es iſt recht ſich ſeiner Freunde zu erinnern, wenn ſie ein Mißgeſchick trifft.“ „Ach, gnädigſte Frau,“ entgegnete Bathilde,„ich komme um bei Ewr. königlichen Hoheit etwas für jeman⸗ den zu erbitten, der noch weit unglücklicher iſt. Ew. kö⸗ nigliche Hoheit können höchſtens einige Titel, einige Wür⸗ den verlieren; niemand aber wird es wagen der Enkelin des großen Condé nach dem Leben zu trachten.“ „Nach ihrem Leben? Nein,“ perſetzte die Herzogin; „ob aber nicht nach ihrer Freiheit? Dafür will ich nicht ——— Der Chevalier von Harmental. 125 einſtehen. Denken Sie ſich, der alberne Brigaud hat ſich als Colporteur verkleidet vor drei Tagen in Orleans arretiren laſſen und auf falſche Angaben, die man ihm als kämen ſie von mir vorgelegt, alles eingeſtanden und uns außerordentlich compromittirt, ſo daß ich keineswegs erſtaunen würde, wenn man uns noch in dieſer Nacht arretirte.“ „Derjenige, um deſſentwillen ich die Huld Ewr. kö⸗ niglichen Hoheit in Anſpruch nehme, hat nichts offen⸗ bart,“ entgegnete Bathilde;„er iſt vielmehr zum Tode verurtheilt, weil er das ſtrengſte Schweigen beobachtet.“ „Ach, liebes Kind, Du ſprichſt von dem armen Har⸗ mental; ja ich weiß, das iſt ein wahrhafter Edelmann. Du kennſt ihn alſo?“ Fräulein Bathilde kennt ihn nicht nur, ſie liebt ihn!“ fiel Mademviſelle Delaunoh ein. „Das arme Kind! Großer Gott! Aber was iſt da⸗ bei zu thun? Ich, Du begreifſt es wohl, ich vermag nichts, ich habe keinen Einfluß mehr. Einen Verſuch zu ſeinen Gunſten zu machen, hieße ihm ſeine letzte Hoff⸗ nung rauben, wenn ihm anders noch eine übriggeblieben iſt.“ „Ich weiß das, gnädigſte Frau,“ erwiederte Ba⸗ thilde;„auch komme ich nur Ewr. königlichen Hoheit 126 Der Chevalier von Harmental. eine Bitte vorzutragen. Wäre es nicht möglich mir durch einen Ihrer Freunde, Ihrer Bekannten, Zutritt beim Herrn Regenten zu verſchaffen? Das Uebrige ſei meine Sache.“ „Aber, liebes Kind, weißt Du auch was Du von mir begehrſt?“ fragte die Herzogin.„Weißt Du, daß der Regent nichts reſpectirt? Weißt Du, daß Du ſchön biſt wie ein Engel und daß Dir ſelbſt die Bläſſe zum Ent⸗ zücken läßt? Weißt Du...7“ „Gnädigſte Frau,“ entgegnete Bathilde mit edlem Stolze,„ich weiß daß mein Vater ihm das Leben ge⸗ rettet hat und daß er in ſeinem Dienſte den Tod fand.“ „Das verändert die Sache,“ rief die Herzogin.„Halt! laß einmal ſehen. Ja ja, ſo geht's. Delaunoh, rufe mir Malezieur.“ Mademviſelle Delaunoh gehorchte und nach wenigen Augenblicken trat der treue Kanzler ein. „Malezieux,“ rief die Herzogin,„führen Sie die⸗ ſes junge Mädchen zur Herzogin von Berrh und em⸗ pfehlen Sie ihr dieſelbe in meinem Namen. Sie muß den Regenten ſprechen, und das ſogleich, haben Sie mich verſtanden? Es betrifft das Leben eines Menſchen, und zwar das Leben unſers guten Harmental, für deſſen Erhaltung ich ſelbſt ich weiß nicht was geben würde.“ Der Chevalier von Harmental. 127 „Ich eile, gnädigſte Frau,“ erwiedert Malezieur. „Du ſiehſt, liebes Kind,“ ſprach die Herzogin,„ich thue alles was ich vermag; kann ich Dir auf andre Weiſe helfen, gilt es z. B. einen Gefangenwärter zu be⸗ ſtechen; bedarfſt Du um ſeine Flucht zu bewerkſtelligen etwa Geld... ich habe zwar ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke nicht viel, aber ich beſitze Diamanten und kann ſie nicht beſſer anwenden als das Leben eines ſo wackern Edelmannes zu retten... Fort, fort, verliere keine Zeit, umarme mich und eile zu meiner Nichte; Du weißt, ſie iſt der Liebling ihres Vaters.“ „Sie ſind ein Engel, gnädigſte Frau,“ rief Ba⸗ thilde;„gelingt mein Vorhaben, bin ich Ihnen mehr als mein Leben ſchuldig!“ Mit dieſen Worten begab ſich Bathilde in Beglei⸗ tung des Kanzlers wieder in den Wagen und fuhr nach dem Luxembourg, wo ſie auch ſchon nach zwanzig Minu⸗ ten anlangte. Unter Malezieur's Schutz ward ſie ſofort einge⸗ laſſen und in ein kleines Gemach geführt, wo man ſie erſuchte zu warten, während der Kanzler ſich zur Herzo⸗ gin begab, um ihr das Geſuch ſeiner Gebieterin vorzu⸗ tragen. Nach zehn Minuten kehrte er zuruͤck; die Her⸗ zogin von Verrh erſchien mit ihm. 128 Der Chevalier von Harmental. Die Herzogin beſaß ein treffliches Herz und der Be⸗ richt des Kanzlers hatte ſie tief gerührt; das junge Mäd⸗ chen, welches gekommen war ſie um ihren Schutz anzu⸗ flehen, flößte ihr daher auch die größte Theilnahme ein. Bathilde bemerkte auf den erſten Blick dieſe ihr gün⸗ ſtige Stimmung und näherte ſich der Herzogin mit ge⸗ falteten Händen. Die Letztere erfaßte ihre Hand; Ba⸗ thilde wollte vor ihr niederknien, die Herzogin aber verhinderte ſie daran und küßte ſie auf die Stirn. „Armes Kind,“ ſprach ſie,„warum kamſt Du nicht vor acht Tagen hierher? Damals hätte ich das Vergnü⸗ gen Dich zu meinem Vater zu führen keinem Andern überlaſſen, jetzt aber iſt es unmöglich.“ „Unmöglich! Großer Gott! Und weshalb das?“ rief Bathilde. „Weißt Du denn nicht, armes Kind, daß ich ſeit vor⸗ geſtern ganz und gar in Ungnade gefallen bin?“ fragte die Herzogin.„Obgleich Prinzeſſin, bin ich doch ein Weib wie Du; auch ich hatte das Unglück zu lieben. Unſer⸗ einem aber gehört das Herz nicht an, und es iſt ein Ver⸗ brechen darüber zu verfügen ohne die Erlaubniß des Herrn Regenten und ſeines erſten Miniſters. Seit drei Tagen iſt mein Geliebter mein Gemahl. Mein Vater iſt dadurch in den höchſten Zorn verſetzt, und ſeitdem iſt mir der Der Chevalier von Harmental⸗ 129 Zutritt zu ihm unterſagt. Ich wagte es heute mich im Palais⸗Rohal zu zeigen, man hat mich zurückgewieſen.“ „Ach!“ jammerte Bathilde,„ich bin ſehr unglück⸗ lich; ich hatte nur noch Hoffnung auf Sie, denn ich kenne drrchaus niemanden der mich beim Herrn Regenten einführen könnte. Und morgen, morgen um acht Uhr wird derjenige hingerichtet, den ich ebenſo ſehr liebe wie Sie den Herrn von Riom. Um des Ewigen willen, haben Sie MWitleid mit mir, gnädigſte Frau! Nehmen Sie ſich nicht meiner an, ſo bin ich verloren!“ „Kommen Sie uns zu Hülfe!“ ſprach die Herzogin, indem ſie ihrem Gemahl, der ſo eben eintrat, die Hand reichte.„Dieſes arme Kind muß durchaus meinen Vater ſprechen, und zwar ohne Verzug; ihr Leben hängt davvn ab. Was ſage ich, mehr als ihr Leben; das Leben des Mannes, den ſie liebt. Was iſt dabei anzufangen? Sprechen Sie. Der Neffe Lauzun's muß in ſolchen Fällen Rath wiſſen.“ „Ich wüßte wohl ein Mittel,“ verſetzte Riom lächelnd. „Sprechen Sie es aus, mein Herr, ſprechen Sie es aus, und meine ewige Dankbarkeit iſt Ihnen geweiht!“ „Nennen Sie es, Riom,“ fügte die Herzogin faſt ebenſo lebhaft hinzu. Chevalier v. Harmental. IV. 9 130 Der Chevalier von Harmental. „Aber es compromittirt Ihre Schweſter ein wenig,“ nahm Riom das Wort. „Welche Schweſter?“ „Mademoiſelle von Valvis.“ „Aglaja? Und wie das?“ „Wiſſen Sie nicht, daß es einen Zauberer giebt, wel⸗ cher das Vorrecht hat ſich bei ihr einzuführen, bei Tag und bei Nacht, man weiß nicht wie?“ „Richelieu? Sie haben Recht,“ rief die Herzo⸗ gin;„Richelien könnte uns helfen; aber ich befürchte, er wird nicht wollen.“ „Ich werde ihn ſo lange mit Bitten beſtürmen,“ fiel Bathilde ein,„bis er Mitleid mit mir empfindet.“ „Laſſen Sie ſchnell Frau von Mouchh rufen,“ ge⸗ bot die Herzogin;„erſuchen Sie dieſelbe Mademoiſelle ſogleich zum Herzog von Richelieu zu führen. Frau von Mouchh iſt meine erſte Ehrendame, liebes Kind,“ fuhr die Herzogin fort,„während Riom den erhaltenen Befehl ausrichtete,„und man verſichert, daß Herr von Richelien ihr einige Erkenntlichkeit ſchuldig ſei.“ „Dank, Dank, gnädigſte Frau!“ rief Bathilde die Hand der Herzogin küſſend.„So iſt denn noch nicht alle Hoffnung verloren! Ew. königliche Hoheit glauben Der Chevalier von Harmental. 131 alſo, daß der Herzog von Richelieu ein Mittel beſitzt ſich in's Palais⸗Rohal einzuführen?“ „Man ſagt es,“ verſetzte die Herzogin. „Ach, mein Gott!“ rief Bathilde,„wenn man ihn nur zu Hauſe findet!“ „Wie viel Uhr iſt es? Kaum acht Uhr? Ohne Zwei⸗ fel ſpeiſſt er zur Nacht in der Stadt und wird zurück⸗ kehren um ſeine Toilette zu machen. Ich werde Frau von Mouchh beauftragen ihn in Deiner Geſellſchaft zu erwarten.“ Frau von Mouchh erhielt die nöthige Anweiſung und eine Viertelſtunde ſpäter befand ſie ſich mit Ba⸗ thilden im Hotel Richelieu. Gegen alles Erwarten war der Herzog zu Hauſe. Frau von Mouch)h ließ ſich anmelden; ſie ward ſogleich eingeführt; Bathilde folgte. Die beiden Frauen fanden Herrn von Richelien mit ſeinem Secretär Herrn Raffé beſchäftigt eine Menge nutzloſer Briefe zu verbrennen und einige andre bei Seite zu legen. „Welcher gute Wind weht Sie hierher, ſchöne Frau?“ fragte der Herzog, indem er von ſeinem Sitze aufſprang und der Frau von Mouch)h lächelnd entgegentrat. „Ich komme, Herzog, Ihnen Veranlaſſung zu einer ſchönen Handlung zu geben.“ Der Chevalier von Harmental. „Wirklich? Ei, in dieſem Falle beeilen Sie ſich, Madame, denn morgen muß ich mich in die Baſtille be⸗ geben. Es iſt das dritte Mal daß ich mich dort ein⸗ finde.“ „Und woher wiſſen Sie das?“ „Dieſer Brief ſagt es mir.“ Frau von Mouchh las: „Schuldig oder nicht, gleichviel; es bleibt Ihnen nur noch ſoviel Zeit die Flucht zu ergreifen. Morgen werden Sie arretirt; der Regent hat ſo eben in meiner Gegenwart bemerkt daß er endlich den Herzog von Ri⸗ chelien gefangen habe.“ „Der Bericht iſt zuverläſſig, ich kenne die Hand⸗ ſchrift.“ „Wohlan,“ rief Richelieu,„Sie ſehen alſo, daß mir nur noch dieſe Nacht übrig bleibt. Kann ich Ihnen im Laufe derſelben irgendwie von Nutzen ſein, ſo be⸗ fehlen Sie frei über mich, ich bin ganz zu Ihren Dienſten.“ „Eine Stunde reicht hin; hören Sie was es betrifft. Hatten Sie die Abſicht derjenigen, welche Ihnen dieſes Briefchen fandte, noch dieſen Abend Ihren Dank abzu⸗ ſtatten?“ „Vielleicht,“ erwiderte lächelnd der Herzog. Der Chevalier von Harmental. 133 „Schön, ſo müſſen Sie ihr dieſes junge Mädchen vorſtellen.“ „Und wer iſt ſie?“ „Ein unglückliches Mädchen, welches den Chevalier von Harmental liebt, der morgen hingerichtet werden ſoll; ſie will vom Regenten ſeine Begnadigung erflehen.“ „Wie, Sie lieben den Ritter von Harmental, Mademoiſelle?“ fragte der Herzog von Richelieu. „Ach, Herr Herzog...“ ſtammelte Bathilde und hohe Gluth färbte ihre Wange. „Schämen Sie ſich deshalb nicht,“ fuhr Richelten fort;„es iſt ein edler junger Mann, und ich würde zehn Jahre meines Lebens darum geben, könnte ich ihn retten. Glauben Sie ein Mittel zu beſitzen den Regenten günſtig für ihn zu ſtimmen?“ „Ja, Herr Herzog.“ „Wohlan, ſo ſei es; das wird mir Glück bringen. Kehren Sie zu Ihrer königlichen Hoheit zurück, Frau von Mouchhy; legen Sie ihr meine Huldigung zu Füßen und überbringen Sie ihr die Verſicherung, daß Made⸗ moiſelle in einer Stunde vor dem Regenten ſtehen wird.“ „Ach, Herr Herzog!“ rief B athilde. „Wirklich, Herr Herzog?“ begann Frau von Mouchh wieder;„ich glaube, Sie haben einen Bund mit dem 134 Der Chevalier von Harmental. Teufel geſchloſſen und können durch ein Schlüſſelloch kriechen; ich bin jetzt in der That nicht mehr ſo beſorgt, Sie nach der Baſtille geſandt zu wiſſen... Bis dahin alſo leben Sie wohl, Herzog; möge Ihre Gefangenſchaft eine leichte ſein!“ Der Herzog küßte die Hand der Frau von Mouch)h und führte ſie bis an die Thür; dann kehrte er zu Ba⸗ thilden zurück. „Mademviſelle,“ ſprach er,„was ich für Sie zu thun im Begriff ſtehe, würde ich für niemanden Andres thun; das Geheimniß, welches ich Ihnen entdecken will, kennt niemand. Was ich Ihren Blicken anvertrauen will, iſt der Ruf, die Ehre einer Prinzeſſin von königlichem Ge⸗ blüt. Schwören Sie mir alſo, daß niemand außer Ei⸗ nem— denn ich weiß, ein Frauenzimmer hat ſtets Einen, dem ſie nichts verſchweigen kann— ſchwören Sie mir alſo, daß außer dieſem Einen niemand erfahren ſoll, auf welche Weiſe ſie in das Palais⸗Royal gekommen ſind.“ „Ich ſchwöre es Ihnen, Herr Herzog, bei allem was mir heilig iſt, bei dem Andenken meiner verewigten Mut⸗ ter „Das reicht hin,“ ſprach der Herzog und zog an ei⸗ ner Klingelſchnur. Ein Kammerdiener trat herein. — Der Chevalier von Harmental. 135 „Lafoſſe, einen Wagen!“ „Wenn Sie, um keine Zeit zu verlieren, ſich meines Fiacres bedienen wollen, Herr Herzog,“ fiel Bathilde ein...„er wartet unten!“ „Charmant, das iſt noch beſſer! Mademoiſelle, ich ſtehe zu Ihrem Befehl!“ „Soll ich den Herrn Herzog begleiten?“ fragte der Kammerdiener. „Nein, das iſt unnöthig; Du bleibſt bei Raffé und hilfſt ihm dieſe Papiere ordnen. Es ſind verſchiedene darunter, von denen es durchaus nicht nöthig iſt daß ſie Dubois vor Augen kommen.“ Der Herzog bot Bathilden den Arm und führte ſie die Treppe hinab. Sie ſtiegen in den Fiaecre, und nachdem er dem Kutſcher geboten hatte, an der Ecke der Rue St. Sonoré und der Rue Richelieu anzuhalten, nahm der Herzog von Richelieu ſo ruhig neben Ba⸗ thilden Flatz, als ob er nicht gewußt hätte, daß das Schickſal, welchem Harmental entriſſen werden ſollte, vielleicht ſchon in wenigen Tagen auch ſeiner harre. XI. Der Schrank. Der Wagen hielt an dem beſtimmten Orte, der Her⸗ zog ſtieg aus, half Bathilden aus dem Wagen, zog einen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete die Thuͤr ei⸗ nes Hauſes, welches ſich an der Ecke der beiden Straßen befand und das jetzt mit Nummer 218 bezeichnet iſt. Der Herzog führte Bathilden ungefähr zwanzig dunkle Stufen hinauf, zog einen zweiten Schlüſſel her⸗ vor, öffnete wieder eine Thür, die in eine Art von Vor⸗ zimmer führte, nahm ein dort ſtehendes Wachslicht und zündete daſſelbe bei der Lampe an, welche auf der Treppe brannte. „Sie ſehen, Mademviſelle, ich muß mich hier ſelbſt bedienen,“ ſprach der Herzog;„Sie werden gleich begrei⸗ fen weshalb ich mir hier die Dienſte eines Lakaien ver⸗ Der Chevalier von Harmental. 137 ſage.“ Der Herzog verſchloß darauf die Thür hinter ſich und ſagte:„Jetzt folgen Sie mir!“ Nach dieſen Worten ſchritt er mit der brennenden Wachskerze in der Hand Bathilden voran. Sie kamen durch mehrere Gemächer, bis ſie endlich ein Schlafgemach erreichten. Hier blieb Richelien ſte⸗ hen.„Sie haben mir Verſchwiegenheit gelobt, Made⸗ moiſelle,“ nahm er jetzt wieder das Wort.„Wohlan, ſo ſollen Sie denn unſer Geheimniß erfahren; es iſt das der Liebe und— die Liebe wird es zu bewahren wiſſen.“ So ſprechend ſchob Richelieu ein in der Wand be⸗ findliches Fach zurück, worauf ſich die hintere Seite eines Schrankes zeigte. Er pochte leiſe dreimal an dieſelbe; ſogleich hörte man einen Schlüſſel im Schloſſe drehen, ſah zwiſchen den Bretern ein Licht ſchimmern und ver⸗ nahm eine weiche Stimme welche fragte:„Sind Sie es?“ Auf die bejahende Antwort des Herzogs löſ'ten ſich leiſe drei Breter der Hinterwand, ſo daß dadurch ein Eingang von einem Zimmer in das andre gebildet wurde und Ri⸗ chelien ſich mit Bathilden vor Mademoiſelle von Valois befanden, welche einen Schrei ausſtieß, als ſie ihren Geliebten von einem Frauenzimmer begleitet ſah. „Fürchten Sie nichts, theure Aglaja,“ rief Riche⸗ 3 138 Der Chevalier von Harmental. chelieu, indem er in das zweite Zimmer trat und die Hand der Geliebten erfaßte, während Bathilde ſchüch⸗ tern auf ihrem Platze blieb;„Sie werden es mir ſogleich Dank wiſſen, daß ich das Geheimniß unſers lieben Schrankes verrathen habe. Sie hörten mich zuweilen des Ritters von Harmental erwähnen, nicht wahr?“ „Noch vorgeſtern ſagten Sie mir,“ verſetzte die Prin⸗ zeſſin,„daß er, um ſein Leben zu retten und Euch Alle zu verderben, nur ein einziges Wort zu ſprechen brauche, daß er aber verſchwiegen ſei wie das Grab.“ „Ganz recht! Er hat das Wort nicht geſprochen— er iſt zum Tode verurtheilt und ſoll morgen früh hinge⸗ richtet werden— dieſes junge Mädchen liebt ihn— ſeine Begnadigung hängt vom Regenten ab— begreifen Sie jetzt?“ „Ja ja, jetzt verſtehe ich!“ rief Mademoiſelle von Valois.„So kommen Sie,“ ſprach Richelieu, indem er Bathildens Hand ergriff und ſie zu der Prinzeſſin führte.„Sie wußte nicht wie ſie zu Ihrem Vater ge⸗ langen ſollte, theure Aglaja,“ fuhr er darauf fort;„ſie wandte ſich an mich gerade als ich Ihren lieben Brief empfing. Ich mußte Ihnen für Ihren Wink danken, und da ich Ihr edles Herz kenne, ſo glaubte ich daß es Ih⸗ nen Freude machen würde einem Manne das Leben zu Der Chevalier von Harmental. 139 retten, deſſen Verſchwiegenheit Sie wahrſcheinlich die Er⸗ haltung des meinigen verdanken.“ „Und Sie hatten Recht, mein lieber Herzog! Sein Sie willkommen, Mademoiſelle! Was wünſchen Sie jetzt? Sprechen Sie, was kann ich für Sie thun?“ „Ich wünſche den Herrn Regenten zu ſprechen,“ ſprach Bathilde;„ich bitte Ew. königliche Hoheit mich zu ihm zu führen.“ „Werden Sie mich hier erwarten?“ fragte die Prin⸗ zeſſin. „Können Sie daran zweifeln, theure Aglaja?“ „So treten Sie wieder in den Schrank, damit nie⸗ mand Sie hier finde; ich führe Mademoiſelle zu meinem Vater und kehre ſogleich zurück.“ „Ich harre Ihrer Befehle,“ ſprach der Herzog, indem er that wie ihm geheißen war. Die Prinzeſſin flüſterte ihrem Geliebten einige Worte zu, verſchloß dann den Schrank, ſteckte den Schlüſſel zu ſich, reichte Bathilden die Hand und ſprach:„Alle liebenden Frauen ſind Schweſtern; Armand und Sie hatten Recht auf mich zu zählen. Kommen Sie jetzt mit mir!“ Bathilde küßte die ihr dargereichte Hand der Prin⸗ zeſſin und folgte.— Sie ſchritten durch eine lange Reihe von Sälen und Zimmern bis zum Schlafgemach des Re⸗ 140 Der Chevalier von Harmental. genten.„Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſprach die Prin⸗ zeſſin auf Bathilden blickend, welche heftig wankte und zitterte; denn der Gedanke, daß jetzt der entſcheidende Augenblick nahe, raubte ihr jede Kraft und Faſſung. „Muth, Muth, mein liebes Kind!“ fuhr die Prinzeſ⸗ ſin fort;„mein Vater iſt gut! Treten Sie ein, werfen Sie ſich ihm zu Füßen— der Himmel und ſein Herz werden das Uebrige thun!“ Da Bathilde aber noch immer zögerte, öffnete ſie die Thür, ſchob das bebende Mädchen hinein, ſchloß die Thür wieder und kehrte mit leichten Schritten zum Her⸗ zog von Richelien zurück. Bathilde, welche ſo plötzlich ſich ſelbſt überlaſſen war, ſtieß einen leichten Schrei aus, ſo daß der Regent, welcher ſinnend im Zim⸗ mer auf⸗ und abging, das Haupt erhob und ſie erblickte. Bathilde, unfähig ein Wort über die Lippen zu bringen, ſank auf ihre Knie nieder, zog den oft erwähn⸗ ten Brief hervor und ſtreckte mit demſelben flehend ihre Hand gegen den Regenten hin. Der Herzog ſtaunte und trat auf ſie zu. In dieſem Augenblicke aber fühlte ſich Bathilde von ihrer Seelen⸗ angſt ſo überwältigt, daß ſie umgeſunken wäre, hätte der Regent ſie nicht aufrecht gehalten.. „Mein Gott, Mademvoiſelle!“ rief der Herzog von Der Chevalier von Harmental. 141 Orleans, auf den der Anblick eines heftigen und tiefen Schmerzes ſtets einen lebhaften Eindruck machte,„was fehlt Ihnen? Was kann ich für Sie thun? Sprechen Sie! Stehen Sie auf, ſtehen Sie auf.. ſetzen Sie ſich!“ „Nein, nein, gnädigſter Herr!“ ſtammelte Bathilde; „zu Ihren Füßen iſt mein Platz, denn ich komme Sie um Gnade anzuflehen!“ „Um Gnade, um welche?“ „Leſen Sie zuvor dieſen Brief, gnädigſter Herr,“ flehte Bathilde;„vielleicht wage ich alsdann zu ſpre⸗ chen!“ Und ſie reichte dem Herzog von Orleans das Schreiben hin, auf welchem ihre einzige Hoffnung beruhte. Der Regent nahm den Brief, trat mit demſelben zu einer auf dem Kamin brennenden Wachskerze, erkannte ſeine Handſchrift und las wie folgt: „Madame! Ihr Gemahl iſt todt, gefallen für Frank⸗ reich und für mich! Weder Frankreich noch ich können Ihnen Ihren Gatten wiedergeben, aber denken Sie daran daß, wenn Sie je etwas wünſchen und bedürfen, wir Beide Ihre Schuldner ſind. Ihr wohlgeneigter Philipp Herzog von Orleans.“ „Ich erkenne in dieſem Briefe vollkommen meine 142 Der Chevalier von Harmental. Handſchrift, Mademoiſelle,“ ſprach der Herzog;„aber ich muß Sie bitten meinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen und mir zu ſagen, an wen er gerichtet war.“ „Leſen Sie die Adreſſe, gnädigſter Herr,“ erwiderte Bathilde, ein wenig ermuthigt durch den Ausdruck von Wohlwollen im Antlitz des Regenten. „Clariſſe du Rocher,“ las der Herzog„ja ja, ich entſinne mich jetzt; ich ſandte dieſen Brief aus Spanien, gleich nach dem Tode des armen Albert... ich ſchrieb dieſen Brief an ſeine Witwe; wie kommt er in Ihre Hände?“ „Clariſſe war meine Mutter, gnädigſter Herr; ich bin die Tochter Albert's du Rocher.“ „Wie, Sie, Sie?“ fragte der Regent lebhaft.„Was iſt aus Ihrer Mutter geworden?“ „Sie iſt todt, Ew. königliche Hoheit. Seit faſt vier⸗ zehn Jahren. Sie ſtarb in der Verzweiflung und im Elend.“ „Aber weshalb wandte ſie ſich nicht an mich?“ „Ew. königliche Hoheit waren damals noch in Spa⸗ nien.“ „Großer Gott!... Doch fahren Sie fort, Made⸗ moiſelle! Sie wiſſen nicht wie ſehr mich das alles in⸗ tereſſirt. Arme Clariſſe, armer Albert! Sie lieb⸗ Der Chevalier von Harmental. 143 ten einander ſo innig; jetzt erinnere ich mich an alles... Sie konnte ihn nicht überleben. Wiſſen Sie auch, daß Ihr Vater mir das Leben gerettet hat? Bei Neerwinden wiſſen Sie das?“ „Ich weiß das, gnädigſter Herr, und das gerade gab mir den Muth mich Ihnen vorzuſtellen.“ „Aber Sie armes Kind, Sie arme Waiſe, was ward aus Ihnen?“ „Ein Freund meiner Eltern nahm ſich meiner an, ein armer Abſchreiber Namens Jean Buvat, gnädigſter Herr.“ „Jean Buvat, Jean Buvat,“ wiederholte der Herzog,„der Name iſt mir bekannt! Ja, richtig! Jean Buvat, das iſt der arme Teufel von Copiſten, welcher die ganze heilloſe Verſchwörung entdeckt hat und der mich neulich ſelbſt um die Zahlung ſeines rückſtändigen Ge⸗ halts erſuchte.“ „Es iſt derſelbe, gnädigſter Herr!“ „Mademviſelle,“ fuhr der Herzog freundlich fort,„es ſcheint, als ob alles, was Sie umgiebt, beſtimmt ſei mich zu retten. Ich bin jetzt zwiefach Ihr Schuldner. Sie ſag⸗ ten mir, Sie hätten eine Gnade von mir zu erbitten; ſprechen Sie alſo dreiſt, ich bin ganz Ohr.“ „Großer Gott, verleihe mir Muth!“ flehte Bathilde. 14¹ Der Chevalier von Harmental.. „Es iſt alſo wohl etwas recht Wichtiges, recht Schwieriges was Sie wünſchen?“ „Ach, gnädigſter Herr,“ verſetzte Bathilde ihren ganzen Muth zuſammenraffend,„es betrifft das Leben eines Menſchen, welcher den Tod verdient hat.“ „Wie, beträfe die Sache etwa den Chevalier von Harmental?“ fragte der Regent. „Ew. königliche Hoheit haben es ſo eben ausgeſpro⸗ chen,“ ſtammelte Bathilde. Die Stirn des Regenten ward ernſt, während Ba⸗ thildens Herz faſt hörbar klopfte.„Iſt er Ihr Ver⸗ wandter, Ihr Freund?“ fragte der Herzog. „Er iſt mein Leben, meine Seele, gnädigſter Herr... ich liebe ihn!“ „Aber wiſſen Sie auch daß, wenn ich ihn begnadige, ich Alle begnadigen muß, und daß es in dieſer Sache noch Strafbarere giebt als er iſt?“ „Es iſt nur ſein Leben um das ich flehe, gnädigſter Herr, nur um ſein Leben bitte ich.“ „Und wenn ich nun ſeine Todesſtrafe in eine lebens⸗ längliche Gefangenſchaft verwandelte, dann würden Sie ihn ja nie wieder ſehen?“ Bathilde war nahe daran umzuſinken.„Was würde alsdann aus Ihnen werden?“ „Ich,“ ſprach Bathilde,„ich würde in ein Kioſter Der Chevalier von Harmental. 1¹5 gehen und mein ganzes Leben für Sie beten und für ihn.“ „Das kann nicht ſein, kann durchaus nicht ſein!“ ſagte der Regent. „Und weshalb nicht, gnädigſter Herr!“ „Weil man vor einer Stunde um Ihre Hand ange⸗ halten hat und ich ſie zugeſagt habe.“ „Meine Hand verſprochen? Um Gotteswillen, an wen?“ „Leſen Sie,“ ſprach der Regent, indem er einen Brief von ſeinem Bureau nahm und ihn Bathilden voffen hinreichte. „Raoul! Ravul!“ rief Bathilde.„Es iſt ſeine Handſchrift, ewiger Gott, was iſt das?“ „Leſen Sie nur, leſen Sie!“ ſprach der Regent, und Bathilde las mit bebenden Lippen folgenden Brief: „Gnädigſter Herr! „Ich habe den Tod verdient, ich weiß es, und ich komme nicht um mein Leben zu bitten; ich bin bereit zu ſterben. Aber es hängt von Ewr. königlichen Ho⸗ heit ab mir dieſen Tod zu verſüßen; und ich be⸗ ſchwöre Sie kniend mir dieſe Gunſt zu gewähren: Ich liebe ein junges Mädchen, das ich geheirathet haben würde, wäre ich am Leben geblieben. Geſtatten Chevalier v. Harmental. IV. 10 146 Der Chevalier von Harmental. Sie, daß ſie meine Gattin werde bevor ich ſterbe. Wöchte ich wenigſtens mit dem Troſte in das Jenſeits gehen, daß ich ihr in dieſer Welt, wo ſie allein ſtehen wird, mein Vermögen und meinen Namen hinterlaſſe. Vom Altare führe man mich dann ſofort auf's Blut⸗ gerüſt. Das iſt mein letzter, mein einziger Wunſch; ſchlagen Ew. Hoheit dieſe Bitte einem Ster⸗ benden nicht ab. Raoul von Harmental.“ „Ich habe ihm ſeine Bitte gewährt,“ nahm der Her⸗ zog wieder das Wort;„es iſt nicht mehr als menſchlich, daß ihm auf dieſe Weiſe ſeine letzten Augenblicke ver⸗ ſüßt werden.“ „Iſt das alles, alles was Sie ihm bewilligen, gnä⸗ digſter Herr?“ ſtammelte Bathilde. „Sie ſehen ja daß er ſich ſelbſt Gerechtigkeit wider⸗ fahren läßt und nicht mehr verlangt,“ ſagte der Regent, ſetzte ſich an ein Bureau, warf ſchnell einige Zeilen auf ein Papier und verſiegelte es. Dann ſprach er in einem Tone, welcher keine Antwort geſtattete:„Hier iſt ein Schreiben an Herrn de Launoh, Gouverneur der Ba⸗ ſtille; es enthält meine Befehle in Bezug auf den Ver⸗ urtheilten. Mein Garde⸗Capitän wird Sie begleiten und Sorge tragen, daß mein Wille pünktlich erfüllt werde.“ — b Der Chevalier von Harmental. „Sein Leben, ſein Leben! Um Gottes Barmherzigkeit willen, ſchenken Sie ihm das Leben!“ flehte Bathilde, ſich abermals vor dem Herzog auf die Knie werfend. Der Regent aber zog die Klingel.„Rufen Sie den Herrn Marquis von Lafare!“ gebot er dem eintretenden Kammerdiener. „Sie ſind grauſam, gnädigſter Herr!“ ſprach Ba⸗ thilde ſich aufrichtend;„geſtatten Sie mir alſo mit ihm zu ſterben! Wir werden dann wenigſtens nicht ge⸗ trennt, weder auf dem Schafott noch im Grabe!“ „Herr von Lafare,“ gebot der Regent,„begleiten Sie Mademoiſelle in die Baſtille; hier iſt ein Brief an Herrn de Launoh; Sie werden gemeinſchaftlich mit ihm Einſicht davon nehmen und darüber wachen, daß meine Befehle auf das puͤnktlichſte befolgt werden.“— Und ohne auf den Schrei der Verzweiflung Bathildens zu achten, öffnete er das angrenzende Cabinet und verſchwand. 10* XII. Die Vermählung im letzten Angenblick. Lafare zog das faſt ſterbende Mädchen mit ſich fort und hob ſie in einen der Wagen, welche im Palais⸗ Rohal ſtets angeſpannt ſtanden. Er rollte mit ihnen raſchen Fluges nach der Baſtille. Bathilde ſprach un⸗ terwegs kein Wort; ſie ſaß ſtarr und regungslos im Wa⸗ gen wie eine Statue. Als ſie aber vor der Feſtung an⸗ langten, da ſchauderte ſie heftig zuſammen. Es war ihr als habe ſie auf demſelben Platze, wo der Chevalier von Rohan hingerichtet wurde, ein Gerüſt wie ein Schafott geſehen. Die Schildwache rief:„Wer da?“ man hörte den Wagen über die Zugbrücke raſſeln, das Thor öffnete ſich, der Wagen fuhr hinein und hielt vor der Treppe, welche zur Wohnung des Gouverneurs führte. Zehn Minuten lang ruhte Bathilde wie vernichtet ———— Der Chevalier von Harmenial. 149 in dem Lehnſeſſel, in welchen ſie beim Eintreten geſunken war; das unglückliche Mädchen hatte nur einen Gedanken — den, daß ihr geliebter Ravul das Schafott beſteigen ſollte. Nach zehn Minuten kehrte Lafare mit dem Gouver⸗ neur zurück. Bathilde erhob unwillkührlich das Haupt und richtete den irren Blick auf die beiden Männer. La⸗ fare näherte ſich ihr und bot ihr den Arm:„Mademoi⸗ ſelle,“ ſprach er,„es iſt in der Kirche alles bereit; der Prieſter wartet auf Sie.“ Bathilde richtete ſich auf ohne etwas zu antworten, war aber genöthigt ſich auf den ihr dargebotenen Arm zu ſtützen. Herr de Launoh ſchritt voran und zwei Diener leuchteten ihm mit Fackeln vor. Sowie Bathilde die Kirche betrat, ſah ſie den un⸗ glücklichen Harmental mit Valef und Pompadour von der andern Seite herankommen. Sie waren die Zeu⸗ gen des Bräutigams wie die Herren de Launoh und Lafare die der Braut. Jede Kirchthüre wurde von zwei franzöſiſchen Garden bewacht, welche mit geſchulter⸗ tem Gewehr wie Bildſäulen daſtanden. Die beiden Liebenden näherten ſich einander langſam, Bathilde todtenbleich und ſchwankend, Harmental ruhig und lächelnd. Vor dem Altar angelangt, erfaßte 150 Der Chevalier von Harmental. der Chevalier die Hand ſeiner Braut und führte ſie zu den für ſie aufgebreiteten Kiſſen; hier knieten ſie nieder ohne auch nur ein einziges Wort zu ſprechen. Der Altar war nur durch vier Kerzen erleuchtet, welche die ohnehin dunkle Capelle nur ſchwach erhellten und die düſtre Feierlichkeit des Augenblicks noch ver⸗ mehrten. Der Prieſter begann die MWeſſe; es war ein ſchöner Greis mit ſchneeweißem Haar, deſſen ſchwer⸗ müthige Züge verkündeten, daß ſeine täglichen traurigen Functivnen tiefen Eindruck in ſeiner Seele gemacht hat⸗ ten. Er war ſchon ſeit 25 Jahren Capellan der Ba⸗ ſtille und hatte während dieſer langen Zeit manche qualvolle Beichte vernommen, manches grauenvolle Schau⸗ ſpiel erlebt. Indem er das junge Ehepaar einſegnete, richtete er der heiligen Gewohnheit zufolge einige Worte an daſſelbe. Statt aber zu dem jungen Manne von ſeinen Pflichten als Gatte und zur jungen Frau von ihren Mutterpflich⸗ ten zu reden, ſtatt ihnen die Zukunft ihres Lebens vor Augen zu führen, ſprach er zu ihnen nur von dem Frie⸗ den im Himmel, der göttlichen Barmherzigkeit und der ewigen Vereinigung dort oben; Bathilde war dem Er⸗ ſticken nahe; Harmental ſah daß ſie im Begriff war in Thränen auszubrechen; er erfaßte ihre Hand und blickte Der Chevalier von Harmental. 15¹ ſie mit ſo gänzlicher Ergebung an, daß das arme Kind ihre ganze Seelenkraft wiedergewann. In dem Augen⸗ blicke als der Segen geſprochen wurde, neigte ſie ihr Haupt auf Harmental's Schulter, ſo daß der Geiſt⸗ liche gkaubte ſie werde ohnmächtig und inne hielt. „Vollenden Sie, frommer Vater, vollenden Sie,“ ſtammelte Bathilde, und der Prieſter ſprach die feier⸗ lichen Worte aus, welche von beiden Liebenden mit einem Ja beantwortet wurden, in welchem ſich die ganze Kraft ihrer Seele ausſprach. Nach beendigter Ceremonie fragte Harmental den Herrn de Launohy, ob es ihm geſtattet ſei die wenigen ihm noch übrigen Stunden bei ſeiner Gemahlin zu blei⸗ ben. Der Gouverneur antwortete, daß dem nichts ent⸗ gegenſtände und daß man ihn in ſein Zimmer zurückfüh⸗ ren würde. Ravul umarmte darauf Valef und Pom⸗ padvur, dankte ihnen daß ſie ihm als Zeugen bei ſeiner Trauerhochzeit gedient hatten, drückte Lafare die Hand, äußerte dem Gouverneur ſeine Dankbarkeit für die Güte die er ihm während ſeines Aufenthalts in der Baſtille bewieſen, ſchlug ſeinen Arm um Bathilden, die nahe daran war umzuſinken, und näherte ſich mit ihr der Thüre durch welche er eingetreten war. Hier traten ih⸗ nen die beiden Männer mit den Fackeln wieder vor und 152 Der Chevalier von Harmental. ſchritten voran bis zu Harmental's Zimmer. Dort wartete ein Gefangenwärter, welcher ihnen die Thür öff⸗ nete; Ravul und Bathilde traten ein, die Thür ſchloß ſich wieder und die beiden Gatten befanden ſich allein. Jetzt vermochte Bathilde, die ſich bisher Gewalt angethan hatte, ihrem Schmerze nicht mehr zu gebieten; ſie ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus, rang ver⸗ zweiflungsvoll die Hände und ſank in einen Lehnſeſſel. Ravul warf ſich vor ihr auf die Knie und verſuchte ſie zu tröſten. Aber er ſelbſt hatte keine Worte— nur Thränen. Kaum hatten ſie eine halbe Stunde auf dieſe ſchmerz⸗ liche Weiſe verbracht, als ſich Schritte näherten und ein Schlüſſel im Schloß der Thür gedreht wurde. Ba⸗ thilde ſchauderte zuſammen und preßte Harmental krampfhaft an ihre Bruſt. Ravul begriff die Angſt, welche ſie erfaſſen mußte und beruhigte ſie. Noch war der ſchreckliche Augenblick nicht da; es war eilf Uhr Nachts und erſt um acht Uhr Morgens ſollte die Hin⸗ richtung ſtattfinden. Es war der Gouverneur welcher er⸗ ſchien.„Herr Chevalier,“ ſprach er,„haben Sie die Güte mir zu folgen.“ „Allein?“ fragte Harmental traurig auf Bathil⸗ den blickend. Der Chevalier von Harmental. 153 „Nein, mit Ihrer Gemahlin.“ „Beide, Beide! Hörſt Du, Raoul! Wir ſterben zuſammen,“ frohlockte Bathilde.„Hier ſind wir, Herr Gouverneur, wir ſind bereit!“ Harmental ſchloß Bathilden noch einmal in die Arme und drückte noch einmal einen Kuß auf ihre Lip⸗ pen, dann raffte er ſeinen ganzen Stolz zuſammen und folgte Herrn de Launoh mit feſten Schritten. Der Gouverneur führte die unglücklichen Gatten durch mehrere lange ſparſam erhellte Gänge zu einer Treppe. Sie ſtiegen hinab und befanden ſich vor einer Pforte. Dieſe führte zu einem von hohen Mauern umgebenen freien Platze, wo ſich ein Theil der Gefangenen ergehen durfte. In dieſem Hofe hielt ein mit zwei Pferden be⸗ ſpannter Wagen, auf einem der Pferde ſaß ein Poſtillon und in der Dämmerung ſah man die Küraſſe von einem Dutzend Musketieren ſchimmern. Da blitzte ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl in den See⸗ len der beiden Liebenden auf. Der angeſpannte Wagen, die militäriſche Escorte ließen Bathilden hoffen, daß der Regent ihre dringende Bitte erfüllt und die Todes⸗ ſtrafe in lebenslängliche Gefangenſchaft auf irgend einer Feſtung umgewandelt habe. Beide blickten einander an 15¹ Der Chevalier von Harmental. und ſchlugen dann das Auge zum Himmel auf, um ihm für das unerwartete Glück zu danken. Unterdeſſen hatte der Gouverneur dem Poſtillon ge⸗ winkt und der Wagen rollte heran. Der Wagenſchlag ward geöffnet und Herr de Launoh reichte Bathilden die Hand um ihr beim Einſteigen behülflich zu ſein. Bathilde zögerte; ſie blickte ſich ängſtlich um, ob man Raoul Luch nicht fortführe; dieſer aber ſchickte ſich an ihr zu folg d ſo ſtieg ſie raſch ein. Im nächſten Augenblicke ſaß Rävul ihr zur Seite, der Schlag ward zugeworfen, der Wagen ſetzte ſich von der Escorte um⸗ ringt in Bewegung, die Zugbrücke raſſelte hinab und bald befanden ſie ſich außerhalb der Baſtille. Die beiden Gatten ſanken einander in die Arme. Es war kein Zweifel mehr, der Regent ſchenkte Harmen⸗ tal das Leben, ja was noch mehr war, er wollte ihn nicht von Bathilden trennen. Ein ſolches Glück hat⸗ ten ſie nie geträumt; ſie ſollten beiſammen ſein, ſollten ſich ſtets ſehen; was konnten ſie mehr verlangen? Nur ein einziger Gedanke trübte das Paradies der Liebenden; die Erinnerung an den armen ehrlichen Buvat. Da hielt plötzlich der Wagen. Die Thür öffnete ſich; es war der Poſtillon.„Was willſt Du?“ fragte Har⸗ mental, bei dem ſchnell neue Beſorgniſſe aufſtiegen. ——— Der Chevalier von Harmental. 155 „Fragen, wohin ich fahren ſoll, Herr!“ antwortete der Burſche. „Wie!— Was? Wohin Du mich bringen ſollſt?“ entgegnete Harmental erſtaunt;„haſt Du denn keinen Befehl?“ „Ich habe keinen andern als den, Sie in das Wäld⸗ chen von Vincennes zwiſchen Chelles und Nogent⸗ſur⸗ Marne zu bringen, und da ſind wir jetzt!“ „Und die Escorte?“ forſchte Harmental;„was iſt aus ihr geworden?“ „Unſre Escorte? Ei, die iſt bei der Barriöre zu⸗ rückgeblieben.“ „Ach, großer Gott! großer Gott!“ riefen Harmen⸗ tal und Bathilde wonnetrunken,„iſt das möglich!“ Sie waren frei wie die Luft die ſie ein⸗ athmeten. Der Regent hatte den Befehl gegeben Harmental nach derſelben Stelle zu bringen, wo er den Angriff auf den vermeintlichen Herzog vollbrachte. Dies war die einzige Rache, welche Philipp von Orleans ſich ge⸗ ſtattete. 156 Der Chevalier von Harmental. Vier Jahre darauf hatte Buvat, der ſeine Stelle in der Bibliothek wieder erhielt und dem ſein Rückſtand völ⸗ lig ausgezahlt wurde, die Freude einem hübſchen drei⸗ jährigen Knaben die erſte Feder in die Hand zu legen. Es war der Sohn Ravul's und Bathildens. Die erſten Worte, die der Knabe ſchreiben lernte, waren die Namen Albert und Clariſſe, dann folgte der: Phi⸗ lipp von Orleans, Regent von Frankreich. Nachſchrift. Vielleicht iſt es mehrern unſrer Leſer angenehm hier noch Einiges über das Schickſal der übrigen Perſonen zu erfahren, welche in dieſer unſrer Erzählung eine Rolle ſpielten. Der Herzog und die Herzogin von Maine wurden arretirt; jener in Steaux, dieſe in einem kleinen Hauſe welches ſie in der Rue St. Honoré beſaß. Der Herzog wurde nach dem Schloſſe Durlens, ſeine Gemahlin nach dem Schloſſe von Dijon gebracht, von wo man ſie bald nach der Citadelle von Chalons brachte. Beide erhielten indeſſen ſchon nach wenigen Monaten ihre Freiheit wie⸗ der. Richelien ward wirklich in die Baſtille geführt, aber ſchon nach drei Monaten wieder in Freiheit geſetzt, weil der Regent durch ſeine längere Haft das ganze weib⸗ liche Geſchlecht von Paris gegen ſich aufzubringen fürch⸗ tete. Der bewußte Schrank aber war vermauert und Made⸗ moiſelle von Valois Herzogin von Modena geworden. 15⁵8 Der Chevalier von Harmental. Der zu Orleans arretirte Abbé Brigaud blieb eine Zeit lang in den Gefängniſſen dieſer Stadt, und zwar zum großen Leidweſen der guten Madame Denis, ihrer Töchter Emilie und Athenais ſowie des jungen Herrn Bonifaz. Eines Morgens jedoch, als die Fa⸗ milie ſich eben zum Frühſtück ſetzen wollte, erſchien plötz⸗ lich der Abbé Brigaud wieder, ganz ſo ruhig und be⸗ ſonnen wie gewöhnlich. Man beſtürmte ihn mit Fragen, aber er wies vorſichtig alle Nachforſchungen zurück, da ihm die Sache ſchon ſo viel Verdruß gemacht habe, daß man ihn verbinden würde nicht weiter darüber zu ſprechen. Einige Tage nach ihm verließen auch Pompadour, Valef, Laval und Malezieur ihr Gefängniß; ſie bildeten auf's neue den Hof der Herzogin von Maine, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Der Cardinal von Polignac war nicht einmal arretirt ſondern nur nach ſeiner Abtei Anchin verwieſen worden. Lagrange Chancel, jener böswillige Poet, wel⸗ cher das furchtbare Pasquill geſchmiedet hatte, ward in's Palais⸗Rohal beſchieden. „Mein Herr,“ fragte der Regent,„denken Sie wirk⸗ lich das alles von mir was Sie über mich geſagt haben?“ „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete unerſchrocken der Dichter. — — Der Chevalier von Harmental. 159 „Das iſt Ihr Glück, mein Herr,“ ſprach der Herzog, „denn hätten Sie dieſe Nichtswürdigkeiten gegen Ihre Ueberzeugung hingeſchrieben, ich hätte Sie hängen laſſen!“ Der Regent begnügte ſich ihn nach der Inſel St. Marguerite zu ſenden, wo er auch nur drei bis vier Mo⸗ nate blieb. Die Feinde des Regenten hatten das Gerücht ausgeſprengt, dieſer habe ihn dort vergiften laſſen, und nun wußte der Prinz kein beſſeres Mittel dieſe neue Ver⸗ leumdung zu widerlegen, als daß er ihm die Thore ſei⸗ nes Kerkers öffnete. Ende. 1 — 2——————— Druck von C. P. Melzer in Leipzig. n ſiſtihm 8 9 10 11 12 14 15 16