5 . . * 5 3* 24 5 8 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5„ 8—— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S S22 e —————— —— —— Der Chevalier von Harmental. III. Der Chevalier von Harmental. Hiſtoriſcher Roman von Alerander Dumas. Dritte verbeſſerte Auflage. Herausgegeben von Lonis Bourdin. Dritter Theil. Leipzig⸗ C. Berger's Buchhandlung. 1847. . Der Orden der Biene. Zur feſtgeſetzten Zeit, d. h. ſechs Wochen nach ſeiner Abreiſe von der Hauptſtadt und zwar um vier Uhr Nach⸗ mittags, war Harmental aus der Bretagne zurück und fuhr eben mit vier raſchen Poſtpferden in den Hof des Palaſtes zu Seeaux. Lakaien in reicher Livree ſtanden vor den Thüren und alles verkündete die Anſtalten zu einer großen Feſtlichkeit. Harmental eilte durch die doppelte Reihe der Diener hin, durchflog die Vorhalle und trat in einen geräumigen Salon, wo er auf die Ankunft der Gebieterin harrte. Es ſtanden hier in verſchiedenen Gruppen gegen zwanzig Perſonen, faſt ſämmtlich von ſeiner Bekanntſchaft, und plauderten mit einander. Unter dieſen befanden ſich der Graf von Laval, der Marquis von Pompadvour, 6 Der Chevalier von Harmental. der Dichter Saint⸗Geneſt, der alte Abbé de Cheau⸗ lieu, Saint⸗Aulaire und die Damen de Rohan, de Croisſy, de Charrot und de Briſac. Harmental näherte ſich zuerſt dem Marquis von Pompadvur, welcher ihm in dieſer edlen und geiſt⸗ reichen Geſellſchaft am meiſten bekannt war. Sie wech⸗ ſelten einen Händedruck, traten ein wenig bei Seite und Harmental ſprach:„Mein lieber Marquis, ſagen Sie mir doch wie es kommt, daß ich hier, ſtatt wie ich fürch⸗ tete bei einer langweiligen politiſchen Berathung, bei ei⸗ nem glaͤnzenden Feſte eintreffe?“ „Ja, das weiß ich ebenfalls nicht, liebſter Chevalier,“ antwortete der Marquis;„ich bin ebenſo erſtaunt wie Sie, da ich ſo eben aus der Normandie anlange. Ich habe vor kurzem dieſelbe Frage an Laval gerichtet, der aber kommt gerade jetzt aus der Schweiz und weiß ebenſo wenig davon als wir. In dieſem Augenblicke ward der Baron von Valef angemeldet. „Das iſt der rechte Mann!“ rief Pompadour; „Valef gehört zu den vertrauteſten Dienern der Herzo⸗ gin; jetzt werden wir es erfahren!“ n Harmental und Valef hatten ſich ſeit dem Tage jenes Zweikampfes, mit dem wir dieſe Geſchichte eröffnet Der Chevalier von Harmental., haben, nicht wieder geſehen, ſo daß ſie einander mit großer Freude die Hände drückten. Nach den erſten Be⸗ grüßungen fragte Harmental ſeinen Freund nach der Urſache der feſtlichen Vorbereitungen; dieſer aber ver⸗ ſicherte, daß er gleichfalls von nichts wiſſe, da er ſo eben erſt von Madrid komme. Wieder öffnete ſich die Thür und der Kanzler Ma⸗ lezieur trat in's Gemach. Sofort näherten ſich ihm die drei Herren.„Ihr Erſcheinen iſt uns über alle Maßen angenehm, liebſter Malezieur,“ rief ihm Pom⸗ padour entgegen;„wir treffen eben hier aus allen vier Welttheilen zuſammen und da ſind wir denn höchſt neu⸗ gierig zu erfahren, was wir in Sceaur eigentlich begin⸗ nen ſollen.“ „Sie ſind zu einer glänzenden Feſtlichkeit angelangt, meine Herren,“ verſetzte der Kanzler der Herzogin;„Sie ſollen der Aufnahme eines neuen Ritters in den Orden der Biene beiwohnen.“ „Alle Tauſend!“ rief Harmental, ein wenig pikirt daß man ihm nicht einmal Zeit gelaſſen hatte zuvor in der Rue du Temps perdu einzuſprechen;„deshalb alſo befahl Ihro königliche Hoheit die Frau Herzogin von Maine eine ſo große Eile an?“ „Zuvörderſt, junger Mann,“ entgegnete Malezieux, 8„ Der Chevalier von Harmental. „giebt es hier weder eine königliche Hoheit noch eine Herzogin von Maine, ſondern nur die reizende Fee Ludoviſe, die Königin der Bienen, der jedermann blindlings gehorchen muß. Und wenn Sie erſt erfahren werden, wer der neue Ritter von der Biene iſt, den wir in dieſem Augenblick aufnehmen wollen, ſo werden Sie vielleicht die 6 empfohlene Eile nicht länger be⸗ klagen.“ „Und wer iſt denn das?“ fragte Valef. „Se. Excellenz der Prinz von Cellamare!“ „Das iſt etwas Andres! Ah, jetzt verſtehe ich!“ lächelte Pompadour. „Wir auch, wir auch!“ riefen Valef und Harmen⸗ tal, und der Kanzler verſicherte daß ſie ſpäter alles noch beſſer begreifen würden. Hierauf traten die beiden Freunde in eine Fenſter⸗ vertiefung und beſprachen ſich mit einander iie die Auf⸗ nahme des neuen Ritters der Biene. Zur Stiftung des Ordens der Pirn⸗ war die Herzogin von Maine durch einen Vers aus dem Amhnt des Taſ ſo veranlaßt worden; den ſie bei Ge⸗ legenheit ihrer Verheirathung gewählt hatte und welcher in deutſcher Ueberſetzung etwa ſo lautet: Der Chevalier von Harmental. 9 Die kleine Biene, ach! ſchlägt tiefe Wunden, Drum ſcheut den Stachel, fürchtet ihren Stich! Entflieht, bevor Ihr ihre Macht empfunden; Gerettet iſt nur der, der ihr entwich. Dieſer Orden hatte gleich allen andern Orden ſeine Decorationen, ſeine Obern und ſeinen Großmeiſter. Die Decoration beſtand aus einem Medaillon, auf deſſen einer Seite ſich ein Bienenkorb und auf deſſen andrer ſich die Königin der Bienen zeigte. Sie ward am einem citronen⸗ farbigen Bande im Knopfloch getragen, ſo oft ſich die Ritter zu Sceaur verſammelten. Die Obern waren: der Kanzler Malezieux, Saint⸗Antoine, der Abbé von Chaulieu und Saint⸗Geneſt; die Herzogin von Maine war Großmeiſterin des Ordens, welcher nur aus 39 Mitgliedern beſtehen durfte. Der Tod des Her⸗ zogs von Nevers hatte die Zahl vermindert und die Aufnahme des Prinzen von Cellamare ſollte ſie jetzt wieder ausfüllen. Die eigentliche Thatſache aber war daß die Herzogin von Maine es für rathſam erachtet hatte dieſer Verſammlung, der nur ein politiſcher Zweck zum Grunde lag, eine ſcherzhafte Abſicht unterzulegen; denn ſie war überzeugt, daß ein ſolches Ordensfeſt zu Sceaur bei Dubois und Roher⸗Argenſon weit 10 Der Chevalier von Harmental. weniger Verdacht erwecken würde als eine Verſammlung im Arſenal. Schlag vier Uhr öffneten ſich die Pforten des großen Saales. Die Wände deſſelben waren mit dunkelrothem Atlas behäͤngt und durchaus mit ſilbernen Bienen be⸗ ſüt. Am äußerſten Ende erblickte man auf einem erhöh⸗ ten Throne die reizende Fee Ludoviſe, welche mehr durch ihre zarte Geſtalt und die Feinheit ihrer Züge als durch den kleinen goldnen Scepter in ihrer Hand das Anſehen des ätheriſchen Weſens erhielt das ſie vorſtellte. Sie winkte mit der Hand, und alle Anweſenden reihten ſich in einen Halbzirkel um ihren Thron, auf deſſen Stufen ſich die Großwürdenträger des Ordens aufſtell⸗ ten. Dann erſchien ein Herold und meldete mit lauter Stimme:„Se. Excellenz der Prinz von Cellamare!“ Der Letztere erſchien nun, näherte ſich gravitätiſch dem Throne und kniete auf deſſen Stufen nieder. „Prinz,“ ſprach darauf der Herold,„leiht ein auf⸗ merkſames Ohr den Statuten des Ordens, welchen die hohe Fee Ludoviſe Euch jetzt verleihen will, und über⸗ legt wohl was Ihr zu thun gedenkt.“ Der Prinz neigte das Haupt, zum Zeichen daß er die Wichtigkeit der Verpflichtung fühle die er zu übernehmen im Begriff ſtand. Der Herold fuhr fort: Der Chevalier von Harmental. „Antikeln1. Ihr ſchwört und verſprecht der mächtigen Fee Lu⸗ doviſe, der immerwährenden Großmeiſterin des Ordens der Biene, eine unverbrüchliche Treue und einen blinden Gehorſam. Schwört dies bei dem heiligen Berg Hhmettus!“ In dieſem Augenblicke ließen ſich Muſikklänge ver⸗ nehmen und ein unſichtbarer Chor ſang eine Strophe, worin der Ordenscandidat zum Schwur aufgefordert wurde. Der Prinz leiſtete den feierlichen Schwur und alle Anweſenden wiederholten:„Er hat geſchworen!“ „Artikel 2. Ihr ſchwört und verſprecht Euch in dem Palaſte zu Steaur jedesmal einzufinden, ſobald der Orden zuſammenberufen wird, und Euch ſelbſt nicht durch ein leichtes Unwohlſein abhalten zu laſſen*). Lertiter 3. Ihr ſchwört und berſprecht das Tanzen zu lernen, *) Die Beſchreibung dieſes Ordens und ſeiner Ceremonien iſt durchaus geſchichtlich. Der Chevalier von Harmental. mit dem Tanzen aber, wenn es Euch befohlen wird, nicht eher inne zu halten, als bis Euch der Athem ausgeht.“ Chor und Schwur des Prinzen erfolgten wie oben. bemerkt. „Artikel 4. Ihr ſchwört und verſprecht alle Windmühlen zu er⸗ klettern, ſo hoch ſie auch ſein mögen, und Euch durch keine Furcht vor einem Falle abſchrecken zu laſſen. Artikel 5. hr ſchwört und verſprecht keiner Biene ein Leid zu⸗ zufügen, ſondern Euch, ohne ſie zu verjagen, ruhig von ihr ſtechen zu laſſen, auf welchen Theil Eures Körpers es ihr auch gefallen möge ſich zu ſetzen. 60 Sechſter und letzter Artikel. Ihr ſchwört und verſprecht die Decvration des Or⸗ dens ſorgſam aufzubewahren und in den Capi⸗ teln deſſelben niemals ohne ſolche zu erſcheinen.“ Nach einem jeden dieſer Artikel erfolgten die Auffor⸗ Der Chevalier von Harmental. 13 derung des Chors, der Schwur des Prinzen und der Ausruf der ganzen Verſammlung:„Er hat geſchworen!“ Jetzt erhob ſich die erhabene Fee Ludoviſe, empfing aus den Händen Malezieur' das Ordenszeichen, ſchmückte damit die Bruſt des Prinzen Cellamare und ſprach feierlich:„Ich ernenne Euch hiemit zum Rit⸗ ter der Biene.“ Darauf wurden die Shnen des Saales geöff⸗ net und es zeigte ſich ein glänzend erleuchteter Bankett⸗ ſaal, in dem eine köſtliche Abendtafel ſervirt war. Der neu aufgenommene Ritter bot der Großmeiſterin ehrer⸗ bietig die Hand und ſie in den Saal. Die Uebri⸗ gen folgten. Da nicht alle Anweſenden in das eigentliche Geheim⸗ niß der Zuſammenkunft eingeweiht waren, ſo nahm die 5 Betzogin von Maine während der Abendtafel die Ta⸗ lente der Dichter in Anſpruch, um durch die Madrigals, Couplets und Impromptus derſelben eine leichte Unter⸗ haltung herbeizuführen und die Gedanken der Nichteinge⸗ weihten von einem ernſten Zwecke bzulenken. Dies ge⸗ 2 lang ihr auch über alle Erwartun heiterſte Stim⸗ man Anſtalt, im fröhlichſten Sinne von der Tafel zu erheben, um zufolge der Aufforderung der Herzogin 14 Der Chevalier von Harmental. von Maine vermittelſt eines im Garten aufgeſtellten Teleſkops die Venus zu betrachten, als plötzlich La⸗ grange Chancel, einer der anweſenden Poeten, deſſen Aeußeres Heimtücke und Bösartigkeit verkündete und wel⸗ cher bisher ſchweigſam und in ſich gekehrt dageſeſſen hatte, um die Erlaubniß bat auch ſeinerſeits ein Gedicht, und zwar eine Ode, vortragen zu dürfen. Die Herzo⸗ gin von Maine geſtattete es ihm; er erhob ſich von ſeinem Sitze und ſprach mit düſterem Blicke mehrere von ihm verfaßte Verſe, in welchen er unter zwar verſteckten aber deutlich zu erkennenden Bildern das Betragen und die Lebensweiſe des Regenten mit ſo grellen und grauen⸗ haften Farben ſchilderte, daß ſelbſt die Herzogin von Maine verlegen das Auge ſenkte und, als er geendet hatte, keiner der Anweſenden ſeinem Gedichte Beifall zollte. Man erhob ſich, empört ob der Indiscretion des Poeten, ſchweigend von der Tafel und folgte der Groß⸗ meiſterin in den Garten. Harmental war der Letzte welcher mit Valef den Saal verließ. Er ſtieß an Lagrange Chancel, welcher zurückgekehrt war um ſchenbuch zu holen.„Erlauben Sie, Herr Chevalier,“ rief der Poet ihn mit ſeinen gelben giftſprühenden Augen anblitzend,„haben Sie etwa die Abſicht über mich hinzuſchreiten?“ Der Chevalier von Harmental. 15 „Warum nicht, mein Herr,“ erwiederte Harmental, welchem das Benehmen dieſes Menſchen gleichfalls miß⸗ fiel, mit verächtlichem Blick,„warum nicht, wenn ich ge⸗ wiß wäre Sie zu zertreten?“ Darauf nahm er Valef's Arm und ging mit ihm in den Garten. I. Die Königin der Grönländer. Di⸗ Gärten des Palaſtes von Steaur hatten unter dem ordnenden Geiſte der Herzogin von Maine einen wahrhaft feenartigen Anſtrich bekommen und eigneten ſich mit ihren trefflichen Baumgruppen ganz vorzüglich zu den mhthologiſchen Feſten, welche unter der Regierung Ludwig's des Vierzehnten Mode waren. Alles blieb daher ſtaunend auf der Terraſſe ſtehen, als man von dort aus die reiche Umgebung überſchaute, deren Alleen und Bäume vermittelſt zahlloſer Lampen zu einem einzigen Glanzmeere umgeſchaffen waren. Zugleich ließ ſich eine entzückende Muſik vernehmen, ohne daß man er⸗ ſpähen konnte woher ſie erklang, während ſich eine Gruppe durch die Allee herbewegte, bei deren Anblick alles in ein lautes Gelächter ausbrach. Dies war ein gigantiſches * 1 P — — Der Chevalier von Sarmental. 17 Kegelſpiel, welches mit dem König an der Spitze in Be⸗ gleitung der Kugel heranſchritt, die bis zu den Füßen der Herzogin von Maine rollte, während ſich die Kegel nach der gewöhnlichen Ordnung aufſtellten und in einem Chor ſingend die Bitte vortrugen, daß es der mächtigen Fee Ludoviſe gefallen möge auch ſie in die Reihe der Spiele aufzunehmen, mit denen ſie ſich in dieſem ihren Palaſte zu ergötzen pflege. Die Königin der Bienen bewilligte lächelnd die Bitte der Kegel; die Kugel rollte ſich gegen dieſelben hin und begann mit ihnen einen allerliebſten Tanz auszuführen, der alle Anweſenden entzückte, bis endlich Kugel und Kegel im Gebüſch verſchwanden. Hierauf ſchritt durch den prachtvoll erleuchteten Laubengang eine Schaar Män⸗ ner in Pelzen heran, von einem mit zwei beſpannten Schlitten begleitet. „Hohe Frau,“ begann gegen die Herzogin von Maine gewendet derjenige unter ihnen, welcher ſeiner Tracht nach der Vornehmſte zu ſein ſchien,„die Grönländer haben in ihrer großen National⸗Verſammlung den Ent⸗ ſchluß gefaßt einen Geſandten an Ew. königliche Hoheit abzuſchicken, und ich habe die Ehre gehabt erkoren zu werden, um Euch ihre Huldigung zu bringen und Euch die Herrſchaft über ihre Staaten anzubieten. 4 , II. 2. 18 Der Chevalier von Harmental. Die Anſpielung war ſo deutlich und dennoch ſo harm⸗ los hingeſtellt, daß alle Anweſenden ein Gemurmel des Beifalls vernehmen ließen und daß die Lippen der reizen⸗ den Fee Ludoviſe ein anmuthiges Lächeln umſpielte. Der hierdurch ermuthigte grönländiſche Geſandte fuhr fort: „Der Ruf, welcher von Ewr. königlichen Hoheit ſo Herrliches verkündet, iſt bis mitten in unſre Schnee⸗ und Eismaſſen, bis in unſern kleinen dunkeln Erdenwinkel gedrungen; wir haben von den hohen Tugenden und er⸗ habenen Vorzügen Ewr. königlichen Hoheit gehoͤrt. Auch wiſſen wir daß Ihr die Sonne nicht ſonderlich leiden könnt Dieſe neue Anſpielung war noch deutlicher und ward noch lebhafter empfunden als die vorige, denn die Sonne war bekanntlich das Sinnbild des Regenten, die Herzogin aber liebte mehr die Nacht. „Da nun der Himmel in ſeiner Gnade uns mit ſechs Monaten Nacht und mit ſechs Monaten Dämmerung beſchenkt hat,“ fuhr der Geſandte vom Nordpole fort, „ſo kommen wir um Euch den Vorſchlag zu machen, der Sonne, die Ihr haßt, zu enifliehen, Euch zu uns zu begeben und zum Erſatz für das was Ihr verlaßt den Titel einer Königin der Grönländer anzuneh⸗ Der Chevalier von Harmental. 19 men; denn wir ſind überzeugt, Eure Gegenwart wird unſre dürren Fluren blühend machen und Eure Weisheit unſern Geiſt erleuchten.“ „Aber,“ entgegnete die Herzogin von Maine lächelnd, „das Königreich, welches Ihr mir anbietet, liegt etwas fern, und ich fürchte die langen Reiſen.“ „Wir haben dieſe Antwort vorausgeſehen, hohe Frau,“ verſetzte der Geſandte;„eben weil wir beſorgten daß Ihr, noch bequemer als Mahomet, Euch nicht zum Berge würdet begeben wollen, haben wir es vermittelſt der Wacht eines gewaltigen Zauberers ſo eingerichtet daß der Berg zu Euch komme... Holla, holla, Ihr Genien des Nordpols!“ fuhr er fort mit ſeinem Stabe allerhand cabbaliſtiſche Figuren in der Luft zeichnend,„enthüllt vor Aller Blicken den Palaſt unſrer neuen Herrſcherin!“ In dieſem Augenblick ließ ſich eine phantaſtiſche Muſik vernehmen; der Vorhang, welcher den mitten auf dem Platze ſich erhebenden Pavillon der Aurora verdeckt hielt, ſank wie auf einen Zauberſchlag; vor demſelben, und zwar in dem dort befindlichen großen Baſſin, zeigte ſich eine künſtliche Eisinſel mit dem Palaſte der Königin der Grönländer, wohin eine leichte Brücke führte. Zugleich nahm der Geſandte aus den Händen ſeines Gefolges eine 2* 20 Der Chevalier von Harmental. Krone und ſetzte ſie auf das Haupt der Herzogin von Maine, welche ſie mit eigner Hand und mit ſo ſtolzer WMiene befeſtigte, als ob es eine wirkliche Krone geweſen wäre. Dann ſtieg ſie in den Schlitten und begab ſich, während die Uebrigen von den Wachen verhindert wur⸗ den ihr zu folgen, mit den ſieben grönländiſchen Abge⸗ ſandten über die Brücke nach ihrer neuen Behauſung. Sowie die Herzogin ihre Inſel erreicht hatte, verſchwand die Brücke dies war eine Anſpielung, daß man die Vergangenheit von der Zukunft trennen wolle... und ein prachtvolles Feuerwerk, welches über den Pavillon der Aurvra emporſtieg, zeigte die Freude der Grönländer über die Ankunft ihrer neuen Königin. Unterbeſſen ward die Herzogin in ein entlegenes Ge⸗ mach ihrer neuen Wohnung geführt; die ſieben Geſand⸗ ten warfen ihre Hüllen von ſich und die Neugekrönte be⸗ fand ſich im Kreiſe des Prinzen von Cellamare, des Cardinals Polignae, des Marquis von Pompa⸗ dour, des Grafen von Lahal, des Barons von Va⸗ lef, des Ritters von Harmental und des Kanzlers Malezieux. Der Huiſſier, welcher ſie hierher geführt hatte und jetzt vertraulich in dieſer edlen Verſamm⸗ lung Platz nahm, war kein Andrer als unſer alter Be⸗ kannter, der Abbé Brigand. Der Chevalier von Harmental. 21 Jetzt warf auch das Feſt ſeinen Schleier ab und an deſſen Stelle trat die Verſchwörung. „Meine Herren,“ begann die Herzogin von Maine mit der ihr eigenthümlichen Lebhaftigkeit,„wir haben keinen Angenblick zu verlieren; eine zu lange Abweſen⸗ heit würde Verdacht gegen uns erregen; erzähle alſo ieder was er vollbracht hat, damit wir erfahren woran wir ſind.“ „Verzeiht, gnädige Frau,“ bemerkte der Prinz von Cellamare,„Ew. Hoheit ſagten mir von einem Manne, den ich hier treffen ſollte und ungern in unſern Reihen vermiſſen würde.“ „Ew. Excellenz meinen jedenfalls den Herzog von Richelieu,“ verſetzte die Herzogin;„er verſprach aller⸗ dings zu erſcheinen, aber er wird durch irgend ein ga⸗ lantes Abenteuer zurückgehalten worden ſein, und ſo müſſen wir uns wohl ohne ihn behelfen.“ „Seine Abweſenheit iſt mir dennoch ſehr unange⸗ nehm, entgegnete der Prinz;„das Regiment, welches er tommandirt, liegt zu Bahonne, und er könnte uns daher ungemein nützlich werden. Ich erſuche alſo Ew. Hoheit dringend den Vefehl zu geben, daß man ihn ungeſäumt hierher führe, falls er noch anlangen ſollte.“ „Abbé Brigaud, ich bitte Sie dies zu beſorgen,“ Der Chevalier von Harmental. ſprach die Herzogin. Und der Abbé ging den Befehl zu vollziehen. „Verzeihen Sie, Herr Kanzler,“ nahm darauf Har⸗ mental das Wort,„ich glaube vor ſechs Wochen ver⸗ nommen zu haben, daß Richelien ſich durchaus gewei⸗ gert hat ſich uns anzuſchließen.“ „So iſt es wirklich,“ antwortete Malezieur,„ er wollte ſich damals mit dem Regenten nicht überwerfen, weil er dazu beſtimmt war dem Prinzen von Aſturien den Orden des heiligen Geiſtes zu überbringen und weil er dafür den Orden vom goldnen Vließe zu erlangen hoffte. Seitdem aber hat der Regent ſeine Abſicht ge⸗ ändert; da ſich nämlich das Spiel mit Spanien ver⸗ wickelt, ſo hat er die Sendung des Ordens verſchoben und der Herzog von Richelien hat ſich uns an⸗ geſchloſſen.“ „Der Befehl iſt gegeben, Ew. Sohelt“ ſprach der wieder eintretende Abbé Brigaud;„der Herzog von Richelien wird hierher geführt, ſowie er anlangt.“ „Gut, gut,“ entgegnete die Herzogin,„ſo ſetzen wir uns ſämmtlich und beginnen wir den Laval, machen Sie den Anfang. „Ich war bekanntlich in der Schweiz, gnädige Frau, und habe dort im Namen und mit dem Gelde des Kö⸗ Der Chevalier von Harmental. 23 nigs von Spanien ein Regiment auf die Beine gebracht, welches trefflich bewaffnet und ausgerüſtet iſt und nur noch der Warſchordre harrt, um in Frankreich ein⸗ zurücken.“ „Vortrefflich, mein lieber Graf, vortrefflich!“ rief die Herzogin,„und wenn Sie es nicht unter der Würde ei⸗ nes Montmoreneh halten in Erwartung eines höhern Titels den eines Obriſten zu führen, ſo mögen Sie vor der Hand den Befehl dieſes Regiments übernehmen.“ Laval verbeugte ſich ehrerbietig. „Und Sie, Pompadour?“ fuhr darauf die Herzogin fort,„was haben Sie vollbracht?“ „Den Inſtructionen Ewr. Hoheit zufolge begab ich mich nach der Normandie,“ antwortete der Gefragte; „dort habe ich vom Adel die Proteſtation unterzeichnen laſſen; ich bringe 38 Unterſchriften, und zwar die der edelſten Geſchlechter.“ So ſprechend zog er ein Papier aus der Taſche.„Hier ſehen Sie die an den König ge⸗ richtete Bittſchrift und die Unterſchriften; belieben Ew. Hoheit ſich ſelbſt zu überzeugen.“ Die Herzogin nahm das Papier und überflog die Schrift mit raſchem Blicke.„Schön, ſchön,“ ſprach ſie; „das ſind die edelſten und treueſten Namen Frankreichs. Dank, Dank, Pompadour; Sie ſind ein trefflicher 24 Der Chevalier von Harmental. Botſchafter; man wird ſich Ihrer ſchon bei Gelegenheit erinnern und den Botſchafter zum Ambaſſadeur er⸗ heben... Und Sie, Chevalier?“ fragte die Herzogin von Maine den Ritter Harmental, indem ſie ſich mit jenem bezaubernden Lächeln gegen ihn wendete, dem wie ſie recht gut wußte niemand zu widerſtehen ver⸗ mochte. gnädigſte Frau,“ erwiederte unſer Held,„ich begab mich Ewr. Hoheit Befehl zufolge nach der Bre⸗ tagne. Zu Nantes angelangt, erbrach ich die Depeſche und las meine Inſtruction.“ „Nun?“ fragte lebhaft die Herzogin. „Ich war ebenſo glücklich in meiner Sendung, gnä⸗ digſte Frau, wie die Herren von Laval und von Pompadour. Hier ſind die Unterſchriften der Herren von Mont⸗Louis, Bonamour, Pont⸗Callet und Rohan⸗Soldue. Sowie Spanien nur eine Escadre erſcheinen läßt, wird die ganze Küſte den f pro⸗ elamiren.“ „Sie ſehen, mein Prinz,“ rief die Herzogin freudig zu Cellamare gewandt,„Sie ſehen daß ſich zu unſerm Beiſtande vereint!“ „Ja, ja,“ verſetzte der ſpaniſche Abgeſandie,„aber es gilt noch andre gewichtige Männer zu gewinnen, wie die — Der Chevalier von Harmental. 25 Laguanche⸗Saint⸗Amant, die Bois Davhs, die Larochefoucault⸗Gondral...“ „Auch die ſind bereits die Unſrigen,“ unterbrach ihn Harmental, indem er mehrere Briefe hervorzog, welche ſeine Verſicherung beſtätigten. „Nun, mein Prinz,“ fragte die Herzogin,„werden Sie ſich endlich überzeugen? Unſern innigen Dank, Chevalier; hier meine rechte Hand... es iſt die, welche die Feder führt... ſie möge Ihnen Bürge ſein, daß ſie Ihnen nichts verſagen wird, ſobald die königliche Un⸗ terſchrift nur von ihr abhängt.“ Harmental küßte ehrerbietig die ihm dargebotene Hand der Fürſtin. „Jetzt kommt die Reihe an Sie, Valef,“ nahm darauf die Herzogin wieder das Wort.„Wie haben ſich die katholiſchen Majeſtäten benommen?“ „Was werden Ew. Hoheit zu einem eigenhändigen Briefe Sr. Majeſtät des Königs Philipp ſagen?“ fragte der Angeredete dagegen. „Daß dies weit mehr wäre als ich je erwarten konnte!“ rief die Herzogin freudig. „Mein Prinz,“ fuhr Valef fort, dem Prinzen von Cellamare ein Papier überreichend,„Sie kennen die 26 Der Chevalier von Harmental. Handſchrift Sr. Majeſtät Philipp des Fünften; haben Sie die Gewogenheit Ew. Hoheit zu verſichern, daß es wirklich ſeine Handſchrift iſt.“ „Sie iſt es wirklich,“ verſicherte Cellamare, nach⸗ dem er das Papier unterſucht hatte. „Und an wen iſt der Brief gerichtet?“ fragte die Herzogin das Blatt nehmend. „An König Ludwig den Funfzehnten, gnädigſte Frau,“ antwortete Valef. „Vortrefflich!“ rief die Herzogin;„der Warſchall von Villeroh ſoll dem Könige das Schreiben übergeben. Hören wir wie es lautet.“ Und ſie las wie folgt, jedoch nicht ohne Schwierigkeit, da die Handſchrift ſehr undeut⸗ lich war:*) „Escurial, den 16. März 1718. Seitdem mich die Vorſehung auf den Thron Spa⸗ niens ſetzte, habe ich keinen Augenblick die Verpflichtun⸗ gen vergeſſen, welche mir meine Geburt auferlegt. Lud⸗ wig der Vierzehnte unſterblichen Andenkens ſchwebt ² Dieſer Brief, von Philipp's eigner Hand geſchrieben, befindet ſich wirklich im Beſitz des Miniſteriums der auswärtigen Angelegenheiten. — n, die ch ut⸗ en, en Der Chevalier von Harmental. 27 mir ſtets vor Augen; immer noch höre ich wie dieſer große König beim Scheiden zu mir ſprach: Es giebt jetzt keine Phrenäen mehr! Ew. Majeſtät ſind der einzige Abkömmling meines älteſten Bruders, deſſen Verluſt ich alle Tage ſchmerzlich beklage. Gott hat Sie zur Thronfolge jenes Reichs berufen, deſſen Ruhm und Intereſſe mir bis zu meiner Todesſtunde theuer ſein wer⸗ den. Kurz, Sie leben im Innerſten meines Herzens und ich werde niemals vergeſſen, was ich Ewr. Majeſtät, mei⸗ nem Vaterlande und dem Andenken meines Ahnherrn ſchuldig bin. Meine theuern Spanier, welche mich zärtlich lieben und die meine Liebe gegen ſie kennen, ſind keineswegs eiferſüchtig auf die Gefühle, die ich rückſichtlich Eurer Majeſtät ausſpreche, ſondern fühlen, daß unſre Einigkeit die Baſis der öffentlichen Ruhe iſt. Ich ſchmeichle mir daß mein perſönliches Intereſſe noch immer einer Nation werth iſt, die mich in ihrem Schoße aufwachſen ſah und ſtets einem Monarchen anhangen wird, welcher eine Ehre darein ſetzt ihr Verpflichtungen ſchuldig und in ihrer Mitte geboren zu ſein. Wit welchen Augen können alſo Ihre getreuen Unter⸗ thanen einen Tractat betrachten, der gegen mich, alſo Der Chevalier von Harmental. gegen Sie ſelbſt gerichtet iſt?*) Seit Ihre erſchöpften Finanzen nicht mehr für die laufenden Ausgaben des Friedens hinreichen, will man daß Ew. Majeſtät ſich mit meinem erbittertſten Feinde**) verbinden und mir den Krieg erklären, falls ich nicht darin willige Sieilien dem Erzherzog abzutreten. Ich werde niemals in dieſe Bedingungen willigen; ſie ſind mir unerträglich. Ich will nicht einmal von den furchtbaren Folgen dieſer Allianz reden, ſondern mich damit begnügen Ew. Majeſtät zu beſchwören, unverzüglich die Generalſtaaten Ihres Reichs einzuberufen, um ſich mit ihnen über eine ſo wichtige Angelegenheit zu berathen. Ich richte dieſe Bitte an Ew. Majeſtät im Namen des Blutes das uns vereint, im Namen jenes großen Königs von dem wir Beide abſtammen, im Namen Ihres — Volts und des meinigen; wenn es je an der Zeit war die Stimme der franzöſiſchen Nation zu vernehmen, ſo iſt es jetzt. Es iſt durchaus erforderlich von ihr ſelbſt zu erfahren, was ſie denkt und ob ſie uns wirklich den ₰ *) Es iſt die Rede von dem Tractat der Onadrupel⸗Allianz, den Dubois von London brachte. **) Dem Kaiſer. en es it en 1 en en ne Der Chevalier von Harmental. 29 Krieg erklären will. Während ich bereit bin mein Leben auf's Spiel zu ſetzen, um ihren Ruhm und ihr Intereſſe aufrecht zu erhalten, werden Ew. Majeſtät hoffentlich auf meinen Vorſchlag unverzüglich eingehen, damit die Ver⸗ ſammlung der Generalſtaaten dem Uebel vorbeuge und die ſpaniſche Macht auch ferner verwendet werden könne Frankreichs Größe zu ſtützen und deſſen Feinde zu de⸗ müthigen, wie ich ſie denn niemals anders gebrauchen werde als um Ewr. Majeſtät die unbeſchreibliche Liebe zu bezeigen, welche ich für Sie hege.“ „Nun, was ſagen Sie dazu, meine Herren? Konnte die katholiſche Majeſtät mehr für uns thun?“ fragte die Herzogin von Maine. „Sie hätte ein Schreiben direct an die Generalſtaaten richten ſollen, das würde von der größten Wirkung ge⸗ weſen ſein,“ bemerkte der Cardinal von Polignac. „Dieſes Schreiben wäre hier,“ ſprach der Prinz von Cellamare, indem auch er ein Papier aus der Taſche zog;„Se. katholiſche Majeſtät haben mir dieſes Docu⸗ ment eingeſendet, welches den an den Snien Brief vervollſtändigt.“ „Nur Bahonne noch, nichts als Bahonne!“ ien der Prinz von Cellamare kopfſchüttelnd;„Bahonne, das Thor Frankreichs!“ Der Chevalier von Harmental. In dieſem Augenblicke ward der Herzog von Riche⸗ lieu gemeldet. „Jetzt fehlt uns wirklich nichts mehr, mein Prinz,“ entgegnete Pompadour,„da derjenige kommt, welcher den Schlüſſel zu dieſer Pforte hat!“ II. Der Herzog von Richelien. „Endlich,“ rief die Herzogin, als ſie Richelien eintreten ſah,„endlich kommen Sie! Werden Sie denn ſtets derſelbe bleiben? Werden Ihre Freunde nie mehr auf Sie zählen können als Ihre Geliebten?“ „Im Gegentheil, gnädigſte Fral,“ verſetzte Riche⸗ lien die Hand der Herzogin küſſend,„im Gegentheil, ich beweiſe eben heute daß ich alles zu vereinigen weiß.“ „Sie bringen uns alſo ein Opfer?“ fragte lächelnd Frau von Maine. „Ein tauſendmal größeres als Ew. Hoheit denken können. Stellen Sie ſich vor, ich verlaſſe ſo eben..“ „Frau von Villars, nicht wahr?“ unterbrach ihn die Herzogin. „Nein nein, beſſer, hoher hinauf!“ Der Chevalier von Harmental. „Frau von Duras!“ „Sie kommen nicht darauf!“ „Frau von Nesle?“ „Bah, bah!“ „Frau von Polignac? Ah verzeihen Sie, Herr Cardinal.“ „Rathen Sie nur weiter; Se. Eminenz hat nichts damit zu ſchaffen.“ „Frau von Soubiſe, Frau von Gabriant? Frau von Gace?“ „Nein, nein, nein!“ „Mademoiſelle Charolais?“ „Die ſah ich nicht ſeit meiner letzten Wanderung in die Baſtille.“ „Frau von Berrh?“ „Sie wiſſen ja, daß die den Riom liebt.“ „Fräulein von Valois?“ „Nicht doch, nicht doch, die denke ich zu meiner Ge⸗ mahlin zu erheben, wenn ich erſt ſpaniſcher Prinz ſein werde. Nein nein, ich verlaſſe um Ew. Hoheit willen die beiden niedlichſten Griſetten...“ „Griſetten?... PGriſetten! Pfui doch!“ rief die Herzogin, indem ſie mit den Lippen ungemein verächtlich t8 Der Chevalier von Harmental. 33 * zuet„ich konnte nicht— daß Sie ſich ſ* tief erniedrigen würden.“ „So tief? Ich ſage Ihnen, es ſind zwei allerliebſte Frauenzimmer, die Michelin und die Renaud. Ah, Sie kennen ſie nicht! Madame Michelin iſt eine rei⸗ zende Blondine; ihr Mann iſt Tapezierer; ich empfehle ſie Ihrer Gewogenheit, Frau Herzogin. Madame Renaud iſt eine zierliche Brünette mit blauen Augen; was ihr Mann iſt, weiß ich nicht...“ „Jetzt, mein Herr Herzog,“ fiel ihm die Herzogin von Maine in's Wort,„jetzt genug von Ihren galanten Abenteuern. Erlauben Sie mir Sie daran zu erinnern, daß wir hier ernſter Dinge wegen verſammelt ſind.“ „Nicht wahr, wir haben hier eine Verſchwörung vor?“ „Wie, haben Sie das vergeſſen?“ „Da eine Verſchwörung nichts Heitres an ſich hat, gnädigſte Frau, ſo bin ich ſtets bemuht ſie mir aus dem Kopfe zu ſchlagen; ich vergeſſe daß ich conſpirire; aber das thut nichts; wenn es ſein muß, bin ich gleich wieder bei der Sache. Wie weit ſind wir alſo damit?“ „Leſen Sie dieſe Briefe und Papiere, Herzog, und Sie ſind von allem unterrichtet,“ ſagte Frau von Maine. „Da muß ich um Entſchuldigung bitten, Ew. Hoheit,“ entgegnete Richelieu;„ich leſe nicht einmal die Billets Cheyalier v. Harmental. IMI. 3 34 Der Chevalier von Harmental⸗ die an mich adreſſirt ſind, ich habe gegen achthundert der zierlichſten Briefchen zurückgelegt, deren Leſung ich für meine alten Tage aufbewahre. Malezieux, erzäh⸗ len Sie mir was darin ſteht.“ Der Kanzler that was Richelien von ihm verlangt hatte.„Vortrefflich,“ rief der Letztere, nachdem er den Bericht vernommen;„ich ſtehe für mein Regiment, das in Bahonne liegt und uns von großem Nutzen ſein kann!“ „Ganz recht, darauf rechnen wir auch,“ bemerkte Cellamare;„aber ich hörte ſagen man wolle das Re⸗ giment verlegen.“ „Wirklich?“ „Dem muß man zuvorkommen, Herzog.“ „Und das ſogleich! Geben Sie mir Feder und Pa⸗ pier, ich will an den Herzog von Berwick ſchreiben. Man wird ſich nicht wundern, daß ich in dem Augen⸗ blick, wo der Feldzug beginnen ſoll, für mein Regiment die Gunſt erbitte es nicht vom Kriegsſchauplatze zu ent⸗ fernen.“ Der Herzog von Richelien ſchrieb ſogleich einen Brief an den Herzog von Berwick, worin er ihn er⸗ ſuchte ſein Regiment aus den angeführten Gründen in Bayonne zu laſſen. Der Herzog von Richelien überreichte der Frau Der Chevalier von Harmental. 35 von Maine das Schreiben und fragte:„Nun, gnädigſte Frau, was haben Ew. Hoheit zu thun beſchloſſen?“ „Wir wollen uns begnügen vermittelſt dieſes Briefs vom König die Zuſammenberufung der Generalſtaaten zu erlangen; da wir auf dieſelben zählen können, ſo wollen wir den Regenten ab⸗ und Philipp den Fünften an ſeine Stelle ſetzen laſſen.“ „Ich verſtehe; da nun Philipp der Fünfte Ma⸗ drid nicht verlaſſen kann, ſo ſendet er uns ſeine Voll⸗ macht und wir regieren Frankreich ſtatt ſeiner. Das iſt nicht übel ausgedacht; zur Einberufung der General⸗ ſtaaten aber bedarf es eines Befehls vom König.“ „Der König wird dieſen Beſehl unterzeichnen,“ ſprach die Herzogin. „Ohne daß es der Regent erfährt?“ fragte Riche⸗ lieu. „Allerdings! Ich werde Villeroh das goldne Vließ und den Rang eines Granden von Spanien ver⸗ ſprechen.“ „Ich fürchte ſehr,“ bemerkte der Prinz von Cella⸗ mare,„daß dies nicht hinreichen wird den Marſchall zu bewegen, daß er eine ſo große Verantworklichkeit über⸗ nimmt. 4 5 3* Der Chevalier von Harmental. 36 „Es iſt nicht der Marſchall den wir gewinnen müſſen es iſt ſeine Gemahlin.“ „Sie haben Recht, Herzogin,“ rief Richelien;„das übernehme ich!“ „Sie?“ fragte Frau von Maine erſtaunt. „Ja ja, ich... Sie haben Ihre Correſpondenz, ich habe die meinige. Ich bin mit dem Inhalte von ſechs bis acht Briefen bekannt geworden, die Ew. Hoheit heute empfingen; darf ich Sie dagegen mit dem Inhalt eines Schreibens bekannt machen, das ich geſtern erhielt?“ „Kann dieſer Brief laut geleſen werden?“ „Ei freilich,“ verſetzte der Herzog von Richelieu, „wir haben es hier mit lauter disereten Perſonen zu thun.“ Die Herzogin nahm das Schreiben und las: „Mein Herr Herzog! Ich bin eine Frau von Wort. Mein Mann iſt endlich bereit die kleine Reiſe anzutreten, von der Sie wiſſen. Morgen um eilf Uhr werde ich nur für Sie zu Hauſe ſein. Glauben Sie nicht daß ich mich zu dieſem Schritte entſchließe, ohne das ganze Unrecht auf Herrn von Villeroh gewälzt zu haben. Ich fange um ſeinetwillen an zu fürchten, daß. Sie ihn be⸗ ſtrafen werden. Kommen Sie alſo zur beſtimmten X n 8 h e 1 Der Chevalier von Harmental. 37 Stunde, um mir zu beweiſen daß ich nicht zu tadels⸗ werth bin, weil ich Sie meinem geſetzmäßigen Herrn vorziehe.“ „Tauſendmal Vergebung, Frau Herzogin,“ rief Ri⸗ chelieu,„ich gab Ihnen den falſchen Brief, der von vorgeſtern iſt; hier haben Sie den rechten, der iſt von geſtern.“ 8 ₰ 7 Die Herzogin nahm den zweiten Brief und las: „Mein lieber Armand! Sie ſind ein gefährlicher Anwalt, wenn Sie gegen Berrn von Villero) plaidiren; ich bin wenigſtens genöthigt Ihre Vorzüge zu hoch anzuſchlagen, um meine Schwäche zu vermindern. Sie haben in meinem Her⸗ zen einen Richter, deſſen eignes Intereſſe Sie Ihren Proceß gewinnen laſſen wird. Kommen Sie morgen, um Ihren Proceß weiter zu führen; ich bin bereit Ihnen Audienz zu geben.“ „Sie ſehen,“ ſprach Richelien,„die Frau von Villeroh wird alles thun was ich will, und da ihr Gemahl alles thut was ſie verlangt, ſo werden wir nach der Rucktehr des Herrn Marſchalls leicht zur Einberufung der Generalſtaaten gelangen. Er kommt in acht Tagen zurück. 3 Der Chevalier von Harmental. 38 „Unb bis dahin werden Sie den Muth haben treu zu bleiben, Herzog?“ fragte Frau von Maine. „Wenn ich mich einmal einer Sache angeſchloſſen habe, gnädigſte Frau, ſo bin ich zu den größten Opfern bereit,“ verſetzte Richelieu. „Meine Herren,“ ſagte hierauf Frau von Maine zu den Uebrigen gewandt,„Sie hören, wir können auf den Herzog zählen; ſetzen wir alſo unſre Operationen fort. Sie, Laval, bearbeiten fortwährend die Armee; Sie, Pompadour, den Adel; Sie, Cardinal, die Geiſtlich⸗ keit; der Herzog von Richelien möge die Frau von Villeroh für unſre Sache gewinnen.“ „Und wann verſammeln wir uns wieder?“ fragte Cellamare. „Das wird von den Umſtänden abhangen, mein Prinz,“ erwiederte die Herzogin;„ſollte ich nicht die Zeit haben Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, ſo werde ich Sie durch denſelben Wagen und durch denſelben Kutſcher ab⸗ holen laſſen, welcher Sie ſchon einmal in's Arſenal brachte... Aber, meine Herren, wir ſind hier bereits anderthalb Stunden beiſammen; ich glaube es wird Zeit in den Garten zurückzukehren, ſoll unſre Abweſenheit an⸗ ders nicht Verdacht erwecken.“ „Noch einige Worte, gnädigſte Frau,“ rief Laval; e 3 reu Der Chevalier von Harmental. 39 „ich hatte unſre Proclamationen und andre dringende Schriften bekanntlich von Arbeitern, die nicht leſen konn⸗. ten, im Keller eines Hauſes der Rue Val de Gräce vrucken laſſen; das Geräuſch der Preſſe aber brachte die Nachbarn auf den Gedanken es würde dort falſche Münze geprägt; zum Gluck bekam ich Wind davon, und als die Schergen des Herrn von Argenſon erſchienen, waren ſämmtliche Werkzeuge bei Seite und die gedruckten Pro⸗ clamationen in meine Wohnung geſchafft. Den Druck fortzuſetzen iſt indeß, fürcht ich, allzugefährlich, und ſo käme es jetzt darauf an, einen zuverläſſigen Mann zu finden, welcher die Abſchriften fertigte, deren wir durch⸗ aus bedürfen. Derſelbe muß einer Maſchine gleichen, die gedankenlos copirt, ohne auch nur im geringſten zu beachten was ſie abſchreibt.“ „Ich kenne einen ſolchen Mann und verbürge mich für ihn,“ ſprach der Abbé Brigaud. „Wohlan, ſo wären wir auch damit im Reinen!“ rief die Herzogin.„Jetzt Ihren Arm, Chevalier!“ Sie wollte dem Ritter Harmental dieſe Auszeichnung als Anerkennung ſeines Muthes erweiſen, den er in der Rue des Byns⸗Enfants, und der Geſchicklichkeit, die er in der Bretagne an den Tag gelegt hatte. unſer Held beeilte ſich der ehrenvollen Aufforderung 40 Der Chevalier von Harmental. Folge zu leiſten und führte die Herzogin, von den Uebri⸗ gen gefolgt, in eine kleine reichgeſchmückte Barke, welche die Geſellſchaft wieder an's Ufer brachte. Hier ward ſie von der Göttin der Nacht und einer Schaar ihrer Nymphen empfangen, welche von den lieb⸗ lichſten Muſikinſtrumenten begleitet eine Cantate ſangen; dem Chor derſelben folgte ein Solo, und kaum hatten die erſten Töne deſſelben Harmental's Ohr berührt, als er plötzlich zuſammenzuckte; denn die Stimme, welche er in dieſem Augenblick vernahm, hatte mit einer ihm ſehr wohl bekannten und unendlich theuern Stimme eine ſo auffallende Aehnlichkeit, daß er, wie unwahrſcheinlich es auch war daß Bathilde hier in Seceaur ſein ſollie, raſch von ſeinem Sitze aufſprang um die Sängerin ge⸗ nauer zu betrachten. Leider war das Antlitz derſelben gleich dem ihrer Gefährtinnen mit einem ſternbeſäten ſchwarzen Schleier bedeckt; je näher er dem ufer kam, deſto klarer und deutlicher drang die Himmelsſtimme in ſein Ohr, die ihn ſchon in der Rue du Temps perdu ſo ſehr bezaubert hatte. „Was haben Sie, Herr von Harmental?“ fragte die Herzogin;„äußert die Muſik eine ſo hinreißende Ge⸗ walt über Sie, um ganz zu vergeſſen, daß Sie mein Cavalier ſind?“ Der Chevalier von Harmental. 41 „Verzeihung, gnädigſte Frau!“ rief Harmental, indem er an's Ufer ſprang und der Herzogin ſeine Hand hinreichte;„ich geſtehe, daß die Stimme, welche ich ſo eben vernahm, mächtige Erinnerungen bei mir erweckt hat.“ „Ein Beweis daß Sie oft die Oper beſuchen,“ be⸗ merkte die Herzogin von Maine,„und vaß Sie das Talent der Demoiſelle Vurh zu ſchätzen wiſſen.“ „Wie, die Stimme, die ich ſo eben vernahm, iſt die der Demoiſelle Bury?“ fragte Harmental erſtaunt. „Allerdings,“ entgegnete die Herzogin ein wenig pi⸗ kirt;„wenn Sie meinen Worten keinen Glauben ſchenken, ſo uͤberlaſſen Sie meinen Arm dem Herrn von Lapal oder Pompadour, um ſich ſelbſt zu überzeugen.“ „Ew. Hoheit wollen mich entſchuldigen,“ ſprach Har⸗ mental die Hand zurückhaltend, welche die Herzogin ihm entziehen wollte;„wir beſinden uns in den Gärten der reizenden Armide, und da iſt ein kleiner Irrthum leicht verzeihlich.“. Er führte darauf die Herzogin dem Palaſte zu. Plötzlich ließ ſich jetzt ein ſchwacher Schrei vernehmen, der gleichwohl bis in's innerſte Herz unſers Helden drang, welcher ſich unwillkührlich umwandte. 12 Der Chevalier von Harmental. „Was giebt's ſchon wieder?“ fragte die Herzogin mit einem Anfluge von ungeduldiger Heftigkeit. „Nichts, gar nichts von Bedeutung!“ verſetzte Ri⸗ chelieu;„die kleine Burh hat ihre Vapeurs bekommen. Doch beruhigen Sie ſich, Frau Herzogin, es iſt keine Gefahr dabei; ich kenne dieſe Krankheit... Wenn Ew. Hoheit befehlen, will ich mich morgen ſelbſt nach ihrem Befinden erkundigen.“ Zwei Stunden darauf trat Harmental, vom Abbé Brigaud nach Paris zurückgeführt, in das kleine Dach⸗ ſtübchen der Rue du Temps perdu, das er ſechs Wochen lang nicht geſehen hatte. mit Ri⸗ en. ine w. em IV. Rückkehr in's Dachſtübchen. Das erſte Gefühl, welches ſich Harmental's be⸗ mächtigte als er ſeine Wohnung wieder betrat, war eine unbeſchreibliche Behaglichkeit beim Anblick der Meubles, von denen jedes eine Erinnerung bei ihm erweckte. Ob⸗ gleich ſeit ſechs Wochen von ſeinem Dachſtübchen abwe⸗ ſend, war es ihm doch als hätte er es erſt am vergan⸗ genen Abend verlaſſen, ſo mütterlich hatte Madame De⸗ nis geſorgt, daß er alles an ſeinem frühern Platze fand, Nachdem ſich Harmental einen Augenblick mit dem Wachslicht in der Hand im Zimmer umgeſehen hatte, trat er an's Fenſter und ſandte einen ausdrucksvollen Blick der Liebe hinüber zu den dunklen Scheiben. Sicher⸗ lich ſchlummerte Bathilde ſanft, ohne zu ahnen daß er zurückgekehrt ſei, daß er an ſeinem Fenſter ſtehe und ſehnſuchtsvoll zu ihr hinüber ſchaue. . 4⁴ Der Chevalier von Harmental. Harmental blieb ſo eine halbe Stunde im Fenſter, die Luft einathmend, welche ihm nie ſo rein, nie ſo wohlthuend vorgekommen war; und während ſein Blick von jenem Fenſter zum Himmel und vom Himmel wieder zum Fenſter ſchweifte, fühlte er wie ſehr die reizende Bathilde ſeinem Herzen zum Bedürfniß geworden, wie tief und mächtig die Liebe ſei, welche er für ſie empfand. Endlich ſah Harmental ein, daß er doch nicht die ganze Nacht über im Fenſter bleiben könne; er verſchloß es daher und trat in ſein Zimmer zurück; aber es ge⸗ ſchah nur um ſich den Erinnerungen hinzugeben, die ſich bei ſeiner Rückkehr in das ſaubere Stübchen ſeiner be⸗ mächtigt hatten. Er öffnete ſein Clavier, das ſich ſeit ſeiner Abweſenheit ein wenig verſtimmt hatte, und ließ ſeine Finger mit Schnelligkeit über die Taſten gleiten, auf die Gefahr hin ſeinen Nachbar unter ihm auf's neue zu erzürnen. Dann nahm er die Mappe zur Hand, in welcher das noch unvollendete Portrait Bathildens lag; die Paſtellfarben hatten ſich ein wenig verwiſcht, aber es war doch immer das junge, ſchöne, keuſche Mäd⸗ chen und neben ihr das drollige Köpfchen der kleinen WMirza. Nachdem er noch einmal aus dem Fenſter ge⸗ ſchaut hatte, überwältigte ihn endlich der Schlaf, welcher in einer gewiſſen Periode unſers Lebens eine ſo gewaltige Der Chevalier von Harmental. 45 Macht über uns beſitzt; er warf ſich auf ſein Läger und gab ſich dabei noch einmal den Erinnerungen hin, welche durch den Geſang der Demoiſelle Burh bei ihm er⸗ weckt worden waren und in der er, ſowie ſich ſeine Augen ſchloſſen und ſeine Gedanken verworren zu werden began⸗ nen, immer mehr und mehr ſeine geliebte Bathilde zu erkennen glaubte. Sobald er erwachte, ſprang er raſch vom Bette auf und eilte an's Fenſter. Der Tag war ſchon weit vor⸗ gerückt und die Sonne ſtand klar am Himmel; dennoch war Bathildens Fenſter noch immer ftſt verſchloſſen. Harmental blickte auf ſeine Uhr; ſie deutete auf zehn. Nachdem der Chevalier ſorgfältig ſeine Toilette ge⸗ macht hatte, öffnete er ſein Fenſter und hoffte durch das dabei verurſachte Geräuſch den Blick ſeiner Nachbarin herüberzulocken. Drüben aber regte ſich nicht das Min⸗ deſte; kein Luftzug bewegte den Vorhang; man hätte mei⸗ nen ſollen das Zimmer gegenüber ſei ganz unbewohnt. Harmental huſtete, ſchloß das Fenſter und öffnete es wieder; er brach kleine Kalkſtückchen von der Mauer und warf ſie hinüber an die Scheiben alles blieb fruchtlos. Auf ſein Erſtaunen folgte eine ängſtliche Beſorgniß; das ſo feſt verſchloſſene Fenſter verkündete eine Abweſen⸗ heit, wo nicht gar ein Unglück. Bathilde abweſend: 46 Der Chevalier von Harmental. wo konnte ſie ſein? Was konnte ſie ihrer ſtillen ein⸗ fachen Lebensweiſe entriſſen haben? Wen konnte er da⸗ nach fragen? Von wem konnte er etwas darüber erfah⸗ ren? Doch Madame Denis konnte ihm vielleicht Aus⸗ kunft geben. Da es nun überdies ſchicklich war ihr als Hauswirthin nach ſeiner Rückkehr einen Beſuch abzuſtat⸗ ten, ſo ging er unverzüglich zu ihr hinab. Madame Denis hatte ihren Miethsmann ſeit jenem Frühſtück nicht wiedergeſehen; aber es lebte noch in ih⸗ rem Gedächtniß, wie beſorgt er ſich bei ihrer Ohnmacht benommen hatte; ſie empfing ihn daher mit großer Freund⸗ lichkeit. Zum Glück für Harmental hatten ihre Töch⸗ ter gerade Zeichnenſtunde und Herr Bonifaz befand ſich bei ſeinem Procurator, ſo daß er es nur mit ſeiner ehrenwerthen Wirthin zu thun hatte. Das Geſpräch be⸗ traf natürlich zuerſt die Sauberkeit und Sorgfalt, womit während ſeiner Abweſenheit das Dachſtübchen gepflegt worden war; von da aus war der Uebergang leicht zu der Frage, ob die Wohnung gegenüber andre Mieths⸗ leute bekommen habe, einer Frage der auch ſofort eine jeden Zweifel löſende Antwort folgte. Am geſtrigen Tage hatte Madame Denis Bathilden noch geſehen; am Abend war Bonifaz dem Berrn Buvat begegnet, als dieſer von ſeinem Büreau zurückkehrte. Er hatte S* em cht d⸗ nd Der Chevalier von Harmental. 47 jedoch im Antlitz des wackern Schreiblehrers den Aus⸗ druck eines gewiſſen majeſtätiſchen Stolzes bemerkt, wel⸗ cher dem Erben des Namens Denis um ſo mehr auf⸗ ſiel, da derſelbe bei ſeinem beſcheidenen Nachbar etwas ganz Ungewöhnliches war. Dies war alles was Harmental zu wiſſen wünſchte. Bathilde war in Paris, hatte ihre Wohnung nicht verlaſſen; ohne Zweifel hatte bis jetzt nur der Zufall die Blicke des jungen Mädchens nicht auf das Fenſter gelenkt, welches ſo lange verſchloſſen war und deſſen Zimmer ſie unbewohnt wußte. Harmental beurlaubte ſich bei ſeiner gefälligen Wirthin ſobald er konnte; er traf auf dem Vorſaal den Abbé Brigaud, welcher der Madame Denis ſeinen wöchentlichen Beſuch abſtatten wollte. Der Abbé ver⸗ ſprach dem Chevalier ihn auf ſeinem Stübchen zu be⸗ ſuchen und Harmental eilte die Treppe hinauf und ſogleich an's Fenſter. Bei ſeiner Nachbarin aber hatte ſich nichts verändert; die Vorhänge waren noch immer feſt zugezogen. Harmental beſchloß jetzt das letzte Mittel zu verſuchen; er ſetzte ſich an ſein Clavier und ſang nach einem brillanten Vorſpiele mit einer von ihm ſelbſt componirten Begleitung die Melodie der Cantate, welche er in der letzten Nacht vernommen und die ſich 48 Der Chevalier von Harmental. Note für Note ſeinem Gedächtniß eingeprägt hatte. Aber obgleich ſein Blick während des Spiels nicht von dem unerbittlichen Fenſter wich, ſo blieb dennoch dort alles ſtumm und unbeweglich. Das Zimmer gegenüber hatte kein Echo mehr. Aber ſtatt der beabſichtigten Wirkung zeigte ſich eine andre, die Harmental nicht erwartet hatte; als ſein letzter Ton verhallte, hörte er hinter ſich ein lautes Bei⸗ fallklatſchen; er wandte ſich und gewahrte den Abbé Brigaud. „Ha, Sie ſind's, Abbé!“ rief Harmental raſch auf⸗ ſpringend und das Fenſter ſchließend;„hielt ich Sie doch nicht für einen ſo eifrigen Welomanen!“ 3 „Noch ich Sie für einen ſo guten Muſiker,. Brigaud;„eine Cantate ſo mir nichts dir nichts zu ſpielen, die Sie nur einmal gehört haben. das iſt bewunderungswürdig!“ „Die Melodie gefiel mir, das iſt alles; und da es mir nicht an muſikaliſchem Gedächtniß fehlt, ſo habe ich ſie behalten.“ „Und ſie ward ſo meiſterhaft geſungen, nicht wahr?“ fragte der Abbé. „Die Demviſelle Burh beſitzt in der That eine treff⸗ ine ein ei⸗ b6 Der Chevalier von Harmental. 49 liche Stimme,“ antwortete der Chevalier;„ſobald ſie wieder auftritt, werde ich die Oper beſuchen.“ „Wenn es bloß die Stimme iſt die Sie hören wol⸗ len, ſo brauchen Sie deshalb nicht in die Oper zu gehen,“ bemerkte Brigaud. „Und wohin ſonſt?“ „Nirgendshin. Bleiben Sie wo Sie ſind und Sie befinden ſich im erſten Range.“ „Wie, die Göttin der Nacht.. „War Ihre Nachbarin.“ „Bathilde?“ rief Harmental;„ich habe mich alſo nicht geirrt, ich habe die Stimme erkannt! Das iſt ja aber kaum möglich, Abbé; wie kam Bathilde dieſe Nacht zur Herzogin von Maine?“ „Zuvörderſt, mein lieber Zögling, iſt in der Zeit, wo wir leben, nichts unmöglich,“ antwortete Brigaud. „Mit dieſem Satz machen Sie ſich zuvor recht vertraut, bevor Sie etwas leugnen oder.. etwas unternehmen. Halten Sie nur alles für möglich, dies iſt das ſicherſte Wittel zu allem zu gelangen.“ „Aber ſprechen Sie doch endlich, wie kam die arme athi6 5. „Nichts ging natürlicher zu. Die Sache kann Sie Cheyalier v. Harmental. 1II. 4 50 Der Chevalier von Harmental. indeſſen unmöglich weiter intereſſiren, Chevalier; ſchwatzen wir alſo von andern Dingen.“ „Nein nein, Abbé!“ rief unſer Held lebhaft;„Sie irren! Die Sache intereſſirt mich im höchſten Grade!“ „Wenn Sie denn neugierig ſind, ſo hören Sie. Der Abbé Chaulien kennt Bathilden durch ihren Pflege⸗ vater, welcher einer der geſchickteſten Abſchreiber in ganz Paris iſt. Der alte Herr hat, wie jeder der ſie kennt, dem Zauber ihrer Schönheit unterliegen müſſen— denn man kann ſie nicht ſehen ohne ſie zu lieben.. „Ja ja, das weiß ich, das weiß ich!“ rief Harmen⸗ tal feurig. „Nun alſo,“ fuhr Brigaud fort,„da der gute Chaulieu wußte, daß Bathilde nicht allein vorzüg⸗ lich ſinge ſondern auch eine Meiſterin im Zeichnen ſei, ſo erwähnte er ihrer gegen Demoiſelle Delaunoyh, welche ſie beauftragte ihr die Coſtüme zu zeichnen, welche wir für das geſtrige Feſt brauchten. Nun iſt es der Delaunoh ergangen wie es jedermann ergeht; kaum hatte ſie die junge Zauberin erblickt, als ſie auch die leb⸗ hafteſte Freundſchaft ugd Zuneigung für vieſelbe em⸗ pfand; ſtatt ſie wieder zurückzuſchicken nachdem ſie die Coſtüme gezeichnet hatte, behielt ſie das Mädchen drei Tage bei ſich in Sceaur. Da ward Demviſelle Delau⸗ Der Chevalier von Harmental. 51 noh einſt plötzlich abgerufen, weil der Director der Oper ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Bathilde, die ganz allein war und ſich unterdeſſen langweilte, trat an's Clavier und ſang dabei ſo meiſterhaft, daß die Delau⸗ noy, die unterdeſſen eingetreten war, voll Verwunderung ſtehen blieb, bis die liebliche Sängerin ihre Arie geendet hatte, dann aber auf ſie zueilte, ſie in ihre Arme ſchloß und ihr angſtvoll verſicherte, daß ſie ihr das Leben retten könne. „Die Burh, welche die Cantate ſingen ſollte, war plötzlich erkrankt und das Feſt ſo auf die unangenehmſte Weiſe geſtört, wenn Bathilde ſich nicht entſchloß die Rolle der Göttin der Nacht zu übernehmen. Bathilde machte anfangs die größten Einwendungen, wollte nichts davon hören, bat und flehte, ihre neue Gönnerin aber drückte ſie vor dem Piano nieder und beſchwor ſie wenig⸗ ſtens die Cantate zu probiren; die arme Bathilde ge⸗ horchte mit Thränen in den Augen, ſang aber die Can⸗ tate wahrhaft bewunderungswürdig. „Demviſelle Delaunoh war entzückt. In dieſem Augenblicke trat die Herzogin von Maine in's Zimmer, ganz erſchrocken über das was ſie ſo eben rückſichtlich der Bury erfahren hatte. Bathilde mußte die Can⸗ tate wiederholen, die Herzogin beſtürmte ſie gleichfalls 4* 52 Der Chevalier von Harmental. mit Bitten und das liebenswürdige Mädchen gab endlich unter heftigem Herzklopfen nach... jedoch nur unter zwei Bedingungen, nämlich einmal daß es ihr geſtattet ſei den ehrlichen Buvat perſönlich von der Urſache ih⸗ rer längern Abweſenheit zu unterrichten und dann daß ſie in ihre Wohnung zurück eilen dürfe um die ganze Zeit bis zum Feſte ungeſtört dem Studium der Cantate zu widmen. Auch mußten Frau von Maine und De⸗ moiſelle Delaunoh ihr feierlich geloben das Geheimniß nicht zu verrathen, ſondern jedermann bei dem Glauben zu laſſen, es ſei Demoiſelle Burh welche geſungen habe.“ „Aber wie iſt das Geheimniß dennoch vehn wor⸗ den?“ fragte raſch der Chevalier. „Durch einen ganz unerwarteten Zufall,“ antwortete Brigaud mit jener Naivität, welche es nie errathen ließ ob er eine Sache ernſthaft meine oder ob er per⸗ ſiflire;„alles ging vortrefflich bis zum Schluß der Can⸗ tate; gerade als die Gondel angelegt hatte, ſtieß die an⸗ muthige Sängerin. ich weiß nicht ob der Geſang ſie allzuſehr angegriffen oder ob ſie in der Umgebung der Serzogin jemanden erblickt hatte, den ſie nicht in ſo vornehmer Geſellſchaſt zu treffen geglaubt haben mochte plötzlich alſo ſtieß ſie einen Schrei aus und ſank ohnmächtig in die Arme ihrer Gefährtin. Jetzt waren Der Chevalier von Harmental. 53 alle Schwüre vergeſſen; man hob ihren Schleier, um ſie mit Waſſer zu beſprengen; alles ſtürzte hinzu, ich auch; und während Sie die Frau Herzogin in den Palaſt führ⸗ ten, war ich nicht wenig erſtaunt ſtatt der Demoiſelle Bury in der Göttin der Nacht Ihre reizende Nachbarin zu erkennen.“ „Und jene Ohnmacht?“ fragte Sarmental in großer Unruhe. „Hatte nichts zu bedeuten,“ verſicherte der Abbé;„ſie ward ſo ſchnell gehoben, daß Bathilde auf ihr drin⸗ gendes Verlangen wenige Augenblicke darauf nach Paris zurückkehren konnte, wo ſie eine Stunde vor Ihrer An⸗ kunft eingetroffen ſein muß. Man drang in ſie länger in Sceaux zu verweilen, aber ſie war durchaus nicht zu bewegen.“ „Alſo ſie wäre zurückgekehrt?“ rief Harmental feurig.„Dank, Dank, Abbé, das iſt alles was ich wiſ⸗ ſen wollte.“. „Das heißt, ich kann jetzt machen daß ich fortkomme, nicht wahr?“ fragte lächelnd der Abbé Brigaud;„ich verſtehe; da ich ohnehin Geſchäfte in der Stadt habe, ſo überlaſſe ich Sie Ihren Betrachtungen. Ich ſpreche morgen wieder vor.“ „Auf morgen alſo, lieber Abbé!“ — 54 Der Chevalier von Harmental. „Auf morgen.“ Der Abbé verließ lächelnd das Zimmer. Harmen⸗ tal aber öffnete ſein Fenſter wieder und war entſchloſſen, nicht von demſelben zu weichen bis er Bathilden wenn auch nur auf einen Augenblick geſehen hätte. n⸗ en, en V. Die Botin. Etwas nach vier Uhr Nachmittags ſah Harmen⸗ tal den ehrlichen Buvat, welcher von der Rue Mont⸗ martre kommend nach der Rue du Temys perdu einbog. Der Chevalier glaubte zu bemerken, daß der wackre Ab⸗ ſchreiber heute raſcher als gewöhnlich ging. Was aber die majeſtätiſche Haltung betraf, die Herr Bonifaz am vergangenen Abend bemerkt hatte, ſo war dieſe durchaus verſchwunden und hatte einem Ausdruck von Unruhe Platz gemacht. Es konnte kein Irrthum obwalten, Bu⸗ vat beeilte ſich ſo ſehr, weil er um Bathilden in Beſorgniß war und dieſe mußte alſo leidend ſein. Der Chevalier folgte mit den Augen dem guten Schreiblehrer bis er in ſeinem Hauſe verſchwunden war. Harmental vermuthete nicht ohne Grund, daß er ſich 56 Der Chevalier von Harmental. in Bathildens Zimmer begeben würde, und hoffte alſo endlich den Vorhang gehoben zu ſehen. Er hatte ſich aber geirrt, Buvat begnügte ſich damit den Vor⸗ hang nur ein wenig zu lüften um ſein breites Antlitz an eine der Fenſterſcheiben zu legen, während er auf einer zweiten mit den Fingern trommelte. Auch war ſeine Er⸗ ſcheinung nur von kurzer Dauer, denn ſchon nach einem Augenblicke zog er ſich raſch zurück, wie jemand der ge⸗ rufen wird. Unſer Chevalier glaubte jetzt, daß Bupat zum Eſſen gegangen ſei, und dies mahnte ihn trotz ſeiner ſentimen⸗ talen Stimmung daran, daß auch er noch nichts zu ſich genommen habe. Er beſchloß daher die Eſſenszeit ſeiner Nachbarn, während welcher er doch nicht hoffen konnte das Fenſter geöffnet zu ſehen, gleichfalls zum Eſſen zu benutzen. Er rief alſo den Aufwärter und gebot ihm, vom Reſtaurateur ein leckeres Hühnchen und vom Frucht⸗ händler die köſtlichſten Früchte herbeizuſchuffen. Was den Wein betrifft, ſo waren von der Sendung des Abbé Brigaud noch einige Flaſchen vorräthig. Harmental machte ſich über Tiſche gewiſſermaßen Vorwürfe darüber, daß er trotz der ihn quälenden Un⸗ gewißheit doch einen ſo geſunden Appetit hatte; zum Der Chevalier von Harmental. 57 Glück erinnerte er ſich irgendwo geleſen zu haben, daß die Traurigkeit hungrig mache; dadurch beruhigt, ver⸗ ſchmauſ'te er das Hühnchen bis auf die Knochen. Als er ſein Mittagsmahl beendigt hatte, ſah er zwiſchen dem Vorhang ſeines Fenſters hindurch(denn er hatte ihn während des Eſſens gleichfalls heruntergelaſſen) das Geſicht Buvat's, welches ſich eben am Fenſter der kleinen Terraſſe zeigte. Es war wie geſagt ein wunder⸗ ſchöner Tag und Sarmental glaubte aus einer Bewe⸗ gung des ehrlichen Schreiblehrers ſchließen zu dürſen, daß er jemanden(ohne Zweifel Bathilden) auffordere ihm auf die Terraſſe zu folgen. Einen Angenblick lang hoffte SHarmental endlich die Geliebte zu ſehen und ſprang mit hochklopfendem Herzen raſch von ſeinem Sitze empor. Aber er hatte ſich wieder geirrt; wie ſchön auch der Abend war, wie dringend auch Buvat ſeine Auf⸗ forderung zu wiederholen ſchien, alles blieb fruchtlos. Dies aber war nicht der Fall mit der kleinen nieblichen Mirza, die unaufgefordert hinausſprang auf die Ter⸗ naſſe und ein veilchenblaues Band in der Schnauze hielt, in welchem Harmental dasjenige wiedererkannte, das früher um die Schlafmütze Buvat's gewunden geweſen war. Der Letztere erkannte das Band gleichfalls; er ſprang auf die Terraſſe, jagte dem muntern Thierchen 58 Der Chevalier von Harmental. das Band wieder ab, ſtrich es auf ſeinen Knien glatt und kehrte dann damit in ſein Zimmer zurück. Dieſen Augenblick hatte Harmental erwartet; er öffnete raſch das Fenſter; als nun Mirza ſich wieder aus der kleinen Grotte herauswagte, worein ſie ſich ge⸗ flüͤchtet hatte, und liſtig umherlugte, rief der Chevalier das Thierchen:„Mirza! Mirza!“ und zwar mit dem einſchmeichelndſten Tone, den er nur hervorzubringen im Stande war. Mirza ſtutzte bei dem Schalle der ihr wohlbekannten Stimme und richtete plötzlich die Augen auf den Chevalier; ſie erkannte ſogleich ihren freund⸗ lichen Zuckerſpender; im nächſten Augenblicke war ſie von der Terraſſe verſchwunden und gleich darauf bemerkte Harmental wie ſie mit Blitzesſchnelle über die Gaſſe ſprang und hinter der Thür ſeines Hauſes verſchwand. Noch bevor Harmental ſein Fenſter ſchließen konnte, kratzte die kleine Mirza an ſeiner Zimmerthür. Man kann ſich leicht denken, daß unſer Chevalier das allerliebſte Thierchen nicht lange warten ließ, welches mit freudigen Sprüngen und lautem Bellen auf ihn zueilte. Was Harmental betraf, ſo fühlte er ſich ebenſo glüͤck⸗ lich als ob er Bathilden ſelbſt geſehen hätte. Mirza gehörte dem reizenden Mädchen an, war von ihr ſo oft geſtreichelt, geliebkoſ't und vielleicht gar geküßt worden, Der Chevalier von Harmental. 59 das Köpfchen des Thierchens hatte auf ihrem Schoße ge⸗ ruht, es war der Vertraute ihres Schmerzes wie ihres Glückes; außerdem gab es einen ſichern und ſchnellen Boten ab und in dieſer letztern Eigenſchaft war die kleine Wirza dem Ritter Harmental ganz beſonders werth. Der Chevalier reichte dem freundlichen Thiere einige Stückchen Zucker, dann ſetzte er ſich an ſeinen Schreib⸗ tiſch und warf folgende Zeilen hin. „Theure Vathilde! Sie halten mich für ſehr ſtraf⸗ bar, nicht wahr? Aber Sie kennen die ſeltſamen Ver⸗ hältniſſe nicht, worin ich mich befinde und die mir bei Ihnen zur Entſchuldigung dienen müſſen. Wäre ich ſo unendlich glücklich Sie auch nur auf einen Augenblick zu ſprechen, ſo würde ich Ihnen gar leicht begreiflich machen, was für zwei verſchiedene Geſtalten ſich in mir vereinen: der junge Student in dem ärmlichen Dachſtübchen— und der Chevalier bei den glaͤnzenden Feſten zu Seeaux. Oeffnen Sie mir daher Ihr Fenſter, damit ich Sie ſehen — oder Ihre Thür, damit ich Sie ſprechen kann. Ge⸗ ſtatten Sie mir kniend von Ihnen Verzeihung zu erflehen. Ich bin überzeugt, daß Sie Witleid mit mir haben wer⸗ den, wenn Sie erfahren wie unglücklich ich bin, vor allem aber wie unbeſchreiblich ich Sie liebe. 60 Der Chevalier von Harmental Leben Sie wohl oder vielmehr auf baldiges Wiederſehen! Raoul.“ Harmental legte behutſam das Billet zuſammen und befeſtigte es unter Mirza's Halsband, dann reichte er dieſer noch ein Stückchen Zucker, öffnete ſeine Thür und gab dem Thierchen zu verſtehen was er von ihm erwarte. Mirza war wie der Blitz die Treppe hinab, ſchnappte unterwegs nach den Waden des ſo eben von ſeinem Proeurator heimkehrenden Herrn Bonifaz und verſchwand alsdann in der Thür gegenüber. Einige Augenblicke lang blieb Harmental noch im Fenſter ſtehen, nicht ohne Beſorgniß das Thierchen möchte hinaus auf die Terraſſe zu Buvat eilen und ſo das Brieſchen in unrechte Hände kommen laſſen; die kleine Mirza aber war weit entfernt einen ſolchen Mißgriff zu begehen, denn ſie zeigte ſich nicht am Fenſter des obern Stockwerks und daraus ſchloß Harmental mit Recht, daß ſie im untern geblieben ſei. Um die arme Ba⸗ thilde nicht allzuſehr zu beſtürmen, ſchloß er jetzt ſein Fenſter in der Hoffnung, daß ihm irgend ein Zeichen ihrerſeits den Erfolg ſeiner ſchriftlichen Sendung verkün⸗ den werde. Dem war aber nicht alſo; er hatte ſich zum dritten Der Chevalier von Harmental⸗ 61 Male geirrt. Harmental wartete vergebens den gan⸗ zen Abend und einen Theil der Nacht; um eilf Uhr er⸗ loſch der ſchwache Lichtſchimmer, welcher bisher durch die geſchloſſenen Doppelvorhänge kaum hindurch geſchimmert hatte; und ſo blieb dem armen Chevalier keine Hoffnung übrig Bathilden vor dem andern Tage zu ſehen. Den folgenden Tag aber ſollte er nicht glücklicher ſein. Es wurde drüben ein Vertheidigungsſyſtem befolgt, welches jedem andern weniger verliebten Manne als Har⸗ mental war Furcht vor einer Niederlage eingeflößt ha⸗ ben würde. Der Chevalier aber verbrachte den ganzen Vormittag damit daß er allerhand Pläne entwarf, einen immer thörichter als den andern. Der einzige, welcher noch ſo ziemlich vernünftig war, beſtand darin daß er geradezu über die Straße ſchreiten, die vier Treppen zu Bathilden hinaufgehen, in ihr Zimmer treten, ihr alles offenbaren und ſein Herz vor ihr ausſchütten wollte. Aber es ſchten ihm allzukühn ſich zu ihr zu wagen, ohne durch irgend ein Zeichen ermuthigt worden zu ſein oder wenigſtens für einen Beſuch einen paſſenden Vorwand zu haben. Ein ſo dreiſtes Benehmen konnte das liebliche Mädchen verletzen. und ſie war ohnehin ſchon er⸗ zürnt genug. Beſſer alſo warten. Und Harmental wartete. 62 Der Chevalier von Harmental. Um zwei Uhr Nachmittags trat der Abbé Brigaud zu ihm ein und fand ſeinen Zögling in der übelſten Laune. Der Gaſt warf einen Seitenblick auf das noch immer geſchloſſene Fenſter und errieth alles. Er nahm einen Stuhl, ſetzte ſich dem Jünglinge gegenüber und ſpielte gleich ſeinem Vis⸗à⸗ vis mit den Daumen. Meein lieber Zögling,“ begann er nach einer kurzen Pauſe,„ich müßte mich ſehr irren oder Ihnen iſt etwas ſehr Schmerzliches begegnet.“ „Sie haben Recht, Abbé, ich langweile mich,“ ver⸗ ſetzte der Chevalier unmuthig;„und zwar in einem ſol⸗ chen Grade, daß ich Luſt habe Ihre ganze Verſchwörungs⸗ geſchichte zu allen Teufeln zu wünſchen.“ „Wie, und das jetzt? Jetzt wollen Sie die Ver⸗ ſchwörung aufgeben, jetzt, wo alles am beſten im Gange iſt? Was würden die Andern dazu ſagen?“ „Ei was, die Andern!“ wiederholte der Chevalier verdrießlich;„die haben Zerſtreuungen aller Art, die gehen auf Bälle, in die Oper und in Geſellſchaften, während ich einſam auf meinem Dachſtübchen ſitzen muß!“ „Aber Ihr Clavier, Ihre Zeichnenmaterialien?“ „Es langweilt allein zu muſiciren.“ „Ei, ſo muſiciren Sie doch mit Ihrer reizenden Nach⸗ barin; das würde Sie zerſtreuen!“ Der Chevalier von Harmental. 63 „Kenne ich ſie denn, meine Nachbarin? Oeffnet ſie auch nur ihr Fenſter? Seit geſtern Morgen hat ſie ſich ſo zu ſagen verbarricadirt. Ja, meine Nachbarin, die iſt ings ſehr liebenswürdig.“ müſſen ihre Bekanntſchaft machen, müſſen irgend ei Vorwand ſuchen!“ „Seit geſtern ſchon mühe ich mich ab einen ſolchen zu finden.“ „Und Sie haben ihn noch nicht gefunden? Mit Ih⸗ rer erfindungsreichen Phantaſie? Ei mein lieber Zögling, ich erkenne Sie nicht wieder!“ „Ich muß Ihnen bekennen, mein lieber Abbé, mein Kopf iſt heute wie vernagelt. Wiſſen Sie vielleicht einen ſolchen Vorwand, ſo kommen Sie mir zu Hülfe; ſprechen Si!“ „Nichts leichter als das. Ich verpflichte mich Ihnen die Wohnung Ihrer Nachbarin zu erſchließen, Cheva⸗ Rer „Auf paſſende ſchickliche Weiſe, hoffe ich.“ „Ei, das verſteht ſich.“ 6 „Ich erwürge ſie, Abbé, wenn Ihr Vorwand nichts taugt.“ „Unbeſorgt! Erinnern Sie ſich wie in Sceaur die Rede davon war, daß ein zuverläſſiger Schreiber geſucht 6½ Der Chevalier von Harmental. werden müſſe, um von den Proclamationen die nöthigen Abſchriften zu fertigen? Erinnern Sie ſich auch daß ich verſicherte, dazu ein taugliches Subject zu kennen?“ „Ganz gewiß, nur weiter, weiter!“ „Der welchen ich meinte, der durchaus iſt— Bathildens Pflegevater.“ „Bubat?“ fragte der Chevalier. „Er ſelbſt. Ich gebe Ihnen nun freie Hand; Sie ſollen mein Bevollmächtigter werden. Sie gehen zu ihm hinauf. Sie zeigen ihm die Ausſicht Rollen Goldes zu verdienen; ſeine Thür wird ſich Ihnen weit öffnen und Sie ſpielen und ſingen alsdann mit Bathilden ſoviel Sie nur wollen.“ „Ha, mein lieber Brigaud,“ rief der Chevalier auf⸗ ſpringend und den Abbé umarmend,„Sie retten mir vas Leben!“ Und ſofort griff er ſchon nach dem Hute und wollte zur Thüre hinaus. „Mein Gott, Chevalier, Sie fragen mich nicht einmal wo der gute Mann die Originale zu ſeinen Copien ab⸗ holen ſoll“ „Doch ohne Zweifel bei Ihnen?“ Nicht doch; bei dem Prinzen von Liſthnah, Rue du Bac Nr. 10. — Der Chevalier von Harmental. 65 „Was für ein Prinz iſt das?“ „Ein ue unſrer Fabrik; d' Abranche, Kam⸗ merdiener der Herzogin von Maine.“ „Charmant, ich werde es nie vergeſſen! Auf Wieder⸗ ſehen!“ Wit dieſen Worten ſprang Harmental die Lreppe hinab und nach wenigen Augenblicken war er in dem Hauſe gegenüber verſchwunden.“ Cheyalier v. Harmental. UMI. 5 VI. Der andre Theil. Bathilde hatte nicht ohne Berzenspein eine ſolche Feſtigkeit gezeigt; das arme Mädchen liebte ihren Nach⸗ bar von ganzer Seele, wie man in ſeinem ſiebzehnten Jahre, wie man im Leben nur einmal liebt. Waͤhrend ved rrſtrn Monats ſeiner Abweſenheit hatte ſie die Tage, während der fünften Woche die Stunden und während der letzten acht Tage die Minuten gezählt. Da erſchien der Abbé de Cheaulieu, um ſie zur Demviſelle De⸗ launoh zu führen, und da er gefliſſentlich geſagt hatte, wer ſie eigentlich war, ſo ward ſie mit der ihrem Stande gebührenden Rückſicht und Aufmerkſamkeit empfangen. Zur Annahme dieſer Aufforderung, welche den ehrlichen“ Buvat ſo ſtolz machte, war ſie übrigens durch den G danken beſtimmt worden, daß die von ihr verlangte Be⸗ . — dens waren ihm wie drei Jahrhunderte vorgekommen, Der Chevalier von Harmental. 67 ſchäftigung ſie während der letzten Tage der Abweſenheit Harmental's zerſtreuen würde. Als ſie aber erfuhr, daß Demoiſelle Delaunoh ſie ſelbſt für den Tag mit in Anſpruch nahm, an welchem der Geliebte zurückkehren ſollte, verwünſchte ſie den Au⸗ genblick der ſie nach Steaur geführt hatte, und ſicher wäre ſie nach Paris zurückgekehrt, hätte ſich nicht die Herzogin von Maine ſelbſt in's Mittel geſchlagen. Ba⸗ thilde hatte demnach eingewilligt; um aber von Raoul gleich nach ſeiner Rückkehr erblickt zu werden, hatte ſie ſich bekannklich ausbedungen, ſich nach ihrer Wohnung zu ihrem Pflegevater begeben zu dürfen, um dort die Cantate einzuſtudiren. Man begreift leicht daß, wenn der wackre Buvat ſchon ſtolz darauf war ſeine Bathilde zur Zeichnerin der Coſtüme erkoren zu ſehen, ſein Stolz noch mehr wuchs, als ſie nun gar bei der Feſtlichkeit eine Rolle ſpielen ſollte. Buvat hatte rückſichtlich ſeines theuern Pflegekindes ſtets von einer beſſern Zukunft, von einer Stellung derſelben in der Geſellſchaft geträumt, wie ſte der Tochter Albert's und Clariſſens gebührte. Er war indeſſen bei dieſer Gelegenheit auf eine harte Probe geſtellt worden; die drei Tage der Abweſenheit Bathil⸗ 68 Der Chevalier von Harmental. denn während dieſer Zeit war der arme Schreiblehrer ein Körper ohne Seele geweſen; auf dem Bureau ging es freilich wohl, denn dort hatte er ſeine fortlaufenden Geſchäfte zu verrichten, ſeine Karten, ſeine Etiquetten zu ſchreiben und die Zeit verging; aber nach Hauſe zurück⸗ gekehrt, zwiſchen ſeinen vier Pfählen, da fühlte er ſich der qualvollſten Einſamkeit anheimgegeben. Den erſten Tag hatte er nicht das Mindeſte eſſen können, denn an ſeinem kleinen Tiſche fehlte die anmuthige Bathilde, welche ihm hier ſeit dreizehn Jahren gegenüber geſeſſen hatte. Am folgenden Tage machte er auf Nanettens Vorſtellungen einen Verſuch; aber kaum hatte er das Mit⸗ tagseſſen zu ſich genommen, als er, der bisher kaum wußte ob er einen Magen beſaß, denſelben dergeſtalt be⸗ ſchwert fühlte, vaß es ihm war als habe er eine Por⸗ tivn Blei verſchluckt. Den dritten Tag ſetzte er ſich da⸗ her gar nicht zu Tiſche, und nur mit Mühe konnte ihm die ſorgſame Nanette eine Taſſe Buuillon hinunter⸗ zwingen, in welche ſie noch obendrein zwei große Thrä⸗ nen fallen ſah. Endlich am Abend des dritten Tages war Bathilde zurückgekehrt und hatte ihrem wackern Pflegevater den geſunden Schlaf und den guten Appetit wiedergebracht, denn nun hatte er diejenige wieder, ohne welche das Leben für ihn ohne Werth war. Der Chevalier von Harmental. 69 Bathilde war gleichfalls in der heiterſten Stim⸗ mung, weil Raoul's Rückkehr ſo nahe bevorſtand; er hatte verſprochen nach ſechs Wochen wiederzukommen; ſie beurtheilte ihn nach ſich ſelbſt und wußte, daß er Wort halten würde. Kaum hatte ſich Buvat am nächſten Morgen auf ſein Vureau begeben, als Bathilde ſogleich ihr Fenſter öffnete und während der Einübung ihrer Cantate das Fenſter ihres Nachbars nicht aus den Augen verlor. In der Rue du Temps perdu zeigte ſich nur ſelten ein Wa⸗ gen; nun geſchah es aber heute gerade zufällig, daß von zehn bis vier Uhr deren drei vorüberrollten, und jeden derſelben beobachtete Bathilde mit Herzklopfen, ſank aber dann immer getäuſcht und ſchwermüthig auf ihren Stuhl zurück. Endlich ſchlug es vier Uhr und Buvat's Schritte wurden wenige Minuten nachher auf der Treppe vernehmbar; die arme Bathilde ſchloß ſeufzend ihr Fenſter und... diesmal war ſie es, welche trotz der größten Selbſtbeherrſchung keinen Biſſen zu genießen ver⸗ mochte.— Die Stunde ihrer Abfahrt nach Seeaur erſchien; Bathilde hob noch einmal zitternd den Vorhang.. aber vrüben war alles feſt verſchloſſen. Der Gedanke, daß Ravul's Abweſenheit ſich verlaͤngern könne, ſtieg 70 Der Chevalier von Harmental. jetzt zum erſten Mal in ihr auf; ſie fuhr mit ſchwerem Herzen ab und verwünſchte das Feſt, welches ſie verhin⸗ derte auch während der Nacht auf den zu harren, deſſen ſie ſchon ſo lange mit Sehnſucht gewartet hatte. Das Geräuſch der Feſtlichkeit, vor allem aber der Gedanke, zum erſten Mal vor ſo vielen und hohen Per⸗ ſonen zu ſingen, verſcheuchten indeſſen bei ihr auf Augen⸗ blicke die Erinnerung an Raoul. Von Zeit zu Zeit aber umwölkte ein ſchmerzlicher Trübſinn ihren Blick, wenn ſie daran dachte, daß jetzt vielleicht ihr junger ſchöner Nachbar zurückgekehrt ſei, am Fenſter ſtehe und voll Sehnſucht ihres Anblickes harre. Doch hatte ſie ja den nächſten Tag vor ſich und von Demoiſelle Delau⸗ noh das Verſprechen erhalten, ſie noch vor Tagesan⸗ bruch nach Paris zurückbringen zu laſſen; beim erſten Strahle der Morgenſonne wollte ſie ihr Fenſter öffnen und ſo der erſte Gegenſtand ſein, auf welchen der erſte Blick des erwachenden Geliebten fiele. Dann wollte ſie ihm alles erzählen, die Urſache ihrer Abweſenheit mit⸗ theilen und ihm merken laſſen, wie ſchmerzlich ſie ſeine Abweſenheit empfunden habe. Wenn ſie nach ſich ſelbſt urtheilte, ſo mußte er ſich dann ſehr glücklich fühlen. Wit ſolchen Gedanken war Bathilde beſchäftigt, als ſie die Herzogin von Maine am Ufer des Baſſins Der Chevalier von Harmental. 71 erwartete; und während ſie eben über die Art und Weiſe nachſann, wie ſie den Heimgekehrten zum erſten Mal an⸗ reden wollte, legte die Gondel am Ufer an. Anfangs glaubte Bathilde, beängſtigt durch die Idee daß ſie jetzt zum erſten Mal vor einer ſo zahlrei⸗ chen und vornehmen Geſellſchaft ſingen ſollte, ſie werde keinen einzigen Ton hervorbringen können, doch war ſie allzuſehr Künſtlerin, um nicht durch die treffliche Inſtru⸗ mental⸗-Begleitung, welche von den vorzüglichſten Or⸗ cheſtermitgliedern der großen Oper exeeutirt ward, begei⸗ ſtert zu werden; ſie beſchloß daher niemanden anzuſehen, um ſich nicht einſchüchtern zu laſſen; ſich daher ganz ih⸗ rem Gefühle überlaſſend, ſang ſie nun ſo meiſterhaft, daß man ſie unter ihrem Schleier wirklich für diejenige hielt, deren Stelle ſie vertrat, obgleich dieſe zu den ausgezeich⸗ netſten Sängerinnen ihrer Zeit gehörte. Wer aber beſchreibt Bathildens Erſtaunen, als ſie nach Beendigung des Solo's den Blick ſenkte und auf der Bank der Gondel neben der Herzogin von Maine einen jungen Cavalier bemerkte, welcher mit Raoul die auffallendſte Aehnlichkeit hatte; hätte ſie ihn während des Geſanges erblickt, die Töne wären ihr unfehlbar im Halſe ſtecken geblieben. Ein Weilchen zweifelte ſie noch; je näher aber die Gondel dem ufer kam, deſto weniger 11 Der Chevalier von Harmental. konnte die arme Bathilde in Ungewißheit ſein. Eine ſo frappante Aehnlichkeit konnte ſelbſt nicht zwiſchen zwei Brüdern ſtattfinden; es lag nur allzuſehr am Tage, daß der junge Cavalier der Herzogin und der junge Mann vom Dachſtübchen eine und dieſelbe Perſon wären. Das aber war es nicht was Bathilden ſo ſchwer verletzte. Raoul's höherer Stand rückte ihr ihn nur noch näher, und auf den erſten Blick hatte ſie ja ohnehin in ſeinen Zügen den Stempel einer edlen Geburt erkannt. Was ihr ſo unbeſchreiblich weh that, war der Gedanke daß Raoul ſie getäuſcht und ihr nicht Wort gehalten, ſon⸗ dern auf ihren Anblick verzichtend das kleine Dachſtübchen verlaſſen und ſich den Feſtlichkeiten in Sceaur angeſchloſſen habe. Er hatte alſo nur ein wenig mit ihr geliebäugelt und deshalb einige Wochen im Dachſtübchen verlebt; bald aber war er einer Lebensweiſe überdrüſſig geworden, die er nicht gewohnt war; er hatte, um ſie nicht allzu⸗ ſehr zu kränken, eine Reiſe vorgeſchützt und ſich unbe⸗ ſchreiblich unglücklich genannt. Das alles aber war Trug und Heuchelei; Raoul hatte unfehlbar Paris gar nicht verlaſſen, oder wenn er es auch wirklich verlaſſen hatte, ſo galt nach ſeiner Rückkehr doch ſein erſter Weg nicht dem Orte, der ihm nach ihrer Meinung über alles theuer ſein ſollte. Als nun gar die Gondel angelegt hatte und „ Der Chevalier von Harmental. 73 Harmental mur wenige Schritte von ihr entfernt war, da ſchwand auch der letzte Zweifel, daß der junge Stu⸗ dent und der ſchöne Begleiter der Herzogin von Maine einer und derſelbe wären. Als endlich dieſer der ſtolzen hohen Frau den Arm reichte, da verlor Bathilde die Herrſchaft über ſich ſelbſt, ihre Knie brachen, ſie ſtieß ei⸗ nen Schrei aus und ſank ohnmächtig zuſammen. Als ſie die Augen wieder öffnete, ſah ſie neben ſich Demoiſelle Delaunoh, welche ihr die ſorgfältigſte Pflege zu Theil werden ließ. Sowie ſie ſich ein wenig erholt hatte, eilte ſte einen Palaſt zu verlaſſen, in welchem ſie ſo viel gelitten und wo ſie Raoul geſehen hatte, ohne von ihm erblickt zu werden. Sie warf ſich in den Wa⸗ gen und kehrte, mit welchen Gefühlen kann man ſich den⸗ ken, nach Paris zurück. Sie fand bei ihrer Ankunft Nanetten ihrer har⸗ rend; auch Buvat wollte aufbleiben, um von der großen Feſtlichkeit genauen Bericht zu erhalten, aber der Schlaf hatte ihn überwaltigt und nach Mitternacht ſah er ſich genöthigt ſein Lager zu ſuchen. Bathilde war froh Nanetten allein zu finden; ſie war kaum in ihrem Zimmer angelangt, als ſie in Thränen ausbrach. Nanette war ſehr überraſcht, denn ſie hatte gehofft ihre junge Gebieterin werde ganz glück⸗ — —————— 74 Der Chevalier von Harmental. lich über den gehabten Triumph zurückkehren; auch be⸗ ſtürmte ſie dieſelbe mit Fragen was ihr fehle. Ba⸗ thilde aber antwortete nur mit traurigem Kopfſchütteln, daß ihr nicht das Mindeſte fehle. Die treue Dienerin ſah ein, daß es unſchicklich ſei ferner in ſie zu dringen; ſie ließ daher die Betrübte allein und zog ſich auf ihr Zimmer zurück, welches ſich dicht neben dem Bathil⸗ dens befand. Aber von ängſtlicher Beſorgniß gefoltert, konnte die arme Nanette dem Verlangen nicht widerſtehen, zu be⸗ obachten was ihre junge Gebieterin ferner beginnen würde. Sie lugte demnach durch das Schlüſſelloch und ſah Bathilden weinend vor ihrem Crueifir knien, dann ſich erheben und wie von einem unwillkührlichen Inſtinet getrieben ihr Fenſter öffnen. Von nun an ſchwand bei der treuen Nanette jeder Zweifel; der Gram ihrer jungen Herrin war ein Liebesgram und der junge hübſche Nachbar drüben die Urſache deſſelben. Jetzt war die gute Nanette etwas beruhigt, denn die Frauen wiſſen aus eigner Erfahrung, daß der Liebes⸗ ſchmerz ſich oft in Freude verwandelt. Bathilde ſchlief nur wenig und unruhig; die erſten Freuden und die erſten Schmerzen der Liebe haben den⸗ ſelben Erfolg. Sie erwachte noch müde und mit trüben „ Der Chevalier von Harmental. 75 Augen. Gern hätte ſie für jetzt noch den Anblick Bu⸗ vat's vermieden; dieſer aber hatte ſchon zweimal bei Nanetten nach ihr gefragt. Bathilde nahm alſo ihren ganzen Muth zuſammen, verſuchte zu lächeln und bot ihre Stirn dem Kuſſe ihres Pflegevaters dar. Buvat aber beſaß zu ſehr den Inſtinet des Herzens, um ſich täuſchen zu laſſen; er ſah ihre verweinten Augen und bleichen Wangen; dieſe Zeugen des Schmerzes ver⸗ riethen ihm ihren Kummer. Bathilde leugnete natür⸗ lich daß ihr etwas fehle, aber der ehrliche Copiſt begab ſich nur höchſt beſorgt in ſein Bureau. Sowie ihr Pflegevater fort war, warf ſich Ba thilde ganz erſchöpft auf einen Stuhl und ſtützte ihr kummer⸗ ſchweres Haupt in die Hand, während die kleine Mirza, die nicht wußte was der Gebieterin fehlte, ſie mit fragen⸗ den Angen anblickte. Die ehrliche Dienerin betrachtete Bathilden ein Weilchen mit mütterlicher Zärtlichkeit, endlich aber machte ſie ihrem Herzen Luft und ſat „Leiden Sie noch immer, Mademoiſelle?“ „Ja, meine gute Nanette, noch immer!“ „Wenn Sie das Fenſter ein wenig öffnen wollten, das würde Ihnen vielleicht gut thun.“ „O nein, gute Nanette, das Fenſter dort muß ge⸗ ſchloſſen bleiben.“ 76 Der Chevalier von Harmental. „Aber vielleicht wiſſen Mademoiſelle nicht.. „Doch, doch, ich weiß es, Nanette.“ „Daß unſer junger Nachbar drüben auch ſeit dieſem Morgen zurückgekehrt iſt.“ „Was geht der mich an, Nanette?“ fragte Ba⸗ thilde einen etwas ſtrengen Blick auf ihre Dienerin werfend. Verzeihen Sie, Mademoiſelle.. ich glaubte. ich dachte.. „Was dachteſt Du, was glaubteſt Du?“ „Daß Sie ſeine Abweſenheit beklagten und daß Sie ſich über ſeine Ruckkehr freuen würden.“ „Da hatteſt Du Unrecht.“ Verzeihen Sie, Mademviſelle, aber er ſcheint mir ein ſo ausgezeichneter junger Mann. „Viel zu ausgezeichnet, Nanette, viel zu ausgejeich⸗ net für die arme Bathilde!“ „Für Sie, Mademoiſelle! Zu ausgezeichnet für Sie! Sie ſind des vornehmſten Herrn würdig! Und ſind Sie denn nicht überdies von edler Geburt?“ „Ich bin was ich ſcheine, Nanette, d. h. ein ar⸗ mes Mädchen, mit deſſen Seelenfrieden, Ehre und Liebe ein vornehmer Hert ungeſtraft ſein Spiel treiben zu dür⸗ ſen glaubt; Du ſiehſt, Nanette, daß jenes Fenſter Der Chevalier von Harmental. 77 vort verſchloſſen bleiben muß und daß ich den jungen Mann nicht wiederſehen darf!“ „Wollen Sie ihn denn vor Schmerz ſterben laſſen den armen jungen Mann? Seit dieſem Morgen weicht er nicht von ſeinem Fenſter, und dabei ſieht er ſo tief bekümmert aus, daß Einem das Herz brechen möchte.“ „Was kümmert mich ſein trauriges Ausſehen?“ er⸗ wiederte Bathilde;„was kümmert mich überhaupt der junge Mann? Ich kenne ihn ja nicht; ich weiß nicht einmal ſeinen Namen. Es iſt ohne Zweifel ein Fremder der ſich nur auf einige Zeit hier einlogirt hat, der mor⸗ gen Mittag vielleicht ſchon wieder abreiſ't wie er ſchon einmal verreiſt iſt. Wenn ich darauf geachtet hätte, würde ich Uunrecht gehabt haben, Nanette, und wenn wirklich eine Liebe beſtünde, ſo würdeſt Du, Rntt mich darin zu beſtärken, jedenfalls beſſer thun mir die Thor⸗ heit und die Gefahren derſelben vor Augen zu ſtellen.“ „Aber warum das, Mademoiſelle? Einmal, früh oder ſpät, müſſen Sie ja doch lieben; weshalb alſo nicht den jungen hübſchen Mann drüben, der reich und vornehm zu ſein ſcheint, weil er gar nichts thut?“ „Nun, Nangtte, was würdeſt Du denn ſagen, wenn dieſer junge Manh, der ſo einfach, aber dabei ſo edel er⸗ ſcheint, nichts als ein Lügner und ein Verräther wäre?“ 78 Der Chevalier von Harmental. Ich würde ſagen, daß ich das für ganz unmöglich halte, Mademviſelle.“ „Wenn ich Dir nun aber ſage, daß dieſer junge an⸗ ſpruchsloſe Mann, der das Dachſtübchen drüben bewohnt und ſich immer in ſo einfacher Kleidung zeigt, in dieſer Nacht bei der Feſtlichkeit in Seceaur der Cavalier der Herzogin von Maine war und die Uniform eines Obri⸗ ſten trug?“ „Was ich ſagen würde, Mabemoiſelle? Ich wünrde ſagen, daß der Himmel endlich gerecht iſt, weil er Ihnen einen Mann zuführt, der Ihrer würdig iſt, einen Obriſten, einen Freund der Herzogin von Maine! Ja ja, Made⸗ moiſelle Bathilde, Sie werden eine Gräfin werden; ich bin es, die Ihnen das prophezeiht; und das iſt wahr⸗ lich nicht zu viel für Sie, denn Sie verdienen es! Wenn die Vorſehung gerecht gegen Sie ſein will, ſo müſſen Sie nicht bloß Gräſin, nein Sie müſſen Herzogin, Prinzeſſin, ja Königin werden!... Aber kommen Sie, liebſte De⸗ moiſelle, Sie ſehen bleich und krank aus; die friſche Luft wird Ihnen wohl thun. Laſſen Sie mich das Fenſter öffnen!“ „Nanette, ich verbiete es Dir! Geh an Deine Arbeit und laß mich allein!“ „Ich gehe, Mademoiſelle, ich gehe, weil Sie mich Der Chevalier von Harmental. 79 ſortjagen,“ ſprach Nanette ſich mit der Schürze die Augen trocknend,„wenn ich aber der junge Herr da drüben wäre, ich wüßte ſchon was ich thäte.“ „Und was thäteſt Du?“ „Ich käme ſelbſt hierher und entſchuldigte mich... Sie würden ihm verzeihen, ſelbſt wenn er im Unrecht wäre, ich bin davon überzeugt.“ „Nanette,“ rief Bathilde zitternd,„ſollte er etwa kommen, ſo verbiete ich Dir ihn zu empfangen, verſtehſt Du mich?“„ „Ja ja, ich verſtehe, Mademoiſelle; er ſoll auf keinen Fall herein... wenn es gleich ſehr unhofllich iſt den Leuten die Thür zu zeigen.“ „Höflich oder nicht, thue was ich Dir befohlen habe!“ ſprach Bathilde; jetzt geh, ich will allein ſein!“ Nanette entfernte ſich. Als die arme Bathilde ſich allein befand, brach ſie in Thränen aus. Ihr Muth war nur Stolz— ihr Herz aber war zu ſchwer verletzt und. das Fenſter blieb geſchloſſen. Wir wollen dieſem armen Herzen nicht durch alle Nüancen ſeiner Qualen folgen. Bathilde hielt ſich für das unglücklichſte Mädchen in der ganzen Welt wie ſich Harmental als den unglückſeligſten aller Männer betrachtete. 80 Der Chevalier von Harmental. Gleich nach vier Uhr kehrte Buvat mit beſorgtem Antlitz heim und Bathilde that was in ihren Kräften ſtand, um ihn zu beruhigen; ſie lächelte und ſcherzte und leiſtete ihm bei Tiſche Geſellſchaft, das alles aber be⸗ ſchwichtigte die Beſorgniſſe des wackern Mannes nicht. Nachmittags bat er ſie ihn hinauf auf die Terraſſe zu begleiten, um dort friſche Luft zu ſchöpfen; ſie ſtellte ſich als wolle ſie ſein Verlangen erfüllen, ging auch mit ihm bis in ſein Stübchen hinauf, bemerkte aber alsdann, wie es ihr einfalle daß ſie ſogleich⸗ einen Dankſagungsbrief an den Abbé Cheaulien ſchreiben müſſe und... tehrte in ihr Zimmer zurück. Ungefähr zehn Minuten darauf hörte ſie wie Mirza an die Thür kratzte; ſie erhob ſich um zu öffnen. Das Hündchen ſprang ſo freudig auf Bathilden zu⸗ daß ſie wohl bemerkte, es müſſe ihm etwas Außerordentliches be⸗ gegnet ſein. Sie betrachtete das Thier jetzt mit größerer Aufmerkſamkeit und gewahrte das am Halsbande befeſtigte Briefchen. Bathilde brauchte nicht lange nachzugrü⸗ beln, um zu wiſſen woher Mirza kam und von wem der Brief ſei. Die Verſuchung war allzuſtark, als*daß Bathilde derſelben hätte widerſtehen können. Vei dem Anblick dieſes Papiers, wodurch ſich ihr Schickſal feſt⸗ ſtellen konnte, ſank das arme Mädchen faſt ohnmächtig Der Chevalier von Harmental. 81 zuſammen. Sie löſ'te das Blättchen zitternd mit der ei⸗ nen Hand, während ſie mit der andern Mirza liebkoſ'te, welche über ihre Rolle ſehr erfreut zu ſ ſchien und auf den Hinterpfötchen tanzte. Bathilde öffnete das Brieſchen und überflog es mehrere Augenblicke, ohne auch nur ein Wort davon leſen zu können— es ſchwamm ihr wie ein Nebel vor den Augen. Das Briefchen ſagte freilich viel, aber nicht genug; es ſprach von Schuldloſigkeit und bat um Ver⸗ zeihung, von ſeltſamen Verhältniſſen, welche Verſchwie⸗ genheit bedingten. Was aber die Hauptſache war, das Brieſchen that ihr kund, daß der Schreiber ſie unaus⸗ ſprechlich liebe... und das that Vathilden wohl. Aus einem Ueberreſt weiblichen Stolzes aber beſchloß ſte das Fenſter bis zum folgenden Morgen vetſſn zu halten. Da er ſich ſelbſt ſtrafbar nannte, mußte er äuch beſtraft werden. Die arme Bathilde bedachte nicht daß von der Strafe, welche ſie ihrem Nachbar auferlegte, die Hälfte auf ſie ſelbſt zurückfiel. Nichts deſto weniger hatte das Briefchen ſchon ſo ſehr ſeine Wirkung geäußert, daß Buvat, als er von ſeiner Terraſſe wieder herab⸗ kam, Bath iln weit ruhiger fand; er ging demnach, da er mehrere Abſchriften zu fertigen hatte, ſchon um acht Uhr Abends zu ſeinem Stübchen hinauf und ließ Chevglier v. Harmental, IMI. 6 82 Der Chevalier von Harmental. Bathilden allein, damit ſie ſich nach den Anſtrengun⸗ gen der vergangenen Nacht frühzeitig zur Ruhe legen könne. Bathilde aber wachte; denn trotz der letzten ſchlaf⸗ loſen Nacht fühlte ſie auch nicht das mindeſte Verlangen ſich dem Schlummer hinzugeben. Bathilde wachte, aber ruhig, zufrieden und glücklich, denn ſie wußte, daß das Fenſter des Geliebten offen ſtand; ſeine Standhaftig⸗ keit verkundete ihr ſeinen Liebesſchmerz. Zwei⸗ oder drei⸗ mal war ſie im Begriff ſeine Leiden zu enden und dem Reuigen die Verſicherung zu geben, daß nach einer ge⸗ nügenden Erklärung von ſeiner Seite die Verzeihung nicht ausbleiben ſolle; aber bald darauf kam es ihr vor als ob jedes Entgegenkommen für ein junges Mädchen in ihrer Lage ungeziemend ſei und... ſie verſchob alſo die Sache bis auf den folgenden Morgen. Sie betete wie jeden Abend und... wie jeden Abend war Raoul mit in ihren Gebeten. Gegen Morgen ſchlummerte ſie endlich ein. Als ſie erwachte, machte ſie ſich Vorwürfe darüber, daß ſie ſo ſtreng geweſen ſei; ſie konnte nicht begreifen, wie ſie dem armen Ravul ſo vielen Kummer hatte verurſachen können. Nach dieſen Betrachtungen eilte ſie ſogleich an's Fenſter um es zu öffnen; da ge⸗ wahrte ſie plotzlich durch eine kleine Oeffnung im Vor⸗ er Der Chevalier von Harmental. 83 hange, wie der junge Mann bereits in dem ſeinigen ſtand. Bei dieſem Anblick trat ſie ſogleich wieder zurück. War das nicht ein directes Zugeſtändniß, wenn ſie ſelbſt das Fenſter öffnete? Es war beſſer Nanettens Erſcheinen abzuwarten. Daß dieſe das Fenſter öffnete, war ganz in der Ordnung. Nanette erſchien. Aber ſie war am geſtrigen Tage rückſichtlich des verhängnißvollen Fenſters allzuſehr ge⸗ ſcholten worden als daß ſie jetzt noch einmal den Vor⸗ ſchlag hätte wagen ſollen es zu öffnen. Sie wagte es kaum ſich demſelben zu nähern und räumte ſchweigend im Zimmer auf. Nach einem Stündchen verließ ſie das Zimmer ohne ein Wort geſprochen oder den Vorhang auch nur berührt zu haben. Bathilde war nahe daran zu weinen. Buvat kam zu ihr in's Zimmer, um wie gewöhnlich mit ihr ſeinen Kaffee zu trinken; ſie hoffte, er werde ſie fragen warum ſie ſich ſo eingeſchloſſen halte, und dann hatte ſie Gelegenheit ihn zu erſuchen, daß er das Fenſter öffne; Buvat aber dachte in dieſem Augenblicke nur an ſeine heutige Arbeit auf der Bibliothek, freute ſich über Bathildens beſſeres Ausſehen, trank ſeinen Kaffee und ging wieder fort, ohne über das ſo traurig geſchloſſene Fenſter auch aur ein einziges Wörtchen fallen zu laſſen. 6* 8⁴ Der Chevalier von Harmental. Zum erſten Mal in ihrem Leben war Bathilde über ihren wackern Pflegebater gewiſſermaßen etwas ungehal⸗ ten, denn ſie meinte, es zeige doch gar zu wenig Theil⸗ nahme für ihre Geſundheit, daß er ſie ohne irgend eine beſorgte Aeußerung in ſo eingeſchloſſener Luft zurücklaſſe. Bathilde ſank auf einen Stuhl, ſie hatte ſich ſelbſt in die qualvollſte Lage verſetzt. Sie konnte Nanetten rufen und das Fenſter öffnen laſſen; das wollte ſie aber nicht. Sie konnte es ſelbſt öffnen; das vermochte ſie nicht. Sie mußte alſo warten; aber wie lange? Bis morgen vielleicht oder gar bis übermorgen? Und was ſollte unterdeſſen Ravul von ihr denken? Hatte er nicht Recht, wenn er ſich durch dieſe übertriebene Strenge beleidigt fühlte? Wenn er nun ſeine Wohnung neuer⸗ dings auf ſechs Wochen... oder gar auf immer ver⸗ laſſen ſollte. das wäre ihr Tod geweſen! Bathilde konnte nicht mehr ohne Ravul leben. So vergingen zwei Stunden. für ſie zwei Jahr⸗ hunderte. Bathilde verſuchte alles; ſie trat an's Cla⸗ vier, an ihren Stickrahmen, ſie nahm ihren Griffel, konnte aber nichts begingen. Nanette erſchien wieder; Bathilde ſchöpfte neue Hoffnung. Jene akber öffnete nur die Thür um anzuzeigen, daß ſie einen nothwendigen Der Chevalier von Harmental. 85 Gang zu machen habe; Bathilde winkte ſchweigend, daß ſie nur gehen möge. Nanette hatte in der Vorſtadt St. Antoin⸗ n ſchaffen und konnte alſo unter zwei Stunden nicht zu⸗ rückkehren; was ſollte Bathilde während dieſer zwei Stunden beginnen? Es wäre ſo bezaubernd geweſen ſie am Fenſter zuzubringen; die Sonne ſchien draußen ſo klar und hell! Bathilde zog das Brieſchen wieder hervor, das bisher auf ihrem Herzen geruht hatte; ſie wußte es zwar auswendig, aber gleichviel, ſie las es dennoch wieder und immer wieder. Da kam ihr ein freudiger Gedanke.. ihre Blicke fielen auf die kleine niedliche Mirza, die liebliche Votin... vielleicht brachte ſie ihr ein zweites Schreiben! Sie nahm das liebe Thierchen auf den Arm, liebkoſ'te es und öffnete ihm dann die Thür, welche auf den Vorſaal führte. O Himmel, vör derſelben ſtand ein junger Mann, welcher ſo eben die Klingel ziehen wollte! Bathilde ſtieß ei⸗ nen Freudenruf, der junge Mann einen Ruf Zärt⸗ lichkeit aus— es war Ra oul. VII. Der dritte Himmel. Bathilde wich einige Schritte zurück, denn ſie fühlte daß ſie ſonſt in die Arme des jungen Mannes ſinken würde. Raoul dagegen machte ſchnell die Thür zu und warf ſich zu Bathildens Füßen. Die beiden jungen Leute wechſelten einen einzigen Blick der unaus⸗ ſprechlichſten Liebe, jedes von ihnen ſprach den Namen des Andern aus, ihre Hände ſchloſſen ſich in einander und alles war vergeſſen. Die beiden armen Herzen, die ſich ſo viel zu ſagen hatten, ſchlugen faſt aneinander und ſchwiegen dennoch. Ihre ganze Seele hatte ſich in ihre Augen gedrängt und ſie redeten die ſtumme Sprache, welche in der Liebe ſo ausdrucksvoll iſt und vor der ge⸗ wöhnlichen Rede den Vorzug beſitzt, daß B niemals lügt. 4 Der Chevalier von Harmental. 87 So vergingen einige Augenblicke; dann lehnte ſie ſich zuruck, um Athem zu ſchöpfen, und ſtammelte:„Großer Gott, was habe ich gelitten!“ „Und ich, ich!“ rief Harmental,„ich, auf dem der Schein der Schuld laſtet und der dennoch ſchuldlos iſt!“ „Schuldlos— ſchuldlos?“ fragte Bathilde, bei welcher die vorigen Zweifel wieder aufſtiegen. „Ja ſchuldlos,“ verſetzte Ravul, und nun erzählte er der Geliebten alles was er ihr aus ſeinem Leben er⸗ zählen durfte, d. h. ſeinen Zweikampf mit Lafare und wie er als Folge deſſelben ſich in der Rue du Temps perdu verborgen gehalten habe, wie er darauf Bathil⸗ den zum erſten Male geſehen und wie in ihm die in⸗ nigſte Liebe für ſie entſtanden ſei. Er ſchilderte ihr ſein Glück, als ihm die Ueberzeugung geworden war, daß ſie ihn gleichfalls mit herzlicher Theilnahme betrachte. Da habe er als Obriſt der Carabiniers plötzlich den Befehl echalten ſich augenblicklich nach der Bretagne zu begeben, vor ſeiner Ruckkehr nach Paris aber Ihrer Hoheit der Frau Herzogin von Maine in Seeaur Bericht vom Er⸗ folg ſeiner Sendung abzuſtatten. Er hoffte in Sceaur ſchnell erpedirt zu werden, war aber dort gerade zu einem Feſte gekommen, an dem er wegen ſeiner Stellung zum Herz og n Maine theilnehmen mußte. Er ſchloß ſeine 88 Der Chevalier von Harmental. MWittheilung mit den Verſicherungen der innigſten Liebe und der unwandelbarſten Treue. Jetzt kam Bathilde an die Reihe. Sie hatte gleichfalls eine lange Geſchichte zu erzählen, aber in dieſer Geſchichte war nichts verborgen, es herrſchte darin kein Dunkel, ſie war einfach und klar. Sie ſchilderte ihm ihr ganzes Leben mit treuen Farben. Ihre Abkunft, ihre beklagenswerthe Lage als verlaſſene Waiſe, die Zärt⸗ lichkeit und unbeſchreibliche Sorge des wackern Buvat, kurz ſie erſchloß ihm ihr Herz bis zu dem Augenblick, in welchem ſie ihn, Harmental, am Fenſter erblickt hatte. Da ſchwieg ſie erröthend, denn ſie fühlte daß ſie jetzt nichts mehr zu erzählen habe. Damit war Raoul aber nicht zufrieden; er 1 in ſie und das arme Mädchen mußte erröthend und ſtockend alles mittheilen, was ſeitdem in ihrem Herzen vorgegangen war. So waren zwei Stunden wie zwei Augenblicke ver⸗ gangen und noch befanden ſich die jungen Leute in der⸗ ſelben Stellung; Harmental lag eben auf den Knien vor Bathilden, ſie hatte ſich über ihn geneigt, ihre Hände ruhten in einander und Auge wurzelte in Auge... da ward plötzlich die Klingel gezogen. Bathilde warf einen raſchen Blick auf die Uhr; die vierte Stunde war Der Chevalier von Harmental. 89 vorüber, der Kommende konnte kein Andrer als Buvat ſein. Bathilde ſchrak heftig zuſammen, Ravul aber be⸗ ruhigte ſie lächelnd; er gedachte des Vorwandes, welchen ihm der Abbé Brigaud eingegeben hatte. Die beiden Liebenden wechſelten noch einen Händedruck, noch einen Blick der Liebe und Treue, dann öffnete Bathilde die Thuͤr ihrem Pflegevater, welcher ſie wie gewöhnlich um⸗ armte, einen Kuß auf ihre Stirn drückte und dann erſt Harmental bemerkte. Buvat's Beſtürzung war grenzenlos; es war das erſte Mal, daß ein andrer Mann als er bei ſeiner Pflege⸗ tochter eintrat; er ſah Harmental mit großen Augen an und die Geſtalt deſſelben ſchien ihm nicht ganz unbe⸗ kannt. Harmental trat mit jener Leichtigkeit auf ihn zu, welche den feinen vornehmen Mann bezeichnet.„Ich Jabe die Ehre mit Herrn Buvat zu reden?“ ſprach er. „Der bin ich,“ verſetzte der ehrliche Abſchreiber, in⸗ dem er bei dem Klange der Stimme Ravul's titterte, denn auch dieſe ſchien ihm nicht unbekannt;„die Ehre iſt ganz auf meiner Seite.“ „Sie kennen den Abbé Brigand?“ fuhr Har⸗ mental fort. 90 Der Chevalier von Harmental. „Ja, mein Herr, ſehr gut. Es iſt der.. der Beich⸗ tiger der Madame Denis.“ „Derſelbe. Sie haben ſich einmal an ihn gewendet, vaß er Ihnen Beſchäftigung im Abſchreiben verſchaffe.“ „Ganz recht, mein Herr, denn ich bin Copiſt, Ihnen zu dienen.“ „Der Abbé Brigaud, mein Lehrer, hat Ihnen eine treffliche Kundſchaft anzubieten.“ „Wirklich? Ei das freut mich. Setzen Sie ſich doch, mein Herr.“ „Und wer iſt es, der mir Arbeit will?“ Der Prinz de Liſthnah, Rue du Vae Nr. 10.“ „Ein Prinz, mein Herr, ein Prinz?“ „Ja, ein ſpaniſcher Prinz, glaube ich; er ſteht mit einer Zeitung zu Madrid in Verbindung und berichtet derſelben alle Neuigkeiten aus Paris.“ Vortrefflich,“ erwiederte Buvat ſich die Hände reibend.* „Es wird Ihnen aber einige Muhe machen,“ nahm Harmental wieder das Wort,„denn alle ſeine Be⸗ richte ſind in ſpaniſcher Sprache geſchrieben. Aber man braucht nicht gerade eine Sprache zu verſtehen um in derſelben Abſchriften zu fertigen.“ „Ei, das verſteht ſich. Die Kalligraphie iſt gewiſſer⸗ —50 Der Chevalier von Harmental. 91 maßen eine Kunſt wie das Zeichnen, ſie beſteht im ge⸗ nauen Nachmalen.“ „Und ich weiß, daß Sie in dieſer Kunſt ein Meiſter ſind,“ ſchmeichelte Harmental. „Sie beſchämen mich in der That, mein Herr,“ ent⸗ gegnete der wackre Abſchreiber;„darf ich Sie jetzt fragen um welche Stunde ich Sr. Hoheit aufwarten ſoll?“ „In einer Stunde, wenn es Ihnen paßt, nachdem Sie Ihr Mittagsmahl eingenommen haben, zwiſchen fünf und halb ſechs Uhr. Sie haben doch die Adreſſe nicht vergeſſen?“ „Keineswegs, mein Herr, keineswegs: Rue du Bac Nr. 10, ich werde mich pünklich einfinden.“ „Alſo auf Wiederſehen, mein Herr Buvat!“ ſprach Harmental,„und Sie, Mademoiſelle,“ fuhr er zu Ba⸗ thilden gewendet fort,„ empfangen Sie meinen Dank, daß Sie die Güte hatten mir, während ich Herrn Bu⸗ vat erwartete, Geſellſchaft zu leiſten, eine Güte für die ich Ihnen ſehr dankbar bin.“ MWit dieſen Worten verbengte ſich Harmental noch einmal gegen Buvat und Bathilde und verließ das Gemach. „Das iſt ein ſehr liebenswürdiger junge Mann,“ bemerkte Buvat.* 92 Der Chevalier von Harmental. „Sehr liebenswürdig,“ wiederholte Bathilde ohne recht zu bedenken was ſie ſagte. „Es iſt doch ſeltſam, mir iſt es als hätte ich ihn ſchon früher geſehen.“ „Das iſt wohl möglich,“ verſetzte Bathilde. „Seine Stimme war mir keineswegs fremd,“ ſprach Buvat nachdenkend. Bathilde erſchrak, denn ſie erinnerte ſich des Abends, an welchem Buvat ganz verſtört zurückgekehrt war, nachdem ihm das Abenteuer in der Rue des Bons⸗En⸗ fants begegnet war. Harmental hatte ihr in ſeiner Mittheilung nichts geſagt was darauf Bezug hatte. Jetzt erſchien Nanette und berichtete, daß das Mit⸗ tagseſſen fertig ſei. Buvat, welcher ſich gern bald zum Prinzen begeben wollte, trat zuerſt in das kleine Speiſezimmer.„Nun, Mademoiſelle,“ fragte Nanette leiſe,„er iſt alſo zurückgekehrt der hübſche junge Mann?“ „Ja, Nanette, ja,“ erwiederte Bathilde, mit dankerfülltem gen Himmel gehobenem Blick,„und ich bin ſehr glücklich.“ So ſprechend folgte ſie ihrem Pflegeva⸗ ter, welcher ihrer bereits im Speiſezimmer harrte⸗ Was unſern Harmental betrifft, ſo war er nicht minder glücklich als Bathilde. Er wußte daß er ge⸗ liebt ſei; Bathilde hatte es ihm mit derſelben Freude Der Chevalier von Harmental. 93 geſagt, womit ſie die Erklärung ſeiner Liebe von ihm vernommen hatte. Er war geliebt, aber nicht von dem armen unbedeutenden Mädchen, nicht von einer Griſette — ſondern von einer Jungfrau, deren Vater beim Her⸗ zoge von Orleans einem wichtigen Ehrenamte vorge⸗ ſtanden hatte. Nichts ſtand alſo einer Verbindung zwiſchen Harmental und Bathilden im Wege. Nur Eins vergaß er dabei, das Geheimniß welches er Ba⸗ thilden nicht entſchleiert hatte weil es ihm nicht an⸗ gehörte, dieſe Verſchwörung welche zu ſeinen Füßen einen Abgrund höhlte, der ihn jeden Augenblick verſchlingen konnte. Sarmental aber war weit entfernt die Dinge in dieſem Lichte zu betrachten. Er war gewiß daß er ge⸗ liebt ſei, und dieſe Gewißheit verleiht dem noch ſo trüben und dunkeln Himmel des Verliebten die freundliche Farbe des Roſalichtes. Bathilde hegte gleichfalls keine düſtern Zweifel in Betreff der Zukunft. Das Wort„Heirath“ war zwat weder von ihr noch von Harmental ausgeſprochen worden, ihre beiden Herzen aber hatten ſich einander in ihrer ganzen Reinheit gezeigt, und kein ſchriftlich abge⸗ faßter Contract war ſo gültig als die Anſprüche derſel⸗ ben; daher war Bathilde, als Buvat nach dem Mit⸗ 94 Der Chevalier von Harmental. tagseſſen Hut und Stock genommen hatte um ſich zum Prinzen Liſthnah zu begeben, kaum allein als ſie auch ſofort auf ihre Knie ſank um dem Ewigen zu danken, worauf ſie freudig und vertrauensvoll das verhängniß⸗ volle Fenſter öffnete, welches ſo lange geſchloſſen geweſen war. Was unſern Harmental betrifft, ſo hatte er ſeit ſeiner Rückkehr in ſeine Stube das ſeinige nicht ver⸗ laſſen. In wenigen Augenblicken waren die Liebenden über alles einverſtanden. Die gute Nanette ſollte in's Ver⸗ trauen gezogen werden. Jeden Tag, ſobald Buvat ſich entfernt haben würde, ſollte Harmental herüber kom⸗ men und zwei Stunden bei Bathilden bleiben. Die übrige Zeit wollte man an den Fenſtern mit einander plaudern. Und mußten dieſe geſchloſſen ſein, wollte man einander ſchreiben. Gegen ſieben Uhr Abends ſah man den wackern Bu⸗ vat um die Ecke der Rue Montmartre biegen; er ſchritt gravitätiſch daher und hielt in der einen Hand ſeinen Stock, in der andern eine Rolle Papier; man ſuh es in ſeinem Antlitz, daß ihm etwas Großes begegnet ſein müſſe. Bupat war beim Prinzen eingeführt worden und hatte mit dem gnädigen Herrn ſelbſt geſprochen. Die beiden Liebenden ſahen Buhat erſt als er ſich Der Chevalier von Harmental. 95 unter ihnen befand. Harmental ſchloß ſofort das Fenſter. Bathilde war ein Weilchen beſorgt geweſen daß Harmental, als er des Prinzen Liſthnay erwähnte, nur ein Mährchen vorgebracht habe um ſeine Anweſen⸗ heit zu entſchuldigen, und da ſie keine Zeit gehabt hatte den Geliebten deshalb zu fragen, ſo ſah ſie jetzt der Rücktehr ihres theuern Pflegevaters mit diniger Beſorg⸗ niß entgegen. Das Antlitz Buvat's aber glänste vor Freude. ⸗ „Nun, lieber Papa?“ fragte Bathilde noch immer ein wenig ängſtlich. „Ich habe mit Hoheit ſelbſt geſprochen,“ bemerkte Buvat. Bathilde ſchöpfte wieder Athem. „Ein ſchöner Mann, ſag' ich Dir, Bathilde,“ fuhr Buvat fort,„mehr als fünf Fuß acht Zoll hoch und von majeſtätiſchem Anſehen; er wirft mit den Louisd'or um ſich als ob es Pfennige wären. Er bezahlt mir meine Abſchriften mit funfzehn Livres für die Seite und hat mir 25 Louisd'or im voraus eingehändigt.“ Fetzt durchzuckte Bathildens Köpſchen eine andre Beſorgniß; ſie glaubte Ravul habe die Abſicht ihrem Pflegevatet auf dieſe Weiſe Geld in die Hände zu ſpie⸗ Mannes bekannt ſchienen““ 96 Der Chevalier von Harmental. len, das er verdient zu haben wähnte. Dieſe Idee hatte etwas ſo Demüthigendes, daß Bathilde ihr Herz zu⸗ ſammengepreßt fühlte. Sie warf einen Blia auf Har⸗ mental's Fenſter und ſah, daß er verſtohlen hinter ei⸗ ner Scheibe deſſelben mit einem innigen Ausdruck der Liebe nach ihr ſchaute; ſo vergaß ſie alles, indem ſie nach ihm hinüberblickte. Und dies that ſie mit einer ſo gänzlichen Vergeſſenheit ihrer ſelbſt, daß ſogar der ehr⸗ liche Buvat es bemerkte und ſich ihr näherte, um zu erfahren was ihre Aufmerkſamkeit ſo ausſchließlich in Anſpruch nähme. Harmental aber hatte ihn erblickt und ließ ſchnell den Vorhang fallen, ſo daß Buvat's Neugier unbefriedigt blieb. „Alſo, lieber Papa, Sie ſind zufrieden?“ fragte Ba⸗ thilde ſchnell.. „Das will ich meinen, liebe Bathilde. Aber ich muß Dir noch etwas mittheilen. Du weißt, ich ſagte Dir daß mir die Geſtalt und die Stimme des jungen „Ganz recht. Nun?“ „Denke nur, als ich heute die Rue des Bons⸗En⸗ fants paſſirte und vor dem Hallſe Nr. 25 vorbeikam, ging mir plötzlich ein Licht auf. Es war mir als ob dieſer junge Mann derſelbe ſei, welcher mir in jener Der Chevalier von Harmental. 97 furchtbaren Nacht entgegentrat, an die ich nie ohne Schrecken denker Inn.“ „Ei lieber Papa, welch ein Gedanke!“ verſetzte Ba⸗ thilde ſelbſt ein wenig ſchaudernd. „Ja, was ſagſt Du dazu? Ich war ſchon auf dem Punkte wieder umzukehren, denn ich dachte dieſer Prinz von Liſthnah könnte wohl gar das Oberhaupt der Räuberbande ſein und ich auf dieſe Weiſe in eine Diebs⸗ höhle gelockt werden. Da ich aber niemals Geld bei mir trage, ſo ſah ich ein, daß ich nichts zu beſorgen hatte, und ſetzte zu meinem Glück den Weg fort!“ „Und jetzt, mein lieber Papa, nicht wahr, ſind Sie uberzeugt, daß der gute junge Mann, der heute im Auf⸗ trage des Abbé Brigand hier war, nicht derſelbe iſt, welcher Ihnen in der Rue des Bons⸗Enfants begegnete?“ „Allerdings! Wie kann ein Räuberhauptmann mit einem Prinzen in Verbindung ſtehen? Aber da plaudre ich und vergeſſe die Arbeit! Ich habe Sr. Hoheit ver⸗ ſprochen ſogleich daran zu gehen und muß mein Wort halten. Alſo gute Nacht, liebſtes Kind, gute Nacht!“ „Gute Nacht, beſter Papa!“ Hierauf ging Buvat in ſein Zimmer hinauf und ſetzte ſich an ſeine Abſchriften, welche ihm der Prinz Chepalier v. Harmenta. M. 7 6 Der Chevalier von Harmental. de Liſthnah ſo großmüthig vorausbezahlt hatte. Was die Liebenden betrifft, ſo knüpften ſie ihre durch Buvat's Ankunft unterbrochene Unterhaltung wieder an, und der Himmel weiß wann die beiden Fenfter geſchloſſen wurden VIII. Der Nachfolger Fenelon's. Die nächſten drei bis vier Tage ſchwanden den Liebenden wie Augenblicke dahin; ſie waren während dieſer Zeit die glückſeligſten Geſchöpfe der Welt. Die Erde aber, welche für ſie ſtill zu ſtehen ſchien, drehte ſich nichts deſto weniger für die übrige Menſchheit, und die Begebenheiten, welche ſie in einer Zeit, wo ſie es am wenigſten erwarteten, aus ihrem Liebesrauſche auſſchrecken ſollten, bereiteten ſich ſchweigend vor. Der Herzog von Richelien hatte pünktlich Wort gehalten. Der Marſchall von Villeroh war am vier⸗ ten Tage ſeiner Abweſenheit durch einen Brief ſeiner Gemahlin, der Marſchallin, wieder zurückgerufen worden, denn ſie hatte ihm geſchrieben, ſeine Gegenwart beim König ſei jetzt nothwendiger als je. Als Gouverneur 1* 100 Der Chevalier von Harmental. des Königs hatte der Marſchall das Vorrecht ihn nur auf ſeinen eignen ausdrücklichen Befehl zu verlaſſen und auch bei ihm zu bleiben, es mochte bei ihm eintreten wer da wollte und wäre es der Prinz⸗Regent ſelbſt. Beſonders in Bezug auf den Letztern affectirte der Her⸗ zog von Villeroh eine auffallende Vorſicht, und da dies dem Haſſe der Herzogin von Maine und ihrer Par⸗ tei zuſagte, ſo lobten ſie deshalb den Marſchall bei jeder Gelegenheit; auch ward das Gerücht verbreitet, er habe auf dem Kamin Ludwig's XV. vergiftete Bonbons entdeckt, die von Gott weiß wem dahin gelegt worden wären. Das Reſultat von alle dem war eine geſteigerte Verleumdung gegen den Herzog von Orleans und ein vermehrter Einfluß des Marſchalls von Villeroh, welcher den jungen Monarchen überredet hatte daß er ihm die Erhaltung ſeines Lebens zu verdanken habe. Das auf dieſe Weiſe eingeſchüchterte arme königliche Kind ſetzte daher auch nur Vertrauen in den Marſchall von Villeroh und in den Herrn von Fréjus. „ Herr von Villeroh war alſo ganz der Mann für den ihm beſtimmten Auftrag. Nachdem er ſich noch ein Weilchen bedacht hatte, ward beſchloſſen, daß am nächſten Montag, wo der Regent nach dem Sonntags immer ſtattfindenden Souper den König nur ſelten ſah, dieſem Der Chevalier von Harmental. 101 die beiden Briefe des Königs von Spanien Philipp's des Fünften vorgelegt werden ſollten. Der Herzog von Villeroh ſollte nun den Tag, wo er mit ſeinem föniglichen Zöglinge allein war, dazu benutzen von die⸗ ſem die Einberufung der Generalſtaaten zu erlangen. Dieſer Beſchluß ſollte dann auf der Stelle expedirt und gleich am folgenden Morgen, noch bevor der Regent den jugendlichen Monarchen geſprochen hätte, veröffentlicht werden, ſo daß dieſe Maßregel nicht mehr widerrufen werden könnte. Während dieſe Verſchwörung gegen den Herzog von Orleans angezettelt wurde, ſetzte vieſer ſeine gewöhn⸗ liche Lebensweiſe fort, die aus Arbeit, Studium, Ver⸗ gnügungen und mancherlei häuslichen Händeln zuſammen⸗ geſetzt war. Drei ſeiner Töchter machten ihm wahrhaf⸗ ten Verdruß.— Frau von Berry, die er über alles liebte weil ſie ihm einmal bei einer Krankheit, als er von den Aerzten ſchon aufgegeben war, das Leben geret⸗ tet hatte, lebte öffentlich mit Riom, den ſie bei jedem Vorwurfe ihres Vaters zu heirathen drohte.— Made⸗ moiſelle de Chartres beharrte noch immer auf ihrem Enſchluſſe den Schleier zu nehmen, ohne daß man wußte ob dieſer Vorſatz einem Liebeskummer oder einem wirk⸗ lichen innern Beruf entſtamme. Erwieſenermaßen gab ſie 102 Der Chevalier von Harmental. ſich noch als Novize allen weltlichen Vergnügungen hin, welche ſie irgend im Kloſter genießen konnte; ſo hatte ſie in ihre Zelle z. B. Gewehre, Piſtolen, Raketen und ähn⸗ liche Dinge ſchaffen laſſen, weil ſie ihren jungen Freun⸗ dinnen jeden Abend eine phrotechniſche Unterhaltung zu bereiten wünſchte. Uebrigens verließ ſie das Kloſter de Chelles niemals, wo ihr Vater ſie jede Mittwoche be⸗ ſuchte.— Die dritte Perſon der Familie des Regenten, welche dieſem gleichfalls vielen Aeger verurſachte, war Demoiſelle de Valois, von der er argwöhnte ſie ſei Richelieu's Geliebte. Konnte er ſich in dieſer Be⸗ ziehung nicht einmal dadurch Gewißheit verſchaffen, daß er die beiden Liebenden durch ſeine geheime Polizei be⸗ obachten ließ, ſo kam er doch gewiß nicht auf andre Gedanken, als ſich die Valois weigerte dem Prinzen von Piemont ihre Hand zu reichen. Hier beſtand jedoch der Regent feſt auf ſeinem Verlangen und die Liebenden wußten nicht mehr wo aus noch ein, da brach eine ganz unerwartete Begebenheit die Verhandlungen plötzlich ab. Madame, die Mutter des Regenten, hatte mit ihrer deutſchen Freimüthigkeit an die Königin von Sicilien, eine ihrer fleißigſten Correſpondentinnen einen Vrief geſchrieben, worin ſie ihr mittheilte, daß die junge Prinzeſſin, welche man dem Prinzen von Piemont zur nd v Der Chevalier von Harmental. 103 Gemahlin beſtimme, ſchon einen Geliebten habe und zwar am Herzog von Richelieu. Man kann leicht denken, daß nun von der andern Seite ſofort aller Verkehr abgebrochen wurde. Der Regent erfuhr bald die Urſache des Bruches. Er ſchmollte einige Tage mit ſeiner Mut⸗ ter und wünſchte ihre Schreibſeligkeit zum Teufel; da er aber einen überaus verſöhnlichen Charakter beſaß, ſo lachte er nachher ſelbſt über dieſe Angelegenheit, von der er übrigens durch eine andre, nämlich durch Dubois' Zudringlichkeit abgezogen wurde, welcher mit aller Ge⸗ walt Erzbiſchof werden wollte. Wir haben bereits bei Dubois' Rückkehr von Lon⸗ don geſehen, mit welchen Augen der Herzog von Or⸗ leans ſein Geſuch betrachtete; doch Dubvis war nicht der Mann ſich durch eine abſchlägliche Antwort abſchrecken zu laſſen. Das Erzbisthum Cambrai, eine der reich⸗ ſten Pfründen mit einem jährlichen Einkommen von 150,000 Livres, war durch den Tod des in Rom ver⸗ ſtorbenen Cardinals Trémonille erledigt worden. Da nun Dubois das Geld ungemein liebte und ſich jedes nur erdenkliche Mittel erlaubte um ſich deſſen zu ver⸗ ſchaffen, ſo weiß man nicht gewiß ob er nach dieſer Wurde trachtete weil ſie große Einkünfte oder ſie die Ehre verlieh Fönélon's Nachfolger zu werden. F 104 Der Chevalier von Harmental. Bei der erſten beſten Gelegenheit brachte er demnach dieſe Geſchichte wieder auf's Tapet. Der Herzog wollte auch jetzt wieder einen Scherz aus der Sache machen, Dubois aber nahm die Sache ernſter und ward immer dringender. Der Regent konnte keine Langeweile ertra⸗ gen, Dubvis aber begann ihn mit ſeiner Zudringlich⸗ keit dermaßen zu ennuhiren, daß ihn der Erſtere endlich aufforderte einen Prälaten aufzuſuchen, der es überneh⸗ men würde ihn zu weihen. „Weiter nichts?“ rief der Abbé Dubvis;„der iſt leicht gefunden, gnädigſter Herr!“ „Unmöglich, ganz unmöglich!“ meinte der Herzog. „Ew. Hoheit werden ſich gleich überzeugen,“ entgeg⸗ nete Dubois, indem er ſchnell das Cabinet verließ. Nach fünf Minuten ſchon kehrte er zurück. „Nun?“ fragte der Regent. „Ich habe unſern Mann,“ verſetzte Dubvis. „Und wer iſt der fromme Mann, welcher einen from⸗ men Mann wie Dich weihen will?“ „Ewr. Hoheit erſter Almoſenier, gnädigſter Her. „Der Biſchof von Nantes?“ „Derſelbe.“„ „Treſſan?“ „Kein Andrer.“ Der Chevalier von Harmental. 105 „Unmöglich!“ rief der Regent. „Sehen Ew. Hoheit ſelbſt. Da iſt er ſchon.“ In dieſem Augenblicke ging die Thür auf und der Huiſſter meldete den Herrn Biſchof von Nantes. „Kommen Sie, kommen Sie,“ rief ihm Dubois enigegen,„Se. köͤnigliche Hoheit ehren uns alle Beide, mich indem Sie mich zum Erzbiſchof von Cambrai er⸗ nennen, Sie indem Se. Sie wählen mich zu weihen.“ „Herr Biſchof von Nantes,“ nahm der Regent das Wort,„ſind Sie wirklich bereit aus unſerm Abbé hier einen Erzbiſchof zu machen?“ „Die Wünſche Ewr. Hoheit ſind mir ſtets Befehle,“ lautete die Antwort. „Aber Sie wiſſen doch daß er nur die Tonſur und keine höhere Würde beſitzt...“ „Was thut das zur Sache, gnädigſter Herr?“ fiel Dubois ein;„der Herr Biſchof von Nantes wird Ihnen ſagen, daß mir alles Fehlende an einem einzigen Tage verliehen werden kann.“ „Aber man hat bisher kein ſolches Leiſpiel. „„Doch, doch, gnädigſter Herr, St. Ambroſius 3 zum Erempel.“ —„Nun, wenn Du die Kirchenväter für Dich 106 Der Chevalier von Harmental. dann habe ich nichts einzuwenden,“ lächelte der Regent; „ich überlaſſe Dich alſo dem Herrn von Treſſan.“ „Ich werde Ihnen den Herrn Abbé mit dem Krumm⸗ ſtabe und der Mitra wieder zuſtellen, gnädigſter Herr.“ „Aber es fehlt doch der Grad eines Licenciaten,“ er⸗ widerte der Regent, den die Sache zu beluſtigen anfing. „Die Univerſität von Orleans hat mir ver⸗ ſprochen...“ „Du bedarfſt der Zeugniſſe...“ „Iſt denn Beſon nicht da?“ „Eines Atteſtes über ein ſittenreines Leben,“ lachte der Herzog von Orleans.. „Noailles wird mir unbedingt ein ſolches aus⸗ ſtellen!“ „Daran zweifle ich denn doch, Abbé.“ „Nun, dann werden ſich Ew. Hoheit ſelbſt erbitten laſſen. Die Unterſchrift des Regenten in Frankreich wird doch in Rom wahrhaftig ebenſo viel gelten als die eines armſeligen Cardinals!“ „Dubvis, ich bitte, etwas mehr Reſpect für die Fürſten der Kirche!“ ſprach der Regent. S „Cw. Hoheit haben Recht, man weiß nicht wah Einem noch werden kann!“ . Der Chevalier von Harmental. 107 „Du ein Cardinal, das wäre ſchön!“ rief der Herzog in ein lautes Gelächter ausbrechend. „Man muß an nichts verzweifeln, gnädigſter Herr,“ verſetzte Dubvis;„warum ſollte ich nicht noch einmal Papſt werden können? Gott erhalte uns Beide nur noch lange am Leben und Sie werden Wunderdinge ſehen.“ „Bah, ich fürchte mich nicht vor dem Tode,“ be⸗ merkte der Herzog. „Das iſt leider nur zu wahr,“ ſprach der Abbé; „Ew. Hoheit würden aber doch wohl thun die nächtlichen Ausflüge einzuſtellen.“ „Uund weshalb?“ „Weil Ihr theures Leben ei in Gefahr kommen kann, gnädigſter Herr.“ „Was kümmert's mich?“ „Auch aus einem andern Grunde.“ „Der wäre?“ „Weil,„entgegnete Dubvis mit ſcheinheiliger Miene, weil dieſe Ausflüge ein Anſtoß für die heilige Kirche ſind.“ 65 zum Teufel!“ lachte der Regent.“ „Sie ſehen, mein Herr,“ ſprach Dubvis zum Biſchof 3 gewandt,„unter welchen Wüſtlingen und verhärteten 5 Sündern ich zu leben genöthigt bin; ich hoffe Ew. Emi⸗ 108 Der Chevalier von Harmental. nenz werden das berückſichtigen und gegen mich all⸗ zuſtreng ſein.“ „Wir werden unſer Beſtes thun, mein S ant⸗ wortete Treſſan. 1 „Und wann ſoll die heilige Handlung vor ſich gehenß⸗ fragte Dubois, der keinen Angenblick verlieren wollte. „Sobald Sie alles in Ordnung wbrt wer⸗ den.“ „Ich bedarf dazu nur drei Tage.“ „Wohlan, am vierten ſtehe ich Ihnen zu Befehl“ 4 „Heute haben wir Sonnabend— alſo woche.“ 2 „Die Mittwoche, ſchön!“ erwiederte xveſfün⸗ „Ich muß Dich aber auch noch zuvor darauf auf⸗ merkſam machen,“ nahm der Regent wieder das Wort „daß bei Deiner Einweihung eine bweutende Perſon. len wird.“ 2 „Und wer würde es mir dieſe L an⸗ zuthun?“ „Sie, gnädigſter Herr, Sie werden zugegen ſein!“ „Ich ſage Dir: nein!“. „Ich wette tauſend Louisd'or!“ „Und ich gebe Dir mein Ehrenwort!“ — S Der Chevalier von Harmenial. 109 „Ich wette das Dopypelte.“ „Unverſchämter!“ „Nächſte Mittwoche alſo, mein Herr von Treſſan; auf Wiederſehen bei meiner Einweihung, gnädigſter Herr!“ und Dubois eilte freudig von dannen, um überall ſeine neue Ernennung auszupoſaunen. Dubois hatte ſich jedoch in einer Sache getäuſcht, nämlich in der Beſcheinigung des Cardinals von Noail⸗ les. Alle angewandten Bitten, Verſprechungen und Drohungen halfen nichts; er weigerte ſich hartnäckig das Atteſtat der Sittenreinheit für Dubvis auszuſtellen. Er war alſo der Erſte und Einzige, welcher ſo rühmlich han⸗ velte, ſich dem Scandal zu widerſetzen, von dem die Kirche bedroht war. Die Univerſität Orleans ertheilte das Liteneiat, Beſon Erzbiſchof von Rouen lieferte das Verlangte, und da alles zum beſtimmten Tage in Bereit⸗ ſchaft war, begab ſich Dubvis um fünf Uhr Morgens in Jagdkleidung nach Pontviſe, wo Herr von Treſſan ſeiner harrte und ihm die untern prieſterlichen Weihen verlieh; gegen Mittag war alles beendet und um vier uhr Nachmittags kehrte Dubois aus dem alten Loubre, wo das Conſeil der in den Tuilerien herrſchenden Maſern B damals gehalten wurde, in erzbiſchöflichem Ornat 110„ Der Chevalier von Harmental. nach ſeiner Wohnung zurück. Die erſte Perſon, die er dort in ſeinem Zimmer traf, war die Fillon. Als Agentin der geheimen Polizei hatte ſie jede Stunde Zu⸗ tritt beim Miniſter, und ſo hatte man trotz der Feierlich⸗ feit des Tages, zumal da ſie behauptete Dinge von Wich⸗ tigkeit mittheilen zu müſſen, ſie nicht zurückzuweiſen ge⸗ wagt. „Du hier und heute!“ rief Dubois, als er ſeine alte Freundin gewahrte.„Traun, an dieſem Tage ein ſeltſames Zuſammentreffen!“ „Ei was, Gevatter!“ lachte die Fillon,„wenn Du undankbar genug biſt Deiner alten Freunde nicht zu ge⸗ denken, ſo bin ich nicht dumm genug die meinigen zu vergeſſen, zumal wenn ſie höher ſteigen.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Dubvis, indem er die Zeichen ſeiner heiligen Würde abzulegen begann, wirſt Du mich immer noch Gevatter nennen, nachdem ich Erzbiſchof geworden bin?“ „Ei, das verſteht ſich!“ lachte die Fillon;„ſobald ich den Regenten wieder zu Geſicht bekomme, werde ich ihn erſuchen mich zur Aebtiſſin zu ernennen, damit wir Beide gleichen Schrittes vorwärts gehen⸗“ „Er kommt alſo noch immer zu Dir der Bruder Lie⸗ derlich?“ Der Chevalier von Harmental. 111 „Ach, leider nicht mehr um meinetwillen, Gevatter! Die ſchönen Tbge ſind vorüber; aber ich hoffe, daß er um Deinetwillen zu mir zurückkehren und daß alſo da⸗ durch Deine Erhebung meinem Hauſe von Nutzen ſein wird.“ „Die Zeiten, meine liebe Gevatterin, haben ſich ge⸗ waltig verändert,“ erwiederte Dubois;„Du ſiehſt ein daß ich jetzt nicht mehr zu Dir kommen kann wie früher.“ „Ei, Du biſt ſehr ſtolz geworden. Kommt doch ſelbſt Philipp noch dann und wann.“ „Philipp iſt nur Regent von Frankreich, ich aber bin Erzbiſchof. Aber um von andern Dingen zu reden: Weißt Du auch daß Du ſeit einiger Zeit Dein Geſchäft als Agentin der geheimen Polizei ungemein vernachläſ⸗ ſigſt? Wenn ſich das nicht ändert, ſo wirſt Du Deines Amtes entſetzt werden.“ „So alſo behandelſt Du Deine alten getannten!“ rief die Fillon.„Ich kam eben hierher um Dir eine „Entdeckung zu machen, nun aber kommt kein Wort über meine Lippen und Du erfährſt nichts!“ „Rede, rede! Iſt etwa Spanien dabei im Spiele 5 So ſprich doch!“ vief der neue Erzbiſchof heftig und mit gerunzelter Stirn, denn ſein Inſtinet ſagte ihm daß die Gefahr von dieſer Seite kam⸗ „6 112 Der Chevalier von Harmental. „Ich habe nichts zu ſagen, gar nichts; alſo gute Nacht!“ rief die Fillon, indem ſie einige Schritte gegen die Thür trat. „Ei ſo bleibt voch, Gevatterin!“ ſagte Dubvis auf ſeinen Schreibtiſch zutretend. Und die beiden alten Be⸗ kannten, welche ſo würdig waren einander zu verſtehen, betrachteten einander einen Angenblick und fingen dann plötzlich zu lachen an. „Nun, ich ſehe doch, Gevatter, Du biſt noch nicht ganz verloren!“ ſprach die Fillon;„öffne daher nur immer Deine Schatulle und laß mich ſehen was ſie im Leibe hat; ich öffne dagegen meinen Mund und erſchließe Dir mein Herz.“ Dubvis zog eine Rolle mit hundert wist or her⸗ vor und zeigte ſie der Fillon. „Wie viel enthält denn die Bratwurſt? Aber ſprich die Wahrheit, Gevatter, und lüge mir nichts vor; oder ſoll ich's nachzählen?“ „Es ſind 2400 Livres, wahrhaftig; iſt das ein hübſches rundes Sümmchen, he?“ „I nun, für einen Abbé wohl, aber vicht i Einen Erzbiſchof!“ „Aber weißt Du Unglückskind denn nicht, wie 6, es um die Finanzen ſteht?“ Der Chevalier von Harmental. 113 „Wie kann Dich das beunruhigen, Spaßvogel? Der Law ſchafft Euch ja Millionen!“ „Willſt Du etwa ſtatt dieſer Geldrolle 10,000 Livres in Aſſignaten auf den Miſſiſippi?“ „Schönen Dank, lieber Schatz, ſchönen Dank, da ſind mir die hundert Louisd'or lieber. Ich bin eine ehrliche Haut wie Du weißt; ein ander Mal wirſt Du auch frei⸗ gebiger ſein!“ „Wohlan, jetzt rede! Was haſt Du mir zu ſagen?“ „Zuvor, Gevatter, mußt Du mir etwas verſprechen.“ „Und was denn?“ „Daß dem alten Freunde, von welchem die Rede ſein wird, kein Leid zugefügt werden ſoll.“ „Wenn nun aber Dein alter Freund den Galgen ver⸗ dient? Geh zum Teufel, ich kann das nicht ver⸗ ſprechen!“— „Alſo gute Nacht, Gevatter; da liegen die hundert Louisd'or!“ Ei was, ich glaube, Fillon, Du wirſt gewiſſen⸗ haft!“ ⸗ Das nicht, aber ich habe Verpflichtungen gegen den alten Freund; er hat mich in die Welt eingeführt!“ Nun, der kann ſich rühmen der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft einen ſchönen Dienſt geleiſtet zu haben!“ Cheyglier v. Harmental. IMI. 8 114 Der Chevalier von Harmental. „Er wird es wenigſtens nicht zu bereuen haben; ich rette ihm heute das Leben, da ich Dir nichts offen⸗ bare.“ „Nun denn, Gevatterin, ſein Leben ſoll verſchont bleiben, ich verſpreche Dir's. Biſt Du jetzt zuftieden?“ „Und wobei verſprichſt Du mir das?“ „Bei meiner Ehre!“ „Gevatter, Gevatter, Du willſt mich betrügen!“ „Aber weißt Du daß Du mich langweilſt?“ „36 ennuhire Dich? Gut, Adieu!“ „Weißt Du was, Gevatterin, ich werde Dich feſt⸗ halten laſſen!“ „Was ſchadet mir das? Ich lache dazu!“ „Nun ſo ſprich ernſthaft, was verlangſt Du?“ „Das Leben meines Capitäns!“ „Zugeſtanden!“ „Was verbürgt mir Dein Verſprechen?“ „Mein Wort als Erzbiſchof!“ „Genügt mir nicht!“ „Mein Wort als Abbé!“ „Genügt mir noch weniger!“ „Mein Wort als Dubois!“ „Angenommen. Wohlan, ſo höre! Mein Capitän iſt der geriebenſte Capitän in ganz Frankreich. Seit t Der Chevalier von Harmental. 115 einiger Zeit iſt er reich wie ein Cröſus. Kennſt Du dieſes Geld? Weißt Du woher es kommt?“ „Spaniſche Dublonen; ha, ich verſtehe!“ rief Du⸗ bois. „Ganz recht; ſpaniſche Dublonen, welche 48 Livres das Stück gelten und wie Waſſer aus ſeiner Taſche ſtrö⸗ men der arme Teufel!“ „Und woher datirt ſich der Reichthum Deines Ca⸗ pitäns?“ „Von dem Tage wo der Regent in der Rue des Bons⸗Enfants beinahe entführt worden wäre! Riechſt Du jetzt Lunte, mein lieber Gevatter?“ „Das will ich meinen! Weshalb aber berichteſt Du das erſt heute?“ „Weil jetzt ſeine Taſchen leer zu werden beginnen und weil man in dieſem Augenblick am beſten erfahren kann, wohin er ſich begiebt um ſie wieder füllen zu laſſen.“ Wohlan,“ rief Dubvis,„das Leben Deines Ca⸗ pitäns iſt geſchützt, wie ich Dir's verſprach, aber ich muß von ſeinem Treiben die genaueſte Kunde erhalten.“ „Tag für Tag!“ verſicherte die Fillon;„das ver⸗ ſeht ſch!“ 8* 116 Der Chevalier von Harmental. „Und in welche Deiner Mädchen iſt er denn ver⸗ liebt?“ „In alle wenn er Geld hat!“ „Und wenn er keins hat?“ „In die Normännin. Das iſt ſein eigentlicher Schatz.“ „Ich kenne ſie; es iſt eine ſchlaue Kröte.“ „Ja, aber wir können uns nicht auf ſie verlaſſen.“ „Und weshalb das nicht?“ „Sie liebt ihn wirklich die Närrin. Und er verdient es; er beſitzt ein herrliches Gemüth, das nichts für ſich behalten kann.. nicht wie Du, alter Geizhals!“ „Schon gut, ſchon gut, Gevatterin! Du weißt am beſten, daß es Gelegenheiten giebt wo auch ich den Ver⸗ ſchwender mache; es kommt nur darauf an ſie herbeizu⸗ führen.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Ich werde alſo Tag für Tag erfahren was Dein Capitän thut?“ „Tag für Tag, verlaß Dich darauf!“ „Was bürgt mir dafür?“ „Das Wort einer ehrlichen Frau!“ Der Chevalier von Harmenial. 117 „Genügt mir nicht.“ „Mein Wort als Fillon!“ „Angenommen!“ „Alſo Adieu, Herr Erzbiſchof!“ „Adieu, Gevatterin!“ Die Fillon näherte ſich der Thür; als ſie aber fort wollte, trat der Huiſſier ein und ſprach:„Gnädig⸗ ſter Herr, es iſt ein wackrer Mann draußen, der mit Ewr. Eminenz zu ſprechen wünſcht.“ „Und wer iſt dieſer wackre Mann, Dummkopf?“ „Ein Beamter der königlichen Bibliothek, welcher ſich in ſeinen Mußeſtunden mit Abſchreiben beſchäftigt.“ „Und was will er?“ „Er ſagt, er habe Ewr. Eminenz eine Entdeckung von der größten Wichtigkeit zu machen.“ „Ohne Zweifel irgend ein armer Vue der um eine Unterſtützung bittet.“ „Nein, gnädigſter Herr, er ſagt es betreffe eine poli⸗ tiſche Angelegenheit; es ſei von Spanien die Rede.“ „Von Spanien!“ rief Dubois lebhaft;„dann laß ihn ſogleich eintreten. Du, Fillon, tritt ſo lange in dieſes Cabinet!“ 118 Der Chevalier von Harmental. „Und weshalb das?“ „Weil mein Abſchreiber und Dein Capitän einander vielleicht zufällig kennen. Die Fillon trat in's Cabinet; einen Augenblick darauf öffnete der Huiſſier die Thür und meldete„Herrn Jean Buvat!“ IX. Der Mitſchuldige des Prinzen von Liſthnay. Wir haben den ehrlichen Buvat verlaſſen, als er nach ſeinem Stübchen hinaufging, um ſein dem Prinzen von Liſthnay gegebenes Verſprechen zu erfüllen. Er hielt mit der gewiſſenhafteſten Pünklichkeit ſein Wort, und wie ſauer ihm auch das Abſchreiben in einer ihm unbekannten Sprache ankam, ſo war dennoch die Ab⸗ ſchrift am folgenden Tage um ſieben Uhr Abends nach der Rue du Bac Nr. 10 gebracht. Buvat hatte dar⸗ auf aus derſelben hohen Hand neue Arbeit erhalten und ſolche gleichfalls zur feſtgeſetzten Zeit abgeliefert, ſo daß der vorgebliche Prinz Vertrauen zu ihm gewann und ihm zu ſeiner und wahtrſcheinlich noch mehr zur eignen Be⸗ quemlichkeit auf einmal einen ganzen Stoß Papiere über⸗ 120 Der Chevalier von Harmental. gab, von denen Buvat die Abſchriften in drei oder vier Tagen liefern ſollte. Buvat war ob dieſes Vertrauens ſtolzer als je zu⸗ rückgekehrt; er hatte Bathilden heiter und glücklich gefunden und ging demnach in der heiterſten Stimmung ſein Liedchen trällernd zu ſeinem Stübchen hinauf, um ſeine Arbeit zu beginnen. Obgleich der wackre Mann kein Wort Spaniſch ver⸗ ſtand, ſo hatte er doch bereits ziemlich geläufig leſen lernen, ſo daß er während des Copirens ruhig ſein Leib⸗ liedchen fortträllern konnte. So war es ihm faſt nicht angenehm, als er zwiſchen dem erſten Original und dem zweiten plötzlich einen Aufſatz in franzöſiſcher Sprache fand. Da er ſich ſeit mehrern Tagen an das rein Ca⸗ ſtilianiſche gewöhnt hatte und Gewohnheit das zweite Leben des ehrlichen Buvat war, ſo hätte er nun auch lieber in dieſer Sprache weiter geſchrieben; überzeugt aber daß man auch von dieſem Blatte, obgleich es keine Nummer trug und vielleicht zufällig zwiſchen die Papiere gerathen war, eine Abſchrift verlange, ſpitzte er ſeine Fe⸗ der, ging an's Werk und fing an folgende Zeilen ab⸗ zuſchreiben: Der Chevalier von Harmental. 121 „Geheime MWittheilung für Se. Excellenz den Prinzen Alberoni. Nichts iſt wichtiger als ſich der in der Nähe der Phrenäen belegenen Feſtplätze und derjenigen angeſehenen Perſonen zu verſichern, die jene Gegend bewohnen...“ „Jene Gegend bewohnen!“ wiederholte Buyvat copi⸗ rend; dann fuhr er fort zu ſchreiben: „.. die Garniſon von Bahonne zu gewinnen oder ſie zu überwältigen.. „Was ſoll das heißen?“ murmelte Buvat vor ſich hin;„die Garniſon von Bahonne zu überwältigen!— Iſt Bahonne nicht eine franzöſiſche Stadt?“ Und er ſchrieb weiter: F „Der Marquis von P. iſt Gouverneur von D... Man kennt die Abſichten dieſes Herrn. Wenn er ſich entſchieden haben wird, muß er ſeine Ausgaben verdrei⸗ fachen, um den Adel an ſich zu ziehen; er muß Grati⸗ ficationen vertheilen. In der Normandie iſt Carentan ein wichtiger Poſten. Man muß mit dem Gouverneur deſſelben wie mit dem Marquis von P.. verfahren, ja man muß noch weiter gehen und ſeinen Ofſicieren ange⸗ 7 meſſene Belohnungen verſprechen. In allen Provinzen muß man auf gleiche Weiſe zu Werke gehen... „Was hat das alles zu bedeuten?“ dachte Buvat, 122 Der Chevalier von Harmental. indem er inne hielt;„ich glaube, ich werde wohlthun das Ganze durchzuleſen, bevor ich weiter ſchreibe...“ und er las: „Um dieſe Ausgaben zu beſtreiten, muß man im er⸗ ſten Monat⸗wenigſtens auf 300,000 Livres und jeden folgenden Monat auf 100,000 Livres rechnen, welche pünktlich gezahlt werden müſſen...“ „Pünktlich gezahlt werden müſſen...“— wieder⸗ holte Buvat;„das kann nicht von Frankreich verlangt werden, denn ſeit fünf Jahren zahlt es mir nicht einmal meine neunhundert Livres jährlich. Aber weiter!“ „Dieſe Ausgabe, welche mit dem Frieden aufhören wird, ſetzt Se. katholiſche Majeſtät in den Stand im Fall eines Krieges mit Sicherheit zu operiren. Spanien wird nur eine Hülfsmacht ſein. Die Armee Philipp's des Fünften befindet ſich ja in Frankreich...“ „Ei ei,“ ſprach Buvat vor ſich hin,„und ich wußte nicht einmal daß ſie die Grenze paſſirt habe!“ „Zehntauſend Spanier mit dem König an der Spitze ſind hinreichend... Aber man muß darauf bedacht ſein wenigſtens die Hälfte der Armee des Herzogs von Orleans zu gewinnen...(Buvat bebte zuſammen.) Das iſt ein Hauptpunkt und läßt ſich nicht ohne Geld bewerkſtelligen. Eine Gratificativn von 100,000 Lipres Der Chevalier von Harmental. 123 iſt für jedes Bataillon erforderlich. Zwanzig Bataillone machen zwei Millionen; vermittelſt dieſer Summe iſt ein Heer gebildet und das des Feindes vernichtet. Der ſpaniſche Geſandte in Frankreich muß außerdem die Vollmacht erhalten im Namen des Königs von Spa⸗ nien Verſprechungen zu unterzeichnen; auch müſſen Se. katholiſche Majeſtät ihre Vefehle als Sohn von Frank⸗ reich und Vetter des Königs von Frankreich ſigniren; ſo lauten ſeine Titel. Es muß ein Heer von 30,000 Mann gebildet wer⸗ den, damit es Se. Majeſtät disciplinirt und ſchlagfertig finde. Wenn das Geld zu Ende des Monats Mai oder Anfangs Juni eintrifft, ſo muß es augenblicklich in den Provinzen und Städten wie in Nantes, Bahonne u. ſ. w. vertheilt werden. Auch darf der franzöſiſche Geſandte nicht aus Spanien foxtgelaſſen werden, ſeine Abweſenheit verbürgt die Sicherhei derjenigen, die ſich erklären wer⸗ den.“*) „Tauſend Teufel!“ rief der ehrliche Buvat ſich die Augen reibend,„das iſt eine vollſtändige Verſchwörung Dieſes Ackenſtuck iſt authentiſch und Wort für Wort dem Original im Archiv des Miniſteriums der auswärtigen An⸗ gelegenheiten nachgeſchrieben. 124 Der Chevalier von Harmental. gegen den Regenten und das Königreich! O Gott, o Gott!“ Und er verſank in tiefes Nachdenken. Seine Lage war in der That höchſt kritiſch. Bu⸗ vat in eine Verſchwörung verwickelt, Buvat im Beſitz eines Staatsgeheimniſſes! Buvat, vielleicht das Schick⸗ ſal von Nationen in der Hand haltend! Es brauchte wahrlich nicht ſo viel um den armen ehrlichen Mann in die größte Angſt zu ſtürzen. Auch vergingen Minuten, ja Stunden, ohne daß Buvat in ſeinem Seſſel ſich auch nur im geringſten bewegte. Nur ein ſchwerer Seufzer entſtieg von Zeit zu Zeit ſeiner Bruſt. Es ſchlug zehn, eilf, zwölf Uhr. Buvat gedachte des Sprichworts„guter Rath kommt über Nacht“ und beſchloß endlich ſich zu Bette zu legen; es verſteht ſich daß er mit Abſchreiben inne gehalten hatte, ſobald er ge⸗ wahrte daß das Original etwas Ungeſetzmäßiges enthielt. Der arme Buvat aber un nicht ſchlafen er mochte ſich auf ſeinem Lager herumwälzen ſo viel er wollte; kaum ſchloß er die Augen, ſo ſah er auch ſchon den unglückſeligen Verſchwörungsplan mit feurigen Buch⸗ ſtaben an die Wand geſchrieben. Zuweilen ſenkte ſich der Schlummer auf ihn herab, dann aber träumte es ihn er werde von der Schaarwache als Theilnehmer der Ver⸗ ſchwörung feſtgehalten oder von den Verſchwornen er⸗ Der Chevalier von Hatmental. 125 volcht. Dies alles machte einen ſolchen Eindruck auf ihn, daß er aufſtand, Feuer anſchlug, Licht anzündete und den Tag wachend zu erwarten beſchloß. Endlich erſchien der Tag; ſtatt daß ſich aber Bu⸗ vat's Angſt mildern ſollte, vermehrte ſie ſich noch. Beim kleinſten Geräuſch auf der Straße zuckte er zu⸗ ſammen; ward an die Hausthür gepocht, ſo war er nahe daran in Ohnmacht zu ſinken. Nanette öffnete die Thür ſeines Zimmers und Bubat ſtieß einen lauten Angſtſchrei aus. Die Dienerin eilte auf ihn zu und fragte beſorgt ob ihm etwas fehle, er aber ſchüttelte nur den Kopf und erwiederte mit einem tiefen Seufzer:„Ach, Nanette, wir leben in einer böſen Zeit!“ dann ſchwieg er wieder und befürchtete ſchon zu viel geſagt zu haben. Buvat war zu geängſtigt um wie gewöhnlich mit Barhilden zu frühſtücken; überdem fürchtete er das junge Mädchen möchte ſeine Unruhe bemerken und wegen der Urſache derſelben in ihn dringen; er konnte ihr nichts verſchweigen und dann wäre ſie ebenfalls eine MWitgenoſſin der Verſchwörung geworden. Er ließ ſich daher den Kaffee auf ſein Zimmer bringen, vorſchützend eer habe zu viel Arbeit und wolle beim Schreiben früh⸗ ſtüͤcken. Da die Liebe Bathildens bei dieſer Ab⸗ 126 Der Chevalier von Harmental⸗ weſenheit ihre Rechnung fand, ſo beklagte ſich die arme Freundſchaft nicht darüber. Einige Minuten vor zehn Uhr begab ſich Buvat auf ſein Bureau. War ſchon daheim ſeine Angſt groß, ſo bekam dieſe auf der Straße eine wahre Schreckens⸗ geſtalt. An jeder Ecke glaubte er eine Schaarwache oder einen Häſcher zu erblicken, bereit ihn beim Krägen zu packen. Am Eingange des Place des Vietvires trat ihm plötzlich aus der Rue Pagevin ein Musketier entgegen, bei deſſen Anblick er ſo zuſammenfuhr, daß er einen ge⸗ waltigen Sprung zur Seite that und faſt unter die Rä⸗ der eines Wagens gerathen wäre. Am Eingange der Rue neuve des petits Champs hörte er taſche Schritte hinter ſich und ohne ſich umzuſehen lief er über Hals und Kopf bis in die Rue Richelien, wo ihm ſeine an einen ſolchen Galopp nicht gewöhnten Beine e verſagteir 2 Endlich langte er in der vliothet an. Er ver⸗ beugte ſich tief vor der Schildwache an der Thür, ſchlich wie ein Verbrecher über die Galerie, erreichte ſein Bu⸗ reau, verſchloß ſchnell das ganze Paket des Prinzen von Liſthnah, welches er aus Furcht vor einer Hausſuchung während ſeiner Abweſenheit zu ſich geſteckt hatte, in ſein Pult und ſank alsdann mit einem ſo ſchweren Seufzer Der Chevalier von Harmental. 127 in ſeinen Arbeitsſeſſel, daß er ſeinen Collegen hätte ver⸗ dächtig werden müſſen, wäre er nicht auch diesmal wie immer der Erſte in der Bibliothek geweſen. Buvat lebte nach dem Grundſatze, daß nichts in der Welt, es ſei nun freudiger oder trauriger Art, einen Beamten von ſeinem Geſchäft abziehen dürfe; demnach ging er unverzüglich an ſeine Arbeit als ob gar nichts vorgefallen wäre, war dabei aber in der unbeſchreiblichſten Seelenangſt. Als indeſſen nach und nach ſeine Collegen in's Bu⸗ reau eintraten, raffte ſich Buvat mit Gewalt zuſammen. Doch ſchien ſich heute alles vereinigt zu haben ſeine Furcht auf's Höchſte zu ſteigern und ihn zu dem Schritte zu treiben, welchen wir ihn im vorigen Capitel thun ſahen. Er hatte heute einige hundert Bücher zu claſſificiren, die unter einander auf einem Haufen dalagen. Das erſte Buch, welches er in die Hand nahm um es mit ei⸗ ner neuen Nummer zu verſehen, war: Die Beſchrei⸗ bung der Verſchwörung der Herren Cing⸗ Mars und de Thon ſowie die Schilderung ihrer furchtbaren Beſtrafung. Das Herz des armen Buvat pochte hörbar und das Buch entſank ſeiner Hand; er zitterte an allen Gliedern⸗ 128 Der Chevalier von Harmental. „Was fehlt Ihnen, Herr Buvat?“ fragte Decou⸗ dray, der Chef des Bureau's, welcher es bemerkte. „Nichts— o nicht das Mindeſte!“ ſtammelte Buvat zuſammenſchreckend, und ſchnell griff er nach einem zwei⸗ ten Buche. Aber o ihr Mächte des Himmels! Der Ti⸗ tel lautete: Verſchwörung des Chevaliers Lud⸗ wig von Rohan nebſt der Abſchrift eines Planes, welcher unter den Papieren des Herrn von Ro han ge⸗ funden und durchweg von Van den Enden abgeſchrie⸗ ben worden war. Letzterer hatte die Qualen der Folter aushalten müſſen, weil man ihm Geſtändniſſe erpreſſen wollte! 0 Dies war mehr als der unglückliche Buvat zu er⸗ tragen vermochte. Er zitterte an allen Gliedern, ſeine Bruſt hob ſich gewaltig, Folterbank und Schafott ſchweb⸗ ten ihm vor und Verzweiflung bemächtigte ſich ſeiner. Er ſtürzte zu ſeinem Schreibtiſche, nahm die Papiere des Prinzen von Liſthnah heraus, ſteckte ſie zu ſich, be⸗ merkte dann ſtammelnd dem Bureauchef daß er ſich wirk⸗ lich unwohl fühle, ſuchte um die Erlaubniß nach ſich für heute nach Hauſe begeben zu dürfen und eilte dann wie von Dämonen gepeiſcht nach Du bois' Wohnung. 4 Die Audienz. „Herr Jean Buvat,“ ſprach der Huiſſier. Dubois beugte ſeinen Vipernkopf weit vor und ge⸗ wahrte hinter dem Huiſſier einen kleinen wohlbeleibten Mann, deſſen Beine unter ihm zitterten und der in ſei⸗ ner Seelenangſt huſtete, um ſich eine gewiſſe Sicherheit zu geben. Ein einziger Blick reichte für den ſchlauen Dubvis hin, um ihm zu zeigen, mit wem er es zu thun habe. Der Huiſſier zog ſich zurüͤck und Buvat ſtand der Schwelle. „Nur näher, immer näher!“ ſprach Dubvis. „Sie erzeigen mir gar zu viel Ehre!“ ſtammelte Buvat, ohne ſeine Stellung zu verändern. „Nun, mein Herr,“ begann Dubois wieder, der Chevalier v. Harmentgl. UII. 9 7 130 Der Chevalier von Harmental. ſeine erzbiſchöfliche Tracht ſchon halb abgelegt hatte und nur noch mit ſchwarzen Beinkleidern, violettſeidenen Strümpfen und dem Hemde bekleidet war, ſo daß er mehr einem Affen als einem Erzbiſchofe glich;„Sie ha⸗ ben mit mir zu ſprechen verlangt, da bin ich!“ „Das heißt, mein Herr,“ flüſterte Buvat,„ich habe um die Ehre nachgeſucht mit dem Herrn Erzbiſchof von Cambrai zu reden.“ „Nun ja, der bin ich!“ „Wie, Sie ſelbſt ſind es, gnädiger Herr?“ verſetzte Buvat, indem er ſeinen Hut in beide Hände nahm und ſich faſt bis zur Erde verbeugte;„entſchuldigen Sie, ich hatte Ew. Eminenz nicht erkannt. Freilich iſt es das erſte Mal daß ich die Ehre habe... indeſſen das majeſtätiſche Aeußere hätte mich allerdings, hm hm.. „Sie nennen ſich?“ unterbrach ihn Dubvis unge⸗ duldig. „Jean Buvat, Ewr. Eminenz zu Befehl.“ „Sie ſind?“ „Ein Beamter der königlichen Bibliothek.“ „Sie haben mir Eröffnungen hinſichtlich Spaniens zu machen?“ „Das heißt, gnädigſter Herr, das heißt, die Sache verhält ſich damit ſo: Da meine Bureauarbeit mir des Der Chevalier von Harmental. 131 Abends ſechs und des Morgens vier Stunden Zeit übrig läßt und da Gott mir eine ſehr ſchöne Handſchrift ver⸗ liehen hat, ſo beſchäftige ich mich mit Abſchreiben.“ „Ich verſtehe, verſtehe,“ unterbrach ihn der ſcharfſich⸗ tige Dubvis,„man gab Ihnen verdächtige Originale zu cvpiren und die bringen Sie mir.“ „Hier ſind ſie, in dieſer Papierrolle, Ew. Eminenz,“ ſprach Buvat die Papiere hinreichend. Dubois ſprang ſchnell von ſeinem Sitze auf, riß die Rolle dem Abſchrei⸗ ber aus der Hand, blickte hinein— und die bewußten Papiere lagen vor ihm. Die erſten Blätter waren in ſpaniſcher Sprache abgefaßt, da aber Dubois ein paar⸗ mal nach Spanien geſandt worden war, ſo verſtand er etwas von der Sprache des Calderon und des Lopez de Vega, ſo daß er auf den erſten Blick ſah von wel⸗ cher Wichtigkeit dieſe Papiere waren. Sie beſtanden in der That aus nichts Geringerem als der Proteſtation des Adels, der Liſte der Officiere welche im Dienſte des Königs von Spanien angeſtellt zu werden wünſchten und dem vom Cardinal Polignac und dem Marquis von Pompadour verfaßten Manifeſt, einen Aufſtand in Frankreich zu bewirken. Dieſe verſchiedenen Papiere waren direct an Phi⸗ lipp den Fünften adreſſirt.. Eine kleine hinzu⸗ 132 Der Chevalier von Harmental. gefügte Note, in welcher Dubvis ſogleich die Hand⸗ ſchrift des Prinzen von Cellamare erkannte, ſprach ganz deutlich dafür, daß der Ausbruch der Verſchwörung nahe ſei, und enthielt die Verſicherung, daß Se. katholi⸗ ſche Majeſtät täglich vom Fortgange derſelben unterrich⸗ tet werden ſollte. Hierauf folgte ein ausführlicher Plan der Verſchwornen, der aus unverzeihlichem Leichtſinn un⸗ ter den übrigen Papieren geblieben war und zu Buvat's Entdeckung Veranlaſſung gegeben hatte. 1 Vuvat war allen Bewegungen Dubvis' mit ängſt⸗ lichen Blicken gefolgt, vermochte aber nicht zu erſpähen, welchen Eindruck der Inhalt der Papiere auf den Erz⸗ biſchof hervorbrachte. Dubois, welchem dieſer Mann den Anfang eines höchſt wichtigen Geheimniſſes über⸗ bracht hatte, überlegte eben wie er es anzufangen habe um glles zu erfahren. Endlich ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben; ſein Geſicht nahm den Ausdruck des liebenswürdigſten Wohlwollens an, als er ſich gegen den ehrlichen Abſchreiber wende te, der immer noch zitternd daſtand:„Setzen ſie ſich doch, ſetzen Sie ſich, mein ber Herr Buvat!“ „Ich danke, danke, gnädigſter Herr; ich bin duchuus nicht ermüdet,“ erwiederte Buvat noch immer ängſtlich. „Ei, ich ſehe ja, daß Ihre Füße zittern,“ fuhr Du Der Chevalier von Harmental. 133 bois fort;„ſo nehmen Sie doch Platz und laſſen Sie uns zuſammen ſchwatzen wie zwei alte Freunde.“ Buvat betrachtete den neugebackenen Erzbiſchof mit einer Beſtürzung, welche dem letztern in jedem andern Augenblicke ein lautes Gelächter entlockt haben würde; jetzt aber that er als bemerke er nichts davon, ſchob ihm ſelbſt einen Stuhl hin und wiederholte durch eine Ge⸗ berde ſeine frühere Aufforderung. Der ehrliche Vuvat gehorchte endlich; er legte ſei⸗ nen Hut auf den Fußboden, ſetzte ſich auf den Rand des Seſſels, nahm ſeinen Stock zwiſchen die Beine, legte ſeine Hände auf den elfenbeinernen Knopf deſſelben und harrte der Dinge die da kommen ſollten. „Sie ſagten alſo, mein lieber Herr Buvat, daß Sie ſich mit Abſchreiben beſchäftigen?“ begann Dubvis. „Ja, gnädigſter Herr.“ „Und das trägt Ihnen?“ „Blutwenig, Ew. Eminenz, blutwenig!“ „Sie haben in der That eine vortreffliche Handſchrift, Herr Buvat.“(Der Anfang der Copien Buvat's lag bei den Papieren.) ² „Leider weiß nicht jedermann ein ſolches Talent ſo zu würdigen wie Ew. Eminenz,“ verſetzte der Veamte der Bibliothek. 134 Der Chevalier von Harmental. „Das iſt wahr, aber außerdem ſind Sie ja 4 der Bibliothek angeſtellt.“ „Ja, ja, ich habe die Ehre.“ „Und Ihre Stelle trägt Ihnen?“ „Meine Stelle, gnädiger Herr, ja meine Stelle... die trägt mir gar nichts, denn ſeit fünf Jahren hat mich der Caſſirer jedesmal mit der Bemerkung fortgeſchickt, daß Se. Majeſtät kein Geld hätten um uns zu bezahlen.“ „Und nichts deſtoweniger blieben Sie im Dienſte des Königs? Das iſt ſehr hübſch von Ihnen, mein lieber Herr Buvat, ſehr hübſch!“ Buvat erhob ſich vom Stuhle, ſich ſehr tief vor der Eminenz und ſetzte ſich dann wieder. „Und vielleicht,“ fuhr Dubvis fort,„haben Sie noch obendrein eine Familie, Frau und Kinder?“ „Nein, gnädigſter Herr, bis jetzt habe ich im unver⸗ ehelichten Stande gelebt.“ „Aber Sie haben vielleicht Verwandte?“ „Eine Pflegetochter, Ew. Eminenz, eine ſehr talent⸗ volle Pflegetochter, die wie die Demoiſelle Burh ſingt und wie Greuſe zeichnet.“ „Ei der Tauſend! Und wie nennt ſich Pflege⸗ tochter?“ „Bathilde— Bathilde du iocj gnädiger“ Der Chevalier von Harmental. 135 Herr; es iſt ein Mädchen von edler Geburt, die Tochter eines Stallmeiſters des Regenten, als dieſelben noch Her⸗ zog von Chartres waren; der Vater Bathildens hatte das Ungluͤck in der Schlacht von Almanſa getödtet zu werden.“ „Da haben Sie alſo eine ſchwere Laſt zu tragen, Herr Buvat?“ „Meinen Sie Bathilden, gnädigſter Herr?“ rief der ehrliche Abſchreiber lebhaft;„ei behüte, Bathilde iſt mir keine Laſt; ſie verdient im Gegentheil weit mehr als ſie koſtet.“ „Ich will nur damit ſagen, daß Sie nicht gerade reich ſind, mein lieber Herr Buvat.“ „Nein, Ew. Eminenz, reich, das bin ich wirklich nicht, aber ich möchte es gern ſein um meiner guten Pflege⸗ tochter willen; wenn daher Ew. Eminenz Se. königliche Hoheit beſtimmen könnten von den erſten Geldern die in die Staatskaſſe eingehen mir meinen rückſtändigen Gehalt oder wenigſtens eine Abſchlagszahlung zukommen zu aſen „Und wie hoch mag ſich wohl Ihr Rückſtand be⸗ laufen?“ „Auf 4700 Livres 12 Sous 8 Deniers, gnädigſter „ Herr.“ 136 Der Chevalier von Harmental. „Bah, was will das ſagen! Das iſt eine Kleinig⸗ keit!“ rief Dubvis;„das würde Sie nicht reich machen!“ „Aber ich würde dann recht gut gnädig⸗ ſter Herr.“ „Ei was, mein lieber Herr Buvat,“ fuhr Dubois fort,„ich habe Ihnen etwas Beſſeres anzubieten!“ „Ich bin ganz Ohr, Ew. Eminenz.“ „Ihr Glück ruht in Ihrer Hand.“ „Das hat mir meine ſelige Mutter immer geſagt⸗“ „Dies beweiſ't, mein lieber Buvat, daß Ihre Frau Mutter eine überaus kluge Frau war.“ „Wohlan, ich bin bereit, gnädigſter Herr; was ſoll ich thun?“ „Etwas ganz Unbedeutendes; Sie müſſen mir jetzt gleich hier von dieſem allen eine Abſchrift verfertigen.“ „Aber, gnädigſter Herr...“ „Das aber iſt noch nicht alles, mein lieber Herr Buvat. Sie überbringen alsdann der Perſon, welche Ihnen dieſe Papiere übergab, die Originale ſammt Ih⸗ ren Copien, als ob nicht das Mindeſte vorgefallen wäre. Sie nehmen an, was Ihnen dieſe Perſon wieder mit⸗ giebt, bringen es mir zur Durchſicht und verfahren da⸗ Der Chevalier von Harmental. 137 mit wie bisher; ich werde es Ihnen dann ſchon ſagen wenn es genug iſt.“ „Aber, gnädigſter Herr,“ bemerkte Buvat,„es will mir ſcheinen als ob ich auf dieſe Weiſe das Vertrauen des Prinzen täuſchte...“ „Ei, alſo mit einem Prinzen haben Sie zu ſchaffen, mein lieber Buvat? Und wie nennt er ſich?“ „Ja, wenn ich Ihnen ſeinen Namen ſage, ſo kommt es mir wieder vor als ob ich ihn denuneirte.“ „Weshalb kamen Sie denn ſonſt hierher?“ „Um Ew. Eminenz von der Gefahr zu unterrichten, welche Se. Hoheit den Regenten bedroht, bloß deshalb.“ „Wirklich?“ fragte Dubois ſpöttiſch,„und Sie glaubten dabei ſtehen bleiben zu können?“ „Das wünſchte ich, Ew. Eminenz.“ „Das aber iſt leider ganz unmöglich, mein Herr Buvat,“ ſprach Dubvis in verändertem Tone. „Unmöglich, wie ſo?“ „Durchaus unmöglich!“ „Ew. Eminenz, ich bin ein ehrlicher Mann.“ „Sie ſind— ein Einfaltspinſel, ſage ich Ihnen, Herr Buvat.“ „Ich möchte gern über die Sache ſchweigen, gnädig⸗ ſter Hert.“ 138 Der Chevalier von Harmental. „Sie werden aber reden müſſen, mein Herr!“ „Aber wenn ich rede, dann werde ich ja der Denun⸗ ciant des Prinzen?“ „Wenn Sie nicht reden, werden Sie ſein Nitſchul⸗ diger.“ „Mitſchuldiger! Mitſchuldiger, gnädigſter Herr, und welches Verbrechens?“ „Des Hochverraths... des Hochverraths, mein Herr! — Ah, die Polizei hat ſchon längſt ihr Auge auf Sie gerichtet, mein Herr Buvat.“ „Auf mich, gnädigſter Herr, auf mich?“ „Ja ja, auf Sie, mein Herr! Unter dem Vorwande daß man Ihnen Ihren Gehalt nicht zahlt, haben Sie ſich auf ſtrafbare Weiſe gegen die Regierung geäußert. Unter dem Vorwande daß man Ihnen Ihren Gehalt nicht zahlt, fertigen Sie ſeit vier Tagen hochverrätheriſche Abſchriften.“ „Ach Gott, erſt geſtern, gnädiger Herr,“ ſtammelte Buvat ganz außer ſich,„erſt geſtern bemerkte ich es— ich verſtehe kein Wort Spaniſch.“ „Sie verſtehen es, mein Herr,“ fuhr Dubois in barſchem Tone fort. „Ich ſchwöre Ihnen...“ „Sie haben den Beweis dadurch geliefert, daß ſich in Der Chevalier von Harmental. 139 Ihren Abſchriften auch nicht der kleinſte Fehler ſindet. Aber das iſt noch nicht alles. Iſt das hier Spaniſch, mein Herr?“ Und er zeigte ihm das Blatt mit der franzöſiſchen Abſchrift.„Man hat ſchon Leute auf die Galeeren geſchickt, die weit weniger verbrochen hatten.“ „Gnädigſter Herr!“ „Man hat ſchon Leute gehängt, die weit weniger ſtrafbar waren als Sie es ſind, mein Herr Buvat.“ „Aber, Ew. Eminenz, um des heiligen Gottes wil⸗ en „Man hat Menſchen geviertheilt...“ „Gnade, Ew. Eminenz, Gnade!“ ⸗ „Was? Gnade mit einem Elenden wie Sie ſind, Herr Buvat? Ich werde Sie in die Baſtille ſchicken und Ihre Demviſelle Bathilde nach St. Lazare bringen laſſen!“ „Bathilde, die liebliche Bathilde nach St. La⸗ zare! Wer hätte dazu ein Recht?“ „Ich, mein Herr, ich!“ „Nein nein, mein Herr Erzbiſchof, dazu haben Sie nicht das Recht,“ erwiederte Buvat, der in Bezug auf ſich ſelbſt alles ertragen konnte, deſſen Galle ſich aber bei der kleinſten Ungebühr gegen Bathilden zu regen be⸗ gann.„Bathilde iſt kein Mädchen aus dem Volke; 1¹0 Der Chevalier von Harmental. ſie iſt von edler Geburt; ihr Vater hat Sr. königlichen Hoheit einmal das Leben gerettet, und wenn ich mit Sr. königlichen Hoheit reden kann...“ „Sie werden ſich jetzt gleich in die Baſtille begeben!“ erwiederte Dubois haſtig die Klingel ziehend;„ſpäter werden wir ſehen was über Demoiſelle Bathilde zu entſcheiden iſt.“ „Gnädigſter Herr!— Was beginnen Sie?“ „Das ſollen Sie gleich ſehen.“(Der Huiſſier trat ein.)„Gerichtsdiener und einen Fiacre!“ gebot Dubois. „Mein Gott, gnädigſter Herr, hören Sie doch nur! Ich will alles thun was Sie wollen!“ „Thut was ich befehle,“ ſprach Dubvis.— Der Huiſſier ging. „Ew. Eminenz,“ ſtammelte Buvat mit gefalteten Händen,„Ew. Eminenz, ich will ja gehorchen!“ „Nicht doch, nicht doch, mein Herr!“ rief Dubois. „Sie wollen daß man Ihnen den Prozeß mache; gut, es ſoll Ihnen gewillfahrt werden. Sie wollen einen Strick um den Hals; Sie ſollen ihn haben!“ „Gnädigſter Herr,“ jammerte Buvat ſich auf die Knie werfend,„ſo ſprechen Sie doch, was verlangen Sie von mir? Ich bin zu allem bereit!“. Der Huiſſier trat mit den Worten ein:„Die Ge⸗ 3 Der Chevalier von Harmental⸗ 1¹1 richtsdiener warten im Vorzimmer, gnädigſter Herr, und der Fiaere hält vor der Thür.“ „Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!“ jammerte Buvat die Hände ringend. „Sie wollen mir ja den Namen des Prinzen nicht entdecken!“ ſprach Dubvis. „Gern, gern; es iſt der Prinz von Liſthnah, gnä⸗ digſter Herr!“ „Seine Adreſſe.“ „Rue du Bae, No. 10.“ „Aber Sie wollen mir keine Abſchrift von ſeinen Pa⸗ pieren machen?“ „Das will ich auf der Stelle, Ew. Eminenz,“ rief Buvat.. und ſofort ſetzte er ſich an den Schreib⸗ tiſch und nahm Feder und Papier.„Ich gehe an's Werk,— 3 gnädigſter Herr, nur geſtatten Sie mir Bathilden. durch ein paar Zeilchen zu melden, daß ich nicht zum MWittagseſſen kommen werde.“ „Dann werden Sie alles thun was ich von Ihnen verlange?“ „Alles!“„ „Ohne daß ein Wort davon über Ihre Lippen kommt?““ 2 „Ich werde ſtumm ſein wie ein Fiſch, Ew. Eminenz.“ „Selbſt gegen Bathilde?“ „*— 142 Der Chevalier von Harmental. „Selbſt gegen ſie.“ „Gut denn, unter dieſer Bedingung verzeihe ich Ih⸗ nen. Ja vielleicht werde ich Sie ſogar belohnen... Jetzt aber an die Arbeit!“ „Ich ſchreibe ſchon, Ew. Eminenz!“ Und Buvat begann zu ſchreiben, ohne das Auge nach irgend einem andern Gegenſtande zu richten als vom Original nach der Copie und von der Copie wieder nach dem Original, und ohne inne zu halten als um dann und wann ſeine Stirn zu trocknen, auf welcher der Angſtſchweiß in gro⸗ ßen Tropfen perlte. Dubvis benutzte dieſe emſige Beſchäftigung um der Fillon das Cabinet zu öffnen und ihr durch einen Wink Schweigen zu gebieten. Die Gevatterin ging fort, nachdem Dubvis ihr vor der Thür noch einmal anem⸗ pfohlen hatte ihn Tag für Tag von den Schritten ihres Capitäns in Kenntniß zu ſetzen. XI. Das Pasquill. Wehrend der nächſten vier Tage blieb Buvat un⸗ ter dem Vorwande eines Unwohlſeins von der Bibliothek weg und benutzte die Zeit zur Fertigung der zwei ver⸗ langten Abſchriften, von denen die eine für den Prinzen von Liſthnah und die andre für Dubvis beſtimmt war. Während dieſer vier Tage, ſicher der bewegteſten ſeines ganzen Lebens, war der arme Abſchreiber ſo fchweigſam und düſter, daß Bathilde ihn oftmals be⸗ ſorgt fragte was ihm fehle. Jedesmal aber erwiederte er ihr, daß er ſich ganz wohl befinde; da er nun in ſei⸗ ner Lebensweiſe nichts änderte ſondern täglich zur be⸗ ſtimmten Zeit fortging und heimkehrte, ſo gab ſich Ba⸗ thilde endlich auch zufrieden. Was Harmental betrifft, ſo echielt er jeden Mor⸗ 144 Der Chevalier von Harmental. gen einen Beſuch vom Abbé Brigaud, welcher ihm berichtete daß alles nach Wunſch gehe; da es nun auch mit ſeinen Liebesangelegenheiten trefflich ſtand, ſo hielt er zuletzt die Lage eines Verſchwörers für die glücklichſte der Welt. Der Herzog von Orleans ahnte nicht das Mindeſte und ſetzte daher ſeine gewohnte Lebensweiſe fort. Aber an einem Sonntage um zwei Uhr trat Dubois in ſein Cabinet. „Gut daß Du kommſt!“ rief ihm der Regent ent⸗ gegen,„ich wollte ſo eben zu Dir ſchicken, um Dich fra⸗ gen zu laſſen, ob Du heute Abend einer der Unſtigen ſein willſt.“ „Sie haben an dieſem Abend Ihr gewöhnliches Sou⸗ per, gnädigſter Herr?“ fragte Dubvis. „Aber woher kommtſt Du mit Deinem Faſttagsge⸗ ſicht? Weißt Du denn nicht daß heute Sonntag iſt?“ „Ganz recht, gnädigſter Herr!“ „Nun, ſo erwarten wir Dich... Da ſieh die Liſte unſrer Tiſchgenoſſen: Noce, Lafare, Fargy, Ra⸗ vanne, Broglie. Brancas lade ich nicht ein; er iſt ſeit kurzer Zeit ſo abſtoßend, daß ich glaube er geht gar mit einer Verſchwörung um. Die Phalaris und die A vergne kommen auch; ſie können einander nicht oz 5 — Der Chevalier von Harmental. 145 „ leiden, möchten einander die Augen auskratzen, und das wird uns amüſiren. Ferner Laſouris und vielleicht die Sabran, wenn ſie anders kein Rendezvvus mit Richelieu hat.“ 8 „Iſt das Ihre Liſte, gnädigſter Herr?“ „Nun ja!“ „Wollten Ew. königliche Hoheit wohl die Gnade ha⸗ ben auch einen Blick auf die meinige zu werfen?“ „Wie, haſt Du auch eine Liſte entworfen?“ „Nein, gnädigſter Herr, man hat ſie mir ganz fertig überbracht.“ „Alle Teufel was iſt das?“ fragte der Regent, indem einen Blick auf ein Papier warf, das ihm Dubvis über⸗ reichte. „Liſte derjenigen Offieciere, welche in den Dienſt des Königs von Spanienzutreten wün⸗ ſchen: Claude Frangvis de Ferrette Ritter vom Ludwig's⸗Orden, Feldmarſchall und Oberſt der Cavalerie; Bochet Ritter des Ludwi'gs⸗Ordens und Obriſt der In⸗ fanterie; de Sabran, de Larochefoucauld⸗Gondral, de Villeneuve, de Lafare, de Laval... Nun was weite?“ „Hier ein andres Papier, gnädigſter Herr,“ ſprach Dubois.. Chevalier v. Harmental. MI. 10 146 Der Chevalier von Harmental. Der Herzog von Orleans las: Proteſtation des Adels!“ „Sie ſehen daß der Prinz von Cellamare auch ſeine Liſten anfertigt.“ „Unterzeichnet ohne Unterſchied des Ranges: de Vieur, dela Pailleterie, de Baufremont, de Latour du Pin, de Montanban, Louis de Chaumont, Claude de Polignar, Charles de Laval, An⸗ toine de Chaſtellur, Armand de Richelien. Und wo Teufel haſt Du das aufgefiſcht?“ „Warten Ew. Hoheit, wir ſind noch nicht zu Ende. Werfen Sie gefälligſt auch einen Blick auf dieſes Blatt.“ „Plan der Verſchwörung: Nichts iſt wichtiger als ſich der in der Umgegend der Phrenäen gelegenen Feſtplätze zu verſichern und die Garniſon von Bahonne zu gewinnen.. Wer bei allen Teufeln will das thun, Dubois?“ „Geduld, gnädigſter Herr, Geduld! Ich habe Ewr. Ho⸗ heit noch ganz andre Dinge vorzulegen; hier ſind Briefe von Philipp dem Fünften, König von Spanien.“ „An den König von Frankreich. Doch das ſind nur Copien,“ bemerkte der Herzog v. Orleans, indem er las. „Ich werde Ewr. Hoheit ſofort berichten wo ſich die Originale befinden.“ —— * ——— ——— ——— Der Chevalier von Harmental. 147 „Wir wollen doch weiter ſehen:... Seitdem mich die Vorſehung auf den ſpaniſchen Thron geſetzt hat . ſ. w... Die Generalſtaaten ſollen zuſammen be⸗ 3 S und in weſſen Namen?“ „Sie ſehen ja, gnädigſter Herr, im Namen Pyi⸗ lipp's des Fünften!“ „Philipp der Fünfte iſt König von Spanien, nicht aber König von Frankreich! Daß er ſich in ſeiner Rolle nicht vergreife! Ich habe ſchon einmal die Phrenäen über⸗ ſchritten um ſeinen Thron zu ſtützen, er hüte ſich daß ich ſie nicht noch einmal paſſire um denſelben zu ſtürzen!“ „Daran wollen wir ſpäter denken, gnädigſter Herr; für jetzt haben wir ein fünftes Papier zu leſen; es iſt nicht weni⸗ ger wichtig wie Ew. Hoheit ſich ſogleich überzeugen werden.“ Der Herzog von Orleans nahm ungeduldig das Blatt und durchflog es. Dann ſagte er:„Richtig, richtig, wie ich es erwartet hatte! Es iſt von nichts Geringerem die Rede als von meiner Abſetzung! Und die Briefe? Sie ſollten ohne Zweifel dem König übergeben werden?“ „Morgen ſchon, gnädiger Herr!“ „Durch wen?“ „Durch den Marſchall von Villeroh.“ „Ha, wie konnte der dazu bewogen werden?“ „Durch ſeine Gemahlin, Ew. königliche Hoheit.“ 105 1¹8 Der Chevalier von Harmental. „Ha, ich begreife; ein Streich Richelien's.— Von wem haſt Du alle dieſe Papiere?“ „Von einem armen Abſchreiber, dem man ſie zu ev⸗ piren gab.“ „Und dieſer Abſchreiber ſtand direet mit Cellamare in Verbindung?“ „Nein, gnädigſter Herr, die Maßregeln waren beſſer getroffen; der Copiſt hatte es nur mit dem Prinzen von Liſthnah zu thun.“„ „Mit dem Prinzen von Liſthnay? Wer iſt das?“ „Er wohnt Rue du Bae Nr. 10.“ „Ich kenne ihn nicht.“ „Doch, doch, gnädigſter Herr!“ „Und wo ſah ich ihn?“ „In Ihrem Vorzimmer.. Es iſt kein Andrer als Avranche, der Schelm, Kammerdiener der Serzogin von Maine.“ „Die kleine Schlange alſo iſt auch mit im Spiele?“ „Nicht bloß im Spiele, gnädigſter Herr, ſondern ſie miſcht die Karten; wenn Ihnen aber jetzt daran liegt ſie mit ihrer ganzen Clique abzufaſſen, ſo ſteht nichts im Wege; wir haben ſie ſämmtlich in Händen.“ „Sprich, ſprich, ich bin ganz Ohr!“ Der Chevalier von Harmental. 119 „Sind Sie zu einem kräftigen Schlage bereit, gnä⸗ digſter Herr?“ 3 „Allerdings, wir müſſen mit Villeroh beginnen.“ „Das heißt, man muß ſich ſeiner Perſon bemächtigen.“ „Gewiß, aber mit einer gewiſſen Vorſicht. Man muß ihn auf friſcher That ertappen.“ „Nichts leichter als das. Er begiebt ſich jeden Mor⸗ gen um acht Uhr zum König. Wenn Ew. königliche Hoheit ſich morgen um ſieben Uhr in Verſailles einfinden wollen...“ „Nun, und dann?“ „Dann kommen Sie ihm beim Könige zuvor.“ „Dort ſoll ich ihm im Angeſicht des Königs ſein Verbrechen vorhalten?“ „Oh nein, nein, gnädigſter Herr; Ew. Hoheit müßten dann 23 In dieſem Augenblick öffnete der Huiſſier die Thür des Cabinets. „Still!“ gebot der Herzog und ſagte dann zum Huiſ⸗ ſier:„Was willſt Du?“ „Der Herzog von St. Simon!“ „Frage ihn, ob er mir etwas Wichtiges mitzutheilen habe.“ „Etwas höchſt Wichtiges wie er verſichert, gnädigſter Lerr,“ erwiderte der Huiſſier. 150 Der Chevalier von Harmental. „So laß ihn eintreten.“ Der Herzog von St. Simon erſchien. „Entſchuldigen Sie, Herzog,“ ſprach der Regent,„ich habe nur eine kleine Angelegenheit mit Dubois zu be⸗ endigen, dann bin ich für Sie bereit.“ Er trat darauf mit Dubois in eine Fenſtervertiefung und Beide be⸗ ſprachen ſich ein Weilchen mit einander; dann zog ſich der Letztere zurück.„Es iſt heute Abend kein Souper,“ ſprach er, als er das Cabinet verließ, zum Huiſſier gewandt; „benachrichtigen Sie die Eingeladenen davon; Se. könig⸗ liche Hoheit befinden ſich nicht wohl.“ „Iſt das wirklich wahr, gnädigſter Herr?“ fragte der Her⸗ zog von St. Simon, nachdem ſich Dubvis entfernte hatte. „Nein nein, liebſter Herzog, wenigſtens fehlt mir nichts von Bedeutung. Chirae aber verſichert ich wünde am Schlagfluſſe ſterben, wenn ich nicht regelmäßiger lebte, und da will ich denn etwas ordentlicher werden.“ „Ew. königliche Hoheit werden in der That wohl daran thun,“ ſprach St. Simon,„die Verleumdung wird dann weniger Gelegenheit haben Sie zu begeifern.“ „Die Verleumdung, bah! Ich lache darüber!“ verſetzte der Regent.„Was hat ſie denn ſchon wieder auf's Tapet gebracht?“ „Hier dieſes Pasquill vertheilte ſo eben, als ich aus Der Chevalier von Harmenital. 151 der Meſſe kam, ein armſeliger Bettler, welcher auf den Stufen der Kirchthüre ſaß.“ So ſprechend überreichte der Herzog von St. Simon dem Regenten ein auf grobes Papier gedrucktes Gedicht. Der Regent nahm das Blatt; es waren Wort für Wort jene ſchmachvollen Verſe, welche, wie unſre geneigten Leſer ſich erinnern werden, bei dem Feſte in Sceaur nach beendigter Abendtafel von dem bös⸗ willigen mürriſchen Poeten vorgetragen wurden, dem Har⸗ mental beim Fortgehen verſicherte, er werde ihn mit Freuden über den Haufen rennen, wenn er ſicher wäre ihn zu zertreten. „Erkennen Ew. königliche Hoheit den Sthl?“ fragte St. Simon. „Allerdings!“ antwortete der Regent,„das Schmäh⸗ gedicht iſt von Lagrange Chancel. Aber ich erkenne Sie darin, meine Damen, Sie Frau von Maintenon und Sie Frau von Maine. Der elende Lagrange Chan⸗ cel iſt nur Ihr Werkzeug.— St. Simon, wenn ich nun bedenke daß ich ſie ſämmtlich unter meinen Füßen habe, daß ich nur niederzutreten brauche um ſie zu zermalmen...“ „Sie zu zermalmen, gnädigſter Herr!“ wiederholte St. Simon;„eine ſolche Gelegenheit bietet ſich nicht alle Tage, und wenn ſie ſich zeigt, muß man ſie benutzen!“ Der Regent ſann einen Augenblick nach und ſein zor⸗ * 152 Der Chevalier von Harmental. niges Geſicht nahm den ihm eigenthümlichen Ausdruck von Gutmüthigkeit wieder an. „Ich ſehe, die Zeit dazu iſt noch nicht gekommen, gnädigſter Herr,“ bemerkte St. Simon, als er die Ver⸗ änderung im Antlitz des Regenten gewahrte. „Nein, mein Herr Herzog,“ ſprach Philipp,„denn für heute habe ich etwas Beſſeres zu thun als die dem Herzog von Orleans zugefügten Veleidigungen zu rächen. Ich muß Frankreich retten!“ Hierauf reichte er dem Herzog von St. Simon die Hand und zog ſich in ein andres Zimmer zurück. 8 Abends um neun uhr veſſelben Tages verließ der Regent das Palais⸗Rohal, um gegen ſeine Gewohnheit in Verſailles zu übernachten. Ende des dritten Theils. Druck von C. P. Melzer in Leipzig. ——— *. . L