—— —— — —— iot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Cdnard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„*„ F 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersätz. 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Madame Denis hatte es nicht für rathſam gehalten zwei ſo unſchuldige Mädchen wie ihre Töchter mit einem jungen Manne frühſtücken zu laſſen, welcher, obgleich er kaum ſeit drei Tagen in Paris war, erſt um eilf Uhr Abends nach Hauſe kam und bis um zwei Uhr Morgens Clavier ſpielte. Der Abbé Bri⸗ gaud ſtellte ihr vergebens vor, daß dieſe zwiefache Ver⸗ ſundigung gegen ihre häuslichen Polizeigeſetze den Cha⸗ rakter ſeines Schützlings keineswegs beeinträchtige, für deſſen Sittlichkeit er ſich ſelbſt verbürge; er konnte nichts weiter von ihr erlangen als daß die Fräulein Denis beim Nachtiſch ſollten erſcheinen dürfen. Der Chevalier bemerkte indeſſen bald, daß die Mutter 6 Der Chevalier von Harmental. der Mädchen, wenn ſie ihnen auch verboten hatte ſich zu zeigen, ihnen wenigſtens nicht unterſagt hatte ſich hören zu laſſen. Kaum hatten die drei Tiſchgenoſſen an der kleinen runden Tafel Platz genommen, auf welcher das echte Frühſtück einer Frömmlerin ſich den Blicken in vie⸗ len kleinen leckern Schüſſeln appetitlich darbot, als auch im Nebenzimmer die Töne eines Spinetts zu erklingen begannen, von einer Stimme begleitet, die zwar umfang⸗ reich ſchien, aber ſo viele muſikaliſche Böcke ſchoß, daß man leicht erkennen konnte, ſie gehöre einer Anfängerin an. Bei den erſten Tönen legte Madame Denis ihre Hand auf den Arm des Abbé.„Hören Sie wohl,“ ſprach ſie mit einem wohlgefälligen Lächeln,„das iſt un⸗ ſere Athenais welche Clavier ſpielt, und unſre Emi⸗ lie welche ſingt.“ Der Abbé Brigaud bezeichnete durch ein freund⸗ liches Kopfnicken, daß er wiſſe wer die Muſieirenden wären, und trat dabei den Chevalier auf den Fuß, um ihm zu verſtehen zu geben, daß jetzt der Augenblick ge⸗ kommen ſei ein Compliment zu machen. „Madame,“ ſprach ſogleich der Chevalier, welcher die Aufforderung an ſeine Höflichkeit vollkommen begriff, wit ſind Ihnen doppelten Dank ſchuldig, denn Sie Der Chevalier von Harmental. 7 ſpenden uns nicht bloß ein treffliches Frühſtück, ſondern auch ein entzückendes Concert.“ „Es ſind“ entgegnete Madame Denis leichthin,„die Kinder, welche ihren Studien obliegen und nicht wiſſen, daß hier Geſellſchaft iſt; ich will ihnen aber ſogleich un⸗ terſagen fortzuſpielen.“ Madame Denis machte eine raſche Bewegung, als wollte ſie aufſtehen. „Wie, Madame?“ rief Harmental ſie zuückhaltend, „weil ich eben erſt in die Hauptſtadt komme, halten Sie mich nicht für würdig die Talente derſelben kennen zu lernen?“ „Der Himmel bewahre mich, mein Herr, daß ich der⸗ gleichen von Ihnen denken ſollte,“ verſetzte die Haus⸗ wirthin mit einem etwas boshaften Lächeln;„weiß ich doch, daß Sie ſelbſt Muſiker ſind. Der Bewohner des dritten Stockwerks hat es mir verrathen.“ „In dieſem Falle hat er Ihnen gewiß keine hohe Idee von meinem Talente beigebracht,“ verſetzte lächelnd der Chevalier,„denn er ſchien das Wenige nicht zu wür⸗ digen was ich zu leiſten vermochte.“ „Er hat mir nur geſagt, daß ihm die Stunde nicht ganz paſſend ſchien Muſik zu machen. Aber hören Sie, mein Herr,“ fuhr Madame Denis fort, indem ſie ihr 8 Ohr der Thür zuneigte,„jetzt ſind die Rollen gewechſelt, Athenais ſingt und Emilie begleitet ſie auf der Viole dAmour.“ Madame Denis ſchien eine beſondre Vorliebe für Athenais zu haben, denn ſtatt daß ſie, während Emi⸗ lie ſang, geſchwatzt hatte, hörte ſie jetzt von Anfang bis zu Ende die Romanze an, welche Athenais ſang, die Augen zärtlich auf den Abbé Brigaud gerichtet, der ſich unterdeſſen die Speiſen und den Wein trefflich ſchmecken ließ und ſich damit begnügte ihren Blick durch ein beifälliges Kopfnicken zu erwiedern. Uebrigens ſang Athenais etwas richtiger als ihre Schweſter, ein Vor⸗ zug welcher indeß durch einen Mangel wieder aufgehoben wurde, der auf das Ohr des Chevaliers furchtbar wirkte; ſie beſaß nämlich eine Stimme von außerordentlicher Tiefe. 2 Was nun Madame Denis betraf, ſo nickte ſie den Takt dermaßen falſch, daß ſie dadurch weit eher ihre mütterliche Liebe als ihre muſikaliſche Kenntniß beur⸗ kundete. Ein Duett folgte nun den Soli; die Fräulein De⸗ nis ſchienen ſich verſchworen zu haben ihr ganzes Reper⸗ toir zu erſchöpfen. Harmental ſuchte unter dem Tiſche die Füße des Abbé Brigaud, um ihm wenigſtens einen Der Chevalier von Harmental. Der Chevalier von Harmental. 9 zu zertreten, aber er begegnete nur denen der Madame Denis, welche ſein leiſes Umhertappen als eine ihr ge⸗ zollte Huldigung betrachtete und ſich daher mit coquetter Freundlichkeit gegen ihn wendete. „Herr Ra oul,“ ſprach ſie,„Sie kommen alſo, um ſich jung und unerfahren allen Verführungen der Haupt⸗ ſtadt auszuſetzen?“ „Sie ſehen,“ nahm ſchnell der Abbé Brigaud das Wort, weil er beſorgte, der Chevalier möchte hierbei aus ſeiner Rolle fallen,„Sie ſehen in dieſem jungen Manne den Sohn eines meiner Freunde, der mir ſehr theuer war(er wiſchte die Augen mit der Serviette); hoffentlich wird er der Erziehung Ehre machen, die ich ihm zu Theil werden ließ, denn trotz dem daß es nicht eben den Anſchein hat, wie Sie ſehen, beſitzt mein Zögling doch Ehrgeiz.“ „Und er hat Recht,“ fiel Madame Denis ein; „wenn man die Geſtalt und die Talente des jungen Herrn beſitzt, kann man auf alles Anſprüche machen.“ „Ei, ei, Madame Denis,“ entgegnete der Abbé Brigaud,„wenn Sie mir ihn gleich beim erſten Be⸗ ſuch verderben, werde ich ihn nicht wieder mit zu Ihnen bringen; nehmen Sie ſich in Acht! Ravul, mein lieber Sohn,“ fuhr er in einem väterlichen Tone zu Harmen⸗ 10 Der Chevalier von Harmental. tal gewendet fort,„ich hoſſe Du glaubſt kein Wort von ſolchen Schmeicheleien.“— Und zum Ohr der Madame Denis geneigt, flüſterte er:„Wie Sie ihn da ſehen, hätte er ganz gut in ſeiner Heimath bleiben können.. er beſitzt 3000 Livres Einkünfte in liegenden Gründen.“ „So viel denke ich gerade einer jeden meiner Töchter mitzugeben,“ verſetzte Madame Denis mit gehobener Stimme, damit es dem Chevalier nicht entgehe, während ſie zugleich einen Seitenblick auf dieſen richtete, um zu ſehen, wie die Ankündigung einer ſolchen Wohlhabenheit auf ihn wirke. Zum Unglück aber für das künftige Etabliſſement der Fräulein Denis dachte Harmental in dieſem Augen⸗ blicke an etwas ganz Andres als daran, die 3000 Livres jährlich, mit welchen die großmüthige Mutter eine jede ihrer Töchter ausſtatten wollte, mit den 3000 Livres Renten zu vereinen, welche ihm der Edelmuth des Abbé Brigaud zugetheilt hatte. Emiliens grundfalſche Töne ſowie die widrige Altſtimme ihrer Schweſter und das fehlerhafte Accompagnement Beider hatten ihn durch eine ganz natürliche Wdeenverbindung an die reine, ſanfte, himmliſche Stimme und das Meiſterſpiel ſeiner reizenden Nachbarin erinnert. Er verſank demnach in eine ſüße Träumerei, und die in ſeinem Dachſtübchen vernommenen Der Chevalier von Harmental. 11 und jetzt in ſeinem Herzen laut nachklingenden Melodien ſchützten ihn wie eine Zauberrüſtung gegen die noch im⸗ mer im Nebenzimmer erſchallenden Töne. „O ſehen Sie nur, wie eifrig er hinhorcht!“ ſprach Madame Denis leiſe zum Abbé;„wahrlich, es gewährt Vergnügen ſich für einen jungen Mann wie ihn einiger⸗ maßen zu bemühen. Ich will es auch Herrn Frémont ſchon ſagen!“ „Wer iſt Herr Frémont?“ fragte der Abbé ſein Glas füllend. „Mein Miethsmann im dritten Stockwerk, ein kleiner Rentier mit 1200 Livres jährlicher Einkünfte, deſſen Mops mich ſchon mit dem ganzen Hauſe in Zwietracht gebracht hat und der ſich jetzt bei mir beklagt, daß Herr Ravul ihn und ſeinen Hund im Schlafen geſtört habe.“ „Meine liebe Madame Denis,“ entgegnete der Abbé Brigaud,„Sie müſſen ſich darum nicht mit dem Herrn Frémont überwerfen. Zwei Uhr Morgens iſt eine unpaſſende Zeit; will mein Zögling durchaus wachen, ſo mag er am Tage muſiciren und des Nachts zeichnen.“ „Wie, Herr Raoul zeichnet auch!“ rief Madame Denis, ganz erſtaunt über dieſen neuen Zuwachs von Geſchicklichkeit. „Ob er zeichnet? Wie Mignard!“ Der Chevalier von Harmental. „O mein lieber Abbé!“ rief Madame Denis ihre Hände faltend,„wenn wir Eins erlangen könnten...“ „Und was wäre das?“ fragte der Abbé. „Wenn wir ihn bewegen könnten uns das Portrait unſrer Athenais zu malen!“ Der Chevalier erwachte plötzlich aus ſeinen Träume⸗ reien, wie ein Wandrer auf dem Raſen, den die plötzliche Annäherung einer gefahrbringenden Schlange aufſchreckt. „Herr Abbé,“ rief er einen wüthenden Blick auf dieſen ſchleudernd,„Herr Abbé, keine Thorheiten, wenn ich bit⸗ ten darf!“ „Hilf Himmel, was ficht Ihren Zögling an?“ fragte Madame Denis ganz erſchrocken. Zum Glück für den Abbé, welcher auf das Anſinnen der Madame Denis nicht gleich eine paſſende Antwort zu finden noch auch das auffallende Benehmen ſeines Zöglings genügend zu erklären vermochte, öffnete ſich in dieſem Augenblick die Thür und die Fräulein Denis traten ein, errötheten und machten jede eine förmliche Menuettverbeugung. „Nun, meine jungen Damen,“ ſprach Madame De⸗ nis einen ſtrengen Ton affectirend,„was heißt das? Wer hat Ihnen erlaubt Ihr Zimmer zu verlaſſen?“ „Mama,“ entgegnete eine Stimme, welche der Che⸗ Der Chevalier von Harmental. 13 5 valier für die Emiliens erkannte,„wir bitten recht ſehr um Verzeihung, wenn wir einen Fehler hegangen haben; wir ſind bereit uns ſogleich wieder zurückzuziehen.“ „Aber Mama,“ fiel eine zweite Stimme ein, welche ihrem tiefen Klange nach dem Fräulein Athenais an⸗ gehören mußte,„wir glaubten verſtanden zu haben, daß wir zum Nachtiſch erſcheinen ſollten.“ „Da Ihr nun einmal hier ſeid, Kinder, ſo mögt Ihr bleiben; es wäre lächerlich Euch jetzt wieder fortzu⸗ ſchicken,“ ſprach Madame Denis und ließ Athenais zwiſchen ſich und Brigaud, und Emilie zwiſchen ſich und Harmental Platz nehmen.„Die jungen Mädchen ſind immer am beſten aufgehoben, wenn ſie ſich unter den Flügeln ihrer Mutter befinden, nicht wahr, Abbé?“ Während dies vorging, hatte der Chevalier Zeit ge⸗ habt die Töchter der Madame Denis näher zu betrach⸗ ten. Fräulein Emilie war eine hohe hagere Geſtalt von 22— 23 Jahren, welche, wie man verſicherte, eine auffallende Aehnlichkeit mit ihrem Vater dem verſtorbenen Herrn Denis hatte, ein Vorzug, welcher nicht hinzu⸗ reichen ſchien ihr im Herzen ihrer Mutter die Liebe zu verſchaffen, welche ſie ihren beiden übrigen Kindern zu⸗ wendete. Auch hatte die arme Emilie, bei ihrer ſteten Beſorgniß etwas unrecht zu machen und geſcholten zu 14 Der Chevalier von Harmental. werden, eine ſchüchterne, linkiſche Haltung angenommen, die ſelbſt dem Beſtreben ihres Tanzmeiſters nicht hatte weichen wollen. Fräulein Athenais dagegen war durchaus das Gegentheil von ihrer Schweſter, eine kleine runde Kugel, welche bei ihren ſechzehn oder ſiebzehn Jah⸗ ren für gewiſſe Perſonen nicht ganz ohne Reiz ſein mochte. Sie glich weder dem Herrn noch der Madame Denis, welcher Unmſtand früher die Läſterzungen der Rue St. Martin in Bewegung ſetzte, wo Erſterer früher einen Tuchladen hatte, bis er das Haus in der Rue du Temps perdu erkaufte. Trotz dieſer Unähnlichkeit mit ihren Eltern war Fräulein Athenais dennoch nicht weniger der erklaͤrte Liebling ihrer Mutter und trat da⸗ her fortwährend mit jener Zuverſichtlichkeit auf, welche der armen Emilie fehlte. Von gutmüthiger Sinnesart, wie ſie war, benutzte Athenais häufig dieſen Vorzug vazu, die Fehler zu entſchuldigen, welche ihrer ältern Schweſter beſtändig zur Laſt gelegt wurden. Uebrigens glaubte der Chevalier, der als Zeichner auch ein guter Phhſtognomiker war, zwiſchen den Zügen der Athenais und denen des Abbé Brigaud eine gewiſſe Aehnlichkeit zu bemerken, die bei der Unterſuchung einer Vaterſchaft wohl als Leitfaden hätte dienen können. Oögleich es erſt eilf Uhr Vormittags war, ſo hatten Der Chevalier von Harmental. 15 ſich die beiden Schweſtern doch ſchon ſo geputzt, als ob ſie ſich auf einen Vall hätten begeben wollen; ſie trugen am Halſe, an den Armen und in den Ohren alles was ſie an Schmuck beſaßen. Ihre Erſcheinung, welche ſo ganz und gar der Idee entſprach, die Harmental ſich im voraus von den Löchtern ſeiner Wirthin gemacht hatte, war für ihn eine neue Quelle von Betrachtungen. Dieſe Mädchen waren ganz was ſie ſein mußten, d. h. in vollkommener Har⸗ monie mit ihrem Stande und ihrer Erziehung.„Warum alſo,“ fragte ſich der Chevalier,„warum iſt aber Ba⸗ thilde, welche von niedrigerem Herkommen als ſie zu ſein ſcheint, in aller Art ſo ausgezeichnet? Woher kommt zwiſchen jungen Mädchen aus einer und derſelben Claſſe und von denſelben Alter dieſer ungeheure phyſiſche und moraliſche Unterſchied? Es muß hier ein Geheim⸗ niß obwalten, welches ſich hoffentlich früh oder ſpät auf⸗ klären wird!“ Eine zweite Aufforderung durch den Fuß des Abbé Brigaud erinnerte den Chevalier daran, daß ſeine Be⸗ trachtungen immerhin ganz richtig ſein konnten, daß er denſelben aber zu einer ſehr unpaſſenden Stunde nach⸗ hing; Madame Denis hatte nämlich in der That ein ſo auffallend pikirtes Weſen angenommen, daß Har⸗ Der Chevalier von Harmental. mental ſogleich einſah, es ſei die höchſte Zeit ein⸗ zulenken, wofern er bei ſeiner Wirthin den ungünſtigen Eindruck verwiſchen wollte den ſeine Zerſtreuung bei ihr hervorgebracht hatte. „Madame,“ nahm er ſofort mit der ausgezeichnetſten Freundlichkeit das Wort,„das was ich bisher von Ihrer Familie kennen lernte, erregt in mir den Wunſch die Bekanntſchaft aller Mitglieder derſelben zu machen. Iſt Ihr Herr Sohn nicht daheim, und werde ich nicht das Vergnügen haben ihm vorgeſtellt zu werden?“ „Mein Herr,“ erwiederte Madame Denis, der dieſe Rede ihre ganze Freundlichkeit wiedergegeben hatte,„mein Sohn arbeitet bei einem Proeurator, und wenn ſeine Gänge ihn nicht zufällig in dieſes Stadtviertel führen, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß er dieſen Vormittag die Ehre haben wird Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Ah, ah!“ rief der Abbé Brigaud lächelnd und deutete auf die Thür,„Sie ſcheinen Aladin's Wunder⸗ lampe zu beſitzen; kaum äußern Sie einen Wunſch, ſo iſt er auch ſchon erfullt!“ Und wirklich hörte man in dieſem Augenblick von der Treppe her das Lied von Marlborough erſchallen, welches damals zu den Neuigkeiten des Tages gehörte; die Thür öffnete ſich, ohne daß zuvor angeklopft wurde, Der Chevalier von Harmental. 17 und herein trat ein derber junger Mann von rothem friſchem Anſehen, welcher große Aehnlichkeit mit Fräulein Athenais hatte. „Charmant, charmant!“ rief er, indem er die Arme über einander ſchlug und die durch den Abbé Brigand und den Ritter Harmental vermehrte Geſellſchaft des Wohnzimmers betrachtete.„Genirt Euch nicht, Mama! Da ſchickt ſie Bo nifaz zu ſeinem Procurator mit einem Brodchen und einem Stück Käſe und ſpricht: Geh, geh, mein Söhnchen! Iß nnd verdirb Dir nicht den Magen! Und während ſeiner Abweſenheit giebt es hier Feſte und Gaſt⸗ mähler! Zum Glück aber hat der Bonifaz eine feine Naſe. Er hat Geſchäfte in der Straße Montmartre, ein Windſtoß berührt ihn; was duftet denn da ſo lieblich in der Straße du Temps perdu? denkt er und eilt hierher. Da iſt er nun, alſo Platz gemacht!“ Indem er ſeinen Worten die dazu gehörige Handlung folgen läßt, rückt er ohne weiteres einen Stuhl an den Tiſch und ſetzt ſich zwiſchen Brigaud und Harmental. „Mein Herr Bonifaz,“ nahm Madame Denis mit affectirter Strenge das Wort,„ſehen Sie nicht daß hier Fremde zugegen ſind?“ „Fremde?“ wiederholte ihr Sohn, indem er ohne Umſtände zulangte,„etwa Sie, Papa Brigaud, oder Chevalier v. Harmental. M. 2 — 18 Der Chevalier von Harmental. Sie, Herr Raoul? Der iſt ja auch kein Fremder, ſon⸗ dern unſer Miethsmann!“ Und nunmehr begann er ſeine Kinnbacken arbeiten zu laſſen. „In der That, Madame Denis,“ bemerkte der Che⸗ valier,„ich ſehe mit Freuden, daß ich ſchon mehr er⸗ rungen habe als ich glaubte, denn ich wußte nicht, daß ich bereits die Ehre hatte von Herrn Bonifaz gekannt zu ſein.“ „Es wäre ganz ſeltſam, wenn ich Sie nicht kennen ſollte,“ entgegnete der junge Schreiber mit vollem Munde, „Sie haben ja mein Zimmer bezogen.“ „Wie, meine werthe Madame Denis!“ rief Har⸗ mental,„Sie ließen mich in Ungewißheit, daß ich die Ehre hatte die Wohnung einzunehmen, welche vor mir der muthmaßliche Erbe Ihres Hauſes inne hatte! Ich wundre mich jetzt nicht länger, daß ich dort alles ſo hübſch geordnet ſand; man erkannte auf den erſten Blick die Sorge einer Mutter.“ „Nun, wohl bekomm's Ihnen!“ verſetzte Bonifaz; „wenn ich Ihnen aber einen guten Rath geben ſoll, ſo guken Sie nicht ſo oft zum Fenſter hinaus.“ „Weshalb das nicht?“ fragte Harmental. „Weil Ihnen gegenüber eine gewiſſe Nachbarin wohnt, welche r Der Chevalier von Harmental. 19 „Ach, Sie meinen Mademoiſelle Bathilde,“ unter⸗ brach ihn der Chavalier ſich vergeſſend. „Wie, Sie kennen ſie ſchon?“ bemerkte Bonifaz; „vortrefſtich, dann wird es eine ſchöne Geſchichte werden!“ „Wirſt Du gleich ſchweigen, Bonifaz!“ gebot raſch ſeine Mutter. „Ei was, Mama!“ rief Bonifaz;„man muß doch ſeine Miethsleute von allem gehörig unterrichten! Sie arbeiten nicht bei einem Procurator, Mama, ſonſt wür⸗ den Sie das wiſſen.“ „Was kann Herr Raouf mit Mademoiſelle Bathilde zu ſchaffen haben?“ „Was er mit ihr zu ſchafſen haben kann?“ antwor⸗ tete ihr hoffnungsvoller Sohn;„bevor acht Tage verge⸗ hen, wird er bis über die Ohren in ſie verliebt ſein oder er wäre kein Mann! Und es iſt keine Kleinigkeit eine Coquette zu lieben!“„* „Eine Coquette?“ fragte Harmental erſtaunt. „Ja, ja, eine Coquette!“ rief Bonifaz;„ich habe es einmal geſagt und ich widerrufe nicht; eine Coquette, die mit jungen Leuten liebäugelt und bei einem alten Manne wohnt; ihre verwünſchte Wirzz nicht gerechnet, die meine Vonbons frißt und zum Dank dafür, jedesmal wenn ſie mit begehnet, nach meinen Waden ſchnappt!“ Der Chevalier von Harmental. „Stehen Sie auf, Mesdemoiſelles, und entfernen Sie ſich,“ rief Madame Denis, indem ſie ſich von ihrem Sitz erhob;„entfernen Sie ſich; ſo reine Ohren wie die Ihrigen dürfen ſolche leichtfertige Reden nicht mit anhö⸗ ren!“ Und ſie trieb mit dieſen Worten Athen ais und Emilie in das Nebenzimmer, wohin ſie ihnen folgte. Was unſern Harmental betraf, ſo verſpürte er große Luſt dem Herrn Bonifaz eine Flaſche an den Kopf zu werfen; er begriff indeſſen, wie lächerlich er ſich dadurch machen würde, und kämpfte ſeinen Zorn nieder. „Ich glaubte,“ ſprach er,„daß der ehrliche Bürger, den ich auf der kleinen Terraſſe gewahrte— denn der iſt es doch ohne Zweifel welchen Sie meinen, Boniſ „Allerdings, der alte Schuft,“ unterbrach ihn Bo⸗ nifaz;„wer ſollte das von ihm glauben?“ „Er iſt ihr Vater, nicht wahr?“ fragte der Cheva⸗ lier. „Ihr Vater? Hat die denn einen Vater dieſe Demvi⸗ ſelle Bathilde? Rein, ich ſage Ihnen, ſie hat keinen Vater!“ „Oder vielleicht Ihr Oheim?“ „Ihr Oheim? Nun ja, vielleicht wie man das in der Bretagne verſteht, anders aber...“ „Bonifaz,“ ſprach Madame Denis, welche wieder Der Chevalier von Harmental. 21 eintrat, nachdem ſie ihre Jöchter gewiß nicht in's entle⸗ genſte Zimmer gebracht hatte,„ich habe Dich ein für allemal gebeten in Gegenwart Deiner ſittlichen Schweſtern keine ſo leichtfertigen Reden zu führen.“ „Ei was, Mama,“ verſetzte Bonifaz, indem er ſeinen Teller auf's neue füllte,„meine Schweſtern! Glau⸗ ben Sie etwa daß die Mädchen in ihrem Alter derglei⸗ chen Dinge nicht hören können, zumal Emilie, die ſchon 23 Jahr alt iſt? „Emilie, mein Herr Bonifaz, iſt rein und un⸗ ſchuldig wie ein neugebornes Kind,“ entgegnete Madame Denis, indem ſie ihren Platz zwiſchen dem Abbe und Harmental wieder einnahm. „Unſchuldig, nun ja! Glauben Sie nur daran, Mama, und trinken Sie einmal darauf! Ich habe im Zimmer der lieben Un ſchuld einen ſchönen Roman ge⸗ funden; ich will Ihnen denſelben einmal zeigen, Papa Brigaud, Ihnen der ihr Beichtvater iſt; Sie ſollen ſehen, wie gut ſie ihre Faſtenzeit angewendet at „Schweige, bösartiges Kind!“ ſprach der Abbé, „Du ſiehſt welchen Kummer Du Deiner Mutter machſt!“ Wirklich erſiickte Madame Denis faſt vor Scham und Aerger, von einer ihrer Töchter in Gegenwart ei⸗ nes jungen Mannes ſo ſprechen zu hören, in Bezug auf 22 Der Chevalier von Harmental. welchen ſie ſchon ihre Plane für die Zukunft entworfen hatte. Sie war nahe daran in Ohnmacht zu ſinken. Es giebt indeſſen nichts, woran die Männer weniger glauben als die Ohnmachten der Weiber, und dennoch giebt es nichts wodurch ſie leichter gefangen werden. MWochte übrigens Harmental daran glauben oder nicht, ſo war er doch zu höflich um nicht ſeiner Wirthin bei dieſer Gelegenheit einen Beweis ſeiner Theilnahme zu ge⸗ ben. Er öffnete ſeine Arme um ſie aufzufangen, und kaum bemerkte dies Madame Denis, als ſie ſich völlig ſinken ließ und ihrer Ohnmacht ganz hingab. „Einen Lehnſtuhl, Abbé, einen Lehnſtuhl!“ rief Har⸗ mental, während Bonifaz die Zeit benutzte, um mit den noch übrigen Bonbons und Näſchereien ſeine Taſchen zu füllen. Der Abbé ſchob einen Lehnſtuhl hin, aber mit der Langſamkeit eines Mannes, welcher an dergleichen Erſchei⸗ nungen gewöhnt iſt und von den Folgen Lerſelben nicht beunruhigt wird. Man ſetzte Madame Denis hinein und rieb ihr Schläfe und Hände; ſie aber ſchien noch immer nicht geneigt wieder zum Leben zu erwachen; plötz⸗ lich aber, als man es gerade am wenigſten erwartete, ſprang ſie wie von einer Feder emporgeſchnellt auf die Füße und ſtieß einen lauten Schrei aus. H armental 3 ₰ n Der Chevalier von Harmental. 23 glaubte an einen Nervenanfall nach ihrer Schwäche und erſchrak in allem Ernſt. „Es iſt nichts, es iſt gar nichts!“ beruhigte Boni⸗ faz;„ich habe ihr die Caraffe Waſſer über den Rücken gegoſſen. Ja, ja, ich bin es!“ fuhr er gegen Madame Denis gewendet fort, welche ihm wüthende Blicke zu⸗ ſchleuderte,„ich habe Sie zu ſich ſelbſt gebracht, Mama! Erkennen Sie mich nicht? Ich bin es ja, ich, ihr klei⸗ ner Bonifaz, der Sie von Herzen liebt!“ „Madame,“ ſprach Harmental,„ich bin in der That untröſtlich über alles was ſich zugetragen hat...“ „Ach, mein Herr!“ erwiederte Madame Denis in Thränen ausbrechend,„ich bin ſehr unglücklich!“ „Ach weinen Sie doch nicht, Mama! Sie ſind ſo ſchon naß genug!“ ſprach Bonifaz;„wechſeln Sie lieber das Hemd; es iſt nichts ungeſünder als naſſe Wä⸗ ſche auf dem Körper zu behalten!“ „Er hat Recht,“ bemerkte der Abbé Brigaud;„ich glaube Sie würden gut thun, ſeinem Rathe zu folgen.“ „Wenn ich meine Bitte mit der des Abbé vereinigen dürfte,“ nahm Harmental das Wort,„ſo möchte ich Sie erſuchen ſich um meinetwillen nicht zu geniren. Ueber⸗ dem iſt der Augenblick gekommen, wo wir uns von Ihnen verabſchieden müſſen.“ 24 Der Chevalier von Harmental. „So leben Sie wohl, meine Herren,“ ſprach Madame Denis, indem ſie eine Verbeugung machte, welcher das von oben über ihren Rücken gegoſſene und jetzt unten wieder herausfließende Waſſer viel von ihrer Majeſtät raubte. „Adieu, Mama!“ rief Voniſaz, indem er mit der Zuverſicht eines verzogenen Kindes ſeinen Arm um Ma⸗ dame Denis ſchlang.„Haben Sie nichts an Herrn Jouh zu beſtellen?“ „Adieu, Du Taugenichts!“ entgegnete die Mutter noch halb zornig, halb aber ſchon wieder freundlich ge⸗ ſtimmt,„adieu, und führe Dich gut auf!“ Und der dritte Schreiber des Herrn Jouh eilte den Gäſten ſeiner Mutter nach, welche ſich ſchon auf der Hausflur befanden.„Was haſt Du denn da mit meiner Taſche zu ſchaffen?“ fragte ihn der Abbé Brigaud. „Ei, ich unterſuche nur, ob ſich nicht darin ein klei⸗ ner Thaler für Ihren guten Freund Boniſaz befindet,“ verſetzte der Sohn der Madame Denis. „Da haſt Du einen großen Thaler,“ lachte der Abbé; „nun geh Deiner Wege und laß uns allein!“ „Papa Brigaud,“ rief Boniſaz,„Sie beſitzen das Herz eines Cardinals, und wenn der König Sie nur zum Erzbiſchof macht, ſtiehlt er Ihnen die Hälfte von dem n 1 r Der Chevalier von Harmental. 25 was Ihnen zukommt. Adieu, Herr Raoul,“ ſuhr er gegen Harmental gewendet und mit einer Vertraulich⸗ keit fort, als ob er ihn ſchon zehn Jahre lang gekannt hätte.„Wie geſagt, hüten Sie ſich vor Demviſelle Ba⸗ thilde, wenn Sie anders Ihr Herz bewahren wollen!“ Er war mit einigen Sprüngen zur Thür hinaus. Der Abbé Brigand folgte ihm langſam, nachdem er mit dem Chevalier verabredet hatte, daß ſie ſich Abends um acht Uhr wieder treffen wollten. Harmental ging wieder nach ſeinem Dachſtübchen hinauf. I. Das rothe Band. Was den Geiſt des Chevaliers von Harmental vorzugsweiſe beſchäftigte, war, wie man ſieht, keineswegs die Entwickelung des Drama's, in dem er eine ſo bedeu⸗ tende Rolle übernommen hatte. Auch dachte er nicht mehr an die pomphafte Redweiſe der Madame Denis, noch an die falſchen Töne Emiliens, noch an Athe⸗ nais' ſchnarrende Altſtimme, noch an die Eulenſpiegel⸗ ſtreiche des jungen Bonifaz, ſondern einzig und allein an die arme Bathilde, deren guter Name ſo eben bei ſeiner Wirthin hatte in Frage geſtellt werden ſollen. Unſte geneigten Leſer würden ſich indeſſen ſehr täu⸗ ſchen, wenn ſie glauben ſollten, daß die furchtbare An⸗ klage des Herrn Bonifaz beim Chevalier auch nur im geringſten die ihm ſelbſt noch unerklärlichen Gefühle für das junge Mädchen hätte ſchwächen können, die bereits 27 Der Chevalier von Harmental. in ſeinem Buſen lebten. Harmental war überzeugt, daß zwiſchen den beiden ihm gegenüberwohnenden Per⸗ ſonen kein Liebesverhältniß ſtattfinde und auch kein Eigen⸗ nutz im Spiele ſei, da ihre Lage, wenn auch nicht gerade Armuth, doch große Beſchränktheit der Vermögensumſtände beurkundete. Der Chevalier hielt daher den Gedanken feſt, daß vie reizende Bathilde weder die Gattin noch die Toch⸗ ter dieſes gemein ausſehenden Nachbars ſein könne, deſſen proſaiſche Erſcheinung jedesmal die in ſeinem Herzen auf⸗ keimende Liebe unterdrückt hatte. Es ruhte alſo auf ih⸗ rer Geburt ein Geheimniß; ſie war nicht was ſie zu ſein ſchien. Und ſo erklärte ſich ihm alles. Dieſe edle Schön⸗ heit, dieſe zauberiſche Anmuth, dieſe vollendete Erziehung hörten auf für ihn ein Räthſel zu ſein; Bathilde war ſicherlich weit über die Stellung erhaben, welche ſie in dieſem Augenblicke einzunehmen genöthigt ſein mochte; es hatte im Schickſal dieſes jungen Mädchens eine jener Umwälzungen ſtattgefunden, wodurch die Verhältniſſe der Menſchen wie die Städte durch Erdbeben über den Hau⸗ fen geworfen werden. Es mußte ſich in ihrem Leben etwas zugetragen haben, was ſie gezwungen hatte zu der niedrigen Sphäre hinabzuſteigen, in welcher ſie jetzt vegetirte. Der Chevalier von Harmental. Weit entfernt alſo dem freundſchaftlichen Rathe zu folgen, den ihm Herr Bonifaz gegeben hatte, war das Erſte was Sarmental chat, als er ſein Dachſtübchen wieder betreten hatte, an's Fenſter zu eilen und ſich um⸗ zuſchauen, wie es bei ſeiner reizenden Nachbarin ausſähe. Das Fenſter gegenüber ſtand weit geöffnet. Hätte man unſerm Helden vor acht Tagen geſagt, daß ein offenſtehendes Fenſter ſein Herz zu ungeſtümerem Klopfen veranlaſſen würde, er hätte laut aufgelacht; und dennoch war dem alſo; denn er war genöthigt ſeine Hand auf die Bruſt zu legen, um das Wogen derſelben zu hemmen. Er nahm ſeine Stellung ſo, daß er beobachten konnte, ohne ſelbſt bemerkt zu werden. Nach wenigen Augenblicken aber überzeugte er ſich, daß das Zimmer leer ſein mußte, denn deſſen ſchlanke und behende junge Bewohnerin würde gewiß ſchon zehn⸗ mal vor ſeinen Augen hin- und hergeſchlüpft ſein, wäre ſie nicht außerhalb deſſelben geweſen. Harmental öffnete jetzt auch ſein Fenſter und alles beſtärkte ihn in ſeiner Vermuthung. Es war ſelbſt zu bemerken, daß die ſorgſame Hand der alten Aufwärterin das Zimmer auf⸗ geräumt hatte, denn das Elavier war verſchloſſen, die Buͤcher, welche früher zerſtreut umherlagen, waren auf⸗ gehaͤuft, kurz alles war ſauber geordnet. Was übrigens Der Chevalier von Harmental. 29 die Vermuthung des Chevaliers zur Gewißheit erhob, war der Umſtand, daß das Hündchen, welches eingeſchla⸗ fen geweſen war, durch das Oeffnen von Harmental's Fenſter plötzlich geweckt wurde und bellend emporſprang, um zu entdecken wer es in ſeiner Ruhe geſtört habe. Da der Chevalier durch die Ausſagen des Herrn Bo⸗ nifaz wußte, daß dieſes Hündchen Mirza hieß, und da man, wenn man eine Feſtung erobern will, nichts vernachläſſigen darf, indem ein vertrautes Verhältniß mit jemandem innerhalb derſelben oft weit wirſamer iſt als die furchtbarſten Kriegsmaſchinen, ſo beſchloß er ſich zu⸗ nächſt mit dem Hündchen in Verbindung zu ſetzen und rief mit der ſanfteſten, einſchmeichelndſten Stimme: „Wis Wirzc Die niedliche Mirza, welche ſich wieder gemächlich auf das Fenſterkiſſen gelagert hatte, fuhr bei dieſem Rufe ſtaunend auf; und in der That mußte es dem Thierchen auffallen, daß ein wildfremder Mann es ſo ungenirt bei ſeinem Taufnamen rief. Daher blickte es den Rufer unruhig und knurrend an. Harmental erinnerte ſich, wie der Marquis von Krelles dadurch, daß er das Lieblingshündchen der Demviſelle Chavin mit gebratenen Kaninchenköpfen fütterte, den Marſchallsſtab erlangt hatte, und er zweifelte 30 Der Chevalier von Harmental. daher nicht, durch ein ähnliches Verführungsmittel den Zorn zu beſchwichtigen, mit dem Demoiſelle Mirza ſeiner erſten Huldigung begegnet war. Er näherte ſich daher ſeiner Zuckerdoſe und trällerte dabei vor ſich hin: Bewundert nur die Macht der Hunde, Da ſie am Hoſe Anſehn gab! Verdiente je in Frankreichs Runde Ein Marquis mehr den Marſchallsſtab ²*) Dann trat er mit zwei ziemlich großen Stücken Zucker in der Hand wieder an's Fenſter. Unſer Held täuſchte ſich nicht; kaum hatte er ihr mit geſchickter Hand einen Theil der lockenden Süßigkeit zu⸗ geworfen, als ſie auch ſofort die ihr gewordene Spende beſchnüffelte, ſie dann zwiſchen die Zähne nahm und mit der Langſamkeit eines Feinſchmeckers verſpeiſ'te. Nachdem dieſe Operation beendigt war, gab ſie durch ein leiſes Schnalzen mit ihrer roſigen Zunge zu erkennen, daß ſie trotz der ſcheinbaren Gleichgültigkeit, welche ſie ohne Zweifel in Folge der ihr gewordenen guten Erziehung gezeigt hatte, die Aufmerkſamkeit zu würdigen wußte, die *) Des chiens admirez la puissance: 4 la cour leur etédit et bon; Et jamais Maréchal de France Na mieux meérité le bäton. Der Chevalier von Harmental. 31 ihr vom Nachbar gegenüber ſo unerwartet erwieſen wor⸗ den war. Auch legte ſich Mirza nicht wieder zum Schlafen nieder, ſondern ſetzte ſich gähnend auf ihre Hinterpfötchen und wedelte dabei mit dem Schwänzchen, gleichſam als wolle ſie zu erkennen geben, daß ſie bereit ſei noch mehr ſolche Artigkeiten in Empfang zu nehmen. Harmental verſtand ihre Meinung vollkommen und warf ihr unverzüglich ein zweites Stück Zucker hinüber, jedoch diesmal abſichtlich ſo, daß es über das Fenſterkiſſen weg in's Zimmer hinab fiel; es ſollte dies eine Probe ſein, ob die Trägheit oder die Gourmandiſe bei Mirza vorherrſche, denn danach wollte der Chevalier ſeine Ope⸗ rationen einrichten. Mirza ſchien einen Augenblick lang unſchlüſſig, endlich aber trug wirklich die Naſchhaftigkeit den Sieg davon; ſie ſprang hinab das Stück Zucker zu ſuchen, welches unter das Clavier gerollt war. In die⸗ ſem Augenblick ſiel ein drittes Stück in's Fenſter und Wirza eilte vom zweiten Stück zum dritten, wie ſie vom erſten zum zweiten geeilt war. Hier aber beſchränkte der Chevalier für diesmal ſeine Freigebigkeit; er glaubte bereits genug gegeben zu haben, um auch wieder etwas zu empfangen; er begnügte ſich alſo damit, nochmals aber in einem etwas beſtimmtern Tone als früher „Mirza! Mirza!“ zu rufen, wobei er dem Hündchen Der Chevalier von Harmental. vie Stuͤcken Zucker ſehen ließ, die ſich noch in ſeiner Hand befanden. Ohne den Chevalier wie früher unruhig oder gar verächtlich anzublicken, erhob ſich Mirza jetzt auf ihre Hinterpfötchen, legte die Vorderpfötchen auf den Fenſter⸗ rand und gukte den Chevalier mit den Blicken eines alten Bekannten an. Es war gelungen, Mirza war gewonnen! Der Chevalier machte die Bemerkung, daß er, um dieſes Reſultat zu erreichen, gerade ſo viel Zeit gebraucht habe als nöthig ſei, um eine Kammerjungfer mit Gold oder eine Herzogin mit Diamanten zu verführen. Jetzt kam es darauf an Mirza an ſeine Stimme zu gewöhnen. Er fuhr fort hin und wieder Stückchen Zucker zu ſpenden und dazwiſchen zu ſprechen, ſo daß ſich die niedliche Mirza ganz und gar in dieſe Unter⸗ haltung mit ihrem Nachbar vertiefte und ſelbſt nicht, wie es doch am vergangenen Tage der Fall geweſen war, Annäherung ihrer Gebieterin bemerkte und verkündete, ſondern ruhig im Fenſter ſitzen blieb und mit dem Che⸗ valier liebäugelte, als jene in's Zimmer trat. Natürlich forſchten Bathildens Blicke ſofort nach der Urſache des veränderten Betragens ihrer Mirza. Bathildens Augen begegneten denen des Chevaliers. Sie erröthete. ———— Der Chevalier von Harmental. 33 Harmental verbengte ſich und Bathilde, ohne recht zu wiſſen was ſie that, erwiederte die Begrüßung. Das reizende Mädchen wollte jetzt das Fenſter zu⸗ machen, aber ein richtiger Takt hielt ſie davon ab; ſie fühlte, daß dies der Sache Wichtigkeit verleihen, daß es ſcheinen würde, als wolle ſie ſich gegen einen Angriff in Vertheidigungsſtand ſetzen; und ſie begnügte ſich daher ruhig in den Theil des Zimmers zu treten, in welchen Harmental's Blicke nicht dringen konnten. Als ſie ſich nach einigen Augenblicken wieder vorwagte, über⸗ zeugte ſie ſich daß ihr Nachbar gegenüber ſein Fenſter geſchloſſen hatte. Bathilde fühlte dieſe Beſcheidenheit und wußte ihm Dank dafür. „Und wirklich hatte unſer Held einen Meiſterſtreich ausgeführt. In der noch ſo wenig vorgerückten Situa⸗ tion, in welcher ſich Harmental zu ſeiner Nachbarin befand, und bei der großen Nähe der beiden Fenſter konnten unmöglich beide geöffnet bleiben, und wenn er das ſeine hätte offen ſtehen laſſen, ſo würde ſie natürlich das ihre geſchloſſen haben. Jetzt aber konnte er ſie hin⸗ ter ſeinem Vorhange beobachten, und das war eine groß, Zerſtreuung für einen jungen Mann, der wie er jetzt zur ſtrengſten Zurückgezogenheit verurtheilt war. Er war in ſeinen Operationen ſchon um ein Bedeutendes vorge⸗ Chevglier v. Harmental. 11. 3 34 Der Chevalier von Harmental. rückt, er hatte Bathilden gegrüßt und ſie hatte ſeinen Gruß erwiedert. Sie ſtanden alſo jetzt einander nicht mehr ganz fremd gegenüber. Es hatte ſich zwiſchen ihnen eine Art von Bekanntſchaft angeknüpft; um dieſe aber weiter zu führen, um nicht gar etwa das Gewonnene wieder zu verlieren, durfte man nichts übereilen. Es war beſſer Bathilden bei dem Glauben zu erhalten, daß der Zu⸗ fall hier allein im Spiele geweſen ſei. Bathilde glaubte es vielleicht nicht, aber ſie konnte doch, ohne ſich etwas zu vergeben, ſich ſo ſtellen als ob ſie es glaube. So kam es daß Bathilde nun ihr Fenſter offen ließ und, da ſie das ihres Nachbars geſchloſſen ſah, ſich an dem ihrigen mit einem Buche in der Hand niederſetzte. Was die kleine Mirza betrifft, ſo ſprang dieſe auf das Tabouret zu den Füßen ihrer Herrin, welches ihr überhaupt zur Lagerſtätte diente; ſtatt aber wie ſonſt die Füßchen auf den Knien ihrer Herrin ruhen zu laſſen, ſtellte ſie dieſelben jetzt auf das Fenſterbret und gukte hinüber nach dem freundlichen Nachbar, welcher ihr mit ſo freigebiger Hand Zucker geſpendet hatte. Der Chevalier ſetzte ſich nun in die Mitte ſeines Zimmers, nahm ſeine Zeichenmaterialien zur Hand und ſtizzirte vermittelſt einer kleinen im Vorhange befinblichen Oeffnung das anmuthige ihm vor Augen liegende Bild. en m uf die en, kte nit Der Chevalier von Harmental. 35 Leider waren die Tage eben ſehr kurz; das wenige Licht, welches durch die Wolken und den Regen herab⸗ lenchtete, begann zu verſchwinden und Bathilde ſchloß ihr Fenſter; aber in Harmental's Zeichnung war ihr reizendes Köpfchen und zwar mit der täuſchendſten Aehn⸗ lichkeit bereits vollendet. Als es völlig dunkel geworden war, ſtellte der Abbé Brigaud wieder ein. Der Chevalier und der Abbé hüllten ſich dicht in ihre Mäntel und ſchritten dem Palais⸗Royal zu, wo ſie, wie der geneigte Leſer ſich er⸗ innern wird, das Terrain recognoseiren wollten. Das Haus, welches Frau von Sabran bezogen hatte, ſeitdem Herr von Sabran Maitre d'ötel des Regen⸗ ten geworden war, lag zwiſchen dem Hötel de la Roche⸗ Guhon und einem Durchgange, welcher früher Paſſage du Palais⸗Rohal genannt wurde, weil er der einzige Weg von der Rue des Bons⸗Enfants nach der Rue Valvis war. Dieſer Durchgang, welcher ſeitdem ſeinen Namen in den der Paſſage du Lheée umwandelte, ward damals wie alle übrigen Gitterthore des Gartens ver⸗ ſchloſſen, und zwar pünktlich um eilf Uhr Abends. Hier⸗ aus folgt daß diejenigen, welche ſich in einem Hauſe der Rue des Bons⸗Enfants befanden, wenn anders daſſelbe keinen zweiten Ausgang in die Rue Valois hatte, nach 3* 36 Der Chevalier von Harmental. eilf Uhr genöthigt waren einen großen Umweg zu machen und entweder die Rue neuve des petits Champs oder den Cour des Fontaines zu paſſiren, um in's Palais⸗Rohal zu gelangen. Dies war der Fall mit dem Hauſe der Frau von Sabran. Es war ein allerliebſtes kleines Hötel, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts d. h. vor ungefähr 20 bis 25 Jahren erbaut. Es beſtand nur aus einem Erdgeſchoß und einem Stockwerk, über dem ſich noch eine ſteinerne Galerie mit Dachzimmern für die Dienerſchaft befand. Längs den Fenſtern des erſten Stockwerks dehnte ſich ein Balcon hin. Die beiden Fagaden des Hauſes waren übrigens ganz gleich; da jedoch die Rue Valvis um acht bis zehn Fuß tiefer liegt als die Rue des Vons⸗ Enfants, ſo war vor den Fenſtern des Erdgeſchoſſes eine Terraſſe angebracht, welche man zu einem kleinen Garten umgeſchaffen hatte worin zur Sommerszeit die köſtlichſten Blumen prangten, welche aber keineswegs mit der Straße in Verbindung ſtand. Der einzige Ein- und Ausgang befand ſich alſo, wie wir bereits bemerkt haben, in der Rue des Bons⸗Enfants. Das war alles was unſre Verſchwörer nur wünſchen konnten. Befand ſich der Regent erſt einmal bei der Frau von Sabran, hatte er ſich, was möglich war, zu n n al. Der Chevalier von Harmental. Fuße auf den Weg gemacht und blieb er dort, was höchſt wahrſcheinlich war, bis nach eilf Uhr, ſo hatte er ſich wie in einer Mauſefalle gefangen, denn er mußte durch⸗ aus dort wieder heraus wo er hineingegangen war; nichts war daher ausführbarer als ein Handſtreich wie der in der Rue des Vons⸗Enfants beabſichtigte, denn dies war die einſamſte und dunkelſte Umgegend des Palais⸗Rohal. Ueberdies war dieſe Straße damals, wie noch jetzt, von verdächtigen Häuſern umgeben, welche im allgemei⸗ nen von ziemlich ſchlechter Geſellſchaft beſucht wurden, ſo daß man Hundert gegen Eins wetten konnte, ein Hülfs⸗ geſchrei in derſelben werde gänzlich unbeachtet bleiben, und wenn dann endlich auch die Schaarwächter anlangen ſollten, ſo ſtand bei der Langſamkeit dieſer Miliz mit Recht zu erwarten, daß ſolches erſt geſchehen würde, wenn der Plan bereits in Ausführung gebracht worden war. Nachdem das Terrain gehörig recognoscirt, die Dis⸗ poſition getroffen und die Nummer des Hauſes(es war Nummer 25) bemerkt worden war, trennten ſich Har⸗ mental und der Abbé Brigaud, der Letztere um ſich in's Arſenal zu begeben und die Herzogin von Maine von allem in Kenntniß zu ſetzen, unſer Chevalier aber um in ſein Dachſtübchen der Rue du Temps perdu zurück⸗ zukehren. 38 Der Chevalier von dunen Wie am vorigen Abend war auch heute vi⸗ Woh⸗ nung Bathildens erleuchtet. Diesmal aber zeichnete das junge Mädchen nicht, ſondern, war mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigt. Erſt um ein Uhr Morgens löſchte ſie ihr Licht aus. Was den Bewohner des Dachſtübchens mit der Terraſſe betrifft, ſo war er ſchon lange vor Harmental's Zurückkunft wieder in ſeine luftige Be⸗ hauſung hinaufgeſtiegen.„ Der Chevalier erfreute ſich keines angenehmen Schlafs. In ſeiner Lage iſt das übrigens höchſt begreiflich. Gegen Morgen indeſſen trug ſeine Ermüdung den Sieg davon. Er erwachte erſt, als er ſich ziemlich derb beim Arme geſchüttelt fühlte. Ohne Zweifel hatte⸗ der Chevalier einen böſen Traum und wähnte, das Rütteln ſei eine Fortſetzung deſſelben; denn noch halb ſchlafend griff er ſchnell nach den Piſtolen, die auf ſeinem Nachttiſche lagen. „Ruhig, ruhig, junger Herr!“ rief der Abbé Bri⸗ gaud;„alle Wetter, wie geſchwind Sie bei der Hand ſind! Machen Sie doch die Augen auf! Erkennen Sie mich nicht?“ „Ei, Sie ſind's!“ erwiederte Harmental lächelnd; „Sie haben wohlgethan mir den Arm zu halten; ich träumte man wolle mich arretiren.“ „Ein gutes Zeichen das!“ verſetzte der Abbé;„Sie lchc — Der Chevalier von Harmental. 39 wiſſen, daß von einem Traume ſtets das Gegentheil ein⸗ trifft; es wird demnach alles nach Wunſch gehen.“ „Giebt es etwas Neues?“ fragte Harmental. „Und wenn dies der Fall wäre, wie würden Sie die Kunde aufnehmen?“ „Ich würde Sie mit Freuden begrüßen,“ rief der Chevalier.„Hat man einmal eine ſolche Sache über⸗ nommen, ſo bringt man ſie auch gern ſo ſchnell als möglich zu Ende.“ „Wohlan,“ verſetzte Brigaud ein Papier aus der Taſche ziehend und es dem Ritter überreichend,„leſen Sie Harmental nahm das Blatt, entfaltete es ſo ruhig als ob es die gleichgültigſte Nachricht enthalten hätte, und las wie folgt: „Rapport vom 27. März, 2 Uhr Morgens. Geſtern Abend um 10 Uhr hat der Regent einen Courier von London empfangen, der ihm auf morgen die Ankunft des Abbé Dubois meldete. Zufällig ſpeiſ'te der Regent bei Madame und ſo konnte ihm trotz der vorgerückten Stunde die Depeſche übergeben werden. Ei⸗ nige Augenblicke früher hatte Mademoiſelle de Char⸗ tres ihren Vater um die Erlaubniß erſucht in der Abtei de Cheltes ihre Andacht verrichten zu dürfen, und man 40 Der Chevalier von Harmental. war bereingekonmen, daß der Regent ſie dorthin bringen ſolle; bei dem Empfange der Depeſche aber ward dieſer Plan abgeändert und der Herr Regent befahl das Con⸗ ſeil auf heute 12 Uhr zuſammenzuberufen. Um 3 Uhr wird der Regent dem König in den Tui⸗ lerien ſeine Aufwartung machen; er hat denſelben um ein Geſpräch unter vier Augen erſuchen laſſen; denn er fängt an ſich bei dem Eigenſinn des Herrn Marſchall von Villeroh zu langweilen, welcher bei den Zuſammen⸗ künften des Königs mit dem Regenten ſtets anweſend zu ſein verlangt. Das Gerücht ſagt daß, wenn dieſer Ei⸗ genſinn fortdauern würde, es dem Marſchall ſchlecht be⸗ kommen könne. Um 8 Uhr werden der Herr Regent mit dem Che⸗ valier von Simiane und dem Chevalier von Ra⸗ vanne bei der Frau von Sabran ſoupiren.“ „Haha!“ rief Harmental und wiederholte mit Nach⸗ druck die letzten Zeilen. „Nun, was ſagen Sie dazu?“ fragte der Abbé. Der Chevalier ſprang aus dem Betie, warf ſeinen Schlafrock über, zog aus einem Schubfach ein ponceau⸗ rothes Band hervor, nahm Hammer und Nagel, öffnete das Fenſter, nicht ohne einen Seitenblick auf das ſeiner Der Chevalier von Harmental. 41 Nachbarin zu werfen, und befeſtigte außerhalb deſſelben das Band an die Mauer. „Was zum Henker ſoll das heißen?“ fragte der Abbé. „Das ſoll heißen,“ erwiederte der Chevalier,„Sie können die Frau Herzogin von Maine benachrichtigen, daß ich ſchon an dieſem Abend mein Verſprechen zu er⸗ füllen hoffe. Und jetzt fort mit Ihnen, lieber Abbé! Kehren Sie erſt nach zwei Stunden zurück, denn ich er⸗ warte jemanden... und Ihre Gegenwart möchte geniren.“ Der Abbé ließ ſich dieſen Wink nicht wiederholen, nahm ſeinen Hut, drückte dem Chevalier die Hand und eilte von dannen. Nach 20 Minuten trat der Capitän Roquefinette in's Zimmer. III. Die Straße des Bons⸗Enfants. An Abend deſſelben Tages(es war ein Sonntag) ungefähr um acht Uhr, als eine Gruppe von Männern und Weibern um einen Straßenſänger verſammelt ſtand, ſo daß die Straße ziemlich verſperrt war, ſtiegen ein Musketier und zwei Chevaulegers die hinter dem Palais⸗ Rohal befindliche Treppe herab und thaten einige Schritte um ſich der Paſſage du Lheée zu nähern, die bekanntlich in jene Straße ausläuft. Als ſie aber die Menſchen⸗ menge gewahrten, welche den Weg verſperrte, blieben die drei Militärs ſtehen und ſchienen ſich mit einander zu berathen; das Reſultat dieſer Deliberation war ohne Zweifel der Entſchluß einen andern Weg als den vorher beabſichtigten einzuſchlagen; denn der corpulente Muske⸗ tier ſchwenkte ſich mit ſeinen Gefährten nach dem Cvur des Fontaines, ging dann um die Ecke der Rue des Der Chevalier von Harmental. 43 Bons⸗Enfants und erreichte mit ziemlicher Schnelligkeit das Haus Nummer 25, das ſich ihm wie auf einen Zauberſchlag öffnete und ihn und ſeine Gefährten einließ. In dem Augenblicke, wo ſie den Entſchluß gefaßt hatten den kleinen Umweg zu machen, verließ ein junger Mann, in einen braunen Mantel gehüllt und den breit⸗ krempigen Hut tief in's Geſicht gedrüͤckt, den um den Straßenſänger verſammelten Menſchenhaufen, eilte die Melodie eines Gaſſenhauers vor ſich hin trällernd durch die Paſſage du Lycée und langte am Ausgange derſelben eben noch zeitig genug an, um die drei oben erwähnten Perſonen in's Haus treten zu ſehen. Jetzt warf er ſeine Blicke forſchend umher und be⸗ merkte beim Schein einer der drei Laternen, welche die Straße in ihrer ganzen Länge erleuchteten oder doch er⸗ leuchten ſollten, vor dem Hötel de la Roche⸗Guhon einen Kohlenträger, welcher ſeinen Sack abgelegt hatte, um ein wenig zu ruhen. Einen Augenblick lang ſchien ſich der junge Mann zu bedenken, ob er ſich dieſem Manne nähern ſolle; als aber der Kohlenträger dieſelbe Melodie wieder⸗ holte, welche eben der junge Mann im braunen Mantel vor ſich hin geträllert hatte, nahm der letztere keinen An⸗ ſtand mehr, ſondern trat ohne weiteres auf ihn zu. 44 Der Chevalier von Harmental. „Nun, Capitän?“ nahm der junge Mann im Mantel das Wort,„haben Sie die Leute geſehen 2 „Wie ich Sie ſehe, Obriſt; es waren ein Musketier und zwei Chevaulegers; ich konnte ſie freilich nicht er⸗ kennen; da ſich aber der Musketier ſorgfältig das Geſicht bedeckte, ſo glaube ich, daß es der Regent war.“ „So iſt's, die beiden Chevaulegers aber ſind Si⸗ miane und Ravanne.“ „So, ſo, mein Schüler!“ rief der Capitän;„es wird mich freuen ihn wiederzuſehen; es iſt ein braver Junge!“ „Jedenfalls, Capitän, ſehen Sie ſich vor, daß er Sie nicht wiedererkennt.“ „Mich wiedererkennen! Der Teufel ſelbſt würde mich in dieſer Verkleidung nicht wiedererkennen! Sie aber, Chevalier, Sie haben ein ganz verwünſcht vornehmes Weſen, das ſchlecht zu Ihrem Aufzuge paßt. Jedoch darauf fommt es jetzt nicht an; ſie ſind nun in der Mauſefalle und es gilt nur ſie nicht entſchlüpfen zu laſſen. Sind unſre Leute benachrichtigt?“ „Ihre Leute, Capitän, wollen Sie ſagen; Sie wiſſen, daß ich ſie ebenſo wenig kenne als ſie mich. Ich trat aus der Gruppe, indem ich den verabredeten Gaſſenhauer trällerte. Ob ſie mich gehört, ob ſie mich verſtanden ha⸗ ben, weiß ich nicht.“ Der Chevalier von Harmental. 45 „Darüber ſein Sie beruhigt, Obriſt; die Burſche hö⸗ ren ein halb ausgeſprochenes Wort, verſtehen einen Blick.“ Und wirklich war der Mann im Mantel kaum aus der Gruppe getreten, als plötzlich in derſelben, da ſie doch nur aus vorübergehenden Müſſiggängern zu beſtehen ſchien, eine ſeltſame Bewegung ſtattfand. Obgleich das Lied des Straßenſängers noch nicht zu Ende war, ging dennoch plötzlich alles auseinander, theils einzeln theils paarweiſe, wobei man einander den Uneingeweihten un⸗ verſtändliche Zeichen gab. Einige ſchlugen den Weg nach der Rue Valois ein, Andre gingen durch den Cour des Fontaines und noch Andre ſchritten dem Palais⸗ Rohal zu, auf dieſe Weiſe die Rue des Bons⸗Enfants einſchließend, welche der Ort ihres Rendezvous zu ſein ſchien. Nach dieſem dem Leſer leicht begreiflichen Manveuvre blieben bei dem Bänkelſänger nur ein Dutzend Weiber, einige Kinder und ein ehrlicher Bürger von etwa 40 Jahren zuruck, welcher letztere aber jetzt guch den Kreis verließ, als er bemerkte, daß der Sänger ſeine Samm⸗ lung beginnen wollte. Ein ſpöttiſches Lächeln verkündete dabei die Geringſchätzung, die er gegen die neuere Muſik empfand; er trällerte daher auch während er ſich ent⸗ fernte die Melodie eines ganz alten Liedes vor ſich hin. 46 Der Chevalier von Harmental. Wohl ſah er daß einige Männer, an denen er vorüber kam, ihm ſeltſame Zeichen machten da er aber kein Frei⸗ maurer war und überhaupt keiner geheimen Geſellſchaft angehörte, achtete er nicht darauf, ſondern ſchritt ruhig, den bekannten Refrain Laßt mich gehen, Laßt mich ſpielen,⸗ Laßt mich ſpielen gehen unter Ulmen*) vor ſich hinmurmelnd, durch die Straße St. Honoré bis zur Barriere des deur Sergents, wo er um die Ecke der Rue du Cog bog und verſchwand. Faſt in demſelben Augenblicke kehrte der Mann im braunen Mantel zum Bänkelſänger zurück.„Lieber Freund,“ ſprach er,„meine Frau iſt krank und Euer Geſang ver⸗ hindert ſie am Einſchlafen. Wenn Ihr keinen beſondern Grund habt hier länger zu verweilen, ſo bitte ich Euch nach dem Platze des Palais⸗Rohal zu gehen; da habt Ihr einen Thaler für Eure Gefälligkeit.“ „Danke, danke, gnädigſter Herr!“ rief der Gaſſenvir⸗ tuos, indem er die Stellung, welche der Fragende ſeiner 6) Laissez moi aller,! Laissez- moi jouer, Laissez moi aller jouer sous la Coudrette. Der Chevalier von Harmental. 47 Anſicht zufolge in der menſchlichen Geſellſchaft einnehmen mußte, nach der großmüthigen Spende deſſelben berechnete. „Ich gehe ſogleich; haben Sie keine Aufträge für die Mouilletard?“ „Nein!“ „Ich hätte ſie Ihnen ſonſt für denſelben Preis mit beſorgt.“ So ſprechend packte der Straßen⸗Rubini ſeinen Kram zuſammen und begab ſich auf den Weg; mit ihm eilten auch die noch übrigen anweſenden Perſonen hinweg. In dieſem Augenblicke verkündete die Glocke vom Pa⸗ lais⸗Rohal die neunte Stunde. Der junge Mann im Mantel zog ſeine Uhr, die mit Diamanten beſetzt war und mit ſeinem einfachen Anzuge auffallend contraſtirte, und da dieſelbe zehn Minuten vorging, ſo ſtellte er ſie zurück; dann ſchritt auch er durch den Cour des Fon⸗ taines in die Rue des Bons⸗Enfants. Als er vor dem erwähnten Hauſe ankam, fand er dort den Kohlenträger. „Und der Sänger?“ fragte dieſer. „Er iſt fort!“ „Ganz gut!“ „Und die Poſtchaiſe?“ fragte jetzt ſeinerſeits der Mann im Mantel. „Sie harrt an der Ecke der Rue Baillif.“ 48 Der Chevalier von Harmental. „ „Hat man auch Sorge getragen die Wagenräder und die Hufe der Pferde mit Lumpen zu umwickeln?“ „Allerdings.“ „Gut, gut, ſo wollen wir es ruhig abwarten.“ Und ſie verhielten ſich ruhig. Während der nächſten Stunde ſchritten noch einige Perſonen durch die Straße, nach und nach aber ward alles ſtill und öde; die wenigen in den Fenſtern noch breunenden Lichter erloſchen und die Dunkélheit trug end⸗ lich über die drei ſpärlichen Lampen vollſtändig den Sieg davon, um den ſie ſchon lange gerungen hatten. Wieder eine Stunde verging. Die Schaarwache zog durch die Rue Valvis und man hörte von dem Straßen⸗ wächter die Pforte verſchließen.“ „Gut, gut,“ murmelte der Mann im Mantel;„jetzt ſind wir ſicher nicht geſtört zu werden.“ „Das heißt,“ bemerkte der Kohlenträger,„wenn er nicht bis zu Tagesanbruch bleibt.“ „Hätte er ſich llein eingeſtellt, ſo wäre das möglich. Frau von Sabran aber wird ſie doch nicht alle Drei behalten!“ „Sie haben doch alle Vorſichtsmaßregeln getroffen?“ „Das verſteht ſich!“„ Der Chevalier von Harmental. 49 „Ihre Leute denken doch, daß es nur eine Wette be⸗ trifft?“ „Sie thun wenigſtens ſo als ob ſie es glaubten, mehr kann man nicht verlangen.“ „Wir ſind alſo doch völlig einverſtanden, Capitän? Sie und Ihre Leute ſind betrunken; Sie ſtoßen mich, ich falle zwiſchen den Regenten und den, dem er den Arm gegeben hat; ich trenne Beide, Sie bemächtigen ſich ſeiner und verſtopfen ihm den Mund; auf den Schall einer Pfeife erſcheint die Poſtchaiſe, waährend Simiane und Ravanne mit dem Piſtol auf der Bruſt zurückgehalten werden.“ „Aber,“ fragte der Kohlenträger mit gedämpfter Stimme,„wenn er ſich nun nennt?“ „Wenn er ſich nennt?“ wiederholte der Mann im Mantel auf gleiche Weiſe;„bei einer Verſchwörung gilt keine halbe Maßregel. Wenn er ſich nennt, ſo tödten Sie ihn.“ „Alle Teufel,“ rief der Kohlenträger,„da wollen wir hoffen, daß er ſich nicht nennt!“ Und Beide verhielten ſich wieder ſchweigend wie das Grab. Eine Viertelſtunde verfloß wieder, ohne daß ſich irgend etwas Beſondres ereignet hätte. Da erleuchtete plötzlich Chevalier v. Harmental. M. 4 50 Der Chevalier von Harmental. ein Licht die drei Mittelfenſter des genannten Hauſes. Zugleich ward der Schritt eines Mannes vernehmbar, welcher von der Rue St. Honoré herkam und die Straße ihrer ganzen Länge nach vurchſchreiten zu wollen ſchien. Der Kohlenträger murmelte einen derben Fluch durch die Zähne. Der Mann kam näher; ſei es nun aber daß er die große Dunkelheit fürchtete oder daß er in derſelben ſich etwas bewegen ſah, genug er ſchien zu ſtutzen. Nach Art und Weiſe der Feigherzigen begann er zu ſingen, unm ſich ſelbſt Muth zu machen; ſowie er indeſſen näher kam, fing ſeine Stimme an zu zittern. Plötzlich hemmte er ſchreckenergriffen ſeine Schritte und ließ ſeinen Geſang verſtummen, denn bei dem Lichte, welches durch die er⸗ hellten Fenſter drang, hatte er in einer Vertiefung des gegenüberliegenden Hauſes zwei Männer geſehen. Der Kohlenträger ſah ein, vaß ein einziger Schrei alles ver⸗ derben könne; er machte eine Bewegung um ſich auf den Ankömmling zu werfen; der Mann im Mantel aber hielt ihn zurück. „Capitän!“ flüſterte er ihm zu,„thun Sie dem Manne nichts zu Leide.. WMachen Sie daß Sie vorbei kom⸗ men, Freund, eilig, eilig!“ ſprach er dann zum nächt⸗ lichen Wandrer;„fort, aber blicken Sie nicht hinter ſich!“ „Der Mann ließ ſich das nicht zweimal ſagen, ſon⸗ Der Chevalier von Harmental. 51 dern eilte ſo ſchnell es ihm ſeine zitternden Glieder er⸗ lauben wollten vorüber; nach wenigen Augenblicken war er verſchwunden. „Es war die höchſte Zeit,“ bemerkte der Kohlenträger; „jetzt wird das Fenſter geöffnet!“ Die beiden Männer traten in den Schatten ſo tief ſie konnten. Wirklich öffnete ſich das Fenſter und einer von den Chevaulegers näherte ſich dem Balcon. „Nun, Simiane,“ fragte aus dem Zimmer eine Stimme, welche die Harrenden für die des Regenten er⸗ kannten,„was iſt für Wetter?“ „Ich glaube es ſchneit,“ erwiederte Simiane. „Wie, Du glaubſt, daß es ſchneit?“ „Es ſchneit oder regnet, ich weiß es ſelbſt nicht,“ verſetzte Simiane. „Wie, Du dummer Teufel, Du kannſt nicht unter⸗ ſcheiden, ob es regnet oder ſchneit?“ ſprach Ravanne und trat ebenfalls auf den Balcon. „Ich weiß nicht einmal ob Eins von Beidem ſa ſindet, bemerkte Simiane. „Er iſt betrunken!“ rief der Regent. „Wie, ich betrunken?“ fragte Simiane, in ſeinem 4* 52 Der Chevalier von Harmental. Selbſtgefühl als Trinker ſchwer verletzt,„treten Sie hier⸗ her, gnädigſter Herr, und überzeugen Sie ſich ſelbſt!“ Obgleich die Einladung auf eine ziemlich ungenirte Weiſe gemacht wurde, ſo gab der Regent doch nach und trat lachend zu ſeinem Gefährten. An ſeinem Gange war übrigens wohl zu bemerken, daß auch er mehr als aufgeregt ſei. „Ich, betrunken!“ nahm Simiane wieder das Wort, indem er dem Herzog von Orleans die Hand hinhielt; „obgleich Ew. Hoheit Regent von Frankreich ſind, ſo wette ich doch hundert Louisd'or, daß Sie nicht thun können was ich thun will.“ „Sie hören, gnädigſter Herr, das iſt eine vollſtändige Herausforderung,“ rief aus dem Innern des Zimmers eine weibliche Stimme. „Und als ſolche nehme ich ſie an. Es gilt alſo hun⸗ dert Louisd'or!“ „Und ich nehme die Hälfte für einen von Beiden auf mich,“ bemerkte Ravanne. „Wette Du mit der Marquiſe! Ich will keinen Theil⸗ nehmer!“ entgegnete Simiane. „Ich auch nicht,“ ſprach der Regent. „Frau von Sabran,“ rief Ravanne,„ich ſetze funfzig Louisd'or gegen einen Kuß.“ Der Chevalier von Harmental. 53 „Fragen Sie Philipp ob er es zugiebt,“ erwiederte die Marquiſe. „Immer angenommen!“ lachte der Herzog;„das iſt ein goldner Handel, Marquiſe; Sie können nur gewinnen. Nun, Simiane, ich bin bereit!“ „Ew. Hoheit wollen mir alſo überallhin folgen?“ „Was haſt Du vor?“ „Geben Sie nur Acht.“ „Zum Teufel, wohin willſt Du?“ „In's Palais⸗Rohal zurück... und zwar über die Dächer.“ „Ueber die Dächer!“ Und Simiane ſchwang ſich an dem eiſernen Gelän⸗ der des Balcons hinauf. „Gnädigſter Herr!“ rief Frau von Sabran, indem ſie auf den Balcon eilte und den Arm des Regenten er⸗ faßte,„ich hoffe nicht, daß Sie dem Tollkopfe folgen werden.“ „Wie, ich ſollte ihm nicht folgen?“ fragte der Regent ſich von der Marquiſe losmachend.„Wiſſen Sie nicht, daß es mein Grundſatz iſt, alles zu können was ein Andrer verſucht? Und wenn er auch zum Monde em⸗ porſtiege, mich ſoll der Teufel holen, wenn ich nicht .—— — — 5¹ Der Chevalier von Harmental. oben an der Pforte ſo ſchnell anklopfte als er ſelbſt. Haſt Du für mich gewettet, Ravanne?“ „Allerdings, mein Prinz,“ erwiederte der junge Mann aus vollem Halſe lachend. „Wohlan, ſo küſſe immerhin, Du haſt gewonnen!“ Und wirklich kletterte der Regent an dem eiſernen Geländer dem Herausforderer nach. „Ich hoffe wenigſtens, daß Sie hier bleiben werden,“ ſprach Frau von Sabran zu Ravanne. „Nur ſo lange bis ich meine Wette einkaſſirt habe,“ ſprach der junge Mann, indem er die friſche, roſige Wange der Marquiſe küßte;„und jetzt leben Sie wohl, Frau Marquiſe,“ fügte er hinzu;„Sie wiſſen, ich bin ein Page des Herrn Herzogs und muß ihm überallhin folgen.“ Und Ravanne ſchlug auf der Stelle denſelben ge⸗ fahrvollen Weg ein, auf welchem ſeine beiden Gefährten vorauskletterten. Der Kohlenträger und der Mann im Mantel ſtießen einen Schrei des Erſtaunens aus, welcher in der ganzen Straße wiederhallte. „Was giebt's da?“ rief Simiane, der am voraus war. „Du ſiehſt und hörſt alles doppelt, Trunkenbold!“ Der Chevalier von Harmental. 55 lachte der Herzog, indem er neben Simiane anlangte. „Nun, haſt Du genug, Simiane?“ „Noch nicht, gnädigſter Herr,“ verſetzte dieſer, wen⸗ dete ſich dann gegen Ravanne und flüſterte:„Dort war es! Das war nicht die Schaarwache; ich ſehe kein Bajonett, höre kein Geräuſch!“ „Was giebt's denn?“ fragte der Regent. „Nichts,“ antwortete Simiane, indem er Ravanne ein Zeichen gab;„ich ſetze meine Himmelfahrt fort, gnä⸗ digſter Herr, und fordre Sie auf, mir zu folgen!“ Und ſo ſprechend kletterte er voran über das Dach, während er dem Herzog die Hand reichte, Ravanne aber den Zug ſchloß. Bei dieſem Anblick und da über das Entkommen der Flüchtlinge kein Zweifel mehr obwaltete, ſtieß der Koh⸗ lenträger einen derben Fluch, der Mann im Mantel aber einen Ruf des Zornes aus. In dieſem Augenblick hatte Simiane den Schornſtein erreicht. Der Herzog erklet⸗ terte ebenfalls das Dach und gewahrte plötzlich in der vom Lichte der offen gebliebenen Fenſter erhellten Gaſſe acht bis zehn Männer, welche ſich hin⸗ und herbewegten. „Was heißt das?“ rief er;„eine kleine Verſchwörung? Sie ſcheinen das Haus ſtürmen zu wollen!“ „Ich weiß nicht was mich zurückhalt! Ein Schuß 56 Der Chevalier von Harmental. und die Sache iſt abgethan!“ rief zornig der Mann im Mantel. „Alle Teufel,“ raunte ihm der Kohlenträger zu und ſiel ihm in den Arm,„Sie werden machen daß man uns viertheilt!“ „Was ſollen wir aber thun?“ „Warten bis ſie von ſelbſt herabſtürzen und den Hals brechen! Die Vorſehung iſt nicht gerecht, wenn ſie uns nicht dieſe kleine Ueberraſchung verſchafft!“ „Hierher, hierher!“ rief mit ſteigender Heftigkeit der Mann im Mantel, indem er gegen den Durchgang eilte; „wir ſchlagen die Pforte ein und werfen uns auf ſie, ſobald ſie auf der andern Seite herabkommen!“ Einige der Leute des Capitäns folgten ihm, die Uebri⸗ gen eilten von dannen und zwar der Straße St. Ho⸗ noré zu. „Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, gnädigſter Herr!“ rief Simiane;„hinab, ſchnell hinab!“ „Ich glaube ſte im Durchgange zu hören!“ bemerkte der Herzog;„was meinſt Du dazu, Ravanne?“ „Ich meine gar nichts, gnädiger Herr; ich laſſe mich hinabgleiten!“ und alle Drei glitten jetzt raſch hinab und erreichten glücklich die früher erwähnte Terraſſe. Der Chevalier von Harmental. 57 „Nur hier herein, hier herein!“ rief plötzlich die Stimme der Marquiſe, und die drei Luftwandrer ſpran⸗ gen wieder hinein in's Zimmer. „Ich eile und hole den Cardillac mit ſeiner Wache!“ rief Ravanne. „Nein, nein,“ verſetzte der Regent,„ſie würden das Haus überfallen und Ihnen übel mitſpielen! Beſſer wir ſuchen in's Palais⸗Rohal zu gelangen.“ Und alle Drei eilten die Treppe hinab in den Gar⸗ ten. Hier hörten ſie die verzweiflungsvollen Schläge ihrer Verfolger gegen das Gitterthor. „Nur immer zu geſtoßen und geſchlagen, Ihr lieben Freunde!“ rief der Regent, indem er mit der Leichtigkeit eines Jünglings nach der entgegengeſetzten Seite des Gartens eilte,„das Gitter beſteht aus derben Eiſenſtangen und wird Euch zu ſchaffen machen!“ „Schnell, ſchnell, gnädigſter Herr!“ rief Simiane, welcher ſich zuerſt über die Mauer geſchwungen hatte. „Wahrlich, ſie kommen auch um die Ecke der Rue Valvis! Setzen Sie Ihren Fuß auf meine Schulter.. den andern auch! Werfen Sie ſich herab in meine Arme! Dem Himmel ſei Dank, Sie ſind gerettet!“ „Den Degen gezogen, den Degen gezogen, Ra⸗ 58 Der Chevalier von Harmental. vanne! Werfen wir uns auf die Canaille!“ rief der Regent. „Um des Himmels willen, gnädigſter Herr!“ ſprach Simiane, indem er den Herzog mit ſich fortzug,„fol⸗ gen Sie mir! Ich weiß auch was tapfer ſein heißt; hier aber wäre es Tollkühnheit! Hilf mir, Ra⸗ vanne!“ Und die beiden jungen Cavaliere faßten den Regenten unter die Arme und zogen ihn in einen der Gänge fort, die in's Palais⸗Rohal führen, während ihre Verfolger kaum zwanzig Schritte hinter ihnen waren. Jene er⸗ reichten glücklich das Ende deſſelben und warfen das Gitterthor zu, als die wüthende Schaar eben vor dem⸗ ſelben anlangte.„Meine Herren,“ ſprach jetzt der Herzog indem er ſeine Verfolger mit der Hand begrüßte— denn was ſeinen Hut betraf, ſo weiß Gott, wo derſelbe ein Ende genommen hatte—„ich wünſche um Ihrer Köpfe willen, daß dies alles nichts als ein Scherz ge⸗ weſen iſt. Nehmen Sie ſich morgen vor dem Polizei⸗ Lieutenant in Acht! Bis dahin gute Nacht!“ Und ein dreifaches lautes Gelächter ſchallte durch das Gitterthor in die Ohren der beiden Verſchwörer, welche mit ihren Gefährten in Wuth und Beſtürzung da⸗ ſtanden. Der Chevalier von Harmental. 59 „Der Menſch muß einen Pact mit dem Satan ge⸗ ſchloſſen haben!“ rief Harmental.. „Wir haben unſre Wette verloren, meine Freunde!“ ſprach Roquefinette zu den Leuten, die er geworben hatte und die jetzt ſeiner weitern Befehle harrten.„Aber wir verabſchieden Euch noch nicht; die Sache iſt nur auf⸗ geſchoben. Von der verſprochenen Summe habt Ihr ſchon die Hälfte empfangen. Morgen das Uebrige. Ihr wißt wo Ihr mich findet. Alſo gute Nacht für heute!“ Die Geworbenen entfernten ſich, die beiden Ver⸗ ſchwörer blieben allein. „Nun, Obriſt,“ ſprach der Capitän Roquefinette, indem er ſeine Beine auseinanderſpreizte und ſeinen Ge⸗ fährten groß anblickte. „Nun, Capitän,“ entgegnete der Chevalier,„ich habe große Luſt, Sie um etwas zu erſuchen.“ „Und was wäre das, wenn ich fragen darf?“ „Daß Sie mich nach irgend einem abgelegenen Orte begleiten und mir dort mit einem Piſtolenſchuß den Schä⸗ del zerſchmettern! „Und warum das?“ „Warum? Weil man, wenn man in ſolchen Dingen 60 Der Chevalier von Harmental. nicht reüſſirt, ein Dummkopf iſt! Was ſoll ich jetzt der Herzogin von Maine ſagen?“ „Und dieſer Frau wegen bekümmern Sie ſich?“ lachte der Capitän.„Warum, zum Henker, beſorgt ihr hinken⸗ der Eheherr ſeine Angelegenheiten nicht ſelbſt? Ich möchte ſie wohl ſehen jetzt mit ihren zwei Cardinälen und drei oder vier Marquis in einem Winkel des Arſe⸗ nals, von Beſorgniß verzehrt, während wir hier das Schlachtfeld behauptet haben. Glauben Sie es einem alten Fuchſe, mein lieber Obriſt, um ein Verſchwörer zu ſein, gebraucht man Muth; den beſitzen Sie; aber man gebraucht auch Geduld, und die fehlt Ihnen. Alle Teu⸗ fel, hätte ich eine ſolche Affaire für eigne Rechnung zu beſorgen, ich ſtehe Ihnen dafür, ich würde ſie gut zu Ende bringen! Haben Sie Luſt ſie mir abzutreten— ſo läßt ſich darüber ſprechen.“ „Aber jetzt an meiner Stelle,“ fragte Harmental, „was würden Sie der Herzogin von Maine ſagen?“ „Was ich ihr ſagen würde? Ich würde ſo ungefähr ſprechen:»Gnädigſte Frau! Der Regent muß durch die Polizei benachrichtigt worden ſein; er iſt nicht ausgegan⸗ gen, wie wir es doch erwarteten, und wir haben nur ſeine Galgenſtricke von Roués getroffen« Dann wird Der Chevalier von Harmental. 61 der Prinz von Cellamare ſprechen:»Lieber Harmen⸗ tal, wir bauen unſre Hoffnung auf Sie!« Die Frau Herzogin von Maine wird bemerken: Moch iſt nichts verloren, da uns der tapfre Harmental geblieben.« Der Herr Cardinal von Polignar wird ein andächtiges Kreuz ſchlagen. Auf dieſe Weiſe haben Sie Alle zu⸗ friedengeſtellt und kehren ſelbſt ruhig in ihr Dachſtübchen zurück, welches ich Ihnen rathe während der nächſten Tage nicht zu verlaſſen, wenn Sie anders nicht gehängt werden wollen. Von Zeit zu Zeit werde ich Ihnen dort einen Beſuch abſtatten; Sie fahren fort von der ſpaniſchen Freigebigkeit mir etwas zufließen zu laſſen, weil ich ein bequemes Leben liebe und meine Moralität aufrecht hal⸗ ten möchte. Bei der erſten Gelegenheit verſammeln wir die Braven wieder, und was jetzt mißlang, gelingt ein andermal.“ „Sie haben Recht, Capitän, ſo würde ein Andrer handeln,“ verſetzte Harmental;„ich aber bin ein Thor, ich habe ſo meine eignen albernen Ideen— ich kann nicht lügen!“ „Wer nicht lügen kann, vermag auch nicht zu han⸗ deln!“ antwortete der Capitän.„Aber was gewahre ich dort drüben? Ha, ſehen Sie da, die Bajonette der Schaarwache! Eharmante Anſtalt das! Immer eine 62 Der Chevalier von Harmental. Viertelſtunde zu ſpät! Jetzt müſſen wir uns aber doch trennen. Adien, Obriſt; dort iſt Ihr Weg, hier der meine. Gehen Sie recht langſam, damit man nicht ent⸗ fernt auf den Gedanken komme, daß Sie eigentlich über Hals und Kopf davonlaufen ſollten.“ Der Capitän ſchritt trällernd von dannen. Har⸗ mental aber begab ſich zu der noch immer harrenden Poſtchaiſe; ein Lakai hielt den Schlag geöffnet.„Nach dem Arſenal!“ rief Harmental und wollte ſich in den Wagen werfen. „Das iſt nicht nöthig,“ entgegnete plötzlich eine Stimme; „ich weiß was ſich zugetragen hat, denn ich habe alles mit angeſehen. Ich werde von allem Bericht abſtatten. Ein Beſuch zu dieſer Stunde könnte allen Theilen Ge⸗ fahr bringen.“ „Ha, Sie ſind's, Abbé,“ rief Harmental, indem er dieſen in der Livrée erkannte;„Sie erzeigen mir einen wahrhaften Dienſt, wenn Sie ſtatt meiner den Bericht überbringen; der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wie ich es vorbringen ſollte.“ „Sein Sie unbeſorgt,“ verſetzte Brigaud,„ich werde ſagen daß Sie ein tapfrer Mann ſind aber wir ſind nicht hier um uns Complimente zu machen. Schnell ſteigen Sie ein.“ E Der Chevalier von Harmental. 63 Harmental folgte der Aufforderung und Bri⸗ gaud in ſeiner Bedienten-Librée ſetzte ſich ohne Um⸗ ſtände neben ihn. An der Ecke der Rue Gros⸗Chenet ließ der Abbé halten, der Chevalier ſprang heraus und ſchlug den Weg nach der Rue du Temps perdu ein, während der Wagen mit Brigaud weiter rollte. W. Ein alter Bekannter. Wu müſſen jetzt etwas nähere Bekanntſchaft mit einer Perſon machen, welche in unſrer Erzählung eine bedeutende Rolle zu ſpielen hat und die wir bisher nur flüchtig berührt haben. Wir meinen den ehrlichen Bür⸗ ger, welcher, als der Bänkelſänger ſeine Sammlung be⸗ gann, ſeine Schritte nach der Barriere des Sergents lenkte; es war derſelbe, welcher, als die beiden Ver⸗ ſchwörer in der Rue des Bons⸗Enfants auf der Lauer ſtanden, dieſe Straße der Länge nach durchſchritt. Auch werden wir uns wohl hüten dem Scharfſinn unſers Leſers zu mißtrauen, als hätte er nicht in dem armen Teufel, dem Harmental ſchnell zu Hülfe eilte und von dannen half, den ſeinem Dachſtübchen gegenüber wohnenden Gartenkunſtler von der kleinen Terraſſe wie⸗ dererkannt. . Der Chevalier von Harmental. 65 Jetzt aber ſoll der geneigte Leſer erfahren, was dieſer arme Teufel in phhſiſcher, moraliſcher und geſelliger Hin⸗ ſicht eigentlich war. Wenn man das Wenige nicht vergeſſen hat, was wir bis jetzt Gelegenheit hatten über ihn zu berichten, ſo wird man ſich erinnern, daß es ein Mann von 40 bis 45 Jahren war. Jedermann weiß übrigens daß der Pariſer Bürger, iſt er erſt über die Vierzig hinaus, kein Alter mehr hat, d. h. daß er von der Zeit an ſeine Voilette vernachläſſigt, was ihm beſonders dann nachthei⸗ lig iſt, wenn er gleich unſerm Gartenkünſtler auf äußere Vorzüge keine Anſprüche machen kann. Unſer Bürger war ein kleiner Mann von fünf Fuß und einem Zoll, ziemlich wohlbeleibt und hatte die Ausſicht mit den vor⸗ rückenden Jahren an Corpulenz noch zuzunehmen. Was ſein Geſicht betrifft, ſo haben wir bereits berichtet, daß daſſelbe auch nicht den geringſten Ausdruck beſaß, ſo daß auch der ſcharfblickendſte Phhſiognomiker durchaus nichts aus demſelben herausgeleſen haben würde. Dieſem Original hatte die Vorſehung, welche nie etwas halb thut, den charakteriſtiſchen Namen Jean Buvat gegeben; da er aber ebenſo ſehr an Gutherzig⸗ keit Ueberfluß als an Verſtand Mangel hatte, ſo ward er Chevalier v. Harmental. II. 5 66 Der Chevalier von Harmental. von jedermann nur der gute ehrliche Buvat ge⸗ heißen. Von ſeiner früheſten Kindheit an zeigte der kleine Jean bei entſchiedenem Widerwillen gegen alle Studien einen ganz beſondern Beruf für die Schönſchreibekunſt. Auch vervollkommte er ſich in der Freiſchule, wohin ihn täglich ſeine Mutter ſandte, immer mehr und mehr in derſelben. Hieraus ging nun hervor, daß der kleine Buvat für ſeine Trägheit in den übrigen Disciplinen täglich Schläge, wegen ſeiner Fortſchritte im Schönſchrei⸗ ben aber jährlich den Preis erhielt. Dies veranlaßte ſeine Mutter ihren Sohn der Schule gänzlich zu entziehen und ausſchließlich der Kalligraphie zu widmen, worin er ſich auch dermaßen auszeichnete, daß er ſchon in ſeinem funfzehnten Jahre Schüler und Schülerinnen erhielt, daß er ſeiner Mutter letzte Lebens⸗ tage erleichtern und nach ihrem Tode von ſeiner Arbeit leidlich anſtändig leben konnte. So erreichte er das ſechsundzwanzigſte Jahr, und in dieſer Periode fand der gute und ehrliche Buvat Ge⸗ legenheit eine wahrhaft erhabene That zu vollbringen. Es lebte damals im erſten Stockwerk des Hauſes Nr. 6 in der Rue des Orties, in welchem Bupat ein beſcheidenes Dachſtübchen inne hatte, ein Chepaar, welches Der Chevalier von Harmental. 67 wegen ſeines muſterhaft einträchtigen Wandels die Be⸗ wunderung des ganzen Stadtviertels auf ſich zog. Mann und Frau ſchienen in der That für einander geboren. Der Erſtere war ein Mann von vier⸗ bis funfunddreißig Jahren, ſtammte aus dem Süden und hatte eine dunkle Geſichtsfarbe; er hieß Albert du Rocher und war der Sohn eines vormaligen Cevennen⸗Häuptlings, der gleich ſeiner ganzen Familie zur Annahme der katholiſchen Re⸗ ligion gezwungen worden war. Der Sohn trat, nach⸗ dem er von ſeinen Kenntniſſen als Stallmeiſter gehörige Beweiſe geliefert hatte, in den Dienſt des Herzogs von Chartres, den er auch auf deſſen nächſtem Feldzuge begleitete. Der große Tag von Neerwinden erſchien. Der Her⸗ zog von Chartres bewies bei dieſer Gelegenheit ſeinen alten Muth und ſprengte den Seinigen mit einer ſolchen Kühnheit voran, daß er mehrmals allein in die Mitte der Feinde gerieth. Als dies das fünfte Mal der Fall war, hatte er niemanden zur Seite als einen jungen Mann, deſſen Geſicht er kaum kannte, welches ihm aber das größte Vertrauen einflößte; ſtatt daher der Auffor⸗ derung eines feindlichen Brigadiers, ſich zu ergeben, Folge zu leiſten, hieb er denſelben nieder; in demſelben Augenblicke fielen zwei Schüſſe, von denen einer dem 5* 68 Der Chevalier von Harmental. Prinzen den Hut vom Kopfe riß, während die Kugel des andern an ſeinem Degengriffe abprallte. Kaum aber waren dieſe beiden Schüſſe gefallen, als auch ſchon die, welche ſie abgeſandt hatten, vom Begleiter des Prinzen getödtet zu Boden ſtürzten, der eine durch einen Degen⸗ ſtoß, der zweite durch einen Piſtolenſchuß. Unmittelbar nach dieſer That traf ein Schuß das Pferd des Prinzen; ſein Begleiter ſprang ſogleich hinzu und bot ihm das ſeinige an; der Prinz wollte das Anerbieten zurückwei⸗ ſen, jener aber, ſtark wie er war, ſchlug ohne weiteres den Arm um den Prinzen und hob ihn auf das Pferd. In dieſem Augenblick ſprengte Hülfe herbei, ohne welche der Prinz und ſein Begleiter gefangen genommen oder getödtet worden wären. Beide waren ohne Wunde da⸗ vongekommen. Der Herzog von Chartres reichte jetzt ſeinem Begleiter die Hand und fragte ihn nach ſeinem Namen, denn dieſer war noch zu kurze Zeit in ſeinem Dienſte als daß er ſich deſſelben hätte erinnern können. Der junge Mann antwortete, er heiße Albert du Ro⸗ cher, und nun ſtellte ihn der Prinz der zu Hülte kom⸗ menden Schaar als ſeinen Lebensretter vor. Nach Beendigung des Feldzugs ernannte ihn der Prinz zu ſeinem erſten Stallmeiſter und verheirathete ihn mit einer jungen Dame, die der junge Mann liebte, und Der Chevalier von Harmental. 69 verſprach für deren Mitgift zu ſorgen. Da der Herzog von Chartres damals noch ſehr jung war, ſo konnte das Geſchenk zwar nicht bedeutend ausfallen, aber die weitere Beförderung des jungen Mannes war wohl ſo gut als unterſchrieben. Die junge Dame ſtammte aus England. Ihre Mut⸗ ter hatte Madame Henriette nach Frankreich begleitet, als dieſe mit Monſieur vermählt werden ſollte. Nach der Vergiftung dieſer Prinzeſſin hatte ſie ein kleines Land⸗ haus in der Nähe von St. Clond gemiethet, wo ſie die ihr vom Dauphin ausgeſetzte Penſton verzehrte und ein⸗ zig und allein der Erziehung ihrer kleinen Clariſſe lebte. Hier machte du Rocher bei den Reiſen des Herzogs von Chartres die Bekanntſchaft des jungen Mädchens, mit welcher ihn der Herzog von Chartres im Jahr 1697 erwähntermaßen verheirathete. Dies waren alſo die Eheleute, welche im erſten Stock⸗ werk des Hauſes Nr. 6 in der Rue des Orties wohnten, worin unſer ehrlicher Buvat ein beſcheidenes Dachſtüb⸗ chen inne hatte. Sie beſaßen einen kleinen Sohn, deſſen Unterricht im Schreiben Herrn Buvat anvertraut wor⸗ den war. Der kleine Schüler machte ſchon recht hübſche Fort⸗ ſchritte, als er plötzlich von den Maſern weggerafft wurde. 70 Der Chevalier von Harmental. Der Schmerz der Eltern war unbeſchreiblich und Bu⸗ vat nahm um ſo herzlichern Antheil daran, da ſein Schüler in ſeiner Kunſt die beſten Fähigkeiten verrieth. Dieſe Theilnahme eines Fremden an ihrem Schmerze rührte das junge Ehepaar ungemein, und als der gute ehrliche Buvat einſt über die traurige Zukunft ſprach, welche ſich einem Künſtler ſeiner Art zeige, erbot ſich du Rocher ſeinen Einfluß zu verwenden, um Buvat eine Stelle bei der Bibliothek zu verſchaffen. Buvat jubelte bei dem Gedanken ein öffentlicher Beamter zu werden, und noch an demſelben Tage reichte er ſeine Bittſchrift in der ſchönſten Handſchrift ein; der erſte Stallmeiſter unterſtützte dieſelbe und ſchon nach ei⸗ nem Monat ward Buvat bei der königlichen Bibliothek in der Section der Handſchriften mit 900 Livres jähr⸗ lichem Gehalt angeſtellt. Von dieſem Tage an vergaß der ehrliche Buvat in dem Stolz, den ihm ſeine neue Stellung einflößte, ſeine Schüler und Schülerinnen. Er war glücklich wie ein Prinz, verſicherte aber ſeinen erwähnten Hausgenoſſen, daß er trotz ſeiner veränderten Lage, falls ihnen der Himmel ein zweites Kind ſchenken ſollte, ausnahmsweiſe demſelben in der Schreibekunſt Unterricht ertheilen würde. Der Chevalier von Harmental. 71 Gegen das Ende des Jahres 1702 ſchenkte Clariſſe wirklich ihrem Gatten eine Tochter. Dies verurſachte im ganzen Hauſe eine große Freude. Buvat wußte ſich vor Jubel nicht zu laſſen; er lief Trepp auf Trepp ab, klatſchte in die Hände und ſang unabläſſig ſein altes Lieblingslied: Laissez- moi aller etc. An dieſem Tage kam er ſeit ſeiner Anſtellung, d. h. ſeit zwei Jahren zum erſten Male ſtatt Punkt zehn Uhr erſt eine Viertelſtunde nach zehn Uhr auf ſein Bureau. Die kleine Bathilde war kaum acht Tage alt, als Buvat ſchon mit ſeinem Schreibunterricht einen Anfang machen wollte; man müſſe früh beginnen, meinte er, .. S. wenn man es in einer Sache zu etwas Großem bringen wolle. Man hatte die größte Mühe ihm zu beweiſen, daß ſie dazu wenigſtens zwei bis drei Jahre alt ſein müſſe. Er ergab ſich endlich und begnügte ſich bis da⸗ hin damit, Vorſchriften für ſie zu fertigen. Nach Ver⸗ lauf von drei Jahren hatte er auch wirklich die Freude, die erſte Feder feierlich Bathildens kleine Finger zu legen. Zu Anfang des Jahres 1707 hatte der vormalige Herzog von Chartres, welcher durch den Tod Mon⸗ ſieurs Herzog von Orleans geworden war, den Befehl erhalten dem Marſchall Berwick eine Truppenabtheilung 72 Der Chevalier von Harmental. nach Spanien zuzuführen. Als erſter Stallmeiſter mußte Albert du Rocher natürlich den Prinzen begleiten, ein Umſtand der ihn zu jeder audern Zeit erfreut haben würde, ihn aber jetzt beinahe ſchmerzlich berührte, denn ſeine geliebte Gattin Clariſſe kränkelte ſeit einiger Zeit und der Arzt hatte ein bedenkliches Wort von Lungen⸗ krankheit fallen laſſen. Sei es nun daß Clariſſe ihren Zuſtand ſelbſt fühlte oder daß ſie für das Leben ihres Gatten fürchtete, genug ſie gab ſich einem Kummer hin, den ihr Gatte von ganzem Herzen theilte. Die kleine Bathilde und unſer Buvat weinten, weil ſie weinen ſahen. Der Trennungstag erſchien. Es war der 5. März. Trotz ihrem Schmerze hatte ſich Clariſſe ſelbſt mit der Ausrüſtung ihres Gatten beſchäftigt; ſie war ſeiner Stellung bei dem Prinzen würdig. Der Herzog langte mit ſeinem Armeecorps in den erſten Tagen des Aprils in Catalonien an und zog in Eilmärſchen nach Arago⸗ nien. Er erfuhr, daß der Marſchall Berwick im Be⸗ griff ſei eine entſcheidende Schlacht zu liefern, und ſchickte Albert als Courier voraus an ihn ab, mit der Kunde daß der Herzog von Orleans mit 10,000 Mann Hülfs⸗ truppen unterwegs ſei und ihn erſuchen laſſe, wo möglich die Schlacht bis zu ſeiner Ankunft zu verſchieben. Der Chepalier von Harmental. 73 Albert machte ſich auf den Weg. Durch die Schuld ſchlechter Führer aber verirrte er ſich in den Gebirgen und traf nur einen Tag vor der Armee ein und zwar gerade in dem Augenblicke, als der Marſchall in Begriff war den Feind anzugreifen. Der Herzog von Berwick hielt bereits mitten in ſeinem Generalſtabe auf einer klei⸗ nen Anhöhe, von wo aus er die ganze Gegend über⸗ ſehen konnte, und Albert ſprengte raſch zu ihm hin. Er berichtete demſelben, weshalb er geſandt worden war. Als Erwiderung deutete der Marſchall nur auf die bereitſtehende Schlachtordnung, erſuchte ihn zu ſeinem Gebieter zurückzukehren und ihm mitzutheilen was er ge⸗ ſehen habe. Albert aber war von dem Kriegsgetöſe hingeriſſen und wollte ſich ſo nicht wieder entfernen. Er bat um die Erlaubniß bleiben zu dürfen, um dem Herzog wenigſtens die Siegesnachricht überbringen zu können. Der Marſchall willigte ein, und da in dieſem Augen⸗ blicke ein Dragonerangriff nothwendig ſchien, gebot er einem ſeiner Adjutanten, dem Obriſten den Befehl dazu zu überbringen. Der junge Mann ſprengte von dannen; noch aber war er nicht weit gekommen, als ihn eine Ka⸗ nonenkugel tödtete. Albert ergriff dieſe Gelegenheit, ſprengte fort um dem Obriſten die Ordre zu überbringen, ſtellte ſich dann ſtatt zurückzukehren in die vorderſten 74 Der Chevalier von bn Reihen der Dragoner und warf ſi ſich mit ihnen auf den Feind. 3 Der Marſchall ſah was ſich zutrug, ſah wie der junge Mann, den er an ſeiner Uniform erkennen konnte, bis zur feindlichen Fahne vordrang, ſah wie er den Trä⸗ ger derſelben niederhieb und wie er mit der glorreichen Beute zurückkehrte. Beim Herzog angelangt, legte er die eroberte Fahne zu ſeinen Füßen, öffnete die Lippen um zu ſprechen— ſtatt der Worte aber entfloß ſeinem Munde nur ein Strom von Blut. Er ſchwankte und ſtüͤrzte vom Pferde— eine Kugel hatte ihm die Bruſt durchbohrt. Entſeelt lag er auf der Fahne die er erbeu⸗ tet hatte. Der Herzog von Orleans langte am ſoiheeh Tage an; er beklagte den Tod Albert's wie man den Tod eines tapfern Mannes beklagt. Aber er war wie ein Held gefallen, und was konnte ein franzöſiſ ſcher Edel⸗ mann mehr verlangen? Clariſſe empfing die Kunde vom Tode ihres Gat⸗ ten durch ein eigenhändiges Schreiben des Herzogs. Als Buvat wie gewöhnlich um ein Uhr Nachmittags von der Bibliothek zurückkehrte, benachrichtigte man ihn daß Clariſſe nach ihm gefragt habe. Er eilte beſorgt zu ihr. Die Arme weinte nicht und klagte nicht; ſie ſaß Der Chevalier von Harmental. 75 da ohne Thränen, ohne Worte, in ſtarrer Verzweiflung. Als er eintrat, reichte ſie ihm ſchweigend den Brief hin. Buvat, der nicht ahnen konnte was vorgefallen ſein mochte, nahm den Brief und las mit lauter Stimme: „Madame, Ihr Gemahl iſt todt, gefallen für Frank⸗ reich und für mich! Weder Frankreich noch ich können Ihnen Ihren Gatten wiedergeben; aber denken Sie daran daß, wenn Sie je etwas wünſchen und bedürfen, wir Beide Ihre Schuldner ſind. Ihr wohlgeneigter Philipp, Herzog von Orleans.“ „Wie, was!“ rief Buvat ganz beſtürzt,„Herr Al⸗ bert du Rocher todt! Das kann ja gar nicht möglich ſein!“ „Papa iſt todt, Papa iſt todt!“ jammerte die kleine Bathilde, welche mit ihrer Puppe ſpielte und jetzt zu ihrer Mutter eilte.„Mama, iſt es wohl wahr, daß Papa todt iſt?“ „Ja, ja, mein theures Kind, es iſt nur zu wahr, das Schreckliche!“ jammerte Clariſſe, welche jetzt auf ein⸗ mal wieder Worte und Thränen fand;„darum weine, weine, Du armes Kind; wenn Gott im Himmel Deine Thränen ſieht, wird er Barmherzigkeit mit Dir haben!“ Während ſie dieſe Worte ſprach, drang ein Blutſtrom 76 Der Chevalier von Harmental. gewaltſam aus ihrem Munde. Ihre Krankheit war be⸗ deutend fortgeſchritten. Der ehrliche Buvat ſah jetzt ein, daß der Tod Albert's wahrſcheinlich nicht das einzige Unglück ſei, welches die arme Bathilde betreffe. Clariſſe bezog bald darauf eine geringere, ihren jetzigen Umſtänden angemeſſene Wohnung im zweiten Stockwerk. Sie konnte ſich anfangs nicht entſchließen als Bittſtellerin beim Kriegsminiſter einzukommen; nach drei Monaten, als ſie es endlich that, hatten die Ein⸗ nahme von Requena und Saragoſſa die Affaire bei Al⸗ manſa bereits vergeſſen laſſen. Clariſſe zeigte den Brief des Herzogs vor, der Seeretär des Miniſters ſagte ihr, daß ſie vermittelſt deſſelben alles erlangen könne, jedoch müſſe ſie die Rückkehr Sr. Hoheit abwarten. Cla⸗ riſſe entfernte ſich mit ſchwerem Herzen.„Warten— warten!“ wiederholte ſie;„Gott weiß, ob 8 Zeit dazu haben werde!“ Jetzt ſchränkte ſich Clariſſe noch mehr ein; ſie ver⸗ ließ ihre bisherige Wohnung wieder und bezog ein paar Zimmer im dritten Stockwerke. Die arme Frau hatte keine Einnahme gehabt als den Gehalt ihres Gatten; die kleine Mitgiſt des Herzogs war durch die häusliche Einrichtung und durch Albert's Ausrüſtung darauf⸗ gegangen. — Der Chevalier von Harmental. 77 Man erwartete im Herbſt die Rückkehr des Herzogs von Orleans und Clariſſe hoffte, daß ſich nach deſſen Eintreffen ihre Lage verbeſſern würde. Statt aber die Winterquartiere zu beziehen, wurde der Feldzug fort⸗ geſetzt und der Herzog ſchickte ſich an, Lerida zu belagern. Clariſſe that neuerdings Schritte hinſichtlich ihrer Angelegenheit, jetzt aber hatte man den Namen ihres Gatten faſt ſchon vergeſſen. Man vertröſtete ſie aber⸗ mals auf die Zurückkunft des Herzogs, und die arme Clariſſe mußte ſich wieder in Geduld faſſen. Sie verkaufte nun faſt ihre ſämmtlichen Meubles, bezog ein Dachſtübchen, dem Buvat's gegenüber, und behielt nichts als ein Bett, einen Tiſch, einige Stühle und Bathildens Wiege. Der gute ehrliche Buvat hatte durch große Ord⸗ nung ſich einiges Geld erſpart, aber er wagte nicht es der armen Wittwe anzubieten. Zwanzigmal faßte er ſich ein Herz und begab ſich zu ihr mit einem Päcktchen Gold, das ſein ganzes Vermögen, nämlich funfzig bis ſechzig Louisd'or enthielt, jedesmal aber kehrte er wieder zurück, nachdem er das Röllchen nur halb aus der Taſche gezogen hatte. Eines Tags aber begegnete er auf der Treppe, als er nach ſeinem Bureau gehen wollte, dem Hauseigenthümer, welcher die vierteljährliche Runde 78 Der Chevalier von Harmental. machte, um ſeinen Miethszins einzukaſſiren; überzeugt daß dieſer Beſuch ſeine Nachbarin in Verlegenheit ſetzen werde, bat er ihn bei ihm einzutreten. Nun erklärte er ihm, daß Madame du Rocher ihm das Geld für ihre Miethe eingehändigt und ihn beauftragt habe, dieſelbe für ſie zu berichtigen. Dieſe edle Handlung laſtete auf dem ehrlichen Buvat wie ein Verbrechen, und es ver⸗ gingen mehrere Tage, ohne daß er es wagte vor ſeiner Nachbarin zu erſcheinen, die er, als er wieder zu ihr ein⸗ trat, über ſein Ausbleiben, welches ſie für Gleichgültig⸗ keit nahm, ſehr betrübt fand. Sie hatte ſich in dieſen wenigen Tagen ungemein verändert, ſo daß Buvat ſie kopfſchüttelnd und mit Thränen in den Augen verließ und ſich zum erſten Mal zu Bette legte, ohne ſein Lieb⸗ lingslied: Laissezmoi aller, Laissaiz-moi jouer eic. zu trällern. Der Frühling erſchien. Statt daß aber der Herzog von Orleans zurückkehrte, erfuhr man, daß er ſich an⸗ ſchicke Tortoſa zu belagern. Dies war der letzte Schlag, welcher die arme Clariſſe treffen ſollte; ihre letzten Kräfte ſchwanden; ſie ward bettlägerig. Clariſſens Lage war entſetzlich. Sie täuſchte ſich nicht über ihren Zuſtand; ſie fühlte ihren Tod nahen und wußte nicht, wem ſie ihr theures Kind übergeben Der Chevalier von Harmental. 79 ſollte. Ihr Gatte hatte nur entfernte Verwandte, deren Hülfe ſie weder in Anſpruch nehmen wollte noch konnte. Von ihrer eignen Familie kannte ſte niemanden, auch fehlte es ihr an Zeit in dieſer Rückſicht Erkundigungen einzuziehen; denn der Tod rückte mit raſchen Schritten heran. Einſt in der Nacht, nachdem Buvat die Kranke des Abends in heftigem Fieber verlaſſen hatte, hörte er die⸗ ſelbe ſo laut ſtöhnen, daß er aufſprang und ſich anzog um ihr Beiſtand zu leiſten. Aber vor ihrer Thür ange⸗ langt, wagte er weder einzutreten noch anzuklopfen. Cla⸗ riſſe weinte und betete mit lauter Stimme. In dieſem Augenblick erwachte die kleine Bathilde und rief ihre Mutter. Clariſſe hemmte ihre Thränen, hob ihr Kind aus der neben ihr ſtehenden Wiege und nahm es zu ſich. Sie ließ ihr Töchterchen beten und rief dazwiſchen wei⸗ nend:„Ewiger Gott, erhöre das Gebet meines armen Kindes!“ Dieſe nächtliche Scene, das unſchuldige Kind und die ſterbende Mutter, hatte etwas ſo Feierliches und Ergrei⸗ fendes, daß der ehrliche Buvat auf die Knie ſank und ganz leiſe das dem Allmächtigen gelobte was er der ar⸗ men Wittwe nicht offen anzubieten wagte: daß er näm⸗ lich nach dem Tode der Mutter ein Vater der verlaſſenen 80 Der Chevalier von Harmental. Waiſe ſein wolle. Gott vernahm die Gebete und er⸗ hörte ſie. Als Buvat am andern Morgen in Clariſſens Zimmer trat, that er was er bisher noch nie gethan hatte, er hob nämlich die kleine Bathilde empor, drückte ihr liebliches Köpfchen an ſein dickes Geſicht und ſprach zu ihr mit leiſer Stimme:„Sei ruhig, mein liebes Kind, es giebt noch gute Menſchen auf der Erde!“ Die Kleine ſchlang jetzt gleichfalls die Arme um ihn. Da nun Bu⸗ vat Thränen in ſeinen Augen ſpürte und gehört hatte, daß man in Gegenwart von Kranken nicht weinen dürfe um ſie nicht zu ängſtigen, kämpfte er ſeine Bewegung nieder, zog ſeine Uhr aus der Taſche und ſprach:„Der Tauſend, ſchon Dreiviertel auf Zehn; ich muß fort. Adieu, Madame du Rocher!“ Auf der Treppe begegnete er dem Arzte und fragte ihn über den Zuſtand der Kranken.„In drei Tagen wird es mit ihr vorbei ſein,“ lautete die Antwort. Als er um vier Uhr wieder zurückkehrte, fand er das ganze Haus in Bewegung. Der Zuſtand der Kranken hatte ſich plötzlich ſo ſehr verſchlimmert, daß der Arzt geboten hatte ihr das heilige Abendmahl zu reichen; und wirklich fand der arme Buvat, als er angſterfüllt ims Zimmer trat, vor dem Bette der Sterbenden, die man faſt ſchon S 8 1 * ——— Der Chevalier von Harmental. 81 für eine Leiche halten konnte, den Geiſtlichen, der ihr das Sacrament ſpendete, umgeben von vielen Nachbarinnen, welche zu jener Zeit dieſen Ceremonien beizuwohnen pfleg⸗ ten. Die kleine Bathilde kauerte in einem Winkel und wußte nicht was ſie aus alle dem machen ſollte. Sowie das kleine Mädchen Herrn Buvat erkannte, eilte ſie ihm entgegen, gleichſam als ſuche ſie Schutz bei dem einzigen befreundeten Weſen das ſie in der ganzen Ver⸗ ſammlung kannte; er nahm ſie auf die Arme und kniete mit ihr neben dem Lager der Sterbenden nieder. In dieſem Augenblick ſenkte Clariſſe ihr bisher zum Himmel emporgeſchlagenes Auge. Ohne Zweifel hatte ſie zum Ewigen gefleht, daß er ihrem theuren Kinde einen Beſchützer ſchenken möge. Sie erblickte ihre Bathilde in den Armen des einzigen Freundes, den ſie hienieden hatte. Mit dem forſchenden Blick einer geäng⸗ ſteten Mutter ſchaute ſie in das ihr ergebene Herz und las darin alles was er ihr nicht zu offenbaren gewagt hatte. Sie richtete ſich empor, blickte Buvat an und ſtieß einen Ruf der Freude aus, den Gottes Engel nur verſtanden; gleich darauf ſank ſie, als hätte dieſe An⸗ ſtrengung ihre letzten Kräfte erſchöpft, ohnmächtig auf ihr Kiſſen zurück. Die religiöſe Ceremonie war beendigt, der Prieſter Chevalier v. Harmental. I. 6 82 Der Chevalier von Harmental. entfernte ſich und die Nachbarinnen folgten. Buvat wandte ſich an eine derſelben mit der Frage, ob ſich un⸗ ter ihren Bekannten nicht eine Krankenwärterin beſinde; und die Frau erklärte ſich dazu ſelbſt bereit. Clariſſe lag noch immer in Ohnmacht da. Die Wärterin wuſch ihre Schläfe mit Eſſig. Buvat zog ſich zurück. Der kleinen Bathilde hatte man geſagt, daß ihre Mutter ſchlafe. Das arme Kind kannte noch nicht den Unterſchied zwiſchen Tod und Schlaf und war wieder in ſeinen Winkel zurückgekehrt, wo es mit ſeiner Puppe ſpielte. Nach einer Stunde kehrte der ehrliche Buvat zurück um ſich nach der Kranken umzuſchauen. Sie war aus ihrer Ohnmacht erwacht und hatte die Augen geöffnet, aber ſie ſprach nicht. Sie erkannte ihn indeſſen noch, denn kaum erblickte ſie ihn, als ſie ihre Hände zum Ge⸗ bet faltete. Dann ſchien es als ſuche ſie etwas unter ihrem Kiſſen. Die Anſtrengung aber war fün ſie zu ſtark, denn ſie ſank kraftlos wieder zurück. Am folgenden Morgen ſtand es um die Kranke noch ſchlimmer, denn obgleich ihre Augen geöffnet waren, ſchien ſie doch niemanden zu kennen als ihre kleine Toch⸗ ter, die man neben ſie auf's Bett gelegt hatte und deren Händchen ſie feſthielt, als fürchte ſie daß ihr das Kind Der Chevalier von Harmental. 83 entriſſen werde. Die Kleine lag regungslos und ganz ſtill da, als wiſſe ſie, daß dies die letzte mütterliche Lieb⸗ koſung ſei. Als ſie ihren Freund Buvat erblickte, flüſterte ſie indeſſen:„Die Mama ſchläft, die Mama ſchläft!“ Er fragte die Wärterin ob die Kranke noch etwas bedürfe; jene ſchüttelte verneinend mit dem Kopfe. Bu⸗ vat wäre gern geblieben, denn er ſah ein, daß die Kranke nur noch kurze Zeit' zu leben habe, aber nichts in der Welt war im Stande ihn von ſeinem Bureau abzuhalten. Er begab ſich alſo auf die Bibliothek, war aber ſo trau⸗ rig und zerſtreut, daß der König diesmal nicht viel durch ſeine Gegenwart gewann; ſeine Collegen bemerkten auch, daß es noch nicht vier Uhr geſchlagen hatte, als Buvat auch ſchon die Ueberärmel von blauer Leinwand, welche er zum Schutz ſeiner Rockärmel überzuziehen pflegte, wieder bei Seite legte. Sowie die Glocke vier Uhr ſchlug, nahm er ſeinen Hut und ging. Buvat's trübe Ahnung beſtätigte ſich. Als er das Haus erreicht hatte, fragte er die Pförtnerin wie es um Clariſſen ſtehe.„Gott ſei Lob und Dank, ſie hat aus⸗ gelitten!“ lautete die Antwort. „So iſt ſie alſo todt?“ fragte der ehrliche Buvat zuſammenſchaudernd, 8⁴ Der Chevalier von Harmental. „Sie ſtarb vor ungefähr Dreiviertel Stunden,“ er⸗ wiederte die Pförtnerin, indem ſie gleichgültig das Lied weiter ſang, in welchem Buvat's angſtvolle Frage ſie unterbrochen hatte. Buvat ging langſam die Treppe hinauf; er hemmte jeden Augenblick ſeine Schritte um ſich die Thränen in den Augen zu trocknen. Auf dem Vorſaal angelangt, war er genöthigt ſich an die Mauer zu lehnen, weil er fühlte daß ihm ſeine Füße den Dienſt verſagten. Der Anblick einer Leiche hat für alles Lebendige etwas Schauer⸗ liches und Furchtbares, was nur ſelten ſeinen Eindruck verfehlt. Er konnte ſich anfangs nicht überwinden weiter zu ſchreiten. Da vernahm er plötzlich die jammernde Stimme der kleinen Bathilde und wollte die Thür öff⸗ nen, die aber verſchloſſen war. Er eilte die Treppe wieder hinab und fragte nach dem Schlüſſel.„Der Hausherr hat ihn hier nieder⸗ gelegt,“ hieß es,„nachdem er die Meubles der Todten aus dem Zimmer hat wegſchaffen laſſen.“ „Wie? Die Meubles ſind ſchon weggeſchafft?“ rief Buvat entſetzt.„Und die Wärterin?“ „Hat ſich ſogleich entfernt, als die Kranke todt war; ihr Geſchäft war ja abgethan.“ Buvat nahm den Schluͤſſel und eilte ſo ſchnell die Der Chevalier von Harmental. Treppe hinauf als er dies vorhin langſam gethan hatte. Seine Hand zitterte ſo heftig, daß er das Schlüſſelloch nicht finden konnte. Endlich gelang es ihm und die Thür öffnete ſich. Clariſſens Leiche lag ausgeſtreckt auf dem Boden, auf dem Stroh ihres Bettes. Alle Meubles waren fort. Ein armſeliges Tuch war über ſie gebreitet, aber die kleine Bathilde hatte eine Ecke zurückgeſchlagen, um das Ant⸗ litz ihrer Mutter zu ſuchen. „Ach lieber, lieber Freund!“ rief freudig das Kind als Buvat eintrat,„wecke mir doch die Mama auf, ſie ſchläft gar zu lange! Wecke ſie auf, ich bitte Dich!“ Buvat, tief bewegt durch dieſen Anblick, fuͤhrte die Kleine, die ihm entgegengeeilt war, zur Leiche zurück. „Umarme Deine Mutter zum letzten Male, Du armes Kind!“ ſprach er. Das Kind gehorchte. „Jetzt, Bathilde, jetzt laſſe ſie ſchlafen; der liebe Gott wird ſie dermaleinſt wieder auferwecken!“ ſprach er. Und er nahm das Kind in ſeine Arme und trug es in ſein Zimmer. Er legte es in ſein eignes Bett, denn man hatte ſelbſt die Wiege der Kleinen fortgeſchleppt; und ſowie es auf demſelben ſanft eingeſchlummert war, begab er ſich zu den Behörden um für das Begräbniß zu ſorgen. 86 Der Chevalier von Harmental. Als er zurückkehrte, übergab ihm die Pförtnerin ein Pa⸗ pier, welches die Wärterin unter dem Kiſſen der Entſchla⸗ fenen gefunden hatte. Buvat ſchlug das Papier auseinander— es war der Brief des Herzogs von Orleans, Bathildens einzige Erbſchaft. V. Bathilde. Der gute ehrliche Buvat hatte ſich ſchon, während er die Anſtalten zum Begräbniſſe Clariſſens traf, nach einem Frauenzimmer umgeſehen, dem er die Sorge für die kleine Bathilde anvertrauen könnte, für deren Pflege und Erziehung er perſönlich nichts zu thun vermochte, theils weil er einen großen Theil des Tages auf der Bibliothek zubringen mußte, während welcher Zeit die Kleine ſich nicht ſelbſt überlaſſen bleiben durfte, theils weil er der⸗ gleichen Dinge nicht ve⸗tand. Zum Glück fand er das Gewünſchte bald, nämlich eine Frau von ungefähr 38 Jahren, Namens Nanette, welche ſchon bei ſeiner Mut⸗ ter gedient hatte und deren Ruf und gute Eigenſchaften ihm daher bekannt waren; es ward mit ihr abgemacht daß ſie in der Küche ſchlafen und für die Kleine ſorgen 88 Der Chevalier von Harmental. ſollte, wofür ihr ein jährliches Lohn von 50 Livres nebſt freier Koſt zugeſagt wur Dieſe neue häusliche Einrichtu veränderte ganz und gar Buvat's Lebensweiſe, der als Hageſtolz gelebt und in einer Garküche gegeſſen hatte; auch konnte er ſein Dachſtübchen nicht behalten, da es jetzt für den ihm ge⸗ wordenen Zuwachs zu klein war, und er ſah ſich daher ſchon am andern Tage nach einer Wohnung um. Er fand eine ſolche in der Rue Pagevin, denn er wollte ſich nicht zu weit von der Bibliothek entfernen. Sie beſtand aus zwei Zimmern, einem Cabinet und einer Küche. Er miethete ſie ſogleich, kaufte die erforderlichen Meubles und bezog mit Bathilden und Nanetten die Woh⸗ nung noch an demſelben Abend. Am folgenden Tage fand Clariſſens Begräbniß ſtatt; es war gerade ein Sonntag, ſo daß Buvat nicht nöthig hatte ſeine Vorgeſetzten um einige Stunden Ur⸗ laub zu erſuchen. Während der erſten Wochen fragte das kleine Wädchen unabläſſig nach ihrer lieben Mutter; da ihr aber der wackre Buvat allerhand Spielzeug ge⸗ kauft hatte, ſo wurden ihre Fragen nach und nach ſelt⸗ ner; ferner ſagte man ihr, daß ihre gute Mutter verreiſ't ſei um ſich zu ihrem Vater zu begeben, und Bathilde begnügte ſich bald mit der Erkundigung, wann denn Der Chevalier von Harmental. 89 wohl endlich ihre guten Eltern zurückkehren würden. Nach und nach verdichtete ſich der Schleier, der die erſte Kindheit von unſerm ſpätern Leben trennt, auch bei Ba⸗ thilden immer mehr und mehr, bis ſie endlich erfuhr, was es heißt eine Waiſe zu ſein. Buvat hatte das beſte der beiden Zimmer Bathil⸗ den eingeräumt, das andre für ſich behalten und Na⸗ nette in's Cabinett eingewieſen. Dieſe Letztere war eine wackre Perſon, welche recht gut kochte, beſonders ſchön ſtrickte und wie die heilige Jungfrau ſpann. Trotz dieſen verſchiedenen Talenten aber begriff Buvat ganz gut, daß ſie ſo wenig als er zur Erziehung Bathildens gänzlich genüge, da dieſe ſeiner Meinung nach mehr ler⸗ nen ſollte als ſpinnen, ſtricken und ſchreiben; denn er wollte ſich der übernommenen Pflicht im vollſten Maße entledigen. Er ſah ein daß Bathilde, wenn ſie auch ſein Pflegekind war, doch darum nicht weniger die Toch⸗ ter Albert' s und Clariſſens blieb, und beſchloß daher ihr eine ihrer Geburt angemeſſene Erziehung zu geben. Sein Raiſonnement lautete ganz einfach folgen⸗ dermaßen:„Ich verdanke Herrn Albert du Rocher meine Stelle und der Ertrag derſelben gehört alſo auch ſeinem Kinde.“ Seinen jährlichen Gehalt von 900 Livres vertheilte er demnach auf nachſtehende Weiſe: 450 Lipres 90 Der Chevalier von Harmental. für Zeichen⸗, Muſik⸗ und Tanzlehrer und 450 Livres für Bathildens Mitgift. Wenn alſo Bathilde, die jetzt vier Jahre zählte, ſich nach vierzehn Jahren, alſo in ih⸗ rem achtzehnten Jahre, verheirathen ſollte, ſo hatte ſie, da die Zinſen zum Capital geſchlagen wurden, alsdann eine Ausſteuer von 9 bis 10,000 Livres. Die Koſten für den gemeinſchaftlichen Unterhalt, für Kleidung und Wohnung ſowie für Nanetten beſchloß der ehrliche Buvat durch Wiederaufnahme ſeines Schreib⸗ unterrichts zu beſtreiten. Zu dieſem Behuf wollte er ſchon um fünf Uhr Morgens aufſtehen und ſich Abends ſpät zu Bette legen. Der Himmel ſegnete auch wirklich dieſen frommen Vorſatz; weder der Schreibunterricht noch die Beſchäfti⸗ gung als Abſchreiber fehlten ihm, und da er für Ba⸗ thildens Unterricht die nächſten zwei Jahre noch allein ſorgen konnte, ſo gewann er während dieſer Zeit durch ſeine kleinen Erſparniſſe 900 Livres, während er gleich⸗ falls 900 Livres für ſein liebes Pflegekind anlegte. Schon in ihrem ſechſten Jahre bekam Bathilde ei⸗ nen Zeichen⸗, Muſik⸗ und Tanzlehrer. Uebrigens war es offenbar ein wahres Vergnügen, dem liebenswürdigen Kinde Opfer darzubringen, denn ſie war von der Vor⸗ ſehung mit der glücklichſten Organiſation begabt. Was — —— Der Chevalier von Harmental. 91 ihre kindliche Schönheit betraf, die ſo köſtliche Erwartun⸗ gen erweckte, ſo hielt dieſelbe vollkommen was ſie ver⸗ ſprach. Auch fühlte ſich unſer Buvat ungemein glücklich, denn während der ganzen Woche wurde er mit den guten Zeugniſſen ihrer Lehrer überhäuft, und am Sonntag ging er ſtolzen Schrittes mit ſeinem Pflegetöchterchen in ſeinem lachsfarbenen Rocke und den ſchwarzſammtnen Beinklei⸗ dern ſpazieren. Die liebliche Kleine jagte alsdann mit ihren flatternden blonden Locken den Schmetterlingen nach, und wenn ſie ſich auch dabei zuweilen ihr ſauberes wei⸗ ßes Kleidchen beſchmuzte, ſo hatte das nichts zu bedeu⸗ ten. Zu Hauſe wieder angelangt, ſchalt zwar Nanette ein wenig, Buvat aber verſchloß ihr bald den Mund mit der Bemerkung, daß Jugend einmal nicht Tugend habe. Mitunter ereignete es ſich auch, aber es geſchah nur an hohen Feſttagen, daß Buvat den Bitten der kleinen Bathilde nachgab, welche gern die Windmühlen am Montmartre in der Nähe betrachten wollte; dann machte man ſich früher dorthin auf den Weg, Nanette trug das kleine Mittagsmahl, welches man auf der Esplanade der Abtei einnahm und worauf man dann fröhlich und guter Dinge den Weg zum Montmartre fortſetzte. An 92 Der Chevalier von Harmental. ſolchen Tagen kehrte man erſt um acht Uhr Abends heim; von dem Croix des Torcherons an aber pflegte die kleine Bathilde ſchon in den Armen Buvat's einzuſchlafen. So ging alles ruhig und ſtill ſeinen Weg bis zum Jahr 1712, einer Epoche in welcher ſich der große Kö⸗ nig in ſeinen Angelegenheiten dergeſtalt derangirt ſah, daß er kein andres Mittel fand ſich der Verlegenheit zu entziehen, als ſeine Beamten nicht zu bezahlen. Buvat ward von dieſer adminiſtrativen Maßregel durch den Caſ⸗ ſirer benachrichtigt, der ihm, als er eines Morgens er⸗ ſchien um ſeinen Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, die Meldung machte daß ſich kein Geld in der Kaſſe be⸗ finde. Buvat blickte den Kaſſirer mit großen Augen an; es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß es dem Könige jemals an Geld fehlen könne. Die Antwort be⸗ unruhigte ihn indeſſen nicht ſehr, denn er glaubte daß nur hier eine augenblickliche Stockung ſtattfinden könne, und ſo begab er ſich ruhig in ſein Bureau, indem er ſein altes Lieblingslied: Laissaiz- moi aller etc. vor ſich hin⸗ trällerte. „Ei, ei,“ bemerkte der ſchon früher erwähnte Super⸗ numerarius, der endlich nach ſiebenjährigem Harten am Erſten des letzten Wonats wirklich in Funetion getreten war,„Sie müſſen recht fröhlichen Humors ſein, Herr 93 Der Chevalier von Harmental. College, da Sie ſingen können, wenn man uns nicht be⸗ zahlt.“ „Wie das?“ fragte Buvat;„was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß ich mich höchlich wundre, wie das Ausbleiben des Geldes Sie nicht bekümmert. Was denken Sie da⸗ von?“ „Daß man uns im nächſten Monat ſicherlich den dop⸗ pelten Gehalt zahlen wird,“ erwiederte Buvat. „„Hören Sie nur, Decoudreau,“ ſprach der gewe⸗ ſene Supernumerarius, indem er ſich zu einem andern ſeiner Collegen wandte,„der glaubt, man werde uns den Gehalt nachzahlen. Der Papa Buvat hat einen guten * Glauben!“ „Nach einem Monat wird es ſich ausweiſen,“ ant⸗ wortete der Angeredete. „Ja, ja,“ rief Buvat, indem er den Worten des Collegen beipflichtete,„nächſten Monat wird es ſich auch ausweiſen.“ „Und wenn man Sie nun weder im nächſten Monat noch in den darauf folgenden Monaten bezahlt, Papa Buvat, was werden Sie dann thun?“ „Was ich dann thun werde? Ich werde nichts deſto weniger hier mein Amt verwalten.“ 94 Der Chevalier von Harmental. „Wie, wenn man Sie nicht bezahlt, werden Sie doch hier erſcheinen?“ „Mein Herr,“ entgegnete Buvat,„der König hat mich volle zehn Jahre lang auf das pünktlichſte bezahlt; wenn es ihm alſo für den Augenblick an Geld mangelt, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ich ihm ein wenig Credit gebe.“ Der Monat verging, der Zahltag erſchien, Buvat begab ſich an die Kaſſe, wo ihm aber leider verkündet ward, daß dieſelbe noch immer leer ſei. Buvat fragte, wann ſie denn wohl wieder gefüllt ſein würde; der Kaſ⸗ ſirer entgegnete, daß dies eine bedeutend neugierige Frage ſei. Buvat entſchuldigte ſich wegen ſeiner Dreiſtigkeit und begab ſich in ſein Bureau, diesmal aber ohne zu ſingen. An demſelben Tage reichte der früher erwähnte Col⸗ lege, unwillig keine Bezahlung zu empfangen, ſeinen Ab⸗ ſchied ein, und hierauf lud der Chef des Bureau's deſſen Arbeit ebenfalls auf die Schultern des guten ehrlichen Bubvat, ſo daß dieſer jetzt doppelt zu thun hatte. Bu⸗ vat that alles ruhig, ohne zu murren. Im dritten Mo⸗ nat aber blieb das Geld gleichfalls aus; es war ein voll⸗ ſtändiger Bankerott. Wie man aber ſchon geſehen hat, Buvat handelte nicht mit ſeinen Pflichten; er verrichtete Der Chevalier von Harmental. 95 ſein Geſchäft nach wie vor auf das pünktlichſte, war aber genöthigt ſeine kleinen Erſparniſſe anzugreifen. Unterdeſſen wuchs ſein Pflegetöchterchen Bathilde heran; ſie zählte jetzt dreizehn bis vierzehn Jahre und ihre Schönheit entfaltete ſich immer mehr und mehr; auch ſah ſie ſchon jetzt das Schwierige ihrer Lage voll⸗ kommen ein. Seit einem Jahre ſchon waren unter dem Vorwande, daß ſie lieber zeichne oder Clavier ſpiele, die Ausflüge in die Umgegend von Paris unterblieben. Bu⸗ vat machte anfangs ſeine Spaziergänge allein, dies aber langweilte ihn, und da der Pariſer Bürger, wenn er die ganze Woche gearbeitet hat, doch dann und wann friſche Luft einathmen will, ſo kam er auf den Gedanken eine Wohnung mit einem Gärtchen zu miethen. Solche Logis waren indeſſen für den damaligen Zuſtand ſeiner Finan⸗ zen zu theuer und ſo miethete er endlich die kleine Woh⸗ nung in der Rue du Temps perdu, mit dem Entſchuſſe, oben eine Terraſſe und ein Gärtchen anzulegen. Es ward beſchloſſen, daß Bathilde mit Nanetten das Zimmer im vierten Stockwerk bewohnen ſolle, während er das Dachſtübchen bezöge. Dieſe Einrichtung war Beiden um ſo angemeſſener, da Bathildens Reize ſich mit jedem Tage immer mehr entfalteten und Buvat noch kein alter Mann war, 96 Der Chevalier von Harmental. ſo daß ihr Beiſammenwohnen in ihrer vorigen Wohnung bereits die geſchäftigen Läſterzungen rege gemacht hatte. Madame Denis in der Rue du Temps perdu war übrigens die Letzte welche die nachtheiligen Gerüchte glaubte, die ſich über ihre neuen Nachbarn verbreiteten. Wir werden ſpäter berichten bei welcher Gelegenheit die⸗ ſelben zuerſt Eingang bei ihr fanden. Unterdeſſen war leider die Prophezeihung des aus⸗ getretenen Beamten in Erfüllung gegangen; ſeit achtzehn Monaten hatte der arme Buvat bereits keinen Gehalt empfangen, und dennoch fuhr er fort ſeinem Amte mit der gewohnten Pünktlichkeit vorzuſtehen. Da der ehrliche Mann aber durchaus nicht zui ob und wann die Zahlungen ſeines Gehalts wieder be⸗ ginnen würden und ſein kleiner erſparter Schatz ſich zu erſchöpfen begann, ſo umzogen oft Wolken ſein heiteres Geſicht, was von Bathilden keineswegs unbemerkt blieb. Mit dem richtigen Takt, der die edlen weiblichen Weſen bezeichnet, begriff ſie, daß jede Erkundigung hin⸗ ſichtlich eines Geheimniſſes, das Buvat ihr nicht ſelbſt nittheilte, fruchtlos ſein würde; ſie wandte ſich alſo des⸗ halb an Nanetten, welche ſich anfangs etwas bitten ließ, endlich aber doch ihr offenherzig alles offenbarte. Jetzt erſt erfuhr die liebliche Bathilde was ſie alles Der Chevalier von Harmental. 97 dem Zartgefühl Buvat's verdanke. Sie erfuhr wie der Letztere den ganzen Tag lang nur für ſie gearbeitet habe und wie ſein Trübſinn nur dem Gedanken entſpringe, daß er, da ſein Gehalt fortwährend ausblieb und ſeine Er⸗ ſparniſſe zu Ende waren, genöthigt ſei ihr zu erklären, es müſſe in ſeinen häuslichen Einrichtungen eine Verän⸗ derung eintreten. Der erſte Gedanke Bathildens, nach⸗ dem ihr dieſe Kunde geworden, war der, ſich ſowie der ehrliche Buvat eintrat ihm zu Füßen zu werfen und ſeine Hände zu küſſen. Bald aber leuchtete ihr ein, daß das einzige Mittel ihren Zweck zu erreichen darin be⸗ ſtehe, ſich mit allem durchaus unbekannt zu ſtellen; und in dem kindlichen Kuſſe, den ſie bei ſeiner Heimkehr auf ſeine Stirn drückte, konnte der wackre Mann unmöglich die heißen Dankgefühle erkennen, welche ihre Bruſt bewegten. Am folgenden Tage aber bemerkte Bathilde gegen Buvat gewendet, daß ſie wirklich nicht glaube von ih⸗ ren Lehrern noch etwas lernen zu können, da ſie ſo viel wiſſe als jene ſelbſt, und daß alſo die Fortſetzung des Unterrichts eine völlig unnöthige Geldausgabe ſei. Da der ehrliche Buvat nichts Schöneres kannte als die Zeichnungen Bathildens, da er, wenn ſie mit ihrer lieben Stimme ſang, ſich bis in den dritten Himmel em⸗ porgehoben fühlte, glaubte er ſeiner gegetochter und hevalier v. Harmental. 1M. 98 Der Chevalier von Harmentäl. dies um ſo mehr, da auch die Lehrer ehrlich genug wa⸗ ren zu verſichern, daß ſie jetzt genng um ſc Min weiter forthelfen zu können. Aber Bathilde begnügte ſich nicht damit für die Erſparniß zu wirken, ſie wollte auch zum Verdienſte bei⸗ tragen. Obgleich ſie im Zeichnen wie in der Muſik faft gleiche Fortſchritte gemacht hatte, ſo begriff ſie dennoch, daß nur das erſtere für ſie eine Hülfsquelle werden, die letztere ihr nur als Erholung dienen könne. Sie widmete daher auch dem Zeichnen ihren ganzen Fleiß und ge⸗ langte bald dahin, allerliebſte Bilder in Paſtell fertigen zu können. Einſt wollte ſie nun den Werth ihrer Ar⸗ beiten kennen lernen und bat Buvat, wenn er auf ſein Bureau ginge, ihrem Farbenhaͤndler zwei Kindetköpfe zu zeigen, welche ſie nach ihrer Phantaſie gemalt hatte, und ihn zu fragen was ſie wohl werth wären. Buvat übernahm dieſen Auftrag, ohne irgend etwas zu ahnen. Der Farbenhändler betrachtete dieſelben mit einem gering⸗ ſchätigen Blick und ſagte et könne das Stück mur mit 15 Liores bezahlen. Buvat fühlte ſich verletzt, nicht ſowohl durch das niedrige Gebot als durch die verächt⸗ liche Art und Weiſe, mit welcher der Kaufinann von Bathildens Talent ſprachz er entzog dahet pie Bilder etwas ungeffüm deſſen Hand und dankte ihm. Der Chevalier von Harmental. 99 Der Farbenhändler, welcher den ehrlichen Buvat durch das geringe Gebot erzürnt zu haben meinte, be⸗ merkte darauf, daß er für beide Köpfe aus alter Bekannt⸗ ſchaft 40 Livres zahlen wolle; Buvat entgegnete ihm aber in ſeinem Verdruß, daß dieſe Bilder gar nicht zu verkaufen wären. Jedermann weiß, daß etwas im Preiſe ſteigt, wenn es nicht feil ſein ſoll, und der Farbenhändler bot bis zu 50 Livres. Buvat aber, noch ſehr verletzt, legte die Bilder wieder in ihre Mappe, nahm dieſe dann unter den Arm und ſchritt mit einem gewiſſen Stolz aus dem La⸗ den und ſeinem Bureau zu. Als Bathildens Pflegevater wieder nach Hauſe ging, mußte er an dem Laden des Farbenhändlers vor⸗ über; dieſer ſtand wie zufällig vor der Thür. Buvat wollte ohne weiteres an ihm vorüber. Jener aber hielt ihn zurück und fragte, ob er ſich nicht entſchloſſen habe ihm die Bilder für den gebotenen Preis zu überlaſſen. Buvat entgegnete ihm noch beſtimmter als vorhin, daß die Zeichnungen nicht verkauft werden ſollten. „Das thut mir in der That leid,“ entgegnete der Kaufmann,„ich wäre bis achtzig Livres gegangen.“ Er trat in ſeinen Laden zurück, folgte aber Herrn Buvat mit den Blicken. 7* 100 Der Chevalier von Harmental. Bathilde eilte ihrem Pflegevater bis an die Treppe entgegen, denn ſie war in ängſtlicher Spannung das Re⸗ ſultat ſeiner Nachfrage zu vernehmen. „Nun,“ fragte ſie,„mein lieber Papa, was hat Ih⸗ nen Herr Papillon geſagt?“ „Herr Papillon! Herr Papillon!“ ſprach Bu⸗ vat, indem er ſich die Stirn trocknete,„Herr iſt ein Unverſchämter!“ Die arme Bathilde erblaßte.„Wie das?“ fragte ſie. „Ja, ja, ein recht Unverſchämter!“ fuhr Buvat fort,„ſtatt vor Deinen Zeichnungen ſe unter⸗ ſing er ſich ſie zu kritiſiren.“ „Wenn es weiter nichts iſt als das,“ entgegnete Ba⸗ thilde lachend,„da hat er ja Recht. Bedenken Sie, daß ich nur noch eine Schülerin bin. Aber hat er auch nicht den kleinſten Preis dafür geboten?“ „Ei ja wohl, er hatte auch dieſe Unverſchämtheit!“ „Und was bot er Ihnen denn?“ fragte Bathilde zitternd. „Achtzig Livres hat er mir dafür geboten.“ „Achtzig... Livres!“ wiederholte Bathilde ganz erſtaunt.„. Sie irren ſich gewiß, mein lieber Papa.“ „Ich ſage Dir achtzig Livres für beide Bilder,“ wiederholte Buvat, indem er die letzten Worte betonte. 101 Der Chevalier von Harmental. „Aber, mein lieber Papa, das iſt ja viermal ſo viel als ſie werth ſind!“ rief das junge Mädchen, indem ſie freundlich in die Hände klatſchte. Um aber ihre Gefühle nicht ferner zu verrathen, brach ſie ſchnell das Geſpräch ab und berichtete, daß das Mittagseſſen bereit ſei und ſeiner warte, eine Kunde welche den Ideen des ehrlichen Buvat ſchnell eine andre Richtung gab. Er überreichte ihr ruhig die Mappe und ſetzte ſich mit ihr zu Tiſche, indem er ſein Lieblingslied trällerte: Laissez-moi aller ete. Noch an demſelben Abend, während ihr Pflegevater ſich auf ſein Dachſtübchen begeben hatte um dort Ab⸗ ſchriften zu fertigen, übergab Bathilde die Mappe mit den Bildern der treuen Nanette und gebot ihr, dieſe dem Herrn Papillon zu überbringen und achtzig Livres dafür in Empfang zu nehmen. Nanette gehorchte und Bathilde erwartete mit Herzklopfen ihre Rückkehr, denn noch immer fürchtete ſie, daß Buvat ſich hinſichtlich des Preiſes geirrt habe. Bald war ſie indeß beruhigt, denn ſchon nach zehn Mi⸗ nuten kehrte die gute Frau mit den achtzig Livres zurück. Bathilde nahm ihr das Geld ab und betrachtete es einen Augenblick lang mit Thränen in den Augen. Dann legte ſie es auf den Tiſch und kniete fromm und andächtig vor dem Crucifir nieder, welches vor ihrem — 102 Der Chevalier von Harmental. Bette ſtand, und vor dem ſie jeden Abend betete. Jetzt ſprach ſie heiße Dankgebete aus, denn ſie konnte dem gu⸗ ten Buvat einen Theil deſſen vergelten was er für ſie gethan hatte. Als Buvat am folgenden Tage von ſeinem Bureau zurückkehrte und am Laden des Herrn Papillon vor⸗ überkam, ſah er zu ſeinem unbeſchreiblichen Erſtaunen an den Fenſtern deſſelben in koſtbaren Rahmen die beiden Kinderköpfe, welche auf ihn herabſchauten. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Ladenthür und der Bilder⸗ händler erſchien auf der Schwelle derſelben. „Nun, Papa Buvat,“ ſprach er,„wir haben uns denn doch anders beſonnen und uns entſchloſſen endlich die Kinderköpfe loszuſchlagen, die gar nicht zu verkaufen waren, he he he? Hielt ich Sie doch nicht für ſo ge⸗ rieben, Nachbar! Sie haben mir auf dieſe Weiſe achtzig blanke Livres aus der Taſche zu locken gewußt. Aber gleichviel! Sagen Sie der Demoiſelle Bathilde, die ein liebes charmantes Mädchen iſt daß, wenn ſie ſich ver⸗ pflichten will mir ein Jahr lang alle Monate zwei ſolche Bilder zu liefern, ich ihr ſtets denſelben Preis zahlen werde wie für dieſe.“ Buvat ſtand wie niedergedonnert da; er murmelte eine Antwort, die der Kaufmann nicht vezpehen konnte, Der Chevalier von Harmental. 103 und ſetzte ſeinen Weg fort. Er öffnete die Thür, ohne daß Bathilde es bemerkt hatte. Das junge Mädchen zeichnete; ſie hatte bereits wieder einen Kopf angefangen. Als ſie ihren lieben Papa mit ernſtem Geſicht auf der Schwelle ſah, ſprang ſie auf und fragte was ihm begegnet ſei; ohne zu antworten, wiſchte Buvat ſich ein Paar große Thränen ab. „Alſo,“ begann er endlich in einem gereizten Tone, „das Kind meiner Wohlthäter, die Tochter Albert's und Clariſſens arbeitet für Geld!“ „Aber lieber Papa,“ erwiederte Bathilde halb wei⸗ nend halb lachend,„ich arbeite ja nicht, ich unterhalte mich bloß.“* Ich bin nicht Ihr lieber Papa,“ entgegnete Bubat noch immer traurig,„ich bin nichts als der arme Bu⸗ vat, den der König nicht bezahlt und der mit ſeinen Schreibſtunden nicht genug verdient, um Ihnen eine Er⸗ ziehung geben zu laſſen, wie ſie für ein Fräulein Ihres Standes paßt.“ Bei dieſen Worten ließ er die Arme entmuthigend ſinken, ſo daß ſeiner Hand der Stock entſiel. „Sie wollen mich alſo vor Schmerz und Beſchämung ſterben laſſen!“ rief Bathilde in Thränen ausbrechend. „Ich Dich ſterben laſſen!“ entgegnete Buvat mit 104 Der Chevalier von Harmental. dem Ausdrucke der innigſten Zärtlichkeit.„Was hab' ich denn geſagt? Was hab' ich denn gethan?“ Und Buvat faltete die Hände und war nahe daran vor ihr auf die Knie zu ſinken. Bathilde vergoß noch immer Thränen. „Ich will nicht, daß Du weinen ſollſt!“ rief Buvat mit guthmüthigem Zorn;„das fehlte noch, daß ich Dich weinen ſehen müßte!“ „Ich werde aber weinen, wenn Sie mich nicht mein Vorhaben ausführen laſſen,“ verſetzte das junge Mädchen. Dieſe Drohung Bathildens, ſo kindiſch ſie auch war, erfüllte dennoch Buvat mit Schrecken, denn ſeit den Tagen, während welcher das junge Mädchen ihre Mutter beweinte, waren keine Zähren ihren Augen ent⸗ quollen. 8 „Wohlan,“ rief Buvat endlich,„ſo mache was Du willſt! Aber verſprich mir, daß Du von dem Tage an, wo mir der König wieder meinen Gehalt auszahlen läßt. „Schon gut, ſchon gut, lieber Papa,“ unterbrach ihn Bathilde lebhaft;„das wird ſich ſpäter finden; unter⸗ deſſen ſind Sie ſchuld wenn die Suppe kalt geworden iſt.“ Man ſetzte ſich zu Tiſche und die heitre Laune des Der Chevalier von Harmental. 105 jungen Mädchens hatte bald aus dem Geſicht ihres Pflege⸗ vaters jede Spur von Traurigkeit verwiſcht. Was aber würde Buvat geſagt haben, wenn er alles gewußt hätte? Im voraus überzeugt, daß ſie nicht zuviel Bilder fertigen dürfe, wenn ſie den Preis derſelben nicht herabſetzen wollte, beſchloß Bathilde, da ſie zwei Köpfe in zehn bis zwölf Tagen vollenden konnte, ihre übrige Zeit gleichfalls zu Geld zu machen; ſie hatte da⸗ her ſchon an dieſem Morgen Nanetten beauftragt ſich nach irgend einer Handarbeit umzuſehen, mit der ſie ſich während Buvat's Abweſenheit beſchäftigen könnte. Nanette, welche gewohnt war ihrer Gebieterin blindlings zu gehorchen, hatte ſich ſogleich auf den Weg gemacht und brauchte nicht lange zu ſuchen. Die Spitzen waren damals gerade in der Mode; die vornehmen Da⸗ men wogen ſie mit Gold auf, und bei dem hohen Preiſe dieſes zarten leicht zu beſchädigenden Gegenſtandes ward auch das Ausbeſſern derſelben theuer bezahlt. Bathil⸗ dens Nadel bewirkte in dieſer Ruckſicht wahrhafte Wunder, und ſie theilte jetzt ihre Zeit zwiſchen Handar⸗ beit und Zeichnen. Der ehrliche Buvat ergab ſich end⸗ lich mit der ihm eigenthümlichen Fügſamkeit in ihre An⸗ ordnung, und da er den frühern Spaziergängen entſagt hatte, weil es ihn langweilte ſie allein zu machen, ſo 106 Der Chevalier von Harmental. richtete er ſein Augenmerk wieder auf die oft erwähnte kleine Terraſſe. Acht Tage lang traf er in dieſer Ruck⸗ ſicht Morgens und Abends ſeine vorläufigen Anſtalten ſo insgeheim, daß niemand ahnen konnte was er vorhatte. Auf dieſe Weiſe legte er oben auf dem Dache eine kleine Laube, einen Springbrunnen und ſogar eine Grotte an, welche letztere ihm indeſſen am meiſten zu ſchaffen machte. Endlich kam er auch hiermit zu Stande, jedoch waren ſehr viele Monate vergangen bis alles vollendet war. Die Gartenarbeiten des guten ehrlichen Buvat hat⸗ ten faſt ein ganzes Jahr weggenommen. Bathilde war jetzt ſechzehn Jahre alt und zur vollkommen ſchönen Jungfrau aufgeblüht. Es war gerade in dieſer Periode, daß ihr Nachbar gegenüber, Bonifaz Denis, ſie be⸗ merkte und daß ſeine Mutter, die ihrem Sohn nichts ab⸗ ſchlagen konnte und über Bathildens und Buvat's Verhältniſſe befriedigende Erkundigungen eingezogen hatte, mit ihnen eine nachbarliche Bekanntſchaft anknüpfte und ſie einlud, die Sonntags⸗Abende in ihrem Hauſe zuzu⸗ bringen. Die Einladung war auf ſo freundliche zuvor⸗ kommende Weiſe geſchehen, daß man ſie nicht zurückwei⸗ ſen konnte, ſo ungern ſich auch die anmuthige Bathilde ihrer Einſamkeit entzog. Der ehrliche Buvat war da⸗ gegen hocherfreut, daß ſich irgend eine Gelegenheit zur Der Chevalier von Harmental. 107 Zerſtreuung für Bathilden zeigte. Auch freute er ſich insgeheim mit echt väterlichem Stolze über den Triumph, den dieſe neben Emilien und Athenais feiern würde. Die Dinge gingen indeſſen nicht ganz den Weg, den ihnen der wackre Mann in ſeinem Kopfe vorgezeichnet hatte. Bathilde ſah auf den erſten Blick, mit wem ſie es hier zu thun habe; ſie begriff ganz die niedrige Stel⸗ lung ihrer Nachbarinnen; als man ſie daher dringend er⸗ ſuchte voch eine ihrer Zeichnungen vorzulegen, verſicherte ſie, daß ſie keine derſelben im Hauſe habe, während Bu⸗ vat recht gut wußte, daß ſich in ihrer Mappe ein Jeſus⸗ kopf und ein Kopf des heiligen Johannes in höchſt ge⸗ lungener Ausführung befanden. Noch mehr. Als man in ſie drang zu ſingen, nachdem die Töchter des Hauſes ſich hatten hören laſſen, trug ſie eine kleine Romanze vor, die noch nicht fünf Minuten währte, ſtatt die große Arie anzuſtimmen, auf welche Buvat gerechnet hatte und die Dreiviertel Stunden ausgefüllt haben würde. Zu Buvat's großem Erſtaunen nahm aber gerade dieſes Betragen Madame Denis zu Gunſten des jungen Mädchens ein; denn da man ihr Bathildens muſika⸗ liſches Talent hoch geprieſen hatte, freute ſie ſich, daß ihre Töchter in dieſer Rückſicht nicht allzuſehr überragt wurden. Bathilde ward daher von der guten Frau 108 Der Chevalier von Harmental. mit Liebkoſungen überhäuft, und nachdem das liebliche Mädchen ſich entfernt hatte, verſicherte Madame Denis jedermann, es ſei ein außerordentlich talentvolles und be⸗ ſcheidenes junges Mädchen und man habe nicht zu viel zu ihrem Lobe geſagt. Was nun den ſaubern Herrn Bonifaz betriſt, ſo war er an dem genannten Abende ganz ſchweigſam ge⸗ weſen, ſo daß ihn die reizende Nachbarin kaum bemerkt hatte. Mit Bonifaz war es aber etwas Andres. Der arme Burſche, der ſie ſchon aus der Ferne bewundert hatte, war jetzt bis über die Ohren in ſie verliebt. Da⸗ her kam es nun, daß Bonifaz faſt nicht mehr von ſei⸗ nem Fenſter wich, was wieder die natürliche Folge hatte, daß Bathilde das ihrige geſchloſſen hielt; denn man wird ſich erinnern, daß der junge Mann das Zimmer be⸗ wohnte, welches ſpäter der Chevalier Harmental ein⸗ nahm. Das zurückgezogene Betragen Bathildens ſteigerte die Leidenſchaft ihres jungen Nachbars noch mehr, auch drang er ſo unabläſſig in ſeine Mutter, daß dieſe ſich endlich nach der Rue des Orties begab, wo ſie von der unterdeſſen faſt ganz erblindeten und taub gewordenen Pförtnerin erfuhr, was ſich am Sterbelager Clariſſens zugetragen und welchen edlen Charakter der wackere Bu⸗ Der Chevalier von Harmental. 109 vat dabei entfaltet hatte. Die gute alte Frau hatte übrigens alle Namen vergeſſen und erinnerte ſich nur, daß Bathildens Vater ein ſchöner ſtattlicher Officier geweſen, der in Spanien getödtet worden, ſowie daß ſeine junge liebenswürdige Gattin vor Schmerz im Elend ver⸗ ſtorben ſei. Der junge Bonifaz hatte gleichfalls Nachforſchungen angeſtellt und durch ſeinen Principal Herrn Jouh erfah⸗ ren, daß Buvat bei ſeinem Proecurator Herrn Ladu⸗ reau ſeit zehn Jahren alljährlich 500 Livres auf Ba⸗ thildens Namen deponirt habe, welche Summe, da die Zinſen immer dazu geſchlagen wurden, jetzt ſchon ein hübſches Capital von 7⸗ bis 8000 Livres ausmache. Sieben⸗ bis achttauſend Livres war gerade kein bedenten⸗ der Gegenſtand für Bonifaz, welcher der Verſicherung ſeiner Mutter zufolge auf 3000 Livres jährlicher Ein⸗ künfte rechnen konnte; wie klein aber dieſes Capital auch war, ſo war es doch beſſer als wenn Bathilde gar nichts gehabt hätte. Nach einem Monat, in welchem ſeine Leidenſchaft mit jedem Tage wuchs, die Achtung der Madame Denis für Bathilde aber gleichfalls zunahm, beſchloß die ſorg⸗ ſame Mutter für ihren lieben Sohn förmlich um das Mädchen anzuhalten. 110 Der Chevalier von Harmental. Eines Nachmittags alſo, als Buvat wie gewöhnlich von ſeinem Bureau heimkehrte, erwartete ihn Madame Denis vor ihrer Thür, und ſowie er in's Haus treten wollte, winkte ſie ihm, zum Zeichen daß ſie ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Buvat zog höflich ſeinen Hut und trat zu Madame Denis ein, die ihn nach dem entlegenſten Zimmer ihres Hauſes führte, die Thür ver⸗ ſchloß, ihn feierlich erſuchte ſich niederzulaſſen und als⸗ dann mit gebührender Förmlichkeit um Bathildens Hand für ihren Sohn anhielt. Buvat ward durch dieſen Antrag in die größte Be⸗ ſtürzung verſetzt. Es war ihm nie in den Sinn gekom⸗ men, daß Bathilde ſich verheirathen könne; das Leben ohne Bathilde zu ertragen ſchien ihm ganz unmöglich, ſo daß er bei dem Gedanken, ſie könne ihn verlaſſen, zu⸗ ſammenſchauderte und die Farbe wechſelte. Madam De⸗ nis war eine zu ſcharfe Beobachterin, als daß ſie den mächtigen Eindruck nicht hätte bemerken ſollen, den ihr Antrag auf ihren Nachbar hervorbrachte. Sie ſtellte ſich indeſſen als wäre ihr ſeine Aufregung entgangen, wäh⸗ rend Buvat auch ſchon ſeine Faſſung wieder zu erlangen ſich beſtrebte und nach einer kurzen Pauſe ziemlich ge⸗ ſammelt erwiederte, daß ein ſolcher Antrag für Bathil⸗ den allerdings ſehr ehrenvoll, daß er aber nur ihr Pflege⸗ Der Chevalier von Harmental. 111 vater ſei und in dieſer Sache durchaus nichts entſcheiden könne; er werde ſie jedoch mit der Bewerbung des jungen Herrn Denis bekannt machen und müſſe es ihr gänzlich überlaſſen, ſich für oder gegen ihn auszuſprechen. Buyat ging zu ſeiner Wohnung hinauf, wo er Ba⸗ thilden ſeinetwegen in großer Unruhe fand, denn er war eine halbe Stunde über die gewöhnliche Zeit aus⸗ geblieben, welches ſeit zehn Jahren das erſte Mal war. Die Beſorgniß des jungen Mädchens aber verdoppelte ſich, als ſie das beſtürzte Weſen ihres Pflegevaters be⸗ bemerkte. Auch beſchloß ſie ſogleich nach der Urſache deſſelben zu forſchen. Buvat wollte die Sache bis nach Tiſche verſchieben, Bathilde aber erklärte, daß ſie kei⸗ nen Biſſen genießen würde, wenn ſie nicht zuvor erführe was ihren lieben Papa dergeſtalt beunruhige; und ſo blieb ihm nichts Andres übrig als ihr ohne weiteres den Antrag der Madame Denis vorzulegen. Bathilde erröthete anfangs, wie alle jungen Mäd⸗ chen wenn man ihnen von einer Heirath ſpricht, dann aber erfaßte ſie beide Hände Buvat's, der ſich nieder⸗ geſetzt hatte, weil er fühlte daß ſeine Füße ihm den Dienſt verſagten, blickte ihn mit jenem ſanften hinreißen⸗ den Lächeln an, welches für den ehrlichen Schreiblehrer die Sonne des Himmels war, und ſprach:„Sie wollen 112 Der Chevalier von Harmental. Ihr armes Töchterchen alſo los ſein, lieber Papa? Sind Sie ihrer denn ganz überdrüſſig?“ „Ich, ich,“ ſtammelte Buvat,„ich Deiner über⸗ drüſſig! Ich ſterbe an dem Tage, an welchem Du mich verläßt!“ „Aber, lieber Papa,“ entgegnete Bathilde,„warum ſprechen Sie mir dann von einer Heirath?“ „Weil, ſiehſt Du.. weil...“ fuhr Buvat ſtam⸗ melnd fort,„weil Du Dich doch einmal verheirathen mußt und weil ſich nicht immer eine ſo gute Partie fin⸗ det, obgleich Gott ſei Dank meine gute Bathilde einen ganz andern Mann verdient als Herrn Bonifaz.“ „Ach, das nicht, mein lieber Papa, das nicht, ich verdiene keinen beſſern Mann als Herrn Bonifaz, . „Nun was denn aber?“ „Aber ich werde mich niemals verheirathen!“ „Wie, Du wollteſt Dich nie verheirathen?“ „Warum ſollte ich das auch? Sind wir nicht ſo ganz glücklich mit einander?“ „Glücklich, das will ich meinen, wenigſtens was mich betrifft,“ rief Buvat. „Nun,“ fuhr Bathilde mit ihrem Engelslächeln Der Chevalier von Harmental. 113 fort,„wenn wir glücklich ſind, warum wollen wir es nicht bleiben? Man muß den Himmel nicht verſuchen!“ „Komm her, komm her, mein liebes Kind, und um⸗ arme mich!“ rief hocherfreut Buvat;„iſt es mir doch als hätteſt Du mir den Montmartre von der Bruſt ge⸗ nommen.“ „Sie wünſchten alſo dieſe Heirath nicht, mein lieber Vater?“ fragte Bathilde, indem ſie mit ihren Roſen⸗ lippen die Stirn des wackern Mannes berührte. „Ich ſie wünſchen!“ rief Buvat erſtaunt. „Weshalb ſchlugen Sie mir dieſelbe dann vor?“ „Weil ich nicht Dein Vater bin wie Du weißt.. weil ich kein Recht über Dich habe.. weil Du frei über Deine Hand verfügen kannſt... wie Du weißt... „Alſo habe ich völlige Freiheit! Habe ich das? Wohlan, ſo ſchlage ich den Antrag aus!“ entgegnete Ba⸗ thilde fröhlich. „Gott ſei's gedankt!“ rief Buvat in die Hände klatſchend;„wie aber ſoll ich das der Madame Denis vorbringen?“ „Wie?. Sagen Sie ihr, ich ſei noch zu jung.. ich hätte keine Luſt zu heirathen ich wollte ewig bei Ihnen bleiben.“ „Jetzt, Bathilde, laß uns zu Tiſche gehen!“ ſprach Chevalier v. Harmentgl. I. 8 114⁴ Der Chevalier von Harmental. Buvat;„vielleicht kommt mir während der Mahlzeit ein guter Gedanke. Seltſam, mein Appetit iſt plötzlich zurückgekehrt. So eben lag es mir noch wie eine Laſt im Magen.“ Buvat ſpeiſ'te und trank mit gutem Behagen, aber... der gute Gedanke blieb dennoch aus und er ſah ſich end⸗ lich genöthigt, der Madame Denis geradezu zu erklären, daß ſeine Pflegetochter ſich zwar durch den Antrag ſehr geehrt fühle, daß ſie ſich aber noch nicht verheirathen wolle. Bei dieſer unerwarteten Antwort ſanken der Madame Denis die Arme am Leibe nieder; ſie hatte nicht im Traume gewähnt, daß eine arme Waiſe wie Bathilde einen jungen Mann wie ihren Sohn ausſchlagen könne. Sie nahm daher die Weigerung Buvat's ſehr kalt auf und erwiederte mit ſchlecht verhehlter Bitterkeit, daß jeder ja ſeinen freien Willen habe und daß Bathilde ihret⸗ wegen in Gottes Namen eine alte Jungfer werden könne. Ihr mütterlicher Stolz aber war ſo ſchwer verletzt, daß ſie den Verleumdungen, die man ihr früher hinſicht⸗ lich des Verhältniſſes zwiſchen Buvat und Bathilden zugeflüſtert hatte, jetzt ein bereitwilliges Ohr lieh⸗ Ja ſie ging ſogar noch weiter; ſie hielt es nach dieſer ab⸗ ſchläglichen kränkenden Antiport der Würde ihres Sohnes Der Chevalier von Harmental. 115 nicht mehr für angemeſſen noch länger das Zimmer zu bewohnen, welches er Bathilden gegenüber inne hatte. Sie wies ihm daher ein nach dem Garten hinausgehen⸗ des, weit beſſeres und bequemeres Zimmer an und hing das Dachſtübchen zur Miethe aus. Dies alles war die Urſache, weshalb Herr Bonifaz dem Helden dieſer unſrer Geſchichte den freundſchaftlichen Rath ertheilte, ſich vor Bathilden und ihrer Mirza in Acht zu nehmen. 8* 6 1 1 VI. Jugendliche Liebe. Das Zimmer des Herrn Bonifaz blieb drei bis vier Monate leer. Endlich ſah Bathilde das Fenſter wieder geoͤffnet und in demſelben eine ihr unbekannte Ge⸗ ſtalt; es war die Harmental's. Man ſah in der Rue du Temps perdu nur wenig ſolche Geſichter wie das des Chevaliers. Auch blieb es von Bathilden, die hinter ihrem Vorhange ſehen konnte ohne ſelbſt geſehen zu werden, keineswegs unbe⸗ achtet. Und wirklich beſaßen die Züge unſers Helden etwas ſo Feines, ſo Ausgezeichnetes, daß es den Blicken eines Mädchens wie Bathilde nicht entgehen konnte. Die Kleidung des Chevaliers, wie durchaus einfach ſie auch war, zeugte doch von einer gewiſſen Eleganz; auch waren einige Aufträge, welche Bathilde ihn ertheilen hörte, mit jenem beſtimmten Tone gegeben worden, wel⸗ cher die Gewohnheit des Befehlens beurkundet. Der Chevalier von Harmental. 117 Bathilde hatte daher ſofort begriffen, daß der junge Mann über den frühern Bewohner des Dachſtüb⸗ chens weit erhaben ſei, auch fühlte ſie ihm an daß er ihrem eignen Stande angehöre. An demſelben Tage ſchon hatte der Chevalier ſein Clavier probirt; bei dem erſten Tone deſſelben hatte Bathilde aufgehorcht, wäh⸗ rend Harmental, der nicht wußte daß er gehört wurde, mit einem Geſchmack und einer Freiheit phanta⸗ ſirte, die einen Dilettanten erſten Ranges verriethen. Bathilde war aufgeſtanden und hatte ſich leiſe dem Fenſter genähert, um auch keine Note zu verlieren denn ein ſolcher muſikaliſcher Genuß war in der Rue du Temps perdu etwas bisher Unerhörtes. Am folgenden Tage erinnerte ſich Bathilde, daß es ſchon ewig lange Zeit her ſei daß ſie nicht muſicirt habe; ſie ſetzte ſich an's Clavier. Anfangs zitterte ſie ganz gewaltig, obgleich ſie durchaus nicht wußte wes⸗ halb; da ſie aber eine treffliche Clavierſpielerin war, ſo legte ſich ihr Zittern bald und ſie führte auf wahrhaft bewunderungswürdige Weiſe die Piéce aus, welche den Chevalier ſo ſehr entzückt hatte. Wir haben bereits erzählt, wie Harmental am ſolgenden Tage Herrn Buvat bemerkte und durch ihn erfuhr, daß ſeine reizende Nachbarin ſich Bathilde nenne, 118 Der Chevalier von Harmentgl. An dem darauf folgenden Morgen ſtand Bathilde am Fenſter, um ſich eines Sonnenſtrahls zu erfreuen. Sie bemerkte wie feurig die Augen unſers Chevaliers nach ihr hin ſahen; ſie erblickte wieder das ſchöne jugend⸗ liche Geſicht, dem aber das beabſichtigte Vorhaben einen Anflug von ſchwermüthigem Ernſt gegeben hatte; dieſer mit Jugend ſo unvereinbare Ernſt fiel ihr auf. Der ſchöne junge Mann mußte alſo Kummer haben, da er ſo traurig war. Welch einen Kummer aber konnte er ha⸗ ben? Aus alle dem geht hervor, daß vom zweiten Tage an das reizende Mädchen ſich ſchon ungemein mit dem Chevalier zu beſchäftigen begann. Das verhinderte Bathilden zwar nicht ihr Fenſter zuzumachen, hinter ihrem Vorhange aber bemerkte ſie, daß das ſchöne Geſicht ihres Nachbars noch trauriger ward, und ein Inſtinet ſagte ihr, daß ſie dem jungen Manne wehe gethan habe; ohne es zu wollen, trat ſie an's Clavier; geſchah es vielleicht weil ſie fühlte, daß die Muſik die beſte Tröſterin in den Leiden des Herzens ſei? Abends hatte ſich wieder Harmental an's Clavier geſetzt, und nun war es Bathilde, welche dem Geſange mit ganzer Seele horchte, der mitten in der verſchwiege⸗ nen Nacht in melodienreichen Tönen die Gefühle der Liebe ſchilderte. Leider aber war er in ſeiner muſikaliſchen Der Chevalier von Harmental. u9 Beſchäftigung durch ſeinen Nachbar im dritten Stock⸗ werke unterbrochen worden. Der erſte Schritt war jedoch gethan; es beſtand bereits zwiſchen den beiden jungen Leuten ein Berührungspunkt; ſchon redeten ſie zu einan⸗ der die Sprache des Herzens, die gefährlichſte von allen. Auch fühlte wirklich am nächſten Morgen das an⸗ muthige Mädchen, welches beiläufig geſagt die ganze Nacht von Muſik und auch ein wenig von dem Muſiker geträumt hatte, vaß etwas Seltſames, ihr bisher Unbe⸗ kanntes in ihr vorging. Wie ſehr ſie ſich auch zum Fenſter hingezogen fühlte, ſo hielt ſie es doch geſchloſſen, und das hatte bei dem Chevalier die üble Laune erzeugt, worin er mit dem Abbé zum Frühſtück der Madame Denis hinabging. Hocherfreut über die Kunde, daß die reizende Nach⸗ barin weder die Gattin, noch die Geliebte, noch die Toch⸗ ter Buvat's ſei, war er bekanntlich wieder hinauf ge⸗ eilt und hatte ſich durch Stückchen Zucker mit der kleinen MWirza in Verbindung geſetzt. Als Bathilde erſchien, hatte er mit Beſcheidenheit ſein Fenſter geſchloſſen, nicht aber ohne daß er ſie gegrüßt hatte und daß ſein Gruß von ihr erwiedert und zwar mit Erröthen erwiedert wor⸗ den war. Am folgenden Morgen bemerkte die liebliche Ba⸗ 120 g Der Chevalier von Harmental. thilde, wie der Chevalier ſein Fenſter öffnete und, ohne daß ſie die Urſache errathen konnte, ein ponceaurothes Band außerhalb deſſelben befeſtigte; die außerordentliche Aufregung im Geſicht des Chevaliers war ihr dabei kei⸗ neswegs entgangen. Seine Aufregung war begreiflich; ie Befeſtigung des rothen Bandes war vielleicht ſein er⸗ ſter Schritt zum Schafott. Eine halbe Stunde darauf hatte ſich hinter Harmental eine Geſtalt gezeigt, welche Bathilden gänzlich unbekannt war, die aber durchaus nichts Beruhigendes hatte. Es war der Capitän Ro⸗ quefinette. Auch war es der beſorgten Nachbarin nicht entgangen, daß Harmental ſeit dem Eintritt des Unbekannten mit dem langen Degen, das Fenſter ſorgſam geſchloſſen gehalten hatte. Der Chevalier hatte begreiflicherweiſe eine lange Un⸗ terredung mit dem Capitän, in der er ihm die Anſtalten für die Unternehmung des Abends auseinanderſetzen mußte. Das Fenſter ihres Nachbars war demnach ſo lange ge⸗ ſchloſſen geblieben, daß Bathilde ihn für abweſend hielt und das ihrige ungefährdet öffnen zu können meinte. Kaum aber war dies geſchehen, als ſich auch plötzlich das Fenſter gegenüber aufthat. Zum Glück für Bathil⸗ den war ſie gerade in den Theil ihres Zimmers zurück⸗ getreten, wohin die Blicke des Chevaliers nicht dringen Der Chevalier von Harmental. 121 konnten. Sie beſchloß jetzt dort zu bleiben und ſetzte ſich mit ihrer Arbeit an das zweite geſchloſſene Fenſter. Die kleine Mirza aber, welche weniger Serupel hatte als ihre Gebieterin, hatte den freundlichen Zucker⸗ ſpender kaum erblickt, als ſie auch ſofort an's Fenſter eilte und die Vorderpfötchen auf den Rand des Bretes legte. Dieſe Freundlichkeit ward, wie man denken kann, durch mehrere Stückchen Zucker vergolten; das dritte Stückchen aber war zum großen Erſtaunen Bathildens mit einem Blättchen Papier umickelt. Durch dieſes Blättchen Papier fühlte ſich Bathilde mehr beunruhigt als Mirza, denn das Hündchen hatte den Zucker bald aus der Hülle gezogen und verſpeiſ't, worauf es ſeinen Poſten am Fenſter wieder einnahm. Jetzt aber war kein Chevalier mehr da; er hatte ſein Fenſter geſchloſſen. Bathilde befand ſich in einer großen Verlegenheit. Sie hatte auf den erſten Blick geſehen, daß das Blätt⸗ chen mit einigen Zeilen beſchrieben war, und wie frei⸗ gebig und freundlich ſich auch der Nachbar gegen Mirza gezeigt hatte, ſo konnte er doch nicht an dieſe geſchrieben haben; das Billet war alſo an Bathilden gerichtet. Was ſollte ſie aber mit dem Brief anfangen? Das Blättchen ungeleſen zu zerreißen, das war allerdings ſehr 122 Der Chevalier von Harmental. würdig und verſtändig. Wenn es nun aber ein unbe⸗ deutendes, längſt beſchriebenes Papier war, dann würde ein ſolches Verfahren lächerlich geweſen ſein; auch hätte ſie ja dadurch einer Sache Bedeutung gegeben die an und für ſich keine hatte. Bathilde beſchloß daher das Blättchen ruhig liegen zu laſſen und keine weitere Notiz davon zu nehmen; ſie ſtak hinter ihrem Vorhange wie Harmental ohne Zweifel hinter dem ſeinigen. Nach Verlauf einer Stunde, von welcher Bathilde, wir müſſen es der Wahrheit gemäß geſtehen, wenigſtens Dreiviertel in Betrachtung des Billetchens verbracht hatte, trat Nanette ein. Ohne ihren Platz zu ändern, gebot ihr die Herrin das Fenſter zu ſchließen; ſie that es, er⸗ blickte aber beim Zurücktreten das Papier. „Was iſt denn das?“ fragte die gute Frau, indem ſie ſich anſchickte das Blättchen aufzuheben. „Es iſt nichts von Bedeutung,“ erwiederte Bathilde, vergeſſend daß Nanette nicht leſen konnte,„ich muß es aus der Taſche haben fallen laſſen;“ und nicht ohne Selbſtüberwindung fügte ſie hinzu:„Wirf es nur in's Feuer.“. „Wenn es denn doch aber etwas Gutes wäre!“ pief Nanette;„ſo ſehen Sie es doch nur erſt an, Made⸗ moiſelle!“ So ſprechend reichte Nanette ihrer Ge⸗ Der Chevalier von Harmental. 123 bieterin das Blatt hin, und zwar ſo, daß die Schrift ſich oben befand. Dieſe Verſuchung war zu ſtark, um ihr zu wider⸗ ſtehen. Bathilde warf auf das Papier einen Blick, den ſie ſo gleichgültig als möglich zu machen ſuchte, und las wie folgt: „Man ſagt mir, Sie wären eine Waiſe. Auch ich habe keine Eltern mehr, und ſo ſind wir alſo Ge⸗ ſchwiſter vor Gott! Dieſen Abend begebe ich mich in große Gefahr, aber ich würde hoffen ſie glücklich zu be⸗ ſtehen, könnte ich glauben, daß meine Schweſter Ba⸗ thilde für ihren Bruder Ravul betete.“ „Du hatteſt Recht, Nanette,“ ſprach das liebliche MWädchen mit bewegter Stimme, indem ſie das Blatt aus Nanettens Hand nahm und in die Taſche ſteckte,„das Papier iſt wichtiger als ich glaubte.“ Als Nanette ſich aus dem Zimmer entfernt hatte, zog Bathilde das Blatt wieder hervor und las es noch einmal. Es war ganz unmöglich mit wenigen Wor⸗ ten mehr zu ſagen! Das Billet war ſo überlegt abge⸗ faßt und mit einer ſolchen Gewandthet eingerichtet, der Ausdruck„Schweſter und Bruder“ war mit ſo vie⸗ ler Klugheit gewählt, daß Bathilde, hätte ſie in die⸗ ſem Augenblicke ihrem Nachbar gegenüber geſtanden, ſtatt 124 Der Chebalier von Harmental. zu erröthen ohne Zweifel ihm die Hand gereicht und zu ihm geſagt haben würde:„Sei ruhig, Bruder, Deine Schweſter wird für Dich beten!“ Was aber auf Bathilden s Gemüth weit gefähr⸗ licher wirkte als jede Liebeserklärung zu thun vermocht hätte, das war der Gebanke an die Gefahr, wovon ihr Nachbar geſchrieben hatte. Sie dachte an das rothe Band, das Erſcheinen der auffallenden Geſtalt des Ca⸗ pitäns und vermuthete, daß jene Gefahr mit dieſem letz⸗ tern in irgend einer Verbindung ſtehen müſſe. Von wel⸗ cher Art aber dieſe Gefahr ſei, darüber erſchöpfte ſie ſich vergeblich in Muthmaßungen. Anfangs dachte ſie an ein Duell; für einen Mann aber, wie ihr Nachbar zu ſein ſchien, war ein Duell keine Gefahr, für die er das Ge⸗ bet und die Fürbitte eines Weibes wünſcht! Ueberdem war die bezeichnete Stunde nicht diejenige, in welcher ein Zweikampf ſtattzufinden pflegt. Bathilde ſann alſo weiter und beſchäftigte ſich auf dieſe Weiſe unab⸗ läſſig mit dem Chevalier. Und wenn dieſer darauf ge⸗ rechnet hatte, ſo muß man eingeſtehen, daß ſeine Rech⸗ nung richtig war. Der ganze Tag verging, ohne daß Bathilde den Nachbar wiederſah; ſei es nun daß er ſich abſichtlich ih⸗ ren Blicken entzog, oder daß er beſchäftigt war, genug Der Chevalier von Harmental. 125 ſein Fenſter blieb verſchloſſen. Auch fand Buvat, als er wie gewöhnlich zehn Minuten über vier Uhr heim⸗ kehrte, das junge Mädchen ſo ſehr aufgeregt, daß er ſie mehrfach fragte was ihr fehle. Bathilde antwortete nur durch das ihr eigenthümliche bezaubernde Lächeln, welches auf ihren Pflegevater ſtets die Wirkung äußerte, daß er alsdann an nichts mehr dachte als daran ſie zu betrachten. Nach dem Mittagsmahl erſchien der Bediente des Herrn von Cheaulien, welcher Buvat erſuchen ließ, dieſen Abend bei ihm zuzubringen, weil er mehrere Poeſien gefertigt habe, von denen er Abſchriften wünſche. Der Abbé de Cheaulieu war einer der beſten Kunden Buvat's, den er ſelbſt oft beſuchte; er hatte die lieb⸗ liche Bathilde ſehr in Affection genommen, denn ob er gleich blind zu werden begann, ſo konnte er doch ihre lieblichen Züge noch recht gut unterſcheiden. Zwar ſah er ſie nur durch einen Nebel, dies aber hatte veranlaßt, daß er in ſeiner ſechzigjährigen Galanterie dem reizenden Mädchen bemerkte, es freue ihn daß er ſie ſo ſchaue, denn er erblicke ſie auf dieſe Weiſe wie einen Engel in den Wolken. Buvat begab ſich demnachzzu ihm und Bathilde wußte es dem guten Abbé Dank, daß er ihr einen ein⸗ 126 Der Chevalier von Harmental. ſamen Abend verſchaffte. Der arme Buvat verließ ſeine ſtille Behauſung, ohne zu ahnen daß man in derſelben heute zum erſten Mal ſeine Abweſenheit wünſchte. Buvat ſchlenderte ſeines Weges langſam dahin, und als er in der Nähe des Palais⸗Rohal anlangte und um einen Bänkelſänger eine Gruppe Männer und Weiber verſammelt ſah, ſchloß er ſich denſelben an. Sowie end⸗ lich die Einſammlung begann, begab er ſich hinweg, nicht etwa um dem armen Gaſſenvirtuoſen aus böſem Herzen den verdienten Lohn zu entziehen, ſondern weil er kein Geld bei ſich hatte; denn um nicht zu Ausgaben verlockt zu werden, hatte er ſich gewöhnt kein Geld bei ſich zu führen. Er begab ſich alſo, wie wir bereits wiſſen, durch die Barriére des Sergents nach der Rue Mazarin, wo der Abbé de Cheaulien wohnte. Dieſer empfing ihn höchſt freundlich und zwang ihn, nach vielen Complimenten von Seiten Buvat's, ſich neben ihn an den mit vielen Papieren bedeckten Tiſch zu ſetzen. Zwar ſetzte ſich Buvat anfangs nur ganz auf den Rand ſeines Stuhles, nach und nach aber faßte er Muth und rückte ſich zurecht, ſo daß er endlich wie alle andre ehrlichen Leute daſaß. „ Der Chevalier von Harmental. 127 Er mußte nun dreißig bis vierzig Gedichte ordnen oder abſchreiben; da ſich der Abbé dabei nicht langweilte und der ehrliche Buvat ſich nicht langweilen durfte, ſo ſchlug es eilf Uhr, als endlich die Arbeit beendet war. Buvat erſchrak, daß es ſchon ſo ſpät war, packte die Papiere zuſammen, kürzte den Abſchied ſo viel als mög⸗ lich ab, nahm Hut und Stock und eilte von dannen. Zum Unglück ſchien der Mond nicht und der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt. Bis zur Rue des Bons⸗Enfants ging alles gut, doch hier bekam für ihn die Sache einen andern Anſtrich“ Schon der Anblick der ſchmalen und dunkeln, nur durch das ſpärliche Licht zweier Laternen erleuchteten Gaſſe war für unſern ehrlichen Buvat keineswegs ermuthigend. Er ſchritt indeſſen langſam und zitternd weiter; vor dem Hauſe No. 25 angelangt, bemerkte er nun gar die beiden dunkeln Geſtalten, er hemmte ſeine Schritte und ſchrak heftig zuſammen. Hier war es, wo Harmental ſeinen Nachbar gegenüber erkannte und gegen Roquefinette beſchützte. Buvat ließ ſich bekanntlich die ihm gewor⸗ dene Warnung nicht zweimal geben, ſondern rannte angſt⸗ erfüllt von dannen und hielt in ſeinem Laufe nicht eher ein, als bis er ſein Häuschen erreicht hatte und dieſes hinter ihm geſchloſſen und verriegelt war. Seine Füße 1 128 Der Chevalier von Harmental. zitterten dergeſtalt, daß er nur mit großer Anſtrengung die Treppe hinauf kommen konnte. Was Bathilden betrifft, ſo war ſie gegen Abend immer unruhiger geworden. Bis ſieben Uhr brannte Licht im Zimmer ihres Nachbars, von der Zeit an war es verſchwunden. Seitdem hatte ſie die Stunden nur auf zweierlei Weiſe zugebracht; ſie ſtand entweder am Fenſter, um zu ſehen, ob ihr Nachbar noch nicht heimge⸗ kehrt ſei, oder ſie kniete vor ihrem Crueifir und ſprach dort inbrünſtige Gebete. So hörte ſie neun, zehn, eilf und halb zwölf Uhr ſchlagen; ſo bemerkte ſie, wie nach und nach das Geräuſch in den Gaſſen verſtummte; der Schlaf ſchien ſich auf die ganze Stadt herabzuſenken, und dennoch verkündete ihr noch nichts, ob derjenige, der ſich ihr Bruder genannt hatte, der ihm drohenden Gefahr entgangen ſei. 8 Sie befand ſich in ihrem Zimmer ohne Licht, damit niemand bemerke, daß ſie noch nicht zur Ruhe gegangen ſei. Schon war ſie zum zehnten Male vor ihrem Cru⸗ eifir niedergekniet, da öffnete ſich plötzlich die Thür und ſie ſah beim Schein des Wachslichtes, welches er in der Hand hielt und bei der Pförtnerin angezündet hatte, die bleichen angſtvollen Züge ihres Pflegevaters, waraus ſie Der Chevalier von Harmental. 129 auf der Stelle ſchloß, daß ihm etwas Beſondres begegnet ſein müſſe. Angſtvoll fragte ſie was ihm fehle; aber es war kein leichtes Geſchäft aus Buvat die Urſache ſeines Schreckens herauszubringen. Seine Zunge war gelähmt, ſeine Füße zitterten. Als er ſich jedoch in ſeinen bequemen Armſtuhl nie⸗ vergelaſſen, mehrmals tief Athem geſchöpft, den Schweiß von der Stirn gewiſcht und oft furchtſam nach der Thür geblickt hatte, um ſich zu überzeugen ob die furchtbaren Gäſte aus der Rue des Bons⸗Enſants ihn nicht vielleicht gar bis in das Zimmer ſeiner Pflegetochter verfolgten, erzählte er ihr endlich, wie er in der obengenannten Straße von einer großen Räuberbande überfallen worden ſei, deren Lieutenant, ein rieſiger Kerl von mehr als ſechs Fuß, ſich ſo eben angeſchickt habe ihm die Gur⸗ gel abzuſchneiden, als der Räuberhauptmann noch zu rechter Zeit erſchienen ſei um ihn zu retten. Bathilde horchte ſeiner Erzählung mit der ge⸗ ſpannteſten Aufmerkſamkeit, theils weil ſie die Gefahr, worin ihr geliebter Wohlthäter geſchwebt hatte, mit Ent⸗ ſetzen erfüllte, theils weil ihr nichts, was ſich in dieſer Nacht ereignete, gleichgültig war. Seltſam in der That, ſte konnte den Gedanken nicht loswerden, daß ihr Nach⸗ Cheyalier v. Harmental. M. 9 130 Der Chevalier von Harmental. bar gegenüber mit dem, was dem ehrlichen Buvat be⸗ gegnet war, in Verbindung ſtehe, und ſie fragte daher forſchend nach dem Ausſehen des der ihn ge⸗ rettet habe. Buvat erwiederte, daß er ihm gerade gegenüber ge⸗ ſtanden und ihn angeblickt habe, daß es ein ſchöner jun⸗ ger Mann von ungefähr 28 Jahren geweſen ſei, den ein dunkler Mantel dicht umhüllt habe; dieſen habe er zu⸗ rückgeſchlagen, um ihm mit der Hand anzudeuten, daß er weiter eilen ſolle, und ſo ſeien an der Seite des jungen Räuberhauptmannes ein Degen und in ſeinem Gürtel ein Paar Piſtolen zum Vorſchein gekommen. Von den verſchiedenartigſten Gefühlen beſtürmt, bat Bathilde ihren Pflegevater ſich zur Ruhe zu legen dieſer fand den Rath gut und ſuchte ſein Lager, nicht ohne auf dem Wege dahin noch einige Mal gehorcht zu haben, ob die Räuber aus der Rue des Bons⸗ nicht etwa in der Nähe wären. Sowie ſich Bathilde allein befand und den ehr⸗ lichen Buvat ſein Zimmer hatte verſchließen hören, eilte ſie wieder an's Fenſter. Sie zitterte faſt ebenſo ſehr als der ehrliche Schreiblehrer. So verging wieder eine Stunde. Endlich ſtieß ſie plötzlich einen Freudenruf aus; durch die Scheiben des — — Der Chevalier von Harmental. 131 Fenſters drüben ſah ſie, wie ſich im gegenüberliegenden Zimmer die Thür öffnete und ihr Nachbar mit einem brennenden Wachslichtchen in der Hand darin erſchien. Ihre Anhnung hatte ſie nicht getäuſcht. Der Lebens⸗ retter Buvat's war kein Andrer als ihr Nachbar, denn er trug nicht nur den dunkeln weiten Mantel, ſondern auch, wie es ſich zeigte, als er ihn raſch von ſich gewor⸗ fen hatte, einen Degen an der Seite und zweiPiſtolen im Gürtel. Es war kein Zweifel mehr, alles traf mit dem Signalement Buvat's zuſammen. Harmental legte die Piſtolen auf ſeinen Nacht⸗ tiſch, ſchnallte den Degen ab, trat dann an's Fenſter, öff⸗ nete es und richtete auf das ſeiner Nachbarin einen ſo durchdringenden Blick, daß dieſe, als ob ſie in der Dun⸗ kelheit geſehen werden könnte, raſch einige Schritte zu⸗ rüͤcktrat und den Vorhang zuzog. So ſtand ſie zehn Minuten lang ihre Hand auf's Herz gedruͤckt, gleichſam als wollte ſie das Pochen deſſel⸗ ben hemmen. Dann zog ſie ihren Vorhang leiſe wieder zurück. Jetzt aber war das Fenſter gegenüber ebenfalls geſchloſſen und der Vorhang zugezogen; ſie gewahrte nichts als den Schatten des Nachbars, der ſich mit ra⸗ ſchen Schritten im Zimmer auf und nieder bewegte. 9* VII. Der Conſul Duilius. An Tage nach dieſer ereignißvollen Nacht begab ſich der Herzug von Orleans, der glücklich wieder im Pa⸗ lais⸗Rohal angelangt war und recht ſanft geſchlafen hatte, zur gewöhnlichen Stunde, d. h. um eilf Uhr Morgens, in ſein Arbeits⸗Cabinet. Bei dem ſorgloſen Charakter, womit ihn die Natur begabt hatte und der ein Reſultat ſeines Muthes, ſeiner Verachtung jeglicher Gefahr und ſelbſt des Todes war, bemerkte man in ſeinem Geſichte auch nicht die geringſte Veränderung, ja er hatte in den Armen eines geſunden Schlafs die ſeltſame Begebenheit, deren Opfer er faſt geworden wäre, ganz und gar ver⸗ geſſen. Das Cabinet, welches er betrat, hatte das Merkwür⸗ dige, daß es das Arbeitszimmer eines Politikers, eines Der Chevalier von Harmental. 133 Gelehrten und eines Künſtlers zugleich war. In der Mitte ſtand ein mit einem grünen Teppich bedeckter gro⸗ ßer Tiſch, auf dem eine Menge Papiere und Schreibma⸗ terialien lagen. Auf Notenpulten und Staffeleien ſah man angefangene Compoſttionen, halb beendete Zeichnun⸗ grn u. ſ. w. Der Herzog von Orleans beſaß eine ſolche Beweglichkeit des Geiſtes, daß er oft von den ſchwerſten Aufgaben der Politik zu den heiterſten Produc⸗ tionen der freien Künſte oder zu andern Beluſtigungen überging. Er fürchtete nichts weiter als die Langeweile, Dieſe Feindin bekämpfte er unabläſſig mit Studien und Vergnügungen, und dennoch trat ſie ihm immer auf's neue drohend entgegen. Deshalb ſah man ihn nie un⸗ beſchäftigt, ſtets von einem Gegenſtande zum andern über⸗ ſpringen. Sowie er in ſein Cabinet getreten war, wo ſich das Conſeil erſt einige Stunden ſpäter verſammeln ſollte, nahm er eine begonnene Zeichnung zur Sand. Man be⸗ richtete ihm, daß Madame Eliſabeth Charlotte ſeine Mutter ſchon mehrmals habe nachfragen laſſen, ob er ſchon aufgeſtanden ſei. Der Prinz, welcher die größte Ehrerbietung vor ihr hatte, ließ antworten, daß er ſich, wenn ſie ihm die Ehre erzeigen wolle ihn zu empfangen, ſofort zu ihr begeben werde. Der Prinz trat wieder an 134 Der Chevalier von Harmental. ſeine Staffelei; wenige Augenblicke darauf aber öffnete ſich die Thuͤr und ſeine Mutter trat ſelbſt ein. Der Herzog eilte ihr ſogleich entgegen, begrüßte ſie ehrfurchtsvoll, faßte ſie bei der Hand, führte ſie zu einem Armſeſſel und blieb neben ihr ſtehen, um ihre Befehle zu vernehmen. „Mein Prinz,“ begann Madame, nachdem ſie im Lehnſeſſel bequem Platz genommen hatte,„was muß ich hören! Was iſt Ihnen dieſe Nacht begegnet? Erzählen Sie mir.“ „Dieſe Nacht?“ wiederholte der Herzog von Or⸗ leans, indem er ſeine Erinnerungen ſammelte. „Ganz recht, dieſe Nacht, als Sie von Frau von Sabran weggingen.“ „Ach, nichts weiter als das?“ rief lachend der Regent. „Wie, nichts weiter als das! Ihr Freund Simiane erzählt überall, daß man Sie habe entführen wollen und daß Sie ſich nur dadurch gerettet hätten, daß Sie uber die Dächer entflohen. Wahrhaftig ein ſeltfamer Weg für den Regenten des Königreichs!“ „Simiane iſt ein Narr, meine Mutter!“ erwiderte der Regent, lächelnd daß ihn ſeine Mutter noch immer wie ein Kind behandelte;„es war keineswegs die Rede Der Chevalier von Harmental. 135 davon mich zu entführen; es waren trunkene Burſche, die aus irgend einer Schenke kamen und in der Rue des Bons⸗Enfants tobten und lärmten. Was aber den wun⸗ derlichen Weg über das Dach betrifft, ſo galt das keines⸗ wegs einer Flucht, ſondern das war eine Wette, welche verloren zu haben der Trunkenbold Simiane ſich ärgert.“ „Mein Sohn, mein Sohn!“ ſprach die Herzogin; „wollen Sie denn niemals an die Gefahr glauben? Und dennoch wiſſen Sie nur zu gut, weſſen Ihre Feinde fähig ſind! Sie wiſſen, daß ſelbſt die Herzogin von Maine geſagt hat, ſie wolle, ſobald für ihren Baſtard von Gemahl nichts mehr zu hoffen ſei, Sie um eine Audienz erſuchen und Ihnen einen Dolch in die Bruſt bohren!“ „Bah, bah!“ lachte der Regent;„glauben Sie denn nicht an eine Vorherbeſtimmung, Madame? Ich glaube feſt daran. Warum ſoll ich mich alſo vor einer Gefahr fürchten, die vielleicht gar nicht vorhanden iſt, und die ich, wenn ſie erxiſtirt, doch nicht abzuwenden vermag? Glauben Sie mir, meine Mutter, alle übertriebenen Vor⸗ ſichtsmaßregeln trüben nur das Leben und nützen zu nichts. Die Thrannen mögen zittern, ich aber— was habe ich zu fürchten?“ 136 Der Chevalier von Harmental. „Nichts, mein Prinz, wenn jedermann Sie kennte wie ich Sie kenne,“ verſetzte Madame, indem ſie ihn bei der Hand faßte und ihn zärtlich anblickte.„Sie ſind ſo gut, daß Sie nicht einmal die Kraft beſitzen Ihre Feinde zu haſſen. Heinrich IW. aber, dem Sie in vieler Hinſicht gleichen, war auch gut, und dennoch fiel er unter dem Dolche eines Ravaillac! Die guten Fürſten ſind es eben, die man ermordet; die Despoten ſind auf ihrer Hut und der Dolch dringt nicht bis zu ihnen! Sie ſoll⸗ ten nie ohne Escorte den Palaſt verlaſſen!“ „Meine Mutter,“ entgegnete der Herzog,„geſtatten Sie mir, daß ich Ihnen eine Geſchichte erzähle.“ „Ich bin ganz Ohr, mein Prinz, denn Sie erzählen ſehr ſchön.“ „So hören Sie mich an. Es gab vormals in Rom zur Zeit der Republik, ich weiß nicht mehr in welchem Jahre, einen Conſul der, wie Heinrich IW. und ich, die Gewohnheit hatte bei Nacht die Straßen zu durch⸗ ſtreifen. Dieſer Conſul nun ward gegen die Karthager geſandt. Er erfand eine Kriegsmaſchine, vermittelſt welcher er in einer Seeſchlacht einen ſo glänzenden Sieg davon⸗ trug, daß er bei ſeiner Rückkehr nach Rom auf ven ruhmvollſten Empfang hoffte. Er hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht; ganz Rom erwartete ihn vor den Thoren und Der Chevalier von Harmental. 137 führte ihn im Triumph zum Capitol, wo der Senat ſei⸗ ner harrte. Als er dort erſchien, verkündete ihm der letztere, daß er ihm zur Belohnung ſeines Siegs eine Auszeichnung zugedacht habe, die ſeinem Stolze ungemein ſchmeicheln würde; er ſollte nämlich niemals ſeine Wohnung verlaſ⸗ ſen, ohne daß ihm ein Muſiker voranginge, der unter Pfeifenklang der Menge verkündete, daß derjenige, welcher ihm folge, der berühmte Duilius, der Ueberwinder Karthago's ſei. Duilius war, wie Sie leicht denken können, meine Mutter, über dieſe Ehre ungemein erfreut. Er kehrte in ſeine Behauſung zurück und vor ihm her ſchritt der Pfeifer, welcher mit lauter Stimme verkündete, wer er ſei und was er alles vollbracht habe; jubelnd ſchrie das Volk Es lebe Duilins, der Beſieger Karthago's, der Befreier Roms! Der Conſul war trunken vor Entzücken, und mehrmals verließ er täglich ſeine Wohnung, wenn er auch außerhalb derſelben nichts zu thun hatte, um ſich der ruhmvollen Auszeichnung zu erfreuen. So ging alles vortrefflich bis zum Abend. Nun aber hatte der Conſul eine Geliebte, die er anbetete und nach deren Anblick ihn verlangte, ſo eine Art Frau von Sabran, nur daß der Gemahl der Römerin eiferſüchtig 138 Der Chevalier von Harmental. war, welche Lächerlichkeit ſich der Herr von Sabran bekanntlich nicht zu ſchulden kommen läßt. Der Conſul begab ſich alſo in's Bad, machte ſeine Poilette und ſalbte ſich; ſowie ſeine Sanduhr die eilfte Stunde verkündete, ſchickte er ſich an insgeheim ſeinen Palaſt zu verlaſſen, um ſich unbemerkt zu ſeiner Geliebten zu begeben. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth oder vielmehr ohne ſeinen Pfeifer gemacht. Kaum hatte er die Straße betreten, als auch ſein Pfeifer, der beſtändig im Dienſte war und ſein Hinaustreten aus der Pforte gewahrt hatte, ihm voraneilte und unter hellem Pfeifenton mit lauter Stimme verkündete: Seht her, hier kommt der Conſul Duilius, der Beſieger der Karthager, der Befreier Roms! Was noch auf den Straßen war, blieb ſtehen und ſtarrte den Ruhmgekrönten an; alle Fenſter und Hausthüren thaten ſich auf; diejenigen, welche ſich bereits zur Ruhe gelegt hatten, ſprangen von ihrem Lager empor; kurz die ganze Bevölkerung des Stadtviertels kam auf die Beine und jubelte und ſchrie: Hier kommt der Conſul Duilius, der Beſieger Kar⸗ thago's, der Befreier Roms! Das war nun ſehr ſchmeichelhaft für ihn, aber auch ſehr beläſtigend. Der Conſul gebot ſeinem Pfeifer zu ſchweigen, dieſer aber entgegnete, daß er viel zu ſtrenge Der Chevalier von Harmental. 139 Befehle vom Senat erhalten habe und daß er pfeifen und rufen würde, bis ihm der Athem ausginge. Da der Conſul endlich einſah, daß ſein Muſiker, geſtützt auf das Gebot des Senats, keine Vernunft annehmen wollte, fing er an zu laufen, hoffend ſeinem melodienreichen Begleiter zu enteilen; dieſer ſetzte ſich jetzt gleichfalls in Lauf, ſo daß alles, was der Conſul erreichen konnte, nur darin beſtund, daß er nun von ſeinem Pfeifer gefolgt wurde, ſtatt daß ihm dieſer früher voranging. Dem armen be⸗ rühmten Mann blieb nur noch eine einzige Hoffnung, die nämlich, daß in dem Hauſe ſeiner Geliebten alles ſchlafen und daß es ihm gelingen würde, unbemerkt in's Neben⸗ pförtchen zu ſchlüpfen, das ſie für ihn offen zu halten verſprochen hatte. Als er aber in der Nähe des theuern Hauſes anlangte, war auch ſchon dort alles munter und auf den Beinen, und er bemerkte zu ſeinem Schrecken in einem Fenſter deſſelben den Gemahl ſeiner Geliebten, welcher ſowie er ihn erblickte aus vollem Halſe ſchrie: Hier kommt der berühmte Conſul Duilius, der Beſie⸗ ger der Karthager, der Befteier Roms! Verzweiflungs⸗ voll kehrte der Gefeierte in ſeinen Palaſt zurück. Während der beiden nächſten Abende wiederholte er ſeine Verſuche, insgeheim zu ſeiner Geliebten zu gelangen, allein ſie ſchlugen ſämmtlich fehl. Ganz außer ſich, nie⸗ 1¹⁰0 Der Chevalier von Harmental. mals ſein Incognito bewahren zu können, begab er ſich wieder nach Sicilien, wo er ſeinen Zorn an den Kar⸗ thagern ausließ und ſie noch einmal und zwar ſo total ſchlug, daß man glaubte es wäre mit den puniſchen Krie⸗ gen auf r zu Ende. Rom war vor Freude außer ſich und man beſchloß den Sieger auf noch glänzendere Weiſe npfungen als das letzte Mal. Der Senat verſammelte ſich, um ſich in dieſer Rückſicht zu berathen. Man wollte ihm eine Statüe ſetzen, ſein Haupt bekränzen und was dergleichen mehr war. Da aber vernahm man plötzlich den durchdringenden Schall der Pfeife und das Jubelgeſchrei des Volks. Es war der Sieger, der früher heimkehrte als man erwartet hatte. Da er vermuthete, daß man auf eine neue glänzende Auszeichnung für ihn bedacht ſei, erſchien er um der Berathung beizuwohnen. Raſch trat er vor: Ihr Väter Roms, ſprach er, nicht wahr, Ihr berathet mit einander was Ihr mir Angeneh⸗ mes erzeigen könnt?. Wir möchten Dich gern zum glücklichſten Sterblichen machen, lautete die Antwort.— Wohlan, ſprach Dui⸗ lius, wollt Ihr mir das gewähren was ich am meiſten wünſche?— Sprich, ſprich! rief der ganze Senat wie mit einer Stimme; beim Jupiter, was Du neſ es ſoll Dir gewährt werden! „ e — c — —— — Der Chevalier von Harmental. 141 ut, Ihr Väter Roms, entgegnete de Gonſul, ſo nehmt mir zur Belohnung für dieſen meine n zweiten glorreichen Sieg den verwünſchten Pfeifer wieder ab, den Ihr mir zur Belohnung meines erſten verliehen habt!“ „Allerliebſt!“ verſetzte die Herzogin; wlchen Zu⸗ ſammenhang aber hat dieſes Geſchichtchen Beſorgniß, daß man Sie ermorden könnte?“ „Welchen Zuſammenhang?“ lachte der Regeüt; denken Sie doch, wenn den Befreier Roms, d n Duilius ein ſolches Mißgeſchick mit unt Pfeifer traf, wie würde es mir erſt ergehen, h eine ganze Escorte um mich herum?“ „Philipp, Philipp,“ bemerkte die Herzogin, halb lächelnd halb zürnend,„wirſt Du denn nie aufhören die ernſthafteſten Dinge ſo leicht zu behandeln?“ „Doch doch, meine Mutter, für ernſte Dinge habe ich auch ernſten Sinn,“ antwortete der Regent,„und da Sie gewiß nicht hierher gekommen ſind um mir die Moral über meine nächtlichen Spaziergänge zu predigen, ſondern mit mir unfehlbar von Geſchäften zu reden haben, ſo bin ich ganz Ohr.“ Die Herzogin berichtete ihm jetzt ausführlich, daß ſie in der That gekommen ſei ihn zu warnen, zugleich aber auch ihm zu berichten, daß ſeine Tochter, Mademoiſelle meiner 1¹2 Der Chevalier von Harmental. de Chartres, geſtern unter dem Vorwande, in der Ab⸗ tei de Chelles ihre Andacht zu verrichten, ſich dorthin begeben, ſtatt aber wieder zurückzukehren, an ihre Mutter und an ihn einen Brief geſandt habe, welcher die Kunde enthielte, daß ſie dort bleiben und den Schleier nehmen wolle. Ein mächtiger Eindruck, den die Schönheit des Tenorſängers Cauchereau in der Oper plötzlich auf ſie hervorgebracht habe und in den ſie bis über die Oh⸗ ren verliebt ſei, habe(ſo verſicherte die Herzogin) dieſen Entſchluß bei ihr herbeigeführt. Der Regent nahm, wie man leicht denken kann, auch dieſe Sache auf die leichte Achſel, verſprach indeſſen ſei⸗ ner Mutter, ſich noch an dem nämlichen Tage ſelbſt nach der Abtei zu begeben. Dann geleitete er die Herzogin ſehr ehrerbietig bis an die Thüre ſeines Gemachs und trat wieder zu ſeiner Staffelei. Im Vorzimmer begegnete Madame einem kleinen Manne in großen Reiſeſtiefeln, das Haupt mit einer Pelzmütze bedeckt und den Körper in einen weiten Man⸗ tel gehüllt. Als er die Herzogin erblickte, ſteckte er aus demſelben ein Fuchsgeſicht mit ſpitzer Naſe hervor. „Ha, Sie ſind's, Abbé!“ rief die Mutter des Regenten. „Zu Befehl, Ew. Hoheit, ich komme nachdem ich Frankreich gerettet habe!“ Der Chevalier von Harmental. 11¹3 „Ich habe davon gehört,“ entgegnete die Herzogin. „Man bedient ſich oft des Giftes in Krankheiten. Sie müſſen das ja wiſſen, Dubois, denn Sie ſind der Sohn eines Apothekers.“ „Madame,“ verſetzte Dubois mit der ihm eigenthüm⸗ lichen Inſolenz,„ich habe es gewußt, aber wieder ver⸗ geſſen; denn wie Ew. Hoheit wiſſen, verließ ich ſehr jung die Apotheke, um die Erziehung Ihres Herrn Sohnes zu beſorgen.“ „Gleichviel, Dubvis,“ lachte die Herzogin,„ich bin mit Ihrem Eifer zufrieden, und wenn wir einmal einen Geſandten nach Perſien oder China gebrauchen, ſo werde ich Sie dem Regenten vorſchlagen.“ „Warum nicht lieber nach dem Monde, dann wären Sie gewiß ſicher, daß ich nicht zurückkehren würde,“ er⸗ wiederte Dubois, und mit nachläſſigem Gruſſe ſchritt er nach dieſer Rede an der Herzogin vorüber und trat unangemeldet in's Zimmer des Regenten. VII. Der Abbé Dubois. Jedermann kennt den Urſprung des Abbé Dubois und wir wollen uns nicht mit der Schilderung ſeiner 4 frühern Jahre beſchäftigen, die man in allen Memoiren und beſonders in denen des Herzogs von St. Simon findet. Dubvis iſt nicht verleumdet worden; das war auch unmöglich. Es verhält ſich damit ſo: Man hat von ihm alles Böſe geſagt was man ſagen konnte, aber das Gute hat man verſchwiegen. Zwiſchen ihm und Albe⸗ roni beſtand eine große Charakterähnlichkeit, aber man muß geſtehen, das Genie war auf der Seite Dubvis', und in dem langen Kampfe Frankreichs mit Spanien, den wir nur in ſo weit berühren als er mit unſrer Geſchichte in Verbindung ſieht, trug der Sohn des Apo⸗ thekers über den Sohn des Gärtners den Sieg davon. Der Chevalier von Harmental. 145 Von dem Apothekertiſche war er in den Salon, von da in den Thronſaal gelangt. Er war einer jener Männer die, um uns eines Ausdrucks des Herrn von Talleh⸗ rand zu bedienen, nicht emporkommen ſondern empor⸗ ſteigen. Seine letzte Negociation war ein wahrhaftes Meiſter⸗ ſtück, mehr als die Ratification von Utrecht und weit vortheilhafter für Frankreich. Der Kaiſer entſagte nicht nur allen ſeinen Rechten auf die Krone Spaniens, wie Philipp V. auf die ſeinigen und auf die Krone Frank⸗ reichs verzichtet hatte, ſondern er ſchloß ſich 6 mit England und Holland der Ligue an, welche ün Süden gegen Spanien und im Norden gegen Schweden und Rußland gebildet war. Die Theilung der fünf bis ſechs großen Staaten von Europa war durch dieſen Tractat auf eine ſo ſolide und gerechte Grundlage geſtellt, daß nach hundertundzwanzig Jahren der Kriege und Umwäl⸗ zungen alle dieſe Staaten, das deutſche Reich ausgenom⸗ men, ſich jetzt faſt in derſelben Lage befinden, in welcher ſie damals waren. Der Regent liebte dieſen Mann, der ſeine geiehen geleitet und deſſen Glück er gemacht hatte. Er erkannte in ihm alle ſeine guten Eigenſchaften und überſah die Laſter, die ihm eigen waren. Zwiſchen dem Regenten Chevglier v. Harmental. II. 10 146 Der Chevalier von Harmental. und dem Abbé befand ſich indeſſen eine große Schranke, nämlich die Tugenden und Laſter des Erſtern waren die eines vornehmen Mannes, die des Abbé die eines La⸗ kaien. Der Regent bemerkte bei ſo manchen Gelegenhei⸗ ten, wenn er ihm etwas verlieh:„Dubois, Dubois, nimm Dich in Acht oder ich ziehe Dir wieder eine Livree an!“ Darauf antwortete denn der Abbé jedesmal mit der ihm eigenthümlichen affenmäßigen Grimaſſe:„Ich bin ja Ihr Knecht, gnädigſter Herr; bekleiden Sie mich nur immer auf gleiche Weiſe!“ Uebrigens liebte Dubois den Regenten wahrhaft und war ihm ungemein ergeben. Er fühlte recht gut, daß deſſen mächtige Hand allein ihn über dem Schlamme hielt, aus dem er hervorgegangen war und in den er (ſo verhaßt und verachtet war er), wenn ſein Gebieter ſeine ſchützende Hand zurückzog, jeden Augenblick wieder zurückſinken konnte. Er wachte alſo mit dem größten Eifer und mit dem eigennützigſten Intereſſe über die ge⸗ gen den Regenten angezettelten Verſchwöruugen, und mehr als einmal wurden durch ſeine Gegenpolizei, welche durch Frau von Tenein die hohe Ariſtokratie und durch die Fillon die untergeordneten Claſſen beobachtete, Com⸗ plotte gegen den Regenten entdeckt, von denen der Poli⸗ zeilientenant Argenſon keine Ahnung hatte. Der Chevalier von Harmental. 147 Der Herzog von Orleans, der ſeine mehrfachen Dienſte zu ſchätzen wußte, empfing ſeinen Abgeſandten mit offenen Armen.„Dubvis“ rief er,„Du biſt in der That mein beſter Freund! Der Tractat der Quadru⸗ pel⸗Allianz wird für Ludwig XV. vortheilhafter ſein als alle Siege ſeines Vorfahren Ludwig XIV.“ „Es freut mich, gnädigſter Herr, daß Sie mir Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen,“ verſetzte Dubois;„denn das thut nicht jedermann.“ „Ah, Du biſt alſo meiner Mutter begegnet, die mich ſo eben verließ!“ „So iſt's, und zur Belohnung meiner Dienſte wollte ſie mir eine Geſandtſchaft nach China und Perſten ver⸗ ſchafſen.“ „Sei deshalb unbeſorgt, mein lieber Abbé,“ lachte der Herzog,„meine Mutter ſteckt voll Vorurtheile; ſie wird es Dir nimmermehr vergeben, daß Du einen ſol⸗ chen Zögling aus mir gemacht haſt. Aber ſei ruhig, ich bedarf Deiner hier.“ „Und wie befinden ſich Seine Majeſtät, unſer aller⸗ gnädigſter König?“ fragte Dubvis mit boshaftem Lä⸗ cheln;„er kränkelte ſehr als ich Frankreich verließ.“ „Wohl, recht wohl, Dubois,“ erwiederte der Her⸗ zog ernſt;„der Himmel wolle ihn uns erhalten, zum 10* 1¹8 Der Chevalier von Harmental. Wohle Frankreichs und zur Beſchämung. Ver⸗ leumder.“ „Und mein gnädigſter Herr ſieht ihn noch wie ge⸗ wöhnlich alle Tage?“ „Ich ſah ihn noch geſtern und ſprach mit ihm von Dir. Ich bemerkte ihm daß Du aller Wahrſcheinlichkeit nach die Ruhe ſeiner Regierung geſichert hätteſt.“ „Und was hat der König geantwortet?“ „Was er geantwortet hat? Daß er die Abbé's nicht für ſo nützlich gehalten hätte.“ „Seine Majeſtät ſind ungemein witzig! Und der alte Villeroh war ohne Zweifel dabei zugegen?“ „Verſteht ſich, wie immer.“ „Ich denke, der gute alte Narr muß gelegentlich bei Seite geſchafft werden.“ „Laß das, laß das, Dubvis; jedes Ding zu ſeiner Zeit!“ lächelte der Herzog. „Auch mein Erzbisthum?“ „Sprich, was für eine neue Thorheit iſt das nun wieder?“ „Thorheit, gnädigſter Herr? Auf mein Wort, nichts iſt ernſthafter als das,“ „Wie, jener Brief des Königs von At der d 3 um ein Erzbisthum für Dich erſucht.. Der Chevalier von Harmental. 149 „Haben Ew. königl. Hoheit nicht den Sthl er⸗ kannt?“ „Wie, Du haſt ihn dietirt, Schelm?“ 6 „Dem Véricault Destouches, welcher ihn vom 1 König unterzeichnen ließ.“ „Und der König unterſchrieb nur ſo, ohne irgend et⸗ was dabei zu merken?“ „Nun ja, allerdings! Wie wollen Sie, ſprach er zu unſerm Dichter, daß ein proteſtantiſcher Fürſt ſich damit abgeben ſollte, in Frankreich ein Erzbisthum zu verleihen? Der Regent wird meine Empfehlung leſen, darüber la⸗ chen und ſie weiter nicht beachten.— Der Regent wird vielleicht lächeln, entgegnete Destouches; nachdem er aber gelächelt hat, wird er thun was Ew. Majeſtät wünſchen. „Destonches hat gelogen!“ rif der Regent.. ¹ „Destouches hat nie geſprochen, gnädigſter Herr!“ 1 „Du Erzbiſchof! Du! Du! Der König Georg ver⸗ diente daß ich ihm als Erwiederung einige Schelme Deines Gleichen für das Sn von York vor⸗ ſchlüge.“ „Es würde Ewr. Hoheit ſchwer fallen meines Glei⸗ chen zu finden. Ich kenne nur einen Mann.“ ——————————— 150 Der Chevalier von Harmental. „Und wer wäre das? Ich bin egin ihn kennen zu lernen.“ „Das iſt unnöthig. Er hat ſchon ſein Aemtchen ge⸗ funden. Er hat eine ſo gute Stelle, daß er ſie nicht für alle Erzbisthümer der Welt vertauſchen würde.“ „Unberſchämter!“ lachte der Herzog. „Ruhig jetzt, gnädigſter Herr,“ fiel Dubvis ein, „ich höre im Vorzimmer die Stimme Ihres Polizeilieu⸗ tenants. „Wer hat ihn rufen laſſen?“ „Ich, Ew. königliche Hoheit.“ „Und weshalb?“ „Um ihm den Kopf zu waſchen.“ „Und warum das?“ „Sie werden es ſogleich erfahren, gnädigſter Herr,“ erwiederte Dubois, zog die Klingel und ein Huiſſter erſchien. „Laßt den Herrn General⸗Lieutenant eintreten,“ gebot der Abbé. „Aber Dubvis,“ lächelte der Herzog,„s ſcheint mir als vb Du hier zu befehlen hätteſt!“ „Es iſt zu Ihrem Heil, gnädigſter Herr; laſſen Sie mich gewähren.“ Der Chevalier von Harmental. 151 „Meinetwegen denn,“ verſetzte der Herzog;„man muß gegen heimgekehrte Freunde einige Nachſicht üben.“ Herr Voher d'Argenſon trat herein; er glich Dubois an Häßlichkeit. Nur war es eine Häßlichkeit von andrer Art. „Herr General⸗Lieutenant,“ begann der Abbé, ohne jenem auch nur Zeit zu laſſen den Herzog zu begrüßen; „vom Herrn Regenten hier, der kein Geheimniß vor mir hat, bin ich beauftragt worden, Sie rufen zu laſſen, da⸗ mit ich von Ihnen erführe, in welcher Kleidung derſelbe geſtern Abends ausgegangen ſei, wo er die Nacht zuge⸗ bracht hat und was ihm begegnet iſt, als er zurück⸗ kehrte.— Wenn ich nicht ſo eben von London anlangte, würde ich dieſe Frage nicht an Sie richten; da ich mich aber unterwegs befand, ſo konnte ich natürlich von nichts wiſſen.“ „Aber,“ fragte dArgenſon, ahnend daß ihm eine Schlinge gelegt werde,„hat ſich denn in dieſer Nacht etwas zugetragen? Was mich betrifft, ich habe durchaus keinen Rapport erhalten. Ich hoffe, es iſt dem Herrn Regenten nichts begegnet.“ „O nein, nichts weiter als daß Ihre Hoheit, welche ſich gern Abend um 8 Uhr in der Uniform eines Mus⸗ 152 Der Chevalier von Harmental. ketiers zur Frau von Sabran begab um dort zu ſon⸗ piren, auf dem Rückwege faſt entführt worden wäre.“ „Entführt!“ rief d'Argenſon erblaſſend, während der Herzog ſtaunte.„Entführt! Und durch wen?“ „Das eben iſt es was wir nicht wiſſen,“ entgegnete Dubvis;„Sie aber ſollten es wiſſen; Sie, Herr Ge⸗ neral⸗Polizei⸗Lieutenant, wenn Sie, ſtatt in der Nacht über die Polizei zu wachen, dieſelbe nicht auf andre Weiſe verbracht hätten.“— Der Regent hielt ſich vor Lachen die Seiten, als er d'Argenſon's verdutztes Ge⸗ ſicht gewahrte. „Es iſt kein großes Verdienſt, Herr Abbé, daß Sie wiſſen was ſich zugetragen,“ nahm endlich der Letztere ſich ſammelnd das Wort.„Der Herr Regent hat Ihnen ohne Zweifel alles erzählt.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,“ ſiel der Herzog ein,„daß ich ihm auch keine Sylbe davon geſagt habe“ „Dann iſt allerdings die Sache ſehr ernſthaft, ſprach der Polizei⸗Lieutenant,„und ich bin ſtrafbar, daß ich nichts davon gewußt habe; aber noch iſt nichts verlo⸗ ren; wir werden die Verbrecher ſchon kennen lernen um ſie nach Verdienſt zu beſtrafen.“ „Aber,“ bemerkte der Regent,„man muß der Sache keine gar zu große Wichtigkeit geben; ohne Zweifel wa⸗ Der Chevalier von Harmental. 153 ren es einige trunkene Officiere, welche glaubten es mit einem ihrer Kameraden zu thun zu haben.“ „Ich ſage Ihnen, es iſt eine vollſtändige Verſchwö⸗ rung, gnädigſter Herr,“ verſetzte Dubois;„ſie beginnt im Palaſt des ſpaniſchen Geſandten, zieht ſich durch das Arſenal und iſt gegen das Palais⸗Rohal ge⸗ richtet.“ „Nun, d'Argenſon, was iſt Ihre Meinung?“ fragte der Regent. „Daß Ihre Feinde zu allem fähig ſind, gnädigſter Herr,“ antwortete der Polizei⸗Lieutenant,„aber wir wer⸗ den ihre Complotte vereiteln, wer ihre Urheber auch im⸗ mer ſein mögen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, der Huiſ⸗ ſier trat ein und meldete Seine Hoheit den Herrn Herzog von Maine, der ſich zum Conſeil einfand und als Prinz von Geblut das Vorrecht hatte, nicht warten zu dürfen. Er trat mit jenem ſchüchternen Weſen ein, das ihm ei⸗ genthümlich war, und warf einen Seitenblick auf die drei Anweſenden, als wolle er erforſchen wovon man bei ſei⸗ ner Ankunft geſprochen habe. Der Herzog errieth ſeine Gedanken. „Sein Sie willkommen, Vetter,“ ſprach er;„hier ſtehen ein Paar boshafte Menſchen, welche mich ſo eben 154 Der Chevalier von Harmental. überreden wollen, daß Sie eine Verſchwörung gegen mich vorhätten.“ Der Herzog von Maine wurde bleich wie der Tod; er fühlte daß ſeine Füße ſchwankten und war genöthigt ſich auf den Krückenſtab zu ſtützen, den er gewöhn⸗ lich trug. „Ich hoffe, gnädigſter Herr, daß Sie einer Verleum⸗ dung keinen Glauben beigemeſſen haben,“ erwiederte er mit einer Stimme, deren Beben er vergebens zu Wher⸗ ſchen ſuchte. „O mein Gott, nein!“ entgegnete nachläſſig, wie hingeworfen der Regent.„Ich habe es indeſſen mit zwei eigenſinnigen Köpfen zu thun, welche verſichern, daß ſie Sie nächſtens auf der That ertappen würden; ich glaube kein Wort davon; da ich aber ein ehrlicher Spieler bin, ſo theile ich es Ihnen mit. Sein Sie alſo vor ihnen auf der Hut; ich S⸗ es ſind ein Paar Schlauköpfe.“ Der Herzog von Maine n etwas erwiedern, in dieſem Augenblicke aber öffnete ſich die Thür von neuem und der Huiſſier meldete den Herzog von Bourbon, den Prinzen von Condé und die übrigen Mitglieder des Conſeils, welche ſämmtlich eingeladen worden waren, um den Abſchluß der Ouadrupel⸗Allianz zu vernehmen. Der Chevalier von Harmental. 155 Da dieſer Tractat aber nur einen ſehr geringen Be⸗ zug auf unſre Erzählung hat, ſo erſuchen wir den Leſer mit uns das Cabinet des Regenten zu verlaſſen und uns nach dem wohlbekannten Dachſtübchen der Rue du Temps perdu zu folgen. IX. Die Verſchwörung ernenert ſich. Harmen tal hatte ſich, nachdem er ſeine Piſtolen auf den Nachttiſch und ſeinen Degen neben ſich gelegt hatte, unausgekleidet auf's Bett geworfen, auf welchem er, glücklicher als Damveles, von Müdigkeit überwäl⸗ tigt entſchlummerte, obgleich wie über deſſen Haupt auch über dem ſeinigen ein Schwert hing. Als er erwachte, war es ſchon heller Tag; die Sonne ſchien voll und klar in ſein Zimmer und zog durch daſſelbe bis zur Thüre einen glänzenden Lichtſtreif. Har⸗ mental glaubte anfangs, als er ſich ſo ruhig auf ſei⸗ nem ſaubern Lager wiederfand, alles was ſich in der ver⸗ gangenen Nacht mit ihm zugetragen habe, ſei nur ein Traum geweſen; bald aber überzeugte en ſich von der Wirklichkeit der Sache Das auf der Commode liegende Der Chevalier von Harmental. 157 rothe Band, der Mantel auf dem Stuhle, die Piſtolen auf dem Nachttiſche, der Degen neben ſich und mehr noch er ſelbſt in der geſtrigen Kleidung, die er nicht ab⸗ gelegt hatte, aus Beſorgniß in der Nacht durch einen un⸗ angenehmen Beſuch geweckt zu werden, dies alles waren hinreichende Beweiſe, daß ihn kein leerer Traum getäuſcht habe. Der Chevalier ſprang aus ſeinem Bette; ſein erſter Blick wat auf das Fenſter ſeiner Nachbarin gerichtet; es war bereits geöffnet und man ſah Bathilden in ihrem Zimmer hin- und hergehen. Dann blickte er in den Spiegel; ſein Geſicht war etwas bleicher als ſonſt, darum aber um ſo intereſſanter. Er zog ſich darauf zu⸗ rück um ſeine Toilette zu machen, und nachdem dies be⸗ werkſtelligt war, näherte er ſich wieder dem Fenſter und öffnete es. Bathilde hatte ſich vielleicht auf ſeinen Anblick vorbereitet und ſich feſt vorgenommen, ſowie er ſich ihr zeige, ihr Fenſter mit einer Verbeugung zu ſchließen; kaum aber ſah ſie, daß ihr Nachbar ſein Fenſter öffnete, als ſie alles vergeſſend zu dem ihrigen eilte und ihm zu⸗ rief„Gott ſei Dank daß Sie da ſind! Ach, mein Herr, was haben Sie mir für Angſt verurſacht!“ Dieſer Ruf war zehnmal ſo viel als Harmental 158 Der Chevalier von Harmental. erwartet hatte. Auch waren die eleganten Phraſen, wo⸗ mit er ſie anzureden gedacht hatte, aus ſeinem Gedächt⸗ niſſe wie weggezaubert; er faltete die Hände und ent⸗ gegnete mit dem feurigſten Enthuſiasmus:„Ach Ba⸗ thilde, Sie ſind alſo ebenſo gut als Sie ſchön ſind!“ „Weshalb gut?“ fragte Bathilde.„Haben Sie mir nicht geſchrieben daß, wenn ich eine Waiſe wäre, Sie gleichfalls keine Eltern mehr beſäßen? Haben Sie mir nicht geſagt, daß ich Ihre Schweſter ſei und daß Sie mein Bruder wären?“ „Sie haben alſo für mich gebetet, Bathilde?“ fragte Harmental innig bewegt. „Die ganze Nacht,“ erwiederte erröthend das junge Mädchen. „Und ich Thor, der den Zufall pries daß er mich gerettet habe, während ich doch nur durch das Gebet eines Engels geſchützt wurde!“ „Die Gefahr iſt alſo vorüber?“ fragte lebhaft Ba⸗ thilde. „Dieſe Nacht war trübe und finſter, dieſen Morgen aber ward ich durch einen freundlichen Sonnenſtrahl ge⸗ weckt“ antwortete Harmental;„eine Wolke jedoch kann den Himmel leicht wieder verfinſtern! So iſt es gerade mit der Gefahr, die ich beſtanden habe; ſie iſt verſchwun⸗ Der Chevalier von Harmental. 159 den, um einem großen Glücke Raum zu geben, der Ge⸗ wißheit, Bathilde, daß Sie meiner gedacht haben. Aber die Gefahr kann jeden Augenblick wiederkehren und..“ er vernahm plötzlich ein Geräuſch auf der Treppe...„da pocht ſie vielleicht ſchon an meine Thür!“ Und in dieſem Augenblicke erſchallten wirklich drei laute Schläge an die Thüre des Chevaliers.“ „Wer da?“ fragte Harmental noch immer im Fenſter und mit einer Stimme, deren Feſtigkeit durch ſeine innere Aufregung etwas erſchüttert ward. „Gut Freund!“ lautete die Antwort. „Dank Ihrer Fürbitte, der Himmel beſchützt mich fortwährend,“ entgegnete der junge Mann;„es iſt ein guter Freund. Noch einmal alſo, den wärmſten innig⸗ ſten Dank, Bathilde!“ Und der Chevalier ſchloß ſein Fenſter, indem er dem jungen Mädchen einen ſüßen Gruß zuwarf, der faſt einem Kuſſe glich. Dann öffnete er dem Abbé Brigaud, der ungeduldig harrend ſchon wieder angeklopft hatte. „Ei, ei,“ fragte der Abbé, bei dem auch nicht die kleinſte Gemüthsbewegung zu bemerken war,„warum verſchließen wir uns denn ſo ſorgſam mit Schloß und 160 Riegel? Geſchieht das etwa um uns einen Fſnas von der Baſtille zu verſchaffen?“ „Nun, nun, Abbé,“ rief Harmental mit einem ſo ruhigen Geſicht, daß man glauben konnte er wolle es an Gleichmuth dem Abbé zuvorthun,„malen Sie den Teufel nicht an die Wand, das bringt uns Unglück!“ „Aber was erblicke ich! Wie ſieht es hier aus?“ fuhr Brigand fort;„ſollte man nicht glauben man käme hier zu einem Verſchwörer! Piſtolen auf dem Nacht⸗ tiſch; neben dem Bett ein Degen; hier ein verdächtiger Mantel! Fort, gleich fort mit alle dem, damit auch ich, wenn ich Ihnen meinen väterlichen Beſuch abſtatte, nicht merken kann was während meiner Abweſenheit hier vor⸗ gegangen iſt!“ Harmental gehorchte, indem er das kalte Blut dieſes Dieners der Kirche bewunderte, wozu ſelbſt 8 der Mann des Degens, nicht gelangen konnte. „Weg für jetzt ebenfalls mit dem rothen Bande! Wahrſcheinlich werden Sie es bald wieder gebrauchen“ ſprach der Abbé Brigaud, indem er dem Chevalier mit den Augen folgte. „Und wozu das?“ fragte Harmental. „Um damit einer gewiſſen Perſon, die vorübergeht, ein Signal zu geben,“ erwiederte der Abbé ſchlau. Der Si von Harmental. — Der Chevalier von Harmental. 161 „Mein lieber Abbé, wenn Sie nicht der Teufel ſebſt ſind,“ rief unſer Held,„ſo ſtehen Sie wenigſtens mit ihm in engem Bunde.“ „Ei nicht doch, mein junger Freund; ich bin ein ein⸗ facher ſtiller Mann, der ruhig ſeines Weges ſchlendert, aber dabei hald rechts bald links, bald nach oben bald nach unten blickt, das iſt alles. Ihr Fenſter da.. aber das iſt ja ſo feſt berſchloſſen bei dem freundlichen Sonnen⸗ ſtrahl... laſſen Sie ihn doch herein... Doch vergeben Sie, ich dachte nicht daran daß, wenn Sie dieſes Fen⸗ ſter hier öffnen, ein andres ſich verſchließt.“ „Sie ſind ſehr ſchlau, mein Herr Vormund, aber da⸗ bei ſo indiscret, daß ich Sie, wenn Sie nicht dem geiſt⸗ lichen Stande angehörten, zur Rechenſchaft ziehen würde.“ „Und weshalb das, mein junger Freund? Etwa weil ich Ihnen den Weg zum Glück, zum Ruhm und viel⸗ leicht auch zur Liebe öffnen will? Das wäre ja eine ſchauderhafte Undankbarkeit!“ „Darum wollen wir Freunde bleiben, Abbé,“ ſprach Harmental ſeinem Gaſte die Hand reichend; jetzt aber was bringen Sie Neues?“ „Neues, woher?“ „Was weiß ich? Aus der Rue des Bons⸗Enfants oder dem Arſenal, von der Herzogin von Maine oder Chevalier v. Harmental. U. 11 162 Der Chevalier von Harmental. Sr. Hoheit dem Regenten, der wie mir ein Traum ſagt dieſe Nacht ſehr ſpät und ſehr aufgeregt heimgekehrt ſein ſoll.“ „Nun ja, es iſt alles gut abgegangen. Der Lärm in der Rue des Bons⸗Enfants, wenn anders einer da wirklich ſtattfand, hat ſich dieſen Morgen ganz und gar gelegt. Die Herzogin von Maine hegt für diejenigen, welche durch wichtige Geſchäfte vom Arſenal fern gehal⸗ ten wurden, ebenſo viele Dankbarkeit als Geringſchätzung für die, welche ſich dort unthätig einfanden. Der Re⸗ gent aber hat dieſe Nacht geträumt, daß er ſchon König von Frankreich ſei, und darüber faſt vergeſſen, daß er nahe daran war ein Gefangener des Königs von Spa⸗ nien zu werden. Doch es gilt jetzt die Sache zu er⸗ neuern.“ „Erlauben Sie, Abbé,“ ſprach Harmental,„3etzt wäre die Reihe an Andern; ich möchte wohl ein wenig ausruhen.“ „Teufel, das ſtimmt ſchlecht zu der Nachricht die ich Ihnen bringe.“ „Und die wäre?“ „Daß Sie noch dieſen Morgen nach der Bretagne reiſen ſollen.“ Der Chevalier von Harmental. 163 „Ich nach der Bretagne reiſen? Und was ſoll ich dort?“ „Das werden Sie erfahren, wenn Sie dorthin kom⸗ men.“ „Und wenn es mir nicht gefällt abzureiſen?“ „Sie werden abreiſen, denn Sie werden bedenken, daß es thöricht wäre ein Unternehmen aufzugeben welches faſt zu Ende geht, um einer Liebſchaft willen die kaum an⸗ gefangen hat, die Gunſt einer Prinzeſſin zu verſcherzen um die einer Griſette zu erlangen.“ „Herr Abbé!“ drohte Harmental. „Ruhig, ruhig, Freundchen, erzürnen wir uns nicht!“ rief Brigaud,„ſprechen wir vernünftig. Sie haben ſich freiwillig in das bewußte Unternehmen eingelaſſen und Ihren Beiſtand verſprochen. Wäre es recht von Ih⸗ nen ſich zurückzuziehen, weil ein Verſuch mißglückte? Was Teufel, mein lieber Chevalier, man muß conſequent ſein oder ſich in keine Verſchwörung einlaſſen!“ „Es iſt richtig,“ verſetzte Harmental,„ich habe meinen Arm angeboten. Aber es iſt recht und billig daß der Arm, bevor er zuſchlägt, weiß was der Kopf be⸗ ſchloſſen hat. Ich wage meine Freiheit, mein Leben ja ich wage vielleicht was mir noch theurer werden kann. Ich bin bereit das alles zu wagen, aber auf meine 164⁴ Der Chevalier von Harmental. ₰ Weiſe, mit offenen und nicht mit geſchloſſenen Augen. Sagen Sie mir alſo was ich in der Bretagne ſoll, viel⸗ leicht werde ich mich dann dahin begeben.“ „Ihre Ordre lautet dahin ſich nach Rennes zu bege⸗ ben und dieſes Schreiben zu entſiegeln; es enthält Ihre Inſtruetion.“ 4 „Meine Ordre! Meine Inſtruction?“ „Nun ja, ſind das nicht die Ausdrücke, deren ſich ein General gegen ſeine Officiere bedient?“ „Allerdings, wenn Sie im Dienſte ſind; ich aber bin es nicht mehr.“ „Sie haben Recht, ich vergaß Ihnen zu ſagen daß Sie wieder in den Dienſt getreten ſih E „Ich, wie ſo?“ „Hier iſt Ihre Beſtallung.“ 1 Harmental öffnete das ihm vom Abbé dargereichte Pergament. „Meine Beſtallung als Obriſt eings der vier Regi⸗ menter der Carabiniers?“ fragte er erſtaunt;„und woher kommt mir dieſe Beſtallung.“ „Leſen Sie doch die Unterſchrift!“ „Ludwig Auguſt, Herzog von Maine!“ 7 „Nun, was giebt 6 denn da groß zu erſtaunen? Hat er nicht als Chef der Artillerie das Recht bei zwölf Der Chevalier von Harmental. 165 Regimentern die Officiere zu ernennen? Er verleiht Ih⸗ nen eins derſelben, und als Ihr Chef ſchickt er Sie mit einer MWiſſion ab... nicht einmal zu gedenken daß, falls die Verſchwörung mißlingen ſollte, Sie alsdann nur die Ihnen gegebenen Befehle erfüllt haben und die ganze Verantwortlichkeit auf einen Andern wälzen können. Nun, werden Sie noch nicht reiſen?“ „Und das fragen Sie noch, mein lieber Abbs?“ ent⸗ gegnete Harmental freudig.„Ich ſtehe nun ganz zu den Befehlen des Herzogs oder vielmehr der Frau Her⸗ zogin von Maine. Wird es mir nicht geſtattet ſein ihr vor meiner Abreiſe meine Aufwartung zu machen? Ich würde mich ihr zu Füßen werfen, den Saum ihres Klei⸗ des küſſen und ihr betheuern, daß ich mir mit Freuden um ihretwillen eine Kugel durch den Kopf jagen laſſen werde.“ „Ha, ha, da verfallen wir in das andre Extrem!“ lächelte der Abbé;„nein, nein, Sie ſollen ſich nicht den Kopf zerſchmettern laſſen; Sie ſollen leben, ruhmvoll leben, um in Ihrer ſchönen Obriſten⸗Uniform den Wei⸗ bern den Kopf zu verrücken.“ „Ach, mein lieber Brigaud, ich will nur einer Ein⸗ zigen gefallen.“ Der Chevalier von Harmental. „Auch gut, ſo werden Sie zuerſt dieſer Einen und ſpäter allen Uebrigen gefallen.“. „Und wann ſoll ich abreiſen?“ „Jetzt gleich, auf der Stelle!“ „Laſſen Sie mir wenigſtens eine halbe Stunde!“ „Keine Minute!“ „Aber ich habe noch nicht einmal gefrühſtückt.“ „Sie begleiten mich und frühſtücken mit mir.“ „Ich habe nur 2« bis 3000 Livres und das reicht nicht hin.“ „Sie werden im geiſeteſer Ihres Wagens Ihren Sold auf ein ganzes Jahr finden.“ „Aber die Kleider?“ „Ihre Koffer ſind damit gefüllt; habe ich nicht Ihr Maß?“ „Aber, Brigaud, wann werde ich zurückkehren?“ „Von heut an in ſechs Wochen. Die Frau Herzogin von Maine wird Sie alsdann in Stceaur erwarten.“ „Sie werden mir doch erlanben, Abbé, wenigſtens ein paar Zeilen zu ſchreiben.“ „Ein paar Zeilen, es ſei!“ Harmental ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchtlet. „Theure Bathilde! Heute iſt von mehr als einer drohenden Gefahr die Rede; ein Unglück hat mich S Der Chevolier von Harmental. 167 plotzlich betroffen. Ich bin nämlich genöthigt augen⸗ blicklich abzureiſen, ohne Sie zuvor noch einmal ge⸗ ſehen zu haben. Nach ſechs Wochen erſt werde ich zurückkehren. Um des Himmels willen, Bathilde, vergeſſen Sie den nicht, welcher keine Stunde verleben wird ohne an Sie zu denken. Ravul.“ Er verſtegelte das Billet und trat an's Fenſter— das ſeiner Nachbarin aber war geſchloſſen. Er ſah alſo kein MWittel Bathilden die für ſie beſtimmten Zeilen zukom⸗ men zu laſſen. Der Abbé machte ſchon Zeichen der Un⸗ geduld. In dieſem Augenblicke ward leiſe an die Thür gekratzt, der Abbé öffnete und die niedliche Mirza er⸗ ſchien; ihre Gourmandiſe hatte ihr den Weg zu ihrem Zuckerlieferanten gezeigt. Sie hüͤpfte fröhlich herein und ſprang auf Harmental zu. „Da ſage man nun noch daß der Himmel die Ver⸗ liebten nicht beſchütze“ lächelte der Abbé;„Sie verlang⸗ ten nach einem Boten, da iſt er!“ „Abbé, Abbé,“ drohte der Chevalier auf's neue, „huͤten Sie ſich früher in meine Geheimniſſe zu dringen als es mir gefällt!“ „Einem Beichtvater kann man alles anvertrauen, Che⸗ valier.“ 168 Der Chebaliet von Harmental⸗ ⸗ „Aber er muß auch ſchweigen können; kein Wort komme über Ihre Lippen!“ „Mein Ehrenwort darauf, Chevalier!“ Und Harmental befeſtigte ſchnell das Billet an dem Halsband der kleinen Wirza, reichte ihr als Boten⸗ lohn ein Stückchen Zucker, ſteckte ſein baares Geld und ſeine Piſtolen zu ſich, ſchnallte ſeinen Degen um, nahm Hut und Mantel und folgte dem Abbé Brigaud. Ende des zweiten Theils. Drud von C. P. Metzer in Leiyzig. —— ——— 4₰