——— S iv von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 eträgt 5 für nhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: ſ Ft— f 1 Nr. 5 2— Pf. .„„ 6 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namen bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werde Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſe 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i 6. Schadenersatz. 2 n verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.* 5 g 2 dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3. . — — — —— —— Alexander Dumas. von Ludwig Fort. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. F 1851. Cäſarine 1 I. Wer Senlis einmal geſehen hat, erinnert ſich, eine ſehr häßliche Stadt geſehen zu haben. Sie liegt auf einer Anhoͤhe, auf welche enge und ſchlecht gepflaſterte Straßen fuͤhren. Von den Bewoh⸗ nern behaͤlt man keine guͤnſtigere Erinnerung, als von ihrer Stadt. Es iſt, als ob ſie ganz beſon⸗ ders fuͤr die Stadt, oder als ob die Stadt ganz beſonders für ſie gemacht waͤre. Sie ſind neugie⸗ rig, klatſchhaft, eingebildet und geizig. Sie ſpio⸗ niren, verlaͤſtern einander, machen Vorausſetzun⸗ gen und erfinden Unwahrheiten. Es iſt, als ob man in ein ungeheueres Elſtern⸗ und Dohlenneſt kaͤme. 1* Wehe Dem, der gezwungen iſt, in Senlis zu wohnen, nicht etwa, weil er dieſe Stadt gewählt hat, um ſeine alten Tage angenehm zu verleben, denn ſo etwas wird gewiß Niemandem in den Sinn kommen, ſondern weil ſein Amt, ſeine Geſchaͤfte, ſeine Familienverhältniſſe ihn zwingen, dieſe Haupt⸗ ſtadt des Departements der Hiſe zu bewohnen; wenn er einige Erinnerungen an das Leben in der Hauptſtadt behalten hat, wird er ſich gewiß nicht glucklich fuͤhlen. Wenn eine Frau jährlich mehr als zwei ſei⸗ dene Kleider bekommt, wird ſie gemieden; giebt ſie bei ihren Abendgeſellſchaften etwas mehr als Zucker⸗ waſſer, dann zeigt man mit Fingern auf ſie; be⸗ ſitzt ſie aber Geiſt, dann wird ſie von Jedermann geflohen. Alſo, man laſſe ſich dies zur Warnung dienen! Jetzt zu der ſehr einfachen und ſehr wahrhaf⸗ ten Geſchichte, deren Schauplatz Senlis war. Wir muͤſſen ſagen, daß es trotz dem, was wir oben bemerkt haben, zuweilen und auch noch jetzt von Zeit zu Zeit ſehr brave Leute und huͤbſche Frauen in Senlis gegeben hat, die ſich um die läͤcherlichen Vorurtheile ihrer Mitburger wenig kum⸗ merten und hier ungefäͤhr eben ſo lebten, wie ſie anderwärts gelebt haben wuͤrden, nur daß ſie ein wenig mehr Langeweile hatten. Sobald ſich aber eine Gelegenheit zu Zerſtreuungen darbietet, fallen dieſe Leute in ihrem Heißhunger nach Vergnuͤgun⸗ gen zuerſt daruͤber her und verſchlingen ſie bis auf den letzten Biſſen. Die Wettrennen von Chantilly, welches zwei Lieues von Senlis entfernt liegt, ſind die wichtig⸗ ſten Unterhaltungen, welche der Fruͤhling und der Herbſt der Unterpraͤfecturſtadt bringen. Auch ſieht man an den Tagen der Wettrennen vom fruͤhen Morgen an auf der Straße nach Croil nichts als Woagen aller Gattungen und Wanderer aller Art, theils zu Fuß, theils zu Pferde. Von Zeit zu Zeit fliegt eine Kaleſche, von zwei ſchoͤnen Roſſen gezo⸗ gen, voruͤber, der die neidiſchen Blicke aller der Maͤnner und Frauen folgen, die ſie hinter ſich zu⸗ ruͤckläßt. Das Demuͤthigendſte fuͤr dieſe ungluͤck⸗ liche Stadt aber iſt die wunderſchöne Umgebung derſelben. Außer Chantilly liegen in der Naͤhe Ermenonville, Mortefontaine, Pontarmé mit ſchö⸗ nen Wieſen, Teichen und praͤchtigen Waͤldern, wel⸗ che Senlis mit einem Guͤrtel von Wohlgeruͤchen, Schatten und Geſaͤngen umgeben, die leider von der Stadt fern bleiben. Wir wollen nun auch die Wohnungen beſpre⸗ chen, wie wir die Einwohner beſprochen haben. Wenn man durch das Thor von Soiſſons aus Senlis kommt und links einen kleinen Weg einſchlägt, der mit zwei Reihen Baͤumen beſetzt und auf der einen Seite von Getreidefeldern, auf der andren von unzaͤhligen Artiſchocken eingefaßt iſt, die ihre zackigen Haͤupter ſtolz erheben; wenn man dann einem kleinen Fluſſe, oder vielmehr einem Bache, la Nonnette genannt, folgt, in dem ſich nur Hunde baden konnen, kommt man an ein rei⸗ zendes Schloß, welches Valgenceuſe heißt und das ein wahres Miniaturbild des irdiſchen Paradieſes und des gelobten Landes iſt. Valgenceuſe hat ſeine Periſtyle, ſeine Wätber, ſeine Teiche, ſeine Treppen, ſeine Weiden, ſeine Voͤgel, ganz wie ein konigliches Schloß; Valgen⸗ ceuſe hat ſeine Rebhuͤhnervolker, ſeine Kaninchen und ſeine Wachteln im September, und doch hat Valgenceuſe keine zwanzig Morgen Grundflaͤche. Valgenceuſe hat ſeine Ruinen, ſo gut wie ein Schloß des Mittelalters, und doch exiſtirt es noch keine funfzig Jahre. Wer iſt der Einſiedler, der Kunſtfreund, der Verliebte, der dieſes Schloß hat erbauen laſſen? Alles was ich weiß, iſt, daß es jetzt der Marquiſe von G' gehoͤrt, welche hier mit ſolcher Grazie die Honneurs macht, daß man den fruͤheren Beſitzer vollſtaͤndig vergeſſen hat. Niemand erinnert ſich ſeiner, mich allein vielleicht ausgenommen. Ich benutze daher dieſen Vorzug, den ich vor Anderen habe, um zu erzahlen, was ſich im Monat Mai 1838 hier ereignete. Es war zehn Uhr Abends. In dem großen Speiſeſaale des Erdgeſchoſſes waren Bediente in Staatslivree mit dem Abraͤu⸗ men einer elegant ſervirten Tafel beſchaͤftigt, auf welcher das ſchoͤnſte Obſt der Jahreszeit prangte und die von zwei Kandelabern, jeder mit acht bis zehn Lichtern, erleuchtet wurde. Die Gäͤſte waren in den Garten gegangen, um die letzten Strahlen des Tages zu benutzen und ſie wandelten in einer praͤchtigen, mit weichem Raſen, wie ein wollener Teppich, bewachſenen Allee auf und ab, an deren Ende ſich eine ſteinerne Treppe befand, die ſich in der ganzen Breite des Gartens hinzog und den Teich umgab, von dem wir ſprachen. Man wuͤrde ſich nicht gewundert haben, hätte man plotzlich einige vornehme Marquiſinnen à la Watteau oder ein paar in Seide gekleidete Schaͤfer, welche den ſchoͤnen Spaziergaͤngerinnen Frivolitä⸗ ten in die Ohren fluͤſterten, dieſe Treppe herab⸗ kommen ſehen. Die ganze Umgebung ſchien fuͤr ſolche Perſonen geſchaffen zu ſein. Leider hat die umgebung allein die Zeit uberlebt, und die Reifrocke, die Schleppkleider mit bunten Blumen ſind verſchwunden. Indeſſen hatten ſich in der Hauptallee einige Gruppen gebildet, die ſich ſehr zu freuen ſchienen, in dieſer Zeit zu leben und die in heiteren Geſprä⸗ chen begriffen waren. Dieſe Gruppen beſtanden aus der Frau vom Hauſe und aus Gäſten, welche ſaͤmmtlich von den benachbarten Landſitzen gekommen waren. Dieſe Gaͤſte waren der junge Baron von P“* und ſeine Gattin, eine der lieblichſten Blumen der Colonieen, welche die Civiliſation in den Norden verpflanzt hat. Es war ferner die alte Graͤfin von C'* und ihr Gemahl, ein kleines Maͤnnchen nach der alten Welt, mit alten Gewohnheiten und feinen Manieren, welcher Taback ſchnupfte, den ſeine Naſe bruͤderlich mit dem Jabot theilte, und der in ſeiner Sprache, ſeinem Gange und ſeinem Benehmen ſo viel Aehnlichkeit mit den kleinen alten Herren aus der Zeit Ludwigs XV. hatte, daß ſein Tuchrock ein Anachronismus zu ſein ſchien und daß man ſich wunderte, ihn nicht in einem geſtick⸗ ten Kleide, in kurzen Beinkleidern und mit dem Degen an der Seite zu ſehen. Dieſes zuletzt erwaͤhnte Paar war ſeit den erſten Jahren ſeiner Verbindung mit einer h begluckt, welche zu der Zeit, wo wir unſte e tih lung beginnen, achtzehn Jahre zaͤhlte und mit der wir bald naͤhere Bekanntſchaft machen werden. Ein eleganter junger Mann begleitete die vier Perſonen, von denen wir geſprochen haben. Dieſer junge Mann war fuͤnfundzwanzig — Jahre alt, hatte ſchwarze Augen, ſchwarzes Haar und weiße Zaͤhne. Sein Geſicht war bleich, er ſprach ziemlich gut, ritt vortrefflich und war ſeit zehn Jahren verwaiſtt. Der Verfolg wird uns ſagen, was ihn in dieſes Haus fuͤhrte. Die letzte Perſon der bezeichneten Gruppe war Frau von Beauzée, die Beſitzerin des Schloſ⸗ ſes Valgenceuſe. Sie war vierzig Jahre alt, be⸗ ſaß dreißigtauſend Livres Rente, war Witwe und hatte eine Tochter, ein reizendes Kind von ſiebzehn Jahren, die in einer andern Allee des Gartens mit der Tochter des Grafen von Ce“ plauderte. Wenn der Leſer es erlaubt, wollen wir die⸗ ſen beiden jungen Damen folgen, die auf der ent⸗ geg etzten Seite des Gartens ſpazieren gehen d am ufer der Nonnette kleine blaue Bluͤmchen Dieſer Bach floß an der Grenze der itzung zwiſchen hohen Zitterpappeln hin, welche im Abendwinde harmoniſch ſaͤuſelten. Damit man es nicht zu ſehr bedauert, die alten Herrſchaften ſo bald verlaſſtg zu muͤſſen, wol⸗ len wir ſagen, daß ſie ſich uͤber Politik unterhiel⸗ — ten und daß ihr Geſpraͤch gewiß Niemanden inter⸗ eſſiren wuͤrde. Ein Beweis davon war, daß der junge Mann nur durch ſeine Gegenwart daran Theil nahm und daß ſeine Gedanken in der Ferne umher zu ſchweifen ſchienen; wenigſtens verriethen dies ſeine Augen, welche von Zeit zu Zeit die Räume des Gartens, nach der Seite wo ſich die beiden jungen Maͤdchen befanden, ſondirten. Die aͤlteſte dieſer beiden Maͤdchen war die Tochter der Graͤfin von C'* und hieß Caͤcilie. Die juͤngere hieß Juliette und Frau von Beauzée war ihre Mutter. Die erſtere war bruͤnett, huͤbſch und ſchien einen ſorgloſen, heiteren Charakter zu haben. Die letztere war blond und trug ihr Haar nach engli⸗ ſcher Mode, was die Feinheit und das Reizende ihres Geſichts noch vermehrte; dagegen ſchien ſie etwas ernſter und nachdenkender zu ſein, als ihre Freundin. Ihre Augen waren blau, groß und hatten den ſtaunenden Ausdruck der großen Augen; ihre Haut war und mit Roſenduft ange⸗ haucht und ihre leicht gefaͤrbten Lippen bewieſen, daß das Blut ſchon begehrend in dieſem ſchönen Koͤrper circulirte, den ein Kleid von Muſſelin nicht feſt genug umſchloß. Das Corſet verſchleierte nur unvollſtaͤndig unter ſeinen zahlreichen Falten einen Buſen, ſo feſt wie Marmor, ſo weiß wie Milch, und deſſen beide Halbkugeln, wenn das junge Maͤd⸗ chen ſich des Abends entkleidete, den goldenen run⸗ den Fruchten des Herbſtes glichen, mit denen Eva den armen Adam verfuͤhrte. Welch' einen wundervollen Anblick gewährt ein junges Mädchen, wenn noch keine Wolke ihren Fruͤhling verdunkelt, wenn noch kein Schmerz ihre Stirn getruͤbt, wenn noch keine Hand die ſchoͤne Frucht beruͤhrt hat! Habt Ihr ſchon einmal ein ſolches Mädchen ſtundenlang betrachtet, wie man ein ſchoͤnes Ge⸗ malde betrachtet? nur iſt das Gemaͤlde, ſo ſi ſchoͤn, ſo ausdrucksvoll, ſo wahr es auch ſei, nicht im Stande, im Herzen Gefuͤhle und Stimmen zu wecken, welche beim Anblick eines ſchoͤnen jungen Maͤdchens darin erwachen, der die Natur ſchon verrathen hat, daß es in der Welt noch etwas Ande⸗ res zu lieben giebt, als Vater, Mutter und Schwe⸗ ſtern, die von neuen, bisher noch unbekannten Ge⸗ fuͤhlen durchbebt wird und welche des Nachts nicht ſchlafen kann, waͤhrend ihr Verſtand nicht hinreicht, ſich den Grund davon zu erklaͤren. Dann fragt ſie Alles und verlangt von Allem, was ſie umgiebt, eine Antwort, und da ſie nicht weiß, an welcher Quelle ſie dieſen gluͤhenden Durſt nach einem un⸗ bekannten Etwas loͤſchen ſoll, wendet ſie ſich mit Inbrunſt der Gottheit zu, denn es iſt ihr, als ob ſie nur in der unendlichen Liebe, welche der Schoͤpfer einfloͤßt, Befriedigung finden und den geheimniß⸗ vollen Anforderungen ihres Herzens genuͤgen koͤnnte. Es iſt ſelten, daß ein Maͤdchen in ihrem funf⸗ zehnten bis ſiebzehnten Jahre nicht in die Verſu⸗ chung kommt, den Schleier zu nehmen. Habt Ihr ſchon, wenn Ihr ein junges Maͤd⸗ chen mit ſchoͤnen Formen, mit jungfräulichem Her⸗ zen und mit reinen Gefuͤhlen geſehen habt, zu Euch geſagt: „Es wird einen Mann geben, fuͤr den dieſes Herz ſchlagen, dem dieſer ſchoͤne Koͤrper gehoren und der das unausſprechliche Gluͤck haben wird, ſie in das erſte Geheimniß dieſer irdiſchen Liebe ein⸗ zuweihen, welche ſo mächtig iſt, daß ſie, unwiſſend wie ſie ſie ſtillen ſollte, glaubte, Gott allein koͤnne ſie daruͤber aufklaͤren. Dieſer Mann wird gluͤck⸗ lich ſein und welche Schmerzen ihm auch die Zu⸗ kunft aufbewahren moͤge, er hat in ſeinem Leben einen Tag gehabt, der ihm fuͤr alle Ewigkeit Erſatz dafuͤr iſt“ Das habt Ihr Euch geſagt, nicht wahr? Dann habe Ihr nach einem oder zwei Jahren dieſes junge Maͤdchen als Gattin wiedergeſehen. Das Geheim⸗ niß, welches ihre jungfraͤuliche Unwiſſenheit ihr verbarg, iſt ihr jetzt enthuͤllt und iſt nun etwas Alltagliches fuͤr ſie. Ihre Neugierde iſt befriedigt, ihre Liebe iſt geſaͤttigt und ihre Rolle als Gattin und Mutter hat begonnen mit ihrer Proſa und ihrer Wirklichkeit. Das erſte Wort dieſer Enthuͤllung war ein Schmerz und ſie hat bemerkt, daß ſie nur das Werk⸗ zeug der gefuͤhlloſen Natur iſt. Träumt, Ihr jungen Maͤdchen; ſo ſchön auch die Wirklichkeit ſein moͤge, ſie wird immer hinter Eurem Traume zuruͤckbleiben!— Cacilie und Juliette gingen alſo zuſammen in der einſamen Allee auf und ab. „Du weißt wie aberglaͤubiſch ich bin,“ ſagte die Letztere;„ich denke daher immer daran, daß ich ihn an einem Freitage zum erſten Male geſe⸗ hen habe, und wider meinen Willen glaube ich, daß mir dies Ungluͤck bringen wird.“ „Du biſt nicht klug. Was hat er Dir denn heute geſagt?“ „Nichts, er hat mich nur faſt immer ange⸗ ſehen.“ Indem Juliette dies ſagte, ſah ſie ſich um, um ſich zu uͤberzeugen, daß Niemand als Cäcilie ſie geſehen hatte. „Er hat Dir alſo gar nichts geſagt?“ „Er hat mit mir geſprochen, aber nur von unbedeutenden Dingen.“ „Der arme Menſch!“ „Du bedauerſt ihn?“ „Ja wohl. Du ſiehſt, wie ſonderbar es in der Welt zugeht. Dieſer junge Maun liebt Dich, Du liebſt ihn auch, und vielleicht wirſt Du die Gattin eines Andren und er wird eine Andere hei⸗ rathen!“ „Wer ſagt Dir das2“ „Ihr liebet einander und geſtehet es Euch nicht.“ „Zuerſt weiß ich nicht ganz gewiß, ob ich ihn liebe. Es giebt Tage, wo ich gar nicht an ihn denke.“ „Was ſind denn das fuͤr Tage?“ „Es ſind die, an denen er hier iſt. Es iſt wahr, ſobald er nicht mehr da iſt, frage ich mich, wo er ſein, was er thun mag, kurz, ich bin eifer⸗ ſuͤchtig auf ihn.“ „Alſo liebſt Du ihn. Und er?« „Er, er ſitzt zuweilen bis zwei Uhr Morgens noch ſinnend unter meinem Fenſter.“ „Und was machſt Du waͤhrend dieſer Zeit?“ „Ich ſehe durch die Jalouſieen nach ihm.“ „Er hat doch hoffentlich niemals erfahren, daß Du nach ihm ſiehſt?⸗ „Niemals.“ „Gut. Und Deine Mutter?“ „Ich glaube, ſie ahnt etwas. Sie beobach⸗ tet mich und fragt mich mehr mit dem Blicke als mit Worten.“ „Und wenn ſie Dich nach Deinen Abſichten fragt, was wuͤrdeſt Du ihr antworten?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht und moͤchte wirk⸗ lich etwas Genaues daruͤber wiſſen, wie ich mit mir ſelbſt daran bin.“ „Hoͤre mich an,“ ſagte Cäcilie leiſe,„ich weiß ein Mittel.“ „Welches?“ „Du weißt, daß ſeit zwei Tagen Volksfeſt in Senlis iſt?« „Ja, wegen der Wettrennen in Chantilly.“ „Dort iſt eine Frau, welche wahrſagt.“ Juliette ſah ihre Freundin an und lachte laut „Glaubſt Du denn an ſo etwas?“ fragte ſie. „Ganz gewiß.“ „Und Du meinſt, ich ſoll mir von dieſer Frau wahrſagen laſſen?“ „Darauf erwidere ich Dir, was Du mir eben ſagteſt: Du biſt nicht klug.⸗ Cäſarine. 2 „Du haſt Unrecht.“ „Haſt Du ſie vielleicht ſchon geftagt?⸗ „Ja wohl.“ „Und ſie hat Dir die Wahrheit geſagt?“ gezeigt.“ „Dir ſelbſt?“ „Mir ſelbſt.“ „Das glaube ich Dir nicht.“ „Ueberzeuge Dich.“ „Sie wird mir ſagen wer ich bin?“ . Ja. 6 2 „Was ich thun ſoll?“ Ic „Aus der Karte?“ „Nein.“ „Aus was denn ſonſt?⸗ „Geh' zu ihr, ſo wirſt Du es ſehen.“ „Wie kann ich zu ihr gehen?“ „Mit mir und mit meiner Gouvernante.“ hellem Tage unter dieſes Volk gehen?“ „Sie hat noch mehr gethan, ſie hat ſie mir „Aber, liebe Cäcilie, wir konnen nicht bei „Wir gehen fruͤh, wenn noch Niemand da iſt.“ fi —— „Und ſie wird Alles beantworten, was ich ſie fragen werde?“ „Ja wohl, ja wohl.“ „Dann iſt ſie alſo eine Zaubrerin?“ ir„Allem Anſchein nach.“ „Iſt ſie alt?* „Jung.“ „Häßlich?“ „Huͤbſch.“ „Und was treibt ſie ſonſt?“ „Sie baͤndigt wilde Thiere“ „Wirkliche wilde Thiere?* „Tiger und Panther.“ „Sie ſteht auf dem Cours?“ „Ja, in einer Bude mit einem großen Bilde, mit Muſikanten und einem Bajazzo.“ „Und Du biſt in dieſer Bude geweſen?“ „Ja.“ „Nun, dann gehe ich auch. Ich will meine WMutter fragen, ob ſie es erlaubt.« bei Die beiden Mädchen gingen zu der übrigen Geſellſchaft, die ſich im Garten befand und Juliette ſ.“ ſagte zu ihrer Mutter: * „Du weißt gewiß nicht, um was ich Dich bitten will?“ „Nein.“ „Caͤcilie hat mir eben geſagt, daß in Senis eine wirkliche Zaubrerin iſt, und ich will mir vovn ihr wahrſagen laſſen.“ „Du biſt ein Kind.“ Willſt Du es mir erlauben?“ „Mit wem willſt Du denn gehen?“ „Mit Caͤcilien und ihrer Gouvernante.“ „Geſchieht dies mit Ihrer Bewilligung, liebe Freundin?“ fragte Frau von Beauzée die Graͤfin. „Ja; aber wann wollt Ihr denn gehen, Kin⸗ der?“ fragte dieſe. „Fruͤh, damit wir allein ſind.“ „Gut,“ erwiderte die Graͤfin;„ſo mag Caͤcilie Sie morgen fruͤh um acht Uhr mit Anna abholen.“ „Darf ich fragen, mein Fraäulein, wie dieſe Zaubrerin heißt?“ ſagte der junge Mann zu Cäcilien; „denn ich wuͤnſchte auch etwas von ihr zu wiſſen.“ Zugleich ſah er Julietten an, die, um ſeinem Blicke zu entgehen, ihr Schnupftuch fallen ließ und es aufhob. ſe es ich li⸗ on ilie n ieſe en; n. em und „Ihren Namen weiß ich nicht,“ erwiderte Cacilie lachend,„aber ſie iſt leicht zu finden. Vor ihrer Bude haͤngt ein großes Bild, welches einen Pan⸗ ther darſtellt, auf deſſen Kopf eine Frau den Fuß geſetzt hat.“ Eine halbe Stunde ſpaͤter verließ der junge Mann das Schloß. „Wo iſt denn Herr von Ermenon?“ fragte die Frau vom Hauſe. „Ich ſah ihn eben fortgehen,“ antwortete der Graf. „Er wird ohne Zweifel wieder kommen,“ ver⸗ ſetzte Frau von Beauzee,„denn er hat mir verſpro⸗ chen, den ganzen Abend bei uns zuzubringen und es iſt erſt neun Uhr.“ II. Heinrich von Ermenon ſchlug den Weg nach Senlis ein und nach ohngefaͤhr zwanzig Minuten befand er ſich auf dem Cours, wo das Volksfeſt gehalten wurde. Es war ein Laͤrm zum Taubwerden, denn beſonders des Abends ſtroͤmten die Liebhaber ſol⸗ cher Schauſpiele herbei und dann wenden die Markt⸗ ſchreier Mittel an, die Zuſchauer anzulocken, die ſie eher vertreiben ſollten, die Luft iſt mit dem Dunſte der Lampen, der Bratwuͤrſte und der Aus⸗ dunſtungen aller Art verpeſtet, welche dieſen unſau⸗ beren und ekelhaften Buden entſtroͤmen. Die Buͤrger von Senlis ſpazierten gravitä⸗ tiſch zwiſchen dieſem Teufelslärm von Geſchrei, Ge⸗ t t — jubel, Muſik und Schuͤſſen umher, denn wie man ſich leicht denken kann, fehlte auch das Scheiben⸗ ſchießen bei dieſem furchterlichen Concerte nicht. * Heinrich ſuchte das Schild mit dem Panther und hatte es bald gefunden. Eine Art Muſik im Innern und die leere Buͤhne außerhalb deuteten an, daß die Vorſtellung eben im Gange war. Heinrich ſtieg die Stufen hinauf, zahlte an der Kaſſe das geforderte Entrée von drei Sous, hob ein Stuͤck Matratzenleinwand empor, welches den Eingang verhuͤllte und trat in den Zuſchauer⸗ raum. Ein junges Maͤdchen in einem Corſet von ſchwarzem Sammet, einem gelben Rocke mit rother Einfaſſung, der ihr nur bis an die Kniee ging und ol ein Paar recht huͤbſche Beine ſehen ließ, die mit 6 ziemlich weißen Struͤmpfen bekleidet waren, war bi beſchäͤftigt, einem auf dem Ruͤcken liegenden Pan⸗ ther ein Stuͤck rohes Fleiſch, das ſie ihm gegeben hatte, wieder aus dem Rachen zu reißen, was ſich das Thier, zur Schande ſeiner Gattung und zur Ehre des Maͤdchens, mit einer bewundernswerthen 6 Gleichgiltigkeit gefallen ließ. baͤndigerin. Sie wurde mit enthuſiaſtiſchem Applaus be⸗ lohnt und die Zuſchauer entfernten ſich. Heinrich ſtellte ſich ebenfalls, als wollte er gehen; als aber der letzte Zuſchauer den Ausgangs⸗ vorhang gehoben hatte, trat er zu der Kuͤnſtlerin und ſagte zu ihr: „Ich habe etwas mit Ihnen zu ſprechen.“ „Ich bin zu Ihren Dienſten, mein Herr.“ „Haben Sie keinen andren Ort als dieſen?“ „Was Sie mit mir zu ſprechen haben, iſt alſo etwas Wichtiges?“ „Ja.“ „So folgen Sie mir.“ Die junge Thierbaͤndigerin ſtieg uͤber die ver⸗ laſſenen Baͤnke und ging auf eine kleine Thuͤr zu, die nur durch eine Klinke verſchloſſen war. Hein⸗ rich folgte ihr. Sie oͤffnete dieſe Thuͤr, die in eine Art Stall fuͤhrte, in welchem Koffer, Matratzen und der ganze Apparat einer wandernden Kuͤche zu ſehen war. Eine rauchen de Lampe beleuchtete dieſen Raum. Es war das letzte Kunſtſtuͤck der jungen Thier⸗ — e„—— —— r⸗ Mamſell Caͤſarine, ſo hieß das Maͤdchen, winkte Heinrich, ſich auf die Matratzen zu ſetzen, e⸗ wenn er ſich ſetzen wolle, und blieb, an einen alten Tiſch gelehnt und mit ihrer Gerte ſpielend, vor er ihm ſtehen. 8⸗„Sie ſagen die Zukunft voraus?“ fragte Hein⸗ in rich in ſpoͤttiſchem Tone. „Ja, mein Herr,“ erwiderte Cäſarine, mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung. „Es wird morgen eine Dame zu Ihnen kom⸗ 26 men, um ſich von Ihnen wahrſagen zu laſſen, und ſo Sie muͤſſen ihr das prophezeien, was ich Ihnen ſagen werde.“ „Damit wuͤrden Sie ſich vergebliche Muͤhe 6 geben, denn ich werde Ihrem Befehle nicht nach⸗ kommen.“ .„Um keinen Preis?“ fragte der junge Mann, indem er einige Goldſtuͤcke aus der Taſche nahm l und beim Scheine der Lampe glanzen ließ. ze Cäſarine warf einen Blick auf das Gold, erwi⸗ derte aber:“ „Um keinen Preis.“ — 26— „Und kann ich nicht den Grund dieſer Wei⸗ gerung erfahren?“ „Der Grund iſt ganz einfach. Ich glaube an meine Kunſt und will Niemanden betruͤgen“ „Sie glauben alſo, daß Ihre Propheeiden eintreffen?“ „Ich weiß es gewiß.“ „Aber wenn Sie im Beſitz einer ſolchen Kunſt ſind, warum benutzen Sie ſie nicht, um Ihr Gluͤck zu machen, anſtatt mit wilden Thieren zu ſpielen?“ „Weil das Publikum nur Das glaubt und bezahlt, was es ſieht, und weil ich vergebens eine wunderbare Naturgabe in Ausuͤbung bringen wuͤrde, die ich vielleicht in dieſem Augenblicke allein beſitze.“ „Dieſe Naturgabe mag nun wahr ſein oder nicht,“ erwiderte Heinrich;„ſie kann mir nützen und deshalb komme ich zu Ihnen. Geſtern iſt ſchon eine junge Dame bei Ihnen geweſen?“ 7 „Dies iſt wahr.“ „Kannten Sie ſie*“ „Nein. 5 „Demohngeachtet haben Si ihr ihre Vergan⸗ heit geſagt.“ ei⸗„Die Vergangenheit eines Maͤdchens von ihrem Alter und ihrem Stande iſt nicht ſchwer zu erra⸗ 2 then. Waͤre es zum Beiſpiel die meinige, ſo duͤrfte es weniger leicht ſein.“ 6„Kurz, ſie iſt ganz erſtaunt von Ihnen ge⸗ gangen und hat einer Freundin von dieſem Be⸗ ſuche erzaͤhlt, welche morgen fruͤh ebenfalls zu nſt 3 ic Ihnen kommen wird.“ „Allein?“ 5„Nein, mit Der, welche Sie ſchon kennen und mit einer alten Gouvernante.“ 6„Nun?“ e„Sie ſollen dieſer nicht allein die Vergangen⸗ heit ſagen, ſondern Sie ſollen ihr die Zukunft pro⸗ en 6 phezeien.“ on„Ich werde ihr Alles ſagen, wonach ſie mich fragen wird.“ „Sie wird Sie ohne Zweifel uͤber ihre geheim⸗ ſten Gedanken fragen, denn ſie iſt aberglaͤubiſch und Sie werden ihr Vertrauen bald gewinnen.“ „Ich werde ihr die ganze Wahrheit ſagen.“ Heinrich blickte das Maͤdchen an, die von ihrer —— unfehlbarkeit eben ſo feſt uͤberzeugt zu ſein als die antike Sibylle. PDieſe junge Dame,“ ſagte er,„liebt Jeman⸗ den, der ſie ebenfalls liebt. Sie muͤſſen ihr ſagen, daß ſie Recht hat, dieſen Jemand zu lieben.“ „Und dieſer Jemand ſind Sie?“ „Vielleicht.“ „Ich werde ihr antworten, wie ſie mich fra⸗ gen wird; dies iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann.“ „Aber wie werde ich ihre Antworten erfahren?“ „Sie werden ſie danach fragen.“ „Sie wird ſie mir nicht ſagen, und doch moͤchte ich Zeuge ſein, wie ſie ſich benehmen wird, wenn ſie Sie wegen dieſer Liebe und wegen Deſſen, was ſie thun ſoll, befragen wird.“ „Es giebt ein Mittel dazu.“ „Welches?“ In dieſem Augenblice wurde die Thuͤr geoͤff⸗ net und ein großer, als Athlet gekleideter Mann, das heißt in fleiſchfarbenem Trikot und in einem Beinkleide von ſchwarzem Sammet, mit ſilbernen Franzen, ſagte mit heiſerer Stimme zu ſeiner Ge⸗ faͤhrtin: n, — „Was Teufel machſt Du denn hier?“ „Ich habe Geſchaͤfte, geh.“ „Aber die Vorſtellung?“ „Kuͤndige ſie nur an, Dummkopf; Du weißt wohl, daß der Zuſpruch nicht groß iſt.“ Der Rieſe ſchloß die Thuͤr und verſchwand. „Was fuͤr ein Mittel wiſſen Sie?« fragte Heinrich. „Es iſt ganz einfach. Sie kommen morgen fruher hierher, als dieſe junge Dame; ich verberge Sie in dieſem Kabinet, von wo aus Sie Alles hoͤren koͤnnen, und es bleibt dann Ihnen uͤberlaſ⸗ ſen, das Gehoͤrte zu benutzen.“ „Gut, ich werde kommen.“ „Ich erwarte Sie.“ In dem Augenblicke, als Caͤſarine die Thuͤr oͤffnete, um Heinrich hinauszulaſſen, druͤckte ihr dieſer zwei Goldſtuͤcke in die Hand. „Ich danke Ihnen,“ ſagte das Maͤdchen lächelnd. Zugleich warf ſie die beiden Napoleons in ein Kaͤſtchen, das ſie verſchloß und dann im Schubka⸗ ſten des Tiſches verbarg. Als Heinrich die Bude verließ, hatte ſich ſchon wieder ein Schwarm Neugieriger geſammelt, den die glaͤnzenden Verſprechungen des Herkules an⸗ lockten. Heinrich draͤngte ſich hindurch und kehrte nach Valgenceuſe zuruͤck. Er war ohngefaͤhr eine Stunde abweſ ge⸗ weſen. Als er ankam, war die Geſellſchaft in den Salon zuruͤckgekehrt und Juliette ſang zum Piano⸗ forte. Nach der unharmoniſchen Muſik, die er ge⸗ hoͤrt hatte, erſchien ihm die des jungen Mädchens wie eine himmliſche Melodie. Wir muͤſſen aller⸗ dings ſagen, daß Juliette eine liebliche, hinreißende 9 Stimme hatte, die indeſſen bei Heinrichs Eintritt ein wenig unſicher wurde. Er naͤherte ſich Frau von Beue und den ubrigen vier Perſonen, die wir ſchon kennen, und die in einem Winkel des Salons eine plaudernde Gruppe bildeten, waͤhrend ſie zugleich auf den Ge⸗ ſang Juliettens hoͤrten, die neben Cäcilien ſaß, welche, als Heinrich die Thuͤr oͤffnete, einen ver⸗ traulichen Blick mit ihr wechſelte. h — n Auch fing Juliette, als ſie geendigt hatte, keine neue Arie an, ſondern ließ ihre Finger mit ſo viel Geraͤuſch uͤber die Taſten laufen, daß Nie⸗ mand hoͤren konnte, was ſie zu Cäcilien ſagte. Die beiden jungen Maͤdchen fragten ſich, wo Der, welcher den ganzen Abend über der Gegen⸗ ſtand ihres Geſpraͤches geweſen, geweſen ſein mochte. Der Baron und ſeine Frau, der Graf und die Gräfin fuhren fort, ſich uͤber Politik zu unter⸗ halten und wuͤrzten ihr Geſpraͤch mit jenen kalten witzigen Bemerkungen, uͤber welche gebildete Per⸗ ſonen laͤcheln. Heinrich und Frau von Beauzee ſprachen be⸗ ſonders mit einander, und wie es ſchien, mußte der junge Mann ein Verhoͤr uͤber die Vermuthungen beſtehen, zu denen ſein Verſchwinden Veranlaſſung gegeben hatte. Die Fragen der Mutter Juliettens waren nichts als ein Umweg, um auf das Gebiet einer ernſten Unterhaltung zu kommen. Es war Frau von Beauzie nicht entgangen, daß Heinrich ihrer Tochter nicht, gleichgiltig war und daß ihre Toch⸗ ter dem jungen Manne gefiel. Als gute, ſorg⸗ ſame Mutter wollte ſie uͤber die Abſichten des jun⸗ gen Mannes Gewißheit haben. Deshalb hatte ſie ihn gebeten, den ganzen Abend bei ihr zu bleiben, in der Hoffnung, einen guͤnſtigen Augenblick zu fin⸗ den, um die gewuͤnſchte Erklärung von ihm zu erhalten. Sie war dieſem Ziele ſchon nahe gekommen, als ein Bedienter eintrat und ihr meldete, daß Herr Hector Grandin ſie zu ſprechen wuͤnſche. „Herr Hector Grandin iſt willkommen,⸗ ſagte Frau von Beauzee. Hector Grandin war der Sohn ihres Notars. Ein junger Mann in ſchwarzem Frack, ſchwar⸗ zen Beinkleidern, ſchwarzer Weſte und weißer Cra⸗ vatte erſchien hierauf, eine Papierrolle in der Hand haltend. Hector hatte ein ſanftes, gutmuͤthiges Geſicht, deſſen Zuge Aufrichtigkeit und Wohlwollen verrie⸗ then. Er war von mittler Groͤße und außeror⸗ dentlich ſchuͤchtern. Sein Benehmen hatte etwas Kleinſtaͤdtiſches und Steifes, eine Folge ſeiner Un⸗ bekanntſchaft mit der Welt und des officiellen Cha⸗ rakters, mit welchem er faſt immer bekleidet war, ſ ——— 6 t ſe ——— ſie n, zu n, aß ht, r⸗ as n a⸗ r, indem ihn ſein Vater mit der Beſorgung vieler Ge⸗ ſchaͤfte beauftragte, zu denen es ihm an Zeit fehlte. Hector war nicht huͤbſch, aber er war ein Menſch von gutem, biederem Charakter. Er war nicht geſchaffen, auf den erſten Blick Liebe einzu⸗ floͤßen, aber wenn man ihn naͤher kennen lernte, bekam man eine aufrichtige Zuneigung zu ihm. Frau von Beauzée, welche ſeine guten Sei⸗ ten erkannt hatte, begegnete ihm mit Wohlwollen. Als er ſah, daß Frau von Beauzée nicht allein war, kam er in Verlegenheit und war unſchluͤſſig, ob er nicht wieder umkehren ſollte. Er erroͤthete und wagte es nicht naͤher zu kommen. „Kommen Sie doch, lieber Herr Hector,“ ſagte die Frau vom Hauſe zu ihm, und erſt jetzt wurde er etwas dreiſter, ſchloß die Thuͤr, verbeugte ſich vor der Geſellſchaft und nachdem er einen ver⸗ ſtohlenen Blick nach Julietten geworfen, die ſich nicht einmal umgeſehen hatte, als ſein Name ge⸗ nannt wurde, nahm er an der Seite ihrer Mutter Platz. Heinrich benutzte dieſe Gelegenheit, um ſich Cäſarine. 3 —— Cäcilien und Julietten zu nähern und ſich mit ihnen zu unterhalten. „Was verſchafft mir das Vergnugen Ihres ſo ſpaͤten Beſuchs, lieber Herr Hector?“ fragte Frau von Beauzee freundlich.„Iſt dieſe dicke Pa⸗ pierrolle fur mich?“ „Ja, Madame,“ antwortete der junge Mann, „und da es noͤthig war, daß Sie dieſe Papiere vor morgen hatten, ſo habe ich mir erlaubt, ſie Ihnen dieſen Abend zu bringen. Ich wußte, daß heute Ihr Geſellſchaftstag iſt, und glaubte daher nicht unbeſcheiden zu ſein, wenn ich noch um zehn Uhr komme.“ „Sie ſind nie unbeſcheiden, lieber Herr Gran⸗ din. Was ſind dies fuͤr Papiere?“ „Es ſind die Documente, welche ſich auf die letzte Unterbringung Ihrer Gelder beziehen und wozu mein Vater neuer Vollmachten bedarf.“ Frau von Beauzée nahm die Papiere und blickte hinein. „Sie konnen Alles mit Bequemlichkeit durch⸗ ſehen, Madame,“ fuhr Hector fort;„ich werde die Ehre haben, es morgen wieder abzuholen.“ n, or en te ht hr die nd nd ch⸗ die — 5 „Gut.“ „Erlauben Sie mir, Fraͤulein Julietten mein Compliment zu machen?“ „Sehr gern, Herr Hector, gehen Sie zu ihr.“ Hector ſtand auf und näherte ſich Julietten, welche, um ihre Faſſung zu behalten, den Blick auf ihre Noten geheftet hatte, waͤhrend ſie mit Heinrich und mit Cäcilien ſprach. „Haben Sie ſich immer recht wohl befunden, mein Fräulein, ſeitdem ich nicht das Vergnuͤgen gehabt habe, Sie zu ſehen?“ fragte Hector erro⸗ thend und mit etwas bewegter Stimme. „O ja, Herr Grandin,“ erwiderte Juliette, indem ſie ſich auf ihrem Tabouret nach ihm um⸗ drehte;„Sie doch ebenfalls?“ „Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ ſagte der junge Mann, waͤhrend ſeine Augen auf Julietten ruhten; dann aber wußte er nichts mehr hinzu⸗ zufuͤgen. Waͤhrenddem betrachtete ihn Heinrich mit ſpöt⸗ tiſcher Miene. Hector, welcher dieſen Blick mehr errieth, als daß er ihn ſah, begriff, daß er nothwendig etwas 3 — 36— ſprechen mußte, denn Juliette beharrte in einem unbarmherzigen Stillſchweigen und ſchien, waͤhrend ſie ſich auf ihrem Seſſel hin und her wiegte, ſagen zu wollen: „Haben Sie uns nur deshalb in unſter Un⸗ terhaltung geſtoͤrt?“ „Es war heute ſehr ſchoͤnes Wetter,“ ſagte der junge Grandin endlich. „Es iſt wahr, der Abend war herrlich.“ „Sie ſind nicht in Senlis geweſen, mein Fraͤu⸗ lein 2* „Nein.“ „Sie ſangen, wie ich glaube, als ich eintrat?“ „Ich war eben fertig.“ „Und wollen Sie nicht wieder beginnen?“ „Nein, wir plauderten mit einander.“ „Und ich habe Sie wohl in Ihrer Unterhalung geſtort? Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung, mein Fraͤulein; aber ich wolite mich nicht gern wieder entfernen, ohne mich nach Ihrem Befinden erkundigt und ohne Sie meiner Hochachtung ver⸗ ſichert zu haben.“ Juliette verbeugte ſich ſchweigend. — 37— Cäcilie unterdruͤckte nur mit Muͤhe einen Lach⸗ reiz uͤber die Verlegenheit, in die ſich Hector ver⸗ ſetzt hatte. Heinrich trommelte leiſe auf dem Inſtrumente. Hector fuͤhlte, daß er uͤberfluͤſſig war und daß er nur noch lächerlicher wuͤrde, wenn er laͤnger bliebe. Er verbeugte ſich daher vor Julietten, kehrte noch einmal zu ihrer Mutter zuruͤck und verließ das Zimmer, indem er ſich an's Knie ſtieß, wor⸗ uͤber Cacilie ihr ſo lange unterdruͤcktes Geläͤchter endlich ausbrechen laſſen mußte. »Dieſer Herr iſt nicht ſehr unterhaltend,“ be⸗ merkte Heinrich. „Wie man es nimmt,“ verſetzte Cacilie. „Wir wollen nicht zu viel Uebles von ihm ſa⸗ gen,“ fiel Juliette ein,„denn meine Mutter iſt ihm ſehr gewogen.“ Waͤhrenddem hatte Hector Grandin das Schloß bereits wieder verlaſſen, und waͤhrend er nach den Jalouſieen des Salons blickte, durch welche das Licht ſchimmerte, rief er mit Thraͤnen in den Augen: „Ich liebe ſie mit aller Kraft meiner Seele, und ſie wird mich niemals lieben!« und mechaniſch kehrte er nach der Wohnung ſeines Vaters zuruck. Eine Stunde darauf nahmen die Gäſte der Frau von Beauzée Abſchied von ihr, und ſie ſagte zu Heinrich, welcher der letzte war: „Ich hätte dieſen Abend gern mit Ihnen ge⸗ ſprochen, aber wir haben keinen Augenblick fuͤr uns gehabt. Kommen Sie morgen im Laufe des Tages zu mir.“ Heinrich entfernte ſich, nachdem er verſpro⸗ chen hatte, ſich unfehlbar einzufinden, und Juliette rief Caͤcilien noch einmal zu: Vergiß nicht, morgen fruͤh vor neun Uhr!“ „Sei unbeſorgt, ich werde hier ſein, ehe Du biſt.“ s Herr von Ermenon ſich auf der Straße blieb er ohngefaͤhr auf der namlichen Stelle ſtehen, wo Hector kurz vorher geſtanden hatte, und ſagte zu ſich ſelbſt, waͤhrend er nach Juliettens Fenſtern blickte: „Sie iſt wirklich ein hubſches Maͤdchen, und es ſollte mich ſehr wundern, wenn ſie mich nicht liebte.“ e le e, 18 es III. Als Frau von Beauzte mit ihrer Tochter allein war, winkte ſie ihr, ſich neben ſie zu ſetzen und ſagte zu ihr, indem ſie ihre Hand ergriff: „Liebes Kind, ich habe etwas zu bemerken ge⸗ glaubt.“ „Was iſt's, liebe Mutter?“ entgegnete Ju⸗ liette, die aus dem erſten Blicke ihrer Mutter erra⸗ then hatte, daß von Dem die Rede ſein wuͤrde, was ihre Gedanken erjuͤllte. „Du biſt ſeit einiger Zeit nicht mehr die Naͤm⸗ liche.“ „Habe ich Dir in irgend einer Beziehung mißfallen?“ „Davon iſt nicht die Rede, Kind, das weißt Du recht gut; aber Du biſt nachdenkend, unruhig, kurz, Du verheimlichſt mir etwas.⸗ Juliette ſenkte die Augen und antwortete nicht. „Ich will daher ohne lange Umſchweife zur Sache kommen,“ fuhr Frau von Beauzée fort.„Du biſt in dem Alter, um Dich verheirathen zu koͤn⸗ nen; haſt Du zuweilen daran gedacht?“ „Ja, liebe Mutter,“ ſagte das ſchoͤne Mäd⸗ chen laͤchelnd. „Und was meinſt Du dazu?“ „Ich meine, daß es etwas Suͤßes und Hei⸗ liges iſt, denn ich habe Dich nur einmal tief be⸗ kuͤmmert geſehen, und dies war an dem Tage, als mein Vater ſtarb.“ „Es iſt wahr. Wenn nun alſo morgen ein Mann um Dich anhielte, wuͤrdeſt Du ihm eine gunſtige Antwort geben?“ „Das kommt darauf an.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß es Maͤnner giebt, die ich nicht haben moͤchte.“ bt, — „Dann giebt es alſo wohl einen, den Du annehmen wuͤrdeſt?“ Vielleicht.“ „Du biſt deſſen nicht gewiß?“ „Wenn Du mir nun Deine Einwilligung verſagteſt?“ „Warum ſollte ich dies thun, mein Kind, wenn dieſer Mann achtbar iſt, wenn er Dich liebt, wenn ſein Stand dem Deinigen angemeſſen iſt, kurz, wenn er alle Erforderniſſe eines Gatten be⸗ ſitzt?“ „Er beſitzt ſie ohne Zweifel.“ „Und wie heißt er?“ fragte Frau von Beauzée mit einem Lächeln, welches ſo viel bedeutete, daß ſie nur pro forma nach ſeinem Namen fragte und daß ſie ihn eben ſo gut als ihre Tochter wußte. Juliette blickte ihre Mutter unſchluͤſſig an. „Nunk“ „Nun, es iſt Herr von Ermenon. Doch,“ ſetzte Juliette raſch hinzu,„ich ſage nicht, daß ich ihn liebe, ſondern nur, daß er unter allen Män⸗ nern, die ich kenne, Derjenige iſt, welcher die Eigen⸗ ſchaften, die Du verlangſt, am beſten vereinigt« — „Aber glaubſt Du, daß er Dich liebt?“ „Ich glaube es.“ „Hat er es Dir vielleicht geſagt?“ „Nie, liebe Mutter.“ „Sehr gut. Er iſt indeß nicht der Einzige der Dich liebt.“ „Wie? noch ein Andrer?“ Sa „Wer denn?“ „Denke nach.“ „Ich weiß Keinen.“ „Hector Grandin.“ Juliette lachte laut auf. „Hector?« rief ſie aus.„Woher weißt Du das?“ „Ich habe es geſehen.“ „Ach, der arme Menſch! aber er iſt hoͤchſt langweilig und linkiſch. Ich hoffe doch, Du wirſt ihn mir nicht zum Manne geben wollen?“ „Das ſage ich nicht, aber ſeine Liebe zu Dir macht ihn ungluͤcklich. Ich habe ihn dieſen Abend beobachtet, der Liebesgram verzehrt ihn ſichtlich.“ e ſt rſt ir nd —— „Was kann ich dafuͤr? Ueberdies iſt er ja nur der Sohn Deines Notars.“ „Gleichviel, mein Kind, Herr Grandin iſt ein achtbarer Mann, er hat Vermögen und konnte eine Frau eben ſo gluͤcklich machen als irgend ein Ande⸗ rer. Wie alle jungen Maädchen laͤſſeſt Du Dich durch aͤußere Vorzuͤge blenden. Glaube meiner Erfahrung, liebes Kind, die huͤbſcheſten Männer ſind nicht die beſten Gatten. Ueberlege es Dir.“ „O, liebe Mutter!“ rief Juliette ein wenig verdrießlich,„as brauche ich nicht lange zu uber⸗ legen, Herr Hector wird nie mein Gatte!“ „Es iſt gut, wir wollen nicht weiter davon ſprechen. Du weißt, daß ich Deinem Vater auf ſeinem Sterbebette verſprochen habe, Dich nie zu zwingen und ſtets Deinen Willen zu thun, wenn dieſer weder Deinem Gluͤcke noch Deiner Zukunft nachtheilig werden kann, und ich werde mein Ver⸗ ſprechen halten, wie ich es bisher gehalten habe. Ich wollte nur dieſe Unterredung mit Dir haben, liebes Kind, denn Du haſt das Alter erreicht, um ſie zu verſtehen. Jetzt wollen wir die Sache ruhig abwarten, und wenn Du bemerkſt, daß Du Dich bei der getroffenen Wahl geirrt haſt, ſo ſage es mir aufrichtig. Viele Frauen ſind in der Ehe ungluͤck⸗ lich geworden, weil ſie nicht aufrichtig gegen ihre Muͤtter geweſen ſind. Alſo es bleibt dabei.“ „Ja, meine gute Mutter.“ „Gieb mir einen Kuß und geh' zu Bett, denn ich glaube, Du willſt morgen fruͤh aufſtehen, um eine Wahrſagerin zu beſuchen; war's nicht ſo?“ ſetzte Frau von Beauzee lachend hinzu. „Ich verſichere Dir, ſie iſt eine wirkliche Zaubre⸗ rin. Wenn Du alle die Wunderdinge die mir Caͤcilie erzaͤhlt hat!“ Du kleine Naͤrrin! Ueber welches große Ge⸗ heimniß willſt Du ſie denn befragen?“ „Wer weiß? ſie ſagt mir vielleicht, was ich in dem Punkte thun ſoll, von dem wir eben ge⸗ ſprochen haben.“ „Wie, Du willſt ihr ſo viel Vertrauen ſchen⸗ ken, ſie daruͤber um Rath zu fragen? „Wenn ich ſehe, daß ſie mir die Vergangen⸗ heit richtig ſagt, dann befrage ich ſie auch uͤber die Zukunft.“ „Sei vorſichtig.“ nir re „Trage keine Sorge.“ „Gute Nacht, mein Kind.“ „Gute Nacht, liebe Mutter.“ Frau von Beauzée kuͤßte ihre Tochter und ſchloß ſich dann in ihrem Zimmer ein, waͤhrend Juliette ſich nach dem ihrigen begab. Inzwiſchen war Hector zu Hauſe angekom⸗ men und hatte ſeinem Vater, der noch arbeitete, Bericht uͤber ſeinen Beſuch in Valgenceuſe abge⸗ ſtattet; dann ſetzte er ſich neben Herrn Grandin, ſtutzte den Kopf auf die Hand und ſprach kein Wort mehr. Der Vater ſchrieb noch eine Zeitlang weiter; dann richtete er mechaniſch die Augen auf ſeinen Sohn, und als er ihn ſo nachdenkend ſah, betrach⸗ tete er ihn erſt einige Augenblicke und ſagte dann: „Ich werde Dich nicht wieder zu Frau von Beauzeée ſchicken.“ „Warum nicht, lieber Vater?“ entgegnete der junge Mann faſt erſchrocken. „Weil Du jedes Mal, wenn Du dort gewe⸗ ſen biſt, traurig zuruͤckkommſt.“ — „Es iſt wahr,“ fluͤſterte Hector, indem er ſei⸗ nem Vater die Hand reichte, welcher hinzuſetzte: „Liebſt Du denn die Kleine ſo ſehr?“ „So will ich bei ihrer Mutter fuͤr Dich um ſie anhalten.“ Sie wird Dir eine abſchlagige Antwort geben.“ „Warum?“ „Weil ich keine hinreichend glänzende Partie fur ſie bin und ſie mich uberdies nicht liebt.“ „O, ſie wird Dich ſchon lieben! Und eine beſſere Partie duͤrfte Frau von Beauzeée ſchwerlich fur ſie finden. Ihr Vermoͤgen iſt ſehr zuſammen⸗ geſchmolzen, waͤhrend das unſrige taͤglich zunimmt. Wenn ſie die Papiere durchgeſehen hat, welche Du ihr dieſen Abend gebracht haſt, dann wird ſie ſehen, daß die Sache bedenklicher iſt als ſie glaubte und ich ſelbſt geglaubt hätte. Sei gutes Muthös, lieber Hector, Du weißt, daß mir kein Opfer zu groß iſt, um Deine Ruhe zu ſichern.“ „Ich weiß es, lieber Vater, aber ich moͤchte die Hand Juliettens nicht einer kalten Berechnung verdanken.“ 3 tie ine ich en⸗ nt. Du en, ind ber roß chte ing — „Dann mache ihr den Hof.“ „Das wage ich nicht; Sie wiſſen, wie ſchuch⸗ tern ich bin, und dann iſt beſtaͤndig ein Herr Hein⸗ rich von Ermenon auf dem Schloſſe, ein ſchoͤner, feiner junger Mann, der ihr tauſenderlei Schmei⸗ cheleien und Galanterieen ſagt und der ſie, ich bin feſt uͤberzeugt, endlich erobern wird.“ „Nun, dann troͤſteſt Du Dich und nimmſt eine Andere. An ſchoͤnen Maͤdchen fehlt es nicht in unſtem Departement, und wenn Du hier keine nach Deinem Geſchmack findeſt, ſo ſuchſt Du Dir eine in Paris. Muth, mein Sohn, graͤme Dich nicht ſo um ein Maͤdchen, die Du bald vergeſſen wirſt und von welcher Du nicht weißt, ob Du Dich nicht ſpaͤter einmal gluͤcklich ſchätzeſt, ſie nicht geheirathet zu haben. „Verſprichſt Du mir, in Zukunft nicht mehr ſo traurig zu ſein?“ „Ja, lieber Vater.“ „Wann ſollſt Du wieder nach Valgenceuſe kommen?“ „Morgen.“ „Um welche Zeit?* — 48— „Gegen Mittag.“ ſcheinlich nicht dort ſein, benutze die Gelegenheit und verſuche Dein Gluͤck. Wenn Deiner guten Mutter Jemand geſagt haͤtte, Du liebteſt ein Mäd⸗ chen und ſie liebte Dich nicht wieder, ſie wuͤrde es nimmer geglaubt haben, denn ſie kannte nichts Scho⸗ neres auf der Welt als Dich. Jetzt geh' zu Bett und quäle Dich nicht mit boͤſen Träumen. Du biſt jung und geſund, Dein Vater hat Dich lieb und Du beſitzeſt ein anſtändiges Vermoͤgen, alſo kannſt Du Philoſoph ſein.“ Vater und Sohn umarmten ſich, und Hector ging zur Ruhe. Herr Grandin legte ſeine Papiere in Ordnung, verſchloß ſein Schreibpult, putzte ſeine Brille und „Herr von Ermenon wird zu dieſer Zeit wahr⸗ ſteckte ſie in ihr Futteral, begab ſich dann in ſein Zimmer und legte ſich zur Ruhe, waͤhrend er an ſeinen Sohn dachte und das untruͤgliche Mittel ſuchte, die Hand des Fraͤuleins von Beauzee fuͤr. ihn zu erlangen, das er noch nicht gefunden hatte, als er eingeſchlafen war. Heinrich von Ermenon kehrte ebenfalls nach ng, nd ſein ttel fuͤr. tte. ach Senlis zuruͤck und als er vor einem kleinen, zwei Stock hohen Hauſe in der Hauptſtraße, dem Gaſt⸗ hofe zum„goldenen Hirſch“ gegenuͤber ankam, blieb er ſtehen, nahm einen Schluſſel aus der Taſche, offnete die Thuͤr, verſchloß ſie wieder, nahm dann ein fuͤr ihn bereit ſtehendes brennendes Licht und ſtieg die ſchmale Treppe im Hintergrunde der Haus⸗ flur hinauf. Als er in der erſten Etage anlangte, rief ihm eine Stimme zu: „Biſt Du es, Heinrich?“ „Ja, lieber Oheim.“ „Komm doch einen Augenblick zu mir herein.“ Heinrich oͤffnete eine Thuͤr, an welcher der Schluſſel ſteckte, und trat in das Zimmer ſeines Oheims, des Herrn Gabriel von Ermenon. Dieſer lag im Bett und las vielleicht zum hundertſten Male„das Sopha“ von Crebillon Sohn, ſeinem Lieblingsſchriftſteller. Er war mager wie Don Quixote, ſeine gelbe Haut war matt wie Wachs und glaͤnzend wie Elfenbein. Seine Haͤnde waren ebenfalls mager, aber weiß und Herr Gabriel von Ermenon Cäſarine. 4 — war unter dem Kaiſerreiche und der Reſtauration ein ſchoͤner Mann geweſen. Waͤhrend der Revo⸗ lution hatte er auswandern muͤſſen, denn ſein ſtar⸗ rer Ariſtokratismus war bekannt und haͤtte ihm leicht boſes Spiel bereiten koͤnnen. Der Kaiſer hatte ihm einen Theil ſeines Vermoͤgens wiederer⸗ ſtattet und Herr von Ermenon war ihm dafuͤr ſtets auf ſeine Weiſe dankbar; ſo ſagte er oft, wenn er vom Kaiſer ſprach: „Ich verſichere Ihnen, dieſer kleine Bonaparte hatte doch auch ſeine guten Seiten.“ Herr von Ermenon hatte ſeinen juͤngeren Bru⸗ der verloren, als Heinrich kaum vier Jahre zaͤhlte und war zu deſſen Vormund eingeſetzt worden. Sein Vorname Gabriel ruͤhrte von ſeiner Mutter, einer frommen und gottesfurchtigen Frau her, welche lange Zeit kinderlos geblieben war, daher oft den Engel der Heimſuchung, Gabriel, angeru⸗ fen, und gelobt hatte, dem erſten Kinde, das ſie gebahren wuͤrde, den Namen des goͤttlichen Ver⸗ kundigers zu geben. Als Knabe hatte ihm dieſer Name vortrefflich geſtanden, denn er war blond und rothwangig, mit Einem Worte huͤbſch; ſo er, ond — lange er ein junger Mann war, hatte der Name den Frauen gefallen, denn er paßte ſehr gut zu ſei⸗ nem ſentimentalen Weſen, ſeinem blonden Schnurr⸗ barte und ſeinen blauen Augen; aber als die Haare grau geworden, als ſeine Haut in Folge der Aus⸗ ſchweifungen aller Art, denen ſich der ſchoͤne Gabriel hingab, eine Bleifarbe annahm, da wurde dieſer Name ein Hohn und man konnte ihn nicht aus⸗ ſprechen hoͤren, ohne beim Anblick des Geſchoͤpfes, das ihn trug, zu laͤcheln. Der Oheim hatte ſich jedoch dadurch nicht irre machen laſſen. Er legte großen Werth auf ſeinen Taufnamen, der ihn an ſo viele galante Abenteuer und Heldenthaten errinnerte, ſo daß er alles Moͤg⸗ liche aufbot, um demſelben noch immer Ehre zu machen. Er faͤrbte ſich das Haar, trug falſche Zaͤhne, uberſchuttete ſich mit Parfuͤmerieen und be⸗ deckte ſein Geſicht mit Pomaden und Salben, durch welche Mittel er ganz das Anſehen einer einbalſa⸗ mirten Mumie erhielt. Er kleidete ſich mit ausgeſuchter Eleganz und glaubte noch immer die hunderttauſend Livres Rente zu beſitzen, welche er fruher hatte; in Folge deſſe „ 4 55— ſpielte er hoch, hielt ſich Pferde und verzehrte theil⸗ weis ſein Kapital. Man wird fragen, warum er in Senlis wohnte und beſonders warum Heinrich ebendaſelbſt bei ihm wohnte. Man ſoll den Grund in zwei Worten erfahren. In Paris war Herr Gabriel von Ermenon nur einer der Lacherlichſten unter den Laͤcherlichen. In der Provinz aber war er der Einzige ſeines Schlages und genoß natuͤrlich einer gewiſſen Be⸗ ruͤhmtheit. In Paris wollen die Frauen nichts mehr von ihm wiſſen, in der Provinz aber gab es noch alte Koketten, die ihn fur gefaͤhrlich hielten und denen er bei einer Partie Trictrac das Knie druͤckte; in Paris konnte er mit den achttauſend Franken Rente, die ihm uͤbrig blieben, als er es verließ, keine Figur ſpielen; in der Provinz dage⸗ gen konnte er ſich noch, wenn er ſein Geld geſchickt verzehrte, den Ruf eines reichen und verſchwenderi⸗ ſchen Mannes verſchaffen. Endlich hatte er Senlis deshalb zu ſeinem Aufenthaltsorte gewaählt, weil die Marquiſe von D daſelbſt wohnte, eine Frau von neunundvier⸗ —* 5 S S 65 6 N— X — zig Jahren, welche dem alten Gabriel noch immer ſehr geneigt war, was ihm große Ehre machte, denn viele junge Maͤnner aus der Stadt bewarben ſich um ihre Gunſt. Heinrich, der die Fehler und ſelbſt die Laſter ſeines Oheims kannte, lebte dennoch bei ihm, weil er von ihm erzogen worden war und daher eine aufrichtige Freundſchaft fuͤr ihn hegte. Er ver⸗ dankte Herrn Gabriel eine etwas voltairiſche Er⸗ ziehung und ziemlich lockere Grundſaͤtze; allein er konnte die Beweiſe wahrer Zuneigung nicht ver⸗ geſſen, die ihm ſein Oheim gegeben hatte und wollte es ihm daher nicht abſchlagen, bei ihm in Senlis zu wohnen, um ſo weniger, als Frau von Beauzie acht Monate des Jahres in Valgenceuſe wohnte und eine reizende Tochter hatte, die wir kennen und in welche ſich Heinrich alsbald verliebte. IV. Die Wohnung des Herrn Gabriel von Erme⸗ non ſtimmte uͤbrigens ganz mit ſeinem Charakter uberein. Man brauchte den alten Gecken gar nicht zu ſehen, um ihn ſogleich beim Eintritt in ſein Zimmer zu erkennen. Alles darin erinnerte in der That an die Gewohnheiten einer alten Kokette. Die Waͤnde waren mit blauer Seide ausgeſchlagen, welche noch immer von den Bedienten des Barons in gutem Stande erhalten wurden, obgleich ſie an manchen Stellen etwas zu glaͤnzen begannen. Am Fuße des Bettes befand ſich ein Spiegel mit einem Rahmen von gefaͤlteter Seide, welcher durch Orna⸗ mente von Paliſſanderholz befeſtigt war. Die Vor⸗ — haͤnge waren von gleichem Stoffe wie die Tapete. Ein Sopha, zwei Lehnſtuͤhle und ein großes Koh⸗ lenbecken bildeten nebſt einem Tiſche von Roſen⸗ holz das Meublement dieſes Zimmers. Neben dem Spiegel hing ein weibliches Portrait in einem Rah⸗ men von violettem Sammt. An den Wänden erblickte man Etageren mit Figuren von Meißner Porzellain und Taſſen von Sevres. Eine Biblio⸗ thek von hoͤchſtens hundertfunfzig Baͤnden, enthielt die Werke von Parny, Voltaire, dem Chevalier von Boufflers, Grecourt, die Erzaͤhlungen von Lafontaine und Crebillon Sohn. Man denke ſich dazu einen durchdringenden Ambrageruch, einen Teppich auf dem Fußboden, zerſtreut umherliegende offene Briefe auf dem Kamin, eine gewiſſe affectirte Unordnung im Uebrigen, und man hat ein treues Bild von dem Zimmer, in welches Heinrich von Ermenon eingetreten war. 5 Der alte Baron lag, wie ſchon geſagt, im Bett. Er hatte ein ſeidenes Tuch um den Kopf ge⸗ bunden und trug ein weites Zatiſhend mit ge⸗ faͤlteten Manſchetten. —— Das Geſicht des Barons hatte einen gutmu⸗ thigen Ausdruck. Es war der Typus eines ver⸗ bluͤhten Schwelgers. Hätte dieſer Mann ſein Alter nicht verheimlichen wollen und ſich den Erforder⸗ niſſen deſſelben unterworfen, ſo wuͤrde er ein geiſt⸗ reicher und liebenswuͤrdiger Greis geweſen ſein, denn er beſaß ein feines Benehmen, hatte eine vor⸗ treffliche Erziehung genoſſen und war ein originel⸗ ler Kopf. 3 „Du kamſt herauf, ohne einen guten Abend zu ſagen?“ begann Herr von Ermenon, als ſein Neffe bei ihm eintrat. „Ich glaubte Sie ſchliefen ſchon, lieber Oheim.“ „Du weißt recht gut, daß ich nie vor Ein Uhr Morgens einſchlafe. Was bringſt Du mir Neues mit?“ „Nichts, lieber Oheim.“ „Wie befindet ſich Frau von Beauzée?“ „Ganz wohl und ſie hat es ſehr bedauert, daß Sie dieſen Abend nicht zu ihr gekommen ſind.“ „Du haſt ihr doch geſagt, daß ich eine Ein⸗ ladung hatte, die ich nicht ausſchlagen konnte?“ „Allerdings.“ . . ———.— 5— „Und ihre Tochter?“ „Iſt wie immer liebenswuͤrdig.“ „Und Du?“ „Ich liebe ſie noch immer.“ „Setze Dich doch ein wenig auf mein Bett und laß uns weiter daruͤber ſprechen.“ Der junge Mann legte ſeinen Hut auf das Sopha und ſetzte ſich dann auf das Bett des Barons. „Hat die Mutter mit Dir geſprochen?“ fragte dieſer. „Nein.“ „Sie hatte mir indeß geſagt, ſie wollte mit Dir ſprechen.“ „Wegen Julietten?“ „Ja wohl.“ „Sie aͤußerte in der That gegen mich, daß ſie etwas mit mir zu ſprechen habe, was ſie mir heute in Gegenwart der anweſenden Geſellſchaft nicht habe ſagen koͤnnen. Weiß ſie es, daß ich ihre Toch⸗ ter liebe?“ „Ja,“ erwiderte der Baron mit boshaftem Lacheln. — „Wer hat es ihr geſagt?“ „Ich. „Und warum haben Sie das gethan, lieber Oheim?“ „Weil ſie es fruͤher oder ſpaͤter doch erfahren mußte und weil es Zeit wird, daß Du heiratheſt, ſowohl um Deinetwillen als um meinetwillen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Mein lieber Heinrich, unſere Angelegenheiten ſtehen ſehr ſchlecht. Ich hatte, wie Du weißt, nur ſechstauſend Livres Renten und Du heatteſt nicht mehr als zehntauſend. Zum Gluͤck war ich Dein Vormund. Die Folge davon iſt, daß ich mich aufgeopfert habe, daß meine ſechstauſend Livres Renten nicht mehr exiſtiren und daß Deine zehn⸗ tauſend ſchon ſehr zuſammengeſchmolzen ſind.“ Wie konent das? ich habe nie einen Sou auf das Kapital geborgt.“ „Ja, aber ich habe dies gethan.“ „Alſo fuͤr Sich ſelbſt.“ „Natürlich fuͤr mich. Dieſe Marquiſe von D' wuͤrde eine Gallione verſchlingen.“ „Lieber Oheim, wenn ich gewußt haͤtte, daß er en ſt, ur cht ein res auf von daß die Vollmachten, welche Sie immer von mir ver⸗ langten, dazu dienen ſollten, Geld in meinem Na⸗ men aufzunehmen und es der Marquiſe von D'“ zu geben, ſo wuͤrde ich Ihnen dieſe Vollmachten verweigert haben. Ich habe durchaus keine Ver⸗ anlaſſung, dieſe Dame zu unterhalten.“ „Lumpige ſechzigtauſend Franken!'s iſt nicht der Rede werth.“ „Sechzigtauſend Franken ſind mehr als das Viertel von einem Vermoͤgen von zweihunderttau⸗ ſend Franken, und wenn wir annehmen, daß Sie ſo fortfahren, dann bin ich in weniger als drei Jahren ruinirt. Ich habe Ihnen oft geſagt, daß ich Sie liebe und achte und daß ich mich hoͤchſt ungern mit Ihnen entzweien wuͤrde, aber wenn Sie bei Ihrer Verſchwendung beharren, ſo kommt es noch dahin. Sie haben nicht die Mittel, ein ſolches Leben fortzufuͤhren. Alſo fuͤgen Sie ſich der Nothwendigkeit; wenn Frau von Beauzee erfuͤhre, wie es mit uns ſteht, ſo wuͤrde ſie mir ihre Tochter verweigern, und ich habe nicht Luſt, um der Marquiſe von D““ willen lebenslang un⸗ gluͤcklich zu werden.“ — Der Baron neigte das Geſicht auf ſein Buch herab und antwortete nicht. „Zurnen Sie mir nicht wegen deſſen⸗ was ich denken Sie nur ſelbſt ein wenig daruber nach. Die Ihnen ſage,“ fuhr der junge Mann fort,„aber Marquiſe von D' iſt funfundvierzig Jahr alt, und ſowohl ſie als ihr Herr Gemahl leben auf Ihre Koſten. Sie ruiniren ſich nicht allein, ſondern Sie ſpielen eine hoͤchſt laͤcherliche Rolle. Eine Frau, die einen vierundzwanzigjaͤhrigen Sohn hat, der als Unterleutnant in Afrika dient!“ „Die Marquiſe hat eine aufrichtige Zuneigung zu mir,“ verſetzte Onkel Gabriel. „Sie macht ſich uber Sie luſtig.“ Der Baron richtete den Kopf empor, doch beſaß er Takt genug, nichts darauf zu erwidern. „Ich muß Dir geſtehen,“ ſagte er,„Haß ich nicht erwartete, Vorwuͤrfe von Dir wegen einer ſolchen Kleinigkeit zu hoͤren; ich habe in meinem Leben eine Million verzehrt, meine Freunde haben ein gutes Viertel davon durchgebracht, aber nie⸗ mals habe ich ihnen nur den hundertſten Theil von d ) e er ie nd hre ern au, der ng ch iner nem ben ich dem geſagt, was Du mir ſagſt. Ich werde Dir Deine ſechzigtauſend Franken zuruͤckzahlen.“ „Womit?“ „Mit meinem Gute in Burgund.“ „Das iſt verſchuldet, mit Beſchlag belegt, was weiß ich Alles.“ „Ich werde Alles verkaufen, was ich noch beſitze.“ „Sie wiſſen recht gut, lieber Oheim, daß ich dies nicht von Ihnen verlange. Wenn Sie jetzt einhalten, ſo iſt das Ungluͤck leicht wieder gut zu machen; aber Siekoͤnnen ſich jetzt nicht mehr andern und mir iſt vor der Zukunft bange, denn wenn wir die mir noch uͤbrig bleibenden hundertfunfzig⸗ tauſend Franken verzehrt haben, was ſollen wir dann anfangen?“ „Dann ralliiren wir uns mit der juͤngeren Linie.“ „Lieber Oheim,“ ſagte Heinrich mit einem ge⸗ ringſchaͤtzigen Laͤcheln,„iſt denn Ihre Meinung eine Waare?“ „Warum nicht, in einem Augenblicke der Be⸗ drangniß?“ — 62— Der junge Mann nahm ſeinen Hut. „Wohin willſt Du?« fragte Herr von Er⸗ menon. „Ich will zu Bett gehen.“ „Warum?“ „Weil Sie Luſt zu ſchlafen haben. Sie wiſ⸗ ſen nicht mehr, was Sie ſprechen.“ „Ich ſehe ein, daß ich Unrecht habe,“ verſetzte der Oheim,„gieb mir die Hand und kein Wort mehr davon; Du weißt wohl, daß ich nicht thun werde, was ich eben ſagte. Ich bin nun einmal verliebt in die Marquiſe, aber ich verſpreche Dir, mich einzuſchraͤnken.“ Heinrich reichte ihm die Hand, denn im Grunde liebte er den Oheim herzlich. „Bedenken Sie,“ ſagte er dann,„Haß wir mit den mir noch bleibenden ſieben- bis achttau⸗ ſend Franken Renten nicht unſer Haus und auch das der Marquiſe von D'unterhalten koͤnnen.“ „Du haſt Recht. Doch kommen wir auf Deine Heirath zuruͤck; Du liebſt alſo die Kleine?“ „Sehr.“ „Und ſie liebt Dich wieder?“ — — N iſ⸗ tzte ort nal ir, wir au⸗ auf e „Ich glaube es.“ „Dann wird die Sache ganz von ſelbſt gehen.“ „Wer weiß!“ „Nichts kann Dir in den Weg treten.“ „Ihre Verſchwendung vielleicht.“ „Mein Gott, Jugend muß austoben.“ „Beziehen Sie das auf ſich ſelbſt?“ „Ja wohl.“ Heinrich konnte ſich eines Lächelns nicht ent⸗ halten. „Juliette wird ſtolz auf Dich ſein,“ ſprach der Oheim weiter.„Die Ermenon ſind eine alte Fa⸗ milie; gewiß ein ſchoͤner Name!“ „Allerdings, aber eine Unbeſonnenheit iſt hin⸗ reichend, daß mir ihre Hand verweigert wird. Ich habe einen Mitbewerber.“ Wer iſt es?“ „Hector Grandin.“ „Der Sohn des Notars2“ „Der Naͤmliche.“ „Ein erbaͤrmlicher Federfuchſer der Nebenbuh⸗ ler eines Ermenon! Du traͤumſt!“ — 64— „Kann ſein, aber dieſer Federfuchſer bekommt mit der Zeit ſeine vierzigtauſend Livres Renten.“ „Das macht die Kleine nicht irre, wenn ſie Dich liebt. Uebrigens hat ſie auch ihre dreißigtau⸗ ſend.“ „Es wird allerdings keinen Einfluß auf die Tochter haben, aber es iſt der Mutter vielleicht nicht gleichgiltig; dies um ſo mehr. „Nun? was?“ „Um ſo mehr, da alle Notare ſich gegenſeitig kennen und mit einander in Geſchaͤftsverbindung ſtehen, und wenn der Ihrige indiscret iſt, ſo wird Herr Grandin ſeine Indiscretion zum Vortheil ſei⸗ nes Sohnes benutzen.“ Woher weißt Duuͤbrigens, daß S Fräu⸗ lein von Beauzeée liebt?“ „Ich habe es deutlich genug mit meinen Augen geſehen.“ „Nun, wenn die Mutter Dir eine abſchlaͤ⸗ gige Antwort giebt, ſo wendeſt Du Dich an die Tochter.“ „Was meinen Sie damit?“ „Du liebſt ſie und ſie liebt Dich wieder?“ — en ie — „Ja.“ „Die Mutter verweigert Dir ihre Hand, Du kannſt nicht ohne ſie leben, Du entfuͤhrſt ſie und die Mutter iſt dann wohl gezwungen, ſie Dir zu geben.“ „Ein ſehr romanhaftes Mittel!“ „Mag ſein, aber auf dieſe Art habe ich meine erſte Frau auch bekommen. Allerdings nahm ich dieſe nicht wegen ihres Vermoͤgens, denn ſie erhielt nach dem Tode ihrer Mutter nicht mehr als ſech⸗ zigtauſend Livres.“ „Jedenfalls iſt es beſſer, lieber Oheim, wir ſorgen dafuͤr, daß mir ihre Hand nicht verweigert wird.“ „Daruͤber ſind wir einverſtanden. Und wenn Du verheirathet biſt, behaͤltſt Du mich bei Dir.“ „Das verſteht ſich; Sie wiſſen ja, daß ich nicht ohne Sie leben kann.“ „Daran thuſt Du ſehr Recht. Ich werde Dir gute Rathſchlaͤge geben.“ nIch rechne darauf. Gute Nacht, lieber Oheim.⸗ „Du willſt ſchon ſchlafen gehen?“ „Es iſt zwoͤlf Uhr.⸗ Cäſarine. 5 * „Bleib' doch noch einige Augenblicke.“ Nein, ich muß morgen ſehr fruͤh ausgehen.“ „Wohin?“ „Das iſt ein Geheimniß.“ Heinrich umarmte ſeinen Oheim mit kindlicher Zärtlichkeit und verließ ſein Schlafzimmer, nach⸗ dem er ihm nochmals gute Nacht gewuͤnſcht hatte. „Er iſt ein alter Narr, hat aber ein gutes Herz,“ ſagte der junge Mann, waͤhrend er in ſein Zimmer ging. „Er iſt ein guter Junge,“ dachte der Oheim, als er wieder allein war,„aber er verſteht nicht zu leben. Doch gleichviel, es iſt gut, daß ich nur ſechzigtauſend Franken geſagt habe.“ Der Baron konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, was fur ein Ge⸗ ſicht ſein Neffe gemacht haben wuͤrde, wenn er die ganze Wahrheit erfahren hätte. ——— S m, cht ur cht Se⸗ V. Am folgenden Morgen um ſechs Uhr war Heinrich ſchon aufgeſtanden. Die Sonne warf ihre glänzenden Strahlen in ſein Schlafzimmer, denn um fruͤh zu erwachen, hatte er ſeine Jalou⸗ ſieen nicht verſchloſſen. Der junge Mann oͤffnete das Fenſter und ſchlurfte die aus dem Garten emporſteigende balſa⸗ miſche Fruhlingsluft. Die Natur erwachte mit neuen Geſaͤngen und neuen Wohlgerüchen. So erwacht ſie ſtets fuͤr denen ein Glüͤck hevorſteht. Von ſeinem Fenſter aus konnte Heinrich den Platz uberſehen, wo das Volköfeſt gehalten wurde; er war zu dieſer fruhen Stunde gaͤnzlich verodet. 5* — 68— Da er indeſſen wußte, daß Juliette ungedul⸗ dig ſein wuͤrde, die Wahrſagerin zu horen, ſo klei⸗ dete er ſich an und ging nach der Bude Caͤſarinens. Als er eintrat, ſtellte dieſe eben einen Tiſch mit Stuͤhlen in den Raum zwiſchen den fuͤr die Zuſchauer beſtimmten Baͤnken und der Schaubuͤhne, auf welcher Mademoiſelle Cäſarine ihre Kunſiſtuͤcke producirte. „Sie ſehen, daß ich Sie erwartete,“ ſagte ſie zu Heinrich; dann rief ſie: „Bourdaloue!“ Der uns ſchon bekannte Herkules erſchien ſo⸗ gleich, in der einen Hand ein Stuͤck Brot und Fleiſch, in der andern ein Meſſer haltend. Er trug eine Art Schlafrock von Kattun, der beſtimmt war, ſein fleiſchfarbenes Tricot zu beſchuͤtzen. „Du ſtellſt Dich auf die Eſtrade, und wenn Du zwei junge Madchen und eine altere Dame kommen ſiehſt— nicht wahr, ſo iſt's richtig?“ fragte Caͤſarine, indem ſie Heinrich anblickte, der bejahend mit dem Kopfe nickte;—„wenn Du alſo, ſage ich, zwei junge Maͤdchen und eine ältere Dame auf die Bude zukommen ſiehſt, ſo giebſt F d 19 nt un mne er Du ere bſt — 60— Du uns ſogleich Nachricht davon. Haſt Du mich verſtanden?“ „Ja, aber ich daͤchte...“ „Marſch, keine Bemerkungen!“ Der Rieſe gehorchte ſeiner Kameradin, und, gemaͤchlich ſein Fruͤhſtuck verzehrend, trat er hinaus vor die Bude, um Acht zu geben. „Warum nennen Sie dieſen Mann Bourda⸗ loue?“ fragte Heinrich die Wahrſagerin, als er mit ihr allein war. „Der Alte hat ihn ſo getauft.“ „Wer iſt das, der Alte?“ „Es war der Director der Truppe. Er iſt todt.“ „Und warum nannte er den Mann Bour⸗ daloue?“ „Weil Alcides beſtäͤndig raiſonnirte, ſo ſagte der Alte immer zu ihm: Du rraiſonnirſt wie Bourdaloue; ſo hat er den Namen zuletzt be⸗ halten. Dann aber hatte es auch noch einen andren Grund.“ „Welchen?“ „Alcides ſchlaͤfert mich ein oder magnetiſirt mich, wie Sie wollen, wenn Leute zu mir kom⸗ men, um ſich von mir wahrſagen zu laſſen, und wie es ſcheint, ſchläͤferte jener Bourdaloue Jeder⸗ mann ein.⸗ „Der Alte war alſo ein Spaßvogel?“ „Ja wohl, und was fuͤr einer!“ „Und er hat Ihnen die Wiſſenſchaft des Wahr⸗ ſagens gelehrt?“ „Wie hatte er ſie denn gelernt?“ „Aus dicken Buͤchern, die er immer las und von denen ich kein Wort verſtand.“ „Er war alſo gelehrt?“ „Sehr gelehrt. Sie moͤgen es mir glauben oder nicht, aber es gab Tage, wo ich glaubte, er ſei der Teufel. Als er mir zum erſten Male zeigte, was ich dem Fraͤulein jetzt zeigen will, wurde ich ohnmaͤchtig, und ich fuͤrchte mich gewiß nicht ſo leicht.“ „Es hat doch keine Gefahr fuͤr die junge Dame? ſtehen Sie mir dafuͤr?“ fragte Heinrich. „Seien Sie ganz außer Sorge.“ In dieſem Augenblicke hob Bourdaloue die Leinwand am Eingange empor und rief mit ſeiner heiſeren Stimme: „Sie kommen!“ „Knoͤpfe Deinen Schlafrock zu und fuͤhre ſie hoͤflich ein, wenn Du kannſt,“ ſagte Caͤſarine. „Und Sie,“ ſprach ſie weiter zu Heinrich,„gehen Sie da hinein.“ Zu gleicher Zeit oͤffnete ſie die Thuͤr des klei⸗ nen Kabinets, in welchem ſie am vorhergehenden Abende mit dem jungen Manne geſprochen hatte, und praͤſentirte ihm einen Stuhl, auf den er ſich ſogleich niederließ. „Hoͤren Sie meine Stimme?“ fragte Cäſarine, als Heinrich die Thuͤr des Kabinets verſchloſſen hatte. „Sehr gut,“ antwortete dieſer. „Still! da ſind ſie.“ Die beiden jungen Maͤdchen und die alte Jo⸗ hanna traten in der That, von Bourdaloue einge⸗ fuͤhrt, in die Bude. Caͤſarine ging ihnen entgegen. „Was wuͤnſchen Sie, meine Damen?“ ſagte ſie mit ihrer ſanfteſten Stimme zu ihnen. Juliette blickte Cäcilien an, denn ſie ſchaͤmte ſich, der Zaubrerin zu ſagen, was ſie bei ihr wollte. „Erkennen Sie mich nicht?“ fragte Cäcilie dieſe. „O ja, mein Fraͤulein, Sie waren neulich ſchon bei mir.“. „Ganz recht, und heute will dieſe junge Dame Sie um Rath fragen.“ „Sie ſind alſo zufrieden mit mir geweſen?“ „Ich bin mehr als zufrieden geweſen, Sie haben mich in das hoͤchſte Erſtaunen verſetzt.“ Juliette blickte verwundert umher. „Mein Fraͤulein,“ ſagte jetzt Cäſarine zu Ju⸗ lietten, nachdem ſie ihre drei Beſucherinnen hatte Platz nehmen laſſen,„haben Sie ſich ſchon zuwei⸗ len von Zigeunerinnen wahrſagen laſſen?“ „Noch nie.“ „Glauben Sie an das zweite Geſicht, glauben Sie an die Moͤglichkeit, das Schickſal vorherzuſa⸗ gen und in der Zukunft zu leſen?“ Juliette antwortete nicht. „Sie zweifeln alſo?“ „Ein wenig,“ erwiderte das junge Maͤdchen laͤchelnd. „Zweifeln Sie an ſich ſelbſt?“ „Wie meinen Sie das?“ „Ich meine, ob Sie auch dann noch zweifeln werden, wenn ich Sie ſelbſt in die Zukunft und in die Vergangenheit blicken laſſe?“ „Nein, aber ich fuͤrchte, dies wird Ihnen nicht gelingen,“ verſetzte Juliette, die nach und nach etwas dreiſter wurde. „Wir wollen es verſuchen. Bourdaloue!“ Der Kuͤnſtler erſchien, ernſt und gravitätiſch, wie immer. „Bringe mir eine Flaſche Waſſer und ein Glas.“ Alcides gehorchte und ſtellte das Verlangte auf den Tiſch; dann wartete er. „Du kannſt gehen,“ ſagte Caͤſarine zu ihm. Der Akrobat entfernte ſich und der einige Augenblicke nachher ſich in der Bude verbreitende Tabaksgeruch bewies, daß er ſich eine Pfeife ange⸗ zuͤndet hatte. Cäſarine nahm das Glas und fuͤllte es mit Waſſer. „Sie ſehen, das iſt reines Waſſer,“ ſagte ſie zu Julietten. Fa „Ueberdies kann Ihnen das Fraäulein, mit der ich dieſes Experiment gemacht habe, ſagen, daß es hoͤchſt einfach iſt.“ „Es iſt wahr,“ erwiderte Cacilie. Fuͤrchten Sie ſich nicht?“ fragte Caͤſarine. „Vor was denn?“ „Vor dem Geheimnißvollen. Sie werden merkwuͤrdige Dinge ſehen, ſo merkwuͤrdig, daß Sie vielleicht ſelbſt nicht glauben werden, ſie geſehen zu haben.“ „Ich werde mich nicht furchten,“ entgegnete Juliette mit unglaͤubigem Lächeln. „Sie glauben wahrſcheinlich, daß ich alle dieſe Details vorausſchicke, um auf Sie einzuwirken. Sie irren ſich, es iſt durchaus kein Charlatanismus in dem, was ich thun werde. Ich geſtehe, daß ich es thue, ohne es ſelbſt erkläͤren zu koͤnnen; es iſt Zauberei aus Unwiſſenhe it“ e n u te ſe 15 ich iſt Wahrend Caͤſarine dies ſprach, ſtellte ſie das Glas Waſſer vor Julietten und ſagte dann: „Blicken Sie aufmerkſam in dieſes Glas und ſagen Sie mir, was Sie darin ſehen.“ Zu gleicher Zeit richtete ſie ſelbſt ihre Augen auf das im Glaſe befindliche Waſſer. Juliette verſuchte ernſthaft zu bleiben, aber es gelang ihr nicht, und als ſie Caͤcilien verſtohlen anblickte, brach ſie in lautes Lachen aus. „Lachen Sie, mein Fraͤulein,“ ſagte Caäſarine, „ſo fangt es immer an. Wollen Sie jetzt ſehen?“ Juliette bezwang ſich und blickte in die Oeff⸗ nung des Glaſes. „Was ſehen Sie?« fragte Caͤſarine, deren weit geoffnete Augen mit einem ſonderbaren Ausdrucke auf dem Waſſer ruhten. „Ich ſehe nichts.“ „Blicken Sie aufmerkſam hinein.“ „Ah!“ rief Juliette, nachdem ſie das Waſſer einen Augenblick genauer betrachtet hatte,„das Waſ⸗ ſer veraͤndert die Farbe! es ſieht aus wie ein fluͤſ⸗ ſiger Opal.“ „Sehr gut. Und dann?“ — 6 „Dann ſcheint es ein wenig zu kochen.“ „Ganz recht. Was ſehen Sie darin?“ „Das iſt merkwuͤrdig; ich ſehe Baͤume und ein Haus.“ „Kennen Sie dieſes Haus und dieſe Bäume?“ „Sehr genau; es iſt Valgenceuſe, das Haus meiner Mutter. Sieh' doch, Caͤcilie,“ ſagte Ju⸗ liette, ihrer Freundin das Glas zuſchiebend. „Das Fraͤulein wird nichts ſehen,“ unterbrach ſie Cäſarine.„Sie allein koͤnnen es ſehen.“ „Merkwuͤrdig!“ murmelte Juliette, welche keine Luſt zu lachen mehr hatte und deren ganze Seele in ihre Augen uͤbergegangen zu ſein ſchien. „Was ſehen Sie?“ „Ich ſehe meine Mutter.“ „Wie iſt ſie gekleidet?“ „Sie traͤgt einen blauen Pudermankel und einen großen Strohhut; ſie geht im Garten umher, in der einen Hand hat ſie Papiere und mit der andren ſchneidet ſie Blumen ab.“ „Haben Sie Ihre Frau Mutter dieſen Mor⸗ gen geſehen?“ „Nein.“ 8 1. e ze — „Wenn Sie nach Hauſe kommen, werden Sie erfahren, ob dieſe Kleidung richtig iſt, und konnen ſie fragen, was ſie gethan hat.“ „Es verſchwindet Alles,“ ſagte Juliette,„ich ſehe nichts mehr.“ „Blicken Sie nur immer in das Glas.“ „Jetzt ſehe ich ein Zimmer,“ begann Fräulein von Beauzée nach einigen Sekunden wieder,„ein ſchwach erleuchtetes Zimmer, darin ſteht ein Bett, und in dieſem Bett liegt ein Mann. Eine Frau und ein Kind ſind bei ihm. Dieſer Mann iſt mein Vater, dieſe Frau iſt meine Mutter und das Kind bin ich. Ja,“ fuhr ſie fort,„es iſt ganz richtig. Ich weine und meine Mutter betet. Mein Vater ſegnet uns Beide und ſtirbt!“ Und eine Thraͤne fiel aus Juliettens Augen in das Glas, welches ſie betrachtete. Sie trocknete haſtig ihre Augen, und indem ſie Cäſarinen feſt anblickte, ſagte ſie zu ihr: „Das Bild iſt ganz genau, und was Sie mich haben ſehen laſſen, iſt wunderbar.“ „Sie glauben alſo jetzt?“ a — „So wollen wir auch in g Zukunft blicken.“ Juliette zoͤgerte. „Sie fuͤrchten ſich, nicht wahr, mein Fräu⸗ lein?“ ſagte Caͤſarine laͤchelnd zu ihr. „Ich geſtehe es.“ „Wollen Sie, daß ich Ihnen die Zukunft pro⸗ phezeie, ohne ſie Ihnen zu zeigen?“* „Das waͤre mir lieber.“ „Sie ſind entſchloſſen, zu thun, was ich Ihnen ſagen werde?“ „a „Bourdaloue!“ rief Caſarine. Der Athlet erſchien. „Gieb mir den Ring,“ ſagte die Zaubrerin. Der Mann ſuchte in ſeiner Taſche, brachte einen eiſernen Ring hervor, druͤckte dieſen einige Augenblicke zwiſchen den Händen, naͤherte ſich dann Caͤſarinen und ſteckte ihr denſelben in dem Augen⸗ blicke an den Finger, als ſie ſich ſetzte. Die Wahrſagerin zuckte zuſammen, ſchloß die Augen und blieb in der Stellung einer Schlafen⸗ den ſitzen. Sie ſchlief in der That. — Juliette ſah dies Alles mit Erſtaunen, faſt mit Entſetzen. „Jetzt,“ ſagte Bourdaloue zu ihr,„geben Sie Cäſarinen Ihre Hand, mein Fraͤulein, und fragen Sie ſie. Ich entferne mich wieder.“ Juliette legte ihre zarte, weiße Hand in die der Wahrſagerin, aber ſie fand keinen Anfang zu ihren Fragen. „Was wollen Sie wiſſen?“ fragte Cäſarine. „Sagen Sie mir, an was ich denke.“ „Kann ich laut vor dieſen beiden Damen ſpre⸗ chen, welche noch hier ſind?“ „Sie denken an einen jungen Mann.“ Juliette machte eine Bewegung. „Soll ich ſchweigen?“ fragte Caͤſarine. „Nein, ſprechen Sie.“ „Sie lieben dieſen jungen Mann; nicht ſo?“ Juliette ſtammelte eine Antwort, die Nie⸗ mand außer der Wahrſagerin verſtand. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, daß Heinrich während dieſer Zeit ſein Ohr an die Thuͤr des Kabinets legte, in welchem er verborgen war. — 6 „Sie werden noch von einem Andren geliebt,“ ſprach Cäſarine weiter. „Wie heißt er?“ „Hectorz nicht wahr?“ „Ja. Welcher von Beiden liebt mich am Meiſten?“ „Der Letztere.“ eind Sie deſſen gewiß?“ Vollkommen.“ Juliette erſchrak. „Aber Sie lieben ihn nicht,“ fuhr Viſeri ſort „Es iſt wahr.“ „Dies macht ihn ſehr ungluͤcklich.“ „Sie ſehen ihn alſo?“ „Ganz deutlich. Ihre Mutter hat geſtern Abend von ihm mit Ihnen geſprochen.“ „Sehr richtig. Weiter.“ „Sie werden ſich bald vermaͤhlen.“ „Mit wem?“ fragte Juliette leiſe. „Dies kann ich Ihnen nicht ſagen; wohl aber kann ich Ihnen ſagen, wen Sie heirathen ſollten“ „Sprechen Sie.⸗ n 1e n er [ „O! ich leſe in Ihrer Zukunft wie in einem offenen Buche. Sie werden ungluͤcklich, und zwar durch Ihre eigene Schuld, wenn Sie mir nicht ſchwoͤren, zu glauben und zu thun, was ich Ihnen ſagen werde.“ „Wozu dieſen Schwur?“ „Weil Sie nur unter der Bedingung gluͤck⸗ lich werden koͤnnen, daß Sie mir gehorchen.“ „Ich will Ihnen gehorchen,“ ſagte Juliette, neugierig zu erfahren, was ihr die Somnambule noch ſagen werde. „Sie werden zu Ihrer Mutter zuruckkehren, und dieſe wird in dem naͤmlichen Sinne mit Ihnen ſprechen, wie geſtern Abend.“ „Sie wiſſen alſo, was ſie mir geſagt hat?“ „Sehr gut; ſoll ich es Ihnen wiederholen?“ „Dies iſt nicht nothig.“ »Der erſte Mann, verſtehen Sie mich wohl, der erſte Mann, den Sie nach dem Geſpraͤch mit Ihrer Mutter ſehen werden, iſt der, den Sie zu Ihrem Gatten wählen muͤſſen, welche Neigung Ihr Herz auch zu einem andren fuͤhlen mag; außer dem ſtehe ich fuͤr nichts.« Cäſarine. 6 — 62 „Es iſt gut,“ ſagte Juliette, wider ihren Wil⸗ len erſchuttert, durch das was ſie gehort hatte;„gut, es iſt genug.“ Dann warf ſie ein Goldſtuͤck auf den Tiſch und verließ mit ihrer Freundin und der Gouver⸗ nante die Bude. „Was meinſt Duzu der Sache?“ fragte ſie Cacilie. „Daß ich gluͤcklich bin, mich wieder in der freien Luft zu befinden. Dieſes Weib hat auf dem tiefſten Grunde meines Herzens geleſen.“ Willſt Du thun, was ſie Dir geſagt hat?“ „Ich weiß es nicht. Was wuͤrdeſt Du an meiner Stelle thun?“ „Ich wuͤrde ihr gehorchen.“ „Wirklich?“ „Ja.“ „Nun, wir wollen ſehen.“ Gaͤnzlich in ihre Gedanken vertieft, kehrte Juliette auf das Schloß zuruͤck. Als Bourdaloue die drei Damen hatte fort⸗ gehen ſehen, trat er wieder ein und indem er Cä⸗ ſarinen den Ring vom Finger zog, vermittelſt deſ⸗ ſen er ſie eingeſchlaͤfert hatte, weckte er ſie auf. 5 — — £ 3 VI. * Als Cäſarine wieder zu ſich gekomi war, befreite ſie vor Allem Herrn von Ermenon, wel⸗ cher alles Vorgegangene mit angehoͤrt hatte und ſich nicht enthalten konnte, die Wahrſagerin mit Verwunderung zu betrachten. „Es wird alſo beſtimmt geſchehen, was Sie vorhergeſagt haben?“ fragte er Caſarinen. Habe ich etwas vorhergeſagt?* „Allerdings, wiſſen Sie es denn nicht mehr?“ „Nein, wenn ich wieder erwacht bin, weiß ich nichts von dem was ich wahrend meines Schla⸗ fes geſprochen habe, aber es trifft Alles ein. Haben Sie es gehoͤrt?“ 6. —— „Vollkommen.“ „Iſt es leicht auszufuͤhren?“ „Sehr leicht. Sie haben der jungen Dame geſagt, ſie ſolle den erſten Mann lieben und hei⸗ rathen, dem ſie nach der Unterhaltung, welche ſie mit ihrer Mutter haben wird, begegnet.“ „Dann kommt es alſo nur darauf an, daß Sie dieſer erſte Mann ſind.“ „„a, und eben deshalb will ich mich unver⸗ zuglich kutfernen. Leben Sie wohl, Caſarine.“ „Leben Sie wohl, mein Herr.“ „Hier iſt etwas fuͤr Sie und fuͤr Bourda⸗ loue.“ „Ich danke verbindlichſt,“ ſagte der Athlet, der in dieſem Augenblicke eintrat und die beiden neuen Louisd'or in Empfang nahm, welche Hein⸗ rich auf den Tiſch geworfen hatte. Inzwiſchen kehrten Juliette und Cäcilie nach Valgenceuſe zuruͤck. Juliette war nachdenkend geworden, denn was ſil geſehen und gehoͤrt, hatte einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Sie konnte es nicht erwarten, ihre Mutter zu ſehen, um ſie zu fragen, was ſie waͤhrend ihrer Abweſenheit gethan hatte, und um ſich zu uͤberzeugen, ob ihr Anzug mit dem uͤberein⸗ ſtimmte, den ihr Cäſarine hatte ſehen laſſen. „Nun, was hatte ich Dir geſagt?“ wiederholte Caͤcilie beſtaͤndig. „Es iſt wunderbar,“ verſetzte Juliette;„ich habe meinen Vater ſo deutlich geſehen, wie ich Dich ſehe, nicht die geringſte Kleinigkeit fehlte an dem Bilde von ſeinem Tode, das ich vor Augen hatte. Was hat ſie Dich ſehen laſſen, als Du das erſte Mal bei ihr warſt?“ „Meine ganze Vergangenheit.“ „Ohne einen Irrthum?“ „Jal „Und die Zukunft?“ „Nach dieſer habe ich nicht gewagt, ſie zu fragen.“ „Ich wuͤrde vielleicht beſſer gethan haben, wenn ich es ebenfalls unterlaſſen hätte.“ „Vielleicht.“ „Der erſte Mann, den ich nach dem Geſpraͤche mit meiner Mutter ſehe!“ murmelte Juliette laͤchelnd.„Iſt das nicht entſetzlich? Wenn nun dieſer Mann buckelig, alt oder haͤßlich wäre?“ „Wenn dieſer Mann ein anderer als Heinrich wäre,“ fluſterte ihr Cäcilie leiſe zu,„das iſt es, was am meiſten zu furchten iſt.“ „Ich habe eine fuͤrchterliche Angſt. Koͤnnte nicht Alles ein Spiel des Zufalls ſein?“ „Du faͤngſt ſchon an zu zweifeln.“ „Nein, ich zweifle nicht, aber die Sache iſt wichtig genug, damit ich meine Vorſichtsmaßregeln treffe. Hoͤre alſo was ich thun will. Wenn meine Mutter das gethan hat, was ich geſehen habe, wenn ſie ein blaues Kleid und einen Strohhut getragen hat und mit Papieren in der einen und Blumen in der andern Hand im Garten umhergegangen iſt, dann will ich den Rath Caͤſarinens befolgen und den er⸗ ſten Mann heirathen, den ich nach der Unterredung mit meiner Mutter zu Geſicht bekomme, er mag ſein wer er will.“ „So wollen wir eilen.“ Die beiden jungen Mädchen beſchleunigten ihre Schritte und kamen bald in Valgenceuſe an. — — „Wo iſt meine Mutter?“ fragte Juliette ſo⸗ gleich. 4 „Im unteren Salon, mein Fraͤulein,“ antwor⸗ tete der Bediente, welcher ihnen das Gitterthor oͤff⸗ nete. Juliette und Caͤcilie eilten nach dem bezeich⸗ neten Zimmer. Frau von Beauzée ſaß in einem blauen Kleide auf dem Divan, ein Strohhut lag neben ihr, und ſie las aufmerkſam die Papiere durch, welche ihr der junge Grandin am Abend vorher gebracht hatte. „Es iſt wirklich ihr Anzug,“ rief Juliette, tief ergriffen. „Da ſeid Ihr endlich wieder, liebe Kinder,“ ſagte Frau von Beauzeée. „Was haſt Du dieſen Morgen gethan, Mama?“ fragte Juliette, indem ſie ihre Mutter umarmte. „Wozu fragſt Du mich dies?“ „Um zu wiſſen, ob die Zaubrerin wahr ge⸗ ſprochen hat.“ „Nun, ich bin aufgeſtanden.“ „Nachher?“ — „Nachher habe ich mich angekleidet und bin in den Garten gegangen.“ „In dem 4½ welches Du noch traͤgſt?“ 5Io „Was haſt Du im Garten gethan?“ „Ich bin ſpazieren gegangen.“ „Was hatteſt Du auf dem Kopfe?“ „Dieſen Hut, den ich eben abgenommen habe,“ antwortete Frau von Beauzée, indem ſie auf den Strohhut zeigte, der neben ihr auf einem Stuhle lag. „Was thateſt Du, waͤhrend Du umhergingſt?“ „Ich pfluͤckte Blumen ab.“ „Sonſt nichts?“ „Nein.“ „Hatteſt Du nichts in der Hand?“ „O ja, dieſe Papiere, wegen deren ich eben mit Dir ſprechen muß. Liebe Caͤcilie, haben Sie die Guͤte und laſſen Sie mich mit meiner Tochter allein; in einer Viertelſtunde ſind wir wieder bei Ihnen im Garten.“ „Ich will nach Hauſe gehen,“ erwiederte Ca⸗ cilie;„meine Mutter erwartet mich.“ „Nun gut, ſo ſage es Deiner Mz — komme wieder hieher,“ entgegnete Juliette.„Ich will, daß Du bei mir biſt, Du weißt warum.“ „In zehn Minuten bin ich wieder hier.“ Cacilie entfernte ſich. „Liebes Kind, begann jetzt Frau von Beauzee, „wir verlieren viel.“ „Was denn, liebe Mutter?“ „Viel Geld.“ „Wirklich?“ „Jaz Du verſtehſt noch nicht ſo viel von die⸗ ſen gerichtlichen Papieren als ich, ſonſt wuͤrde ich ſie Dir zeigen und Du wuͤrdeſt aus ihnen erſehen, daß wir nahe an hundertfunfzigtauſend Franken verlieren.“ „Wie kommt das?“ „Dies kommt daher, weil Dein Vater zu viel Vertrauen gehabt und dieſe Summe auf eine ſchlechte Hypothek ausgeliehen hat, die jetzt ganz werthlos geworden iſt.“ „Nun, ſo muͤſſen wir unſere Ausgaben ein wenig beſchraͤnken, liebe Mutter, und das iſt kein großes Ungluͤck.“ „Ich theile Dir die Sache deshalb mit, liebes —— Kind, weil Du bald bei dieſem Verluſte intereſſirt ſein wirſt.“ „In wiefern?“ „Deine Mitgift wird dadurch geſchmaͤlert.“ „Brauche ich denn eine Mitgift ſo nöthig?“ „Du biſt allerdings ſchoͤn genug, um ſie ent⸗ behren zu koͤnnen, aber leider wird ſich Der, deſſen Gattin Du werden willſt, wohl kaum mit dieſem Grunde begnuͤgen.“ „O, liebe Mutter, Heinrich fragt nichts nach Geld.“ „Es iſt alſo ohne Widerrede Heinrich?“ Juliette nickte bejahend. „Die Wahrſagerin hat Dich wohl in Deiner Wahl beſtärkt?“ „Nein, ſie hat mich ſogar in eine ſehr beun⸗ ruhigende Verlegenheit gebracht.“ „Warum?“ „Zuerſt ſchon deshalb, weil ſie wirklich eine Zaubrerin iſt.“ Juliette erzaͤhlte nun ihrer Mutter das Expe⸗ riment mit dem Glaſe Waſſer, das in den kleinſten Punkten ſo außerordentlich genau geweſen war. — „Dann,“ fuhr ſie fort,„hat mir das Weib geſagt: Sie muͤſſen den erſten Mann lieben und heirathen, den Sie nach der Unterredung mit Ihrer Mutter zu Geſicht bekommen.“ In dieſem Augenblicke ertoͤnte die Glocke an der Gartenthuͤr. „Vielleicht iſt er es!« rief Juliette, indem ſie an das Fenſter ging, deſſen Jalouſieen geſchloſſen waren. „Wer denn?“ fragte Frau von Beauzie. „Heinrich.“ „Was thuſt Du?“ „Ich will mich davon uͤberzeugen.“ „Warum?“ „Damit er der erſte Mann iſt, den ich nach unſrer Unterredung geſehen habe und damit auf dieſe Art die Prophezeihung der Wahrſagerin mit meinem Herzen ubereinſtimmt.“ „Wenn es nun ein Andrer iſt und Du ſiehſt dieſen Andern zuerſt?“ „Du haſt Recht.“ „Dann iſt auch unſte Unterredung noch gar nicht zu Ende. Komm alſo und ſetze Dich nieder. — Wenn man uͤbrigens an das Eintreten der von Wahrſagerinnen prophezeiten Ereigniſſe glaubt, ſo muß man dieſe Ereigniſſe ruhig erwarten und ihnen nicht entgegengehen, ſonſt zerſtoͤrt man die Ordnung, in der ſie ſtattfinden muͤſſen.“ Frau von Beauzée ſagte dies in einem Tone, welcher bewies, daß ſie ihrestheils nicht viel von dergleichen Prophezeiungen glaubte. „Ueberdies,“ ſetzte ſie hinzu,„giebt es ein Mittel, um zu erfahren, woran wir ſind.“ „Welches?“ „Indem wir fragen, wer eben ghn iſt.“ Juliette ſchellte. „Wer kam jetzt eben?“ fragte Frau von Beauzée den eintretenden Bedienten. „Herr Heinrich von Ermenon,“ antwortete dieſer. „Ich ahnete es,“ ſagte Juliette vor ſich hin. „Iſt er noch da?“ 5Ja „Bitte ihn, einen Augenblick zu warten.“ 3c habe ihm dies ſchon geſagt, Madame, da Fraͤulein Cäcilie mir beim Weggehen bedeutete, daß Sie mit Fraͤulein Julietten allein zu ſein wuͤnſchten.“ „Sehr gut; wenn ich wieder ſchells, ſo ſchicke mir die Kammerfrau herein.“ „Jetzt kannſt Du ruhig ſein,“ ſagte Frau von Beauzee zu ihrer Tochter,„wir ſind ſicher, daß Niemand vor ihm, ſelbſt der Bediente nicht, zu uns hereinkommt.“ „Ja, aber was haſt Du mir noch zu ſagen?“ verſetzte Juliette, welche es nicht erwarten zu koͤnnen ſchien, dem Geſpraͤche ein Ende zu machen. „Glaubſt Du denn wirklich an die Prophe⸗ zeihung?“ „Ja, liebe Mutter, und wenn Du geſehen haͤtteſt, was ich geſehen habe, ſo wuͤrdeſt Du auch daran glauben.“ „Und wenn Du vor Herrn von Ermenon einen andren Mann ſaͤheſt, ſo wuͤrdeſt Du ihn nehmen?“ „Ja.“ „Ganz gewiß?“ „Ja, liebe Mutter,“ erwiderte Juliette, die — 6 in der feſten Ueberzeugung, daß Herr von Ermenon da war, nicht zu viel zu wagen glaubte. „Dann wollen wir raſch unſre Unterredung beendigen, damit kein Ungluͤck geſchieht,“ verſetzte Frau von Beauzeée, welche, obgleich ſie nicht daran glaubte, doch eben ſo gern die Prophezeiung mit den Exeigniſſen in Einklang zu bringen wuͤnſchte. „Ich wollte uͤber Herrn von Ermenon mit Dir ſprechen, deſſen Vermoͤgen, wie ich geſtern erfahren habe, gleich dem unſrigen ſehr geſchmolzen iſt. An⸗ genommen, Du wuͤrdeſt ſeine Gattin, ſo hättet Ihr zuſammen nicht mehr als zwoͤlftauſend Franken Renten. Dies iſt in Paris ſehr wenig, waͤhrend dagegen..“ Frau von Beauzee hielt umſchluͤſſig inne und blickte ihre Tochter an. „Nun, liebe Mutter?“ fragte dieſe. „Wenn Du einen andern Mann, Herrn Hec⸗ tor Grandin zum Beiſpiel, naͤhmeſt, der Dich liebt, wie ich Dir ſchon geſtern ſagte, ſo wuͤrdeſt Du reich, viel reicher ſein, denn der alte Grandin hat wenig⸗ ſtens vierzigtauſend Livres Renten, und man mag — 5— ſagen was man will, Reichthum iſt durchaus nicht zu verachten.“ „Läſſeſt Du mir immer noch freie Wahl, liebe Mutter?“ „Ja wohl, mein Kind.“ „Nun, dann wollen wir nicht mehr von Herrn Hector Grandin ſprechen, er iſt mir unausſtehlich.“ „Es iſt gut, liebes Kind. Schelle der Kam⸗ merfrau.“ Juliette ſchellte uud die Kammerfrau trat ein. „Iſt Herr von Ermenon noch da?“ fragte Frau von Beauzée. „Ja, Madame.“ Sage ihm, er ſei uns jetzt willkommen.“ „Kann Fräulein Cäcilie, die eben zuruͤckge⸗ kommen iſt, ebenfalls eintreten?“ Die Kammerfrau entfernte ſich und Cacilie trat ein. „Nun,“ ſagte ſie zu Julietten,„er iſt hier, im Garten.“ „Ich weiß es wohl.“ ⸗ „Wollen wir ihm nicht entgegen gehen? Ich daͤchte, das waͤre ſicherer.“ „Du haſt Recht.“ Die drei Damen oͤffneten die Thuͤr. Cäcilie und Juliette waren ängſtlich und unruhig, Frau von Beauzee lächelte uber ſie. Juliette ließ den Arm ihrer Freundin los; aber in dem Augenblicke, als ſie den Perron in den Garten hinabging, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus. Sie ſtand Herrn Hector Grandin gegenuͤber. Als Heinrich hinzukam, fand er das junge Maͤdchen ohne Beſinnung. Er war eben ſo bleich als ſie, denn man weiß, daß ihm die Geſchichte von der Prophezeiung genau bekannt war, und der Zuſtand, in welchem er Julietten erblickte, bewies ihm, daß ſie dieſe Prophezeiung ganz ernſtlich genommen hatte. VII. Cäcilie und Frau von Beauzée trugen Juliet⸗ ten in das Zimmer, das ſie eben verlaſſen hatten. Hector und Heinrich blieben zuſammen auf den Stufen des Perrons. „Wie es ſcheint, liebt ſie mich wirklich,“ ſagte Herr von Ermenon zu ſich ſelbſt, was ihn jedoch nicht hinderte, gegen Herrn Grandin heftig aufge⸗ bracht zu ſein, den der Zufall ihm hier entgegen⸗ fuͤhrte und dem Juliettens Aberglaube, ohngeachtet ihrer Liebe zu Heinrich, leicht den Vorzug geben konnte. Daher wartete er ſehnlichſt auf eine Gelegen⸗ heit, dieſem Advokatenſohne, deſſen bh Erſcheinen ſriſe —— eine ſo große Beſtuͤrzung im ganzen Hauſe hervor⸗ brachte, eine Impertinenz zu ſagen. Hector dagegen, welcher nicht wußte, wie er ſich den Schrei und die Ohnmacht Juliettens er⸗ klären ſollte, näherte ſich Herrn von Ermenon, trotz ſeiner Abneigung gegen ihn, und ſagte zu ihm: „Was iſt denn geſchehen? Fraͤulein Juliette wird ſich doch keinen Schaden gethan haben?“ „Ich will Ihnen ſagen, was es iſt,“ erwiderte Heinrich, indem er ſeinen Gegner mit einem ver⸗ ächtlichen Blicke maß;„Ihre Gegenwart macht einen ſo unangenehmen Eindruck auf Fraͤulein Ju⸗ lietten, daß ſie bei Ihrem Anblicke ohnmaͤchtig ge⸗ worden iſt.“ Hector erſchrack heftig uber dieſe Antwort und es koſtete ihm ſichtliche Anſtrengung, ſich zu be⸗ herrſchen. In dieſem Augenblicke betrat die Kammerfrau, welche Frau von Beauzée hatte rufen laſſen, den Perron, um hinaufzugehen. „Haben Sie die Guͤte, der Frau von Beauzée zu ſagen,“ redete Hector ſie an,„ich ließe ſie erſu⸗ chen, Ihnen die Papiere zu geben, welche ich ihr geſtern Abend gebracht habe, und erkundigen Sie ſich in meinem Namen nach dem Befinden ihrer Fraͤulein Tochter.“ Während dem ging Heinrich mit großen Schrit⸗ ten auf und ab und Hector erwartete auf der näm⸗ lichen Stelle die Zuruͤckkunft der Kammerfrau. Man haͤtte glauben koͤnnen, daß zwiſchen den bei⸗ den jungen Maͤnnern gar nichts vorgefallen war und daß ſie ſich zum erſten Male in ihrem Leben ſahen. Als die Dienerin in den Salon trat, kam Ju⸗ liette ſchon wieder zu ſich. „Nun, mein Kind,“ ſagte Frau von Beauze zu ihr,„fuͤhlſt Du Dich wieder beſſer?“ „Ganz wohl, liebe Mutter, es iſt nichts. Du weißt, wie reizbar ich bin, ich war ſo uͤberraſcht, als ich Herrn Grandin vor mir ſah, daß mir uͤbel wurde. Doch jetzt iſt es voruͤber.“ Mit dieſen Worten umarmte Juliette ihre Mutter und reichte Cäcilien die Hand. „Warum habe ich Dich auch zu dieſer ver⸗ wuͤnſchten Wahrſagerin gehen laſſen; ſie iſt an Allem Schuld.“ g „Laß es gut ſein, es iſt nicht der Muhe werth⸗ daß Ihr Euch deshalb geaͤngſtigt habt. Wo ſind die beiden Herren?“ „Sie ſind im Garten,“ antwortete die Kammer⸗ frau,„und Herr Grandin hat mir aufgetragen, Madame um die Papiere zu bitten und ihm Nach⸗ richt von dem Befinden Fraulein Juliettens zu geben.“ „Danke Herrn Grandin im Namen meiner Tochter,“ ſagte Frau von Beauzte,„und uͤbergieb ihm dieſe Papiere. Bitte ihn auch, uns zu ent⸗ ſchuldigen, daß wir ihn jetzt nicht empfangen; nicht wahr, Juliette?“ „Ja, liebe Mutter, Alles was Du thuſt, iſt recht. „Soll ich Herrn von Ermenon das Nämliche ſagen?“ fragte die Kammerfrau. Frau von Beauzée beftagte ihre Tochter mit einem Blicke. „Nein,“ erwiderte ſie dann,„ ſage ihm nichts.“ „Ich danke Dir,“ fluͤſterte Juliette laͤchelnd. Die Kammerftau entfernte ſich. „Jetzt wollen wir doch ein wenig uͤber die ie — 101— Sache ſprechen,“ hob Frau von Beauzée wieder an, „denn wie es ſcheint, hat die Prophezeiung dieſer Cäſarine einen groͤßeren Eindruck auf Dich gemacht, als ich vermuthet haͤtte. Wird das Geſchehene eine Aenderung in dem hervorbringen, woruͤber wir geſtern Abend geſprochen haben?“ Inliette blickte Caͤcilien an. „Was wuͤrdeſt Du an meiner Stelle thun?“ fragte ſie ihre Freundin. „Ich wuͤrde mich keinen Augenblick beſinnen.“ „Alſo was wuͤrdeſt Du thun?“ „Ich wuͤrde Caͤſarinen gehorchen.“ „Und Du, liebe Mutter?“ „Ich, liebes Kind, ich wuͤrde der Stimme mei⸗ nes Herzens folgen, denn wie ich Dir ſchon geſagt habe, ich halte nicht viel von ſolchen Zauberkuͤnſten“ „Mein Gott; was ſoll ich thun!“ wiederholte Juliette.„Ich bin uͤberzeugt, daß Caͤſarine Recht hat.“ „Nun, ſo nimm Herrn Hector.“ „Ja, aber ich liebe ihn nicht und werde ihn niemals lieben!“ „So nimm Herrn von Ermenon,“ ſagte Cäcilie. — „Wenn aber der Zufall wollte, daß dieſe Ver⸗ bindung keine glůckliche wuͤrde, ſo wuͤrde ich es zeit⸗ lebens bereuen, den Rath, welchen mir die Vor⸗ ſehung gegeben, nicht befolgt zu haben.“ „ueberlege Dir die Sache.“ „Aber, liebes Kind, ſagte Frau von Beauzte, indem ſie die Haͤnde ihrer Tochter ergriff,„Deine Phantaſie bereitet Dir unnuͤtze Qualen. Weder Heinrich noch Hector haben ſich bis jetzt ausgeſpro⸗ chen und Du thuſt, als haͤtten ſie Beide um Dich angehalten und als ſollteſt Du heute zwiſchen ihnen wählen. Vielleicht denkt keiner von Beiden an Dich.“ 28 „O, Heinrich liebt mich!“ verſetzte Juliette. „Ich halte es fuͤr das Beſte, noch zu warten⸗ Meinſt Du nicht auch?“ „Ich denke immer wie Du, meine gute Mut⸗ ter, Du weißt es ja.“ „Waͤhrend dem wird ſich der Eindruck des Expe⸗ riments von dieſem Morgen verwiſchen und Du kannſt mit groͤßerer Ruhe Deine naturlichen Gefuhle zu Rathe ziehen. Du ſiehſt, daß ich Dich als ein erwachſenes Maͤdchen betrachte und daß ich Dir freie Hand in den wichtigſten Fragen des Lebens laſſe.“ Frau von Beauzee kußte ihre Tochter und ſetzte dann hinzu: „Komm jetzt, wir wollen in den Garten gehen.“ Juliette nahm Caͤciliens Arm, und die drei Damen verließen den Salon. Heinrich ſtand noch immer auf dem Perron. „Es iſt vielleicht indiscret von mir,“ ſagte er, Frau von Beauzeée entgegengehend,„daß ich hier geblieben bin; aber ich wollte mich nicht entfernen, ohne uͤber das Befinden Ihrer Fraͤulein Tochter beruhigt zu ſein.“ Zugleich blickte er Julietten an, welche die Au⸗ gen ſenkte und ein wenig errothete. „Ich danke Ihnen, Herr von Ermenon,“ er⸗ widerte ſie;„ich befinde mich wieder ganz wohl.“ „Darf ich erfahren, mein Fraͤulein, was Sie ſo heftig erſchuttert hat?“ fragte Heinrich, der zwar die Urſachen der Ohnmacht recht gut kannte, aber gern hoͤren wollte, welchen Grund ihm das junge Maädchen dafuͤr anfuͤhren wuͤrde. „Es war das Gewitter, welches im Anzuge — iſt,“ antwortete Juliette, indem ſie lächelnd nach ihrer Mutter blickte, was Heinrich nicht entging. „Es geht Alles nach Wunſch,“ ſagte dieſer zu ſich ſelbſt. „Madame,“ ſprach er dann laut, indem er naͤher zu Frau von Beauzee trat, dabei aber fort⸗ waͤhrend Juliettens Geſichtszuge beobachtete,„mein Oheim wollte Ihnen heute ſeine Aufwartung ma⸗ chen, um ſich zu entſchuldigen, daß er Ihrer geſtri⸗ gen Einladung nicht hat Folge leiſten koͤnnen, und um, wie er mir ſagte, uͤber eine wichtige Angelegen⸗ heit mit Ihnen zu ſprechen. Ich nehme mir daher die Freiheit, Sie zu fragen, ob er Sie dieſen Abend in Valgenceuſe antreffen und ob ſein Beſuch Ihnen nicht unangenehm ſein wird.“ „Sagen Sie Ihrem Oheim, lieber Herr von Ermenon, daß er mir ſtets willkommen iſt und daß ich nur bedaure, ihn nicht öfter bei mir zu ſehen.“ „Apropos, mein Fraͤulein,“ ſagte Heinrich, nachdem er Frau von Beauzee eine dankende Ver⸗ beugung gemacht hatte,„ſind Sie dieſen Morgen bei der Wahrſagerin geweſen?“ „Ja,“ erwiderte Juliette, welche dieſe Frage . Heinrichs plötzlich aus ihrem Nachdenken riß, in das ſie ſeit einigen Augenblicken verſunken war, obgleich ihre Freundin beſtändig mit ihr ſprach. „Und ſind Sie wirklich in dem Grade uͤberraſcht worden, wie Fräulein Caͤcilie Ihnen verſprochen hatte?“ „Ja.“ „Sie hat Ihnen die Vergangenheit geſagt!“ „Mehr noch, ſie hat ſie mich ſehen laſſen.“ „Und die Zukunft?“ „Die Zukunft...“ verſetzte Fuliette, indem ſie einen Blick mit ihrer Mutter wechſelte,„dieſe hat ſie mir auch vorhergeſagt.“ „War die Prophzeiung Ihren Wuͤnſchen ent⸗ ſprechend?“ „Nein,“ etwiderte Juliette, die nicht ahnete, daß Heinrich Alles wußte, was bei Caͤſarinen vor⸗ gegangen, und daß in Folge deſſen dieſes Nein ein Geſtändniß war. „Da Sie aber nun unterrichtet ſind, ſo haben Sie ja nur noͤthig, den prophezeiten Ereigniſſen entgegen zu gehen und ſie zu zwingen, ſich nach Ihrem Wunſche umzuaͤndern.“ * „Was rathen Sie mir?“ „Dies iſt eine ſehr ernſthafte Frage,“ entgeg⸗ nete Heinrich, dem ſie etwas unerwartet kam. „Sprechen Sie ohne Ruͤckhalt,“ verſetzte Ju⸗ llette mit geſpannter Erwartung. ch wuͤrde den kommenden Ereigniſſen ruhig entgegenſehen,“ antwortete Heinrich. „Dies ſagte mir auch meine Mutter, aber ich verſtehe meine Frage ganz anders. Ich meine es ſo: wenn Cäſarine, deren Wiſſenſchaft unbeſtreitbar iſt, zu Ihnen ſagte: Sie haben zwei Faͤlle vor ſich, der eine iſt nach Ihrem Wunſche, der andre nicht; entſcheiden Sie ſich fuͤr den erſten, ſo werden Sie ungluͤcklich, waͤhlen Sie aber ohngeachtet Ihrer augenblicklichen Abneigung den zweiten, ſo ſichern Sie ſich Ihr Gluͤck; was wuͤrden Sie thun?“ „Ich wuͤrde den zweiten wählen,“ erwiderte Heinrich, neugierig auf den Eindruck, welchen dieſer Rath auf das junge Maͤdchen hervorbringen wuͤrde, denn er war uͤberzeugt, daß Juliette ihn hinlaͤnglich liebte, um ihn nicht zu befolgen. „So, Sie wuͤrden das Zweite thun?“ ſtammelte Juliette, ein wenig erſchrocken uͤber dieſe Antwort. — 107— „Ganz gewiß.“ „Ohne Kummer daruͤber zu empfinden?“ „Das will ich nicht ſagen, ich meine nur, ich wuͤrde mich nicht beſinnen.“ „Wenn Sie wuͤßten, was Sie mir rathen, Herr Heinrich, dann wuͤrden Sie wahrſcheinlich anders ſprechen.“ „Sie irren ſich, mein Fräulein, ich wurde ganz das Naͤmliche ſagen.“ „Und Du, liebe Mutter, was meinſt Du dazu?“ „Ich muß geſtehen, mein liebes Kind,“ ant⸗ wortete Frau von Beauzee,„daß mir der Rath des Herrn von Ermenon aus ſeinem Munde ein Wink des Himmels zu ſein ſcheint und daß ich vollkom⸗ men ſeiner Anſicht bin.“ Als Heinrich dieſe Worte horte, uͤber deren Sinn er keinen Augenblick in Zweifel ſein konnte, bereute er es, daß er ſich zu dieſem Scherze hatte verleiten laſſen. Juliette ſchien tief ergriffen zu ſein. „Was meinſt Du?“ fragte ſie Cäcilien. „Ich habe meine Meinung uͤber die Sache be⸗ reits ausgeſprochen,“ antwortete dieſe;„ich würde blindlings gehorchen.“ „Nun wohl,“ rief Fraͤulein von Beauzée in einem etwas gereizten Tone und ohne zu ahnen, daß ein Paar Augen zugegen waren, die Alles mit angeſehen hatten und denen ſie durch das, was ſie ſagen wollte, ihr Herz wie ein offenes Buch vor⸗ legte,„es ſoll nicht heißen, daß eine gemeine Thier⸗ baͤndigerin Einfluß auf meinen Willen ausgeubt habe und trotz dem, was Herr von Ermenon, Cacilie und Du, liebe Mutter, mir geſagt haben, werde ich ihr nicht nur nicht gehorchen, ſondern ich werde ge⸗ rade das Gegentheil von dem thun, was ſie mir gerathen hat.“ Ein Laͤcheln des Triumphes und der Liebe ſtrahlte aus Heinrichs Geſicht, der ſich nicht ent⸗ halten konnte, zu Juliette zu ſagen: „Wer weiß, ob der Himmel Sie nicht vielleicht dafuͤr belohnen wird, daß Sie ſo feſt auf ihn ver⸗ traut haben.“ „Sagen Sie Ihrem Herrn Oheim, daß ich ihn dieſen Abend mit Beſtimmtheit erwarte,“ ſagte Frau von Beauzee, welche in der Antwort ihrer — — 109— Tochter den feſten Entſchluß erblickte, Heinrichs Gattin zu werden und uͤberzeugt war, daß Herrn von Ermenons Beſuch den alleinigen Zweck hatte, um die Hand ihrer Tochter fuͤr ſeinen Neffen an⸗ zuhalten.. Zu gleicher Zeit richtete ſie einen Blick auf Heinrich, mit dem ſie ſagen wollte: „Ich weiß Alles; hoffen Sie.“ „Ich fuͤr meinen Theil,“ wiederholte Caͤcilie zum zehnten Male,„hätte Caͤſarinen gehorcht und,“ fluͤſterte ſie Julietten in's Ohr,„ich haͤtte den An⸗ dern genommen.“ VIII. Während dieſe Scene in Valgenceuſe ſtattfand, kehrte Hector nach Senlis zuruͤck; anſtatt ſich aber in ſeine Wohnung zu begeben, ging er zu einem Freunde, erzaͤhlte ihm, was zwiſchen ihm und Herrn von Ermenon vorgefallen war und bat ihn, in Be⸗ gleitung eines andern Bekannten Herrn Heinrich einen Beſuch abzuſtatten und ihn um eine Erklärung zu erſuchen, ſollte dieſe auch zu einem Zweikampfe fuhren. Der Freund bot Alles auf, um Hector von dieſem Entſchluſſe abzubringen, denn er wußte, daß der Sohn des Notars in dergleichen Dingen ziemlich unerfahren, Heinrich von Ermenon aber dafüͤr be⸗ kannt war, eine nicht geringe Fertigkeit im Ge⸗ brauche aller Arten von Waffen zu beſitzen; allein Hector war entſchloſſen und beharrte unerſchuͤtter⸗ lich auf ſeinem Vorſatze. Der Freund erklaͤrte ſich endlich bereit, den ihm ertheilten Auftrag zu uͤbernehmen, und der junge Grandin kehrte zu ſeinem Vater zuruͤck, den er liebevoll umarmte, wie ein guter Sohn es ſtets bei einer ihm bevorſtehenden Gefahr thut. Den ganzen Tag uͤber war Hector nicht ge⸗ rade traurig, aber doch nachdenkend. Es war kei⸗ neswegs die Furcht vor einem Duelle, die ihn be⸗ ſorgt machte, aber er fuͤhlte, daß, wenn Juliette, wie er kaum noch bezweifeln konnte, Herrn von Er⸗ menons Gattin wuͤrde, ihm das Leben eine Laſt ſein wuͤrde, da ihm dieſe Verbindung auf immer ſeine ſußeſte Hoffnung zerſtorte. Deshalb wuͤnſchte er ſich mit Heinrich zu ſchlagen und ſchwer verwundet zu werden, damit der körperliche Schmerz fuͤr einige Zeit ſein Seelenleiden zum Schweigen braͤchte. Seine Verſtimmung entging indeß Herrn Gran⸗ din nicht, welcher die Urſache derſelben in der Liebe ſeines Sohnes zu Fraͤulein von Beauzee ſuchte und — u2— ſich vornahm, noch denſelben Abend bei ihrer Mut⸗ ter um ſie anzuhalten. um vier Uhr kam Hectors Freund zuruͤck und berichtete ihm den Erfolg ſeiner Sendung. Die beiden Herren hatten ſich zu Heinrich von Ermenon begeben und dieſer hatte ihnen ſogleich erwidert, daß er durchaus keine Erklärungen zu geben habe, daß er, wenn er es auch bedauere, etwas gethan zu haben, dies doch niemals eingeſtehen werde und ſich vor einem Zweikampfe zu keiner Entſchuldigung verſtehen koͤnne. In Folge deſſen bitte er ſie, zu ſeinem Oheim hinauf zu gehen und mit dieſem die Bedingungen des Kam⸗ pfes zu ordnen. Herr Gabriel von Ermenon befaßte ſich ſehr gern mit dergleichen Dingen, denn ſie verſetzten ihn noch einmal in die ſchoͤne Zeit ſeiner Jugend zuruͤck und erweckten angenehme Erinnerungen an Unifor⸗ men, Epauletten und verrufene Orte in ſeinem Ge⸗ daͤchtniß. Hectors Zeugen erkläͤrten dem Herrn Oheim, wovon die Rede war, und nachdem beſagter Oheim ſie mit außerordentlicher Hoflichkeit erſucht hatte, Platz zu nehmen, fragte er ſie: —— „Sie haben alſo ſchon mit meinem Neffen ge⸗ ſprochen?“ „Ja, Herr Baron.“ „Und er will ſich auf keine Entſchuldigungen einlaſſen?“ „Nein.“ „Wiſſen Sie, daß er ſehr gut ſchießt?“ „Wir wiſſen es.“ „Weiß es auch ſein Gegner?“ „Ja wohl.“ „Dieſe Ruͤckſicht koͤnnte ihn vielleicht beſtimmen, ſeine Forderung zuruͤckzunehmen?“ „Nein, Herr Baron,“ erwiderte einer der bei⸗ den Freunde des jungen Grandin in trocknem Tone; „Hector iſt tapfer und fuͤrchtet ſich vor Niemandem.“ „Ein Beweis, daß er ein braver junger Mann iſt, doch, unter uns geſagt, es wuͤrde Ihnen gewiß lieber ſein, wenn er nicht todtgeſchoſſen wurde.“ „Natuͤrlich.“ „Und in Folge deſſen iſt es Ihr Wunſch, daß der Zweikampf, da ein ſolcher nun einmal unver⸗ meidlich iſt, keinen moͤrderiſchen Ausgang nimmt. Waͤhlen Sie daher lieber den Degen, Sn wollen Cäſarine. — wir ſchon dafuͤr ſorgen, daß den Anforderungen der Ehre raſch Genuͤge geleiſtet wird. Ein kleines Duell kann Herrn Hector Grandin nur Vortheil bringen, und es iſt nicht nothig, daß ſich ein tapf⸗ rer junger Mann gleich bei ſeinem erſten Debuͤt um einer Lappalie willen todtſchießen läßt. Was meinen Sie dazu?“ „Wir ſind ganz damit einverſtanden.“ „Sie wählen alſo den Degen?“ „Es mag dabei bewenden.“ „Und die ſtrengſte Verſchwiegenheit, nicht wahr?“ „Dies verſteht ſich von ſelbſt.“ „Der Marquis von D“ wird der zweite Zeuge meines Neffen ſein, und wenn Sie noch die Göte haben wollen zu beſtimmen, wo wir morgen zuſam⸗ mentreffen werden, ſo wird die Sache bald abge⸗ than ſein.“ „Morgen fruh ſechs Uhr am Eingange des Waldes von Pontarme.“ „Gut, es bleibt dabei.“ Hectors Freunde entfernten ſich wieder. — Es wurde zwiſchen ihnen und Hector verabre⸗ det, daß dieſer am folgenden Morgen um fuͤnf Uhr allein ſeine Wohnung verlaſſen ſollte, damit ſein Vater nichts ahne. Das erſte Duell betrachtet man immer als eine ernſthafte Sache. Als ſeine Freunde ſich von ihm verabſchiedet hatten, ſchloß ſich der junge Grandin in ſein Zim⸗ mer ein und ſchrieb fuͤr den Fall, daß er ums Leben kommen ſollte, zwei Briefe, einen an ſeinen Vater und den andern an Fraͤulein von Beauzée. In dem erſten ſprach er dem vaͤterlichen Schmerze im Voraus Troſt zu, in dem zweiten ge⸗ ſtand er Julietten, daß er ſie mit der ganzen Kraft ſeiner Seele liebe und daß er mit dem Gedanken an ſie ſterbe. Als die beiden Briefe fertig waren, verſiegelte er ſie, legte ſie in einen Schubkaſten ſeines Secre⸗ tairs und ſteckte den Schluͤſſel deſſelben zu ſich. Hierauf ging er zu ſeinem Vater hinab, ſpeiſ'te ſo heiter als er konnte mit ihm und ſagte, daß er dieſen Abend ausgehen werde. 8 „Dies paßt um ſo beſſer,“ verſetzte Herr Gran⸗ din,„als ich ebenfalls dieſen Abend ausgehen muß“ Nach dem Mittageſſen ging Hector zu ſeinem Freunde, um ſich mit ihm ein wenig im Fechten zu üben, denn er liebte ſeinen Vater zu ſehr, um ſich toͤdten zu laſſen, ohne ſich tapfer vertheidigt zu ha⸗ ben. Herr Grandin dagegen begab ſich nach Val⸗ genceuſe. Als er hier anlangte, bat man ihn zu warten, indem Herr von Ermenon bei Frau von Beauzée ſei und dieſe ungeſtort zu bleiben wuͤnſche. „Ich thue einen Selich Schritt,“ dachte Grandin und wartete. Währenddem hielt der Baron von Ermenon in der That bei Frau von Beauzée um Juliettens Hand fur ſeinen Neffen an. „Sie wiſſen, wie lieb ich meine Tochter habe,“ ſagte Frau von Beauzte,„Sie wiſſen, daß ich vor Kummer ſterben wuͤrde, wenn ſie ungluͤcklich wer⸗ den ſollte; koͤnnen Sie mir auf Ihr Ehrenwort ver⸗ ſichern, daß Ihr Neffe meine Juliette hinreichend liebt, um ſie gluͤcklich zu machen und daß, wenn ihr — 117— ein Ungluͤck bevorſtehen ſollte, dies nie von ihm herruͤhren wird?“ „Ich kann Ihnen nur ſoviel ſagen, Madame,“ entgegnete der Oheim Gabriel im vollen Ernſte, „daß, wenn Sie ihm die Hand Fräulein Juliettens verſagen, ich nicht weiß, was aus Heinrich werden ſoll, denn ſeine Liebe zu ihr iſt ſo groß, daß er die⸗ ſen Morgen den Sohn des Herrn Grandin auf den bloßen Verdacht hin, daß dieſer junge Mann Ihre Tochter liebe, zum Zweikampf gefordert hat.“ „Ich hoffe doch, dieſe Forderung wird keine Folgen haben?“ Herr von Ermenon ſah ein, daß er einen Bock geſchoſſen hatte und beeilte ſich daher zu er⸗ widern: „Tragen Sie keine Sorge, Madame.“ „Nun gut, Herr Baron, Sie koͤnnen Ihrem Neffen ſagen, daß meine Tochter ihn liebt und daß ich ihm ihre Hand bewillige.“ „Nehmen Sie meinen herzlichen Dank fur das hohe Gluck, das wir Ihnen verdanken.“ „Wir haͤtten alſo nur noch den Contract auf⸗ zuſetzen.“ — „Sie haben ja Ihren Notar.“ „Allerdings, aber dieſer iſt gerade Herr Gran⸗ din, dem es ſehr ſchmerzlich ſein wurde, fuͤr Herrn Heinrich den Contract auszufertigen, den er ſo gern fuͤr ſeinen Sohn aufſetzen moͤchte. Es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß er es mir abſchläͤgt; aber haben Sie nicht auch Ihren Notar?“ „Ja wohl, Madame.“ „Nun, ſo kann der Ihrige die Sache beſorgen.“ Frau von Beauzee ſchellte. „Meine Tochter ſoll ſogleich zu mir kommen“ „Herr Grandin iſt hier und wuͤnſcht Sie zu ſprechen, Madame.“ „Ich laſſe ihn bitten, ſich noch einen Augen⸗ blick zu gedulden. Ich bin ſogleich zu ſeinen Dien⸗ ſten.“ Juliette trat ein. „Du weißt,“ ſagte ihre Mutter,„zu welchem Zwecke der Herr Baron dieſen Abend zu mir ge⸗ kommen iſt?“ „Ich ahne es wenigſtens.“ „Du willigſt alſo ein?“ — 1— „Ja, liebe Mutter.“ „Haſt Du es Dir wohl uberlegt?“ „Ja. „Und die Wahrſagerin?“ ſagte Frau von Beauzee leiſe. „Ich denke nicht mehr an ſie“ Juliette ſprach nicht die Wahrheit, denn ſie hatte ſich den ganzen Tag uber vergeblich bemuͤht, die geheime Stimme zum Schweigen zu bringen, welche ihr beſtandig zurief:„Du thuſt Unrecht.“ „Von heute an biſt Du alſo die Braut des Herrn Heinrich von Ermenon, liebes Kind,“ fuhr Frau von Beauzée fort;„er wird uns doch dieſen Abend noch beſuchen, nicht wahr, Herr Baron? denn ich habe nothwendig mit ihm zu ſprechen.“ „Ich werde ihn zu Ihnen ſchicken.“ „Wird er zu Hauſe ſein?“ „Er erwartet mit Ungeduld meine Zuruͤckkunft.“ Der Baron nahm von Frau von Beauzie und ihrer Tochter Abſchied und kehrte mit freudeſtrah⸗ lendem Geſicht nach Senlis zuruͤck. Eine halbe Stunde ſpaͤter ging auch Herr — 120— Grandin wieder nach der Stadt, aber ſein Geſicht war eben ſo traurig, als das des Herrn Barons heiter war. Heinrich brachte den ganzen Abend bei Juliet⸗ ten und ihrer Mutter zu. Der Notar Grandin dagegen verlebte den Abend in Geſellſchaft ſeines Sohnes. Er wußte nicht, daß Hector ſich am folgenden Morgen ſchlagen wollte, aber er theilte ihm mit, welchen Schritt er gethan hatte und wie erfolglos dieſer geweſen war; zugleich unterrichtete er ihn von der bevorſtehenden Verbindung der Geliebten mit Herrn Heinrich von Ermenon. „Wenn ich ihn umbraͤchte!“ ſagte Hector mit einer geheimen Freude zu ſich ſelbſt, die er noch nie bei einem boͤſen Gedanken empfunden hatte. Um Mitternacht trennten ſich Vater und Sohn. Hector konnte nicht ſchlafen. um fuͤnf Uhr des Morgens oͤffnete er leiſe die Thuͤr ſeines Vaters, und als er ihn noch feſt ſchla⸗ fen ſah, kußte er ihn, ohne ihn aufzuwecken. — 121— Dann verließ er das Haus und eilte zu ſei⸗ nen Freunden, die ihn am Ende der Straße erwar⸗ teten. „Habe ich Sie lange warten laſſen, meine Herren?“ fragte ſie Hector. „Nein.“ „Das iſt mir lieb. Kommen Sie raſch.“ Am Eingange des Gehoͤlzes von Pontarmi blickten ſich die drei Freunde, da ſie noch Nieman⸗ den vorfanden, um, und ſahen Heinrich mit ſeinen beiden Zeugen eiligen Schrittes hinter ſich kommen. „Wir wollen dieſe Allee einſchlagen,“ ſagte Hector,„denn wenn wir einem Gensd'armen begeg⸗ neten, ſo konnte er Argwohn ſchoͤpfen. Bleibe Du hier und ſage den anderen Herren, wir wuͤrden ſie auf der erſten Lichtung rechts erwarten.“ Hector verſchwand mit ſeinem zweiten Zeu⸗ gen. Zehn Minuten ſpaͤter befand ſich die Geſell⸗ ſchaft an Ort und Stelle. „Mein Herr,“ ſagte Heinrich, indem er auf Hector zuging,„ich drucke Ihnen hiermit mein Be⸗ —— dauern wegen der geſtern zwiſchen uns ſtattgefunde⸗ nen Scene aus und bitte Sie deshalb um Entſchul⸗ digung. Geben Sie mir Ihre Hand zum Beweis, daß Sie mir verzeihen.“ „Was ſoll das bedeuten?“ rief Hector erſtaunt uber dieſe verſpätete Sinnesaͤnderung, obgleich er nicht glauben konnte, daß die Furcht ſeinen Gegner dazu veranlaßte. „Es bedeutet,“ erwiderte Heinrich,„daß ich damit den erſten Wunſch meiner Braut, des Fräu⸗ leins Juliette von Beauzee, erfulle, welche mir ge⸗ ſtern ſagte, es ſei ihr Wille, daß ich Ihnen nur als Freund gegenuͤbertrete. Ich ſetze hinzu, daß ich es ſelbſt im Grunde meines Herzens fuͤhle, damit nur meine Schuldigkeit zu thun“ Nit dieſen Worten reichte er Hector die Hand, was dieſer ebenfalls that. „Die Sache iſt vergeſſen?“ „Ja, antwortete Hector. „Und um es mir zu beweiſen, werden Sie mir das Vergnugen goͤnnen, meiner Hochzeit beizu⸗ wohnen?“ ſagte Heinrich in einem Tone, aus wel⸗ 1 5 4 chem deutlich hervorging, daß er den jungen Mann nicht kräͤnken wollte, ſondern daß es ſein aufrichti⸗ ger Wunſch war, ſich die Freundſchaft ſeines un⸗ glucklichen Nebenbuhlers zu erwerben. „Dies wird mir nicht moglich ſein,“ entgeg⸗ nete Hector mit bewegter Stimme. „Warum nicht?“ „Weil ich noch dieſen Abend eine große Ge⸗ ſchaͤftsreiſe antreten muß, die mich fuͤnf bis ſechs Monate von Senlis entfernt halten wird.“ Die beiden Gegner verbeugten ſich noch einmal und trennten ſich dann. Hector kehrte nach Hauſe zuruͤck, verbrannte die beiden Briefe, die er geſchrieben hatte, und machte ſeinem gepreßten Herzen in einem heißen Thraͤnen⸗ ſtrome Luft. Der Kummer des unglucklichen jungen Mannes laßt ſich nicht beſchreiben. Sein Vater fand ihn in volliger Verzweiflung. „Sei vernunftig, mein Sohn,“ ſagte er zu ihm, „was ſoll aus mir werden, wenn Du Dich ſo gaͤnz⸗ lich von dieſem Schmerze uͤbermannen laͤſſeſt?“ * „Ich will mich beruhigen, lieber Vater, aber dazu iſt es noͤthig, daß ich mich von hier entferne.“ „Thue was Du willſt, lieber Hector, wenn ich Dich nur glucklich weiß, ſo verlange ich nichts weiter.“ Noch am naͤmlichen Abend reiſ'te Hector nach Paris. „Schreibe mir recht oft,“ ſagte der Notar, als ſein Sohn von ihm Abſchied nahm. „Verlaſſen Sie ſich darauf, lieber Vater.“ Hector kam in Paris an, nahm einen Platz auf der Diligence und fuhr nach Marſeille zu einem Verwandten, wo er vorlaͤufig zu bleiben gedachte. Zwoͤlf Tage nach ſeiner Abreiſe feierte Hein⸗ rich ſeine Verbindung mit Juliette von Beauzeée. Dies war ſür Stnlis ein wahres Feſt, denn die Neuvermaͤhlten waren jung, ſchoͤn, reich und allem Anſcheine nach gluͤcklich. Die Verbindung fand unter den guͤnſtigſten Auſpicien ſtatt, aber demohngeachtet ſagte Cacilie, welche die Brautfuͤhrerin geweſen war, am Abend zu ihrer Freundin: „Magſt Du uͤber mich lachen, aber ich an Dei⸗ — 125— „ ner Stelle hätte Herrn Hector Grandin geheira⸗ thet.“ Caͤſarine war nebſt den uͤbrigen wandernden Kuͤnſtlern des Volksfeſtes verſchwunden und mit Bourdaloue nach einem andern Dorfe in der Ge⸗ gend gezogen. IX. Drei Jahre nach den Ereigniſſen, die wir erzahlt haben, hielt ein Reiſewagen vor dem Hauſe, in welchem Cäciliens Mutter wohnte. Ein Kam⸗ mermaͤdchen ſtieg aus dem Wagen und zog die Klingel an der Thür. „Iſt Fraͤulein Cäcilie von C zu Hauſe?“ fragte ſie den Bedienten, welcher offnete. Fräulein Cäcilie iſt ſeit achtzehn Monaten vermählt,“ antwortete der Bediente. „Wo wohnt ſie jetzt?“ „In Paris, Straße de la Pair, Nr „Und wie iſt ihr gegenwärtiger Name?“ „Madame Grandin.“ Das Kammermädchen ſtieg wieder in den 6 — 127— Wagen und berichtete ihrer Gebieterin, was ſie ge⸗ hoͤrt hatte. Der Wagen fuhr wieder ab und ſchlug die Straße nach Paris ein. Drei Stunden ſpäter hielt er abermals vor einem Hotel in der Straße Rivoli und die in Trauer gekleidete Dame, welche darin ſaß, ſtieg aus, nahm einen Fiaker und befahl ihrem Kam⸗ mermaͤdchen, das Gepäck hinaufſchaffen zu laſſen. Dann fuhr ſie nach der Straße de la Pair und als ſie das ihr bezeichnete Haus erreicht hatte, fragte ſie den Portier: „Wohnt hier Madame Grandin?“ „Im zweiten Stock, Madame.“ Sie ging hinauf. Madame Grandin war zu Hauſe. „Wen ſoll ich anmelden?“ fragte der Bediente die fremde Dame, worauf dieſe ihm eine Karte uberreichte. Kaum hatte der Bediente die Karte ſeiner Gebieterin eingehaͤndigt, ſo ſtand dieſe auf, eilte in das Empfangszimmer, warf ſich der hier war⸗ tenden Dame in die Arme und rief aus: —— „Wie, meine gute Juliette, Du biſt es?“ „Ich ſelbſt, liebe Cacilie.“ „Komm, wir wollen in mein Schlafzimmer gehen, damit wir ungeſtoͤrt mit einander plaudern koͤnnen.“ Die beiden Freundinnen begaben ſich in das anſtoßende Gemach, das mit viel Geſchmack und Luxus moͤblirt war. „Weißt Du wohl, daß ich ſchon glaubte, Du ſeieſt geſtorben?“ ſagte Cacilie, nachdem ſie Ju⸗ lietten ihren Shawl und Hut abgenommen und ſie noch einmal umarmt hatte. „Es haͤtte auch wenig gefehlt. Wie ich ſehe, iſt eine große Veränderung mit Dir vorgegangen, liebe Caͤcilie.“ „Allerdings.“ „Du biſt verheirathet?“ „Ja; Du weißt, mit wem?“ „Mit Herrn Hector Grandin?“ „Ganz recht.“ „Biſt Du glucklich?“ „Sehr gluͤcklich. Du allein fehlteſt noch zu meinem Glucke, und jetzt biſt Du endlich da.“ „— — N„ — 129— „Liebt Dich Dein Gatte?“ „So nicht, wie er Dich liebte, aber er liebt mich dennoch aufrichtig,“ erwiderte Cacilie laͤchelnd. „Wie iſt es gekommen, daß Du ſeine Gattin geworden biſt?“ „Die Prophezeiung Caſarinens ging mir im Kopfe herum. Du weißt, daß ich Dir noch an Deinem Hochzeitstage ſagte, Du thäteſt unrecht, ihren Rath nicht zu befolgen. Ich fragte mich, ob Hector wohl das Gluͤck, das er Dir bereiten wollte, auch einer Anderen wuͤrde bereiten koͤnnen. Es boten ſich mir mehrere vortheilhafte Partieen dar; aber ich ſchlug ſie alle aus. Du verließeſt Valgenceuſe. Zur Zeit der Pferderennen, im Mo⸗ nat October, das heißt etwa vier Monate nach Deiner Verbindung, kamen die herumziehenden Kuͤnſtler, welche im Monat Mai in Senlis gewe⸗ ſen waren, wieder dahin, und unter ihnen befand ſich auch Cäſarine Ich beſuchte ſie, und da ſie mir ſagte, daß ſie Dich von großem Ungluͤck bedroht ſahe, fragte ich ſie, ob es kein Mittel gäbe, dieſes Ungluͤck abzuwenden. Sie antwortete mir, dies ſei unmoͤglich, denn all' dieſes Unheil käme weder Cäſarine.. 9 — 130— von Deinem Gatten noch von Dir, ſondern von einem Verwandten des Herrn von Ermenon, deſ⸗ ſen Fehler unverbeſſerlich ſeien. Iſt dies wahr?“ „Leider, ja!“ ſeufzte Juliette. „Dann fragte ich ſie auch, ob Hector eine andre Frau nehmen und ob er ſie gluͤcklich machen werde. Sie erwiderte mir, daß er ſich erſt nach langer Zeit uber ſeinen Verluſt troͤſten wuͤrde, daß mir aber ſeine Heilung, wenn ich ſie unternehmen wolle, vollſtandig gelingen wuͤrde, und daß ſie keine einzige Wolke in meiner Zukunft erblicke. Von dieſem Augenblicke an ſtand mein Entſchluß feſt. Ohngefahr zwei Monate nach Deinek Abreiſe kam Hector nach Senlis zuruͤck. Er war noch ſehr traurig; ſein Vater hatte ſein Notariatsgeſchaft verkauft und Beide kamen oft zu meinen Eltern. Nach und nach gelang es mir, ihn zu troͤſten, und es wurde ihm zur Gewohnheit, mich zu ſehen. Kurz, da ich es mir in den Kopf geſetzt hatte, ihn zu heirathen, ſo wußte ich ihn auch dahin zu brin⸗ gen, und ich kann behaupten, daß er es in keiner Hinſicht zu bereuen ſcheint. Dies iſt meine ganze Geſchichte.“ 553 — — 131— „Liebſt Du ihn denn?“ „O ja, ſehr. Es iſt keine Leidenſchaft, viel⸗ leicht nicht einmal Liebe, aber es iſt eine aufrich⸗ tige, wahre, hingebende Zuneigung, wie ſie zu einem dauerhaften ehelichen Gluͤcke nothwendig iſt.“ „Wie befinden ſich Deine Eltern?“ „Ganz wohl; wie Du denken kannſt, wollten ſie anfangs nichts von meiner Verbindung mit Hector wiſſen. Sie ſagten, es ſei eine Mißheirath und prophezeiten mir alles moͤgliche Ungluͤck. Ich aber hatte beſtaͤndig meine Wahrſagerin in den Ge⸗ danken und hoͤrte auf nichts, ſo daß ſie mir endlich, wie immer, meinen Willen ließen. Jetzt koͤnnen ſie ſich nicht genug daruͤber freuen.“ „Du biſt alſo wirklich ganz gluͤcklich?“ „Ja, liebe Juliette.“ In dieſem Augenblicke wurde an die Thür ge⸗ klopft. „Herein!“ rief Cäcilie. Ein Dienſtmaͤdchen trat ein, welche ein Kind auf dem Arme trug. „Meine Tochter hatte ich ganz vergeſſen,“ ſagte Madame Grandin, indem ſie Frau von Ermenon 9* —— das allerliebſte Kind zeigte, das ihr freundlich⸗lä⸗ chelnd ihre Händchen entgegenſtreckte.„Sieh nur, wie huͤbſch ſie iſt!“ Mit dieſen Worten hielt ſie die Kleine ihrer Freundin vor und dieſe kußte ſie. „Du weißt wohl, wie ſie heißt?“ „Nein.“ „Sie heißt Juliette, wie Du.“ „Iſt dies nur Zufall?“ „O nein, ich habe ſie mit Vorbedacht ſo ge⸗ nannt, damit ihr dieſer Name Gluͤck bringe.“ „Gebe der Himmel, daß das liebe Kind nicht ſo unglucklich wird als ich!“ „Du wirſt mir doch hoffentlich Deinen Kum⸗ mer erzaͤhlen?* „Habe ich vor Dir ein Geheimniß? verſetzte Juliette, ihrer Freundin die Hand reichend. „Das freut mich. Annette, geh' jetzt mit der Kleinen ſpazieren und gieb wohl Acht auf ſie,“ ſagte Madame Grandin zu dem Dienſtmädchen, worauf ſich dieſe mit dem Kinde entfernte. „Zuerſt, was bedeutet noch dieſe Trauerklei⸗ dung,“ fuhr Cäcilie fort,„da Deine Mutter bereits ſeit zwei Jahren todt iſt?“ „Ich traure um meinen Mann.“ „Wie? Herr von Ermenon..« „Iſt vor ſechs Wochen geſtorben.“ „Und Du haſt ſogleich an mich gedacht! das iſt recht von Dir. Großer Gott, ich ſpreche be⸗ ſtaͤndig von meinem Gluͤck und ſehe nicht, daß Du bekuͤmmert biſt! Verzeihe mir, meine gute Ju⸗ liette.“ „Es gewaͤhrt mir einigen Troſt, daß ich Dich glucklich ſehe, denn wenn Du auch Kummer litteſt, ſo wuͤrde dies meinen Schmerz noch vermehren.“ Juliette trocknete ihre Augen, die ſie ſo manch⸗ mal ſeit ihrer Verbindung getrocknet, denn ſie hatte oft geweint. „Aber das Gluͤck, welches ich genieße, kam Dir von Rechtswegen zu,“ entgegnete Caͤcilie; „warum haſt Du es nicht gewollt?“ „Du ſollteſt mir dieſen Vorwurf nicht machen.“ „Es iſt wahr. Aber erzaͤhle mir doch Dein Ungluͤck.“ — „Du weißt, wie plotzlich meine Mutter ſtarb meine gute Mutter, die mich ſo aufrichtig liebte!“ Neue Thraͤnen erſtickten Juliettens Stimme. Caͤcilie ſelbſt konnte ihrer Bewegung nicht Herr werden. Nach dem Tode meiner Mutter,“ fuhr Ju⸗ liette fort,„uͤberredete mich mein Gatte, daß wir Frankreich verlaſſen und ein wenig reiſen muͤßten, damit ſich der ſchmerzliche Eindruck dieſes Ungluͤcks⸗ falles etwas verwiſchte. Du weißt, wie ſehr ich Heinrich liebte; ich that Alles, was er wollte. Außerdem rieth er mir auch, Valgenceuſe zu ver⸗ kaufen, da ich auf dieſer Beſitzung nach dem daſelbſt Vorgefallenen nie mehr Zerſtreuung finden koͤnne. Ich war ſo niedergebeugt von meinem Schmerze, daß ich nicht das Geringſte dagegen einwendete. Valgenceuſe wurde verkauft, und wir reiſ'ten nach Italien. Ich erfuhr nichts davon, daß Heinrich vor unſrer Abreiſe ſeinem Oheim Gabriel einen Theil der aus dem Verkauf geloͤſ'ten Summe zu⸗ ruͤckließ. Du haſt keine Ahnung, liebe Cäcilie, was fuͤr ein Menſch dieſer Oheim war. Er allein war die Urſache unſres Ungluͤcks, das meine arme — 135— Mutter zum Gluck nicht mehr erlebt hat, denn ſie wurde vor Kummer und Verzweiflung daruͤber geſtorben ſein, waͤhrend ſie in dem Glauben ver⸗ ſchieden iſt, daß ich einer gluͤcklichen Zukunft ent⸗ gegenſaͤhe. Dieſer Oheim hatte ein ſehr ausſchwei⸗ fendes Leben gefuͤhrt. Schon als unſre Verbin⸗ dung feſtgeſtellt wurde und unſer beiderſeitiges Vermoͤgen zur Sprache kam, bemerkte ich, daß Heinrich bei weitem nicht ſo reich war, als man glaubte, denn er beſaß kaum noch ſechstauſend Franken Renten. Der alte Baron aber hatte gar nichts mehr. Ich liebte jedoch Herrn von Erme⸗ non zu ſehr, um mich an dergleichen Ruͤckſichten zu ſtoßen, und unſte Verbindung wurde geſchloſſen. Meine Mutter behielt zehntauſend Franken Renten fur ſich, uberließ uns die uͤbrigen funfzehntauſend und lebte bei uns. Die ſechstauſend Franken, welche Heinrich noch beſaß, machte er ſeinem Oheim zum Geſchenk, wogegen ihm dieſer das formelle Verſprechen geben mußte, ſich einzuſchraͤnken und mit dieſem Einkommen zu begnugen. Ein Jahr lang lebten wir ziemlich glucklich, ſehr gluͤcklich ſo⸗ gar, wenn auch Heinrich zuweilen Verdruß hatte, welcher ſtets von dieſem Manne herkam und den ich errieth, obgleich er denſelben ſorgfaltig vor mir zu verbergen ſuchte. Du weißt, daß eine Frau, welche ihren Gatten wahrhaft liebt, in ſeinem Her⸗ zen lieſ't, wie in einem offenen Buche. Der Oheim Gabriel beſuchte uns dann und wann in Paris, aber faſt jedes Mal, wenn er kam, fanden heftige Auftritte zwiſchen ihm und ſeinem Neffen ſtatt. Ich horchte einige Male an der Thuͤr, und ſtets kam der Name einer Marquiſe von D*“ in Hein⸗ richs Antworten vor.“ „Der Marquiſe von D'*lk rief Caͤcilie ver⸗ wundert. „Ja, meine Liebe, die Marquiſe wurde von dem Baron unterhalten, und dies war es, woruͤber Herr von Ermenon ſeinem Oheim beſtaͤndig Vor⸗ wuͤrfe machte, denn Du weißt, wie verſchwenderiſch dieſe Frau lebte.“ „Du Arme! wie magſt Du dabei gelitten haben!“ „Dies Alles war noch nichts. Du haſt keinen Begriff davon, wie ſich mein Inneres empoͤrte, wenn ich die Vorwuͤrfe hoͤrte, die mein Gatte ſei⸗ nem Oheim deshalb machte. Dieſer Mann, den ſein vergangenes Leben und dieſe letzte Leidenſchaft, denn er liebte die Marquiſe wie ein Wahnſinniger, faſt um den Verſtand gebracht hatten, floßte mir einen Abſcheu ein, den ich Dir nicht beſchreiben kann. Dieſer Greis, der drei Mal ſo alt war als ſein Neffe und der vor einem jungen Manne hatte erroͤthen muͤſſen, beleidigte einerſeits mein Scham⸗ gefuͤhl, waͤhrend er auf der andren Seite Mitleid in mir erweckte. Es wuͤrde mir Muͤhe koſten, Dir eine Idee von ſeinem niedrigen Charakter beizu⸗ bringen. Je älter er wurde, um ſo mehr erloſchen auch die letzten Funken von Ehre und Rechtſchaf⸗ fenheit in ihm. Oft ſagte Heinrich zu mir: „— Mein Oheim wuͤrde eine ſchlechte Hand⸗ lung begehen, um ſich Geld zu verſchaffen, wenn ich ihm keines gäbe.“ „— So gieb es ihm, erwiderte ich immer; vielleicht beſſert er ſich noch. „— Das wird er nie thun, verſetzte Heinrich, und wir waren dann jedes Mal den ganzen Tag traurig und verſtimmt. „Zuweilen ſagte ich zu meinem Manne: — 138— „— Laß Deinen Oheim fuͤr wahnſinnig erklaͤ⸗ ren, dies wird Dir wenig Muͤhe koſten. „— Das kann ich nicht, antwortete mir Heinrich. Unter uns geſagt, ich nehme keinen An⸗ ſtand, ihm die bitterſten Vorwuͤrfe zu machen, allein es wäre mir unmoͤglich, ihm einen oͤffentli⸗ chen Schimpf anzuthun. Mein Vater hat mich ihm anvertraut, er hat mich erzogen, und ich weiß, daß er mich im Grunde herzlich liebt. Aber er macht mich ſehr unglucklich!“ „Inzwiſchen ſtarb meine Mutter. Den wah⸗ ren Grund, warum wir Frankreich verließen, hatte mir Heinrich verſchwiegen. „Der alte Baron hatte die hundertzwanzig⸗ tauſend Franken, welche ihm mein Gatte bei unſrer Verbindung geſchenkt, vollſtändig durchgebracht und war abermals von allen Hilfsmitteln entbloͤßt. „Heinrich brachte ein letztes Opfer, ſetzte ihm funfzigtauſend Franken als unveräußerliches Kapi⸗ tal aus, und um nicht laͤnger Zeuge ſeiner Aus⸗ ſchweifungen zu ſein, verließen wir Frankreich. „— Ich habe gethan, was ich thun mußte,“ — 139— ſagte Heinrich,„mag nun aus meinem Oheim wer⸗ den, was da will.“ „Dies Alles, in Verbindung mit dem Tode meiner Mutter, war eben nicht geeignet, mich gluͤcklich zu machen. Ich wurde traurig und ſogar zuweilen krank, was ich in meinem Leben noch nicht geweſen war. Auch Heinrich ſchien ſich an meiner Seite nicht mehr ſo gluͤcklich zu fuͤhlen, als fruͤher. Alle dieſe unerwarteten Schlaͤge wirkten auf meine Gemuͤthsſtimmung ein, und, ich will es Dir nur geſtehen, oft kam mir Caͤſarinens Pro⸗ phezeiung in den Sinn. Um die betrubenden Nach⸗ richten zu vermeiden, deren Eingang wir im Voraus ahnten, hatten wir Niemandem, ſelbſt Dir nicht geſagt, wohin wir reiſ'ten, da erhielt Heinrich eines Tages einen Brief, und bei den erſten Worten, die er las, wurde er leichenblaß. „Ich fragte ihn beſorgt um die Veranlaſſung ſeines Schreckes. Er reichte mir den Brief. „Dieſer war von dem Baron und enthielt Folgendes: „Mein lieber Neffe, wenn Du dieſen Brief erhaͤltſt, habe ich aufgehoͤrt zu leben. Ich habe — 140— kein Geld mehr. Die Marquiſe von D'“, ohne deren Liebe ich nicht exiſtiren kann, hat mir ihr Haus verboten. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, und ich ſage Dir noch nicht Alles. Ich ſchicke dieſen nämlichen Brief an Dich nach allen großen Städten Italiens. Verzeihe mir den Kummer, den ich Dir bereitet habe. Ach! ich habe nur einen ſchoͤnen Augenblick in meinem Leben gehabt: den meines Todes. „Dein Oheim, der Dich herzlich liebte, „S. von Ermenon.“ „— Haſt Du geleſen?“ fragte mich Heinrich. „— Ja,“ erwiderte ich, wie vom Donner ge⸗ ruͤhrt von dieſer Nachricht. „— Hoͤre mich an,“ ſagte er nun ganz leiſe, „wir muͤſſen ſogleich nach Hauſe reiſen.“ „— Warum?“ „— Weil mein Oheim,“ antwortete Herr von Ermenon nach einigem Zoͤgern und noch leiſer als vorher,„wenn das, was er mir ſchreibt, wahr iſt, gewiß zuvor eine Schlechtigkeit begangen hat, ehe er dieſen verzweifelten Schritt that.“ — 141— „— Großer Gott!“ rief ich aus,„ſo wollen wir unverzuͤglich abreiſen.“ Wir thaten dies und kamen bald in Sen⸗ lis an. „Das habe ich erfahren,“ bemerkte Cäcilie. „Wer hat es Dir geſagt?“ „Meine Mutter ſchrieb es mir.“ „Du weißt alſo auch, was geſchehen war?“ „Nur zu gut; ich wollte nur nicht zuerſt da⸗ von ſprechen, weil ich fuͤrchtete, Dir Kummer da⸗ durch zu bereiten. Herr von Ermenon, der zum zehnten Male ruinirt war, hatte es nicht ertragen koͤnnen, ohne Geld zu ſein und beſonders, die Marquiſe von D'“ nicht mehr zu ſehen, und er hatte daher falſche Wechſel gemacht.“ „Ja,“ fluͤſterte Juliette. „Und weißt Du, in weſſen Haͤnden ſich dieſe Papiere befanden?“ „Nein, mein Mann hat mir es nicht ſagen wollen.“ „In den Händen meines Schwiegervaters. Die Unterſchrift war die einer bekannten Hand⸗ lungsfirma. Die Papiere circulirten ohne Schwie⸗ rigkeit, aber einige Tage vor der Verfallzeit kam der Baron zu Herrn Grandin, warf ſich ihm zu Fuͤßen und geſtand ihm Alles. Herr Grandin wollte der Sache ihren Lauf laſſen, denn er hat es Deinem Gatten nie verzeihen koͤnnen, daß er ſeinen Sohn aus dem Felde geſchlagen hatte, aber Hector ließ die Wechſel einloͤſen und die Sache wurde nicht bekannt, da weder Hector, noch ſein Vater, auf meines Mannes dringendes Bitten, etwas davon verlauten ließen. Als Dein Gatte nach Senlis kam, erzaͤhlte ihm Hector Alles; Du befandeſt Dich waͤhrenddem in Paris, nicht ſo?⸗ „Ja, ganz recht.“ „Herr von Ermenon bezahlte die Wechſel und reiſ'te dann ſogleich ab.“ „Sehr richtig; aber vorher beging er in ſeinem gerechten Zorne eine Unbeſonnenheit, die uns zum Verderben gereichte, denn nach dem Tode des Oheims haͤtten wir noch gluͤcklich werden koͤnnen. Heinrich konnte die Schande nicht vergeſſen, der unſer Name nur mit genauer Noth entgangen war, eben ſo wenig das Verbrechen, welches der Baron ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. Er ging daher zu dem Marquis von D““ und gab ihm Ohrfeigen, denn dieſer Menſch ſpeculirte auf die ehebrecheriſche Lebensweiſe ſeiner Frau und war die Veranlaſſung zu Allem, was wir hatten leiden und befuͤrchten muͤſſen. „Der Marquis ließ ſich dieſe Beſchimpfung ruhig gefallen und ſagte kein Wort dazu; nur ſchrieb er ſeinem Sohne den Vorfall, wobei er ihm natuͤr⸗ lich die wahren Beweggruͤnde deſſelben verſchwieg, und der Sohn, welcher in Afrika als Offizier diente und ein braver junger Mann war, verlangte einen Urlaub, um die ſeinem Vater widerfahrene Schmach zu raͤchen. „Wir befanden uns in Nizza— denn alle dieſe Schlaͤge des Schickſals hatten meine Geſund⸗ heit ſo erſchuͤttert, daß mir die Luft des Suͤdens dringend noͤthig geworden war— als wir eines Morgens, es moͤgen zwei Monate her ſein, den Beſuch des Grafen von D“ empfingen, der von meinem Gatten Genugthuung fuͤr die ſeinem Va⸗ ter zugefuͤgte Beſchimpfung forderte. „Sie ſchlugen ſich und man brachte mir mei⸗ nen Gatten mit einer Kugel in der Bruſt zuruͤck. — „Drei Tage nach dieſem Duell ſtarb Heinrich. „Ich verfiel in eine gefährliche Krankheit, und ſobald ich geneſen war, trat ich meine Reiſe nach Frankreich an; ich bin kaum zwanzig Jahre alt, und Du ſiehſt, was ich ſchon gelitten habe. An⸗ genommen, dies ginge ſo fort, dann weiß ich nicht, was aus mir noch werden ſoll.“ Vorlaͤufig bleibſt Du bei uns,“ ſagte Cäcilie, indem ſie die Hand ihrer Freundin ergriff. „Du biſt von Sinnen!“ „Keineswegs. Du lebſt bei uns, dies wird Dich ein wenig zerſtreuen; Du wirſt ſehen, wie gut Hector iſt und wie er Dich lieben wird, und Du wirſt Dich endlich uͤber Deinen Verluſt troſten. In unſtem Alter verſchmerzt man Alles; Du biſt jung, ſchoͤn und wirſt bald einen andren Gatten nehmen.“ „Das werde ich nie!“ „Sage dies nicht; wieviel beſitzeſt Du noch Vermoͤgen?“ „Hundertfunfzigtauſend Franken hochſtens.“ „Dieſe Summe giebſt Du Hector, in ſechs Monaten hat er Dein Kapital verdoppelt. O,Herr ——— — — Grandin Sohn iſt eben ſo geſchickt als ſein Vater, der ſich ubrigens ſo ſehr daran gewoͤhnt hat, Ver⸗ kaͤufe, Heirathen und Geſchafte aller Art abzuſchlie⸗ ßen, daß er jetzt, nachdem er ſeine Erpedition ver⸗ kauft hat, thaͤtiger iſt als je zuvor. Jetzt ſollſt Du auch meinen Gatten, oder vielmehr unſten Gatten ſehen,“ ſetzte Cäcilie lachend hinzu, denn wenn Du mir geglaubt hätteſt, waͤre er der Deinige.“ nn „Ach! ich wuͤrde gewiß beſſer gethan haben. „Jetzt iſt es zu ſpaͤt; haͤtte ich gewußt, was geſchehen wurde, ſo haͤtte ich gewartet und ihn Dir uͤberlaſſen.“ „Du biſt alſo noch immer ſo wie fruher?“ „Ja, Du ſiehſt es wohl.“ Caͤcilie ſchellte. „Ich laſſe Herrn Grandin bitten, einen Au⸗ genblick zu mir zu kommen,“ ſagte ſie zu dem ein⸗ tretenden Kammerdiener. Nach einigen Sekunden kam Hector, der nicht ahnete, daß Juliette bei ſeiner Frau war. „Liebe Freundin,“ ſagte Caͤcilie,„ich ſtelle Dir Herrn Hector Grandin, meinen Gatten, vor.“ 10 Cäſaine. — 146— Juliette erhob ſich, und der Sohn des No⸗ tars konnte einen Ausruf der Ueberraſchung nicht zuruͤckhalten, als er ſie erkannte. „Und ich kuͤndige Dir hiermit an, lieber Hector,“ fuhr Madame Grandin fort,„daß Juliette, welche Witwe iſt, bei uns bleiben wird. Ah, jetzt be⸗ reueſt Du es wohl, daß Du mich zur Frau ge⸗ nommen haſt? Wenn Du noch frei waͤreſt, ſo wuͤrdeſt Du ihr Dein Vermoͤgen, Deine Liebe und Deinen Namen zu Fuͤßen legen, nicht wahr? Troͤſte Dich, mein armer Hector, es iſt nicht mehr moͤglich.“ Caͤcilie deutete die ganz natuͤrliche Erſchuͤt⸗ terung, welche Juliettens unvermutheter Anblick auf ihren Gatten hervorgebracht hatte, auf eine ſo liebenswuͤrdige Art, daß dieſer ihr einen Kuß gab und der jungen Witwe die Hand reichte. ———————— . Von dieſem Tage an blieb Frau von Ermenon in Grandins Hauſe. Sie ſah Alle wieder, die ſie fruͤher gekannt hatte: Caͤciliens Eltern und Hectors Vater, der ſie liebte, wie ſeine Tochter. Was ihre Freundin geſagt hatte, ging in Er⸗ fuͤllung. Hector verdoppelte Juliettens kleines Vermd⸗ gen, aber die beſtaͤndige Gegenwart dieſer Frau, die er ſo ſehr geliebt und noch immer nicht ganz vergeſ⸗ ſen hatte, machte ihn zuweilen wieder ſeinen Willen traurig, was weder Cäcilien, noch ſeinem Vater, noch Julietten entging. Dieſe theilte daher ihrer Freundin eines Mor⸗ gens mit, daß ſie beſchloſſen habe, ihr Haus zu verlaſſen. „Ich kenne das edle Gefuͤhl, welches Dich zu dieſem Entſchluſſe bewogen hat,“ erwiderte ihr Ca⸗ 10* cilie,„Du haſt den Eindruck bemerkt, welchen Deine Naͤhe auf meinen Gatten hervorbringt und Du fuͤrchteſt, mir durch laͤngeres Verweilen Kummer zu machen. Ich bin nicht eiferſuͤchtig auf Hector; es iſt mir lieber, daß er ſo iſt, anſtatt gleichgiltig, denn es beweiſet mir, daß er ein Herz hat. Bleibe noch bei uns, meine gute Juliette, und vollende Deine Kur. Wenn Du jetzt von uns gingeſt, wuͤrde er ſich vielleicht nach Dir ſehnen.“ Die beiden Freundinnen umarmten ſich, und Juliette blieb noch. Eine aͤhnliche Unterredung fand zwiſchen dem ehemaligen Notar und ſeinem Sohne ſtatt. „Sei aufrichtig gegen mich, ſagte der alte Gran⸗ din,„Du liebſt Frau von Ermenon noch immer.“ „Nein, lieber Vater, ich liebe ſie nicht mehr wie fruher; aber ſeitdem ſie hier iſt, bin ich ein ganz anderer Menſch geworden.“ „Dem muß abgeholfen werden, ſowohl um Deiner eigenen als auch um der Ruhe Deiner Frau willen.“ „Wir koͤnnen doch Frau von Ermenon nicht fortſchicken?“ 1 ſi 1 5 — —— 1 4 „Nein, aber wir konnen ſie verheirathen.“ „Das iſt wahr,“ ſtammelte der junge Mann, welcher dieſes Mittel nicht erwartete;„dies wuͤrde ſogar beſſer ſein. Sie haben Recht, lieber Vater, aber wen ſollte ſie heirathen?“ „Julius von Jvry.“ „Er liebt ſie wohl?* 5S „Und ſie?* „Sie liebt ihn noch nicht, aber ſie wird ihn lie⸗ ben. Er iſt jung, reich und ein huͤbſcher Mann.“ „Ja, ſie wird ihn ohne allen Zweifel lieben,“ murmelte Hector, indem er ſich mit der Hand uͤber die Stirn fuhr, als wollte er einen widerſtrebenden Gedanken verſcheuchen.„Ich glaube, ſie muͤſſen ein gluͤckliches Paar werden.“ „Nicht wahr?“ „Ja gewiß.“ „So will ich Caͤcilien auftragen, daß ſie mit Julietten daruͤber ſprechen ſoll.“ „Thun Sie das, lieber Vater.“ Nach dieſem Geſpräch ſchloß ſich Hector in ſein Zimmer ein. Wir wiſſen nicht was er hier that — 150— und koͤnnen nur ſoviel ſagen, daß, als er es wieder ver⸗ ließ, ſeine Augen gerothet waren, als haͤtte er geweint. Waͤhrend dem theilte der Vater Grandin ſeiner Schwiegertochter mit, was er beſchloſſen hatte und bat ſie, Frau von Ermenon uͤber die Sache zu befragen. „Ich werde thun was Du willſt,“ antwortete Juliette ihrer Freundin. „Nun wohl, ſo heirathe noch nicht“ „Warum nicht?“ „Weil ſich Hector zu ſehr daruͤber graͤmen wuͤrde.“ „Wie ſo?“ „Er liebt Dich noch immer, und wenn Du in dieſem Augenblicke unſer Haus verließeſt, ſo wuͤrde ich darunter leiden muͤſſen. Ich verlange noch ſechs Monate von Dir, um ihn vollſtaͤndig zu heilen.⸗ Handelte Caͤcilie unter ſolchen Umſtaͤnden als gefuͤhlvolle Gattin und als vernuͤnftige Frau? Die ſechs Monate vergingen, und waͤhrend die⸗ ſer Zeit umgab ſie ihren Gatten mit ſoviel Liebe und Aufmerkſamkeit, daß Hector nach und nach ver⸗ gaß, was ſie ſo gern aus ſeinem Herzen verbannt haben wollte. — 151— Inzwiſchen hatte ſich Julius von Jvry um die Zuneigung der Frau von Ermenon beworben, und dieſe erwartete faſt mit Ungeduld die Erlaubniß, welche ihre Freundin ihr verſprochen hatte. „Jetzt haſt Du meine Einwilligung,“ ſagte Cä⸗ cilie eines Tages endlich, indem ſie ihr die Hand reichte. „Und Hector?“ verſetzte Juliette mit einem Laͤcheln, deſſen Bedeutung Madame Grandin allein verſtehen konnte. „Hector giebt ebenfalls ſeine Zuſtimmung.“ Die Verbindung fand ſtatt, aber Herr von Jyry iſt faſt immer krank, waͤhrend Cacilie und ihr Gatte ſtets geſund und gluͤcklich ſind, ohne daß ir⸗ gend etwas ihrem Gluͤcke hinderlich zn ſein ſcheint. Wenn Ihr an einem Feſttage nach den Champs⸗ Elyſies geht, ſo tretet in die Bude, uͤber welcher Ihr die Worte leſet: Wilde Thiere, gezaͤhmt durch Made⸗ moiſelle Caͤſarine. Sprecht mit dieſem Maͤdchen von Caͤcilien und Julietten, und ſie wird Euch, wenn Ihr es wuͤn⸗ ſchet, die vorſtehende Geſchichte erzäͤhlen, mit Aus⸗ nahme deſſen, was auf den Oheim Gabriel Bezug hat. — 152— — Caͤcilie hatte einmal in den Julitagen die Bude der Wahrſagerin wiedergefunden und ſich nicht ent⸗ halten koͤnnen, ihr zu ſagen, wie vollſtaͤndig ihre Propezeiung in Erfuͤllung gegangen war, und ſeitdem erzaͤhlt Caͤſarine den Vorfall Jedermann, der es hoͤren will. Wenn Ihr Vertrauen zu ihr habt, ſo befraget ſie uͤber die fernere Zukunft Juliettens, und ſie wird Euch ſagen, daß ihre zweite Ehe nicht viel gluckli⸗ cher ſein wird als die erſte, daß Julius von Jvry jung ſterben, aber ihr zum Gluͤck ein Kind hinter⸗ laſſen wird, das ſie fur alle ihre Leiden entſchaͤdigen kann; daß ſie aber, wenn ſie gehorcht und Hector Grandin geheirathet haͤtte, die gluͤcklichſte Gattin von der Welt geworden ſein wuͤrde, was Cäcilie in der That iſt. Bourdaloue raiſonnirt noch immer, aber ſeine Kraͤfte nehmen ab, und er kann nur noch mit funf⸗ zigpfuͤndigen Gewichten ſpielen. —— Ende.