Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. OMensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeen Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 F— f Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Fupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben! 3 ** „ — Bium Catherine von Alerander Dumas. — 06— Ws de F 5 ſ ſ von Dr. Auguſt Zoller. ——— Stuttgart. 3 ſche Verlagshandlung. 1854. 2 S — — — 5 8 . 8 2 . — — 5 6 8 5 B ₰ 3 3 2 — — — S S 6 5 — — Du ſagteſt geſtern zu mir, mein Kind: „Lieber Vater, Du machſt nicht genug Bücher wie Conſcience.“ Worauf ich Dir erwiederte: „Befiehl, Du weißt, daß ich Alles mache, was Du willſt. Erkläre mir, was für ein Buch Du zu haben wünſchſt und Du wirſt es haben.“ Da ſprachſt Du: „Nnn denn! ich möchte gern eine von jenen Ge⸗ ſchichten aus Deiner Jugend haben, eines von jenen der Welt unbekannten Dramen, die im Schatten der großen Bäume jenes ſchönen Waldes ſpielen, deſſen ge⸗ heimnißvolle Tiefen Dich zum Träumer gemacht ha⸗ ben, deſſen melancholiſches Gemurmel Dich zum Dichter gemacht hat, eines von jenen Ereigniſſen, die Du uns zuweilen in der Familie erzählſt, um von den langen romantiſchen Epopöen, die Du ſchaffſt, auszuruhen, Ereigniſſe, welche Deiner Anſicht nach zu ſchreiben nicht der Mühe werth iſt. Ich, ich liebe Deine Heimath, die ich nicht kenne, wohl aber von fern durch die Er⸗ innerungen geſehen habe, wie man eine Landſchaft durch einen Traum ſieht.“ Ah! und ich auch, ich liebe ſie, meine gute Hei⸗ math mein liebes Dorfl denn es es iſt nichts Anderes als ein Dorf, obgleich der Ort ſich Stadt betitelt; ich liebe ſie, um damit, nicht Euch, meine Freunde, ſondern die Gleichgültigen zu ermüden. Ich bin in Beziehung auf Villers⸗Cotterets wie mein alter Freund Ruscani in Beziehung auf Kolmar; für ihn iſt Kolmar der Mittelpunkt der Erde, das Weltall dreht ſich um Kolmar! In Kolmar hat er die ganze Welt kennen lernen: Carrel!„Wo haben Sie denn Carrel kennen lernen, Ruscani?“„Ich habe mit ihm in Kolmar im Jahre 1821 conſpirirt.“ Talma!„Wo haben Sie denn Talma kennen lernen, Ruscani?“„Ich habe ihn 1816 in Kolmar ſpielen ſehen.“ Napolevn!„Wo haben Sie denn Napoleon kennen lernen, Ruscani?“„Ich habe ihn 1808 durch Kolmar paſſiren ſehen.“ Nun wohl! ſo datirt ſich Alles für mich von Villers⸗Cotte⸗ rets, wie ſich Alles für Ruscani von Kolmar datirt. Nur hat Ruscani den Vorzug vor mir oder den Nachtheil gegen mich, daß er nicht in Kolmar geboren iſt; er iſt geboren zu Mantua, der herzoglichen Stadt, der Heimath von Virgil und Sordello, während ich in Villers⸗Cotterets geboren bin. Du ſiehſt auch, mein Kind, man braucht mich nicht zu ſehr zu drängen, um zu machen, daß ich von meinem vielgeliebten Städtchen ſpreche, deſſen weiße Häuſer gruppirt im Hintergrunde des Hufeiſens, das ſein un⸗ geheurer Wald bildet, ausſehen wie ein Vogelneſt, das die Kirche mit ihrem langhalſigen Thurme beherrſcht und wie eine Mutter überwacht. Du brauchſt nur von mei⸗ nen Lippen das Siegel wegzunehmen, das meine Ge⸗ danken und meine Worte verſchließt, und Gedanken und Worte ſprudeln hervor lebhaft und brauſend wie der Schaum des Bierkrugs, der uns einen Schrei ausſtoßen macht und uns an unſerer Verbannungstafel von ein⸗ ander entfernt, oder wie der des Champagners, der uns ein Lächeln entreißt und uns einander näher bringt, indem er uns an die Sonne unſeres Vaterlan⸗ des erinnert. In der That, habe ich nicht dort wahrhaft gelebt, 5 da ich dort das Leben erwartete? Man lebt in der Hoffnung viel mehr, als in der Wirklichkeit. Was macht die Horizonte von Gold und Azur? Ach! mein Kind, Du wirſt es eines Tags erfahren: es iſt die Hoffnung. Dort bin ich geboren, dort habe ich meinen erſten Schmerzensſchrei ausgeſtoßen; dort hat ſich unter dem Auge meiner Mutter mein erſtes Lächeln erſchloſſen; dort bin ich, ein blonder Kopf mit roſigen Wangen, jenen jugendlichen Illuſionen nachgelaufen, die uns entwiſchen, oder die uns, erreicht man ſie, nur ein wenig ſammetenen Staub an den Fingern zurücklaſſen, und die man Schmetterlinge nennt. Ach! es iſt abermals wahr und ſeltſam, was ich Dir ſagen will: man ſieht nur Schmetterlinge, wenn man jung iſt, ſpäter kommen die Weſpen, weiche ſtechen; ſodann die Fledermänſe, welche den Tod weiſſagen. Die drei Perioden des Lebens faſſen ſich alſo zu⸗ ſammen: Jugend, reifes Alter, Greiſenthum,— Schmet⸗ terlinge, Weſpen, Fledermäuſe! Dort iſt mein Vater geſtorben. Ich war in dem Alter, wo man nicht weiß, was der Tod iſt, und wo man kaum weiß, was ein Vater iſt. Dorthin hatte ich meine hingeſchiedene Mutter ge⸗ führt; in dieſem reizenden Friedhofe,— der viel mehr das Ausſehen eines Blumengeheges, um die Kinder darin ſpielen zu laſſen, als eines Todtenackers hat, um die Leichen darin zur Ruhe zu beſtatten,— ſchläft ſie neben dem Soldaten vom Lager von Maulde und dem General von den Pyramiden. Ein Stein, den die Hand einer Freundin über ihrem Grab ausgebreitet hat, beſchirmt Beide. Zu ihrer Rechten und ihrer Linken liegen die nächſten Verwandten, der Vater und die Mutter mei⸗ ner Mutter, Tanten, deren ich mich dem Namen nach erinnere, deren Geſicht ich aber nur durch den gräu⸗ lichen Schleier langer Jahre ſehe. Dort werde ich auch ſchlafen gehen, ſo ſpät als möglich, denn ich werde Dich ſehr wider meinen Willen verlaſſen, mein liebes Kind! Warum ſollte ich nicht gern von dieſer ungehenren grünen Wiege ſprechen, wo jedes Ding für mich eine Erinnerung iſt? Ich kannte Alles dort, nicht allein die Leute vom Dorfe, nicht allein die Steine der Häuſer, ſondern auch die Bäume des Waldes. So wie dieſe Erinnerungen meiner Jugend verſchwunden ſind, habe ich ſie beweint. Weißköpfe der Stadt, lie⸗ ber Abbé Gregoire, guter Kapitän Fontaine, würdiger Vater Niguet, lieber Vetter Deviolaine, ich habe es mauchmal verſucht, Euch wieder ins Leben zu rufen; doch Ihr habt mich faſt erſchreckt, arme Geſpenſter, ſo bleich und ſtumm fand ich Euch, trotz meiner zärtlichen, freundſchaftlichen Heraufbeſchwörung! Ich habe euch beweint, düſtere Steine des Saint⸗Remy Kloſters, coloſ⸗ ſale Gitter, rieſige Treppen, enge Zellen, cyklopiſche Küche, die ich Schichte um Schichte fallen ſah, bis die Steinhaue mitten unter Schutt und Trümmern eure Fundamente ſo breit wie die Baſen der Wälle und eure Keller gähnend wie Abgründe entdeckte. Ich habe euch beweint, euch beſonders, ſchöne Bäume des Par⸗ kes, Rieſen des Waldes, Familien von Eichen mit dem knorrigen Stamme, von Buchen mit der glatten ſilber⸗ nen Rinde, von Zitterpappeln und von Kaſtanien⸗ bäumen mit den pyramidalen Blüthen, um welche in den Monaten Mai und Juni Schwärme von Bienen⸗ der Leib von Honig angeſchwollen, die Beine von Wachs beladen, ſummten. Ihr ſeid plötzlich gefallen, in einigen Monaten, ihr, die ihr noch ſo viele Jahre zu leben, noch ſo viele Generationen unter eurem Schatten zu beſchirmen, noch ſo viele Liebſchaften ge⸗ heimnißvoll und geräuſchlos über den Moosteppich, den die Jahrhunderte zu enren Füßen ausgebreitet, hinziehen zu ſehen hofftet. Ihr haitet Franz l. und Madame H m — „— c— —— ———,——„—.——— r)c e———.——— d'Etampes, Heinrich I. und Diana von Poitiers, Heinrich IV. und Gabriele gekannt; ihr ſprachet von dieſen berühmten Todten unter eurer ausgehöhlten Rinde; ihr hofftet, dieſe dreifach verſchlungenen Halb⸗ monde, dieſe verliebt um einander gewundenen Namens⸗ züge, dieſe Kränze von Lorbeeren und Roſen werden euch vor einem gemeinen Tode und dem mercantilen Kirchhofe, den man einen Holzgarten nennt, beſchützen: ach! ihr täuſchtet euch, ſchöne Bäume! Eines Tags hörtet ihr das ſchallende Geräuſch der Axt und das dumpfe Knirſchen der Säge... Es war die Zerſtörung, die zu euch kam; es war der Tod, der euch zurief:„Nun iſt die Reihe an euch, ihr Hoffär⸗ tigen!“ Und ich habe euch auf der Erde liegen ſehen, ver⸗ ſtümmelt von den Wurzeln bis zum Gipfel, eure Aeſte um euch her zerſtreut, und es ſchien mir, als durchliefe ich, fünftauſend Jahre jünger, jenes ungeheure Schlacht⸗ feld, das ſich zwiſchen Pelion und Oſſa entrollt, und als ſähe ich zu meinen Füßen die Titanen mit drei Köpfen und hundert Armen ausgeſtreckt, welche den Olymp zu erſtürmen verſuchten, aber von Jupiter nie⸗ dergeſchmettert wurden. Gehſt Du je mit mir und auf meinen Arm ge⸗ ſtützt, theures Kind meines Herzens, unter allen dieſen großen Wäldern ſpazieren, durchſchreiteſt Du dieſe zer⸗ ſtreuten Dörfer, ſetzſt Du Dich auf dieſe moosbedeckten Steine, neigſt Du Dein Haupt gegen dieſe Gräber, ſo wird es Dir Anfangs ſcheinen, Alles ſei ſchweigſam und ſtumm; doch ich werde Dich die Sprache aller dieſer alten Freunde meiner Jugend lehren, und dann wirſt Du begreifen, welch ein ſüßes Gemurmel ſie für mein Ohr, lebendig oder todt, machen. Wir werden beim Oſten anfangen, und das iſt ganz einfach; für Dich geht die Sonne kaum auf; ihre erſten Strahlen machen noch Deine großen blanen Angen, in denen ſich der Himmel ſpiegelt, blinzeln. Dort werden wir, ein wenig gegen Süden abweichend, das reizende Schlößchen Villers⸗Heran beſchauen, wo ich als kleines Kind unter den Gebüſchen, durch die grünen Hagebuchen die lebendigen Blumen ſuchte, die ſich Louiſe, Cätilie, Auguſtine, Caroline, Henriette, Hermine nannten. Ach! heute ſind zwei oder drei von dieſen ſo ſchönen, geſchmeidigen Stängeln unter dem Hauche des Todes gebrochen; die Andern ſind Mütter, einige Großmütter? es ſind vierzig Jahre ſeit der Epoche, von der ich mit Dir ſpreche, mein liebes Kind, das Du erſt in zwanzig Jahren wiſſen wirſt, was vierzig Jahre ſind. Sodann werden wir, die Wanderung fortſetzend, durch Corcy gehen. Siehſt Du jenen jähen Abhang mit Apfelbäumen beſäet, der ſeine Baſe in einen Teich mit grünem Waſſer und grünen Gräſern taucht? Fort⸗ geriſſen auf einem Charabane durch ein blödſinniges oder wüthendes Pferd,— ſie haben nie genau er⸗ fahren, ob es das Eine oder das Andere war,— rollten eines Tags drei junge Leute wie eine Lawine, als wollten ſie ſich geraden Weges in dieſen Cocytus ſtürzen! Zum Glücke hing ſich eines der Räder an einem Apfelbaume an; dieſer Apfelbaum wurde faſt entwurzelt. Zwei von den jungen Leuten wurden über das Pferd hinausgeſchleudert, der Dritte blieb, wie Abſalon, an einem Aſte hängen, nicht beim Haare, obgleich ſein Haar ſtark genng hiezu geweſen wäre, ſondern mit der Hand! Die über das Pferd hinaus⸗ geſchlenderten zwei jungen Leute war der Eine mein Vetter Hippolyte Leroy, von dem Du mich zuweilen haſt ſprechen hören, der Andere mein Freund Adolph von Leuven, von dem Du mich immer ſprechen hörſt; der Dritte, das war ich. Wie wäre es meinem Leben ergangen, und folg⸗ lich dem Deinigen, mein liebes, armes Kind, hätte ſich ln. d, vo ie ie te, on m dieſer Apfelbaum nicht hier, am genannten Orte, auf meinem Wege gefunden? Eine halbe Stunde weiter, immer, indem wir von Oſten gegen Süden gehen, müſſen wir einen großen Pachthof finden. Sieh, hier iſt er mit ſeinem mit Ziegel bedeckten Hauptgebäude und den Zubehören mit ihren Strohdächern; das iſt Vouty. Hier, mein Kind, wohnt noch, ich hoffe es, ob⸗ gleich er über achtzig Jahre alt ſein muß, ein Mann, der für mein moraliſches Leben, wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf, das geweſen iſt, was für mein materielles der Apfelbaum war, den ich Dir vorhin zeigte. Suche in meinen Denkwürdigkeiten, und Du wirſt ſei⸗ nen Namen finden; es iſt der alte Freund meines Vaters, der eines Tags, von der Jagd zurückkehrend, bei uns eintrat. Seine Flinte, die zerſprungen war, hatte ihm die Hälfte der linken Hand weggeriſſen. Als mich die Wuth erfaßte, Villers⸗Cotterets zu verlaſſen und mich nach Paris zu begeben, ſtatt mir Laufbänder an die Schultern und Spannriemen an die Beine zu legen, da ſagte er zu mir:„Gehe! das Geſchick treibt Dich an!“ und er gab mir an den General Foy jenen viel⸗ beſprochenen Brief, der mir das Haus des Generals und die Bureaux des Herzogs von Orleans öffnete. Wir werden ihn herzlich umarmen, dieſen guten Greis, dem wir ſo viel verdanken, und ſodann unſeres Weges ziehen, und dieſer wird uns auf eine Land⸗ ſtraße über einen Berg hinführen. Schau von der Höhe dieſes Berges herab dieſes Thal, dieſen Fluß und dieſe Stadt an. Dieſes Thal und dieſer Fluß ſind das Thal und der Fluß Ouroy. Die Stadt iſt la Ferté⸗Milon, die Heimath von Racine. Es iſt unnöthig, daß wir dieſen Abhang hinab⸗ ſteigen und in die Stadt eintreten: Niemand vermöchte uns hier das Haus zu zeigen, das der Rebenbuhler von Corneille, der undankbare Freund von Molisre, der bei Ludwig XIV. in Ungnade gefallene Dichter bewohnte. Seine Werke ſind in allen Bibliotheken; ſeine Statue, ein Meiſterwerk unſeres großen Bildhauers David, ſteht auf dem öffentlichen Platze; ſein Haus aber iſt nirgends, oder es iſt vielmehr die ganze Stadt, die ihm ſeinen Ruhm verdankt, ſein Haus. Uebrigens weiß man doch, wo Racine geboren wurde, während man nicht weiß, wo Homer ge⸗ boren iſt. Nun gehen wir von Süden gegen Weſten. Dieſes hübſche Dorf, das erſt vor einem Angenblick aus dem Walde hervorgekommen zu ſein ſcheint, um ſich in der Sonne zu wärmen, iſt Bourſonne. Erinnerſt Du Dich der Gräfin von Charny, eines der Bücher von mir, die Du liebſt? Nun wohl! dann biſt Du mit dem Namen Bourſonne vertraut. Dieſes, von meinem alten Freunde Hutin bewohnte, kleine Schloß iſt das des armen Iſidor von Charnyz aus dieſem Schloſſe ritt der junge Edelmann am Abend verſtohlener Weiſe, auf den Hals ſeines engliſchen Pferdes gebeugt, weg, und in wenigen Minuten war er jenſeits des Waldes, unter dem Schatten der Pappelbäume; von da konnte er das Fenſter von Catherine öffnen und ſchließen ſehen. In einer Nacht kam er ganz blutig zurück; eine von den Kugeln von Vater Billot hatten ihm den Arm durchbohrt, eine andere war ihm in die Seite einge⸗ drungen. Später ritt er wieder von Hauſe weg, um nicht mehr zurückzukehren; er begleitete den König nach Montmedy und blieb auf dem öffentlichen Platze in Varennes vor dem Hauſe des Specereihändlers Sauſſe liegen. Wir haben den Wald von Süden nach Weſten obe ode den Ich ſter mü ſam Go All ſche geſt unk ſchi pla tirt der ten, Do teln der die zu beit ich zu fes wen —* — 8ð e — N w—— — 11 durchwandert; noch ein paar Schritte, und wir ſind oben auf dem Berge von Vauciennes. Hundert Schritte hinter uns fand ich eines Tags oder vielmehr in einer Nacht von Crépy heimkehrend den Leichnam eines ſechzehnjährigen jungen Menſchen. Ich habe in meinen Denkwürdigkeiten dieſes dü⸗ ſtere, geheimnißvolle Drama erzählt.— Die Wind⸗ mühle, die ſich links von der Straße erhebt, und lang⸗ ſam, melancholiſch ihre großen Flügel dreht, weiß, nebſt Gott, allein, wie ſich die Dinge zugetragen haben. Alle ſind ſtumm geblieben; die Gerechtigkeit der Men⸗ ſchen hat auf das Gerathewohl geſchlagen: zum Glück geſtand der Mörder ſterbend, ſie habe richtig getroffen. Der Kamm des Berges, dem wir folgen wollen, und der die große Ebene zu unſerer Rechten und das ſchöne Thal zu unſerer Linken beherrſcht, iſt der Schau⸗ platz meiner kynegetiſchen Thaten. Hier habe ich debn⸗ tirt auf der Laufbahn der Nimrode und der Levaillant, der zwei größten Jäger der alten und der neuen Zei⸗ ten, wie ich mir habe ſagen laſſen. Rechts war es die Domäne der Haſen, der Feldhühner und der Wach⸗ teln, links die der wilden Enten, der Kriechenten und der Becaſſinen. Siehſt Du jenen Ort, der, grüner als die andern, ein von Watteau gemalter reizender Raſen zu ſein ſcheint? Das iſt eine Torfgrube, in der ich beinahe meine Knochen gelaſſen hätte: zum Glück hatte ich den Gedanken, meine Flinte zwiſchen meine Veine zu ſchieben; der Kolben einerſeits, das Ende des Lau⸗ fes andererſeits trafen auf einen Boden, welcher ein wenig ſolider als der, wo ich unterzuſinken anfing; ich wurde aufgehalten in dieſer verticalen Niederfahrt, die mich unfehlbar geraden Weges in die Hölle hinab⸗ geriſſen hätte. Ich ſchrie: der Müller von der Mühle, die Du dort am Schutzbrette des großen Teiches lie⸗ gen ſiehſt, lief,herbei; auf mein Geſchrei warf er mir den Strick ſeines Hundes zu; ich erwiſchte den Strick; 12 er zog mich an ſich, und ich war gerettet. Was meine Flinte betrifft, an der mir viel lag, weil ſie ſehr weit ſchoß und ich nicht reich genug war, um ſie durch eine andere zu erſetzen, ſo brauchte ich nur die Beine an einander zu ſchließen, und ſie war mit mir ge⸗ rettet. Setzen wir unſere Wanderung fortk. Wir gehen nun von Weſten nach Norden. Dort, jene Ruine, von der ſich ein Bruchſtück dem Thurme von Vincennes ähn⸗ lich erhebt, iſt der Thurm von Vez, der einzige Ueber⸗ reſt von einem längſt niedergeriſſenen fendalen Herren⸗ hanſe. Dieſer Thurm iſt das Granitgeſpenſt vergange⸗ ner Zeiten; er gehört meinem Freunde Paillet. Du erinnerſt Dich dieſes nachſichtigen Oberſchreibers, der jagend mit mir von Crépy nach Paris kam, und deſſen Pferd, wenn wir einen Feldhüter erblickten, die Güte hatte, einen von den Jägern, ſeine Flinte, ſeine Haſen, ſeine Feldhühner, ſeine Wachteln mitzunehmen, wäh⸗ rend der andere Jäger, ein harmloſer Touriſt, mit den Händen in den Taſchen, die Landſchaft bewundernd und Botanik ſtudirend ſpazieren ging. Dieſes kleine Schloß iſt das Schloß der Foſſss; hier erwachten meine erſten Empfindungen; von hier datiren ſich meine erſten Erinnerungen. Bei den Foſſés ſah ich meinen Vater aus dem Waſſer hervorkommen, aus dem er mit Hülfe von Hippolyt, dieſem verſtändi⸗ gen Neger, drei junge Lente, welche dem Ertrinken nahe waren, gezogen hatte. Der Eine von den Dreien, der, welchen mein Vater gerettet hatte, hieß Dupuy; dies iſt der einzige Name, deſſen ich mich erinnere; Hippolyt, ein vortrefflicher Schwimmer, hatte die zwei Andern gerettet. Hier wohnten beiſammen Moquet, der vom Alp gedrückte Feldhüter, der eine Falle auf ſeine Bruſt ſtellte, um die Mutter Durand zu fangen, und Pierre der Gärtner, der mit ſeinem Spaten Nattern. entzwei ſchnitt, aus deren Banche lebendige Fröſc— 13 ne herauskamen; hier alterte endlich majeſtätiſch der gute eit Truff, ein von Herrn Buffon nicht claſſificirtes vier⸗ ch füßiges Thier, halb Hund, halb Bär, auf deſſen Rücken ne man mich rittlings ſetzte, und der mir meine erſten Lectionen in der höheren Reitkunſt zu nehmen erlaubte. In nordweſtlicher Richtung ſiehſt Du nun Hara⸗ mont, ein reizendes Dorf, verloren unter ſeinen Apfel⸗ on bäumen, mitten auf einer Lichtung des Waldes, un n vverherrlicht durch die Geburt des ehrlichen Ange Pitos, r⸗ des Neffen der Tante Angeliqne, des Schülers vom n⸗ Abbé Fortier, des Mitſchülers vom jungen Gilbert und edes Waffengefährten vom Patrioten Billot.*) Da u dieſe Verherrlichung, beſtritten von den Leuten, welche er vielleicht mit einigem Grunde behaupten, Piton habe en nie anderswo als in meiner Einbildungskraft exiſtirt, ite die einzige iſt, die Haramont in Anſpruch nehmen kann, n„ ſo wollen wir unſern Marſch bis zum doppelten Sumpfe h des Weges nach Compisgne und des Weges nach Vi⸗ en vidres ſortſetzen, bei welchem ich die Gaſtfreundſchaft nd von Bondoux an dem Tage erhielt, da ich aus dem mütterlichen Hauſe entfloh, um nicht in das Seminar 8 von Soiſſons einzutreten, wo ich wahrſcheinlich ein er vaar Jahre ſpäter durch die Exploſion der Pulvermühle 68 getödtet worden wäre, wie dies Einigen von meinen n, jungen Kameraden geſchah... Kommin die Mitte dieſes Durchgangs, der ſich in der Richtung von Süden nach en Norden hinzieht; wir baben eine halbe Stunde hinter uns das von Franz I. erbaute maſſive Schloß, auf welches der Sieger von Marignan und der Beſiegte ez von Pavia das Siegel ſeiner Salamander gedrückt ei hat, und vor uns, den Horizont ſchließend, einen 2 hohen mit Genſter und Farnkraut bedeckten Berg. Eine ſt nd*) Der Leſer erinnert ſich wohl dieſer Namen aus den rn„Denkwürdigkeiten eines Arztes“ von Alex. Dumas. meiner furchtbarſten Ingenderinnerungen iſt mit dieſem Berge verknüpft.— In einer Winternacht, als der Schnee ſeinen weißen Teppich auf dieſer langen Allee ausgebreitet hatte, bemerkte ich, daß mir in der Stille auf zwanzig Schritte ein Thier von der Geſtalt eines großen Hundes folgte, deſſen Augen wie zwei glühende Kohlen glänzten... Ich brauchte das Thier nicht zweimal anzuſchauen, um es zu erkennen. Es war ein ungeheurer Wolf. Ah! hätte ich meine Flinte oder meine Büchſe ge⸗ habt, oder nur einen Stahl und einen Feuerſtein!... Doch ich hatte nicht einmal eine Piſtole, nicht einmal eine Taſchenmeſſer, nicht einmal ein Federmeſſer! Zum Glücke kannte ich, ſchon ſeit fünf Jahren Jäger, obwohl ich erſt fünfzehn zählte, die Sitten des Nachtſchwärmers, mit dem ich es zu thun hatte; ich wußte, daß ich, ſo lange ich aufrecht war und nicht floh, nichts zu fürchten brauchte. Aber ſchan, mein Kind, der Berg iſt ganz durchſchnitten von Höhlen; ich konnte in eine von dieſen Höhlen fallen: dann wäre der Wolf mit einem Sprunge auf mir, und ich wüßte ſchon, wer von uns Beiden die beſten Zähne und die beſten Klauen hätte. Das Herz ſchlug mir gewaltig. Ich fing indeſſen an zu ſingen; ich habe immer abſcheulich falſch geſungen: ein auch nur ein wenig muſikaliſcher Wolf wäre da⸗ von gelaufen. Der meine war es nicht; die Muſik gefielihm im Gegentheil: er ſecundirte mit einem klägli⸗ chen, hungerigen Geheule. Ich ſchwieg und ging immer weiter, jenen Verdammten ähnlich, welchen Satan den Hals umgedreht hat, und die Dante im dritten Kreiſe der Hölle vorwärts marſchirend und rückwärts ſchauend ndet. Doch ich gewahrte bald, daß ich eine große Un⸗ klugheit beging; indem ich auf die Seite des 4 ſchaute, ſchaute ich nicht zu meinen Füßen; ich ſtolperte, der der Wolf nahm einen Anlauf. lee Ich hatte das Glück, nicht ganz zu fallen, doch der lle Wolf war nur noch zehn Schritte von mir. es Einige Secunden wankten meine Beine; trotz einer de 5 Kälte von zehn Grad floß der Schweiß von meiner Stirne. Ich blieb ſtehen, der Wolf hielt auch an. Ich en, brauchte fünf Minuten, um meine Kräfte wieder zu ſammeln; dieſe fünf Minuten dünkten, wie es ſcheint, meinem Reiſegefährten ſehr lang; er ſetzte ſich auf ſein e⸗ Hintertheil und gab ein zweites Geheul von ſich, das noch kläglicher und noch hungeriger klang, als das Dieſes Gehenl machte mich bis in das Mark meiner gi Gebeine ſchauern. e Ich ſetzte meinen Marſch fort, ſchaute aber zu mei⸗ ich nen Füßen und blieb ſtehen, ſo vft ich ſehen wollte, ob der Wolf mir folge, ſich nähere oder ſich entfernte. et Der Wolf hatte ſich zugleich mit mir in Marſch tte geſetzt, er blieb ſtehen, wenn ich ſtehen blieb, ging, lf wenn ich ging, behanptete aber ſeinen Abſtand und n, näherte ſich ſogar eher, als daß er ſich entfernte. Nach einer Viertelſtunde war er nur noch fünf Schritte von mir. en Ich befand mich nahe beim Parke, das heißt, ich war n: in dieſem Augenblick kaum eine Viertelmeile von Vil⸗ ⸗ lers⸗Cotterets entfernt; doch der Weg war an dieſem Orte ſik durchſchnitten von einem breiten Graben,— dem be⸗ li⸗* kannten Graben, über den ich ſprang, um der ſchönen er Laurence eine Idee von meiner Behendigkeit zu geben, en und wo ich ſo unglücklich die Nankinhoſe zerriß, mit iſe der ich meine erſte Communion gemacht hatte, Du er⸗ nd innerſt Dich?— Ueber dieſen Graben wäre ich wohl geſprungen, und zwar, dafür ſtehe ich, noch behender, „ als an dem fraglichen Tage, doch um hinüberzu⸗ n 3 es 4 ſpringen, mußte ich lauſen, und ich wußte, daß ich beim 16 Viertel meines Laufes den Wolf auf meinen Schultern haben würde. Ich war alſo genöthigt, einen Umweg zu machen und durch eine Barrière mit Drehkreuz zu gehen. Alles dies wäre nichts geweſen, hätten nicht die Barrisre und das Drehkreuz ihren Platz in dem Schatten ge⸗ habt, der von den großen Bäumen des Parkes herab⸗ fiel. Was würde geſchehen, während ich durch dieſen Schatten ginge? Würde nicht die Dunkelheit auf den Wolf eine Wirkung gerade der entgegengeſetzt machen, die ſie auf mich machte? Sie erſchreckte mich: würde ſie nicht den Wolf ermuthigen? Je dichter die Fin⸗ ſterniß iſt, deſto mehr ſieht der Wolf. Es war indeſſen nicht zu zögernz ich drang in die Dunkelheit ein; ich übertreibe nicht, wenn ich ſage, daß nicht eines vonmeinen Haaren war, welches nicht ſeinen Schweißtropfen hatte, daß jeder Faden meines Hemdes durchnäßt war. Um das Drehkrenz gehend, warf ich einen Blick hinter mich; es herrſchte eine ſolche Finſter⸗ niß, daß die Form des Wolfes verſchwunden war: man ſah in der Nacht nichts mehr, als zwei glühende Kohlen. Sobald ich durchgegangen, drehte ich das be⸗ wegliche Kreuz mit aller Heftigkeit; das Geräuſch, das hiedurch entſtand, ſchüchterte den Wolf ein, und er blieb eine Secunde ſtehen; doch faſt in demſelben Angen⸗ blick ſprang er ſo leicht über die Barridre, daß ich den Schnee nicht unter ſeinen Pfoten krachen hörte, und daß er wieder in gleicher Entfernung von mir war. Ich ging auf der geradeſten Linie wieder in die Mitte der Allee. Ich befand mich im Lichte und ſah wieder nicht allein dieſe entſetzlichen zwei Augen, welche mit ihren flammenden Sternen die Finſterniß durchhöhlten, ſondern meinen ganzen Wolf. Sowie ich gegen die Stadt vorrückte und ſein 3 8 K 17 Inſtinct ihm ſagte, ich ſollte ihm entkommen, näherte er ſich mir immer mehr. Er war nur noch drei Schritte von mir, und dennoch hörte ich weder das Geräuſch ſeines Ganges, noch das ſeines Athmens. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein phantaſtiſches Thier, ein Wolfsgeſpenſt! Nichtsdeſtoweniger ging ich immer weiter. Ich ſchritt über den Ballſpielplatz, ich gelangte auf den Raum, den man das Parterre nennt, eine unbe⸗ deckte, glatte Wieſe, wo ich keine Gruben zu fürchten hatte. Der Wolf war ſo nahe bei mir, daß er, hätte ich plötzlich angehalten, mit der Naſe an meine Knie⸗ beugen geſtoßen haben würde. Ich hatte die größte Luſt, mit dem Fuße zu ſtampfen, die Hände an ein⸗ ander zu ſchlagen und einen ſchweren Fluch auszu⸗ ſtoßen; doch ich wagte es nicht; hätte ich es gewagt, ſo wäre er ohne Zweifel geflohen, oder er würde ſich wenigſtens für den Angenblick entfernt haben. Ich brauchte zehn Minuten, um den Weg über die Wieſe zurückzulegen, und ich kam an die Ecke der Schloßmauer. Hier blieb der Wolf ſtehen; es war kaum hundert und fünfzig Schritte von der Stadt. Ich ging meines Weges, ohne mich mehr zu beeilen; er ſetzte ſich, wie er es ſchon gethan, auf ſein Hinter⸗ theil und ſchaute mir nach. Als ich hundert Schritte von ihm entfernt war, gab er ein drittes Geheul, das noch hungeriger und kläglicher, als die zwei andern, von ſich, und hierauf antworteten mit gemeinſchaftlicher Stimme die fünfzig Hunde von der Meute des Herzogs von Bourbon. Dieſes Geheul war der Ausdruck ſeines Beklagens, daß er nicht ein wenig in mein Fleiſch hatte beißen 3 können; es war nicht möglich, ſich hierin zu täuſchen. Ich weiß, nicht, ob er die Nacht auf der Stelle zubrachte, wo er angehalten hatte, doch kaum fühlte Catherine Blum. 2 18 ich mich in Sicherheit, da begann ich einen zügelloſen Lauf, und ich kam bleich und halb todt in der Bude meiner Mutter an. Du haſt ſie nicht gekannt, meine arme Mutter, ſonſt brauchte ich Dir nicht zu ſagen, daß ſie bei meiner Erzählung eine ganz andere Angſt bekam, als ich bei der Sache ſelbſt gehabt hatte.. Sie kleidete mich ans, ſie ließ mich das Hemd No wechſeln, ſie wärmte mir das Bett und legte mich dar⸗ tere ein, wie ſie es zehn Jahre früher that; ſodann brachte ſäu ſie mir ins Bett eine Bowle Glühwein, der mir, als lers ich ihn verſchluckte, zu Gehirne ſtieg und meine Ge⸗ auf wiſſensbiſſe verdoppelte, daß ich nicht, um mich von ein meinem Feinde zu befreien, irgend eine Heldenthat von So der Art derjenigen, die mir den ganzen Weg entlang durch den Geiſt gegangen waren, verſucht hatte. den Und nun, mein liebes Kind, erlaube mir, daß ich Go als verſtändiger Erzähler bei dieſer Epiſode anhalte; den ich hätte Dir auch nichts Erregenderes zu ſagen. Ueber⸗ ein dies iſt die Vorrede ſo lang und ſogar länger, als ſie Ea ſein müßte. Unter allen den Geſchichten, die ich von Dir erzählt habe, wähle die, welche ich dem Publikum wie erzählen ſoll. Wähle aber gut... Du begreifſt, denn ger wenn Du ſchlecht wählteſt, ſo würde nicht allein auf eine mich, ſondern auch auf Dich der Verdruß fallen. geg „Nun denn! Vater, erzähle uns die Geſchichte von am Catherine Blum.“ t „Iſt es wirklich dieſe, die Du zu haben wünſchſt?“ ſich „Ja, es iſt eine von denjenigen, welche ich am Ru meiſten liebe.“. z „Gut, die, welche Du am meiſten liebſt.“ haun Hören Sie alſo, meine lieben Leſer, die Geſchichte mit von Catherine Blum. Das Kind, dem ich nichts Ap abzuſchlagen habe, das Kind mit den blauen Augen Zit will, daß ich ſie Ihnen erzähle. Brüſſel... oſen Bude tter, iner bei em dar⸗ achte als Ge⸗ von von lang ich Ute; ber⸗ ſie ich kum enn auf von am ichte chts igen 19 Gerade mitten auf dem Raume, der zwiſchen dem Norden und dem Oſten des Waldes von Villers⸗Cot⸗ terets liegt, ein Raum, den wir zu durchlaufen ver⸗ ſäumten, weil wir unſere Pilgerfahrt im Schloſſe Vil⸗ lers⸗Hellon begannen und beim Berge von Vivisres aufgaben, läuft mit den wellenförmigen Bewegungen einer rieſigen Schlange die Straße von Paris nach Soiſſons hin. Dieſe Straße, nachdem ſie ſchon einmal dem Walde, den ſie in der Länge einer Viertelmeile durchzieht, bei Gondreville begegnet iſt; nachdem ſie zu ihrer Linken den Weg nach Crépy gelaſſen hat; nachdem ſie ſich einen Augenblick vor den Steinbrüchen der Fontaine⸗ Eau⸗Claire abgebogen; nachdem ſie ſich in das Thal von Vauciennes hinabgeſtürzt; nachdem ſie daſſelbe wieder hinaufgeſtiegen; nachdem ſie auf einer ziemlich geraden Linie Villers-Cotterets erreicht hat, das ſie in einem ſtumpfen Winkel durchſchneidet, kommt am ent⸗ gegengeſetzten Ende der Stadt wieder heraus und geht am Fuße des Berges von Dampleux einerſeits längs dem Walde und andererſeits längs der Ebene hin, wo ſich einſt die ſchöne Abtei Saint⸗Denis erhob, in deren Ruinen ich ſo luſtig als Kind umherlief, dieſe Ab⸗ tei, welche heute nur noch ein hübſches kleines Land⸗ haus, weiß angekleidet, mit Schiefer bedeckt, geſchmückt mit grünen Läden und verloren unter den Blumen, den Apfelbäumen und dem beweglichen Blätterwerke den Zittereſpen iſt. Sodanm tritt ſie entſchloſſen in den Wald ein, der ſie in ſeiner ganzen Breite durchſchneidet, um erſt zwei und eine halbe Meile weiter bei der Poſtſtation genannt Vertefenille wieder heraus zu kommen. Auf dieſem langen Zuge erhebt ſich ein einziges Haus rechts von der Straße; es wurde erbaut zur Zeit von Philipp Egalité, um einem Forſtaufſeher als Wohnung zu dienen. Man nannte es damals das neue Haus, ugd obſchon es faſt ſiebenzig Jahre her ſind, daß es wie ein Pilz am Fuße der Buchen und! der rieſigen Eichen, die es beſchatten, aus der Erde her⸗ vorgewachſen iſt, hat es doch, wie eine alte Coquette, die ſich bei ihrem Taufnamen nennen läßt, die jugend⸗ liche Benennung, unter der es Anfangs bekannt war, beibehalten. Warum nicht? Der Pont Neuf, erbaut 1577 un⸗ ter Heinrich III., durch den Architekten Doucerceau läßt ſich immer noch den Pont Neuf nennen. Kehren wir zu dem neuen Hauſe, dem Mittelpunkte der raſch ſich entwickelnden und einfachen Ereigniſſe, die wir erzählen wollen, zurück und machen wir den Leſer mit demſelben durch eine genaue Beſchreibung bekannt. Das neue Haus erhebt ſich, wenn man von Vil⸗ lers⸗Cotterets nach Saiſſons geht, ein wenig jeuſeits des Hirſchſprunges, ein Ort, wo ſich die Straße zwi⸗ ſchen zwei Böſchungen verengt, und ſo genannt, weil auf einer Jagd des Herzogs von Orleans,— Philipp Egalits, nachher Louis Philipp, war bekanntlich kein Jäger,— ein erſchrockener Hirſch von einer Böſchung zur andern ſprang, das heißt, über einen Zwiſchenraum von mehr als dreißig Fuß ſetzte. Wenn man nun aus dieſem Engpaſſe herauskommt, erblickt man auf uefuhr fünfhundert Schritte vor ſich das neue Haus, e ß erſten Stocke. Dieſe auf einer der Seiten des Hauſes angebrach⸗ zweißöckiges Gebäude mit einem Ziegeldach, das von Bodenluken durchbrochen iſt, mit zwei Fenſtern im Erdgeſchoße und zwei Fenſtern im ten lers Fro wel ein leuc nur die auf and der, auf übe je1 bek So leg St unk har por kau zwe vor ihr ſchl ten in Ge Au nnt ges zur als das her und! her⸗ tte nd⸗ ar, un⸗ äßt nkte die eſer nnt. Bil⸗ eits wi⸗ weil lipp kein ung aum imt, ſich nem mit im 21 ten Fenſter ſchauen nach Weſten, das heißt nach Vil⸗ lers⸗Cotterets, während die dem Norden zugekehrte Front ſich gegen die Landſtraße gerade durch die Thüre, welche Eingang in die untere Stube gewährt, und durch ein Fenſter öffnet, durch das eine obere Stube er⸗ leuchtet wird.„ Das Fenſter iſt unmitkelbar über die Thüre geſetzt. Bei dieſer Stelle, wie bei den Bhermopylen, wo nur zwei Wagen durchkommen konnten, beſchränkt ſich die Straße auf die Breite ihres Pflaſters, denn ſie iſt auf der einen Seite eingeengt durch das Haus, auf der andern Seite durch den Garten eben dieſes Hauſes, der, ſtatt wie gewöhnlich hinter dem Gebände oder auf einer ſeiner Seiten zu liegen, demſelben gegen⸗ über liegt. Das Haus bietet einen verſchiedenartigen Anblick, je nach den Jahreszeiten. Mit ſeiner grünen Robe wie mit einem Aprilrocke bekleidet, wärmt es ſich im Frühjahre verliebt in der Sonne; man ſollte ſodanWlauben, es ſei aus dem Walde hervorgekommen, um ſich an den Rand der Straße zu legen. Seine Fenſter, und beſonders eines des erſten Stockes, ſind mit Gelbveilchen, Aftercamillen, Cobäen und Winden geſchmückt, die ihnen eizen grünen Vor⸗ hang ganz geſtickt mit Blumen von Silber, Saphir und Gold bilden. Der Rauch, der aus ſeinem Kamine em⸗ vorſteigt, iſt nur ein bläulicher, durchſichtiger Dunſt, der kaum ſeine Spur in der Atmoſphäre hinterläßt. Die zwei Hunde, welche die zwei Abtheilungen des rechts von ſeiner Thüre erbauten Stalles bewohnen, haben ihr bretternes Obdach verlaſſen; der Eine ruht und ſchläft im Frieden, die Schzuze iſchen ſeinen Pfo⸗ ten ausgeſtreckt; der Anders“ der ohne Zweifel genng in der Nacht geſchlafen hat, ſitzt ernſt, mit gerunzeltem Geſichte, auf ſeinem Hintertheil und blinzelt mit den Augen in der Sonne. Dieſe zwei Thiere, welche un⸗ 22 veränderlich zu der ehrwürdigen Race der Dachshunde mit den krummen Beinen gehören, eine Rate, der die Ehre 9 zu Theil geworden iſt, meinen berühmten Freund Decamps zu ihrem gewöhnlichen Maler gehabt zu haben, ſind, ebenfalls unveränderlich, ein Männchen und ein Weib⸗ chen; das Weibchen heißt Ravaude, das Männchen Barbaro. Bei letzterem Punkte indeſſen, nämlich bei dem der Namen, hieße es, wie man wohl begreift, ſich ſyſtematiſch zeigen, wäre man abſolut. Im Sommer iſt es etwas Anderes: das Haus macht die Sieſta; es hat ſeine hölzernen Augenlider geſchloſſen. Sein Kamin athmet nicht; nur die gegen Norden liegende Thüre allein bleibt offen, um die Straße zu überwachen; die zwei Dachshunde haben ſich entweder in ihren Stall zurückgezogen, in deſſen Tiefen der Reiſende eine ungeſtalte Maſſe erblickt, oder ſie ſind längs der Mauer ausgeſtreckt, an deren Fuß ſie zugleich die Kühle des Schattens und die Feuchtigkeit des Steines ſuchen. Im Herbſte hat ſich die Weinrebe roth gefärbt; das grüne Gewand des Frühlings hat warme, ſpie⸗ gelnde Töne angenommen, wie ſie der Sammet und der Atlaß haben, wenn ſie getragen worden ſind; die Fen⸗ ſter ſtehen halb offen, doch auf die Gelbveilchen und die Afterkamillen, dieſe Blumen des Frühlings, ſind die Maßlieben und die Goldblumen gefolgt. Der Ka⸗ min fängt wieder an, in der Luft weiße Rauchflocken auszuſtrenen, und geht man an der Thüre vorüber, ſo zieht das Feuer, das auf dem Herde brennt, obgleich halb verborgen durch den Fleiſchtopf und die Caſſerole, das Ange des Reiſenden an. Ravande und Barbarv haben die Schläfrigkeit des Aprils und den Schlaf des Juli abgeſchüttelt; ſie find voll Ungeduld und Hitze; ſie zerren an ihrer Kette, ſie bellen, ſie heulen; ſie fühlen, daß die Stunde der Thätigkeit für ſie gekommen iſt, daß die Jagd eröff⸗ inde hre mps ind, eib⸗ chen lich eift, aus der gen die ben ſſen ckt, ren die bt; ie⸗ ind en⸗ nd nd ta⸗ ken ich le, eit ſie tte, der ff⸗ 23 net wird, und daß ſie einen Krieg, einen ernſten Krieg gegen ihre ewigen Feinde, die Kaninchen, die Füchſe und ſogar die Wildſchweine führen müſſen. Im Winter wird der Anblick düſter. Das Haus friert, es ſchnattert. Kein grünes oder röthliches Kleid mehr; die Weinrebe hat ihre Blätter eines um das andere mit dem traurigen Gemurmel des fallenden Laubes verloren. Die Fenſter ſind hermetiſch verſchloſ⸗ ſen; jede Blume iſt darän verſchwunden, und man ge⸗ wahrt uur noch die Bindfäden, abgeſpannt wie die Saiten einer Harfe in der Ruht, an denen die nun fehlenden Winden und Cobäen ſich hinaufrankten. Eine ungeheure, undurchſichtige Rauchſäule, welche in einer Schneckenlinie aus dem Kamine aufſteigt, deutet an, daß man das Holz, da dieſes eines der Beneficien des Forſtwarts iſt, nicht ſchont. Ravande und Barbaro würde man vergebens in ihrem leeren Stalle ſuchen; öff⸗ net ſich aber zufällig die Thüre des Hauſes in dem Mo⸗ mente, wo der Reiſende vorübergeht, und er wirft einen neugierigen Blick in das Innere, ſo kann er ſie in kräftiger Zeichnung vor der Flamme des Herdes ſehen, von der ſie von Zeit zu Zeit der Fußtritt des Herrn oder der Frau des Hauſes entfernt, wohin ſie aber immer wieder beharrlich zurücktehren, um eine Hitze von fünfzig Grad zu ſuchen, die ihnen die Pfoten und die Schnauze verbrennt, und die ſie nur dadurch be⸗ tämpfen, daß ſie den Kopf rechts und links melancho⸗ liſch abwenden und abwechſelnd mit einem kläglichen Schrei die eine oder die andere Pfote aufheben. Dies war und dies iſt noch,— abgeſehen von den Blumen vielleicht, welche immer viel auf die Gegen⸗ wart eines Mädchens mit zartem, beſorgtem Herzen halten,— das neue Haus am Wege nach Spiſſons von außen betrachtet. 3 Im Innern betrachtet, bot es vor Allem im Erd⸗ geſchoße die Eingangsſtube, ausgeſtattet mit einem 24 Tiſche, einem Speiſeſchrank und ſechs Stühlen von Nußbaumholz; die Wände ſind geſchmückt mit fünf bis ſechs Stichen, welche je nach den verſchiedenen Perioden der Regierungen, die ſich gefolgt ſind, vor⸗ ſtellten: Napoleon, Joſephine, Marie Loniſe, den König von Rom, den Prinzen Eugen und den Tod von Poniatowski, oder den Herzog von Angoulsme, die Herzogin von Angouléöme, den König Ludwig XVIII., ſeinen Bruder Monſieur und den Herzog von Berry; oder endlich den König Lonis Philipp, die Königin Marie Amélie, den Herzog von Orleans und eine Gruppe von Kindern mit blonden oder braunen Haa⸗ ren, beſtehend aus dem Herzog von Nemours, dem Prinzen von Joinville, dem Prinzen von Aumale und den Prinzeſſinen Louiſe, Clementine und Marie. Was heute da iſt, weiß ich nicht. Ueber dem Kamine trocknen drei aufgehängte Dop⸗ pelflinten, in Leintüchern mit Fett eingeſchmiert, vom letzten Regen oder vom letzten Nebel. Hinter dem Ofen iſt eine Bäckerei angebracht, von der ans man durch ein Fenſterchen die Ausſicht nach dem Walde hat. An die öſtliche Seite ſchließt ſich eine Küche an, die man dem Gebäude eines Tags beifügte, als man das Haus für ſeine Bewohner zu klein fand und die ehemalige Küche in eine Stube verwandeln mußte. Dieſe Stube, welche einſt Küche war, iſt gewöhnlich die Wohnung des Sohnes vom Hauſe. Im erſten Stocke zwei weitere Stuben, die des Herrn und der Hausfrau, das heißt des Forſtwarts und ſeiner Frau, und die ihrer Tochter oder ihrer Nichte, wenn ſie eine Tochter oder eine Nichte haben. Fügen wir bei, daß fünf bis ſechs Generationen von Förſtern ſich in dieſem Hauſe gefolgt ſind, und daß vor ſeiner Thüre und in dieſer erſten Stube, die wir zu beſchreiben verſucht, im Jahre 1827 das blutige von ünf nen r⸗ nig von die ry; gin ine aa⸗ em ind bp⸗ om on ch n, an die ich es nd e en id ie ge 25 Drama vorfiel, das den Tod des Forſtwarts Choron herbeiführte. Doch zur Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, die wir erzählen wollen, nämlich in den erſten Tagen des Mai 1829, war das neue Haus bewohnt von Guillaume Watrin, Forſtwart des Revieres Chavigny, von Marianne Charlotte Choron, ſeiner Frau, die man nur die Mut⸗ ter nannte, und von Bernard Watrin, ihrem Sohne, der nur unter dem Namen Bernard bekannt war. Ein Mädchen— die Heldin unſerer Geſchichte— Namens Catherine Blum, hatte auch in dieſem Hauſe gewohnt, wohnte aber ſeit Kurzem nicht mehr daſelbſt. Wir werden übrigens, nach unſerer Gewohnheit, die Urſachen der Abweſenheit oder der Gegenwart der Perſonen angeben, ihr Alter nennen, ihr Aeußeres und ihren Charakter ſchildern, ſowie ſie in Scene treten. Gehen wir alſo ganz einfach zu der von uns ge⸗ nannten Periode, das heißt zum 12. Mai 1829 zurück. Es iſt halb vier Uhr Morgens; der erſte Schim⸗ mer des Tages dringt durch die Blätter der Bäume, welche noch grün von jenem jungfräulichen Grün, das nur ein paar Wochen dauert; der geringſte Wind macht einen eiſigen Thau regnen, der am Ende der Zweige zit⸗ lert und auf die großen Gräſer wie ein Hagel vos Diamanten rollt. Ein junger Mann von dreiundzwanzig bis vier⸗ undzwanzig Jahren, blond, mit lebhaften, verſtändigen Augen, mit dem abgemeſſenen, an lange Märſche ge⸗ wöhnten Fußgängern eigenthümlichen Schritte gehend, bekleidet mit der kleinen Uniform der Forſtleute, näm⸗ lich einer blauen Jacke mit dem ſilbernen Eichenlaube am Kragen, einer ähnlichen Mütze, Sammethoſen, großen ledernen Kamaſchen mit meſſingenen Schnallen, mit einer Hand ſeine Flinte auf der Schulter haltend, mit der andern einen Leithund am Riemen führend, ging durch die Maäuer des Parkes durch eine ihrer Oeffnungen 26 und ſchritt, ſorgfältig die Mitte der Straße behanptend, — mehr aus Gewohnheit, als um den Thau, durch den ſie wie durch einen Regen benetzt war, zu vermeiden, — auf das neue Haus am Wege nach Soiſſons zu, von dem er längſt von der andern Seite der Straße den weſtlichen Theil, an welchem ſich die vier Fenſter öffnen, erblickte.. Als er aber an das Ende des durch den Wald gehauenen Weges kam, ſah er, daß Thüre und Fenſter geſchloſſen waren. Alles ſchlief noch bei Watrin. „Gut!“ murmelte der junge Mann,„man ſchlum⸗ mert ſanft bei Papa Guillaume!... Der Vater und die Mutter, das begreife ich; aber Bernard, ein Ver⸗ liebter! Soll das ſchlafen, ein Verliebter!“ Und er ſchaute über die Straße und näherte ſich dem Hanuſe, angenſcheinlich in der Abſicht, die Hausbe⸗ bewohner ohne Gewiſſensbiſſe in ihrem Schlafe zu ſtören. Beim Geräuſche ſeiner Tritte kamen die zwei Dachs⸗ hunde aus ihrem Stalle hervor, ganz bereit, ſowohl gegen den Mann, als gegen den Leithund zu bellen; ohne Zweifel aber erkannten ſie ihre zwei Freunde, denn ihr Maul öffnete ſich übermäßig, nicht für ein drohen⸗ des Gebelle, ſondern für ein freundſchaftliches Gähnen, während zugleich ihr Schweif freudig den Boden fegte, ſo wie die zwei Ankömmlinge ſich näherten, welche, ohne poſitiv zum Hauſe zu gehören, dieſem nicht fremd zu ſein ſchienen. Als er zur Schwelle gelangt war, machte ſich der Leithund vertraut mit den zwei Dachshunden, indeß der Forſtmann den Kolben ſeiner Flinte auf die Erde ſetzend, mit der Fauſt an die Thüre klopfte. Nichts antwortete auf den erſten Ruf. „Oho! Vater Watrin,“ brummte der junge Mann, zum zweiten Male noch kräftiger als das erſte Mal klopfend,„ſind Sie zufällig tanub geworden?“ 4 3 blie dur hör die der wai um ein und ich zieh ank Lei ſein uni es gen end, urch den, zu, taße iſter zald iſter um⸗ und Ver⸗ ſich sbe⸗ zu chs⸗ vohl len; enn hen⸗ nen, gte, hne zu der der end, n, Mal —— 27 Und er legte ſein Ohr an die Thüre. „Endlich,“ ſagte er, nachdem er noch einen Augen⸗ blick gewartet hatte,„das iſt ein Glück!“ Dieſer Ausdruck der Zufriedenheit wurde ihm durch ein leichtes Geräuſch entriſſen, das er im Innern hörte. Dieſes, durch die Entfernung und beſonders durch die Dicke der Thüre geſchwächte, Geräuſch war das der Treppe, welche unter den Tritten des alten Forſt⸗ warts krachte. Der junge Mann hatte ein zu wohl geübtes Ohr, um ſich in dieſem Geräuſche zu täuſchen und den Tritt eines Mannes von fünfzig Jahren für den eines Fünf⸗ undzwanzigjährigen zu halten. Er murmelte auch: „Ah! es iſt der Vater Guillaume.“ Alsdann rief er lant: „Guten Morgen, Vater Guillaume! Oeffnen Sie, ich bin es!“ „Ah! ah!“ ſagte eine von innen kommende Stimme, „Du biſt es, Frangois?“ „Ei! wer ſoll es denn ſein?“ „Man kommt! man kommt ſchon!“ „Gut! laſſen Sie ſich nur Zeit, Ihre Hoſen anzu⸗ ziehen. Man hat keine Eile, obſchon es nicht warm iſt. „. Brrru!“ rief der junge Mann. Und er ſtieß abwechſelnd mit dem einen und dem andern von ſeinen Füßen auf den Boden, während der Leithund, ſchnatternd und ganz von Thau benetzt wie ſein Herr, ſich ſetzte. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet, und man ſah das graue Haupt des Forſtwarts, ſo früh es war, geſchmückt mit einem Stummel erſcheinen. Dieſer Stummel brannte allerdings noch nicht. Genannter Stummel, der Anfangs eine lange Pfeife geweſen und, in Folge verſchiedener Unfälle, die nach 28 und nach ſeine Röhre verkürzt hatten, Stummel ge⸗ worden war, verließ die Lippen von Guillaume Watrin n nur für die Zeit, die ihr Herr ſtreng nöthig hatte, um pu die alte Aſche auszuklopfen und friſchen Tabak einzu⸗ ſtopfen; hienach nahm ſie wieder auf der linken Seite o ſeines Mundes zwiſchen zwei zu Zangen ausgehöhlten Zähnen ihren gewöhnlichen Platz ein. Es gab noch einen Fall, wo der Stummel in der ſei Hand von Vater Guillaume rauchte, ſtatt in ſeinen Lippen zu rauchen, dies war der Fall, wenn ſein In⸗ fü ſpector ihm die ausgezeichnete Ehre erwies, ihn an⸗ ge zureden. di Da zog der Vater Guillaume ehrerbietig ſeinen B Stummel aus dem Munde, wiſchte ſich reinlich die Lip⸗ ge pen mit dem Aermel ſeiner Jacke ab, ſchob die Hand, K welche die Pfeife hielt, hinter ſeinen Rücken, und ant⸗ er wortete. un Der Vater Guillaume ſchien in der Schule von w Pythagoras erzogen worden zu ſein: öffnete er den ſe Mund, um eine Frage zu thun, ſo wurde die Frage in immer auf die kürzeſte Art gemacht; öffnete er den de Mund, um auf eine Frage zu antworten, ſo wurde die zu Antwort immer auf die bündigſte Weiſe gegeben. fa Wir haben Unrecht gehabt, zu ſagen: wenn der fü Vater Guillaume den Mund öffnete; der vr Mund von Vater Guillaume hatte ſich nie aus einem andern Grunde geöffnet, als um zu gähnen, angenom⸗ un men,— was nicht wahrſcheinlich iſt,— er habe je w gegähnt. de Die übrige Zeit thaten ſich die Kinnbacken von er Vater Guillaume, gewohnt, zwiſchen in ihren Zähnen ein Pfeifenfragment, das häufig nur noch ſechs bis ſt acht Linien Rohr hatte, feſtzuhalten, nicht aus einander; 4 hiedurch entſtand ein Ziſchen, das nicht ohne Aehnlich⸗ ſe keit mit dem der Schlange war, denn die Worte muß⸗ d ten ihren Weg durch die Trennung der zwei Kinnbacken ge⸗ trin um izu⸗ eite lten der nen In⸗ an⸗ ten id, nt⸗ on en ge en ie er m R⸗ P 29 nehmen, eine Trennung hervorgebracht durch die Dicke des Pfeifenrohres, welche kaum einen leeren Raum bot, daß man ein Fünfſvusſtück durchzuſchieben vermochte. Sehr geſchickt war auch derjenige, welcher verſtehen konnte, was der Vater Guillaume ſagte. Nachdem dieſer Culminationspunkt der Phyſiogno⸗ mie des Vater Guillaume feſtgeſtellt iſt, vollenden wir ſein Portrait. Es war, wie geſagt, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, von etwas mehr als mittlerem Wuchſe, gerade und mager, mit ſpärlichen, ergrauenden Haaren, dicken Augenbrauen, einem ſein Geſicht umrahmenden Backenbart, kleinen, durchdringenden Augen, einer lan⸗ gen Naſe, einem ſpöttiſchen Munde und einem ſpitzigen Kinn. Ohne auszuſehen, als hörte oder ſähe er, hatte er das Auge und das Ohr beſtändig auf der Lauer und gewahrte und vernahm auf eine wunderbare Art, was entweder in ſeinem Hauſe zwiſchen ſeiner Frau, ſeinem Sohne und ſeiner Nichte vorging, oder was ſich im Walde zwiſchen den Rebhühnern, den Kaninchen, den Haſen, den Füchſen, den Iltiſſen und den Wieſeln zutrug, zwiſchen dieſen Thieren, welche ſeit dem An⸗ fange der Welt einen ſo erbitterten Krieg mit einander führen, als dies vom Jahre 744 bis zum Jahre 370 vor Chriſtus die Meſſenier mit den Spartanern thaten. Watrin verehrte meinen Vater und liebte mich ſelbſt ungemein. Er hatte unter einer Kugel das Glas aufbe⸗ wahrt, ausdem der General Dumas, wenn ermit ihm auf der Jagd war, zu trinken pflegte, und aus welchem er mich zehn, fünfzehn und zwanzig Jahre ſpäter, wenn wir mit einander jagten, trinken zu laſſen nie ver⸗ ſäumte. Dies war der Mann, der mit der Pfeife im Munde ſeinen ſpöttiſchen Kopf durch die halb geöffnete Thüre des neuen Hauſes am Wege nach Soiſſons ſchob, um Morgens um vier Uhr den jungen Forſtmann zu em⸗ . 30 pfangen, der ſich beklagte, er habe nicht warm, obgleich man ſeit einem Monat und ſiebenundzwanzig Tagen in die reizende Periode des Jahres, die man den Frühling nennt, eingetreten war. Als er ſah, mit wem er es zu thun hatte, machte Guillaume Watrin die Thüre weit auf, und der junge Mann trat ein. III. Mathieu Goguelue. Frangvis ging gerade auf den Kamin zu und legte ſeine Flinte in die Ecke, indeß der Leithund, der auf den charakteriſtiſchen Namen Louchonneau antwortete, ſich ohne Umſtände auf die noch von der Hitze des vorhergehenden Tages laue Aſche ſetzte. Louchonneau hatte auf drei Meilen in der Runde den Ruf, der beſte Leithund von Villers⸗Cotterets zu ſein. Obgleich noch ſehr jung, um einen ausgezeichneten Platz in der großen Kunſt der Jägerei zu haben, wurde Frangois ſeinerſeits als einer der geſchickteſten Weid⸗ männer der Gegend betrachtet. War ein Wolf aufzuſpüren oder ein Wildſchwein zu beſtätigen, ſo wurde immer Francvis mit dieſem ängſtlichen Geſchäfte beauftragt. Für ihn hatte der Wald, ſo düſter er ſein mochte, keine Geheimniſſe: ein abgebrochener Grashalm, ein umgedrehtes Blatt, ein an einem Dornſtrauche hän⸗ 2 e —— 5— 85 — —————5 eich in ing hte nge gte uf te, es de ets en 31 gendes Büſchel Haare enthüllten ihm von der erſten bis zur letzten Scene ein ganzes nächtliches Drama. das keine andere Schaubühne als den Raſen, keine andere Zeugen als die Bäume, keine andere Lichter als die Sterne gehabt zu haben glaubte. Da am folgenden Sonntag das Feſt in Corch ſtattfand, ſo hatten die Jäger der dieſes reizende Dorf umgebenden Reviere vom Inſpector Herrn Devivlaine die Erlaubniß erhalten, ein Wildſchwein für dieſe Ver⸗ anlaſſung zu ſchießen. Dieſes Wildſchwein, damit man ſicher ſein könnte es werde nicht entkommen, hatte Frangois zu beſtätigen übernommen. Er hatte dieſes Geſchäft ſo eben mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Gewiſſenhaftigkeit vollzogen, als wir ihn auf dem Waldwege der Fonds Houchard trafen, ihm bis zur Thüre von Vater Guillaume folgten, und ihn zu dieſem ſagen hörten: „Nehmen Sie ſich Zeit, Ihre Hoſen anzuziehen. WMan hat keine Eile, obſchon es nicht warm iſt... Brrru!“ „Wie!“ erwiederte der Vater Guillaume, als Frangois ſeine Flinte abgelegt und Louchonnean ſich mit dem Hintertheile auf die Aſche geſetzt hatte,„nicht warm im Monat Mai? Wie müßteſt Du geſungen ha⸗ ben, hätteſt Du den Feldzug in Rußland mitgemacht, Fröſtling?“ „Einen Augenblick Geduld! wenn ich ſage: Nicht warm! ſo begreifen Sie wohl, Vater Guillaume, daß das eine Redensart iſt.. Ich ſage: Nicht warm, bei Nacht!... Die Nächte,— Sie haben das wohl wahrnehmen müſſen,— die Nächte, das geht nicht ſo ſchnell als die Tage, wahrſcheinlich, weil das nicht hell ſieht; am Tage iſt man im Mai; bei Nacht iſt man im Februar. Ich wiederrufe alſo nicht; es iſt nicht warm! Brrru!“ Guillaume unterbrach ſich im Feuerſchlagen, ſchaute 32 Frangois aus dem Augenwinkel ſchielend an und ver⸗ ſetzte: „Soll ich Dir etwas ſagen, Junge?“ „Sagen Sie es, Vater Guillaume,“ antwortete Frangois, indem er ebenfalls den alten Ferſtwart mit jener dem picardiſchen Bauern und ſeinem Nachbar dem Bauern von der Ile de France eigenthümlichen ſpöttiſchen Miene anſchaute,„ſagen Sie es, Vater Guil⸗ laume, Sie ſprechen gut, wenn Sie zu ſprechen ſich herbeilaſſen.“ „Nun denn! Du machſt den Eſel, um Kleie zu bekommen.“ „Ich begreife Sie nicht.“ „Du begreifſt mich nicht?“ „Bei meinem Ehrenworte, nein!“ „Ja, Du ſagſt, Du habeſt kalt, damit ich Dir einen Schluck anbiete.“ Beim wahrhaftigen Gott! daran dachte ich nicht! Das will nicht beſagen, verſtehen Sie wohl! ich würde es ausſchlagen, wenn Sie mir einen Schluck anböten. Nein! oh! nein, Vater Guillaume, ich weiß zu ſehr, welchen Reſpect ich Ihnen ſchuldig bin.“ Und er blieb mit geſenktem Kopfe ſtehen und ſchaute beſtändig den Vater Guillaume ſpöttiſch an. Ohne etwas Anderes zu erwiedern, als ein hm! das ſeinen Zweifel in Betreff der Uneigennützigkeit und des Reſpectes von Frangois andeutete, brachte Guillaume ſeinen Feuerſtahl mit ſeinem Steine in Berührung, und beim dritten Schlage fing der Zunder kniſternd Feuer. Mit einem Finger, der völlig unem⸗ pfindlich für die Hitze zu ſein ſchien, drückte Guillaume den Zunder auf die Mündung ſeiner mit Tabak voll geſtopften Pfeife und begann den Rauch einzuathmen, den er Anfangs in unmerklichem Dunſte, bald aber in Wolken zurückwarf, welche immer dicker wurden, bis er, da er ſeine Pfeife hinreichend angezündet glaubte und S ſc d 8 cS S— — — tete mit ar en til⸗ ſich Dir ht! rde ten. hr, ind m! keit chte der em⸗ ume voll en, in er, und 33 nicht mehr ſie erlöſchen zu ſehen befürchtete, ſeinen Athemzügen ihre gewöhnliche Ruhe und Regelmäßigkeit wiedergab. Während der ganzen Zeit, die er auf dieſes ernſte Geſchäft verwendet, hatte das Geſicht des würdigen Forſtwarts nichts Anderes ausgedrückt, als eine auf⸗ richtige und concentrirte Sorge, ſobald aber die Ope⸗ ration zu einem guten Ziele geführt war, erſchien das Lächeln wieder auf ſeinem Geſichte, er ging auf den Speiſeſchrank zu, nahm daraus eine Flaſche und zwei Gläſer und ſagte: „Gut! es ſei; wir wollen zuerſt ein Wort mit der Cognacflaſche ſprechen, hernach werden wir über unſere kleinen Angelegenheiten reden.“ „Ein Wort? Wie karg iſt der Vater Guillaume mit ſeinem Geſpräche!“ Als wollte er Franevis Lügen ſtrafen, füllte der Vater Guillaume die zwei Gläſer bis an den Rand; ſodann näherte er das ſeine dem des jungen Mannes, ſtieß ſachte an und ſprach: „Auf Deine Geſundheit!“ „Auf die Ihre! auf die Ihrer Frau! und der gute Gott laſſe ſie gnädigſt weniger halsſtarrig ſein!“ „Gut!“ verſetzte der Vater Guillaume mit einer Grimaſſe, welche ein Lächeln zu ſein die Abſicht hatte. Und er nahm mit der linken Hand ſeinen Stum⸗ mel, ließ ihn, nach ſeiner Gewohnheit, hinter ſeinen Rücken paſſiren, ſetzte mit ſeiner rechten Hand ſein Glas an den Mund und leerte es auf einen Zug. „So warten Sie doch!“ ſagte Francvis lachend; „ich habe noch nicht geendigt, und wir werden genöthigt ſein, wiederanzufangen!.. Auf die von Herrn Bernard, Ihrem Sohne!“ S Und er leerte ebenfalls ſein Gläschen, jedoch indem er mit mehr, Zartheit und Wolluſt trank, als es der alte Forſtwart gethan. Catherine Blum. 3 34 Beim letzten Tropfen ſtampfte er ſodann wie in Verzweiflung mit dem Fuße und rief: „Teufel! ich habe Jemand vergeſſen!“ „Und wen haſt Du dennvergeſſen?“ verſetzte Guil⸗ laume, indeß er mit Heftigkeit zwei Schübe Rauch aus ſeiner Pfeife zog, welche auf der Reiſe, die ſie gemacht, beinahe erloſchen wäre. „Wen ich vergeſſen habe?“ rief Frangois;„bei Gott Mademoiſelle Catherine, Ihre Nichte!.. Ah! es iſt nicht ſchön, die Abweſenden zu vergeſſen! doch ſehen Sie, Vater Guillaume, das Glas iſt leer... Und er goß den letzten Tropfen des flüſſigen Al⸗ kohols auf den Nagel ſeines Daumens und fügte bei: „Schauen Sie dieſen Topas auf meinem Nagel!“ Guillaume machte eine Grimaſſe, welche bedeutete: „Spaßmacher, ich kenne Deinen Plan; doch der Ab⸗ ſicht zu Liebe entſchuldige ich Dich!“ Der Vater Guillaume ſprach, wie geſagt, wenig, dagegen hatte er die Wiſſenſchaft der Pantomime auf ihren höchſten Grad getrieben. Als ſeine Grimaſſe gemacht war, nahm er wieder die Flaſche und ſchenkte ſo ein, daß das Glas auf die Unterſchaale überfloß. „Nimm!“ ſagte er. „Ho! ho!“ verſetzte Frangois,„diesmal hat der Vater Guillaume nicht geknauſert! Man ſieht wohl, daß er ſeine hübſche kleine Richte liebt.“ Er ſetzte alsdann das Glas an ſeine Lippen, mit einer Begeiſterung, von der das Mädchen und das Ge⸗ 6 tränke jedes ſeinen Theil in Anſpruch nehmen konnten und ſagte: „Ei! wer würde ſie nicht lieben, dieſe gute Made⸗ moiſelle Catherine? Das iſt wie der Cognac!“ Und diesmal leerte er, das Beiſpiel befolgend, das ihm der Vater Guillanme gegeben hatte, das Glas auf einen Zug. I⸗ ht, ei ch it⸗ i 1 ig, uf er ie er l, it e⸗ en e⸗ 35 Der alte Forſtwart vollbrachte dieſelbe Bewegung und dieſelbe Handlung mit einer ganz militäriſchen Regelmäßigkeit, nur drückte Jeder auf eine andere Art die Befriedigung aus, die ihm der Trank durch die Bruſt ziehend gewährte. „Hum!“ machte der Eine. „Huſch!“ machte der Andere. „Haſt Du noch kalt?“ fragte der Vater Guil⸗ aume. „Nein,“ erwiederte Frangois,„im Gegentheil, ich habe warm.“ „So geht es alſo beſſer?“ „Bei meiner Treue! ja; nun bin ich auf beſtän⸗ dig ſchön, wie Ihr Barometer, Saperlott!“ „Dann wollen wir,“ ſprach der Vater Guillaume, die Frage in Angriff nehmend, die weder der Eine, noch der Andere bis dahin berührt hatte,„dann wollen wir ein wenig von unſerem Wildſchweine reden.“ „Oh! das Wildſchwein!“ verſetzte Frangois mit den Augen blinzelnd.„Dies Mal glaube ich, daß wir es haben.“ „Ja wie das letzte Mal,“ ſprach eine ſcharfe, ſpöttiſche Stimme, welche, plötzlich hinter den zwei Jägern ſchnarrend, dieſe beben machte. Beide wandten ſich gleichzeitig und mit einer Be⸗ wegung um. obſchon ſie vollkommen den Menſchen, dem dieſe Stimme gehörte, erkannt hatten. Doch dieſer ging mit den Gewohnheiten eines Vertrauten des Hauſes hinter den zwei Jägern durch und fügte nur den zwei Worten, die er geſprochen, bei: „Guten Morgen, Vater Guillaume, und Ihre Ge⸗ ſellſchaft!“ Und er ſetzte ſich an den Kamin und warf anf die Aſche ein kleines Reisbüſchel, das bei der Berührung des erſten Schwefelhölzchens, welches in ſeine Nähe kam, ſogleich kniſternd Feuer fing. 36 Sodann zog er aus der Taſche ſeines Wammſes drei bis vier Kartoffeln, ſteckte ſie neben einander in die Aſche und breitete dieſe mit einer ganz gaſtrono⸗ miſchen Behutſamkeit darüber aus. Derjenige, welcher gerade zu rechter Zeit ange⸗ kommen war, um beim erſten Satze die Erzählung zu unterbrechen, die Frangois anfangen wollte, ver⸗ dient in Betracht der Rolle, die er in dieſer Geſchichte ſpielen wird, daß wir ſein phyſiſches und moraliſches Portrait zu ſtizziren ſuchen. Es war ein junger Mann von zwanzig bis zwei⸗ undzwanzig Jahren, mit rothen, flachen Haaren, mit niedriger Stirne, mit ſchielenden Augen, mit ſtumpfer Naſe, mit vorſtehendem Munde, mit zurücklaufendem Kinn und ſpärlichem, ſchmutzigem Barte. Schlecht ver⸗ borgen durch den zerriſſenen Kragen ſeines Hemdes, ließ ſein Hals jene Art von Geſchwulſt ſehen, welche ſo gewöhnlich im Wallis, zum Glücke aber ſo ſelten bei uns, jene Geſchwulſt, die man einen Kropf nennt. Seine Arme ſchienen übermäßig lang und gaben ſeinem ſchleppenden, gewiſſer Maßen ſchläfrigen Gange das Weſen, das den langen Affen eigenthümlich, welche Herr Geoffroy Saint⸗Hilaire dieſer große Claſſifica⸗ tor, wie ich glaube, unter dem Namen Chimpanzes bezeichnet hat. Hockte er auf den Ferſen oder ſaß er auf einem Schemel, ſo war die Aehnlichkeit des ver⸗ fehlten Menſchen mit dem vollkommenen Affen noch größer, denn er konnte, wie jene Caricaturen des zwei⸗ füßigen Thieres mit Menſchengeſtalt, die Gegenſtände, deren er bedurfte, mit Hülfe ſeiner Hände oder ſeiner Füße vom Boden aufheben, und zwar faſt ohne eine Bewegung ſeines Rumpfes, der eben ſo ſchlecht geformt war, als die übrigen Theile ſeines Individuums Dieſe ganze widrige Perſon wurde endlich getragen durch Füße, welche hinſichtlich der Länge und der Breite mit denen von Karl dem Großen hätten rivaliſiren können. 37 Was das Moraliſche betrifft, ſo war der Theil der Gunſtbezeugungen, den die Natur dem armen Teufel zugemeſſen, vielleicht noch beſchränkter als beim Phyſi⸗ ſchen. Ganz im Gegenſatze zu dem gemeinen, ſchmutzigen Scheiden, welche oft eine ſchöne, gute Klinge enthalten, enthielt der Leib von Mathien Gogelue— dies war der Name des Menſchen, mit dem wir uns beſchäftigen, — der Leib von Mathien Gogelue, enthielt eine böſe Seele. War er von Natur ſo, oder hatte er es ver⸗ ſucht, die Andern leiden zu laſſen, weil die Andern ihn leiden ließen? Hierüber mögen diejenigen debattiren und entſcheiden, welche in Betreff dieſer philoſophiſchen Materie der Reaction des Phyſiſchen auf das Mora⸗ liſche gelehrter ſind, als wir. Es iſt nur gewiß, daß jedes Weſen, das ſchwächer als Mathien, einen Schrei ausſtieß in dem Augenblicke, wo Mathien es berührte: der Vogel, weil er ihm die Federn ausriß; der Hund, weil er ihm auf die Pfote trat; das Kind, weil er es an den Haaren zog. Dagegen war Mathien bei den Starken, ohne daß er aufhörte, ſpöttiſch zu ſein, ſtets demüthig; erhielt er eine Beleidigung, einen Schimpf, einen Schlag, ſo ſtark die Beleidigung, ſo ernſt der Schimpf, ſo heftig der Schlag ſein mochte,— ſo bren⸗ nend der moraliſche oder phyſiſche Schmerz auch war, das Geſicht von Mathien lächelte fortwährend auf ſeine blödſinnige Weiſe; aber Beleidigung, Schimpf, Schlag wurden im Grunde des Herzens von Mathien mit un⸗ auslöſchlichen Buchſtaben einregiſtrirt; früher oder ſpä⸗ ter wurde das Böſe, ohne daß man errathen könnte, woher es kam, hundertfach zurückgegeben, und Mathien hatte in der tiefſten Tiefe ſeines inneren Forums einen Augenblick finſterer Frende, der ihn oft bei ſich ſagen ließ, er ſei glücklich über das Böſe, das man ihm zu⸗ gefügt, durch die Befriedigung, die ihm das Böſe ge⸗ währe, das er zurückgegeben. Zur Entlaſtung ſeiner ſchlimmen Ratur“ müſſen 38 wir indeſſen ſagen, daß ſein Leben immer precär und ſchmerzlich geweſen war. Eines Tags ſah man ihn aus einer Schlucht hervorkommen, wo ihn ohne Zweifel jene zigennerartigen Landſtreicher, die man durch die großen Wälder ziehen ſieht, zurückgelaſſen hatten. Er mochte drei Jahre alt ſein, war halb nackt und ſprach kaum. Der Bauer, der ihn fand, hieß Mathieu; die Schlucht, aus der er kam, nannte man den Fonds Gogelue, und ſo erhielt das Kind den Namen Mathien Gogelue. Von einer Taufe war nie die Rede; Ma⸗ thien hatte nicht ſagen können, ob er getauft oder nicht getanft worden war. Wer hätte ſich übrigens mit der Seele beſchäftigt, da der Leib in einer ſo elenden Lage war, daß er nur durch das Almoſen und die Beute le⸗ ben konnte! So hatte er das Mannesalter erreicht. Obgleich ſchlecht gebaut und häßlich, war Mathien kräftig; ob⸗ gleich ſcheinbar blödſinnig, war Mathien ſchlan und verſchmitzt. Wäre er in Oteanien, an den Ufern des Se⸗ negals oder in den Meeren von Japan geboren wor⸗ den, ſo hätten die Wilden von ihm ſagen können, was ſie von den Affen ſagen:„Sie ſprechen nicht, weil ſie befürchten, man würde ſie für Menſchen halten und arbeiten laſſen.“ Mathien ſtellte ſich ſchwach; Mathieu ſtellte ſich blödſinnig; bot ſich ihm aber eine Veranlaſſung, wo er genöthigt war, ſeine Stärke zu entwickeln oder einen Beweis von ſeinem Verſtande zu geben, ſo zeigte Ma⸗ thieu entweder die rohe Stärke des Bären, oder die tiefe Schlauheit des Fuchſes, und ſobald die Gefahr vorüber oder das Verlangen befriedigt war, wurde Ma⸗ thien wieder Mathieu, der Mathien von aller Welt, der bekannte, verſpottete, ohnmächtige, blödfinnige Mathien. Der Abbé Gregoire, dieſer vortreffliche Mann, der eine Rolle in unſerem Buche zu ſpielen berufen iſt, hatte Mitleid mit dieſer dürftigen Organiſation des Gehirns gehabt; in ſich den geborenen Vormund des elenden 39 Waiſenknaben erkenuend, hatte er ihn um eine Stufe in der Kette der Weſen vorwärts bringen und aus dieſem Polyp ein Thier machen wollen: er hatte ſich dem zu Folge ein Jahr lang Leib und Seele zerarbeitet, um ihn ſchreiben und leſen zu lehren. Nach einem Jahre war Mathieu aus den Händen des würdigen Prieſters mit dem Rufe eines dummen, erzdummen Eſels hervorgegangen. Die allgemeine Meinung, das heißt die der Mitſchüler von Mathieu, und die beſon⸗ dere Meinung, das heißt, die des Lehrers, waren, Ma⸗ thien kenne kein O und verſtehe kein J zu machen. Lehrer und Mitſchüler täuſchten ſich jedoch; Mathien las, nicht wie Herr von Fontanes, der für den beſten Leſer ſeiner Zeit galt, Mathieu las aber, und zwar ziem⸗ lich geläufig; Mathieu ſchrieb nicht wie Herr Prudhomme, ein Zögling von Brard und Saint⸗Omer, Mathien ſchrieb aber, und zwar ziemlich leſerlich. Nur hatte u ein Menſch Mathieu leſend oder ſchreibend ge⸗ ehen. Der Vater Guillaume hatte es ſeinerſeits verſucht, ihn dem viehiſchen Zuſtande ſeines Körpers zu entreißen⸗ er hatte dies in demſelben Gefühle gethan, das den Abbé Gregoire angetrieben, ihn ſeiner moraliſchen Ver⸗ wahrloſung zu entreißen, in jenem ſanften Erbarmen für ſeines Gleichen und in jenem Inſtincte der Men⸗ ſchenwürde, welche in allen guten Herzen exiſtiren. Er hatte bei Mathien eine gewiſſe Fähigkeit, den Ge⸗ ſang der Vögel, das Geſchrei der wilden Thiere nach⸗ zuahmen, ein Fährte zu verfolgen, wahrgenommen; er hatte erkannt, daß Matthieu mit ſeinem ſcheelen Ange vortrefflich einen Haſen oder ein Kaninchen im Lager ſah; er hatte mehr als einmal bemerkt, daß ihm Pul⸗ ver in ſeinem Horn und Blei in ſeinem Beutel fehlten, und er hatte hieraus geſchloſſen, es werde ihm vielleicht, da man nicht ganz nothwendig nach dem Modell von Appollo oder Antinvus geſchaffen ſein müſſe, um ein 40 guter Jäger zu ſein, es werde ihm, ſagen wir, vielleicht gelingen, die Anlagen von Mathien zu benützen und aus ihm einen leidlichen Jagdgehülfen zu machen. In dieſer Abſicht hatte er von Mathien mit Herrn Devio⸗ laine geſprochen, und dieſer hatte den Vater Mathien ermächtigt, ſeinem Schützling ein Gewehr in die Hände zu geben; dies war geſchehen, doch nach einer Uebung von ſechs Monaten in ſeiner neuen Lehre hatte Mathien zwei Hunde getödtetund einen Treiber verwundet, nie aber ein Stück Wildpret getroffen. Ueberzeugt, Mathieu habe alle Inſtincte eines Wildſchützen, beſitze aberkeine von den Eigenſchaften eines Jagdaufſehers, hatte ihm ſodann der Vater Mathien die Flinte, von der er einen ſo un⸗ geſchickten Gebrauch machte, wieder genommen, und un⸗ empfindlich für dieſe Schmach, die ihm doch die von uns erwähnte glänzende Perſpective, welche minder gleich⸗ gültige oder minder philoſophiſche Augen, als die ſei⸗ nigen, müßte geblendet haben, wieder verſchloß, hatte Mathien, ohne ſich zu ſchämen, ſein Vagabundenleben wiederangefangen. Bei dieſer herumſchweifenden Exiſtenz waren das nene Haus am Wege nach Soiſſons und der Herd des Vater Guillaume einer ſeiner Lieblingsruheorte, trotz des Haſſes oder vielmehr des inſtinctartigen Wi⸗ derwillens, den gegen ihn die Mutter Madeleine,— eine zu gute Wirthſchafterin, um nicht zu ſehen, wel⸗ chen Schaden ihrem Garten und ihrer Speiſekammer die Gegenwart von Mathien zufügte,— und Bernard, der Sohn des Hauſes, hegten; Bernard, den wir nur durch den ihm zu Ehren von Francvis ausgebrachten Toaſt kennen, ſchien den unſeligen Einfluß zu ahnen, den dieſer herumſtreichende Gaſt ſeines Herdes eines Tages auf ſein Geſchick haben ſollte. Wir haben übrigens vergeſſen, zu bemerken, daß, ſowie Niemand etwas von den vorborgenen Fortſchrit⸗ ten wußte, welche Mathien beim guten Abbé Gregvire — V — 41 im Leſen und im Schreiben gemacht hatte, auch Nie⸗ mand wußte, daß dieſe Ungeſchicklichkeit Verſtellung war und daß Mathien, wenn er nur wollte, ſeine La⸗ dung Schrot einem jungen Rebhuhn oder ſeine Kugel einem Wildſchweine ſo richtig als einer der Schützen des Waldes zuſandte. Warum entzog nun Mathien ſeine Talente den Blicken ſeiner Gefährten und der Bewunderung des Publikums? Weil Mathien gedacht hatte, es dürfte ihm nicht nur nützlich ſein, leſen, ſchreiben und ſchie⸗ ßen zu können, ſondern in einem gegebenen Falle noch viel nützlicher, für ungeſchickt und kenntnißlos gehalten zu werden. Es war alſo, wie man ſieht, ein garſtiger, bos⸗ hafter Jnnge, derjenige, welcher, gerade in dem Augen⸗ blicke, wo Frangois ſeine Erzählung begann, eintretend, dieſe Erzählung durch ſeine einen Zweifel ausdrücken⸗ den, in Betreff des Wildſchweines hingeſchleuderten Worte:„Ja, wie das letzte Mal!“ unterbrochen hatte. „Oh! das letzte Mal,“ erwiederte Franevis,„ſchon genug! Wir werden ſogleich hievon reden!“ „Und wo iſt es, das Wildſchwein?“ fragte der Vater Guillaume, dem die Nothwendigkeit, eine neue Ladung in ſeine Pfeife zu ſtopfen, für den Augenblick die Zunge frei ließ. „Es iſt im Fleiſchſtänder, da es Francois ſchon hat,“ ſagte Mathien. „Nein, noch nicht, doch ehe die Kuckucksuhr der Mutter ſieben ſchlägt, wird es mein ſein,“ erwiederte Frangvis.„Richt wahr, Louchonneau?“ Der Hund, den die durch Mathien wiederbelebte Flamme in eine ſichtbare Glückſeligkeit verſetzte, wandte ſich auf den Ruf ſeines Herrn um und ließ, die Aſche des Herdes mit ſeinem langen Schweife fegend, ein kleines freundſchaftliches Knurren vernehmen, das die 42 Frage, die man an ihn gerichtet, bejahend zu beant⸗ worten ſchien. Befriedigt durch die Antwort von Louchonneau 3 wandte Frangois ſeine Augen von Mathien mit einem Ekel ab, den zu verbergen er ſich nicht einmal die Mühe gab, und nahm wieder ſein Geſpräch mit dem Vater Gnillaume auf, welcher nun, glücklich, daß er eine friſche Pfeife zu conſumiren hatte, ſeinen jungen Gefährten freundlich und gefällig anzuhören bereit war. „Ich ſagte alſo, Vater Guillaume,“ fuhr Frangois fort, das Thier ſei eine Viertelſtunde von hier im Geſtrüppe der Tétes de Salmon, beim Meutart⸗Felde. Der Burſche iſt gegen halb drei Uhr dieſen Morgen aus dem Gehölze am Wege nach Damplenx abgegangen.“ „Gut!“ unterbrach Gogelue,„woher weißt Du das, Du, der Du ſelbſt erſt um drei Uhr abgegangen biſt?“ „Ah! ſagen Sie doch, Vater Guillaume, dasiſt ſcharf! er fragt mich, woher ich das wiſſe!.... Ich will es Dir erzählen, Louchonneau, mein Freund!. Das wird Dir eines Tags dienen können!“ Frangvis hatte eine ſchlimme Gewohnheit, welche Mathien ungemein verletzte, es war die, den Namen“ Louchonneau ohne Unterſchied auf den Menſchen und auf das Thier anzuwenden, wobei er ſich darauf ſtützte, daß, da Beide mit demſelben Gebrechen behaftet ſeien, — obgleich ſeiner Anſicht nach der Leithund auf eine viel zierlichere Art ſchielte, als der Menſch,— derſelbe Name auch zu Bezeichnung des Zweifüßigen, wie des Vierfüßigen dienen könne. Die Sache ſchien beim erſten Anblick ſo gleichgül⸗ tig für den Einen wie für den Andern zu ſein; doch wir müſſen ſagen, daß bei der Kundgebung dieſer Gleichgültigkeit der Hund allein aufrichtig war. Frangois fuhr alſo fort, ohne zu vermuthen, daß er mit einem neuen Verdruß die Summe des alten *) Schieler. En nic hat ich Nic Gu verſ kom laſſe ter fun nt⸗ au em die em er zen ar. ois im de. en 1.“ as, 2 f es rd he 35 nd te, n, ne be es l⸗ ch er iß en 5 43 Grolles, der gegen ihn im Herzen von Mathien Go⸗ gelue gohr, vermehrt hatte. „Um welche Stunde fällt der Thau?“ ſagte der junge Jägersmann.„Nicht wahr, Morgens um drei Uhr. Nun wohl! wäre das Thier nach dem Fallen des Thaus abgegangen, ſo würde es auf die feuchte Erde getreten ſein, und es hätte ſich kein Waſſer in der Höhlung ſei⸗ ner Fährte gefunden, während es im Gegentheil auf die trockene Erde getreten iſt: der Than iſt hernach gefallen und hat Tränken für Rothkehlchen ſeinen gan⸗ zen Weg entlang gemacht; das iſt es.“ „Wie alt iſt das Thier?“ fragte Guillaume, wel⸗ cher dachte, die Bemerkung von Mathieu ſei nur von geringem Gewichte, oder nach der Erklärung von Fran⸗ Lois müſſe Mathien hinreichend erbaut ſein. „Sechs bis ſieben Jahre,“ antwortete ohne Zö⸗ gern Francois;„ein Hauptſchwein.“ „Ah! ja wohl!“ rief Mathien,„es hat ihm am Ende ſeinen Geburtsſchein gezeigt.“ „Allerdings, unterzeichnet mit ſeiner Pfote... nicht Jedermann vermöchte daſſelbe zu thun... und hat es nicht Gründe, ſein Alter zu verbergen, ſo ſtehe ich dafür, daß ich mich nicht um drei Monate irre. Nicht wahr, Louchonneau?.. Sehen Sie, Vater Guillaume, Louchonneau ſagt, ich irre mich nicht.“ „Iſt es allein?“ fragte der Vater Guillaume. „Nein, es geht mit ſeiner Bache, welche voll iſt.“ „Ah! ah!“ „Ganz nahe am Werfen.“ „Du biſt alſo Wildſchweinsgeburtshelfer geweſen?“ verſetzte Mathieu, der es nicht über ſich gewinnen huute Frangois ruhig ſeine Erzählung fortſetzen zu aſſen. „Oh! ein ſchöner Witz!.. Sagen Sie doch, Va⸗ ter Guillaume, ein Burſche, der mitten im Walde ge⸗ funden wurde, weiß nicht einmal, ob eine Bache voll oder ob ſie nicht voll iſt. denn in der Schule gelernt?“ „Iſt es ein neues Thier?“ fragte der Vater Guit⸗ laume, der wiſſen wollte, ob die Zahl der Wildſchweine ſeiner Hut ſich vermehre, abnehme oder in demſelben Stande bleibe. „Sie, die Bache, ja,“ antwortete Frangois mit⸗ ſeiner gewöhnlichen Sicherheit,„doch er, der Eber, nein. Was ſie betrifft, ihre Fährte habe ich nie geſehen, doch er iſt bekannt. Und darum ſagte ich Ihnen, als dieſer Unglücksgogelue eintrat, ich werde auf meinen Eber von neulich zurückkommen. Es iſt derſelbe, dem ich vor vierzehn Tagen beim Gehölze von Ypors eine Kugel in den linken Bug gejagt hatte.“ „Und was läßt Dich glanben, es ſei derſelbe?“ „Ah! das muß ich Ihnen ſagen, alter Leithund?... Sprich, Louchonneau, hörſt Du, was mich der Vater Guillaume fragt?. Ich wußte wohl, daß ich ihn ge⸗ troffen; nur hatte ich, ſtatt ihm die Kugel in die Weiche der Schulter zu jagen, in die Schulter ſelbſt geſchoſſen.“ „Hm!“ verſetzte der Vater Guillaume,„er hat nicht geſchweißt.“ „Ei nein! weil die Kugel zwiſchen Haut und Fleiſch im Speck ſtecken geblieben iſt... Heute, ſehen Sie, iſt die Wunde im Heilen begriffen; das juckt die⸗ ſes Thier, ſo daß es ſich an der dritten Eiche links vom Heidenbrunnen gerieben hat... Es hat ſich ge⸗ rieben und gerieben, bis an der Rinde des Baumes⸗ ein Büſchel Borſten hängen blieb. Sehen Sie!“ Bei dieſen Worten zog Frangois aus ſeiner We⸗ ſtentaſche ein Büſchel Borſten, das, feucht von alten geſtandenem Blute, ſeine Behauptung unterſtützte. Guillaume nahm es, warf einen Kennerblick dar⸗ auf, gab das Büſchel, als wäre es die koſtbarſte Sache der Welt geweſen, zurück und ſprach: Ei! was haſt Du iſt wir Lu den ſein Her Her unt mit bei kur ihm ma voll e ſein hör gen Wi geg ode diet Du uil⸗ veine elben mit Fber, henie e ich verde s iſt vn e.“ d?.. Vater n ge⸗ n die ſelbſt hat und ſehen die⸗ links h ge umes We⸗ ltem dar acht 45⁵ „Bei meiner Treue, ja, es iſt ſo, Junge! und nun iſt es, als ob ich es ſähe.“ „Ah! Sie werden es noch viel beſſer ſehen, wenn wir ihm ſeine Rechnung gegeben haben.“ „Du machſt, daß mir der Mund wäſſert! Ich habe Luſt, einen Gang in dieſer Richtung zu thun.“ „Oh! gehen Sie, ich bin unbeſorgt Sie wer⸗ den Alles finden, wie ich geſagt habe... Es hat ſeinen Aufenthalt im großen Geſtrüppe der Tötes de Salmon.. Machen Sie keine Umſtände mit dem Herrn, treten Sie ſo nahe hinzu, als Sie wollen, der Herr wird ſich nicht rühren; ſeine Gemahlin iſt leidend und der Herr iſt galant.“ „Nun, ich gehe alſo!“ ſagte der Vater Guillaume mit einer Geberde des Entſchluſſes, welche, da er da⸗ bei die Zähne zuſammenpreßte, das ſchon ein wenig kurze Rohr ſeines Stummels noch mehr verkürzte. „Wollen Sie Louchonnean?“ „Wozu?“ „Es iſt wahr, Sie haben Augen; Sie werden ſchauen und ſehen; Sie werden ſuchen und finden.. Was den Gleichnamigen, von Meiſter Mathien betrifft, ſo wird man ihn in den Stall bringen, nachdem man ihm das patriotiſche Geſchenk eines Stückes Brod ge⸗ macht für die treffliche Arbeit, die er dieſen Morgen vollführt hat.“ „He! Mathien!“ rief der Vater Guillaume, indem er mit Betrübniß den Landſtreicher anſchaute, der ruhig ſeine Kartoffeln an der Ecke des Kamins aß,„Du hörſt? frage ich ein Eichhörnchen, ſo wird es mir ſa⸗ gen, auf welche Eiche es geſtiegen iſt; frage ich ein Wieſel, ſo wird es mir ſagen, wo es über die Straße gegangen! Du wirſt nie etwas wiſſen!“ „Bekümmere ich mich darum, ob ich etwas weiß oder nichts weiß? Wozu des Teufels ſoll mir das dienen?“ 46 Guillaume zuckte die Achſeln über dieſe für einen alten Jäger unerklärliche Gleichgültigkeit; ſodannzog er einen Morgenrock an, knöpfte ſeine Halbkamaſchen zu, nahm ſeine Flinte aus Gewohnheit, und weil er ohne ſeine Flinte nicht gewußt hätte, was er mit ſeinem rechten Arme hätte machen ſollen, gab Frangois einen freundſchaftlichen Druck der Hand und entfernte ſich. Dem Verſprechen getren, das er Lonchonneau ge⸗ ſien ging Frangvis gerade auf den Brodkaſten zu, chnitt ein Stück ſchwarzes Brod von einem halben Pfund ab und murmelte: „Oh! der alte Leithund! während ich meinen Be⸗ richt machte, juckten ihm die Füße!. Hier, Lonchon⸗ neau, mein Freund, das iſt hoffentlich eine hübſche Kruſte! Nun, da wir gut gearbeitet haben, gehen wir in den Wald, und munter!“ Und er entfernte ſich ebenfalls, doch durch die Thüre der Bäckerei, an deren äußere Wand der Stall. von Meiſter Louchonneau angelehnt war, für den die Brodkruſte das milderte, was die Rückkehr in den Stall Unangenehmes hatte, und ließ Mathien, ohne ſich weiter um ihn zu bekümmern, allein mit ſeinen Kartoffeln. W. Der Unglücksvogel. Kaum war Frangois außer ſeinem Blicke, als Mathien den Kopf aufrichtete und ein Ausdruck von „— e— ——— — e———„. inen g er zu, hne nem inen ge⸗ zu, ben Be⸗ on⸗ ſche wir die tall. die den hne nen als 47 Verſtand, deſſen man ſeine plumpe Phyſiognomie nicht hätte fähig halten ſollen, wie ein Blitz über ſein Ge⸗ ſicht hinzog. Alsdann horchte er auf das Geräuſch der Tritte des jungen Weidmanns, der ſich entfernte, auf das Geräuſch ſeiner Stimme, das immer ſchwächer wurde, und näherte ſich auf den Fußſpitzen der Branntwein⸗ flaſche, indem er mit ſeinen ſchielenden Angen einerſeits nach der Thüre, durch welche Guillaume hinausgegangen, andererſeits nach der, durch welche Frangois verſchwun⸗ den war, ſchaute. Hierauf hob er die Flaſche auf und brachte ſie in den Lichtſtrahl, der wie ein goldner Pfeil durch das Haus drang, um zu ſehen, was an der Flüſſigkeit fehlte, und was er folglich ohne einen zu großen Nach⸗ theil davon verſchlucken konnte. „Oh! der alte Knauſer!“ ſagte er,„wenn man bedenkt, daß er mir nicht einmal davon angeboten hat. Und um die Vergeßlichkeit von Vater Guillaume gut zu machen, hielt Mathien an ſeine Lippen den Pals der Flaſche und zog daraus raſch drei bis vier Schlücke von dem Flammengetränke, als wäre es der allerlieblichſte Trank geweſen, und zwar ohne das Hum! von Vater Guillaume, oder das Huſch! von Frangois hören zu laſſen. Als ſich bald darauf die Tritte von dieſem der Stube näherten, nahm der Vagabund mit derſelben raſchen, ſtummen Bewegung wieder ſeinen Platz an der Ecke des Kamins auf dem Schemel ein und ſtimmte mit einer unſchuldigen Miene, die Frangois ſelbſt ge⸗ täuſcht hätte, ein Lied an, das das Regiment der Dra⸗ goner der Königin, welches lange im Schloſſe von Villers⸗Cotterets gelegen, als Tradition in der Stadt hinterlaſſen hatte. 48 Mathien war bei der zweiten Strophe ſeines Lie⸗ des, da erſchien Frangois wieder auf der Schwelle. DOhne Zweifel, um kundzugeben, wie wenig ihn die Gegenwart der die Abweſenheit von Frangois in⸗ tereſſirte, ſetzte Mathien ſeine endloſe Romanze ohne Unterbrechung fort; Francvis blieb aber vor ihm ſtehen und ſagte: „Ah! Du ſingſt nun?“ „Iſt es verboten, zu ſingen?“ verſetzte Mathien. „Dann ſoll es der Herr Maire bei Trompetenſchall be⸗ kannt machen, und man wird nicht mehr ſingen.“ „Nein,“ erwiederte Frangois,„es iſt nicht ver⸗ boten, doch das wird mir Unglück bringen.“ „Und warum?“ „Weil ich, wenn der erſte Vogel, den ich am Morgen ſußen höre⸗ eine Eule iſt, ich ſage:„„Schlimme Ge⸗ ichte!““* „Das heißt ich bin alſo eine Eule!.. Gut! die Eule mag gelten! Ich bin Alles, was man will!“ Und ſeine beiden Hände an einander haltend, nachdem er die unerläßliche Vorſicht gebraucht, darein zu ſpeien, ließ Mathien Goguelue Töne vernehmen, welche zum Täuſchen den traurigen, monotonen Geſang des Nachtvogels nachahmten. Frangois ſchauerte. „Willſt Du ſchweigen?“ rief er. „Schweigen?“ „Ja. „ünd was wirſt Du ſagen, wenn ich Dir etwas zu ſingen habe?“ „Ich werde Dir ſagen, daß ich nicht Zeit habe, Dich anzuhören... Thue mir lieber einen Gefallen.“ „Dir?“ „Ja, mir!. Denkſt Du, Du könneſt Niemand —— 8——— —— en e— — * — —*— d *„ 49 ein Vergnügen machen, und keinem Menſchen einen Dienſt leiſten?“ „Doch. Was verlangſt Du? „Daß Du meine Flinte ans Feuer hältſt, damit ſie trocknet, während ich die Kamaſchen wechſeln will.“ „Dh! die Kamaſchen wechſeln! Seht doch, Herr Frangois hat Angſt vor einem Schnupfen.“ „Ich habe nicht Angſt vor einem Schnupfen, ſon⸗ dern ich will die Ordonnanzkamaſchen anziehen, weil der Inſpector auf die Jagd kommen wird... Nun! ſteht es Dir nicht an, meine Flinte trocknen zu laſſen?“ „Weder die Deine, noch eine andere... Man ſoll mir den Kopf zwiſchen zwei Steinen zerquetſchen wie einem Stinkthiere, wenn ich von heute an bis zu dem Tage, wo man mich begräbt, je eine Flinte anrühre.“ „Wohl! ſo ſage ich Dir⸗ daß nichts verloren ſein wird, Du magſt einen Gebrauch davon machen, wel⸗ chen Dn willſt,“ erwiederte Frangois, während er eine Art von Halbgeſchoß öffnete, in welchem eine Sammlung von Kamaſchen aller Art enthalten war, und ſich ſeine Kamaſchen unter denen der Familie Watrin ſuchte. Mathien folgte ihm mit ſeinem ſcheelen Auge, in⸗ deß ſein rechtes Ange ſich ausſchließlich mit ſeiner letz⸗ ten Kartoffel zu beſchäftigen ſchien, die er langſam und ungeſchickt ſchälte; ſodann brummelte er zwiſchen den Zähnen: „Sprich doch: warum ſollte ich einen beſſeren Gebrauch von einer Flinte machen, wenn ich mich der⸗ ſelben für Andere bediene?. Es zeige ſich die Ge⸗ legenheit, mich für meine eigene Rechnung ihrer zu bedie⸗ nen, und Du wirſt ſehen, ob ich lahmer bin als ein Anderer!“ „Und was wirſt Du anrühren, wenn Du keine Flinte anrührſt?“ fragte Frangvis, der, den Fuß auf Seinem Stuhle, ſeine langen Kamaſchen zuzuknöpfen anfing. Catherine Blum. 4 3 Ich werde meinen Lohn anrühren!.. Herr Watrin machte mir den Antrag, mich als überzähligen Jäger aufzunehmen, da man aber Seiner Hoheit ein Jahr, zwei Jahre und manchmal ſogar drei Jahre gratis dienen muß, ſo danke ich! ich verzichte darauf. Lieber will ich als Bedienter beim Herrn Maire eintreten.“ „Wie! Bedienter beim Herrn Maire! Bedienter bei Herrn Roiſin dem Holzhändler?“ „Bei Herrn Roiſin dem Holzhändler oder beim Herrn Maire, das iſt eins.“ „Gut!“ ſagte Franevis mit einer Bewegung ſei⸗ ner Schultern, durch die er ſeine Verachtung gegen einen Bedienten ausdrückte. „Das ärgert Dich?“ „Mich!“ verſetzte Francvis,„das iſt mir ganz gleichgültig. Ich frage mich bei Allem dem nur, was aus dem alten Pierre werden ſoll.“ „Ei!“ antwortete Mathien gleichgültig,„er geht offenbar!“ „Er geht?“ wiederholte Francvis mit einer Nuance von Theilnahme für den alten Diener, von dem die Rede war. „Allerdings: da ich ſeinen Platz einnehme, ſo muß er wohl gehen,“ fügte Mathien bei. „Unmöglich!“ rief Frangvis;„er iſt ſeit zwanzig Jahren im Hauſe Roifin!“ „Ein Grund mehr, daß die Reihe an einen Andern kommt,“ ſagte Mathien mit ſeinem boshaften Lächeln. „Höre, Du biſt ein abſchenlicher Burſche, Louchon⸗ neau!“ riel Francvis. „Vor Allem,“ eutgegnete Mathien mit der einfäl⸗ tigen Miene, die er anzunehmen wußte,„vor Allem heiße ich nicht Lvuchonneaus der Hund, den Du in * nicht ich.“ den Stall zurückgeführt haſt, heißt Louchonnean, und err gen ein hre uf. ire vei im ſei⸗ en anz s eht nce die uß zig ern ln. on⸗ fäl⸗ lem in und 51 „Ja, Du haſt Recht,“ verſetzte Frangois,„und als er erfuhr, der arme Hund, man gebe zuweilen Dir denſelben Namen wie ihm, da that er Einſprache, in⸗ dem er ſagte: er, der der Leithund von Vater Watrin ſei, wäre unfähig, den Platz des Leithundes von Herrn Deviolaine zu verlangen, obgleich das Haus eines In⸗ ſpectors natürlich beſſer ſei, als das eines Forſtwarts, und feit ſeiner Einſprache ſchielſt Du allerdings immer noch, doch man nennt Dich nicht mehr Louchonneau.“ „Siehſt Dn!.. So bin ich alſo Deiner Mei⸗ nung nach, Francvis, ein abſcheulicher Burſche?“ „Nach meiner Meinung und nach der von Jeder⸗ mann.“ „Und warum dies?“ „Schämſt Du Dich nicht, einem armen Alten wie Pierre das Brod vom Munde wegzunehmen? Was ſoll ohne Platz aus ihm werden? Er wird genöthigt ſein, für ſein Weib und ſeine zwei Kinder zu betteln.“ „Nun! Du wirſt ihm eine Penſion von den drei⸗ hundert und fünfzig Franken ausſetzen, die Du jähr⸗ lich von der Verwaltung als Jagdgehülfe beziehſt.“ „Ich werde ihm keine Penſion ausſetzen,“ erwie⸗ derte Frangois,„weil ich mit dieſen dreihundert und fünfzig Franken meine alte Mutter ernähre, und die gute arme Frau vor Allem! doch er wird immer im Hauſe, wenn er kommen will, einen Teller Zwiebelſuppe und einen Biſſen Kaninchengibelotte, die gewöhnliche Koſt des Forſtwarts, finden. Bedienter beim Herrn Maire!“ fuhr Frangvis fort, der ſeine zweite Kamaſche vollends zugeknöpft hatte,„Bedienter werden, das ſieht Dir ganz ähnlich!“ „Bah! eine Livree iſt wie die andere!“ erwiederte Mathien,„mir iſt die mit Geld im Sacke lieber, als die mit leeren Taſchen.“ „Einen Augenblick Geduld, Freund!“ rief Frangois. Doch ſich verbeſſernd: 52 „Nein, ich irre mich, Du biſt nicht mein Freund. Unſer Kleid iſt keine Livree es iſt eine Uniform.“ „Ob ſie ein Eichenlaub an den Kragen geſtickt oder eine Borte auf den Aermel genäht hat, das gleicht ſich teufelmäßig,“ ſagte Mathieu mit einer Kopfbe⸗ wegung, durch die er zugleich mit der Geberde, wie mit dem Worte ausdrückte, welchen geringen Un⸗ terſchied er zwiſchen dem Einen und dem Andern mache. „Ja,“ entgegnete Frangois, der Mathien nicht das letzte Wort laſſen wollte,„nur arbeitet man mit dem Eichenlaube am Kragen, während man mit der Borte am Aermel ausruht. Darum gibſt Du der Borte den Vorzug vor dem Eichenlaube, nicht wahr, Faulenzer?“ „Das iſt abermals möglich,“ antwortete Mathieu. Alsdann ſprach er, von einem Gedanken zu einem andern übergehend, als böte ſich plötzlich dieſer Ge⸗ danke ſeinem Geiſte: „Ei! man ſagt, Catherine komme heute von Pa⸗ ris zurück?“.. „Wer iſt das, Catherine?“ fragte Frangois. „Nun!“ erwiederte Mathien,„Catherine, das iſt Catherine, die Nichte von Vater Gulliaume, die Baſe von Herrn Bernard, die ihre Lehre als Weißnäherin und Modiſtin in Paris beendigt hat und das Magazin von Mademviſelle Rigolot in Villers⸗Cotterets über⸗ nehmen wird.“ „Und hernach?“ „Ah! wenn ſie heute käme, ſo würde ich erſt mor⸗ gen gehen. Es wird ohne Zweifel hier Hochzeit und Schmauſerei bei der Rückkehr von dieſem Tugendſpie⸗ gel geben.“ „Höre, Mathieu,“ ſagte Frangvis mit ſehr ernſter Miene,„wenn Du vor Andern als vor mir von Made⸗ moiſelle Catherine ſprichſt, ſo magſt Du wohl Acht haben, vor wem Du ſprichſt.“ „Und warum?“ S — 8— S.——— nd. n.“ ickt icht be⸗ de, In⸗ as em rte den 2 eu. em He⸗ ßa⸗ iſt aſe rin zin er⸗ or⸗ ind ie⸗ ſter de⸗ en, 53 „Weil Mademoiſelle Catherine die Tochter der leib⸗ lichen Schweſter von Herrn Guillaume Watrin iſt“ „Ja, und die Vielgeliebte von Herrn Bernard, nicht wahr?“ „Wenn man Dich das fragt, Mathieu, ſo rathe ich Dir, zu ſagen, Du wiſſeſt es nicht.. ſiehſt Du?“ „Hierin täuſchſt Du Dich: ich werde ſagen, was ich weiß... Man hat geſehen, was man geſehen, man hat gehört, was man gehört.“ „Höre,“ ſagte Frangvis, indem er Mathien mit einem Ausdrucke des Ekels und der Verachtung in ſo vollkommener Verſchmelzung anſchaute, daß man un⸗ möglich ergründen konnte, welches von beiden Gefühlen das lebergewicht über das andere hatte,„Du haſt entſchieden Recht gehabt, daß Du Lackei geworden: das iſt Dein Beruf, Mathieu! Spion und Anbringer! Viel Glück zu Deinem neuen Handwerk. Kommt Ber⸗ nard herab, ſo erwarte ich ihn hundert Schritte von hier auf dem Sammelplatze beim Hirſchſprung.... hörſt Du?“ Und er warf ſeine Flinte auf die Schulter mit jener Bewegung, die nur denjenigen eigenthümlich iſt, welche vollkommen an die Handhabung dieſer Waffe gewöhnt ſind, und verließ die Stube, indem er wiederholte: „Oh! ich widerrufe nicht, Mathien, Du biſt ein garſtiger, boshafter Burſche.“ athien ſchaute ihm mit ſeinem ewigen Lächeln nach; als ſodann der junge Jägersmann verſchwunden war, glänzte der Blitz des Verſtandes, der nur einen kurzen Moment darauf erſchienen, abermals auf ſei⸗ ner Stirne, und mit einem Auge voll arger Drohung ſagte er: Du widerrufſt nicht? ah! ich bin ein bos⸗ hafter Burſche! ah! ich ſchieße ſchlecht! ah! der Hund von Bernard hat Einſprache gethan, weil man ihn Louchonneau naunte, wie mich! ah! ich bin ein Spion, ein Faulenzer, ein Anbringer! Geduld! Geduld! Ge⸗ duld! die Welt endigt heute noch nicht, und ich werde Dir das wohl vor der Welt Ende wiedervergelten!“ In dieſem Augenblicke krachten die Bretter der Treppe, welche zum erſten Stocke führte eine Thüre öffnete ſich, und ein ſchöner, kräftiger junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, abgeſehen von der Flinte, völlig als Forſtmann gekleidet, erſchien auf der Schwelle. Das war Bernard Watrin, der Sohn des Hauſes, von dem ſchon einige Male in den vorhergehenden Ka⸗ piteln die Rede geweſen iſt. Das Ausſehen des jungen Forſtmanns war tadel⸗ los: ſein blauer Rock mit ſilbernen Knöpfen hob, von oben bis unten geſchloſſen, eine wunderbare geformte Taille hervor; eine anliegende Sammethoſe und eine bis über das Knie gehende lederne Kamaſche machten eine Lende und ein Bein vom ſchönſten Modell geltend; fahlblonde Haare endlich und ein Backenbart von einer etwas wärmeren Tinte als die Haare harmonirten voll⸗ kommen mit den Wangen, denen die Sonnenhitze ihre jugendliche Friſche nicht hatte rauben können. Es war etwas ſo tief Sympathetiſches in demje⸗ nigen, welchen wir in die Scene eingeführt haben, daß es, trotz der Feſtigkeit ſeines hellblauen Anges und der etwas harten. Kante ſeines Kinns,— das Merkmal eines bis zur Halsſtarrigkeit getriebenen Wil⸗ lens,— unmöglich war, ſich nicht ſogleich zu ihm hinge⸗ zogen zu fühlen. Aber Mathien gehörte nicht zu denjenigen, welche ſich ſolchen Hinreißungen überlaſſen. Die körperliche Schönheit von Bernard, die einen völligen Contraſt mit ſeiner Häßlichkeit bildete, war immer bei dieſem Vagabunden eine Urſache des Neides und des Haſſes geweſen, und wenn er ſich nur ein Unglück zu wün⸗ ſchen gehabt hätte, daß Bernard ein Unglück doppelt d z — — e d on, e⸗ de der üre nn te, lle. es, ka⸗ el⸗ on nte ine ten ter l⸗ re ie⸗ n, e il⸗ ge⸗ che che aſt em ſes in⸗ elt 55 ſo groß als das ſeine widerfahren wäre, ſo würde er ſicherlich nicht gezögert haben, ſich den Verluſt eines Anges oder den Bruch eines Beines zu wünſchen, da⸗ mit Bernard zwei Augen verlöre oder beide Beine bräche. Dieſes Gefühl war ſo unüberwindlich bei ihm, daß er, wie ſehr er ſich auch anſtrengte, um Bernard zuzulächeln, doch immer nur, wie man zu ſagen pflegt, mit dem Ende der Zähne lächelte. An dieſem Tage war ſein Lächeln noch ſaurer als gewöhnlich. Es lag in dieſem Lächeln etwas von einer gezwungenen, ungeduldigen Freude: es war das von Caliban beim erſten einen Sturm verkündigenden Rollen des Donners. Bernard ſchenkte dieſem Lächeln keine Aufmerkſam⸗ keit. Er ſchien im Gegentheil ein heiteres Concert die Ingend, das Leben und die Liebe beſingend in der Tiefe ſeines Herzens zu haben. VBald jedoch ſchweifte ſein Blick mit Erſtaunen, ich möchte faſt ſagen, mit Beſorgniß umher. „Ei! ich glaubte die Stimme von Frangois hier gehört zu haben!“ ſagte er,„War er denn nicht ſo eben hier?“ Er war allerdings hier, doch er wurde ungedul⸗ dig, daß er ſo lange auf Sie warten mußte, und er ging. „Gut! wir werden uns auf dem Sammelplatze finden,“ ſprach Bernard. Und er trat an den Kamin, nahm ſeine Flinte vom Haken, blies in die Läufe, um ſich zu verſichern, daß ſie leer und rein waren, ſchüttelte Pulver auf die zwei Pfannen, goß eine Ladung Pulver in jeden Lauf und zog aus ſeiner Jagdtaſche zwei filzene Pröpfe. „Sie bedienen ſich alſo immer noch mit dem Locheiſen aus dem Filze geſchlagener Pfröpfe?“ fragte Mathien. Ja, ich finde, daß ſie das Pulver gleichmäßiger 56 preſſen. Nun! was habe ich denn mit meinem Meſſer gethan?“ Bernard ſuchte in allen ſeinen Taſchen, doch er konnte den Gegenſtand, deſſen er bedurfte, nicht finden. „Wollen Sie das meinige?“ fragte Mathien. „Ja, gib.“ Bernard nahm das Meſſer, zog zwei Kreuze über zwei Kugeln und ſchob dieſe zwei Kugeln in ſeine Taſche. „Was machen Sie denn da, Herr Bernard?“ fragte Mathieu. „Ich bezeichne meine Kugeln, um ſie zu erkennen, ſollte ein Streit entſtehen. Schießt man zu zwei auf daſſelbe Wildſchwein, und es hat nur eine Kugel, ſo ärgert man ſich, daß man nicht weiß, wer es getödtet.“ Nach dieſen Worten ging Bernard auf die Thüre zu. Mathieu folgte ihm mit ſeinem ſcheelen Ange, und ſein Ange hatte in dieſem Moment einen unglaublichen Ausdruck von Grimm. Als ſodann der junge Mann beinahe die Schwelle berührte, ſagte er: „Bah! noch ein Wörtchen, Herr Bernard. So⸗ bald Frangois, Ihr Liebling, Ihr Herzblatt, Ihr Pudel es iſt, der das Wildſchwein beſtätigt hat, wiſ⸗ ſen Sie wohl, daß Sie den Buſch nicht leer finden werden. Ueberdies haben die Hunde ſo früh keinen Geruch.“ „Nun! ſo ſprich, was haſt Du mir zu ſagen?“ „Was ich Ihnen zu ſagen habe?“ „Ja.“ „Iſt es wahr, daß das Wunder der Wunder heute ankommt?“ „Wen meinſt Du?“ fragte Bernard die Stirne faltend. 6 „Ei! Catherine.“ em 57 Kaum hatte Mathien dieſen Namen genannt, da erſcholl eine kräftige Ohrfeige ſeiner Backe er⸗ theilt.“ Er wich zwei Schritte zurück, ohne daß ſich der Ausdruck ſeiner Phyſiognomie veränderte; doch er griff 4 der Hand nach dem geſchlagenen Theile und ragte: „Was haben Sie denn heute Morgen, Herr Ber⸗ nard?“ „Nichts,“ antwortete der junge Forſtmann;„nur will ich Dich dieſen Namen mit der Achtung, die Jeder⸗ mann für ihn hegt, und ich zuerſt, ausſprechen lehren.“ „Oh!“ verſetzte Mathien, der immer eine ſeiner Hände auf ſeiner Backe ließ, während er mit der an⸗ dern in ſeiner Taſche ſtörte,„wenn Sie erfahren, was in dieſem Papiere hier iſt, ſo werden Sie die Ohrfeige, die Sie mir gegeben, berenen.“ „In dieſem Papiere?“ wiederholte Bernard. „Ja.“ „So laß das Papier ſehen.“ „Oh! Geduld!“ „Laß dieſes Papier ſehen, ſage ich Dir,“ rief Bernard. Und er machte einen Schritt gegen Mathien und riß ihm das Papier aus den Händen. Es war ein Brief mit der Aufſchrift: An Mademvoiſelle Catherine Blum, Rue Bourg⸗l'Abb6, Nrv. 15, in Paris. F Bei der einfachen Berührung dieſes Papiers, beim einfachen Leſen dieſer Adreſſe durchlief ein Schauer den Leib von Bernard, als hätte er geahnet, dieſer Brief enthalte für ihn eine ganze Periode eines neuen Daſeins. eine ganze Reihenfolge von unbekannten Un⸗ glücksfällen. Das Mädchen, an das dieſer Brief adreſſirt war, und von dem wir ſchon ein paar Worte geſprochen, war die Tochter der Schweſter von Vater Guillaume und folglich das Geſchwiſterkind von Bernard. Wie hatte nun dieſes Mädchen einen deutſchen Namen? warum war es von Anderen, als von ſeinem Vater und von ſeiner Mutter erzogen worden? warum befand es ſich in dieſem Augenblicke in Paris in der S Bourg⸗l'Abbé, Nro. 152 Das werden wir ſogleich agen. Im Jahre 1808 zog eine Colonne deutſcher Ge⸗ fangener, welche von den Schlachtfeldern von Fried⸗ land und Eylau kamen, durch Frankreich: ſie wurden militäriſch bei Privatleuten einquartiert, wie man auch die franzöſiſchen Soldaten einquartierte. Ein junger Badener, der in der erſten von dieſen Schlachten ſchwer verwundet worden, hatte ſein Ein⸗ quartierbillet beim Vater Guillaume Watrin, der ſeit vier bis fünf Jahren verheirathet war, und in deſſen Hauſe Roſa Watrin, ſeine Schweſter, ein ſchönes Mädchen von ſiebzehn bis achtzehn Jahren wohnte. Die ſchon in dem Augenblicke, wo er die Ambu⸗ lanz verlaſſen, bedeutende Wunde hatte ſich dergeſtalt durch die Märſche, die Strapazen, den Mangel an Pflege verſchlimmert, daß er genöthigt war, auf ein Certificat des Arztes und des Wundarztes von Vil⸗ —— im ler ſer ten n⸗ r, u, ne en m er e⸗ d⸗ n 50 lers⸗Cotterets ſeinen Aufenthalt in dieſer Stadt zu nehmen. Man wollte ihn ins Hoſpital führen, doch der junge Soldat zeigte einen ſolchen Widerwillen hiegegen, daß der Vater Guillaume, den man damals noch kurz Guillaume nannte, in Betracht, daß er ein hübſcher junger Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren war, ihm zuerſt den Vorſchlag machte, er möge auf der Faſanerie bleiben. So nannte man im Jabre 1808 die Reſidenz von Guillaume, welche, eine ſtarke Viertelſtunde vor der Stadt entfernt, unter den ſchönen, großen Bänmen von demjenigen Theile des Waldes lag, den man den Park nennt. 4 Was Friedrich Blum,— ſo hieß der Verwundete, — dieſen lebhaften Widerwillen gegen das Hoſpitat einflößte, das waren nicht nur die Reinlichkeit des Wirthes und der jungen Frau von dieſem, die vor⸗ treffliche Luft der Fafanerie und die köſtliche Ausſicht von ſeinem Stübchen, das auf die Luftſtücke der Forſt⸗ leute und die grünen Bäume des Waldes ging, ſon⸗ dern auch der Anblick der reizenden Blume, von der man hätte glauben ſollen, ſie ſei auf einem von dieſen Luftſtücken gepflückt worden, von dieſer Blume, die man oſa Watrin nannte. Sie ihrerſeits, als ſie den ſo ſchönen, ſo bleichen, ſo leidenden jungen Mann ſah, der auf der Tragbahre der Armen nach dem Hoſpitale gebracht werden ſollte, fühlte ſich von einem ſo ſchmerzlichen Eindrucke ergrif⸗ fen, daß ſie ihren Bruder aufſuchte und mit gefalteten Händen und Thränen in den Augen vor ihn trat, ohne daß ſie ein Wort zu ſprechen wagte, jedoch be⸗ redter durch ihr Stillſchweigen, als ſie durch die ein⸗ dringlichſten Worte der Erde geweſen wäre. Er begriff Alles, was in der Seele ſeiner Schwe⸗ ſter vorging, und angetrieben weniger noch durch den 60 Wunſch des Mädchens, als durch jenen Fond von Mitleid, den man ſicher immer bei den Menſchen der Einſamkeit findet, willigte er ein, daß der Badener in der Faſanerie bleiben möge. Durch eine ſtillſchweigende Uebereinkunft über⸗ nahm wieder von dieſem Augenblicke an die Frau von Watrin ganz allein die Sorge für die Haushaltung und für ihren, damals drei Jahren alten, Sohn Ber⸗ nard, während ſich Roſa, die ſchöne Blume des Wal⸗ des, ausſchließlich der Pflege des Verwundeten widmete. Die Wunde war,— man verzeihe uns die paar wiſſenſchaftlichen Worte, die wir nothwendig hier aus⸗ ſprechen müſſen,— die Wunde war durch eine Kugel gemacht worden, welche auf das Schenkelknochengelenk getroffen hatte, durch die Aponeuroſen der fascia lata geſchlüpft und in die tiefen Lagen eingedrungen war, wo ſie eine heftige Reizung hervorbrachte. Anfangs hatten die Wundärzte geglaubt, der Schenkelknochen ſei gebrochen, und ſie hatten die Ablöſung ausführen wollen, dieſe Operation hatte aber den jungen Mann erſchreckt, nicht ſowohl wegen des Schmerzes, von dem ſie begleitet ſein mußte, als wegen der Idee einer ewi⸗ gen Verſtümmelung. Er hatte erklärt, er wolle lieber ſterben, und da er es mit franzöſiſchen Wundärzten zu thun hatte, denen nichts daran lag, ob er ſtarb oder nicht ſtarb, ſo war er in der Ambulanz geblieben, wo ſich nach und nach die Kugel durch eine aponeu⸗ roſe Abſonderung in die Muskelregionen eingelegt hatte. Mittlerweile war der Befehl gekommen, die Ge⸗ fangenen nach Frankreich zu transportiren. Man hatte die Gefangenen, verwundet oder nicht verwundet, in Wagen gepackt und nach ihrem Beſtimmungsorte expe⸗ dirt,— Friedrich Blum wie die Anderen und mit den Anderen. Er hatte über zweihundert Stunden auf dieſe Art gemacht, doch bei ſeiner Ankunft in Villers⸗ ——„ —— — w* NM— N 61 Cotterets waren ſeine Leiden, wie geſagt, ſo unerträg⸗ lich geworden, daß es ihm unmöglich geweſen, weiter zu gehen. Zum Glück war das, was man als eine Ver⸗ ſchlimmerung betrachten konnte, ein Anfang von Gene⸗ ſung. Die Kugel, wurde ſie nun durch eine heftige Anſtrengung vertrieben, oder durch ihr eigenes Gewicht fortgezogen, öffnete ihre anormale Hülle und ging durch die Trennung der Muskeln hinab, deren Zwi⸗ ſchenraumsgewebe ſie niederſinkend zerriß. Man begreift aber, dieſes Wunder der Natur, dieſe ſeltſame Heilung, die der Körper für ſeine eigene Rechnung unternimmt, bewerkſtelligt ſich nicht augen⸗ blicklich und ohne heftige Schmerzen. Der Verwundete blieb drei Monate auf ſeinem Fieberlager ausgeſtreckt; ſodann zeigte ſich allmälig eine merkliche Beſſerung; er konnte aufſtehen, Anfangs bis zum Fenſter und bald bis zur Thüre gehen; hernach das Haus verlaſſen und geſtützt auf den Arm von Roſa Watrin unter den gro⸗ ßen Bäumen in der Rähe der Faſanerie umherſpazie⸗ ren; eines Tags endlich fühlte er zwiſchen den Biege⸗ muskeln des linken Beines einen ſeltſamen Körper rollen. Er rief den Wundarzt: der Wundarzt machte einen leichten Einſchnitt, und die Kugel, welche bei⸗ nahe tödtlich geweſen wäre, fiel harmlos in die Hand des Operateur. Friedrich Blum war geheilt. Doch in Folge dieſer Heilung fand es ſich, daß im Hauſe zwei Verwundete waren ſtatt eines einzigen. Zum Glück kam der Frieden von Tilſit. Ein neues Königreich war im Jahr 1807 geſchaffen worden; es entlehute vom alten Herzogthum Weſtphalen das Bisthum Paderborn, Horu und Bielefeld; es verband damit einen Theil der Kreiſe des Oberrheins und von Niederſachſen und umfaßte ferner den Süden von 62 Hannover, Heſſen⸗Kaſſel, und die Herzogthümer Magde⸗ burg und Verden. Dieſes Königreich hieß das Königreich Weſtphalen.** Im Zuſtande der Mythe, ſo lange die mit bewaffneter Hand debattirte Frage nicht durch die Siege von Friedland und Eylan gelöſt war, wurde es von Ale⸗ rander beim Frieden von Tilſit anerkannt und zählte fortan unter den europäiſchen Königreichen, wo es nur ſechs Jahren figuriren ſollte. Eines Morgens erwachte alſo Friedrich Blum defi⸗ nitiv als Weſtphale und folglich als ein Verbündeter des franzöſiſchen Volks, ſtatt deſſen Feind zu ſein. Da war im Ernſte davon die Rede, den Gedanken zu verwirklichen, der die zwei jungen Leute ſeit ſechs Monaten erfüllte, den Gedanken, ſich zu heirathen. Die große Schwierigkeit warverſchwunden: Guillaume Watrin war ein zu guker Franzoſe, um ſeine Schweſter einem Manne zu geben, den ſeine Verhältniſſe nöthi⸗ gen konnten, gegen Frankreich zu dienen und eines Tags auf Bernardzu ſchießen, welchen ſein Vater ſchon in der Uniform und mit gefälltem Bajonnet gegen die Feinde ſeines Vaterlandes marſchiren ſah; da aber Friedrich Blum Weſtphale und folglich Franzoſe ge⸗ worden, ſo war die Heirath der zwei jungen Leute die allereinfachſte Sache der Welt. Friedrich verpfändete ſein Wort als guter, braver Deutſcher, er werde vor Ablauf von drei Monaten zu⸗ rückkommen, und reiſte ab. Es gab viele Thränen bei der Abreiſe; doch die t Redlichkeit war ſo unverkennbar im Geſichte von Blum( zu leſen, daß man nicht einen Augenblick an ſeiner Rückkehr zweifelte. Er hatte einen Plan, von dem er Niemand etwas geſagt: er wollte den neuen König in Kaſſel aufſuchen und ihm eine Bittſchrift überreichen, in der er ihm ſeine Geſchichte erzählen und ihn um die Stelle eines 3 gde⸗ ilen. 5 8 teter von Ale⸗ ihlte nur defi⸗ eter nken ume eſter ines chon die aber ge⸗ die wer zu⸗ die lum iner was hen ihm nes 33 Förſters in dem Walde bitten würde, welcher ſich, achtzig Stunden lang und fünfzig breit, vom Rheine bis zur Donau erſtreckt und Schwarzwald genannt wird. Der Plan war einfach und naiv: er glückte gerade wegen ſeiner Einfachheit und Naivetät. Eines Tags ſah der König vom Balcon ſeines Schloſſes einen Soldaten, der, ein Papier in der Hand, ſeine Gnade anzuflehen ſchien; er war guter Laune, wie alle Könige, welche auf den erſten Stufen des Thrones ſtehen: ſtatt die Bittſchrift holen zu laſ⸗ ſen, ließ er den Soldaten holen; dieſer ſetzte ihm in ziemlich gutem Franzöſiſch auseinander, was die Bitt⸗ ſchrift enthielt. Der König ſchrieb das Wort bewil⸗ ligt unter das Geſuch, und Friedrich Blum war För⸗ ſter eines Bezirkes vom Schwarzwalde*). Ein Urlanb von einem Monat, um dem neuen Förſter Zeit zu laſſen, ſeine Braut zu holen, und ein Gnadengeſchenk von fünfhundert Gulden als Unter⸗ ſtützung für die Reiſe waren dem Beſtallungsbriefe, ſe Zukunft unſerer jungen Leute ſicherte, beige⸗ igt. Friedrich Blum hatte drei Monate verlangt; man ſah ihn nach Verlauf von ſechs Wochen zurückkommen. Das war ein Beweis von ſeiner Liebe, der für ſich ſelbſt ſprach, und zwar ſo lant, daß Guillaume Watrin keine Einwendung zn machen hatte. arianne aber machte eine, und zwar eine ſehr ernſte. Marianne war eine gute Katholiken; ſie hörte je⸗ den Sonntag die Meſſe in der Kirche von Villers⸗ Cotterets und communiecirte an den vier großen Feſt⸗ *) Daß Alerandre Dumas dem König von Weſtphalen nachträglich das Badener Land ſchenkt, wird dem Franzoſen Niemand verargen. 64 tagen des Jahres beim Abbé Gregiore, ihrem Gewiſ⸗ ſensrathe. Friedrich Blum war Proteſtant, und in den Au⸗ gen von Marianne war die Seele von Friedrich Blum unvermeidlich verloren und die ihrer Schwägerin ernſt⸗ lich gefährdet. Man ließ den Abbé Gregoire kommen. Der Abbé Gregoire war ein vortrefflicher Mann, kurzſicht'g wie ein Maulwurf, was die Angen des Lei⸗ bes betrifft; doch dieſe äußere und materielle Kurz⸗ ſichtigkeit hatte bei ihm das Geſicht der Seele ſchärfer gemacht. Man konnte unmöglich einen richtigeren Sinn, einen geſunderen Verſtand in den Dingen die⸗ ſer Welt und in denen des Himmels haben, als der würdige Abbé, und kein Prieſter, ſeit Selbſtver⸗ leugnungsgelübde von einem Menſchen abgelegt wor⸗ den ſind, iſt, dafür ſtehe ich, den Gelübden, die er gethan, gewiſſenhafter treu geblieben. Der Abbé Gregoire antwortete, es gebe eine Religion, die man vor Allem befolgen müſſe, nämlich die der Seele: die Seele der zwei jungen Leute aber habe den Schwur gegenſeitiger Liebe gethan; Friedrich Blum möge ſei⸗ ner Religion folgen, Roſa Watrin der ihrigen; die Kinder mögen in der Religion des Landes, wo ſie wohnen, erzogen werden, und am Tage des letzten Gerichtes werde Gott, der Allbarmherzige, ſich da⸗ rauf beſchränken, daß er,— dies war die Hoffnung des wackeren Abbé,— nicht die Proteſtanten von den Katholiken, ſondern einfach die Guten von den Böſen trenne. Da dieſe Entſcheidung des Abbé Gregovire, unter⸗ ſtützt von den zwei Verlobten und von Gnillaume Watrin, drei Stimmen für ſich hatte, während dem entgegengeſetzten Antrage eine einzige zur Seite ſtand, der von Marianne, ſo wurde beſchloſſen, es ſollte 3 ————-— S 5 Sc—— —„„ — wiſ⸗ Au⸗ lum nſt⸗ nn, Lei⸗ urz⸗ rfer ren die⸗ als ver⸗ or⸗ er bb6 nan die vur ſei⸗ die ſie ten da⸗ ing on den er⸗ me em ite lite 65 die Heirath ſogleich nach Erfüllung der bürgerlichen und kirchlichen Förmlichkeiten ſtattfinden. Dieſe Förmlichkeiten nahmen drei Wochen weg, nach welchen Roſe Watrin und Friedrich Blum auf der Mairie von Villers⸗Cotterets, in deren Regiſter man ihre Namen beim Datum des 12. September 1809 ſehen kann, und in der Kirche derſelben Stadt getraut wurden. Da kein proteſtantiſcher Geiſtlicher vorhanden war, ſo wurde die proteſtantiſche Trauung bis zur Ankunft des Ehepaares in Weſtphalen verſchoben. Einen Monat nachher, auf den Tag, wurden ſie abermals getrant vom Pfarrer ihres neuen Wohnortes in Deutſchland, und ſomit waren alle Ceremonien des beiderſeitigen Cultus vollzogen. Nach zehn Monaten ward ein Kind weiblichen Geſchlechts geboren, das den Namen Catherine erhielt und nach dem Gebrauche des Landes, wo es das Licht der Welt erblickt, in der proteſtantiſchen Religion er⸗ zogen werden ſollte. Es verliefen drei und ein halbes Jahr vollkom⸗ mener Glückſeligkeit für die jungen Gatten; ſodann kam die Campagne von 1812, die unglückliche Mutter des nicht minder unglücklichen Feldzugs von 1813. Die große Armee verſchwand unter dem Schnee Rußlands und unter dem Eiſe der Bereſina. Man mußte eine neue Armee ausheben. Alles, was ſchon anf den Cadres figurirt hatte, Alles, was nicht dreißig volle Jahre zählte, wurde unter die Waffen gerufen. Friedrich Blum war durch dieſes Becret zweimal Soldat; Soldat, weil er einſt auf den Cadres des Heeres figurirt hatte, Soldat, weil er erſt nennund⸗ zwanzig Jahre und vier Monate alt war. Vielleicht hätte er beim König von Weſtphalen den Befreiungsgrund, er leide zuweilen granſam an Catherine Blum. 5 66 ſeiner alten Wunde, geltend machen können; doch das fiel ihm nicht einmal ein. Er reiſte nach Kaſſel ab, präſentirte ſich vor dem König, wurde von ihm erkannt, verkangte wie früher bei der Cavalerie zu dienen, em⸗ pfahl dem Fürſten ſein Weib und ſein Kind und mar⸗ ſchirte mit dem Grade eines Brigadier mit den weſt⸗ phäliſchen Jägern ab. Er war unter den Siegern bei Lützen und bei Bautzen, er war unter den Beſiegten und den Todten bei Leipzig. Diesmal hatte ihm eine ſächſiſche Kugel die Bruſt durchbohrt, und er legte ſich nieder, um nicht mehr aufzuſtehen, unter ſechzigtauſend Verſtümmelten dieſes Tages, an welchem man hundert und ſiebenzehntauſend Kanonenſchüſſe abfeuerte. Der König von Weſtphalen vergaß ſein Verſpre⸗ chen nicht: eine Penſion von dreihundert Gulden wurde der Witwe von Friedrich Blum bewilligt und ſuchte ſie mitten in ihrer Trauer und in ihren Thränen aufz doch ſchon im Anfange des Jahres 1814 exiſtirte das Königreich Weſtphalen nicht mehr, und der König von Weſtphalen hatte aufgehört, nnter den gekrönten Häup⸗ tern zu zählen. Friedrich Blum war in den Reihen der Franzoſen getödtet worden: in dieſer Zeit der Reaction genügte dies, daß ſeine Frau in dem Deutſchland, das ſich in Maſſe gegen uns erhoben hatte, übel angeſehen wurde. Sie begab ſich deshalb auf den Weg mit den Trümmern des franzöſiſchen Heeres, das über die Gränze zurückging, und eines Morgens klopfte ſie, mit ihrem Kinde in ihren Armen, an die Thüre ihres Bru⸗ ders Guillaume. Die Mutter und das Kind wurden von dieſem Goldherzen wie von Gott Geſandte aufgenommen. Das kleine Mädchen— es war drei Jahre alt—. ward die Schweſter von Bernard, der neußt zählte; die — — c c— — das ab, nnt, em⸗ nar⸗ veſt⸗ bei ten ruſt ehr ſes end re⸗ rde hte uf; as n p⸗ ſen te en en ie tit U⸗ m ie 67 Mutter nahm wieder auf dem Schmerzensbette von Blum, in dem Stübchen, von wo aus man die Gärten der Forſtleute und die großen Bäume des Waldes er⸗ blickte, den Platz von Friedrich Blum ein. Ach! die arme Frau war gefährlicher krank, als es ihr Mann geweſen: die Strapazen und der Kum⸗ mer hatten bei ihr eine Lungenentzündung herbeige⸗ führt, welche in eine Lungenſchwindſucht ausartete, und trotz aller ſorgſamen, unermüdlichen Pflege von Seiten ihres Bruders und ihrer Schwägerin, den Tod zur Folge hatte. Gegen das Ende des Jahres 1814, das heißt im Alter von vier Jahren, war alſo die kleine Catherine Blum eine Waife. Waiſe dem Namen nach, wohl verſtanden, denn ſie hatte einen Vater und eine Mutter in Guillaume Watrin und ſeiner Frau wiedergefunden, wenn ein verlorener Vater und eine verlorene Mutter ſich je wie⸗ derfinden. Was ſie aber ſo zärtlich, ſo ergeben fand, als ob er denſelben Vater und dieſelbe Mutter gehabt hätte, wie ſie, das war ein Bruder im jungen Bernard. Die zwei Kinder wuchſen mit einander heran, ohne ſich nur im Geringſten um die politiſchen Wechſelfälle zu bekümmern, welche Frankreich erſchütterten und zwei oder dreimal die materielle Exiſtenz ihrer Eltern in Frage ſtellten. Napoleon dankte in Fontainebleau ab, kehrte ein Jahr ſpäter nach Paris zurück, fiel zum zweiten Male bei Waterloo, ſchiffte ſich in Rochefort ein, wurde ge⸗ feſſelt und ſtarb auf ſeinem Felſen von St. Helena, ohne daß alle dieſe großen Kataſtrophen in ihren Augen eines von denVerhältniſſen annahmen, die ihnen eines Tags die Geſchichte geben ſollte. Für dieſe unter dem dichten Blätterwerke, wo das Leben und der Tod der Mächtigen dieſer Erde ein ſo 63 ſchwaches Echo hatten, verlorene Familie war das Wich⸗ tigſte, daß der Herzog von Orleans, als Apanagiſt wie⸗ der Eigenthümer des Waldes von Villers⸗Cotterets geworden, Guillaume Watrin ſeine Stellung als Forſt⸗ wart erhalten hatte. Dieſe Stellung war ihm erhalten worden und hatte ſich ſogar verbeſſert: beim tragiſchen Tode von Choron war Watrin vom Reviere der Pépinisre zu dem von Chapigny berufen worden, und er hatte ſeine Wohnung auf der Faſanerie verlaſſen müſſen, um das Haus am Wege nach Soiſſons zu beziehen. Auch wurden bei dieſem Reviere hundert Franken zugelegt, und ein Zuwachs von hundert Franken war eine anſehnliche Verbeſſerung beim Gehalte des alten Forſtwarts. Bernard war ſeinerſeits herangewachſen und, mit achtzehn Jahren als Gehülfe angenommen, zum Forſt⸗ wächter mit einem Gehalte von fünfhundert Franken am Tage, wo er ſeine Volljährigkeit erreichte, ernannt worden. So kamen in demſelben Hauſe vierzehnhun⸗ dert Franken zuſammen, welche in Verbindung mit der freien Wohnung und den Beneficien des Schußgeldes den Wohlſtand in die Familie brachten. Jedermann hatte dieſen Wohlſtand empfunden: Catherine Blum war nach Villers-Cotterets in Penſion gegeben worden und harte hier eine Erziehung erhal⸗ ten, die aus der Bäuerin allmälig eine Stadtdemoiſelle gemacht. Zu gleicher Zeit mit ihrer Erziehung hatte ſich die Blüthe ihrer Schönheit entfaltet, und Cathe⸗ rine Blum war mit ſechzehn Jahren eines der reizend⸗ ſten Mädchen von Villers⸗Cotterets und der Umgegend. Da geſchah es, daß die Bruderliebe, welche ſeine ganze Jugend hindurch Bernard für Catherine gehegt, unmerklich ihre Natur veränderte und ſich in eine an⸗ dere Liebe verwandelte. Es hatte indeſſen weder das Eine, noch das An⸗ dere von den beiden jungen Leuten ſehr klar in dieſem ⸗ 69 Gefühle geſehen: Jedes begriff, daß es das Andere mehr liebte, ſowie es aus den Kinderjahren zum Jüng⸗ lingsalter überging. Keines aber gab ſich Rechenſchaft von der Lage ſeines Herzens, bis zu dem Angenblicke, wo ein Umſtand kam, der ihnen bewies, daß ihr dop⸗ veltes Daſein nur eine Quelle hatte, wie zwei Blumen nur einen und denſelben Stängel hatten. Bei ihrem Austritte aus der Penſion, das heißt in einem Alter von dreizehn bis vierzehn Jahren, war Catherine Blum in die Lehre zu Mademoiſelle Rigolot, der erſten Weißzeughändlerin und Modiſtin von Vil⸗ lers⸗Cotterets, gebracht worden; ſie blieb hier zwei Jahre und gab ſo viele Beweiſe von Verſtand und Geſchmack, daß Mademoiſelle Rigolot erklärte, wenn Catherine Blum ein Jahr oder achtzehn Monate in Paris zubrächte, um hier den Geſchmack der Hauptſtadt zu erlangen, ſo würde ſie nicht zögern, ihr, ſelbſt ohne baares Geld, jedoch gegen zweitanſend Franken jährlich, ſechs Jahre lang, ihr Geſchäft abzutreten, und zwar im Vorzuge vor jeder Andern. Dieſe Eröffnung war zu wichtig, um nicht ernſte Reflexionen zwiſchen Guillaume Watrin und ſeiner Frau herbeizuführen. Es wurde beſchloſſen, mit einem Briefe von Ma⸗ demviſelle Rigolot an ihre Correſpondentin in Paris verſehen, ſollte Catherine von Villers⸗Cotterets abrei⸗ ſen und auf ein Jahr oder achtzehn Monate ihren Aufenthalt in Paris nehmen. Die Rue Bourg⸗l'Abbé war vielleicht keine von den Straßen, wo ſich die Stadt unter ihrem neuſten und eleganteſten Anblick producirte, doch in der Rue Bourg⸗Abbé wohnte die Correſpondentin von Made⸗ moiſelle Rigolot, und man verließ ſich auf Catherine, daß ſie das verbeſſern werde, was der Geſchmack der Bewohner dieſer bürgerlichen Straße zu Peraltetes haben konnte. 70 Erſt als Bernard und Catherine ſich verlaſſen mußten, ſchätzten ſie wirklich den Grad, zu dem ihre Liebe gelangt war, und ſie bemerkten, daß dieſe Liebe den ganzen Egoismus von der eines Liebhabers zu einer Geliebten, und entfernt nicht die Elaſticität von der eines Bruders zu einer Schweſter hatte. Verſprechungen, innigſt an einander zu denken, ſich wenigſtens dreimal in der Woche zu ſchreiben und ſich eine nnerſchütterliche Treue zu bewahren, wurden zwi⸗ ſchen den beiden jungen Leuten ausgetauſcht, welche, ſtumm wie wahre Liebende, in ihre zwei Herzen das Geheimniß ihrer Liebe verſchloſſen, von dem ſie ſich vielleicht ſelbſt nicht vollkommen Rechenſchaft gaben. Während der achtzehn Monate der Abweſenheit von Catherine hatte Bernard zwei Urlaube, jeden von vier Tagen, erhalten; dieſe Urlaube, die er der beſon⸗ dern Gunſt ſeines Inſpectors verdankte, welcher die zwei Watrin als Menſchen liebte und als Diener ſchätzte, wurden natürlich von Bernard zu zwei Reiſen nach Paris angewendet, und dieſe dienten nur dazu, noch enger die Bande zu ſchließen, welche die zwei jun⸗ gen Leute vereinigten. Endlich war die Stunde der Rückkehr gekommen, und zur Feier dieſer Rückkehr hatte der Inſpector ein Wildſchwein zu ſchießen erlaubt. In dieſer Abſicht nun war Frangois um drei Uhr Morgens aufgeſtanden, hatte er das Thier beſtätigt und ſodann dem Vater Guillaume Bericht gemacht, war der Vater Guillaume ſelbſt weggegangen, um den Bericht zu bewahrheiten, hatten ſich die Jäger des Reviers Chavigny beim Hirſch⸗. ſprung zuſammenbeſchieden und war Bernard, gewiegt durch die ſüßeſten Träume beim Gedanken an dieſe Rücktehr, zierlich aufgeputzt, lächelnd und freudig, her⸗ abgekommen, als der ihm von Mathien Gogelue vo ſeine Augen gelegte Briefplötzlich dieſes Lächeln in Falten der Stirneund dieſe Freude in Unruhe verwandelte. 1— 10 n e „ 71 VI. Der Pariſer. Bernard erkannte wirklich auf der Adreſſe des Briefes die Handſchrift eines jungen Mannes Namens Louis Chollet, des Sohnes von einem Holzhändler in Paris, der ſich ſeit zwei Jahren bei Herrn Roiſin, dem erſten Holzhändler von PVillers⸗Cotterets, welcher zu⸗ gleich Maire dieſer Stadt war, aufhielt. Er lernte hier die praktiſche Seite ſeines Gewer⸗ bes, das heißt er functionirte als Gehauaufſeher, wie in Deutſchland, und beſonders an den Ufern des Rheins, die Söhne der größten Gaſtwirthe bei Collegen ihres Vaters das Geſchäft von Oberkellnern verſehen. Der Vater Chollet war ſehr reich und gab ſeinem Sohne für ſeine kleinen Vergnügungen eine Penſion von fünfhundert Franken monatlich. Mit fünfhundert Franken monatlich bat man in Villers⸗Cotterets Tilbury, Reitpferd und Wagenpferd. Ueberdies iſt man,— beſonders wenn man ſich in Paris kleidet und Mittel findet, ſeinen Schneider aus der väterlichen Kaſſe bezahlen zu laſſen,— der König der Provinzialfaſhion. Dies war bei Lonis Chollet der Fall. Jung, reich, hübſch, gewöhnt an das Leben von Paris, wo ihm leichte Liebſchaften von den Frauen die Idee gegeben hatten, die ſich die jungen Leute machen, nelche nie etwas Anderes als Griſetten und unterhal⸗ tee Mädchen gekannt haben, hatte Chollet gedacht, nihts vermöchte ihm zu widerſtehen, und er würde, w in Villers⸗Cotterets die fünfzig Töchter des 72 Königs Danaus, mit ihnen in einer mehr oder minder langen Zeit die dreizehnte Arbeit von Hercules voll⸗ bringen, welche im Alterthum dem Sohne Jupiters den ſchönſten Theil ſeines Ruhmes erwarb. Er war bei ſeiner Ankunft ſchon am erſten Sonn⸗ tag, überzeugt, vermöge ſeines nach dem neuſten Muſter geſchnittenen Frackes, ſeiner zartfarbigen Beinkleider, ſeines geſtickten Hemdes und ſeiner Uhrkette mit den tauſend Berlocken, habe er nur, wie ein zweiter Soli⸗ man ſein Schnupftuch zuzuwerfen, er war, ſagen wir, im Tanzſaale erſchienen und hatte, nachdem er alle Mädchen einer Prüfung unterzogen, ſein Schnupf⸗ tuch Catherine Blum zugeworfen. Leider war ihm begegnet, was drei Jahrhunderte früher dem berühmten Sultan, mit welchem ihn zu ver⸗ gleichen wir Chollet die Ehre angethan, begegnet war: das Schnupftuch wurde ebenſo wenig von der modernen Roxelane aufgehoben, als es von der Roxelane des Mittelalters aufgehoben worden war, und der Pariſer, — dies war der Spitzname, mit dem man ſogleich den Ankömmling getauft,— hatte ſich vergebens in Unko⸗ ſten geſetzt. Mehr noch: da ſich der Pariſer auf eine ſehr auf⸗ fallende Weiſe um Catherine bemüht hatte, ſo war Catherine am folgenden Sonntag nicht beim Tanze erſchienen. Und dies war auf eine ganz natürliche Weiſe zu⸗ gegangen: ſie hatte in den Angen von Bernard die Unruhe geleſen, die ihm die Beharrlichkeit des jungen Holzhändlers verurſachte, und ſie hatte zuerſt ihre Vetter,— was dieſer mit Begeiſterung annahm,— der Vorſchlag gemacht, ſie wolle den Sonntag im neue Hauſe zubringen, ſtatt daß ihr Vetter, wie er dies z thun pflegte, ſeitdem Catherine in der Stadt wohne⸗, ſeinen Sonntag in Villers⸗Cotterets zubrächte. Doch der Pariſer hatte ſich nicht für m ——————,—.—.— — =—— nder voll⸗ iters onn⸗ uſter ider, den oli⸗ wi alle upf⸗ erte ver⸗ var: rnen des iſer, den nko⸗ auf⸗ war anze zu⸗ die igen rm der e . ne, en 73 gehalten, er hatte Hemden bei Mademoiſelle Rigolot beſtellt, ſodann Taſchentücher, hernach falſche Kragen, was ihm eine Menge Gelegenheiten gegeben, um Ca⸗ therine zu ſehen, bei welchen Gelegenheiten dieſe ihm nur eine große Höflichkeit als Comptvirdemviſelle und eine große Kälte als Weib hatte entgegenſetzen können. Die Beſuche des Pariſers bei Mademoiſelle Ri⸗ golot, in deren Urſache man ſich nicht täuſchen konnte, hatten Bernard ſehr beunruhigt: doch wie dieſe Be⸗ ſuche verhindern? Der zukünftige Holzhändler war der alleinige Richter über die Anzahl von Hemden, Ta⸗ ſchentüchern und falſchen Kragen, die er beſitzen mußte, und gefiel es ihm, vierundzwanzig Dutzend Hemden, achtundvierzig Dutzend Taſchentücher und ſechshundert falſche Kragen zu haben, ſo ging das Bernard Watrin durchaus nichts an. Es ſtand ihm überdies frei, von dieſen Hemden, dieſen Taſchentüchern und dieſen falſchen Kragen im⸗ mer nur ein Stück zu beſtellen, wodurch es ihm drei⸗ hundert und fünfundſechzigmal bei Mademoiſelle Rigo⸗ lot einzutreten erlaubt war. Von dieſer Tagezahl müſſen wir übrigens die Sonntage abrechnen, nicht als hätte am Sonntag Ma⸗ demoiſelle Rigolot ihr Magazin geſchloſſen, ſondern jeden Samſtag Abends um acht Uhr holte Bernard ſeine Couſine ab, die er jeden Montag Morgens um acht Uhr zurückführte. Und es ließ fich bemerken, daß der Pariſer, ſobald ihm dieſe Gewohnheit bekannt war, nicht nux nie den Gedanken hatte, am Sonntag etwas zu ienwe daß er ſich auch an dieſem Tage nie erkundigte, ob die von ihm während der Woche beſtellten Gegenſtände fertig ſeien. Mittlerweile war von Mademviſelle Rigolot der Vorſchlag gemacht worden, Catherine nach Paris zu ſchicken, ein Vorſchlag, der, wie wir ſeiner Zeit erwähnt, günſtig von Guillaume und der Mutter Watrin auf⸗ 74 genommen wurde, und dem ſicherlich Bernard einen ganz andern Widerſtand entgegengeſetzt hätte, hätte er nicht bedacht, die Ausführung dieſes Planes ſetze eine Entfernung von ſechs und dreißig Stunden zwiſchen den verwünſchten Louis Chollet und die geliebte Ca⸗ therine Blum. Dieſe Idee hatte ein wenig bei Bernard den Schmerz der Trennung gemildert. Obſchon es aber zu jener Zeit keine Eiſenbahnen gab, ſo waren doch ſechs und dreißig Stunden kein Hinderniß für einen Verliebten, beſonders wenn dieſer Verliebte, ein Gehauaufſeher aus Liebhaberei, nicht nöthig hatte, ſeinen Patron um Urlaub zu bitten, und fünfhundert Franken monatlich Taſchengeld beſaß. Es geſchah alſo, daß gegen die zwei Reiſen, welche Bernard in einem Zeitraume von achtzehn Monaten nach Paris gemacht hatte, Chollet, der in ſeinen Hand⸗ lungen frei war und an jedem dreißigſten Tage dieſer Monate dieſelbe Summe einnahm, welche Bernard am dreihundert und fünf und ſechszigſten Tage des Jahres bezog oder vielmehr bezogen hatte, es geſchah, ſage ich, daß gegen dieſe zwei Reiſen Chollet zehn machte. Und dabei war bemerkenswerth: ſeit dem Abgange von Catherine nach Paris hatte Chollet aufgehört, ſich Hemden von Mademoiſelle Rigolot auf der Place de la Fontaine in Villers⸗Cotterets liefern zu laſſen, und er machte ſeine Beſtellungen in Paris bei Madame Cretté und Cv. in der Rue Bourg⸗l'Abbé, 15. Esverſteht ſich von ſelbſt, daß Bernard ſogleich durch Catherine von dieſem Umſtande nuteclſceſrde⸗ der eine große Bedeutung für Mademviſe eine noch viel größere für ihn hatte. Das menſchliche Herz iſt aber ſo beſchaffen: ob⸗ gleich er ſicher des Gefühles war, das ſeine Couſine für ihn hegte, ſo beunruhigte ihn doch dieſe Verfol⸗ gung des Pariſers unabläſſig. i Rigolot, aber we ent ein Un geb gar zu unt ſuch hat viel nar dieſ wo Adr lers des Brie Scht Stir Sch: nem, ken groß nen er eine hen Ca⸗ den nen kein eſer icht und lche ten nd⸗ eſer am res ich, nge ſich de ind me rch der ber ob⸗ ine ol⸗ Zwanzigmal hatte er den Gedanken gehabt, mit Louis Chollet einen von den guten Streiten zu ſuchen, welche mit einem Degenſtiche oder einem Piſtolenſchuß endigen, und da Bernard durch ſeine Privatübungen ein Piſtolenſchütze erſter Stärke war, da er durch den Unterricht von einem ſeiner Kameraden, der ihm, früher Vorfechter bei einem Regimente, ſo viel Lectionen ge⸗ geben, als er hatte nehmen wollen, den Raufdegen ganz angenehm handhabte, ſo hätte ihn die Sache, bis zu ihren letzten Conſequenzen getrieben, nur wenig be⸗ unruhigt; wie ſollte er aber Streit mit einem Menſchen ſuchen, über den er ſich durchaus nicht zu beklagen hatte, der, artig gegen Jedermann. ſich vielleicht noch viel mehr ſo gegen ihn, als gegen jeden Andern zeigte? Das war unmöglich. Man mußte alſo eine Gelegenheit abwarten. Ber⸗ nard wartete achtzehn Monate darauf, und während nl achtzehn Monate zeigte ſie ſich nicht ein einziges al. Nun aber übergab man ihm gerade an dem Tage, wo Catherine Blum zurückkommen ſollte, einen an das Mädchen adreſſirten Brief, und er erkannte, daß die Adreſſe dieſes Briefes von der Hand ſeines Nebenbuh⸗ lers geſchrieben war. Man begreift alſo die Gemüthsbewegung, die ſich des jungen Forſtmannes nur beim Anblicke dieſes Briefes bemächtigt hatte. Er drehte ihn, wie geſagt, um und um, zog ſein Schnupftuch aus der Taſche und wiſchte ſich die Stirne ab. Sodann, als hätte er gedacht, er könnte ſein Schnupftuch noch nöthig haben, hielt er es unter ſei⸗ nem, linken Arme feſt, ſtatt es in ſeine Taſche zu ſtek⸗ ken und mit der Riene eines Menſchen, der einen großen Entſchluß faßt, entſiegelte er den Brief. Mathien ſchaute ihm mit ſeinem boshaften Lächeln 76 zu, und als er wahrnahm, daß Bernard noch bläſſer wurde und noch mehr in Aufregung gerieth, ſowie er fortlas, ſprach er: „Sehen Sie, Herr Bernard, als ich den Brief aus der Taſche von Pierre nahm, ſagte ich zu mir ſelbſt:„Gut: ich will Herrn Bernard über die Schliche des Pariſers aufklären, und mit demſelben Schlage mache ich, daß man Pierre fortjagt!““ In der That, das hat nicht gefehlt, als Pierre geſtand, er habe den Brief verloren... der Gimpel! als hätte er nicht ſagen können, er habe ihn auf die Poſt gebracht!... das frage ich Sie ein wenig! Es hätte dies vor Allem den Vortheil gehabt, daß der Pariſer im Glauben, der erſte ſei abgegangen, keinen zweiten geſchrieben haben würde, daß folglich Catherine dieſen nicht be⸗ kommen und, weil ſie ihn nicht bekommen, nicht darauf geantwortet hätte.“ Bernard, der den Brief zum zweiten Male las, unterbrach ſich in dieſem Augenblicke und brüllte gleich⸗ am: „Wie, geantwortet? Unglücklicher, Du ſagſt, Ca⸗ therine habe geantwortet?“ „Potz Henker!“ verſetzte Mathieu, indem er ſeine Backe aus Angſt vor einer zweiten Ohrfeige mit ſeiner Hand beſchirmte,„ich ſage das nicht gerade.“ „Und was ſagſt Du denn?“ „Ich ſage, Madmoiſelle Catherine ſei ein Weib, und die Sünde führe eine Tochter Evas in Verſuchung.“ „Ich frage Dich beſtimmt, ob Catherine geantwortet hat! hörſt Du, Mathien? „Vielleicht nicht... Doch Sie wiſſen, wer nichts ſagt, willigt ein.“ „Mathieu!“ rief der junge Mann mit einer Ge⸗ berde der Drohung. „In jedem Falle ſollte er dieſen Morgen abgehen⸗ um ihr mit dem Tilbury entgegenzufahren.“ ſich Si ner ant wie hin Bri wo öfft zuft wie ich den her das ſech gege ſolle äſſer e er rief mir liche lage hat, den nicht lllem tben, eben t be⸗ rauf las, eich⸗ Ca⸗ ſeine einer und „ . ortet ichts Ge⸗ ehen, 77 „Und er iſt abgegangen?“ „Ob er abgegangen iſt?.. Weiß ich das, da ich hier in der Backſtube geſchlafen habe! Doch wollen Sie es wiſſen?“ „Ja, gewiß.“ „Nun! das iſt etwas Leichtes! erkundigen Sie ſich in Villers⸗Cotterets, ſo wird die erſte Perſon, die Sie fragen:„„Hat man Herrn Louis Chollet mit ſei⸗ nem Tilbury gegen Gondreville fahren ſehen?““ Ihnen antworten:„„Ja.““ „Ja! Er iſt alſo dahin gefahren?“ Ja oder nein... Ich, ich bin ein Dummkopf, wie Ihnen wohl bekannt. Ich ſage Ihnen, er ſollte da⸗ hin fahren, ich ſage nicht, er iſt dahin gefahren!“ „Woher kannſt Du dies aber wiſſen? Der Brief iſt in der That entſiegelt und wieder geſiegelt worden.“ „Ah! vielleicht hat ihn der Pariſer wieder ge⸗ öffnet, um ein Poſtſcriptum, wie man ſagt, bei⸗ zufügen.“ „So biſt alſo Du es nicht, der ihn entſiegelt und wieder geſiegelt hat?“ Wozu, frage ich Sie?... Kann ich leſen? bin ich nicht ein dummes Thier, dem man nie das AB6C in den Kopf bringen konnte?“ „Das iſt wahr,“ murmelte Bernard.„Doch wo⸗ her weißt Du, daß er ihr entgegenfahren ſollte.“ „Ah! er hat mir geſagt:„„Mathien, man wird das Pferd frühzeitig ſtriegeln müſſen, weil ich um ſechs Uhr mit dem Tilbury abgehe, um Catherine ent⸗ gegenzufahren?““ „Er hat Catherine ſchlechtweg geſagt?“ „Denken Sie, er hätte viel Umſtände machen ſollen?“ „Ha!“ nurmelte Bernard,„wäre ich dabei ge⸗ 78 weſen, hätte ich das Glück gehabt, ihn dies ſagen zu hören!“ „Ja, Sie hätten ihm eine Ohrfeige gegeben wie mir oder vielmehr nein, Sie hätten ihm keine gegeben.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie gut mit der Piſtole ſchießen, das iſt wahr, weil es aber im Gehau vom Herrn Ryiſin Bäume gibt, welche, da ſie ganz von Kugeln durchlöchert ſind, beweiſen, daß der Pariſer auch nicht ſchlecht ſchießt. weil Sie den Degen gut führen, es iſt wahr, weil aber er neulich mit dem Unterinſpector, der bei den Gardes du corps war, einige Gänge gemacht und ihn hübſch beknopft hat, wie man zu ſagen pflegt.“ „Gut!“ verſetzte Bernard,„und Du glanbſt, das hätte mich zurückgehalten?“ „Ich ſage das nicht; doch Sie hätten ſich viel⸗ leicht ein wenig mehr bedacht, dem Pariſer eine Ohr⸗ feige zu geben, als eine ſolche dem armen Mathieu Gogelue zu ertheilen, der ſo wehrlos iſt wie ein Kind.“ Eine gute Regung, eine Regung des Mitleids und faſt der Scham zog durch das Herzwon Bernard, und er ſagte Mathien die Hand reichend: „Verzeih mir, ich habe Unrecht gehabt.“ gab ihm ſchüchtern ſeine kalte, ſchandernde aud. „Obgleich.. obgleich,“ fuhr Bernard fort,„ob⸗ gleich Du mich nicht liebſt, Mathieu!“ „Ah! Gott im Himmel!“ rief der Vagabund⸗ „können Sie das ſagen, Herr Bernard?“ „Abgeſehen davon, daß Du lügſt, ſo oft Du den Mund aufthuſt.“ „Gut!“ verſetzte Mathien,„nehmen wir an, ich habe gelogen.. Was macht das mir, ob der Pa⸗ riſer der gute Freund von Jungfer Catherine iſt vder nicht iſt, ob er ihr in ſeinem Tilbury entgegenfährt ver ha vor den gen nac den zuri wor dan zu wie eine s iſt ume ind, weil den ihn das iel⸗ Ohr⸗ hien d.“ ids ard, rnde „ob⸗ und, den Pw oder fährt 79 oder nicht fährt, ſobald Herr Roiſin, der Alles thut, was Herr Chollet will, in der Hoffnung, dieſer werde ſeine Tochter Euphroſine heirathen, Pierre weggejagt und mich an ſeiner Stelle zum Bedienten genommen hat! Ich muß ſagen, es ſteht mir ſogar mehr an, daß man nicht weiß, ich habe aus Ergebenheit für Sie den Brief aus der Taſche des Alten genommen. Es iſt ein ſchlechter Burſche, dieſer Meiſter Pierre, teufel⸗ mäßig duckmäuſeriſch, und wenn man dem Wildſchweine Gewalt anthut, wie Sie wiſſen, Herr Bernard, ſo mag man ſich vor den Streichen ſeines Rüſſels hüten!“ Bernard, während er auf ſeine eigenen Gedanken antwortete, während er in ſeiner Hand den Brief zer⸗ knitterte, hörte Mathieu zu, obgleich er das Anſehen hatte, als hörte er ihn nicht. Plötzlich wandte er ſich gegen ihn um, ſtieß zu⸗ gleich mit dem Fuße und mit dem Kolben ſeiner Flinte auf die Erde und ſagte: „Höre, Mathien, Du biſt entſchieden...“ 5 halten Sie nicht an ſich, Herr Bernard,“ verſetzte Mathieu mit ſeiner halb dummen, halb bos⸗ haften Miene,„es thut wehe, an ſich zu halten.“ „Du biſt eine Canaille!“ rief Bernard,„fort von hier!“ Und er machte einen Schritt gegen den Vagabun⸗ den, um ihn mit Gewalt hinauszutreiben, ſollte er nicht geneigt ſein, freiwillig zu gehen; Mathien leiſtete aber nach ſeiner Gewohnheit keinen Widerſtand: den Schritt, den Bernard vorwärts machte, erwiederte er durch zwei Schritte rückwärts Während er ſodann immer weiter zurückwich und zurückſchaute, um die Thüre nicht zu verfehlen, ant⸗ wortete er: „Es wäre vielleicht beſſer, Sie würden mir anders danken; doch das iſt Ihre Manier Jeder nach 60 ſeiner Weiſe, wie man zu ſagen pflegt. Auf Wiedet⸗ ſehen, Herr Bernard! auf Wiederſehen!“ Sodann rief er von der Thüre mit einem Aus⸗ drucke, in welchem ſein alter und ſein neuer Haß über⸗ ſtrömten: ſeh„Hören Sie wohl? ich ſage Ihnen: auf Wieder⸗ ehen!“ Und ſeinen gewöhnlich ſo langſamen ſo ſchläfri⸗ gen Schritt beſchleunigend, ſprang er über den Graben, der die Straße vom Walde trennt, gelangte raſch un⸗ ter den Schatten der großen Bäume und verſchwand. VII. Eiferſucht. Doch ſtatt Mathien auf ſeiner Flucht und bei ſeiner Drohung zu folgen, war das Auge von Bernard ſchon wieder auf den Brief zurückgefallen. „Ja,“ murmelte er,„daß er ihr dieſen Brief als Pariſer geſchrieben hat, begreife ich vollkommen: er ſcheut nichts; daß ſie aber gerade auf dem Wege zu⸗ rückkommt, den er ihr bezeichnet, oder daß ſie einen Platz in ſeinem Tilbury annimmt, das kann ich nicht glauben! Ah! bei Gott! Du hier, Frangois! ſei kommen!“. Dieſe Worte waren au den jungen Forſtwächter gerichtet, den wir zugleich die Thüre des Vaters Gui⸗ laume und das erſte Kapitel dieſes Romans haben e⸗ öffnen laſſen. 4 det⸗ Aus⸗ iber⸗ eder⸗ äfri⸗ ben, un⸗ nd. bei nard f als r 1* e zu⸗ einen nicht ſei ächter Guil⸗ en er⸗ 81 „Ja, ich bin es,“ erwiederte er;„bei meiner Treuel ich wollte ein wenig nachſehen, ob Du nicht am Schlage geſtorben ſeiſt.“ „Nein, noch nicht,“ verſetzte Bernard mit einem Lächeln, das den Winkel ſeiner Lippen zuſammenzog. „Vorwärts alſo!“ rief Frangois. Bobineau, la Jeuneſſe, la Feuille und Berthellin ſind ſchon beim Hirſchſprung und wenn Papa Brummbär uns bei ſei⸗ ner Rückkehr hier trifft, ſo geht die Jagd auf uns los und nicht auf den Eber!“ „Mittlerweile komm hierher!“ verſetzte Bernard. Dieſe Worte wurden mit einem barſchen, gebiete⸗ riſchen Tone geſprochen, der ſo wenig in den Gewohn⸗ heiten von Bernard lag, daß ihn Frangois mit Er⸗ ſtaunen anſchaute; als er aber zugleich die Bläſſe ſei⸗ nes Geſichtes, die Verſtörung in ſeinen Zügen und den Brief ſah, den er in der Hand hielt, und der die Ur⸗ ſache der in der Phyſiognomie und in den Manieren des jungen Mannes vorgegangenen Veränderung zu ſein ſchien, da trat er halb lächelnd, halb bewegt hin⸗ zu, hielt die Hand an ſeine Mütze auf die Art der Soldaten, welche einen Vorgeſetzten grüßen, und ſagte: „Hier bin ich, mein Chef!“ Bernard, der das Auge von Frangois auf den Brief geheftet ſah, fuhr mit der Hand, die das Papier hielt, hinter ſeinen Räcken, legte die andere Hand auf die Schulter von Frangois und fragte: „Was ſagſt Du vom Pariſer?“ „Von dem jungen Manne, der bei Herrn Roiſin, dem Holzhändler iſt?“ Franevis machte eine Bewegung mit dem Kopfe, egleitet von einem beifälligen Schnalzen der Zunge. „Ich ſage, er iſt gut gekleidet,“ erwiederte er, „und immer nach der neuſten Mode, wie es ſcheint.“ Catherine Blum. 6 82 „Es handelt ſich nicht um ſein Kleid.“ „Um ſein Geſicht alſo? Ei! er iſt ein hübſcher Junge, ich kann nicht das Gegentheil ſagen.“ Hiebei machte Frangois eine andere Geberde des Beifalls. „Ich ſpreche nicht von ihm in körperlicher Hinſicht, ſondern in moraliſcher!“ rief Bernard ungeduldig. „In moraliſcher!“ verſetzte Frangois mit einer Betonung, durch die er bezeichnete, ſobald vom Morali⸗ ſchen die Rede ſei, müſſe er eine ganz andere Mei⸗ nung ausſprechen. „Ja, in moraliſcher Hinſicht,“ wiederholte Ber⸗ nard. „Nun denn! ich ſage in moraliſcher Hinſicht, er iſt nicht im Stande, die Spur der Kuh der Mutter Watrin aufzufinden, wäre ſie auf dem Meutardfelde verloren.. und eine Kuh läßt doch eine tüchtige Spur zurück.“ „Ja, doch er iſt wohl ſehr im Stande, eine Hin⸗ din zu beſtätigen, ſie zu lanciren und ſie zu verfol⸗ gen, bis ſie forcirt iſt, beſonders wenn die Hindin eine Haube und ein Unterröckchen trägt?“ Das Geſicht von Frangois nahm bei dieſer Frage einen Ausdruck von billigender Heiterkeit an, in dem man ſich nicht täuſchen konnte. „Ah!“ ſagte er, in dieſer Beziehung hat er den Ruf eines hübſchen Jägers.“ „Gut!“ verſetzte Bernard die Fauſt ballend.„Doch er jage nicht auf meinen Feldern, oder wehe dem Wildſchützen!“ Bernard ſprach dieſe Worte mit einem ſo drohen⸗ den Tone, daß ihn Frangois ganz erſchrocken anſchaute. „Nun! was haſt Du denn?“ rief er. „Nähere Dich!“ erwiederte Bernard. Der junge Mann gehorchte. Bernard ſchlang ſeinen rechten Arm um den Hals cher des cht. ner ali⸗ dei⸗ er⸗ er tter de ige in⸗ ol⸗ din ige em en och em 83 ſeines Kameraden, hielt ihm mit der linken Hand den Brief von Chollet vor die Augen und fragte: „Was ſagſt Du zu dieſem Briefe?“ Frangvis ſchaute zuerſt Bernard und ſodann den Brief anz endlich las er: „„Theure Catherine. unterbrach er ſich,„Deine Couſine?“ „Nun! mir ſcheint, es müßte ihm den Mund nicht ſchinden, wenn er ſie Mademoiſelle Catherine nennen würde, wie Jedermann!“ „Ja, vor Allem. doch warte, Du biſt noch nicht beim Ende.“ Frangvis, der zu begreifen anfing, um was es ſich handelte, las weiter: „„Theure Catherine, ich erfahre, daß Sie dem⸗ nächſt zurückkommen werden, nach einer Abweſenheit von achtzehn Monaten, während welcher ich Sie kaum bei meinen kurzen Reiſen nach Paris ſah, ohne daß es mir gelang, Sie zu ſprechen. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß mir während dieſer achtzehn Monate Ihr reizendes Geſichtchen beſtändig durch den Kopf gegangen iſt, und daß ich bei Tag und bei Nacht nur an Sie gedacht habe. Da es mich drängt, Ihnen mündlich zu wiederholen, was ich Ihnen ſchreibt, ſo werde ich Ih⸗ nen bis Gondreville entgegenfahren; ich hoffe daß ich Sie bei Ihrer Rückkehr vernünftiger finde, als Sie es bei Ihrem Abgange waren, und daß Sie die Pariſer Luft den Bauern Bernard Watrin hat vergeſſen laſſen. „„Ihr Anbeter, für das Leben, „„Lonis Chollet.““ „Ho! ho!“ rief Fran vis,„das hat der Pariſer geſchrieben?“ Sn. 84 „Glücklicher Weiſe!..„„Dieſer Bauer Bernard Watrin!““ Du ſiehſt!“ „Ah!. doch Mademoiſelle Catherine?“ „Ja, wie Du ſagſt, Francois.. doch Made⸗ moiſelle Catherine?“ „Glaubſt Du denn, daß er ihr entgegengefahren iſt?“ „Warum nicht? Dieſe Stadtleute das ſcheut ſich vor nichts! Und ſodann, warum ſoll er ſich Zwang anthun gegen einen Bauern meiner Art?“ „Aber Du!“ „Ich! Nun?“ Fi! höre, Du weißt wohl, wie Du mit Made⸗ moiſelle Chatherine ſtehſt.“ „Ich wußte es vor ihrer Abreiſe; doch nun iſt ſie ſeit achtzehn Monaten in Paris. wer weiß?“ „Du haſt ſie aber beſucht?“ „Zweimal, und es ſind acht Monate, daß ich ſie nicht mehr geſehen... In acht Monaten gehen ſo viele Dinge durch den Kopf eines jungen Mädchens!“ „Ohi pfui! ein ſchlechter Gedanke!“ rief Frangvis; „nun wohl! ich, ich kenne Mademviſelle Catherine, und ich ſtehe für ſie.“ „Frangois, die beſte Frau iſt, wenn nicht falſch, doch wenigſtens coquett... Dieſe achtzehn Monate in Päris.. Ach!“ „Und ich ſage Dir, Du wirſt ſie bei ihrer Rück⸗ kehr wiederfinden, wie Du ſie bei ihrem Abgange ver⸗ laſſen haſt: gut und brav.“. „Oh! wenn ſie in ſein Tilbury ſteigt, ſiehſt Du!“ rief Bernard mit einer Geberde äußerſter Dro⸗ hung. 3 „Nun, was?“ fragte Frangvis erſchrocken. „Dieſe zwei Kugeln,“ erwiederte Bernard, indem er aus ſeiner Taſche die zwei Kugeln zog, auf die er ein Kreuz mit dem Meſſer von Mathien gemacht hatte⸗ —* ge dem tte⸗ 85 „dieſe zwei Kugeln, die ich für den Eber bezeichnet hätte „Nun?“ „Eine wird für ihn ſein, und die andere für mich!“ Er ließ die zwei Kugeln in die Läufe ſeiner Flinte rollen, befeſtigte ſie mit zwei Pfröpfen und ſagte: „Komm, Frangois!“ „Ei! Bernard, Bernard!“ ſprach Frangois, der ſich anſtemmte, um zu widerſtehen. „Ich ſage Dir, Du ſollſt kommen,“ rief Bernard ungeſtüm.„So komm doch.“ Und er zog ihn fort; plötzlich aber blieb er ſtehen, zwiſchen ſich und der Thüre traf er ſeine Mutter. „Meine Mutter!“ murmelte Bernard. „Gut! die Alte!“ fagte Frangois, der ſich die Hände rieb, in der Hoffnung, die Gegenwart ſeiner Mutter werde etwas an den erſchrecklichen Vorſätzen von Bernard ändern. Die gute Frau trat mit lächelndem Geſichte ein; ſie hielt in der Hand eine auf einem Teller ſtehende Taſſe Kaffee, mit der obligaten Begleitung von zwei geröſteten Brodſchnitten. Sie hatte nicht nöthig, einen Blick auf ihren Sohn zu werfen, um mit dem Inſtincte einer Mutter zu be⸗ greiſen, daß etwas Außerordentliches in ihm vorging. Doch ſie gab ſich den Anſchein, als bemerkte ſie nichts, und ſagte mit ihrem gewöhnlichen Lächeln: „Recht guten Morgen, mein Kind!“ „Schönen Dank, meine Mutter,“ antwortete Bernard. Er machte eine Bewegung, um wegzugehen, doch ſie hielt ihn zurück und fragte: „Wie haſt Du geſchlafen, Junge?“ „Vortrefflich!“ Als ſie ſodann ſah, daß Bernard immer mehr ge⸗ gen die Thüre vorrückte, ſagte ſie: 86 „Du gehſt ſchon?“ „Sie warten dort beim Hirſchſprung, und Fran⸗ Cois kommt, um mich zu holen.“ „Oh! das hat keine Eile,“ erwiederte Frangvis; „ſie werden warten. Zehn Minuten mehr oder weniger thun nichts zur Sache.“ Bernard ging aber immer weiter. „Einen Angenblick Geduld!“ ſprach die Mutter Watrin;„ich habe Dir kaum guten Morgen geſagt, und Dich noch nicht einmal umarmt.“ Sodann einen Blick nach dem Himmel werfend: „Man ſollte glauben, das Wetter ſei heute düſter.“ „Bah!“ verſetzte Bernard,„es wird ſich aufhellen. Guten Tag, meine Mutter.“ „Warte!“. „Was denn?“ „Nimm doch etwas zu Dir, ehe Du weggehſt.“ Und ſie reichte dem jungen Manne die Taſſe Kaffee, die ſie für ſich ſelbſt bereitet hatte. „Ich danke, meine Mutter, ich habe keinen Hunger,“ erwiederte Bernard. „Es iſt von dem guten Kaffee, den Du ſo gern trinkſt, und Catherine auch,“ ſagte beharrlich die Alte, „trink doch.“ Bernard ſchüttelte den Kopf.“ „Nein?.. So benetze nur wenigſtens Deine Lippen Der Kaffee wird mir beſſer ſcheinen, wenn Du davon gekoſtet haſt.“ „Liebe arme Mutter!“ murmelte Bernard. Und er nahm die Taſſe, benetzte ſich die Lippen und ſtellte ſie wieder auf den Teller. „Ich danke,“ ſagte er. „Man ſollte glauben, Du zittereſt, Bernard?“ fragte die Alte immer ängſtlicher. „Nein, im Gegentheil, ich habe nie eine ſo ſichere Hand gehabt!. Sieh nur!“ ni C ſel no „b ich we 6o ter 87 Und mit der bei den Jägern gewöhnlichen Ge⸗ berde warf er ſeine Flinte äus der rechten Hand in die linke. Sodann, als wollte er die Kette brechen, von der er ſich allmälig umſchlungen fühlte, ſagte er: „Nun denn, Gott befohlen für dies Mal, meine Mutter! ich muß gehen!“ „Ja, gehe, da Du durchaus gehen willſt; doch kehre bald zurück; Du weißt, daß Catherine dieſen Morgen ankommt.“ „Ja, ich weiß es,“ erwiederte der junge Mann, mit einem Ausdrucke der ſich nicht beſchreiben läßt. „Komm, Frangois.“ Hienach wollte er hinauseilen, doch auf der Thür⸗ ſchwelle begegnete er Guillaume. „Gut! nun auch mein Vater,“ ſagte er, einen Schritt zurückweichend. Der Vater Guillaume kam, mit ſeiner Pfeife im Munde, wie er weggezogen war, nur glänzte ſein kleines graues Auge von einer ſichtbaren Zufriedenheit. Er ſah Bernard nicht einmal, oder ſchien ihn we⸗ nigſtens nicht zu ſehen, und ſagte zu Frangois: „Bravo, Junge, bravo! Du weißt, daß ich kein Complimentenmacher bin.“ „Nein, entfernt nicht!“ verſetzte Frangois, der, ſo ſehr er auch von ſeinen Beſorgniſſen in Anſpruch ge⸗ nommen war, ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. „Nun wohl!“ wiederholte der alte Forſtwart „bravo!“ „Ah! ah!“ rief Frangvis,„es iſt alſo Alles, wie ich Ihnen geſagt habe?“ „Alles?“ Bernard machte aufs Neue eine Bewegung, um wegzugehen; er wollte den Umſtand benützen, daß ſein Vater ihm keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien. Fran⸗ bvis hielt ihn aber zurück und ſagte: 88 „Höre doch ein wenig, Bernard, es iſt vom Wild⸗ ſchweine die Rede... „Von den Wildſchweinen meinſt Du?“ verſetzte Guillaume. „Ja.“ „Nun wohl! ſie liegen, wie Du geſagt haſt, im Ge⸗ ſtrüppe der Tétes de Salmon neben einander, die Bache voll zum Berſten, der Eber an der Schulter verwundet: ein Hauptſchwein von ſechs Jahren man ſollte glauben, Du habeſt es gewogen. Ich habe Beide geſehen, wie ich Euch ſehe, Dich und Bernard. Hätte ich nicht be⸗ fürchtet, die Andern könnten ſagen:„„Ah! darum haben Sie uns die Mühe gemacht, Vater Guillaume!““ bei meinem Ehrenworte, ich hätte die Sache, ohne weiter zu gehen, abgethan.“ „Ihr ſeht alſo wohl, daß man keine Zeit verlieren darf!“ rief Bernard.„Guten Tag, Vater!“ „Mein Kind,“ ſprach die Mutter Watrin,„ſetze Dich nur keiner Gefahr aus!“ Der alte Forſtwart ſchaute ſeine Frau mit dem ſtillſchweigenden Lachen an, das durch ſeine geſchloſſe⸗ nen Zähne nicht durchkommen zu können ſchien. „Gut!“ ſagte er,„willſt Du den Eber an ſeiner Stelle ſchießen, Mutter, ſo wird er hier bleiben und die Küche beſorgen.“ Hienach wandte er ſich um, legte ſeine Flinte an den Kamin, Alles mit einer Bewegung der Schultern, die nur ihm eigenthümlich war, und fügte bei: „Wenn das nicht ſchwitzen macht„ die Frau eines Forſtwarts!“ Bernard hatte ſich mittlerweile Francvis genähert. „Frangois,“ ſagte er,„nicht wahr, Du wirſt mich bei den Andern entſchuldigen?“ „Warum?“ „Weil ich Dich bei der erſten Wendung des Weges verlaſſe.“ ſtr ſc ſei ni tzte Be⸗ che et en, wie be⸗ en bei zu en m 89 „Ho! ho!“ „Ihr geht nach dem Geſtrüppe der Tétes de Sal⸗ mon!“ J „Wohl! ich gehe nach der Heide von Gondreville. Jedem ſein Wild!“ „Bernard!“ rief Frangois den jungen Mann beim Arme faſſend. „Genug!“ ſprach Bernard,„ich bin volljährig, und es ſteht mir frei, zu thun, was ich will.“ Als er ſodann fühlte, daß ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte, und ſah, daß dieſe Hand die ſeines Vaters war, fragte er: „Was beliebt, mein Vater?“ „Iſt Dein Gewehr geladen?“ „Ein wenig!“ „Mit einer Freikugel, wie es ſich für einen hüb⸗ ſchen Schützen geziemt?“ „Mit einer Freikugel.“ „Du begreifſt, bei der Weiche der Schulter.“ „Ich kenne den Platz und danke,“ erwiederte Bernard. Und die Hand gegen den alten Forſtwart aus⸗ ſtreckend: „Einen Händedruck, mein Vater!“ Sodann auf Marianne zugehend: „Und Sie, meine Mutter, umarmen Sie mich!“ Und nachdem er die gute Frau in ſeine Arme ge⸗ ſchloſſen, rief er: „Gott befohlen! Gott befohlen!“ Und er ſtürzte aus dem Hauſe, während Guillaume, ſeine Frau anſchauend, dieſe mit einer gewiſſen Beſorg⸗ niß fragte: „Sage, Mutter, was hat denn Dein Sohn heute Morgen? Mir ſcheint, es iſt etwas.“ 90 „Mir auch!“ rief lebhaft die gute Frau.„Du ſollteſt ihn zurückrufen, Alter!“ „Bah! warum denn?“ erwiederte Guillaume;„um zu erfahren, ob er nicht ſchlechte Träume gemacht hat?“ Er trat ſodann mit ſeiner Pfeife im Munde und die Hände in der Taſche bis auf die Schwelle vor und rief: „He! Bernard, hörſt Du? in die Weiche der Schulter.“ Aber Bernard hatte Francois verlaſſen, der allein ſeines Weges in der Richtung des Hirſchſprungs ging. Eine Stimme, welche die des jungen Mannes war, antwortete nichtsdeſtoweniger, den Raum mit einem Ausdrucke durchdringend, der den Alten ſchauern machte: „Ja, mein Vater! man weiß, Gott ſei Dank! wo die Kugel treffen muß; ſeien Sie unbeſorgt.“ „Gott beſchütze das arme Kind!“ murmelte Ma⸗ riaune, indem ſie das Zeichen des Kreuzes machte. VIII. PVer Vater und die Mutter. Als Guillaume und Marianne allein waren, ſchau⸗ ten ſie einander an. Sodann mit ſich ſelbſt ſprechend, als ob bei einem ſolchen Umſtande die Gegenwart ſeiner Fran keine Auf⸗ klärung in die Frage, um die es ſich handelte, hätte bringen können, ſagte Guillanme: „Du „um t?“ und vor der lein ing. var, nem ern wo Na⸗ u⸗ em if⸗ tte 91 „Was Teufels will denu Bernard gegen die Stadt zu machen?“ „Gegen die Stadt zu?“ verſetzte Marianne;„geht er gegen die Stadt zu?“ „Ja, er hat ſogar den kürzeſten Weg eingeſchlagen, das heißt, ſtatt der Landſtraße zu folgen, ſchneidet er gerade durch den Wald.“ „Durch den Wald? biſt Du deſſen ſicher?“ „Bei Gott! die Andern treten in die Fonds Hou⸗ chard ein, und Bernard iſt nicht bei ihnen He! Leute!“ Der Vater Guillaume machte eine Bewegung, halb um die Forſtlente zu ſich zu rufen, halb um ihnen entgegenzugehen; doch ſeine Frau hielt ihn zurück. „Bleibe, Alter!“ ſagte ſie,„ich habe mit Dir zu ſprechen!“ Guillaume ſchaute ſie von der Seite an; Marianne machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf. „Gut! wenn man Dich hört, haſt Du immer et⸗ was zu ſagen!.. nur fragt es ſich, ob es der Mühe werth iſt, zu vernehmen, was Du zu ſagen haſt.“ Und er ſchickte ſich aufs Neue an, hinauszugehen, um ſich bei Francvis und ſeinen Gefährten nach der Urſache, welche Bernard von ihnen entfernte, zu er⸗ kundigen. Doch Marianne hielt ihn zum zweiten Male zurück und rief: „Ei! bleibe doch, da man Dir ſagt, Du ſollſt bleiben.“ Guillaume blieb, jedoch mit einer ſichtbaren Un⸗ geduld. „Sprich,“ fragte er,„was willſt Du von mir? ſprich geſchwinde!“ „Ei! Geduld! bei Dir müßte man geendigt haben, ehe man angefangen hat.“ „Oh!“ verſetzte Guillaume mit dem Winkel der 92 Lippe, der nicht ſeine Pfeife feſthielt, lachend,„das iſt ſo, weil man weiß, wann Du anfängſt, aber nicht, wann Du endigſt.“ „Ja Du füngſt mit Louchonneau an und endigſt mit dem Großſultan.“ „Nun wohl! dies Mal werde ich mit Bernard an⸗ fangen und endigen! Biſt Du zufrieden?“ „Immer zu!“ verſetzte Guillaume mit Reſignation Arme kreuzend,„ich werde Dir das nachher agen.“ „So höre... Du haſt ſelbſt bemerkt, Bernard ſei gegen die Stadt zugegangen.“ Ja.“ „₰ E nommen.“ „Weiter?“ „Er ſei nicht mit den Andern zu den Tétes de Salmon hinaufgeſtiegen?“ „Nein.. Nun! weißt Du, wohin er gegangen iſt? Wenn Du es weißt, ſo ſage es, und damit ſei die Sache beendigt... Du ſiehſt; ich höre Dich an... Wenn Du es nicht weißt, ſo brauchſt Du mich nicht aufzuhalten.“ *„Du wirſt bemerken, daß Du ſprichſt, und nicht i 5* „Ich ſchweige.“ „Nun wohl!“ ſagte die Mutter,„er iſt nach der Stadt gegangen... „Um früher mit Catherine zuſammenzutreffen? Ein ſchöner Witz! Wenn das Deine Neuigkeiten ſind, ſo behalte ſie für den Kalender vom vorigen Jahre.“ „Du irrſt Dich.. er iſt nicht in die Stadt ge⸗ gangen, um früher mit Catherine zuſammenzutreffen.“ „Ah! wem zu Liebe iſt er denn in die Stadt ge⸗ gangen?“ „Er habe den kürzeſten Weg durch den Wald ge⸗ s iſt ann und an⸗ tion het ard ge⸗ de gen die cht cht 93 „Er iſt Mabemoiſelle Euphroſine zu Liebe in die Stadt gegangen.“ „Wegen der Tochter des Holzhändlers, wegen der Tochter des Maire, wegen der Tochter von Herrn Roiſin? Ah! laß mich!“ „Ja, wegen der Tochter des Holzhändlers; ja, wegen der Tochter des Maire; ja, wegen der Tochter von Herrn Roiſin.“ „Schweig!“ „Warum?“ „Schweig!“ Nun „So ſchweig doch!“ „Oh! ich habe nie einen ſolchen Menſchen geſehen!“ rief die Mntter Watrin, die Arme auf eine verzweifelte Art zum Himmel erhebend.„Nie Vernunſt!... J mache dies auf eine Weiſe: ich habe Unrecht! ich mache es auf eine andere! ich habe Unrecht! ich ſpreche: Stille! ich hätte ſchweigen müſſen! ich ſchweige! gut! ich hätte ſprechen müſſen! Aber o Herr und Vater! warum hat man denn eine Zunge, wenn nicht, um zu ſagen, was man auf dem Herzen trägt?“ „Mir ſcheint,“ verſetzte der Vater Guillaume ſeine Frau mit einer ſpöttiſchen Miene anſchauend,„Du be⸗ raubſt Dich nicht des Vergnügens, Deine Zunge laufen zu laſſen.“ Und als hätte er gewußt, was er wiſſen wollte, fing Guillaume an ſeine Pfeife zu ſtopfen, während er ein Jagdliedchen pfiff, was den Zweck hatte, ſeine Frau artig aufzufordern, ſie möge das Geſpräch hie⸗ mit ſchließen. Doch Marianne war von der größten Hartnäckigkeit. „Nun alſo!“ fuhr ſie fort,„ich ſagte Dir, Made⸗ moiſelle Euphroſine habe ſelbſt mit mir hievon ge⸗ ſprochen.“ „Wann?“ fragte laconiſch Guillaume. 94 „Am letzten Sonntag, als wir aus der Meſſe gingen.“ „Was hat ſie Dir geſagt?“ „Sie hat mir geſagt... Willſt Du mich anhören, ja oder nein?“ „Ei! ich höre Dich.“ „Sie hat mir geſagt:„Wiſſen Sie, Madame Watrin, daß Herr Bernard ein ſehr unternehmender Junge iſt?““ „Er, Bernard?“ „Ich ſage Dir, was ſie geſagt hat:„Gehe ich vorüber, ſo ſchaut er mich an.. oh! wenn ich nicht einen Fächer hätte, ich wüßte nicht, was ich mit meinen Augen machen ſollte.““ „Hat ſie Dir geſagt, Bernard habe mit ihr ge⸗ ſprochen?“ „Nein, das hat ſie nicht geſagt.“ „Nun?“ „Warte doch!... Mein Gott! wie haſtig biſt Du!.. Doch ſie fügte bei:„„Madame Watrin, wir werden Ihnen dieſer Tage einen Beſuch mit mei⸗ nem Vater machen, doch ſeien Sie dafür beſorgt, daß Herr Bernard nicht da iſt; ich wäre zu ſehr verlegen, denn ich, meinerſeits, finde Ihren Sohn ſehr hübſch.“ „Ja,“ ſprach Guillaume,„und das macht Dir Vergnügen! Es ſchmeichelt Deiner Eitelkeit, daß eine ſchöne Stadtjungfer, die Tochter des Maire, Dir ſagt, ſie finde, Bernard ſei ein hübſcher Junge.“ „Ei! allerdings.“ „Und der Kopf iſt Dir toll geworden und Deine Einbildungskraft hat allerlei Pläne hierüber entworfen.“ „Warum nicht?“ „Und Du haſt Bernard als Schwiegerſohn des Herrn Maire geſehen!“ „Ei! wenn er ſeine Tochter heirathen würde. „Höre,“ ſprach Guillaume, indem er mit einer 1—————— va— C ——— 8 —„— en, me er ich cht en ir 95 Hand ſeine Mütze abnahm und mit der andern in ſeine grauen Haare griff, als wollte er ſie ausraufen: ſiehſt Du, ich habe Schnepfen, Gänſe, Kaninchen gekannt, welche geſcheiter waren als Du... Oh! mein Gott! mein Gott! wenn das nicht wehe thut, ſolche Dinge ſa⸗ gen zu hören! Doch gleichviel, da ich hiezu verurtheilt bin, ſo will ich meine Zeit aushalten.“ „Indeſſen,“ fuhr die Mutter fort, gerade als ob Guillaume nichts geſagt hätte,„wenn ich beifügte, Herr Roiſin ſelbſt habe mich geſtern erſt, als ich vom Markte zurückkam, angehalten und zu mir geſagt: „„Madame Watrin, ich habe von Ihren Gibelottes*) reden hören, und ich werde einmal ohne Umſtände kom⸗ men und nur mit Ihnen und dem Vater Guillaume ſpeiſen.““ „Du ſiehſt alſo das Motiv von Allem dem nicht?“ rief der Alte, indem er, wie dies ſeine Gewohnheit war, wenn er in Hitze gerieth, immer ſtärkere Züge aus ſeiner Pfeife that und, wie Jupiter der Donne⸗ rer, in einer Rauchwolke zu verſchwinden anfing. „Nein,“ erwiederte Marianne, welche nicht begriff, daß man in den von ihr mitgetheilten Worten etwas Anderes, als das, was ſie zu ſagen ſchienen, ſehen konnte. „Nun, ich will Dir das erklären.“ Und da die Erklärung lang ſein ſollte, wie bei allen feierlichen Umſtänden, ſo nahm der Vater Guil⸗ laume ſeine Pfeife aus dem Munde, legte ſeine Hand hinter ſeinen Rücken, preßte die Zähne noch mehr zu⸗ ſammen als gewöhnlich, und ſagte: „Siehſt Du, der Herr Maire, halb Pormann, halb Picarder, iſt ein Heimtückiſcher, der gerade nur ſo viel Ehrlichkeit hat, als man braucht, um nicht gehenkt *) Gibelotte, Fricaſſen von jungen Hühnern. — 96 zu werden. Er hofft, wenn er Dich durch ſeine Toch⸗ er veranlaſſe, von Deinem Sohne zu ſprechen, wenn er ſelbſt mit Dir von Deinem Gibelottes rede, ſo werde er mir meine baumwollene Mütze bis über die Augen ziehen, ſo daß ich, wenn er eine Buche oder eine Eiche fälle, die nicht zu ſeinem Looſe gehört, nicht darauf merke. Ahl ſo geht es nicht, Herr Maire! Schneiden Sie das Heu Ihrer Gemeinde, um Ihre Pferde damit zu füttern, das geht mich nichts an. Doch Sie mögen mir immerhin alle mögliche Complimente machen, Sie werden in Ihrem Looſe nicht ein Bälklein mehr umhauen, als an Sie verkauft worden iſt!“ Ohne beſiegt zu ſein, machte Marianne eine Kopf⸗ bewegung, welche bedeutete, es könnte wohl am Ende etwas Wahres in dem finden, was der Alte ſagte. „Gut! ſprechen wir nicht mehr hievon!“ verſetzte ſie mit einem Seufzer;„doch Du wirſt wenigſtens nicht leugnen, daß der Pariſer in Catherine ver⸗ liebt iſt.“ „Ah!“ rief Guillaume mit einer Geberde, als wollte er ſeine Pfeife auf der Erde zerſchmettern,„nun gerathen wir vom Fieber in die hitzige Krankheit.“ „Warum dies?“ „Biſt Du fertig?“ „Nein.“ „Höre,“ ſprach Guillaume, während er die Hand an ſeine Hoſentaſche legte,„ich kaufe Dir um einen kleinen Thaler ab, was Du noch zu ſagen haſt, unter der Bedingung, daß Du nichts mehr ſagſt.“ „Haſt Du etwas gegen ihn?“ Guillaume zog das Geldſtück aus ſeiner Taſche. „Ein ſchöner junger Maun!“ fuhr die Alte mit der Hartnäckigkeit fort, deren Beſſerung ihr Frangvis, auf ihre Geſundheit trinkend, gewünſcht hatte. „Zu ſchön!“ erwiederte Guillanme. * — nd nen ter mit ois, — 97 „Reich!“ „Zu reich!“ „Galant!“ „Zu galant, beim Henker! zu galant! Seine Ga⸗ lanterie könnte ihm ein Stückchen von ſeinen Ohren, wenn nicht gar ſeine ganzen Ohren koſten!“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Gleichviel! wenn nur ich mich verſtehe, das iſt genug!“ „Geſtehe wenigſtens, daß das eine ſchöne Partie für Catherine wäre,“ ſagte Marianne, indem ſie ſich umwandte. „Für Catherine?“ erwiederte der Vater;„einmal iſt nichts zu ſchön für Catherine!“ Die Alte machte eine beinahe verächtliche Bewe⸗ gung mit dem Kopfe und entgegnete: „Sie wird übrigens nicht leicht an den Mann zu bringen ſein.“ „Gut! wirſt Du nicht etwa ſagen, ſie ſei nicht chön?“ Jeſus!“ rief die Mutter,„ſie iſt ſchön wie der ag „Sie ſei nicht vernünftig?“ „Die heilige Jungfrau iſt nicht reiner als ſie.“ „Sie ſei nicht reich?“ „Oh! mit der Erlaubniß von Bernard bekommt ſie die Hälfte von dem, was wir haben!“ „Nun,“ verſetzte Guillaume mit ſeinem ſtillen La⸗ chen,„Du kannſt ruhig ſein, Bernard wird die Erlaub⸗ niß nicht verweigern.“ „Nein,“ ſagte die Alte, den Kopf ſchüttelnd, „Alles dies iſt es nicht.“ „Was iſt es denn?“. „Es iſt die Geſchichte der Religion,“ ſprach Ma⸗ rianne mit einem Seufßzer. Catherine Blum. 7 * 98 „Ah! ja, weil Catherine proteſtantiſch iſt, wie ihr armer Vater. Immer daſſelbe Lied!“ „Ei! es gibt nicht viele Leute, welche mit Ver⸗ gnügen eine Ketzerin in ihre Familie werden kommen ehen.“ „Eine Ketzerin wie Catherine? Dann bin ich ganz das Gegentheil von den Andern; ich danke jeden Morgen dem guten Gott, daß ſie zu unſerer Familie gehört.“ „Es gibt keinen Unterſchied zwiſchen den Ketzern!“ fuhr Marianne mit einer Sicherheit fort, die einem Theologen des ſechzehnten Jahrhunderts Ehre gemacht hätte. „Ah! Du weißt das?“ „In ſeiner letzten Predigt, die ich gehört, hat der hochwürdige Herr Biſchof von Soiſſons geſagt, alle Ketzer ſeien verdammt.“ „Ei! ich bekümmere mich um das, was der Biſchof von Sviſſons geſagt hat, gerade ſo viel als um dieſe Tabaksaſche,“ ſagte Guillaume, während er mit ſei⸗ nem Stummel, um ihn zu leeren, auf den Nagel ſei⸗ nes Daumens klopfte.„Sagt uns nicht der Abbé Gregvire, nicht nur in ſeiner letzten Predigt, ſondern in allen ſeinen Predigten, die guten Herzen ſeien aus⸗ erwählt?“ „Ja!“ erwiederte heftig die Alte;„doch der Bi⸗ ſchof muß mehr davon wiſſen, als er, da er Biſchof iſt, und der Abbs Gregoire nur Abbé.“ „Ah!“ verſetzte Guillaume, den es zu verlangen ſchien, ſeine Pfeife, die er mittlerweile ausgeleert und wieder geſtopft hatte, in Ruhe zu rauchen;„und haſt Du nun Alles geſagt, was Du zu ſagen hatteſt?““ „Ja, obſchon mich das nicht abhält, ſie zu lieben.“ „Ich weiß es.“ „Wie meine eigene Tochter.“ ſpr rei nic Mi liel for ter⸗ ben „T Du die die 4 0 der fan der keit * S cX— —* 99 „Ich bezweifle es nicht.“ „Und derjenige, welcher bei mir ſchlimm von ihr ſprechen oder ihr das geringſte Mißvergnügen zu be⸗ reiten verſuchen würde, käme übel an!“ „Bravo! Und nun einen Rath, Mutter.“ „Welchen?“ „Du haſt genng geſprochen!“ „Ich?“ „Ja, das iſt meine Meinung... Sprich alſo nicht mehr, wenn ich Dich nicht frage, oder tauſend Millionen Sacramente!“ „Gerade weil ich Catherine liebe, wie ich Bernard liebe, habe ich gethan, was ich gethan,“ fuhr die Alte fort, welche wie Frau von Sévigné das, was ſie In⸗ tereſſanteſtes zu ſagen hatte, für die Nachſchrift auf⸗ bewahrt zu haben ſchien. „Ah! alle Teufel!“ rief Guillaume faſt erſchrocken, „Du haſt Dich nicht damit begnügt, daß Du geſagt? Du haſt gethan? Laß doch ein wenig hören, was Du gethan haſt!“ Und er ſteckte ſeine nicht angezündete, aber bis an die Mündung geſtopfte Pfeife wieder in die Zahnlücke, die ihr als Zange diente, kreuzte die Arme und wartete. „Weil, wenn Bernard Mademviſelle Euphroſine und der Pariſer Catherine heirathen könnten„ ſagte die Alte mit einer Redekunſt, der man ſie nicht fähig gehalten hätte, den Satz bei einem ſchwebenden Sinne abſchneidend. „Sprich, was haſt Du gethan?“ fragte Guillaume, der entſchloſſen ſchien, ſich nicht durch Sprachkunſtſtücke fangen zu laſſen. „An dieſem Tage,“ verſetzte Marianne,„wäre der Vater Guillaume genöthigt, anzuerkennen, ich ſei keine Schnepfe, keine wilde Gans, kein Kranich.“ „Dh! was das betrifft, ich erkenne es fogleich — „ 100 anz die Schnepfen, die wilden Gänſe und die Kraniche ſind Zugvögel, während Du mich ſeit fünfundzwanzig Jahren im Frühling, im Sommer, im Herbſt und im Winter wüthend machſt!.. Heraus damit! was haſt Du gethan?“ 8 „Ich habe dem Herrn Maire, der mir über meine, Gibelottes Complimente machte, geſagt:„„Mein Herr Maire, morgen iſt ein doppeltes Feſt im Hauſe: Feſt wegen der Kirchweihe in Corcy, zu deſſen Sprengel wir gehören; Feſt wegen der Rückkehr von Catherine. Speiſen Sie bei uns eine Gibelotte mit Mademviſelle Euphroſine und Herrn Louis Chollet; und nach dem Eſſen, wenn das Wetter ſchön iſt, machen wir mit ein⸗ ander einen Spaziergang zum Kirchweihfeſte““ „Was er auch angenommen hat, nicht wahr?“ ſagte Guillaume mit einem krampfhaften Zuſammen⸗ ziehen der Kinnbacken, welches das Rohr ſeines Stum⸗ mels krachen machte und um zwei Linien verkürzte. „Ohne Stolz!“ „Oh! alte Störchin!“ rief der Forſtwart in Ver⸗ zweiflung;„ſie weiß, daß ich ihren Maire nicht ſehen kann; ſie weiß, daß ich ſie nicht riechen kann, dieſen Maulaffen Euphroſine; ſie weiß, daß mir ihr Pariſer unausſtehlich iſt! Und ſie ladet ſie Alle zu mir zu Tiſche ein! Wann dies? an einem Feſttage!“ „Nun,“ ſprach die Alte, entzückt, den Frevel, der ihr auf dem Herzen laſtete, geſtanden zu haben,„ſie ſind eingeladen!“ „Ja, ſie ſind eingeladen!“ rief Guillaume wüthend. „Nicht wahr, man kann die Einladung nicht wie⸗ der zurücknehmen?“ „Nein, leider nicht! Doch ich kenne Einen, der ſein Eſſen ſchlecht verdauen wird, oder der es vielleicht gar nicht verdauen wird„. Gott befohlen!“ „Wohin gehſt Du?“ wi — 2 — * 8 8— S — 8 3 — 101 „Ich habe das Gewehr von Frangvis gehört und will ſehen, ob der Eber geſchoſſen iſt.“ ſagte Marianne mit flehender Miene. „Nein!. „Wenn ich Unrecht gehabt habe Die arme Fran faltete die Hände. „Du haſt Unrecht gehabt.“ „Verzeih' mir, Guillaume, ich habe in einer guten Abſicht gehandelt.“ „In einer guten Abſicht?“ „Ja.“ „Mit guten Abſichten iſt die Hölle gepflaſtert.“ „Höre doch!“ „Laß mich in Ruhe, oder... Guillaume hob die Hand auf⸗ „Oh! das iſt mir ganz gleich!“ verſetzte Marianne entſchloſſen;„Du ſollſt nicht ſo weggehen! Du ſollſt mich nicht im Zorn verlaſſen! trennt man ſich in unſerem Alter, ſo weiß Gott, ob man ſich wiederſieht.“ Und es rollten zwei ſchwere Thränen über die Wangen von Marianne. Guillaume ſah dieſe Thränen. Die Thränen wa⸗ ren ſelten im Hauſe des alten Forſtwarts. Er that einen Schritt gegen ſeine Frau und ſagte: „Einfältiges Weib mit Deinem Zorn! ich bin er⸗ zürnt gegen den Maire und. nicht gegen meine Alte!“ „Ah!“ machte die Mutter⸗ „Komm, umarme mich, Schwätzerin!“ ſagte Guil⸗ laume, indem er die Alte an ſeine Bruſt ſchloß, zu⸗ gleich aber den Kopf in die Höhe hob, um ſeinen Stummel nicht zu gefährden. „Gleichviel,“ murmelte Marianne,, welche, in der Hauptſache beruhigt, doch noch ein wenig über die Einzelheiten abhandeln wollte,„Du haſt mich eine alte Störchin genannt!“ „Nun, was denn?“ verſetzte Guillaumes„iſt der 102 Storch nicht ein Vogel von guter Vorbedeutung? bringt er nicht den Häuſern, wo er ſein Neſt macht, Glück?.. Du haſt aber Dein Reſt in dieſem Hauſe gemacht, und Du bringſt ihm Glück; das wollte ich ſagen. „Halt! was iſt das?“ Das Geräuſch einer Carriole, die das Fflaſter der Straße verließ, um vor der Thüre des neuen Hau⸗ ſes anzuhalten, zog das Ohr des alten Forſtwarts ab, und zu gleicher Zeit hörte man eine frendige junge Stimme rufen: „Papa Guillaume! Mama Marianne! ich bin da! hier bin ich!“ Und bei dieſen Worten ſprang ein ſchönes acht⸗ zehnjähriges Mädchen vom Fußtritte der Carrivle auf die Schwelle des Hauſes. „Catherine!“ riefen gleichzeitig der Forſtwart und ſeine Frau, während ſie der Ankommenden entgegen⸗ eilten und die Arme gegen ſie ausſtreckten. Es war in der That Catherine Blum, welche von Paris ankam. Catherine war, wie geſagt, ein ſchönes Mädchen von achtzehn Jahren, ſchlank und lieblich wie eine Roſe, mit jenem reizenden Typus deutſcher Sanftmuth, der in ihrer ganzen Perſon ausgeprägt war. Ihre blonden Haare, ihre blauen Augen, ihre ro⸗ ſigen Lippen, ihre weißen Zähne, der Sammt ihrer Wangen machten aus ihr eine von den Waldnymphen, welche die Griechen Glykere oder Aglae nannten. ngt u8 ind ſter au⸗ ab, nge da! ht⸗ auf ind en⸗ en ine th, ro⸗ rer en, 103 Von den vier Armen, die ſich für ſie öffneten, wa⸗ ren die erſten, die ſie wählte, die Arme von Vater Guillaume; ohne Zweifel hatte ſie begriffen, daß ſich hier für ſie die vollkommenſte Sympathie fand. Sodann wurde Marianne ebenfalls geküßt. Während das Mädchen ſeine Adoptivmutter um⸗ armte, ſchaute der Vater Guillaume umher; es ſchien ihm unmöglich, daß Bernard nicht da ſein ſollte, indeß Catherine da war. Anfangs vernahm man nur die abgebrochenen Worte, wie ſie ächten Gemüthsbewegungen entſchlüpften. Doch faſt in demſelben Angenblick wurden andere Rufe, vermiſcht mit Fanfaren, hörbar. Das waren Frangois und ſeine Kameraden, welche als Beſieger des neuen Kalydoniſchen Ebers zurückkamen. Der alte Forſtwart ſchwankte einen Moment zwi⸗ ſchen dem Verlangen, ſeine Nichte zum zweiten Male zu umarmen, und der Nengierde, das Thier zu ſehen, da ihn die Schreie und die Fanfaren nicht bezweifeln ließen, dieſes ſei auf dem Wege zum Fleiſchſtänder. Doch gerade in dem Augenblick, wo ſich der Vater Guillaume in ſeinem Zögern zum Wildſchweine hin⸗ neigte, erſchienen die Jäger auf der Schwelle und tra⸗ ten, das Thier an einer Stange tragend, ein. Dieſe Erſcheinung veranlaßte eine augenblickliche Diverſion von der Ankunft von Catherine auf Seiten von Guillanme und Marianne, während im Gegentheil, als ſie das Mädchen erblickten, die Jäger ein Hurrah zu Ehren der Angekommenen erſchallen ließen. Doch es iſt nicht zu leugnen, als die erſte Bewe⸗ gung der Neugierde vorüber war, als Guillaume die alte und die neue Wundz unterſucht und Francvis, der den gewaltigen Eber auf ſechzig Schritte wie ein Kaninchen zu Boden geſtreckt, hiezu Glück gewürſcht hatte, als er endlich das Geſchlinge beiſeit zu legen befohlen und jeden Jäger in billigen Portionen einen 104 Theil vom Thiere zu nehmen eingeladen hatte, da rich⸗ tete ſich die ganze Aufmerkſamkeit des Forſtwarts wie⸗ der auf Catherine. Entzückt, Catherine, die er von ganzem Herzen liebte, wiederzuſehen und beſonders ſie lächelnd zu ſehen, ein ſicherer Beweis, daß nichts Aergerliches vorgefallen war, erklärte Franevis ſeinerſeits, er glaube genug für die Geſellſchaft durch das Erlegen des Wildſchweins than zu haben, und um ſeine ganze Zeit Mademviſelle atherine widmen zu können, überlaſſe er ſeinen Ka⸗ meraden die Sorge, den Todten zu zerwirken. So nahm das, bei der Ankunft von Catherine kaum begonnene, Geſpräch zehn Minuten nach dieſer Ankunft ſeinen Fortgang mit einer Volubilität, welche noch viel geränſchvoller die Summe der Neugierde machte, die ſich während dieſer zehn Minuten angehäuft hatte. Der Vater Guillaume brachte übrigens einige Ordnung in das Verhör. Er hatte bemerkt, daß Catherine nicht auf der Land⸗ ſtraße, ſondern auf dem Waldwege von Fleury ankam. „Warum kommſt Du ſo frühzeitig und auf dem Wege von la Ferté⸗Milon, liebes Kind?“ fragte er. Frangvis ſpitzte das Ohr bei dieſer Frage; ſie unterrichtete ihn von einem Umſtande, von dem er nichts wußte: daß Catherine nicht auf der Straße von Gondreville gekommen war. „Ja, warum kommſt Du auf dieſem Wege und Morgens um ſieben Uhr, ſtatt erſt um zehn Uhr zu kommen?“ wiederholte Marianne. „Das will ich Ihnen ſagen, lieber Vater; ich werde ihnen das ſagen, gute Mutter,“ antwortete das Mädchen.„Statt mit der Diligence von Villers⸗ Cotterets zu kommen, bin ich mit der von Meaux und la Ferté⸗Milon gekommen, welche um fünf Uhr in Pa⸗ ris abgeht, ſtatt um zehn Uhr abzugehen, wie die andere.“ „Ah! gut,“ murmelte Frangvis mit ſichtbarer Be⸗ —— 2 v 105 friedigung;„der Pariſer wird mit ſeinem Tilbury eine vergebliche Fahrt gemacht haben.“ „Und warum haſt Du dieſen Weg gewählt?“ fragte Guillaume, der nicht zugab, daß man die gerade Linie um der krummen willen verließ, und daß man vier Meilen zu viel ohne eine Nothwendigkeit machte. „Ei!“ verſetzte Catherine erröthend über ihre Lüge, ſo unſchuldig ſie war,„ei! weil es keinen Platz in der Diligence von Villers⸗Cotterets gab. „Ja,“ ſagte Frangois leiſe,„das war eine Idee, für die Dir Bernard danken wird, ſchöner Engel des guten Gottes!“ „Aber ſchau ſie doch an!“ rief die Mutter Wa⸗ trin, vom Geſammtweſen zu den Einzelheiten über⸗ gehend, ſie iſt um einen ganzen Kopf gewachſen.“ „Warum nicht gar um einen Hals dazu?“ ſagte Guillaume, die Achſeln zuckend. „Ah!“ ſprach die Mutter Watrin mit der ihrem Charakter ſo natürlichen Hartnäckigkeit, die ſie auf die kleinen wie auf die großen Dinge anwandte,„das iſt leicht zu bewahrheiten; bei ihrem Abgange habe ich ſie gemeſſen; das Zeichen iſt an der Thüreinfaſſung hier! hier! ich ſchaute es alle Tage an. Laß ſehen, Catherine!“ „Wir haben alſo den armen Alten nicht vergeſſen?“ ſagte Guillaume, indem er Catherine zurückhielt, um ſie noch einmal zu umarmen. „Oh! können Sie das fragen, geliebter Vater?“ rief das Mädchen. „Aber ſieh doch Dein Zeichen an, Catherine,“ wiederholte hartnäckig die Alte. „Ah! rief Guillaume mit⸗dem Fuße auf die Erde ſtampfend,„wirſt Du wohl dort ſchweigen mit Deinen Dummheiten.“ Ah! ja wohl,“ murmelte Frangvis, der die Mut⸗ 106 ter Watrin auswendig kannte,„merken Sie wohl auf, ob ſie ſchweigt!“ „Bin ich denn in der That ſo ſehr gewachſen?“ fragte Catherine den Vater Guillaume. „Komm an die Thüre, und Du wirſt ſehen,“ ſagte die Mutter Watrin. „Halsſtarriges Teufelsweib,“ rief der alte Forſt⸗ wart,„ſie wird nicht weich geben! So geh an die Thüre, oder wir haben den ganzen Tag keinen Frieden.“ Catherine ging lächelnd an die Thüre und ſtellte ſich an ihr Zeichen, das hinter der Höhe ihres Kopfes verſchwand. „Nun! was ſagte ich,“ rief die Mutter Watrin triumphirend;„über einen Zoll.“ und als Catherine, glücklich, ihrer Tante Ge⸗ nugthuung gegeben zu haben, zu Guillaume zurückkam, fragte dieſer: „Du biſt alſo die ganze Nacht gereiſt?“ „Die ganze Nacht, ja, Vater,“ antwortete das Mädchen. „Ah! dann mußt Du aber gelähmt ſein vor Miüdigkeit!“ rief Marianne,„Du mußt ſterben vor Hunger. Was willſt Du? Kaffee, Wein, Fleiſchbrühe? Ei! Kaffee wird das Beſte ſein, ich will Dir ſelbſt machen... Gut, gut.“ Die Mutter Watrin ſtörte in allen ihren Taſchen. „Wo ſind denn meine Schlüſſel?.. Ich weiß nicht mehr, was ich mit meinen Schlüſſeln gemacht habe.. meine Schlüſſel ſind verloren... Wohin habe ich denn meine Schlüſſel gelegt?... Warte! warte!“ „Ich ſage Ihnen aber, liebe Mutter, ich brauche nichts.“ „Nichts brauchen nach einer Nacht in der Diligence und in einer Carriole zugebracht? Ah! wenn ich nur wüßte, wo meine Schlüſſel ſind!“ rief die Mutter Watrin. uf, 2“ die te res rin e⸗ m, as vor vor 107 Und ſie drehte ihre Taſchen miteiner Artvon Wuthum. „Das iſt ja unnöthig,“ ſagte Catherine. „Ah! hier ſind meine Schlüſſel,“ rief Marianne. „Unnöthig? Ich weiß das vielleicht beſſer, als Du; reiſt man, beſonders bei Nacht und am Morgen, ſo muß man ſich wieder ſtärken. Die Nacht iſt Niemands Freund! Dabei ſind die Nächte immer kühl.. Und noch nichts Warmes im Magen Morgens um acht Uhr!.. Du ſollſt in der Minute Deinen Kaffee haben... Du ſollſt ihn haben.“ Hienach lief die gute alte Frau hinaus. „Endlich,“ ſagte Guillaume, der ſie mit dem Blicke begleitete.„Alle Teufel! ſie hat eine tüchtige Mühle, um ihren Kaffee zu mahlen, die Mutter, iſt es dieſelbe, der ſie ſich bedient, um ihre Worte zu mahlen!“ Oh! mein gutes, liebes Väterchen!“ rief Cathe⸗ rine, die ſich ganz ihrer Zärtlichkeit für den alten Forſtwart überließ, ohne daß ſie fortan die Eiferſucht ſeiner Frau zu erregen befürchtete,„ſtellen Sie ſich vor, daß mir der verdammte Poſtillon meine ganze Freude verdorben hat; er fuhr im Schritt und brauchte drei Stunden von la Ferté⸗Milon hierher.“ „Und welche Freude wollteſt Du Dir denn machen oder vielmehr uns machen, liebe Kleine?“ „Ich wollte um ſechs Uhr ankommen, bei der Küche ausſteigen, ganz in der Stille, und wenn Sie gerufen hätten:„„Frau, mein Frühſtück,““ ſo hätte ich es gebracht und auf die Weiſe wie früher geſagt: „„Hier iſt es, Väterchen!““ „Ah! das wollteſt Du thun, Kind des guten Got⸗ tes? So laß Dich umarmen, als ob Du es gethan hätteſt. Oh! der Tölpel einem Poſtillon! man muß ihm kein Trinkgeld geben.“ „Ich hatte das wie Sie geſagt, leider iſt es aber dennoch geſchehen.“ „Wie! es iſt geſchehen?“ 108 „Ja, als ich das theure Haus meiner Jugend an der Lindſtraße ſah, da vergaß ich Alles; ich zog hundert Sous aus meiner Taſche und ſagte zu meinem Füh⸗ rer:„„Nehmt, das iſt für Euch, mein Freund! und Gott ſegne Euch!““ „Liebes, liebes, liebes Kind!!“ rief Guillaume. „Aber, ſagen Sie, mein Vater. ſprach Ca⸗ therine, welche ſeit ihrer Ankunft Jemand mit den Augen geſucht hatte und nicht den Muth beſaß, ſich länger mit dieſer ſtummen, unfruchtbaren Forſchung zu begnügen. „Ja, nicht wahr?“ fragte Guillaume, der die Ur⸗ ſache der Unruhe des Mädchens begriff. „Mir ſcheint...“ murmelte Catherine. „Daß derjenige, welcher vor allen Andern hätte hier ſein müſſen, gefehlt hat,“ ergänzte der Vater Guillaume. „Bernard!“ „Ja, doch ſei ruhig.. er war ſo eben hier und kann nicht fern ſein... Ich will nach dem Hirſch⸗ ſprung lanfen; von dort ſehe ich eine halbe Stunde weit auf der Straße, und erblicke ich ihn, ſo mache ich ihm ein Zeichen.“ „Sie wiſſen alſo nicht, wo er iſt?“ „Nein,“ erwiederte Guillaume,„doch wenn er nicht zu weit entfernt iſt, ſo wird er meine Weiſe, ihn zu erkennen.“ Und der Vater Guillaume, der eben ſo wenig als Catherine begriff, daß Bernard nicht da war, verließ das Haus und lief mit ſeinem ſchnellſten Schritte, wie er geſagt hatte, nach dem Hirſchſprung. Als ſich Catherine mit Frangvis allein ſah, näherte ſie ſich dem jungen Manne, der während der vorher⸗ gehenden Scene beinahe ſtill geblieben war, ſchaute ihn auf eine Art an, um in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens zu leſen, ſollte er ihr etwas verbergen wollen, und fragte ihn: e * e ³ 109 „Und Du, Frangvis, weißt Du, wo er iſt?“ „Ja,“ antwortete Frangvis mit den Lippen und dem Kopfe zugleich. „Nun, wo iſt er?“ „Auf der Straße nach Gondreville!“ „Auf der Straße nach Gondreville?“ rief Cathe⸗ rine.„Mein Gott!“ „Ja,“ ſprach Frangois, ſeine Worte ſtark betonend, um ihnen das ganze Gewicht zu geben, das ſie in Wirklichkeit hatten,„er iſt Ihnen entgegengegangen.“ „Mein Gott!“ wiederholte Catherine mit einer wachſenden Bangigkeit,„ich danke Dir, Du haſt mir den Gedanken eingegeben, über la Ferté⸗Milon, ſtatt über Villers⸗Cotterets zurückzukehren.“ „Stille! die Mutter kommt,“ ſagte Frangvis.„Gut, ſie hat ihren Zucker vergeſſen.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte Catherine. Sie warf ſodann einen Blick auf die Mutter Wa⸗ trin, welche, nachdem ſie ihren Kaffee auf den Rand eines Tiſches geſtellt hatte, ſich, wie Frangois geſagt, raſch wieder entfernte, um ihren Zucker zu holen, näherte ſich dem jungen Manne, nahm ſeine Hand und ſprach zu ihm: „Frangvis, mein Freund, thue mir einen Ge⸗ fallen.“ „Einen Gefallen? Zehn, zwanzig, dreißig! Zu Ihren Befehlen bei Tag und bei Nacht.“ „Nun wohl! Frangois, gehe ihm entgegen und benachrichtige ihn, ich ſei auf der Straße von la Ferté⸗ Milon angekommen.“ „Das iſt das Ganze?“ rief Frangois. Und er wollte ſpornſtreichs durch die Thüre nach der Landſtraße laufen. Catherine hielt ihn aber lächelnd zurück und ſagte: „Nein, nicht da hinaus,“ 110 „Sie haben Recht, und ich bin ein Tölpel! Vater Brummbär würde mich ſehen und fragen:„Wohin gehſt Du?““ Und ſtatt ſich durch die nach der Landſtraße führen⸗ de Thüre zu entfernen, ſprang Frangois zu dem Fenſter hinaus, das nach dem Walde ging. Es war die höchſte Zeit; Marianne kam mit ihrem Zucker zurück. „Ah! gut, hier iſt die Mutter,“ ſagte Frangvis. Und er machte, ehe er unter den Bäumen ver⸗ ſchwand, Catherine ein letztes Zeichen und fügte bei: „Seien Sie unbeſorgt, Mademoiſelle Catherine, ich bringe ihn zurück.“ Die Mutter Watrin kam in der That wieder herein, zuckerte den Kaffee, wie ſie es für ein Kind ge⸗ than hätte, reichte ihn Catherine und ſprach: „Hier, nimm Deinen Kaffee; warte, er iſt vielleicht zu heiß.. ich will darauf blaſen.“ „Ich danke, Mama!“ erwiederte Catherine lächelnd, indem ſie die Taſſe nahm;„ich verſichere Sie, daß ich, ſeitdem ich Sie verlaſſen, ſelbſt auf meinen Kaffe bla⸗ ſen gelernt habe.“ Marianne ſchaute Catherine mit einer Zärtlichkeit gemiſcht mit Bewunderung an, faltete die Hände und ſchüttelte frendig den Kopf. Sodann, nach einem Augenblicke ſtiller Betrachtung, fragte ſie: „Hat es Dich viel Leid gekoſtet, von der großen Stadt Abſchied zu nehmen?“ „Oh! mein Gott, nein! ich kenne dort Niemand.“ „Wie! Du haſt es nicht beklagt, die ſchönen Her⸗ ren, die Theater, die Promenaden verlaſſen zu müſſen?“ „Ich habe nichts beklagt, meine Mutter.“ „Du liebteſt dort Niemand?“ „Dort?“ 3 „In Paris?“ ——— 8—— —— 1¹¹ „In Paris? nein, Niemand.“ „Deſto beſſer!“ ſagte die Alte ihren Gedanken verfolgend, der eine Stunde vorher eine ſo ſchlechte Aufnahme bei Guillaume gefunden hatte,„denn ich habe eine Idee hinſichtlich Deiner Verſorgung.“ „Meiner Verſorgung?“ „Ja, Du weißt, Bernard„ „Oh! gute, theure Mutter!“ rief ganz freudig Catherine, die ſich in dieſem Eingange täuſchte. „Nun wohl! Bernard... „Bernard?“ wiederholte Catherine mit einem An⸗ fange von Bangigkeit. „Ja,“ fuhr die Mutter vertraulich fort,„Bernard liebt Mademoiſelle Euphroſine.“ Catherine ſtieß einen Schrei aus, wurde entſetz⸗ lich bleich und ſtammelte mit einer zitternden Stimme: „Bernard liebt Mademviſelle Euphroſine!... Mein Gott! mein Gott! was ſagen Sie mir da, Mama!“ Und ſie ſtellte die kaum berührte Taſſe Kaffee auf den Tiſch und fiel auf einen Stuhl. Verfolgte die Mutter Watrin einen Gedanken, ſo hatte ſie die freiwillige Kurzſichtigkeit der halsſtarrigen Leute, das heißt, ſie ſah nur ihren Gedanken. „Ja,“ fuhr ſie fort,„Bernard liebt Mademoiſelle Euphroſine, und ſie liebt auch Bernard, ſo daß man nur noch zu ſagen braucht:„Ich willige ein!““ und die Sache iſt abgemacht.“ Catherine wiſchte ſeufzend mit ihrem Taſchentuche ihre von Schweiß triefende Stirne ab. „Nur,“ ſprach die Mutter,„nur will der Alte „Ah! wahrhaftig?“ murnielte Catherine, die ſich wieder, ſo zu ſagen, am Leben anklammerte. „Ja, er behauptet, das ſei nicht wahr, ich ſei * nicht 1¹²2 blind wie ein Maulwurf, und Bernard liebe Made⸗ moiſelle Euphroſine nicht.“ „Ah!“ machte Catherine mit etwas mehr Freiheit athmend. „Ja, er behauptet das... und er ſagt, er ſei ſeiner Sache ſicher.“ „Mein lieber Oheim!“ murmelte Catherine. „Doch, Gott ſei Dank! Du biſt nun da, mein Kind, unh Du wirſt mir ihn überreden helfen.“ „Ich „Und wenn Du Dich verheiratheſt,“ fügte die Mut⸗ ter in Form eines Rathes bei,„ſuche immer Dein Anſehen bei Deinem Manne zu behaupten, oder es wird Dir geſchehen, was mir geſchieht.“ „Was Ihnen geſchieht?“ „Ja das heißt, Du wirſt nichts im Hauſe gelten.“ „Meine Mutter,“ ſprach Catherine, die Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke des Gebetes zum Himmel aufſchlagend,„am Ende des Lebens werde ich ſagen, Gott habe mich mit Wohlthaten überhäuft, hat er dem Ihrigen ähnliches Daſein verliehen.“ „Ho! ho!“ „Mein Gott! beklagen Sie ſich nicht, mein Oheim liebt Sie ſo ſehr.“ „Gewiß liebt er mich,“ erwiederte die Alte ver⸗ legen,„aber„ „Kein aber, meine gute Tante. Sie lieben ihn, er liebt Sie; der Himmel hat geſtattet, daß Sie einig waren: das Glück des Lebens liegt in dieſen zwei Worten.“ 6 Hienach ſtand Catherine auf und machte einen Schritt gegen die Treppe. „Wohin gehſt Du?“ fragte die Mutter. „Ich gehe in mein Stübchen hinauf,“ erwiederte Catherine. in ut⸗ ein uſe en um hat 1. eim ver⸗ hn, nig wei nen erte 113 „Oh! ja, es iſt wahr, wir erwarten Geſellſchaft, und Du wirſt Dich ſchön machen, Coquette.“ „Geſellſchaft?“ „Ja, Herrn Roiſin, Mademviſelle Euphroſine, Herrn Louis Chollet den Pariſer.. Mir ſcheint, Du kennſt ihn?“ Die Mutter begleitete dieſen letzten Satz mit einem ſchlauen Lächeln, und ſie fügte bei: „Mache Dich ſchön! mache Dich ſchön, mein Kind!“ Catherine ſchüttelte aber traurig den Kopf und erwiederte: „Oh! Gott weiß, daß ich nicht deshalb hinauf gehe!“ „Und warum gehſt Du denn hinauf?“ „Von meinem Stübchen aus ſieht man auf die Straße, auf der Bernard zurückkommen muß, und Ber⸗ nard iſt der Einzige, der mich noch nicht in dieſem Hauſe willkommen geheißen hat.“ Catherine ſtieg langſam die Treppe hinauf, deren Stufen unter ihren Füßen krachten, ſo klein und zier⸗ lich ſie auch waren. In dem Augenblick, wo ſie in ihr Stübchen ein⸗ trat, traf ein ihrem Herzen entſtiegener tiefer Seufzer an das Ohr von Marianne, die ihr mit Erſtaunen nach⸗ ſah und nun erſt, wie es ſchien, die Wahrheit zu er⸗ ſchauen anfing. Ohne Zweifel wäre die Mutter Watrin, welche nicht leicht von einer Idee zu einer andern überging, in die Aufſuchung des in ihrem Gehirne entſtehenden Lichtpunktes verſunken geblieben, hätte ſich nicht eine Stimme hinter ihr hören laſſen. „He! Mutter Watrin!“ rief die Stimme. Marianne wandte ſich um'und erkannte Mathieu, bekleidet mit einem abſcheulichen Ueberrock, der einſt eine Livree geweſen ſein wollte. Catherine Blum. 8 * 114 „Ah! Du biſt es, ſchlimmes Subject!“ ſagte ſie. „Ich danke!“ erwiederte Mathien ſeinen Hut ab⸗ ziehend, an welchem eine alte geſchwärzte Borte von falſchem Golde ſichtbar war;„nur merken Sie wohl darauf, daß ich von heute an die Stelle des alten Pierre einnehme und im Dienſte des Herrn Maire bin: mich beleidigen heißt aber den Herrn Maire be⸗ leidigen.“ „Gut! was willſt Du?“ „Ich komme als Läufer,— man hat noch nicht Zeit gehabt, mir die Milz auszuſcheiden, darum bin ich ſo athemlos,— ich komme als Läufer, um Ihnen zu melden, Mademviſelle Euphroſine und ihr Vater fahren ſo eben in der Caleche an.“ „In der Caleche?“ rief die Alte, ganz geblendet, daß ſie den Beſuch von Leuten empfangen ſollte, welche in einer Caleche ankamen. „Ja, in der Caleche, nicht anders!“ „Mein Gott!“ rief die Mutter Watrin,„und wo ſind ſie?“ „Der Papa und Herr Guillaume ſprechen mit einander von ihren Geſchäften.“ „Und Madempiſelle Euphroſine?“ „Hier iſt ſie,“ erwiederte Mathieu. Und in ſeint Bedientenrolle eintretend, mel⸗ dete er: „Mademviſelle Euphroſine Roiſin, Tochter des Herrn Maire!“ ſie. b⸗ on hl ten ire be⸗ cht in en et, che wo 11⁵ „ X. Mademviſelle Euphroſine Voiſin. Die junge Perſon, der dieſe pomphafte Ankündi⸗ gung voranging, trat majeſtätiſch in das Haus des alten Forſtwarts ein; ſie ſah nicht aus, als zweifelte ſie einen Augenblick an der großen Ehre, die ſie dieſem armen Hauſe, über ſeine Schwelle ſchreitend, erwies. Sie war unſtreitig ſchön, doch in der wenig ſympathetiſchen Schönheit, welche beſteht aus einer MWiſchung von Stolz und Gemeinheit geknetet mit jener Ingendfriſche, welche die Leute aus dem Volke mit Recht die Schönheit des Teufels betiteln. Sie war mit einer Uebertreibung von Zierrathen gekleidet welche die Provinz⸗Elegante bezeichnet. Sie ſchaute bei ihrem Eintritte raſch umher und ſuchte offenbar zwei abweſende Perſonen: Bernard und Catherine. Die Mutter Watrin war entzückt von dieſer ſtrah⸗ lenden Shchönheit, welche um neun Uhr Morgens ſo geputzt erſchlen als ſie es am Abend auf dem Balle bei der Beleucht g von fünfhundert Kerzen geweſen wäre! Sie ſtürzte ſodann auf einen Stuhl zu, den ſie 7 gegen den ſchönen Beſuch vorſchob, und rief: „Oh! meine liebe Demviſelle.“ „Guten Morgen, liebe Frau Watrin,“ erwiederte mit einer Protectorsmiene Mademoiſelle Enphroſine, en ſie durch einen Wink bedeutete, ſie werde ſtehen eiben. „Wie! Sie da!“ fuhr die Mutter fort,„in un⸗ ſerem armen Häuschen! Aber ſetzen Sie ſich doch!.. 116 Ei! die Stühle ſind nicht gepolſtert wie bei Ihnen. Gleichviel! ich bitte, ſetzen Sie ſich immerhin.. Und ich bin noch nicht angekleidet. Ei! ich erwartete nicht, Sie ſo frühzeitig zu ſehen!“ „Sie werden mich entſchuldigen, meine liebe Frau Watrin,“ verſetzte Euphroſine,„man beeilt ſich im⸗ mer, die Leute zu ſehen, die man liebt.“ „Oh! Sie find zu gut!.. Wahrhaftig ich bin ganz beſchämt.“ „Bah!“ rief Mademoiſelle Euphroſine, während ſie ihre Mantille auf die Seite ſchob und eine Hoftvi⸗ lette ſehen ließ,„Sie wiſſen, daß ich nichts auf Cere⸗ monien halte... und ich ſelbſt, wie Sie ſehen. „Ich ſehe,“ erwiederte die Mutter Watrin geblen⸗ det„ich ſehe, daß Sie ſchön ſind wie ein Engel und geſchmückt wie ein Reliquienkäſtchen... Doch es iſt nicht meine Schuld, wenn ich im Verzuge bin, Töch⸗ terchen iſt dieſen Morgen von Paris angekommen.“ „Sprechen Sie nicht von Ihrer Nichte, von der kleinen Catherine?“ fragte nachläſſig Mademviſelle Euphroſine. „Ja, von ihr.„Doch wir tänſchen uns, wenn wir ſie, ich Töchterchen, und Sie die kleine Ca⸗ therine nennen, es iſt in der That eine große Toch⸗ ter, einen Kopf größer als ich.“ „Ach! deſto beſſer,“ verſetzte Mademoiſelle Euph⸗ roſine,„ich liebe Ihre Nichte ungemein.“ „Viel Ehre für ſie, Mademoiſelle,“ erwiederte die Mutter Watrin ſich verneigend. „Welch ein ſchlechtes Wetter!“ ſagte die junge Städterin von einem Gegenſtande zu einem andern übergehend, wie es ſich für einen ſo erhabenen Geiſt geziemte,„begreifen Sie, an einem Maitag!“ In Form eines Zwiſchenſatzes fuhr ſie ſodann fort: „Ah! ſagen Sie, wo iſt denn Bernard? Auf der Jagd wahrſcheinlich. Hörte ich nicht ſagen, der Inſper⸗ wW v — N* 117 tor habe die Güte gehabt, Ihnen zu erlauben, ein Wild⸗ ſchwein aus Anlaß des Kirchweihfeſtes von Corey zu ſchießen?“ „Ja, und auch wegen der Rückkehr von Catherine.“ „Ah! Sie glauben, der Inſpector habe ſich um dieſe Rückkehr bekümmert?“ verſetzte Mademoiſelle Euphroſine. Und ſie machte eine kleine Mundverziehung, wel⸗ che beſagen wollte:„Seine Inſpection muß ihn nicht ſ beſchäftigen, daß er an ſolche Lappereien denken ann.“ Die Alte fühlte inſtinctartig den Unwillen von Mademvoiſelle Euphroſine, und ſich an der Seite des Ge⸗ ſpräches anklammernd, von der ſie dachte, ſie werde ihr angenehm ſein, erwiederte ſie: „Bernard, ſagten Sie? Sie fragten, wo Bernard ſei? Wahrhaftig, ich weiß es nicht. Er müßte hier ſein, da Sie da ſind. Weißt Du, wo er iſt, Mathien?“ „Ich?“ antwortete Mathieu,„wie ſoll ich das wiſſen?“ „Ohne Zweifel iſt er bei ſeiner Baſe,“ verſetzte mit herbem Tone Mademviſelle Euphroſine. „Oh! nein, nein, nein.“ rief lebhaft die Alte. „Und iſt ſie ſchön geworden, Ihre Richte?“ fragte Mademoiſelle Euphroſine. „Meine Nichte?“ „Schön geworden?“ „Das frage ich Sie.“ „Sie iſt ſie iſt artig,“ erwiederte die Mut⸗ ter Watrin verlegen. „Ich bin entzückt, daß ſie zurückgekommen iſt,“ fuhr Mademviſelle Euphroſine, wieder ihre Protectors⸗ miene annehmend, fort.„Wenn ihr Paris nur nicht Gewohnheiten über ihrem Stande beigebracht hat.“ „Oh! nein, da iſt keine Gefahr. Sie wiſſen, daß » — 118 ſie in Paris geweſen iſt, um das Geſchäft einer Weiß⸗ zengmacherin und Modiſtin zu lernen.“ „Und Sie glauben, ſie habe nichts Anderes in Paris gelernt? Deſto beſſer! Aber was haben Sie denn, Frau Watrin? Sie ſcheinen mir unruhig zu ſein?“ „Oh! merken Sie nicht darauf, Mademviſelle... Wenn Sie indeſſen erlauben wollten, ſo würde ich Ca⸗ rufen, um Ihnen Geſellſchaft zu leiſten, indeß Hier unterbrach ſich die Mutter Watrin, und ſie ſchaute mit einem verzweifelten Ange ihr demüthiges Alltagskleid an. „Machen Sie es, wie Sie wollen,“ erwiederte Mademoiſelle Euphroſine mit einer würdevollen Nach⸗ läſſigkeit.„Ich meines Theils werde entzückt ſein, die liebe Kleine zu ſehen.“ Kaum hatte die Mutter Watrin dieſe Erlaubniß erhalten, da wandte ſie ſich gegen die Treppe und rief: „Catherine! Catherine! komm geſchwinde herab, mein Kind! komm!... Mademviſelle Enphroſine iſt da!“ Catherine erſchien ſogleich auf dem Ruheplatze. „Komm herab, mein Kind, komm!“ wiederholte die Mutter Watrin. Catherine ſtieg ſtillſchweigend herab. „Sie erlauben, Mademoiſelle?“ fragte Marianne ſich gegen die Tochter des Maire umwendend. „Ei! gehen Sie! gehen Sie!“ Während die Alte ſich unter vielen Verneigun⸗ gen zurückzog, warf Mademoiſelle Euphroſine einen verſtohlenen Blick auf Catherine, und ſie ſagte zu ſich elbſt: ſ„Wahrhaftg, die Kleine iſt mehr als artig! Was ſchwatzte denn die Mutter Watrin?“ Mittlerweile kam Catherine ohne Verlegenheit 119 und ohne geheuchelte Beſcheidenheit herbei, blieb vor Mademoiſelle Euphroſine, die ſie mit ihrer würdigſten Miene anſchaute, ſtehen und ſagte gans einfach: „Verzeihen Sie, Mademoiſelle, ich wußte nicht, daß Sie hier waren, ſonſt hätte ich mich beeilt, herab⸗ zukommen und Ihnen mein Compliment zu machen.“ „Oh!“ murmelte Mademviſelle Euphroſine mit ſich ſelbſt ſprechend, jedoch laut genug, daß Catherine kein Wort von ihrem Monolog verlor„Sie würden ſich beeilt haben, herabzukommen und mir Ihr Co mpliment zu machen. Wahrhaftig, ſie iſt ganz Pariſerin, und man muß ſie mit Herrn Chollet ver⸗ heirathen; dieſe zwei werden ein Paar geben.“ Hienach wandte ſie ſich an Catherine und ſagte mit einer ſpöttiſchen Miene: „Mademviſelle, ich habe die Ehre Sie zu grüßen.“ „Hat meine Taute daran gedacht, ſich zu erkundi⸗ gen, ob Sie etwas nöthig haben, Mademoiſelle?“ fragte Catherine, ohne daß ſie entfernt die böswillige Abſicht in den Worten der Tochter des Maire zu be⸗ merken ſchien. „Ja, Mademviſelle, doch ich brauche nichts,“ er⸗ wiederte Euphroſine. Sie fragte ſodann, indem ſie eine Miene annahm, als wollte ſie aufhören, mit Catherine als mit ihres Gleichen umzugehen: „Haben Sie neue Muſter von Paris mitgebracht?“ „Ich habe mich bemüht, in dem Monat, der mei⸗ ner Abreiſe vorherging Alles, was es Neues gab, zu ſammeln, ja, Mademoiſelle.“ „Haben Sie dort Hauben machen gelernt?“ „Hauben und Hüte.“ „Bei wem waren Sie? Bei Madame Baudrand oder bei Madame Barenne?“ „Ich war in einem beſcheideneren Hauſe, Mademoi⸗ 120 ſelle, ich hoffe aber nichtsdeſtoweniger mein Geſchäft nicht ſchlecht zu kennen.“ „Das werden wir ſehen,“ ſagte Mademviſelle Eu⸗ phroſine mit ihrer Protectorsmiene;„ſobald Sie Ihr Magazin auf der Place de la Fontaine übernommen haben, werde ich Ihnen einige alte Hauben und einen Hut vom vorigen Jahre zum Ausbeſſern ſchicken.“ „Ich danke, Mademviſelle,“ erwiederte Catherine ſich verbengend. Plötzlich richtete aber das Mädchen den Kopf auf, horchte und bebte. Es ſchien ihr, als hätte ſie ihren Namen aus ſpre⸗ chen hören. Eine ihrem Herzen wohlbekannte Stimme rief in der That außen und raſch näher kommend: „Catherine! wo iſt denn Catherine?“ Zu gleicher Zeit ſtürzte Bernard mit Staub be⸗ deckt, die Stirne von Schweiß triefend, ins Zimmer. „Ah!“ rief er, Catherine erblickend, mit dem Aus⸗ drucke eines lange untergeſunkenen Menſchen, der wie⸗ der über das Waſſer kommt und Athem ſchöpft,„ah! mein Gott! Du biſt es alſo! Endlich! endlich!“ Und er fiel auf einen Stuhl, während er die Hände des Mädchens ergriff. „Bernard! theurer Bernard!“ rief Catherine in⸗ dem ſie ihm ihre Wangen darreichte. Bei dem Schrei, den ihr Sohn ausſtieß, trat die Mutter Watrin haſtig ein, und alt ie auf der einen Seite Mademoiſelle Euphroſine mit krampfhaft ver⸗ zerrtem Geſichte allein ſtehend und auf der andern Seite die von der Welt getrennte, ganz ſich ih⸗ rem Glücke überlaſſende Gruppe ſah, da begriff ſie ihren Irrthum in Betreff der Liebesgefühle ihres Soh⸗ nes für Mademviſelle Roiſin, und ſie rief tief verletzt, daß ihr Scharfſinn ſo ſehr fehlgegriffen hatte; U⸗ hr en en 121 „Nun! Bernard! nun! iſt das eine Lebensart?“ Er aber ſagte, ohne ſeine Mutter zu hören und ohne die Gegenwart von Mademoiſelle Euphroſine zu bemerken: „Ah! Catherine, wenn Du wüßteſt, was ich ge⸗ litten habe! Ich glaubte...ich befürchtete.. doch nichts, Du biſt nun da! Du biſt über Meaux und la Ferté⸗Milon gekommen, nicht wahr? Ich weiß es, Frangois hat es mir geſagt; ſomit biſt Du die ganze Nacht gefahren und zwar drei Meilen in einer Carri⸗ ole! Armes, liebes Kind! oh! wie erfreut, wie glück⸗ lich bin ich, Dich wiederzuſehen!“ „Aber, Junge! aber, Junge!“ wiederholte die Mutter mit Entrüſtung;„Du merkſt gar nicht auf Mademvoiſelle Euphroſine!“ „Ahj verzeihen Sie,“ ſagte Bernard, indem er den Kopf aufrichtete und ganz erſtaunt die Tochter des Maire anſchaute,„es iſt wahr, entſchuldigen Sie mich; ich ſah Sie nicht... Ihr Diener!“ Sodann zu Catherine zurückkehrend: „Wie groß iſt ſie! wie ſchön iſt ſie! Schauen Sie doch, meine Mutter, ſchauen Sie doch! „Haben Sie eine gute Jagd gemacht, Herr Ber⸗ nard?“ fragte Euphroſine. Die Stimme gelangte zum Ohre von Bernard wie ein unbeſtimmter Ton, deſſen Sinn er jedoch auf⸗ zufaſſen vermochte. „Ich? Nein ja doch ich weiß nicht, ſagte er;„wer hat gejagt?.. Oh! entſchul⸗ digen Sie mich, ich verliere den Kopf, ſo freudig fühle ich mich! Ich bin Catherine entgegengegangen. das habe ich gethan... „Und Sie haben Sie nicht getroffen, wie es ſcheint?“ „Nein, zum Glück!“ „Zum Glück?“ 3 122 „Oh! ja, ja.. Diesmal weiß ich, was ich ſage!“ „Wenn Sie wiſſen, was Sie ſagen, Herr Bernard,“ verſetzte Euphroſine, den Arm ausſtreckend, als ſuchte ſie eine Stütze,„ich, ich weiß nicht, was ich habe.. ich fühle mich unwohl.“ Bernard war aber ſo ſehr mit Catherine beſchäftigt, ſie lächelte ihm ſo zärtlich zu, ſie dankte ihm durch ein ſo ſanftes Drücken ſeiner Hände für die Aufregung, von der er Beweiſe gegeben, daß er nicht hörte, was Eu⸗ phroſine ſagte und weder ihre Bläſſe, noch ihr wahres oder verſtelltes Zittern bemerkte. Nicht daſſelbe war bei der Mutter Watrin der Fall, welche Euphroſine nicht aus dem Geſichte verlor. „Mein Gott! mein Gott! Bernard!“ rief ſie, ſuſ Du denn nicht, daß Mademoiſelle ſich unwohl ühlt?“ „Oh! ja, allerdings,“ erwiederte Bernard,„es iſt zu heiß hier. Mutter, gib Mademoiſelle Euphro⸗ ſine den Arm, und Du, Frangois, trage einen Lehn⸗ ſtuhl hinaus.“ „Hier iſt der Lehnſtuhl,“ verſetzte Frangois. ſe„Nein, nein!“ rief Euphroſine,„es wird nichts ei „Oh! doch!“ entgegnete die Mutter Watrin;„Sie ſind bleich, liebe Demviſelle, und man ſollte glauben, Sie werden in Ohnmacht fallen!“ „Mademvoiſelle braucht Luft, Luft!“ ſagte Bernard. „Wenn Sie mir wenigſtens den Arm geben wür⸗ den, Herr Bernard,“ ſprach Euphroſine mit einer ſchmachtenden Miene. Bernard ſah, daß nicht zurückzuweichen war. „Wie, Mademviſelle?“ ſagte er,„mit dem größten Vergnügen.“ Und leiſe zu Catherine: „Bleibe hier, ich komme zurück!“ 3 123 Hienach nahm er Euphroſine beim Arme, zog ſie raſcher fort, als es ihre Schwäche zu erlauben ſchien, und wiederholte: „Kommen Sie, Mademvoiſelle, kommen Sie!“ Frangois aber folgte ihnen, den erhaltenen Be⸗ fehlen gehorchend, und ſagte: „Hier iſt der Lehnſtuhl!“ Und die Mutter Watrin fügte bei: „Und Eſſig, um Ihnen die Schläfe einzureiben.“ Catherine blieb allein. Was vorgefallen war,— der wirkliche Eifer von Bernard, die verſtellte Ohnmacht von Euphroſine,— hatte klarer zu ihren Augen und beſonders zu ihrem Herzen geſprochen, als es alle Auseinanderſetzungen und alle Schwüre der Welt hätten thun können. „Oh!“ ſprach ſie,„ nun mag mir Mutter Ma⸗ rianne ſagen, was ſie will, ich bin ruhig.“ Kaum vollendete ſie dieſe Worte, da kam Bernard zurück und warf ſich vor ihr auf die Kniee. Zu glei⸗ cher Zeit machte Frangvis die Thüre von außen zu und iſolirte ſie mit ihrem Glücke und mit ihrer Liebe. „Oh! Catherine,“ rief Bernard, des Mädchens Knie⸗ umfangend,„wie liebe ich Dich! wie glücklich bin ich 1“ Catherine ſenkte ihren Kopf; die Angen der zwei jungen Leute ſagten ſo gut Alles, was ſie ſich zu ſagen hatten, daß, ohne daß ſie ein Wort ſprachen, ihr Athem ſich vermengte und ihre Lippen ſich berührten. Aus Beider Bruſt drangen zwei Freudenſchreie hervor, die nur ein einziger waren, und ſie blieben, den Blick verſchleiert, in ein ſo ſüßes Entzücken ver⸗ ſunken, daß ſie den gehäſſigen Kopf von Mathien nicht ſahen, der ſich durch die halb geöffnete Küchenthüre ⸗ und nicht ſeine widrige Stimme murmeln örten: 124 „Ah! Herr Bernard, Sie haben mir eine Ohr⸗ ſeige gegeben.. dieſe Ohrfeige ſoll Sie theuer zu ſtehen kommen.“ XI. Liebesträume. Wie Vögel, die ihren Flug genommen, fortgetra⸗ gen auf einer Morgenluft, auf einem Sonnenſtrahle, auf einem Rauſchen der Bäume, waren eine Stunde nachher die jungen Leute verſchwunden, und an ihrer Stelle zogen in der untern Stube des neuen Hauſes zwei auf einen Plan des Waldes von Villers⸗Cotterets gebückte Männer einen Umriß, den der Eine auf jede Weiſe zu erweitern beſtrebt geweſen wäre, hätte ihn der Andere nicht bei jedem Irrthum in die beſtimmten Gränzen zurückgewieſen. Dieſe zwei Männer waren Anaſtaſe Roiſin, Maire von Villers⸗Cotterets, und Guillaume Watrin, unſer alter Freund. Dieſe Gränzen, die der Holzhändler immer ans⸗ dehnen wollte, während ſie der Forſtwart unbarmherzig auf die vom Zirkel des Inſpectors gezogene Linie ein⸗ ſchränkte, waren die des von Meiſter Roiſin bei der letzten Zuerkennung erkauften Holzſchlags. Endlich ſagte Guillaume, den Kopf in Form eines Beifalls ſchüttelnd, indem er ſeinen Stummel auf ſeinem Nagel ausklopfte, zum Holzhändler: — — hr⸗ zu 3⸗ i⸗ er 125 „Wiſſen Sie, daß Sie da ein ſchönes Loos ha⸗ ben? und durchaus nicht theuer?“ Herr Roiſin richtete ſich auf und rief: „Durchaus nicht theuer, zwanzigtauſend Franken? Gut, es wird Ihnen, wie es ſcheint, leicht, Geld zu verdienen, Vater Guillaume?“ „Ah! ja, das iſt der Rede werth!“ verſetzte die⸗ ſer.„Neunhundert Franken jährlich, Wohnung, Hei⸗ zung, alle Tage zwei Kaninchen in die Caſſerole, und an großen Feſttagen ein Stück Wildſchwein, nicht wahr, dabei kann man Millionär werden?“ „Bah!“ ſagte der Holzhändler, den Vater Watrin anſchauend und lächelnd auf jene ſchlimme Weiſe, die man das Lächeln des Handels nennen könnte,„man wird immer Millionär, wenn man will.. beziehungs⸗ weiſe zu ſprechen, wohl verſtanden!“ „Dann ſagen Sie mir ein wenig Ihr Geheim⸗ niß,“ erwiederte Guillaume;„das wird mir Vergnügen machen, bei meinem Ehrenwort!“ Der Holzhändler ſchaute abermals den Forſtwart mit einem unverwandten, glänzenden Auge an; doch als wäre der Moment, eine ſo wichtige Eröffnung zu machen, noch nicht gekommen, ſprach er: „Nun! ja, man wird es Ihnen ſagen, das Geheimniß, nach Tiſche, unter vier Augen, mit dem Glaſe in der Hand, auf die Geſundheit unſerer reſpec⸗ tiven Kinder trinkend... und wenn es möglich iſt, ſich zu verſtändigen.. hören Sie wohl? nun ſo wird man ſeine Sache machen, Vater Guillaume.“ Der Vater Guillaume ſchaute Herrn Roiſin ebenfalls den Kopf ſchüttelnd, an, undes war ſchwerzu errathen, was er auf die Quaſieröffnung des Maire zu antwor⸗ ten gedachte, als Marianne ganz beſtürzt eintrat. „Ah! Herr Maire,“ rief ſie,„das iſt ein Un⸗ glück!“ „Ei! mein Gott! was gibt es denn, Frau Wa⸗ trin?“ fragte der Maire mit einer gewiſſen Unruhe. Auf Vater Watrin aber, der an die Manieren ſeiner Frau gewöhnt war, ſchien die Erſcheinung von Marianne weniger Eindruck zu machen, als auf ſeinen Gaſt den Holzhändler. „Ei! ſo ſprechen Sie doch!“ rief der Maire. „Was iſt geſchehen, Alte?“ fragte Watrin. „Es iſt geſchehen,“ erwiederte Marianne,„daß Mademviſelle Euphroſine ſagt, ſie ſei unwohl.“ „Bah! es wird nichts ſein,“ verſetzte der Maire, der wahrſcheinlich ſeine Tochter ſo gut kannte, als der Forſtwart ſeine Frau. „Oh! der Maulaffe!“ murmelte Guillaume, wel⸗ cher ebenfalls das Verdienſt von Mademoiſelle Euphro⸗ ſine ganz genau geſchätzt zu haben ſchien. „Ja,“ fuhr die Mutter fort,„doch ſie will durch⸗ aus nach der Stadt zurückkehren.“ „Ah! gut,“ ſprach Herr Roiſin;„iſt Chollet da? wenn er da wäre, ſo würde er ſie zurückführen.“ „Nein, man hat ihn noch nicht geſehen, und das iſt es, glaube ich, was das Uebel der Demviſelle ver⸗ mehrt hat.“ „Und wo iſt Euphroſine?“ „Sie iſt wieder in die Caleche geſtiegen, und ſie verlangt nach Ihnen.“ „Wohl, es ſei! warten Sie ja ſo geht es. Auf Wiederſehen, Papa Watrin! wir haben viel mit einander zu plandern; ich will ſie zurückführen, und in einer Stunde,— die Pferde gehen wie der Teufel!— in einer Stunde werde ich hier ſein, und wenn Sie ein guter Innge ſind... „Ob ich ein guter Junge bin?“ „Nun, ſo ſchlagen Sie ein; ich ſage Ihnen nicht mehr, Auf Wiederſehen, Vater Guillaume! auf Wa⸗ e. ren von nen daß ire, der el⸗ ro⸗ a? das er⸗ ſie mit in Sie cht uf 127 Wiederſehen, Mama Watrin! ſeien Sie für die Gibe⸗ lotte beſorgt!“ Und als der Maire nach dieſen Worten wegging, gab ihm die Alte das Geleite unter vielen Verneigun⸗ gen und ſagte zu ihm: „Auf Wiederſehen, Herr Maire, auf Wiederſehen. Entſchuldigen Sie mich bei Mademviſelle Euphroſine.“ Guillaume war, den Kopf ſchüttelnd, an ſeinem Platze geblieben. Er hatte ſich offenbar nicht über die Urſache der Freundlichkeit des Maire getäuſcht. Es handelte ſich, wie er geſagt hatte, darum, ihm ſeine baumwollene Mütze über die Augen zu ziehen. Als Marianne, ganz jammervoll über den Abgang von Mademviſelle Euphroſine, auf ihn zukam und zu ihm ſagte: „Ah! mein Alter, ich hoffe, Du wirſt Bernard zanken!“ Da fragte ungeſtüm der Forſtwart: „Und worüber werde ich ihn zanken?“ „Wie! darüber, daß er nur Augen für Catherine hat und Mademviſelle Roiſin kaum grüßte.“ „Das kommt davon her, daß er Mademoiſelle Roiſin faſt jeden Tag ſeit achtzehn Monaten geſehen hat, während er ſeine Couſine in dieſen achtzehn Mo⸗ naten nur zweimal ſehen konnte,“ antwortete Guillaume. „Gleichviel... oh! mein Gott! mein Gott!“ murmelte Marianne. Der Vater Guillaume blieb nicht nur unempfind⸗ lich bei dieſer Verzweiflung, ſondern er ſchien ſogar etwas ungeduldig darüber zu werden. Er ſchaute ſeine Frau an. „Sage mir ein wenig, Mutter?“ fragte er. „Was denn?“ „„Haſt Du gehört, was der Herr Maire geſprochen hat? „Worüber?“ 128 „Ueber die Gibelotte, für die Du beſorgt ſein mögeſt.“ „Ja.“ „Nun wohl! das iſt ein guter Rath, Frau, den er Dir gegeben hat.“ „Aber ich möchte Dir gern ſagen...5 „Und dann müßteſt Du die Torte in den Ofen ſchieben.“ „Oh! ja, ich verſtehe, Du ſchickſt mich weg?“ „Ich ſchicke Dich nicht weg; ich ſage Dir ganz einfach, Du ſollſt in die Küche gehen und nach Deinen Geſchäften ſehen.“ „Es iſt gut,“ ſprach die Mutter Watrin, in ihrer Würde verletzt,„man geht in die Küche, man geht.“ „Schau,“ ſagte der Forſtwart, indem er ſeiner Frau mit den Augen folgte,„wenn man bedenkt, daß es nicht ſchwieriger iſt, liebenswürdig zu ſein, und Du biſt es ſo ſelten!“ „Ah! ich bin liebenswürdig, weil ich gehe?.„ Es iſt ſehr artig, was Du da ſagſt.“ Der Vater Guillaume trat an ein Fenſter, nahm ſeinen Stummel aus dem Munde und fing aneine Melo⸗ die zu pfeifen. „Ah! ja,“ fuhr die Mutter fort,„das iſt hübſch, was Du da machſt! pfeife nur der Ausſicht vor!“ Hienach ging ſie durch die Küchenthüre ab. „Ja,“ murmelte Guillaume, als er allein war, „ja, ich pfeife der Ausſicht vor. und ich pfeife, weil ich die lieben armen Kinder ſehe und es mir Vergnügen macht, ſie zu ſehen. Sprecht,“ fuhr er fort, obgleich Niemand da war, um ſeine Frende zu theilen,„ſollte man nicht glauben, es ſeien zwei Engel des guten Gottes, ſo ſchön und lächelnd ſind ſie? Sie kommen hierher: ſtören wir ſie nicht?“ Der Vater Guillaume ſtieg ſodann leiſer pfeifend, ſo wie ſie näher kamen, gegen ſein Zimmer hinauf, in en en 129 und in dem Augenblick, wo er die Thüre dieſes Zim⸗ mers öffnete, erſchienen ſie auf der Schwelle der unteren Stube. Doch oben von der Treppe herab, wo er ſtehen geblieben war, um ſie ſo ſpät als möglich aus dem Geſichte zu verlieren, murmelte er die Worte: „Gott ſegne Euch, Kinder!... Sie hören mich nicht: deſto beſſer! ſie horchen auf eine andere Stimme, welche ſüßer ſingt, als die meinige.“ Guillaume täuſchte ſich nicht: dieſe Stimme, welche nicht bis zu ihm gelangte, war die himmliſche Stimme der Ingend und der Liebe, und ſie ſprach durch den Mund der zwei jungen Leute: „Wirſt Du mich immer lieben?“ fragte ſie. „Immer,“ antwortete Bernard. „Nun! es iſt ſeltſam!“ verſetzte Catherine,„die⸗ ſes Verſprechen, das mir das Herz mit Freude er⸗ füllen ſollte, macht mich im Gegentheil traurig.“ „Theure, arme Catherine!“ flüſterte Bernard mit ſeinem ſüßeſten Tone,„mache ich Dich traurig, wenn ich Dir ſage, ich liebe Dich, ſo weiß ich nicht mehr, was ich Dir ſagen ſoll, um Dich zu erheitern.“ „Bernard,“ ſprach Catherine, mehr auf ihren eigenen Gedanken, als auf die Worte ihres Geliebten antwortend,„Deine Eltern ſind ſeit ſechsundzwanzig Jahren verheirathet, und abgeſehen von einigen kleinen Zänkereien ohne Bedeutung leben ſie ſo glücklich, als am erſten Tage ihrer Ehe.. So voft ich ſie an⸗ ſchaue, frage ich mich, ob wir eben ſo glücklich ſein werden, und beſonders, ob wir eben ſo lang glücklich ſein werden, als ſie es geweſen ſind.“ „Und warum nicht?“ „Dieſe Frage, die ich an Dich richte,— hätte ich eine Mutter, ſo wäre es dieſe Mutter, welche be⸗ ſorgt für das Glück ihrer Tochter ſie ſelbſt an Dich Catherine Blum. 9 1³0⁰ richten würde; doch ich habe weder Vater, noch Mut⸗ ter, ich bin Waiſe, und mein ganzes Glück, wie meine ganze Liebe, iſt in Deinen Händen. Höre, Bernard, wenn Du glaubſt, es ſei Dir möglich, mich eines Tags weniger zu lieben, ſo laß uus auf der Stelle brechen! Ich werde darüber ſterben, ich weiß es; ſollteſt Du mich aber eines Tags nicht mehr lieben, oh! dann möchte ich eher ſterben, ſo lange Du mich liebſt, als jenen Tag abwarten.“ „Schau mich an, Catherine,“ erwiederte Bernard, „und Du wirſt meine Antwort in meinen Angen ge⸗ ſchrieben finden.“ „Haſt Du Dich aber geprüſt, Bernard? Biſt Du ſicher, daß es nicht die Liebe eines Bruders, ſondern die Liebe eines Liebhabers iſt, was Du für mich hegſt?“ „Ich habe mich nicht geprüft,“ ſagte der junge Mann,„Du aber haſt mich geprüft.“ „Ich? und wie dies“ „Durch Deine achtzehn Monate lange Abweſen⸗ heit! Glaubſt Du denn, dieſe Trennung von achtzehn Monaten ſei keine Prüfung? Außer meinen zwei Reiſen nach Paris und ein paar Tagen des Glückes, habe ich ſeit Deinem Abgange nicht gelebt, denn es heißt nicht leben, leben ohne Seele, nichts lieben, an nichts Ge⸗ ſchmack finden, unabläſſig ſchlechter Laune ſein. Ei! mein Gott! alle Leute, die mich kennen, werden es Dir ſagen, mein Wald, dieſer ſchöne Wald, wo ich geboren bin, meine großen Eichen mit ihrem Rauſchen, meine ſchönen Buchen mit der ſilbernen Rinde. ſeit Dei⸗ nem Abgange gefiel mir von Allem dem nichts mehr. Früher, wenn ich am Morgen wegging, hörte ich in der Stimme von allen dieſen Vögeln, welche erwachten und Gott ſeine Morgenröthe beſangen, Deine Stimme! Am Abend, wenn ich zurückkam und, meine Gefährten verlaſſend, welche dem Fußpfade folgten, in den Wald eindrang, war etwas wie ein ſchönes, weißes —— — t⸗ ie d, 5 u 18 d e⸗ u 131 Fantom da, das mich rief, das zwiſchen den Bäumen durchſchlüpfte, das mir den Weg zeigte, das verſchwand, ſo wie ich mich dem Hauſe näherte, und das ich vor der Thüre, mich erwartend, wiederfand. Seitdem Du abgereiſt biſt, Catherine, verging kein Morgen, ohne daß ich zu den Andern ſagte:„„Wo ſind die Vögel? ich höre ſie nicht mehr ſingen, wie früher!““ und es gab keinen Abend, wo ich nicht, ſtatt wie Jedermann, heiter und frendig anzukommen, zuletzt, müde und traurig nach Hauſe kam.“ „Theurer Bernard!“ flüſterte Catherine, indem jungen Manne ihre ſchöne Stirne zu küſſen gab. „Doch ſeitdem Du da biſt, Catherine,“ ſprach Bernard mit der jugendlichen Begeiſterung, die nur den erſten Schlägen des Herzens, den erſten Träumen der Einbildungskraft eigenthümlich iſt,„ſeitdem Du da biſt, hat ſich Alles geändert! die Vögel ſind in die Aeſte wiedergekehrt, und mein ſchönes Fantom, deſſen bin ich ſicher, erwartet mich dort im Hochwalde, um mich den Fußpfad verlaſſen zu machen und mich nach Hauſe zu führen... und auf der Schwelle dieſes Hauſes, deſſen bin ich auch ſicher, oh! auf dieſer Schwelle finde ich nicht mehr das Fantom der Liebe, ſondern die Wirklichkeit des Glückes!“ „Oh! mein Bernard, wie liebe ich Dich!“ rief Catherine. „Und dann und dann...“ fuhr Bernard die Stirne faltend fort,„und dann.„„ Doch nein, ich will nicht hievon ſprechen.“ „Sprich mir von Allem! ſage mir Alles! ich will Alles wiſſen.“ „Heute Morgen, Catherine, als der böſe Geiſt Mathieu mir den Brief des Pariſers zeigte, den Brief, in welchem dieſer Menſch zu Dir ſprach, zu Dir, meine Catherine, zu der ich nur ſpreche wie zur heiligen 132 Jungfrau, zu Dir, meine ſchöne Waldwinde, wie et mit ſeinen Mädchen von der Stadt ſpricht, da empfand ich einen ſolchen Schmerz, daß ich glaubte, ich werde ſterben, und zugleich eine ſolche Wuth, daß ich mir ſagte:„„Ich will ſterben, gut! doch ehe ich ſterbe, werde ich wenigſtens ihn tödten!““ „Ja,“ verſetzte Catherine mit ihrem liebkoſendſten Tone,„und darum biſt Du mit Deinem geladenen Ge⸗ wehre auf der Straße nach Gondreville weggegangen, ſtatt ruhig hier Deine Catherine zu erwarten! Darum haſt Du ſechs Meilen in zwei und einer halben Stunde gemacht, auf die Gefahr, vor Müdigkeit und Hitze zu ſterben! Doch Du biſt beſtraft worden; Du haſt Deine Catherine eine Stunde ſpäter wiedergeſehen..„Aller⸗ dings iſt die Unſchuldige mit dem Schuldigen beſtraft worden!.. Eiferſüchtiger!“ „Ah! ja, eiferſüchtig!“ murmelte Bernard, die Zähne an einander preſſend,„Du haſt das Wort ge⸗ ſagt! Oh! Du weißt nicht, was die Eiferſucht iſt.“ „Doch! ich bin einen Augenblick eiferſüchtig ge⸗ weſen,“ entgegnete Catherine lachend;„Du kannſt aber ruhig ſein, ich bin es nicht mehr.“ „Das heißt, ſiehſt Du,“ fuhr Bernard fort, indem er ſeine geballte Fauſt an ſeine Stirne preßte,„das heißt, hätte das Unglück gewollt, daß Du dieſen Brief nicht bekommen, oder daß Du, wenn Du ihn be⸗ kommen, nichts an Deinem Wege geändert haben würdeſt, kurz, wenn Du über Villers⸗Cotterets gefah⸗ ren wäreſt, und Du wäreſt dem Gecken begegnet... ah! ſchon bei dieſem Gedanken, Catherine, ſtreckt ſich . meine Hand nach meiner Flinte aus, und... „Schweig!“ rief Catherine erſchrocken über den Ausdruck, den das Geſicht des jungen Mannes ange⸗ nommen hatte, und zugleich wie betroffen von einer Erſcheinung. — d——)) — 7—— c— em ief be⸗ en ⸗ ich en e⸗ ter 133 „Ich, ſchweigen? und warum ſchweigen?“ fragte der junge Mann. „Stille! ſtille!“ flüſterte Catherine Bernard ins Ohr,„er iſt dort, bei der Thüre!“ „Er?“ rief Bernard.„Und was will er hier?“ „Stille!“ wiederholte Catherine dem jungen Manne die Hand drückend.„Deine Mutter hat ihn ſelbſt ein⸗ geladen, mit dem Herrn Maire und Mademoiſelle Sr zu kommen... Bernard, er iſt Dein Gaſt!“ Es war wirklich ein elegant gekleideter junger Mann, in einem Morgenüberrock, mit einer farbigen Halsbinde und mit einer Reitpeitſche in der Hand auf der Schwelle erſchienen; als er die zwei jungen Leute, ein⸗ ander faſt in den Armen liegend, ſah, ſchien er ſich zu fragen, ob er eintreten oder weggehen ſollte. Der Blick von Bernard kreuzte ſich in dieſem Mo⸗ mente mit dem ſeinigen. Die Augen des jungen Forſtwächters ſchleuderten itze. Pariſer begriff inſtinctartig, daß er in die Höhle des Tigers gerathen war. „Verzeihen Sie, Herr Bernard,“ murmelte er, „ich ſuchte „Ja,“ erwiederte dieſer,„und indem Sie ſuchten, fanden Sie, was Sie nicht ſuchten?“ „Bernard!“ ſagte leiſe Catherine,„Bernard!“ „Laß mich!“ ſprach der junge Mann, während er ſich von der feſthaltenden Hand von Catherine loszu⸗ machen ſtrebte;„ich habe Herrn Chollet ein paar Worte zu ſagen; ſind dieſe Worte geſagt, iſt die Frage klar und ſcharf zwiſchen uns herausgeſtellt, ſo wird Alles beendigt ſein.“ „Bernard!“ wiederholte Catherine,„Ruhe, kaltes ut „Sei unbeſorgt laß mich aber zwei Worte.. 134 dem Herrn ſagen! oder, bei meiner Treue!.. ich ſage ihm vier ſtatt zwei!“ „Gut! doch...„ „Ich wiederhole Dir, Du kannſt unbeſorgt ſein!..“ Und mit einer Bewegung, in deren Heftigkeit man ſich nicht täuſchen konnte, ſchob Bernard Catherine gegen die Thüre. Catherine begriff, jedes phyſiſche oder moraliſche Hinderniß würde den Zorn ihres Geliebten nur ſtei⸗ gern; ſie zog ſich mit gefalteten Händen zurück und flehte ihn nur mit dem Blicke an. Als die Küchenthüre hinter Catherine geſchloſſen war, befanden ſich die jungen Leute allein. Vernard ging auf den Pariſer zu und ſagte zu ihm: „Nun! mein Herr, ich ſuche auch Etwas oder vielmehr Jemand, doch. glücklicher als Sie, habe ich dieſen Jemand gefunden. Ich ſuchte Sie, mein Herr.“ „Mich?“ Ja Siei Der Pariſer lächelte... Sobald der Mann ihn angriff, wollte er als Mann antworten. „Sie ſuchten mich?“ .— „Ja „Mir ſcheint, ich bin nicht ſchwer zu finden.“ „Ausgenommen jedoch, wenn Sie Morgens im Tilbury wegfahren, um die Pariſer Diligence auf der Straße von Gondreville zu erwarten.“ Der junge Mann richtete ſich hoch auf und erwie⸗ derte mit einem verächtlichen Lächeln: „Ich fahre Morgens aus, wenn es mir beliebt, und fahre, wohin es mir gefällt, Herr Bernard. Das geht nur mich an.“ „Sie haben vollkommen Recht, mein Herr. Je⸗ dem ſteht es frei, zu handeln, wie er will; doch es * nan ine ſche tei⸗ ind ſſen m: der ein unn im der ie⸗ bt, as Je⸗ es 135 gibt eine Wahrheit, die Sie hoffentlich nicht beſtreiten werden, obgleich ſie von mir kommt.“ „Welche?“ „Jeder iſt Herr ſeines Gutes.“ „Ich beſtreite das nicht, Herr Bernard.“ „Sie begreifen nun, mein Herr, mein Gut iſt mein Feld, wenn ich Bauer bin; es iſt meine Schä⸗ ferei, wenn ich Viehzüchter bin; es iſt mein Pachthof⸗ wenn ich Pächter bin! Nun wohl! ein Wildſchwein kommt aus dem Walde und verwüſtet mein Feld: ich ſtelle mich auf den Anſtand und tödte das Schwein! ein Wolf kommt aus dem Walde, um meine Schaafe zu erwürgen: ich ſende dem Wolfe eine Kugel zu, und er verendet an dieſer Kugel! ein Fuchs kommt in mei⸗ nen Pachthof und bringt meine Hühner um: ich fange den Fuchs in der Falle und zertrete ihm den Kopf mit den Abſätzen meiner Stiefel! So lange das Feld nicht mein war, ſo lange die Schaafe nicht mir ge⸗ hörten, ſo lange die Hühner anderer Lente Eigenthum waren, erkannte ich mir dieſes Recht nicht zuz doch ſobald Feld, Schaafe und Hühner mir gehören, iſt es etwas Anderes... Ah! mein Herr Chollet, ich habe die Ehre, Ihnen mitzutheilen, daß ich, unter der Be⸗ dingung der Genehmigung des Vaters und der Mutter, Catherine heirathen werde, und daß in vierzehn Tagen Catherine ſein wird: meine Frau, mein Gut, mein Eigenthum, folglich! das will beſagen:„„Wehe dem Wildſchweine, das mein Feld verwüſten würde! wehe dem Wolfe, das um meine Lämmer ſchleichen würde! wehe dem Fuchſe, der nach meinen Hühnern lüſtern wäre!““ Haben Sie nun einige Einwendungen, hiege⸗ gen zu machen, ſo machen Sie dieſelben, Herr Chollet, und zwar auf der Stelle! Ich höre Sie.“ „Leider,“ erwiederte der Pariſer, dem es, ſo mu⸗ thig er war, nicht unangenehm ſein mochte, wenn er 136 aus einer falſchen Stellung gezogen wurde,„leider hö⸗ ren Sie mich nicht allein.“ „Nicht allein?“ „Nein... wollen Sie, daß ich Ihnen vor einer Frau und einem Prieſter antworte?“ Bernard wandte ſich um und erblickte wirklich den Abbé Gregvire auf der Thürſchwelle. „Nein... Sie haben Recht: ſtille!“ ſagte er. „Morgen alſo, nicht wahr?“ fragte Chollet. „Morgen! übermorgen!.. wann Sie wollen, wo Sie wollen, wie Sie wollen!“ „Sehr gut!“ „Mein Freund,“ ſprach Catherine, zu glücklich, daß ihr die Ankunft des guten Abbé Gregvire ein Mittel zur Unterbrechung geboten,„hier iſt unſer theu⸗ rer Abbé Gregoire, den wir von ganzem Herzen lieben, und den ich für meine Perſon ſeit achtzehn Monaten nicht geſehen habe.“ „Guten Morgen, meine Kinder! guten Morgen!“ ſagte der Abbé. Die zwei jungen Leute wechſelten einen letzten Blick, der einer gegenſeitigen Herausforderung gleich⸗ kam, und während Louis Chollet, nachdem er Cathe⸗ rine und deu Abbé gegrüßt, ſich entfernte, küßte Ber⸗ nard, ein Lächeln auf der Stirne und auf den Lippen, dem guten Prieſter die Hand und ſagte: „Seien Sie willkommen, Mann des Friedens in dieſem Hauſe, wo man nichts Anderes verlangt, als im Frieden zu leben!“ . in 1⸗ 1, n 137 XII. Der Abbé Gregoire. Es gibt in den einfachſten Exiſtenzen Ereigniſſe, welche providentiell zu ſein ſcheinen. Die Ankunft des Abbs Gregoire gerade in dem Augenblick, wo die zwei jungen Leute wahrſcheinlich eine Herausforderung gewechſelt hätten, war eines von dieſen Ereigniſſen. Da der gute Abbé einen langen Gang zu machen hatte, um zwiſchen ſeiner ſtillen Meſſe und ſeiner Veſper zum neuen Hauſe zu kommen, wo er nur ein einziges Mal geweſen war, da nichts die Gegenwart des Abbé zur Stunde, wo dieſe Gegenwart ſich offen⸗ barte, zu erklären vermochte, ſo erhob auch Bernard, nachdem er ihm die Hand geküßt, das Haupt und fragte lachend: „Was machen Sie denn hier, Abbs?“ „Ich „Ja...Ich wette,“ fuhr Bernard fort,„Sie vermuthen nicht, was Sie im neuen Hauſe thun wollten, oder vielmehr, was Sie hier thun werden!“ Der Abbé ſuchte nicht einmal das Räthſel, das man ihm aufgab, zu löſen. „Der Menſch denkt, Gott lenkt,“ ſagte er.„Ich überlaſſe mich der Lenkung Gottes.“ Er fügte ſodann bei: „Ich, was mich betrifft, nahm mir ganz einfach vor, dem Vater einen Beſuch zu machen.“ „Haben Sie ihn geſehen?“ fragte Bernard. „Noch nicht,“ antwortete der Abbé. „Herr Abbé,“ ſprach Bernard, indem er Cathe⸗ 138 rine zärtlich anſchaute, während er das Wort an den Prieſter richtete,„Sie ſind immer willkommen, doch heute ſind Sie noch mehr willkommen, als an den an⸗ dern Tagen.“ Ja, ich errathe,“ verſetzte der Abbé,„wegen der Ankunft des lieben Kindes.“ „Ein wenig dieſes Umſtandes wegen, lieber Abbé, viel wegen eines andern.“ „Nun! meine Kinder,“ ſagte der Abbé, der mit den Augen einen Sitz ſuchte,„Ihr werdet mir das er⸗ zählen.“ Bernard lief nach einem Lehnſtuhle und ſtellte ihn in die Nähe des Prieſters, der, müde von ſeinem Gange, ſich nicht bitten ließ, um Platz zu nehmen. „Hören Sie, Herr Abbé,“ ſprach Bernard,„ich müßte vielleicht eine große Rede halten, doch ich will Ihnen die Sache lieber mit zwei Worten ſagen. Ca⸗ therine und ich, wir wollen uns heirathen.“ „Ah! ah!.. Und Du liebſt Catherine, Junge?“ fragte der Abbé Gregvire. „Ich glaube wohl, daß ich ſie liebe!“ Und Du, Du liebſt Bernard, mein Kind?“ „Oh! von ganzer Seele!“ „Mir ſcheint, dieſes Bekenntniß gehört den näch⸗ ſten Verwandten.“ „Ja, Herr Abbs,“ erwiederte Bernard,„doch Sie ſind der Freund meines Vaters, Sie ſind der Beichti⸗ ger meiner Mutter, Sie ſind der liebe Abbé von uns Allen: nun denn! reden Sie hievon mit dem Vater Guil⸗ laume, der mit der Mutter Marianne reden wird... Suchen Sie uns ihre Einwilligung zu erlaugen, was, wie ich hoffe, nicht ſchwierig iſt, und Sie wer⸗ den zwei ſehr glücktiche junge Leute ſehen! Ei!“ fügte Bernard bei, indem er ſeine Hand auf die Schul⸗ ter des Abbé legte, der Vater Guillaume tritt hier eben aus ſeiner Stube. Sie kennen die Schanze, die en och in⸗ en bé, mit er⸗ ihn em ich vill a⸗ 25 h⸗ ie ti⸗ u8 il⸗ , er⸗ 6„ ul⸗ ier die 139 Sie zu erſtürmen haben, greifen Sie muthig an. Mitt⸗ lerweile werden Catherine und ich, Ihr Lob ſingend, ſpazieren gehen... Komm, Catherine!“ Hienach nahmen Beide, munter und leicht wie Vögel, ihren Flug durch die Thüre und von der Thüre nach dem Walde. Während dieſer Zeit war der Vater Guillaume auf dem Ruheplatze ſtehen geblieben, und der Abbé Gregvire, der ſich nach ſeiner Seite umwandte, grüßte ihn nun mit der Hand. „Ich habe Sie von fern kommen ſehen,“ fing der Vater Guillaume an,„und ich ſagte mir:„„Es iſt der Abbé! Wahrlich, es iſt der Abbe!““ Nur konnte ich es faſt nicht glauben. Welch ein Glück, gerade heute!... Ich wette, Sie kommen nicht uns zu Liebe, ſondern wegen Catherine.“ „Nein, Sie täuſchen ſich, ich wußte nichts von ihrer Ankunft.“ „Dann werden Sie nur um ſo mehr erfreut ge⸗ weſen ſein, ſie hier zu finden; nicht wahr? Wie iſt ſie ſchön geworden!... Sie bleiben beim Mittag⸗ eſſen, wie ich hoffe? Ah! ich ſage Ihnen zum Vor⸗ aus, Herr Abbé, Alles, was heute in das Haus ein⸗ tritt, geht nicht vor zwei Uhr morgen früh weg.“ Nun ſtieg der Vater Guillaume die Treppe voll⸗ ends herab und ſtreckte ſeine beiden offenen Hände dem Abbé Gregvire entgegen. „Morgen früh um zwei Uhr!“ wiederholte der Abbé;„es wird mir noch nie vorgekommen ſein, daß ich mich um zwei Uhr Morgens zu Bette gelegt habe.“ „Bah! und am Tage der Mitternachtsmeſſe?“ „Wie werde ich nach Hauſe kommen?“ „Der Herr Maire wird Sie in ſeiner Caleche zu⸗ rückführen.“ Der Abbeé ſchüttelte den Kopf und erwiederte: 140 „Hm! der Maire und ich, wir ſtehen nicht ganz gut mit einander.“ „Das iſt Ihre Schuld,“ ſagte Guillaume. „Wie, meine Schuld?“ fragte der Abbé erſtaunt, daß er ſeinen alten Freund, den Forſtwart, ihm ſo geradezu Unrecht geben ſah. „Oh! ja, Sie haben das Unglück gehabt, in ſei⸗ ner Gegenwart zu ſagen: Du ſollſt das Gut des Andern nicht nehmen, noch es wiſſentlich be⸗ halten.“ „Nun!“ verſetzte der Abbé,„ich ſage nicht, ich wolle nicht, ſelbſt auf die Gefahr, bei Nacht zu Fuße nach Haus zurückkehren zu müſſen, bei Ihrer Geſell⸗ ſchaft ſein. Ueberdies vermuthete ich, als ich hierher ging, ich werde über die Gebühr lange bleiben, und ich bat den Herrn Pfarrer, meine Stelle bei der Ves⸗ per und beim Schlußgebet einzunehmen.“ „Bravo! Sie geben mir meine ganze frohe Laune wieder, Abbé!“ „Deſto beſſer!“ verſetzte dieſer, indem er ſeinen Arm auf den des Forſtwarts legte:„denn es iſt für 6. nothwendig, daß ich Sie in dieſer Stimmung nde.“ „Mich?“ ſagte Guillaume mit Erſtaunen. „Ja Sie ſind zuweilen ein wenig Murr⸗ „Ab!“ „Und heute... gerade...5 Der Abbé hielt, Guillaume auf eine ſeltſame Weiſe anſchauend, inne. „Was?“ fragte der Forſtwart. „Nun! heute habe ich zwei bis drei Dinge von Ihnen zu verlangen.“ „Von mir zwei bis drei Dinge?“ „Setzen wir zwei, um Sie nicht zu ſehr zu er⸗ ſchrecken.“ ſa 141 „Für wen?“ „Sie müſſen übrigens hieran gewöhnt ſein, Va⸗ ter Guillaume; ſo oft ich die Hand gegen Sie aus⸗ ſtrecke, geſchieht es, um zu ſagen:„„Mein lieber Herr Watrin, ein Almoſen, wenn's beliebt!““ „Nun! was iſt es? Laſſen Sie hören!“ fragte lachend der Vater Guillaume. „Es handelt ſich vor Allem um den alten Pierre.“ „Ah! ja, armer Teufel! ich kenne ſein Unglück. Dieſem Landſtreicher Mathien iſt es gelungen, es da⸗ hin zu bringen, daß man ihn von Herrn Roiſin weg⸗ geſchickt hat.“ „Er war ſeit zwanzig Jahren dort, und wegen eines vorgeſtern verloren gegangenen Briefes...“ „Herr Roiſin hat Unrecht gehabt,“ ſprach der Va⸗ ter Guillaume;„ich habe es ihm dieſen Morgen ge⸗ ſagt, und Sie werden es ihm wiederholen, wenn er zurückkommt. Man jagt einen zwanzigjährigen Diener nicht fort, ein zwanzigjähriger Diener iſt ein Theil der Familie. Ich, ich würde einen Hund nicht weg⸗ jagen; der zehn Jahre in meinem Hofe geblieben wäre!“ „Ah! ich kenne Ihr gutes Herz: ich habe mich auch ſchon am Morgen auf den Weg begeben, um eine Collecte für den armen Mann zu machen... Die Ei⸗ nen reichten mir zehn Sous, die Andern zwanzig... Da dachte ich an Sie; ich ſagte zu mir ſelbſt:„Ich will nach dem neuen Hauſe am Wege von Soiſſons gehen: das iſt anderthalb Meilen hin, anderthalb Meilen zu⸗ rück, drei Meilen im Ganzen Ich taxire den Vater Guillaume zu zwanzig Sous für die Meile, und das macht drei Franken.. abgeſehen davon, daß ich das Vergnügen haben werde, ihm die Hand zu drücken!““ „Gott belohne Sie, Herr Abbé, denn Sie ſind ein wackeres Herz!“ 2 Hienach ſtörte der Vater Guillaume in ſeiner Taſche, zog zwei Fünf⸗Franken Stücke heraus und gab ſie dem Abbé Gregvire. „Oho!“ ſagte der Abbé,„zehn Franken! Das iſt viel für Ihr kleines Vermögen, lieber Herr Wa⸗ trin.“ „Ich bin mehr ſchuldig als die Andern, weil ich dieſen Wolf Mathieu bei mir aufgenommen habe, und weil Mathien gewiſſer Maßen von mir hervorge⸗ gangen iſt, um das Böſe zu thun.“ „Es wäre mir lieber,“ ſprach der Abbé, während er die Fünf⸗Franken⸗Stücke zwiſchen ſeinen Fingern hin und her drehte, als machte es ihm Gewiſſensbiſſe, die arme Haushaltung einer ſolchen Summe zu berau⸗ ben,„es wäre mir lieber, guter Papa Guillaume, wenn Sie mir nur drei Franken oder ſozar nichts geben würden, und Sie erlaubten ihm, ein wenig Holz in Ihrem Reviere aufzuleſen.“ Der Vater Guillaume ſchaute dem Abbé, wie man zu ſagen pflegt, zwiſchen die zwei Angen und ſprach ſodann mit einem bewunderungswürdigen Ausdrucke naiver Redlichkeit: „Das Holz gehört Seiner Hoheit dem Herzog von Orleans, mein lieber Abbs, während das Geld mein iſt. Nehmen Sie alſo das Geld, und Pierre hüte ſich wohl, das Holz anzurühren!... Dieſe Sache iſt nun abgethan; gehen wir zur andern über. Laſſen Sie hören, was haben Sie noch mehr von mir zu ver⸗ langen?“ 3 „Ich habe eine Petition übernommen.“ „An wen?“ „An Sie.“ „Eine Petition an mich? Gut! wir wollen ſehen.“ „Sie iſt mündlich.“ 4 „Von wem iſt dieſe Petition?“ „Von Bernard.“ —————— ———„— W N— ß n e n h ie T⸗ 143 „Was will er?“ „Er will„ „Nun! vollenden Sie doch!“ „Nun! er will ſich verheirathen!“ „Ho! ho!“ rief der Vater Guillaume. „Warum denn ho! ho!? Hat er nicht das Al⸗ ter?“ fragte der Abbs Gregoire. „Doch! aber mit wem will er ſich verheirathen?“ „Mit einem guten Mädchen, das er liebt und von dem er geliebt wird.“ „Wenn es nicht Mademoiſelle Euphroſine iſt, die er liebt, ſo erlaube ich ihm, zur Frau zu nehmen, wen er will, und wäre es meine Großmutter.“ „Beruhigen Sie ſich, mein wackerer Freund! die Frau, die er liebt, iſt Catherine.“ „Wahrhaftig? wahrhaftig?“ rief frendig der Va⸗ ter Guillaume;„Bernard liebt Catherine und Catherine liebt ihn?“ „Vermutheten Sie das nicht? fragte der Abbé Gregoire. „Oh! doch! Ich hatte bange, ich könnte mich täu⸗ ſchen!“ „Sie willigen alſo ein?“ Er ſchwieg ſodann plößlich und ſagte nach einem Augenblick: be „Was aber?“ „Aber man muß mit der Alten davon reden.. Alles, was wir ſeit ſechsundzwanzig Jahren gethan haben, haben wir in Uebereinſtimmung gethan. Bernard iſt ihr Sohn wie der meinige: man muß alſo mit der „Von ganzem Herzen,“ erwiederte der Vater Gnil⸗ laume. Alten davon reden.. Ja, ja,“ fuhr der Vater Guil⸗ laume fort,„das iſt nothwendig!“ 5 Er öffnete ſodann die Küchenthüre und rief: 14⁴ „He! Mutter, komm hieher.“ Nach dieſen Worten näherte er ſich dem Abbé, ſeine Pfeife zwiſchen ſeinen Zähnen feſt drückend und ſich die Hände reibend, was beim Vater Guillaume das Zeichen der höchſten Zufriedenheit war. „Ah! ah! dieſer Schelm Bernard,“ fügte er bei, „das iſt die geiſtreichſte Dummheit, die er in ſeinem Leben gemacht hat!“ In dieſem Augenblick erſchien die Mutter Watrin, die ſich die Stirne mit ihrer weißen Schürze abwiſchte, an der Thüre ihrer Küche. „Nun! was gibt es? fragte ſie. „Komm hieher, ſagt man Dir!“ erwiederte Guil⸗ laume. „Ei! man muß ſehr einfältig ſein, um mich ſo in dem Augenblick, wo ich meinen Teig knete, zu ſtören.“ Plötzlich aber, als ſie ihren Gaſt erblickte, den ſie noch nicht geſehen hatte, rief ſie: „Ah! der Herr Abbé Gregoire! Ich wußte nicht, daß Sie hier ſind; ſonſt hätte man nicht nöthig ge⸗ habt, mich zu rufen.“. „Gut,“ ſagte Guillaume zum Abbé.„Hören Sie, hören Sie? Nun geht es los!“ „Sie befinden ſich wohl?“ fuhr die Mutter Wa⸗ trin fort;„und Ihre Nichte, Mademoiſelle Alexandrine, ſie befindet ſich auch wohl? Sie wiſſen, daß Jedermann im Hauſe voll Freude iſt wegen der Rückkehr von Ca⸗ therine.“ „Gut! gut! gut! Sie werden mir helfen, ihr einen Sprungriemen anlegen, nicht wahr, Herr Abbé, wenn ich nicht allein mit ihr fertig werde.“ „Warum haſt Du mich dann gerufen,“ verſetzte Marianne mit einem Ueberreſte von Bitterkeit,„wenn Du mich verhinderſt, den Herrn Abbé zu begrüßen und mich nach ſeinem Befinden zu erkundigen?“ — — 0— c—„ l⸗ in ie t, e⸗ d⸗ te, in a⸗ en n te in nd 145 „Ich habe Dich gerufen, daß Du mir ein Vergnügen machen ſollſt.“ „Und welches?“ „Das, mir Deine Anſicht mit zwei Worten und ohne Phraſen über eine wichtige Angelegenheit zu ſagen. Bernard will ſich verheirathen.“ „Bernard! ſich verheirathen! Mit wem?“ „Mit ſeiner Couſine.“ „Mit Catherine?“ „Mit Catherine, ja.. Und nun laß Deine Mei⸗ nung hören. Geſchwinde!“ „Catherine,“ antwortete die Mutter Watrin,„iſt ein braves Kind, ein gutes Mädchen.. „Schön! Fahre fort.“ „Sie könnte uns keine Schande machen.“ „Vorwärts! vorwärts!“ „Nur hat ſie nichts.“ „Nichts?“ „Durchaus nichts.“ „Frau, lege nicht in die Wagſchaale ein paar elende Thaler und das Unglück dieſer armen Kinder!“ „Aber ohne Geld, Alter, lebt man ſchlecht!“ „Und ohne Liebe lebt man noch ſchlechter!“ „Ah! das iſt wahr!“ murmelte Marianne. „Als wir uns verheiratheten,“ fuhr der Vater Guil⸗ laume fort,„hatten wir Geld? Nein, wir waren bettel⸗ arm wie zwei Ratten, abgeſehen davon, daß wir heute noch nicht reich ſind... Nun! was würdeſt Du damals geſagt haben, hätten unſere Eltern uns trennen wollen unter dem Vorwande, es fehle uns an einigen hundert Thalern, um eine Haushaltung anzufangen?“ „Ja, Alles dies iſt ſchön und gut,“ verſetzte die Mutter Watrin;„das iſt auch nicht das Haupthin⸗ derniß.“ Sie ſprach dieſe Worte mit einem Tone, der Guil⸗ Catherine Blum. 10 146 laume begreiflich machte, wenn er geglaubt habe, Alles ſei beendigt, ſo täuſche er ſich ſehr, und es werde ſich eine ebenſo zähe, als unerwartete Schwierigkeit erheben. „Gut,“ ſprach Guillaume, der ſich ſeinerſeits zum Kampfe anſtemmte,„und was für ein Hinderniß iſt dies?“ „Oh! Du begreifſt mich wohl!“ ſagte Marianne. „Gleichviel!“ erwiederte Guillaume,„thue, als ob ich Dich nicht begriffe.“ „Guillaume, Guillaume,“ ſprach die Mutter, den Kopf ſchüttelnd,„wir können dieſe Heirath nicht auf unſer Gewiſſen nehmen.“ „Und warum nicht?“ „Ei! weil Catherine eine Ketzerin iſt.“ „Ah! Frau! Frau!“ rief Guillaume mit dem Fuße ſtampfend,„ich vermuthete, das werde der Stein des Anſtoßes ſein, und dennoch wollte ich es nicht glauben.“ „Was willſt Du, Alter? Wie ich vor zwanzig Jahren war, ſo bin ich noch hente... Ich habe mich, ſo viel ich konnte, der Heirath ihrer armen Mutter mit Friedrich Blum widerſetzt. Zum Unglück war es Deine Schweſter: ſie war frei und bedurfte meiner Einwilli⸗ gung nicht; nur ſagte ich zu ihr:„Roſe! erinnere ich meiner Prophezeiung: es wird Dir Unglück bringen, daß Du einen Ketzer heiratheſt!“““ Sie hörte nicht auf mich, heirathete, und meine Prophezeiung iſt in Erfüllung gegangen... Der Vater wurde ge⸗ Z die Mutter ſtarb, und das Töchterchen blieb 0 e.. „Willſt Du ihr das etwa vorwerfen?“ „Nein, doch ich werfe ihr vor, daß ſie eine Ketze⸗ rin iſt.“ „Aber, Unglückliche,“ rief der Vater Guillaume, „weißt Du denn nur, was eine Ketzerin iſt?“ „Es iſt eine Creatur, welche verdammt ſein wird.“ „ 8 n. m ſt ob en uf ße in cht 6 nit ine lli⸗ ere ück rte ng ge⸗ ieb ne, de“ 147 „Selbſt wenn ſie redlich iſt?“ „Selbſt wenn ſie redlich iſt!“ „Selbſt wenn ſie eine gute Mutter, eine gute Frau, eine gute Tochter iſt?“ „Selbſt wenn ſie Alles dies iſt.“ „Selbſt wenn ſie alle Tugenden hätte?“ „Alle Tugenden thun nichts hiebei, ſobald ſie eine Ketzerin iſt.“ „Tauſend Millionen Sacramente!“ rief der Vater Guillaume. „Fluche, wenn Du willſt,“ ſprach Marianne,„doch das Fluchen wird nichts ändern!“ „Du haſt Recht: ich miſche mich auch nicht mehr darein!“ Hienach wandte er ſich gegen den würdigen Prieſter um, der dieſen ganzen Streit, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, angehört hatte, und ſagte zu ihm: „Und nun, Herr Abbé, Sie haben gehört: das geht mich nichts mehr an; die Reihe iſt an Ihnen.“ Und er ſtürzte aus der Stube wie ein Menſch, den es drängt, friſche Luft einzuathmen. „Oh! Weiber, Weiber,“ rief er,„Ihr ſeid geſchaf⸗ fen und in die Welt geſetzt worden, um das Menſchen⸗ geſchlecht in Verdammniß zu bringen!“ „Sie aber ſchüttelte mittlerweile den Kopf und murmelte mit ſich ſelbſt ſprechend: „Nein, er mag ſagen, was er will, das iſt un⸗ möglich! Bernard wird keine Ketzerin heirathen. Alles, was man will, nur das nicht! Nein, nein, nein, das nicht!“ 148 XIII. Der Pater und der Sohn. Als der Vater Gnillaume weggegangen war, blieben Frau Watrin und der Abbé Gregoire allein einander gegenüber. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Abbé die Seu⸗ dung angenommen hatte, mit der ihn der alte Forſt⸗ wart in dem Augenblick beauftragte, wo er das Schlacht⸗ feld verließ, nicht als ein beſiegter Mann, ſondern als ein Mann, welcher befürchtet, er könnte, um zu ſiegen, Waffen anwenden, deren ſich zu bedienen er ſich ſchä⸗ men würde. Leider, da Marianne ſeit dreißig Jahren ſein Beicht⸗ kind war, kannte der Abbé Gregoire genau diejenige, mit welcher es zu thun hatte, und da die vorherrſchende Sünde der Mutter Watrin die Halsſtarrigkeit war, ſo hegte er keine große Hoffnung, es werde ihm da glücken, wo Guillaume geſcheitert. Er nahm auch, trotz ſeiner vertrauensvollen Miene, die Frage mit einem gewiſſen inneren Zweifel in Angriff. „Liebe Frau Watrin,“ ſagte er, indem er ſich der Mutter näherte,„haben Sie keinen anderen Einwurf gegen die Heirath zu machen, als die Verſchiedenheit der Religionen?“ „Ich! Herr Abbs?“ erwiederte die Mutter.„Kei⸗ nen! doch mir ſcheint, das genügt!“ „Ah! ah! ich erkläre Ihnen auf mein Gewiſſen, ſtatt nein zu ſagen, müßten Sie ja ſagen.“ „Oh! Herr Abbé,“ rief Marianne die Augen zum — 149 Himmel aufſchlagend,„Sie treiben mich an, meine Einwilligung zu einer ſoichen Heirath zu geben?“ „Allerdings, ich.“ „Nun wohl! ich ſage Ihnen, es wäre im Gegen⸗ theil Ihre Pflicht, ſich dieſer zu widerſetzen!“ „Meine Pflicht, liebe Frau Watrin, iſt, auf dem ſchmalen Wege, auf dem ich wandle, denjenigen, welche mir folgen, ſo viel als möglich Glück zu geben; meine Pflicht iſt es, die Unglücktichen zu tröſten, und beſon⸗ ders denjenigen, welche es werden können, glücklich ſein zu helfen!“ „Dieſe Heirath wäre das Verderben der Seele meines Kindes: ich gebe ſie nicht zu“ „Laſſen Sie uns vernünftig reden,“ ſprach der Abbs:„hat Sie Catherine, obſchon ſie Proteſtantin iſt, immer geliebt und verehrt wie eine Mutter?“ „Oh! über dieſes Kapitel habe ich nichts zu ſagen. Immer! ich muß ihr dieſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen!“ „Sie iſt ſauft, gut, wohlthätig?“ „Sie iſt Alles dies“ „Fromm, aufrichtig, beſcheiden!“ „Pa⸗ „Nun wohl! liebe Fran Watrin, dann beruhige ſich Ihr Gewiſſen! die Religion, welche Catherine alle dieſe Tugenden lehrt, wird die Seele Ihres Sohnes nicht verderben.“ „Nein, Herr Abbé, nein, das kann nicht ſein!“ wiederholte Marianne, die ſich immer tiefer in ihre blinde Halsſtarrigkeit verſenkte. „Ich bitte Sie darum,“ ſagte der Abbé. „Nein.“ „Ich flehe Sie an.“ Der Abbé ſchlug die Augen zum Himmel auf. 2O mein Gott! mein Gott!“ murmeſte er,„Du, der Du ſo gut, ſo mild, ſo barmherzig biſt, Du, der 15⁰ Du nur einen Blick haſt, um die Menſchen zu beur⸗ theilen, Du ſiehſt, in welchem Irrthum dieſe Mutter vegriffen iſt, die ihrer Verblendung den Namen Fröm⸗ migkeit gibt; mein Gott, erleuchte ſie!“ Doch die gute Frau machte fortwährend Zeichen der Verneinung. In dieſem Augenblick kam der Vater Guillaume, der ohne Zweifel an der Thüre gehorcht hatte, wieder herein. „Nun! Herr Abbs“ fragte er, indem er einen ſchie⸗ fen Blick auf ſeine Frau warf,„iſt die Alte vernünf⸗ tiger geworden?“ „Ich hoffe, Frau Watrin wird überlegen,“ erwie⸗ derte der Abbé.“ „Ah!“ machte Guillaume, den Kopf ſchüttelnd und die Fäuſte ballend. Dieſe Geberde wurde von der Mutter geſehen; doch in ihrer unempfindlichen Halsſtarrigkeit ſagte ſie: „Thu, was Du willſt; ich weiß, daß Du der Herr biſt; verheiratheſt Du ſie aber, ſo wird es gegen meinen Willen geſchehen.“ „Tauſend Sacramente! Sie hören ſie, Herr Abbé!“ rief Watrin. „Geduld! lieber Herr Guillaume, Geduld!“ erwie⸗ derte der Abbé, als er ſah, daß der gute Mann ſich erhitzte. „Geduld!“ rief der Alte;„ei! ein Menſch, der bei einem ſolchen Anlaß Geduld hätte, wäre kein Menſch. Es müßte ein Thier ſein, das keinen Schuß Pulver werth wäre.“ „Bah!“ ſagte der Abbé halblaut,„ſie hat ein gu⸗ tes Herz: ſeien Sie ruhig, ſie wird von ſelbſt zurück⸗ kommen.“ Ja, Sie haben Recht, ſie ſoll meiner Anſicht nicht gezwungen beitreten; ſie ſoll nicht die troſtloſe Mutter, die Märtyrin ſpielen... Ich gebe ihr den ganzen 15¹ Tag zum Ueberlegen, und wenn ſie heute Abend nicht von ſelbſt kommt und zu mir ſagt:„„Alter, man muß die Kinder verheirathen...““ Der Forſtwart warf einen Seitenblick auf ſeine Frau; doch dieſe ſchüttelte den Kopf, eine Geberde, welche die Erbitterung des Forſtwarts verdoppelte. „Wenn ſie mir das nicht ſagt,“ fuhr er fort,„hö⸗ ren Sie, Herr Abbé, wir leben ſechsundzwanzig Jahre mit einander... ja, ſechsundzwanzig Jahre am näch⸗ ſten 15. Juni... nun wohl! Herr Abbé, ſo wahr ich ein Ehrenmann bin! wir werden uns trennen, als ob das geſtern wäre, und die wenigen Tage, die uns zu leben bleiben, ſie ihrerſeits und ich meinerſeits be⸗ ſchließen.“ „Was ſagt er da?“ rief die Alte. „Herr Watrin!“ ſprach der Abbé. „Ich ſage. ich ſage die Wahrheit! hörſt Du Frau? hörſt Du?“ „Ja, ja, ich höre!... Oh! ich Unglückliche!“ rief die Mutter Watrin. Und ſie ſtürzte ſchluchzend in ihre Küche, jedoch, ſo ſehr ſie in Verzweiflung zu ſein ſchien und dies in Wirklichkeit war, ohne einen Schritt auf dem Wege der Verſöhnung zu thun. Als ſie wieder allein waren, ſchauten der Forſt⸗ wart und der Abbé ſich an. Der Abbs brach zuerſt das Stillſchweigen. „Mein lieber Guillaume,“ ſagte er,„Muth und vor Allem kaltes Blut.“ „Haben Sie je dergleichen geſehen?“ rief Watrin wüthend. „Ich hege noch gute Hoffnung!“ erwiederte der Abbé, jedoch offenbar mehr in der Abſicht, den wackern Mann zu tröſten, als aus Ueberzeugung;„die Kinder müſſen ſie ſehen; die Kinder müſſen mit ihr reden.“ „Sie wird ſie nicht ſehen, ſie wird nicht mit ihnen 152 reden. Man ſoll nicht ſagen, ſie ſei aus Mitleid gut geweſen; nein, ſie wird gut ſein, um gut zu ſein, oder ich habe nichts mehr mit ihr zu thun. Die Kinder müſſen ſie ſehen? die Kinder müſſen mit ihr reden? Nein, ich würde mich ſchämen! Sie ſollen nicht wiſſen, daß ſie eine ſolche Einfältige zur Mutter haben.“ In dieſem Angenblick erſchien der unruhige Kopf von Bernard in der halb geöffneten Thüre; Guillaume erblickte ihn, wandte ſich gegen den Abbé und „Stille über die alte Halsſtarrige, ich bitte S Bernard hatte den Blick ſeines Vaters tme und das E Stillſchweigen, das dieſer beobachtete, vermin⸗ derte die Unrube des jungen Mannes nicht. „Nun! Vater?“ entſchloß er ſich, mit ſchüchterner Stinine zu fragen. „Wer hat Dich gerufen?“ ſagte Guillaume. „Mein Vater!“ murmelte Bernard beinahe flehend. Bieſer Ausdruck ſeines Sohnes drang bis ins Herz von Watrin; doch er umpanzerte ſein Herz und wieder⸗ holte mit einer Stimme eben ſo barſch, als die von Bernard einſchmeichelnd war: „Ich frage Dich, wer Dir gerufen hat.. ant⸗ worte mir!“ „Niemand, ich weiß es. doch ich Poffte „Geh! Du warſt ein Dummtopf, daß Du hoffteſt.“ „Mein Vater! mein lieber Vater! ein gutes Wort! ein einziges!, „Gehe!“ „Um Gotteswillen, Vater!“ „Gehe, ſage ich Dir!“ u der Vater Guillaume. „Es iſt hier nichts für Dich zu thun!“ Doch die Familie Watrin war wie die Familie von Orgon: Jeder hatte ſeine Doſis Halsſtarrigkeit. Statt die Wolke, welche die Stirne ſeines Vaters be⸗ deckte, ſich zerſttenen zu laſſen und ſpäter wieder zu kommen, wie ihm dies der alte Forſtwart, vielleicht N* W 153 ein wenig ungeſchlacht, rieth, machte Bernard einen Schritt weiter im Zimmer und ſagte mit vermehrter Dringlichkeit: „Vater, die Mutter weint und antwortet nicht; Sie weinen, und jagen mich fort...“ „Du täuſcheſt Dich, ich weine nicht.“ „Ruhe, Bernard! Ruhe!“ ſprach der Abbé;„Alles kann ſich ändern.“ Doch ſtatt anf die Stimme des Abbé zu antworten, antwortete Bernard auf die Stimme der Verzweiflung, die in ihm zu murren anfing. „Oh! ich Unglücklicher!“ murmelte er, im Glauben, ſeine Mutter gebe ihre Einwilligung zur Heirath und ſein Vater widerſetze ſich,„ich Unglücklicher, der ich bin! fünfundzwanzig Jahre der Liebe für meinen Vater, und mein Vater kiebt mich nicht!“ „Unglücklicher! ja, Unglücklicher, der Du biſt,“ rief der Abbé,„denn Du blasphemirſt!“ „Aber Sie ſehen ja, daß mein Vater mich nicht liebt, da er mir das Einzige abſchlägt, was mein Glück machen könnte!“ „Sie hören ihn?“ rief Guillaume, der ſich mehr noch in ſeinem alten Zorne erhitzte, als in einem neuen; „wie das urtheilt! Oh! Jugend! Jugend!“ „Aber,“ fuhr Bernard fort,„man ſoll nicht ſagen, wegen einer unglaublichen Laune werde ich die arme Ca⸗ therine verlaſſen; hätte ſie hier nur einen Freund, ſo würde wenigſtens dieſer Freund alle andere erſetzen.“ „Oh! ich habe Dir dreimal geſagt, Du ſollſt gehen, Bernard!“ rief Guillaume. „Ich gehe,“ erwiederte der junge Mann;„doch ich zähle fünfundzwanzig Jahre; ich bin frei in meinen Handlungen, und, was man mir ſo grauſam verweigert, nun, das Geſetz gibt mir das Recht, es zu nehmen, und ich werde es nehmen.“ „Das Geſetz!“ rief der Vater Guillaume außer 154 s Geſetz! vor ſeinem Vater geſagt K. „Iſt das meine Schuld?“ „Das Geſetz!“ „Sie treiben mich aufs Aeußerſte.“ „Das Geſetz!.. Hinaus!.. Das Geſetz Deinem Vater! Hinaus, Unglücklicher, und erſcheine nie mehr vor meinen Augen! Das Geſetz!“ „Mein Vater,“ ſprach Bernard,„ich gehe, da Sie mich fortjagen; doch erinnern Sie ſich der Stunde, wo Sie zu Ihrem Sohne geſagt haben:„„Kind, verlaſſe mein Haus!““ und Alles, was geſchieht, falle auf Sie zurück!“ Hienach nahm Bernard ſeine Flinte und ſtürzte wie ein Wahnſinniger aus dem Hauſe. Der Vater Guillaume war im Begriff, nach der ſeinigen zu ſpringen. Der Abbé hielt ihn zurück. „Was machen Sie, Herr Abbé?“ rief der Alte. PHaben Sie nicht gehört, was dieſer Elende geſagt hat? „Vater, Vater,“ ſprach der Abbé,„Du biſt zu hart gegen Deinen Sohn geweſen „Zu hart!“ rief Guillaume;„Sie auch? Bin ich zu hart geweſen, oder die Mutter? Sie und Gott wiſ⸗ ſen es! Zu hart! während ich die Augen voll Thränen ſich;„ich glaube, Gott verzeihe mir, ein Sohn hat: a hatte, als ich mit ihm ſprach; denn ich liebe ihn, oder vielmehr, ich liebte ihn, wie man ſein einziges Kind liebt. Nun aber,“ fuhr der alte Forſtwart mit erſtic⸗ ter Stimme fort,„nun mag er gehen, wohin er will, wenn er nur geht! er mag werden, was er kann, wenn ich ihn nur nicht wiederſehe!“ „Die Ungerechtigkeit erzeugt Ungerechtigkeit,“ ſprach feierlich der Abbs.„Hüten Sie ſich, nachdem Sie un⸗ gerecht im Zorne geweſen ſind, ungerecht mit ruhigem Herzen zu ſein. Gott hat Ihnen ſchon den Zorn und eß nie Sie wo ſſe Sie rzte der lte. agt art ich wiſ⸗ nen oder eind tick⸗ will, enn rach un⸗ igem und ———— 15⁵ das Aufbrauſen vergeben, er würde Ihnen die Unge⸗ rechtigkeit nicht vergeben.“ Der Abbé ſchloß kaum den Mund, da trat Cathe⸗ rine bleich und erſchrocken in die Stube ein. Ihre großen blauen Augen waren ſtarr, und es entſielen denſelben ſchwere Thränen, welche, Perlen ähnlich, über ihre Wangen rollten. „O lieber Vater!“ rief ſie mit Angſt, das traurige Geſicht des Abbs und die düſtere Phyſiognomie des Forſtwarts anſchauend,„was gibt es denn, was iſt denn vorgefallen?“ „Gut! nun kommt die Andere!“ murmelte Guil⸗ laume, indem er ſeine Pfeife aus ſeinem Munde nahm und in ſeine Taſche ſteckte, was bei ihm ein Merkmal der tiefſten Gemüthsbewegung war. „Bernard hat mich dreimal weinend umarmt,“ fuhr Catherine fort;„er hat ſeinen Hut, ſein Jagdmeſſer genommen und iſt wie ein Wahnſinniger weggelaufen.“ Der Abbé wandte ſich um und wiſchte n fench⸗ ten Augen mit ſeinem Taſchentuche ab. „Bernard Bernard iſt ein Unglücklicher!“ er⸗ wiederte Guillanme,„und Du... Du... DOhne Zweifel wollte er Catherine in ſeinen Fluch vermengen, doch ſein gereizter Blick begegnete dem ſanften, flehenden Blicke des Mädchens, und was von Zorn in ihm blieb, zerfloß wie der Schnee unter einem Sonnenſtrahle des Aprils. „Und Du. Du...“ murmelte er gerührt, „Du, Catherine, biſt ein gutes Mädchen! ümarme mich, mein Kind!“ Er ſchob ſodann ſachte ſeine Nichte zurück, wandte ſich gegen den Abbé um und ſagte: „Herr Gregoire, es iſt wahr, ich bin hart gewe⸗ ſen, doch Sie wiſſen, das iſt die Schuld der Mutter. Gehen Sie und ſuchen Sie das mit ihr in Ordnung zu bringen. Ich, was mich betrifft, will einen Gang 156 im Walde thun. Ich habe immer bemerkt, daß der und die Einſamkeit voll guter Rathſchläge ind.“ Hienach gab er dem Abbs einen Händedruck, ohne daß er Catherine anzuſchauen wagte, verließ das Haus⸗ ſchritt quer über die Landſtraße und drang in den Hochwald gegenüber ein. Der Abbs hätte gern, um eine Erklärung zu ver⸗ meiden, daſſelbe gethan, und er ging gegen die Küche, wo er die Mutter Watrin, ſo ſehr ſie auch in Ver⸗ zweiflung ſein mochte, zu finden ſicher war, doch Ca⸗ therine hielt ihn zurück. „In des Himmels Namen, haben Sie Mitleid mit mir,“ ſprach ſie,„erzählen Sie mir, was hier vorge⸗ fallen iſt.“ „Mein Kind,“ erwiederte der Abbé, beide Hände des Mädchens ergreifend,„Sie ſind ſo gut, ſo fromm, ſo hingebend, daß Sie nur Frennde hienieden und im Himmel haben können. Harren Sie alſo aus in der Hoffnung, klagen Sie Niemand an, und überlaſſen Sie der Güte Gottes, den Gebeten der Engel und der Liebe Ihrer Verwandten die Sorge, die Dinge zu ordnen.“ „Aber, ich, ich, was habe ich zu thun?“ fragte Catherine. „Beten Sie, daß ein Vater und ein Sohn, die ſich im Zorn und in den Thränen verlaſſen haben, ſich in der Verzeihung und in der Freude wiederfinden mögen.“ Und er verließ Catherine, welche nun ein wenig ruhiger, wenn auch nicht beruhigt war, und trat in die Küche ein, wo die Muitter Watrin, unter Thränen den Kopf ſchüttelnd und beſtändig nein! nein! nein! wiederholend, ihre Kaninchen abbalgte und ihren Teig knetete. Catherine ſah den Abbé Gregoire weggehen, wie ſie ihren Adoptivvater hatte ſich entfernen ſehen, und Ca che ihn Un der äge hne us, den er⸗ che zer⸗ Ca⸗ mit ge⸗ nde nm, im der Sie iebe 7 gte die ſich den nig die den in! eig wie und 157 begriff weder die Ermahnung des Einen, noch das Stillſchweigen des Andern. „Mein Gott! mein Gott!“ fragte ſie laut,„wird mir nicht irgend Einer ſagen, was hier vorgeht?“ „Doch! doch! mit Ihrer Erlaubniß, Mademviſelle Catherine,“ ſprach Mathlen, der geſtützt auf das Fenſter⸗ geſims ſichtbar wurde. Dieſe Erſcheinung von Mathien war beinahe eine Freude für die arme Catherine. Da er gleichſam von Bernard, und um ihr von Herrn Bernard Nachricht zu geben, kam, ſo dünkte ihr der Landſtreicher ſtatt garſtig, wie er war, nur noch häßlich. „Ja, ja,“ rief das Mädchen,„ſage mir, wo Ber⸗ nard weilt, und warum er weggegangen iſt.“ „Bernard?“ „Ja, ja, mein lieber Mathien, ſprich, ſprich!“ „Run! er iſt weggegangen. ha! ha!“ Mathien lachte auf ſeine plumpe Weiſe, während Catherine mit Bangigkeit gegen ihn hinhorchte. „Er iſt weggegangen,“ wiederholte der Landſtrei⸗ ſoll ich es Ihnen ſagen?“ „Ja, da ich Dich darum bitte.“ „Nun wohl! er iſt weggegangen, weil Herr Watrin ihn weggejagt hat.“. „Weggefagt! Der Vater hat den Sohn weggejagt! Und warum?“ „Warum? Weil er Sie aller Welt zum Trotze heirathen wollte, der Wahnſinnige!“ „Weggejagt! weggejagt meinetwegen! weggejagt aus dem Hauſe ſeines Vaters!“ i glaube wohl! Es hat harte Worte abgeſetzt! Sehen Sie, ich war hier nebenan; ich habe Alles gehört ah! ohne zu horchen! Ich horchte nicht, neinz doch ſie ſchrieen ſo laut, daß ich genöthigt war, zu hören. 6Es gab ſogar einen Au⸗ genblick, als Bernard zum Vater Guillaume ſagte: 158 „„Alles Unglück, das geſchieht, wird auf Sie zurückfal⸗ len!““ es gab ſogar einen Angenblick, wo ich glaubte, der Alte wolle nach ſeiner Flinte ſpringen.. Oh! das wäre übel gegangen! Der Vater Guillaume iſt nicht wie ich, der ich auf fünfundzwanzig Schritte kein Scheu⸗ nenthor treffe!“ „Oh! mein Gott! mein Gott! lieber armer Ber⸗ nard!“ wohl werth, daß Sie ihn noch einmal wiederſehen, und wäre es nur, um ihn zu verhindern, irgend eine Dumm⸗ heit zu begehen.“ „Oh! ja, ja, ihn wiederſehen! Ich verlange nichts Anderes; doch wie?“ „Er wird Sie heute Abend erwarten.“ „Er wird mich erwarten?“ „Ja, dies Ihnen zu ſagen bin ich beauftragt.“ „Von wem?“ „Von wem? Von ihm!“ „Und wo wird er nich erwarten 2* „Bei der Prinzenquelle.“ „Um welche Stunde?“ „Um neun Uhr.“ „Ich werde dort ſein, Mathien!“ Verſäumen Sie es nicht.“ „Gewiß nicht!“ „Das würde abermals auf mich zurückfallen.. Er iſt nicht ſehr zart, der Bürger Bernard! Dieſen Morgen hat er mir eine Ohrfeigen zugeſchleudert, daß meine Backe noch brennt! Doch ich bin ein guter Junge und hege darum keinen Groll.“ „Sei ruhig, mein guter Mathien,“ ſprach Cathe⸗ rine, während ſie wieder in ihr Stübchen hinaufſtieg; „oh! Gott wird Dich belohnen!“ „Ich hoffe es wohl,“ erwiederte Mathien; und er „Ah! nicht wahr, was er für Sie gewagt hat, iſt bte, icht eu⸗ er⸗ iſt und um⸗ his irſen daß unge athe⸗ tieg; nd* 159 folgte ihr mit den Angen bis zu dem Moment, wo ſich die Thüre hinter ihr ſchloß. Er wandte ſich ſodann mit dem Lächeln eines Dä⸗ mons, der eine arme unſchuldige Seele in ſeine Falle gehen ſieht, gegen den Wald um und trat in denſelben mit großen Schritten, beſtändig Zeichen machend, ein. Auf dieſe Zeichen eilte ein Reiter, welcher in eini⸗ ger Entfernung wartete, herbei. „Nun?“ fragte er Mathien, während er ſein Pferd vor dem Landſtreicher kurz anhielt. „Alles geht vortrefflich, der Andere hat ſo viel Dummheiten gemacht, daß es ſcheint, man hat genug daran; und ſodann ſehnt man ſich nach Paris zurück.“ „Was ſoll ich thun?“ „Was Sie thun ſollen?“ „Ja.“ „Werden Sie es thun?“ „Ohne Zweifel.“ „Nun! ſo eilen Sie nach Villers⸗Cotterets; ſto⸗ pfen Sie Ihre Taſchen mit Geld voll. Um acht Uhr beim Feſte in Corch, und um neun „Um neun Uhr?“ „Jemand, der Sie heute Morgen nicht hat ſprechen können, Jemand, der nicht über Gondreville zurückge⸗ kommen iſt, einzig und allein aus Angſt vor einem Aergerniß, dieſer Jemand wird Sie bei der Prinzen⸗ quelle erwarten.“ „Sie willigt alſo ein, mit mir zu gehen?“ rief der Pariſer ganz freudig. „Sie willigt zu Allem ein,“ erwiederte der Land⸗ ſtreicher. „Mathieu,“ ſprach der junge Mann,„fünfundzwan⸗ zig Louis d'or gehören Dir, wenn Du mich nicht belo⸗ gen haſt.. Heute Abend um neun Uhr.“ Und er drückte ſeinem Pferde die Sporen in den 160 Bauch und entfernte ſich im Galopp in der Richtung von Villers⸗Cotterets. „Fünfundzwanzig Louis d'or,“ murmelte Mathieu, der ihm nachſchaute, als er durch die Bäume enteilte, „das iſt ein hübſcher Pfennig, ohne die Rache zu rech⸗ nen... Ah!l ich bin eine Nachteule! ah! die Nacht⸗ enle iſt ein Unglücksvogel... Herr Bernard, die Nachteule ſagt Ihnen guten Abend.“ Und er hielt ſeine beiden Hände an ſeinen Mund und ließ zweimal das Geſchrei der Nachteule hören. „Guten Abend, Herr Bernard!“ Hienach drang er in den dickſten Wald in der Richtung des Dorfes Corcy ein. XIV. Das Vorffrſt. Vor fünfundzwanzig Jahren, das heißt zur Zeit, wo die Ereigniſſe vorfielen, die wir zu erzählen unter⸗ nommen haben, waren die Feſte der in der Nähe von Villers⸗Cotterets liegenden Dörfer wahre Feſte, nicht allein für die Dörfer, ſondern auch für die Stadt, um welche her dieſe Dorfſchaften glänsen wie die Trabau⸗ ten um ihren Planeten. Am Anfang des Jahres beſonders, wenn die er⸗ ſten Feſte mit den erſten ſchönen Tagen zuſammenfielen, wenn in den jungen Strahlen der Maiſonne eines von dieſen Dörfern plötzlich erwachte, plappernd und ſin⸗ gend unter dem Blätterwerk wie ein Reſt von kürzlich er eit, er⸗ on icht um an⸗ er⸗ en, von in⸗ 66 3 161 erſt ausgekrochenen Grasmücken oder Meiſen; in die⸗ ſem Augenblick beſonders, ſagen wir, bot das Feſt ei⸗ nen naiven Reiz, beſaß es eine doppelte Anziehungs⸗ kraft. Vierzehn Tage vorher im Dorfe, acht Tage vor⸗ her in der Stadt begannen die Vorbereitungen von Seiten Aller derjenigen, denen, ſei es an Intereſſe, ſei es an Speculation, ſei es an Vergnügen, irgend ein Theil an dieſem Feſte zukam. Die Wirthe wichſten ihre Tiſche, bohnten ihre Fußböden, ſcheuerten ihre zinnernen Becher blank, hin⸗ gen neue Weinkränze vor ihrer Thüre auf. Die Spielleute fegten, gäteten, glätteten den Platz, auf welchem man tanzen ſollte. Die improviſirten Schenken erhoben ſich unter den Bäumen, wie die Zelten, nicht von einem Schlacht⸗ felde ſondern von einem Vergnügenslager. Die jungen Männer und die jungen Mädchen endlich ſetzten ihren Putz in Bereitſchaft, wie vor einer großen Revue die Soldaten, welche daran Theil neh⸗ men ſollen, ihre Waffen zurecht richten. Am Morgen dieſes herrlichen Tages erwachte Alles frühzeitig, lebte Alles, bewegte ſich Alles, rüſtete ſich Alles von der Dämmerſtunde an. Füt das Dorf war das Feſt ſchon am Morgen ein Feſt. Nicht daſſelbe war der Fall für die Repräſentan⸗ ten, welche die Stadt zu dieſem Feſte ſchicken ſollte; dieſe gingen erſt gegen drei oder vier Uhr Nachmitags ab, wenn nicht befondere Einladungen oder Familien⸗ bande mit den Pächtern oder den angeſehenſten Be⸗ Kohnern des Dorfes für ſie die allgemeinen Gewohn⸗ heiten änderten. Gegen drei oder vier Uhr Nachmittags alſo, je nachdem das Dorf mehr oder weniger weit von der Catherine Blum. 11 162 Stadt entfernt war, fing eine lange Prozeſſion an ſich auf der Landſtraße zu entrollen. Sie beſtand aus Faſhionables zu Pferde, Ariſtv⸗ kraten zu Wagen und Mitgliedern des dritten Standes zu Fuße. Dieſe Mitglieder des dritten Standes waren die Notariatsſchreiber, die Steuercommiſſäre, die elegan⸗ ten Arbeiter, von denen Jeder am Arme ein hübſches Mädchen mit einer Haube mit roſenfarbigen oder blauen Bändern hatte, das in ſeinem Rocke von Jaconnet oder Zitz, mit ſeinen lebhaften Augen und ſeinen weißen Zähnen die in einem Hute auf einem Charabane hof⸗ färtig vorüberfahrende Dame verſpottete. Um fünf Uhr war alle Welt auf dem Verſamm⸗ lungsplatze, und das Feſt hatte ſeine wahre Bedeutung, denn es enthielt die drei conſtituirenden Elemente: Ariſtokraten, Bürger, Bauern. Alles dies tanzte auf demſelben Raume jedoch ohne ſich zu vermiſchen: jede Kaſte bildete ihre Quadrille, und war eine von dieſen Quadrillen beneidenswerth oder beneidet, ſo war es die der Griſetten mit den roſenfarbigen und blauen Bändern. Um neun Uhr Abends körnte ſich der Roſenkranz des Tanzes ab; Alles, was zur Stadt gehörte, ſchlug wieder den Weg zur Stadt ein: Ariſtokraten im Wa⸗ Fr Schreiber, Commis, Arbeiter und Griſetten zu Fuße: Das waren dieſe langen Rückkehren unter dem Schatten der großen Bäume, unter den gedämpften Strahlen des Mondes, unter den erſten lauen Winden des Jahres. Dieſe Feſte hatten einen mehr oder minder großen Zuſtrom, je nach der Bedeutſamkeit der Dörfer oder nach ihrer mehr oder minder pittoresken Lage. In dieſer Hinſicht hatte Corch ſeinen Platz im erſten Range. 163 Es läßt ſich nichts Anmuthigeres denken, als dieſes Dörfchen, das am Eingange der Thäler von Nadon liegt und einen ſpitzen Winkel mit den Teichen von Ramée und Javaye bildet. Zehn Minuten vom Wege nach Corcy beſonders findet ſich eine Landſchaft von einem ganz eigenthüm⸗ lichen, zugleich ſanften und wilden Charakter. Man nennt ſie die Prinzenquelle. Erinnern wir im Vorbei⸗ gehen daran, daß bei dieſer Quelle Mathieu ſein doppel⸗ tes Rendez⸗vous dem Pariſer und Catherine gegeben hatte, und kehren wir nach Corcy zurück. Schon um vier Uhr Nachmittags war Corcy in der vollen Feier ſeines Feſtes begriffen. Verſetzen wir unſere Leſer nicht gerade mitten in dieſes Feſt, ſondern nur an die Thüre von einer der improviſirten Schenken, von denen wir vorhin ſprachen. Dieſe Schenke, welche alle Jahre auf drei Tage zu einem neuen ephemeren Leben wiedererwachte, war ein verlaſſenes ehemaliges Wachhaus und blieb in Folge dieſer Verlaſſenheit dreihundertundſechzig Tage im Jahre geſchloſſen. Während der drei Feſttage ſtellte der Inſpector dieſes Haus zur Verfügung einer guten Frau, genannt die Mutter Tellier und ihres Standes eine Schenk⸗ wirthin in Corcy, welche aus dieſem Hauſe eine Succur⸗ ſale ihrer Hauptanſtalt machte. Das Feſt dauerte, ſagen wir, drr Tage. Von den fünf Tagen, die wir vom Jahre abgeogen haben, repräſentirt der erſte die Anſtalten zum Fſte und der letzte das Aufräumen, welches nothwendiz auf das Feſt folgt. So lange das Feſt dauerte, lebte, trank, ſang die Schenke; man hätte ſie für ewig halten ſollen. Sodann ſchloß ſie ſich wieder auf dreihuwertund⸗ ſechzig andere Tage, während welcher ſie düſter, ſchweig⸗ 164 ſam, in einen lethargiſchen Schlaf verſunken blieb: man hätte ſie für todt halten ſollen. Sie lag auf dem halben Wege zwiſchen Corch und der Prinzenquelle, ſo daß ſie einen ganz natürlichen Halt für diejenigen bot, welche zur Quelle gingen. Und in Betracht der reizenden Lage und des bei den Verliebten ſo natürlichen Bedürfniſſes der Einſam⸗ keit ging alle Welt zwiſchen den Contretänzen vom Dorfe zur Quelle und hielt bei der Schenke der Mutter Tellier an, um ein Glas Wein zu trinken und ein Viertel Rahmkuchen zu eſſen. Von fünf bis ſieben Uhr ſtand die Anſtalt der Mutter Tellier auf dem höchſten Punkte ihres Glanzes; dann räumte ſie ſich allmälig aus, wurde immer ein⸗ ſamer, und gegen zehn Uhr Abends ſchloß ſie in der Regel ihre hölzernen Augenlider und entſchlummerte unter der Obhut eines Mädchens Namens Babet, das die Mutter Tellier ergänzte und mit ihrem ganzen Ver⸗ trauen beehrt wurde. Am andern Morgen bei Tagesanbruch gähnte die Schenke zuerſt mit ihrer Thüre, ſodann öffnete ſie, einen um den andern, ihre zwei Läden und erwartete wie am Tage zuvor die Conſumenten. Die Conſumenten hielten ſich vorzugsweiſe unter einer Art von länölichen Marquiſe auf, welche außen am Hauſe von Epheu, Weinreben und Winden gebildet wurde, die an den dieſes grüne Vordach ſtützenden Pfeilern empoerankten. Gegenüher, am Fuße einer Buche, eines Rieſen aus einem mdern Zeitalter, der von ſeinen Kindern umgeben zu ſein ſchien, erhob ſich eine Hütte von Blätterwet, unter deren Kühle am Tage der Wein ſtand, dei man am Abend in das Haus einſchloß, da das Verrauen der Mutter Tellier zur Nüchternheit und zur khrlichkeit ihrer Landsleute nicht ſo weit ging, daß ſie hie verſuchende Flüſſigkeit die Nacht in der 165 freien Luft zubringen ließ, ſo erfriſchend ſie auch im Vergleiche mit der Luft des Tages war. Gegen ſieben Uhr nun, zu gleicher Zeit, da der Feſtplatz den belebteſten Anblick bot, bot die Filial⸗ ſchenke der Mutter Tellier ihrerſeits den einer äußerſt glänzenden Reunion. Sie beſtand aus Trinkern von Wein zu zehn, zu zwölf und zu fünfzehn Sous— die Mutter Tellier hatte drei Preiſe— und aus Conſumenten von Rahm⸗ kuchen, und Mandelgebackenem. Einige, welche hungeriger ſein mochten, gingen ire bis zum Pfannkuchen, zum Speckſalat oder zur urſt. Fünf Tiſche von ſechs waren beſetzt, und die Mutter Tellier und Jungfer Babet genügten kaum, um jedem Rufe der Gäſte zu entſprechen. An einem dieſer Tiſche ſaßen zwei von den Jägern, welche am Morgen der Jagd auf das von unſerem Frangois beſtätigte Wildſchwein beigewohnt atten. Dieſe zwei Jäger waren Bobineau und la Jeuneſſe. Bobineau, ein dicker, runder Burſche mit hervor⸗ ſtehenden Augen und fettem Geſichte, war gebürtig aus Aix in der Provence; ſtets heiterer Laune, brachte er ſein Leben damit zu, daß er bei den Andern gewaltig aufſchnitt und dafür wieder belogen wurde; er ſtieß, als ein wahrer Provengal, mit der Zunge an, war voll Feuer beim Angriff wie bei der Vertheidigung und fand in dem einen und in dem andern Falle Worte, die man heute noch anführt, während er ſchon fünfzehn Jahre todt iſt. Groß, dürr, mager, war la Jeuneſſe“) mit dieſem jngendlichen Namen im Jahre 1784 vom Herzog von * Jugend. 166 Orleans, Philipp Egalité, getauft worden, weil er damals der Jüngſte von den Waldhütern, und er hatte denſelben behalten, obgleich er beinahe der Aelteſte von Allen geworden und ſo ernſt war, als Bobineau luſtig, ſo nüchtern an Worten, als Bobineau ſchwatzhaft. Links vom Hauſe, auf der öſtlichen Seite, fand ſich ein Ueberreſt von einer Hecke, die ſich vielleicht einſt viereckig verlängert hatte, um eine Art von Ein⸗ friedung für das Haus zu bilden, nun aber nur bis zur Hütte von Blätterwerk ging und jenſeits derſelben, den Zugang zum Hauſe völlig frei laſſend, verſchwand⸗ Hinter dieſer Hecke, von deren Oeffnung nur noch die zwei Thürpfoſten vorhanden waren, erhob ſich ein kleiner Hügel, überragt von einer großen Eiche mit Moosbedecktem Fuße und das Thälchen beherrſchend, durch welches die Prinzenquelle fließt. Unten an dieſem Hügel, außerhalb der Hecke, ſpielte Mathien Kegel, wir wollten ſagen, mit drei bis vier Taugenichtſen ſeiner Art, doch wir verbeſſern uns, die Taugenichtſe ſeiner Art waren zu ſelten, als daß ſich ſo leicht eine Sammlung davon machen ließ. Weiterhin, unter dem geheimnißvollen Schatten des Waldes, auf dem Moosteppich, der die Tritte dämpft, auf dem dritten, vierten und fünften Plane, wie man beim Theater ſagt, zogen in der beginnenden Abend⸗ dämmerung, immer mehr verſchwindend, je nach ihrer mehr oder minder großen Entfernung, die Spaziergänger vereinzelt oder in Paaren vorüber. Als ein Accompagnement für die Stimmen der Trinker, der Eſſer, der Kegelſpieler und der Spazier⸗ gänger hörte man den Ton der Geiger und das Ge⸗ kreiſche der Clarinetten, die in gleichen Zwiſchenräumen gerade nur während der Zeit ſchwiegen, welche die Ca⸗ valiere brauchten, um die Tänzerinnen zu ihren Bänken zurückzuführen, eine andere Dame zu wählen und ſich zu einem neuen Contretanz an den Platz zu ſtellen. r te ** 7 167 Und nun, da unſer Vorhang aufgezogen und die Scenirung durch die Erläuterung verſtändlich gemacht iſt, führen wir unſere Leſer unter die Laube der Mutter Tellier zurück, welche in dieſem Angenblick einen Sybariten bedient, der Speckpfannkuchen und Wein zu zwölf verlangt hat, während Babet Bobineau und la Jeuneſſe ein Stück Käſe von der Größe eines Backſteins bringt, welcher Käſe ihnen eine zweite Flaſche Wein leeren helfen ſoll. „Nun! ſo iſt es,“ ſprach mit ernſtem Tone la Jeuneſſe zu Bobineau, der ihm mit ſeiner ſpöttiſchen Miene zuhörte;„und zweifelſt Du, ſo kannſt Du es mit Deinen eigenen Angen ſehen; wenn ich ſage, eigen, verſtehſt Du, ſo iſt das eine Redensart. Derjenige, um welchen es ſich handelt, iſt ein Neuer; er kommt aus Deutſchland, aus dem Lande des Vaters von Ca⸗ therine, und heißt Milden.“ „Wo wird dieſer Burſche wohnen?“ fragte Bobi⸗ neau mit dem ihm eigenthümlichen provengalen Accente. „Am andern Ende des Waldes, in Montaigu. Er hat eine kleine Büchſe, nicht höher als ſo, fünfzehn Zoll Lauf, vom Caliber dreißig, Kugeln wie Rehpoſten; er nimmt ein Hufeiſen, nagelt es an eine Wand und jagt auf fünfzig Schritte eine Kugel in jedes von ſeinen Löchern.“ „Alle Teufel!“ rief Bobineau, wie gewöhnlich la⸗ chend,„ſo daß die Wand beſchlagen iſt. Warum wird er denn nicht Hufſchmied, dieſer Burſche! Er hätte nicht Angſt vor dem Ausſchlagen der Pferde... Wenn ich das ſehe, werde ich es glauben, nicht wahr, Mo⸗ licar?“ Dieſe Interpellation war an einen neuen Gaſt ge⸗ richtet, der, nachdem er durch die Kegel von Mathieu geſtolpert, begleitet von den Flüchen der Spieler her⸗ beikam, die ihm drohten, ſie werden ſeine ziemlich un⸗ 168 ſichern Beine als ein Supplement bei ihrem Spiele nehmen. Als er ſeinen Namen hörte, wandte ſich der Jünger von Bachus um, und wie durch einen Nebel denjenigen, welcher ihn angerufen, erkennend, murmelte er, indem er die Augen weit aufriß: „Ah! Du biſt es, Bobineau?“ „Ja, ich bin es.“ „Und Du ſagteſt?... Wiederhole ein wenig, was Du ſagteſt, Du wirſt mir ein Vergnügen machen.“ „Nichts, tolles Zeug.. Dieſer Spaßmacher la Jenneſſe hat mich zum Beſten.“ „Aber, wenn ich Dir verſichere... verſetzte la Jeu⸗ neſſe in ſeiner Erzählereitelkeit verletzt. „Ah! Molicar,“ ſprach Bobineau,„was iſt aus Deinem Prozeß mit dem Nachbar Lafarge geworden?“ „Aus meinem Prozeß?“ erwiederte Molicar, welcher bei dem etwas verworrenen Zuſtande ſeines Geiſtes ei⸗ nige Mühe hatte, von einem Gedanken zu einem an⸗ dern überzugehen. „Ja, aus Deinem Prozeß.“ „Mit Lafarge, dem Perruquier?“ „Ja.“ „Ich habe meinen Prozeß verloren.“ „Warum haſt Du ihn verloren?“ „Ich habe ihn verloren, weil ich verurtheilt wor⸗ den bin.“ „Durch wen?“ „Durch Herrn Baſſinot, den Friedensrichter.“ „Und wozu biſt Du verurtheilt worden?“ „Zu drei Franken Buße.“ „Was hatteſt Du denn Lafarge dem Perruquier gethan?“ fragte la Jeuneſſe mit ſeinem gewöhnlichen Ernſte. „Was ich ihm gethan hatte!“ verſetzte Molicar, auf ſeinen Beinen ſchaukelnd wie der Pendel einer 3 —₰ iele ger en, em 18 2. er i⸗ n⸗ r 7 169 Uhr.„Ich hatte ihm ſeine Raſe verſchlimmert, jedoch ohne eine böſe Abſicht, bei meinem Ehrenwort! Du kennſt wohl die Naſe von Lafarge, dem Perruquier, nicht wahr, Bobineau?“ „Wir wollen vor Allem berichtigen,“ erwiederte der muntere Provengal,„das iſt keine Naſe, das iſt ein Stiel!“ „Ah! er hat es geſagt, er hat das Wort gefunden, der Satineauboban! nein, der Satansbobineau ich verſpreche mich.“ „Nun?“ fragte la Jeuneſſe. „Nun! was?“ fragte Molicar, der ſchon hundert Meilen vom Geſpräche entfernt war. „Er verlangt die Geſchichte von der Naſe des Vaters Lafarge.“ „Es iſt wahr. Geſtern waren es gerade vierzehn Tage,“ fuhr Molicar fort, der durch eine beharrlich wiederholte Geberde eine Fliege, welche nicht exiſtirte, von ſich entfernen wollte;„wir gingen mit einander aus der Schenke weg.“ „Ihr waret alſo benebelt?“ ſagte Bobineau. „Nein, ſo wahr ich ein Mann bin,“ erwiederte Molicar. „Ich ſage Dir, Ihr waret benebelt.“ „Und ich ſage Dir, wir waren betrunken,“ rief olicar. Und er brach in ein Gelächter aus, denn er hatte auch ſein Wort gefunden. „Gut! gut,“ ſprach Bobineau. „Du wirſt Dich alſo nie beſſern?“ fragte la Jeu⸗ neſſe. „Worin?“ „Im Betrinken.“ „Mich beſſern? warum denn?“ 2 „Dieſer Menſch iſt voll Vernunft,“ ſagte Bobineau; vein Glas Wein, Molicar?“ 170 Molicar ſchüttelte den Kopf. „Wie, Du ſchlägſt es aus?“ a. „Du ſchlägſt ein Glas Wein aus?“ „Zwei oder gar nichts.“ „Bravo!“ „Warum zwei?“ fragte la Jeuneſſe, deſſen Geiſt, mehr mathematiſch als der von Bobineau, für Alles eine poſitive Löſung haben wollte. „Weil ein einziges das dreizehnte hente Abend machen würde,“ erwiederte Molicar. „Ah! ja,“ rief Bobineau. „Und weil dreizehn Gläſer Wein mir Unglück brin⸗ gen könnten.“ „Abergläubiſcher! Fahre fort, Du ſollſt Deine zwei Gläſer haben.“ „Wir gingen alſo aus der Schenke weg,“ fuhr Molicar der Aufforderung von Bobineau entſprechend fort. „Um welche Stunde war es?“ „Oh! es war frühzeitig.“ „Nun?“ „Es mochte ein Uhr oder halb zwei Uhr Morgens ſein; ich wollte nach Hauſe gehen, wie es ſich für einen ehrlichen Mann geziemt, der drei Frauen und ein Kind hat.“ „Drei Frauen?“ „Drei Frauen und ein Kind?“ „Welch ein Paſcha!“ „Ei! nein, eine Frau und drei Kinder! Wie dumm iſt dieſer Bobineau! Kann man drei Frauen haben? Hätte ich drei Frauen gehabt, ſo wäre ich nicht nach Hauſe gegangen. Ich gehe oft nicht nach Hauſe, weil ich an einer zu viel habe. Gut! nun erfaßt mich der ſchlimme Gedanke, zu Lafarge dem Perrugier, der auf der Place de la Fantaine wohnt, währendich am Ende iſt, les end in⸗ ine ihr nd us en nd 171 der Rue de Largny wohne es erfaßt mich der ſchlimme Gedanke, zu ihm zu ſagen:„„Nachbar, führen wir uns nach Hauſe. Sie werden mich zuerſt führen; ich führe Sie ſodann; hienach wird die Reihe wieder an Ihnen ſein, dann an mir, und auf jeder ſolchen Reiſe halten wir bei der Mutter Moreau an, um ei⸗ nen Schoppen zu trinken.“„„Ah! das iſt eine Idee!““ erwiederte er.“ „Ja,“ ſprach Bobineau,„Du hatteſt wahrſchein⸗ lich wie heute nur dreizehn Gläſer getrunken, und Du befürchteteſt, das könnte Dir Unglück bringen.“ „Nein, an jenem Tage hatte ich ſie nicht gezählt; und das iſt unrichtig, das wird mir nicht mehr geſchehen. Wir gingen alſo mit einander wie zwei gute Freunde, wie zwei wahre Nachbarn; als wir, vor der Thüre von Mademviſelle Chapuis anlangend.. Du weißt, die Poſtmeiſterin!“ „Da lag ein großer Stein, es war ſtockfinſter!. Du haſt gute Augen, nicht wahr, la Jeuneſſe? Du haſt gute Augen, nicht wahr, Bobineau? Nun denn in dieſer Nacht hättet Ihr eine Katze für einen Feldſchützen gehalten.“ „Nie,“ erwiederte la Jeuneſſe ernſt. „Nie? Du ſagſt nie!“ „Nein, er ſagt nichts.“ „Wenn er nichts ſagt, ſo iſt es etwas Anderes, und dann habe ich Unrecht.“ „Ja, Du haſt Unrecht; fahre fort.“ „Vor der Thüre von Mademviſelle Chapnis, der Poſtmeiſterin, angelangt, kam ich zu dem großen Steine, als ein armer Unglücklicher, was ich war, ſah ich ihn nicht. Wie hätte ich ihn ſehen ſollen? Der Nachbar Lafarge ſah ſeine Naſe nicht, welche doch viel näher bei ſeinen Augen iſt, als meine Augen bei dem Steine, waren. Ich ſtolpere, ich ſtrecke meine Hand aus, ich 172 halte mich, woran ich kann. Gut! es war die Naſe des Nachbars Lafarge. Ei! Ihr wißt, wenn man im Waſſer erſäuft, hält man feſt, doch wenn man im Weine erſäuft, iſt es noch ſchlimmer. Bei meiner Treue, das hat denſelben Effect gemacht, wie wenn Du Dein Jagdmeſſer aus der Scheide ziehſt. Der Nachbar La⸗ farge zog ſeine Naſe aus meiner Hand; doch die Haut von ſeiner Naſe iſt in meiner Hand geblieben. Ihr ſeht wohl, daß es nicht meine Schuld war, um fo mehr, als ich mich keinen Augenblick weigerte, ihm ſie zurückzugeben, ſeine Satanshaut. Nun! der Friedens⸗ richter hat mich zu drei Franken Schadenserſatz vet⸗ urtheilt.“ nd der Nachbar Lafarge war ſo kleinlich, Deine drei Franken anzunehmen?“ „Ja, doch wir ſpielten darum; ich habe ſie ihm wieder abgewonnen, und wir haben ſie vertrunken... Mein vierzehntes Glas, Bobineau.“ „Hören Sie, Vater Bobineau,“ unterbrach Ma⸗ thieu die Plaudernden,„ſagten Sie nicht, Sie ſuchen den Herrn Inſpector?“ „Nein,“ antwortete Bobineau. „Ich glaubte es und da er hierher kommt, ſo wollte ich Sie darauf aufmerkſam machen, um Ihnen die Mühe zu erſparen, ihn aufzuſuchen.“ „In dieſem Falle. ſagte der Vater la Jeu⸗ neſſe, indem er die Hand in die Taſche ſteckte. „Nun!“ fragte Bobineau,„was machſt Du denn.“ „Ich bezahle für uns Beide. Du wirſt mir das ſpäter wiedergeben. Es iſt beſſer, wenn uns der Inſpet⸗ tor nicht an einem Wirthstiſche ſieht; wegen eines Glaſes Wein, das man zufällig trinkt, würde er glau⸗ ben, das ſei Gewohnheit. Nicht wahr, einunddreißig Sous, Mutter Tellier?“ „Ja, meine Herrn,“ erwiederte die Mutter Tellier. „Hier ſind ſie auf Wiederſehen!“ Ka nar Ber ſehe Naſe im im eue, ein La⸗ at Ihr ſie ns⸗ ver⸗ eine ihm Na⸗ hen mt, nen eu⸗ das e⸗ nes au⸗ ßig er. 173 „Oh! die Feigen!“ murmelte Molicar, während et ſich an den Tiſch ſetzte, von dem ſie aufgeſtanden wa⸗ ren, und in der untergehenden Sonne eine dritte kaum angebrochene Flaſche ſpiegeln ließ;„die Feigen! e hetteſen das Schlachtfeld, indeß noch Feinde a ſind.“ Und er füllte bis an den Rand die zwei Gläſer, ſtieß ſie an einander und ſagte: „Auf Deine Geſundheit, Molicar!“ Mittlerweile aber, ſo ſehr ſie auch zu verſchwinden ſich beeilten, blieben die zwei Jäger plötzlich auf einan⸗ der geſtützt ſtehen und ſchauten mit Erſtaunen eine neue Perſon an, welche in Scene getreten war. Dieſe Perſon war Bernard. Aber Bernard bleich, entſtellt, die Halsbinde of⸗ fen, die Stirne mit Schweiß be deckt. XV. Die Schlange. Der junge Mann war ſo verändert, daß ſeine zwei Kameraden ihn einen Augenblick nicht kannten. Endlich ſagte la Jenneſſe ſchüchtern: es iſt Bernard.. Guten Morgen, Ber⸗ nard.“ „Guten Morgen!“ erwiederte mit barſchem Tone Feun ſichtbar ärgerlich, die zwei Jäger hier zu ehen. „Du hier?“ fragte Bobineau. 174 „Und warum nicht? Iſt es verboten, zum Kirch⸗ weihfeſte zu kommen, wenn man ſich beluſtigen will.“ „Oh! beim Henker! ich ſage nicht, es ſei verbo⸗ teu,“ verſetzte Bobineau;„nur wundert es mich, Dich allein zu ſehen.“ „Allein?“ Ja „Und mit wem ſoll ich denn ſein?“ „Mir ſcheint, wenn man eine hübſche junge Braut hat 3 „Sprechen wir nicht mehr hievon,“ ſagte Bernard die Stirne faltend. Er ſtieß ſodannmit dem Kolben ſeiner Fliute auf den Tiſch und rief: „Wein!“ „Stille!“ flüſterte ihm la Jenneſſe zu. „Warum ſtille?“ „Der Herr Inſvector iſt hier.“ „Nun, was dann?“ iſ ſage Dir nur: merk' auf, der Herr Inſpector „Ei! was macht das mir, ob der Herr Inſpector hier iſt oder nicht hier iſt?“ „Ho! ho! dann iſt es etwas Anderes.“ „Es iſt Zwiſt in der Haushaltung,“ ſprach Bo⸗ bineau zu la Jeuneſſe, indem er ihn mit dem Arm be⸗ rührte. La Jeuneſſe bedeutete durch ein Nicken mit dem Kopfe, dies ſey auch ſeine Meinung. Er fuhr ſodann gegen Bernard fort: „Was ich Dir ſagte, ſiehſt Du, Bernard, das ſagte ich nicht, um Dir etwas zu befehlen oder um Dir unangenehm zu ſein, doch Du weißt, der Inſpector liebt es nicht, daß man uns in der Schenke ſieht.“ „Und wenn ich es liebe, dahin zu gehen, glanbſt 7 aut ard auf tor tor Bo⸗ be⸗ em mnn as Dir tor bſt 175 Du, der Herr Inſpector werde mich verhindern, nach meinem Willen zu thun?“ Und er ſtieß zum zweiten Male noch heftiger als das erſte Mal auf den Tiſch und rief: „Wein! Wein!“ Die zwei Jäger ſahen, daß dies ein feſter Ent⸗ ſchluß war. „Nun! nun!“ murmelte Bobineau,„man muß einen Narren nicht abhalten, ſeine Thorheiten zu begehen. Komm, la Jeuneſſe! komm!“ „Laſſen wir ihn,“ verſetzte la Jeuneſſe.„Guten Tag, Bernard!“ „Guten Tag!“ erwiederte dieſer mit ſeinem kurzen, einſchneidenden Tone,„Gott befohlen!“ Die zwei Jäger entfernten ſich in einer der des Inſpectors entgegengeſetzten Richtung; der Inſpector ging übrigens, in ſein Geſpräch vertieft und kurzſichtig, an der Schenke vorüber, ohne die zwei Jäger voder Bernard zu ſehen. „Wird man endlich kommen?“ rief dieſer, während er dem Tiſche einen Kolbenſtoß gab, daß er beinahe zuſammengebrochen wäre. Die Mutter Tellier lief herbei, eine Flaſche in jeder Hand und ohne noch zu wiſſen, wer der unge⸗ duldige Trinker war, der mit ſolcher Heftigkeit Wein forderte. „Hier! hier! hier!“ ſagte ſie;„unſer Vorrath in Flaſchen iſt erſchöpft, und man brauchte Zeit, um Wein aus dem Faſſe zu zapfen.“ Und als ſie nun erſt denjenigen erkannte, mit wel⸗ chem ſie es zu thun hatte, rief ſie „Ah! Sie ſind es, lieber Herr Bernard? Mein Gott! wie bleich ſehen Sie aus!“ „Ihr findet, Mutter?“ verſetzte der junge Mann. „Nun wohl! darum will ich trinken; der Wein gibt Farbe.“ 176 „Aber Sie ſind krank, Herr Bernard?“ fragte ängſtlich die Mutter Tellier. Bernard zuckte die Achſeln, riß ihr eine von den Flaſchen aus der Hand und rief: „Gebt doch!“ Und er ſetzte die Flaſche an ſeine Lippen und trank in raſchen Zügen. „Herr und Vater!“ rief die gute Frau, die ihn mit Erſtaunen dieſe Handlung vollbringen ſah, welche ſo ſehr außer ſeinen Gewohnheiten lag.„Sie werden ſich ſchaden, mein Kind!“ „Gut,“ erwiederte Bernard, während er ſich ſetzte und die Flaſche heftig auf den Tiſch ſtellte;„laßt mich dies trinken; wer weiß, ob Ihr mir je etwas Anderes reichen werdet.“ Das Erſtaunen der Mutter Tellier nahm immer mehr zu; ſie vergaß alle ihre anderen Kunden, um ſich nur mit dem jungen Manne zu beſchäftigen. „Aber was iſt denn geſchehen, lieber Herr Ber⸗ nard?“ fragte ſie dringlich. „Nichts! gebt mir nur eine Feder, Tinte und Papier.“ „Eine Feder, Tinte und Papier?“ „Ja, geht.“ Die Mutter Tellier beeilte ſich, zu gehorchen. „Eine Feder, Tinte und Papier,“ wiederholte Molicar, der, immer mehr berauſcht, die dritte Flaſche von la Jeuneſſe und Bobineau vollends leerte.„Ent⸗ ſchuldigen Sie, Herr Notar! kommt man in die Schenke, um Federn, Tinte und Papier zu verlangen? Nein, man kommt, um Wein zu verlangen.“ Sodann das Beiſpiel mit der Lehre verbindend, rief er: „Wein! Mutter Tellier, Wein!“ Mittlerweile war die Mutter Tellier, welche Babet die Sorge, Molicar zu bedienen, überließ, zu Bernard —— id n he en te es te e, n d et d 177 zurückgekommen und hatte vor ihm die drei verlangten Dinge niedergeſetzt. Bernard ſchlug die Augen zu ihr auf, und als er ſah, daß ſie ſchwarz gekleidet, war, fragte er ſie: „Warum ſeid Ihr in Trauer?“ Die gute Frau erbleichte ebenfalls und ſagte mit halb erſtickter Stimme: „O mein Gott! Sie erinnern ſich alſo nicht des großen Unglücks, das mir widerfahren iſt?“ Ich erinnere mich gar nichts,“ erwiederte Ber⸗ nard.„Warum ſeid Ihr in Trauer?“ „Ei! Sie wiſſen es wohl, mein guter Herr Ber⸗ nard, da Sie zu ſeiner Beerdigung gekommen ſind. Ich bin in Trauer wegen meines armen Kindes, wegen Antons, der vor einem Monat geſtorben iſt.“ „Ah! arme Frau!“ „Ich hatte nur dieſen einzigen Sohn, Herr Ber⸗ nard, und Gott hat ihn mir dennoch genommen. Oh! er fehlt mir überall! Wenn eine Mutter ihr Kind zwanzig Jahre unter den Augen hat und plötzlich iſt ihr Kind nicht mehr da.... was thun? einen? Man weint, doch was wollen Sie? Was verloren iſt, iſt verloren!“ Und die gute Frau brach in ein Schluchzen aus. Molicar wählte dieſen Augenblick, um ein Lied anzuſtimmen; das war ſein Lieblingslied und der Thermometer von dem, was der gute Mann an Flüſſig⸗ keit führen konnte. Wenn er ſein Lied anfing, ſo war er betrunken. Er fing an: Hätt' ich in meinem Garten Ein Rebgeländ, ein Rebgelind... Dieſes Lied, das gleichſam eine Beleidigung für den Schmerz der Mutter Tellier war, den Bernard Catherine Bium. 12 178 trotz ſeiner falſchen Gleichgültigkeit wohl mitfühlte, machte dieſen aufſpringen, als hätte ihn der Schmerz mit einem ebenſo neuen, als unerwarteten Stachel ge⸗ troffen. „Willſt Du wohl ſchweigen!“ rief er. Aber Molicar, der nicht auf das Verbot von Ber⸗ nard Acht gab, wiederholte: Hätt' ich in meinem Garten... „Schweig, ſage ich Dir!“ rief der junge Mann mit einer drohenden Geberde. „Und warum ſoll ich ſchweigen?“ fragte Molicar. „Hörſt Du nicht, was dieſe Frau ſagt? Siehſt Du nicht, daß eine Mutter hier iſt, welche weint, und zwar ihr Kind beweint?“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Molicar,„ich will ganz leiſe ſingen.“ Und er ſang leiſe: Hit ch „Weder leiſe, noch laut!“ rief Bernard.„Schweig oder geh.“ „Oh! wohl, ich gehe,“ erwiederte Molicar.„Ich liebe die Schenken, in denen man lacht, und nicht die, wo man weint. Mutter Tellier! Mutter Tellier“ ſagte er auf den Tiſch klopfend,„kommt und holt Eure Schuld.“ „Es iſt gut,“ verſetzte Bernard,„ich werde Deine Rechnung bezahlen, laß uns allein.“ „Nun!“ verſetzte Molicar ſchwankend,„das iſt mir ganz lieb.“ Und er ging weg, indem er ſich an den Bäumen und ſang immer lauter, je weiter er ſich ent⸗ ernte: Hätt' ich in meinem Garten Ein Rebgeländ, ein Rebgeländ... * S— — — — 179 Bernard ſchaute ihm mit einem tiefen Ekel nach; alsdann wandte er ſich wieder gegen die Wirthin um, welche unabläßig weinte, und ſprach: „Ja, Ihr habt Recht, was verloren iſt, iſt ver⸗ loren. O Mutter Tellier, ich wollte, ich wäre an der Stelle Enures Sohnes, und Euer Sohn wäre nicht todt!“ „Ah! Gott behüte Sie!“ rief die gute Frau; „Sie, Herr Bernard?“ „Ja, ich! bei meinem Ehrenwort!“ „Sie, der Sie ſo gute Eltern haben! Ah! wenn Sie wüßten, wie wehe es einer Mutter thut, ihr Kind zu verlieren, Sie würden einen ſolchen Wunſch nicht ausſprechen.“ Während dieſer Zeit verſuchte es Bernard, zu ſchreiben jedoch vergebens; ſeine Hand zitterte ſo ſtark, daß er keinen Buchſtaben bilden konnte. „Oh! ich kann nicht! ich kann nicht!“ rief er, die Feder auf dem Tiſche zermalmend. „In der That,“ ſprach die gute Frau,„Sie zit⸗ tern, als ob Sie das Fieber hätten.“ „Mutter Tellier,“ ſprach Bernard,„thut mir einen Gefallen.“ „Oh! ſehr gern, Herr Bernard!“ rief die gute Frau;„welchen?“ „Nicht wahr, es iſt nur ein Schritt von hier bis zum neuen Hauſe am Wege von Soiſſons.“ Ja, eine Viertelſtunde, wenn man gut geht.“ „So thut mir die Freundſchaft... Ich bitte Euch um Verzeihung wegen der Mühe „Sprechen Sie doch.“ „Thut mir die Freundſchaft, geht dahin, fragt nach Catherine.“ „Sie iſt alſo zurückgekehrt?“ „Ja, heute Morgen und ſagt ihr, ich werde ihr bald ſchreiben.“ 180 „Sie werden ihr bald ſchreiben?“ „Morgen, ſobald ich nicht mehr zittere.“ „Sie verlaſſen alſo das Land?“ „Man ſagt, wir werden Krieg mit den Algeriern bekommen.“ „Was macht das Ihnen, der Krieg, Ihnen, der Sie bei der Conſcription gezogen und eine gute Num⸗ mer bekommen haben?“ „Ihr werdet an den genannten Ort gehen, nicht wahr, Mutter Tellier?“ „Ja, auf der Stelle, lieber Herr Bernard; aber...“ „Was aber?“ „Ihre Eltern?„„ „Nun, meine Eltern?“ „Was ſoll ich Ihren Eltern ſagen?“ „Ihnen?“ „Ja.“ „Nichts.“ „Wie! nichts?“ „Rein, nichts, wenn nicht, ich ſei hier geweſen, ſie werden mich nicht wiederſehen, und ich ſage ihnen Lebewohl.“ „Lebewohl?“ wiederholte die Mutter Tellier. „Sagt ihnen auch, ſie mögen Catherine bei ſich behalten, ich werde ihnen dankbar ſein für alle Güte, die ſie für ſie haben ſollen, und ſodann, wenn ich zu⸗ fällig ſterbe, wie Euer armer Anton, ſo bitte ich ſie, Catherine zu ihrer Erbin zu machen...“ Und der junge Mann, deſſen Kräfte ſein Fieber erſchöpft hatte, ließ mit einem Seufzer, der einem Schluchzen glich, ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände fallen. Die Mutter Tellier ſchaute ihn mit einem tiefen Mitleid an. „Nun wohl! ich will das thun, Herr Bernard,“ ſagte ſie.„Es iſt völlig Nacht geworden; es werden ni ge net ſpr vo lich ſot ſic wä m S hö we er m⸗ cht en, ten ich te, „ ſie, ber em ide fen en 181 nicht mehr viel Gäſte zu mir kommen; Babet wird genügen, um ſie zu bedienen. Ich laufe nach dem neuen Hauſe.“ Und während ſie in die Schenke hinein ging, ſprach ſie zu ſich ſelbſt: „Ich glaube, ich erweiſe dem armen Jungen einen Dienſt.“ Man hörte in der Ferne die weinſchwere Stimme von Molicar, welcher ſang: Hätt' ich in meinem Garten Ein Rebgelind, ein Rebgeländ... Bernard blieb einige Minuten in ſeine ſchmerz⸗ lichen Betrachtungen verſunken, die ſich durch krampf⸗ hafte Zuckungen ſeiner Schultern verriethen; er erhob ſodann die Stirne, ſchüttelte den Kopf und ſagte, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Auf! Muth! Noch ein Glas Wein, und vor⸗ wärts!“ „Oh! gleichviel,“ verſetzte hinter Bernard eine Stimme, deren Ton ihn beben machte,„ich würde nicht ſo weggehen.“ Bernard wandte ſich um, obſchon ep ſtreng genom⸗ men nicht ſich umzuwenden brauchte, denn er hatte die Stimme erkannt. „Du biſt es, Mathieu?“ rief er. „Ja, ich bin es,“ erwiederte dieſer. „Was ſagteſt Du?“ „Sie haben nicht gehört? Gut! Sie müſſen hart⸗ hörig ſein!“ „Ich habe gehört, aber nicht verſtanden.“ „Nun! ich will es wiederholen.“ „Wiederhole.“ „Ich ſagte: an Ihrer Stelle würde ich nicht ſo weggehen.“ „Du würdeſt nicht weggehen?“ 182 „Nein, wenigſtens ohne... Genug, ich weiß, was ich meine.“ „Ohne was? Sprich!“ „Nun! ohne mich an dem Einen oder der Andern zu rächen. Das große Wort iſt heraus!“ „Wer? was? an dem Einen oder der Andern?“ „Ja, an dem Einen oder der Andern, an ihm oder an ihr.“ „Kann ich mich an meinem Vater und an meiner Mutter rächen?“ verſetzte Bernard, die Achſeln zuckend. „Ah! an Ihrem Vater oder an Ihrer Mutter! Iſt von ihnen bei Allem dem die Rede?“ „Aber von wem iſt denn die Rede?“ „Ei! es iſt die Rede vom Pariſer und von Ma⸗ demoiſelle Catherine.“ „Von Catherine und von Herrn Chollet?“ rief Bernard auffahrend, als ob ihn eine Schlange gebiſ⸗ ſen hätte. „Ja wohl.“ „Mathien! Mathieu!“ „Gut! das warnt nich, daß ich nichts ſage.“ „Warum?“ „Ei! weil das, was ich ſagen könnte, abermals auf mich zurückfallen würde.“ „Nein, nein, Mathien! Nein, ich ſchwöre es Dir! Sprich. „Sie errathen alſo nicht?“ ſagte Mathien. ſoll ich errathen? Ich wiederhole Dir: rich.“ p„Ah! bei meiner Treue, es iſt nicht der Mühe werth, Geiſt und Erziehung zu haben, um taub und blind zu ſein.“ „Mathien!“ rief Bernard,„haſt Du etwas ge⸗ ſehen oder gehört?“ „Die Eule ſieht hell in der Nacht,“ ſprach Ma⸗ m ner id. er! ka⸗ ief 183* thim,„ſie hat die Angen offen, indeß ſie die Andern geſchloſſen haben; ſie wacht, wenn die Andern ſchlafen.“ „Laß hören,“ wiederholte Bernard, indem er ſeine Stimme zu beſänftigen ſuchte.„Was haſt Du geſehen gehört Laß mich nicht länger ſchmachten, Ma⸗ hieu!“ „Nun wohl!“ erwiederte dieſer,„das Hinderniß gegen Ihre Heirath,— denn nicht wahr, es iſt ein Hinderniß da?“ „Ja, weiter?“ „Wiſſen Sie, woher es kommt?“ Der Schweiß floß Bernard von der Stirne. „Von meinem Vater,“ ſagte er. „Von Ihrem Vater? Ah! ja wohl! Er würde nichts Anderes auf der Welt verlangen, als Sie glück⸗ lich zu ſehen. Er liebt Sie, der gute, arme Mann!“ „Ah! das Hinderniß kommt alſo von Einem, der mich nicht liebt?“ „Ei!“ verſetzte Mathien, ohne mit ſeinem ſcheelen Auge eine von den Gemüthsbewegungen zu verlieren, die ſich auf dem Geſichte von Bernard folgten.„Ei! Sie wiſſen, es gibt zuweilen Leute, die den Anſchein haben, als liebten ſie Sie, die da ſagen: mein lieber Bernard hier, mein lieber Bernard dort, und im Grunde betrügen Sie dieſe Lente.“ „Sprich, von wem kommt das Hinderniß, mein lieber Mathien? Sage mir, von wem es kommt.“ „Ja, damit Sie mich bei der Gurgel packen und mich erwürgen.“ 3„Nein, nein, bei meinem Worte, ich ſchwöre es irte⸗ „Mittlerweile erlauben Sie mir, daß ich mich ein wenig von Ihnen entferne,“ ſagte Mathieu. Und er machte zwei Schritte rückwärts. Als er ſich ſodann in dieſer Entfernung ein wenig mehr in Sicherheit fühlte, ſprach er: 184 „Nun wohl, ſehen Sie nicht, daß das Hinderniß von Mademoiſelle Catherine kommt?“ Bernard wurde leichenbleich, bewegte ſich aber nicht. „Von Catherine?“ verſetzte er.„Du ſagteſt, von Jemand, der mich nicht liebe: würdeſt Du zufällig be⸗ haupten, Catherine liebe mich nicht?“ „Ich behaupte,“ erwiederte Mathien, der durch die geheuchelte Ruhe von Bernard Muth gewann,„ich behaupte, daß es Mädchen gibt, welche, beſonders wenn ſie Paris gekoſtet haben, lieber die Geliebte eines rei⸗ chen jungen Mannes in Paris, als die Frau eines armen jungen Mannes in einem Dorfe ſein wollen.“ „Ich hoffe, Du ſprichſt das nicht in Beziehung auf Catherine und den Pariſer?“ „Ei! ei! wer weiß?“ „Unglücklicher!“ rief Bernard, indem er mit einem einzigen Sprunge auf Mathien losſtürzte und ihn mit beiden Händen bei der Gurgel packte. „Nun! was ſagte ich Ihnen?“ rief Mathien mit erſtickter Stimme, während er ſich vergebens anſtrengte, um ſich von der eiſernen Umhalſung loszumachen. „Sie erwürgen mich ja, Herr Bernard!... Herr Bernard, ſo wahr ich lebe, ich ſage Ihnen nichts mehr.“ Bernard wollte Alles wiſſen. Jeder, der ſeine Lippen am bittern Becher der Eiferſucht benetzt hat, will ihn vom Schaume bis zur Hefe trinken. Bernard ließ Mathien los, und ſeine beiden Arme fielen träge an ſeinen Seiten herab. „Mathieu,“ rief er,„ich bitte Dich um Verzeihung, ſprich! ſprich! Doch wenn Du lügſt...“ Und ſeine Fäuſte ſchloſſen ſich und ſeine Arme erſtarrten. Nun! wenn ich lüge, wird es immer noch Zeit ſein, daß Sie ſich erzürnen,“ erwiederte Mathien;„da m it it e, P 18 le g le it 185 Sie aber von Anfang an in Zorn gerathen, ſo werde ich nicht ſprechen.“ „Ich habe Unrecht gehabt,“ verſetzte Bernard, in⸗ dem er alle ſeine Züge zwang, Ruhe auszudrücken, während ihn alle Schlangen der Eiferſucht ins Herz biſſen. „So iſt es gut!“ rief Mathieu;„nun ſind Sie 6 Ja. „Doch gleichviel!“ fuhr der Landſtreicher fort. „Vie, gleichviel? „Nun!ich will Sie lieber die Sache ſehen laſſen, ich will Sie lieber die Sache berühren laſſen. Ah! Sie ſind von der Sorte des heiligen Thomas.“ „Ja,“ ſprach Bernard,„Du haſt Recht, laß mich ſehen, Mathien, laß mich ſehen!“ „Das will ich wohl.“ „Ah! Du willſt wohl?“ „Doch unter Einer Bedingung.“ zuntet welcher?“ „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie bis zum Ende ſehen.“ „Bis zum Ende. ja, bei meinem Ehrenwort! Doch wann werde ich wiſſen, daß ich beim Ende bin? Wann werde ich wiſſen, daß ich Alles geſehen habe?“ „Ei! wenn Sie Mademvoiſelle Catherine und Lerrn Chollet bei der Prinzenquelle geſehen haben.“ „Catherine und Herrn Chollet bei der Prinzen⸗ auelel⸗ rief Bernard. „Js. „Und wann werde ich dies ſehen, Mathieu?“ „Es iſt acht Uhr... Acht Uhr und wie viel? Sehen Sie auf Ihre Uhr, Herr Bernard.“ Bernard zog ſeine Uhr mit einer Hand, welche feſt geworden war. Da er ſich dem Kampfe näherte, erlangte der Athlet wieder ſeine Kräfte. 186 „Acht Uhr und fünfundvierzig Minuten,“ erwie⸗ derte er. „Nun! in einer Viertelſtunde!“ ſagte Mathien; „nicht wahr, das iſt nicht lange?“ „Um neun Uhr alſo?“ verſetzte Bernard, während t ſeiner Hand über ſeine ſchweißbedeckte Stirne trich. „Um neun Uhr, ja.“ „Catherine und der Pariſer bei der Prinzenquelle! murnelte Bernard, der trotz der Verſicherung von Ma⸗ thien ungläubig blieb;„aber was wollen ſie denn dort machen?“ „Ei! ich weiß es nicht,“ erwiederte Mathien, wel⸗ cher kein Wort von Bernard, keine Bewegung ſeiner Phyſiognomie, keinen Schauer ſeines Herzens verlor: „vielleicht ihre Abreiſe anordnen.“ „Ihre Abreiſe? rief Bernard, indem er ſeinen Kopf zwiſchen ſeinen Händen preßte, als ſollte er wahn⸗ ſinnig werden. „Ja,“ fuhr Mathien fort.„Heute Abend ſuchte der Pariſer in Villers⸗Cotterets Gold.“ „Gold?“ „Er bat Jedermann darum.“ „Mathieu,“ murmelte Bernard,„Du läſſeſt mich viel leiden! Thuſt Du dies, um Dir das Vergnügen zu machen, mich leiden zu laſſen, ſo nimm Dich in Acht!“* „Stille!“ ſagte Mathien. „Der Tritt eines Pferdes!“ murmelte Bernard. Nathien legte eine von ſeinen Händen auf den Arm von Bernard, ſtreckte die andere in der Richtung aus, von wo das Geräuſch kam, und flüſterte: „Schauen Sie.“ Bernard ſah durch die Bäume und in der Finſter⸗ niß einen Reiter herbeikommen, in welchem er in ſeinem Haſſe beſonders ſeinen Nebenbuhler erkannte. ⸗ er n 1⸗ ch en in en ng er⸗ in 187 Er warf ſich mit einer inſtinctartigen Bewegung hinter den Baum, der ſich am nächſten bei ihm fand. XVI. Die Gelegenheit macht den Dieb. Der junge Mann hielt ungefähr fünfzig Schritte von der Schenke der Mutter Tellier an, ſchaute rings umher, ſprang, als er nichts ſah, was ihn beunruhigen durfte, von ſeinem Pferde und band es an einen Baum. Als er ſodann aufs Neue einen forſchenden Blick in die Nacht hinaus gethan hatte, ging er auf die Schenke zu. „Ah!“ murmelte Bernard,„er kommt!“ Hiebei machte er eine Bewegung, um ſich auf den Weg von Louis Chollet zu werfen. Mathien hielt ihn aber zurück und ſagte: „Nehmen Sie ſich in Acht! Wenn er Sie ſieht, werden Sie nichts ſehen.“ „Oh! ja, ja, Du haſt Recht,“ erwiederte Bernard. Und er drehte ſich um den Baum, um die Seite des Schattens zu erreichen, während Mathien unter die Hütte von Blätterwerk ſchlüpfte, wie die Schlange, deren Rolle er geſpielt hatte. Der Pariſer ging immer weiter und befand ſich bald in dem Lichtkreiſe, den die auf den Tiſchen der Trinker, welche allmälig verſchwunden waren, zurück⸗ gebliebenen Kerzen verbreiteten. 188 Die Schenke war verlaſſen, oder ſchien verlaſſen zu ſein. Louis Chollet konnte ſich alſo vollkommen allein glauben. „Bei meiner Treue!“ ſagte er, indem er mit dem Blicke die verſchiedenen Gegenſtände erforſchte, die ſich ihm boten,„ich glaube, das iſt die Hütte der Mutter Lellier, doch der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wo die Prinzenquelle iſt.“ Bernard war ſo nahe bei ihm, daß er Alles ge⸗ hört hatte. „Die Prinzenquelle!“ wiederholte er. Und er ſchaute umher, um Mathien zu ſuchen. Mathien war aber verſchwunden, aus ſeinen Blicken wenigſtens: Mathien war unter der Hütte. „He! Mutter Tellier!“ rief Louis Chollet,„Mut⸗ ter Tellier!“ Das Mädchen, das wir die Mutter Tellier im Dienſte der Schenke haben unterſtützen ſehen, und von dem wir ſagten, es heiße Babet, kam auf dieſen Ruf erbei. „Sie rufen die Mutter Tellier?“ ſagte ſie. „Ja, mein Kind,“ erwiederte Chollet. „Ei! ſie iſt nicht da.“ „Wo iſt ſie denn?“ „Sie iſt nach dem neuen Hauſe am Wege von Soiſſons zu den Watrin gegangen.“ „Teufel!“ murmelte der junge Mann.„Wenn ſie nur nicht Catherine begegnet und ſie verhindert, zu kommen.“ „Catherine begegnet und ſie verhindert, zu kom⸗ men!“ wiederholte Bernard, der kein Wort von dem, was der Pariſer ſprach, verlor. „Ah bah!“ fuhr der junge Mann fort,„das wäre ein Zufall.“ Er rief ſodann Babet und ſagte: „Komm hierher, mein Kind.“ 189 „Was ſteht zu Ihren Dienſten, mein Herr?“ Du kannſt mich vielleicht über das, was ich ſuche, belehren.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Iſt die Prinzenquelle noch weit von hier?“ „Oh! nein! ſie iſt dort, mein Herr,“ antwortete das Mädchen.. „Hundert Schritte?“ Das Mädchen deutete auf die Eiche, die ſich der Thüre gegenüber erhob. „Vom Fuße jener Eiche können Sie ſie ſehen,“ ſagte Babet. „Zeige mir das, mein Kind.“ Das Mädchen ſtieg auf den kleinen Hügel, auf deſſen Gipfel ſich eine herrliche Eiche erhob, ein Zeit⸗ genoſſe von Franz I., ein Rieſenbaum, der aufrecht geblieben, während zwölf Generationen von Holz vor⸗ übergegangen waren. „Sehen Sie,“ ſprach Babet,„dort unter jenem Mondſtrahle das fließende Waſſer, das glänzt wie eine ſilberne Strähne, iſt die Prinzenquelle.“ „Ich danke, mein Kind!“ ſagte der junge Mann. „Keine Urſache!“ „Doch und zum Beweiſe bitte ich Dich, dies zu nehmen.“ Louis Chollet, den das Glück freigebig machte, zog ſeine ganz von Gold ſtrotzende Börſe, um Münze heranszunehmen. Die ſchwere Börſe entſchlüpfte aber ſeinen Händen, fiel nieder und entleerte auf den Boden einen Theil von der Summe, die ſie enthielt. „Gut!“ ſagte Chollet,„nun laſſe ich meine Börſe fallen.“ „Warten Sie,“ ſprach Babet,„man wird Ihnen leuchten.. Es lohnt ſich nicht der Mühe, hievon auszuſäen: das wächſt nicht.“ 190 „Oh!“ murmelte Bernard, welcher bebte bei dem Geräuſche, das fallend die Börſe gemacht hatte,„es war alſo die Wahrheit!“ In dieſem Angenblick kam Babet mit einem Lichte zurück; ſie hielt es gegen den Boden und machte da⸗ durch etwa hundert auf dem Sande zerſtreute Gold⸗ ſtücke funkeln, während man durch die Maſchen der langen Börſe eine doppelte Summe glänzen ſah. Chollet ſetzte ein Knie auf die Erde, um das Gold aufzuheben. Wäre er weniger mit dieſer Operation beſchäftigt geweſen, ſo hätte er können den Kopf von Mathieu mit ſtarren, glühenden Angen aus der Hütte hervor⸗ kommen ſehen. „Oh! das iſt Gold!“ murmelte der Landſtreicher; „wenn man bedenkt, daß es Leute gibt, welche ſo viel Gold haben, während es andere gibt Chollet machte eine Bewegung, und der Kopf von Mathien kehrte unter ſeine Hütte zurück, wie ſich der Kopf einer Schildkröte in ihre Schale zurückzieht. Der junge Mann hatte ſeine goldene Ernte been⸗ digt; er nahm das letzte Zwanzig⸗Franken⸗Stück, und ſtatt es mit den andern wieder in die Börſe zu ſtecken, gab er es Babet. „Ich danke, meine Kleine!“ ſagte er;„das iſt für Dich.“ „Ein Zwanzig⸗Franken⸗Stück!“ rief frendig das Mädchen;„Sie täuſchen ſich aber, das iſt nicht Alles für mich.“ „Doch, das wird der Anfang von Deiner Aus⸗ ſtener ſein.“ Man hörte die Glockenſchläge der Uhr im Dorfe. „Wie viel Uhr iſt dies?“ fragte der Pariſer. „Neun Uhr,“ antwortete das Mädchen. „Ah! gut, ich befürchtete im Verzuge zu ſein. Und er drückte mit der Hand an ſeine Bruſt, um „—— u1 w kei me te er d um 191 ſich zu verſichern, daß ſeine Börſe wirklich in der Sei⸗ tentaſche ſeines Rockes war,— die Weſtentaſche wäre zu eng geweſen, um ſie aufzunehmen,— erſtieg ſodann die kleine Anhöhe, lehnte ſich einen Augenblick an die Eiche an, wo die Quelle fließt, und verſchwand. „Ah!“ murmelte Babet, die ihr Goldſtück im Lichte der Kerze funkeln ließ,„ſo iſt es gut! Das iſt einer von den freigebigen reichen Leuten.“ Und ſie kehrte in das Haus zurück; da ſich nicht mehr hoffen ließ, es werde noch irgend ein Gaſt kom⸗ men, ſo ſchloß ſie die zwei Läden und nach den zwei Läden die Thüre, deren Riegel man klirren hörte. Bernard blieb allein in der Dunkelheit, oder er glaubte vielmehr allein zu ſein; er dachte nicht mehr an Mathieu. Er lehnte die Schulter an die Buche an, ſeine Stirne war ſchmerzlich gefaltet, eine Hand lag auf ſeinem Herzen, die andere umſchloß krampfhaft den Lauf ſeiner Flinte. Mathien betrachtete ihn durch eine Oeffnung, die er in den Zweigen der Hütte gemacht hatte. Man hätte glauben ſollen, Bernard ſei in eine Bildſäule verwandelt, ſo unbeweglich und ſtumm blieb er ein paar Minuten lang. Endlich ſchien er ſich wiederzubeleben; er ſchaute umher und murmelte; „Mathieu! Mathien!“ Der Landſtreicher hütete ſich wohl, ihm zu ant⸗ worten; nur, da ihm die Veränderung der Stimme von Bernard andeutete, welcher Unruhe, welcher Bangig⸗ keit dieſer preisgegeben war, verdoppelte ſich ſeine Auf⸗ merkſamkeit. „Ah!“ fuhr Bernard fort,„er iſt weggegangen; er wird vor dem, was vorgehen ſoll, bange gehabt haben. Kommt Catherine zu dieſem Rendez⸗vous, ſo hat er Recht.“ 192 Hienach verließ Bernard den Schatten der Buche und machte raſch ein paar Schritte in der Richtung, der welche ſein Nebenbuhler verfolgt hatte. we Doch er blieb plötzlich ſtehen und ſagte: de „Im Ganzen iſt Catherine nicht die Einzige, in ge die der junge Mann verliebt ſein kann. Wer ſagt ich mir, daß Mathien ſich nicht getänſcht hat, und daß diejenige, mit welcher der Pariſer Rendez⸗vous haben ge ſoll, nicht irgend ein Mädchen von Villers⸗Heron, von Corcy oder von Longpont iſt? Uebrigens werden wir ſe wohl ſehen; hiezu bin ich da.“ ſta da ſeine Beine wankten, ſprach er zu da ſich ſelbſt: „Auf! Muth! Bernard! Es iſt beſſer, man weiß,. woran man iſt, als daß man zweifelt. Oh! Cathe⸗ etn rine,“ fuhr er fort, während er nun ebenfalls die Eiche Ne erreichte,„oh! wenn Du in dieſem Grade falſch biſt, wenn Du mich betrogen haſt, oh! ich werde an Nichts mehr, nein, an Nichts auf dieſer Welt mehr glanben! da Mein Gott! ich liebte ſie ſo ſehr, ich liebte ſie ſo tief, d ſo aufrichtig, ich würde mein Leben für ſie gegeben eiß haben, hätte man es von mir verlangt.“ feh Und mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke der Drohung umherſchauend, fügte er bei: ein „Zum Glück iſt Jedermann weggegangen, die Lichter ſind ausgelöſcht, und wenn etwas geſchieht, ſo hat wird es zwiſchen der Nacht, ihnen und mir geſchehen.“ zu Nit einem ſtummen Tritte, mit dem Tritte eines Wolfes, der ſich dem Schaafſtalle nähert, gelangte er Kn ſodann zum Fuße der Eiche und an ihren Wurzeln hinkriechend bis zum Stamme. gie Hier athmete er. Der Pariſer war noch allein.— Das Gewehr auf ter dem Arme, wartete Bernard, wie ein Jäger auf dem Anſtand, mit ſtarrem Blicke und ohne eine einzige Be⸗ auf wegung ſeines Nebenbuhlers zu verlieren. 14 — e g in gt ß en n ir zu , e⸗ che ſt, s u! ief, en 193 „Gut!“ ſagte er, mit ſich ſelbſt ſprechend und mit den Augen den ganzen Horizont umfaſſend,„diejenige, welche er erwartet, ſoll, wie es ſcheint, von der Seite der Straße von Soiſſons kommen: wenn ich ihr ent⸗ gegenginge? wenn ich ſie beſchämen würde? Nein, ich erführe nichts, ſie würde lügen.“ Er drehte ſodann plötzlich den Kopf auf die ent⸗ gegengeſetzte Seite und ſagte: „Geräuſch dort!... nein, es iſt das Pferd die⸗ ſes Menſchen, das ungeduldig wird und mit dem Fuße ſtampft. Was liegt mir übrigens an dem Geräuſche, das von jener Seite kommt?“ fügte er gleichgültig bei.„Hierhin müſſen meine Augen ſchauen; hierhin müſſen meine Ohren horchen. Mein Gott! ich ſehe etwas wie einen Schatten durch die Bäume kommen. Nein, nein!“ Bernard rieb ſeine getrübten Augen. „Doch,“ fuhr er mit einem ſo dumpfen Tone fort, daß man fühlte, er komme aus der Tiefe ſeiner Bruſt, „doch, es iſt eine Frau! Sie muß ſogleich durch Lichtung ſchreiten, und dann werde ich wohl ehen„ Es trat ein Augenblick der Stille ein; ſodann wurde eine Art von Gebrülle hörbar. „Oh! es iſt Catherine,“ knirſchte Bernard;„er hat ſie geſehen! er ſteht auf! Oh! er wird nicht bis zu ihr gehen!“ Bei dieſen Worten erhob ſich Bernard auf ein Knie und murmelte: „Catherine! Catherine! das Blut, das ich ver⸗ gießen werde, falle auf Dich zurück.“ Und er hob langſam ſeine Flinte an ſeine Schul⸗ ter empor. Dreimal ſenkte ſich die Backe des jungen Förſters auf den Kolben des Gewehres; dreimal legte ſich ſein 13 Gatherine Blum. 194 Finger an den Drücker; aber jedes Mal entfernten ſich ſein Finger und ſeine Backe wieder. Den Schweiß auf der Stirne, einen Blutſchleier vor den Augen, die Bruſt keuchend, ſagte er ſodann: „Nein! nein! ich bin kein Mörder. ich bin Ber⸗ nard Watrin, das heißt, ein ehrlicher Menſch. Mein Gott! mein Gott! ſteh' mir bei!“ Und er warf ſeine Flinte weit von ſich und ent⸗ floh ganz au ßer ſich, ohne zu wiſſen, wohin er ging. Da trat ein neuer Augenblick der Stille ein und der Dämon, der ihm dieſes Vorhaben eingab, konnte ſehen, wie Bernard mit dem Kopf aus der Hütte her⸗ vorkam, mit gehemmtem Athem bis zum Fuße der Eiche kroch, ebenfalls in der Richtung der Prinzenquelle hinausſchaute, ſeine Hand ausſtreckte, um die von Ber⸗ nard weggeworfene Flinte aufzufinden, dieſe krampfhaft mit der Hand packte und murmelte: „Oh! bei meiner Treue! mir gilt es gleich! war⸗ um hatte er ſo viel Gold? Die Gelegenheit macht den Dieb!“ Und er ſchlug auf den jungen Pariſer an. Ein Blitz erleuchtete die Nacht, ein Knall wurde hörbar, und Louis Chollet ſtürzte, einen Schrei aus⸗ ſtoßend, nieder. Ein anderer Schrei antwortete hierauf; es war der von Catherine, welche zögernd angehalten hatte, als ſie den Pariſer da fand, wo ſie ihren Geliebten zu finden glanbte, und erſchrocken floh, als ſie den Rebenbuhler von Bernard fallen ſah. nte er⸗ der lle er⸗ aft ar⸗ cht rde us⸗ var tte, ten den 195 XVII. Während dieſes nächtliche, nur für das Auge Got⸗ tes allein ſichtbare Drama an der Prinzenquelle in Erfüllung ging, näherte ſich das Mittagsmahl, das vor dem Maire die culinariſchen Talente der Mutter Watrin hervorheben ſollte, ſeinem Ende, verkümmert durch die Abweſenheit von Bernard. Es ſchlug halb neun auf der Kuckuksuhr. Der Abbé Gregoire, der ſchon zwei⸗ oder dreimal ſich ent⸗ fernen zu wollen Miene gemacht hatte, ſchien entſchie⸗ den aufzuſtehen. Doch es war nicht die Gewohnheit von Vater Watrin, ſeine Gäſte ſo ſich entfernen zu laſſen. „Oh! nein, mein Herr Abbé!“ ſagte er,„nicht, bevor Sie eine letzte Geſundheit ausgebracht haben.“ „Aber,“ verſetzte unruhig die Mutter welche mit einem feuchten Auge nicht eine Sekunde den leer ge⸗ bliebenen Platz von Bernard aus dem Blicke gelaſſen hatte,„Catherine und Frangois müßten da ſein.“ Sie wagte es nicht, von Bernard zu ſprechen, ob⸗ gleich ſie immer an ihn dachte. „Nun! wo ſind ſie denn?“ fragte Watrin;„ſie waren ſo eben da.“ „Ja, doch ſie ſind weggegangen, und man ſagt, es bringe Unglück, am Ende des Mahles in Abweſen⸗ heit derjenigen anzuſtoßen, welche dem Anfang beige⸗ wohnt haben.“ 5„Ei! Catherine kann nicht fern ſein; rufe ihr, rau.“ Die Mutter Watrin ſchüttelte den Kopf und er⸗ wiederte; 196 „Ich habe ihr ſchon gerufen, und ſie hat mir nicht geantwortet.“ „Es ſind wohl ſchon zehn Minuten, daß ſie weg⸗ gegangen iſt,“ ſagte der Abbé. „Haſt Du in ihrem Zimmer nachgeſehen?“ „Ja, ſie iſt nicht dort.“ „Und Frangois?“ „Oh! was Frangois betrifft, wir wiſſen, wo er zu finden iſt,“ ſprach der Maire;„r iſt hinausge⸗ gangen, um die Caleche anſpannen zu helfen.“ „Herr Guillaume,“ verſetzte der Abbé,„wir wer⸗ den Gott bitten, er möge uns verzeihen, daß wir einen Toaſt in Abweſenheit von zwei Tiſchgenoſſen ausge⸗ bracht haben; doch es wird ſpät, und ich muß mich entfernen.“ „Frau,“ ſagte Watrin,„ſchenke dem Herrn Maire ein, und Jedermann thue unſerem lieben Abbé Beſcheid.“ Der Abbé hob ſein Glas in die Höhe und ſprach mit der guten, ſauften Stimme, mit der er zu Gott und den Armen zu ſprechen pflegte: „Auf den innern Frieden, auf die Einigkeit des Vaters und der Mutter, des Mannes und der Frau, aus welcher Einigkeit allein das Glück der Kinder her⸗ vorgehen kann!“ „Bravo, Abbé!“ rief der Maire. „Ich danke, mein Herr!“ ſagte Vater Guillaume, „möchte das Herz, das Sie zu rühren beabſichtigen, nicht taub ſein für Ihre Stimme.“ Hiebei warf er Marianne einen Blick zu, der ihr andeutete, dieſer Wunſch ſei an ſie gerichtet. „Und nun, mein lieber Guillaume,“ ſagte der Abbé,„nun werden Sie es nicht ſchlimm von mir finden, daß ich meinen Mantel, meinen Hut und mei⸗ nen Stock hole und den Herrn Maire dringend er⸗ ſuche, mich nach der Stadt zu führen; es wird ſogleich neun Uhr ſchlagen.“ G im ſer er r⸗ en . ch tt es , r⸗ te, en, hr er nir ei⸗ er⸗ 197 „Ja, holen Sie Alles dies, Abbé,“ ſprach der Maire,„und während Sie es holen, werde ich ein letz⸗ tes Wort mit dem Vater Watrin reden. „Kommen Sie, Herr Abbé,“ ſprach Marianne, die der Toaſt des würdigen Prieſters träumeriſch gemacht hatte,„ich glaube, Ihre Sachen ſind in der Stube nebenan.“ „Ich folge Ihnen, Frau Watrin,“ erwiederte der Abbé. Und er ging in der That hinter ihr hinaus. In dieſem Moment ſchlug es neun Uhr. Guillaume und der Maire blieben allein. Es trat ein Angenblick des Stillſchweigens ein; Jeder von ihnen ſchien zu warten, daß der Andere das erſte Wort wagte. Guillaume war es, der es wagte. „Nun, Herr Maire,“ ſagte er,„nennen Sie mir Ihr Recept, um Millionär zu werden.“ „Zuerſt einen Händedruck als Zeichen der Freund⸗ ſchaft, lieber Herr Guillaume,“ erwiederte der Maire. „Oh! mit Vergnügen!“ Die zwei Männer, welche einander bei Tiſche ge⸗ genüber ſaßen, ſtreckten ihre Hände aus, und dieſe be⸗ gegneten ſich auf den Ueberreſten der trefflichen Torte, welche die Mutter Watrin ſo ſehr beſchäftigt hatte. „Und nun erwarte ich den Vorſchlag,“ ſagte Guillaume. Der Maire huſtete. „Sie haben ſiebenhundert ſechs und fünfzig Livres Gehalt jährlich, nicht wahr?“ „Und hundert und fünfzig Livres Gratification, im Ganzen neunbundert Livres.“ „So daß Sie zehn Jahre brauchen, um neuntau⸗ ſend Franken einzunehmen.“ „Sie rechnen wie der ſelige Baréme, Herr Roiſin.“ „Nun wohl! Vater Guillaume, was Sie in zehn 198 Jahren verdienen, mache ich mich anheiſchig, Sie in dreihundert fünf und ſechzig Tagen verdienen zu laſſen.“ Ho! ho! wir wollen doch ein wenig ſehen,“ rief der Vater Guillaume, indem er ſeine beiden Ellen⸗ bogen auf den Tiſch ſetzte und ſeinen Kopf auf ſeine zwei Hände ſtützte. „Wohl,“ fuhr der Maire mit einem ſchlauen Lächeln fort,„Sie haben nichts Anderes zu thun, als abwech⸗ ſelnd das rechte oder das linke Ange zu ſchließen wenn ſie an gewiſſen Bäumen vorübergehen, welche rechts oder links von meinem Looſe ſind. Das iſt ſehr leicht; und es iſt durchaus nichts Anderes zu thun.“ Und der ehrliche Holzhändler ſchloß in der That mit einer außerordentlichen Leichtigkeit abwechſelnd das eine und das andere Auge. „Potz Tauſend!“ rief Guillaume, den Maire feſt anſchauend,„das iſt Ihr Rittel?“ „Ei!“ erwiederte der Holzhändler,„mir ſcheint, es taugt ſo viel, als ein anderes.“ „Uind Sie würden mir neuntauſend Franken hie⸗ für geben?“ „Viertauſend fünfhundert Franken für⸗ das rechte Ange, viertauſend fünfhundert Franken für das linke Ange.“ „Und während dieſer Zeit würden Sie„ Der Vater Guillaume machte die Geberde eines Menſchen, der einen Baum fällt. „Und während dieſer Zeit würde ich. wie⸗ derholte der Holzhändler, indem er dieſelbe Geberde machte. „Während dieſer Zeit beſtehlen Sie den Herzog von Orleans!“ „Oh! ſtehlen, ſtehlen!“ ſagte Roiſin unwillkürlich zurückweichend,„es gibt ſo viel Bäume im Walde, daß Niemand ihre Zahl weiß.“ „Ja,“ erwiederte Guillaume mit einer gewiſſen vo ni ge ſte zu we die erf em) zu 199 beinahe drohenden Feierlichkeit,„den ausgenommen, welcher nicht nur die Zahl der Bäume, ſondern auch die Zahl der Blätter kennt, den ausgenommen, welcher Alles hört und ſieht und ſchon, obgleich wir allein ſind, weiß, daß Sie mir einen niederträchtigen Vor⸗ ſchlag gemacht haben.“ „Herr Guillaume!“ rief der Maire, welcher, die Stimme erhebend, glaubte, er könne dem alten Forſt⸗ wart imponiren. Guillaume ſtand aber auf, ſtützte ſich mit einer Hand auf den Tiſch, während er mit der andern nach dem Fenſter dentete, und ſagte: „Sehen Sie dieſes Fenſter?“ „Nun?“ fragte der Maire, halb aus Angſt, halb vor Zorn erbleichend. „Nun!“ antwortete Guillaume,„wenn das Haus nicht mein wäre, wenn wir nicht an demſelben Tiſche gegeſſen hätten, ſo wären Sie ſchon durch dieſes Fen⸗ ſter geflogen.“ „Herr Guillaume!“ „Warten Sie!“ ſprach der alte Förſter, ohne ſich zu rühren. „Was?“ „Sie ſehen die Schwelle dieſer Thüre?“ „Ja, „Wohl! Je ſchneller Sie jenſeits derſelben ſein werden, deſto beſſer iſt es für Sie.“ „Herr Guillaume!“ „Nur ſagen Sie dieſer Schwelle, indem Sie über dieſelbe ſchreiten, Lebewohl.“ „Mein Herr!“ Stille! man kommt; es iſt unnöthig, daß man erfährt, ich habe einen Schuft an meinem Tiſche empfangen.“ Hienach wandte Guillaume dem Maire den Rücke zu und fing an eine kleine Jagdmelodie zu pfeifen, 200 mit der unſere Leſer ſchon Bekanntſchaft gemacht haben, und die er nur bei großen Veranlaſſungen vernehmen ließ. Die Leute, vor denen Guillaume dem Holzhändler nicht ſagen wollte, er ſei ein Schuft, waren der Abbé Gregoire und die Mutter Watrin. „Hier bin ich, Herr Maire,“ ſagte der Abbé, den Holzhändler mit ſeinem kurzen Geſichte ſuchend.„Sind Sie bereit?“ „So ſehr bereit,“ erwiederte Guillaume,„daß der Herr Maire, wie Sie ſehen, Sie jenſeits der Thüre erwartet.“ Und er deutete mit dem Finger auf den Holz⸗ händler, der ſich, ſeinen Rath befolgend, aus dem Staube gemacht hatte. Der Abbé ſah und begriff nichts von dem, was vorgefallen war, und ſprach, indem er ebenfalls weg⸗ ging: „Guten Abend, Herr Guillaume; möchte mit dem Segen, den ich Ihnen gebe, der Friede des Herrn auf Ihr Haus niederfallen.“ „Ihre Dienerin, Herr Abbé! Ihre Dienerin, Herr Maire!“ ſagte die Mutter Watrin, die ihren zwei Gäſten nachging und auf jedem Schritte einen Knir machte. Guillaume folgte ihnen mit den Augen, ſo lange er ſie ſehen konnte, drehte ſodann der Thüre den Rücken mit einer ihm eigenthümlichen Bewegung der Schultern zu, zog ſeine Pfeife aus der Taſche, ſtopfte ſie bis an ihre Mündung, preßte ſie zwiſchen ſeine zwei Kinnbacken und murmelte durch ſeine feſt an ein⸗ ander geſchloſſenen Zähne: „Gut, ich habe nun einen Feind mehr, doch gleich⸗ viel, man iſt ein ehrlicher Mann oder mam iſt es nicht. Iſt man es, ſo mag geſchehen, was da will, man thut, „———, S n— ,—— en, ren ler b6 en der üre z⸗ em as eg⸗ em auf err wei nir ige en der fte ine in⸗ ch⸗ ht. ut, 201 was ich gethan habe. Ah! da kommt die Alte zu⸗ rück. Stille, Guillaume!“ Und er drückte mit dem Feuerſtein ſeinen brennen⸗ den Zunder auf die Mündung ſeiner Pfeife und fing an Rauchwolken daraus zu ziehen,— ein Symbol des dumpfen Zornes, der ſein Herz und ſeine Stirne verdüſterte. Die Mutter Watrin brauchte nur einen Blick auf ihren Mann zu werfen, um zu bemerken, daß etwas Außerordentliches vorgegangen war. Sie ging hin und her, machte die Runde um ihn, blieb hinter ihm und vor ihm ſtehen, konnte aber nichts Anderes aus ihm herausbringen, als eine immer dichter werdende Rauchwolke. Endlich entſchloß ſie ſich, zuerſt das Stillſchwei⸗ gen zu brechen. „Sage doch?“ fing ſie an. „Was?“ erwiederte Watrin mit einer Mäßigkeit in den Worten, welche einem Pythagoräer Ehre ge⸗ macht hätte. Marianne zögerte einen Augenblick. „Was haſt Du?“ fragte ſie. „Nichts!“ „Warum ſprichſt Du nicht?“ „Weil ich nichts zu ſagen habe!“ Die Mutter Watrin entfernte ſich wiederholt vom alten Forſtwart und näherte ſich ihm wieder. Wenn ihr Mann ihr nichts zu ſagen hatte, ſo war ſie offenbar nicht in derſelben Stimmung. „Hm!“ machte ſie. Watrin bemerkte das Hm! nicht. Alter!“ „Was beliebt?“ erwiederte Guillaume. „Wann ſoll die Hochzeit ſein?“ fragte die Mutter Watrin. „Welche Hochzeit?“ 202 „Ei! die Hochzeit von Catherine und Bernard!“ Watrin fühlte ſich um eine große Laſt erleichtert, doch er ließ ſich nichts anmerken. „Ah! ah!“ verſetzte er, indem er ſeine Hände auf ſeine Hüften ſtützte und der Mutter ins Geſicht ſchaute, „es ſcheint, Du biſt nun vernünftig geworden?“ „Sage doch,“ fuhr Marianne fort, ohne hierauf zu antworten;„ich glaube: je eher, deſto beſſer.“ „Potz Tauſend!“ „Wenn wir das auf die nächſte Woche feſtſetzen würden?“ „Und die Aufgebote?“ „Man würde nach Soiſſons gehen und um Dis⸗ pens bitten.⸗ „Gut, nun haſt Du mehr Eile als ich.“ „Ah! ſiehſt Du, Alter, das it „Was iſt?“ 86 habe nie einen ſolchen Tag zugebracht.“ „Ba 1“ „Uns von einander trennen, jedes ſeinerſeits ſter⸗ ben!“ ſprach die Mutter. Ihre Bruſt war ſo beklommen, daß ſie kaum zu athmen vermochte. 6„Und dies nach einer ſechsundzwanzigjährigen ei“ Sie brach in ein Schluchzen aus. „Deine Hand, Mutter,“ ſagte Guillaume. „Oh! hier iſt ſie!“ rief Marianne,„und zwar von ganzem Herzen.“ Guillaume zog die gute Alte an ſich. „Und nun umarme mich,“ ſagte er. Sodann ſie anſchauend: „Höre, Du biſt die beſte Fran der Welt.“ Doch er fügte eine Clauſel bei, die unſer Leſer ſelbſt nicht zu ſtreng finden wird: 5 „Wohlverſtanden, wenn Du willſt.“ ge ei ur ve f 203 „Oh!“ antwortete die Mutter,„ich verſpreche es Dir, Guillaume, von heute an werde ich immer wollen.“ „Amen!“ ſagte der gute Mann. In dieſem Augenblick kam Frangois zurück. Der⸗ jenige, welcher den wackern Burſchen aufmerkſamer angeſchaut hätte, als es der Vater Watrin that, würde bemerkt haben, daß er ſich nicht in ſeinem gewöhnlichen Zuſtande der Ruhe befand. „Hier bin ich!“ ſagte er, offenbar in der Abſicht, daß Guillaume ſeine Gegenwart wahrnehme. Guillaume wandte ſich in der That um. „Nun!“ fragte er,„ſind ſie eingepackt?“ „Hören Sie nicht?“ Ein Wagen rollte auf der Straße. „Sie fahren ſo eben ab.“ Während Guillaume auf dieſes ſtufenweiſe ſich entfernende Rollen horchte, nahm Frangvis ſeine Flinte aus der Ecke des Kamins. Guillaume ſah dieſe Bewegung. „Nun?“ fragte er ihn,„wohin gehſt Du?“ „Ich gehe... Ich muß Ihnen das ſagen, doch Ihnen allein.“ Guillaume wandte ſich gegen ſeine Frau um. „Alte!“ ſagte er. „Was?“ „Du würdeſt wohl daran thun, wenn Du abtrü⸗ geſt: das wäre für morgen geſchehen.“ „Nun! was thue ich denn?“ verſetzte die Mutter, welche eine leere Flaſche unter dem Arme hielt und ein halbes Dutzend Teller in jeder Hand trug. Und ſie entfernte ſich in der Richtung der Küche und ſchloß die Thüre hinter ſich. Guillaume folgte ihr mit den Augen, und als ſie verſchwunden war, fragte er: „Was gibt es, Francvis?“ Frangois näherte ſich ihm und ſagte leiſe: 204 „Während ich mit dem Anſpannen des Pferdes vom Herrn Maire beſchäftigt war, hörte ich einen Flintenſchuß.“ „In welcher Richtung?“ „Auf der Seite von Corch, in der Umgegend der Prinzenquelle.“ „Und Du glaubſt, es ſei ein Wildſchütze?“ fragte Guillaume. Frangois ſchüttelte den Kopf. „Nein?“ „Nein!“ wiederholte Frangois. „Nun, was iſt es dann?“ „Vater,“ erwiederte Francvis, ſeine Stimme um einen Grad dämpfend,„ich habe das Geräuſch der Flinte von Bernard erkannt.“ „Biſt Du deſſen ſicher?“ fragte Watrin mit einer gewiſſen Unruhe, denn er begriff nicht, aus welcher Veranlaſſung Bernard zu dieſer Stunde einen Schuß gethan haben ſollte. „Unter fünfzig würde ich ſie erkennen,“ antwortete Frangvis;„Sie wiſſen, daß er mit Filzpfröpfen ladet, und das tönt anders als Papierpfröpfe.“ „Die Flinte von Bernard?“ fragte ſich Guillaume, immer mehr beunruhigt;„was bedeutet dies?“ „Ah! ja! was bedeutet dies? Das habe ich mich auch gefragt.“ „Horch!“ rief Guillaume bebend,„ich höre Ge⸗ räuſch.“ Frangvis horchte. „Es iſt der Tritt einer Frau,“ murmelte er. „Vielleicht der von Catherine?“ Frangvis machte mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen und erwiederte: „Es iſt der Tritt einer alten Frau; Mademoiſelle Catherine geht leichter als ſo.. Dieſe Tritte haben das Vierzigſte paſſirt.“ die Lu un der es en te m ite er uß te le en 205 Zu gleicher Zeit hörte man zweimal lebhaft an die Thuͤre klopfen. XVIII. Die Mutter Tellier. Die zwei Männer ſchauten ſich an; es war in der Luft etwas wie die Ahnung eines Unglücks. Während dieſes Augenblicks des Stibſchweigens und der Unruhe hörte man zweimal den Namen von Herrn Watrin ausſprechen. Die Mutter kam in dieſem Momente herein. „Was iſt das und wer ruft den Alten?“ fragte ſie. „Es iſt die Stimme der Mutter Tellier,“ erwie⸗ derte Guillaume;„öffne, Frau.“ Marianne ging raſch an die Thüre, öffnete ſie, und die Mutter Tellier erſchien wiklich auf der Schwelle. „Guten Abend, Herr Watrin und die Geſellſchaft,“ ſagte ſie;„einen Stuhl, wenns beliebt! einen Stuhl! ich bin von der Prinzenquelle fortwährend gelaufen.“ Beim Namen der Prinzenquelle ſchauten ſich die zwei Männer aufs Neue an. Guillaume fragte ſodann zuerſt mit einer bebenden Stimme: „Und was verſchafft uns das Verguügen, Euch zu einer ſolchen Stunde zu ſehen, Mutter Tellier?“ Statt jeder Antwort legte die Mutter Tellier die Hand an ihre Kehle. 206 „Ein wenig Waſſer, um Gotteswillen!“ ſagte ſie; „ich erſticke!“ Die Mutter Watrin beeilte ſich, der guten Frau zu bringen, was ſie verlangte. Dieſe trank gierig. „Gut! nun kann ich ſprechen, und ich werde Ih⸗ nen ſagen, was mich hierher führt.“ „Sagt es, Mutter, ſagt es!“ riefen gleichzeitig Guillaume und Marianne, während Frangois beiſeit blieb und traurig den Kopf ſchüttelte. „Nun wohl!“ fuhr die Mutter Tellier fort,„ich komme im Auftrage Ihres Jungen.“ „Im Auftrage meines Sohnes?“ verſetzten Guil⸗ laume und Marianne. „Was iſt ihm denn geſchehen, dem armen jungen Mann?“ fragte die Bötin,„er iſt vor einer Stunde bleich wie ein Todter bei mir eingetreten.“ „Frau!“ rief Guillaume, Marianne anſchauend. „Schweig doch, ſchweig doch,“ murmelte dieſe, denn ſie begriff, was Alles an Vorwürfen in dieſem einzigen Worte lag. „Er hat Zug um Zug zwei bis drei Gläſer Wein getrunken. Wenn ich ſage Zug um Zug, ſo täuſche ich mich, er hat ſie auf einen Zug getrunken, denn ertrank aus der Flaſche.“ Dieſer einzige Umſtand genügte, um Guillaume zu erſchrecken: aus der Flaſche trinken war etwas, was ſo wenig den Gewohnheiten von Bernard entſprach, daß dieſe Handlung allein eine bedeutende Störung im Gleichgewichte ſeines Geiſtes bezeichnete. „Bernard trank aus der Flaſche?“ wiederholte Guillaume;„unmöglich!“ „Und er trank nur ſo, ohne etwas zu ſagen?“ fragte Marianne. „Doch,“ erwiederte die gute Frau;„er ſprach im Gegentheil zu mir:„„Mutter Tellier, thut mir den Ge⸗ fa ri be 2“ im ze⸗ 207 fallen und geht nach dem neuen Hauſe;“ ſagt Cathe⸗ rine, ich werde ihr bald ſchreiben... „Wie! er hat das geſagt?“ rief die Mutter Watrin. „Catherine ſchreiben! und warum Catherine ſchrei⸗ ben?“ fragte Guillaume immer mehr beängſtigt. „Oh! der Schuß! der Schuß!“ murmelte Frangois. „Er hat dies geſagt und ſonſt nichts mehr?“ fragte Marianne. „Hh! doch, warten Sie!“ Nie hatte ein Erzähler aufmerkſamere Zuhörer. Die Mutter Tellier fuhr fort: „Da fragte ich ihn:„„Und an den Vater haben Sie nichts? Nichts an die Mutter?““ „Ah! daran habt Ihr wohl gethan!“ verſetzten gleichzeitig die zwei Ehegatten, athmend wie Leute, welche endlich etwas erfahren ſollen. „Er antwortete:„„Dem Vater und der Mutter meldet, ich ſei hier geweſen, und ſagt ihnen Lebewohl in meinem Namen.““ „Lebewohl?“ wiederholten drei Stimmen mit drei verſchiedenen Betonungen. Sodann ſprach Guillaume allein: „Er hat Euch beauftragt, uns Lebewohl zu ſagen?“ Und er wandte ſich gegen ſeine Frau, drückte ſeine Hand auf ihre beiden Augen und rief mit einem unbeſchreiblichen Tone des Vorwurfs: „Oh! Weib! Weib!“ „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr die Bötin fort. Guillaume, Marianne und Frangois näherten ſich ihr mit einer und derſelben Bewegung. „Was hat er beigefügt?“ fragte Guillaume. „Er hat beigefügt:„„Sagt Ihnen auch, ſie mö⸗ gen Catherine bei ſich behalten, ich ſei ihnen dankbar für alle Güte, die ſie für ſie haben werden, und ſollte ich ſterben, wie Euer armer Anton 208 „Sterben?“ riefen gleichzeitig und erbleichend die Greiſe. „Sagt ihnen,““ fuhr die Mutter Tellier fort, „„ſie mögen Catherine zu ihrer Erbin machen.““ „Weib! Weib! Weib!“ rief Guillaume, die Hände ringend. „Oh! der unglückliche Schuß!“ murmelte Frangois. Marianne ſank auf einen Stuhl und brach in ein Schluchzen aus, denn ſie fühlte, daß ſie die erſte Ur⸗ ſache von Allem dem war. In dieſem Augenblick ertönte außen ein ſchmerz⸗ licher Schrei. Zu Hülfe! zu Hülfe!“ rief eine erloſchene Stimme. So erloſchen ſie aber auch war, Jeder erkannte ſie, und Guillaume, Marianne, Frangois und die Mutter Tellier riefen gleichzeitig: „Catherine!“ Doch von Allen war Guillaume zuerſt bei der Thüre. Die Thüre, als ſie ſich öffnete, ließ Catherine bleich, mit ſtieren Augen, mit aufgelöſten Haaren, bei⸗ nahe wahnſinnig, erſcheinen. „Ermordetſ“ ſchrie ſie;„ermordet!“ „Ermordet?“ riefen die Zuſchauer dieſer zwei Scenen, während welcher die Angſt und der Schrecken immer mehr zunahmen. „Ermordet! ermordet!“ wiederholte Catherine, keuchend in den Armen von Vater Guillaume. „Ermordet? doch wer?“ „Herr Louis Chollet.“ Der Pariſer?“ rief Fraucvis, faſt ebenſo bhich als Catherine. „Aber was erzählſt Du uns denn? Sprich doch!“ wiederholte Guillaume. 4 ² „Ermordet! Wo denn, liebe Mademoiſelle Cathe⸗ rine?“ fragte Frangois. wa tre be iſt fre gl ni jet er te i⸗ ei n e, 209 „Bei der Prinzenguelle,“ murmelte ſte. Guillaume, der Catherine feſthielt, ließ ſie nun beinahe fallen. „Aber durch wen?“ fragten zugleich die Mutter Tellier und die Mutter Watrin, welche, da ſie nicht dieſelben Gründe wie Guillaume und Frangois hatten, um ein großes Unglück zu fürchten, die Fähigkeit zu fragen behielten. „Durch wen? Ich weiß es nicht!“ antwortete Catherine. Die zwei Männer athmeten. „Aber wie hat ſich denn das zugetragen? Warum warſt Du dort?“ „Ich glaubte Bernard bei der Prinzenquelle zu treffen.“ „Bernard treffen?“ „Ja, Mathien hatte mich in ſeinem Namen dahin beſchieden.“ „Oh! wenn Mathien bei dieſer Sache im Spiele iſ. ſo ſind wir noch nicht am Ende,“ murmelte Fran⸗ Lois. „Und Du biſt bei der Prinzenquelle geweſen?“ fragte Guillaume. „Ich glaubte, Bernard erwarte mich dort; ich glaubte, er wolle von mir Abſchied nehmen. Das war nicht wahr, er war es nicht.“ „Er war es nicht!“ rief Guillaume, der ſich an jedem Scheine von Hoffnung anklammerte. „Es war ein anderer Menſch.“ „Der Pariſer!“ rief Francvis. „Ja, ſobald er mich erblickte, kam er auf mich zu; denn bei dem herrlichen Mondſcheine heute Abend konnte er mich durch die Lichtung auf mehr als fünf⸗ zig Schritte ſehen. Als wir nur noch zehn Schritte von einander entfernt waren, erkannte ich ihn; ich be⸗ Catherine Blum. 14 . 2¹0 griff, daß ich in eine Falle gerathen war. Ich wollte ſchreien, um Hülfe rufen, da glänzt plötzlich ein Blitz in der Richtung der Eiche, welche die Schenke von Frau Tellier bedeckt. Ein Schuß wurde hörbar; Herr Chollet ſtieß einen Schrei aus, fuhr mit der Hand an ſeine Bruſt, und fiel nieder. Ich entfloh natürlich wie eine Wahnſinnige, lief fort und fort, und hier bin ich. Wäre aber das Haus nur zwanzig Schritte weiter entfernt geweſen, ſo fiel ich in Ohnmacht und ſtarb auf dem Wege!“ „Ein Schuß!“ wiederholte Guillaume. „Das iſt der, welchen ich hörte,“ murmelte Frangois. Plötzlich ſchien ein entſetzlicher Gedanke, der ſie wohl verlaſſen hatte, ſich im Geiſte von Catherine wiederzubeleben; ſie ſchaute mit einer wachſenden Angſt umher und rief, als ſie ſah, daß derjenige, den ſie ſuchte, nicht da war: „Wo iſt Bernard? wo iſt Bernard? um des Him⸗ mels willen, wo iſt er? wer hat ihn geſehen?“ Das düſterſte Stillſchweigen würde allein auf dieſe Frage geantwortet haben, hätte nicht von der Schwelle der Thüre, welche ſeit dem Eintritte von Catherine halb offen geblieben war, eine kreiſchende Stimme erwiedert⸗ „Wo der arme Herr Bernard iſt? wo er iſt? Ich will es Ihnen ſagen.. er iſt verhaftet.“ „Verhaftet?“ ſtammelte Guillaume. „Verhaſtet! Bernard, mein Kind?“ rief die Mutter. „Dh! Bernard, Bernard! das befürchtete ich,“ murmelte Catherine, indem ſie ihren Kopf auf ihre Schulter fallen ließ, als würde ſie ohnmächtig. „Mein Gott! welch ein Unglück!“ ſagte die Mutter Tellier, die Hände faltend. Frangois, der allein das Ange auf den Landſtrei⸗ cher heftete, als hätte er in ihm ſelbſt Alles leſen wol⸗ ien, was er ſagen würde, oder Alles, was er nicht ſagen würde, knirſchte zwiſchen ſeinen Zähnen: Ute litz on err an vie ter rb ter. hre tter rei⸗ ol⸗ icht 21¹ „Mathieu! Mathieu!“ „Verhafter!“ wiederholte Guillaume;„wie? wa⸗ rum dies?“ „Eil ich kann es Ihnen nicht genau ſagen,“ er⸗ wiederte Mathien, der langſam die Stube in. ihrer ganzen Breite durchſchritt, um ſich in der Ecke des Kamins an ſeinen gewöhnlichen Platz zu ſetzen;„es ſcheint, man hat auf den Pariſer geſchoſſen. Die Gen⸗ darmen, welche vom Feſte von Corch zurückkamen, ſahen Bernard, der entfloh; da liefen ſie ihm nach, packten ihn beim Kragen, banden ihn und führten ihn fort.“ „Aber wohin führten ſie ihn?“ fragte Guillaume. „Oh! ich weiß nicht, wohin man die Leute führt, welche gemordet haben. Nur ſagte ich zu mir ſelbſt: „„Ich liebe Herrn Bernard, ich liebe Herrn Guillaume, ich liebe das ganze Haus Watrin, das mir ſo viel Gutes gethan, das mich ernährt und erwärmt hat: ich muß Ihnen das Unglück mittheilen, das dem ar⸗ men Herrn Bernard widerfahren iſt, weil am Ende, wenn es ein Mittel gibt, ihn zu retten...“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief die Mutter,„und wenn ich bedenke, daß meine Halsſtarrigkeit, meine elende Halsſtarrigkeit an Allem dem Schuld iſt!“ Der Vater Guillaume ſchien ruhiger und ſtärker zu ſein, litt aber vielleicht, trotz des Anſcheins, mehr als ſeine Frau. „Und Du ſagſt, Frangvis,“ fragte er leiſe,„Du ſagſt, Du habeſt das Geräuſch ſeiner Flinte erkannt?“ „Ich habe es geſagt, und dafür ſtehe ich.“ „Bernard, ein Mörder?“ murmelte Guillaume; „unmöglich.“ „Hören Sie,“ ſprach Frangois, plötzlich ergriffen von einer Erleuchtung. „Was?“ fragte der alte Forſtwart. „Ich bitte Sie um drei Viertelſtunden.“ „Wozu?“ 212 „Um Ihnen zu ſagen, ob Bernard der Mörder von Herrn Lonis Chollet iſt, oder nicht iſt.“ Und ohne ſeinen Hut und ſein Gewehr zu neh⸗ men, ſtürzte Francvis aus dem„ und ver⸗ ſchwand unter dem Hochwalde lauf XIX. Der Blick eines ehrlichen Menſchen. Guillaume war in ſeinem Innern dergeſtalt mit dem, was ihm Frangvis geſagt, beſchäftigt und ſuchte ſich mit ſolcher Hartnäckigkeit ſein Vorhaben klar zu machen, daß er zwei Dinge kaum bemerkte: einmal, daß ſeine Frau ohnmächtig geworden, und ſodann, daß der Abbé Gregvire zurückgekehrt war. Catherine aber erblickte den würdigen Prieſter, den man wegen ſeiner ſchwarzen Kleidung in der Dunkelheit kaum unterſcheiden konnte. „Ah!“ rief ſie auf ihn zulaufend;„Sie ſind es, Herr Abbé, Sie da?“ „Ja,“ erwiederte er,„ich habe vermuthet, es gebe hier Thränen zu trocknen, und ich bin zurückgekommen.“ „Oh! mein Gott! mein Gott! das iſt meine Schuld,“ rief die Mutter Watrin, die von ihrem Stuhle auf die Kniee ſank;„das iſt meine Schuld!“ Und die arme reumüthige Sünderin ſchlug mit mit ihren Fäuſten an ihre mütterliche ruſt. „Ach! mein lieber Guillaume, er ſagte wohl, als er uni den ſtre der um nel ſeb die der art bef bo do nic der zu r⸗ mit chte al, aß den heit ebe eine uhle mit liche als 213 er Sie verließ:„Das Unglück falle auf Sie zurück!““ und auf Sie fällt es in der That zurück.“ „Ah! Herr Abbé!“ rief der alte Forſtwart,„wer⸗ den Sie auch wie die Andern ſagen, er ſei ſchuldig?“ „Wir müſſe es wohl erfahren,“ ſprach der Abbs. „Nun wohl ja, wir werden es erfahren,“ verſetzte Guillaume„Bernard iſt lebhaft, aufbrauſend, zorn⸗ müthig doch er iſt kein Lügner.“ Der Vater Watrin nahm ſeinen Hut. „Wohin gehen Sie?“ „Ich gehe ins Gefängniß.“ „Das iſt unnöthig, wir haben ihn auf der Land⸗ ſtraße zwiſchen ſeinen zwei Gendarmen getroffen, und der Herr Maire hat befohlen, ihn hierher zu führen, um hier in Ihrer Gegenwart das erſte Verhör vorzu⸗ nehmen; er hofft, Sie werden bei Bernard, der Sie ſo ſehr liebt, die Macht haben, ihn zu bewegen, daß er die Wahrheit ſpricht.“ Nun trat der Maire ein, als hätte er nur auf den Augenblick, vom Abbé angekündigt zu ſein, ge⸗ wartet. Als er ihn erblickte, ſchauerte Guillaume inſtinct⸗ artig; er fühlte, daß er ſich einem Feinde gegenüber befand. „Bei meiner Treue, Herr Watrin,“ ſagte der Maire mit einem boshaften Lächeln;„Sie haben mir ver⸗ boten, die Schwelle Ihres Hauſes zu überſchreiten, doch Sie begreifen, daß es Umſtände gibt... Guillaume hatte dieſes Lächeln geſehen. „Und Sie ſind nicht ärgerlich über dieſe Umſtände, nicht wahr?“ erwiederte er. In dieſem Augenblick hörte man das Getrappel der Pferde vor der Thüre; dieſes Geräuſch entzog den Maire der Verlegenheit, antworten zu müſſen. Er wandte Guillaume den Rücken zu und ſagte zu den, noch unſichtbaren, Gendarmen: 214 „Laßt den Angeſchuldigten eintreten und bewacht die Thüre.“ Kaum war dieſer Befehl gegeben, da erſchien Bernard, dem man die Daumen zuſammengebunden hatte, bleich, die Stirne mit Schweiß bedeckt, aber ruhig auf der Schwelle der Thüre. Als ihn die Mutter Watrin ſah, kam ſie wieder zu ſich; ſie ſtreckte die Arme gegen ihn aus und rief mit dem bewunderungswürdigen Aufſchwunge einer Mutter:„Mein Kind! mein theures Kind!“ während Catherine ihr Geſicht mit ihren Häuden bedeckte. Guillaume hielt aber die Alte, welche Bernard entgegenlaufen wollte, am Handgelenke zurück und ſagte: „Einen Augenblick Geduld; wir müſſen zuvor wiſſen, ob wir mit unſerem Kinde oder mit einem Mörder ſprechen.“ Und er wandte ſich an den Maire, indeß die Gen⸗ darmen Bernard in den Hintergrund der Stube führ⸗ ten, und ſprach: „Herr Maire, ich verlange Bernard ins Geſicht zu ſchauen und zwei Worte mit ihm zu reden, und dann werde ich Ihnen erklären, ob er ſchuldig oder nicht ſchuldig iſt.“ Es war ſchwer, die Erlaubniß hiezu völlig zu verweigern: der Maire ließ ein dumpfes Gebrummel vernehmen, das für eine Genehmigung gelten konnte. Da bemächtigte ſich Guillaume der Scene, wie man auf dem Theater ſagt, und während ſich ein Halb⸗ kreis um Bernard und die zwei Gendarmen bildete, ſtreckte er die Hand aus und ſprach mit einem Aus⸗ drucke, dem es nicht an einer gewiſſen Feierlichkeit mangelte: „Seid Alle, die Ihr hier verſammelt, Zeugen deſſen, was ich ihn fragen werde, und deſſen, was er antwor⸗ ten wird. In Gegenwart dieſer Frau, die Deine Piß ter war gem zur Lüg Dic ſchu der ſchie mit ant grur Ber ſich den ſchr Sch Aus meh wird eine Ume Lau ht n n er ef er id rd nd or m n⸗ r⸗ cht nd er zu nel vie lb⸗ te, 18 eit en, or⸗ ut⸗ 215 ter iſt, und dieſer, welche Deine Braut iſt, in Gegen⸗ wart dieſes würdigen Prieſters, der Dich zum Chriſten gemacht hat, Bernard, ich, Dein Vater, der ich Dich zur Liebe für die Wahrheit und zum Haſſe gegen die Lüge gebildet, Bernard, ich frage Dich hier, wie Gott Dich eines Tags fragen wird:„„Bernard, biſt Du ſchuldig oder biſt Du unſchuldig?““ Und er heftete auf den jungen Mann einen Blick, in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens leſen zu wollen chien. „Mein Vater...“ erwiederte der junge Mann mit ſanftem, ruhigem Tone. Guillaume unterbrach ihn aber: „Nimm Dir Zeit, Bernard, beeile Dich nicht, zu antworten damit ſich Dein Herz nicht in einen Ab⸗ grund ſtürzt. Richte Deine Angen auf die meinigen, — und Ihr Alle, ſchaut ihn wohl an, hört ihn wohl, — antworte, Bernard.“ „Ich bin unſchuldig, mein Vater!“ antwortete Bernard mit einer ſo ruhigen Stimme, als hätte es ſich um die gleichgültigſte Sache der Welt gehandelt. Mit Ausnahme von Mathieu, dem Maire und den Gendarmen, kam aus jedem Munde ein Freuden⸗ rei. Guillaume ſtreckte die Hand aus, legte ſie auf die Schulter von Bernard und ſagte: „Kniee nieder, mein Sohn!“ Bernard gehorchte. Da ſprach Guillaume mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke des Glaubens: Ich ſegne Dich, mein Kind, Du biſt unſchuldig, mehr brauche ich nicht; der Beweis Deiner Unſchuld wird kommen, wann es Gott gefällt: das iſt fortan eine Angelegenheit zwiſchen den Menſchen und ihm... Umarme mich, und die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf.“ 216 Bernard ſtand auf und warf ſich in die Arme ſei⸗ nes Vaters. „Nun,“ ſagte dieſer, indem er auf die Seite trat, „nun iſt es an Dir, Alte.“ „O mein Kind! mein theures Kind!“ rief die Mutter Watrin,„es iſt mir alſo noch erlaubt, Dich zu umarmen!“ Und ſie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals. „Meine gute, meine vortreffliche Mutter!“ rief Bernard. Catherine wartete; als ſie aber eine Bewegung machte, um zum Gefangenen zu gehen, da winkte die⸗ ſer mit beiden Händen und ſprach: „Später, ſpäter... Catherine, ich habe auch bei Ihrem ewigen Heile eine Frage an Sie zu richten.“ Catherine wich mit einem ſanften Lächeln zurück, denn ſie war nun auch ſicher der Unſchuld von Ber⸗ nard, wie der ihrigen. Was Catherine leiſe dachte, ſprach die Mutter Watrin laut aus. „Oh!“ rief ſie, nachdem ſie ihren Sohn umarmt hatte,„ich ſtehe dafür, daß er unſchuldig iſt.“ „Gut!“ verſetzte der Maire hohnlächelnd,„glau⸗ ben Sie etwa, wenn er ſchuldig ſei, werde er ganz gutmüthig ſagen:„„Nun wohl! ja, ich habe Herrn Chollet getödtet““ Man iſt, bei Gott, nicht ſo dumm!“ Bernard heftete auf den Maire ſein klares, faſt gebietendes Auge und ſprach mit einer großen Ein⸗ fachheit des Ausdrucks: „Ich ſage, nicht für Sie, Herr Maire, ſondern für diejenigen, welche mich lieben, ich ſage,— und Gott, der mich hört, weiß, ob ich lüge oder die Wahr⸗ heit rede:„„Ja, meine erſte Bewegung war, Herrn Chollet zu tödten als ich Catherine erſcheinen ſah⸗ ei⸗ at, die ich dern ahr⸗ errn ſah⸗ 217 und als ich ſah, wie er auſſtand, um ihr entgegenzu⸗ gehen; ja, in dieſer Abſicht legte ich den Kolben mei⸗ uer Flinte an meine Schulter, aber... Gott kam mir zu Hülfe und gab mir die Kraft, der Verſuchung zu widerſtehen: ich warf mein Gewehr weit von mir und floh. Während ich floh, hat man mich verhaftet. Nur floh ich nicht, weil ich ein Verbrechen begangen hatte, ſondern ich floh, um keines zu begehen.““ Der Maire machte ein Zeichen; ein Geudarme reichte ihm eine Flinte. „Erkennen Sie dieſe Flinte?“ fragte er Bernard. „Ja, es iſt die meinige,“ antwortete einfach der junge Forſtmann. „Sie iſt auf Sie ſehen.“ „Das iſt wahr.“ „Man hat ſie am Fuße der Eiche gefunden, welche das Thälchen der Prinzenquelle beherrſcht.“ „Dort habe ich ſie in der That weggeworfen,“ ſagte Bernard. In dieſem Augenblick ſtand Mathien mit Anſtren⸗ gung auf, hielt die Hand an ſeinen Hut, und man hörte eine Stimme, deren Unſicherheit man der Beſchei⸗ denheit zuſchrieb, ſagen: „Verzeihen Sie, entſchuldigen Sie, Herr Maire, ich habe vielleicht einen Grund zur Rechtfertigung die⸗ ſes armen Herrn Bernard geltend zu machen: wenn man gut ſuchen würde, ſo fünde man wohl die Pfröpfe. Herr Bernard ladet nicht wie die andern Jäger mit Papier, ſondern mit Filzſcheiben, welche mit dem Loch⸗ eiſen ausgeſchlagen werden.“ Dieſe unerwartete Eröffnung wurde mit einem ſchmeichelhaften Gemurmel aufgenommen; ſeit einer Viertelſtunde war Mathien völlig vergeſſen. „Gendarmen,“ ſagte der Maire,„Ihr hört wohl? der rechten Seite losgeſchoſſen, wie 218 Einer von Euch wird auf den Schauplatz des Mordes gehen und die Pfröpfe aufzufinden ſuchen.“ „Morgen bei Tagesanbruch wird man dort ſein,“ antwortete einer von den Gendarmen. Bernard warf einen freien, offenen Blick auf Ma⸗ thien und begegnete dem ſcheelen Blicke von dieſem. Es ſchien ihm, als ſähe er das Auge einer Schlange im Schatten glänzen, und er wandte ſich mit Ekel ab. Unter dem Flammenſtrahle, den das Auge von Bernard ſchlenderte, wäre Mathien vielleicht ſtumm ge⸗ blieben; doch da ſich, wie geſagt, Bernard abgewandt hatte, ſo faßte der Landſtreicher Muth und fuhr fort: „Und ſodann iſt noch etwas, was viel mehr über⸗ zeugend für die Unſchuld von Herrn Bernard ſein wird.“ „Was? fragte der Maire. „Ich war heute Morgen da, als Herr Bernard ſeine Flinte lud, um zum Treibjagen auf das Wild⸗ ſchwein zu gehen; einzig und allein in der Abſicht, ſie wiederzuerkennen, bezeichnete er ſeine Kugeln mit einem Krenze.“ „Ah! ah! er bezeichnete ſie mit einem Kreuze?“ ſagte der Maire. „Das weiß ich gewiß,“ erwiederte Mathieu;„ich lieh ihm mein Meſſer, um das Kreuz zu machen. Nicht wahr, Herr Bernard?“ Bernard fühlte, unter der wohlwollenden Abſicht ſo entſchieden den ſcharfen ſchmerzhaften Zahn der Schlange, daß er nicht einmal antwortete. Der Maire wartete einen Augenblick und ſagte ſodann, als er ſah, daß Bernard ſchwieg: „Angeſchuldigter, ſind dieſe Angaben genau?“ „Ja, mein Herr, das iſt die Wahrheit,“ erwiederte Bernard. „Sie begreifen wohl, Herr Maire,“ ſprach Ma⸗ thien,„könnte man die Kugel wiederfinden und ſie hätte kein Kreuz, ſo würde ich dafür ſtehen, daß es nie ebe hä ſa he 219 nicht Herr Bernard iſt, der den Schuß gethan hat; ebenſo wie ich, wenn zum Beiſpiel die Kugel ein Kreuz hätte und die Pfröpfe von Filz wären, nichts mehr zu ſagen wüßte.“ Ein Gendarme näherte ſich dem Maire, legte die Hand an ſeinen Hut und ſagte: „Verzeihen Sie, Herr Maire.“ „Was gibt es, Gendarme?“ „Herr Maire, dieſer Burſche hat die Wahrheit ge⸗ ſprochen.“ Hiebei deutete der Gendarme auf Mathieu. „Woher wiſſen Sie das, Gendarme?“ fragte der Maire. „Während dieſer Burſche ſprach, zog ich die La⸗ dung aus der linken Seite des Gewehres; die Kugel hat ein Kreuz und die Pfröpfe ſind von Fiz Sehen Sie!“ Der Maire wandte ſich gegen Mathien um und ſprach zu ihm: „Mein Freund, was Ihr ſo eben in einer guten Abſicht für Bernard geſagt habt, wendet ſich leider gegen ihn, da wir hier ſeine Flinte haben und ſeine Flinte losgeſchoſſen iſt.“ „Ah! das heißt,“ verſetzte Mathien,„daß die Flinte lorglhoſſen iſt, würde nichts beweiſen, Herr Maire: Herr Bernard kann ſeine Flinte auderswo losgeſchoſſen haben... Nur, wenn man die Kugel und die Filz⸗ ſcheiben fände... das wäre ein Unglück, ein großes Unglück!“ Der Maire fragte hierauf den Angeſchuldigten: „Sie haben nichts Anderes zu Ihrer Vertheidi⸗ gung vorzubringen?“ „Nichts, wenn nicht, daß der Anſchein gegen mich iſt, daß ich aber unſchuldig bin.“ „Ich hoffte,“ ſprach feierlich der Maire,„ich hoffte, der Anblick Ihrer Eltern, Ihrer Braut,“ er deutete 220 auf den Abbé Gregoire,„dieſes würdigen Prieſters werde Sie bewegen, die Wahrheit zu ſagen, darum habe ich Sie hierher gebracht; ich täuſchte mich, es iſt dem nicht ſo.“ „Ich kann nur das ſagen, was iſt, Herr Maire: ich bin eines ſchlimmen Gedankens ſchuldig, ich bin keiner ſchlechten Handlung ſchuldig.“ „Iſt das entſchieden?“ „Was?“ „Sie wollen nicht geſtehen?“ „Ich würde nicht für mich lügen, mein Herr; ich vermöchte nicht gegen mich zu lügen.“ „Auf, Gendarmen!“ rief der Maire. Die Gendarmen machten eine Bewegung mit dem Kopfe, trieben Bernard mit der Hand an und ſagten: „Gehen Sie, vorwärts!“ Da erwachte aber die Mutter Watrin aus ihrer Betäubung und rief: „Nun! was machen Sie denn, Herr Maire? Sie führen ihn fort?“ „Allerdings führe ich ihn fort,“ antwortete der Maire. „Aber wohin denn?“ „Ins Gefängniß, bei Gott!“ „„Ins Gefängniß! Sie haben alſo nicht gehört, daß er ſagt, er ſei unſchuldig, und daß der Vater ſagt, er ſei unſchuldig?“ „Oh! ja, ja,“ rief Catherine,„und ich ſage auch, daß er unſchuldig iſt!“ „Allerdings,“ murmelte Mathien,„ſo lange man die mit einem Kreuze bezeichnete Kugel und die Filz⸗ pfröpfe nicht aufgefunden hat... „Meine liebe Frau Watrin, meine ſchöne Demoi⸗ ſelle,“ erwiederte der Maire,„das iſt eine ſehr ſtrenge Pflicht. ich bin Beamter, ein Verbrechen iſt be⸗ gangen worden, ich unterſuche nicht, in welchem Grade 221 mich dieſes Verbrechen berührt, das einen von ſeinen Eltern mir anvertrauten jungen Mann betroffen hat, einen jungen Mann, der mir theuer, einen jungen Mann, über welchem zu wachen ich beauftragt war; nein, Chollet, wie Ihr Sohn, iſt in meinen Augen nur ein Fremder; doch die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben: eine Tödtung iſt geſchehen, und das iſt einer der gewichtigſten Fälle. Vorwärts, Gendarmen!“ Die Gendarmen ſchoben Bernard abermals gegen die Thüre. „Gott befohlen, mein Vater! Gott befohlen, meine Mutter!“ rief der junge Mann. Bernard machte, gefolgt von dem glühenden Blicke von Mathien, der ihn mit den Augen anzutreiben ſchien, wie ihn die Gendarmen mit der Hand antrie⸗ ben, ein paar Schritte gegen die Thüre. Da fand ſich aber Catherine auf ſeinem Wege. „Und ich, Bernard? haſt Du nichts für mich?“ fragte ſie. „Catherine,“ erwiederte der junge Mann,„in dem e wo ich ſterben ſoll, und zwar unſchuldig ſterben, werde ich Dir vielleicht verzeihen, doch im gegen⸗ wärtigen Augenblicke habe ich nicht die Kraft hiezu.“ „Oh! der Undankbare!“ rief Catherine ſich ab⸗ wendend;„ich halte ihn für unſchuldig und er hält mich für ſchuldig.“ „Bernard! Bernard!“ ſprach die Mutter Watrin, „ich flehe Dich an, mein Kind, ehe Du uns verläſſeſt, ſage Deiner armen Mutter, daß Du ihr nicht grollſt.“ „Meine Mutter,“ erwiederte Bernard mit einer Reſignation voll Traurigkeit und Größe,„wenn ich ſterven ſoll, ſo werde ich als ein dankbarer und ehrer⸗ bietiger Sohn ſterben und den Herrn preiſen, daß er mir ß gute, ſo zärtliche Eltern gegeben.“ ſt Sodann wandte er ſich gegen die Gendarmen und agte: 222 „Auf, meine Herrn, ich bin bereit.“ Und unter erſtickten Schreien, unter Thränen und tiefem Schluchzen machte er mit der Hand ein letztes Zeichen des Abſchieds und ging auf die Thüre zu. Auf der Schwelle aber fand er Frangois keuchend, den Schweiß auf der Stirne, ohne Halsbinde und ſei⸗ nen Rock auf dem Arm. XX. Die Brüche von Mathieu. Beim Anblicke des jungen Mannes, der mit einer gebietenden Miene durch einen Wink Alle bleiben hieß, begriff Jeder, daß Frangvis der Ueberbringer einer wichtigen Nachricht war. Bernard ausgenommen, machte Jedermann einen Schritt rückwärts. Mathien konnte nicht zurückweichen, weil ihn die Mauer des Kamins hieran verhinderte; obgleich es aber, wie es ſchien, für ihn ſchwierig war, ſtehen zu bleiben, ſetzte er ſich doch nicht. „Uff!“ machte Francois, während er ſeinen Rock auf den Boden fallen ließ und ſich an die Thüreinfaſ⸗ ſung anlehnte, wie ein Menſch, der einer Ohnmacht nahe iſt. 3 „Nun?“ fragte der Maire,„was gibt es noch? Werden wir heute nicht endigen? Gendarmen, nach Villers⸗Cotterets!“ Doch der Abbé Gregoire begriff, daß mit Fran⸗ cvis Hülfe kam. 3 „Herr Maire,“ ſprach er, indem er einen Schritt er ter 223³ vortrat,„dieſer junge Mann hat uns etwas Wichtiges zu ſagen, hören Sie ihn an. Nicht wahr, Frangois, Du bringſt etwas Neues und Wichtiges?“ „Geben Sie wohl Acht,“ ſprach Frangois zur Mutter Tellier und zu Catherine, die ſich an ihn dräng⸗ ten, während ihn der Abbé, die Mutter Watrin und Guillaume anſchauten, wie mitten im Ocean auf einer Flöße verlorene und vom Sturme gepeitſchte Schiff⸗ brüchige am Horizont das Schiff anſchauen, das ſie retten ſoll. Sodann ſich an den Maire und die Gendarmen wendend, fragte der junge Jägersmann: „Nun, wohin gehen Sie denn?“ „Francois! Frangois!“ rief die Mutter Watrin, „ſie führen mein Kind, meinen Sohn, meinen armen Bernard ins Gefängniß!“ „Oh! gut!“ verſetzte Frangvis,„er iſt noch nicht im Gefängniß, und es iſt anderthalb Meilen von hier nach Villers⸗Cotterets.. Kogeſchen davon, daß der Vater Sylveſtre im Bette liegt und es ihm beſchwer⸗ lich wäre, um dieſe Stunde aufzuſtehen!“ „Ah!“ machte Guillaume athmend, denn er be⸗ griff, daß Frangois, ſobald er es in dieſem Tone nahm, keine Beſorgniß mehr hatte. Und er ſtopfte ſeine Pfeife, die er ſeit mehr als einer halben Stunde vergeſſen. Mathien aber machte eine Bewegung, die Nie⸗ mand wahrnahm, und ſchlüpfte vom Kamin zum Fen⸗ ſter, auf deſſen Randleiſte er ſich ſetzte. „Ah!“ rzef der Maire,„ſind wir hier denn die Diener von Herrn Frangois?... Vorwärts, Gendar⸗ men! vorwärts!“ „Verzeihen Sie, Herr Maire,“ verſetzte Frangois, „ich habe etwas hiegegen zu ſagen.“ „Gegen was?“ „Gegen den Befehl, den Sie gegeben.“ 22⁴ „Und iſt das, was Du zu ſagen haſt, von irgend einer Bedeutung?“ fragte der Maire. „Ei! Sie ſollen ſelbſt urtheilen... Nur mache ich Sie zum Voraus darauf aufmerkſam, daß dies ein wenig lang ſein wird.“ „Ah! wenn dies ſo lang iſt, als Du ſagſt, ſo iſt es gut; das wird morgen noch Zeit ſein.“ „Oh! nein, Herr Maire, es muß dies heute Abend noch geſchehen.“ „Mein Freund,“ erwiederte der Maire mit unge⸗ duldigem und zugleich herablaſſendem Tone,„da nur poſitive Angaben bei einer Criminalſache geſtattet ſind, ſo werden Sie es gut finden, wenn ich weiter gehe. Gendarmen, führen Sie den Gefangenen ab!“ „Wohl!“ verſetzte Frangois, der wieder ernſt wurde,„ſo werden Sie mich anhören, Herr Maire, denn die Nachrichten, die ich bringe, ſind poſitiv.“ „Herr Maire,“ rief der Abbé Gregoire,„im Na⸗ men der Religion und der Menſchlichkeit beſchwöre ich Sie, dieſen jungen Mann anzuhören.“ „Und ich, mein Herr,“ ſagte Guillaume,„ich be⸗ fehle Ihnen im Namen der Gerechtigkeit, inne zu halten.“ Der Maire zögerte vor der beinahe amtlichen Au⸗ torität dieſer väterlichen Liebe. Da er jedoch nicht das Anſehen haben wollte, als fügte er ſich, ſo er⸗ wiederte er:. „Mein Herr, ſobald es einen Todten gibt, gibt es auch einen Mörder.“ „Verzeihen Sie, Herr Maire,“ unterbrach Fran⸗ cois,„es gibt allerdings einen Mörder, doch es gibt keinen Todten.“ Wie, keinen Todten?“ rief der Maire. Keinen Todten?“ wiederholten alle Anweſenden. „ „Was ſagt er da?“ murmelte Mathien. „Der Herr ſei gelobt!“ ſprach der Prieſter. e, d⸗ ch e⸗ u⸗ cht er⸗ n⸗ en. ibt † hat.“ 225 „Nun wohl!“ verſetzte Frangois,„wenn ich Ih⸗ nen nichts Anderes zu ſagen hätte, ſo wäre dies, wie mir ſcheint, ſchon eine hübſche Kunde.“ „Erklären Sie ſich, junger Mann,“ ſprach maje⸗ ſtätiſch der Maire, der entzückt war, dieſe gute Kunde als Vorwand für den Bernard bewilligten Auf⸗ ſchub zu haben. „Herr Chollet iſt von der Heftigkeit des Schlages niedergeworfen worden und ohnmächtig zu Boden ge⸗ fallen, doch die Kugel hat ſich an der mit Gold gefüll⸗ ten Börſe, die er in der Taſche ſeines Rockes hatte, abgeplattet und iſt ſodann längs den Rippen hinge⸗ glitten.“ „Ho! ho!“ machte der Maire;„was ſagen Sie uns da, mein Freund? Die Kugel hat ſich auf der Börſe abgeplattet?“ „Nicht wahr, Herr Maire, das iſt gut angelegtes Geld?“ verſetzte Frangvis.* „Gleichviel! todt oder nicht todt, der Mordverſuch bleibt.“ „Ei!“ erwiederte Frangois,„wer ſagt Ihnen das Gegentheil?“ „Zur Sache alſo!“ rief der Beamte. „Oh! ich verlange gar nichts Anderes, doch un⸗ terbrechen Sie mich nicht jeden Angenblick. „Sprich, ſprich, Frangvis!“ riefen alle Anwe⸗ ſenden. Zwei von ihnen blieben allein ſtumm, doch in ei⸗ ner ſehr verſchiedenartigen Erwartung: Bernard und Mathieu. „Nun wohl!“ ſagte Frangvis,„hören Sie alſo, Perr Maire, auf welche Art die Sache ſich zugetragen Wie kannſt Du aber wiſſen, auf welche Art die Sache ſich zugetragen hat, da Du mit uns hier in die⸗ Catherine Blum. 15 226 ſer Stube bei Tiſche warſt und uns nicht verlaſſen haſt,während ſie ſich eine halbe Meile von hier ereignete:“ „Nun, ich habe Sie nicht verlaſſen, doch was be⸗ weiſt dies? Wenn ich ſage..„Es iſt ein Wildſchwein da, es iſt ein Männchen oder ein Weibchen, eine Bache, ein Hauer oder ein Keiler,““ habe ich darum das Wild⸗ ſchwein geſehen? Nein; ich habe ſeine Spur geſehen, und mehr brauche ich nicht.“ Frangois hatte nicht einmal auf die Seite von Mathien geſchaut, Mathien hatte aber nichtsdeſtoweniger gefühlt, wie ein Schauer ſeinen ganzen Leib durch⸗ lief. „Ich fahre alſo fort,“ ſagte Frangois.„Hören Sie, wie die Sache ſich zugetragen hat. Herr Ber⸗ nard iſt zuerſt in die Schenke der Mutter Tellier ge⸗ kommen... Iſt das wahr, Mutter Tellier?“ „Das iſt wahr,“ erwiederte die gute Frau. „Er war ſehr aufgeregt.“ „Oh! das iſt abermals wahr.“ „Stille!“ rief der Maire. „Er ging mit großen Schritten,⸗ fuhr Francois fort,„und zwei oder dreimal ſtampfte er vor Unge⸗ du an dem Tiſche der Thüre gegenüber mit dem Fuße.“ „Ja, indem er Wein verlangte; das iſt ebenfalls wahr!“ rief die Mutter Tellier, während ſie zum Himmel die Arme erhob, welche ihre Bewunderung für den ganz außerordentlichen Scharfſiun von Frangois ausdrückten. Mathien wiſchte mit ſeinem Aermel den Schweiß ab, der auf ſeiner Stirne perlte. „Oh!“ ſagte Frangois, den Ausruf der guten Frau erwiedernd,„das iſt nicht ſehr ſchwer zu ſehen: es ſind im Sande Eindrücke von Schuhen, welche drei bis vier Linien tiefer als die andern.“ „Wie haſt Du dies bei Nacht ſehen können?“ n r⸗ e⸗ 227 „Gut! und der Mond? Sie glauben alſo er ſei nur da oben, um die Hunde bellen zu machen?.— Da kam Herr Chollet zu Pferde von der Seite von Villers⸗Cotterets anz er ſtieg dreißig Schritte von der Schenke der Mutter Tellier ab, band das Thier an einen Baum und ging ſodann an Herrn Bernard vorbei.. Ich ſollte ſogar glauben, er habe etwas wie Geld verloren und geſucht, denn es war Unſchlitt auf der Erde; dies beweiſt, daß man mit einem Lichte auf die Erde geſchaut hat. Während dieſer Zeit war Herr Bernard hinter der Buche verborgen, die dem Hauſe gegenüber ſteht, und er muß beſtändig wüthend geweſen ſein: zum Beweiſe dient, daß ſich mehrere Plätze finden, wo das Moos ausgerauft iſt. Nachdem er wieder gefunden, was er ſuchte, entfernte ſich der Pariſer in der Richtung der Prinzenquellez er ſetzte ſich vier Schritte von der Quelle, ſtand nach einiger Zeit wieder auf und machte zweiundzwanzig Schritte gegen die Straße von Soiſſons, wonach er den Schuß bekam und niederfiel.“ „Oh! ſo iſt es! ſo iſt es!“ rief Catherine. „Morgen wird man erfahren, wer den Schuß ge⸗ than hat; man wird die Pröpfe wiederfinden und die Kugel ſuchen,“ ſprach der Maire. „Oh! es iſt nicht nöthig, hiezu bis morgen zu warten: ich bringe ſie zurück.“ Ein Strahl der Freude erleuchtete die leichenbleiche Stirne von Mathien. „Wie!“ ſagte der Maire,„Sie bringen ſie zu⸗ rück? Sie bringen die Pfröpfe und die Kugel zu⸗ rück?“ „Ja die Pfröpfe, begreifen Sie? ſie waren in der Richtung des Schuſſes, und ſie ließen ſich leicht finden; doch was die Kugel betrifft, da hatte man mehr zu thun; die verteufelte Börſe— vielleicht auch rin wenig die Rippe hatten gemacht, daß ſie abgewichen 228 war; doch gleichviel, ich habe ſie in einer Buche wie⸗ dergefunden... Sehen Sie.“ Hier bot Frangois in ſeiner hohlen Hand dem Maire zwei Pfröpfe und die abgeplattete Kugel. Der Maire ließ ſich von einem der Gendarmen leuchten. „Sehen Sie, meine Herren,“ ſagte er,„die Pfröpfe ſind von Filz, und die Kugel hat, obgleich abgeplat⸗ tet und aus der Form gebracht, das Zeichen eines Krenzes.“ „Bei Gott!“ rief Frangvis,„ein ſchönes Wun⸗ der, da es die Pfröpfe von Bernard ſind und dieſes Kreuz das iſt, welches er hente Morgen auf die Kugel gemacht hat.“ „Mein Gott! was ſagt er?“ murmelte der Vater Watrin, während er nach ſeiner Pfeife griff, welche ſeinen zitternden Kinnbacken entfallen wollte. „Oh! er ſtürzt ihn ins Verderben, der Unglück⸗ liche!“ rief Catherine. „Ah! das befürchtete ich,“ ſtammelte Mathien mit einem geheuchelten Mitleiden.„Armer Herr Ber⸗ nard!“ „Es wird alſo von Ihnen anerkannt, daß der Schuß mit der Flinte von Bernard gethan wor⸗ den iſt?“ „Gewiß erkenne ich dies an,“ erwiederte Fran⸗ gois;„es iſt die Flinte von Herrn Bernard, es iſt die Kugel von Herrn Bernard, es ſind die Pfröpfe von Herrn Bernard, doch Alles dies beweiſt nicht, daß Herr Bernard den Schuß gethan hat.“ „Ho! ho!“ murmelte Mathien,„ſollte er etwas vermuthen?“ „Herr Bernard war nur ſehr wüthend, wie ich Ihnen ſagte: er ſtampfte auf den Boden, er raufte das Moos aus; ſodann, als Herr Chollet ſich ent⸗ fernte, folgte er dieſem bis zum Fuße der Eiche; hier 229 überlegte er, und plötzlich wurde er andern Sinnes: er machte einige Schritte rückwärts und warf ſein Ge⸗ wehr auf die Erde; der Hahn, der geſpannt war, und das Ende des Laufes ſind im Wege bezeichnet; er ent⸗ floh hernach.“ „Oh! mein Herr Jeſus!“ ſprach die Mutter Wa⸗ trin, es geſchieht ein Wunder.“ „Was ſagte ich Ihnen, Herr Maire?“ fragte Bernard. „Schweig! ſchweig!“ verſetzte der Vater Guillanme, „laß Frangois ſprechen. Siehſt Du nicht, daß er auf der Spur iſt, der feine Leithund?“ „Ho! ho!“ murmelte Mathien,„das fängt an be⸗ unruhigend zu werden.“ „Sodann kam ein Anderer,“ fuhr Francois ſort „Welcher Andere?“ fragte der Maire. Oh! ich weiß es nicht,“ erwiederte Frangois, Bernard mit dem Auge zublinzelnd;„ein Anderer, das iſt Alles, was ich ſehen konnte.“ „Gut! ich athme“ murmelte Mathieu. „Er hob die Flinte auf, ſetzte ein Knie auf die Erde,— was beweiſt, daß er kein ſo feiner Schütze iſt wie Bernard,— und gab Feuer; da ſtürzte Herr Chollet nieder, wie ich Ihnen geſagt habe.“ „Welches Intereſſe konnte aber der Andere haben, Herrn Chollet zu tödten?“ „Ah! ich weiß es nicht, vielleicht um ihn zu be⸗ ſtehlen.“ „Woher weiß er, daß er Geld hatte?“ Sagte ich Ihnen nicht, ich glaube, der Pariſer habe ſeine Börſe vor der Hütte, wo die Mutter Tel⸗ lier ihren Wein abkühlen läßt, fallen laſſen? Nun, es würde mich nicht wundern, wenn der Mörder in der Hütte in dieſem Angenblick verſteckt geweſen wäre. Ich habe die Spur eines auf dem Bauche liegenden Men⸗ 230 ſchen geſehen, der den Sand mit ſeinen Händen aus⸗ gegraben hat.“ „Man hat alſo Herrn Chollet beſtohlen?“ „Ich glaube wohl, man hat ihm zweihundert und dreißig Lonis d'or genommen, nicht mehr!“ „Oh! verzeih, mein armer Bernard!“ ſprach der Vater Gnillaume;„ich wußte nicht, daß man den Pa⸗ riſer beſtohlen hatte, als ich Dich fragte, ob Du ſein Mörder ſeiſt.“ „Ich danke, mein Vater!“ erwiederte Bernard. „Aber der Dieb?“ fragte der Maire. „Ich ſage ja, ich kenne ihn nicht. Nur iſt er von der Stelle, wo er geſchoſſen, zu der, wo Herr Chollet gefallen war, laufend in einen Kaninchenbau getreten und hat ſich den linken Fuß verrenkt.“ Ha! der Teufel!“ murmelte Mathien, welcher fühlte, wie ſich ſeine rothen Haare auf ſeinem Kopfe ſträubten. „Oh! das iſt zu ſtark,“ rief der Maire.„Wie kannſt Du wiſſen, daß er ſich eine Verrenkung zugezo⸗ gen hat?“ .„Ah! ein ſchöner Witz!, verſetzte Frangois;„drei⸗ ßig Schritte weit ſind die zwei Füße auf gleiche Weiſe markirt; auf dem ganzen übrigen Wege trägt nur einer die Laſt des Körpers: dieſer iſt der rechte; vom an⸗ dern findet ſich kaum eine Spur: das iſt der linke; er hat ſich alſo den linken Fuß verrenkt, und wenn er ſich darauf ſtützt, thut es ihm wehe.“ „Ah!“ murmelte Mathien. „Darum iſt er nicht entflohen,“ fuhr Frangois fort.„Nein! wenn er geflohen wäre, ſo dürfte er zu dieſer Stunde fünf bis ſechs Meilen von hier ſein, um ſo mehr, als er mit den Füßen, die er hat, gut marſchiren muß. Rein! er hat ſeine zweihundert und dreißig Louis dor zwanzig Schritte von der Straße und hundert Schritte von hier vergraben, zwiſchen zwei großen Büſchen am Fuße einer Birkes ſie läßt —— ———— — 231 ſich leicht erkennen, da ſie die einzige ihrer Art iſt, die Birke wohlverſtanden.“ Mathieu wiſchte ſich zum zweiten Mal die Stirne ab und zog eines von ſeinen Beinen auf die andere Seite des offenen Fenſters. 2 „Und wohin iſt er von da gegangen?“ fragte der Maire. „Ah! von da iſt er auf die Landſtraße gegangen, und auf der Landſtraße, da verlieren ſich die Spuren.“ „Und das Geld?“ „Verzeihen Sie, es iſt Gold, Herr Maire, lauter Stücke von zwanzig und vierzig Franken.“ „Dieſes Gold haben Sie genommen und als Be⸗ weismittel mitgebracht.“ „Bah“ verſetzte Frangvis,„ich habe mich wohl gehütet: Diebsgold, das brennt.“ Und er ſchüttelte die Finger, als ob er ſie wirk⸗ lich verbrannt hätte. „Aber „Und ſodann habe ich mir geſagt,“ fuhr Frangvis fort:„„Es iſt beſſer, wenn ſich das Gericht an Ort und Stelle begibt, und da der Dieb nicht vermuthet, ich ſein Verſteck kenne, ſo wird man den Schatz nden.“ „Du täuſchſt Dich,“ ſagte Mathieu, während er vollends aus dem Fenſter ſtieg und einen Blick des Haſſes auf Bernard und Frangvis warf,„man wird ihn nicht finden.“ Und er entfernte ſich, ohne daß Jemand, Frangois ausgenommen, ſeinen Abgang bemerkte. „Iſt das Alles, mein Freund?“ fragte der Maire. „Bei meiner Treue, ja, ſo ungefähr, Herr Roiſin!“ antwortete Francvis. „Es iſt gut, das Gericht wird Ihre Angaben in Erwägung ziehen. Mittlerweile Sie begreifen wohl, daß, da Sie Niemand nennen, da Alles auf er ſtellte ſich auf den Weg de Suppoſitionen hinausläuft, die Anklage fortwährend auf Bernard laſtet.“ „Ah! was das betrifft, da habe ich nichts zu ſa⸗ gen,“ erwiederte Francvis. „Folglich... ich bin darüber in Verzweiflung, Herr Guillaume, ich bin in Verzweiflung, Frau Watrin, aber Bernard muß ſich von den Gendarmen ins Ge⸗ fängniß führen laſſen.“ „Wohl, es ſei, Herr Maire! Frau, gib mir zwei Hemden und was ich brauche, um mit Bernard im Gefängniß zu bleiben.“ ₰ „ünd ich auch, und ich auch!“ rief die Mutter; „ich werde meinem Sohne überallhin folgen, wohin er gehen mag!“ „Machen Sie es⸗ wärts!“ Der Maire gab den Gendarmen ein Zeichen, und dieſe nöthigten Bernard, nach der Thüre zu gehen. Frangvis that aber, was er ſchon gethan hatte, s Gefangenen und ſagte: „Einen Augenblick Geduld, Herr Maire.“ „Wenn Du dem, was Du angegeben, nichts mehr peizufügen haſt erwiederte der Maire. „Nein, nichts; doch gleichviel⸗ nehmen wir an.«. Er ſchien etwas in ſeinem Kopfe zu ſuchen. „Nehmen wir was an?“ fragte der Maire. „Nehmen wir an, ich kenne den Schuldigen.“ Jeder gab einen Schrei von ſich.. „Nehmen wir, zum Beiſpiel, an,“ fuhr Frangois, die Stimme dämpfend, ſort:„nehmen wir an, er ſei ſo eben hier geweſen.“ „Hier?“ fragte der Maire. „Nehmen wir an, er ſei, als er erzählen hörte, ſein Schatz ſei entdeckt, weggegangen, um ihn in Si⸗ cherheit zu bringen!“ wie Sie wollen, aber vor⸗ 8 N—— is, ſei rte, Si⸗ 233 „Da würde uns der Beweis entgehen,“ rief der Maire,„und wir würden in Zweifel gerathen.“ „Ja, das iſt wahr, doch eine letzte Annahme, Herr Maite. Nehmen Sie an, ich habe im Gebüſche rechts Bobineau und im Gebüſche links la Jeuneſſe in den Hinterhalt geſtellt, und in dem Augenblick, wo der Dieb die Hand an ſeinen Schatz lege, legen ſie die Hand an den Dieb 2h!“ In dieſem Momente hörte man auf der Landſtraße ein Geräuſch dem ähnlich, welches ein Menſch macht, der nicht gern gehen möchte, und den man wider ſeinen Willen zu gehen zwingen würde. „Ei! hört! hört!“ rief Frangvis mit einem Ge⸗ lächter, das ſeinen Gedanken wunderbar krönte,„ſie halten ihn, er will nicht zurückkommen, und ſie ſind ge⸗ nöthigt, ihn anzutreiben.“ Zu gleicher Zeit erſchienen la Jeuneſſe und Bo⸗ bineau, Mathien am Kragen haltend, auf der Thür⸗ ſchwelle. „Alle Teufel!“ ſagte Bobineau,„wirſt Du wohl gehen, Landſtreicher?“ „Vorwärts, Burſche, mache nicht den Widerſpän⸗ ſtigen!“ fügte la Jeuneſſe bei. „Mathien!“ riefen einſtimmig die Anweſenden. „Herr Maire,“ ſprach la Jeuneſſe,„hier iſt die Börſe!“: „Und hier der Dieb!“ ſagte Bobineau.„Laß uns ein wenig mit dem Herrn Maire reden, mein Klei⸗ nod.“ Hiebei ſchob er Mathien vorwärts, und dieſer ge⸗ horchte unwillkürlich dem Impulſe und machte hinkend ein paar Schritte. „Nun,“ rief Frangvis,„ich ſagte Ihnen ja, er hinke mit dem linken Beine! Werden Sie wohl ein ander Mal auf meinen Rath hören, Herr Maire?“ Mathien ſah, daß ſich nichts leugnen ließ; er 16 Catherine Blum. 34 war gefangen und es blieb ihm nichts übrig, als den Muth nicht ſinken zu laſſen. „Nun wohl! ja,“ ſagte er;„was weiter? ich habe allerdings den Schuß gethan, und ich lengne es nicht! Ich wollte nur Herrn Bernard mit Mademoiſelle Ca⸗ therine entzweien, weil Herr Bernard mir eine Ohr⸗ feige gegeben hatte; als ich das Gold ſah, da ſchwin⸗ delte mir! Herr Bernard hatte ſeine Flinte weg⸗ geworfen, ich hob ſie auf, der Teufel führte mich in Verſuchung, und ſodann.. Doch nicht ein Härchen Vorbedacht, und da der Pariſer nicht todt iſt, ſo wird man wohl mit zehn Jahren Galeeren davon kommen!“ Aller Bruſt athmete freier, Aller Arme ſtreckten ſich gegen Bernard aus, doch die Erſte, welche dem jungen Manne, um den Hals fiel, war Catherine. Bernard machte vergebens eine Bewegung, um ſie an ſein Herz zu drücken: ſeine Hände waren ge⸗ bunden. Der Abbé Gregoire bemerkte das ſchmerzliche Lächeln, das um die Lippen des jungen Mannes ſchwebte. „Herr Maire,“ ſagte er,„ich hoffe, Sie geben Befehl, daß Bernard auf der Stelle frei wird.“ „Gendarmen, der junge Mann iſt frei,“ ſprach der Maire,„bindet ihm die Hände los.“ Die Gendarmen gehorchten. Es trat nun ein Augenblick des Erguſſes ein, in welchem Vater, Mutter, Kind, Braut eine verworrene Gruppe bildeten, aus der man Schluchzen der Freude und Ausrufungen des Glückes hervorkommen hörte. Alle Welt weinte; Jeder bis auf den Maire wiſchte ſich eine Thräne ab. Da aber Mathien zu ſehr von dem Gemälde ab⸗ ſtach, ſo ſagte der Maire, auf Mathien deutend: „Führt dieſen Menſchen ins Gefängniß von Villers⸗Cotterets und laßt ihn ſicher einſperren.“ 4 — 235 „Oh! wie wird ſich der Vater Sylveſtre ärgern, daß man ihn um dieſe Stunde aufweckt!“ rief Ma⸗ thien. Und er machte ſeine Hände von denen der Gen⸗ darmen los, die ihm die Schellen anlegen wollten, und ließ zum letzten Male das Geſchrei der Nachteule hören. Wonach er ſeine Hände wieder zum Feſſeln dar⸗ reichte und mit den Gendarmen abging. Ende.