—— ——— Die Elenden. Von Victor Hugo. Deutſch von C. von Acvpensſeben. Dritter Band. Zweite Abtheilung: Coſette. Irſter Band. —— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (F. Winckler.) Coſette. Von Victor Hugo. Deutſch von CL. von Aſvensleben. Irſter Band. (Bweite Abtheilung der„Elenden“.) ———— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. 1(J. Winckler.) Coſette. — Erſtes Buch. Waterloo. I Was man findet, wenn man von Nivelles kömmt. Vergangenen Jahres(1861) an einem ſchönen Mai⸗ morgen kam ein Wanderer, der, welcher dieſe Geſchichte er⸗ zählt, von Nivelles und wendete ſich gegen la Hulpe. Er ging zu Fuß. Er folgte zwiſchen zwei Baumreihen einer gepflaſterten Chauſſee, welche ſich wellenförmig über die Hügel hinzieht, die einander folgen, die Straße erheben und wieder fallen laſſen, und ſo gewaltige Wellen bilden. Er war durch Lillois und Bois⸗Seigneur⸗Iſaac gekommen. Er bemerkte im Weſten den Kirchthum von Braine⸗l'Alleud, der die Geſtalt einer umgekehrten Vaſe hat. Er hatte ſoeben hinter ſich auf einer Anhöhe ein Gehölz gelaſſen, und an der Ecke des Querweges eine Art von wurmſtichigem Galgen, welcher die Inſchrift trug: Ehemalige Barridre No. 4, ſowie eine Schänke mit dem Schilde: Zu den vier Win⸗ den. Echabeau, Privat⸗Kaffeehaus. Eine halbe Viertelmeile weiter als dieſes Kaffeehaus gelangte er zu dem Grunde des kleinen Thales, in welchem ein Bach unter einem Bogen durchläuft, der in dem Damm der Straße angebracht iſt. Die einzeln ſtehenden, aber ſehr dicht belaubten Baumgruppen, welche das Thal auf der 8 einen Seite der Chauſſee bedecken, verlieren ſich auf der anderen Seite auf den Wieſen und ziehen ſich voll Anmuth und in Unordnung bis gegen Braine⸗'Alleud. Hier ſtand rechts an der Straße ein Wirthshaus, vor der Thür deſſelben ein vierräderiger Wagen, ein großer Haufen Hopfenſtangen, ein Pflug, eine Menge trockener Reiſigbündel lagen neben einer lebendigen Hecke, Kalk dampfte in einem viereckigen Loche, eine Leiter hing an einem alten Schuppen mit Lehmwänden. Ein junges Mädchen gätete das Unkraut aus einem Felde, neben welchem ein großer gelber Zettel, wahrſcheinlich die Ankündigung einer Sehens⸗ würdigkeit der letzten Kirmeß, im Winde flatterte. An der Ecke des Wirthshauſes, neben einem Tümpel, auf welchem eine Menge Enten umherſchwammen, führte ein ſchlecht ge⸗ pflaſterter Fußpfad in das Gebüſch. Der Wanderer betrat dieſen Pfad. Nach etwa hundert Schritten neben einer Mauer ent⸗ lang, die aus dem funfzehnten Jahrhundert ſtammte und von einem ſpitzen Taubenſchlage, aus Ziegelſteinen erbaut, über⸗ ragt wurde, befand er ſich vor einem großen Spitzbogen⸗ thore mit gradlinigem Simswerk in dem ernſten Style der Zeit Ludwigs XIV., zu beiden Seiten an flache Medaillons gelehnt. Eine ſtrenge Facade erhob ſich über dem Thore; eine Mauer, perpendieulair gegen die Facade, reichte bis beinahe zu dem Thore, das ſie im rechten Winkel umgab. Auf der Wieſe vor dem Thore lagen drei Eggen, zwiſchen denen in buntem Gemiſch alle Blumen des Mai hervor⸗ wuchſen. Die Thür war geſchloſſen. Sie hatte zwei ver⸗ fallene Flügel, geſchmückt mit einem alten verroſteten Hammer. Die Sonne war lieblich; die Zweige zeigten jenes ſanfte Leben des Mai, welches noch mehr von den Neſtern, als von dem Winde herzurühren ſcheint. Ein munterer kleiner Vogel, wahrſcheinlich verliebt, ſchmetterte gewaltig auf einem großen Baume. 9 Der Wanderer bückte ſich und betrachtete links in einem großen Steine, unten rechts neben der Thür, eine ziemlich große runde Vertiefung. In dieſem Augenblicke öffneten ſich die Flügel des Thores und eine Bäuerin trat heraus. Sie ſah den Wanderer und bemerkte, was er be⸗ trachtete. „Das hat eine franzöſiſche Kugel gemacht,“ ſagte ſie. Dann fügte ſie hinzu: „Was Sie da weiter oben in der Thür ſehen, neben dem einem Nagel, iſt das Loch von einer großen Kartätſch⸗ kugel. Die Kugel iſt aber nicht durch das Holz gegangen.“ „Wie heißt dieſer Ort?“ fragte der Wanderer. „Hougomont,“ ſagte die Bäuerin. Der Wanderer richtete ſich auf. Er machte einige Schritte und ſah über die Hecken. Er bemerkte am Hori⸗ zonte, zwiſchen den Bäumen hindurch, eine Art von Hügel und auf dieſem Hügel etwas, das einem Löwen glich. Er befand ſich auf dem Schlachtfelde von Waterloo. II. Hongomont. Hougomont war ein verderblicher Ort; der Anfang der Hinderniſſe, der erſte Widerſtand, den bei Waterloo jener große europäiſche Blutſauger fand, den man Napoleon nannte. 3 Es war früher ein Schloß; ietzt iſt es nur noch ein Pachthof. Hougomont iſt für den Alterthumsforſcher Hu⸗ 10 gomons. Der Ritterſitz wurde von Hugo Herrn von Somerel erbaut, demſelben, welcher in der Abtei Villers die reichſte Kapellanſtelle ſtiftete. Der Wanderer ſtieß die Thür auf, ſtreifte unter dem Thorwege an eine alte Kaleſche an und trat auf den Hof. Das Erſte, was ihm hier auffiel, war eine Thür aus dem ſechszehnten Jahrhundert, die eine Arkade darſtellt, da Alles ringsum ſie her niedergeſtürzt iſt. Eine Ruine nimmt oft das Anſehen eines Denkmales an. Neben der Arkade befindet ſich in einer Mauer eine andere Thür mit einem Spitzbogen aus der Zeit Heinrichs IV. Durch dieſe Thür erblickt man die Bäume eines Obſtgartens; neben dieſer Thür eine Miſtgrube, Hacken, Schaufeln, einige Karren, einen alten Brunnen mit ſeinem Schöpfſteine und ſeiner eiſernen Winde, ein ſpringendes Füllen, einen radſchlagenden Truthahn, eine Kapelle mit einem kleinen Thürmchen, einen blühenden Spalier⸗Pflaumenbaum an der Mauer der Kapelle;— das war der Hof, deſſen Eroberung ein Traum Napoleons war. Dieſer Erdwinkel würde ihm, hätte er ihn zu nehmen ver⸗ mocht, die Welt überliefert haben. Hühner pickten darauf mit dem Schnabel in dem Staube umher. Man hört ein Knurren; es iſt ein großer Hund, der die Zähne zeigt und die Stelle der Engländer einnimmt. Die Engländer ſind hier bewundernswürdig geweſen. Die vier Compagnien Garde von Cooke haben hier ſieben Stunden lang den hartnäckigen Angriffen einer ganzen Armee Widerſtand geleiſtet. Hougomont bietet auf der Karte mit ſeinen Gebäuden und Umhegungen den Anblick eines unregelmäßigen Recht⸗ eckes, deſſen einer Winkel einſpringend iſt. In dieſem Winkel liegt das ſüdliche Thor, vertheidigt durch die Mauer, von welcher es in nächſter Nähe beſtrichen werden kann. Hougo⸗ mont hat zwei Thore: das ſüdliche, das des Schloſſes, und 11 das nördliche, das des Pachthofes. Napoleon ſchickte gegen Hougomont ſeinen Bruder Jérome; die Diviſionen Gullle⸗ minot Foy und Bachelu drängten ſich hier zuſammen; bei⸗ nahe das ganze Corps von Reille wurde hier verwundet und ſcheiterte; die Kanonenkugeln Kellermann's erſchöpften ſich an dieſem heldenmüthigen Stückchen Mauer. Die Bri⸗ gade Bauduin war nicht zu viel, um Hougomont im Norden zu forciren, und im Süden konnte die Brigade Soye es nur beſchädigen, nicht nehmen. Die Gebäude des Pachthofes begrenzen den Hof im Süden. Ein Theil des nördlichen Thores, welches von den Franzoſen zertrümmert wurde, hängt von der Mauer herab. Es ſind vier Bretter, auf zwei Querbalken genagelt und man erblickt darauf noch die Narben des Angriffes. Das nördliche Thor, welches durch die Franzoſen ge⸗ ſprengt wurde, und an welchem man den von der Mauer herabhängenden Theil ergänzte, öffnet ſich im Hintergrunde des Hofes; es iſt in eine Mauer eingelaſſen, die den Hof im Norden ſchließt und unten aus Quadern, oben aus Ziegel⸗ ſteinen beſteht. Es iſt ein einfaches Thor, wie man der⸗ gleichen auf allen Ackerhöfen findet und hat zwei große Flügel von rohen Brettern. Jenſeit des Thores liegen Wieſen. Der Kampf um dies Thor war wüthend. Lange Zeit konnte man an dem oberen Theile alle Arten Spuren von blutigen Händen ſehen. Hier wurde Bauduin getödtet. Der Sturm des Kampfes weilt noch auf dieſem Hofe; die Greuel deſſelben ſind uͤberall ſichtbar; das Gewirr des Gemetzels iſt hier verſteinert; das lebt, das ſtirbt; es war erſt geſtern. Die Mauern liegen im Todeskampfe, die Steine fallen, die Breſchen ſchreien, die Löcher ſind Wunden, die ſich ſenkenden und zitternden Bäume ſcheinen Anſtrengun⸗ gen zu machen, um zu entfliehen. Dieſer Hof war 1815 mehr bebaut, wie jetzt. Ge⸗ 12 bäude, die ſeitdem niedergeriſſen wurden, bildeten Winkel, Ecken, Vorſprünge. Die Engländer hatten ſich hier verbarrikadirt; die Fran⸗ zoſen drangen ein, konnten ſich aber nicht halten. Neben der Kapelle erhebt ſich ein Flügel des Schloſſes, das ein⸗ zige Ueberbleibſel von dem Ritterſitze Hougomont, halb zer⸗ trümmert, man könnte ſagen mit aufgeſchlitztem Bauche. Das Schloß diente als Wartthurm, die Kapelle als Block⸗ haus. Man verrichtete ſie hier. Die Franzoſen, die von allen Seiten niedergeſchoſſen wurden, von hinter den Mauern, von den Böden herab, aus den Kellern herauf, aus allen Fenſtern, aus allen Luftlöchern, aus allen Mauerſpalten, ſchleppten Faſchinen herbei, um Wände und Menſchen zu verbrennen; das Kugelfeuer erhielt zur Antwort die Feuers⸗ brunſt. Man erblickt in dem verfallenen Flügel durch die mit Eiſengittern verſehenen Fenſter noch jetzt die nackten Zim⸗ mer eines aus Ziegelſteinen aufgeführten Mittelgebändes; die engliſchen Garden lagen in dieſen Zimmern im Hinter⸗ halt; die Wendeltreppe, welche von dem Erdgeſchoſſe bis zu dem Dache führt, gleicht dem Innern eines zerbrochenen Schneckenhauſes. Die Treppe hat zwei Stockwerke; die Engländer, welche in dem oberen Stockwerke belagert wurden und ſich auf den höheren Stufen zuſammendrängten, hatten die unteren ausgebrochen. Es ſind breite braune Stein⸗ blöcke, die unter Neſſeln einen Haufen bilden. Etwa zehn Stufen hängen noch in der Mauer; auf der erſten verſelben iſt ein Dreizack eingegraben. Alle dieſe Stufen ſitzen feſt in ihren Vertiefungen; alles Uebrige gleicht einem zähne⸗ lofen Gebiß. Es ſtehen hier zwei alte Bäume; der eine iſt todt; der andere iſt am Fuße beſchädigt und grünt neu im April. Seit 1815 hat er ſich bemüht, in die Treppe hinein⸗ zuwachſen. In der Kapelle hat man ſich niedergemetzelt. Das Innere, welches wieder ruhig wurde, iſt ſonderbar. Man hat ſeit dem Blutbade darin nicht wieder Meſſe geleſen. Gleichwohl iſt der Altar ſtehen geblieben, ein Altar von rohem Holz, gelehnt an eine Mauer von rohen Steinen. Vier Kalkwände, eine Thür, dem Altar gegenüber, zwei kleine Spitzfenſter, ein hölzernes Kruzifir auf der Thür, über dem Kruzifix ein mit Heu verſtopftes Luftloch, in der Ecke, am Boden, ein ganz zertrümmerter Beichtſtuhl,— ſo iſt jetzt dieſe Kapelle. Neben dem Altare iſt an der Mauer eine Bildſäule der heiligen Anna, aus dem fünf⸗ zehnten Jahrhundert herrührend, feſtgenagelt; den Kopf des Jeſuskindes hat eine Kartätſchkugel fortgeriſſen. Die Fran⸗ zoſen, welche einen Augenblick Herren der Kapelle waren, dann aber wieder daraus verdrängt wurden, haben ſie in Brand geſteckt. Die Flammen haben dieſes Gebäude er⸗ füllt; es war in einen Ofen verwandelt; die Thür, der Fuß⸗ boden, ſind verbrannt worden, das hölzerne Chriſtusbild aber blieb verſchont. Das Feuer hat ihm die Zehen verzehrt, von denen man nur noch die geſchwärzten Stummel ſieht, dann aber hat es Halt gemacht. Ein Wunder nach der Meinung der Landleute. Das geköpfte Jeſuskind iſt nicht ſo glücklich geweſen, wie der Chriſtus. Die Mauern ſind mit Inſchriften bedeckt. Neben den Füßen des Chriſtusbildes ließt man den Namen Henquinez. Dann die anderen: Conde de Rio Maior. Marques y Marquesa de Almagro(Habaua). Es ſtehen hier auch franzöſiſche Namen, daneben mit Ausrufungszeichen, Beweiſe des Zornes. Man hat die Mauern 1849 friſch geweißk. Die Nationen beſchimpften ſich auf denſelben. An der Thür dieſer Kapelle iſt eine Leiche aufgehoben worden, welche eine Axt in der Hand hielt. Es war die des Unterlieutenant Legros. Bei dem Austritt aus der Kapelle ſieht man links einen Brunnen. Es ſind deren zwei auf dem Hofe. Man fragt: 14 Weshalb iſt an dieſem keine Winde und kein Eimer?— Weil man daraus kein Waſſer mehr ſchöpft.— Weshalb nicht?— Weil er mit Gerippen angefüllt iſt. Der Letzte, welcher Waſſer aus dieſem Brunnen ſchöpfte, hieß Wilhelm van Kylſom. Er war ein Bauer, der in Hougomont wohnte und hier die Dienſte des Gärtners ver⸗ richtete. Am 18. Juni 1815 ergriff ſeine Familie die Flucht und verſteckte ſich in dem Walde. Der Wald, welcher die Abtei Villers umgiebt, ſchützte mehrere Nächte und mehrere Tage lang alle dieſe unglück⸗ lichen verjagten Bevölkerungen. Noch jetzt deuten gewiſſe kennbare Zeichen, wie verbrannte Baumſtämme, die Plätze dieſer armen mit Zittern unter den grünen Hallen errichteten Bivouacs. Wilhelm van Kylſom blieb in Hougomont, um das Schloß zu bewachen und verſteckte ſich dazu in einem Keller. Die Engländer entdeckten ihn. Man entriß ihn ſeinem Ver⸗ ſtecke, und mit flachen Säbelhieben zwangen die Kämpfer dieſen von Furcht ergriffenen Menſchen, ſie zu bedienen. Sie hatten Durſt; dieſer Wilhelm brachte ihnen zu trinken. Aus dem erwähnten Brunnen ſchöpfte er das Waſſer. Viele tranken dabei ihren letzten Schluck. Dieſer Brunnen, aus dem ſo viele Todte tranken, ſollte ſeinerſeits ebenfalls ſterben. Nach dem Kampfe hatte man Eile, alle die Leichen zu beerdigen. Der Tod hat eine eigene Art, den Sieg zu be⸗ kämpfen und dem Ruhme läßt er oft die Peſt folgen. Der Typhus iſt ein Anhängſel des Triumphes. Dieſer Brunnen war tief, und man verwandelte ihn in eine Gruft. Man warf dreihundert Todte hinein. Vielleicht verfuhr man dabei zu eilig. Waren alle todt? Die Legende ſagt nein. In der Nacht, welche auf dieſe Beerdigung folgte, will man aus der Tiefe des Brunnens ſchwache Hülferufe ver⸗ nommen haben. Dieſer Brunnen ſteht einſam mitten auf dem Hofe. ————;—/: Halb aus Quadern, halb aus Ziegelſteinen aufgeführte Mauern faſſen denſelben auf drei Seiten ein. Die vierte Seite iſt offen und hier ſchöpfte man das Waſſer. Von dem Geſtell, welches über den Brunnen ein Dach bildete, ſteht nur noch das Gebälke. Beugt man ſich über eine der Seitenwände, ſo blickt man in einen gemauerten Cylinder, der von Dunkelheit erfüllt iſt. Der Grund der Mauern verſchwindet ringsumher in einem Walde von Neſſeln. Der Brunnen hat keine Winde, keine Kette, keinen Eimer mehr, aber es ſteht an demſelben noch ein ſteinerner Trog, m welchem ſich das Regenwaſſer ſammelt und aus dem dann von Zeit zu Zeit ein Vogel des benachbarten Waldes ſeinen Durſt ſtillt. Ein Haus unter dieſen Trümmern, das Haus des Pachthofes, iſt noch bewohnt. Die Thür dieſes Hauſes geht auf den Hof. Neben einem hübſchen Schilde von gothiſcher Schloſſerarbeit iſt auf dieſer Thür als Klopfer eine eiſerne Hand angebracht. In dem Augenblick, als der hannoverſche Lieutenant Wilda dieſen Klopfer ergriff, um ſich in das Pachtgebäude zu flüchten, hieb ein franzöſiſcher Sappeur ihm mit ſeiner Axt die Hand ab. Der Großvater der Familie, welche dieſes Haus be⸗ wohnt, war der ehemalige Gärtner van Kylſom, der ſchon längſt geſtorben iſt. Eine Frau mit grauem Haar ſagte zu dem Wanderer: „Ich war hier. Ich war damals drei Jahr alt. Meine ältere Schweſter fürchtete ſich und weinte. Man trug uns nach dem Walde. Ich lag in den Armen meiner Mutter. Man legte ſich mit dem Ohre auf den Boden, um zu hor⸗ chen. Ich machte die Kanonen nach, indem ich wiederholte: Bumm! Bumm!“ Eine Thür links auf dem Hofe führte in den Obſt⸗ garten. Dieſer war entſetzlich. 16 Er beſteht aus drei Theilen, die man beinahe drei Acte nennen könnte. Der erſte Theil iſt ein Garten, der zweite der Obſtgarten, der dritte ein Gebüſch. Dieſe drei Theile haben eine gemeinſchaftliche Einfriedigung, aus der Seite des Einganges, zu den Gebäuden des Schloſſes und des Pachthofes, links eine Hecke, rechts eine Mauer und im Hintergrunde ebenfalls eine Mauer. Die Mauer rechts iſt von Ziegelſteinen, die im Hintergrunde von Quadern. Man tritt zunächſt in den Garten. Er geht von unten nach oben, iſt bepflanzt mit Stachelbeerſträuchen, bedeckt mit einer wilden Vegetation und geſchloſſen durch eine Terraſſe von behauenen Steinen mit Baluſtraden. Es iſt ein herrſchaft⸗ licher Garten in dem erſten franzöſiſchen Styl, welcher dem von Le Notre voranging; jetzt iſt er verfallen und ver⸗ wachſen. Die Baluſtraden tragen große Steinkugeln. Es ſtehen noch dreiundvierzig dieſer Pfeiler; die übrigen liegen im Graſe. Beinahe alle tragen die Spuren von Schüſſen. In dieſem Garten, der niedriger liegt, wie der Baum⸗ garten, wurden ſechs Voltigeure des 1. leichten Regiments, welche eingedrungen waren und nicht wieder hinaus konnten, gehetzt, wie Bären in ihrer Grube und nahmen den Kampf gegen zwei Compagnien Hannoveraner an, von denen eine mit Büchſen bewaffnet war. Die Hannoveraner hatten die Baluſtraden beſetzt und ſchoſſen von oben. Die Voltigeurs erwiderten das Feuer von unten, ſechs gegen zweihundert, unerſchrocken, ohne andern Schutz, als die Stachelbeerſträu⸗ cher und brauchten eine Viertelſtunde, um zu ſterben. Man ſteigt einige Stufen hinauf und kömmt aus dem Garten in den eigentlichen Obſtgarten. Hier, auf dem Raume von einigen Quadratklaftern, fielen fünfhundert Menſchen binnen weniger als einer Stunde. Die Mauer ſcheint im Begriff zu ſein, den Kampf zu erneuern. Die achtunddreißig Schießſcharten, welche durch die Engländer in ungleicher Höhe hineingebrochen wurden, ſind noch darin. 17 Vor der ſechszehnten liegen zwei engliſche Gräber von Granit. Dieſe Mauer wird nach außen durch eine hohe lebendige Hecke verdeckt. Die Franzoſen drangen ein, glanb⸗ ten es nur mit der Hecke zu thun zu haben, überſtiegen die⸗ ſelbe und fanden die Mauer, ein Hinderniß und einen Hin⸗ *terhalt, in welchem die Engländer lagen. Die achtunddreißig ießſcharten gaben a in Mal Feuer,— ein Hagel Kartäſchen und Mun Ketenkugeln; die Brigade Soye eeg daran. begann Waterloo.— 23 Obſtgarten wurde gleichwohl genommen. Man hattte keine Leitern. Die Franzoſen kletterten mit den Nä⸗ geln an der Mauer hinauf. Man ſchlug ſich Mann gegen Mann unter den Bäumen. Das Gras wurde mit viel Blut benetzt. Ein Bataillon Naſſauer, ſiebenhundert Mann ſtark, wurde hier niedergemacht. Auf der Außenſeite iſt die Mauer, gegen welche die beiden Batterien Kellermann's ge⸗ lichtei. wurden, von darſhtaes Prboſſe Dieſer Obſtgarten iſt im Mai voll Blumen, wie jeder andere. Er hat ſeine Goldknöpfchen und ſeine Gänſeblüm⸗ chen, das Gras iſt hoch darin, die Ackerpferde graſen hier, Pferdehaar⸗Seile, auf denen Wäſche trocknet, hängen zwiſchen den Bäumen, zwingen die Hindurchgehenden ſich zu bücken und der Fuß ſinkt in Maulwurfshügel ein. In der Mitte des Obſtgartens bemerkt man einen umgeſtürzten aber noch grünenden Baumſtamm. Der Major Blackmann hat ſich mit dem Rücken dagegen gelehnt, um zu ſterben. Unter einem naheſtehenden großen Baume iſt der deutſche General Düplat gefallen, welcher von einer franzöſiſchen Familie ſtammte, die nach dem Widerruf des Edictes von Nantes auswanderte. Dicht daneben neigt ſich ein alter kranker Apfelbaum, welcher einen Verband von Stroh und Lehm trägt, gegen den Boden. Beinahe alle Aepfelbäume fallen vor Alter um. Nicht einer von allen, der nicht ſeine Ka⸗ Die Elenden. III. 2 18. nonen⸗ oder ſeine Kartätſchkugel bekommen hätte. Die Ske⸗ lette todter Bäume ſind in dieſem Obſtgarten ſehr zahlreich. Die Raben fliegen in den Aeſten umher.. Im Hintergrund iſt ein Gebüſch voller Veilchen. 1„„ Bauduin todt, Foy verwundet, Brand, Gemetzel, Blut⸗ bad, ein Blutſtrom, in welchem engliſches, deutſches und franzöſiſches Blut ſich miſchteuu wüthendes Handge. ein mit Leichen angefüllter Brunnen, das Regiment au und das Regiment Braunſchweiß vernichtet, Dizlatanodt⸗ Blackmann todt, die engliſchef Garden zuſair Engehauen, zwanzig franzöſiſche Bataillone von den vierzig des Edrps von Reille decimirt, dreitauſend Mann in dieſem einzigen Ritterſitze Hougomont niedergemetzelt, erſchlagen, erwürgt, zuſammengehauen, verbrannt;— und das Alles, damit jetzt ein Bauer zu einem Reiſenden ſagen kann: „Mein Herr, geben Sie mir drei Francs und wenn Sie wollen ſo erkläre ich Ihnen die Ge⸗ ſchichte von Watelo* III. 8 Der 18. Juni 1815. Gehen wir zurück, wie dies eines der Rechte des Er⸗ zählers iſt, und verſetzen wir uns in das Jahr 1815 und ſelbſt noch etwas vor jene Zeit, zu welcher die Handlung beginnt, welche wir in der erſten Abtheilung dieſes Buches erzählten. war Er⸗ und ung ches 19 e es in der Nacht vom 17. zum 18. Juni 1815 1e lenr. ſo würde die Zukunft Europa's verändert gewefen ſein. Einige Tropfen Waſſer mehr oder weniger hahen Napoleon geſtürzt. Um Waterloo zum Ende von Auͤſterlttz zu machen, bedurfte die Vorſehung nur etwas Regen, und einer Wolke, welche der Jahreszeit wider⸗ ſprechend den Himmel durchzog, genügte zu dem Umſturze einer Welt. Die Schlacht von Waterloo— und dadurch gewann Blücher Zeit, einzutreffen— konnte erſt um ½ 12 Uhr begonnen werden. Weshalb? Weil die Erde aufgeweicht war. Man mußte warten, bis ſie ſich etwas verhärtet hatte, damit die Artillerie manövriren konnte. Napoleon war Artillerie⸗Offizier und dies machte ſich bei ihm bemerklich. Alle ſeine Schlachtpläne ſind für die ſchweren Geſchoſſe berechnet. Die Artillerie auf einen be⸗ ſtimmten Punkt zu lenken war für ihn der Schlüſſel des Sieges. Er behandelte die Strategie des feindlichen Ge⸗ nerals wie eine Citadelle und ſchoß Breſche in dieſelbe. Carre's ſprengen, Regimenter vernichten, Schlachtlinien durch⸗ brechen, die Maſſen niederwerfen und auseinandertreiben, Alles für ihn lag darin, zu treffen, zu treffen, ohne Unter⸗ laß zu treffen, und dieſe Aufgabe traute er der Kanonenkugel an. Eine furchtbare Methode, welche, vereint mit dem Genie, dieſen finſtern Athleten des Krieges fünfzehn Jahre lang unbeſieglich machte. Am 18. Juni 1815 zählte er um ſo mehr auf die Artillerie, weil er die Zahl für ſich hatte, Wellington beſaß nur 159 Feuerſchlünde, Napoleon aber 240. Man nehme an, die Erde ſei trocken geweſen, die Ar⸗ tillerie hätte ſich bewegen können, ſo würde der Kampf um ſechs Uhr begonnen haben, die Schlacht wäre um zwei Uhr beendigt und gewonnen geweſen, drei Stunden vor dem Glückswechſel durch die Preußen. 2* — — 20 Wie viele Fehler Napoleons ſind bei dem Verluſt Reſer Schlacht in Rechnung zu bringen? Darf der Schiffbruch dem Steuermann zur Laſt gelegt werden? War das offen⸗ bar phyſiſche Sinken Napoleons um jene Zeit mit einer ge⸗ wiſſen innern Abnahme verbunden? Hatten die zwanzig Kriegsjahre die Klinge ebenſo abgenutzt wie die Scheide, die Seele wie den Körper? Ließ der Veteran ſich auf eine verderbliche Weiſe in dem Feldherrn bemerken? Mit einem Worte, nahm das Genie, wie viele beachtenswerthe Ge⸗ ſchichtsſchreiber geglaubt haben, ab? Gerieth er in Raſerei, um ſich ſelbſt ſeine abnehmende Kraft zu verhehlen? Begann er unter einem Hauch des Zufalles zu ſchwanken? Wurde er, was bei einem Feldherrn ſehr wichtig iſt, gleichgültig gegen die Gefahr? Giebt es in jener Klaſſe großer Männer, die man die Rieſen der Handlung nennen kann, ein Alter für die Kurzſichtigkeit des Genie's?— Das Alter übt keinen Einfluß auf die Genie's der Ideale; für die Dante's und Michel Angelo's heißt älter werden, wachſen; ſollte es für die Hannibal's, und für die Bonaparte's, das Gegentheil ſein? Hatte Napoleon den unmittelbaren Sinn des Krieges ver⸗ loren? War er ſoweit gekommen, die Klippe nicht mehr zu erkennen, die Gefahren nicht zu errathen, den Rand der Abgründe nicht zu entdecken? Mangelte ihm die Ahnung der Kataſtrophe? Hatte er, der ehedem alle Wege zum Triumphe kannte und der ſie von ſeinem Siegeswagen herab mit gebieteriſchem Finger andeutete, jetzt jene finſtere Verblendung, welche das ungeſtüme Geſpann der Legionen gegen die Abgründe treibt? War er mit 46 Jahren vom Wahnſinn ergriffen? War dieſer titaniſche Lenker des Geſchickes nichts mehr als ein gewaltiger Abenteurer? Wir glauben das aber nicht. Sein Schlachtplan war nach der Anſicht Aller ein Meiſterwerk. Gerade auf das Centrum der verbündeten Feinde losgehen, ein Loch darin brechen, ſie auseinander treiben, die britiſche Hälfte auf Hal a* und die Blüchen Brüſſel Englän poleon ( haben, Scenel bindun richt un ſchriebe durch T ſchreib ein W meder Wahr Wirk Piſſen dieten. die ſe rechtig Verket wenn gehein dem 21 und die preußiſche auf Tongeres werfen, aus Wellington und Blücher zwei Stumpfe machen, Mont⸗Saint⸗Jean nehmen, Brüſſel erobern, den Deutſchen in den Rhein und den Engländer in das Meer werfen: Das Alles lag für Na⸗ poleon in dieſer Schlacht. Das Weitere wird man ſehen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir nicht die Abſicht haben, hier die Geſchichte von Waterloo zu ſchreiben, eine der Scenen des Drama's, welche wir erzählen, ſteht in Ver⸗ bindung mit dieſer Schlacht. Allein dieſe Geſchichte iſt nicht unſer Gegenſtand; ſie iſt übrigens anderwärts ſchon ge⸗ ſchrieben, und zwar meiſterhaft; aus einem Geſichtspunkte durch Napoleon, aus dem andern durch Charras. Was uns betrifft, ſo laſſen wir die beiden Geſchichts⸗ ſchreiber ſich ſtreiten, wir ſind nur ein entfernter Zeuge, ein Wanderer über die Ebene und indem wir zu der Erde niedergebeugt, welche von Menſchenfleiſch erfüllt iſt, nach Wahrheit ſuchen, nehmen wir vielleicht den Schein für die Wirklichkeit; wir haben nicht das Recht, im Namen der Viſſenſchaft einer Menge von Thatſachen die Spitze zu bieten. Wir beſitzen weder die militairiſche Praxis, noch die ſtrategiſche Competenz, welche zu einem Syſteme be⸗ rechtige; unſerer Meinung nach beherrſchte bei Waterloo eine Verkettung von Zufällen die beiden Feldherren; und wenn es ſich um das Geſchick, dieſen ſo vielfach angeklagten geheimnißvollen Richter, handelt, ſo halten wir ihn gleich dem Volke für unbefangen! A. Die, welche ſich einen deutlichen Begriff von der Schlacht von Waterloo machen wollen, brauchen nur in Gedanken auf den Boden ein großes AK zu ſchreiben, der linke Arm des A iſt die Straße von Nivelles, die rechte die Straße von Genappe; der Verbindungsſtrich des A iſt der Hohlweg von Ohain nach Braine⸗l'Alleud. Die Spitze des A iſt Mont⸗Saint⸗Jean, hier iſt Wellington. Das linke untere Ende iſt Hougomont; hier ſteht Reille und Jerome Bonaparte. Das rechte untere Ende iſt Belle⸗Alliance; hier iſt Napoleon. Etwas unterhalb des Punktes, auf wel⸗ chem der Verbindungsſtrich des A den rechten Arm berührt, iſt La Haie⸗Sainte. In der Mitte dieſes Verbindungsſtriches iſt der genaue Punkt, wo das letzte Wort der Schlacht ge⸗ ſprochen wurde. Dort hat man den Löwen aufgeſtellt, das unwillkürliche Symbol des höchſten Heldenmuthes der kaiſer⸗ lichen Garde. Das Dreieck im oberen Theile des A zwi⸗ ſchen den beiden Armen und dem Verbindungsſtriche iſt die Hochebene von Mont⸗Saint⸗Jean. Der Streit um dieſe Ebene war die ganze Schlacht. Die Flügel der beiden Armeen dehnten ſich zur Rechten und Linken der beiden Straßen von Genappe und Nivelles aus; d'Erlon ſtand Picton, Reille ſtand Hill gegenüber. Hinter der Spitze des A, hinter der Hochebene von Mont⸗Saint⸗Jean liegt der Wald von Soignes. Was die Ebene ſelbſt betrifft, ſo denke man ſich ein umfaſſendes, wellenförmiges Terrain; jede Erhöhung be⸗ herrſcht die folgende und alle dieſe Wellen ſteigen gegen Mont⸗Saint⸗Jean hinauf und enden bei dem Walde. — 23 Zwei feindliche Armeen auf einem Schlachtfelde ſind zwei Kämpfer. Es iſt ein Ringen, der Eine trachtet den Andern niederzuwerfen. Man klammert ſich an Alles an; ein Gebüſch iſt ein Stützpunkt; ein Stück Mauer iſt ein Schutz; in Ermangelung einer Hütte, wo dies ſich ſtützen kann, weicht ein Regiment zurück; eine Vertiefung der Ebene, eine Erhöhung des Terrains, ein zu rechter Zeit erreichter Fußweg, ein Gehölz, eine Schlucht können der Proſa des Koloſſes, den man eine Armee nennt, einen Halt gewähren und ihn verhindern, zurückzuweichen; wer das Feld verläßt, iſt geſchlagen. Daraus entſpringt für den verantwortlichen Führer die Nothwendigkeit die geringſte Gruppe von Bäumen zu prüfen und die kleinſte Vertiefung zu erforſchen. Die beiden Feldherrn hatten aufmerkſam die Ebene von Mont⸗Saint⸗Jean, welche jetzt die Ebene von Waterloo genannt wird, ſtudirt. Schon das Jahr zuvor hatte Wel⸗ lington mit der Vorausſicht des Scharfſinnes ſie für den möglichen Fall einer großen Schlacht unterſucht. Auf dieſem Terrain und für den Zweikampf des 18. Juni hatte Wel⸗ lington die gute Seite, Napoleon die ungünſtigere. Die engliſche Armee ſtand oben, die franzöſiſche Armee unten. Hier die Geſtalt Napoleons zu ſchildern, zu Pferde, das Fernrohr in der Hand auf der Höhe von Roſſomme bei Tagesanbruch am 18. Juni 1815, iſt überflüſſig. Ehe man ihn zeigt, hat ihn die ganze Welt ſchon geſehen, das ruhige Profil unter dem kleinen Hute der Militairſchule von Brienne, die grüne Uniform, die weißen Revers, welche den Stern bedeckten, der Ueberrock, welcher die Epauletten verbarg, der Zipfel des rothen Bandes unter der Weſte, die Lederhoſen, der Schimmel mit ſeiner purpurrothen Sammetdecke und in den Ecken mit dem gekrönten N und den Adlern, die ſteifen Stiefeln über ſeidenen Strümpfen, die ſilbernen Sporen, der Degen von Marengo, dieſe ganze Geſtalt des letzten Cäſar 24 lebt in jeder Einbildungskraft, mit Beifall begrüßt von den Einen, mit ſtrengen Blicken betrachtet von den Andern. Dieſe Geſtalt hat lange im hellen Lichte geſtanden, dies rührt von einer gewiſſen legendenartigen Verdunkelung her, welche die meiſten Helden um ſich her verbreiten und die ſtets längere oder kürzere Zeit die Wahrheit verhüllt; aber jetzt iſt die Geſchichte und das helle Tageslicht be⸗ kannt. Dieſe Beleuchtung der Geſchichte iſt unerbittlich, ſie beſitzt das Eigenthümliche und Göttliche, daß ſie, ſo ſehr ſie Licht iſt und eben weil ſie Licht iſt, oft da Schatten ver⸗ breitet, wo man früher nur helle Strahlen ſah; aus dem— ſelben Menſchen machte ſie zwei von einander verſchiedene Phantome; eines greift das andere an; läßt demſelben Ge⸗ rechtigkeit widerfahren und die Schatten des Despoten kämpfen mit dem glänzenden Lichte des Feldherrn. Daraus entſpringt ein richtiges Maaß bei der letzten Würdigung durch die Völker. Das vernichtete Babylon verkleinert Alexander, das gefeſſelte Rom verkleinert Cäſar; das ge⸗ tödtete Jeruſalem verkleinert Titus; die Tyrannei folgt dem Tyrannen. Es iſt ein Unglück für einen Menſchen, wenn er hinter ſich die Nacht zurückläßt, welche ſeine Geſtalt an⸗ nimmt. V. Das quid obseurum der Schlachten. Alle Welt kennt den erſten Abſchnitt dieſer Schlacht; ein unruhiger, ungewiſſer, zögernder, drohender Anfang für beide die F durch dort zelne Achſ llüſſ unter alsge wäre Seite die C Hand anden bis war oust mehr wurde und leicht Hou an, und linken angri ſich gelun und deit beide Armeen. Aber für die Engländer noch mehr wie für die Franzoſen. Es hatte die ganze Nacht geregnet; der Boden war durch die Güſſe aufgeweicht, das Waſſer hatte ſich hier und dort in den Vertiefungen der Ebene angeſammelt; auf ein⸗ zelnen Punkten ſanken die Wagen der Trains bis zu den Achſen hinein; die Bauchgurte der Geſpanne trieften von flüſſigem Koth; wenn nicht das Korn und der Hafer, die unter dem Zuge der Karren niedergeriſſen wurden, die Gleiche ausgefüllt und den Rädern eine Stütze geboten hätten, ſo wäre jede Bewegung, beſonders in den Thälern auf der Seite von Papelotte unmöglich geweſen. Das Gefecht begann ſpät; Napoleon hatte, wie erwähnt, die Gewohnheit, die ganze Artillerie wie eine Piſtole in der Hand zu halten, bald auf dieſem Punkt, bald auf einen andern der Schlacht zielend. Und hätte er warten wollen, bis die beſpannten Batterien frei galoppiren konnten; dazu war es nöthig, daß die Sonne hervorbrach und den Boden austrocknete. Aber die Sonne kam nicht. Es war nicht mehr wie Auſterlitz. Als ver erſte Kanonenſchuß abgefeuert wurde, ſah der engliſche General Coloville nach ſeiner Uhr und bemerkte, daß es 11 Uhr 35 Minuten ſei. Das Gefecht begann mit Wuth, mit mehr Wuth viel⸗ leicht, als der Kaiſer wollte, durch den linken Flügel bei Hougomont. Zu gleicher Zeit griff Napoleon das Centrum an, indem er die Brigade Quiot auf La Haie⸗Sainte warf, und Ney führte den rechten franzöſiſchen Flügel gegen den linken engliſchen, der ſich auf Papelotte ſtützte. Der Angriff auf Hougomont war zum Theil Schein— angriff. Wellington dorthin zu locken, ihn zu veranlaſſen, ſich links zu ziehen, das war der Plan. Dieſer Plan würde gelungen ſein, wenn die vier Compagnien der engliſchen Garde und die tapferen Belgier der Diviſion Perponcher nicht die Poſition kräftig gehalten hätten, ſo daß Wellington, ſtatt ſich 26 dorthin zu concentriren, ſich darauf beſchränken konnte, als einzige Verſtärkung eine andere Compagnie der Garde und ein Bataillon Braunſchweiger hinzuſchicken. Der Angriff des rechten franzöſiſchen Flügels auf Pa⸗ pelotte war ernſtlich, den linken engliſchen Flügel werfen, die Straße von Brüſſel abſchneiden, den Preußen den mög⸗ lichen Uebergang verwehren, Mont⸗Saint⸗Jean forciren, Wellington auf Hougomont zurückwerfen, von da auf Braine⸗ ('Alleud, von hier auf Hal, nichts konnte klarer ſein; ohne einige Nebenumſtände würde dieſer Angriff gelungen ſein. Papelotte wurde genommen; la Haie⸗Sainte erobert. Ein Umſtand iſt zu erwähnen. In der engliſchen In⸗ fanterie, beſonders in der Brigade Kempt, dienten viele Re⸗ kruten. Dieſe jungen Soldaten zeigten ſich unſeren furcht⸗ baren Infanteriſten gegenüber tapfer; ihre Unerfahrenheit zog ſich unerſchrocken aus der Sache; ſie leiſteten beſonders einen vortrefflichen Dienſt als Tirailleure; der Tirailleur, der ſo ziemlich ſich ſelbſt überlaſſen iſt, wird ſo zu ſagen 1 ſein eigener General; dieſe Rekruten zeigten Etwas von der Erfindungsgabe und dem Feuer der Franzoſen. Dieſe junge Infanterie wurde ungeſtüm. Das mißfiel Wellington. Nach der Einnahme von La Haie⸗Sainte ſchwankte die Schlacht. An dieſem Tage herrſcht von 12 bis 4 Uhr eine dunkle Intervalle; die Mitte dieſer Schlacht iſt beinahe unbeſtimmt und hat etwas von der Undeutlichkeit des Handgemenges. Es entſteht Dämmerung darüber. Man bemerkt Hin⸗ und Herwogen in dem Dampfe, eine ſchwindelnde Verwirrung; die damalige jetzt beinahe unbekannte Kleidung, die flam⸗ menden Colpacks, die hin⸗ und herfliegenden Säbeltaſchen, das gekreuzte Lederzeug, die Patronentaſchen mit Granaten, die Dolman’s der Huſaren, die faltigen, rothen Stiefel, die ſchweren mit Behängen umwundenen Tſchako's, die bei⸗ nahe ſchwarze braunſchweigiſche Infanterie, gemiſcht unter die ſ Cheve mit S ten r Gam keine rauf Schl ſchich Linie doch fälle in ei linie viſſe Re Vor unal Artil die es Linie des ſchn gem eine nich jenen führ Mal Geo dewe 1 27 die ſcharlachrothe Infanterie Englands, die hannöverſchen Chevaulegers mit ihren länglichen, ledernen Helmen, beſetzt mit Kupferſtreifen und mit rothen Roßhaarbüſchen, die Schot⸗ ten mit bloßem Knie und karrirten Plaids, die großen weißen Gammaſchen der Grenadiere;— das ſind Bilder, aber keine ſtrategiſchen Linien. Es iſt, was Salvator Roſa be⸗ rauſcht, nicht aber Gribeauval. Eine gewiſſe Menge Sturm miſcht ſich ſtets in eine Schlacht. Quid obscurum, quid divinum. Jeder Ge⸗ ſchichtsſchreiber bringt in dieſes Gewirr einige ihm gefällige Linien. Wie auch die Pläne der Generäle ſein mögen, hat doch der Angriff der bewaffneten Maſſen unberechenbare Zu⸗ fälle; in dem Gefecht dringen die Pläne der beiden Feldherrn in einander ein und entſtellen ſich einander. Die Schlacht⸗ linie dreht und wendet ſich wie ein Faden; die Blutſtröme rieſeln unlogiſch; die Fronten der Armeen ſchwanken, die Regimenter, welche vordringen oder zurückweichen, bilden Vorgebirge oder Schluchten; alle dieſe Klippen bewegen ſich unabläſſig und ineinander. Wo Infanterie ſtand, kommt Artillerie hin, wo die Artillerie war, eilt die Kavallerie herbei; die Bataillone ſind Wolken; dort war Etwas; ſucht es; es iſt verſchwunden; Lücken werden ausgefüllt; finſtere Linien dringen vor und weichen zurück; eine Art von Wind des Grabes treibt dieſe tragiſchen Maſſen vorwärts, zurück, ſchwillt ſie an, ſprengt ſie auseinander. Was iſt ein Hand⸗ gemenge und ein Hin⸗ und Herwogen. Die Unbeweglichkeit eines mathematiſchen Planes drückt eine Minute aus und nicht einen Tag. Um eine Schlacht zu ſchildern bedarf es jener gewaltigen Maler, welche das Chaos in ihrem Pinſel führen. Rembrandt iſt dazu beſſer wie Vandermeulen. Der Maler, um Mittag zuverläſſig, lügt um drei Uhr; die Geometrie täuſcht; nur der Sturm allein iſt wahr. Dadurch gewinnt Folard das Recht Polybius zu widerſprechen. Fügen wir hinzu, daß es ſtets einen gewiſſen Augenblickgiebt, in welchem die 28 Schlacht ſich in zahlloſe einzelne Kämpfe zerſplittert, von denen Napoleon ſelbſt ſagte, daß ſie mehr der Biographie der Regimenter als der Geſchichte der Armee angehören. Der Geſchichtsſchreiber hat in dieſem Falle das augen⸗ ſcheinliche Recht der allgemeinen Ueberſicht, und kein Er⸗ zähler, ſo gewiſſenhaft er auch ſei, kann genau die Geſtalten der entſetzlichen Wolke, die man eine Schlacht nennt, be⸗ ſtimmen. Dies iſt die Wahrheit für alle großen Kämpfe der Armeen und ganz beſonders auf Waterloo anwendbar. Indeß nahm im Laufe des Nachmittags zu einem ge⸗ wiſſen Augenblick die Schlacht eine beſtimmte Geſtalt an. VI. Vier Uhr Nachmittags. Gegen vier Uhr war die Lage der engliſchen Armee ſehr mißlich. Der Prinz von Oranien kommandirte das Centrum, Hill den rechten Flügel, Picton den linken. Der Prinz von Oranien, der im höchſten Grade aufgeregt und unerſchrocken war, rief den Holland⸗Belgiern zu:„Naſ⸗ ſauer! Braunſchweiger! niemals zurück!“ Hill, der geſchwächt war, ſtützte ſich auf Wellington. Picton war todt. In demſelben Augenblicke, an welchem die Engländer die Fahne des 105. Linienregiments nahmen, hatten die Fran⸗ zoſen den General Picton durch einen Schuß in den Kopf getödtet. Die Schlacht hatte für Wellington zwei Stütz⸗ 29 punkte: Hougomont und La Haie⸗Sainte: Hougomont hielt ſich noch, aber es brannte; La Haie⸗Sainte war genommen. Von dem deutſchen Bataillone, welches es vertheidigt, waren nur 42 Mann am Leben geblieben; alle Offiziere bis auf 5 waren todt oder gefangen, 3000 Kämpfer wurden auf dieſem Platze niedergemetzelt. Ein Sergeant der engliſchen Garde, der erſte Boxer Englands, den ſeine Waffengefährten für unverwundbar gehalten hatten, wurde durch einen kleinen franzöſiſchen Tambour getödtet. Baring war geworfen, Alten niedergemetzelt. Mehrere Fahnen waren verloren, davon eine von der Diviſion Alten, und eine von dem Ba⸗ taillone Lüneburg, welche ein Prinz aus der Familie Zwei⸗ brücken trug. Die ſchottiſchen Grauen exiſtirten nicht mehr; die ſchweren Dragoner Ponſonby's waren zuſammen ge⸗ hauen. Dieſe tapfere Kavallerie war den Lanciers von Bro und den Küraſſieren von Travers erlegen. Von 1200 Pferden blieben nur noch 600; von den Oberſtlieu⸗ tenants war Hamilton verwundet, Mater getödtet; Pon⸗ ſonby war gefallen, durchbohrt von ſieben Lanzenſtichen. Gordon war todt; Marſh war todt. Zwei Diviſionen, die 5. und 6. waren vernichtet. Als Hougomont bedroht und La Haie⸗Sainte genom⸗ men war, blieb nur noch ein Haltpunkt, das Centrum. Dieſer Punkt hielt ſtandhaft aus; Wellington verſtärkte ihn; er berief Hill, der bei Merbe⸗Braine ſtand; er berief Chaſſé, der bei Braine l'Alleud war. Das Centrum der engliſchen Armee, etwas concav, ſehr gedrängt und ſehr dicht, hatte eine feſte Stellung. Es behielt die Hochebene von Mont⸗Saint⸗Jean beſetzt, hatte hinter ſich das Dorf und vor ſich eine ziemlich ſteile Abdachung. Es lehnte ſich an das feſte Steinhaus, welches damals eine Beſitzung von Nivelles war und die Spaltung der Straße bezeichnete, eine aus dem 16. Jahrhundert herrührende Steinmaſſe, ſo feſt, daß die Kugeln davon zurückprallten, ohne ſie zu beſchädigen. —— — ——— 30 Rings um die Ebene hatten die Engländer hier und dort die Hecken ausgeſchnitten, Oeffnungen in die Dornen gehauen, Kanonen zwiſchen die Zweige geſtellt und die Gebüſche ere⸗ nelirt. Ihre Artillerie ſtand in den Gebüſchen im Hin⸗ terhalt. Dieſe puniſche Arbeit, unbeſtreitbar berechtigt durch den Krieg, der die Liſt zuläßt, war ſo gut vollbracht, daß Haxo, den der Kaiſer um 9 Uhr Morgens abgeſchickt hatte, um die Batterien des Feindes zu recognosciren, davon nichts ſah und Napoleon meldete, es gäbe kein Hindernißz, ausge⸗ nommen die beiden Barrikaden, welche die Straßen von Nivelles und Genappe verſperrten. Das Korn ſtand hoch; am Saum der Hochebene lag ein Bataillon der Brigade Kempt, das 95. mit Büchſen bewaffnet in dem hohen Korn. So nach allen Seiten gedeckt und geſichert hatte das Centrum der anglo⸗holländiſchen Armee eine gute Stellung. Die Gefahr dieſer Stellung war der Wald von Soig⸗ nes, der an das Schlachtfeld ſtieß und von den Sümpfen Grönendael und Boitsfort durchſchnitten wurde. Eine Armee hätte ſich nicht durch denſelben zurückziehen können, ohne ſich aufzulöſen; die Regimenter würden ſogleich aus der Ordnung gekommen ſein. Die Artillerie wäre in den Sümpfen zu Grunde gegangen. Nach der Anſicht mehrerer Sachkenner, die freilich von anderen beſtritten wird, wäre ein ſolcher Rückzug ein„rette ſich wer kann!“ geweſen. Wellington fügte dieſem Centrum eine Brigade von Chaſſé hinzu, die er dem rechten Flügel entnahm, und eine Brigade von Wincke, die er von dem linken Flügel nahm, ſowie die Diviſion Clinton. Seinen Engländern, den Regimentern von Halkett, der Brigade von Mitchell, den Garden von Maitland, gab er als Stützpunkt zur Anlehnung die braun⸗ ſchweiger Infanterie, das Contingent von Naſſau, die Hannoveraner Kielmannsegge's und die deutſchen Ompteda's. Dadurch hatte er 26 Bataillone in der Hand. Der rechte Flügel wurde, wie Charras ſagt, hinter das Centrum 31 zurückgezogen. Eine ungeheure Batterie wurde durch Sandſäcke an dem Orte verdeckt, welche man jetzt das „Muſeum von Waterloo“ nennt. Wellington hatte überdies in einer Vertiefung des Terrains die Garde⸗Dragoner von Sommerſet, 1400 Pferde ſtark. Dies war die andere Hälfte jener mit Recht berühmten engliſchen Kavallerie. Nachdem Ponſonby vernichtet war, blieb noch Sommerſet. Die Batterie, welche vollendet beinahe eine Redoute geweſen wäre, lag hinter einer ſehr niederen Gartenmauer, die in aller Eile durch Sandſäcke und einen breiten Erd⸗ aufwurf erhöht worden war. Dieſe Arbeit war nicht been⸗ digt; man hatte nicht die Zeit gehabt, ſie zu verpaliſſadiren. Wellington, der beſorgt aber ruhig war, befand ſich zu Pferde und blieb den ganzen Tag in derſelben Haltung, et— was vor der alten Mühle von Mont Saint⸗Jean, die noch jetzt ſteht, unter einer Ulme, welche ſeitdem ein Engländer, ein enthuſiaſtiſcher Vandale, um 200 Franes erkaufte, gefällt und mitgenommen hat. Wellington zeigte ſich hier als Held. Es regnete Kugeln. Der Adjudant Gordon war an ſeiner Seite gefallen. Lord Hill deutete auf eine crepirende Granate und ſagte: Mylord, welches ſind Ihre Inſtructionen und welche Befehle er⸗ theilen Sie uns, wenn Sie ſich tödten laſſen?“„Es zumachen wie ich“ entgegnete Wellington.„Zu Clinton ſagt er lakoniſch“ „hier bis auf den letzten Mann aushalten.“ Der Tag nahm ſichtlich eine böſe Wendung. Wellington rief ſeinen alten Gefährten von Talavera, Vittoria und Sala⸗ manca zu.„Jungens, könnt Ihr daran denken, zu weichen? Denkt an Alt⸗England!“ Gegen vier Uhr bewegte die engliſche Linie ſich rückwärts. Plötzlich ſah man auf den Gipfel der Ebene nur noch die Artillerie und Tirailleure; alles Andere verſchwand; die Regimenter, ver⸗ trieben durch die franzöſiſchen Kugeln und Granaten, zogen ſich in die Vertiefung zurück, welche noch jetzt der Fußpfad 32 von Mont⸗Saint⸗Jean durchſchneidet; Eine rückgängige Bewegung fand ſtatt; die Front der engliſchen Sohlachtüne entzog ſich dem Feuer. Wellington wich. Anfang des Rückzuges! rief Napoleon. VII. Napoleon bei guter Laune. Der Kaiſer war krank und durch ein örtliches Leiden wurde es ihm ſchwer, ſich auf dem Pferde zu erhalten, aber dennoch war er nie in ſo guter Laune geweſen, wie an dieſem Tage. Seit dem Morgen lächelte ſeine Unerforſchlichkeit. Am 18. Juni 1815 ſtrahlte dieſe tiefe von Marmor um⸗ hüllte Seele verblendend. Der Mann, der für Auſterlitz finſter geweſen war, zeigt ſich heiter bei Waterloo. Die größten Vorausbeſtimmungen bringen ſolche Widerſinnigkeiten hervor. Unſere Freuden ſind Schatten. Das höchſte Lächeln gebührt Gott. Ridet Caesar, Pompejus flebit, ſagten die Legionäre der Legion Fulminatrix. Pompejus ſollte diesmal gewiß nicht weinen, aber gewiß iſt, daß Cäſar lachte. In der vorhergehenden Nacht, um ein Uhr, als er bei Sturm und Regen zu Pferde mit Bertrand die Hügel recognoscirte, welche Roſſomme umgeben, war er befriedigt dadurch, die lange Linie der engliſchen Bivouaefeuer, den Horizont von Friſchemont bis Braine⸗l'Alleud erleuchtet zu ſehen, und es ſchien ihm, als ſei das Schickſal, welches er ſelbſt für einen beſchi einige Donr Dun ſtimr mehr dieſer den. und ſprech von er gl Er ſc ige 33 einen beſtimmten Tag auf das Schlachtfeld von Waterloo beſchieden hatte, gewiß; er hält ſein Pferd an und blieb einige Zeit regungslos ſitzen, auf die Blitze ſehend, auf den Donner hörend. Dann hörte man dieſen Fataliſten in der Dunkelheit die geheimnißvollen Worte ſprechen:„Wir ſtimmen überein!“— Napoleon täuſcht ſich; ſie war nicht mehr übereinſtimmend. Er hatte nicht eine Minute geſchlafen; jeder Augenblick dieſer Nacht war für ihn durch eine Freude bezeichnet wor⸗ den. Er hatte die ganze Linie der Vorpoſten durchritten und hier und dort angehalten, um mit den Vedetten zu ſprechen. Um 2 ½ Uhr hörte er in der Nähe des Gehölzes von Hougomont die Schritte einer marſchixrenden Colonne; er glaubte einen Augenblick an den Rückzug Wellington's. Er ſagte zu Bertrand: „Das iſt die engliſche Arridregarde, die ſich in Bewegung ſetzt, um das Lager zu verlaſſen. Ich werde die 6000 Engländer, die von Oſtende kommen, gefangen nehmen.“ Er ſprach ſehr heiter; er hatte ſeine Schwungkraft der Landung vom 1. März wieder gefunden, als er dem Großmarſchall, dem enthuſiaſti⸗ ſchen Bauer des Golfs Zuan zurief:„Nun, Bertrand, da kommt ſchon Verſtärkung!“ In der Nacht vom 17. zum 18. Juni ſpottete er über Wellington.—„Dieſer kleine Engländer bedarf einer Lehre,“ ſagte Na⸗ poleon. Der Regen verdeppelte ſich; es donnerte, während der Kaiſer ſprach. Um 3 ½ Uhr Morgens hatte er eine Illuſion verloren; Offiziere, die auf Recognoscirung ausgeſchickt worden waren, meldeten ihm, daß der Feind keine Bewegung uuache. Nichts rührte ſich; kein Bivouacfeuer war erloſchen. Die engliſche ue ſs ſchlief. Das Schweigen war tief auf der Erde; Lärm gab es nur im Himmel. Um 4 Uhr wurde ein Bauer ihm zugeführt; dieſer Bauer hatte als Bote für eine Die Elenden. III. 3 34 engliſche Cavalleriebrigade gedient, wahrſcheinlich für die Brigade Vivian, welche bei dem Dorfe Ohaiu auf dem äußerſten linken Flügel ihre Poſition nehmen ſollte. Um 5 Uhr meldeten ihm zwei belgiſche Deſerteure, daß ſie ihr Regiment verlaſſen hätten und daß die engliſche Armee die Schlacht erwartete.—„Deſto beſſer!“ rief Napoleon. „Ich will ſie noch lieber vernichten als zurück⸗ werfen.“ Am Morgen war er an der Ecke des Weges von Plancenoit vom Pferde in den Koth geſtiegen, hatte ſich aus dem Pachthofe von Roſſomme einen Küchentiſch und einen Holzſtuhl bringen laſſen, hatte ſich, mit einem Bund Stroh als Teppich, geſetzt und auf dem Tiſche die Karte des Schlachtfeldes ausgebreitet, indem er zu Soult ſagte: „Ein hübſches Schachbrett!“ In Folge des Regens der Nacht hatten die Lebens⸗ mittel, die auf den aufgeweichten Straßen verſanken, nicht eintreffen können. Die Soldaten hatten nicht geſchlafen, waren durchnäßt und nüchtern. Das hielt jedoch Napoleon nicht ab, Ney nun aber zuzurufen:„Wir haben neun⸗ zig Ausſichten von hundert.“ Um 8 Uhr hatte man das Frühſtück des Kaiſers gebracht. Er ladete mehrere Generale dazu ein. Während des Frühſtücks erzählte man, daß Wellington am zweiten Abend zuvor in Brüſſel auf dem Ball geweſen ſei, bei der Herzogin von Somerſet, und Soult, ein rauher Kriegsmann mit dem Geſicht eines Erz⸗ biſchofs, ſagte:„Der Ball iſt heute.“ Der Kaiſer ſcherzte mit Ney, welcher äußerte: Wel⸗ lington wird nicht ſo einfältig ſein, Ew. Maje⸗ ſtät abzuwarten! Das war übrigens ſeine Art ſo. Er ſcherzte gern, ſagt Fleury von Chaboulon. Die Grund⸗ lage ſeines Charakters war eine heitere Laune, ſagt Gourgaud. Er floß in Scherzen über, die eher verſchroben als geiſtreich waren, ſagte Benjamin 35 Conſtant. Dieſe Luſtigkeit des Rieſen verlohnt wohl der Mühe, daß man ſie prüft. Er war es, der ſeine Grena⸗ diere die„Brummbärte“ nannte. Er kniff ſie beſtändig in das Ohr und zupfte ſie am Schnurrbart. Der Kaiſer treibt beſtändig ſeine Poſſen mit uns; das iſt eine Aeußerung Eines von ihnen. Während der geheimnißvollen Ueberfahrt von der Inſel Elba nach Frankreich am 27. Fe⸗ bruar auf offenem Meere begegnete die franzöſiſche Kriegs⸗ brigg Zéphir der Brigg l'Inconſtant, auf der Napoleon ver⸗ borgen war, und als ſie den l'Inconſtant nach Neuigkeiten von Napoleon fragte, nahm der Kaiſer, der in dieſem Augen⸗ blick noch ſeinen Hut mit der weißen und rothen mit Bie⸗ nen beſäeten Cocarde trug, den er auf der Inſel Elba an⸗ genommen hatte, lachend das Sprachrohr und antwortete ſelbſt: Der Kaiſer befindet ſich wohl. Wer auf ſolche Weiſe lacht, der iſt auf die Ereigniſſe gefaßt. Napo⸗ leon hatte während des Frühſtücks in Waterloo mehrmals Anfälle dieſes Gelächters. Nach dem Frühſtück ruhte er eine Viertelſtunde, dann ſetzten ſich zwei Generale auf das Strohbund, eine Feder in der Hand, ein Blatt Papier auf dem Knie, und der Kaiſer diktirte ihnen die Schlachtord⸗ nung. Um neun Uhr, in dem Augenblick, als die franzöſiſche Armee in fünf Colonnen aufgeſtellt und in Bewegung geſetzt wurde, die Diviſionen in zwei Linien geordnet, die Artille⸗ rie zwiſchen den Brigaden, die Muſik an der Spitze ſpie⸗ lend, unterbrochen durch das Wirbeln der Trommeln und das Schmettern der Trompeten ein gewaltiges, mächtiges, luſtiges Meer von Helmen, Säbeln und Bayonnetten, rief der Kaiſer, ganz ergriffen, zweimal aus: prachtvoll! pracht⸗ voll! Von 9— 10 ½ Uhr hatte die ganze Armee, was un⸗ glaublich ſcheint, Poſition gefaßt und war in ſechs Linien aufgeſtellt, ſo, um einen Ausdruck des Kaiſers zu wieder⸗ 3* 36 holen,„die Geſtalt von ſechs V bildend“. Einige Augen⸗ blicke, nachdem die Front in Schlachtordnung aufgeſtellt war und mitten während jenes tiefen Schweigens, welches der Anfang des Sturmes iſt, der dem Schlachtgewühl voran⸗ geht, ſah Napoleon die drei zwölfpfündigen Batterien defi⸗ liren, die auf ſeinen Befehl von den drei Corps Reille, d'Erlon und Lobau detachirt und dazu beſtimmt waren, das Gefecht durch ihr Feuer auf Mont Saint⸗Jean zu beginnen, wo die Straßen von Nivelles und Genappe ſich vereinigen, da ſchlug er Haxo auf die Schulter und ſagte: Das ſind achtundvierzig ſchöne Mädchen, General. Des Ausganges gewiß, hatte er durch ein Lächeln die Sappeurkompagnie ermuthigt, die vor ihm vorüberzog und dazu beſtimmt war, ſich in Mont Saint⸗Jean zu verbarri⸗ kadiren, ſobald das Dorf genommen ſein würde. Dieſe Heiterkeit wurde nur durch ein Wort hochmüthigen Mitleids unterbrochen; als er auf ſeiner linken Seite, einem Orte, wo jetzt ein großes Grab iſt, die bewundernswürdigen ſchot⸗ tiſchen Grauen mit ihren prachtvollen Pferden ſich aufſtellen ſah, ſagte er: Schade! Dann war er zu Pferde geſtiegen, hatte ſich vor Roſ⸗ ſomme begeben und hier zum Obſervatorium einen kleinen Raſenplatz rechts an der Straße von Genappe nach Brüſſel gewählt, der ſeine zweite Station während der Schlacht war. Die dritte Station, die von ſieben Uhr Abends, war zwiſchen Belle Alliance und La Haie-Sainte, und furchtbar; es iſt ein ziemlich hoher Hügel, der noch jetzt dort liegt und hinter welchem die Garde ſich in einer Vertiefung der Ebene aufgeſtellt hatte. Rings um dieſen Hügel her ricochettirten die Kugeln auf dem Pflaſter der Chauſſee bis zu Napoleon, Wie bei Brienne umpfiffen ihn die Kugeln und die Kartät⸗ ſchen. Man hat beinahe an dem Orte, wo die Hufe ſeines Pferdes ſtanden, verroſtete Kugeln, alte Säbelklingen und vom Roſte zerfreſſene Geſchoſſe gefunden. Vor einigen Jahren grub man hier eine 24pfündige Haubitzgranate aus, die noch geladen und deren Zünder gerade über der Granate abgebrochen war. Auf dieſem letzten Haltepunkte ſagte der Kaiſer zu ſei⸗ nem Führer Lacoſte, einem friedlichen Bauer, der von Schrecken erfaßt an den Sattel eines Huſaren geſunken und ſich bei jedem Kartätſchenſchuſſe umwendete, indem er ſich hinter Napoleon zu verbergen trachtete: „Dummkopf, das iſt ſchmachvolll Du wirſt Dich im Rücken erſchießen laſſen! Der, welcher dieſe Zeilen ſchreibt, fand ſelbſt in dem loſen Sande dieſes Hügels ein Stück von einer Granate und alte Eiſenſtücke, die wie Rohr in ſeinen Händen zer⸗ brachen, mürbe gemacht durch den Roſt von 46 Jahren. Die verſchiedenen wellenförmigen Erhöhungen des Or⸗ tes, auf welchem das Zuſammentreffen zwiſchen Napoleon und Wellington ſtattfand, ſind, wie Jedermann weiß, nicht mehr ſo, wie am 18. Juni 1815. Indem man dieſem Trauer⸗ felde das nöthige Material zu einem Monumente nahm, raubte man ihm ſein natürliches Ausſehen, und die Ge⸗ ſchichte, dadurch verwirrt, weiß ſich nicht mehr zurecht zu finden. Um den Boden zu feiern, hat man ihn entſtellt. Als Wellington zwei Jahre darauf Waterloo wiederſah, rief er aus: Man hat mir mein Schlachtfeld verwan⸗ delt! Da, wo heute der große Erdhügel liegt, auf welchem der Löwe errichtet iſt, war ehedem eine Erhöhung, die ſich gegen die Straße von Nivelles in einer gangbaren Abdachung ſenkte, die aber auf der Seite der Straße von Genappe beinahe ſteil aufſtieg. Die Höhe dieſes ſteilen Hügels kann noch jetzt durch die Höhe der beiden Haufen der zwei großen Gräber geſchätzt werden, welche die Straße von Ge⸗ nappe nach Brüſſel einfaſſen; das Grab der Engländer links, das Grab der Deutſchen rechts. Es giebt hier keine fran⸗ zöſiſche Grabſtätte: für Frankreich iſt die ganze Ebene eine 38 Grabſtätte. Dank den tauſend und tauſend Karren Erde, welche zu dem Hügel verwendet wurden, der 150 Fuß hoch iſt und eine halbe Lieue im Umkreiſe hat, iſt die Hochebene von Mont Saint Jean jetzt bei einer ſanften Abdachung zu⸗ gänglich; am Tage der Schlacht war ſie beſonders auf der Seite von La Haie⸗Sainte ziemlich ſchroff und ſteil. Die Abdachung war hier ſo groß, daß die engliſchen Kanonen unter ſich nicht den Pachthof ſehen konnten, der im Grunde des Thales im Mittelpunkte des Kampfes lag. Am 18. Juni 1815 hatte der Regen die Schwierigkeiten des Ter⸗ rains noch erhöht; man mußte nicht nur in die Höhe klet⸗ tern, ſondern verſank auch in den Koth. Längs dem Saume der Hochebene zog ſich eine Art von Graben hin, den man aus der Ferne nicht bemerken konnte. Was war das für ein Graben? Braine⸗'Alleud iſt ein belgiſches Dorf und Ohain ein anderes. Dieſe Dörfer, beide in den Niederungen des Terrains verſteckt, werden durch einen Weg von etwa 1+ Lieues Länge verbunden, der die Ebene durchzieht und ſich oft zwiſchen Hügeln wie eine Furche einſchneidet, ſo daß dieſer Weg auf mehreren Punk⸗ ten eine Schlucht bildet. 1815 wie noch jetzt durchſchnitt die⸗ ſer Weg die Hochebene von Mont⸗Saint⸗Jean beide Chauſſeen von Genappe und Nivelles. Nur liegt er jetzt in gleicher Linie mit der Ebene, während er damals ein Hohlweg war. Man hat ihm ſeine beiden Wände genommen, um ſie zu dem Denkmale zu verwenden. Dieſer Weg war damals in dem größten Theile ſeiner Ausdehnung eine Tranchée, an einzelnen Punkten 12 Fuß tief, und die Wände waren mit⸗ unter ſo ſteil, daß ſie herabſtürzten, beſonders im Winter und bei ſtarken Regengüſſen. Es trugen ſich hier Unfälle zu. Die Straße war bei dem Eingange von Braine⸗l'Al⸗ leud ſo eng, daß ein Menſch hier durch einen Karren er⸗ drückt wurde, wie dies ein Steinkreuz andeutet, das in der Nähe auf dem Gottesacker ſteht und den Namen des Ge⸗ tödtet aus 1637 Sail dure Ste links bach nicht Nean einge 39 tödteten angiebt, Herr Bernard Debrye, Kaufmann aus Brüſſel, und der Datum des Ereigniſſes, Februar 1637.*) Dieſer Hohlweg war auf der Hochebene von Mont⸗ Saint⸗Jean ſo tief, daß ein Bauer, Mathias Nicaiſe, dort durch einen Erdſturz erdrückt wurde, wie dies ein anderes Steinkreuz ergiebt, das noch jetzt umgeſtürzt auf dem Raſen links von der Chauſſee zwiſchen La Hay⸗Sainte und dem Pachthofe von Mont Saint⸗Jean ſichtbar iſt. An dem Schlachttage war dieſer Hohlweg, auf den nichts aufmerkſam machte, der den Gipfel von Mont⸗ Saint⸗ Jean umgab, ein Graben mit ſteilem Rande, in die Erde eingelaſſen, unſichtbar, das heißt alſo furchtbar. VIII. Der Kaiſer richtet eine Frage an den Boten Lacoſte. Am Morgen vor Waterloo war alſo Napoleon zu⸗ frieden. Er hatte dazu guten Grund; der von ihm entworfene Schlachtplan war, wie wir bemerkten, bewundernswürdig. *) Die Inſchrift lautet: Hier wurde erdrückt Durch Unglücksfall Unter einem Karren De Brye Kaufmann In Brüſſel den(unleſerlich) Februar 1637. 40 Als die Schlacht entſponnen war, trugen ſich verſchie⸗ dene Umſtände und Zufälle zu: der hartnäckige Widerſtand Hougomont's, die ausdauernde Vertheidigung van La Haie⸗ Sainte; der Tod Bauduin's, die Verwundung Foy's; die unerwartete Mauer, an welcher die Brigade Soye ſich brach; die verhängnißvolle Nachläſſigkeit Guilleminot's, der weder Petarden noch Pulverſäcke hatte; das Verſinken der Batte⸗ rien; die funfzehn Geſchütze ohne Escorte, die durch Uxbridge in einen Hohlweg geworfen wurden; die geringe Wirkung der Granaten, welche in die engliſche Armee einſchlugen, ſich hier in den aufgeweichten Boden eingruben und nichts hervor⸗ brachten als Schmutzvulcane, ſo daß die Eiſenſtücke ſich in Schmutzflecke verwandelten; die Nutzloſigkeit der Demonſtra⸗ tion Piré's gegen Braine-l'Alleud; die ganze Kavallerie, funfzehn Schwadronen, beinahe vernichtet, der engliſche Flügel wenig beunruhigt; der linke ſchlecht angegriffen; das auffallende Mißverſtändniß Ney's, der eine Diviſion des erſten Corps in Colonnen vorrücken ließ; ſtatt hier zu echelonniren; die Tiefe von 27 Gliedern und die Front von 200 Mann, ſo dem Kartätſchenfeuer preisgegeben; die ent⸗ ſetzlichen Lücken, welche die Kugeln in dieſe Maſſen riſſen; die Angriffscolonnen außer Verbindung gebracht; die plötz⸗ lich in ihrer Flanke demaskirte Batterie; Bourgeois, Don⸗ celot und Durutte gefährdet; Quiot zurückgeworfen; der Lieutenant Vieux, dieſer Hercules aus der polytechniſchen Schule, iſt in dem Augenblicke verwundet, wo er mit Axt⸗ hieben die Thür in La Haie⸗Sainte unter dem Feuer der engliſchen Barrikade einſchlug; die Diviſion Marcognet, zwiſchen der Infanterie und der Kavalerie gebracht, in mittel⸗ barſter Schußnähe aus dem Korn durch Beſt und Pack ge⸗ faßt, durch Ponſonby zuſammengehauen; ihre Batterie von ſieben Geſchützen vernagelt; der Prinz von Sachſen⸗Weimar ungeachtet des Grafen Erlon in Friſchemont und Smohain Stand haltend; die Fahne des 105. Regiments genommen; der ſch genden und P unruhi Zöger get o getödt Zeit! Ereign vorübe Geſich daran zühlte lümme wenn rict er w hand ſelben Guten der eine; wund Font Ein Napeo Jean ſchwi der Nit 41 der ſchwarze preußiſche Huſar durch die Plänkler der flie⸗ genden Colonne der 300 Chaſſeurs, welche zwiſchen Wavre und Plancenoit ſchwärmten, gefangen genommen; die be⸗ unruhigenden Dinge, welche dieſe Gefangenen mittheilten; die Zögerung Grouchy's; die 1500 Mann, welche binnen weni⸗ ger als eine Stunde in dem Obſtgarten von Hougomont getödtet wurden; die 1800 Mann, welche nach geringerer Zeit um La Haie⸗Sainte her fielen; alle dieſe ſtürmiſchen Ereigniſſe, welche gleich Wolken der Schlacht vor Napoleon vorüberflogen, hatten ſeinen Blick kaum getrübt und dieſes Geſicht kaiſerlicher Zuverſicht verfinſtert. Napoleon war daran gewöhnt, dem Kriege feſt in das Auge zu ſehen; er zählte nie ängſtlich die einzelnen Ziffern; die einzelnen Punkte kümmerten ihn wenig, wenn nur die Summe lautete: Sieg; wenn der Anfang ſich verwirrte, ſo beunruhigte ihn dies nicht, denn er glaubte Herr und Beſitzer des Endes zu ſein; er wußte zu warten, hielt ſich ſelbſt außer Frage und be⸗ handelte das Schickſal wie ſeines Gleichen. Er ſchien dem⸗ ſelben zuzurufen: Du wirſt es nicht wagen. Halb Licht, halb Schatten fühlte Napoleon ſich in dem Guten unterſtützt und in dem Böſen geduldet. Er beſaß oder glaubte eine Nachgiebigkeit, man könnte beinahe ſagen, eine Mitſchuld der Ereigniſſe zu beſitzen, welche der Unver⸗ wundbarkeit gleichkommt. Indeß wenn man hinter ſich die Bereſina, Leipzig und Fontainebleau hat, ſollte man doch wohl Waterloo mißtrauen. Ein geheimnißvolles Stirnrunzeln wurde am Himmel ſichtbar. In dem Augenblick, als Wellington zurückwich, erbebte Napoleon. Er ſah plötzlich die Hochebene von Mont Saint⸗ Jean räumen und die Front der engliſchen Armee ver⸗ ſchwinden. Sie ſammelte ſich, aber ſie entzog ſich ihm. Der Kaiſer hob ſich in den Steigbügeln in die Höhe, der Blitz des Sieges zuckte durch ſeine Augen. 42 Wenn Wellington in den Wald von Soignes gedrängt und vernichtet wurde, ſo war dies die endliche Niederwer⸗ fung Englands durch Frankreich; es war die Rache für Crécy, Poitiers, Malplaquet und Ramillies. Der Mann von Marengo verwiſchte Azincourt. Der Kaiſer, welcher den furchtbaren Schluß überlegte, ließ zum letzten Male ſein Fernrohr über alle Punkte des Schlachtfeldes ſtreifen. Seine Garden, welche mit Gewehr beim Fuß hinter ihm ſtanden, beobachteten ihn von unten aus mit einer Art von Religion. Er dachte nach; er prüfte die Abdachungen, maß die Erhöhungen, ſchätzte die Gebüſche, die Kornfelder, die Fußpfade ab; er ſchien jedes Geſträuch zu zählen. Er betrachtete mit Ausdauer die engliſchen Barri⸗ kaden der beiden Chauſſeen, zwei breite Reihen von Bäumen, die der Chauſſee von Genappe oberhalb La Haie⸗Sainte, beſetzt mit zwei Kanonen, die einzigen der ganzen engliſchen Artillerie, welche auf die Sohle des Schlachtfeldes ſehen konnten, und die der Chauſſee von Nivelles, auf welcher die Bayonette der holländiſchen Brigade⸗Chaſſé blitzten. Er bemerkte neben dieſer Barrikade die alte Kapelle von Saint⸗ Nicolas, die weiß angeſtrichen war und die Ecke des Seiten⸗ wegs gegen Brain⸗l'Alleud bildete. Er beugte ſich nieder und ſprach zu dem Boten Lacoſte. Der Bote machte eine verneinende Kopfbewegung, wahrſcheinlich hinterliſtig. Der Kaiſer richtete ſich wieder auf und ſammelte ſich. Wellington war zurückgewichen. Es blieb nur noch übrig, dieſes Zurückweichen durch eine Vernichtung zu vollenden. Napoleon wendete ſich raſch um und fertigte eine Sta⸗ fette ab, um mit verhängtem Zügel nach Paris zu melden, daß die Schlacht gewonnen ſei. Napoleon war einer jener Geiſter, denen der Donner entrollt. E E ebener 43 Er hatte ſeinen Blitz gefunden. Er gab den Küraſſieren von Milhaud Befehl, die Hoch⸗ ebene von Mont⸗Saint⸗Jean zu nehmen. IX. Das Unerwartete. 4 Es waren 3500 Mann. Sie bildeten eine Front von einer Viertel⸗Meile. Es waren Rieſen auf Pferdecoloſſen. Sie zählten 26 Schwadronen und hatten hinter ſich zu ihrer Unterſtützung die Diviſion Lefebvre⸗Desnouettes, die 600 Elite⸗Gensdarmen, die Chaſſeurs der Garde, 1197 Mann, ſowie die Lanciers der Garde, 880 Lanzen. Sie trugen Helme ohne Roßſchweife und Küraſſe von geſchlagenem Eiſen, Sattelpiſtolen und lange Palaſche. Am Morgen hatte die ganze Armee ſie bewundert, als um neun Uhr die ganze Muſik ertönen ließ: Wachen wir über das Heil des Reichs. Sie hatten ſich in dichter Kolonne, eine ihrer Batterien in der Flanke, die andere im Centrum zweiter Reihe zwiſchen der Chauſſee von Genappe und Friſchemont aufgeſtellt und ihren Platz in der Schlachtordnung in der ſtarken zweiten Linie eingenommen, die Napoleon ſo weiſe bildete und welche auf ihrem äußerſten linken Flügel die Küraſſiere von Kellermann, ſowie auf dem äußerſten rechten die Küraſſiere von Milhaud, und ſo zu ſagen zwei eiſerne Flügel hatte. Der Adjutant Bernard überbrachte ihnen den Befehl 44 des Kaiſers. Ney zog den Säbel und ſetzte ſich an die ſſen u Spitze. Die gewaltigen Schwadronen geriethen in Be⸗ Ahmp wegung. und Tü Nun hatte man ein furchtbares Schauſpiel. E Die ganze Kavallerie ritt mit geſchwungenem Säbel, Batail flatternden Standarten und ſchmetternden Trompeten, divi⸗ 8 ſionsweiſe in Kolonnen geordnet, mit einer Bewegung wie kirten ein einziger Mann und mit dem Drucke eines ehernen Carre Widders, der eine Breſche ſtößt, den Hügel von Belle⸗ uei d Alliance hinab und in das furchtbare Thal, in dem ſchon in der ſo viele Menſchen gefallen waren, verſchwanden hier in dem rgung Pulverdampfe, traten dann aus demſelben hervor, erſchienen Küraſf 11 wieder auf der andern Seite des Thales, noch immer dicht dieſe geſchloſſen, und ritten im ſcharfen Trabe durch eine Wolke kung d von Kartätſchenhagel hindurch, die Höhe zu der Hochebene ſumet von Mont⸗Saint⸗Jean hinauf. Sie drangen ernſt, drohend Kürah 4 8 und unverrückt vorwärts; in den Pauſen zwiſchen dem Mus⸗-⸗ giße 6 3 keten⸗ und dem Artilleriefeuer hörte man das rieſige Stam⸗ dann 8 pfen der Hufe. Da ſie zwei Diviſionen waren, bildeten ſie elch zwei Kolonnen; die Diviſion Wathier war rechts, die Divi⸗ höhe 6 ſion Delord links. Man glaubte aus der Ferne gegen die 3o0 I Höhe zwei rieſige ſtählerne Schlangen ſich vorwärts be⸗ der wegen zu ſehen. Sie durchzogen die Schlachtlinie wie im —— 1— Winde. din 1 Etwas Aehnliches war nicht geſehen worden ſeit der und Einnahme der großen Redoute an der Moskwa durch die ein ſchwere Kavallerie; Murat fehlte, aber Ney war auch hier. der Jede Schwadron bewegte ſich wie ein Ring des Polypen.—an 1 Man bemerkte ſie durch eine dichte Pulverwolke, die hier uun 1 und dort zerriß. Grut Dieſer Bericht ſcheint einem andern Zeitalter anzu⸗ 1 gehören. Etwas dieſem Anblick Aehnliches zeigte ſich ohne m h Zweifel in den alten Heldengedichten, welche von Cen⸗ 4 tauren erzählen, jenen Titanen mit dem Oberleib eines Men⸗ d die Be⸗ lbel, dibi⸗ wie rnen elle⸗ chon dem tenen dicht Zolke bene hend Nus⸗ tam⸗ ſie ivi⸗ die be⸗ e im t der die hier. pen. hier anzu⸗ ohne Cen⸗ Men⸗ 45 ſchen und dem Körper eines Pferdes, die im Galopp den Olymp erſtürmten, furchtbar, unverwundbar, erhaben, Götter und Thiere zugleich. Ein eigenthümliches Zuſammentreffen der Zahlen: 26 Bataillone empfingen dieſe 26 Schwadronen. Hinter dem Saume der Hochebene im Dunkel der mas⸗ kirten Batterieen wartete die engliſche Infanterie, in dreizehn Carrée's formirt, zwei Bataillone in jedem Carrée, und in zwei Linien aufgeſtellt, ſieben Carrée's in der erſten, ſechs in der zweiten, den Kolben an der Schulter, ruhig, ſtumm, regungslos auf das, was kommen würde. Sie ſahen die Küraſſiere nicht, die Küraſſiere ſahen ſie nicht. Sie hörten dieſe Menſchenfluth heraufſtürmen; ſie hörten die Verſtär⸗ kung des Geräuſches der 3000 Pferde, den wechſelnden und ſymetriſchen Hufſchlag im ſcharfen Trabe, das Raſſeln der Küraſſe, das Klappern der Pallaſche und eine Art lauten wilden Athems. Es entſtand ein furchtbares Schweigen; dann zeigte ſich plötzlich eine lange Reihe erhobener Arme, welche die Pallaſche ſchwangen, über dem Saume der An⸗ höhe, und die Helme, die Trompeten, die Standarten und 3000 Menſchen mit grauen Schnurrbärten riefen: Es lebe der Kaiſer! Dieſe ganze Kavallerie debouchirte auf der Ebene und es war wie der Beginn eines Erdbebens. Plötzlich ertönte auf dem linken Flügel der Engländer und auf unſerm rechten von der Spitze der Küraſſierkolonne ein Schreckensruf. Zu dem höchſten Punkte des Saumes der Hochebene gelangt, ganz der Wuth ihres Vernichtungs⸗ angriffes auf die Carrée's und die Kanonen hingegeben, er⸗ blickten die Küraſſiere zwiſchen ſich und den Engländern einen Graben, ein Grab. Das war der Hohlweg von Ohain. Der Augenblick war entſetzlich. Die Schlucht war da, unerwartet, gähnend, ſteil unter den Füßen der Pferde, zwei bis drei Klaftern breit zwiſchen ihrem doppelten Rande. Das zweite Glied drängte das erſte, das dritte drängte das — 46 zweite; die Pferde bäumten ſich, warfen ſich zurück, fielen auf die Croupe, glitten mit den Füßen in der Luft hinab, riſſen die Reiter mit ſich fort; kein Mittel war, zurück zu⸗ weichen. Die ganze Kolonne glich einem einzigen Geſchoß: die Gewalt, die angenommen worden war, um die Englän⸗ der zu vernichten, vernichtete die Franzoſen; die unerbittliche Schlucht konnte nur dadurch genommen werden, daß ſie aus⸗ gefüllt wurde; Reiter und Pferde rollten in wildem Gemenge hinab, ſich gegenſeitig zermalmend, nichts mehr bildend als einen Fleiſchhaufen in dem Abgrund, und als das Grab mit lebenden Menſchen angefüllt war, ging der übrige Theil darüber hinweg. Beinahe ein Drittel der Brigade Dubois rollte in dieſen Abgrund. Hier begann der Verluſt der Schlacht. Eine Tradition jener Orte, welche offenbar übertreibt, ſagt, daß 2000 Pferde und 1500 Mann von dem Hohl⸗ wege von Ohain verſchlungen wurden. Dieſe Zahl begriff wahrſcheinlich alle die anderen Leichen in ſich, die man den Tag nach der Schlacht in dieſen Hohlweg warf. Napoleon hatte, ehe er den Angriff der Küraſſiere von Milhaud befahl, das Terrain ſorgfältig erforſcht, allein er hatte den Hohlweg nicht bemerken können, der nicht einmal eine leiſe Erhöhung auf der Ebene bildete. Er war in⸗ deß; durch die kleine weiße Kapelle, welche den Ausgang deſſelben auf der Chauſſee von Nivelles bezeichnet, hatte er wahrſcheinlich in der Möglichkeit eines Hinderniſſes eine Frage an den Boten Lacoſte gerichtet. Der Bote hatte mit Nein geantwortet. Man könnte beinahe ſagen, daß aus die⸗ ſem Kopfſchütteln eines Bauern die Kataſtrophe Napoleons entſprang. Noch andere verhängnißvolle Ereigniſſe ſollten hinzu⸗ kommen. War es möglich, daß Napoleon dieſe Schlacht gewann? Vir a ton? W hätte paßt. ſachen Böst Zeit ſtürzte ſchale Dieſe Ganze kraft üch blick gekon Elen Nora damp den; Uebe rißde Stu Geſt 47 Wir antworten darauf: nein. Weshalb? Wegen Welling⸗ ton? Wegen Blücher? Nein. Gottes wegen. Wäre Bonaparte bei Waterloo Sieger geblieben, ſo hätte dies nicht in die Geſetze des 19ten Jahrhunderts ge⸗ paßt. Es bereitete ſich eine andere Reihenfolge von That⸗ ſachen vor, bei denen Napoleon keinen Platz mehr fand. Die Böswilligkeit der Ereigniſſe hatte ſich ſchon ſeit längerer Zeit angehäuft. Es war Zeit, daß dieſer gewaltige Mann ſtürzte. Das ungeheure Gewicht dieſes Menſchen in der Wag⸗ ſchale der menſchlichen Geſchicke ſtörte das Gleichgewicht. Dieſes Individuum zählte für ſich allein mehr als das Ganze. Die Vollblütigkeit der ganzen menſchlichen Lebens⸗ kraft in einen einzigen Kopf zuſammengedrängt, wäre tödt⸗ lich für die Civiliſation, wenn ſie andauerte. Der Augen⸗ blick war für die unbeſtechliche Gerechtigkeit des Höchſten gekommen, einzuſchreiten. Wahrſcheinlich beklagten ſich die Elemente, von denen die regelmäßigen Bewegungen in der moraliſchen und der materiellen Ordnung abhängen; das dampfende Blut, die Ueberfüllung der Kirchhöfe, die weinen⸗ den Mütter ſind furchtbare Bittſteller. Wenn die Erde an Ueberlaſtung leidet, ertönt aus der Dunkelheit ein geheim⸗ nißvolles Seufzen, welches der Abgrund hört. Napoleon war bei der Unendlichkeit angeklagt und ſein Sturz beſchloſſen. Er hemmte Gott. Waterloo iſt nicht eine Schlacht; es iſt die veränderte Geſtaltung der Welt. ——— —— ——— 48 X. Die Hochebene von Mont⸗Saint⸗Jean. Zu gleicher Zeit mit der Schlucht war auch die Batterie demascirt worden. Sechszig Kanonen und die 13 Carrée's ſchmetterten ihr Fener gegen die Küraſſiere aus nächſter Schußweite. Der unerſchrockene General Delord grüßte militairiſch die eng⸗ liſche Batterie. Die ganze fliegende Artillerie der Engländer war in Galopp in die Carrée's zurückgekehrt. Die Küraſſiere ge⸗ wannen nicht einmal die Zeit zu einem Halt. Der ver⸗ hängnißvolle Hohlweg hatte ſie decimirt, doch nicht ent⸗ muthigt. Sie gehörten zu den Menſchen, welche, an Zahl veringert, deſto großherziger werden. Die Colonne Wathier allein hatte durch den Angriff gelitten; die Colonne Delord, welche Ney, als ahnte er den Hinterhalt, links gezogen hatte, war ganz an das Ziel gelangt. Die Küraſſiere ſtürzten ſich auf die engliſchen Carrée's. Im vollſten Lauf mit verhängten Zügeln, den Pallaſch zwiſchen den Zähnen, die Piſtole in der Fauſt, ſo war der Angriff. Es giebt in den Schlachten Angenblicke, in welchem die Seele den Menſchen ſo verhärtet, daß ſie den Soldaten in eine Bildſäule verwandelt, in welchem all das Fleiſch zu Granit wird. Die engliſchen Bataillone rührten ſich nicht, obgleich ſie wüthend angegriffen wurden. Das war entſetzlich. Alle Fronten der engliſchen Carrée's wurden zugleich an⸗ gegriffen. Ein wahnſinniger Wirbel hüllte ſie ein. Die eiſige Infant am B. das zi ladete öffnet ſchlof ſie? bäum jonett lebend raſſie Ganz durch Körp wien Lare getr ſchö greif die ſpeie Kabe ange den 49 Infanterie blieb regungloslos. Das erſte Glied, das Knie am Boden, empfing die Küraſſiere mit den Bajonetten und das zweite Glied ſchoß ſie nieder; hinter dem zweiten Gliede ladeten die Kanoniere ihre Geſchütze, die Fronte des Carrée's öffnete ſich, ließ einen Hagel von Kartätſchen hindurch und ſchloß ſich wieder. Die Küraſſiere antworteten dadurch, daß ſie Alles vor ſich niederwarfen. Ihre gewaltigen„Pferde bäumten ſich, hieben in die Glieder, ſprangen über die Ba⸗ jonette fort und ſtürzten rieſenmäßig in die Mitte der vier lebenden Mauern. Die Kugeln bohrten Lücken in die Kü⸗ raſſiere, die Küraſſiere hieben Breſchen in die Carrée's. Ganze Reihen von Menſchen verſchwanden, niedergetreten durch die Pferde. Die Bajonette bohrten ſich ein in die Körper dieſer Centauren. So entſtanden entſetzliche Wunden. wie man ſie vielleicht niemals irgend wo anders ſah. Die Carrée's, welche durch dieſe wahnſinnige Kavallerie nieder⸗ getreten wurden, bildeten ſich neu, ohne zu wanken. Uner⸗ ſchöpflich in dem Kartätſchenfeuer, antworteten ſie den An⸗ greifenden. Das Ausſehen dieſes Kampfes war gräßlich, die Carrée's glichen nicht mehr Bataillonen, ſondern feuer⸗ ſpeienden Kratern; die Küraſſiere waren nicht mehr eine Kavallerie, ſondern ein Orkan. Jedes Carré war ein Vulkan, angegriffen durch eine Staubwolke; die Lava bekämpfte den Blitz. Das Carré des äußerſten rechten Flügels, das von allen am meiſten gefährdete, wurde durch die erſten Angriffe bei⸗ nahe vernichtet. Der Dudelſackbläſer in der Mitte des Carré's ſenkte, während man ſich rings um ihn her ver⸗ nichtete, mit vollkommener Gleichgültigkeit ſein melancho⸗ liſches Auge, in welchem die Wälder und die See'n ſeiner Berge ſich ſpiegelten, und auf einer Trommel ſitzend, ſeinen Dudelſack unter dem Arme, ſpielte er die Melodien ſeiner Heimath. Dieſe Schotten ſtarben, ſich an Ben Lothian erinnernd, wie die Griechen bei dem Andenken an Argos. Die Elenden. IIl. 4 50 Der Pallaſch eines Küraſſiers machte dem Geſang, indem er zugleich den Dudelſack und den Arm, der ihn hielt, zerhieb, ein Ende, indem er den Sänger tödtete. Die Küraſſiere im Verhältniß nicht ſehr zahlreich und durch die Kataſtrophe bei dem Hohlwege noch mehr ver⸗ ringert, hatten hier beinahe die ganze engliſche Armee gegen ſich; aber ſie vervielfältigten ſich ſo, daß jeder Mann für zehn ſtand. Indeſſen wichen einige hannöverſche Bataillone. Wellington ſah es und dachte an ſeine Kavallerie. Wenn Napoleon in eben dieſem Augenblick an ſeine Infanterie ge⸗ dacht hätte, würde er die Schlacht gewonnen haben. Dieſes Vergeſſen war ſein großer verhängnißvoller Fehler. Plötzlich fühlten die angreifenden Küraſſiere ſich ſelbſt angegriffen. Die engliſche Kavallerie ſaß ihnen auf dem Nacken. Vor ſich die Carrée's, hinter ſich Somerſet; Somerſet das waren die 1400 Gardedragoner. Somerſet hatte zu ſeiner Rechten Dörnberg mit den deutſchen Chevauxlegers und zu ſeiner Linken Trip mit den belgiſchen Karabiniers; die Küraſſiere, welche in beiden Seiten und von vorn, ſowie im Rücken durch Infanterie und Kavallerie angegriffen wur⸗ den, mußten nach allen Seiten Front machen. Was küm⸗ mert ſie das? Sie waren in einem Wirbel. Die Tapfer⸗ keit wurde unausſprechlich. Außerdem hatten ſie hinter ſich die Batterie, welche noch immer donnerte. Dies war nöthig, damit dieſe Leute im Rücken verwundet werden konnten. Einer ihrer Küraſſe, der auf der linken Seite von einer Kartätſchenkugel durch⸗ bohrt iſt, befindet ſich in dem Muſeum von Waterloo. Für ſolche Franzoſen waren ſolche Engländer er⸗ forderlich. 4 Es war kein Handgemenge mehr, ſondern ein wildes, wüthendes Gewirr, ein Schwindel, welcher die Seelen und den Muth mit ſich fortriß, ein Sturmwind mit Säbelblitzen. In einem Nu waren die 1400 Gardedragoner nur noch 800. Fuller ciers Hoche genon ließen oder ſchla Die Angr erſcho Dieſe iſt kei griffe word und zeich Bad B helde Erh dreiz erobe welc Kai eige zwei inde derli nun dach ieb, 51 Fuller, ihr Oberſtlieutenant, fiel. Ney eilte mit den Lan⸗ ciers und Chaſſeurs von Lefebre⸗Desnouettes herbei. Die Hochebene von Mont⸗Saint⸗Jean wurde genommen, wieder genommen und nochmals genommen. Die Küraſſiere ver⸗ ließen die Kavallerie, um zu der Infanterie zurückzukehren, oder, richtiger geſagt, das ganze furchtbare Gemenge ver⸗ ſchlang ſich in einander, ohne daß Einer den Andern losließ. Die Carrée's hielten noch immer Stand. Es fanden zwölf Angriffe ſtatt. Ney wurden vier Pferde unter dem Leibe erſchoſſen. Die Hälfte der Küraſſiere deckte den Boden. Dieſer Kampf dauerte zwei volle Stunden. Die engliſche Armee wurde dadurch erſchüttert. Es iſt kein Zweifel, daß, wenn die Küraſſiere in dem erſten An⸗ griffe nicht durch das Unglück bei dem Hohlwege geſchwächt worden wären, ſie das Centrum der Engländer durchbrochen und den Sieg entſchieden haben würden. Dieſe ausge⸗ zeichnete Kavallerie machte Clinton, welcher Talavera und Badajoz geſehen hatte, erſtarren. Wellington, welcher ſchon zu drei Viertheilen beſiegt war, zollte ſeinem Feinde eine heldenmüthige Bewunderung. Mit leiſer Stimme ſagte er: Erhaben! Die Küraſſiere vernichteten ſieben Carrée's von dreizehn, nahmen oder vernagelten ſechszig Geſchütze, und eroberten von den engliſchen Regimentern ſechs Fahnen, welche drei Küraſſiere und drei Chaſſeurs der Garde dem Kaiſer vor dem Pachthofe von Belle⸗Alliance überbrachten. Die Lage Wellington's hatte ſich verſchlimmert. Dieſe eigenthümliche Schlacht glich einem Zweikampfe zwiſchen zwei erbitterten Verwundeten, von denen jeder ſeinerſeits, indem er fortkämpft und Widerſtand leiſtet, all ſein Blut verliert. Welcher von beiden wird zuerſt niederſinken? Der Kampf auf der Hochebene währte fort. Wie weit würden die Küraſſiere gekommen ſein? Nie⸗ mand vermochte dies zu ſagen. Gewiß iſt, daß am Tage nach der Schlacht ein Küraſſier und ſein Pferd todt in dem 4* 5² Zimmerwerke der Frachtfuhrwaage von Mont⸗Saint⸗Jean gefunden wurde, auf dem Punkte, wo die vier Straßen von Nivelles, Genappe, La Hulpe und Brüſſel ſich kreuzen. Dieſer Reiter hatte die engliſchen Linien durchbrochen. Einer der Leute, welche die Leiche aufhoben, lebt noch jetzt in Mont⸗Saint⸗Jean. Er heißt Dehaze. Er war damals 18 Jahre alt. Wellington fühlte, daß er ſank. Die Kriſis war nahe⸗ Den Küraſſieren war ihr Angriff nicht gelungen, in ſofern das Centrum nicht durchbrochen wurde. Alle Welt hatte die Hochebene im Beſitz, und Niemand beſaß ſie, im Ganzen aber blieb der größte Theil derſelben den Eng⸗ ländern. Wellington hatte das Dorf und den höchſten Theil der Ebene. Ney beſaß nur den Gipfel und den Abhang. Von beiden Seiten ſchien man in dieſem verhängnißvollen Boden eingewurzelt zu ſein. Allein die Ermattung der Engländer war kaum zu heben. Der Blutverluſt dieſer Armee war erntſetzlich. Kempt verlangte auf dem linken Flügel Verſtärkung.— „Es giebt keine,“ antwortete Wellington;„er ſoll ſich tödten laſſen.“ Beinahe in demſelben Augenblick, eine eigenthümliche Uebereinſtimmung, welche die Erſchöpfung der beiden Armeen zeigte, verlangte Ney Infanterie von Napoleon, und Napo⸗ leon rief aus:„Infanterie!“ Wo will er, daß ich ſie hernehmen ſoll? Soll ich welche machen? Indeß war die engliſche Armee die kränkere. Die wüthenden Angriffe der gewaltigen Schwadronen mit eiſernem Küraſſe und ſtählerner Bruſt hatten die Infanterie zermalmt. Einige Mannſchaft, welche eine Fahne umgaben, bezeichneten die Stelle eines Regiments; manches Bataillon wurde nur noch von einem Capitain oder Lieutenant eommandirt; Die Diviſion Alten, ſchon bei La Haie⸗Sainte ſo ſehr miß⸗ handelt, war beinahe aufgerieben; die unerſchrockenen ſchlec Rera nant Bat Offi 79.4 wund daten Cum ſein wur Wal gen tions wie hern durch ſchi d Räc Belgier der Brigade van Kluze lagen auf dem Roggen längs der Straße von Nivelles; es war faſt nichts mehr von den holländiſchen Grenadieren übrig, welche 1811 in unſern Reihen Wellington bekämpften, und die 1815 mit den Engländern vereinigt gegen Napoleon fochten. Der Verluſt an Officieren war ſehr beträchtlich. Lord Uxbridge, der am nächſten Tage ſein Bein beerdigen ließ, war das Knie zerſchmet⸗ tert. Wenn auf der Seite der Franzoſen bei dieſem Kampfe der Küraſſiere Delord, L Heritier, Colbert, Dnop, Travers und Blancard kampfunfähig waren, ſo war dagegen auf Seite der Engländer Alten verwundet, Barne verwundet, Delancey ge⸗ tödtet, van Meeren getödtet, Ompteda getödtet, der ganze Generalſtab Wellington's decimirt, und England hatte den ſchlechteſten Theil bei dieſem blutigen Reigen davon getragen. Das zweite Fußgardevegiment hatte fünf Oberſtlieute⸗ nants, vier Capitaine und drei Fähnriche verloren; das erſte Bataillon des 30. Infanterieregiments hatte vierundzwanzig Offiziere und hundertzwölf Soldaten eingebüßt; von dem 79. Hochländerregiment waren vierundzwanzig Offiziere ver⸗ wundet, achtzehn Offiziere todt und vierhundertfünfzig Sol⸗ daten ebenfalls todt. Das hannöverſche Huſarenregiment Cumberland, ein ganzes Regiment, welches an ſeiner Spitze ſeinen Oberſten Hacke hatte, der ſpäter gerichtet und caſſirt wurde, machte Kehrt vor dem Gemetzel und entfloh in den Wald von Soignes, die Straße bis Brüſſel mit Flüchtlin⸗ gen bedeckend. Die Karren, die Bagagewagen, die Muni⸗ tionswagen, welche mit Verwundeten angefüllt waren, ſuchten, wie die Franzoſen Terrain gewonnen, ſich dem Walde zu nä⸗ hern und vertieften ſich in denſelben; die Holländer, die durch die franzöſiſche Kavallerie niedergehauen wurden, ſchrieen Alarm! von Vert⸗Coucon bis nach Groenendael auf einer Strecke von beinahe zwei Meilen in der Richtung gegen Brüſſel fand nach Ausſage von noch lebenden Augen⸗ 54 zeugen eine Ueberhäufung von Flüchtlingen ſtatt. Dieſer paniſche Schrecken war ſo groß, daß es den Prinzen von Condé in Mecheln und Ludwig XXIII. in Gent ergriff. Mit Ausnahme der ſchwachen Reſerve, die hinter dem Feld⸗ lazareth aufgeſtellt war, welches in dem Pachthofe von Mont Saint Jean ſich befand und der Brigaden Vivian und Vandeleur, welche ſeinen linken Flügel deckten, hatte Wel⸗ lington keine Kavallerie mehr. Eine Menge Batterien waren demontirt. Dieſe Thatſachen hat Siborne geſtanden, und Pringle, der die Niederlage übertreibt, geht ſo weit, zu be⸗ haupten, daß die anglo⸗holländiſche Armee auf vierunddrei⸗ ßigtauſend Mann zuſammengeſchmolzen ſei. Der eiſerne Herzog blieb ruhig, aber ſeine Lippen waren leichenblaß. Der öſterreichiſche Commiſſär Viment und der ſpaniſche Com⸗ miſſär Alava, die der Schlacht in dem engliſchen General⸗ ſtabe beiwohnten, hielten den Herzog für verloren. Um fünf Uhr zog Wellington ſeine Uhr und man hörte ihn die finſtern Worte murmeln:„Blücher oder die Nachtl“ In dieſem Augenblick ungefähr funkelte in der Ferne eine Linie von Bajonetten auf den Höhen gegen Friſchemont. Hier iſt der Wendepunkt dieſes Rieſendramas. XI. Ein ſchlechter Führer für Napoleon, ein guter Füh⸗ rer für Bülow. Man kennt den verhängnißvollen Irrihum Napoleon’s; Grouchy wurde erwartet, und Blücher kam; der Tod ſtatt des Lebens. D tete der T Blüche Walde debou viellei von T unterh Schluk Bülow T durch richt! wäre kam. bei 4 Norg und ſchnit der E Stra in T ten durch war. garde den, dann Soſ dde tt 55 Das Geſchick hat dergleichen Wendungen; man erwar⸗ tete den Thron der Welt; man erblickte St. Helena. Wenn der kleine Hirt, der Bülow, dem General Blücher's, zum Führer diente, ihm gerathen hätte, aus dem Walde oberhalb Friſchemont, ſtatt unterhalb Plancenoit, zu debouchiren, ſo würde die Geſtaltung des 19. Jahrhunderts vielleicht ganz anders ſein. Napoleon hätte dann die Schlacht von Waterloo gewonnen. Auf jedem andern Wege als unterhalb Plancenoit gelangte die preußiſche Armee zu einer Schlucht, welche für die Artillerie ungangbar war, und Bülow kam dann nicht an. Der preußiſche General Müffling aber hat erklärt, daß durch eine einzige Stunde der Zögerung Blücher Wellington nicht mehr aufrecht gefunden haben würde. Die Schlacht wäre verloren geweſen. Wie man ſieht, war es die höchſte Zeit, daß Bülow kam. Uebrigens war er ſehr anfgehalten worden. Er hatte bei Dion⸗le⸗Mont bivonacquirt und war mit dem früheſten Morgen aufgebrochen. Allein die Wege waren ungangbar, und ſeine Diviſionen verſanken im Koth. Die Kanonen ſchnitten tief in die Geleiſe ein. Außerdem hatte er auf der Straße von Wavre über die Dyle gehen müſſen, die Straße, die zu der Brücke führte, war durch die Franzoſen in Brand geſteckt; die Munitionswagen der Artillerie konn⸗ ten nicht zwiſchen den zwei brennenden Häuſerreihen hin⸗ durchfahren, und mußten warten, bis der Brand gelöſcht war. Schon war es Mittag, und noch hatte die Avant⸗ garde Bülow's Chapelle St. Lambert nicht erreichen können. Wäre der Kampf zwei Stunden früher begonnen wor⸗ den, ſo wäre er um vier Uhr beendigt geweſen, und Blücher dann auf die von Napoleon gewonnene Schlacht getroffen. So ſind die ungeheuren Zufälle, die im Verhältniß zu einem Ende ſtehen, welches uns nicht klar iſt. Schon am Mittag hatte der Kaiſer mit ſeinem Fern⸗ 56 rohre am äußerſten Horizonte etwas erblickt, das ſeine Auf⸗ merkſamkeit feſſelte. Er ſagte:„Ich bemerke dort eine Wolke, von der es mir ſcheint, als wären es Truppen.“ Dann fragte er den Herzog von Dalmatien.—„Soult, was ſehen Sie in der Richtung von Chapelle St. Lambert 2“ — Der Marſchall richtete ſein Fernrohr auf den bezeich⸗ neten Punkt und antwortete:„Vier⸗ bis fünftauſend Mann, Sire, offenbar Grouchy.“ Indeſſen blieb der Gegenſtand regungslos in der Dämmerung. Alle Fernröhre des Ge⸗ neralſtabes erforſchten die Wolke, welche der Kaiſer be⸗ zeichnet hatte. Einige ſagten:„Das ſind Colonnen, welche Halt machen.“ Die Meiſten meinten:„Das ſind Bäume.“ Die Wahrheit iſt, daß die Wolke ſich nicht regte. Der Kaiſer hatte gegen dieſen Punkt die leichte Kavallerie⸗Divi⸗ ſion Domon auf Recognoscirung geſendet. Bülow rührte ſich in der That nicht. Seine Avant⸗ garde war ſehr ſchwach und vermochte nichts auszurichten. Er mußte das Gros ſeines Armeecorps erwarten, und hatte Befehl, ſich zu concentriren, ehe er in die Schlachtlinie ein⸗ rückte; aber um fünf Uhr ſah Blücher die Gefahr Welling⸗ ton's, und befahl Bülow, anzugreifen, indem er die bemer⸗ kenswerthen Worte ſagte:„Man muß der engliſchen Armee Luft machen.“ Kurze Zeit darauf deployirten die Diviſionen Losthin, Hiller, Hacke und Ryſſel vor dem Corps Lobau's; die Ka⸗ vallerie des Prinzen Wilhelm von Preußen debouchirte aus dem Gehölz, Plancenoit ſtand in Flammen, und die preu⸗ ßiſchen Kugeln begannen bis in die Reihen der Garde zu fallen, die in Reſerve hinter Napoleon ſtand. ( 4 Armee undach Bülon durch: Marcc verdra Lobar bruch fend ergre ftanz Kartä lage unter linie lebe als Nlit Aben durch rothe Auſt 57 XII. Die Garde. Das Uebrige weiß man; das Auftreten einer dritten Armee; die Schlacht in andere Verhältniſſe gebracht; ſechs⸗ undachtzig Feuerſchlünde plötzlich donnernd, Pirch I. mit Bülow herankommend, die Kavallerie von Ziethen, geführt durch Blücher in eigener Perſon, die Franzoſen zurückgedrängt, Marcognet fortgeſchleppt von der Ebene von Ohain, Durutte verdrängt aus Papelotte, Donzelot und Quiot zurückweichend, Lobau in die Flanke genommen, eine neue Schlacht bei An⸗ bruch der Nacht ſich auf unſere erſchöpften Regimenter wer⸗ fend, die ganze engliſche Schlachtlinie die Offenſive wieder ergreifend und vorwärts drängend, die rieſige Lücke in der franzöſiſchen Armee, der engliſche und der preußiſche Kartätſchenhagel einander unterſtützend, Vernichtung, Nieder⸗ lage in der Front, Niederlage in der Flanke, die Garde unter dieſem furchtbaren Zuſammenbrechen in die Schlacht⸗ linie einrückend. Da ſie fühlte, daß ſie ſterben würde, rief ſie:„Es lebe der Kaiſer!“ Die Geſchichte hat nichts Rührenderes, als dieſen Todeskampf, der in Jubelgeſchrei ausbrach. Der Himmel war den ganzen Tag über bedeckt geweſen. Plötzlich in eben dieſem Augenblick— es war acht Uhr Abends— trennten ſich die Wolken am Horizont und ließen durch die Ulmen auf der Straße von Nivelles die große rothe Scheibe der untergehenden Sonne erblicken. Bei Auſterlitz hatte man ſie aufgehen ſehen. Jedes Bataillon der Garde wurde zu dieſer Entwick⸗ lung von einem General commandirt. Friant, Michel, Ro⸗ 8— 58 guet, Harlet, Mallet, Poret von Moran waren dort. Als die hohen Grenadiermützen der Garde mit dem großen Adler⸗ ſchilde erſchienen, ſymmetriſch in gerader Linie ruhig in die Dämmerung dieſes Gemetzels eintretend, empfand der Feind Achtung vor Frankreich; man glaubte zwanzig Siege mit entfalteten Flügeln das Schlachtfeld betreten zu ſehen, und die, welche Sieger geweſen waren, hielten ſich beſiegt und wichen zurück; allein Wellington ſchrie:„Auf, Garden, und zielt ſcharf!“ Das rothe Regiment der engliſchen Garde, welches hinter den Hecken verborgen lag, ſprang auf, und ein Kugelregen durchbohrte die dreifarbige Fahne, ſchlug um unſere Adler nieder, Alle ſtürzten ſich vorwärts, und das letzte Blutbad begann. Die Kaiſerliche Garde fühlte in der Dunkelheit, wie die Armee rings um ſie her wich, ſie er⸗ kannte die Erſchütterung der Niederlage, ſie hörte das: „Rette ſich, wer kann!“ welches an die Stelle des:„Es lebe der Kaiſer!“ getreten war. Aber bei der Flucht hinter ſich drang ſie weiter vor, immer mehr und mehr niederge⸗ ſchmettert, und bei jedem Schritte, den ſie that, in größerer Zahl fallend. Es gab keine Zögernden, keine Schüchternen! Jeder Soldat in dieſer Truppe war ebenſoſehr ein Held wie der General. Kein Mann entzog ſich dem Selbſtmord. Ney, der außer ſich war, groß durch die Größe des Todes, den er ſuchte, bot ſich in dieſem Gemetzel jedem Schuße. Es wurde ihm das fünfte Pferd unter dem Leibe erſchoſſen. In Schweiß gebadet, die Augen flammend, Schaum auf den Lippen, die Uniform aufgeknöpft, eins ſeiner Epaulettes halb abgehauen durch den Säbelhieb eines Horſeguards, ſein Orden als Großadler zuſammengedrückt durch eine Kugel, blutend, roth beſpritzt, erhaben, den zer⸗ brochenen Säbel in der Hand ſchwingend rief er:„Kommt, um zu ſehen, wie ein Marſchall von Frankreich auf dem Schlachtfelde ſtirbt!“ Aber vergebens; er ſtirbt nicht. Er war wild und erbittert. Er rief Drouet dErlon In der ſchen ni nichts Kageln 1 licher! D Armee Hongor dem R lann!“ beugt ſieß iſung dut, lach 2 lleich ief ſi idem d'Erlon die Frage zu:„Läſſeſt Du Dich nicht tödten?“ In der Mitte des Kanonenfeuers, das eine Handvoll Men⸗ ſchen niederſchmetterte, rief er aus:„Giebt es denn hier nichts für mich.“ Ha, ich möchte, daß alle dieſe engliſchen Kugeln mir in den Leib führen!“ Du warſt für franzöſiſche Kugeln vorbehalten, Unglück⸗ licher! XIII. Die Kataſtrophe. Die Niederlage im Rücken der Garde war furchtbar. Die Armee wich plötzlich auf allen Seiten zugleich zurück, von Hougomont, La Haie⸗Sainte, von Papelotte, von Plancenoit, dem Rufe:„Verrath!“ folgte der Ruf:„Rette ſich, wer kann!“ Eine Armee, die ſich auflöſt, iſt ein Thauwetter. Alles beugte ſich, ſank zuſammen, krachte, ſchwamm, rollte, fiel, ſtieß ſich, eilte fort, ſtürzte übereinander. Unerhörte Auf⸗ löſung. Ney borgte ſich ein Pferd, ſprang hinauf, und ohne Hut, ohne Halsbinde, ohne Degen ſprengte er auf die Chauſſee nach Brüſſel und hielt die Engländer und die Franzoſen zu⸗ gleich auf. Er ſtrebte die Armee zum Stehen zu bringen, rief ſie zurück, beſchimpfte ſie, klammerte ſich an die Nieder⸗ lage an. Er wurde überfluthet. Die Soldaten flohen ihn, indem ſie riefen:„Es lebe der Marſchall Ney!“ Zwei Regimenter von Durutte eilten voll Entſetzen hin und her, wie einander zugeſchleudert durch die Säbel der Uhlanen und das Gewehrfeuer der Brigaden Kempt, Beſt, Pack und Rylandt; das ſchlimmſte Gemetzel iſt die Niederlage; Freunde tödten ſich unter einander um zu fliehen; Schwadronen und Bataillone ſprengen ſich untereinander, ein furchtbarer Schaum der Schlacht. Lobau auf dem einen äußerſten Ende und Reille auf dem andern, werden von der Fluth⸗ mit fortgeriſſen. Vergebens bildet Napoleon Mauern aus dem, was ihm von der Garde bleibt; vergebens verwendet er zu einer letzten Anſtrengung die Schwadronen, die bei ihm den perſönlichen Dienſt haben. Quiot weicht vor Vi⸗ vian zurück, Kellermann vor Vandeleur, Lobau vor Bülow, Morand vor Pirch, Doumon und Subervic vor den Prinzen Wilhelm von Preußen. Guyot, der die Schwadronen des Kaiſers zum Angriff geführt hat, fällt unter den Hufen der engliſchen Dragoner. Napoleon ſprengt im Galopp an den Flüchtlingen hin, redet ſie an, droht ihnen, beſchwört ſie. Jeder Mund, der am Morgen rief:„Es lebe der Kaiſer!“ bleibt offen; kaum erkennt man ihn Die preußiſche Kaval⸗ lerie, ſo eben erſt eingetroffen, ſprengt an, fliegt, ſäbelt nieder, haut im Rücken, tödtet, vernichtet. Die Beſpan⸗ nungen entfliehen, die Kanonen retten ſich; die Soldaten des Trains ſpannen die Pferde von den Wagen und ent⸗ fliehen auf den Pferden, die Munitionswagen verſperren, umgeſtürzt, mit den vier Rädern in der Luft, die Straße, und geben Veranlaſſung zu neuem Gemetzel. Man vernichtet ſich, man wirft ſich nieder, man ſchreitet über die Todten und über die Lebenden hinweg. Die Arme erlahmen, eine vom Schwindel erfaßte Menge erfüllt die Straßen, die Fußpfade, die Brücken, die Ebenen, die Hügel, die Thäler, die Gehölze, welche durch dieſe Flucht von vierzigtauſend Menſchen angehäuft werden. Geſchrei, Verzweiflung. Tor⸗ niſter und Gewehre in das Korn geworfen, mit Säbelhieben den Durchweg gebahnt, keine Kameraden, keine Officiere, keine G ſäbelte waren D Lobau den preuß und g ſest d Hütte, in Ge thend Verfol Rogue ſchen würde Rogu die 2 fehner 61 keine Generäle mehr, ein unausſprechliches Entſetzen. Blücher ſäbelte Frankreich nach Herzensluſt nieder. Die Löwen waren rege geworden. So zeigte ſich dieſe Flucht. In Genappe verſuchte man Halt und Kehrt zu machen. Lobau ſammelte dreihundert Uhlanen. Man verbarricadirte den Eingang des Dorfes, allein bei der erſten preußiſchen Kartätſchenlage ergriff Alles wieder die Flucht und Lobau wurde gefangen genommen. Man erkennt noch jetzt dieſen Kartätſchenhagel auf dem alten Giebel einer Hütte, rechts der Straße, einige Minuten vor dem Eingang in Genappe. Die Preußen drangen in Genappe ein, wü⸗ ſthend ohne Zweifel darüber, ſo wenig Sieger zu ſein. Die Verfolgung war entſetzlich. Blücher gebot die Vernichtung. Roguet hatte das blutige Beiſpiel gegeben, jeden franzöſi⸗ ſchen Grenadier, der ihm einen gefangenen Preußen bringen würde, mit dem Tode zu bedrohen. Blücher übertraf noch Roguet. Der General der jungen Garde Düuhesme, gegen die Thür eines Wirthhauſes in Genappe gedrängt, übergab feinem Degen einem ſchwarzen Huſaren, der den Degen nahm, und den Gefangenen tödtete. Der Sieg wurde durch die Ermordung der Beſiegten vollendet. Züchtigen wir, da wir die Geſchichte ſind: der alte Blücher entehrte ſich. Dieſe Grauſamkeit brachte die Niederlage auf den höchſten Gipfel. Die verzweiflungsvolle Flucht durchzog Genappe, Quatre⸗Bras, Sombreffe, Frasnes, Thuin, Charleroi, und machte erſt an der Grenze Halt. Ach, was floh aber auf ſolche Weiſe? Die große Armee! Dieſer Taumel, dieſer Schrecken, dieſer Sturz von der höchſten Tapferkeit, die jemals die Geſchichte in Staunen verſetzte; iſt das alles ohne Urſache? Nein: der Schatten einer ungeheuren Hand hält auch Waterloo. Es iſt das der Tag des Schickſals. Die Macht, die über dem Men⸗ ſchen ſteht, hat dieſen Tag herbeigeführt. Daher die Ver⸗ wirrung der Sinne; daher ſo viele große Seelen, welche 62 ihre Degen überlieferten. Die, welche Europa beſiegt hatten, ſanken ſelbſt beſiegt nieder, hatten nichts mehr zu ſagen, noch zu thun, fühlten eine furchtbare Nähe. Hoc erat in fatis. Dieſer Tag hat die Ausſichten des Menſchengeſchlechts ver⸗ wandelt. Waterloo iſt der Wendepunkt des 19. Jahrhun⸗ derts. Das Verſchwinden des großen Mannes war noth⸗ wendig zu dem Anbruch des großen Jahrhunderts. Jemand dem man nichts entgegengeſetzt, hat dies übernommen. Der paniſche Schrecken der Helden erklärt ſich dadurch. In der Schlacht von Waterloo gab es mehr als eine Wolke, es war ein Meteor. Gott fuhr über ſie hin. Bei Anbruch der Nacht ergriffen auf einem Felde in der Nähe von Genappe Bernard und Bertrand bei einem Zipfel ſeines Ueberrocks einen Mann, der finſter, nachden⸗ kend, fortgeriſſen bis hierher durch den Strom der Flucht, vom Pferde geſtiegen war, den Zügel deſſelben unter den Arm genommen hatte und mit irrem Blick ſich allein gegen Waterloo wendete. Es war Napoleon, der es noch einmal verſuchte, vorwärts zu gehen, der ungeheure Traumwandler dieſes zuſammengeſtürzten Traumes. XIV. Das letzte Carré. Einige Carrée's der Garde, welche regungslos in der Strömung der Niederlage ſtanden, wie Felſen in dem to⸗ benden Waſſer, ſchoſſen bis zur Nacht. Die Nacht kam, der Te ließen Regim der üb eigne auf d Mont ſiegt Wagre J Fußen dieſem die Kü Maſſe ſiegrei immer Name minde erwide fortwa Ferne ſtehen minden d war, dch, dahl heilge die en der to⸗ kam, 63 der Tod auch, ſie erwarteten dieſen doppelten Schatten, und ließen ſich unerſchütterlich von demſelben einhüllen. Jedes Regiment getrennt vom andern und ohne irgend ein Band der überall auseinander geſprengten Armee, ſtarb für ſeine eigne Rechuung. Sie hatten zu dieſem letzten Angriffe theils auf den Höhen von Roſſomme, theils auf der Ebene von Mont⸗Saint⸗Jean Poſition gefaßt. Hier verlaſſen und be⸗ ſiegt, ſtarben dieſe Carrée's auf eine furchtbare Weiſe. Ulm, Wagram, Jena, Friedland ſtarben in ihnen. In der Dämmerung um neun Uhr Abends blieb am Fuße der Ebene von Mont⸗Saint⸗Jean noch eins übrig. In dieſem verhängnißvollen Thale, am Fuße der Höhe, welche die Küraſſiere erſtürmt hatten, jetzt überſchwemmt durch die Maſſen der Engländer unter dem concentrirten Feuer der ſiegreichen feindlichen Artillerie, kämpfte dieſes Carré noch immer fort. Es wurde von einem unbekannten Offizier, Namens Cambronne, commandirt. Bei jeder Salve ver⸗ minderte ſich das Carré, aber es erwiderte das Feuer. Es erwiderte den Kartätſchenhagel durch Flintenkugeln, und zog fortwährend ſeine vier Mauern näher zuſammen. In der Ferne hörten die Flüchtlinge, die einen Augenblick athemlos ſtehen blieben, durch die Dunkelheit dieſen finſtern ſich ver⸗ mindernden Donner. Als dieſe Legion nur noch eine Hand voll Menſchen war, ihre Fahne nur noch ein Fetzen, ihre Gewehre nur noch Stöcke, als der Haufen der Leichen größer war wie die Zahl der Ueberlebenden, entſtand unter den Siegern eine Art heiligen Schreckens um dieſe erhabenen Sterbenden und die engliſche Artillerie ſchwieg athemſchöpfend. Es war eine Art von Ruhepunkt. Die Kämpfer hatten ringsum ſich her ein Gewirr von Geſpenſtern, Umriſſe von Menſchen zu Pferde, das ſchwarze Profil der Kanonen; das Rieſen⸗ geſicht des Todes, welches die Helden ſtets durch den Dampf der Schlachten erblicken, ſchritt auf ſie zu und ſah 64 ſie an. Sie konnten in der Dämmerung hören, daß man die Geſchütze wieder ladete; die brennenden Lunten glichen den Augen eines Tigers durch die Nacht blitzend, bildeten einen Kreis über ihren Köpfen; alle Luntenſtöcke der engli⸗ ſchen Batterie näherten ſich den Kanonen, da empfand ein engliſcher General Colville nach der Angabe der Einen, Maitland nach Andern, Mitleid und da er den entſcheiden⸗ den Augenblick über den Häuptern dieſer Männer ſchweben ſah, rief er ihnen zu:„tapfere Soldaten, ergebt Euch!“ Cambronne antwortete:„Merde!“ XV. Cambronne. * Der Leſer will geſchont ſein, und das ſchönſte Wort, welches vielleicht je ein Held ſprach, darf daher nicht wiederholt werden. Auf unſere Gefahr übertreten wir dieſes Verbot. Unter dieſen Helden alſo war ein Titan, Cambronne. Das Wort ſprechen und dann ſterben, was konnte es Schöneres geben! Denn es hieß ſterben, es zu wollen, und es iſt nicht die Schuld dieſes Mannes, wenn er, mit Kartät⸗ ſſchen überſchüttet, ſie überlebte. Der Mann, der die Schlacht von Waterloo gewann, iſt nicht Napoleon auf der Flucht, iſt nicht Wellington, der bei Quatre⸗Bras wich, als er um fünf Uhr verzweifelte, es iſt nicht Blücher, der ſich nicht ſchlug; der Mann, der die Schlacht bei Waterloo gewann, iſt Cambronne. G tödtet Schich dieſe die Hohl die A Noch in die den g das l Blit terloo durch zuſan verli die man chen eten gli⸗ ein inen, iden⸗ heben ſch!“ Wort, nicht vonne. te es und artät⸗ wann, „der ffelte, er die 65 Ein ſolches Wort dem Donner, durch den man ge⸗ tödtet wird, entgegenſchleudern, heißt ſiegen. Dieſe Antwort der Kataſtrophe geben, ſo etwas dem Schickſal ſagen, dem künftigen Löwen dieſe Baſis geben, dieſe Entgegnung in den Regen der Nacht ſchleudern gegen die verrätheriſchen Mauern von Hougomont, gegen den Hohlweg von Ohain, gegen die Zögerung Grouchy's, gegen die Ankunft Blücher's, iſt die Ironie im Grabe, ſo daß man noch aufrecht bleibt, nachdem man gefallen iſt. Es heißt in dieſen beiden Silben die europäiſche Coalition ertränken, den König jene ſchon bekannten Senkgruben Cäſar's bieten, das letzte der Worte zum erſten machen, indem man den Blitz Frankreichs hineinmiſcht, auf unverſchämte Weiſe Wa⸗ terloo durch den Faſtnachts⸗Dienſtag beendigen, Leonidas durch Rabelais vervollſtändigen, dieſen Sieg in ein Wort zuſammenfaſſen, das ſich nicht ausſprechen läßt, den Boden verlieren und die Geſchichte bewahren, nach dieſem Blutbad die Lacher für ſich haben— es iſt etwas Ungeheures. Es heißt den Blitz beſchimpfen. Es erreicht die Größe des Aeſchylus. 4 Das Wort Cambronne's macht die Mitwirkung eines Bruches und es iſt der Bruch einer Bruſt, die durch Ver⸗ achtung geſprengt wird; es iſt das Uebermaß des Todes⸗ kampfes, welches ausbricht. Wer hat geſiegt? Iſt es Wellington? Nein. Ohne Blücher war er verloren. Iſt es Blücher? Nein. Hätte Wellington nicht angefangen, ſo hätte Blücher nicht zu Ende kommen können. Dieſer Cam⸗ bronne, dieſer Durchreiſende der letzten Stunde, dieſer unbe⸗ kannte Soldat, dieſer unendlich Kleine des Krieges, fühlt, daß eine doppelt ſchmerzliche Lüge in der Kataſtrophe liegt, und in dem Angenblick, wo er vor Wuth darüber ausbricht, bietet man ihm wie einen Spott das Leben! Wie ſoll er da nicht außer ſich gerathen. Sie ſind hier, alle die Könige CEuropa's, die glücklichen Generale, die donnernden Jupiters, Die Elenden. III. 9 66 ſie haben hunderttauſend ſiegreiche Soldaten und hinter den hunderttauſend eine Million, ihre Kanonen gähnen mit an⸗ gezündeten Lunten; ſie haben unter ihren Ferſen die kaiſer⸗ liche Garde und die große Armee; ſie haben Napoleon vernichtet, und es bleibt nur noch Cambronne übrig; es iſt Niemand mehr da, zu proteſtiren, als dieſer Wurm. Und er wird proteſtiren. Da ſucht er nach einem Worte, wie man nach einem Schwerte greift. Schaum tritt ihm vor den Mund, und dieſer Schaum iſt das Wort; vor dieſem wunderbaren und mittelmäßigen Siege, vor dieſem Siege ohne Sieger richtet der Verzweifelnde ſich ſtolz empor: er erliegt dem Ungeheuren, aber er zeigt das Nichtige deſſelben, er thut noch mehr, als es anzuſpeien, erdrückt durch die Zahl, durch die Gewalt und durch die Materie, findet er in ſeiner Seele einen Ausdruck, einen Auswurf. Wir wiederholen es, das zu ſagen, das zu thun, das zu finden, heißt der Sieger ſein. Der Geiſt der großen Tage erfüllte Weſen unbe⸗ kannter Menſchen in der verhängnißvollen Secunde. Cam⸗ bronne n den Ausdruck für Waterloo, wie Rouget de l'Isle die Marſeillaiſe erfand, durch eine Heimſuchung eines gött⸗ lichen Athems. Ein Strom des himmliſchen Sturmes löſte ſich ab und durchfuhr dieſe Männer, und ſie erbebten, und der andere ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Dieſes Wort titaniſcher Verachtung ſchleuderte Cambronne nicht nur Europa im Namen des Kaiſerreichs„hin, denn das wäre wenig geweſen; er ſchleuderte es im Namen der Vergan⸗ genheit. Man hörte es und erkannte in Cambronne die alte Seele der Rieſen. Es ſcheint als ſei es Danton, der ſpricht, oder Kleber, der brüllt. Auf das Wort Cambronne's antwortete die Stimme des Engländers: Feuer! Die Batterien blitzten, der Hügel erbebte, aus allen dieſen ehernen Schlünden ſtrömte ein letzter entſetzlicher Kartätſchenhagel; ein dichter Dampf, weiß g als er gewall todt. Bode ein; die f Boden Blute, gens fäht den an⸗ ſer⸗ leon iſt Und wie vor ſem iege : er ben, die t er Wir den, nbe⸗ au⸗ Jole gött⸗ löſte und ieſes nicht väre gan⸗ alte der mme ügel ein mmpſ⸗ 67 weiß gefärbt durch den aufgehenden Mond, rollte dahin, und als er verſchwunden war, blieb nichts mehr zurück. Dieſes gewaltige Ueberbleibſel war vernichtet; Die Garde war todt. Die vier Mauern der lebenden Redoute lagen am Boden, kaum bemerkte man hier oder dort unter den Leichen ein Zucken; ſo endeten, größer als die römiſchen Legionen die franzöſiſchen Legionen bei Mont-Saint-Jean auf dem Boden, der durchweicht war von dem Regen und dem Blute, an dem Orte, über welchen jetzt um vier Uhr Mor⸗ gens pfeifend und luſtig, ſein Pferd peitſchend Joſeph hin⸗ fährt, der den Dienſt bei der Schnellpoſt von Nivelles verſieht. XVI. Quod libras in duce! Die Schlacht von Waterloo iſt ein Räthſel. Sie iſt ebenſo dunkel für die, welche ſie gewannen, wie für die, welche ſie verloren haben. Für Napoleon iſt ſie ein paniſcher Schrecken*), Blücher erblickte darin nur Feuer; Wel⸗ lington begriff nichts davon. Man ſehe die Rapporte. Die Bulletins ſind verworren, die Commentare undeutlich. Dieſe ſtammelten, Jene ſtotterten. Jomini theilt die Schlacht *) Eine beendigte Schlacht, ein gewonnener Tag, die Wiederher⸗ ſtellung falſcher Maßregeln, die Sicherung größerer Erfolge für den nächſten Tag, Alles ging durch einen Augenblick paniſchen Schreckens verloren. Napoleon's Dictate auf St. Helena. 5* 68 von Waaterloo in vier Abſchnitte; Müffling in drei. Charras, obgleich wir in einigen Punkten anderer Meinung ſind, als er, hat allein mit ſeinem ſcharfen Blicke die ehernen charakte⸗ riſtiſchen Züge dieſer Kataſtrophe erkannt, bei welcher das menſchliche Genie mit dem göttlichen Zufall kämpft. Alle vier Geſchichtsſchreiber ſind in gewiſſem Grade geblendet, und in dieſer Blendung taſten ſie umher. In der That war es ein ungeheurer Tag der Sturz der Militairmonarchie, welche zur großen Verwirrung der Könige alle Königreiche mit fortgeriſſen hatte, Sturz der Gewalt, Niederlage des Krieges. Bei dieſem Ereigniſſe, welches den Stempel über⸗ menſchlicher Nothwendigkeit trägt, iſt der Antheil der Men⸗ ſchen für nichts zu achten. Wellington und Blücher Waterloo nehmen, heißt das England und Deutſchland etwas rauben? Nein. Weder das berühmte England noch das erhabene Deutſchland kommen bei dem Problem von Waterloo in Frage. Dem Himmel Dank, ſind die Völker groß auch außerhalb der finſtern Abenteuer des Schwertes. Weder Deutſchland, noch England, noch Frankreich ſtecken in einer Säbelſcheide. In jener Zeit, in welcher Waterloo nichts iſt, als ein Säbel⸗ geklirr, hat Deutſchland über Blücher ſeinen Göthe, Eng⸗ land über Wellington ſeinen Byron. Ein erhabener Auf— ſchwung der Gedanken iſt unſerm Jahrhundert eigen, und bei dieſer Morgenröthe fällt auf England und Deutſchland ein prachtvoller Schein. Sie ſind majeſtätiſch, weil ſie denkend ſind. Die Erhebung zu der gleichen Höhe der Civiliſation iſt ihnen eigenthümlich; ſie rührt von ihnen ſelbſt her, und nicht von einem Zufalle. Was ſie in dem 19. Jahrhundert größer macht, hat nicht Waterloo zu ſeinem Urſprung. Nur barbariſche Völker gewinnen nach einem Siege plötzliches Wachsthnm. Es iſt die Eitelkeit vorübergehender Sturz⸗ bäche, die durch einen Sturm angewachſen ſind. Die civili⸗ Alle det, That chie, iche des ber⸗ ken⸗ das eder land Dem der loch In bel⸗ Eng⸗ Auf⸗ bei ein tend tion und dert Nur hes urz⸗ vili⸗ ſirten Völker, beſonders in unſerer Zeit, erheben oder ſenken ſich nicht durch das Glück oder das Mißgeſchick eines Feld⸗ herrn. Ihr ſpecifiſches Gewicht in dem Menſchengeſchlechte entſpringt aus etwas Beſſerem, als aus einer Schlacht. Gott ſei Dank, ſind ihre Ehre, ihre Würde, ihre Aufklä⸗ rung nicht Nummern, welche der Held und der Eroberer als Spieler in die Lotterie der Schlachten ſetzen kann. Oft iſt eine verlorene Schlacht ein gewonnener Fortſchritt; weniger Ruhm, mehr Freiheit; die Trommel ſchweigt, die Ver⸗ nunft ergreift das Wort. Es iſt das Spiel: wer verliert, gewinnt. Sprechen wir daher von Waterloo ruhig aus beiden Geſichtspunkten. Gewähren wir dem Zufall, was dem Zu⸗ fall gehört, und Gott, was Gott gebührt. Was iſt Water⸗ loo? Ein Sieg? Nein. Eine Qunnterne. Eine Quinterne, gewonnen durch Enropa, bezahlt durch Frankreich. Es lohnte hier nicht der Mühe, einen Löwen aufzu⸗ richten. Waterloo iſt übrigens das eigenthümlichſte Zuſammen⸗ treffen, welches die Geſchichte zeigt. Napoleon und Wellington. Das ſind nicht Feinde, ſondern es ſind Widerſprüche. Nie hat Gott, der ſich in Antitheſen gefällt, zwei auffallendere Contraſte einander außerorderlicher entgegengeführt. Auf der einen Seite die genaue Berechnung, die Vorausſicht, die Geometrie, die Klugheit, der geſicherte Rückzug, die Schonung der Reſerven, eine hartnäckige Kaltblütigkeit, eine unwandelbare Methode, die Strategie, welche das Terrain benutzt, die Taktik, welche die Bataillone gegen einander ab⸗ wiegt, das nach der Schnur gezogene Gemetzel, der mit der Hand geordnete Krieg, nichts dem Zufall überlaſſend, der alte klaſſiſche Muth, die unbedingt richtige Berechnung;— auf der andern Seite plötzliche Eingabe, Divinationsgabe, kriegeriſche Eigenthümlichkeit, übermenſchlicher Inſtinkt, flam⸗ mender Scharfblick, ein Auge, das ſieht wie der Adler und 70 trifft wie der Blitz, eine wunderbare Kunſt in dem gering⸗ ſchätzenden Ungeſtüm, alle die Myſterien einer tiefen Seele, innige Vereinigung mit dem Geſchick; der Fluß, die Ebene, der Wald, der Hügel aufgerufen und in gewiſſer Beziehung gezwungen, zu gehorchen, der Despot, welcher ſelbſt das Schlachtfeld tyranniſirt; der Glaube an das Geſtirn, ver⸗ einigt mit der ſtrategiſchen Wiſſenſchaft, ſie vergrößernd, aber ſie auch verwirrend. Wellington war die Berechnung des Krieges, Napoleon das Genie deſſelben; diesmal aber wurde das Genie durch die Berechnung beſiegt. Von beiden Seiten erwartete man Jemand. Der richtige Rechner gewann. Napoleon erwartete Grouchy; dieſer kam nicht; Wellington erwartete Blücher: er kam. Wellington iſt der klaſſiſche Krieg, der ſeine Genug⸗ thuung nimmt. Bonaparte war bei ſeiner Morgenröthe mit ihm in Italien zuſammengetroffen und hatte ihn glän⸗ zend geſchlagen. Die alte Nachteule war vor dem jungen Geier geflohen. Die alte Taktik war nicht nur niederge⸗ ſchmettert, ſondern auch verhöhnt worden. Wer war dieſer echsundzwanzigjährige Corſe? Was bedeutet dieſer Un⸗ wiſſende, der Alles gegen und nichts für ſich hatte, der ohne Lebensmittel, ohne Munition, ohne Kanonen, ohne Schuh, beinahe ohne Armee mit einer Hand voll Menſchen gegen Maſſen, der ſich auf das vereinigte Europa ſtürzte, und auf alberne Weiſe ganz unmögliche Siege errang? Wer war dieſer Neuling des Krieges, der die Unverſchämtheit eines Geſtirnes erſter Größe hatte? Die hohe militairiſche Schule excommunicirte ihn, indem ſie vor ihm zurückwich; daher der unerbittliche Haß des alten Cäſarismus gegen den Neuling, des richtig geführten Säbels gegen das Flammenſchwert, des Schachbrets gegen das Genie. Am 18. Juni 1815 ſprach dieſer Haß ſein letztes Wort, und über Lodi, Monte⸗ bello, Montenotte, Mantua, Marengo, Arcola ſchrieb er: Waterloo. Triumph der Mittelmäßigkeiten über die Ueber⸗ legenhe ſeinem jüngte Haar durch muß, ſclo hatte, ſeine 71 legenheit. Das Geſchick willigte in dieſe Jronie. Bei ſeinem Sinken erblickte Napoleon ſich gegenüber den ver⸗ jüngten Suwarow. Um Suwarow zu haben, genügt es in der That, die Haare Wellington's zu bleichen. Waterloo iſt eine Schlacht erſten Ranges, gewonnen durch einen Feldherrn zweiten Ranges. Was man bei der Schlacht von Waterloo bewundern muß, iſt England, die engliſche Feſtigkeit, die engliſche Ent⸗ ſchloſſenheit, das engliſche Blut; was England Erhabenes hatte, das war es ſelbſt. Nicht ſein Feldherr, ſondern ſeine Armee. Wellington, der auf eine verſchrobene Weiſe undankbar iſt, ſagt in einem Briefe an Lord Bathurſt, ſeine Armee, die Armee, welche am 18. Juni 1815 kämpfte, wäre eine „abſcheuliche Armee“ geweſen.— Was denkt davon jenes finſtere Gemiſch von Gebeinen, die unter den Feldern von Waterloo ruhen? England iſt Wellington gegenüber viel zu beſcheiden geweſen. Wellington ſo groß machen, heißt England klein machen. Wellington iſt nur ein Held, wie jeder andere. Jene ſchottiſchen Grauen, jene horse-guards, jene Regimenter von Maitland und von Micchell, jene Infanterie von Pack und von Kempt, jene Kavalerie von Ponſonby und Somerſet, jene Hochländer, welche unter dem Kartätſchenhagel den Dudelſack ſpielten, jene Bataillone von Rylandt, jene ganz neuen Recruten, welche kaum das Gewehr zu handhaben verſtanden und den alten Truppen von Eßlingen und Rivoli die Spitze boten, das iſt groß. Wellington war hartnäckig, darin beſteht ſein Verdienſt, und wir wollen es ihm nicht ſtreitig machen; allein der geringſte ſeiner Infanteriſten und ſeiner Kavaleriſten war ebenſo ſtandhaft wie er. Der Eiſen⸗ ſoldat iſt ebenſo viel werth wie der Eiſenherzog. Was uns betrifft, ſo zollen wir unſere ganze Bewunderung dem 72 engliſchen Soldaten, der engliſchen Armee, dem engliſchen Volke. Giebt es hier eine Trophäe, ſo gebührt dieſe Eng⸗ land. Die Waterloo⸗Säule würde gerechter ſein, wenn ſie durch die Geſtalt eines Menſchen die Statue eines Volkes in die Lüfte erhebe. Aber das große England wird zornig werden, über das, was wir hier ſagen. Es hat nach ſeinem 1688 und unſerm 1789 noch die feudale Illuſion; es glaubt an Erb⸗ lichkeit und an die Hierarchie. Dieſes Volk, welches von Keinem an Macht und Ruhm übertroffen wird, ehrt ſich als Nation, doch nicht als Volk. Als Volk unterwirft es ſich gern und nimmt einen Lord zu ſeinem Führer. Als Arbeiter läßt es ſich verachten, als Soldat prügeln. Man erinnert ſich, daß bei der Schlacht von Inkerman ein Unter⸗ offizier, der allem Anſchein nach die Armee gerettet hatte, durch Lord Raglan nicht in dem Bericht erwähnt werden durfte, weil die engliſche Hierarchie nicht geſtattet, in irgend einem Armeebericht einen Helden zu nennen, der einen ge⸗ ringeren Grad als den eines Offiziers bekleidet. Was wir vor allem Andern bei einem Zuſammentreffen der Art, wie das von Waterloo, bewundern, iſt die Ge⸗ wandtheit des Zufalls. Nachtheile, Regen, Mauer in Hou⸗ gomont, Hohlweg von Ohain, Grouchy's Taubheit gegen den Kanonendonner, Führer Napoleon's, der ihn hintergeht, Führer Bülow's, der ihn aufklärt; alle dieſe ungeheure Fluth iſt auf wunderbare Weiſe geleitet. Im Allgemeinen müſſen wir ſagen, daß bei Waterloo mehr ein Gemetzel als eine Schlacht ſtattfand. Waterloo iſt von allen großen Schlachten die, welche bei einer ſolchen Anzahl von Combattanten die kleinſte Front hat. Napoleon dreiviertel Meilen, Wellington eine halbe Meile; zweiundſiebzig Tauſend Streiter auf jeder Seite; von dieſer dichtgedrängten Maſſe rührt das Blutbad her. N luſt an cent; Procel reichen unddr Fran⸗ Proce ent, Water Como welche Menſ ſpenſt darü wenn von ſtroph Hügel und d an; d der( ſieht ſmn Grab Schat die ſt W gegen ſh ſabſt Man hat die folgenden Berechnungen aufgeſtellt: Ver⸗ luſt an Mannſchaften: bei Auüſterlitz Franzoſen vierzehn Pro⸗ cent; Ruſſen dreißig Procent; Oeſterreicher vierundvierzig Procent. Bei Wagram: Franzoſen dreizehn Procent, Oeſter⸗ reicher vierzehn Procent. An der Moskwa: Franzoſen ſieben⸗ unddreißig Procent, Ruſſen vierzig Procent. Bei Bautzen: Franzoſen dreizehn Procent, Ruſſen und Preußen vierzehn Procent. Bei Waterloo: Franzoſen ſechsundfünfzig Pro⸗ cent, die Alliirten einunddreißig Procent. Summa für Waterloo einundvierzig Procent. Hundertundvierzig Tauſend Combattanten, ſechzig Tauſend Todte. Das Schlachtfeld von Waterloo zeigt jetzt die Ruhe, welche der Erde gebührt, dem theilnahmloſen Träger des Menſchen und gleicht allen übrigen Ebenen. Während der Nacht indeß erhebt ſich eine Art ge⸗ ſpenſtiſchen Uebels aus demſelben, und wenn ein Wanderer darüber hinſchreitet, wenn er ſich umblickt, wenn er lauſcht, wenn er träumt, wie Virgil auf den verhängnißvollen Ebenen von Philippi, dann ergreift ihn die Hallucination der Kata⸗ ſtrophe. Der entſetzliche 18. Juni lebt wieder auf; das Hügelgrab des Denkmals verſchwindet, der Löwe mit ihm, und das Schlachtfeld nimmt ſeine wirkliche Geſtalt wieder an; Linien von Infanterie wogen über die Ebene hin, wüthen⸗ der Galopp ertönt am Horizont; der erſchreckte Träumer ſieht den Blitz der Säbel, das Funkeln der Bajonette, die flammenden Granaten; er hört ein Röcheln, das aus dem Grabe ertönt, den wilden Schrei der Schlachtgeſpenſter; dieſe Schatten, das ſind die Grenadiere, jene Blitze, das ſind die Küraſſiere, das Skelett dort iſt Napoleon; dieſes hier iſt Wellington, das Alles lebt nicht mehr und ſtürmt doch gegen einander, und bekämpft ſich; und die Hügel färben ſich purpurroth; die Bäume zittern, die Wuth theilt ſich ſelbſt den Wolken mit, und in den Nebel zeigen ſich alle 74 die entſetzlichen Höhen Mont⸗Saint⸗Jean, Hougomont, Friſche⸗ mont, Papelotte, Plancenoit in wilder Verworrenheit, ge⸗ krönt durch Geſpenſter, die einander erwürgen. XVII. Soll man Water loo gut finden? Es giebt eine ſehr achtenswerthe liberale Schule, welche Waterloo nicht haßt; wir gehören ihr nicht an. Für uns iſt Waterloo nur das Datum der Freiheit. Daß ein ſolcher Adler aus einem ſolchen Ei kriecht, iſt wahrlich über⸗ raſchend. Waterloo iſt, wenn man ſich auf den Geſichtspunkt der Frage ſtellt, ſeiner Abſicht nach ein contrerevolutionairer Sieg. Es iſt Europa gegen Frankreich; Petersburg, Berlin und Wien gegen Paris; der status quo gegen die Initiative; es iſt der 14. Juli 1789, angegriffen durch den 20. März 1815; es iſt das Fertig zum Gefecht der Monarchien gegen den unbezwinglichen franzöſiſchen Aufſtand; endlich das gewaltige Volk, das ſeit ſechs und zwanzig Jahren im Aufruhr war, zu dämpfen, darin beſtand der Traum Solidarität der Braunſchweig, der Naſſau, der Romanow, der Hohenzollern, der Habsburg mit den Bourbons. Wa⸗ terloo trägt auf ſeiner Croupe das Recht von Gottes Gnaden. Es iſt wahr, daß das Kaiſerreich despotiſch war, und daß das Königsthum in Folge natürlicher Reaction der Dinge gezwungner Weiſe liberal ſein mußte, und daß, eine widerw Bedau daher, kann, hängn vor nach und auf d den T die in St ſich g ſo ruf ſchaft man ſein Es Wel Redn der d Es g bedier welch Schn uf, ezen an d halter We. worde e⸗ 35 75 widerwillig verliehene conſtitutionelle Ordnung zum großen Bedauern der Sieger aus Waterloo hervorging. Das rührt daher, weil die Revolution nicht wirklich beſiegt werden kann, und da ſie als eine providentielle und unbedingt ver⸗ hängnißvolle Erſcheinung ſich immer aufs neue wieder zeigt, vor Waterloo in Bonaparte, der die alten Throne ſtürzte, nach Waterloo in Ludwig XVIII. der die Charte octroyirte und ſich ihr unterwarf. Bonaparte ſetzte einen Poſtillon auf den Thron von Neapel, und einen Unteroffieier auf den Thron von Schweden, und benutzte die Ungleichheit, um die Gleichheit zu beweiſen; Ludwig XVIII. unterzeichnete in St. Ouen die Erklärung der Menſchenrechte. Will man ſich Rechenſchaft von dem geben, was die Revolution iſt, ſo rufe man den Fortſchritt herbei; will wan ſich Rechen⸗ ſchaft von dem geben, was der Fortſchritt iſt, ſo berufe man das Morgen. Das Morgen vollbringt unwiderſtehlich ſein Werk und hat dies ſchon von heute an vollbracht. Es gelangt ſtets an ſein Ziel, ſonderbar. Es verwendet Wellington dazu, aus Foy, der nur ein Soldat war, einen Redner zu machen. Foy fällt bei Hougomont und ſteht auf der Rednerbühne wieder auf. So verfährt der Fortſchritt. Es giebt kein ſchlechtes Werkzeug für dieſen Arbeiter. Er bedient ſich des Podageriſten wie des Eroberers. Waterloo, welches der Vernichtung europäiſcher Throne durch das Schwert ein Ende machte, hat weiter nichts gethan, als auf einer andern Seite die Arbeit der Revolution fortzu⸗ ſetzen. Die Säbelherren ſind vorbei; es kommt die Reihe an die Denker. Das Jahrhundert, welches Waterloo auf⸗ halten wollte, iſt darüber hinweggeſchritten und verfolgt ſeinen Weg. Dieſer finſtre Sieg iſt durch die Freiheit beſiegt worden. Erblicken wir daher in Waterloo nur das, was darin zu erblicken iſt. Beabſichtigte Freiheit wahrlich nicht. Die Contrerevolution iſt unwillkürlich liberal geweſen, ebenſo 716 wie durch ein entſprechendes Phänomen Napoleon unwill⸗ kürlich revolutionair war. Am 18. Juni 1815 wurde der zu Pferde ſitzende Robespierre aus dem Sattel ge⸗ worfen. XVIII. Auferſtehung des Rechts von Gottes Gnaden. Ende der Dictatur. Ein ganzes europäiſches Syſtem brach zuſammen. Das Kaiſerreich ſtürzte in eine Dunkelheit hinab, welche der der erſterbenden römiſchen Welt glich. Man erhob ſich aus dem Abgrund, wie zu der Zeit der Barbaren. Nur hatte die Barbarei von 1815, die man mit dem beſcheide⸗ nen Namen die Contrerevolution nennen muß, ſchnell den Athem verloren und blieb raſch ſtehen. Das Kaiſerreich wurde beweint, und geſtehen wir es, beweint durch die Augen von Helden. Wenn der Ruhm in dem zum Schwerte erhobenen Scepter liegt, ſo war das Kaiſerreich der Ruhm ſelbſt geweſen. Er hatte über die Erde das ganze Licht verbreitet, welches die Tyrannei auszuſtrömen vermag, ein trauriges Licht, ja noch mehr, ein dunkles Licht. Dem wah⸗ ren Tageslichte verglichen, iſt es die Nacht. Dieſes Ver⸗ ſchwinden der Nacht brachte die Wirkung einer Sonnenfin⸗ ſterniß hervor.. Ludwig XVIII. kehrte zurück nach Paris. Die Rund⸗ tänze des 8. Juli verwiſchten die Ausbrüche des Enthu⸗ ſiasmu des T war von Aemf von Der der 1 das dem Teeſt impa der deten gab rouſ nich ſäͤul Der liche denn ware Vinc dara Mor Der die j Sch Row ale dall 77 ſiasmus vom 20. März. Der Corſe wurde die Antitheſe des Béarners, die Fahne auf der Kuppel der Tutlllerien war weiß. Das Exil thronte. Der Tiſch aus Fichtenholz von Hartwell bekam einen Platz vor dem liliengeſchmückten Armſeſſel Ludwigs XIV. Man ſprach von Bouvines und von Fontenoy wie von geſtern; Auſterlitz war veraltet. Der Altar und der Thron fraterniſirten pomphaft. Eine der unbeſtrittenſten Formen des Heiles der Geſellſchaft für das 19. Jahrhundert fand Eingang in Frankreich und auf dem Continente. Europa nahm die weiße Cocarde an. Treſtaillon war berühmt. Der Wahlſpruch: Non pluribus impar, erſchien wieder in den Steinſtrahlen, welche auf der Facade der Kaſerne des Quai d'Orſay eine Sonne bil⸗ deten. Wo ehedem ein kaiſerliches Wachtgebäude geweſen war, gab es jetzt ein rothes Haus. Der Triumphbogen des Car⸗ rouſſelplatzes, der mit übelberüchtigten Siegen bedeckt war, die nicht zu alle dem Neuem paßten, zog ſich durch die Bild⸗ ſäule des Herzogs von Angoulème aus der Verlegenheit. Der Magdalenen⸗Gottesacker, das fürchterliche gemeinſchaft⸗ liche Grab von 93 bedeckte ſich mit Marmor und Jaspis, denn die Gebeine Ludwigs XVI. und Marie Antoinettens waren mit dieſem Staub gemiſcht. In dem Grabe von Vincennes erhob ſich aus dem Boden ein Denkmal, welches daran erinnerte, daß der Herzog von Enghien in eben dem Monat geſtorben war, in welchem Napoleon gekrönt wurde. Der Papſt Pius VII., welcher kurz nach jenem Todesfall die Salbung vollzog, ſegnete ruhig den Sturz, wie er die Erhöhung geſegnet hatte. Es gab in Schönbrunn einen kleinen vierjährigen Schatten, bei dem es für verrätheriſch galt, ihn König von Rom zu nennen. Und alle dieſe Dinge ſind vollbracht, alle dieſe Könige haben ihre Throne wieder eingenommen, weil am Nachmittag eines ſchönen Sommertages ein Hirt 78 in einem Gehölz zu einem Preußen ſagte:„Schlagen Sie dieſen Weg ein, und nicht jenen dort!“ Dieſes 1815 war eine Art finſtern Aprils. Die alten ungeſunden und giftigen Wirklichkeiten bedeckten ſich mit neuem Schein. Die Lüge heuchelte 1789 das Recht von Gottes Gnaden, maskirte ſich mit einer Charte, die Vorur⸗ theile, der Aberglaube, die Nebengedanken, mit dem Artikel 14 im Herzen überzogen ſich mit einem liberalen Firniß. Wechſel der Schlangenhaut. Der Menſch war durch Napoleon zugleich erhoben und erniedrigt worden. Das Ideal hatte unter dieſer Regierung den ſonderbaren Namen der Ideologie angenommen. Ge⸗ waltige Unbeſonnenheit für einen großen Mann, die Zukunft zu verſpotten. Die Völker jedoch ſuchten ihn mit ihren Augen. Wo iſt er? Was thut er?—„Napoleon iſt todt,“ ſagte ein Vorübergehender zu einem Invaliden von Marengo und Waterloo.—„Er todt!“ rief der Soldat;„da kennen Sie ihn ſchlecht!“ Die Einbildungskraft erhob dieſen niedergeſtürzten Menſchen zum Gott. Der Hintergrund Europa's war nach Waterloo finſter. Durch das Verſchwinden Napoleon's blieb längere Zeit etwas Ungeheures leer. Die Könige ſtellten ſich in dieſe Lücke, aber das alte Europa benutzte ſie, um ſich neu zu geſtalten. Es gab eine heilige Allianz. Belle⸗Allianz hatte das verhängniß⸗ volle Schlachtfeld von Waterloo ſie im voraus genannt. Dieſem alten ausgebeſſerten Europa gegenüber bildeten ſich die Umriſſe eines neuen Frankreichs. Die durch den Kaiſer verſpottete Zukunft hielt ihren Einzug. Auf der Stirn trug ſie die Inſchrift: Freiheit! Die glühenden Augen der jungen Generationen wendeten ſich ihr zu. Merk⸗ würdig, daß man zugleich von jener Zukunft Freiheit und von jener Vergangenheit Napoleon ergriffen wurde. Die Niederlage hatte den Beſiegten erhoben. Der geſtürzte Bonam Napol Furch und die 8 Thro Sch er in parti Welt dem weſte Schl ihrer dete rope ganze rich Blat mehl thun 79 Bonaparte ſchien größer zu ſein, als der aufrechtſtehende Napoleon war, die, welche triumphirt hatten, empfanden Furcht. England ließ ihn durch Hudſon Lowe bewachen, und Frankreich durch Montchenu beobachten. Seine über die Bruſt gekreuzten Arme wurden eine Beſorgniß für den Thron; Alexander nannte ihn: meine Schlafloſigkeit. Dieſer Schrecken rührte aus der Maſſe der Revolution her, die er in ſich trug. Dies erklärt und entſchuldigt den bona⸗ partiſchen Liberalismus. Dieſes Phantom machte die alte Welt zittern. Die Könige regierten nur unbehaglich, mit dem Felſen von St. Helena am Horizont. Während Napoleon in Longwood langſam hinſtarb, ver⸗ weſten ruhig die ſechszigtauſend Menſchen, die auf dem Schlachtfelde von Waterloo gefallen waren, und etwas von ihrem Frieden verbreitete ſich über die Welt. Daraus bil⸗ dete der Wiener Congreß die Verträge von 1815, und Eu⸗ ropa nannte das die Reſtauration. Das iſt Waterloo. Aber wie kümmert ſich darum die Unendlichkeit? Der ganze Sturm, dieſe Wolke, dieſer Krieg, dieſer Frieden trübt nicht einen Augenblick das gewaltige Auge, vor welchem die Blattlaus, die von einer Pflanze zur andern kriecht, nicht mehr bedeutet, als der Adler, der von Kirchthurm zu Kirch⸗ thum fliegt. XIX. Das Schlachtfeld während der Nacht. Kehren wir zu dem verhängnißvollen Schlachtfelde zurück; das iſt eine Nothwendigkeit dieſes Buches. Am 18. Juni 1815 war es Vollmond. Dieſe Hellig⸗ keit begünſtigte die grauſame Verfolgung Blücher's, zeigte die Spuren der Flüchtlinge, überlieferte die fliehenden Maſſen der preußiſchen Kavallerie, die ſie erbittert verfolgte, und unterſtützte das Blutbad. Es giebt bei den Kataſtrophen zuweilen dergleichen tragiſche Gefälligkeiten der Nacht. Nachdem der letzte Kanonenſchuß gefallen war, blieb die Ebene von Mont⸗Saint⸗Jean verödet. Die Engländer hatten das Lager der Franzoſen einge⸗ nommen. Das iſt die gewöhnliche Folge der Siege: zu ſchlafen in dem Bette des Beſiegten. Sie errichteten ihre Bivouacs jenſeits Roſſomme. Die Preußen, auf die Nieder⸗ lage losgelaſſen, drangen vorwärts. Wellington ging nach dem Dorfe Waterloo, um ſeinen Bericht an Lord Bathurſt aufzuſetzen. Wenn jemals das sic vos, non vobis, an-⸗ wendbar war, ſo iſt dies ſicher in Beziehung auf das Dorf Waterloo der Fall. Waterloo hat nichts gethan und iſt eine halbe Stunde von dem Kampfe entfernt geblieben. Mont⸗Saint⸗Jean iſt beſchoſſen, Hougomont eingeäſchert, Papelotte eingeäſchert, Plancenoit eingeäſchert, La Haie⸗ Sainte im Sturm genommen, Belle-Alliance hat die Um⸗ armung der beiden Sieger geſehen, und man kennt kaum alle dieſe Namen, und Waterloo, welches nichts that, hat die ganze Ehre der Schlacht. 81 Wir gehören nicht zu denen, welche dem Kriege ſchmei⸗ cheln, und ſagen ihm gelegentlich die Wahrheit. Der Krieg hat entſetzliche Schönheiten, die wir nicht verbergen, aber auch gewiſſe Abſcheulichkeiten. Eine dieſer letztern iſt die ſchnelle Ausplünderung der Todten nach dem Siege. Die Morgenröthe nach einer Schlacht beleuchtet ſtets nackte Leichen. Wer that das? Wer beſudelt ſo den Triumph? Was iſt das für eine abſcheulige und flüchtige Hand, die ſich ſo in die Taſche des Sieges ſenkt? Wer ſind die Schelme, dee ſo im Rücken des Ruhms ihre Streiche ausführen? Voltaire hat mit Andern behauptet, daß es eben die ſind, welche den Ruhm errangen; die, welche ſtehen bleiben, be⸗ hauptet er, plündern die aus, welche am Boden liegen. Der Held des Tages iſt der Vampyr der Nacht. Man hat wohl einiges Recht dazu, den auszuplündern, den man zur Leiche macht. Was uns betrifft, ſo glauben wir dieſer Behauptung nicht. Lorbeeren pflücken und die Schuhe eines Todten ſtehlen, ſcheint uns unmöglich für dieſelbe Hand zu ſein. Gewiß iſt indeß, daß gewöhnlich den Siegern die Räuber folgen. Laſſen wir aber dabei die Soldaten, beſon⸗ ders die Soldaten unſerer Zeit aus dem Spiele. Jede Armee hat einen Schweif, und dieſen muß man anklagen. Fledermausartige Weſen, halb Spitzbuben, halb Diener, Uniformträger, die nicht kämpfen, verſtellte Kranke, Marketender, die zuweilen mit ihren Weibern zuſammen auf kleinen Wagen fahren, und das ſtehlen, was ſie ſpäter ver⸗ kaufen, Bettler, die ſich den Offizieren zu Führern anbieten — kurz Alles das, was mit dem Namen der Nachzügler ſo richtig bezeichnet wird. Keine Armee und keine Nation iſt für dieſe Geſchöpfe verantwortlich. Der verabſcheuungswerthe Grundſatz: leben auf Koſten des Feindes, brachte dieſen Ausſatz hervor, den Die Elenden. III. 6 82 nur die ſtrengſte Disciplin zu heilen vermöchte. Der Name täuſcht zuweilen, und oft weiß man nicht, weshalb dieſer oder jener General, der ſich übrigens groß zeigte, ſo populär war. Turenne wurde von ſeinen Soldaten angebetet, weil er die Plünderung duldete; er war ſo gut, daß er die Pfalz mit Feuer und Blut verheeren ließ. Man ſieht im Gefolge mehr oder weniger Nachzügler, je nach dem der Führer mehr oder minder ſtreng iſt. Hoche und Marceau hatten keine; Wellington, wir laſſen ihm gern dieſe Gerechtigkeit widerfahren, hatte nur wenige. Dennoch wurden in der Nacht vom 18. zum 19. Juni die Todten ausgeplündert, Wellington war ſtreng; er erließ den Befehl, jeden niederzuſchießen, der auf der That ertappt würde; aber der Raub iſt hartnäckig. Die Marodirer ſtehlen auf dem einem Punkt des Schlachtfeldes, während ſie auf dem andern erſchoſſen werden. Der Mond beleuchtete trübe dieſe Ebene. Um Mitternacht ſchlich oder kroch vielmehr ein Menſch in der Gegend des Hohlwegs von Ohain umher. Allem Anſchein nach war es einer von jenen, die wir ſoeben ſchil⸗ derten, weder Engländer, noch Franzoſe, weder Bauer noch Soldat, weniger Menſch als Raubthier, angezogen durch den Geruch der Todten, als Sieg den Raub habend und hierher geſchlichen, um Waterloo auszuplündern. Er war mit einer Blouſe bekleidet, die einigermaßen einem Soldaten⸗ mantel glich, ſchien ängſtlich und verwegen zu ſein, ging vorwärts und blickte rückwärts. Wer war dieſer Menſch? Die Nacht wußte wahrſcheinlich mehr von ihm, als der Tag. Er hatte keinen Sack, aber offenbar unter ſeinem Ueberrocke weite Taſchen. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, blickte rings umher, um zu ſehen, ob er vielleicht beobachtet würde, bückte ſich dann plötzlich, ſchobp am Boden etwas Schweigendes und Regungsloſes hin und her, richtete ſich raſch wieder auf und entfloh. Seine Haltung, ſeine raſchen gehein lichen und hätte cen, der liegt, mit 2 gehun Art! beſtan und Him der keite Bäl falle Ein Gras Kom Lage im welch engli gehe dehn Dha der eine 83 geheimnißvollen Bewegungen machten ihn jenen unheim⸗ lichen Erſcheinungen ähnlich, welche die Ruinen durchſtreifen, und welche die alten Legenden Nachtgeiſter nennen. Ein Blick, der aufmerkſam die Dämmerung durchforſcht hätte, würde in einiger Entfernung verſteckt hinter dem Häus⸗ chen, welches an der Chauſſee von Nivelles an der Ecke der Straße von Mont⸗Saint⸗Jean nach Braine l'Alleud liegt, einen kleinen Marketenderwagen bemerkt haben, der mit Wachsleinwand überzogen und mit einem kleinen aus⸗ gehungerten Pferde beſpannt war, ſowie in dem Wagen eine Art von Weib, das auf Koffern und Päcken ſaß. Vielleicht beſtand irgend ein Band zwiſchen dieſem Marketenderwagen und dieſem nächtlichen Herumſtreicher. Die Dunkelheit war klar; keine Wolke zeigte ſich am Himmel. Mochte immerhin die Erde roth ſein, ſo war doch der Mond weiß. Der Himmel zeigt ſolche Gleichgültig⸗ keiten. Auf den Wieſen ſchaukelten Aeſte und Zweige der Bäume, die durch Kartätſchen zerriſſen, aber nicht herabge⸗ fallen waren, ſich leiſe im Winde der Nacht an ihrer Borke. Ein Hauch, beinahe ein Athem bewegte das Gebüſch. Das Gras zitterte, als ſchwängen ſich Seelen daraus empor. In der Ferne hörte man undeutlich das Gehen und Kommen von Patrouillen und der Hauptronde des engliſchen Lagers. Hougomont und La⸗Haie⸗Sainte brannten noch immer, im Oſten und im Weſten zwei große Flammen bildend, welche wie durch ein Rubinhalsband durch die Reihe der engliſchen Bivouacfeuer verbunden wurden, die ſich im un⸗ geheuren Halbkreiſe auf den Hügeln am Horizont hin⸗ dehnten.. Wir ſchilderten die Kataſtrophe des Hohlweges von Ohain. Das Herz erbebt davor, daran zu denken, wie hier der Tod ſo viele Tapferen ereilt hatte. Wenn es irgend eine entſetzliche Wirklichkeit giebt, welche den Traum über⸗ 6* 84 bietet, ſo iſt es die folgende: zu leben, die Sonne zu ſehen, im Vollbeſitz der, Manneskraft zu ſein, voll Geſundheit und Luſt, einem Ruhme entgegenzueilen, den man glänzend, blen⸗ dend vor ſich erblickt; in der Bruſt eine Lunge, die athmet, ein Herz, das klopft, zu fühlen, einen Willen, der urtheilt, zu ſprechen, zu denken, zu hoffen, zu lieben, eine Mutter zu haben, ein Weib, Kinder, und plötzlich binnen weniger als einer Minute in einen Abgrund hinabzuſtürzen, zu zermal⸗ men, ſelbſt zermalmt zu werden, ſich an nichts halten zu können, ſeinen Säbel nutzlos zu fühlen, Menſchen unter ſich, Pferde über ſich, vergebens mit zerbrochenen Knochen da⸗ gegen zu ringen und im Sterben zu ſeufzen: eben noch war ich lebensfriſch und kräftig! Da, wo dieſe ungeheure Niederlage gewüthet hatte, herrſchte jetzt tiefes Schweigen. Die Vertiefung des Hohl⸗ weges war angefüllt mit Pferden und Reitern, unentwirrbar untereinander gemiſcht. Es gab keinen Hügel mehr; die Leichen machten den Hohlweg gleich mit der Ebene, ſo daß er bis zum Rande gefüllt war, wie ein richtig gemeſſenes Kornmaaß. Ein Haufen Todter oben, ein Blutſtrom unten; ſo war dieſer Hohlweg am Abend des 18. Juni 1815. Das Blut rann bis auf die Chauſſee von Nivelles und breitete ſich hier in einem weiten Sumpfe vor dem Haus, das die Chauſſee von Genappe an einem Orte, den man noch jetzt ſich zeigt, verſperrte. Die Höhe der Leichen ſtand im Verhältniß zu der Tiefe des Hohlweges. Gegen die Mitte deſſelben, wo er weniger einſchnitt und wo die Divi⸗ ſion Delord über denſelben weggegangen war, wurde die Lage der Todten geringer. Der nächtliche Herumſtreicher, den wir dem Leſer zeig⸗ ten, ging nach dieſer Richtung. Er betrachtete das gewal⸗ tige Grab. Er ließ die Todten eine entſetzliche Revue paſſiren. Er watete mit den Füßen im Blute. Plötzlich hielt er an. 85 Einige Schritte vor ihm auf dem Punkte, wo der Leichenhaufen endete, ragte über die Menſchen und Pferde eine offene Hand empor, die vom Mond beſchienen wurde. Dieſe Hand hatte an dem einen Finger etwas Glän⸗ zendes— einen goldenen Ring. Der Menſch bückte ſich, blieb einen Augenblick ſo nie⸗ dergekauert, und als er ſich wieder erhob, war kein Ring mehr an der Hand zu ſehen. Er richtete ſich nicht geradezu auf; er blieb in einer gebückten Stellung, wendete dem Haufen der Todten den Rücken zu, blickte am Horizont umher auf den Knien lie⸗ gend, den ganzen vordern Theil des Körpers geſtützt auf die beiden Hände, mit dem Kopf über den Rand des Hohl⸗ weges hinausſpähend. Die vier Tatzen des Schakals paſſen zu gewiſſen Handlungen. Dann faßte er einen Entſchluß und richtete ſich auf. In dieſem Augenblick erbebte er heftig. Er fühlte, daß man ihn von rückwärts hielt. Er wendete ſich um; es war jene offene Hand, die ſich geſchloſſen und einen Zipfel ſeines Ueberrockes gefaßt hatte. Ein vechtſchaffener Menſch würde ſich gefürchtet haben; dieſer lachte. „Ei,“ ſagte er,„es iſt nur der Todte. Ein Geſpenſt iſt mir lieber als ein Gendarm.“ Indeß ließ die Hand ihn wieder los, die Anſtrengung läßt in dem Grabe ſchnell nach. „Ei,“ ſagte der Herumſtreicher,„ſollte dieſer Todte etwa leben? Sehen wir nach.“ Er bückte ſich auf's Neue nieder, beſeitigte Alles, was ihm ein Hinderniß bot, ergriff die Hand, umfaßte den Arm, machte den Kopf frei, zog den Körper an ſich und einige Augenblicke darauf ſchleppte er einen lebloſen, wenigſtens beſinnungsloſen Menſchen in den Schatten des Hohlweges. Es war ein Küraſſier, ein Offizier, ſelbſt ein Offizier von einem 86 gewiſſen Range; ein ſtarkes goldenes Epaulette kam unter dem Küraß hervor; einen Helm hatte der Offizier nicht mehr. Ein furchtbarer Säbelhieb durchſchnitt das Geſicht. welches ganz mit Blut bedeckt war. Uebrigens ſchien es nicht, als ſei eines ſeiner Glieder zerbrochen, und in Folge eines glücklichen Zufalles, wenn dies Wort hier anwendbar iſt, hatten die Todten über ihn ein ſolches Gewölbe ge⸗ bildet, daß er dadurch gegen die Zermalmung geſichert wurde. Seine Augen waren geſchloſſen. Auf ſeinem Küraß glänzte das ſilberne Kreuz der Eh⸗ renlegion. Der Herumſtreicher riß dies Kreuz ab und es ver⸗ ſchwand in dem Abgrunde der Taſche, die er unter ſeinem Ueberrock trug. Darauf betaſtete er die Taſche des Offiziers, fühlte darin eine Uhr und nahm ſie. Nun durchſuchte er die Weſte, fand eine Börſe und ſteckte ſie ein. Als er mit der Hülfe, die er den Todten leiſtete, ſo weit gekommen war, öffnete der Offizier die Augen. „Ich danke,“ ſagte er ſchwach. Die heftigen Bewegungen des Menſchen, der ſich mit ihm beſchäftigte, die Friſche der Nacht, die frei eingeathmete Luft hatten ihn ſeiner Ohnmacht entriſſen. Der Herumſtreicher antwortete nicht. Er erhob den Kopf. Man hörte Schritte auf der Ebene. Wahrſcheinlich näherte ſich eine Patrouille. Der Offizier murmelte mit erſtickter Stimme:„wer hat die Schlacht gewonnen?“ „Die Engländer,“ entgegnete der Herumſtreicher. Der Offizier fuhr fort: „Suchen Sie in meiner Taſche nach. Sie werden darin eine Börſe und eine Uhr finden. Nehmen Sie ſie.“ „Es war bereits geſchehen.“ Pon 87 Der Herumſtreicher that, als folgte er der Aufforderung und ſagte dann: „Es iſt nichts darin.“ „Man hat mich beraubt,“ entgegnete der Offtzier, „und das thut mir leid, denn es wäre für Sie geweſen.“ Die Tritte der Patrouille wurden immer deutlicher und deutlicher. „Man kommt!“ ſagte der Herumſtreicher, indem er eine Bewegung machte, um ſich zu entfernen. Der Offizier erhob mühſam den Arm, hielt ihn zurück und ſagte: „Sie haben mir das Leben gerrettet. Wer ſind Sie?“ Der Herumſtreicher antwortete raſch und leiſe: „Ich gehörte gleich Ihnen zu der franzöſiſchen Armee. Ich muß Sie jetzt verlaſſen. Wenn man hier mich ergriffe, würde man mich erſchießen. Ich habe Ihnen das Leben gerettet, ziehen Sie ſich jetzt aus der Verlegenheit.“ „Welchen Rang haben Sie?“ „Sergeant.“ „Wie heißen Sie?“ Thénardier.“ „Ich werde den Namen nicht vergeſſen,“ ſagte der Offizier,„und Sie behalten den meinigen. Ich heiße Pontmercy.“ Zweites Buch. Das öchiff, der Orion. Cöſette. J wird ſchmer deshal tungen Ereigne ein we die G epiſäne T Er iſt E Sthau veſen und 5 ſei ein Füörita deutend eſehen lanun J. 24,601 wird Nummer 9430. Jean Valjean war wieder ergriffen worden. Man wird es uns Dank wiſſen, wenn wir ſchnell über dieſe ſchmerzlichen Umſtände hinweggehen. Wir beſchränken uns deshalb darauf, zwei Artikel zu wiederholen, welche die Zei⸗ tungen jener Tage zwei Monate nach den überraſchenden Ereigniſſe in M. am M. enthielten. Dieſe Artikel ſind ein wenig ſummariſch. Man erinnere ſich, daß damals die Gazette des Tribunaux(Gerichtszeitung) noch nicht exiſtirte. Den erſten Artikel entlehnen wir der Drapeau blanc. Er iſt vom 25. Juli 1823 datirt. Ein Arrondiſſement des Pas-de-Calais iſt ſoeben der Schauplatz eines nicht ſehr gewöhnlichen Ereigniſſes ge⸗ weſen. Ein Mann, der in dem Departement fremd war, und Herr Madeleine hieß, hatte durch ein neues Verfahren ſeit einigen Jahren eine alte Induſtrie jener Gegend, die Fabrikation von Schmelz und ſchwarzen Glaswaaren, be⸗ deutend gehoben. Er hatte ſein Glück gemacht und, wie wir geſtehen müſſen, auch das des Arrondiſſements. In Aner⸗ kennung für ſeine Dienſte hatte man ihn zum Maire ernannt. 92 Die Polizei hat entdeckt, daß Herr Madeleine Niemand Anderes war, als ein ehemaliger Sträfling, der ſeinen Bann gebrochen hatte, 1796 wegen Diebſtahl verurtheilt worden war und Jean Valjean hieß. Jean Valjean iſt in den Bagno zurück⸗ gebracht worden. Es ſcheint, daß es ihm gelungen iſt, vor ſeiner Verhaftung bei Herrn Laffitte eine Summe von mehr als einer haͤlben Million zu heben, die er dort niedergelegt hatte, und die er übrigens, wie man ſagt, auf ſehr recht⸗ ſchaffene Weiſe in ſeinem Handel gewonnen. Man hat nicht erfahren können, wo Jean Valjean dieſe Summe vor ſeiner Rückkehr in den Bagno von Toulon verſteckt hat. Den zweiten Artikel, der etwas ausführlicher iſt, ent⸗ lehnen wir dem Journal de Paris von deniſelben Datum: „Ein entlaſſener Galeerenſträfling, Namens Jean Valjean, iſt unter Umſtänden, welche die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit erwecken müſſen, vor den Aſſiſen des Depar⸗ tements du Var erſchienen. Dieſem Ungeheuer war es ge⸗ lungen, die Wachſamkeit der Polizei zu täuſchen; er hatte den Namen verändert und es dahin gebracht, daß er zum Maire einer unſerer kleinen Städte im Norden ernannt wurde. Er hatte in dieſer Stadt einen ziemlich beträcht⸗ lichen Handel begründet. Er iſt endlich entlarvt und ver⸗ haftet worden, Dank dem unermüdlichen Eifer der öffent⸗ lichen Sicherheitsbehörde. Zur Concubine hatte er eine öffentliche Dirne, die im Augenblick ſeiner Verhaftung vor Schreck geſtorben iſt. Dieſer Elende, welcher eine herculiſche Kraft beſitzt, hat Mittel gefunden, zu entſpringen, allein drei oder vier Tage nach ſeiner Flucht ergriff die Polizei ihn auf's Neue in Paris ſelbſt, in dem Augenblick, als er einen jener kleinen Wagen beſteigen wollte, welche die Ver⸗ bindung zwiſchen der Hauptſtadt und dem Dorfe Mont⸗ fermeil(Seine und Oiſe) bilden. Man ſagt, er hätte dieſe Zwiſchenzeit von drei oder vier Tagen der Flucht benutzt, um eine beträchtliche Summe zu heben, die er bei einem unſerer Summ. hat er graben Wie wurde klagt ungefä übte, n Vorten Der 2 das g than Jean Dem Tode auf( ſchyft Galee nach: S am Zeitu ſtellen artei 93 unſerer erſten Banquiers hinterlegt hatte. Man ſchätzt dieſe Summe auf 6 bis 700,000 Francs. Nach den Anklageacten hat er dieſe Summe an einem nur ihm bekannten Ort ver⸗ graben, ſo daß man ſich derſelben nicht bemächtigen konnte⸗ Wie dem auch ſein mag— der genannte Jean Valjean wurde vor die Aſſiſen des Departements geſtellt, ange⸗ klagt des Straßenraubes mit bewaffneter Hand, den er vor ungefähr acht Jahren an einem jener redlichen Kinder ver⸗ übte, welche, wie der Patriarch von Ferney in unſterblichen Worten geſagt hat: jährlich kommen von Savoyen und mit leichter Hand die Eſſenkehrer. Der Bandit hat auf Vertheidigung verzichtet. Es iſt durch das gewandte und beredte Organ des Miniſteriums darge⸗ than worden, daß der Raub Mitſchuldige hatte und das Jean Valjean zu einer Diebesbande im Süden gehörte. Demzufolge iſt Jean Valjean für ſchuldig erklärt und zum Tode verurtheilt worden. Der Verbrecher hat die Berufung auf Caſſation verweigert. Der König hat in ſeiner uner⸗ ſchöpflichen Gnade geruht, die Strafe in lebenslängliche Galeerenſtrafe zu verwandeln. Jean Valjean iſt augenblicklich nach dem Bagno von Toulon gebracht worden.“ Man hat nicht vergeſſen, daß Jean Valjean in M. am M. religiöſe Gewohnheiten gehabt hatte. Einige Zeitungen, und unter anderm der Constitutionnel, ſtellen dieſe Umwandelung als einen Triumph der Prieſter⸗ partei dar. Jean Valjean änderte im Bagno die Zahl. Er heißt jetzt Nummer 9430. Uebrigens müſſen wir hier, um nicht wieder darauf zurückzukommen, erwähnen, daß mit Herrn Madeleine der Wohlſtand in M. am M. verſchwand. Alles, was er in jener Nacht des Fiebers und der Zögerung voraus⸗ geſehen hatte, verwirklichte ſich; mit ihm war die Seele 94 des Ganzen verſchwunden. Nach ſeinem Sturze verfiel⸗ ſeine ganze Schöpfung. Die Arbeiter zerſtreuten ſich. Die Einen verließen das Land, die Anderen gaben die Arbeit auf, Alles wurde jetzt wieder im Kleinen betrieben ſtatt im Großen, zum eigenen Gewinn ſtatt zum allgemeinen Wohl. Es gab keinen Mittelpunkt mehr; Concurrenz und Neid herrſ chte überall. Herr Madeleine hatte Alles geleitet und geordnet. Nach ſeinem Falle trat der Geiſt des Kampfes an die Stelle des Geiſtes der Organiſation; die Herzlichkeit ver⸗ wandelte ſich in gegenſeitigen Haß; die durch Herrn Ma⸗ deleine angeknüpften Pfäden zerriſſen: die Waaren wurden ſchlechter, das Vertrauen verſchwand, die Abſatzquellen nahmen ab und bald verſchwand Alles. Der Staat ſelbſt bemerkte, daß irgendwo Jemand zu Grunde gerichtet war. Weniger als ein Jahr nach dem Urtheilsſpruche des Aſſiſengerichts, welches zum Nutzen des Bagno die Identität des Herrn Madeleine mit Jean Val⸗ jean erhärtete, waren die Koſten für die Eintreibung der Abgaben in dem Arrondiſſement von M. am M. ver⸗ doppelt und Herr von Villéle machte im Februar 1827 von der Tribüne aus darauf aufmerſam. II. Worin man zwei Verſe leſen wird, die vielleicht von dem Teufel herſtammen. Ehe wir weiter gehen, müſſen wir eine ſonderbare Thatſache erwähnen, die ſich um dieſelbe Zeit in Mont⸗ ferme gewiſſ 6 alter glaut biriel in F lichen zu be Selte des S wie an de ittel, zwei muß iſt 9 giebt ihm zurede 95 fermeil zutrug und vielleicht nicht ohne Zuſammenhang mit gewiſſen Vermuthungen der Behörde iſt. In der Umgegend von Montfermeil herrſchte ein ſehr alter Aberglaube, um ſo merkwürdiger, da ein Volksaber⸗ glaube in der Nachbarſchaft von Paris einer Aloë in Si⸗ birien gleicht. Dieſer Aberglaube in Montfermeil beſtand in Folgendem: Man glaubte, daß der Teufel ſeit undenk⸗ lichen Zeiten den Wald gewählt hatte, um darin ſeine Schätze zu verbergen. Die alten Weiber verſicherten, es wäre nichts Seltenes, mit dem Sinken des Tages an abgelegenen Orten des Waldes einen ſchwarzen Menſchen zu begegnen, der wie ein Kärrner oder ein Holzhacker ausſähe, Holzſchuhe an den Füßen trüge, weite Beinkleider und einen Leinwand⸗ kittel, und daran kenntlich wäre, daß er ſtatt des Hutes zwei gewaltige Hörner auf dem Kopfe trüge. So Etwas mußte ihn in der That kenntlich machen. Dieſer Menſch iſt gewöhnlich damit beſchäftigt, ein Loch zu graben. Es giebt drei verſchiedene Arten, aus einem Zuſammentreffen mit ihm Vortheil zu ziehen. Die erſte iſt, den Menſchen an⸗ zureden. Dann bemerkt man, daß derſelbe ganz einfach ein Bauer iſt, daß er ſchwarz ausſieht, weil die Dämmerung herrſcht, und daß er durchaus kein Loch gräbt, ſondern Gras für ſeine Kuh abſchneidet, und daß das, was man für Hör⸗ ner hielt, nichts weiter iſt, als eine Miſtgabel, die er auf dem Rücken trägt und deren Zinken durch die Dunkelheit des Abends auf ſeinem Kopfe hervorzuſtehen ſcheinen. Man kehrt darauf nach Hauſe zurück und ſtirbt dann im Verlaufe der nächſten Woche. Die zweite Art iſt, ihn zu beobachten, zu warten, bis er ſein Loch gegraben und wieder geſchloſſen hat und fort⸗ gegangen iſt; dann ſchnell nach der Grube zu eilen, ſie zu öffnen und den Schatz herauszunehmen, den der ſchwarze Mann hineinthat. In dieſem Falle ſtirbt man im Laufe des nächſten Monats. 96 Die dritte Art endlich iſt, mit dem ſchwarzen Manne nicht zu ſprechen, ihn nicht anzuſehen und ſo ſchnell als möglich zu entfliehen. Dann ſtirbt man im Laufe des näch⸗ ſten Jahres. Da alle dieſe drei Arten ihre Uebelſtände haben, iſt die zweite, welche wenigſtens einige Vortheile bietet, unter andern den, eines Schatzes zu genießen, wäre es auch nur für einen Monat, am allgemeinſten angenommen. Verwegene Menſchen, welche durch jede Ausſicht auf Glück gereizt wer⸗ den, haben daher ziemlich oft, wie man verſichert, die Grube geöffnet, die der ſchwarze Mann gegraben hatte, und es verſucht, den Teufel zu beſtehlen. Es ſcheint indeß, als ob das Geſchäft nicht ſonderlich wäre. Wenigſtens muß man dies nach der allgemeinen Tradition glauben, beſonders nach den zwei räthſelhaften Verſen in barbariſchen Latein, welche über dieſen Gegenſtand ein normänniſcher Mönch, Namens Tryphon, der ein wenig Zauberer war, hinterlaſſen hat. Dieſer Tryphon iſt in der Abtei Saint⸗George zu Bocher⸗ ville bei Rouen beerdigt und es kommen Kröten aus ſeinem Grabe hervor. Man macht alſo ungeheure Anſtrengungen, denn dieſe Gruben ſind gewöhnlich ſehr tief, man ſchwitzt, man gräbt, man arbeitet eine ganze Nacht, denn während der Nacht muß es geſchehen, man durchnäßt ſein Hemd, man verbreunt ſein Licht, man zerbricht ſeinen Spaten, und wenn man dann endlich bis zum Boden des Loches gelangt iſt und die Hand auf den Schatz legt, was findet man? Worin beſteht der Schatz des Teufels? In einem Sous, zuweilen in einem Thaler, oft aber auch in einem Stein, einem Skelett, einem blutenden Leichnam, zuweilen auch in nichts. Dies iſt Alles, was den Neugierigen die ſchwatzhaften Verſe jenes Tryphon zu verkünden ſcheinen: Fodit, et in fossa thesauros condit opaca, As, nummos, lapides, cadaver, simulacra, nihilque. 2 97 Es ſcheint, als ob man in unſern Tagen zuweilen auch ein Pulverhorn und Kugeln findet, oder ein altes Spiel ſchmutziger Karten, die offenbar dem Teufel zum Spiel ge⸗ dient haben. Tryphon erwähnt dieſe Dinge nicht, da er im 12. Jahrhundert lebte und allem Anſchein nach der Teufel nicht ſo viel Geiſt hatte, um das Pulver vor Ber⸗ thold Schwarz und die Karten vor Karl II. zu erfinden. Spielt man mit dieſen Karten, ſo kann man überzeugt ſein, Alles zu verlieren, was man beſitzt, und das Pulver in dem Pulverhorn hat die Eigenſchaft, das Gewehr zu ſprengen, wenn man es abdrückt. Sehr kurze Zeit nun, nachdem der entlaſſene Galeeren⸗ züchtling Jean Valjean während ſeiner Entweichung von einigen Tagen in der Gegend von Montfermeil umherirrte, bemerkte man in eben dem Dorfe, daß ein alter Wegearbeiter Namens Boulatruelle öfters Gänge in den Wald machte. Man glaubte zu wiſſen, daß dieſer Boulatruelle im Bagno geweſen war. Er war einer gewiſſen polizeilichen Aufſicht unter⸗ worfen, und da er nirgends Arbeit fand, beſchäftigte die Behörde ihn um geringen Lohn als Wegearbeiter an dem Verbindungswege von Gagny nach Lagny. Dieſer Boulatruelle war ein Mann, der von den Leuten nur über die Achſel angeſehen wurde, zu ehrerbietig, zu demüthig, ſchnell dabei, ſeine Mütze gegen alle Welt vom Kopfe zu reißen, zitternd und lächelnd vor den Gensdarmen, wahrſcheinlich mit einer Diebesbande in Verbindung und verdächtig, Abends irgendwo im Hinterhalt zu liegen. Nur das eine hatte er für ſich, daß er ein Trunkenbold war. Man glaubte nun Folgendes bemerkt zu haben: Seit einiger Zeit verließ Boulatruelle ſehr früh ſeine Arbeit und ging mit ſeinem Spaten in den Wald. Man begegnete ihm am Abend auf den ödeſten lichten Stellen, in den dichteſten Gehegen, wo er Etwas zu ſuchen ſchien und zuweilen Löcher grub. Die alten Weiber, die an ihm Die Elenden. III. 7 98 vorüberkamen, hielten ihn zuerſt für Beelzebub, und wenn ſie dann Boulatruelle in ihm erkannten, fühlten ſie ſich nicht ſehr beruhigt. Dieſe Begegnungen ſchienen Boulatruelle ſehr zu verdrießen. Offenbar ſuchte er ſich zu verbergen und es lag etwas Geheimnißvolles in dem, was er that. Man ſagte im Dorfe:„Offenbar hat der Teufel ſich gezeigt, Boulatruelle ſah ihn und ſucht. In der That iſt er pfiffig genug, um den Schatz Lucifers zu heben.“— Die Voltairianer fügten hinzu:„Wird Boulatruelle den Teufel verführen oder der Teufel Boulatruelle?“— Die alten Weiber ſchlugen viele Kreuze. Indeß hörten die Gänge Boulatruelle's in den Wald auf und er verrichtete wieder regelmäßig ſeine Wegearbeit. Man ſprach von anderen Dingen. Einige Leute waren indeß neugierig geblieben und glaub⸗ ten, es liege dem wahrſcheinlich etwas Anderes zu Grunde, als die fabelhaften Schätze der Legende und etwas Koſt⸗ bareres, als die Banknoten des Teufels und der Wege⸗ arbeiter hätte die Hälfte des Geheimniſſes erforſcht. Die Neugierigſten waren der Schulmeiſter und der Kneipenwirth Thénardier, welcher der Allerweltsfreund war und es nicht verſchmäht hatte, mit Boulatruelle Freundſchaft zu ſchließen. „Er iſt auf den Galeeren geweſen,“ ſagte Thénardier. „Mein Gott, man weiß nicht, wer darauf iſt, noch wer darauf kommen wird.“ Eines Abends behauptete der Schulmeiſter, ſonſt würde die Juſtiz ſich darum gekümmert haben, was dieſer Boula⸗ truelle in dem Walde machte, und er hätte wohl ſprechen müſſen, da man ihn im Falle der Noth der Tortur unter⸗ worfen haben würde, zum Beiſpiel der Frage des Waſſers. „Wir wollen ihm die Weinfrage geben,“ ſagte Thé⸗ nardier. Man that ſich zuſammen und gab dem alten Wege⸗ arbeiter zu trinken. Boulatruelle trank gewaltig viel und 99 ſprach ſehr wenig. Er verſtand es auf wunderbare Weiſe, den Durſt eines Schwelgers mit der Verſchwiegenheit des Richters in Einklang zu bringen. Durch Erneuerung der Angriffe und durch Zuſammenſtellung gewiſſer dunkler Worte, die ihm entſchlüpften, glaubten indeß Thénardier und der Schulmeiſter Folgendes zu verſtehen. Boulatruelle hatte eines Morgens, als er ſich mit Ta⸗ gesanbruch an ſeine Arbeit begab, in dem Wald in einem dichten Gebüſch einen Spaten und eine Hacke gefun⸗ den, die dort verſteckt zu ſein ſchienen. Indeß dachte er, es ſei wahrſcheinlich der Spaten und die Hacke des Vater Six⸗Fours, des Waſſerträgers, und hatte weiter nicht darüber nachgedacht. Aber am Abend deſſelben Tages hatte er geſehen, ohne ſelbſt bemerkt werden zu können, wie ein „Gewiſſer,“ der nicht aus der Gegend war und den er, Bou⸗ latruelle, ſehr gut kannte, in das dichteſte Gehölz hinein ging. Thénardier überſetzte dieſe Deutung mit: ein Be⸗ kannter aus dem Bagno. Boulatruelle hatte ſich hart⸗ näckig geweigert, den Namen zu nennen. Dieſer„Gewiſſe“ trug ein Päckchen, etwas Viereckiges, wie ein großes Käſtchen oder einen kleinen Koffer. Boulatruelle war überraſcht. Nach ſieben oder acht Minuten indeß erſt kam ihm der Ge⸗ danke, dem„Gewiſſen“ zu folgen. Aber ſchon war es zu ſpät; denn Jener war im Gebüſch verſchwunden, die Nacht war eingebrochen und Boulatruelle konnte ihn nicht auffin⸗ den. Nun entſchloß er ſich, den Saum des Waldes zu beobachten. Der Mond ſchien. Zwei oder drei Stunden darauf ſah Boulatruelle aus dem Gebüſch ſeinen„Gewiſſen“ wieder herauskommen, der jetzt nicht mehr das kleine Käſt⸗ chen trug, ſondern einen Spaten und eine Hacke. Boula⸗ truelle hatte den„Gewiſſen“ vorüber gehen laſſen, ohne ihn anzureden, denn er ſagte zu ſich ſelbſt, daß Jener drei oder vier Mal ſo ſtark wäre wie er, dabei bewaffnet mit einer Hacke, und ihn gewiß niederſchlagen würde, wenn er ihn 7* 100 erkannte und ſich ſo erkannt ſähe. Rührende Anhänglichkeit zweier alter Kameraden, die einander wiederfinden. Aber der Spaten und die Hacke waren ein Lichtſtrahl für Bou⸗ latruelle geweſen. Er lief nach dem Dickicht und fand weder Spaten noch Hacke mehr dort. Daraus ſchloß er denn, daß ſein„Gewiſſer“ in das Holz gegangen war, mit der Hacke ein Loch gemacht, das Käſtchen hineingelegt und das Loch dann mit dem Spaten wieder zugeworfen hätte. Das Käſt⸗ chen war aber zu klein geweſen, um einen Leichnam ent⸗ halten zu können. Es mußte daher Geld enthalten. Des⸗ halb ſeine Nachſuchungen. Boulatruelle hatte den ganzen Wald durchſucht, überall nachgegraben, wo er die Erde friſch aufgeworfen glaubte, aber alles vergeblich. Er hatte nichts entdeckt. Niemand dachte mehr daran in Montfermeil. Ei⸗ nige alte Klatſchgevatterinnen ſagten indeß:„Gewiß hat der Wegearbeiter von Gagny das Alles nicht umſonſt gethan; ſicher zeigte ſich der Teufel.“ III. Die Kette mußte ſehr beſchädigt ſein, um ſo durch einen einzigen Schlag des Hammers zertrümmert zu werden. Gegen Ende October eben dieſes Jahres 1823 ſahen die Bewohner von Toulon in Folge eines heftigen Sturmes das Schiff der Orion in ihren Hafen einlaufen, um einige —— + SS= So—S So= — ☚ 101 Havarien auszubeſſern. Dieſes Fahrzeug war durch den Sturm ſtark beſchädigt worden, machte aber doch einen ge⸗ wiſſen Eindruck, indem es auf der Rhede Anker warf. Es trug, ich weiß nicht welche Flagge, welche ihr den vorſchrifts⸗ mäßigen Gruß von elf Kanonenſchüſſen einbrachte, die es Schuß um Schuß erwiederte, Summa zweiundzwanzig Schuß. Man hat berechnet, daß in ſolchen Signal⸗ und Höflichkeits⸗ grüßen auf den Rheden und Citadellen auf der ganzen eivi⸗ liſirten Erde jährlich ungefähr für dreihundert Millionen Francs nutzlos in Rauch aufgehen. Während deſſen ſterben die Armen vor Hunger. Das Jahr 1823 war das, welches die Reſtauration die Zeit des ſpaniſchen Krieges genannt hat. Dieſer Krieg enthält viele Ereigniſſe in einem ein⸗ zigen, und eine Menge Sonderbarkeiten. Es war eine wich⸗ tige Familienangelegenheit für das Haus Bourbon; der franzöſiſche Zweig unterſtützte und beſchützte den ſpaniſchen Zweig; der Herzog von Angouléme, den die liberalen Blätter den Helden von Andujar nannten, unterdrückte mit einer triumphirenden Haltung, der ſein friedliches Geſicht ein wenig widerſprach, den alten Terrorismus des heiligen Offi⸗ ciums, der mit dem eingebildeten Terrorismus der Liberalen im Kampfe lag; die Sansculotten erſtanden zum großen Schrecken der Wohlgeſinnten unter dem Namen der Descami⸗ ſades; der Monarchismus trat dem Fortſchritt, der Anarchie ge⸗ nannt wurde, hindernd entgegen; an der Seite des Sohnes von Frankreich, welcher Generaliſſimus war, trat der Prinz von Carignan, ſpäter Karl Albert, in dieſen Kreuzzug der Könige gegen die Völker als Volontair mit den rothen wollenen Epaulettes eines Grenadiers ein; die Soldaten des Kaiſerreichs zogen nach achtjähriger Ruhe gealtert, traurig und mit der weißen Cocarde in das Feld; die dreifarbige Fahne wurde im Auslande durch eine heldenmüthige Hand⸗ voll Franzoſen entrollt, wie dreißig Jahre zuvor die weiße 10² Fahne in Coblenz. Frankreich vernichtete durch ſeine Waffen, was es durch ſeinen Geiſt geſchaffen hatte. Wenig Blut wurde vergoſſen, wenig gewonnen, Schmach für einige, Ruhm für Niemand. So war jener Krieg, den Prinzen führten, die von Ludwig XIV. abſtammten, und Generäle, die Napoleon gemacht hatte. Er hatte das traurige Loos, weder an den großen Krieg, noch an die große Politik zu erinnern. Einige Waffenthaten waren wichtiger. Die Einnahme des Trocadero zum Beiſpiel war eine ſchöne militairiſche Handlung. Aber im Ganzen, wir wiederholen es, war die Sache kleinlich und verdächtig; der Gedanke der Beſtechung entſprang aus dem leichten Siege und es ſchien, als hätte man mehr die Generäle, als die Schlachten gewonnen. Der ſiegreiche Soldat kehrte beſchämt aus dem Feldzuge zurück. In den Falten der Fahnen ſchien man zu leſen: Bankvon Frankreich. Doch kehren wir zu dem Schiff Orion zurück. Während der Operationen der Armee, welche der Prinz⸗ Generaliſſimus kommandirte, kreuzte ein Escadre in dem mittelländiſchen Meere. Zu dieſem Escadre gehörte auch der Orion, welcher durch Ereigniſſe zur See in den Hafen von Toulon geführt wurde. Die Anweſenheit eines Kriegsſchiffes in einem Hafen hat ein gewiſſes Etwas, das die Menge erregt und beſchäf⸗ tigt, das kommt daher, weil es groß iſt und weil die Menge Alles liebt, was groß iſt. Ein Linienſchiff iſt die herrlichſte Vereinigung des Genie's des Menſchen mit der Gewalt der Natur. Des⸗ halb ſieht man in den Häfen eine Menge ſolcher Neugieriger, ohne daß ſie ſich ſelbſt genau zu erklären wüßten, weshalb ſie dieſe wunderbaren Maſchinen des Krieges und der Schiff⸗ fahrt betrachten. Täglich waren deshalb vom Morgen bis zum Abend 103 die Quai's und die Werften des Hafens von Toulon mit einer Menge neugieriger Müßiggänger und Maulaffen, wie man ſagt, bedeckt, welche nichts weiter zu thun hatten, als den Orion anzuſehen. Der Orion war ein ſeit langer Zeit krankes Schiff. Auf ſeinen Fahrten hatten ſich dichte Muſchellagen an den Kiel angeſetzt und die Schnellig⸗ keit ſeines Laufes um die Hälfte verringert; man hatte ihn das Zahr zuvor trocken gelegt, um dieſe Muſcheln abzu⸗ kratzen, und es dann wieder in See geſchickt. Aber durch dieſes Abkratzen waren die Verbindungen des Kiels beſchädigt worden und auf der Höhe der baleariſchen Inſeln waurde das Schiff leck. Ein heftiger Aequinoctialwind kam hinzu und in Folge verſchiedener Haverien mußte der Orion Toulon aufſuchen. Er ankerte in der Nähe des Arſenals⸗ Er war armirt und man beſſerte ihn aus, der Kiel war auf dem Stenerbord nicht beſchädigt, allein man hatte hier und dort einige Planken losgeriſſen, um, wie es üblich war, die Luft in den Raum eindringen zu laſſen. Eines Morgens war die Menge, welche das Schiff betrachtete, Zeuge eines Ereigniſſes. Die Schiffsmannſchaft war damit beſchäftigt, die Segel einzuſchlagen. Der Maſtwächter, der das große Marsſegel einſchlagen ſollte, verlor das Gleichgewicht. Man ſah ihn wanken und die auf den Quai des Arſenals dicht zuſam⸗ mengedrängte Maſſe ſtieß einen lauten Schrei aus. Der Kopf riß den Körper mit ſich fort und der Menſch drehte ſich um die Segelſtange, indem er die Hand gegen den Abgrund ausſtreckte; im Fallen ergriff er die falſche Par⸗ dune zuerſt mit der einen, dann mit der andern Hand und blieb daran hängez Das Meer lag in ſchwindelnder Tiefe unter ihm. Der Stoß ſeines Falles hatte die Pardune in eine heftig ſchwingende Bewegung verſetzt. Der Mann ſchwankte an dem Ende dieſer Leine hin und her, wie der Stein in der Schleuder. 104 Ihm zu helfen hieß ſich einer ungeheuren Gefahr ausſetzen. Keiner der Matroſen, welche ſämmtlich erſt zum Dienſt an der Küſte ausgehobene Fiſcher waren, wagte es. Indeß ermüdete der unglückliche Maſtwächter; man konnte ſeine Todesangſt nicht auf ſeinem Geſichte leſen, allein man er⸗ kannte an allen ſeinen Gliedern ſeine Erſchöpfung. Seine Arme ſpannten ſich auf furchtbare Weiſe an. Jede An⸗ ſtrengung, die er machte, um wieder in die Höhe zu kommen, diente nur dazu, die Schwingungen der Pardune zu ver⸗ größern. Er ſchrie nicht, aus Furcht, die Kraft zu ver⸗ lieren. Man erwartet nur noch den Augenblick, wo er das Seil loslaſſen würde; und zuweilen wendeten ſich alle Köpfe ab, um ihn nicht fallen zu ſehen, wie eine reife Frucht vom Baum. Plötzlich erblickte man in der Takelage einen Menſchen, der mit der Gewandheit einer Tigerkatze in die Höhe kletterte. Dieſer Menſch war roth gekleidet; es war ein Galeerenzüchtling. Er trug die grüne Mütze: ein lebens⸗ länglich Verurtheilter. Zu der Höhe des Maſtes gelangt, riß ein Windſtoß ihm die Mütze ab und man erblickte einen ganz weißen Kopf; es war alſo kein junger Menſch mehr. In der That war ein Galeerenzüchtling, mit einem Transport Anderer aus dem Bagno an Bord beſchäftigt, gleich im erſten Augenblick zu dem Quart⸗Offizier geeilt, und während der allgemeinen Verwirrung und Zögerung der Schiffsmannſchaft, während alle Matroſen zitterten und zurückwichen, hatte er den Offizier um die Erlaubniß ge⸗ beten, ſein Leben wagen zu dürfen, um den Maſtwächt er zu retten. Auf ein bejahendes Zeichen des Offiziers hatte er mit einem Hammerſchlag die um ſeinen Fuß geſchmiedete Kette geſprengt, ein Tau ergriffen und ſich in die Takelage hinaufgeſchwungen. Niemand bemerkte in dieſem Augen⸗ blicke, mit welcher Leichtigkeit die Kette zerbrach. Erſt ſpäter erinnerte man ſich daran. 105 In einem Nu war er auf den Raen. Er hielt einige Augenblicke inne und ſchien ſie mit dem Blicke zu meſſen; dieſe Sekunden, während welcher der Wind den Maſtwächter am äußerſten Ende eines Seiles hin⸗ und herſchleuderte, ſchienen für die, welche das Alles anſahen, Jahrhunderte zu ſein. Endlich erhob der Züchtling die Augen zum Himmel und that einen Schritt vorwärts. Die Menge athmete auf. Er lief auf den Raen entlang. An die Spitze gelangt, befeſtigte er dann das eine Ende des Strickes, den er mitgenommen hatte, ließ das andere Ende hängen, klet⸗ terte dann mit den Händen an dieſem Seile hinab, und unter unausſprechlicher Aufregung ſah die Menge jetzt ſtatt eines Menſchen zwei über dem Abgrunde ſchweben. Man hätte glauben können, eine Spinne zu ſehen, die eine Fliege ergreift. Nur brachte hier die Spinne das Leben und nicht den Tod. Zehntauſend Augen waren auf dieſe Gruppe ge⸗ richtet, kein Schréi, kein Wort; dieſelbe Ergriffenheit furchte alle Stirnen. Jeder Mund hielt den Athem zurück, als hätten Alle gefürchtet, durch den geringſten Hauch den Wind zu ſteigern, der die beiden Unglücklichen ſchaukelte. Indeß war es dem Galeerenzüchtling gelungen, ſich in die Nähe des Matroſen herabzulaſſen. Es war die höchſte Zeit; eine Minute länger und der Menſch ließ ſich erſchöpft und verzweifelnd in den Abgrund hinab ſtürzen. Der Züchtling band ihn feſt an den Strick, an dem er ſich mit der einen Hand hielt, während er mit der andern arbeitete. Endlich ſah man ihn wieder auf die Raen klettern und den Matroſen ſich nachziehen; er hielt hier einen Augenblick, um ihn wieder zu Kräften kommen zu laſſen, nahm ihn dann in ſeine Arme und trug ihn auf den Raen bis zum Eſelshaupt und von hier aus endlich an den Maſtkorb, wo er ihn den Händen ſeiner Kameraden übergab. In dieſem Augenblicke jubelte die Menge Beifall; alle Stockmeiſter des Bagno weinten, Weiber fielen ſich einander 106 in die Arme und mit einer Art von Wuth hörte man auf dem Quai alle Stimmen ſchreien: Begnadigung für dieſen Menſchen! Er begann indeß wieder hinabzuklettern, um ſich zu ſeinem Arbeitstrupp zu begeben. Um ſchneller an ſein Ziel zu gelangen, ließ er ſich in die Takelage hinabgleiten und lief dann auf einer der Unterraen hin. Alle Augen folgten ihm. In einem gewiſſen Augenblick empfand man Furcht: ſei es, daß er ermüdet war, ſei es, daß ihm ſchwindelte, genug, man glaubte zu ſchen, daß er zögerte und ſchwankte. Plötzlich ſtieß die Menge einen lauten Schrei aus: der Galeerenſträfling war in das Meer gefallen. Der Sturz war gefährlich. Die Fregatte l'Algeſiras ankerte nah am Orion und der arme Galeerenſträfling war zwiſchen beiden Fahrzeugen hineingefallen. Es war zu fürchten, daß er unter das eine oder das andere Schiff gerathen möchte. Vier Männer ſprangen haſtig in ein Boot. Die Menge ermuthigte ſie; die Angſt der Er⸗ wartung hatte ſich auf's Neue aller Seelen bemächtigt; der Menſch war nicht wieder an die Oberfläche zurückgekehrt, Er war in dem Meere verſchwunden, ohne einen Kreis zurückzulaſſen. Man tauchte unter, man ließ das Senkblei fallen. Aber Alles war vergeblich. Man ſuchte bis zum Abend, aber man konnte nicht einmal den Körper wie⸗ derfinden. Am nächſten Tage enthielt das Journal von Toulon die folgenden Zeilen:—„I7. November 1823.— Geſtern iſt ein Galeerenzüchtling, der am Bord des Orion Dienſt verrichtete, als er einen Matroſen Beiſtand gebracht hakke, in das Meer gefallen und ertrunken. Man konnte ſeine Leiche nicht wiederfinden. Man vermuthet, daß er unter das Pfahlwerk der Spitze des Arſenals gerathen iſt. Dieſer Menſch war unter der Nummer 9430 eingeſchrieben und hieß Jean Valjean.“ Coſette. Drittes Buch. Irfüllung des der Todten gegebenen Verſprechens. * I. Die Waſſerfrage in Montfermeil. Montfermeil liegt zwiſchen Livry und Chelles am ſüd⸗ lichen Rande jener Hochebene, welche die Ourque von der Marne trennt. Gegenwärtig iſt es ein ziemlich großer Flecken, geſchmückt das ganze Jahr lang durch zierliche Villa's und am Sonntag durch geputzte Bürger. 1823 gab es in Montfermeil weder ſo viele weiße Häuſer, noch ſo viele zufriedene Einwohner: es war nur ein Walddorf. Man fand zwar hier und dort einige Luſthäuſer des vergangenen Jahrhunderts, bekanntlich an ihrem vornehmen Weſen, ihren Balcons von zierlich gearbeiteten Eiſen, ihren langen Fen⸗ ſtern mit kleinen Scheiben und geſchloſſen durch Laden von allen möglichen Gattungen des Grün. Aber Montfermeil war nichtsdeſtoweniger ein Dorf. Die zur Ruhe geſetzten Tuchhändler und die Anhänger des Aufenthaltes auf dem Lande hatten es noch nicht entdeckt. Es war ein friedlicher reizender Ort, an keiner Straße gelegen, man lebte dort jenes wohlfeile Buſchleben, das ſo leicht iſt und ſolchen Ueberfluß gewährt. Nur war das Waſſer wegen der Höhe der Ebene knapp. Man mußte es ziemlich weit herbeiholen. 110 Das Ende des Dorfes auf der Seite von Gagny nahm ſein Waſſer aus den herrlichen Teichen, die dort am Hauſe lagen; das andere Ende, welches die Kirche umgiebt und auf der Seite von Chelles liegt, fand trinkbares Waſſer nur in einer kleinen Quelle, nahe der Straße von Chelles, ungefähr eine Viertelſtunde von Montfermeil entfernt. Die Verſorgung mit Waſſer war daher für jede Haushaltung ein ziemlich läſtiges Geſchäft. Die großen Wirthſchaften, die Ariſtokratie, und zu dieſem gehörte auch die Kneipe Thé⸗ nardier, zahlten einen Liard für den Eimer Waſſer an einen Menſchen, der die Zuführung des Waſſers zu ſeinem Ge⸗ ſchäft gemacht hatte und dadurch ungefähr acht Sous täglich verdiente, aber dieſer Menſch arbeitete nur bis ſieben Uhr Abends im Sommer, und bis fünf Uhr im Winter. Wer mit Anbruch der Dunkelheit, ſobald die Laden ge⸗ ſchloſſen waren, kein Waſſer zu trinken hatte, mußste ſich ſelbſt welches holen oder es entbehren. Dies war der Schrecken des armen Geſchöpfes, das der Leſer noch nicht vergeſſen hat, der kleinen Coſette. Man erinnert ſich, daß Coſette den Thénardiers auf dop⸗ pelte Weiſe nützlich war; ſie ließen ſich von der Mutter bezahlen und von dem Kinde bedienen. Als nun die Mut⸗ ter gänzlich aufhörte zu zahlen, behielten die Thénardiers Coſette; ſie erſetzte ihnen eine Magd. In dieſer Eigenſchaft war ſie es, welche das Waſſer holen mußte, welches er⸗ forderlich war. Das Kind, welches den Gedanken fürch⸗ tete, in der Nacht zu der Quelle zu gehen, ſorgte daher ſchon eifrig dafür, daß das Waſſer im Hauſe niemals fehlte. Weihnachten des Jahres 1823 war in Montfermeil heſonders glänzend. Der Anfang des Winters war mild. Noch immer hatte es weder gefroren noch geſchneit. Seil⸗ tänzer, welche oon Paris gekommen waren, hatten von dem Herrn Maire die Erlaubniß erhalten, ihre Bude in der großen Straße des Dorfes aufzuſchlagen, und ein Haufe wande! Paatze in wel diers Gaſth ORt treue nen, platze befand von zeigten deren partiſt dies bezei der brach ner der„ lichen Saag Krüg Das alls, Tiſch von eſſen nard dem 111 wandernder Krämer hatte unter gleicher Erlaubniß auf dem Platze bei der Kirche und bis an das Bäckergäßchen, in welchem, wie man ſich erinnert, die Kneipe der Thénar⸗ diers lag, Schuppen aufgeſchlagen. Dadurch wurden die Gaſthöfe und die Wirthshäuſer gefüllt und der kleine ruhige Ort gewann ein lärmendes und heiteres Leben. Um ein treuer Geſchichtsſchreiber zu ſein, müſſen wir ſogar erwäh⸗ nen, daß unter den Merkwürdigkeiten, die auf dem Kirch⸗ platze zur Schau geſtellt wurden, auch eine Menagerie ſich befand, in welcher abſcheuliche Poſſenreißer 1823 den Bauern von Montfermeil einen jener abſchreckenden Geier Braſiliens zeigten, welche unſer Muſeum erſt ſeit 1845 beſitzt, und deren Auge eine dreifarbige Cocarde iſt. Einige alte bona⸗ partiſtiſche Soldaten, die in dem Dorfe bettelten, betrachteten dies Thier voll frommer Bewunderung. Die Marktſchreier bezeichneten die dreifarbige Cocarde als ein Wunder, welches der gute Gott ausdrücklich der Menagerie zu Liebe voll⸗ bracht hatte. Am Weihnachtsabend ſelbſt ſaßen mehrere Leute, Käpr⸗ ner und Hauſirer in dem niedern Saale des Wirthshauſes der Thénardiers um einen Tiſch und tranken bei der ſpär⸗ lichen Beleuchtung von vier oder fünf Lichtern. Dieſer Saal glich allen Räumen der Schenke; Tiſche und zinnerne Krüge, Flaſchen, Trinker, Raucher; wenig Licht, viel Lärm. Das Jahr 1823 zeichnete ſich indeß durch zwei Gegenſtände aus, die damals in der Mode waren und die hier auf einem Tiſch ſich befanden, nämlich ein Kaleidoscop und eine Lampe von moirirten Blech. Die Thénardier ſah nach dem Abend⸗ eſſen, welches über einen guten Feuer ſtand; er, der Thé⸗ nardier, trank mit ſeinen Gäſten und ſprach von Politik. Außer dieſen politiſchen Plaudereien hörte man in dem allgemeinen Gewirre auch ganz lokale Mittheilungen wie z. B. „Bei Nanterre und Suresne iſt die Weinleſe reich 112 geweſen. Wo man auf zehn Stück rechnete, hat man zwölf bekommen. Die Trauben haben in der Preſſe viel ausge⸗ geben.— Aber ſie können nicht reif geweſen ſein?— Das thut nichts; der Wein wird hier immer ſchon im Frühjahr ſüß ꝛc. Oder ein kleiner Müller rief: „Sind wir verantwortlich für das, was in den Säcken iſt? Wir finden darin eine Menge kleiner Körner, die wir nicht ausleſen können und die unter den Mühlſtein kommen müſſen, es iſt Wicke, Fuchsſchwanz, Senfſaamen und anderes Zeug, ungerechnet noch die kleinen Steine, die beſonders in dem Korn der Bretagne ſehr oft vorkommen. Ich finde ebenſo wenig Gefallen daran, Bretagner Korn zu malen, wie die Holzſäger Balken zu ſägen, in denen Nägel ſtecken. Man kann ſich denken, was das für Mehl giebt, und dann klagt man noch darüber, das Mehl iſt nicht unſere Schuld.“ Im andern Theile des Gemaches wurden ähnliche Ge⸗ ſpräche, je nach dem Stande der Sprechenden geführt. Coſette war an ihrem gewöhnlichen Platz. Das heißt auf der unteren Leiſte des Küchentiſches in der Nähe des Kamins. Sie war in Lumpen gekleidet, barfuß in Holz⸗ ſchuhen, und ſtrickte bei dem Scheine des Feuers wollene Strümpfe für die kleinen Thénardiers. Ein ganz junges Kätzchen ſpielte unter den Stühlen. Man hörte in einem anſtoßenden Gemache zwei helle Kinderſtimmen lachen und ſcherzen; es waren Eponine und Azelma. In der Ecke neben dem Kamin hing ein großer hölzer⸗ ner Hammer an einem Nagel. Zuweilen hörte man das Geſchrei eines ganz kleinen Kindes, das ſich irgendwo im Hauſe befand, das allgemeine Geräuſch durchdringen. Es war ein Knabe, den die Thé⸗ nardier während eines der letzten Winter geboren hatte,— „ohne zu wiſſen weshalb,“ ſagte ſie, und der jetzt etwas unter drei Jahre zählte. Die Mutter hatte ihn geſtillt, aber zu la ſchr 113 aber ſie liebte ihn nicht. Wenn das Geſchrei des Kleinen zu läſtig wurde, ſagte Thénardier: „Dein Sohn plerrt;“ ſieh doch nach, was er will?“ „Ei was,“ erwiderte die Mutter,„laß ihn ſchreien.“ Und der verlaſſene Kleine fuhr in der Dunkelheit zu ſchreien fort. II. Vervollſtändigung zweier Portraits. 2— Man hat in dieſem Buch von den Thénardiers bisher nur erſt das Profil geſehen; der Augenblick iſt gekommen, dies Paar aus allen Geſichtspunkten zu betrachten. Thénardier hatte ſeine fünfzig Jahre zurückgelegt; Frau Thénardier ſtand dem vierzigſten Jahre nahe, welches das Fünfzigſte der Frau iſt; auf dieſe Weiſe fand zwiſchen dem Alter der Frau und dem des Mannes das richtige Gleich⸗ gewicht ſtatt. Die Leſer haben vielleicht ſeit der erſten Erſcheinung dieſer Thénardier eine Erinnerung an die große, blonde, rothe, dicke, fleiſchiche, rieſige und bewegliche Frau bewahrt. Sie gehörte, wie wir erwähnten, zu dem Geſchlechte jener coloſſalen Wilden, die ſich auf den Jahrmärkten ſehen laſſen und an ihre Haare große Gewichte hängen. Sie beſorgte in dem Hauſe Alles, die Betten, die Zimmer, die Wäſche, die Küche, den Regen, das ſchöne Wetter, den Teufel. Als einzige Dienerin hatte ſie Coſette, eine Maus im Dienſte Die Elenden. III. 8 — 114 eines Elephanten. Alles zitterte bei dem Klange ihrer Stimme; die Fenſterſcheiben, die Meubel, die Leute. Ihr breites mit rothen Flecken bedecktes Geſicht hatte das Aus⸗ ſehen eines Schaumlöffels. Sie war bärtig. Sie konnte als das Ideal eines Laſtträgers in Weiberkleidung gelten. Sie fluchte fleißig; ſie rühmte ſich, eine Nuß mit einem Fauſtſchlage zerſchmettern zu können. Ohne die Romiane, die ſie geleſen hatte und wekche Urſache waren, daß unter dieſem leiblichen Wärwolf ſich zuweilen eine Zierpuppe zeigte, würde Niemand auf den Gedanken gekommen ſein, von ihr zu ſagen: das iſt ein Weib. Dieſe Thénardier war ſo etwas wie die Wirkung einer Propfung des Fiſchweibes auf eine Dirne. Hörte man ſie ſprechen, ſo ſagte man:„Das iſt ein Kärrner,“— ſah man ſie Coſette behandeln, ſo ſagte man:„Das iſt der Henker.“ — Im Zuſtande der Ruhe ſtand ihr ein Zahn aus dem Munde hervok. Thénardier war ein kleiner, magerer, bleicher, eckiger, knochiger, ſchwächlicher Menſch, der kränklich ausſah, ſich aber ganz vortrefflich befand: damit fing ſeine Betrügerei an. Er lächelte gewöhnlich aus Vorſicht, war ſo ziemlich höflich gegen alle Welt, ſelbſt gegen den Bettler, dem er einen Liard verweigerte. Er hatte den Blick eines Marders und das Ausſehen eines Gelehrten. Er glich ſehr dem Portraits Abbé Delille's. Seine Koketterie beſtand darin, mit den Kärrnern zu trinken. Niemand hatte ihn jemals betrunken machen können. Er rauchte aus einer großen Pfeife, er trug eine Blouſe und unter der Blouſe einen alten ſchwarzen Rock. Er machte Anſpruch auf Literatur und Materialismus. Er ſprach gewiſſe Namen ſehr oft aus um das, was er ſagte, dadurch zu unterſtützen; Voltaire, Raynal, Paruy und, ſonderbar genug, den heiligen Auguſtin. Er verſicherte ein Syſtem zu haben. Uebrigens war er ein großer Gauner wie es dergleichen giebt. Man erinnert ſich, daß Pral Regj todte wun gere ſchit „Sc llaſſ bewe ſtudi hatte war der keit ein wo ein The dire auf beſt irg den ſieg wa wie den Sa kein Fen hrer Ihr lus⸗ nte ſen. nem ane, nter uppe ſein, einer t ſie man ker.“ dem iiger ſich gerei mlich in er ders dem arin, mals roßen einen ratut aus taire, lſtin⸗ ein ſic, 115 daß er behauptete, gedient zu haben; er erzählte mit einiger Prahlerei, daß er als Sergeant in irgend einem 6. oder 9. Regiment bei Waterloo allein gegen eine ganze Schwadron todtenköpfiger Huſſaren mit ſeinem Körper einen ſchwer ver⸗ wundeten General gegen das Kartätſchenfeuer gedeckt und gerettet hätte. Daher rührt ſein prahleriſches Wirthshaus⸗ ſchild und fand ſeine Kneipe in der Gegend den Namen: „Schenke des Sergeanten von Waterloo.“ Er war liberal, claſſiſch und bonapartiſtiſch. Er hatte für die Kleinkinder⸗ bewahranſtalt unterzeichnet. Im Dorf ſagte man, er hätte ſtudirt, um Prieſter zu werden. Wir glauben, daß er ganz einfach in Holland ſtudirt hatte, um Schankwirth zu werden. Allem Anſchein nach war dieſer Lumpenkerl etwas Flamländer aus Lille in Flan⸗ dern, Franzoſe in Paris, Belgier in Brüſſel. Seine Tapfer⸗ keit bei Waterloo kennt man. Wie man ſieht, übertrieb er ein wenig. Das Element ſeiner Exiſtenz, war das Ver⸗ worrene, das Abentenerliche; ein zerriſſenes Gewiſſen zieht ein unordentliches Leben nach ſich und wahrſcheinlich gehörte Thénardier in der ſtürmiſchen Zeit des 18. Juni jenen maro⸗ direnden Marketender an, deren wir erwähnten, welche ſich auf den Landſtraßen umhertreiben, dieſen verkaufen, jenen beſtehlen und in Familien, Männer, Weiber und Kinder in irgend einen erbärmlichen Fahrzeuge hinter den marſchiren⸗ den Truppen mit dem Inſtincte herziehen, ſich ſtets au die ſiegreiche Armee anzuhängen. Als der Feldzug beendigt war, hatte er in Montfermeil ſeine Schenke eröffnet, da er, wie er ſagte:„du quibus“ hatte. Dieſes quibus, welches aus Börſen und Uhren, gol⸗ denen Ringen und ſilberen Kreuzen beſtand, die aus dem Saatfeld der umherliegenden Häuſer geerntet waren, bildete keine ſehr große Summe, und hatte den zum Schankwirth gewordenen Marketender nicht weit geführt. Thénardier hatte etwas von jenem geraden Weſen, 8* 116 das im Verein mit einer Ruhe an die Kaſerne und mit dem Zeichen des Kreuzes an das Seminar erinnert. Er war ein Schönredner. Er ließ gleuben, daß er gelehrt ſei. Indeß hatte der Schulmeiſter bemerkt, daß er Schnitzer machte. Er verſtand ſich ganz vortrefflich darauf, den Rei⸗ ſenden die Rechnungen zu ſchreiben. Erfahrene Augen aber wollten zuweilen darin orthographiſche Fehler entdecken. Thé⸗ nardier war tückiſch, leckerhaft, träge und gewandt. Er verachtete ſeine Dienſtmädchen nicht, weßhalb ſeine Frau keine mehr annahm. Dieſe Rieſin war eiferſüchtig. Es ſchien ihr, als ob dieſer magere, gelbe, kleine Mann ein Gegenſtand allgemeinen Begehrens ſein müßte. Thenardier war vor Allem in Folge ſeiner Verſchla⸗ genheit ein Schuft von der gemäßigten Gattung. Dies iſt die allerſchlimmſte; die Heuchelei miſcht ſich hinein. Thénardier war übrigens bei Gelegenheit des Zornes ebenſo gut fähig, wie ſeine Frau. Dergleichen Ausbrüche zeigten ſich zwar ſelten, aber da er eine Bruſt voll Haß in ſich trug und zu jenen Leuten gehörte, welche ſich beſtändig an jeden Menſchen für das rächen wollen, was ihnen Unangenehmes oder Schmerzliches begegnet iſt, war er dann fürchterlich. Wehe Jedem, der ihm bei ſeiner Wuth in die Hände fiel! Außer allen dieſen übrigen Eigenſchaften war Thé⸗ nardier aufmerkſam und ſcharfſichtig, ſchweigſam oder ſchwatz⸗ haft, je nach der Gelegenheit, und jederzeit außerordentlich klug. Er hatte etwas von dem Blicke der Seeleute, die gewöhnt ſind, mit den Augen zu blinzeln. Thénardier war ein Staatsmann. Jeder, der in die Schenke trat, ſagte, indem er die Thénardier ſah: das iſt der Herr vom Hauſe. Irrthum. Sie war nicht einmal Herrin deſſelben. Herr und Herrin in einer Perſon, das war der Mann. Sie wirkte, er ſchuf. Er leitete Alles durch eine Art unſichtbarer und fortwäh⸗ render zuweil war f ſchaft Weſer des, Hype in ir gang die g Böſe Ther und brec trac wei nte 117 render energiſcher Einwirkung. Ein Wort genügte ihm, zuweilen ein Zeichen, der Maſtodon gehorchte. Thénardier war für die Thénardier, ohne daß ſie ſich davon Rechen⸗ ſchaft zu geben vermochte, ein beſonderes und gebietendes Weſen. Wäre ſie jemals im Widerſpruch mit den Anſichten des„Herrn Thénardier“ geweſen, eine übrigens unmögliche Hypotheſe, ſo würde ſie doch nie ihrem Manne öffentlich in irgend einer Weiſe Unrecht gegeben haben. Nie hätte ſie in Gegenwart Fremder den Fehler be⸗ gangen, deſſen die Frauen ſich ſo häufig ſchuldig machen, die Herrſchaft zu zeigen. Obgleich ihre Uebereinſtimmung zur Wirkung nur das Böſe hatte, lag doch Ueberlegung in der Unterwerfung der Thénardier gegen ihren Mann. Dieſer Berg des Lärmens und des Fleiſches wurde durch den kleinen Finger des ge⸗ brechlichen Despoten gelenkt. Von der komiſchen Seite be⸗ trachtet, liefert das Verhältniß der beiden Gatten den Be⸗ weis für den allgemeinen Satz: Unterwerfung der Materie unter den Geiſt. Es lag in Thénardier etwas Unergründ⸗ liches; daher die unbedingte Herrſchaft dieſes Mannes über dieſes Weib. Dieſe Frau war ein furchtbares Geſchöpf, welches Niemanden liebte, als ihre Kinder, Niemanden fürchtete, als ihren Mann. Sie war Mutter, weil ſie zur Gattung der Säugethiere gehörte. Uebrigens blieb ihr mütterliches Ge⸗ fühl bei ihren Töchtern ſtehen und erſtreckte ſich, wie man ſehen wird, nicht bis auf die Knaben. Er, Thénardier, hatte nur den einen Gedanken: ſich zu bereichern. Es gelang ihm nicht. Ein paſſender Schauplatz fehlte dieſem großen Talente. Thénardier richtete ſich in Mont⸗ fermeil zu Grunde, wenn dies für die Null möglich iſt; in der Schweiz oder in den Pyrenäen würde dieſer Menſch ohne einen Sou Millionair geworden ſein. Aber wo das Schickſal den Gaſtwirth hinweiſt, da muß er wirken. 118 Man begreift wohl, daß das Wort Gaſtwirth hier in einem beſchränkten Sinne angewendet wird, und ſich nicht auf eine ganze Klaſſe ausdehnt. In eben dieſem Jahre 1823 wurde Thénardier durch eine Laſt von ungefähr 1500 Francs ſchreiender Schulden bedrückt, und dies machte ihn ſorgenvoll. Wie groß auch die hartnäckige Ungerechtigkeit des Schick⸗ ſals gegen ihn ſein mochte, gehörte doch Thénardier zu jenen Menſchen, welche am beſten und auf die modernſte Weiſe das anerkennen, was bei den barbariſchen Völkern eine Tugend iſt, bei den civiliſirten eine Waare: die Gaſtfreundſchaft. Uebrigens war er ein ausgezeichneter Wildſchütz. Er hatte ein eigenthümliches ruhiges und kaltes Lachen, das ganz be⸗ ſonders gefährlich war. Seine Theorieen als Schankwirth zuckten zuweilen gleich Blitzen bei ihm hervor. Er hatte einzelne Ausſprüche, die er dem Geiſte ſeiner Frau einimpfte.—„Die Pflicht eines Gaſtwirths,“ ſagte er eines Tages heftig, doch mit leiſer Stimme, zu ihr,„iſt, dem Erſten, der bei ihm einſpricht, Ruhe, Licht, Feuer, ſchmuzige Betttücher, die ſo rein als möglich ſein müſſen, Fleiſchgerichte, Wanzen, Flöhe und Lä⸗ cheln zu verkaufen; die Vorüberkommenden anzuhalten, die kleinen Geldbeutel zu leeren und die großen auf rechtſchaffene Weiſe zu erleichtern, voll Achtung den reiſenden Familien ein Obdach zu gewähren, den Mann zu raſpeln, die Frau zu rupfen, die Kinder zu entfedern; das offene Fenſter, das geſchloſſene Fenſter, die Ecke am Herde, den Armſtuhl, den Seſſel, den Schemel, das Federbett, die Matratze, das Bund Stroh auf die Rechnung zu ſetzen; zu wiſſen, um wie viel das Spiegelbild den Spiegel abnutzt, und das Alles zu ver⸗ anſchlagen, kurz bei den 500,000 Teufeln den Reiſenden Alles bezahlen zu laſſen bis zu den Fliegen, die ſein Hund frißt!“ Dieſer Mann und dieſe Frau waren die miteinander do ge 119 verheirathete Liſt und Wuth, ein abſcheuliches und entſetz⸗ liches Geſpann. Während der Mann überlegte und berechnete, dachte die Frau nicht an die abweſenden Gläubiger, ſorgte ſich we— der um das Geſtern noch um das Morgen, und lebte für den Augenblick ihren heftigen Gefühlen. So waren dieſe beiden Geſchöpfe. Coſette ſtand zwi⸗ ſchen ihnen, erduldete ihren doppelten Druck wie ein Weſen, das zugleich durch einen Mühlſtein zerquetſcht und durch eine Zange geſchunden wird. Der Mann und die Frau hatten jeder ein anderes Benehmen; Coſette wurde mit Schlägen überſchüttet, das rührte von der Frau her; ſie ging im Win⸗ ter barfuß, das kam von dem Manne. Coſette lief Trepp auf, Trepp ab, wuſch, ſcheuerte, kehrte, rannte, arbeitete ſich ab, wurde athemlos und vollbrachte, ſo ſchwächlich ſie auch war, ſchwere Arbeiten. Kein Mitleid; eine grauſame Herrin, ein heftiger Herr. Die Schenke Thé⸗ nardier's glich einem Spinnennetz, in welchem Coſette gefan⸗ gen und zitternd hing. Das Ideal der Bedrückung wurde durch dieſe finſtere Häuslichkeit verwirklicht. Es war ſo et⸗ was wie die Fliege, die den Spinnen dienſtbar iſt. Das arme leidende Kind ſchwieg. Wenn dieſe armen Weſen, ganz klein, ganz nackt, ſich von allem Anfang an ſo unter den Menſchen befinden, was geht dann in ihren Seelen vor? 120 III. Die Menſchen brauchen Wein und die Pferde Waſſer. Es waren vier neue Reiſende eingetroffen. Coſette war traurig und träumeriſch, denn obgleich ſie erſt acht Jahre zählte, hatte ſie doch ſchon ſo viel gelitten, daß ſie mit dem trüben Weſen einer bejahrten Frau träumte. Ihr Auge war ſchwarz von einem Fauſtſchlage, den die Thé⸗ nardier ihr verſetzt hatte, und er, Thénardier, bemerkte dar⸗ über von Zeit zu Zeit:„Iſt die häßlich mit ihrem Pflaſter auf dem Auge!“ Coſette dachte daran, daß es Nacht war, vollkommen Nacht, und daß ſie unerwartet die Waſſerflaſchen in den Zimmern der plötzlich eingekehrten Fremden neu füllen müßte, daß aber kein Waſſer mehr vorräthig ſei. Etwas fühlte ſie ſich dadurch beruhigt, daß man in dem Hauſe Thénardier's gewöhnlich nicht viel Waſſer trank. Es fehlte hier zwar nicht an Leuten, die Durſt hatten; allein es war jener Durſt, der lieber zu der Flaſche als zu dem Kruge ſeine Zuflucht nimmt. Wer unter all' den Gläſern Wein ein Glas Waſſer verlangt hätte, würde den Uebrigen wie ein Wilder vorgekommen ſein. Dennoch gab es einen Augenblick, in welchem das Kind zitterte. Die Thénardier hob den Deckel einer Caſſerole auf, die auf dem Herd kochte, ergriff dann ein Glas, und näherte ſich dem Waſſerbehäl⸗ ter. Sie drehte den Hahn deſſelben; das Kind hatte den Kopf erhoben, und folgte ängſtlich allen Bewegungen ihrer Gebieterin. Ein dünner Waſſerſtrahl entquoll dem Hahn, und füllte das Glas zur Hälfte. „Ei“, ſagte die Thénardier,„es iſt kein Waſſer mehr darin!“ Dann entſtand ein Augenblick des Stillſchweigens. Das arme Kind athmete nicht. „Ei,“ fuhr die Thénardier fort, indem ſie das halb⸗ gefüllte Glas anſah,„es wird auch daran genug ſein.“ Coſette machte ſich wieder an ihre Arbeit, allein länger als eine Viertelſtunde fühlte ſie ihr Herz in der Bruſt hef⸗ tig klopfen. Sie zählte die Minuten, die ſo verfloſſen, und gern wünſchte ſie den nächſten Morgen herbei. Von Zeit zu Zeit blickte einer der Trinker auf die Straße und rief aus:„Die Nacht iſt ſchwarz wie ein Back⸗ ofen! oder— man muß eine Katze ſein, um bei ſolcher Dunkelheit ohne Laterne über die Straße zu gehen.“ Coſette erbebte darüber. Plötzlich trat einer der Hauſirer, die in dem Hauſe wohnten, ein und ſagte mit harter Stimme: „Man hat meinen Pferden nicht zu ſaufen gegeben.“ „O doch, gewiß,“ ſagte die Thénardier. „Ich ſage Ihnen, nein, Mutter,“ entgegnete der Kauf⸗ mann. Coſette war unter dem Tiſch hervorgekrochen. „O freilich, lieber Herr!“ ſagte ſie;„das Pferd hat geſoffen aus dem Eimer, aus dem vollen Eimer, und ich ſelbſt habe ihm zu ſaufen gebracht und dabei mit ihm ge⸗ ſprochen.“ Das war nicht wahr. Coſette log. „Das iſt ein Ding, groß wie eine Fauſt und lügt wie ein Haus,“ rief der Krämer.„Ich ſage Dir, mein Pferd hat nicht geſoffen, kleine Schelmin. Es hat eine Art, zu pruſten, wenn es nicht geſoffen hat, die ich ſehr gut kenne.“ Coſette beharrte bei ihrer Verſicherung, und fügte mit 122 einer Stimme, welche durch die Todesangſt ſo heiſer wurde, daß man ſie kaum verſtehen konnte, hinzu: „Es hat ſogar ſehr viel geſoffen.“ „Ei was,“ rief der Krämer zornig,„das Alles iſt nichts; man gebe meinem Pferde zu ſaufen und mache ein Ende damit!“ Coſette kroch wieder unter den Tiſch. „Ja, das iſt wirklich wahr,“ ſagte endlich die Thé⸗ nardier,„wenn das Thier nicht geſoffen hat, ſo muß es zu ſaufen bekommen.“ Dann blickte ſie umher und ſagte: „Nun, wo iſt ſie denn?“ Sie bückte ſich und entdeckte Coſette, die am andern Ende des Tiſches beinahe unter den Füßen der Trinker enge zuſammengekauert ſaß. „Wirſt Du kommen?“ ſchrie die Thénardier. Coſette kam aus der Art von Loch hervor, in welches ſie ſich geflüchtet halte. Die Thénardier gebot ihr: „Du kleiner Hund, gieb dem Pferde zu ſaufen.“ „Ach Madame,“ ſagte Coſette ſchüchtern,„es iſt kein Waſſer da.“ Die Thenardier riß die Straßenthür weit auf und ſagte: „Nun, dann hole welches.“ Coſette ſenkte den Kopf und nahm einen großen leeren Eimer, der in der Ecke neben dem Kamine ſtand. Dieſer Eimer war größer wie ſie ſelbſt, und das Kind hätte ſich mit Bequemlichkeit hineinſetzen können. Die Thénardier trat wieder an den Heerd, koſtete mit einem hölzernen Löffel, was in der Caſſerole war, und brummte dabei: „Es iſt Waſſer in der Quelle.— Es iſt ſo nicht ſchlechter. Ich glaube, ich hätte die Zwiebeln ſparen können.“ nes Rüc Hie nah es vor man Die 8 Dann kramte ſie in einem Schubfache, in welchem klei⸗ nes Geld, Pfeffer und Charlotten unter einander lagen. „Da nimm, Kröte,“ fügte ſie hinzu,„und auf dem Rückwege bringſt Du ein grobes Brod von dem Bäcker mit. Hier haſt Du funfzehn Sous.“ Coſette hatte eine kleine Taſche in ihrer Schürze; ſie nahm das Geldſtück, ohne ein Wort zn ſagen, und ſteckte es in die Taſche. Dann blieb ſie regungslos mit dem Eimer in der Hand vor der offenen Thür ſtehen. Sie ſchien zu erwarten, daß man ihr zu Hülfe käme. „Mach fort,“ ſchrie die Thénardier. Coſette ging. Die Thür ſchloß ſich hinter ihr. IV. Eine Puppe tritt auf. Die Reihe der Buden, welche auf dem Platze um die Kirche aufgeſchlagen waren, reichten, wie man ſich erinnern wird, bis zu der Schenke Thénardier's. Dieſe Buden waren wegen des baldigen Vorüberkommens der Bewohner, die zur Mette gingen, ſämmtlich mit Lichtern beleuchtet, die in Papierlaternen brannten, was nach der Verſicherung des Schulmeiſters von Montfermeil, der jetzt bei Thénardier ſaß, eine„zauberhafte Wirkung“ hervorbrachte. Dafür ſah man aber auch am Himmel nicht einen einzigen Stern. Die letzte dieſer Buden, gerade der Thür Thénardier's 124 gegenüber, war eine Spielwaarenbude, ganz angefüllt mit blitzenden Tändeleien, Glas⸗ und Blechwaaren. In die erſte Reihe und ſogar vor dieſelbe hatte der Kaufmann auf ein weißes Tuch eine Puppe geſtellt, die beinahe zwei Fuß hoch war, ein Kleid von roſarothem Krepp und goldene Korn⸗ ähren auf dem Kopfe hatte, dabei wirkliche Haare und Glas⸗ augen. Den ganzen Tag über hatte dieſes Wunderwerk das Staunen der Vorübergehenden unter zehn Jahren erregt, ohne daß in ganz Montfermeil eine einzige Mutter reich genug oder liebevoll genug war, um ihrem Kinde damit ein Geſchenk zu machen. Eponine und Azelma hatten die Puppe ſtundenlang betrachtet, und ſelbſt Coſette hatte es, freilich nur ganz flüchtig, gewagt, ſie anzuſehen. In dem Augenblick, als Coſette mit ihrem Eimer in der Hand aus dem Hauſe trat, konnte ſie ſich, ſo traurig und niedergeſchlagen ſie auch war, nicht enthalten, die Augen auf die wundervolle Puppe zu richten, die Dame, wie ſie ſie nannte. Das arme Kind blieb ganz verſteinert ſtehen. Sie hatte die Puppe noch nicht in der Nähe geſehen. Die ganze Bude ſchien ihr ein Palaſt zu ſein; die Puppe war keine Puppe, ſondern eine Viſion. Es waren die Freude, der Glanz, der Reichthum, das Glück, welche in einer eingebildeten Strahlenkrone dem un⸗ glücklichen kleinen Weſen erſchienen, welches ſo tief in Elend ſchmachtete und Kälte ſteckte. Coſette maß mit jenem natürlichen Scharfſinn, der der Kindheit eigen iſt, voll Trauer den Abgrund, der ſie von dieſer Puppe trennte. Sie ſagte ſich, daß man eine Königin oder mindeſtens eine Prinzeſſin ſein müßte, um ſolch ein „Ding“ zu haben. Sie betrachtete das ſchöne roſa Kleid, die glatten prachtvollen Haare und dachte: Wie glücklich muß dieſe Puppe ſein! Ihre Augen vermochten es nicht, ſich von dieſer phantaſtiſchen Puppe abzuwenden. Je mehr ſie hin⸗ ſah, deſto mehr fühlte ſie ſich geblendet. Sie glaubte das 125 Paradies zu erblicken. Es ſtanden hinter der großen Puppe noch andere, die ihr als Feen und Genien erſchienen. Der Kaufmann, der im Hintergrund ſeiner Bude auf⸗ und nieder⸗ ging, kam ihr faſt vor wie der ewige Vater. Ueber ihrer Bewunderung vergaß ſie Alles, ſelbſt den Auftrag, den ſie erhalten hatte. Plötzlich rief die rauhe Stimme der Thénardier ſie in die Wirklichkeit zurück. „Wie, Maulaffe, Du biſt noch nicht fort? Na warte, ich will Dir helfen! Was macht ſie denn nur da? Kleines Ungeheuer, vorwärts!“ Die Theénardier hatte einen Blick auf die Straße ge⸗ richtet und dabei die entzückte Coſette bemerkt. Coſette entfloh mit ihrem Eimer und machte ſo große Schritte, wie ſie nur irgend konnte. V. Einſankeit. Da die Schenke Thénardier's in dem Theile des Dor⸗ fes lag, welcher nahe der Kirche war, mußte Coſette aus der Waldquelle auf der Seite von Chelles das Waſſer holen. Sie ſah nicht mehr auf eine einzige Bude. So lange ſie ſich in dem Bäckergäßchen und in der Umgebung der Kirche befand, beleuchteten die illuminirten Buden ihren Weg, aber bald verſchwand der letzte Lichtſchimmer. Das arme Kind erblickte ſich in der Dunkelheit. Sie drang 126 immer tiefer in dieſelbe ein, doch da eine gewiſſe Aufregung ſich ihrer bemächtigte, rührte ſie während des Gehens ſo heftig als möglich den Henkel des Eimers. Das machte ein Geräuſch, welches ihr Geſellſchaft leiſtete. Je weiter ſie ging, deſto dichter wurde die Finſterniß. Niemand war mehr auf der Straße zu ſehen. Dennoch begegnete ſie einer Frau, die ſich umwendete, als ſie ſie vorüberkommen ſah, regungslos ſtehen blieb und zwiſchen den Zähnen murmelte:„Wohin kann denn nur das Kind gehen? Iſt es denn etwa ein kleiner Kobold?“ Dann erkannte die Frau Coſette und ſagte: „Ei ſieh, es iſt die Lerche.“ Coſette durchſchritt ſo das Labyrinth der gewundenen und öden Gaſſen, welche das Dorf Montfermeil in der Richtung von Chelles ſchließen. So lange ſie Häuſer und ſogar nur Mauern zu beiden Seiten ihres Weges hatte, ſchritt ſie kühn vorwärts; von Zeit zu Zeit ſah ſie den Schimmer eines Lichts durch die Spalten eines Ladens;, das war Licht und Leben, denn es gab dort Menſchen und das beruhigte ſie. Je weiter ſie indeß kam, deſto langſamer wurde ganz unwillkürlich ihr Gang. Als Coſette an der Ecke des letzten Hauſes vorüber war, blieb ſie ſtehen. Weiter zu gehen, als die letzte Bude, war ſchwierig geweſen; weiter zu gehen, als das letzte Haus, wurde unmöglich. Sie ſetzte den Eimer an den Boden, fuhr ſich mit der Hand durch das Haar, kratzte ſich langſam den Kopf, eine Bewegung, die den erſchreckten und unentſchloſſenen Kindern eigen iſt. Das war hier nicht mehr Montfermeil, ſondern es war das offene Feld. Ein ſchwarzer öder Raum lag vor ihr. Sie betrachtete voll Verzweiflung dieſe Finſterniß, in der es keinen Menſchen gab, ſondern nur Thiere und vielleicht Geſpenſter. Sie ſah ſcharf hin und hörte den Huftritt der Thiere im Graſe und ſah deutlich die Geſpenſter, die zwi⸗ nen der und ntte, den uns; and ner der eiter eiter etzte urch ung, iſt. das Sie es eicht der zwi⸗ ſchen den Bäumen umherhuſchten. Nun ergriff ſie den Eimer wieder; die Furcht verlieh ihr Verwegenheit. „Ei was,“ ſagte ſie,„ich werde ihm ſagen, es iſt kein Waſſer mehr zu finden!“ Und entſchloſſen kehrte ſie nach Montfermeil zurück. Kaum hatte ſie hundert Schritte gethan, als ſie wieder ſtehen blieb und ſich auf's neue im Kopfe kratzte. Jetzt erſchien ihr die Thénardier entſetzlich mit ihrem Hyänen⸗ maul und ihrem flammenden Zorn in den Augen. Das Kind richtete einen kläglichen Blick rückwärts. Was ſollte ſie thun, was ſollte aus ihr werden? wohin ſollte ſie gehen? Vor ſich hatte ſie das Geſpenſt der Thénardier, hinter ſich alle Geiſter der Nacht und des Waldes. Vor der Thénar⸗ dier aber bebte ſie ſtärker zurück. Sie ſchlug wieder den Weg nach der Quelle ein und fing an zu laufen. Laufend verließ ſie das Dorf, laufend trat ſie in den Wald, ſah nichts mehr, hörte nichts mehr. Sie hielt in ihrem Laufe erſt inne, als der Athem ihr ausging, aber ſie blieb deshalb nicht ſtehen, ſondern ging wie außer ſich immer weiter. Während ihres Laufens hätte ſie weinen mögen. Das nächtliche Nauſchen des Waldes hüllte ſie jetzt ein. Sie dachte nichts mehr, ſie ſah nichts mehr. Die un⸗ geheure Nacht ſtand dieſem kleinen Weſen gegenüber. Auf der einen Seite Alles Finſterniß, auf der andern ein Atom. Es war nur eine Strecke von ſieben oder acht Minuten von dem Saume des Waldes bis zu der Quelle. Coſette kannte den Weg, den ſie am Tage mehrmals gemacht hatte. Sie verirrte ſich auch jetzt nicht. Eine Art von Inſtinct leitete ſie. Gleichwohl richtete ſie die Augen weder nach der rechten noch nach der linken Seite, aus Furcht, aller⸗ hand Dinge in den Zweigen und in dem Gebüſch zu er⸗ blicken. So kam ſie zu der Quelle. Es war eine enge durch die Natur gebildete Vertiefung, welche das Waſſer in einem thonigen Boden gehöhlt hatte, 7 128 ungefähr zwei Fuß tief, umgeben mit Moos und hohen Kräutern; dabei gepflaſtert mit großen rothen Steinen. Ein Bach entrieſelte mit leiſem Gemurmel dieſer Quelle. Coſette ließ ſich nicht die Zeit, zu athmen. Es war ſehr dunkel, aber ſie kam oft zu dieſer Quelle. Sie taſtete in der Finſterniß mit der linken Hand nach einer jungen Eiche, die ſich über die Quelle neigte und ihr gewöhnlich zum Stützpunkt diente, fand einen Aſt, hing ſich daran, ſenkte ſich über das Waſſer und ſchöpfte ihren Eimer voll. Im Nu fühlte ſie ſich ſo ſtark, daß ihre Kräfte verdreifacht waren. Während ſie ſich ſo vorneigte, bemerkte ſie nicht, daß die Taſche ihrer Schürze ihren Inhalt in die Quelle leerte. Das Fünfzehnſousſtück fiel in das Waſſer; Coſette ſah es weder, noch hörte ſie es fallen. Sie zog den ge⸗ füllten Eimer zurück und ſetzte ihn in das Gras. Als ſie dies gethan hatte, bemerkte ſie, daß ſie vor Müdigkeit erſchöpft ſei. Gern wäre ſie ſogleich wieder fort⸗ gegangen, allein die Anſtrengung, den Eimer zu füllen, hatte ſie ſo ermüdet, daß ſie keinen Schritt zu thun vermochte. Sie war gezwungen, ſich niederzuſetzen. Sie ließ ſich auf das Gras gleiten, und blieb hier zuſammengekauert ſitzen. Sie ſchloß die Augen, und öffnete ſie dann wieder, ohne zu wiſſen, weshalb, aber auch ohne es unterlaſſen zu können. Neben ihr bildete das Waſſer in dem Eimer Kreiſe, welche Schlangen von weißem Feuer glichen. Ueber ihrem Kopfe war der Himmel bedeckt mit ge⸗ waltigen ſchwarzen Wolken. Die tragiſche Maske des Schattens ſchien ſich über dies Kind herab zu beugen. Jupiter ging in der Tiefe des Himmels unter. Das Kind betrachtete mit verwirrtem Blicke den großen Stern, den ſie nicht kannte, und der ihr Furcht einflößte. Der Planet war in der That in dieſem Augenblick dem Horizonte ſehr nahe, und durchſchnitt eine dichte Nebelſchicht, 129 die ihm eine furchterregende Röthe verlieh. Der roth ge⸗ färbte Nebel vergrößerte das Geſtirn. Man hätte glauben können, eine blutende Wunde zu erblicken. Ein eiskalter Wind blies von der Ebene herüber. Der Wald war finſter, ohne Rauſchen der Blätter, ohne den friſchen Schein des Sommers. Große Aeſte erhoben ſich drohend. Kleines mißgeſtaltetes Gebüſch ziſchte in den Lichtungen. Auf allen Seiten nichts als entſetzliche Finſter⸗ niß. Dies erregt Schwindel. Der Menſch bedarf des Lichts. Wer ſich in das Gegentheil des Tages vertieft, fühlt ſein Herz bedrückt. Wenn das Auge ſchwarz ſieht, wird der Geiſt beunruhigt. Niemand wird ſo leicht ohne ein leiſes Beben die finſtere Nacht eines Waldes durch⸗ ſchreiten. Ohne ſich daher Rechenſchaft von dem geben zu können, was ſie empfand, fühlte Coſette ſich durch die ſchwarze Ungeheuerlichkeit der Natur erfaßt. Es war nicht mehr der Schrecken, der ſich ihrer bemächtigte, ſondern etwas noch Entſetzlicheres, als der Schrecken ſelbſt. Sie erbebte, ihr Auge wurde irre, ſie glaubte zu fühlen, daß ſie ſich vielleicht nicht würde enthalten können am nächſten Tage zu derſelben Stunde an dieſen Ort zurückzukehren. Mit einer Art von Inſtinkt begann ſie jetzt, um ſich dem ſonderbaren Zuſtand zu entreißen, den ſie nicht begriff, der ſie aber mit Schauder erfüllte, laut zu zählen: Eins, zwei, drei, vier bis zehn; als ſie zu Ende war, fing ſie wieder von vorn an. Dadurch gewann ſie die Erkenntniß der wirklichen Dinge, welche ſie umgaben. Sie fühlte den Froſt an ihren Händen, die naß geworden waren, indem ſie das Waſſer ſchöpfte. Sie ſtand auf. Ihre Furcht war zurückgekehrt, eine natürliche und unbeſiegliche Furcht. Sie hatte nur noch einen Gedanken, den zu fliehen, zu entfliehen, ſo ſchnell ſie vermochte, durch den Wald, über das Feld bis zu Häuſern, bis zu Fenſtern, bis zu brennenden Lichtern. Ihr Blick fiel auf den Eimer, der neben ihr ſtand. Ihre Die Elenden. III. 9 130 Angſt vor der Thénardier war ſo groß, daß ſie nicht ohne den Eimer zu fliehen wagte. Sie ergriff den Henkel mit beiden Händen und nur mühſam hob ſie den Eimer auf. So machte ſie endlich ein Dutzend Schritte, aber der Eimer war voll, war ſchwer, und ſie mußte ihn wieder niederſetzen. Sie athmete einen Augenblick, hob dann den Henkel wieder auf und ging weiter, diesmal etwas längere Zeit, aber nochmals mußte ſie anhalten. Nach einigen Augenblicken der Ruhe brach ſie wieder auf. Sie ging vorn übergeneigt, den Kopf geſenkt, wie eine alte Frau; das Gewicht des Eimers drückte ihre magern Arme. Der eiſerne Henkel machte, daß ihre kleinen naſſen Hände vollends erſtarrten; von Zeit zu Zeit war ſie gezwungen, ſtehen zu bleiben, und ſo oft ſie dies that, ſpritzte das kalte Waſſer auf ihre nackten Füße. Dies Alles geſchah in dem Schoße eines Waldes, während der Nacht, im Winter, fern von jedem menſchlichen Blicke; Coſette war ein Kind von acht Jahren, nur Gott allein erblickte dies traurige Bild. Und ohne Zweifel auch ihre Mutter! Denn es giebt Dinge, welche den Todten ſelbſt in ihren Gräbern die Augen öffnen. Sie athmete mit einer Art ſchmerzhaften Röchelns; Schluchzen ſchnürte ihr die Kehle zuſammen, aber ſie wagte nicht, zu weinen, ſo ſehr fürchtete ſie ſelbſt in der Ferne die Thénardier. Es war ihre Gewohnheit, ſich die Thénardier ſtets gegenwärtig zu denken. Indeß konnte ſie auf ſolche Weiſe nicht ſchnell vor⸗ wärts kommen, und mußte ſehr langſam gehen. Mochte ſie immerhin die Dauer ihrer Haltepunkte verringern, und zwiſchen jedem ſo weit als möglich gehen, ſo mußte ſie doch voll Todesangſt daran denken, daß ſie mehr als eine Stunde bedürfen würde, um nach Montfermeil zurückzukehren, und daß die Thénardier ſie dann ſchlagen würde. Dieſe Angſt kam zu dem Schrecken, allein während der Nacht in dem Wald noch wohl letzten ſamn und die laut Eim die griff Kop Du ihr ſer Ei dn 131 Walde zu ſein. Sie war von Ermüdnng erſchöpft, und noch nicht aus dem Gehölz heraus. Zu einem alten ihr wohlbekannten Kaſtanienbaume gelangt, machte ſie einen letzten Halt, länger als die übrigen, ſich gehörig auszuruhen, ſammelte dann alle ihre Kräfte, nahm dann den Eimer und machte ſich muthig wieder auf den Weg. Indeß konnte die arme Kleine ſich in ihrer Verzweiflung nicht enthalten, laut zu rufen:„O mein Gott! O mein Gott!“ In dieſem Augenblicke fühlte ſie plötzlich, daß der Eimer ſein ganzes Gewicht verloren hatte. Eine Hand, die ihr von gewaltiger Kraft erſchien, hatte den Henkel er⸗ griffen und hob das Gefäß in die Höhe. Sie richtete den Kopf empor. Eine große ſchwarze Geſtalt ſchritt in der Dunkelheit neben ihr her. Es war ein Mann, der hinter ihr hergekommen war, und den ſie nicht gehört hatte. Die⸗ ſer Mann hatte, ohne ein Wort zu ſagen, den Henkel des Eimers ergriffen, den ſie trug. Es giebt für jedes Zuſammentreffen im Leben einen Inſtinkt. Das Kind empfand keine Furcht. VI. Welches den Verſtand Boulatruelle’s beweiſt. Am Nachmittage eben dieſes Weihnachtstages 1823 ging ein Menſch ziemlich lange auf den ödeſten Theil des Boulevard de l'Hopital in Paris auf und nieder. Dieſer 9* 132 Menſch ſchien eine Wohnung zu ſuchen und blieb vorzugs⸗ weiſe vor den beſcheidenſten Häuſern dieſes verfallenen Saumes der Vorſtadt St. Marceau ſtehen. Man wird ſpäter ſehen, daß dieſer Menſch in der That eine Stube in dieſem abgelegenen Quartier gemiethet hatte. Dieſer Menſch, den ſeine Kleidung, ſowie ſeine ganze Erſcheinung als einen Typus deſſen bezeichnete, was man den Bettler der guten Geſellſchaft nennen könnte, vereinigte die äußerſte Aermlichkeit mit der äußerſten Reinlichkeit. Dies iſt ein ziemlich ſeltenes Gemiſch, welches den verſtän⸗ digen Herzen die doppelte Achtung einflößt, welche man ver dem empfindet, der ſehr arm, und vor dem, der ſehr wür⸗ dig iſt. Er trug einen alten und abgebürſteten Hut, einen fadenſcheinigen Ueberrock von grobem gelbem Tuch, eine Farbe, die damals nichts auffallendes hatte, eine große Taſchenweſte von dem Schnitt des vergangenen Jahrhunderts, ſchwarze Beinkleider, die an den Knieen grau geworden waren, ſchwarze wollene Strümpfe und große Schuhe mit kupfernen Schnallen. Man hätte ihn für einen ehemialigen Hausbeamten eines guten Hauſes halten können, der aus der Emigration zurückgekehrt war. Seine weißen Haare, ſeine gefurchte Stirn, ſeine bleichen Lippen, ſein Geſicht, welches Niedergeſchlagenheit und Lebensüberdruß verriethen, ſchienen ein Alter von mehr als ſechzig Jahr zu verrathen. Sein feſter, wenn auch etwas langſamer Schritt, die außerordent⸗ liche Kraft, die ſich in allen ſeinen Bewegungen zeigte, gaben ihm kaum fünfzig. Die Runzeln ſeiner Stirn hatten eine Lage, welche jeden zu ſeinen Gunſten einnehmen mußte, der ſich die Mühe gegeben hätte, ihn aufmerkſam zu be⸗ trachten. Seine Lippen zogen ſich mit einer eignen Falte zuſammen, die ſtreng zu ſein ſchien, im Grunde aber demüthig war. In ſeinem Blicke lag etwas, das wir eine finſtere Heiterkeit nennen möchten. In der linken Hand — trug der Heck ſorg eine Es zu 133 trug er ein kleines, in ein Taſchentuch gewickeltes Päckchen; mit der Rechten ſtützte er ſich auf einen Stock, der aus einer Hecke geſchnitten zu ſein ſchien. Dieſer Stock war ziemlich ſorgfältig gearbeitet und ſah nicht allzuſchlecht aus! er hatte einen Knopf, der durch rothen Siegellack Korallen ergänzte. Es war ein tüchtiger Knüttel, der ein gewöhnlicher Stock zu ſein ſchien. Es gingen wenig Menſchen über dieſen Boulevard, be⸗ ſonders im Winter. Der Erwähnte ſchien ſie, ohne daß er es indeß auffallend that, eher zu vermeiden, als aufzu⸗ ſuchen. Um jene Zeit begab ſich der König Ludwig XVIII. beinahe täglich nach Choiſy⸗le⸗Roi. Es war eine ſeiner Lieblingsſpazierfahrten. Beinahe unwandelbar ſah man ge⸗ gen zwei Uhr ſeinen Wagen und die königliche Escorte in voller Carriere über den Boulevard de l'Hopital jagen. Dies diente den Armen des Viertels zur Uhr. Es iſt zwei Uhr, ſagten ſie; er kehrt nach den Tuilerien zurück. Die Einen eilten herbei, die Andern blieben ſtehen, denn ein König, der vorüberfährt, iſt immer ein Ereigniß. Uebrigens machte die Erſcheinung und das Verſchwinden Ludwigs XVIII. einen gewiſſen Eindruck in den Straßen von Paris. Es war flüchtig, aber majeſtätiſch. Dieſer ohnmächtige König liebte den Galopp; er konnte nicht gehen und wollte deshalb laufen. Dieſer Gichtlahme ließ ſich gern durch den Blitz fortführen. Ruhig und ſtreng fuhr er zwiſchen blanken Säbeln dahin. Seine ſchwerfällige Berline, ganz vergoldet, mit großen Lilienzweigen auf den Feldern, rollte lärmend dahin. Kaum gewann man Zeit, einen Blick darauf zu werfen. In der rechten Ecke des Fond auf weißen Atlaskiſſen ſah man ein volles, rundes, rothes Geſicht, einen friſch gepuderten Kopf, ein ſtolzes, hartes, liſtiges Auge, das Lächeln eines Gelehrten, zwei große Epaulettes auf einem Civilrocke, das goldene Vließ, das 134 Kreuz des heiligen Ludwig, das Kreuz der Ehrenlegion, den ſilbernen Stern des heiligen Geiſtordens, einen dicken Bauch und ein breites blaues Band. Das war der König. Außerhalb Paris hielt er ſeinen Hut mit weißen Federn auf den Knieen, die in hohe Gamaſchen eingepackt waren; kehrte er nach Paris zurück, ſo ſetzte er den Hut wieder auf den Kopf und grüßte wenig. Kalt ſah er das Volk an, und dieſes vergalt es auf gleiche Weiſe. Als er zum erſten Male in dem Viertel St. Marceau erſchien, war der ganze Erfolg, den er errang, die Aeußerung eines Vor⸗ ſtädters gegen ſeinen Kameraden:„der Dicke da, iſt die Regierung.“ Das unfehlbare Vorüberkommen des Königs zu der⸗ ſelben Stunde war daher das tägliche Ereigniß auf dem Boulevard de l'Hopital. Der Wanderer in dem gelben Ueberrock war offenbar nicht aus dem Stadtviertel, und wahrſcheinlich nicht einmal aus Paris, denn er kannte dieſen Umſtand nicht. Als um zwei Uhr der königliche Wagen, umgeben von einer Schwa⸗ dron von goldbetreſſter gardes du corps auf dem Boule⸗ vard einbog, nachdem er um die Salpétrière gekommen war, ſchien er überraſcht und beinahe erſchreckt zu ſein. Es war Niemand außer ihm in der Seitenallee, und er trat ſchnell hinter eine Ecke der Mauer, was indeß den Herzog von Havré nicht hinderte, ihn zu bemerken. Der Herzog von Havré ſaß als dienſtthuender Gardecapitain an dieſem Tage dem König gegenüber in dem Wagen. Er ſagte zu Sr. Majeſtät:„Das iſt ein ziemlich verdächtig ausſehender Menſch.“ Diener der Polizei, welche den Weg des Königs ſäuberten, bemerkten dies ebenfalls, und einer von ihnen erhielt den Befehl, dem Menſchen zu folgen. Aber dieſer vertiefte ſich in die kleinen einſamen Gäßchen der Vorſtadt und da es zu dämmern begann, verlor der Polizeimann ſeine Spur, wie dies aus einem Berichte hervorgeht, der 135 am Abend eben dieſes Tages an den Grafen Angles, Staatsminiſter und Polizeipräfect, gerichtet wurde. Als der Menſch in dem gelben Ueberrock dem Polizei⸗ agenten ausgewichen war, verdoppelte er ſeine Schritte, nicht ohne ſich öfters umzublicken, um ſich zu überzeugen, daß er nicht verfolgt würde. Um 4 ¼ Uhr, d. h. als es dunkel geworden war, ging er vor dem Theater der Porte St. Mar⸗ tin vorüber, in welchem an dieſem Tage„Die beiden Ga⸗ leerenſclaven“ gegeben wurden. Der Theaterzettel, den die Laternen des Theaters beleuchteten, fiel ihm auf, denn ob⸗ gleich er ſehr ſchnell ging, blieb er ſtehen, um ihn zu leſen. Einen Augenblick darauf trat er in die Sackgaſſe Planchette und ging hier in die Zinnerne Schüſſel hinein, in wel⸗ cher ſich damals das Bureau des Perſonenwagens nach Lagny befand. Dieſer Wagen fuhr um 4 ½ Uhr ab. Die Pferde waren bereits angeſpannt und die durch den Kutſcher auf⸗ gerufenen Reiſenden ſtiegen eilig die hohe eiſerne Treppe des Wagens hinauf. Der Menſch fragte: „Iſt noch ein Platz frei?“ „Ein einziger, neben mir auf dem Kutſcherſitz,“ ſagte der Kutſcher. „Ich nehme ihn.“ „Steigen Sie auf.“ Vor der Abfahrt indeß richtete der Kutſcher einen Blick auf die ärmliche Kleidung des Reiſenden, auf deſſen kleines Päckchen, und ließ ſich bezahlen. „Fahren Sie bis Lagny?“ fragte der Kutſcher. „Ja,“ entgegnete der Menſch. Der Reiſende bezahlte bis Lagny. Man fuhr ab. Als man die Barrière im Rücken hatte, verſuchte der Kutſcher, ein Geſpräch anzuknüpfen, allein der Reiſende antwortete nur einſilbig. Der Kutſcher pfiff darauf und fluchte auf ſeine Pferde. Der Kutſcher hüllte ſich in ſeinen Mantel. Es war kalt. Der Reiſende ſchien nicht daran zu denken. So fuhr man durch Gournay und Neuilly⸗ſur⸗Marne. Gegen 6 Uhr Abends war man in Chelles. Der Kutſcher hielt, um ſeine Pferde verſchnaufen zu laſſen, vor dem Ausſpannwirthshaus an, welches in den alten Gebäuden der königlichen Abtei ſich befand. „Ich ſteige hier ab,“ ſagte der Menſch. Er nahm ſein Päckchen und ſeinen Stock und ſprang von dem Wagen herunter. Einen Augenblick darauf war er verſchwunden. Er war nicht in das Wirthshaus eingetreten. Als nach einigen Minuten der Wagen nach Lagny wei⸗ ter fuhr, traf er ihn nicht in der großen Straße von Chelles. Der Kutſcher wendete ſich zu den Reiſenden im Innern des Wagens. „Das iſt ein Menſch,“ ſagte er,„der nicht von hier iſt, denn ich kenne ihn nicht. Er ſcheint keinen Sou zu haben und achtet dennoch nicht auf das Geld; er hat bis Lagny bezahlt und fuhr nur bis Chelles mit. Es iſt Nacht, alle Häuſer ſind geſchloſſen, er trat nicht in das Wirths⸗ haus ein und man findet ihn nicht wieder. Er iſt alſo in die Erde verſunken.“ Der Menſch war nicht in die Erde verſunken, allein er hatte in aller Eile in der Dunkelheit die große Straße von Chelles durchſchritten; dann war er links vor der Kirche auf den Seitenweg eingebogen, der nach Montfermeil führt, wie Jemand, der die Gegend kennt. Raſch verfolgte er dieſen Weg. An dem Orte, wo er durch die alte Straße durchſchnitten wird, die von Gagny nach Lagny führt, hörte er die Schritte einiger Menſchen. Er verbarg ſich raſch in einem Graben und wartete hier, bis die Leute vorübergegangen waren. Die Vorſicht war übri⸗ gens beinahe überflüſſig, denn wie bereits erwähnt, war dieſe Dezembernacht ſo dunkel, daß man kaum zwei oder drei Sterne am Himmel ſah. Hier beginnt der Hügel. Der Menſch betrat nicht den Weg nach Montfermeil, ſondern ging rechts über das Feld und erreichte mit großen Schritten den Wald. Als er in dem Holze war, verkürzte er ſeinen Schritt, betrachtete ſorgfältig alle Bäume, ging Schritt für Schritt vorwärts, als ob er einen geheimnißvollen Weg, der nur ihm allein bekannt war, ſuchte und verfolgte. Einen Augen⸗ blick ſchien er irre zu werden und blieb unentſchloſſen ſtehen. Endlich kam er zu einer Lichtung, auf welcher ein großer Haufen weißlicher Steine lag. Er ging raſch auf dieſe Steine zu und prüfte ſie trotz der Dunkelheit der Nacht mit großer Aufmerkſamkeit. Ein großer Baum ſtand einige Schritte von dem Steinhaufen entfernt. Er ging gerade auf dieſen Baum zu und ließ ſeine Hände über die Borke deſſelben gleiten; indem er die Knorren, mit denen der Stamm bedeckt war, zu erkennen ſuchte und zählte. Gegenüber von dieſem Baum, der eine Eſche war, ſtand ein alter kranker Kaſtanienbaum, um den man ein Zinkband gelegt hatte, wie um ihn zu verbinden. Er hob ſich auf die Spitzen der Füße und berührte das Zinkband. Dann trat er einige Zeit in dem Raume, zwiſchen dieſem Baume und den Steinen, ſtark auf den Boden, wie Jemand, der ſich überzeugen will, daß die Erde kürzlich nicht aufgewühlt worden iſt. Als dies geſchehen war, orientirte er ſich und ging dann wieder durch das Gehölz. Dieſer Menſch war es, der Coſette traf. Indem er in der Richtung von Montfermeil durch das Gebüſch ging, hatte er den kleinen Schatten bemerkt, der ſich ſeufzend vorwärts bewegte, eine Laſt auf den Boden ſtellte, ſie dann wieder aufnahm und ſeinen Weg fortſetzte. — 18. Er hatte ſich genähert und erkannt, daß es ein ganz kleines Mädchen ſei, belaſtet mit einem gewaltigen Waſſereimer. Darauf war er zu dem Kinde gegangen und hatte ſchwei⸗ gend den Henkel des Eimers gefaßt. VII. Coſette in der Dunkelheit an der Seite des Unbekannten. Coſette fürchtete ſich nicht, wie wir bereits erwähnten. Der Menſch redete ſie an. Er ſprach ernſt und leiſe. „Mein Kind,“ ſagte er,„was Du da trägſt, iſt für Dich zu ſchwer.“ Coſette erhob den Kopf und antwortete: „Ja, mein Herr.“ „Gieb,“ fuhr der Menſch fort,„ich will es Dir tragen.“ Coſette ließ den Eimer los. Der Menſch ging neben ihr her. „Er iſt in der That ſehr ſchwer,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Dann fügte er hinzu: „Kleine, wie alt biſt Du?“ „Acht Jahre.“ „Und wo kommſt Du ſo weit her?“ „Von der Quelle, die im Walde liegt.“ „Iſt es weit, bis wohin Du gehſt?“ „Eine Viertelſtunde von hier.“ Der Menſch ſchwieg einen Augenblick, und fragte dann raſch: grei kein Erd des heit R en von ei agte 139 „Du haſt alſo keine Mutter?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte das Kind. Ehe der Menſch Zeit hatte, das Wort wieder zu er⸗ greifen, fügte die Kleine hinzu: „Ich glaube nicht, die Andern haben eine, ich habe keine.“ Und nach einigem Schweigen nahm ſie wieder das Wort: „Ich glaube, ich habe nie eine Mutter gehabt.“ Der Menſch blieb ſtehen, ſetzte den Eimer auf die Erde, bückte ſich, legte ſeine beiden Hände auf die Schultern des Kindes, bemühte ſich, ſie anzuſehen und in der Dunkel⸗ heit ihr Geſicht zu erkennen. Das magere, kranke Geſicht Coſettens ſtach undeutlich gegen den hellen Schein des Himmels ab. „Wie heißeſt Du?“ ſagte der Menſch. „Coſette.“ Der Menſch ſchien wie einen elektriſchen Schlag zu empfinden. Er ſah Coſette wieder an, nahm dann die Hand von ihren Schultern, ergriff den Eimer und ging weiter. Nach einem Augenblick fragte er: „Kleine, wo wohnſt Du?“ „In Montfermeil, wenn Sie das kennen.“ „Gehen wir dahin?“ „Ja, mein Herr.“ Wieder entſtand eine Pauſe, dann fuhr er fort: „Wer hat Dich denn zu dieſer Stunde in den Wald geſchickt, Waſſer zu holen?“ „Madame Thénardier.“ Der Menſch entgegnete mit einer Stimme, die er gleichgültig zu erſcheinen bemüht war, die aber dennoch auf eine eigenthümliche Weiſe bebte: „Was iſt denn Deine Madame Thénardier?“ „Es iſt meine Herrin,“ ſagte das Kind.„Sie hält ein Wirthshaus.“ „Wirthshaus?“ ſagte der Menſch.„Nun gut, ich will dieſe Nacht dort wohnen.— Führe mich.“ „Wir ſind auf dem Wege dahin,“ ſagte das Kind. Der Menſch ging ziemlich raſch. Coſette folgte ihm ohne Mühe. Sie fühlte ſich nicht mehr ermüdet. Von Zeit zu Zeit erhob ſie gegen dieſen Menſchen ihre Augen mit einer unerklärlichen Ruhe und Hingebung. Nie hatte man ſie gelehrt, ſich an die Vorſehung zu wenden und zu beten. Dennoch fühlte ſie in ſich ein Etwas, das der Wahrheit und der Freude glich und zum Himmel aufſtrebte. Einige Minuten verfloſſen. Der Menſch nahm wieder das Wort. „Iſt denn keine Magd bei der Madame Thénardier.“ „Nein, mein Herr.“ „Du biſt allein da?“ „Ja, mein Herr.“ Wieder entſtand eine Pauſe. Dann ſagte Coſette: „Das heißt, es ſind noch zwei kleine Mädchen da.“ „Was für kleine Mädchen?“ „Ponine und Zelma.“ Das Kind vereinfachte auf dieſe Weiſe die der Thénar⸗ dier theuern romanhaften Namen. „Wer ſind dieſe Ponine und Zelma?“ „Das ſind die Fräuleins der Madame Thénardier, ſo viel wie ihre Töchter.“ „Und was machen die?“ „O,“ ſagte das Kind,„die haben ſchöne Puppen, Spielzeug, woran Gold iſt, eine Menge Geſchichten. Sie ſpielen, ſie unterhalten ſich.“ „Den ganzen Tag?“ „Ja, mein Herr.“ „Und Du?“ „Ich arbeite.“ „Den ganzen Tag?“ Thr und mnan will nar⸗ 141 Das Kind erhob ihre großen Augen, in denen eine Thräne ſchwamm, die man der Dunkelheit wegen nicht ſah, und antwortete ſanft: „Ja, mein Herr.“ Nach einem abermaligen Schweigen fuhr ſie fort: „Zuweilen wenn ich mit der Arbeit fertig bin, und man es mir erlaubt, ſpiele ich auch.“ „Wie das?“ „Wie ich kann. Man läßt mich gewähren. Aber ich habe nicht viel Spielzeug. Ponine und Zelma wollen nicht, daß ich mit ihren Puppen ſpielen darf. Ich habe nichts weiter als einen kleinen bleiernen Säbel, nicht länger als ſo.“ Das Kind zeigte auf ſeinen kleinen Finger. „Und der nicht ſchneidet?“ „O doch, mein Herr,“ ſagte das Kind,„er ſchneidet Salat und Fliegenköpfe.“ Sie erreichten das Dorf. Coſette führte den Fremden durch die Straßen. Sie gingen bei dem Bäcker vorüber, aber Coſette dachte nicht an das Brod, das ſie mitbringen ſollte, der Menſch hatte aufgehört, ſie zu fragen und be⸗ obachtete jetzt ein tiefes Schweigen. Als ſie die Kirche hinter ſich gelaſſen hatten, und der Menſch alle die Buden ſah, fragte er Coſetten: „Iſt denn hier Jahrmarkt?“ „Nein, mein Herr; es iſt Weihnachtsmarkt.“ Als ſie ſich dem Wirthshaus näherten, berührte Co⸗ ſette ſchüchtern ſeinen Arm und ſagte: „Mein Herr!“ „ Was mein Kind?“ „Wir ſind ganz nahe bei dem Hauſe.“ „Nun?“ „Wollen Sie mich jetzt den Eimer wieder nehmen laſſen?“ 142 „Weshalb?“ „Wenn Madame ſieht, daß ich ihn mir habe tragen laſſen, ſchlägt ſie mich.“ Der Menſch übergab ihr den Eimer. Einen Augen⸗ blick darauf waren ſie an der Thür der Schenke. VIII. Unannehmlichkeit, bei ſich einen Armen aufzunehmen, der vielleicht reich iſt. Coſette konnte ſich nicht enthalten, einen Seitenblick auf die große Puppe zu richten, die noch immer bei dem Spielzeugkrämer prangte; dann klopfte ſie an. Die Thür öffnete ſich. Die Thénardier erſchien mit einem Lichte in der Hand. „Ach, Du biſt es, kleine Schelmin! Gott ſei Dank, Du haſt Dir Zeit gelaſſen: Sie wird ſich gut unterhalten haben, die Range!“ „Madame,“ ſagte Coſette zitternd,„hier iſt ein Herr, der die Nacht bei uns wohnen will.“ Die Thénardier erſetzte raſch ihre mürriſche Miene durch eine liebenswürdige Grimaſſe, eine plötzliche Umwand⸗ lung, die den Gaſtwirthen eigen iſt, und ſah begierig nach dem Fremden. „Iſt das der Herr?“ fragte ſie. „Ja, Madame,“ entgegnete der Mann, indem er die Hand an den Hut legte. gen gen⸗ die 143 Reiche Reiſende ſind nicht ſo höflich. Dieſe Bewegung und die Beſichtigung der Kleidung und des Gepäckes des Fremden, den die Thénardier mit einem Blicke die Revue paſſiren ließ, machten, daß die liebenswürdige Grimaſſe verſchwand, und die mürriſche Miene wieder erſchien. Sie entgegnete trocken: „Treten Sie ein, mein Guter.“ Der„Gute“ trat ein. Die Thénardier richtete einen zweiten Blick auf ihn, prüfte beſonders den Ueberrock, der durchaus fadenſcheinig war, und den etwas eingedrückten Hut, und befragte durch ein Zurückwerfen des Kopfes, ein Runzeln der Naſe und ein Blinzeln der Augen ihren Mann, der noch immer mit den Krämern trank. Der Mann ant⸗ wortete durch die unmerkliche Bewegung des Zeigefingers, der auf die aufgeblaſenen Lippen gelegt in einem ſolchen Falle bedeutet: Vollkommene Armuth. Darauf rief die Thénardier: „Ach mein guter Mann, es thut mir ſehr leid, aber ich habe keinen Platz mehr.“ „Stecken Sie mich, wohin Sie wollen,“ ſagte der Menſch,„auf den Boden, in den Stall. Ich zahle, als ob ich eine Stube hätte.“ „Vierzig Sous.“ „Vierzig Sous, Gut.“ „Vierzig Sous!“ ſagte einer der Krämer leiſe zu der Thénardier;„es koſtet ja nur zwanzig.“ „Für ihn ſind es vierzig,“ entgegnete die Thénardier in demſelben Tone.„Arme nehme ich nicht wohlfeiler auf.“ „Das iſt wahr,“ fügte der Mann voll Sanftmuth hinzu;„es verdirbt den guten Ruf eines Hauſes, ſolche Leute aufzunehmen.“ Indeß hatte ſich der Menſch, nachdem er ſein Päckchen und ſeinen Stock auf eine Bank gelegt hatte, an einen 144 Tiſch geſetzt, auf welchen Coſette ſich beeilte eine Flaſche Wein und ein Glas zu ſtellen. Der Krämer, der das Waſſer verlangt hatte, trug es ſelbſt ſeinem Pferde hin. Coſette nahm ihren Platz unter dem Küchentiſch wieder ein und ſtrickte. Der Menſch, der ſeine Lippen kaum mit dem Glaſe Wein, das er ſich einſchenkte, benetzt hatte, betrachtete das Kind mit auffallender Aufmerkſamkeit. Coſette war häßlich. Im Glücke würde ſie vielleicht hübſch geweſen ſein. Wir haben ſchon dieſes kleine finſtere Geſicht geſchildert. Coſette war mager und bleich; ſie war acht Jahr alt, aber man hätte ihr kaum ſechs gegeben. Ihre großen tiefliegenden Augen waren durch vieles Weinen bei⸗ nahe erloſchen. Ihre Mundwinkel hatten jene Biegung fort⸗ währenden Leidens, die man bei den Verurtheilten und den hoffnungslos Kranken bemerkt. Ihre Hände waren, wie ihre Mutter es errathen hatte, durch Froſt verdorben. Das Feuer, von dem ſie in dieſem Augenblick beſchienen wurde, machte, daß die Ecken ihrer Knochen hervorſprangen, und daß ihre Magerkeit auf entſetzliche Weiſe ſichtbar wurde. Da ſie beſtändig vor Froſt klapperte, hatte ſie die Gewohn⸗ heit angenommen, ihre Kniee feſt aneinander zu drücken. Ihre ganze Kleidung beſtand aus Lumpen, die im Sommer Mitleid erregt haben würden, im Winter aber entſetzten. Sie hatte nichts auf dem Leibe, als durchlöcherte Leinwand; keinen Fetzen Wolle. Hier und dort ſah man ihre Haut aus den Lumpen hervortreten, und überall bemerkte man darauf blaue oder ſchwarze Flecken, welche die Orte bezeich⸗ neten, an denen die Thenardier ſie berührt hatte. Ihre nackten Füße waren roth und lang. Die Gruben über ihren Schlüſſelbeinen konnten Thränen erpreſſen. Die ganze Ge⸗ ſtalt dieſes Kindes, ihre Haltung, ihr Weſen, der Ton ihrer Stimme, die Pauſen zwiſchen einem und dem andern Worte, ſche Jes nter glaſe das eicht ſtere war Ihre bei⸗ forr⸗ den wie Das urde, und urde. vohn⸗ ücken. mmer ttzten. vand; Haut man gzeic⸗ Ihee ihren Ge⸗ ihrer Vorte, 145 ihr Blick, ihr Schweigen, ihre geringſte Bewegung drückten nur einen Gedanken aus: die Furcht. 1 Die Furcht war über ſie ergoſſen; ſie war ſo zu ſagen damit bedeckt; die Furcht zog ihr die Ellenbogen gegen die Hüften, die Hacken unter das Kleid; die Furcht machte, daß ſie ſo wenig Platz als möglich einnahm, und nur ſo viel als unerläßlich nöthig athmete; ſie war gewiſſermaßen die Ge⸗ wohnheit ihres Körpers geworden. In ihrem Augapfel lag ein Winkel, im welchem das Entſetzen ruhte. Dieſe Furcht war ſo groß, daß Coſette, welche ganz durchnäßt nach Hauſe gekommen war, nicht gewagt hatte, ſich an dem Feuer zu trocknen, ſondern ſich ſchweigend an ihre Arbeit ſetzte. Der Ausdruck der Furcht dieſes achtjährigen Kindes war für gewöhnlich ſo finſter, und zuweilen ſo tragiſch, daß es in gewiſſen Augenblicken ſchien, ſie ſei auf dem Punkte, wahnſinnig oder ein Dämon zu werden. Nie, wir ſagten es bereits, hatte ſie gewußt, was es heißt, zu beten; nie hatte ſie den Fuß in eine Kirche ge⸗ ſetzt.—„Habe ich dazu die Zeit?“ ſagte die Thénardier. Der Menſch in dem gelben Ueberrock wendete kein Auge von Coſette ab. Plötzlich rief die Thénardier: „Apropos! das Brod?“ Coſette kam raſch unter dem Tiſch hervor, wie dies ihre Gewohnheit war, ſo oft die Thénardier die Stimme erhob. Sie hatte das Brod durchaus vergeſſen. Sie griff zu dem Auskunftsmittel der Kinder, die beſtändig Furcht haben: ſie log. „Madame, der Bäcker hatte zu.“ „Du hätteſt klopfen ſollen.“ „Ich habe geklopft.“ „Nun?“ Die Elenden. III. 10 146 „Er hat nicht geöffnet.“ „SIch werde morgen erfahren, ob das wahr iſt,“ ſagte die Thénardier,„und wenn Du lügſt, ſo ſollſt Du einen ſchönen Tanz haben.“ Coſette ſenkte die Hand in die Taſche ihrer Schürze, und erblaßte gänzlich. Das Geldſtück war nicht mehr in der Taſche. „Nun,“ rief die Thénardier:„Haſt Du mich gehört?“ Coſette wendete die Taſche um, es war nichts darin. Was konnte aus dem Gelde geworden ſein? Die unglück⸗ liche Kleine fand kein Wort. Sie war wie verſteinert. „Haſt Du das Fünfzehnſousſtück verloren?“ kreiſchte die Thénardier.„Oder willſt Du es mir ſtehlen?“ Zugleich ſtreckte ſie die Hand nach dem hölzernen Hammer aus, der in der Ecke neben dem Kamin hing. Dieſe furchtbare Bewegung gab Coſette die Kraft, zu ſchreien. „Gnade, Madame! Gnade! Ich will es nicht wieder thun.“ Die Thénardier nahm den Hammer herunter. Indeß hatte der Menſch in dem gelben Ueberrock in die Taſche ſeiner Weſte gegriffen, ohne daß dieſe Bewegung bemerkt worden war. Ueberdies tranken die andern Reiſenden, oder ſpielten Karten und achteten auf nichts. Coſette drückte ſich ängſtlich in die Ecke des Kamins und ſuchte ihre armen halbnackten Glieder zu ſichern. Die Thénardier erhob den Arm. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte der Menſch,„aber ich habe ſo eben etwas geſehen, was aus der Schürzentaſche der Kleinen fiel. Vielleicht iſt es das Geld geweſen.“ Dabei bückte er ſich und ſchien einen Augenblick auf der Erde zu ſuchen.. „Richtig, hier iſt es,“ ſagte er, indem er ſich wieder aufrichtete. 147 Er reichte der Thénardier ein Geldſtück. „Ja,“ ſagte ſie,„das iſt es.“ Das war es nicht, denn es war ein Zwanzigſousſtück, aber die Thénardier fand dabei ihren Vortheil. Sie ſteckte das Geldſtück in die Taſche, und begnügte ſich, dem Kinde einen wilden Blick zuzuwerfen, indem ſie ſagte:„daß das nicht wieder geſchieht!“ Coſette kehrte in„ihre Stube“ zurück, wie die Thé⸗ nardier den Winkel unter dem Tiſch nannte, und ihr großes Auge, das ſich auf den unbekannten Fremden richtete, nahm einen Ausdruck an, den es noch nie zuvor gehabt hatte. Noch war es nur ein unbefangenes Staunen, aber es miſchte ſich darin eine Art von Vertrauen. „Wie iſt es, wollen Sie zu Abend eſſen?“ fragte die Thénardier den Reiſenden. Er antwortete nicht. Er ſchien tief nachzudenken. „Was iſt denn das nur für ein Menſch?“ brummte ſie zwiſchen den Zähnen.„Er iſt entſetzlich arm. Er hat keinen Sou zum Eſſen. Wird er mir das Nachtquartier bezahlen? Es war indeſſen ein Glück, daß er nicht auf den Gedanken kam, das Geld zu ſtehlen, das am Boden lag. Indeß hatte ſich die Thür geöffnet und Eponine und Azelma waren eingetreten. Es waren wirklich zwei hübſche kleine Mädchen, mehr ſtädtiſch als bäueriſch gekleidet, ſehr lieblich; die eine mit glänzendem, kaſtanienbraunem Haar, die andere mit langen ſchwarzen Flechten, die auf ihren Rücken herabfielen, beide lebendig, reinlich, wohlgenährt, friſch und geſund, ſo daß ſie das Auge erfreuten. Sie waren warm gelleidet, aber mit einer ſolchen mütterlichen Kunſt, daß der dicke Stoff der Coquetterie des Anzugs keinen Eintrag that. Der Winter war vorausgeſehen, ohne daß der Frühling ver⸗ wiſcht war. Dieſe beiden Kleinen ſtrömten Licht aus. Außerdem waren ſie Gebieterinnen. In ihrem Anzuge, in 10* — 145 ihrer Luſtigkeit, in dem Lärm, den ſie machten, lag Herr⸗ ſchaft. Als ſie eintraten, ſagte die Thénardier mit dem Tone des Vorwurfs, bei welchem die Bewunderung durch⸗ klang:„Seid ihr endlich da?!“ Dann zog ſie eine nach der andern auf ihren Schooß, ſtrich ihnen die Haare glatt, band die Schleifen feſt, und ließ ſie dann mit jener eigenthümlichen Art der Mütter von ſich, indem ſie rief: „Sind die aufgeputzt!“ Sie ſetzten ſich an die Ecke zum Feuer. Sie hatten eine Puppe, welche ſie mit heiterem Weſen auf ihrem Schooß tanzen ließen. Von Zeit zu Zeit erhob Coſette ihre Augen von dem Strickzeuge und ſah mit finſterem Weſen auf ihr Spiel. Eponine und Azelma blickten Coſette nicht an; ſe war für ſie wie der Hund. Die drei kleinen Mädchen waren zuſammen nicht vier und zwanzig Jahre alt, und ſtellten doch ſchon die ganze menſchliche Geſellſchaft dar: auf der einen Seite der Neid, auf der andern die Geringſchätzung. Die Puppe der Schweſtern Thénardier war ſehr ver⸗ blichen, ſehr alt und ganz zerriſſen, allein ſie ſchien dennoch bewundernswürdig für Coſette, die in ihrem Leben noch nie eine Puppe gehabt hatte, eine wirklich Puppe, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, den alle Kinder verſtehen werden. Plötzlich bemerkte die Thénardier, welche in dem Saale hin und her ging, daß Coſette zerſtreut war, und ſtatt zu arbeiten, ſich mit den ſpielenden Kleinen beſchäftigte. „Habe ich Dich!“ rief ſie.„So arbeiteſt Du alſo? Warte, ich werde Dich mit Hammerſchlägen zur Arbeit treiben!“ Der Fremde wendete ſich gegen die Thénardier, ohne ſeinen Stuhl zu verlaſſen. —— u „Madame“, ſagte er mit beinahe ängſtlichem Weſen, „laſſen Sie ſie doch ſpielen.“ Von jedem Fremden, der zu ſeinem Abendeſſen eine Schöpskeule gegeſſen und zwei Flaſchen Wein getrunken, und nicht wie ein armer Schlucker ausgeſehen hätte, würde ein ſolcher Wunſch ein Befehl geweſen ſein. Allein, daß ein Menſch, der einen ſolchen Hut trug, ſich erlaubte, einen Wunſch zu äußern, daß ein Menſch, der einen ſolchen Ueber⸗ rock an hatte, ſich geſtattete, einen Willen zu äußern, glaubte die Thénardier nicht dulden zu dürfen. Sie antwortete daher ſcharf: „Sie muß arbeiten, denn ſie ißt. Ich füttere ſie nicht, um nichts zu thun.“ „Was macht ſie denn?“ entgegnete der Fremde mit jener ſanften Stimme, die ſo auffallend gegen ſeine Kleider eines Bettlers und gegen ſeine Schultern eines Laſtträgers abſtach. Die Thénardier würdigte ihn der Antwort: „Strümpfe, wenn Sie erlauben. Strümpfe für meine kleinen Töchter, die keine haben, und die ſonſt bald barfuß gehen müßten.“ Der Menſch betrachtete die armen rothen nackten Füße Coſettens und fuhr fort: „Wann wird ſie denn das Paar Strümpfe fertig haben?“ „Sie hat wenigſtens noch drei bis vier Dage daran zu arbeiten, die Faulenzerin.“ „Und wie viel kann das Paar Strümpfe werth ſein, wenn es fertig iſt?“ Die Thenardier ſchleuderte ihm einen verächtlichen Blick zu. „Wenigſtens dreißig Sous.“ „Würden Sie ſie für fünf Francs laſſen?“ entgegnete der Mann. „Par dieu!“ rief mit lantem Gelächter ein Kärrner, 150 der zuhörte.„Fünf Francs! Ich glaube das zum Henker wohl, fünf Räder!“ Thénardier glaubte, das Wort ergreifen zu müſſen. „Ja, mein Herr, wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſo wird man Ihnen das Paar Strümpfe für fünf Francs geben. Wir vermögen den Reiſenden Nichts abzuſchlagen.“ „Sie müßten ſogleich bezahlt werden,“ ſagte die Thé⸗ nardier mit ihrem kurzen gebieteriſchen Weſen. „Ich kaufe dieſes Paar Strümpfe,“ entgegnete der Menſch,„und,“ fügte er hinzu, indem er aus der Taſche ein Fünffrancsſtück nahm und es auf den Tiſch legte,„ich bezahle es.“ Dann wendete er ſich zu Coſette. „Jetzt, mein Kind,“ ſagte er,„gehört Deine Arbeit mir. Spiele nun.“ Der Kärrner war ſo gerührt über das Fünffrancsſtück, daß er ſein Glas ſtehen ließ und herbeieilte. „Es iſt wirklich wahr,“ rief er, das Geldſtück betrach⸗ tend,„ein wahres Hinterrad. Und nicht falſch!“ Thénardier trat hinzu und ſteckte ſchweigend das Geld⸗ ſtück in die Taſche. Die Thénardier hatte nichts einzureden. Sie biß ſich auf die Lippen und ihr Geſicht nahm den Aus⸗ druck des Haſſes an. Indeß zitterte Coſette. Sie wagte die Frage: „Madame, iſt es wirklich wahr? Darf ich ſpielen?“ „Spiele!“ ſagte die Thénardier mit fürchterlicher Stimme. „Ich danke, Madame,“ ſagte Coſette. Und während ihr Mund der Thénardier dankte, ſtrömte ihre ganze kleine Seele in Dank gegen den Reiſenden über.. Thénardier machte ſich wieder an das Trinken. Seine Frau ſagte ihm in das Ohr: „Was kann denn dieſer gelbe Menſch ſein?“ ͤy— enker cer mte den eine 151 „Ich habe Millionäre geſehen, die ſolche Röcke trugen,“ entgegnete mit großer Ueberlegenheit Thénardier. Coſette hatte ihr Strickzeug fortgelegt, aber ihren Platz nicht verlaſſen. Sie rührte ſich immer ſo wenig als mög⸗ lich. Aus einem kleinen Käſtchen, welches hinter ihr ſtand, hatte ſie einige Lumpen und ihren kleinen bleiernen Säbel genommen. Eponine und Azelma achteten nicht auf das, was vor⸗ ging. Sie hatten ſoeben eine ſehr wichtige Operation voll⸗ bracht. Sie hatten ſich der Katze bemächtigt. Sie hatten die Puppe weggeworfen, und Eponine, welche die ältere war, putzte das kleine Kätzchen trotz ihres Miauens und ihres Sträubens mit einer Menge rother und gelber Lappen aus. Während ſie dieſe wichtige und ſchwierige Arbeit vollbrachte, ſagte ſie zu ihrer Schweſter mit jenem ſanften, lieblichen Tone, deſſen Anmuth den Kindern eigenthümlich iſt, die da⸗ rin dem Glanze der Schmetterlinge gleichen: „Siehſt Du, Schweſter, dieſe Puppe iſt viel unterhal⸗ tender wie die andere. Sie rührt ſich, ſie ſchreit, ſie iſt warm. Siehſt Du, Schweſter, laß uns mit ihr ſpielen. Es ſoll mein kleines Töchterchen ſein. Ich bin eine Dame. Ich beſuche Dich und Du ſiehſt ſie an. Nach und nach wirſt Du ihren Schnurrbart bemerken und Dich darüber wundern. Dann ſiehſt Du ihre Ohren, dann ihren Schwanz und wunderſt Dich über das Alles. Und Du ſagſt mir dann: Ach mein Gott! und ich ſage Dir: Ja, Madame, es iſt ein kleines Mädchen. Die kleinen Mädchen ſind jetzt ſo.“ Azelma hörte voll Bewunderung auf Eponine. Indeß hatten die Trinker ein obſcönes Lied angeſtimmt, über welches ſie lachten, daß die Decke zitterte. Thénardier feuerte ſie an und begleitete ſie. Wie die Vögel aus Allem ein Neſt bauen, machen die Kinder ſich aus Allem eine Puppe. Während Eponine und Azelma die Katze anputzten, hatte Coſette ihrerſeits den Sä⸗ 152 bel angeputzt. Dann legte ſie ihn auf den Arm und ſang leiſe, um ihn einzuſchläfern. Die Puppe iſt eins der gebieteriſchſten Bedürfniſſe, und zugleich einer der lieblichſten Inſtinkte der weiblichen Kind⸗ heit. Pflegen, kleiden, unterrichten, etwas auszanken, wie⸗ gen, einſchläfern, ſich etwas und Jemand vorſtellen— darin liegt die ganze Zukunft des Weibes. Träumend und ſpie⸗ lend, kleine Kinderſachen, kleine Kleiderchen, kleine Leibchen nähend, wird das Kind zum jungen Mädchen, das junge Mädchen zum erwachſenen, das erwachſene zur Frau. Das erſte Kind iſt eine Fortſetzung der letzten Puppe. Ein kleines Mädchen ohne Puppe iſt beinahe ebenſo un⸗ glücklich und ganz ebenſo unmöglich, wie eine Frau ohne Kinder. Coſette hatte ſich alſo eine Puppe mit ihrem Säbel gemacht. Die Thénardier näherte ſich dem gelben Menſchen. „Mein Mann hat Recht,“ dachte ſie,„es iſt vielleicht Herr Laffitte. Es giebt ſolche reiche Poſſenreißer.“ Sie ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch. „Mein Herr,“ ſagte ſie— Bei den Worten„mein Herr“ wendete der Menſch ſich um. Die Thénardier hatte ihn bisher nur noch„mein Gu⸗ ter“ genannt. „Sehen Sie, mein Herr,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihr ſüßliches Weſen annahm, das noch widerlicher war, als ihr wildes;„ich will wohl, daß das Kind ſpielt und widerſetze mich dem nicht, doch das iſt nur für einmal gut, denn Sie ſind großmüthig. Sehen Sie wohl, das Ding hat nichts. Es muß wohl arbeiten.“ „Dies Kind gehört alſo nicht Ihnen?“ „O mein Gott, nein, mein lieber Herr! ſie iſt ein ar⸗ mes Mädchen, das wir ſo aus Barmherzigkeit angenommen haben, eine Art einfältiges Kind. Sie muß Waſſer im — nen 153 Kopfe haben. Sie hat einen dicken Kopf, wie Sie wohl ſehen. Wir thun für ſie, was wir können, denn wir ſind nicht reich. Wir mögen in ihre Heimath ſchreiben, ſo viel wir wollen, ſeit ſechs Monaten antwortet man uns nicht mehr. Man muß glauben, daß ihre Mutter geſtorben iſt.“ „So!“ ſagte der Mann und verſank wieder in ſeine Träumerei. „Dieſe Mutter war nicht weit her,“ fügte die Thénar⸗ dier hinzu.„Sie ließ ihr Kind im Stich.“ Während dieſer ganzen Unterredung wendete Coſette, der ein Inſtinkt zu ſagen ſchien, daß man von ihr ſprach, die Augen nicht von der Thénardier ab. Sie hörte undeut⸗ lich und verſtand hier und dort einige Worte. Indeß wiederholten die Trinker, die ſämmtlich drei Viertel betrunken waren, ihr ſchmutziges Lied mit einer ver⸗ doppelten Luſtigkeit. Die Thénardier nahm ihren Antheil an den Ausbrüchen des Gelächters. Coſette ſah unter dem Tiſch in das Feuer, welches ſich aus ihren ſtarren Augen wiederſpiegelte. Sie wiegte ihr Wickelkind wieder auf dem Arme und ſang dabei ganz leiſe:„Meine Mutter iſt todt! meine Mutter iſt todt! meine Mutter iſt todt!“ Auf neues Drängen der Wirthin willigte der gelbe Menſch,„der Millionär“, endlich ein, zu Abend zu eſſen. „Was beliebt dem Herrn?“ „Brod und Käſe,“ ſagte der Menſch. „Er iſt ganz gewiß ein Lump,“ dachte die Thénardier. Die Betrunkenen ſangen fortwährend ihr Lied, und das Kind unter dem Tiſche ſang das ihrige. Plötzlich unterbrach ſich Coſette. Sie hatte ſich umge⸗ wendet und bemerkte die Puppe, welche die kleinen Thénar⸗ dier's der Katze wegen weggeworfen hatten und die einige Schritte von dem Küchentiſch entfernt am Boden lag. Sie ließ nun ihren eingewickelten Säbel, der ihr nur halb genügte, fallen und dann die Augen langſam im Saale 154 umherſchweifen. Die Thénardier ſprach leiſe mit ihrem Mann und zählte Geld. Ponine und Zelma ſpielten mit der Katze, die Reiſenden aßen oder tranken oder ſangen, keiner hatte einen Blick auf ſie gerichtet. Sie durfte keinen Augenblick verlieren. Sie kam auf den Händen und Füßen kriechend unter dem Tiſch hervor, überzeugte ſich noch ein⸗ mal, daß Niemand auf ſie achtete, glitt dann raſch bis zu der Puppe hin und ergriff ſie. Einen Augenblick darauf ſaß ſie wieder an ihrem Platze, regungslos und ſo gewen⸗ det, daß der Schatten auf die Puppe fiel, die ſie in den Armen hielt. Das Glück, mit einer Puppe ſpielen zu kön⸗ nen, war ſo ſelten für ſie, daß ſie darüber die Wohlthat einer Wolluſt genoß. Niemand hatte ſie geſehen, ausgenommen der Reiſende, der langſam ſein ärmliches Abendeſſen verzehrte. Dieſe Freude dauerte beinahe eine Viertelſtunde. Aber ſo vorſichtig ſich Coſette auch benahm, bemerkte ſie doch nicht, daß eins von den Beinen der Puppe hervor⸗ kam, und von dem Feuer des Heerdes hell beleuchtet wurde. Dieſer roſige Fuß, der aus der Dunkelheit ſchimmerte, zog plötzlich den Blick Azelma's auf ſich, und dieſe ſagte zu Eponine:„Sieh, Schweſter!“ Die beiden kleinen Mädchen waren ganz erſtarrt vor Verwunderung. Coſette hatte es gewagt, ihre Puppe zu nehmen.— Eponine ſtand auf, und ohne die Katze loszulaſſen, ging ſie zu ihrer Mutter und zupfte ſie am Rocke. „So laß mich doch,“ ſagte die Mutter.„Was willſt Du denn?“ „Mutter,“ ſagte das Kind,„ſieh doch!“ Dabei zeigte es mit dem Finger auf Coſette. Coſette, die ganz dem Entzücken über den Beſitz hin⸗ gegeben war, ſah und hörte nichts mehr. Das Geſicht der Thénardier nahm jenen eigenthüm⸗ G ſic hin⸗ 155 lichen Ausdruck an, der furchtbar ohne irgend eine Bei⸗ miſchung iſt und der Weibern ihrer Art den Namen Megäre zugezogen hat. Diesmal ſteigerte der verletzte Stolz noch ihren Zorn. Coſette hatte jeden Unterſchied vergeſſen, hatte es gewagt, die Puppe der„Fräuleins“ zu berühren.— Eine Czaarin, welche einen Muſchick das große blaue Band ihres kaiſer⸗ lichen Sohnes hätte umhängen ſehen, würde kaum ein an⸗ deres Geſicht gemacht haben. Sie ſchrie mit einer Stimme, welche der Unwille heiſer machte: „Coſette!“ Coſette erbebte, als hätte die Erde unter ihr gezittert. Sie wendete ſich um. „Coſette!“ wiederholte die Thénardier. Coſette nahm die Puppe und legte ſie leiſe auf den Boden mit einer Art von Verehrung, in welche ſich Ver⸗ zweiflung miſchte. Ohne ſie mit den Augen zu verlaſſen, faltete ſie dann die Hände, und, was bei einem Kinde ihres Alters beinahe entſetzlich iſt— ſie rang die Hände. Was keine von den Aufregungen des Tages vermocht hatte, weder der Gang in den finſtern Wald, noch die Schwere des Waſſereimers, noch der Verluſt des Geldes, noch der An⸗ blick des hölzernen Hammers, noch ſelbſt die zornigen Worte der Thénardier— das geſchah jetzt:— ſie weinte. Sie brach in heftiges Schluchzen aus. Indeß war der Reiſende aufgeſtanden. „Was giebt es denn?“ ſagte er zu der Thénardier. „Sehen Sie denn nicht?“ ſagte die Thénardier, indem ſie mit dem Finger auf das corpus delicti zeigte, welches zu den Füßen Coſettens lag. „Nun, was denn?“ entgegnete der Mann. „Dieſe Schelmin,“ erwiederte die Thénardier,„hat ſich erlaubt, die Puppe der Kinder anzurühren.“ „Darum all der Lärm?“ ſagte der Mann.—„Nun, wenn ſie auch mit der Puppe ſpielt? „Sie hat ſie mit ihren ſchmutzigen Händen angefaßt,“ fuhr die Thénardier fort,„mit ihren entſetzlichen abſcheu⸗ lichen Händen!“ Hier verdoppelte Coſette ihr Schluchzen. „Wirſt Du ſchweigen?“ ſchrie die Thénardier. Der Mann ging gerade auf die Straßenthür zu, öffnete ſie und trat hinaus. Sobald er fort war, benutzte die Thénardier ſeine Ab⸗ weſenheit, um unter dem Tiſche Coſette einen Fußtritt zu verſetzen, über den das Kind lautes Geſchrei ausſtieß. Die Thür öffnete ſich wieder, der Mann kehrte zurück und trug mit beiden Händen die fabelhafte Puppe, deren wir weiter oben erwähnten und welche alle Kinder des Dorfes ſeit dem Morgen voll Bewunderung betrachteten. Er ſtellte ſie vor Coſette hin und ſagte: „Da nimm; die iſt für Dich.“ Man muß glauben, daß er ſeit länger als einer Stunde, die er hier zubrachte, mitten in ſeinen Träumereien die Spielwaarenbude bemerkt hatte, die mit Lampen und Lich⸗ tern beleuchtet war und glänzend wie eine Illumination durch die Scheiben der Schenke ſchimmerte. Coſette erhob die Augen; ſie hatte den Menſchen mit dieſer Puppe auf ſich zukommen ſehen, wie wenn er die Sonne wäre, und hörte die unglaublichen Worte: die iſt für Dich!— Sie ſah ihn, ſah die Puppe an, wich dann langſam zurück und verbarg ſich endlich unter dem Tiſche in der äußerſten Ecke. Sie weinte nicht mehr, ſie ſchrie nicht mehr. es ſchien als wagte ſie nicht mehr zu athmen. Die Thénardier, Eponine und Azelrna waren in Bild⸗ ſäulen verwandelt. Selbſt die Trinker waren erſtarrt. Es war eine feierliche Stille in der ganzen Schente entſtanden. — Nun, faßt,“ ſcheu⸗ 157 Die Thénardier, welche erſtarrt und ſtumm war, fuhr fort in ihren Conjecturen: wer iſt dieſer Alte? Iſt er arm? iſt er ein Millionär? Vielleicht beides zuſammen, das heißt ein Spitzbube. Das Geſicht der Thénardier zeigte jeue ausdrucksvolle Runzel, welche das menſchliche Geſicht jedesmal annimmt, wenn der herrſchende Inſtinkt darauf mit der ganzen beſtia⸗ liſchen Gewalt erſcheint. Der Kneipenwirth betrachtete wechſelweiſe die Puppe und den Reiſenden; er ſchien dieſen Menſchen zu riechen, wie er einen Sack Geld gerochen haben würde. Dies währte jedoch nur die Zeit eines Blitzes. Er näherte ſich ſeiner Frau und flüſterte ihr leiſe zu:„die Geſchichte koſtet wenigſtens dreißig Francs. Keine Dumm⸗ heiten. Nieder auf den Bauch vor dem Menſchen.“ Wenige Naturen haben das mit den Unbefangenen ge⸗ mein, daß es bei ihnen keinen allmäligen Uebergang giebt. „Coſette,“ ſagte die Thénardier mit einer Stimme, die ſie weich machen wollte, die aber doch den ganzen ſauren Honig boshafter Weiber verrieth,„weshalb nimmſt Du denn Deine Puppe nicht?“ Coſette wagte ſich aus ihrem Loche hervor. „Mein kleines Coſettchen,“ ſagte Thénardier mit ſchmeichelndem Weſen,„der Herr ſchenkt Dir die Puppe. Nimm ſie, ſie gehört Dir. Coſette betrachtete die wunderbare Puppe mit einer Art von Schrecken. Ihr Geſicht war noch mit Thränen benetzt, aber ihre Augen begannen ſich gleich dem Himmel bei der Morgendämmerung, mit dem eigenthümlichen Glanze der Freude zu füllen. Was ſie in dieſem Augenblick empfand, war gleich ſo ziemlich dem, was ſie gefühlt haben würde, wenn man ihr plötzlich geſagt halten Kleine, Du biſt die Königin von Frankreich. Es ſchien ihr, wenn ſie die Kuuppe berüthste⸗ ſo würde derſelben der Donhder entſtrömen. 158 Dies war bis auf einen gewiſſen Punkt wahr, denn ſie ſagte ſich, die Thénardier würde zanken und ſie ſchlagen. Indeß trug die Anziehungskraft den Sieg davon. Sie der näherte ſich endlich der Puppe und flüſterte ſchüchtern, in⸗ Aug dem ſie ſich gegen die Thénardier wendete: am „Darf ich denn, Madame?“ Die Kein Ausdruck vermöchte das zugleich verzweiflungsvolle ſo Erſchrecken und entzückte Weſen zu ſchildern. bei „Natürlich!“ ſagte die Thénardier;„ſie gehört dir; ſtrel der Herr ſchenkt ſie dir ja.“„ und „Wirklich, mein Herr?“ entgegnete Coſette.„Iſt das Coſ wirklich wahr? Sie gehört mir, die Dame?“ an, Dem Fremden ſchienen Thränen in den Augen zu hin⸗ ſtehen. Er befand ſich auf jenem Punkte der Rührung, auf dem man nicht zu ſprechen wagt, um nicht zu weinen. A Er gab ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe und legte die Hand der Dame in die kleine Hand Coſettens. 1 Coſette zog lebhaft ihre Hand zurück, als hätte die zu der Dame ſie verbrannt und blickte auf den Boden. Wir M ſind gezwungen, hinzuzufügen, daß ſie in dieſem Moment die nich Zunge unmäßiglang herausſtreckte. Plötzlich wendete ſie ſich 1 um und ergriff haſtig die Puppe. hier „Ich werde ſie Catharine nennen,“ ſagte ſie. ſpie Es war ein eigenthümlicher Anblick, zu ſehen, wie die Fre Lumpen Coſettens mit den Bändern und dem roſa Kleide gäh der Puppe zuſammentrafen und ſich verſchlangen. jeſt „Madame,“ fragte ſie weiter,„darf ich ſie auf einen fun Stuhl ſetzen?“ „Ja, mein Kind,“ entgegnete die Thénardier. Jetzt ſahen Eponine und Azelma voll Neid auf Coſette. dier Coſette ſetzte Catharine auf einen Stuhl, kauerte dann diee auf der Erde vor ihr nieder und blieb ſo regungslos, ohne Re ein Wort zu ſprechen, in der Haltung der Betrachtung. nur „Spiele doch, Coſette,“ ſagte der Fremde. lün 11 2 3 1 1— denn lagen. Sie , in⸗ svolle dir; ſt das en zlt prung, veinen. dlegte te die Wir nt die e ſich vie die Kleide einen edann e 82 „O, ich ſpiele,“ erwiederte das Kind. Dieſer Fremde, dieſer Unbekannte, der eine Heimſuchung der Vorſehung für Coſette zu ſein ſchien, war in dieſem Augenblicke das, was die Thénardier auf der ganzen Welt am meiſten haßte. Gleichwohl mußte ſie ſich bezwingen. Die Aufregung war größer, als ſie zu ertragen vermochte, ſo ſehr ſie ſich an die Verſtellung gewöhnt hatte, indem ſie bei allen ihren Handlungen ihrem Manne nachzuahmen ſtrebte. Sie beeilte ſich, ihre Töchter ſchlafen zu ſchicken, und bat dann dem gelben Manne um die Erlaubniß, auch Coſette zur Ruhe ſchicken zu dürfen, die ſich heute ſo angeſtrengt habe, fügte ſie mit mütterlichem Tone hinzu: Eoſette ging ſchlafen, indem ſie Catharine in ihre Arme mit ſich nahm. Die Thénardier ging von Zeit zu Zeit an das andere Ende des Saales, wo ihr Mann war, um ihre Seele zu erleichtern, wie ſie ſagte. Sie wechſelte mit ihrem Manne kein Wort, die um ſo wüthender waren, da ſie es nicht wagte, ſie laut zu ſprechen. „Das alte Vieh! Was hat er denn im Leibe? Uns hier ſo zu ſtören! Zu wollen, daß das kleine Ungeheuer ſpielen ſoll! ihn Puppen zu ſchenken, Puppen von vierzig Francs einem Affen zu ſchenken, den ich für vierzig Sous hin⸗ gäbe! Nur noch wenig fehlt und er ſagte zu ihr: Ew. Ma⸗ jeſtät, wie zu der Herzogin von Berry: Iſt der bei ge⸗ fundenem Verſtand? Er muß toll ſein, der alte Geheim⸗ nißkrämer!“ „Weshalb? Das iſt ganz einfach,“ erwiederte Thénar⸗ dier.„Wenn es ihn unterhält? Dich unterhielt es, daß die Kleine arbeitet, ihn, daß ſie ſpielt. Er iſt in ſeinem Rechte. Ein Reiſender thut, was er will, wenn er es nur bezahlt. Wenn dieſer Alte ein Menſchenfreund iſt, was kümmert das dich? Wenn er ein Dummkopf iſt, ſo geht * 4 * 2— 160 dich das auch nichts an. In was miſcheſt du dich, da er Geld hat?“ Das war die Sprache des Herrn und das Urtheil eines Gaſtwirthes, welche beide keinen Widerſpruch ge⸗ ſtatteten. Der Menſch hatte ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt und ſeine Haltung der Träumerei wieder an⸗ genommen. Alle anderen Reiſenden, Krämer und Kärrner hatten ſich ein wenig von ihm entfernt und ſangen nicht mehr. Sie betrachteten ihn aus der Ferne mit einer Art von ehrerbietiger Furcht. Dieſer ſo ärmlich gekleidete Menſch, der aus ſeiner Taſche Hinterräder mit ſolcher Leichtigkeit zog und die rieſige Puppe an kleine Barfüßle⸗ rinnen verſchwendete, war ganz gewiß ein ausgezeichneter und gefürchteter Menſch. 3 Mehrere Stunden verfloſſen, die mitternächtliche Meſſe begann. Die Nachtmahlzeit war beendigt, die Trinker hatten ſich entfernt, die Kneipe war verſchloſſen, das Gaſtzimmer verödet, das Feuer erloſchen und noch ſaß der Fremde an derſelben Stelle und in derſelben Haltung. Von Zeit zu Zeit wechſelte er den Ellenbogen, auf den er ſich ſtützte. Das war Alles. Aber er hatte kein Wort ge⸗ ſprochen, ſeitdem Coſette nicht mehr da war. Aus Schicklichkeit und Neugier waren die Thénardier's allein in dem Saal geblieben. „Will er die Nacht ſo zubringen!“ brummte die Thé⸗ nardier. Als es zwei Uhr Morgens ſchlng, erklärte ſie ſich für beſiegt und ſagte zu ihrem Manne:„ich gehe, mache mit ihm, was Du willſt.“ Der Mann ſetzte ſich an einen Tiſch in der Ecke, zün⸗ dete ein Licht an und las den Courrier frangais. So verging eine gute Stunde. Der würdige Schenk⸗ wirth hatte wenigſtens dreimal den Courrier français ge⸗ da er ertheil ) ge⸗ f den er an⸗ ärrner nicht er Art kleidete ſolcher füßle⸗ cueter chtliche ;, die gloſſen, cch ſaß ltung. den er ort ge⸗ mndier's The⸗ ich für che mit , zün⸗ 2chenl ais ge⸗ lefen, von dem Datum der Nummer an bis zum Namen des Druckers. Der Fremde rührte ſich nicht. Thénardier rückte hin und her, huſtete, räuſperte ſich, ſchneuzte ſich, ließ den Tiſch knarren. Keine Bewegung des Menſchen.„Schläft er etwa?“ dachte Thénardier. Der Menſch ſchlief nicht, aber nichts konnte ihn erwecken. End⸗ lich nahm Thénardier die Mütze ab, nährte ſich leiſe und wagte zu ſagen: „Wollen der Herr nicht ruhen?“ Wollen Sie nicht ſchlafen gehen würde ihm eine zu vertrauliche Frage geweſen ſein. Ruhe klang nach Luxus und Ehrerbietung. Dergleichen Worte haben die ge⸗ heimnißvolle und bewundernswerthe Eigenſchaft, am näch⸗ ſten Tage die Rechnung des Gaſtes zu ſteigern. Eine Stube, in der man ſchläft, koſtet 20 Sous, ein Zimmer, in dem man ruht, koſtet 20 Francs. „Ja,“ ſagte der Fremde,„Sie haben Recht. Wo iſt Ihr Stall?“ „Mein Herr,“ ſagte Thénardier lächelnd,“ ich will Sie führen.“ Er nahm das Licht; der Menſch ergriff ſein Päckchen und ſeinen Stock und Thénardier führte ihn nach einem Zimmer im erſten Geſchoß, das außerordentlich glänzend war, ganz in Mahagoni meublirt und mit einem Himmelbett. „Was iſt das?“ ſagte der Reiſende. „Das iſt unſer eigenes Hochzeitszimmer,“ ſagte der Gaſtwirth.„Wir bewohnen ein anderes, meine Frau und ich. Dies Zimmer hier wird nur drei oder vier Mal im Jahre betreten.“ „Mir wäre der Stall ebenſo lieb geweſen,“ ſagte der Mann barſch. „Thenardier ſchien dieſe nicht ſehr artige Bemerkung nicht zu hören. Er zündete zwei ganz neue Wachskerzen an, die auf Die Elenden. III. 11 162 dem Kamine ſtanden. Ein ziemlich gutes Feuer brannte auf dem Roſte. Auf dem Kamine ſtand unter einer Glasglocke ein weib⸗ licher Kopfputz aus Silberfäden und Orangenblüthen. „Und das hier, was iſt das?“ ſagte der Fremde. „Mein Herr,“ entgegnete Thénardier, das iſt der Braut⸗ kranz meiner Frau.“ Der Reifende betrachtete den Gegenſtand mit einem Blicke, welcher zu ſagen ſchien: es gab alſo einen Augen⸗ blick, in welchem dieſes Ungeheuer eine Jungfrau war?“ Uebrigens log Thénardier. Als er dieſe Hütte pachtete, um eine Schänke daraus zu machen, fand er das Zimmer ſo eingerichtet und kaufte die Meubel, ſowie den Kopfputz, in⸗ dem er meinte, das würde einen anmuthigen Schatten auf ſeine„Gemahlin“ werfen und für ſein Haus daraus das entſpringen, was die Engländer die Achtungswürdigkeit nennen. Als der Reiſende ſich umwandte, war der Wirth ver⸗ ſchwunden. Thénardier hatte ſich beſcheiden entfernt, ohne zu wagen gute Nacht zu wünſchen, denn er wollte' nicht mit einer unehrerbietigen Vertraulichkeit den Mann behandeln, den er ſich vornahm, am nächſten Morgen königlich zu prellen. Der Wirth zog ſich auf ſeine Stube zurück. Seine Frau lag zu Bett, aber ſie ſchlief nicht. Als ſie den Tritt ihres Mannes hörte, wandte ſie ſich um und ſagte:„Du mußt wiſſen, daß ich Coſette morgen zur Thür hinauswerfe.“ Thénardier antwortete kalt: „Wie Du haſtig biſt!“ Sie wechſelten kein Wort weiter und einige Augenblicke darauf war das Licht ausgelöſcht. Der Reiſende ſeinerſeits hatte ſein Päckchen und ſeinen Stock in eine Ecke gethan. Als der Wirth fort war, ſetzte er ſich auf einen Armſeſſel und blieb einige Zeit in Nach⸗ * rannte weib⸗ le. Braut⸗ einem Augen⸗ war?“ ete, um mer ſo utz, in⸗ ten auf aus das jrdgkeit rth ver⸗ t, ohne cht mit Hgandeln, glich T Seine en Tritt „Du zwerfe. genblicke d ſeinen n, ſthi⸗ n Nach 163 denken verſunken, dann zog er ſeine Schuhe aus, nahm eine der Kerzen, blies die andere aus, öffnete die Thür und blickte umher, wie Jemand, der nach Etwas ſucht. Er ging über den Gang und kam an eine Treppe. Hier hörte er den leiſen Ton, der den Athemzügen eines Kindes glich. Er ließ ſich dadurch führen und gelangte zu einer Art drei⸗ eckiger Vertiefung unter der Treppe. Hier ſtand unter allen Arten alter Körbe und Scherben, unter Staub und Spinn⸗ weben ein Bett, wenn man nämlich einen durchlöcherten Strohſack, der das Stroh zeigt und eine zerriſſene Decke, die den Strohſack ſehen läßt, ein Bett nennen kann. Kein Betttuch. Dies Lager war auf den Fußboden bereitet. Auf dieſem Lager ſchlief Coſette. Der Mann trat näher und betrachtete ſie. Coſette ſchlief feſt und war ganz angekleidet. Im Winter zog ſie ſich nicht aus, um weniger zu frieren. Feſt an ſich gedrückt hielt ſie die Puppe, deren große offenen Augen durch die Dunkelheit leuchteten. Von Zeit zu Zeit ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, als wollte ſie er⸗ wachen, und ſchloß die Puppe beinahe krampfhaft in die Arme. Neben ihrem Lager ſtand nur einer ihrer Holzſchuhe. Eine offene Thür neben dem Verſchlage Coſettens ließ ein ziemlich großes Zimmer gewahren. Der Fremde trat in daſſelbe ein. Im Hintergrund erblickte man durch eine Glasthür zwei ſehr weiße gleiche Betten. Es waren die Azelma's und Eponinens. Hinter dieſen Betten verſchwand zur Hälfte eine Wiege aus Weidengeflecht, in welcher der kleine Knabe ſchlief, der den ganzen Abend geſchrien hatte. Der Fremde vermuthete, daß dieſes Zimmer mit dem der Gatten Thénardier in Verbindung ſtand. Er wollte ſich zurückziehen, als ſein Blick auf den Kamin fiel. Es war einer jener großen Wirthshauskamine, in welchen ſtets ein ſehr kleines Feuer brennt, wenn überhaupt ein Feuer darin iſt, und deren Aublick ein Fröſteln erweckt. In 11⸗ 164 dieſem Kamin war kein Feuer; es lag nicht einmal Aſche darin. Was aber ſich darin befand, zog dennoch die Auf⸗ merkſamkeit des Reiſenden auf ſich. Es waren zwei kleine Kinderſchuhe von koketter Form und in gleicher Größe. Der Reiſende erinnerte ſich an der lieblichen und ſeit undenk⸗ lichen Zeiten beſtehenden Gewohnheit der Kinder, am Weih⸗ nachtsabend ihre Fußbekleidung in dem Kamin zu ſtellen, um in der Dunkelheit auf ein glänzendes Geſchenk ihrer guten Fee zu warten. Eponine und Azelma hüteten ſich wohl, dieſem Gebrauche ungetreu zu werden, und hatten jede einer ihrer Schuhe in den Kamin geſtellt. 5 Der Reiſende bückte ſich. Die Fee, das heißt die Mutter, hatte ihren Beſuch bereits gemacht und man ſah in jedem Schuh ein ſchönes ganz neues Zehn⸗Sousſtück blitzen. Der Menſch erhob ſich und wollte gehen, als er im Hintergrunde in der dunkelſten Ecke einen andern Gegen⸗ ſtand bemerkte. Er ſah näher hin und erkannte einen Holz⸗ ſchuh von der roheſten Art, ganz zerbrochen und ganz be⸗ deckt mit Aſche und trocknen Koth. Es war der Holzſchuh Coſettens. Mit jenem rührenden Vertrauen der Kinder, welches immer betrogen werden kann, ohne ſich je ganz entmuthigen zu laſſen, hatte auch Coſette ihren Holzſchuh in den Kamin geſtellt. Es iſt etwas Erhabenes und Rührendes die Hoffnung eines Kindes, welches etwas anderes gekannt hat, als die Verzweiflung. In den Holzſchuh lag nichts. Der Fremde griff in ſeine Weſtentaſche, bückte ſich und legte in den Holzſchuh Coſettens einen Louisd'or hinein. Dann ſchlich er ſich nach ſeinem Zimmer zurück. * Aſche Auf⸗ kleine Größe. undenk⸗ Weih⸗ ſtellen, k ihrer en ſich hatten Beſuch ſchönes er im Gegen⸗ n Holy⸗ nnz be⸗ lſchuh Kinder, je ganz oljſchuh poffnung als die cte ſich hinein. f. ——= 165 IX. Thénardier beim Werke. Am nächſten Morgen, wenigſtens zwei Stunden vor Tagesanbruch, ſaß Thénardier bei einem brennenden Licht an einem Tiſche in dem großen Gaſtzimmer, eine Feder in der Hand, und ſchrieb die Rechnung des Reiſenden in dem gelben Ueberrock. Die Frau ſtand halb über ihn geneigt hinter ihm und folgte mit den Augen ſeiner Feder. Sie wechſelte kein Wort. Von der einen Seite herrſchte tiefes Nachdenken, von der andern jene gewiſſenhafte Bewunderung, mit welcher man eine Wunde des menſchlichen Geiſtes entſtehen und ſich entwickeln ſieht. Man hörte in dem Hauſe ein Ge⸗ räuſch; es war die Lerche, welche die Treppe fegte. Nach einer Viertelſtunde und einigen Ausſtreichungen zeigte Thénardier das folgende Meiſterwerk: Rechnung des Herrn auf Nro. 1. Abendeſſen.— 3 Frs. 3. Zimmer. 3* 10. Kerzen.— 3. ⸗ 5. Heizung.... 2 4 Service. 4 1 Summa Frs. 23. Service war geſchrieben Serviſſe. „Dreiundzwanzig Francs!“ rief die Frau mit einem Enthuſiasmus, in dem ſich einige Beſorgniß miſchte. Gleich allen großen Künſtlern war Thénardier mit ſich⸗ ſelbſt unzufrieden. — 166 „Bah!“ ſagte er. Das war der Ton, mit welchemCaſtlereagh auf dem Congreſſe von Wien die Rechnung Fankreichs aufſetzte. „Herr Thénardier— Du haſt t Recht,“ murmelte die Frau, indem ſie an die Puppe dachte, welche Coſette in Gegenwart ihrer eigenen Töchter geſchenkt bekommen hatte; „Du haſt Recht, aber es iſt zu viel. Er wird es nicht wollen bezahlen.“ Thénardier ſagte mit ſeinem kalten Lächeln: „Er wird bezahlen.“ Dieſes Lächeln war der höchſte Beweis der Gewißheit und der Herrſchaft. Was auf dieſe Weiſe geſagt wurde, mußte geſchehen. Die Frau ſagte nichts weiter.„Sie brachte die Tiſche in Ordnung. Der Mann ging in dem Saale auf und nieder. Einen Augenblick darnach fügte er hinzu: „Ich ſchulde 1500 Francs.“ Er ſetzte ſich an die Ecke des Kamins und ſann nach, indem er die Füße auf die warme Aſche ſtützte. Du haſt doch nicht vergeſſen,„nahm die Frau das Wort,“ daß ich Coſette heute zur Thür hinauswerfe? Das Un⸗ geheuer! Sie nagt mir mit ihrer Puppe das Herz ab. Lieber wollte ich Ludwig XVIII. heirathen, als ſie noch länger im Hauſe behalten. Thénardier zündete ſeine Pfeife an und entgegnete zwiſchen zwei Dampfwolken! „Du wirſt dem Mann die Rechnung übergeben.“ Dann ging er hinaus. Kaum hatte er den Saal verlaſſen, als der Reiſende eintrat. Thénardier erſchien auf der Stelle wieder hinter ihm und blieb regungslos in der halbgeöffneten Thür„ſtehen, nur ſeiner Frau allein ſichtbar. ff dem te. lte die ſette in hatte; richt wißheit wurde, „Sie n dem fügte n nach, du dos a8 Un⸗ erz ab. 3 noch gegnete Der gelbe Mann trug in der Hand ſeinen Rock und ſein Päckchen. „Schon ſo früh auf?“ ſagte die Thénardier.„Wollen Sie uns ſchon verlaſſen; mein Herr?“ Während ſie ſo ſprach, drehte ſie mit verlegenem Weſen die Rechnung in ihren Händen hin und her und drückte mit ihren Nägeln Falten hinein. Ihr hartes Ge⸗ ſicht zeigte einen Ausdruck, der ihm nicht üblich war: Schüchternheit und Bedenken. Eine ſolche Rechnung einem Menſchen zu übergeben, der ſo ganz entſchieden ausſah wie„ein Armer,“ das ſchien ihr unpaſſend zu ſein. Der Reiſende war gedankenvoll und zerſtreut. Er antwortete: „Ja, Madame, ich gehe.“ „Der Herr,“ entgegnete ſie,„hat alſo keine Geſchäfte in Montfermeil?“ „Nein, ich reiſe nur durch, das iſt Alles.— Madame,“ dann fügte er hinzu,„wie viel bin ich ſchuldig?“ Die Thenardier reichte ihm ohne zu antworten die zuſammengelegte Rechnung. Der Menſch faltete das Papier auseinander und ſah es an; ſeine Aufmerkſamkeit war aber augenſcheinlich auf einen andern Punkt gerichtet. „Madame,“ ſagte er,„machen Sie gute Geſchäfte in Montfermeil?“ „So, ſo, mein Herr,“ erwiederte die Thénardier, welche ganz verdutzt darüber war, keinen andern Ausbruch zu vernehmen. Mit einem elegiſchen und kläglichem Tone fuhr ſie dann fort: „Ach, mein Herr, die Zeiten ſind ſehr hart, und dann haben wir ſo wenige Wohlhabende im Ort! Es ſind Alles kleine Leute, ſehen Sie. Hätten wir nicht zuweilen großmüthige 168 und reiche Reiſende, wie der Herr! Wir müſſen ſo viel Laſten tragen. Sehen Sie, die Kleine koſtet uns die Augen aus dem Kopfe.“ „Welche Kleine?“ „Nun, die Kleine, Sie wiſſen ja! Coſette, die Lerche, wie die Leute Sie hier nennen.“ „So!“ ſagte der Menſch. „Sind dieſe Bauern dumm mit ihren Spottnamen! Sie hat viel mehr das Ausſehen einer Fledermaus wie das einer Lerche. Sehen Sie, mein Herr, wir verlangen keine Almoſen, aber wir können auch keine geben. Wir ge⸗ winnen nichts und haben viel zu zahlen. Das Patent, die Abgaben, die Steuern auf Thüren und Fenſter, die Zehnten! Der Herr weiß wohl, daß die Regierung ein furchtbares Geld verlangt. Und dann habe ich meine Töchter! Ich brauche nicht das Kind Anderer zu ernähren.“ Der Mann entgegnete mit jener Stimme, die er gleich⸗ gültig zu machen bemüht war, welche aber dennoch zitterte: „Und wenn man Sie von dem Kinde befreite?“ „Von wem? von Coſette?“ „a.“ Das rothe Geſicht der Schankwirthin erheiterte ſich durch eine abſchreckende Freude. „Ach, mein Herr, mein guter Herr, nehmen Sie ſie, behalten Sie ſie, führen Sie ſie fort, tragen Sie ſie fort, ſetzen Sie ſie in Zucker, füllen Sie ſie mit Trüffeln, trinken Sie ſie, eſſen Sie ſie, und ſeien Sie dafür geſegnet von der heiligen Jungfrau und von den Heiligen des Paradieſes!“ „Es iſt abgemacht.“ „Wirklich? Sie nehmen ſie mit?“ „Ich nehme ſie mit.“ „Sogleich. Rufen Sie das Kind.“ „Coſette!“ ſchrie die Thénardier. ſo viel Augen Lerche, namen! die das en keine zir ge⸗ nt, die nten! tbares r! Ich geich⸗ itterte: 1 te ſich Sdie ſie, e fort trinken et von jeſes“ 106⁰ „Einſtweilen, fuhr der Mann fort,“ werde ich Ihnen die Rechnung bezahlen. Wie viel beträgt ſie?“ Er warf einen Blick auf die Rechnung und konnte einen Ausruf der Ueberraſchung nicht unterdrücken: „Dreiundzwanzig Francs?“ In dem Tone dieſes wiederholten Ausrufes lag der Klang, der das Ausrufungszeichen von dem Fragezeichen unterſcheidet. Die Thénardier hatte Zeit gewonnen, ſich auf den Angriff vorzubereiten. Sie antwortete voll Zuverſicht: „Nun ja, mein Herr, dreiundzwanzig Francs!“ Der Fremde legte fünf Franesſtücke auf den Tiſch und ſagte dann:„Holen Sie die Kleine.“ In dieſem Augenblicke trat Thénardier in die Mitte des Saales und ſagte: „Der Herr iſt ſechsundzwanzig Sous ſchuldig.“ „Sechsundzwanzig Sous!“ rief die Frau. „Zwanzig Sous für die Stube,“ ſagte Thénardier, „und ſechs Sous für das Abendeſſen. Was die Kleine be⸗ trifft, ſo muß ich über die ein wenig mit dem Herrn ſprechen. Laß uns allein, Frau.“ Die Thénardier war geblendet wie durch einen jener unerwarteten Blitze des Talentes. Sie fühlte, daß der große Schauſpieler die Scene betrat, erwiderte kein Wort und ging. Sobald Thénardier mit dem Reiſenden allein war, bot er ihm einen Stuhl. Der Reiſende ſetzte ſich. Thé⸗ nardier blieb ſtehen und ſein Geſicht nahm einen eigenthüm⸗ lichen Ausdruck der Gutmüthigkeit und Einfalt an. „Mein Herr, ſehen Sie,“ ſagte er,„ich muß Ihnen ſagen, daß ich das Kind anbete.“ Der Reiſende ſah ihn feſt an und fragte: „Welches Kind?“ Thénardier fuhr fort: 170 „Wie das komiſch iſt! Man ſchließt ſich an. Was be⸗ deutet all das Geld? Nehmen Sie doch Ihre Hundertſous⸗ ſtücke zurück— es iſt ein Kind, das ich wirklich anbete.“ „Welches denn?“ fragte der Fremde. „Nun, unſere kleine Coſette! Wollten Sie ſie uns nicht entführen? Nun, ich ſpreche ganz offen. So wahr wie ein rechtſchaffener Menſch, ich kann meine Einwilligung nicht geben. Sie würde mir fehlen, dieſes Kind. Ich habe ſie von ganz klein bei mir. Freilich iſt es wahr, ſie koſtet uns Geld; freilich hat ſie auch ihre Fehler, freilich ſind wir nicht reich, freilich habe ich über vierhundert Francs bei einer ihrer Krankheiten für Arzneien bezahlt! Aber man muß doch für den guten Gott Etwas thun! Das Ding hat weder Vater noch Mutter; ich erzog ſie. Ich habe Brod für ſie und für mich. In der That, ich halte auf dieſes Kind. Sie begreifen wohl, man faßt eine Zuneigung; ich bin ein gutes Thier. Ich denke nicht weiter, aber ich liebe die Kleine; meine Frau iſt etwas heftig, aber ſie liebt ſie auch. Sehen Sie, es iſt wie unſer eigenes Kind. Es iſt nur ein Bedürfniß, ſie in dem Hauſe plappern zu hören.“ Der Reiſende ſah ihn fortwährend ſtarr an. Thé⸗ nardier fuhr fort: „Verzeihung, Entſchuldigung, mein Herr, allein man übergiebt nicht ſein Kind ſo einem Durchreiſenden. Nicht wahr, ich habe Recht?— Uebrigens will ich nicht ganz dagegen ſein, denn Sie ſind reich und ſcheinen ein braver Mann zu ſein, wenn es zu ihrem Glück wäre. Aber das müßte man wiſſen, Sie begreifen wohl? Vorausgeſetzt, ich laſſe ſie gehen und opferte mich ſelbſt dabei auf, ſo wünſchte ich doch zu wiſſen, wohin ſie geht. Ich möchte ſie nicht ganz aus den Augen verlieren, möchte wiſſen, bei wem ſie iſt, um ſie von Zeit zu Zeit zu beſuchen, damit ſie weiß, daß ihr guter Pflegevater da iſt und über ſie wacht. End⸗ lich giebt es Dinge, die nicht möglich ſind. Ich kenne nicht r wie Fnicht abe ſie koſtet d wir s bei man ig hat Brod dieſes g; ich liebe tebt ſie Es iſt Bren.“ 171 nicht einmnal Ihren Namen. Nähmen Sie ſie mit, ſo müßte ich ſagen: nun, die Lerche! wo iſt ſie denn hinge⸗ ſommen? Ich müßte wenigſtens ein Stückchen Papier ſehen, ſo etwas, wie einen Paß.“ Ohne aufzuhören ihn mit einem Blicke zu betrachten, der ſo zu ſagen bis auf den Grund des Gewiſſens ging, antwortete der Fremde mit erregtem feſten Ton: „Herr Thénardier, man hat keinen Paß, wenn man fünf Meilen von Paris ſich entfernt. Nehme ich Coſette mit, ſo nehme ich ſie mit, das iſt Alles. Sie werden mei⸗ nen Namen nicht erfahren, meine Wohnung nicht kennen lernen, nicht wiſſen, wo ſie iſt und nach meiner Abſicht ſollen Sie ſie nie im Leben wieder ſehen! Ich zerreiße den Faden, den ſie am Fuße hat, und ſie geht mit mir. Sagt Ihnen das nicht zu? Ja oder nein. So wie die Dämonen und die Geiſter an gewiſſen Zeichen die Anweſenheit eines höheren Gottes erkennen, be⸗ griff Thénardier, daß er es mit einem ihn überlegenen zu thun hatte. Es war wie eine Eingebung. Er erkannte das mit ſeiner ſchnellen ſcharfen Faſſungsgabe. Am Abend zuvor, während er mit den Kärnern trank, rauchte, die ſchmutzigſten Lieder ſang, hatte er nicht aufgehört, den Frem⸗ den zu beobachten, ihn zu erſpähen wie eine Katze und zu ſtudi⸗ ren wie ein Mathematiker! Er hatte zugleich ſpionirt für ſeine eigene Rechnung, zu ſeinem Vergnügen, aus Inſtinkt und als ob er dafür bezahlt würde. Keine Bewegung, keine Wendung des Mannes in dem gelben Ueberrocke war ihm entgangen. Noch ehe der Unbekannte ſo offen ſeine Theilnahme für Coſette zeigte, hatte Thénardier ſie errathen. Er hatte die innigen Blicke dieſes Alten überraſcht, die ſich ſtets wieder auf das Kind wandten. Woher dieſe Theil⸗ nahme? Was war das für ein Menſch? Weshalb bei ſo vielem Geld in ſeiner Börſe die elende Kleidung? Fragen, die er ſich ſelbſt ſtellte, die er nicht zu löſen vermochte und 182 wodurch er ſich gereitzt fühlte. Die ganze Nacht über hatte er nachgedacht. Der Vater Coſettens konnte er nicht ſein. War es vielleicht der Großvater? Weshalb denn aber ſich nicht ſogleich zu erkennen geben? Hat man ein Recht, ſo zeigt man es. Dieſer Menſch hatte offenbar kein Recht auf Coſette. Wer war er denn aber? Thénardier verlor ſich in Vermuthungen. Er überblickte Alles und ſah nichts deut⸗ lich. Indem er aber das Geſpräch mit dem Manne be⸗ gann, hielt er ſich überzeugt, daß in dem Namen ein Ge⸗ heimniß lag, daß der Menſch im Dunkeln zu bleiben wünſchte und er fühlte ſich dadurch ſtark; bei der ruhigen, feſten Antwort des Fremden und als er ſah, daß dieſer ge⸗ heimnißvolle Menſch ſo ganz einfach geheimnißvoll blieb, fühlte er ſich ſchwach werden. Etwas ähnliches hatte er nicht erwartet. Es war die Vernichtung ſeiner Vermuthun⸗ gen. Er ſammelte ſeine Gedanken und wog alles in einer Sekunde ab. Thénardier gehörte zu jenen Menſchen, welche mit einem einzigen Blicke eine Lage erfaſſen. Er glaubte, es ſei der Augenblick gekommen, gerade und raſch vorwärts zu gehen. Er handelte wie jene großen Feldherren, die den entſcheidenden Augenblick allein zu erfaſſen vermögen, und demaskirte plötzlich ſeine Batterien. „Mein Herr,“ ſagte er„ich brauche fünfzehnhundert Francs.“ Der Fremde zog aus ſeiner Seitentaſche eine alte ſchwarzlederne Brieftaſche, öffnete ſie, nahm die Bankbillets heraus und legte ſie auf den Tiſch. Dann drückte er ſeinen Daumen auf die Banknoten und ſagte zu dem Schenkwirth: „Laſſen Sie Coſette kommen.“ Was machte Coſette, während dies Alles vorging? Coſette war, als ſie erwachte, nach ihrem Holzſchuh geeilt. Sie hatte darin das Goldſtück gefunden. Es war kein Napoleonsd'or, ſondern eines jener ganz neuen Zwanzig⸗ francsſtücke der Reſtauration. Coſette war geblendet. Ihr 173 Geſchick begann ſie zu berauſchen. Sie wußte nicht, was ein Goldſtück ſei; ſie hatte noch nie eines geſehen und ver⸗ barg es ſchnell in ihrer Taſche, als hätte ſie es geſtohlen. Indeß fühlte ſie, daß es ihr wirklich gehörte, errieth, woher dieſe Gabe kam, empfand aber darüber eine Art von Freude, die mit Furcht gemiſcht war. Sie war zufrieden, beſonders verwundert. Zwei ſo herrliche und ſo ſchöne Dinge ſchienen ihr nicht wirklich zu ſein. Die Puppe flößte ihr Furcht ein, das Goldſtück flößte ihr Furcht ein. Sie zitterte vor dieſer Pracht. Nur der Fremde allein verurſachte ihr keine Furcht; im Gegentheil, er beruhigte ſie. Seit dem ver⸗ gangenen Tage dachte ſie während ihres Staunens, während ihres Schlafes in ihren kleinen Kinderverſtand an dieſen Mann, der ſo alt, ſo arm und ſo traurig ausſah und doch ſo reich und ſo gut war. Seitdem ſie mit dem Manne in dem Walde zuſammentraf, hatte ſich für ſie Alles ver⸗ wandelt. Coſette, die minder glücklich war als die geringſte Schwalbe des Himmels, hatte nie gewußt, was es heißt, ſich unter den Fittig der Mutter zu flüchten. Seit fünf Jahren, das heißt, ſoweit ihre Erinnerung zurückging, zitterte und fror das arme Kind. Sie war ſtets nackt dem ſcharfen Winde des Unglücks preisgegeben geweſen; jetzt kam es ihr vor, als ſei ſie bekleidet. Sonſt empfand ihre Seele Froſt, jetzt fühlte ſie ſich erwärmt. Coſette hatte nicht mehr ſo viel Furcht vor den Thé⸗ nardiers. Sie war nicht mehr allein; es ſtand Jemand neben ihr. Sie hatte ſich ſchnell an ihre tägliche Arbeit gemacht. Das Goldſtück, das ſie bei ſich hatte in eben der Schürzen⸗ taſche, aus welcher den Abend zuvor das Fünfzehn⸗Sous⸗ ſtück gefallen war, machte ſie zerſtreut. Sie wagte nicht, es zu berühren, allein ſie betrachtete es mehrmals, indem ſie, wie wir geſtehen müſſen, dabei die Zunge herausſtreckte. Während ſie die Treppe fegte, blieb ſie ſtehen, regungslos, 174 ihren Beſen und die ganze Welt vergeſſend, und damit be⸗ ſchäftigt, den Stern in ihrer Taſche funkeln zu ſehen. Bei einer dieſer Betrachtungen überraſchte ſie die Thénardier. Auf den Befehl ihres Mannes war ſie gegangen, ſie zu holen. Unerhört! Sie gab ihr keinen Schlag, ſie ſchalt ſie nicht! „Coſette,“ ſagte ſie beinahe ſanft,„komm ſogleich mit.“ Einen Augenblick darauf trat Coſette in das Gaſt⸗ zimmer. Der Fremde nahm das Päckchen, das er mitgebracht hatte und band es auf. Das Päckchen enthielt ein kleines Wollenkleid, eine Schürze, ein Nachtjäckchen, einen Unterrock, ein Halstuch, wollene Strümpfe, Schuhe, kurz einen voll⸗ ſtändigen Anzug für ein Mädchen von ſieben Jahren. Alles war ſchwarz. „Mein Kind,“ ſagte der Mann,„nimm das und kleide Dich ſchnell an.“ Der Tag dämmerte kaum, als die Einwohner von Montfermeil, welche ihre Fenſterladen zu öffnen begannen, auf der nach Paris führenden Straße einen ärmlich geklei⸗ deten alten Mann gehen ſahen, der an der Hand ein kleines Mädchen führte, welche Trauerkleider und auf dem Arme eine große rothe Puppe trug. Sie verfolgten die Richtung gegen Livry. Das waren unſer Mann und Coſette. Niemand kannte den Mann und da Coſette nicht mehr in Lumpen ging, erkannten Viele ſie nicht. Coſette ging fort. Mit wem? Das wuſßte ſie nicht. Wohin? Das wußte ſie eben ſo wenig. Alles, was ſie be⸗ griff, war, daß ſie die Kneipe der Thénardiers hinter ſich ließ. Niemand hatte daran gedacht, ihr Lebewohl zu ſagen. Sie verließ das Haus gefaßt und haſſend. 1, ſie ſchalt mit.“ Gaſt⸗ racht eines rrock, voll⸗ Alles kleide von nen, ellei⸗ leines Arme htung mehr nicht. je be⸗ ſich aagen. —— Aruies, ſanftes Geſchöpf, deſſen Herz bis zu dieſer Stunde nur bedrückt worden war. Coſette ging ernſt, machte die Augen weit auf und be⸗ trachtete den Himmel. Ihr Goldſtück hatte ſie in die Taſche ihrer neuen Schürze geſteckt. Von Zeit zu Zeit bückte ſie ſich und richtete auf daſſelbe einen Blick; dann ſah ſie den alten Mann an. Sie fühlte ſo etwas, als ob ſie Gott nahe ſei. X. Wer das Beſte ſucht, findet das Schlimmſte. Die Thénardier hatte ihrer Gewohnheit nach ihren Mann gewähren laſſen. Sie erwartete große Creigniſſe. Als der Mann und Coſette ſich entfernt hatten, ließ Thé⸗ nardier eine lange Viertelſtunde verfließen; dann nahm er ſie bei Seite und zeigte ihr die fünfzehnhundert Francs. „Was ſoll das?“ ſagte ſie. Es war zum erſten Male ſeit dem Beginn ihrer Ehe, daß ſie es wagte, eine Handlung ihres Gebieters zu tadeln. Der Schlag traf. „Wirklich, Du haſt Recht,“ ſagte er;„ich bin ein Dummkopf geweſen. Gieb mir meinen Hut.“ Er faltete die drei Bankbillets zuſammen, ſteckte ſie in die Taſche und verließ haſtig das Haus; allein er ſchlug irrthümlich zunächſt den Weg zur Rechten ein. Einige Nachbarn, bei denen er ſich erkundigte, brachten ihn auf die 176 richtige Spur; die Lerche und der Menſch waren in der Richtung nach Livry geſehen worden. Er folgte dieſer An⸗ deutung, indem er mit großen Schritten vorwärts ging, und dabei mit ſich ſelbſt ſprach. „Dieſer Menſch iſt offenbar ein gelbgekleideter Millio⸗ nair, und ich bin ein dummes Thier. Er hat zuerſt zwan⸗ zig Sous gegeben, dann fünf Francs, dann fünfzig Franes, dann fünfhundert Francs, und Alles immer gleich leicht. Er hätte ebenſo gut auch fünfzehntauſend Francs gegeben, doch ich fange ihn ſchon noch.“ „Und dann das ſchon im voraus hergerichtete Päckchen mit Kleidern für die Kleine; das Alles war höchſt ſonder⸗ bar. Darunter lag irgend ein Geheimniß. Man läßt Ge⸗ heimniſſe nicht ſo leicht fahren, wenn man ſie einmal gefaßt hat. Die Geheimniſſe der Reichen ſind mit Gold gefüllte Schwämme, man muß ſie nur zu drücken verſtehen.“ Alle dieſe Gedanken wirbelten ihm im Kopfe umher. „Ich bin ein dummes Thier geweſen,“ wiederholte er nochmals. Wenn man Montfermeil verlaſſen und die Biegung erreicht hat, welche die Straße macht, die nach Livry führt, ſieht man ſie in großer Ausdehnung gerade vor ſich hin über die Ebene ſich ziehen. Als Thénardier hierher gekommen war, berechnete er, daß er den Menſchen und die Kleine müßte bemerken können. Er ſah, ſo weit ſein Auge reichte, und entdeckte nichts. Er erkundigte ſich wieder. Darüber verlor er indeß Zeit. Vorübergehende ſagten ihm, daß der Menſch und das Kind, die er ſuchte, gegen den Wald nach der Richtung von Gagny gegangen wären. Er eilte in dieſer Richtung vor⸗ wärts. Sie hatten einen Vorſprung vor ihm, aber das Kind ging nur langſam und er ſchnell, und dann war ihm auch die Gegend genau bekannt. der An⸗ aing, illio⸗ wan⸗ nnes, eicht. eben, kchen der⸗ Ge⸗ ffaßt füllte r. e er sung ihrt, über men leine chte, über das von vor⸗ kind auch Plötzlich blieb er ſtehen und ſchlug ſich vor die Stirn, wie ein Menſch, der das Weſentlichſte vergeſſen hat, und im Begriff ſteht, wieder umzukehren. „Ich hätte mein Gewehr mitnehmen ſollen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Thénardier war eine jener Erſcheinungen mit doppeltem Geſicht, die zuweilen, ohne daß wir es bemerken, unter uns gehen und verſchwinden, ohne daß man ſie erkannt hat, weil das Geſchick uns nur eins ihrer Geſichter zeigte. In einer ruhigen Lage beſaß er Alles, was nöthig war, um das zu thun, was man nach Uebereinkommen einen rechtſchaffenen Kaufmann, einen guten Bürger nennt;— dabei wollen wir keineswegs ſagen, daß er das beſaß, was nöthig iſt, um es zu ſein. Zu gleicher Zeit aber beſaß er auch, wenn gewiſſe Um⸗ ſtände eintraten und gewiſſe Erſchütterungen ſeine andere Natur erſcheinen ließen, Alles, um ein Ungeheuer zu ſein. Er war ein Kneipenwirth, in dem ein Ungeheuer lag. Satan mußte ſich zu Zeiten in irgend eine Ecke der Hütte kauern, in welcher Thénardier lebte, und von dieſem entſetzlichen Meiſterſtücke träumen. Nach augenblicklichem Zögern dachte er: „Pah! Sie würden darüber Zeit gewinnen, mir zu entſchlüpfen!“ Und er verfolgte ſeinen Weg, indem er raſch vorwärts ſchritt, und beinahe mit dem Ausdruck der Gewißheit und der Scharfſicht des Fuchſes, der ein Volk Rebhühner wittert. Als er die Teiche hinter ſich hatte und ſchräg über die große Lichtung geſchritten war, die rechts von der Straße nach Bellevue liegt und ſo zu dem Raſenwege gelangte, der beinahe den Hügel umzieht und das Gewölbe des ehemaligen Kanals der Gewäſſer der Abtei von Chelles bedeckt, gewahrte er über die Gebüſche hin, einen Hut, über welchen er ſcheu viele Vermuthungen angeſtellt hatte. Es war der Hut des Die Elenden. III. 12 178 bewußten Mannes. Das Gebüſch war viedrig. Thénardier erkannte, daß der Menſch und Coſette dort ſitzen müßten; das Kind ſah man wegen ſeiner Kleinheit nicht, aber man bemerkte den Kopf der Puppe. Thénardier täuſchte ſich nicht. Der Menſch hatte ſich dort niedergeſetzt, um Coſette ein wenig ausruhen zu laſſen. Der Schenkwirth bog um das Gebüſch herum und erſchien plötzlich den Blicken derer, die er ſuchte. „Verzeihung, Entſchuldigung, mein Herr,“ ſagte er ganz außer Athem,„aber hier ſind Ihre fünfzehnhundert Francs.“ Indem er ſo ſprach, reichte er dem Fremden die drei Bankbillets hin. Der Mann erhob die Augen und ſagte: „Was bedeutet das?“ Thénardier erwiderte ehrerbietig: Mein Herr, das bedeutet, daß ich Coſette zurücknehme.“ Coſette erbebte und preßte ſich an den Mann an. Dieſer entgegnete, indem er Thénardier feſt anſah und jede ſeiner Silben auseinanderdehnte: „Sie neh— men Co— ſette— zu— rück?“ „Ja, mein Herr, ich nehme ſie wieder zurück. Ich muß Ihnen ſagen, daß ich mir die Sache überlegt habe. Ich habe in der That nicht das Recht, ſie Ihnen zu über⸗ laſſen. Ich bin ein rechtſchaffener Menſch, müſſen Sie wiſſen. Dieſe Kleine gehört nicht mir an, ſondern ihrer Mutter. Ihre Mutter hat ſie mir anvertraut, und ich kann ſie nur ihrer Mutter übergeben. Sie werden mir antwor⸗ ten: aber die Mutter iſt todt. Gut, in dieſem Falle kann ich das Kind nur einer Perſon übergeben, die mir eine Schrift bringt, die von der Mutter mit der Bemerkung un⸗ terzeichnet iſt, daß ich das Kind dieſer Perſon anvertrauen ſoll.— Das iſt deutlich, denke ich.“ Ohne zu antworten, griff der Mann in die Taſche adier ßten; man 1 Sie ihrer lann twor⸗ kann eine gun⸗ rauen Taſche — 179 und Thénardier ſah die Brieftaſche, mit den Bankbillets wieder erſcheinen. Der Schenkwirth zitterte vor Vergnügen. „Gut!“ dachte er. Nur feſtgehalten. Er wird mich beſtechen wollen!“ Ehe der Reiſende die Brieftaſche öffnete, ließ er einen Blick umherſchweifen. Der Ort war durchaus öde. Es gab keine Seele in dem Wald, noch in dem Thale. Der Menſch öffnete die Brieftaſche und zog daraus nicht die Hand voll Banknoten hervor, die Thénardier erwartete, ſondern ein einfaches kleines Papier, das er auseinander faltete und offen dem Gaſtwirth hinhielt, indem er ſagte: „Sie haben Recht. Leſen Sie.“ Thoenardier nahm das Papier und las. „M. am M. den 25. März 1823. Herrn Thenardier. Sie werden Coſette dem Vorzeiger übergeben.— Man wird Ihnen alle Ihre kleinen Auslagen bezahlen. Ich habe die Ehre, Sie achtungsvoll zu grüßen Fantine.“ „Sie kennen dieſe Unterſchrift?“ ſagte der Mann. Es war wirklich die Unterſchrift Fantinens. Thénardier erkannte ſie. Darauf ließ ſich nichts erwidern. Er fühlte einen doppelten heftigen Unwillen, den, auf die gehoffte Beſtechung verzichten zu müſſen, und den, geſchlagen zu ſein. Der Mann fügte hinzu: „Sie können dies Papier zu Ihrer Rechtfertigung be⸗ halten.“ Thénardier zog ſich in guter Ordnung zurück. „Die Unterſchrift iſt recht gut nachgemacht,“ brummte er zwiſchen den Zähnen. Indeſſen es mag ſein.“ Er wagte noch eine verzweifelte Anſtrengung. „Mein Herr,“ ſagte er,„es iſt gut. Sie ſind die 12* 180 Perſon. Allein Sie müſſen mir alle die kleinen Auslagen bezahlen.— Man iſt mir viel ſchuldig.“ Der Mann richtete ſich empor und ſagte, indem er von ſeinem fadenſcheinigen Aermel mit den Fingerſpitzen den Staub fortſchnellte. „Herr Thénardier, im Januar berechnete die Mutter, daß ſie Ihnen hundertundzwanzig Francs ſchuldig ſei. Sie ſchickten ihr im Februar eine Rechnung über fünfhundert Francs, Sie empfingen dreihundert Francs Ende Februar und dreihundert Francs Anfang März. Es ſind ſeitdem neun Monate, der Monat zu fünfzehn Francs als den ver⸗ abredeten Preis verfleſſen. Das macht alſo hundertund fünfunddreißig Francs. Sie haben hundert Francs zu viel bekommen; es bleiben alſo fünfunddreißig Francs, die man Ihnen ſchuldig iſt, und ich habe Ihnen fünfzehnhundert gegeben.“ Der Theénardier hatte ein Gefühl wie der Wolf in dem Augenblicke, wo er ſich in der Falle gefangen fühlt. „Wer iſt denn dieſer Teufel von einem Menſchen,“ dachte er. Er that eben das, was der Wolf in ſolcher Lage zu thun pflegt: er vollzog einen gewaltigen Ruck. Die Ver⸗ wegenheit war ihm ſchon einmal gelungen. „Mein Herr, deſſen Namen ich nicht weiß,“ ſagte er entſchloſſen, indem er diesmal das achtungsvolle Benehmen bei Seite ließ,„ich nehme Coſette zurück, oder Sie zahlen mir tauſend Thaler.“ Der Fremde ſagte ruhig:„Coſette komm!“ Er nahm Coſette an die linke Hand und hob mit der Rechten ſeinen Stock vom Boden auf. Thénardier bemerkte den gewaltigen Knüttel und die Einſamkeit des Orts. Der Mam ſchritt mit dem Kinde in den Wald hineia lagen m er pitzen rutter, Sie undert bruar eitdem ver⸗ rtund viel Wan undert eff in glt. chen,“ ge z 1b Ver⸗ gte er ehmen ahlen git der d die hincin — 181 und ließ den Schankwirth regungslos und verdutzt hinter ſich ſtehen. Während ſie ſich entfernten, blickte Thénardier auf die breiten, etwas gebeugten Schultern und die großen, gewal⸗ tigen Fäuſte des Fremden. Dann fielen ſeine Augen auf ſeine abgemagerten Arme, auf ſeine ſchwächlichen Hände herab, und er dachte:„Ich muß wirklich gewaltig einfältig ſein, daß ich mein Gewehr nicht mitgenommen habe, da ich doch auf die Jagd ging.“ Indeß ließ der Schankwirth ſeine Beute noch nicht fahren. „Ich will doch wiſſen, wohin er geht,“ ſagte er und folgte ihm in einiger Entfernung. Ihm blieben zwei Dinge: der Hohn: das mit dem Namen Fantine unterzeichnete Papier, und ein Troſt: Die fünfzehnhundert Francs. Der Mann ging mit Coſette in der Richtung auf Livry und Bondy. Er ging langſam weiter den Kopf geſenkt, in einer Hallung des Nachdenkens und der Trauer. Der Winter hatte das Gehölz ſo durchſichtig gemacht⸗ daß Thénardier ſie nicht aus dem Auge verlor, obgleich er ſich ziemlich fern hielt. Von Zeit zu Zeit wendete der Menſch ſich um, um zu ſehen, ob man ihm nicht folgte. Plötz⸗ lich bemerkte er Thénardier. Er trat raſch mit Coſette in ein dichtes Gebüſch, welches Beide verbarg. „Der Teufel!“ ſagte Thénardier. Und er verdoppelte ſeine Schritte. Die Dichtigkeit des Gebüſches hatte ihn gezwungen, ſich den Beiden zu nähern. Als der Mann den dichteſten Punkt erreicht hatte, wendete er ſich um. Thenardier ver⸗ ſuchte ſich hinter den dünnen Zweigen zu verſtecken, allein er konnte ſich dem Blicke des Fremden nicht entziehen. Dieſer ſah ihn unwillig und mit einiger Beſorgniß an, warf dann den Kopf zurück und verfolgte ſeinen Weg. Der Wirth ging ihm wieder nach. So machten ſie zwei⸗ oder 182 dreihundert Schritt. Plötzlich wendete der Menſch ſich abermals um. Er bemerkte dabei wieder den Gaſtwirth. Diesmal ſah er denſelben mit einem ſo finſtern Ausdrucke an, daß Thénardier es für„unnöthig“ hielt, weiter zu gehen. Er kehrte deshalb um. 4 XI. Nummer 9430 erſcheint wieder und Coſette gewinnt ſie in der Lotterie. Jean Valjean war nicht todt. Indem er in das Meer fiel, oder vielmehr indem er ſich hineinwarf, war er, wie man geſehen hat, ohne Kette. Er ſchwamm unter dem Waſſer, bis er ein auf der Rhede liegendes Schiff erreichte, an welchem ein Boot hing. Er fand ein Mittel ſich in dieſem Boote bis zum Abend zu verbergen. Mit Anbruch der Nacht warf er ſich wieder in das Meer und ſchwamm zur Küſte bis in geringer Ent⸗ fernung von dem Cap Brun. Da es ihm nicht an Geld fehlte, konnte er ſich hier Kleider verſchaffen. Eine Schenke in der Gegend von Balaguier war damals das Kleider⸗ magazin der entſprungenen Galeerenſträflinge, ein ſehr ein⸗ trägliches Geſchäft. Gleich allen jenen traurigen Flücht⸗ lingen, welche den Spähern des Geſetzes und des geſell⸗ ſchaftlichen Verhängniſſes zu entrinnen ſtreben, folgte Jean Valjean hierauf einem finſtern gewundenen Weg. Ein erſtes Aſyl fand er in Pradeaux bei Beauſſet. Dann ging winnt n er ette. hede Er d zu ieder Ent⸗ Geld henke ider⸗ ein⸗ lücht⸗ ſell⸗ Jean Ein ging 183 er nach Granvillard bei Briancon in den obern Alpen. Eine ängſtliche Flucht, der Weg eines Maulwurfs, deſſen Windungen unbekannt ſind. Später kann man eine Spur des Vorüberkommens in Ain auf dem Gebiete von Civrieux finden, ſowie noch an verſchiedenen andern Orten. Dann erreichte er Paris. Wir haben ihn darauf in Montfermeil geſehen. Seine erſte Sorge, als er nach Paris kam, war: Trauerkleider für ein kleines Kind von ſieben bis acht Jahren zu kaufen und dann ſich eine Wohnung zu verſchaffen. Als dies geſchehen, begab er ſich nach Montfermeil. Man erinnert ſich, daß er ſchon bei ſeiner erſten Ent⸗ weichung dahin oder in deſſen Nähe eine geheimnißvolle Reiſe gemacht hatte, von der die Juſtiz einigen Wind bekam. Uebrigens hielt man ihn für todt, und das vermehrte die Dunkelheit, die über ihm ſchwebte. In Paris fiel ihm eine jener Zeitungen, welche die Thatſache erwähnte, in die Hände. Er fühlte ſich dadurch beruhigt, und beinahe ſo geſichert, als ob er wirklich todt geweſen wäre. An dem Abend eben des Tages, an welchem Jean Valjean Coſette aus den Klauen der Thénardiers befreite, kehrte er nach Paris zurück. Er erreichte es beim Anbruch der Nacht mit dem Kinde durch die Barrisre von Monceaux. Hier nahm er ein Cabriolet, welches ihn nach der Esplenade des Ob⸗ ſervatoriums brachte. Hier ſtieg er aus, bezahlte den Kutſcher, nahm Coſette an die Hand, und beide ſchritten durch die ſchwarze Nacht und die öden Straßen nach dem Boulevard de l'Hopitol Der ganze Tag war von gewaltiger Aufregung für Coſette erfüllt geweſen; hinter den Hecken hatten Beide Brod und Käſe gegeſſen, das ſie in einſam liegenden Kneipen kauften; oft hatte man die Wagen gewechſelt und 184 dann den Weg ſtellenweis zu Fuß zurückgelegt, doch Coſette beklagte ſich nicht; aber ſie war ermüdet und Jean Valjean bemerkte dies daran, daß ſie ſich mehr und mehr ziehen ließ, je weiter ſie ging. Er nahm ſie auf den Rücken. Ohne Catharinen loszulaſſen, legte ſie ihren Kopf auf die Schulter Valjean's und ſchlief ein. oſette aljean iehen ucken. if die Coſette. Viertes Buch. Die Baracke Gorbeau. 4 Meiſter Gorbeau. Vor vierzig Jahren gelangte der einſame Wanderer der ſich in das verlorene Gebiet der Salpetrisère verirrte und über den Boulevard bis zu der Barridre d'Italie hinauf ging, zu Orten, von denen man hätte ſagen können, daß Paris verſchwinde. Es war nicht die Einſamkeit, denn man ſah Vorübergehende; es war nicht das Feld, denn es gab hier Häuſer und Straßen; es war nicht eine Stadt, denn in den Straßen gab es Löcher wie auf den großen Landſtraßen und daneben wuchs das Gras; es war kein Dorf, denn die Häuſer waren dazu zu hoch. Was war es denn? Ein bewohnter Ort, an dem Niemand lebte, ein öder Ort, an dem es Menſchen gab; es war ein Boulevard der großen Stadt, eine Straße von Paris, während der Nacht unheimlicher wie ein Wald, am Tage ſtiller wie ein Kirchhof. Es war das alte Stadtviertel des Pferdemarktes. Wenn dieſer Wanderer ſich über die vier verfallenen Mauern des Pferdemarktes hinaus beugte, wenn er ſelbſt einwilligte, ſich rechts zwiſchen hohen Mauern hindurchzu⸗ winden, ſo erreichte er, nachdem er ein großes halbverfalle nes 188 Gebäude hinter ſich gelaſſen hatte, die Ecke der Rue des Vignes St. Maviel ganz unbekannte Gegenden. Hier ſah man um jene Zeit eine Fabrik und zwiſchen zwei Garten⸗ mauern ein Gebäude, das auf den erſten Blick klein zu ſein ſchien wie eine Hütte, in Wirklichkeit aber groß war wie eine Kathedrale. Es lag nur mit der Seitenfront, mit dem Giebel, an der Straße; daher die ſcheinbare Gering⸗ fügigkeit, denn beinahe das ganze Haus war verſteckt. Man ſah von demſelben nichts als die Thür und ein Fenſter. Dieſes Gebäude hatte nur ein Stockwerk. Auf den erſten Blick hatte das Haus etwas Auffal⸗ lendes, denn die Thür konnte nie zu etwas Anderem gehört haben, als zu einer Baracke, das Fenſter aber konnte ſeiner Größe und Breite wegen das Fenſter eines Schloſſes ge⸗ weſen ſein. Die Thür beſtand aus wurmſtichigen, groben durch Querbalken zuſammengenagelten Brettern. Sie führte un⸗ mittelbar auf eine ſteile Treppe von gleicher Breite, die man von der Straße aus gerade wie eine Leiter auffteigen ſah, und die zwiſchen zwei dunklen Mauern verſchwand. In das Brett über dieſer Thür war ein dreieckiges Loch geſchnitten worden, zugleich Luft⸗ und Lichtloch, wenn die Thür geſchloſſen war. Auf der innern Seite der Thür hatte ein in Dinte getauchter Pinſel mit zwei gewaltigen Zügen die Zahl 52 geſchrieben und über das Luftloch die Nummer 50, ſo daß man zögernd ſtehen dlieb. Wo war man denn? Der obere Theil der Thür ſagte: Nr. 50, und der innere antwortete: Nein Nr. 52. Das Fenſter war breit, ziemlich hoch und hatte große Scheiben; nur waren dieſe Scheiben zum Theil durch ver⸗ ſchiedenartige Wunden verletzt, verborgen oder verrathen durch ſinnreiche Verbände von Papier, und die davor ange⸗ brachten Laden hingen nur noch in den Angeln, ſo daß ſie due des dier ſah Harten⸗ zu ſein dar wie nit dem Gering⸗ zerſteckt. ind ein Anffal⸗ gehört e ſeier ſſes ge⸗ durch rte un⸗ ſte, die ſſteigen hwand. es Loch genn die r Thür waltigen och die 30 war Nr. 50, e große 3 ch ver⸗ rrathen r ange⸗ daß ſte mehr die Vorübergehenden bedrohten, als die Einwohner ſchützten. Die Thür, welche ein ſchmutziges, und das Fenſter, welches ein vornehmes Ausſehen hatte, wenn auch etwas verfallen, ſo an einem und demſelben Hauſe vereinigt, machten die Wirkung von zwei ungleichen Bettlern, von denen der eine ſtets ein Lump, der andere aber früher ein anſtändiger Menſch geweſen zu ſein ſchien. Die Treppe führte zu einem umfangreichen Gebäude, das einem Schuppen glich, welchen man in ein Haus ver⸗ wandelt hatte. Durch dieſes Gebäude führte ein langer Gang, auf dem ſich rechts und links die Thüren verſchiedener Gemächer von ungleichem Umfang öffueten, die, wenn man es ſtreng nahm, bewohnbar waren. Dieſe Zimmer bekamen ihr Licht von den anſtoßenden Beſitzungen. Das Ganze war finſter, traurig, erbärmlich, trübe, grabes⸗ ähnlich; je nachdem die Riſſe ſich in dem Dache oder in der Thür befanden, wurde es von kalten Sonnenſtrahlen oder von eiskaltem Winde durchdrungen. Eine intereſſante und maleriſche Eigenthümlichkeit dieſer Art von Wohnungen iſt die ungeheure Menge der darin lebenden Spinnen. Ein Theil dieſes Gebäudes iſt unlängſt niedergeriſſen worden. Was davon noch ſteht, läßt auf das ſchließen, was es früher war. Das Ganze iſt nicht über hundert Jahre alt. Hundert Jahre ſind die Jugend einer Kirche und das Alter eines Hauſes. Es ſcheint als ob die Woh⸗ nung des Menſchen Schuld hätte an der Kürze ſeines Lebens und die Wohnung Gottes an deſſen Unvergänglichkeit. Die Poſtboten nannten dieſes Haus Nr. 50— 52. In dem Stadtviertel aber war es unter den Namen Haus Gorbeau bekannt. Wir wollen erwähnen, woher es dieſen Namen hatte. Alterthumskrämer wiſſen, daß es in Paris im vergan⸗ genen Jahrhundert gegen 1770 am Chätelet zwei Procu⸗ 190 ratoren gab, von denen der eine Corbeau, der andere Renard hieß; zwei Namen, welche Lafontaine vorausſah. Die Ge⸗ legenheit war zu ſchön, als daß nicht Läſterzungen ſie hätten benutzen ſollen, und bald waren die beiden Rechtsgelehrten Gegenſtand allgemeiner Spöttereien. Die beiden rechtſchaffenen Männer fühlten ſich durch die Spöttereien und die Witzeleien über ihre Namen verletzt und beſchloſſen, ſich derſelben zu entledigen, indem ſie ſich bittend an den König wendeten. Die Bittſchrift wurde Ludwig XV. an dem Tage überreicht, an welchem der päpſtliche Nuntius auf der einen Seite und der Cardinal La Roche⸗Aymon auf der andern ehrerbietigſt in Gegenwart des Königs zu Füßen der Madame Dubarry knieten, indem jeder derſelben einen der beiden nackten Füße, welche ſie aus dem Bette ſtreckte, mit einem Pantoffel bekleidete. Der König, der darüber laut lachte, fuhr zu lachen fort, als er die Bittſchriften der beiden Procuratoren las, und bewilligte gnädig die Veränderung der beiden Namen. Meiſter Cor⸗ beau wurde es geſtattet, ſeinen Anfangsbuchſtaben einen Schnörkel hinzuzufügen und ſich künftig Gorbeau zu nennen. Meiſter Renard war minder glücklich; er konnte nichts weiter erlangen, als die Erlaubniß, vor das R ſeines Na⸗ mens ein P zu ſetzen und ſich folglich künftig Prenard zu nennen.*) Der localen Tradition zufolge war dieſer Meiſter Prenard Beſitzer des Hauſes Nr. 50— 52 auf dem Bou⸗ levard de l'Hopitol. Es ſollte ſogar von ihm das bemer⸗ kenswerthe Fenſter herrühren. Daher der Name Baracke Gorbeau. Der Nummer 50— 52 grade gegenüber ſtand auf *) Unüberſetzbares Wortſpiel zwiſchen renard, Fuchs, und prenard, Nehmer. Der neue Name war daher kaum weniger bezeichnend, als der frühere. Renard Die Ge⸗ e hätten gelehrten urch die verletzt ſie ſich t wurde hem der Cardinal genwart „indem elche ſie te. Der als er bewiligte ter Cor⸗ en einen nennen. e vichts nes No⸗ enard zu Meiſter em Bou— z bemer⸗ 191 dem Boulevard eine große drei Viertel abgeſtorbene Ulme, und daneben lag die Rue de la Barrière des Gobelins, damals ohne Häuſer und ungepflaſtert, beſetzt mit verkrüp⸗ pelten Bäumen, grün oder ſtaubig, je nach der Jahreszeit. Ein Vitriolgeruch ſtieg in einzelnen Stößen aus einer benachbarten Fabrik auf. Die Barrisère lag ganz nahe. 1823 ſtand die Um⸗ faſſungsmauer noch. Die Barridère war ganz dazu geeignet, finſtere Gedan⸗ ken zu erwecken. Sie führte zu dem Wege nach Biczétre. Auf dieſem Wege kehrten unter dem Kaiſerreich und der Reſtauration die zum Tode Verurtheilten am Tage ihrer Verurtheilung nach Paris zurück. Hier wurde 1829 jene geheimnißvolle Mordthat vollbracht, welche die von der „Barrière von Fontainebleau“ genannt worden iſt, deren Urheber die Gerechtigkeit nicht zu entdecken vermocht hat, ein finſteres Problem, das nicht erklärt, ein entſetzliches Räthſel, das nicht aufgelöſt worden iſt. Macht man einige Schritte weiter, ſo tritt man auf die verhängnißvolle Rue Covulebarbe wo Ulbach beim Rollen des Donners wie in einem Melodrama die Ziegenhirtin von IJvry erdolchte. Noch einige Schritte weiter, ſo gelangte man zu den ent⸗ ſetzlichen Ulmen der Barrière St. Jacques, jenem pilanthro⸗ piſchen Verſteck des Schaffots, jenem kleinen und ſchmach⸗ vollen Grèveplatze, der vor der Todesſtrafe zurückgewichen iſt, indem er weder wagte, ſie voll Größe abzuſchaffen, noch ſie voll Autorität beizubehalten. Ließ man dieſen Platz St. Jacques liegen, der gewiſ⸗ ſermaßen vom Verhängniß bezeichnet und ſtets entſetzlich war, ſo kam man vor ſiebenunddreißig Jahren zu dem finſterſten Orte dieſes traurigen Boulevards, der noch jetzt ſo wenig anziehend iſt, nämlich zu der Barracke 50— 52. Wohnhäuſer ſind dort erſt fünfundzwanzig Jahre ſpäter entſtanden. Bei den trüben Gedanken, von denen man ſich 192 hier ergriffen fühlte, empfand man, daß man zwiſchen der Salpetriere war, deren Kuppel man auf der einen Seite erblickte, und Bicötre, deſſen Barrisre man auf der andern Seite berührte, das heißt, zwiſchen dem Wahnſinne des Weibes und vem Wahnſinne des Mannes. So weit das Auge reichte, bemerkte man nichts als Schlachthöfe, die Um⸗ hegungsmauer der Stadt und einige Fronten von Fabriken, die Kaſernen oder Klöſtern glichen. Ueberall Baracken, alte Mauern, ſchwarz wie Grabdecken, oder neue, weiß wie Leichentücher. Kein Wechſel des Terrains, keine freundliche Laune der Architectur, keine Falte in dem allen. Alles ge⸗ rade nach der Schnur gezogen, kalt, regelmäßig, abſchreckend. Nichts bedrückt ſo das Herz wie die Shmetrie, denn dieſe iſt die Langeweile, und die Langeweile iſt die Grundlage der Trauer. Die Verzweiflung gähnt. Wenn man etwas Furchtbareres träumen kann, als eine Hölle, in der man leidet, ſo iſt es eine Hölle, in der man ſich langweilt. Wenn dieſe Hölle wirklich exiſtirte, ſo müßte das beſchriebene Stück des Boulevard de l'Hopital der Weg zu derſelben ſein. Abends, bei Einbrechen der Nacht, wenn die Dunkelheit Alles einhüllte, mußten die ſchwarzen Linien in dem Vor⸗ übergehenden die Erinnerung an die zahlloſen Traditionen des Ortes erwecken. Die Einſamkeit dieſer Gegend, in welcher ſo viele Verbrechen begangen worden waren, hatte etwas Abſchreckendes. Man glaubte in der Finſterniß irgend einen Hinterhalt zu ahnen. Am Tage war es häßlich, am Abend traurig, in der Nacht entſetzlich. hen det n Seile andern une des veit das die Um⸗ Fabriken, ken, alte veiß wie eundliche Alles ge⸗ hreckend. an dieſe rundlage n elwas der mant t. Wenn ne Stück ein. unkelheit em Vor' aditionen gend, in en, halte p irgend häßlich 193 II. Neſt für Eule und Grasmücke. Vor dieſer Barrière Gorbeau blieb Jean Valjean ſte⸗ hen. Gleich den Nachtvögeln hatte er dieſen Ort gewählt, um hier ſein Neſt zu bauen.. Er griff in ſeine Taſche, zog eine Art von Hausſchlüſſel hervor, öffnete die Thür, trat ein, ſchloß ſie hinter ſich ſorg⸗ fältig wieder zu und ſtieg die Treppe hinauf, noch immer Co⸗ ſette tragend. Oben angelangt, zog er einen andern Schlüſſel aus der Taſche und öffnete mit demſelben eine andere Thür. Dies Gemach, in welches er eintrat, und hinter ſich ſogleich wieder verſchloß, war eine Art von Dach kammer, ziemlich ärmlich möblirt, mit einer am Boden liegen⸗ den Matratze, einen Tiſch und einigen Stühlen. Ein Ofen, in dem das Feuer brannie, ſtand in einer Ecke. Die Straßenlaternen des Boulevard beleuchteten ſpärlich das ärmliche Innere. Im Huntergrunde befand ſich ein Ver⸗ ſchlag mit einem Gurtenbett. Jean Valjean trug das Kind nach dieſem Bette und legte es darauf nieder, ohne daß es erwachte. Er ſchlug Feuer und zündete ein Licht an. Alles war dazu auf dem Tiſch bereit geſtellt, und wie er es am Abend zuvor gethan, ſo betrachtete er Coſetten jetzt mit einem Blick vell Theilnahme, in welchem ſich Güte und Nührung zugleich ausſprachen. Das kleine Mädchen mit dem ruhigen Vertrauen, welches nur der größten Kraft oder der äußerſten Schwäche eigenthümlich iſt, war eingeſchlafen, ohne zu wiſſen, bei wem Die Elenden. III. 13 194 es ſich befand, und fuhr fort zu ſchlafen, ohne zu wiſſen, wo es war. Jean Valjean bückte ſich und küßte die Hand dieſes Kindes. 3 Neun Monate zuvor küßte er die Hand der Mutter, welche anch entſchlafen war. Daſſelbe ſchmerzhafte, religiöſe, ſtechende Gefühl er⸗ füllte ſein Herz. Er kniete nieder an dem Bette Coſettens. Schon war es heller Tag und noch immer ſchlief das Kind. Ein matter Strahl der Decemberſonne drang durch das Fenſter der Kammer und zeichnete einen ſchmalen Licht⸗ ſtreifen auf den Boden. Plötzlich raſſelte ein ſchwer beladener Karren mit Steinen über das Pflaſter des Boulevard, und erſchütterte die Baracke wie das Rollen des Donners, ſo daß ſie von oben bis unten erzitterte. „Ja, Madame!“ rief Coſette aus dem Schlafe auf⸗ geſchreckt.„Hier bin ich! hier bin ich.“ Sie ſprang aus dem Bette, die Augenlider noch halb geſchloſſen durch das Gewicht des Schlafes, und ſtreckte die Arme gegen die Ecke der Mauer aus. „Ach mein Gott! Mein Beſen!“ rief ſie. Sie öffnete jetzt die Augen vollends und erblickte das lächelnde Geſicht Jean Valijean's. „Ach ja, es iſt wahr!“ ſagte das Kind.„Guten Morgen, mein Herr!“ Die Kinder nehmen leicht und vertraut die Freude und das Glück an, da ſie ſelbſt von Natur eigentlich Freude und Glück ſind. Coſette erblickte am Fußende des Bettes Catharinen, bemächtigte ſich derſelben, und während ſie mit der Puppe ſpielte, richtete ſie hundert Fragen an Jean Valjean. Wo ſie wäre? Ob Paris groß ſei? Ob Madame Thénardier weit entfernt wäre? Ob ſie auch nie wieder⸗ iſſen, dieſes dutter, l er⸗ ef das durch Licht⸗ dener — 195 kommen würde? u. ſ. w. u. ſ. w. Plötzlich rief ſie aus: „Wie hübſch das hier iſt!“ Es war ein abſcheuliches Loch; aber ſie fühlte ſich frei. „Soll ich kehren?“ fragte ſie endlich. „Spiele,“ ſagte Jean Valjean. So verfloß der Tag. Coſette bemühte ſich nicht, irgend etwas zu begreifen, und war unausſprechlich glücklich zwiſchen ihrer Puppe und dem guten Manne. II. Zweifaches Unglück macht Glück. Am nächſten Morgen mit Tagesanbruch ſtand Jean Valjean wieder neben dem Bette Coſettens. Er wartete hier regungslos und ſah ſie erwachen. Etwas Neues war in ſeine Seele eingedrungen. Jean Valjean hatte nie irgend etwas geliebt. Seit fünfundzwanzig Jahren ſtand er allein in der Welt. Er war nie Vater, Verlobter, Gatte, Freund geweſen. Im Bagno war er ſchlecht, finſter, keuſch, unwiſſend und wild. Das Herz dieſes alten Galeerenſträflings war von Jung⸗ fräulichkeit erfüllt. Seine Schweſter und die Kinder ſeiner Schweſter hatten in ihm nur eine undeutliche Erinnerung zurückgelaſſen, die zuletzt beinahe ganz verſchwunden war. Er hatte alles Mögliche gethan, um ſie wieder aufzufinden, und da ihm dies nicht gelingen wollte, hatte er ſie endlich vergeſſen. So iſt die menſchliche Natur beſchaffen. Hatte 6 13* 196 er außerdem noch zärtliche Erinnerungen der Jugend gehabt, ſo waren ſie in einen Abgrund geſunken. Als er Coſette ſah, als er ſie zu ſich genommen, fort⸗ getragen und befreit hatte, fühlte er ſein ganzes Inneres ſich verwandeln. Alles was er Leidenſchaftliches und Herz⸗ liches in ſich hatte, erwachte und ſtrömte dieſem Kinde ent⸗ gegen. Er trat an das Bett, auf dem die Kleine ſchlief und zitterte vor Freude; er empfand Regungen wie eine Mutter und wußte nicht, was das war, denn es iſt eine dunkle und herrliche Sache, dieſe große eigenthümliche Be⸗ wegung eines Herzens, das zu lieben beginnt. Das arme alte, ganz neue Herz! Da er aber fünfundfünfzig Jahre alt war und Coſette acht Jahre, ergeß ſich Alles, was er von Liebe in ſeinem Leben gefühlt haben konnte, in ein einziges unendliches Licht. Es war die zweite weiße Erſcheinung, die ihm ent⸗ gegentrat. Der Biſchof führte an ſeinem Horizonte die Morgenröthe der Tugend herauf; Coſette ließ an demſelben die Morgenröthe der Liebe erſcheinen. Die erſten Tage verfloſſen in dieſer Verblendung. Coſette ihrerſeits wurde ebenfalls, ohne es zu wiſſen, anders, das arme kleine Weſen! Sie war ſo klein, als ihre Mutter ſie verließ, daß ſie ſich nicht mehr an dieſelbe er⸗ innerte. Gleich allen Kindern hatte ſie, ähnlich der Wein⸗ reben, die ſich an Alles, dem ſie nahe kommen, anzuſchließen trachten, zu lieben verſucht. Es war ihr nicht gelungen. Alle hatten ſie zurückgeſtoßen; die Thenardiers, deren Kinder, die andern Kinder. Sie hatte den Hund geliebt, doch dieſer war todt. Dann hatte kein Weſen etwas von ihr wiſſen wollen, kein Menſch. Mt acht Jahren war ſchon ihr Herz erkaltet. Das durfte nicht als ihre Schuld betrachtet wer⸗ den, denn es fehlte ihr nicht die Fähigkeit, zu lieben, ſondern leider nur die Moͤglichkeit. Vom erſten Tage an wirkte daher auch Alles, was ſie fahlte und dachte, dahin, dieſen ehabt, „fort⸗ nneres der de ent⸗ ſchlief e eine ſt eine he Be⸗ arme LCoſette ſeinem 5 Licht. m ent⸗ ite die nſelben f. wiſſen, s ihre Abe er⸗ Wein⸗ cließen lungen. Kinder, dieſer wiſſen r Helz et wer⸗ ſondern wirite dieſen 197 guten Mann zu lieben. Sie empfand, was ſie noch nie empfunden hatte, eine freudige Regung ihres Herzens. Der gute Mann machte ſelbſt auf ſie nicht mehr den Eindruck, alt oder arm zu ſein. Sie fand Jean Valjean ſchön, ebenſo wie ſie die Dachkammer hübſch gefunden hatte. Das ſind die Wirkungen der Morgenröthe der Kind⸗ heit, der Jugend, der Freude. Wir haben alle in unſerer Vergangenheit dergleichen Lichtblicke. Die Natur, ein Zwiſchenraum von fünfzig Jahren hatten eine weite Kluft zwiſchen Jean Valjean und Coſette gelegt; das Geſchick füllte dieſe Kluft aus. Es vereinigte plötzlich mit unwiderſtehlicher Macht dieſe beiden entwurzelten Exiſtenzen, getrennt durch das Alter, einander nahe gebracht durch die Trauer. Die eine vervollſtändigte in der That die andere. Der Inſtinkt Coſettens ſuchte nach einem Vater, wie der Inſtinkt Jean Valjean's nach einem Kinde ſuchte. Sich begegnen hieß ſich finden. In dem geheimnißvollen Augenblick, in welchem ihre beiden Hände ſich berührten, vereinigten ſie ſich auch. Als dieſe beiden Seelen ſich er⸗ blickten, erkannten ſie ſich gegenſeitig als das Bedürfniß der einen und der andern und ſchloſſen ſich innig aneinander an. Indem man die Worte in ihrem verſtändlichſten und unbedingteſten Sinne nimmt, könnte man ſagen, daß getrennt von Allem durch die Wände eines Grabes Jean Valjean der Wittwer war und Coſette die Waiſe. Dieſe Lage machte, daß Jean Valjean auf himmliſche Weiſe der Vater Co⸗ ſettens wurde. Und in Wahrheit, der geheimnißvolle Eindruck, der in dem Walde von Chelles die Hand Jean Valjean's, welche die ihrige in der Dunkelheit ergriff, auf Coſette machte, war keine Illuſion, ſondern eine Wirklichkeit. Der Eingriff dieſes Menſchen in das Geſchick dieſes Kindes war das Erſcheinen Gottes. Uebrigens hatte Jean Valjean ſein Aſyl gut gewählt. — 198 Er befand ſich hier in einer Sicherheit, welche vollkommen zu ſein ſchien. Die Stube mit dem Kabinet, welche er mit Coſette be⸗ wohnte, war jenes, deſſen Fenſter auf den Boulevard hinaus⸗ ging. Da dieſes Fenſter das einzige des Hauſes war, hatte man keinen Blick eines Nachbars zu fürchten, und ebenſo wenig vom Gegenüber der Straße. Das Erdgeſchoß von Nr. 50— 52 diente als Remiſe für Gemüſegärtner und ſtand in keiner Verbindung mit dem erſten Stockwerke. Es wurde von demſelben durch den Fuß⸗ boden getrennt, der weder Oeffnungen noch Treppe hatte. Das erſte Stockwerk enthielt, wie wir erwähnten, mehrere Zimmer und einige Bodenkammern, von denen nur eine durch eine alte Frau bewohnt wurde, welche die Wirthſchaft Jean Valjean's beſorgte. Alle übrigen Räume waren un⸗ bewohnt. Dieſe alte Frau, welche den Namen der Hauptmietherin führte, in der That aber mit den Functionen der Thür⸗ hüterin beauftragt war, hatte ihm dieſe Wohnung am Weih⸗ nachtstage vermiethet. Er hatte ſich gegen ſie für einen Rentier ausgegeben, der durch die ſpaniſchen Bons zu Grunde gerichtet war und hier mit ſeiner Enkelin wohnen wollte. Er hatte ſechs Monate vorausbezahlt und die Alte beauftragt, das Zimmer und das Kabinet ſo zu möbliren, wie man es geſehen hat. Dieſe Frau hatte am Abend ſeiner Rückkehr das Feuer angezündet und Alles zu ſeiner Ankunft vorbereitet. Wochen vergingen; die beiden Weſen führten in dieſer elenden Wohnung ein glückliches Leben. Von der Morgenröthe an lachte, plauderte, ſang Coſette. Die Kinder haben ebenſo wie die Vögel ihren Morgen⸗ geſang. Zuweilen ergriff Jean Valjean ihre kleine rothe, vom Froſt aufgeſprungene Hand und küßte ſie. Das arme Kind en zu te be⸗ naus⸗ hatte ebenſo demiſe t dem duß⸗ hatte. ehrere eine ſch n un⸗ therin Thür⸗ Weih⸗ einen 8 zu ohnen Alte gliren, ſeiner nkunft dieſer oſette. rgen⸗ vom Kind 199 das nur daran gewöhnt war, geſchlagen zu werden, wußte nicht, was das bedeuten ſollte, und war darüber ganz beſchämt. Zuweilen wurde Coſette ernſt und betrachtete ihr ſchwarzes Kleid. Sie war nicht mehr in Lumpen gekleidet, ſondern in Trauer. Sie trat aus dem Elend aus und in das Leben ein. Jean Valjean hatte angefangen ſie leſen zu lehren. Zuweilen, wenn er das Kind buchſtabiren ließ, dachte er daran, daß er in dem Bagno in der Abſicht leſen gelernt hatte, Böſes zu thun. Dieſer Gedanke führte ihn dahin, ein Kind im Leſen zu unterrichten. Da lächelte der alte Galeerenſträfling mit dem gedankenvollen Lächeln der Engel. Er erkannte darin eine Vorausbeſtimmung von oben, den Willen eines Weſens, das nicht der Menſch iſt, und verlor ſich in Träumereien. Die guten Gedanken haben ihre Abgründe, wie die ſchlechten. Coſette leſen zu lehren und ſie ſpielen zu laſſen, darin beſtand beinahe das ganze Leben Jean Valjean's. Dann ſprach er mit ihr von ihrer Mutter und ließ ſie beten. Sie nannte ihn Vater uud wußte keinen andern Namen für ihn. Er brachte ſtundenlang damit zu, ſie ihre Puppe an⸗ und auskleiden zu ſehen und ſie ſchwatzen zu hören. Das Leben ſchien ihm jetzt voll Intereſſe zu ſein. Die Menſchen kamen ihm gut und gerecht vor, und er machte in ſeinen Gedanken Niemand mehr einen Vorwurf und ſah durchaus keinen Grund, weshalb er nicht ſehr alt werden ſollte, jetzt, da das Kind ihn liebte. Er erblickte eine große Zukunft vor ſich, beleuchtet durch Coſette wie durch ein himmliſches Licht. Die Beſten ſind nicht frei von egoiſtiſchen Gedanken. Zuweilen dachte er mit einer Art von Freude daran, daß ſie häßlich werden würde. Es iſt nur eine perſönliche Anſicht von uns, aber wir — — —— müſſen unſere Gedanken dahin ausſprechen, daß bei dem Punkte, auf welchem Jean Valjean ſtand, als er Coſette zu lieben begann, er vielleicht dieſer Auffriſchung des Lebens bedurfte, um im Guten zu beharren. Er hatte aus neuen Geſichtspunkten die Bosheit der Menſchen, das Elend der menſchlichen Geſellſchaft erblickt und unvollkommen nur eine verhängnißvolle Seite der Wahrheit geſehen: das Loos des Welbes, dargethan in Fantine, die öffentliche Autorität ver⸗ körpert in Javert; er war nach dem Bagno zurückgebracht worden, und diesmal, weil er Gutes gethan hatte. Neue Bitterkeit erfüllte ihn; Widerwille und Ueberdruß bemäch⸗ tigten ſich ſeiner; ſelbſt die Erinnerung an den Biſchof war der Verdunkelung nahe, vielleicht um ſpäter deſto ſtrahlender und triumphirender wieder zu erwachen; allein dieſe heilige Erinnerung wurde ſchwächer. Wer weiß, ob Jean Valjean nicht auf dem Punkte ſtand, entmuthigt zu werden und zurück⸗ zuſinken? Er liebte und wurde wieder heftig geliebt. Ach, er war kaum weniger ſchwach geweſen, wie Coſette. Er beſchützte ſie und ſie ſtärkte ihn. Dank ihm, konnte ſie in das Leben eintreten; Dank ihr, konnte er in der Tugend beharren. Er wurde die Stütze dieſes Kindes, und dieſes Kind wurde ſein Haltepunkt. O, unergründliches und göttliches Myſterium des Gleich⸗ gewichts der Geſchicke! dem te zu ebens neuen d der eine 8 des ver⸗ bracht Neuue mäch⸗ war ender eilige aljean urück⸗ Ac, Er ſie in gend ieſes leich⸗ 201 IV. Die Bemerkungen der Hauptmietherin. Jean Valjean beſaß die Klugheit, am Tage nicht aus⸗ zugehen. Jeden Abend machte er in der Dämmerung einen Spaziergang von ein oder zwei Stunden. Zuweilen allein, oft mit Coſette, indem er die einſamſten Nebenalleen der Boulevards aufſuchte und mit Anbruch der Nacht in die Kirchen trat. Gern ging er nach St. Medard, der nächſten Kirche. Wenn er Coſette nicht mitnahm, blieb ſie bei der alten Frau, allein es war die Freude des Kindes, mit dem guten Manne auszugehen. Sie zog eine Stunde mit ihm den zärtlichſten téte-A-téte mit Catharine vor. Er hielt ſie an der Hand, wenn er ging und ſagte ihr die freundlichſten Dinge.— Es fand ſich, daß Coſette ſehr heiter war. Die Alte beſorgte die Wirthſchaft, die Küche und die Einkäufe. 1 Sie lebten höchſt einfach, hatten zwar immer etwas Feuer, aber nur wie Leute in ſehr beſchränkten Verhältniſſen. Jean Valjean hatte nichts an dem Mobiliar des erſten Tages geändert, nur hatte er an die Stelle der Glasthür nach dem Cabinet Coſettens eine volle Thür machen laſſen.— Er trug beſtändig ſeinen gelben Ueberrock, ſeine ſchwar⸗ zen Hoſen und ſeinen alten Hut. Auf der Straße hielt man ihn für einen Armen. Zuweilen geſchah es, daß mit⸗ leidige Frauen ſich umwendeten und ihm einen Sou gaben. Jean Valjean empfing den Sou und grüßte ehrerbietig. Es ge⸗ 202 ſchah auch zuweilen, daß er einen Armen begegnete, der ihn um ein Allmoſen bat; dann blickte er ſich um, ob auch Niemand ihn ſehe, näherte ſich vorſichtig dem Unglücklichen, drückte ihm ein Geldſtück in die Hand, meiſtens ein Silber⸗ ſtück, und entfernte ſich raſch. Das hatte ſeine Uebelſtände. Man fing an, ihn in dem Stadtviertel unter den Namen der Bettler, welcher Almoſen giebt, zu bezeichnen. Die alte Hauptmietherin, ein altes, grämliches Weib, welches dem Nächſten gegenüber die Aufmerkſamkeit der Neidiſchen beſaß, beobachtete Jean Valjean ſehr genau, ohne daß er es ahnte. Sie war ein wenig taub, was ſie ſchwatzhaft machte. Es blieben ihr von ihrer Vergangenheit zwei Zähne, der eine oben, der andere unten, welche ſie ſtets aufeinanderbiß. Sie hatte Fragen an Coſette gerichtet, die nichts wußte und deshalb auch nichts ſagen konnte, aus⸗ genommen, daß ſie von Montfermeil kam. Eines Morgens bemerkte dieſe Spionin Jean Valjean, welcher mit einem Weſen, daß ihr beſonders zu ſein ſchien, in eines der un⸗ bewohnten Gemächer der Baracke trat. Sie folgte ihn mit Katzenſchritten und konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden, durch eine Spalt der Thür ſehen. Jean Valjean hatte ſich ohne Zweifel zu größerer Sicherheit mit dem Rücken gegen die Thür geſtellt. Die Alte ſah, daß er in die Taſche griff, daraus ein Beſteck zog, Scheere und Zwirn, das Futter ſeines einen Rockflügels auftrennte und daraus ein Stück gelbliches Papier zog, das er entfaltete. Die Alte erkannte voll Schrecken, daß es eine Tauſendfranksnote war, die zweite oder dritte, die ſie erblickte, ſeitdem ſie auf der Welt war. Ganz erſchrocken eutfloh ſie. Einen Augenblick darauf kam Jean Valjean zu ihr und bat ſie, ihn das Tauſendfrancsobillet zu wechſeln, indem er hinzufügte, es ſei die halbjährige Rente, die er den Tag zuvor empfangen hätte. „Wo?“ dachte die Alte.„Er iſt erſt um ſechs Uhr r ihn auch lchen, zilber⸗ tände. damen lliches amkeit genau, as ſie enheit he ſie ichtet, aus⸗ rgeus einem r un⸗ i mit erden, e ſich gegen grif Futter Stück kannte , die Welt u ihr indem Tag Uhr Abends ausgegangen und die Regierungskaſſe iſt ganz ge⸗ wiß um dieſe Stunde nicht geöffnet.“ Die Alte wechſelte die Banknote und ſtellte dabei ihre Vermuthungen an. Dieſes Bankbillet von tauſend Francs, welches commentirt und vervielfältigt wurde, brachte unter den Klatſchgevatterinnen der Rue des Vignes St. Marcel eine Menge Geſchichten hervor. Während der nächſten Tage geſchah es, daß Jean Val⸗ jean in Hemdsärmeln auf dem Gange Holz ſägte. Die Alte war in dem Zimmer und beſorgte die Wirthſchaft. Sie war allein, Coſette beſchäftigte ſich damit, das Holz zu bewundern, welches geſägt wurde. Die Alte ſah den gelben Rock an einem Ragel hängen und unterſuchte ihn. Das Unterfutter war wieder zugenäht worden. Die gute Frau betaſtete ihn aufmerkſam und glaubte in den Schößen und in den Aermelausſchnitten ziemlich viel Papier zu füh⸗ len. Ohne Zweifel andere Tauſendfrancsbillets! Außerdem bemerkte ſie, daß in den Taſchen allerhand Dinge ſteckten. Nicht nur Nadel und Scheere, die ſie ge⸗ geſehen hatte, ſondern auch eine dicke Brieftaſche, ein großes Meſſer und ganz beſonders verdächtig waren mehrere Per⸗ rücken von verſchiedener Farbe. Jede Taſche dieſes Ueber⸗ rockes ſchien eine Vorſichtsmaßregel für gewiſſe unerwartete Ereigniſſe zu ſein. So erreichten die Bewohner der Baracke die letzten Tage des Winters. V. Ein Fünffrancsſtück. In der Nähe der Kirche von Saint Medard pflegte auf dem Rande eines eingegangenen Brunnens ein Armer zu kauern, den Jean Valjean gern ein Almoſen gab. Er ging ſelten an ihm vorüber, ohne ihm einen Sou zu geben. Zuweilen ſprach er mit ihm. Die, welche auf dieſen Bettler neidiſch waren, dachten, er gehörte zu der Po⸗ lizei. Es war ein alter fünfundſiebenzigjähriger Küſterge⸗ hülfe, der beſtändig ſeine Gebete murmelte. Eines Abends, als Jean Valjean hier vorüber kam, ohne Coſette bei ſich zu haben, bemerkte er den Bettler an ſeiner gewöhnlichen Stelle unter der eben angezündeten Laterne. Dieſer Menſch ſchien ſeiner Gewohnheit nach zu beten, und war ganz zuſammengebückt. Jean Valjean trat zu ihm und legte ihm ſein gewöhnliches Almoſen in die Hände. Der Bettler erhob plötzlich die Augen, ſah Jean Valjean ſcharf an und ſenkte dann raſch wieder den Kopf. Dieſe Bewegung war wie ein Blitz, aber Valjean erbebte darüber. Es ſchien, als hätte er bei dem Scheine der Laterne nicht das fromme Geſicht des alten Küſters geſehen, ſon⸗ dern ein entſetzliches ihm wohlbekanntes Geſicht. Er empfand ein Gefühl, als hätte er plötzlich im Dunkeln einen Tiger gegenüber geſtanden. Er wich erſchrocken und erſtarrt zurück, wagte aber weder zu athmen noch zu ſprechen, weder zu bleiben noch zu fliehen, und betrachtete den Bettler, der den mit einem Lumpen bedeckten Kopf wieder ———éòℳ pflegte Armer Er geben. dieſen r Po⸗ ſſterge⸗ r kam, kler an ndeten ach zu in trat in die h Jean Kopf. erbebte Laterne —, ſol⸗ Er dunkeln en und rechen, te den wieder geſenkt hatte und nicht mehr zu wiſſen ſchien, daß Jean Valjean zugegen ſei. In dieſem Augenblick machte ein Inſtinct, vielleicht der geheimnißvolle Inſtinct der Selbſt⸗ erhaltung, daß Jean Valjean kein Wort ſprach. Der Bettler hatte denſelben Wuchs, dieſelben Lumpen, daſſelbe Ausſehen wie alle Tage.—„Bah!“ dachte Jean Valjean,„ich bin verrückt! ich träume! unmöglich!“ Und dennoch kehrte er ſehr unruhig nach ſeiner Woh⸗ nung zurück. Kaum wagte er ſich ſelbſt zu geſtehen, daß das Ge⸗ ſicht, welches er zu ſehen geglaubt hatte, das Geſicht Javerts war. Während der Nacht, indem er darüber nachdachte, be⸗ reute er es, den Menſchen nicht befragt zu haben, um ihn zu zwingen, zum zweiten Male den Kopf zu erheben. Am nächſten Tage kehrte er mit Anbruch der Nacht zu dem Bettler zurück. Er ſaß an ſeinen gewöhnlichen Platz. „Guten Abend, Alter,“ ſagte Jean Valjean entſchloſſen, indem er ihm einen Sou gab. Der Bettler erhob den Kopf und antwortete mit kläg⸗ licher Stimme: „Ich danke, mein guter Herr.“ Es war ganz gewiß der alte Küſter. Jean Valjean fühlte ſich vollkommen beruhigt. Er lachte.„Wie Teufel habe ich denn nur Javert geſehen?“ dachte er.„Sollte ich denn jetzt blind ſein?“ Er dachte nicht weiter daran. Einige Tage darauf, es mochte acht Uhr Abends ſein, war er in ſeinem Stübchen und ließ Coſette laut luchſta⸗ biren. Da hörte er die Thür der Baracke öffnen und wieder ſchließen. Das kam ihm befremdend vor. Die Alte, welche allein mit ihm in dem Hauſe wohnte, ging ſtets mit Anbruch der Nacht zu Bett, um kein Licht brennen zu 206 müſſen. Jean Valjean gab Coſette ein Zeichen, zu ſchweigen. Er hörte, daß man die Treppe herauf kam. Es konnte doch die Alte ſein, die vielleicht unwohl geworden und zum Apotheker gegangen war. Jean Valjean lauſchte. Der Tritt war ſchwerfällig und klang wie der Tritt eines Mannes; aber die Alte trug ſchwere Schuhe, und nichts gleicht ſo ſehr dem Tritt eines Mannes wie der Tritt eines alten Weibes. Indeß blies Jean Valjean ſein Licht aus. Er ſchickte Coſette zu Bett, indem er ihr zuflüſterte: „Leg Dich recht leiſe zu Bett.“ Während er ſie dann auf die Stirn küßte, hatten die Schritte angehalten. Jean Valjean blieb ſchweigend, regungslos, den Rücken der Thüre zugewendet auf dem Stuhle ſitzen, von dem er ſich nicht gerührt hatte, und hielt den Athem an. Nach einer ziem⸗ lich langen Zeit hörte er nichts mehr, wendete ſich ge⸗ räuſchlos um und als er die Augen auf die Thür ſeines Gemaches richtete, ſah er einen Lichtſtrahl durch das Schlüſſel⸗ loch fallen. Dieſes Licht bildete eine Art finſtern Stromes in der Schwärze der Thür und Mauer. Offenbar ſtand dort Je⸗ mand, der ein Licht in der Hand hielt und horchte. Einige Minuten verfloſſen und das Licht entfernte ſich. Nur hörte er kein Geräuſch von Schritten, was anzudeuten ſchien, daß der, welcher an der Thür horchte, ſeine Schuhe ausgezogen hatte. Jean Valjean warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett und konnte während der Nacht kein Auge ſchließen. Mit Tagesanbruch, als er vor Erſchöpfung eingeſchläfert war, wurde er geweckt durch das Knarren einer Thür, die ſich aus irgend einer Dachkammer im Hintergrunde des Ganges öffnete; dann hörte er denſelben Mannestritt, der den Abend zuvor die Treppe hinaufgekommen war. Die Tritte näherten ſich. Er ſprang aus dem Bette und legte das Auge an das Schlüſſelloch, welches ziemlich groß war; er hoffte im Vorübergehen den Menſchen ſehen 207 zu können, der während der Nacht in das Haus gekommen und an ſeiner Thür gehorcht hatte. Es war in der That ein Mann, welcher diesmal, ohne ſtehen zu bleiben, vor der Thür Valjean's vorüberging. Es war noch zu dunkel auf dem Gange, um ſein Geſicht erkennen zu können. Als aber der Menſch zu der Treppe kam, hob ein Strahl von draußen ſeine Umriſſe hervor und Jean Valjean ſah deutlich ſeine Geſtalt. Der Menſch war groß, mit einem langen Ueberrock bekleidet und trug einen großen Rock unter dem Arme. Es war die entſetzliche Geſtalt Javerts! Jean Valjean hätte es verſuchen können, ihm durch ſein Fenſter nach dem Boulevard mit den Augen zu folgen, allein er hätte dazu dies Fenſter öffnen müſſen und das wagte er nicht. Offenbar war dieſer Menſch mit einem Schlüſſel herein⸗ gekommen, als ob er hier zu Hauſe wäre. Wer hatte ihm dieſen Schlüſſel gegeben und was bedeutet das? Um ſieben Uhr Morgens, als die Alte kam, die Wirth⸗ ſchaft zu beſorgen, richtete Jean Valjean einen durchdrin⸗ genden Blick auf ſie, aber er befragte ſie nicht. Die gute Frau benahm ſich wie gewöhnlich. Während ſie ausfegte, ſagte ſie: „Der Herr hat vielleicht Jemand gehört, der die Nacht eingetreten iſt?“ Zu dieſer Zeit und auf dieſem Boulevard war acht Uhr Abends die finſterſte Nacht. „Ja, das iſt wahr,“ erwiderte er mit dem natürlichſten Tone.„Wer war es denn! „Es war ein neuer Miether, der in dem Hauſe wohnt.“ ſagte die Alte. „Und wie heißt er?“ „Ich weiß es nicht recht. Dumont oder Daumont, ſo ein Name.“ „Und was iſt dieſer Herr Dumont?“ Die Alte betrachtete ihn mit ihren kleinen Winkelaugen und antwortete: „Ein Rentier, wie Sie.“ Sie hatte vielleicht eine beſondere Abſicht. Jean Val⸗ jean glaubte eine bei ihr zu entdecken. Als die Alte fort war, machte er eine Rolle aus eini⸗ gen hundert Francs, die er in einem Fache hatte, und ſteckte fie in die Taſche. Wie vorſichtig er ſich dabei auch benahm, um das Geld nicht klingen zu hören, fiel ihm doch ein Hundertſousſtück aus der Hand und rollte lärmend über den Fußboden. Mit der Dämmerung ging er hinab und blickte vor⸗ ſichtig nach allen Seiten auf dem Boulevard umher; er ſah Niemand. Der Boulevard ſchien durchaus verödet zu ſein. Freilich konnte man ſich hinter den Bäumen verſtecken. Er ging wieder hinauf. „Komm,“ ſagte er zu Coſette. Er nahm ſie bei der Hand und Beide verließen das Haus. Druck von R. Genſch in Berlin. Green vellow Hed Magenta