— 8 ⸗ 4 4 ———— **——ʒ —— d———yÿ4——— 7— S——— —* Die Elenden. Von Victor Hugo. Deutſch von L. von Acpensſeben. Erſte Abtheilung: Fantine. Zweiter Band. Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) Erſte Abtheilung. Fantine. Viertes Buch. Verfrauen heißt beinahe preisgeben. J. Eine Mutter, welche eine andere findet. Es gab im erſten Viertel dieſes Jahrhunderts in Mont⸗ fermeil eine Art von Winkelkneipe, die jetzt nicht mehr exiſtirt. Dieſe Kneipe wurde von Leuten gehalten, welche Thénardier hießen, Mann und Frau. Sie lag in dem Bäckergäßchen. Ueber der Thür war ein Brett an die Mauer genagelt. Auf dieſem Brette war etwas gemalt, das einem Menſchen glich, der auf dem Rücken einen andern Menſchen trug, welcher große goldene Generals⸗Epaulettes mit ſilbernen Sternen hatte; rothe Flecken ſtellten Blut vor; der übrige Theil des Bildes war Rauch, wahrſcheinlich die Darſtellung einer Schlacht. Darunter las man die Inſchrift: Zum Sergeanten von Waterloo. Nichts iſt gewöhnlicher, als daß ein Karren oder ein Wagen vor einem Wirthshauſe hält. Indeß dieſes Fuhr⸗ werk, oder richtiger geſagt, der Theil von einem Fuhrwerk, welcher die Straße vor der Kneipe zum Sergeanten von Waterloo an einem Abende im Frühjahr 1818 verſperrte, hätte ſicher durch ſeine Größe die Aufmerkſamkeit eines vor⸗ übergehenden Malers erregt. Es war das Vordergeſtell eines jener Blockwagen, welche in den waldigen Gegenden gebräuchlich ſind und dazu dienen, dicke Brettbohlen und Baumſtämme zu fahren. Dieſer Fuhrwagen beſtand aus einer maſſiven eiſernen Achſe, in welche eine ſchwere Deichſel eingelaſſen war, und die von zwei übermäßig großen Rädern getragen wurde. Das Alles war vierſchrötig, mißgeſtaltet, ſchwerfällig. Man hüätte glauben ſollen, die Laffette einer Rieſenkanone zu ſehen. Die Geleiſe hatten die Räder, die Felgen, die Speichen, die Achſen und die Deichſel mit einer dicken Kothrinde be⸗ deckt, einer abſcheulichen gelblichen Ueberſtreichung, die ſo ziemlich der glich, mit welcher man ſo gern die Kathedralen ſchmückt. Das Holz verſchwand unter dem Kothe und das Eiſen unter dem Roſte. Unter der Achſe hing eine große eiſerne Kette herab, welche eines Goliath unter den Ga⸗ leerenſträflingen würdig geweſen wäre. Dieſe Kette erinnerte nicht an die Balken, die ſie zu tragen hatte, ſondern an die Maſtodons und Mammuths, die ſie hätte anſpannen können; ſie hatte ein Anſehen nach dem Bagno, aber nach einem cyklopiſchen und übermenſchlichen Bagno, und ſchien einem Ungeheuer abgenommen zu ſein. Homer hätte mit derſelben den Polyphem gefeſſelt und Shakeſpeare den Caliban. Weshalb war dieſes Vordergeſtell des Blockwagens hier an der Stelle auf der Straße? Zunächſt um die Straße zu verſperren, dann um vollends zu verroſten. Es giebt in der alten geſellſchaftlichen Ordnung eine Menge von Einrichtungen, die man in freier Luft auf ſeinem Wege findet, und die, um vorhanden zu ſein, keinen andern Grund haben. Der Mittelpunkt der Kette hing unter der Achſe ziem⸗ lich nahe zur Erde herab, und in der Biegung wie auf dem Stricke einer Schaukel ſaßen an dieſem Abend innig um⸗ ſchlungen zwei kleine Mädchen, das eine etwa 2 ½ Jahr, das andere 18 Monate alt, das kleinere in den Armen des 7 größeren. Ein geſchickt geknüpftes Tuch verhinderte ſie, zu fallen. Eine Mutter hatte dieſe entſetzliche Kette geſehen und zu ſich geſagt:„Sieh, das iſt ein Spielwerk für meine Kinder.“ Die beiden Kinder, welche übrigens geſchmackvoll und mit einer gewiſſen Geſuchtheit gekleidet waren, ſtrahlten vor Freude; man hätte glauben können, zwei Roſen in dem Eiſenwerk zu ſehen; ihre Augen waren ein Triumph, ihre friſchen Wangen lachten; die eine hatte kaſtanienbraunes, die andere dunkelbraunes Haar; ihre naiven Geſichter zeig— ten ſtaunendes Entzücken; ein blühendes Gebüſch, welches in der Nähe lag, ſendete den Vorübergehenden Wohlgerüche zu, die von den Kindern auszuſtrömen ſchienen; das 18 Mo⸗ nate alte Mädchen zeigte ſeinen nackten Bauch mit jener keuſchen Unſchuld der Kindheit. Ueber und um dieſe beiden zarten Köpfe, welche von Glück durchdrungen und von Licht umgeben waren, bildete das rieſenmäßige Vorder⸗ geſtell des Wagens, beinahe furchtbar anzuſchauen, ganz verwickelt in rauhen Biegungen und Ecken, eine Art von Höhlenthor. Einige Schritt entfernt, kauernd auf der Schwelle des Wirthshauſes, ſchaukelte die Mutter, eine Frau von übrigens nicht ſehr gefälligem Ausſehen, in dieſem Augenblicke aber rührend, die beiden Kinder mit Hülfe einer langen Schnur, bewachte ſie mit ihren Augen, aus Furcht vor einem Unfalle, mit jenem thieriſchen und himmliſchen Ausdrucke, der dem Muttergefühle eigen iſt; bei jedem Hin⸗ und Herſchwingen ſtießen die garſtigen Kettenringe einen kreiſchenden Ton aus, der einem zornigen Schrei glich. Die kleinen Mädchen waren in Entzücken, die untergehende Sonne miſchte ſich in dieſe Freude, und nichts konnte ſo reizend ſein, wie dieſe Laune des Zufalls, welche aus einer Titanen⸗ kette eine Strickſchaukel für Cherubim gemacht hatte. Während die Mutter ihre Kleinen ſo ſchaukelte, ſang ſie mit friſcher Stimme eine damals berühmte Romanze: 8 „Es muß, ſo ſprach der Krieger“. Ihr Geſang und die Betrachtung ihrer kleinen Kinder verhinderte ſie, zu hören und zu ſehen, was auf der Straße vorging. Indeß hatte ſich ihr Jemand genähert, wie ſie die zweite Strophe der Romanze anfing, und plötzlich hörte ſie eine Stimme, die ſehr nahe ihrem Ohre ſagte: — Sie haben da zwei hübſche Kinder, Madame. „Der zärtlich ſchönen Imogine“, antwortete die Mutter in ihrer Romanze fortfahrend, und wendete dann den Kopf. Eine Frau ſtand einige Schritte entfernt vor ihr. Auch dieſe Frau hatte ein Kind, welches ſie auf ihren Armen trug. Außerdem trug ſie einen großen Nachtſack, der ſehr ſchwer zu ſein ſchien. Das Kind dieſer Frau war eines der hübſcheſten klei⸗ nen Weſen, die man ſehen kann. Es war ein Mädchen von zwei bis drei Jahren. Es hätte mit den beiden andern Kleinen in der Coquetterie des Anzugs wetteifern können; es trug ein Häubchen von feiner Leinwand, Bänder an ſeinem Nachtjäckchen und Spitzen an ſeinem Häubchen. Die Falten ſeines aufgeſchürzten Kleidchens ließen weiße, rund⸗ liche und feſte Schenkel ſehen. Es war bewundernswerth roſig und wohl. Die ſchöne Kleine erweckte das Verlangen, in die Aepfel ihrer Bäckchen zu beißen. Man konnte von ihren Augen nichts ſagen, als daß ſie ſehr groß waren und prachtvolle Augenwimpern hatten. Sie ſchlief. Sie ſchlief mit jenem Schlafe unbedingten Vertrauens, der ihrem Alter eigenthümlich iſt. Die Arme der Mutter ſind aus Zärtlichkeit gebildet; die Kinder ſchlafen darin ſehr feſt. Das Ausſehen der Mutter war ärmlich und traurig. Sie trug die Kleidung einer Arbeiterin, welche danach ſtrebt, wieder Bäuerin zu werden. Sie war jung. War ſie ſchön? Vielleicht; aber bei dieſem Anzuge ſchien ſie es nicht zu ſein. Ihre Haare, von denen eine Locke ſichtbar war, ſchienen ſehr dicht, verſchwanden aber unter einem häßlichen engen, am Kinn gebundenen Beguinenhäubchen. Das Lachen zeigt die ſchönen Zähne, wenn man welche hat; aber ſie lachte nicht. Ihre Augen ſchienen ſeit langer Zeit nicht trocken geworden zu ſein. Sie war blaß, ſah ſehr erſchöpft aus und ein wenig krank; ſie blickte auf ihr in ihren Armen ſchlafendes Mädchen mit jenem eigenthümlichen Ausdruck einer Mutter, die ihr Kind ſelbſt geſtillt hat. Ein großes blaues Tuch, wie die, mit denen die Invaliden ſich ſchnau⸗ ben, war als Umſchlagtuch zuſammengelegt und verbarg ſchwerfällig ihre Taille. Ihre Hände waren von der Luft gebräunt und zeigten röthliche Flecken, einen durch die Nadel gehärteten und zerſtochenen Zeigefinger; ſie trug ein kurzes Mäntelchen von grobem Wollenſtoff, ein Leinwandkleid und grobe Schuhe. Es war Fantine. Es war Fantine. Schwer wieder zu erkennen. Sah man ſie indeß genauer an, ſo beſaß ſie noch immer ihre Schönheit. Ein trauriger Zug, der einem Anfang der Ironie glich, furchte ihre rechte Wange. Was ihren Anzug betrifft, ſo war jene luftige Toilette von Muſſelin und Bändern, die mit Heiterkeit, Thorheit und Muſik geſchaffen zu ſein ſchien, die voller Zierrath und von Flieder gewürzt, ver⸗ ſchwunden, wie die ſchönen glänzenden Reifperlen, die man in der Sonne für Diamanten hält, die aber ſchmelzen, und den Zweig, an dem ſie hingen, ſchwarz zurücklaſſen. Zehn Monate waren ſeit der„guten Poſſe“ verfloſſen. Was hatte ſich während dieſer zehn Monate zuge⸗ tragen? Man kann es errathen. Auf die Verlaſſenheit war die Verlegenheit gefolgt. Fantine hatte ſogleich Favourite, Zephire und Dahlia aus den Augen verloren. Die von Seiten der Männer zerriſſene 10 Kette hatte ſich von Seiten der Frauen gelöſt; ſie wären vierzehn Tage darauf ſehr verwundert geweſen, wenn man ihnen geſagt hätte, daß ſie Freundinnen waren; dazu gab es gar keinen vernünftigen Grund mehr. Fantine war allein geblieben. Als der Vater ihres Kindes fort war— ach dergleichen Trennungen ſind unwiderruflich— erblickte ſie ſich ganz allein, mit der Gewohnheit der Arbeit weniger und dem Geſchmack an Vergnügungen mehr vertraut. Durch ihre Verbindung mit Tholomyeès dahin gebracht, die kleine Arbeit, die ſie konnte, zu verachten, hatte ſie ihre Kunden vernachläßigt; ihre Quellen waren verſiecht. Kein Hülfsmittel. Fantine konnte kaum leſen und gar nicht ſchreiben; in ihrer Kindheit hatte man ſie nur gelehrt, ihren Namen zu unterzeichnen; durch einen öffentlichen Schreiber hatte ſie an Tholomyès einen Brief ſchreiben laſſen, dann einen zweiten, dann einen dritten. Tholomyés antwortete auf keinen. Eines Tages hörte Fantine Klatſchgevatterinnen, indem ſie ihre Tochter betrachteten, ſagen:„Nimmt man dergleichen Kinder ernſt⸗ haft? Man zuckt die Achſeln über ſolche Kinder!“— Nun dachte ſie an Tholomyès, der die Achſeln über ſein Kind zuckte und dies unſchuldige Weſen nicht ernſthaft nahm, und ihr Herz verfinſterte ſich in Beziehung auf dieſen Menſchen. Was ſollte ſie indeß thun? Sie wußte nicht mehr, an wen ſie ſich wenden ſollte. Sie hatte einen Fehltritt begangen, aber die Grundlage ihrer Natur war, wie man ſich erinnern wird, Keuſchheit und Tugend. Sie fühlte unbeſtimmt, daß ſie auf dem Punkte ſtand, in Noth zu gerathen und in noch Schlimmeres hinabzuſinken. Sie bedurfte Muth, ſie hatte ihn, und richtete ſich kräftig empor. Es kam ihr der Ge⸗ danke, in ihre Geburtsſtadt nach M. am M. zurückzukehren. Dort erkannte ſie vielleicht Jemand und gab ihr Arbeit; ja, aber ſie mußte ihren Fehltritt verhehlen. Sie erblickte un⸗ deutlich, die mögliche Nothwendigkeit einer Trennung, die noch ſchmerzlicher war, als die erſte. Ihr Herz zog ſich — 11 zuſammen, und ſie faßte ihren Entſchluß. Fantine hatte, wie man ſehen wird, den wilden Muth des Lebens und kleidete ſich in Leinwand, beſeitigte alle ihre Seide, ihre Putzſachen, ihre Bänder, ihre Spitzen, um ſie auf ihre Tochter zu übertragen, die einzige ihr bleibende Eitelkeit, und zwar eine heilige. Sie verkaufte Alles, was ſie beſaß, und was ihr zweihundert Francs eintrug; als ihre kleinen Schulden bezahlt waren, hatte ſie nur noch ungefähr achtzig Francs übrig. An einem ſchönen Frühlingsmorgen verließ ſie, 22 Jahre alt, Paris, ihr Kind auf ihrem Rücken mit ſich tragend. Jemand, der ſie beide vorbeikommen geſehen hätte, würde Mitleid gefühlt haben. Dieſe Frau hatte auf der Welt nichts als dieſes Kind; dieſes Kind hatte auf der Welt nichts als dieſe Frau. Fantine hatte ihre Tochter geſtillt; dadurch war ihre Bruſt angegriffen worden, und ſie huſtete ein wenig. Wir werden nicht mehr Gelegenheit haben, von Herrn Felix Tholomyés zu ſprechen. Beſchränken wir uns darauf, zu ſagen, daß er 20 Jahre ſpäter unter König Lud⸗ wig Philipp ein angeſehener Advokat der Provinz war, ein⸗ flußreich und wohlhabend, verſtändiger Wähler und ſehr ſtrenger Geſchworner; ſtets uoch ein Mann des Vergnügens. Gegen die Mitte des Tages befand ſich Fantine in Montfermeil in dem Bäckergäßchen, nachdem ſie, um aus— zuruhen, von Zeit zu Zeit für drei oder vier Sous die Stunde in jenen Fuhrwerken gefahren war, die man da— mals die kleinen Wagen der Umgegend von Paris nannte. Als ſie an dem Wirthshauſe der Thénardiers vorbei⸗ ging, hatten die beiden kleinen Mädchen, entzückt über ihre rieſige Schaukelkette, für ſie eine Art Verblendung gehabt, und ſie war vor dieſer Freudenviſion ſtehen geblieben. Es giebt Zauber. Dieſe beiden kleinen Mädchen waren einer für dieſe Mutter. Sie betrachtete ſie ganz gerührt. Die Anweſenheit der 12 Engel iſt eine Verkündung des Paradieſes. Sie glaubte über dem Wirthshauſe das geheimnißvolle H JER der Vor⸗ ſehung zu erblicken. Dieſe beiden Kleinen waren augen⸗ ſcheinlich glücklich. Sie betrachtete ſie, bewunderte ſie ſo gerührt, daß ſie in dem Augenblicke, als die Mutter zwiſchen zwei Strophen ihres Geſanges Athem ſchöpfte, ſich nicht enthalten konnte, an ſie die erwähnten Worte zu richten: „Sie haben da zwei hübſche Kinder, Madame.“ Die wildeſten Geſchöpfe werden entwaffnet, wenn man ihre Jungen liebkoſt. Die Mutter erhob den Kopf und dankte, und forderte dann die Vorübergehende auf, ſich auf der Steinbank neben der Thür zu ſetzen; ſie ſelbſt ſaß auf der Schwelle. Die beiden Frauen plauderten miteinander. „Ich heiße Madame Thénardier“, ſagte die Mutter der Kleinen.„Wir halten dieſes Wirthshaus“. Dann immer noch in ihrer Romanze fortfahrend, ſang ſie zwiſchen den Zähnen: „So muß es ſein, denn ich bin Ritter, Nach Paläſtina zieh ich hin“. Dieſe Madame Thénardier war eine rothhaarige, flei⸗ ſchige, eckige Frau; das Muſter eines Soldatenweibes in ihrer ganzen Anmuthsloſigkeit. Und ſonderbar genug hatte ſie dabei eine Neigung zu romantiſcher Lectüre. Sie war ein mannhafter Zieraffe. Alte Romane, die ſich in der Einbildungskraft von Sudelköchinnen eingeniſtet haben, bringen ſolche Wirkungen hervor. Sie war noch jung, kaum 30 Jahre alt. Hätte dieſe Frau, die jetzt gekauert ſaß, ſich aufge⸗ richtet, ſo würde vielleicht ihr hoher Wuchs und die Breite ihrer Schultern, welche einem, die Märkte beſuchenden, Coloß anzugehören ſchienen, die Reiſende gleich anfangs erſchreckt, ihr Vertrauen geſtört und das verhindert haben, was wir erzählen wollen. Eine Perſon, die ſitzt, ſtatt zu ſtehen— davon hängt manches Geſchick ab. — 13—— Die Reiſende erzählte ihre Geſchichte, etwas verändert. Sie war Arbeiterin; ihr Mann war geſtorben; die Arbeit fehlte ihr in Paris, und ſie wollte ſie anderwärts ſuchen, in ihrer Heimath; ſie hatte Paris an eben dem Morgen zu Fuß verlaſſen; da ſie, ihr Kind tragend, ermü— det geweſen und den Wagen von Villemomble traf, hatte ſie ihn benutzt; von Villemomble war ſie wieder zu Fuß nach Montfermeil gekommen; die Kleine war ein wenig ge⸗ gangen, doch nicht viel, denn ſie war noch ſo jung, ſie mußte ſie daher wieder auf den Arm nehmen, und die liebe Kleine war eingeſchlafen. Bei dieſem Worte gab ſie ihrem Mädchen einen leiden⸗ ſchaftlichen Kuß, durch den ſie die Kleine erweckte. Das Kind öffnete die Augen, große blaue Augen, wie die ihrer Mutter, und ſah— was? ja Alles mit jenem ernſten und zuweilen ſtrengen Weſen der kleinen Kinder, welches ein Myſterium ihrer leuchtenden Unſchuld vor unſerm Däm⸗ merlicht der Tugend iſt. Man könnte glauben, ſie fühlen ſich als Engel, und wiſſen, daß wir Menſchen ſind. Dann lachte das Kind und obgleich die Mutter es zurückhalten wollte, glitt es mit der unbezähmbaren Entſchloſſenheit eines kleinen Weſens, das lanfen will, zur Erde nieder. Plötzlich bemerkte es die beiden andern auf ihrer Schaukel, blieb ſtehen und ſtreckte zum Zeichen der Bewunderung die Zunge heraus.— Die Mutter Thénardier band ihre Töchter los, hob ſie von der Schaukel herunter und ſagte: — Unterhaltet Euch alle drei. Dieſes Alter wird leicht miteinander bekannt, und nach eeiner Minute ſchon ſpielten die kleinen Thénardiers mit der Neuangekommenen, indem ſie Löcher in die Erde machten — ein ungeheures Vergnügen. Dieſe Neuangekommene war ſehr luſtig; die Güte der Mutter zeigt ſich in der Heiterkeit des Kindes; ſie hatte 14. ein Stückchen Holz genommen, das ihr als Spaten diente, und grub entſchloſſen einen Graben, gut für eeine Fliege. Was der Todtengräber thut, wird lachend, wenn ein Kind es thut. Die beiden Frauen fuhren fort, zu plaudern. — Wie heißt denn das kleine Ding? — Coſette. Coſette leſe man Euphraſia. Die Kleine hieß Eu⸗ phraſia. Aber aus Euphraſia hatte die Mutter Coſette ge⸗ macht, mit jenem milden, anmuthigen Inſtinkt der Mütter und des Volks, welcher Joſepha in Pepita und Franciska in Sillette verwandelte. Das iſt eine Art der Abſtammungen, welche die Wiſſenſchaft der Etymologen ſtört und verwirrt. Wir haben eine Großmutter gekannt, der es gelungen war, aus Theodor Gnon zu machen. — Wie alt iſt ſie? — Sie geht in das dritte Jahr. — Wie meine Aelteſte. Indeß hatten die drei kleinen Mädchen ſich in eine Gruppe zuſammengedrängt, welche Angſt und Glück zugleich verrieth; es hatte ein Ereigniß ſtattgefunden; ein großer Käfer war aus der Erde gekommen, ſie fürchteten ſich davor und waren entzückt darüber. Ihre leuchtenden Stirnen berührten ſich; es war, wie drei Köpfe von einem Heiligenſchein umgeben. — Die Kinder, rief Mutter Thénardier, wie das ſich ſo ſchnell kennen lernt! Man ſollte darauf ſchwören, es wären drei Schweſtern! Dieſe Worte waren ein Funke, den die andere Mutter wahrſcheinlich erwartete. Sie ergriff die Hand der Thé⸗ nardier, ſah ihr feſt in das Geſicht und ſagte: — Wollen Sie mir mein Kind bewahren? Die Theénardier empfand eine jener Regungen der Ueberraſchung, welche weder Zuſtimmung noch Weigerung ſind. 15 Die Mutter Coſettens fuhr fort: — Sehen Sie, ich kann meine Tochter nicht mit mir nehmen. Die Arbeit erlaubt dies nicht. Mit einem Kinde findet man nirgends eine Stelle. Sie ſind ſo lächerlich in meiner Heimath. Der liebe Gott hat mich vor Ihrem Gaſt⸗ hauſe vorübergeführt. Als ich Ihre Kleinen ſo hübſch, ſo reinlich, ſo zufrieden ſah, hat mich das ergriffen. Ich ſagte, das iſt eine gute Mutter. Richtig, ſie werden drei Schweſtern ſein. Und dann werde ich auch bald zurückkehren. Wollen Sie mir mein Kind aufbewahren? — Man muß ſehen, ſagte die Thénardier. — Ich gebe ſechs Francs monatlich. Hier rief eine Männerſtimme aus dem Hintergrunde der Kneipe: — Für nicht weniger als ſieben Francs und ſechs Monat Vorauszahlung. — Sechs mal ſieben macht 42, ſagte die Thénardier. — Ich habe ſie, ſagte die Mutter. — und außerdem fünfzehn Francs für die erſten Aus⸗ lagen, fügte die Männerſtimme hinzu. — Zuſammen ſieben und funfzig Francs, ſagte Ma⸗ dame Thénardier, und zwiſchen den Zahlen trällerte ſie. — Es muß ſein! ſagte der Krieger. — Ich gebe ſie, ſagte die Mutter. Ich habe achtzig Francs. Es bleibt mir noch genug, um in meine Heimath zu kommen, wenn ich zu Fuß gehe. Ich werde dort unten Geld verdienen, und ſobald ich etwas gewonnen habe, komme ich meinen Liebling zu holen. Die Männerſtimme rief wieder: — Hat die Kleine eine Ausſtattung? — Es iſt mein Mann, bemerkte Madame Thénardier. — Ohne Zweifel hat ſie eine Ausſtattung, der arme Schatz.— Ich habe wohl geſehen, daß das Ihr Mann iſt.— Und noch dazu eine ſchöne Ausſtattung! Eine un⸗ ſinnige Ausſtattung, Alles zu Dutzenden; und ſeidene Klei⸗ der, wie eine Dame. Alles iſt da in meinem Nachtſacke. — Das müſſen Sie geben, entgegnete die Manns⸗ ſtimme. — Ich glaube wohl, daß ich es geben werde, ſagte die Mutter. Es wäre doch närriſch, wenn ich meine Tochter ganz nackt ließe. Das Geſicht des Hausherrn erſchien. — Es iſt gut, ſagte er. Der Handel wurde geſchloſſen. Die Mutter brachte die Nacht in dem Wirthshauſe zu, bezahlte ihr Geld, ließ ihr Kind zurück, ſchnallte ihre Reiſetaſche wieder zu, welche durch die Ausſtattung der Kleinen ſehr leicht geworden war, und reiſte am folgenden Morgen ab, indem ſie darauf rechnete, bald zurück zu kommen. Man ordnet ruhig eine ſolche Abreiſe, aber es iſt eine verzweiflungsvolle Trennung. Eine Nachbarin der Thénardier begegnete der Mutter, wie ſie ſich entfernte, und als ſie nach Haus kam, ſagte ſie: — Ich habe ſo eben auf der Straße eine Frau ge⸗ ſehen, die weinte, das es einem das Herz zerriß. Als Coſetten's Mutter fort war, ſagte der Mann zu ſeiner Frau: — Das wird meinen Wechſel von hundert und zehn Francs decken, der morgen fällig iſt. Es fehlten mir dazu noch funfzig Francs. Weißt Du, daß ich den Gerichts⸗ boten und einen Proteſt gehabt hätte? Du haſt da eine hübſche Mauſefalle mit Deinen beiden Kleinen gemacht. — Ohne es zu ahnenl! ſagte die Frau. — 17 II. Erſte Schilderung zweier zweideutigen Geſtalten. Die gefangene Maus war ſehr klein; aber die Katze freut ſich auch über eine magere Maus. Was waren dieſe Thénardiers? Sagen wir davon gleich jetzt ein Wort. Wir werden den Entwurf ſpäter vervollſtändigen. Dieſe Geſchöpfe gehörten jener Zwitterklaſſe an, die aus rohen Leuten beſteht, welche in die Höhe gekommen ſind, und aus gebildeten, die herabgekommen ſind, welche zwiſchen der ſogenannten mittlern und der ſogenannten untern Klaſſe ſteht, und welche einige der Fehler der zweiten mit beinahe allen Laſtern der erſten verbindet, ohne die edelmüthigen Neigungen des Arbeiters, noch die Ordnung des rechtſchaffe⸗ nen Bürgers zu haben. Sie gehörten zu jenen Zwergnaturen, die, weun zufällig ein finſteres Feuer ſie erhitzt, ſehr leicht monſtruös werden. In der Frau lag etwas vom Weſen eines wilden Thieres, und in dem Mann der Stoff zu einem Schurken. Beide waren im höchſten Grade jener Gattung abſcheulichen Fortſchrittes fähig, der in der Richtung des Böſen erfolgt. Es giebt krebsartige Seelen, welche beſtändig gegen die Dunkelheit zur ückſchreiten, in dem Leben mehr rückwärts als vorwärts kommen, die Erfahrung dazu benutzen, ihre Mißgeſtalt zu ſteigern, unabläſſig ſchlechter zu werden und ſich mehr und mehr mit der wachſenden Schwärze zu durchdringen. Dieſer Mann und dieſe Frau gehörten zu dergleichen Seelen. Die Elenden. II..2 18 Thénardier beſonders war eine Verlegenheit für den Phyſiognomen. Man braucht gewiſſe Menſchen nur an— zuſehen, um ihnen zu mißtrauen, denn man erkennt ſie finſter an beiden Enden. Nach rückwärts ſind ſie beſorgnißerregend, nach vorwärts drohend. Es liegt in ihnen etwas Unbe⸗ kanntes. Man kann weder für Das haften, was ſie gethan haben, noch für Das, was ſie thun werden. Der Schatten, der in ihrem Blute liegt, klagt ſie an. Sobald man ſie nur ein Wort ſprechen hört oder eine Bewegung machen ſieht, ahnt man finſtere Geheimniſſe in ihrer Vergangenheit und finſtere Myſterien in ihrer Zukunft. Thénardier war, wenn man ihm glauben durfte, Sol⸗ dat geweſen; Sergeant, ſagte er; er hatte wahrſcheinlich den Feldzug von 1815 mitgemacht und ſich ſogar, wie es ſcheint, ziemlich tapfer benommen. Wir werden ſpäter ſehen, was daran war. Das Schild ſeiner Kneipe war eine An⸗ ſpielung auf eine ſeiner Waffenthaten. Er hatte es ſelbſt gemalt, denn er verſtand Etwas von Allem; ſchlecht. Es war die Zeit, in welcher der antike klaſſiſche Roman, der, nachdem er Clelia geweſen, nichts mehr war als Lo⸗ doiska, ſtets nobel, aber mehr und mehr gemein, von Made⸗ moiſelle Scudéry zu Madame Bournon⸗Malarme herab⸗ geſunken, und von Madame Lafayette zu Madame Barthélemy⸗ Hadot, die liebende Seele der Thürhüterinnen von Paris entzündete und ſelbſt die Bannmeile ein wenig verheerte. Madame Thénardier war gerade gebildet genug, um dieſe Art von Büchern zu leſen. Sie nährte ſich damit. Sie ertränkte darin, was ſie noch von Hirn hatte; das gab ihr, ſo lange ſie noch ſehr jung war, und ſelbſt noch etwas ſpäter eine Art nachdenkender Haltung bei ihrem Manne, einem Schelm von gewiſſer Tiefe, einem Schuft, gelehrt bis auf die Grammatik, roh und fein zugleich, der aber im Punkte des Sentimentalismus Pigault⸗Lebrun las, und in Beziehung auf Alles,„was das Geſchlecht berührte“, wie 19 er in ſeinem Jargon ſagte, ein unbedingter und reiner Tölpel war. Seine Frau war 12 oder 15 Jahr jünger wie er. Später, als das romantiſch⸗zottige Haar grau zu werden begann, als die Megäre ſich aus der Pamela entwickelte, war die Thénardier weiter nichts mehr als ein rohes, bos⸗ haftes Weib, welches einfältige Romane verſchlungen hatte. Man lieſt aber nicht ungeſtraft dergleichen Abgeſchmacktheiten. So kam es, daß ihre älteſte Tochter Eponine hieß; was die jüngſte betrifft, ſo wäre die arme Kleine beinahe Gulnare genannt worden; ſie verdankte es irgend einer glücklichen Diverſion, die ein Roman Ducray⸗Duminil's gemacht hatte, daß ſie nur Azelma hieß. Uebrigens, im Vorbeigehen ſei es geſagt, iſt nicht Alles lächerlich und oberflächlich in jener merkwürdigen Zeit, auf die wir hier anſpielen, und welche man die Anarchie der Taufnamen nennen könnte. Neben dem romanhaften Elemente, welches wir ſo eben andeuteten, gab es in ihr auch ein ſociales Symptom. Es iſt jetzt nicht ſelten, daß ein Fleiſcherknecht Arthur heißt, Alfred oder Alphons, und der Vicomte— wenn es noch Vicomtes giebt— Thomas, Peter oder Jakob. Dieſe Verrückung, welche den„eleganten“ Namen dem Plebejer giebt und den ländlichen Namen dem Ariſtokraten, iſt nichts Anderes als ein Wirbel der Gleich⸗ heit. Die unwiderſtehliche Durchdringung des neuen Hauches zeigt ſich hier wie überall. Unter dieſer ſcheinbaren Miß⸗ ſtimmung liegt etwas Großes und Tiefes: die franzöſiſche Revolution. 2* III. Die Lerche. Es genügt nicht, boshaft zu ſein, um vorwärts zu kommen. Mit der Kneipe ging es ſchlecht. Dank den ſieben und funfzig Francs der Reiſenden hatte Thénardier einen Proteſt vermieden und ſeine Unter⸗ ſchrift honoriren können. Im nächſten Monat brauchten die Leute wieder Geld; die Frau trug die Ausſtattung Coſette's nach Paris, und verſetzte ſie dort im Leihhauſe für ſechszig Francs. Sobald dieſe Summe ausgegeben war, gewöhnten die Thénardiers ſich daran, in dem kleinen Mädchen nur noch ein Kind zu ſehen, das ſie aus Barmherzigkeit zu ſich genommen hatten, und behandelten es demgemäß. Da Coſette keine Ausſtattung mehr hatte, kleidete man ſie in die alten Röcke und die alten Hemden der kleinen Thénardiers, das heißt in Lumpen. Man ernährte ſie mit dem, was alle Welt übrig ließ, etwas beſſer wie den Hund und etwas ſchlechter wie die Katze. Der Hund und die Katze waren übrigens ihre gewöhnlichen Tafelgenoſſen; Coſette aß mit ihnen zuſammen unter dem Tiſche aus einem Napfe, dem dieſer Thiere ähnlich. Die Mutter, welche ſich, wie man ſpäter ſehen wird, in M. am M. niedergelaſſen hatte, ſchrieb, oder richtiger geſagt, ließ jeden Monat ſchreiben, um Nachrichten von ihrem Kinde zu erhalten. Die Thénardiers antworteten unwandelbar:„Coſette befindet ſich vortrefflich.“ Als die erſten ſechs Monate abgelaufen waren, ſchickte die Mutter ſieben Francs für den ſiebenten Monat und zu den tter⸗ die tte's szig nten nur ſich man anen mit Hund die ſen; inem wird, htiger von rteten hickte und 21 ſetzte pünktlich ihre Sendungen von Monat zu Monat fort. Das Jahr war noch nicht zu Ende, als Thénardier ſagte: Eine ſchöne Gnade, die man uns da erweiſt! Was will ſie, das wir mit ihren ſieben Francs anfangen ſollen?— Und er ſchrieb um zwölf Francs zu fordern. Die Mutter, die er überredete, daß ihr Kind glücklich ſei und ſehr gut gedieh, fügte ſich und ſchickte die zwölf Francs. Gewiſſe Naturen müſſen nach einer Seite lieben und nach der andern haſſen. Die Mutter Thénardier liebte leidenſchaftlich ihre eigenen beiden Mädchen und verabſcheute deshalb das fremde. Es iſt traurig, zu denken, daß die Mutterliebe ein ſo häßliches Ausſehen haben kann. So wenig Raum Coſette auch bei ihr einnahm, ſchien es ihr doch, als ob dies auf Koſten der Ihrigen geſchehe, und als ob die Kleine die Luft verminderte, welche ihre Töchter ein⸗ athmeten. Dieſes Weib hatte, wie viele Frauen ihrer Art, eine gewiſſe Menge von Liebkoſungen und eine gewiſſe Menge von Püffen und Schimpfreden täglich auszutheilen. Hätte ſie Coſette nicht gehabt, ſo iſt es gewiß, daß ihre Töchter, ſo ſehr ſie auch vergöttert wurden, Alles empfangen haben würden; aber die Fremde leiſtete ihnen den Dienſt, die Püffe auf ſich zu ziehen. Die eigenen Töchter empfingen nur die Liebkoſungen. Coſette konnte keine Bewegung machen, ohne daß dafür auf ihren Kopf ein Hagel von gewalt⸗ thätigen und unverdienten Züchtigungen herabfiel. Sanft und ſchwach, nichts von dieſer Welt noch von Gott be⸗ greifend, unabläſſig beſtraft, ausgezankt, geſtoßen, geſchlagen, ſah ſie an ihrer Seite zwei kleinere Geſchöpfe wie ſich ſelbſt, die in einer Morgenröthe lebten. Die Thénardier war boshaft gegen Coſette, und Epinone und Azelma waren es daher ebenfalls. Die Kin⸗ der ſind in dieſem Alter nichts als Exemplare ihrer Mutter. Das Format iſt kleiner, das iſt Alles. Ein Jahr verfloß, dann ein anderes. 22 Man ſagte im Dorfe: „Dieſe Thénardiers ſind brave Leute. Sie ſind nicht reich und erziehen dennoch ein armes Kind, das man bei ihnen zurückgelaſſen hat!“ Man glaubte, Coſette ſei von ihrer Mutter vergeſſen. Indeß hatte Thénardier auf man weiß nicht wel⸗ chem dunklen Wege erfahren, daß das Kind wahrſchein⸗ lich ein Baſtard ſei, und daß die Mutter ſich nicht zu ihm bekennen könnte; er forderte daher fünfzehn Francs monat⸗ lich, indem er ſagte, daß die„Kreatur“ heranwüchſe und „viel äße“, und drohte, ſie fortzuſchicken.—„Sie ſoll mich nicht langweilen“, rief er aus,„ſonſt ſchleudere ich ihr ihren Balg mitten in ihre Geheimnißkrämerei hinein, ich brauche Zulage.“— Die Mutter zahlte die fünfzehn Francs. Von Jahr zu Jahr wuchs das Kind und deſſen Elend auch. So lange Coſette noch ganz klein war, blieb ſie der Sündenbock für die anderen beiden Kinder; ſobald ſie ſich ein wenig zu entwickeln begann, das heißt, noch ehe ſie fünf Jahr alt war, wurde ſie die Magd des Hauſes. Fünf Jahre, wird man ſagen, das iſt unwahrſcheinlich. Ach, es iſt leider wahr. Das ſociale Elend beginnt mit jedem Alter. Sahen wir nicht kürzlich den Prozeß eines gewiſſen Dumollard, der eine Waiſe war und mit dem Alter von fünf Jahren Bandit wurde, wie die offiziellen Dokumente ſagen, indem er allein auf der Welt arbeitete um zu leben, und ſtahl! Man ließ Coſette die Gänge machen, die Zimmer, den Hof, die Straße fegen, das Geſchirr abwaſchen, ſelbſt Laſten tragen. Die Thénardiers hielten ſich für um ſo mehr be⸗ rechtigt, ſo zu handeln, da die Mutter, welche noch immer in M. am M. war, unregelmäßig zu zahlen anfing. Einige Monate blieben in Rückſtand. —:—— Wenn die Mutter nach Verlauf dieſer drei Jahre nach Montfermeil zurückgekommen wäre, ſo hätte ſie ihr Kind nicht wieder erkannt. Coſette, ſo friſch und ſo hübſch bei ihrer Ankunft in dieſem Hauſe, war jetzt mager und bleich. Sie hatte ein ſcheues Weſen.„Tückiſch!“ ſagten die Thénardiers. Die Ungerechtigkeit hatte ſie mürriſch gemacht und das Elend häßlich. Es blieb ihr nichts als ihre ſchönen Augen, die einen peinlichen Eindruck machten, denn groß wie ſie waren, ſchien man darin nichts als eine größere Menge von Traurigkeit zu ſehen. Es war etwas herzzerreißendes, das arme Kind, das noch nicht ſechs Jahre zählte, im Winter zu erblicken, vor Froſt klappernd, unter ihrem alten Fetzen von durchlöcherter Leinwand vor Tagesanbruch ſchon die Straße mit einem gewaltigen Beſen in ihren kleinen rothen Händen kehrend und eine Thräne in ihren großen Augen. Im Orte nannte man ſie die Lerche. Das Volk, welches bildliche Redensarten liebt, hatte dieſen Namen dem kleinen Weſen gegeben, das nicht größer war als ein Vogel, zitternd, ſcheu, fröſtelnd, zuerſt jeden Morgen in dem Hauſe und in dem Dorfe wachte und ſtets vor Tagesanbruch auf der Straße oder auf dem Felde war. Nur ſang die arme Lerche niemals. Erſte Abtheilung. fantine. Fünftes Buch. Der Verfall. J. Geſchichte eines Fortſchritts in der ſchwarzen Glasmacherei. Was war indeß aus der Mutter, welche nach dem Gerede der Leute von Montfermeil ihr Kind verlaſſen zu haben ſchien, geworden? Wo befand ſie ſich? Was machte ſie? Nachdem ſie ihre kleine Coſette den Thénardiers über⸗ geben hatte, ſetzte ſie ihre Reiſe fort und kam nach M. am M. Es war, wie man ſich erinnert, im Jahre 1818. Fantine hatte ihren Geburtsort ſeit etwa zehn Jahren verlaſſen. M. am M. hatte ſeitdem ſein Ausſehen verändert. Wäh⸗ rend Fantine langſam von Elend zu Elend herabſank, hatte ihre Geburtsſtadt ſich gehoben. Seit ungefähr zwei Jahren war dort eine jener in⸗ duſtriellen Thatſachen erfolgt, welche die großen Ereigniſſe kleiner Orte ſind. Die näheren Umſtände ſind von Wichtig⸗ keit, und wir halten es daher für nützlich, ſie zu entwickeln, wir möchten beinahe ſagen, ſie ganz beſonders zu betonen. Seit undenklichen Zeiten hatte M. am M. zur beſon⸗ deren Induſtrie die Nachahmung des engliſchen Schmelzes und der ſchwarzen Glasarbeiten Deutſchlands. Dieſe In⸗ duſtrie hatte ſtets vegetirt, weil die Theuerung der Roh⸗ materialien auf den Arbeitslohn drückte. In dem Augenblick, wo Fantine M. am M. wiederſah, war in der Production der ſchwarzen Artikel eine ungeheure Umwandlung vor⸗ gegangen. Gegen Ende des Jahres 1815 hatte ein Menſch, ein Unbekannter, ſich in der Stadt niedergelaſſen und war auf den Gedanken gefallen, bei der Fabrikation den Gummi⸗ lack an der Stelle des Gummiharzes zu verwenden, und bei den Armbändern insbeſondere die Schleifen von nur zuſammengeſetzten Blechen an der Stelle von gelötheten Blechen. Dieſe ganz kleine Veränderung hatte eine Revolution hervorgebracht. Dieſe ganz kleine Veränderung hatte in der That auf wunderbare Weiſe den Preis des Rohſtoffes vermindert, und dies geſtattete zunächſt, das Arbeitslohn zu erhöhen, — eine Wohlthat für das Land; dann die Fabrikation zu verbeſſern,— ein Vortheil für den Conſumenten, und drit⸗ tens wohlfeiler zu verkaufen, und demnach den Ertrag zu verdreifachen,— ein Gewinn für den Fabrikanten. So hatte eine Idee ein dreifaches Reſultat. Binnen weniger als drei Jahren war der Urheber die⸗ ſes Verfahrens reich geworden, was gut iſt, und hatte Alles um ſich her reich gemacht, was noch beſſer iſt. Er war ein Fremder in dem Departement. Von ſeinem Ur⸗ ſprung wußte man nichts, von ſeinem Beginn nur wenig. Man erzählte ſich, er ſei mit ſehr wenig Geld, einigen hundert Francs höchſtens, nach der Stadt gekommen. Durch dieſes kleine Capital, in den Dienſt eines ſinn⸗ reichen Gedankens gebracht, befruchtet durch Ordnung und Nachdenken, hatte er ſeinen Reichthum begründet und den Reichthum der ganzen Gegend. Bei ſeiner Ankunft in M. am M. hatte er die Kleider, das Weſen und die Sprache eines Arbeiters. An eben dem Tage, an welchem er ſeinen unbekannten nhlick, ction vor⸗ enſt, d war ummi⸗ „ und nur heten ution t auf ndert, böhen, 29 Einzug in die kleine Stadt M. am M. hielt, gegen Abend eines Decembertages, den Torniſter auf dem Rücken und den Knotenſtock in der Hand, war ein großer Brand in dem Gemeindehauſe ausgebrochen. Der Menſch warf ſich in das Feuer und rettete mit Gefahr ſeines eigenen Lebens zwei Kinder, welche zufällig die des Capitains der Gens⸗ darmerie waren; deshalb hatte man nicht daran gedacht, ihn nach ſeinem Paſſe zu fragen. Seitdem erfuhr man ſeinen Namen. Er nannte ſich der Vater Madeleine. II. Madeleine. Er war ein Mann von ungefähr 50 Jahren, ſah ge⸗ dankenvoll aus und war gut. Das war Alles, was man von ihm ſagen konnte. Dank den ſchnellen Fortſchritten dieſer Induſtrie, die er ſo bewundernswerth in Aufſchwung brachte, war M. am M. der Mittelpunkt beträchtlicher Geſchäfte geworden. Spanien, welches viel ſchwarzen Schmelz verbraucht, machte jährlich hier ungeheure Beſtellungen. M. am M. bildete für dieſen Handel beinahe Concurrenz fuͤr London und Berlin. Der Gewinn des Vater Madeleine war ſo groß, daß er ſchon im zweiten Jahre eine beträchtliche Fabrik bauen konnte, in welcher zwei große Arbeitsſäle waren, der eine für die Männer, der andere für die Frauen. Wer hungerte, konnte hier anklopfen und war gewiß, Arbeit und Brod zu finden. Der Vater Madeleine verlangte von den Männern guten Willen, von den Frauen reine Sitten, und von Allen Recht⸗ ſchaffenheit. Er hatte die Arbeitsſäle getheilt, um die Ge⸗ ſchlechter von einander zu trennen und damit die Frauen und Mädchen tugendhaft bleiben könnten. In dieſer Be⸗ ziehung war er unbengſam. Das war die einzige, in der er eine Art von Intoleranz zeigte. Zu dieſer Strenge war er um ſo mehr berechtigt, da M. am M. als eine Garniſon⸗ ſtadt zahlreiche Gelegenheit der Verführung bot. Uebrigens war ſein Erſcheinen eine Wohlthat und ſeine Anweſenheit eine Vorſehung. Vor der Ankunft des Vater Madeleine lag in dem Lande Alles darnieder; jetzt lebte darin Alles in dem geſunden Leben der Arbeit. Eine kräftige Circulation erwärmte und durchdrang Alles. Das Feiern der Arbeit und des Elends waren unbekannt. Es gab keine ſo dunkle Taſche, daß nicht etwas Geld darin geweſen wäre, keine ſo ärmliche Wohnung, daß man nicht ein wenig Freude darin fand. Der Vater Madeleine beſchäftigte alle Welt; er ver⸗ langte nur Eins: Seid ein rechtſchaffener Mann! Seid ein ordentliches Mädchen! Wie wir erwähnten, machte der Vater Madeleine bei dieſer Thätigkeit, deren Urſache und Stützpunkt er war, ſein Glück; allein ſonderbar genug bei einem einfachen Handels⸗ mann, ſchien es nicht, als ob dies ſeine größte Sorge ſei. Er dachte allem Anſchein nach viel an die Andern und nur wenig an ſich ſelbſt. 1820 wußte man, daß er eine Summe von 630,000 Francs auf ſeinen Namen bei Laffitte nieder⸗ gelegt hatte; aber ehe er ſich dieſe 630,000 Francs zurück⸗ legte, hatte er mehr als eine Million für die Stadt und für die Armen ausgegeben. Das Hoſpital war ſchlecht dotirt; er ſtiftete in demſelben zehn Betten. M. am M. iſt in die obere und in die untere Stadt getheilt. Die untere Stadt, in guten gecht⸗ Ge⸗ rauen Be⸗ n der e war niſon⸗ igens enheit e lag es in lation Arbeit dunkle keine welcher er wohnte, hatte nur eine Schule, eine erbärm⸗ liche Hütte, die in Ruinen ſank; er ließ zwei neue erbauen, eine für die Mädchen, die andere für die Knaben. Er ge⸗ währte aus eigenen Mitteln den beiden Lehrern eine Zu⸗ lage, welche doppelt ſo groß war, wie ihr magerer offi⸗ zieller Gehalt, und eines Tages ſagte er zu Jemand, der ſich darüber wunderte:„Die beiden erſten Beamten des Staates ſind die Amme und der Schulmeiſter.“ Er hatte auf ſeine Koſten einen neuen Zufluchtsſaal geſtiftet; eine Sache, die damals in Frankreich beinahe noch unbekaunt war, und eine Unterſtützungskaſſe für alte und kranke Ar⸗ beiter. Da ſeine Fabrik im Mittelpunkt war, entſtand rings um dieſelbe her ſehr bald ein neues Stadtviertel, in wel⸗ chem eine große Menge dürftiger Familien wohnten; er er⸗ richtete darin eine unentgeltliche Apotheke. In der erſten Zeit, als man ihn anfangen ſah, ſagten die guten Seelen:„Das iſt ein Schelm, der ſich bereichern will.“ Als man ſah, daß er das Land eher bereicherte, wie ſich ſelbſt, ſagten eben dieſe guten Seelen:„Er iſt ein Ehr⸗ geiziger.“ Dies ſchien um ſo wahrſcheinlicher zu ſein, da der Mann religiös war und ſelbſt fromm in einem gewiſſen Grade; eine Sache, die in jener Zeit ſehr wohl gelitten wurde. Er hörte regelmäßig jeden Sonntag eine ſtille Meſſe. Der Ortsdeputirte, der überall Concurrenten roch, beunruhigte ſich bald über dieſe Religion. Dieſer Depu⸗ tirte, welcher Mitglied des geſetzgebenden Körpers unter dem Kaiſerreich war, theilte die religiöſen Begriffe eines Pater des Oratoriums, bekannt unter dem Namen Fouché, Herzog von Otranto, deſſen Creatur und Freund er geweſen war. Bei verſchloſſenen Thüren lachte er verſtohlen über Gott. Als er den reichen Fabrikanten Madeleine in die ſtille Sieben⸗Uhr⸗Meſſe gehen ſah, erblickte er in ihm einen mög⸗ lichen Candidaten und beſchloß, ihn zu übertreffen: er nahm einen Jeſuiten zum Beichtvater und ging in die große Meſſe 32 und in die Vesper. Der Ehrgeiz war zu jener Zeit in der richtigen Bedeutung des Wortes ein Kirchthurmrennen. Die Armen zogen aus dieſem Schrecken eben ſo Nutzen, wie der liebe Gott, denn der ehrenwerthe Deputirte ſtiftete auch zwei Betten in dem Hoſpital; das machte zwölf. Indeß verbreitete ſich im Jahre 1819 eines Morgens in der Stadt das Gerücht, daß auf den Vorſchlag des Herrn Präfecten und in Erwägung der der Gegend ge⸗ leiſteten Dienſte der Vater Madeleine durch den König zum Maire in M. am M. ernannt werden ſollte. Die, welche den neuen Ankömmling einen Ehrgeizigen genannt hatten, ergriffen mit Freuden dieſe von allen Menſchen erwünſchte Gelegenheit und riefen:„So! Was hatten wir geſagt?“— Ganz M. am M. war in Aufruhr. Das Gerücht war be⸗ gründet. Einige Tage darauf erſchien die Ernennung im Moniteur. Am nächſten Tage lehnte der Vater Made⸗ leine ſie ab. In eben dieſem Jahre 1819 erſchienen die Erzeugniſſe des neuen, von Madeleine erfundenen Verfahrens auf der Induſtrieausſtellung; nach dem Berichte der Jury ernannte der König den Erfinder zum Ritter der Ehrenlegion. Neue Aufregung in der kleinen Stadt.„Nun, es war das Kreuz, das er haben wollte!“— Der Vater Madeleine wies das Kreuz zurück. Ganz entſchieden war dieſer Menſch ein Räthſel. Die guten Seelen zogen ſich aus der Verlegenheit, indem ſie ſagten:„Alles erwogen, iſt er doch eine Art von Aben⸗ theurer. Wie man ſah, verdankte das Land ihm viel, die Armen Alles; er war ſo nützlich geweſen, daß man ihm zuletzt wohl hatte ehren müſſen; und er war ſo ſanft, daß man ihn end⸗ lich lieben mußte. Seine Arbeiter beſonders beteten ihn an, und er trug dieſe Anbetung mit einer Art melancholiſchen Ernſtes. Als er gewiſſermaßen reich war, grüßten ihn„die der mnen. utzen, tiftete rgens des ge⸗ zum eelche alten, nſchte — e be⸗ mung Lade⸗ niſſe der annte Neue Kreuz, das thſel. ndem Aben⸗ ermen wohl end⸗ hn an, liſchen n„die Mitglieder der Geſellſchaft“, und man nannte ihn in der Stadt Herr Madeleine. Seine Arbeiter und die Kinder fuhren fort, ihn Vater Madeleine zu nennen, und das er⸗ weckte ſein frohſtes Lächeln. In dem Grade, wie er empor⸗ kam, regnete es Einladungen für ihn.„Die Geſellſchaft“ nahm ihn in Anſpruch. Die kleinen ſteifen Salons in M. am M., welche wohlverſtanden ſich in der erſten Zeit dem Handwerker verſchloſſen haben würden, öffneten dem Mil⸗ lionair beide Thüren. Man erwies ihm tauſend Zuvor⸗ kommenheiten. Er lehnte ſie ab. Auch diesmal wieder ließen die guten Seelen ſich nicht irre machen.—„Es iſt ein unwiſſender Menſch von ge⸗ ringer Erziehung. Man weiß nicht, woher ſo Einer kömmt. Er würde ſich in der Welt nicht halten können. Es iſt keineswegs bewieſen, daß er leſen kann.“ Als man ihn Geld gewinnen ſah, hatte man geſagt: „Er iſt ein Kaufmann.“ Als man ihn das Geld ausſtreuen ſah, ſagte man:„Er iſt ein Ehrgeiziger.“ Als man ihn die Chrenbezeigungen ablehnen ſah, ſagte man:„Er iſt ein Abentheurer.“ Als man ihn die Welt zurückweiſen ſah, ſagte man:„Er iſt ein Tölpel.“ 1820, fünf Jahre nach ſeiner Ankunft in M. am M., waren die Dienſte, die er der Gegend geleiſtet hatte, ſo glänzend, und die Wünſche der ganzen Gegend ſo überein⸗ ſtimmend, daß der König ihn abermals zum Maire der Stadt ernannte. Er lehnte die Ernennung wieder ab; aber der Präfekt wies ſeine Weigerung zurück, alle Notablen kamen, ihn zu bitten, das Volk flehte ihn auf offener Straße an, und das Dringen war ſo lebhaft, daß er endlich an⸗ nehmen mußte. Man bemerkte, daß das, was ihn beſonders zu beſtimmen ſchien, die beinahe zornige Anrede einer alten Frau aus dem Volke war, welche ihm auf der Schwelle ſeiner Thür übellaunig zurief:„Ein guter Maire, das iſt Die Elenden. II. 3 „— 34*— nützlich. Weicht man vor dem Guten zurück, das man thun kann?“ Dies war die dritte Phaſe ſeines Emporſteigens. Der Vater Madeleine war Herr Madeleine geworden; Herr Madeleine wurde der Herr Maire. v III. Bei Laffitte deponirte Summen. Uebrigens war er ſo einfach geblieben, wie am erſten Tage. Er hatte graue Haare, ein ernſtes Auge, die ge⸗ bräunte Geſichtsfarbe eines Arbeiters, das nachdenkende Ge⸗ ſicht eines Philoſophen. Für gewöhnlich trug er einen breitrandigen Hut und einen langen Ueberrock von grobem Tuch, zugeknöpft bis zum Kinn. Er erfüllte ſein Amt als Maire, aber außerdem lebte er einſam. Er ſprach nur mit wenig Menſchen. Er entzog ſich allen Höflichkeiten, grüßte von der Seite, entſchlüpfte ſchnell, lächelte, um nicht plau⸗ dern zu müſſen, plauderte, um nicht grüßen zu müſſen. Die Frauen ſagten von ihm:„Was für ein guter Maire!“ Sein Vergnügen beſtand darin, Spaziergänge im Felde zu machen. Seine Mahlzeiten verzehrte er ſtets allein, vor ſich mit einem offenen Buche, in welchem er las. Er hatte eine kleine wohlgewählte Bibliothek. Er liebte die Bücher; die Bücher ſind kalte, aber ſichere Freunde. In dem Grade, in welchem er mit dem Vermögen Muße gewann, ſchien er eſten 3 35 dieſe zu benutzen, um ſeinen Geiſt zu bilden. Seitdem er in M. am M. war, bemerkte man, daß von Jahr zu Jahr ſeine Sprache feiner, gewählter, ſanfter wurde. Gern nahm ſer auf ſeinen Spaziergängen ein Gewehr mit, aber er bediente ſich deſſelben nur ſelten. Geſchah dies zufällig, ſo war ſein Schuß auf erſchreckliche Weiſe unfehl⸗ bar. Nie tödtete er ein[harmloſes Thier. Nie ſchoß er einen kleinen Vogel. Obgleich er nicht mehr jung war, erzählte man von ihm, daß er eine wunderbare Kraft beſitze. Er leiſtete Jedem, der deſſen bedurfte, Beiſtand, hob ein Pferd auf, zog ein Rad aus dem Koth, hielt einen entſprungenen Stier an den Hörnern feſt. Er hatte ſeine Taſchen ſtets voll Geld, wenn er ausging, und leer, wenn er nach Hauſe zurückkehrte. Ging er durch ein Dorf, ſo liefen die zer⸗ lumpten Kinder luſtig hinter ihm her und umgaben ihn wie ein Schwarm Mücken. 2 Man glaubte zu errathen, daß er ehedem ein Landleben geführt haben mußte, denn er kannte allerhand nützliche Geheimniſſe, in denen er die Bauern unterrichtete. Er lehrte ſie, das Verderben des Korns zu verhindern, indem er den Boden mit einer Auflöſung von gewöhnlichem Salz be⸗ ſprengte und die Ritzen des Fußbodens damit netzte; die Kornwürmer zu vertreiben, indem er überall an den Mauern und an den Dächern, auf den Weideplätzen und in den Häuſern blühenden Orviot aufhängen ließ. Er hatte„Re⸗ zepte“, um aus einem Felde den Raden, die Wicken, kurz alle die Paraſitengewächſe zu vertreiben, die das Korn er⸗ ſticken. Er ſchützte einen Kaninchenbau gegen die Ratten durch den bloßen Geruch eines kleinen Meerſchweinchens, das er hineinſetzte. Eines Tages ſah er Landleute emſig damit beſchäftigt, Neſſeln auszureißen; er betrachtete den Haufen der entwur⸗ zelten und ſchon getrockneten Pflanzen und ſagte:„Das iſt 3* 3 36 todt. Es wäre indeß ſehr gut, wenn man es zu benutzen verſtände. Sind die Neſſeln jung, ſo ſind ihre Blätter ein vortreffliches Gemüſe; ſind ſie alt, ſo haben ſie Faſern, wie der Hanf und Flachs. Neſſelleinwand iſt ſo gut wie Hanf⸗ leinwand. Gehackt iſt die Neſſel gut für das Federvieh, zerquetſcht für das Hornvieh. Neſſelkörner unter die Fou⸗ rage gemiſcht machen das Haar der Thiere glänzend; die Wurzel unter das Salz gemiſcht giebt eine ſchöne gelbe Farbe. Die Neſſeln ſind ein vortreffliches Heu, das man zweimal mähen kann. Und was braucht die Neſſel? Wenig Boden, keine Sorgfalt, keine Cultur. Nur fällt der Same leicht aus, wenn er reif wird, und es iſt ſchwer, ihn zu ernten. Das iſt Alles. Bei einiger Mühe, die man ſich damit gäbe, würde die Neſſel nützlich ſein; man vernach⸗ läßigt ſie, und ſie wird ſchädlich. Dann tödtet man ſie. Wie viele Menſchen gleichen der Neſſel!“— Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:„Meine Freunde, merkt es euch: Es giebt weder ſchlechte Pflanzen noch ſchlechte Menſchen. Es giebt nur ſchlechte Pfleger.“ Die Kinder liebten ihn auch noch, weil er allerliebſte kleine Arbeiten aus Stroh und Cocosnüſſen machen konnte. Sah er die Thür einer Kirche ſchwarz ausgeſchlagen, ſo trat er ein; er ſuchte Beerdigungen auf, wie Andere Taufen. Die Wittwenſchaft und das Unglück Anderer zogen ihn wegen ſeiner großen Milde an; er miſchte ſich unter die trauernden Freunde, unter die ſchwarzgekleideten Familien, unter die an einem Sarge klagenden Prieſter. Gern ſchien er ſeinen Gedanken zum Text die Grabespſalmodien zu geben, welche von den Viſionen einer andern Welt erfüllt waren. Das Auge gen Himmel gerichtet, lauſchte er mit einer Art von Verzückung allen den Myſterien des Unend⸗ lichen, den traurigen Stimmen, welche an dem Rande des finſtern Abgrundes des Todes ſangen. Er that eine Menge guter Handlungen, indem er ſich enutzen tter ein en, wie e Hanf⸗ dervieh, ie Fou⸗ d; die gelbe s man Wenig Same ihn zu aan ſich ernach⸗ nan ſie. kurzem euch: nſchen. erliebſte konnte. clagen, Andere gogen unter wilien, ſchien ien zu erfüllt er mit Unend⸗ de des er ſich dabei verbarg, wie Andere ſich bei ſchlechten Handlungen verbergen. Er drang verſtohlen Abends in die Häuſer ein, erſtieg heimlich die Treppen. Ein armer Teufel, der zu ſeiner Dachkammer zurückkehrt, fand oft, daß ſeine Thür während ſeiner Abweſenheit geöffnet, zuweilen ſogar aufge⸗ ſprengt worden war. Der arme Menſch rief:„Irgend ein Miſſethäter iſt hier geweſen!“ Trat er dann ein, ſo war das Erſte, was er ſah, ein auf einem Möbel liegendes Goldſtück. Der hier geweſene„Miſſethäter“ war der Vater Madeleine. Cr war leutſelig und traurig. Das Volk ſagte: „Das iſt ein reicher Menſch, der nicht ſtolz ausſieht; das iſt ein glücklicher Menſch, der nicht zufrieden ausſieht.“ Einige behaupteten, er ſei eine geheimnißvolle Perſon, und verſicherten, man betrete nie ſein Zimmer, welches eine wahre Eremitenzelle ſei, ausgeſtattet mit geflügelten Sand⸗ uhren und geſchmückt mit in das Kreuz gelegten Beinknochen und Todtenköpfen. Dies wurde vielfach behauptet, ſo daß eines Tages einige junge elegante und boshafte Frauen in M. am Me zu ihm kamen und ihm ſagten:„Herr Maire, zeigen Sie uns doch Ihr Zimmer; man ſagt, es ſei eine Grotte.“— Er lächelte und führte ſie auf der Stelle in dieſe„Grotte“ ein. Sie wurden ſehr beſtraft für ihre Neugier. Es war ein Zimmer ganz einfach mit Mahagoni⸗ möbeln verſehen, häßlich genug, wie alle Möbel der Art, und beklebt mit Tapeten zu zwölf Sous. Sie konnten hier nichts Auffallendes bemerken als zwei Leuchter von eigen⸗ thümlicher Form, die auf dem Kamin ſtanden und von Silber ſein mußten,„denn ſie waren geſtempelt.“ Eine ſehr geiſtreiche Bemerkung der kleinen Städte. Man fuhr nichts deſto weniger fort, zu ſagen, daß Niemand in dieſes Zimmer eindringen dürfte, und daß es die Höhle eines Eremiten ſei, ein Loch, ein Grab. Man flüſterte ſich auch zu, daß er„ungeheure“ Sum⸗ men bei Laffitte deponirt hätte, mit der Eigenthümlichkeit, 38 daß ſie ſtets zu ſeiner unmittelbaren Verfügung ſtehen muß⸗ ten, ſo daß, fügte man hinzu, wenn Herr Madeleine eines Morgens zu Laffitte käme, er nur einen Empfangsſchein zu unterzeichnen brauchte, um binnen zehn Minuten ſeine zwei oder drei Millionen in Empfang zu nehmen; in Wirllichkeit ſchmolzen dieſe zwei oder drei Millionen, wie wir ſagten, auf 630,000 oder 640,000 Francs zuſammen. IV. Herr Madeleine in Trauer. Zu Anfang des Jahres 1821 verkündeten die Zeitungen den Tod des Herrn Myriel, Biſchof von D., mit dem Beinamen„der hochwürdige Herr Bienvenu“ und geſtorben im Geruche der Heiligkeit im zweiundachtzigſten Jahre. Der Biſchof von D., umhin einen Nebenumſtand an⸗ zugeben, den die Zeitungen nicht erwähnten, war, als er ſtarb, ſeit mehreren Jahren blind, und ſehr zufrieden über ſeine Blindheit, da ſeine Schweſter bei ihm war. Im Vorübergehen ſei es geſagt, blind und geliebt zu ſein, das iſt in der That auf dieſer Erde, wo nichts voll⸗ kommen iſt, eine der ausgeſuchteſten Kronen des Glückes. Beſtändig an ſeiner Seite ein Weib zu haben, eine Tochter, eine Schweſter, ein liebliches Weſen, welches nur da iſt, weil man ſeiner bedarf und weil es uns nicht entbehren kann, ſich unerläßlich für Jemand zu wiſſen, der uns noth⸗ wendig iſt, fortwährend ihre Zuneigung an der Menge der muß⸗ eines ein zu zwei lichkeit ſagten, ungen t dem ſtorben e. d an⸗ als er über bt zu voll⸗ ückes. ſchter, a iſt, hehren noth⸗ ge der 39 Anweſenheit zu meſſen, die ſie uns gewährt, und ſich zu ſagen: weil ſie mir ihre ganze Zeit widmet, beſitze ich ihr ganzes Herz; der Gedanke in Ermangelung des Geſichts zu ſehen, ſich von der Treue eines Weſens in der Sonnen⸗ finſterniß der Welt zu überzeugen, das Rauſchen eines Kleides wie Flügelſchlag zu vernehmen, ſie kommen und gehen, zu⸗ rückkehren, ſprechen, ſingen zu hören, und dann zu denken, daß man der Mittelpunkt dieſer Schritte, dieſer Worte, dieſes Geſanges iſt; ſich jede Minute von ſeiner eigenen Anziehungs⸗ kraft zu überzeugen, ſich um ſo mächtiger zu fühlen, je ge⸗ brechlicher man iſt. In der Dunkelheit und durch die Dun⸗ kelheit das Geſtirn zu werden, um welches dieſer Engel ſich dreht— dem kommen wenige Glückſeligkeiten gleich. Das höchſte Glück des Lebens iſt die Ueberzeugung, geliebt zu ſein; geliebt wegen ſeiner ſelbſt, noch beſſer, geliebt, unge⸗ achtet ſeiner ſelbſt; dieſe Ueberzeugung hat der Blinde! In dieſer Noth bedient zu werden, heißt geliebkoſt werden. Mangelt ihm Etwas? Nein. Es heißt nicht das Licht verlieren, wenn man die Liebe hat. Und welche Liebe! Eine ganz aus Tugend beſtehende Liebe. Es giebt keine Blindheit, welche Gewißheit iſt. Die Seele ſucht taſtend die Seele und findet ſie. Und dieſe gefundene und geprüfte Seele iſt ein Weib. Eine Hand ſtützt uns, es iſt die ihrige. Ein Mund ſtreift unſere Stirn, es iſt ihr Mund; man hört einen Athem ganz nahe bei ſich, es iſt der ihrige. Alles von ihr zu haben, von ihrem Cultus bis zu ihrem Mitleid; nie von ihr verlaſſen zu werden! die milde Schwäche zu haben, die uns unterſtützt, ſich auf dies unerſchütterliche Rohr zu lehnen, mit ſeinen Händen die Vorſehung zu be⸗ rühren und ſie in ſeine Arme zu nehmen; den koſtbarſten Schatz, welch ein Entzücken! das Herz, dieſe dunkle, himm⸗ liſche Blume zeigt ſich in einer geheimnißvollen Herzens— ergießung. Dieſe Dunkelheit würde man nicht um alle Helligkeit hingeben, die Engelsſeele iſt da, unabläſſig da; 40 entfernt ſie ſich, ſo geſchieht es nur, um zurückzukehren; ſie verſchwindet wie der Traum und erſcheint wieder, wie die Wirklichkeit. Man fühlt die Liebe, die ſich nähert und ſie iſt da. Man ſtrömt von heiterer Luſt und Entzücken über; man iſt freudeſtrahlend in der Nacht; und tauſendfache kleine Sorgen, vielfaches Nichts, welches in dieſer Leere ungeheuer iſt. Die lieblichſten Töne der weiblichen Stimme, ange— wendet uns zu wiegen und für uns das verſchwundene Weltall zu erſetzen. Man wird mit der Seele geliebkoſt, man ſieht nichts, aber man fühlt ſich angebetet. Das iſt ein Paradies der Finſterniß. Aus dieſem Paradieſe war der hochwürdige Bienvenu in das andere eingegangen. Die Anzeige ſeines Todes wurde durch das Lokalblatt von M. am M. mitgetheilt. Herr Madeleine erſchien am nächſten Tage ganz ſchwarz gekleidet, mit einem Trauerflor um den Hut. Man bemerkte in der Stadt dieſe Trauer und ſcherzte darüber. Dies ſchien wie ein Strahl des Lichtes über den Urſprung des Herrn Madeleine. Man ſchloß daraus, er ſtehe in einiger Verwandtſchaft mit dem ehrwürdigen Biſchof. Er trauert für den Biſchof von D., ſagten die Salons. Das hob Herrn Madeleine ſehr und gab ihm plötzlich ein gewiſſes Anſehen in der edlen Welt von M. am M. Die mikroſcopiſche Vorſtadt Saint-Germain des Ortes dachte daran, die Quarantaine für Herrn Madeleine, den Verwandten des Biſchofs, aufzuheben. Er bemerkte ſein Avencement durch mehrfache Grüße der alten Frauen und durch öfteres Lächeln der jungen. Eines Abends wagte es eine der äl— teſten Damen dieſer kleinen großen Welt, neugierig aus Ancienitätsrecht, ihn zu fragen: „Der Herr Maire ſind ohne Zweifel ein Couſin des verſtorbenen Herrn Biſchofs von D.? Er ſagte:„Nein, Madame.“ n; ſie ie die id ſie über; kleine eheuer ange⸗ ndene bkoſt, s iſt nvenu ablatt en am erflor 41 „Aber“, fuhr die Wittwe fort,„Sie tragen doch die Trauer um ihn?“ Er antwortete:„Das geſchieht, weil ich in meiner Jugend Lakai in ſeiner Familie war.“ Eine Bemerkung, die man auch noch machte, war, daß, ſo oft ein kleiner Savoyarde durch die Stadt kam, um Eſſen zu kehren, der Herr Maire ihn rufen ließ, ihn nach ſeinen Namen fragte und ihm Geld gab. Die kleinen Savoyarden ſagten dies einander und es kamen ſehr viele durch die Stadt. V. Unbeſtimmte Blitze am Horizont. Allmälig und mit der Zeit war jede Oppoſition ge⸗ ſchwunden. Anfangs hatte es gegen Herrn Madeleine eine Art von Geſetz, welchem Die ſtets unterliegen, die in die Höhe kommen, Anſchwärzungen und Verläumdungen gegeben; dann waren es nur noch kleine Nichtswürdigkeiten; dann blos Bosheiten, und endlich verſchwand auch das ganz; die Ach⸗ tung wurde vollſtändig, einſtimmig, herzlich, und es kam gegen 1821 eine Zeit, wo man die Worte:„Der Herr Maire in M. am M.“ beinahe mit demſelben Klange aus⸗ ſprach wie die Worte:„Der Herr Biſchof“ 1815 in D. ausgeſprochen wurden. Man kam von zehn Stunden in der Runde, um Herrn Madeleine zu Rathe zu ziehen. Er ſchlichtete die Zwiſtigkeiten, verhinderte Prozeſſe, ſöhnte Feinde mit einander aus. Jeder nahm ihn zum Richter ſeines guten Rechtes. Er ſchien als Seele das Buch des natürlichen Rechtes zu haben. Es ſchien eine Anſteckung der Verehrung zu ſein, welche binnen ſechs oder ſieben Jahren von Einem zum Andern die ganze Gegend erfaßte. Ein einziger Menſch in der Stadt und in dem Bezirk entzog ſich entſchieden dieſer Anſteckung, und was der Vater Madeleine auch thun mochte, er blieb rebelliſch gegen ihn, als ob eine Art von Inſtinkt, unbeſtechlich und unabläſſig, ihn wach hielte und beunruhigte. Es konnte in der That ſcheinen, als ob in gewiſſen Menſchen ein naher thieriſcher Inſtinkt herrſchte. Rein und redlich, wie jeder Inſtinkt, welcher die Antipathien und die Sympathien erweckt, auf verhängnißvolle Weiſe eine Natur von der andern trennt, nicht zögert, ſich nicht verwirren läßt, nicht ſchweigt und ſich nie verläugnet, hell und in Dunkelheit, unfehlbar, gebieteriſch, widerſpenſtig gegen alle Rathſchläge des Verſtandes, und gegen alle Auseinanderſetzungen unvernünftig, und der, welcher Art auch die Geſchicke ſein mögen, insgeheim den Menſchen⸗Hund von der Anweſenheit der Menſchen⸗Katze, und den Menſchen⸗Fuchs von der Anweſenheit des Men⸗ ſchen⸗Löwen benachrichtigt. Oft, wenn der Herr Madeleine durch eine Straße ging, ruhig, theilnahmvoll umgeben von den Segnungen Aller, geſchah es, daß ein Menſch von hohem Wuchs, gekleidet in einen eiſengrauen Ueberrock, bewaffnet mit einem großen Stocke, den Kopf bedeckt mit einem herabgeſchlagenen Hut, ſich plötzlich hinter ihn umdreht, ihm mit den Augen folgt, bis er verſchwunden war, die Arme kreuzt, den Kopf lang⸗ ſam ſchüttelt, die Oberlippe mit der Unterlippe bis zur Naſe hinaufzieht, eine Art bedeutungsvollen Geſichterſchneidens, welches ſich überſetzen ließ:„Was iſt denn das für ein Menſch?— Ganz gewiß habe ich ihn ſchon irgendwo ge⸗ ſehen; auf jeden Fall ſoll er mich nicht immer täuſchen.“ Dieſer Menſch, ernſt durch eine beinahe drohende und der, den ratze, Men⸗ ging, lller, tt in oßen Hut, olgt, ang⸗ Naſe dens, r ein o ge⸗ n.“ hende 43 Ernſthaftigkeit, gehörte zu denen, welche, ſelbſt nur flüchtig geſehen, den Beobachter beſchäftigen. Er hieß Javert und gehörte zur Polizei. Er bekleidete in M. am M. das peinliche, aber nützliche Amt eines Inſpektors. Den Beginn Madeleine's hatte er nicht geſehen. Javert verdankte ſeinen Poſten der Protektion des Herrn von Chambouillet, Sekretair des Staatsminiſters, Grafen Anglés, der damals Polizei⸗Präfekt von Paris war. Als Javert nach M. am M. kam, war das Glück des großen Fabrikbeſitzers ſchon gemacht. Der Vater Madeleine war Herr Madeleine geworden. Gewiſſe Polizei⸗Beamte haben eine eigenthümliche Phyſiognomie, die aus einem Weſen der Gemeinheit, ge⸗ miſcht mit einem Weſen der Autorität, beſteht. Javert hatte dieſe Phyſiognomie, ohne die Gemeinheit. Unſerer Meinung nach würde man, wenn die Seelen den Augen ſichtbar wären, ganz deutlich die ſonderbare Er⸗ ſcheinung erblicken, daß jedes Individnum der menſchlichen Gattung irgend einer der Gattungen der Thiere entſpricht. Man könnte leicht die von den Denkern kaum geahnte Wahrheit erkennen, daß von der Auſter bis zum Adler, von dem Schweine bis zum Tiger, alle Thiere in dem Menſchen liegen und daß jedes derſelben in einem Menſchen enthalten i*ſt, zuweilen ſogar mehrere von ihnen zu gleicher Zeit. Die Thiere ſind nichts anderes, als die Geſichter unſerer Tugenden und unſerer Laſter, vor unſeren Augen umhevirrend, die ſichtlichen Phantome unſerer Seelen. Gott zeigt ſie uns, um uns zum Nachdenken zu bewegen. Da indeß die Thiere nur Schatten ſind, hat Gott ſie nicht er— ziehungsmäßig in dem vollſtändigen Sinn des Wortes ge⸗ ſchaffen. Wozu auch? Dagegen hat Gott, da unſere Seelen Wirklichkeit ſind, und ihr beſtimmtes Endziel haben, ihnen den Verſtand gegeben, das heißt die Möglichkeit der Er⸗ ziehung. Die ſociale Erziehung, wenn ſie richtig geleitet 44 wird, kann ſtets aus einer Seele, welche ſie auch ſei, die Nützlichkeit ziehen, welche ſie enthält. Dies ſei, wohlverſtanden, aus dem beſchränkten Ge⸗ ſichtspunkte des ſcheinbar irdiſchen Lebens geſagt, und, ohne der tieferen Frage über die frühere oder ſpätere Perſonalität der Weſen, die nicht Menſch ſind, vorzugreifen. Das ſicht— bare Ich berechtigt auf keine Weiſe den Denker, das ver⸗ borgene Ich zu leugnen. Nach dieſem Vorbehalte gehen wir weiter. Wenn man mit uns einen Augenblick zugiebt, daß in jedem Menſchen eine von den thieriſchen Gattungen der Schöpfung liegt, iſt es uns leicht zu ſagen, was der Polizei⸗ beamte Javert war. Die aſturiſchen Bauern hatten ſich überzeugt, daß bei jedem Wurfe einer Wö fin ein Hund iſt, der durch die Mutter getödtet wird, weil er ſonſt, wenn er heranwächſt, die anderen Jungen umbringen würde. Man gebe einem Hunde, der das Junge einer Wölfin iſt, ein menſchliches Geſicht, und er wird Javert ſein. Javert war in einem Gefängniſſe von einer Karten⸗ ſchlägerin geboren worden, deren Mann ſich auf den Ga⸗ leeren befand. Als er größer wurde, dachte er, daß er außerhalb der menſchlichen Geſellſchaft ſtände, und er ver⸗ zweifelte daran, jemals in dieſelbe eintreten zu können. Er bemerkte, daß die Geſellſchaft unerläßlich zwei Klaſſen von Menſchen ausſchließt; die, welche ſie angreifen, und die, welche ſie bewachen. Er hatte zwiſchen dieſen beiden Klaſſen die Wahl. Zugleich ſuchte er in ſich einen gewiſſen Drang der Strenge, der Regelmäßigkeit und der Rechtſchaffenheit, vereint mit einem unausſprechlichen Haß gegen die ganze Race der Zigeuner, der er ſelbſt angehörte. Er trat bei der Polizei ein. Es glückte ihm. Mit 40 Jahren war er Inſpektor. In ſeiner Jugend war er als Galeeren⸗Auf⸗ ſeher verwendet worden. die, laſſ en drang nheit, ganze t bei ar er Auf⸗ 45 Ehe wir weiter gehen, wollen wir uns über das Wort: menſchliches Angeſicht, welches wir ſo eben auf Javert an— wendeten, verſtändigen. Das menſchliche Geſicht Javert's beſtand aus einer Stumpfnaſe mit zwei tiefen Naſenlöchern, gegen welche ſich über die Wange zwei ungeheure Backenbärte herabzogen. Man fühlte ſich unbehaglich, wenn man zum erſten Male dieſe beiden Wälder und dieſe beiden Höhlen erblickte. Wenn Javert lachte, was ſelten und fürchterlich war, zogen ſeine ſchnialen Lippen ſich auseinander und zeigten nicht nur ſeine Zähne, ſondern auch ſein Zahnfleiſch, und es entſtand um ſeine Naſe eine dicke wilde Falte, wie um die Schnautze eines reißenden Thieres. Ernſthaft war Javert ein Hund, wenn er lachte war er ein Tiger. Uebrigens hatte er wenig Schädel und viel Kinnbacke; die Haare verbargen die Stirn bis auf die Augenbrauen heraßz zwiſchen beiden Augen lag eine immerwährende Falte, wie ein zorniges Verhängniß; der Blick finſter, der Mund zuſammengekniffen und gefährlich, das Weſen eines grauſamen Befehlshabers. Dieſer Menſch beſtand aus zwei ſehr einfachen und relativ ſehr guten Gefühlen, die er aber beinahe immer durch die Uebertreibung zu ſchlechten Gefühlen machte. Ehr⸗ furcht gegen die Behörden und Haß gegen den Aufſtand; in ſeinen Augen waren Diebſtahl, Mord, kurz alle Ver⸗ brechen nichts als verſchiedene Formen der Rebellion. Er faßte mit einer Art blinden und innigen Glauben alles Das zuſammen, was in dem Staate irgend ein Amt be⸗ kleidet, von dem Premierminiſter bis zum Feldhüter. Er hatte nur Verachtung, Widerwillen und Ekel gegen Alles, was einmal die geſetzliche Schwelle des Böſen überſchritten hatte. Er war unbedingt und gab keine Ausnahme zu. Auf der einen Seite ſagte er:„Der Beamte kann ſich nicht täuſchen; die Behörde hat niemals Unrecht.“— Auf dder andern Seite ſagte er:„Dieſe da ſind unwiderbringlich verloren. 46 Nichts Gutes kann von ihnen kommen.“— Er theilte voll⸗ kommen die Anſicht jener überſpannten Geiſter, welche dem menſchlichen Geſetz eine gewiſſe Macht zuſchreiben, Dämonen zu machen, oder, wenn man will, zu beweiſen, und welche einen Styx an den Fuß der Geſellſchaft legen. Er war ſtoiſch, ernſt, ſtreng; ein finſterer Träumer; demüthig und hochmüthig wie die Fanatiker. Sein Blick war eine Schraube; er war kalt und durchdringend. Sein ganzes Leben ließ ſich durch die beiden Worte ausdrücken: Wachen— über⸗ wachen. Er hatte die grade Linie bei dem eingeführt, was es in der Welt Gewundenes giebt; er hatte das Bewußt⸗ ſein ſeiner Nützlichkeit, die Religion ſeiner Funktionen, und war Spion, wie man Prieſter iſt. Wehe Jedem, der in ſeine Hände fiel! Er hätte ſeinen Vater arretirt, wenn er aus dem Bagno entſprungen wäre, und ſeine Mutter an⸗ gezeigt, wenn ſie den Bann gebrochen hätte. Er hätte dies mit jener Art von demüthiger Befriedigung gethan, welche die Tugend verleiht. Bei alledem ein Leben der Ent— ſagung, des Alleinſtehens, der Selbſtverleugnung, der Keuſch⸗ heit; nie eine Zerſtreuung. Er war die unerbittliche Pflicht. Die Polizei verſtehend, wie die Spartaner Sparta ver⸗ ſtanden. Eine unerbittliche Wache, eine wilde Rechtſchaffen⸗ heit, ein marmorartiger Polizeiſpion, Brutus und Vidocq. Die ganze Perſon Javert's ſprach einen Menſchen aus, der ſpionirt und ſich der Beobachtung entzieht. Die my⸗ ſtiſche Schule Joſeph de Maiſtre, welche in jener Zeit mit hoher Welientſtehungslehre das würzte, was man die Ultrazeitungen nannte, würde nicht ermangelt haben, zu ſagen, daß Javert ein Symbol war. Man ſah nicht ſeine Stirn, die unter ſeinem Hute verſchwand; man ſah nicht ſeine Augen, die unter ſeinen Augenwimpern ſich verbargen; man ſah nicht ſein Kinn, das ſich in ſeine Halsbinde ſenkte; man ſah nicht ſeine Hände, die in die Aermel zurückgezogen waren; man ſah nicht ſeinen Rock, den er unter ſeinen ——— doll⸗ dem nonen welche r war g und raube, ließ über⸗ was wußt⸗ „ und der in enn er er an⸗ e dies velche Ent⸗ teuſch⸗ flicht. a ver⸗ deffn docq. en aus, ie my⸗ Zeit an die n, zu t ſeine h richt aargen; ſenkte; gezegen ſeinen Ueberrock trug. Erſchien aber die Gelegenheit, ſo ſah man plötzlich aus dieſer Dunkelheit wie aus einem Hinterhalte eine eckige niedrige Stirn, einen verderblichen Blick, ein drohendes Kinn, gewaltige Hände und einen ungeheuren Knittel hervorkommen. In ſeinen Augenblicken der Muſe, die nicht ſehr häufig waren, las er, obgleich er die Bücher haßte; ſo kam es, daß er nicht ganz ungelehrt war. Das ließ ſich aus eini⸗ gem redneriſchen Pomp erkennen. Er hatte kein Laſter, wie wir ſagten. War er mit ſich ſelbſt zufrieden, dann gewährte er ſich eine Prieſe Taback. Dadurch hing er mit der Menſchheit zuſammen. Man wird leicht begreifen, daß Javert der Schrecken jener ganzen Klaſſe war, welche das Juſtizminiſterium all⸗ jährlich durch die Rubrik bezeichnet: Landläufer. Der Name Javerts, wenn er ausgeſprochen wurde, trieb ſie in die Flucht; das Geſicht Javerts, wenn es ſich zeigte, machte ſie erſtarren. So war dieſer fürchterliche Menſch. Javert glich einem beſtändig auf Herrn Madeleine ge⸗ richteten Auge. Ein Auge voll Argwohn und Vermuthun⸗ gen. Herr Madeleine hatte dies zuletzt bemerkt, aber es ſchien für ihn bedeutungslos zu ſein. Er richtete deshalb nicht einmal eine Frage an Javert; er ſuchte ihn weder auf, noch vermied er ihn; er ertrug, ohne daß er darauf zu achten ſchien, dieſen läſtigen, beinahe haſſenden Blick. Er behandelte Javert wie alle Welt mit Ungezwungenheit und Güte. Aus einigen Worten, die Javert entſchlüpft waren, errieth man, daß er mit jener Neugier, die dieſer Race eigenthümlich iſt und bei welcher eben ſo viel Inſtinkt wie Abſicht herrſcht, geheime Nachforſchungen nach allen früheren Spuren, die Herr Madeleine irgendwo hinterlaſſen haben konnte, angeſtellt hatte. Er ſchien zu wiſſen und ſagte es zuweilen mit deutlichen Worten, daß Jemand gewiſſe Er⸗ kundigungen in einer gewiſſen Gegend nach einer gewiſſen verſchwundenen Familie angeſtellt hätte. Einmal begegnete es ihm, indem er mit ſich ſelbſt ſprach, zu ſagen:„Ich glaube, ich halte ihn!“— Dann war er drei Tage ſehr nachdenkend, ohne ein einziges Wort zu äußern. Es ſcheint danach, daß der Faden, den er erfaßt zu haben glaubte, geriſſen war. Uebrigens, und dies iſt die Milderung deſſen, was der Sinn gewiſſer Worte zu Entſchiedenes bieten könnte, kann es nichts wahrhaft Unfehlbares in einem menſchlichen Ge⸗ ſchöpfe geben, und das Eigenthümliche des Inſtinktes iſt es gerade, daß er ſehr leicht irre gemacht, auf die falſche Spur gebracht und abgeleitet werden kann. Sonſt würde er dem Verſtande überlegen ſein, und das Thier wäre dann erleuch⸗ teter, wie der Menſch. Javert wurde offenbar ein wenig beirrt durch die voll⸗ ſtändige Ruhe und Natürlichkeit des Herrn Madeleine. Eines Tages jedoch ſchien ſein auffallendes Benehmen Eindruck auf Herrn Madeleine zu machen. Hier, bei welcher Gelegenheit. VI. Der Vater Fauchelevent. Herr Madeleine ging eines Morgens durch ein unge⸗ pflaſtertes Gäßchen in M. am M., er hörte Lärm und ſah in einiger Entfernung eine Menſchengruppe. Er ging hin. ſe Er⸗ wiſſen gegnete „Ich ge ſehr ſcheint laubte, ss der kann n Ge⸗ iſt es Spur er dem erleuch⸗ voll⸗ ehmen 1 unge⸗ und ſah 3g hin. 49 Ein alter Mann, genannt der Vater Fauchelevent, war unter ſeinen Karren gefallen, deſſen Pferd niedergeſtürzt. Dieſer Fauchelevent war einer der wenigen Feinde, die Herr Madeleine zu jener Zeit noch hatte. Als Madeleine in das Land kam, hatte Fauchelevent, ehemaliger Gerichts⸗ ſchreiber und ein beinahe gelehrter Bauer, einen Handel, mit dem es ſchlecht zu gehen anfing. Fauchelevent ſah dieſen einfachen Arbeiter, der reich wurde, während er, der Herr, zu Grunde ging. Das erfüllte ihn mit Eiferſucht, und er that Alles, was er vermochte, um Madeleine bei jeder Gelegenheit zu ſchaden. Dann machte er Bankerott, und da er alt war und nichts mehr beſaß, als einen Karren und ein Pferd, übrigens auch ohne Familie und ohne Kin⸗ der war, wurde er, um zu leben, Kärrner. Das Pferd hatte beide Schenkel gebrochen und konnte nicht wieder aufſtehen. Der Greis lag unter den Rädern. Der Fall war ſo unglücklich geweſen, daß der ganze Wagen ihm auf der Bruſt laſtete. Der Karren war ziemlich ſchwer beladen. Der Vater Fauchelevent ſtieß ein klägliches Stöhnen aus. Man hatte verſucht, ihn herauszuziehen, aber ver⸗ gebens. Unpaſſend geleiſtete Hülfe, ungeſchickter Beiſtand, ein falſcher Stoß konnten ihn tödten. Es war unmöglich, ihn anders frei zu machen, als indem man den Wagen von unten aufhob. Javert, der in dem Augenblick des Unfalles hinzugekommen war, hatte nach einer Wagenwinde geſchickt. Herr Madeleine trat zu der Gruppe. Achtungsvoll wich man vor ihm zurück. „Zu Hülfe!“ ſchrie der alte Fauchelevent.„Wer iſt ein ſo gutes Kind, daß er einen Alten rettet?“ Herr Madeleine wendete ſich zu den Umſtehenden: „Hat man eine Winde?“ „Es iſt nach einer geſchickt worden,“ antwortete ein Bauer. „In wie langer Zeit wird man ſie haben?“ Die Elenden. II. 4 „Man iſt nach dem nächſten Orte gegangen, nach Flachot, wo ein Schmied iſt; aber es wird noch immer eine gute Viertelſtunde erforderlich ſein.“ „Eine Viertelſtunde!“ rief Maͤdeleine aus. Es hatte den Tag zuvor geregnet; der Boden war durchweicht, der Karren drang mit jedem Augenblicke tiefer ein und preßte mehr und mehr auf die Bruſt des alten Kärrners. Es war offenbar, daß, ehe fünf Minuten ver⸗ gingen, die Rippen zerbrochen ſein mußten. „Es iſt unmöglich, eine Viertelſtunde zu warten,“ ſagte Madeleine zu den Bauern, die zuſahen. „Es muß wohl ſein.“ „Aber es würde nicht mehr Zeit ſein! Seht Ihr denn nicht, daß der Karren immer tiefer eindringt?“ „Freilich.“ „Hört,“ fuhr Madeleine fort,„es iſt noch genug Platz unter dem Wagen, ſo daß ein Menſch hinunterkriechen und ihn mit dem Rücken aufheben kann. Nur eine halbe Mi⸗ nute und man zieht den armen Menſchen heraus. Giebt es hier Jemand, der Kraft und Herz hat? Es ſind fünf Louisd'or zu gewinnen!“ Niemand regte ſich in der Gruppe. „Zehn Louisd'or,“ ſagte Madeleine. Die Umſtehenden ſenkten die Augen. Einer von ihnen murmelte:„Man müßte verteufelt ſtark ſein. Und dann läuft man Gefahr, gequetſcht zu werden!“ „Nun,“ ſagte Madeleine wieder,„zwanzig Louisd'or Gleiches Schweigen. 144 „Es iſt nicht der gute Wille, der ihnen fehlt,“ ſagte eine Stimme. Herr Madeleine kehrte ſich um und erkannte Javert. Er hatte ihn nicht bemerkt, als er gekommen war. Javert fuhr fort: „Es iſt die Kraft. Es wäre ein fürchterlicher Menſch in nach er eine en war e tiefer alten n ver⸗ on“ erten, ſr denn Platz n und he Mi Giebt nd fünf n ihnen d dann jsvor!“ 41 ſagte Javert. Menſch erforderlich, um einen Wagen ſo auf ſeinen Rücken empor zu heben.“ Dann ſah er Herrn Madeleine feſt an, und fuhr fort, indem er jedes der ausgeſprochenen Worte ſcharf betonte: „Herr Madeleine, ich habe nur einen einzigen Menſchen gekannt, der im Stande geweſen wäre, das zu vollbringen, was Sie verlangen.“ Madeleine erbebte. Javert fügte mit dem Tone der Gleichgültigkeit, aber ohne die Augen von Madeleine abzuwenden, hinzu: „Das war ein Galeerenzüchtling.“ „So!“ ſagte Madeleine. „Im Bagno von Toulon.“ Madeleine erblaßte. Indeß ſank der Karren langſam immer tiefer ein. Der Vater Fauchelevent keuchte und heulte: „Ich erſticke! Es zerbricht mir die Rippen! Eine Winde! Irgend etwas! Ach!“ Madeleine blickte umher: „Iſt denn Niemand hier, der zwanzig Louisd'or gewin⸗ nen und dem armen Alten das Leben retten will?“ Keiner der Umſtehenden rührte ſich. Javert ſagte wieder: „Ich habe nur einen Menſchen gekannt, der eine Wa⸗ genwinde erſetzen konnte, und das war ein Galeerenſträfling.“ „Ach, es zerdrückt mich!“ ſchrie der Greis. Madeleine erhob den Kopf, begegnete dem Falkenauge Javerts, daß noch immer auf ihn gerichtet war, ſah die Bauern regungslos ſtehen und lächelte trübe. Dann, ohne ein Wort zu ſagen, ſank er auf die Knie nieder, und ehe noch die Menge die Zeit gefunden hatte, einen Schrei aus⸗ zuſtoßen, war er ſchon unter dem Wagen. Es entſtand ein entſetzlicher Augenblick der Erwartung und des Schweigens. 4* —ꝛ— ſſſſſſ — 52 Madeleine lag beinahe auf dem Bauch unter dem furcht⸗ baren Gewichte, und verſuchte zwei Mal vergebens, ſeine Ellenbogen ſeinen Knieen zu nähern. Man rief ihm zu: „Vater Madeleine, ziehen Sie ſich zurück!“ Der alte Fauchelevent ſelbſt ſagte: „Herr Madeleine, gehen Sie. Ich muß ſterben, ſehen Sie wohl! Laſſen Sie mich! Sie werden ſich auch erdrücken laſſen!“— Madeleine antwortete nicht. Die Umſtehenden waren athemlos. Die Räder ſanken immer tiefer ein, und ſchon war es beinahe unmöglich für Madeleine geworden, unter dem Wagen hervorzukommen. Plötzlich ſah man die ungeheuere Maſſe ſich bewegen, den Karren ſich langſam erheben. Die Räder kamen halb aus dem Gleiſe heraus. Man hörte eine erſtickte Stimme, welche ſchrie:„Eilt! Helft!“ Es war Madeleine, der eine letzte Anſtrengung gemacht hatte. Alle ſtürzten hinzu. Die Aufopferung eines Einzigen hatte den Uebrigen Kraft und Muth verliehen. Der Karren wurde von zwanzig Armen gehoben. Der alte Fauchelevent war gerettet. Madeleine ſtand auf. Er war bleich, ſchweißtriefend. Seine Kleider waren zerriſſen und mit Koth bedeckt. Alle weinten. Der Greis küßte ihm die Knie und nannte ihn den guten Gott. Er hatte im Geſicht einen unbeſtimmten Ausdruck des glücklichen und himmliſchen Leidens und richtete ſeinen ruhigen Blick auf Javert, der ihn noch immer beobachtete. ſehen drücken ſanken ch für ren. wegen, n halb timme, er eine nzigen Larren elevent riefend. Alle te ihn mmten und mnoch VII. Fauchelevent wird Gärtner in Paris. Fauchelevent hatte ſich die Knieſcheibe bei ſeinem Sturze ausgefallen. Der Vater Madeleine ließ ihn nach dem Krankenhauſe bringen, welches er für ſeine Arbeiter in ſeiner Fabrik ſelbſt hatte einrichten laſſen, und in welchem zwei barmherzige Schweſtern die Aufſicht führten. Am nächſten Morgen fand der Greis eine Banknote von tauſend Francs auf ſeinem Nachttiſch und dabei die von der Hand des Vater Madeleine geſchriebenen Worte:„Ich kaufe Ihnen Ihren Karren und Ihr Pferd ab.“ Der Karren war zer⸗ brochen, das Pferd war todt. Fauchelevent genas, aber ſein Knie blieb ſteif. Herr Madeleine brachte durch die Em⸗ pfehlung ſeiner barmherzigen Schweſtern und ſeines Pfarrers den alten Mann als Gärtner in einem Frauenkloſter des Viertels St. Antoine in Paris unter. Einige Zeit darauf wurde Herr Madeleine zum Maire ernannt. Daszerſte Mal als Javert Herrn Madeleine mit der Schärpe bekleidet ſah, welche ihm die höchſte Autorität in der Stadt verlieh, empfand er jene Art von Beben, welches ein Hund fühlt, wenn er einen Wolf unter den Kleidern ſeines Gebieters wittert. Von dieſem Augenblick an vermied er ihn ſo viel als möglich. Wenn die Bedürfniſſe des Dienſtes es gebieteriſch forderten und er nicht umhin konnte, ſich bei dem Herrn Maire einzufinden, ſprach er zu ihm mit der tiefſten Ehrerbietung. Das Gedeihen, welches der Vater Madeleine in M. 54 am M. hervorrief, hatte außer den ſichtlichen Zeichen, die wir bereits andeuteten, noch ein anderes Symptom, das zwar nicht ſichtbar, deshalb nicht minder bedeutungsvoll war. Dies Symptom täuſchte nie. Wenn die Bevölkerung leidet, wenn es an Arbeit mangelt, wenn der Handel ver⸗ nichtet iſt, leiſtet der Steuerpflichtige aus Mangel die Ab⸗ gaben nicht pünktlich, läßt die Termine herankommen, und überſchreitet ſie, und der Staat giebt viel Geld für Zwangs⸗ maßregeln aus. Iſt Arbeit vorhanden, das Land glücklich und reich, ſo wird die Steuer leicht bezahlt und koſtet dem Staat wenig. Man kann ſagen, daß das öffentliche Elend und der öffentliche Reichthum einen unfehlbaren Thermo⸗ meter haben, die Koſten für die Einziehung der Steuer. In ſieben Jahren hatten dieſe Koſten ſich in dem Arron⸗ diſſement von M. am M. um drei Viertel verringert, ſo daß dieſes Arrondiſſement von Herrn Villèle, der damals Finanzminiſter war, oft unter allen andern erwähnt wurde. So war die Lage des Landes, als Fantine dahin zu⸗ rückkehrte. Niemand erinnerte ſich mehr ihrer. Zum Glück glich die Thür der Fabrik des Herrn Madeleine einem Freundesgeſichte. Sie zeigte ſich an derſelben und wurde in die Werkſtätte der Frauen aufgenommen. Die Arbeit war durchaus neu für Fantine; ſie konnte deshalb auch nicht geſchickt darin ſein und gewann daher nur wenig durch ihr Tagelohn; aber es genügte doch, und das Problem war alſo gelöſt: ſie gewann ihren Lebensunterhalt. en, die I, das igsvoll lkerung el ver⸗ ie Ab⸗ —t, und vangs⸗ ücklich t dem Elend hermo⸗ Steuer. Arron⸗ ert, ſo damals wurde. in zu⸗ Glück einem wurde Arbeit aulch durch n war 55 VIII. Madame Victurnien giebt 30 Francs für die Moral aus. Als Fantine ſah, daß ſie leben konnte, hatte ſie einen Augenblick der Freude. Rechtſchaffen von ſeiner Arbeit zu leben, welche Gnade des Himmels! Ihre Neigung zur Arbeit kehrte in der That zurück. Sie kaufte einen Spiegel, be— trachtete in demſelben mit Vergnügen ihre Jugend, ihre ſchönen Haare, ihre ſchönen Zähne, vergaß Vieles, und dachte nur an ihre Coſette und an die mögliche Zukunft; ſie war beinahe glücklich. Sie miethete ein kleines Stüb⸗ chen und möblirte es auf Credit, auf ihre künftige Arbeit; ein Ueberbleibſel ihrer Gewohnheit der Unordnung. Da ſie nicht ſagen konnte, daß ſie verheirathet ſei, hatte ſie ſich, wie wir es bereits vermuthen ließen, wohl gehütet, von ihrem kleinen Mädchen zu ſprechen. Im Anfange bezahlte ſie, wie man geſehen hat, die Thenardiers pünktlich. Da ſie nur ihren Namen unter⸗ ſchreiben konnte, war ſie gezwungen, ſich zu ihren Briefen eines öffentlichen Schreibers zu bedienen. Sie ſchrieb oft und das fiel auf. Man fing an, in der Frauenwerkſtätte leiſe zu flüſtern, daß Fantine Briefe ſchrieb, und daß ſie Heimlichkeiten hätte. Niemand verſteht es ſo gut, die Handlungen der Leute auszuſpioniren, als die, welchen dieſelben nichts angehen.— Weshalb kommt dieſer Herr nur immer in der Dämme⸗ rung? Weshalb hängt jener Herr ſeinen Schlüſſel Donners⸗ — 6 1 ſf 3 f 1 nnl I 9 1 ¹ — ⸗——— —— 56 tags niemals an den Nagel? Weshalb ſchlägt er beſtändig die Nebenſtraßen ein? Weßhalb verläßt Madame den Fiacre jederzeit, ehe ſie an ihrem Hauſe iſt? Weshalb läßt ſie ein Buch Briefpapier kaufen, während ſie in ihrer Brief⸗ mappe doch noch eine Menge davon hat? u. ſ. w. u. ſ. w. — Es giebt Menſchen, die, um die Löſung dieſer Räthſel kennen zu lernen, welche ihnen übrigens vollkommen gleich⸗ gültig ſind, mehr Geld ausgeben, mehr Zeit verſchwenden, und ſich mehr Mühe machen, als zu zehn guten Hand⸗ lungen erforderlich wäre; und das Alles umſonſt nur des Vergnügens wegen, ohne für die Neugier anders als durch Neugier belohnt zu werden. Sie folgen Dieſem oder Jener Tage lang, ſtehen Stunden lang Schildwach an den Ecken der Straßen, unter den Thorwegen, in der Nacht, bei Kälte und Regen, beſtechen Commiſſionäre, berauſchen Fiacre⸗ kutſcher und Lakaien, erkaufen eine Kammerfrau oder einen Portier. Wozu? Um Nichts. Reine Begierde, zu ſehen, zu wiſſen, zu erforſchen. Bloße Sucht, zu klatſchen. Und oft führen dieſe erforſchten Geheimniſſe, dieſe verkündeten Myſterien, dieſe an das Tageslicht gezogenen Räthſel Kata⸗ ſtrophen, Duelle, Bankerotte, zu Grunde gerichtete Familien, vernichtete Exiſtenzen zur großen Freude derer herbei, welche Alles ohne Intereſſe und nur aus Inſtinkt entdeckt haben. Eine traurige Sache. Gewiſſe Perſonen ſind boshaft, lediglich aus Bedürfniß, zu ſchwatzen. Ihre Unterhaltung, Geplauder in dem Salon, Gewäſch in dem Vorzimmer, gleicht den Kaminen, welche ſchnell das Holz verbrauchen; ſie bedürfen viel Brennſtoff, und ihr Brennſtoff ſind ihre Nächſten. Man beobachtete alſo Fantine. Ueberdies waren mehr als Eine eiferſüchtig auf ihre blonden Haare und ihre weißen Zähne. Man entdeckte, daß ſie ſich in der Werkſtatt mitten unter den Andern oft umwendete, um eine Thräne zu ſtändig Fiacre ißt ſie Brief⸗ u. ſ. w. Räthſel gleich⸗ enden, Hand⸗ r des durch Jener Ecken Kälte Fiacre⸗ einen ſehen, Und ndeten Kata⸗ milien, welche zgaben. rfniß, Salon, welche nſtoff⸗ f ihre mitten e zu 57 trocknen. Das geſchah in den Augenblicken, wo ſie an ihr Kind dachte; vielleicht auch an den Mann, den ſie ge⸗ liebt hatte. Das Zerreißen der finſtern Bande der Vergangenheit iſt eine ſchmerzliche Arbeit. Man wußte, daß ſie ſchrieb, wenigſtens zwei Mal monatlich und immer an dieſelbe Adreſſe, und daß ſie ihre Briefe frei machte. Es gelang, ſich die Adreſſe zu ver⸗ ſchaffen: An Herrn Thénardier, Gaſtwirth in Montfermeil. Man brachte den öffentlichen Schreiber zum Schwatzen, einen alten Mann, der ſeinen Bauch nicht mit rothem Wein füllen konnte, ohne ſeine Taſche von Geheimniſſen zu leeren. Kurz, man erfuhr, daß Fantine ein Kind hatte. „Sie mußte eine Art öffentlicher Dirne ſein.“ Es fand ſich eine Klatſchgevatterin, welche die Reiſe nach Montfermeil unternahm, mit den Thénardiers ſprach und bei ihrer Rückkehr ſagte: „Für meine 35 Fraucs habe ich mein Herz erleichtert, ich ſah das Kind!“ Die Klatſchgevatterin, welche dies that, hieß Madame Victurnien, Bewahrerin und Thürhüterin der Tugend aller Welt. Madame Victurnien war 56 Jahre alt und wattirte die Maske der Häßlichkeit mit der Maske des Alters. Meckernde Stimme, galliger Geiſt. Dieſes alte Weib war jung geweſen zum Verwundern. In ihrer Jugend, mitten in 93, hatte ſie einen Mönch geheirathet, der in der rothen Mütze aus dem Kloſter entſprungen und von den Bernhar⸗ dinern zu den Jakobinern übergegangen war. Sie war dürr, rauh, widerwärtig, ſpitzig, dornig, beinahe giftig; da⸗ bei erinnerte ſie ſich an ihren Mönch, von dem ſie ver⸗ wittwet war und der ſie unterdrückt und gebeugt hatte. Sie war eine Neſſel, an der man das Anſtreifen der Mönchskutte bemerkte. Mit der Reſtauration war ſie bigott geworden, und zwar ſo entſchieden, daß die Prieſter 58 ihr ihren Mönch verziehen. Sie hatte ein kleines Beſitz⸗ thum, welches ſie mit vielem Lärm einer religiöſen Gemeinde vermachte. Sie wurde in dem erzbiſchöflichen Palaſt von Arras ſehr gern geſehen. Dieſe Madame Victurnien ging alſo nach Montfermeil, und als ſie von dort zurückkehrte, ſagte ſie:„Ich habe das Kind geſehen.“ Das Alles nahm Zeit in Anſpruch; Fantine war ſeit länger als einem Jahre in der Fabrik, als eines Morgens die Aufſeherin der Werkſtatt ihr von Seiten des Herrn Maire 50 Francs übergab und ihr ſagte, ſie gehöre nicht mehr zur Fabrik, ſie auch von Seiten des Herrn Maire aufforderte, die Stadt zu verlaſſen. Dies geſchah in eben dem Monat, als die Thénardiers; nachdem ſie zwölf Francs ſtatt ſieben verlangt hatten, funf⸗ zehn Francs ſtatt zwölf forderten. Fantine war niedergeſchmettert. Sie konnte nicht fort, ſie ſchuldete noch ihren Miethzins und ihre Möbel. Funfzig Francs genügten nicht, um dieſe Schuld zu bezahlen. Sie ſtammelte einige flehende Worte. Die Aufſeherin ſagte ihr, daß ſie die Werkſtatt ſofort zu verlaſſen hätte. Fantine war übrigens nur eine mittelmäßige Arbeiterin. Noch mehr durch Scham niedergebeugt, als durch Verzweiflung, verließ ſie die Werkſtatt und ging auf ihr Zimmer. Ihr Fehltritt war alſo jetzt allgemein bekannt. Sie fühlte nicht mehr die Kraft, ein Wort zu ſprechen. Man rieth ihr, den Herrn Maire aufzuſuchen; ſie wagte es nicht. Der Maire gab ihr funfzig Francs, weil er gut war, und wies ſie fort, weil er gerecht war. Sie beugte ſich unter dieſen Ausſpruch. Beſitz⸗ emeinde aſt von en ging ckkehrte, var ſeit korgens Herrn e vicht Maire ardiers; n, funf⸗ öt fort, Funfzig Sie te ihr, Fantine mehr verlie ehltritt rechen. agte es tt war, gte ſich 59 IX. Erfolge der Madame Victurnien. Die Wittwe des Mönches war alſo zu irgend etwas gut. Uebrigens hatte Herr Madeleine von dem Allen nichts erfahren. Das ſind dergleichen Ereigniſſe, von denen das Leben erfüllt iſt. Herr Madeleine hatte die Gewohnheit, beinahe nie die Werkſtatt der Frauen zu betreten. Er ſtellte an die Spitze dieſes Saales eine alte Jungfer, die der Pfarrer ihm empfahl, und hatte volles Vertrauen zu dieſer Aufſeherin, einer wahrhaft achtungswerthen, feſten, redlichen, billigen Perſon, erfüllt von der Barmherzigkeit, welche darin beſteht, zu geben. Sie beſaß aber nicht in gleichem Grade die Barmherzigkeit, welche darin beſteht, zu begreifen und zu verzeihen. Herr Madeleine verließ ſich in Allem auf ſie. Die beſten Menſchen ſind zuweilen ge⸗ zwungen, ihre Autorität zu übertragen. In dieſer Vollmacht und mit der Ueberzeugung, recht zu thun, hatte die Auf⸗ ſeherin den Prozeß eingeleitet, und Fantine gerichtet, ver⸗ urtheilt und hingerichtet. Was die funfzig Francs betraf, ſo nahm ſie dieſelben von einer Summe, die Herr Madeleine ihr zu Almoſen und Unterſtützungen für die Arbeiterinnen übergeben hatte, und von der ſie ihm keine Rechnung abzulegen brauchte. Fantine bot ſich als Magd an; ſie ging von einem Hauſe zum andern. Niemand wollte ſie haben. Sie hatte die Stadt nicht verlaſſen können. Der Trödler, dem ſie ihre Möbel ſchuldig war— und was für Mö⸗ bel!— ſagte:„Wenn Sie ſich entfernen, ſo laſſe ich Sie als Diebin verhaften.“ Der Hausbeſitzer, dem ſie den Miethzins ſchuldig war, ſagte:„Sie ſind jung und hübſch: Sie können bezahlen.“ Sie theilte die funfzig Francs zwiſchen dem Hauseigenthümer und dem Trödler, gab dem Händler drei Viertel ſeines Mobiliars zurück, behielt nur das Nothwendigſte und ſah ſich ſo ohne Arbeit, ohne Stand, hatte nichts mehr als ihr Bett und war noch ungefähr 100 Francs ſchuldig. Sie begann grobe Hemden für die Soldaten der Gar⸗ niſon zu nähen und gewann dabei täglich 12 Sous. Ihre Tochter koſtete davon 10. Um dieſe Zeit begann ſie die Thénardiers unregelmäßig zu bezahlen. Eine alte Frau, die ihr ihr Licht anzündete, wenn ſie Abends nach Hauſe kam, unterrichtete ſie indeß in der Kunſt, in dem Elende zu leben. Hinter dem Leben von wenig ſteht das Leben von nichts. Dies ſind zwei Kammern; die erſte iſt finſter, die andere iſt ſchwarz. Fantine lernte, wie man während des Winters das Feuer ganz entbehren kann, wie man auf einen Vogel ver⸗ zichtet, der für einen Liard Hirſe alle zwei Tage frißt, wie man aus einem Unterrock ſeine Bettdecke und aus ſeiner Bettdecke ſeinen Unterrock macht, wie man ſein Licht ſpart, indem man ſein Abendeſſen bei dem Lichte des gegenüber liegenden Fenſters verzehrt. Man weiß nicht, was gewiſſe ſchwache Weſen, die in der Entbehrung und Rechtſchaffen⸗ heit alt geworden ſind, mit einem Sou anzufangen verſtehen. Das wird zuletzt ein Talent, Fantine erwarb dieſes erha⸗ bene Talent und gewann wieder etwas Muth. Um dieſe Zeit ſagte ſie zu einer Nachbarin:„Ei was! Ich ſage mir: Wenn ich nur fünf Stunden ſchlafe und die ganze übrige Zeit an meiner Nähterei arbeite, ſo wird es mir doch gelingen, ſo ziemlich mein Brod zu gewinnen. Und dann ißt man auch wenig, wenn man traurig iſt. Nun ——.,—,— ⅓⏑—— ch Sie ie den hübſch: Francs ib dem elt nur Stand, gefähr Gar⸗ Ihre ſie die enn ſie Kunſt, wenig 1; die 8 das e ver⸗ t, wie ſeiner ſpart, nüber ewiſſe affen⸗ ſtehen. erha⸗ was! nd die ird es äinnen. Nun 1 wohl, Leiden, Sorgniſſe, etwas Brod auf der einen Seite, Kummer auf der andern, das wird mich ernähren.“ In dieſer Noth ihr kleines Mädchen bei ſich zu haben, wäre ein großes Glück geweſen. Sie dachte daran, das Kind kommen zu laſſen. Doch was! Es ihre Entbehrungen theilen zu laſſen? Und dann war ſie auch den Thénardiers ſchuldig! Wie ſollte ſie ihre Schuld bezahlen? Und die Reiſe! Wovon die beſtreiten? Die Alte, welche ihr, wie man es nennen könnte, Un⸗ terricht im dürftigen Leben gegeben hatte, war eine fromme Alte, Namens Margarethe, fromm von der guten Art der Frömmigkeit, arm und mildthätig gegen die Armen und ſelbſt gegen die Reichen; ſie konnte eben genug ſchreiben, um ihren Namen Margarethe zu unterzeichnen, und glaubte an Gott, was eine Weisheit iſt. Es giebt viele ſolche Tugenden unten; einſt werden ſie oben ſtehen. Dieſes Leben hat eine Zukunft. Während der erſten Zeit war Fantine ſo verſchämt ge⸗ weſen, daß ſie nicht auszugehen wagte. Wenn ſie auf der Straße war, errieth ſie, daß man ſich hinter ihr umdrehte und mit Fingern auf ſie zeigte; alle Welt ſah ſie an und Niemand grüßte ſie; die kalte ſchnei⸗ dende Geringſchätzung der Vorübergehenden drang ihr in das Fleiſch und die Seele wie ein Nordoſtwind. In den kleinen Städten ſcheint eine Unglückliche nackt unter den Spöttereien und der Neugier Aller zu ſein. In Paris wird man wenigſtens von Niemand gekannt, und dieſe Unbekanntheit iſt ein Kleidungsſtück. Ach, wie ſehr hätte ſie gewünſcht, nach Paris gehen zu können! Unmöglich! Sie mußte ſich wohl an die Geringſchätzung gewöhnen, wie ſie ſich an die Dürftigkeit gewöhnt hatte. Allmälig faßte ſie einen Ent⸗ ſchluß. Nach zwei oder drei Monaten ſchüttelte ſie die Scham ab und ging aus, als ob nichts vorgefallen wäre. „Es iſt mir ganz gleichgültig,“ ſagte ſie. 66 Sie ging und kam, den Kopf hoch, mit bitterem Lächeln auf den Lippen und fühlte, daß ſie ſchamlos wurde. Madame Victurnien ſah ſie zuweilen von ihrem Fenſter aus vorübergehen, bemerkte die Noth ‚„dieſer Creatur“, die Dank ihr„auf ihre Stelle gewieſen war“, und wünſchte ſich Glück dazu. Die Boshaften haben ein ſchwarzes Glück. Die übermäßige Arbeit ermüdete Fantine, und ihr kurzer trockener Huſten nahm zu. Sie ſagte zuweilen zu ihrer Nachbarin Margarethe:„Fühlen Sie nur, wie heiß meine Hände ſind.“ Indeß Morgens, wenn ſie mit einem alten zerbrochenen Kamme ihre ſchönen Haare kämmte, welche wie Seide glänzten, dann hatte ſie eine Minute glücklicher Coquetterie. X. Fortſetzung. Sie war gegen Ende des Februars entlaſſen worden; der Sommer ging vorüber und der Winter kehrte zurück. Kurze Tage, weniger Arbeit. Im Winter keine Wärme, kein Licht, kein Mittag, der Abend berührt den Morgen, Nebel, Dämmerung, das Fenſter iſt grau, man ſieht nicht deutlich. Der Himmel iſt ein Luftloch. Der ganze Tag iſt ein Keller. Die Sonne hat das Ausſehen eines Armen. Entſetzliche Jahreszeit! Der Winter verwandelt in Stein das Waſſer des Himmels und das Herz des Menſchen. Ihre Gläubiger beſtürmten ſie. Lächeln Fenſter r“, die ſchte ſich glück. ind ihr ilen zu ije heiß ochenen Seide uetterie. vorden; zurück. Wärme, Morgen, ht nicht Tag iſt Armen. m Stein n. Ihre 63 Fantine erwarb zu wenig. Ihre Schulden waren ge⸗ wachſen. Die Thénardiers, welche ſchlecht bezahlt wurden, ſchrieben ihr alle Augenblicke Briefe, deren Inhalt ſie in Verzweiflung ſtürzte und deren Porto ſie zu Grunde rich⸗ tete. Eines Tages ſchrieben ſie ihr, daß ihre kleine Coſette bei der jetzigen Kälte ganz nackt wäre, daß ſie einen wol⸗ lenen Rock brauchte, und daß die Mutter dazu wenigſtens 10 Francs ſchicken müßte. Sie empfing den Brief und drückte ihn den ganzen Tag über in ihrer Hand zuſammen. Abends trat ſie bei einem Barbier ein, der an der Ecke der Straße wohnte, und zog ihren Kamm heraus. Ihre wunderſchönen blonden Haare fielen bis zu den Hüften herab. „Die ſchönen Haare!“ „Wie viel würden Sie mir dafür geben?“ „10 Francs.“ „Schneiden Sie ſie ab.“ Sie kaufte einen geſtrickten wollenen Rock und ſchickte ihn den Thénardiers. Dieſer Rock machte die Thénardiers wüthend. Sie hatten Geld gewollt. Sie gaben den Rock an Eponine. Die arme Lerche fuhr fort, vor Froſt zu klappern. Fantine dachte:„Mein Kind friert nicht mehr. Ich habe es mit meinen Haaren gekleidet.“— Sie ſetzte kleine runde Häubchen auf, die ihren geſchornen Kopf bedeckten, und in denen ſie noch hübſch war. Eine finſtere Arbeit entſtand in dem Herzen Fantinens. Als ſie ſah, daß ſie ihren Haarputz nicht mehr hatte, begann ſie Alles rings um ſich her zu haſſen. Lange hatte ſie die Verehrung Aller für den Vater Madeleine getheilt; indem ſie ſich aber wiederholte, daß er es war, der ſie verjagt hatte, und daß er die Urſache ihres Unglücks ſei, haßte ſie auch ihn, ganz beſonders ihn. Wenn ſie an der Fabrik zu den Stunden vorüberging, an welchen die Ar⸗ 64 beiter an der Thür ſtehen, zwang ſie ſich, zu lachen und zu ſingen. Eine alte Arbeiterin, die ſie einſtmals auf dieſe Weiſe ſingen und lachen ſah, ſagte:„Das iſt ein Mädchen, wel⸗ ches ein ſchlechtes Ende nehmen wird.“ Fantine nahm einen Geliebten, den Erſten Beſten, einen Menſchen, den ſie nicht liebte, nur aus Prahlerei, die Wuth im Herzen. Er war ein Elender, eine Art Bettel⸗ muſikant, ein arbeitsſcheuer Schelm, der ſie ſchlug, und der ſie verließ, wie ſie ihn genommen hatte, mit Ekel. Sie betete ihr Kind an. Je tiefer ſie ſank, je mehr Alles rings um ſie her finſter wurde, um deſto heller ſtrahlte der kleine Engel in dem Grunde ihrer Seele. Sie ſagte ſich:„Wenn ich reich ſein werde, habe ich meine Coſette bei mir,“ und ſie lachte. Der Huſten wich nicht mehr und ſie hatte Rückenſchweiße. Eines Tages empfing ſie von den Thénardiers einen Brief, der ſo lautete:„Coſette iſt krank, an einer Krankheit, die in dem Lande herrſcht, ein Frieſelfieber, wie man es nennt. Es ſind theure Arzneien nöthig. Das richtet uns zu Grunde, und wir können nichts mehr bezahlen. Wenn Sie nicht vierzig Francs ſchicken, ehe acht Tage vergehen, ſo iſt die Kleine todt.“ Sie lachte laut auf und ſagte zu ihrer alten Nach⸗ barin:„Ha, die ſind gut! Weiter nichts? Das macht zwei Napoleons! Wo wollen ſie, daß ich ſie hernehmen ſoll? Sind die dumm, dieſe Bauern!“ Indeß ging ſie auf die Treppe zu einer Bodenluke und las den Brief wieder. Dann ging ſie die Treppe hinab und auf die Straße, laufend, ſpringend, lachend. Jemand, der ihr begegnete, ſagte:„Was haben Sie denn, daß Sie ſo luſtig ſind?“ Sie antwortete:„Es iſt eine gute Dummheit, welche Vo me ind zu Weiſe „wel⸗ Beſten, hlerei, Bettel⸗ Id der ſie her mgel in reich lachte. weiße. einen nkheit, an es et uns Wenn ggehen, Nach⸗ t zwei 1 ſoll? ike und Straße, F 65 mir Leute vom Lande geſchrieben haben. Sie fordern vierzig Francs von mir. Geht, Bauern!“ Wie ſie über den Platz ging, ſah ſie viele Menſchen, die einen Wagen von ſonderbarer Geſtalt umringten, und von deſſen Imperiale herab ein Mann, der ganz roth ge⸗ kleidet war, eine Rede hielt. Es war ein marktſchreieriſcher Zahnarzt, der dem Publikum vollſtändige Gebiſſe, Opiate, Pulver und Elixire antrug. Fantine miſchte ſich unter die Zuſchauer und lachte gleich den Andern über die Anrede, in welcher Rothwälſch für den Pöbel war und Kauderwälſch für die anſtändigen Leute. Der Zahnbrecher ſah das ſchöne Mädchen, welches lachte, und rief plötzlich: „Sie haben ſchöne Zähne, Sie, Mädchen, das da lacht. Wenn Sie mir Ihre beiden Spatel verkaufen wollen, ſo gebe ich Ihnen für jeden einen Napoleonsd'or.“ „Was iſt das, meine Spatel?“ fragte Fantine. „Die Spatel“, entgegnete der Zahnarzt,„das ſind die Vorderzähne, die beiden oberen.“ „Abſcheulich!“ rief Fantine. „Zwei Napoleons!“ brummte ein altes, zahnloſes Weib, das neben ihr ſtand.„Das iſt Eine, die glücklich iſt!“ Fantine entfloh und hielt ſich die Ohren zu, um nicht die heiſere Stimme des Marktſchreiers zu hören, der ihr nachrief: „Uüeberlegen Sie es, meine Schöne! Zwei Napoleons. Das kann nützen. Wenn das Herz Sie treibt, ſo kommen Sie dieſen Abend in das Wirthshaus zum„Silbernen Oberlauf“, Sie finden mich dort.“ Fantine kam nach Haus; ſie war wüthend und erzählte die Geſchichte ihrer guten Nachbarin Margarethe:„Begreifen Sie das? Iſt das nicht ein abſcheulicher Menſch? Wie kann man ſolche Leute im Lande herumziehen laſſen! Mir meine beiden Vorderzähne ausreißen! Aber ich würde ja Die Elenden. II. 5 66 abſchreckend ausſehen! Ha, das Ungeheuer von einem Men⸗ ſchen! Lieber wollte ich mich aus einem fünften Stockwerk, den Kopf voran, auf das Straßenpflaſter ſtürzen!— Er hat mir geſagt, daß er dieſen Abend in den„Silbernen Oberlauf“ ſein würde. „Und was hat er Ihnen geboten?“ fragte Margarethe. „Zwei Napoleons.“ „Das macht vierzig Francs.“ „Ja“, ſagte Fantine,„das macht vierzig Francs.“ Sie wurde nachdenkend und ſetzte ſich an ihre Arbeit. Nach einer Viertelſtunde ſtand ſie von ihrer Nätherei auf und ging, um den Brief der Thénardiers nochmals zu leſen, wieder auf die Treppe. Als ſie zurückkam, ſagte ſie zu Margarethe, die an ihrer Seite arbeitete: „Was iſt denn das, ein Frieſelfieber? Wiſſen Sie es?“ „Ja“, antwortete die Alte;„das iſt eine Krankheit.“ „Dabei braucht man wohl viel Tropfen?“ „O, furchtbare Tropfen.“ „Wie bekömmt man denn das?“ „Das iſt eine Krankheit, von der man ſo erfaßt wird.“ „Das ergreift alſo die Kinder?“ „Beſonders die Kinder.“ „Und man ſtirbt daran?“ „Sehr leicht,“ ſagte Margarethe. Fantine ging hinaus, und las auf der Treppe noch einmal den Brief. Am Abend ging ſie hinab, und man ſah ſie die Rich⸗ tung nach der Rue de Paris einſchlagen, wo die Wirths⸗ häuſer liegen. Am nächſten Morgen, als Margarethe vor Tages⸗ anbruch in die Stube Fantinens trat— denn ſie arbeiteten immer mit einander und brauchten ſo für ſie beide nur ein Licht anzuzünden— fand ſie Fantine auf ihrem Bette ſitzend, — — Men⸗ kwerk, — Er ernen garethe. 4“ Arbeit. rei auf uleſen, an ihrer ie es 2 4“ heit. t wird.“ pe voch ie Nch⸗ Wirths⸗ Tages⸗ rbeiteten e ſitzend, bleich, eiskalt. Sie hatte ſich nicht zu Bett gelegt. Ihre Haube war auf ihren Rock herabgefallen. Das Licht war beinahe ganz herabgebrannt. Margarethe blieb auf der Schwelle ſtehen, erſtarrt über dieſe ungeheure Unordnung, und rief: „Mein Heiland! Das Licht iſt ja ganz eingebrannt! Es ſind Ereigniſſe vorgefallen!“ Dann ſah ſie Fantine an, die ihren haarloſen Kopf ihr zuwendete. Fantine war ſeit dem vorigen Tage um zehn Jahr ge⸗ altert. „Jeſus!“ ſagte Margarethe,„was haben Sie denn, Fantine?“ „Ich habe nichts!“ entgegnete Fantine.„Im Gegen⸗ theil. Mein Kind wird nicht aus Mangel an Beiſtand an dieſer abſcheulichen Krankheit ſterben. Ich bin zufrieden.“ Indem ſie ſo ſprach, zeigte ſie der Alten zwei Napoleons, die auf dem Tiſche funkelten. „Ach, Jeſus Gott!“ ſagte Margarethe.„Aber das iſt ja ein Vermögen! Wo haben Sie denn die Louisd'ors her?“ „Ich habe ſie bekommen!“ antwortete ſie. Zugleich lächelte ſie. Das Licht beleuchtete ihr Geſicht. Dieſes Lächeln war blutig. Ein röthlicher Speichel be⸗ ſchmutzte die Winkel ihrer Lippen, ſie hatte ein ſchwarzes Loch im Munde. Ihre beiden Vorderzähne waren ausgeriſſen. Sie ſchickte die vierzig Francs nach Montfermeil. Uebrigens war es nur eine Liſt der Thénardiers, um Geld zu bekommen. Coſette war nicht krank. Fantine warf ihren Spiegel zum Fenſter hinaus. Seit langer Zeit ſchon hatte ſie ihr Stübchen im zweiten Stock aufgegeben und eine Kammer unter dem Dache bezogen; eines jener Bodenräume, deren Decke einen Winkel mit dem Fußboden bildet, und in denen man ſich jeden Augen⸗ . 5* 68 blick an den Kopf ſtößt. Der Arme kann eben ſo wenig in den Hintergrund ſeiner Wohnung, wie in den Hintergrund ſeines Geſchickes gehen, ohne ſich mehr und mehr bücken zu müſſen. Sie hatte kein Bett mehr, ſie hatte einen Lumpen, den ſie ihre Decke nannte, eine am Boden liegende Stroh⸗ matratze und einen Stuhl ohne Rohr. Ein kleiner Roſen⸗ ſtock, den ſie gehabt hatte, ſtand vergeſſen, vertrocknet, in einer Ecke. In der andern Ecke ſtand ein Buttertopf, das Waſſer hinein zu gießen, das im Winter fror, und in wel— chem der verſchiedene Waſſerſtand lange Zeit durch ver⸗ ſchiedene Eisringe bezeichnet blieb. Sie hatte die Scham verloren, ſie verlor die Koquetterie. Letztes Zeichen. Sie ging mit ſchmutzigen Häubchen aus. Sei es Mangel an Zeit, ſei es Gleichgültigkeit, genug ſie beſſerte ihr Zeug nicht mehr aus. Wie die Hacken ihrer Strümpfe zerriſſen, zog ſie dieſelben in ihre Schuhe herunter. Das ließ ſich an gewiſſen perpendikulären Falten erkennen. Sie flickte ihr altes abgenutztes Schnürleib mit alten Kattunſtücken, die bei der geringſten Bewegung zerriſſen. Die Leute, denen ſie ſchuldig war, machten ihr„Auftritte“ und ließen ihr keine Ruhe. Sie fand ſie auf der Straße, ſie fand ſie auf ihrer Treppe wieder. Sie brachte Nächte lang hin, zu weinen und zu denken. Sie hatte ſehr glänzende Augen und fühlte einen beſtändigen Schmerz in der Schulter gegen das linke Schulterblatt. Sie huſtete viel. Sie haßte den Vater Madeleine und beklagte ſich nicht. Sie nähte täglich ſiebzehn Stunden; aber ein Pächter der Gefängnißarbeiten, der die Gefangenen billiger arbeiten ließ, drückte die Preiſe plötzlich herab, wodurch der tägliche Verdienſt der freien Arbeiterinnen auf neun Sous ſank. Siebzehn Stunden Arbeit und neun Sous täglich! Ihre Gläubiger waren unbarmherziger als je. Der Trödler, der ihr beinahe alle Möbel genommen hatte, ſagte beſtändig: „Wann wirſt Du mich bezahlen, liederliches Menſch?— wenig grund ten zu mpen, Stroh⸗ Roſen⸗ et, in „das wel⸗ ver⸗ Scham Sie eel an Zeug riſſen, ;ß ſich flickte ücken, Leute, ließen nd ſie in, zu Augen gegen haßte Sie der 1 ließ, igliche ſank. Jhre r, der indig: 7— 69 Was wollte man denn von ihr, guter Gott! Sie fühlte ſich gehetzt, und es entwickelte ſich in ihr etwas von dem wilden Thiere. Um dieſelbe Zeit ſchrieb ihr Thénardier, daß er ganz entſchieden mit zu viel Nachſicht gewartet hätte, und daß er hundert Francs haben müßte, ſogleich, ſonſt würde er die kleine Coſette, die eben von ihrer ſchweren Krankheit in der Geneſung wäre, zum Hauſe hinauswerfen, der Kälte ungeachtet auf die Straße ſetzen; es möchte dann aus ihr werden, was da wollte; ſie könnte crepiren, wenn ſie wollte.— „Hundert Francs“, dachte Fantine.„Aber was giebt es für ein Geſchäft, durch das man täglich hundert Francs ver⸗ dienen kann?“ „Auf!“ ſagte ſie.„Verkaufen wir das Uebrige.“ Und die Unglückliche wurde Freudenmädchen. XI. Christus nos liberavit. Was iſt dieſe Geſchichte Fantinens? Das iſt die Ge⸗ ſellſchaft, welche eine Sclavin kauft. Wem? Dem Elend. Dem Hunger, dem Froſt, dem Alleinſein, der Ver⸗ laſſenheit, der Hülfloſigkeit. Schmerzlicher Handel. Eine Seele für ein Stück Brod. Das Elend bietet an, die Ge⸗ ſellſchaft nimmt an. Das heilige Geſetz Jeſu Chriſti regiert unſere Civiliſa⸗ tion, aber es durchdringt ſie noch nicht. Man ſagt, die 70 Sclaverei ſei aus der europäiſchen Civiliſation verſchwunden. Das iſt ein Irrthum. Sie exiſtirt noch immer; aber ſie laſtet nur noch auf dem Weibe, und heißt Proſtitution. Sie laſtet auf dem Weibe, das heißt auf der Armuth, auf der Schwäche, auf der Schönheit, auf der Mutterſchaft. Das iſt nicht die geringſte Schmach des Mannes. Auf dem Punkte des ſchmerzlichen Drama's, bei dem wir angelangt ſind, blieb Fantine nichts mehr von alle dem, was ſie ehemals beſeſſen hatte. Sie war Marmor gewor⸗ den, indem ſie Koth wurde. Wer ſie berührte, den fror. Sie ging vorüber, ertrug Jemand und vergaß ihn; ſie iſt ein entehrtes und ſtrenges Antlitz. Das Leben und die ge⸗ ſellſchaftliche Ordnung hatten das letzte Wort zu ihr ge⸗ ſprochen. Es war ihr Alles geſchehen, was ihr geſchehen konnte. Sie hatte Alles geſucht, Alles ertragen, Alles er— duldet, Alles gelitten, Alles verloren, Alles beweint. Sie war ergeben mit jener Ergebenheit, welche der Gleichgültig⸗ keit ähnlich iſt, wie der Tod dem Schlafe. Sie vermied nichts mehr. Sie fürchtete nichts mehr. Möge die Wolke auf ſie herabfallen, der Ozean über ſie hinwegrollen! Was kümmert es ſie? Sie iſt ein vollgezogener Schwamm. Sie glaubt es wenigſtens. Aber es iſt ein Irrthum, ſich einzubilden, daß man das Schickſal erſchöpft und daß man den Boden von irgend etwas berührt. Ach! Was ſind alle dieſe ſo untereinander geſtoßene Geſchicke? Wohin führen ſie? Weshalb ſind ſie ſo? Wer das weiß, durchſchaut die tiefe Finſterniß. Es iſt der Einzige. Er nennt ſich Gott. nden. r ſie muth, ſchaſt. dem dem, wor⸗ fror. ie iſt je ge⸗ r ge⸗ hehen es er⸗ Sie iltig⸗ mied Volke Was thum, daß oßene 71 XII. Der Muüßiggang des Herrn Bamatabois. Es giebt in allen kleinen Städten, und in M. am M. ganz beſonders, eine Klaſſe junger Leute, welche fünfzehn⸗ hundert Livres Renten in der Provinz mit einem ſolchen Weſen verzehren, wie ihres Gleichen in Paris zweimalhun⸗ derttauſend Francs jährlich verſchlingen. Es ſind Weſen von der großen nichtsbedeutenden Gattung; Wucherpflanzen, Zwitter, nichtsbedeutende Menſchen, die ein wenig Grund⸗ beſitz haben, ein wenig Albernheit und ein wenig Geiſt; die im Salon Bauern ſein würden und ſich im Cabaret für Gentlemen halten, welche ſagen:„Meine Wieſen, meine Wälder, meine Bauern“; die Schauſpielerinnen im Theater auspfeifen, um zu beweiſen, daß ſie Leute von Geſchmack ſind; ſich mit den Offizieren der Garniſon ſtreiten, um zu zeigen, daß ſie Leute von Muth ſind; jagen, rauchen, gehen, trinken, nach Tabak riechen, Billard ſpielen, die Reiſenden aus der Diligence ſteigen ſehen, im Caffeehauſe leben, im Gaſthauſe eſſen, einen Hund haben, der die Knochen unter dem Tiſche frißt, und eine Geliebte, welche die Teller darunter ſetzt; um einen Sous geizen, die Mode übertrei⸗ ben, das Trauerſpiel bewundern, die Frauen verachten, ihre alten Stiefel abtragen, London über Paris und Paris über Pont-à-Mousson copiren, verdummt altern, nicht arbeiten, zu nichts nützen und nicht viel ſchaden. Wäre Herr Felix Tholomyes in ſeiner Provinz geblieben und hätte Paris nie geſehen, ſo würde er ein ſolcher Menſch geworden ſein. 12 Wären ſie reicher, ſo würde man von ihnen ſagen: ſie ſind Stutzer; wären ſie ärmer, ſo würde man ſagen: ſie ſind Müßiggänger. Sie ſind ganz einfach unbeſchäftigte Menſchen. Unter dieſen Unbeſchäftigten giebt es Lang⸗ weilige, Gelangweilte, Träumer und einige Luſtige. In jenen Zeiten beſtand ein Elegant aus hohen großen Vatermördern, einer Halsbinde, einer Uhr mit Behängen, den Weſten von verſchiedener Farbe übereinander, die blaue und die rothe inwendig, einem olivenfarbigen Leibrock mit kurzer Taille und mit breiten Schößen, mit einer doppelten Reihe ſilberner Knöpfe, ſo dicht aneinander geſetzt, daß einer den andern berührte, und bis zur Schulter hinaufgehend, und aus einem hellern olivenfarbigen Beinkleid, an der Seite mit einer unbeſtimmten Anzahl von Streifen, immer ungleich, von eins bis elf, eine Grenze, die niemals über⸗ ſchritten werden durfte. Man füge dem noch Stiefelſchuhe hinzu, mit kleinen Eiſen an den Abſätzen, einen Hut mit hohem Kopf und ſchmaler Krämpe, gelocktes Haar, einen ungeheuren Stock, und eine Unterhaltung, gewürzt durch Wortſpiele und Anekdoten. Ueber das Alles noch Sporen und Schnurrbart. In jener Zeit wollte ein Schnurrbart ſagen: Civiliſt, und Sporen: Fußgänger. Der Elegant der Provinz trug die Sporen länger und den Bart wilder. 1 Es war die Zeit des Kampfes der Republiken in Süd⸗ Amerika gegen den König von Spanien, Bolivar gegen Morillo. Die ſchmalkrämpigen Hüte waren royaliſtiſch und hießen Morillo's; die Liberalen trugen Hüte mit breitem Rande, welche Bolivar's genannt wurden. Acht oder zehn Monate nun nach dem, was auf den vorhergehenden Blättern erzäht wurde, gegen die erſten Tage des Januar 1823, fand an einem Abend, an welchem es geſchneit hatte, einer dieſer Stutzer, ein„Gutgeſinnter“, denn er trug einen Morillo, ſo warm als möglich ein⸗ L 73 gehüllt in einen jener großen Mäntel, welche in der Kälte die Modetracht vervollſtändigten, ein Vergnügen daran, ein Geſchöpf zu necken, welches im Ballkleide und ganz ausge⸗ ſchnitten, mit Blumen auf dem Kopfe, vor den Fenſtern des Offizier⸗Kaffeehauſes auf⸗ und niederging. Dieſer Elegant rauchte, denn das war ganz entſchieden Mode. So oft dieſes Frauenzimmer an ihm vorüberging, ſchleuderte er ihr mit einer Rauchwolke ſeiner Cigarre irgend eine Anrede zu, die er für geiſtreich und witzig hielt, wie: „Biſt Du häßlich!—“„Willſt Du Dich verſtecken?“ „Du haſt ja keine Zähne!“ ꝛc. ꝛc. Dieſer Herr hieß Bamatabois. Das Frauenzimmer, ein trauriges geſchmücktes Geſpenſt, welches auf dem Schnee hin⸗ und herging, antwortete ihm nicht, ſah ihn nicht ein⸗ mal an und ſetzte nichtsdeſtoweniger ſchweigend und mit finſterer Regelmäßigkeit ihren Spaziergang fort, der ſie von fünf zu fünf Minuten wieder unter die Spöttereien zurück— führte, wie der Soldat wieder umkehrt, der zu Spießruthen verurtheilt iſt. Dieſer geringe Erfolg reizte ohne Zweifel dieſen Müßiggänger, der, einen Augenblick als ſie ſich um⸗ wendete benutzend, hinter ihr herſchlich und, ſein Lachen un⸗ terdrückend, ſich bückte, vom Pflaſter eine Handvoll Schnee aufnahm und ihr dieſen plötzlich auf den Rücken zwiſchen die beiden nackten Schulterblätter hineindrückte. Das Mädchen ſtieß einen Schrei aus, wendete ſich um, machte einen Satz wie ein Panther, ſtürzte ſich auf den Mann, grub ihre Nägel in das Geſicht deſſelben und be— gleitete dieſe Handlung mit den roheſten Worten, die man je von einem Wachthauſe in den Rinnſtein fallen hörte. Dieſe Schmähungen, welche mit einer von Branntwein heiſeren Stimme ausgeſtoßen wurden, kamen auf grauſige Weiſe aus einem Munde hervor, dem in der That die bei⸗ den Vorderzähne mangelten. Es war Fantine. Bei dem Lärm, den das verurſachte, traten die Offiziere 74 in Menge aus dem Kaffeehauſe. Die Vorübergehenden häuften ſich an und es bildete ſich ein Kreis Lachender, Höhnender, Beifall klatſchender um den Wirbel, der aus zwei Weſen beſtand, in welchen man nur mit Mühe einen Mann und ein Weib erkennen konnte; der Mann ſich weh⸗ rend, ſein Hut am Boden liegend, das Weib ſchlagend und ſtoßend mit Füßen und Händen, ohne Kopfbekleidung, heu⸗ lend, ohne Zähne und Haare, bleich vor Zorn, abſcheulich anzuſehen. Plötzlich trat ein Menſch von hohem Wuchs raſch aus der Menge hervor, ergriff das Weib bei ſeinem mit Koth „ bedeckten Atlasleibchen und ſagte: „Folge mir!“ Das Weib erhob den Kopf; ſeine wüthende Stimme erloſch plötzlich. Die Augen wurden gläſern, ihre bleiche Farbe verwandelte ſich in Leichenbläſſe und ſie zitterte vor Schrecken. Sie hatte Javert erkannt. Der Elegant benutzte das Ereigniß, um ſich zu flüchten. XIII. Löſung einiger Fragen der Municipal⸗Polizei. Javert ſchob die Umſtehenden bei Seite, durchbrach den Kreis und ging mit großen Schritten auf das Polizeibureau zu, welches am Ende des Platzes liegt, die Elende nach ſich ziehend. Sie ließ maſchinenmäßig Alles mit ſich nden ner, aus inen weh⸗ und heu⸗ eulich aus Koth imme gleiche e vor ) zu 75 thun. Weder er noch ſie ſagten ein Wort. Der Schwarm der Zuſchauer, der im Paroxismus der Freude war, folgte unter zweideutigen Redensarten. Das höchſte Elend, Ge⸗ legenheit zu Unzüchtigkeiten. Angekommen auf dem Polizeibureau, welches ein Saal im Erdgeſchoß war, geheizt durch einen Ofen und bewacht durch einen Poſten, hatte eine vergitterte Hausthür nach der Straße; Javert öffnete die Thür, trat mit Fantine ein und ſchloß die Thür wieder hinter ſich, zur großen Täu⸗ ſchung der Neugierigen, welche ſich auf die Zehen erhoben und den Hals verlängerten, um durch das vergitterte Fenſter des Wachtzimmers womöglich Etwas zu ſehen. Die Neu⸗ gier iſt eine Feinſchmeckerin: ſehen heißt verſchlingen. Als Fantine eintrat, ſank ſie in einer Ecke nieder, regungslos und ſtumm, zuſammengekauert wie ein Hund, der ſich fürchtet. Der Sergeant des Poſtens ſtellte ein angezündetes Licht auf einen Tiſch. Javert ſetzte ſich, zog aus ſeiner Taſche ein geſtempeltes Papier und begann zu ſchreiben. Dieſe Klaſſe der Weiber iſt durch die franzöſiſchen Geſetze vollkommen der Willkür der Polizei preisgegeben. Dieſe macht mit ihnen, was ſie will, beſtraft ſie, wie es ihr gut dünkt, und beraubt ſie nach freiem Willen der beiden traurigen Dinge, welche man ihre Induſtrie und ihre Freiheit nennt. Javert war theilnahmlos. Sein ernſtes Geſicht verrieth durchaus keine Aufregung. Gleichwohl war er ernſt und tief mit Gedanken beſchäftigt. Es war einer ſeiner Augenblicke, in denen er, ohne Controlle, aber mit den ganzen Scrupeln einer ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit, ſeine furchtbare und unbeſchränkte Macht ausübte. In dieſem Augenblicke, das fühlte er, war ſein Schemel des Polizei⸗ beamten ein Tribunal. Er richtete und verurtheilte. Er ſammelte Alles, was er an Gedanken im Geiſte haben konnte, um die große Sache, die er vollbracht. Je mehr er die Angelegenheit dieſes Mädchens prüfte, deſto mehr fühlte er ſich empört. Es war offenbar, daß er ein Verbrechen hatte begehen ſehen. Er ſah dort auf der Straße die Ge⸗ ſellſchaft, repräſentirt durch einen Grundbeſitzer und Wähler, inſultirt und angegriffen durch ein Geſchöpf, welches außer⸗ halb des Geſetzes ſtand. Eine Proſtituirte hatte einen Bürger angetaſtet. Er hatte das geſehen, er, Javert. Er ſchrieb ſchweigend. Als er zu Ende war, unterzeichnete er, faltete das Papier und ſagte zu dem Unteroffizier des Poſtens, indem er es ihm übergab: „Nehmen Sie drei Mann und führen Sie dieſes Mädchen nach dem Gefängniß.“ Dann ſich zu Fantine wendend, fügte er hinzu: „Du haſt ſechs Monat.“ Die Unglückliche erbebte. „Sechs Monate! Sechs Monat Gefängniß!“ ſchrie ſie. „Sechs Monat täglich um ſieben Sous zu verdienen! Aber was ſoll denn aus Coſette werden! Meine Tochter! Meine Tochter! Aber ich bin den Thénardiers noch über hundert Francs ſchuldig, Herr Inſpektor, wiſſen Sie das?“ Sie ſchleppte ſich auf den Quadern des Fußbodens, der durch die kothigen Stiefel all' der Männer beſchmutzt war, ohne aufzuſtehen, und mit gefaltenen Händen vorwärts, mit den Knieen große Schritte machend. „Herr Javert,“ ſagte ſie,„ich flehe Sie um Gnade an. Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich nicht Un⸗ recht hatte. Hätten Sie den Anfang geſehen, ſo würden Sie das geſehen haben. Ich ſchwöre Ihnen bei dem guten Gott, daß ich nicht Unrecht habe. Der Herr, den ich nicht kenne, hat mir Schnee in den Rücken geſteckt. Hat man denn das Recht, uns Schnee in den Rücken zu ſtecken, wenn wir ſo ganz ruhig vorüber gehen, ohne irgend Jemand etwas Böſes zu thun? Das hat mich gereizt. Ich bin den Hat fen, bin — 77 ein wenig krank, ſehen Sie. Und dann verſpottet man mich auch ſchon ſeit längerer Zeit.„Du biſt häßlich! Du haſt keine Zähne!“— Ich weiß wohl, daß ich meine Zähne nicht mehr habe. Ich that nichts. Ich ſagte zu mir: das iſt ein Herr, der ſich amüſiren will. Ich war artig gegen ihn. Ich ſprach nicht zu ihm. In dieſem Augenblick hat er mir den Schnee hineingeſteckt. Herr Javert, mein guter Herr Inſpektor, iſt denn Niemand hier, der es geſehen hat, um Ihnen zu ſagen, daß es wahr iſt? Ich habe vielleicht Un⸗ recht gehabt, böſe zu werden. Sie wiſſen wohl, im erſten Augenblick iſt man nicht Herr ſeiner ſelbſt. Man hat ſeine Heftigkeit. Und dann etwas ſo Kaltes, das einem ſo ganz plötzlich in den Rücken hinein geſtopft wird, wenn man es gar nicht erwartet! Ich habe Unrecht gehabt, den Hut des Herrn herunterzuwerfen. Weshalb ging er fort? Ich würde ihn um Verzeihung bitten. Es wäre nirr ganz gleichgültig, ihn um Verzeihung zu bitten. Erzeigen Sie mir Gnade für dieſes Mal, Herr Javert. Sehen Sie, das wiſſen Sie nicht, in den Gefängniſſen verdient man nur ſieben Sous. Das iſt nicht die Schuld der Regierung, aber man verdient nur ſieben Sous, und ſtellen Sie ſich vor, daß ich hundert Francs zu bezahlen habe, oder man ſchickt mir meine Kleine zurück. O mein Gott, ich kann ſie nicht bei mir haben. Was ich thue, iſt ſo widerlich! O, meine Coſette, o, mein kleiner Engel der guten, heiligen Jungfrau, was ſoll aus ihr werden? das arme Mädchen! Ich will Ihnen ſagen, die Thénardiers, Wirthsleute, Bauern, das nimmt gar keinen Verſtand an. Sie wollen Geld haben. Stecken Sie mich nicht in das Gefängniß! Sehen Sie, es wäre ein kleines Mädchen, das man zugleich auf die Straße werfen würde, gehe es ihr, wie es gehe, mit⸗ ten im Winter. Man muß mit dem Dinge Mitleid haben, mein guter Herr Javert. Wenn es größer wäre, ſo würde es ſeinen Lebensunterhalt verdienen, aber das 78 kann es ja in dem Alter nicht. Ich bin im Grunde kein böſes Weib. Es iſt nicht Trägheit und Naſchhaftigkeit, welche das aus mir gemacht haben. Ich trinke Branntwein aus Elend; ich liebe ihn nicht, aber er betäubt. Als ich noch glücklicher war, hätte man nur in meinen Kaſten zu blicken brauchen, und man würde wohl geſehen haben, daß ich kein kokettes oder unordentliches Mädchen war. Ich hatte Wäſche, viel Wäſche. Haben Sie Mitleid mit mir, Herr Javert!“ So ſprach ſie, herzgebrochen, geſchüttelt durch heftiges Schluchzen, geblendet durch Thränen, den Buſen entblößt, die Hände ringend, kurz und trocken huſtend, ſtammelnd mit der Stimme des Todeskampfes. Großer Schmerz iſt ein göttlicher und fürchterlicher Strahl, welcher das Elend ver⸗ wandelt. In dieſem Augenblicke war Fantine wieder ſchön geworden. In gewiſſen Augenblicken hielt ſie inne und küßte zärtlich den Ueberrock des Poliziſten. Sie hätte ein Granitherz gerührt; aber ein Herz von Holz wird man niemals rühren. „Nun“, ſagte Javert,„ich habe Dich angehört. Haſt Du Alles geſagt? Vorwärts jetzt. Du haſt Deine ſechs Monat. Der ewige Vater in Perſon könnte daran nichts ändern.“ Bei den feierlichen Worten:„Der ewige Vater in Perſon könnte daran nichts ändern“, begriff ſie, daß ihr Urtheilsſpruch unwiderruflich gefällt war. Sie brach zu⸗ ſammen, indem ſie flüſterte: „Gnade!“ Javert wendete ihr den Rücken. Die Soldaten ergriffen ſie bei dem Arme. Seit einigen Minuten war ein Mann eingetreten, ohne daß man auf ihn geachtet hatte. Er ſchloß die Thür, lehnte ſich daran und hörte die verzweiflungsvollen Bitten Fan⸗ tinen's. In dem Augenblick, als die Soldaten Hand an die —=— Unglückliche legten, die nicht aufſtehen wollte, that er einen Schritt vorwärts, trat aus dem Schatten hervor und ſagte: „Einen Augenblick, wenn es gefällig iſt!“ Javert erhob die Augen und erkannte Herrn Made⸗ leine. Er nahm den Hut ab und grüßte mit einer Art lin⸗ kiſchen und ärgerlichen Benehmens. „Verzeihung, Herr Maire—“ Das Wort„Herr Maire“ machte auf Fantine einen eigenthümlichen Eindruck. Sie richtete ſich plötzlich hoch in die Höhe, wie ein Geſpenſt, das aus der Erde hervorſteigt, ſtieß die Soldaten mit beiden Armen zurück, ging gerade auf Herrn Madeleine zu, noch ehe man ſie hatte zurückhalten können, ſah ihn ſtumm an mit irrem Weſen und ſchrie: „Ha, Du biſt es alſo, der Herr Maire?“ Dann brach ſie in lautes Gelächter aus und ſpuckte ihm in das Geſicht. Herr Madeleine wiſchte ſich das Geſicht und ſagte: „Inſpector Javert, ſetzen Sie dieſes Mädchen in Freiheit.“ Javert fühlte ſich in Begriff, wahnſinnig zu werden. Er empfand in dieſem Augenblick Schlag auf Schlag, und faſt unter einander gemiſcht, die heftigſten Erſchütterungen, die er noch je in ſeinem Leben gehabt hatte. Ein öffent⸗ liches Mädchen in das Geſicht eines Maire ſpucken ſehen, war etwas ſo Ungeheuerliches, daß er, ſelbſt in den entſetz⸗ lichſten Vermuthungen ſich ergehend, es als eine Gottes⸗ läſterung betrachtet haben würde, das nur für möglich zu halten. Auf der anderen Seite machte er im Hintergrunde ſeiner Gedanken einen verworrenen und ſchwarzen Ver⸗ gleich zwiſchen dem, was dieſes Weib war und was dieſer Maire ſein konnte, und er erblickte nun mit Entſetzen ich weiß ſelbſt nicht was für eine einfache Handlung in dieſem ungeheuerlichen Attentat. Als er aber dieſen Maire, dieſen Beamten, ſich ruhig das Geſicht trocknen ſah und ſagen 89 hörte: ſetzen Sie dieſes Mädchen in Freiheit, war er einen Augenblick wie von Staunen geblendet; Gedanken und Worte gingen ihm aus; die Summe des möglichen Staunens war für ihn überſchritten. Er blieb ſtumm. Dieſes Wort hatte auf Fantine keinen minder eigen⸗ thümlichen Eindruck gemacht. Sie erhob ihren nackten Arm und klammerte ſich an die Klappe des Ofens, wie ein Menſch, der taumelt. Indeß ſah ſie rings um ſich her und ſprach mit leiſer Stimme wie Jemand, der zu ſich ſelbſt redete: „In Freiheit! Man ſoll mich fortlaſſen! Ich⸗ſoll nicht ſechs Monate in das Gefängniß? Wer hat denn das geſagt? Es iſt nicht möglich, daß man es geſagt hat. Ich habe ſchlecht gehört. Das kann nicht dieſes Ungeheuer von Maire geweſen ſein! Waren Sie es, mein guter Herr Javert, der ſagte, daß man mich in Freiheit ſetzen ſollte? O, ſehen Sie wohl, ich will Ihnen Alles ſagen und Sie laſſen mich gehen. Dieſes Ungeheuer von Maire, dieſer alte Schuft von Maire, er iſt es, der die Urſache von Allem iſt. Denken Sie ſich, Herr Javert, er hat mich fortgejagt wegen Redereien von Mädchen, die in der Werkſtatt klatſchen. Ob das nicht eine Schande iſt! Ein armes Mädchen fortzujagen, das rechtſchaffen ſeine Arbeit thut! Da hab ich nicht mehr genug verdienen können und das Unglück iſt gekommen. Uebrigens giebt es eine Ver⸗ beſſerung, welche die Herren von der Polizei wohl vor⸗ nehmen ſollten, und das wäre, die Gefängnißpächter zu verhindern, den armen Leuten Schaden zuzufügen. Ich will Ihnen das erklären, ſehen Sie;— Sie verdienen zwölf Sous durch die Hemden, das ſinkt auf neun Sous herab, und es iſt nun nicht mehr möglich, davon zu leben; man muß alſo werden, was man kann. Ich hatte meine kleine Coſette und war wohl gezwungen, ein ſchlechtes Mädchen zu werden. Sie begreifen jetzt, daß dieſer Schuft 81 var von Maire all das Uebel veranlaßt hat. Darauf habe ich ken vor dem Offizier⸗Caffeehauſe auf den Hut des Herrn hen getreten. Aber er hatte mir mit ſeinem Schnee mein ganzes Kleid verdorben. Wir haben nur ein Kleid von ſen⸗ Seide für den Abend. Sehen Sie, ich habe niemals ab⸗ len ſichtlich Bemand etwas Böſes gethan, gewiß nicht, Herr ein Javert. Ich kenne gleichwohl viel boshaftere Weiber als ich, her die ſehr glücklich ſind. Ach, Herr Javert, Sie haben geſagt, ſich man ſollte mich frei laſſen, nicht wahr? Ziehen Sie Er⸗ kundigungen ein, ſprechen Sie mit meinem Hausbeſitzer. icht Jetzt bezahle ich meine Miethe und man wird Ihnen ſagen, das daß ich rechtſchaffen bin. Ach mein Gott, ich bitte Sie um zat. Verzeihung; ich habe, ohne darauf zu achten, die Klappe euer des Ofens berührt und nun raucht es!“ Herr Herr Madeleine hörte ihr mit geſpannter Aufmerk⸗ ſte? ſamkeit zu. Während ſie ſprach, hatte er in ſeine Taſche Sie gegriffen, ſeine Börſe hervorgezogen und ſie geöffnet. Sie ſer— war leer. Er ſteckte ſie wieder in die Taſche. Er ſagte von zu Fantine: nich„Wie viel ſagten Sie, daß Sie ſchuldig wären?“ der Fantine, welche nur Javert anſah, wendete ſich gegen Ein ihn und ſagte: beit„Wer ſpricht denn mit Dir?“ 1 und Darauf fragte Sie die Soldaten: zer⸗„Sagt doch, Ihr da, habt Ihr geſehen, wie ich ihm vor⸗ in das Geſicht ſpie? Ha, altes Ungeheuer von Maire, hter Du kommſt her, um mir Furcht einzuflößen, aber ich fürchte Ich Dich nicht. Ich fürchte nur Herrn Javert, ich fürchte nen meinen guten Herrn Javert.“ ous Indem ſie ſo ſprach, wendete ſie ſich wieder zu dem en; Inſpector. eine 1„Bei alledem, ſehen Sie, Herr Inſpector, muß man tes gerecht ſein. Ich begreife, daß Sie gerecht geweſen ſind, uft aber, Herr Inſpector, in der That, das iſt ganz einfach. 1 Die Elenden. II. 6 82 Ein Mann, der ſich einen Spaß macht, ein wenig Schnee in den Rücken eines Mädchens zu ſtecken— das macht ſie lachen, die Herren Offiziere; man muß ſich doch über irgend etwas amüſiren, und wir Mädchen ſind ja nur dazu da, daß man ſich amüſirt. Und dann kommen Sie; Sie ſind wohl gezwungen, Ordnung zu machen. Sie führen das Mädchen fort, das Unrecht hat, aber indem Sie es reif⸗ licher überlegen, und da Sie gut ſind, ſagen Sie, daß man mich in Freiheit ſetzen ſoll; es iſt wegen der Kleinen; weil ſechs Monate im Gefängniß mich verhindern würden, mein Kind zu ernähren.„Nun werde nicht rückfällig, liederliche Dirne!“ O, ich werde es gewiß nicht wieder thun, Herr Javert! Man mag mit mir anfangen, was man will, ich werde mich nicht rühren. Nur heute, ſehen Sie, habe ich geſchrien, weil es mir ſo wehe that. Ich war auf den Schnee des Herrn gar nicht gefaßt, und dann ſagte ich Ihnen ſchon, daß ich nicht ganz wohl bin, ich huſte. Ich habe hier im Leibe Etwas, wie eine Kugel, die mich verbrennt, und der Arzt ſagt, ich ſoll mich pflegen. Sehen Sie, fühlen Sie nur, geben Sie mir Ihre Hand, fürchten Sie nichts; es iſt hier!“ Sie weinte nicht mehr. Ihre Stimme war ſchmeichelnd und ſie legte auf ihre weiße zarte Bruſt die große rauhe Hand Javerts und ſah ihn lächelnd an. Plötzlich ordnete ſie raſch ihr Kleid, drückte die Falten ihres Rockes herab, die, indem ſie ſich vorwärts geſchleppt hatte, beinahe bis zu den Knien ſich hinaufgeſchoben hatten, ging auf die Thür zu und ſagte mit einem freundſchaftlichen Kopfnicken zu den Soldaten: „Kinder, der Herr Inſpektor hat geſagt, man ſoll mich loslaſſen, und ich gehe.“ Sie legte die Hand auf den Thürgriff. Ein Schritt weiter und ſie war auf der Straße. Javert war bis zu dieſem Augenblick ſtehen geblieben, — 83 regungslos, die Augen zu Boden gerichtet, bei dieſem Auf⸗ tritte einer Statue nicht unähnlich, die man von ihrem Platz gerückt hat und die darauf wartet, daß man ſie irgendwo wieder hinſtellt. Das Geräuſch des Thürgriffes erweckte ihn, er erhob den Kopf mit dem Ausdrucke der höchſten Autorität, einem Ausdrucke, der ſtets um ſo fürchterlicher iſt, je niedriger die Stufe, auf der die Gewalt geübt wird. Reißend bei dem wilden Thiere, grauſam bei dem nichts⸗ bedeutenden Menſchen. „Sergeant,“ rief er,„ſehen Sie nicht, daß das Weib geht? Wer hat Ihnen denn geſagt, ſie frei zu laſſen?“ „Ich,“ ſagte Herr Madeleine. Fantine hatte bei der Stimme Javerts gezittert und den Thürgriff losgelaſſen, wie ein Dieb den geſtohlenen Gegenſtand fortwirft. Bei der Stimme Madeleine's drehte ſie ſich um, und von dieſem Augenblick an richtete ſich ihr Blick wechſelweiſe von Madeleine auf Javert und von Javert auf Madeleine, je nachdem der Eine oder der Andere ſprach. Dabei äußerte ſie kein Wort, ſie wagte nicht ein⸗ mal, frei aufzuathmen. Offenbar mußte Javert, wie man hätte ſagen können, „aus den Angeln geworfen“ ſein, weil er ſich erlaubt hatte, den Sergeanten ſo anzureden, wie er that, nachdem der Maire ihn aufgefordert hatte, Fantine in Freiheit zu ſetzen. War es mit ihm ſo weit gekommen, daß er die Anweſenheit des Herrn Maires vergaß? Hatte er endlich ſich ſelbſt erklärt, es ſei unmöglich, daß„eine Autorität“ einen ſolchen Befehl gegeben hätte, und daß ganz gewiß der Herr Maire, ohne es zu wollen, Eines für das Andere ſagte? Oder ſagte er ſich, daß bei den Ungeheuerlichkeiten, deren Zeuge er ſeit zwei Stunden war, er zu den äußerſten Entſchlüſſen greifen müßte, daß es für den Kleinen nothwendig wäre, ſich groß zu machen, daß der Polizei⸗Inſpektor ſich in einen 6* 84 Richter verwandelt? Daß der Mann der Polizei Mann der Juſtiz wurde, und daß in dieſem äußerſten Falle das Geſetz, die Moral, die Regierung, die ganze Ge⸗ ſellſchaft, ſich in ihm, Javert, perſonificirte? Wie dem auch ſei, als Herr Madeleine das Wort „Ich!“ ausgeſprochen hatte, das man gehört hat, ſah man den Polizei⸗Inſpektor Javert, ſich zu dem Herrn Maire wendend, bleich, kalt, mit blauen Lippen, verzweiflungsvollem Blick, den ganzen Körper ergriffen von einem kaum merk⸗ lichen Zittern und— etwas ganz Unerhörtes— ihm mit geſenktem Auge, aber mit feſter Stimme ſagend: „Herr Maire, das kann nicht ſein.“ „Wie!“ ſagte Herr Madeleine. „Dieſe Unglückliche hat einen Herrn beſchimpft.“ „Inſpektor Javert,“ entgegnete Herr Madeleine mit einem verſöhnenden und ruhigen Ton,„hören Sie. Sie ſind ein rechtſchaffener Mann, ich mache daher keine Schwie⸗ rigkeiten, mich gegen Sie zu erklären. Hören Sie die Wahrheit. Ich ging über den Platz, als Sie dieſes Mäd⸗ chen fortführten. Es ſtanden noch mehrere Gruppen bei⸗ ſammen; ich erkundigte mich und hatte Alles erfahren; der Herr hat Unrecht gehabt und bei guter Polizei hätte er arretirt werden ſollen.“ Javert entgegnete: „Dieſe Elende hat ſoeben den Herrn Maire beſchimpft.“ „Das geht mich an,“ ſagte Herr Madeleine.„Meine Beleidigung gehört doch wohl mir. Ich kann damit machen, was ich will.“ „Ich bitte den Herrn Maire um Verzeihung. Ihre Beleidigung gehört nicht Ihnen, ſondern der Juſtiz.“ „Inſpektor Javert,“ erwiderte Herr Madeleine,„die erſte Polizei iſt das Gewiſſen. Ich habe dieſes Mädchen gehört. Ich weiß, was ich thue.“ „Und ich, Herr Maire, ich weiß nicht, was ich ſehe.“ 85 „Nun, dann begnügen Sie ſich damit, zu gehorchen.“ „Ich gehorche meiner Pflicht. Meine Pflicht will, daß dieſes Mädchen ſechs Monat Gefängniß erdulde.“ Herr Madeleine entgegnete ſanft: „Hören Sie wohl. Sie wird keinen einzigen Tag erdulden.“ Bei dieſem entſcheidenden Worte wagte es Javert, den Maire feſt anzuſehen. Er ſagte, doch noch immer mit voll⸗ kommen ehrerbietiger Stimme: „Ich bin in Verzweiflung, dem Herrn Maire zu wider⸗ ſtehen. Es iſt zum erſten Male in meinem Leben, aber er wird die Güte haben, mir zu erlauben, ihn zu bemerken, daß ich mich innerhalb der Grenzen meiner Amtspflicht halte. Ich bleibe, da der Herr Maire es will, bei der Thatſache mit dem Herrn ſtehen. Ich war da. Dieſes Mädchen hat ſich auf Herrn Bamatabois geworfen, der Wähler und Grundbeſitzer jenes ſchönen Hauſes mit dem Balkon iſt, das an der Ecke der Esplanade ſteht, drei Stock hoch und ganz von Quaderſteinen erbaut. Endlich giebt es Dinge in dieſer Welt! Wie dem auch ſei, Herr Maire, dies iſt eine An⸗ gelegenheit der Straßenpolizei, die mich angeht, und ich halte dieſes Mädchen Fantine zurück.“ Herr Madeleine kreuzte jetzt die Arme und ſagte mit einer ſo ſtrengen Stimme, wie noch Niemand in der Stadt ſie von ihm gehört hatte: „Die Thatſache, von der Sie ſprechen, iſt eine An⸗ gelegenheit der Municipal⸗Polizei. Nach den Worten der Artikel neun, elf, fünfzehn und ſechs und ſechzig des Codex der Kriminal⸗Inſtruktion bin ich darüber Richter. Ich be⸗ fehle, daß dieſes Mädchen in Freiheit geſetzt werde.“ Javert wollte noch eine letzte Anſtrengung machen. „Aber Herr Maire—“ „Ich erinnere Sie an den Artikel ein und achtzig des Geſetzes vom 13. Dezember 1799 über willkürliche Ver⸗ haftung.“ „Erlauben Sie—“ „Kein Wort weiter.“ „Indeß—“ „Entfernen Sie ſich!“ ſagte Herr Madeleine. Javert empfing den Schlag aufrechtſtehend in das Geſicht, und mitten auf die Bruſt, wie ein ruſſiſcher Soldat. Er grüßte den Herrn Maire, indem er ſich bis zur Erde verneigte und ging. Fantine trat neben die Thür und ſah ihn ganz verdutzt an ſich vorübergehend. Indeß war auch ſie die Beute einer eigenthümlichen Verwirrung. Sie ſah, wie in gewiſſer Art zwei einander entgegengeſetzte Gewalten ſie ſich ſtreitig machten. Sie ſah vor ihren Augen zwei Männer, die ihre Freiheit in den Händen hielten, ihr Leben, ihre Seele, ihr Kind. Der Eine dieſer Männer zog ſie nach der Seite der Finſterniß, der Andere führte ſie zu dem Lichte zurück. In dieſem Kampfe, den ſie durch die Vergrößerung des Schreckens hindurch erblickte, erſchienen dieſe beiden Männer ihr wie zwei Rieſen; der Eine ſprach wie ihr böſer Geiſt, der Andere wie ihr guter Engel. Der Engel hatte den Dämon beſiegt, und ein Um⸗ ſtand, der machte, daß ſie vom Kopf bis zu den Füßen erbebte, dieſer Engel, dieſer Befreier war eben der Mann, den ſie verabſcheute, der Maire, den ſie ſo lange als den Urheber aller ihrer Leiden betrachtet hatte, dieſer Madeleine! Und in eben dem Augenblicke, in welchem ſie ihn auf eine entſetzliche Weiſe beſchimpft hatte, rettete er ſie! Hatte ſie ſich denn getäuſcht? Sollte ſie denn ihre ganze Seele um⸗ wandeln? Sie wußte nicht— ſie zitterte; ſie war außer ſich, blickte verwirrt vor ſich hin, und bei jedem Worte, welches Herr Madeleine ſagte, fühlte ſie in ihrem Innern die ent⸗ ſetzliche Finſterniß des Haſſes ſchmelzen und zuſammen⸗ brechen, und in ihrem Herzen eine Wärme, ein unausſprech⸗ — ⏑—— 87 liches Gefühl entſpringen, welches Freude, Vertrauen und Liebe war. Als Javert fort war, wendete Herr Madeleine ſich zu ihr und ſagte mit langſamer Stimme, ſo daß er nur mühſam ſprach, wie ein ernſter Menſch, der nicht weinen will. „Ich habe Sie gehört. Ich wußte Nichts von alle dem, was Sie ſagten. Ich glaube, daß es wahr iſt. Ich wußte nicht einmal, daß Sie meine Werkſtätte verlaſſen hatten. Weshalb haben Sie ſich nicht an mich gewendet? Aber hören Sie: Ich werde Ihre Schulden bezahlen, und Ihr Kind kommen laſſen, oder Sie gehen zu ihm. Sie können hier leben, in Paris oder wo Sie wollen. Ich übernehme die Sorge für Ihr Kind und für Sie. Sie werden nicht mehr arbeiten, wenn Sie nicht wollen. Ich werde Ihnen ſo viel Geld geben, als Sie bedürfen. Sie werden wieder rechtſchaffen werden, indem Sie wieder glücklich ſind. Und ſelbſt, hören Sie, ich erkläre Ihnen das ſchon jetzt, wenn Alles ſo iſt, wie Sie ſagen, und daran zweifle ich nicht, ſo haben Sie vor Gott niemals aufgehört, tugendhaft und heilig zu ſein. Ach, armes Mädchen!“ Das war mehr, als die arme Fantine zu ertragen vermochte. Coſette bei ſich haben? Aus dem nichtswürdigen Leben erlöſt werden! Frei, reich, glücklich, rechtſchaffen mit Coſette zuſammen leben! Plötzlich mitten in ihrem Elende alle dieſe Wirklichkeiten des Paradieſes vor ſich erblühen ſehen! Sie betrachtete, wie betäubt, den Mann, der zu ihr ſprach, und vermochte nur unter Schluchzen zwei oder drei Mal zu rufen:„Oh! Oh! Oh!“ Ihre Knie brachen unter ihr zuſammen, ſie ſank vor Herrn Madeleine nieder, und ehe er es zu verhindern vermochte, fühlte er, wie ſie ſeine Hand ergriff und ihre Lippen darauf preßte. Dann wurde ſie ohnmächtig. Erſte Abtheilung. Fantine. Sechſtes Buch. Zaverk. I. Anfang der Ruhe. Herr Madeleine ließ Fantine nach jenem Krankenhauſe bringen, das er in ſeiner eigenen Wohnung errichtet hatte. Er vertraute ſie den barmherzigen Schweſtern an und dieſe brachten ſie zu Bett. Ein hitziges Fieber brach aus. Sie brachte einen Theil der Nacht phantaſirend zu und ſprach laut. Endlich indeß ſchlief ſie ein. Am andern Tage gegen Mittag erwachte Fantine, hörte Athemzüge ganz nahe an ihrer Seite, zog die Vorhänge zurück, und ſah Herrn Madeleine, der aufrecht ſtand und auf Etwas über ihrem Kopfe blickte. Dieſer Blick war voll Mitleid, Angſt und Flehen. Sie folgte der Richtung deſ⸗ ſelben und ſah, daß er ſich an ein Crucifix wendete, welches an der Mauer hing. Herr Madeleine war jetzt in den Augen Fantinens umgewandelt. Er ſchien ihr von Licht umgeben zu ſein. Er war wie in ein Gebet verſunken. Sie betrachtete ihn lange, ohne es zu wagen, ihn zu unterbrechen. Endlich ſagte ſie ſchüchtern: „Was machen Sie denn da?“ Herr Madeleine ſtand ſeit einer Stunde an dieſer Stelle. Er wartete auf das Erwachen Fantinens. Er ergriff ihre Hand, fühlte nach ihrem Pulſe und antwortete: 92 „Wie befinden Sie ſich?“ „Gut. Ich habe geſchlafen,“ ſagte ſie.„Ich glaube, daß es beſſer mit mir geht. Es wird nichts ſein.“ Er nahm wieder das Wort, indem er auf die Frage antwortete, die ſie zuerſt an ihn richtete, als ob er ſie eben erſt gehört hätte: „Ich betete zu dem Märtyrer dort oben!“ Und leiſe fügte er in Gedanken hinzu:„Und für die Märtyrerin hier unten.“ Herr Madeleine hatte während der Nacht und am Morgen Erkundigungen eingezogen. Er wußte jetzt Alles; er kannte die Geſchichte Fantinens in allen ihren ergreifen⸗ den Einzelnheiten. Er fuhr fort: „Sie haben viel gelitten, arme Mutter. O, beklagen Sie ſich nicht darüber, denn Sie haben jetzt die Mitgift der Erwählten. Auf dieſe Weiſe machen die Menſchen Engel. Das iſt nicht ihre Schuld, ſie wiſſen ſich nicht anders zu benehmen. Sehen Sie, die Hölle, aus der Sie kommen, iſt die erſte Geſtalt des Himmels. Sie mußten wohl da⸗ mit den Anfang machen.“ Er ſeufzte tief. Sie indeß lächelte ihm mit jenem er⸗ habenen Lächeln zu, dem zwei Zähne fehlten. Javert hatte in eben dieſer Nacht einen Brief geſchrieben. Er brachte ihn ſelbſt am andern Morgen auf das Poſt⸗ bureau von M. am M. Er war nach Paris adreſſirt und trug die Aufſchrift:„An Herrn Chabouillet, Secretair des Herrn Polizeipräfecten.“ Da die Geſchichte auf der Wache verlautbart worden war, glaubten die Poſt⸗ directoren und einige andere Perſonen, die den Brief vor der Abſendung ſahen und die Schrift des Herrn Javert auf der Adreſſe erkannten, er reiche ſeine Entlaſſung ein. Herr Madeleine beeilte ſich, an die Thénardiers zu ſchreiben. Fantine war ihnen 120 Francs ſchuldig. Er ſchickte ihnen 300 Francs, indem er ihnen ſagte, ſie ſollten nube, frage eben leiſe hier am llles; eifen⸗ klagen ft der Engel. nnders nmten, l da⸗ em er⸗ rieben. Poſt⸗ rt und cretair ſcihte Poſt⸗ ief vot ert auf jers u g. Er 6 ollten ſich von dieſer Summe bezahlt machen und ſofort das Kind nach M. am M. bringen, wo ſeine kranke Mutter es zu haben wünſchte. Dies blendete dem Thénardier.„Der Teufel“, ſagte er zu ſeiner Frau,„laſſen wir das Kind nicht los. Die gemeine Lerche wird zu einer Milchkuh. Ich errathe. Irgend ein Einfaltspinſel wird ſich in die Mutter verliebt haben.“ Er antwortete durch die Ueberſchickung einer Rechnung von 500 und einigen Francs, die ſehr gut aufgeſetzt war. In dieſer Rechnung figurirten mit mehr als 300 Francs zwei unbeſtimmtere Poſten, die eine von einem Arzt, die andere von einem Apotheker, welche Eponine und Azelma in zwei langen Krankheiten behandelt und mit Arznei ver⸗ ſehen hatten. Coſette war, wie wir bereits ſagten, nicht krank geweſen. Das war die Sache einer ganz kleinen Ver⸗ wechſelung der Namen. Thénardier ſchrieb unter die Rech⸗ nung: Auf Abſchlag empfangen: 300 Francs. Herr Madeleine ſchickte ſogleich nochmals dreihundert Francs und ſchrieb: „Beeilen Sie ſich, Coſette zu bringen.“ „Chriſti!“ ſagte Thénardier,„laſſen wir das Kind nicht los!“ Indeß erholte Fantine ſich nicht. Sie war noch immer in dem Krankenſaale. Die barmherzigen Schweſtern hatten Anfangs dieſe „Dirne“ nur mit Widerwillen aufgenommen und gepflegt. Wer die Basreliefs zu Rheims geſehen hat, wird ſich erin⸗ nern, wie die Unterlippen der tugendhaften Jungfrauen auf⸗ geblaſen ſind, welche die thörichten Jungfrauen anſehen. Dieſe alterthümliche Verachtung der Veſtalinnen gegen die gefallenen Weiber iſt einer der tiefſten Inſtinkte der weib⸗ lichen Würde; die barmherzigen Schweſtern hatten ihn em⸗ pfunden und zwar mit der Verdoppelung, welche die Reli⸗ gion verleiht. Aber nach wenigen Tagen hatte Fantine ſie 94 entwaffnet. Sie ſprach ſo ſanfte, ſo demüthige Worte aus, und dann hatte auch die in ihr liegende Mutter ſie gerührt. Eines Tages hörten die Schweſtern, wie ſie in ihrem Fieber ſagte:„Ich bin eine Sünderin geweſen, aber wenn ich mein Kind bei mir habe, ſo wird das ſagen, daß Gott mir ver⸗ ziehen hat. Während ich im Böſen war, hätte ich nicht meine Coſette bei mir haben mögen. Ich hätte ihre ver⸗ wunderten und traurigen Augen nicht ertragen können. Doch war es für ſie, daß ich das Böſe that. Und deshalb wird Gott mir verzeihen. Ich werde den Segen des lieben Gottes fühlen, wenn Coſette hier iſt. Ich werde ſie behüten, das wird mir wohl thun, dieſe Unſchuld zu ſehen. Sie weiß nichts von Allem. Sie iſt ein Engel, ſehen Sie, meine Schweſtern. In dieſem Alter, da fallen die Flügel noch nicht ab.“ Herr Madeleine beſuchte ſie täglich zweimal und jedes⸗ mal fragte ſie ihn:„Werde ich meine Coſette bald ſehen?“ Er entgegnete:„Vielleicht morgen früh; von einem Augenblick zum andern muß ſie kommen. Ich erwarte ſie.“ Das bleiche Geſicht der Mutter ſtrahlte vor Freude— „Ach,“ ſagte ſie,„wie glücklich werde ich ſein!“ Wir ſagten ſoeben, daß ſie ſich nicht erholte. Im Gegentheil; ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich von Woche zu Woche. Die Handvoll Schnee, die ihr auf die nackte Haut zwiſchen beide Schulterblätter gedrückt worden war, hatte eine plötzliche Hemmung des Athems hervorgebracht, in Folge deren die Krankheit, an der ſie ſo ſchon ſeit mehreren Jahren litt, endlich mit großer Heftigkeit ausbrach. Man begann damals bei dem Studium und der Behandlung der Bruſtkrankheiten die ſchönen Andeutungen Laénnecs zu be⸗ folgen. Der Arzt horchte Fantine aus und ſchüttelte den Kopf. Herr Madeleine ſagte zu dem Arzt: „Nun?“ aus, ührt. teber nein ver⸗ nicht ver⸗ Doch wird ottes das weiß neine noch jedes⸗ hen?“ inem ſie.“ ude. Im he zu Haut hatte t, in hreren Man ng der zu be⸗ lte den 95 „Hat ſie nicht ein Kind, das ſie zu ſehen wünſcht?“ ſagte der Arzt. „Ja.“ „Nun, ſo beeilen Sie ſich, es kommen zu laſſen.“ Herr Madeleine erbebte. Fantine fragte ihn: „Was hat der Arzt geſagt?“ Herr Madeleine bemühte ſich zu lächeln. „Er hat geſagt, ich ſollte Ihr Kind recht ſchnell kom⸗ men laſſen. Das würde Ihnen die Geſundheit zurück⸗ geben.“ „O!“ entgegnete ſie,„er hat Recht! Aber was haben denn dieſe Thénardiers, daß ſie meine Coſette zurückbehal⸗ ten? Ach, ſie wird kommen! Endlich ſehe ich das Glück ganz nahe bei mir!“ Die Thénardiers ließen indeß das Kind nicht los und gaben dafür hundert ſchlechte Gründe an. Coſette war ein wenig zu leidend, um ſich im Winter auf den Weg zu machen. Und dann war auch noch ein Reſt kleiner ſchreien⸗ der Schulden übrig, deren Rechnungen Herr Thénardier beilegte ꝛc. ꝛc. „Ich werde Jemand ſchicken, um Coſette zu holen!“ ſagte der Vater Madeleine.„Wenn es ſein muß, gehe ich ſelbſt.“ Er ſchrieb nach dem Dictate Fantinens folgenden Brief, den er ſie unterzeichnen ließ. „Herr Thenardier! „Sie werden Coſette dem Ueberbringer über⸗ geben. „Man wird Ihnen all die kleinen Dinge be⸗ zahlen. „Ich habe die Ehre, Sie mit Achtung zu grüßen. Fantine.“ 96 Inzwiſchen trug ſich ein ernſtes Ereigniß zu. Wir mögen immerhin auf das Beſte den geheimnißvollen Blick ſchauen, aus dem unſer Leben gebildet iſt, ſo wird doch ſtets der ſchwarze Boden des Geſchickes ſich darin wieder zeigen. II. Wie Jean zu Champ wiederkam. Eines Morgens war Herr Madeleine damit beſchäftigt, im Voraus einige dringende Angelegenheiten der Mairie zu ordnen, im Fall er ſich zu der Reiſe nach Montfermeil ent⸗ ſchließen ſollte. Da ſagte man ihm, daß der Polizei⸗In⸗ ſpektor Javert ihn zu ſprechen wünſche. Indem Herr Ma⸗ deleine dieſen Namen nennen hörte, konnte er ſich eines unangenehmen Eindruckes nicht erwehren. Seit dem Aben⸗ theuer auf dem Polizeibureau hatte Javert ihn mehr als je vermieden und Herr Madeleine ihn nicht wieder ge⸗ ſehen. 5 „Laſſen Sie ihn eintreten,“ ſagte er. Javert trat ein. Herr Madeleine war neben dem Kamin ſitzen geblieben, eine Feder in der Hand, das Auge auf ein Heft Papiere gerichtet, bei denen er Anmerkungen machte und welches Protokolle von Contraventionen gegen die Straßenpolizei enthielt. Er ließ ſich durch Javert nicht ſtören. Er konnte ſich nicht enthalten, an die arme Fantine zu denken und es kam ihm paſſend vor, eiskalt zu ſein. 4 Wir Blick doch leder äftigt, je zu ent⸗ ⸗In⸗ Ma⸗ eines Aben⸗ r als r ge⸗ lieben, apiere elches polihei kounte nd es 97 Javert grüßte ehrerbietig den Herrn Maire, der ihm den Rücken zudrehte. Der Herr Maire ſah ihn nicht an und fuhr fort Anmerkungen in ſein Heft zu machen. Javert that zwei oder drei Schritte in dem Kabinet vorwärts und blieb dann ſtehen, ohne das Schweigen zu brechen. Ein Phyſiognomiker, welcher mit der Natur Javerts vertraut geweſen wäre, und ſeit längerer Zeit dieſen Wil⸗ den ſtudirt hätte, der im Dienſte der Civiliſation ſtand, dieſes eigenthümliche Gemiſch des Römers, des Spartaners, des Mönches und des Korporals, dieſes einer Lüge un⸗ fähigen Spions, dieſes jungfräulichen Polizeimenſchen, ein Phyſiognomiker, der ſeinen geheimen und alten Widerwillen gegen Herrn Madeleine, ſeinen Streit mit dem Maire in Beziehung auf Fantine gekannt und ihn in dieſem Augen⸗ blicke beobachtet hätte, würde ſich geſagt haben:„Was iſt denn vorgegangen?“ Für Jeden, der dieſes gerade, klare, aufrichtige, rechtſchaffene, ſtrenge und wilde Gewiſſen gekannt hätte, war es offenbar, daß Javert irgend ein großes in⸗ neres Ereigniß erlebt hatte. Javert hatte nichts in der Seele, was ſich nicht auch auf ſeinem Geſichte zeigte, und er war gleich allen heftigen Leuten plötzlichen Umwandlun⸗ gen unterworfen. Nie war ſeine Phyſiognomie ſonderbarer und unerwarteter geweſen. Indem er eintrat, hatte er ſich vor Herrn Madeleine mit einem Blicke verbeugt, in welchem weder Rachſucht, noch Zorn, noch Mißtrauen lag, und war dann einige Schritte hinter dem Armſtuhle des Maires ſtehen geblieben. Jetzt ſtand er da, aufrecht, in einer beinahe militäriſchen Stellung, mit unbefangener und kalter Roh⸗ heit eines Menſchen, der nie ſanft und geduldig geweſen iſt; er wartete, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne eine Bewegung zu machen, in einer wahren demüthigen und ruhigen Re⸗ ſignation, bis es dem Maire gefällig ſei, ſich umzuwenden. Kalt, ernſt, den Hut in der Hand, die Augen geſenkt, mit Die Elenden. II. 7 98 einem Ausdruck, der die Mitte hielt zwiſchen dem Soldaten vor ſeinem Offizier und dem Strafbaren vor ſeinem Richter. Alle Gefühle, ſowie alle Erinnerungen, die man bei ihm hätte vorausſetzen können, waren verſchwunden. Es lag nichts mehr auf dieſem undurchdringlichen Geſichte, einfach wie der Granit, als eine dumpfe Traurigkeit. Seine ganze Perſon athmete Niedergeſchlagenheit und Feſtigkeit und ich weiß nicht was für eine muthige Betrübniß. Endlich legte der Herr Maire die Feder nieder, wen⸗ dete ſich um und ſagte:„Nun! was iſt. Was giebt es, Javert?“ Javert blieb einen Augenblick ſchweigend, als ob er ſich ſammelte, und erhob dann die Stimme mit einer Art trauriger Feierlichkeit, welche indeß die Einfachheit nicht ausſchloß. „Es giebt das, Herr Maire, daß eine ſtrafbare Hand⸗ lung begangen worden iſt.“ „Was für eine Handlung?“ „Ein unterer Beamter der Behörde hat es an der Achtung gegen einen Vorgeſetzten auf die ernſteſte Weiſe mangeln laſſen. Ich komme, wie es meine Pflicht iſt, dieſe Thatſache zu Ihrer Kenntniß zu bringen.“ „Wer iſt dieſer Beamte?“ fragte Herr Madeleine. „Ich,“ ſagte Herr Javert. „Sie?“ „Ich.“ 2 „Und wer iſt der Vorgeſetzte, der ſich über den Be⸗ amten zu beklagen hat?“ „Sie, Herr Maire.“ Herr Madeleine richtete ſich in ſeinem Armſeſſel in die Höhe. Javert fuhr mit ſeinem ſtrengen Weſen und die Augen noch immer geſenkt fort:„Herr Maire, ich komme, um Sie zu bitten, bei der Behörde meine Abſetzung zu beantragen.“ 99 Herr Madeleine öffnete verwundert den Mund. Javert unterbrach ihn: „Sie werden ſagen, ich hätte meine Entlaſſung ein⸗ reichen können, aber das genügt nicht. Seine Entlaſſung einreichen iſt ehrenvoll. Ich habe gefehlt, ich muß beſtraft werden. Es iſt nöthig, daß ich entlaſſen werde.“ Und nach einer Pauſe fügte er hinzu: „Herr Maire, Sie ſind neulich ungerecht ſtreng gegen mich geweſen. Seien Sie es heute mit Gerechtigkeit.“ „Ei wozu das?“ erwiderte Herr Madeleine.„Was bedeutet dieſer Galimathias? Was will denn das Alles ſagen? Wo iſt eine ſtrafbare Handlung, die Sie gegen mich begangen haben? Was haben Sie mir gethan? Wel⸗ ches Unrecht haben Sie gegen mich? Sie klagen ſich ſelbſt an, Sie wollen verſetzt werden.“ „Entlaſſen,“ ſagte Javert. „Entlaſſen! Sei es. Das iſt gut. Ich begreife es nicht.“ „Sie werden es ſogleich begreifen, Herr Maire.“ Javert ſeufzte aus tiefſter Bruſt und fuhr immer noch kalt und traurig fort: „Herr Maire, vor ſechs Wochen, in Folge jenes Auf⸗ trittes wegen des Mädchens, war ich wüthend und habe Sie denuncirt.“ „Denuncirt?“ „Bei der Polizei⸗Präfectur in Paris.“ Herr Madeleine, der nicht viel öfter lachte, als Javert, lachte jetzt. „Als Maire, der die Rechte der Polizei angetaſtet hatte?“ „Als ehemaliger Galeerenzüchtling.“ Der Maire wurde leichenblaß. Javert, der die Augen nicht erhoben hatte, fuhr fort: „Ich glaubte das. Seit langer Zeit hatte ich meine 7* 100 Gedanken. Eine Aehnlichkeit, Erkundigungen, die Sie in Faverolles hatten einziehen laſſen, Ihre gewaltige Kraft, das Abentheuer mit dem alten Fauchelevent, Ihre Geſchicklichkeit im Schießen, Ihr etwas ſchleppendes Bein und was weiß ich?— Dummheiten! Aber kurz, ich hielt Sie für einen gewiſſen Jean Valjean.“ „Einen gewiſſen—? Wie nannten Sie den Namen?“ „Jean Valjean. Das iſt ein Galeerenzüchtling, den ich vor zwanzig Jahren geſehen hatte, als ich Wärtergehülfe in Toulon war. Als dieſer Jean Valjean aus dem Bagno entlaſſen war, hat er, wie es ſcheint, bei einem Biſchof ge⸗ ſtohlen und dann mit bewaffneter Hand auf öffentlicher Landſtraße einen Diebſtahl an einem kleinen Savoyarden be⸗ gangen. Seit acht Jahren iſt er verſchwunden, man weiß nicht wie, und man hat ihn vergebens geſucht. Ich dachte mir— kurz, ich that das, was ich ſagte. Der Zorn hat mich dazu beſtimmt und ich denuncirte Sie bei der Prä⸗ fectur.“ Herr Madeleine, der ſeit einigen Augenblicken ſein Heft wieder genommen hatte, ſagte mit der Ruhe der vollkom⸗ menſten Gleichgültigkeit:„Und was hat man Ihnen geant⸗ wortet? „Daß ich verrückt wäre.“ „Nun?“ „Nun, man hat Recht.“ „Es iſt ein Glück, daß Sie das anerkennen!“ „Ich muß wohl, da der wirkliche Jean Valjean ge⸗ funden iſt.“ Das Blatt, welches Herr Madeleine hielt, entſchlüpfte ſeinen Händen; er erhob den Kopf, ſah Javert feſt an und ſagte mit einem unausſprechlichen Tone: „Ohl!“ Javert fuhrt fort: „Hören Sie, wie die Sache ſteht, Herr Maire. Es ge⸗ pfte und Es 101 ſcheint, daß in dem Lande in der Gegend von Ailly-le- Haut⸗Clocher eine Art Menſch lebte, den man Vater Champmathieu nannte. Er war ſehr elend. Man achtete nicht auf ihn. Dergleichen Leute, das lebt, man weiß nicht wovon. Kürzlich, dieſen Herbſt, iſt der Vater Champ⸗ mathieu wegen Diebſtahl von Cyderäpfeln arretirt worden, den er bei— doch darauf kommt es nicht an! Es war Diebſtahl, Mauerüberſteigung, Zweigabbrechung von dem Baum. Man hat meinen Champmathieu arretirt. Er hatte noch den Zweig des Apfelbaumes in der Hand. Man ſperrt den Schelm ein. Bis hierher iſt das nicht viel etwas An⸗ deres als eine correktionelle Angelegenheit. Aber nun kommt etwas, was die Vorſehung bewirkt hat. Das Gefängniß war in ſchlechtem Zuſtande, und der Herr Inſtruktionsrichter fand es daher für zweckmäßig, Champmathieu nach Arras bringen zu laſſen, wo das Departemental⸗Gefängniß iſt. In dieſem Gefängniß von Arras war ein ehemaliger Galeeren⸗ ſträfling, Namens Brevet, der wegen ich weiß nicht welchen Vergehens gefangen gehalten wird, und den man wegen ſeines guten Benehmens zum Zimmer-Aufſeher gemacht hatte. Herr Maire, Champmathieu iſt kaum eingeliefert, als Brevet ausruft:„Ei, ich kenne den Menſchen, das iſt ein Fagot*). Sieh mich einmal an, Menſch! Du biſt Jean Valjean!“—„Jean Valjean? Wer iſt dieſer Jean Val⸗ jean?“ Der Champmathieu ſpielte den Verwunderten.— „Mache doch nicht den Verwunderten,“ ſagte Brevet,„Du biſt Jean Valjean; Du biſt im Bagno von Toulon geweſen, vor zwanzig Jahren; wir waren zuſammen da.“— Der Champmathieu leugnet. Parbleu, Sie verſtehen. Man forſcht nach. Man ergründet das Abentheuer. Hier, was man findet: Dieſer Champmathieu iſt vor einigen dreißig Jahren Baumputzer in mehreren Gegenden geweſen, na⸗ **) Fagot, ein ehemaliger Galeerenſträfling. 102 mentlich in Faverolles. Hier verliert man ſeine Spur. Lange Zeit darauf ſieht man ihn in Auvergne wieder, dann in Paris, wo er, wie er ſagt, Stellmacher war, und eine Wäſcherin zur Tochter hatte, aber das iſt nicht bewieſen. Nun aber, was war Jean Valjean, ehe er wegen Einbruch und Diebſtahl nach dem Bagno kam? Baumputzer. Wo? In Faverolles.— Eine andere Thatſache. Dieſer Valjean nennt ſich mit Vornamen Jean, und der Familienname ſeiner Mutter iſt Mathien. Was iſt nun natürlicher, als zu denken, daß er bei dem Austritt aus dem Bagno den Namen ſeiner Mutter angenommen hat, um ſich zu verber⸗ gen, und daß er ſich alſo Jean Mathieu nennt. Er geht nach der Auvergne; aus Jean macht die Ausſprache jener Gegend Chan und man nennt ihn Chan Mathienu. Unſer Menſch läßt ſich das gefallen, und ſo wird er dann in Champmathieu verwandelt. Sie folgen mir, nicht wahr? Man erkundigte ſich in Faverolles. Die Familie des Jean Valjean iſt nicht mehr dort. Man weiß nicht, wo ſie iſt. Sie wiſſen wohl, daß in dieſen Klaſſen oft eine Familie ſo verſchwindet. Man ſucht, aber man findet nichts. Wenn dieſe Leute kein Koth ſind, ſo ſind ſie Staub. Und dann, da der Anfang dieſer Geſchichte von vor dreißig Jahren herrührt, giebt es auch keine Perſon mehr in Faverolles, die Jean Valjean gekannt hat. Man erkundigt ſich in Toulon. Außer Brevet waren dort nur noch zwei Zücht⸗ linge, die Jean Valjean geſehen hatten. Es ſind die lebens⸗ länglich Verurtheilten Cochepaille und Chenildieu. Man nimmt ſie aus dem Bagno und läßt ſie kommen. Man confrontirt mit ihnen Champmathieu. Sie zaudern nicht. Für ſie, wie für Brevet, iſt er Jean Valjean. Daſſelbe Alter, fünfzig Jahr, derſelbe Wuchs, daſſelbe Weſen, kurz, derſelbe Menſch. Er iſt es. In dieſem Augenblicke ſchicke ich meine Denunciation an die Präfektur von Paris. Man antwortet mir, daß ich den Verſtand verliere und daß Jean — 103 Valjean in Arras in den Händen der Juſtiz iſt. Sie be⸗ greifen, daß mich das verwundert; ich, der ich hier den⸗ ſelben Jean Valjean zu halten glaubte. Ich ſchreibe an den Herrn Inſtruktionsrichter. Er läßt mich kommen, und man führt mir den Jean Valjean vor—“ „Nun?“ unterbrach ihn Herr Madeleine. Javert antwortete mit ſeinem unwandelbaren und trau⸗ rigen Geſicht: „Herr Maire, die Wahrheit iſt die Wahrheit. Ich bin ärgerlich darüber, aber dieſer Menſch iſt Jean Valjean. Auch ich habe ihn erkannt.“ Herr Madeleine antwortete mit ſehr leiſer Stimme: „Sind Sie deſſen gewiß?“ Javert lachte mit jenem ſchmerzlichen Lachen, das der innerſten Ueberzeugung entſpringt: „Ol ganz gewiß!“ Er blieb einen Augenblick nachdenkend, nahm unwillkür⸗ lich eine Fingerſpitze voll Holzpulver aus der Streubüchſe, die auf dem Tiſche ſtand, und fügte hinzu: „Und jetzt, wo ich den wahren Jean Valjean ſah, begreife ich nicht, wie ich etwas anderes denken konnte. Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Maire.“ Indem er dieſe bittenden und ernſten Worte an den richtete, welcher ihn ſechs Wochen zuvor auf dem Wacht⸗ zimmer gedemüthigt hatte, indem er ihm gebot:„Gehen Sie!“ war Javert, dieſer hochmüthige Menſch, ohne es zu wiſſen, voll Einfachheit und Würde. Herr Madeleine antwortete auf ſeine Bitte nur durch die heftige Frage: „Und was ſagte der Menſch?“ „Ei, Herr Maire, die Angelegenheit ſteht ſchlecht. Wenn es Jean Valjean iſt, ſo iſt er rückfällig. Eine Mauer überſteigen, einen Zweig abbrechen, Aepfel ſtehlen, das iſt für ein Kind eine unbedeutende Schelmerei, für einen Mann 104 ein Vergehen; für einen entlaſſenen Züchtling ein Verbrechen, Einbruch und Diebſtahl, Alles liegt darin. Es iſt nicht nur die Correctionspolizei, ſondern der Aſſiſenhof. Es ſind nicht mehr einige Tage Gefängniß, ſondern die Galeere für Lebeus⸗ zeit. Und dann iſt auch noch die Angelegenheit mit dem kleinen Savoyarden da, der, wie ich hoffe, ſich finden wird. Der Teufel, das iſt wohl Grund, ſich zu ſträuben, nicht wahr? Ja, für einen Anderen als Jean Valjean. Aber Jean Valjean iſt ein Dickkopf. Auch darin erkenne ich ihn wieder; ein Anderer würde fühlen, daß die Sache heiß wird; er würde ſich zerarbeiten, ſchreien; der Keſſel fängt Feuer; er würde nicht Jean Valjean ſein wollen, et caetera. Er aber, er ſcheint nicht zu begreifen. Er ſagt:„Ich bin Champmathieu, dabei bleibe ich ſtehen!“ Er ſieht verwundert aus. Er ſpielt den Einfältigen. Und das iſt gewiß beſſer. O, der Schuft iſt gewandt! Doch, gleichviel, die Beweiſe ſind da. Er iſt durch vier Perſonen wieder erkannt. Der Schuft wird verurtheilt werden. Die Sache iſt vor die Aſſiſen von Arras gebracht. Ich gehe als Zeuge hin. Ich bin aufgefordert.“ Herr Madeleine hatte ſich wieder an ſeinen Schreibtiſch geſetzt, ſein Heft ergriffen und blätterte ruhig darin, wechſel⸗ weiſe leſend und ſchreibend, wie ein Menſch, der ſehr be⸗ ſchäftigt iſt. Er wendete ſich gegen Javert: „Genug, Javert. In der That intereſſiren mich alle dieſe Dinge ſehr wenig. Wir verlieren unſere Zeit und wir haben ſehr dringende Geſchäfte. Javert, Sie werden auf der Stelle zu der guten Frau Buſeaupied gehen, welche dort an der Ecke der Rue Saint⸗Saulve Gemüſe verkauft. Sie werden ihr ſagen, daß ſie ihre Klage gegen den Kärrner Pierre Chesnelong vorbringen ſoll. Dieſer Menſch iſt ein roher Kerl, der die Frau und ihr Kind beinahe zerquetſcht hätte. Er muß beſtraft werden. Sie gehen dann zu Herru Charcellay, Rue Montre⸗de⸗Champigny. Er beklagt ſich, 105 daß eine Dachrinne des benachbarten Hauſes ihm das Regenwaſſer auf den Hof wirft und die Grundmauern ſeines Hauſes beſchädigt. Dann werden Sie die Vergehungen gegen die Polizei conſtatiren, die man mir von der Rue Guibourg bei der Wittwe Doris gemeldet und Rue de Garraud⸗Blanc bei Madame Rense le Boſſé, und darüber Protokolle aufnehmen. Doch, ich gebe Ihnen da viele Arbeit. Werden Sie nicht abweſend ſein? Haben Sie mir nicht geſagt, daß Sie wegen dieſer Augelegenheit in acht oder zehn Tagen nach Arras gehen müſſen?“ „Früher, Herr Maire.“ „Welchen Tag denn?“ „Ich glaube, dem Herrn Maire geſagt zu haben, daß das Urtheil morgen gefällt werden ſoll und daß ich dieſe Nacht mit der Diligence abreiſen muß.“ Herr Madeleine machte eine unbemerkliche Bewegung. „Und wie lange wird dieſe Angelegenheit dauern?“ „Einen Tag höchſtens. Das Urtheil wird ſpäteſtens morgen in der Nacht geſprochen werden. Allein, ich werde das Urtheil nicht abwarten, das nicht ausbleiben kann. Sobald meine Ausſage gemacht iſt, kehre ich zurück.“ „Es iſt gut“, ſagte Herr Madeleine. Er verabſchiedete Javert durch ein Zeichen der Hand. Javert ging nicht. „Verzeihung, Herr Maire—“ ſagte er. „Was giebt es denn noch?“ fragte Herr Madeleine. „Herr Maire, ich muß Sie noch an Etwas erinnern.“ „Woran?“ „Daß ich entlaſſen werden muß.“ Herr Madeleine ſtand auf. „Javert, Sie ſind ein Ehrenmann und ich achte Sie. Sie übertreiben ſich ſelbſt ihre Vergehen. Dies iſt übrigens wieder eine Beleidigung, die mich angeht. Javert, Sie ſind 106 würdig, hinaufzukommen, nicht aber hinabzuſteigen. Ich will, daß Sie Ihre Stelle behalten.“ Javert ſah Herrn Madeleine mit jenem aufrichtigen Blicke an, aus dem das wenig aufgeklärte, aber ſtrenge und feſte Gewiſſen hervorſah, und ſagte mit ruhiger Stimme: „Herr Maire, ich kann Ihnen das nicht zugeſtehen.“ „Ich wiederhole Ihnen“, entgegnete Herr Madeleine, „daß die Sache mich angeht.“ Aber Javert, der nur auf ſeine Gedanken achtete, fuhr fort: „Was die Uebertreibung betrifft, ſo übertreibe ich nicht. Ich urtheile ſo: Ich habe Sie ungerecht in Verdacht gehabt. Das iſt nichts. Es iſt unſer Recht, Verdacht zu hegen, ob⸗ gleich es ein Mißbrauch iſt, Höhere in Verdacht zu ziehen. Aber ohne Beweiſe, in einem Anfalle des Zornes, in der Abſicht, mich zu rächen, habe ich Sie als ehemaligen Ga⸗ leerenſträfling angezeigt, Sie, einen achtungswerthen Mann, einen Maire, einen höheren Beamten! Das iſt ernſt, ſehr ernſt. Ich habe die Autorität in Ihrer Perſon beleidigt, ich, ein Agent der Autorität! Wenn einer meiner Unter⸗ gebenen das thäte, was ich gethan habe, ſo würde ich ihn des Dienſtes für unwürdig erklärt und fortgejagt haben. Nun? Sehen Sie, Herr Maire, noch ein Wort. Ich bin in meinem Leben oft ſtreng geweſen gegen Andere; das war gerecht. Ich that wohl daran. Wenn ich nun nicht ſtreng gegen mich ſelbſt wäre, ſo würde alles das, was ich Ge⸗ rechtes that, ungerecht werden. Darf ich mich mehr ſchonen, als Andere? Nein. Wie, ich ſollte nur gut dazu geweſen ſein, Andere zu züchtigen und mich ſelbſt nicht? Ich würde dann ein Elender! Die, welche ſagten:„Der Schuft von Javert!“ hätten Recht. Herr Maire, ich wünſche nicht, daß Sie mich mit Güte behandeln. Ihre Güte hat mir ſchon genug böſes Blut gemacht, wenn Sie dieſelbe gegen Andere zeigten. Ich will ſie nicht gegen mich. Die Güte, welche 107 darin beſteht, einem öffentlichen Mädchen Recht gegen einen Bürger zu geben; den Polizeibeamten gegen den Maire; dem, der unter ihm ſteht, gegen den, der unter ihm iſt, das nenne ich eine ſchlechte Güte. Mit dieſer Güte würde die Geſellſchaft aufgelöſt. Mein Gott, es iſt ganz leicht, gut zu ſein; das Schwere liegt darin, gerecht zu ſein. Sehen Sie, wenn Sie das geweſen wären, was ich dachte, ſo würde ich gegen Sie nicht gut geweſen ſein! Sie hätten das ſehen ſollen, Herr Maire! Ich muß mich ſelbſt ſo behandeln, wie ich jeden Andern behandeln würde. Wenn ich Miſſethäter faßte, wenn ich gegen Schelme ſtreng war, ſagte ich oft zu mir ſelbſt:„Du, wenn Du ſtrauchelſt, wenn ich Dich jemals bei einem Vergehen ertappe, ſo ſei ruhig!“— Ich habe ge⸗ ſtrauchelt, ich habe mich bei einem Vergehen ertappt, um ſo ſchlimmer! Alſo entlaſſen, caſſirt, fortgejagt! das iſt gut. Ich habe Arme. Ich werde das Land bebauen; das iſt mir gleich. Herr Maire, das Wohl des Dienſtes verlangt ein Beiſpiel. Ich fordere ganz einfach die Abſetzung des In⸗ ſpector Javert.“ Das Alles wurde mit demüthigem Tone geſprochen, ſtolz, verzweiflungsvoll und überzeugt, was dieſem ſonder⸗ baren, aber rechtſchaffenen Manne eine eigenthümliche ver⸗ ſchrobene Größe gab. „Wir werden ſehen“, ſagte Herr Madeleine. Er reichte ihm die Hand. Javert trat zurück und ſagte mit wildem Tone: „Verzeihung, Herr Maire, das darf nicht ſein. Ein Maire giebt nicht ſo die Hand einem Polizeiſpion.“ Zwiſchen den Zähnen fügte er hinzu: „Polizeiſpion! Ja! Von dem Augenblick an, wo ich die Polizei mißbrauchte, bin ich nichts weiter, als ein Spion.“ Dann grüßte er tief und ging zur Thür. 108 Hier wendete er ſich um, und ſagte, die Augen noch immer geſenkt: „Herr Maire, ich werde meinen Dienſt thun, bis meine Stelle beſetzt iſt.“ Er ging hinaus. Herr Madeleine blieb träumeriſch zurück, horchend auf den feſten und ſicheren Schritt, der ſich auf den Quadern des Corridors entfernte. 3 Erſte Abtheilung. Fantine. Siebentes Buch. Der Prozeß Champmathieu. I. Schweſter Simplicia. Die Ereigniſſe, die man leſen wird, ſind nicht ſämmt⸗ lich in M. am M. bekannt geworden. Allein das Wenige, was davon an den Tag kam, ließ in dieſer Stadt eine ſolche Erinnerung zurück, daß es eine große Lücke in dieſem Buche ſein würde, wenn wir nicht Alles mit den geringſten Um⸗ ſtänden erzählten. Bei dieſen näheren Umſtänden wird der Leſer zwei oder drei unwahrſcheinliche Punkte finden, die wir indeß aus Achtung für die Wahrheit aufrecht erhalten. An dem Nachmittage, der auf dem Beſuche Javerts folgte, ging Madeleine wie gewöhnlich zu Fantine. Ehe er bis zu Fantine kam, ließ er die Schweſter Simplicia rufen. Die beiden Nonnen, welche den Dienſt in dem Kranken⸗ hauſe verſahen, Lazariſtinnen, wie alle barmherzigen Schwe⸗ ſtern, hießen Schweſter Perpetua und Schweſter Simplicia. Die Schweſter Perpetua war die erſte beſte Bäuerin, eine rohe barmherzige Schweſter, bei Gott eingetreten, wie man in einen Dienſt tritt. Sie war Nonne, wie man Köchin iſt. Dieſe Gattung iſt nicht ſelten. Die Kloſter⸗ orden nehmen gern den ſchwerfälligen bäuerlichen Thon an, der ſich leicht zu einem Kapuziner oder zu einer Urſulinerin 112 formen läßt. Die ländliche Rohheit läßt ſich zu den groben Geſchäften der Devotion benutzen. Die Verwandlung eines Ochſentreibers in einen Carmeliter hat nichts Anſtößiges; der Eine wird ohne große Arbeit zu dem Andern; die ge⸗ meinſchaftliche Grundlage der Unwiſſenheit des Dorfes und des Kloſters iſt eine zurückgelegte Vorbereitung und ſtellt den Dorfbewohner augenblicklich auf gleichen Fuß mit dem Mönche. Einige Erweiterung des Bauernkittels und die Kutte iſt fertig. Die Schweſter Perpetua war eine kräftige Nonne, von Marines bei Pontoiſe, platt ſprechend, pſalmo⸗ dirend, knurrend, die Tiſane zuckernd, je nach der Bigotterie oder der Heuchelei des Bettlägerigen; barſch gegen die Kranken, abſtoßend gegen die Sterbenden, ihnen Gott bei⸗ nahe in das Geſicht werfend, den Todeskampf ſteinigend mit zornigen, kecken, rechtſchaffenen und rothbäckigen Ge⸗ beten. Die Schweſter Simplicia war weiß von der Weiße des Wachſes. Neben der Schweſter Perpetua war ſie die Kerze an der Seite des Lichtes. Vincens von Paula hat das Geſicht der barmherzigen Schweſter in ſeinen bewun⸗ dernswürdigen Worten, in die er ſo viel Freiheit neben ſo viel Knechtſchaft miſcht, auf eine erhabene Weiſe ge⸗ ſchildert. „Sie haben zum Kloſter nur das Krankenhaus, zur Zelle nur eine gemiethete Stube, zur Kapelle nur die Kirche des Kirchſpiels, zur Klauſur nur die Straßen der Stadt oder die Säle der Hospitäler, zur Grenze nur den Ge⸗ horſam, zum Sprechgitter nur die Gottesfurcht, zum Schleier nur die Beſcheidenheit. Dieſes Ideal lebte in der Schweſter Simplicia. Niemand hätte das Alter der Schweſter Sim⸗ plicia zu nennen vermocht; ſie war nie jung geweſen und ſchien niemals alt werden zu ſollen. Sie war eine Perſon — wir wagen nicht zu ſagen eine Frau— ſanft, ſtreng, gute Geſellſchafterin, kalt, und die niemals gelogen hatte. die lmo⸗ gleier veſter Sim⸗ 1 und erſon treng, hatte. 113 Sie war ſo mild, daß ſie gebrechlich zu ſein ſchien, dabei aber feſter wie Granit. Sie berührte die Kranken mit lieb⸗ lichen, feinen und reinen Fingern. Es lag, ſo zu ſagen, Schweigen in ihren Worten; ſie ſprach eben nur das Noth⸗ wendige und hatte einen Klang der Stimme, der eben ſo einen Beichtvater erbaut, wie in einem Salon entzückt haben würde. Ihr Zartgefühl fügte ſich in ihr grobes Gewand und fand in dieſer Berührung eine fortwährende Erinnerung an den Himmel und an Gott. Bleiben wir noch bei dieſen Einzelnheiten ſtehen. Nie gelogen zu haben, nie irgend eines Intereſſes wegen, ſelbſt nicht wegen einer gleichgültigen Sache, etwas geſagt zu haben, was nicht die Wahrheit war, die heilige Wahrheit, darin beſtand der charakteriſtiſche Zug des Herzens der Schweſter Simplicia. Das war der Aus⸗ druck ihrer Tugend. Sie war in dem Orden beinahe be⸗ rühmt wegen dieſer unwandelbaren Wahrhaftigkeit. Der Abbé Sicard ſpricht von der Schweſter Simplicia in einem Briefe an den taubſtummen Maſſieu. So aufrichtig und ſo rein wir ſein mögen, haben wir doch Alle an unſerer Aufrichtigkeit einen Flecken der kleinen unſchuldigen Lüge. Sie nicht. Kleine Lüge, unſchuldige Lüge; giebt es denn die? Lügen, das iſt das unbedingte Böſe. Wenig Lügen iſt nicht möglich; wer lügt, der lügt die ganze Lüge; lügen iſt das Angeſicht des Dämons ſelbſt. Satan hat zwei Namen, er heißt Satan und heißt Lüge. So dachte ſie. Und wie ſie dachte, ſo handelte ſie auch. Daraus entſtand jene Reinheit, von der wir ſprachen, und die etwas Strahlendes, ſelbſt über ihre Lippen, über ihre Augen breitete. Ihr Lächeln war weiß; ihr Blick war weiß. Es gab keinen Faden eines Spinnengewebes, kein Staubkörnchen auf der Glasſcheibe dieſes Gewiſſens. Indem ſie in den geiſtlichen Gehorſam des heiligen Vincenz von Paula eintrat, hatte ſie aus beſonderer Wahl den Namen Simplicia angenommen. Simplicia von Sicilien war bekanntlich jene Halige, welche Die Elenden. II 114 —; ſich lieber beide Brüſte ausreißen ließ, als daß ſie, die in Syracus geboren war, antwortete, in Segeſta geboren zu ſein, eine Lüge, durch die ſie gerettet worden wäre. Als die Schweſter Simplicia eintrat, hatte ſie zwei Fehler, die ſie allmälig ablegte: ſie war naſchhaft und empfing gern Briefe. Sie las ſtets nur ein Buch, ein Gebetbuch mit großen lateiniſchen Buchſtaben. Sie ver⸗ ſtand das Lateiniſche nicht, aber ſie verſtand das Buch. Das fromme Mädchen hatte Fantine liebgewonnen, indem ſie wahrſcheinlich in ihr die verborgene Tugend fühlte, und ſie hatte ſich beinahe ausſchließlich ihrer Pflege ge⸗ widmet. Herr Madeleine nahm die Schweſter Simplicia bei Seite, und empfahl ihr Fantine mit einem eigenthümlichen Ausdruck, deſſen ſie ſich ſpäter erinnerte. Als er die Schweſter verließ, näherte er ſich Fantinen. Fantine erwartete jeden Tag das Erſcheinen des Herrn Madeleine, wie man einen Strahl der Sonne und der Freude erwartet. Sie ſagte zu den beiden barmherzigen Schweſtern: „Ich lebe nur, wenn der Herr Maire bei mir iſt.“ Sie hatte an dieſem Tage viel Fieber. Sobald ſie Herrn Madeleine ſah, fragte ſie: „Kommt Coſette?“ Er antwortete lächelnd: „Bald!“ Herr Madeleine war gegen Fantine wie gewöhnlich. Nur blieb er eine ganze Stunde, ſtatt einer halben, bei ihr. Er richtete an alle Welt tauſend Ermahnungen, daß der Kranken nichts fehlen ſolle. Man bemerkte, daß es einen Augenblick gab, in welchem ſein Geſicht ſehr finſter wurde. Aber das erklärte ſich, als man erfuhr, daß der Arzt ſich zu ſeinem Ohre gebeugt und ihm zugeflüſtert hatte:„Sie nimmt ſehr ab.“ ——C—C—C—C—— e in zu wei und ein ver⸗ 115 Dann kehrte er nach der Mairie zurück, und der Bureau⸗ diener ſah, daß er mit ſehr großer Aufmerkſamkeit eine an der Wand hängende Straßenkarte von Frankreich betrachtete. Er ſchrieb mit Bleiſtift einige Zahlen auf ein Papier. II. Scharfſinn des Meiſter Scaufflacre. Von der Mairie begab er ſich an das Ende der Stadt zu einem Flamländer, Meiſter Scaufflaer, franzöſirt in Scaufflaire, der Pferde und Wagen vermiethete. Um zu dieſem Scaufflaire zu gehen, führte der nächſte Weg durch eine wenig beſuchte Straße, in welcher die Pfarrei des Sprengels lag, in welchem Herr Madeleine wohnte. Der Pfarrer war, wie man ſagte, ein würdiger und achtungswerther Mann, und wußte ſtets guten Rath zu er⸗ theilen. In dem Augenblick, als Herr Madeleine zu der Thür der Pfarrwohnung kam, befand ſich in der Straße nur ein Vorübergehender, und dieſer Vorübergehende be⸗ merkte Folgendes: Nachdem der Herr Maire vor dem Pfarrhauſe vorüber⸗ gegangen war, hielt er an, blieb ſtehen, kehrte dann wieder um, bis zu der Thür der Pfarrei, zu einem Halbthor mit einem eiſernen Klopfer. Er ergriff haſtig den Hammer und hob ihn auf; dann zögerte er wieder, blieb nachdenkend ſtehen, und ſtatt den Hammer fallen zu laſſen, ließ er ihn nach einigen Minuten leiſe wieder ſinken und ſetzte ſeinen 8* 116 Weg mit einer Art von Haſt fort, die er vorher nicht ge⸗ habt hatte. Herr Maodeleine fand Herrn Scaufflaire zu Haus, be⸗ ſchäftigt, ein Pferdegeſchirr auszubeſſern. „Herr Scgaufflaire“, fragte er ihn,„haben Sie ein gutes Pferd?“ „Herr Maire“, entgegnete der Flamländer,„alle meine Pferde ſind gut. Was verſtehen Sie unter:„Ein gutes Pferd““? „Ich verſtehe darunter eines, das zwanzig Lieues in einem Tage machen kann.“ „Der Teufel!“ ſagte der Flam länder. Zwanzig Lieues!“ „Ja.⸗ „An ein Cabriolet geſpannt?“ „Ja.“ „Und wie lange Zeit ſoll es ſich nach der Fahrt aus⸗ ruhen?“ „Es muß im Fall der Noth am nächſten Tage zurück⸗ kehren können.“. „Um dieſelbe Reiſe zu machen?“ „Sa. „Der Teufel! Der Teufel! Und dieſe zwanzig Lieues?“ Herr Madeleine zog aus der Taſche das Papier, auf welches er Zahlen geſchrieben hatte. Er zeigte es dem Flamländer. Es waren die Zahlen 5, 6, 8 ½. „Sie ſehen“, ſagte er.„Summa neunzehn ein halb. Eben ſo gut kann man zwanzig ſagen.“ „Herr Maire“, ſagte der Flamländer“, ich habe, was Sie brauchen. Mein kleiner Schimmel; Sie müſſen ihn zuweilen haben vorbeikommen ſehen. Es iſt ein kleines Thier aus Nieder⸗Boulogne. Es iſt voll Feuer. Man hat es zuerſt zum Reitpferd machen wollen. Pah! Es ſchlug aus⸗ ud⸗ nig auf dem halb. was ihn ſeines n hat clug 117 aus und warf alle Welt zu Boden. Man hielt es für laſterhaft; man wußte nichts damit anzufangen. Ich habe es gekauft. Ich ſpannte es in das Cabriolet. Herr Maire, das hatte es gewollt; es iſt ſanft, wie ein Mädchen; es läuft wie der Wind. Aber man dürfte ſich ihm nicht auf den Rücken ſetzen. Es iſt nicht ſeine Abſicht, Reitpferd zu ſein. Jeder hat ſeinen Ehrgeiz. Ziehen, ja; tragen, nein. Man muß glauben, das hat es ſich geſagt.“ „Und es wird die Fahrt machen?“ „Ihre zwanzig Lieues, immer im ſtarken Trabe und in weniger als acht Stunden. Aber hören Sie die Bedin⸗ gungen.“ „Nennen Sie ſie.“ „Erſtlich laſſen Sie es auf dem halben Wege eine Stunde verſchnaufen, dabei wird es freſſen und man wird dabeiſtehen wahrend es frißt, damit der Stallknecht ihm nicht ſeinen Hafer ſtiehlt; denn ich habe bemerkt, daß in den Wirthshäuſern der Hafer viel häufiger von den Stall⸗ knechten getrunken als von den Pferden gefreſſen wird.“ „Man wird da ſein.“ „Zweitens— iſt das Kabriolet für den Herrn Maire?“ „a.“ „Kann der Herr Maire fahren?“ „Ja.“ „Nun gut, dann wird der Herr Maire allein reiſen, und ohne Gepäck, um das Pferd nicht zu überladen.“ „Zugeſtanden.“ „Aber da der Herr Maire Niemand bei ſich hat, wird er gezwungen ſein, ſich die Mühe zu nehmen, den Hafer ſelbſt zu überwachen.“ „Verſteht ſich.“ „Ich muß für den Tag dreißig Francs haben. Die Ruhetage werden mit bezahlt. Keinen Liard weniger und die Fütterung des Pferdes auf Koſten des Herrn Maires.“ —— ——— — — 118 Herr Madeleine nahm drei Napoleons aus ſeiner Börſe und legte ſie auf den Tiſch. „Hier die Vorausbezahlung auf zwei Tage.“ „Viertens, für eine ſolche Fahrt wäre ein Kabriolet zu ſchwer und würde das Pferd zu ſehr anſtrengen. Der Herr Maire müßten daher einwilligen, die Reiſe in einen kleinen Tilbury zu machen, das ich habe.“ „Ich willige ein.“ „Es iſt leicht, aber offen.“ „Das iſt mir gleichgültig.“ „Haben der Herr Maire auch bedacht, daß wir im Winter ſind?“ Herr Madeleine antwortete nicht; der Flamländer fuhr fort: „Daß es ſehr kalt iſt?“ Herr Madeleine bewahrte das Schweigen. Herr Scaufflaére fügte hinzu: „Daß es regnen kann?“ Herr Madeleine erhob den Kopf und ſagte: „Der Tilbury und das Pferd werden morgen früh halb fünf Uhr vor meiner Thür ſein.“ „Das iſt abgemacht, Herr Maire,“ entgegnete Scaufflaére, welcher mit dem Nagel einen Fleck vom Holz des Tiſches abkratzte; dann ſagte er mit jenem ſorgloſen Weſen, welches die Flamländer ſo gut mit ihrer Pfiffigkeit zu vereinigen wiſſen: „Aber eben denke ich daran! Der Herr Maire haben mir nicht geſagt, wohin Sie reiſen. Wohin werden der Herr Maire gehen?“ Er dachte ſeit dem Beginn des Geſprächs an nichts Anderes, aber er wußte nicht, weshalb er dieſe Frage noch nicht gewagt hatte. „Hat Ihr Pferd gute Vorderbeine?“ ſagte Herr Madeleine. rüh ere, hes hes gen ben der cts och Hherr 119 „Ja, Herr Maire. Sie werden ihm ein wenig die Hülfe geben, wenn es bergab geht. Sind viele Berge von hier bis dahin, wohin Sie reiſen?“ „Vergeſſen Sie nicht, Punkt halb fünf Uhr vor meiner Thür zu ſein,“ entgegnete Herr Madeleine und ging. Der Flamländer blieb„ganz einfältig“ zurück, wie er einige Zeit darauf von ſich ſelbſt ſagte. Der Herr Maire hatte ſich ſeit zwei oder drei Minu⸗ ten entfernt, als die Thür ſich wieder öffnete: Es war der Herr Maire. Er ſah noch eben ſo gelaſſen und gedankenvoll aus. „Herr Scaufflaire,“ ſagte er,„wie hoch ſchätzen Sie das Pferd und den Tilbury, die Sie mir vermiethen wollen, Eines das Andere tragend?“ „Eines das Andere ziehend, Herr Maire!“ ſagte der Flamländer laut lachend. „Mag ſein! Nun, wie theuer?“ „Wollen der Herr Maire ſie mir abkaufen?“ „Nein, aber auf jeden Fall will ich Ihnen Sicherheit dafür geben. Bei meiner Rückkehr erſtatten Sie mir dann die Summe. Wie hoch ſchätzen Sie den Wagen und das Pferd?“ „Auf fünfhundert Francs, Herr Maire.“ „Hier ſind ſie.“ Herr Madeleine legte eine Banknote auf den Tiſch; dann ging er, und diesmal kehrte er nicht zurück. Meiſter Scaufflaire bereute es gewaltig, nicht tauſend Franes geſagt zu haben. Uebrigens waren Pferd und Wagen zuſammen hundert Francs werth. Der Flamländer rief ſeine Frau und erzählte ihr die Geſchichte. Wo zum Teufel kann denn der Herr Maire hinfahren? Sie hielten Rath mit einander.—„Er geht nach Paris,“ ſagte die Frau.—„Ich glaube nicht,“ meinte der Mann. Herr Madeleine hatte auf dem Kamine das 120 Papier vergeſſen, auf welchem die Zahlen ſtanden. Der Flamländer nahm es und ſtudirte es.— Fünf, ſechs und acht ein halb? Das muß die Poſtſtationen bezeichnen. Er wendete ſich zu ſeiner Frau.—„Ich habe es.“—„Wie?“ —„Es ſind fünf Lieues von hier nach Hesdin, ſechs von Hesdin nach Saint⸗Paul, acht und eine halbe von Saint⸗ Paul nach Arras.— Er fährt nach Arras.“ Indeß war Herr Madeleine nach Haus zurückgekehrt. Um von Meiſter Scaufflaire nach ſeiner Wohnung zu kommen, hatte er den längſten Weg gewählt, als wäre die Thür der Pfarrei für ihn eine Verſuchung geweſen, der er ausweichen wollte. Er war nach ſeinem Zimmer hinauf⸗ gegangen und hatte ſich eingeſchloſſen, was durchaus nicht auffallend war, denn er liebte es, zeitig zu Bett zu gehen. Indeß die Thürhüterin der Fabrik, welche zugleich die ein⸗ zige Magd des Herrn Madeleine war, bemerkte, daß ſein Licht um halb neun Uhr ausgelöſcht wurde, und ſie ſagte dies dem Caſſirer, als derſelbe nach Haus kam, und fügte hinzu: „Iſt der Herr Maire krank? Ich finde, daß er ein etwas ſonderbares Weſen hatte.“ Der Caſſirer bewohnte ein Zimmer, welches grade unter dem des Herrn Madeleine lag. Er achtete nicht auf die Worte der Thürhüterin, legte ſich zu Bett und ſchlief ein. Gegen Mitternacht wachte er plötzlich auf; er hatte im Schlafe ein Geräuſch über ſeinem Kopfe gehört. Er lauſchte. Es waren Schritte, die ſich hin und her bewegten, als ob man in dem Zimmer über ihn umherginge. Er horchte aufmerkſam und erkannte den Tritt des Herrn Madeleine. Das kam ihm ſonderbar vor. Für gewöhnlich war in dem Zimmer des Herrn Madeleine gar kein Geräuſch zu hören, ehe er aufſtand. Einen Augenblick darauf hörte der Caſſirer etwas, wie wenn ein Schrank geöffnet und wieder geſchloſſen wird. Darauf wurde ein Möbel verſchoben; dann entſtand⸗ 121 Schweigen. Darauf begannen die Schritte wieder. Der Caſſirer ſetzte ſich im Bett in die Höhe, ermunterte ſich voll⸗ ſtändig, blickte umher, ſah durch die Scheiben und gewahrte an der gegenüberliegenden Mauer den röthlichen Schein eines beleuchteten Fenſters. Nach der Richtung des Scheines konnte derſelbe nur aus dem Fenſter des Herrn Madeleine kommen. Der Schein zitterte, als rühre er eher von einem angezündeten Feuer, als von einem Lichte her. Der Schatten der Fenſtereinfgſſungen zeigte ſich nicht, was bewies, daß das Fenſter ganz geöffnet war. Bei der herrſchenden Kälte war dies offene Fenſter etwas Ueberraſchendes. Der Caſſirer ſchlief wieder ein. Eine oder zwei Stunden ſpäter wachte er abermals auf. Dieſelben langſamen und regelmäßigen Schritte gingen noch immer über ſeinem Kopfe hin und her. Der Schein an der Mauer war noch ſichtbar, jetzt aber matt und ſtill, wie der Widerſchein einer Lampe oder einer Kerze. Das Fenſter ſtand noch offen. Hier, was in dem Zimmer des Herrn Madeleine vorging. III. Ein Sturm in einem Schädel. Der Leſer hat ohne Zweifel bereits errathen, daß Herr Madeleine Niemand anders iſt als Jean Valjean. Wir ſahen ſchon in die Tiefen dieſes Gewiſſens. Der Augenblick iſt gekommen, noch einmal hinein zu blicken. Wir 122 thun dies nicht ohne Aufregung und Beben. Es giebt nichts Erſchrecklicheres, als dieſe Art der Betrachtung. Das Auge des Geiſtes kann nirgend mehr Blendendes, noch mehr Dunkel finden, als in dem Menſchen; es kann ſich auf keinen Gegenſtand richten, der furchtbarer, verwickelter, geheimniß⸗ voller und unendlicher iſt. Es giebt ein Schauſpiel, größer als das Meer, das iſt der Himmel; es giebt ein Schau⸗ ſpiel, größer als der Himmel, das iſt das Innere der Seele. 2 In einem Gedicht das menſchliche Gewiſſen darzuſtellen, wäre es auch nur mit Beziehung auf einen einzigen Men⸗ ſchen, wäre es auch nur auf den unbedeutendſten aller Men⸗ ſchen, hieße alle Epopöen in eine höchſte und entſcheidende Epopöe zuſammenſchmelzen. Das Geviſſen iſt das Chaos der Chimären, der Begierden und der Verſuchungen, der Feuerofen der Träume, die Höhle der Gedanken, deren man ſich ſchämt; es iſt das Pandämonium der Sophismen, das Schlachtfeld der Leidenſchaften. Zu gewiſſen Zeiten dringe man durch das bleiche Antlitz eines Menſchen, der nachdenkt, und blicke dahinter, blicke in dieſe Seele, blicke in dieſe Finſterniß. Es giebt dort unter dem äußeren Schweigen Rieſenkämpfe wie in dem Homer, gemiſcht mit Drachen und mit Hydren und Schwärmen von Phantomen wie im Mil⸗ ton, mit phantaſtiſchen Schlangenlinien wie bei Dante. Es iſt etwas Finſteres, dieſes Unendliche, das jeder Menſch in ſich trägt und nach dem er voll Verzweiflung den Willen ſeines Gehirns und die Handlungen ſeines Lebens mißt. Alighieri fand eines Tages eine finſtere Thür, vor der er zögernd ſtehen blieb. Hier iſt auch vor uns eine, an deren Schwelle wir zaudern. Treten wir dennoch ein. Wir haben dem nur wenig hinzuzufügen, was der Leſer von dem bereits weiß, was Herrn Valjean ſeit dem Aben⸗ theuer mit dem kleinen Gervais begegnete. Von dieſem Augenblick an war er, wie man geſehen hat, ein anderer Menſch. 8 123 Was der Biſchof aus ihm hatte machen wollen, das führte er aus. Es war mehr als eine Umänderung, es war eine gänzliche Umwandlung. Es gelang ihm, zu verſchwinden. Er verkaufte das Silberzeug des Biſchofs, behielt nur die beiden Leuchter als Andenken, ſchlüpfte von Stadt zu Stadt durch ganz Frank⸗ reich, kam nach M. am M., hatte hier den angedeuteten Gedanken, vollbrachte, was wir erzählten, und es gelang ihm, ſich unergreifbar und unzugänglich zu machen. Jetzt in M. am M. niedergelaſſen, glücklich, ſein Gewiſſen durch ſeine Vergangenheit und die erſte Hälfte ſeiner Exiſtenz trübe geſtimmt zu ſehen, welche durch die zweite Lügen ge⸗ ſtraft wurde, lebte er friedlich, beruhigt und hoffend, nur mit zwei Gedanken beſchäftigt: ſeinen Namen zu verbergen und ſein Leben zu heiligen; den Menſchen zu entrinnen und zu Gott zurückzukehren. Dieſe beiden Gedanken waren ſo innig in ſeinem Geiſte verwebt, daß ſie nur einen einzigen bildeten; ſie waren beide gleich gebieteriſch und bedingt und beherrſchten ſeine ge⸗ ringſten Handlungen, gewöhnlich waren ſie einſtimmig bei der Ordnung ſeines Lebens; ſie wendeten ihn gegen die Dunkelheit; ſie machten ihn wohlwollend und einfach, ſie riethen ihm dieſelben Dinge. Zuweilen jedoch entſtand ein Streit zwiſchen ihnen. In dieſem Falle zögerte der Mann, den man in der ganzen Gegend von M. am M. Herrn Madeleine nannte, wie man ſich erinnern wird, nicht, den erſten dem zweiten zu opfern, ſeine Sicherheit ſeiner Tugend. So hatte er trotz jeder Vorſicht und jeder Klug⸗ heit die Leuchter des Biſchofs aufbewahrt, Trauer um ihn angelegt, alle kleinen Savoyarden, die durch die Stadt kamen, zu ſich berufen und befragt, Erkundigungen über die Familien in Faverolles eingezogen und das Leben des alten Fauchelevent gerettet, trotz der beunruhigenden Andeutungen Javert's. Es ſchien, wie wir bereits bemerkten, daß er p 124 nach dem Beiſpiel aller Derer, welche weiſe, heilig und gerecht geweſen ſind, dachte, ſeine erſte Pflicht hätte er nicht gegen ſich ſelbſt zu üben. 3 Indeß müſſen wir ſagen, daß ſich noch nichts Aehn⸗ liches geboten hatte. 2 Nie hatten die beiden Gedanken, welche den unglück— lichen Menſchen, deſſen Leiden wir ſchildern, beherrſchten, einen ſo ernſten Kampf zu beſtehen gehabt. Er erkannte dies undeutlich, aber tief bei den erſten Worten, die Javert ausſprach, indem er in ſein Cabinet trat. In dem Augen⸗ blick, wo auf eine ſo auffallende Weiſe der Name ausge⸗ ſprochen wurde, den er in ſo viele Tiefen vergraben hatte, wurde er wie erſtarrt und gleichſam berauſcht durch die finſtere Eigenthümlichkeit ſeines Schickſals, und bei dieſer Erſtarrung fühlte er jenes Zittern, welches großen Erſchüt⸗ terungen vorangeht. Er beugte ſich wie eine Ciche bei der Annäherung des Sturmes, wie ein Soldat bei einer bevor⸗ ſtehenden Erſtürmung. Er fühlte über ſeinem Haupte ſich finſtere, mit Blitzen ſchwangere Wolken zuſammenziehen. Während er Javert anhörte, war ſein erſter Gedanke, zu gehen, zu eilen, ſich anzuklagen, dieſen Champmathieu aus dem Gefängniß zu befreien und ſich an deſſen Stelle zu ſetzen; das war ſchmerzlich und ſtechend wie ein Schnitt in das lebendige Fleiſch; dann aber ging es vorüber und er ſagte:„Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen!“— er unter⸗ drückte dieſe erſte großmüthige Regung und wich vor dem Heldenmuth zurück. Ohne Zweifel würde es ſchön ſein, wenn nach den heiligen Worten des Biſchofs, nach ſo vielen Jahren der Reue und der Selbſtverleugnung mitten unter einer auf be⸗ wunderungswürdige Weiſe begonnenen Büßung dieſer Menſch ſelbſt einer ſo fürchterlichen Möglichkeit gegenüber nicht einen“ Augenblick geſtrauchelt hätte und mit gleich ſicherem Schritt dem Abgrund zugeſchritten wäre, auf deſſen Boden der 125 Himmel war; das war ſchön, aber es war nicht ſo. Wir müſſen wohl Rechenſchaft von dem ablegen, was in dieſer Seele vorging, und können nichts ſagen, was darin geſchah. Was zunächſt den Sieg davontrug, war der Inſtinct der Selbſterhaltung; er ſammelte in Haſt ſeine Gedanken, er⸗ ſtickte ſeine Aufregung, erwog die Gegenwart Javerts, die⸗ ſer großen Gefahr, verſchob jeden Entſchluß mit der Feſtig⸗ keit des Schreckens, betäubte ſich ſelbſt über Das, was er zu thun hätte, und gewann ſeine Ruhe wieder, wie ein Kämpfer, der ſeinen Schild aufrafft. Den Reſt des Tages hindurch befand er ſich in jenem Zuſtande, welcher im Innern einen Wirbelwind zeigte und außen eine vollkommene Ruhe; er traf nur„erhaltende Maßregeln“. Alles war in ſeinem Gehirn noch verworren und widerſtreitend; die Unruhe war darin ſo groß, daß er die Geſtalt keines Gedankens deutlich ſah; er ſelbſt hätte nichts über ſich ſelbſt ſagen können, ausgenommen, daß er einen großen Schlag empfangen hatte. Er begab ſich wie gewöhnlich zu dem Schmerzenslager Fantinens und verlän⸗ gerte ſeinen Beſuch in einem Inſtincte der Güte, indem er ſich ſagte, daß er ſo handeln müßte, und daß er ſie der beſondern Sorgfalt der barmherzigen Schweſtern für den Fall zu empfehlen hätte, daß er ſich entfernen müßte. Er fühlte unbeſtimmt, daß er vielleicht nach Arras gehen müßte, und ohne noch im Geringſten zu dieſer Reiſe entſchloſſen zu ſein, ſagte er ſich, daß er gegen jeden Verdacht geſchützt, ohne irgend einen Uebelſtand Zeuge deſſen ſein könnte, was vorging; ſo miethete er den Tilbury Scaufflaires, um auf jedes Ereigniß vorbereitet zu ſein. Er aß mit ziemlichem Appetit zu Mittag. In ſein Zimmer zurückgekehrt, ſammelte er ſich. Er prüfte die Lage und fand ſie unerhört, ſo unerhört, daß er mitten in ſeiner Träumerei in Folge eines beinahe unerklärlichen Antriebes der Beſorgniß von ſeinem Stuhle 126 aufſtand und ſeine Thür verriegelte. Er fürchtete, es möchte noch etwas bei ihm eintreten. Er verbarrikadirte ſich gegen die Möglichkeit. Einen Augenblick darauf blies er ſein Licht aus. Es beläſtigte ihn. Es ſchien ihm, als könnte man ihn ſehen. Wer, man? Ach was er vor die Thür weiſen wollte, war ſchon eingetreten, was er blind machen wollte, betrachtete ihn: Sein Gewiſſen. Sein Gewiſſen, das heißt Gott. In dem erſten Augenblicke indeß machte er ſich eine Illuſion; er hatte ein Gefühl der Sicherheit und der Ein⸗ ſamkeit: da der Riegel vorgeſchoben war, hielt er ſich für unergreifbar; durch das ausgelöſchte Licht glaubte er ſich unſichtbar. Nun nahm er Beſitz von ſich ſelbſt; er ſtützte die Ellenbogen auf den Tiſch, den Kopf in die Hand und dachte in dieſer Dunkelheit nach. „Wo befinde ich mich?— Träume ich nicht?— Was hat man mir geſagt?— Iſt es denn wirklich wahr, daß ich dieſen Javert geſehen habe, und daß er ſo von mir ſprach?— Wer kann dieſer Champmathieu ſein?— Er ſieht mir alſo ſehr ähnlich?— Iſt das möglich? Wenn ich bedenke, daß ich geſtern ſo ruhig war, und ſo weit ent⸗ fernt, irgend etwas zu ahnen!— Was that ich denn geſtern zu dieſer Stunde?— Was liegt in dieſem Ereigniſſe?— Was wird daraus entſtehen?— Was ſoll ich thun?“ In dieſem Sturme befand er ſich. Sein Gehirn hatte die Kraft verloren, ſeine Gedanken feſtzuhalten; ſie flogen vorüber wie die Wogen des Meeres, und er faßte ſeine Stirn in beide Hände, um ſie feſtzuhalten. Aus dieſem Tumulte, der ſeinen Willen und ſeinen Verſtand über den Haufen warf, und aus dem er einen chte gen hon bein eine Ein⸗ für ich ützte und Das daß mir Er Wenn ent⸗ 127 Entſchluß zu ziehen ſtrebte, entwickelte ſich nichts als Todes⸗ angſt. Sein Kopf brannte. Er ging zu dem Fenſter und machte es weit auf. Es ſtanden keine Sterne am Himmel. Er ſetzte ſich wieder an den Tiſch. So verfloß die erſte Stunde. Allmälig indeß bildeten ſich unbeſtimmte Linien und ſetzten ſich in ſeiner Ueberlegung feſt, und er konnte mit der Beſtimmtheit der Wirklichkeit nicht das Ganze ſeiner Lage überblicken, doch wenigſtens einige Einzelnheiten derſelben. Er begann zu erkennen, daß er vollkommen Herr ſeiner Lage war, ſo außerordentlich und gefährlich dieſelbe auch ſein mochte. Seine Betäubung wuchs dadurch noch. Unabhängig von dem ſtrengen und religiöſen Ziele, das er ſeinen Handlungen geſteckt hatte, war Alles, was er bis zu dieſem Tage that, nichts Anderes, als daß er ein Loch grub, darin ſeinen Namen zu verſenken. Was er während ſeiner Stunden der Selbſtbetrachtung, während ſeiner ſchlafloſen Nächte immer am meiſten gefürchtet hatte, das war, jemals dieſen Namen ausſprechen zu hören; er ſagte ſich, daß das für ihn das Ende von Allem ſein würde, daß an dem Tage, an welchem dieſer Name wieder erſchiene, er ſein ganzes neues Leben verwiſchen und wer weiß, viel⸗ leicht ſogar in ſeinem Innern ſeine neue Seele vernichten würde. Er erzitterte bei dem bloßen Gedanken, daß das möglich ſei. Gewiß, wenn in ſolchen Augenblicken ihm Je⸗ mand geſagt hätte, es würde eine Stunde erſcheinen, in welcher dieſer Name in ſein Ohr tönte, wo das entſetzliche Wort Jean Valjean plötzlich aus der Nacht hervortrete, und ſich der ihn hinſtellte, wo das furchtbare Licht, geſchaffen, das Geheimniß zu offenbaren, mit dem er ſich umhüllt hatte, plötzlich über ſeinem Haupte glänzen würde, und daß dieſer Name ihn nicht bedrohte, daß dieſes Licht die Dunkel⸗ 128 heit nur noch dichter machte, daß dieſer zerriſſene Schleier das Geheimniß ſteigerte, daß dieſes Erdbeben ſein Gebände befeſtigte, daß dieſes wunderbare Ereigniß, wenn es ihm gut dünkte, für ihn kein anderes Reſultat haben würde, als ſeine Eriſtenz zu gleicher Zeit heller und unerforſchlicher zu machen, und daß aus ſeiner Confrontation mit dem Phan⸗ tome Jean Valjean der gute und würdige Bürger Herr Madeleine noch geehrter, noch friedlicher und noch geachte⸗ ter als je hervorgehen würde— wenn Jemand ihm das geſagt hätte, ſo würde er den Kopf geſchüttelt und dieſe Worte für die eines Wahnſinnigen gehalten haben. Nun wohl, das Alles war genau ſo geſchehen. Dieſe ganze Anhäufung des Unmöglichen. Eine Thatſache, und Gott hatte geſtattet, daß dieſe wahnſinnigen Dinge zu wirklichen wurden! Seine Träumerei wurde immer klarer. Er gab ſich mehr und mehr Rechenſchaft von ſeiner Lage. Es ſchien, als müßte er aus irgend einem Schlafe er⸗ wachen, als glitte er mitten in der Nacht einen Abhang hinab, aufrecht ſtehend, bebend, vergebens zurückſtrebend vor dem äußerſten Rande eines Abgrunds. Er ſah deutlich in der Finſterniß einen Unbekannten, einen Fremden, den das Geſchick für ihn nahm, und den er an ſeiner Stelle in den Abgrund ſchleuderte. Damit dieſer Abgrund ſich ſchließe, mußte Jemand hineinfallen, er oder der Andere. Er brauchte nur gewähren zu laſſen. Die Klarheit wurde vollſtändig, und er geſtand ſich Folgendes: daß ſein Platz auf den Galeeren leer ſei, daß er aber ſeiner, was er auch thun mochte, noch immer wartete, daß der Diebſtahl an dem kleinen Gervais ihn dahin zurück⸗ führe; daß dieſer leere Platz auf ihn warten und ihn an ſich reißen würde, bis er ſich auf demſelben befände, und daß das unvermeidlich und verhängnißvoll ſei.— Dann . ſagte er ſich, daß er in dieſem Augenblick einen Stell⸗ leier äude ihm als r zu Shan⸗ Herr achte⸗ das dieſe Nun ganze Gott llichen b ſich fe er⸗ hong nd vor lich in en das in den hließe, n ſcch 5 daß aartete, zurü⸗ ihn an e, und Dann Stell⸗ 129 vertreter gefunden, daß ein gewiſſer Champmathieu dieſe ſchlimme Ausſicht hätte, und daß er künftig im Bagno an⸗ weſend in der Perſon dieſes Champmathieu und in der Geſellſchaft unter dem Namen des Herrn Madeleine, nichts niehr zu fürchten hätte, vorausgeſetzt, daß er die Menſchen nicht hinderte über dem Kopfe dieſes Champmathieu den Stein der Nichtswürdigkeit einzumauern, der gleich dem Schlußſtein eines Gewölbes nur einmal herabſinkt, um ſich nie wieder zu erheben. Das Alles war ſo gewaltſam und ſo ſonderbar, daß plötzlich in ihm jene Art von unbeſchreiblicher Bewegung entſtand, die kein Menſch öfter als zwei oder drei Mal in ſeinem Leben empfindet, eine Art Gewiſſenskrampf, welche Alles aufregt, was das Herz Zweifelhaftes enthält, was aus Jronie, aus Freude und Verzweiflung beſteht, und was man den Ausbruch eines inneren Gelächters nennen könnte. Er zündete raſch ſein Licht wieder an. „Um was?“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wovor fürchte ich mich denn? Habe ich an ſo etwas zu denken? Ich bin ge⸗ rettet! Alles iſt vorbei. Ich hatte nur noch eine halb⸗ geöffnete Thür, durch welche meine Vergangenheit in mein Leben einbrechen konnte, dieſe Thür iſt jetzt vermauert! Für immer! Dieſer Javert, der mich ſeit ſo langer Zeit beunruhigt, dieſer fürchterliche Inſtinkt, der mich errathen zu haben ſchien, bei Gott, und der mir überall folgte, dieſer entſetzliche Jagdhund, ſtets auf meiner Fährte, iſt jetzt irre geleitet, anderwärts beſchäftigt, durchaus von der Spur ab⸗ gebracht! Er wird in Zukunft befriedigt ſein, mich in Ruhe laſſen; er hat ſeinen Jean Valjean gefaßt! Wer weiß ſelbſt — es iſt möglich, daß er die Stadt wird verlaſſen wollen! und das Alles iſt ohne mich geſchehen! ich habe dazu nichts beigetragen! Aber dennoch!— Was iſt denn Unglückliches bei alledem? Leute, die mich ſehen, ſollten auf Ehre glau⸗ ben, es wäre mir eine Kataſtrophe zugeſtoßen! Aani, Alles Die Elenden. II. 130 erwogen, für irgend Jemand dabei ein Nachtheil iſt, ſo bin ich daran auf keine Weiſe ſchuld. Es iſt die Vorſehung, welche Alles gethan hat. Offenbar will ſie es ſo! Habe ich das Recht, zu ſtören, was ſie anordnet? Was verlange ich jetzt? In was will ich mich miſchen? Das geht mich nichts an. Wiel ich bin nicht zufrieden? Aber was will ich denn? Das Ziel, nach dem ich ſeit ſo vielen Jahren ſtrebe, der Traum meiner Nächte, der Gegenſtand meiner Gebete zum Himmel, die Sicherheit habe ich erreicht! Gott iſt es, der es ſo will. Ich habe gegen den Willen Gottes nichts zu thun. Und weshalb will es Gott? Damitt ich fort⸗ fahre, was ich begonnen habe, damit ich Gutes thue, damit ich einſt ein großes und ermuthigendes Beiſpiel ſei, damit geſagt werde, es ſei endlich Glück mit der Büßung verbun⸗ den geweſen, die ich mir auferlegte, mit der Tugend, zu der ich zurückkehrte! Wahrlich, ich begreife nicht, weshalb ich mich vorhin fürchtete, bei dem braven Pfarrer einzutreten, und ihm Alles zu ſagen, wie einem Beichtvater, und ſeinen Rath zu erbitten. Das iſt es offenbar, was er mir geſagt haben würde. Es iſt entſchieden; laſſen wir die Dinge gehen. Laſſen wir den lieben Gott gewähren.“ So ſprach er zu ſich in dem Innerſten ſeines Ge⸗ wiſſens, geneigt über das, was man ſeinen eigenen Abgrund nennen könnte. Er ſtand auf und ging in dem Zimmer umher.—„Nun,“ ſagte er,„denken wir nicht mehr daran. Der Entſchluß iſt gefaßt!— aber ich empfinde keine Freude.“ Im Gegentheil. Man hält eben ſo wenig den Gedanken ab, zu einer Idee zurückzukehren, wie das Meer, wieder an das Ufer zu ſchlagen. Für den Matroſen heißt das die Fluth, für den Schuldigen heißt es die Reue. Gott regt die Seele auf wie den Ocean. Er mochte immerhin ſich ſträuben, ſo kehrte er doch ſo bin ehung, Habe rlange t mich will ich ſtrebe, Gebete iſt es, nichts fort⸗ damit damit eerbun⸗ zu der alb ich ktreten, ſeinen geſagt Dinge es Ge⸗ bgrund zimmer daran. keine ueiner afer zu ür den nuf wie er doch 131 nach wenigen Augenblicken zu dem finſteren Dialoge zurück, in welchem er es war, der ſprach, er, der zuhörte. Indem er ſagte, was er verſchweigen wollte, hörte, was er nicht hören mochte, jener geheimnißvollen Macht nachgebend, die zu ihm ſagte:„Denke!“ wie ſie vor zweitauſend Jahren zu einem andern Verurtheilten ſagte:„Wandere!“ Ehe wir weiter gehen, und um vollſtändiger verſtanden zu werden, müſſen wir bei einer nothwendigen Bemerkung ſtehen bleiben. Es iſt gewiß, daß man mit ſich ſelbſt ſpricht; es giebt kein denkendes Weſen, welches dies nicht erfahren hätte. Man könnte ſelbſt ſagen, daß das Wort nie ein herrlicheres Myſterium iſt, als wenn es in dem Innern des Menſchen von dem Gedanken zu dem Gewiſſen ſpricht, und von dem Gewiſſen wieder zu dem Gedanken zurückkehrt. Nur in dieſem Sinne muß man die ſo oft in dieſem Kapitel ge⸗ brauchten Worte verſtehen: er ſagte, er rief aus; man ſagt ſich, man ſpricht zu ſich, man ruft ſich im Innern ohne daß das äußere Schweigen gebrochen wird. Es herrſcht ein großer Tumult; Alles ſpricht in uns, aus⸗ genommen der Mund. Die Wirklichkeiten der Seele ſind, wenn auch nicht ſichtbar und taſtbar, deshalb doch nicht minder Wirklichkeiten. Er fragte ſich alſo, wo er ſei. Er befragte ſich über dieſen„gefaßten Entſchluß.“ Er geſtand ſich ſelbſt, daß alles Das, was er in ſeinem Geiſte geordnet hatte, etwas Ungeheuerliches ſei, daß die Dinge gehen zu laſſen, den lieben Gott gewähren zu laſſen, etwas einfach Entſetzliches ſei. Dieſen Mißgriff des Schickfals und der Menſchen vollbringen laſſen, ihn nicht hindern, ihn durch ſein Schweigen unterſtützen, kurz Nichts zu thun, das hieße Alles thun. Das war der letzte Grad der heuchleriſchen Unwürdigkeit! Das war ein gemeines, feiges, tückiſches, verwerfliches, nichtswürdiges Verbrechen! 9* 132 Zum erſten Male ſeit acht Jahren fühlte der unglück⸗ liche Menſch den bittern Geſchmack eines ſchlechten Ge⸗ dankens und einer ſchlechten Handlung. Voll Ekel ſpie er ihn wieder aus. Er fuhr fort, ſich zu befragen. Er fragte ſich ſtreng, was er darunter verſtanden hätte:„Mein Ziel iſt erreicht!“ Er erklärte ſich, daß ſein Leben allerdings einen Zweck hätte. Aber welchen Zweck? Seinen Namen zu verbergen? Die Polizei zu täuſchen? Hatte er denn wegen einer ſo kleinen Sache alles Das gethan, was er that? Hatte er keinen andern Zweck, der der große, der wahre war? Nicht ſeine Perſon zu retten, ſondern ſeine Seele; wieder recht⸗ ſchaffen und gut zu werden. Ein Gerechter zu ſein! War es nicht Das beſonders, Das ausſchließlich, was er ſtets gewollt, was der Biſchof ihm befohlen hatte?— Die Thür vor ſeiner Vergangenheit verſchließen? Aber er verſchloß ſie nicht, großer Gott! er öffnete ſie wieder, indem er eine rechtswidrige Handlung beging! Er wurde wieder ein Dieb, der abſcheulichſte der Räuber! Er ſtahl einem Andern ſeine Exiſtenz, ſein Leben, ſeinen Frieden, ſeinen Platz in der Sonne! Er wurde ein Mörder! Er tödtete, tödtete mora⸗ liſch einen elenden Menſchen und verurtheilte ihn zu jenem entſetzlichen lebenden Tode, jenem Tode unter offenem Him⸗ mel, den man das Bagno nennt! Dagegen aber ſich aus⸗ liefern, dieſen Meuſchen retten, der von einem ſo furchtbaren Irrthum getroffen wurde, ſeinen Namen wieder nehmen, aus Pflicht wieder der Galeerenzüchtling Jean Valjean wer⸗ den, das hieße für immer die Hölle ſchließen, aus der er kam! Scheinbar in dieſelbe zurückſinken, hieße ſie in Wirk⸗ lichkeit verlaſſen! Das mußte er thun! Er hatte nichts ge⸗ than, wenn er das nicht that. Sein ganzes Leben war nutzlos, ſeine ganze Buße verloren. Er brauchte nicht mehr zu ſagen: wozu iſt das gut? er fühlte, daß der Biſchof bei ihm ſei, um ſo mehr gegenwärtig, da er todt war; daß der 133 Biſchof ihn feſt anſah, daß in Zukunft der Maire mit allen ſeinen Tugenden verabſcheuungswürdig ſein würde, daß aber der Galeerenſclave Jean Valjean vor ihm bewunderns⸗ werth und rein daſtehen würde. Daß die Menſchen ſeine Larve ſähen, der Biſchof aber ſein Geſicht. Daß die Men⸗ ſchen ſein Leben ſähen, der Biſchof aber ſein Gewiſſen. Er mußte alſo nach Arras gehen, den falſchen Jean Valjean befreien, den wirklichen anklagen! Ach, das war das größte von allen Opfern, der ſchmerzlichſte von allen Siegen, der letzte zu thuende Schritt; aber es mußte ſein. Schmerz⸗ liches Geſchick! Er ſollte in den Augen Gottes nur die Heiligkeit erreichen, indem er in den Augen der Menſchen wieder in die Nichtswürdigkeit zurückſank! „Nun wohl!“ ſagte er,„faſſen wir dieſen Entſchluß! Thun wir unſere Pflicht! retten wir dieſen Menſchen!“ Er ſprach dieſe Worte mit lauter Stimme aus, ohne zu bemerken, daß er dies that. Er nahm ſeine Bücher, unterzeichnete ſie, und brachte ſie in Ordnung. Er warf eine Menge Schuldſcheine, die er von kleinen Kaufleuten hatte, welche in Verlegenheit ge⸗ weſen waren, in das Feuer. Er ſchrieb einen Brief, den er ſiegelte und auf deſſen Adreſſe Jemand, der in dieſem Augenblicke in ſeinem Zimmer geweſen wäre, hätte leſen können: An Herrn Laffitte, Banquier, rue d'Ar- tois in Paris. Aus einem Secretair nahm er eine Brieftaſche, welche einige Banknoten und den Paß enthielt, deſſen er ſich eben dies Jahr bedient hatte, um zu den Wahlen zu reiſen. Wer ihn geſehen hätte, wie er dieſe verſchiedenen Handlungen vollbrachte, in die ſich ein ernſtes Nachdenken miſchte, würde nicht geahnt haben, was in ihm vorging; nur zuckten zuweilen ſeine Lippen; in andern Augenblicken erhob er den Kopf und heftete ſeinen Blick auf irgend einen 134 Punkt an der Wand, als wäre eben da etwas geweſen, was er aufklären oder befragen wollte. Als der Brief an Herrn Laffitte beendigt war, ſteckte er ihn mit der Brieftaſche in die Taſche und begann wie⸗ der umher zu gehen. Seine Träumerei war nicht von ihrem Ziele abge⸗ wichen. Er fuhr fort, deutlich ſeine Pflicht in flammenden Buchſtaben zu ſehen, die unter ſeinem Blicke ſich zu den Worten zuſammenſtellten:„Geh! nenne Dich! klage Dich an!“ Er ſah ebenſo, als ob ſie ſich unter fühlbaren Formen vor ihm bewegt hätten, die beiden Gedanken, die er bisher zur zweifachen Regel ſeines Lebens gemacht hatte: ſeinen Namen zu verbergen, ſeine Seele zu heiligen. Zum erſten Male erſchienen ſie ihm als durchaus von einander ver⸗ ſchieden, und er erblickte den Unterſchied, der ſie trennte. Er erkannte, daß der eine dieſer Gedanken durchaus gut war, während der andere ſchlecht werden konnte; daß jener die Selbſtverleugnung war, und dieſer der Egoismus; daß der eine ſagte: mein Nächſter— daß der andere ſagte: Ich. Daß der eine aus dem Lichte ſtammt und der andere aus der Finſterniß. Sie bekämpften ſich. Er ſah, wie ſie ſich bekämpften. Je länger er nachdachte, deſto mehr vergrößerten ſie ſich vor dem Auge ſeines Geiſtes; jetzt hatten ſie rieſige Ge⸗ ſtalten; es ſchien ihm, als ſähe er in ſich ſelbſt jenes Un⸗ endliche, von dem wir eben ſprachen, kämpfen in der Mitte der Finſterniß und des Lichtes, eine Göttin und eine Rieſin. Er war von Entſetzen erfüllt, aber es ſchien ihm, als trüge der gute Gedanke den Sieg davon. Er fühlte, daß er dem andern entſcheidenden Augen⸗ blicke ſeines Gewiſſens und ſeines Geſchickes nahe ſtand; daß der Biſchof die erſte Phaſe ſeines neuen Lebens be⸗ ſten ner gte: ere fen. ſich Un⸗ itte 135 zeichnete und dieſer Champmathieu die zweite. Nach der großen Kriſis die große Prüfung. Indeß kehrte das einen Augenblick beſchwichtigte Fie⸗ ber allmälig zurück. Tauſend Gedanken durchwogten ihn, aber ſie fuhren fort, ihn in ſeinem Entſchluſſe zu be⸗ feſtigen. Einen Augenblick ſagte er zu ſich: er nehme die Sache vielleicht zu lebhaft auf; dieſer Champmathieu ſei vielleicht nicht der Theilnahme würdig und hätte doch auch ge⸗ ſtohlen. Er antwortete ſich: wenn der Menſch wirklich einige Aepfel geſtohlen hat, ſo bekommt er dafür einen Monat Gefängniß. Von da bis zu den Galeeren iſt weit. Und wer weiß ſelbſt? hat er geſtohlen? Iſt es bewieſen? Der Name Jean Valjean laſtet auf ihm und ſcheint Beweiſe un⸗ nöthig zu machen. Handeln nicht die Procuratoren des Königs beſtändig ſo? Man hält ihn für einen Dieb, weil man weiß, daß er Galeerenzüchtling war. In einem andern Augenblicke kam ihm der Gedanke, wenn er ſich ſelbſt anzeigte, würde man vielleicht den Hel⸗ denmuth ſeiner Handlung, ſein Leben ſeit ſieben Jahren, ſeine Wohlthaten für das Land in Erwägung ziehen und ihn begnadigen. Aber dieſe Vermuthung verſchwand ſehr ſchnell; er lächelte bitter, indem er daran dachte, daß der Diebſtahl der vierzig Sous an dem kleinen Gervais ihn rückfällig machte, daß dieſe Angelegenheit ſicher an den Tag kommen würde, und daß er nach den beſtimmten Vorſchriften des Geſetzes dafür zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt werden mußte. Er wendete ſich von jeder Illuſton ab, löſte ſich mehr und mehr von der Erde los und ſuchte Troſt und Kraft anderwärts. Er ſagte ſich, daß er ſeine Pflicht thun müßte; daß er vielleicht ſogar nicht unglücklicher ſein würde, nach⸗ 136 dem er ſie gethan, als nachdem er ſie vermieden hätte; daß, wenn er gewähren ließe, wenn er in M. am M. bliebe, die Achtung, in der er ſtand, ſein guter Ruf, ſeine guten Handlungen, die Verehrung, ſeine Mildthätigkeit, ſein Reichthum, ſeine Popularität, ſeine Tugend durch ein Ver⸗ brechen befleckt ſein würde, und welchen Werth dann alle dieſe heiligen Dinge für ihn haben könnten, wenn ſie mit etwas ſo Entſetzlichem vereinigt wären? Wenn er da⸗ gegen ſein Opfer vollbrachte, ſo würde ſich im Bagno, am Schandpfahl, am Halseiſen, in der grünen Mütze, in der unabläßigen Arbeit, in der erbarmungsloſen Schande ein himmliſcher Gedanke in das Alles miſchen! Endlich ſagte er ſich noch, daß die Nothwendigkeit herrſche, daß ſein Schickſal ſo geſtaltet ſei, daß er nicht Herr darüber wäre, die Anordnungen eines Höheren zu ſtören, und daß er in jedem Fall wählen müßte: entweder die Tugend nach außen und die Verdammung nach innen, oder die Heiligkeit nach innen und die Schande nach außen. Durch die Aufregung aller dieſer finſtern Gedanken ſchwand ſein Muth nicht, aber ſein Hirn wurde ermüdet. Er begann unwillkürlich an andere Dinge, an gleichgültige Sachen zu denken. Seine Adern klopften heftig in den Schläfen. Er ging noch immer hin und her. Mitternacht ſchlug es zuerſt auf der Kirche, dann auf dem Rathhauſe. Er zählte die zwölf Schläge der beiden Uhren und verglich den Klang der bei⸗ den Glocken. Er erinnerte ſich bei dieſer Gelegenheit, daß er einige Tage zuvor bei einem Eiſenkrämer eine alte Glocke geſehen hatte, die zu verkaufen war, und auf welcher der Name ſtand: Antoine Albine de Romainoille. Ihn fror. Er zündete ein kleines Feuer an. Er dachte nicht daran, das Fenſter zu ſchließen. Indeß war er wieder in ſeine Betäubung verſunken. 137 Er mußte eine ziemlich große Anſtrengung machen, um ſich daran zu erinnern, an was er dachte, ehe es Mitternacht ſchlug. Endlich gelang es ihm. „Ach ja,“ ſagte er,„ich hatte den Entſchluß gefaßt, mich anzuzeigen.“ Plötzlich dachte er an Fantine. „Ach,“ ſagte er,„und das arme Weib?“ Hier entſtand eine neue Kriſis. Fantine, die ſich ihm plötzlich in ſeiner Träumerei zeigte, erſchien ihm wie ein unerwarteter Lichtſtrahl. Ihm war, als ob Alles rings um ihn her das Anſehen verän⸗ derte, und er rief aus: „Ha, bisher habe ich nur an mich gedacht; ich habe nur auf mein Wohl Rückſicht genommen! Es beliebt mir, zu ſchweigen oder mich anzuzeigen— meine Perſon zu ver⸗ bergen oder meine Seele zu retten— ein verächtlicher und geachteter Beamter zu ſein, oder ein nichtswürdiger und ehrenwerther Galeerenſträfling— ich bin es geweſen, immer ich, nur ich! aber, mein Gott, das Alles iſt ja Egoismus! Es ſind verſchiedene Formen des Egoismus, aber es iſt Egoismus! Wenn ich auch ein wenig an Andere dächte? Die erſte Heiligkeit iſt, an Andere zu denken. Wir wollen ſehen, wir wollen prüfen! Mich ausgenommen, mich fort⸗ gelaſſen, mich vergeſſen, was wird aus alledem entſtehen? — Wenn ich mich anzeige? dann nimmt man mich feſt, läßt dieſen Champmathieu frei, bringt mich wieder auf die Ga⸗ leeren; das iſt gut, aber dann? Was geſchieht hier? Ach, hier iſt eine Gegend, eine Stadt, Fabriken, ein Induſtrie⸗ zweig, Arbeiter, Männer, Weiber, alte Großväter, Kinder, arme Leute! Ich habe das Alles geſchaffen, ich gab den Allen Lebensunterhalt; überall, wo ein Schornſtein raucht, habe ich das Holz in das Feuer geworfen und das Fleiſch in den Topf; ich habe den Wohlſtand, die Thätigkeit, den Kredit geſchaffen; vor mir gab es hier nichts; ich habe die 138 ganze Gegend erhoben, belebt, befruchtet, angeſpornt, berei⸗ chert; fehle ich, ſo fehlt die Seele. Nehme ich mich hin⸗ weg, ſo ſtirbt Alles.— Und dieſes Mädchen, das ſo viel gelitten hat, das in ihrem Falle noch ſo viel Tugend hatte, deren ganzes Unglück ich verurſachte, ohne es zu wollen! und dieſes Kind, das ich holen wollte, das ich ſeiner Mutter verſprach! Bin ich dieſem Weibe nicht auch einigen Erſatz für all das Böſe ſchuldig, das ich ihr zufügte? Wenn ich verſchwinde, was iſt dann ihr Loos? Die Mutter ſtirbt. Das Kind wird, was es werden kann. Das iſt es, was geſchieht, wenn ich mich anklage.— Wenn ich mich nun nicht anklage? Prüfen wir!— Wenn ich mich nicht an⸗ klage?“ Als er dieſe Frage an ſich gerichtet hatte, hielt er inne. Es war wie ein Augenblick des Zögerns und des Zitterns; aber dieſer Augenblick dauerte nur kurze Zeit und er ant⸗ wortete ſich mit Ruhe! „Nun ja, dieſer Menſch kommt auf die Galeeren, das iſt wahr, aber, zum Teufel, er hat geſtohlen. Ich bleibe hier und fahre fort, zu wirken. In zehn Jahren habe ich zehn Millionen gewonnen; ich vertheile ſie im Lande, ich behalte nichts für mich, denn was kümmert mich das? Es geſchieht nicht für mich, was ich thue! Das Gedeihen Aller nimmt zu, der Gewerbfleiß erwacht, ſpornt ſich gegen⸗ ſeitig au, die Manufakturen und Hüttenwerke vervielfältigen ſich; die Familien, hundert Familien, tauſend Familien ſind glücklich; die Gegend bevölkert ſich; es entſtehen Dörfer, wo jetzt nur Pachthöfe ſind; es entſtehen Pachthöfe, wo jetzt Nichts iſt; das Elend verſchwindet und mit dem Elend zu⸗ gleich auch Liederlichkeit, Proſtitution, Diebſtahl, Mord, alle Laſter, alle Verbrechen! Und dieſe arme Mutter er⸗ zieht ihr Kind! Ein ganzes Land iſt reich und rechtſchaffen! Ha, ich war toll, ich war albern; was ſprach ich denn davon, mich anzuzeigen? Man muß wahrlich Acht haben und nichts 139 übereilen. Wie! Weil es mir gefallen hätte, den Großen und den Edelmüthigen zu ſpielen!— Das iſt Alles doch nur ein Melodrama!— Weil ich nur an mich gedacht hätte, nur an mich allein,— was, um vor einer vielleicht etwas übertriebenen, im Grunde aber doch gerechten Strafe— wen denn?— zu retten, einen Dieb, einen Schelm offenbar, ſollte ein ganzes Land untergehen! Soll ein armes Mädchen im Hoſpitale ſterben! Soll ein armes kleines Kind auf dem Straßenpflaſter verenden, wie ein Hund! Ach, das iſt verabſchenungswürdig! Selbſt ohne daß die Mutter ihr Kind wiedergeſehen hätte! Beinahe ohne daß das Kind ſeine Mutter gekannt hat. Und das Alles für dieſen alten Schuft von Aepfeldieb, der ganz ſicher die Galeeren für irgend etwas Anderes verdient, wenn auch nicht dafür! Schöne Gewiſſensbiſſe, die einen Strafbaren retten und Un⸗ ſchuldige opfern; die einen alten Vagabonden retten, der am Ende nur noch wenige Jahre zu leben hat und der im Bagno nicht unglücklicher ſein wird, wie in ſeiner Hütte, und die eine ganze Bevölkerung opfern, Mütter, Weiber, Kinder. Die arme kleine Coſette, die nur mich auf der Welt hat, und die ohne Zweifel in dieſem Augenblick halb todt vor Froſt in dem ſchmutzigen Loche dieſer Thénardiers iſt. Das ſind auch wieder Canaillen, die da! Und ich ſollte meine Pflichten gegen alle dieſe armen Weſen verletzen! Und ich ſollte hingehen und mich angeben! Und ich ſollte dieſe ungereimte Albernheit begehen! Denken wir das Schlimmſte. Nehmen wir an, es läge darin für mich eine ſchlechte Hand⸗ lung und mein Gewiſſen könnte mir das eines Tages zum Vorwurf machen. Zu dem Wohle Anderer dieſe Vorwürfe hinnehmen, die nur mich treffen, dieſe ſchlechte Handlung, die nur mein Geviſſen belaſtet, das iſt Aufopferung, das iſt Tugend.“ Er ſtand auf und ging wieder umher. Dies Mal ſchien es ihm, als ſei er zufrieden. Man findet die Diamanten nur in der Dunkelheit der Erde; man findet die Wahrheit nur in den Tiefen des Ge⸗ dankens. Es ſchien ihm, als hätte er, nachdem er in dieſe Tiefen hinabgeſtiegen, nachdem er lange in dieſer Finſterniß umhergetaſtet, endlich einen jener Diamanten, eine jener Wahrheiten gefunden, und hielte ſie in ſeiner Hand; und er blendete ſich durch ihre Betrachtung. „Ja“, dachte er,„das iſt es! Ich ſtehe bei dem Wahren. Ich habe die Löſung. Man muß damit enden, ſich an irgend Etwas zu halten. Mein Entſchluß iſt gefaßt. Laſſen wir die Dinge gehen. Schwanken wir nicht mehr; weichen wir nicht zurück. Das liegt in dem Intereſſe Aller, nicht in dem meinigen. Ich bin Madeleine, ich bleibe Ma⸗ deleine. Wehe dem, welcher Jean Valjean iſt! Ich bin es nicht mehr. Ich kenne dieſen Menſchen nicht; ich weiß nicht mehr, wer er iſt, und wenn es zu dieſer Stunde Jemand giebt, der Jean Valjean iſt, ſo möge er ſich ein⸗ richten! Das geht euch nichts an. Das iſt ein verhängniß⸗ voller Name, der in der Nacht umherfliegt; hält er an und läßt ſich auf irgend Jemandes Kopf nieder, deſto ſchlimmer für dieſen.“ Er betrachtete ſich in dem kleinen Spiegel, der über dem Kamine hing und ſagte: „Sieh! das hat mich erleichtert, daß ich einen Ent⸗ ſchluß faßte. Ich bin jetzt ein ganz Anderer.“ Er ging noch einige Schritte, dann blieb er plötzlich ſtehen. „Ei“, ſagte er,„ich muß vor keiner der Folgen des gefaßten Entſchluſſes zaudern. Es giebt noch Fäden, die mich mit dieſem Jean Valjean verbinden. Sie müſſen zer⸗ riſſen werden. Es giebt in eben dieſem Zimmer Dinge, die mich anklagen würden, ſtumme Sachen, die Zeugen waren. Alles das muß verſchwinden.“ 141 Er griff in ſeine Taſche, zog ſeine Börſe heraus, öffnete ſie und nahm aus derſelben einen kleinen Schlüſſel. Er ſteckte dieſen Schlüſſel in ein Schlüſſelloch, deſſen Oeffnung man kaum ſah, ſo verſteckt war ſie in den finſterſten Farben der Tapete, welche die Wand bekleidete. Eine ge⸗ heime Thür öffnete ſich; eine Art verborgenen Schrankes, in der Ecke zwiſchen der Mauer und dem Mantel des Kamines angebracht. In dieſem Verſtecke lag nichts als einige Lumpen. Ein Kittel von blauer Leinwand, ein altes Beinkleid, ein alter Torniſter und ein Dornſtock, an beiden Enden mit Eiſen beſchlagen. Die, welche Jean Valjean zu der Zeit geſehen hatten, als er durch D. kam, im October 1815, würden leicht alle Stücke dieſer elenden Kleidung erkannt haben. Er hatte ſie eben ſo aufbewahrt, wie die ſilbernen Leuchter, um ſich ſtets an ſeinen Ausgangspunkt zu erinnern. Nur verbarg er das, was aus dem Bagno kam, und ließ die Leuchter ſehen, die von dem Biſchof herrührten. Er richtete einen flüchtigen Blick auf die Thür, als fürchte er, ſie möchte ſich ungeachtet der Riegel, mit denen ſie geſperrt war, öffnen. Mit einer raſchen und heftigen Bewegung nahm er dann alle dieſe Dinge, die er ſo ge⸗ wiſſenhaft und ſo gefahrvoll lange Jahre hindurch aufbe⸗ wahrt hatte, in die Arme und warf Alles, Lumpen, Stock, Torniſter, in das Feuer. Er ſchloß den verborgenen Schrank wieder zu, und die Vorſichtsmaßregeln verdoppelnd, die jetzt nutzlos waren, da er das Verſteck geleert hatte, verbarg er daſſelbe hinter einem großen Möbel. Nach Verlauf einiger Sekunden wurden das Zimmer und die gegenüber liegende Mauer von einem rothen, flackernden Scheine beleuchtet. Alles brannte: der Dorn⸗ ſtock kniſterte und ſprühte Funken bis mitten in das Zimmer. 142 Indem der Torniſter mit abſcheulichen Fetzen, die er enthielt, verbrannte, hatte er irgend etwas blosgelegt, das in der Aſche glänzte. Wenn man ſich gebückt hätte, ſo würde man eine Silbermünze erkannt haben. Ohne Zweifel das dem kleinen Savoyarden geſtohlene Vierzig⸗Sous⸗ Stück. Er ſah nicht auf das Feuer, und ging ſtets mit dem ſelben Schritte auf und nieder. Plötzlich fielen ſeine Augen auf die beiden Silber⸗ leuchter, welche der Widerſchein auf dem Kamine undeutlich blitzen ließ. „Ei“, dachte er,„darin iſt noch der ganze Jean Val⸗ jean. Auch das muß vernichtet werden.“ Er nahm die beiden Leuchter. Es gab genug Feuer, um ſie ſchnell ihrer Form zu berauben und in eine Art unkenntlichen Barrens zu ver⸗ wandeln. Er neigte ſich über das Feuer und wärmte ſich einen Augenblick. Er empfand ein wahres Wohlbehagen.—„Die angenehme Wärme!“ ſagte er. Er ſchürte die Gluth mit den beiden Leuchtern. Eine Minute länger und ſie lagen in dem Feuer. In dieſem Augenblicke war es ihm, als riefe in ſeinem Innern eine Stimme:„Jean Valjean! Jean Val⸗ jean!“ Seine Haare ſträubten ſich; er wurde wie ein Menſch, der etwas Fürchterliches vernimmt. „Ja, das iſt es! Vollende!“ ſagte die Stimme. „Vollende, was Du thuſt! Vernichte dieſe Leuchter! Zer⸗ ſtöre dieſe Erinnerung! Vergiß den Biſchof! Vergiß Alles! Richte dieſen Champmathieu zu Grunde! Geh! Es iſt gut ſo. Zolle Dir Beifall! Alſo iſt es abgemacht, be⸗ ſchloſſen, geſagt, es giebt da einen Menſchen, einen Greis, der nicht weiß, was man von ihm wlll, der vielleicht nichts die er „ das e, ſo weifel Sous⸗ t dem ilber⸗ eutlich Val⸗ 143 begangen hat, einen Unſchuldigen, deſſen ganzes Unglück Dein Name iſt, auf dem Dein Name laſtet, wie ein Verbrechen, der ſtatt Deiner gerichtet, verurtheilt werden wird, der ſeine Tage in der Verworfenheit und in dem Entſetzen beſchließen wird. Es iſt gut. Sei Du ein rechtſchaffener Menſch. Bleibe Du der Herr Maire; bleibe ehrenwerth und geehrt; bereichere die Stadt, ernähre die Dürftigen, erziehe die Waiſen, lebe glücklich, tugendhaft und bewundert, und wäh⸗ rend deſſen, während Du hier in der Freude und im Lichte ſtrahlſt, wird dort Jemand ſein, der Deine rothe Jacke trägt, der Deinen Namen mit Schmach führt, der Deine Kette im Bagno ſchleppt! Ja, das iſt ſo ſehr gut ange⸗ ordnet! Ha, Elender!“ Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Er richtete auf die Leuchter einen irren Blick. Indeß hatte Das, was in ihm ſprach, noch nicht geendet. Die Stimme fuhr fort: „Jean Valjean, es wird um Dich her viele Stimmen geben, die einen großen Lärm erheben, die ſehr laut ſprechen, die Dich ſegnen werden, und eine einzige, die Niemand vernimmt, und die Dir in der Dunkelheit flucht. Nun wohl, höre, Nichtswürdiger! Alle dieſe Segnungen werden zurück⸗ fallen, ehe ſie den Himmel erreichen und nur der Fluch wird bis zu Gott emporſteigen!“ Dieſe Stimme, anfangs ganz ſchwach, und die aus dem dunkelſten Winkel ſeines Gewiſſens ertönte, war all⸗ mälig immer ſtärker und furchtbarer geworden, und er hörte ſie jetzt in ſein Ohr ſchreien. Es kam ihm vor, als wäre ſie aus ihm herausgetreten und ſpräche jetzt außerhalb mit ihm. Er glaubte die letzten Worte ſo deutlich zu ver⸗ nehmen, daß er mit einer Art von Entſetzen in dem Zimmer umherblickte. „Iſt Jemand hier?“ fragte er mit lauter Stimme und ganz verwirrt. 4 Dann fuhr er mit einem Lachen fort, welches dem Lachen eines Wahnſinnigen glich: „Wie dumm ich bin! Es kann ja Niemand hier ſein. Es war Jemand hier; aber der, welcher hier war, gehört nicht zu denen, welche das menſchliche Auge ſehen können.“ Er ſtellte die Leuchter auf den Kamin. Dann trat er ſeinen einförmigen und finſtern Gang wieder an, der den Caſſirer, welcher unter ihm ſchlief, in ſeinen Träumen ſtörte und ihn plötzlich erweckte. Dieſer Gang erleichterte und berauſchte ihn zugleich. Es ſcheint zuweilen, als ob man bei ungewöhnlichen Ver⸗ anlaſſungen ſich ſelbſt durchwühlt und Rath von alle Dem zu verlangen, auf was man trifft, indem man ſich von ſei⸗ ner Stelle rückt. Nach einigen Augenblicken wußte er nicht mehr, wie es mit ihm ſtand. Er ſchrak jetzt gleich ſehr vor den beiden Entſchlüſſen zurück, die er wechſelweiſe gefaßt hatte. Die beiden Ge⸗ danken, die ihm Rath ertheilten, ſchienen ihm einer ſo ver⸗ derblich zu ſein wie der andere.— Welch ein Verhängniß! Welch ein Zuſammentreffen, daß dieſer Champmathieu für ihn gehalten wurde! Grade durch das Mittel geſtürzt zu werden, welches die Vorſehung ergriffen zu haben ſchien, um ihn zu befeſtigen! Es gab einen Augenblick, in welchem er die Zukunft in Erwägung zog. Sich anzeigen! Großer Gott, ſich an⸗ klagen! Er erblickte mit ungeheurer Verzweiflung Alles, was er verlaſſen, Alles, was er wieder verlaſſen müßte. Er ſollte alſo dieſer ſo guten, ſo reinen, ſo heitern Exiſtenz, der Achtung Aller, der Ehre, der Freiheit Lebewohl ſagen! Er würde nicht mehr auf den Feldern umherwandeln, nicht mehr im Mai die Vögel ſingen hören, nicht mehr den klei⸗ nen Kindern Almoſen geben! Er ſollte nicht mehr die Sü⸗ ßigkeit der auf ihn gerichteten Blicke der Dankbarkeit und der Liebe empfinden. Er ſollte dies Haus verlaſſen, das er dem ſein. gehört men.“ Gang ef;, in gleich. Ver⸗ Dem n ſei⸗ nicht glüſſen n Ge⸗ ver⸗ gniß! eu für zt zu ſchien, ukunft h an⸗ Alles, müßte. iſtenz, ſagen! nicht n llei⸗ Si⸗ it und das el 145 gebaut hatte! Dies kleine Stübchen! Alles erſchien ihm in dieſem Augenblicke reizend. Er ſollte nicht mehr in dieſen Büchern leſen, nicht mehr auf dieſem kleinen weißen Tiſche ſchreiben! Seine alte Thürhüterin, die einzige Magd, die er hatte, ſollte ihm nicht mehr des Morgens ſeinen Kaffee heraufbringen! Großer Gott! Statt alles deſſen der Kerker⸗ knecht, das Halseiſen, die rothe Jacke, die Kette am Beine, die Ermüdung, das Gefängniß, die hölzerne Pritſche, alle die ihm bekannten Gräuel! In ſeinem Alter, nachdem er geweſen, was er war! Wenn er nur noch jung wäre! Aber alt, Du genannt von dem Erſten Beſten, von dem Aufſeher durchſucht zu werden, vom Profos Stockſchläge zu be⸗ kommen! Barfuß in eiſenbeſchlagenen Schuhen zu gehen! Morgens und Abends ſein Bein dem Hammer des Schlie⸗ ßers zu bieten, der die Reifen unterſucht! Die Neugier der Fremden zu erdulden, denen man ſagen würde:„Der da, das iſt der berüchtigte Jean Valjean, der Maire in M. am M. war.“— Abends, triefend in Schweiß, niedergebeugt durch Erſchöpfung, die grüne Mütze über die Augen herabgezogen, zu Zwei und Zwei unter der Peitſche des Aufſehers, die Leitertreppe des fliegenden Bagno hinauf⸗ zuſteigen! Ha, welch ein Elend! Kann denn das Schickſal ſo boshaft ſein, wie ein verſtandbegabtes Weſen, kann es ſo abſcheulich werden, wie das menſchliche Herz? Und was er auch thun mochte, ſtets verfiel er doch wieder in das ſchmerzliche Dilemma, welches auf dem Grunde ſeiner Träumerei lag.— In dem Paradieſe bleiben und darin Dämon werden! Zurückkehren in die Hölle und darin Engel werden! Was thun? Großer Gott, was thun? Der Sturm, dem er ſich mit ſo großer Mühe entriſſen hatte, kehrte ſtets aufs Neue zurück! Seine Gedanken be⸗ gannen wieder ſich zu verwirren. Sie nahmen jenes unbe⸗ ſtimmte Etwas des Betäubten und Maſchinenmäßigen an, Die Elenden. II. 10 146 das der Verzweiflung eigenthümlich iſt. Der Name Romain⸗ ville kam ihm unabläſſig mit zwei Verſen eines Geſanges, den er ehemals gehört hatte, wieder in das Gedächtniß. Er dachte daran, daß Romainville ein kleines Gehölz in der Nähe von Paris iſt, wo die verliebten jungen Leute im Monat April Flieder pflücken. Er ſchwankte im Aeußern wie im Innern. Er ging wie ein kleines Kind, das man allein gehen läßt. In gewiſſen Augenblicken kämpfte er gegen ſeine Er⸗ müdung und machte eine Anſtrengung, um ſeine volle Be⸗ ſinnung wieder zu gewinnen. Er trachtete ſich zum letzten Male und entſcheidend das Problem vorzulegen, über deſſen Löſung er wie erſchöpft zuſammengeſunken war. Sollte er ſich anzeigen? Sollte er ſchweigen?— Es gelang ihm nicht, irgend Etwas deutlich zu ſehen. Die unbeſtimmten An⸗ ſchauungen aller Urtheile, die ſeine Träumerei erſchuf, zitter⸗ ten und verſchwanden eine nach der andern wie in Nebel. Nur fühlte er, daß nothwendiger Weiſe, und ohne daß er dem zu entrinnen vermöchte, irgend etwas von ihm ſterben müßte, welchen Entſchluß er auch faſſen möchte; daß er rechts, wie links, in ein Grab trat; daß er einen Todes⸗ kampf vollbrachte, den Todeskampf ſeines Glückes, oder den Todeskampf ſeiner Tugend. Ach, all' ſeine Unentſchloſſenheit hatte ihn wieder er⸗ faßt. Er war noch nicht weiter, wie im Anfange. So rang unter Todeszuckungen dieſe arme Seele. Achtzehn hundert Jahre vor dieſem unzlücklichen Menſchen hatte das geheimnißvolle Weſen, in welchem alle Heiligkeit und alle Leiden der Menſchheit zuſammengefaßt ſind, gleich ihm, während die Olivenbäume unter dem wilden Winde des Unendlichen erbebten, lange Zeit mit der Hand den entſetzlichen Kelch zurückgewieſen, der ihm ſchäumend in Dun⸗ kelheit und überfließend von Finſterniß in ſternenerfüllten Tiefen erſchien. main⸗ anges, btniß. l; in de im r ging ie Er⸗ le Be⸗ letzten deſſen alte er richt, i An⸗ zitter⸗ Nebel daf er deerben daß er Todes⸗ der den der er⸗ Seele. enſchen eiligkeit gleich Winde nd den n Dun⸗ rfüllten 147 IV. Geſtalten, welche das Leiden während des Schlafes aunimmt. Es hatte drei Uhr Morgens geſchlagen und ſeit fuͤnf Stunden ging er ſo beinahe ohne Unterbrechung umher, als er ſich auf ſeinen Stuhl niederſinken ließ. Er ſchlief auf demſelben ein und hatte einen Traum. Dieſer Traum hing gleich den meiſten Träumen mit der gegenwärtigen Lage nur durch etwas Verhängnißvolles und Schmerzliches zuſammen, allein er machte Eindruck auf ihn. Dieſer Alp drückte ihn ſo ſehr, daß er ihn ſpäter nie⸗ derſchrieb. Es iſt eines der von ſeiner Hand geſchriebenen Papiere, die er hinterlaſſen hat. Wir glauben es hier buch⸗ ſtäblich abſchreiben zu müſſen. Wie es auch mit dem Traume ſein möge, würde doch die Geſchichte dieſer Nacht unvollſtändig ſein, wenn wir ihn ausließen. Es iſt das finſtere Abenteuer einer kranken Seele. 1 Hier folgt er. Auf dem Umſchlage finden wir die Zeilen geſchrieben: Der Traum, den ich dieſe Nacht hatte.— „Ich befand mich auf einem Felde.— Ein großes, trauriges Feld, auf dem kein Gras wuchs. Es ſchien mir, als ob es weder Tag noch Nacht ſei. „Ich ging mit meinem Bruder umher, den Bruder meiner Kinderjahre, dem Bruder, an den ich, wie ich ſagen 10* V —— 148 muß, nie denke und deſſen ich mich beinahe nicht mehr er⸗ innere. Wir plauderten mit einander und begegneten Vorüber⸗ gehenden. Wir ſprachen von einer Nachbarin, die wir ehe⸗ dem gehabt hatten und die, ſeitdem ſie in der Straße wohnte, immer bei offenem Fenſter arbeitete. Während wir mit einander ſprachen, froren wir wegen dieſes offenen Fenſters. „Es gab keine Bäume auf dem Felde. „Wir ſahen einen Menſchen, der dicht an uns vor⸗ überkam. Er war ganz nackt, von aſchgrauer Farbe, reitend auf einem Pferde von Erdfarbe. Der Menſch hatte keine Haare; man ſah ſeinen Schädel und die Adern auf demſelben. Er hatte in der Hand einen Stab, der geſchmeidig war wie eine Weinrebe und ſchwer wie Eiſen. Dieſer Reiter ritt vorüber und ſagte nichts zu uns. „Mein Bruder ſagte zu mir: Laß uns durch den Hohl⸗ weg gehen. Es gab dort einen Hohlweg, in welchem man kein Ge⸗ büſch und kein Pflänzchen Moos ſah: Alles war erdfarbig, ſelbſt der Himmel. Nach einigen Schritten antwortete man mir nicht mehr, wenn ich ſprach. Ich bemerkte, daß mein Bruder nicht mehr bei mir war. G „Ich trat in ein Dorf, das ich ſah. Ich dachte, es müßte Romainville ſein.(Weshalb Romainville?*) „Die erſte Straße, in die ich eintrat, war öde. Ich trat in eine zweite Straße. Hinter der Ecke, welche die beiden Straßen mit einander bildeten, ſtand ein Mann an die Mauer gelehnt. Ich ſagte zu dem Manne: Was iſt dies für ein Ort? Wo bin ich? Der Mann antwortete nicht. Ich ſah die Thür eines Hauſes offen und trat ein. *²) Dieſe Parentheſe iſt von der Hand Jean Valjean’s. ehr er⸗ vrüber⸗ ir ehe⸗ Straße bährend offenen 3 vor⸗ Farbe, Menſch Adern b, der r wie u uns. Hohl⸗ in Ge⸗ farbig, te man ß mein te, es . SIch che die ann an zas iſt wortete d trat 149 „Das erſte Zimmer war leer. Ich trat in das zweite. Hinter der Thür dieſes Zimmers ſtand ein Mann gegen die Mauer gelehnt. Ich fragte dieſen Mann: Wem gehört die⸗ ſes Haus? Wo bin ich? Der Mann antwortete nicht. Das Haus hatte einen Garten. „Ich ging aus dem Hauſe und trat in den Garten. Der Garten war öde. Hinter dem erſten Baume fand ich einen Mann, der aufrecht ſtand. Ich ſagte zu dieſem Manne: Was iſt das für ein Garten? Wo bin ich? Der Mann antwortete nicht. „Ich irrte in dem Dorfe umher und bemerkte, daß es eine Stadt war. Alle Straßen waren verödet, alle Thüren ſtanden offen. Kein lebendes Weſen ging durch die Straßen, war in den Zimmern oder in den Gärten. Aber es ſtand hinter jeder Straßenecke, hinter jeder Thür, hinter jedem Baume aufrecht ein ſchweigender Mann. Man ſah nie mehr als einen auf einmal. Die Männer ſahen mich vor⸗ über gehen. „Ich verließ die Stadt und ging über das Feld. „Nach Verlauf einiger Zeit wendete ich mich um und ſah eine große Menge, die mir folgte. Ich erkannte alle die Männer, die ich in der Stadt geſehen hatte. Sie hatten ſonderbare Köpfe. Sie ſchienen ſich nicht zu beeilen und dennoch gingen ſie raſcher als ich. Sie machten durchaus kein Geräuſch, indem ſie gingen. In einem Nu erreichte mich die Menge und umgab mich. Die Geſichter dieſer Menſchen waren erdfarbig. „Der Erſte, den ich geſehen hatte, und den ich fragte, als ich in die Stadt trat, ſagte zu mir: Wohin gehen Sie? Wiſſen Sie nicht, daß Sie ſeit langer Zeit todt ſind? „Ich öffnete den Mund, um zu antworten, und be⸗ merkte, daß Niemand mehr um mich ſei.“ Er erwachte. Er war eiskalt. Ein Wind, kalt, wie der Morgenwind zu ſein pflegt, bewegte das offen gebliebene 150 Fenſter auf ſeinen Angeln hin und her. Das Feuer war erloſchen. Die Kerze war beinahe herabgebrannt. Noch war es dunkle Nacht. Er ſtand auf und ging an das Fenſter. Noch immer ſtanden keine Sterne am Himmel. Von ſeinem Fenſter aus ſah man den Hof des Hau⸗ ſes und die Straße. Ein hartes, trockenes Geräuſch, welches plötzlich auf dem Boden ertönte, machte, daß er die Augen ſenkte. Er erblickte unter ſich zwei rothe Sterne, deren Strah⸗ len ſich in der Dunkelheit auf eigenthümliche Weiſe verlän⸗ gerten und verkürzten. Da ſeine Gedanken noch halb in den Nebeln des Traumes befangen waren, dachte er:„Sonderbar! Es giebt keine mehr am Himmel, ſie ſind jetzt auf der Erde.“ Indeß verſchwand die Verwirrung. Ein abermaliges Geräuſch, dem erſten ähnlich, erweckte ihn vollſtändig; er ſah deutlicher hin und erkannte, daß die beiden Sterne die Laternen eines Wagens waren. Bei dem Lichte, das ſie verbreiteten, konnte er die Geſtalt dieſes Wagens erkennen. Es war ein Tilbury, beſpannt mit einem kleinen Schimmel. Das Geräuſch, welches er gehört hatte, waren die Huf⸗ ſchläge des Pferdes auf dem Pflaſter. „Was ſoll dieſer Wagen?“ ſagte er zu ſich.„Wer kommt denn ſchon ſo früh am Morgen?“. In dieſem Augenblicke wurde leiſe an die Thür ſeines Zimmers geklopft. Er erbebte vom Kopf bis zu den Füßen und rief mit furchtbarer Stimm: „Wer da?“ Jemand antwortete: „Ich bin es, Herr Maire.“ Er erkannte die Stimme der alten Frau, ſeiner Thür⸗ hüterin. r war Noch mmer Hau⸗ dui er die Strah⸗ erlän⸗ n des giebt aliges g; er ee die 8 ſie ennen. nmel. Huf⸗ Wer eines mit Thür⸗ 151 „Nun,“ entgegnete er,„was giebt es?“ „Herr Maire, es iſt gleich fünf Uhr Morgens.“ „Was kümmert mich das?“ „Herr Maire, es iſt das Kabriolet.“ „Was für ein Kabriolet?“ „Der Tilbury.“ „Was für ein Tilbury?“ „Hat der Herr Maire nicht einen Tilbury beſtellt?“ „Nein,“ ſagte er. „Der Kutſcher ſagte, er komme, um den Herrn Maire abzuholen.“ „Welcher Kutſcher?“ „Der Kutſcher des Herrn Scaufflaire.“ „Herr Scaufflaire!“ Dieſer Name machte ihn erbeben, als ob ein Blitz vor ſeinen Augen niedergefahren wäre. 4 „Ach ja,“ entgegnete er,„Herr Scaufflaire!“ Wenn die alte Frau ihn in dieſem Augenblicke hätte ſehen können, ſo würde ſie ſich entſetzt haben. Es entſtand ein ziemlich langes Schweigen. Er blickte mit einfältigem Weſen in die Flamme der Kerze und nahm um den Docht herum das brennende heiße Wachs weg, das er mit den Fingern rollte. Die Alte wartete. Sie wagte indeß, noch einmal die Stimme zu erheben: „Herr Maire, was ſoll ich ihm antworten?“ „Sagen Sie, es wäre gut, ich käme hinab.“ 152 V. Speichen in die Räder. Der Poſtdienſt zwiſchen Arras und M. am M. wurde in jener Zeit noch durch kleine Mallepoſten aus der Zeit des Kaiſerreichs verſehen. Dieſe Mallepoſten waren Ka⸗ briolets mit zwei Rädern, inwendig mit fahlem Leder aus⸗ geſchlagen, auf Federn ruhend, und nur mit zwei Plätzen, der eine für den Poſtillon, der andere für den Reiſenden. Die Räder waren bewaffnet mit jenen langen Naben, die andere Wagen in reſpectvoller Entfernung halten. Der Kaſten mit den Briefſchaften, ein ungeheurer länglicher Kaſten, ſtand hinter dem Kabriolet und bildete mit dieſem Eins. Dieſer Kaſten war ſchwarz angeſtrichen, und das Kabriolet gelb. Dieſe Wagen, denen jetzt nichts mehr gleicht, hatten etwas Mißgeſtaltetes und Buckliges, und wenn man ſie vorüberfahren und auf irgend einer Straße am Horizont in die Höhe ſteigen ſah, glichen ſie jenen Inſekten, die man, glaube ich, Teremiten nennt, und die an einem kleinen Vorderleibe einen großen Hinterkörper nachſchleppen. Sie fuhren übrigens ſehr ſchnell. Die Mallepoſt ging von Arras jede Nacht um ein Uhr ab, nachdem der Pariſer Courier angekommen war, und langte in M. am M. etwa vor fünf Uhr Morgens an. Dieſe Nacht fuhr die Mallepoſt, welche nach M. am M. auf der Straße von Hesdin herabkam, bei dem Um⸗ biegen um eine Straßenecke, als ſie eben in die Stadt fuhr, — ¹33 an einen kleinen Tilbury an, der mit einem Schimmel be⸗ ſpannt war, aus entgegengeſetzter Richtung kam, und in welchem nur eine Perſon ſaß, ein Mann in einen Mantel gehüllt. Das Rad des Tilbury bekam einen ziemlich derben Stoß. Der Courier rief dem Manne zu, er ſolle anhalten, aber der Reiſende hörte ihn nicht und ſetzte ſeinen Weg im ſcharfen Trabe fort. „Das iſt ein Menſch, der es verteufelt eilig hat,“ ſagte der Courier. Der Menſch, der ſich ſo beeilte, war der, welchen wir ſo eben in Kämpfen erblickten, die ganz gewiß des Mitleids würdig waren. Wohin ging er? Man hiütte es nicht ſagen können. Weshalb beeilte er ſich ſo? Er wußte es nicht. Er fuhr auf's Gerathewohl vorwärts. Wohin? Nach Arras ohne Zweifel; aber er fuhr vielleicht auch wo anders hin. In einzelnen Augenblicken fühlte er dies und erbebte. Er ver⸗ tiefte ſich in die Nacht wie in einen Abgrund. Irgend etwas trieb ihn an, irgend etwas zog ihn an. Was in ihm vorging, vermochte Niemand zu ſagen, doch alle Menſchen werden es begreifen. Welcher Menſch iſt nicht wenigſtens einmal in ſeinem Leben in die dunkle Höhle des Unbekann⸗ ten eingetreten. Uebrigens hatte er nichts beſchloſſen, nichts entſchieden, nichts beſtimmt, nichts gethan. Keine Handlung ſeines Ge⸗ wiſſens war entſcheidend geweſen. Er ſtand mehr als je noch bei dem erſten Augenblicke. Weshalb nach Arras gehen? Er wiederholte ſich, was er ſich ſchon bereits geſagt hatte, als er das Kabriolet bei Scaufflaire miethete— daß, wie auch das Reſultat ſein möchte, nichts Unpaſſendes darin läge, mit eigenen Augen zu ſehen, die Dinge ſelbſt zu beurtheilen;— daß das ſelbſt klug ſei, daß er wiſſen müßte, was vorginge;— daß man nichts entſcheiden könnte, ohne beobachtet und geforſcht zu 154 haben;— daß in der Ferne Alles groß und mächtig er⸗ ſcheine; daß am Ende der Rechnung, wenn er dieſen Champ⸗ mathieu, irgend einen Elenden geſehen hätte, ſein Gewiſſen wahrſcheinlich ſehr erleichtert ſein würde, wenn er ihn ſtatt ſeiner nach dem Bagno gehen ließe; daß in Wahrheit dort Javert und dieſer Brevet wären, dieſer Chenildieu, dieſer Cochepaille, ehemalige Galeerenzüchtlinge, die ihn gekannt hätten, daß ſie ihn aber ſicher nicht erkennen würden.— Pah! was für ein Gedanke?— Daß Javert hundert Meilen davon entfernt wäre;— daß alle Conjecturen und alle Vermuthungen ſich auf dieſen Champmathieu richteten, und daß nichts ſo hartnäckig iſt, wie Vermuthungen und Con⸗ jecturen;— daß er alſo durchaus keine Gefahr laufe. Daß es ohne Zweifel ein ſchwarzer Augenblick ſei, daß er aber demſelben entrinnen würde;— daß er jedenfalls ſein Schickſal, ſo ſchlimm es auch ſein möchte, in ſeiner Hand hielte;— daß er der Herr deſſelben ſei. Er klam⸗ merte ſich an dieſen Gedanken an. Um Alles zu ſagen, würde er im Grunde genommen lieber nicht nach Arras gegangen ſein. Dennoch fuhr er hin. Während er ſo dachte, peitſchte er das Pferd, welches den guten regelmäßigen und ſichern Trab hatte, der 2½ Lieues in der Stunde zurücklegt. Je weiter das Cabriolet vorwärts kam, deſto mehr fühlte er in ſich etwas, das ihn zurückzog. Mit Anbruch des Tages befand er ſich auf offenem Felde; die Stadt M. am M. lag weit hinter ihm. Er ſah den Horizont ſich lichten; er ſah, ohne ſie zu erblicken, vor ſeinen Augen alle die kalten Geſtalten eines Wintermorgen⸗ anbruchs vorübergleiten. Der Morgen hat ſeine Geſpenſter wie der Abend. Er erblickte ſie nicht, aber ihm ſelbſt un⸗ bewußt und mit einer Art beinahe phyſiſchen Scharfblicks ſteigerten die ſchwarzen Silhouetten der Bäume und der er⸗ unp⸗ iſſen ſtatt dort dieſer kannt 1.— keilen alle und Con⸗ daß nfalls ſeiner klam⸗ amen elches 1 2 ½ mehr fenem r ſah , vor orgen⸗ penſter ſt un⸗ fblics d der 155 Hügel den gewaltſamen Zuſtand ſeiner Seele durch ein un⸗ bekanntes, finſteres und dumpfes Etwas. So oft er vor einem der einſam ſtehenden Häuſer vorüber kam, die ſich zuweilen an den Straßen befinden, ſagte er zu ſich:„Es giebt aber doch dort drinnen Leute, die ſchlafen!“ Der Trab des Pferdes, die Glöckchen des Geſchirres, die Räder auf dem Pflaſter verurſachten ein ſanftes, mono⸗ tones Geräuſch. Dergleichen Dinge ſind lieblich, wenn man heiter, und finſter, wenn man traurig iſt. Es war heller Tag, als er nach Hesdin kam. Er hielt vor einem Wirthshauſe an, um das Pferd verſchnaufen zu laſſen und ihm Hafer zu geben. Dieſes Pferd war, wie Scaufflaire geſagt hatte, von jener kleinen Race, welche zu viel Kopf, zu viel Bauch und nicht genug Hals hat, aber eine breite Bruſt, breite Croupe, trockene und feine Beine und einen feſten Huf haben; eine häßliche, aber kräftige und geſunde Race. Das vortreffliche Thier hatte fünf Lieues in zwei Stunden zurückgelegt und keinen Tropfen Schweiß auf der Croupe. Er war nicht aus dem Tilbury geſtiegen. Der Haus⸗ knecht, der den Hafer brachte, bückte ſich plötzlich und unter⸗ ſuchte das linke Rad. „Gehen Sie weit auf dieſe Weiſe?“ ſagte der Menſch. Er antwortete, beinahe ohne aus ſeinen Träumereien zu erwachen: „Weshalb?“ „Kommen Sie weit her?“ fuhr der Knecht fort. „Fünf Stunden von hier.“ „Ah!“ „Weshalb ſagen Sie Ah?“ Der Knecht bückte ſich wieder, ſchwieg einen Augenblick, das Auge feſt auf das Rad geheftet, richtete ſich dann wieder in die Höhe und ſagte: 156 „Weil das Rad fünf Stunden gemacht hat, das iſt wohl möglich, weil es aber ſicher jetzt keine Viertelſtunde mehr machen würde.“ Er ſprang von dem Tilbury herab. „Was ſagen Sie da, mein Freund?“ „Ich ſage, es iſt ein Wunder, daß Sie fünf Lieues gemacht haben, ohne ſammt Ihrem Pferde in irgend einen Graben der großen Landſtraße zu fallen. Sehen Sie nur.“ Das Rad war in der That ſehr beſchädigt. Der Stoß der Mallepoſt hatte zwei Speichen gebrochen und die Achſe ſo beſchädigt, daß die Buchſe nicht mehr hielt. „Mein Freund“, ſagte er zu dem Stallknecht,„iſt ein Schmied hier?“ „Ohne Zweifel, mein Herr.“ „Leiſten Sie mir den Dienſt, ihn zu holen.“ „Er iſt nur zwei Schritte von hier. He! Meiſter Bourgaillard!“ Meiſter Bourgaillard, der Schmied, ſtand auf der Schwelle ſeiner Thür. Er kam, das Rad zu unter⸗ ſuchen, und ſchnitt ein Geſicht, wie ein Chirurg, der ein zerbrochenes Bein betrachtet. „Können Sie auf der Stelle dieſes Rad ausbeſſern?“ „Ja, mein Herr.“ „Wann kann ich wieder abreiſen?“ „Morgen.“ „Morgen!“ „Es iſt ein ganzer Tag Arbeit. Haben der Herr Eile?“ „Große Eile. Ich muß ſpäteſtens in einer Stunde wieder aufbrechen.“ „Unmöglich, mein Herr.“ „Ich bezahle, was verlangt wird.“ „Unmöglich.“ „Nun gut denn. In zwei Stunden.“ 8 iſt tunde dieues einen nur.“ Der d die ſt ein keiſter †der umter⸗ er ein ern?“ Herr btunde 157 „Unmöglich für heute. Es müſſen zwei Speichen und die Nabe neu gemacht werden. Der Herr kaun vor morgen nicht wieder abreiſen.“ „Mein Geſchäft kann nicht bis morgen warten. Wenn man, ſtatt das Rad auszubeſſern, es erſetzte?“ „Wie das? „Sie ſind Schmied?“ „Ohne Zweifel, mein Herr.“ „Können Sie mir nicht ein Rad verkaufen? Ich könnte dann gleich wieder weiter fahren.“ „Ein Reſerverad?“ .„a.“ „Ich habe kein Rad, welches für Ihr Cabriolet paßt. Zwei Räder bilden ein Paar. Zwei Räder paſſen nicht zu⸗ fällig zuſammen.“ „In dieſem Falle verkaufen Sie mir ein Paar Räder.“ „Mein Herr, nicht alle Räder paſſen an jede Achſe.“ „Verſuchen Sie es immerhin.“ „Das iſt nutzlos, mein Herr. Ich habe nur Karren⸗ räder zu verkaufen. Wir ſind hier in einem kleinen Orte.“ „Können Sie mir vielleicht ein Cabriolet vermiethen?“ Der Schmiedemeiſter hatte auf den erſten Blick erkannt, daß der Tilbury ein Miethgeſchirr war. Er zuckte die Achſeln. „Sie richten die Kabriolets, die man Ihnen vermiethet, ſchön zu! Hätte ich eins, ſo würde ich es Ihnen nicht vermiethen.“ 4 „Nun gut denn; zu verkaufen.“ „Ich habe keines.“ „Wie! Nicht mal ein Cabriolet! Ich bin nicht ſchwer zu befriedigen, wie Sie ſehen.“ „Wir ſind hier in einem kleinen Orte. Ich habe wohl dort in der Remiſe,“ fügte der Schmied hinzu,„eine alte Kaleſche, die einem Bürger der Stadt gehört, der ſie mir aufzuheben gegeben hat und der ſich derſelben an jedem 36. 158 des Monats bedient. Ich könnte ſie Ihnen wohl verdingen, denn was kümmert das mich? Aber der Bürger dürfte Sie nicht vorbeikommen ſehen, und dann iſt es auch eine Ka⸗ leſche; es wären zwei Pferde erforderlich.“ „Ich werde Poſtpferde nehmen.“ „Wohin fahren der Herr?“ „Nach Arras.“ „Der Herr wollen noch heute hin?“ „Ja doch.“ „Indem Sie Poſtpferde nehmen?“ „Weshalb nicht?“ „Iſt es dem Herrn gleich, wenn er dieſe Nacht um V vier Uhr Morgens ankömmt?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Das iſt, ſehen Sie wohl, weil etwas dabei zu ſagen iſt, wenn Sie Poſtpferde nehmen.— Der Herr hat ſeinen Paß?“— „ Ja.“ „Nun gut, wenn der Herr Poſtpferde nimmt, ſo wird er nicht vor morgen nach Arras fommen. Wir liegen an einer Querſtraße. Die Relais werden ſchlecht bedient, die Pferde ſind auf den Feldern. Die Zeit des Pflügens be⸗ ginnt; man braucht ſtarke Geſpanne und man nimmt die Pferde überall, auf der Poſt wie anderwärts. Der Herr wird auf jeder Station wenigſtens drei bis vier Stunden warten müſſen. Und dann fährt man auch nur im Schritt. Es ſind viele Berge zurückzulegen.“ „Nun, ſo reite ich. Führen Sie das Kabriolet ab. Man wird mir doch wohl einen Sattel verkaufen?“ „Ohne Zweifel, aber erträgt das Pferd auch einen Sattel?“ „Das iſt wahr; ich erinnere mich daran, daß es ihn nicht duldet.“ „Dann—“ ₰ dingen, fte Sie ne Ka⸗ cht um ſagen ſeinen o wird gen an nt, die ens be⸗ imt die Herr tunden Schritt. et ab. einen es ihn 159 „Aber ich werde doch wohl in dem Dorf ein Pferd zu miethen finden?“ „Ein Pferd, um in einen Ritt bis Arras zu gehen!“ „Dazu wäre ein Pferd nöthig, wie man es in unſeren Ort nicht hat. Uebrigens müßten Sie auch das Pferd kaufen, denn man kennt Sie nicht. Aber weder zu verkau⸗ fen, noch zu vermiethen, nicht für 500 Francs, nicht für 1000 würden Sie eins finden!“ „Was iſt dann zu thun?“ „Das Beſte, was ich Ihnen als rechtſchaffener Menſch ſagen kann, iſt, daß ich Ihr Rad ausbeſſere, und daß Sie Ihre Reiſe bis auf morgen verſchieben.“ „Morgen wäre es zu ſpät.“ „Wahrlich!“ „Giebt es denn keine Mallepoſt, die nach Arras fährt? Wann kommt ſie durch?“ „Die nächſte Nacht. Die beiden Mallepoſten verſehen den Nachtdienſt, die, welche kommt, ſowie die, welche geht.“ „Wie, Sie brauchen einen ganzen Tag, um dieſes Rad auszubeſſern?“ „Einen ganzen Tag, und einen guten.“ „Indem Sie zwei Arbeiter anſtellen?“ „Und wenn ich zehn nähme.“ „Und wenn man die Felgen mit Stricken bände?“ „Die Felgen, ja; die Nabe, nein. Und dann iſt auch die Speiche in ſchlechtem Zuſtande.“ „Giebt es in dem Orte einen Wagen zu vermiethen?“ „Nein.“ „Iſt hier ein anderer Schmied?“ Der Stallknecht und der Schmiedemeiſter antworteten zu gleicher Zeit, indem ſie den Kopf aufwarfen: „Nein.“ Er fühlte eine unendliche Freude. Offenbar miſchte die Vorſehung ſich hinein. Sie war » 160 es, die das Rad des Tilbury zerbrach und ihn auf ſeiner Straße aufhielt. Er hatte ſich dieſer Art einer erſten Auf⸗ forderung nicht gefügt; er machte alle möglichen Anſtren⸗ gungen, ſeine Reiſe fortzuſetzen; er hatte redlich und ge⸗ wiſſenhaft alle Mittel erſchöpft; er war weder vor der Jahreszeit, noch vor der Anſtrengung, noch vor der Ausgabe zurückgeſchreckt; er hatte ſich nichts vorzuwerfen. Fuhr er nicht weiter, ſo ging das ihn nichts an! Es war nicht mehr ſeine Schuld, nicht die Sache ſeines Gewiſſens, ſondern die Sache der Vorſehung. Er athmete auf. Er athmete freier und aus voller Bruſt, zum erſten Male ſeit dem Beſuche Javerts. Es ſchien, als ob die eiſerne Fauſt, welche ihm das Herz ſeit zwanzig Stunden zuſammenpreßte, ihn losgelaſſen hätte. Es kam ihm vor, als ob Gott jetzt für ihn ſei und ſich erklärte. Er ſagte ſich, er hätte Alles gethan, was er vermochte, und jetzt bliebe ihm nichts mehr, als ruhig umzukehren. Wenn ſein Geſpräch mit dem Schmied in einem Zim⸗ mer des Gaſthauſes ſtattgefunden hätte, ſo würde es keine Zeugen gehabt haben, Niemand hätte es gehört, die Sachen wären hier ſtehen geblieben, und wahrſcheinlich hätten wir kaum von den Ereigniſſen zu erzählen gehabt, die man leſen wird; aber dieſe Unterredung fand auf der Straße ſtatt. Jedes Geſpräch auf der Straße bewirkt unvermeidlich einen Kreis von Zuhörern. Es giebt ſtets Leute, die nichts Beſſeres wünſchen, als Zuſchauer zu ſein. Während er den Schmied befragte, waren einige Hin⸗ und Herkommende bei ihnen ſtehen geblieben. Nachdem ein junger Burſche, auf den Niemand achtete, einige Minuten zugehört haur⸗ entfernte er ſich laufend von der Gruppe. In dem Augenblicke, als der Reiſende nach der inneren Berathung, die wir angedeutet haben, den Entſchluß faßte, ſeiner n Auf⸗ enſtren⸗ nd ge⸗ or der lusgabe Fuhr er ht mehr ern die voller 6. Es erz ſeit itte. ſei und mochte, en. 1 Im⸗ es keine Sachen ten wir en leſen e ſtatt. h einen nichts der den mmende Burſche, t hatte, inneren ß faßte, 161 umzukehren, kam das Kind zurück. Es war begleitet von einer alten Frau. „Mein Herr,“ ſagte die Frau,„mein Junge ſagt mir, Sie hätten Luſt, ein Cabriolet zu miethen?“ Bei dieſer einfachen Rede, welche eine alte Frau aus⸗ ſprach, die von einem Kinde geführt wurde, lief ihm der Schweiß über den Rücken. Er glaubte die Hand, die ihn losgelaſſen hatte, in der Finſterniß hinter ſich wieder er⸗ ſcheinen zu ſehen, bereit, ihn aufs neue zu packen. Er antwortete: „Ja, gute Frau, ich ſuche ein Cabriolet zu miethen.“ Er beeilte ſich aber, hinzuzufügen: „Allein es giebt keins hier.“ „Doch,“ ſagte die Alte. „Wo denn?“ entgegnete der Schmied. „Bei mir,“ erwiderte die Alte. Er erbebte. Die verhängnißvolle Hand hatte ihn wie⸗ der erfaßt. Die Alte hatte in der That unter einem Schuppen eine Art Carriole von Weidengeflecht. Der Schmied und der Stallburſche, welche in Verzweiflung waren, daß der Reiſende ihnen entſchlüpfte, miſchten ſich in die Sache. Das wäre eine abſcheuliche Karrete— der Sitz läge unmittelbar auf der Achſe— die Bänke hingen inwendig an Lederriemen— es regnete hinein— die Räder wären verroſtet und von der Feuchtigkeit angefreſſen— das würde nicht weiter gehen, wie der Tilbury— ein wahrer Rum⸗ pelkaſten!— Der Herr hüätte ſehr Unrecht, wenn er ſich hinein wagen wollte u. ſ. w. u. ſ. w. Das Alles war wahr, allein dieſe Karrete, dieſer Rumpelkaſten, was es auch ſein mochte, rollte auf zwei Rä⸗ dern und konnte nach Arras fahren. Er bezahlte, was man verlangte, ließ den Tilbury zur Die Elenden. II. 11 162 Ausbeſſerung bei dem Schmied, um ihn bei der Rückkehr wieder zu finden, ließ ſeinen Schimmel vor die Carriole ſpannen, ſtieg hinein und nahm wieder den Weg, den er ſeit dem Morgen verfolgte. In dem Augenblick, als der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, geſtand er ſich, daß er gerade zuvor eine gewiſſe Freude darüber empfunden hätte, nicht dahin zu gehen, wo⸗ hin er jetzt ging. Er prüfte dieſe Freude mit einer Art von Zorn und fand ſie abgeſchmackt. Weshalb Freude darüber, umzukehren? Alles wohl erwogen, machte er dieſe Reiſe ja freiwillig. Niemand zwang ihn dazu. Und gewiß konnte nichts geſchehen, was er nicht wollte. Wie er Hesdin verließ, hörte er eine Stimme, welche rief:„Halten Sie! Halten Sie!“ Er hielt den Wagen mit einer lebhaften Bewegung an, in welcher noch etwas Fieberhaftes und Krankhaftes lag, das der Hoffnung glich. Es war der kleine Bube der Alten. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich habe Ihnen den Wagen verſchafft.“ „Nun?“ „Sie haben mir nichts gegeben.“ Er, der Allen ſo leicht gab, fand dieſe Forderung über⸗ trieben und beinahe abſcheulich. „Ah, Du biſt es, Schelm?“ ſagte er. Du bekommſt nichts.“ Er peitſchte das Pferd und fuhr im ſtarken Trabe weiter. Er hatte in Hesdin viel Zeit verloren und wollte dieſe wieder einbringen. Das kleine Pferd war muthig und zog für zwei; aber man war im Monat Februar, es hatte ge⸗ regnet und die Wege waren ſchlecht. Und dann hatte er Kückkehr Larriole er ſeit wegung gewiſſe en, wo⸗ ier Art Freude er dieſe r nicht welche ung an, tes log, Wagen g über⸗ ekommſt Trabe te dieſe und zog atte ge⸗ hatt er 163 auch nicht mehr den Tilbury. Die Carriole war hart und ſehr ſchwer. Dabei gab es viele Höhen. Er brauchte beinahe vier Stunden, um von Hesdin nach St. Pol zu fahren. Vier Stunden auf fünf Lieues. In Saint⸗Pol ſpannte er bei dem erſten beſten Wirths⸗ hauſe aus und ließ das Pferd in den Stall führen. Wie er es Scaufflaire verſprochen hatte, blieb er neben der Raufe ſtehen, ſo lange das Pferd fraß. Er dachte an trau⸗ rige und verworrene Dinge. Die Frau des Gaſtwirths trat in den Stall. „Wollen der Herr nicht frühſtücken?“ „Ja, das iſt wahr; ich habe ſogar guten Appetit.“ Er folgte der Frau, die ein friſches, munteres Geſicht hatte. Sie führte ihn in das Erdgeſchoß nach einem Saale, in welchem Tiſche ſtanden, die zu Tiſchtüchern Blätter von Wachsleinwand hatten. „Machen ſie ſchnell“, ſagte er.„Ich muß wieder fort, ich habe Eile.“ Eine dicke flamländiſche Magd legte haſtig ſein Gedeck auf. Er betrachtete dieſes Mädchen mit einem Geſichte des Wohlbehagens. „Das war es, was mir fehlte“, dachte er.„Ich hatte nicht gefrühſtückt.“ Man bediente ihn. Er warf ſich auf das Brod, biß einen Mund voll ab, legte es dann langſam auf den Tiſch und aß nicht wieder davon. Ein Kärrner aß an einem andern Tiſche. Er ſagte zu dieſem Menſchen: Weshalb iſt denn das Brod ſo bitter?“ Der Kärrner war ein Deutſcher und verſtand ihn nicht. Er kehrte in den Stall zu dem Pferde zurück. Eine Stunde darauf hatte er Saint⸗Pol verlaſſen und fuhr gegen Tinques zu, das nur fünf Lieues von Arras entfernt iſt. 11* —— 164 Was machte er während dieſer Fahrt? Woran dachte er? Wie am Morgen ſah er an ſich die Bäume, die Hüttendächer, die bebauten Felder und die Veränderungen der Landſchaft, welche jede Biegung des Weges hervor⸗ brachte, vorüberziehen. Das iſt eine Betrachtung, welche zuweilen der Seele genügt und ſie beinahe von dem Denken entbindet. Tauſend Gegenſtände zum erſten und zum letzten Male zu ſehen, was kann es Melancholiſcheres und Traurigeres geben? Reiſen heißt jeden Augenblick geboren werden und ſterben. Vielleicht ſtellte er in der unbeſtimmteſten Region ſeines Geiſtes Vergleiche an zwiſchen dieſen wechſelnden Horizonten und der menſchlichen Exiſtenz. Alle dieſe Dinge des Lebens ſind in beſtändiger Flucht vor uns. Verfinſte⸗ rung und Helligkeit vermiſchen ſich. Auf eine blendende Beleuchtung folgt eine Verdunkelung. Man ſchaut, man beeilt ſich, man ſtreckt die Hände aus nach dem, was vor⸗ überkommit; jedes Ereigniß iſt eine Biegung der Straße; und plötzlich iſt man alt. Man fühlt etwas, wie eine Er⸗ ſchütterung, Alles iſt ſchwarz, man unterſcheidet eine finſtere Thür, das dunkele Pferd des Lebens, das uns zog, hält an. Und man ſieht Jemand, der verſchleiert und unbekannt iſt und es in der Finſterniß ausſpannt. Die Dämmerung brach in dem Angenblick herein, als Kinder, welche aus der Schule kamen, den Reiſenden in Tinques einziehen ſahen. Man war freilich noch in den kurzen Tagen des Jahres. Er hielt in Tinques nicht an; als er aus dem Dorfe fuhr, erhob ein Arbeiter, der Steine auf die Straße ſchüttete, den Kopf: „Das iſt ein ſehr erſchöpftes Pferd.“ In der That ging das arme Thier nur noch im Schritt. „Fahren Sie nach Arras?“ fügte der Wegearbeiter hinzu. „a.“ dachte ie, die rungen ervor⸗ welche Denken letzten wigeres den und Region ſelnden Dinge erfinſte⸗ endende t, man as vor⸗ Straße; ue Er⸗ finſtere g, hält bekanut in, als den in in den icht an; Steine och im earbeiter 165 „Wenn Sie ſo fortfahren, werden Sie nicht bei guter Zeit hinkommen.“ Er hielt das Pferd an und fragte den Arbeiter: „Wie weit iſt es noch bis Arras?“ „Beinahe noch ſieben gute Lieues.“ „Wie iſt das möglich? In dem Poſtbuche ſind doch nur fünf und eine Viertellieue angegeben.“ „Ach“, entgegnete der Chauſſeewärter,„Sie wiſſen nicht, daß die Straße ausgebeſſert wird? Eine Viertelſtunde von hier werden Sie ſie durchſchnitten finden. Keine Möglich⸗ keit, weiter zu kommen.“ „Wirklich nicht?“ „Sie müſſen links fahren, den Weg nach Careney und über den Fluß gehen; wenn Sie in Camblin ſind, wenden Sie ſich rechts, das iſt die Straße von Mont⸗Saint⸗Eloy, die nach Arras führt.“ „Aber bis dahin iſt es dunkel und ich verirre mich.“ „Sie ſind nicht aus der Gegend?“ „Nein.“ „Und dabei iſt es nur ein Feldweg. Hören Sie, mein Herr“, fuhr der Wegearbeiter fort,„wollen Sie, daß ich Ihnen einen Rath geben ſoll? Ihr Pferd iſt müde; kehren Sie zurück nach Tinques. Dort iſt ein gutes Wirthshaus. Uebernachten Sie da. Sie fahren dann morgen nach Arras.“ „Ich muß noch dieſen Abend dort ſein.“ „Das iſt etwas Anderes. Fahren Sie aber dennoch nach dem Wirthshauſe und nehmen Sie dort ein Vorſpann⸗ pferd. Der Stallknecht wird Ihnen den Weg zeigen.“ Er befolgte den Rath des Arbeiters und eine halbe Stunde darauf kam er an demſelben Orte vorüber, aber in ſtarkem Trabe mit einem guten Vorſpannpferde. Ein Stall⸗ burſche, welcher ſich Poſtillon nannte, ſaß auf der Deichſel der Carriole. 166 Dennoch fühlte er, daß er Zeit verlor. Es war ſchon ſchon ganz dunkel. Sie kamen auf den Feldweg. Er war abſcheulich. Die Carriole fiel aus einem Geleiſe in das andere. Er ſagte zu dem Poſtillon: „Immer Trab und doppeltes Trinkgeld.“ Bei einem Stoße brach das Ortſcheit. „Mein Herr“, ſagte der Poſtillon,„mein Ortſcheit iſt gebrochen; ich weiß nicht, wie ich mein Pferd anſchirren ſoll; dieſer Weg iſt in der Nacht ſehr ſchlecht; wenn Sie nach Tinques zurückkehren wollten, ſo würden wir morgen bei guter Zeit in Arras ſein.“ Er antwortete:„Haſt Du einen Strick und ein Meſſer?“ „Ja, mein Herr!“ Er ſchnitt einen Baumzweig ab und machte daraus einen Ortſcheit. Das war wieder ein Verluſt von zwanzig Minuten; aber ſie fuhren im Galopp weiter. Die Ebene war finſter. Dichte, niedrig ziehende und ſchwarze Nebel krochen über die Hügel hin und ſtiegen von denſelben auf wie Rauch. In den Wolken gab es weiß⸗ liche Streifen. Ein heftiger Wind, der von dem Meere her blies, machte in allen Ecken des Horizontes den Lärm eines Menſchen, der die Möbel verrückt. Alles, was man ſah, nahm die Haltung des Schreckens an. Wie viele Dinge erzitterten unter dem ſtarken Athem der Nacht! Die Kälte war durchdringend. Er hatte ſeit dem vorigen Tage nicht gegeſſen. Er erinnerte ſich undeutlich an jene andere nächtliche Wanderung auf der großen Ebene in der Umgegend von D., vor acht Jahren; und dies ſchien ihm geſtern geweſen zu ſein. Die gte zu heit iſt chirren in Sie norgen d ein daraus nuten; de und en von weiß⸗ Meere s den Alles, s an. m der t dem eutlich Ebene ſchien 167 Es ſchlug auf irgend einem entfernten Kirchthurm eine Uhr. Er fragte den Poſtillon: „Wie ſpät iſt es?“ „Sieben Uhr, mein Herr. Wir werden in Arras um acht Uhr ſein. Wir haben nur noch drei Lieues.“ In dieſem Augenblicke überlegte er zum erſten Mal — indem er es ſonderbar fand, wie ihm das nicht ſchon früher eingefallen war: Daß vielleicht alle die Mühe, welche er ſich gab, unnütz war; daß er nicht einmal die Stunde des Prozeſſes wußte; daß er ſich wenigſtens danach hätte erkundigen ſollen; daß es überſpannt von ihm wäre, ſo vorwärts zu eilen, ohne zu wiſſen, ob es zu irgend etwas nützen könnte.— Dann entwarf er in Gedanken einige Berechnungen:— daß gewöhnlich die Sitzungen der Aſſiſen um neun Uhr Morgens beginnen;— daß dieſe An⸗ gelegenheit nicht lange dauern könnte;— daß ein Aepfel⸗ diebſtahl ſehr kurz abgemacht werden müßte;— daß dann nur noch die Frage der Identität zu entſcheiden wäre;— vier oder fünf Ausſagungen, da blieb für die Advokaten wenig zu thun; daß er ankommen würde, wenn Alles be⸗ endigt wäre. Der Poſtillon peitſchte auf die Pferde. Sie waren über den Fluß gekommen und hatten Mont⸗Saint⸗Eloy hinter ſich gelaſſen. 8 Die Dunkelheit wurde immer dichter und dichter. 168 VI. Prüfung der Schweſter Simplicia. Indeß ſchwebte Fantine in eben dieſem Augenblick in Freude. Sie hatte eine ſchlechte Nacht gehabt. Furchtbarer Huſten, Verdoppelung des Fiebers; ſie hatte geträumt. Am Morgen, bei dem Beſuche des Arztes, phantaſirte ſie. Er ſah ſehr beunruhigt aus und befahl, ihn zu benachrich⸗ tigen, ſobald Herr Madeleine zurückkehrte. Den ganzen Morgen war ſie finſter, ſprach wenig, legte Falten in ihr Bettuch und murmelte mit leiſer Stimme Berechnungen, welche Berechnungen von Entfernungen zu ſein ſchienen. Ihre Augen waren eingefallen und ſtarr; ſie ſchienen beinahe erloſchen zu ſein; in einzelnen Augenblicken belebten ſie ſich und funkelten dann wie Sterne. Es ſcheint, als ob bei der Annäherung einer gewiſſen finſteren Stunde das Licht des Himmels Die erfüllte, welche das Licht der Erde verlaſſen ſollen. Jedesmal fragte die Schweſter Simplicia ſie, wie ſie ſich befände, und ſie antwortete unwandelbar darauf:„Gut, ich möchte Herrn Madeleine ſehen.“ Einige Monate zuvor, in jenem Augenblicke, als Fantine ihre letzte Keuſchheit, ihre letzte Scham und ihre letzte Freude verloren hatte, war ſie nur noch ein Schatten ihrer ſelbſt; jetzt war ſie ihr Geſpenſt. Das phyſiſche Uebel hatte das Werk des moraliſchen Uebels vervollſtändigt. Dieſes Geſchöpf von fünf und zwanzig Jahren hatte eine runzliche lick in ttharer .. Am te ſie. hrich⸗ legte imme en zu r; ſie blicken heint, tunde t der te ſie Gut, ntine letzte ihrer hatte ieſes icche Stirn, eingefallene Wangen, zuſammengezogene Naſenlöcher, loſe Zähne, ein bleifarbiges Geſicht, einen knochigen Hals, hervorſpringende Muskeln, ſchwächliche Glieder, erdfarbige Haut, und ihr blondes Haar war gemiſcht mit grauem. Ach, wie die Krankheit das Alter herbeiführt! Mittags kam der Arzt wieder, erließ einige Verord⸗ nungen, fragte, ob der Herr Maire in dem Krankenhauſe erſchienen ſei und ſchüttelte den Kopf. Herr Madeleine kam gewöhnlich um drei Uhr, die Kranken zu ſehen. Da Pünktlichkeit Güte iſt, war er pünktlich. Gegen zwei und ein halb Uhr begann Fantine unruhig zu werden. In der Zeit von zwanzig Minuten fragte ſie die Nonne öfter als zehn Mal: „Meine Schweſter, wie ſpät iſt es?“ Es ſchlug drei Uhr. Bei dem dritten Schlage richtete ſich Fantine in ihrem Bett auf, während ſie ſich ſonſt kaum umdrehen konnte; ſie faltete mit einer Art krampfhafter Umfaſſung ihre beiden fleiſchloſen gelben Hände, und die Nonne hörte aus ihrer Bruſt einen jener tiefen Seufzer aufſteigen, welche eine Laſt zu heben ſcheinen. Dann wendete Fantine ſich um und blickte nach der Thür. Niemand trat ein; die Thür öffnete ſich nicht. So blieb ſie eine Viertelſtunde, das Auge auf die Thür geheftet, regungslos und beinahe ihren Athem anhaltend. Die Schweſter wagte nicht zu ſprechen. An der Kirche ſchlug es ein Viertel auf Vier. Fantine ſank auf das Kopf⸗ kiſſen zurück. Sie ſagte nichts und legte wieder Falten in ihr Betttuch. Die halbe Stunde verging, dann die Stunde, und Niemand kam. So oft die Uhr ſchlug, richtete Fantine ſich in die Höhe und blickte nach der Thür; dann ſank ſie wieder zurück. Man erkannte deutlich ihre Gedanken, aber ſie ſprach — keinen Namen aus, ſie beklagte ſich nicht, ſie beſchuldigte Niemand. Nur huſtete ſie auf beängſtigende Weiſe. Man konnte glauben, es ließe ſich etwas Finſteres auf ſie herab. Sie war leichenblaß und hatte blaue Lippen. Zuweilen lächelte ſie. Es ſchlug fünf Uhr. Nun hörte die Schweſter, wie ſie leiſe und ſanft ſagte:„Aber da ich morgen ſcheide, hat er Unrecht, heute nicht zu kommen.“ Die Schweſter Simplicia ſelbſt wunderte ſich über die Zögerung des Herrn Madeleine. Indeß betrachtete Fantine von ihrem Bett aus den Himmel. Es ſchien, als ſuche ſie ſich an irgend Etwas zu erinnern. Plötzlich begann ſie mit leiſer Stimme, wie ein Hauch, zu ſingen. Die Nonne lauſchte. Fantine ſang eine alte Romanze, mit der ſie ehemals ihre kleine Coſette ein⸗ ſchläferte, und die ihrem Gedächtniß während der fünf Jahre, die ſie ihr Kind nicht mehr bei ſich hatte, entfallen war. Sie ſang mit einer ſo trüben Stimme, und mit einem ſo ſanften Weſen, daß es ſelbſt einer Nonne Thränen entlockte. Die barmherzige Schweſter, welche an ernſte Dinge gewöhnt war, fühlte eine Thräne in ihr Auge treten. Die Uhr ſchlug ſechs. Fantine ſchien es nicht zu hören. Es war, als achtete ſie nicht mehr auf irgend Etwas rings um ſich her. Die Schweſter Simplicia ſchickte ein Dienſtmädchen ab, um ſich bei der Thürhüterin der Fabrik erkundigen zu laſſen, ob der Herr Maire nicht zurückgekehrt ſei und ob er nicht bald nach dem Krankenſaale kommen würde. Das Mädchen kehrte nach einigen Minuten zurück. Fantine lag noch immer regungslos und ſchien auf Gedanken, die ſie hegte, zu achten. Die Magd ſagte leiſe zu der Schweſter Simplicia, der Maire wäre an eben dieſem Morgen vor ſechs Uhr in ldigte Man erab. eilen ie ſie at er er die 3 den as zu ie ein eine e ein⸗ fünf ffallen mit ranen ernſte Auge ht zu Etwas üdchen gen zu ob er Das n auf plicia, Ahr in einem kleinen mit einem Schimmel beſpannten Tilbury, der Kälte ungeachtet, verreiſt. Er wäre allein gefahren, ſelbſt ohne Kutſcher. Man wüßte nicht, welchen Weg er ein⸗ geſchlagen hätte, doch ſagten einige Leute, ſie hätten ihn die Straße nach Arras nehmen ſehen, während Andere ver⸗ ſicherten, ihm auf der Straße nach Paris begegnet zu ſein. Bei der Abfahrt wäre er wie gewöhnlich geweſen, ſehr ſanft, und hätte nur zu der Thürhüterin geſagt, man ſollte ihn dieſe Nacht nicht erwarten. Während die beiden Frauen, den Rücken gegen das Bett Fantinen's gewendet, mit einander flüſterten, die Schweſter fragend, die Magd Vermuthungen aufſtellend, hatte Fantine ſich mit jener fieberhaften Lebhaftigkeit ge⸗ wiſſer organiſcher Krankheiten, welche die freien Bewegungen der Geſundheit mit der entſetzlichen Schwäche des Todes miſcht, in ihrem Bett auf die Knie gelegt, ihre beiden ge⸗ ballten Hände auf das Kiſſen gedrückt und den Kopf zwiſchen die Vorhänge hindurch geſteckt. Sie horchte. Plötzlich ſchrie ſie auf: „Sie ſprechen da von Herrn Madeleine! Weshalb ſprechen Sie leiſe? Was hat er gethan? Weshalb kommt er nicht?“ Ihre Stimme war ſo barſch und ſo rauh, daß die bei⸗ den Frauenzimmer eine Mannesſtimme zu hören glaubten. Sie wendeten ſich erſchrocken um. „Antwortet doch!“ rief Fantine. Die Magd ſtammelte: „Die Thürhüterin hat mir geſagt, er könnte heute nicht kommen.“ „Mein Kind,“ ſagte die barmherzige Schweſter,„halten Sie ſich ruhig; legen Sie ſich wieder nieder.“ Ohne ihre Stellung zu verändern, entgegnete Fantine mit lauter Stimme und mit einem zugleich gebieteriſchen und herzzerreißenden Tone: 172 „Er könnte nicht kommen? Weshalb nicht? Sie wiſſen den Grund; Sie flüſtern ihn einander zu. Ich will ihn wiſſen.“ Die Mangd ſagte der Nonne raſch in das Ohr: „Antworten Sie, er ſei auf dem Rathhauſe beſchäftigt.“ Die Schweſter Simplicia erröthete leiſe; es war eine Lüge, welche die Magd ihr zumuthete. Auf der anderen Seite ſchien es ihr, als würde es der Kranken einen fürch⸗ terlichen Schlag verſetzen, wenn ſie ihr die Wahrheit ſagte, und das war ſehr ernſt bei dem Zuſtande, in dem ſich Fan⸗ tine befand; die Röthe währte indeß nur kurze Zeit. Die Schweſter richtete auf Fantine ihr ruhiges träumeriſches Auge und ſagte: „Der Herr Maire iſt verreiſt.“ Fantine richtete ſich auf und ſetzte ſich auf die Hacken. Ihre Augen funkelten. Eine unendliche Freude ſtrahlte aus dieſem ſchmerzerfülltem Geſichte. „Verreiſt!“ rief ſie,„er holt Coſette.“ Dann ſtreckte ſie beide Hände gen Himmel und ihr gan⸗ zes Geſicht wurde unausſprechlich. Ihre Lippen bewegten ſich; ſie betete mit leiſer Stimme. Als ihr Gebet beendigt war, ſagte ſie:„Meine Schweſter, ich will mich wieder niederlegen; ich will Alles thun, was man verlangt. Soeben war ich boshaft; ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich ſo laut geſprochen habe; es iſt ſehr unrecht, laut zu ſprechen. Ich weiß es wohl, meine gute Schweſter, aber ſehen Sie, ich bin ſehr zufrie⸗ den. Was Gott thut, iſt gut. Herr Madeleine iſt gut; denken Sie ſich, er iſt nach Montfermeil gegangen, um meine kleine Coſette zu holen.“ Sie legte ſich wieder nieder, half der Nonne ihr Kopf⸗ kiſſen zurechtlegen und küßte ein kleines ſilbernes Kreuz, welches ſie um den Hals trug und das die Schweſter Sim⸗ plicia ihr geſchenkt hatte. 173 „Mein Kind,“ ſagte die Schweſter,„verſuchen Sie jetzt zu ruhen und ſprechen Sie nicht.“ Fantine nahm in ihre feuchten Hände die Hand der Schweſter, welche mit Schmerz den Schweiß fühlte. „Er iſt dieſen Morgen abgefahren, um nach Paris zu gehen. In der That braucht er nicht einmal über Paris zu fahren. Montfermeil liegt von hier etwas links. Sie erinnern ſich wohl, wie er mir geſtern, als ich von Coſette ſprach, ſagte:„Bald! Bald!“ Das iſt eine Ueberraſchung, die er mir bereiten will. Sie wiſſen doch? Er hat mich einen Brief unterſchreiben laſſen, um die Kleine von den Thénardiers abzuholen. Sie werden nichts dagegen zu ſa⸗ gen haben, nicht wahr? Sie werden Coſette herausgeben, ſie ſind ja bezahlt. Die Behörden werden nicht dulden, daß man ein Kind behält, wenn man bezahlt iſt. Meine Schweſter, geben Sie mir kein Zeichen, daß ich nicht ſprechen ſoll. Ich bin außerordentlich glücklich. Ich fühle mich ſehr wohl, habe durchaus keine Schmerzen mehr, werde meine Coſette ſehen und bin ſogar ſehr hungrig. Ich habe ſie ſeit beinahe fünf Jahren nicht geſehen. Sie können ſich nicht denken, wie man an den Kindern hängt! Und dann wird ſie auch ſo niedlich ſein; Sie ſollen ſehen! Wenn Sie wüßten, ſie hat ſo hübſche kleine roſige Finger! Sie wird gewiß ſehr ſchöne Hände haben. Mit einem Jahre hatte ſie lächerlich kleine Hände. So!— Sie muß jetzt recht groß ſein. Sie iſt ſieben Jahr. Sie iſt ein Fräulein. Ich nenne ſie Coſette, aber ſie heißt Euphraſia. Sehen Sie, dieſen Mor⸗ gen betrachtete ich den Staub, der auf dem Kamine liegt, und da hatte ich den Gedanken, daß ich Coſette bald wieder ſehen würde. Mein Gott, wie unrecht man thut, Jahre lang zu leben, ohne ſein Kind zu ſehen! Man ſoll wohl überlegen, daß das Leben nicht ewig dauert. Ach, wie gut der Herr Maire iſt, daß er reiſte! Es iſt wahr, es iſt ſehr kalt! Hat er wenigſtens ſeinen Mantel? Er wird morgen 174 hier ſein, nicht wahr? Morgen iſt Feſttag. Morgen früh, meine Schweſter, erinnern Sie mich daran, mein kleines Häubchen, das mit den Spitzen, aufzuſetzen. Montfermeil iſt ein Dorf. Ich habe den Weg in jener Zeit zu Fuß ge⸗ macht. Für mich war er ſehr lang. Aber die Diligencen fahren ſo ſchnell! Er wird morgen mit Coſette hier ſein. Wie weit iſt von hier bis Montfermeil?“ Die Schweſter, welche keinen Begriff von der Entfer⸗ nung hatte, antwortete: „O, ich glaube wohl, daß er morgen hier ſein kann.“ „Morgen! Morgen!“ ſagte Fantine;„ich werde Co⸗ ſette morgen ſehen! Hören Sie, meine gute Schweſter des lieben Gottes, ich bin nicht mehr krank. Ich bin wahnſinnig. Ich würde tanzen, wenn man wollte.“ Jemand, der ſie eine Viertelſtunde zuvor geſehen hätte, würde nichts davon begriffen haben. Sie war jetzt ganz roſig. Sie ſprach mit lebhafter natürlicher Stimme. Ihr ganzes Geſicht war nur ein Lächeln. Zuweilen lachte ſie, indem ſie ganz leiſe ſprach. Mutterfreude, beinahe kindliche Freude! „Nun wohl,“ ſagte die Nonne,„Sie ſind jetzt glücklich; nun folgen Sie mir auch und ſprechen Sie nicht mehr.“ Fantine legte den Kopf auf das Kiſſen und ſagte mit leiſer Stimme:„ZJa, lege dich wieder nieder und ſei ver⸗ ſtändig, weil du dein Kind haben ſollſt. Sie hat Recht, die Schweſter Simplicia. Alle die, welche hier ſind, haben Recht.“ — Und ohne ſich zu rühren, ohne den Kopf zu bewegen, ſah ſie dann mit ihren großen weit geöffneten Augen und mit freudigem Blicke Alles ringsumher an und ſagte nichts mehr. Die Schweſter zog die Vorhänge zu, indem ſie hoffte, daß ſie ſich beruhigen würde. Zwiſchen ſieben und acht Uhr kam der Arzt wieder. Da er kein Geräuſch hörte, glaubte er, Fantine ſchlafe, trat leiſe ein und näherte ſich ihrem Bett auf den Fußſpitzen. Er zog die Vorhänge auseinander früh, leines rmeil ß ge⸗ encen ſein. ntfer⸗ ann.“ 2 Co⸗ r des nnig. hätte, ganz Ihr ſie⸗ liche klich; mit ver⸗ „die ſcht.“ egen, und ichts offte, Uhr ꝛubte hrem nder 175 und bei dem Schein der Nachtlampe ſah er die großen ru⸗ higen Augen Fantinens, die ihn anblickten. Sie ſagte zu ihm:„Nicht wahr, man wird ſie hier neben mir in einem kleinen Bett ſchlafen laſſen?“ Der Arzt glaubte, ſie phantaſire. Sie fügte hinzu: „Sehen Sie nur, es iſt gerade genuge Platz dazu.“ Der Arzt zog die Schweſter Simplicia bei Seite, die ihm die Sache erklärte; Herr Madeleine ſei auf einen oder zwei Tage abweſend, und in dem Zweifel hätte man ge⸗ glaubt, die Kranke, welche vermuthete, der Maire ſei nach Montfermeil gereiſt, nicht enttäuſchen zu dürfen; es ſei übrigens auch möglich, daß ſie richtig gerathen hätte; der Arzt billigte dies. Er näherte ſich darauf wieder dem Bett Fantinens, welche ſagte: „Sehen Sie, es iſt, weil ich am Morgen, wenn ſie erwachte, dem kleinen Kätzchen guten Tag ſagen könnte, und Nachts würde ich, da ich nicht ſchlafe, ſie ſchlafen hören. Ihr kleiner Athem iſt ſo ſanft, das würde mir gut thun.“ „Geben Sie mir Ihre Hand,“ ſagte der Arzt. Sie ſtreckte ihre Arme aus und rief lächelnd: „Ach ja, es iſt wirklich wahr, Sie wiſſen nicht! Ich bin geneſen. Coſette wird morgen kommen.“ Der Arzt war überraſcht. Sie befand ſich beſſer, der Druck war geringer, der Puls hatte wieder Kraft gewonnen. Eine Art plötzlich eingetretenen Lebens hatte das arme er⸗ ſchöpfte Weſen neu geſtärkt. „Herr Doctor,“ fuhr ſie fort,„hat Ihnen die Schweſter geſagt, daß der Herr Maire verreiſt iſt, um das kleine Ding zu holen?“ Der Arzt empfahl Schweigen und die Vermeidung jeder peinlichen Aufregung. Er verordnete einen Aufguß von rei⸗ nem China, und für den Fall, daß das Fieber in der Nacht zurückkehren ſollte, ein beruhigendes Getränk. Dann ent⸗ 176 fernte er ſich, indem er zu der Schweſter ſagte:„Es geht beſſer. Wenn das Glück wollte, daß der Herr Maire mor⸗ gen mit dem Kinde käme, wer weiß— es giebt ſo über⸗ raſchende Kriſen. Man hat ſchon geſehen, daß große Freude plötzlich Krankheiten hemmt; ich weiß wohl, daß dies eine organiſche Krankheit iſt und ſehr weit vorgeſchritten. Aber es giebt bei dem Allen ſo viele Myſterien! Wir retten ſie vielleicht.“ VII. Der angekommene Reiſende trifft ſeine Vorkehrungen, um wieder abzureiſen. Es war beinahe acht Uhr Abends, als die Carriole, die wir auf der Straße verließen, in Arras in den Thor⸗ weg des Poſthauſes einfuhr; der Mann, den wir bis zu dieſem Augenblick folgten, ſtieg ab, antwortete mit zerſtreu⸗ tem Weſen auf die dringenden Fragen der Leute des Wirths⸗ hauſes, ſchickte das Vorſpannpferd fort und führte ſelbſt den kleinen Schimmel nach dem Stall; dann öffnete er die Thür eines Billardzimmers, welches im Erdgeſchoſſe lag, ſetzte ſich und ſtützte die Ellenbogen auf den Tiſch. Er hatte vierzehn Stunden zu der Reiſe gebraucht, die er in ſechs zurückzulegen rechnete. Er ließ ſich die Gerechtigkeit widerfahren, daß dies nicht ſeine Schuld fei. Aber im Grunde war er nicht bös darüber. Die Wirthin trat ein. geht nor⸗ ber⸗ ude ene Aber ſie 177 „Schläft der Herr hier? Ißt der Herr zu Abend?“ Er machte eine verneinende Kopfbewegung. „Der Stallknecht ſagt, daß das Pferd des Herrn ſehr erſchöpft iſt.“ Er brach das Schweigen. „Kann das Pferd morgen früh nicht wieder auf⸗ brechen?“ „Ach, mein Herr, es bedarf wenigſtens zwei Tage Ruhe.“ Er fragte:„Iſt nicht hier das Poſtbüreau?“ „Ja, mein Herr.“ Die Wirthin führte ihn nach dieſem Büreau. Er zeigte ſeinen Paß und erkundigte ſich, ob es nicht möglich ſei, noch dieſe Nacht nach M. am M. mit der Poſt zurück⸗ zufahren. Der Platz neben dem Courier war zufällig un⸗ beſetzt. Er nahm ihn und bezahlte ihn. „Mein Herr,“ ſagte der Beamte,„verfehlen Sie nicht, pünktlich um ein Uhr morgen früh hier zu ſein.“ Als dies geſchehen war, verließ er das Hotel und ging durch die Stadt. Er kannte Arras nicht. Die Straßen waren finſter, und er ließ ſich vom Zufall leiten. Indeß ſchien er es hartnäckig zu vermeiden, die Vorübergehenden nach dem Wege zu fragen. Er ging über den kleinen Fluß Crinchon und befand ſich in dem Gewirre enger Gäßchen, in denen er ſich verirrte. Ein Bürger trug eine Stocklaterne. Nach einigem Zögern entſchloß er ſich, dieſen Bürger anzureden, nicht ohne vorher vor und hinter ſich geſehen zu haben, als ob er fürchtete, daß Jemand die Frage hören möchte, die er thun wollte. 4 „Mein Herr,“ ſagte er,„wo iſt der Juſtizpalaſt?“ „Sie ſind nicht aus der Stadt, mein Herr?“ erwiederte der Bürger, der ein ziemlich alter Mann war.„Nun wohl, ſo folgen Sie mir. Ich gehe nach der Richtung des Juſtiz⸗ 12 Die Elenden. II. 178 palaſtes, das heißt nach der Seite von dem Präfectur⸗ gebäude; denn der Juſtizpalaſt wird ausgebeſſert und pro⸗ viſoriſch werden die Sitzungen des Tribunals in der Prä⸗ fectur gehalten.“ „Sind dort,“ fragte Madeleine,„die Aſſiſen?“ „Ohne Zweifel, mein Herr; ſehen Sie, was jetzt die Präfectur iſt, das war vor der Revolution der biſchöflliche Palaſt. Herr von Conzié, der 1782 Biſchof war, hat dort einen großen Saal bauen laſſen. In dieſem großen Saale richtet man jetzt.“ Während des Weges ſagte der Bürger: „Wenn der Herr einen Prozeß ſehen will, ſo iſt es ein wenig ſpät. Gewöhnlich endigen die Sitzungen um ſechs Uhr.“ Als ſie auf den Platz kamen, zeigte der Bürger auf vier hohe beleuchtete Fenſter in der Front eines großen dunklen Gebäudes. „Meiner Treu, mein Herr,“ ſagte er,„Sie kommen noch zu rechter Zeit; Sie haben Glück. Sehen Sie dieſe vier Fenſter? Dort iſt das Aſſiſengericht. Es iſt Licht darin, alſo iſt die Sache noch nicht zu Ende. Die Ange⸗ legenheit wird ſich in die Länge gezogen haben und man hält deshalb eine Abendſitzung. Sie intereſſiren ſich für dieſe Angelegenheit? Iſt es ein Kriminalprozeß? Sind Sie Einer der Zeugen?“ Er antwortete:„Ich komme wegen keiner Angelegenheit; ich will nur mit einem Advokaten ſprechen.“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte der Bürger.„Sehen Sie, mein Herr, da iſt die Thür, wo die Schildwache ſteht. Sie brauchen nur die große Treppe hinaufzugehen.“ Er richtete ſich nach den Andeutungen des Bürgers und einige Minuten darauf war er in einem Saal, in wel⸗ chem ſich viele Menſchen befanden, und in dem Gruppen, tur⸗ liche dort ers vel⸗ en, 179 unter welche ſich Advokaten in ihren Amtsgewändern miſch⸗ ten, hier und dort flüſterten. Es iſt ſtets etwas Herzbedrückendes, dieſe ſchwarzge⸗ kleideten Gruppen von Männern zu ſehen, die mit leiſer Stimme auf der Schwelle des Gerichts mit einander flüſtern. Selten ertönen Mitleid und Barmherzigkeit aus all dieſen Worten. Am meiſten hört man im Voraus ausgeſprochene Verurtheilungen. Alle dieſe Gruppen ſcheinen für den Be⸗ obachter, der vorübergeht und träumt, eben ſo viele finſtere Bienenkörbe zu ſein, in denen ſummende Geiſter gemein⸗ ſchaftlich alle Arten von finſteren Gebäuden aufführen. Dieſer Saal, der geräumig war und nur von einer einzigen Lampe erleuchtet wurde, war ein ehemaliger Saal des Bisthums und diente als Warteſaal. Eine Flügelthür, die in dieſem Augenblicke geſchloſſen war, trennte ihn von dem großen Gemache, in welchem der Aſſiſenhof ſeine Sitzung hielt. Die Dunkelheit war ſo groß, daß er ſich nicht ſcheute, ſich an den erſten Advokaten, der ihm begeg⸗ nete, zu wenden. „Mein Herr,“ ſagte er, wie weit iſt man?“ „Die Sache iſt zu Ende,“ ſagte der Advokat. „Zu Ende!“ Dieſes Wort wurde mit einem ſolchen Tone geſprochen, daß der Advokat ſich umwendete. „Verzeihung, mein Herr, ſind Sie vielleicht ein Ver⸗ wandter?“ „Nein, ich kenne hier Niemand. Und hat eine Ver⸗ urtheilung ſtattgefunden?“ „Ohne Zweifel. Es war nicht anders möglich.“ „Zu Zwangsarbeit?“ „Auf Lebenszeit.“ Er entgegnete mit ſchwacher Stimme, daß man ihn kaum verſtehen konnte: „Die Identität iſt alſo erwieſen worden?“ 12* 180 „Welche Identität?“ entgegnete der Advokat.„Es war keine Identität zu beweiſen. Die Angelegenheit war ganz einfach. Das Weib hatte ihr Kind getödtet, der Mord war erwieſen, die Geſchwornen haben den Vorbedacht ab⸗ gewieſen und man hat ſie zu lebenslänglicher Strafe ver⸗ urtheilt.“ „Es war alſo ein Weib,“ ſagte er. „Ganz gewiß. Die unverehelichte Limoſin. Von was ſprachen Sie denn?“ „Von nichts. Doch wenn es zu Ende iſt, wie kommt es denn, daß der Saal noch erleuchtet iſt?“ „Wegen der andern Angelegenheit, die man ſeit un⸗ gefähr zwei Stunden begonnen hat.“ „Was für eine andere Angelegenheit?“ „O, das iſt auch klar. Es iſt eine Art von Schuft, ein Rückfälliger; ein Galeerenſträfling, der geſtohlen hat. Ich weiß ſeinen Namen nicht mehr. Er hat eine wahre Banditenmiene. Wenn ich dies Geſicht blos ſähe, würde ich ihn auf die Galeeren ſchicken.“ „Mein Herr,“ fragte er, giebt es ein Mittel, in den Saal zu gelangen?“ „Ich glaube wahrlich nicht. Es iſt eine große Menge zugegen. Indeß, die Sitzung wurde unterbrochen. Es ſind Leute herausgekommen. Bei der Wiederaufnahme der Sitzung könnten Sie es verſuchen.“ „Wo tritt man ein?“ „Durch dieſe große Thür.“ Der Advokat verließ ihn. Während einiger Zeit hatte er beinahe zu gleicher Zeit, doch auch beinahe gemiſcht, alle möglichen Aufregungen empfunden. Die Worte dieſes Gleichgültigen waren ihm wechſelweiſe durch das Herz gefahren wie eiskalte Stacheln und wie Feuerzungen. Als er ſah, daß nichts beendigt 181 war, athmete er auf; allein er hätte nicht zu ſagen vermocht, ob das, was er empfand, Befriedigung ſei, oder Schmerz. Er näherte ſich mehreren Gruppen und hörte auf das, was man ſprach. Da die Liſte für dieſe Sitzungen ſehr ſtark war, hatte der Tribunalspräſident für dieſen Tag zwei einfache und kurze Angelegenheiten bezeichnet. Man hatte den Anfang mit dem Kindermorde gemacht, und jetzt war man bei dem Galeerenſträfling, dem Rückfälligen. Dieſer Menſch hatte Aepfel geſtohlen, doch das ſchien nicht ganz erwieſen zu ſein; nur ſo viel war dargethan, daß er ſchon auf den Galeeren von Toulon geweſen war, und das machte ſeine Angelegenheit ſchlimm. Uebrigens war das Verhör des Menſchen ebenſo beendigt wie die Ausſagen der Zeugen, aber noch ſtanden die Vertheidigung des Advokaten und die Anträge des öffentlichen Beamten bevor; es konnte kaum vor Mitternacht zu Ende ſein. Der Menſch würde wahr⸗ ſcheiulich verurtheilt werden; der General⸗Advokat wäre ſehr gut; er verfehlte ſeinen Angeklagten nicht; es wäre ein Menſch von Geiſt, der Verſe machte. Ein Thürhüter ſtand unter der Thür, welche in den Aſſiſenſaal führte. Er fragte dieſen: „Mein Herr, wird die Thür nicht bald geöffnet werden?“ „Sie wird gar nicht geöffnet,“ ſagte der Thürhüter. „Wie! Man öffnet die Thür nicht bei der Wieder⸗ aufnahme der Sitzung? Wurde die Sitzung nicht unter⸗ brochen?“ „Die Sitzung iſt ſo eben wieder aufgenommen wor⸗ den,“ antwortete der Thürhüter, aber die Thür wird nicht geöffnet.“ „Weshalb nicht?“ „Weil der Saal voll iſt.“ „Wie! Es giebt keinen Platz mehr?“ „Nicht einen einzigen. Die Thür iſt geſchloſſen, und es kann Niemand mehr hinein.“ Der Thürhüter fügte nach einigem Schweigen hinzu: „Es giebt wohl noch zwei oder drei Plätze hinter dem Herrn Präſidenten, aber der Herr Präſident geſtattet nur öffentlichen Beamten den Zutritt.“ Als der Thürhüter dies geſagt hatte, wendete er ihm den Rücken. Herr Madeleine zog ſich mit geſenktem Kopfe zurück, durchſchritt das Vorzimmer, ging langſam die Treppe wie⸗ der hinab, als ob er bei jeder Stufe zögerte. Wahrſchein⸗ lich hielt er Rath mit ſich ſelbſt. Der heftige Kampf, der in ſeinem Innern ſeit dem vorhergehenden Tage entbrannt war, war noch nicht zu Ende; jeden Augenblick machte er einen neuen Umſchwung deſſelben durch. Als er auf den Abſatz der Treppe kam, lehnte er ſich gegen die Brüſtung und kreuzte die Arme. Plötzlich öffnete er ſeinen Ueberrock, zog ſeine Brieftaſche hervor, nahm einen Bleiſtift, riß ein Blatt heraus und ſchrieb raſch auf dieſes Papier bei dem Scheine der Laterne die Zeilen: Herr Madeleine, Maire in M. am NM. Dann ging er raſch die Treppe wieder hinauf, drängte ſich durch die Menge, ſchritt gerade auf den Thürhüter zu, übergab ihm das Papier und ſagte mit dem Tone der Autorität:„Bringen Sie dies dem Herrn Präſidenten.“ Der Thürhüter nahm das Papier, warf einen Blick darauf und gehorchte. VIII. Begünſtigung. Ohne es zu ahnen, beſaß der Maire von M. am M. eine Art von Berühmtheit. Seit ſieben Jahren erfüllte der Ruf ſeiner Tugend ganz Nieder⸗Boulonnais und hatte end⸗ lich die Grenzen des kleinen Diſtrictes überſchritten und ſich in zwei oder drei benachbarten Bezirken verbreitet. Außer dem weſentlichen Dienſte, den er dem Hauptorte leiſtete, indem er die Induſtrie der ſchwarzen Glasmacherei dort wieder in Schwung brachte, gab es nicht eine der hundert ein und vierzig Gemeinden des Arrondiſſements von M. am M., die ihm nicht irgend eine Wohlthat verdankt hätte. Im Falle der Noth hatte er ſelbſt die Induſtrie der ande⸗ ren Bezirke zu unterſtützen und zu befördern verſtanden. So unterſtützte er gelegentlich durch ſeinen Credit und durch ſeine Fonds die Tüllfabrik in Boulogne, die mechaniſche Flachsſpinnerei in Frevent und die hydrauliſche Leinwand⸗ fabrik in Boubers⸗ſur⸗Canche. Ueberall ſprach man mit Verehrung den Namen des Herrn Madeleine aus. Arras und Douai beneideten der kleinen glücklichen Stadt M. am M. ihren Maire. Der Rath am königlichen Gerichtshof von Douai, welcher bei dieſer Aſſiſenſitzung in Arras den Vorſitz führte, kannte, wie alle Welt, den ſo innig und ſo allgemein ver⸗ ehrten Namen. Als der Thürhüter, behutſam die Thür öff⸗ nend, die aus dem Berathungsſaale in den Sitzungsſaal führte, ſich über den Armſeſſel des Präſidenten neigte und 184 ihm das Papier übergab, auf welches die erwähnte Zeile geſchrieben ſtand, indem er hinzufügte:„Dieſer Herr wünſcht der Sitzung beiwohnen zu dürfen,“ machte der Präſident eine lebhafte Bewegung der Zuſtim⸗ mung, ergriff eine Feder, ſchrieb einige Worte an den un⸗ teren Rand des Papiers und übergab es dem Thürhüter, indem er ſagte:„Laſſen Sie den Herrn eintreten.“ Der unglückliche Mann, deſſen Geſchichte wir hier erzählen, war an der Thür des Saales auf eben der Stelle und in eben der Haltung ſtehen geblieben, in welcher der Thürhüter ihn verlaſſen hatte. Er hörte in ſeiner Träu⸗ merei, wie Jemand zu ihm ſagte:„Wollen der Herr mir die Ehre erzeigen, mir zu folgen?“ Es war derſelbe Thür⸗ hüter, der ihm einen Augenblick zuvor den Rücken gewendet hatte, und der ihn jetzt bis zum Boden grüßte. Zugleich übergab er ihm das Papier. Er entfaltete es, und da er ſich in der Nähe einer Lampe befand, konnte er leſen:„Der Präſident des Aſſiſſengerichts verſichert Herrn Madeleine ſeiner Achtung.“ Er drückte das Papier in der Hand zuſammen, als ob dieſe Worte für ihn einen eigenthümlichen und bitteren Bei⸗ geſchmack gehabt hätten. Er folgte dem Thürhüter. Einige Minuten darauf befand er ſich allein in einem getäfelten Kabinet von finſterem Ausſehen, beleuchtet durch zwei Kerzen, die auf einem Tiſche ſtanden, der mit einem grünen Teppich behangen war. Noch tönten ihm an den Ohren die letzten Worte des Thürhüters, der, indem er ihn verließ, ſagte: „Mein Herr, Sie befinden ſich hier in dem Rathe⸗ zimmer; Sie brauchen nur den kupfernen Griff an jener Thür zu drehen und Sie ſind in dem Sitzungsſaale hinter dem Armſeſſel des Herrn Präſidenten.“ Dieſe Worte miſchten ſich in ſeine Gedanken mit einer ¹85 unbeſtimmten Erinnerung von engen Gängen und ſchwarzen Treppen, die er ſoeben durchſchritten. Der Thürhüter hatte ihn allein gelaſſen. Der ent⸗ ſcheidende Augenblick war gekommen. Er ſuchte ſich zu ſammeln, ohne daß es ihm gelingen wollte; beſonders in den Stunden, in denen man es am meiſten bedurfte, ſich an die brennenden Wirklichkeiten des Lebens anzuklammern, zer⸗ reißen in dem Hirn alle Fäden des Gedankens. Er be⸗ fand ſich an dem Orte ſelbſt, an welchem die Richter ſich berathen und ihre Urtheile fällen. Er betrachtete mit einer einfältigen Ruhe das friedliche und furchtbare Zimmer, in welchem ſo viele Exiſtenzen zertrümmert worden waren, in welchem ſogleich ſein Name ertönen ſollte und das in dieſem Augenblick ſein Schickſal durchſchritt. Er betrachtete die Mauer, dann ſich ſelbſt und wunderte ſich, daß es dies Zimmer und daß er es ſei. Er hatte ſeit länger als vierundzwanzig Stunden nichts gegeſſen und war durch die Stöße der Carriole wie zer⸗ ſchlagen, aber er fühlte es nicht; es ſchien ihm, als empfinde er gar nichts. Er näherte ſich einer ſchwarzen Tafel, auf welcher unter Glas ein alter eigenhändiger Brief von Jean Nicolas Pache hing, Maire von Paris und Miniſter, datirt, ohne Zweifel aus Irrthum, vom 9. Juni Jahr II., und in welchem Pache der Gemeinde die Liſte der Miniſter und Deputirten überſchickte, die in Haft gehalten wurden. Ein Zeuge, der ihn hätte ſehen können, und der ihn in dieſem Augenblicke beobachtete, würde ſich ohne Zweifel eingebildet haben, daß dieſer Brief ihm ſehr merkwürdig erſchienen, denn er wendete die Augen nicht davon ab und las ihn zwei oder drei Mal. Er las ihn, ohne darauf zu achten und ohne es ſelbſt zu wiſſen. Er dachte an Fantine und an Coſette. Träumiend wendete er ſich um und erblickte den kupfer⸗ 186 nen Griff der Thür, die ihn von dem Sitzungsſaale ſchied. Er hatte dieſe Thür beinahe vergeſſen. Sein Blick, der Anfangs ruhig war, richtete ſich darauf, blieb auf den Griff geheftet, wurde dann beſtürzt und ſtarr und ſprach zuletzt Schrecken aus. Schweißtropfen drangen unter ſeinen Haa⸗ ren hervor und rieſelten ihm über die Schläfe. In einem gewiſſen Augenblicke machte er mit einer Art von Autorität gemiſcht mit Widerſtand eine Bewegung, welche ſagen zu wollen ſchien:„Wahrlich! Wer zwingt dich deun dazu?“ Dann kehrte er ſich ſchnell um, ſah vor ſich die Thür, durch welche er eingetreten war, ging auf dieſelbe zu, öffnete ſie und entfernte ſich. Er war nicht mehr in dem Zimmer; er war außerhalb deſſelben, in einem langen ſchmalen Gange, unterbrochen von Stuben und kleinen Thüren, die alle möglichen Winkel bildeten, hier und dort beleuchtet durch Laternen, welche den Nachtlampen der Kran⸗ ken glichen. Er befand ſich auf eben dem Gange, durch den er eingetreten war. Er athmete auf, er lauſchte; kein Geräuſch hinter ihm, kein Geräuſch vor ihm; er entfloh, als ob man ihn verfolgte. Als er um mehrere Ecken dieſes Ganges gebogen war, horchte er wieder. Noch immer daſſelbe Schweigen, dieſelben Schatten rings um ihn her. Er war athemlos, er taumelte, er lehnte ſich an die Wand. Der Stein war kalt, der Schweiß auf ſeiner Stirn war eiſig; er richtete ſich wieder empor. Jetzt hier, allein, aufrecht ſtehend in dieſer Finſterniß zitternd vor Froſt, und vielleicht auch noch aus einer andern Urſache, dachte er. Er hatte die ganze Nacht gedacht, er hatte den ganzen Tag gedacht; er hörte in ſich nur eine Stimme, welche ſagte:„Ach, leider!“ So verfloß eine Viertelſtunde. Endlich ſenkte er den Kopf, ſeufzte qualvoll, ließ die Arme herabhängen und ging ſchied. k, der Griff zuletzt Haa⸗ ner Art vdegung, wingt n, ſah „Fing ar nicht neinem kleinen nd dort Kran⸗ durch ; kein wüfloh, n war, teſelben umelte, t, der wieder ſterniß andern ganzen welche er den d ging 187 wieder zurück. Er ging langſam und wie niedergeſchlagen. Es ſchien, als hätte ihn Jemand auf ſeiner Flucht ereilt und holte ihn zurück. Er trat wieder in das Berathungszimmer. Das Erſte, was er bemerkte, war der Thürgriff. Dieſer Griff, der rund und von polirtem Kupfer war, funkelte für ihn wie ein furchtbarer Stern. Er ſtarrte ihn an wie ein verirrtes Schaf das Auge des Tigers. Er konnte ſeine Augen nicht davon abwenden. Von Zeit zu Zeit machte er einen Schritt und näherte ſich der Thür. Wenn er gehorcht hätte, ſo würde er wie eine Art verworrenen Gemurmels in dem anſtoßenden Saale ver⸗ nommen haben; aber er horchte nicht und er hörte auch nichts. Plötzlich und ohne daß er es ſelbſt wußte, wie das ge⸗ ſchah, befand er ſich an der Thür und erfaßte krampfhaft den Griff, die Thür öffnete ſich. Er war in dem Sitzungsſaale. IX. Ein Ort, an welchem ſich Ueberzeugungen zu bilden anfangen. Er that einen Schritt, ſchloß maſchinenmäßig die Thür hinter ſich und blieb aufrecht ſtehend, das betrachtend, was er ſah. H 1 A 1 — 1 1 188 Es war ein ziemlich umfangreicher Raum, kaum be⸗ leuchtet, bald erfüllt von Lärmen, bald in tiefes Schweigen gehüllt, und in welchem das ganze Weſen eines Criminal⸗ prozeſſes ſich mit ſeinem kleinlichen und finſtern Ernſte in der Mitte einer zahlreichen Menſchenmenge entwickelte. An einem Ende des Saales, an dem, wo er ſich be⸗ fand, biſſen Richter in abgeſchabtem Gewande ſich die Nägel, oder ſchloſſen die Augen; am andern Ende ſtand eine zer⸗ lumpte Menge. Advokaten in allen Haltungen; Soldaten mit rechtſchaffenem und hartem Geſicht; altes fleckiges Tafel⸗ werk, eine ſchmutzige Decke, Tiſche, mit mehr gelber als grüner Serge behangen, Thüren, geſchwärzt durch die Hände, an Nägeln, die in dem Tafelwerk angebracht waren, ver⸗ breiteten Lampen mehr Rauch als Helligkeit; auf den Tiſchen Lichter in kupfernen Leuchtern; Finſterniß, Häßlichkeit, Traurigkeit; und aus alledem entwickelte ſich ein ſtrenger, erhabener Eindruck, denn man fühlte hier, die eine große menſchliche Sache, die man das Geſetz nennt, und jene große göttliche Sache, welche man die Gerechtigkeit nennt. Niemand in dieſer Menge achtete auf ihn. Alle Blicke wendeten ſich auf einen einzigen Punkt, eine hohe hölzerne Bank, die ſich von einer kleinen Thür längs der Mauer links von dem Präſidenten hinzog. Auf dieſer Bank, die von mehreren Lichtern beleuchtet wurde, ſaß ein Menſch zwiſchen zwei Gensdarmen. Dieſer Menſch war der Angeklagte. Er ſuchte ihn nicht, doch ſah er ihn. Seine Augen wendeten ſich ganz von ſelbſt dahin, als hätte er im Voraus gewußt, wo dieſes Geſicht ſei. Er glaubte ſich ſelbſt zu erblicken, gealtert ohne Zweifel, nicht vollkommen dieſem Geſichte gleich, aber doch ganz ähnlich in der Haltung und dem Ausſehen, mit jenen ge⸗ ſträubten Haaren, mit jenem wilden und unruhigen Blicke, jener Blouſe, die er an dem Tage getragen hatte, als er D. im be⸗ weigen minal⸗ in der ſich be⸗ Nägel, ne zer⸗ oldaten Tafel⸗ er als Hände, , ver⸗ Tſchen licheit, renger, große jene ennt. Blicke ölzerne Mauer k, die Menſch Augen oraus betrat, von Haß erfüllt, und in ſeiner Seele den entſetzlichen Schatz von abſcheulichen Gedanken bewahrend, die er ſeit neunzehn Jahren auf dem Boden des Bagno darin an⸗ gehäuft hatte. Er fopte ſich bebend:„Mein Gott, ſoll ich denn wieder ſo werden? Dieſes Geſchöpf ſchien wenigſtens ſechzig Jahr alt zu ſein. Es hatte etwas Rohes, Einfältiges und Wildes. Bei dem Geräuſche der ſich öffnenden Thür war man bei Seite getreten, um ihm Platz zu machen. Der Prä⸗ ſident hatte den Kopf umgewendet, und da er errieth, daß der Eingetretene der Herr Maire von M. am M. ſei, hatte er ihn gegrüßt. Der General⸗Advokat, der Herrn Madeleine in M. am M. geſehen hatte, wohin Amtspflichten ihn mehr als einmal riefen, erkannte ihn und grüßte ihn ebenfalls. Er bemerkte es kaum. Er war die Beute einer Art von Luftſpiegelung; er ſtarrte vor ſich hin. Richter, ein Schreiber, Gensdarmen, eine Menge von grauſam neugierigen Köpfen, das Alles hatte er ſchon ein⸗ mal geſehen, einſt, vor 27 Jahren. Dieſe verhängnißvollen Dinge fand er hier wieder; ſie waren da, ſie regten ſich, ſie exiſtirten; es war nicht mehr eine Anſtrengung ſeines Gedächtniſſes, eine Spiegelung ſeiner Gedanken, ſondern es waren wirkliche Gensdarmen und wirkliche Richter, eine wirkliche Menge und wirkliche Menſchen von Fleiſch und Bein. Es war geſchehen; er ſah rings um ſich her mit alle Dem, was die Wirklichkeit Furchtbares hat, die ent⸗ ſetzlichen Erſcheinungen ſeiner Vergangenheit wieder auf⸗ tauchen und ſich beleben. Das Alles gähnte ihn an. Er empfand Entſetzen, ſchloß die Augen und rief im Tiefſten ſeiner Seele:„Niemals!“ Und durch ein tragiſches Spiel des Schickſals, welches alle ſeine Gedanken erzittern und ihn beinahe wahnſinnig 190 machte, war es ein anderes Ich, welches dort ſich befand! Dieſen Menſchen, den man richtete, nannten Alle Jean Valjean! Er hatte vor ſeinen Augen eine unerhörte Viſion, eine Art von Wiederholung des fürchterlichſten Augenblicks in ſeinem Leben, geſpielt durch ſein Phantom. Alles war da; dieſelbe Umgebung, dieſelbe Stunde der Nacht, beinahe dieſelben Geſichter der Richter, der Soldaten und der Zuſchauer. Nur hing über dem Kopfe des Prä⸗ ſidenten ein Cruzifix, etwas, das in den Zeiten ſeiner Ver⸗ urtheilung den Gerichtshöfen mangelte. Als man ihn richtete, war Gott abweſend. Ein Stuhl ſtand hinter ihm. Er ließ ſich darauf nie⸗ dergleiten, erſchreckt durch den Gedanken, daß man ihn ſehen könnte. Als er ſaß, benutzte er eine Menge aufgehäufter Pappkaſten auf dem Bureau der Richter, um ſein Geſicht dem ganzen Saal zu entziehen. Er konnte jetzt ſehen, ohne geſehen zu werden. Er kehrte vollſtändig zu dem Gefühl der Wirklichkeit zurück; nach und nach ſammelte er ſich. Er gelangte zu jener Ruhe, in welcher es möglich iſt, zu hören. Herr Bamatabois war unter den Geſchwornen. Er ſuchte Javert, aber er ſah ihn nicht. Die Zeugen⸗ bank war durch den Tiſch des Gerichtsſchreibers verdeckt, und dann war auch, wie wir erwähnten, der Saal kaum erleuchtet. 4 In dem Augenblick, als er eingetreten war, beendigte der Advocat des Angeklagten ſeine Vertheidigungsrede. Die Aufmerkſamkeit Aller war auf den höchſten Grad geſtiegen; die Angelegenheit dauerte ſeit drei Stunden. Seit drei Stunden ſah die Menge unter dem Gewicht einer fürchter⸗ lichen Wahrſcheinlichkeit einen Menſchen zuſammenbrechen, einen Unbekannten, eine Art von elendem Weſen, im höchſten Grade einfältig, oder im höchſten Grade gewandt. Dieſer Menſch war, wie man bereits weiß, ein Vagabond, den man efand! Jean eine ds in de der ldaten Prä⸗ Ver⸗ ichtete, uf nie⸗ ſehen häufter Geſicht ohne Gefühl . Erx hören. zeugene erdeck, lkaum endigte Die ſtiegen; tt drei jrchter⸗ brechen, pöchſten Dieſer en man 191 auf einem Felde gefunden hatte, einen Zweig mit reifen Aepfeln tragend, der in einem benachbarten Obſtgarten, der Garten Pierron genannt, abgebrochen worden war. Wer war dieſer Menſch? Eine Unterſuchung hatte ſtattgefunden, Zeugen waren vernommen worden, Alle ſtimmten mit ein⸗ ander überein, es war helles Licht auf dieſe Verhandlung gefallen. Die Anklage ſagte: Wir haben nicht nur einen Obſtdieb gefangen, ſondern einen Landſtreicher; wir haben hier in unſern Händen einen Banditen, einen Rückfälligen, der ſeinen Bann gebrochen hat, einen ehemaligen Galeeren⸗ ſträfling, eines der gefährlichſten Ungeheuer, einen Miſſe⸗ thäter, Namens Jean Valjean, den die Gerechtigkeit ſeit langer Zeit ſchon ſucht und der vor Jahren, als er das Bagno von Toulon verließ, einen Straßenraub mit bewaff⸗ neter Hand an einem Savoyardenknaben verübte, der der kleine Gervais hieß, ein Verbrechen, welches der Artikel 383 des Strafcodex vorausgeſehen hat, und wegen deſſen wir ihn ſpäter zu verfolgen uns vorbehalten, wenn die Identität gerichtlich erwieſen iſt. Er hat neuerdings wieder einen Diebſtahl begangen. Das iſt ein Fall des Rückfalles. Man verurtheilt ihn jetzt für den neuen Fall; er wird dann ſpäter wegen des alten gerichtet werden.— Vor dieſer Anklage, vor der Einſtimmigkeit der Zeugen ſchien der Angeklagte ganz verwundert zu ſein. Er machte Bewegungen und Zeichen, welche Nein ſagen wollten, oder er ſah an die Decke. Er ſprach nur mühſam, antwortete voll Verlegen⸗ heit, aber ſeine ganze Perſon vom Kopf bis zu den Füßen leugnete. Er glich einem Stumpfſinnigen gegenüber all die⸗ ſen verſtändigen Menſchen, die in Schlachtordnung um ihn her aufgeſtellt waren, und war wie ein Fremder in der Mitte dieſer Geſellſchaft, die ihn erfaßte. Gleichwohl han⸗ delte es ſich für ihn um die drohendſte Zukunft. Die Wahr⸗ ſcheinlichkeit wuchs mit jeder Minute, und die ganze ver⸗ ſammelte Menge ſah mit mehr Angſt als er ſelbſt dem 192 traurigen Urtheilsſpruche entgegen, der mehr und mehr über ſeinem Haupte ſchwebte. Eine Möglichkeit ließ ſelbſt außer dem Bagno die Todesſtrafe erblicken, wenn die Identität erkannt wurde, und die Angelegenheit des kleinen Gervais ſpäter durch eine Verurtheilung endete. Was war denn das für ein Menſch? Welcher Art war ſeine Apathie? War es Stumpfſinn oder Liſt? Begriff er zu gut, oder be⸗ griff er gar nicht? Fragen, welche die Menge uneinig machte und von den Geſchworenen getheilt zu werden ſchienen. Es lag in dieſem Proceß etwas von dem, was erſchreckt, und von dem, was ſpannt. Das Drama war nicht nur finſter, ſondern auch unaufgeklärt. Der Vertheidiger hatte ziemlich gut geſprochen, in jener Provinzialſprache, welche lange Zeit die Beredſamkeit der Ge⸗ richtsſchranken bildete, und deren ſich früher alle Advocaten bedienten, fowohl in Paris wie in Romorantin oder Mont⸗ briſon, welche aber jetzt, da ſie klaſſiſch geworden iſt, nur noch von den officiellen Rednern geſprochen wird, denen ſie durch ihren ernſten Klang und ihre majeſtätiſche Haltung geziemt; die Sprache, in welcher der Mann ein Gatte genannt wird, die Frau eine Gattin, Paris der Mittel⸗ punkt der Künſte und der Civiliſation, der König der Monarch, der Biſchof ein heiliger Hoher⸗ prieſter, der Generaladvocat der beredte Dolmet⸗ ſcher der öffentlichen Anklage, die Vertheidigungs⸗ reden die Stimmen, die man gehört hat, das Jahrhundert Ludwig's XIV. das große Jahrhundert, ein Theater der Tempel Melpomene’'s, die regierende Famitie das erhabene Blut unſerer Könige, ein Con⸗ cert eine muſikaliſche Feierlichkeit, der commandi⸗ rende General des Departements der berühmte Krieger, welcher u. ſ. w., die Zöglinge des Seminars die jugend⸗ lichen Prieſter, die Irrthümer, welche den Zeitungen zur Laſt gelegt werden der Betrug, welcher ſein Gift in r über außer dentität ervais t denn pathie? der be⸗ machte n. Es t, und finſter, in jener der Ge⸗ docaten Monk⸗ ſt, nur nen ſie daltung Gatte ittel⸗ — König voher⸗ olmet⸗ igungs⸗ i, das nd ert, ierende n Con⸗ nuandi⸗ ieg er, gen d⸗ gen zur ßift in 193 den Spalten dieſer Organe ausſpritzt u. ſ. w. Der Advocat hatte alſo den Anfang damit gemacht, ſich über den Aepfeldiebſtahl auszuſprechen— eine Sache, die für den ſchönen Styl unbehaglich war; aber Bénigne Boſnuet ſelbſt iſt gezwungen geweſen, bei einer Grabrede auf ein Huhn anzuſpielen, und hat ſich glänzend aus der Verlegenheit ge⸗ zogen. Der Advocat hatte dargethan, daß der Aepfeldieb⸗ ſtahl nicht materiell bewieſen wäre. Sein Client, den er in ſeiner Eigenſchaft als Verthei⸗ diger fortwährend Champmathieu nannte, war von Nieman⸗ dem dabei geſehen worden, wie er die Mauer überſtieg und den Aſt abbrach.— Man hatte ihn arretirt, in der Hand dieſen Aſt(den der Vertheidiger lieber Zweig nannte)— aben er hatte verſichert, denſelben auf der Erde gefunden und aufgehoben zu haben. Wo war der Beweis des Ge⸗ gentheiles?— Ohne Zweifel war dieſer Aſt von dem Her⸗ umtreiber abgebrochen und nach der Mauerüberſteigung ge⸗ ſtohlen, dann aber in der Angſt fortgeworfen worden; ohne Zweifel gab es einen Dieb— aber was bewies denn, daß Champmathieu dieſer Dieb war? Ein einziger Umſtand. Seine Eigenſchaft als ehemaliger Sträfling. Der Verthei⸗ diger leugnete nicht, daß dieſe Eigenſchaft unglücklicherweiſe ſehr erwieſen zu ſein ſchien; der Angeklagte hatte in Fave⸗ rolles gelebt; der Angeklagte war dort Baumputzer geweſen. der Name Champmathieu konnte wohl zum Urſprung den Namen Jean Mathieu haben. Das Alles war wahr; end⸗ lich hatten vier Zeugen, ohne ſich zu beſinnen und ganz ent⸗ ſchieden Champmathieu als den ehemaligen Galeerenſträfling Jean Valjean wieder erkannt. Dieſen Angaben, dieſen Zeu⸗ genausſagen konnte der Vertheidiger nichts entgegen ſetzen, als das Leugnen ſeines Clienten, ein ſehr eigennütziges Leug⸗ nen; allein angenommen ſelbſt, daß er der Züchtling Jean Valjean war, bewies dies, daß er auch der Aepfeldieb war? Das war höchſtens eine Bermuthung, keineswegs ein Be⸗ Die Elenden. II. 13 194 weis. Der Angeklagte, dies war allerdings wahr, und der Vertheidiger mußte in ſeiner Aufrichtigkeit das zugeben, hatte ein ſchlechtes Vertheidigungsſyſtem angenommen. Er be⸗ harrte dabei, Alles zu leugnen, den Diebſtahl ſowohl, wie ſeine Eigenſchaft als Sträfling. Ein Geſtändniß in dieſer letztern Beziehung wäre ganz gewiß beſſer geweſen und hätte ihm die Nachſicht ſeiner Richter gewonnen; der Vertheidiger hatte es ihm gerathen; aber der Angeklagte wies es hart⸗ näckig zurück, indem er wahrſcheinlich glaubte, Alles zu retten, indem er nichts geſtand. Das war ein Unrecht. Aber mußte man nicht den beſchränkten Verſtand in Anſchlag bringen? Dieſer Menſch war ſichtlich ſtumpfſinnig. Ein langes Un⸗ glück im Bagno, ein langes Elend außer dem Bagno hatten ihn verdummt u. ſ. w. Er vertheidigte ſich ſchlecht; war das aber ein Grund, ihn zu verurtheilen? Was die Ange⸗ legenheit mit dem kleinen Gervais betraf, ſo hatte der Ad⸗ vocat ſie nicht zu berühren, da ſie nicht zu der Sache ge⸗ hörte. Der Advocat ſchloß, indem er die Jury und den Gerichtshof bat, wenn die Identität Jean Valjean's ihnen erwieſen erſcheine, ihn der Polizeiſtrafe zu unterwerfen, welche den Verurtheilten wegen des Bruchs ſeines Bannes trifft, und nicht der furchtbaren Züchtigung, die auf den rückfälligen Züchtling fällt. Der Generaladvokat antwortete dem Vertheidiger. Er war heftig und blumenreich, wie es gewöhnlich die General⸗ advokaten ſind. Er wünſchte dem Vertheidiger Glück zu ſeiner Auf⸗ richtigkeit und benutzte geſchickt eben dieſe Aufrichtigkeit. Er griff den Angeklagten durch alle die Zugeſtändniſſe an, die der Advokat gemacht hatte. Der Vertheidiger ſchien einzu⸗ geſtehen, daß der Angeklagte Jean Valjean ſei. Er faßte dies auf. Der Menſch war alſo Jean Valjean, dies war durch die Anklage erwieſen und konnte nicht mehr beſtritten werden. Durch eine geſchickte Antonomaſie zu dem Urſprung ĩ der hatte r be⸗ „wie dieſer hätte idiger hart⸗ retten, mußte ngen? Un⸗ hatten war Ange⸗ r Ad⸗ he ge⸗ S den ihnen velche trifft lligen Er neral⸗ Auf⸗ Er die inzu⸗ faßte war ritten rung P 195 und den Urſachen der Strafbarkeit zurückgehend, donnerte der Generaladvokat hier gegen die Unmoralität der romantiſchen Schule, die damals ihre Morgenröthe unter dem Namen ſataniſche Schule hatte, welche die Kritiker der Quoti⸗ dienne und der Oriflamme ihr gaben; er ſchrieb nicht ohne Wahrſcheinlichkeit dem Einfluſſe dieſer verderbten Literatur das Vergehen Champmathieu's zu, oder beſſer geſagt, Jean Valjean's. Als dieſe Betrachtungen erſchöpft waren, ging er auf Jean Valjean ſelbſt über. Wer war dieſer Jean Valjean? Beſchreibung deſſelben; ein ausgeſpienes Unge⸗ heuer. Das Muſter dieſer Art von Beſchreibungen iſt in dem Berichte des Theramenes enthalten, der für das Trauer⸗ ſpiel nicht nützlich iſt, welcher aber der richterlichen Beredt⸗ ſamkeit täglich große Dienſte leiſtet. Die Zuhörer und die Geſchwornen„erbebten“. Als die Beſchreibung beendigt war, fuhr der Generaladvokat mit einer redneriſchen Wen⸗ dung, geeignet, am nächſten Morgen im höchſten Grade den Enthuſiasmus der Präfecturzeitung zu erregen, fort:— und ein ſolcher Menſch u. ſ. w. u. ſ. w., Herumtreiber, Bettler, ohne Exiſtenzmittel u. ſ. w. u. ſ. w., durch ſein vergangenes Leben an ſtrafbare Handlungen gewöhnt und durch ſeinen Aufent⸗ halt im Bagno nur wenig gebeſſert, wie das an dem kleinen Ger⸗ vais begangene Verbrechen beweiſt u. ſ. w. u. ſ. w., ein ſolcher Menſch wird auf der öffentlichen Landſtraße bei dem Diebſtahl er⸗ tappt, einige Schritt von einer erſtiegenen Mauer, in der Hand noch den geſtohlenen Gegenſtand haltend, leugnet aber das Vergehen, den Diebſtahl, die Mauerüberſteigung, leugnet Alles, ſogar ſeinen Namen, ſogar ſeine Identität! Außer hundert andern Beweiſen, auf die wir nicht zurückgehen, er⸗ kennen ihn vier Zeugen: Javert, der ehrenwerthe Polizei⸗ inſpector Javert, und drei der ehemaligen Genoſſen ſeiner Schmach, die Züchtlinge Brevet, Chenildieu und Cochepaille. Was ſetzt er dieſer niederſchmetternden Einſtimmigkeit ent⸗ 13* — ¹⁰⁸ gegen? Er leugnet. Welche Verhärtung! Sie werden Ge⸗ rechtigkeit üben, meine Herren Geſchwornen u. ſ. w. u. ſ. w.“ Während der Generaladvokat ſprach, hörte der Angeklagte mit offenem Munde zu, mit einer Art von Staunen, in welche ſich einige Bewunderung miſchte. Offenbar war er überraſcht, daß ein Menſch ſo ſprechen könnte. Von Zeit zu Zeit, bei den„energiſcheſten“ Augenblicken der Verhand⸗ lung, in jenen Momenten, wo die Beredtſamkeit, die ſich nicht halten kann, in einem Strome von beſchimpfenden Aus⸗ drücken überfließt, und den Angeklagten wie mit einem Sturme umhüllt, bewegte er langſam den Kopf von der Rechten zur Linken, und von der Linken zur Rechten, eine Art traurigen und ſtummen Proteſtes, mit dem er ſich ſeit dem Beginn der Debatten begnügte. Zwei oder drei Mal hörten die Zuſchauer, die ihm am nächſten ſaßen, wie er mit leiſer Stimme ſagte:„Das kommt davon her, daß ich Herrn Baloup nicht gefragt habe!“— Der Generaladvokat macht die Jury auf dieſe einfältige Haltung aufmerkſam, die offenbar berechnet war, und nicht die Einfalt, ſondern die Gewandtheit, die Liſt, die Gewohnheit, die Juſtiz zu hintergehen, verrieth, und„die tiefe Verderbniß“ dieſes Menſchen in das hellſte Licht ſtellte. Er ſchloß, indem er ſeinen Vorbehalt in Beziehung auf die Angelegenheit des kleinen Gervais machte, und eine ſtrenge Verurtheilung be⸗ antragte. Das war für dieſen Fall, wie man ſich erinnern wird, lebenslängliche Zwangsarbeit. Der Vertheidiger ſtand auf, machte den Anfang damit, dem Herrn Generaladvokaten über ſeine bewundernswürdige Rede Glück zu wünſchen, und replicirte dann, wie er ver⸗ mochte, aber er wurde ſchwach, und offenbar wich ihm der Boden unter den Füßen. 1 Ge⸗ w.“ lagte , in ar er Zeit hand⸗ e ſich Aus⸗ einem der eine h ſeit Mal die er iß ich vokat fſom, adern ti zu dieſes im er t des g be⸗ wird, amit, rdige rver⸗ m der 197 X. Das Syſtem des Leugnens. Der Augenblick, die Debatten zu ſchließen, war ge⸗ kommen. Der Präſident ließ den Angeklagten aufſtehen und richtete an ihn die übliche Frage:„Haben Sie Ihrer Vertheidigung noch irgend etwas hinzuzufügen?“ Der Menſch, der aufrecht daſtand, eine abſcheuliche alte Mütze in ſeinen Händen drehend, ſchien ihn nicht zu hören. Der Präſident wiederholte die Frage. Diesmal hörte der Menſch. Er ſchien zu begreifen. Er machte eine Bewegung, wie Jemand, der erwacht, ließ die Augen umherſchweifen, blickte auf das Publikum, die Gensdarmen, ſeinen Vertheidiger, die Geſchwornen, den Gerichtshof, legte ſeine gewaltige Fauſt auf den Rand der vor ihm ſtehenden Barriere, blickte wieder umher, und ſeine Augen auf den Generaladvokaten richtend, begann er plötz⸗ lich zu ſprechen. Es war wie ein gewaltiger Ausbruch. Nach der Art, wie die Worte ſeinem Munde entſtrömten, unzuſammenhängend und ungeſtüm, abgeſtoßen, bunt unter⸗ einander, ſchien es, als ob ſie ſich drängten, alle zugleich herauszukommen. Er ſagte: „Ich habe das zu ſagen. Ich bin Schmied in Paris geweſen, ſelbſt bei Herrn Baloup. Das iſt eine harte Be⸗ ſchäftigung in der Schmiederei, man arbeitet immer in freier Luft, auf den Höfen, unter Schuppen bei guten Herren, nie in geſchloſſenen Werkſtätten, weil man viel Platz braucht, ſehen Sie. Im Winter friert man ſo ſehr, daß man die Arme über einander ſchlägt, um ſich zu erwärmen, aber die Herren wollen das nicht; ſie ſagen, darüber ginge Zeit ver⸗ loren. Das Eiſen zu handhaben, während Eis zwiſchen den Pflaſterſteinen iſt, das iſt eine harte Sache. Das nutzt ſchnell einen Menſchen ab. Man wird bei der Beſchäftigung alt, wenn man noch ganz jung iſt. Mit vierzig Jahren iſt ein Menſch zu Ende. Ich war 53 Jahr alt und hatte viele Leiden, und dann ſind wir Arbeiter auch ſo boshaft! Wenn ein Menſch nicht mehr jung iſt, dann heißt er bei Allen„Alter Zeiſig, Alter Dummkopf!“ Ich verdiente nur noch dreißig Sous täglich; man bezahlte mich ſo ſchlecht als möglich; die Meiſter zogen Nutzen aus meinem Alter. Da⸗ bei hatte ich meine Tochter, die Wäſcherin am Fluſſe war. Sie verdiente ihrerſeits auch ein wenig; für uns beide ging das. Sie hatte auch viel Mühe. Den ganzen Tag in einem Kübel zu ſtehen bis zum halben Körper, im Regen, im Schnee, im Winde, der einem das Geſicht zerſchneidet; wenn es auch friert, das iſt Alles Eins, es muß gewaſchen werden; es giebt Menſchen, die nicht viel Wäſche haben, und die darauf warten; wenn man nicht gleich waſchen wollte, würde man die Kunden verlieren. Die Bretter ſind ſchlecht zuſammengefügt, und es kommen überall Waſſer⸗ tropfen durch. Die Röcke werden ganz naß oben und unten. Das drückt auf die Knochen. Sie hat auch in dem Waſch⸗ hauſe der Enfants Rouges gewaſchen, wo das Waſſer durch Hähne eingelaſſen wird. Man ſteht nicht in dem Kübel. Man wäſcht vor ſich an dem Hahne, und ringt hinter ſich in das Becken aus. Da das geſchloſſen iſt, friert man weniger am Körper. Aber es giebt einen gewaltigen heißen Waſſerdunſt, der die Augen verdirbt. Sie kam um ſieben Uhr Abends nach Hauſe und legte ſich ſchnell nieder, 199 ſie war ſo ermüdet. Ihr Mann ſchlug ſie. Sie iſt ge⸗ ſtorben. Wir ſind nicht ſehr glücklich geweſen. Sie war eine brave Tochter, die nicht auf den Ball ging und ſehr ruhig war. Ich erinnere mich noch an einen Faſtnachts⸗ dienſtag, wo ſie um acht Uhr zu Bette ging. So iſt es. Ich ſage die Wahrheit. Sie brauchen nur zu fragen. Ach ja wohl, zu fragen, wie dumm ich bin! Paris iſt ein Ab⸗ grund. Wer kennt den Vater Champmathieu? Ich nenne Ihnen aber doch Herrn Baloup. Sprechen Sie doch Herrn Baloup. Weiter weiß ich nicht, was man von mir will.“ Der Menſch ſchwieg und blieb ſtehen. Er hatte alle dieſe Dinge mit lauter, ſchneller, rauher, harter und heiſerer Stimme geſprochen, mit einer Art gereizter und wilder Natürlichkeit. Einmal hatte er ſich unterbrochen, um Jemand unter der Menge zu grüßen. Die Art von Verſicherungen, die er, wie zufällig, vor ſich hin zu werfen ſchien, kamen aus ihm heraus wie Schluchzen, und jedesmal fügte er die Bewegung eines Menſchen hinzu, der Holz ſpaltet. Als er zu Ende war, brachen die Zuhörer in lautes Gelächter aus. Er betrachtete das Publikum, und da er ſah, daß man lachte, und nicht begriff, worüber, lachte er ſelbſt mit. Das hatte etwas Finſteres. Der Präſident, der aufmerkſam und wohlwollend war, erhob die Stimme. . Er erinnerte die Herren Geſchwornen daran, daß der Herr Baloup, der ehemalige Schmiedemeiſter, bei welchem der Angeklagte gedient zu haben behauptete, offenbar vergeb⸗ lich citirt worden ſei. Er hätte Bankerott gemacht und wäre nicht aufzufinden geweſen.— Dann wendete er ſich zu dem Angeklagten, forderte ihn auf zu vernehmen, was er ihm ſagen würde und fügte hinzu: 1 „Sie befinden ſich in einer Lage, die Ueberzeugung er⸗ fordert. Die ernſteſten Verdachtsgründe laſten auf Ihnen — 22— und können eine ſehr ſtrenge Strafe zur Folge haben. An⸗ geklagter, zu ihrem eigenen Beſten fordere ich Sie zum letzten Male auf, ſich klar und deutlich über die beiden Thatſachen auszuſprechen:— Erſtens, haben ſie die Mauer des Gartens in Pierron überſtiegen,— ja oder nein,— den Aſt abgebrochen und die Aepfel geſtohlen, das heißt, haben Sie das Verbrechen eines Diebſtahls mit Einbruch begangen?— Zweitens,— ja oder nein,— ſind Sie der entlaſſene Galeerenſträfling Jean Valjean?“ Der Angeklagte ſchüttelte den Kopf mit pfiffigem Weſen, wie ein Menſch, der wohl verſtanden hat, und der weiß, was er antwortet. Er öffnete den Mund, wendete ſich gegen den Präſidenten und ſagte: „Zunächſt—“ Dann ſah er auf ſeine Mütze, blickte nach der Decke und ſchwieg. „Angeklagter“, nahm der General⸗Advokat mit ſtrengem Tone das Wort,„achten Sie wohl auf. Sie antworten auf Nichts von Dem wonach man Sie fragt. Ihre Unruhe verurtheilt Sie. Es iſt offenbar, daß Sie nicht Champ⸗ mathieu heißen, ſondern daß Sie der Züchtling Jean Val⸗ jean ſind, der ſich zuerſt unter dem Namen Jean Mathieu, welches der Name ſeiner Mutter war, verborgen hat, daß Sie nach der Auvergne gingen, daß Sie in Faverolles ge⸗ boren ſind, wo Sie Baumputzer waren. Es iſt offenbar, daß Sie durch Mauerüberſteigung Aepfel aus dem Garten in Pierron geſtohlen haben. Die Herren Geſchwornen wer⸗ den darüber urtheilen.“ Der Angeklagte hatte ſich wieder geſetzt. Als der General⸗Advokat endete, ſtand er heftig auf und rief: „Sie ſind ſehr boshaft, Sie! Das iſt es, was ich ſagen wollte. Ich fand das nicht gleich. Ich habe nichts geſtohlen; ich bin ein Menſch, der nicht alle Tage ißt. Ich kam von Ailly; ich ging durch die Gegend nach einem 201 Regenguſſe, der das Feld ganz gelb gemacht hatte, ſo daß ſelbſt die Pfützen übertraten und daß am Rande der Straße mehr Sand als Gras zu ſehen war; ich fand einen abge⸗ brochenen Zweig, an dem Aepfel ſaßen, und ich nahm den Zweig auf, ohne zu denken, daß das für mich bös werden könnte. Seit drei Monaten bin ich nun im Gefängniß und man verſpottet mich. Weiter kann ich nichts ſagen; man ſpricht gegen mich und ſagt mir: Antworte! Der Gensdarm, der ein guter Junge iſt, ſtößt mich mit dem Ellenbogen und ſagte leiſe:„Antworte doch!“— Ich kann mich nicht ſo ausdrücken, ich; ich habe nicht ſtudirt; ich bin ein armer Menſch. Da hat man Unrecht, das nicht zu ſehen. Ich habe nicht geſtohlen; ich habe nur vom Boden aufgehoben, was dalag. Sie ſagen Jean Valjean! Jean Mathieu! Ich kenne die Leute nicht. Das ſind Dorfbewohner. Ich habe bei Herrn Baloup gearbeitet, Boulevard de l'Hopital. Ich heiße Champmathieu. Sie ſind ſehr boshaft, daß Sie mir ſagen, wo ich geboren bin. Ich weiß es nicht. Es hat nicht alle Welt Häuſer, um darin auf die Welt zu kommen. Das wäre zu bequem. Ich glaube, daß mein Vater und meine Mutter Leute waren, die auf den Landſtraßen umher⸗ zogen; ich weiß es übrigens nicht. Als ich ein Kind war, nannte man mich Kleiner; jetzt nennt man mich Alter. Das ſind Taufnamen. Nehmen Sie das, wie Sie wollen. Ich bin in Auvergne geweſen; ich bin in Faverolles geweſen. Pardi! Nun gut! Kann man nicht in Auvergne und in Faverolles geweſen ſein, ohne deshalb auf den Galeeren geweſen zu ſein? Ich ſagte Ihnen, daß ich nicht geſtohlen habe und daß ich der Vater Champmathieu bin. Ich bin bei Herrn Baloup geweſen; ich habe meinen eigenen Haus⸗ halt gehabt. Sie langweilen mich zuletzt mit allen Ihren Dummheiten! Weshalb iſt denn die Welt hinter mir her, wie erbittert?“ 202 Der General⸗Advokat war ſtehen geblieben; er wendete ſich zu dem Präſidenten. „Herr Präſident, in Erwägung des ſehr verwegenen, aber ſehr gewandten Leugnens von Seiten des Angeklagten, der für ſtumpfſinnig erſcheinen möchte, dem dies aber nicht gelingen wird,— darauf machen wir ihn aufmerkſam— tragen wir darauf an, daß es Ihnen und dem Gerichtshofe gefällig ſein möge, aufs Neue vor die Schranken die Sträf⸗ linge Brevet, Cochepaille und Chenildieu, ſowie den Polizei⸗ Inſpektor Javert zu berufen, und ſie zum letzten Male über die Identität des Angeklagten mit dem entlaſſenen Sträf⸗ linge Jean Valjean zu vernehmen.“ „Ich mache dem Herrn General⸗Advokaten bemerklich,“ ſagte der Präſident,„daß der Polizei⸗Inſpektor Javert, durch ſein Amt nach einem benachbarten Arrondiſſement zurück⸗ berufen, die Sitzung und ſogar die Stadt verlaſſen hat, ſo⸗ bald er ſeine Ausſage gemacht hatte. Wir haben ihm die Erlaubniß dazu ertheilt, mit der Zuſtimmung des Herrn General⸗Advokaten ſelbſt, ſowie der des Vertheidigers des Angeklagten.“ „Das iſt richtig, Herr Präſident,“ entgegnete der Ge⸗ neral⸗Advocat. In Abweſenheit des Herrn Javert glaube ich den Herren Geſchworenen in das Gedächtniß zurückrufen zu müſſen, was er vor wenigen Stunden hier ausgeſagt hat. Javert iſt ein geachteter Menſch, der durch ſeine ſtrenge und unbedingte Rechtſchaffenheit ſein untergeordnetes aber wichtiges Amt ehrt.— Hier die Worte ſeines Zeugniſſes:„Ich bedarf nicht einmal der moraliſchen Ver⸗ muthungen und der materiellen Beweiſe, welche das Leug⸗ nen des Angeklagten Lügen ſtrafen. Ich erkenne ihn unbe⸗ dingt. Dieſer Menſch heißt nicht Champmathieu; er iſt ein ehemaliger ſehr boshafter und ſehr gefürchteter Sträfling, Namens Jean Valjean. Man hat ihn bei Ablauf ſeiner Strafzeit nur mit dem größten Widerwillen frei gelaſſen. 203 Er hat wegen eines ausgezeichneten Diebſtahls neunzehn Jahre Zwangsarbeit erduldet. Er hat fünf Mal verſucht, zu entfliehen. Außer dem Diebſtahl an dem kleinen Ger⸗ vais und in dem Garten Pierron, halte ich ihn auch noch im Verdacht eines anderen Diebſtahls, der bei Seiner Hoch⸗ lwürden dem verſtorbenen Biſchof von D... verübt worden ſt. Ich habe ihn oft geſehen, als ich Hülfsaufſeher im Bagno von Toulon war. Ich wiederhole, daß ich ihn ganz entſchieden wiedererkenne.“ Dieſe ſo beſtimmte Ausſage ſchien einen lebhaften Ein⸗ druck auf das Publikum und auf die Jury zu machen. Der General⸗Advocat ſchloß, indem er darauf beſtand, daß in Ermangelung Javerts die drei Sträflinge Brevet, Chenil⸗ dien und Cochepaille nochmals vernommen und feierlich er⸗ mahnt werden ſollten. Der Präſident ertheilte einem Gerichtsboten den Be⸗ fehl, und den Augenblick darauf öffnete ſich die Thür des Zeugenzimmers. Der Gerichtsbote, begleitet von einem Gensdarmen, der bereit war, ihm Beiſtand zu leiſten, führte den Sträfling Brevet herein. Das Auditorium war in Spannung und Aller Herzen pochten, als hätten ſie nur eine Seele. Der ehemalige Galeerenzüchtling Brevet trug den ſchwarz⸗ und grauen Anzug der Central⸗Strafhäuſer. Bre⸗ vet war ein Menſch von ungefähr ſechzig Jahren und hatte das Geſicht eines Geſchäftsmannes und das Weſen eines Schelmes. Das verträgt ſich zuweilen mit einander. Er war in dem Gefängniß, wohin ihn neue Vergehungen ge⸗ führt hatten, eine Art von Aufſeher. Er war ein Menſch, von welchem die Vorgeſetzten ſagten:„Er ſucht ſich nützlich zu machen.“ Die Geiſtlichen gaben ihm ein gutes Zeug⸗ niß wegen ſeiner religiöſen Gewohnheiten. Man darf nicht vergeſſen, daß dies unter der Reſtauration geſchah. 204 „Brevet,“ ſagte der Präſident,„Ihr habt eine ent⸗ ehrende Strafe erlitten und dürft daher keinen Eid leiſten.“ Brevet ſenkte die Augen. „Indeß,“ fuhr der Präſident fort,„kann ſelbſt in dem Menſchen, den das Geſetz erniedrigt hat— wenn die gött⸗ liche Barmherzigkeit es geſtattet— noch ein Ueberbleibſel des Gefühles der Ehre und der Rechtſchaffenheit beſtehen. Dieſes Gefühl rufe ich in der gegenwärtigen entſcheidenden Stunde. Lebt es noch in Euch,— und ich hoffe dies— ſo überlegt, ehe Ihr mir antwortet; erwäget, daß auf der einen Seite ein Menſch ſteht, den ein Wort von Euch ver⸗ derben kann, und auf der andern die Gerechtigkeit, welche ein Wort von Euch aufzuklären vermag. Der Augenblick iſt feierlich und noch iſt es Zeit, Eure Ausſage zurück zu nehmen, wenn Ihr glaubt, daß Ihr Euch geirrt habt.— Angeklagter, ſtehen Sie auf.— Brevet, ſeht Euch den An⸗ geklagten genau an, und ſagt bei Eurer Seele und Eurem Gewiſſen, ob Ihr dabei beharrt, in dieſem Menſchen Euren ehemaligen Bagno⸗Genoſſen Jean Valjean zu erkennen.“ Brevet betrachtete den Angeklagten und wendete ſich dann gegen den Gerichtshof. „Ja, mein Herr Präſident. Ich habe ihn zuerſt erkannt und ich bleibe dabei. Dieſer Menſch iſt Jean Valjean, der 1796 nach Toulon kam und es 1815 wieder verließ. Ich bin das Jahr darauf frei geworden. Er ſieht jetzt aus, wie ein dummes Thier; dann wird das Alter ihn verdummt haben. Im Bagno war er verſtockt. Ich erkenne ihn ganz entſchieden.“ „Setzt Euch,“ ſagte der Präſident.„Angeklagter, blei⸗ ben Sie ſtehen.“ Man führte Chenildien herein, der für Lebenszeit ver⸗ urtheilt war, wie dies ſeine rothe Jacke und ſeine grüne Mütze andeuteten. Er erduldete ſeine Strafe im Bagno ne elt⸗ 1 Eid in dem te gött⸗ bleibſel eſtehen. ddenden dies— ꝛuf der ch ver⸗ welche genblick rück zu bt.— en An⸗ Eurem Curen n,“ ete ſich erkannt an, det 5. Ic t aus, dummt —n gan 1 n, lleee eit ver⸗ 6 grüne Bagno 205 von Toulon, von wo man ihn dieſes Prozeſſes wegen hatte kommen laſſen. Er war ein kleiner Menſch von ungefähr fünfzig Jahren, lebhaft, rundlich, ſchmächtig, gelb, frech, fieberhaft und hatte in allen ſeinen Gliedern, in ſeiner ganzen Perſon eine Art krankhafter Schwäche, in ſeinem Blicke aber eine ungeheure Kraft. Seine Bagno⸗Genoſſen hatten ihm den Beinamen Ich⸗lengne⸗Gott(Je-nie-Dieu) gegeben. Der Präſident richtete an ihn ungefähr dieſelben Worte wie an Brevet. Als er ihn daran erinnerte, daß ſeine Ent⸗ ehrung ihn des Rechtes beraubte, einen Eid zu leiſten, erhob Chenildieu den Kopf und ſah die verſammelte Menge feſt an. Der Präſident forderte ihn auf, ſich zu ſammeln, und fragte ihn dann, wie er Brevet gefragt hatte, ob er dabei beharre, den Angeklagten zu erkennen. Chenildien lachte laut. „Pardieu! Ob ich ihn erkenne! Wir ſind fünf Jahre lang an dieſelbe Kette geſchmiedet geweſen.— Du trotzeſt alſo, mein Alter?“ „Setzt Euch!“ ſagte der Präſident. Der Gerichtsbote führte Cochepaille herbei; jenen andern lebenslänglich Verurtheilten, der aus dem Bagno geholt worden und eben ſo, wie Chenildieu, gekleidet war. Er war ein Bauer aus Lourdes, ein halber Bär der Pyrenäen. Er hatte die Heerden in den Gebirgen geweidet und aus einem Hirten war er allmälig ein Räuber geworden. Er war nicht weniger wild wie der Angeklagte und ſchien noch einfältiger zu ſein. Er war einer jener unglücklichen Men⸗ ſchen, welche die Natur als wilde Thiere aulegt und welche die menſchliche Geſellſchaft zu Galeerenzüchtlingen aus⸗ arbeitet. Der Präſident verſuchte es, ihn durch einige pathetiſche und ernſtliche Worte aufzuregen und fragte ihn dann eben ſo wie die beiden Anderen, ob er ohne Zögern und Unruhe ——— 206 dabei beharre, den vor ihm ſtehenden Menſchen zu er⸗ kennen. „Es iſt Jean Valjean,“ ſagte Cochepaille.„Man nannte ihn auch Jean⸗Hebewinde, ſo ſtark iſt er.“ Jede dieſer Verſicherungen der drei Menſchen, offenbar aufrichtig und mit Ueberzeugung gegeben, rief in der Zu⸗ hörerſchaft ein Gemurmel hervor, welches für den Ange⸗ klagten von ſchlechter Vorbedeutung war, ein Gemurmel, welches ſich ſteigerte und verlängerte, ſo oft eine neue Be⸗ ſtätigung zu der vorigen hinzukam. Der Angeklagte hatte dieſe Ausſagen mit jenem verwunderten Geſichte angehört, welches der Anklage zufolge ſein vorzüglichſtes Vertheidigungs⸗ mittel war. Bei der erſten hatten die Gensdarmen, ſeine Nachbarn, ihn zwiſchen den Zähnen brummen hören:„Nun! Das iſt Einer!“— Nach der zweiten ſagte er etwas lauter und beinahe mit zufriedenem Weſen:„Gut!“ Und nach der dritten rief er aus:„Herrlich!“ Der Präſident ſagte zu ihm: „Angeklagter, Sie haben gehört! Was entgegnen Sie darauf?“ Er antwortete: „Ich ſage— herrlich!“ Es zeigte ſich unter dem Publikum einige Unruhe und ſteckte beinahe auch die Geſchwornen an. „Gerichtsdiener, ſchaffen Sie Ruhe.— Ich werde die Debatte ſchließen. In dieſem Augenblicke entſtand neben dem Präſidenten eine Bewegung. Man hörte eine Stimme laut rufen: „Brevet, Chenildieu, Cochepaille! Seht hier her!“ Alle die, welche dieſe Stimme hörten, fühlten ſich er⸗ ſtarren, ſo klagend und fürchterlich klang ſie. Die Augen richteten ſich nach dem Punkte, von wo ſie ertönte. Ein Mann, der unter den bevorrechtigten Zuhörern hinter dem Gerichtshofe geſeſſen und eben aufgeſtanden war, hatte die zu er⸗ nannte ffenbar er Zu⸗ Ange⸗ nurmel, ie Be⸗ e hatte gehört, gungs⸗ ſeine „Nun! lauter ach der 1 en Sie he und ne die ddenten 1 14 ſich er⸗ Augen e. Ein ter dem atte die 207 niedere Thür geöffnet, welche das Tribunal von dem Audi⸗ torium trennte und ſtand mitten in dem Saale. Der Prä⸗ ſident, der General⸗Advokat, Herr Bamatabois und zwanzig andere Perſonen erkannten ihn und riefen zugleich: „Herr Madeleine!“ XI. Champmathien wundert ſich immer mehr und mehr. Er war es in der That. Die Lampe des Gerichts⸗ ſchreibers beleuchtete ſein Geſicht. Er hatte ſeinen Hut in der Hand. Es herrſchte keine Unordnung in ſeiner Kleidung, ſein Ueberrock war ſorgfältig zugeknöpft. Er war ſehr blaß und zitterte leiſe. Sein Haar, grau noch in dem Augenblicke ſeiner Ankunft in Arras, war jetzt ganz weiß. Es war ſeit der Stunde, ſeit welcher er ſich hier befand, erbleicht. Alle Köpfe richteten ſich empor. Die Aufregung war unbeſchreiblich. Es entſtand in dem Auditorium ein Augen⸗ blick der Spannung. Die Stimme war ſo durchdringend geweſen, der Mann ſchien ſo ruhig zu ſein, daß man im erſten Augenblick nichts begriff. Man fragte ſich, wer ge⸗ rufen hätte. Man konnte nicht glauben, daß dieſer Menſch einen ſo entſetzlichen Schrei ausgeſtoßen hätte. Dieſe Unentſchiedenheit währte nur einige Sekunden. Noch ehe der Präſident und der General⸗Advokat ein Wort zu ſagen vermochten, ehe die Gensdarmen und die Gerichts⸗ boten eine Bewegung machen konnten, war der Mann, den 208 Alle in dieſem Augenblick noch Herr Madeleine nannten, gegen die Zeugen Cochepaille, Brevet und Chenildien vor⸗ getreten. „Ihr kennt mich nicht?“ fragte er. Alle drei waren verdutzt und deuteten durch ein Zeichen des Kopfes an, daß ſie ihn nicht kannten. Cochepaille, der eingeſchüchtert war, grüßte militäriſch. Herr Madeleine wendete ſich gegen die Geſchwornen und gegen den Gerichtshof, und ſagte mit ſanfter Stimme: „Meine Herrn Geſchwornen, laſſen Sie den Angeklagten in Freiheit ſetzen; Herr Präſident, laſſen Sie mich verhaf⸗ ten. Der Menſch, den Sie ſuchen, iſt nicht er, ſondern ich bin es. Ich bin Jean Valjean.“ Kein Mund athmete. Auf die erſte Regung des Staunens war das Schweigen des Grabes gefolgt. Man fühlte in dem Saale jene Art religiöſen Schreckens, der die Menge ergreift, wenn etwas Großes vollbracht wird. Indeß ſprach das Geſicht des Präſidenten Theilnahme und Trauer aus; er wechſelte ein flüchtiges Zeichen mit dem General⸗Advokaten und einige Worte mit leiſer Stimme mit den Beiſitzern. Er wendete ſich darauf an das Publikum und fragte mit einer Betonung, die von Allen verſtanden wurde: „Iſt ein Arzt hier?“ Der General⸗Advokat nahm das Wort: „Meine Herren Geſchwornen,“ ſagte er,„das Er⸗ eigniß, welches die Sitzung ſtört, iſt ſo auffallend und ſo unerwartet, und flößt uns, ſowie gewiß auch Ihnen ein Gefühl ein, das wir auszuſprechen nicht nöthig haben. Sie kennen Alle wenigſtens dem Rufe nach den Herrn Madeleine, Maire in M. am M. Wenn ein Arzt unter dem Auditorium iſt, ſo vereinigen wir uns mit dem Herrn Präſidenten, um ihn zu bitten, daß er die Güte hat, Herrn unten, vor⸗ eichen e, der vornen imme: klagten erhaf⸗ en ich g des Man der die nahme m wit Slimme ublikum ſtanden as Er nd und Ihnen haben. Herru ʒt unter Hem „Hennn 209 Madeleine ſeinen Beiſtand zu leihen und ihn nach ſeiner Wohnung zu führen.“ Herr Madeleine ließ den General⸗Advokaten nicht zu Ende reden. Er unterbrach ihn mit einem Tone voll Faſſung und Autorität. Hier die Worte, die er ſprach; wir geben ſie buchſtäblich ſo, wie ſie augenblicklich nach der Audienz durch einen der Zeugen dieſes Auftritts nieder⸗ geſchrieben wurden, wie ſie noch jetzt in den Ohren Derer nachtönen, die ſie vor beinahe 40 Jahren hörten. „Ich danke Ihnen, Herr General⸗Advokat, aber ich bin nicht wahnſinnig. Sie werden das ſehen. Sie ſtanden auf dem Punkte, einen ſchweren Irrthum zu begehen; laſſen Sie dieſen Menſchen frei; ich erfülle eine Pflicht, ich bin dieſer unglückliche Verurtheilte. Ich bin der Einzige, der hier klar ſieht, und ich ſage Ihnen die Wahrheit. Was ich in dieſem Augenblicke thue, ſieht Gott, der dort oben iſt, und das genügt. Sie können mich ergreifen, denn ich bin hier. Ich hatte gleichwohl mein Beſtes gethan. Ich habe mich unter einem falſchen Namen verborgen; ich bin reich, ich bin Maire geworden; ich wollte in die Mitte der rechtſchaffenen Menſchen zurückkehren. Es ſcheint, das kann nicht ſein. Es giebt endlich viele Dinge, die ich nicht ſagen kann; ich will Ihnen mein Leben nicht erzählen, doch eines Tages wird man es kennen lernen. Ich habe den Herrn Biſchof beſtohlen, das iſt wahr; ich habe den kleinen Ger⸗ vais beſtohlen, das iſt wahr. Man hat Recht, Ihnen zu ſagen, daß Jean Valjean ein ſehr boshafter Elender war; vielleicht iſt nicht die ganze Schuld ſein. Hören Sie, meine Herren Geſchwornen, ein Menſch, der ſo tief geſunken iſt, wie ich es war, hat der Vorſehung keine Vorwürfe zu machen, noch der menſchlichen Geſellſchaft Rathſchläge zu ertheilen; aber Sie ſehen, daß die Nichtswürdigkeit, von der ich mich zu befreien ſuchte, etwas Schädliches iſt. Die Galeeren machen den Galeerenzüchtling. Behalten Sie das Die Elenden. II. 14 210 im Gedächtniß, wenn Sie wollen. Vor dem Bagno war ich ein armer Bauer, ſehr wenig unterrichtet, eine Art von Idiot; das Bagno hat mich verwandelt. Ich war einfältig, ich bin boshaft geworden; ich war ein Klotz, ich bin ein Brand geworden. Später haben Nachſicht und Güte mich gerettet, wie die Strenge mich in das Verderben geſtürzt hatte. Doch Verzeihung; Sie können nicht begreifen, was ich hier ſage. Sie werden bei mir in der Aſche des Kamins das Vierzigſousſtück finden, das ich dem kleinen Gervais vor ſieben Jahren geſtohlen habe. Ich habe weiter Nichts hinzuzufügen. Nehmen Sie mich feſt. Mein Gott, der Herr General-⸗Advokat ſchüttelt den Kopf, und Sie ſagen: Herr Madeleine iſt wahnſinnig geworden; Sie glauben mir nicht! Das iſt betrübend. Verurtheilen Sie wenigſtens dieſen Menſchen nicht! Wie, Jene dort erkennen mich nicht! Ich wünſchte, Javert wäre hier, er würde mich erkennen.“ Nichts vermöchte Das wiederzugeben, was in dem Tone, der dieſe Worte begleitete, für eine wohlwollende und finſtere Melancholie lag. Er wendete ſich zu den drei Galeerenſträflingen. „Nun wohl,“ ſagte er,„ich erkenne Euch! Brevet! Erinnert Ihr Euch—“ Er unterbrach ſich, hielt einen Augenblick inne und ſagte dann: „Erinnerſt Du Dich noch an die geſtrickten Hoſenträger von Damenbrettmuſter, die Du im Bagno trugſt?“ Brevet wurde wie durch Ueberraſchung erſchüttert und betrachtete ihn mit entſetztem Weſen vom Kopf bis zu den Füßen. Er fuhr fort: „Chenieldieu, der Du Dir ſelbſt den Beinamen gabſt: Ich— leugne— Gott, Du haſt eine ganz verbrannte rechte Schulter, weil Du Dich eines Tages mit der Schulter auf ein brennendes Kohlenbecken legteſt, um die drei Buchſtaben — 211 T. F. P. zu vertilgen, die man gleichwohl noch immer ſieht, antworte, iſt das wahr?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Chenildien. Er wendete ſich zu Cochepaille. „Cochepaille, Du haſt nahe bei dem linken Armgelenk ein Datum eingeätzt, das von blauen Buchſtaben mit ein⸗ geriebenem Pulver herrührt. Dieſes Datum iſt das der Landung des Kaiſers in Cannes: der 1. März 1815. Schieb' Deine Aermel zurück.“ Cochepaille ſtreifte den Aermel in die Höhe, und alle Anweſenden beugten ſich vor, um ſeinen nackten Arm zu ſehen. Ein Gensdarm hielt eine Lampe nahe: das Datum ſtand da. Der unglückliche Menſch wendete ſich gegen das Audi⸗ torium und gegen die Richter mit einem Lächeln, von dem die, welche es ſahen, noch jetzt ergriffen werden, wenn ſie daran denken. Es war das Lächeln des Triumphes, doch auch das Lächeln der Verzweiflung. „Sie ſehen wohl“, ſagte er,„daß ich Jean Valjean bin.“ Es gab in dieſem Raume nicht mehr weder Richter noch Ankläger, noch Gensdarmen; es gab nur ſtarre Augen und gerührte Herzen. Niemand erinnerte ſich mehr an die Rolle, die Jeder von ihnen zu ſpielen haben könnte; der Generaladvokat vergaß, daß er hier ſei, um zu unterſuchen, der Präſident, um zu präſidiren, der Vertheidiger, um zu zu vertheidigen. Merkwürdig! Keine Frage wurde gethan, keine Behörde intervenirte. Das Eigenthümliche erhabener Schauſpiele iſt, daß ſie alle Seelen ergreifen und aus allen Zeugen Zuſchauer machen. Niemand gab ſich vielleicht Rechenſchaft von dem, was er empfand; Niemand ohne Zweifel ſagte ſich, daß er hier ein großes Licht leuchten ſähe; Alle fühlten ſich innerlich geblendet. Offenbar hatte man Jean Valjean vor Augen. Das 14* 212 war klar. Die Erſcheinung dieſes Mannes hatte genügt, um das den Augenblick zuvor noch ſo dunkle Abentheuer hell zu beleuchten. Ohne daß es von jetzt an irgend einer Erklärung bedurfte, begriff die ganze Menge, wie durch eine Art elektriſcher Offenbarung ſogleich und mit einem einzigen Blicke die einfache und erhabene Geſchichte eines Menſchen, der ſich ſelbſt auslieferte, damit nicht ein anderer Menſch an ſeiner Stelle verurtheilt würde. Die Einzelnheiten, die Zögerungen, das kleine mögliche Widerſtreben verlor ſich in der großen hellſtrahlenden Thatſache. Der Eindruck ging ſchnell vorüber, aber er war im Moment unwiderſtehlich. „Ich will die Sitzung nicht weiter ſtören“, fuhr Jean Valjean fort.„Ich gehe, da man mich nicht verhaftet. Ich habe noch mehrere Dinge zu thun. Der Herr Generaladvokat weiß, wer ich bin, er weiß, wohin ich gehe; er wird mich verhaften laſſen, wann er will.“ Er ſchritt auf die Ausgangsthür zu. Keine Stimme erhob ſich, kein Arm ſtreckte ſich aus, um ihn daran zu ver⸗ hindern. Alle wichen zurück. Es gab in dieſem Augenblicke etwas Göttliches, was verurſachte, daß die Menge vor einem Menſchen zurücktrat und ihm Raum gab. Er ging mit langſamen Schritten durch das Gedränge hin. Man hat nie erfahren, wer die Thür öffnete, allein es iſt gewiß, daß ſie offen ſtand, als er ſie erreichte. Zu ihr gelangt, wendete er ſich um und ſagte: „Herr Generaladvokat, ich bleibe zu Ihrer Ver⸗ fügung.“ Dann wendete er ſich an das Auditorium: „Sie Alle, die Sie hier ſind, Sie finden mich des Mitleids würdig, nicht wahr? Mein Gott, wenn ich daran denke, was ich zu thun auf dem Punkte ſtand, dann finde ich mich des Neides werth. Dennoch hüätte ich lieber ge⸗ ſehen, daß dies Alles nicht geſchehen wäre.“ rügt, heuer einer eine zigen ſchen, eenſch , die ch in r im Jean zaftet. Herr n ich mume 1 ver⸗ pblice 2 vor ging Man ewiß, langt, Ver⸗ h des daran finde er ge⸗ 213 Er ging hinaus, und die Thür ſchloß ſich hinter ihm, wie ſie ſich vor ihm geöffnet hatte, denn Die, welche ge⸗ wiſſe erhabene Dinge vollbringen, ſind ſtets gewiß, von irgend Jemand in der Menge ſich Dienſte geleiſtet zu ſehen. Weniger als eine Stunde darauf ſprach die Jury den ſogenannten Champmathieu von jeder Anklage frei, und Champmathieu, der augenblicklich in Freiheit geſetzt wurde, entfernte ſich ganz verdutzt, glaubte, daß alle Menſchen verrückt wären, und begriff nichts von dieſer Viſion. 8 Erſte Abtheilung. Fantine. Achtes Buch. Rückwirkung. I. In welchem Spiegel Herr Madeleine ſeine Haare beſah. Der Tag brach an. Fantine hatte eine Nacht des Fiebers und der Schlafloſigkeit gehabt, übrigens aber erfüllt von glücklichen Bildern; gegen Morgen ſchlief ſie ein. Die Schweſter Simplicia, welche bei ihr gewacht hatte, benutzte dieſen Schlaf, um ihr einen neuen Aufguß von China zu bereiten. Die würdige Schweſter befand ſich ſeit einigen Augenblicken in der Apotheke der Krankenanſtalt, geneigt über die Tropfen und Phiolen und ſah dieſelben ſehr genau an, weil die Dämmerung noch auf den Gegenſtänden lag. Plötzlich wendete ſie den Kopf und ſtieß einen leiſen Schrei aus. Herr Madeleine ſtand vor ihr. Er war ſchweigend eingetreten. „Sie ſind es, Herr Maire!“ rief ſie. Er antwortete mit leiſer Stimme: „Wie geht es dem Mädchen?“ „Nicht ſchlecht in dieſem Augenblick. Aber wir ſind ſehr beſorgt geweſen.“ Sie erklärte ihm, was vorgefallen war, daß Fantine am Tage zuvor ſehr krank geweſen wäre, daß ſie ſich aber heut beſſer befände, weil ſie glaubte, daß der Herr Maire verreiſt wäre, um ihr Kind aus Montfermeil zu holen. Die 218 barmherzige Schweſter wagte nicht, den Herrn Maire zu befragen, aber ſie ſah an ſeinem Weſen wohl, daß er nicht von dort kam. „Das Alles iſt gut,“ ſagte er;„Sie haben Recht ge⸗ habt, ſie nicht zu enttäuſchen.“ „Ja,“ entgegnete die Schweſter,„aber jetzt, Herr Maire, da ſie Sie ſehen wird, und ihr Kind nicht erblickt, was ſollen wir da ſagen?“ Er blieb einen Augenblick träumend ſtehen „Gott wird es uns eingeben,“ ſagte er. „Man kann aber doch nicht lügen,“ murmelte die Schweſter mit leiſer Stimme. Es war in dem Zimmer heller Tag geworden. Das Tageslicht ſchien Herrn Madeleine gerade in das Geſicht. Zufällig richtete die Schweſter die Augen auf ihn. „Mein Gott, Herr Maire!“ rief ſie aus,„was iſt Ihnen denn begegnet? Ihre Haare ſind ja ganz weiß!“ „Weiß!“ ſagte er. Die Schweſter Simplicia hatte keinen Spiegel; ſie kramte in einem Kaſten und zog einen kleinen Spiegel her⸗ vor, deſſen der Arzt ſich in dem Krankenſaale bediente, um ſich zu überzeugen, ob ein Kranker geſtorben ſei und nicht mehr athme. Herr Madeleine nahm den Spiegel, betrach⸗ tete darin ſeine Haare und ſagte:„Ei ſieh!“ Er ſprach dieſe Worte voll Gleichgültigkeit aus und als ob er an etwas Anderes dächte. Die Schweſter fühlte ſich eiſigkalt ergriffen durch etwas Unbekanntes, was ſie in alle dem erblickte. Er fragte: „Kann ich ſie ſehen?“ „Werden der Herr Maire nicht ihr Kind kommen laſſen?“ ſagte die Schweſter, welche kaum eine Frage wagte. aire zu er nicht icht ge⸗ Maire, t, was betrach⸗ und als durch kommen Frahe 219 „Ohne Zweifel, aber es ſind dazu wenigſtens zwei oder drei Tage erforderlich.“ „Wenn ſie den Herrn Maire bis dahin nicht ſähe,“ fuhr ſchüchtern die Schweſter fort,„ſo würde ſie nicht wiſſen, daß der Herr Maire zurück ſind, und es wäre dann leicht, ſie Geduld faſſen zu laſſen, und wenn das Kind käme, würde ſie ganz natürlich glauben, der Herr Maire ſei mit dem Kinde gekommen. Man hiätte keine Lüge zu ſagen.“ Herr Madeleine ſchien einen Augenblick nachzudenken und ſagte dann mit ernſter Ruhe: „Nein, meine Schweſter, ich muß ſie ſehen. Ich habe vielleicht große Eile.“ Die Nonne ſchien die Worte„große Eile“ nicht zu be⸗ merken, welche den Worten des Herrn Maire einen dunklen und eigenthümlichen Sinn gaben. Sie antwortete, die Augen ſenkend und mit ehrerbietiger Stimme: „Wenn das iſt— ſie ruht, aber der Herr Maire kön⸗ nen eintreten.“ Er machte einige Bemerkungen über eine Thür, die ſchlecht ſchloß und deren Geräuſch die Kranke erwecken könnte, dann trat er in das Zimmer Fantinens ein, näherte ſich dem Bette und öffnete ein wenig die Vorhänge. Sie ſchlief. Ihr Athem entſtrömte der Bruſt mit jenem traurigen Ge⸗ räuſch, welches dieſer Art von Krankheiten eigenthümlich iſt und das Herz der armen Mütter zerreißt, die während der Nacht bei ihren Kindern wachen, die zum Tode verurtheilt ſind und ſchlafen. Aber dieſer ſchwere Athem trübte kaum eine Art unausſprechlicher Heiterkeit, die über das Geſicht ergoſſen war und es in dem Schlafe verwandelte. Ihre bleiche Farbe war weiß geworden; ihre Wangen waren blühend. Ihre langen blonden Augenwimpern, die einzige Schönheit, die ihr von ihrer Jungfräulichkeit und ihrer Jugend geblie⸗ ben war, zitterten, während ſie dicht auf den geſchloſſenen Augen ruhten. In ihrer ganzen Geſtalt bebte ein unbe⸗ ſtimmtes Etwas, wie das Entfalten von Flügeln, die im Be⸗ griff ſtehen, ſich zu öffnen und ſie hinwegzutragen, und die man zwar rauſchen hörte, die man aber nicht ſah. Indem man ſie ſo erblickte, hätte man nimmermehr glauben können, daß dies eine beinahe aufgegebene Kranke ſei. Sie glich viel mehr dem, was davonfliegen, als dem, was ſter⸗ ben ſoll. Wenn ſich eine Hand dem Zweige nähert, um eine Blume zu brechen, erzittert er und ſcheint ſich zugleich zu⸗ rückzuziehen und entgegenzuſtrecken. Der menſchliche Körper hat etwas von dieſem Erzittern, wenn der Augenblick er⸗ ſcheint, in welchem die geheimnißvollen Finger des Todes die Seele pflücken wollen. Herr Madeleine blieb einige Angenblicke regungslos neben dem Bette und ſah wechſelsweiſe auf die Kranke und auf das Krucifix, wie er auch zwei Monate zuvor gethan hatte, als er ſie zum erſten Male in dieſem Aſyle beſucht hatte. Sie befanden ſich wieder beide in derſelben Haltung; ſie ſchlief, er betete; nur hatte ſie ſeit dieſen zwei Monaten graue Haare bekommen und er weiße. Die barmherzige Schweſter war nicht mit eingetreten. Er ſtand neben dem Bett, aufrecht, den Finger auf den Mund gelegt, als befände ſich in dem Zimmer Jemand, dem er Schweigen gebieten wollte. Sie öffnete die Augen, ſah ihn und ſagte ruhig, ſogar lächelnd: „Und Coſette?“ n unbe⸗ im Be⸗ und die Indem können, die glich as ſter⸗ um eine jſeich zu⸗ Körper blick er⸗ odes die zungelos nke und gethon beſucht dabung; Monaten getreten. auf den nd, dem , ſogar 221 II. Fantine iſt glücklich. Sie hatte keine Regung der Ueberraſchung, keine Re⸗ gung der Freude; ſie war die Freude ſelbſt. Die einfache Frage:„Und Coſette?“ wurde mit ſo inniger Freude aus⸗ geſprochen, mit ſo vieler Zuverſicht, mit einem ſo gänzlichen Mangel au Beſorgniß und Zweifel, daß ſie kein Wort wei⸗ ter fand. Sie fuhr fort: „Ich wußte ja, daß Sie da wären; ich ſchlief, aber ich ſah Sie. Seit langer Zeit ſehe ich Sie. Ich bin Ihnen die ganze Nacht hindurch mit den Augen gefolgt. Sie wa⸗ ren von einer Glorie umgeben und hatten rings um ſich her himmliſche Geſtalten.“ Er erhob ſeinen Blick zu dem Crucifix. „Aber,“ fuhr ſie fort,„ſagen Sie mir doch, wo iſt Coſette? Weshalb legten Sie ſie nicht für den Augenblick meines Erwachens auf mein Bett?“ Er antwortete maſchinenmäßig etwas, worauf er ſich ſpäter nie hat beſinnen können. Zum Glück war der Arzt benachrichtigt worden und kam herbei. Er leiſtete Herrn Madeleine Hülfe. „Mein Kind,“ fagte der Arzt,„beruhigen Sie ſich. Ihre Tochter iſt da.“ Die Augen Fantinens leuchteten und überzogen ihr ganzes Geſicht mit Klarheit. Sie faltete die Hände mit einem Ausdrucke, der Alles enthielt, was das Gebet zugleich Ungeſtümes und Mildes haben kann. 222 „O!“ rief ſie aus,„bringen Sie ſie mir!“ Rührende Illuſion der Mutter! Coſette war für ſie immer noch das kleine Kind, das man der Mutter bringt. „Noch nicht“, entgegnete der Arzt.„Nicht in dieſem Augenblick. Sie haben noch ein wenig Fieber. Der Anblick Ihres Kiudes würde Sie aufregen und Ihnen nachtheilig ſein. Zuerſt müſſen Sie geneſen.“ Sie unterbrach ihn ungeſtüm: „Aber ich bin geneſen! Ich ſage Ihnen, daß ich geſund bin! Iſt das ein Menſch, dieſer Arzt! Ei, ich will mein Kind ſehen, ich will es!“ 5 „Sie ſehen wohl,“ ſagte der Arzt,„wie Sie ſich er— eifern. So lange Sie ſo ſind, wiederſetze ich mich ent⸗ ſchieden, daß Sie Ihr Kind bekommen. Es genügt nicht, es zu ſehen, Sie müſſen auch für daſſelbe beten. Wenn Sie vernünftig ſind, ſo werde ich ſelbſt es Ihnen zu⸗ führen.“ Die arme Mutter ſenkte den Kopf. „Herr Doctor“, ſagte Sie,„ich bitte Sie um Ver⸗ zeihung, wirklich recht ſehr um Verzeihung; ſo hätte ich nicht geſprochen, wie ich es eben that, allein, ich habe ſo viel Unglück gehabt, daß ich manchmal nicht mehr weiß, was ich ſage. Ich begreife, daß Sie die Aufregung für mich fürchten; ich werde warten, ſo lange Sie wollen. Aber ich ſchwöre es Ihnen, daß es mir keinen Schaden gethan haben würde, meine Tochter zu ſehen. Ich erblicke ſie, ich verlaſſe ſie nicht mit den Augen ſeit geſtern Abend. Wiſſen Sie wohl? Wenn man ſie mir jetzt brächte, ſo würde ich leiſe mit ihr ſprechen. Das iſt Alles. Und iſt es denn nicht ganz na⸗ türlich, daß ich Sehnſucht habe, mein Kind zu ſehen, das man ausdrücklich für mich von Montfermeil geholt hat? Ich bin nicht zornig; ich weiß wohl, daß ich glücklich ſein werde. Die ganze Nacht habe ich helle Dinge geſehen und Perſonen, die mir zulächelten. Wenn der Herr Doctor es 223 will, wird er mir meine Coſette bringen. Ich habe kein Fieber mehr, weil ich geneſen bin; ich fühle wohl, daß mir nichts mehr fehlt, aber ich will ſo thun, als ob ich krank wäre und mich nicht rühren, um den Damen hier Freude zu machen. Wenn man ſieht, daß ich ſehr ruhig bin, wird man ſagen:„Man muß ihr ihr Kind geben.“ Herr Madeleine hatte ſich auf einen Stuhl neben dem Bett geſetzt. Sie wendete ſich zu ihm. Sie machte ſichtlich eine Anſtrengung, um ruhig zu ſcheinen und„ſehr ver⸗ nünftig“, wie ſie bei dieſer Schwäche der Krankheit ſagte, die der Kindheit glich, damit man keine Schwierigkeit mache, ihr Coſette zuzuführen, wenn man ſie ſo ruhig ſähe. Indem ſie ſich bezwang, konnte ſie ſich nicht enthalten, tauſend Fragen an Herrn Madeleine zu richten. „Haben Sie eine gute Reiſe gehabt, Herr Maire? O, wie gut Sie ſind, daß Sie ſie mir geholt haben! Sagen Sie mir nur, wie ſie ausſieht. Hat ſie die Kälte gut er— tragen? Ach, ſie wird mich nicht mehr wiedererkennen! Seit ſo langer Zeit hat ſie mich vergeſſen, das arme Kätzchen! Die Kinder— das hat kein Gedächtniß! Sie ſind wie die Vögel. Heute ſieht das ein Ding und morgen ein anderes und dann denkt es an nichts mehr. Hatte ſie denn nur weiße Wäſche? Hielten dieſe Thénardiers ſie reinlich? Wie ernährten ſie ſie? Ach, wenn ſie wüßte, wie ſehr ich gelitten habe, alle dieſe Fragen während der Zeit meines Elends an mich zu richten! Jetzt iſt das vorbei! Ich bin ſo heiter! So gern möchte ich ſie ſehen! Herr Maire, haben Sie ſie huͤbſch gefunden? Sie iſt ſehr ſchön, meine Tochter. Sie muß in der Diligence recht gefroren haben. Darf man ſie denn nicht blos auf einen Augenblick bringen? Man könnte ſie dann ſogleich wieder forttragen! Sehen Sie! Sie, der Sie der Herr ſind, wenn Sie nur wollten!“ Er nahm ihre Hand und ſagte: 224 „Coſette iſt hübſch, ſie befindet ſich wohl; Sie werden ſie bald ſehen, aber beruhigen Sie ſich. Sie ſprechen zu lebhaft und dann ſtrecken Sie auch Ihre Arme aus dem Bett und danach huſten Sie.“ In der That unterbrachen die Anfälle des Huſtens Fantine beinahe bei jedem Worte. Fantine murrte nicht. Sie fürchtete, durch allzu leiden⸗ ſchaftliche Klagen das Vertrauen, welches ſie einflößen wollte, erſchüttert zu haben und ſprach jetzt nur gleichgültige Worte. „Montfermeil iſt ziemlich hübſch, nicht wahr? Im Sommer macht man Lnſtparthien dahin. Machen die Thé⸗ nardiers gute Geſchäfte? Es kommen eben nicht viele Leute durch den Ort. Dieſes Wirthshaus iſt eine Art von Kneipe.“ Herr Madeleine hielt noch immer ihre Hand und ſah ſie voll Beſorgniß an. Offenbar war er gekommen, um ihr Dinge zu ſagen, mit denen er jetzt zögerte. Der Arzt hatte ſich nach ſeinem Beſuche entfernt; die Schweſter Simplicia war allein bei ihm geblieben. Mitten in dem Schweigen rief Fantine plötzlich aus: „Ich höre ſie! Mein Gott, ich höre ſie!“ Sie ſtreckte die Arme aus, damit man ringsumher ſchweigen ſollte, hielt den Athem an und lauſchte voll Ent⸗ zücken.. Es ſpielte auf dem Hofe ein Kind; das Kind der Thürhüterin oder irgend einer Arbeiterin. Das iſt einer jener Zufälle, die man überall findet und die einem Theile der geheimnißvollen Anordnung finſterer Ereigniſſe zu bilden ſcheinen. Das Kind, es war ein kleines Mädchen, lief hin und her, um ſich zu erwärmen und ſang mit lauter Stimme. Ach, in was miſchen ſich nicht Alles die Kinderſpiele! Es war ein kleines Mädchen, welches Fantine ſingen hörte. „Ach,“ fuhr ſie fort,„das iſt meine Coſette! Ich er⸗ kenne ihre Stimme!“ Das Kind entfernte ſich, wie es gekommen war. Die Stimme erloſch. Fantine lauſchte noch einige Zeit, dann verdunkelte ſich ihr Geſicht und Herr Madeleine hörte, wie ſie mit leiſer Stimme ſagte:„Wie boshaft der Arzt iſt, daß er mich meine Tochter nicht ſehen läßt! Er hat ein häßliches Geſicht dieſer Menſch!“ Indeß kehrte der lachende Hintergrund ihrer Gedanken zurück. Sie fuhr fort, zu ſich ſelbſt zu ſprechen, den Kopf auf dem Kiſſen liegend:„Wie glücklich wir ſein werden! Ich werde einen kleinen Garten haben! Herr Madeleine hat mir das verſprochen. Meine Tochter wird in den Garten ſpielen. Sie muß jetzt ſchon die Buchſtaben kennen. Ich werde ſie buchſtabiren laſſen. Sie wird auf dem Graſe hinter den Schmetterlingen herlaufen. Ich werde ihr zu⸗ ſehen, und dann wird ſie ihre erſte Communion feiern. Ach, wann iſt denn ihre erſte Communion?“ Sie zählte an den Fingern. „Eins, zwei, drei, vier— ſie iſt ſieben Jahr. In fünf Jahren. Sie wird einen weißen Schleier und durch⸗ brochene Strümpfe tragen und ausſehen, wie ein kleines Frauchen. Ach, meine gute Schweſter, Sie wiſſen nicht, wie dumm ich bin. Denke ich ſchon an die erſte Commu⸗ nion meiner Tochter!“ Und ſie lachte. Er hatte die Hand Fantinens losgelaſſen. Er hörte auf dieſe Worte, wie man auf das Rauſchen des Windes hört, die Augen an den Boden geheftet, den Geiſt verſenkt in endloſe Betrachtungen. Plötzlich hörte ſie auf zu ſprechen; unwillkürlich erhob er darüber den Kopf. Fantine war ent⸗ ſetzlich geworden. Sie ſprach nicht mehr, ſie athmete nicht mehr. Sie hatte ſich halb emporgerichtet, ihre magere Schulter kam aus dem Hemd hervor; ihr Geſicht, einen Augenblick zuvor noch freudeſtrahlend, war leichenblaß. Sie ſchien ihr durch Die Elenden. II. 15 226 den Schrecken vergrößertes Auge auf irgend einen furcht⸗ baren Gegenſtand zu richten, der vor ihr, am anderen Ende des Zimmers war. „Mein Gott!“ rief er aus,„was iſt Ihnen, Fantine?“ Sie antwortete nicht; ſie verließ mit den Augen nicht den Gegenſtand, den ſie zu ſehen ſchien, berührte mit der einen Hand ſeinen Arm und gab ihm mit der anderen ein Zeichen, hinter ſich zu blicken. Er wendete ſich um und ſah Javert. III. Javert iſt zufrieden. Hier, was vorgefallen war. Es hatte halb ein Uhr geſchlagen, als Herr Madeleine den Aſſiſenſaal in Arras verließ. Er war nach ſeinem Gaſthauſe eben zur rechten Zeit zurückgekehrt, um mit der Poſt abzureiſen, auf welche er, wie man ſich erinnern wird, ſeinen Platz beſtellt hatte. Kurz vor ſechs Uhr Morgens langte er in M. am M. an und ſeine erſte Sorge war, ſeinen Brief an Herrn Laffitte auf die Poſt zu geben, dann nach dem Krankenſaale zu gehen und Fantine zu ſehen. Kaum hatte er indeß den Sitzungsſaal des Aſſiſenhofes verlaſſen, als der General-Advokat, der ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, das Wort nahm, um die wahn⸗ ſinnige Handlung des ehrenwerthen Herrn Maire in M. am M. zu beklagen, dann zu erklären, daß ſeine Ueber⸗ — 227 zeugungen ſich in nichts durch dieſes eigenthümliche Ereigniß geändert hätten, welches ſich ſpäter aufklären würde, endlich aber einſtweilen die Verurtheilung des Champmathieu zu be⸗ antragen, welcher offenbar der Jean Valjean wäre. Die Beharrlichkeit des General-Advokaten war augen⸗ ſcheinlich im Widerſpruch mit dem Gefühl Aller, des Pu⸗ blikums, des Gerichtshofes und der Jury. Der Vertheidiger hatte wenig Mühe gefunden, dieſe Anrede zurückzuweiſen und zu erhärten, daß in Folge der Aufklärungen des Herrn Madeleine, das heißt des wahren Jean Valjean, die Sach⸗ lage von Grund aus ſich geändert hätte, und daß die Jury jetzt nur noch einen Unſchuldigen vor ſich habe. Der Ad⸗ vokat hatte daraus einige Schlüſſe über die richterlichen Irrthümer gezogen, die unglücklicher Weiſe nicht neu waren; der Präſident hatte ſich in ſeinem Reſumé dem Vertheidiger angeſchloſſen und die Jury binnen wenigen Minuten Champ⸗ mathieu klagfrei geſprochen. Indeß brauchte der General-Advokat einen Jean Val⸗ jean, und da er Champmathieu nicht mehr hatte, nahm er Madeleine. Unmittelbar nach der Freilaſſung Champmathieu's ſchloß der General⸗-Advokat ſich mit dem Präſidenten ein. Sie beriethen ſich über die Nothwendigkeit, ſich der Perſon des Herrn Maire in M. am M. zu bemächtigen. Dieſe Be⸗ merkung ſchrieb der General-Advokat eigenhändig in ſeinem Bericht an den General⸗Prokurator. Als die erſte Auf⸗ regung vorüber war, machte der Präſident wenig Einwürfe. Die Gerechtigkeit mußte wohl ihren Lauf haben, und dann, um Alles zu ſagen, war der Präſident zwar ein guter und ziemlich verſtändiger Menſch, aber zu gleicher Zeit ein ſehr eifriger und beinahe glühender Royaliſt, und er war dadurch verletzt worden, daß der Maire aus M. am M., indem er von der Landung in Cannes ſprach, geſagt hatte, der Kaiſer, und nicht Bonaparte. 15* Der Befehl zur Verhaftung wurde daher erlaſſen, der General-Advokat ſchickte ihn nach M. am M. durch einen expreſſen reitenden Boten und beauftragte mit der Aus⸗ führung den Polizei⸗Inſpektor Javert. Man weiß, daß Javert nach M. am M. unmittelbar nach der Zeugenausſage zurückgekehrt war. Javert ſtand in dem Augenblicke aus dem Bett auf, als der expreſſe Bote ihm den Befehl zur Verhaftung und Einlieferung übergab. Der Bote war ſelbſt ein ſehr gewandter Polizeibeamter, der Javert mit zwei Worten von Dem unterrichtete, was in Arras vorgegangen war. Der Verhaftsbefehl, unter⸗ zeichnet von dem General-Advokaten, war ſo abgefaßt: „Der Inſpektor Javert wird Herrn Madeleine, Maire in M. am M. feſtnehmen, der in der Sitzung dieſes Tages als der entlaſſene Galeereuſträfling Jean Valjean erkannt worden iſt.“ Jemand, der Javert nicht gekannt und ihn in dem Augenblicke geſehen hätte, als er in das Vorgemach des Krankenſaales trat, würde Nichts von Dem errathen haben, was vorging, und hätte gefunden, daß er das gewöhnlichſte Weſen von der Welt zeigte. Er war kalt, ernſt, ruhig, hatte ſein Haar ſorgfältig an den Schläfen geordnet und war die Treppe mit ſeiner gewöhnlichen Langſamkeit herauf⸗ geſtiegen. Jemand, der ihn näher gekannt und aufmerkſamer beobachtet hätte, würde aber erbebt ſein. Die Schnalle ſeiner ledernen Halsbinde ſaß, ſtatt in dem Genick, an dem linken Ohr. Das verrieth eine ungeahnte Aufregung. Javert war ein vollendeter Charakter; er legte weder in ſeine Pflicht noch in ſeine Uniform eine Falte; methodiſch gegen die Nichtswürdigen, ſtreng gegen die Knöpfe ſeines Rockes.. Hatte er die Schnalle ſeiner Halsbinde ſchief gezogen, der inen lus⸗ bar auf, und nter, was lter⸗ aßt: 2 in ages annt dem des ben, chſte ühig, und auf⸗ amer nalle dem hder diſch eines gen, 229 ſo mußte in ihm eine jener Aufregungen wallen, die man ein inneres Erdbeben nennen könnte. Er war nach dem nächſten Wachpoſten gegangen, hatte hier einen Korporal und vier Mann mitgenommen, die Sol⸗ daten auf dem Hofe gelaſſen und ſich dann das Zimmer Fantinen's durch die Thürhüterin zeigen laſſen, die ohne Mißtrauen war, gewöhnt, Bewaffnete nach dem Herrn Maire fragen zu ſehen. Bei dem Zimmer Fantinen's angelangt, drehte Javert den Thürgriff und öffnete die Thür mit der Behutſamkeit einer Krankenwärterin oder eines Polizeiſpions, und trat ein. Eigentlich trat er nicht ein. Er blieb aufrecht in der halbgeöffneten Thür ſtehen, den Hut auf dem Kopfe, die linke Hand in ſeinem bis zum Kinn zugeknöpften Ueberrock. In dem Ellenbogengelenk konnte man den bleiernen Knopf ſeines gewaltigen Stockes bemerken, der hinter ihm ver⸗ ſchwand. So blieb er beinahe eine Minute ſtehen, ohne daß man ſeine Anweſenheit bemerkte. Plötzlich richtete Fantine die Augen empor, ſah ihn und machte, daß Herr Madeleine ſich umwendete. In dem Augenblicke, als der Blick Madeleine's dem Blicke Javert's begegnete, wurde dieſer, ohne ſich zu rühren, ohne ſich zu bewegen, ohne ſich zu nähern, entſetzlich. Kein menſchliches Gefühl kann ſo furchtbar werden wie die Freude. Es war das Geſicht eines Dämons, der ſein Opfer gefunden hat. Die Gewißheit, endlich Jean Valjean zu faſſen, ließ auf ſeiner Phyſiognomie Alles erſcheinen, was in ſeiner Seele lag. Der aufgeregte Grund ſtieg an die Oberfläche. Die Demüthigung, ein wenig die Spur verloren und ſich einige Zeit über dieſen Champmathieu geirrt zu haben, ver⸗ ſchwand unter dem Stolz, anfänglich ſo gut gerathen und ſo lange einen richtigen Inſtinkt gehabt zu haben. Die Zu⸗ friedenheit Javert's zeigte ſich in ſeiner Haltung. Die Miß⸗ geſtalt des Triumphes ergoß ſich über ſeine niedere Stirn. Es war die ganze Entwickelung des Abſcheulichen, die ein befriedigtes Geſicht zeigen kann. Javert war in dieſem Augenblick im Himmel, ohne daß er ſich davon deutlich Rechenſchaft geben konnte, allein doch mit einer unbeſtimmten Ueberzeugung ſeiner Noth⸗ wendigkeit und ſeines Erfolges, perſonificirte er, Javert, die Gerechtigkeit, die Aufklärung und die Wahrheit in ihrer himmliſchen Funktion, das Böſe zu vernichten. Er hatte hinter ſich und um ſich her in endloſer Tiefe die Autorität, die Vernunft, das Urtheil, das geſetzmäßige Gewiſſen, den öffentlichen Urtheilsſpruch, alle Geſtirne; er beſchützte die Ordnung. Er entlockte dem Geſetz den Blitz, er rächte die Geſellſchaft, er leiſtete dem Abſoluten Beiſtand; er richtete ſich wie in einer Glorie empor; es lag in ſeinem Siege noch ein Reſt der Herausforderung und des Kampfes; auf⸗ recht, ſtolz, drohend, zeigte er ſich in dem Azur der über⸗ menſchlichen Beſtialität eines grauſamen Erzengels. Der Schatten der furchtbaren Handlung, die er vollbrachte, wurde ſichtbar in ſeiner geballten Fauſt, welche das Flammenſchwert der Geſellſchaft zu halten ſchien, glücklich und empört hielt er unter ſeinem Abſatz das Verbrechen, das Laſter, den Aufſtand, die Verderbniß, die Hölle; er ſtrahlte vor Freude; er vernichtete und lächelte und es lag eine unbeſtreitbare Größe in dieſem entſetzlichen Sanct⸗Michael. So furchtbar Javert auch war, hatte er doch nichts Unedles. Die Rechtſchaffenheit, die Aufrichtigkeit, die Unbefangen⸗ heit, die Ueberzeugung, der Gedanke der Pflicht, ſind Dinge, welche abſcheulich werden können, wenn ſie ſich täuſchen, die aber ſelbſt abſcheulich noch groß bleiben; ihre Majeſtät, dem menſchlichen Gewiſſen eigen, beharrt in dem Abſcheulichen. Dies ſind Tugenden, welche ein Laſter haben, den Irrthum. r 231 Die unerbittlich rechtſchaffene Freude eines Fanatikers, der ſich der Grauſamkeit hingiebt, bewahrt einen finſteren Schein des Ehrwürdigen. Ohne es zu ahnen, war Javert in ſeinem entſetzlichen Glücke zu beklagen, wie jeder Unverſtändige, der triumphirt. Nichts war ſo brennend und ſo fürchterlich, wie dies Geſicht, in welchem ſich das zeigt, was man das ganze Böſe des Guten nennen könnte. IV. Die Autorität gewinnt ihre Rechte wieder. Fantine hatte Javert ſeit dem Tage nicht geſehen, an welchem der Maire ſie dieſem Menſchen entriß. Ihr kran⸗ kes Hirn gab ſich von Nichts Rechenſchaft. Nur zweifelte ſie nicht mehr, daß er kam, um ſie wieder zu holen. Sie konnte dieſes entſetzliche Geſicht nicht ertragen, ſie fühlte ſich ſterben, verbarg das Geſicht in beiden Händen und ſchrie voll Todesangſt: „Herr Madeleine, retten Sie mich!“ Jean Valjean— wir werden ihn jetzt nicht mehr an⸗ ders nennen— war aufgeſtanden. Er ſagte mit der mil⸗ deſten und ruhigſten Stimme: „Beruhigen Sie ſich, er kommt nicht Ihretwegen!“ Dann wendete er ſich an Javert und ſagte:„Ich weiß, was Sie wollen.“ Javert antwortete: „Komm! Raſch!“ Es lag in dem Tone, der dieſe beiden Worte begleitete, etwas Wildes und Wahnſinniges. Keine Orthographie könnte den Ton wiedergeben, mit welchem die Worte geſprochen wurden. Es waren keine menſchlichen Laute mehr, ſondern es war ein wildes Gebrüll. Er handelte nicht wie gewöhnlich; er ging nicht in die Sache ein; er zeigte den Verhaftsbefehl nicht vor. Für ihn war Jean Valiean eine Art geheimnißvollen und unfaßbaren Kämpfers, eine finſterer Ringer, den er ſeit fünf Jahren gehaßt hatte, ohne ihn niederwerfen zu können. Dieſe Ver⸗ haftung war nicht ein Anfang, ſondern ein Ende. Er be⸗ gnügte ſich damit, zu ſagen:„Komm! Raſch!“ Indem er ſo ſprach, that er keinen Schritt; er richtete auf Jean Valjean jenen Blick, den er wie einen Haken aus⸗ warf und mit dem er die Elenden heftig zu ſich zu reißen pflegte. Es war dieſer Blick geweſen, den Fantine zwei Mo⸗ nate zuvor bis in das Mark ihrer Knochen hatte dringen fühlen. Bei dieſem Rufe Javerts öffnete Fantine die Augen wieder. Aber der Herr Maire war ja da; was hatte ſie alſo zu fürchten? Javert trat in die Mitte des Zimmers vor und rief: „Nun! Wirſt Du kommen?“ Die Unglückliche blickte umher. Es war Niemand zu— gegen, als die Nonne und der Herr Maire. An wen konnte dieſes barſche„Du“ gerichtet ſein? Nur an ſie. Sie erbebte. Nun ſah ſie etwas Unerhörtes, ſo unerhört, daß ihr ſelbſt in dem finſtern Delirium des Fiebers nie etwas Aehn⸗ liches erſchienen war. Sie ſah den Polizeiſpion Javert den Herrn Maire beim Kragen faſſen; ſie ſah den Herrn Maire den Kopf beugen. Es ſchien ihr, als verſchwinde die Welt. 233 Javert hatte in der That Jean Valjean beim Kragen gepackt. „Herr Maire!“ rief Fantine. Javert lachte laut auf, mit jenem entſetzlichen Lachen, welches alle ſeine Zähne zeigte. „Es giebt hier keinen Maire mehr!“ Jean Valjean verſuchte nicht, die Hand, die ſeinen Kragen hielt, loszumachen. Er ſagte: „Javert—“ Javert fiel ihm in das Wort:„Nenne mich, Herr Inſpektor!“ „Mein Herr,“ entgegnete Jean Valjean,„ich möchte Ihnen heimlich ein Wort ſagen.“ „Laut! Sprich laut!“ entgegnete Javert.„Zu mir ſpricht man ganz laut!“ Jean Valjean fuhr mit leiſer Stimme fort: „Ich möchte eine Bitte an Sie richten.“ „Ich ſage Dir, Du ſollſt laut ſprechen!“ „Aber es darf nur von Ihnen allein gehört werden.“ „Was kümmert das mich! Ich höre auf nichts!“ Jean Valjean wendete ſich zu ihm und ſagte raſch und ſehr leiſe: „Gewähren Sie mir drei Tage! Drei Tage, um das Kind dieſes unglücklichen Mädchens zu holen! Ich zahle, was nöthig iſt. Sie begleiten mich, wenn Sie wollen.“ „Du willſt Dich über mich luſtig machen!“ rief Javert. „Ei, ich hielt Dich nicht für ſo dumm. Du verlangſt drei Tage, um davon zu gehen! Du ſagſt, das geſchieht, um das Kind dieſes Mädchens zu holen? Ha! ha! ha! Das iſt gut! Das iſt wirklich gut!“ Fantine erbebte. „Mein Kind!“ rief ſie.„Mein Kind holen! Es iſt alſo nicht hier? Meine Schweſter, antworten Sie mir, wo 234— iſt Coſette? Ich will mein Kind haben! Herr Madeleine! Herr Maire!“ Javert ſtampfte mit dem Fuße. „Nun die auch noch! Wirſt Du ſchweigen, Vettel! Ein verfluchtes Land, wo die Galeerenzüchtlinge Beamte werden und wo man die öffentlichen Dirnen pflegt, wie Gräfinnen! Aber das Alles wird ſich ändern! Es war Zeit dazu!“ Er ſah Fantine feſt an und fügte, indem er die Hals⸗ binde, das Hemd und den Kragen Jean Valjeans feſter packte, hinzu: „Ich ſage Dir, daß hier kein Herr Madeleine und kein Herr Maire mehr iſt. Es iſt hier ein Dieb, ein Spitzbube, ein Galeerenzüchtling, Namens Jean Valjean! Er iſt es, den ich halte! Das iſt die Sache!“ Fantine fuhr heftig in die Höhe, ſtützte ſich auf beide Arme und beide Hände, ſah Jean Valjean an, ſah Javert an, ſah die Nonne an, öffnete den Mund, wie um zu ſpre chen, doch ein Röcheln entrang ſich ihrer Kehle, ihre Zähne ſchlugen aufeinander, ſie ſtreckte in Todesqual die Arme aus, öffnete krampfhaft die Hände, faßte umher, wie ein Ertrin⸗ kender, und ſank plötzlich auf das Kopfkiſſen zurück. Ihr Kopf ſchlug auf die Bettſtelle und ſank dann auf ihre Bruſt. Ihr Mund war geöffnet, ihre Augen weit offen und erloſchen. Sie war todt. Jean Valjean legte ſeine Hand auf die Hand Javerts, die ihn hielt, öffnete ſie, wie man die Hand eines Kindes öffnet und ſagte zu Javert: „Sie haben dieſes Weib getödtet!“ „Wirſt Du zu Ende kommen?“ ſchrie Javert wüthend. „Ich bin nicht hier, um Vernunftgründe zu hören. Sparen wir das Alles; die Wache iſt unten. Vorwärts ſogleich, oder die Handſchellen!“ — 235 1 In einer Ecke des Zimmers ſtand eine alte eiſerne Bettſtelle in ziemlich ſchlechtem Zuſtande und dazu beſtimmt, ’ den barmherzigen Schweſtern als Lagerſtätte zu dienen, wenn ! ſie wachten. Jean Valjean ging auf dieſes Bett zu, riß im ne Nu die obere ſchon ſehr lockere Stange ab, etwas ſehr die Leichtes für Muskeln wie die ſeinigen, nahm das Eiſen in eit die volle Hand und ſah Javert an. Javert wich gegen die Thür zurück. ⸗ Seine Eiſenſtange in der Fauſt, ging Jean Valjean ter langſam auf das Bett Fantinens zu. Als er es erreicht hatte, wendete er ſich zu Javert und ſagte mit einer Stimme, ein die man kaum hören konnte: be,„Ich rathe Ihnen nicht, mich in dieſem Augenblicke zu e8, ſtören.“ 4 So viel iſt gewiß, daß Javert zitterte. de Er hatte einen Augenblick den Gedanken, die Wache zu rt 6 rufen, aber Jean Valjean konnte dieſe Minute benutzen, um ⸗ zu entfliehen. Er blieb daher, nahm ſeinen Stock bei dem ne unteren Ende und lehnte ſich an die Brüſtung der Thür, , ohne den Blick von Jean Valjean abzuwenden. in⸗ Jean Valjean ſtützte ſeinen Ellenbogen auf das Kopf⸗ ende der Bettſtelle, legte ſeine Hand an die Stirn und be⸗ uuf trachtete Fantine, die regungslos und ſtarr dalag. en So blieb er in Gedanken verſunken, ſtumm und offen— bar an nichts in dieſem Leben denkend. Es lag in ſeinem Geſicht und in ſeiner ganzen Haltung weiter nichts mehr, 8, als ein unausſprechliches Mitleid. Nach einigen Augenblicken 68 dieſer Träumerei neigte er ſich zu Fantine nieder und ſprach leiſe zu ihr. Was ſagte er ihr? Was konnte dieſer verworfene n. Menſch dieſem todten Weibe ſagen? Was waren das für en Worte? Niemand auf Erden hat ſie gehört. Hörte die 3 Todte ſie? Es giebt rührende Illuſionen, welche vielleicht erhabene Wirklichkeiten ſind. So viel iſt außer Zweifel, daß die Schweſter Simplicia, die einzige Zeugin deſſen, was vorging, oft erzählt hat, in dem Augenblicke, als Jean Val⸗ jean in das Ohr Fantinens flüſterte, hätte ſie deutlich ein unausſprechlich freudiges Lächeln auf den bleichen Lippen und in den ſtarren Augen bemerkt, wie erfüllt von dem Staunen des Grabes. Jean Valjean nahm in beide Hände den Kopf Fan⸗ tinens, legte ihn auf dem Kopfkiſſen zurecht, wie eine Mutter es mit ihrem Kinde gemacht haben würde, befeſtigte dann die Bänder ihres Hemdes und ſchob ihr die Haare un⸗ ter die Haube. Als dies geſchehen war, drückte er ihr die Augen zu. Das Geſicht Fantinens ſchien in dieſem Augenblicke auf eine eigenthümliche Weiſe verklärt zu ſein. Der Tod iſt das Eintreten in das helle Licht. Die Hand Fantinens hing zu dem Bett heraus. Jean Valjean kniete vor dieſer Hand nieder, erhob ſie leiſe und küßte ſie. Dann richtete er ſich wieder empor, wendete ſich zu Javert und ſagte: „Jetzt gehöre ich Ihnen.“ V. Ein paſſendes Grab. Javert brachte Jean Valjean nach dem Stadtgefängniß. Die Verhaftung des Herrn Madeleine bewirkte in M. am M. eine außerordentliche Aufregung, oder um richtiger uf m d u er 237 zu ſagen, einen Sturm. Es betrübt uns, nicht verhehlen zu können, daß nach der bloßen Aeußerung:„Er war ein Galeerenzüchtling“ beinahe alle Welt ſich von ihm wendete. Binnen weniger als zwei Stunden war all das Gute, das er gethan hatte, vergeſſen, und er blieb nur noch„ein, Ga⸗ leerenſträfling“. Es iſt übrigens gerecht, zu ſagen, daß man noch nicht die näheren Umſtände der Ereigniſſe in Arras kannte. Den ganzen Tag hörte man überall in der Stadt Aeußerungen wie die folgenden: „Wiſſen Sie noch nicht?— Er war ein entlaſſener Galeerenſträfling!— Wer das?— Der Maire.— Pah! Herr Madeleine?— Ja.— Wirklich?— Er hieß nicht Madeleine; er hat einen abſcheulichen Namen, Béjean, Bojean, Boujean.— Ach mein Gott!— Er iſt verhaftet. — Verhaftet!— Im Stadtgefängniß, bis er abgeführt wird.— Bis man ihn abführt! Man wird ihn abführen. Wohin wird man ihn abführen?— Er wird vor die Aſſiſen geſtellt werden wegen Straßenraubes, den er früher verübt hat.— Nun, ich ahnte ſo etwas. Er war zu gut, zu vollkommen, zu vortrefflich. Er lehnte das Kreuz ab, er ſchenkte an alle kleine Schelme, die ihm begegneten, Sous. Ich habe immer gedacht, daß darunter irgend eine ſchlechte Geſchichte läge.“ Die Salons beſonders äußerten ſich in dieſem Sinne. Eine alte Dame, Abonnentin des Drapeau Blanc, machte die Bemerkung, deren Tiefe beinahe nicht zu ergrün⸗ den iſt: „Ich bin nicht böſe darüber. Das wird die Bona⸗ partiſten lehren!“ So verſchwand das Phantom, das ſich Herr Made⸗ leine genannt hatte, in M. am M. Nur drei oder vier Perſonen in der Stadt blieben ſeinem Andenken treu. 238 Die alte Thürhüterin, die ihn bedient hatte, war unter dieſer Zahl. Am Abend deſſelben Tages ſaß die würdige Alte in ihrer Loge, noch ganz entſetzt und in trauriges Nachdenken verſunken. Die Fabrik war den ganzen Tag über geſchloſſen geweſen, das Thor war verriegelt, die Straße war verödet. In dem Hauſe befanden ſich nur noch die beiden Nonnen, Schweſter Perpetua und Schweſter Simplicia, welche bei der Leiche Fantinens wachten. Zu der Stunde, zu welcher Herr Madeleine nach Hauſe zu kommen pflegte, ſtand die ehrliche Thürhüterin maſchinen⸗ mäßig auf, nahm den Schlüſſel zu dem Zimmer des Herrn Madeleine aus einem Schubfache und den Leuchter, deſſen er ſich jeden Abend zu bedienen pflegte, um nach ſeinem Zimmer hinaufzugehen, hing dann den Schlüſſel an den Nagel, von wo er ihn gewöhnlich herabnahm und ſtellte den Leuchter daneben, wie wenn ſie ihn erwartete. Dann ſetzte ſie ſich wieder auf ihren Stuhl und ſann auf's Neue. Die gute arme Alte hatte das Alles gethan, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Erſt nach zwei Stunden erwachte ſie aus ihrer Träu⸗ merei und rief:„Ach ſieh, mein guter Gott Jeſus! Ich habe ſeinen Schlüſſel an den Nagel gehangen!“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Glasthür der Loge, eine Hand ſtreckte ſich durch die Oeffnung, ergriff den Schlüſſel und den Leuchter und zündete die Kerze an dem brennenden Lichte an. Die Thürhüterin erhob die Augen und blieb mit offenem Munde, den Schrei, der ihr in der Kehle ſteckte, unter⸗ drückend. Sie kannte dieſe Hand, dieſen Arm, dieſen Aufſchlag des Ueberrocks. Es war Herr Madeleine. Einige Secunden blieb ſie, ohne ſprechen zu können, 239 ergriffen, wie ſie ſelbſt ſpäter ſagte, als ſie ihr Aben⸗ theuer erzählte. „Mein Gott, Herr Maire“, rief ſie endlich aus,„ich 74 glaubte, Sie wären— Sie hielt inne, denn vas Ende ihrer Rede würde der Ehrerbietung des Anfangs widerſprochen haben. Jean Valjean war für ſie noch immer der Herr Maire. Er ſprach ihren Gedanken aus. „Im Gefängniß“, ſagte er.„Ich war dort. Ich habe eine Eiſenſtange aus dem Fenſter gebrochen, mich über das Dach hinabgleiten laſſen, und ſo bin ich hier. Ich gehe nach meinem Zimmer hinauf; rufen Sie mir die Schweſter Simplicia. Sie iſt ohne Zweifel bei dem armen Mädchen.“ Die Alte gehorchte in aller Eile. Er richtete keine Ermahnung an ſie; es war ganz gewiß, daß ſie beſſer über ihn wachen würde, wie er ſelbſt. Man hat nie erfahren, wie er auf den Hof zu drin⸗ gen vermochte, ohne den Thorweg zu öffnen. Er trug be⸗ ſtändig einen Hauptſchlüſſel bei ſich, der die kleine Neben⸗ thür öffnete; aber man mußte ihn durchſucht und ihm den Schlüſſel abgenommen haben. Dieſer Punkt iſt nie aufge⸗ klärt worden. Er ging die Treppe hinauf, die zu ſeinem Zimmer führte. Oben ließ er den Leuchter auf den letzten Stufen der Treppe ſtehen, öffnete ſeine Thür mit ein wenig Geräuſch, ſchloß dann taſtend ſein Fenſter und den Fenſterladen und kehrte wieder zurück, um das Licht zu holen, mit dem er in das Zimmer trat. Die Vorſichtsmaßregel war nützlich; man erinnert ſich, daß das Feuſter von der Straße aus geſehen werden konnte. 240 Er warf einen Blick rings umher, auf ſeinen Tiſch, ſeinen Stuhl, ſein Bett, welches ſeit drei Tagen nicht ein⸗ geriſſen worden war. Es blieb keine Spur von der Un⸗ ordnung der vorletzten Nacht. Die Thürhüterin hatte die Stube in Ordnung gebracht. Nur hatte ſie aus der Aſche die beiden Eiſenſpitzen des Stockes und das durch das Feuer geſchwärzte Vierzig-Sousſtück genommen und geſäubert auf den Tiſch gelegt. Er nahm ein Blatt Papier und ſchrieb auf daſſelbe: Dies ſind die beiden eiſernen Enden meines Stockes und das dem kleinen Gervais geſtohlene Vierzig⸗Sousſtück, von denen ich vor dem Aſſiſenhofe geſprochen habe. Auf dieſes Papier legte er das Silberſtück und die beiden Eiſenſtücke, ſo daß ſie das Erſte ſein mußten, was man bemerkte, wenn man in das Zimmer trat. Er nahm aus einem Schranke ein altes Hemd und zerriß es. In die Stücke wickelte er die beiden ſilbernen Leuchter. Bei alle dem zeigte er weder Haſt noch Unruhe. Während er die Leuchter des Biſchofs einwickelte, biß er in ein Stück ſchwarzes Brod. Wahr⸗ ſcheinlich war es das Gefängnißbrod, das er bei ſeiner Flucht mitgenommen hatte. Dies wurde durch die Brodkrumen bewieſen, die man am Fußboden des Zimmers fand, als die Juſtiz ſpäter eine Nachſuchung hielt. Es ertönten zwei leiſe Schläge an die Thür. „Herein!“ ſagte er. Es war die Schweſter Simplicia. Sie war blaß, hatte rothe Augen, und das Licht, das ſie hielt, zitterte in ihrer Hand. Die Gewaltthätigkeiten des Schickſals haben das Eigenthümliche, daß ſie das In⸗ nerſte der menſchlichen Natur an das Licht ziehen und es zwingen, äußerlich zu erſcheinen, ſo vervollkommnet oder ſo erkaltet wir auch ſein mögen. Bei den Aufregungen des das feiten In⸗ d es er ſo des 241 Tages war die Nonne wieder Weib geworden. Sie hatte geweint; ſie zitterte. Jean Valjean hatte einige Zeilen auf ein Papier ge⸗ ſchrieben, das er der Nonne reichte, indem er ſagte: „Meine Schweſter, Sie werden dies hier dem Herrn Pfarrer übergeben.“ Das Papier war entfaltet. Sie richtete die Augen darauf.—„Sie können es leſen“, ſagte er. Sie las:„Ich bitte den Herrn Pfarrer, über Alles das zu wachen, was ich hier zurücklaſſe. Er wird die Güte haben, die Koſten meines Prozeſſes und die Beerdigung des Mädchens zu beſtreiten, die heute geſtorben iſt. Das Uebrige gehört den Armen.“ Die Schweſter wollte ſprechen, aber ſie konnte kaum einige unarticulirte Töne hervorſtammeln. Dennoch gelang es ihr, zu ſagen: „Wünſchen der Herr Maire nicht noch zum letzten Male die arme Unglückliche zu ſehen?“ „Nein“, ſagte er,„man iſt auf meiner Verfolgung be⸗ griffen, und wenn man mich in ihrem Zimmer verhaftete, ſo würde das ſie ſtören.“ Er hatte kaum ausgeſprochen, als ein großer Lärm auf der Treppe entſtand. Sie hörten tumultuariſche Schritte, welche herauf kamen, und die alte Thürhüterin, welche mit lauter und durchdringender Stimme rief: „Mein guter Herr, ich ſchwöre Ihnen bei dem guten Gotte, daß den ganzen Tag, den ganzen Abend Niemand hier eingetreten iſt, und daß ich meine Thür nicht verlaſſen habe.“ Ein Mann antwortete: „Aber es iſt doch Licht in jenem Zimmer.“ Sie erkannten die Stimme Javert's. Das Zimmer war ſo eingerichtet, daß die Thür, wenn ſie geöffnet wurde, den rechten Mauerwinkel verdeckte. Jean Die Elenden. II 16 242 Valjean blies das Licht aus und ſtellte ſich in dieſen Winkel. Die Schweſter Simplicia ſank neben dem Tiſche auf die Kniee. Die Thür öffnete ſich. Javert trat ein. Man hörte das Geflüſter mehrerer Menſchen und die Betheuerungen der Thürhüterin in dem Gange. Die Nonne richtete die Augen nicht empor. Sie betete. Das Licht ſtand auf dem Kamin und verbreitete nur einen ſchwachen Schein. Javert bemerkte die Schweſter und blieb verwundert ſtehen. Man erinnert ſich, daß die Grundlage Javerts, ſein eigentliches Element die Verehrung jeder Autorität war. Er war wie aus einem Stücke gegoſſen und gab weder Widerſpruch noch Ausnahmen zu. Für ihn war wohlver⸗ ſtanden die kirchliche Autorität die erſte von allen; er war religiös, oberflächlich und entſchieden in dieſem Punkte, wie in jedem andern. In ſeinen Augen war ein Prieſter ein Geiſt, der ſich nie täuſcht, eine Nonne ein Geſchöpf, das nie ſündigt. Es waren Seelen, eingemauert in dieſer Welt, mit einer einzigen Thür, die ſich nie anders öffnete, als um die Wahrheit hinauszulaſſen. Als er die Schweſter bemerkte, war ſeine erſte Regung, ſich zurückzuziehen. Indeß gab es noch eine andere Pflicht, die ihn feſſelte und die ihn gebieteriſch in entgegengeſetzter Richtung vor⸗ wärts trieb. Seine zweite Bewegung war, zu bleiben und wenigſtens eine Frage zu wagen. Es war jene Schweſter Simplicia, die in ihrem ganzen Leben nicht gelogen hatte. Javert wußte dies und verehrte ſie ganz beſonders deshalb. eſen auf ½ tete. nur nert 2 43 „Meine Schweſter,“ ſagte er,„Sie ſind allein in dieſem Zimmerd 4 Es entſtand ein entſetzlicher Augenblick, während deſſen die arme Thürhüterin ſich einer Ohnmacht nahe fü hlte. Die barmherzige Schweſter erhob die Augen und ant⸗ wortete: „Ja.“ Alſo,“ fuhr Javert,„entſchuldigen S Sie, wenn ich noch weiter frage, aber es iſt meine Pflicht. Haben Sie dieſen Abend nicht eine Perſon geſehen, einen Mann— er iſt ent⸗ ſprungen— wir ſuchen ihn— dieſen Jean Valjean— haben Sie ihn nicht geſehen?“ Die Schweſter antwortete: „Nein.“ Sie log. Sie log zwei Mal hintereinander, Schlag auf Schlag, ohne zu zögern, raſch, ſo wie man ſich opfert. „Verzeihung,“ ſagte Javert, und zog ſich mit einem tiefen Gonhe zurück. „O, heiliges Mädchen, Du biſt ſeit vielen Jahren nicht mehr auf dieſer Erde; Du biſt in dem Lichte mit Deinen Schweſtern, den Jungfrauen, und Deinen Brüdern, den Engeln, vereinigt; dieſe Lüge möge Dir in dem Paradieſe angerechnet werden. Die Verſicherung der Schweſter war für Javert etwas ſo Entſcheidendes, daß ihm nicht einmal die Sonderbarkeit des ausgeblaſenen und auf dem Tiſche rauchenden Lichtes auffiel. Eine Stunde darauf entfernte ſich ein Menſch, rraſch durch die Bäume und die Dunkelheit hinſchreitend, von M. am M. in der Richtung gegen Paris. Dieſer Menſch war Jean Valjean. Durch das Zeugniß von zwei oder drei Kärrnern, die ihm begegneten, iſt erwieſen worden, daß er ein Päckchen trug und mit einer Blouſe bekleidet war. Woher hatte er dieſe Blouſe genommen? Man hat es 16* — — 244 nie erfahren. Indeß war einige Tage zuvor ein alter Arbeiter in der Krankenanſtalt der Fabrik geſtorben, nichts hinterlaſſend, als ſeine Blouſe. Es war vielleicht dieſe. Ein letztes Wort über Fantine. Wir Alle haben eine Mutter, die Erde. Man gab Fantinen dieſer Erde zurück. Der Pfarrer glaubte recht zu thun, und er that viel⸗ leicht recht, indem er von dem, was Jean Valjean ihm überlaſſen hatte, ſo viel Geld als möglich für die Armen zurückbehielt. Um was handelte es ſich denn auch übrigens? Um einen Galeerenſträfling und eine öffentliche Dirne. Des⸗ halb vereinfachte er die Beerdigung Fantinens bis auf das unbedingt Nothwendige, was man das gemeinſchaftliche Grab nennt. Fantine wurde daher in der unentgeltlichen Ecke des Kirchhofs beerdigt, die aller Welt und Niemand gehört, und wo man die Armen aus dem Geſicht verliert. Zum Glück weiß Gott, wo er die Seele wiederzufinden hat. Man bettete Fantine im Dunkeln unter die erſten beſten Ge⸗ beine; ſie erduldete die Vermiſchung der Aſche. Sie wurde in die öffentliche Grube geworfen. Ihr Grab glich ihrem Bett. Ende des zweiten Bandes und der erſten Abtheilung. Druck von R. Genſch in Berlin. ——— ———— 5———*—— Grey Control Chart Seas Green vellow Hed Magenta —