Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 4 2 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Treppi vorüber ziehen nur Bauern, die mit den Hirten zu handeln haben, ſelten ein Maler oder ein land⸗ ſtraßenſcheuer Fußwanderer, und in den Nächten die Schmuggler mit ihren Saumthieren, die das öde Dorf, wo ſie kurze Raſt machen, auf noch viel rauhe⸗ ren Felswegen zu erreichen wiſſen, als alle Andern. Es war erſt gegen die Mitte Octobers, eine Zeit, wo die Nächte in dieſer Höhe noch von großer Klar⸗ heit zu ſein pflegen. Heute aber hatte ſich nach dem — ———y— — — ſonnenheißen Tage ein feiner Nebel aus den Schluch ten heraufgewälzt und breitete ſich langſam über die edelgeformten nackten Felszüge des Hochlandes. Es mochte gegen neun Uhr Abends ſein. In den zer ſtreuten niedrigen Steinhütten, die über Tag nur von den älteſten Weibern und jüngſten Kindern be⸗ wacht werden, glommen nur noch ſchwache Feuer⸗ ſcheine. Um die Herde, über denen die großen Keſſel wankten, lagen die Hirten mit ihren Familien und ſchliefen; die Hunde hatten ſich in die Aſche geſtreckt; eine ſchlafloſe Großmutter ſaß wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte mechaniſch die Spindel hin und her, Gebete murmelnd, oder ein unruhig ſchlafendes Kind im Korbe ſchaukelnd. Die Nacht— luft zog feucht und herbſtlich durch die handgroßen Lücken in der Mauer, und der Rauch der ruhig ausbrennenden Herdflamme, der jetzt vom Nebel ge⸗ drängt wurde, ſchlug ſchwerfällig zurück und floß an der Decke der Hütte hin, ohne daß es der Alten beſchwerlich ward. Hernach ſchlief auch ſie mit offenen Augen, ſo viel ſie konnte. Nur in einem Hauſe war noch Bewegung. Es hatte auch nur ein Stockwerk wie die andern; aber 5 die Steine waren beſſer gefugt, die Thür breiter und höher, und an das weite Viereck, das die eigentliche Wohnung ausmachte, lehnten ſich mancherlei Schup⸗ pen, angebaute Kammern, Ställe und ein gut ge⸗ mauerter Backofen. Vor der Hausthür ſtand ein Trupp beladener Pferde, denen ein Burſch eben die geleerten Krippen wegriß, während ſechs bis ſieben bewaffnete Männer aus dem Hauſe traten, in den Nebel hinaus, und eilig ihre Thiere rüſteten. Ein uralter Hund, der neben der Thür lag, bewegte nur leicht den Schweif, als ſie aufbrachen. Dann erhob er ſich müde von der Erde und ging langſam in das Innere der Hütte, wo das Feuer noch hell brannte. Am Herde ſtand ſeine Herrin, dem Feuer zugewendet, die ſtattliche Geſtalt regungslos, die Arme an den Hüften herabhangend. Als der Hund mit der Schnauze ſanft gegen ihre Hand rührte, wandte ſie ſich, als ſchrecke ſie aus Träumen auf. „Fuoco,“ ſagte ſie,„mein armes Thier, geh ſchla⸗ fen, du biſt krank!“— Der Hund winſelte und bewegte den Schweif dankbar. Dann kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und ſtreckte ſich huſtend und winſelnd nieder. —yͤ ——— — Indeſſen waren auch einige Knechte hereinge kommen und hatten ſich um den großen Tiſch an die Schüſſel geſetzt, welche die abziehenden Schmuggler ſo eben verlaſſen hatten. Eine alte Magd füllte ſie aus dem großen Keſſel von Neuem mit Polenta, und ſetzte ſich nun ebenfalls mit ihrem Löffel zu den Andern. Während ſie aßen, wurde kein Wort laut; die Flamme kniſterte, der Hund ſtöhnte heiſer aus dem Schlaf, das Ri aſ⸗ Mädchen ſaß auf den Steinplatten des Herdes, ließ das Schüſſelchen mit der Polenta, das ihr die Magd beſonders hin⸗ geſtellt hatte, unberührt und ſah in der Halle um⸗ her, ohne Gedanken in ſich verſunken. Vor der Thür ſtand der Nebel jetzt ſchon wie eine weiße Wand. Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des Felſens in die Höhe. Da kam es wie Hufſchlag und Menſchentritte die Straße herauf.—„Pietro!“ rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton. Ein langer Burſch ſtand augenblicklich vom Tiſch auf und verſchwand im Nebel. Man hörte jetzt die Schritte und Stimmen näher, endlich hielt das Pferd am Hauſe. Noch eine Weile, dann erſchienen drei Männer unter der Thür und — ☛ * traten mit kurzem Gruß ein. Pietro näherte ſich dem Mädchen, das theilnahmlos in die Flamme ſah. „Es ſind Zwei von Porretta,“ ſagte er ihr,„ohne Waaren; ſie führen einen Signore über die Berge, der ſeine Päſſe nicht in Ordnung hat.“ „Nina!“ rief das Mädchen. Die alte Magd ſtand auf und kam an den Herd. „Das iſt's nicht allein, daß ſie eſſen wollen, Padrona,“ fuhr der Burſch fort.„Ob der Herr ein Lager haben kann für die Nacht. Er will nicht weiter vor Tagesanbruch.“ „Mach ihm eine Streu in der Kammer.“ Pietro nickte und ging wieder an den Tiſch. Die Drei hatten Platz genommen, ohne daß die Knechte ſie einer beſondern Aufmerkſamkeit würdig⸗ ten. Es waren zwei Contrabbandieri, wohlbewaffnet, die Jacken leicht übergeworfen, die Hüte tief über die Stirn gedrückt. Sie nickten den Andern zu wie guten Bekannten, und nachdem ſie ihrem Begleiter einen guten Platz eingeräumt hatten, ſchlugen ſie das Kreuz und aßen. Der Signore, der mit ihnen gekommen, aß nicht. Er nahm den Hut von der hohen Stirn, ſtrich mit der Hand durchs Haar und ließ die Augen über den Ort und die Geſellſchaft ſchweifen. An den Wänden las er die mit Kohle gemalten, frommen Sprüche, ſah im Winkel das Madonnenbild mit dem Lämp chen, daneben die Hühner, die auf der Stange ſchlie fen, dann die Maiskolben, die, auf Schnüre gereiht, an der Decke hingen, ein Brett mit Krügen und Korbflaſchen, übereinandergeſchichtete Felle und Körbe. Das Mädchen am Herd feſſelte endlich ſeine unruhi gen Augen. Das dunkle Ppoofil zeichnete ſich ſtreng und ſchön gegen das flackernde Roth des Herdfeuers, ein großes Neſt ſchwarzer Flechten lag tief auf dem Nacken, die Hände hatte ſie ineinander verſchränkt auf das eine Knie gelegt, während der andere Fuß auf dem Felsboden des Gemachs ruhte. Wie alt ſie ſein mochte, konnte er nicht errathen. Doch ſah er an ihrem Gebahren, daß ſie die Wirthin des Hau⸗ ſes war. „Habt Ihr Wein im Hauſe, Padrona?“ fragte er endlich. Er hatte dieſe Worte kaum geſagt, als das Mädchen wie vom Blitz geſtreift emporfuhr und aufrecht neben dem Herde ſtand, mit beiden Armen ſich auf die Platten ſtützend. In demſelben Augen⸗ f 9 blick fuhr der Hund aus dem Schlafe auf. Ein wildes Murren brach aus ſeiner keuchenden Bruſt vor. Der Fremde ſah plötzlich vier funkelnde Augen auf ſich gerichtet. „Darf man nicht fragen, ob Ihr Wein im Hauſe habt, Padrona?“ wiederholte er jetzt. Noch aber hatte er das letzte Wort nicht geendet, als der Hund in unerklärlicher Wuth laut heulend auf ihn zuſprang, ihm den Mantel mit den Zähnen von der Schulter riß und von Neuem gegen ihn losgeſprungen wäre, wenn nicht ein ſcharfer Ruf ſeiner Herrin ihn gebändigt hätte. „Zurück, Fuoco, zurück! Friede, Friede!“— Der Hund ſtand mitten im Zimmer, heftig mit dem Schweife ſchlagend, den Fremden unverwandt im Auge.—„Schließ ihn in den Stall, Pietro!“ ſagte das Mädchen halblaut. Sie ſtand noch immer wie erſtarrt am Herde und wiederholte den Befehl, als Pietro zauderte. Denn ſeit langen Jahren war der nächtliche Platz des alten Thiers neben dem Herde geweſen. Die Knechte flüſterten untereinander, der Hund folgte widerwillig, und ſein Heulen und Win⸗ ſeln drang ſchauerlich von draußen herein, bis es vor Erſchöpfung nachzulaſſen ſchien. 10 Indeſſen hatte die Magd auf einen Wink der Wirthin Wein gebracht. Der Fremde trank, reichte den Becher ſeinen Begleitern und ſann im Stillen über den wunderlichen Aufruhr nach, den er un wiſſentlich angeſtiftet. Ein Knecht nach dem andern legte den Löffel nieder und ging mit einem„Gute Nacht, Padrona!“ hinaus. Zuletzt waren die Drei mit der Wirthin und der alten Magd allein. „Die Sonne geht um vier Uhr auf,“ ſagte der eine Schmuggler halblaut zu dem Fremden. „Eccellenza braucht nicht früher aufzubrechen, um bei guter Zeit in Piſtoja zu ſein. Es iſt auch wegen des Pferdes, das ſeine ſechs Stunden ſtehen muß.“ „Es iſt gut, meine Freunde. Geht und ſchlaft!“ „Wir werden Euch wecken, Eccellenza.“ „Auf alle Fälle,“ erwiederte der Fremde.„Ob wohl die Madonna weiß, daß ich nicht oft ſechs Stunden in Einem Strich ſchlafe. Gute Nacht, Car⸗ lone; gute Nacht, Meiſter Giuſeppe!“ Die Leute rückten ehrerbietig die Hüte und ſtan⸗ den auf. Der Eine ging nach dem Herd und ſagte: „Ich habe einen Gruß, Padrona, vom Coſtanzo aus 11 Bologna, und ob es bei Euch war, wo er ſein Meſſer hat liegen laſſen letzten Samstag.“ „Nein,“ ſagte ſie kurz und ungeduldig. „Ihr hättet's ihm wohl wieder mitgeſchickt,“ ſagte ich ihm,„wenn's hier geweſen wäre. Und dann—“ „Nina,“ unterbrach ſie ihn,„zeige ihnen den Weg in die Kammer, wenn ſie ihn vergeſſen haben.“ Die Magd ſtand auf.„Ich wollte nur noch ſagen, Padrona,“ fuhr der Mann mit großer Ruhe und leiſem Zwinkern der Augen fort,„daß dieſer Herr dort das Geld nicht anſähe, wenn Ihr ihm ein ſanfteres Bett machtet, als unſereinem. Das wollt' ich Euch ſagen, Padrona, und nun ſchenk' Euch die Madonna eine gute Nacht, Signora Fenice!“ Damit wandte er ſich zu ſeinem Geſellen, neigte ſich, wie dieſer, vor dem Bilde in der Ecke, kreuzte ſich und beide verließen mit der Magd das Gemach. „Gute Nacht, Nina!“ rief das Mädchen. Die Alte wandte ſich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen, zog dann aber raſch und gehorſam die Thür hinter ſich zu. Sie waren kaum allein, als Fenice eine Meſſing⸗ lampe, die ſeitwärts am Herde ſtand, ergriff und +— 12 haſtig anzündete. Das Herdfeuer erloſch mehr und mehr, die drei rothen Flämmchen der Lampe erhell ten nur einen kleinen Theil des weiten Raumes. Es ſchien, als habe die Dunkelheit den Fremden ſchläfrig gemacht, denn er ſaß am Tiſche, den Kopf auf die Arme gelegt, den Mantel dicht um ſich ge zogen, als gedenke er ſo die Nacht zuzubringen. Da hörte er ſeinen Namen rufen und ſah empor. Die Lampe brannte vor ihm auf dem Tiſch, ihm gegen über ſtand die junge Padrona, die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den ſeinen mit großer Gewalt. „Filippo,“ ſagte ſie,„kennt Ihr mich nicht mehr?“ Er ſah eine Zeitlang forſchend in das ſchöne Geſicht, das vom Schein der Lampe und mehr noch von der Angſt zu glühen ſchien, welche Antwort ihrer Frage werden würde. Das Geſicht war wohl des Wiedererinnerns werth. Die weichen langen Augen⸗ wimper ſänftigten, wie ſie langſam auf und nieder gingen, die Strenge der Stirn und der ſchmalge⸗ formten Naſe. Der Mund blühte in der rötheſten Jugend; nur hatte er, wenn er ſchwieg, einen Zug von Entſagung, Schmerz und Wildheit, dem die 13 ſchwarzen Augen nicht widerſprachen. Jetzt erſt, als ſie am Tiſche ſtand, zeigte ſich auch der herbe Reiz der Geſtalt, beſonders die Schönheit des Nackens und Halſes. Und dennoch ſprach Filippo nach einigem Beſinnen: „Ich kenne Euch wahrlich nicht, Padrona!“ „Es iſt nicht möglich,“ ſagte ſie mit einem wun— derbar tiefen Ton der Gewißheit.„Ihr habt ja ſieben Jahre Zeit gehabt, mich zu behalten. Das iſt lang; da kann ein Bild ſich ſchon einprägen.“ Das ſeltſame Wort ſchien ihn jetzt erſt völlig aus ſeinen beſondern Gedanken loszumachen.„Ja, Mädchen,“ ſagte er,„wer ſieben Jahre zu nichts Anderm braucht, als einem ſchönen Mädchenkopf nachzudenken, der muß ihn wohl zuletzt auswendig wiſſen.“ „Ja,“ ſagte ſie nachdenklich,„ſo iſt es, ſo ſag— tet Ihr auch damals, daß Ihr an nichts anderes denken würdet.“ „Vor ſieben Jahren? So war ich noch ein ſcherzhafter Menſch vor ſieben Jahren. Und du haſt das im Ernſt geglaubt?“ 5 Sie nickte dreimal ſehr ernſthaft.„Warum — — 14 ſollte ich nicht? Ich habe es ja an mir ſelbſt er fahren, daß Ihr Recht hattet.“ „Kind,“ ſagte er mit einer gutmüthigen Miene, die ſeinen entſchiedenen Zügen wohl ſtand,„das „ thut mir leid. Vor ſieben Jahren dacht' ich wohl noch, es wüßten es alle Weiber, daß zärtliche Män nerworte nicht viel mehr werth ſind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich gegen klingendes Geld umwechſelt, wenn es ausdrücklich ausgemacht iſt. Was dacht' ich nicht Alles vor ſieben Jahren von euch Weibern! Jetzt denk' ich, ehrlich geſagt, ſelten an euch. Liebes Kind, man hat ſo viel Wichtigeres zu denken.“ Sie ſchwieg, als ob ſie das Alles nicht verſtünde und ruhig abwarten wollte, bis er etwas ſagte, was ſie wirklich anging. „Es dämmert jetzt freilich in mir auf,“ ſagte er nach einigem Sinnen,„daß ich dieſen Theil des Gebirges ſchon einmal durchwandert habe. Ich hätte auch vielleicht das Dorf und dieſes Haus wieder er— kannt, ohne den Nebel. Ja, ja, es war allerdings vor ſieben Jahren, wo mich der Arzt in die Berge ſchickte, und ich wie ein Narr die ſteilſten Wege auf und ab ſtürmte. 4 — 15 „Ich wußte es wohl,“ ſagte ſie, und ein rüh— render Glanz der Freude erſchien auf den Lippen, „ich wußte es wohl, Ihr könnt es nicht vergeſſen haben. Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergeſſen, auch nicht ſeinen alten Haß auf Euch von damals,— noch ich— meine alte Liebe.“ Das ſagte ſie mit ſo großer Feſtigkeit und Heiter⸗ keit, daß er immer erſtaunter zu ihr aufſah.„Ich beſinne mich nun auch auf ein Mädchen,“ ſagte er, „das ich einmal auf der Höhe des Apennin traf, und das mich zu ſeinen Eltern nach Hauſe brachte. Ich hätte ſonſt die Nacht auf den Klippen zubringen müſſen. Ich weiß auch, daß es mir gefiel—“ „Ja,“ unterbrach ſie ihn,„ſehr!“ „Aber ich gefiel dem Mädchen nicht. Ich hatte ein langes Geſpräch mit ihr, zu dem ſie nicht viel über zehn Worte beiſteuerte. Als ich ihr endlich das ſchlafende finſtre Mündchen mit einem Kuß auf⸗ zuwecken dachte— ich ſehe ſie noch, wie ſie von mir weg auf die Seite ſprang und mit jeder Hand einen Stein aufhob, daß ich kaum ungeſteinigt davon kam. Wenn du jenes Mädchen biſt, wie kannſt du von deiner alten Liebe zu mir reden?“ —y 1 1 16 „Ich war funfzehn Jahr, Filippo, und ſchämte mich ſehr. Ich war immer ſo trotzig geweſen und allein, und wußte mich nicht auszudrücken. Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch, wie Ihr wiſſen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Heerden, und hier dier Schenke. Es iſt ſeitdem nicht viel anders geworden. Nur, daß er nicht mehr hier ſchaltet und ſchilt— ſeine Seele ſei im Paradieſe! Und vor der Mutter ſchämte ich mich am meiſten. Wißt Ihr noch, gerade an demſelben Fleck ſaßet Ihr damals, Ihr lobtet noch den Wein, den wir von Piſtoja hatten. Mehr hörte ich nicht, die Mutter ſah mich ſcharf an, da ging ich hinaus und ſtellte mich hinter das Fenſter, um Euch noch betrachten zu können. Ihr waret jünger, natürlich, aber nicht ſchöner. Ihr habt noch heut dieſelben Augen, mit denen Ihr damals gewinnen 8 konntet, wen Ihr wolltet; und dieſelbe dunkle Stimme, die den Hund ſo aufbrachte vor Eiferſucht, armes Thier! Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl, daß ich Euch mehr liebte, er merkte es beſſer als Ihr ſelbſt.“ „Richtig,“ ſagte er,„er war in jener Nacht wie 17 — Du hatteſt mir's unſinnig. Eine wunderliche Nacht! doch ſehr angethan, Fenice. Ich weiß, daß ich keine Ruhe hatte, als du gar nicht wieder ins Haus zurückkommen wollteſt, daß ich aufſtand und dich draußen ſuchte. Dein weißes Kopftuch ſah ich, und dann nichts mehr von dir, denn du ſprangſt in die Kammer neben dem Stall.“ „Das war meine Schlafkammer, Filippo. Da durftet Ihr doch nicht hinein.“ „Aber ich wollt' es. Ich weiß noch, wie lange ich ſtand und pocht' und bettelte, der ſchlechte Geſell, der ich war, und meinte, der Kopf müſſe mir ſprin⸗ gen, wenn ich dich nicht noch einmal ſähe.“ „Der Kopf? Nein, das Herz, ſagtet Ihr. Ich weiß ſie noch alle wohl, die Worte, alle!“ „Und wollteſt doch damals nichts von ihnen wiſſen.“ „Mir war zu Muth wie zum Sterben. Ich ſtand im hinterſten Winkel und dachte, wenn ich mir nur das Herz faſſen könnte, an die Thür zu ſchlei— chen, den Mund an die Spalte zu legen, durch dier Ihr ſpracht, daß ich den Hauch empfunden hätte.“ „Thörichte verliebte Jugend! Wäre deine Mutter Heyſe, Neue Novellen. 2 18 nicht gekommen, ich ſtände wohl noch da; du hätteſt denn inzwiſchen aufgemacht. Ich ſchäme mich jetzt beinahe, wie ich im hellen Aerger und Grimm da von ging und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte.“ „Ich habe im Finſtern geſeſſen und gewacht,“ ſagte ſie.„Gegen Morgen überfiel mich ein Schlaf, und als ich auffuhr und in die Sonne ſah— wo wart Ihr? Es ſagte mir's Keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich hatte einen ſolchen Haß, ein menſch liches Geſicht zu ſehen, als hätten ſie Euch umge bracht, damit ich Euch nur nicht mehr ſähe. Ich lief fort, wie ich ging und ſtand, die Berge auf und ab, zuweilen ſchrie ich nach Euch, zuweilen verwünſchte ich Euch, denn um Euch konnte ich nun keinen Men ſchen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene an, da erſchrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg geweſen. Der Vater ſchlug mich, als ich wiederkam, und die Mutter ſprach nicht mit mir. Sie wußten wohl, warum ich weggelaufen war. Nur der Hund war mit mir geweſen, der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen rief in der Einſamkeit, heulte er.“ 19 Es entſtand eine Pauſe, in der die Blicke der beiden Menſchen auf einander ruhten. Dann ſagte Filippo:„Wie lange ſind deine Eltern nun todt?“ „SDrei Jahr. Sie ſtarben in derſelben Woche— ihre Seelen ſeien im Paradieſe! Dann bin ich nach Florenz gegangen.“ „Nach Florenz?“ „Ja, Ihr ſagtet ja, Ihr wäret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere draußen bei San Miniato, an die wieſen mich welche von den Contrabbandieri. Einen Monat hab' ich da gelebt und ſie alle Tage in die Stadt geſchickt, nach Euch zu fragen. Abends ging ich ſelbſt hinunter und ſuchte Euch. Am Ende hörten wir, daß Ihr längſt fortgezogen, Keiner wollte recht wiſſen, wohin.“ Filippo ſtand auf und ging mit ſtarken Schritten durch das Gemach. Fenice wandte ſich nach ihm, ihr Blick folgte ihm, doch verrieth ſie keine Spur einer ähnlichen Unruhe, wie ſie ihn umhertrieb. Er kam endlich auf ſie zu, ſah ſie eine Weile an und ſagte dann:„Und wozu geſtehſt du mir das Alles, la Poveretta?“ 4 „Ich habe ſieben Jahre Zeit gehabt, mir einen 20 Muth dazu zu faſſen. Ach, wenn ich es Euch da mals geſtanden hätte, es hätte mich nicht ſo und glücklich gemacht, dieſes feige Herz. Aber ich wußte, daß Ihr wiederkommen mußtet, Filippo; nur daß es ſo lange dauerte, das hatte ich nicht gedacht, das that mir weh.— Ein Kind bin ich, ſo zu ſprechen. Was kümmert mich, was nun vorüber iſt? Filippo, da ſeid Ihr, und hier bin ich und bin Euer, ewig, ewig!“— „Liebes Kind!“ ſagte er leiſe, und verſchwieg dann wieder, was er auf der Zunge hatte. Sie empfand es aber nicht, daß er ſo nachdenklich und ſchweigſam vor ihr ſtand und über ihre Stirn weg auf die Wand ſtarrte. Sie ſprach ruhig weiter; es war, als wären ihr ihre Worte ſeit lange bekannt, als habe ſie ſich tauſendmal im Stillen vorgeſtellt: Er wird kommen, und das und das wirſt du ihm ſagen. „Ich habe ſchon Viele heirathen ſollen, hier oben, und als ich in Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und ſagte mir ſüße Reden, gleich war deine Stimme da, aus jener Nacht, deine Reden, die ſüßer waren, als alle Worte 21 unterm Monde. Seit manchem Jahr laſſen ſie mich in Ruh, obwohl ich noch nicht alt bin, und ſo ſchön wie ich immer war. Es iſt, als ob ſie Alle wüßten, daß du nun bald kommen würdeſt.“— Dann wieder: „Wo willſt du mich nun hinführen? Willſt du hier oben bleiben? Nein, es taugt nicht für dich. Seit ich in Florenz war, weiß ich, daß es traurig auf dem Gebirge iſt. Wir wollen das Haus und die Heerden verkaufen, dann bin ich reich. Ich habe das wilde Weſen mit den Leuten hier ſatt. In Florenz mußten ſie mich Alles lehren, was eine Städterin braucht, und ſie verwunderten ſich, wie raſch ich Jedes begriff. Freilich, ich hatte nicht viel Zeit und alle Träume ſagten mir, daß es hier oben ſein würde, wo du mich zu ſuchen kämeſt.— Ich habe auch eine Zauberin gefragt, und auch das iſt Alles eingetroffen.“ „Und wenn ich nun ſchon eine Frau hätte?“ „Sie ſah ihn groß an.„Du willſt mich verſuchen, Filippo! Du haſt keine. Auch das hat mir die Strega geſagt. Aber wo du wohneſt, das wußte ſie nicht.“ „Sie hat Recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib. Aber woher weiß ſie oder du, daß ich je eins haben will?“ 3 „Wie könnteſt du mich nicht wollen?“ ſagte ſie mit unerſchütterlichem Vertrauen. „Setz dich hier zu mir her, Fenice! Ich habe dir viel zu ſagen. Gib mir deine Hand; verſprich mir, daß du mich verſtändig anhören willſt bis zu Ende, meine arme Freundin!“— Als ſie nichts von dem Allen that, fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr ſtehen bleibend und das Auge traurig auf ſie geheftet, während das ihrige wie in Ahnun⸗ gen, die ihr ans Leben gingen, bald geſchloſſen war, bald am Boden hin irrte. „Ich habe ſchon vor Jahren aus Florenz fliehen müſſen,“ erzählte er.„Du weißt, da waren jene politiſchen Tumulte, die ſo lange hin und her ſchwank⸗ ten. Ich bin Advocat und kenne eine Menge Men⸗ ſchen, und ſchreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch. Zudem war ich unab⸗ hängig, ſagte meine Meinung, wo es noth that, und wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie haben mochte. Am Ende mußte 4 —- 85 ich auswandern, wenn ich nicht in endloſes Verhör und Gefängniß gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Proceſſe geführt, und wenig Menſchen geſehen, am wenigſten Weiber; denn von dem tollen Burſchen, dem du vor ſieben Jahren das Herz ſchwer machteſt, iſt nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf, oder wenn du lieber willſt, das Herz ſpringen will, wenn ich irgend was nicht bezwingen kann, freilich heut zu Tage andere Dinge, als den Riegel an der Kammerthür eines ſchönen Mädchens.— Du haſt vielleicht gehört, daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden iſt. Man hat angeſehene Männer verhaftet, darunter einen, deſſen Wege und Stege ich ſeit Langem kenne, und weiß, daß ſeine Seele dieſen Dingen ſehr fern war. Denn eine ſchlechte Regie⸗ rung beſſern ſie damit ſo wenig, als wenn eine Krankheit unter Euern Schafen iſt und Ihr ſchicktet den Wolf in den Stall. Aber was ſoll das hier? Genug, mein Freund bat mich, ſein Advocat zu ſein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Menſch auf der Straße anrannte und mich mit Be⸗ leidigungen überhäufte. Ich konnte mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die Bruſt, denn er war berauſcht und keiner Erwiede rung werth. Kaum hatte ich mich aus dem Menſchen ſchwarm herausgewunden und war in ein Café ge⸗ treten, ſo kam mir ſchon ein Verwandter jenes Menſchen nach, nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und ſtellte mich zur Rede, daß ich wie ein Ehrloſer auf Worte mit Fäuſten geant wortet hätte, ſtatt zu thun, was jeder Galant'uomo gethan haben würde. Ich antwortete ſo gemäßigt, wie ich konnte, denn ſchon durchſchaute ich's, daß Alles eine Veranſtaltung der Regierung war, mich durch einen Zweikampf unſchädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der Andere gab vor, daß er ins Toscaniſche hinüber müſſe, und drang darauf, die Sache drüben auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns Beſonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Muth ſei die Urſache unſerer Zurück— haltung, ſondern einzig die Hoffnungsloſigkeit aller 4 —— —= 0 A& — 4 7 † heimlichen Umtriebe, einer ſo überlegenen Macht gegenüber. Als ich aber vorgeſtern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne daß man ſich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, ſo ſei der Befehl der oberſten Behörden. Es wurde mir klar, daß ſie mir entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben, oder mich dazu treiben, mich in irgend welcher Ver⸗ kleidung über die Grenze zu ſtehlen, wo ich dann ſicher von einem Hinterhalt aufgefangen worden wäre. Dann hätten ſie einen Vorwand gehabt, mir den Prozeß zu machen, und ihn hinzuzerren, ſo lange es ihnen nützlich erſchienen wäre.“ 8 „Die Elenden! die Gottloſen!“ unterbrach ihn das Mädchen und ballte die Fauſt.. „So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie ſie mir ſagen, noch früh Piſtoja er— reichen. Nachmittags iſt das Duell verabredet, in einem Garten vor der Stadt.“ Sie ergriff plötzlich heftig ſeine Hand mit ihren beiden.„Geh nicht hinunter, Filippo,“ ſagte ſie. „Sie wollen dich ermorden.“ —; 26 „Gewiß, das wollen ſie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das aber?“ „Ich ſehe es hier und— hier!“ Und ſie deutete mit dem Finger auf Stirn und Herz. „Du biſt auch eine Zauberin, eine Strega,“ fuhr er mit Lächeln fort.„Ja wohl, Kind, ſie wollen mich morden. Mein Gegner iſt der beſte Schütze in Toscana. Sie haben mir die Ehre angethan, einen ſtattlichen Feind gegen mich zu ſtellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande machen. Wer weiß aber, ob Alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß? Oder haſt du auch Zauberkünſte, das voraus⸗ zuſehen? Was hülf' es, Kind! damit wäre nichts geändert.“ „Du mußt es dir alſo ſchon aus dem Sinn ſchlagen,“ fuhr er nach einigem Schweigen fort, „deiner thörichten alten Liebe ihren Willen zu thun. Vielleicht hat Alles ſo kommen müſſen, damit ich nicht aus der Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir ſelbſt und deiner unſeligen Treue, armes Kind. Siehſt du, wir hätten auch vielleicht ſchlecht für einander getaugt. Du warſt einem andern Filippo treu, einem jungen Fant mit leichtſinnigen Lippen und außer Liebesſorgen ſorgenlos. Was hät⸗ teſt du mit dem Grübler, dem Einſiedler anfangen wollen?“ Nun trat er auf ſie zu, da er das Letzte halb vor ſich hin, auf und ab gehend, geſprochen hatte, und wollte eben ihre Hand faſſen, als er vor dem Ausdruck ihres Geſichts ſich entſetzte. Alle Weichheit war aus den Zügen gewichen, alle Röthe von den Lippen.„Du liebſt mich nicht!“ ſagte ſie langſam und tonlos, als ſpräche ein Andrer aus ihr und ſie horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint ſei. Dann ſtieß ſie ſeine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu erlöſchen drohten, und von draußen auf einmal ein wüthen⸗ des Wimmern und Toben des Hundes laut wurde. —„Du liebſt mich nicht, nein, nein!“ rief ſie wie außer ſich.„Kannſt du lieber in den Tod wollen, als in meine Arme? Kannſt du nach ſieben Jahren kommen, um Abſchied zu nehmen? Kannſt du ſo ruhig von deinem Tode ſprechen, als wäre er nicht auch meiner? So wäre mir beſſer, dieſe Augen wären erblindet, eh' ſie dich wieder ſahen, und dieſe Ohren taub geworden, ehe ſie die grauſame Stimme 28 hören mußten, durch die ich lebe und ſterbe. Warum hat der Hund dich nicht zerriſſen, ehe ich wußte, daß du gekommen biſt, mein Herz zu zerreißen? Warum iſt dein Fuß nicht an den Abgründen aus geglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!“ Sie ſtürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden, die Hände weit von ſich geſtreckt, und ſchien zu beten. Der Mann hörte den Lärm des Hundes, dazwiſchen das Murmeln und Stöhnen des unglücklichen Mädchens, während der Mond nun ſchon Macht gewann und das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch ſich faſſen und ein Wort ausſprechen konnte, fühlte er ſchon wieder ihre Arme an ſeinem Nacken, ihren Mund an ſeinem Halſe und heiße Thränen über ſein Geſicht fließen. „Geh nicht in den Tod, Filippo!“ ſchluchzte die Arme.„Wenn du bei mir bleibſt, wer will dich finden? Laß ſie reden, was ſie wollen, das Mör⸗ dergeſindel, die heimtückiſchen Elenden, ſchlimmer als die Wölfe des Apennin.— Ja,“ ſagte ſie und ſah durch Thränen ſtrahlend zu ihm auf,„du bleibſt, die Madonna hat dich mir geſchenkt, damit ich dich 3 — 29 X— w⸗ Filippo, ich weiß nicht, was für böſe te ch geſprochen, aber daß ſie böſe waren, em pfand ich an dem eiſigen Krampf hier am Herzen, der ſie mir entriſſen. Vergieb mir das. Es bringt in die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergeſſen und die Treue zertreten werden kann. Wir wollen uns nun herſetzen und das Alles berathen. Willſt du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir ſchicken Alle fort, auch die Nina, auch der Hund ſoll fort. Und wenn du meinſt, daß ſie dich dann verrathen— ſo wollen wir ſelber fort, noch heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, ſind wir tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua, bis Venedig, wohin du willſt.“ „Halt!“ ſagte er ſtrenge.„Es iſt genug der Thorheit. Du kannſt mein Weib nicht werden, Fe⸗ nice. Wenn es morgen nicht iſt, daß ſie mich um— bringen, ſo iſt es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege bin.“ Er zog ſanft, aber ent⸗ ſchloſſen 1 Hals aus ihren Armen. „Siehe Kind,“ fuhr er fort,„das iſt nun un— glücklich genug und wir brauchen es uns nicht noch 30 ſchwerer zu machen durch Unvernunft. Vielleicht wenn du ſpäter einmal von meinem Tode hörſt, wirſt du einen Mann und ſchöne Kinder anſehen und dich ſegnen, daß der Todte in dieſer Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener erſten umgekehrt war. Laß mich nun ſchlafen gehn, geh du auch und ſchaffe, daß wir uns morgen nicht wiederſehn. Du haſt einen guten Ruf, wie ich unter wegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa umhalsten, morgen, und du machteſt ein Schauſpiel nicht wahr, Kind? Und nun— gute Nacht, gute Nacht, Fenice!“ Da bot ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber ſie nahm ſie nicht. Sie ſah ganz bleich aus im Mondſchein, die Brauen und niedergeſchlagenen Wimpern um ſo finſterer.„Hab ich nicht genug gebüßt,“ ſprach ſie halblaut,„daß ich vor ſieben Jahren eine Nacht lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß dieſe tauſendmal verwünſchte Vernunft mich wieder elend machen ſ und dies⸗ mal eine Ewigkeit lang? Nein, nein, n Ich laſſe ihn nicht mehr aus den Händen— ich müßte mich vor allen Menſchen ſchämen, wenn er ginge und ſtürbe.“ 31 „Hörſt du nicht, daß es mein Wille iſt?“ unter⸗ brach er ſie mit Heftigkeit,„daß ich jetzt ſchlafen will, Mädchen, und allein? Was und machſt dich kränker? Wenn du nicht fühlſt, daß meine Ehre mich von dir reißt, deinem Schooß, zum Hätſcheln und redeſt du irre ſo hätteſt du nie für mich getaugt. Ich bin keine Puppe auf Poſſentreiben. Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und ſie ſind zu enge für Zwei. Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen ſolt, und dann— laß uns einander vergeſſen!“ „Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebeſt, ich ginge nicht! Wenn ſiche der Tod zwi ſchen uns ſtellte, ich jagte dich ihm ab mit dieſen gu— ten Armen. Auf Tod und Leben Filippo!“ —; du biſt mein, „Still!“ rief er überlaut. Die Röthe ſtieg ihm die heftige Geſtalt von ſich drängte. nun iſt's aus für heut und immer. jählings in die Stirn, indem er mit beiden Armen „Still! Und Bin ich ein Ding, das an ſich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen ſticht? Ein Menſch bin ich, und wer mich haben ſoll, dem muß ich mich geſchenkt —ÿ—ÿ—ÿ—ᷣ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ——:—— 32 D haben. Du haſt ſieben Jahre nach mir geſeufzt haſt du darum ein Recht, mich im achten ehrlos vor mir ſelbſt zu machen? Wenn du mich beſtechen willſt, ſo war das Mittel ſchlecht gewählt. Vor ſieben Jahren liebt' ich dich, weil du anders warſt als heut. Wärſt du mir damals an den Hals geflogen und hätteſt mein Herz mir abtrotzen wollen, ich hätte Trotz gegen Trotz geſetzt, wie heut. Nun iſt Alles aus zwiſchen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte, nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo iſt die Kammer?“ Das hatte er hart und ſchneidend geſagt, und wie er nun ſchwieg, ſchien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu thun. Doch fügte er kein Wort hinzu, ſich im Stillen verwundernd, daß ſie es ruhi— ger hinnahm, als er ſelber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen ſtürmiſchen Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beſchwichtigt. Sie ging aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine ſchwere Holzthür nicht weit vom Herde, deutete ſtumm auf die Eiſen riegel an derſelben und trat dann an den Herd zurück. Er ſchritt denn auch hinein und riegelte hinter er im Stillen,„zu vergeſſen, was man geliebt hat. — Ich wollte, es wäre anders! Ja ja, ſie wäre am Ende die rechte Frau für mich geweſen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und das Geflüſter der Stutzer. Was für Augen 1 mein alter Marco machen würde, wenn ich plötzlich mit einer ſchönen Frau von der Reiſe zurückkäme! 1 Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern 7 die vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. A4* Und mir altem Grämler würde es zuweilen gut ſein, ein lachendes Kind— aber Thorheit, Thorheit, Fi⸗ lippo! Was ſoll das arme Ding als Wittwe in 3 Bologna! Nein, nein! nichts davon! Keine neue 4 Sünde auf die alte häufen! Ich will eine Stunde 1 81 früher die Leute wecken und mich fortſtehlen, ehe ein Menſch in Treppi wacht.“ Eben wollte er das Fenſter verlaſſen, und die vom langen Ritt ermüdeten Glieder aufs Lager ſtrecken, als er eine weibliche Geſtalt aus dem Schatten des Hauſes in den Mondſchein vortreten ſah. Sie blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war. Sie entfernte ſich vom Hauſe auf dem Wege, der in die Schlucht hinunter⸗ führte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief ihm die Haut, denn im ſelben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den Kopf: ſie will ſich ein Leid onthun. Ohne Beſinnung ſprang er nach der Thür und zerrte gewaltſam an dem Riegel. Aber das alte roſtige Eiſen hatte ſich ſo eigenſinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens alle Kraft auf bot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er ſchrie, rüttelte und ſtieß mit Fäuſten und Füßen gegen die Thür und bezwang ſie nicht. Endlich ließ er ab und ſtürzte wieder an die Fenſterlücke. Schon gab der eine Stein ſeinem Wüthen nach, da plötzlich ſah er die Geſtalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem Wege und ſich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er bei dem unſichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Geſicht ſah er deutlich, das war ernſthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenſchaft. Keinen Blick warf ſie auf ſein Fenſter und verſchwand wieder im Schatten. Noch ſtand er und athmete tief nach der Angſt und Anſtrengung, da vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren ſchien, doch kein Bellen oder Winſeln. Das Räthſel beklemmte ihn immer unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Oeffnung hinaus, konnte aber nichts ſehen als die regungsloſe Nacht im Gebirge. Auf einmal erſcholl ein kurzes ſcharfes Heulen, darauf ein tieferſchüttern⸗ des Stöhnen des Hundes und dann, ſo lange und ängſtlich er hinhorchte, kein Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Thür des Gemachs nebenan klappte und Fenice's Schritte über den Steinboden ſich vernehmen ließen. Umſonſt ſtand er lange an der verriegelten Thür, horchte erſt, bat und fragte dann und beſchwor das Mädchen nur um ein kurzes Wort— es blieb ſtill nebenan. Er warf ſich nun auf das Bett, wie im Fieber und lag wachend und ſinnend, bis endlich eine Stunde nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermü⸗ dung über ſeine tauſend wogenden Gedanken Herr wurde. Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er ſeine Sinne völlig er⸗ muntert und ſich vom Bett aufgerichtet hatte, ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang war. Von einer Seite her traf ihn ein ſchwacher Sonnenſtrahl und bald ſah er, daß 38 die Mauerlücke, die er ver dem Einſchlafen offen gelaſſen, dennoch feſt mit Geſtrüpp verſtopft worden war. Er ſtieß es hinaus, und die volle Morgen— ſonne blendete ihn. Im höchſten Zorn auf die Contrabbandieri, ſeinen Schlaf und vor Allem auf das Mädchen, dem er dieſe Hinterliſt zuſchreiben mußte, ging er augenblicklich nach der Thür, deren Riegel jetzt einem beſonnenen Druck leicht nachgab, und trat in das Nebengemach. Er traf Fenice allein, gelaſſen am Herde ſitzend, als habe ſie ihn längſt erwartet. Aus ihrem Geſicht war jede Spur der geſtrigen Stürme verſchwunden, ja ſogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer gewaltſamen Faſſung begegnete ſeinem finſtern Auge. „Du haſt es veranſtaltet, daß ich die Stunde verſchlafen mußte,“ herrſchte er ſie an. „Ja,“ ſagte ſie gleichgültig.„Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch früh genug nach Piſtoja, wenn Ihr am Nachmittag erſt den Mördern begeg⸗ nen müßt.“ „Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdig— keit beſorgt zu ſein. Drängſt du dich noch immer — — 39 an mich an? Es ſoll dir ſnichts helfen, Mädchen. Wo ſind meine Leute?“ „Fort.“ „Fort? willſt du mich narren? Wo ſind ſie? Thörin, als ob ſie fortgingen, ehe ich ſie bezahlt habe!“ Und er ſchritt raſch auf die Thür zu, um hinauszugehn. Fenice blieb unbeweglich ſitzen und ſagte in dem⸗ ſelben harmloſen Ton:„Ich habe ſie bezahlt. Ich ſagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und dann, daß ich ſelbſt Euch hinunter begleiten würde; denn der Weinvorrath iſt zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Piſtoja.“ Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu ſprechen.„Nein,“ brach er endlich heraus,„mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückiſche Schlange! Es iſt lächerlich, daß du noch immer denkſt, mit deinen glatten Windungen mich umſtricken zu kön⸗ nen. Nun ſind wir völliger geſchieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und arm⸗ ſelig genug hältſt, mit dieſen kleinen Künſten es mir abgewinnen zu können. Mit dir geh ich nicht! Gieb mir einen deiner Knechte mit und da— mache 4 „ — I 7 1. 40 dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabban⸗ dieri.“ Er warf ihr eine Börſe hin und öffnete die Thür, ſelbſt Jemand zu ſuchen, der ihn hinunter⸗ führte.„Macht Euch keine Mühe,“ ſagte ſie,„Ihr findet von den Knechten keinen, ſie ſind alle in die Berge. Auch ſonſt iſt in Treppi Niemand, der Euch dienen könnte. Arme gebrechliche Mütterchen, Greiſe und Kinder, die noch gehütet werden. Wenn Ihr mir nicht glaubt— ſeht nach!“ „Und überhaupt,“ fuhr ſie fort, als er unent⸗ ſchloſſen in Grimm und Aerger auf der Schwelle ſtand und ihr den Rücken zugekehrt hatte,„warum dünkt es Euch ſo unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe? Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich ſehe, daß Ihr nicht für mich ſeid. Es iſt wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu plaudern. Muß ich Euch darum nachſtellen? Ihr ſeid frei, von mir zu gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß ich es ſo eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch hergehe. Ich will Euch —— — 41 zuſchwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß es nur eine Strecke ſein wird, beileibe nicht bis Piſtoja. 8 Nur ſo lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne Hand fortginget, verſtieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch zurück 1 könntet. Ihr müßt das ja noch wiſſen von Eurer erſten Reiſe durch die Berge.“ „Peſt!“ murmelte er und biß ſich die Lippen. Er ſah indeß, wie die Sonne ſtieg, und Alles wohl erwogen,— was hatte er im Grunde Ernſtliches zu beſorgen? Das Ernſtlichſte wollte er ſich nicht geſtehen. Er wandte ſich zu ihr um und glaubte von dem gleichmüthigen Blick ihrer großen Augen Zeugniß annehmen zu dürfen, daß keinerlei Falſch I hinter ihren Worten ſei. Sie ſchien ihm wirklich ſeit geſtern eine ganz Andere geworden zu ſein, und ſaſt miſchte ſich ein Gefühl von Unzufriedenheit in ſein Staunen, da er ſich ſagen mußte, daß der geſtrige Anfall von ſchmerzlicher Leidenſchaft ſo bald und ſpurlos vorübergegangen ſei. Er ſah ſie länger an, aber ſie gab ſchlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß. „Wenn du denn ſo vernünftig geworden biſt,“ ſagte er jetzt trocken,„ſo mag es ſein, ſo komm!“ 42 Ohne eine ſonderliche Aeußerung der Freude ſtand ſie auf und ſagte:„Wir wollen erſt eſſen; auf Stunden finden wir nichts.“ Sie ſtellte ihm eine Schüſſel hin und einen Krug und aß dann ſelbſt, am Herde ſtehend, aber von dem Wein genoß ſie keinen Tropfen. Er dagegen, um es abzumachen, aß einige Löffel voll, ſtürzte den Wein hinunter und zündete an den Kohlen des Herdes ſeine Cigarre an. Während deſſen hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr nahe ſtand, ſie anſah, war eine wunderliche Röthe auf ihren Wangen und etwas wie Triumph in den Augen. Sie ſtand raſch auf, ergriff den Krug und zerſchellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden.„Es ſoll Keiner mehr daraus trinken,“ ſagte ſie,„ſeit Eure Lippen daran gehangen!“ Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn ſtand eine Secunde lang vor ſeinem Geiſt:„Ob ſie dir Gift gegeben?“ dann zog er es vor zu glauben, daß es noch ein Reſt des verliebten Götzendienſtes ſei, den ſie abgeſchworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hauſe hinaus. „Das Pferd haben ſie wieder nach Porretta mit⸗ genommen,“ ſagte ſie draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu ſuchen ſchien.„Ihr hättet auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege ſind ſteiler als geſtern.“ Sie ging ihm nun voran und bald hatten ſie die Hütten hinter ſich, die todt und ſelbſt ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornſteinen in der ſchar⸗ fen Sonne ſtanden. Jetzt erſt ſah Filippo die ganze Majeſtät dieſer Einöde, über der ein reiner, durch⸗ ſichtiger Himmel hing. Der Weg, kaum in dem harten Felſen durch eine dunklere Spur erkennbar, lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der gegenüberliegende parallele Zug ſich ſenkte, blitzte am fernen Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, nie— deren Bergkräutern und Flechtengeſtrüpp. Nun aber verließen ſie die Höhe und, vertieften ſich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch den Felsrücken gegenüber zu erſteigen. Hier begegneten ſiegbald Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht ſprangen, und hörten in der Tiefe das Toben des Waſſers. Fenice ging jetzt voran, mit ſicherm Fuß 44 auf die ſicherſten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu ſagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen laſſen, und die ſchlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Geſicht verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es ſich fügte, daß ſie wieder neben ein⸗ ander gehen konnten, mußte er ſich zwingen, vor ſich hin und von ihr weg zu ſehen, ſo ſehr feſſelte ihn die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erſt im vollen Sonnenlicht einen ſeltſam kind⸗ lichen Ausdruck, ohne ſich ſagen zu können, worin er beſonders liege. Als ſei etwas in dieſem Geſicht ſeit ſieben Jahren ſtehen geblieben, während alles Andere ſich entwickelte. Endlich fing er von ſelbſt zu ſprechen an, und ſie gab unbefangen verſtändige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die ſonſt nicht ſo hart und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu ſein pflegt, heute eintönig und bei den gleichgültigſten Dingen am traurigſten klang. Dieſe Wege, die ſie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach von politiſchen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meiſten gewiß in Treppi geraſtet hatten. Filippo —— 45 fragte das Mädchen nach dieſem und jenem ſeiner Bekannten, die er beſchrieb; aber ſie entſann ſich ihrer ſelten, obwohl ſie wußte, daß die Contrabban⸗ dieri viele. Fremde in ihrem Hauſe hatten über⸗ nachten laſſen. Nur auf Einen beſann ſie ſich nur zu klar. Bei der Beſchreibung ſtieg ihr das Blut ins Geſicht und ſie blieb ſtehn.„Der iſt ſchlecht!“ ſagte ſie finſter.„Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus verſchließen müſſen.“ Unter dieſen Geſprächen merkte der Advocat nicht, wie die Sonne ſtieg und noch immer kein Blick in die toscaniſche Flur ſich aufthat. Auch dachte er mit keinem Gedanken an das bevorſtehende Ende dieſes Tages. Es war ſo erquickend, funfzig Schritt über dem Gießbach auf dem ganz überbuſchten Wege hinzu⸗ gehn, zuweilen den Staub des Sturzes heraufwehen zu fühlen, die Eidechſen über die Steine ſchlüpfen und die behenden Schmetterlinge den verſtohlenen Son⸗ nenlichtern nachjagen zu ſehn, daß er nicht einmal inne wurde, wie ſie dem Bach entgegen wanderten, und noch immer nicht weſtlich einlenkten. Es war eine Magie in der Stimme ſeiner Begleiterin, die ihn Alles vergeſſen machte, was geſtern in Geſell⸗ 46 ſchaft der Contrabbandieri ihn unaufhörlich beſchäftigt hatte. Als ſie nun aber aus der Schlucht heraus⸗ traten und jetzt ein unabſehbares wildfremdes Berg land mit neuen Höhen und Klüften wüſt und ver ſengt vor ihnen lag, erwachte er auf einmal aus dem Zauberſchlaf, blieb ſtehen und blickte gen Him mel. Er erkannte klar, daß ſie in der völlig entge gengeſetzten Richtung gewandert und wohl zwei Stunden von ſeinem Ziele ferner waren, als da ſie ausgingen. „Halt!“ ſagte Filippo.„Ich ſehe es noch bei Zeiten, daß du mich dennoch betrügſt. Iſt das der Weg nach Piſtoja, du Heimtückiſche?“ „Nein,“ ſagte ſie furchtlos, aber den Blick zu Boden geſenkt. „Nun denn, bei allen Mächten der Hölle, ſo können die Teufel bei dir in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen. Fluch über meine Ver⸗ blendung!“ „Man kann Alles, man iſt mächtiger als Teufel und Engel, wenn man liebt,“ ſagte ſie mit tiefem, traurigem Ton. „Nein!“ ſchrie er in hellem Jähzorn,„noch froh⸗ V — 1 locke nicht, Uebermüthige, noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine ver⸗ rückte Dirne Liebe nennt. Kehre um mit mir, auf der Stelle und weiſe mir die kürzeſten Wege— oder ich erdroßle dich mit dieſen Händen,— du Thörin, ¹ die nicht einſieht, daß ich die haſſen muß, die mich 1 vor der Welt zu einem Nichtswürdigen machen will.“ Er trat mit geballten Fäuſten dicht vor ſie hin, er kannte ſich nicht mehr.„Erwürge mich nur!“ ſprach ſie mit zitternder, lauter Stimme,„thu's nur, Filippo. Aber wenn du es gethan haſt, wirſt du dich über meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, daß du mich nicht wieder lebendig machen kannſt. Dein Lager wird hier neben mir ſein, mit den Geiern wirſt du kämpfen, die mich zerfleiſchen wollen, die Sonne des Tags wird dich dörren, der Thau der Nacht dich feuchten, bis du hinfällſt gleich mir— denn von mir laſſen kannſt du nun nicht mehr. Meinſt du, das arme, thö⸗ richte Ding, das auf den Bergen aufgewachſen iſt, werde ſieben Jahre wegwerfen wie einen Tag? Ich weiß, was ſie mich gekoſtet haben, wie theuer ſie waren, und daß ich einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will. Dich in den Tod laſſen? Es wäre zum Lachen. Wende dich nur weg von mir, du wirſt es ſchon inne werden, daß ich dich zu mir zurückzwinge auf ewig. Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein Liebeszauber gemiſcht, dem noch kein Menſch unter der Sonne widerſtanden hat!“ Sie ſah königlich aus, als ſie dieſe Worte rief, den Arm nach ihm ausgeſtreckt, als hielte ihre Hand ein Scepter über Einem, der ihr verfallen ſei. Er aber lachte trotzig auf und rief:„Dein Liebeszauber leiſtet dir ſchlechte Dienſte, denn ich habe dich nie mehr gehaßt, als in dieſem Augenblick. Aber ich, bin ein Narr, eine Närrin zu haſſen. Möge es dich, wie von dem Wahn, ſo auch von der Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder ſiehſt. Ich brauche deine Führung nicht. Ich ſehe da drüben am Abhang eine Hirtenhütte und die Heerde umher. Ein Feuer blinkt herauf. Man wird mich dort wohl zurecht⸗ weiſen. Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!“ Sie antwortete nichts, als er ging, und ſetzte ſich ruhig in den Schatten eines Felſens neben der — ,⏑ñ⏑:——— Schlucht, in das dunkle Grün der Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre großen Augen ver⸗ ſenkend. Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er ſich pfadlos zwiſchen Klippen und Gebüſch befand; denn wie ſehr er ſich's verleugnen mochte, hatten doch die Worte des wunderbaren Mädchens eine be unruhigende Wirkung auf ſein Herz ausgeübt, die all ſeine Gedanken nach innen kehrte. Indeſſen ſah er gegenüber auf der Matte noch immer das Hirten⸗ feuer und arbeitete ſich rüſtig durch, damit er nur erſt die Tiefe erreichte. Er rechnete nach dem Stande der Sonne, daß es gegen die zehnte Stunde ſein mußte. Wie er aber die Bergſteile hinabgeklettert war, fand er unten einen ſonnenloſen Weg und bald auch einen Steg über einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite hinaufzuführen und endlich an der Matte aus— zumünden verſprach. Er verfolgte ihn, und der Weg lief Anfangs ſteil hinan, dann aber in großer Windung eben am Berge hin. Er ſah wohl, daß er ihn nicht zunächſt zu ſeinem Ziele bringen würde; aber in geraderer Richtung hingen unüberwindlich Heyſe, Neue Novellen. 4 50 jähe Felsſtücke vor, und wollte er nicht zurück, mußte er ſich ſchon ſeinem Wege vertrauen. Nun ſchritt er raſch und Anfangs wie aus Banden erlöſ't dahin, und ſpähte zuweilen nach der Hütte aus, die ſich immer noch zurückzog. Nach und nach, wie ſein Blut ge linder floß, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten Auftrittes wieder ein. Das ſchöne Mädchen⸗ bild ſah er leibhaftig vor ſich, und nicht wie zuvor durch den Nebel ſeines Jähzorns. Er konnte ſich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren.„Nun ſitzt ſie droben,“ ſagte er vor ſich hin,„die arme Irre, und baut auf ihre Zauberkünſte. Darum alſo ver ließ ſie in Nacht und Mondſchein geſtern die Hütte, um wer weiß welch ein harmloſes Kraut zu pflücken. Ja wohl; wieſen mir nicht auch meine braven Con⸗ trabbandieri die ſonderbaren weißen Blüthen zwiſchen den Felſen und ſagten, das ſei mächtig für Gegen⸗ liebe? Unſchuldiges Gewächs, was ſie dir nachſagen! — Und darum zerſchellte ſie den Krug, und darum war mir der Wein ſo bitter auf der Zunge. Wird doch das Kindiſche je älter deſto ſtärker und ehrwür⸗ diger.— Wie eine Sibyllle ſtand ſie vor mir, ſo wahrheitsgewiß, wie ſchwerlich jene römiſche, die 51 ihre Bücher ins Feuer warf. Armes Weiberherz, wie ſchön und elend macht dich dein Wahn!“ Je weiter er ging, um ſo ſtärker fühlte er die rührende Herrlichkeit ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schönheit, die ihm die Trennung nur noch verklärte. „Ich hätte es ſie nicht entgelten laſſen ſollen, daß ſie mich im beſten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren Pflichten losmachen will. Ich hätte ihr die Hand geben ſollen und ſagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme ich zu dir zurück und hole dich heim. Wie blind war ich, daß mir dieſe Auskunft nicht einfiel! eine Schande für den Advocaten! Ich hätte mit Küſſen wie ein Bräutigam Abſchied nehmen ſollen, ſo hätte ſie kein Arg gehabt, daß ich ſie täuſchte. Statt deſſen hab' ich gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und Alles verſchlimmert.“ Nun vertiefte er ſich in das Bild eines ſolchen Abſchiedes und meinte ihren Athem zu fühlen und den Druck der friſchen Lippen auf den ſeinen. Es war ihm, als höre er ſeinen Namen rufen.„Fe— nice!“ antwortete er inbrünſtig und ſtand mit heftig klopfendem Herzen ſtill. Der Bach rauſchte unter 52 ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit und breit ſchattige Wildniß. Schon war ihm der Name wieder auf den Lip pen, als ihm noch zur rechten Zeit die Scham den Mund verſiegelte. Scham und ein Grauen zugleich. Er ſchlug ſich vor die Stirn.„Iſt es ſchon ſo weit mit mir, daß ich im Wachen von ihr träume?“ rief er.„Soll ſie Recht behalten, daß dieſem Zauber kein Menſch unter der Sonne widerſtehen kann? So wäre ich nichts Beſſeres, als ſie aus mir zu machen gedachte, werth, ein Weiberknecht zu heißen mein Lebenlang. Nein, in die Hölle mit dir, ſchöne be trogene Teufelin!“ Er hatte für den Augenblick ſeine Faſſung wie der, aber er ſah nun auch, daß er von dem Wege völlig in der Irre herumgeführt war, Zurück konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte. So beſchloß er, jetzt um jeden Preis wieder eine Höhe zu erreichen, von der er ſich nach der verlornen Hirtenſtelle umſchauen könnte. Das eine Ufer des tief unten rauſchenden Bachs, an dem er ging, war allzu jäh. Alſo ſchlang er den Mantel über den Nacken, wählte eine ſichere Stelle und war 53 mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren Wände hier dicht zuſammentraten. Mit beſſerem Muth erklomm er den Abhang drüben, und erreichte bald die Sonne. Sie ſengte ſchwer ſein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er ſich mit großer Anſtrengung em⸗ porarbeitete. Jetzt überfiel ihn auf einmal die Angſt, daß er dennoch mit allen Mühen das Ziel nicht mehr erreichen möchte. Das Blut ſtieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er ſchalt auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergeſtürzt, und wieder mußte er an die weißen Blüthen denken, die man ihm geſtern unterwegs gezeigt. Hier wuchſen ſie wieder— ihm ſchauderte die Haut. Wenn es doch wahr wäre, dachte er, wenn es Kräfte gäbe, die unſer Herz und unſre Sinne bemeiſtern und einen Manneswillen unter die Laune eines Mädchens beugen könnten— lieber das Aeußerſte als dieſen Schimpf! lieber Tod als Knechtſchaft! Aber nein, nein, nur den be⸗ zwingt die Lüge, der an ſie glaubt. Sei ein Mann, Filippo, vorwärts, da iſt die Höhe vor dir; noch eine kurze Friſt— und dies maledeite Gebirge mit ſeinem Spuk liegt für immer hinter dir! 54 Und dennoch konnte er das Fieber in ſeinem Blut nicht beſänftigen. Jeder Stein, jede ſchlüpfrige Stelle, jeder vor ihm hängende ſtarre Tannenzweig war ihm ein Widerſtand, den er mit unverhältniß mäßigem Aufbieten des Willens gewaltſam beſiegte. Als er endlich oben, ſich an den letzten Büſchen haltend, ankam und mit einem Schwung die Höhe gewann, konnte er erſt nicht um ſich ſehen, ſo war ihm das Blut in die Augen geſchoſſen, und ſo plötzlich blendete ihn die Sonne von den gelben Felſen rings um. Wüthend rieb er ſich die Stirn und fuhr ſich durch das verworrene Haar, den Hut lüftend. Da aber hörte er wahrlich wieder ſeinen Namen und ſtarrte entſetzt nach der Stelle, von wo man rief. Und wenige Schritte ihm gegenüber, am Felſen, wie er ſie verlaſſen, ſaß Fenice und ſah ihn mit ſtillen, glücklichen Augen an. „Kommſt du endlich, Filippo!“ ſagte ſie innig. „Ich habe dich ſchon früher erwartet.“ „Geſpenſt der Hölle,“ ſchrie er außer ſich, wäh⸗ rend Grauſen und alle Leidenſchaften der Sehnſucht ſich in ihm bekämpften,„höhnſt du mich noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn ſchmilzt? Triumphirſt du, daß ich — dich noch einmal ſehen muß, um dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim allmächtigen Gott, ſo hab' ich dich doch nicht ge— ſucht, und du ſollſt mich dennoch verlieren.“ Sie ſchüttelte ſeltſam lächelnd den Kopf.„Es zieht dich ohne daß du's weißt,“ ſagte ſie.„Du fändeſt mich, wenn alle Berge der Welt zwiſchen uns wären, denn ich miſchte ſieben Tropfen von dem Herzblut des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte dich. So wirſt du den Filippo haſſen, der du früher warſt, als du mich verſtießeſt, und nur ruhig ſein in dir, wenn du mich liebſt. Filippo, ſiehſt du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter, mein Mann, mein Holder!“ Damit ſtand ſie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als ſie plötzlich vor ſeinem Geſicht erſchrak. Er war wie mit einem Schlage todtenblaß geworden, nur das Weiße in ſeinen Augen roth, ſeine Lippen bewegten ſich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen wehrte er heftig jede Annäherung ab. 56 „Ein Hund! ein Hund!“ waren die erſten müh— ſam vorbrechenden Worte.„Nein, nein, nein! du ſollſt nicht ſiegen— Dämon! Beſſer ein todter Mann, als ein lebendiger Hund!“— Darauf erſcholl ein furchtbares Lachen von ſeinen Lippen, und lang ſam, wie wenn er ſich gewaltſam jeden Schritt er kämpfte, die Augen ſtier auf das Mädchen geheftet, wich er taumelnd zurück und ſtürzte rücklings in die Schlucht hinab, die er eben verlaſſen hatte.— Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit beiden Händen fuhr ſie ſich ans Herz und ſtieß einen Schrei aus, der wie ein Falkenſchrei über die Schlucht klang, als ſie die hohe Geſtalt hinter dem Rande des Felſens verſchwinden ſah. Ein paar wankende Schritte that ſie, dann ſtand ſie feſt und aufrecht, immer die Hände gegen das Herz gepreßt.„Ma⸗ donna!“ ſagte ſie, ohne etwas zu denken. Immer vor ſich niederſehend, näherte ſie ſich jetzt raſch der Schlucht und begann die ſteinige Wand zwiſchen den Tannen hinabzuklimmen. Worte ohne Sinn mur⸗ melten ihre heftig athmenden Lippen, mit der einen Hand hielt ſie das Herz feſt, mit der andern half ſie ſich an den Steinen und Zweigen hinab. So — 57 kam ſie bis an die Wurzeln der Tannen— da lag er. Er hatte die Augen geſchloſſen, Stirn und Haar von Blut überſtrömt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war zerriſſen und das rechte Bein ſchien auch verwundet. Ob er lebe, konnte ſie nicht unterſcheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da empfand ſie, daß er ſich noch regte. Der Mantel, den er über den Schultern dicht gefaltet trug, ſchien die Gewalt des Falles gebrochen zu haben.„Gelobt ſei Jeſus!“ ſagte ſie aufathmend. Es war, als wüchſen ihr Rieſenkräfte, wie ſie, den hülfloſen Mann an ihrer Bruſt, die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, vier⸗ mal legte ſie ihn nieder zwiſchen Moos und Felſen, noch immer ſchlief das Leben in ihm. Als ſie endlich auf der Höhe war mit ihrer un⸗ ſeligen Laſt, brach ſie ſelber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergeſſenheit und Ohn⸗ macht. Dann ſtand ſie auf und entfernte ſich nach der Richtung, in der die Hütte des Hirten lag. Als ſie hinlänglich nahe war, ließ ſie einen gellenden Ruf über die Weite des Thals erſchallen. Das Echo antwortete zuerſt, bald eine Menſchenſtimme. Sie 58 rief zum zweiten Mal und wandte ſich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als ſie wieder bei dem lebloſen Mann anlangte, ſtöhnte ſie heftig auf und trug ihn dann in den Schatten des Felſens, wo ſie ſelbſt vocher geſeſſen und ihn erwartet hatte. Dort fand er ſich noch, als ihm das Bewußtſein ſchwach zurückkehrte und er die Augen zuerſt wieder aufſchlug. Er ſah zwei Hirten neben ſich, einen Alten und einen Burſchen von ſiebzehn Jahren. Sie ſprengten ihm Waſſer ins Geſicht und rieben ihm die Schläfe. Sein Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schooß des Mädchens lag. Er ſchien ſie überhaupt ganz vergeſſen zu haben. Er that einen Athemzug, der ihn bis in die Fuß⸗ ſpitzen erſchütterte und ſchloß dann wieder die Augen. Endlich bat er mit ſtockender Stimme:„Einer von euch, brave Leute, möge hinuntergehen— raſch, nach Piſtoja. Man wartet auf mich. Gottes Barm⸗ herzigkeit lohne es dem, der dem Wirth zur Fortuna ſagt— wie es um mich ſteht. Ich heiße—“ da ſchwanden ihm wieder Stimme und Bewußtſein. „Ich werde gehen,“ ſagte das Mädchen.„Ihr tragt den Herrn indeſſen nach Treppi und legt ihn 59 in das Bett, das die Nina euch zeigen wird. Sie ſoll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen und verbinden laſſen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaſo, du, Bippo, an den Beinen. Wenn Ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaſo. So, hebt ihn! Sanft, ſanft! Und halt— das taucht ihr in Waſſer und legt es auf ſeine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt ihr verſtanden?“ Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopf⸗ tuch herunter, tauchte es ein und wand es um die blutigen Haare Filippo'ss. Dann ward er aufgeho⸗ ben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen, nachdem es ihnen mit völlig erloſche— nen Blicken nachgeſehen, ſchürzte ſich haſtig und ſtieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab. Es war gegen drei Uhr Nachmittags, als ſie Piſtoja erreichte. Die Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu dieſer Stunde der Sieſta war wenig Leben in ihr. Im Schatten des weiten Vordachs ſtanden ausgeſchirrte Wagen, die Fuhrleute ſchliefen auf den Polſtern, in der großen Schmiede gegenüber ruhte die Arbeit und durch die dickbeſtaubten Bäume längs der Landſtraße rührte ſich kein Luftzug. Fenice trat an den Brun⸗ nen vor dem Hauſe, deſſen Strahl, allein geſchäftig, in den großen Steintrog niederrauſchte, und erfriſchte ſich Hände und Geſicht. Dann trank ſie langſam und lange, um Durſt und Hunger zugleich zu ſtillen, und trat in die Schenke. Der Wirth erhob ſich ſchläfrig von der Bank in der Schenkſtube und legte ſich wieder hin, als er ſah, daß es ein Mädchen von den Bergen war, die ſeine Ruhe ſtörte.. „Was willſt du?“ fuhr er ſie an.„Wenn du zu eſſen haben willſt oder Wein, geh in die Küche.“ „Ihr ſeid der Wirth?“ fragte ſie ruhig. „Wer anders als ich? Man kennt mich, ſollt' ich denken, Baldaſſare Tizzi von der Fortuna. Was bringſt du mir, ſchöne Tochter?“ „Eine Botſchaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini.“ „Ch, eh, iſt's das? Ja, das iſt freilich was Anders,“ und er ſtand eilig auf.„Kommt er nicht ſelber, Kind? Es ſind Herren da, die ihn erwarten.“ 61 „So bringt mich zu ihnen.“ „Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wiſſen, was er den Herren ſagen läßt?“ „Nein.“ „Nun nun, ſchon gut Kind, ſchon gut. Es hat jeder ſeine eignen Geheimniſſe, dieſer hübſche Trotz⸗ kopf da ſo gut wie der harte Schädel des alten Baldaſſare. Eh, eh, er kommt alſo nicht; das wird den Herren ſehr unangenehm ſein; ſie ſcheinen wich⸗ tige Geſchäfte mit ihm zu haben.“ Er ſchwieg und ſah das Mädchen blinzelnd von der Seite an. Als ſie aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, ſondern die Thür öffnete, ſtülpte er den Strohhut auf und ging kopf⸗ ſchüttelnd mit ihr. Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchſchritten ſie, der Alte in fortwährenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mädchen keine Silbe erwiederte. Am Ende des mittelſten Lau⸗ benganges lag ein unſcheinbares Gartenhaus, die Läden waren verſchloſſen und innen hinter der Glasthür hing ein dichter Vorhang herab. Einige Schritte vor dieſem Pavillon hieß der Wirth Fenice 62 ſtehen bleiben und ging allein nach der Thür, die auf ſein Klopfen geöffnet wurde. Fenice ſah, wie der Vorhang dann zurückgeſchoben wurde und ein Paar Augen nach ihr heraus ſahen. Dann kam der Alte wieder zu ihr und ſagte, daß die Herren ſie ſprechen wollten. Als Fenice in den Pavillon trat, erhob ſich ein Mann, der am Tiſch mit dem Rücken nach der Thür geſeſſen hatte, und richtete einen durchdringenden kur zen Blick auf ſie. Zwei andere blieben auf den Stühlen ſitzen. Auf dem Tiſche ſah ſie Weinflaſchen und Gläſer. „Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er ver⸗ ſprochen?“— ſagte der Mann, vor dem ſie ſtand. „Wer biſt du und was haſt du zur Beglaubigung deiner Botſchaft?“ „Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr. Beglaubigung? Ich habe keine, als daß ich die Wahrheit ſage.“ „Warum kommt der Signor ⸗Avvocato nicht? Wir dachten, er ſei ein Ehrenmann.“ „Er iſt es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felſen gethan und ſich Stirn und Bein ver⸗ wundet hat, daß er das Bewußtſeyn verloren.“ ——— 63 Der Frager wechſelte Blicke mit den andern Männern und ſagte dann wieder: „Du ſagſt allerdings die Wahrheit, Fenice Cat⸗ taneo, weil du ſchlecht zu lügen verſtehſt. Wenn er das Bewußtſein verlor, wie kann er dich hieher ſchicken, es uns anſagen zu laſſen?“ „Die Sprache kam ähi wieder auf Augenblicke. Da ſagte er, daß er in der Fortuna erwartet werde; man ſolle es dort zu dfen thun, was ihm begegnet.“ Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Männer hörbar.„Du ſiehſt,“ ſagte der Sprecher, „auch dieſe Herren hier glauben nicht ſonderlich an dein Märchen. Es iſt freilich bequemer, den Poeten zu machen als den Ehrenmann.“ „Wenn das heißen ſoll, Signor, daß Signor Filippo aus Feigheit nicht hergekommen iſt, ſo iſt dies eine abſcheuliche Lüge, die Euch der Himmel anrechnen möge,“ ſagte ſie feſt und ſah alle Drei nach der Reihe an. „Du wirſt warm, Kleine,“ höhnte der Mann. „Du biſt wohl die gute Freundin des Herrn Av⸗ vocato, he? „Nein, die Madonna weiß es!“ ſagte ſie mit ihrer 64 tiefſten Stimme. Die Männer flüſterten unter ein⸗ ander und ſie hörte, wie Einer ſagte:„Das Neſt iſt noch toscaniſch.“—„Ihr glaubt doch nicht im Ernſt an dieſe Schliche?“ fiel ihm der Dritte ein. „Der liegt ſo wenig in Treppi, wie—“ „Kommt und ſeht ihn ſelbſt!“ unterbrach Fenice das Geflüſter.„Aber Waffen dürft ihr nicht tragen, wenn ich euch führen ſoll.“ „Närrchen,“ ſagte der erſte Sprecher,„meinſt du, daß wir einer ſo ſchmucken Creatur, wie du biſt, ans Leben wollen?“ „Nein, aber ihm; ich weiß es.“ „Haſt du ſonſt noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?“ „Ja, daß ein Wundarzt mitgehe. Iſt er ſchon unter euch, Signori?“ Sie erhielt keine Antwort. Statt deſſen ſteckten die drei Männer die Köpfe zuſammen.„Als wir kamen, ſah ich ihn zufällig vorn im Hauſe; hoffent— lich iſt er noch nicht nach der Stadt zurück,“ ſagte der Eine und verließ dann den Pavillon. Er kam nach kurzer Zeit mit einem Vierten wieder, der die Geſellſchaft nicht zu kennen ſchien.* „Ihr erweiſ't uns wohl die Gefälligkeit, mit uns nach Treppi hinaufzugehen?“ redete ihn der Sprecher an.„Man wird Euch inzwiſchen unterrichtet haben, um was es ſich handelt.“ Der Andere verneigte ſich ſchweigend, und Alle verließen den Pavillon. Als ſie an der Küche vor⸗ beigingen, ließ ſich Fenice ein Brod geben und nahm einige Biſſen davon. Dann ging ſie wieder der Ge⸗ ſellſchaft voran und ſchlug den Weg in die Berge ein. Sie gab unterwegs nicht Acht auf ihre Be⸗ gleiter, die eifrig mit einander redeten, ſondern eilte, ſo viel ſie konnte, und mußte zuweilen angerufen werden, damit man ſie nicht aus den Augen verlor. Dann ſtand ſie und wartete, und ſah in hoff⸗ nungsloſem Brüten ins Leere hinaus, die Hand feſt ans Herz gepreßt. So ward es Abend, bis ſie die Höhen erreichten. Das Dorf Treppi ſah nicht lebendiger aus, als gewöhnlich. Nur einige Kindergeſichter fuhren neu⸗ gierig an die offnen Fenſter, und einige Weiber traten unter die Thüren, als Fenice mit ihrer Be⸗ gleitung vorüber ging. Sie ſprach mit Niemand, ſondern näherte ſich, den Nachbarn ihren Gruß mit Heyſe, Neue Novellen. 5 kurzem Händewinken erwiedernd, ihrem Hauſe. Hier ſtand eine Gruppe von Männern im Geſpräch vor der Thür, Knechte waren mit bepackten Pferden be⸗ gingen ab und zu. n kommen ſah, wurde es ſtill Sie traten beiſeit und ließen die ſchäftigt, und Contrabbandieri Als man die Fremde unter den Leuten. Geſellſchaft vorüber. Fenice wechſelte einige Worte mit Nina in dem großen Gemach und öffnete dann die Thür ihrer Kammer. Man ſah drin in der Dämmerung den Verwun⸗ deten auf dem Bett ausgeſtreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus Treppi. „Wie ſteht's, Chiaruccia?“ fragte Fenice. „Nicht ſchlecht, die Madonna ſei geprieſen!“ antwortete die Alte und muſterte mit raſchen Blicken die Herren, die hinter dem Mädchen eintraten. Filippo fuhr aus einem Halbſchlaf auf und blaſſes Geſicht glühte plötzlich.„Du biſt’s!“ ſagte er. „Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er ſelbſt ſe kommen konntet. ſein ehe, daß Ihr nicht Und da iſt auch ein Wundarzt.“ Das matte Auge des Liegenden glitt langſam über die vier fremden Geſichter.„Er iſt nicht darunter,“ ſagte er.„Ich kenne keinen von dieſen Herren.“ Als er das geſprochen und ſchon wieder das Auge ſchließen wollte, trat der Sprecher unter den Dreien vor und ſagte:„Es genügt, daß man Euch kennt, Signor Filippo Mannini. Wir hatten Be⸗ fehl, Euch zu erwarten und zu verhaften. Es ſind Briefe von Euch aufgefangen, aus denen hervorgeht, daß Ihr nicht allein um das Duell auszumachen Toscana wieder betreten habt, ſondern um gewiſſe Verbindungen wieder anzuknüpfen, die Eurer Partei in Bologna Vorſchub leiſten ſollen. Ihr ſeht den Commiſſär der Polizei vor Euch und hier meine Inſtruction.“ Er zog ein Blatt aus der Taſche und hielt es Filippo vors Geſicht. Der aber ſtarrte darauf, als habe er von allem nichts verſtanden, und fiel wieder in ſeine ſchlafähnliche Betäubung zurück. „Unterſucht die Wunden, Herr Dottore,“ wandte ſich nun der Commiſſär an den Arzt.„Wenn der Zuſtand es irgend erlaubt, müſſen wir dieſen Herrn unverzüglich hinunterſchaffen. Ich habe draußenn Pferde geſehn. Wir thun zwei geſetzliche Thaten 68 einmal, wenn wir uns derſelben bemächtigen, denn ſie ſind mit Schleichwaaren beladen. Es iſt gut, daß man weiß, welches Volk dies Treppi beſucht, wenn man es einmal wiſſen will.“ Während er dies ſagte und der Arzt ſich Filippo näherte, war Fenice aus der Kammer verſchwunden. Die alte Chiaruccia blieb ruhig ſitzen und murmelte vor ſich hin. Man hörte Stimmen draußen und eine ſeltſame Unruhe von Kommenden und Gehenden, und zu dem Mauerloch ſahen Geſichter herein, die raſch wieder verſchwanden.—„Es iſt möglich,“ ſagte jetzt der Wundarzt,„daß wir ihn hinunterſchaffen, wenn er feſt und doppelt verbunden iſt. Schneller würde er freilich wieder auffommen, ließe man ihn hier in der Ruhe, und in der Pflege dieſer alten Hexe, deren Wundkräuter den beſten gelernten Arzt zu Schanden machen. Es kann das Wundfieber unterwegs ihm ans Leben treten, und eine Verantwortung übernehme ich keinesfalls, Signor Commiſſario.“ „Unnöthig, unnöthig,“ erwiederte der Andere. „Wie man ihn los wird, kann nicht in Betracht ommen. Legt ihm Euern Verband an, ſo feſt Ihr ögt, damit nichts verſäumt werde, und dann vorwärts. Wir haben Mondſchein und nehmen einen Burſchen mit. G zeht indeſſen hinaus, Molza, und verſichert Euch der Pferde.“ Der eine der Sbirren, dem dieſer Befehl galt, öffnete raſch die Kammerthür und wollte hinaus, als ein unerwarteter Anblick ihn verſteinerte. Das Ge⸗ mach nebenan war mit einer Schaar von Dorfleuten beſetzt, an deren Spitze zwei Contrabbandieri ſtanden. Fenice hatte noch mit ihnen geſprochen, als die Thür ſich öffnete. Nun trat ſie an die Schwelle der Kam⸗ mer und ſagte mit großem Nachdruck: „Ihr verlaßt dieſe Kammer unverzüglich, Signori, und ohne den Verwundeten, oder Ihr ſeht Piſtoja nicht wieder. In dieſem Hauſe iſt noch kein Blut gefloſſen, ſo lange Fenice Cattaneo ſeine Herrin iſt, und die Madonna verhüte ſolchen Gräuel in alle Zu⸗ kunft. Verſucht auch nicht wiederzukommen, etwa mit Mehreren. Ihr habt die Stelle noch im Sinn, wo man einzeln die Felstreppe zwiſchen den Wänden hinaufklimmt. Ein Kind kann dieſen Paß vertheidi⸗ gen, wenn es die Steine den Abhang herabrolt die droben wie geſät liegen. Wir werdef dort eine Wache ſtellen, bis dieſer Herr in Sicherheit iſt. Nun — ——— geht und rühmt euch der Heldenthat, daß ihr ein Mädchen betrogen habt und einen verwundeten Mann ermorden wolltet.“ Die Geſichter der Sbirren entfärbten ſich mehr und mehr und es entſtand eine Pauſe nach den letzten Worten. Dann zogen alle Drei wie auf Com⸗ mando bisher verborgene Piſtolen aus der Taſche, und der Commiſſär ſagte kaltblütig:„Wir kommen im Namen des Geſetzes. Wenn Ihr ſelbſt es nicht reſpectirt, wollt Ihr auch noch Andere hindern, es zu vollziehn? Es kann Sechſen von Euch das Leben koſten, wenn Ihr uns zwingt, dem Geſetz mit Gewalt Achtung zu verſchaffen.“ 6 Ein Murren durchlief die Schaar der Andern. „Still, Freunde!“ rief das entſchloſſene Mädchen. „Sie wagen es nicht. Sie wiſſen, daß Jeder, den ſie erſchießen, dem Mörder einen ſechsfachen Tod einbringt. Ihr redet wie ein Thor,“ wandte ſie ſich 6 wieder an den Commiſſär.„Die Furcht, die auf euern Stirnen ſitzt, redet wenigſtens klüger. Thut, 4 was ſie euch anräth. Der Weg iſt offen, Signori!“ Sie trat zurück und wies mit der Linken nach der Thür des Hauſes. Die in der Kammer flüſterten wenige Worte zuſammen, dann ſchritten ſie mit leid⸗ licher Haltung durch die aufgeregte Schaar, die ihnen A 17 immer lautere und lautere Verwünſchungen mit auf den Weg gab. Der Wundarzt war unſchlüſſig, ob er folgen dürfe; aber auf einen gebieteriſchen Wink des Mädchens ſchloß er ſich ſeinen Begleitern eilfertig an. Dieſe ganze Scene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit großen Augen mitangeſehn. Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und rückte ihm das Kiſſen. „Still liegen, mein Sohn!“ ſagte ſie.„Es iſt keine 4 Gefahr. Schlafen, ſchlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia wacht, und daß Ihr ſicher ſeid, dafür ſorgt 4 unſre Fenice, das benedeite Kind! Schlaft, ſchlaft!“ Sie ſummte ihn dann mit eintönigen Liedern ein wie ein Kind. Er aber nahm den Namen Fenice mit in ſeine Träume. Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und ſ in der Pflege der Alten, ſchlief viel in den Nächten und genoß am Tage, vor der Thür ſitzend, die reine Luft und die Einſamkeit. Sobald er wieder ſchreiben konnte, ſchickte er einen Boten mit einem Brief nach 72 Bologna und erhielt am andern Tage Antwort, ob erwünſcht oder unerwünſcht, war auf ſeinem blaſſen Geſicht nicht zu leſen. Außer mit ſeiner Pflegerin und den Kindern von Treppi ſprach er mit Nie⸗ mand, und Fenice ſah er nur des Abends, wenn ſie am Herde ſchaltete. Denn ſie verließ das Haus mit Sonnenaufgang und blieb über Tag im Gebirg. Das war ſonſt anders geweſen, wie er aus zufäl⸗ ligen Aeußerungen entnahm. Aber auch wenn ſie zu Hauſe war, fand ſich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu ſprechen. Sie that überhaupt, als merke ſie ſeine Anweſenheit gar nicht, und ſchien das Leben wie früher zu tragen. Doch war ihr Geſicht wie ſteinern geworden und ihre Augen wie erſtorben. Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als ſonſt ſich vom Hauſe ent⸗ fernte und zum erſtenmal wieder im Gefühl neuer Kraft eine ſanfte Höhe hinabſtieg, erſchrak er, als er um einen Felſen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle ſitzen ſah. Sie hatte Wocken und Spindel in Händen und ſchien während des Spinnens ſehr in ſich vertieft. Bei Filippo's Schritten ſah ſie auf, ſprach aber kein Wort, noch 6 veränderte ſich der Ausdruck ihres Geſichts, und raſch erhob ſie ſich ſammt ihrem Geräth. Dann ging ſie, ohne auf ſeinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen. Am Morgen nach dieſer Begegnung war er eben aufgeſtanden und ſeine erſten Gedanken gingen wie— der zu ihr, als die Thür ſeiner Kammer geöffnet wurde und das Mädchen ruhig zu ihm eintrat. Sie blieb an der Schwelle ſtehen und winkte ihm gebie— teriſch mit der Hand, als er vom Fenſter ihr näher eilen wollte. „Ihr ſeid wieder geheilt,“ ſagte ſie kalt.„Ich habe mit der Alten geſprochen. Sie meint, Ihr hättet wieder die Kraft zu reiſen, in kleinen Tage⸗ reiſen und zu Pferde. Ihr werdet morgen früh Treppi verlaſſen und nie dahin zurückkehren. Dies Verſprechen fordre ich von Euch.“ „Ich verſpreche es, Fenice, unter einer Bedingung.“ Sie ſchwieg. „Daß du mit mir gehſt, Fenice!“ ſprach er in großer, unverhaltener Bewegung. Ein dunkler Zorn überflog ihre Brauen. Doch hielt ſie an ſich und ſagte, den Thürgriff faſſend:„Womit „ habe ich Spott verdient? Ihr verſprecht es ohne Be⸗ dingung, von Eurer Ehre erwarte ich's, Signor.“ „Willſt du mich ſo verſtoßen, nachdem du mir den Liebestrank bis ins innerſte Mark geflößt und mich für immer dir zu eigen gemacht haſt, Fenice?“ Sie ſchüttelte ruhig das Haupt.„Es iſt hinfort kein Zauber mehr zwiſchen uns,“ ſagte ſie dumpf. „Ihr habt Blut verloren, ehe der Trank gewirkt hatte, der Bann iſt gelöſ't. Und es iſt gut ſo, denn ich habe Unrecht gethan. Laßt uns nicht mehr da⸗ von reden und ſagt nur, daß Ihr gehen werdet. Ein Pferd wird bereit ſein und ein Führer, wohin Ihr wollt.“ „Wenn es denn dieſer Zauber nicht mehr ſein kann, der mich an dich bindet, ſo muß es wohl ein anderer ſein, für den du nicht kannſt, Mäd⸗ chen. So wahr mir Gott gnade—“ „Still!“ unterbrach ſie ihn und ſchürzte finſter die Lippe.„Ich bin taub für ſolche Worte, wie Ihr ſie ſagen wollt. Wenn Ihr meint, mir etwas ſchuldig zu ſein, und Euch mein erbarmen möchtet— ſo geht, und die Rechnung iſt damit ausgeglichen. Ihr ſollt nicht denken, daß dieſer mein armer Kopf —— — — 75 nichts lernen kann. Ich weiß jetzt, daß man einen Menſchen nicht erkaufen kann, ſo wenig mit arm⸗ ſeligen Dienſten, die ſich von ſelbſt verſtehen, als mit ſieben Jahren des Wartens— die ſich auch von ſelbſt verſtehen vor Gott. Ihr ſollt nicht denken, daß Ihr mich elend gemacht habt— Ihr habt mich geheilt! Geht! und nehmt meinen Dank mit Euch!“ „Antworte mir vor Gott!“ rief er außer ſich und trat ihr näher,„habe ich dich auch geheilt von deiner Liebe?“ „Nein,“ ſagte ſie feſt.„Was fragt Ihr danach? Sie iſt mein, Ihr habt kein Recht und keine Macht über ſie. Geht!“ — Damit trat ſie zurück und über die Schwelle. Im nächſten Augenblick lag er hingeſtürzt auf den Steinen zu ihren Füßen und umfaßte ihre Kniee. „Wenn es wahr iſt, was du ſagſt,“ rief er im höchſten Schmerz,„ſo rette mich, ſo nimm mich an, nimm mich auf zu dir, oder dieſer Kopf, den ein Wunder in ſeinen Fugen erhalten hat, wird in Scherben gehen ſammt dieſem Herzen, das du ver⸗ ſtoßen willſt. Meine Welt iſt leer, mein Leben eine Beute des Haſſes, meine alte und meine neue Heimath —— — 7 3 76 verbannt mich, was ſoll ich noch leben, wenn ich auch dich verlieren muß!“ Da ſah er auf zu ihr und ſah aus den ge⸗ ſchloſſenen Augen helle Ströme brechen. Noch war V ihr Antlitz regungslos, dann athmete ſie tief auf, ihre Augen öffneten ſich, ihre Lippen bewegten ſich, 1 noch ohne Worte; das Leben blühte wie auf einen Schlag in ihr auf. Sie beugte ſich herab zu ihm, ihre 1 kräftigen Arme hoben ihn auf—„du biſt mein!“ ſagte ſie bebend.„So will ich dein ſein!“—— Als die Sonne des andern Tages aufging, ſah 3 ſie das Paar auf dem Wege nach Genua, wohin Filippo vor den Nachſtellungen ſeiner Feinde ſich zu⸗ rückzuziehen beſchloſſen hatte. Der hohe blaſſe Mann ritt auf einem ſicheren Pferde, das ſeine Braut am V Zügel führte. Zu beiden Seiten zogen ſich Höhen und Gründe des ſchönen Apennin in der Klarheit des Herbſtes, die Adler kreiſ'ten über den Schluchten und fern blitzte das Meer. Und ſtill und leuchtend wie dort das Meer, lag vor den Wanderern die Zukunft. chter. . — — — Der Kre Am hellen Nachmittag rollte mein Wägelchen über das etwas unſanfte Pflaſter der ſaubern kleinen Stadt und hielt vor dem Wirthshauſe zum rothen Engel. Schon unterwegs, auf der fünfſtündigen Fahrt durch das ſchöne ebene Land in heiterer Herbſtſonne, hatte ich es meinem Freunde Dank gewußt, daß er mich zu dieſer Abſchweifung von der troſtlos geraden Eiſen⸗ bahnlinie veranlaßt hatte. Ich trug eine Vollmacht von ihm in der Taſche, den Verkauf eines ihm ver⸗ erbten Weingärtchens in der Umgegend der kleinen Kreisſtadt abzuſchließen, und einen Empfehlungsbrief an den Herrn Kreisrichter.„Die Bekanntſchaft des Mannes wird dich nicht gereuen,“ hatte mein Freund geſagt,„und die Bekanntſchaft der Gegend lohnt ſich wahrlich auch. Wer weiß, ob ich das Stück Land, das mir jetzt zur Laſt iſt, nicht einmal zurückkaufen — ☛☚2 80 werde, wenn ich um einen Winkel der Welt ver⸗ legen bin, wo man ſich ohne Haß vor ihr verſchließen und das Reſtchen Leben friedlich tropfenweiſe aus⸗ ſchlürfen kann.“ In der That ſchien mir der Ort gleich auf den erſten Blick wohl dazu angethan. An der Schwelle der gelinde anſteigenden Vorberge lag der beſcheidne Häuſerhäufen ſchon von fern geſehen in großer Be⸗ haglichkeit da, während die Winzerhütten und kleinen Landhäuſer ſich lachend im Grünen über die Abhänge zerſtreut und die weitere Ausſicht in Beſitz genom⸗ men hatten. Der Wein, der hier wächſ't, iſt unberühmt, aber, wie manche geringere Landweine, von einem ſehr beſtimmten Geſchmack und zarter, hellrother Farbe. Wer ihn nur einmal flüchtig gekoſtet, pflegt ihn hinfort unter die Getränke zu rechnen, die nicht die Gabe haben, das Menſchenherz zu erfreuen. Die Landeskinder und Andere, die ſich in ihn hinein ge⸗ trunken haben, verſpüren dann und wann in der Geſellſchaft der edelſten und koſtbarſten Weine aller Zonen ein Heimweh nach ihm, das ich an mir ſelbſt erleben ſollte. — Uer lbſt 27 In der Gaſtſtube zum rothen Engel war es um dieſe Stunde leer, wie denn auch die Gaſſen in tiefer Nachmittagsruhe lagen, als mein Gefährt hindurch⸗ raſſelte. Der Wirth aber hatte ſich tapfer ſein Schläfchen abgebrochen und zu mir geſetzt, auch der Gelegenheit wahrgenommen, ein höf liches Glas mit— zutrinken. Nach mancherlei Kriegs⸗, Staats⸗- und Erntegeſprächen kam er auf das Neueſte vom Jahr, eine große Hochzeit der Bürgermeiſterstochter mit dem Sohne des hieſigen größten Kaufmanns, deſſen Laden mir, wie ich dem Wirth zu ſeiner nicht geringen Be⸗ friedigung ſagen konnte, durch die Mannigfaltigkeit der ausgeſtellten Producte und eine ſtattliche Spiegel⸗ ſcheibe, die einzige im Ort, im Vorüberfahren auf⸗ gefallen war.„Das junge Paar iſt geſtern verreiſ't,“ ſagte der Wirth.„Das iſt ja die leichtſinnige neue Mode, während es ſonſt für das Beſte galt, den Eheſtand im eignen Neſt anzufangen. Da bleibt nichts übrig, wenn das ledige junge Volk nicht um ſein Tänzchen kommen ſoll, als eine Nachhochzeit, wie ſie heut Abend drüben beim Brautvater gehalten wird. Die meiſten meiner Abendgäſte ſind zwar ge⸗ laden, aber ich fahre dennoch nicht ſchlecht dabei,“ Heyſe, Neue Novellen. 6 ——,— fügte er pfiffig hinzu.„Man hört die Muſik über den Markt her deutlich genug, und wir laſſen die Fenſter auf. Es wird auf den Abend voll werden im rothen Engel, aber ein Plätzchen am Fenſter ſoll Ihnen aufgehoben ſein. Wäre jetzt noch ein Schöpplein gefällig?“ Ich dankte, ſeinen Wein belobend, und bat ihn, mir den Weg zum Hauſe des Herrn Kreisrichters zu ſagen, da ich mein Geſchäft mit ihm bald zu er— ledigen wünſchte.—„Warten Sie,“ unterbrach ſich mein Mann in einer ſehr gewiſſenhaften Beſchrei⸗ bung,„da kommt mein Heinrich eben aus der Schule und ſoll Sie begleiten. Der Herr Kreisrichter hält was auf ihn, wie er überhaupt hübſche Kinder und ſauberes junges Volk gern um ſich hat. Die Bür⸗ germeiſterstochter, die geſtern geheirathet hat, war ſein Augapfel, und alle jungen Mädel hat er am kleinen Finger, obwohl er ſchon in Jahren iſt und ſein Lebtag nicht war, was man eine ſchöne Manns⸗ perſon nennt. Schönheit vergeht, Häßlichkeit beſteht, heißt's im Sprüchwort. Als er jung war, mögen ſie ſich nicht ſo arg um ihn geriſſen haben.“ Damit rief er ſeinen Buben, der draußen über 8³ den Flur gelaufen kam. Es war ein krausköpfiger lebhafter Junge mit ſchönen ſchwarzen Augen. Zu⸗ traulich faßte er meine Hand und wir wanderten zuſammen unſeres Weges. „Sie werden den Onkel jetzt zu Hauſe treffen,“ ſagte mein kleiner Führer.„Wenn die Birnen erſt reif ſind, geh' ich jeden Nachmittag mit Hans, deſſen Vater nebenan wohnt, von der Schule aus an On⸗ kels Garten vorbei. Sobald er uns ſieht, ruft er uns herein, und wir dürfen ſogar auf den Baum ſteigen. Hernach geht er wieder aufs Gericht, bis an den Abend.“ Nicht lange, ſo hatten wir das Ende der Stadt erreicht, und mein Führer machte Miene, auch noch das Thor zu paſſiren.„Wohnt der Onkel draußen?“ fragte ich. „Freilich, am Wall; es iſt nicht mehr weit zu ihm.“ Wir bogen links ab und betraten den ſchattigen Spaziergang, der auf den ehemaligen Schutz⸗ und Trutzwerken des friedlichen Ortes hinlief. An einem alterthümlichen grauen Hauſe ſtand der Knabe ſtill. „Hier!“ ſagte er. Man ſah durch eine Gitterthür 84 neben dem Hauſe in den Garten hinein. Vorn in der Tiefe des früheren Stadtgrabens ſtanden prachtvolle Nußbäume, die mit ihren Aeſten bis an die oberen Fenſter herüber reichten. Keine menſchliche Seele außer uns genoß ihren Duft und Schatten zu dieſer Stunde. Oben aber hörte man eine Geige aus einem der geöffneten Fenſter, und die Vögel zwitſcherten mit hinein. „Iſt das der Onkel, der ſpielt?“ Der Knabe nickte.„Vater ſagt, er ſpiele beſſer als unſer beſter Stadtgeiger. Aber er ſpielt keine Tänze, und faſt immer aus dem Kopf.“ Ich gab meinem kleinen Freunde die Hand und ſtand noch eine Weile unten an den ſteinernen Stufen, während der Knabe dem Thore zuſprang. Meine gute Meinung von dem Onkel wuchs, je länger ich in die Fülle des grünen Laubes ſtarrte. Es war ein überaus einſamlicher, erquickender Ort, und zu⸗ gleich mußte an anderen Stunden eine luſtig ſpazie⸗ rende wohllöbliche Bürgerſchaft die freundlichſte Staf⸗ fage machen. So erſtieg ich endlich, meiner Vollmacht froh, die ſaubere Treppe. Das untere Geſchoß ſchien unbewohnt, wenigſtens hingen die Epheuranken, mit denen die Wände des luftigen Flurs, wohin man blickte, überſponnen waren, wuchernd vor den Thüren und hielten Schloß und Thürgriff umklammert. Nun erſcholl das Spiel der Geige voller in dem geſchloſſenen Raum des Treppenhauſes, und da ich langſam ſtieg, den verſtohlenen Genuß mir nicht ſelbſt abzukürzen, war ich noch nicht zur Hälfte hinauf, als ein verwun— dertes Geſicht oben an den Stufen erſchien. Der Mann hatte offenbar eine kurze Abfertigung auf der Zunge, denn ich ſah, wie er mit ſehr ungehaltener Gebärde ans Geländer trat und den Beſuch, der augenſcheinlich die Stunde ſchlecht gewählt hatte, mit raſchem Händewinken zur Umkehr bewegen wollte. Als er ein ganz fremdes Geſicht ſah, ergab er ſich in die Nothwendigkeit einer wörtlichen Verſtändigung, und ließ mich völlig heraufkommen. Er trug einen langen hellen Sommerrock und Schuhe, und ein grauer Schnurrbart bemühte ſich umſonſt, den harmloſen Zügen einen martialiſchen Anſtrich zu geben. Ich fragte nach dem Herrn Kreisrichter, und hielt ihm meinen Empfehlungsbrief entgegen. o—, 86 „Sie hören, daß der Herr Kreisrichter ſpielt,“ ſagte er mit Achſelzucken und einem mühſamen An⸗ lauf zur Höflichkeit.„Um dieſe Stunde beſucht ihn ſonſt Niemand, mein Herr; es weiß ein Jeder, daß ich ihn dann nicht ſtören darf.“ Ich entſchuldigte mich, daß ich fremd ſei und dieſer ſchätzbaren Kenntniß bisher ermangelt habe. Dabei ſchob ich alle Schuld auf den Wirth und ſeinen Sohn. „Dieſe unnützen Buben!“ fuhr er auf, gleichwohl die Stimme dämpfend.„Von ihnen läßt ſich der Herr Kreisrichter Alles gefallen. Wir haben keine eigenen Kinder,“ ſetzte er vertraulicher hinzu.„Da denkt der Menſch immer Wunder welch ein Segen ihm abgeht, und dankt ſeinem Nachbarn, wenn der ihm vom ſeinigen borgt, ſo oft er ihm läſtig wird. Manchmal haben wir den ganzen Garten voll und die Taugenichtſe fallen wie die Heuſchrecken über Sträucher und Bäume her.“ „Iſt keine Frau Kreisrichterin im Hauſe?“ Der Alte ſchüttelte den Kopf.„Wir ſind nicht verheirathet,“ ſagte er mit dem Tone eines Mannes, der mit Befriedigung, aber ohne Ueberhebung ſich — 9 4 —. 87 eingeſteht, weiſer gehandelt zu haben, als die Meiſten ſeiner Nebenmenſchen. Während dieſes halblauten Geſprächs an der Treppe wogte der ſchöne, ſtarke Ton der Violine immer auf und ab und feſſelte mich ſo ſehr, daß ich ganz vergaß, was mich hergeführt hatte. Der Alte ſchien durch mein reſpectvolles Lauſchen gewonnen zu werden.„Wenn Sie ſich ganz ruhig verhalten wollen,“ ſagte er,„will ich Sie ins Vorzimmer treten laſſen. Da hören Sie beſſer und können es ruhig abwarten, bis der Herr die Geige weglegt.“— Er öffnete vorſichtig die nächſte Thür, legte noch einmal den Finger auf den Mund und drückte, nach⸗ dem ich eingetreten war, die Thür von außen be⸗ hutſam wie an einem Krankenzimmer ins Schloß. Ich befand mich in einem überaus hellen, ge⸗ räumigen Gemach, deſſen drei tiefe Fenſter, faſt bis auf den Boden reichend, den Blick zwiſchen den Baum⸗ wipfeln über Hügel und fernes Gebirg frei ließen. Die reine Luft wehte herein und bewegte die weißen Vorhänge und die Blätter der hochſtaudigen Gewächſe, die in den Fenſterniſchen ſtanden. Einige Seſſel, ein Sopha, dazu ein Schrank mit Muſikalien, Alles einfach und bequem, machten das Mobiliar des kleinen Saales aus. Aber die ſchönſten Kupferſtiche an den Wänden und in der einen Ecke, dem günſtigſten 4 Licht zugekehrt, die herrliche Statue des antiken be⸗ tenden Knaben nahmen dem Raum alles Ungaſtliche der Leere. Man ſah einen feinen Sinn in der Aus wahl der Bilder und in der Anordnung des Ganzen, und nur der gekräuſelte Sand auf den Dielen er⸗ innerte daran, daß der Herr Kreisrichter zu den Honoratioren einer kleinen Stadt gehörte. Sehr zufrieden mit meiner Lage ließ ich mich auf einem der Seſſel nieder, und indem meine Augen zwiſchen den Stuckarabesken des weißgetünchten Pla⸗ fonds herumgingen, horchte ich mehr und mehr hin⸗ geriſſen dem Concert im Nebenzimmer. Es war nicht allein das Fremde und Wunder⸗ liche meines Zuſtandes, das Unverhoffte und Heim— liche, was mir den Genuß erhöhte; ich weiß es ganz beſtimmt, daß ich niemals vor⸗ und nachher ſo habe ſpielen hören. Offenbar war es freie Phantaſie, denn 4 es miſchten ſich gelegentlich Anklänge an bekannte Weiſen ein, wie man im Erguß eines innerlichen Geſprächs dann und wann ſich an ein ſchönes Wort — 2 ————— ——— — eines Dritten erinnert, das die eigenen Gedanken ſchlagend zuſammenfaßt. Aber wenn irgend Muſik eine ſeelenbezwingende Macht hat, ſo hatte ſie dieſe. Sie war ohne alles Pathos, ohne jegliche Rhetorik. Unſcheinbar, ja ſogar nüchtern bewegte ſich bald dieſes, bald jenes Thema, und wuchs unverſehens, und verſtärkte ſich an ernſter Energie der Behand⸗ lung, und hatte mich bezwungen, ehe ich mich deſſen verſah. Eine andere Melodie löſ'te dann die erſte ab und ſpielte leichter mit meinen Sinnen, bis die erſte wieder auftauchte und daran erinnerte, daß ſie ein älteres Recht auf mich hatte. Die dämoniſche Gewalt des Einfachen habe ich nie ſo deutlich an mir empfunden, wie hier. Wenn der heitere Herbſt⸗ tag draußen ſelbſt den Bogen geführt hätte, es hätte nicht mehr Stimme der Natur in ſeinem Spiel ſich offenbaren können. Und ſo verklang es auch ohne feierliche Schluß⸗ cadenz, wie der Wald plötzlich zu rauſchen aufhört, wenn der Wind ſchweigt. Ich hörte einen eigen⸗ thümlich ungleichen Schritt und ein Klappen, aus dem ich entnahm, daß die Geige zur Ruhe gebracht wurde. Nun beſann ich mich wieder, wo ich war, — 90 im Vorzimmer des Herrn Kreisrichters, eine gerichtlich beglaubigte Vollmacht in der Taſche. Dem alten Diener hörte ich jetzt durch eine andere Thür zu ſeinem Herrn treten und mich anmelden. Einen Augenblick noch, und er öffnete die Thür nach meinem Saal und bat mich, einzutreten. Mit einer ſeltſamen Befangenheit trat ich über die Schwelle, und der Anblick, dem ich begegnete, war nicht geeignet, mich in die Stimmung eines Geſchäftsbeſuches ſogleich zurückzuführen. Das Ge⸗ mach war kleiner, aber nicht minder hell, und durch. einen Teppich wohnlicher, als das erſte. Ein großer 1 Schreibtiſch ſtand mitten im Zimmer zwiſchen den tiefen Fenſtern, zu beiden Seiten mächtige Oleander⸗ büſche in voller Blüthe. Die Wand mir gegenüber war mit einem einzigen großen Bilde geſchmückt, einer Copie jenes wunderbaren Meiſterſtücks des ältern Palma, das über dem Seitenaltar in Santa Maria Formoſa zu Venedig ſteht: die heilige Barbara im. dunkelrothen Gewand, das Haar goldbraun, die leben⸗ digen Augen ernſthaft auf den Beſchauer gerichtet. Unter dem Bilde ſtand ein niedriges Canapee, ein Tiſchchen davor. Sonſt kein Bild in dem ganzen d 91 Zimmer, und die übrigen Wände mit Bücherſchränken verſtellt. Am Tiſche ſtand der Kreisrichter. Ich hatte die Worte meines Wirths, die mich auf die Bekanntſchaft eines nicht eben ſchönen Mannes vorbereiteten, über dem Concert gänzlich vergeſſen. Ich war auf einen einfachen, rüſtigen und ſtattlichen Mann gefaßt, deſſen heiter vornehmes Geſicht in den 1 Rahmen dieſes Hauſes wohl hineinpaßte. Faſt das völlige Widerſpiel meiner Erwartungen ſtand mir gegenüber. Eine hochaufgeſchoſſene, unreife Geſtalt, wie eines zu raſch gewachſenen Knaben, ungeſchickt in den Klei⸗ dern hängend, trug einen Kopf von der entſchiedenſten Häßlichkeit. Der Blick eines einzigen hellgrauen Auges fiel mir ruhig entgegen; das andere, das zu fehlen ſchien, war von der Wimper verſchloſſen, die Naſe— und der untere Theil des Geſichts ſehr ſchmal und* verkümmert; man konnte nicht glauben, daß jemals das Roth der Jugend auf dieſen Lippen und Wangen geſchimmert hatte. Die Stirne ſprang vor wie in alten Häuſern das obere Geſchoß über dem untern, breit und hoch; einige Büſchel fahlblonder Haare 92 hingen darüber herab. Aber ſelbſt dieſe bedeutende und ungewöhnliche Bildung des Schädels vermochte die Nüchternheit des Geſichts nicht ſonderlich zu be⸗ leben, und die Häßlichkeit zu einer ſolchen zu machen, welche die Franzoſen le beau du laid zu nennen pflegen. Ich habe nie einen Kopf von ſo erloſchenem Colorit geſehen. Nicht minder unglücklich war die Haltung der Geſtalt. Der Kopf neigte ſich leicht auf die linke Seite, der linke Arm war offenbar ein wenig kürzer, als der rechte, und wie der Mann an dem Tiſche ſtand, auf den rechten Fuß geſtützt, den linken mit der Spitze gegen den Teppich geſtemmt, war es un⸗ zweifelhaft, daß ſich die Uebervortheilung der linken Seite bei der Vertheilung der natürlichen Gaben bis auf den Fuß herab erſtreckt hatte. Unwillkürlich glitt mein Blick von der ſeltſam vernachläſſigten Mannesgeſtalt auf das Bild der Hei⸗ ligen, das in ſicherer Fülle der Schönheit fröhlich neben ihm blühte und den goldnen Rahmen ver⸗ dunkelte. Er weidete ſich offenbar an meinem erſten Stau⸗ nen, und ich ſah ein ſehr feines Lächeln über ſeine ——CO— erweckt habe?“ Züge fliegen. Dabei öffnete er leiſe die Lippen, und eine Reihe der ſchönſten Zähne gab plötzlich dem un⸗ ſcheinbaren Munde Reiz und Adel. „Sie müſſen das Original des Bildes geſehen haben,“ fing er an, ohne eine weitere Vorſtellung meinerſeits abzuwarten.„Ich ſehe es an Ihren S Augen, daß Sie es nicht zum erſtenmale bewundern. Dieſer Copie hier, obwohl ſie mit Sorgfalt und Ver⸗ ſtand gemacht iſt, fehlt denn doch gerade das, was an der echten Barbara auf den erſten Blick hinreißt.“ Dabei hatte er den Kopf flüchtig nach dem Bilde gewandt und war von dem Tiſch zurückgetreten. Seine Bewegungen waren raſch und frei, das Auge glänzte zu dem Gemälde hinauf, und ſeine Stimme klang voller und tiefer, als man der ſchmalen Bruſt zu⸗ getraut hätte. Ich ſagte ihm, daß ich allerdings die kaum ver⸗ jährte Erinnerung an dieſes Bild aufs Lebendigſte Zug für Zug in mir trüge. „Sie werden ſie behalten, ſo lang Sie leben!“ ſagte er feierlich; dann in leichterem Ton:„Werden Sie glauben, daß ich mit dieſem Bilde ſchon Todte 94 Ich ſah ihn fragend an. „Verſtehen Sie mich,“ fuhr er lächelnd fort,„meine Todten gingen aufrecht auf ihren Füßen herum, aßen, tranken und ſchliefen, und Einige trieben den Hoch⸗ muth ſo weit, daß ſie ſich ſogar einbildeten, zu wiſſen, was Leben ſei. Und doch waren es Menſchen ohne Lebensflamme, wie ſie eine kleine Stadt denn eben vielfach beherbergt. Wenn ſie mich lange genug gedauert oder geärgert hatten, führte ich ſie auf die Stelle, wo Sie jetzt ſtehen. Da kamen ſie nach und nach zu ſich, und wurden demüthig, und die Schup⸗ pen fielen ihnen von den Augen. Wo es nicht zündete, war ſicher ein Stein in der Bruſt. Aber ich hüte mich wohl, mein Wunder zu oft zu thun. Manche gute Geſellen ſind eben zu ſchwach, das Leben zu ertragen; es macht ſie unglücklich, wenn man ſie ihrem Scheintod, ihren mittelmäßigen Wünſchen, ihren engen Bedürfniſſen entreißt. Die Schönheit iſt nur für den frommen Muthigen, der keine Götzen haben will neben ihr. Für die Anderen— iſt das!“ Mit dieſem Worte zog er einen grünen Seiden⸗ vorhang an einem Schnürchen über das Bild.„Im Nu iſt es dunkler im Zimmer,“ ſagte er ernſthaft. 95 —„Aber Sie kommen in Geſchäften. Dafür giebt uns die Sonne draußen Licht genug.“ Er ſchob mir einen Seſſel neben den Schreibtiſch und ſetzte ſich ſelbſt. Nachdem er den Brief geleſen 4 und die Vollmacht geprüft hatte, ſagte er:„Bis auf den Einen Punkt, der mit dem Käufer mündlich zu erledigen iſt, ſteht dem Vollzuge des Kaufs nichts 1. im Wege. Ich kann Sie zu jenem Herrn führen, mit dem Ihr Freund in Unterhandlung ſteht, und- die Sache iſt mit drei Worten und einem Federzug 2 abgethan. Eilt es Ihnen mit der Abreiſe? Gut, b ſo machen wir uns unverzüglich auf den Weg. Wollen Sie aber die Nacht darangeben, ſo fügt ſich Alles beſſer. Ich mache es mit dem Wirth ſchon aus, daß Sie mein Gaſt ſind und unter meinem Dach über⸗ 4 nachten. Auf den Abend lade ich Sie zu einer Tanzgeſellſchaft bei unſerm Bürgermeiſter, meinem braven alten Freund. Dem Käufer des kleinen 1 Grundſtückes werden Sie dort ebenfalls begegnen, und können bei einem Glaſe Wein den Handel — —n —— freundſchaftlich ins Reine bringen. Ich ſehe es Ih⸗ nen an, daß Sie bleiben. Machen Sie mir die Freude!“— 96 Ich ſchlug in die herzlich dargebotene Hand.„Wie ſchlecht verſtünde ich mich auf meinen Vortheil,“ ſagte ich,„wenn ich ſolcher Bitte widerſtehen könnte. Lei⸗ der haben Sie keinen Tänzer an mir.“ „Wenn die Mädchen damit zufrieden ſind, ich laſſe mir's ſchon gefallen, einen ſehenden Menſchen neben mir zu haben. Die Jugend hier iſt geſund, und das iſt in jungen Jahren die halbe Schönheit. Auch haben ſie noch Race. Achten Sie auf die feine Form der Köpfe und die zarte Bildung der Schläfen, und im Gang und Tanz und Sitzen die natürliche Anmuth. Väter und Mütter ſehen das wohl auch und mögen es auch gern von mir hören; wenn ſie es nur völlig zu ſchätzen wüßten! Aber von dem erſten beſten jungen Fant hören ſie es doppelt ſo gern. „Ich habe Sie da gleich mit meiner Schwäche bekannt gemacht,“ fuhr er heiter fort, indem er aufſtand.„Allein ich habe ein Vertrauen zu Ihnen gefaßt, und auch das kommt von oben, wie alles Gute. Laſſen Sie mich's denn genießen, was mir nicht oft beſchieden iſt, meinem alten Hange nach⸗ zuhängen, ohne daß mich meine biedern Nachbarn 97 für einen Narren halten, dem man Vieles hingehen laſſen muß, weil er ſonſt eine ehrliche Haut iſt. Sie ſind in Italien geweſen. Sie wiſſen, wie einem Herz und Augen zuweilen übergehen.“ Er rief dem Diener und ließ ſich den Hut brin⸗ gen.„Jetzt in die Kanzlei,“ ſagte er,„und Abends zu Ihnen in den Engel, Sie zum Feſt abzuholen.“ Wir gingen zuſammen den grünenden Treppen⸗ flur hinab. Ein Schwalbenpaar flog durch das offne Fenſterchen ſchwirrend hinaus.„Dort im Winkel iſt ihr Neſt,“ ſagte der Kreisrichter.„Das ſind meine ſommerlichen Hausgenoſſen und die einzige Familie hier am Ort, deren Kinder ſich nicht an den Onkel gewöhnen wollen. Es muß wohl an ihnen liegen, denn ich habe die Gelbſchnäbel herzlich gern.“ Damit traten wir auf den Wall hinaus, und mein Gaſtfreund machte mich auf einen Weg auf⸗ merkſam, der quer durch den ſchattigen Grund in die jenſeitigen Hügel hinüberlief.„Er führt Sie auf einen Punkt, wo Sie die ganze Herrlichkeit unſeres Städtchens überſchauen. Möge ſie Gnade vor Ihren Augen finden.“ Ich folgte dem Fußweg, während er dem Thor Heyfe, Neue Novellen 7 abgewonnen,“ nun gänzlich in der Gewalt d Hoffentlich finden zu bereuen. Mein ſehr vere 98 zuwandelte. Hinter einem der Bäume blieb ich ſtehen und ſah ihm nach, wie er mit ſeltſam ſchleifendem Gang, das Haupt auf die ſpielenden Sonnenl men hineilte, d Seite geneigt, von den ichtern überflogen, unter den Bäu⸗ ie Arme auf dem Rücken, bei aller Ungeſtalt und Verwahrl oſung des Aeußern eine wohl⸗ thuende Erſcheinung. Oder waren meine Augen ſchon von ſeiner Stimme beſtochen? Als ich in der Dämmerung von meinen Virthshaus zurückkam, unterw anderen Gedanken beſchäftigt Bekanntſchaft, traf ich Irrwegen in das egs mit wenig „als mit meiner neuen den wunderſamen Mann ſchon 4 im vertrauten Geſpräch mit meinem Wirth. Der kleine Heinrich ſtand neben ihm und die Hand des Kreisrichters ruhte leicht, während er ſprach, auf dem Lockenkopf des Knaben. „Ich habe Ihre Seele ſchon dem rothen Engel rief er mir entgegen,„und Sie ſind es hinkenden Teufels. Sie nicht Urſache, den Tauſch hrter Herr Wirth geht 99 freilich eines Gaſtes verluſtig, der den Ruhm ſeiner guten Betten verbreiten würde. Aber der iſt, denk ich, auch ohne Sie feſt genug in der Welt gegrün⸗ det, und ſeinen guten Wein, ſein eigen Gewächs ſollen Sie bei mir nicht minder verehren lernen. Laßt es vom beſten vorjährigen ſein, lieber Herr Gevatter, und ſchickt mir nicht zu beſcheiden. Mein alter Lerche, wie Ihr wißt, iſt auch kein Feind des Vortrefflichen.“ „So ein Gegenſtand von ſechs Flaſchen, Herr Kreisrichter?“ fragte der Wirth mit einer devoten Art von Vertraulichkeit, wie ſie nur Wirthen zu ihren Stammgäſten eigen iſt. „Bleib's dabei!“ ſagte der Kreisrichter. Dann zauſ'te er den Knaben in den Locken, hinterließ einen Gruß an die Frau Gevatterin, und wir gingen. Ich hatte offenbar an Anſehn im rothen Engel er⸗ heblich gewonnen durch die freundſchaftliche Art, mit der der Kreisrichter ſeinen rechten Arm mit meinem linken verſchränkte; doch ſtützte er ſich nicht auf, und wer ſeine Füße nicht ſah, kam durch die Bewegun⸗ gen des Oberkörpers kaum auf den Gedanken, daß er lahm ſei. —— 100 Der Marktplatz war lebendig. Auf den Stufen des fließenden Brünnleins ſtanden Buben und Mädchen und ſahen in die erleuchteten Fenſter des Hochzeithauſes. Einzelne Töne einiger ſtimmenden Geigen, Flöten und Contrabäſſe verkündeten die großen Dinge, die bevorſtanden, und lockten mehr und mehr Zuhörer in die Fenſter und Haus⸗ thüren gegenüber. Wir gingen an dem Brunnen vorbei. Die älteſten der Kinder kamen heran und gaben meinem Begleiter die Hand. Es war kein Geſicht unter allen, das über ſeine mangelhafte Geſtalt eine Miene verzogen hätte. Und doch ſah er noch auffallender aus, als am Nachmittag; er ging im ſchwarzen, langen Frack, die Handſchuhe in der Linken ſchlenkernd, in der rechten Hand ein Zweiglein Reſeda, das er beim Eintritt in das Haus des Bürgermeiſters ins Knopfloch ſteckte. Oben fanden wir eine zahlreiche Geſellſchaft bei— ſammen, und es wollte mir ſcheinen, als ob man mit dem Beginn des Tanzes auf meinen Gaſtfreund gewartet habe. Die Gruppen der jungen Leute, die plaudernd im Saal beiſammen ſtanden, belebten ſich auf einmal, als ſeine lange Figur an der Schwelle — 101 erſchien. Die Mädchen ließen ihre Tänzer ſtehen und kamen mit hellen Augen zu ihm heran, ihm eine Hand zu geben. Die Muſikanten ſtimmten eifriger, und eine Clarinette that ſich mit einem einſamen Lauf hervor, der in einem glänzenden Triller ſchloß. Der Hausherr kam uns aufs Würdevollſte entgegen und hieß auch den ungeladenen Gaſt herz⸗ lich willkommen. Seine ledige Schweſter machte die Wirthin, denn die Hausfrau ſchien ſchon länger todt zu ſein. Immer am Arm des Kreisrichters gelangte ich nun in die Zimmer der Väter und Mütter, und mußte eine langwierige Präſentation über mich er⸗ gehen laſſen. Ich hatte meinen Begleiter heimlich dabei im Auge. Ein ſtilles Behagen der Herrſchaft, die er über dieſen Kreis ausübte, lag auf ſeinem Geſicht, eine leiſe, gutmüthige Schalkhaftigkeit in den Worten, die er an die Einzelnen richtete. Und ob⸗ wohl Alle darüber einig zu ſein ſchienen, daß er nicht ganz von ihrem Stoffe war, offenbarte ſich doch in der Art, wie ihm Männer und Frauen begegne⸗ ten, das Bewußtſein, daß ſie keinen zuverläſſigeren Freund beſaßen. Wir hatten kaum ſämmtlichen Honoratioren — 102 unſern Reſpect bezeugt, als die Muſik vollſtimmig eine Polonaiſe begann. Mein Freund eröffnete den Ball mit der Wirthin. Wie er mit ihr den Saal hinauf⸗ ſchritt, ſchien er trotz ſeiner Gebrechen von Allen am meiſten Herr ſeiner Bewegungen zu ſein. Seine Dame, die Ehre vollkommen würdigend, blickte freund lich zu ihm hinauf und nahm ihm jedes Wort, jeden Scherz lebhaft dankbar vom Munde. Er führte ſie dann wieder in das anſtoßende Gemach, wo ſich bald ein Kranz von Müttern um ihn verſammelte. Ich hatte mich inzwiſchen mit dem Käufer des Weinbergs, der mir von dem Kreisrichter in einem ehrſamen Herrn Apotheker vorgeſtellt worden, in die Schreibſtube des Hausherrn zurückgezogen, durch ein kleines Kabinet von der lauten Tanzmuſik getrennt. Hier ſtand für die gereifteren Gäſte ein Tiſch mit Flaſchen und Gläſern bereit und mannigfacher Rauchapparat. Wir waren bald Handels einig. Die Clauſel des Contracts bezog ſich auf jene Grille meines Freundes, das kleine Grundſtück dereinſt wieder in ſeinen Beſitz zu bringen, und da der Käufer das Stück Rebenland zunächſt zu allerhand Experimenten mit neuen Reben und chemiſcher 103 Düngung zu benutzen dachte, ging er auf annehmliche Bedingungen eines etwaigen ſpäteren Rückkaufes be⸗ reitwillig ein. Wir klangen mit den Gläſern an auf den guten Handel, meinen Freund und die Fortſchritte der Wiſſenſchaft, und der Biedermann verſprach, mir, als dem Unterhändler, eine Probe ſeiner neuen Künſte, wenn ſie geriethen, ins Haus zu ſchicken. So ſtanden wir auf, und ich trat durch das Kabinet an den Eingang des Tanzſaales zurück. Schon hatten die Geſichter zu glühen, die Augen zu glänzen angefangen, und es war allerdings viel Hübſches zu ſehen.„Geſunde Jugend iſt die halbe Schönheit,“ hatte mein Kreisrichter geſagt; daran dachte ich wieder. Der Zauber der Friſche lag über dem größten Theil der tanzenden Mädchengeſtalten, hier und da noch ein wenig mehr. Auch die jun⸗ gen Männer waren meiſt anſehnlich und von ge⸗ wandter Haltung, und mußten ein ſonderliches Talent in der Unterhaltung beſitzen. Denn mehr als einmal hörte ich ein helles unſchuldiges Mäd⸗ chengelächter mitten durch die Walzermelodie, wie ich mich nicht entſinne jemals in Tanzſälen größerer Städte vernommen zu haben. 104 Nach und nach aber vertieft in meine Gedanken, überhörte ich, daß Jemand zu mir trat. Eine Hand berührte mir die Schulter, und der Kreisrichter ſtand neben mir. „Sie träumen mehr, als Sie ſehen,“ ſagte er lächelnd.„Sie bedürfen doch noch einiger Anlei tung. Mein Kleinod iſt leider geſtern entführt wor den. Nunmehr iſt kein Wuchs, der ſich mit dem ihrigen vergleichen ließe, zwiſchen dieſen vier Wän den. Und welches Haar, welche feinen Augen, welche ruhige Stirne! Nur daß der Geiſt in dem Geſichtchen dennoch überwog, und der Mund mehr durch Sinn und Güte, als durch eine vollkommen ſchwellende Fülle reizend war. Wir leben im Norden, lieber Freund. Das Gemüth tritt da an die Stelle der Natur, und legt die letzte Hand an die Form.— Sehen Sie, da iſt die Schweſter der Neuvermählten. Seit ich ſie dazu vermocht habe, ihr Haar rund abzu ſchneiden, wie ſtimmen nun all ihre Züge munter zu⸗ ſammen! Ein kleiner Eigenſinn, aber Idealität im Blut und meine ſehr gute Freundin.— Und dort die Kleine, Halbwüchſige, die mit den Löckchen im Nacken. Wie ſich das Ohr zierlich aus den Haaren 105 abhebt— jetzt fällt leider eine Blume darüber; und das trutzige Näschen in dem allerliebſten Soubret⸗ tengeſicht, es wird ſchwer halten, daß es ſich in ſpäteren Jahren in eine gewiſſe Würde hineinfindet. — Sehen Sie jene Schlanke mit der Roſe im brau— nen Haar, die ſich eben lachend zu ihrer Freundin wendet? Sie ſchwebt im Tanzen wie ein Blumen⸗ zweig. Dieſe mandelförmigen Köpfchen, ich liebe ſie. Sie mögen altern, wie ſie wollen, der Umriß bleibt unverwüſtlich.“ Während er ſprach, leuchtete ſein einziges Auge, und es ſchien ſeltſamer Weiſe, als dehne ſich die weit vorſtehende Stirn. Sein unſcheinbarer Mund war ſehr milde im Ausdruck, keine Spur jenes fatalen unſichern Etwas, das die Lippen älterer Herrn ſo oft umſpielt, wenn ſie die Kenner machen bei Tafel, in Galerien, oder in Tanzſälen. Er ſprach während mehrer Tänze in ſeiner Weiſe fort. „Die Wenigſten kennen die große Welt,“ ſagte er. „Aber in kleinen Städten erſetzen Schickſale oft auf Einen Schlag, was die Bildung des offenen großen Lebens in Jahren nach und nach am Menſchen thut. Ich vermiſſe es nicht, daß ich von der großen Land⸗ — — — 106 ſtraße ſo entlegen wohne. Die Menſchen haben auch hier ihre Lebensgeſchichte. Seit den zwölf Jahren, daß ich hier bin, wie manchen Schmerz hat mich der Vorzug gekoſtet, daß mich die Natur zum Vertrauten geſtempelt hat.“ Das Geſpräch wurde unterbrochen, und ich unter⸗ hielt mich eine Stunde lang mit Andern. Dann kam er wieder zu mir— es war gegen zehn Uhr— und ſagte:„Ich bin ſo ſelbſtſüchtig, daß ich für mich und Sie Urlaub von unſerm Wirth erbeten habe. Ich freue mich ſchon den ganzen Nachmittag darauf, daß wir noch von Italien miteinander reden wollen. Lerche hat für ein nothdürftiges Eſſen ge— ſorgt, und unſer rother Engel, wie Sie gehört haben, ſteht für den Wein. Kommen Sie! Da Sie nicht tanzen, ſind wir dem jungen Volk unnütz, und die Alten kennen ſchon meine Unart, weder zu ſpielen, noch zu kannegießern.“ Ich folgte ihm gern, und wir kamen unbemerkt auf den Flur. Er hatte ſchon meinen Arm gefaßt, als ein junges Mädchen aus einer Seitenthür her⸗ vorhuſchte, eben jener kleine Eigenſinn, den er mir als die jüngere Tochter des Hausherrn gezeigt hatte. 107 „Sie dürfen mir nicht ſo fort, Onkel!“ rief ſie, „Sie entgehen dieſer Schleife doch nicht, die ich Ihnen im Cotillon zugedacht hatte.“ „Haben Sie nicht eine Decoration für meinen jungen Freund, Clärchen?“ ſagte er lächelnd, indem er ſich das Band von den ſpitzen Mädchenfingern ins Knopfloch ſchlingen ließ.„Sie würde ihm doch beſſer ſtehen, als mir. Nehmen Sie indeſſen meinen ſchon etwas welken Reſedazweig als eine Erinnerung an Ihren invaliden Ritter.“ „Ihr Freund verdient geſcholten, und nicht be lohnt zu werden,““ erwiederte das Mädchen raſch. „Gute Nacht, Onkel!“ Und ſie war wieder davon, ehe ich um Gnade bitten konnte. „Da haben Sie Ihr Gericht!“ lachte der Kreis⸗ richter im Hinuntergehen.„Sie gehören noch nicht zu den Prytanen, und müſſen Gunſt und Glück ver⸗ dienen, d. h. ertanzen.“ Als wir in der Kühle durch die dunkle Stadt gegangen waren und nun aus dem Thore traten und die Mondſichel langſam über den Hügeln empor⸗ ſchweben ſahen, ſtand mein Freund ſtill und ſagte: „Wo mögen ſie jetzt ſein, die beiden glücklichen — 8 108 Maenſchen, denen ich geſtern um dieſe Stunde in den Reiſewagen half? Es iſt doch köſtlich, mit ſeinem jungen Glück in die weite Welt hinaus zu fahren, wenn der Mond eben aufgeht, alle Winde ſtill ſchweigen, die Nacht über der Erde ſchwimmt und darauf hört, wie unſer Herz klopft. Davon wußten unſere Aelterväter nichts, die aus der Kirche in ihr eigen Haus und Bett zogen, wie übermüthig ſchön das iſt, Alles, was einem ſeine Heimath bedeutet, mit ſich herumzuführen, und in die elendeſte Schenke, wo man übernachten muß, ſein ganzes Haus und Hab' und Gut in Geſtalt einer lieben Frau hinein⸗ zutragen. Es ſteht Ihnen noch bevor; genießen Sie es mit voller Seele— aber nicht zu lange. Es hat Alles ſeine Zeit, ſeine Höhe, ſeinen Verfall.“ Mein heimliches Staunen über den Mann wuchs bei ſolchen Worten immer mehr. Welche lebhafte Phantaſie, mit der er die Geheimniſſe eines ihm fremden Glückes durchdrang! Denn„wir ſind nicht verheirathet“ hatte Lerche geſagt. Waren wir es vielleicht einmal? Und wenn nicht, warum in aller Welt nicht? Wie geſchaffen ſchien dieſes liebevolle, feſte, helle Gemüth, eine Frau glücklich zu machen. 109 Er war häßlich— ich hatte häßlichere Ehemänner geſehen, die von ihren Frauen aufrichtig angebetet wurden. Und wenn er um ſeines Aeußern willen traurige Erfahrungen gemacht hatte, hätte ſich nicht ſo vielen ſeiner Worte eine leiſe Bitterkeit, oder doch ein Anflug von Reſignation müſſen anmerken laſſen? Wie heiter klangen ſie, wie ohne jeden Verdacht, daß er entbehre, was er pries! Ich kam nicht damit ins Reine. Indeſſen waren wir in ſein Arbeitszimmer zurückgekehrt, wo uns Lerche in haushofmeiſterlichem Eifer empfing. Eine große Lampe brannte auf dem Tiſch vor dem ver⸗ hangenen Bilde, einige kalte Schüſſeln ſtanden darauf, die ſechs Flaſchen im Cirkel um die Lampe aufge⸗ pflanzt. Noch waren die Fenſter offen und das ſchwarze Laub wogte davor unter dem reinen Him⸗ mel. Wir ſaßen traulich nieder, mein Wirth offen⸗ bar in der beſten Laune. Lerche ging geſchäftig, obwohl nichts zu ſchaffen war, ab und zu, und man hörte, wie er in den Zwiſchenräumen draußen das Lob ſeines Herrn wahr machte, daß er kein Feind des Vortrefflichen ſei. Als er die Schüſſel abge⸗ tragen und gemeldet hatte, daß meine Lagerſtatt in g 1 9 110 beſter Ordnung ſei, empfahl er ſich für heut.„Bei dem letzten Glas einer Flaſche darf ich ihn nicht ſtören,“ ſagte ſein Herr gutmüthig.„Er wird dann gern ſentimental, und ich habe ihn oft auf ſeiner einſamen Kammer laute Reden halten hören, von denen er ſelber kein Wort verſtand. Wir alten Junggeſellen haben Alle unſere Eigenheiten.“ Nun lag ich in dem weiten Lehnſeſſel, dem Bild gegenüber, und eine vortreffliche Cigarre that das Letzte, mich mit dem Gefühl des größten Wohlſeins zu durchdringen. Der Kreisrichter ging rauchend das Zimmer auf und nieder, und eine Pauſe in der Unterhaltung trat ein. Endlich machte ſich eine lange Gedankenreihe bei mir Luft.„Sie ſind doch ein glücklicher Mann!“ ſagte ich. Er blieb ſtehen und ſah mit der freundlichſten Ironie von der Welt auf mich nieder.„Meinen Sie?“ erwiederte er.„Nun, ich meine es auch. Aber was will dies„doch,“ das Sie dem glücklichen Manne vorſetzten? Ueberraſcht es Sie, einen Glücklichen zu fin⸗ den, wo mancherlei Umſtände Sie einen Unglücklichen ſuchen ließen? Iſt nirgend Glück zu Hauſe bei dem Einſamen? Doch das iſt der Onkel einer halben Stadt ſchwerlich. Oder bei Einem, der ſich nicht zu viel thut, wenn er ſich geſteht, daß er einer der häßlichſten Menſchen ſeiner Bekanntſchaft iſt? „Ich weiß, daß Sie ſagen wollen, ſo hätten Sie es nicht gemeint, daß Sie es beſtreiten werden, wenn ich ſage, Sie hätten ganz Recht gehabt, es ſo zu meinen. Es hat Leute gegeben, und meine beſten Freunde, die ſich und mich über meine Ritterſchaft von der traurigen Geſtalt mit einem Satze tröſten wollten, den heutzutage die Kinder von ihren Ammen lernen: Männer brauchten nicht ſchön zu ſein, das ſei für die Weiber. Mir war es immer ein Zeichen von der Künſtlichkeit unſerer Cultur, daß wir auf natürliche Gaben ſo leicht verzichten. Oder iſt dieſer leichtſinnig weiſe Verzicht nicht ſo ganz ehrlich?— Bemühen wir uns nur, aus der Noth eine Tugend zu machen? Ich wünſchte von Herzen, daß es ſo wäre. „Woher kommt es denn ſonſt, daß wir, einige Tugendſtolze und Kopfhänger ausgenommen, mit dem freundlichen und heiligen Worte Glück gerade das Wünſchenswerthe bezeichnen, was ohne unſer Zuthun uns geſchenkt wird? Warum freuen ſich die 112 Menſchen ſelbſt in einem Spiel, wo es um Nüſſe oder Rechenpfennige geht, die glücklichen Karten zu haben, die Roſen, die ſie im Garten ziehen, früher als die ◻ im Nachbarsgarten ausſchlagen, die Nachtigall, die ſie zehn Schritte weiter eben ſo gut hören würden, gerade auf ihrer Seite des Gartenzauns im Buſche niſten zu ſehen? Es iſt eben für Jeden wohlthuend, ſich als einen Liebling des Himmels anſehen zu dür⸗ fen. Und wir ſollten gleichgiltig dagegen ſein, ob wir an unſerm eigenen Leibe eine Göttergunſt er⸗ fahren haben, oder vernachläſſigt worden ſind? Nim⸗ mermehr!— Die alten Völker mit ihrem reinen und frommen Sinn wußten auch dieſes Glück hoch zu halten. Es iſt nichts Zufälliges und Kleines, daß ſie unter all ihren ſchönen Göttern eine Göttin der Schönheit hatten. „Sie werden mich nicht mißverſtehen, als begriffe ich nicht auch das Stück Wahrheit in jenem Satze, den ich beſtritten. Der Werth eines Mannes für die Seinen und die Welt beſteht allerdings in An⸗ derem als in ſeinem Geſicht und ſeinen wohlgeſtal⸗ ten Gliedern. Aber in dieſem Sinne betrachtet— wo bleibt der Unterſchied zwiſchen den Geſchlechtern? 113 Und darf dies ein ſittlicher Menſch nicht einſehen, ohne darüber jene natürlichen Gaben zu verachten, die mir unter allen ſogenannten Glücksgütern voran⸗ zuſtehen ſcheinen? „Das Letztere müſſen Sie einem Menſchen zu Gute halten, der dieſen Vorzug immer entbehrt hat und niemals die Ausſicht hatte, ſein böſes Glück zu ver⸗ beſſern, was bei allen anderen Ungnaden des Schickſals zu hoffen freiſteht. Man überſchätzt jedes Verſagte.“ Er ſagte dies Alles lebhaft, aber völlig heiter. Kein Zug von Empfindlichkeit lag in ſeinem Geſicht. Dann that er einige Schritte durchs Zimmer und ſtand wieder am Tiſche ſtill, das Auge auf das verhangene Bild gerichtet. „Und es iſt auch ein Unterſchied,“ fuhr er fort, „den die weiſen Leute vergeſſen. Ein mangelndes Glück iſt nicht gleich ein Unglück. Unſere nördliche Welt von heutzutage iſt eine Welt gedankenvoller Arbeit, ſittlicher Energie. Was Wunder, daß ihren Männern ein Glück im Preiſe geſunken iſt, das nicht auch in den Bereich ihres Strebens gelegt iſt! Aber das iſt eine harte und ſtumpfſinnige Thorheit, zu verlangen, daß man den Mangel jenes Glücks Heyſe, Neue Novellen 8 114 auch dann noch nicht empfinden ſoll, wenn er ans Unglück grenzt. „Noch jetzt, wo ich, wie Sie ſelbſt geſtanden, doch ein glücklicher Menſch bin, kann ich auf Au— genblicke jenes Gefühl in mir zurückrufen, das ich als junger Menſch, ſchon als Knabe empfand, wenn ich über die Gaſſe ging und die Kinder ließen ihr Spiel ruhen, um mich anzuſehen, oder die Mäd⸗ chen ſtießen ſich heimlich mit dem Ellenbogen an, ſich auf den ſeltſamen Menſchen aufmerkſam zu machen. Glauben Sie nicht, daß ich der Narr war, jedes glatte Stutzergeſicht zu beneiden. Ich fühlte mich, und je mehr ich zum Menſchen aufwachte, deſto herzhafter und tröſtlicher ſagte ich mir all jene weiſen Dinge, die über den wahren Werth des Menſchen zu ſagen ſind. Ich hatte auch die Genug⸗ thuung, daß der Schrecken vor mir nicht unbezwing⸗ lich war. Manches Kind, dem auf den erſten Blick nicht wohl bei mir wurde, hing ſpäter von Herzen an mir. Ich hatte mehr als einen Freund auf Leben und Tod; und ſogar Freundinnen, leider mehr, als mir lieb war, und darunter die ſchönſten Mäd⸗ chen in der Stadt.“ „Bin ich doch ſelbſt ein Zeuge geweſen, daß Ihr Glück Ihnen darin treu geblieben iſt,“ ver⸗ ſetzte ich. Er lächelte vor ſich hin.„Wenn ich Feinde hätte,“ ſagte er,„ich würde ihnen dieſes Glück wünſchen, das erſt in gewiſſen Jahren einigermaßen vergütet, was es einem in der Jugend koſtet. Es iſt recht hübſch, wenn die Menſchen ein gutes Zu⸗ trauen zu einem haben, die Eltern einem unbeſorgt ihre Töchter, die Brüder ihre Schweſtern, die Ehe⸗ männer ihre leichtſinnigſten Frauen anvertrauen. Nur iſt dieſer Beweis von Achtung ein wenig zwei⸗ deutig, wenn man beſchaffen iſt wie ich. Der Ruf eines gefährlichen Menſchen iſt kein Ruhm. Aber wenn der Ruf eines völlig ungefährlichen auch mehr ein Mißgeſchick, als eine Schande iſt: es kommen Stunden genug, wo man ſich ſeiner ſchämt.“ Er trank ruhig ein Glas und füllte es von Neuem. Sein blaſſes Geſicht röthete ſich, mehr, als vom Wein, von Erinnerung.„Ich ſchäme mich dieſer Scham nicht,“ ſetzte er hinzu.„Man hätte kein Herz im Buſen, wenn man von ſo viel Aus⸗ zeichnung nicht beſchämt würde.“ —y — „Und doch bin ich verſucht zu glauben, daß Sie ſich und den Menſchen damals Unrecht thaten.“ „Mir? Gewiß nicht. Häßlichkeit glänzt in jungen Jahren am meiſten. Den Menſchen? Ich glaubte es damals ſelbſt zuweilen. Um dieſes frommen Glaubens willen habe ich ſogar die Thorheit began⸗ gen, in einem Zimmer, wo leider kein Spiegel hing und die Nacht ſchon hereinbrach, der ſchönſten meiner Freundinnen zu geſtehen, daß ich öfter, als es mit rechten Dingen zugehen könne, von ihr geträumt hätte. Es war nur die Vorrede zu einer ſchönen langen Herzensgeſchichte, die ich ihr nicht geſchenkt haben würde, hätte ſie an der Vorrede mehr Ge⸗ ſchmack gefunden.“ „Es war der Thörin eigener Schade,“ erwiederte ich,„und ein größerer für ihr ganzes Geſchlecht. Aufrichtig, beſter Mann, war die eine leere Seele werth, daß Sie an all ihren Schweſtern verzweifel⸗ ten? Sollte es nicht auch in Ihrer Jugend mehr als Ein Clärchen gegeben haben, deſſen kleiner Eigen⸗ ſinn kluger Weiſe darin beſtanden hätte, Sie beſitzen zu wollen?“ „Vielleicht,“ ſagte er trocken.„Dann wäre nur leider der kleine Eigenſinn von dem größern über⸗ trotzt worden, der mir im Blute ſaß. Mein Sinn war unrettbar an Schönheit verloren, und der Wider⸗ ſpruch, der mir mit auf die Welt gegeben worden, die ungenügſamſten Sinne in einem weniger als noth⸗ dürftigen Bau, der Streit zwiſchen meinen Bedürf⸗ niſſen und dem Mangel alles Deſſen, worauf man Anſprüche ſtützen darf, war ſo heftig und unver⸗ ſöhnlich, daß es endlich ſelbſt den Himmel erbarmt zu haben ſcheint.“ Mit einer ſtrahlender Miene ſtand er in ſich verſunken.„Ich habe mehr genoſſen, als ihr Alle!“ ſagte er plötzlich halb für ſich. Dann hob er ſein Glas, ſah eine Weile in das leuchtende Roth hin⸗ ein, und ſagte dann:„Der Wein hat ſchon zu viel ausgeplaudert, als daß ich Ihnen nicht Alles ſagen dürfte und müßte, Füllen Sie Ihr Glas! Wem kann ein Alter eſſer vertrauen, als der Jugend.“ Wir klangen leiſe mit den Gläſern an. Dann trat er an vas Bild und zog den Vorhang zurück. In dem warmen Lampenlichte floß ein wunderbares Leben aber die Geſtalt, als würde das Blut in den Wangen röther, die Augen ſtrahlender. Er ſchob — einen Seſſel dem meinigen gegenüber, nachdem er den Tiſch in die Mitte des Zimmers gerückt hatte, und verbarg einen Augenblick die Stirn in der Hand. Darauf ſprach er: „Eine leere Seele war ſie nicht. Vielleicht ver⸗ ſtand ſie mich beſſer, als die Anderen alle. Aber ihr Erſtaunen, ihre völlige Ahnungsloſigkeit und der Blick, mit dem ſie mich anſah, ob ich es auch wirk— lich war, dem ſolche Worte über die Lippen gekom⸗ men— das Alles traf tiefer und entſcheidender, als Hohn und Grauſamkeit hätten treffen können. Sie hat Recht, ſagte ich min, als ich ging; man ſoll nichts gegen die Natur thun. Es wäre ein Ver⸗ brechen am Inſtinct, der Cleich zu Gleich geſellt, wenn ſie mir zu gehören wünſchte. Seit jenem Abend wußte ich, daß ich allein bleiben würde. Und ſeltſam, ſeitdem ich dies vußte, und der erſte Schmerz ausgeblutet hatte, gefien ich mir beſſer als je zuvor, und wurde heiter ohne Z wang, und lebte die allerbeſten Tage. Seit meinen Knabenjahren waren mir deide Eltern geſtorben. Und da mich nichts an meinen 119 Heimathorte hielt, wo ich einzig um jener ſchönen Freundin willen meine Ferien zuzubringen pflegte, gab ich am Morgen nach meiner Demüthigung Bücher und Kleider einem Schiffer rheinab mit auf den Weg nach Bonn, band meine Geige auf den Torniſter und wanderte getroſt, freilich in ſehr kleinen Tage— reiſen, das Ufer hinunter. Ich ſtellte viele nützliche Betrachtungen unterwegs an, unter andern, daß ich drei und zwanzig Jahre alt war, und mich ſchon ein anſehnlich Stück Leben lang vogelfrei durch die Welt getrieben, auch drei runde Jahre auf verſchiedenen Univerſitäten herum ſtudirt hatte. Ich kam zu dem Schluſſe, mich ernſtlicher, als bisher, der Göttin des Rechts zu widmen, vor deren verbundenen Augen ich ganz wohl zu beſtehen erwarten durfte. Mit der Muſik hielt ich es zu intim, um je daran zu denken, einen richtigen Muſiker aus mir zu machen. Sie ſehen, daß ich an der ganzen linken Seite einiger⸗ maßen zu kurz gekommen bin. Ich betrachtete die Geige allezeit als die Wiederherſtellerin des fehlenden Gleichgewichts, als mein linkes Auge und den eigent⸗ lichen linken Fuß, auf dem ich ſicher im Leben ſtand. Und weil ich von früh auf immer nur für mich allein muſicirt hatte, war ich über den Dilettanten nicht hinausgekommen, und konnte es ſchwerlich von der Zukunft hoffen. In Bonn richtete ich mich arbeitſam und philiſter⸗ haft ein. Die Verbindungen lockten mich wenig. Freunde hatte ich ohnehin bald mehr, als ich brauchte, denn die Ironie, meine einzige Waffe gegen alles Unbequeme, ſtumpfte ſich bald an verſchiedenen dicken Häuten ab. Selbſt daß ich bereitwillig im Geldleihen war— ſonſt ein ſo zuverläſſiges Mittel, bei guten Bekannten vergeſſen zu werden— half mir wenig, wie es denn auf Univerſitäten überhaupt nicht ver⸗ fangen will. Im Uebrigen wußten die Meiſten nicht recht, was ſie aus mir machen ſollten, und da ich meinestheils mir aus den Wenigſten etwas machte, ſah ich es gleichmüthig mit an. So verging ein Winter und Frühling. Eines Sommertags kommt einer meiner Freunde auf mein Zimmer, und ſtört mich von den Büchern auf. Es ſeien Schauſpieler in Königswinter, die dort vierzehn Tage lang ſpielen würden. Eine Wun⸗ derſchöne ſei darunter. Keiner in der ganzen Burſchen⸗ — 121 ſchaft, die gerade am Ufer geſeſſen, als ſie landeten, ſei unverliebt nach Bonn zurückgekommen. Sie heiße Wilhelmine; die Schauſpieler ſelbſt nennten ſie die ſchöne Willy. Nun tummle dich, Bruderherz, daß wir noch zu rechter Zeit hinaus kommen, das Meer⸗ wunder zu ſehen. Sie ſpielt die Luiſe in Kabale und Liebe. Eine gewiſſe Ahnung wollte mich an den Sitz feſt ſchrauben. Sie wiſſen aber, daß ein Student am Nachmittag im ſchönen Wetter keinen eigenen Willen hat. So ließ ich mich fortſchleppen. Heim⸗ lich lechzte ich freilich nach einer Augenweide, denn ich hatte mich viele Mondenlang vor allem Schönen ſtandhaft verſchloſſen. Als wir hinaus kamen, hatte das Schauſpiel ſchon begonnen. Damals lag ein Wirthshaus dicht am Rhein, das vor Zeiten ein herrſchaftlicher Beſitz geweſen war, und unter manchen Reſten ſeiner frühern Beſtimmung auch ein kleines Theater aufzuweiſen hatte, noch recht wohl im Stande. Die eine Seite dieſes Anbaues ging in den Hof, und ein hinterer Zugang führte aus dem Obſtgarten in einige Zim⸗ mer, die für die Garderobe beſtimmt waren. Wir 2——— Studenten hatten das Alles längſt ausgekundſchaftet; denn es kam zuweilen, daß einige Theaterluſtige unter uns ſich der Gelegenheit bedienten und ein Stück zum Beſten gaben. Wir fanden den kleinen Zuſchauerraum über⸗ füllt, aber das Auftreten der Schönen hatten wir noch nicht verpaßt. Es war eine Truppe dritten Ranges und außer dem Director kein irgend erheb⸗ liches Talent darunter. Indeſſen— wir hatten lange gefaſtet, und ſo waren wir nicht geizig mit ehrlich gemeintem Beifall. Die erſten Scenen zwi ſchen den Alten und dem Böſewicht gingen glänzend vorüber. Nun ward ein Murmeln durchs ganze Publikum hörbar, und alle Augen hefteten ſich ſchärfer auf die Thür, durch welche Luiſe Millerin eintreten ſollte. Ich ſtand im Gedränge an einem Pfeiler und, ehr⸗ lich geſagt, die erſte Aufwallung der Hoffnung war ſchon wieder gekühlt. Ich glaubte aus andern Er⸗ fahrungen unſern nicht ſehr wähleriſchen Burſchen⸗ geſchmack genügend zu kennen, deſſen Flamme nur eines ſchwachen Windes bedurfte, um zum Dach hinauszuſchlagen. ———— ,— 123 Zerſtreut ſah ich vor mich nieder, als mich ein unermeßliches Klatſchen aufſchreckte. Ich blickte auf, ſie ſtand ſchon auf der Bühne. Es war mir, wie wenn ſie vom Himmel herabgefallen wäre. Ich beſchreibe ſie Ihnen nicht. Sehen Sie das Bild Ihnen gegenüber an; das war ſie. Als ich ſpäter das erſtemal in die Kirche trat, die das Ori⸗ ginal bewahrt, war mir die Aehnlichkeit faſt geſpenſtiſch erſchreckend. Nun aber hob ſie die ſchwarzblauen Augen auf und ließ ſie ohne Gegenſtand über das Haus ſchweifen, auch über mein Auge weg. Ich fühlte den Pfeiler zittern, an den ich mich lehnte. Aber die Gewalt, die von ihr ausging, ähnlich wie ich ſie auch Bildern gegenüber ſchon empfunden hatte, zog ſich wieder von mir zurück, als ſie zu ſprechen anfing. Nicht, daß ſie ohne Verſtändniß geſprochen hätte, aber völlig ohne Wärme und Seele. Mit dem gleichgültigſten Ton entfielen ihr jene Be⸗ kenntniſſe ſchwärmeriſcher, überfließender Sehnſucht, die ſo viel 1 da dem Dichter brauchen, um im Munde ein heutigen Schauſpielerin uns mit der Einfachheit der Wahrheit zu berühren. Auch — 124 ihre Bewegungen waren gelaſſen, kühl, müde. Die herrliche, nicht gar große, aber volle und ſtolze Ge⸗ ſtalt regte ſich wie im Traum, wie ſchlafwandelnd. Die Augen ſahen zuweilen bei Ferdinands glühendſten Schwüren theilnahmlos auf die dürftigen Couliſſen. Und obwohl meine Kameraden mit ihrem Applaus nicht nachließen, hörte ich doch in den Zwiſchenacten mancherlei verdächtige Reden, z. B. wer ſo ſchön ſei, ſei ſchon an und für ſich Schauſpiels genug, oder die Rolle paſſe nicht für ihre Figur, oder auch, ihr ſei nicht wohl dabei, den Schwan unter den Krähen vorzuſtellen. Denn daß ihr das Publikum vielleicht nicht der Mühe werth ſchien, konnte einer doch an⸗ ſcheinend gebildeten Künſtlerin auch nicht von fern zugetraut werden. Auf den wenigen geſchriebenen Theaterzetteln, die am Eingang des Wirthshauſes angeklebt waren, ſtand ſie als Frau aufgeführt. Ihre Jugend und Friſche ſchien dieſem zu widerſprechen. Je länger ich ſie aber beobachtete, deſto weniger zweifelte ich daran. Eine gewiſſe ahnungs ämmerung des Weſens, die in der Rolle der L ſo nöthig iſt, fehlte ihr nun gerade ganz. Sie war zurückhaltend, V aber nicht ſcheu, unbefangen in jeder Geberde, aber nicht unwiſſend, ungelöſ't an Geiſt und Leidenſchaft, aber nicht durchweht von verhaltener jungfräulicher Feuerkraft. Das Räthſelhafte ihrer Perſon vollendete den Triumph ihrer Schönheit. Als das Stück vor⸗ über war, und die Hoffnung der Meiſten, die Zau⸗ berin näher kennen zu lernen, durch den kurzange⸗ bundenen Director vereitelt worden, zeigte ſich die Schwärmerei in den Herzen meiner Commilitonen ſo einträchtig, daß die ſechzig und mehr Nebenbuhler ſich unter dem vom Wirth ausgekundſchafteten Fenſter der Schönen aufſtellten, und ein damals beliebtes Ständchen im vollen Chor abſangen. Die Gardinen blieben indeß herabhangen, obwohl das Licht dahinter brannte und beide Fenſterflügel weit offen ſtanden. Dann ließ ſich ein Theil der Enthuſiaſten im Garten beim Wein nieder, während ein anderer in die Bonner Kneipen zurück wanderte, um dort ihren Freunden Wunder über Wunder zum Beſten zu geben. Ich hatte mich von den Andern getrennt und trug mein volle entlang dem lautloſen Rhein auf einem einſamen Fußpfade nach Hauſe. Ich wußte noch nicht, wie es um mich ſtand. Erſt am andern Morgen ſollt' ich es erfahren, da meine Gedanken durch keine Macht des Willons an die Arbeit zu feſſeln waren. Meine alte Hauswirthin, die mich ſonſt immer in der Frühe geigen hörte, kam beſorgt herauf, als Alles ſtill blieb, und fragte, ob ich krank ſei. Schlecht geſchlafen hatte ich aller⸗ dings, ſo viel mußt' ich mir ſelber eingeſtehn. Und wenn Arbeitsſcheu eine Krankheit iſt, ſo war ich herzlich krank. Nun ſann ich über die beſte Kur. Ueber Tag war ich mit mir darüber einig, daß Ent⸗ haltſamkeit das ſchnellſte Mittel ſei. Gegen die Theater⸗ ſtunde lief die Krankheit mit dem Arzte durch, und ich ſaß einer der Erſten vor den ſchickſalsvollen Brettern. Die ſchöne Frau gewann nur noch in der Nähe. Ich ſah erſt, daß Kunſt, Lampenlicht und Putz keinen Theil an ihrer Zauberei hatten. Auch fiel mir auf, daß ſie ſich einfacher kleidete, als die andern weib⸗ lichen Mitglieder der Truppe, die ſie mit viel Theater⸗ flitter gern überglänzt hätten. Dafür ſchien Alles, was ſie trug, ihr eigen zu ge die kleine gol⸗ dene Kette um den Hals, die wenigen Spangen und Ringe, und ſie trug Jegliches mit einer vornehmen Nachläſſigkeit, die ſehr gegen das vordringliche Prahlen ihrer Colleginnen abſtach. Leider ſtand ſie ihnen an Lebhaftigkeit des Spiels eben ſo nach wie an Sucht zu gefallen. Es war dieſelbe kalte Paſſivität heute wie geſtern. Und ſo blieb es all die folgenden Tage. Das Uebel war nur, daß ſich mir die Empfindung dafür völlig abſtumpfte, daß man mich mitten in der Vor⸗ ſtellung hätte anrufen und fragen können, welches Stück geſpielt werde— und ich wäre die Antwort ſchuldig geblieben. Wenn ſie gerade nicht auf der Bühne war, ſtierte ich in die Schalllöcher des Contra⸗ baſſes in dem kleinen Orcheſterraum, und ſah und hörte nichts um mich her. Trat ſie wieder auf, ſo ließ mein Auge nicht von ihr, und lebte nichts an mir als mein Auge. Es konnte nicht fehlen, daß ſo viel feurige junge Leute mit der Autorität des Directors bald fertig wurden. Schon am dritten Abend nahmen die Schau⸗ ſpieler alle an einer Gondelfahrt Theil, und der Senior der Burſchenſchaft, ein ſehr ſchmucker Jüng⸗ ling von ritterlicher Haltung, erlangte die beneidete Gunſt, neben der ſchönen Willy im Kahn zu ſitzen 128 und ihr ſeine Huldigungen zu ſagen, die ſie in ihrer müden, zerſtreuten Weiſe gleichgültig anzuhören ſchien. Ich beobachtete die Beiden aus einem andern Nachen mit einem Herzklopfen, das ich mir, ſo gut es ging, als das Muthfieber der Reſignation auszulegen be— müht war. Ich war noch vernünftig genug, einzu⸗ ſehen, daß man kein ſtattlicheres Paar wünſchen könne. Aber die geringen Fortſchritte, die der Glück⸗ liche machte, thaten mir doch überaus ſanft. Sie mußte Verſtand haben, wenn ihr dieſer Anbeter, der ein guter unbedeutender Menſch war, nicht ſonderlich zuſagen wollte. Bald verbreitete ſich das Gerücht von ihrer un— bezwinglichen Tugend zugleich mit mancherlei Hiſtorien, die man auf Koſten der drei oder vier andern Damen erzählte. Sie hatte eine gewiſſe Art, allen Freiheiten zuvorzukommen, ohne Unfreundlichkeit eine Schranke um ſich zu ziehen, und die Thorheiten, die um ſie herum mit den leichtern Geſchöpfen getrieben wurden, völlig zu überhören, daß einige Zuverſichtliche, die ſich vermeſſen hatten, wenigſtens einen Kuß zu ge⸗ winnen, nach geringen Anſtalten zur Eroberung ihre Wette freiwillig verloren gaben. Ich hörte dem 129 unabläſſigen Hin- und Herreden über das Räthſel mit großer Genugthuung zu. So hatte diesmal wenigſtens Keiner etwas vor mir voraus. Denn auch die Schau⸗ ſpieler, mit denen man ſich beim Wein befreundete, konnten ſich nicht beſſerer Erfolge rühmen. Von ihrer Vergangenheit wußten ſie nichts. Sie war eines Tages in Mainz zum Director gekommen mit der Bitte, ſie zu engagiren. Sie habe früher nie geſpielt. Mit Ihrem Geſicht ſpielt ſich's von ſelbſt, hatte der Director geſagt. Seitdem ſei ſie ein Jahr bei ihnen, und habe nichts zugelernt. Es fügte ſich ein paarmal, daß ich auf Spazier⸗ gängen in ihrer Nähe war und hörte, was ſie mit Andern ſprach. Es klang Alles gut aus dieſem Munde. Einigemal ſah ich ihre Augen auf mir ruhn, ohne jenes nicht ſehr gütige Verwundern, mit dem mich die Andern ins Auge faßten. Es that mir wohl bis ins Herz hinein, obwohl ich in der Verwirrung, wie mir immer geſchah, lahmer wurde als ſonſt. Die ruhige Theilnahme ſtand ihr gar zu gut, ihr Geſicht belebte ſich, wenigſtens bildete ſich's der arme Wicht ein, dem doch durch dieſe Theilnahme nur wieder ſeine Narrheit vorgehalten wurde. Heyſe, Neue Novellen 9 Gelegentlich richtete ich auch wohl ein Wort an ſie, wenn ſie einmal vor ſo vielen Hofmachern im Augenblick keinen hatte. Sie war ſehr freundlich, und mir ſchien redſeliger als zu den Andern. Aber die Freude hatte bald ein Ende. Entweder kam ein Dritter dazwiſchen, oder ich ertappte mich, wenn ſie eine Frage an mich richtete, darauf, daß ich ohne zu hören und zu denken in ihr Geſicht geſtarrt hatte. Dann ſchoß mir das Blut in die Schläfen, und, meine Verwirrung wohl bemerkend, war ſie freund⸗ lich genug, unter einem Vorwand abzubrechen. Ihre Güte und Menſchlichkeit raubte mir vollends, was an mir noch mein geweſen war. Ich will Sie nicht ermüden und Tag für Tag jenes verworrene Leben zurückzurufen ſuchen. Der gefürchtete vierzehnte war endlich da. Der Director, den eine Verpflichtung nach Cöln rief, war nicht zu bewegen, noch eine Woche zu bleiben, obwohl er glänzende Geſchäfte machte. Für den letzten Abend war ein Luſtſpiel angekündigt. Ein Ball, den die Studenten im Saale des Wirthshauſes veranſtaltet hatten, und eine ſolenne Kneiperei ſollte den ſchönen Traum dieſer beiden Wochen abſchließen. 131 Was aus mir werden würde, wenn ich aus dieſem Traumleben aufwachte und den traurigen Tag nicht mehr erträglich finden konnte, weil er einen Abend hatte, das hatte den ganzen Morgen wie ein ſchwerer ſtumpfer Nebel über mir gelegen. Schon Mittags ließ ich mich in der Fähre überſetzen, um auf dem Marſch nach Königswinter meine beklommenen Sinne zu lüften. Es war nicht allzu heiß; aber ich kam nur keuchend von der Stelle und mußte oft aus⸗ ruhen. Mir war, als ging ich, ein Armſünder, meinem letzten Stündlein entgegen. So kam ich freilich zuerſt von Allen an und hatte ſogar das melancholiſche Glück, die ſchöne Frau, die am Fenſter ſtand, ehrerbietig zu grüßen. Dann ſchlich ich mich ins Theater, das dunkel war, ſaß auf meinem angeſtammten Platz dicht vor dem Orcheſter nieder, und genoß ungeſtört die Wolluſt der wüthendſten Liebesſchmerzen. Endlich kam ein Schwarm Anderer in das noch unerleuchtete Haus, und fand mich, den Kopf auf die Arme gelegt. Ich ſagte, daß ich hier eine Stunde geſchlafen hätte, vom Gang ermüdet. Da es dunkel war, konnte mich mein Geſicht nicht verrathen. Das — Haus überfüllte ſich bald; alle Thüren mußten offen bleiben, denn man ſtand bis auf den Gang hinaus. Das ſchlechte kleine Orcheſter fing an, eine lahme Ouvertüre zu kratzen, das alberne Luſtſpiel begann, ich lachte ein paarmal hell auf, wo nichts zu lachen war, denn die Poſſe dieſes Lebens kam mir immer toller vor. Mitten in dieſer Armſeligkeit trafen mich einmal die ernſthaften Augen der ſchönen Frau, die heut noch zerſtreuter ſpielte als gewöhnlich, aber in Schönheit ſtrahlte wie nie. Eine ungeſunde Luſtigkeit erhitzte mich. Ich wollte mir überdies vor meinen Freunden ein glänzendes Zeugniß geben, daß ihre Neckereien, mit denen mich die Scharſſichtigſten nicht verſchont hatten, ſehr unbegründet geweſen ſeien. So ging der erſte Act vorüber. Die Muſikanten, die mit der Truppe zogen und hie und da in einer Operette eine größere Rolle ſpielten, waren heute. beſonders ſchlecht bei Tact und Gehör. Sie hatten, da es der Abſchiedstag war, ſich zu guter Letzt in dem Wein von Königswinter noch eine beſondere Güte thun wollen und der Vorgeiger zumal war ſtark be⸗ zecht. Als ſie nun eines ihrer gewöhnlichen Zwiſchen⸗ actsſtücke einſetzten, das aus dem Don Juan nicht 133 ungeſchickt zuſammengeſtohlen war, konnte der Mann ſeinen wankenden Bogen nur zu einem mißtönigen Stammeln bewegen. In der Aufregung, in der ich war, hörte ich das nicht lange mit an. Mit einem Sprung war ich über der Schranke, hatte die miß⸗ handelte Geige ergriffen und ſpielte aus aller Macht, ſo daß meine Mitſpieler in einen ungewohnten Zug kamen und ſelbſt das überlaute Geſpräch unter dem Publikum unterbrochen wurde. Als ſie mich ſahen, brachen ſie in ein ungeſtümes Klatſchen aus und riefen mir Scherze und Neckereien zu, worauf es wieder ſtill wurde bis ans Ende des Stücks. Einige Köpfe der Schauſpieler ſahen hinter dem Vorhange vor, der Director kam aus der Couliſſe, ſogar das Kleid der ſchönen Willy ſah ich im Proſcenium wehen. Das befeuerte mich immer mehr. Mit den wildeſten Paſſagen ſtattete ich meinen Part aus und ließ meine Geige über die anderen Stimmen herrſchen, ſo viel das nicht ſehr vorzügliche Inſtrument hergeben wollte. Am Schluß neues Bravo und der Ruf, daß ich auf meinem Platze bleiben und allein weiterſpielen ſolle. Ich willfahrtete gern. Ich wußte ja, daß ſie hinter dem Vorhang ſtand, und daß ich keine andere Sprache 134 reden durfte, ihr meine Abſchiedsgedanken zu offen⸗ baren. Während ich ſpielte, regte ſich kein Laut im Hauſe. Viele mochten in ihr Herz greifen und füh⸗ len, daß ich einen Theil ihrer eigenen Empfindungen ausſprach. Denn als ich ſchloß, blieb es noch eine Weile ſtill. Dann erſt machten ſich die gepreßten Geiſter in anhaltendem Bravo Luft. Ich blieb auch im Verlauf des Stücks im Orcheſter ſitzen, während der Vorgeiger neben mir ſeinen Rauſch ausſchlief. Aber ich nahm keinen Theil an dem Spiel, nicht einmal ſo viel wie bisher. Denn ich ſcheute mich, die Augen zu ihr außzuſchlagen, als hätte ich mich verrathen und auch den Antheil ver⸗ ſcherzt, den ich früher in dieſen Zügen zu leſen glaubte. Der zweite Act ging ſo vorüber. In der folgenden Pauſe konnte ich nicht anders als wieder den Bogen führen, diesmal nur wie ein rüſtiger Kapellmeiſter. Auf eine Improviſation ließ ich mich trotz aller Bitten nicht mehr ein und ſtahl mich, kurz ehe der Vorhang aufrollte, aus dem Theater in den Garten hinaus. Die Sommernacht wehte über die Blumenbeete und durch die Zweige der Apfelbäume, und der 135 Geſang der Grillen ſchwirrte im Graſe. Ein Leucht⸗ käfer flog an mich heran: ich haſchte ihn und trug ihn eine Weile in der Hand. Bei Tage biſt du häßlich, ſagte ich, und ließ ihn wieder fliegen. Die Aufregung, die ich über den ganzen Tag in mir ge— tragen hatte, ließ endlich von mir. Weder jene böſe Luſtigkeit, noch ein eigentlicher Schmerz war in meinem Innern, dafür eine ſüße Dumpfheit⸗ und jene Steigerung der Sinne, die ſie allen begegnenden Stimmen der Natur empfänglicher macht. Mitten im Garten ſtand ein breitarmiger, niedriger, alter Baum, um den eine Bank gezimmert war. Man konnte ohne Mühe hinaufſteigen und ich erſah mir oben einen bequemen Sitz. Durch die Lücken der Zweige konnte ich den Garten vor mir überſehen, dahinter den Hof und die Fenſter des Tanzſaales, wo ſchon die Lampen angezündet wurden. Zur Rechten Dächer des Städtchens, links der dunkle Rhein, über den Schiffchen glitten. Ein größeres kam mit vollen Segeln vorüber. Die Schiffslaterne ſpiegelte ſich ruhig im Waſſer und rothbeſchienene Kindergeſichter tauchten aus der Tiefe des Bootes auf. Ich ſah in die Nähe und Weite wie in eine fremde Welt, die man mir — 136 zu beſchauen gönnte. Rings hauchte um mich der Duft der Nachtblumen und der Thau rieſelte erquickend über mich herab. Ich ſchloß jetzt aus dem Lärmen, der vom Theater her erſcholl, daß das Stück zu Ende ſein müſſe. Wirk⸗ lich ſah ich bald den Tanzſaal ſich beleben, Andere über den Hof herausſtrömen, um ſich erſt durch einen Trunk im Freien von der überſtandenen Hitze zu erholen. Einige Bürgerfamilien aus Bonn und Königswinter, die es den Studenten zu Gefallen mit der Geſellſchaft von Schauſpielerinnen nicht allzu ängſtlich nahmen, hatten zugeſagt, an dem Balle Theil zu nehmen, und die Gegenwart einiger Pro⸗ feſſoren bewog auch viele von den Bedenklicheren zu bleiben. Bald war der Garten laut und regſam von luſtwandelnden Paaren; Gelächter und Geflüſter wehte an dem Baum vorüber, auf dem ich ſaß, und erſt als aus dem Saal die Geigenſtriche lockten, blieb ich wieder in meiner verborgenen Finſterniß allein. Umſonſt ſtrengte ich mich an, unter den wir⸗ belnden Schatten, die jetzt an den hellen Fenſtern vorüberflogen, die Eine, die ich meinte, herauszu⸗ finden. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, 9 137 hinab zu ſteigen und ſie im Saale aufzuſuchen. Daß ich ſehen ſollte, wie ſie von Hand zu Hand, von Arm zu Arm ging, und mehr als Einer ihre Schulter an ſeiner Bruſt fühlen durfte,— das konnte ich von meiner noch nicht ſehr reifen Reſignation nicht verlangen. Ich war heimlich damit zufrieden, daß ich ſie aus der Ferne nicht ausfindig machte. Ich ging ſogar mit mir zu Rath, ob ich es möglich machen könnte, ſie überhaupt nicht mehr zu ſehen. Die Be— ſchämuug, dieſen Entſchluß zu faſſen und ſelbſt wieder umzuſtoßen, ſollte mir erſpart werden. Denn plötz⸗ lich kam ſie am Arm jenes ſchönen Studenten, der ſchon bei der Gondelfahrt ihren Ritter gemacht hatte, über den Hof daher; hinter ihnen die zweite Lieb— haberin mit ihrem Galan und ein Kellner, der ein Tiſchchen und einige Gläſer und Flaſchen trug. Sie betraten den Garten und zu meinem Schrecken gingen ſie gerade auf meinen Baum los. Es war zu ſpät, um unbemerkt hinab zu klettern, und ſo ergab ich mich in mein Schickſal, da ſie kein Licht hatten und mein Verſteck ſicher genug ſchien. Sie ließen ſich wirklich unter mir nieder, das Tiſchchen wurde aufgeſtellt und der Kellner empfahl ſich. 138 Meine Schöne trug einen vollen Roſenkranz im Haar und ſchien ſehr blaß und gedankenvoll. Sie hörte ihren Begleiter geduldig ein langes Geſchwätz über das Stück und die Vortrefflichkeit ihres Spiels auskramen und ſagte dann ruhig:„Sie irren ſich oder reden gegen Ihre Meinung. Ich fühle es am beſten, daß ich für die Rolle nicht paſſe. Andere, zu denen ich vielleicht mehr Geſchick hätte, ſtehen leider nicht auf unſerm Repertoir.“— Worauf ihr Ritter nicht unterließ, eine Lanze gegen Jeden ein⸗ zulegen, der an der Vollkommenheit ihrer heutigen Darſtellung zu zweifeln wage, ſollte es auch die Dame ſelber ſein. Das andere Paar war in ſeine eigenen Angelegenheiten zu ſehr vertieft, um hierüber eine Meinung zu haben. Die Gläſer wurden vollgeſchenkt und der Burſchen⸗ ſenior erhob das ſeine und brachte einen Trinkſpruch auf die Schönheit aus. Man ſtieß an, und Willy nippte aus ihrem Glaſe, während die Andere ihrem Erkorenen tapfer zutrank. Da, als eben der Sprecher ſich wieder ſetzte und ſich anſchickte, ſeinen Toaſt zu gloſſiren, krachte der Aſt, auf dem ich ſaß, ſo ver⸗ nehmlich, daß alle Vier in die Höhe ſprangen. 139 Ich hätte nichts ſehnlicher gewünſcht, als daß mir in dieſem Augenblick Eulen⸗ oder Nabenflügel gewachſen wären und mich unverzüglich aus dem Gar— ten über den Rhein in die weite Welt getragen hätten. Dergleichen ereignete ſich freilich nicht. Aber wie ein armes in die Enge getriebenes Jagdthier in der Verzweiflung zuweilen einen Muth faßt, der ſonſt ſeine Sache nicht iſt, ſo gab mir meine böſe Lage allen Humor und alle Faſſung, die mir ſonſt der ſchönen Frau gegenüber gefehlt hatten. Ich ließ meine Kameraden lachen, die beiden Schauſpielerinnen ſtaunen, und ſtieg ſehr gelaſſen von meinem Baum herab. Erſt als ich feſten Boden unter mir hatte, ließ ich mich zu Erklärungen herbei. Ich hätte be⸗ kanntlich Anfälle von Schlafſucht, ſagte ich. That⸗ ſache ſei, daß man mich vor Beginn des Schauſpiels im Theater ſchlafend gefunden habe. Auch ſei ich nach dem zweiten Act hinausgegangen, um mir draußen ein Plätzchen zu ſuchen, meiner müden Natur ihren Willen zu laſſen. Da die Bänke im Garten nicht: ſicher genug vor Störung geſchienen hätten, wo hätte ich mich beſſer betten können, als in die ſicheren Aeſte dieſes dunkeln Baumes? 140 „Sie hätten herabſtürzen können,“ ſagte Willy mit all jener Herzlichkeit, die mich ſonſt ſchon er⸗ quickt hatte. Ich war gottlos genug zu erwiedern, daß, wer auf Einem Beine lahm iſt, nicht ſehr fürchtet, es auf beiden zu werden. „Aber Sie haben vorhin nicht eben ſchläfrig ge⸗ ſpielt,“ ſagte die zweite Liebhaberin. „Es kam Ihnen nur ſo vor, Fräulein,“ verſetzte ich.„In Wahrheit ſchlief ich auch damals, und Sie hörten nichts als meine Träume, die allerdings leb⸗ haft und ängſtlich waren. Ich bitte nochmals um Entſchuldigung, daß ich dies trauliche Beiſammenſein geſtört habe. Leben Sie wohl!“ So wollte ich von ihnen gehen. Willy ſchwieg und ſah mich ohne ein Zeichen des Gefallens oder Mißfallens an. Aber die Andern hielten mich mit freundſchaftlicher Gewalt, und wollten mich nicht eher los laſſen, als bis ich für meine unhöfliche Schlaf⸗ ſucht Buße gethan und mich mit einem Trinkſpruch wieder zu Ehren gebracht hätte. Ich ergriff ein Glas und brachte ein Hoch aus auf die Nacht, die eine Mutter der Glücklichen und Traurigen, der 141 Liebenden und Einſamen ſei, die Blumen duften und den Johanniswurm leuchten laſſe, und inſonderheit immer die Gönnerin eines armen Schlafſüchtigen geweſen ſei. Es war in meinem Spruch für Jeden etwas; die beiden Studioſen deuteten ſich ihn als einen Glückwunſch zu ihren Rechten auf die Geſell— ſchaft der Schönen, und ſtimmten laut in das Vivat mit ein. Während ich ſo noch bei ihnen ſtand und die kleine Soubrette mich mit allerhand Fragen und Neckereien aufhielt, kam eine Schaar von Tänzern mit ihren Mädchen in den Garten, und unſere Zu⸗ rückgezogenheit hatte ein Ende. Man habe die Damen im Saale vermißt, hieß es, und das Feſt drohe um ſeinen vollen Glanz zu kommen. Als ein neuer Tanz Alle wieder ins Haus rief, wurde auch die Bank um den Baum leer. Nur ich ſtand vor dem verwaiſ'ten Tiſchchen. „Sei's denn!“ ſagte ich.„So ſoll die Thorheit ihr Ende finden.“ Ich nahm das Glas, aus dem ſie getrunken hatte. Es war noch halb voll.„Der Schönheit,“ ſagte ich laut,„und der Nacht!“ und trank es aus. Dann wandte ich mich und ging — 142 ſtandhaft dem Ende des Gartens zu, meinen Heim⸗ weg anzutreten. Da plötzlich, wie ich gleichgültig den Blick über den Hof voranſchicke, ſeh' ich was, das mir den Fuß an den Boden heftet. Sie ſelber kam mit raſchen Schritten auf den Garten zu, über das helle Kleid ein dunkles Mäntelchen geworfen, ganz allein. Vor überlautem Herzklopfen drohte mir die Bruſt zu ſpringen, und es umfing mich wie Schwindel. Sie wird etwas verloren haben, ſagte ich vor mich hin. Der Schmerz will noch ein Nachſpiel mit mir halten.— Ich ſtand an einem Monatsroſenbuſch mitten im Weg. So gern ich wahrhaftig wollte, ich konnte mich nicht regen, um ihr auszuweichen. So kam ſie nahe zu mir heran und ſchien un— verlegen, mir hier allein zu begegnen. Ich war das freilich gewohnt, daß man mich im Geringſten nicht fürchtete. Hier aber that es mir dennoch weh und gab mir im Augenblick meine Haltung wieder. Sie hatte es ſonſt beharrlich vermieden, mit Einem von uns irgendwo ohne andere Geſellſchaft zu ſein. Jetzt ging ſie mit gleichmüthigen Schritten auf mich zu. „Es iſt heiß drinnen!“ ſagte ſie.„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich auf einem Gang durch den Garten begleiteten. Wenn ich geſpielt habe, mag ich nicht tanzen. Es bringt mich um die ganze Nachtruhe.“ Ich ſtellte mich ihr zur Verfügung und wir gin⸗ gen tiefer in den Garten hinein. Meinen Arm bot ich ihr nicht. Eine Weile ſchritten wir ſchweigend nebeneinander durch die dämmrigen Gänge. „Sie haben nicht in dem heutigen Stück ausge⸗ dauert,“ fing ſie plötzlich an.„Seien Sie offen, es hat Ihnen nicht genügt, ich habe Ihnen nicht ge⸗ nügt. Sie ſollen mir nichts einwenden, ich weiß es, ich weiß es nicht erſt ſeit heute, daß meine Kunſt mir noch eine fremde iſt. Es iſt zum Theil meine Schuld, ich ſpiele ſelten mit ganzem Herzen, nur weil ich zufällig auf dem Theater ſtehe und die Leute erwarten, ich werde nun den Mund öffnen und ſprechen, was mir der Souffleur vorſagt. Die Anderen bei der Truppe, obwohl ſie weniger Mittel haben, bringen es doch weiter, weil ſie ſich's ange⸗ legen ſein laſſen, wär' es auch nur aus Eitelkeit. Ich bin nicht einmal eitel.“ Ich hörte dieſe rührend offenen Bekenntniſſe, die ſie mit ungewöhnlicher Wärme ausſprach, nicht ganz ſo dankbar an, wie ich geſollt hätte. Du machſt wieder einmal den Vertrauten, ſagte ich zu mir ſelbſt. Faſt um weiteres Vertrauen abzuſchneiden, erwiederte ich:„Sie haben keine Veranlaſſung, eitel zu ſein. Sie ſind Ihrer Wirkung ſicher, wenn Sie ſich nur zeigen.“ Sie blieb ſtehen und ſah mich in dem Stern— zwielicht ſo ernſthaft und traurig an, daß ich mich meiner Worte ſchämte.„Von Ihnen will ich dieſe Sprache nicht hören,“ ſagte ſie;„denn ſie klingt ungütig in Ihrem Munde, wenn ſie in anderen nur fade klingt. Wer ſo viel Muſik hat wie Sie, ver⸗ ſteht, daß mich dieſe Worte kränken müſſen. Sie wiſſen es beſſer, ich bin nur darum nicht eitel, weil ich unglücklich bin. Wenn mir die Menſchen und die Welt gefielen, es würde mir wohl daran gelegen ſein, auch ihnen zu gefallen. „Ein Unglücklicher, und wäre es das größte Talent, wird es in unſerer Kunſt nicht weit bringen⸗ Mich wenigſtens haben meine Schickſale wie zuge⸗ ſchloſſen, wie mit hundert Schleiern verhängt. Ich bin ſtumpf an allen Organen und habe keine ) 145 Intereſſen. Wer nicht froh ſein kann, dem iſt nichts wichtig als ſein Inneres, und das Leben liegt ihm weit ab. „Wie ſoll ich aber froh ſein? Ich bin freilich mitten unter dem Leichtſinn aufgewachſen, aber oft genug ſchauderte mir um ſo mehr vor ihm, weil er neben dem Elend in den Tag hinein lachte. Ich bin ein Schauſpielerkind. Als ich ſiebzehn Jahre alt war, wurde ich von der Mutter an einen reichen Polen verkauft. Drei Jahre lang zog ich mit ihm herum; er hatte mich zwar in aller Form geheirathet, aber er hielt mich wie eine leibeigene Magd, deren Schönheit ihm gefiel. Wir beſuchten Sommers die Bäder, wo geſpielt wurde. Dann verſchloß er mich in ſeiner Wohnung und ließ mich oft viele Tage und Nächte nicht an die Luft. In einer Nacht kam er nach Hauſe um die gewöhnliche Zeit, nach dem Schluſſe der Bank. Ich hatte im Nebenzimmer ge⸗ ſchlafen, als ich plötzlich durch einen Schuß aufgeweckt wurde. Er hatte den Reſt ſeines Vermögens verſpielt. „Ich mußte Schmuck und Kleider verkaufen, um ihn begraben zu laſſen. Kaum blieb ſo viel, daß ich zu der nächſten Stadt reiſen konnte, wo ein Heyſe, Neue Novellen 10 146 Schauſpiel war. Ich konnte mir die Geſellſchaft nicht ausſuchen, ich mußte froh ſein, daß ich auf⸗ genommen wurde, denn ich hatte nie geſpielt, außer in Kinderrollen, und es war Niemand, der mich in die Schule nehmen konnte. Der Director erbot ſich wohl dazu, aber ich ſah, daß ich ihm nicht im Ge— ringſten entgegenkommen durfte. „So iſt denn nichts aus mir geworden. Und doch verleugnet ſich mein Blut nicht ganz. Mir iſt immer, als müſſe noch eine Zeit kommen, wenn die Erinnerung an die erlittene Sclaverei mehr verwiſcht iſt, wo ich fühlen werde, wie der Stein von meinem Herzen fällt und es ſich wieder frei und freudig aus⸗ dehnt. Ich will dann größere Aufgaben ſuchen und eine Umgebung, die mich hebt. Jetzt, wenn ich auch könnte, und nicht, um zu leben, hier aushalten müßte, es hülfe noch nichts. „Und doch,“ ſagte ſie mit einem plötzlich ver⸗ wandelten helleren Tone,„und doch iſt es Schade, daß Sie gerade heute nicht im Schauſpiel ausge— halten haben. Ihr Spiel hat mich ganz eigen be⸗ lebt. Ich weiß es, daß ich meine Sache hernach beſſer gemacht habe, obwohl ich immerhin im Luſt⸗ 147 ſpiel nicht an meinem Platze ſein werde. Es war in den Tönen ſo viel wahre Leidenſchaft, und die iſt es gerade, der ich bisher nirgend begegnet bin, ſo viel Hitze, Wildheit und Zügelloſigkeit mir auch das Leben umlagert haben.“ Sie ſprach noch viel über die Art, wie meine Muſik ſie ergriffen habe, und ich ging wie im Traume neben ihr.„Es iſt mir leid, daß wir morgen fort⸗ gehen,“ ſagte ſie endlich.„Ich hätte viel von Ihnen gelernt. Denken Sie zuweilen an mich, wenn Sie muſiciren. Vielleicht wirkt es in die Ferne. Wollen Sie mir das verſprechen?“ Ich wußte nichts zu antworten. Wir waren wieder am Ausgang des Gartens angelangt und ſtanden vor dem Hof. Die hellen Fenſter erleuch— teten ihr Geſicht, das himmliſch blühte und glühte. Ich ergriff ihre Hand und küßte ſie ohne ein Wort. Als ich wieder aufſah, begegnete ich ihren Augen. „Ich habe Ihnen vertraut,“ ſagte ſie ſanft.„Sie ſollten ſich auch vertrauen, mehr als Sie thun. Sie ſind kein Sohn der Nacht, ſondern dennoch ein Sonnenkind, was Sie ſich auch einreden mögen. Leben Sie wohl!“ —— 148 Sie faßte meine beiden Hände, dann küßte ſie mich auf den Mund, und ging ins Haus zurück.— In welcher Verfaſſung ich zurückblieb, will ich nicht zu ſchildern verſuchen. Auch iſt ein ſolcher Sturm- und Wirbelwind, Jauchzen und Stöhnen der Leidenſchaft, wie es nach jenem Kuß in mir hauſ'te, von Niemand nachzuempfinden, der nicht die vielen Jahre ſchon in meiner Haut geſteckt und ſich am Ende ſchier an ſich ſelbſt gewöhnt hat. Ich weiß nur, daß ich lange, lange auf einem Grasplatz lag, das Geſicht in den Thau gedrückt, ohne eine klare Empfindung von mir ſelbſt. Nur dunkel drang in mein Bewußtſein die Nähe der Menſchen, ver⸗ lorne Töne der Muſik, Blumenduft und Kühle der Nacht. Ich wußte nur Eines mit voller Empfindung: ich war dennoch ein Sonnenkind. Als ich mich endlich erhob, mußte Mitternacht vorüber ſein. Ich wankte durch den Garten und trat in den Hof. Durch die Fenſter konnt' ich ſehen, daß das Feſt längſt zu Ende war. An einem Tiſch in der Mitte des Saals ſaßen noch Einige trinkend beiſammen, während die Meiſten auf einer Streu längs den Wänden ſchon im tiefen Schlafe lagen. 149 Es war ein ziemlich wüſter Anblick. Oben in den Zimmern, die die Schauſpieler in Beſchlag hatten, brannte kaum noch hier und da ein Licht. Indem ich noch überlege, ob es nicht am ge— rathenſten ſei, hier zu übernachten, da ich mir auf meinem kühlen Lager ein Unbehagen in den Glie⸗ dern zugezogen hatte, ſehe ich den Kellner beſchäftigt, das Hofthor zu ſchließen. Ich mache mich an ihn heran und bitte ihn, mir irgend eine Kammer an⸗ zuweiſen, wo ich ſchlafen könne. Der Saal ſei über⸗ füllt. Er muſtert mich mit ſchlaftrunkenen Augen und ſagt auf einmal:„Da ſind Sie ja doch noch. Ich habe zwar auf die Hausthüre Acht gegeben und der Haus⸗ knecht auf das Hofthor, aber in dem Leben und Trei⸗ ben, dacht' ich, wären Sie uns doch entgangen. Ich habe was für Sie von dem ſchönen Frauenzimmer, der Schauſpielerin oben in Nummer Zehn; ich habe den ganzen Garten nach Ihnen durchſucht; ſie wollte nicht glauben, daß Sie ſchon fort wären.“— Mit dieſen Worten händigte er mir einen ver⸗ ſiegelten Brief ein und blieb ſtehen, meine weiteren Wünſche in Empfang zu nehmen.„Es iſt gut!“ ſagte ich und ſchickte ihn fort. 150 Ich lehnte mich an die Mauer des Hauſes, meine Füße wollten mich nach ſo viel Schrecken und Stür⸗ men nicht mehr tragen. Das Fenſter neben mir gab Licht genug, daß ich leſen konnte. Sie ſchrieb: „Ich habe mit dem Director geſprochen; da er längſt mit unſerm Capellmeiſter brechen wollte, ging er gern darauf ein, Sie an deſſen Stelle zu engagiren. Er will in Cöln einige Sänger und Sängerinnen für die Truppe gewinnen und öfter kleinere Opern geben. Wenn Sie ſich losmachen können, wäre es auch nur auf ein Jahr, ſo reiſen Sie morgen mit uns, oder folgen uns in einigen Tagen. Will ly.“——— Eine halbe Stunde, nachdem ich den Brief geleſen, ſtieg ich die Treppe des Wirthshauſes hinauf. Eine ſchwache Lampe dämmerte auf dem Corridor zwiſchen den Zimmern. Ich las die Nummern über den Thüren, acht— ne zehn—; da kämpfte ich den letzten Kampf. Ein Lichtſtrahl fiel durch das Schlüſſelloch, ich hörte Schritte drinnen auf- und abgehen, endlich klopfte ich an. Der Riegel wurde zurückgeſchoben und eine haſtige Hand öffnete.„Ich habe Sie erwartet,“ ſagte ſie; ihre Stimme klang unſicher, ihre Augen hingen 151 forſchend an meinem Geſicht. Sie war noch völlig angekleidet, ſogar der Kranz von Roſen ſaß noch in dem dunkeln Haar. Auf dem Tiſche ſtand ein Licht; wir ſetzten uns ihm gegenüber, die Flamme wankte vor ihrem Athem. „Sie haben mir wohlthun wollen,“ fing ich an. „Ich komme, Ihnen zu danken. Der flüchtige An⸗ theil, den Sie mir Fremden geſchenkt haben, wird mich mein Lebenlang begleiten, und auch Sie ſollen ihn nicht vergeſſen. Aber was jetzt ſo ſchön iſt, daß es einen armen Verſtand faſt aus den Fugen brin⸗ gen könnte, kann ſo verderblich werden, daß es uns Beide unglücklich macht, mich, indem es mich ver⸗ nichtet, Sie, indem Sie ſich Vorwürfe machen wür⸗ den, mich mit dem beſten Herzen ſo weit gebracht zu haben.“ Ich ſah, daß ſie etwas erwiedern wollte und kam ihr zuvor. Ihre Stimme hätte meine Beſon⸗ nenheit zu Schanden gemacht. „Daß Sie mir theuer ſind,“ ſagte ich,„wiſſen Sie; denn Sie wollten ſich mir freundlich erzeigen, indem Sie mir einen Platz in Ihrer Nähe frei machten. Daß ich Sie aber bis zur Verzweiflung liebe, können Sie nicht wiſſen. Denn Sie ſtehen über dem unbarmherzigen Wunſch, ein Opfer täglich vor Augen zu haben. Nachdem ich Ihnen dies ge⸗ ſagt habe, werden Sie fühlen, daß ich es mir ſelber ſchuldig bin, Sie nach dieſer Nacht nicht wie— der zu ſehen.“ Ich war im Begriff aufzuſtehen, als mich ihre Augen trafen, groß und glänzend.„Und wenn Sie mir dennoch nichts Neues geſagt hätten?“ ſprach ſie mit ihren innigſten Lauten,„wenn es mir ſeit dieſem Abend klar wäre, daß auch ich Sie nicht mehr ent— behren kann? Wollen Sie mich Ihrem Stolz opfern? Können Sie es?“ „Sie täuſchen ſich,“ ſagte ich;„Ihr menſchliches Herz täuſcht Sie. Ich muß freilich nach allen Zeichen Ihrer Freundſchaft glauben, daß etwas in mir ſei, was mich Ihnen werth macht, was Sie Vieles ver⸗ geſſen läßt, woran die meiſten Ihrer Schweſtern Anſtoß nehmen würden. Aber wie es auch ſei, unſere Gefühle für einander ſind nicht gleich. Ich bin Ihnen vielleicht Viel, Sie mir Alles. Sie wür⸗ den unrecht thun, Alles für Viel hinzugeben. „Ich bin ein herzlich unvollkommenes Geſchöpf, 153 Sie das vollkommenſte, das meine Augen je geſehen haben. Nur ein Rauſch der Güte kann Sie dar⸗ über verblenden, daß wir nicht dazu angethan ſind, nebeneinander herzugehen. Auch wenn ich nicht das Unglück hätte, mit dieſen hoffnungsloſen Schmerzen Sie anzuſehen,— ſelbſt ein Verkehr der Freund— ſchaft würde uns nicht auf die Länge glücklich machen. Einzeln, wie ich in der Welt ſtehe, kann mich das Bedauern der Menſchen oder ihr verletzender Blick wenig anfechten. Neben Ihnen erſchiene ich mir ſelber als ein Zerrbild, und würde mir ſagen, daß ein Schein des Lächerlichen auch auf Sie fallen müßte, während Sie jetzt, wohin Sie treten, die Freude und das Entzücken bringen.“ Während ich ſprach, ſtarrte ſie unverwandt in das Licht und ſchüttelte nur dann und wann lang⸗ ſam das Haupt. Ihre Augen wurden feucht. „Sorgen Sie nicht um mich,“ fuhr ich fort und ſtand auf.„Ich werde weiter leben und hoffentlich noch ein nützlicher und auch wohl zufriedener Menſch werden. Es gibt alte Krieger, denen man die Kugel aus der Wunde nicht hat herausziehen können. Sie leben doch, und nur in ſtürmiſcher Witterung oder im Frühling rührt ſich das Blei in dem geheilten Gliede. Machen Sie davon die Nutzanwendung auf mich. Behüte Sie Gott! Denken Sie freundlich an mich.“ Sie ſaß unbeweglich, ich fühlte, daß ich gehen mußte, wenn ich nicht vor ihre Füße ſtürzen und meine armſeligen Worte alle widerrufen ſollte. So ging ich, und ſie ließ mich gehen. Auf der Treppe, die ich raſch hinabſtieg, war mir, als hörte ich ſie rufen. Blind rannte ich weiter, durchs Haus, durch die Thür und die Gaſſe hinab, die zum Rhein führte. Ich ſah nicht mehr zurück. Wenn ſie am Fenſter geſtanden und gewinkt hätte, ich wäre umgekehrt, und hätte es mein Leben gekoſtet. Am Ufer ſtand eine Schifferhüute, ich pochte den Mann heraus und bewog ihn, mich zur Stunde nach Bonn zurückzufahren. Wie die Wellen ſich ſchluchzend am Kahne brachen, rings um uns her die letzte tiefe Finſterniß der nun bald ſchwindenden Nacht, ſchüttelten mich meine Schmerzen gewaltſam. Ich lag vorn im Nachen und horchte auf die Fluth. Das dünne Brett zwiſchen mir und der Tiefe, wenn das plötzlich wiche, ſo wäre mir ſehr wohl, dachte 15 5 n ich. Ich glaubte glücklicher und unglücklicher im f Leben nicht mehr werden zu können. 1 Aber je weiter ich mich von ihr entfernte, deſto klarer wurde ich darüber, daß ich gethan, wie ich mußte. Es iſt eine großherzige Laune von ihr ge d weſen, ſagte ich mir, oder wenn es mehr war, — hätte es den Launen des Lebens doch nicht Stand gehalten. — Als ich nach Hauſe kam, war ich ſo weit mit — meinem Innern gediehen, daß ich mich niederlegen und an Schlaf denken konnte. Ich ſchlief auch wirklich einige Stunden, und wachte erſt am ſpäten Morgen auf.—— Meine Freunde kamen über Tag und erzählten, daß ſie die Schauſpieler noch eine große Strecke weit in Kähnen begleitet hätten. Die ſchöne Willy ſei ſehr blaß geweſen, aber freundlicher als gewöhnlich, 7 wenn ſie auch wenig geſprochen habe. Einer hatte einen Handſchuh aufzuweiſen, den ſie auf ihrem Zimmer vergeſſen, und wußte ſich nicht wenig da⸗ mit. Ich hörte das Alles mit an, als ſpräche man 156 von einer Fremden. Die Nacht lag ſo weit hinter mir, wie wenn Jahre dazwiſchen verfloſſen wären. Am Nachmittag, ſchon gegen die Dämmerung, ſitze ich über den Büchern allein, freilich ohne zu wiſſen, was ich las. Da kommt meine alte Wirthin herein und ſagt, eine Dame ſei unten, eine Ver⸗ wandte von mir, die mich zu ſprechen wünſche. Sie müſſe von der Reiſe kommen, denn ein Koffer ſei ihr nachgetragen worden. Sie ſcheine jung zu ſein, mehr könne ſie nicht ſagen, denn das Geſicht trage ſie dicht verſchleiert. Die gute Frau hatte noch nicht ausgeredet, ſo war ich vom Sitz auf und in großen Sätzen die Treppe hinunter. Durch die Glasthüre ſah ich in das Hinterſtübchen meiner Wirthin. Eine Geſtalt ſtand am Fenſter und ſah in den Blumengarten hinaus. Einen Augenblick ſpäter— und ich lag keines Worts, keiner Beſinnung mächtig in ihren Armen. Ich ermannte mich zuerſt, als ich im Hauſe nach mir rufen hörte. Es war ein Bekannter, der mich abholen wollte.„Der Herr iſt ausgegangen,“ be⸗ ſchied ihn die vorſichtige Alte. worden. Wie wollen die Menſchen mich nun ſchelten, „Wir müſſen fort von hier,“ ſagte ſie.„Ich will dich haben, ehe ich wieder wie verloren in der Welt herumgehe. Geſtern Abend, als du mir das Alles ſagteſt, hatteſt du mich faſt überredet, daß es ſo beſſer und nothwendig ſei; du kannſt mich über⸗ reden, wozu du willſt. Ich habe es eine Nacht und einen Tag bedacht und nicht die Kraft gefunden, ſo vernünftig zu ſein. Die Vernunft iſt auch eure Sache. Wir haben nur ein Herz, und meins will Alles für Alles geben. Wenn deine Vernunft dann meint, daß wir uns doch wieder trennen müſſen, ſo bin ich dann doch einmal glücklich geweſen. Ich bin unſerer Truppe entflohen, Niemand weiß nach welcher Gegend hin, und hier am Orte hat mich Keiner er— kannt. Ich hörte auf der Straße, daß ſie von mir ſprachen, als ich vorüberging. Ich lachte unter meinen Schleiern, ich wußte, du könnteſt mich heute nicht verſtoßen. Denke nun von mir, was du willſt, daß ich leichtſinnig ſei, ein thörichtes, zudringliches, verliebtes Weſen, es iſt Alles wahr, aber du wirſt es nicht ändern, mit all deiner ſtolzen Vernunft nicht. Ich bin einmal in meinem Leben verkauft 158 wenn ich mich verſchenke, um jene Schmach zu ver⸗ ſchmerzen.“ So ſprach ſie, und mehr, und ihr ganzes Weſen ſchien mir vertauſcht. Uebermüthig, neckiſch, trotzig, da⸗ bei ein Lachen in den Augen, das den letzten Reſt mei⸗ ner vielgeſcholtenen Vernunft über den Haufen warf. Ich ſchickte die Wirthin nach einem Wagen. Indeſſen gingen wir in mein Zimmer hinauf, und ſie half mir einpacken in ſtürmiſcher Freude, daß ſie meine kleine Häuslichkeit durchmuſtern durfte. Ein paar Bände Dramen, die gerade auf dem Tiſche lagen, warf ſie mit in den Koffer.„Für die Re⸗ gentage,“ ſagte ſie.„Und vor Allem die Geige nicht vergeſſen!“— So waren wir reiſefertig, als der Wagen eben vor die Hausthüre rollte. Ich trug der Wirthin auf, meinen Freunden zu beſtellen, daß ich auf unbeſtimmte Zeit hätte ver⸗ reiſen müſſen. Dann fuhren wir fort, im ver⸗ ſchloſſenen Wagen, in der Dämmerung von Keinem der Vorübergehenden erkannt. In einem abgelegenen Winkel des Siebengebirges, wohin ſich ſelten ein Student verſtieg, hatte ich eine Bekanntſchaft. Ein Bergwanderer bin ich freilich 159 nie geweſen. Meine Bekanntſchaft ſchrieb ſich aus einem der vielen Dörfer längs dem Rhein, wo ich im letzten Frühjahr einmal in der Schenke einen ſeltſamen Kauz getroffen hatte, der mich durch einen melancholiſchen Zug in dem verbrannten Soldaten geſicht anzog. Ich gewann ihm durch eine gute Flaſche und meine oft bewährte Qualification zum Vertrauten das Herz ab. Er erzählte mir eine un glückliche Liebesgeſchichte, die ihn dazu gebracht, in einer verſteckten Wildniß des Gebirgs, das vor zwanzig Jahren noch nicht ſo wegſam war wie heute,“ eine Förſterſtelle anzunehmen. Kein Anderer wolle hin, weil man dort ſterben und verderben könne, ohne daß eine Chriſtenſeele davon erführe. Ihm ſei es ſchon recht ſo. Alle Monate mache er einen Gang an den Rhein hinunter in ſein Heimathdorf und verſorge ſich mit Wein. Wildpret habe er mehr, als er bezwingen könne, und ein alter Soldat, wie er, verſtehe ſich auf die Küche. Er lud mich ein, ihn ein mal zu beſuchen. Es ſei ohnehin eine Verwöhnung, daß er in dem Bett ſeines Vorgängers ſchlafe. Anno 13 und 14 ſei es oft den Generalen nicht ſo gut geworden. Unter dem Dach dieſer ehrlichen Seele barg ich 160 meinen Schatz. Mein guter Lerche machte große Augen, als ich ihm ſagte, wir würden ſeine Gaſt⸗ freundſchaft auf einige Zeit in Anſpruch nehmen. Dann nickte er verſtehend mit dem Kopf und ſeußzte. Es dauerte keine Stunde, ſo wäre er ſchon für ſei nen ſchönen Gaſt durchs Feuer gegangen. Es hätte freilich dazu nicht einmal ein ſo weiches Herz bedurft, wie das ſeine; denn war ſie jemals liebenswürdig geweſen, ſo war ſie es in dieſer grünen Einöde hun dertſach. Ich weiß nicht, wie uns die Tage hingegangen ſind. Die Sonne ſchien ſo golden ſie nur konnte, der Wald umſtand unſer Haus, die beiden Hunde unſeres Wirths ſpielten um uns herum, nicht weit von uns ſchwatzte der Bach ins Gelag hinein— wir ſaßen, wandelten, ſprachen und ſchwiegen, wie es uns ums Herz war, und die Nacht war uner⸗ wartet da. Einmal erſtiegen wir auch eine Höhe, ruhten auf den Klippen und ſahen in die tiefe Welt hinunter und über den Rhein, der von Leben wim⸗ melte. Ich ſah meine Geliebte an; kein Zug ihres Geſichts ſprach von einem Verlangen, an dieſem ferngerückten Leben wieder Theil zu haben. 161 Zuweilen las ſie in den Büchern, die wir mit⸗ genommen hatten. Sie bat mich dann, meine Geige zur Hand zu nehmen und nach meiner Art zu phantaſiren. So ſtand ich denn draußen an einen Stamm gelehnt und ſah durchs Fenſter, wie ſie drinnen auf⸗ und abging, das Buch in der Linken, mit dem rechten Arm lebhaft geſtikulirend. Hört' ich dann auf, ſo brannten ihr die Wangen bis an die Augen hinauf. „Ich mache Fortſchritte,“ ſagte ſie.„Du biſt ein guter Meiſter, und ich lerne leicht.“ So kam es eines Abends, daß ich ihr vorſchlug, ein Stück zuſammen zu leſen. Ich nahm einen Band aufs Gerathewohl und ſchlug den Othello auf.„Ich habe früher wohl die Desdemona geſpielt,“ ſagte ſie. „Aber mein Othello verſtand es nicht, mich in die Illuſion zu bringen. Ich fürchte, ich habe von der Rolle noch nichts verſtanden.“ Wir laſen, oder vielmehr, ich las das Ganze und überließ ihr nur die eine Rolle. Sie war Anfangs unſicher im Ton, aber bald fand ſie ſich in das innerſte Weſen dieſes ſo aus der Fülle des Gemüths geſchaffenen Charakters. Sie blieb nicht Heyſe, Neue Novellen. 11 162 lang auf ihrem Sitz. Sie ſtand auf und ſtellte dar, was ſie ſprach. Wenn ſie nichts zu thun hatte, ſtand ſie am Fenſter, die Arme gekreuzt, den Blick zu Boden geſenkt. Dann belebte ſie ihr Stichwort von Neuem. Die Scene, wo Desdemona ſich beim Auskleiden von Emilia helfen läßt, ſpielte ſie ſitzend und ſprach beide Rollen. Die ahnungsvolle Schwüle, aus der das Lied von der Weide vorbricht, wie ängſtlicher Vogelſang aus Gewitterlüften, erſchütterte mich in allen Tiefen. Sie ſang die klagenden Strophen nach einer Melodie, die mir neulich auf der Geige gekommen war, und die ich ihr noch einmal hatte ſpielen müſſen. Wie ſie dann zum zweitenmal fragte: „Thätſt du dergleichen um die ganze Welt?“ und dann: „Ich will des Todes ſein, thät' ich ſolch Unrecht „„Auch um die ganze Welt—“ fiel mir das Buch aus den Händen, die Thränen bezwang ich nicht mehr, und jauchzend und weinend hielten wir uns in den Armen. Den Reſt des Abends war ich zerſtreut und ſchweigſam. Sie hatte kein Arg dabei und hielt es allein für Nachſertung unſeres Leſens. Auch ſie 163 war ſtill, aber mehr als einmal ſprach ſie:„Ich war nie glücklicher. Man kann gar nie glücklicher werden, als ich bin.“— Dieſe Worte reiften meinen Entſchluß. Um Mitternacht, als ſie ſchlief, ſtand ich auf. Die helle Nacht fiel auf herrliche Geſicht, die Lippen ſchlummerten roth und ſie athmet ruhig wie ein Kind. Ich drückte einen Kuß auf ihr weiches Haar und ging ſacht aus dem Zimmer. Unſer Hausherr lag auf ſeinem harten Lager, das er nun ſchon vierzehn Tage neben dem Herd der kleinen Küche eingenommen.„Steh' auf, alter Freund!“ ſagte ich, als er verwundert aus ſeinem leiſen Schlaf emporſah.— Wir gingen in den Wald binaus, die Hunde gaben keinen Laut. Ich ſagte ihm, daß ich fort müſſe, und gab ihm einen Brief an meine Geliebte, den ich ſchon vor dem Schlafen⸗ gehen verſtohlen geſchrieben hatte. Ich nahm darin Abſchied von ihr für immer. Daß ſie an meinem Herzen nicht zweifeln ſolle, weil ich es vermochte, jetzt ſchon von ihr zu gehen, brauchte ich ſie nicht zu bitten. Wir kannten uns, ſie kannte den uner⸗ ſchütterlichen Entſchluß in mir, in der Welt nicht 164 neben ihr zu ſtehen. Sie wußte auch, daß mich keine armſelige Beſorgniß von ihr trieb, ein Glück, wie wir es hatten, könne verblaſſen, wenn der Herbſt uns noch im Walde fände. Aber wenn man das Nothwendige thun muß, ſoll man ſich doch nicht erſt nöthigen laſſen. Und das ſagt' ich ihr noch, daß ich jetzt erſt gehen dürfe, da ich ſie nicht mehr allein ließe, daß ihr der Genius zum Gefährten bleibe, und eine Aufgabe, und eine Zukunft. Ich bat ſie, mir zu ſchreihen, mich nicht zu vergeſſen; doch wenn ſie in der Welt noch ein anderes Glück fände, es nicht um meinetwillen von ſich zu ſtoßen.— Ich frug Lerche, ob er ſich entſchließen könne, ſeine Wildniß zu verlaſſen und bei ihr zu bleiben, ſo lange ſie ihn nicht fortſchickte. In die Hölle würde er ihr nachgehen, verſchwor er ſich; ich Patte es wohl gewußt. So gab ich ihm alles Geld, was ich bei mir hatte, eine Summe, die für die erſte Zelr. ausreichte, und ließ mir von ihm verſprechen, mir zu ſchreiben, ſobald ſeine Herrin in Verlegenheit ſei. Dann nahmen wir Abſchied.„Ich möchte Ihnen einen von den Hunden mitgeben,“ ſagte er noch zuletzt;„aber das Thier würde wieder zurücklaufen, 165 ſie ſind ganz an dieſen Engel gewöhnt. Der Him⸗ mel weiß, wie Sie's fertig bringen, davon zu gehen.“ Alſo verließ ich ſie, wiederum in der Nacht, aber bei allem Kampf den reinen Himmel im Herzen. Ich wanderte die ganze Nacht, nur zuweilen ruhte ich und horchte um mich her. Ihre Stimme ſollte ich nicht wieder hören. Die Geige trug ich, alles Andere war zurückgeblieben. Als ich endlich die Sonne aufge⸗ hen ſah, ſpielte ich desdemona's Lied und weinte mich noch einmal ſatt. Dann vollbrachte ich meine Reiſe. Erſt am nächſtfolgenden Tag kam ein Brief von 1 ihr; ſie hatte ihn im erſten Sturm des einſamen Morgens geſchrieben. Nach allen Schmerzen ſchrieb ſie jedoch, daß ſie ſich füge und es auch zu faſſen hoffe, ehe ſie wieder unter Menſchen käme. Sie wolle nach Frankfurt, dort ein Engagement zu ſuchen. Sie 1 fühle jetzt, daß eine Künſtlerin in ihr ſtecke. Sie wiſſe auch, wann der erſte Funken dieſer Flamme in ihr Herz gefallen ſei. Bald nachher ſchrieb ſie mir aus Frankfurt, daß ſie dort bleiben werde. Der treue Lerche wolle ſie 2* nicht verlaſſen. Ich antwortete ihr ſo warm und voll, wie es in mir war, ſo ruhig, wie ich konnte. Das Wort„Sehnſucht“ iſt in unſern Briefen hin⸗ fort nicht genannt worden. Es währte nicht lange, ſo waren die Zeitungen mit Berichten ihrer Erfolge angefüllt. Unter meinen Kameraden war viel Redens darüber. Die Wenigſten hatten es ihr zugetraut, daß ſie jemals andere Triumphe, als die einer ſchönen Frau erringen würde. Sie ſchrieb mir von Allem, was ihre Kunſt betraf; ich ſah alle Schätze der unvergleichlichſten Natur vor mir ſich entfalten. Nur zuweilen wollte eine Be— ſorgniß in mir aufſteigen, wenn ich ſah, mit wie verzehrender Inbrunſt ſie jede neue Aufgabe ergriff, und ich beſchwor ſie mehr als einmal, ſich nicht aufzu⸗ reiben. Sie beruhigte mich mit den heiterſten Verſiche⸗ rungen, daß ſie jetzt erſt wiſſe, was Wohlſein heiße. Und ſo lebt' ich hin, ein glückſeliges Leben, frei⸗ lich im Schatten, aber ohne Wunſch, in der Erin⸗ nerung an den reichgenoſſenen Sonnenſchein jener beiden Wochen in den Bergen. Einige Jahre mochten vergangen ſein, und wäh⸗ rend unerquicklicher Arbeiten zum letzten Examen freute mich nichts, als meinen Schatz von Briefen anwachſen zu ſehen. Dieſer und Jener meiner 6 167 Bekannten, der ſie inzwiſchen in Frankfurt ſpielen geſehen und ſein begeiſtertes Herz gegen mich aus⸗ ſchüttete, brachte mich wohl noch um den Schlaf einer Nacht. Aber mein Entſchluß, ſie nicht wieder zu ſehen, hielt allen Verſuchungen Stand. Da kam eines Tages ein Brief aus Frankfurt von Lerche's Hand. Er enthielt eine Einlage von ihr, mit Bleiſtift im Bett geſchrieben, leidenſchaft⸗ licher, als wir uns bisher zu ſchreiben erlaubt hat— ten. Wie ich noch in der ungewohnten Wonne ſchwelge, dieſe Sprache wieder zu vernehmen, fällt mein Blick auf den Umſchlag, den Lerche vollge⸗ ſchrieben.„Sie iſt nicht mehr,“ hieß es darin. „Geſtern Abend ſpielte ſie noch die Desdemona, zum erſtenmal, mit einem ganz unerhörten Erfolg. Ich begleitete ſie aus dem Theater, ſie war ſehr aufge⸗ regt und ging zu Bett, ohne einen Biſſen zu nehmen. Am andern Tag gegen 10 Uhr, als ſich nichts regte auf all mein Klopfen, ließ ich die Thür aufbrechen. Da lag ſie im Bett mit geſchloſſenen Augen, und war nicht zu erwecken. Der Arzt meint, es ſei ein Schlagfluß geweſen. Ich nahm das Papier, das auf ihrer Decke lag, in Verwahrung, und ſchicke es hier 168 mit. Von ihren Haaren hab' ich auch für Sie ab⸗ geſchnitten. Ich bringe ſie Ihnen ſelbſt.“ Der Erzähler ſchwieg und ſtand vom Seſſel auf, in dem er zurückgeſunken geruht hatte. Er trat an das Fenſter und ſtand dort eine lange Zeit, indeß ſeine Worte in mir nachklangen und meine Augen von dem Bilde gegenüber nicht weichen wollten. Ich hörte endlich, wie er das Fenſter ſchloß. Dann trat er wieder an den Tiſch und ſchenkte die Gläſer voll. „Wir müſſen noch ein Glas zuſammen trinken; es leben die Lebendigen und die Unſterblichen!“ ſagte er.„Stoß mit mir an! Wer das von mir er⸗ fahren hat, zu dem muß ich hinfort Du ſagen.“ Er umarmte mich. Dann ergriff er die Lampe und begleitete mich in das Gemach, wo das Bett für mich aufgeſchlagen war.„Ich ſelber ſchlafe bei meinen Schätzen,“ ſagte er lächelnd und deutete auf das Polſter vor dem Bilde zurück. Ich warf noch einen letzten Blick darauf; am andern Morgen, als ich Abſchied nahm, war der Vorhang darüber gezogen. —— ——————— — Erkenne dich ſelbſt. (1856.) 4 — Seit einer Woche war ich in Florenz und befand mich dort von Herzen wohl. Denn die Stadt ver⸗ einigt farbiges, nationales Leben in aller ſchönen Ungebundenheit des Südens mit einem hinlän Maß jener modernen Bildung und geiſtigen ſamkeit, ohne die dem Nordländer ſein Daſein ſe in der lachendſten Scenerie, unter den liebenswür⸗ digſten Naturmenſchen auf die Länge wie ein Traum vorkommt. Auch die toscaniſche Reinlichkeit erquickt hier ein wohlerzogenes deutſches Gemüth nach ſo manchen römiſchen und neapolitaniſchen Drangſalen, ohne daß es doch an maleriſchen Lumpen und antiker Halbnacktheit gänzlich mangelte, zumal in der ge— ſegneten Jahresmitte, wo ein Platen⸗feſter Reiſender weiß, daß man in Florenz„zur Kohle verglühn“ kann, wenn man die landübliche Unbefangenheit ſich nicht zu Nutze macht.. ———ö ʒ——.— . 5———-————————————ͤ— 172 Daß ich in all dieſe Vorzüge des Florentiner Le⸗ bens ſogleich eingeweiht werden ſollte, dafür hatte mein Schutzgeiſt mit beſonderem Wohlwollen geſorgt. Er führte mich bei meiner erſten Umſchau nach einer Privatwohnung in ein ſauberes, kühles Haus, deſſen zweiter Stock von einer würdigen Wittwe einzeln ver⸗ miethet wurde. Die Magd wies mich in ein Hinter⸗ zimmer, aus dem mir ein rauhhaariger kleiner Hund mit geſittetem, halblautem Bellen entgegen lief. Die ora Eugenia ſelbſt lag auf dem Sopha, in einer, kühleren Lufthauch, der ſich durch die Ja⸗ ſien ſtehlen wollte, äußerſt zugänglichen Haus— tracht. Selbſt für einen Kenner des neapolitaniſchen Sommercoſtüms war es verzeihlich, wenn er An— ſtand nahm, einzutreten, ſo ſehr war dieſe Toilette bei den erſten Anfängen ſtehen geblieben und we⸗ ſentlicher Ergänzung bedürftig. Die Dame indeß ſchien nichts zu vermiſſen. Sie nahm ruhig eine Nadel, ſteckte das ſaubere Hemd über der Bruſt zu⸗ ſammen, zog die Füße in den weißen Strümpfen beſcheiden und anmuthig unter den Rock und bat mich mit freundlicher Handbewegung, den dadurch freigewordenen Sophaplatz einzunehmen, während ſie ſelbſt wie ein Murmelthier zuſammengerollt in ihrer Ecke liegen blieb. Ein gut Theil meiner Blödigkeit wich, als ich in dem Helldunkel des kühlen Gemachs mich von den geſetzten Jahren der Inhaberin überzeugte. Auf der wunderlich verſchwommenen Figur ſaß ein ſtarker Kopf, an das berühmte Birnenhaupt erinnernd, auf dem die franzöſiſche Krone nicht haften wollte. Keine Art von Haube verunzierte den ſtattlichen Contour und ein paar ſchwarze Locken hingen loſe zu beiden Seiten auf die Schultern herab. Es hatte gar 34 Komiſches, wenn ſie bei jedem Schütteln des Hauptes, ohne welches die Signora kein Nein zu ſagen ver mochte, langſam hin und her pendelten. Auch die kleinen ſchwarzen Augen, die männliche Naſe und der breite Mund— ſchätzbare Requiſite eines Buf⸗ fonengeſichts— waren eines ſehr majeſtätiſchen Aus— drucks fähig, beſonders der Magd gegenüber, die, eine ſtarkgliedrige Perſon, nicht viel beſſer als eine Leibeigene von ihrer Herrin gehalten wurde und vor einem ungnädigen Blicke derſelben zitternd zuſammen⸗ zuſchrumpfen ſchien. Die Signora hatte ein Buch weggelegt, als ich — eintrat; ich konnte in dem grünen Jalouſiendämmer nur ſehen, daß es Verſe waren. Eine kleine Aus⸗ gabe des Alfieri lag auf dem Tiſch neben ihr, dar⸗ über und darunter ein bunter Haufe Journale und Zeitungen. Auch im Uebrigen war in dem Zimmer von weiblichem Apparat wenig zu erblicken, nicht einmal ein Spiegel an der Wand; wogegen die Lage nach dem Hofe, die Stille und Kühle zur Meditation ſehr einlud. „ worauf ſie ruhig das Haupt ſchüttelte und mich im beſten Toscaniſch, fließend, aber nicht über— Ich fragte, ob noch ein ähnliches Zimmer frei nch flüſſig, nach den Himmelsgegenden über die Vorzüge dieſes einzigen Gemachs aufklärte. Doch ſtehe auf den übrigen Zimmern nur die Morgenſonne, über Tag ſeien ſie bis auf die Unruhe der Straße nicht minder behaglich als dieſes. Sie werden begreifen, fuhr die Signora fort, ich gehe nie aus, außer ins Theater. Mein Zimmer iſt mein Florenz; ſo muß ich es mir ſchon nach meinen Bedürfniſſen ausſuchen. Die Magd wurde dann gerufen und geheißen, mich zu den leeren Zimmern zu führen. Sie ſelbſt blieb bis auf eine entlaſſende Handbewegung uner⸗ ——————— 175 ſchütterlich liegen. Ich bin noch nicht angezogen, Sie müſſen verzeihen, ſagte ſie. Ich verbeugte mich und ging, die Magd pantoffelte voran; ein Gang durch den Corridor, den fünf oder ſechs Thüren vorbei, die alle offen ſtanden, zeigte mir, daß ich noch die Wahl völlig frei hatte, und ſo wählte ich das mittelſte Zimmer, wo mich ein kleiner runder Marmortiſch mit vergoldetem Fuß aus der Ferne anlachte. Bei näherer Unterſuchung theilte das Sopha dahinter freilich den Ruhm des Wagens, der mich von Siena hergebracht hatte: beide waren, wie ſich der Vetturin ſchmunzelnd auszudrücken pflegte,„hart, aber reinlich.“ Ich kehrte es ſeufzend um und ſagte: Reinlich, aber— hart! Zum Glück ließ ſich dem Bett daſſelbe nachſagen, und das weiße, dicht⸗ ſchließende Netz gegen die Zanzaren, jene nächtlichen, geflügelten Blutſauger, beruhigte mich vollends dar⸗ über, daß ich eine Gelehrte zur Wirthin hatte. Denn das war ſie, wie mir die Magd, ſobald wir allein waren, faſt mit gefalteten Händen ver⸗ traute. Alle Profeſſoren in Florenz kennen und be⸗ ſuchen ſie, und wenn ich über die Straße gehe, Signor, rufen ſie mich an: Was macht Eure Herrin, Stella? oder: Grüßt die Signora Eugenia! daß ich ganz roth werde von der Ehre, eine dumme Perſon, wie ich bin. Ich bin auch eine Wittwe, und mein ſeliger Mann, der ein Koch war, hat mir noch auf dem Sterbebette geſagt, der Kutſcher ſeines Herrn, des Grafen Luigi, habe ein Auge auf mich, ich ſolle mein Glück nicht von mir ſtoßen. Aber nein, Herr, ich halte was auf die Ehre, und wenn auch Manche ſich nichts Beſſeres wünſchen kann, als ihren Mann auf dem hohen Bock zu ſehen, mit den Sammthoſen und veilchenblauer Livree,— ich hatte ſchon als Jungfer bei der Signora ad, und es iſt beſſer, dacht' ich, du gehſt wieder zu ihr, die ſo viel Genie hat, und bleibſt da bis an dein muge Ende, wenn ſie dich behalten will, eine dumme Perſon, wie du biſt, als du läſſeſt dich von dem Tölpel, dem Kut⸗ ſcher, ſchlagen, der nicht einmal Heu und Hafer zuſammenrechnen kann. O Signor, wenn ich von nebenan höre, wie ſie lauter ſo Sachen reden, die ich nicht capire, werde ich ſo ſtolz und zufrieden, wie ich nicht ſein könnte, wenn mich auch der Kut— ſcher des Großherzogs geheirathet hätte. So brauchte ich denn, wie ich nach dem Anfang ſchließen konnte, um Unterhaltung in dieſem Hauſe nicht beſorgt zu ſein. Doch benutzte ich die Ge⸗ legenheit nur mäßig, beſonders was die brave Stella betrifft, und ſelbſt das„Genie“ der Signora Eugenia unterbrach nur ſelten die langen feierlichen oder heiteren Geſpräche, die ich mit dem Genius der alten Stadt im Stillen pflog. Es gingen zu viel Chren⸗ männer bei ihr aus und ein, und Dieſer und Jener ſchien ſich näher an mich anſchließen zu wollen, was mich aus meiner empfangenden Stille herauszureißen drohte. Das Glück, ſich ungeſtört mit den herrlichen Werken der großen alten Zeit zu erfüllen, gleichſam auf windſtillem Kahn ſtromaufwärts in die Vergangen⸗ heit zurück zu fahren und die fernen Ufer zu be⸗ ſtaunen, wollte ich mir durch keinen heutigen Men⸗ ſchenwitz und Menſchenverſtand verkümmern laſſen. Ich war darum wenig froh überraſcht, eines Tages einem alten Bekannten aus Deutſchland zu begegnen. Schon auf der Univerſität, wo ich ihn kennen gelernt, war ich ihm gern ausgewichen. Auch jetzt, als er mich, über Eis und Theaterzeitung ver⸗ tieft, in einem Kaffeehauſe anredete, machte ich einen ſchwachen Verſuch, durch ein fremdes Aufblicken ihn Heyſe, Neue Novellen 12 von mir fern zu halten. Er hatte leider von jeher die Art, mit einer ſchadenfrohen Schärfe des Blicks dergleichen zu wittern und zu vereiteln, indem er es einem ins Geſicht ſagte. „Sie freuen ſich nicht ſehr, mich zu ſehen, wie ich merke,“ ſagte er ruhig.„Wie lange iſt es doch her, ſeit wir das letzte Wort mit einander tauſchten? Vier Jahre oder fünf? Jedenfalls Zeit genug, ſich zu verändern. Sie haben gewiß dieſe Zeit benutzt; ich leider nur, um immer eigenſinniger der zu blei⸗ ben, der ich damals war. Wenn mir recht iſt, konnten Sie mich früher nicht leiden. Dieſelbe Frei⸗ heit haben Sie natürlich auch jetzt noch. Es wäre aber freundlich von Ihnen, ſich derſelben nicht gleich von vornherein zu bedienen; denn wie Sie mich da ſehen, bin ich zwar noch ganz ſo unleidlich wie ſonſt, aber mit dem Unterſchiede, daß ich mir ſelber dabei leid thue. 4 Seine Stimme, deren ſchneidende Schärfe mir noch ſehr gut in der Erinnerung war, klang bei dieſen Worten weicher und herzlicher als je. Ich ſtand auf und gab ihm die Hand. „Laſſen Sie mich die Thorheiten meiner Mond⸗ ſcheinjahre nicht entgelten, Franz,“ ſagte ich lachend. „Wie wir uns damals trafen, litt ich gerade am lyriſchen Fieber, und Sie fühlten mir zuweilen un— ſanft den Puls und dachten mich durch Sturzbäder zu heilen. Mein Fall wird Sie darüber aufgeklärt haben, daß man beſſer thut, die Krankheit aus⸗ toben zu laſſen. Ich entſinne mich noch jenes wil— den Schwindelanfalls, in welchem ich auf mein Recht trotzte, ſo krank und verrückt und hitzig zu ſein, wie mir beliebte, und Ihre kühle Geſundheit gründlich zu verachten. Welcher meiner lyriſchen Heiligen war es doch, den Sie mir geläſtert und ſeiner Glorie beraubt hatten? „Ich weiß nicht mehr,“ ſagte er nachdenklich— „das aber weiß ich, daß ich Sie ſchon damals um alles das beneidete, was ich einen ſentimentalen Wahn ſchalt. Die ſchnödeſte Mißgunſt reizte mich, Ihre Begeiſterung zu verſpotten. Begeiſtert ſein— um den Preis hätte ich ſelbſt ein dummer Menſch werden mögen. Freilich waren dieſe Wünſche damals ſeltene Gäſte in mir, während jetzt— aber kommen Sie ins Freie.“ Wir gingen. Der Abend war ſchattig, allein ſo ging— 180 ſchwül, als glühe ſtatt einer goldenen eine ſchwarze Sonne auf die Stadt herab. Doch wogte in der ſchönen Straße, die den Domplatz mit dem Platz des Großherzogs verbindet, ein müßiger Menſchen⸗ ſtrom auf und ab, alle Kaffeehäuſer ſtanden offen, Geſchrei der Verkäufer, die an den niedrigen Tiſchen ihre Waaren ausgelegt hatten, gellte in das Summen aller europäiſchen Zungen hinein, und ſchon begannen die erſten ſchüchternen Mondſtrahlen über den beweg⸗ lichen Menſchenköpfen ihr Netz zu weben. „Nein,“ ſagte Franz, als ich in eine ſtillere Seitenſtraße ablenken wollte,„bleiben wir unter der Menge. Ich weiß, daß Sie ſich auf Geſtändniſſe gefaßt machen, und mit Recht; denn was ich Ihnen über acht Tage doch vertrauen würde, kann ich Ihnen eben ſo gut in der erſten Stunde ſagen. Aber zu meiner Hand voll Schickſal braucht es keiner geheim⸗ nißvollen Scenerie, plätſchernder Brunnen, einſamer Paläſte, mauzender Kater und verliebter Pärchen, die ſich in die Schatten drücken, wenn wir vorbei⸗ kommen. Es reizt mich gerade, mitten unter dem Geplapper und Gewälſch dieſer friedlichen Spazier⸗ gänger Ihnen meine aufrichtige Meinung über mich — 181 zu ſagen. Doch geſtehen Sie ſelbſt, ob es Ihnen nicht wie eine Sünde vorkommt, daß ich Ihnen auch hier den Abend verderben will, wie ſo manchen am Rhein! Was gehe ich Sie an? Was können Sie mir helfen? Es kam mir vorhin, als ich Sie ſo zufrieden ſitzen und ſich der Kritik über Signora Riſtori erfreuen ſah, in den Sinn, daß ich meine alten Spottſünden nicht beſſer wieder gut machen könnte, als indem ich nun Ihnen Gelegenheit gäbe, meiner zu ſpotten. Wenn Sie Talent zur Schaden⸗ freude haben, nun gut, ſo mögen Sie erfahren, daß der, den ihr guten Jungen den Mephiſto zu nennen pflegtet, weil er eure Schwärmereien verneinte, im Grunde nur ein ſehr dummer Teufel war. Denn ein Klügerer hätte ſich wohl gehütet, ſich ſelbſt zu verneinen.“ Er ſagte das alles haſtig, leiſe, mit dem Tone völliger Reſignation; ich erkannte ihn kaum wieder. „Thun Sie, wie Sie wollen,“ erwiderte ich; „reden Sie, ſchweigen Sie— meine Abende ſind nicht mehr ſo leicht zu verderben, wie ſonſt. Ich möchte wiſſen, was mich jetzt um den Genuß brin⸗ gen ſollte, in dieſem Strome von Lebensluſt mitzu⸗ 182 ſchwimmen, der uns zuletzt vor der Loggia dei Lanzi abſetzen wird. „Ich erkenne daran unſeren Unterſchied,“ ſagte Franz.„Sie merken nur die Eine Richtung des Stromes, in der Sie ſich fortbewegen; ich bin mir in demſelben Augenblicke auch des Gegenſtromes be⸗ wußt, und wenn Sie mich nicht am Arm hätten und fortzögen, würde ich von den Menſchen, die uns entgegenkommen und ſich an unſere Ellbogen ſtoßen, ſo ſtutzig gemacht, daß ich vor lauter Be⸗ wegung vor und rückwärts am Ende verblüfft ſtehen bliebe. Da haben Sie mein Schickſal.“ Ich blieb nun meinerſeits wirklich ſtehen und ſah ihn an.„Nein,“ ſagte er,„das müſſen Sie nicht; vorwärts, oder wir wurzeln hier beide ein.“ Wir gingen der Piazza del Granduca zu, ſchwei⸗ gend, um ſo mehr, als der Lärm der Trödler, An⸗ tiquare, Eßwaarenverkäufer und Seifenkrämer, die ihre roba di kelliwonte um einen Spottpreis aus⸗ boten, jedes Geſpräch unmöglich machte. Auf dem Platze war das Mondlicht mächtiger, da keine La— ternen es beunruhigten. In breiter Maſſe ſtieg der Palazzo vecchio vor uns auf, zur Rechten die Loggia, A8* 183 deren Bildwerke, Cellini's Perſeus an der Spitze, etwas grauenhaft Starres in dieſem Zwielicht hatten, etwa wie die Templeiſen um den Gral herum, die auf das„Wort“ harren, um erlöſ't zu werden. Das Unheimliche dieſer ſchweigenden Geſellſchaft, dieſes Perſeus, der mit der Miene des tiefſten Kummers das Meduſenhaupt, das er in die Höhe hebt, nicht anzuſchauen wagt und den kalten, zuſammengeſchlun⸗ genen Leib, auf dem er ſteht, mit ſchaudernden Sohlen tritt, dort jene Judith mit Holofern, die Sabinerin, die ſich im Arm ihres römiſchen Räubers gen Himmel windet, im Grunde längs der Wand die edle Thus⸗ nelda mit den andern Gefangenen, dazu die Treppe zu der Halle von den beiden Löwen bewacht— jeden Abend überfiel mich der Schrecken von Neuem, und kaum weiß ich, ob die Halle in der todten Mittags⸗ ſonne die Phantaſie mit gelinderer Geſpenſterkraft erfaßt, als in Nacht und Mondlicht oder Morgen⸗ dämmerung. Franz ſchien von alle dem nichts an ſich zu „ ſpüren; gleichmüthig ging er vorüber, und wir lenkten unſere Schritte durch die Arcaden der Ufficien dem Arno zu. Was ihn umgab, würdigte er keines 1 4——— ᷣ—y 9 7 184 Blickes. Er hatte meinen Arm losgelaſſen, ſah auf die breiten Platten der Straße nieder und ſchien an nichts zu denken. „Wie lange ſind Sie in Florenz?“ fragte ich. „Seit heute.“ „Und doch ſcheinen Sie mit all dieſen Straßen und Plätzen ſeit Jahren vertraut.“ „Weil ich mich nicht darin umſehe?“— Er lachte kurz und traurig auf.„Da kommen wir wieder auf den einen Punct. Sehen Sie, ich habe die Erfah⸗ waung gemacht, je mehr ich mich in etwas umſehe, däerange will mir's vertraut und traulich wer⸗ den. Mir ſelber bin ich ganz fremd geworden, weil ich— aber ſagen Sie mir erſt, wofür Sie mich halten, daß ich überall mein leidiges Ich ins Spiel bringe! Denken Sie nicht, ich ſei mir über die Maßen intereſſant? Lieber Himmel! über die Maßen langweilig bin ich mir; aber daß ich's nicht laſſen kann, daran zu denken, das iſt mein Unglück. Ein Kranker ſpricht auch immer von ſich, weil er ſein Daſein in jedem Augenblick an ſeinen Schmerzen empfindet. Und krank bin ich, gemüthskrank— geiſteskrank— wie Sie wollen.“ 1 — — 185 „Erſchrecken Sie nicht,“ fuhr Franz fort.„Ich bin keinem Tollhauſe entſprungen, ich werde mich allezéeit aufs manierlichſte betragen und keine Ver⸗ ſuche machen, meinen Kopf zu eſſen oder über mich ſelber wegzuſpringen. Es iſt nur eine kleine Schlaf⸗ loſigkeit des Geiſtes, an der ich leide, und um welche einzulullen mein Arzt mich nach Italien geſchickt hat. Wenn ich's nur laſſen könnte, aufzupaſſen, ob der Schlaf nicht kommen will, ſo käme er wohl am Ende. So aber bin ich gewiß, daß ich ungeheilt und un— 4₰ Damit hatte er ſich auf das Geländer der Arno⸗ heilbar heimkehre.“ brücke geſetzt, und ich folgte ſtillſchweigend ſeinem Beiſpiele. Wir ſahen beide in den Strom hinab, der mit ſtillem Rauſchen ſich um die Brückenpfeiler drängte und ins Land hinausfloß. Die Lichter in den Häuſern des Lungarno ſpiegelten ſich als kleine Funken in der Tiefe, wie ein elektriſches Aufblitzen des Elementes ſelbſt. Zu beiden Seiten lag die ſchöne Stadt, fern rollten die Wagen, und nur ſelten kam ein trällernder Fußgänger an uns vorbei. Hier erzählte er, wenn es Erzählen heißen kann, in einem Athem hundertmal ſich widerlegen, ſeine — ————— — in der Geſchichte bewandert, und da er in ungebil⸗ 186 eigenen Worte verſpotten und, um genau zu ſein, das kaum Geſagte ſogleich wieder in Frage ſtellen. 3 Wenn ich verſuchen wollte, ſeine Reden wiederzugeben, 3 wie er ſie fieberhaft, abgeriſſen, vor lauter Schärfe verworren vor mich hin ſchüttete, ſo würde ich Bogen damit anfüllen. Die Hauptſache, auf die es hinaus⸗ lief, iſt mit wenigen Worten geſagt. Sein Vater, der ein reicher Kaufmann in F. geweſen war, hatte ſeine nicht geringe Bildung ſich ſ5 ganz allein verdankt. Er war in den Alten beleſen, deteren Kreiſen aufgewachſen war und ſich genöthigt ſah, alles, was er an geiſtigen Dingen bedurfte, ſich auf eigene Hand zu erwerben, gegen den Geiſt der Familie zu behaupten und im Stillen weiterzupflegen, ſo hatte ſich in ſeine Natur ein gewiſſer Trotz der Selbſtändigkeit eingeniſtet, den er auf ſeinen Sohn zu vererben wünſchte. Nichts war ihm von außen gekommen, darum verachtete er alles, was die meiſten Menſchen ſchätzen, weil es ihnen von der Autorität der Sitte überliefert wird. Er erzog ſeinen Sohn— mit einem einzigen Wort: Erkenne dich ſelbſt! Er forderte nichts von ihm, als unausgeſetzte, rückſichts⸗ 187 loſe Selbſtprüfung, ohne ſich jemals um das Reſultat zu bekümmern. Nur gegen Gleichgültigkeit, Träu⸗ merei und Hindämmern in Gewohnheiten und Zu— fälligkeiten war er unerbittlich. Sobald er zu bemerken glaubte, daß der Knabe gedankenlos Gehörtes oder Geleſenes nachſprach, zeigte er ihm mit der dialek⸗ tiſchen Schärfe, die ihm eigen war, den Gegenſatz als das Wahre, um auch dieſen wieder fallen zu laſſen, wenn er Eindruck zu machen ſchien. War der junge Kopf dann von Rathloſigkeit geängſtigt und verſtummte im Gedränge der Zweifel, ſo pflegte der alte Herr abzubrechen und zu ſagen: auf die Dinge kommt es nicht an, ſie ſind wahr und falſch, für den Einen ſo, für den Anderen ſo. Auf dich kommt es an; alſo erkenne dich ſelbſt! Aber wie die phyſiſche Natur des Menſchen in der Jugend mehr Schlaf bedarf, als in ihrer Reife, ſo will auch die geiſtige in der Zeit ihres Aufblühens Ruhe und Stille, um zu erſtarken. Die Seele muß geſchont werden, wenn der Geiſt wahrhaft zu ſich ſelber kommen ſoll. Jene ſchöne Dumpfheit der Ju⸗ gend, jene träumeriſche unbewußte Fülle, die reine Genußkraft der noch unerſchöpften Sinne ging dem 188 jungen Franz über ſeinem vorzeitigen Ringen nach Selbſtgewißheit verloren. Das Schlimmſte aber war, daß er, während er ſo das innige gläubig ſich hingebende Verhältniß zu den Erſcheinungen der Welt verlor, wie es nicht anders ſein konnte, auch jede volle Empfindung ſeiner ſelbſt mehr und mehr einbüßte. Das gerade, was der Vater in ihm befeſtigen wollte, der eigene Inſtinct, erlahmte, weil er in jedem Augenblick zur Rechen ſchaft gezogen wurde. Er hatte hundert Bilder bei der Hand, um mir dieſen Zuſtand, den er jetzt als Krankheit in ſich fühlte, zu ſchildern. Mein Vater, ſagte er, zeigte mir alle Erſcheinungen des Lebens gleich von beiden Seiten, und bekanntlich hat ja auch jedes Endliche ſeine zwei Seiten. Nur iſt es traurig, wenn man ſie zuſammen ſieht, nicht die zweite erſt, nachdem man ſich an der erſten ſatt geſehen hat. Dadurch verliert Alles ſeine körperliche Wirklichkeit, ſeine Wichtigkeit für uns, Alles wird wie ein gläſerner Würfel, den wir durchſchauen, und was gläſern iſt, dünkt uns gebrechlich. Und am Ende durchſchauen wir uns ſelbſt wie Glas und verlieren jenen heim⸗ lichen dunkeln Kern, der denn doch wohl der Keim⸗ punkt unſerer Perſönlichkeit iſt und immer neue Kräfte hervortreibt, wenn die alten aufgezehrt ſind. Ach, Beſter, ich- habe einmal eine Sage ge leſen von einem tiefen Brunnen, d der unerſchöpflich war, bis ſeinen Beſitzer die Neugier trieb, mit einer Fackel ſeinen Grund ausſpähen zu wollen. Von Stund an ver⸗ ſiegte die Flut; denn die Nymphe zürnte, daß man ſie in ihrer Heimlichkeit belauſcht hatte.— Sehen Sie, es war mir oft, wenn ich mich h abmühte, hinter mich ſelbſt zu kommen, als thäte ich etwas eben ſo Zweck⸗ widriges, wie ein Menſch, der Waſſer, das man ihm in die Hand gießt, krampfhaft mit den Fingern feſt⸗ halten will. Warum ſchließt er nicht ruhig ſeine Hand zu einer einfachen Höhlung zuſammen? Wenn Sie aber dieſes Gefühl von dem M ißlichen Ihres Geſchäftes ſelber hatten, warf ich ein, warum erlaubten Sie ſich nicht, auch das als einen Theil Ihres Selbſt zu erkennen und zu reſpectiren? Weil es ein Gefühl war, dunkel und verſtohlen, und der Geiſt ſich gleich daran machte, es zu ent— larven, um es als Feigheit, Schwäche, Unwürdig⸗ keit zu verbannen. Ja wäre der Hochmuth nicht hinzugekommen, der es einestheils für ſehr heroiſch 190 ausgab, ſich bei lebendigem Leibe unverdroſſen ſelbſt zu zergliedern, und anderentheils mir zuraunte, daß ich auf dieſem Wege geſcheidter würde, als alle meine Altersgenoſſen! Sie haben mich noch in jenem Sta⸗ dium gekannt, wo ich mich an dieſem Uebermuth, an der Ueberlegenheit, die mir meine troſtloſe Durch⸗ ſichtigkeit über euch gute Geſellen gab, immer wieder erquickte, wenn ich euch um die Fähigkeit beneidete, euer Leben zu genießen, in einer Kellnerin eine Göttin, in einem dürren Profeſſor einen Plato und in euerm ſchmutzigen Flußwaſſer einen der Ströme des Paradieſes zu ſehen. Ganz heimlich zuweilen mühte ich mich ab, mich mit euch zu betäuben. Ich konnte zu keinem rechtſchaffenen Rauſch kommen; ja es ſchien, als ſteigere der Rauſch meine ſcharfe Spür⸗ kraft für alles Nichtige, für alle Kehrſeiten irdiſcher Dinge. Wie oft ſtimmte ich ein gutes, altes Lied mit an, das mit ſo herzlich wenig Sinn und Ver⸗ ſtand und gerade deßhalb euch allen zu Kopfe ſtieg! Kaum aber brachte ich's über die erſte Strophe, ſo raunte mir mein Dämon ins Ohr: geſtehe nur, daß du nicht glaubſt, was du ſingſt! und weg war alle fromme Andacht. Ich ſah mich unter euch mit den — — 191 Augen eines Dritten, der nüchtern ſeine Gloſſen macht und der ganzen Burſchenherrlichkeit, die auf hohen Wogen dahin ging, weiſſagen mußte, daß ſie über ein Kleines auf irgend einem philiſtröſen Sande auflaufen werde. Auch Manchem von euch mag dann und wann ein ſolches Bild aufgetaucht ſein; aber ihr waret klug genug, es vor euch ſelbſt zu verläugnen oder nur gerade darum deſto hingebender das Glück der Stunde zu genießen, während ich es für meine Pflicht hielt, es mir ehrlich einzugeſtehn, ſollte auch alles Glück darüber zum Teufel gehen. Da machte er eine Pauſe und ſah lange in den Fluß. Alles fließt, wie jener dunkle Heraklit ſagt, fing er endlich wieder an. Aber wer in jedem Augen⸗ blicke den ewigen Fluß der Dinge rauſchen hört, dem zerfließt die Welt. Nur ein Gott hält es aus. Ein Menſchengehirn will feſte Form, ſchränkung; denn man genießt das wenn man es für ein Unendliches ohne Bornirtheit nicht möglich, hält. Das iſt einſeitige Be⸗ Endliche nur, und dieſes Wort, das die meiſten Menſchen für ein Schimpfwort halten, iſt mir darum das heiligſte daß ich die deſierion verachte, Glauben Sie nicht, obwohl ſ ſie mich krank 192 gemacht hat. Ich weiß, was ſie werth iſt im rechten Verhältniß zur Genußfähigkeit. Gerade ſo angenehm, wie es mir iſt, mitten in der Nacht aufzuwachen, mich zu beſinnen und zu wiſſen, ich kann noch weiter⸗ ſchlafen, gerade ſo herrlich denke ich es mir, aus den traumhaften Glückszuſtänden, die andere mit Hingebung genießen, ſich zu wecken, zu ſammeln, zu reflectiren, und dann ſich gleichſam auf die andere Seite zu legen und weiter zu genießen. In dieſer Weiſe ſprach er noch viel, was ich vergeſſen habe und auch wenn ich es noch wüßte, hier unterdrücken würde, um dem Leſer das Gefühl zu erſparen, das mich mehr und mehr in der Nähe des ſeltſamen Menſchen überkam, ein Gefühl der peinlichſten Unruhe, das ſelbſt ſtärker wurde als das Mitleiden mit ſeinem offenbar kranken Zuſtande. Es war zuerſt rührend, die Bekenntniſſe dieſes Heim⸗ wehs nach ſich ſelbſt zu hören; dann aber wurde es immer unheimlicher. Was uns Anderen das Leich⸗ teſte ſcheint, ſich gehen zu laſſen, war ihm eine un— erreichbare Aufgabe geworden. Je ehrlicher er danach rang, ſich ſeiner Exiſtenz zu verſichern, deſto mehr ward er vor ſich ſelbſt zu einer Täuſchung. Ja, es 193 gab Momente, wo er ſecbſt dieſen ſeinen Zuſtand in Frage ſtellte und darüber erſt recht im eigentlichſten Sinne aus der Haut fahren wollte. Ich erfuhr dann weiter von ihm, daß er nach dem Tode des Vaters in F. ſeinen feſten Wohnſitz genommen hatte. Ich kannte dieſe Stadt und wußte, daß dort eine geiſtig überreizte Natur mehr als irgendwo Gefahr läuft, in Vereinſamung ſich vollends zu zer⸗ rütten. Denn alle vorübergehenden Verſtimmungen und Verſtörungen wuchern dort mächtig auf, weil die Geſellſchaft nichts dazu thut, ſie durch geſundere Zu— flüſſe vom Geiſte abzuſpülen. Mit Ausnahme ſehr weniger Kreiſe iſt dort die Bildung inſelhaft vom deutſchen Feſtlande abgetrennt und von einem Meere kaufmänniſcher Speculation umwogt. Auch Franz wurde hier noch mehr als je zuvor auf ſein Inneres zurückgewieſen, das Aergſte, was ſeiner Natur wider⸗ fahren konnte. Zuletzt hatte er ſich entſchloſſen, das Geſchäft ſeines Vaters ſelbſt zu übernehmen und ſeine juriſtiſchen und hiſtoriſchen Siudien ganz bei Seite zu laſſen. Ich wußte von der Univerſität her, daß er umfaſſende Kenntniſſe hatte. Aber von allen Ar⸗ beiten, die er anfing, brachte er keine zu Stande. Heyſe, Neue Novellen 13 194 Auch die feſten Geſtalten dereGeſchichte zerrannen ihm, um mit ſeinem Bilde zu reden, unter den Händen, gerade weil er ſich bemühte, ſie von allen Seiten feſtzuhalten. Es fehlte ihm auch hier die Einſeitig— keit, die zu aller Productivität erforderlich iſt. Da⸗ gegen ſchilderte er mir, wie er eine Art von Genügen am Rechnen finde. Die abſtracten Zahlen hätten etwas Beruhigendes für ihn; er wiſſe, eine Vier ſei eben eine Vier, und weiter könne keine Dialektik d Welt ihr etwas ablocken. Seinen Zahlen eenüler ſchlafe er wirkl lich; ſie verlangten keine Selbſterkennt⸗ niß, ſie hätten gar kein V Verhältniß zu ihm, das er ſich zerſtören könne, indem er es zu ergründen ſuche. Ueber dieſem G zeſpräche war, ehe wir es dachten, die Mitternacht herangekommen. Lautlos lag die Stadt und die Kühle ſtieg kräftiger vom Fluſſe zu uns auf. „Und was hatten Sie von Italien gehofft?“ fragte ich. „Auf morgen das!“ ſagte er, indem er aufſtand. „Mein Geſchwätz, das Ihnen ſchon Ihren halben Schlaf gekoſtet, möchte Sie ſonſt um den ganzen brin⸗ gen, und ſchlafen— das iſt Labſal, mein einz ziges.“ Darauf fragte er mich, wo ich wohne, und als 1 ich das Haus nannte, beſann er ſich, daß ihn ein römiſcher Freund an die edle Padrona adreſſirt habe, und freute ſich, mein Nachbar werden zu können. Ich ſchwieg, denn die Nähe des Kranken war mir wenig erwünſcht, und ihn zu heilen durfte ich nicht hof⸗ fen. Sogleich bemerkte er mein Verſtummen und ſagte: „Reden wir nicht mehr davon! Es wäre heillos von mir, Sie hier zu beläſtigen, wo Sie ſo vergnügt zu ſein ſcheinen, wie ein Fiſch im Waſſer. Sagen Sie auch ehrlich, ob Sie mich überhaupt lieber nicht wiederſähen, ich denke darum nicht ſchlechter von Ihnen und mir.“ Auf dieſe treuherzigen Worte konnte ich nicht anders als ihm verſichern, daß mir ſeine Nachbar— ſchaft lieb ſein würde. Wir könnten ja auch im Uebri⸗ gen unſere Wege gehen. „Ja,“ ſagte er,„Sie haben Recht. Ueberdies, daß ich mich allzu ſehr an Sie anſchließe, iſt ſchwerlich zu befürchten. Ich empfinde jetzt einen gewiſſen Zug zu Ihnen, und es hat mir wohl gethan, Ihnen ſagen zu können, was, wenn ich es mir immer allein vor— erzähle, mir zuweilen das Hirn aus dem Schädel und das Herz aus dem Leibe heraus ängſtigen will. Morgen werde ich es vielleicht für eine Narrheit 196 halten, einem Fremden zur Laſt gefallen zu ſein, und ich werde Sie zu vermeiden wünſchen. Auf alle Fälle, auch wenn ich in Ihr Haus ziehe, haben Sie Vollmacht, ſich ihrer Haut zu wehren. Es werden ja Schlüſſel in den Thüren ſtecken.“ Vor der Thür ſeines Hotels gingen wir aus— einander.— Ich lag ſchon lange in meinem Bett, und die Falten des Umhangs ließen keine Zanzare durchſchlüpfen, die mir mit ihrem Geſumm zu Häup⸗ ten den Schlaf abgewehrt hätte. Aber Franz' Worte umſummten mich ſchlimmer als ein Zanzarenſchwarm, und der Morgenſtern, der mich weckte, war nicht die Venus, ſondern Stella, die Magd, die Wittwe des Grafenkochs, die von dem Gedanken geängſtigt wurde, ich ſei am Ende gar in den Himmel hinüber geſchlum⸗ mert und erzähle eben ihrem Seligen, daß ſie die Hand Luigi's, des Kutſchers, ausgeſchlagen, aus Rück⸗ ſichten für ihre Bildung. Es kam, wie Franz geſagt hatte. Obwohl er ein Zimmer neben dem meinigen bezog, ſahen wir wenig von einander, und die Zurückhaltung ſchien ihm 197 nicht im Geringſten ſchwer zu fallen. Auch wenn wir uns begegneten, wo er dann harmlos mich be⸗ grüßte, als hätten wir nie tiefere Dinge mit ein⸗ ander zu theilen gehabt, lenkte er das Geſpräch auf jenes erſte Thema nicht wieder zurück. Nur aus zufälligen Reden entnahm ich, daß irgend ein Er⸗ eigniß ſeinen Zuſtand zu einer ſchweren Nerven⸗ krankheit geſteigert habe, worauf ihn der Arzt nach Italien ſchickte. Als er mir das ſagte, ſetzte er hinzu: Haben Sie einmal geſehen, wie man ein Flußbett corrigirt? Wenn man Erde und Steine Körbe voll nach und nach hinein ſchüttete, ſo würde der Strom nicht gehemmt, und Welle auf Welle bräche wieder durch. Man baut daher am Ufer einen feſten Damm aus Pfählen, Weidicht und Tan⸗ nenzweigen, mit Sand und Steinen ausgefüllt, den man auf Walzen in das Flußbett hineinſtürzt. Daran ſtutzt der Fluß, ſtaut zurück und bequemt ſich zu einem Umwege. So dachte mein guter Doctor an Italien mir einen geſchloſſenen Damm in die wüh lende Natur zu werfen. Die Wellen der Reflexion, die mir jede Hand voll feſten Grund zernagten, ſoll— ten daran zurückprallen. Es komme Alles darauf an, ſei es auch nur auf drei W Vochen, die raſtloſe Dialektik zu unterbrechen, die den Inſtinct unter⸗ wühle und ſeiner Wurzel das Erdreich wegſpüle. Geſchehe das, ſo würde ich Vertrauen zu mir ſelbſt wieder gewinnen, einſehen, daß es nicht an der 1 8 Kraft zum Genießen fehle, ſondern am Willen, nicht an den Organen, das Leben einzuſaugen wie andere Menſchen, ruhig athmend, wie man den Aether in ſich einſtrömen läßt, ſondern an der Dankbarkeit, die Natur machen zu laſſen und hinzunehmen, was ſie bietet.„O, eure Reden, die ſo blinkend ſind!“ Kraft und Willen! Eine Kraft muß wollen, oder ſie iſt keine Kraft. Wären ſie beſſere Pſychologen, die Herren Aerzte! Der meinige zuckte die Achſeln, als ich ihm bedeutete, daß Eindrücke, die ich nicht zernagen und zerſetzen kann, gar nicht auf mich wirken. Was maſſenweiſe mich überfällt, fließt an mir ab, wie Waſſer am ſchuppigen Fiſch, höchſtens daß es mich beklemmt und verſtimmt. So iſt mir denn auch richtig in dieſer Fülle der Kunſt ein peinliches Gefühl treu geblieben, bis ich dagegen völlig abgeſtumpft war. Und was ihr Kunſtſinn nennt, die Fähigkeit, alle Sinnen⸗ und Seelenkräfte 199 in einen Brennpunkt zu ſammeln, bis der Kern eures Naturels in helle Flammen aufſchlägt, das geht mir begreiflicher Weiſe völlig ab. Meine Sinne und mein Verſtand führen einen getrennten Haus⸗ halt, Eins macht ſich über das Andere luſtig, und das Band zwiſchen ihnen iſt zerriſſen. Es überraſchte mich, wie klar er ſich in einen Zuſtand hinein denken, wie richtig er ihn definiren konnte, der ihm doch fremd war. Das gab mir den Gedanken, daß des nicht ganz ſo ſchlimm um ihn ſtehen könne, wie er ſagte, daß ſeine Natur nur geſtört und geängſtigt, nicht völlig untergraben ſei. Er ſprach nach dieſer letzten Herzensergießung nicht wieder von ſich. Doch hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten, wenn ich ihn in Galerieen oder Kirchen traf. Er pflegte die Räume langſam zu durch— wandeln, den Blick zerſtreut über die Wände gleiten zu laſſen, am Schönſten vorüber. Dann blieb er wie zufällig vor irgend einem Bilde ſtehen, heftete die Augen unverwandt und lange darauf, wandte ſich kopfſchüttelnd, um zu gehen, trat noch einmal davor, und wenn er dann wirklich ging, ſah man ſeinen Zügen die Ermüdung an, mit dem ehrlichſten Willen nichts erreicht zu haben, hungrig vom vollen Tiſche aufgeſtanden zu ſein. Beten kann ich nicht, Iſt gleich die Neigung dringend wie der Wille. Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen. Das klang mir im Ohr, wenn ich ihn beobachtete, und das herzlichſte Mitleiden ſchloß mich ihm an, ſo daß ich ſeine Geſellſchaft jetzt eher ſuchte als vermied. So war es mir eines Abends aufrichtig lieb, daß er in mein Zimmer trat und mich fragte, ob wir die bevorſtehende Illumination zuſammen an⸗ ſehen wollten. Es war die Vigilie des Sanct-Jo⸗ hannis⸗Tages, und da San Giovanni der Patron der Stadt iſt, ſo ſtanden große Dinge zu ſeinen Ehren bevor. Selbſt Signora Eugenia, die ſonſt in ihrer litterariſchen Stille, vielleicht auch ihrer etwas ſchwerfälligen Körperlichkeit wegen, von öffentlichen Feſten mit Geringſchätzung ſprach, legte Manzoni's Adelchi bei Seite, um uns zu ſagen, daß die Fuochi zu ſehen, beſonders das Feuerwerk auf der Arno⸗ brücke, für gebildete Menſchen der Mühe werth ſei. Stella's Achtung hätten wir nun vollends verſcherzt, 201 wenn wir daheim geblieben wären, wozu die Hitze meinen Freund Franz einen Augenblick bereden wollte Es iſt eine Magie! ſagte ſie einmal über das andere, und wären nicht gerade an demſelben Tage in die beiden anderen Zimmer neben dem meinigen Fremde eingezogen, für die Verſchiedenes beſorgt werden mußte, ſo hätte Stella ſelbſt es über das Herz ge⸗ bracht, für dieſen Abend die gelehrten Geſpräche daran zu geben und ſich am Feuerwerk zu erfreuen, „eine dumme Perſon, wie ſie war.“ Wir kamen in die ſchwüle Dämmerung der Sir hinab, und ſogleich ergriff uns das Gewoge, iesmal von keinem Gegenſtrome gebrochen, und trug uns mit ſich fort, dem Fluſſe zu. Es war gegen acht Uhr, und die Lämpchen, mit denen der Dom überſä't war, glommen hurtig an allen Ecken und Enden auf. Das Baptiſterium mit den herrlichen Thüren Ghiberti's lag dunkel gegenüber. Dann aber die Straße hinab Lämpchen und Lichter an allen Fenſtern, die Läden ſchimmernd, die Menſchen, die hinunter wallten, hell wie am Tage, lachende, gaf⸗ fende, plaudernde und ſchweigſame Köpfe. Starr ſahen die Bewohner der Loggia auf die helle Menge herab, mit dem Blick der Nachtvögel, die von Fackeln aufgeſchreckt werden. Niemals war mir der Perſeus melancholiſcher, die Judith grauſamer, die Sabinerin hülfloſer erſchienen. Zu Füßen der letzteren war ein Tombola⸗Gerüſt aufgeſchlagen, von den Land⸗ leuten umdrängt. Dazwiſchen ſpielten die öſter⸗ reichiſchen Regimentsbanden, ſchwirrte das tauſend⸗ fache halblaute Geſpräch und jauchzten Kinderſtimmen, wenn etwa ein Flammen⸗Tableau in beſonderer Pracht ſich hervorthat. Ich bemerkte, daß mein Freund weicher und heiterer geſtimmt war als ſonſt. Als wir auf den Lungarno hinaus kamen, ſtand er einige Minuten an ein Haus gelehnt ſtill und überblickte das Schau⸗ ſpiel mit ruhigen Augen. In ununterbrochenen Reihen brannten die Lichter dichtgedrängt in den Häuſern zu beiden Seiten der Quais und unten am Fluß, wenige Fuß über ſeinem Spiegel. Die drei Brücken, die ſogenannte„alte“ mit den Buden der Goldſchmiede, die mittlere, die„zur Dreieinigkeit“ heißt, und die fernſte, auf der das Feuerwerk abge⸗ brannt werden ſollte, ſpannten ſich dunkel über die Strombreite, nur an den Pfeilern von wehenden 203 Flammenkränzen eingefaßt. An das Geländer des Quai'’s vorgedrungen, ſahen wir das Gewimmel an den Waſſertreppen zu den Kähnen hinab und hörten die Warnrufe der Schiffer, das Schelten der Sol— dateska, dann und wann eine Opernmelodie von einem kräftigen Tenor in die Nachtluft hinausge⸗ ſungen, von hundert Stimmen halblaut nachgeſummt. Das Allerſchönſte aber war, in den Strom ſelber hinunter zu ſehen, wo eine Unzahl von Gondeln, Nachen und Fahrzeugen aller Art, einige mit Lich⸗ tern, andere mit Fackeln, hier und da ein Boot mit einer einſamen Laterne erleuchtet auf und nieder glitten, mit Menſchen aller Stände angefüllt, die von unten aus die Fuochi mit anſehen wollten. Zuweilen ſtieg ein voreiliger Schwärmer aus einem Kahne voll junger Burſchen in die Höhe, oder ein Feuerrad ſchnurrte funkend auf, daß die vorüber⸗ fahrenden Geſtalten, plötzlich roth überglüht, in mannigfachen Geberden des Staunens und Schreckens ſichtbar wurden, während dem Aufſchreien der Mäd⸗ chen, wenn die Funken über ſie nieder regneten, das Gelächter der Uebérmüthigen antwortete. Ohne zu wiſſen, wie und wohin wir fortgeriſſen 204 waren, fanden wir uns endlich auf der mittleren Brücke, dicht ans Geländer gedrückt, ſo daß wir kein Glied zu regen vermochten. Doch hätten wir uns mit freier Wahl nicht glücklicher poſtiren kön— nen, als hier in den Mittelpunkt des ganzen Spec⸗ takels, wo uns die Ausſicht auf die eigentliche Scene, die dritte Brücke, nur dann und wann durch einen breiten Frauenſtrohhut verſperrt wurde. Eine luſtige Geſellſchaft ſtand um uns her, Florentiner Bürger mit Weibern und Töchtern, die letzteren ein muth⸗ williges Völkchen, das ſeine Gloſſen über Alles machte, die langen Engländer, die unbequem mit ihren hohen Hüten vor ihnen aufragten, nicht ſchonte und mit allerlei Obſt und Naſchwerk die Ungeduld verſüßte. Die enge Nähe machte die Fremdeſten vertraut, und ſelbſt ein ſtattlicher Prälat verſchmähte nicht, ſich dann und wann in die Scherze zu miſchen, die hin und her flogen, den Funken des Feuerwerks ver⸗ gleichbar. Franz nahm keinen Theil daran. Ich verfolgte die Richtung ſeiner Augen, die ſich nach der anderen Seite durch das Volk auf der Brücke bohrten. Sie hafteten dort auf zwei feinen Profilen von geſchwi⸗ 205 ſterlicher Aehnlichkeit und großer Jugend. Zwei runde Malerhüte verſchatteten ſie nicht ſonderlich, da die Lichter von allen Seiten heranſpielten. Es ſchienen Brüder zu ſein, wohl gar Zwillinge, der eine dem andern nur ein wenig an Größe überlegen, beide Geſichter bartlos. Aber während der Größere ſehr nachdenklich und zerſtreut gegen den Nachthimmel ſchaute, wo der Mond ruhig durchs Blau zog, waren die Züge des Andern ganz leidenſchaftliche Hingabe an das Feſt und die bunten Ufer, die Volksmenge und jede neu auftauchende Erſcheinung, und auch zu Franz flog einmal ein raſcher Blick des braunen Auges herüber, worauf es ſchien, als färbe ſich die Wange mit einer unwilligen Röthe über das unver⸗ wandte Spähen des Fremden. Beide Brüder waren nicht im Stande, über die Köpfe der Leute vor ihnen wegzuſehen. Aber während der Eine ſich oft auf den Zehen erhob und ſeine Ungeduld zu erken⸗ nen gab, ſtand der Andere ruhig auf ſeinem Ileck und begnügte ſich, das von dem Feuerwerk zu be⸗ trachten, was über ſeinen Volkshorizont aufſtieg. Mit dem Glockenſchlag Neun ſchoß denn auch endlich die langerwartete erſte Rakete in die Höhe, die das Signal zum Anfang gab. Sie wurde leb⸗ haft applaudirt, und bald waren Aller Augen einzig von den Feuerkünſten gefeſſelt, die in reichem Wechſel am Hintergrunde des reinen Firmaments ſich ent— falteten. Zugleich war man auf dem Fluſſe nicht müßig, und in den Pauſen zwiſchen den Haupt⸗ ereigniſſen tummelten ſich Schwärmer, Fröſche, Feuer⸗ räder und der Himmel weiß welch andere Teufeleien mit Praſſeln, Knattern und Ziſchen zwiſchen den Ge⸗ ſtirnen und dem Waſſerſpiegel herum. Unſere Stella hatte ein wahres Wort geſprochen, es war ein magi⸗ ſcher Taumel, der ſich über die Sinne warf. Die flo⸗ rentiner Jugend um uns her wurde zuletzt ſtill und faſt beklommen, und nur ein unbewußtes Oi! Oi! begrüßte von Zeit zu Zeit eine prachtvolle Feuergarbe, die unerwartet gen Himmel ſprühte, oder einen Trupp Leuchtkugeln, der geraden Wegs in den Mond zu wan⸗ dern Miene machte. Franz hatte ich eine Weile über all dem leuchtenden Tumult vergeſſen und fuhr zu⸗ ſammen, als ich plötzlich meinen Arm heftig gepreßt fühlte. Was iſt? fragte ich.— Ihm wird unwohl, ſagte er haſtig.— Wem?— Nun, dem Knaben dort. Kommen Sie, kommen Sie! 207 Er drängte die neben ihm Stehenden gewaltſam bei Seite und hielt mich am Arm, daß ich willenlos durch die enge Gaſſe, die er ſich bahnte, folgen mußte. Im Nu erreichten wir die Brüder. Der Größere hielt mit allen Zeichen zärtlichſter Beſtürzung den Andern unter den Armen feſt und ſtützte deſſen ohnmächtigem Haupt ſeine Schulter unter. Der Hut war von dem krauſen Haar herabgeſunken, die Lippen blaß, die Augen feſt geſchloſſen. Erſt jetzt über— raſchte mich die faſt weibliche Schönheit des jungen Menſchen, durch die kalte Bläſſe noch auffallender. Es ſchien, daß der Bruder ſich umſonſt bemüht hatte, durch das dichtgepflanzte Volk ſich Raum zu machen, wenigſtens ſah er ängſtlich nach Hülfe umher, und die Nächſtſtehenden zuckten die Achſeln, während eine mitleidige alte Frau vergebens in ihren Taſchen nach einer ſtärkenden Eſſenz herum ſuchte. Platz! don⸗ nerte Franz unter die dichten Haufen. Ohne zu zaudern, ergriff er den einen Arm des Bewußtloſen, der Bruder den anderen, und begann die zähe Maſſe zu theilen. Ich arbeitete ihm vor, ſo gut zwei Arme konnten. Der kurze Weg bis auf den Quai wollte kein Ende nehmen, denn der Knäuel war zu dicht ——— 208 geballt. Endlich jedoch hielten wir am Ausgang der Brücke, und zum Gliück lief dicht daneben eine von einem Poſten bewachte leere Waſſertreppe hinunter an den Fluß. Nur hinab! herrſchte Franz. Der Poſten trat bei Seite, der Jüngling, ſobald der feuchte Hauch ſein Geſicht berührte und die ſchlaffen Glieder ſich im freieren Raume fühlten, ſchlug die Augen auf, ſah zärtlich den Bruder an und ſchloß ſie aufs Neue. Man mochte die Gruppe von unten bemerkt haben; ein Kahn, nur mit drei jungen Leu⸗ ten bemannt, ſteuerte an den Fuß der Treppe, einer, die Fackel tragend, ſprang auf die unterſte Stufe und bot ſeine Dienſte an. Sie werden uns ſehr verpflichten, Signor, ſagte der Bruder, in einem weichen, italieniſchen Dialekt, der venetianiſch klang, wenn Sie uns erlauben, den Erkrankten in Ihr Fahrzeug zu heben. Meinem Bruder iſt von der Schwüle und dem Gedränge unwohl geworden, ich hoffe, er erholt ſich raſch. Der Florentiner trat bei Seite und ließ die Beiden vorüber, die ihre ſchlanke Laſt auf dem mittleren Sitz des Nachens niederließen und zu beiden Seiten Platz nahmen. Der Fackel⸗ träger ſprang nach, ich ſah noch, wie der Kranke 209 ſich aufzurichten verſuchte, dann glitt das Fahrzeug durch den Brückenbogen und verſchwand thalabwärts. Eine Stunde nach dieſem kleinen Abenteuer kam ich erſt nach Hauſe. Es war an der ganzen Sache nichts Beſonderes geweſen, und doch lag ſie mir noch im Kopfe, als ich jetzt die Treppe hinaufſtieg. Die Thür von Signora Eugenia ſtand, wie ge wöhnlich, der Kühle wegen offen, ihre Lampe mit dem grünen Schirm brannte, ich ſah einen Mann neben dem Sopha ſitzen. Als meine Schritte laut wurden, wandte ſich derſelbe, und das Licht be zeichnete den ſcharfen Umriß von Franzens Geſicht, die ſtark ausgearbeitete Stirn, die männliche Naſe, den eigenwillig geſchloſſenen Mund. Mich wunderte, ihn hier zu ſehen; denn es war die Schlafenszeit der guten Frau und er ihr ſonſt nicht übermäßig zuge⸗ than. Obwohl er mich, den er erkennen mußte, nicht hereinrief, konnte ich der Neugier nicht widerſtehen, einzutreten und nach dem Befinden der Signora zu fragen. Die Dame lag wieder zuſammengerollt in ihrem Sophawinkel, in ein Tuch gehüllt, das ihr Halbcoſtüm bemäntelte. Die beiden Seitenlocken waren aufgerollt und in zwei mächtigen Papilloten Heyſe, Neue Novellen 14 uber der Stirn befeſtigt, daß das Männliche des Kopfes noch freier hervortrat. Im anderen Winkel des Sophas lag das Hündchen und ſchnarchte laut. Ich ward mit der gewöhnlichen gnädigen Hand⸗ bewegung empfangen und fragte, nach den erſten Höflichkeiten, ob der junge Menſch von der Brücke glücklich heimgekommen ſei. Franz hatte nicht Zeit, zu antworten. Mit einer Lebhaftigkeit, die gegen ihr ſonſtiges Portament entſchieden abſtach, ergriff die Wirthin das Wort.„Denken Sie ſich, vor einer Viertelſtunde etwa— ich wollte mich eben nieder— legen— kommen ſie alle drei nach Hauſe, der eine der Brüder mehr getragen als gehend und blaß, ſagte Stella, blaß wie eine Braut des Himmels. Sie waren den ganzen Tag gereiſtt und hatten kaum einen Biſſen gegeſſen, ehe ſie zu den Fuochi gingen. Nun hat er ſich drüben niedergelegt, der Schöne, und ſein Bruder will noch kommen, wenn er ſchläft, und ſagen, wie es ſteht. Welche zarte Jugend, eine Blüthe von einem Menſchen! Der Bruder ſagt, es habe nichts auf ſich, und doch war er ſo ängſtlich mit ihm, wie mit einer Geliebten. Warum gingen ſie auch unter das rohe Volk, 211 anſtatt, wie ich ihnen anbot, den Abend bei mir zu bleiben!“ Franz ſaß bei dieſen Worten mit ſeinem weh— müthig ironiſchen Lächeln unbeweglich ſtill und ver⸗ tiefte ſeine Hände in die Taſchen.„Ihr ſeid in den Burſchen verliebt, Signora Eugenia,“ ſagte er endlich trocken.„Ich weiß nicht, was Ihr an dem verzogenen, verzärtelten Mutterſöhnchen Beſonderes findet. Ich denke mir, er iſt auf ſein Bißchen Larve nicht wenig eitel, und eine Dame von Eurer Bildung ſollte mehr von jungen Leuten verlangen, als dieſe Stutzereigenſchaften. Geht mir! Thatet Ihr nicht, als ich ihn nach Hauſe brachte, wie Venus, als man ihr den Adonis mit der Wunde im Schenkel heimtrug?“ „Himmliſche Götter!“ rief die gute Dame, mit ihrer tiefen Stimme vor ſich hin lachend,„welch ein Aufwand von Mythologie, um einer armen Wittwe zu ſpotten!“ „Wißt Ihr, daß er Euer Hündchen Ariſtodemo auf den Fuß trat, als das um ihn herum ſchnüf⸗ felte, und die arme Beſtie winſelte, ohne daß Ihr ein Ohr dafür hattet?“ 1 212 „Chè chèe!“ ſagte die Wittwe und ſchob den grünen Lampenſchirm ſich mehr nach dem Geſicht „Ihr ſeid der erſte boshafte Deutſche, der mir vor⸗ 7 gekommen; wenn ich Kaiſer von Oeſterreich wäre, ich machte Euch zum Polizeiminiſter.“„ In dieſem Augenblicke ging auf dem Corridor eine Thür.„Es iſt der Bruder,“ ſagte die Wirthin. „Sie ſind es beide, wie mir ſcheint,“ entgegnete Franz und ſtreichelte nachläſſig den ſchnarchenden Hund, daß er aufſah und zu murren begann. Indem traten die Brüder beſcheiden anklopfend in die Thür, beide in ſchwarzen Sammtkitteln, wie ſie die Maler tragen, mit weiten Aermeln, roth⸗ ſeidene Halstücher umgeknüpft, zwei ſehr ſaubere Geſtalten. Der von ihnen, den die Ohnmacht an— gewandelt hatte, ging auf die Wirthin zu, dankte in ſchicklichen Worten für ihre ſorgliche Güte und ergriff ihre Hand, die er reſpectvoll küßte, was ſie faſt in Verwirrung zu bringen ſchien. Der Andere hielt ſich in Reden und Geberden etwas mehr zurück, ſchüttelte Franz die Hand, erkannte auch mich wieder und bedauerte, uns in dem Anſchauen der Feuer⸗ künſte unterbrochen zu haben. Wir luden ſie ein, ſich zu uns zu ſetzen, und die Wirthin rief nach Wein und Früchten, woran ſich der Lebhaftere, Carlo, ohne Umſtände labte, während der nachdenkliche Leonardo ſein Glas unberührt vor ſich ſtehen ließ. Wir erfuhren bald, daß die jungen Leute nach Florenz gekommen waren, um auf der Malerakademie ihre Studien zu machen. Im Verlauf des Geſpräches ergab ſich's, daß ſie die Söhne eines deutſchen Ma— lers waren, der vor Kurzem in Venedig geſtorben. Die Mutter hatten ſie beide nicht mehr gekannt. Nun ging das Geſpräch in buntem Wechſel von Deutſch und Italieniſch ſeine munteren Wege, und obwohl es ziemlich allgemein war, fiel es mir doch auf, daß Franz ſeine Spöttereien faſt immer an Carlo richtete, der ihm keine Antwort ſchuldig blieb. Die klaren Züge des knabenhaften Geſichts hatten im Reden etwas überaus Reizendes, Sinniges, zuweilen Schalkhaftes, und ſeine Worte zeigten eine ſo friſche Frühreife, ſo viel beſcheidene Sicherheit, daß ich über das Alter des Jünglings nicht ins Reine kommen konnte. Leonardo, der Jüngere, wie wir ſpäter er⸗ fuhren, ſprach wenig, das Wenige verſtändig und gebildet. Er bemerkte es mit einer ſichtlichen Freude, —— —— 214 wie die glänzendere Erſcheinung ſeines Bruders ihn et⸗ was in Schatten ſtellte. Auch zeigte ſich in dieſer Nähe die Aehnlichkeit minder groß, obwohl ſie immer noch auf den erſten Blick als Brüder zu erkennen waren. Während Leonardo im Weſen den Deutſchen niemals verläugnete, ſchien eine ſüdlichere Beweglichkeit dem Andern ins Blut gedrungen zu ſein, beſonders wenn er den Dialekt ſeiner Vaterſtadt ſprach, der übrigens den Ohren der Signora Eugenia ein Gräuel war. Es war luſtig, wie ſie ihn corrigirte und ſich bei einzelnen provinciellen Wendungen auf die Autorität der Crusca berief. Dann lachte der Zurechtgewieſene herzlich und kniete zuletzt vor dem Sopha nieder, für alle begangenen und noch zu begehenden Sprach⸗ ſünden feierlich um Abſolution bittend. Die Dame zauſ'te ihn in den krauſen, kurzen Haaren, zupfte ihn am Ohr, das durch ſeine beſondere Kleinheit auffiel, und ſagte:„Wenn Ihr uns in Florenz nur die Sprache verdreht und nicht auch den Weibern die Köpfe, ſo will ich Euch allezeit ein gnädiger Beichtiger ſein.“. Lachend ſprang der junge Menſch auf, küßte wiederum der edlen Witwe die Hand, und uns allen ' n 215 kurz eine gute Nacht wünſchend, verließ er mit ſeinem Bruder das Zimmer. Auch wir empfahlen uns, und Franz folgte mir in mein Gemach. Er ſaß vor dem Marmortiſch und trommelte mit den Fingern auf der kühlen Platte. „Was Schlangenhaftes iſt in dem Menſchen, finden Sie nicht?“ ſagte er nach einer Weile.„Die Art, wie er mit der alten Närrin umgeht, mißfällt mir gründlich. Sie iſt im Stande und verliert um die⸗ ſen hübſchen Windbeutel das letzte Bißchen Verſtand, das ihr die Zeitungen übrig gelaſſen haben. Der Stille, der Leonard, das iſt ein ganz anderer Kopf und verdient wahrlich nicht, daß man ihn um ſeinen Bruder Leichtfuß überſieht.“ „Worin Sie es doch am weiteſten von uns allen getrieben haben,“ ſchaltete ich ein. „Hören Sie nur, wie er im Nebenzimmer wieder ſchwatzt und ſchwadronirt! Da fängt er gar an zu ſingen! Gottlob, der Bruder ſcheint es ihm zu ver⸗ bieten. Mich reut, daß ich in dieſes Haus gezogen bin; es iſt doch nicht zu vermeiden, daß der Burſch einem hier über den Weg läuft. Nun, es ſteht mir ja frei, auszuziehen oder abzureiſen.“ „Ich wette, Sie waren ſicht boſr, W8 er⸗ fuhren, daß der hübſche be noſſe ſei.“ „Nein. Aber der Abende leidet. Ich geſtehe, er zog an, draußen auf der Brücke. Aber es geht mir immer ſo, ich werde von ſolchen Regungen immer zum Beſten gehalten. Was iſt er mehr als ein hinlänglich eitler Junge mit einer behenden Art, zu reden und ſich zu be⸗ nehmen! Er wird ſein Lebtag kein rechter Mann, denken Sie an mich. Haben Sie bemerkt, wie er beim Lachen die Zähne zuſammenbeißt? Das ſchien mir zuerſt ganz allerliebſt. Jetzt, wenn ich daran denke, könnte ich ihn darum haſſen.“ „Warum?“. „Ich weiß nicht.“ „Und Sie ſuchen es auch nicht zu ergründen? Ich erkenne Sie nicht wieder, Franz, daß Sie ſich erlau⸗ ben, zu haſſen, ohne ſich Rechenſchaft davon zu geben.“ Er ward ſtutzig, ſtand auf, putzte das Licht, blätterte in Büchern und ſagte endlich:„Wir wollen ſchlafen, ich bin dieſes Tages müde. Nebenan iſt auch ſchon Alles ſtill. Sehen Sie den ſchönen Mond! 8 Von allem Gefunkel und Geflunker des Feuerwerks iſt nichts übrig, Alles in Rauch und Aſche verweht; das Geſtirn da oben iſt unvergänglich.— Gute Nacht!“— War das Franz, der mit dieſem lyriſchen Stoß⸗ ſeufzer von mir ging? Und war das Franz, den ich am andern Vor⸗ mittag in eifrigem Geſpräch mit den Venetianern durch die Uffizien wandeln ſah? Derſelbe Franz, der ſonſt wie ein Abweſender an allen Meiſterwerken vorbeidämmerte, jetzt ſtand er geduldig in der Tri— bune vor dem rafaeliſchen Julius II., in dem er früher nur einen böſen, ſchlauen, fatalen alten Herrn geſehen und horchte auf Carlo's enthuſiaſtiſche Reden über Colorit, Zeichnung, Haltung und Coſtüm? Ich traute meinen Augen nicht. Endlich hörte ich, wie ſie in einen Zank geriethen, der Jüngling im höchſten Unwillen ihn einen Blinden ſchalt, der nicht werth ſei, daß ihn Rafaels Sonne beſcheine, und ſah Franz ſich mit einem kurzen Hm! abwenden— ja wohl, das war Franz ohne Frage. Ich ſchloß mich ihnen an und ſtiftete bald Frieden. 218 „So ein gottverlaſſener Menſch, wie Sie ſind, iſt mir noch nicht vorgekommen!“ rief der Jüngling zu Franz gewandt, mit komiſchem Zorn.„Warten Sie, ich muß Sie in die Schule nehmen, von unten auf müſſen Sie mir anfangen, beim Allermagerſten und Ehrwürdigſten, was hier iſt, beim byzantiniſchen ABC. Iſt es denn wahr, daß Sie nicht aus dem Monde mitten in Florenz hineingefallen ſind, daß Sie vorher in Rom waren? Laſſen Sie ſich ſagen, daß Sie mich dauern. Ich will thun, was ich kann, aber Sie müſſen mich machen laſſen, hören Sie? Ihre abſcheulichen Ketzereien mir nicht dazwiſchen werfen und fein anhören, was ich Ihnen ſage, ſo verſpreche ich Ihnen...“ „Daß Sie mich mit der Zeit dahin bringen wer⸗ den, vor dieſen alten Farbenkruſten die Hände über den Kopf zuſammen zu ſchlagen gleich Ihnen. Nicht wahr?“ Der Jüngling blitzte ihn heftig an.„Sie wiſſen, daß Sie mich ärgern, darum reden Sie ſolches Zeug. Sie glauben ſelber nicht an Ihre Läſterungen, Sie haben nur die böſe Freude, ſich und Anderen den Spaß zu verderben. Das iſt ſchlecht von Ihnen, 219 und obwohl ich Sie erſt ſeit geſtern kenne, nehme ich mir doch die Freiheit, Ihnen das zu ſagen.“ Damit drehte er ſich auf dem Abſatz herum und ging weiter von Bild zu Bild, bald zum Bruder, bald zu mir ſein Entzücken ausſprechend. Franz folgte uns; ich bemerkte, daß er trotz ſeines ſpötti⸗ ſchen Zuges andächtig zuhörte, wobei er freilich mehr den Redenden, als die Dinge, von denen er ſprach, im Auge hatte. Zuweilen konnte er es nicht laſſen, ein paar Tropfen Waſſer in die Glut zu ſpritzen. Carlo aber that, als gehöre er nicht zu uns und miſche ſich ſehr unberufen ein. Als er vor einer Ve— nus Titians nun ſeinerſeits parodirend in Begeiſte⸗ rung gerieth, ſah ihn Carlo ruhig eine Zeitlang an. „Sie ſind unglücklich,“ ſagte er dann,„ich habe das herzlichſte Gefühl davon.“— Franz brach augen⸗ blicklich ab; über eine Weile, als wir uns nach ihm umſahen, war er verſchwunden. Ich gab den Brüdern die nöthigſten Erklärungen über dieſen befremdlichen Geiſt, denn es war mir drückend, daß ſie ihn völlig verkennen und ſich von ihm abwenden möchten. Beide zeigten lebendigen Antheil, Carlo wurde ſtiller; Leonardo ſagte, daß 220 jenſeits der Alpen eine andere Menſchenwelt beginnen müſſe; wenigſtens ſei ihm auch ſein Vater anders vorgekommen, als Alle um ihn her. Ich freute mich, daß beide Jünglinge ſich begierig zeigten, Franz zu zerſtreuen und ihn aus ſich heraus zu locken. Für den Abend mußten wir leider darauf verzichten, ihn unter uns zu haben. Signora Eugenia hatte in be⸗ ſonderer Liebenswürdigkeit die Brüder aufgefordert, ſie ins Theater zu begleiten, wo Silvio Pellico's Francesca von Rimini mit der Riſtori als Francesca bevorſtand. Als ſie Franz davon geſagt, habe er heftig geſcholten, daß die alte Närrin ihnen in ſolcher Hitze die friſche Luft mißgönnte, um ſie in ein dum— pfes Wachsfigurenkabinet zu ſperren. Sie hatten ihn ausgelacht und weiter nicht davon geſprochen. So fanden wir uns denn Abends im Parquet des Teatro Cocomero wieder zuſammen, unſere Sig⸗ nora ſichtlich geſchmeichelt von dem Aufſehen, das ſie in der Mitte der beiden Jünglinge auf ihre älte— ren Bekannten machte. Sogar ihr Hündchen Ariſto⸗ demo, das ſie ſonſt in einem großen Pompadour mitzunehmen pflegte, aus dem es mit verſtändiger Ruhe und gelegentlichem Naſerümpfen hervorſehend das Spiel verfolgte, ohne gleich anderen unvernünf⸗ tigen Creaturen an der Caſſe zurückgewieſen zu wer⸗ den, ſelbſt dieſe Perle aller gebildeten Quadrupeden D D war heute zu Hauſe geblieben. Die Dame hatte große Toilette gemacht und war ſehr echauffirt. Sie ſaß auf ihrem gewöhnlichen Platze mitten unter dem Herrenpublikum und ſtellte einem und dem anderen alten Freunde die Venetianer als ihre Hausgenoſſen vor. Carlo zog auch hier die Aufmerkſamkeit auf ſich, und ich mußte ihn im Stillen einer kleinen Coquetterie ſchuldig finden, mit der er ſeiner wür⸗ digen Nachbarin in aller Weiſe den Hof machte. Zum erſtenmale ſchien mir auch, als ob Leonardo von der übermüthigen Laune des Bruders beunruhigt werde. Ich ſaß neben dem Schweigſamen, und ein Zug geheimnißvoller Schwermuth auf ſeiner Stirn beſchäftigte immer mehr meine Neugier. Als der Vorhang aufging, wurden freilich alle Gedanken einzig auf das Stück und die Darſteller gelenkt. Ich hatte das in Italien ſehr überſchätzte Trauer⸗ ſpiel geleſen und die opernmäßige Allgemeinheit der Charaktere, die Abdämpfung des tief leidenſchaftlichen Conflicts, die Zahmheit der Sprache mit Unmuth empfunden. Nun aber ergänzten die Spieler, was die Natur dem Dichter verſagt hatte; es war, wie wenn ſich in Adern von Marmorbildern volles, klo⸗ pfendes, heißes Blut ergöſſe und die Steine bewegte. Wer iſt nicht ſchon in den Fall gekommen, eine flache italieniſche Opernarie durch eine leidenſchaftliche Stimme zu ungeahnter Macht vertieft zu hören. Aehnlich war es hier. Eine Gewitteratmoſphäre ſchien über dem Proſcenium zu ſchweben, jedes Wort, jede Geberde mit verhaltenem Feuer zu tränken, und als die herrliche Riſtori die lange bekämpften Gefühle in das Eine Wort: Ich ſterb' um dich! geliebten Verſagten umfaßte, hätte gewundert, zwiſchen den beiden Ge⸗ armen, den Blitz auflodern und die Soffiten in Brand ſtecken zu ſehen. Auch unter der Menge hatte es eingeſchlagen, und ein Donner des Beifalls folgte, der die Vor⸗ ſtellung lange Minuten unterbrach. Zufällig ſah ich während des Aufruhrs zur Seite; da ſtand Einer an die Parterrewand gelehnt, eine kräftige hohe Geſtalt, die Arme gekreuzt, den Hut auf dem Kopf, die 1 1 223 Augen feſt auf die Bank, wo wir ſaßen, nein, auf Carlo allein gerichtet. War das derſelbe Franz, der ſich in kein dumpfes Theater ſperren laſſen wollte? Und wenn er es denn war, erkannte er ſich genug⸗ ſam ſelbſt, um zu wiſſen, was ihn hergezogen? Die Anderen ſchienen ſeine Gegenwart nicht zu bemerken, mich aber verſenkte ſie in ein wunderliches Grübeln, in welchem ich den letzten, ſo viel ſchwä⸗ cheren Akten des Stückes wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte. Es war offenbar, daß etwas in meinem Freunde „gährte, eine ſeltſame Kriſis ſeiner Krankheit ſich vor⸗ bereitete. Was war es, das ihn an dieſen jungen Menſchen knüpfte, ihn zwang, ſeinen Spuren nach⸗ zugehen, in ſeiner Nähe duldſamer, ſtiller und wie verwandelt zu werden? Er hatte es kein Hehl, daß ihn jeder Menſch, wie jedes Ding nur ſo lange in— tereſſirte, bis er ihn„von zwei Seiten angeſehen,“ ihn durchſchaut hatte, wie einen gläſernen Würfel. Dann pflegte er ihn wegzuwerfen oder ihn mit freund⸗ licher Gleichgültigkeit fernerhin neben ſich zu leiden. Daß er ſich tiefer einließ und zu einer Freundſchaft fortgeriſſen wurde, hatte ich nie erlebt. Und doch ſchien hier dergleichen im Werk zu ſein, obwohl ich 224 an dem kecken Jungen nicht mehr entdecken konnte, als ihm früher auf der Univerſität ſo und ſo viel begabte ſtrebſame Cameraden hätten bieten können. Am Ausgang aus dem Theater erwartete er unſere kleine Geſellſchaft und ließ ſich gutmüthig von Carlo necken, daß er dennoch gekommen ſei.„Was wollen Sie, mein Junge!“ ſagte er;„Thorheiten ſtecken an. Aber eine Thorheit bleibt es bei alledem, ſich in die Liebe zu verlieben, die ein Dritter liebt, und zumal es in ſolcher Hitze zu thun. Habt ihr nicht alle mit euren eigenen Leidenſchaften genug zu thun? Müßt ihr noch euer Geld dafür ausgeben, euch von fremder Sehnſucht plagen zu laſſen? Ich zwar, der ich nie verliebt war, kann an dieſen Ab⸗ gründen ruhig vorbeitraben, wie ein armer Eſel, ohne ſchwindlig zu werden. Aber Sie, junge Stru⸗ delköpfe, und Ihr, edle Signora,— denn meinen Freund da nehme ich aus, weil er pſychologiſche Studien damit verbindet— ihr ſolltet klüger ſein und euch an den Trauerſpielen genügen laſſen, die — . ihr auf eigene Rechnung in Scene ſetzt.“— Alle ſchalten eifrig oder lachend auf ihn ein, daß er ihnen den Nachgenuß verderben wolle, und unſere von Las ten em, ebt, Freundin ſprach viel und gut von dem Weſen und den Wirkungen der Kunſt; ja auch der nachdenkliche Leonardo ſchüttete ein volles, warmes Jugendgemüth über dieſen Gegenſtand aus. Franz ließ ſie reden und lächelte in ſich hinein. Auf einmal traf ihn eine hingeworfene Frage Carlo's:„Und Sie ſagen, Sie häften nie geliebt?“ „Nie länger als zwei Stunden hintereinander, mein junger Freund, und das im beſten, will ſagen im ſchlimmſten Fall. Das Beſte bei der Liebe thut in der Jugend der gute Wille, verliebt zu ſein, es mitzumachen wie Andere. Dazu war ich einem armen Ding von Mädchen gegenüber immer zu ehr⸗ lich. Aber auch wenn es ſcheint, als würden wir gar nicht gefragt, als müßten wir eben dieſem oder jenem Geſicht anhangen, wir möchten wollen oder nicht, gehört doch eine gewiſſe Ausdauer dazu, bis man endlich bis über die Ohren feſtſitzt. Keiner iſt gleich in der erſten Stunde unrettbar verloren, denn die Liebe iſt nicht blind. Aber die Meiſten verbinden ſich ſelbſt die Augen, um die Wege nicht zu ſehen, auf denen ſie ſich retten könnten. Und warum das? Damit ſie recht bequem mit der Menſchenliebe ſich Heyſe, Neue Novellen 15 226 ein- für allemal abfinden möchten, verlieben ſie ſich in ein einzelnes Geſchöpf; die andere Menſchheit kann dann der Teufel holen. Wer vor der Liebe flüchtet, der hat gewöhnlich nichts Eiligeres zu thun, als ſich die Verliebtheit in eine einzelne Perſon anzugewöhnen.“ „Anzugewöhnen, welch ein garſtiges Wort!“ „Das richtigſte, Signor Carlo, wenn auch die Schwärmer mich dafür ſteinigen werden. Jeder, der anfängt, ſich zu verlieben, hat helle Intervalle, Rückfälle in ſeine frühere Gleichgültigkeit. Denn ſeine Geliebte mag ein ſo himmliſches Geſchöpf ſein, als ſie irgend will, ſie hat darum nicht minder ihre zwei Seiten, und auch die Kehrſeite wird ihm zu⸗ weilen klar; dann aber redet ſich der gute Junge eifrig aus, was er mit Augen geſehen hat, um nur erſt recht in Zug mit der Paſſion zu kommen. Ach, es iſt ein gar ſo trefflicher Vorwand, nichts zu den⸗ ken, was doch den meiſten Menſchen das ſüßeſte Ver⸗ gnügen iſt. Ich theile dieſen Geſchmack leider nicht. Ich ſah immer, wie das Gefühl, wenn es in mir aufging, Ebbe und Flut hatte, wuchs und fiel, und mußte mir ehrlich ſagen: das iſt eine endliche Wallung wie hundert andere, und du wirſt eine Lüge enn ein, ihre 227 ſagen, wenn du ewige Treue ſchwörſt. Auch Treue iſt ja eine Gewohnheitsſache. Wem das Leben, die Welt, ſein eigenes Herz alle Tage neu erſcheint, wie kann er ſich mit gutem Gewiſſen Dauer von ſeinen Gefühlen verſprechen?“ Er hatte das lebhaft, faſt nur für ſich geſprochen, deutſch, ſo daß die Signora, als er ſchwieg, Carlo um eine Verdolmetſchung bat. N „B erlangt nicht, theuerſte Freundin,“ rief der Jüngling,„daß ich Euch dieſe ſchlimme deutſche Philoſophie in die zärtliche Sprache Italiens überſetze, deren Worte mir auf der Zunge ſich ſträuben würden gegen dieſe Gottes⸗ läſterung. Ja,“ fuhr er gegen Franz gewandt fort, g. Ja, 9 gegen Franz g. „nichts Geringeres ſind Eure Reden. Ich für mein Theil habe noch keine Erfahrungen, mit denen ich Euch widerlegen könnte. Aber ſchon das Wort Liebe überſchauert mich, wie nichts Endliches kann, wie nur ewige Mächte vermögen. Fühltet Ihr Euch heute nicht wie in der Kirche, als Francesca alle Schranken durchbrach und ſagte: ich ſterb' um dich? Aber ich weiß wohl, Ihr habt überhaupt keine An⸗ dacht, Signor, Ihr kritiſirtet wohl gar den Sonnen⸗ untergang oder den geſtirnten Himmel.“ 228 „Wenn das Andacht heißt, daß einem Sinne und Gedanken ſchwinden, ſo weiß ich allerdings nicht, was ich entbehre, wenn ſie mir mangelt.“ „Sinne und Gedanken! das iſt alles Stückwerk. Euren ganzen Menſchen auf einmal würdet Ihr empfinden, wenn Ihr andächtig ſein könntet. Aber ich bin ein Thor, daß ich auf Eure Reden antworte. Ihr ſeid doch wohl beſſer, als Ihr Euch macht, und wollt uns nur verwirren und aufbringen.“ „Ich wollte, Ihr hättet Recht,“ erwiederte Franz nach einer Weile.— So gingen wir, ohne des Weges zu achten, ſelbſt die Signora trotz ihrer Schwer⸗ fälligkeit tapfer mit, bis wir uns an einem der Thore befanden. Mit hunten Lampen winkte von draußen ein Garten herüber, und der Entſchluß war ſchnell gefaßt, dort den Reſt des Abends im Freien zu verbringen. Bald ſaßen wir Alle in einer Laube um den ſteinernen Tiſch; die Kühle that uns wohl, der Geruch der Nachtblumen zog durch die Zweige, über uns breitete ſich die Pracht der Sterne aus, und eine glimmende Wolke von Leuchtkäfern ſetzte das Gefunkel auf der Erde fort, daß Himmel und Geſträuch faſt ohne Grenze in einander zu verfließen ſchienen. Franz ſtürzte ein Glas über das andere hinab, und es gelang ihm wirklich, ſich in eine Art Taumel hinein zu trinken, in dem ihm alle guten Stunden ſeines Lebens wieder aufgingen. Wenigſtens erzählte er die heiterſten Dinge aus ſeiner Vergan⸗ genheit. Es fiel mir auf, daß Carlo immer ein⸗ ſylbiger wurde. Als ich ihn endlich fragte, was ihm ſei, ſagte er ernſthaft:„Morgen gehen wir zu⸗ erſt auf die Akademie. Mir iſt bange, wenn ich daran denke. Ich bin zum erſtenmale unſicher in mir, ob mein Talent ausreichen wird.“— Der Bruder drückte ihm die Hand unter dem Tiſche, ſo ſaßen ſie eine Weile. Eugenia ſah den Jüngling zärtlich an, das ſchien ihm ſeinen alten Uebermuth wiederzugeben. Er hob ſein Glas und trank ihr zu; dann flocht er von den Ranken der Laube einen ſtattlichen Kranz und ruhte nicht, bis er ihn ihr aufgeſetzt hatte.„Geſteht es nur, daß Ihr ihn ver⸗ dient, und wär's auch echter Lorbeer,“ rief er mit luſtigem Pathos.„Ich will meine rechte Hand ins Feuer legen, wenn Ihr nicht auf Eurer einſamen Klauſe zuweilen die höchſten Herrſchaften, Ihre 230 Majeſtäten die Muſen empfangt. Ich habe ein Buch bei Euch liegen ſehen, dem ſchon auf drei Schritte an⸗ zumerken war, daß geſchriebene Verſe darin ſtanden.“ „Birbone!“ ſchalt die gute Dame,„Ihr habt diebiſche Augen, man muß ſich und das Seinige dreifach vor Euch verſchließen.“ „Seht Ihr, wie Ihr roth werdet, theuerſte Freundin?“ rief Carlo.„Die Maske iſt gefallen, Euer wahres Geſicht ſtrahlt uns an. Nun aber laſſ' ich Euch keine Ruhe, bis Ihr uns einige von Euren Verſen recitirt habt. Sträubt Euch nicht, wir laſſen Euch nicht eher heim, wenn auch Ariſtodemo kein Auge zuthun ſollte, bis Ihr ihm eine gute Nacht gewünſcht habt. Und horch, wie beſtellt fängt da unten auf der Straße eine Guitarre an zu klingen.“ Eugenia ſah vor ſich nieder, faltete die Hände um ihr Glas und ſprach nach einer Weile ſtiller Meditation folgenden Monolog Julia's vor dem verhängnißvollen Schlaftrunk: Hinab, hinab! ſchon harrt der finſtre Kahn, Mich von des Lebens Ufern zu entführen. O Mutter, deine Scheideblicke ſchnüren Mein Herz zuſammen— dennoch ſei's gethan! Was ſiehſt du, Charon, mich ſo ſchaurig an? Nicht will ich deinen Grimm mit Seufzern ſchüren. n⸗ Fahr zu! Doch eh' wir jenen Strand berühren, .7 Wird mein geliebter Freund dem Fluſſe nahn. bt . Er kommt, als lockt' es ihn zu kühlem Bad, ge Du ſiehſt ihn, und der Reiz der ſchönen Glieder Zieht dich zurück den kaum durchmeſſ'nen Pfad. te Du winkſt ihm freundlich in den Nachen nieder— n, Er ſcheint bereit— da ſpring' ich ans Geſtad, 3 Und Romeo und die Sonne küßt mich wieder! n t Wir hörten dem Fluß der Worte zu, während ſ 4 dem die Guitarre ſich mehr und mehr entfernend t in ſanften Accorden forttönte, bis endlich, wie ver⸗ 1 abredet, mit den letzten Verſen der Saitenklang im d 4 Weiten verhallte. 1„Das war ſchön! das war wundervoll!“ ſagte Carlo halblaut, als ſie geendet hatte. 1 2.. ⁸. C „Ich hab' es in meiner Jugend gedichtet,“ ſprach n.; die gute Dame erröthend.— Dann, nachdem wir ein wenig geſchwiegen und geſonnen hatten, ſtand ſie auf, zog ſich ihr Tuch feſter um die Schultern und begehrte heim.„Seit zehn Jahren iſt es das erſtemal, daß ich ſo in die Nacht hinein im Freien 232 ſaß. Stella wird meinen, mir ſei ein Unglück be⸗ gegnet.“ „Kommt,“ ſagte Carlo,„gehen wir langſam nach Hauſe, Madonna Giulia! Gebt mir Euren Arm, und im Gehen, nicht wahr, erzählt Ihr mir noch mehr von der Zeit, die Ihr Eure Jugend nennt, obwohl Ihr wiſſen müßt, daß die Poeten ewig jung ſind.“ „Beſchützt mich vor dieſem argen Menſchen, ihr Herren! Er hat eine Art, zu fragen, daß man ſeiner Geheimniſſe bei ihm nicht ſicher iſt. Euren Arm will ich, Signor Paolo!“ So führte ich ſie voran und ergötzte mich über die halb mütterliche, halb verſchämte Art, wie ſie auf dem ganzen Wege von nichts als von dem Jünglinge ſprach.„Wenn ich noch jung wäre,“ ſagte ſie ernſthaft,„ich reiſ'te morgen in aller Frühe weg, um vor dieſen Augen geſchützt zu ſein.“ „Was hülf' es aber, wenn er Euch nachgereiſ't käme?“ „Der? Glaubt Ihr wirklich, daß er ein Herz hat?“ „Er hatte vielleicht noch vor Kurzem eines,“ ſagte ich,„bis Ihr es ihm mit Euren Verſen entwendet habt.“ „Ihr ſpottet,“ ſprach ſie halb lachend,„Ihr ſeid auch nicht beſſer als die Andern. Wir wollen warten, bis die Drei herankommen; der Leonardo wenigſtens iſt ein geſcheidter und höflicher Menſch, ſonſt taugt die ganze Geſellſchaft Einer ſo wenig wie der Andere.“ Ich wunderte mich, daß wir bei unſerm Schlen⸗ dern dennoch ſo lange zu warten hatten, bis Franz mit den Jünglingen nachkam. Ich hörte ihn von fern lebhaft reden, faſt ſcheltend, und ſah, als ſie endlich nahe kamen, daß Carlo den Kopf hängen ließ und erhitzte Wangen hatte. Als man ſich dar⸗ auf im Hauſe trennte und Franz noch auf einen Augenblick bei mir eintrat, befragte ich ihn, was er dem jungen Manne ſo Heftiges geſagt habe. „Seinen Leichtſinn hab' ich ihm vorgeworfen,“ fuhr Franz auf,„ſeine Spitzbübereien, mit denen er die arme, halbverrückte Perſon vollends zur Närrin macht. Gefällt es Ihnen denn, dieſes Gethue, dieſes Handküſſen, und von ihrer Seite dieſes Anſchmachten und Erröthen?“ „Verſtehen Sie denn nicht Spaß, Franz?“ „Spaß! Es iſt mir gar nicht ſpaßhaft dabei zu 234 Muthe. Der gute Kern, der in dem Jungen ſteckt, wird in den Grund verdorben durch dieſe faden Poſſen. Das hab' ich ihm geſagt.“ „Und was erwiederte er Ihnen?“ „Sie kennen ihn, ſeine ungezogene Art, ſich mit einem Scherz aus der Affaire zu ziehen. Wenn ich wüßte, wie luſtig ihm das ſei, wenn ſich die gute Dame wirklich in ihn verliebte, würde ich ihn nicht ſo ernſthaft zur Rede ſetzen. Das war denn auch dem Bruder zu toll, und er ſagte ihm, er ſolle be— denken, was er ſpräche. Daß er noch nicht wirklich ſchlecht iſt, ſah ich dann wieder, als er betrübt neben mir her ging. Er dauerte mich, ich ſagte ihm, daß ich ihn lieb hätte, und was ich an ihm hofmeiſterte, könnte ich faſt beneiden, die ganze leichtblutige Kunſt, in den Tag hinein zu leben. Noch nie ſei ich von meinem Gegentheile ſo lange angezogen worden, wie von ihm, und wenn es ihm recht ſei, wollten wir hier gute Freundſchaft halten; ich fühlte, es müſſe mir heilſam ſein, mit ſo jungem Blute zuſammen zu leben, und mehr dergleichen. Das hörte er an, ohne ein Wort zu erwiedern; aber wie er mir vor⸗ hin gute Nacht ſagte, empfand ich, daß auch er trotz 235 all meiner Schroffheiten und Unarten mir zuge⸗ than ſei. Ihnen kann ich es geſtehen, Beſter, ich erkenne mich ſelbſt nicht mehr ſeit geſtern. Wie ein Bruder iſt mir dieſer Junge, oder wie ein eigenes Kind, über deſſen Geſchwätz man alle ſeine Sorgen vergeſſen mag. Ja, es iſt lächerlich, wie ich mich vor mir ſelber fürchte, den Augenblick mit Schrecken erwarte, wo ich ihn näher kennen und auch mit ihm fertig ſein werde. Darum fahre ich gleich ſo auf, wenn ich einen Fehler an ihm entdecke, und möchte den mit Stumpf und Stiel ausrotten, damit er mir nicht die Freude verderbe.— Welch ein ſchöner Tag war das heute, mein erſter genoſſener in Italien! Wir müſſen das öfter ſo machen, den Abend vor die Stadt zu gehen. Und dann laſſen wir die Dichterin zu Hauſe.“ „Ich glaube gar, Sie ſind eiferſüchtig, Franz.“ „Meiner Treu', ich glaube es beinahe auch,“ ſagte er in vollem Ernſte. Dann lachte er, ſah ſich im Zimmer um und nahm einen Jasminzweig, den mir Carlo aus einem Garten, wo wir vorübergin⸗ gen, abgebrochen, wie aus Zerſtreuung in die Hand und dann mit in ſein Zimmer. Ich that, als — -——— —— 236 bemerke ich es nicht, und ſah ihn noch am anderen Tage in Waſſer geſtellt an ſeinem Fenſter. Ein Theil meiner Zeit war in Florenz eini⸗ gen würdigen Pergamenen gewidmet, die in der Lorenzbibliothek auf hohen Pulten in langen Rei⸗ hen an der Kette liegen und auch, wenn ſie von ihrem beſtimmten Platze losgelöſ't werden, das Kett⸗ chen überall mitſchleppen. Dort in dem ſchönen, von Michel Angelo gebauten Bibliothekſaale ver⸗ brachte ich meine Vormittage, kühl, ruhig und in der beſten Geſellſchaft. Hatte ich dann meinen Ge⸗ fangenen wieder ausgeliefert, ſo war ich gewiß, in einer der Galerieen Franz und die jungen Leute zu treffen. Leonardo, der, obwohl der Jüngere von Beiden, der Vorgeſchrittnere war, hatte aus Venedig einige Beſtellungen auf Copieen mitgebracht und ſchlug ſeine Staffelei zunächſt vor einer Tafel Fieſole's in den Uffizien auf. Mich wunderte, als ich ſeine raſche, geübte Hand ſah, daß er dennoch die Aka⸗ demie mit dem Bruder in den Frühſtunden beſuchte, und zwar, wie ich aus einigen dort ausgeführten ren 237 Blättern ſah, die Gypsclaſſe. Nach dem lebenden Mo⸗ dell ſchienen ſie noch nicht zu zeichnen. Man kann ſich nicht genug üben, erwiederte er auf meine Frage, ob er dieſe Dinge nicht längſt hinter ſich habe. Es ſchien ihm unlieb, daß ich mich um ſein Treiben bekümmerte. Während er nun ſaß und fleißig an ſeinem Bilde malte, wandelte Franz mit dem älteren Bruder von Saal zu Saal und machte ſeinen Curſus aufmerkſam durch. Nur ſelten tauchte der alte, verneinende Geiſt wieder auf, und ein Drohen mit dem Finger bändigte ihn ſogleich wieder. Die räthſelhafte Herr⸗ ſchaft, die der knabenhafte Jüngling über den reifen Nann ausübte, wurde täglich feſter, und täglich ſchien Franz ſich williger darein zu fügen. Er ge⸗ ſtand mir, daß er ſeinen Arzt ſegne, der ihn nach Italien geſchickt habe.„Ich werde wie ein anderer Menſch heimkehren, und nur das ängſtigt mich, daß dann dieſe ganze Zeit wie ein Traum hinter mir liegen wird und ich wachend mir eben ſo zur Laſt ſein werde wie bisher.“ Einmal, als wir in unſerer Trattorie zuſammen ſaßen, kam Franz mit dem Vorſchlage heraus, die 238 Brüder ſollten ihn nach F. begleiten.„Ihr werdet dort deutſche Kunſt ſehen und mehr lernen als hier,“ ſagte er eifrig.„Oder, was noch beſſer wäre, Carlo, Ihr hängt die ganze Malerei an einen Florentiner Nagel und werdet mein Compagnon. Sagt Ihr nicht ſelbſt, daß Euch immer mehr die Zweifel zuſetzen, ob Ihr es zu was Rechtem bringen würdet? Ich ſehe, daß Ihr vor dem Gedanken erſchreckt, in einem Comptoir zu ſitzen und Briefe zu ſchreiben. O, Ihr ſolltet es gut haben! Ich habe die ſchönſte Biblio⸗ thek, die Ihr Euch denken könnt, Ihr würdet eine Welt vor Euch aufgehen ſehen und auch mich wieder zu meinen alten Liebhabereien bringen. Dann und wann ſäßet Ihr ehrenhalber ein paar Stunden bei mir in meinem Cabinet, und wenn Euch die dop⸗ pelte Buchhaltung langweilte, führten wir eine ganz neue Art derſelben ein, nämlich Ihr hättet zum Schein ein Handlungsbuch vor Euch liegen und da⸗ neben ein anderes, in dem keine andere Zahlen ſtünden, als die Seitenzahlen. Wollt ihr?“ „Und Leonardo?“ „Der fände auch in F. genug zu malen, da er es denn doch einmal nicht mehr laſſen kann, am verdet jier,“ arlo, tiner nicht eten, Ich inem ieder und 1bei dop⸗ gan zun da⸗ nhlen a er 239 Verfall der modernen Kunſt mitzuarbeiten. Ueber⸗ legt es euch. Wenn ihr Nein ſagt, ſo mache ich am Ende den dummen Streich, hier in Florenz ſitzen 5 zu bleiben. Denn es iſt eine wahre Schande, wie ich mich jetzt langweile, wenn ich mich ein paar Stun⸗ den ohne euer Kunſtgeſchwätz behelfen ſoll.“ Carlo antwortete nichts. Von Stund an aber ward er in ſich gekehrter und ſchien ſich abſichtlich von Franz ferner zu halten. Er gab ihm keine Hand mehr und nahm nie ſeinen Arm. Oft mitten im lebendigſten Geſpräch ſtockte er, verwirrte ſich, wurde roth und ſchloß ſich mehr an mich an, wenn wir ſpazieren gingen in der lachenden Gegend um die Stadt oder in Kirchen und Klöſtern. Es ſchien etwas in ihm zu wühlen und zu arbeiten, womit er nicht ins Klare kommen konnte. Auch der Signora Eugenia gegenüber hielt er ſich zurück. Er geſtand uns am Tage nach dem Theater mit lachender Verlegenheit, daß er aus der Akademie heimkehrend ein Sonett auf ſeinem Tiſch gefunden, mit der Ueberſchrift:„An Romeo,“ ohne Namen des Autors. Franz hatte ihn heftig geſchol⸗ ten, was er ſchweigend hinnahm. Später waren wir 240 einmal in die Zimmer der jungen Leute getreten, ihre Arbeiten anzuſehen. Da ſtand eine Vaſe mit ausgeſucht ſchönen Blumen auf dem Tiſch. Woher ſie kamen, wußten die Brüder nicht zu ſagen, doch war es klar, daß ſie für Romeo beſtimmt waren. Franz wurde wild, und in der aufgebrachten Laune, in der er war, tadelte er rückſichtslos Carlo's Zeich⸗ nungen, die allerdings hinter denen des Bruders weit zurückſtanden. Die Thränen traten dem guten Jungen in die Augen, und er trieb uns in hellem Zorn wieder hinaus. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir aufgefallen, daß die Brüder ſich die Zimmer völlig getheilt hatten und jeder in dem ſeinigen ſein Lager hatte. Ein wunderlicher Verdacht ſtieg in mir auf. Einige Wochen waren vergangen ohne beſondere Ereigniſſe, nur daß die Kriſis in Franzens Krank⸗ heit allerdings ernſtlich zu ſein ſchien. Ja eine ge⸗ wiſſe Leidenſchaftlichkeit, mit der er Carlo's Zurück⸗ haltung empfand, und eine ſeltſame Eiferſucht gegen mich beſtärkte mich in der Hoffnung, daß er aus dem unſeligen Hang der Selbſtzerſtörung herausge⸗ riſſen und des dunklen Grundes in ſeinem Weſen eten, mit oher doch aren. une, eich⸗ ders uten llem kam, 241 wieder theilhaftig geworden ſei. Doch war er noch genug der Alte, um über dieſes Verhältniß ſelbſt zu reflectiren, ſich mir gegenüber zu verſpotten, daß er es nicht ertragen könne, wenn Carlo ihn bei irgend einer Gelegenheit überſah, und ſich zugleich zu ſegnen, daß dieſer unbedeutende junge Menſch es vermochte, ihn in völlige Selbſtvergeſſenheit zu wiegen, ja ihn mit ſeinen eigenen unreifen Schwärmereien anzu⸗ ſtecken.„Der Schlingel könnte mich zum Frömmler machen!“ ſagte er einmal.„Wahrhaftig, ich mache Fortſchritte in meinen Andachtsübungen, ich kann ſtundenlang in die Wolken ſtarren, wenn er mir vor⸗ fabelt, welche herrlichen Formen und Farben dort bei einander ſtehn; ich kann ſogar Gedichte, die er mir vorlieſt, anhören wie im Schlaf und den Mangel an Logik darin nicht von fern empfinden. Am Ende bin ich aus einer Krankheit in eine ſchlimmere ge⸗ rathen. Denn was ſoll daraus werden, wenn der Leichtfuß ſich einmal verliebt und mir davon läuft? Jetzt habe ich das Gefühl, ihm zu nützen, indem ich ihn hofmeiſtere. Aber wenn er ſich von mir eman⸗ cipirt— ich fühle, ich könnte ihn dafür haſſen, wie ich ihn und Sie ſchon jetzt in die Hölle wünſche, Heyſe, Neue Novellen. 16 wenn ihr ſo vertraut und halblaut mit einander redet.“ Ich lächelte und hatte meine Gedanken dabei. In ſolchen Gedanken kam ich eines Vormittags wider Gewohnheit nach Hauſe, da die Bibliothek, ich weiß nicht mehr, aus welchem Grunde, geſchloſſen blieb. Als ich auf dem Corridor an den Zimmern der Brüder vorbeiging, ſtanden die Thüren offen, und ich erblickte Signora Eugenia, die auf Carlo's Sopha ſaß und einen Teller mit Früchten im Be⸗ griff war mit Blumen zu verzieren. Ich ging auf den Zehen vorüber, um ſie in ihrem verſtohlenen Liebeswerk nicht zu erſchrecken, und betrat mein Zimmer. Die Thür nach Franzens Wohnung war den ganzen Tag über geöffnet, um dem Luftzuge einen Paß mehr zu geſtatten. Er ſaß an ſeinem Tiſch und ſchrieb, und da er mich nicht vermuthen konnte, ſchrieb er bei meir Schritten fort, denn er hielt mich für die Magd, die männlich genug aufzutreten pflegte. Es reizte mich, zu wiſſen, woran er ſo eifrig war; ich ſah Bücher aufgeſchlagen, die ich ſonſt nicht bei ihm gefunden, und trat endlich über die Schwelle. Da ſah er um und ſeine erſte ander bei. ittags lothek, loſſen mern offen, arlos 1 Be⸗ auf lenen mein war tzuge einem uthen denn 243 Bewegung war, die Blätter, an denen er ſchrieb, bei Seite zu ſchieben. Dann beſann er ſich ſchnell, ſtand lächelnd auf und ſagte:„Sie ſehen, ich ent— ſetze mich vor Ihnen, wie ein in flagranti ertappter Falſchmünzer. Lachen Sie mich nur aus, aber dann kommen Sie und halten Sie mir ſtill; zur Strafe für Ihre Heimtücke ſollen Sie mir jetzt zuhören. Ich bin ohnedies ſo gut wie fertig. Können Sie rathen, um was ſich's handelt? Sie erinnern ſich jenes Bildes von Philipp II., das von Van Dyck gemalt iſt. Vor etwa vierzehn Tagen ſtehe ich mit meinem kleinen Lehrmeiſter davor, und der Junge kramt aus ſeinem Schiller und Alfieri das unſinnigſte Zeug über dieſen Herrn und ſeinen ſauberen Sohn Don Carlos aus, und als ich mir beſcheidene Einwen⸗ dungen erlaube, will er keine Raiſon annehmen und ſagt mir ins Geſicht, daß die Geſchichtſchreiber grämliche alte Herren ſeien, und nur die Poeten wüßten, wie dem ar nen Carlos zu Muth geweſen. Die Galle lief mir über, als ich den Kleinen ſo trotzen hörte; ich kenne zufällig dieſe Geſchichte genau, und gleich ſchoß mir's in den Kopf, das Wahre von der Sache einmal gründlich zu ſagen, um dem 244 Vorwitz eine Lection zu geben. Damit hab' ich nun ein Dutzend Vormittage verdorben; wie es gerathen iſt, urtheilen Sie ſelbſt.“ Er fing an zu leſen, und bald intereſſirte mich der lebhafte warme Stil, um ſo mehr, als ich deut⸗ lich ſah, wie Franzens gewöhnliche Ironie und Skepſis nach und nach das Feld räumte. Der Ein⸗ gang war noch, als hörte man ihn reden. Er wog Amt und Würde der Hiſtorie und Poeſie mit ſar⸗ kaſtiſchem Lächeln gegen einander ab, bekannte ſich als einen armen Jünger der nackten Wahrheit, warf hin, daß auch die Wahrheit, obſchon ſie nackt ſei, ihre Reize habe, und begann unmerklich mit ſicheren Strichen die Geſtalten zu umreißen. Mehr und mehr hob ihn ſeine Aufgabe, ſeine Worte wurden ſchärfer, ſein Stil größer, das Bild jener Zeiten, mit grellen Lichtern und tiefen Schatten, ſtieg gewal⸗ tig auf, und wenn die Wahrheit, die er gezeichnet, nackt war, ſo war ſie es wie die Geſtalten Michel Angelo's, von deren ſtählernen Muskeln alles Ge⸗ wand wie Zunder abgefallen zu ſein ſcheint. Es ergriff mich tief, ihn dabei anzuſehen, die Hand zitterte, die das Heft hielt, ſeine Stirne röthete ſich, 2 45 nun und die Stimme, die ſonſt ſchneidend war, brach then tief aus dem Buſen vor. Er hatte kaum die letzten Zeilen geleſen und nich ruhte mit geſchloſſenen Augen im Seſſel zurückge⸗ deut lehnt, als ein Schrei von außen die Stille unter⸗ und brach. Wir hörten ein haſtiges Rauſchen und Schlur⸗ Ein⸗ fen über den Corridor, zugleich die beiden Jünglinge wog auf der Treppe; die Thür von Signora Eugenia's ſar⸗ Gemach ward eilig zugeſchlagen, die Venetianer gingen ſich in ihre Zimmer, und es war wieder ſtill. Ich ſagte, varf wie ich unſere gute Wirthin überraſcht hatte und ſei, wie ſie wahrſcheinlich erſt jetzt vor Carlo geflüchtet eren. ſei. Franz überhörte Alles, er ſtand auf und durch⸗ und maß das Zimmer, betrat dann meines und verweilte den drinnen einen Augenblick.„Was iſt das?“ hörte ich ten, ihn plötzlich rufen.„Sie ſind aus der Akademie val⸗ heim, früher als ſonſt, drüben wird geſprochen, net, Leonardo's Stimme, dazwiſchen geweint— was kann hel geſchehen ſein? Der ſanfte, ſtille Leonardo, entſinnen be⸗ Sie ſich eines ſolchen Tones von ihm? Er iſt wie 65 außer ſich.“ am Wir horchten wieder und konnten kein Wort unterſcheiden. Immer noch weinte es dazwiſchen, 10 as — und wie ſich der Weinende zuweilen unterbrach und dem Anderen zuredete oder ihn anzuflehen ſchien, kam wir wiederum aus dem Ton, in dem dies alles geſchah, mein alter Verdacht. Ich ſah, wie Franz auf der Folter war, und wollte eben meine Ver⸗ muthung gegen ihn ausſprechen, als es drüben, ſtill wurde. Einige Minuten vergingen. Franz warf ſich auf mein Sopha, wühlte in den Haaren und ſah ins Leere vor ſich hin. Da öffnete ſich die Thür, und Carlo trat ein. Sein Geſicht war blaß, ſeine Augen verweint, und all jene Munterkeit und Raſchheit des Weſens war von ihm gewichen. Als er Franz bei mir fand, ſchien er zu ſtutzen und ſich zu bedenken. Dann nahm er ſich zuſammen, ſchloß behutſam die Thür, wie er ſie unhörbar geöffnet hatte, und ſagte:„Ver⸗ zeihung, daß ich ohne zu klopfen hereinzutreten wage. Ich wünſche nicht, daß mein Bruder von dieſem Beſuche weiß, ich habe einen Vorwand ge⸗ braucht, ihn zu verlaſſen, denn er würde mir's nie verzeihen, wenn er wüßte, daß ich mich an Sie ge⸗ wandt. Und doch— zu wem ſonſt kann ich meine Zuflucht nehmen?“ und hien, alles ranz Ver⸗ ſtil varf und hür, eint, ſens and, ahm wie Ver⸗ eten von Er lehnte den Platz neben Franz auf dem Sopha, den ich ihm anbot, ab und ſetzte ſich uns gegenüber. Eine Weile ſchien er mit ſich zu kämpfen, wie und wo er anfangen ſolle, dabei traten wieder helle Tropfen in ſeine Augen.„Was werden Sie denken, hub er an, daß Sie mich ſo weinen ſehen! Wenn Sie es für weibiſch halten, kann ich das nicht für eine Schande achten, denn wer will es mit ſeiner wahren Natur aufnehmen? Sie bezwingt mich, ſie bricht endlich durch. Ich bin, was ich Ihnen erſt in dieſer Stunde ſcheine, ein Weib, ein armes, rath⸗ loſes, ſchwaches Mädchen.“ Ich fühlte, wie das Sopha, auf dem ich und Franz ſaßen, bei dieſen Worten erzitterte. Ein ſcheuer Blick Carlo's glitt zu meinem Freunde hin⸗ über; ſein Geſicht war plötzlich erblaßt; dann ſtand er auf, trat ans Fenſter, lehnte gegen die Jalouſie und kreuzte die Arme über der Bruſt.„Fahren Sie fort!“ ſagte er gelaſſen. Sie that es mit freierer Stimme, als habe das erſte Bekenntniß ihr einen Stein vom Herzen gewälzt. „In welchem Lichte muß ich Ihnen erſcheinen,“ ſagte ſie,„daß ich in dieſer Verkleidung in die Welt hinaus —.;———- — — . —— gegangen bin! Wenn Sie zurückdenken, wie unge— bunden und übermüthig ich oft genug war, müſſen Sie da nicht glauben, ich ſei eine Abenteurerin, die ſich in ſolcher falſchen Rolle wohlgefalle? Ach, wenn ich auf Augenblicke mich ſelbſt vergaß, wenn es mich reizte, die Komödie recht gut zu ſpielen, Sie auf jede Weiſe in der Täuſchung zu erhalten, und mir die Zärtlichkeit unſerer guten Wirthin ſehr luſtig vorkam— in dieſer bitteren Stunde büß' ich es hundertfach, was ich dadurch an meinem Geſchlecht geſündigt habe.“ Sie weinte von Neuem. Ich ſuchte ſie zu be⸗ ruhigen und verſicherte ihr, daß ſie ſich nicht das Mindeſte vergeben, in nichts jemals die Sitte ver⸗ letzt habe. „Sie reden umſonſt,“ erwiederte ſie.„Ich habe es dennoch durch jenen erſten Schritt über die Schranke. Ja, hätte ich ein großes Talent, das des Opfers werth wäre! Aber ich werde lebenslang eine Dilet⸗ tantin bleiben. Sehen Sie, ich hatte bei meinem Vater viel gezeichnet und gemalt; er wollte was aus mir machen, denn ich war ſein Augapfel. Als er nun nicht mehr war und ſich meinem Bruder die das 249 Gelegenheit bot, hier einige Aufträge auszuführen, da kam mir der Einfall: wie, wenn du und es ernſtlich verſuchteſt, dich zur K bilden? Sie wiſſen, wie ſchwer es iſt für u mitgingeſt ünſtlerin zu ein Frauen⸗ zimmer, wirklich, wie es nöthig iſt, zu ſtudiren, wenn ſie nicht reich genug iſt, ſich zu einem guten Meiſter allein in die Schule zu geben. mich Alles zu dieſer phantaſtiſchen Thor Liebe zu Leonardo, mein Abſcheu, allein alten Verwandten in Venedig zurückzub daß ich's nur geſtehe, auch die Luſt, einn Es verlockte heit, meine bei unſern leiben, und nal die Welt kennen zu lernen, wie ſie ſonſt nur Männern zugäng⸗ lich iſt. Mein Bruder widerſprach mir lange, aber wozu hätte ich ihn nicht überreden können, wenn es ſich darum handelte, zuſammen zu bl eiben! Zu⸗ letzt gab der Grund den Ausſchlag, daß dieſes der kürzeſte Weg ſei, meine Kräfte wirklich zu prüfen, ob ſie für ein Leben ausreichten. Wir wußten uns einen Paß zu verſchaffen, in dem ich als Carlo auf⸗ geführt war. Meine Haare ſchnitt ich ab, Niemand in Venedig erfuhr ein Wort von meinem Vorhaben, denn unſere Verwandten ſtanden uns ziemlich fern, und Briefe wechſelten wir nicht mit ihne n. So ſind —— 250 wir hieher gekommen, ſo ging ich auf die Akademie, und mein Bruder wurde endlich ruhiger über das Wageſtück, da er ſah, daß ich mich in meiner Rolle bald mit Leichtigkeit bewegte. Innerlich wurde ſie mir freilich mit jedem Tage ſchwerer. Ich fühlte, daß mir die Ausdauer fehlte, ohne die kein wahrer Künſtler gedeihen kann, daß ich mehr empfänglich war, als zum Schaffen begabt, und— läugne ich es nicht— auch Ihnen gegenüber ſchämte ich mich meiner Dreiſtigkeit und Keckheit, die mir meine Kleidung auferlegte. Sie kennen mich gar nicht, wie ich bin; ein Bißchen Muthwille, darauf läuft meine ganze Ungebundenheit hinaus. Wie oft wünſchte ich, daß Sie fortreiſen möchten, damit ich nur vor Ihnen mich nicht zu verſtellen brauchte! Und je freundlicher Sie zu uns wurden, um ſo mehr be⸗ klemmte mich's, daß Sie mir Ihre Freundſchaft ent⸗ ziehen würden, wenn Sie wüßten, wie beſtändig ich Sie hinterging. Ich war ſehr unglücklich und mußte es doch am ſorgfältigſten vor meinem eigenen Bruder verbergen, um ihm zu aller Sorge nicht auch noch dieſe zu bereiten.“ Mit unbeſchreiblich rührendem, ſchüchternem Aus⸗ mie, das lolle 251 drucke ſah ſie mich an und flüchtig zu Franz auf. Die reinſte Kinderſeele trat ihr aufs Geſicht. Franz regte ſich nicht, blickte feſt zu Boden und preßte die Lippen zuſammen. „Und was iſt Ihnen heute begegnet, das Sie bewog, ſich uns zu entdecken?“ fragte ich endlich. Sie erröthete und ſchwieg eine Weile.„Ich ſehe es als einen Theil meiner Strafe an,“ ſagte ſie darauf,„daß ich Ihnen auch das eröffnen muß. Wir gingen heute früh, wie gewöhnlich, in die Akademie. Schon früher hatte meinen Bruder der rohe Ton verdroſſen, den einige Schüler anſchlugen. Gewöhn⸗ lich aber iſt der Profeſſor während der ganzen Zeit zugegen, und wir wählten unſern Platz neben den feineren und wohlerzogneren unter unſern Kame⸗ raden. Heute, nachdem der Lehrer ſeinen erſten Umgang von Bank zu Bank vollendet hatte, entfernte er ſich und ließ uns bei der Arbeit allein. Sogleich machten ſich jene Ungezogenen die Freiheit zu Nutze und fingen allerhand Reden an, die ich mich zu überhören bemühte. Ich ſah in wachſender Angſt, wie unruhig meinem Bruder das Blut zu Herzen ſtieg. Ich ſprach leiſe und eifrig mit ihm und ſuchte 25² ihn abzulenken. Umſonſt. Ein Stück Kohle nach dem anderen zerdrückte er mit bebenden Fingern, und ſein Blick wurde immer fieberhafter. Endlich fing Einer an, eine Geſchichte zu erzählen— wie ſie allerdings für Mädchenohren nicht berechnet war. Ich will nach Hauſe gehen, flüſterte ich ihm zu; du ſagſt, mir ſei unwohl geworden. Er hielt mich ge⸗ waltſam feſt und ſagte mit erſtickter Stimme: du bleibſt! ich muß ein⸗ für allemal ein Ende machen, wenn unſeres Bleibens hinfort hier ſein ſoll. Damit ſtand er auf und befahl jenem Menſchen über die ganze Klaſſe weg, zu ſchweigen und uns mit ſeinen Geſchichten zu verſchonen. Ein allgemeiner Lärm antwortete ihm, von allen Seiten drangen Hohn⸗ und Scheltreden auf uns ein; jener, der es ange⸗ ſtiftet, trat dicht vor meinen Bruder hin und ſagte, daß ſolche Schwächlinge, die hier Sittenprediger ſein wollten, ſich aus der Geſellſchaft freier Künſtler ent⸗ fernen möchten, oder man werde ihnen die Wege weiſen. Ob hier ein Nonnenkloſter ſei oder eine Akademie? Leonardo kam außer ſich, er faßte den Frechen beim Arm und ſchüttelte ihn wie wüthend, daß ſich die Anderen dazwiſchen warfen; er hätte ihn ſonſt gewürgt. Ich will dir zeigen, Unver⸗ ſchämter! rief er, daß ich meinen Mann ſtehe. Wir ſprechen uns!— Da lachte Jener zähneknirſchend, ballte die Fauſt und rief: ich treffe dich, ſei über— zeugt, und ehe du es denkſt. Zittre vor meiner Rache; es war dir lange zugedacht, du öſterreichiſches Milchgeſicht, und nun iſt dein Maß voll!— So, während ſich mir das Haar bei ſeinen Drohungen ſträubte, gelang es mir endlich, meinen armen, völlig ſeiner unbewußten Bruder hinaus zu ziehen. Und nun, nun liegt er drüben wie im Fieber, von dem Vor⸗ falle tief erſchöpft, allen meinen Bitten und Warnun⸗ gen taub, ohne Mitleid mit meiner Angſt und ſagt, daß ihn der Schimpf raſend machen würde, wenn ich ihn hinderte, den Elenden niederzuſchießen. Und das alles iſt mein Werk, meine Schuld, mein ewiger Vorwurf!“ Ich ſah ſie an, als ſie geendet hatte. Sie war aufgeſprungen, während ſie erzählte, und ſtand nun uns abgewendet, ihre faſſungsloſen Thränen zu ver⸗ bergen. Mein Auge ſuchte in Franzens Geſicht zu leſen. Er ſah ſehr ernſt vor ſich nieder, und die gekreuzten Arme hoben ſich auf und ab über der arbeitenden Bruſt. Jetzt richtete er ſich hoch auf. ——ͤ——— 254 „Eine Kinderei iſt',“ ſagte er trocken, und die düſterſte Ironie überflog ſeine Lippen. Er ging nach ſeinem Hut, ohne Einen von uns an⸗ zuſehen und verließ mit kurzem Kopfnicken das Zimmer. Wohl ſah ich, wie das große Auge des Mädchens mit tiefer Angſt ihm folgte, bis die Thür hinter ihm zugefallen war. Ihre Thränen waren plötllich ge⸗ hemmt, ihre Aufregung wie auf Einen Schlag ge⸗ lähmt, und all ihre Gedanken ſchienen den Schritten nachzugehen, die draußen über den Flur erſchallten. Signora Eugenia's Thür hörten wir gehen— eine kurze Stille— dann wieder Franzens Schritte, neben dem Rauſchen eines Frauenkleides, und Beides ver⸗ klang und verrauſchte die Treppe hinab. Ich war ans Fenſter getreten und ſah unten auf der Straße Franz mit unſerer Wirthin ſich ent⸗ fernen. Die Stunde war für einen Ausgang der guten Dame ſo ungewöhnlich, daß ich mich nicht wenig verwunderte und mir lange den Kopf zer⸗ brach, wohin ſie gehen möchten. Auf jeden Fall handelte ſich's um die Auflöſung des ärgerlichen Knotens, den die Geſchwiſter geſchürzt hatten, und ſchens ihm h ge⸗ g ge⸗ ritten lten. eine jeben vel⸗ unten ent⸗ der nicht zel⸗ Fall ichen und 255 ich kannte meinen Freund hinlänglich, um die Sache bei ihm in den beſten Händen zu wiſſen. Das ſagte ich der ſchönen Traurigen, aber es fand wenig Eingang bei ihr Kaum ſchien ſie es zu hören. Denn mit regungsloſen Augen ſtand ſie mir gegenüber, und ſtatt aller Antwort ſagte ſie nur: „Er verachtet mich, ich weiß es!“— Es war um— ſonſt, ſie davon abbringen zu wollen. Während ich noch im tiefſten Mitgefühl alles, was ich nur an beruhigenden Worten fand, an ſie hinredete, ſtürmte plötzlich der Bruder herein. Der Schmerz hatte ihn ganz verwandelt; der ſonſt ſo ſtille, ſchlichte und gehaltene Jüngling war in Wort und Geberde maßlos, Haar und Anzug verwildert, die Augen unſtät und geröthet. „Du haſt uns verrathen!“ rief er, haſtig an die Schweſter herantretend.„Sage es, nur das ſage, alles Uebrige kannſt du ſparen!— O, recht ſo!“ fuhr er fort, als ſie mit einem Nicken antwortete, ohne aus ihrem eigenen Kummer aufzuſehen,„ſo werden wir noch lächerlich werden, da wir nur un⸗ glücklich waren, ein Stadtgeſpräch, Zeitungsfiguren, auf die man mit Fingern weiſ't. War dir's nicht — —y—J— 256 genug, einen Todten oder einen Mörder zum Bruder zu haben? Muß die Welt wiſſen, warum er Eins oder das Andere ward? Aber du haſt falſch gerech⸗ net, indem du das Mitleiden Fremder zu Hülfe riefſt. Niemand ſoll mich hindern, was ich wie ein Knabe angefangen, wie ein Mann durchzuführen. Ich danke Ihnen im Voraus, mein Herr, für allen guten Rath, den ich Ihnen an den Lippen abſehe. Geben Sie ſich keine Mühe. Ich weiß, was ich meinem Vater im Grabe ſchuldig bin. Und hüten Sie ſich wohl, von dem Vertrauen Gebrauch zu machen, das dieſem ſchwachen Mädchen die Verwir⸗ rung ihrer Angſt ablockte! Wenn Sie ſich anmaßen, meine Schritte zu hemmen oder gar die Einmiſchung der Obrigkeit herbeizuführen, bei Gott im Himmel, ich würde nicht ruhen, ehe auch wir einen Gang mit einander gemacht hätten. Und nun komm hin⸗ weg, Carlotta! Nicht zum zweitenmal ſollſt du mich betrügen, nicht noch einmal deine Ehre, die auch die meinige iſt———“ „Sie ſprechen im Fieber, Leonardo!“ unterbrach ich ihn.„Miſchen Sie nicht den Begriff der Ehre hier ein, und ſchämen Sie ſich, daß ich, den Sie 257 Kuder einen Fremden nennen, Ihre Schweſter gegen Sie Ein vertheidigen muß. Wie! Sie wagen, mit ihr zu ereh rechten, weil ſie der Wahrheit die Ehre gab, die 4 dülf allein der Quell aller wahren Ehre iſt? weil ſie uns e ein in ein Vertrauen zog, deſſen wir uns durch unſere hren. herzliche Freundſchaft für Sie beide doch wohl werth alle gemacht haben?“ ſſehe„Reden Sie nur,“ ſtürmte er dazwiſchen,„o reden s ich Sie nur und erbittern Sie mich immer mehr! Alſo hüten auch Ihr Freund war zugegen, als die Schweſter. h zu ſich und ihren Bruder verrieth? Vortrefflich! Ich rwir⸗ ſehe den Spott auf ſeinen Lippen und das Achſel aßen, zucken und die kalte Miene des Weltweiſen! Aber hung das iſt das Wenigſte. Was am bitterſten ſchmerzt, nmel, iſt die Ueberzeugung, die ich gewinne, daß ich ihr Hang nichts gelte, daß ſie, um die ich Alles zu thun und hin⸗ zu dulden Muth habe, mich ſo gering ſchätzt, jedes nich Vertrauen auf mich wegzuwerfen und zu Fremden auch zu flüchten. Bin ich allein nicht Manns genug, dieſe Sache zu Ende zu bringen? Bin ich ein Kind, brach daß meine Schweſter mir Vormünder beſtellt? ein Ehre Wahnſinniger, für den Aerzte geholt werden müſſen? 3 Und wo iſt Ihr Freund? Warum findet er ſich nicht & Heyſe, Neue Novellen. 17 258 ein, daß ich ihm, wie Ihnen, für ſeinen guten Willen danken und mir jede Einmiſchung in meine Angelegenheiten verbitten kann?“ „Er iſt fortgegangen, Leonardo,“ ſagte ich ruhig. Seien Sie überzeugt, daß ihm Ihre Sache und was Sie Ihre Ehre nennen, heilig iſt, wie ſeine eigene. Sie ſind kein Kind, kein Kranker. Aber in der Leidenſchaft Ihrer Sorge um Ihre Schweſter über⸗ ſehen Sie, wie mir ſcheint, daß Sie, wenn Sie Carlotta nicht unglücklich machen wollen, auch für ſich zu ſorgen haben. Sie wollen ihr den Vater erſetzen und tragen kein Bedenken, ſie des Bruders zu berauben.“ Er ſtutzte und ſah mich an.„Gleichviel!“ er⸗ wiederte er nach kurzer Pauſe.„Wenn mir denn ein Unglück zuſtoßen ſollte, und ich hätte eine Schweſter zurückgelaſſen, wie ich mir die meine dachte, muthig, mit feſter Seele und klarem Geiſt, ſo würde ich mein Schickſal getroſt erfüllen. Ich ſehe nun freilich, daß ſie viel Schutzes bedarf, da ihr der meine nicht einmal genügt, und dieſe Er⸗ kenntniß wäre faſt im Stande, eine Memme aus mir zu machen.“ 259 guten Damit warf er ſich auf einen Stuhl und brütete meine verzweifelt vor ſich nieder. Während des ganzen Geſprächs hatte die Schweſter kein Zeichen des An⸗ ruhig. theils gegeben, und erſt jetzt ſchien ſich ihre Ver ˖ was ſteinerung zu löſen. Ein tiefſchmerzlicher Blick fiel igene. auf den geliebten Jüngling; ſie trat leiſe neben ihn der hin und ließ ihre Hände auf ſeiner Schulter ruhen. über„Leonardo,“ ſagte ſie,„laß uns fortreiſen, nach ie Hauſe, heute noch! Wir haben uns geirrt, es ſteckt H für keine Künſtlerin in mir, ich verdiene kein Opfer, das geringſte nicht, denn ich bin nichts, kann nichts, Vater uders und was ich war, ein einfaches Mädchen und deine Schweſter— ich will Gott danken, wenn ich es vr wieder bin und bleiben darf. Was hält uns hier? dem Deine Beſtellung iſt vollendet, auf der Akademie dine verlorſt du nur die Stunden um meinetwillen. Laß nein uns nach Venedig zurück und dieſe Kleider verbren⸗ Geiſt nen, die mich jetzt in den Boden drücken wollen, 4 als wären ſie von Blei.“ 1„Nein!“ rief er aus und ſprang plötzlich wieder br auf;„ich weiche nicht vor einer erbärmlichen Drohung, 1 ich will das Gelächter dieſer Burſche nicht in meinem Rücken laſſen; einmal für allemal will ich zeigen, 260 mit wem ſie es zu thun haben. Sei ruhig, Carlotta, ich kenne dieſen Menſchen; er iſt ſo feige, wie er neidiſch iſt. Hatte er Ehre und Muth genug, meine Herausforderung anzunehmen? Leere Drohungen waren ſeine Antwort. Was denkſt du nur? So wohlfeil kauft man denn doch die Dolchſtiche nicht in Florenz. Und was kann er thun? Eine nichts⸗ würdige Verleumdung gegen mich zuſammenblaſen, das iſt Alles. Das, denke ich, kann ich mit an⸗ ſehen. Ich weiß, daß er mich haßt; wir ſind von gleichem Alter, und er ſieht mich doch in der Galerie malen und pfuſcht ſelber noch an ſeinen Gypſen herum. Es that ihm wohl, was er lange hatte hin— unterſchlucken müſſen, heute in einem Schwall gegen mich auszuſchütten. Der Erbärmliche! Aber er wagt nichts, ich kenne ihn, ſei überzeugt, Schweſter. Ich gehe morgen wieder in die Claſſe, als wäre nichts geſchehen, und warte es ab. Und inzwiſchen bedenke dich, was du thun willſt, und nun— nicht wahr?— du vergiebſt! ich war außer mir und redete irre und habe dir weh gethan!“ Sie fiel ihm um den Hals und konnte nichts ſagen; heftig weinend hing ſie in ſeinem Arm, und nich chts⸗ iſen, 261 er ahnte nicht, wie ich, um was ſie weinte. Ich ſah, daß er ruhiger ward, da er ſie zu beruhigen hatte. Schon lächelte er wieder, und indem er zärt lich das krauſe Haar der Schweſter ſtreichelte, ſah er zu mir hinüber und ſagte:„Sie werden es hin— länglich bereuen, ſich mit ſo läſtigen Menſchen, wie wir beide, jemals eingelaſſen zu haben. Wenn dieſe Kleine hier nicht ganz den Kopf verloren hätte, ſo wäre Ihr Zimmer nicht der Schauplatz ihrer Thränen und meiner Raſerei geworden. Aber wir hoffen, daß Sie, was Sie dem Bruder übel nehmen moch ten, der Schweſter zu Gute halten werden.“ Während ich herzlich ſeine dargebotene Hand drückte und das ſchöne Mädchen, ſich aufrichtend, mit fremden Augen, noch immer in ihren heimlichen Gram vertieft zwiſchen uns ſtand, fuhr ein Wagen am Hauſe vor. Sie ſchrak zuſammen und wagte nicht, ſich umzuwenden, als bald darauf ſich die Thür unſeres Zimmers öffnete. Aber nicht Franz trat herein, nur unſere Wirthin, Signora Eugenia. „Wo iſt ſie?“ war ihr erſtes Wort.„Wo iſt der böſe Schelm von einem Mädchen, die Hexe, der Irrwiſch? Nicht um ihr eine Hand zu geben, behüte! 262 Nur um mich vor ihr zu bekreuzigen und dann baſta! Iſt es erhört, vor unſeren offenen Augen, wochenlang—? aber nein, hernach will ich ſchelten und zürnen, jetzt vor Allem ſagen, wie die Dinge ſtehen, nicht gut und doch nicht zum ärgſten, und jedenfalls beſſer, als dieſe böſe, kleine Perſon ver⸗ dient hat für all ihre Teufeleien. O! welche Hitze draußen, und das alles leid' ich um die ſchlimme Spitzbübin da, die ladra, die birba!“ Es war hochkomiſch, wie die gute Dame mit einem brillanten Theaterblick an Carlotta vorbei⸗ rauſchte und ſich in voller Majeſtät auf das Sopha niederließ. Sie bemühte ſich, das Mädchen völlig zu überſehen, das ihr in der Maske ſo viel zu ſchaffen gemacht hatte. Aber ihre natürliche Gutmüthigkeit ließ ſie raſch aus der Rolle fallen. Es entging ihr nicht, wie tief niedergeſchlagen Carlotta zwiſchen uns ſtand. Alsbald ſprang ſie auf, ergriff ihre beiden Hände und ſagte:„Kind, Kind, die Augen auf und das Kinn in die Höhe und munter, liebes Herz! Was iſt denn? Da haſt du einen Schlag— und da einen Kuß— und nun ſind wir gute Freunde, du Nichtsnutzige, und beſſere als vorher, nicht wahr? A 263 Komm, da ſetz' dich neben mich und höre, was ge⸗ ſchehen iſt. Ihr tragt nun freilich den Schaden, Signor Leonardo, aber beſſer Euer Werk als Euer junger Leib. Seht, ich lag drüben und las gerade meinen Monti, den ich liebe, obwohl er kein Mann war, und ſie warf einen komiſchen Seitenblick auf Carlotta; da bricht Signor Francesco in meine Muſenſtille ein, wie ein Lavaſtrom in ein ſtilles Dorf am Sonntag.— Steht auf, ſagt er, und werft ein Tuch um Eure Alabaſterſchultern— der gottloſe Spötter!— und ſtülpt ein Strohdach über. Ihr ſollt mit mir gehen.— Es iſt eigen, man kann ſich gegen ihn nicht wehren. Seine Tyrannei iſt ſo kurz angebunden, daß kein Widerſpruch zu Athem kommen kann. Ehe ich weiß, wie mir geſchieht, bin ich unten auf der Straße und frage nun erſt: wohin?— Der Director der Akademie, ſagt er, geht bei Euch ein und aus. Ihr ſollt zu ihm und eine dumme Ge⸗ ſchichte ins Reine bringen, welche die Venetianer an⸗ geſtiftet haben. Wo wohnt der Herr?— Ich nenne die Straße, er ohne Weiteres winkt einen Wagen herbei und im Fahren erzählt er mir das Uebrige. Ich ſchalt auf Euch, Kind, daß Ihr auch uns angeführt 264 habt; ich will's nur geſtehen, ich war Euch ernſt⸗ haft böſe, ich meinte, ich könnte nie wieder ein gutes Wort an Euch wenden. Wie er's anſah, wurde mir nicht klar. Es iſt ſchade! ſagte er mit ſeinem böſen, ſpöttiſchen Lächeln. Und nun hielten wir, und er verſprach, mit dem Wagen unten auf mich zu warten. Kein Wort von Eurer Verkleidung— das hatten wir ausgemacht. Ich ſollte ſagen, daß hr austreten würdet, und dann nach dem ſchlim— men Burſchen fragen, der mit Eurem Bruder an einander gerieth. Was Signor Francesco mit ihm vorzunehmen gedachte, weiß ich nicht. Nun denkt, wen finde ich oben bei meinem edlen Freund, dem Director? Einen Sbirren, der ihm ſo eben eine ſaubere Anzeige gemacht hatte. Gleich nachdem Ihr aus der Claſſe fort waret, Leonardo, warf auch Jener, mit dem Ihr den Streit gehabt, ſein Zeichen⸗ brett in den Winkel und verließ, ohne ein Wort zu ſagen, den Saal. Er ging ſchnurſtracks nach den Uffizien in die lange Galerie, wo Ihr zu malen pflegt. Iſt's nicht eine Copie nach Fieſole? Nun wohl! Er tritt vor Eure Staffelei, als wär' es ſeine Arbeit, und macht ſich da zu ſchaffen. Es war 265 gerade menſchenleer, nur die lange Reihe der Copiſten ſaß auf ihrem Poſten, Staffelei hinter Staffelei, die tiefe Fenſterflucht hinunter. Plötzlich hört eine Dame, eine Engländerin, die hinter Eurem Platze malt, einen ſeltſamen Ton auf Eurer Leinwand und blickt um, über ihren Rahmen weg. Da ſieht ſie den elenden Menſchen in aller Ruhe pian piano damit beſchäftigt, mit einem Federmeſſer die Leinwand quer zu durchſchneiden. Eben ſetzt er ſchon wieder an, um das Werk noch gründlicher zu zerfetzen, der Wicht, da fühlt er die Hand der herzhaften Sig— nora an ſeinem Arm, augenblicklich wird ein Lärm um die Beiden, und als mir mein Freund, der Di rector, die arge Neuigkeit erzählte, ſaß Euer ruch⸗ loſer Kamerad ſchon eine halbe Stunde in ſicherem Verwahr und erwartete ſein Verhängniß.“ Unſer aller Augen hefteten ſich, während ſie ſprach, auf Leonardo. Aber der Ausbruch gerechten Aergers und Grimmes, den wir fürchteten, unter⸗ blieb.„Es iſt gut,“ ſagte er mit einem ſtillen Ge— ſicht,„ich habe die Zeit nicht verloren, die mir die Arbeit gekoſtet hat.“ „Tobt Euch aus, Lieber!“ ſagte die Signora 266 D D und ſchüttelte ihre beiden Seitenlocken.„Das iſt nicht in der Natur, dergleichen zu verſchlucken, wie ein Glas Limonade.“ „Was wollt Ihr?“ verſetzte der Jüngling und ſah zärtlich zu ſeiner Schweſter hinüber.„Es iſt doch wohl das bischen Farbe und Leinwand werth, den armen Haſenfuß dort beruhigt zu ſehen.“ „O Leonardo,“ ſagte das Mädchen,„ſoll ich ruhig ſein, jemals ruhig werden? Zu allem Unheil, das ich dir gebracht, noch dieſes? Und meinſt du, daß es ſeine Tücke nicht doppelt ſtachelt, wenn er jetzt um deinetwillen geſtraft wird? Und wenn er den erſten Fuß wieder aus dem Gefängniß ſetzt....“ „Ihr könnt ruhig ſchlafen, carina mia! er wird nicht mehr dieſelbe Luft mit Eurem Bruder athmen,“ ſagte Eugenia.„Sie werden ihn über die Grenze ſchaffen, wie mein Freund, der Director, mir ver⸗ ſicherte. Denn er iſt aus Bologna, und da er in der Akademie nicht bleiben darf, hat er in Florenz nichts mehr zu ſuchen. Signor Francesco, als ich ihn unten am Wagen wiederfand, ſagte auch: Der hat ſich uns ſelbſt vom Halſe geſchafft. Ich ſollte Euch grüßen und tröſten, trug er mir auf. Dann 267 hob er mich in den Wagen und— wart! bald hätt; ich es vergeſſen! Da iſt ein Zettel an Euch, Signor Paolo, den er inzwiſchen geſchrieben hatte, für mich ſo gut wie verſiegelt, denn es iſt Deutſch.“ Befremdet nahm ich das Blatt und las folgende Worte: „Lieber Freund! „Die Komödie iſt wieder einmal aus, und es wird Zeit, nach Hauſe zu gehen und von dem Ver⸗ gnügen auszuſchlafen, ſo gut es gelingen will. Dan⸗ ken Sie allen Mitſpielern. Jeder hat ſeine Sache gut gemacht, und es war recht hübſch. Schade, daß es ſo kurz war! „Ich wage es, Sie zu bitten, meine wenigen Siebenſachen in meinen Koffer zu packen und ſelbi— gen nach Livorno per Poſt mir nachzuſchicken. Ich denke vorher noch eine kleine Fußreiſe zu machen. Nehmen Sie im Voraus herzlichen Dank für Ihre Bemühung. Ihr Franz. „N. S. Meine Schulden im Hauſe bezahlen Sie doch. Sie finden Geld in meinem Schrank. Den Schlüſſel ſchick ich mit. Es iſt immer gut...“ 268 Die letzten Worte waren ausgeſtrichen, die Zeilen haſtig und offenbar mit aufgeregter Hand hinge⸗ ſchrieben, denn die Bleiſtiftſtriche hatten ſich hier und da durch das Blatt durchgeſtampft. Ich ſtarrte eine Weile darauf und ſuchte mich zu ſammeln. Als ich aufblickte und der tiefen Angſt in den Zügen des Mädchens gewahr wurde, verſagte mir das Wort auf der Zunge. „Und hier iſt der Schlüſſel zu ſeinem Schrank!“ ſagte Eugenia,„und nun verrathet, was Euer Freund für heimliche Dinge in dieſer gottloſen Hand⸗ ſchrift zu melden hat.“ „Er iſt abgereiſ't,“ ſagte ich.„Ein Brief, der ihm von einem Bekannten eingehändigt wurde, als er auf der Gaſſe mit dem Wagen wartete, macht ſeine ſchleunige Rückkehr nach Deutſchland nöthig. Er ſchickt Allen im Haus ſein herzliches Lebewohl.“ Das log ich auf eigene Rechnung hinzu, denn ich ſah eine tödtliche Bläſſe auf Carlotta's Wangen. Niemand ſagte ein Wort. Denn auch Eugenia be⸗ merkte den ſeltſam heftigen Eindruck, den der Brief auf ihren Liebling gemacht hatte, und ihre beiden ſchwarzen Locken pendelten gravitätiſch nach— 10 269 denklich hin und her. Es iſt immer eine Verlegen⸗ beit für eine Nothlüge, wenn ſie das letzte Wort behält. Die meinige hatte volle Zeit, ihrer unbe holfenen Durchſichtigkeit inne zu werden. / Carlotta ſtand auf.„Komm,“ ſagte ſie zu dem Bruder, ohne ihn anzuſehen. Sie ging voran nach der Thür, Leonardo folgte, nachdem er mir ſtumm die Hand gegeben, und ſo blieb ich mit unſerer edlen Wirthin allein. Die Gute ſaß noch eine Weile in ihrem beſinnlichen Stillſchweigen. Dann warf ſie die beiden Locken zurück und drückte mir mit raſcher Zeichenſprache in großer Ernſthaftigkeit das Ergebniß ihres Nachdenkens aus. Ich ſeufzte und zuckte die Achſeln. Auch ſie ſeufzte, aber zorniger. Sie ballte eine tragiſche Fauſt und drohte zum Fen ſter hinaus, dem Entflohenen nach.„Verräther!“ ſagte ſie.„Wenn ich ein Mann wäre und an ſei ner Stelle le Ich ſetzte mich nun zu ihr und ſuchte ihr den wunderlichen Zuſtand meines Freundes zu erklären. Ich bot das beſte Italieniſch auf, über das ich zu verfügen hatte, und ſchilderte ihr die ganze Krank⸗ heit. Sie hörte ſcharf zu, aber dennoch blieb alles — ——— deutſch für ſie, ſo gut wie verſiegelt. Ich ſagte: das Räthſel hat ihn angezogen, gefeſſelt und glücklich ge⸗ macht. Sein lange verachteter und mißhandelter In⸗ ſtinct hat feurige Kohlen auf ſein Herz geſammelt und ſeinen meiſternden Verſtand beſchämt; denn er wit⸗ terte das Räthſel, da es noch tief verborgen war. Nun es aufgelöſt iſt, fürchtet er, es möchte nur zu bald ſeinen Zauber für ihn verlieren, und darum will er bei Zeiten fliehen.—„Er iſt ein Narr,“ ſagte ſie feierlich.„Ein rechtes Frauenzimmer giebt dem Mann, und wäre er klug wie Salomo, ſein Leben lang Räthſel auf. Ihr ſeid ein unglückliches Volk, ihr Deutſchen. Ihr wagt nicht zu genießen, wenn ihr euch nicht vorher gequält habt. Was iſt einfacher als das Schöne? Und was iſt räthſelhafter? Geht, ihr ſeid werth, in einem Lande zu wohnen, wo Winter und Sommer ſich nur dadurch unter⸗ ſcheiden, daß es im Juli ſeltener ſchneit. Napoleon hatte Recht, Ideologen ſeid ihr. O, ol die Arme, das ſüße Ding! Wenn Ihr nicht ein Stein ſeid, Signor Paolo, ſo iſt es jetzt an Euch, ſie zu lieben und zu heirathen! Dieſe praktiſche Schlußwendung ihres Zornes machte mich herzlich lachen und überhob mich jeder 2 Schutzrede für meine Nation. Aber als ich dann allein war und die Zeilen des Billets nochmals über⸗ — las, gerieth ich in die peinlichſte Stimmung. Sollte ich den Auftrag unverzüglich ausführen, der vielleicht nur von der erſten ſtürmiſchen Erwägung dictirt worden war? Eine kleine Fußreiſe wollte er vorher machen! Franz! der ſchon auf der Univerſität be⸗ — rüchtigt war wegen ſeiner tiefen Geringſchätzung aller Freuden, die man erwandern muß! Es war offen⸗ bar, daß er den Zettel in krankhaftem, unzurech⸗ nungsfähigem Zuſtande geſchrieben hatte. Und wer ſtand mir dafür, daß er nicht plötzlich, einen Augen— blick, nachdem ich ſeinen Koffer auf die Poſt ge⸗ ſchict, zu mir ins Zimmer treten und meine Pſychologie, mit der er mich immer zu necken pflegte, in ihrer Kurzſichtigkeit unbarmherzig ver⸗ ſpotten würde? Ich beſchloß, jedenfalls den nächſten Tag abzu⸗ warten. War es Ernſt mit der Fußreiſe, ſo kam die Sendung immer noch früh genug nach Livorno. Der Tag verging mir betrübt genug. Unſer Zuſammenleben ſeit unſeres Freundes Flucht ſah mich ſo verſtört an, wie ein Inſtrument, auf dem eine Saite geſprungen iſt. Wir übrigen wollten nicht mehr zuſammenklingen. Die Geſchwiſter ließen nichts von ſich hören. Signora Eugenia ſchmollte in ihrer Muſenſtille mit allen Deutſchen, die den Fehler des Einen nicht wieder gut zu machen und die ſchöne Traurige zu lieben und zu heirathen eil⸗ ten. Ariſtodemo ſelbſt, der ſonſt gern herüberkam, um Zucker bei uns zu naſchen, murrte entfremdet, wenn er meiner anſichtig ward, und nur die gute Stella fuhr fort, ihr geringes Licht in meine Ein⸗ ſamkeit leuchten zu laſſen. So kam die Nacht, und aus unruhigem Schlafe weckte mich ein ängſtliches Rühren und Regen im Hauſe. Schritte hin und her haſteten über den Flur, behutſam gingen Thüren auf und zu, und im Zim⸗ mer nebenan, wo Carlottas Bett ſtand, fing ich ab⸗ geriſſene laute Sätze auf, die mir ſagten, was ich dunkel befürchtet hatte. Ich hörte das Mädchen wie aus dem Traume reden, tief rührende Selbſtankla⸗ gen, dazwiſchen:„Er verachtet mich, er hat Recht, aber wehe thut's, wehe! Wo ſind meine Zeichnun⸗ gen? Macht ein Feuer im Kamine, Stella! Die Studien hinein, die Skizzen, meine Kleider— mein Herz! Leonardo! Warum ſprichſt du nicht? Ach, deine Lippen ſind ganz blaß, er traf dich gut! Sieh, da ſteht deine Leinwand; Blut fließt aus dem Schnitt — ſie heilt nicht wieder! Ich bitte ſehr, ſchafft mir ein Mädchenkleid, ich will aufſtehen und nach Hauſe gehen— nein, ihr habt Recht, ich darf es nicht mehr tragen, ich hab' es verſcherzt, Alles iſt hin!“ Ich fuhr in großer Beſtürzung auf, warf mich in die Kleider und trat auf den Flur hinaus.„Das Fieber ſchüttelt ſie,“ ſagte die Wirthin, die eben aus dem Krankenzimmer kam;„kaum daß man ſie im Bette halten kann. Ich wollte Euch gerade wecken und bitten, daß Ihr einen Arzt holtet. Der Bruder darf ihr nicht von der Seite, oder ſie denkt, man habe ihn umgebracht, und Stella muß ſie hal— ten. Wenn er das ſähe, Euer kluger Freund— wo bliebe ſein Spott?“ Ich holte den Arzt, der wenig Rath wußte. Doch ließ das Fieber gegen Morgen nach, und über Tag ſchlief ſie ſo feſt und ſanft, daß wir ſchon alle Ge⸗ fahr überwunden glaubten. Als aber der Abend hereindunkelte, fing es zuerſt mit Träumen, dann Heyſe, Neue Novellen. 18 ⁵ —— mit ängſtigenden wachen Geſichten von Neuem an, und ich ging in lebhafter Sorge wieder zu dem Arzte. Er war nicht der nächſte, denn er wohnte am Lungarno, aber ein Deutſcher und mir gut em⸗ pfohlen. Leider hörte ich, daß er über Land geholt worden ſei, und trat in wachſender Unruhe den Heim⸗ weg an, denn ich wußte nicht, an wen ich mich wenden ſollte. Der Weg führte mich an der Loggia vorbei, und ſelbſt in meiner Noth und Traurigkeit konnte ich nicht vorüber, ohne einen Blick auf meinen wohlbekannten Perſeus zu werfen. Er ſtand ſchon in dichten Schatten, melancholiſcher als je; nur über das Haupt der Meduſe fiel ein röthlicher Schein aus einer Straßenlaterne. Wer aber ſtand neben ſeinem hohen Sockel, die Arme über der Bruſt gekreuzt, und ſah auf das nächtliche Gewoge des Platzes hinunter? Nein, es war kein Spuk, ich fühlte, daß mich zwei lebendige Augen trafen. „Franz!“ rief ich.„Gute Nacht!“ antwortete der Mann in der Halle und winkte mir mit der Hand, zu gehen.— Im Augenblicke war ich bei ihm.„Sie hier?“ rief ich.„Ein guter Gott hat Sie hieher und mich in Ihre Nähe geführt. Sie müſſen mit mir gehen, nach Hauſe, ſogleich!“—„Ich bin hier zu Hauſe,“ antwortete er.„Es ſchläft ſich gut zu Füßen des ritterlichen Herrn da oben, ich habe es ſchon geſtern erprobt. Es iſt ſehr reinlich hier und die Nacht angenehm kühl, beſonders wenn man ſich über Tag heiß gewandert hat.“—„Ich will Sie in Ihrer Liebhaberei nicht ſtören,“ ſagte ich,„aber erſt müſſen Sie mit mir und ein ſchwer gebeugtes Herz aufrichten und heilen, das ſich von Ihnen ver achtet glaubt. Ich ging aus, den Arzt zu holen; keinen beſſern kann ich nach Hauſe bringen, als Sie.“—„Wiſſen Sie auch, was Sie thun?“ ſagte er düſter, indem er ſich ſchon wandte, um mir zu folgen.„Können Sie dafür ſtehen, daß Sie nicht einen Feind mitbringen, wo Sie einen Arzt gefun⸗ den zu haben meinen?“— Ich antwortete nicht und zog ihn mit fort, und er folgte bald ohne Wider⸗ ſtreben, ja ich hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Unterwegs ſagte ich ihm, was geſchehen war; er hörte alles ſchweigend an, nur ein Seufzer entrang ſich ihm, und eine Zeit lang ging er mit geſchloſſenen Augen neben mir her. Noch einmal ſchien er mit ſich zu kämpfen, als wir die Thür 276 unſeres Hauſes erreicht hatten. Er zauderte, mir über die Schwelle zu folgen.„Es iſt beſtimmt in Gottes Rath,“ hörte ich ihn dann vor ſich hin ſagen, und wir ſtiegen mit einander die Treppe hinauf. Signora Eugenia, den Arzt vermuthend, erwar⸗ tete uns oben im Flur.„Madonna!“ rief ſie, als ſie Franz erkannte,„ſo ſeid Ihr es wirklich?“— „Wie ſteht's?“ fragte er raſch und bückte ſich zu dem Hündchen hinab, das ihn bewillkommnete. „Zitto,“ ſagte ſie.„Es geſchehen noch Wunder. Ihr waret kaum fort, Signor Paolo, ſo begehrte ſie plötzlich mit klarer Stimme, aufzuſtehen und ſich anzukleiden, ſie erwarte Beſuch.—„Welchen?“ fragten wir.— Und ſie darauf:„Ich weiß nicht; fragt mich nicht; aber bringt mir ein Mädchenkleid, denn die Maske da würde mich von Neuem krank machen.“— Und das alles ruhig und ohne Einbil⸗ dungen, obwohl ihre Stirn noch glühte. Was war zu machen? Meine Kleider paſſen ihr nicht, und Stella iſt zu lang, und ſo entſann ich mich, daß ich noch einen alten Bäuerinnen⸗Anzug von meinem Braut⸗Carneval in der Lade verwahrte. Damals hatte ich ſo ungefähr ihren Wuchs.„Was wollt Ihr? Jedes Geſchöpf Gottes...“—„Kann man ſie ſehen?“ unterbrach Franz die Rednerin.—„Wenn Ihr es verdient, Verräther!“ erwiederte ſie mit großer Feierlichkeit.—„Laſſen wir Gnade für Recht er⸗ „ gehen,“ ſagte ich. . al fine Ignudo ei mostra di pentito il volto.“ Ich wußte es, daß ſie einem Citat aus Alfieri nicht widerſtand. Sie lächelte erhaben, nickte mit den beiden Locken vor ſich hin und ſagte:„Kommt! Sie iſt in Leonardo's Zimmer und ſitzt aufrecht auf dem Sopha, wie um Beſuch zu empfangen. Süßes Kind! Ich ſchütte Euch Gift in den Kaffee, Signor Francesco, wenn Ihr ſie mißhandelt.“ Wir traten in das Zimmer, die Dame voran. „Da bringen wir Euch Euren Beſuch,“ ſagte ſie, „wenn Ihr ihn wirklich ſehen wollt, nachdem er ſo heimtückiſch ſich davon geſtohlen. Und man weiß auch noch gar nicht, was ihn fortgelockt hat. Er⸗ zählt Eure Abenteuer, Signor Francesco!“— Er antwortete nicht und trat raſch an den Tiſch, wo 1... Endlich Zeigt er uns unverhüllt ein reuig Antlitz. 278 die ſchöne Kranke ſaß. Die drei Flämmchen der Lampe rötheten ihr blaſſes Geſicht und beſchienen das ſeltſame Coſtüm, welches ihr übrigens voll⸗ kommen paßte. Welch einen reizenden Wuchs hatte uns der böſe Malerkittel vorenthalten! Dazu der Kopf mit den kurzgekrausten Haaren, der nun frei und ſchlank auf dem feinen Halſe ſich bewegte, daß man immer noch im erſten Augenblicke zweifeln konnte, welche Verkleidung eigentlich die echte ſei. Wie ein geſcholtenes Kind, das aber wieder zu hof⸗ fen anfängt, man werde nicht immer mit ihm zür⸗ nen, ſo blickte ſie zu Franz auf.—„Sie waren krank?“ ſagte er, ſie feſt anſehend.„Wie fühlen Sie ſich jetzt?“—„Beſſer— gut,“ erwiederte ſie.— „Auch ich hatte das Fieber,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Sprechen wir nicht mehr davon; ich habe mich nach meiner Manier damit abgefunden, Jeder hat die ſeine. Guten Abend, Leonardo; was macht der Verfall der Kunſt?“— Niemand antwortete eine Silbe.„Kommt,“ flüſterte ich Eugenien zu,„mich dünkt, wir ſind hier zu viel.“—„Zu viel?“ wie⸗ derholte Franz laut.„Wie viel ſeid ihr denn? Zu wenig ſeid ihr; die ganze Welt könnte in dieſes 1 n 1 Zimmer ſehen, und ich würde mich nicht ſchämen, wie ein Narr hier zu ſtehen und zu betteln, daß man mich ein wenig lieb haben möge. Wahrhaftig, es thut mir ſehr noth, und du könnteſt nichts Ver⸗ dienſtlicheres thun, Leonardo, als deiner Schweſter zuzureden, daß ſie ihre kleine Hand nach mir aus— ſtrecken ſolle. Denn ich ſelbſt— ihr mögt mir's wohl anſehen— ich habe nicht mehr Muth als Ariſtodemo, aber dafür Treue für zehn ſeinesgleichen. Sie ſah ihn leuchtend an und hielt ihm über den Tiſch die Hand hin. Er legte die ſeine ſtill hinein. „Sehet es alle!“ rief er,„ſie wagt es, wahrhaftig, ſie wagt es! O, ziehe dieſe Hand zurück, mein Junge; noch iſt es Zeit, noch habe ich ſie nicht feſt gefaßt und halte ſie nicht für immer. Weißt du auch, was du wagſt? Kennſt du die Hand, vor deren Berüh⸗ rung du dich nicht ſcheuſt? Sie trug ſchon einmal den erſten Ring einer langen Kette und hat Ring und Kette zerbrochen und ein Lebensglück dazu.“ Ich ſah, wie er in banger Spannung an ihrem Geſichte hing. Aber das Leuchten ihres Auges trübte ſich nicht. Da faßte er ihre Hand mit beiden Hän⸗ den und bog ſich nieder und drückte ſeine Lippen auf 280 die zarten Finger, die er gefangen hielt, und ließ ſo eine Zeit lang das Geſicht auf ihrer Hand ruhen. „Nein!“ rief er dann und richtete ſich hoch auf, „du wagſt nichts damit, du nicht, geliebtes Kind; ich weiß es ſeit dieſen zwei Tagen, daß du ſicher biſt in meinem Herzen für ewig. Ich ahnte es noch nicht, als ich vor dir floh. Ich wollte es nicht noch einmal erleben, was mich vor einem Jahr elend gemacht und beinahe umgebracht hätte: ein unſchul⸗ diges, armes Herz an mir verzweifeln zu ſehen. Dieſesmal hätte ich es nicht überlebt. Es iſt nun vorbei, ſagte ich mir. Das Räthſel, das dich lockte, iſt gelößt. Sie wird wieder, was viele ſind, ein liebenswürdiges Mädchen, und der Himmel ſende ihr jemand zu, der würdig iſt, ſie zu lieben. O, ich glaubte Wunder, wie ich wieder zu Verſtande käme. Mein Kopf, der eine Weile ganz aus dem Spiel geblieben war, fing ſeine alten Bosheiten wieder an und hielt es für eine Bagatelle, auch mit dieſem Gefühl fertig zu werden. Erkenne dich ſelbſt! triumphirte er. Du biſt nur eine Zeit lang hin⸗ ters Licht geführt worden von einer armſeligen Mas⸗ kerade. Die Maske fällt, und alles wird nüchtern, 281 O und du wachſt aus deinen Täuſchungen auf. O über den hochmüthigen Schächer! Was half ihm ſein Raiſonniren? Hier innen, da trug ich dich leibhaf⸗ tig, Zug für Zug, ſo wohlbekannt und doch ſo un⸗ ergründlich, und es war mir, als hörte ich dich den überklugen Freudenverderber auslachen mit deinem hellſten Mädchenlachen, und mein ganzes Herz lachte mit, und ich wußte, daß ich geſund geworden. Glaube es, mein Junge, wenn ich nicht umkehrte und dir zu Füßen ſtürzte, ſo geſchah es nur, weil ich dachte, nun wäre die Reihe, zu verzweifeln, an mir, zur Buße für meine alte Schuld. Lieber Freund— und er wandte ſich zu mir— habe ich denn recht gehört, daß ſie im Fieber meinen Namen gerufen hat?“ „Ihr ſeid und bleibt unverbeſſerliche Ideologen, zürnte die edle Wittwe. Was predigt Ihr da in Eurem abſcheulichen Deutſch eine halbe Stunde lang? Wenn ich ein Mann wäre und hätte das Recht er⸗ halten, dieſen Mund zu küſſen, kein Wort ſollte eher aus dem meinigen, und ſäße mir ein Sonett auf der Zunge, das Petrarca's würdig wäre. Er ſah die Eifernde lächelnd an. Langſam ging 282 er ans Sopha und ſetzte ſich neben die Geliebte. „Kind,“ ſagte er,„ich ſterbe um dich.“ Sie ſahen einander mit vollem Glanz des Glückes in die Augen und ſchwiegen. Dann ſtand Franz auf, umarmte Leonardo und ſagte:„Wir wollen gehen. Es iſt ſpät, und dies iſt ein Krankenzimmer. Und wenn ich morgen zu dir komme— wirſt du es nicht ver— ſchlafen haben?“ Sie antwortete ernſt:„Nicht im Tode verſchlief ich es, daß du mich liebſt!“ Wenige Tage darauf ſaß ich am Vormittag in dem dämmerhaften ſtillen Zimmer der Signora Eu⸗ genia mit ihr allein. Sie lag wieder, wie ſie pflegte, in eine ehrwürdige Kugel geballt in der Sophaecke, Ariſtodemo ihr zu Füßen. Wir waren alle drei ſehr betrübt. „Sie haben gutes Reiſewetter,“ ſagte ich endlich. „Der Himmel iſt bewölkt und der Wind regt ſich ſeit Wochen zum erſtenmal. Apropos, da habe ich noch meine Beſtellung an Freund Ariſtodemo ver⸗ geſſen. Dieſen Kuchen ſchickt ihm Carlotta.“ 283 „Welch ein Herz!“ ſeufzte die edle Wittwe.— Nach einer Pauſe:„Sie hätten hier bleiben und in Florenz Hochzeit machen ſollen. Wie kann man ſich freuen, wenn man friert? „Werthe Freundin,“ ſagte ich,„in unſerer Hei— math blühen jetzt ohne Uebertreibung die Roſen im Freien. Und dann, er mußte nach Hauſe, ich rieth ihm ſelbſt dazu. Die Stadt, wo er lebt, iſt eine Art Republik. Nun ſind ſie auf den Gedanken gekommen, ihre Verfaſſung zu ändern, und haben ihm geſchrieben, daß man ihn in den Ausſchuß ge— wählt habe. Nichts konnte ſich glücklicher treffen, um jeden Reſt ſeines alten Uebels aus ihm weg⸗ zutilgen und ihn vollends dem Leben wiederzu⸗ geben.“ „Muß denn gleich wieder gearbeitet werden?“ ſagte ſie zürnend.„Freilich, es mag ſonſt wohl bei Euch nöthig ſein gegen das Frieren. Aber wer dieſen Schatz heimbringt— er ſollte ſich ſchämen, nicht die Welt darüber zu vergeſſen.“ Darauf lag ſie eine Weile mit geſchloſſenen Augen, und ſprach dann, ſie öffnend und feierlich in die Höhe blickend, folgende Verſe: 284 O, lieblich war die Zeit, da wir ſie hatten, Holdſelig wie der Hauch der Morgenröthe! Wie junger Lerchen ſilbernes Geflöte, Scheucht' ihre Stimme dieſes Lebens Schatten. Und ſo wie Dämm'rung lagert auf den Matten, Umgab Geheimniß ſie. Den Reiz erhöhte Ein ſtiller Gram um jugendliche Nöthe, Und auch ihr Leid kam unſrer Luſt zu Statten. Nun ſchwand ſie weg. Die Schleier ſind gefallen, Der grelle Tag ſieht ſtumm in mein Gemach, Der Abend naht, mit ihm die Nachtigallen. Umſonſt! Und ahmte ſelbſt die Muſe nach Der lieben Stimme Klang— ach, in uns allen Bleibt eine Sehnſucht nach der Lerche wach! Helene Morten. Mitten aus der weiten Ebene des Bruchlandes erhebt ſich! von Oſten nach Weſten gelagert, ein ſchmaler Hügelrücken, von kräftigen Kiefern beſtan⸗ den. Wer die mäßige Höhe erreicht hat, wird bald gewahr, daß er ſich auf einer Inſel befindet. Denn der ſtattliche Fluß, der die unabſehliche Fläche des ornlandes durchwallt, hat ſich links bechts am Juß des kleinen Waldgebirges ſein Bett gewühlt, und die beiden Arme vereinigen ſich erſt wieder einige Stunden weit unterhalb am weſt⸗ lichen Ende des Hügeleilandes, um nun den Zufluß der hundert Kanäle, die das Bruch durchſchneiden, lmi plötzlicher Wendung nach Norden zu führen. Ddie leichten Septembernebel grauten ſchon über den Wieſen, und die Sonne ſtand tief, als ich auf dem Straßendamme, der eine Stunde weit die Nie⸗ derungen überbrückt, zwiſchen den Reihen uralter 288 Weiden hinſchritt. Ehemals hatte der Wanderer zu beiden Seiten durch ihre Stämme auf ſtille, unfrucht⸗ bare Sümpfe geblickt, während jetzt der Segen der Heuernte, in großen Schobern aufgeſchichtet, aus der Ferne faſt wie ein regelmäßig aufgeſchlagenes Feldlager ſich ausnahm. Rinder weideten mit Geläut an den Wieſenrainen, Hirtenfeuer loderten hie und da auf Nebenzweigen des Dammes und 8 Horizont blitzten die Wetterhähne der Kirchen kleinerer Oerter. Als ich aus der Weiden-Allee heraustrat, lag der waldige Srelriden ſeiner Länge nach vor mir, nur der Fluß war dazwiſchen und die ttarke Holys brücke, in welche der Damm a 1 am Fuß der Höhe liegt ein Snh Die des Waſſers ſelbſt war völlig öde, faſt zugewachſen mit Mummeln und Schlammpflanzen, von kaum merklichem Fall; denn die Kahnſchifffahrt hat den 4 andern Arm jenſeit der Höhen erwählt, und dieſen nördlichen den Fiſchern überlaſſen. Hieher wan denn, wie ich mir hatte ſagen laſſen, an ſchönen Sommerabenden die Bürgerfamilien der nächſten Ortſchaften, die fetten Bauern des Bruchs und die Kurgäſte eines nahegelegenen Bades, um Fiſche zu —˖— 289 eſſen, und von der Höhe herab ſich der Ausſicht über die Kornkammer des Landes zu erfreuen. 7 Es war auch heute in dem Wirthshaus neben der Brücke lebendig genug. In einem Saale wurde Kauben vor dem Häuſe getrunken und getanzt, in geſchwatzt inter war laut und bunt eſchlechter, die ſich durch Kreuzfeuer kleiner Zärtlich⸗ keiten gegen den imm empfindlicher heranfröſteln den Ab, ind Fi nüge verwahrten. Um jener weile nicht zu verfallen, die in den Fremden heimzuſuchen liebt, mnich viel im Hauſe umzuſehen, ie Nacht und ging wieder an mit dem Vorſatz, ſeinem Ufer uſel noch eine Strecke weit zu durch chen, da ich am andern Morgen quer über ihren ken weiter zu wandern gedachte. don von jenſeits des Stromes war mir, ei e tauſend Schritte vom Wirthshaus und den Fiſcherhütten entfernt, ein Haus, mitten aus einer Schilf⸗ und Gartenwildniß hervorblickend, durch einen ſeltſamen Anſtrich von Verwitterung und Verlaſſenheit Heyſe, Neue Novellen 19 Es war das einzige am Uferrand, Rehn as Dieſer zufällige Umſtand befremdete mich, im Geufa 88 e det döchſt lündlichen Bauart der übrigen S uſe teinerne, ane ern ruhende Veranda, die tes dug ur nuaoitaen Stäaͤud nur hingeworfen, daß man Fährkrug nenne. Bevor hier d den, ſei eine Fähre an jener Ste gegangen, und die Fiſche, die eſſe, habe damals der Wirth de Seitdem ſei die Wirthſchaft eingegand Ich war bald ſelbſt an Ort un elle E Fahrſtraße, die über die Berginſel hinläuft, unweit an dem einſamen Gehöft vorbei. Mich derte jedoch, daß von ihr aus kein Weg, nit mal ein Fußpfad, bis an das alte Hofthor Fährkrugs ſich abzweigte. Ja einige Spuren zeig⸗ V ten, daß man abſichtlich den alten Weg hatte ver⸗ wildern laſſen, und eine Gruppe von jungen Fichten, 291 rand, welche die Ausſicht nach dem Hauſe zum Theil ver⸗ Aber deckten, ſchien guch gepflanzt, um die verödeten Bau⸗ nich, lichkeiten völlig abzuſcheiden. t der Nun verlieſzicht die Landſtraße und ſchlug mich hende durch hohes 3n. Neſſeln nach dem Hauſe durch. wild⸗ Die Thür in der Giebelfront war verſchloſſen, da⸗ . In gegen der Zugang zur Veranda frei; denn die eiſer⸗ oa nen Geländer die den tiefen, längs der Vorderſeite dfens ebäudes hinlaufenden Pfeilergang den rren zum Theil ausgebrochen, zum wor⸗ Eine ſchaurige Moderkühle empfing ſen dieſer Vorhalle betrat. Man weiſe ihres Bewurfs entkleide⸗ een in ein pflegelos wucherndes das ſich zum Fluß hinabſenkte ſchilf auslief. Malven ſchwankten den breiten Gebüſchen des ſpätblühenden mager hin und her, auf den Beeten vermo⸗ erte der Blätterabfall vieler Herbſte, und wie der Wind zwiſchen den kahlen Fliederſträuchen herein⸗ 1 ſtöberte, bewegten ſich langſam die ſchweren Hänge⸗ wzeig⸗ weiden und klapperten die Köpfe eines verwahrloſ'ten te ver Mohnfeldes trocken gegeneinander, Am andern Ende ſichten, 292 des Pfeilerganges war die Ausſicht offenWie Eiſen⸗ ſtäbe der Brüſtung hielten noehzüwiſchen Wand und Eckpfeiler, und man bedurfteteruschranke wohl; denn ſenkrecht ſtieg die Gruditatterder Terraſſe hinab und ein ſorgloſer Wanderer wäre, ohne jene Warnung, in das üppige Neſſelfeldihinuntergeſtürzt, das an der Stelle eines frut Gemüſegartens ſich dort ungehindert fortpflanzte. Darüber hinaus aber öffnete ſich der Blick bis zu den Ausläufen der Höhen über den trägen Strom zu Fü N Fläche des Bruchs mit ihren herbſt rechts die Steile des Inſelgebie Silhouette gegen die reine Pro abgeſchattet emporwuchs. Da ſtand ich und vertieft in die Melancholie der Einſamkeik. kein Heerdengeläute drang zu mir. Nur die Wöſ ſchrieen ſo betäubend, daß man es zuletzt* mehr vernahm, und dann und wann gluckſ'te d Waſſer am Ufer, wenn einer der lauten Sänger aus dem Schilf in die Tiefe ſprang. Der Wind ſtand mir entgegen; ſonſt wäre die Muſik aus dem Wirthshauſe wohl vernehmlich geweſen. Ich lauſchte. Im Hauſe —— — — 293 war es todtenſtill. Keine Maus raſchelte durch die Räume. Und wie ich jetzt, von der feuchten Zugluft in der Halle beläſtigt, wieder zurückging und in die Fenſter zu ſehen mich bemühte, fiel es mir ſeltſam auf, daß alle Scheiben gleichmäßig erblindet waren, wie wenn eine dicke Kruſte Staubes ſie von innen überzogen hätte. Die Thür, die aus dem Innern nach der Veranda hinausging, fand ich verſchloſſen, und mir blieb ichts übrig, als um das Haus herum dem geiten. Ich bog die Fichtenzweige unverriegelten Thorflügel aus⸗ gellinde berganſteigend der öde von einer hohen ſchiefgeſunkenen Ställen und Scheuern eingefaßt, üren entweder fehlten, oder halb offen, morſch in den Angeln hängend, die leere Dunkel⸗ heit im Innern zeigten. Als ſeien Jahre vergangen, ſeit der Krieg über dieſes Gehöft hinweggeſtürmt, und kein menſchlicher Fußtritt wieder über die Stätte mir des Raubes gewandelt. Auch auf dieſer Seite des Hauſes ſahen mich alle Scheiben grau und blind an; doch war keine einzige zerbrochen, und wie ich an 294 den hölzernen Brunnen trat, gewahrte ich mit noch größerem Erſtaunen, daß er erſt unlängſt neu an⸗ geſtrichen ſein müſſe. Ich bewegte ohne Mühe den langen Schwengel, und das reinſte Waſſer rauſchte aus der Mündung nieder. War das Haus dennoch bewohnt? oder, wenn es leer ſtand, warum fand ſich Niemand, vor dem gänzlichen Verfall wenigſtens das Material an ſich zu bringen und zu nutzen? Oder trieb hier ein Spuk ſein Weſen? Klebte Blut und Fluch einer dunkeln That an der Schwelle dieſer Thüx Kaufluſtigen zurück? Das offenſtehende Scheun gerüttelt, knirſchte und ſtöhnte Hof, und ſo ſpukfeſt ich mich glat dennoch zuträglich, das unheimliche Revie laſſen. Ein offenes Pförtchen führte zwiſchen den Ställen hindurch bergan in den Wald. Denn bis dicht an das Gehöft ſtiegen die Kiefern hinab und warfen ihre lange Schatten über die alten Stroh⸗ dächer. Ich ſchritt den Pfad hinan, mit dem Winde kämpfend, und ſtand oft ſtill, um in die Ebne hinabzuſehen. Die letzte Sonne lagerte über dem noch an den alls venn dem ſich put keln 1 295 Bruch und auf dem Damme ſtanden die Weiden wie im Feuer. Deſto grauer ſah der Fährkrug mit dem weiten Viereck der Wirthſchaftsgebäude zu mir herauf. So war ich etwa bis zur Hälfte der Höhe ge langt, als ich unweit vor mir mitten auf dem Wege eine Geſtalt im Mantel gewahrte, die auf einem Feldſtuhl ſaß und wie es ſchien ein Zeichenbuch aufgeſchlagen auf den Knieen hielt. Die beiden Arme ruhten nachläſſig darauf, das Geſicht verbarg mir der aufgerichtete Mantelkragen und ein breiter e es gegen den Wind verwahrten. in tiefe Gedanken verſunken. hritt plötzlich zu ihm hin klang, fuhr ackt zuſammen. Von der haſtigen Geberde, mit der er ſich umwandte, entglitt das Buch ſeinen Knieen, fiel zu Boden, und ehe es der ſängſtlich unbehülflichen Hand gelang, es feſtzuhalten, fuhr es auf den glatten Nadeln des Abhanges hinab, bis eine große Baumwurzel ſeinen Weg hemmte. Mit einem kläglichen Ausdruck der Hülfloſigkeit ſtand der Alte— denn nun ſah ich ſein ſchneeweißes Haar— am Rande des Abhangs und ſtreckte 296 unwillkürlich beide Arme nach der Tiefe hin. Darauf machte er ſelber mühſam Anſtalten ſeinem Verluſt nachzuklimmen. Ehe er aber noch den Fuß auf den ſchlüpfrigen Grund geſetzt hatte, war ich ſchon unten und hatte mich des Buches bemächtigt. Ich ſah den Alten eifrig herunterwinken und auf ſeinem Geſicht lag noch immer eine ängſtliche Spannung, eine fle hentliche Aufregung. Wäre ihm ein Kind hinabge ſtürzt, er hätte nicht mit ungeduldigeren Blicken fragen können, ob es ſich keinen Schaden gethan habe. Indeſſen rief ich ihm entgegen, daß ſ unverſehrt ſei, ſchlug es im H las dabei auf dem alten Lede verblichenen goldgedruckten Fraue ihn vollends zu beunruhigen.„C mir zu, ohne das geringſte höfliche Wort für den kleinen Dienſt an mich zu wenden. Ich eilte, ſo viel die Steile zuließ, und noch eh ich vollends hin⸗ aufgekommen war, reichte ich ihm das Buch in die weitausgeſtreckten Hände. Er nickte kurz und wen⸗ dete raſch Blatt für Blatt um, und ich hörte ihn erſt beruhigt aufathmen, als er auch das letzte un⸗ verſehrt gefunden.„Ich danke!“ ſagte er jetzt flüchtig — licen than I zuch — 297 und ohne mich anzuſehen. Dann klappte er den Feldſtuhl zuſammen, verwahrte das Buch unter dem Mantel und ging, leicht ſeine Mütze lüftend, mit unſicheren, langſamen Schritten den Weg hinab, den ich gekommen war. Ich blieb ſtehen und ſah ihm befremdet nach. Er ging offenbar nach dem Fährkrug, denn in dieſer Richtung lag kein anderes Haus. Und was ſuchte er dort? Und was hatte er hier geſucht? Denn ver⸗ gebens ſah ich mich nach einem Punkte um, der die Aufmerkſamkeit eines Malers verdient hätte. Die einförn e Fläßer des Bruchs mußte, von hier aus überſ 1 8 uge eines Landwirthes erfreulicher acht Nend end fein al et dſchaftsmaler. Den Hütten unten 4 ſah man auf die Dächer, der Fluß bot wenig Ab⸗ wechslung, und nicht einmal die Kiefern bequemten ſich, in eine erbauliche Gruppe zuſammenzutreten. Auch ließ das ganze Weſen des Alten nichts weniger als einen Maler vermuthen. Wie ich ſo ſtand und dem Räthſel nachſann, ſah ich im Sande, wo er geſeſſen, einen Bleiſtift liegen, den er offenbar bei ſeinem haſtigen Rückzug vergeſſen hatte. Ich hob ihn auf und ging dem 298 Alten nach. An einen Baum gelehnt fand ich ihn bald; er ſchien neue Kräfte zu ſammeln. Als ich ihm den Stift gab und ihn fragte, ob ich ihm mei— nen Arm anbieten dürfe, um bequemer hinabzuſtei⸗ gen, ſah er mir ſchweigend eine Weile ins Geſicht und ſagte dann: „Sie haben den Namen auf dem Buch geleſen!“ „Ja,“ ſagte ich,„als ich den Deckel ſchloß, fiel er mir von ſelbſt in die Augen.“ „Sie kennen mich alſo—“ „Einen Frauennamen las ich, der mir nicht ganz fremd iſt. Wenigſtens hörte, ls 1 mich einſt in Ner aufhielt,“ unte eine Hafenſtadt an der Oſtſee. nan Frage Sie gedacht. ſelbſt, mein Herr, ſind mir völlig unbekannt.“ hätte ich dem Namen nicht wieder „Was ſagte man Ihnen damals von der Frau, die jenen Namen trug? Was es auch geweſen ſein mag, die Wahrheit war es nicht.“ „In der That,“ erwiederte ich,„nur einige Züge einer wunderſamen Geſchichte ſind mir im Gedächtniß geblieben. Ein Krankenhaus in jener Stadt heißt das Helenenhoſpital. heie ſoll eine 299 ſchöne Frau geweſen ſein, die nicht glücklich war und jung ſtarb.“ „Nicht glücklich! Nicht glücklich!“ wiederholte er, und ſeine Wange färbte ſich leicht. Es zuckte um ſeinen Mund, als drängten ſich ihm Worte auf die Lippen, die er gewaltſam wieder in ſein Inneres verſchloß. Dabei traf mich ein kurzer, halb ſcheuer, halb unwilliger Blick, daß mich meine argloſe Aeuße⸗ rung tief gereute.— Eine Pauſe trat ein. „Sie haben ihr nahe geſtanden,“ fing ich wie⸗ der an. „Sie war mein Weib,“ antwortete er ſtill vor ſich hin. Ich betracht Ite ſchweigend ſein Geſicht, das mir nur halb zugekehrt war. Die welken Züge waren fein und regelmäßig, die Augen weiblich ſanft, der Mund gütig und traurig. Schlichtes, weißes Haar lag um die Schläfen, wohlgehalten, wie auch der Anzug des Alten unter dem Mantel die größte Sauberkeit zeigte. Er hielt ſich trotz ſeiner Jahre aufrecht und nur im Gehen verrieth ſich die Schwäche ſeines Alters. Endlich ſah er aus ſeinen Gedanken auf und ſ agtene 300 „Ich nehme Ihren Arm an. Der Schrecken, als ich das Zeichenbuch fallen ſah, zittert mir noch in den Gliedern. Gehen wir, wenn es Ihnen gefällt.“ „Wohin?“ fragte ich. „In den Fährkrug hinunter. Ich wohne dort.“ „Wie halten Sie es aus in jener troſtloſen Einöde?“ ſagte ich, während wir hinabſtiegen. „Für eine Sommerwohnung ſcheint mir dort gerade Alles zu fehlen, was man ſucht, wenn man der Stadt entflieht.“ „Sie haben recht,“ erwiederte er.„Ich aber ſtehe in meinem Winter und ſuche keine Sommer⸗ freuden mehr. Es ſind nun fün 3 ſeit ich dieſe Zuflucht beſitze und meine gaſßze irdiſche Welt von den beiden Armen des Fluſſes eingeſchloſſen iſt. Seitdem habe ich Ruhe.“— „Und Sie überwintern ſogar da unten?“ „Ich habe meinen Ofen, meine Bücher, meine Erinnerungen. Die Leute im Wirthshaus drüben ſorgen für meine wenigen Bedürfniſſe. Was fehlte mir weiter?“ „Und Menſchen?“ „Ich haſſe ſie wahrlich nicht, Wber ich brauche —— 4 301 ſie nicht. Meine Verwandten fragen mir nicht mehr nach, ſeit ſie mich bei meinen Lebzeiten beerbt haben. Und wenn die Stille um mich her ja einmal zu drückend wird, gehe ich zu dem alten Wirth hinüber, und wir ſprechen eine halbe Stunde zuſammen.“ „Wie aber, wenn Ihnen, ſo abgeſchieden und hülflos, ein Unfall zuſtieße?“ „Dafür iſt vorgeſorgt,“ ſagte er mit einem wun⸗ derſamen Lächeln;„das Liebſte, was ich habe, wird in Sicherheit gebracht werden. Es müßte denn ein Blitz mich treffen oder ein unerwarteter Schlag ins Gehirn— was Gott in Gnaden verhüten möge!“ Seine letzten Worte waren mir dunkel, doch wagte ich nicht zu fragen, und führte ihn ſorgſam den Reſt des Weges hinunter. Inzwiſchen war die Sonne hinter den Hügel gegangen und der weite Hof, den wir jetzt betraten, lag ſchon tief dunkel, während draußen über den Wieſen noch eine Helle ſpielte. Ich war gefaßt darauf, an der Thür des Hofes, oder jedenfalls des Hauſes, verabſchiedet zu werden. Statt deſſen ließ der Alte ſeinen Arm auf meinem ruhen, öffnete die feſtverſchloſſene Pforte und wir traten in dan dunklen Hausflur und links in ein wohnlich eingerichtetes Zimmer, in das durch die blinden Scheiben eine ſpärliche Dämmerung fiel. Zwei Kerzen ſtanden auf dem Tiſch in der Mitte. Er zündete ſie an und warf ſich erſchöpft, im Man⸗ tel wie er war, in einen Seſſel. Keine größere Ueberraſchung kann gedacht werden, als ich ſie bei einem flüchtigen Umblick in dem Gemach empfand. Ich war im Fährkrug, in demſelben Hauſe, das, von außen geſehen, wie eine Herberge für Geſpenſter erſchien, der langſamen Zerbröckelung durch Zeit und Elemente gleichgültig überliefert. Und nun umgab mich Alles, was die Wohnung eines Einſamen be⸗ haglich machen konnte. Dort im Winkel ein ſchönes altes Clavier mit vergoldeten Füßen, an der Wand eine Bücherſammlung in zwei ſchwarzen Glasſchrän⸗ ken mit Marmorplatten bekrönt, neben dem Fenſter hier eine Staffelei, der Malſtock lehnte noch daran, große Epheugitter verſtellten das andere Fenſter, und die Scheiben, wie ich jetzt deutlich ſah, waren nicht vom Staube getrübt, ſondern aus grauem Milch⸗ glas. Die wenigen Kupferſtiche an den Wänden konnte ich nur von ferne muſtern, denn der Alte ſaß bewegungslos und ich wagte nicht, ihn zu beun⸗ 303 ruhigen. Viele Bücher lagen aufgeſchlagen auf dem Tiſch, den ein ſchwerer Teppich bedeckte. Der koſt⸗ bare Stoff ſchien ſehr alt, die Farben verſchoſſen, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung des Zim⸗ mers einer verſchollenen Zeit angehörte. Langſam ging der Pendel einer ſchweren Wanduhr hin und her und der Holzwurm pickte im Gebälk der weiß⸗ getünchten Decke. Ich fühlte mich beklommen und wußte nicht, ob ich bleiben oder gehen ſolle. End⸗ lich glaubte ich an den tiefen Athemzügen des Alten zu hören, daß er in Schlummer gerathen ſei, und entſchloß mich, ihn behutſam zu verlaſſen. Ich hatte ſchon den Thürgriff gefaßt, als er aufſah, ohne ein Wort zu ſagen eine Kerze ergriff und mir nach— kam. Er öffnete ſelbſt die Th Thür, leuchtete mir durch den Flur, und nachdem wir eine einſilbige Gute⸗ nacht und einen fremden Händedruck getauſcht hat⸗ ten, fand ich mich wieder allein draußen im Hof und hörte hinter mir zuſchließen und den räthſelhaften Mann langſam in ſein Zimmer zurückſchleichen. Wäre nicht durch die matten Scheiben der Schein der Kerzen in die Nacht hinausgedrungen, ich hätte Alles für einen Spuk meiner eigenen Sinne gehalten. a Es war wieder lautlos ſtill im Haus. Von ferne aber hörte ich einzelne Klänge der munteren Tanzmuſik herüberwehen, und ich geſtehe, daß mir das Bewußtſein, fröhlichen Menſchen nahe zu ſein, jetzt eine Wohlthat war. Eilfertig machte ich mich auf den Heimweg, ſchlüpfte durch das Hofthor ins Freie und gewann die Fahrſtraße.„Helene Morten,“ ſagte ich für mich ſelbſt und mühte mich ab, das zerriſſene Gewebe meiner Erinnerungen, die an die⸗ ſem Namen hingen, wieder zuſammenzufügen und zu verknüpfen. Vergebens. Ich wußte nur, daß damals in einer Geſellſchaft hin und her über dieſe Frau geſprochen und geſtritten worden war. Da ſich Niemand fand, mir, dem einzigen Fremden, die That⸗ ſachen ſelbſt zu erzählen, hatte mich das Geſpräch wenig angezogen. Eine meiner Nachbarinnen ver⸗ tröſtete mich darauf, daß ſie mir von der unglück⸗ lichen Schönen das Weitere nächſtens erzählen wolle. Leider mußte ich die Stadt früher, als ich gerechnet hatte, verlaſſen. Die kleine Tochter des Wirths begegnete mir mitten auf der Straße.„Wohin, Kind?“ frug ich ſie.—„Zum alten Herrn im Fährkrug,“ ſagte das 305 Mädchen.„Ich bringe ihm alle Abend und Mittag das Eſſen hinüber, und heute von unſerm Kuchen. Kennen Sie den alten Herrn?“—„Nicht viel, mein Kind. Fürchteſt du dich nicht in den einſamen Hof zu gehen?“—„Es iſt Niemand da, als der alte Herr. Was ſollte mir geſchehen?“ Sie glitt an mir vorbei und verſchwand hinter den Fichtenbäumchen. Ich aber langte in meinem Wirthshauſe an und trat in den Saal, wo man eine Art Kirchweih zu feiern ſchien. Bauernſöhne und junge Handwerker aus der Umgegend tanzten und ſtampften, daß die Fenſter klirrten; die vor— nehme Welt aus dem Badeorte drüben hatte ſich wohl ſchon lange zurückgezogen und die Lauben den ausruhenden Paaren überlaſſen. Das Gewühl und die ungebundene Luſtigkeit erquickten mich nach dem ſeltſam gedämpften und verſchleierten Bilde, das ich eben verlaſſen hatte. Hier die volle übermüthige Freude und die derbe Jugendkraft, drüben ein ſtill hinwelkendes Daſein, von der Welt zurückgeflüchtet hinter bleiche undurchſichtige Scheiben. 8 Ich hatte dem Tanz eine Zeitlang zugeſehen, als das kleine Mädchen hereinkam, und ſich durch Heyſe, Neue Novellen. 20 —— die wirbelnde Geſellſchaft zu mir hin drängte.„Der alte Herr läßt Sie fragen,“ ſagte das Kind flüſternd, „ob Sie nicht noch einmal zu ihm kommen woll— ten.— „Der alte Herr?“ „Ja, im Fährkrug. Sie müſſen ihn doch gut kennen, denn er läßt ſonſt nie Jemand zu ſich ins Haus. Der Vater ſagt, Sie wären am Ende ein Pfarrer. Aber kommen Sie ſchnell.“ „Iſt er krank geworden?“ „Er war ſehr unruhig und ging immer auf und ab.“ Das Kind führte mich hinaus, huſchte dann von mir weg, und ließ mich allein meinen Weg antreten. Die Nacht war kalt, aber windſtill und ſternenklar. Schwarz lag der Hügelrücken mit den Bäumen zur Rechten, die Ebene links wie ein zu Füßen einer waldigen Klippe erſtarrtes Meer; denn die Heuſchober tauchten wie Reihen plötzlich verſtei⸗ nerter Wellen aus dem Grunde auf. Nichts Leben⸗ diges ringsum, als die Fledermäuſe und der fallende Thau. Ich klopfte bald wieder an der wohlbekannten Thür des Fährkrugs. Der Alte öffnete und führte d, mich hinein. Als er mir die Hand bot, fühlte ich l an ihrem Druck, daß er aufgeregt war, wovon ich in ſeinem Geſicht freilich keine Spur zu entdecken vermochte. Ein Feuer war inzwiſchen im Ofen an⸗ ut gezündet worden, und das Zimmer empfand bereits ns die Wohlthat der Flamme. Ich ſah den Korb mit ein Eßwaaren, den die Kleine gebracht, unberührt unter einem Seſſel ſtehn, ſonſt Alles, wie ich es kurz vor⸗ her verlaſſen hatte. Der Alte ſelbſt, nachdem er mir ſtillſchweigend den Platz am Tiſche angewieſen und die Bücher zurückgeſchoben hatte, ging, die Hände in den Taſchen ſeines langen Hausrocks, ein 1 3 paarmal das Zimmer auf und ab und ſchien offen⸗ 1d bar um das erſte Wort verlegen. Endlich ſagte er, p ohne ſeinen Gang zu unterbrechen: a„Verzeihen Sie, daß ich Sie noch ſo ſpät belä— ſtigt habe. Ich bin noch nicht ſo lange von den 1 Menſchen entfernt, daß ich alle Höflichkeit verlernt B3 haben dürfte. Aber Sie ſind zum Theil ſelbſt Schuld 3 daran. Sie haben ein Wort fallen laſſen, das mich nd um meine Nachtruhe zu bringen droht. Ich habe es in langen Jahren nicht wieder ausſprechen hören ten. und mir zuweilen eingebildet, es ſei verſchollen. Nun erkenne ich, daß die alte Lüge unſterblich iſt.“ Ich ſah ihn fragend an. „Sie ſagten,“ fuhr er fort, und ſeine Stimme klang bewegt,„daß Helene Morten nicht glücllich geweſen ſei. Sie haben es Andern nachgeſprochen. Es läge mir viel daran, Jemand zu wiſſen, der, wenn in Zukunft dieſe Rede wieder geht— und ſprechen wird man von Helene Morten, ſo lange Menſchen leben, die ſie als Kinder nur einmal an ſich vorübergehen ſahen— der, ſag' ich, dann auf⸗ treten kann und zeugen, daß dieſe Frau nicht un⸗ glücklich war. Oder halten Sie Jemand für unglück⸗ lich, der wie ein Held geſtorben iſt?“ „Antworten Sie noch nicht. Sie ſollen erſt ur⸗ theilen, wenn Sie Alles wiſſen.“ Er ging an eines der Fenſter, die nach dem Fluß lagen und öffnete es raſch.„Was ſehen Sie?“ ſagte er. „Ich ſehe in die Veranda hinaus, und die Mal⸗ ven im Gärtchen.“ „Der Anblick iſt nicht ſchön,“ ſagte er und nickte mit dem Kopf.„Es hat auch Zeit gehabt, * en. ⁵ zu verwildern. Als ich vor dreißig Jahren da ſaß, wo jetzt Ihr Seſſel ſteht, im Sommer, und durch die offenen Fenſter hinausſah, ſtanden die Pfeiler ſauber und trugen ſtattlich das Dach, zu dem der wilde Wein hinaufgewuchert war. Der G arten da⸗ hinter war voller Blumen, der Fluß nicht ſo ver⸗ ſchilft wie heut, denn wo jetzt eine zähe Decke von Waſſerlilien ſich ausbreitet, ging die Fähre hin und her, und von ihrem Landungsplatz an der Inſel führte ein reinlicher Weg gerade hinauf durch den Garten in dies Haus. Und eines Tages— ich war vom Bade herübergekommen— ſaß ich, wo Sie eben ſitzen, und mir war wohl und ich ſah ge⸗ dankenlos in den Tag hinaus. Da tauchte plötzlich ein Mädchenkopf zwiſchen den beiden mittleren Pfei⸗ lern auf und nun die ganze Geſtalt, und gleich darauf hörte ich die Stimme, die ich ſeitdem Tag und Nacht nicht vergeſſen habe. Das war ſie, dort, wo ich mit dem Finger hindeute, und hier trat ſie in die Thüre, und dort ſtand der Tiſch, auf den ſie ihren Strohhut legte— und hundert Schritte vom Hauſe unten am Fluſſe war's, wo ſie mir drei Wochen ſpäter ſagte, daß ſie mein ſein wolle. — 310 Keiner kann die Stelle mehr betreten; das Fleckchen Ufer iſt eingeſunken, und das Waſſer geht jetzt darüber.“ Er ſchloß das Fenſter wieder und trat ſeinen Gang von Neuem an. Dann fuhr er fort mit ruhiger Stimme, und ich ſah, daß es ihm keine Ueberwindung koſtete, das Vergangene heraufzube⸗ ſchwören, daß es ihm eher wohlthat, einmal wieder den Namen zu nennen; denn er nannte ihn ge⸗ kliſſentlich oft, und ſeltſam, meiſt mit dem ſeinigen zuſammen. „Damals war ſie ſehr jung,“ ſagte er.„Wie ihr Geſicht war, kann ich Ihnen nicht beſchreiben. Ich weiß nicht, ob man es ſchön fand. Es waren die lachenden Züge eines Kindes, und die Augen eines ernſthaften Knaben, Augen, die ſchon Alles ahnten, was das Ohr noch nie gehört und der Kopf noch nie begriffen hatte. Ihre Geſtalt war nicht groß, ſie ſchwebte, wenn ſie ging, ſie ſtützte gern die Stirn mit der Hand, wenn ſie ſaß. Wenn ſie ſprach, war es raſch und heimlich, und oft lachte ſie, wenn ihr Geiſt ſeine Funken warf; aber ſaß ſie am Cla— vier und ſang, ſo war es immer langſam und ernſt⸗ . 311 hafte Melodieen, und oft brach ſie mitten im Singen ab, und ſtand auf mit naſſen Augen. Sie ſchalt dann, es ſei eine körperliche Schwäche, und nie ſang ſie vor mehr als Zweien. Wer es je gehört hatte, vergaß es nicht wieder. Sie wußte viel und lernte noch immer, aber man erfuhr es nicht, außer daß ſie Alles verſtand, was geſprochen wurde, entlegene Dinge, die mir gänzlich fremd waren. Sprach ſie ſelber, ſo war es mehr wie ein Spiel, ein Geplauder, um Jeden heiter zu machen, der um ſie war, ohne mit einer Silbe zu verrathen, was ſie Alles geleſen und gelernt hatte. Aber die gelehrteſten Männer ſah ich alle anderen Geſpräche im Stiche laſſen, um mit ihr zu plaudern; und alle Schönheiten in einem Saale verblaßten plötzlich, wenn ſie hereintrat. Man ſah immer nur auf ſie; aber ſie wußte die Frauen eben ſo zu gewinnen, wie die Männer, und keine blieb ihr unverſöhnt, der ſie Anfangs im Wege zu ſtehn geſchienen hatte. Glauben Sie nicht, daß ich ſo bald wußte, was ich an ihr beſaß. Ich war damals ſchon an der Grenze der Vierzig und ein leidenſchaftlicher Kauf⸗ mann. Mein Comptoir, meine Schiffe, meine über⸗ —————— ——— Q— ———— 312 ſeeiſchen Verbindungen— das war all mein Leben, und war es geweſen, ſeit ich ſelbſtändig geworden. Ich galt in meiner Stadt für einen der Gebildetſten, obwohl es auf einige armſelige Weltkenntniß hinaus⸗ lief, die ich mir auf Reiſen erworben hatte. Doch war ich für den Schein der Bildung nicht unempfind⸗ lich, und als ich meine junge Frau heimgeführt hatte und mein Haus bald Alles verſammelte, was ein wenig Geiſt oder Geſchmack vorweiſen konnte, wiegte ich mich bequem in dem Lichte, das von alle dem auf mich zurück fiel. Aber ſeltſam, während ſich Jedermann bemühte, Helene Morten die Kreiſe ihrer Vaterſtadt vergeſſen zu machen, verlor ſie mehr und mehr den Geſchmack an den neuen Menſchen. „Wir wollen für uns bleiben,“ ſagte ſie zu mir, „ſie betäuben mich, dieſe klugen Leute; iſt das Geiſt, was ſo viel Lärm macht? Und wer das Schöne liebt, kann der es in Worte faſſen wollen? Wer hat ſie nur zu dem Glauben gebracht, daß ich eine gelehrte Frau ſei?“ Es war mir nicht unlieb, daß wir uns nun zurückzogen. Denn obwohl mir kein Schatten von Eiferſucht je über die Seele gefallen war, war ich 313 doch klar genug zu ſehen, daß ich neben Helene Morten völlig verſchwand. Sie wiſſen, was das heißt, der Mann ſeiner Frau zu ſein. Es hätte mich zuweilen empfindlicher gewurmt, wäre ich nicht ihres Herzens ſicher geweſen. Nicht daß ich Zeichen der Leidenſchaft bemerkt hätte; doch vermißte ich ſie auch nicht. Ich hatte ſie zu meiner Abgöttin ge⸗ macht und wußte wohl, daß ich ein lächerlicher Narr geweſen wäre, eine Erwiederung dieſer Empfindung auch nur für möglich zu halten. Sie war ein un⸗ vergleichliches, einziges, unergründliches Weſen; und ich, ſo geneigt ich war, mich für ganz leidlich zu halten, blieb doch ein gewöhnlicher Menſch, der nur verdiente ſie zu beſitzen, weil er ſich ihr auf Gnade und Ungnade überliefert hatte und jeden Augenblick bereit war, ſein Leben für ſie zu opfern. Und es war kein bloßer Vorwand, daß die Ge⸗ ſundheit Helenens ſie auf ein ſtilleres Leben anwies. Sie hatte ſich nie geſchont, an Alles, was ihr nöthig und wichtig ſchien, ihre volle Kraft geſetzt. Nun empfand ſie es an langen Schlafloſigkeiten, daß ſie ſich zu hüten habe. Eine Zeitlang ſang ſie keinen Ton und ließ ihre Staffelei leer an der Wand 314 lehnen. Nur ihre Bücher konnte ich ihr nicht ver⸗ ſagen; jedesmal, wenn ich davon anfangen wollte, ſchlug ſie die Augen ſo kindlich rührend zu mir auf, daß ich ſchwieg und ſie umarmte und ſie gewähren ließ. Ich mußte es wohl: welchen Erſatz hatte ich ihr zu bieten? aber mir ahnte es nicht, daß es die reichere Hälfte ihres Lebens war, die ſie mit jenem Blick behalten zu dürfen bat. Sie hatte ſonſt wenig Wünſche. Dieſe einfachen Möbeln, die Sie hier ſehen, ſtanden in ihrem Zim— mer. Sie ſelbſt hatte ſie ausgeſucht und wehrte immer ab, wenn ich ſie mit Schmuck und Luxus überſchütten wollte. Nichts war mir gut genug für ſie, Nichts reich genug. Die Sterne hätte ich ihr vom Himmel reißen und in den Teppich unter ihren Füßen einſetzen mögen. Aber was ich ihr auch Koſtbares bringen mochte, ſie nahm es freundlich hin, dankte, weil ſie meinen guten Willen ſah, lobte es und that es beiſeit in andere Zimmer, die ſie ſelten betrat. Ich unſeliger Thor! Mit ſolchem Tand wagte ich ihr zu nahen, in ſolchem fremden Nichts ihr einen Erſatz zu bieten für Alles, was mir fehlte, um dieſes Leben würdig zu ſchmücken! — 315 Denn ich fühlte es immer erſchreckender von Tag zu Tage, daß ſie ihr beſtes Leben für ſich lebte. Wenn ich abgeſpannt, ſpät und zerſtreut aus dem Comptoir kam und mich ihr gegenüber ſetzte, nach⸗ dem ſie die langen Stunden einſam geweſen war was hätte ich darum gegeben, ihr etwas ſagen zu können, das mit ihren Gedanken zuſammenklang! Sie ſelbſt fing von Dieſem und Jenem an, aber ſie kam nicht weit. Sie kannte endlich den ganzen Umfang meiner Unwiſſenheit und Trägheit und ver⸗ mied es, mir wie Allen gegenüber, ſich irgend über— legen zu zeigen. So verbrachten wir— faſt verlegen Beide— die Abende einſilbig mit einander. Ich hatte verſucht, ſie in meine Intereſſen einzuführen und mit wie gutem Willen hörte ſie mir zu! Aber ſie war Beſſeres gewöhnt als Getreidehandel, Droguen und Gewürze. Ich ſah, wie ihre Augen, die feſt auf mich gerichtet waren, müde wurden, und brach ab, um ſie nicht zu quälen. Nach meinen Reiſen frug ſie mich. Was aber hatte ich von ihnen heim⸗ gebracht? Die Theater kannte ich ein wenig, die Frauen mehr als ich ihr ſagen mochte, von den Zuſtänden der Länder nur diejenigen, die den Kreis — ——— —— 316 meiner Geſchäfte berührten, alle Schätze der Kunſt, die die Fremde beſitzt, nur ſofern eine kühle Neugier danach fragt. Es entging mir nicht, daß ſie nach⸗ denklich, faſt traurig wurde, als ſie auch an dieſen Felſen geſchlagen hatte, ohne daß eine friſche Quelle ihr entgegenſprang. Nun verfiel ſie darauf, mir vorzuleſen, hiſtoriſche Werke. Ich erkannte ihre unerſchütterliche Güte, mit der ſie jedes Mittel er⸗ griff, unſere Geiſter einander zu nähern. Und doch — laſſen Sie mich's zu meiner Scham geſtehen— einmal überfiel mich der Schlaf, mit dem ich oft gekämpft hatte, wirklich. Als ich endlich aufſah, hatte ſie, wohl ohne den Blick von dem Buch zu wenden, weitergeleſen, aber ihre Augenlieder waren feucht. Meine ſchönen Schiffe waren mein Stolz. Ich überredete ſie, das ſchönſte, das eben von einer glück⸗ lichen Fahrt wieder eingelaufen war, mit mir zu beſehen, und ſie ſchien es gern zu thun, obwohl, als ſie im Hafen in das kleine Boot ſtieg, eine ſeltſame Bläſſe ihr Geſicht überflog. Da ſie lächelte und ſcherzte, achtete ich es nicht. Aber noch hatten wir die kleine Strecke auf dem ruhigen Hafenwaſſer 317 Aj, nicht ganz zurückgelegt, ſo verfärbte ſie ſich vollends ie und ich mußte eilig umwenden laſſen, um wieder zu landen. Sie war mehrere Tage noch krank davon und ſen geſtand mir jetzt erſt, daß ſie von Kind an jede ell noch ſo ruhige Fahrt auf dem Waſſer, ſelbſt auf den mit ſtillten Flüſſen oder Landſeen, mit Unwohlſein habe hre büßen müſſen. el⸗ Mit jedem Monat, der nun verging, wurde ſie och ſtiller. Ihr Lachen klang nicht mehr wie ſonſt, es 2* war als würden ihre Augen immer größer, ihre oft Stimme dunkler, ihre Bewegungen leiſer. Ich ſah ah, das Alles um ſo trauriger mit an, als ihre Innig⸗ zu keit mir gegenüber ſich faſt zu ſteigern ſchien. Wenn ren ich ſie aufs Aengſtlichſte, zuweilen in völliger Troſt⸗ loſigkeit fragte, ob ſie leide, ſchüttelte ſie den Kopf Ich und umarmte mich. Auch dem Arzt gelang es nicht, ich⸗ mehr von ihr zu erfahren. Ich glaubte es zu wiſſen, zu was ihr Kummer mache. Sie war im dritten Jahre hl, mein Weib und wir hatten kein Kind. Der Arzt ine rieth, im nächſten Sommer— denn dieſer war ſchon lb zu weit vorgeſchritten— ein Bad zu beſuchen, und te verſprach den beſten Erfolg. Sie willigte gern darein, wie in Alles, was ich ihr vorſchlug. 318 Das war in den letzten Tagen des Auguſt, Gerade in dieſer Zeit beſchäftigte mich ein verdrieß⸗ licher Proceß, der ſich eben entſponnen hatte und wohl mit den Ausſchlag gab, die Reiſe ins Bad noch ein Jahr hinauszuſchieben. Nach der erſten Beſprechung mit meinem Advokaten lud ich ihn zu —j Tiſch. Er war ein ernſthafter Mann von wenig gewinnendem Aeußern, einige Jahre jünger als ich, ſchweigſam im Umgang, vor den Richtern höchſt be⸗ redt, in der Stadt für einen Sonderling bekannt, da er die Geſellſchaften vermied. Auch in unſerm Kreiſe hatte er ſich nie blicken laſſen. Als ich ihn zu Tiſche zu meiner Frau brachte, bewegte er ſich trocken und höflich ihr gegenüber, ja faſt glaubte ich zu bemerken, daß er etwas zu überwinden hatte, in ihr Geſpräch einzugehen. Der Zwang, wenn er ihn fühlte, gab ihn ſchon nach wenigen Worten frei. Seine Stirn klärte ſich auf, ſeine Augen wurden lebhaft, das ſcharfe und eckige Geſicht bekam einen harmloſeren Ausdruck. Mir war es nichts Neues, daß Helene Morten das Beſte und Menſchlichſte aus allen Menſchen an den Tag lockte. Wir verplauderten ein paar heitere Stunden, und vollends ſprang die Auguſt ndrieß⸗ e und ihn zu wenig ls ich, hſt be⸗ kannt, mſerm ch ihn 8 ſich zurdent einen Neues, 3 all? 319 Rinde von unſerm Gaſt und ließ den verheimlichten hellen Kern erblicken, als wir nach Tiſche in Hele⸗ nens eigenes Zimmer gingen, er die Bücher ſah, in denen ſie den Morgen über geleſen hatte, das lange verſchloſſene Inſtrument öffnete, und ohne jede Vor⸗ rede ſich ſetzte um zu ſpielen. Wie verabredet traf er gerade die Sonate, die Helene in ihren liebſten Stunden zu wählen pflegte. Ich beobachtete mein Weib. Sie ſaß ſtill in der Ecke des Sophas neben mir, ihre Augen lächelten und umflorten ſich leiſe, ſie drückte mir unter dem Tiſche die Hand, ich war lange nicht ſo glücklich, ſo beruhigt geweſen, und ſie kam mir ſchöner vor wie je. Als der Gaſt aufbrach, bat ich ihn, bald und oft wiederzukommen, und wenn ich noch Geſchäfte hätte, mich bei meiner Frau zu erwarten. Er ver⸗ neigte ſich ſtuimm. Wohl zehn Tage vergingen, ehe er ſich wieder blicken ließ. Er hatte inzwiſchen alle Papiere, die ich ihm mitgetheilt, durchgear— beitet und kam zunächſt in Angelegenheiten des Proceſſes.— Ich bat ihn zu Helenen zu gehen, bis ich meine Poſt geſchloſſen hätte. Als ich dann ſelbſt hinüber⸗ 320 ging, fand ich meine Frau in lebhaftem Geſpräch mit dem Doctor— wie er kurzweg im Hauſe ge⸗ nannt wurde. Das Geſpräch nicht zu unterbrechen, trat ich an einen andern Tiſch, nahm die Zeitungen, blätterte darin, und hörte daneben— mit welcher Freude!— jenes alte Lachen aus Helenens Munde, das über Jahr und Tag geſchwiegen hatte. Sie ſtritten mit einander und ſchloſſen endlich einen witzigen Vergleich, worauf meine Frau aufſtand, mir die Zeitungen wegnahm und mit den heiterſten Worten mich auf meinen alten Platz neben ſich zog. Des Proceſſes wurde kaum gedacht, ich hatte das vollſte Zutrauen in meinen Anwalt und wollte mir die Freude, Helene lachen zu hören, nicht durch das armſelige Geſchäft verderben laſſen. O dieſe Freude, ſie blieb nicht lange ohne einen trüben Beigeſchmack! Was mich anfangs glücklich gemacht hatte, ſchnitt mir zuletzt ins Herz. So klein, ſo ſchlecht, ſo unglücklich wurde ich im Verlauf we⸗ niger Monate, daß ich meine früheren Sorgen um, Helenens Stille und Bläſſe zurückwünſchte, nur um dieß Lachen nicht mehr zu hören, das durch die Macht eines Dritten wieder geweckt worden war. ſpräch ſe ge⸗ echen, ungen, eelcher tunde, ie ¶. einen ſtand, terſten h zog. 2 2 das e mir durch einen ücklich klein, f we⸗ 1 um, r un die ar. 321 Denn man gewöhnt ſich an Alles, ſogar an die eigene Unbedeutenheit. Als ſie den Schwarm kluger⸗ Schwätzer aus unſerm Hauſe verbannte, triumphirte ich im Stillen und ſagte mir: Du biſt ihr mehr werth, als die Geiſtreichen! Dann in unſerm Still⸗ leben, nachdem die erſte Selbſtkränkung überwunden war, ihr in nichts merkwürdig oder ebenbürtig ſein zu können, hatte ich mich auch hierin wie in ein Schickſal gefunden, bis ich mich dann begierig ſelbſt verblendete, den Grund ihrer gedrückten Stimmung in körperlichen Zuſtänden zu ſuchen. Sie hat im⸗ mer die Muße gehabt, ſagt' ich mir, zu leſen und ſich Gedanken auszuſpinnen. Ich hatte zu thun und bin darum nicht ſchlechter. Und liebt ſie mich nicht? Und bete ich ſie nicht an? Armſelige Ausflüchte! Ein unſcheinbarer Menſch, der ein paar Mal mit ihr ſpricht, kann alle ver⸗ ſiegenden Lebensquellen in ihr wieder entfeſſeln, und du ſtehſt dabei, und eine Bitterkeit im Herzen wehrt dir, den Segen mit zu genießen! Empfand ſie es ſelbſt? Ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß ſie herzlich, offen und rein mir begegnete, wie nur je. Sie verbarg es gar nicht, Heyſe, Neue Novellen 21 daß ihr der Doctor werth war. Sie ſprach oft von ihm und lobte ſeine guten Eigenſchaften, die zu Tage lagen. Er iſt recht ein Freund auf die Dauer, ſagte ſie. Auch was er ſpricht, hat nichts Be⸗ ſtechendes, aber es wirkt nach im Hörer und das Herz wird nicht kalt dabei. Und er hat viel Muſik. Aber von Malerei verſteht er nichts. Wenn er eine gute Frau fände und ſich hier in der Stadt für immer niederließe, es wäre doch ein Gewinn für uns.— Er denkt nicht ans Heirathen, ſagte ich darauf.— Er ſollte aber. Er hat noch zu viel Scharfes, um die Einſamkeit zu genießen undi ertragen. Ich hoffe auch, er bekehrt ſich, wenn er längere Zeit mitanſieht, wie wir glücklich ſind. Ein Engel der Güte ſprach aus ihr. Aber das gerade marterte mich. Es klang mir wie Mitleiden. Auch in ſeinem Benehmen glaubte ich das ſtille Einverſtändniß zu ſpüren, mich meinen Mangel nicht empfinden zu laſſen. Er kam immer öfter, zuletzt täglich, in den Abendſtunden, doch nicht früher, als das Comptoir geſchloſſen ward. Und gefliſſentlich ſog ich auch aus dieſem Umſtand neues Gift der Kränkung. Sie können doch ſprechen, was ſie wollen, 323 von wenn auch der Platz im Sopha beſetzt iſt, ſagt' ich mir. Ich bin durchaus nicht im Wege, wenn ihre e zu rr Geiſter ſich die Hände reichen. ge⸗ Aber es war auf die Länge nicht möglich, dieſem das Herzen Unrecht zu thun. Und ſo kam es in einer nuſk Nacht, da ich keinen Schlaf fand, daß ſich all mein eine verhaltener Groll plötzlich gegen mich ſelbſt wandte. füt Die tiefſte Selbſtgeringſchätzung, ein wahres Grauen für über die Art, wie ich neben einem ſolchen Weibe e 19 ſtumpf und leer dahinlebte, bemächtigte ſich meiner; vil die helle Verzweiflung, daß es noch irgend anders 12 mit mir werden könne und eine völlige Reſignation. 89 Ich ſagte es mir mit dürren Worten: ſie liebt dich nicht, ſie kann dich nicht lieben; ſie duldet dich nur, as meil ſie Fu ſtol iſt, den Jürihum ihrmr unerighehſen d Jugend ſich ſelbſt einzugeſtohen, zu Kiurl und edel, 6 um nicht auszuharren in dieſem Geſchick, und zu ün gütig, um deine grenzenloſe Liebe von ſich zu ſtoßen. nict Zeige ihr nun, daß du nicht ſchwach genug biſt, ein 1 ſolches Opfer anzunehmen. . Als ich am andern Morgen aufſtand, war mein ntlich Entſchluß gefaßt. Ich gab meinem erſten Buchhalter alle nöthigen Vollmachten und kam dann zu Helenen. 324 Sie erſchrak ſichtlich, als ich ihr ankündigte, daß ich in Geſchäften eine Reiſe machen müſſe. Wie lange? fragte ſie haſtig.— Ich kann es aus der Ferne nicht berechnen, erwiederte ich, und wahrlich, ich wußte es ſelbſt nicht. Ich wollte fort, ſie von mir befreien, mich ihren Augen entrücken, wie ich ihren Gedanken längſt fern zu ſtehen glaubte. Was weiter aus mir, aus ihr werden ſollte, das zu bedenken, fehlte mir noch Beſinnung und Kraft.— Und jetzt willſt du reiſen, in dieſer Jahreszeit(wir waren im November), und gerade da der Prockeß ſich entſchei ſoll? Du haſt Etwas, das du mir verbirgſt. 2 offen, es ſind nicht Geſchäfte, die dich wegrufen. Ich konnte ihr in aller Wahrheit betheuern, daß meine Zukunft an dieſer Reiſe hinge. Der Proceß ſei wohl aufgehoben in den Händen des Doctors. Ich hoffte, daß dieſer ihr inzwiſchen die einſamen Stun⸗ den zerſtreuen werde.— Sie ſah mich ſtill und ernſt⸗ haft an, als ich dieſe Worte ſagte; aber kein Zug von Bitterkeit konnte ihr meine Schmerzen verrathen, denn auch den Unmuth gegen den Doctor hatte die vergangene Nacht völlig in mir ausgelöſcht. Und ſo entfloh ich ihr, da ich mir ſelbſt nicht zu im den 1 daß ſie mir ſchreiben konnte, und Auftrag gegeben, 325 entfliehen vermochte, und reiſ'te, innerlich zerſtört und hoffnungslos, bis ich nach einigen Tagen und Nächten unabläſſigen Fahrens vor Erſchöpfung Halt machen mußte. Die körperliche Anſtrengung war mir willkommen geweſen und hatte mich für jedes Leiden des Ge müths abgeſtumpft, ſo lange ſie dauerte. Nun ich ruhte, fingen die Schmerzen ihr altes Spiel wieder an. Wenn ich auch meinen Unwerth tief genug erkannt hatte und mehr als Einer es ihr nachem ⸗ daß ich ihr Nichts ſein konnte, ſo war doch Leidenſchaft und Mannesſtolz zu mächtig in mir, um den Gedanken einer Theilung zu ertragen. Er nehme ſie hin, ſagte ich bei mir ſelbſt, er mache ſie glück lich und gebe ihr die Jugend zurück, die neben mir verwelkte. Nur ſehen will ich es nicht müſſen, und wenn ich mich in meiner Armuth unverhohlen ver achte, keinen Zeugen dabei dulden. Und doch, glaubte ich dergeſtalt mit mir fertig zu ſein, ſo riſſen mich ihre Briefe, die ich jeden zweiten Tag empfing, wieder mitten in den Strudel der Qualen und Zweifel hinein. Ich hatte geſorgt, 326 mir die Briefe nachzuſchicken; es ſollte das die letzte Probe ſein, wie ſie ſchreiben würde. Und wie ge ſagt, ſie ſchrieb einen um den andern Tag, Briefe voll der herzlichſten Hingabe, voll des reinſten Ver trauens. Ich las ſie unzählige Mal, ich ſpürte in jeder Zeile nach einer Falte, die eine heimliche Ab ſage enthielte. Und wenn ich eben frohlockte, die gewohnte, trauliche, liebe Sprache zu vernehmen, nur von Betrübniß der Trennung dunkler gefärbt, warf ich die Blätter wieder von mir und verhöhnte meine Blindheit. So ſpricht das Mitleiden, die bnenne Gute! Klingt ein Ton jenes Lachens, das ſie ſchenkt, durch all dieſe Worte hindurch? Nein, ich will wenigſtens nicht ſchwach ſein, wenn ich denn unſelig ſein ſoll! Vierzehn Tage dauerte dieſer Zuſtand zwiſchen Leben und Tod. Ich ſelbſt antwortete keine Zeile. Sie ſtand zu hoch für die Lüge, für die Beſchöni⸗ gung. Ich erfuhr aus ihren Briefen, die immer dringender um Erwiederung baten, daß der Doctor nach wie vor bei ihr ein⸗ und ausging. Jeder Brief brachte Grüße von ihm; die meiſten erzählten von den Geſprächen, die ſie mit einander geführt, letzte e ge⸗ riefe Ver⸗ te in A-⸗ denn iſchen geile chöni⸗ nmel doctor von den Liedern, die ſie ihm vorgeſungen, und wie ihr mein Beifall, den ich verſchwenderiſch zu ſpenden pflegte, dabei gefehlt habe. Ich konnte es nicht mehr lange ſo ertragen, ſie in dem Zwang zu wiſ⸗ ſen, den ſie ſich, wie ich meinte, beim Schreiben auferlegte. Ich wollte endlich offen zu ihr reden und ihr die Freiheit zurückgeben. Aber ſo oft ich anſetzte, immer zog mir ein Schauder, der mich faßte, wenn ich an meinen Verluſt dachte, die Feder wieder aus der Hand. Wie oft bat ich den Himmel inbrünſtig um meinen Tod. Ja, ich war gottlos genug, ihn zu ſuchen. Auf den wildeſten Pferden, die am Orte aufzutreiben waren, machte ich in Dämmerung und Nacht die halsbrechendſten Ritte in der unbekannten Gegend. Sie brachten mich alle heil und ſicher wieder an die Thür meiner Woh⸗ nung, wo ich in völliger Abgeſchiedenheit, ohne einen Diener, für Jedermann unzugänglich mein Inneres zernagte. Da blieben plötzlich ihre Briefe aus, einen— zwei— drei Tage. Auch aus dem Comptoir erhielt ich keine Zeile. Ich hatte oft gewünſcht, ſie möchte ermüden, und damit das Zeichen geben, daß ſie mich 328 verſtieße. Und jetzt, wo das zuweilen ſicher Geweiſ⸗ ſagte eintrat, gerieth ich in die furchtbarſte Aufregung. Am Morgen des vierten Tages, als ich wieder ohne Nachricht geblieben, nahm ich Courierpferde und reiſ'te unaufhaltſam zurück, Tag und Nacht die Augen nicht ſchließend. Als ich ſpät am Abend des dritten Reiſetags wieder in meine Stadt kam, und abſichtlich nicht vor meinem Hauſe, ſondern an der Poſt aus dem Wagen ſtieg, trugen mich meine Füße kaum. Die Poſtmeiſterin hielt mich für einen Tod⸗ kranken und erkannte mich nicht wieder. Ich that einen Zug aus der Schale mit Thee, die ſie mir hülfreich an den Wagenſchlag brachte, und wankte dann von dannen, meinem Hauſe zu. Eine feige Stimme in mir wollte mich abhalten, ſogleich der Wahrheit ins Auge zu ſehen. Aber mit letzter Kraft raffte ich mich auf und erreichte die Straße, wo wir wohnten. Alle Fenſter waren dunkel, der letzte Zweifel erloſch in mir. Die Geſchichte, die ich mir hundert Mal vorgeſagt hatte, daß ich ſie nicht mehr finden würde, ſo unglaublich ſie war, wenn man Helene Morten gekannt hatte, jetzt war ſie mir un⸗ umſtößliche Gewißheit. 329 Ich klopfte den Portier heraus, er öffnete und wie er mich ſah, fuhr er verſtört und ohne ein Wort zu ſagen mit dem Licht in der Hand zurück. Sage mir nichts, Valentin, ſprach ich mit mühſamer Ruhe, ich weiß Alles!— Ich nahm ihm das Licht ab und ſtieg die Treppe hinan. Die Diener und Mägde ſchliefen ſchon. Oben fand ich alle Thüren verſchloſſen und öffnete mit dem Schlüſſel, den ich bei mir trug. Von Zimmer zu Zimmer ging ich, langſam, ohne alle Hoffnung. In den hohen Spie⸗ geln ſah ich mein Bild— das war kein Lebender mehr. Zuletzt kam ich in ihr Gemach. Es war, wie ich es verlaſſen hatte, das Clavier noch offen, auf der Staffelei ein halbvollendetes Aquarellbild. Und dort ſtand der Lehnſtuhl vor ihrem Schreibtiſch, ihre Mappe lag aufgeſchlagen— und auf der Mappe ein Brief. Ich hatte auch das erwartet. In tödtlicher Lähmung all meiner Glieder und Gedanken ſtellte ich das Licht auf den Schreibtiſch und warf mich ſelbſt in den Seſſel. Nur einmal verſuchte ich, den Brief in die Hand zu nehmen. Er war verſiegelt, aber ſtatt der Aufſchrift ſtand nichts auf dem Couvert, als haſtig hingeworfen 330 „An.“ Ich ließ ihn wieder fallen, denn was ſollte er mir Neues ſagen? So war es denn entſchieden und ich hatte ſie verloren. Kein Gedanke ſtieg mehr in mir auf, daß hier ein Räthſel walten könne, keine Ueberlegung, ob ſie, die ich ſo hoch hielt, fähig ſein möchte und wenn ſie noch ſo klar eingeſehen hätte, daß ſie mir nur nahm, weſſen ich nicht würdig war— einen ſolchen Schritt zu thun, heimlich, da ich fern war. Sie wird ihrer Leidenſchaft zu dem Andern inne geworden ſein, dachte ich, und zu welchen Entſchlüſſen der Verzweiflung Leidenſchaft fortzureißen Macht habe, wußte ich nur zu gut. Es ſenkte ſich immer bleierner und eiskalter über mein Hirn herab, alles Fühlen und Sinnen ward wie erwürgt in mir, und ich dachte, das ſei mein Ende. Es war nur ein Schlaf, der die Aufregung in mir völlig zur Ruhe brachte.—— Ein Klopfen an der Thür weckte mich; da war es heller Morgen, und mich ſchüttelte der Froſt, denn ich hatte leicht in den Kleidern geruht und die Novembernacht war kalt geweſen. Kaum vermochte ich das Haupt zu regen und hing ſo im Stuhl und ˖fern ndern elchen reißen über ward mein egung war Froſt die nd nochte l und 331 ſtarrte zuerſt wieder auf den Brief. Es klopfte in⸗ zwiſchen wieder und endlich ging die Thür auf und Mannsfeld, mein erſter Buchhalter, trat langſam herein. Er war alt geworden im Hauſe und liebte mich und verehrte die Frau wie eine Heilige. „Herr Morten,“ ſagte er mit ſtockender Stimme, „Sie ſind lange ausgeblieben— Sie finden es hier traurig.“— Ich winkte ihm mit der Hand, daß er gehen ſolle. Der treue Menſch that, als verſtünde er mich nicht. „Madame iſt fort!“ fing er wieder an. „Ich weiß, ich weiß,“— unterbrach ich ihn. „Gehen Sie, Mannsfeld, ich bin müde. Laſſen Sie mich allein.“ „Sie wiſſen es, Herr Morten? Auch daß ſie zu Schiffe fort iſt?“ Jetzt erſt ſah ich zu ihm auf. Er hatte die Thränen in den Augen. „Sehen Sie,“ ſagte er,„das wiſſen Sie nicht. Sie hätten es nicht gelitten, wenn Sie es gewußt hätten. Und ſo ſagte ich auch Madame, aber ſie hörte mich nicht und verbot mir, Ihnen ein Wort 332 davon zu ſchreiben. Sie ließ ſich nicht halten, ob⸗ wohl ich noch am Hafen, ehe ſie einſtieg, ſie faſt auf Knieen bat, zurückzubleiben, denn ich wußte ja, daß ſie das Waſſer nicht verträgt, und nun obendrein in dieſen Novemberſtürmen, wo ausgewettertes Seevolk ſelbſt ſich nicht hinaus getraute. Es wird mir nichts geſchehen, ſagte ſie, und ich verlaſſe mich auf dich, guter Mannsfeld, daß du meinem Manne nichts ſchreibſt. Er würde ſich nur ängſtigen und es hülfe doch nichts. Und damit ſah ich ſie abfahren. Ich ſprang, wie ich zur Beſinnung kam, in ein Boot und dachte mir, ich wollte ſie wenigſtens begleiten, aber ſie litt es nicht; der Schiffer lichtete eilig die Anker und fuhr aus dem Hafen, und ſo hatte ich das Nachſehen, bis mir der naſſe Nebel vor die Augen trat und ich nichts mehr ſehen konnte.“ Er fuhr ſich mit der Hand über die Wimpern und ſchwieg eine Weile. Ich lag noch immer und legte Alles, was ich hörte, nach meinem Wahn aus. „Wer war der Schiffer, mit dem ſie fuhr?“ fragte ich endlich. „John Meier, derſelbe, der die Nachricht aus Kopenhagen gebracht hatte.“ D „Die Nachricht?“ „Auch davon ſollte ich Ihnen nichts ſchreiben, oder ſie wolle mich nie mehr freundlich anſehen. Lieber Himmel, mit der Drohung hätte ſie mich zu Allem gebracht! Aber warum mußte ich ihr ein Wort davon ſagen! Wäre ich alter Eſel nur das Eine Mal in meinem Leben geſcheit geweſen, ſo ſtünde es jetzt nicht ſo. Herr Morten, werden Sie mir's je verzeihen? Ach, wenn auch Alles gut ab⸗ läuft, die Angſt werde ich mein Lebtag nicht aus den Gliedern los werden, die ich dieſe Woche aus— geſtanden habe.“ Ich ſprang auf, faßte ihn bei der Hand, um mich aufrecht zu erhalten und rief:„Was iſt ge⸗ ſchehen, Mann? Rede, ſprich— Alles muß ich wiſſen— wo iſt ſie hin?“ „Ich will reden,“ ſagte er, während ich kraftlos wieder in den Seſſel zurückſank;„Alles will ich ſa⸗ gen, und wenn ſie dann ſprechen: Mannsfeld, du kannſt die Bücher von Morten und Compagnie nicht mehr führen, ſo werde ich meine paar Sachen packen und ſagen, ich habe Schlimmeres verdient. Sehen — Sie, es war etwa um dieſe Tageszeit und wir ————— — ſchlägt hart neben meinem Pult ein, ſo entſetz' ich waren eben Alle ins Chmptoir gekommen. Da tritt der John Meier bei mir ein und legt einen Brief von Chriſtian Mölderups Erben auf meinen Pult. Er ſelbſt war eben verwichene Nacht mit ſeinem Schnellſegler in den Hafen eingelaufen, nach einer harten Fahrt. Seid Ihr unſern Schiffen begegnet, John Meier? frag' ich ihn, indem ich den Brief aufmache. Denn Tags zuvor, wie Sie wiſſen, Herr Morten, war die Africa, der Phönix und die Hanſa endlich ausgelaufen und hatten Weiſung, gerade auf Kopenhagen den Curs zu ſetzen. Der Weizen, der Hanf, und die Farbekräuter, die Hanſen und Compagnie gekauft hatten, waren wohl verſtaut, Alles, wie ich Ihnen geſchrieben habe, und wie geſagt, geſtern waren die drei wackeren Schiffe in See gegangen. John Meier war ihnen vorbeigekommen, und lobte ſie noch. Aber, ſagte er, die See iſt ſchlecht, und ich wollte, Herr Mannsfeld, ich wär' ihnen auf der Höhe von Kopenhagen begegnet, ſtatt ſo nahe dieſ⸗ ſeits. Denn wir haben November. „Wie er noch ſpricht, habe ich den Brief von Chriſtian Mölderups Erben überflogen und denke, es 335 trit mich. Sie wiſſen, Herr Morten, daß Mölderups im⸗ Brief mer reell gegen uns waren. Die Verbindung iſt pult. auch ſo alt. Und ſo ſchreiben ſie denn, daß die inem Firma Hanſen und Compagnie ſicherem Vernehmen einer nach binnen Kurzem falliren müſſe, und hielten es gnet, daher für angezeigt, der alten Handelsfreundſchaft Brief wegen, das Haus Morten und Compagnie bei Zei⸗ Herr ten zu warnen, vorläufig keine Geſchäfte mehr mit ai Hanſen und Compagnie zu contrahiren, oder ſchwe⸗ e auf bende abzubrechen. Das las ich und augenblicklich Hauf, dacht' ich an unſere drei Schiffe, für die wir keinen dgi Schilling ſicher haben. Wenn ſie in den Hafen von wie Kopenhagen einlaufen und Tags drauf wird das Fal⸗ ſtan liment erklärt, ſo gehört die Ladung zur Maſſe und ugen wir haben keine Rechte mehr daran. Das Einzige war, uote ihnen eilig nachzuſegeln und ſie zurückzuholen. Wollt und Ihr gegen doppelte Proviſion gleich jetzt wieder in de See ſtechen, John Meier? fragt' ich ihn. Er beſann i ſich und ſchüttelte dann den Kopf. Mich wundert, N ſagt er, daß ich meine„Seeſchlange“ dasmal noch ſicher ins Winterquartier gelootſ't habe. Nein, Herr f dun Mannsfeld, das hieße den Herrgott läſterlich ver⸗ r. 4 ſuchen. Geht ſelbſt an den Hafen und ſeht euch eh! 4 2 336 das Sturmweſen an und fragt, ob einem Fahrer ſeine Knochen feil ſind. Was ein Andrer thut, thu ich auch. So nahm er ſeine Mitze und ging kopf⸗ ſchüttelnd weg, und ich wußte, daß er Recht hatte. Hätte ich einen Tag früher die Nachrichten von der See in der Zeitung geleſen, ſo hätte ich's nicht ver⸗ antworten mögen, unſere drei guten Schiffe auslau⸗ fen zu laſſen. In tauſend Nöthen ſtand ich am Pult und wußte nicht aus noch ein. Da bringt mir der erſte Commis die übrigen Briefe, die wir Ihnen zu ſchicken hatten, und fragt, ob Madame — den ihrigen ſchon fertig habe; denn es war ihr Tag. Ich, noch ganz in meinen Gedanken, ſtecke den Brief — von Chriſtian Mölderup's Erben zu mir und gehe . 3„—. C. ſelbſt hinüber zu Madame. Sie ſaß, gerade wie —— Sie hier, vor dem Schreibtiſch und war im Begriff, — — auf den Brief da die Adreſſe zu ſchreiben. Als ſie mich ſo verſtört eintreten ſieht, hört ſie auf mit dem 4 Schreiben und fragt, gut wie ſie immer zu mir war: Was fehlt Ihnen, Mannsfeld? Sie ſind krank oder haben Kummer.— Das Letztere, Madame Morten, fahr' ich elender Tropf heraus. Und ich wußte doch, daß ſie nicht ruhte, bis ſie Einem eine Laſt Fahrer ut, thu ng kopf⸗ ht hatte. von der icht ver⸗ auslau⸗ ich am z bringt die wir Nadame ihr Tag. en Brief nd gehe dde wie Begrif Als ſie mit den nr wat: nt oder Mortel pußte „ anſt ine W abgewälzt oder wenigſtens einen Theil davon auf ihre eigenen Schultern genommen hatte. So fragt ſie mir denn richtig die ganze Calamität ab, und ich muß ihr den Brief vorleſen und die Sache erklären. Sie hatte kaum begriffen, worauf es ankam, als ſie aufſprang und ſich von der Jungfer ihren Hut und Pelz brin⸗ gen ließ. Wo wollen Sie hin, Madame Morten? ſag ich noch ohne alle Angſt, denn ich wußte, daß ſie die See ſcheute, und ſo was konnt' ich überhaupt nicht ahnen.— Bringen Sie mich an den Hafen zu dem John Meier, ſagte ſie. Ich will noch ein⸗ mal mit ihm ſprechen.— Das war ſo weit unver— fänglich, und ſo begleitete ich ſie hin; aber es war mir ſchon wunderlich unterwegs, daß ſie kein Wort zu mir ſprach, und ſie war ſehr bleich. Nun, wir finden den John Meier und Madame ſpricht mit ihm, und was kein Geld und Gold zu Stande ge⸗ bracht hätte, ihr gelingt es, und er verſpricht zu fahren. O ſie hat eine Art, der Niemand was ab⸗ ſchlagen kann. Ich fahre mit Euch, John Meier, ſagte ſie, denn Ihr habt doch nicht ſo viel Muth wie ich, und am Ende auch nicht ſo viel Glück.— Wie ich das höre, ſteht mir's Haar zu Berge. Um Heyſe, Neue Novellen 22 Gotteswillen, ſag' ich, Sie können, Sie werden doch nicht ſich auf die See wagen? Sie halten es nicht aus, beſte, gnädige, gütige Madame, laſſen Sie mich ins Schiff, ich verſpreche Ihnen, ich hole un⸗ ſere drei Kauffahrer zurück, und wo nicht, und wenn's zum Aergſten kommt— was iſt an mir viel verloren! Aber Sie— Herr Morten überlebt es nicht, Sie machen ihn und uns Alle unglücklich, denken Sie an unſern Herrn und ſtehen Sie ab von dieſer Fahrt.— Gerade weil ich an meinen Mann denke, ſagte ſie darauf ſehr feſt und herrlich, will ich kein anderes Leben als meines aufs Spiel ſetzen, ihm ſein Gut zu retten.— Sie ſah gar nicht mehr aus wie ein Menſch, und ſelbſt John Meier ſtand wie außer ſich dabei und rief einmal über das andere: Kommen Sie, Madame, was ſoll uns Böſes geſchehen, wenn Sie bei uns ſind? Dem Teufel wollt' ich die drei Schiffe abjagen, ſobald ich Sie an Bord habe.— Sie ließ mich gar nicht mehr zu Worte kommen, und nur das befahl ſie mir noch, Ihnen Alles zu verſchweigen; und dann winkte ſie mit der kleinen Hand nach dem Hafendamm herüber, wo ich ſtand, als hätt' ich einen Mord begangen, 8 doch iicht 339 und John Meiers leichtes Schiff löſ'te die Taue und ſteuerte weg. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich nachfuhr und nicht an Bord gelaſſen wurde. Und als ich endlich mehr todt als lebendig wieder im Comptoir ſaß, war's, als hätte ich nur 3 geträumt. Aber da lag Chriſtian Mölderup's Brief, und im ganzen Haus war ein Lamento, als wäre Madame Morten geſtorben, und ich wagte Keinem ins Geſicht zu ſehen. Es ward mir nicht ſchwer, es Ihnen zu verſchweigen; denn was hätte es geholfen? Und wenn ich an Ihren Zorn und Jammer dachte, Herr Morten, hätte ich mir am liebſten einen Stein an den Hals gebunden und mich irgendwo im Hafen ſicher untergebracht.“ Als er geendet hatte, ſtand er lange vor mir und ſah zu Boden. Ich vergaß ganz ſeine Gegen⸗ wart, hatte die Augen geſchloſſen und empfand nichts als mein Glück und Elend zugleich, nicht einmal Angſt um die Geliebte, nur den Triumph, ſo geliebt zu werden und die Zerknirſchung, ſo niedrig an ihr verzweifelt zu haben. Aber auch dieſes Gefühl gab endlich dem einen Schwindel des Entzückens Raum. Ich ſah auf.„Sind Sie noch hier, Mannsfeld?“ 340 D D ſagte ich.„Gehen Sie, es iſt gut.“— Der ehr⸗ liche Menſch verließ mich zögernd mit bedenklichen Blicken. Er mochte glauben, der Schlag habe mir den Verſtand zerrüttet, und ich hörte, daß er draußen auf dem Flur in der Nähe blieb, um bei der Hand zu ſein, wenn ich außer mir geriethe. Ich aber, als ich allein war, brach in Thränen aus, warf mich auf den Boden und küßte die Stelle, wo ihr Fuß geſtanden, und die Taſten des Claviers, auf denen ihre Finger geruht hatten. Der Wahnſinn der Freude verloderte bald, und da ich durch das Fenſter die Jagd der Wolken ſah und die Kälte empfand, die durch den Kamin ſtoß⸗ weiſe hereinfuhr, wurde ich plötzlich von Schrecken und Schauder erfüllt, und ſah mein Kleinod, mein Weib, mein Leben auf der furchtbaren See verloren dahinſchwanken.„Nein,“ rief ich aus,„das kannſt du nicht wollen, gütiger Gott, der den Stürmen und Wellen gebietet, daß das Ungeheure geſchehe! Zerbrich meine Schiffe, verſenke die Ladung, mache mich zum Bettler, aber rette mir mein Weib!“ In der entſetzlichen Unruhe, die von Minute zu Minute ſtieg, litt es mich nicht mehr im Zimmer. ehr⸗ ichen mir ußen Hand aber, warf und ſah ſtoß⸗ ecken mein koren aunſt rmen hehe! na che 341 Ich ſteckte ihren Brief zu mir, den ich an mich ge— richtet glaubte, und ging allein aus dem Haus, dem Hafen zu. Unterwegs erbrach ich das Siegel und „Leſen Sie ſelbſt,“ ſagte der Alte nach kurzem Schweigen zu mir. Er ging an den Schreibtiſch, ſchloß ein Fach auf und reichte mir den Brief im Couvert, auf dem ich die angefangene Aufſchrift er⸗ kannte.„Sie martern mich, wenn Sie mir das Ende vorenthalten,“ ſagte ich.„Um Gotteswillen, wie war der Ausgang?“—„Leſen Sie,“ erwiederte er.„Sie würden das Ende ohne den Brief nur halb verſtehen.“ Damit trat er an das Fenſter und ich las. „Lieber Freund! ich ſchreibe Ihnen, weil mir iſt, als ſollten wir uns ſo bald nicht wieder ſehen. Sie haben geſtern Abend eine Frage an mich ge⸗ richtet, auf die ich die Antwort ſchuldig blieb. Es wäre beſſer geweſen, Sie hätten nicht gefragt, oder ich hätte gleich Klarheit und Ruhe genug gehabt, Ihnen zu antworten, wie ich es jetzt thun will. Hätte ich die Frage früher ſchon mir ſelbſt geſtellt, ſo wäre die Antwort bereit geweſen. „Ob ich glücklich bin?“— Ich ſchwieg darauf, und was mögen Sie aus meinem Verſtummen her⸗ ausgehört haben? Sie kamen in einer Aufregung, die mir ſchmerzlich war, und gingen aufgeregter, als Sie gekommen waren. Sie ſind mir zu werth, als daß mir dies gleichgültig ſein könnte. Die Frage, die mir meine aufrichtige Freundſchaft für Sie nahe legte: ob Sie nicht glücklich ſeien— wurde mir durch Ihren Anblick erſpart. Ich will es nicht wiſſen, was Sie unglücklich macht. Ich habe das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie in keinem Kampf des Lebens unmännlich die Waffen ſtrecken werden, ehe Sie ſie ritterlich geführt haben. Aber vielleicht wird es Ihren Muth erneuen, wenn Ihnen Ihre Freundin ſagt, daß ſie Nichts ſo herzlich wünſcht, als Ihren Sieg in jeder Gefahr. Und beruhigen wird es Sie, zu wiſſen, daß die Sorge um mich und mein Glück Ihnen geſpart ſein ſoll. Denn ja! ich bin glücklich, lieber Freund, und was mir zur vollen Dankbarkeit gegen den Himmel gebricht, das hoffe ich mir zu erwerben. Sie haben mich, ſeit mein Mann fern iſt, oft oft 343 unruhig und nachdenklich gefunden. Warum ver⸗ hehle ich Ihnen die Urſache? Es iſt Eins, was mich bekümmert: das Gefühl, meinen Mann nicht ſo glücklich zu machen, als ich wollte. Sie kennen ihn, denn Sie ſind ſein Freund. Und ſo wiſſen Sie, ein edlerer Mann lebt nicht unter der Sonne. Und dieſer Mann gehört mir an, und jeder Tag zeigt mir ſeine Liebe, und doch finde ich den Weg nicht, ihm Alles zu ſein, was er zum Leben bedarf. Ich habe Ihnen verſchwiegen, daß er mir auf all meine Briefe keine Zeile geantwortet. Und noch heute iſt mir ſeine plötzliche Abreiſe unerklärlich. Ich habe ihm mit Wiſſen Nichts zu Leide gethan; aber daß ich unterlaſſen haben muß, ihm etwas zu Liebe zu thun, worauf er gehofft hatte, das wird mir jeden Tag einleuchtender. Er wird wieder kommen, und ich werde offen mit ihm reden, und wenn er die Schmerzen ſieht, die mir ſeine Entfernung gemacht hat, wird er mir Alles ſagen und die letzten Schatten verſcheuchen, die mein Glück trüben. Bis das geſchehen iſt, lieber Freund, laſſen Sie mich auf die Freude verzichten, die Stunden, wie 344 ich gewohnt war, mir durch Ihr Geſpräch zu ver⸗ kürzen. In der Spannung, mit der ich einem Brief meines Mannes oder ſeiner Rückkehr entgegen ſehe, wäre ich wenig fähig, unſere Lectüre fortzuſetzen oder ſo ruhig dem Flug Ihrer Gedanken zu folgen, wie man muß, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Seien Sie getroſt und ſiegreich und hei⸗ ter, wenn wir uns nach dieſer gewiß nur kurzen Pauſe wiederſehen. Ihre Freundin Helene Morten.“ Ich hatte den Brief längſt ausgeleſen und konnte die Augen doch noch nicht von der verblaßten, zar⸗ ten und zugleich feſten Handſchrift trennen. Auch ſtörte mich der Alte lange Zeit gar nicht in meiner ſtillen Feier. Die Uhr tickte müde und hart da⸗ zwiſchen und ſchlug endlich mit vollem Klang die elfte Stunde. Da wandte er ſich um von ſeinem Fenſter, ging auf mich zu und ſagte, mir die Hand ſanft auf die Schulter legend:„Werden Sie nun hintreten können, wenn die Welt ſagt, Helene Mor⸗ ten ſtarb unglücklich, und zeugen, daß ſie zu hoch geſtanden für das Unglück?“ Stimme verſagte mir. Er nahm den Brief, faltete ihn wieder mit ſorg⸗ ſamer Hand zuſammen und verſchloß ihn; dann ging er wieder ans Fenſter zurück und erzählte das Letzte halb in die Nacht hinaus: „Es war heller Tag und ich ſah nichts um mich her und hörte nichts vom Lärm der Straßen, durch die ich mich hindurch wand, ich weiß nicht wie. So⸗ bald ich den Brief geleſen hatte, überfiel mich eine tiefe Traurigkeit. O, war ich dieſer Worte der Liebe und Treue jemals werth geweſen,— durch meine wahnwitzigen Zweifel hatte ich jeden leiſeſten An⸗ ſpruch verſcherzt. Ich hatte mein Urtheil geleſen. Wie ein Verbrecher mied ich den Blick aller Men⸗ ſchen und zitterte vor dem ihrigen. Mir etwas zu Liebe zu thun, mir!— Was war ich? Ein ſelbſt⸗ ſüchtiger blöder Menſch, ein enger Kopf, ein uner⸗ ſättliches Herz, ein Frevler, aus Selbſtgenügſamkeit und Selbſtverachtung jämmerlich zuſammengepfuſcht, unwürdig, ihr je im Leben begegnet zu ſein. Und dieſem Menſchen etwas zu Liebe zu thun, hatte ſie ſich allem Drangſal der winterlichen See preisgegeben! Ich ergriff ſeine Hand und drückte ſie, die 346 O freilich, ſie mußte ja glauben, meine Schiffe ſeien meine Götzen, da mich die Sorge für ſie drei Jahre hindurch den beſten Theil des Tages abgehal⸗ ten hatte, den Himmel neben mir zu verdienen. Und ſo trat ich auf den Platz vor den Hafen hinaus und mein Blick fällt übers Meer. In dem⸗ ſelben Moment tönt die Hafenglocke, die das Ein⸗ laufen der Schiffe anzeigt, ich ſchrecke zuſammen und ſehe an der Hafenpforte eines hinter dem an⸗ dern meiner drei Schiffe, voran das Fahrzeug John Meiers. Sie liefen langſam ein, die beiden erſten die Flagge an der Gaffel führend, und jetzt bog das dritte, der„Phönix,“ ins Baſſin ein, die Hafen⸗ glocke verſtummte und ich ſah vom Maſte das Trauer⸗ zeichen, eine Flagge auf halber Stange wehen und dann nichts mehr, denn ich ſank um und lag be⸗ wußtlos auf den Steinen des Quagi's.—— Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich noch auf derſelben Stelle, von Hunderten umgeben. Alle kannten mich, Allen ſagte ein Blick aufs Meer, was es war, das mich zu Boden geworfen. Den treuen Mannsfeld ſah ich neben mir, der mir nachgefolgt war, und eben ſtieg John Meier die Hafentreppe 347 herauf und kam langſam auf mich zu. Als er ſich durch die Menge durchgedrängt hatte, und nun die Mütze zog und mir ſeine derbe Hand hinreichte, übermannte es den alten Seemann und er ſchluchzte wie ein Kind. Ich hatte mich aufgerichtet und faßte ſeine Hand und zog ihn fort nach dem Baſſin. Wir ſtiegen, nur von Mannsfeld begleitet, ins Boot und ruderten nach dem„Phönix.“ Da lag ſie auf dem Verdeck, in den Pelz ge⸗ hüllt, bleich und ſchön, das Geſicht nach dem Him— mel gewendet, der ſeine Wolken über ihr zerſtreute und die reine Bläue zeigte. Im Kreis ſtanden die Schiffsleute, alle barhaupt, ſtarr und lautlos. Nur die Wellen ſchlugen gegen die Planken des hohen Katafalks.—— Sie hatten die drei Schiffe erſt einige Meilen vor Kopenhagen eingeholt mit unſäglichen Mühen. So lange noch keines in Sicht war, ſchien die Fahrt ohne alle Spur jener böſen Wirkung auf Helenens zarte Natur von Statten zu gehen. Sie ſaß auf dem Verdeck unabläſſig, ein Fernrohr in der Hand, das Auge vorwärts gerichtet. Als der Mann auf dem Ausguck meldete, daß drei Segler am 348 Horizont auftauchten, ſtand ſie auf und ihr Geſicht röthete ſich plötzlich. Sie ließ das Fernrohr fallen, hielt ſich mit dem einen Arm feſt am Maſt und drückte die andere Hand gegen die Bruſt. Als John Meier zu ihr trat, um in heller Freude Glück zu wünſchen, ſah er ſie wanken, fing ſie in ſeine Arme auf und trug ſie, der alle Pulſe im hitzigſten Fieber flogen, hinab in die Cajüte. Sobald ſie beim„Phö⸗ nix“ angelegt und ſich verſtändigt hatten, wurde ſie auf das größere Schiff hinübergetragen, deſſen Be⸗ wegung ruhiger war. Zu ſpät! Die heftigſten Fie⸗ berſtürme löſ'ten die Anfälle der Seekrankheit ab, und am zweiten Tage war ſie verſchieden. Ich wollte, ich könnte Ihnen das Alles mit den Worten des braven John Meier ſagen. Das erſte mildere Gefühl des Lebens kehrte mir zurück, als ich ihn wieder und wieder wie einen begeiſterten Dichter von ihrem Ende ſprechen hörte. Einmal über das andere klagte er ſich an, daß er ihr nach⸗ gegeben und die Fahrt unternommen, und in dem⸗ ſelben Athem, weinend, zähneknirſchend rief er aus: Ich mußte es thun, Herr Morten, und hätte ſie mir befohlen, meinen eigenen einzigen Sohn umzu⸗ Geſicht fallen, t und John ück zu Fieber „ Phö⸗ rde ſie n Be⸗ 1 Ne⸗ it ab, 349 bringen, ich hätte ſie angeſehen und wäre ein Un⸗ menſch geworden!— Am dritten Tage darauf begruben wir ſie. Ich war eben vom Friedhofe in mein Haus zurückge⸗ kehrt und lag allein, thränenlos, ſelbſt wie ein Begrabener auf dem Sopha. Da geht die Thür auf und der Doctor tritt herein. Bis dahin hatten meine Leute Niemand zu mir laſſen dürfen, als Mannsfeld und John Meier. Nun erzwang er ſich den Eingang. Wie er mich liegen ſah, ſtürzte er mit unterdrücktem Aufſchrei neben mich hin auf die Kniee und weinte auf meine Hand ſtrömende Thrä⸗ nen. Ich fand ſie auch endlich wieder; ich neigte mich über ihn hin und umarmte ihn. Dann er⸗ hob ich mich und gab ihm den Brief, und der ſtarke Menſch bebte bis in die Fußſpitzen, während er las. Er wollte ſprechen, aber wie er mich an⸗ ſah, mußte er wiſſen, daß Alles geſagt war. Er ſtürzte an meinen Hals, ich küßte ihn auf den Mund und ſetzte mich dann neben ihn vor ihre Staffelei. So verbrachten wir zuſammen, ohne Je⸗ mand ſonſt hereinzulaſſen, den übrigen Tag in ihrem Zimmer. Als er Abends ging, bat ich ihn, den 5 1 350 Brief behalten zu dürfen, und behielt ihn. Den 6 Freund habe ich verloren. Er war am andern Morgen abgereiſ't, nachdem er alle Acten und Pa⸗ piere meines in letzter Inſtanz ſchwebenden und 7 nicht mehr zu verlierenden Proceſſes mir mit wenigen Abſchiedszeilen ins Haus geſchickt hatte. Ich ſah ihn nicht wieder und hörte nur ſpäter, daß er ſich 1—. in England niedergelaſſen habe. Warum mußte er auch ſo eilig die Stadt ver— d laſſen? Ich weiß, was darüber geſprochen wurde, Alles erfuhr ich. Es finden ſich immer gutherzige— Freunde, einem die Verleumdung ins Haus zu T 0 tragen. Den Erſten, der mich ſo theilnehmend da⸗ d bei anſah, daß mir alles Blut ins Sieden kam, ließ ich ausreden, und wies ihm dann ohne ein Wort die Thür. Er ging mit Achſelzucken und überließ mich meiner Empörung. Ein Anderer machte Miene, dieſelbe elende Rolle zu ſpielen. Von der Todten ſchwieg er, aber gegen den Doctor zog er los und lauerte, wie ich ſah, auf jede Silbe, mit der ich einſtimmen würde. Wer von meinem Freunde un⸗ würdig ſpricht, ſagt' ich trocken, hat die Wahl, für V einen ſchlechten oder dummen Menſchen von mir Den andern d Pa⸗ und enigen h ſah er ſich erzige s zu d da⸗ ließ Vort erließ liene, odten und r ich un⸗ „füt nir 351 gehalten zu werden.— So hatte ich Ruhe; aber der Ort war mir verhaßt, wo die Lüge wie ein Feuer um ſich fraß und ſelbſt Helene Mortens Grab nicht verſchonte. Ich betrat mein Comptoir nur noch, um mein Geſchäft aufzulöſen. Dann verſchloß ich mein Haus, nahm eine Anzahl von Helenens Büchern mit und reiſte ziellos in die Welt hinaus. Meinen Geiſt in die Nähe des ihrigen aufzuſchwingen, das war der einzige Gedanke, um den mir das Leben noch der Mühe werth ſchien. Ich las all ihre Bücher und lernte die Sprachen, deren ſie mächtig war, und in denen ich bisher nur Phraſen zu machen gewußt hatte. Auch das Zeichnen fing ich an. Nur für die Muſik waren meine Finger nicht mehr jung ge⸗ nug. Nach Hauſe kam ich nur, wenn mein Bücher⸗ vorrath erſchöpft war; dann betrat ich das verlaſ⸗ ſene Zimmer, öffnete dieſe Schränke und nahm neuen Troſt für meine Einſamkeit heraus. So trieb ich es viele Jahre. Als ich endlich alt genug war, um meinem Körper Ruhe zu gönnen, führte mich der gute Stern meiner Liebe, der immer reiner über mir aufging, 352 in dieſe Gegend, wo er zuerſt über meinem Hori⸗ zont emporgeſtiegen war. Ich fand dies Haus leer und kaufte es, um hier die letzten Tage zuzubringen. Alles, was mir noch theuer war, ließ ich in dies Zimmer zuſammenſtellen. Und ſo fahre ich hier fort, von ihrem Vermächtniß zu leben. Es ſind nur noch wenige Bücher in dieſen Schränken, die ich nicht geleſen habe. Wenn das letzte Blatt des letzten von ihnen umgewendet ſein wird, dann iſt auch meine Geſchichte zu Ende.“ Die Lichter auf dem Tiſch waren dem Erlöſchen nahe und die Uhr ſchlug Mitternacht.„Es iſt ſpät geworden,“ ſagte der Alte, der ruhig und wie ver⸗ klärt vor mir ſtand.„Ich habe Sie um viel Schlaf gebracht. Nehmen Sie zum Dank für die Thräne, die ich in Ihrem Auge ſehe, ein Andenken mit an Helene Morten.“ Er blätterte in einer Mappe, nahm eine Zeich⸗ nung heraus, rollte ſie ſorglich auf und legte ſie in meine Hand, nachdem er ſie zum letztenmal gedrückt hatte. Der Zugwind, der durch die geöffnete Hausthür ſchen ſpät ver⸗ schlaf räne, it an 353 hereinfuhr, verlöſchte ihm das Licht. Aber ſchon hörte ich das Schloß hinter mir verſchließen und ſtand draußen unter den Sternen in dem weiten Hof des Fährkrugs.— In meiner Kammer angelangt, war mein Erſtes, das Blatt zu entrollen. Es war eine Anſicht des Meeres, über Wipfeln ſchöner Buchenwälder, die am Ufer ſtanden, hinausdunkelnd, der Himmel in Sturmwolken gehüllt, und vorn auf einer Lichtung ſpielten Streiflichter der Sonne. Wenige Farben gaben die ſchlagendſte Wirkung und eine Meiſterhand hatte den Pinſel geführt. In der Ecke vorn ſtand der Name, Helene Morten, September 1819. Es war zwei Jahre ſpäter, daß ich wieder auf dem Damm über den Bruch nach der Waldinſel hinwanderte. Das Herz ſchlug mir, als ich endlich aus der Weidenallee vortretend an der Brücke ſtand und über den noch immer grünverwachſenen Strom hinüberſah nach der wohlbekannten Veranda. Ich erſchrak, denn an ihrer Stelle ragten nur noch zwei oder drei halbzertrümmerte Pfeiler auf, der ganze Heyſe, Neue Novellen. 23 354 Platz war gelichtet, das verwilderte Gärtchen nieder⸗ getreten, das Haus des Fährkrugs verſchwunden. Aus der Entfernung konnte ich mehr nicht unter⸗ ſcheiden. Was war geſchehen? Nur das wußte ich, der Alte war nicht mehr unter den Lebenden. Man erkannte mich drüben im Wirthshaus; denn als der Einzige, der von dem alten Herrn im Fähr⸗ krug in ſein Haus gelaſſen worden, war ich ihnen in der Erinnerung geblieben.„Sie finden ihn nicht mehr,“ ſagte mir der Wirth.„Er hat noch ſo fortgelebt bis in den November verwichenen Jahres. Da lieg' ich einmal Nachts im Bett und wache ge⸗ gen meine Gewohnheit auf. Das Fenſter ging ge⸗ rade nach dem Fährkrug, und beim Element! es iſt roth wie von der Morgenſonne. Ich aufgeſprun⸗ gen und mir die Augen gerieben und ans Fenſter hin, und da ſah ich's: nicht der Morgen war's, Feuer war's, Feuer im Fährkrug. Wie ich das Haus in Allarm brachte und Alle, groß und klein, aus den Betten jagte und hinſtürzte, können Sie denken, Herr; denn der alte Herr, ſo wunderlich er war, ein Ehrenmann war er, und wir hingen Alle an ihm. Aber eh' wir hinkamen und die Spritze —O—OO—Oe—ʒ·ʒpʒpʒ·— — aus dem Schuppen war, brach ſchon das D und die Lohe kniſterte hoch auf. ach ein Es mußte ſchon eine reichliche Stunde ſo fort gebrannt haben, wir's inne wurden. Mein Kind, die Dorothee, ehe ſchrie hellauf: der alte Herr iſt verbrannt! und fiel ſchier in Krämpfe, denn er war allezeit wie ein Vater zu ihr geweſen. Wir dachten auch nicht anders, als er ſei im Schlaf von den Flammen ergriffen und elendig vom Rauch erwürgt worden. Was aber fanden wir? Andern Tags, als die letzte Glut zu⸗ ſammenſank und ich in traurigen Gedanken um das Gehöft herumſchlendere, ſehe ich unweit hinter der letzten Scheune den alten Herrn ganz ſtill und ſteif an eine Kiefer gelehnt auf der Erde ſe ſitzen und hin⸗ überſchauen, wo die Trümmer ſeines Fährkrugs noch rauchten. Ich ſchlage ſchon einen Freudenſpectakel auf, laufe zu ihm und ſage:„Gott ſei Lob und—“ da ſehe ich, daß er ganz weiß iſt im Geſicht und den Blick eines Todten hatte. Ja, ja, Herr, er war todt; er hatte ſein Stündlein kommen gefühlt, und ſein Hab' und Gut ſelbſt angezündet und war mit den letzten Kräften hinausgeſchlichen, es noch brennen zu ſehen. Denn ſeine Sachen und Möbeln 356 und Bücher— ſo gern er ſonſt gab— die gönnte er Keinem. In der Nacht ſelbſt war Niemand von uns an jenen Platz gekommen, denn die Scheune ſtand außer Gefahr, und wir hatten die Hände voll zu thun, wo es brannte. Man fand Nichts bei ihm als Geld und ein Blatt, worin er ſagte, man ſolle auf Niemand den Verdacht werfen, er habe es ge⸗ than. Man ſolle ihn begraben unten am Ufer, hundert Schritt vom Gehöft, an jener Stelle, wo er ein Kreuz in den Sand geſtoßen.— Meine Do⸗ rothee wird mit Ihnen gehen, wenn Sie das Grab zu ſehen wünſchen.— Friede ſei mit ihm!“ ——) Solour& Grey GCortrol Chart e Cyan Green vellow Hed Magenta