5* 8* 8 Leibbibliochek Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.... 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 5 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat⸗ 1 Mr.— Pf. 1 Rk. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenet verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur “ von. 4 Eduard Oltmann in Gießen, Inauerrand von Damalgue. Der letzte Troubadour der Provence george Heſekiel. Magdeburg. Verlag von Walter Delbrück 1852. I. Provencaſen in Paris. 0 WWn man zu Paris von der Straße Dauphine über den Pont⸗Neuf in den Faubourg St. Germain tritt, ſo führt von der Münzſtraße aus die erſte Querſtraße links, Prieſtergaſſe geheißen, nach dem alten Louvre. Ne⸗ ben dem erſten, dem Eckhauſe dieſer Prieſtergaſſe, ſieht man noch heute in einer Ausdehnung von mehr als zwan⸗ zig großen Schritten eine hohe, crenelirte graue Mauer, deren öde Fläche nur von einem gewaltigen Thor und einer kleinen Pforte neben demſelben unterbrochen wird. Hinter der Mauer iſt ein ſtattlicher Hof, mit prächtigen Granit⸗ platten gepflaſtert und abſcheulich plumpen griechiſchen Götterbildern von Sandſteinen recht eigentlich verunziert. Zwei Kieswege führen, rechts und links im halben Bogen ſchweifend, über den Hof auf die Rampe des Hotels, das ſich, nach der Gewohnheit des 17. Jahrhunderts, zwiſchen Hof und Garten zwei Stock hoch erhebt. Das Wappen. über dem hohen Portale, in Stein gehauen, zeigt den fabelhaften Wappenvogel„Merlette“, ein Schildzeichen, wie es keine Familie des hohen franzöſiſchen Adels gegen⸗ wärtig mehr führt. Das Haus gehört jetzt den Baronen 1 von Chamblas, einer Seitenlinie des berühmten Hauſes Bethune, dem auch der große Sully angehörte— wie aber die von Chamblas in Beſitz des erwähnten Hotels gekommen, das wird ein freundlicher Leſer erfahren, wenn er ſich's gefallen läßt, die nachfolgende kleine Erzählung zu vernehmen: Am 14. Januar im Jahre 1688 war's, als ſich um die Mittagsſtunde die beiden Flügel des Thores in der Prieſtergaſſe öffneten und eine vergoldete Kutſche nach der andern ſchwerfällig einfuhr in den Hof des Hotel Coſſuerges. So hieß damals der ſtattliche Edelſitz und Gaſton von Luſignan, Vidame von Coſſuerges, ein Enkelſohn des letzten chriſtlichen Königs von Jeruſalem und Cypern, hatte das Hotel etwa zwanzig Jahre früher erbaut. Etwas froſtig ſah's aus droben im großen Saal, trotz der gewaltigen Holzſcheite, die in den rieſigen Ka minen loderten, aber die dort verſammelte Geſellſchaft und ihre Unterhaltung waren nicht froſtig, denn es gehörte in jener Zeit zum guten Ton, heiter zu ſein, angenommene oder wirklich üble Laune machten noch nicht intereſſant, im Gegentheil, man war ſo naiv, es unartig zu finden, wenn Jemand mit übler Laune in Geſellſchaft erſchien und namentlich Damen gegenüber erlaubte ſich kaum König Ludwig, der große Monarch, übler Laune zu ſein. Es waren in dem Saal verſammelt etwa zehn ältere und jüngere Herren und nut zwei Damen mit hochaufgeſetztem Kopfputz, ſtattlichen Roben, geſchminkt in Weiß und Roth nach der Sitte der Zeit. Die Herren trugen gewaltige Perruquen, den Federhut im Arm, den Degen fallend und meiſt die reiche Hofcavaliertracht des damaligen Verſailles. Nur zwei Herren zeichneten ſich durch ihre einfache Klei⸗ 7 dung aus in der bunten, farbenprächtigen Geſellſchaft; der Aeltere von Beiden trug einen dunkelgrauen Reitrock mit ſchmalen Goldborten beſetzt, ungepudertes hellbraunes Haar, Halbſtiefeln mit goldenen Sporen und einen langen Rauf⸗ degen mit mächtigem Korbgefäß; ſein Auge war von jenem ſtupiden wäſſerigen Blau, das erſt Leben und Seele ver⸗ räth, wenn die Leidenſchaft drin aufflammt, dann aber vielleicht um ſo ſchöner iſt. Dieſer etwa ſechsunddreißig⸗ jährige Edelmann, der kriegeriſch genug ausſieht, bewegt ſich mit einem angenehmen natürlichen Anſtande unter den übrigen Anweſenden, deren allerdings feinere Hofmanieren ſeinem ſtattlichen und beinahe imponirenden Auftreten nur zur Folie zu dienen ſchienen. Neben ihm bemerken wir einen jüngeren Herrn in ganz ſchwarzer faltiger Kleidung, ein feines blaſſes Angeſicht, unter der Allongeperruque mit ſammetſchwarzen, klugen Augen hervorſchauend; die ſchwarze Tracht, ſowie die Anrede: Meiſter Jacques! verrathen uns den Edelmann von der Robe, das Mitglied einer jener mächtigen richterlichen Körperſchaften, die man damals Parlamenter nannte. Die Geſpräche, die in dem Saal geführt werden, der ganze Ton, der in der Geſellſchaft herrſcht, läßt keinen Zweifel, daß wir einen Familienkreis vor uns haben, daß wir uns, wenn auch nicht unter Söhnen und Töchtern eines Vaters, ſo doch unter Sproſſen eines Stammes be⸗ finden. Wir bemerken nur noch, daß die franzöſiſche Sprache in der Unterhaltung häufig einem vollen, klang⸗ reichen Patois weicht, ja, daß von den„Franzoſen“ je zuwei⸗ len geſprochen wird, als ſeien dieſelben für die Verſammel⸗ ten eine völlig fremde und zwar ziemlich unbeliebte Nation. Es iſt Zeit, daß wir mit dieſer Geſellſchaft näher 8 bekannt werden und in der That öffnen ſich eben die Flügelthüren am oberen Ende des Saales und Hand in Hand treten zwei Damen ein. Die Größere von Beiden, eine hohe ſchlanke Geſtalt mit ſtolzer Stirn und prächtigen dunklen Augen ſchreitet in Purpurſammet und mit langer Schleppe einher, wie eine Königin, in's Haar geſlochten trägt ſie ein golden Krönlein, von dem rückwärts ein langer ſchwarzer Schleier niederwallt, das iſt die ſehr edle und ſehr mächtige Dame Irene von Luſignan, des Fürſten von Tarent und Herzogs von Latrimouille erhabene Wittwe. An ihrer Hand führt ſie das ſchöne Böhmenkind, unter dieſem Namen geſeiert von allen Dichtern jener Zeit; Wilhelm von Roſenberg, des heiligen römiſchen Reichs Graf und Oberſtburggraf von Böhmen, der reichſte und ſtolzeſte Edelmann in Ger⸗ manien, war der Gemahl einer Markgräfin von Branden burg; ſeine jüngſte und ſchönſte Tochten Margarethe, er gab ſie zur Ehe dem prächtigen Bertran von Luſignan, dem Bruder der fürſtlichen Wittwe von Tarent; es iſt ihres Bruders verwaiſte Tochter, die Irene in den Saal führt. Das ſchöne Böhmenkind trägt Perlen in dem lichtbraunen Haar, der ſchwarze Sammet ihres Trauer⸗ gewandes hebt die Weiße ihrer zarten Haut, das ſüße, blaue Auge hat ſie von der deutſchen Mutter, von ihr den zierlich blumenhaften Wuchs, von ihr die weiche Wange und die holde Röthe, vom Vater aber all' den ſtarren Stolz des beraubten Königsſtamm's, die fliegende Begei ſterung des franzöſiſchen Adelthums, die breite Stirn, di kleine Hand und von ihm auch jene Luſt an Poeſie und Dichtwerk, die ein ewig ſchönes Erbtheil aller Provengalen denn Provencalen ſind's, die heut verſammelt im Hotel 9 Coſſuerges; lingua volgare iſt das klingende Patois, in dem die Damen und die Herren hier in dieſem Kreiſe ſprechen, lingua volgare jenes ſtolze Glied der romaniſchen Sprachenfamilie, darin die Troubadours gedichtet, darin Bertran de Born, der Kampf⸗ und Sangheld ohne Gleichen, ſeine unſterblichen Sirventen ſang. Die Pronvencalen waren damals noch keine Franzoſen, ſie ſind's vielleicht noch heut nicht ganz, damals aber trugen ſie noch un— gebrochen ein ſtolzes Nationalgefühl im Herzen, froh ih rer höhern Bildung ſchauten ſie mit einer Art von Mit⸗ leid auf die Franzoſen nieder, die ihnen faſt Barbaren ſchienen. Und die Luſignans zumal, ſie, die faſt Könige waren in der Provence, noch ehe ſie wirklich die Krone König Gottfrieds trugen von Jeruſalem auf der glückſeligen Inſel Cypern, der holden Göttin Cypris liebſtem Aufent⸗ halt, ſie waren durch und durch Provençalen. In der Fabel graue Zeiten verlor ſich ihres Geſchlechtes Anfang und Urſprung, ihr Ahnherr Gaſton Roger ward der Ge⸗ mahl der ſchönen Meluſine, der wunderholden Zauberjung⸗ frau, und nach ihr, die für die Stammmutter des edeln Geſchlechts galt, hatte Bertran von Luſignan ſeine einzige Tochter Meluſine genannt. Ja wohl, ein Zauber lag in dieſem jungen Weſen, das weiße Perlen nur im braunen Haar trug, nur weiße Perlen auf dem runden Haupte, dem Haupt, das nach dem Rechte hätte Königskronen tra⸗ gen müſſen, dem Haupt, um das die Zaubermähren klan gen von der Fee Meluſine und vor dem ſich Frankreichs ſtolzeſte Edelleute beugten. Hieß der franzöſiſche Montmoreney der erſte Baron der Chriſtenheit, ſo nannten Frankreichs Adelsbücher frei⸗ willig den provencaliſchen Luſignan den zweiten chriſtlichen 10 Baron und Luſignan, er war damit zufrieden, denn er glaubte, den Montmorency an Höflichkeit zu übertreffen, wenn er ihm freiwillig dieſen Vorrang ließ. Die ſtolze, ſchöne Fürſtin von Tarent führte ihre holde ſchöne Nichte in den Kreis, heut feiern ja die Luſignans ein Feſt, es iſt der ſchönen Meluſine Namenstag. Nachdem die fürſtliche Wittwe ihre Baſen und Vet⸗ tern willkommen geheißen, nimmt ſie Platz auf dem Seſſel am Kamin, neben ihr das ſchöne Böhmenkind, die Dame Meluſine, und weiterhin die beiden alten Mädchen, im zehnten Gliede verwandt den Luſignans. Die Herren aber treten ſtattlich ernſt hervor mit tiefer Neigung des Haup⸗ tes zierlich ihre Glückwünſche ſprechend, nach der Provence und ihrer Väter feiner Sitte in leichten Reimen meiſt und ſie begleitend mit einem ſinnigen Geſchenk. War damals Brauch all überall, man gab und ſchenkte, wo man liebte. Manch Ringlein von rothem Golde mit köſtlichem Edel⸗ ſtein hatten die Herren Vettern der ſchönen Meluſine ſchon an die kleine Hand geſteckt und die roſigen Fingerſpitzen dafür an ihre Lippen drücken dürfen, nur zwei waren noch übrig und eben wollte der Kriegsmann, deſſen wir oben gedacht, hervortreten, ſeinen Gruß zu bringen und der ſchönen Meluſine wunderholde Augen blickten ihm ſchon gar lieblich und freundlich entgegen, da ſprach die Fürſtin von Tarent gemeſſen:„Ich bitte, edler Vetter von Lamal⸗ gue, Meiſter Jacques von Menilmontant hat hier den Vortritt vor Euch, er iſt Meluſinen von Luſignan im zwölften Glied verwandt, Ihr erſt im fünfzehnten, ich bitt Euch!“ Blutroth vor Zorn trat Herr Enguerrand von La⸗ malgue zurück, als eine Schmach achtet' er den Spruch — der fürſtlichen Wittwe, den doch die andern Vettern für ſalomoniſch weiſes Urtheil laut erklären. Meiſter Jacques von Menilmontant, Capitoul und Parlamentsrath von Toulouſe, tritt vor und neigt ſich zierlich vor den Damen, dann nimmt ein feines Tüchlein er bei Seite, enthüllt ein Bild und läßt ſich nieder auf ſein linkes Knie, der ſchönen Meluſine das Bild als Feſtgeſchenk darbietend ſpricht er mit leiſer Stimme dieſe Verſe: Auf dieſem Bilde ſchau' o holde Dame, Wie Claudia, die Kön'gin, küßt Mit rothem Mund des Dichters bleiche Lippe, Dem ſolche Gunſt im Schlaf geworden iſt, O, möchte mir von Dir ein gleiches Glück beſcheeret werden, Ich wäre dann ſchon ſelig hier auf Erden. Die liebreizende Meluſine nahm die Gabe ihres Vet⸗ ters, erhob ſich und ſprach in der lingua volgare impro⸗ viſirend mit reizender Bosheit: Mein ſchöner Herr, der Kön'gin Claudia Kuß Galt Alain Chartrain's ſüßem Dichtergruß, Ihr moͤgt wohl ſchöner viel als Alain Chartrain ſein, Doch Eure Verſe bringen keinen Kuß Euch ein! Die kleine Verſammlung applaudirte lebhaft. Bleicher noch als vorher erhob ſich der Parlamentsrath, die Fürſtin von Tarent aber flüſterte ihm zu:'„Vetter, Themis und die Muſe vertragen ſich nicht, ein berühmter Rechtsgelehr⸗ ter, wie Ihr, wird ſtets in ſolchen Kindereien unterliegen!“ Wie die Sonne leuchtete das Antlitz des Parlaments⸗ raths, als er ſich zurückzog. So vermied die kluge Fürſtin von Tarent den Mißklang in der Harmonie des Feſtes. Jetzt war es dem letzten Vetter, dem Herrn Enguerrand von Lamalgue gegönnt, dem ſchönen Böhmenkinde ſeine Huldigung darzubringen. Er warf ſich auf beide Knieen nieder vor der jungen Dame und faßte den Fuß derſelben mit ſolcher Haſt, daß dieſelbe ſcheu zurückbebte, dann ſprach er emphatiſch: Der letzte Deiner Sclaven Deinen Fuß heut küßt Und wenn das zu viel Ehre Für Deinen Sclaven wäre, Er gern die Spur nur küßt, Wo Du gegangen biſt. Ich habe keine Ringe Von purem Golde roth, Ich habe keine Bilder, Wie ſie Dir Themis bot; Ich habe nur mein Herze Und meinen blanken Stahl Und beide ſoll’n Dir dienen Immer und überall. Ich kann nicht um Dich werben, Deß bin ich viel zu klein, Ich kenne keine Freude, Als die, Dein Diener ſein. Ich will, was Du willſt, thuen Nicht ſchau' nach Sternenlicht, Weil ich Armſel'ger reißen Sie kann vom Himmel nicht, Und alsdann müßt' ich ſterben, Weil Dein Wunſch unerfüllt— Doch ſchau' nur nach den Sternen, In's Grab folgt doch Dein Bild, Im Grab iſt's lieb und ſtille, Da iſt mein heimathlich Haus, 13 Die Liebesgluth trocknet die Thräne, Die Thrän' löſcht die Liebesgluth aus. Als Herr Enguerrand von Lamalgue dieſe gluthathmigen Verſe geſprochen, küßte er brünſtig den kleinen Fuß Me luſinens, deſſen zartes Fleiſch röthlich durch das durch⸗ brochene Gewebe des ſeidenen Strumpfes ſchimmerte. Un⸗ ter dem freudigen Zuruf der Vettern erhob ſich Meluſine von Luſignan faſt verlegen und ſprach:„Meſſire En⸗ guerrand von Lamalgue, lieber Vetter, ich bin Euch ſehr dankbar für Eure Freundſchaft und Eure ſchönen Verſe und wenn Ihr ſo häßlich wäret, wie Alain Chartrain, ſo würde ich Eure Lippen küſſen, nein, meine Hand bekommt Ihr mit meinem Willen nicht zum Kuß, da Ihr meinen Fuß geküßt habt ohne meinen Willen.“ Die Dame zog ihre Hand zurück, der Ritter aber erhob ſich und trat be⸗ ſcheiden in den Hintergrund. Die Art von Cour, die man der Fürſtin von Tarent und ihrer ſchönen Nichte gemacht, ſchien vorüber, Diener in apfelgrünen Livreen und weißen Unterkleidern, ſchneeweißen Wolkenperrücken und Schnallen⸗ ſchuhen präſentirten in prächtigen ſilbernen Taſſen die glühend heiße Chocolate und den öligen, ſüßen blaßrothen Wein von Arbouville in geſchliffenen venetianiſchen Henkel krügen. Ja, es waren ächte Provençalen, an der heißen Chocolade würde ſich der Franzoſe unfehlbar die Lippen verbrannt und den edeln Arbouville würde er frevelnd mit Waſſer gemiſcht haben. Während dieſes Frühmals trat die Fürſtin von Tarent zu dem Herrn von Lamalgue. „Meſſire Enguerrand,“ ſprach ſie leiſe,„Ihr zürnt mir und ſeht doch ein, daß ich den eitlen Capitoul verſöhnen mußte, da ich die harte Antwort ahnte, die ihm Meluſine gab?“ Der Edelmann beugte leicht ſeine Knie, küßte die 14 ſchmale Hand der ſtolzen Dame demüthig, die ihr Haupt etwas niederneigte und mit lieblicher Freundlichkeit flüſterte: „Ihr wißt es ja, Enguerrand, daß Ihr keine treuere Freundin habt als mich!“ Solche Milde, wie ſich in dem Weſen noch mehr, als in den Worten der hohen Frau ausſprach, mochten Wenige nur der ſtolzen Wittwe von Tarent zutrauen, entzückt antwortete der Edelmann:„Und Ihr wißt's, Herrin, daß Enguerrand von Lamalgue Euer getreueſter Diener iſt und ſeine große Freundin wird ihm verzeihen, daß ſein heißes Blut mächtiger iſt zuweilen, als ſein Kopf!“ Vielleicht hätten dieſe beiden ſeltſamen Menſchen, denn dies waren Beide, noch länger mit einander geplaudert, in dem Moment aber wurden beide Thürflügel aufgeriſſen und herein traten zwei Herren, der Eine hoch, ſtolz und ſchön noch trotz des grauen Haares, das er in natürlich langen Locken trug, war in reicher Hoftracht und das breite blaue Band des Ordens vom heil'gen Geiſt hing mit dem ſilbernen Stern über ſeiner Bruſt, auf deren lin⸗ ker Seite mit weißer Seide geſtickt der Malteſerritter ernſter Orden prangte, das war der Herr des Hauſes, des ſchönen Böhmenkindes Oheim, der Bailli von Luſignan, Vidame von Coſſuerges, Großprior von Malta und Admiral von Languedoc. Der Herr aber, den er mit ſich brachte, der war über alle Maßen dürr und häßlich und grimmig blitzten ſeine grauen Augen hervor unter den buſchigten Brauen, eine gräßliche friſche Narbe, die breit über das ganze Geſicht lieſ, verſchönte ihn wenig, er trug den blauen Rock der Königlichen Marine von Frankreich mit goldenen Ankerknöpfen, das Ordenskreuz vom heiligen Ludwig im Knopfloch und ein kurzes, breites Schwert an goldenem —— — 15 Bandelier. Der Bailli von Luſignan grüßte die Anweſen⸗ den freundlich und ſeinen Begleiter zur Fürſtin von Tarent führend, ſprach er:„Meine ſchöne Schweſter, unſer großer Seeheld, der Capitain Jean Bart bringt Dir ſeine Hul⸗ digung dar!“„Das heißt,“ rief Jean Bart überlaut, „weil der Bailli der einzige Seemann iſt in dieſem Strich, wird ſeine Schweſter, denke ich, mehr zu einem alten See mann paſſen, als alle die vornehmen Puppen, die mich verlacht haben und mich wie ein Wunderthier beſehen all' die Tage her in Verſailles, hol' ſie der... ja, ſo, man flucht hier nicht, weil man auch nicht betet!“ Während nun der Balilli ſeiner Nichte ſeinen Glück wunſch darbrachte, ging der berühmte Seeheld Jean Bart von Einem zum Andern im Saal, betrachtete ſich Alle ungenirt, fragte, nickte, lachte, ſchüttelte mit dem Kopfe und rief endlich wieder ganz laut:„Hollah, Bailli, mit Eurer Familie iſt auch nichts beſonders, ſchmucke Frauen zimmer, o ja, die Mannsbilder aber ſchwatzen in's Zeug 'nein vom Seeweſen und verſtehen den Teufel nichts da⸗ von, nur der Eine da,“ er zeigte auf Herrn Enguerrand, „der gefällt mir, iſt ein ehrlicher Kerl, ſagte mir in's Ge ſicht, ich ſollte ihn in Frieden laſſen, verſtände ſich nicht auf Schiffe, ſondern nur auf Pferde, das iſt doch noch ein Wort!“ Der grimmige alte Seebär mit ſeinem rückhaltloſen Freimuth mißfiel den heiteren Provencalen keinesweges und die Geſellſchaft trennte ſich fröhlich lachend, als Jean Bart plötzlich ſchrie:„Donnerwetter, Bailli, macht fertig, denn wir müſſen ja zu dem Kerl von Marine⸗ miniſter, der von der ganzen Marine noch weiter nichts geſehen hat, als die verſtaubten Schiffsmodelle im Arſenal!“ ——õn— ³ II. Die Nacht vor Sanct Johannistag. 4 X m Abend vor Sanct Johannistag war's, ein halbes Jahr nach dem Namenstage der ſchönen Meluſine von Luſignan, da liegt Herr Enguerrand nachläſſig auf einem Ruhebett in der kühlen Halle ſeines Schloſſes Cle⸗ mangis. Die Lamalgue gehörten zu den reichern Ge⸗ ſchlechtern der Provence, aber von Reichthum war wenig wahrzunehmen in der prunkloſen Halle; wo die Natur ſo reich und ſchön ringsum, da ſchmückt man die Woh⸗ nungen weniger, als im Norden. Waffen, Jagd⸗ und Fiſchergeräthe waren der kahlen Wände einziger Schmuck, die Simſe mit Büchern und Papieren bedeckt, die Tiſche und die Stühle alt und gebrechlich, die Spiegel geſprun⸗ gen und verblindet; nur der Schänktiſch war reich mit blankem Silber beſetzt, uralte Trinkbecher, Kannen und Schwenkkeſſel von trefflicher Marſeiller oder gar Floren⸗ tiner Arbeit, meiſt Erbſtücke von Vater auf Sohn ſeit un⸗ denklichen Zeiten bis auf dieſen letzten Enkel eines hoch⸗ berühmten Geſchlechts von Rittern und Troubadours ver⸗ erbt. Prunklos war die Halle, aber nicht öde, nicht traurig, holde Kühlung und ſüßen Akazienblüthenduft 68 17 wehete der Wind, der vom Meere kam, herein durch die hohen Fenſter, vor denen alte Ulmen ſtanden, behaglichen Schatten verbreitend im Gemach. Im grünen Dämmerlicht ruhte Herr Enguerrand halb liegend auf ſeinem Polſter, die Laute hielt er im Arm und einzelne Töne klangen hinein in die vom Blüthenduft geſchwängerte Luft und je zuweilen erhob ſich leiſe die Stimme des Dichters, einen halben Vers ſingend und für ihn eine Melodie ſuchend oder ſchaffend. Herr Enguerrand war ein Kriegsmann, aber ſo unbeſtreitbar ſein Ruhm war als ſolcher, ſo fürchteten ſeine Feinde ſeine Lieder faſt noch mehr als ſein Schwert. Wo Enguerrand's Schwert nicht hinreichte, dahin traf der nie fehlende Pfeil ſeines Liedes und ſang er heut eines jener unübertroffenen Couplets, die in ihrer glatten Form und leichten Melodie den blutigſten Spott bargen, ſo ſangen es morgen ſeine Leute und übermorgen ſangen es die Schiffer am Strande und die Weinbauern auf den Bergen und die Bettler am Wege, und drei Tage darauf ſang's die ganze Provence, und wehe dem, dem der Pfeil galt, er konnte ihm nicht entgehen. Mit einem Liede hatte zwei Jahr früher En⸗ guerrand von Lamalgue des Königs Lieutenant in Pro⸗ venge, den Herzog von La Palice, aus dem Lande ge⸗ jagt; die Melodie war in Jedermann's Munde und war ſo verführeriſch zu ſingen, ſo verlockend, daß die Frau Herzogin, wie man ſagt, ſelbſt in Gegenwart des unglücklichen Herzogs, dem Reiz nicht widerſtehen konnte, das verführeriſche Lied zu ſingen, von dem uns leider nur der Refrain aufbehalten iſt. Dieſer Refrain lautete: ⸗ 2 18 Monsieur la Palice est mort, Un quart d'heure avant sa mort Il était en vie encore!*) Ja, wer des guten, dicken La Palice Portrait im Louvre geſehen, der wird begreifen, welche namenloſe Qual es ihm ſein mußte, fort und fort von ſeinem Tode ſingen zu hören, der wird begreifen, welche diaboliſch be⸗ rechnete Bosheit in dem anſcheinend ſo unſchuldigen Re⸗ frain liegt. In der Provence ſingt Alles, von dem Meer bis zu den Bergen, darum war Herr Enguerrand's Lied eine ſo gewaltige Waffe. Auch heut ſchmiedete der Dichter einen neuen Pfeil, dem Marſchall Mirepoix beſtimmt, der durch die Provence zog mit ſeinen Dragonern, um den heimlichen Proteſtanten einen Schrecken einzuflößen, denn das Edict von Nantes war aufgehoben auf Andringen der Maintenon und die Proteſtanten wurden maſſenhaft vertrieben. Herr Enguerrand war ein guter katholiſcher Chriſt, aber die ächt franzöſiſchen Fanfaronaden des Marſchalls von Mi⸗ repoir ärgerten ihn und er ſah in den Proteſtanten ſeine Landsleute, Provengalen, Grund genug für ihn, um eine Lanze für ſie zu brechen mit den verhaßten Franzoſen. Es war ein Glück für den Marſchall von Mirepoix, daß in dem Augenblick, da Herr Enguerrand ſein Couplet vollenden wollte, eins jener braunwangigen, blitzaugigen, ſchwarzhaarigen Mädchen der Provence in die Halle trat und in dem klangreichen poetiſchen Patois rief:„Meſſire, *) Herr Da Palice iſt todt, eine Viertelſtunde vor ſeinem Tode war er noch am Leben. ein Kle Her beze von kon „Mv von raſch Vot ein Landsmann kommt auf weißem Roß, grün iſt ſein Kleid und weit war ſein Weg!“ Das Mädchen verſchwand, es hatte genug geſagt, Herr Enguerrand wußte, daß ein Diener der Luſignans, bezeichnet durch das grüne Kleid, ein Diener der Fürſtin von Tarent, bezeichnet durch das weiße Roß, zu ihm komme und zwar in großer Eile, denn die Bezeichnung, „weit war ſein Weg“ deutete nur die große Erſchöpfung von Roß und Reiter an. Herr Enguerrand erhob ſich raſch, der Diener trat ſtaubbedeckt ein. „Willkommen auf Clemangis, Landsmann, ſag' Deine Botſchaft, Raoul! bring' Deinem Landsmann einen Becher Wein!“ Der Diener der Luſignan neigte ſich ſittig und ſprach: „Als die Sonne aufging, ließ mich die gute Dame rufen und ſprach zu mir: ſattle Dein Roß und reite hinab an's Meer, wo Meſſire Enguerrand von Lamalgue ſitzt auf ſeinem Schloſſe Clemangis, und ſage ihm nur dieſe Worte: wenn die Sonne am Sanct Johannistag hoch ſteht, harret die Dame ihres Ritters auf ihrem Schloſſe Montcorbeil. Das iſt meine Botſchaft, guter Herr!“ „Du biſt ein wackrer Bote, Landsmann,“ entgegnete der Ritter,„Dir und Deiner Liebe, die es war, die es iſt, oder die es ſein wird, bring' ich dieſen Trunk!“ „Die es ſein wird,“ ſprach der Diener, den Becher aus des Ritters Hand empfangend,„ich trinke auf das Wohlſein Eurer Dame, guter Herr, Eurer Dame, die es iſt!“ „Hab' Dank und ruhe Dich, Landsmann, ich bin früher doch zu Montcorbeil, als Du!“ „Die Liebe reitet ſchneller, als die Treue!“ 2* 20 Herr Enguerrand ging und lächelte, geſchmeichelt, denn „die Liebe reitet ſchneller, als die Treue“ war der Refrain von einem ſeiner letzten Lieder, freilich dort in ganz anderem Sinne gebraucht, als hier von dem Diener der Luſignan. Zehn Minuten ſpäter ritt der edle Sire von La⸗ malgue, gefolgt von zehn bis zwölf wohlbewaffneten Die⸗ nern, das war damals Anſtand und Nothwendigkeit zu⸗ gleich, ſelbſt in der ſeligen Provence, vom Meere aufwärts den Bergen zu. Hei! wie flatterte im Abendwind der braune Mantel des Ritters, wie ſtob auf dem Sammtbarett die ſchloß⸗ weiße Feder, wie preßte der Schenkeldruck des edlen Roſſes glatte Flanken! Und was war das für ein Pferd! Ein König unter den Pferden, ſilbergrau war ſeine Farbe, Diamanten ſeine Augen, Stahl ſeine Sehnen und Feuer ſein Blut. Ach, ja, die ſchönſten Lieder ſang Enguerrand von Lamalgue und die ſchönſten Roſſe nannte ſein En⸗ guerrand, und vor demſelben Enguerrand neigten ſich huld⸗ voll die ſchönſten Damen in Provence. Ja, es war ein ſeltner Menſch, dieſer Enguerrand, dieſe letzte ſpätgeborne Blüthe des verſunkenen Ritter⸗ und Troubadourthums, unbegreiflich faſt ſchon ſeiner Zeit, fa⸗ belhaft ſchier unſeren klugen Tagen. Dieſer Enguerrand trug in ſeiner breiten Bruſt ein ächtes Dichterherz, heiß, glühend, liebend, offen aller Welt, aber feſt war ſeine Hand und kalt, eiſig kalt, ſein Kopf und dieſer Zwieſpalt zwiſchen Kopf und Herz, der brachte einen ſchlimmen Wi⸗ derſpruch in all' ſein Thun, das heiße Herz beſiegte oft den and, und ſe rand heiß ſeine ſpalt Wi den 21 kalten Kopf, der kalte Kopf ſo oft das heiße Herz und meiſt zur Unzeit, und das war ſein Verderben. So ritt er dahin und das Meer, es ſang im dumpfen Getöſe der Brandung ihm Abſchiedslieder nach und die Berge vor ihm grüßten ihn und hießen ihn willkommen und der Abend wob ſeine dunklen Schleier. Und er ritt dahin im Dämmer der Nacht, am Him⸗ mel tauchten die unvergänglichen Lichter auf und in ſeinem Innern das Heer der vergänglichen Gedanken, leuchtend und blitzend, wie die Sterne droben, nicht ewig wie ſie. Tief im innerſten Herzen des Troubadours ward eine Stimme laut, die frug gar ernſt: Was reitet Enguerrand über die Felder den Bergen zu? Und Herr Enguerrand antwortete und ſprach: Die Dame hat befohlen und der Ritter gehorcht. Und wieder frug die Stimme: Der Ritter liebt die Dame, der er gehorcht, ſo willig, ſo eifrig, ſo freudig, wie Du, liebſt Du Irenen von Luſignan, die fürſtliche Wittwe von Tarent? Ich liebe ſie, antwortete Herr Enguerrand jauchzend. Und die innere Stimme ward abermals laut und frug gar ernſt: Du liebſt Irenen von Luſignan und folgſt ihrem Ruf zu den Bergen, wenn nun das ſchöne Böhmenkind, wenn Meluſine von Luſignan Dich zu dem Meere riefe abwärts, riefe ſie Dich vergebens, ant⸗ worte Enguerrand und ſprich? Aber Herr Enguerrand ant⸗ wortete nicht, ſondern ſtieß dem edlen Roß beide Sporen in die Weichen, ſo daß es hoch aufbäumte und in rieſigen Sätzen dahin ſchoß, die ſeidenweiche Mähne geſträubt ob ſolch' unholder Behandlung, die Nüſtern zornig hinaus in den Wind und Blitze ſchleudernd in die Nacht aus ſeinen demantnen Augen. Nach einer Viertelſtunde ließ Herr Enguerrand ſein Roß langſamer gehen, daß ihm die Diener folgen könnten. „Ich liebe ſie Beide ſo heiß und innig!“ ſprach er ſcheu zu ſich ſelbſt.„Das iſt ein leeres Wort, Herr Enguerrand, Dein Herz darf Einer nur gehören, frag' Deinen Kopf und frag' Dein Herz!“ „Ich will nicht fragen, ich will nicht antworten, ich bin ein freier Edelmann in dieſem Lande!“ ſo rief der Ritter laut und ſeine Diener nickten ſchweigend ſich einan⸗ der zu, ſie waren das gewohnt bei ihrem Herrn. Und weiter ritten ſie in der lauen Nacht und die Oelweide duftete betäubend am Wege und die Orangen⸗ bäume hauchten berauſchende Düfte und die Blumen alle erſchloſſen ſich liebend dem keuſchen Kuß des Mon⸗ denſtrahls. „Frage den Oelbaum und frage die Orange, frage die Blumen alle, die dem Mond ſo ſüß entgegen duften, frage ſie, ob ſie die Sonne lieben oder den Mond, danach will ich Dir Antwort geben, ob ich Irenen liebe oder Meluſinen?“ Die innere Stimme antwortete:„Sonne und Mond ſind Eins, ſind beide des Himmels, beides Geſtirne!“ Herr Enguerrand aber rief:„Irene und Me⸗ luſine ſind Eins, ſind beide des Himmels, beide Lu⸗ ſignan!“ „Halt, wende Dich, Landsmann,“ donnerte eine rauhe Stimme dem Edelmann zu und eine harte Hand faßte in die Zügel des Roſſes,„heut reitet hier Niemand, denn es iſt die Nacht vor Sanct Johannistag!“ Herr Enguerrand beſann ſich eine Weile, dann ſprach er ernſt:„Und dennoch muß ich heut hier reiten, es führt kein anderer Weg nach Monteorbeil!“ Kaum hatte er das Wort geſprochen, ſo zog der Pr ſre vor ta er Provengale ſeinen breitkrämpigen Hut ehrfürchtig und ſprach:„Ihr ſeid der gute Herr von Lamalgue, fern ſei's von mir, den Stolz und den Ruhm des Landes hier aufzu⸗ halten, ſelbſt in der Nacht vor Sanct Johannistag, dem großen Feſttag, vor dem die Sonne ſelbſt ehrfürchtig ſtill ſteht, reitet mit Gott zu Eurer Dame, Meſſire, aber befehlt Euren Dienern, daß ſie eine Stunde hier harren, Ihr ſeid ſicher bis Montcorbeil!“ Zerſtreut gab Herr Enguerrand den Befehl ſeinem Ge⸗ folge, er kannte wohl den Brauch im alten Lande der Pro⸗ vence. In der Nacht vor St. Johannistag, da graben die Mädchen jeder Gemeinde eine tiefe Grube in der Flur, die Grube füllen ſie mit klarem Waſſer und werfen Blumen hinein, von jeder Blume einen Strauß, und wenn's Mitternacht wird, dann entkleiden ſie ſich und tauchen ihre jungen Leiber in die Fluth der Blumen und des Waſſers, und wenn ſie die blühenden Glieder alſo gebadet, dann faſſen ſie ſich an den Händen und tanzen einen Ringeltanz um das Blumenbad und ſingen dazu ein uraltes Lied, bis die laue Nachtluft das Waſſer abgetrocknet von ihren weißen Gliedern. So iſt's ein uralter Brauch in der Provence von dem Meere bis zu den Bergen. Solch Sanct Johannis⸗ nachtbad aber hält jung und friſch, Beides, ſo Leib wie Seele. Die Väter aber der Jungfrauen, ſie ſtehen Wacht an den Zugängen zur Flur, daß keines Lauſchers lüſtern Auge die nackten Mädchen ſchaue im Blumenbade und beim Ringeltanz im Mondenlicht. Man würde keinem Mann verſtattet haben, über eine ſolche Wieſe zu reiten in der Nacht vor Sanct Johannis⸗ tag, mit Herrn Enguerrand von Lamalgue aber war das 24 was Anderes; ihn wagte man nicht aufzuhalten auf dem Wege zu ſeiner Dame, ſo hoch war ſein Ruhm im cönen Lande der Provence. Als unſer Held durch das Gebüſch der Eomreſſen ritt, das die Wieſe einhegte, vernahm er den melodiſchen Geſang der badenden Jungfrauen, kaum aber, daß er auf dem mondbeſtrahlten grünen Plane ſichtbar wurde, unter⸗ brach ein zorniger Schreckensruf den Geſang und wie vom Geier geſcheuchte Tauben flohen die nackten Jungfrauen. Da klang aus den Cypreſſenbüſchen eine ſtarke Stimme und rief:„Fürchtet Euch nicht, lieben Töchter, Meſſire Enguerrand iſt's, er reitet auf Montcorbeil zu ſeiner Dame!“ Da verſtummte, wie durch Zauberbann geſchloſſen, der Mund der Mädchen, neugierig ſahen ſie mit ih— ren flammenden Augen dem haſtigen Reiter nach und als erſt Eine ſich ein Herz faßte und laut rief:„Glück auf den Weg zu Eurer feinen Dame, Herr Enguerrand,“ da riefen ſie Alle fröhlich:„Glück auf den Weg, Herr Enguerrand von Lamalgue.“ „Habt Dank, Ihr Jungfrauen, für Euren ſchönen Wunſch!“ antwortete der Edelmann und verſchwand unter den Sycomoren, die drüben die Wieſe begrenzten Und er ritt die ganze Nacht hindurch thauigen Pfad, immer aufwärts den Bergen zu, die Sonne ging auf, aber Roß und Reiter hatten keine Raſt und jauchzte der Ritter mit den Vögeln um die Wette ſein luſtig Lied in den Morgen hinein, ſo wieherte hell ſein edles Roß dazu, an deſſen glatter Haut trotz des gewal⸗ tigen Rittes noch kein Härlein naß war. In dem Kirchlein drunten im tiefen Thal läuteten 25 ſie gerade zu Mittag, als Herr Enguerrand von La⸗ malgue einritt durch das hohe gewölbte Thor in das Schloß Montcorbeil. Montcorbeil, die ſtolze Veſte, drin des unſterblichen Bertran de Born Wiege geſtanden, gehörte zu dem Leib⸗ gedinge der Fürſtin von Tarent. —— B— III. Zwei ſtolze Seelen. hie erlauchte Tochter der Luſignan hielt einen muteeche und prächtigen Hofſtaat auf ihren vielen Schlöſ⸗ ſern in Provence und Languedoc nicht ſowohl aus eitler Luſt an Prunk und Pracht, als getrieben von jenem edlen Stolze, der empfangene Beleidigungen ſelten, treue Dienſte aber nie vergißt. Die Fürſtin von Tarent hatte um ſich all' die alten Diener ihrer Eltern, all' die Diener, die einſt treulich ihrem Bruder, Meluſinens Vater, dienten und das reiſige Volk, alles, was mit ihrem Gemahl, dem ritterlichen Latrimouille ausgezogen einſt in den? Türkentrieg, ſoviel deſſen nämlich zurückgekehrt war aus Candien, nach⸗ dem ſich der Halbmond ſiegreich erhoben über dieſem ſtol⸗ zen Bollwerk der Chriſtenheit. Durch die langen Reihen der Diener ſchritt Herr Enguerrand, als er hinaufſtieg in die Gemächer der Herrin, überall und von Allen begrüßt als der Liebling ſeines Landes mit leuchtendem Blick und mit laut ſchallendem Zuruf. Und der Sire von Lamalgue verſtand ſich trefflich auf das Geheimniß der wahren Popularität. Sein offenes und doch ernſtes Lächeln galt Allen, aber Jeder glaubte, es gehöre ihm allein. Zu dem Greis 27 im Silberhaar ſprach er:„Dein Abend ſei heiter, Vä⸗ terchen!“ und dem kriegeriſchen Leibknappen des ſchlachten⸗ luſtigen Latrimouille rief er zu:„Halt die Klinge blank, Landsmann, ich meine, es giebt bald was zu thun!“ Zu dem Einen ſagte er:„Deine Kanne möge nie leer ſein, mein Burſche!“ und dem Andern flüſterte er zu:„Adela⸗ nize's Kuß iſt ſüß!“ So kam Herr Enguerrand durch eine Doppelreihe heiterer Geſichter bis zu dem Vorgemach der Fürſtin von Tarent. Darin fand er allein die Didiere, die betagte Amme der Fürſtin, die lachte ihn an aus den hellen braunen Augen, die küßte ſeine Hand und ſprach ſchmeichelnd:„Geht nur hinein, lieb Söhnchen, mein ſchönes Kind hat mir geſagt, daß Ihr heut kämet!“ Der Edelmann ſtreichelte freundlich die runzliche Wange der Alten, dann trat er ein in das Cloſet der Dame. Irene erhob ſich von ihrem Seſſel, als Enguerrand eintrat und nach tiefer Verneigung an der Thür ſtehen blieb; prächtig rauſchte die weiße Seide um den ſtolzen Leib der hohen Frau, als ſie ihrem Freunde entgegentrat, funkelnd blitzten Ketten und köſtliches Geſchmeide am wei⸗ ßen Halſe und auf der runden glatten Schulter, herrlicher blitzten die großen Augen und von dem goldenen Krönlein, das in das Rabenhaar geflochten, flog ein weißer Schleier nieder und legte ſich weich und duftig, wie eine Frühlings⸗ wolke um den glänzenden Nacken der Dame. Bewundernd ſtand der Troubadour, ſeit fünf Jahren hatte Irene den Wittwenſchleier getragen, er ſah ſie heut zum erſten Male wieder im vollen Glanze ihrer Herrlichkeit. Irene von Luſignan drückte ihre rechte Hand, deren zierliche Finger mit funkelnden Ringen bedeckt waren, auf —2 die Lippen des Dichters, mit der Linken faßte ſie ſeine Rechte, führte ihn freundlich zu einem Seſſel und ſprach mit bewegter Stimme:„Willkommen auf Montcorbeil, mein Vetter Enguerrand, mein theurer Freund!“ Der Ritter von Lamalgue ſetzte ſich und ſchaute die Dame an, als wolle er ſeine Blicke einbohren tief in ihr innerſtes Herz und Flammen loderten auf in den ſonſt faſt ausdrucksloſen blauen Augen. Die Dame ließ den Schleier ihrer ſeidenen Wimpern fallen über ihre Augen.„Ihr habt eine böſe Botſchaft für mich, edle Freundin!“ fragte er endlich. „So iſt's, mein Vetter Enguerrand!“ „Und Ihr habt Euch geſchmückt, Irene, und ſeid ſo ſchön, wie ich Euch nie geſehen, ſeit dem Tode des edlen Latrimouille, ſo ſchön vor mir erſchienen, damit die Bitter⸗ keit der Botſchaft etwas verſüßt ſei.“ „Ihr habt mich errathen, Vetter Enguerrand.“ „Ich rathe nie, holdſel'ge hohe Dame, denn ich kann in den meiſten Herzen leſen.“ „So leſ't die Botſchaft, Vetter,“ ſprach die Dame und ſchaute den Troubadour herausfordernd an. Doch gleich ſetzte ſie ernſt hinzu:„Meinem Munde wird es ſchwer, ſie Euch zu künden!“ „So handelt ſich's,“ rief Enguerrand,„um unſer ſchönes Böhmenkind, um unſere holde Meluſine, man wird ſie verheirathen wollen, doch das iſt keine ſchlimme Bot⸗ ſchaft— edle Dame, es war eine ſchlimmere Botſchaft, als der Dauphin von Auvergne zu mir auf mein Schloß Clemangis geritten kam, um mir zu verkünden, daß Irene von Luſignan die Braut ſei des Fürſten von Tarent, des ritterlichen Tancred von Latrimouille, das war eine ſchlimme — 29 Botſchaft, hohe Frau, für den armen Sire von Lamalgue, denn damals war er jung und unverſtändig und meinte, die Geſpielin ſeiner Jugend, die er im Spiel ſo oft ſeine Dame von Lamalgue genannt, ſie müſſe es auch ſein im Leben, ſeitdem hat jener gute Sire gar viel gelernt und ſeine Liebe bedarf des Prieſters Spruch und Segen nicht, ſie trachtet nicht nach irdiſchem Beſitz und iſt darum doch legitim und göttlich. Irene von Tarent, Ihr könnt mich ja nicht mißverſtehen, ich liebe ſie, die holde Jungfrau Meluſine, und eben weil ſo heiß mein Herz in Liebe für das ſüße Mädchen glüht, darum ſeh' ich mit Freuden ſie an eines edlen Mannes Seite.“ Der Ritter ſchweigt und tief bewegt ſchaut ihm die Dame in das von raſcher Rede heißerglühte Antlitz, feucht wird ihr Auge und mit ihren beiden Händen faßt ſie die beiden Hände Enguerrands. Leiſe flüſterte ſie und fragt den Ritter ſcheu:„Seht Ihr die holde Meluſine gern im Arme Simon Montfort's?“ Des Todes Bläſſe deckte das Angeſicht des Trou⸗ badours, ſeine Hände riß er heftig aus der ſanften Um⸗ ſchlingung der Finger Irenens, grimmig ſchlug er an ſei⸗ nen gewaltigen Raufdegen und ſprach, und wie das Zi⸗ ſchen der Schlange klang ſeine Stimme zwiſchen den den Zähnen:„Ei, ſeht doch, eine Luſignan und ein Mont⸗ fort! ſeit wann wirft man die Sterne denn in ſo unſaubere Pfützen? Der Könige von Jeruſalem und der Kurfürſten von Brandenburg ſchönſte Enkelin und der jüngſte Sohn des Glaubensmarſchalls, fürwahr ein herrlich Paar!“ „Mein Vetter Enguerrand, mein theurer Freund!“ bat beruhigend Irene, aber ſie verſtummte vor dem Ausdruck von Grimm und Haß, der in dieſem Augen⸗ 30 blick das breite Geſicht des Ritters zur gräßlichen Fratze verzerrte. 1 „Simon von Montfort, dieſe glatte Schlange, an dem all' die Laſter kleben ſeines verfluchten Geſchlechtes, der all' dieſe Laſter verſchwinden läßt unter dem Firniß ſeiner ſcheußlichen Heuchelei, ihm Meluſinen von Luſignan, nein, nimmermehr! Die Woge, die brüllend donnert an die Küſten dieſes alten Landes, ich rufe ſie herauf gegen ſolches Bündniß, die Berge, die uns trennen von dieſen ſchuftigen Franzoſen, ich rufe ſie herab gegen ſolches Ehe⸗ bündniß und mit meiner Lieder ſchärfſten Pfeilen ſcheuch' ich den Montfort heim in all' der Höllen tiefſten Pfuhl, den er als ſeine rechte Heimath mag begrüßen! Mont⸗ fort und Meluſine, ich will die Namen erſt zuſammen hören, wenn Gottes Engel Flüche ſprechen über edle Menſchen!“ Nach dieſen im höchſten Affect geſprochenen Worten fuhr Enguerrand von Lamalgue mit der verkehrten Hand über die Stirn, über das Antlitz, das nun in tiefſter Röthe flammte, dann ſetzte er ſich nieder, neigte ſich vor Irenen und bat mit weicher Stimme:„Verzeiht, hohe Freundin, Ihr verzeiht, ich ſeh's in Euren Augen, ich fühl's am Druck Eurer bebenden Hand, jetzt aber ſprecht, erzählt mir treu, wie ſolches Unheil ſich begeben!“ Die Fürſtin von Tarent hielt die Hand ihres Freun⸗ des ſanft umfaßt, leiſe erzählte ſie:„Der Bailli iſt der Anſtifter dieſes ganzen Elends, er hat mit Capitain Jean Bart,— Ihr erinnert Euch des Seemans von Paris her? — einen Packt geſchloſſen, ſie wollen Jeder mit zwölf Kapern gegen die Barbaresken ausziehen; das Weib, das den König beherrſcht, unterſtützt ihr Unternehmen und der Baill Levis böſen Mon nem Thal Herl Kind Man llitzt alich Ritte Sen wild Kam dr iſß in de Noſe glatt den Mitt ruhi Mon des 31 Bailli braucht Geld, da hat er mit dem Herzoge von Levis, dem Haupt der Mirepoix von Montfort, in einer böſen Stunde ſeinen Handel abgeſchloſſen. Simon von Montfort kauft die Vidamſchaft von Coſſuerges von mei⸗ nem Bruder für zweimal hundert funfzig tauſend goldene Thaler und läßt dem Bailli Meluſinens Brautſchatz.“ Die Dame ſchwieg; nach einer kleinen Pauſe ſprach Herr Enguerrand:„Der Bailli hat des Bruders einzig Kind um ſchnödes Geld verſchachert, Gott ſei dem alten Manne gnädig, ich vermag es nicht!“ Die Dame fuhr fort und ein unheimliches Leuchten blitzte empor in ihren Augen.„Mein Vetter Enguerrand, auch ich leſe in Eurem Herzen, thut was ihr müßt, letzter Ritter dieſes ſchönen Landes; von heut ab ſeit Ihr Seneſchall von Montcorbeil und Ihr gebietet all' den wilden Banden, die einſt mein edler Latrimouille zum Kampf geführt, der Oelkrug jener Wittwe von Sarepta, er iſt in meinen Truhen, laßt Euer Sternenbanner fliegen in dem Felde und mit dem Sternenbanner geh' der weiße Roſenkranz der Latrimouille!“ Die Dame lag am Herzen Enguerrands, auf ihrer glatten Wange brannte glühend heiß ſein Kuß. Die bei⸗ den fiebernd ſtolzen Seelen hatten ſich verſtanden, ein Mittel gab es nur für ſie: Gewalt und Kampf. „Und wo iſt Meluſine?“ fragte Enguerrand jetzt ruhiger,„was ſagt das ſchöne Böhmenkind zu Simon Montfort und zu dem prächtigen Schacher ihres Ohm's, des Handelsmanns?“ „Man lockte es von mir, das holde Kind,“ antwor— tete Irene traurig,„der Vetter von Chamblas kam ſelbſt nach Autafort und bat die ſüße Meluſine, zu ihm zu 32 kommen auf ſein Schloß Latrade und dort in heil'ger Taufe ſeinem jüngſten Kinde ihren eig'nen Namen beizu⸗ legen. Arglos verließ mich Meluſine und auf Latrade fand ſie Simon Montfort und ihren Oheim und dort ward dieſer Menſchenhandel richtig!“ Enguerrand ſchaute der Dame Irene ſtier in's An⸗ geſicht, dann fragte er leiſe und ſcheu:„Und glaubt Ihr, hohe Freundin, daß unſere holde Meluſine den jungen Si⸗ mon Montfort liebt?“ Die Dame wurde bleich und ſchwieg, eine tödtlich bange, ſchmerzlich lange halbe Minute, dann ſprach ſie ernſt und gemeſſen:„Und ſollte es mich Eure Freundſchaft koſten, Meſſire Enguerrand, ich kann Euch nicht belügen, vielleicht iſt Meluſine ſchöner als Blanca von Lamalgue, als Eure ſel'ge Schweſter war, dem Simon Montfort ge⸗ genüber war ſie nicht ſtärker!“ Der Troubadour faltete ſeine Hände über den Korb⸗ griff ſeines Schwertes und betete halblaut:„Gott ſei der armen Schweſter gnädig, gnädiger als ich ihr war, mir aber wolle nie verzeihen meine Fehle, wenn ich dem Mont⸗ fort je verzeihe, was er an mir, an uns gethan?“ Laut und vernehmlich ſprach Irene:„Amen!“ Da öffnete ſich die Thür, Didiére, die freundliche Alte, trat ein mit einem Briefe, der mit einem orange⸗ ſchwarzen Seidenfaden umwunden war, von dem herab ein großes grünes Siegel hing. „Das hat ein Reitender gebracht, für Dich, mein liebes, ſchönes Kind!“ ſprach die Frau und entfernte ſich mit einem verwunderten Blicke auf den Troubadour. „Leſ't doch mein Vetter Enguerrand!“ befahl die Dame. Enguerrand von Lamalgue zerriß die ſeidene Schnur, entfaltete den großen Bogen und las:„Der ſehr erlauchten, ſehr edlen und ſehr mächtigen Dame, Irene von Luſignan, Herzogin von Latrimouille und Fürſtin von Tarent, Mar⸗ quiſe von Montcorbeil und Tarbes, Dame von Vaupalaure und Ceriſy ꝛc. meiner hohen und ſehr erlauchten Couſine, demüthigen Gruß zuvor. Erlauchte Dame, herzlich ge⸗ liebte Couſine, dieweilen mir ſolche Kunde geworden, daß Euer tapfrer Bruder, mein Couſin, der ſehr edle Herr, der Bailli de Luſignan, Vidame von Coſſuerges, des Königs Admiral in Languedoe, des hohen ſouverainen Ordens St. Johannis auf Malta Großprior und Ritter, geſonnen, ſeines in Gott ruhenden Herrn Bruders einziges und ehe⸗ leibliches Töchterlein, Meluſine von Luſignan, Demoiſelle von Luſignan und Coſſuerges, da ſolches zu ſeinen mann— baren Jahren gekommen, zu verehelichen und zwar mit dem ſehr edlen und ſehr mächtigen Herrn Denys Simon von Mirepoir, Baron von Montfort und Bannerträger der heiligen Kirche, ſo habe ich mich genöthigt geſehen, kraft meines Amtes als Einer der Teſtamentsvollzieher weiland Bertran's von Luſignan, Klage zu erheben wider Beſagte, den Bailli von Luſignan, den Baron von Montfort und Alle, die ihnen behülflich ſind, denn beſagte Meluſine von Luſignan ſoll nach dem Teſtamente ihres in Gott ruhenden Herrn Vaters nicht anders zu einem chriſtlichen Eheverlöb⸗ niß ſchreiten, als ſie hätte denn zuvor vor unſeren gnã⸗ digen und gelehrten Herren in unſerm Parlamente zu Toulouſe verſammelt, in Perſon mit ſechs adligen und untadligen Zeugen erklärt, daß ſie ſonder einigen Zwang ihre Hand und damit die Allodien vergebe, ſo ihr freies Eigenthum. Iſt demnach ein Arret unſerer Wädigen und 34 gelehrten Herren ergangen an Alle, die es angeht, daß Keiner wage dieſe Ehe einzuſegnen, ohne eine Venia von ihrem Kanzler. Solches, edle Dame und vielgeliebte Cou⸗ ſine, habe ich Euch melden wollen, der ich mich Eurer Huld empſehle und Gott bitte und ſeine lieben Heiligen alle, daß ſie Euch nehmen möchten in ihren Schutz jetzt und immerdar. Schrieb's eigenhändig Meiſter Jacques von Menilmontant, Rath in dieſem Parlamente und der Stadt Toulouſe im dritten Jahre Capitoul.“ Verächtlich warf der kriegeriſche Edelmann das Schrei⸗ ben von ſich, hatte nie ſeinen Vetter, den Schreiber, ſehr geliebt.„Der Menſch iſt ein Narr,“ rief er,„die Cham⸗ blas ſind auf Montforts Seite, die Chamblas ſind mehr Bethune als Luſignan und die Bethune ſind im Par⸗ lamente zu Grenoble mächtig— der Montfort läßt ſich nur in Dauphiné einſegnen, ſtatt in Provence oder Lan⸗ guedoe, armſelige Gelehrtenweisheit!“ „Es iſt ein Bundsgenoſſe mehr, mein theurer En— guerrand!“ „Brauch' ich Bundsgenoſſen, hohe, ſchöne Freundin?“ rief Herr Enguerrand übermüthig,„wir Beide ſind genug für hundert Montforts!“ Die fliegende Begeiſterung, die dem franzöſiſchen Adelthume eigen, ließ dieſe beiden ſeltenen Menſchen einen ungeheuern Fehler begehen, ſie ſannen Krieg und Fehde und ſie vergaßen, daß ſchon an funfzig Jahre verfloſſen waren, ſeit die letzte Adelsfehde geſcheitert war an der Polizeigewalt des neuen Königthums, das die Schranken brach, die der Feudal⸗Adel ſeinem ſonverainen Willen ent⸗ gegenſetzte, ohne zu bedenken, daß der Adel auch die Schr franz nichte ſchütz 5 die N Schranke war für die Machtgelüſte des Volkes; das franzöſiſche Königthum hat die Macht des Adels ver⸗— nichtet, es hat den ſtarken Damm zerbrochen, der es ſchützte gegen das brandende Meer des Pöbels, mag es die Folgen tragen! IV. Die Braut und der glaubensmarſchafl. in einem der hohen Bogenfenſter des Schloſſes Latrade, das die Chamblas, urſprünglich kleine Junker aus Auvergne, aber durch ihre ſchönen Töchter klüglich und vortheilhaft verſchwägert mit den Bktunen, den Luſignan, den Vergy und Beauffremont, an ſich gebracht durch Kauf und Heirath— an einem der hohen Bogenfenſter dieſes Schloſſes da ſtand die ſchöne Meluſine, die letzte ſchönſte Blüthe uralten Heldenſtammes. Heiß lag ihre glatte, weiße Stirn an dem kalten Glas der Scheibe, ihr ſüßes, blaues Auge ſchaute hinab in den Zwinger, ihre weichen Hände lagen gefaltet auf der jungfräulichen Bruſt, die Brautkrone war in ihrem Haar, der Brautſchleier wallte um das jugendliche Angeſicht— armes Kind! Sie lehnte die heiße Stirn an die kalte Scheibe und lauſchte ziem lich bewegt dem Liede, das der Knecht unten ſang, der ſeine Roſſe ſtriegelte an der Stallthür und der Knecht ſang: O Du glatter Simon Montfort, O Du ſchlechter Edelmann, Der einer ſchönen Provengalin Ihre Ehre rauben kann. Ihre Ehre rauben und lachen frech dazu, Du ſollſt im Grabe finden keine Ruh! eſes nſte atte, ßes, chen die zallte ehnte nlich ſeine . Blanca von Lamalgue, Das wunderſchöne Weib, Das haſt Du frech betrogen Um ihren keuſchen Leib; Um ihren keuſchen Leib, Du lachteſt frech dazu, Du ſollſt im Grabe finden keine Ruh! Blanca von Lamalgne Hat ſich im Meer ertränkt, Herr Enguerrand hat gnädig Das Leben Dir geſchenkt; O Du glatter Simon Montfort, was ſageſt Du dazu, Du ſollſt im Grabe finden keine Ruh! Die Röthe der Schaam und des Zorns im Antlitz wandte ſich die holdſelige Meluſine von dem Fenſter und ſchritt, das liebliche Köpfchen tief ſinnend geſenkt, auf und ab in dem Saal; ſie liebte ihn, den ſchönen Denys Si⸗ mon von Mirepoix, es war kein ſchönerer Mann in Frank⸗ reich und Keiner, der die Zunge gewandter zu führen ver⸗ mochte und Keiner von glänzenderem Geiſte— arme Me⸗ luſine— und ſeltſam, ſie gedachte ihres Vetters von Lamalgue, dem ſie bitter zürnte, weil er die Provence er⸗ füllte mit ſchneidenden Spottliedern über ihren Verlobten; ſinnend verglich ſie die beiden Edelleute mit einander. „Der Troubadour iſt,“ ſagte ſie,„ein Ritter der alten Zeit, trotzig, derb und unbequem und Simon Montfort iſt der neuen Zeit Ritter, fein und geiſtreich; er überreicht mir mit witzigem Wort den Strauß, den mir Enguerrand mit gereimtem Lied in den Schooß wirft.“ So ſprach ſie zu ſich ſelbſt, ach! und ſie war jung und ſie gehörte an der neuen Zeit. Oh! es konnte kein verführeriſch ſchöneres Bild geben, als dieſe Meluſine von Luſignan, Brautkranz und Braut⸗ ſchleier in dem dunkelblonden Haar, die klugen blauen Augen leuchtend im Wiederſchein der inneren Aufregung, die weiße Bruſt, die weißen Arme blendend unter dem Gewand von blauem Flor, das ſie von einem Amethyſten⸗ ſtrauß zuſammengehalten über dem Brautkleid von weißem Atlas trug. In ihrem Gang, in ihrer Haltung lag der ganze ſelbſtbewußte Stolz der Luſignan. „Armer Vetter von Lamalgue,“ flüſterte ſie, als ſie wieder zum Fenſter trat,„ich habe Deine Schweſter nie gekannt, es thut mir weh, daß es Deine Schweſter war, die nicht verſtand, Simon von Montfort's Herz zu feſſeln. Blieb's mir aufbehalten, mir allein, dieſes freie Herz zu ſeſſeln?“ Das ſchöne Böhmenkind war mächtig ſtolz und ſtand am Fenſter und ſah einen Diener einreiten, der trug ein apfelgrünes Kleid und weiß war ſein Roß. Da jauchzte Meluſine laut:„meine Tante Irene kommt, ſie ſendet mir Botſchaft; ſie hat ſich nicht beſtricken laſſen durch den Vetter Enguerrand“— doch als ſie den Namen Enguer⸗ rand ausſprach, da faßte ſie nach ihrem Herzen und ſprach leiſe:„Ich fühl's, ich thue ihm Unrecht, denn er liebt mich.“ Die Thür öffnete ſich und der Diener trat ein, es war ein Edelknecht der Fürſtin von Tarent, der küßte nach dem Brauch die Hand der Dame ſittig und darauf ſprach er traurig:„Die Fürſtin von Tarent, die mir gebietet, ſie ſendet, edle Dame, Euch den friſchen Kranz von weißen Roſen, die Roſen ſind von Eures Vaters Grab!“ Eine lebhafte Röthe lief über das feine Antlitz Me⸗ luſinens, die ſanften Augen blitzten zornig, aber ihre Hand 39 zitterte nicht, als ſie den Kranz nahm und ihre Stimme bebte nicht, als ſie zu dem Junkherrn ſprach:„Bringt meinen Gruß der mächtigen Frau Herzogin von Latrimoullle, der hochgeboreuen Dame von Tarent und kündet ihr, daß ich meines Vaters gedächte auch ohne ſolch herbe Erinne⸗ rung, daß mich der weiße Roſenkranz erinnern ſollte, nicht an meinen Vater, ſondern nur an das Wappenzeichen einer Dame, die mir Mutter war, eine Mutter, die mich ver⸗ laſſen hat, verlaſſen an dem Tage,— doch genug, ſagt Eurer Herrin, ich ſei auch eine Luſignan!“ Mit einer leichten, unglaublich ſtolzen, Neigung des Hauptes entließ Meluſine den Boten der Fürſtin von Ta⸗ rent, als ſich aber hinter dem Edelknecht die Thür ge⸗ ſchloſſen, ſchoſſen ihr helle Thränen in das Auge und, die Hände ringend, warf ſie ſich in einen Seſſel. Es war dem holden Kinde, als ſei nun erſt eine tiefe Kluft geriſſen zwiſchen ihrem heiteren, ſonnig hellen Jugendleben und ihrer Zukunft; ſie vermochte nicht vorwärts zu ſchauen in das unbekannte Land der Zukunft, ſie war zu ſtolz, zu ſelbſtbewußt, um ſich in kindlicher Demuth, in frommer Zuverſicht ganz auf den Führer verlaſſen zu können, den ſie ſich gewählt in dieſes dunkle Land der Zukunft; ſie ſchaute rückwärts, ſie ſah ſich wieder wandeln an der Hand Irenens durch die laubigen Gärten von Montcorbeil und Autafort, ſie gedachte an die tauſend kleinen zarten Sor⸗ gen, damit Irene von Tarent ihr junges Leben mütterlich umgeben; ſie dachte auch des Ritters von Lamalgue, der ſie ſo oft auf ſeinem Knie geſchaukelt und ſie ſo oft in ſüßen Schlaf geſungen, der ſie die edle Kunſt, das Roß zu bändigen, lehrte und früh ſie unterwies im künſtlich⸗heiteren Bau der Reime; ſie dachte— 40 Horch, da ſchmettern hell Trompetenklänge herauf vom Hof und Meluſine denkt nicht mehr an ihre Jugend, ſie eilt zum Fenſter, den Verlobten zu begrüßen, doch wehe, das iſt nimmer eines Hochzeitszuges Pracht! Einzelne Reiter ſprengen ſtaub⸗ und blutbedeckt in den Hof, die Feſtkleider zerriſſen, von Schüſſen geknickt die Federn auf den Hüten und wildes Geſchrei miſcht ſich in die Töne der Trompete, die zum Sammeln ruft. Bleich lehnt die ſchöne Meluſine an dem Fenſter, ſie ſieht den Herrn des Schloſſes, ihren Vetter von Chamblas, zu Roſſe ſteigen jetzt mit ſeinen Söhnen und ihren Ohm, den alten Bailli, auch und die Dragoner vom Regiment des Marſchalls, ihres zukünftigen Schwagers, ſie hört ein unregelmäßiges Schießen in der Ferne erſt, das nah und immer näher tönt. „Ayde le second baron!“ ruft der alte Bailli unten und ſetzt ſich an die Spitze ſeiner Reiter, das iſt der alte Feldruf Luſignan's. Aber der Bailli vermag nicht mehr ſeine Reiter hinauszuführen auf's Feld, ein ganzer Strom von Flüchtlingen brauſt ihm entgegen. Rathlos hält der Seemann, auf ſolche Fluth ver⸗ ſteht er ſich nicht, die Flüchtlinge ſind meiſt Edelleute in prachtvollen Feſtgewändern und Dragoner vom Regimente Mirepoir. Jetzt reitet auf hohem ſchwarzbraunen Pferde ein Greis in den Hof, furchtbar ſtolz iſt ſein Anſehen, das goldne Vließ ziert ſein ſchwarzes Kleid, ſein Haupt iſt ent⸗ blößt, im Winde fliegt ſeine weiße Locke; dieſes Haupt war in Sonnenbrand und Regen, in Wind und Wetter unbedeckt ſeit vierzig Jahren, ſo wollt' es ein Gelübde und der Greis mit den unheilvollen Augen und dem weißen 41 Bart, das iſt Simon Mirepoix, Graf von Montfort, der furchtbare Glaubensmarſchall, der dreizehn tauſend Men⸗ ſchenleben opferte zu Gottes höherer Ehre. Der Glaubensmarſchall hielt ſein Roß an mitten im Hof und befahl mit tiefer Stimme:„Sperrt die Thore, Ihr, Montfort's Eiſenkappen, meine altkatholiſchen Jun⸗ gen, beſetzt die Poſten und treibt die Ketzer ab durch ein luſtiges Flintenfeuer, Capitain de Lorges, Ihr habt hier den Befehl!“ Der Glaubensmarſchall ſtieg vom Pferde, ſein ſicheres Weſen gab auch den anderen Herren, die in der raſchen Flucht ihre Zuverſicht ziemlich verloren zu haben ſchienen, die Haltung wieder. Es war die höchſte Zeit, daß die Thore geſchloſſen wur⸗ den, denn deutlich vernahm man im Schloßhofe durch das Knattern der Schüſſe, den Feldruf der Latrimouille: Nötre dame au noble! und ein blühend ſchöner Jüugling, hoch aufgerichtet in den Bügeln ſeines Roſſes ſtehend, ſprengte dicht an's Thor und ſchrie mit heller, faſt knabenhafter Stimme: Rouge! rouge! gare le dindon! dann ſchoß er ſeine lange Piſtole ab in den Knäuel der im Hofe Ver⸗ ſammelten, und ein Officier dicht neben dem Glaubens⸗ marſchall ſtürzte in's Herz getroffen nieder. Das Thor fiel zu, die Gewehrſalve der Dragoner krachte und hundert Stimmen ſchrien:„Iſt denn die Hölle heute los, das war Gaſton von Foix oder der Teufel ſelber!“ Die vornehmen Hochzeitgäſte und die Mitglieder der Familie folgten dem Glaubensmarſchall in den Saal, die anderen blieben, die ſchier fabelhaften Ereigniſſe des Vor⸗ mittags in heſtigſter Aufregung beſprechend, im Hofe zurück. Niemand dachte an Meluſine, die Braut war ver geſſen an ihrem Hochzeitstage. Im Saal gab der Glaubensmarſchall dem alten Bailli von Luſignan und dem ſtaunenden Baron von Chamblas einen Bericht, den dieſe für Scherz gehalten haben würden, wenn der Glaubensmarſchall überhaupt ein Mann des Scherzes geweſen wäre und wenn ſie nicht die Flucht ſelbſt mit angeſehen und das Gewehrfeuer vernom men hätten.„Ich wurde gewarnt,“ erzählte der grimmige Glaubensmarſchall,„aber der Montfort giebt nichts auf Warnungen, die Vermählung meines Sohnes mit dem Fräulein von Luſignan iſt einem Theile der Familie un lieb, der Adel in Provence und Languedoc will mir zum Theil nicht wohl, ich weiß es, die Herren wollen Ka⸗ tholiken ſein und ſchelten mich doch den alten Schlächter, weil ich mit dieſer Hand die Ketzerei zu Boden warf von Nismes bis an die Cevennen, wohl, das hat Blut ge koſtet, doch wo ein Wald gefällt wird, fliegen Späne“— es war ein ganzer Mann, der alte Montfort, eiſern an Seele und Leib—„Marſchall Mirepoir, mein Sohn, ließ mir als Escorte zwei Compagnien Dragoner folgen, ich litt es, ſie ſind uns von Nutzen geweſen. Als wir bei Tarbes durch den Hohlweg reiten, ich und mein Sohn, und dieſe edlen Herren, unſere theuern Vettern, hochge⸗ borenen Freunde und liebe Hochzeitgäſte, wird auf dem Schlößchen droben plötzlich das rothe Banner ausgeſteckt des edlen Hauſes Latrimouille, das rothe Banner mit dem weißen Roſenkranz und dem gedoppelten Liebesknoten, dem Zeichen fürſtlicher Wittwenſchaft. Uns nahm dieſes Ehren⸗ zeichen mächtig Wunder, denn die Fürſtin von Tarent ſchien bisher nicht ſehr begierig, die Mirepoir als liebe 43 Vettern zu begrüßen, da plötzlich tönt ein Hornſignal und ehe wir uns aus dem Hohlweg winden können, wirft ſich eine Schaar von Edelleuten und Reiſigen auf uns, zer⸗ ſprengt unſere Reihen und jagt uns in voller Flucht hier⸗ her, ohne die Escorte der Dragoner wären wir Alle ge⸗ fangen oder niedergehauen worden!“ Grenzenloſes Staunen herrſchte in der Verſammlung, ſchlug man ſich auch in den Cevennen damals noch mit den Camiſarden, hatte namentlich der Glaubensmarſchall noch in der letzten Zeit den Süden durchzogen, die Ketzerei blutig auszurotten zu Ehren Gottes und der frommen Frau von Maintenon, hatte auch im ganzen Süden, na⸗ mentlich in Provence und Languedoc die Polizeigewalt des Königs wenig zu bedeuten, ſo war's doch ſeit Menſchen— gedenken, ſeit den Frondekriegen unerhört, daß die Edel⸗ leute verſucht hatten, ihre Familienzwiſte in blutiger Fehde zu ſchlichten, ſeit funfzig Jahren pflegten ſie zu klagen bei den hohen Parlamentern, und wenn ihnen das zu lange dauerte, forderten ſie ſich zum Zweikampf. „Und wo iſt Euer edler Sohn, Herr Marſchall?“ fragte der Baron von Chamblas. „Gefangen!“ antwortete Montfort hart und unbewegt. „Träum' ich denn,“ begann der Bailli von Luſignan auf's Neue,„kann das wirklich geſchehen ſein, was ich höre? Ihr ſprecht von Edelleuten dieſes Landes, Marſchall, habt Ihr ſie erkannt, kennt Ihr ſie?“ „Ich kenne ſie,“ rief der Marſchall ingrimmig,„der Montfort vergißt das Geſicht Keines, der ihm feindlich in den Weg getreten und dieſe Herren thaten's heut zum zweiten Male, ſie werden's nicht zum dritten Male thun!“ Eine Minute lang herrſchte tiefes Schweigen in dem 44 Saal nach der Drohung des Marſchalls, Jeder fühlte, daß hier kein eitles Wort geſprochen. Dann fuhr der grim⸗ mige Ritter der heiligen Kirche fort:„Im vorigen Monat war's am Tage des heiligen Julian, als ich mit meinen Söhnen einritt in Cahors, von den verſammelten Ständen begehrend, meinen jüngſten Sohn aufzunehmen in ihre Reihen wegen der Vidamſchaft von Coſſuerges, ſo von den Luſignan durch Kauf und Heirath gekommen an mein Haus. Und als ich mein Begehren angebracht und die Umfrage begann, da ſprach der hochwürdigſte Herr Biſchof: Ajo!*) Die Herren von Adel aber der ketzeriſche Graf von Buſſy⸗ Rabutin voran, der Vicomte von Vezière, der Marquis von Anglade, der graue Sünder Baron von Contades, ein Pardaillan, der Herzog von Noailles, der Graf von Foir, der Vidam von Cahors, ſie Alle ſagten: nego!**) und ihnen fiel die ganze Maſſe bei, und Eure edle Schweſter, Bailli, die hohe Fürſtin von Tarent, ſie ließ durch ihren Sene⸗ ſchall, den Sire von Lamalgue, noch ganz beſonders pro⸗ teſtiren. Gottes Tod, ich werde dieſen Schimpf niemals vergeſſen, und hätte ich ihn je vergeſſen können, ſo haben dieſelben Herren ſich mir heut nachdrücklich und auf ew'ge Zeit empfohlen.“ Die Verſammlung trennte ſich, an Feſt und Fröhlich⸗ keit war nicht zu denken, der Glaubensmarſchall ſendete Boten nach allen Himmelsgegenden. Die Dragoner von Mirepoir ſtreiften um Latrade, nirgend ein Feind zu ſehen; es ſchien, als ob mit der Gefangennehmung Simon’s Ich bejahe! Ich verneine! *) 45 von Montfort der Zweck dieſer unerhörten Gewaltthat er— füllt ſei. Es war und blieb äußerlich überall Frieden und Ruhe im ſchönen Lande der Provenee. Spät erſt erſchien an jenem Tage die Baronin von Chamblas vor Meluſinen, ſie ſollte ihr ſchonend mittheilen, daß ihr Verlobter gefangen. Das arme Kind wußte ſchon Alles, es hatte auf— merkſam den Geſprächen der auf dem Hofe Verſammelten gelauſcht, wohl ſah man Thränenſpuren noch auf der fri⸗ ſchen Wange, aber das Benehmen der Braut war ſicher und feſt. Sie that nur einzelne Fragen an die Baronin: „Wer führte den Beſehl über die Edelleute?“ „Sie ſagen, der junge Graf Gaſton de Foix, der im ſpaniſchen Kriege ſo berühmt geworden!“ Meluſine nickte,„und“ frug ſie weiter,„wer nahm meinen Verlobten gefangen?“ „Alle ſagen, es ſei unſer Vetter Herr Enguerrand von Lamalgue geweſen!“ Darauf zog ſich Meluſine ruhig grüßend in ihr Schlafgemach zurück. V. Es brechen die Mauern von Clemangis. . ie ganze Provence war in Bewegung von dem Meer bis: zu den Bergen, des Königs General⸗Lieutenant in Provence und Languedoc, der hochmächtige Herzog von Lesdiguières, ließ ein ſcharfes Edict republiciren, das ent⸗ ſetzliche Strafen Allen drohte, die es wagen würden, Got⸗ tes und des Königs Frieden zu brechen, aber er that nichts, weil er dem Glaubensmarſchall von Herzen Feind war und ſich innerlich des Streiches freute, den man ſei⸗ nem Feinde geſpielt hatte und Simon von Montfort, der grimmige alte Löwe, ſah ſich genöthigt, auf ſoſortige Rache an ſeinen Feinden zu verzichten und den Rechtsweg zu be⸗ treten. Das war eine ſchwere Strafe ſchon für ihn. Das ganze Volk aber freute ſich des kecken Streichs der Edelleute und auf allen Wegen und Stegen ſang man Spottlieder auf die Montfort's, die Bethunen, die Cham⸗ blas und ihre Freunde, Herr Enguerrand war von einer grauenvollen Thätigkeit; wo ſich der finſtere Glaubens⸗ marſchall ſehen ließ, da ſcholl es ihm im Chor höhnend entgegen: 47 Der alte Schlächter betet So gern den Roſenkranz, Hol' Dir vom Schloß zu Tarbes Den weißen Roſenkranz! Ei, ei, Roſenkranz, Der Roſenkranz hat Dornen! oder: Als Montfort ſah Herrn Gaſton, Sprach er zu den Leuten fein: Gott, ſagt mir, welcher Teufel Mag in dem Gaſton ſein? Ich will mich heut nicht ſchlagen Mit dieſem Edelmann, Weil ich nur arme Ketzer Schlachten und braten kann. Seltſam, es zweifelte wohl Niemand ernſthaft an dem hundertfach erprobten perſönlichen Muth des grimmigen Glaubensmarſchalls, dennoch kränkte ihn das am tiefſten, wenn das Spottlied ihn als Flüchtling vor dem Grafen von Foix ſchilderte. Herr Enguerrand errieth mit dem Inſtinkt des Haſſes die wunden Stellen ſeines Feindes und dahin ſchleuderte er mit ſicherem Wurf ſeine Pfeile. Die Liebe dichtet, der Haß aber auch. Wochenlang jeden Abend zog das Marſeiller Volk vor dem Hotel der Mirepoix vorüber und ſang: Alt iſt der Schlächter,— Ihn lüſtet nicht nach Ketzern mehr, Er fürchtet ſich vor Gaſton ſehr Und ſpürt den alten Hunger, Da handelt er ein Täubchen ein, Von Luſignan Du Täubchen fein, Du biſt an ihn verhandelt; — 48 Doch als er hin vor Tarbes kam, Vor Tarbes an das Schlößchen, Da trat zu ihm ein Edelmann, Vor Tarbes an dem Schlößchen, Der ſprach zu ihm, Du Schlächter mein, Von Luſignan, das Täubchen fein Iſt nicht für Deine Klauen; Und läß'’ſt Du nicht das Täubchen gut, So will ich Deine junge Brut Mit meinem Schwert erwürgen. Da fürchtet ſich der Schlaͤchter ſehr, Ihn lüſtet nicht nach Tauben mehr, Alt iſt der Schlächter! Doch genug von dieſen Spottliedern, die wie ein Ha gelſchauer niederſauſten auf den Glaubensmarſchall und ſeine Freunde. Nichts giebt einen deutlicheren Begriff von den da maligen Rechtsverhältniſſen Frankreichs, als die Schritte, welche die Betheiligten bei dem Ueberſall von Tarbes in Folge dieſes blutigen Ereigniſſes thaten, entweder um ſich zu ſchützen, oder um Genugthuung zu erhalten. Zuvörderſt dachte die Regierung, als ſolche, nicht daran, eine Unter⸗ ſuchung einzuleiten, und ſo kam es, daß beide Parteien vor den Gerichtshöfen des Landes als Kläger erſchienen. Zuerſt klagten nämlich die Stände von Languedoc über die Laſt, die das Corps des Marſchalls Mirepoix dem Lande ſei, bei des Statthalters⸗Gericht und der Herzog von Lesdi⸗ guières, der General⸗Lientenant des Königs, befahl dem Marſchall Mirepoir, ſein Gouvernement zu verlaſſen, der aber kehrte ſich nicht an den Befehl und berief ſich auf eine Ordre des Kriegsminiſters, Marquis Souvre von Louvois. Darauf appellirte der General⸗Lieutenant an des 49 Königs Geheimen Rath und drohte mit den Linien⸗Re⸗ gimentern Royal⸗Cöômtois und Dauphin, die zu Marſeille in Garniſon lagen, die Dragoner des Marſchalls mit Ge⸗ walt aus ſeiner Provinz zu vertreiben, er konnte dabei auf die Unterſtützung des Landes rechnen; wirklich zog jetzt Mirepoir ſeine Truppen aus der Provinz. Während dieſer Zeit klagten die Grafen von Foix und Vermandois bei dem Gerichtshof der Marſchälle von Frankreich Simon von Montfort der furchtbarſten Verbrechen an, Mord, Brandſtiftung, Erpreſſung. Der Glaubensmarſchall da⸗ gegen klagte gegen 31 Edelleute von Languedoc und Pro vence wegen Landfriedensbruch, mörderiſchen Ueberfall, Todtſchlag und Menſchenraub bei dem Parlamente zu Pa⸗ ris; zugleich aber bei dem Parlamente zu Grenoble, in dem feine Familie mächtig war, gegen Herrn Enguerrand von Lamalgue wegen Gefangenhaltung ſeines Sohnes, des Barons von Montfort. Beim Landesparlament zu Toulouſe dagegen waren nicht weniger als vierhundert Klagen an⸗ hängig gegen die Montſorts und Mirepoix, und von dem biſchöflichen Gericht zu Cahors verlangte der Glaubens⸗ marſchall, die Kirche ſolle ſich der Dame Meluſine von Luſignan bemächtigen und ſie in ihre Obhut nehmen, bis zum Austrag der Sache. Innerhalb zweier Monate folgten die erſten Entſchei⸗ dungen, der Königliche Geheimerath befahl dem General⸗ Lieutenant in Provence, die Dragoner von Mirepoir in Garniſon nach Toulon zu verlegen, aber ſie ſollten nicht mehr unter Mirepoix, ſondern unter ſeinem eigenen Be⸗ fehle ſtehen. Man ſieht, der mächtige Herzog von Lesdi guières hatte Freunde am Hofe. Ferner erließ der Ge⸗ richtshof der Marſchälle von Frankreich einen offenen Brief, 4 50 in welchem Simon Graf von Montfort geladen wurde, ſich zu ſtellen vor den Marſchällen von Frankreich und Antwort zu geben auf furchtbare Anklagen. Ferner erſchien ein Arrèt des Parlamentes zu Toulouſe, welches den Mont forts und Mirepoir befahl, vor ihm zu erſcheinen und ſich zu reinigen. Zu dieſer Zeit befahl das Parlament zu Grenoble dem Seneſchall von Montcorbeil, Herrn En⸗ guerrand von Lamalgue, die Perſon des Barons von Montfort los und ledig zu laſſen aller Haft und ſich zu Grenoble zu verantworten wegen ſeiner Verbrechen. Außer dem Befehl des Königlichen Geheimraths wurde kein ein ziges dieſer Urtheile reſpectirt, jeder Kläger hatte einen Rechtsſpruch für ſich und nun begann der Streit der Ju⸗ riſten über die Zuſtändigkeit der Gerichtshöfe; das Parla⸗ ment zu Toulouſe caſſirte in feierlicher Sitzung alle Be⸗ ließ der Präſident à mortier ein Chamblas, die Arréts des Toulouſer Parlaments öffentlich von Henkershand verbren⸗ nen. Beide Parlamenter verklagten ſich vor dem König⸗ lichen Geheimrath, oder, wie die Formel eigentlich lau⸗ tete,„vor dem König im Geheimenrath.“ Das war ein Proceß für ſich. Das Pariſer Parlament caſſirte ſeinerſeits alle Beſchlüſſe der Provinzial⸗-Parlamenter und dieſe be⸗ ſtritten demſelben ihrerſeits das Caſſationsrecht, das war wieder ein Proceß für ſich. Die General⸗Advocaten traten in langen Streitſchriften für ihre Gerichtshöfe auf, zum erſten Male bediente ſich die Robe der Preſſe in ſolchem Umfange. Hohen Ruhm errang in der juriſtiſchen Welt bei dieſem Streit der Capitoul von Toulouſe, Meiſter Jacques von Menilmontant, der allein achtunddreißig Streitſchriften gegen die Parlamenter von Grenoble und ſchlüſſe des Parlamentes zu Grenoble und in Grenoble 51 Paris ſchleuderte. Es war die Rede davon, ihn in's Pa⸗ riſer Parlament zu ziehen, ſo ſehr begann man ihn zu fürchten. Während dieſes Federkrieges nun ſaßen die Montforts auf ihren Schlöſſern, in ohnmächtiger Wuth verzweifelnd, der Glaubensmarſchall war zu Avignon und ſuchte den päpſtlichen Legaten zu bewegen, einen Machtſpruch zu thun, aber die Päpſte hatten gewaltigen Reſpect vor Ludwig dem Vierzehnten, noch ſtand die Schandſäule der Korſen zu Rom, die der Marſchall, Herzog von Crequi, dort auf Ludwigs Befehl aufrichten mußte, weil die Kor⸗ ſiſche Leibwache des Papſtes dem franzöſiſchen Geſandten nicht die gehörige Ehrerbietung bewieſen hatte. Meluſine von Luſignan hatte ſich auf ihr eigenes feſtes Schloß von Ceriſy zurückgezogen, hatte die Vormund⸗ ſchaft des Königs angerufen und Herr von Pardaillan, Gouverneur von Pignerol, hatte auf ihren Wunſch Schloß Ceriſy mit einer halben Compagnie leichter Reiter vom Regiment Connetable beſetzt. Dort lebte Meluſine von Luſignan in ſtrengſter Zurückgezogenheit und trug den Wittwenſchleier, als ob ſie dem Baron von Montfort wirk⸗ lich vermählt worden ſei; die junge Dame ſuchte Troſt in der Beſchäftigung mit Kunſt und Wiſſenſchaft, Meluſine überſetzte damals Petrarcas Triumphlieder in's Franzöſiſche. Dieſe Ueberſetzung iſt noch heute unter dem Namen der „Ausgabe von Ceriſy“ in Frankreichs Bibliotheken, als eine literariſche Seltenheit, zu ſehen. In den Streit, der um ſie entbrannt war, miſchte ſich Meluſine in äußerlich bemerkbarer Weiſe nicht. Man wußte, daß ſie ſtolz die Vorſchläge beider Parteien verworfen hatte. Vortheil hatte bisher dieſer Streit nur dem Ballli von Lnſignan und dem Capitain Jean Bart gebracht, denn 4* 52 kaum bemerkten die Montforts, daß der Bailli ſich von ſeinen Verwandten und Mitſtänden ſehr leicht bewegen laſſen würde, den Kauf der Vidamſchaft rückgängig zu machen, als ſie ſich auch ſchon beeilten, ihm die Summen zu verſchaffen, die er zur Ausrüſtung ſeiner Kaperſchiffe nöthig hatte. Da griff der Seemann zu und er ſchiffte, unbekümmert um Alles, was zu Lande geſchah, Gott weiß in welchen Gewäſſern und ſegelte, Gott weiß mit was für Winden, als die Montforts raſtlos fort proceſſirten in ſei nem Namen und kraft ihrer Verträge mit ihm. Der Malteſer und Jean Bart, ſein Freund, kümmerten ſich we nig um die Provence. Sommer und Herbſt waren hingegangen in dieſen troſtloſen Streitigkeiten, deren Ende gar nicht abzuſehen war, die Fürſtin von Tarent hatte beſchloſſeu, in dieſem Winter nicht nach Paris zu gehen, ſondern auf ihrem Schloſſe Autafort zu bleiben, um dem Schauplatze der Ereigniſſe näher zu ſein. In dieſer Zeit finden wir den Troubadour Herrn En⸗ guerrand von Lamalgue wieder auf ſeinem Schloſſe Cleman⸗ gis; das etwas wüſte und faſt verfallene Schloß iſt in einzel⸗ nen Theilen wenigſtens wohnlich eingerichtet, denn die Fürſtin von Tarent wird Montcorbeil in den rauhen Bergen in einigen Tagen verlaſſen, um ſich nach Autafort zu be⸗ geben, auf ihrer Reiſe dorthin wird ſie einige Tage ruhen im Schloſſe ihres Vetters. Enguerrand geht, lebhaft mit ſich ſelber ſprechend, in ſeiner alten Halle auf und nieder, nur am Schenktiſch bleibt er zuweilen ſtehen, um aus dem Silberbecher dort zu trinken von jenem Feuerwein von Arbouville. Er ſinnt, er dichtet, er ſchmiedet neue Pfeile für ſeine Gegner. Un lat Unmuthig und geſtört blickt er nach der Thür, vor der lautes Reden tönt und Sporen klingen. Zwei Herren treten ein. „Willkommen, edler Graf, auf Clemangis und Du, mein tapferer Vidame!“ ſo lautete des Schloßherrn froher Gruß. Die Herren ſchüttelten ſich die Hände, dann leerten ſie den Becher, den ihnen Enguerrand zum Willkommen reichte. „Was macht Herr Enguerrand in ſeiner Einſamkeit?“ fragte Gaſton von Foix, der Jüngere der beiden Herren. „Ich erſann ein Spottlied auf meinen klugen Vetter von Chamblas, der das Hotel Coſſuerges zu Paris ſich redlich hat als Lohn verdient bei ſeinem Handel um meine Couſine von Luſignan, die Montforts haben es ihm ab⸗ getreten.“ „Sagt Ihr's ihm, Graf,“ rief der Vidame von Ca⸗ hors, ein Herr von plumper, faſt viereckter Geſtalt, und warf ſich mit ſolcher Kraft in einen Seſſel, daß die alte Lehne krachte. Gaſton von Foir, jener bartloſe Knabe, der kaum zwanzig Jahre alt und ſchon ein ruhmgekrönter Feldherr war, lachte laut mit ſeiner hellen Stimme, gleich aber ward er ernſter und ſprach:„Mein theurer Enguerrand, wir bringen ſchlimme Botſchaft!“ „Ich bin der Mann, der ſie hören kann!“ entgegnete der Troubadour einfach. „Wir kommen von Marſeille,“ fuhr der jugendliche Held fort,„und Lesdiguières läßt Dich warnen; die Montforts haben einen Plan gemacht, wie ihn die Hölle ſelbſt nicht ſchlauer erſinnen konnte, und der Plan, er iſt 54 geglückt. Du haſt den Baron in Deiner Gewalt, Du biſt die Seele des Bundes wider die Montfort, das iſt kein Geheimniß, ſie haben alle Klagen fallen laſſen und wollen nun an Dich allein, mein wack'rer Enguerrand, und um an Dich zu kommen, haben ſie im Namen einer alten Frau, deſſen Sohn Du bei Tarbes erſchoſſen haben ſollſt, es ſind zwölf Zeugen da, die das beſchworen haben und es iſt möglich, daß es wahr iſt, eine Klage gegen Dich eingereicht wegen Mord beim Criminal⸗Lieutenant vom Chatelet.“ „Was kümmert mich das Chatelet und der Lieutenant von Paris!“ „Still, alter Tollkopf,“ rief der Graf,„das Chatelet hat einen Haftbefehl gegen Dich erlaſſen, Dich lebend oder todt einzuliefern nach Paris—*. Herr Enguerrand lachte laut. „Still,“ rief der Graf wieder,„Du ſiehſt die Gefahr nicht, hier handelt ſichs um kein Parlament, um keine Körperſchaft, die man gewinnen oder theilen kann, es iſt der Criminal⸗Lieutenant allein, der heißt Franz Voyer von Argenſon und fertigt ſeine Befehle aus—“. „Ich lache über ihn!“ „Das thut Ihr nicht, Meſſire, oder Ihr ſeid toll,“ ſchrie nun der ungeduldige Graf„der Criminal⸗Lieutenant fertigt ſeine Befehle aus de par et pour le Roi und über ſie zu lachen, oder ſich ihnen zu widerſetzen, das iſt Toll⸗ heit, Meſſire, oder— Rebellion, Rebellion gegen die Ma⸗ jeſtät und darauf ſteht der Galgen!“ Herr Enguerrand wurde blaß, aber bald faßte er ſich, „nun wohl, meine gnädigen Herren, ſo verlaßt mich, ich wit ein will Euch nicht zur Rebellion verleiten, es wäre ſchade, ein Foir an dem Galgen! lebt wohl, Ihr Herren!“ „Biſt Du von Sinnen, Enguerrand?“ ſchrie der heiß⸗ blütige Graf. „Dieſe Troubadours ſind immer etwas toll!“ brummte der Vidame von Cahors mürriſch. „Enguerrand, willſt Du wirklich Krieg führen gegen den König von Frankreich?“ „Warum nicht, edle Herren,“ erwiederte der Ritter ernſt„gegen ihn und gegen Jeden, der mir feindlich in den Weg tritt, der König Frankreichs iſt ein Edelmann, wie ich, etwas reicher vielleicht und etwas mächtiger auch, ich werde wahrſcheinlich unterliegen in dem Kampfe— es iſt ſchon mancher beſſere Held als ich, im Kampfe ge⸗ fallen!“ „Aber der Galgen, Enguerrand!“ „Läßt mich der König hängen, ſo ſchändet er ſich, nicht mich, auf meiner Seite iſt das Recht.“ „Der Herzog läßt Euch bitten, zu fliehen—“ „Ich floh noch nie!“ „Zum Donner, Herr, es kann Euch Niemand ſchützen, dem Chatelet ſteht die Verfügung über alle Truppen zu.“ „Ich ſchütze mich ſelbſt, die Truppen werd' ich hier auf meinem Schloß erwarten, wenn ich nicht gehe, ſie zu ſuchen!“ Der Graf von Foir ſchritt einige Male heftig auf und ab in der Halle, dann blieb er mit flammenden Au⸗ gen ſtehen vor dem Troubadour und ſprach:„Meſſire En⸗ guerrand, ich gehe als Volontair mit des Kaiſers Heer gegen die Türken, begleitet mich und laßt den Teufelskerl, den Simon Montfort, frei!“ 56 „Simon von Montfort, edler Herr, iſt nicht mehr in meiner Gewalt!“ „Nicht, wo iſt er denn?“ riefen ſtaunend die beiden Edelleute. „In der Hölle, edle Herren, dort, wo er hingehört!“ „Ihr habt ihn ermordet!“ ſchrie der Graf entſetzt, und ſelbſt der träge Vidame von Cahors fuhr erſchrocken auf von ſeinem Seſſel. „Ermordet? wie Ihr’'s nehmt,“ antwortete En⸗ guerrand von Lamalgue eiſig kalt;„ich habe ihn verur⸗ theilt und gerichtet, ich bin ein freier Herr hier auf dieſem Schloſſe, die Baronie Clemangis hat Blutbann und Ge⸗ rechtigkeit, ich ließ den Ehrenſchänder meiner Schweſter Blanca, nach altem Brauch in dieſem Lande, in einen Sack nähen und im Meer erſäufen, an derſelben Stelle, edler Herr, an der meine arme Schweſter ihre Schmach im Schooß der Wogen barg!“ Lautlos ſtanden die beiden Herren, dann erhob ſich der Vidame von Cahors ſchwerfällig von ſeinem Seſſel, er beugte ſeinen Stiernacken etwas vor dem Herrn von Clemangis und ſprach langſam mit rauher Stimme: „Meſſire Enguerrand, verzeih' mir's Gott, daß ich Euch verlaſſe, ich fühle es wohl, daß es eigentlich meine Pflicht wäre, Herrn Voyer von Argenſon, den Criminal⸗Lieute⸗ nant vom Chatelet, bei Euch zu erwarten und ihm das Genick zu brechen; ich fühle, daß Ihr handelt, wie ein rechter Edelmann muß in dieſem alten Lande, aber, Gott weiß, ich bin doch ſonſt keine Memme, hier entfällt mir der Muth; hier Voyer von Argenſon und der Galgen, dort mein ſtattlich Schloß zu Cahors, mein ſchönes Weib, meine blühenden Kinder, meine gute Wildbahn und meine Fäſſer voll Arbouville von Anno 63, verzeiht mir's Meſ⸗ ſire, ich will Euch bewundern, will Euch Vorſchub leiſten, ſoweit ich kann, aber mit Euch zu rebelliren und den Kö⸗ nig Frankreichs zu befehden— dazu hab' ich keinen Muth, lebt wohl, Meſſire!“ Noch einmal grüßte der Vidame von Cahors, dann verließ er die Halle des Troubadours mit ſchwerem, klir— rendem Schritt. Herr Enguerrand und Graf Gaſton waren allein, ſie ſtierten ſich mit glühenden Blicken an, endlich brach Herr Enguerrand das Schweigen, deutete mit dem Zeigefinger auf die Thür und ſprach:„Der Vidame ging und ich liebe ihn doch, er iſt bei Gott ein rechter Edelmann, wer Weib und Kind hat, taugt nicht für Clemangis!“ „Enguerrand, ich habe nicht Weib und Kind!“ rief der Graf. „Du haſt mehr, als das zu verlieren,“ entgegnete der Troubadour ernſt,„einen hohen Kriegsruhm, Gaſton, und eine glorioſe Zukunft, geht, edler Graf, ich bitt' Euch!“ „Ja, ich gehe,“ brach der Graf mit Donnerſtimme aus,„ich muß gehen, denn ich gehöre einer andern Zeit an, als Du, Du haſt ein Recht, Dich begraben zu laſſen mit den letzten Reſten des Ritterthums und ſeiner Herrlich⸗ keit, ich nicht, leb' wohl, mein tapferer Enguerrand, Gott ſchenke Dir einen ruhmreichen Tod!“ Der berühmte Graf ſtürzte laut weinend hinaus und eine helle Thräne blinkte auch im Auge Enguerrands, als der Hufſchlag des Roſſes verhallte, das ſeinen letzten, lieb— ſten Freund davon trug. Dann füllte er den Silberbecher, aus dem der Graf getrunken, mit dem Weine bis zum Rande und leerte ihn auf einen Zug, ſowie man trinkt 58 nach altem Brauch zum Gedächtniß der Verſtorbenen und eine blitzende Thräne ſank ſchwer in den Becher. Auf und nieder in der Halle ſeiner Väter ſchritt Herr Enguerrand von Lamalgue, ſein Schritt war ſchwer, ſeine Gedanken aber noch ſchwerer und draußen brach die Nacht herein und von den Bergen herab heulte der Herbſtſturm und tobte um die alten Mauern von Clemangis. Ein greiſer Diener trat ein und ſah ſeinen Herrn auf⸗ und ab⸗ ſchreiten in tiefem Sinnen, er ſtörte ihn mit keinem Wort, aber er befeſtigte in dem eiſernen Ring am Kaminſims die brennende Fackel aus Weinranken und wohlriechendem Gloubiharz; mit röthlichen und gelben Lichtern erfüllte die Harzfackel die düſtere Halle, die Lichter ſchwebten hin und her an den grauen Wänden und ſchienen mit den Schatten zu kämpfen; der einſame Ritter ſchritt raſtlos auf und ab und die leiſen verlorenen Worte ſeines Selbſtgeſprächs miſchten ſich mit dem Kniſtern der Fackel und dem Heulen des Sturmes. So vergingen Stunden, da öffnete ſich die Thür der Halle abermals und der alte Diener rief: „Meſſire, da iſt ein Bote unſerer hohen Dame von Tarent und Latrimouille!“ Sogleich faßte Enguerrand ſein ganzes Weſen zuſam⸗ men, mit freundlichem Lächeln empfing er den Boten. Der neigte ſich vor ihm und ſprach:„Meſſire von Lamalgue, unſer Seneſchall von Montcorbeil, die Dame, die uns ge⸗ bietet, läßt Euch melden, daß ſie heute eine Botſchaft er⸗ halten von der Dame Meluſine, die ſchwer erkrankt liegt auf ihrem Schloſſe von Ceriſy und daß ſie Montcorbeil verlaſſen habe, um dort in Ceriſy der kranken und ver⸗ laſſenen Dame nach Pflicht zu dienen. Das iſt meine Botſchaft.“ und mein dieſe He de n 59 Eine dunkle Röthe färbte das Antlitz Enguerrands und die Hände aufhebend rief er laut:„Ich danke Dir, mein Gott, daß Du mein Gebet erhört haſt, daß Du ihr dieſen Schmerz erſparen willſt!“ Dem Boten befahl er, ſich im Schloß zu ruhen bis zum Sonnen⸗Aufgang. Aus einer ſauberen Truhe von Citronenholz nahm der Ritter einige Schriften, noch einmal überflog er ſie mit raſchem Biick, dann ſiegelte er mit rothem Wachs und ſeinem Ringe, in deſſen Stein das Wappen von Lamalgue und Clemangis, zwei goldene Sterne, zierlich ausgeſchnit⸗ ten, und darauf rief er ſeinem Diener. Der Alte trat herein, es war ein Greis von nah' an hundert Jahren, von hehrem Wuchs und hoher, ſtolzer Stirn, im Alter noch ein rechter ſchöner Sohn des alten ſchönen Landes der Provence. Weiß war ſein Haar, aber das Auge dunkelleuchtend, und die abgezehrte Hand, ſie zitterte nimmer. Blaß und die braunen Haare feucht, ein leiſes Beben in den ſonſt ſtahlfeſten Gliedern, ſo ſtand der mannliche Herr vor ſeinem alten Diener. „Weißt Du, Denys Roveret, alter Vater—“ begann Herr Enguerrand. Der Diener unterbrach den Herrn mit unheilverkün⸗ dender Stimme und ſprach: Als der letzte Foir von Clemangis ritt, Da nahm er den Stern von Lamalgue mit, Die Zeit iſt um, Herr Enguerrand flieh', Es brechen die Mauern von Clemangis. „So iſt's, Denys Roveret, alter Vater, aber ich fliehe nicht!“ 60 Der Alte warf einen freudeſtrahlenden Blick auf den Ritter, dann ſprach er wieder: Den letzten Lamalgue und ſein weißgraues Roß, Den letzten Lamalgue und ſein altgraues Schloß, Den letzten Lamalgue und ſeinen Diener alt, Die trennet auf Erden keine Gewalt; Und brechen die Trümmer des Schloſſes im Brande, Iſt die edelſte Sippe erloſchen im Lande. Herr Enguerand umarmte ſeinen Diener, gab ihm die geſiegelten Briefe und ſprach:„Das gieb dem Diener un⸗ ſerer edeln Dame, was weiter zu thun iſt, weißt Du?“ „Ich weiß es, Meſſire!“ Der Diener ging, Herr Enguerrand aber gürtete um ſich ſein Schwert, die gewaltige ſchneidige Waffe, erprobt in manchem ehrlichen Gefecht und in die Stirn drückte er eine ſeltſam geformte Mütze von weißem Sammet, um die rings herum am Rande ein goldener Reif lief, über dem ſich wie eine Krone ſieben goldene Kugeln und ſieben goldene Olivenblätter zierlich gearbeitet erhoben, und um die breiten Schultern ſchlug er den weiten weißen Seiden⸗ mantel mit goldenen Acanthusblättern geſtickt, das war die Staatstracht der Barone in Provence und Languedoe, in der ſie auf ihren Herrentagen zu Cahors oder Marſeille erſchienen, die Abzeichen ihrer freiherrlichen Macht; und einen Act dieſer alten Feudal⸗Gerechtigkeit war Herr En⸗ guerrand, als Baron von Clemangis, Willens auszufüh⸗ ren. Er trat ſtill und ernſt an das Fenſter ſeiner Halle, da ſchlug ihm rothe Lohe entgegen aus dem Dunkel, auf der Platforme des weſtlichen Thurmes flammte ein rieſiger Holzſtoß auf und weit hinein in's Land leuchtete das 61 Signalfeuer von Clemangis und auf dem Hauptthurme wurde die Schloßglocke geläutet in raſchen, kurzen Pulſen. Herr Enguerrand beugte ſich aus dem Fenſter, unter dem ſich das Schloßgeſinde in einer dichten Gruppe zu⸗ ſammendrängte, mit lauter Stimme rief er hinaus:„Auf die Zinne mit der großen Fahne von Clemangis, zieht das Banner des Seneſchalls von Möonteorbeil ein und bringt mir mein Banner mit dem Stern von Lamalgue!“ Lancelot, Enguerrands Leibdiener, brachte bald darauf die beiden Paniere; der Knappe war ſchon in voller Rü⸗ ſtung und trotzig ſchaute ſein grimmiges narbiges Geſicht unter der Blechkappe hervor; er hatte mit Latrimouille auf Candien gefochten. Schweigend nahm und entrollte Herr Enguerrand das Banner ſeiner verehrten Herrin von Tarent, er küßte den weißen Roſenkranz mehrmals, dann wickelte er es feſt zu⸗ ſammen und verließ damit die Halle. Er trat in ſein Schlafgemach, taghell war der kleine Raum erleuchtet, durch das Signalfeuer auf dem weſtlichen Thurm. In der Ecke hinter der Thür war Herrn Enguerrands Lager, mitten im Gemach aber ſtand unter einem prächtig mit Krönlein und Federbüſchen gezierten Himmel ein Parade⸗ bett mit ſeidenen Kiſſen, verblichen und verblaßt die Seide der Vorhänge, aber Alles wohl erhalten und auf der oberſten Stufe der Treppe, die zu dem Himmelbett hinauf⸗ führte, da ſtand in Eichenholz kunſtreich geſchnitzt eine Wiege. In dem Bett war des Ritters Mutter geſtorben, die mächtige Baronin von Clemangis, die ſchöne milde Dame, und in der Wiege hatte er als Kind gelegen. Das Banner von Montcorbeil legte er quer über ſeine Wiege, am Fußende des Bettes ſeiner Mutter aber kniete 62 er nieder und betete. Lauter brauſte der Sturm und die Funken ſtoben von dem Signalfeuer weit hinein in's Land und die Schläge der Glocke dröhnten und ringsum von allen Seiten antworteten die Glocken der Dörfer, die zu Clemangis gehörten. Herr Enguerand hatte gebetet, er erhob das bethränte Angeſicht, küßte das Leilach, auf dem ſeine Mutter ge— legen und ſchritt mit ſtolzem Schritt hinaus. Den Schlüſ⸗ ſel zu ſeinem Schlafgemach, zu dieſem Heiligthum ſeiner Erinnerungen, den warf er klirrend durchs Fenſter in den Zwinger. In der Halle fand er den alten Diener Denys Roveret und hinter ihm die oberen Diener ſeines Hauſes, alle gerüſtet mit dem landesüblichen kleinen Kettenpanzer, mit der leichten Blechkappe und dem kurzen breiten Schwert, eine Waffe, den Landſaſſen der Provence lieb und theuer von ihren römiſchen und griechiſchen Vätern her. „Sind die Roſſe vorgeführt und die guten Leute ver⸗ ſammelt?“ fragte der Baron. „Sie ſind's, Meſſire!“ antwortete Denys Roveret. Herr Enguerrand verließ, ohne ſich umzuſchauen, die alte Halle ſeiner Väter, die er nie wieder ſehen ſollte. Die Reiſigen folgten ihm. Unten beſtieg er ſein edles weißgraues Roß und die Diener ſtiegen ebenfalls zu Pferde, die Zugbrücke ſank klirrend nieder und im Schritt ritten ſie hinaus auf den freien Burgplatz, wo an tauſend Männer im weiten Kreiſe den Geboten ihres Herrn harrten. Da waren die rauhen Männer von den Bergen mit den kleinen blitzenden Aexten im Gürtel, zu Hieb und Wurf eine gefährliche Waffe, da waren die verwegenen Söhne der Provence, die auf dem Meere fahren, lange Meſſer an der Seite und die rothe wo die 9 der al qN5 750— 63 wollene Mütze auf dem ſchwarzen Kraushaar, da waren die Weinbauern mit ihren langen Speeren und die aus⸗ geſuchte mit Feuergewehren verſehene Schaar der Jäger der Baronie. Da nun Herr Enguerrand langſam und ſtattlich hin⸗ ausritt über die Zugbrücke und der Nachtwind weithin wehete mit ſeinem weißen Mantel und ſeine Freiherrnkrone im Strahle des Feuers blitzte, da brach alles verſammelte Volk in den hellen Ruf aus:„Gott ſegne Dich, Meſſire, und erhalte Dich Deinen guten Leuten!“ Leicht grüßend ritt der Baron bis in die Mitte des Kreiſes, etwas hinter ihm zur Linken war Lancelot mit ſeinem Banner, etwas hinter ihm zur Rechten der greiſe Denys Roveret.„Iſt Alles bereit?“ fragte er Denys Roveret, auf deſſen bejahendes Zeichen aber erhob er ſich im Sattel und rief mit lauter Stimme:„Nehmt meinen letzten Gruß, Ihr Alle, die Ihr zu Lehn geht bei dem Stern von Clemangis! wenn die Sonne aufgeht, ſo iſt Alles Euer freies Eigenthum, was Ihr bisher zu Lehn truget von Clemangis und dahin zinſtet. Es iſt das eine Schenkung, die ich Euch mache zum Gedächtniß des edlen Hauſes von Lamalgue, das mit mir erloſchen iſt. Dieſe Schenkung mache ich Euch und Alle, die Ihr hier ſeid, ſollt Zeugen ſein, Jeder Allen, Alle Jedem, ſo wie's uralter Brauch iſt dieſem Lande; die Schenkung confirmire ich Euch, deſſen ſeid Ihr Alle Zeugen, und ein Fluch hafte auf Jeden, der nicht zeugt aus dieſer Verſammlung, wo ſein Zeugniß verlangt wird, ihn treffe mein Fluch, und nun lebt wohl, meine lieben Leute, und gedenkt an En⸗ guerrand von Lamalgue in guten, wie in ſchlimmen Tagen, denkt ſeiner, wenn die Blumen blühen und wenn die Traube 64 reift, lebt wohl, Gott ſegne Euch und Eure Kinder bis in's tauſendſte Glied und laſſe es ihnen wohl gehen in dieſem Lande von dem Meer bis zu den Bergen. Lebt wohl!“ Der Ritter ſtieß ſeinem Roß die Sporen ſo gewaltig in die Weichen, daß es in furchtbaren Sätzen den Berg hinabflog, der breiten Straße nach Marſeille zu. Haſtig folgten die Reiſigen ihrem Herrn. Wie betäubt blickten die Lehnsleute ihrem Baron nach, ſie ſahen ſeinen Mantel fliegen im Halbdunkel, ſeine Worte klangen in ihrem Ohr, ſie begriffen's nicht und es dauerte lange, ehe denn Einer unter ihnen zu ſprechen wagte. Doch kaum war ihr Lehns⸗ herr ihren Augen entſchwunden, als ein anderes Schauſpiel ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, es wurde plötzlich taghell und zehn, zwölf wirbelnde Flammen ſchoſſen zu gleicher Zeit und auf allen Seiten empor aus dem alten Schloſſe Clemangis. Da ſank zuerſt das große Sternenbanner der berühm⸗ ten Barone von dem Hauptthurm und verſchwand in den Flammen, ein dumpfer Weheruf brauſte durch die Reihen der verſammelten Männer. Sie alle begriffen jetzt, was ihr Baron gethan und mit eintöniger Stimme wiederholten ſie den uralten Refrain: Die Zeit iſt um, Herr Enguerrand flieh'! Es brechen die Mauern von Clemangis! Keiner rührte die Hand, immer furchtbarer geſtaltete ſich vor ihnen das Schauſpiel des brennenden Schloſſes, krachend ſtürzten die Thürme in ſich zuſammen und die hohen Hallen. Als die Sonne heraufkam und der Mor⸗ genwind die leichten Brandwolken vor ſich hintrieb, da 65 ſtanden die Erben des letzten Barons von Clemangis leiſe flüſternd vor den Trümmern des mächtigen Feudalſchloſſes. Und wie die guten Leute von Clemangis, die geſtern pflichtig waren und heute Freiherren ſind, dem Lauf der Flamme folgten, deren Licht wohl verblaßte vor dem Son⸗ nenſtrahl, die aber gierig weiter fraß von Fenſter zu Fen⸗ ſter luſtig züngelnd, da trabte eine ſtarke Schaar von Rei⸗ tern herauf, die war gar wohl bewaffnet und gut beritten und an ihrer Spitze fand ſich ein kleiner, ſchwärzlich und gelblich ausſehender Herr mit einem falſchen freundlichen Blick in ſeinen kleinen Augen, der ſich gegen die Morgen⸗ luft in einer großen Redingote ſchützte. Der Herr war Franz Voyer von Argenſon, des Kö⸗ nigs Criminal⸗Lieutenant beim Chatelet, der furchtbare Präſident der chambre ardente, vor deſſen grimmiger Strenge ſelbſt das ſchöne Haupt einer Herzogin von Bouillon nicht ſicher war; die Reiter aber waren eine Com⸗ pagnie Königlicher Marechauſſée, bisher nie geſehen in Provence. Eine Erfindung von Argenſon und Desgrais, ein Elitecorps von Polizeitruppen, mit Hülfe deſſen die Königs⸗Lieutenants endlich eine Art von Sicherheit im Königreich herſtellten. Der furchtbare Criminal⸗Lieutenant redete die Leute von Clemangis franzöſiſch an, Grund genug für die Pro⸗ vencalen, ihm nicht zu antworten und ihn halb ſpöttiſch, halb ſtupid anzuſtarren, ſie ahneten inſtinetiy in Herrn von Argenſon einen Feind ihres Barons. Einzelne Ma⸗ rechauſſéereiter der Landesſprache und Sitte kundig, zogen ſtatt ſeiner die nöthigen Erkundigungen ein. Herr Voyer von Argenſon war gewaltig betroffen von den Nachrichten, die er erhielt, namentlich die von der an Simon von 5 66 Montfort vollzogenen Todesſtrafe, die er natürlich kurzweg Mord nannte und ſo nennen mußte, erſchütterte ihn mäch⸗ tig, doch nur einen Moment. Nach kurzem Nachdenken trabte der Criminal⸗Lieutenant mit ſeiner Schaar wieder der großen Straße nach Marſeille zu. VI. Argenſon und Pardaiſfan. W W. finden die letzten beiden Damen, die den gefeierten F Namen der Luſignan getragen haben, vereinigt in alter Herzlichkeit und inniger verbunden, als je, auf dem feſten Schloſſe von Ceriſy, von deſſen höchſten Thurm Frankreichs königliche Standarte weht mit den goldenen Lilien und dem Fallgitter von Navarra. Der Marquis von Pardaillan liegt im Schloß mit den Reitern des Connetable's im Namen des Obervormundes aller Edel⸗ leute im Lande, im Namen des Königs, die Dame Me— luſine ſchützend. Im tiefeingelaſſenen Fenſter eines Thurmgemachs, deſſen Scheiben funkeln in voller Farbenpracht der verlor'nen Kunſt der Glasmalerei, ſitzt Irene von Tarent, ſtolz und prächtig, wie ihr eigen, aber mild und freundlich, wie nur der ſie kannte, den ſie liebte; hell war ihr Auge und ſtolz ihr Blick, und doch hing eine große Thräne noch gn ihrer Wimper, fürſtlich war ihr Purpurgewand, aber ihr Arm umſchloß zärtlich die ſchlanke Geſtalt Meluſinens, deren rundes Köpſchen matt an ihrer Schulter ruhte. Schwarz war das Kleid der jungfräulichen Wittwe, ſchlicht floß in langen Flechten das dunkelblonde Haar nieder an der 5 68 blaſſen Wange, ein tiefer, kummervoller Schmerzenszug lag um den kleinen Mund, tief eingefallen leuchteten die ſüßen blauen Augen und ſchienen größer noch als früher, und auf der ſonſt ſo jugendheiteren Stirn war eine trübe Wolke, der holden Jungfrau ganzes Weſen war wie ein Frühlingsfeld im Regenſchleier. Aufmerkſam lauſchte die fürſtliche Irene den Bekennt⸗ niſſen der ſchönen Meluſine, das waren die Bekenntniſſe einer ſtolzen Seele. „Was, Du liebſt dieſen Simon Montfort doch, mein ſüßes Herz?“ „Ja, ich liebe ihn noch, Tante,“ entgegnete Meluſine und ihre Stimme zittert„ich kann nicht laſſen, ihn zu lieben, zu ſchmerzlich iſt's, daß ich den verachten ſoll, der mich in ſeine Arme ſchloß, der meine Lippen küßte mit dem Brautkuß, um den ich Alles hingab, was mir werth und theuer war, bevor mein Auge ihn geſehen, dem ich ſelbſt Deine Liebe opferte, Du liebe, ſchöne Tante, o! Du biſt ja eine Luſignan, Du weißt ja, wie die Frauen unſeres Stammes lieben ſeit jener Fee im blanken Weiher, von der ich meinen Namen nicht allein, von der ich auch das Liebesunglück erbte. Ach, meine ſchöne Tante, ver⸗ ſteh' mich doch, denn Du allein, Du kannſt ja meinen Schmerz ermeſſen, ſieh', wenn in unſern Herzen die Liebe erliſcht, dann beginnt der Haß, den Simon Montfort aber, wer kann den haſſen? Mein Gott, mein Gott, wie ſchwer liegt Deine Hand auf mir, ich kann den Mann, den ich geliebt, ich kann ihn nicht mal haſſen, nicht einmal haſſen, allbarmherziger Gott! von dem Moment an, wo ich ihn nicht mehr liebe, muß ich ihn ja verachten, verachten, Tante, verachten, einen Mann, der meinen Mund geküßt n — mit ſeinem Mund, der meine Hand gedrückt mit ſeiner Hand, die Lippen einer Luſignan entweiht durch einen Mann, den ſie verachtet!“ Ein lindernder Strom von Thränen floß über das liebe abgehärmte Antlitz der ſchönen Meluſine. Die Fürſtin von Tarent weinte nicht, aber ſie trock— nete mit ſanfter Hand die Thräne ihrer Nichte und ſprach dann beinahe ſcheu und leiſe flüſternd:„Und wenn Du den Montfort nicht haſſen kannſt, ſo kannſt Du ihn ver⸗ geſſen!“ „Vergeſſen, ſchöne Tante? wird er nicht kommen und ſeine Rechte geltend machen, wird er nicht fordern, die Seine zu werden am Altar?“ „Er wird es nicht!“ antwortete die ſtolze Wittw laut und ſah ihrer Nichte feſt in's Angeſicht. Dieſe erhob ſich matt und langſam und zitternd vor Irenen ſtehend, wiederholte ſie:„Er wird es nicht?“ Irene faßte Meluſinens Hand, zog ſie an ſich und ſprach leiſe:„Er iſt todt!“ Da flog's wie ein Strahl von Freude über das blaſſe Geſicht der jungen Dulderin, ihre Augen leuchteten, ſtolz wie ehedem, wie zum Dank erhob ſie ihre Hände und ihre Lippen flüſterten:„Erlöſ't!“ Aber der freudige Strahl erloſch in dem blaſſen An⸗ geſicht der edlen Jungfrau, Thränen feuchteten aufs Neu' die Augen, die ſchon zum Dank erhobenen Hände ſanken nieder und ihre Lippen flüſterten:„Laßt mich, edle Tante, ich will für ſeine Seele beten!“ Langſam ſchwankte das holde, ſchwergeprüfte Kind hinaus. Die fürſtliche Wittwe ſah ihr ſinnend nach und ſprach: Simon Montfort, arger Bube, Giftig, wie des Samum Hauch, Haſt geknickt ſo viele Blumen Und die ſchönſte Blüthe auch! Als ſie dieſen Vers' ihres Ritters von Lamalgue ge⸗ ſprochen, verließ ſie das Thurmgemach durch eine andere Thür. Aber als die Fürſtin in die Halle trat, da klirrte es ſchon die Stiege herauf und athemlos ſchier warf ſich der Diener zu ihren Füßen, den ſie vor zween Tagen ab⸗ geſendet an Herrn Enguerrand, ihren Ritter. „Unſere Dame,“ rief der Diener,„wie die rothe Fahne wehete der Brand über Schloß Clemangis, als ich's ver⸗ ließ und unſer Seneſchall von Montcorbeil hat ſeine ganze Baronie verſchenkt an die guten Leute von Clemangis und ich ſtand ſelbſt dabei, als er's that, und dann iſt er mit Denys Roveret, dem Alten, Raoul dem Narbigen und noch zehn oder zwölfen von den alten Waffenleuten auf Mar⸗ ſeille geritten, ſie ſagen, er zöge in den Krieg gegen den König von Frankreich!“ Es blitzte eine Ahnung auf in Irenens Seele, ſo wie ſie verſtand es Niemand in Herrn Enguerrands Herz zu leſen, gleichgültig hielt ſie die Briefe in der Hand, die ihr der Diener reichte, ſie bedurfte ihrer kaum, ſie wußte, was geſchehen, wenn auch vielleicht nicht in ſeinem ganzen Umfange. Die Dame von Tarent zog ſich zurück in ihr Cloſet, gefaßt ſetzte ſie ſich nieder und ihre Hand zitterte nicht, als ſie das Siegel löſte. Das Paguet enthielt zwei Schriftſtücke, das erſte lautete: „Hohe Dame, meine gnädige Couſine von Tarent, lebt wohl! Ihr werdet mein gedenken, bis der Tod ſanft, mit dem Finger eines Freundes an Eure Thür klopft, ich bin deß gewiß. Sprecht ein Gebet für Eures treuſten Dieners Seele, der Eurer täglich, ſtündlich hat gedacht, ſo wie man an das Höchſte, Schönſte denkt mit glühender Verehrung; ſprecht ein Gebet für Eures Jugendfreundes Seele, denn in dem Augenblicke, da Ihr die Worte leſet, i*ſt er gefallen ſchon im offenen Kampfe auf ſeines Vater— landes freiem Boden und iſt es möglich, ſo umſchwebt ſein Geiſt Euch ſchützend. So ſchrieb's, den Tag, der kommen muß, erwartend, der letzte Sproß vom Haus der Clemangis, Enguerrand von Lamalgue, Ritter und Trou⸗ badour.“ Irene von Tarent weinte laut um ihren Freund und doch hatte ſie eine ſolche Löſung wohl erwartet, klug und fein berechnet hatte ſie gleich nach dem Ueberfall von Tar⸗ bes erkannt, wohin ihren Freund ſein gewaltthätig Werk führen müſſe, aber ſie war zu ſtolz, den Weg zu verlaſſen, den ſie betreten, zu ſtolz, den Troubadour zurückzuhalten, obwohl ſie vielleicht das einzige Weſen auf Erden war, das ſich der Herrſchaft rühmen konnte über den trotzig' ſtarren und hochfliegenden Geiſt Enguerrands. Von Jugend auf war eine Art von Wetteifer geweſen zwiſchen dieſen beiden ſtolzen Seelen und jetzt waren ſie dem Abgrunde zuge⸗ ſchritten, mit offenen Augen, des Unterganges bewußt und doch mit lächelndem Angeſicht, als gingen ſie zu einem Feſte. Irene weinte laut um Enguerrand, doch ihre Thräne verſiegte und gefaßt las ſie das zweite Schreiben. Es lautete: „Hohe Dame, meine gnädige Couſine von Luſignan, der dieſes ſchreibt, er hat Euch weh' gethan, weh' bis in's tiefſte Herz hinein und auch darum kann er nicht mehr 72 leben; holde Meluſine, erinnert Euch des Vetters En⸗ guerrand, der Euch geliebt ſeit Eurer Kindheit ſtillen Ta⸗ gen, der Euch auf ſeinen Armen trug, der Euch ſeine Lieder ſang, deß Trotz vor einem Blick aus Euren blauen Kin⸗ deraugen ſchwand. Die Luſignan ſind klug und Ihr, ſchönſte Meluſine, Ihr habt es wohl bemerkt, daß En⸗ guerrand Euch liebte, ſeit aus dem Kinde Ihr zur Jung⸗ frau wurdet. Ja, Meluſine, ich hab' Euch geliebt, heiß wie man liebt in unſerm alten Lande, geliebt, weil ich Euch kannte, denn wer Euch kennt, der muß Euch lieben. Ich träumte einen Traum in meiner Jugend, in dieſem Traume nannte ich mein die hohe Dame, die jetzt die Fürſtin von Tarent. Der Traum zerrann, doch meine Liebe für Irene von Tarent ſie war geblieben; ich träumte einen Traum, da ich ein Mann ward, ich nannte Euch nicht mein in dieſem Traum, doch meint' ich, daß ich Bruder⸗ pflichten üben dürfe, denn nicht Vater und nicht Bruder ſtanden Euch zur Seite. Nur ſüße Pflichten, Rechte nicht, begehrte meine Liebe. Da kam der Tag, an welchem Simon Montfort, meiner lieben, lieben Schweſter Blanca Ehrenſchänder, Euch zum Altar führen wollte, ſo ſchwer ward keinem Bruder je die Pflicht, als mir. Oh! Me⸗ luſine! ich wußt' es ja, wie weh' es Euch that, daß ich den Montfort von dem Roß riß, ich that Euch weh' und liebte Euch doch ſo ſehr! Klagt und trauert nicht, geliebte Herrin, gedenket meiner ohne Zorn, das Herz, was einſt ſo laut für Euch geſchlagen, es iſt ſtill, die Hand, die Euch das ſchreibt, iſt kalt. Verzeiht mir, denn ich ſtarb auch mit für Euch. Nehmt hin den Segen eines Dich⸗ ters, er bringt Euch Glück, gebt Eure liebe Hand in die⸗ ſem ſchönen Lande an einen guten Edelmann, und durft' ich Euch auch glücklich nicht mit meinen Augen ſehen, ſo ſterb ich ſelig doch auf meinen feſten Glauben, daß Ihr glücklich werdet. Leb' wohl, Du holdes Böhmenkind, Du heller Schönheitsſtern in dieſem Lande, der Lebenstraum zerrann und mit ſich in's Grab nimmt Enguerrand ſein Schwert und ſeine Liebe.“ Die Fürſtin hatte auch dieſen Brief geleſen und mit naſſen Augen ſprach ſie:„Fahre wohl, Du ſtolze Seele, fahre wohl, Du letzter Troubadour und letzter Ritter der Provence!“— Da ſchmetterte unten eine einzelne Trom⸗ pete und lautes Getöſe erfüllte das ſtille Schloß, aber die Fürſtin, ihres Freundes gedenkend, hatte nicht Acht, ſon⸗ dern begab ſich in das Gemach Meluſinens, ihr Herrn Enguerrands letzten Gruß zu bringen. Im Schloßhof drunten aber ſtand der junge Par⸗ daillan, der ſchönſte Mann in der Provence, der heiterſte auch zugleich, des ſtolzen Herzogs von Pienne älteſter Sohn und Erbe, ein wackerer Degen und ein guter Trin⸗ ker, der drehte ſeinen weichen braunen Bart gar nachdenk⸗ lich und ſprach zu dem Herrn, der ihm gegenüber ſtand: „Mein guter Herr von Argenſon, ich habe allen Reſpect vor Euch und Eurem Galgen und weiß auch, daß der Kopf eines Pardaillan nicht ſchwerer wiegt in Eurer Hand, als der einer Herzogin von Bouillon, aber ſeht, mein gu— ter Herr, ich liege hier mit achtzig Reitern zum Schutz der ſchönen Meluſine, Euch ſtehen alle Truppen zur Ver⸗ fügung, doch gewiß nicht die, welche der König zum Schutze einer Dame aufgeſtellt, auch weiß ich nicht, ob mein Chef, der Connetable, der dieſes Regiment geworben, es billigen würde, gäb' ich Euch dieſe Truppen!“ „Herr Marquis, Ihr verweigert alſo den Gehorſam 74 den lettres patentes des Chatelet, Ihr trotzt der Autorität, mit der der Criminal⸗Lieutenant des Königs ausgeſtattet—“¹. „Halt, mein guter Herr von Argenſon, ich trotze nicht, ich weigere nicht Gehorſam, ich mag nur die Ver⸗ antwortung nicht tragen, dieſes Schloß ſchutzlos zu laſſen.“ Franz Voyer von Argenſon richtete ſeinen durchboh⸗ renden Inquiſitionsblick auf das offene, edle Angeſicht des Jünglings, dann ſprach er eiſig ſpottend:„Mein Herr Marquis, ich will's Euch ſagen, was Euch abhält, dieſe Reiter zu meinem Dienſte herzugeben, Ihr fürchtet nichts für jene kleine Närrin von Luſignan— 4. „Herr,“ ſchrie Pardaillan,„kein Wort von Euch in dieſem Tone mehr über eine Dame in meiner Gegenwart.“ Argenſon lächelte, es war, als fände er Gefallen an der ritterlichen Wallung des ſchönen Marquis, wir ſchätzen ja zuweilen das am höchſten, was uns ganz und gar ver⸗ ſagt, dann fuhr er fort:„Mein Herr Marquis, die Par⸗ daillan ſind Provencalen und der Mörder Enguerrand von Lamalgue, den ich verfolge, er iſt auch ein Provengale, ich weiß, Ihr nennt ihn einen Troubadour, ſein Wort galt hoch in dieſem Lande, Herr, ich verdamme Euch nicht darum, aber die Pflicht voran, die Pflicht vor Allem.“ Argenſon ſchwieg, Pardaillan war verlegen, der kluge Criminal⸗Lieutenant hatte es bald bemerkt, daß der ſchöne Edelmann leichter durch freundliche Worte als durch Be⸗ fehle zu gewinnen ſei, darum ſprach er weiter:„Mein Herr Marquis, es iſt ein traurig ernſtes Amt, das ich bekleide, ich bin ein ſo guter Edelmann als Ihr und als Eure Väter auf ihren heiteren Schlöſſern ſaßen dort am blauen Meer, da ſaßen meine auf den hohen Veſten auf den Bergen in der Freigrafſchaft Burgund, glaubt Ihr, 75 daß ich Vergnügen daran fände, ſolch edles Wild zu hetzen, wie den Ritter von Lamalgue? Nein, doch die Pflicht voran, ich bin des Königs Criminal⸗Lieutenant und nicht den Edelmann darf ich verfolgen, den überwieſenen Mör⸗ der ſuche ich und Ihr, Officier des Königs, weigert Euch nicht länger, meinem Befehl zu gehorchen!“ Der Marquis durfte ſich nicht länger weigern, er winkte einen Officier und ſprach ernſt:„Herr Criminal⸗ Lieutenant, thut, was Ihr verantworten könnt, aber wenn Ihr den berühmten Edelmann gefangen, den Ihr Mörder nennt, fo wollet Euch erinnern, daß er ein Edelmann iſt und daß ſein Verbrechen vor kurzer Zeit noch rechtsbeſtän⸗ diger Brauch in dieſem Lande war!“ Da faßte Voyer d'Argenſon die Hand des ſchönen Edelmanns und flüſterte:„Er kann mir nicht entgehen, Herr Marquis, ſagt der Dame Meluſine, ſie ſolle für ihn bitten bei des Königs Majeſtät, ſein Leben iſt verwirkt, der König kann ihn retten, die Montfort's ſind's, die ihn verfolgen in der Dame Meluſine Namen!“ Zum erſtenmale blickte Pardaillan den Criminal⸗Lieute⸗ nant freundlich an und während dieſer mit den leichten Reitern vom Regiment des Connetables auszog, trat Henry Maria Pardaillan, Marquis von Pardaillan und Thibou⸗ deau, in das Vorzimmer Meluſinens und bat dringend ſo⸗ gleich um die Ehre einer Unterredung. Der ſchöne Henriot, ſo hieß der Edelmann in ſeinem Lande, trat ein und eine feine Röthe flog über ſein edles Angeſicht, am raſcheren Schlage ſeines Herzens fühlte er, wie ſchön die ſchöne Meluſine— er ſtrafte die letzten Worte Enguerrands, er ſtrafte ſie Lügen, er kannte Meluſinen noch nicht und liebte ſie doch ſchon. Der ſchöne Henriot — 76 war einer von des Königs grauen Mousquetiers, becs de corbin genaunt, die goldſtarrende Tracht, ſie ſtand dem Jüngling wohl und ſich neigend vor den Damen und den Seſſel einnehmend, auf den die Fürſtin von Tarent ge⸗ deutet, begann er:„Edle Damen, ich komme, Euch eine trübe Kunde zu bringen, laßt mich in ſchlichten Worten meine Botſchaft ſagen. Eine halbe Stunde etwa iſt ver⸗ floſſen, da ritt Herr Voyer d'Argenſon hier ein, des Kö⸗ nigs Criminal⸗Lieutenant vom Chatelet und meldete mir, er ſei ausgezogen von Marſeille mit einer Compagnie von des Königs neuer Marechauſſée und einem offenen Haftbe⸗ fehl wider die Perſon Eures berühmten Vetters, unſeres gefeierten Troubadours Enguerrand von Lamalgue. Herr Enguerrand habe ſeines Vaters Schloß Clemangis in Brand geſteckt und daſſelbe verlaſſen, darauf habe er ſeine Com— pagnie getheilt, den flüchtigen Mörder zu verfolgen, denn des Mordes an Simon Montfort iſt er beklagt, da ſei er halben Weges nach Marſeille auf Herrn Enguerrand ge⸗ ſtoßen, der mit etwa zehn Reiſigen nicht vor ihm geflohen, ſondern ihm offenen Kampf angeboten. Es ſei zum Ge⸗ fecht gekommen, Herr Enguerrand habe wie ein Held ge⸗ ſtritten und ſei endlich, mit Wunden bedeckt, vom Roß geſunken, in dem Moment aber, da ſich die Reiter der Marechauſſée ſeiner Perſon hätten bemächtigen wollen, hätte ein alter wackerer Kriegsknecht—“ „Das iſt Raoul!“ rief die Fürſtin lebhaft, der Mar⸗ quis verbeugte ſich und fuhr fort: —„ſeinen wunden Herrn vor ſich aufs Pferd ge⸗ nommen und ſei mit ihm davon geſprengt. Voyer d'Argen⸗ ſon hat die Spur der Flüchtlinge verfolgt, hierher kam er und requirirte die Hälfte meiner Reiter. Leider durfte ich 77 ſie ihm nicht verweigern, er iſt ganz ſicher, die Flüchtlinge zu fangen und darum bitte ich Euch, hohe Dame,“ der Marquis beugte das Knie vor Meluſinen„laßt den Stolz der Provence nicht enden auf dem Blutgerüſt, er iſt Euer Vetter, ſchöne Dame, und hätte er Euch noch ſchwerer be⸗ leidigt, geht nach Paris, ich geleite Euch, und erbittet Euch ſein Leben von unſerm Könige. Laßt Euch erweichen, holde Meluſine, in mir kniet die ganze Provence vor Euch, das Languedoc dazu, das ganze ſchöne Land, darin man Lieder ſingt vom letzten Troubadour!“ In hoher Röthe ſtrahlte Meluſinens Antlitz, ſie hob den Marquis gütig auf und rief:„Es bedarf deſſen nicht, nein, edler Enguerrand, Dein Haupt ſei nicht dem Henker verfallen, mein Herr Marquis, nach Paris, nach Verſailles zum König, doch wo iſt meine Tante von Tarent?“ Die Fürſtin von Tarent hatte während der Unterredung unbemerkt das Gemach verlaſſen; als der Marquis ſie aufzuſuchen ging, ſah er ſie ſchon zu Pferde, von den Dienern begleitet, das Schloß verlaſſen. „Sie eilt nach Paris, ſie kommt uns zuvor, Herr Marquis,“ rief Meluſine, neilt, laßt uns ſofort aufbrechen, Ihr wißt nicht, wie ſehr der arme Enguerrand uns geliebt hat, mich und meine ſchöne Tante, er war ihr Jugend⸗ geſpiele, und wer weiß, ob die ſtolze Tante nicht glücklicher geweſen wäre auf Schloß Clemangis, als ſie iſt jetzt als Herrin all' der Schlöſſer Latrimouille's!“ Eine halbe Stunde ſpäter ritten die Dame Meluſine mit ihren Dienerinnen, geleitet von dem ſchönen Pardaillan und ſeinen Knechten, in ſcharfem Trabe nach dem Innern Frankreichs zu, Irenen aber fanden ſie nicht auf ihrem Wege, ſo ſcharf ſie auch ritten. VII. Ein Ende mit Schrecken. ₰ SS=n der Nacht, die auf den Tag folgte, an welchem beide Damen von Luſignan das Schloß Ceriſy verlaſſen hatten, herrſchte ein ſeltſames Leben in dieſem ganzen Theile der Provence, Signalfeuer leuchteten auf Berg⸗ gipfeln und Thürmen, die Sturmglocken wurden gezogen, Boten zu Fuß und zu Roß kreuzten ſich allerwärts, die ganze Provence, vom Meer bis zu den Bergen, erhob ſich für ihren letzten Troubadour, den Ritter von Lamalgue. Das war aber ſo. Irene von Tarent war mit nich⸗ ten nach Paris oder Verſailles gegangen, des Königs Knie zu umfaſſen und von ſeiner Gnade ihres Ritters Leben zu erflehen; ſie hatte geweint, als ſie las, ihr Ritter ſei eines ehrlichen Schlachtentodes geſtorben, aber, als ſie vernahm, daß man ihn hetze, wie ein flüchtig Wild, um ihn aufs Schaffott zu liefern, da warf ſie Glück und Leben hinter ſich und ſetzte ſich ſelbſt und ihr Alles daran, ihn zu retten, oder mit ihm unterzugehen. In fünf Stunden war ſie nach ihrem Schloſſe Vau⸗ palaure am Trine geritten, von dort hatte ſie Boten an alle Edelleute und alle Gemeinden geſandt und in der Nacht unter dem Heulen der Sturmglocken verſammelte 79 ſich klirrend die zahlreiche Vaſallenſchaft der weiten Herr⸗ ſchaften Irenens in der alten Halle zu Vaupalaure. Klüglich verhehlte ſie den Provençalen, daß es der Cri⸗ minal⸗Lieutenant ſei, der ihren Freund verfolge, ſie ſtachelte die ſtolzen Herzen mit ſtolzen Worten auf zum Haß gegen die gehaßten Franzoſen und es gelang ihr trefflich. Franz Voyer d'Argenſon ſah ſich mit ſeinen Ma— rechauſſéreitern plötzlich mitten in einem inſurgirten Lande, er gerieth an Leute, die nichts wußten vom Chatelet in Paris und ſeiner Macht, die von dem Könige nur dunkle Sagen kannten und blindlings dem Wort ihrer Edelleute folgten. Schäumend vor Zorn mußte der grimmige Ver⸗ folger ablaſſen von ſeiner Beute, nur den Reitern vom Regimente des Connetables gelang es, ihn ſelbſt ſicher nach Pignerol zu bringen. Hätte jetzt der wunde Enguerrand in ein Schloß der Fürſtin gebracht und zur See nach Italien geführt werden können, ſo wäre er vermuthlich gerettet worden, aber Raoul, der Narbige, der Verhältniſſe unkundig, führte ſeinen armen Herrn über die Grenze der Provence in die Dauphiné. Herr Enguerrand von Lamalgue ſiel in die Hände ſeiner ſchlimmſten Feinde, der Herren vom Parlamente zu Grenoble.— Wir werfen einen Schleier über die gräßliche Art und Weiſe, in der der letzte Troubadour der Provence zu Gre⸗ noble hingerichtet wurde; der wilde Groll und der tödtliche Familienhaß der Montfort und Chamblas ſaß zu Gericht über ihn in der Robe der Gerechtigkeit. Die Fürſtin von Tarent führte in Perſon einige Hun⸗ dert ihrer bewaffneten Lehnsleute gegen Grenoble, ihr Freund war ſchon grauſam und barbariſch hingerichtet o worden, als ſie ihn noch zu retten hoffte. Graf Marſin, ſpäter ein gefeierter Feldherr, verdiente ſich ſeine erſten Sporen in dem kurzen Feldzuge, den ſein Regiment gegen die Schaar der Fürſtin von Tarent innerhalb dreier Tage begann und beendete. In der Weihnachtsnacht flüchtete Irene von Tarent, geächtet und in contumaciam zum Tode verurtheilt, auf einer malteſiſchen Barcaſſe nach Corſika. Sie ſoll dort bald nachher in einem Kloſter geſtorben ſein; gewiß iſt's nicht, jedoch wahrſcheinlich. Unſere Erzählung iſt aus, aber der Segen des un— glücklichen Enguerrand von Lamalgue ruhete auf der ſchö⸗ nen Meluſine. Zwei Jahre ſpäter ward ſie die Gemahlin des Marquis von Pardaillan und Herzogin von Pienne; durch ſie kamen die Güter der Luſignan und ihre Anſprüche auf die Königskronen von Jeruſalem und Cypern an das herzogliche Haus Pienne. Meluſine ſtarb nach einem hei⸗ teren Leben, hochbetagt, von Kindern und Kindeskindern umgeben. In der Provence aber ſingen nnd ſagen ſie noch heut von dem Meer bis zu den Bergen von En⸗ guerrand, dem letzten Troubadour. Von des Lebens Gütern allen Bleibt der Ruhm das höchſte doch; Iſt der Leib in Staub zerfallen, Lebt der große Name noch. Druck: Panſa'ſche Buchdruckerei(Gieſau& Otto) in Magdeburg. ſ — S Aus dem Volksleben der neueſten Zeit Von Iin deutſcher ⁵3 lüchtling. Hermann Reipp. Magdeburg. Verlag von Walter 1852. Delbrück Panſa'ſche Buchdruckerel(Gieſau& Otto) in Magdeburg. Druck: Ein deutſcher Fluüchtling. en I. Sonntag und Schabbas. & 2 Ber Sonntag will zu Ende gehen, die jungen Bur⸗ ſchen des Dorfes ſtehen unter der großen Linde, nicht fern der Kirche herum und horchen auf den langen, ſchmucken Geſellen, der ihnen von dem Soldatenleben erzählt, von Potsdam und Berlin, von den prächtigen Schlöſſern des Königs, und wie die Majeſtät ſelbſt mehrere Male mit ihm geſprochen hätte, ihn gefragt, was für ein Landsmann er wäre und wie ſein Paſtor und ſein Landrath hieße— und dabei gab ſich dann der Erzähler die wichtigſte Miene von der Welt und wieder⸗ holte einmal über's andere:„Ja, ja, ſo was paſſirt aber auch nur einem Gardemann!“ Und man ſah es dem kernigen Burſchen, der wie eine Fichte aufgegangen war, an, daß er bei des Königs ſtolzeſtem Regimente, bei den Potsdammern geſtanden hatte. Während die Burſchen ſo ſtanden und horchten und der eine und der andere im Stillen ſich die goldene Zeit ſchon 1 2 ausmalte, wo er auch den Querſack auf den Rücken nehmen und dem heimathlichen Dorfe Lebewohl ſagen würde, um der preußiſchen Fahne zu ſolgen, ſtanden die Mädchen nicht fern davon, über die Hecke gelehnt, die um den Kirchhof herum⸗ ging. Der Kirchhof iſt ja einmal auf dem Lande Alles in Allem, da pflegen die Alten Raths, wenn der Gottesdienſt zu Ende iſt, da geben ſich die jungen Pärchen ihre erſten Stell⸗ dichein und die Geiſter derer da unter den Hügeln mögen manchmal mit dunklem Segen über die Geſchicke der Enkel wachen...... Ein Sackjude war an ſie herangetreten, ſolch ein Aller⸗ weltsmann, der aus ſeiner Taſche hervorzieht, was ſie eben verlangen, bunte Tücher und Nähkäſtchen, Scheeren und Ringe und was weiß ich noch. Er verſteht es meiſterlich, ſeine Lumpen und Hadern für alles mögliche Aechte und Schöne auszugeben, aber ob auch manch Mädchenauge nicht ungern ihm zuſieht, wie er ſeinen Kram auspackt, es mag doch keines mit ihm zu ſchafſen haben. Und endlich kommt die eine ihm näher, ein feſtes hochgewachſenes Frauenbild, blond, und mit blauen, treuen, ſrommen Augen; ſie ſcheint aber nicht freund⸗ lich zu ſehen und was ſie ſpricht, zeigt, daß ſie zu ihrem Unmuth Recht hat. „— Wenn ihr verkaufen wollt, Joel, ſo kommt Mon⸗ tags oder wenn ihr wollt, aber Sonntags mögt ihr anderswo einkehren, als hier. Wir ſind Chriſtenmenſchen und wollen unſern Sonntag rein halten und wollen auch, daß ihr euch danach richtet. Ihr ſollt weggehen von uns!“ Das ſagte ſie feſt und kurz, wie einer, dem's innerlich recht noth iſt, den Mund aufzuthun. Aber der Jude iſt nicht gewohnt, ſich ſo kurz und gut zu ergeben, er weiß ſtets zu reden, und jetzt wendet er ſich an die Burſchen, die abſeits ſtehen, aber auf Eliſens Wort— ſie nannten das brave Mädchen Ellis oder auch Lis— wohl gemerkt haben. müt Hal 3— „— Haben gehört die Herren,“ ſagt er freundlich de⸗ müthig,„ſoll ich nicht treiben meinen Handel an dieſem Tag. Habe ich doch zu Hauſe ein Weib und ſieben Kinder und wollen ſie eſſen heute, wie geſtern und wie morgen. Soll ich ſie doch ernähren, wenn ich nicht will ſündigen gegen den Herrgott. Muß ich doch nun handeln Alltag oder Schabbas, Judenſchabbas und Euern Schabbas.“ Die Burſchen nickten den Kopf, er hatte ſie„Herren“ angeredet, und war ſonſt ihr guter Freund, brachte er ihnen doch Taback und vor Allem Branntwein in's Dorf, denn dort hatten ſie keinen Krug. Der Gutsherr hielt ſtreng darauf, daß ſein Ort davon rein blieb und hatte ſich's viel Mühe und Schreibereien und Geld koſten laſſen, auch die Nachbar⸗ ſchaft davon frei zu erhalten. „Und zudem iſt doch der Sonntag am Ende auch ein Tag wie der andere, die Sonne ſcheint an ihm, wie ſonſt, und das Korn hält juſt auch nicht an mit wachſen“— ſagte der Eine der Männer. Das war aber ein ſchlimmer Patron, hatte ſich vor einigen Jahren im Dorfe angekauft, ein Bauern⸗ hof war parcellirt, und er hatte ein paar Morgen davon genommen, einen Kathen darauf geſetzt und war mit einem Mädchen, mit dem er ſchon ſeit Jahren zuſammen lebte, hineingezogen und hatte ſie geheirathet, und die zwei Kinder, die ſie ihm ſchon vorher geboren hatte, waren das Einzige, was ſie in die neue Wirthſchaft mitbrachte. Da muß wohl der Eheſtand ein Weheſtand werden. Er konnte wohl tüchtig arbeiten, aber wenn er ein paar Tage zu Hofe gegangen war, oder in der Fabrik da über dem Berge gearbeitet hatte, dann blieb er heim und ſein Häuschen war dann des ganzen Dor⸗ fes Schenke. Da gab es denn Branntwein die Fülle, und Joel, ſein alter Bekannter, der ihm auch öfter wohl ein Stück Geld darlieh und mit dem er auch andere Geſchäfte machte, 1* 4 wie die Leute ſagten, war dann immer mit vollem Querſack gekommen. Reden konnte der Käthner wie gedruckt, und die Burſchen hörten ihm darum auch gern zu, wenn ſie ſich auch öfter anſtießen und der eine dem andern zuflüſterte:„Jetzt lügt er auch mal wieder!“ Er war früher mal in Algier geweſen, wußte von Frank⸗ reich und vom großen Meere zu ſchwatzen, von der arabiſchen großen Wüſte, von fremden Thieren und braunſchwarzen Men⸗ ſchen, von großen Schlachten und vor Allem von ſeinem Muthe.... Auch jetzt horchten die Burſchen auf ihn, wie er mit Joel redete über den Sonntag, dies und das, und lachten und jubelten über ſein witziges Maul und gaben ihm endlich ganz Recht:„Ja, ja, zum Ausruhen mag der Tag ganz gut ſein für euch, die ihr fremden Leuten Geld und Gut ſchafft, aber ſonſt iſt es Nichts mit ihm.“— Da fiel ihm die Ellis in's Wort, die näher getreten war gegen ihre Gewohnheit, denn es gilt nicht für anſtändig, wenn die Mädchen am hellen Tage mit den Burſchen herumſtehen und reden und lachen. Aber heut machte ſie eine Ausnahme, denn ſie wollte es nicht anſehen, daß die Burſchen den Joel gewähren ließen.—„Schämt euch“ ſagte ſie eifrig und ſah dem Käthner feſt in's Geſicht, daß ihr dem Juden Recht gebt gegen die Chriſten, und daß ihr alle dem da— und ſie zeigte faſt verächtlich auf den Käthner— beiſteht! Schämt ihr euch eurer Eltern, daß ſie euch haben hier in der Kirche tau⸗ ſen und einſegnen laſſen? und eures Chriſtenglaubens und des dritten Gebots?“— Und wie wenn ihr plötzlich ein geſegneter Gedanke gekommen wäre, drehte ſie ſich zu dem Joel herum, der mit ſeinem ſchlauen, ſcheinbar demüthigen Lachen immer noch daſtand, als ob ihn die ganze Sache gar nichts an⸗ ginge. 5 „Und Du, Joel“, ſagte ſie in ihrem ſchönen heiligen Eifer,„der du ſo verächtlich vom Sonntag ſprichſt, haſt Du nicht auch Deinen heiligen Tag, den Du feierſt? Haben wir Dich jemalen am Sonnabend geſehen Deine Waare verkaufen und hier umgehen?— Ja, ja, ihr werdet euch nicht erinnern, den Juden oder ſeiner Leute einen hier geſehen zu haben! Und was kommſt du nicht hierher an deinem Schabbas, Joel?“ Der Jude ſchwieg verlegen und lachte nicht mehr. „Ja, ja, ich will es euch ſagen. Er heiligt ſeinen Feiertag, und ſein Weib und ſeine Kinder und ſein Geſinde und ſein Vieh muß ihn auch heiligen, weil Moſes es ihm ſo befohlen hat. Wohl mag er hier gegen euch anders reden, denn er mag euch nicht und iſt euch und uns allen gram, aber jetzt könnt ihr doch trotz ſeiner Reden wiſſen, was er über euch denkt. Der Jude beſchämt euch, und er hält nur was Moſes ihm befahl, und uns hat es der Herr ſelber befohlen.“ Sie war immer eifri⸗ ger und immer lauter geworden, ihr ſchönes ernſtes Geſicht war hochroth und ihre Augen ſtrahlten wie Sterne am Him— mel. Der Jude aber hatte auf einmal ein Ende gefunden und war im Nu verſchwunden. Was er aber ſo vor ſich hinmurmelte, wie er mit ſei— nem ſchweren Sack auf dem Rücken heimging, das will ich euch ſagen: „Das war die Einzige unter dem Haufen, die noch das Geſetz hält. Iſt's auch ein fremdes Geſetz und nicht mein Geſetz, hält ſie es doch und iſt fromm.— Aber die Anderen —— wir wollen wiegen den Glauben in Iſrael unter un⸗ ſeren Leuten— und den Glauben unter dieſen und ihren Leuten— und ihr Gewicht wird dann aufſteigen wie eine Flaumfeder.“—— Ellis ſprach noch weiter mit den Mädchen über ihr 6 Capitel und die hörten auch andächtiger zu, als die Burſchen, welche neugierig auf einen Leiterwagen ausſchauten, der eben im's Dorf einfuhr. Es ſaßen zwei Männer drinnen und der eine ſchickte ſich an, abzuſteigen. Der Wagen hielt und vor ihnen ſtand ein Mann, der in ſeinen Geberden ſo etwas von einem hatte, der allſonntäglich auf der Kanzel ſteht und ſich gewöhnt hat langſam und würdig zu thun in Allem, was er handthiert. Und wie er einen Augenblick die Mütze abnahm, um den Schweiß zu trocknen, denn es war ein heißer Tag geweſen, ſah man ein Haupt, das man hätte können ehrwür⸗ dig nennen, denn es war weiß, aber die grauen zwinkernden Augen und ein gewiſſes zudringliches, ſüßliches Lächeln, das nie aus ſeinem Geſichte zu weichen ſchien, verwiſchten den freundlichen Eindruck.— 2 iſchen, eben d der d vor 3 von d ſich vas er nahm, r Tag hrwür ernden „das en den II. Zwei Prediger. Mar Mann trat jetzt in den Kreis der Burſchen, an den ſich die Mädchen bald anſchloſſen, um eine ihnen ſeit ihrer erſten Mutter eigene Neugierde zu befriedigen. Der Fremde bemerkte in den Geſichtern der Umſtehenden ſogleich eine gewiſſe Aufregung, und es wurde ihm nicht ſchwer, nach wenigen Worten, die er mit den Burſchen und Mädchen ge⸗ ſprochen hatte, den Grund derſelben zu entdecken. Er ſchien geneigt, den Gegenſtand der Geſpräche wieder aufzunehmen, und, indem er ſich an Ellis wandte, ſagte er mit einer, wie es ſchien, ihm ſehr geläufigen Freundlichkeit, die etwas an das Süßliche ſtreifte:„O, mein gutes Mädchen, ſollte denn das Verbrechen eueres Juden ſo groß ſein? Und wenn ihr euch auf den Herrn beruft, wißt ihr nicht, wie er einſt mit ſeinen Jüngern am Sabbath durch die Saat ging und daß ſie anfingen Aehren auszuraufen und zu eſſen. Und wie er den Phariſäern antwortete, da ſie ihn deshalb verketzerten?“ 8 Die Burſchen erinnerten ſich der Geſchichte aus ihrer Schulzeit ſo halb wieder und riefen:„Ja, ja, der Herr hat Recht; er beweiſt es ja klar aus der Bibel.“ Ellis war aber feuerroth geworden vor Schreck und Angſt. Wie ſollte ſie einem ſolchen Herrn zu widerſprechen wagen; und doch wußte ſie es ſo beſtimmt, daß er Unrecht hätte. Sie drehte ſich um und lief in den Kirchhof hinein und war bald hinter der Kirche verſchwunden. Die Burſchen und einige von den Mädchen blieben aber um den fremden Mann ſtehen, der nicht aufhörte, zu ſprechen. „Oh, ich kenne euern Paſtor,“ ſagte er,„es iſt ein her⸗ zensguter Mann, aber ſo etwas altfränkiſch und altgläubig. Lieſt er euch nicht jeden Sonntag ein Evangelium vor voll Wunder und unglaublicher Dinge, wie Jeſus auf dem Meere wandelt, oder wie er mit fünf Broten Fünftauſende ſpeiſt?“ „Ihr mögt nicht ſo auf ihn hingehört haben bis jetzt, iſt euch auch kaum zu verdenken, er ſpricht eben zu leiſe, und draußen in dem Buchenwald mag's euch auch beſſer gefallen, als in dem alten ſtaubigen Gebäu da!“ Das war Waſſer auf des Käthners Mühle. Peter Franke— denn ſo hieß dieſer Käthner, der niemals um ein Wort verlegen war, that alſo auch dem fremden Herrn gegen⸗ über gleich den Mund auf: —„„Ja, ja““, ſagte er,„„ſo was ſollte unſer Paſtor nur mal von der Kanzel herunter ſagen, dann ging unſer eins auch mal in die Kirche! Aber ſo, wie es jetzt iſt, wo er von nichts redet, als von der himmliſchen Seligkeit und daß wir hübſch zufrieden und ſtill ſein ſollten in aller Noth, da mag hineingehen, wer will; ich bleibe daheim.““ Der fremde Herr ſchien an Peter Frank ein Wohlge⸗ fallen zu finden; er ſprach viel mit ihm hin und her, und 9 wie er endlich davon ging, begleitete ihn der Käthner noch ein ganzes Stück. Die anderen Burſchen, die andächtig dem Manne zu⸗ gehört hatten, wie er ihnen außeinanderſetzte, daß ein jeder von ihnen ſeine Vernunft hätte, und daß ſie nur getroſt das weglaſſen möchten, was da nicht hineinpaßte und daß in der Bibel viele alte Geſchichten ſtänden, die viel zu lange her wären, als daß man wiſſen könnte, wie ſie gemeint und ob ſie gar geſchehen wären,— blieben noch eine ganze Weile zuſammen, ſprachen hin und her über die neue Lehre, die ſie empfangen hatten und ſagten dann endlich: „Das iſt ganz daſſelbe, was Peter Frank uns immer vorſagt; aber alles feiner und nicht ſo wild, wie bei Peter Frank.“ Nach einer halben Stunde kam der Käthner auch wieder zurück, erzählte prahlend, er habe den Herrn noch ein gut Stück Weges begleitet, und der Herr hätte ihm ſeinen Namen geſagt, und daß er auch ein Prediger wäre und er bald wieder kommen wollte und ihnen eine längere Rede halten. Aber ganz zufrieden war der Frank mit dem Frem⸗ den doch nicht: „Er iſt zu ſcheu und ſchüchtern, das geht nicht ſo grad heraus und grade vorwärts, und von den Armen und Reichen ſpricht er mir noch zu wenig, darüber werde ich ihn das nächſte Mal noch ordentlich ausfragen. Im Andern aber hat er ganz Recht, wer mag das glauben, was der Paſtor da des Sonntags vorbetet, das ſind alte Geſchichten, wie der fremde Paſtor ſagt.“ Während deſſen war Ellis, wie wir ſchon geſagt haben, hinter die Kirche gelaufen, wo ein großer von einigen alten Linden beſchatteter Raſenplatz ſich hinſtreckte. Sie ſtand da, und wer ihr in die treuen, blauen Augen geguckt hätte, hätte ſie herzlich weinen geſehen. Es war aber Niemand da, und 10 auch hinter der alten Mauer, die der Kirche gegenüber lag, ſtand Niemand, und auch das ſteinerne Bänkchen in der Niſche da, wo ein Pförtchen durch die Mauer ging, war heut leer. Ellis trocknete ſich mit dem weißen, glänzenden Schürz⸗ lein das Geſicht, dann ging ſie ſchnell auf die Pforte zu. Wir folgen ihr. Ihr Weg geht in den alten, grünbeſchat⸗ teten Pfarrhof, der ſchön iſt wie ein Schloß. Wenn man durch die Mauerthür, die ſich im zierlichen Spitzbogen wölbt, getreten iſt, ſteht man in einem nicht breiten Gang, der von der einen Seite durch ein alterthümliches, hohes Gebäude mit ſpitzbogigen Fenſtern, auf der andern durch eine alte, ver⸗ fallene und von Epheu umwucherte Mauer abgeſchloſſen iſt. In der Mauer ſind auch noch große, alte Fenſter und ſie ſieht aus, wie der Reſt eines alten, ſchönen Herrenhauſes. Jetzt aber wachſen hinter ihr und ihren Fenſtern ſchöne Buchen und würziges Waldmeiſterlein und ihre breiten, dich⸗ ten Aeſte ragen durch die Fenſterbogen oder legen ſich über die alte Mauer und über den Gang und bedecken ihn mit einem dichten, grünen Dach, das keinen Sonnenſtrahl durchläßt. Das muß ein uraltes Haus ſein, ſagt Jeder, der hier des Weges kommt, und wer einmal die alte Kirchenchronik, wie ich, in Händen gehabt hat, weiß, daß es ein Auguſtiner⸗ kloſter war. Ellis ſetzt ſich dort in die ſtille Dunkelheit des Ganges nieder, ſie hat auf einem der alten Bänkchen, die unter den Fenſtern des Pfarrhauſes ſtehen, ihr heimliches Plätzchen, wo man ſie jeden Abend finden kann. Sie iſt durch den ſchnellen Wechſel zwiſchen dem Licht auf dem freien Kirchhof und der Dunkelheit des Ganges aber noch ſo ge⸗ blendet, daß ſie den alten ehrwürdigen Mann dort auf der Seite des Hauſes nicht ſtehen ſieht. So ſitzt ſie denn vor ſich, hat die Hände gefaltet und lag, der heut ürz⸗ zu. hat⸗ nan löt, von mit ver⸗ iſt. ſie ſſes. pöne ich⸗ iber ihn rahl hier mnil, ner⸗ des 11 ſchluchzt von Zeit zu Zeit noch einmal halb auf. Der alte ehrwürdige Mann geht aber ſtill auf ſie zu und legt ſeine weiße, ſchöne Hand auf ihren geſenkten Kopf. Da ſchrickt ſie jäh zuſammen, wendet ſich um und ſieht ihm in's Geſicht. „Guten Abend, lieber Vater!“ ſagt ſie faſt verſchämt. Er forſcht in ihren verweinten Augen und fragt ſie endlich, was ihr wäre. Und ſie muß mit der Sprache heraus und erzählt ihm Alles. Da geht er ſtillſchweigend in das Haus zurück, deſſen gewölbte Thür mit ihren zierlich behauenen Stufen ſich in den Gang aufthut, wo wir ſtehen, ſo gerad unter einem breiten, mächtigen Buchenaſt, der ſich zu ihr herüber aus der Höhe des andern Grüns herabſenkt. Er kehrt aber ſogleich zurück, in der Hand eine alte, ſehr zerleſene und verbrauchte Bibel. Man kann kaum noch erkennen, daß ſie einſt einen ſchönen Goldſchnitt gehabt hat. Daraus lieſt er ihr die Stelle aus dem Anfang des 12. Cap. im Matthäus vor und betont mit der edeln, ſchwachen, herzlichen Stimme recht deutlich das Wort:„Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ Dann ſchließt er ſein Buch, und ſie nimmt es aus ſeiner Hand, um es hineinzu⸗ tragen. Wie ſie zurückkommt, tritt ſie zu ihm und ſagt ſtill betrübt: Ich hätte nicht davon laufen ſollen und dem Fremden antworten, wie der Herr antwortete:„Des Menſchen Sohn iſt der Herr auch über den Sabbath.“ „Du hätteſt beſſer daran gethan, meine Tochter,“ er⸗ wiederte ihr der alte Herr. Es iſt der Prediger des Ortes, einer von den Stillen im Lande, wie der fremde Paſtor geſagt hatte. Still war er freilich und ſein ganzes Haus mit ihm, hatte er doch niemals Weib und Kind gehabt. Die Ellis, die Waiſe, war das einzige, was er auf Erden hatte. Ihre Eltern waren beide 12 kurz nach einander hier im Dorfe geſtorben, als ſie noch ein Wiegenkind war, und ſo erfüllte der Prediger eine Chriſten⸗ pflicht, als er es zu ſich nahm und es wie ſeine Tochter hielt und erzog. Sie konnte es ſich auch gar nicht anders denken, als daß er ihr Vater und ihre Mutter war. Sie war aber nicht wie eine Predigertochter groß geworden, in der Stube, beim Nähtiſch und am Clavier, ſie war früh unter die Leute gekommen, hatte im Garten geholfen und in der Küche, ſpann und kochte und war in allen Stücken der bäuerlichen Wirth⸗ ſchaft geſchickt und erfahren. Ob ſie nun auch nichts anderes war als eine rechte und ſchlichte Bäuerin, ſo hielten die Bur⸗ ſchen und die Mädchen ſie doch für etwas Beſſeres, und wenn ſie von ihr redeten, ſagten ſie wohl:„ſie hat einen höheren Geiſt, als wir,“ und die Burſchen ſowohl als die Alten ſtimmten ihnen darin bei. Aber das machte der alte Paſtor, der ſie auf den Herrn gewieſen hatte von ihren erſten Jahren an und der das lallende Kind nicht für zu jung gehalten hatte, um ihm nicht ſchon die Händchen zu falten.„Die Sonnenblumen ſuchen ſchon in ihrem erſten Tage den Him⸗ mel,“ ſagte er wohl in ſeiner ſchalkig ernſten Art. —.— III. Ein Bruder Maurer. o blieben die beiden guten Menſchen noch eine Weile in dem dunkeln, heimlichen, grünen Gange, bis der Prediger ſagte: Wo mag doch der Heinrich bleiben, er wird doch kommen? Da ſprang Ellis von ihrem Steinbänkchen auf.„Ich habe faſt das Abendbrod vergeſſen“, rief ſie und ging in das Haus. Und während ſie nun in der Küche ſteht und vor ihr blaues, weißblumiges Sonntagskleid die weiße Küchenſchürze, die bis zur Bruſt hinaufgeht, bindet, und der alte ſilberhäup⸗ tige Pfarrherr ſtillſchweigend den Gang auf und ab wandelt, will ich euch von dem Heinrich erzählen, der heut, wie alle Sonntage, hier zu Abend eſſen ſoll. Das iſt ein ferner Verwandter von Ellis, er trägt den⸗ ſelben Namen wie ſie, und ihre Jugend kannte nur dieſen einen Geſpielen. Seine Eltern, wohlhäbige Leute, wohnen jetzt in einem nahen Dorfe, er aber weilt hier, wo ſie früher 44 auch ihren Sitz hatten und geht einem Zimmermann als tüch⸗ tiger und kluger Geſelle zur Hand. Er hat einen hohen Lohn, und der Meiſter weiß wohl, warum er ihn in allen Stücken ſo hochhält, denn wenn irgendwo ein ſtattlicherer Bau auszuführen iſt, da muß Heinrich ihn abplanen und ſei⸗ nen Grundriß machen. Das wird ihm nicht ſo ſchwer, als ihr vielleicht meint, denn wenn er auch bis jetzt nie über die Dörfer hinausgekommen iſt, ſo kann er doch zeichnen und ver⸗ meſſen wie einer. Er hat das von dem alten Herrn Paſtor gelernt, der da eben unter den Aeſten der Kloſterbuchen auf⸗ und abgeht. Ja, man mag das nicht häufig bei einem Paſtor treffen, dieſe ſchöne und edle Kunſt, aber wer mit ihm mehr vertraut war, wie ich, der weiß von ſeiner ſtillen Eck⸗ ſtube, die auf die weite Dorfwieſe hinausſieht, Vieles zu er⸗ zählen. Bunt genug ſieht es wohl in ihr aus: da findet ihr wilde Vögel an die Wand genagelt, Eulen und Weihen, Menſchengebeine hie und da, alte Urnen und altes Gewaffen, und Schildereien aller Art und dem großen hohen Fenſter zunächſt eine Staffelei, auf der manch' ſchönes und frommes Bild vollendet ward. Auch die Ellis hat hier in friſchen, ſanften Farben geprangt und hängt ihr Bild jetzt in der Eck⸗ ſtube, in dem dämmerigſten Zimmer dieſes alten dämmerigen Hauſes. Aber ich will euch jetzt ja nichts von dieſem alten, theuern Paſtor erzählen, der wohl mal für ſich eine ganze, lange Geſchichte werth iſt, ſondern von dem Heinrich, den er manches Jahr hindurch das Zeichnen gelehrt hat, mit dem er manchen halben Tag, in der alten Dorfkirche und in dem alten Pfarrhaus umhergegangen iſt, ihm die geheime Ver⸗ ſchlingung der, Gurten und Bogen zu weiſen und die Trag⸗ kraft der Balken und das ganze Gefüge des prächtigen ſeltenen Baues. Und dann hatte er wohl oft zu ihm geſagt: —,Sieh, Heinz, wie ſie es heut anfangen in der Stadt, 15 da jagen ſie ſolch einen jungen Zimmermann, wie dich, durch alle Städte der Welt, heut zeigen ſie ihm heidniſche Bauten, einen atheniſchen Tempel und eine römiſche Burg oder Waſ⸗ ſerleitung, morgen ein arabiſches Luſthaus oder eine mohame⸗ daniſche Moſchee, und übermorgen heißen ihn wieder in eine altdeutſche Kirche gucken und weiſen ihm dann ihre rare Kunſt, aus allen dieſen Gebäuen ein neues Stück zuſammenzuflicken. Und der arme Geſell, der das alles nur in den Büchern und auf den Zeichnungen ſieht, wird ganz wild und kraus und wirr, aber ſie ſagen ihm dann:„Je toller, je beſſer“ und je mehr er dann Alles in ſich zuſammenwirrt, mohamediſche Thürmchen und altdeutſche Bogen und griechiſche Säulen, deſto beſſer gefällt er ihnen. Aber ſo machen wir's nicht, wir bleiben bei einem Bau ſtehen, das iſt unſere ganze Vor⸗ lage, aber du haſt ihn hier eben nicht auf dem Papier, du kannſt ihn mit Händen greifen, und du weißt, daß deine Vorfahren ſo gebaut haben, und du merkſt an deiner Bruſt und deinem Kopf, daß dir das gefällt und paßt. Es heimelt dich an bei dieſen Bogen und Gurten, bei dieſen Pfeilern und Stufen, bei dieſen Fenſtern und Thürmen. Es iſt nichts fremdes und verwirrtes in ihnen.“ Heinrich hatte den alten Pfarrherrn recht wohl verſtanden und begriffen, und, daß er einen guten Lehrmeiſter gehabt hatte, ſah man an ſeinem Geſchick, ein Ding anzugreifen. Und da fällt mir ein Geſchichtchen ein, das die ganze Ge⸗ gend von ihm wußte, und das ihm ſeinen Zimmermannsruhm verſchafft hatte. Hat da ein reicher adliger Herr auf einem nicht ganz nahen Gute ein altes Schlößchen ſtehen, verfallen und dumpfig, ſie nannten's in der Umgegend das Inſpector⸗ ſchloß, weil der Verwalter ſich darin eingerichtet hatte. Der Edelmann, der erſt vor Kurzem die Herrſchaft gekauft hatte, findet einen beſonderen Gefallen an dem alten Gebäu, giebt 16 dem Verwalter eine andere Wohnung und ſchickt zu dem großen Zimmermeiſter in der Stadt, zeigt ihm das Haus und will es wieder hergeſtellt haben in altem Schmuck und in al— ter Sicherheit. Der legt ihm auch einen Plan vor, der luſtig genug ausſah, nur ſchade, daß man auf ihm von dem alten Hauſe nichts mehr entdeckte. Anders ginge es einmal nicht. Es muß aber anders gehen, ſagt der Beſitzer und fragt wei⸗ ter herum bei den anderen Meiſtern der Gegend, aber alle ſchütteln den Kopf, wie der erſte. Da erfährt der Pfarrer, unſer alter Pfarrer im einſtmaligen Auguſtiner Kloſter, von der Geſchichte, ſchickt den Heinrich zum Edelmann; und daß der ihm gefiel, könnt ihr ſchon daraus abnehmen, daß er den Montag darauf ſchon anfing, das alte Haus zu bearbeiten. Heut ſteht es wieder in alten Ehren, mit ſeinen vorragenden Erkern, ſeinen alten ſpitzbogigen Fenſtern und ſeinen hohen Schornſteinen, und es iſt eine Luſt es anzuſehen. Eine große Commiſſion iſt dann dort geweſen, es zu prüfen, hat aber ſchließlich erklären müſſen, es ſei feſt und wohl verwahrt, wie ein neues und noch feſter und— der Geſell vom Dorfe hat Recht behalten gegen den großen Stadtmeiſter. Was aber der alte Paſtor dabei gethan hat, weiß ich nicht, glaube aber, daß es nicht das Schlechteſte war. Daß Heinrich den würdigen Mann liebt, könnt ihr den⸗ ken. Das Pfarrhaus enthält ja ſein ganzes Glück und ſeine ganze Freude, den alten Herrn ſeine Mappen, Zeichnungen und Sammlungen, ſeine Zirkel und Maße und Figuren, die Merkmale von tauſend ſeligen Jugend-Erinnerungen, und— Ellis wohnt ja auch dort, und er hat ſich und ihr längſt ge⸗ ſtanden, daß er ſie liebt wie ſein Leben, und daß er ſie nie⸗ mals vergeſſen wollte. Und da kommt er auch ſelbſt in den Gang hinein, reicht dem Paſtor die Hand und wünſcht ihm einen guten Abend. uft roth „Ja, den wünſche mir, ſagte der alte Herr, ich wünſche ihn mir auch, ſolch einen Abend mit ſingenden Vögeln und duftendem Flieder und mit einem reinen Himmel voll Abend⸗ roth, daß es mir ein ſchönes frohes Auferſtehen verkündige.“ Heinrich wußte wohl wie er es meinte, denn er kannte die ſinnige Art des Alten, das Unbedeutende bedeutend zu machen und das Wort, das leicht hingeworfen iſt, ernſt auf⸗ zuheben und einen Kern darin zu ſuchen.— Sie gingen hinein, Ellis trat ihnen entgegen und reichte dem Heinrich treuherzig die Hand. Unter der Stubenthür aber, wie der alte Herr ihnen den Rücken drehte, ſagte ſie, ein wenig trotzig und drohend:„Wie haſt Du mich heute doch ſo im Stich gelaſſen, warte nur, nach dem Eſſen will ich Dir meine Meinung ſchon ſagen.“ Er verſuchte zu lächeln. Der Pfarrer ſprach jetzt das Gebet, und man ſetzte ſich um den alten, eichenen Tiſch mit den feſten, fein ausgeſchnitz⸗ ten Füßen. Es war eine Luſt, die Ordnung der Speiſen zu ſchauen, hier dieſe Butterſtückchen, die für jedes Eſſen ihre beſtimmte Form empfingen, ſchön geordnet auf den friſchen Blättern eines Kohlhauptes—, dies zierliche Gebäck von Eiern, durch das die zarte Kreſſe anmuthig geſchlungen war, die anmuthigen Formen der Geſchirre, der duftige Strauß, der dem Tiſch als Aufſatz diente.—— Es iſt ein großer Segen, ſolch eine fleißige Hausfrauenhand, aber will der Herr ihn vollenden, dann giebt er ihr den Sinn und das Maß für das ſchöne Geheimniß der Form... Nach dem Eſſen ging Ellis und Heinrich zuſammen in den Gang hinab; ſie waren ſeit ihrer Kindheit gewohnt, hier zuſammen zu ſitzen, zu plaudern und ſich heimlich und ſroh anzuſehen. Aber wie in dem Pfarrhauſe jedes ſeine Beſtim— mung und ſein thätiges Leben hatte, ſo war auch ihnen beiden 2 18 eine Beſchäftigung für dieſen Sonntag Abend zugewieſen. Ellis holte eine ſchöne Decke, die für die Kirche beſtimmt war, hervor, und nähte und ſtickte an ihr weiter bis zur Dunkelheit, Heinrich aber holte von dem bekannten Platz ein Schnitzmeſſer und fuhr fort, an einem Löwenmaul aus Eichen⸗ holz zu ſchnitzen, das auf die Brunnenröhre des Quells, der unter den Buchen hinter der Kloſtermauer floß, geſtülpt wer⸗ den ſollte. Alle Sonntag-⸗Abende waren dieſer Arbeit ge⸗ widmet. Und wie ſie nun ſo ſaßen, ſagte Ellis, die ihr Leid vom Nachmittag noch gar nicht vergeſſen hatte, zu ihm: —„und was ſchwiegſt Du denn ſo ganz, Heinrich, und ſtandſt mir doch ganz nahe, als der Jude ſein loſes Maul aufthat, und dann nachher, als der fremde Mann dazu trat!“ —„„Ja, ſieh, was ſollte ich ſagen, erwiederte Heinrich, der ſich doch etwas ſchuldig fühlte, Du weißt beſſer zu ant⸗ worten auf ſo etwas, als ich.““ —„O ſchäme Dich, fiel ſie ihm dazwiſchen, wenn Du es nicht beſſer weißt. Kannſt Du nicht eben ſo gut leſen, wie ich, und eine Bibel haſt Du auch, und darin haſt du genug gefunden, was Deiner Rede werth geweſen wäre.“ —„„und der fremde Herr war auch ein Paſtor, ſagte Heinrich; was kann ich Einem, der darauf ſtudirt hat, ant⸗ worten? Laß gut ſein, Ellis, und ſei nicht böſe!““— und damit kam er zu ihr und gab ihr, ſie mochte wollen, oder nicht, einen herzlichen Kuß. Sie hatte ihn ja auch herzlich lieb, einmal wie ihren Bruder, und dann noch anders, denn ſie meinte gewiß, ſie würde dereinſt ſeine Frau werden, und er war deſſen eben ſo gewiß: und ſie wußten, daß der alte Paſtor auch ſo dächte.— Damit war der Zwiſt vom Nachmittag vergeſſen, und ſie fingen Beide an, dies und das zu plaudern, und Heinrich began tr ih mer „Wel Hern Han ſen⸗ umt zur ein hen dei wer⸗ ge⸗ vom- unld ſaul at!“ rich, aütt Du eſen, du agte ant⸗ und oder zlich denn und alte un gnich 19 begann, die alten Luftſchlöſſer wieder vor ihr aufzubauen, die er ihr ſchon tauſendmal vorgeſpiegelt hatte, und die ſie im⸗ mer gern noch einmal hörte, und die alle damit anfingen: „Wenn ich erſt Meiſter bin...“ Und wie es dämmerte, gingen ſie Beide hinein, der alte Herr ſprach den Nachtſegen, dann drückte er dem Heinrich die Hand, der grüßte noch einmal freundlich ſeine Ellis und ging. —— IV. Beim Käthner. V Hauſe ging aber Heinrich nicht, wie der Paſtor und Ellis wohl meinten, ſondern zum Käthner. Als Ellis nämlich Nachmittags ſo ſchnell den Kampfplatz geräumt hatte, begann der Käthner noch dies und das zu reden und lud dann die Burſchen auf den Abend zu ſich, den Heinrich und den Gardemann aber noch ganz ausdrücklich. Er hätte noch Manches von dem fremden Herrn an ſie auszurichten. So fand ſich denn am Abend eine zahlreiche Geſellſchaft bei Peter Frank zuſammen. Einladend ſahe ſein Haus nun nicht aus. Kahl und wüſt lag es da, von Unrathhaufen umgeben, nir⸗ gend eine Hecke oder ein ſchattiger Baum oder ein Bänkchen. Und wenn man eintrat, ſah man nackte, ſchlechtgetünchte Wände, den Schemeln fehlten hie und da ein Bein, der Tiſch war unſauber: es fehlte am beſten. Wie ſie ſich nun um den Tiſch geſetzt hatten, holte Peter Frank aus einem alten Spindchen, das an der Wand befeſtigt Paſtor Ellis hatte, nd lud ch und t noch . Sb i Petet gt aus. u, nir⸗ nichen. tünchte 1, der e Peter ffſtigt 21 war, ein Packet heraus. Er legte es auf den Tiſch und ſagte: Der fremde Herr hat mir hier Schriften gegeben, die ſchön zu leſen ſind; ihr könnt auch davon bekommen. Die Burſchen griffen zu und ſtudirten die Titel. Es waren mei⸗ ſtens religiöſe Sachen. Auch Heinrich nahm davon und der Gardemann ſagte, indem er eine derſelben an ſich heranzog: Ja, was ſich ſo auf Religion bezieht, da mag der Käthner ſchon Recht haben, an die Wundergeſchichten glaub' ich auch nicht recht, aber vom König und was an dem drum und dran hängt, ſoll er mir nichts reden, das verbitte ich mir, denn ich gehöre zur Gardereſerve. Unſerm Heinrich war es eigen um's Herz. Schon lange war in ſeiner Gegend— denn er wohnte im Sächſiſchen recht da, wo die Lichtfreunde ſchon längere Zeit ihr Weſen trieben— von dieſen religiöſen Dingen die Rede geweſen, er hatte ſich aber wenig darum gekümmert und war in ſei— nem kindlichen Glauben, wie er meinte, froh genug geblieben; zudem mochte er auch lieber auf ſein Handwerk achten und ſeiner Kunſt die müßigen Stunden widmen. Aber das Alles, was heute der fremde Paſtor geſagt hatte, war ſo ſchlicht und verſtändig, daß es wohl bei ihm haften mußte, und wie er ſchon darüber nachdenklich geworden war, kam es ihm recht erwünſcht, etwas Weiteres in dieſem Dinge durch ſolche Schriften zu erfahren. Mit dem alten Paſtor darüber zu reden, fiel ihm nicht ein; er hatte eine Art Scheu vor ſeinen Sprüchen und vor ſeinem vielen Beten und wußte ſchon im Voraus, daß, wenn er mit ſolchen Fragen und Anliegen zu ihm käme, der alte Herr ſtill mit ihm an einen einſamen Ort gehen und mit ihm niederknieen und beten würde. Das hatte er ſchon oft mit ihm gethan, und das widerſtrebte ihm. Der Käthner ſuchte nun, dem Verſtändniß der Schriften, wie er ſagte, eine Bahn zu brechen, ſprach viel von dem 22 weiſen Jeſus, der erſt recht geehrt würde, wenn man dieſe Wunderſagen nicht mehr glaubte, ſondern ihn für einen ho⸗ hen, klugen Mann hielte, und redete dann auch wieder von den Vornehmen, die es gern ſähen, wenn die Leute im Dorfe wie das Vieh in den Tag hineinlebten, nichts dächten und nichts thäten, als arbeiten und eſſen und trinken. Und dann erzählte er noch viele Dinge von Frankreich, wo er, ehe er nach Algier ging, Monate lang gewohnt hätte. Und das mußten ihm die Burſchen ſchon glauben, denn ſie hatten ſelbſt einmal gehört, wie er mit dem Adminiſtrator aus der na⸗ hen Fabrik in der fremden Sprache geredet hatte. Hein⸗ rich aber hatte keine Ruhe mehr bei den übrigen, und als der Branntwein auf dem Tiſche erſchien, ging er davon und geradewegs in das Haus ſeines Meiſters, wo ihm ein freund⸗ liches Erkerſtübchen eingeräumt war. Da zündete er ſein Licht an und begann, ſich in die Schriften zu vertiefen, ſuchte auch bald ſein Schreibzeug hervor, und fing an, daraus ab⸗ zuſchreiben, hier und dort, und legte ſich erſt in's Bett, als die Hähne ſchon krähten. Er konnte nicht ſchlafen. Merkte er wohl, wie in ſeiner Bruſt die beiden Engel, der gute und der gefallene, mit ein⸗ ander kämpften, wie bald die ermahnende Stimme des alten Pfarrers durch ſein Herz klang und das ängſtliche Bitten Eliſens, und bald wieder eine bittere Stelle aus den neuen Schriften dazwiſchenſchlug? O daß der Engel des Lichtes in ihm ſtark bliebe!... dieſe in ho⸗ er von Dorfe m und dann ehe er d das ſelbſt r na⸗ Heil⸗ d als u und reund⸗ 3 ſein ſuchte 5 /1b als ſeinen t ein⸗ alten Bitten neuen V. Berlin. „D. muß Dir der Vater etwas ganz Beſonderes zu ſagen haben,“ ſagte Ellis, als ſie an einem ſchönen Sonntag⸗Abend, einige Monate ſpäter, ihrem Heinrich ent⸗ gegentrat.„Du ſollſt gleich zu ihm in die Eckſtube kommen, in die Bilderſtube.“ Heinrich eilte an ihr vorbei, ſie aber ſprang ihm mit leiſen Schritten nach, und als er hinter ſich die Thüre jenes Zimmers geſchloſſen hatte, ſtand die kleine Eva und horchte. Eine lange Weile hindurch behielt ſie ihr andächtiges Geſicht.— Der Paſtor hielt wohl mit dem Heinrich ein Gebet—, dann aber wurde ihr Geſicht plötzlich ſehr traurig, ſie konnte ſich der Thränen kaum erwehren und ging dann langſam von dannen. Bald darauf kam der Paſtor mit Heinrich an der Hand wieder heraus, ſie gingen in das Eßzimmer, wohin Ellis eben das Abendeſſen trug, und der alte Herr ſagte ernſt und bedächtig zu Ellis: „Heinrich wird in dieſer Woche nach Berlin gehen, ich habe durch den Profeſſor**r, der ein alter Bekannter von mir iſt, für ihn das Recht ausgewirkt, an dem Beſuch der hohen Schule für Bauleute Theil zu nehmen. Er wird für's erſte hierher nicht wieder zurückkommen“— Ellis konnte ſich nicht länger beherrſchen, ſie weinte laut, und auch dem alten Paſtor ward es ſchwer, ſich ruhig zu erhalten. —„Ich bin ein alter Mann,“ ſagte er dann leiſe, „meine Tage hat der Herr gezählt, wer weiß, Heinz, mein Sohn, ob wir uns wiederſehen. Ich bin in dieſer Welt Zeit meines Lebens allein geweſen, ich hatte kein Weib und kein Kind, da ſchenkte mir der Herr die Ellis, ſie ward meine Tochter. Wer wird für ſie einſtehen, wenn ich von euch ge⸗ gangen bin?“ —„„Ich, Herr Prediger, ihr wißt es, daß ich Niemand mehr liebe, als ſie““— rief mit zitternder Stimme Heinrich. —„Ich weiß es,“ ſagte der Alte,„und das Wort, was Du eben ſprachſt, gilt mir wie eine heilige Verpflichtung, die Du auf Dich genommen haſt.“ —„„Ja, ja; ich will niemals von ihr laſſen.““ Und da nahm der Alte die naſſe Hand der weinenden Ellis und drückte ſie in die naſſe des weinenden Heinrich und blickte nach Oben und ſagte:„Herr, ſegne!“ —„So geh denn mit Gott, mein theurer Sohn,“ ſprach er nach einer Weile,„werde ein tüchtiger, ganzer Mann, verliere den Glauben nicht, und wenn Du heimkehrſt, ſo wirſt Du die Ellis heirathen.“... An dem Abend mochte keiner der Drei einen Biſſen an⸗ rühren, und Elliſens zierliche Gerichte wanderten alle in die und ich von ˖der fürs laut, J zt leiſe, mein Zeit kein neine gl⸗ and rich. was Speiſekammer zurück. Man ſprach faſt gar nicht, und Hein⸗ rich ging früh heim; es war ihm, als müßte er fröhlich ſein, wie ein Kind, daß Ellis nun wirklich auf immer ihm zu⸗ geſprochen war, und doch drückte ihm ein dunkles Gefühl das Herz ab. Fühlte er, daß man lügen kann, ohne den Mund auf⸗ zuthun, daß er heute den alten Herrn belogen hatte, da er mit ihm betete und ſeinen Segen annahm? Der dieſe Zeilen ſchreibt, hat während ſeines Aufent⸗ halts in Berlin ſich oft ein eigenes Geſchäft gemacht. Wenn die großen Bahnzüge, die aus den Provinzen in die weite, große Hauptſtadt führen, erwartet wurden, ſtellte er ſich oft dorthin, wo die Wagen halten mußten, recht ſo, wie einer, der einen guten Freund dort empfangen will. Wenn nun die Thüren der Waggons ſich öffneten und im bunten Gewühle die Maſſe der fremden Geſtalten hinaus⸗ drängte, dann ſtand ich und ſchaute aufmerkſam in alle Geſichter, die mich umgaben. Und vor allen auf die jungen. Wie oft las ich in dieſen glänzenden, friſchen Augen, auf dieſen rothen Wangen, daß jene gekommen waren, hier das zu ſuchen, wovon die Jugend immer träumt, Ehre, Glück, Klugheit..... O daß hier einer ſtände und euch Jungen mit mächtigen Worten noch einmal den letzten Segen des Vaters, der Mutter, die euch entließ, als erſte Begrüßung zuriefe, Dir, du friſcher, luſtiger Student, Dir, du kräf⸗ tiger Handwerksgeſelle, Dir, du ſtilles, halb verlegenes Mädchen!... Heinrich hörte dieſe mächtige Stimme an den Thoren Berlins nicht; er ſchaute mit Spannung und Erwartung 2b um ſich, er ſuchte die ſtolzen Gebäude, die Triumphe ſeiner Kunſt und daneben auch die heiteren, großſtädtiſchen Ge⸗ ſtalten, das krauſe, bunte Leben, von dem er ſo Vieles ge⸗ hört hatte... Bei dem Poofeſſor, dem ihn der alte Prediger empfoh⸗ len hatte, wurde er bald mit Jünglingen ſeines Alters und ſeiner Beſchäftigung bekannt, und ihre Aufforderung, in ihrer Begleitung das Leben der Stadt, ihre Merkwürdigkeiten und ihre Annehmlichkeiten kennen zu lernen, glaubte er nicht aus⸗ ſchlagen zu dürfen. Ja, ſie führten ihn überall hin, in die Muſeen und in die Wirthshäuſer, in die Gärten und durch das Labyrinth der Straßen, er lernte durch ſie das ganze Berlin kennen. Unter allen den neuen Bekannten gefiel ihm aber der eine beſſer, als alle Anderen. Es war ein Pole mit adeligem Namen und vielem Gelde, der ihm ſagte, daß er nur zu ſei⸗ nem Vergnügen die Baukunſt ſtudirte, eben weil es eine Kunſt wäre und die ſchönſte Kunſt. Joſeph, das war des neuen Freundes Vornamen, fühlte die kernige Tüchtigkeit Heinrichs zu ſehr, um von ihm nicht angezogen zu werden. Er wußte durch ſeine feinere Sitte, durch wohlthuende Aufmerkſamkeit ſich ſehr bald einen großen Einfluß auf den jungen Zimmermann zu verſchaffen, der ja niemals bis dahin eine ſolche Bekanntſchaft gemacht hatte. Jetzt begann Heinrich einzuſehen, wie wenig er wüßte, wie viel ihm noch fehlte, und um ſo enger ſchloß er ſich an den Polen, der ihm verſprach, ihm das Franzöſiſche und an⸗ dere Dinge zu lehren. Wer dies Verhältniß der Beiden oberflächlicher anſahe, der mochte nichts Arges ahnen, ſondern mit Freude auf dieſe ſeiner Ge⸗ es ge⸗ npfoh⸗ 3 und ihrer n und aus⸗ in die durch ganze er der digem u ſei⸗ Kunſt amen, ihm feinere einen affen, macht vüßte, ch an — anl⸗ nſahe, dieſe 27 enge Verbindung ſchauen, die beiden Naturen zum Segen zu gereichen ſchien. Und doch war es anders. 3 Jener Pole, ſo jung er war, doch hatte er ſchon einen peinlichen Proceß hinter ſich. Er hatte auch vor dem großen Gericht zu Berlin in der Sache der polniſchen Verſchwörung geſtanden, man hatte ihn, weil er als Preuße geboren war, des Hochverraths angeklagt, aber er hatte zu leugnen ver⸗ ſtanden, und da ihm die Umſtände zu Statten kamen, war es ihm gelungen, ganz freigeſprochen zu werden. Aber ſein Vergehen hatte er nicht eingeſehen, die ſchwarzen Gedanken des Verraths und der Empörung wucherten noch in voller Kraft in ſeiner Seele fort, und er wußte, daß Viele mit ihm nur auf eine neue Gelegenheit lauerten, um die alten Pläne wieder aufnehmen zu können.— Was war natürlicher, als daß er es verſuchte, Heinrich in die Geheimniſſe ſeiner Seele einzuweihen? Er erzählte ihm mit der aufregenden Leidenſchaftlichkeit ſeines Volkes, wie einſt dies Polen ein großes, königliches Land mit glücklichen Menſchen geweſen ſei, wie die Fürſten es plötzlich überfallen und unter ſich getheilt hätten.„Was würdeſt du von dem Sohne ſagen“— ſchloß er ſeine Rede —„der ſeine Mutter ungeſtraft beleidigen ließe? Und iſt nicht das Vaterland unſere Mutter?... Das waren neue unbekannte Felder, die ſich jetzt vor Heinrich ausbreiteten. Niemals hatte er ſich um das Recht oder Unrecht der Hohen und der Gewaltigen bekümmert; er hatte an ſeinen König und an das Königliche Geſetz geglaubt, weil es der Herr ſelbſt alſo befohlen hatte. Und dieſen Grund führte er dem Polen faſt ſchüchtern auch an. Doch gab er ihm ſchnell und willig Recht, als dieſer ihm gewandt zeigte, daß Chriſtus dies nur für eine be⸗ ſtimmte Zeit und zu beſtimmten Menſchen geſagt hätte, 28 damals, als es nur wenige Chriſten, aber keine chriſtlichen Völker gegeben habe.— Die Geſtalt des fremden Paſtors, der an jenem Sonntag Abend zu ihm getreten war, ſtand im Geiſte vor ihm und half dem jungen Polen, ihn über⸗ reden und überzeugen.— chen ors, and ber⸗ VI. In einem Arbeitervereine. We ind in einem geräumigen Gartenſaal in einer entlegenen Gegend Berlins. In ſeinem Hintergrund ſteht eine Art von niedriger Kanzel, mit Schriften und Papieren bedeckt; auf ihr ein unterſetzter, ſtämmiger Mann mit langem, rothen Barthe und trotziger Stirn und düſteren Augen. Er ſpricht mit lauter haſtiger Stimme, und rings um ihn und vor ihm iſt Alles mit jungen kräftigen Geſtalten gefüllt, die eifrig ihm zuhören und oft in ein beifälliges Gemurmel aus⸗ brechen. So eben aber muß er etwas recht Gutes geſagt haben, denn ſie rufen laut: Bravo! Bravo! klatſchen in die Hände und ſehen einander kopfnickend und lächelnd an.„Wir ſind Alle gleich geboren, gleich arm, gleich geformt, wir brin— gen gleiche Anſprüche auf die Welt, gleichen Hunger, gleichen Durſt, gleiche Leidenſchaften, gleiche Gefühle; warum ſollen wir nicht auch gleiche Rechte haben? Warum ſollen Viele das ganze Leben in Arbeit, Mühe und Schweiß verbringen, damit die andern praſſen und ſchwelgen können. Ja, wir Arbeiter und Handwerker, wir geben den Reichen erſt die Möglichkeit, zu glänzen und zu ſaullenzen!.. Das muß anders werden.“ So hatte der Rothbart geſprochen, als ſie anfingen zu jubeln und zu klatſchen.... Ganz hinten in dem Saale finden wir auch unſern Hein⸗ rich, der Pole ſteht neben ihm und wiederholt ihm noch ein⸗ mal alle Schlagwörter der Rede:„Das muß anders werden“, ruft auch er dem jungen Dorfzimmermann zu, und der denkt an den Käthner und an den reichen Fabrikherren, der nahe bei ſeinem heimathlichen Dörfchen lebt und viele Hundert Menſchen arbeiten und vermagern und verbleichen läßt, wäh⸗ rend er mit vier Pferden daherfährt und in Saus und Braus ohne Gott und ohne Kirche dahinlebt... Ja Ihr, deren Herr und Meiſter der Mammon iſt, ihr werdet vor Gott dereinſt mit dem armen Empörer, mit dem kleinen Diebe zur Verantwortung gezogen werden, auch wenn das Geſetz hienieden für euch keine Strafe kennt. Er, der Arme, ſahe zu euch, zu eurer Höhe und zu euerm Reichthum hinauf, aber er ſah nur die Gewinnſucht, den Neid, den Geiz und die wilde Luſt bei euch— da ging er hin und ſtahl oder mordete oder plünderte. Daß er dies that, dafür ſtraft der Herr ſeine Seele, daß er aber bei euch und eueren Sünden geheime Aufmunterung fand, dafür wird auch über euch das Gericht kommen. Jener Sonntag⸗Nachmittag und Sonntag⸗-Abend vollen⸗ deten in Heinrich eine neue Richtung ſeines Lebens. Der junge Pole hatte die Fundamente, die der fremde Paſtor in 31 des Zimmermanns Seele für die neue Lehre gelegt hatte, bald aufgefunden: er ſah, daß ſie feſt genug waren, ein gan⸗ zes Gebäu zu tragen.— Sein Umgang mit Heinrich hatte ſchon einen großen Erfolg gehabt, nämlich den, daß der Schü⸗ ler des alten Herrn aus dem Auguſtinerkloſter die Rede des Rothbartes ruhig und ohne inneren Widerwillen anhören konnte. Hatte er doch dem Polen Recht gegeben, der immer an heimliche Verſchwörungen und Empörungen dachte, hatte er doch ſchon oft mit ihm auf die„Tyrannen“ geflucht, die das edle Polenland unter ſich getheilt hätten.. Der Abend im Verein der Arbeiter ging zu Ende; der junge Pole ſprach noch Vieles über die Rede des rothbärti⸗ gen Herren mit Heinrich und ſchlug ihm endlich vor, ſich zum Eintritt in den Verein zu melden. „Du haſt dann an jedem Sonntag, dieſem langweiligſten Tage der Woche, einen Ort, wo Du fröhlich und angenehm beſchäftigt biſt, hier findeſt Du hübſche Bücher, muntere Men⸗ ſchen, hie und da ein Tanzvergnügen, eine Rede, eine Muſik, ſogar Lehrer, die Dich beſſer als ich unterrichten können— ich rathe dir ſehr dazu; zu dem bin ich ja auch Mit⸗ glied!“——— Heinrich verließ den Verein gegen Mitternacht, nicht ganz nüchtern, nachdem er durch den Redner feierlich in den⸗ ſelben aufgenommen war. Man hatte ihm ähnliche Schrift⸗ chen, wie damals der fremde Prediger, anvertraut. —„Ich habe die Schriften, welche mir der Candidat B. am Sonntag Abend im Verein gab, geleſen, aber ich mag ſie weder behalten, noch andere neue nehmen“— —„und weshalb nicht?“ fragte Joſoph ganz ver⸗ wundert. —„Weil ich das verabſcheue, was in ihnen ſteht. Ich mag das nicht leſen, wie es darin von den Fürſten heißt. Und abſonderlich, wie der Titel:„Von Gottes Gnaden“ lächerlich gemacht wird. Ich fürchte, ich habe in dieſer Zeit Manches geredet und gedacht, was ich nicht verantworten kann“— ſprach Heinrich zum Polen. Joſeph warf einen flüchtigen Blick auf die Bücher, welche Heinrich ſo eben geleſen hatte, und indem er ein we⸗ nig überaſcht ſchien, murmelte er vor ſich hin: —„Wie konnte auch der Candidat für den Anfang ihm ſo wilde Sachen in die Hand geben?“— Dann wandte er ſich zu Heinrich und ſagte ruhig: —„Aber wie kannſt Du auch meinen, daß dieſe unſin⸗ nigen Schriften gerade die Meinung des Vereins und des Candidaten enthalten. Er gab ſie Dir, um Dir zu zeigen, was es für verſchiedene und widerſpänſtige Meinungen auf der Welt giebt. Das nächſte Mal giebt er Dir vielleicht gerade das Gegentheil, etwa ein frommes Gebetbuch, das Dir ſehr nöthig ſcheint.“— Das Letzte ſagte er halb ſpot⸗ tend, ſo daß Heinrich ſich faſt ſchämte. Doch blieb er feſt und erklärte im Laufe des Geſpräches auch dem jungen Po⸗ len, daß es ihm faſt Leid thäte, Mitglied des Vereines geworden zu ſein. Der Pole ſuchte viel dagegen zu reden, aber Heinrich war heut feſter und ernſter, als je, und mißmuthig und nie⸗ dergeſchlagen entfernte ſich Joſeph bald, nachdem er Alles, was er dem jungen Zimmermann an Schriften übergeben, ſorgfältig zu ſich geſteckt hatte. Heinrich aber ſaß in einem ſchweren Kampfe daheim; endlich holte er aus der Schublade ſeines kleinen Arbeits⸗ und Zeichentiſches einen Brief mit ge⸗ brochenem Siegel hervor, den er lange anſtarrte. Die Leſer ahnen, daß er von dem alten Pflegevater unſerer Ellis kam. Gt n Sind den. gedach Ung von. Liebe ſtand N eig Ich heißt. den“ Zeit porten ücher, we⸗ ihm dte er anſin⸗ d des eigen, 1 auf leicht das ſpot⸗ r ſiſ b reines inich nie⸗ Alles, geben, einem blade t ge⸗ Leſet kam. Er war voll von ſauften und liebreichen Warnungen vor den Sünden der großen Stadt vor Müßiggang und falſchen Freun⸗ den. Zuletzt war auch der Unzufriedenen und der Empörer gedacht, und das Alles paßte ſo deutlich auf ihn und auf ſeine Umgebung, daß es ihm ſchien, als wüßte der alte Herr da⸗ von. Sein Auge füllte ſich mit Thränen, er dachte an die Liebe des greiſen Mannes, an ſeine Ellis, an ſeine Kunſt, er ſtand erleichtert auf, weil er glaubte, nun wieder die alte Neigung, die alte Kraft in ſich zu fühlen. Er irrte ſich. Was ihn am meiſten drückte und beläſtigte, war die Ant⸗ wort, die er dem alten Herrn Prediger auf jenen Brief geben mußte. Vielmals hatte er ſchon angefangen, aber wenn er ein paar Zeilen geſchrieben hatte, warf er die Feder immer wieder von ſich: es war ihm dann, als heftete ſich das klare, große, ſcharfe Auge des alten Herrn gerade auf ihn und ſähe trotz der nichtsſagenden, trügeriſchen Worte, die er eben ſchrieb, doch die Wahrheit und den Grund des Herzens. Aber end⸗ lich fand er ein Ende ſeines Schwankens und bedeckte ſchnell einige Seiten des vor ihm liegenden Bogens mit ſeinen Zü⸗ gen, ſiegelte haſtig den Brief, ſteckte ihn zu ſich und verließ das Zimmer, als fürchtete er, es könne ihm wieder leid werden, dieſes Schreiben vollendet zu haben. Wir bleiben noch einen Augenblick in ſeiner Stube ſte— hen. Es iſt eine freundliche Kammer, die auf die Straße hinausſieht, in einem der neuen Viertel, die zwiſchen dem Oranienburger und Roſenthaler Thor liegen. Die Quar⸗ tiere ſind dort billig, und doch meiſtens freundlich und ge⸗ fällig.—— 4 Das Hauptſtück des Meublements iſt ein großer, langer Zeichentiſch, über den breite Papiere geſpannt ſind. Doch 3 ſieht man auf ihnen wenig mehr als einige grundlegende Li⸗ nien: daneben Farbennäpſchen, über deren Tinkturen dicker Staub liegt: ſo ſieht wohl nicht das Werkgeräth des Fleißi⸗ gen aus. Dort, an der Seitenwand, eine Commode, auf der eine Bibel liegt, auch beſtaubt.... Heinrich hat das Pa⸗ pier noch nicht in ihr gefunden, das beim Abgange der alte Herr ihm heimlich hineingeſteckt hat, und das zwar keine Bank⸗ note iſt, wie in den Engliſchen Erzählungen, das aber doch einen Spruch enthält, der mehr ſegnen kann, als alle Schätze; auch das bunte Leſezeichen, blaue Seide mit Gold⸗ und Sil⸗ berfäden durchſtickt, das Ellis ihm geſchenkt, und das er gleich⸗ gültig in das heilige Buch legte, iſt noch nicht gebraucht, eine der Stellen zu bezeichnen; es liegt noch ruhig auf dem Titelblatte. Unter der Bibel aber guckt ein Schreibebuch hervor, das wir hervorziehen. Mehrere ſeiner Blätter ſind beſchrieben; vorn ein Verzeichniß von Wäſche und Zeugſtücken, dann einige geſchäftliche Bemerkungen, endlich einzelne kurze Sätze, hin und wieder mit Datum verſehen. „— Mit Joſeph habe ich heut über die Freiheit des Vaterlandes geſprochen“, ſchreibt er unter Anfang Decem⸗ ber 1847.„Was er mir über Polen erzählte, hat mich ſehr bewegt. Ja, es iſt ein Unrecht, wenn ein einzelner Mann, ſei er auch ein Fürſt, ein Volk verſchenken oder vertheilen will. Die Polen haben wohl Recht, ſich zu empören.“—— Einige Tage darauf:—„Der Candidat ſprach heut im Verein über unſern Landtag. Ich hätte weinen mögen, wie er die ſchönen Reden des Königs ſo aus einander legte und faſt verſpottete.— Ob denn aber das wahr iſt, daß durch die Schuld der Regierung in Schleſien ſo viele Menſchen verhungert und verkommen ſind? Das wäre ja gräßlich.“ Herr mehr kam Aeng ich g ne d nde Li⸗ dicker Fleißi nuf der as Pa⸗ er alte Bank⸗ er doch rchäte; d Sil⸗ gleich graucht, lf dem ot, das rieben; einige ,, hin eit des ecem⸗ t mich Mann, 1 will prach weinen nandet ihr iſ 3 vielt aͤte ji 1 35 Vom Anfang des folgenden Monats.—„Der Herr Prediger hat mir geſchrieben.— Ich hatte faſt nicht mehr an ihn gedacht. Jetzt, wie ich ſeinen Brief las, über⸗ kam es mich, wie ein Hagelſchauer mit innern Vorwürfen und Aengſtigungen.—— Aber, kann ich ihm denn ſagen, daß ich anders bin und denke, als er?? 2 Der Doctor.... im Verein hat neulich da etwas geſagt, was recht auf mein Ver⸗ hältniß zum alten Herrn paßt.„Der Glaube war recht gut für die früheren Geſchlechter, aber jetzt iſt die Menſchheit wei⸗ ter gekommen, ſie weiß viel mehr und genauer, ſie braucht da⸗ rum nichts mehr zu glauben. Darum läßt ſie die alte Re⸗ ligion und ſtellt an den Platz der Kirchen ſchöne Häuſer der Gemeinſamkeit, wo Kunſtwerke zu betrachten ſind, ſel⸗ tene Dinge der wunderbaren Natur, prächtige Statuen, voll⸗ endete Gemälde. Und da ſind die Künſtler dann, was bis heute die Prediger waren.“ So ſagte er, und ich denke, daß das recht gut iſt. Und wenn nun die Menſchen rechten Sinn für die Schönheit bekommen, dann werden ſie auch überall ſorglicher, mäßiger, maßhaltender, ſtiller und hübſcher werden, die wilden und zügelloſen werden von der ſchönen Ruhe der Kunſtwerke und der Künſtler ſich beſchämt fühlen— ſo werden doch der guten Menſchen immer mehr werden. Und in dieſer Weiſe des Denkens und Fühlens werde ich dereinſt mit meiner Ellis ganz wohl und glücklich ſein.“—— An der Wand über der Commode hing ein Modell aus Gyps, ein coloſſaler Kopf, der der Juno Ludoviſia, und da⸗ neben, durch Nägel loſe befeſtigt, ein alter Stich, die drei Grazien darſtellend, und ein franzöſiſches Blatt in Tondruck, auf dem einige Pferde dargeſtellt waren..... Dort in ſeiner alten, heimlichen Giebelſtube im Pfarr⸗ dörfchen hatten ſeine Wände nur eine Verzierung gehabt, 3* 36 einen alten, ſchlechten aber doch erbaulichen FEecehomo mit Dornenkrone und blutigem Angeſicht. Heinrich wartete ſeit Wochen ſchon auf eine Antwort des Pfarrherrn, aber immer vergeblich. Endlich kam ein Brief, aber er war von der zierlichen kleinen Handſchrift der Ellis. Er war verwundert, denn ſie hatte ihm noch nie ge geſchrieben; nur eine kleine, kurze Nachſchrift hatte ihr der alte Herr bis dahin hinter ſeinem Briefe vergönnt. Der Brief zeigte ihm an, daß der Vater— wie Ellis den Pfarrer nannte— heftig erkrankt wäre, das Athmen würde ihm ſchwer und er wollte nur noch den Heinrich ſehen, dann wollte er heimgehen. Die Buchſtaben waren ausgelaufen, und doch redeten die Thränen, welche die Züge ihrer Hand ſo undent lich gemacht hatten, eine deutliche Sprache. Heinrich⸗ruͤſtete ſich ſchnell, und eilte nach kurzer Zeit mit dem nächſten Bahnzug auf den Magdeburger Schienen in die Heimath. ao mit Antwort am ein rift der nie ge⸗ ihr der Der Pfarrer de ihm wollte nd doch undeut r Jät ſchienenn 2* VII. Der Tod eines Gerechten. S'ch habe die Erde noch ein wenig zu lieb“— — zen der alte Herr, der auf dem weißen Bette gerade über einem der ſpitzbogigen Fenſter des früheren Auguſtiner kloſters liegt, und dabei ſtützt er ſich auf den Ellenbogen des immer noch wohlgeformten, wenn auch eingeſunkenen Armes, der ſich auf der glänzenden Leinwand ſeines Hemdes ſcharf abgrenzt, und ſchaut mit erhobenem Kopfe in den Garten hinaus. Die Sonne liegt glänzend und hell auf dem win terlichen Raſen;— der Schnee iſt in dieſem Jahre früher als je verſchwunden und die Natur ſchon wieder lebendig. —„Ich wäre noch gern einen Monat oder auch zwei bei euch geblieben, zu ſehen, ob die jungen Linden auch trei ben, die ich im Februar um den Kirchhof geſetzt habe, und ob meine kluge Nachtigall auch wieder auf dem Vfarrhaf ſingen wird.“ Und dann ſanft lächelnd ſetzte er hinzu „Wie bleibt doch der Menſch ein Kind, hängt ſich an jeden 5 38 bunten Flitter und lacht und weint um jeden Schaum.—— Aber ich will mir d'rum nicht böſe ſein, auch in den Klang des Nachtigallenſchlages und in den Duft der Lindenblüthe hat der Herr etwas von ſeiner Schönheit und ſeiner Güte geleget. Die ganze Erde iſt ſein, und alle Kreatur dienet ihm und harret ſein mit Seufzen.“ 1 Die Ellis und der Heinrich ſtanden verwirrt neben ſei⸗ nem Bette. Das arme Mädchen hat manche Nacht nicht mehr geſchlafen; heimlich wachte ſie gewöhnlich im Neben— zimmer, da er ihr verboten hatte, über elf Uhr aufzubleiben; und ſeine Krankheit dauerte ſchon ſeit Anfang Februar; und jetzt war es Mitte des März. Den Tag über löſte Heinrich ſie wohl am Bette des Kranken hie und da eine Stunde ab, aber es ließ ihr keine Ruhe, bis ſie wieder bei dem Vater war. 4 Heut' iſt er ſchwächer und matter, aber auch ruhiger als je. Das milde, ſelige Lächeln weicht nicht von ſeinen Lippen; er faltet die Hände wieder und murmelt ein ſtilles Gebet vor ſich hin. Ellis und Heinrich falten die Hände auch. Und dann ſagte er leiſe, aber klar und beſtimmt nach alter Art: „Kinder, der Herr kommt zu mir; ich ſage Euch mein letztes Wort. Du, Ellis, meine Tochter, mein liebes, liebes Kind“— und ſie lag ſchluchzend vor ſeinem Bette und drückte ihren Kopf und ihre Arme an ihn; auch Heinrich weinte heftig—„Du wirſt heut' eine Waiſe werden. Hein⸗ rich, ich erinnere Dich an das Wort, das Du mir im vo⸗ rigen Jahre gegeben haſt.“ —„Ich will es getreulich halten, Herr Prediger.“— —„So übergebe ich Dir mein Kind; es iſt ein großes Kleinod um ein treues, frommes Weib;— der Segen Got⸗ tes, des allmächtigen Vaters und des gekreuzigten Heilandes = Klang enblüthe ar Güte t dienet ben ſei⸗ ͤt nicht Meben⸗ lleiben; r; und Heinrich nde ab, 1 Vatel ruhiger ſeinen ſtilles Hände nt nach S mein liebes te und Heimich Hein⸗ im vo⸗ 7— gooßts n Got⸗ jlandes 39 wird bei Euch ſein alle Tage, wenn Ihr in rechter Liebe zu ihm zuſammenhaltet.— Ich hätte Euch gern in Euer Haus geführt und gern Euch durch meinen prieſterlichen Segen ver⸗ bunden.—— Heinrich, Du wirſt bleiben, bis ich begraben vin;— mie nieder, mein Sohn— dann gehſt Du nach Berlin zurück, Michaelis wirſt Du dann wieder eintreffen und magſt dann dreiſt Dich niederlaſſen als ehrlicher Meiſter, Alles, wie ich Dir geſtern geſagt habe.— Womit der Herr mich leiblich geſegnet hat, das laſſe ich der Ellis nach. Sie wird Dir damit helfen und mehr als damit, mit ihrem Gebete.“ Nun ließ er die Ellis die Bibel und den Thomas von Kempen bringen. Sie las ihm zuerſt das Hauptſtück„von der Zerknirſchung des Herzens“ vor, daß gleichſam auch ſie und Heinrich und Heinrichs Eltern, die eben eintraten, in dieſer Todesſtunde eine Erbauung fänden, und die eine Stelle ſprach er leiſe ihr nach, wo es heißt: „Es iſt zu verwundern, wie ein Menſch je in dieſem Leben recht froh werden kann, wenn er bedenkt, daß er hier nicht zu Hauſe iſt, ſondern außer ſeiner Heimath um⸗ herirrt.... Dann aber griff er ſelbſt zu der alten Bibel und ſchlug den erſten Brief an die Corinther auf, jenes goldene funfzehnte Capitel und las es leiſe für ſich. Er las lange und ſchien ſich noch einmal in manchen tiefen Satz und Vers verſenken zu wollen. Aber von Zeit zu Zeit las er eine Stelle lauter und alle verſtanden ihn deutlich, wie er ſprach: —„Eine andere Herrlichkeit haben die himmliſchen Kör⸗ per.—— Es wird geſäet verweslich, und wird auferſtehen unverweslich,—— es wird geſäet in Unehre und wird auf⸗ erſtehen in Herrlichkeit.—— Denn dies Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche und dies Sterbliche muß anziehen 40 die Unſterblichkeit.—— Dann wird erfüllt werden dies Wort: Der Tod iſt verſchlungen in den Sieg. Tod, wo iſt dein Stachel, Hölle, wo iſt dein Sieg?—— Gott aber ſei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unſern Herrn Jeſum Chriſtum.“.. Er war ſehr matt, aber er lächelte unbeſchreiblich ſüß und mild, reichte den Eltern Heinrichs die Hand und drückte ſie dann der knienden Ellis und ihrem Bräutigam aufs Haupt und ſagte:„Nun, Vater und Mutter, gebt Euern Kindern auch den Segen.“ Und der alte Bauer und die alte Bäuerin falteten ſchluchzend die Hände über die beiden jungen Köpfe und die Bäuerin ſagte:„Ich will ſie halten wie meine eigene Tochter immerdar, und der Herr ſegne ſie und meinen Heinrich.“ Ihr Mann nickte dazu und der alte Herr ſagte dumpf:„Das walte Gott, der Vater, Gott der Sohn und Gott der heilige Geiſt.“ Alle ſahen beſorgt ihm in's Geſicht. Er blickte ſie alle freundlich noch einmal an, aber ſein Auge hatte einen ſelt⸗ ſamen Glanz. .„Ich komme.... Mein Engel ſteht an meinen Füßen und breitet die Arme gegen mich aus.... Aber dort ſteht auch der Engel meiner Ellis; der Herr ſei gelobt, der Name des Herrn.... So murmelte er leiſer und leiſer. Sie horchten geſpannt auf.— Ein langer, leichter Athemzug.— Er iſt todt.— en dies wo iſt tt aber Herrn lich ſüß drückte Haupt dindern alteten ind die Tochter 1 Ihr Das „Das heilige ſe alle ſelt⸗ meinenn r dort t, der iſer. leichte VIII. Moderne Künſtler. Sos iſt im April des tollen Jahres 1848. Heinrich iſt wieder in Berlin, während Ellis, die er jetzt auch vor den Menſchen ſeine Braut nennt, daheim bei ſeinen Eltern wohnt. Das alte Pfarrhaus ruht in tiefer Stille, alle Thüren verſchloſſen, und wer durch ſeine hohen Fenſtern ſchaut, findet leere ſtille Stuben. Auf den Straßen Berlins, deren hie und da friſch ge legtes Pflaſter noch von den düſtern Tagen des vorigen Mo⸗ nats redet, herrſcht das bunte und freche Leben, das ein geiſtreicher Abgeordneter der Linken ſpäter das„Schaumſpritzen der Wogen der Freiheit“ nannte. Der junge Pole, Joſeph, hat Berlin verlaſſen. Er ging nach Poſen, denn„ſeine Zeit und die Freiheit ſeines Vaterlandes wäre gekommen“, ſagte er beim Scheiden zu Heinrich. Der junge Zimmermann hatte in den Märztagen Berlin nicht geſehen. Als die Kugeln der Kanonen an die Barricaden 2. ſchlugen, ſtand er am Grabe ſeines väterlichen Freundes und horchte auf das dumpfe Gedröhn, mit dem die Erdſchollen auf den ſchwarzen Sarg in der Tiefe fielen. Es war ihm, als er wieder in Berlin ankam, unmöglich, ſich mitten in dem Lärmen, in dem Gewirr der Menſchen und der Mei⸗ nungen zu orientiren, und ſo fand er bald, nachdem der erſte Schmerz über den erlittenen Verluſt ſich in ihm gelegt hatte, einen Grund in ſich, die alten Freunde und ihre Verſamm⸗ lungen wieder aufzuſuchen. Wie erſtaunte er, als er zum erſten Mal unter ſie trat. Er hatte Handwerker verlaſſen und fand Staatsmänner wieder. Dieſer ſprach von Urwahlen, dieſer von den Paragraphen der franzöſiſchen Conſtitution, ein Dritter von dem Glücke Belgiens oder Englands, ein Vierter klagte die Fürſten alles des Jammers und des Elends an, das auf der Menſchheit laſte, und das alles floß in ein allgemeines Wirrſal zuſam⸗ men, daß den Zimmermann förmlich betäubte. So bald es ihm möglich, wohnte er einer Sitzung des „politiſchen Clubs“ bei, von dem ſeine Freunde als von dem rechten Lehrmeiſter in aller Freiheit zu ſprechen pflegten. Hier, meinte er, würde er Aufklärung finden. Er hörte hier Aehnliches, wie ſchon früher; aber nichts verſtand er oder mochte er verſtehen. Endlich trat ein junger Mann auf, er mochte ſein Alter haben. Er war, wie er ſelbſt im Eingange ſeiner Rede ſagte, ein Muſiker. Seine Rede begann, wie es in dieſen Clubs Sitte war, mit der Erzählung ſeiner perſönlichen Schickſale. Glücklich dort derjenige, der von irgend einem Zuſammenſtoß mit dem Reichthum, mit der Macht zu ſprechen wußte, von irgend einer Unterdrückung, die ihm widerfahren war,— ein langes, anhaltendes Bravo war ihm dann ſicher,„Ich habe Muſik undes hollen ihm, n in Mei⸗ erſte hatte, amm⸗ trat. anner aphen glücke alles cheit ſam⸗ g des dem Hiet, nichts unger ie er wat, iclich dem rgend nges Ruſſ 43 ſtudirt“— begann Wilhelm,—„ich kam hierher in dieſe große Stadt, um einen Lohn, eine Anerkennung zu haben. Ha! vor wieviel Thüren habe ich geſtanden, vor wieviel Be⸗ dienten mich gebückt! Und als ich nach langem vergeblichen Suchen endlich eine Stelle gefunden zu haben glaube, da fällt dem Herrn Intendanten ein, daß ich ja doch eigentlich von Niemand protegirt ſei. Niemand intereſſire ſich für mich. Niemand kenne mich. So jagt er mich mit einem höflichen und ſüßlichem Lächeln zur Thür hinaus. Da ſtand ich nun auf der Straße. Es war Decemberkälte.“ „Ich kam mir vor wie ein von Straßenräubern Angefalle⸗ ner und Ausgeplünderter. Da in meiner Verzweiflung, in meinem Zorn ſtreckte ich meine Hand aus gegen den Palaſt, gegen die hohen Fenſter, gegen die uniformirten Bedienten, gegen die ſeidenen Menſchen, und ich ſchwur bei mir, lieber mit meiner Geige aus einer Schenke in die andere zu laufen, den Arbeitern zum Tanze aufzuſpielen und die Pfennige ihres Verdienſtes mit ihnen zu theilen, als je wieder einen Schritt über ſolch' eine hohe Schwelle zu ſetzen, als je wieder mich vor einem der Herren zu bücken, als je wieder zu bitten und zu betteln.“ „So gehöre ich ganz dem Volke, ganz! Und das iſt mein Stolz, meine Ruhe und auch die Ruhe und der Frieden meiner Kunſt. Ich trage meine Melodieen in eure Feſte, ich erheitere eure Abende, und die traurigen Klänge meiner Violine ſollen eure Todten und eure Thränen begleiten. O die Muſik iſt das Wort, welches ein Bürgerrecht hat auf der ganzen Welt, und welches fürder nicht mehr dem ſatten Reichthum die Ohren kitzeln ſoll, um ſeinen Schlaf zu beſchleunigen und ſein Gewiſſen zu beſänftigen.“ „Die Freiheit iſt da. Ihr habt euch auf die eigenen Füße geſtellt, und hoch aufathmet zum erſten Male euer 44 Herz! Mögen die Staatsmänner für euere Gedanken und für eure Thaten freie Wege bahnen; erlaubt mir, daß ich mich an euer freies Herz wende und ihm ein neues Glück zeige: Die neue Religion, den Dienſt der Kunſt! Es genügt uns nicht, ſatt zu eſſen und weich zu ſchlafen; wir brauchen noch Anderes! eine ſanfte Rührung, eine reine Freude, eine wohlige Luſt, und gern neigt die Seele in ſtillen Stunden ſich oft zu fremder Trauer herab, um mit ihr zu fühlen. Die Muſik wird über Eure Seelen dieſe Gefühle bringen; nehmt ſie in Eure Tempel und macht ſie zu Eurer Freundin und Lehrerin!“ Die wenigen anweſenden Frauen waren entzückt von dieſer Anſprache, von der ſie denn doch noch mehr ver⸗ ſtanden, als von den vorhergegangenen politiſchen Reden, die Männer aber überkam es wie eine ſtille Sehnſucht nach dem unbekannten Paradieſe, das Wilhelm ihnen vorgemalt hatte, Alles drückte ihm die Hand und hier und dort erhielt er eine Einladung. Am meiſten aber war Heinrich bewegt: Dieſer junge Muſiker hatte in ihm wiederum die lockenden Erinne⸗ rungen an die Reden erregt, welche vor einem Jahre im Handwerkerverein gehalten waren und tiefe und ſtill fortar⸗ beitende Eindrücke in ihm zurückgelaſſen hatten. Es drängte ihn, dieſen Redner weiter zu hören, und bald hatte er ihn näher kennen gelernt. Im Laufe des Geſprächs, das ſich darauf zwiſchen Bei— den entſpann, bot Wilhelm, das war der Name des jungen Muſikers, Heinrich ein Billet für den Abend an, das ihm den Eintritt in eines der kleineren Theater Berlins eröffnete. —„Ich bin da bekannt“, ſagte er,„ich ſpiele dort im Orcheſter gewöhnlich die erſte Violine uud übe den Damen, die im Stücke etwas zu ſingen haben, auch die Noten ein.“ 45 Heinrich freute ſich wie ein Kind auf das Schauſpiel, er hatte nur einmal in ſeiner Jugend ein Marionettentheater geſehen, das ein alter Italiener durch ſein Heimathdorf trug, und deſſen roth angemalte Puppen ſehr geſchickt die Zunge auszuſtrecken verſtanden. An des neuen Freundes Seite verbrachte er den Abend in unaufhörlicher Bewunderung alles des Glanzes und des Lebens, das er da vor ſich ſahe, der hübſchen Frauen, die vor ihm ſpielten, der lächerlichen Scenen, die ſie aufführten, und dergleichen. „Das muß wohl eine ſehr vornehme Dame ſein, die mit dem grauſeidenen Kleide“, ſagte er gegen das Ende des Stücks zu ſeinem Bekannten, indem er auf eine der Schau ſpielerinnen zeigte, welche in den verſchiedenſten Stellungen die Aufmerkſamkeit des Publikums herausforderte. —„Ah, nichts weniger“, lachte der Muſikus,„ſie iſt eine ſehr freundliche und umgängliche Frau und abſonderlich, wenn man mit vollen Taſchen zu ihr kommt!“ —„Wie meinſt Du das?“ —„Bah! Wie ich das meine? Welche Frage!“ —„Nein im Ernſt, ich verſtehe Dich nicht!“ —„Nun gut! Doch zuerſt! Willſt Du von Deinen Thalern einige d'ran wagen um ſie kennen zu lernen?“ „Sie muß eine geiſtreiche und kunſtliebende Frau ſein“, efagte ſchüchtern Heinrich,„ich möchte ſchon mit ihr reden und von ihr hören. Freilich, was das Geld anbetrifft, ſo weißt Du, daß ich davon wenig habe; und von dem We⸗ nigen habe ich Dir ja ſchon einen Theil anvertraut. Aber ich verſtehe nicht, wie ich dazu Geld brauche, um ſie kennen zu lernen!“ —„Obh, ſolchen Damen macht man Geſchenke, wie man eben kann, um in ihre Geſellſchaft zu kommen!“ Der Verſucher ſtand dicht neben dem jungen Zimmermann, dem Schüler des todten Pfarrers vom Auguſtinerkloſter und neben dem Bräutigam der reinen und frommen Ellis, aber der gute Engel und das Bild der Braut ſtanden fern von ihm in Vergeſſenheit.... Und wenn es wahr war, was der junge Muſiker ſagte, und was er in ſeinem Vereine gehört und beklatſcht und in ſeinem Tagebuche vermerkt hatte, daß die Kunſt die neue Offenbarung, die neue Religion wäre, warum ſollten die Maler, die Dichter und warum nicht eben ſo gut die Schauſpieler und die Actricen ihre Prieſter ſein?. Wir treten in eine elegante Wohnung am Schiffbauer⸗ damm, dort an der Mündung einer neuen Stadt, welche ſich an die große Hauptſtadt ſchließt, jener Stadt mit ihrem ei⸗ genen Theater, dem Friedrich⸗Wilhelmſtädtiſchen, ihren Bahn⸗ höfen, dem Hamburger und Stettiner, ihren Hotels, ihren Linden, ihren mächtigen Fabriken und Maſchinen, ihren Salons dorés und ihren Arbeiterquartieren und mit ihren Neuberlinern. Wir glauben von ihr, daß ſie einſt die eigent⸗ liche City, das Quartier der Kaufleute, der commerciellen und induſtriellen Bewegung werden wird.—— Gefällige Möbel, wie ſie die feine, fühlende Hand des Berliner Kunſttiſchlers vielleicht in einer armen, alten Dach⸗ kammer bildete, der Beſtellung eines der großen Magazinbe⸗ ſitzer zu genügen, Sopha's mit rothem Sammet oder Plüſch, Chaiſes⸗Longues, glänzende, lackirte Tiſchchen; in der Mitte des Zimmers eine in antiker Form gebildete Säule aus Holz, aber durch ihren reichen, glatten Firniß mit der Weiße und Aderung des Marmors wetteifernd; auf ihr eine in rothem 47 Thon zierlich die Etruriſchen Formen nachahmende Schaale, aus welcher grüne Schlingpflanzen auf den hellen Grund der Säule herabfallen. Das iſt das Comfort dieſer Wohnung, welche dem Fräulein Adele**** gehört, der erſten Liebha⸗ berin des erwähnten Theaters. Unſere Vorfahren wären zufrieden geweſen, ihre Fürſten und Herren ſo logirt zu wiſſen, wie heut ſolch eine Dame wohnt. Aber früher ſollten auch dergleichen Dinge des Luxus ebenſo wahr ſein als glänzend, während heut der leichte, ge⸗ fallſüchtige Sinn der Zeit nur ſo gern das Auge durch thea⸗ traliſche Effecte und Verhüllungen täuſcht. Zudem gehört dies bunte, wenn auch geſchmackvolle Enſemble nicht dem Fräulein, ſondern irgend einem der großen Möbelhändler der Leipziger Straße, der dafür von ihr einen monatlichen Mieth⸗ zins bezieht. Die Dame vom Theater geht eben muſternd und prüfend durch die beiden Zimmer ihrer Wohnung, die ſie ihrem heu⸗ tigen Beſuche offen hält. Ihre Kleidung entſpricht dem Glanze und der Lüge ihres Ameublements. Sie iſt dem jungen Muſikus aus Gründen, die wir ſogleich kennen lernen werden, verpflichtet, und er wiederum iſt dem jungen Zimmer⸗ mann Dank ſchuldig für Etwas, das wir ſchon erwähnt haben.— Die Thüre öffnet ſich. Das Mädchen, zugleich eine Choriſtin des Theaters, meldet der jugendlichen Herrin den „Muſikdirector“ Wilhelm und den„Architecten“ Heinrich. Sie treten gleich darauf ein. Heinrich ſcheint jener Dame nicht mehr fern zu ſtehen, wie an jenem Abend, wo er ſie an der Seite ſeines Freun⸗ des Wilhelm zum erſten Male ſahe und jene Fragen an ihn richtete, für welche Wilhelm faſt keine Antwort als ein ſpöttiſches Lächeln gehabt hatte. 48 Auch ſeine Kleidung iſt eine ganz andere geworden. Er trägt einen Frack und eine leichte Cravatte; Wilhelm mag ihn zu einem jener Kleiderhändler geführt haben, wo man für wenige Thaler einen ganzen eleganten Anzug erſtehen kann. Freilich kann man in Berlin auch ſo Etwas miethen für einen Abend, für eine Woche... Solche Kleinigkeiten vollenden die Umriſſe eines bewegten und ruheloſen Lebens, wie es der Proletarier der Hauptſtadt — und dieſe Klaſſe gedeiht auch auf dem Parquet der Sa⸗ lons und in den höheren Regionen— führt. Es iſt der vollendete Gegenſatz zu jenem Leben der Vorfahren, die be⸗ ſtändig und ſolid, wie in Allem, ſo auch in dieſem Stücke, waren. Denn wer von uns trägt in ſeiner Erinnerung nicht noch das Bild eines erſten Jäckchens, das die Mutter ihm gab, und das in langer Wanderung von einem Großvaters⸗ rock oder gar von dem Mantel einer Urgroßmutter bis zu dieſer Geſtaltung gekommen war?—— Wir verlaſſen Heinrich auf dieſem ſchlüpfrigen Boden, in der Mitte einer bunten Reihe von Schauſpielerinnen und Clubhelden, die ſich allgemach in dem Salon, den wir eben ſchilderten, zuſammengefunden haben; und deren ungezwun⸗ gene Haltung auf ihn einen eigenthümlich belebenden Ein⸗ druck macht. Wir verlaſſen ihn, nachdem wir noch einen kurzen Blick auf den Muſikus und deſſen Verhältniß zu dem Fräulein Adele**** geworfen haben. Wilhelm iſt Thea⸗ terkritiker; er ſtattet einem Leipziger Journal, das in der Schauſpielerwelt in hohem Anſehen ſteht, und durch deſſen Empfehlung ſich die meiſten Engagements dieſer Art vermit⸗ teln, Berichte über das Inſtitut ab, bei welchem Adele thä⸗ tig iſt. Er mag man ehen ethen egten ſtadt Sa⸗ der be⸗ tücke, nicht ihm ters⸗ 3 3u den, und eben vun⸗ Ein⸗ einen dem hea⸗ der eſſen rmit⸗ thã⸗ 49 Sie iſt jung und ehrgeizig; ſie träumt von den Trium⸗ phen einer Rachel und einer Crelinger; die Erinnerungen ihrer Jugend friſchen ihr niemals das ernſte, mahnende Ant⸗ litz eines Vaters, die ſorglichen frommen Mienen einer treuen Mutter auf, und führen ſie niemals mahnend in die Stille des Gebetes: ſie iſt das Kind einer leichtfertigen Schauſpie— lerin, die ihr von ihrem Vater Nichts oder Schlechtes zu erzählen wußte.... Sie fühlte wenig Bedenken in ſich, ihre Ruhe, ihr inneres Glück für den Glanz ihrer Zukunft dahin zu geben. So nahm ſie ohne Ueberwindung die erreg⸗ ten Huldigungen des jungen Muſikdirectors an, weil ſie wußte, daß ſie unter dieſer Bedingung ſeine Feder und ſein Urtheil leiten konnte.. Der Muſikus aber hatte für Heinrich vorzüglich aus dem Grunde ein näheres Intereſſe, weil er bei ihm Geld fand. Heinrich hatte das Erbtheil ſeines Vaters und eine ähnlich große Summe, die der alte, ſelige Herr Prediger ihm hinterlaſſen hatte, bei ſich, um mit ihr ſeine Bedürfniſſe und ſeine Studien zu beſtreiten. Er hatte Wilhelm davon ſchon mehrfach einzelne Summen vorgeſchoſſen, und zweifelte keinen Augenblick an deſſen Geneigtheit, ihm das Geld bald und gern zurückzugeben.— Die Schlingen ziehen ſich enger und enger um den armen, bethörten, ſchwachen Heinrich zu⸗ ſammen,— und der Verſucher ſiegt.. —.— IX. Letzte Verſuche. SSie Revolution machte in Berlin weitere Fortſchritte, das Zeughaus war geſtürmt, die Singakademie wurde täglich von den freien Maſſen belagert, Miniſter beſchimpft, Depu⸗ tirte verhöhnt, die Plakate wurden immer frecher, der Linden⸗ elub zahlreicher, und die anſtändigen Leute verließen in immer größeren Schaaren dieſe unglückliche Stadt. Heinrich bekümmerte ſich um die Politik und um die Clubs nicht viel. Er hatte niemals an dieſen Debatten Geſchmack finden können, die ſich über die Zuſtände der ganzen Welt verbreiteten, ohne der nächſten Bedürfniſſe zu gedenken. Es widerſtrebte ſeiner immerhin ordnenden und verbindenden Na⸗ tur, ſo planlos in das Weite zu ſchweifen; und wenn er irgend einen Gegenſtand betrachtete und überdachte, ſo that er dies nur in Rückſicht auf ſich und auf ein beſtimmtes Bedürfniß ſeines Weſens. Er hatte ſein früheres Quartier verlaſſen und war in die Nähe des Schiffbauerdammes gezog täglie dacht Auss er de eme iſt i ſchritte taglich Depn⸗ Linden⸗ immer Elubs lumtes zuartie ammes 51 gezogen, um der Schauſpielerin näher zu ſein, welche er täglich ſahe. Sein Studium war ihm fremd geworden, er dachte nur an dieſe Frau. Schon ging ſein kleines Vermögen zur Neige: die vielen Ausgaben, die er jetzt für ſeine Toilette, für Geſchenke, welche er der Actrice brachte, machen mußte, erſchöpften es gänzlich. Es trat bei ihm ein Augenblick des Beſinnens ein. „— Mein Vermögen iſt zu Ende“, ſagte er bei ſich, „meine Studien ſind vernachläſſigt, das Examen zu machen iſt mir unmöglich, was bleibt mir übrig?“ Er dachte an ſeine Eltern und dann an Ellis. Er wollte verzweifeln. „Bin ich ihr nicht verlobt“, ſprach er,„habe ich nicht in die Hände eines Sterbenden gelobt, ihr treu zu bleiben, von ihr nimmer und niemals zu laſſen?— und bin ich ihr treu geblieben?—— Ich habe die Brücke abgebrochen, ich kann zu ihr nicht wieder zurück.“— In dieſen Tagen, wo das Gedächtniß eines früheren Glücks und früherer, längſt entſchwundener Zeiten immer lebhafter in ihm wurde, wo das plötzlich in furchtbarer Ge⸗ walt erwachte Gewiſſen ihn immer raſtloſer ängſtigte, erhielt er zugleich einen Brief von Ellis. Es war ihm, als verei⸗ nigte eine unſichtbare Hand alle möglichen guten Geiſter, um ſie gerade in dieſer Zeit zu ſeiner Rettung herbeizuführen. Wir theilen eine Stelle dieſes Briefes mit: ——„Vor acht Tagen iſt Karl D****, der mit Dir das Handwerk gelernt hat, aus Berlin hier zum Be⸗ ſuch bei ſeinen Eltern zurückgekommen. Er ſpricht ſchlecht, ſehr ſchlecht von Dir. Oft wäre er in Deiner Wohnung geweſen, um Dich zu beſuchen. Niemals hätte er Dich getroffen, ob er gleich Morgens ganz früh, Mittags, Abends von Neuem Verſuche gemacht hätte, Dich zu ſehen. 4* 52 Er hätte ſich aber über das ſchöne, prächtige Haus ſehr gewundert, in welchem Du gewohnt hätteſt. Da wäre er eines Nachmittags wieder zu Dir gegangen, den Schiff⸗ bauerdamm herab, wo ja Deine Wohnung liegt, da wäreſt Du aus einem andern Hauſe herausgetreten, und hätteſt eine junge, ſchöne Dame am Arm gehabt. Ihr wäret in einen Wagen geſtiegen, der offen war, ſo daß Karl D**** euch ganz gut hätte ſehen können. Er hätte Dich auch angerufen und gegrüßt, da wäreſt Du aber roth geworden und hätteſt Dich weggewandt. Er wußte nicht genug von Deinen ſchönen Kleidern zu erzählen. Und das hätten ihm auch mehrere geſagt, daß Du viel mit den wilden Demo⸗ kraten umgingeſt: man ſähe Dich alle Tage mit ihnen, und Du wäreſt ſelbſt ein Rebeller und ein Feind unſers Königs.— Ach, es wird mir ſo ſchwer, ſo ſchwer, das Alles zu ſchreiben; aber, als Karl Drxr dies erzählte und viele bittere Worte gegen Dich hinzuſetzte, da ſagte ich ihm gleich, das Alles würde ich Dich wieder wiſſen laſſen, er möchte dann ſehen, ob er es auch verantworten könnte. Aber er verſchwor ſich, daß er die Wahrheit ge⸗ redet hätte.— O Gott, was ſoll ich Dir weiter ſchreiben, ehe Du mir hierauf geantwortet haſt! Ich kann ja aber doch nichts von allem dieſen glauben, nein, nein, ich kann nicht. Wie habe ich für Dich gebetet, jeden Abend und jeden Morgen und oft mitten in meiner täglichen Arbeit; und ſollte unſeres ſeligen Vaters Segen, der auch auf Deinem Haupte ruhet, keine Macht vor Gott und vor den Menſchen haben? Ich bitte Dich in Kummer und Noth, ſchreibe, ſchreibe mir bald!“ Er ſtarrte Stunden lang dieſen verzweifelten Brief an, deſſen Handſchrift mit rechter Abſicht diesmal ſo ſchön, zier⸗ lich und ſorgſam geworden zu ſein ſchien, um die zitternde ſehr are er Schiff⸗ wäreſt hätteſt ret in 4**△* auch vorden von⸗ ihm Demo⸗ ihnen, unſers das zählte ſagte viſſen orten it ge⸗ eiben, aber kann und kbeit; auf den ſoth, f an, zier⸗ ernde 53 Hand und das thränende Auge und die Seufzer und Schmer⸗ zen der Schreiberin zu verbergen.... In halber Selbſt vergeſſenheit faltete er endlich die Hände, aber er wollte und konnte nicht beten. Er hatte bisher noch immer die äußere Ordnung ſeines Verhältniſſes mit Ellis bewahrt, indem er ihr in gewiſſen, regelmäßigen Pauſen Briefe zuſandte, in denen er die Ange⸗ legenheiten, welche eigentlich ſein Herz hätten beſchäftigen ſollen, leicht überging, um von Berlin, von der Aufgeregt⸗ heit der Einwohner und dergleichen zu ſchreiben. Aber konnte er dieſen Brief auch wieder in der alten, heuchleriſchen und leichten Weiſe beantworten? s war ihm einen Augenblick hindurch, als ſollte er ſeinen Eltern und der Ellis offen Alles geſtehen, was mit ihm vorgegangen wäre, Berlin verlaſſen, zu ihnen eilen, ihre Verzeihung erbitten und dann ernſtlich ſich bemühen, ganz anders und beſſer zu werden; aber das war ein Augenblick.—— Denn mitten aus ſeinem ſtillen Nachdenken wurde er durch ein Klopfen an der Thür aufgeſchreckt. Ein junger Mann trat ein, kaum größer als ein Knabe, elegant, aber in auffallenderen Farben gekleidet, als ſonſt Männer ſie für ihren Anzug zu wählen pflegen. Heinrich ſtand dem jungen Mann einen Augenblick ſchwei gend gegenüber. Sein Auge war verweint, ſein Geſicht ernſt, und ſeine männliche Schönheit, welche immer ein ſo mächti⸗ ger Empfehlungsbrief für ihn geweſen war, trat unter dieſen wehmüthigen, matten Zügen, noch ſchärfer hervor. Sein Auge ſuchte in dieſer Geſtalt, welche er noch niemals geſehen zu haben glaubte, nach einem gewiſſen Bekannten, der ihm deutlich in der Erinnerung vorſchwebte; plötzlich rief er: —„Ach, Adele, Du?“ Da warf der Unbekannte, toll lachend, den Hut 54 er bisher zwiſchen den Fingern gedreht hatte, auf das Sopha herüber, und lief auf ihn zu.—— Es war die Schauſpielerin, welche wir kennen. Voll Launen und ausſchweifender Einfälle, hatte es ihr heut ge⸗ fallen, einmal in einem Coſtüm, deſſen ſie ſich ſchon in einem franzöſiſchen Luſtſpiel bedient hatte, auszugehen. Das war ja in den Tagen des Sommers und des Herbſtes 1848 kein erſter Verſuch, war es doch bekannt, daß es unter die Grund⸗ ſätze einer gewiſſen von Frauen geſchloſſenen Verbindung gehörte, auch dieſe Kleider zu tragen, iſt doch ein junges Weib des Frauenclubs damals vor dem Polizeipräſidium ar⸗ retirt worden, weil man ſie dort auf dem Platze in männ⸗ licher Tracht und im Beſitz eines Gewehrs und Säbels fand, welcher, wenn ich nicht irre, aus dem Zeughauſe entwendet war. Dergleichen Umgeſtaltungen ſcheinen eine ſtehende Figur der Revolution zu ſein; die erſte franzöſiſche hat ſich aber— wenigſtens in ihrem Beginne— begnügt, Männer in Frauenkleider zu ſtecken, um ſie ſo nach Verſailles zu ſen⸗ den und das Klagegeſchrei hungernder Mütter ſo treu, als es wüſte Baßſtimmen erlauben, vor den Ohren eines erſchrocke⸗ nen Königs nachzuahmen.... Adele bemerkte bald, daß die Stimmung des„Architec⸗ ten“ von gewiſſen bedrückenden Einflüſſen nicht frei wäre. Aber ſie war klug und verſchmitzt genug, ihn nach dem Grunde dieſes Ernſtes und dieſer Niedergeſchlagenheit nicht zu fragen, ſondern es zu verſuchen, ihn durch eine deſto munterere Laune ihrer Unterhaltung zu zerſtreuen. —„ Man tiitt jetzt noch einmal ſo feſt auf das Pfla⸗ ſter von Berlin“ ſagte ſie.„Man weiß, daß man auch etwas iſt und etwas für die Menſchen bedeutet. Was wollte ſolch eine Theaterprinzeſſin, wie ich, früher? Man mußte betteln, ſchmeicheln, gehorchen!— Heut, ah, da gehört Sopha Voll ut ge⸗ einem ss war 8 kein Hrund⸗ indung lunges im ai⸗ männ⸗ fand, wendet Figur er er in u ſen⸗ , als hrocke chitee⸗ wäre. zrunde ragen, Laune auch wollte mußte gehöut das Corps der Schauſpieler zu den Staatsagenten, zu den politiſchen Sommitäten, zu— ah, was weiß ich noch. Das Polizeipräſidium und ein hohes Miniſterium der innern Angelegenheiten muß heute vor meiner kleinen Kehle zittern. Ich kann es ernſthafteſt beunruhigen, wenn ich ein demokra⸗ tiſches Couplet ſinge, oder eine politiſche Phraſe in das Pu— blikum hineinwerfe.“ Und dabei fing ſie an, die bekannte Arie aus dem Beliſario vor ſich hin zu trällern: Zittere By⸗ zantium...“ „Man wird uns“— fuhr ſie dann fort—„unter die höhere Polizei aufnehmen müſſen, unter die Beruhigungspoli⸗ zei, man wird ein eigenes Miniſterium aus uns bilden müſſen, das Miniſterium der öffentlichen Beſchwichtigung, wie weiland Napoleon der Große that—— Ha! Ha!“ Und dann trat ſie plötzlich auf Heinrich zu, und, ihn anſehend, als ob ihr plötzlich ein Gedanke gekommen wäre, ſagte ſie: „— Du ſollteſt auch zum Theater gehen, Heinrich.— Ah, wie konnte ich Dir das nicht eher ſagen, Du mußt auch zum Theater gehen!“ „— Aber als was?“ fragte Heinrich. „— Als Maler, als Architect. Wir brauchen auch die bildende Kunſt.—— Ich ſchaffe Dir noch in dieſer Woche ein Engagement, bei unſerer Bühne. Ich kenne deine ge— wandte Hand, Du zeichneſt, Du malſt allerliebſt.“ Heinrich athmete hoch auf, und mit zitternder, halb erſtickter Stimme rief er:„Ich folge Dir!“ 1 X. Eine Verlaſſene und ein Grab. — W. wenden uns von Berlin hinweg, von den tollen Gebilden revolutionären Lebens und von den dunkeln, geneigten Bahnen, auf denen die Menſchen unſerer Geſchichte dem Ab⸗ grunde entgegegeneilen. Wir gehen wieder hinaus in den grünen Frieden des Dorfes, vorüber an den weiten Feldern, von denen ſie eben den Segen der Ernte heimführen, vorüber an den hohen Buchen im Kloſtergarten, welche ihre breiten, vielgetheilten Aeſte ſegnend und kühlend über den Pfarrhof ſtrecken und nur hier und da eine heißen Sonnenſtrahl herab⸗ gleiten laſſen. Das Pfarrhaus liegt noch verſchloſſen und einſam da. Aber das Mauerpförtchen, das vom Kirchhofe her in den Hof führt, iſt heute nur angelehnt, und der große alte, ſchnörklige Schlüſſel ſteckt drin. Wir öffnen es leiſe und treten in den uns bekannten Gang. Da ſitzt ſie wieder, wie ehedem, die blonde, ſanfte Ellis, den Kopf in die Hände ge⸗ legt, ganz verſunken in ſich. Eintönig, rauſcht der helle tollen eigten n Ab⸗ n deu eldern, orüber reiten, arthof herab⸗ 1 und thef gioße und wit de ge⸗ helle 57 Waſſerſtrahl der Quelle, welche hinter den großen Kloſter⸗ fenſtern zwiſchen Waldmeiſterlein und Kreſſe entſpringt, durch das geſchnitzte Löwenmaul in das ſteinerne, alte Becken herab. Alles ſonſt ganz ſtill. Und wie Ellis einmal das Haupt aufrichtet, da ſehen wir ein ganz anderes Geſicht, als das friſche lebendige, bekannte. Wie liegen ihre Augen ſo tief, wie ſind ſie roth und verweint, wie iſt ſie ſo blaß und mager gewor⸗ Heut Morgen hat ihr der Landpoſtbote einen Brief von Heinrich gebracht. Sie hat ihn haſtig an ſich genommen und dann die Bäuerin um Erlaubniß gebeten, hierher gehen zu dürfen. Man kann ihr dort nichts abſchlagen, wie ungern man auch jetzt, in der Erntezeit, ſie vermißt. Man hält ſie für etwas Höheres und Beſſeres, und Bauer und Bäuerin lie⸗ ben ſie mehr als ihr eigenes Kind. So iſt ſie denn hierher geeilt aus der heißen Helle des Tages in das grüne Halb⸗ dunkel des kühlen Pfarrhofes, hat eine lange, lange Weile durch die Fenſter in das Innere des Vaterhauſes geſchaut und geſchluchzt und gezittert. Dann ging ſie zu dem Bänkchen und las den Brief. Das Auge der Liebe ſieht ſcharf. Hatte Heinrich auch verſucht, alle ihre Befürchtungen Lügen zu ſtrafen, hatte er ſie auch gebeten, keinem Fremden und nur ihm zu glau⸗ ben—— ſie fühlte doch, daß er ihr nicht gerade in's Geſicht ſehen könnte, daß er verlegen wäre, und es nicht wagte, geradezu und kräftig die Schilderungen zu wiederle⸗ gen, welche man ihr von ſeinem Leben in Berlin gemacht hatte.— Sie ahnte Alles, ja ſie wußte Alles. Und da ſaß ſie nun, ſtarr vor ſich hinſehend, die Hände 8 58 ringend, dann ſie wieder eng an einander drückend, wie es ſcheint, in heißem Gebet. Wie iſt ſie ſo unglücklich!——— Ach, es kommen auch im Leben des Mannes Stunden vor, wo gleichſam das Band durchgeriſſen erſcheint, das ihn an die Menſchen, an die Welt knüpfte, wo er ſich ſo einſam, ſo verlaſſen vorkommt, daß er verzweifeln muß, wenn er nicht eine Stütze, einen Zufluchtsort ſich noch erhalten weiß, den ihm kein Sturm, kein Unwetter, kein Unglück rau⸗ ben kann. Dieſe Stunden hat das Leben faſt jedes jungen Mannes, der zum erſten Male in die Welt tritt, ſein Glück und ſeinen Stern zu verſuchen; und gar Mancher, der ſo mit ſeiner Kraft vor dies unermeßliche Ganze des öffentlichen Lebens trat, vor dies Coloß ſeiner Welt und ſeiner Zeit, iſt in der Verzweiflung ſolcher Stunden zuſammen gebrochen. Aber die Männer ſind eben ſeſter und ſolider innerlich gebaut; ſie hal⸗ ten mehr aus, und ſie halten ſich auch feſter an das erſte Beſte, was ihnen vors Auge kommt. Aber die Frau!—— Wie oft zwingt nicht die heutige, verſchobene Lage der geſell ſchaftlichen Verhältniſſe ſolch' ein ſtilles, zartes, zitterndes We⸗ ſen, allein aus dem väterlichen Hauſe in den Sturm der Welt hinauszutreten, ihr Glück zu verſuchen und zu ſuchen, oft auch ihr Unglück, Leiden, Noth, Thränen und Untergang. Da ſteht ſie nun mit den niedergeſchlagenen Augen, mit den ver⸗ ſchlungenen Händen: Alles treibt gleichgültig an ihr vorüber, und Einer oder der Andere, der ſie vielleicht fragend einen Angenblick anſahe und ſich von einem ihm unerklärbaren Mit⸗ leid ergriffen fühlte, geht dann auch zögernden Fußes weiter, weil er auch nicht weiß, wie dem ſchweigenden Kummer anzu⸗ kommen und wie ihm zu helfen ſei! Wenn ſie dann nicht nach Oben blicken könnten!... die es unden ihn nſam, wenn alten rau⸗ unes, ſeinen ſeiner ebens n der r die hal⸗ erſte tüber/ einen Mit⸗ eiter, anzu⸗ 59 Ellis iſt auch ſolch ein ganz einſames, verlaſſenes Kind. Sie hat kein Herz, dem ſie ſich mitheilen kann; die alten Bauersleute ahnen nichts von ihrer Noth, ſie dürfen es auch nicht: die alte Bäuerin findet ſogar kein Ende in ihren Erzählungen von Heinrichs Güte und ſeiner ſchönen, ſichern Zukunft. Er iſt mit einem Gehalte, das in einem Dorfe un⸗ erhört iſt, bei einem Theater als Baumeiſter und Maler an⸗ geſtellt, wie er ihr neulich ſchrieb; er wird da, wie ſie meint, viel Geld ſparen und dann zurückkehren, heirathen und Mei⸗ ſter werden und ſein Glück dazu benutzen, um den. Abend ſei⸗ ner Eltern zu verſchönen. Freilich, ſie ahnt nicht, daß er ſie theilweiſe belügt, und daß die Stellen ſeiner Mittheilungen, über welche ſie ſich ſo ſehr erfreut, gerade ihrer Ellis die Thränen in die Augen treiben. Denn dieſe eine Nachricht, er ſei Maler am Theater geworden, beſtätigen ſeiner Braut alle Gerüchte, welche man über ſein Leben in Berlin verbreitet. —„Ach, wenn ich nur einen Menſchen wüßte, nur ei⸗ nen, dem ich vertrauen dürfte“, ſeuzte Ellis.— —„ und dies ſtille Plätzchen werden ſie mir auch näch⸗ ſtens nehmen.“— Ein neuer Paſtor war im Anzuge. Und da kniete ſie vor dem ſteinernen Bänkchen nieder und lag da lange, lange Zeit. In Worten und klaren Ge⸗ danken hat ſie ſchwerlich gebetet, aber man braucht auch dabei nicht zu reden, wie mit einem Menſchen. Dann ſetzte ſie ſich wieder auf ihr altes Lieblingsplätz⸗ chen, auf das eben ein reicher, breiter Sonnenblick herabkam und ſtützte den Kopf wieder in die Hände. Sie dachte des alten Pfarrherrn, ſie ſahe ihn wieder mit ſeinem hellen, ſchönen Auge, ſeiner hohen Stirne und den breiten Schlä⸗ fen, von denen das weiße, volle Haar zurückgeſtrichen war. Es war ihr, als lebte er noch, und ſtände bei ihr, und 60 tröſtete ſie, und ſo trat ſie leichter und ruhiger aus dem Pförtchen heraus, nahm den alten Schlüſſel an ſich, und ging über den Kirchhof hin an ſein Grab. Man erkannte es gleich. Es lag dicht an der äußeren Mauer des Pfarr⸗ hauſes; der Gedenkſtein ſtand aufrecht an ihr, und ein Halb⸗ kreis von Linden, welche des Todten Hand noch für die eigene Grabſtätte geflanzt hatte, umgab den Hügel, welcher mit den ſchönſten Blumen geſchmückt war. Da ſtand ſie wie⸗ der ſtill. An ihre Seele trat das Bild des ſeligen Herrn mit neuer Gewalt, und ihre Erinnerung führte ihn ihr wieder zurück, wie er einſt an einem Abend, da ſie krank war, vor ihr Bette gekommen war, mit ihr die Andacht zu halten, und ihr geſagt hatte:„Weißt du Ellis, was es heißt:„„Und ſie erhöheten ihn an's Kreuz?““ Ja, ſie haben ihn erhöhet. Je mehr ſie ihn geißelten, ſchlu⸗ gen und ſchmäheten, je mehr erhöheten ſie ihn. Aller Schmerz, alles Leiden, alles Unglück erhöht. Es macht das Herz freier, größer, ſtolzer; darum ſehen auch die Menſchen, welche viel geweint und viel gerungen haben, ſo erhaben aus, ſo verklärt. Das Unglück iſt des Herrn Hand. Wo er ſie hineinſtreckt in dein Leben, da greife zu, greife zu. Sie wird dich mit ſich hinaufziehen.— Und wenn die böſen Menſchen dann kommen mit ihrem all⸗ täglichen Neid, mit ihrem kleinen Eifer und Haß, und wüthend über dich herfallen, um dir zu ſchaden, um dich zu verderben, wie wirſt du da lächelnd und ſtill ihnen entgegenſehen, und ihnen danken, wenn ſie meinen, du würdeſt beginnen, ihnen zu fluchen. Denn du weißt ja dann, daß der Herr ſie ſendet, dich zu erhöhen.“—— So hatte er zu ihr geſprochen an ihrem Krankenbette, und das Wort:„„und ſie erhöheten ihn““ immer noch 3 dem und kannte Pfarr⸗ Halb⸗ ir die welcher wie⸗ mit vieder war, ht zu as es Ja, ſchlu⸗ Aller nacht die aben, Herr e zu, Und all⸗ und dich ihnen du t ja bette⸗ noch 61 leiſe wiederh 1 . holt, während. ihr Kopfki dährend er ihr die Mediei 2 ren diſe noch einmal lüftete war kehien ad 7—. 2 wi ihm den Dſepenhen ſie zum Küſter Ke eneds di ſie heim wie er zurück zu geb ging, um ihn.“— burch die Felder ging: 4 un 8 Vihend 293 erhöheten XI. UItima ratio. 2 er Winter kam. Durch die Straßen Berlins raſ⸗ ſeln die Kanonen, marſchiren die Regimenter. Um das Schau⸗ ſpielhaus eine förmliche Schlachtordnung. Die Helmſpitzen blitzen, die Bayonnette ſtarren wie ein Wald. Vorn vor den Reihen halten die Führer, ein glänzender Kreis. Auf der andern Seite die Bürgerwehr. Hier die grüne Blouſe, die kurze Büchſe, der blanke Hirſchfänger und der ingrimmige Blick des Mannes vom Handwerkerverein, dort der ehrſame, lange Palletot, das ſchwere Grenadiergewehr und die bäng⸗ liche und verzagte Miene des Bürgers von Berlin. Ein Paar angefangener Hoſen liegen vielleicht auf ſeinem Schnei⸗ dertiſchchen daheim und warten ſehnſüchtig der Vollendung; ſeine Lehrjungen, denen er Fleiß anempfahl, bummeln eben, Cigarren rauchend und lärmend, an ihm vorüber, ohne daß er ihnen ſeinen Zorn bemerklich machen darf. Und noch dazu läßt General von Wrangel eben laden, ſcharf laden; und 5 raſ⸗ Schau⸗ iſpitzen n vol Auf glouſe, mmige rſame, bäng⸗ Ein chnei⸗ dung; eben⸗ ne daß h dazul . nd 5b der Schnurrbart des alten Soldaten zuckt dabei ſo eigen auf und nieder. Die Stunde der Entſcheidung naht mit Rieſen⸗ ſchritten, und in den Reihen der Bürger läßt ſich ein ſchweres Unwohlſein nicht länger unterdrücken. Dazu laufen Gerüchte von tollen Planen, welche ſoeben in den geheimen Clubs de⸗ battirt werden, von Einem zum Andern. „Man will die Stadt in Brand ſtecken,“ ſagt der Schnei⸗ der zu ſeinem Nachbar, dem Geheimen Finanzrath. „Das Schloß ſoll ſchon brennen,“ ruft ein Dritter, und Alles guckt ängſtlich nach jener Gegend hin, um Rauch und Flammen zu erblicken. Und Alles vereinigt ſich dann von Zeit zu Zeit in den ewigen Refrain:„Das nimmt kein gutes Ende!“ Die Clubs ſind wirklich in Permanenz, und viele Ge⸗ ſtalten, welche ſonſt dort ſelten oder nie zu verkehren pflegten, ſind heut' dort zu erblicken. Ein Centralbüreau der Revolu⸗ tion tagt nicht fern vom Dönhofsplatz, alſo in der Mitte der Stadt, in einem nach dem Hofe zu gelegenen Keller. Die Fenſter ſind mit großen Brettern verſtellt. Auf zwei Tonnen hat man ebenfalls Bretter gelegt und eine Reihe Lichter dar⸗ auf geſetzt. Es iſt dumpfig und kalt, und eine große Flaſche mit Branntwein, welche von Zeit zu Zeit wieder aus einem Faſſe gefüllt wird, geht von Mund zu Mund. An dem erleuch⸗ teten Tiſche lehnt ein großer, ſtarker Mann mit einem langen ſchwarzen Barte. Sein Geſicht iſt nicht unedel, ſeine Hal⸗ tung verräth den Mann von Welt und Erfahrung. Seinen Leib umſchlingt eine breite, rothe Binde. —„Wrangel iſt mit ſeinen Soldaten in die Stadt ge⸗ rückt,“ beginnt er zu ſprechen,„er wird die Nationalverſamm⸗ lung zu Paaren treiben, er wird es mit dem größten Theile der Bürgerwehr ebenſo machen, ohne daß ſie ihm Widerſtand leiſtet.“—— 64 „— Oh! Oh!l ich verbitte mir dergleichen,“ ruft da ein Anderer,„die Bürgerwehr wird ihre Schuldigkeit thun und die Freiheit des Volks ſchützen.“ „— Ah! Bah!— Freiheit des Volks,“ antwortet der Erſte.„Die Bürgerwehr beſteht größtentheils aus Capitaliſten, Rentiers, Philiſtern, Geheimen Räthen, welche mit innerem Jubel die Bayonnette und Kanonen erblicken. Wir dürfen nur vom Volke etwas hoffen, das am achtzehnten März ge⸗ kämpft hat, und von der Jugend und von einigen Clubs. Noch im Laufe des Tages wird ſich die ſogenannte demokra⸗ tiſche Partei von Berlin in zwei Theile theilen müſſen, in die entſchiedene und in die heuchleriſche. Aber dann, wenn die Trennung eine Thatſache iſt, werden wir Demokraten ſtark ſein. Das iſt die Meinung des Clubs, der mich hierher ge⸗ ſandt hat.“ So ſprach die muskulöſe, wilde Geſtalt mit dem ſchwar⸗ zen zuckenden Auge, mit dem gelbbleichen, ſchmalen, italieni⸗ ſchen Antlitz. Ein wirrer Lärmen erhob ſich gegen ihn.„Er will uns entzweien““—„er will das Unmögliche;“—„er hat Recht;“— ſo ſchrien ſie durcheinander. Endlich kam ein Anderer zum Wort:„Widerſtand,“ ſagte er,„iſt heute nutzlos. Wir müſſen abwarten. Die Stunde unſeres Losſchlagens kommt doch. Aber erſt müſſen die Soldaten ſicher gemacht ſein.“ So zankte man ſich hin und her, ohne zu einer Einigung zu kommen. Der Branntwein fing an zu wirken, die Lichter brannten dunkler, es war ein wüſtes, empörendes Bild. End⸗ lich durchdrang die Stimme des erſten Redners, deſſen mit der rothen Schärpe, das Toben:„Wer für mich iſt, ver⸗ läßt dieſen Ort und folgt mir in meinen Club.“ Damit ſtieg er die Treppe hinauf, und der intereſſantere Theil der duft da thun tet der aliſten, unerem dürfen irz ge⸗ Clubs. nokra⸗ en, in wenn n ſtat her ge⸗ chwar⸗ al ieni⸗ l uns er hat and,“ Die müſſen nigung eichtet End⸗ en mit vel⸗ 4 Damit eil dei 65 Anweſenden folgte ihm. Auch Heinrich am Arme jenes aben⸗ teuerlichen Knaben, den wir kennen, iſt unter den Weggehen⸗ den. Die Bewegung iſt auch bis zu der Schauſpielerin hin⸗ durch gedrungen, und wie ſie ihn zu Allem zu bewegen weiß, ſo hat ſie ihn auch vermocht, ſie in dieſe Verſammlung zu führen, ſo zerrt ſie ihn auch hinter jenen hohen Mann mit der rothen Schärpe her, der ihr gefällt, und den ſie weiter hören will. Die übrigen, welche zurückbleiben, ſind meiſtens dem Berliner Bürgerthum beizuzählen. Der Mann, welcher die Schauſpielerin ſo ſehr intereſſirt, hat inzwiſchen ſeine Schärpe verborgen, und indem er auf dem Flure des Hauſes das Häuflein ſeiner Getreuen muſtert, nennt er ihnen das Haus, in welchem ſie ſich zu verſammeln hätten und beſtimmt auch einem jeden einzeln den Weg, den er dahin nehmen möchte, damit er den Soldaten nicht auffiele. Heinrich und die Schauſpielerin bleiben zuſammen. „Das Volk iſt ſchlagfertig,“ ſagte Adele,„es wird käm⸗ pfen, es wird ſiegen, wir dürfen uns getroſt auf eine nahe Zeit vorbereiten, mit der etwas ganz Neues beginnen wird, wo alles Frühere und Alte vergeſſen ſein wird. Ach wie ſchön, ganz neu und friſch wieder zu werden— Alles Alte vergeſſen.— Heinrich fühlte daſſelbe.— Das iſt der tiefſte Grund aller Revolutionen, aller Mög⸗ lichkeiten ihrer Erfolge, daß eine große Maſſe vorhanden iſt, von der jeder ſagt:„Es muß ganz anders werden; meine Vergangenheit, mein ganzer Menſch muß hinweg; es muß nichts von mir übrig bleiben, als mein Verlangen, meine Fähigkeit, meine Kraft und meine Leidenſchaft.“ Das ſind die Menſchen, welche ihrer innern oder äußeren Entwickelung Schiffbruch gelitten haben, die Nichts gelernt haben und 3 66 Nichts geworden ſind, deren Gewiſſen nur von zerriſſenen Plänen, zerfallenen Entwürfen zu ſprechen weiß,— kurz, es ſind die Menſchen, welche keine Geſchichte haben, welche ihr inneres Wachsthum an keiner Reihe einer geſun⸗ den, gegliederten und natürlichen Entwickelung zu meſſen wiſſen. Heinrich und die Schauſpielerin gehörten auf gleiche Weiſe zu dieſen Naturen.—— „— Es wird anders werden,“ ſo empfing ſie die große Banditengeſtalt, welche wir vor Kurzem den Keller verlaſſen ſahen und die ſchon wieder auf der Tribüne in dem Saale ſteht, in welchen ſie eben treten,„es wird eine andere Zeit kommen, wo die Menſchen gleich ſein werden, gleich reich, gleich froh, gleich klug. Wir wollen dieſe Zeit aufrichten. Ihre Fundamente ſind die Barricaden, und das Blut der Verräther und der Schurken ſoll, wie ein fruchtbarer Regen, ihr Wachsthum fördern.“ In dieſer neuen Geſellſchaft herrſchte Einigkeit, die blut⸗ rothe Einigkeit der Emeute. Hier waren nur die exaltirteſten und die kälteſten Demokraten vertreten. Emiſſäre mit fremd⸗ artiger Sprache unter ihnen. Und hier trat Heinrich und Adele ein, als eben der Chef des Clubs ſeine blutige, hölliſche Rede ſchloß. Alles war ſtill. Man ſchrie und tobte hier nicht. Man war einig. Boten drängten ſich hier; alle Augenblick kam eine neue Nachricht. Da erſchien plötzlich unter der Thüre eine Geſtalt, die hier bekannt ſchien, an welche ſich Alles drängte. Sie ſprach ſchnell und keuchend einige franzöſiſche Worte mit dem Manne von der rothen Schärpe, dann ver⸗ ſchwand ſie. „Hinweg, ſo ſchnell als möglich, hinweg!“ waren ihre letzten Worte. eriſſenen kurz, es haben, r geſun⸗ wiſeen. e Weiſe ie große verlaſſen n Saale dere Jeit ich reich, ufricten Blut dei Regen, die blut⸗ ntitteſen t fremd⸗ rich und hölliſche bte hier zam eine üre cine ch Alles ſſſhe vel⸗ nnzö ann aren iju 67 —„Alle Clubs haben uns verlaſſen. Wir ſtehen allein, und wir ſind ſelbſt verrathen. Wir müſſen uns zerſtreuen, ſchleunigſt!“ ſprach der Chef. Im Nu war das Local, daß die Prioatwohnung des Sprechers war, geräumt, und als Adele, die letzte, die Thür geſchloſſen hatte, riegelte er mit einem Fluche zu, öffnete den Ofen und ſteckte ſeine Schärpe und ein dickes Bündel alter Briefe und Papiere hinein. Während es auf⸗ loderte, beugte er ſich zum Fußboden herab, hob eine der Dielen, welche dazu eingerichtet war, mit leichter Mühe auf und verbarg in den dunkelen Raum unter ihr Piſtolen und ein kleines Packet; dann ſchloß er die unterirdiſche Thür wieder, rückte einen Tiſch darüber und ſtreckte ſich, eine bren— nende Cigarre im Munde, auf das Sopha. Sein Geſicht zuckte: Ein Schlachtfeld, auf welchem der Sieg des Böſen entſchieden ſcheint.—— Da klopft es an ſeine Thür, er ſchrickt auf, öffnet dann aber hohnlächelnd ſogleich, um einen Conſtabler ein⸗ zulaſſen. —„Sie ſind der Baron Della Tarre?“ —„So nenne ich mich.“ —„Ich habe den Befehl, ihre Wohnung zu durch⸗ ſuchen.“ — Der Baron erhielt die geſetzmäßige Beſcheinigung, der Conſtabler begann ſein Werk, während der Verdächtige mit der Ruhe eines guten Gewiſſens ſich wieder auf das Sopha ſetzte und eine Kreuzzeitung, welche vor ihm lag, emſig zu leſen fortfuhr. Der Conſtabler beobachtete ihn heimlich, aber ſcharf, doch fand er in dieſem verſchloſſenen, kalten Antlitz nichts, was ihm förderlich ſein konnte. Sogar als er begann, mit ſeinem Säbel auf die Dielen zu klopfen, 5* 68 änderte ſich keine Falte in den Zügen des Barons. Hatte er doch, der Vorſicht wegen, den unterirdiſchen Raum mit wollenen Decken ganz vollgepfropft. Endlich verließ ihn der Conſtabler, ohne etwas gefunden zu haben. Hatte im mit funden XII. Der Anfang vom Ende W. ſind bei einem Berliner Reſtaurant. Er hat eines ſeiner Zimmer den Offtzieren einiger in der Nähe ein⸗ quartierten Regimenter für ihren täglichen Mittagstiſch einge⸗ räumt, und die Herren müſſen es vorziehen, allein zu ſpeiſen, um nicht durch ihre Berührung mit den bürgerlichen Gäſten, welche in den andern offenen Zimmern diniren, in Reibungen verwickelt zu werden, welche in politiſchen Differenzen ihren Grund finden und doch ſelten auf eine Weiſe, die der Ehre des Militärs genügt, ausgemacht werden können. Die an den Gaſttafeln vorherrſchende Stimmung iſt im Allgemeinen noch, obgleich ſchon ein Vierteljahr ſeit jenen Novemberthaten ver⸗ gangen iſt, ſehr aufgeregt und ſteht unter dem Einfluſſe kaum verklungener parlamentariſcher Debatten, in welchen die rothe Linke ebenſo, wie in der National⸗Verſammlung, auftreten durfte. Man beſpricht jetzt vor Allem die vor einigen Tagen ausgeführte Auflöſung der Zweiten Kammer und die ſtürmi⸗ 70 ſchen Verſuche, welche der Pöbel auf dem Dönhoſsplatze und anderswo machte, um ſich wieder den Weg zu den Zuſtänden des Jahres Achtundvierzig zu bahnen. Das Militair muß dabei, wie bei allen ſolchen Gelegenheiten, gewaltig herhalten, und die ungetrübte und ein wenig malitiöſe Miene, mit wel⸗ cher eben einige der Offiziere an einer Gruppe von Politikern vorübergingen, welche in dem eben erwähnten Lokale bei ihrem Mittagsmahle ſaßen, trug nicht wenig dazu bei, die Haltung dieſer eifrigen Declamationen noch mehr zu verſtärken. Die Offiziere aber gehen mit gleichmüthigem und ruhigem Antlitz an dieſen halblauten Ereiferungen vorüber und verſchwinden dann hinter der Thür des Gemaches, in welchem ſich all⸗ täglich eine Reihe von tapferen Cameraden zum Diner ver⸗ einigt. Der Gegenſatz zwiſchen den Geſprächen hier und jenſeits iſt intereſſant. Während die bürgerliche Tiſchgeſellſchaft in den gemeinſamen Räumen des Cafés in oft geradezu geſund⸗ heitsgefährlicher Erregtheit unter politiſchen Erörterungen aller Art ihre Schüſſeln leert, ſehen wir die Geſellſchaft der Epau⸗ letts froh plaudern und lachen, über Pferde und Exercier⸗ ſtunden reden, von der Heimath erzählen, den Dienſt be⸗ ſprechen, aber— kein Wort von der Politik.„Unſere Politik iſt der Säbel, und wir ſtimmen weder mit ſchwarzen, noch mit weißen, ſondern mit bleiernen Kugeln ab’— hat einmal ein preußiſcher Soldat ſehr wahr geſagt.— —„Sind Sie ſchon im*** Theater geweſen?“ fragt eben ein Lieutenant den andern. Es iſt zwar ein kleines In⸗ ſtitut, aber Alles daran iſt ſo gefällig, geſchmackvoll,— ich liebe alle dieſe Miniaturbilder.“—— —„Ich auch, inſofern die Louid'ors zweifelsohne dazu zu rechnen ſind“— ruft lachend ein zweiter dazwiſchen. —„Aber am meiſten“ fährt der erſte fort,„gefällt mir dor ein te und iſtänden ir muß thalten, nit wel⸗ olitikern ei ihrem Haltung n. Die Antlitz hwinden ich all net bel⸗ fenſeits haft in geſund en aller er Epal- Exerciet enſt be⸗ politik , voch tinnal 9 fragt 71 —. dort ein Fräulein Adele***, erſte Liebhaberin la première aimée, la première aimable oder wie Sie ſonſt wollen,— iſt mir Alles recht!“ —„Aber ſie iſt eine bekannte Demokratin“, erwiederte ein Dritter. —„Ach, gehen Sie, Camerad, eine Frau iſt nie Demo⸗ kratin; ſie lebt vielleicht mit Demokraten, ſie liebt vielleicht einen Demokraten, welches letztere mir übrigens gar nicht recht wäre“— ſagte wieder der Erſte. Wir nennen ihn Ernſt. —„Warum nicht? Ah! Warum nicht recht?“— —„Ich habe ein großes Intereſſe für dieſe Dame gefaßt; ich habe niemals mehr Geiſt, mehr Plan, mehr Nachdenken in einer Schauſpielerin gefunden! Ich gehe förmlich meiner innern Belehrung wegen in das Theater, wenn ſie ſpielt. Dieſe Feinheit der Auffaſſung, dieſe ſcharfe Beobachtung des Lebens, welche aus jeder ihrer Darſtellun⸗ gen hervortritt, dieſes tiefe Gefühl, das ſie jedem ihrer Worte mittheilt— Alles das macht ſie für mich zu einer bedeuten⸗ den Erſcheinung. Und was mich zu ihr noch mehr hinzieht, —— ich glaube, ſie iſt eine reine Frau, beſſer, als ſonſt dieſe Weiber ſind.“ Ernſt ſprach dies Alles, aber beſonders den Schluß, mit einer Lebhaftigkeit, welche verrieth, daß das Intereſſe, welches er für Adele gefaßt hatte, kein leichtes und vorübergehendes ſei, und ſeine Cameraden, von denen ſonſt leicht einer oder der andere geneigt geweſen wäre, ein wenig ſeinen Enthuſias⸗ mus zu beſpötteln, ſchwiegen deshalb. —„Werden Sie dieſe Bekanntſchaft weiter verfolgen?“ — fragte ihn ein Nachbar. —„Ich will es verſuchen“, ſagte Ernſt.„Die demo⸗ kratiſchen Wälle, welche die ſchöne Feſtung umgeben, werde ich bei Seite werfen, wenn ich ſie nicht umgehen kann. Ich hoffe, mich nicht in ihr zu täuſchen, und die erſte Bekannt⸗ ſchaft, welche ich mit ihr gemacht habe, hat meinen Glauben nur erhöht.— Es iſt Nachmittag. Adele iſt in ihrem Zimmer und beſchäftigt ſich eben damit, in einer eleganten Maſchine Kaf⸗ fee zu bereiten. Heinrich und der Baron ſind bei ihr. Letz⸗ terer iſt, wie wir aus ſeinem ganzen Betragen wahrnehmen, ein alter Bekannter des Hauſes und der Schauſpielerin. Adele hat ihn geſucht und er kam zu ihr, weil er ſich damit die Bekanntſchaft eines neuen, demokratiſchen Kreiſes und zu⸗ gleich die Herrſchaft über denſelben eroberte. Denn dieſer kalte, geheimnißvolle Mann mit der hohen Stirn und den gewaltigen, leuchtenden Augen ſchien nirgend auftreten zu können, wo er nicht ohne Widerrede befahl. Das iſt frei⸗ lich gar nicht demokratiſch, aber doch in dieſer Partei ſehr gewöhnlich. Und er gehörte ihr auch nur aus dieſem Grunde an, um ein Gefolge und ein Werkzeug zu haben, das ſeiner Leidenſchaft und ſeiner Rache diente. Die Welt ſeiner Ge⸗ ſellſchaft hatte ihn für todt erklärt, für verſchollen: er hatte in einem Punkte gefehlt, von welchem die Ehre ſeines Stan⸗ des abhängt, und weil er öffentlich darin gefehlt hatte, ſo verſtieß man ihn.—„Die Mörder und die Diebe ſind auf dem Parquett der Salons wohl gelitten“ ſagte er einſt, als er der Erinnerung ſeiner Jugend in Gegenwart Heinrichs und Adeleus nachgab—„aber ſie wiſſen auch dabei den äußern Anſtand zu bewahren!“ Und dabei lachte er hell und höhniſch auf und rief:„Ja, ja, der äußere An⸗ ſtand!“— n. Ich Bekannt⸗ Jlauben ner und ne Kaf⸗ . Letz nehmen, pielerin. h damä uund zuÄ- m dieſer ind den uftreten iſt frei⸗ tei ſch Grunde z ſeinen er Ge⸗ r hatte Stan⸗ t hatte, be ſind p einſt⸗ einrichs dabei chte er ere Ai 73 So verfolgte er denn ſeit Langem mit ewig wachem Haß die Reichen, die Vornehmen, Alles, was er früher ſelbſt war oder liebte, und die Demokratie, deren Bewegung ſich gegen dieſelben Gewalten richtete, ward ihm deshalb eine treue Freundin. Und wie Adele und wie Heinrich rief er auch als das Motto ſeiner Gegenwart und Zukunft aus:„Es muß Alles anders werden!— Alles Frühere und Alte muß vergeſſen werden. Wir müſſen ganz neu und friſch wieder daſte⸗ hen...“ Der Baron zeigte die kühle Schlauheit ſeiner italie⸗ niſchen Natur in dieſer Geſellſchaft recht deutlich. Er hatte gleich im Anfang wohl bemerkt, wie ſehr Adele ihn dem Architekten Heinrich vorzog. Aber eben ſo ſehr zeigte er ſich mehr zu Heinrich als zur Schauſpielerin hinge⸗ wandt. Er erreichte durch dieſe Diplomatie ſeines We⸗ ſens die Freundſchaft und die ganze Hingebung Heinrichs und die verdoppelte Bewerbung dieſer ſittenloſen und co⸗ quetten Frau. Niemals aber erwiederte er in Heinrichs Ge⸗ genwart die Neigung, welche ihm ſo offen entgegen ge⸗ tragen wurde. Man ſahe, daß dieſer junge Mann ihm viel werth ſei.—„Ich will und darf ſein Glück nicht ſtören“, hatte er einſt halb vor ſich hingemurmelt, als Adele ihm nahe treten wollte.— Was ging in dieſem 3 Augenblicke in der Seele des Italieners vor, als er ſeine Scheu vor einem fremden Glück ausdrückte, vor einem Glück, das ſelbſt Heinrich in den ſtillen Stunden, wo ſein Gewiſſen mit ihm redete, für einen wüſten Traum erklärte?....„Das Laſter hat Stufen“— ſagt ein alter Theoſoph—„und ſelbſt die Teufel haben ein Herz und eine Reue.“.... Heinrich und der Baron nahmen eben eine Taſſe des 74 Caffées entgegen, den Adele bereitet hatte; da meldete die Dienerin den Lieutenant Ernſt. Beide Männer ſtanden plötzlich auf, und Adelen fixirend, ſagten beide wie aus ei⸗ nem Munde:—„Ein Lieutenant?“— —„Wir werden das gleich ſehen!“— erwiederte Adele—„Laß den Herrn eintreten!“— Einen Augenblick ſpäter ſtand der Offizier den Dreien gegenüber.—„Die Laufgräben wären eröffnet“— dachte er bei ſich, indem Adele ihn den beiden Fremden vorſtellte—„und ſoeben darf ich auch die feindlichen Werke ganz in der Nähe recognosciren. Aber die Haupt⸗ ſache— der Commandant ſcheint mir gewogen.“— Der Baron ahnte aus der leichten und freien Miene des Offiziers, das dergleichen Gedanken in ihm auſtauchten; aber er nahm dieſelbe Miene an und bemächtigte ſich mit der liebenswürdigſten Manier von der Welt des Geſpräches, das er bald an Adele, bald an Ernſt richtete, ohne Politik oder dergleichen mit einem Worte zu berühren. Während deſſen ſaß Heinrich bleich und zitternd da und fragte ſich im Stillen: Woher kennt Adele dieſen Offizier? Ich ſahe ihn niemals bei ihr!.. Ach, es iſt derſelbe, den ich jeden Abend, wenn ſie ſpielt, in der Fremdenloge erblicke, un⸗ aufhörlich klatſchend, oft Blumen und Kränze zu ihr nieder⸗ werfend!.. Endlich erhob ſich der Baron, Heinrich mit ihm. Sie empfahlen ſich der Schauſpielerin und dem Offtzier. Adele ſagte, ſie würde ſogleich ebenfalls ausgehen, aber Ernſt ſchien dieſen Wink nicht zu verſtehen und blieb. Als Heinrich und der Baron auf die Straße tra⸗ ten, klammerte dieſer ſich an den Arm des ſtolzen Man⸗ nes.—„Helfen Sie mir, helfen Sie mir“—— rief er.— ete die ſtanden us ei⸗ viederte Dreien 7— rremden dlichen Haupt Miene nuchten; ich mit präches, Politit aährend nieder t ihm. Offfzier 1, abe ße Man⸗ — — tra⸗ „ en Sie Si f .— 8 ich auf 1 ich 4 erw d r d urz und— e— Bar n ſeſt„aber ich werde auch n 4 1 ch au Sie gan d 3 14 rechnen! —. „Sie werd i ue Se⸗wmene en mich ohne Rückhalt haben, 1 gingen ſie ſunnn Sie drückten ſich die en en neben einander in den Ab d hunde don end hinein. — — XIII. Barricaden in Dresden. W ir finden Heinrich einige Tage nach dieſer Unter⸗ redung auf dem Zimmer des Barons. —„Ich darf, ich kann nicht mehr zweifeln“— ruft Heinrich eben aus—„ſie liebt dieſen Mann, einen Offizier, einen Offizier!— Aber ich will mich rächen, ich werde mich rächen, nicht an dieſer Frau, ich verachte ſie, nicht an dieſem Manne—— nein! ich haſſe die ganze Welt, die mich fol— tert und quält— alle dieſe ruhigen, zufriedenen Phlliſter— ſeelen, welche mit Schneckenfüßen über den Boden kriechen— dies ganze Gerümpel, das ſie Glück, Ruhe, Zufriedenheit nennen.——— Die neue Religion, für welche einſt Heinrich ſchwärmte, welche die Menſchen in Kunſtgebilde und die Vorſchriften der ewigen Sitte in Harmonieen und äſthetiſche Geſetze umwan— delte, feiert ihren Triumph; ſie hat ihr Opfer getreulich bis zum Ziele gebracht oder wenigſtens bis an den Abgrund. Unter — uff Oofftzie⸗ de mich dieſem ich fol bhiliſter ſchen— denbei warute, ften dei umwan lich lis ögrund 77 Das Ziel wird er erſt finden, wenn er unten liegt, zerſchmet⸗ tert, verflucht, in der Nacht und im Tode.. —„Jetzt ſind wir uns nahe, jetzt verſtehen wir uns, jetzt ſind wir Brüder, Heinrich, nenne mich Du“— ruſt der Baron. Seine Kälte, ſeine Ruhe iſt verſchwunden, und Heinrich ſchaut in ein zuckendes, zitterndes Antlitz. Die Verzweiflung des Verbrechens ſchließt Freundſchaf⸗ ten.— —„Ich kenne einen Punkt der Welt, Heinrich, wo wir Ruhe finden; dieſer eine Punkt—— dort iſt er, auf den Barricaden von Dresden.“ —„Barricaden von Dresden?“— fragt Heinrich dumpf und halb gleichgültig. —„Ich habe Briefe“, erwiedert ſein neuer Blutbruder, in dieſen Tagen, morgen, heute, in dieſer Stunde vielleicht flackert dort das Feuer der europäiſchen Revolution auf. Sieh unſere Reſſourcen!“ Damit giebt er ihm ein Paket Papiere, und während Heinrich ſie durchfliegt, wie ein Kranker das Recept, das ihm Linderung verſchaffen ſoll, fährt der Baron fort:„Und dann wird dies Feuer nach Baden, in die Pfalz herübergreifen, in die Schweiz!— Südfrankreich— Italien — Würtemberg— und dann züngelt die große Feuersbrunſt des weſtlichen Europa in die große Feuersbrunſt des öſtli⸗ chen Europa hinüber!—— Heinrich reichte ihm ſtumm die Hände. Ein entſetzlicher Anblick— dieſe beiden Geſichter, blaß wie der Tod, mit den hervorquellenden Augen, dem halb geöffneten Munde, den aneinander gedrückten Zähnen. „Der Teufel ſchaut lachend hinter ihnen hervor“, wie das alte Volkswort ſagt. 28 Auf Nebenwege haben beide Dresden erreicht, und der Baron, ein wohlbekannter Führer der Demokratie, hat ſchnell die Freunde gefunden, welche auserſehen ſind, an dieſem Orte den wilden, entſetzlichen Kampf zu leiten. Es iſt im Anfange des Mai's. Die Stadt iſt in Auf⸗ regung. Ueberall Bürgerwehren, welche in ihre Verſamm⸗ lungslocale marſchiren und unter den Waffen berathſchlagen, ob Grundrechte, ob König, ob Revolution? Zeitungsträger laufen geſchäftig durch die engen Stra⸗ ßen der Altſtadt. Hier und dort, an jede Ecke, kleben ſie Placate an. Dichte Gruppen ſtehen davor.—„Wir hinten können nichts leſen, einer mag vorleſen,“— rufen ſie. Und plötzlich heben ein Paar rieſige Kerle einen in die Höhe, und mit mächtiger Stimme wiederholt er den Inhalt der Schrift und ſetzt einige Phraſen voll revolutionairer Erregtheit hinzu. Ein allgemeines Bravo. Dazwiſchen dann finſtere Gerüchte. „Die Bürgerwehr ſoll entwaffnet werden, dann wird der Kö⸗ nig die Preußen kommen und uns niederkartätſchen laſſen. Der Abſolutismus ſoll wieder eingeführt werden.“ Auf ein⸗ mal heißt es:„Das Zeughaus iſt in der Hand des Volkes! Zu den Waffen! Baut Barricaden! Zu den Waffen! Die Soldaten ſind für uns!“ Und dazwiſchen von Zeit zu Zeit: „Cs lebe die Republik!“ Schon am vierten Mai ſind Bar⸗ ricaden errichtet; bald iſt die ganze Altſtadt eine gewaltige Feſtung. Nur die Elbbrücke giebt einen Zugang zu ihr, ſonſt iſt ſie ganz abgeſperrt und ganz in der Gewalt der Revolu⸗ tion. Die Barricaden, welche die Mündungen der Straßen — nach dem Platze vor der Elbbrücke zu— ſperren, ſind haushoch, und die vierundzwanzigpfündige Kugel trifft ſie ſo⸗ gar noch oft vergeblich. Man hat die breiten, ſchweren Sandſteinplatten, welche hier bei den Häuſern wegen der Nähe der Pirnaer Sandſteinbrüche, vielfach ſtatt der Dielen und der t ſchnell mm Orte in Auf⸗ erſamm⸗ ſchlagen, iI Stra— ſeben ſie r hinten e. Und öhe, und Schrit it hinzl Herüchte⸗ der K⸗ laſſen. Auf ein Volkts! en! Die zur Jeit 79 verwandt werden, auf einander geſchichtet in oft künſtleriſcher Fügung, und man bemerkt an Allem leicht, daß hier eine ſcharfſinnige, vordenkende Berechnung in der geſammten An⸗ ordnung des Aufſtandes thätig war. Auf dem Marktplatze der Altſtadt iſt der Brennpunkt der Revolution. Er iſt mit Strohbündeln hoch bedeckt. Hier findet man Reihen von Pferden, für die Adjutanten der Re⸗ volution beſtimmt, Gewehre, Senſen, Säbel, Munition, Brannt⸗ weinfäſſer, Marktbuden, aus welchen eine wetterdichte Woh⸗ nung in aller Eile hergeſtellt iſt. Dazwiſchen die bivouac⸗ quirenden Soldaten der Emeute, oft ſchauerliche Geſichter, mehr Bart als Haut, ſchwer betrunken, gräßlich fluchend. Es iſt Abend geworden, der Abend des ſechsten Mai's 1849, ein Tag, den Dresden nicht vergeſſen wird. Das Rathhaus iſt hell erleuchtet. Hier hat„die pro⸗ viſoriſche Regierung“ ihren Sitz genommen, hier werden die vornehmeren Gefangenen bewahrt, welche man gemacht hat; hier iſt der„große Generalſtab der mitteldeutſchen Revolution.“ Meldungen gehen hin und her. Hier bittet eine Barricade um Verſtärkung; da wird die Ankunft zweier Geſchütze vom Lande her gemeldet; dort ſtürzt ein verzweifeltes Weib hinein und bittet um Erbarmen und Hülfe, denn eben zünden die betrunkenen Banditen ihr Haus an und mit ihren Betten und Schränken unterhalten ſie das hochpraſſelnde Feuer. Man ſtößt ſie weg, denn das geſchieht auf Befehl, das Palais des Prinzen Johann, das noch in der Gewalt des Militairs iſt, ſoll durch dieſe Flammen erreicht und zerſtört werden. An einem großen Tiſche, über dem Ampeln hangen, ſitzt das Kleeblatt der blutrothen Regierung, von Freunden und Rath⸗ gebern umdrängt. Vor ihnen Schreibzeuge, Flaſchen, Piſtolen, „Dolche, Cigarren, aufgeriſſene Briefe, Placate..... Hinter dem Stuhle des Einen lehnt eine hohe blaſſe Geſtalt; es iſt 80 der Baron, aber Heinrich iſt nicht bei ihm, und er ſcheint ihn auch nicht zu vermiſſen, denn er iſt in tiefem und ein⸗ dringlichem Geſpräche mit dem Triumvir, an deſſen Stuhl er ſich lehnt. —„Wir erwarten neue Zuzüge,“ ſagt eben der Mann der proviſoriſchen Regierung,„aus dem Erzgebirge, aus den Hauptquartieren des Hungers und der Verzweiflung, wir wer⸗ den Dresden mit einem halben Lande, mit einer ganzen Volks⸗ armee vollſtopfen, wir werden dann förmliche Schlachten an⸗ nehmen können.“ Der Baron lächelte.„Ich halte es für beſſer,“ erwie⸗ derte er,„die Leute in ihrer Heimath zu laſſen. Mögen ſie da thun, was ſie hier doch niemals mit voller Kraft aus⸗ führen werden. Dort, wo ein beſtimmter Gegenſtand des Haſſes, der Kampfluſt ſich dem Menſchen entgegenſtellt, ein Bürgemeiſter, der ihn einmal geſcholten, ein Reicher, der ihn einmal bei Seite geſchoben hat, dort in den kleinen, genau bekannten Kreiſen tritt die Revolution mit mehr Nachdruck und Erfolg auf. Was wollt ihr denn eigentlich? Glaubt ihr denn durch Schlachten und Barricaden Revolutionen machen zu können, oder glaubt ihr, daß eure Proclamationen die Wundereſſenz ſind, ein Lebenselixier für eure vermodernden Zuſtände? Revolutionen macht man von innen heraus, je enger der Kreis, in dem ſie angelegt werden, je ſicherer, je großartiger ihr Erfolg. Darum revoltirt zuerſt den einzelnen Menſchen, und dann laßt ihn dieſen ſeinen neuen Geiſt in die Inſtitutionen herübertragen und in ihnen ausbilden. Man ſcheint hier zu glauben, eine Revolution ſei eine Schlägerei, in, möglichſt großartigſtem Maßſtabe, mit möglichſt viel Lär⸗ men, möglichſt viel Redensarten, Pflaſterſteinen und Trümmern. Der Baron zuckt öfters während deſſen mit dem Munde, wie um ein Lächeln zu unterdrücken, plötzlich trat in das u ſcheint ind ein⸗ Stuhl Mann aus den vit wer Volks ten an⸗ erwie ögen ſie ft alls⸗ and des lt, ein der ihn genau achdruch Glaubt lutionen jationenn dernden us, k erer, ſe inzelnen in die Man lägerci el Lr⸗ mmern. Munde, in ds 81 große Seſſionszimmer ein junger Menſch, bleich, zerriſſen, voll Pulverdampf: „— Wo iſt hier der Baron Da Tarre?“ rief er heftig und ſchnell. „— Hier giebt's keine Barone“— ſchrie lallend der eine der Triumvirn dazwiſchen. „Einer iſt hier allerdings“— rief kalt der Italiener, indem er ſich hoch aufrichtete und den Jungen nach ſeinem Begehr fragte. „— An der großen Barricade auf der Wilsdruffergaſſe iſt eben ein Mann ſchwer verwundet worden, der mir aufge⸗ tragen hat, Sie zu ihm zu bringen.“ „— Wie ſieht er aus“— fragte haſtig der Baron. „— Ja, er iſt ganz ſchwarz vom Pulverdampf, und bei dem Klettern und Durchbrechen der Mauer ward auch ſein Anzug ganz zerfetzt und zerriſſen. Ich kann ihn nicht be⸗ ſchreiben.“ Der Baron verließ im ſchnellſten Schritt mit dem Kna⸗ ben das Rathhaus. ——“— XIV. Tödliche Wunden. SDa ſtand nun der ſonſt ſo ſtolze, kalte Mann, der Baron, und neigte ſich zu einem Körper halb herab, den er in den Armen hielt, und zitterte und konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten. Iſt es eine Leiche, was er da emporhält, oder ein le⸗ bender Menſch; man kann es nicht mehr unterſcheiden, und er ſelbſt iſt darüber, wie es ſcheint, ungewiß. Eben bringt der Burſche, der ihn hierher führte, ein Bund Stroh, er hat es dort aus dem offenen Hausflur weg⸗ genommen, auf deſſen Dielen man für einige Pferde einen Stall eingerichtet hat. Der Baron ſenkt den Körper ſanft auf dies Stroh und kniet dann neben ihm nieder. Ueber ihm an der Hausmauer, ganz nahe der Ecke des Marktes, hängt eine Laterne, darunter eine in Sandſtein ausgearbeitete Figur, es iſt wohl ein Muttergottesbild. Die Laterne wirft ein flackerndes, unſicheres Licht über die Gruppe, an welcher ———— un, der den ei Thränen ein le⸗ en, und hrte, ein ſur weg⸗ de einen dr ſanſt über ihm e, haͤng te Figiu wirſt 4 welchel lärmende und ſingende Schaaren von Barricaden⸗Männern, die eben von ihren„Poſten“ zurückkehren, vorüberziehen. Es iſt Abend, die Heftigkeit des Kampfes hat nachgelaſſen, nur hier und da fallen noch Schüſſe, aber nur einzelne. Der Baron ſtarrt ſchweigend in das blutbedeckte und vom Pulverdampf ſchwarze Antlitz des vor ihm Ruhenden. —„Die Kugel iſt durch den Hals gegangen“— mur- melt er vor ſich hin.„Das iſt der Tod. Ich höre kein Athmen mehr, vorher war es mir noch, als röchelte er leiſe. Jetzt iſt er ganz ſtill.’“——„Ich kenne deine Geſchichte“— fährt er dann nach einer Pauſe fort,„ich kenne ſie, Du haſt eine Frau geliebt, tief, leidenſchaftlich, ganz, ſie belog Dich, während ſie Dir Liebe ſchwor, und ſie verrieth Dich, während Du ſie küßteſt; da liefſt Du in die Welt; und Rache gegen Alles, was dieſer verlogenen, gemeinen Geſellſchaft angehört, war Deine Loſung. Jetzt haſt Du Dich gerächt— ha! ha!“ — und er lächelte leiſe und mit einer erſchreckenden Ruhe— „die Kugel im Halſe, den Tod im Herzen, und mit einem Fluch auf den Lippen gingſt Du von dannen. Aber die An⸗ dern leben ruhig weiter, lügen weiter, ſtehlen weiter, morden weiter und bewahren ihren ehrlichen Namen und ihre blanke Tugend!“— Ehe er in dieſem Selbſtgeſpräch fortfahren konnte, bewegte ſich der todtgeglaubte Körper, die Hände deſſelben fuhren nach dem Geſichte und ſchienen ſich zu be mühen, die Augen zu reiben, deren Lider mit dickem, geron nenem Blute überklebt waren. Der Baron ſchreckte zuſammen und riß ſchnell ſein Taſchentuch in Stücke, um es alsdann in einen Eimer zu tauchen, der in der Nähe ſtand und zur Pferdetränke beſtimmt ſchien. Dann reinigte er damit das Geſicht und den Hals des Verwundeten und band es, nach dem er es in dem Eimer noch einmal ausgeſpült hatte, um die Schußwunde. Es lag etwas ſo Eifriges, faſt mütterlich 84 Beſorgtes in allen dieſen Bewegungen und Handreichungen, wie man es von dieſem Manne niemals erwartet hätte. —„Ich kann nicht ſehen“, rief mit röchelnder, ſchwacher Stimme der Verwundete,„ſind meine Augen verletzt?“ —„Nein, Heinrich, nur ein Schuß am Halſe, aber er kann nicht ſchwer ſein, denn Deine Stimme verräth ihn nicht; auch hat die Blutung faſt ganz aufgehört“— erwie⸗ derte der Baron, indem er die Bruſtſtreifen ſeines Hemdes mit einem kräftigen Ruck herausriß und damit den Verband ergänzte. —„Gieb mir zu trinken, ich verſchmachte“— ſagte Heinrich. Der Baron hielt ihm knieend den Eimer ent⸗ gegen.— 6—„Ach, das that mir wohl, ich fühle mich wieder friſcher.“ Und damit befühlte er ſelbſt ſeinen Hals und den dicken regelloſen Verband, der ihn umgab. —„Ich danke Dir von Herzen, ich danke Dir, wie kommt es doch, daß mir ein Menſch noch blieb in dieſer Stunde, ich glaubte keinen mehr zu haben auf dieſer Welt, der es freundlich und treu mit mir meinte. Ich hatte ſie ja alle von mir geſtoßen, die mir treu und freundlich waren.“.— —„Von Dir geſtoßen, wie meinſt Du das?“ fragte theilnahmvoll der Baron. —„Ein ander Mal, ich bin jetzt zu ſchwach, dir viel zu erzählen“— und damit drückte er ihm die Hand. Dem Baron kam es vor, als wäre das ganze Weſen ſeines jungen Freundes ein anderes geworden. —„Was iſt Dir, Heinrich?“ fragte er ihn. —„Ach! ich habe einen Traum gehabt“, ſagte er,„ich werde ihn Dir erzählen, aber ein ander Mal, ich bin jetzt zu ſchwach!“ Damit neigte er ſich auf ſein Bund Stroh —————ͤ— v hungen, e. hwacher 1 e, aber äth ihn erwie⸗ Hemdes Verband 23 ſagte er ent⸗ wieder und den i, wie dieſer — Welt, atte ſie eundlich ftagte dir viel Weſen e, ſich in jet Stroh zurück und ſchloß die Augen wieder. Er war ſogleich in einen todtenähnlichen Schlaf gefallen. Der Baron betrachtete ihn eine Weile, er war, man ſah es, im tiefſten Herzen erregt; dann hob er ihn ſanft auf, legte ihn auf ſeine ſtarken Arme und trug ihn in eines der Häuſer am Markte, wo er für ihn eine vereinſamte Stube und ein Bett fand. Es iſt tief in der Nacht. Die Lampe, welche hinter einem großen, aufgerichteten Buche, einem Nothbehelf für den hier mangelnden Lichtſchirm, ſteht, brennt matt, an dem im Dunkeln ſtehenden Bette ſitzt der Baron, ſein Auge feſt und unabläſſig auf den Kranken gerichtet. Bald giebt er ihm zu trinken, bald rückt er ihm die Kiſſen zurecht, bald bereitet er friſche Umſchläge für ihn. Heinrich aber weiß von Allem nichts, was ſein Freund mit ihm beginnt: er liegt im hef⸗ tigſten Wundfieber und phantaſirt mit lauter Stimme. Der Baron hört mit Spannung auf ſeine Worte, und nach und nach wird ihm die ganze Vergangenheit ſeines Freundes klar. Er ſieht, daß es nicht bloß ein Menſch iſt, den Andere mit ihrer Lüge und ihrem Verrath unglücklich gemacht, ſondern der ſelbſt den Grund ſeines Unglücks durch Lüge, Verrath und Untreue gelegt hat. Er wird von den wilden Aus⸗ brüchen einer faſt verzweifelnden Reue erſchüttert, die aus allen Phantaſien des Kranken hervortritt. Heinrich ringt in der dumpfen Betäubung ſeines Fiebers die Hände, zitternd und ſchweißtriefend, und immer von neuem ruft er mit hohler, erſchöpfter Stimme: —„Sie hat aufgehört, um mich zu weinen, ſie hat aufgehört, für mich zu beten, ſie will zum alten Herrn Prediger gehen!“— Da richtet er ſich im höchſten Fiebekſchauer plötzlich halb 86 auf, die Hände nach oben ausſtreckend, und, ſtarr auf einen Punkt die Augen gerichtet, ruft er: —„Ah! Da ſteht er, er iſt gekommen, aber Ellis iſt noch nicht bei ihm.“— Der Baron verſuchte es, ihn auf das Bett zurückzulegen, aber Heinrich leiſtete Widerſtand, und ſo mußte es dem Baron genügen, wenn er nur den Verband um den Hals in der alten Lage feſthielt. —„Ach, haſt Du kein Wort für mich, kein Lächeln?“ — phantaſirte der Kranke—„hu! hu! welch ein eiskaltes Geſicht, kalt und ſtarr.“—— Die Schauer des Fiebers ſchüttelten ſeine matten Glieder—„vergieb mir, verzeihe mir— ich habe meinen Schwur gebrochen, ich habe Ellis verrathen, verlaſſen— ich verbrenne, ich verſchmachte, wer hilft mir, ich muß vergehen.“— Faſt verſagten die Kräfte des Barons, der den Kranken doch wenigſtens im Bette feſthalten wollte, während dieſer mit aller Gewalt ſich von den Armen ſeines Wärters zu be⸗ freien ſuchte. Der Schweiß rann ihm von der Stirne, eine innere Angſt folterte auch ihn, und er fuhr zuſammen, ſo oft er in das verzerrte Geſicht des verzweifelnden Heinrich ſahe. Ohne daß er ſelbſt wußte, wie es geſchahe, kam über ſeine Lippen ein Gebet, ein altes Gebet ſeiner erſten Kindheit, ein Reim in italieniſcher Sprache, den die Mutter oder der Prie⸗ ſter vielleicht ihn einſt gelehrt hatten Endlich ſank Heinrich zuſammen: ſeine Kräfte waren dahin; ein tiefer Schlaf kam über ihn, und der Baron konnte ſich ebenfalls einen Augenblick der Ruhe gönnen. Aber er konnte nicht einſchlafen. Vor ihm nollte ſich ſeine ganze Vergangenheit auf, die Erſcheinungen, von denen Heinrichs Gewiſſen gefoltert wurde, weckten ähnliche vor ſeinen Augen. Auch er hatte einſt ein junges Mädchen ſchmachvoll verlaſſen, und ſie war in Kummer und Elend geſtorben, während er uf einen Ellis iſt ihn auf nd, und Verband icheln?” eiskaltes Fiubers verzeihe be Ellis tte, wer Kranken d dieſe heit, ein der Prie⸗ waren T konnte Aber di ne gantze Heinrichs Augen verlaſſen hrend d 87 das Bewußtſein ſeiner Schuld in toller Luſt zu begraben ver⸗ ſuchte und eine Frau nach dem Geſchmack der Verwandten heirathete, welche er dann wieder unter Umſtänden verſtieß, welche ihn in den Augen der guten Geſellſchaft brandmarkten und ihn nöthigten, ſein Vaterland zu verlaſſen. Und jetzt trat dieſe ganze Schuldgeſchichte in grellen Bildern vor das Auge des grauen Sünders, und aus jedem Winkel des dämmerigen Zimmers ſchien ihm ein neues, ſtra⸗ fendes und fluchendes Antlitz ſich zu erheben. Er litt furchtbar. So kam der Morgen heran; die Lampe verlöſchte von ſelbſt; auf den Straßen, dicht unter dem Fenſter, begann wieder der tolle Spuk der Revolte. Die Säbel, Piken und Senſen klirrten über das Straßenpflaſter, die Glocken läuteten in ſtürmiſcher Haſt; von der Pirnaiſchen Seite kam ein neuer Zuzug elender, wilder Geſtalten, und der Donner der Ge⸗ ſchütze und das praſſelnde Geräuſch der Gewehrſalven, welche in die Dächer ſchlugen, begann von Neuem. Schaudernd ſah der Baron von dem Fenſter einen Au⸗ genblick dem Treiben zu. Der innere Haß, der in ihm gegen das Chaos und die Verworrenheit ſeines Innern aufgewacht war, warf ſich auch auf dies Bild der Empörung, ein furcht⸗ barer Ekel über alle dieſe Auflehnung, über dies Geſchrei und wirre Gebahren, über dieſe Wildheit und Selbſtvermeſſen heit ergriff ihn, es war ihm, als wankte der Boden ſeines Lebens unter ſeinen Füßen, als müſſe er untergehen. Hein rich ſtörte ihn in ſeinen traurigen Betrachtungen, er war eben erwacht und rief mit matter Stimme nach ſeinem Freunde. „Ich bitte Dich um eines, bring' mich hier weg aus dieſer Stadt, aus dieſem Leben, aus dieſer Revolution!“ —„Deine Wunde erlaubt das nicht“— erwiederte der Baron, der mit innerer Luſt dieſen Vorſchlag hörte. 88 —„Sie muß es erlauben, und ſollte ich darüber zu Grunde gehen; ich flehe Dich an, bring' mich hinweg!“— Endlich gab der Baron nach; er fand einen Bauern⸗ wagen, den man mit Strohbündeln ausfüllte, und mit dem man nächtlicher Weile glücklich auf eines der nahen Dörfer kam. Aber Alles war hier wie ausgeſtorben, denn die Be⸗ wohner, welche ſchon viel von den plündernden Schaaren der Inſurgenten gelitten hatten, waren geflohen. Der Baron war alſo gezwungen, den Wagen weiter fahren zu laſſen, und brachte Heinrich endlich nach vielen Mühen und Sorgen in ein Dörfchen, das ſicher zwiſchen Felſen und Wald in der Nähe der Elbe gelegen war. —„Hier laß uns bleiben“,— ſagte Heinrich beim Einfahren,„und nun erfülle mir noch eine Bitte, die letzte. Ich bin ſehr matt, ſterbensmatt.“ 7 —,— ber zu 1— auern⸗ it dem Dörfer ie Be⸗ ren der on war , und gen in in der beim letze. XV. Die letzten Stunden. SWer Baron war ſogleich, nachdem er im Dorfkruge ſeine Toilette etwas hergeſtellt hatte, zum Amtmann gegangen, deſſen Gehöfte an das Dorf ſtießen, und hatte ſich dieſem, nachdem er ſich legitimirt, als einen Flüchtigen dargeſtellt, den die Gräuel der Revolution von dort verſcheucht hätten. Seinen treuen Bedienten Heinrich aber, der dort von einer Kugel zufällig getroffen ſei, habe er in der Noth nicht verlaſſen wollen. Der Name des Barons und ſeine vornehme Haltung und Kleidung beſtätigten dieſe Lüge, und ſo erhielt er bald ein paſſendes Quartier, und aller Argwohn gege ihn ſchwand. Er war zu ſehr an ſolche Täuſchungen gewöhnt, um nicht auch hier und in dieſer Stimmung dergleichen auszu⸗ ſprechen. Heinrich kam jetzt zu ſeiner Bitte zurück, die der Baron erfüllen ſollte. Er lag im Bett, der Arzt des nahen Pirna 90 wurde jeden Augenblick erwartet, und der Baron hatte ſich zu ihm geſetzt. „Ich muß Dir einen Brief dictiren“, ſagte er„bitte, ſchreibe ihn ſo ſchnell als möglich, und ſende ihn ſchleunigſt auf die Poſt.“ Der Baron machte ſich bereit. —„Ich darf Dich nicht mehr in der früheren Weiſe anreden“— begann Heinrich zu dictiren—„ich würde nicht einmal mehr wagen, an Dich zu ſchreiben“ er athmete ſchwer auf—„aber ich liege hier dem Tode nahe, fern der Hei— math, fern den Eltern, fern aller Verſöhnung. Ich kann nicht eher ſterben, ehe ich Dich noch einmal geſehen, ehe ich weiß, daß Du mir verziehen haſt. Ich warte auf Dich, Gott ſei mir verlorenen Menſchen gnädig, er lenke Dein Herz.“— Ein gewaltſames Schluchzen unterbrach ſeine Stimme. Er konnte nicht mehr. Der Baron vollendete den Brief, indem er ihr die ſchwere Verwundung ſeines Freundes mittheilte.—„Wo wohnt ſie?“— fragte er dann tief er⸗ griffen, den Freund.„Bei meinen Eltern, aber ſchreib auch an meine Eltern. Sie ſollten kommen, wenn ſie mich noch ihren Sohn nennen.“ Und er nannte ihm Namen und Wohnort der Eltern. Der Baron vollendete ſchnell auch die⸗ ſen zweiten Brief und ſendete das Schreiben dann auf die Poſt zur expreſſen Beförderung. 1 Jetzt kam der Arzt.„Die Wunde iſt zum Tode“— ſagte er.„Der Kranke hat nur noch wenige Tage zu leben.“ Doch gab er einen neuen und bequemeren Verband und lin⸗ dernde Umſchläge. —„Haſt Du noch einen Wunſch“?— fragte ſanft der Baron, als der Arzt dieſe erſchütternde Mittheilung gemacht hatte, ohne daß Heinrich dadurch erſchreckt war. 91 tie ſich—„Ach, wenn hier ein Prediger wäre, der zu mir kommen wollte.“ „bitte, Der Baron ging ſelbſt, den Geiſtlichen zu rufen. Hein⸗ leunigſt rich lag ſtill da, die matten Augen halb offen, die Hände ge⸗ faltet. Er betete wieder, aber die innere Angſt wich nicht von ihm. Weiſe de nicht ſchwer Der Aufruhr in Dresden iſt überwunden, die preußiſchen r Hei Bajonnette haben ſich mit den ſächſiſchen vereinigt, und wo H kaumn die Kugeln nicht durchdrangen, da halfen die Kolben nach. che ich Die Senſenmänner und die Barricadiers ſind aus der Alt⸗ Dich ſtadt herausgedrängt; ſie ſuchen ſo ſchnell als möglich einen Den ſicheren Ort, wo ſie vor dem großen Strafgewitter, das ſie „„.—. h ſeite fürchten, unterducken können. Auch in das Dorf, in dem dete dnn Heinrich und der Baron einſtweilen eine Wohnung gefunden reuundes haben, kommen ſie; alle natürlich ohne irgend einen Theil tief er⸗ am Aufſtande. Nur zufällig war ein jeder dort, und man ib auch dearf es ihnen daher leicht glauben, daß die Schmarren und ich loch Verwundungen, welche einzelne von ihnen entſtellten, ihnen en und mehr durch ein Ungefähr beigebracht ſind; denn die Schlacht uch die⸗ und den Kampf aufzuſuchen, dazu ſind ſie alle— das ſieht auf die man an ihren Entſchuldigungen und an ihrem eifrigen Leug⸗ nen— zu feig. nde= Einer von ihnen ſieht den Baron, der gerade vor die ſcben. Thür getreten iſt, um den Geiſtlichen zu rufen, und er er⸗ kennt in ihm einen der erſten Führer des Aufſtandes. Mit der Zudringlichkeit, welche nur dieſen gemeinen und verworfe⸗ nen Naturen eigen iſt, macht der Bandit ſich an den gebeugten und zerknirſchten Mann, und indem er ihm bemerkbar macht, wie gut er ihn erkannt hat, verlangt er von ihm eine Summe Geldes, damit er ſchweige. und lul⸗ anft der genach 92 Die Natur des Barons kochte auf. Eben ſo ſehr, als ſeine ariſtokratiſchen Gewohnheiten und Eindrücke ihm den Umgang und die Vertraulichkeit ſolcher Individuen widerlich machten, ebenſo empörte ſich ſein wiedererwachendes Gefühl gegen dieſen feigen und niederträchtigen Menſchen, und, ſchnell entſchloſſen, faßte er den Verbrecher beim Kragen und über⸗ gab ihn einem eben vorübergehenden Amtsdiener, als einen der Inſurgenten, von deſſen Vergehen er ſich ſelbſt kurz vor ſeiner Entfernung von Dresden überzeugt hätte. Der Elende ſchwieg verblüfft und folgte ohne Wider⸗ ſtreben dem Arme des Polizei⸗Dieners. Der Baron aber war durch dieſen kleinen Vorfall noch tiefer und ſchärfer in ſeiner Richtung gegen dieſe ganze Be⸗ wegung beſtimmt. Sind es nicht oft oder gar meiſtens die ſogenannten Kleinigkeiten des Lebens, welche die Charaktere bilden, die Gegenſätze ſchärfen, die Ideen erwecken? An dem Fall eines Apfels ſoll Newton ein großes Naturgeſetz entdeckt haben, und die Zuckungen eines Froſches führten Galvani in das innerſte Heiligthum des Geiſtes der Materie. Die kleinen Thatſachen ſind wie jene kleinen Räder einer großen Maſchine; ſetzt ſie in Bewegung, und ihr werdet mit Erſtaunen ſehen, wie der Umlauf dieſes kleinen Theiles das coloſſale Ganze allgemach lebendig macht. Es war eine merkwürdige Bewegung, welche den Baron ergriffen hatte, und der er ſich doch nur widerwillig fügte. Er, der abtrünnige Revolutionär, der Menſch ohne Heimath und Glauben und Herz, hatte ſich vor Kurzem ertappt, ein Gebet auf den Lippen, ein Gebet ſeiner erſten frommen Kindheit, deſſen Klänge die Stimme der todten Mutter wieder in ihm erweckten und die Erinnerung an die Umgebung ſeiner Jugend, an das Schloß ſeiner Väter, an die blumigen Ufer der Etſch. ſr, als zm den ſderlich Gefühl ſchnell über⸗ einen urz vor⸗ Wider⸗ l noch tze Be⸗ nannten en, die eines haben, in das kleinen nſchine; ſchen, Ganze Baron te Er, T und Gebet indhei in ihm Jugend „Giſt 93 .. Er, der kalte, mephiſtopheliſche Mann, der ſelbſt den blaſirten Berlinern, die über Alles hinaus waren, imponirt hatte, er, der Alles mit ironiſchem, heiſeren Lachen abzufer⸗ tigen verſtanden hatte, Alles, was ein höheres Leben, Alles, was ein Herz hatte, er hatte ſich auf einer Thräne ertappt! —„und was geht mich am Ende dieſer Menſch an?““ fragte er ſich ſelbſt, als er, die Ankunft des Geiſtlichen er⸗ wartend, an der Hausthür lehnte und in die Felſen und zu dem Strome hinausſahe, über welchen das lichte Roth des abendlichen Himmels dahinzitterte.„Kenne ich ihn denn ſo lange, ſteht er mir denn ſo nahe?— Daß ich nicht wüßte!— Wodurch intereſſirt er mich? Iſt er ſo voll Geiſt und Ta— lent, ſind ſeine Schickſale ſo außergewöhnlich?“ Und dann ſtarrte er wieder eine Weile vor ſich hin, tief in ſeine Gedanken verſunken. —„Als ich noch ein kleines Kind war“, begann er dann wieder zu ſich ſelbſt zu ſprechen,„hatte ich mich einſt verirrt, und weinend lief ich unter den Felſen und unter dem Ge⸗ ſtrüpp hin und her. Alles war öde um mich und leer. Vor mir lag der See, in den die Etſch ſich dort ausweitet. Es wurde Abend, es wurde Nacht; wer hörte auf meine ſchwache Stimme, auf mein Schluchzen? Da betete ich das kleine Gebet an die Mutter Gottes, das die Mutter immer „den Mund der zehn Finger“ nannte. Da kam der Nieccolo — ja, ja, Niccolo hieß er, ich ſehe ihn noch jetzt vor mir, den alten Bettler, der ſeinen Unterhalt von Haus zu Haus ſuchte, und in den Felſen ſein Neſt hatte,— ich hatte bis dahin vor ihm immer einen Ekel gehabt, hatte ihn mit Steinen geworfen, und jetzt gab ich ihm ſchöne Namen, und wie hab' ich mich an ihn geſchmiegt und ſeine Hände geküßt, als ich nun an ſeiner Seite den Weg nach Hauſe zurückgehen durfte!“ Er ſchwieg wieder. 7 94 „— Der Weg nach Hauſe!“ rief er dann aus.„Nach Hauſe, nach Hauſe!. Was wollte dieſe Erinnerung an ſeine ferne Jugend? fühlte er, daß Heinrich ſolch ein Niccolo ſei, ein Bettler, ein Elender, aber ein Menſch, der eine Ahnung von der Heimath hätte, an deſſen Seite auch er ſie wiederfinden würde? Der Prediger kam, ein Mann, der in anderen Augen⸗ blicken kaum ein flüchtiges Lächeln des Barons erregt hätte, aber heut lauſchte er einem jeden Worte, das dieſer zu Hein— rich ſprach, aber noch mehr den Antworten und Fragen, welche aus dem Munde des Todtkranken kamen. Das Un⸗ glück iſt ein beredter Mund, und die Schatten des Todes zeigen die Hand des Allmächtigen, deſſen Bild ſie ſind. —— Nach gend? er, ein eimath Augen⸗ hätte, Hein⸗ fragen, 5 Un⸗ Todes XVI. Das Ende 8 „8☛ Baßt mich hier im Wirthshauſe,“ ſagt eben ein hohes, bleiches Frauenbild zu einem alten kräftigen Bauers⸗ manne, auf deſſen Hand ſie ſich ſtützt, um vom Wagen herab— zuſteigen. Ein weißes Kopftuch umhüllt ihr Haar, auf die Stirn hängt ein Zipfelchen deſſelben herab, und an den Sei⸗ ten drängen ihre dichten, blonden Flechten in das bleiche, bleiche Antlitz hinein. —„Laßt mich hier und geht erſt ſelbſt zu ihm hin, und wenn ihr's findet, wie es in dem Briefe ſteht, dann kommt ſchnell wieder zurück und ſagt es mir!“ Der Alte iſt längſt gewohnt, Alles zu thun, wie die gute Ellis, denn das iſt dieſe Frau, ihm ſagt. Er geht mit ihr in die Wirthsſtube hinein, drückt ihr die Hand, und die hellen Thränen ſtehen dem alten Manne, dem magdeburgiſchen Bauer, in den Augen. Dann geht er weg. Aber noch ſchneller, als ſie es ver⸗ muthet, iſt er wieder da. —„Mein Sohn liegt im Sterben“— ſagt der Alte dumpf. —„So komm, wenn Du ihn noch einmal ſehen willſt, und er verdient es auch, uns wieder zu ſehen!“ 956 O Heinrich, wie ſie da in die Thüre deines Kranken⸗ zimmers trat, zitternd, mit gefaltenen Händen, der alte Vater an ihrer Seite!— Es war ihm, als ſollte er laut aufſchreien, vor innerſter Herzensnoth. Auf ihn wälzte ſich ſein ganzes Elend, die ganze Schmach ſeiner wilden Vergangenheit, die tollen Bilder ſeiner Vergnügungen, ſeiner Freundſchaften, ſeiner Sünden, er röchelte vor Qual.... —„Es wird gleich vorüber mit ihm ſein, aber der Todeskampf iſt gewaltig, wenn man ſo in der Blüthe hin⸗ ſtirbt“— ſagte der Pirnaiſche Arzt, der ſich eben von ſeinem Lager zurückbeugte. Ellis ſtand noch immer an der Thür des Krankenzim⸗ mers, die gefaltenen Hände flogen zitternd hin und her. Sie hörte die gebrochenen und nur halb verſtändlichen Worte, in denen der Kranke von den Geſtalten redete, welche ſeine Phantaſie ihm vormalte. Sie hörte ſeine röchelnden Seuf⸗ zer und den dazwiſchen immer wieder auftauchenden Namen Ellis! 1 Sie ſahe ſeine bleichen, mageren Hände ausgeſtreckt, hoch in die Luft hinein, wie ſuchend, wie verlangend..... —„Sie weicht mir aus, ſie flieht vor mir!“ rief er in ſeiner Fieberhitze aus. Ellis lehnte ſich halb ohnmächtig ge⸗ gen die Wand.— Der Baron, der bis dahin in einer Art ſcheuer Ehrfurcht nicht einmal gewagt hatte, das Mädchen zu begrüßen, trat ihr jetzt näher. —„Darf ich ihm ſagen, daß Sie hier ſind? Ich weiß, daß dies ihn aus ſeinem Irrſinn erwecken wird!“ Ellis nickte mit dem Kopfe, matt und langſam, als wüßte ſie nicht, was ſie thäte. Der Baron kehrte an das Bett des Freundes zurück. „Heinrich“— rief er,„Dein— Vater iſt hier!“ jaanken Pater nerſter F, die Bilder den, et zer der e hin⸗ ſeinen enzin⸗ Sie te, in ſeine Seüſ⸗ Namen hoch et in ig ge⸗ er Art 97 Der Kranke wandte den Kopf von der Wand weg gegen das Zimmer. Seine matten Augen öffneten ſich, ſie ſuchten. Da legte der alte Vater ſeine Hand in die des Sohnes und ſagte mit halb erſtickter Stimme:— „Heinrich, mein Sohn!“ Weiter konnte er nichts ſprechen. „Mein Sohn“— ſprach Heinrich ihm leiſe nach.„Ich habe wieder einen Vater!“ Aber Ellis rührte ſich nicht von ihrem Platze an der Thür, und Niemand wagte es, ſie an das Bett zu führen. Da trat der Pfarrherr des Dorfes ein, vom Küſter gefolgt, um das heilige Sacrament dem Sterben⸗ den zu reichen. Ein weiß behangenes Tiſchchen wurde an das Bett ge— rückt und der Kelch und die Oblatenſchale darauf geſetzt. Der Kranke faltete ſchnell die Hände, er ſahe die heiligen Gefäße, er wußte, wozu ſie hier ſtanden. Der Pfarrer legte die Hand auf die Stirn des Kran⸗ ken, und, indem er ihn bei Namen rief, begann er die Vorbereitung. Ellis hatte den Kopf erhoben, mit ängſt⸗ lich geſpannter Miene horchte ſie auf jedes Wort, und als ſie das erſte Ja! hörte, das die matte Stimme des Kranken auf des Paſtors Fragen ausſprach, da richtete ſich ihr blaues, frommes Ange nach Oben; ſie dankte und lobte; hatte er doch ſeine Sünden bekannt; hatte ſie doch einen Anfang von Gewißheit, daß er anders geworden war. Und ſo trat ſie leiſe, aber mit innerer Feſtigkeit, näher, an den Fuß des Bettes, und in dem Augenblick, wo der Paſtor an ihn die ernſtliche Frage wiederum richtete:„Sind Dir Deine Sünden leid?“— da ſahe er in ihr Angeſicht. Sie lächelte ſo kindlich, ſo rein und doch ſo ſchmerzlich—— mit weinenden Augen tönte das Ja! des Kranken. 98 Der Pfarrer wandte ſich einen Augenblick nach ihr um, er ſahe ſie an, und er ſchien Alles zu verſtehen. Es giebt Zeiten, wo die ſtumme Sprache des Antlitzes ſo lebendig, ſo überirdiſch lebendig geworden iſt, ſeltene Stunden, wo die Gewalt des innern Gefühls jeden Nerv, jede Muskel in ihren Dienſt genommen hat, wo jeder Zug wie ein feuriger Buchſtabe redet— hier war ſolch ein Augenblick eingetreten. Alle Anweſenden ſchloſſen ſich, durch einen innern Zug beſtimmt, der heiligen Feier an, und vielleicht ahnte der Pfarrer, daß er eben zwei wilde Sünder in die Gemeinde der Heiligen aufnahm und eine ewige Verſöhnung zwiſchen zwei getrennten Herzen beſiegelte. Der Pfarrer ſegnete den Sterbenden dann noch einmal, noch einmal hörte Ellis ſein Ja, als der Geiſtliche ihn nach dem Grunde ſeines Glaubens und ſeiner Hoffnung fragte, und ſie legte darauf ſanft ihre Hand in die Heinrichs. Er lächelte ſtill zu ihr auf. Sie hatte ihm nicht geſagt, daß ſie ihm vergeben hätte, aber er wußte es—; er hatte ihr nicht geſagt, wie viel er ihr abzubitten habe, aber ſie wußte es.— Und dann athmete er noch einmal auf, der alte Vater legte ihm gerade ſeine kühle Hand auf die brennende Stirn, und rief dann leiſe:„Der Herr Jeſus ſei mit mir und mit Euch!“ und dann war er hinüber. Der Pfarrer und Ellis und der alte Bauer knieten vor dem Bette nieder, der Baron folgte ihrem Beiſpiele. Eine lange, lange Weile— dann erhoben ſie ſich wieder.— Sie hatten den Leib in die Erde verſenkt und ein Kreuz auf das Grab geſtellt. Da lag er nun, auch unter Linden, auch am Rande des Kirchhofes, ſeine Ruheſtatt ſahe faſt aus, — ihhr um, s giebt bendig, n, wo Muskel die ein genblick en Zulg te der de der n zwei einmal, he ihn pffung nrichs. geſagt, 3 hatte bet ſit Yater Stirn, nd mit en vol Eine Kreuz einden, ſt aulé, — 99 wie die des alten Herrn aus dem Auguſtinerkloſter, aber man ſahe hier von der Höhe des Kirchhofes auf die breiten Waſſer des majeſtätiſchen Fluſſes, auf die Felsblöcke und auf die fer— nen, tiefgrünen Gebirgsmatten. Die drei Menſchen, die hier am Ende. dieſer einfachen Geſchichte von allen den wilden und verſchlungenen Gruppen noch übrig geblieben ſind, ſtehen zum letzten Male neben einander. Zwei Wagen harren vor der Thüre, der eine dort⸗ hin, der andere dahin gerichtet. —„Gott ſegne Euch“— ſagt der Baron und ſchüttelt dem alten Bauer die Hand. 3 —„und auch Sie, leben Sie wohl, und gedenken Sie in Ihren Gebeten auch meiner!“— ſagt er dann zur Ellis. —„Sie kennen mein Verhältniß zum Verſtorbenen, ich habe viel zu büßen.— Ich habe einſt auf der Straße in London einen ernſten, unerſchütterlichen Mann ſtehen ſehen; Straßenjungen und wilde, freche Geſtalten umgaben ihn, höhnten ihn, mißhandelten ihn, und er fuhr fort, das Evan⸗ gelium Jeſu Chriſti zu predigen, und er fuhr fort, zu ſegnen. Solch ein Mann will ich werden mit Gottes Hülfe! Ver⸗ geben Sie mir! Gott mit Ihnen.“— Und damit ſchritt er zur Thür hinaus, der hohe, feſte, ſtolze Mann, jetzt zerknirſcht, gebeugt, gedemüthigt. Ein Augenblick— und ſein Wagen war verſchwunden. Ellis und der alte Bauer folgten ihm bald, und in ſtiller Erinnerung gedachte ſie wieder des alten Pfarrherrn aus dem Auguſtinerkloſter, wie er einſt zu ihr geſagt hatte, indem er auf die Kloſterruinen neben ſeinem Hofe hindeutete: „Solch ein ſtiller Fleck iſt heut für uns wieder ſehr Noth geworden; es giebt Seelen, welche von dem Unglück der Welt ſo wund geſcheuert, ſo zerbrochen ſind, daß ſie vor ihr flüchten müſſen, wenigſtens auf eine Zeit! Aber ſie dürfen nur unter unſere Diaconiſſen gehen, in die Kranken⸗ häuſer, unter die Menſchen, welche mit der weißen, linden Krankenkleidung auch ein linderes, ſtilleres Weſen ange⸗ zogen haben, da werden ſie finden, was ſie ſuchen, und oft mehr!“ 2 Ellis kannte ſolch ein Haus, es lag nicht weit von ihrer Heimath.„Da will ich Ruhe finden, ein Plätzchen zum Beten und ein Plätzchen zum Arbeiten“— ſagte ſie in Gedanken, und damit knüpfte ſie ihr weißes Tüchlein wieder enger um ihrenKopf und hüllte ſich tiefer in ihren Mantel. Leb' wohl, du reines, frommes Kind, das Glück dieſer Erde hat dir wenig gelächelt, aber du hatteſt auch beſſere Wünſche, die es doch niemals hätte befriedigen können. Und in der Tiefe deiner Seele ſtehet ein Bild, das doch in ſich alle Schönheit dieſer Erde enthält, und noch mehr, und in dem doch alle Farben zuſammenfließen, mit denen man ein irdiſches Wohlbehagen ſchmücken kann, das Bild eines weiß⸗ häuptigen Mannes voll Liebe und Adel, eines Menſchen, wie er ſelten gefunden wird, tief wurzelnd und hoch ausſchauend und in Vielem ein Meiſter, und in dem Einen ewig ein de⸗ müthiger Jünger. In dieſem Bilde trägſt du, meine Ellis, Alles bei dir, was die Erde an Gutem und Schönem hat, und ſieheſt doch überall an ihm die tiefe, unauslöſchliche Sehnſucht nach einer Vollendung und einer Verklärung, nach dem harmoniſchen Schluß eines ſchönen Beginnens! So lebe denn fort, wie er, heiter und gelaſſen, de⸗ müthig, ſtill und bewegt, freue dich mit den Frohen, und weine mit den Traurigen. —— ber ſie rranken⸗ linden ange und oft eit von laͤtzchen agte ſie Lüchlein n ihren kdieſer beſſere , Und in ſich und in nan ein 3 weiß en, wie chauend ein de⸗ eGlls, in hat, ſblice nach 6 2 Olour& Grey GCortrof Chart Cyan Green vellow Hed Magenta