————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk—— f. 1 Mr. 50 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3— 5. Auswärtige Abonnenten aben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf Ahre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Alliirten der Reaction. 4 NRNoman V von Isidor Heller. Zweiter Band. Berlin, 1852. Allgemeine Deutſche Verlags⸗Anſtalt. 4. Zwei Jahre des reinſten Geiſterlebens war über die beiden Freunde hingegangen, als endlich die Außenwelt an ſie herantrat, und gewaltſam in ihre ſtille Bahn eingriff. Ephraim hatte bisher nicht die geringſte Kennt⸗ niß von den früheren Lebensſchickſalen des Mönchs und von den Umſtänden, die ihn zum Mitglied einer Prieſterkaſte gemacht, von deren Lebensweiſe und geiſtiger Anſchauung er ſoweit entfernt war. Der Mönch hatte noch niemals von ſich ſelbſt ge⸗ ſprochen, und Ephraim beſaß zu viel Zartgefühl um durch neugierige Fragen eine vielleicht ſchmerz— liche Wunde zu berühren. In der erſten Zeit dachte er, daß der Moͤnch in ſeiner Jugend ein ſchwärmeriſcher Chriſt geweſen, und in dem Be⸗ dürfniß nach Einſamkeit und ſtiller Forſchung in das Kloſter getreten ſei, wo ſich ſein Geiſt durch II. 1 2 2₰ Prüfung und innere Offenbarung aus den Nebeln des Glaubens zur lichtvollen Erkenntniß allmälig erhoben. Aber der herbe Unmuth über die beſte⸗ henden Welteinrichtungen und ein aufwallendes Gefühl der Ungeduld, ſich in einen Kampf mit den Mächtigen in der Geſellſchaft zu ſtürzen, welches zuweilen durch die mühſam errungene Ruhe des Mönchs wie halbgeloöſchte Flammen durchbrach, leitete Ephraim im Verlaufe ihres Zuſammen⸗ lebens auf eine andre Anſicht über das frühere Leben des Mönchs. In dieſen Flammen erkannte Ephraim die düſtre Gluth eines unerbittlichen, un— verſöhnlichen Haſſes. Ephraims eigenes Herz war noch nicht von dieſer verzehrenden Leidenſchaft er⸗ griffen worden; ſo grauſam er auch litt unter den blutigen Bildern der Geſchichte, ſo lebhaft er auch wünſchte Kampf und Gefahr mit der gegen die Feſſeln ringenden Menſchheit zu theilen; die wilde Luſt an der Zerſtörung war ihm fremd geblieben. Er ſah auf beiden Seiten der Kampfſtellung das geliebte Menſchenantlitz, im Feinde beklagte er auch das Opfer des Wahns und einer verirrten Selbſt⸗ ſucht. Oft hatte ihn ſeine Phantaſie in die Kämpfe mit geiſtigen und leiblichen Waffen geführt, die — 3 draußen in der Welt wütheten, er war nicht einen Augenblick in der Wahl der Parthei zweifelhaft, zwiſchen dem weißen Banner des unterdrückten Rech⸗ tes und der rothen Fahne der Anmaßung und des gewaltthätigen Uebergriffes. Aber nach dem Siege des Rechtes hätte er ſich mit Gefahr ſeines Lebens zwiſchen die Kämpfer geworfen. Dieſer Moment bildete den ſchönſten ſeiner Träume von ſeinem künf⸗ tigen Walten; es war das eine jener ſchönen ſchwär⸗ meriſchen Ideen, die den Träger derſelben ſo oft ſchon zum Opfer der über das Ziel hinausſchießen⸗ den Leidenſchaften der Mitkämpfer gemacht haben. Eine ſolche furchtbare Leidenſchaft die nicht bloß mit hingebender Liebe die theuern Penaten ver⸗ theidigt, ſondern mit dem Blute des Feindes einen verzehrenden Durſt zu löſchen ſucht, glaubte Eph⸗ raim zuweilen in der Tiefe der Seele ſeines Freun⸗ des lodern zu ſehen. Dieſe Bemerkung machte dem edlen Jüngling vielen Kummer, aber er er⸗ laubte ſich kein Urtheil über eine Erſcheinung de⸗ ren Gründe in einem Leben zu wurzeln ſchienen, deſſen Kämpfe er ſelbſt bisher doch nur wie ge— maltes Feuer betrachtet hatte. Neben dieſem verborgenen Feuer in der Seele 1* 4 des Mönchs deutete noch ein anderer Umſtand auf ein Geheimniß in dem Leben des Mönchs. Ueber dem Bett des Mönchs hing ein Gemälde das ſtets mit einem ſchwarzen Schleier dicht verhüllt war, und ſo oft Ephraim ſein Auge neugierig auf das Bild richtete, wandte ſich der Mönch verdüſtert von ſeinem jungen Freunde ab, als wollte er ihm jede Frage über das geheimnißvolle Bild abſchnei⸗ den. Erſt nach zwei Jahren des innigſten Um⸗ ganges verſchaffte ihm der Zufall volles Licht über das frühere Leben des Mönchs. Ephraim pflegte gewöhnlich nur in ſpäter Abend⸗ ſtunde ins Kloſter zu kommen, wenn die Schulen bereits lange geſchloſſen waren, und in den Kreuz⸗ gängen ſchon tiefes Dämmerlicht herrſchte. Theils wollte er der muthwilligen Schuljugend nicht be⸗ gegnen, und ſich der Begegnung mit den andern Geiſtlichen des Kloſters entziehen; theils mochte er ſeinen eigenen Gemeindemitgliedern nicht Stoff zur Verwunderung und zum Gerede über ſeinen Ver⸗ kehr mit dem Kloſter geben. Wenn ſein Unter⸗ richt im Zeichnen nicht gerade das Tageslicht er⸗ forderte, kam er ſogar nur mit dem Beginn der Nacht ins Kloſter. Er pflegte dann von ſeinem 4 5 Fenſter aus über den Abhang der Thalwand zu ſchlüpfen, die bis zum Kloſter hinlief, und der Möoͤnch der im Kloſter viel Freiheit genoß, erwar⸗ tete ihn an der Gartenpforte, oder kam auf ein gegebenes Zeichen aus ſeiner Zelle um ihn einzu⸗ laſſen. Eines Tages begab ſich jedoch Ephraim in früher Morgenſtunde ins Kloſter, da er an die⸗ ſem Abend und an dem folgenden Tage wegen des ſtrengſten jüdiſchen Feſtes abgehalten war. Er fand den Mönch in tiefe Schwermuth verſunken, ſeine Züge waren matt und ſeine Augen feucht; es ſchien, er habe geweint. Ephraim ward über den heftigen Kummer des ſonſt ſo feſten, imponirenden Mannes ſo tief be⸗ troffen, daß er zum erſten Mal, ſeit er ihn kannte, ſeine Hand ergriff, und ihn mit dem Ausdruck kindlicher Liebe theilnehmend anblickte. Der Mönch fühlte ſich von dieſer unwillkührlich überſtrömenden Zärtlichkeit ſeines jungen Freundes wohlthuend be⸗ rührt; ſein Gemüth war dieſen Morgen ſo weich geworden, daß nur die Berührung mit einem lie⸗ benden Herzen ihn aufrichten konnte. Dankbar erwiederte der Mönch Ephraims Händedruck, und wie ſich die beiden trefflichen Männer wie Vater 6 und Sohn ins Auge und ins Herz faßten, um— ſchlang ihre Seelen ein innigeres Band, als ſie bisher verbunden hatte. Wenn zwei Männesrher⸗ zen in einer Thräne zuſammenſtrömen, dann ſchmilzt die Kieſelrinde, welche zwiſchen ſtarken Seelen noch trennend liegt, wenn längſt ihre Geiſter im Ge⸗ dankentauſch elektriſch zuſammengreifen. Dann knüpft ſich eines jener ſeltenen erhabenen Bünd⸗ niſſe, die der Zahn der Selbſtſucht nicht benagen kann, da Opfer und Hingebung deren ſchönſte Freudenfeſte bilden. Mit ſicherem Vertrauen konnte der Mönch jetzt den ſchweren Gram ſeines Herzens erleichtern, in⸗ dem er einen Freund an der Laſt mittragen ließ; er hatte nicht mehr zu befürchten, daß ſein Weh weniger tief empfunden würde, als es in ſeiner eigenen Seele wühlte. Nicht wenig tröſtlich war ihm überdies der Gedanke, das Herz des Jüng⸗ lings zu erſchüttern, deſſen unbefangener Geiſtes⸗ ruhe gegenüber er ſich mit ſeinen innern Stürmen zuweilen noch mehr vereinſamt fühlte, als zu der Zeit, da ſeine Zelle noch von keinem fremden Fuß betreten war. Er fragte ſich jedoch, ob er nicht einem geheimen Zug von Selbſtſucht gehorche, 7 wenn er den Sturm ſeines Herzens in ein Ge⸗ müth übertrage, das noch ſo ruhig und windſtill war wie die Höhen des Olymps. Doch Ephraim zerſtreute ſein Bedenken, indem er, gedrängt von dem lebhafteſten Wunſche ſeinem Freunde zu hel⸗ fen, ausrief:„Mein theurer Freund, verbirg mir nicht länger den Schmerz der an deiner Seele nagt, und deſſen Heftigkeit ich längſt errathen. Einge⸗ ſchloſſen in dieſem Kloſter, bedarfſt du vielleicht einer helfenden Hand, die draußen in der Welt für dich wirkt. Welches auch der Dienſt ſei, deſ— ſen du bedarſſt, ich werde ihn erfüllen, keine Mühe, keine Gefahr wird mich abſchrecken.“ Der Mönch drückte dankbar die Hand des glü⸗ henden Jünglings. Dann führte er ihn zu dem Bilde das über ſeinem Bette hing, zog den Schleier weg, und ſagte mit tiefer Trauer:„Ich habe heute Morgen den Schatten einer geliebten Freundin mei⸗ ner Jugend geſehen, und die Wunden meines Her⸗ zens haben wieder zu bluten begonnen.“ Mit fieberhafter Spannung hatte ſich Ephraim dem geheimnißvollen Bilde genähert, deſſen Hülle er bisher vergebens zu durchdringen verſucht, und die jetzt in ſo feierlicher Weiſe fallen ſollte. Er 8 hatte etwas Außerordentliches erwartet, und dieſe Erwartung wurde noch übertroffen. In ſprach⸗ loſem Entzücken verlor er ſich in dem Anblick des Bildes; es war die erſte weibliche Geſtalt die je⸗ mals ſein Auge gefeſſelt hatte, und dieſes Weib beſaß eine ſo bezaubernde Schönheit, eine ſo rüh⸗ rende Anmuth, einen ſo ergreifenden Ausdruck von himmliſcher Reinheit und kindlicher Heiterkeit, daß es ſelbſt einem lebensmüden Wüſtling einen Aus⸗ ruf des Erſtaunens entlockt hätte. Welchen Eindruck dieſes himmliſche Bild auf die friſche, empfängliche Seele des reinen Jüng⸗ lings machte, kann ſich derjenige kaum vorſtellen, deſſen Auge ſich von Kindheit auf an den Anblick jener wunderbaren Weſen gewöhnt hat, die ein Gott in ſeiner glücklichſten Stimmung geſchaffen. Ephraim war ungefähr in dem Zuſtand, in dem uns Dichter und Maler den mythiſchen Adam ſchil— dern, als ſein Auge zum erſten Mal dem ſüßeſten Bilde der Schöpfung begegnete. Und wirklich hatte Ephraim da unten in ſeiner tiefen Wohnung, wenn auch nicht ſo paradieſiſch, doch eben ſo einſiedle⸗ riſch wie der alte Adam gelebt. Das Auge ſeiner Mutter war erloſchen, bevor ihr Bild in der Kindes⸗ —— 9 ſeele ſich abſpiegeln konnte, und einer Schweſter freundlichen Anblick hatte ihm das Geſchick nicht beſchieden. Die alte verdrießliche Wirthſchafterin ſeines Vaters war die einzige Repräſentantin des ſchönen Geſchlechtes zu der er ſein Auge erhoben, denn ſeinen Weg zur Schule und zur Synagoge hatte er gewöhnlich ſo raſch, und das Auge ge⸗ dankenvoll zu Boden gerichtet, zurückgelegt, daß ihm das Leben in ſeiner Gemeinde beinahe ſo fremd war, als wenn er hundert Meilen davon entfernt geweſen wäre. Die Begeiſterung Ephraims erweckte in dem Mönch die Erinnerung an den Moment, wo er ſelbſt das lebendige Original dieſes ſchönen Bil⸗ des zum erſten Mal erblickt hatte, mit ſo lebhaf— ten Farben, daß der Schmerz um ihren Verluſt ſein Herz wie mit tauſend Dolchen zerſchnitt. Er ließ raſch den Schleier über das Bild fallen, und wäre faſt kraftlos zu Boden geſtürzt, wenn ihn nicht Ephraim, der ihn wanken ſah, mit dem kräf⸗ tigen Arm der Liebe umfaßt hätte. Er ließ ihn ſanft in ſeinen Lehnſeſſel niedergleiten, und neigte ſich traurig über den tiefgebeugten Mann hin. Nach einigen Minuten hatte der Mönch wieder 10 ſo viel Kraft gewonnen, daß er ſich erheben und durch das Zimmer ſchreiten konnte. Plötzlich blieb er vor Ephraim ſtehen, und betrachtete ihn mit einem furchtbaren Flammenblick. Ephraim hatte ihn noch nie ſo ſchrecklich erhaben geſehen, er fragte ſich ob das derſelbe Mann ſei, der vor wenigen Minuten ohnmächtig zuſammenbrach. Seine Stimme ſchnitt Ephraim tief ins Herz, ſo heftig zitterte darin Haß und Schmerz. „Jüngling,“ ſagte der Mönch,„die Leiden des Lebens ſind dir bis jetzt nur erſchienen wie fernes Gewitterrollen. Nur im Traume haſt du das Trei⸗ ben der Welt geſehen. Heute hat dein Ohr zum erſten Mal an der Bruſt eines Menſchen das Aech⸗ zen und Pochen eines wundgeriſſenen Herzens ge— hört, und wie ich aus deinem ſtarren Blick und deinen bleichen Zügen ſehe, wird dieſer ſchreckliche Laut lange in deiner Seele forttönen. Du haſt hier das Bild eines der herrlichſten Weſen der Schöpfung geſehen; ihr Anblick hätte den Ruch⸗ loſeſten zu beſſeren Gefühlen bekehrt, in ihrem Herzen wohnte Liebe genug um tauſend Unglück⸗ lichen zu helfen— ſie iſt ein Opfer des Vorur⸗ theils und niedriger Ränke von Perſonen geworden, 11 welche die Ehre Gottes auf ihre Fahne ſchreiben. Acht Tage nachdem ſie, der Sehnſucht nach ihrem Freunde erliegend, ins Grab geſenkt wurde, hat man mich aus meinem Kerker gezogen, in welchem mich mein eigener Oheim ein Jahr lang ſchmach⸗ ten ließ, da er wohl wußte, daß nur der Kerker oder das Grab zwei Weſen trennen konnte, die für einander geſchaffen waren. Ich ſelbſt, dieſer finſtre Mönch den du vor dir ſiehſt, und der dich oft erſchreckte durch die Stürme die aus ſeiner Seele zu brechen pflegen, war vor zwanzig Jah⸗ ren ein blühender, harmloſer Jüngling, der in dem Roſengefilde der Kunſt wie ein glücklicher Sommervogel flatterte. Du ſiehſt wie ich zu einer grämlichen Eule geworden bin.— Ich bin nicht fä— hig dir die Geſchichte meines Glückes und meines Elends mündlich zu erzählen, aber du wirſt ſie in dieſem Papierhefte finden, das ich während des Jahres meiner Kerkerhaft geſchrieben habe. Dieſe Geſchichte wird dir Einſicht gewähren in die dunklen Falten des Lebens, von denen die Weltgeſchichte, die nur von den Maſſen und den Großen ſpricht, nichts erwähnt.“ Der Mönch übergab bei dieſen Worten ſeinem 12 jungen Freunde eine Handſchrift, welche der Leſer unter der Ueberſchrift„St. Liguori“ als erſtes Buch dieſer Erzählung gefunden. 8 „Nun aber mein Freund,“ fuhr der Mönch fort,„nachdem du mein Elend und meine Leiden kennen gelernt, wirſt du dich nicht entſetzen vor dem was ich dir weiter ſagen werde, und was ich dir nicht mehr verbergen will, nachdem dein Geiſt genug herangereift iſt um zu prüfen und zu urtheilen. Erfahre denn, daß ich eines der wirk⸗ ſamſten und angeſehenſten Mitglieder jenes furcht⸗ baren Ordens bin, deſſen Name ein Gegenſtand des Schreckens und des Abſcheues iſt; jenes Or⸗ dens, der der menſchlichen Geſellſchaft wie Har⸗ pyen das Blut auszuſaugen ſucht, damit ſie kraft⸗ los und ſiech an ſeiner eiſernen Hand und an ſeinen verrätheriſchen Krücken hinſchleiche. Es iſt jener Orden, von dem du viel geleſen, von deſſen Wirken wir oft geſprochen; es iſt jene Geſellſchaft, die ſich nach einer der erhabenſten Erſcheinungen der Weltgeſchichte, nach dem Stifter des Chriſten⸗ thums zu nennen wagt.“ „Dieſer Qrden beſteht aus verſchiedenen Ele⸗ menten: Die große Maſſe beſteht aus gemeinen Frömmlern, die ſich an der Krippe des Herrn ſatt eſſen. Höher ſteht eine Anzahl begeiſterter junger Leute, welche heißen Bekehrungseifer in einer Seele tragen, die mehr der Einbildungskraft als der Prü⸗ ſung zugänglich iſt. Es ſind das kranke Gemü⸗ ther, die ſich gerne in Täuſchungen wiegen, die beim Buch und in der Stille der Klöſter für die Kanzel und die Miſſion erzogen ſind. Doch dieſe beiden Abtheilungen bilden nur den rauſend⸗ armigen Körper des Ordens, durch den der Bo⸗ den des Volkes bearbeitet und nach Schätzen ge⸗ graben wird.— Der kleinſte aber bedeutendſte Theil der Geſellſchaft beſteht aus kühnen Ränke⸗ ſchmieden, herzloſen Böſewichtern, glatten Intri⸗ guanten und einigen ſtarken Geiſtern, die durch Scharfblick und ruheloſe Thätigkeit auf die Höhe dieſer Geſellſchaft gelangt ſind, und mit deren ge— waltigen Mitteln ihre drängende Thatkraft und ihre Herrſchſucht befriedigen.“ „Nachdem ich, wie du aus der Handſchrift er— ſehen wirſt, in den Orden gekommen bin, habe ich mich raſch zu dieſer höheren Schichte aufge⸗ ſchwungen, wo alles menſchliche Gefühl aufhört, wo alle Sinnengenüſſe der Erde neben jenem feineren 14 Genuß geiſtigen Waltens verſchwinden, das je nach dem Zweck göttlich oder teufliſch iſt. Mein tödt— licher Haß gegen alle Vorurtheile und Gewalten, welche in das Menſchenglück zerſtörend greifen, mein ruheloſer Trieb, die Welt von ihren vielfa⸗ chen Tyrannen zu befreien, entwickelte alle Kräfte meiner Seele in einem ſolchen Grade, daß dieſe Teufel ihren Meiſter in mir erkannten, und mir folgten, wie ich hoffe— zu ihrem Verderben.“ „Eben jetzt iſt ein großes Werk der Ausführung nahe, es wird unabſehlich in ſeiner Wirkung ſein, es wird der Welt einen gewaltigen Aufſchwung geben. Mein Herz pocht, wenn ich an die Wir⸗ bel und Wogen im Meere der Menſchheit denke, die ein Hauch aus Rom erregen wird. Ich mag jetzt nicht mehr ſagen, der Gedanke würde deinen Geiſt bewältigen und gefangen nehmen. Sobald der Triumph ſicher iſt, dann wollen wir beide in die Knie ſinken, und auf dem Altare der Menſch⸗ heit eine Thräne der Freude weinen. Die Idee zu dieſem Werke kam mir eines Nachts, nachdem ich den Schleier von dem Bilde jenes hingeſchie⸗ denen Engels weggezogen, und dann wie gewöhn⸗ lich die Beute eines bewältigenden Schmerzes wurde, 15 an deſſen Gluth ſich die Flammen meines Haſſes neu entzündeten. Seit Jahren wirke ich für dieſe Idee mit dem Muthe und der Ausdauer eines Jägers, der den Tiger verfolgt. Mit allen Kün— ſten der Hölle habe ich gegen die Hölle gekämpft, und nachdem ich einige der gewandteſten Teufel für meinen Plan gewonnen, kann ich faſt mit Sicherheit auf das Gelingen deſſelben rechnen, ſo⸗ bald ein Mann geſtorben iſt, der ſchon mit einem Fuße im Grabe ſteht. Du haſt wohl nicht im Entfernteſten geahnt, welche Briefe und Denkſchrif⸗ ten aus dieſer Zelle in die Welt gingen, und welche Conferenzen hier gehalten wurden, hier unter dem Auge dieſes Bildes, deſſen Anblick meinen Geiſt unwiderſtehlich macht. Es vergeht kein Monat, wo nicht einer der Eingeweihten meiner Parthei im Orden hieher kommt, um mir Bericht zu er— ſtatten über den Gang unſerer Angelegenheiten und weitere Schritte zu berathen. Meine Zurück⸗ gezogenheit in dieſem einſamen Winkel der Welt iſt nur von der Nothwendigkeit geboten, die Augen der jetzt noch mächtigen Gegner meiner Parthei von mir abzulenken um, wie immer die Dinge ſich wenden, freie Hand zu behalten. Meine Idee 16 kann beſiegt werden, ich ſelbſt aber werde niemals compromittirt ſein, und unter neuen Verhältniſſen werde ich neue Wege einſchlagen.“ Der Mönch hatte bis jetzt mehr vor ſich hin als zu Ephraim geſprochen, wie Jemand der das Bedürfniß fühlt eine ſchwere Laſt von der Bruſt abzuwälzen. Erſt als er ſeine Mittheilung been⸗ digt hatte, wandte er ſein Auge wieder auf den Jüngling, um den Eindruck zu prüfen den ſeine Enthüllung ausgeübt. Ephraims Angeſicht war von Todtenbläſſe über⸗ deckt, ſeine Züge verriethen einen heftigen innern Kampf, und ſein Auge haftete am Boden, als wäre es ihm in dieſem Augenblick unmöglich den Mann zu betrachten, der ſich ſo plötzlich in einen Dämon verwandelt hatte. Der Mönch erſchrak bei dieſem Anblick, er fürchtete die Freundſchaft dieſes reinen Gemüthes verloren zu haben. Doch ein Blick auf das verſchleierte Bild gab ihm alle ſeine Feſtig— keit wieder, und ſo ſehr ſein Herz bei dem Ge⸗ danken blutete, daß diefer Jüngling, der ihm ſo theuer geworden ſich von ihm trennen könnte, ſo war er doch feſt entſchloſſen auch dieſes Opfer zu bringen, um ſeinen furchbaren Weltgang unge⸗ 17 ſtört fortzuſetzen. Und doch hätte er ſo gerne das ſchöne Herz des Jünglings feſtgehalten, er ent⸗ ſetzte ſich davor wieder in ſeine ſchreckliche Ein⸗ ſamkeit zurückzuſinken, nachdem ihm ein glücklicher Zufall einen Freund an das öde Herz gelegt. Das tiefe Schweigen des Jünglings ward ihm immer peinlicher, und wie auch die Entſcheidung ausfiele, ſo wollte er doch alsbald erfahren, was in der Seele Ephraims vorgehe. „Ich begreife deinen Schauder,“ ſagte er weh— müthig,„indem ich mich in die Zeit zurückverſetze, wo auch mein Herz ſo offen war wie der Kelch einer Lilie. Es iſt dir zu Muthe wie einer barm⸗ herzigen Schweſter, die zum erſten Mal eine Ope⸗ ration anſieht mit allen Schrecken und Widerlich⸗ keiten des Krankenbettes; und doch iſt der uner⸗ bittliche Arzt kein Scheuſal, kein grauſamer Henker. Ich ſage es dir offen, ich bin Jeſuit, jeſuitiſcher vielleicht als meine Kollegen; aber was den ge⸗ wöhnlichen Jeſuiten haſſenswerth macht, das ſind ſeine Zwecke, nicht ſeine Mittel. Der Zweck hei⸗ ligt das Mittel, das iſt ein Grundſatz nach dem ſich Alles in der Welt bewegt. Was iſt ein Mit⸗ tel? Ein Hebel aus dieſem oder jenem Stoff. II. 2 18 Sollte der Flaſchenzug verwerflicher ſein, weil er ſinnreicher und complicirter iſt als die plumpe Stange von Holz oder Eiſen mit der der Urkun⸗ dige mühſam ſeine Laſten hebt? Iſt der ein Zer— ſtörer, der alte Häuſer niederreißt um auf dem Grunde neue aufzubauen? Reißt nicht der Land⸗ mann mit gewaltiger Hand den Boden auf um ſeine Saat in die Furche zu legen? Alle dieſe Bilder wendet auch der Jeſuit an um ſein Thun zu rechtfertigen, und er wäre in ſeinem Recht, wenn ſein Zweck ein guter wäre. Auf das Ziel kommt Alles an, und ſelten wird es anders erreicht als wie beim Wurfgeſchoß durch die krumme Linie. Mit dem Teufel muß man teufliſch ringen. Warum leidet das Recht, herrſcht das Unrecht? Weil das Unrecht eine heuchleriſche Maske vornimmt, und die Redlichkeit der Menſchen der Täuſchung Vor⸗ ſchub leiſtet. Wenn einſt die Maske fällt, und der dahinter verborgene Wurm ſichtbar wird, dann wird die Selbſtſucht ohnmächtig ſein; ſie wird allein ſtehen mit ihrem Häuflein ſchuldbewußter Helfershelfer. Dieſe Maske abzureißen iſt die Auf⸗ gabe meines Lebens, und jedes Mittel iſt mir willkommen, wenn es ſich nur wirkſam erweiſt.“ 19 Ephraim bemerkte die zitternde Haſt, mit der ihn der Mönch zur Aeußerung ſeiner Meinung drängte, und raffte ſich auf aus dem Schrecken in den ihn die Enthüllung verſetzt hatte.„Mein Freund,“ ſagte er indem er ſein mildes blaues Auge zu dem Mönch emporrichtete,„du mißverſtehſt den Grund meines Schweigens. Was meine Seele erfüllte, war der Schauer der Bewunderung bei der Offenbarung einer dämoniſchen Natur. Ich kann mirs denken, wie bequem der Denker bei der Studirlampe den Mann verurtheilt, der mit Staub und Blut bedeckt ſich durch die Welt ſchlägt. Die Lehre lebt in den Wolken die That auf der Erde. Und wenn ich bedenke, daß die ſchöne Lehre des Chriſtenthums und die Ideen eines So⸗ krates ſeit zweitauſend Jahren ſo langſame Fort⸗ ſchritte gemacht, daß ſie Huß nicht vom Feuertode gerettet, Galiläi nicht die Folter erſpart, und noch heute nicht die tauſend Opfer des Wahns und der Selbſtſucht retten können, ſo ſcheint mir dein Leben ein erhabenes Märtyrthum. So wirkſam und wohlthätig dein Walten für den Triumpf der Vernunft und der Freiheit iſt, es wird nie auf den Dank der Welt Anſpruch machen können; 2* 20 die menſchliche Natur verabſcheut die Lüge und die krummen Pfade, ſelbſt wenn ſie den Nutzen erkennt und genießt. Dieſe Eigenſchaft ſichert der Geſellſchaft den endlichen Sieg des Rechtes und der Wahrheit. Auf dieſe Eigenſchaft bauſt du das Gelingen deiner Pläne, aber du ſelbſt fällſt ihr als Opfer. Ich bewundere deine Hingebung, aber ich weiß nicht, ob ich die Kraft beſitze dir zu folgen. Ich habe mich in die Lage des Johannes Huß hineingedacht, wie er in erhabener Unbeug⸗ ſamkeit den Scheiterhaufen beſtieg, er wollte ſein Leben nicht durch eine Lüge erkaufen und dieſe Wahrhaftigkeit ſichert ihm ewigen Ruhm; aber woher die Kraft nehmen ſein Leben an ein Stre⸗ ben zu ſetzen, das man der Welt ewig verſchleiern muß, um nicht von ihrer Verachtung getroffen zu werden?“ „Im Streben ſelbſt,“ erwiederte der Mönch, „und in der Siegeshoffnung liegt die Kraft. Du weißt noch nicht Ephraim, was es heißt von einem mächtigen Streben erfüllt ſein, in deiner Seele ſchlummert noch die allein thatkräftige Leidenſchaft, die Liebe wie der Haß; dein Gemüth kennt bis jetzt nur Wohlwollen oder Abneigung. Dein Geiſt 21 iſt der klaren Erkenntniß zugewandt, und im Be⸗ greifen liegen deine Thaten. Ich wollte gar nicht, daß es anders mit dir wäre, an dieſem ruhigen Walten erquickt ſich mein ſtürmiſches Herz. Wären wir ſchon auf dieſer Höhe der Freiheit in der Geſellſchaft, wo Erkennen gleichbedeutend iſt mit Schaffen, dann würden nur Menſchen wie du zur Leitung der Geſellſchaft berufen ſein. Jetzt gilt es Minen graben und Burgen ſchleifen, und dieſem Werke habe ich mich geweiht; ich fühle etwas in mir von jenem furchtbaren böhmiſchen Helden, dem Huſſitenführer, auf deſſen Boden wir hier ſtehen. Nach dem Lohn der Welt ſtrebe ich nicht, noch nach ihrem Beifall; beides iſt unſicher und ohne ſittliche Bürgſchaft. Ich kämpfe für ein Prinzip das ſich in meinem Bewußtſein offen⸗ bart; dieſes Prinzip regiert auch deine Seele, und wie auch immer unſere Wege und Mittel ausein⸗ ander gehen, im Prinzip begegnet ſich unſer Wohl und Weh, je nachdem es ſinkt oder ſiegt.“ „Verkenne nicht mein Herz theurer Mann“— rief Ephraim von dem herben Ton des Mönchs gerührt—„nicht bloß in dem Knotenpunkt unſrer Erkenntniß berühren ſich unſre Seelen; dein ganzes 22 Daſein mit all ſeinen Leiden und Regungen iſt an mein Herz gebunden. Dein Bild ſchwebt mir vor als die erhabenſte Erſcheinung meines Lebens, und die Stimme der Liebe, die der Grundton deines Herzens iſt trotz der wilden Klänge des Haſſes, wird immer ein Echo finden in meiner Bruſt. Dein Alter wird nicht verlaſſen ſein, und wenn du Troſt bedarfſt, wird dein Seußzer ſtets den Jüngling herbeirufen, den du aus dumpfen unfruchtbaren Brüten auf die Höhen der Ver⸗ nunft und des Wiſſens gehoben.“ Tief bewegt erhob der Mönch ſeine Arme ge⸗ gen das verſchleierte Bild.„Eveline,“ rief er,„das Herz dieſes Jünglings verdanke ich deinem Bilde, dein Andenken ſei geſegnet. Ephraim, fuhr er fort, du ſollſt ein Bild von dieſem Engel haben, deſſen Anblick auch dich mit Entzücken erfüllt hat. Du wirſt in der Tiefe jenes Kaſtens eine Lein⸗ wandrolle finden; doch öffne ſie nicht hier, nimm ſie in deine Wohnung, ich mache ſie dir zum Ge⸗ ſchenke, und möge das Bild ein unvergängliches Band zwiſchen uns durchs ganze Leben bilden.“ iſt mir ens, dton des iner und ſtets pfen Ver⸗ 5. Als Ephraim wieder in ſeinem kleinen Stübchen zwei Treppen unter der Straße angekommen war, wollte es ihm bedünken, als habe er einen ſelt⸗ ſamen Traum gehabt. Dieſer gewaltige Mann mit ſeinen weitgreifenden Verbindungen und welt⸗ erſchütternden Plänen, der in dem Kloſter wie ein verborgener Gott hauſte und der ſein Freund war, wollte ihm nicht recht zuſammenpaſſen mit ſeinem engen Stübchen von ſechs Schritten im Durch⸗ meſſer und ſeiner Lebensſtellung als Sohn der letzten Perſon in der unterſten Schichte der Ge⸗ ſellſchaft. Auch jenes Engelbild das noch ſo leb⸗ haft vor ſeinen Augen ſtand, ſchien ihm einer reizenden Welt anzugehören, von der er ſich in dieſer Höhle des jüdiſchen Gemeindehauſes Millio⸗ nen Meilen entfernt glaubte. Bei dieſen Betrach⸗ tungen beſchlichen ihn leiſe Wünſche, die ſeine 24 ruhige Seele in einen peinlichen Taumel verſetzten. Sein Stübchen wurde ihm zum erſtenmal in ſeinem Leben enge und unbehaglich, und als er ans Fen⸗ ſter trat und ſein Auge über die Gegend ſchweifte, befiel ihn eine qualvolle Sehnſucht nach der Welt hinter den Bergen, die den Horizont begrenzten. Und was war es was ihn quälte und drückte? Er fragte ſich vergebens, er konnte dieſes Gefühl nicht ergründen. Es war aber nichts anderes, als daß die romantiſchen Erlebniſſe im Kloſter in dem tiefſinnigen Philoſophen und Gottesge⸗ lehrten den achtzehnjährigen Jüngling geweckt hatten mit ſeiner fieberhaften Sehnſucht nach Liebe und Leben. Das im Kloſter St. Liguori geſchriebene Ma⸗ nuſkript des Mönchs, welches ihm dieſer überlaſſen, ſteigerte noch ſeine romantiſche Stimmung. Eph⸗ raim hatte die gewaltigen und tiefen Aufregungen der Weltgeſchichte erfahren, aber die Geſchichte mit ihren großen Verhältniſſen ſchien dem in ſeinem engen Stübchen wie außer der Welt ſte⸗ henden Sohn des Todtengräbers ſo weit abliegend wie der geſtirnte Himmel über ſeinem Haupte. Doch dieſes Manuſkript, welches einige Figuren ten nem Fen⸗ eifte, Welt zten. ckte! efühl eres, oſter esge⸗ veckt Libe Ma⸗ iſſen, Eph⸗ mgen hichte n in ſte⸗ gend upte. guren 25 mit ihren perſönlichen Gefühlen und Kämpfen in den Vordergrund der Welt ſtellte, umſtrickte ihn mit all dem gefährlichen ſinnverwirrenden Zauber des Romans, wobei ſo leicht der Leſer ſich mit dem Helden verwechſelt. Ueberdies lag kein ge⸗ drucktes Buch vor ſeinem Auge, aus deſſen Täu⸗ ſchungen man über ſich ſelbſt lächelnd zu erwachen pflegt. Der Schreiber dieſer Schrift war ihm bekannt, von den Perſonen die ſich in dieſer Er⸗ zählung bewegten, reichten einige in ſein eigenes Leben, und den Helden derſelben, der damals ein blühender Jüngling war wie er ſelbſt, hatte er wiedergefunden älter an Jahren, aber nicht minder wild bewegt und leidenſchaftlich und in noch ro⸗ mantiſchere Verhältniſſe verwickelt. Die Leinwandrolle, die ihm der Mönch ge— ſchenkt, hatte Ephraim in den erſten Stunden nicht geöffnet. Er wollte eine ruhigere und ſichere Stimmung abwarten, ehe er es wagte ſich einem Anblick auszuſetzen, der ihn draußen in der Zelle des Mönchs ſo tief ergriffen. Nachdem er jedoch das Manuſkript geleſen, und ſich lange unbeſtimm⸗ ten Gefühlen und verworrenen Träumen hingege⸗ ben, konnte er doch nicht der Verſuchung wider⸗ 26 ſtehen, das ſchöne Bild des Weibes wiederzuſehen, das er mit Hülfe des Manuſkriptes auf ihrem Le⸗ benswege begleitet hatte. Der Eindruck des Bildes war jetzt noch tiefer und bewältigender als in der Kloſterzelle. Eph⸗ raim empfand faſt dieſelbe Miſchung von Entzük⸗ ken und verzehrendem Schmerz, welcher der Mönch bei dieſem Anblick zu unterliegen pflegte. Eph⸗ raim kannte jetzt dieſes ſchöne Weib, das ihm beim erſten Anblick eine fremde und faſt ſeltſame Erſcheinung geweſen; er wußte jetzt ihren Namen, und über ſeine Lippen ſchlüpfte das Wort Eve⸗ line mit einer Innigkeit und Wehmuth, als wäre ſie ſeine eigene Geliebte geweſen. Die tiefe Stille und Einſamkeit ſeines Stübchens, der ſpärliche Schein ſeiner Studierlampe erhöhte die Erregbar⸗ keit ſeiner Phantaſte ſo mächtig, daß ihm das Biid faſt lebend erſchien. Ueberdies war Evelinens Ge⸗ ſtalt auf dieſem Blatte anders dargeſtellt als auf dem Gemälde im Kloſter. Dort war es das lieb⸗ liche Kind der Villa im weißen Kleid und blauen Band, den Strohhut auf dem Kopfe, und mit dem kindlichen Frohſinn auf dem holden Geſichte. Hier aber war ſie als Madonna dargeſtellt; ihre Züge 27 waren blaß und faſt durchſichtig, auf ihren un⸗ ſchuldvollen Lippen ſchwebte eine tief rührende Trauer, und ihr halbverſchleiertes Auge war mit dem Blicke ſchwermüthiger Entſagung auf das Kind zu ihren Füßen gerichtet, das mit dem Kreuze ſpielte. Im Hintergrunde ſtand der Mönch als der Zimmermann der Bibel. Ephraim konnte ſich nicht trennen von dem Bilde; mit verſchlungenen Händen ſaß er, wie anbetend vor dem Bilde, in Trauer verſunken, und heiße Thränen ſtrömten aus ſeinen blauen, ſchwärmeriſchen Augen. Der Mönch ſelbſt hatte dieſes Bild in einer an Wahnſinn grenzenden Aufregung gemalt, und als er es vollendet hatte, verfiel er in ein hitziges Fieber, das an ſein Aufkommen zweifeln ließ. Seit⸗ dem wagte er nicht mehr dieſes Bild anzuſehen, und verbarg ſelbſt die geſchloſſene Rolle unter Bü— chern, die er faſt nie benutzte. Während Ephraim in ſeinem Stübchen in einem Meer von nie gekannten Freuden und Schmerzen ſchwamm, war ſein Name der Gegenſtand ſehr mißliebiger Bemerkungen in ſeiner Gemeinde. An dieſem Abend hatte das Verſöhnungsfeſt oder die ſogenannte lange Nacht begonnen. Dieſes Feſt, 28 das höchſte im Judenthum, dauert von Abend bis Abend in ununterbrochener kirchlicher Feier. Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag er⸗ tönen in der Synagoge feierliche Geſänge und Gebete in unermüdlicher Folge, um den Zorn des alten furchtbvren Gottes, der für die Sünden der Väter bis ins tauſendſte Geſchlecht Rache nimmt, zu bewältigen.. Im alten Paläſtina war das Feſt ein erha⸗ bener Verſöhnungstag voll poetiſcher Symbole. An dem Tage wurden die Sünden des ganzen Volkes auf das Haupt eines unglücklichen Bockes übertragen, und dieſer mit ſeiner Laſt in einen Abgrund hinabgeſtürzt. Dieſer Funktion verdankt wahrſcheinlich der Bock die bedeutende Rolle, die er in den ſpätern Hexengeſchichten ſpielt. Auch dürfte von dieſer Uebertragung der Sünden die ſchöne chriſtliche Mythe von dem Opferlamm ag- nus Dei herrühren, von dem einen erhabenen Men⸗ ſchen, der zur Rettung der ganzen Menſchheit ge⸗ opfert wurde. Aber die hypochondriſchen, trau⸗ rigen Rabbiner, die in der babyloniſchen Gefan⸗ genſchaft jeden heitern Fleck ihrer Religion mit grauer Farbe übertünchten, haben den ſchönen 29 Verſöhnungstag in einen ſchrecklichen Gerichtstag umgewandelt, und ihn mit der gräßlichen Phan⸗ taſie eines Höllenbreughel ausgeſtattet. Der jüngſte Tag des Chriſtenthums iſt nur eine vermehrte und verſchlimmerte Ausgabe jener dichteriſchen Schö⸗ pfung der jüdiſchen Altvordern. In zehntägiger Buße bereitet ſich der arme Sohn Israels vor um mit tief gedemüthigtem Her⸗ zen vor dem furchtbaren Kriegsgericht des Him⸗ mels zu erſcheinen, und vier und zwanzig Stun⸗ den erträgt er dann eine körperliche und geiſtige Folter, die ſtark genug iſt um auf ein ganzes Jahr oder auf ein ganzes Leben jede Spur von männlichem Trotz und kräftigem Hochgefühl aus ſeinem Herzen wegzuätzen. Von Abend bis Abend kommt keine Nahrung, kein Tropfen Waſſer über ſeine Lippen. Die weißen langen Sterbekleider verwandeln die Synagoge in ein ungeheures Grab⸗ gewölbe, in welchem ſich die Leichen aus den Sär⸗ gen erhoben, um einen ſchrecklichen Sabbat zu feiern. Hunderte von mannshohen gelben Wachs⸗ kerzen brennen in Kaſten mit Erde gefüllt, als Sinnbilder der dahingeſchiedenen Seelen. Dieſe Flammen und die dichte Menſchenmenge geben der 30 Luft die Hitze eines wohlgenährten Fegefeuers. In dieſer glühenden Atmoſphäre miſcht ſich Stöh⸗ nen, Seufzen und Geheul, als ob Tauſende von Seelen auf hölliſchen Roſten zuckten. Die Ge bete, die aus Rieſenbüchern laut abgeleſen werden, zählen alle Sünden des Menſchengeſchlechtes auf ſammt ihren Strafen, aus welchen die Inquiſition ihr peinliches Verfahren geſchöpft zu haben ſcheint, und aus der Tiefe dieſer furchtbaren 8 Verſammlung, aus der Nähe des Tabernakels, ſteigen Geſänge empor, deren Melodien dem Stöhnen hölliſcher Verdammten abgelauſcht zu ſein ſcheinen. Außerhalb der Synagoge ſind in dieſer„lan⸗ gen Nacht“ die Straßen des ſonſt ſo bewegten Quartiers wie ausgeſtorben. Nur ſelten ſchlüpft ein weißes Geſpenſt in Sterbekleidern auf San⸗ dalen aus geflochtenen Binſen über die Straße, um in ſeiner irdiſchen Wohnung auf einige Mi nuten Erholung zu ſuchen. Wer nicht ſiech ans Bett gefeſſelt iſt, befindet ſich in der Synagoge. Nur die Mädchen und kleinſten Knaben hüten das Haus, aber die Feuerſtellen ſind kalt, und keine Hand hat die Zimmer in Ordnung gebracht; ſelbſt die Kleidung und das Haar der Tochter Zions 31 muß der Pflege entbehren, und die Bläſſe ihres ſchönen Geſichtes ſtammt weniger aus einem ge⸗ preßten Herzen, als aus dem der Nahrung ent⸗ behrenden Magen. An einem ſolchen außerordentlichen Tage konnte die Abweſenheit einer Perſon, die lange bei der Gemeinde im Geruch der Heiligkeit ſtand, nicht unbemerkt bleiben. Der Sohn des Todtengräbers hatte in den letzten zwei Jahren ſchon manches Kopfſchütteln und Bedenken erregt. In einer klei⸗ nen zuſammengedrängten Gemeinde, wo jeder weiß, wie viel Kartoffeln der Nachbar in ſeinen Topf legt, mußte die mächtige Veränderung, welche der Jüngling erfahren, die Aufmerkſamkeit der Umge⸗ bung auf ſich ziehen. Seit dem erſten Beſuche Ephraims im Kloſter hatte er ſich von den theo⸗ logiſchen Disputationen und Vorträgen zurückge— zogen. Dieſe eitlen Spiele des Verſtandes, welche mit der chriſtlichen Scholaſtik des Mittelalters ſo viele Aehnlichkeit haben und wohl deren Quelle bilden, ſchienen ihm ſo weſenlos und nichtig, ſeit er aus dem Quell der Vernunft und Viſſenſchaft ſchöpfte, daß er in dieſer Beſchäftigung eine Ver⸗ geudung und Entehrung der geiſtigen Kraft er⸗ blickte. Indeß hatte dieſes Zurücktreten ſeinem religiöſen Rufe noch keinen Abbruch gethan; man hielt ihn bloß den Gelehrten der Gemeinde be⸗ reits zu überlegen, und glaubte nicht anders, als daß er mit einer ſelbſtſtändigen gelehrten Arbeit beſchäftigt ſei, mit der er plötzlich zum Erſtaunen ſeines Volkes und zum Ruhme der Gemeinde her⸗ vortreten werde. Größeres Bedenken erregten ſeine Beſuche im Kloſter, die trotz aller Vorſicht im Laufe zweier Jahre doch zuweilen bemerkt wurden. Der alte ſtrenggläubige Seelenhirt der Gemeinde ſah ſich ſogar veranlaßt den verdächtigen Jüng⸗ ling rufen zu laſſen, um ihn darüber zur Rede zu ſtellen. Statt aller Antwort ſchritt Ephraim mit dem heiligen Ernſt und dem ſtrengen Weſen, das ihn in ſeiner Gemeinde iſolirte und ſelbſt ſeinen Vater in ehrfürchtiger Scheu fern hielt, zu dem Bücherſchrank des alten Rabbinen, ergriff einen der Foliobände, und zeigte mit der Hoheit eines Kirchenfürſten auf eine Stelle des Buches, welche von dem Verkehr der alten unfehlbaren Weiſen der jüdiſchen Vorzeit mit den Philoſophen Roms und Griechenlands handelte. Der alte Rabbine beugte ſich vor dieſer Autorität und vielleicht eben 33 ſo ſehr vor dem durchgeiſtigten Weſen und der ſchlagfertigen Sicherheit des jungen Gelehrten. Dieſe Scene wurde bekannt, und die Verläum⸗ dung wagte nicht mehr ſich offen gegen den Jüng⸗ ling zu erheben, obgleich der Zweifel im Stillen fortglimmte. Erſt Ephraims Beſuch im Kloſter, wenige Stunden vor dem Beginn des furchtbaren Verſöhnungsfeſtes, ließ den Zweifel an ſeiner Recht⸗ gläubigkeit zur hellen Flamme auflodern, die von den Neidern ſeines Ruhmes mächtig geſchürt wurde. Als des Abends der Gottesdienſt begann, blick⸗ ten Viele nach dem Platze, den der junge Gelehrte in der Synagoge einzunehmen pflegte. Aus Rück⸗ ſicht für ſeinen alten Vater hatte ſich Ephraim bisher ſtets in der Synagoge eingefunden, wo er, nach der Weiſe der Frommen den Kopf in den weißen wollenen Shawle gehüllt, ſich ſeinen Ge⸗ danken überlaſſen konnte, ohne daß Jemand wußte, ob er den alten Gott des Moſes anrief oder zu der erhabenen Idee des Weltgeiſtes ſich erhob. An dieſem feierlichen Abend blieb jedoch Ephraims Platz unbeſetzt. Seine Abweſenheit würde auch an andern Feſttagen einiges Aufſehen gemacht ha⸗ ben, an dieſem großen Abend ward ſie bei der II. 3 34 allgemeinen feierlichen Stimmung und in Verbin⸗ dung mit den vorausgegangenen Gerüchten zu einem erſchütternden Ereigniß. Die Nachricht verbreitete ſich raſch von einem Betſtuhl zum andern, und die Aufregung über die freche Herausforderung Gottes an dieſem Tage des Gerichtes wuchs ſo ſehr an, daß der alte Rabbiner ſich zu Schritten veranlaßt fühlte um die Sünde von der Gemeinde abzuwälzen. Er befahl dem alten Todtengräber und zweien Aelteſten der Gemeinde ſich zu dem Abtrünnigen zu begeben, und ihn feierlich aufzu⸗ fordern in den Schooß der Kirche reuig zurückzu⸗ treten. Dem Todtengräbee ſchien der alte Rabbiner mit ſeinem langen weißen Barte nicht viel gerin⸗ ger als Gott ſelber, und ſein Ausſpruch war für ihn eine Stimme vom Himmel. Er wurde faſt ohnmächtig über die unauslöſchliche Schmach, die ſeinem Sohn wiederfahren ſollte, den er ſelbſt für einen Heiligen gehalten, und deſſen Ruhm ſein ganzes Glück geweſen. Nur die Ueberzeugung hielt ihn aufrecht, daß hier ein Irrthum obwalte, und daß ſein Sohn nur durch ein vorübergehendes Uebel⸗ befinden in ſeiner Stube zurückgehalten ſein könne. rvin einem reitete , und erung hs ſo britten neinde gräber dem aufzu— ückzu abbiner gerin⸗ ar fül e faſt h, die bſt für n ſein g hielt te, und Uebel⸗ könne⸗ 35 Die drei abgeſandten Männer ſtiegen mühſam die finſtre Treppe zu der Wohnung des Todten⸗ gräbers hinab. Ein ſchwacher Lichtſchimmer, der ſich aus Ephraims Stübchen durchs Schlüſſelloch ſtahl, ſprach zu Ephraims Gunſten, indem man daraus ſchloß, daß er dieſen Abend ſich nicht, wie Manche geargwöhnt hatten, ins Kloſter begeben habe. Der alte Mardochai öffnete leiſe die Thüre, in der Abſicht den Schlummer eines Kranken nicht zu ſtören. Doch nun blieben die drei Männer von Entſetzen gefeſſelt ſtehen. Ephraim ſaß mit dem Rücken gegen die Thüre, aber ſeine Haltung ver⸗ rieth einen Menſchen, der in tiefe Andacht ver⸗ ſunken war. Ganz deutlich ſahen die drei Män⸗ ner ein großes Bild, das er an der Wand, an die ſein kleiner Tiſch ſtieß, befeſtigt hatte. Und dieſes Bild mit der Madonna und dem kreuztra⸗ genden Chriſtuskind glich ſehr den Bildern, welche die drei Männer draußen in der Stadt an der Kirche und an den Häuſern frommer Chriſten gar oft geſehen hatten. Den drei Männern ſchien es nun offenbar, daß Ephraim den Glauben ſeiner Väter verlaſſen hatte, und daß ſein Renegateneifer ſo weit ging, gerade an dieſem Abend des erha⸗ 3* 36 benſten Feiertages vor dem Chriſtengotte zu beten. Das ſprachloſe Erſtaunen der beiden Gemeindeäl⸗ teſten ging bald in einen Ausbruch des Abſcheues und der Erbitterung über; wie mit einem Munde ſtießen ſie beide gegen den Abtrünnigen eine Fluth von Flüchen aus, in deren Kraft und Mannig⸗ faltigkeit vielleicht keine andere Nation die leiden⸗ ſchaftliche orientaliſche Phantaſie überbieten kann. Dieſes Geſchrei riß Ephraim aus Träumen empor, in denen er die Synagoge und den Ver⸗ ſöhnungstag ganz vergeſſen hatte. Es dauerte einige Augenblicke, bis er wußte, ob dieſe Geſtalten in Leichenkleidern Menſchen oder Geſpenſter wären. Doch als er ſeinen Vater erkannte, ward ihm der Zuſammenhang bald deutlich. Der alte Mardo⸗ chai hatte gegen ſein geliebtes Kind kein hartes Wort ausgeſprochen, ſein grauſames Weh griff nach innen und brach ſein Herz; Leichenfarbe über⸗ zog ſein Geſicht, und ſeine Glieder zitterten wie vom Todesſchauer. Der wilde Fluch ſeiner Be⸗ gleiter drang in ſein Ohr, in welchem ſchon das gegen den Kopf ſtürzende Blut brauſte, wie die Poſaune des jüngſten Gerichtes, und als er Eph⸗ raim verlegen und keines Wortes fähig vor ſeinen 37 Anklägern ſtehen ſah, brach er, von einem Ner⸗ venſchlage getroffen, zuſammen, und ſtürzte leblos zu den Füßen ſeines verlorenen Sohnes. Mit der Rieſenkraft eines ungeheuren Schmer⸗ zes erhob Ephraim den ſchweren Körper, und trug ihn auf ſein Bett; aber alle Belebungsverſuche waren vergebens, die Eiskälte überzog raſch die Glieder des zu Tode getroffenen Mannes. Die beiden Gemeindeälteſten, welche zur„heiligen Brü⸗ derſchaft“ gehörten— einer frommen Geſellſſchaft, welche ſich um Sterbende verſammelt und ſie zur Erde beſtattet— erkannten bald, daß hier nichts mehr zu retten ſei, und nachdem ſie die alte Wirth⸗ ſchafterin des Todtengräbers zur Synagoge ge⸗ ſchickt, um noch mehr Leute aus der Brüderſchaft zu holen, erhoben ſie ihre Stimmen, und ſprachen die Sterbegebete mit dem üblichen lauten Jammer, der unter den Eindrücken des düſtern Momentes mehr war als bloßes angewohntes Zeremoniell. Bald füllte ſich die kleine Stube und der Flur mit einer Menge von Leuten aus der Brüderſchaft, und nun begann mit dem Todten eine Reihe von düſtern Zeremonien, die in dieſem Augenblick da⸗ durch noch ſchauerlicher wurden, daß Menſchen in 38 Leichenkleidern um einen wirklich Verſtorbenen ſich bemühten. Ephraim hatte noch nie das Judenthum ſo entſetzlich gefunden als in dieſem Momente, wo es ſich zwiſchen ihn und ſeinen Schmerz ſtellte mit ſeinem religiöſen Spektakel und ſeinem würdeloſen Jammer, der in die Wunden des Leidenden bren⸗ nendes Salz ſtreut. Der Jude lebt und ſtirbt in ſei wunheimlichen geſpenſtiſchen Atmoſphäre; auf atz Gang durchs Leben läuft ihm überall die düſtre eligion nach mit tauſend ungeſtümen For⸗ derungenf. und läßt ihn nie ſich als freier Menſch fühlen. Von dem Augenblick, wo ihm der Tod naht, verfällt er vollends, wie der Verurtheilte dem Vachrichter, der heiligen Brüderſchaſt, die ſei⸗ nen letzten Seufzer mit ihrem Geheul übertönt, und ſich zwiſchen ſeinem brechenden Blick und den Thränen der Angehörigen drängt, bis ihn die kalte Erde aufgenommen. Dieſer Gedanke erhöhte die bitteren Gefühle des tief gebeugten Ephrgims, und er grollte ſeinem Schickſal, das ihn in diefe sichte der Geſellſchaft geworfen, ohne ihm eine Seele zu geben, die in dieſer Atmoſphäre zu athmen ver⸗ mochte. 39 Erſt ſpät in der Nacht, als die unholde Brü⸗ derſchaft lange hinweggezogen war, überkamen den Traurenden ſanftere Rührungen. Er war allein mit dem Todten und dem Todtenwächter. Der Todte lag, auf dem Fußboden ausgeſtreckt, in ein großes Linnentuch gehüllt, das ihn ins Grab be⸗ gleiten ſollte. Ephraim benutzte einen Moment, wo der Todtenwächter eingeſchlummert war, um gegen die Regel das Tuch von dem Geſichte des Todten zurückzuſchlagen. Die Züge waren ruhig und feſt wie im Leben des kräftigen Mannes. Dieſer Anblick that ihm wohl, er hatte mit Angſt erwartet, einer grimmig verzerrten Miene zu be⸗ gegnen.—„Habe Dank für dieſen freundlichen Aus⸗ druck,“ ſagte Ephraim wehmüthig,„du trefflicher Menſch, der im Kittel des Sackträgers ein Herz voll Liebe und muthiger Kraft getragen. Dein Schickſal war freundlicher als das deines armen gequälten Kindes. Die Laſten, die du trugſt, drück⸗ ten dich nicht, wie das Elend der Menſchheit, un⸗ Her dem mein Herz ſchmerzvoll zuckt. Dir war es vergönnt, den Gegenſtand deiner Liebe mit Freude und Hoffnung heranwachſen zu ſehen, du warſt glücklichs ſür deinen Sohn zu arbeiten, und beim 40 Beginn ſchmerzlicher Prüfungen, die dir durch ihn bevorſtanden, hat dein gutes Glück dir die Augen geſchloſſen. Ich weine dir keine Thräne; du konn⸗ teſt nichts Beſſeres thun als ſterben. Der Tod iſt nicht ſchrecklich, nur die Leiden der Auflöſung ſind peinlich, und die ſind dir erſpart worden. Der Tod iſt feierlich erhaben, ein wundervolles Geheimniß. Die Trauer der Menſchen um einen Hingeſchiedenen iſt mehr Eigennutz als Theilnahme. Sie klagen um ihren eigenen Verluſt— warum ſollten ſie um den Todten trauern, da ſie an eine beſſere Welt, an Unſterblichkeit und ewige Selig⸗ keit glauben? Ich traure nicht, denn noch kennt mein Herz keine Selbſtſucht; ich würde den kran⸗ ken Freund beweinen, um den unglücklichen trauern — der zur ewigen Ruhe eingegangene Freund kann mich nicht betrüben, wenn ich ihn wahrhaft liebte. Dein Andenken wird mir unvergeßlich ſein, und dein wackeres Bild ſoll mich durchs Leben beglei⸗ ten.“ Es war etwas faſt übermenſchlich Erhabenes in der Ruhe Ephraims, als er nach dieſen Be⸗ trachtungen den Kopf des Todten bei dem Lichte der zu Häupten der Leiche ſtehenden gelben Wachs⸗ 41 kerze, mitten in der tiefen Einſamkeit und Stille der Nacht, mit feſter Hand in ſeiner Mappe ab⸗ zuzeichnen begann. Dieſer einſame klare Denker bewegte ſich in der Geiſterwelt wie in einer freund⸗ lichen Heimath; nur unter den Erſcheinungen der Unvernunft, der Rohheit und der Selbſtſucht fühlte er ſich fremd und von Geſpenſtern umgeben. 6. Uachdem Ephraim ſeine Zeichnung vollendet hatte, küßte er die blaſſen Lippen des Todten, und legte die Hülle wieder über den Kopf. Darauf ver⸗ ſchloß er ſeine Mappe, Cvelinens Bild und die Handſchrift des Mönchs in ſeinen Bücherſchrank, öffnete das auf das Thal gehende Fenſter, und ſtieg hinaus in die friſche Nachtluft, um ſeinen Geiſt aus beengenden Verhältniſſen in den weiten Raum der Natur zu flüchten. Er klimmte den Abhang hinab bis an den Fluß im Thale, und folgte ſeinem Lauf, gleichgültig wohin er ihn führe, wenn ihn nur jeder Schritt von ſeiner Gemeinde entfernte, wo ihm Bekehrungsverſuche und das qualvolle Beerdigungsceremoniell bevorſtanden, mit⸗ ten unter Menſchen, die vor ihm wie vor einem Peſtkranken zurückſchauderten. Die Ohnmacht, mit der er dem Wahn eines ſo geringen Häufleins 43 Menſchen gegenüberſtand, fiel ihm ſchwer aufs Herz, und raubte ihm allen Lebensmuth, da er damit die Schwierigkeit verglich, mit dem Wahn von Millionen und mit den Gewaltigen der Erde einen Kampf zu beginnen. Er blickte die Geſchichte hinab, und ſah überall die großen Reformatoren aus Cor⸗ porationen entwachſen, wo ſie in kleinen Kreiſen Licht verbreiteten, bis dieſes, durch die Wirkſam⸗ keit der Jünger verſtärkt, als weithin leuchtende Sonne ſtrahlte. Er aber ſtand einſam da in der weiten Welt zwiſchen den Gliederungen der Ge⸗ ſellſchaft, und eine Corporation von Menſchen und Denkern ſah er nirgends auf der Erde, in die man ohne weitere Beziehungen als Sprecher ein⸗ treten konnte. Früher hatte er ſich mit dem be⸗ ſcheidenen Gedanken getragen, in ſeiner kleinen Gemeinde eine Schule zu gründen, zufrieden in einigen Knaben ein helleres Licht zu entwickeln; aber das Ereigniß dieſer Nacht hatte ihn aus ſei⸗ ner Gemeinde für immer ausgeſtoßen, und durch ein lügenhaftes Bekenntniß mochte er ſich nicht wieder Aufnahme verſchaffen. Ueberdieß waltete in ſeiner Seele ein Thatendrang, der nach wei⸗ teren Kreiſen ſtrebte, und ſo ſehr er ihn auch als 44 Phantom bekämpfte, war es ihm doch erwünſcht, daß er jetzt nothgedrungen in die weite Welt ge⸗ ſchleudert war, obgleich er nicht wußte, wie er ſich darin bewegen ſollte. Der Tag war längſt angebrochen, als noch Ephraim den Lauf des Fluſſes verfolgte. Wie er in eine neue Krümmung des Thales eintrat, wurde ſeine Aufmerkſamkeit von ſeinen innern Betrach⸗ tungen durch ein ſtarkes Geräuſch abgelenkt, wel⸗ ches die Stille der Gegend unterbrach. Das Ge⸗ räuſch kam aus mehren großen weitläufigen Ge bäuden, die hart am Fluſſe gebaut waren. Die Gebäude erdröhnten von einem betäubenden Durch⸗ einander der verſchiedenartigſten Töne. Im In⸗ nern der Gebäude und auf dem anliegenden Wie⸗ ſengrund herrſchte die lebendigſte Regſamkeit von mehren hundert Menſchen von jedem Alter und Geſchlecht. Ephraim errieth, daß er ſich auf einem der bedeutenden Fabrikplätze befinde, deren Exiſtenz er aus Büchern oberflächlich kannte. Das rege Treiben, das ſchaffende Ineinandergreifen der Ma⸗ ſchinen und Menſchenhände erfüllten ihn mit Be⸗ wunderung und mit Hochachtung vor der Men⸗ ſchenkraft. Aber dieſer Anblick erweckte noch einen 45 andern freudigen und tröſtlichen Gedanken; er fand hier eine Löſung für ſeine eigene dunkle Zukunft. In dieſen verſchiedenen Menſchen, die durch ein gemeinſames Band vereint waren, durch das Band der Arbeit, ſchien ihm die Corporation gefunden, in die man eintreten konnte als natürlicher Menſch, gleichviel welchen Glauben und welchen Gedanken man in der Seele trug. Und welche ungeheure Gemeinde ſah er da vor ſich über die ganze Erde verbreitet, die Grundlage und die Lebensbedingung der ganzen Geſellſchaft. Eine ſchwere Laſt fiel von ſeinem gepreßten Herzen; mit Befriedigung betrachtete er ſeinen ſtarken Körperbau und ſeine kräftigen Arme, die nur einiger Uebung bedurften, um die Laſten zu tragen, die ſein Vater ſo leicht überwunden. Dieſe kräftigen Hände gewährten ihm die Selbſtſtändigkeit eines Königs, ſie öffne⸗ ten ſeinem Fuß alle Straßen der Welt, und das gemeinſame Mühſal verſchaffte ihm das Vertrauen von Millionen Brüdern, in deren Seele er das erdrückte Selbſtbewußtſein und das Gefühl des angeborenen Rechtes zur hellen Flamme anfachen wollte. Indeß ſchien es Ephraim nicht förderlich für ſeine Zwecke, in dieſem Fabriksplatz Arbeit zu 46 ſuchen. Er zog es vor ſtets in den Hauptſtädten der Länder zu leben, wo er leichter Arbeit zu er⸗ halten Ausſicht hatte, und bei der großen Menge der Arbeiter in einem großen Wirkungskreiſe ſich bewegen konnte; überdieß wollte er die Welt ken⸗ nen lernen, während er ſich hier eben auch nur in einem abgelegenen Winkel befunden hätte. Am zweiten Tag kehrte Ephraim mit frohem Muthe in ſeine Wohnung zurück, um ſein Bündel zu ſchnüren und dann die Reiſe in die Welt an— zutreten. Er wußte, daß die Beerdigung der ir— diſchen Reſte ſeines Vaters ſchon vollzogen, und daß er in ſeinem Stübchen ungeſtört ſein würde. Das Fenſter ſeiner Stube durch welches er ſich entfernt hatte, fand er geſchloſſen und ſo mußte er ſich ſchon darin fügen, auf ſeinem Gang durch die Straße des Quartiers unzweideutige Zeichen der Erbitterung und der Verachtung von den Per⸗ ſonen hinzunehmen an denen er vorüberging. Der alten Wirſchafterin ſeines Vaters, die ihn mit vor⸗ wurfsvollen Thränen empfing, überließ er die ganze Hinterlaſſenſchaft bis auf ein kleines erſpartes Geldſümmchen und den Arbeitskittel ſeines Vaters, welchen er zu Ehren des verachteten Geſchäftes 47 des Verblichenen bei ſeinen Arbeiten tragen wollte. Bevor er ſein Stübchen verließ, kniete er noch an der Stelle nieder, wo die Leiche des Vaters gelegen, und ſchwor feierlich in ſeiner Seele, alle Kraft ſeines Geiſtes, alle Zeit ſeines Daſeins und ſein Leben ſelbſt daran zu ſetzen um den mör⸗ deriſchen Wahn der Menſchen zu bekämpfen, und der Arbeit, dieſer Quelle aller Genüſſe des Le⸗ bens, in der Geſellſchaft zu ihrem Recht zu ver⸗ helfen. Als Ephraim mit einbrechender Nacht mit dem Bündel auf dem Rücken das Gemeindehaus ver⸗ laſſen wollte, um ſich ins Kloſter zu begeben und von ſeinem Feunde Abſchied zu nehmen, fand er in der Straße vor der Thüre eine Menge Leute verſammelt. Er machte ſich ſchon darauf gefaßt, einen kleinen Leidensgang unter einem Regen von Flüchen bis an das Ende des Judenquartiers machen zu müſſen. Aber zu ſeiner Verwunderung verhielten ſich die Leute ſtill, obgleich ſie ihm neu— gierig folgten. Doch kaum war er aus dem Thor auf die freie Straße getreten, als er von zwei Perſonen an denen er vorüberkam an jedem Arm ergriffen und feſtgehalten wurde. Ephraim glaubte, 48 daß es auf eine Mißhandlung abgeſehen ſei, und ſtieß die beiden Männer mit einer Kraft die ſeines Vaters würdig war heftig zurück. Doch wäh⸗ rend die zwei Perſonen ſich von der unerwarteten Kraftäußerung erholten, bemerkte er bei dem hellen Mondſchein, daß ſie die Uniform der Stadtpolizei trugen.—„Was ſoll das heißen ihr Herren,“ rief er erſtaunt,„verſteht ihr ſo eure Pflicht für die öffentliche Sicherheit zu wachen?“ Die beiden grauköpfigen Polizeimänner, die mehr durch die Furcht vor der Autorität als durch ihre Leibeskraft imponirten, erwiederten etwas klein⸗ laut, daß ſie vom Bürgermeiſter den Auftrag hätten ihn aufs Rathhaus zu bringen. Ephraim begriff zwar nicht, was die Behörde mit ihm zu thun habe, indeſſen dachte er nicht daran ſich zu wiederſetzen. Auf dem Wege zum Rathhaus baten ihn die Polizeileute den erfahrenen Anfall bei der Behörde nicht zu erwähnen, indem ſie eigentlich den Befehl gehabt hätten ihn aus ſeiner Wohnung abzuholen; aber ein kleines Geld⸗ geſchenk des Gemeindevorſtehers habe ſie bewogen ihn am Thore zu erwarten, da man erfahren hatte, daß er ſich zur Abreiſe bereite, und die 49 Juden zu weichherzig wären, um einen Glaubens⸗ genoſſen mitten aus der Judengaſſe abführen zu ſehen. Ephraim verſprach über den Vorfall zu ſchwei⸗ gen und fragte die Leute ob ſie nicht wüßten, weßhalb er auf das Rathhaus geladen ſei. „Es wird Ihnen weiter nichts geſchehen,“ ſagte einer der Polizeimänner,„aber Sie werden halt Soldat werden müſſen, wenn man Sie tauglich findet. Sehen Sie, es iſt grade jetzt die jährliche Recrutenſtellung und auf die Judengemeinde kommt ein Mann. Sonſt wiſſen die Juden immer durch⸗ zuſchlüpfen; der Herr Bürgermeiſter drückt ein Auge zu, und er weiß warum, aber diesmal haben ſie den Mann bezeichnet den ſie liefern wollen, und der Herr Bürgermeiſter iſt froh, daß er einmal einen Juden ſtellen kann, ohne daß es ſein Scha⸗ den iſt, weil man ihm ſchon manchmal unter die Naſe gerieben, daß er nur arme Bürgerskinder in den weißen Rock ſtecken läßt. Freilich, ſetzte der geſchwätzige alte Polizeimann hinzu, hat er ſich damit ausreden können, daß die Juden beſſer zum Handel als zum Soldaten taugen, aber an Ihnen hat er einen guten Fang gethan, ich II. 4 50 geſpür Ihren Stoß von vorhin noch in allen Knochen.“ Ephraim begriff aus dieſer Mittheilung, daß ſeine Gemeinde theils aus fanatiſchem Haß gegen einen Abtrünnigen, theils aus Eigennutz ihn ge⸗ opfert habe. So wenig er das bürgerliche Leben in ſeiner Umgebung beobachtet hatte, wußte er doch, welche Todesangſt daſelbſt vor dem Solda⸗ tenſtande herrſchte. Er kannte die Exiſtenz einer Art antimilitäriſchen Aſſekuranz, welche den Namen „Verein zur Seelenrettung“ führte. Dieſer Titel war nicht übertrieben, in Betracht daß der Sol⸗ datenſtand dem friedfertigen und zwangloſen No⸗ madenleben der Kinder Israels in jeder Beziehung entgegen geſetzt iſt. Ueberdieß kam das Soldaten⸗ leben mit den jüdiſchen Speiſegeſetzen, mit der ſtrengen Sabbatfeier und einer Menge anderer Vorſchriften, die aus jedem Juden einen fortwäh⸗ rend fungirenden Prieſter machen, in argen Con⸗ flikt. Der Verein der Seelenretter hatte daher die Aufgabe mit ſeinen Geldmitteln, der einzigen Waffe ſeit den Zeiten der Makkabäer, die Recru⸗ tirungsbeamten ins Intereſſe zu ziehen und im äußerſten Fall einen tauglich befundenen Jüng⸗ ling raim Gen Mu No⸗ zung aen⸗ 51 ling auf geſetzlichem Wege loszukaufen. Für Eph⸗ raim, den bewunderten Gottesgelehrten hätte die Gemeinde jedes Opfer gebracht, ehe ſie ihn die Muskete tragen ließ; den Abtrünnigen, den Frev⸗ ler opferte ſie gern der Erhaltung beſſerer Söhne. Ephraim befiel eine tiefe Traurigkeit, als er, im Rathhauſe angekommen, ohne weiteres in eine matt erleuchtete Stube wie ein Waarenballen ge⸗ ſchoben wurde. Von dieſem Augenblick ſchien es ihm als hätte er aufgehört eine Perſon zu ſein, und wäre eine Sache geworden, über deren Ver⸗ wendung Andere nach Gutdünken und Belieben verfügten. Er hatte jedoch nicht Zeit ſich ſeiner trübſeligen Stimmung hinzugeben, denn er war nicht allein in der Stube. Er befand ſich unter einem Dutzend junger Menſchen, welche von der Bürgerſchaft eben ſo geopfert wurden, wie er von ſeiner Gemeinde. Es waren aufgegriffene Paß⸗ loſe, welche gerade durch die Stadt gekommen waren, und einige arme Tagelöhnerkinder aus der Stadt ſelbſt, deren Flucht vor der Recrutirung zu befürchten war. Sie ſollten alle den andern Morgen vor die Recrutirungscommiſſion geſtellt werden. Es war eine geräuſchvolle Gruppe, die 4* 52 über das Glas Bier, welches ihnen aus der Stadt⸗ kaſſe am Vorabend der Ablieferung gereicht wurde, die Leiden der Zukunft vergaßen. Als Ephraim eintrat, wandten ſich aller Augen nach dem neuen Schmerzensbruder, und einer der luſtigſten Zecher ging ihm entgegen und bot ihm ſein Bierglas zum Gruß. Im erſten Augenblick wollte Ephraim das Glas mit Widerwillen zurück⸗ weiſen, denn der Mann der es reichte ſah gar abſcheulich aus. Seine Kleidung war zerriſſen und mit Schmutz bedeckt, ſein Haar ſtarrte ſtrup⸗ pig in die Höhe und ſchien ein geſchworener Feind aller Künſte und Inſtrumente des Friſeurs zu ſein; die Spuren des Wetters und frühen Elends in ſeinem Geſichte, welche Mitleid erregen konnten, bekamen durch einen Zug von Verſchmitztheit einen gehäſſigen Ausdruck, und die Hand, welche das Bierglas reichte, ſchien wenig Gefallen am Waſſer zu haben. Der Widerwille mit dem Ephraim den Arm ablehnend ausſtrecken wollte, ward jedoch von ſeiner Menſchenliebe überholt. Das Elend beleidigen wegen ſeiner widerlichen Erſcheinung, ſchien ihm ein Mitſchuldiger werden an dem Frevel der Ge⸗ 53 ſellſchaft gegen das Unglück. Mit einer über⸗ menſchlichen Kraftanſtrengung überwand er ſeinen Abſcheu, und nahm das Glas, um es an ſeine reinen friſchen Lippen zu führen. Seine ſchöne That ſollte auch alsbald belohnt werden. Von dem Tiſche her, um den die Ge⸗ ſellſchaft ſaß, erſcholl plötzlich von einer Stimme die Ephraim wohl kannte der freudige Ausruf: „Was ſehe ich, das iſt ja mein Freund aus der Judengaſſe!“ Der Mann der ſo ſeine Ueberraſchung ge⸗ äußert hatte, ſprang ſogleich herbei und drückte Ephraims feine weiße Hand mit ſeiner großen groben Fauſt. Aber Ephraim fühlte durch dieſen Händedruck ſein Herz ſehr erleichtert, denn er hatte unerwartet einen Freund gefunden in der neuen düſteren Welt, in die er gewaltſam gedrängt wor⸗ den. Dieſer Freund war kein anderer als der Gerberknecht, der ihm zuerſt, auf dem Bergabhang vor ſeinem Fenſter, den Weg nach dem Kloſter gezeigt. Seit jener Zeit hatte ihn Ephraim öfter bei ſeiner Arbeit aufgeſucht und ſein unter rauher Hülle verborgenes wackeres Herz durch freundliche Gaben und Worte gewonnen. Seit einem Jahre — — hatte er ihn nicht geſehen, da er in der Werkſtatt beſchäftigt und ſeine frühere Beſchäftigung auf dem Abhang in andre Hände übergegangen war. Bei dem Worte,„Freund aus der Judengaſſe,“ welches dem Gerber unyverſehens entſchlüpft war, brach die Geſellſchaft in ein helles Gelächter aus. Aber dem Gerber mißfiel dieſer Spaß, er ſtreckte gegen die luſtige Tafelrunde ſeine mächtigen Fäuſte aus, und ſagte mit dem Ton einer erzürnten Bull⸗ dogge:„Wer noch einen Laut von ſich gibt der meinen Freund beleidigt, dem ſchlage ich die Zähne aus dem Rachen.“ VNach dieſer wirkungsvollen Rede zog er Ephraim in eine Ecke der Stube, und fragte ihn mit bekümmerter Miene, was für ein unglücklicher Zufall ihn hieher gebracht. „Das Ereigniß iſt nicht mehr ſo unglücklich,“ ſagte Ephraim,„da ich auf dem wohl etwas ſtei⸗ nigem Wege an dir, mein lieber Wenzel, einen freundlichen Gefährten habe. Wir werden uns einander das Leben tragen helfen.“ Er erzählte ihm dann was er in den letzten drei Tagen er⸗ lebt, ohne ihm jedoch die tiefere Bedeutung des Bildes bei dem er überraſcht worden anzugeben. Des Gerbers Augen wurden feucht über den FE 29 hochherzigen und milden Sinn mit dem Ephraim ſeine bittern Erfahrungen ſchilderte.„O,“ ſagte er, „du biſt wie unſer Herr Jeſus, der ja auch Jude war, und du biſt auch wie er von Juden gekreu⸗ zigt worden.“ „Ach, mein guter Wenzel,“ erwiederte Ephraim, „alle Tage wird der Jeſus gekreuzigt und aller Orten. Biſt du nicht auch, ſo wie die armen Leute dort am Tiſch geopfert, damit der reichere Bürgersſohn, der ohnehin ſoviel Angenehmes hat, auch von dieſer Laſt befreit bleibe?“ „Ja das iſt wahr,“ rief der Gerber, indem er die Zähne knirrſchte,„wir ſind immer die Hunde der Andern, die ihnen das Wild aus dem Waſſer holen müſſen. „Werde nicht ſo heftig mein Freund,“ ſagte Ephraim ſanſt,„ich wollte nicht deinen Haß gegen den Glücklichern erregen, das führt zu nichts und hilft dem Armen nicht. So gut ſind wenig Men⸗ ſchen, daß ſie den Vortheil, den ſie auf Koſten des Andern haben, freiwillig entſagen wollten. Aber wenn alle Armen ihr gutes Recht erkennen möchten, ſo wären ſie ſtark genug es ſich nicht nehmen zu laſſen. Davon ſind wir noch weit entfernt! Der Reichthum iſt uns nicht gefährlich, unſer eigener Sklavenſinn iſt es, was uns erdrückt. Hat der Diener der Gewalt, der dich und mich hieher geſchleppt, das Unrecht ſich zu Herzen genom⸗ men, das man uns angethan, indem man aus einem freien Menſchen ein Thier macht, das fremde Laſten tragen ſoll, oder hat er nicht blindlings die Befehle von Menſchen befolgt, die ihm wie einem Hund ein Stück Brod hinwerfen? Und wenn Morgen der Korporal ſeinen Stock über uns ſchwingt, wird die Armee, dieſer zuſammengefeſſelte Haufe von Armen und Rechtsberaubten, nicht ru⸗ hig zuſehen wie eine Rinderheerde, wenn ein Ochs geſchlagen wird? Und doch ſagte das Evange— lium, auf das Alle ſchwören, ſchon vor zwei tau— ſend Jahren:„Es wird keinen Herrn unter euch geben.“ Aber welcher arme Mann kennt das Evan⸗ gelium, das für die Armen geſchrieben iſt? und für die glücklicher Geſtellten, die es geleſen haben, iſt es wirklich ſchwer nicht Herr zu ſein, wenn ihnen die Sklaven unter die Füße laufen.“ Dieſe einfachen, ſo naheliegenden Gedanken ſchienen dem Gerber ſo neu und außerordentlich, daß ihn die erſchütternde Wirkung ganz ſtarr und blaß machte. Gewiß hatte Wenzel während ſeiner vierjährigen Lehrzeit bei ſeinem Meiſter ſchon daran gedacht, daß bei ſeinem Lehrverhältniß der Vor⸗ theil ſeines Meiſters hundertfach dem ſeinigen über⸗ legen ſei, indem er für das, was er in einem Jahre lernen konnte, vier Jahre unentgeltlich dienen mußte, obgleich er ſeinem Meiſter gleich vom erſten Tage, da er in die Lehre getreten, täglich weit mehr lei⸗ ſtete, als die Koſt werth war, die ihm ſchmal ge— nug zugemeſſen wurde. Er hatte ſich wie ein wil⸗ des Thier geberdet, als er am Ende ſeiner Lehr⸗ zeit, eben als die ſpärliche Frucht langjähriger Mühſal reifen ſollte, gewaltſam abgeführt wurde, um auf acht Jahre Soldat zu werden. Aber er hatte ſich nur als leidendes Individuum gefühlt, wie das unter der Peitſche ausſchlagende Roß. Wenn einſt im Individuum das Bewußtſein der Menſchheitsidee erwacht ſein wird, dann findet die Selbſtſucht und die Neigung zur Gewaltthat keine fühlloſen Helfer; dann verſchwinden die Kämpfe in der Geſellſchaft; denn jeder Todtſchlag iſt dann Selbſtmord, und jede Verwundung trifft das eigene Fleiſch. Bis jetzt haben nur beſchränkte Ideen ein ſolches mächtige Geſammtgefühl erzeugt: der 58 Corporationsgeiſt, die Nationalität, der religiöſe Glaube, und heutigen Tages das um ſich grei⸗ fende Gefühl der mißhandelten Armuth. „Weißt du, was wir thun,“ rief der Gerber, der gewohnt war, ſeinen Gefühlen Thaten folgen zu laſſen, nach einigem Nachdenken—„erkläre unſern Gefährten, was uns für Unrecht geſchieht. Wir ſind unſrer vierzehn, alle ſtarke Burſchen, die einen Ochſen niederſchlagen könnten. Wir dringen hinab, binden den Schließer an ſein Bett, was er ſchon bis morgen früh wird aushalten können, und laſſen dem Herrn Bürgermeiſter das Nach⸗ ſehen.“ „Und wohin fliehen?“ erwiederte Ephraim mit wehmüthigem Lächeln.„Viele, viele Tagemärſche ſind bis an die Grenzen des deutſchen Bundes, und überall unterwegs ſtreckt uns die geſellſchaft⸗ liche Einrichtung feindlich die Fauſt entgegen. Mein lieber Freund, der Einzelne der an ſeinen Feſſeln rüttelt, ſchneidet ſie ſich nur tiefer ins Fleiſch. Auch würde ich nicht fliehen, ſelbſt wenn ich in einer Minute über die Grenze wäre. Nicht meine Lage macht mich traurig; mir wäre nicht wohler, wenn ich der Herr dieſes Landes wäre. Ich habe 59 im Ueberfluß gefaſtet, als ich noch glaubte, daß irdiſche Genüſſe Gott mißfällig ſeien; ich habe auf hartem Pfühl geſchlafen, um meine Sinne friſch zu erhalten, und die Neigung zur Trägheit zu über⸗ winden. Der Dienſt als Soldat wird mir nicht ſchwer fallen, wenn ich an die Laſten meines Va⸗ ters denke, er wird meinem Nachdenken und mei⸗ nen Studien mehr Zeit laſſen, als wenn ich als Arbeiter in die Welt gegangen wäre. Aber das Elend der Menſchheit unter der Tyrannei hat ſich mir heute Abend in der grellſten Geſtalt gezeigt, und dieſen Jammer werde ich acht Jahre ſtumm ertragen müſſen, denn durch das Thor der Ka⸗ ſerne darf der Gedanke nur tief ins Herz vergra⸗ ben, als ſtreng verbotene Waare einziehen.“ Der Gerber begriff nicht ganz den grauſamen Schmerz, der in Ephraims Seele wühlte, aber er betrachtete mit Ehrfurcht dieſen zur Lebensfreude ſo wohl ausgeſtatteten Jüngling, der über frem⸗ des Elend ſein eigenes Leid vergaß. Die geiſtige Schönheit hat ihren Zauber wie die plaſtiſche, und der Sinn für beide liegt in jeder Menſchenbruſt, wenn auch mehr oder weniger entwickelt. Der roheſte und unwiſſendſte Menſch kann, wenn nicht 60 gerade die Flammen thieriſcher Leidenſchaften über ſeinen Kopf zuſammenſchlagen, wenn nicht gerech⸗ tes Mißtrauen ſein Ohr verſtopft, durch Erregung dieſes Sinnes zu den erhabenſten Handlungen be⸗ geiſtert werden. Ohne dieſe ewig waltende Of— fenbarung im Menſchen, die man das ſittliche Prinzip nennt, wäre ein Fortſchritt undenkbar, und die Geſellſchaft trotz aller Kerker, Strafgeſetze und Sicherheitswachen eine Unmöglichkeit. Dieſer angeborene Sinn für geiſtige Schönheit war es, der zwiſchen zwei Menſchen, die in der geſellſchaft⸗ lichen Ordnung auf gleiche Stufe geſtellt waren, beide gleich rechtloſe Gefangene, beide arm und zur Sklaverei verdammt, ein wunderbares Ver⸗ hältniß erzeugte, in welchem der Stärkere ſich frei⸗ willig, ohne Sold, ohne Furcht und Zwang zum Diener des Schwächern machte. Dem Gerber ſchien der Sohn des Laſtträgers und künftige Soldat ſo erhaben über die mit ein⸗— geſchloſſene Geſellſchaft, daß er ängſtlich ihn vor jeder Berührung mit dieſen Leuten zu bewahren ſuchte. Er zog einen der Strohſäcke, die den Ge— fangenen als Nachtlager hingelegt waren, in eine ferne Ecke, damit Ephraim weit weg von den an⸗ 61 dern ruhen könnte. Er ſelbſt ſtreckte ſich hin wie ein Wächter zwiſchen den beiden Lagern. Ephraim betrachtete mit freudiger Rührung die zärtliche Sorgfalt des ſonſt ſo rauhen Mannes, der in dem Schmutz und bei der widerlichen Ar⸗ beit der Gerberei aufgewachſen war. Das wackere Naturell dieſes einen Menſchen tröſtete ihn für die entartete Selbſtſucht, die er in der Welt herrſchen ſah. Er machte jedoch keinen Gebrauch von der Güte ſeines Freundes; ſein reines, keuſches Weſen bebte zurück vor der Berührung dieſes Lagers, auf dem ſich wer weiß welcher Unhold gewälzt haben mochte. Die ganze Nacht blieb er am Fenſter ſitzen. Der Gedanke that ihm wohl, daß die fri⸗ ſche Nachtluft, die ſeine heiße Stirne kühlte, dem Aermſten wie dem gewaltigſten Herrſcher gleiches Labſal biete, und daß die Natur mit ihrem unbe⸗ zwinglichen Wort allüberall die vermeſſene Ueber⸗ hebung der Menſchen als eine jämmerliche Lüge darſtelle. Er blickte hinaus auf den weiten vom Mond beleuchteten Marktplatz, deſſen eine Fronte das Rathhaus und das daran ſtoßende weitläufige Kriminalgefängniß des Kreisgerichtes bildete. Der Platz war öde, und in den umgebenden Gebäuden 62 ſchliefen ſo viele Menſchen, taub für die Seufzer, die in dem Menſchenzwinger aus vielen gepreßten Herzen dringen mochten. Bei dieſer Betrachtung fühlte er ſich allein und verlaſſen in der weiten Welt. Aber dieſes Gefühl, das ſchwache Menſchen ſo niederbeugt, ſtählte ſeine Kraft, und erweckte in ihm Eigen⸗ ſchaften, die bisher in ſeiner Seele brach gelegen hatteu: Lebensmuth und Lebensklugheit. Er hatte ſich von dem Gerber die traurige Geſchichte des öſterreichiſchen Soldatenthums, mit deſſen Mitglie— dern dieſer Sohn des Volkes vielfach in Berüh⸗ rung kam, erzählen laſſen, um ſich auf den neuen Lebensgang vorzubereiten. Er bedachte, daß er von Morgen an mit einzelnen Individuen zu käm⸗ pfen haben werde, die ihm zu befehlen haben wür⸗ den, und deren Willkühr er preisgegeben ſein werde. Dieſe Individuen, welchen Namen und Rang ſie haben mochten, erſchienen ihm wie wilde Thiere, unter denen er ſich wie Daniel in der Löwengrube würde bewegen müſſen. Er prüfte die Waffen, die er dieſen Mächten gegenüber beſaß, und fand nichts als die Entſagung und Hingebung jener chriſtlichen Märtyrer, die von den Römern wilden 63 Thieren vorgeworfen wurden, oder die Gewandt⸗ heit und Umſicht eines Thierbändigers. Seine Wahl zwiſchen dieſen beiden Mitteln konnte nicht zwei⸗ felhaft ſein, denn er fand in ſeiner Bruſt nicht den Glauben jener Märtyrer, welche ſich nach der Dornenkrone des Gekreuzigten ſehnten, und von einem mißverſtandenen Gott durch Leiden ein ſe— liges Jenſeits zu erkaufen glaubten. Er hoffte da⸗ gegen durch genaues Studium des Terrains und der Perſonen, durch ſtets wache Vorſicht und Selbſt⸗ beherrſchung und durch die ſtrengſte Pünktlichkeit ſelbſt die maßloſeſte Willkühr überwinden zu kön⸗ nen. Aber bald fiel ihm ein, daß er dem Lan⸗ desherrn ſich zum unbedingten Werkzeug werde verſchwören müſſen, und welche gräßlichen Leibes⸗ ſtrafen auf die Verweigerung des Eides geſetzt wären. Sollte er ſich Qualen und ſchändlicher Mißhandlung hingeben, oder ſollte er ſeinen Mund dem äußern Zwange unterwerfen, wie ſein Fuß den Polizeidienern gehorcht, die ihn wider ſeinen Willen hiehergebracht? Eingeklemmt zwiſchen die⸗ ſer furchtbaren Alternative, begann ihm der Kopf zu ſchwindeln. Ein tiefer Grimm erfaßte ſein Herz gegen eine Gewalt, die nicht bloß den Leib knech⸗ 64 tete, ſondern ſelbſt den Geiſt der Menſchen in Feſ⸗ ſeln ſchlug. Die Zeit, wo Menſchen mit Hunden in die Meſſe gehetzt wurden, wo die Inquiſition mit der Folter Proſeliten machte, hatte ihm beim Studium der Geſchichte ſo unabſehlich fern ge⸗ ſchienen, daß ſein Haar nur darum nicht grau ward vor Entſetzen, weil ihm dieſe Zeit ſo außer⸗ weltlich märchenhaft vorkam. Und nun ſah er ſich plötzlich mitten in dieſe Gräuel geſchoben, und zu einer peinlichen Wahl gedrängt zwiſchen einem lü⸗ genhaften Schwur und dem Zuchtſtock des Kor⸗ porals. Und iſt es nicht viel ſchlimmer und ge⸗ waltthätiger, dachte er, ſich mit Leib und Seele einer irdiſchen Macht verpflichten, als einem für falſch erachteten Gott Anerkennung geloben müſ⸗ ſen?— Die Liebe zur Wahrheit, die durch ſein ganzes Leben ſo rein geleuchtet hatte, und ſeine Gewiſſenhaftigkeit, die ſich vor dem hölliſchen Ver⸗ trag entſetzte, machten es ihm zur Unmöglichkeit, andern Tages den ſchrecklichen Eid zu leiſten. Aber auch die unfehlbare Ausſicht auf die entehrende, abſcheuliche Mißhandlung ſträubte das Haar des edlen Jünglings zu Berge, in deſſen Bruſt das Bewußtſein menſchlichen Rechtes und menſchlicher 65 Würde in aller Kraft und Erhabenheit aufgegan⸗ gen war. Und doch gab es keinen Ausweg, die bittere Wahl mußte getroffen werden: Willenloſer Leibeigener, ſtets ſchlagfertig zur Bruderhetze, zum Brudermord im Dienſt der Willkühr oder in Ei⸗ ſen geſchlagen, in den finſterſten Kerker geworfen, und wiederholt bis aufs Blut, bis zur Vernich⸗ tung vom Stock zerfleiſcht werden, das war die Frage.— Indeſſen ging draußen die Welt un⸗ aufhaltſam ihren raſchen Gang. Der Mond ſank hinab hinter die ſtillen Häuſer, die Sterne erbli⸗ chen allmälig, fahler Lichtſchimmer verkündete den Morgen, dieſen furchtbaren Morgen— und jede vorübereilende Minute ſprach zu dem qualvoll rin⸗ genden Jüngling immer drängender und ſchreckli- cher: Wähle! In dieſer entſetzlichen Lage erhob ſich in der Bruſt des Gefolterten eine ſtürmiſche Stimme: „Hinweg, hinweg aus dieſer abſcheulichen Welt, wo die Redlichkeit verzweifelt, die Wahrheit zer⸗ treten wird, und die Lüge und ſchlaue Schurkerei ſich in die Beute theilen— hinweg von dieſem elenden Geſchlecht, in welchem auf Einen Würdi⸗ gen hundert Tyrannen und zehntauſend Sklaven II. 5 66 kommen— hinweg aus dieſer gräulichen Weltge⸗ ſchichte, aus der die Klagen der Weiſen, das ſieche Stöhnen der Elenden und das Jubelgebrüll der Tiger widerlich durcheinander tönen; aus der rau⸗ chende Blutſtröme, erpreßter Schweiß und der fette Odem des Ueberſättigten zum Himmel qualmen!“— Und mit der furchtbaren Miene des Brutus nach dem Siege des Cäſar ergriff der empörte Jüng⸗ ling von dem Tiſch, auf dem noch das Geſchirr der Rekrutenmahlzeit ſtand, ein Meſſer, und führte damit einen Stoß nach ſeiner von wilden Flammen verzehrten Bruſt. Doch dieſelbe lebenslange Gewohnheit zu prü⸗ fen, und die Regungen des Herzens durch das läuternde Element des Geiſtes durchziehen zu laſ⸗ ſen, welche früher ihn bewog, das Glas des Vaga⸗ bunden anzunehmen anſtatt es abzulehnen, hemmte die Kraft des Stoßes, ſo daß die ſtumpfe Spitze des Meſſers ſein Gewand kaum bis auf die Haut durchdrang. Es war aber kein blaſſer, feiger Ge⸗ danke, welcher ſeinen jähen Entſchluß hemmte— Ephraim hatte noch nicht den Entſchluß fallen ge⸗ laſſen, einem Leben, das ihm tauſend Mal pein⸗ licher als der Tod ſchien, zu entſagen— es war 67 der kräftige aufblitzende Gedanke an einen hohen Beruf, der ihm den Tod von eigener Hand als feige Flucht erſcheinen ließ. Dieſer Gedanke ſchien ihm der Prüfung würdig, doch bereitete er ſich zugleich zum Tode, falls er ihn nicht ausreichend finden ſollte, und zwar dieſes Mal mit kalter Ent⸗ ſchloſſenheit und Feſtigkeit. Aus Beſorgniß, daß einer der noch feſt ſchlafenden Mitgefangenen zu früh erwachen könnte, um ihn an der Ausführung ſeines Vorhabens zu hindern, unterſuchte er ſo— gleich die auf dem Tiſche liegenden Meſſer, und wählte das ſchärfſte und ſpitzigſte. Dann ent⸗ blößte er ſeine Bruſt, ſuchte die Stelle, die am beſten gelegen, um den Stahl ins Herz dringen zu laſſen, und ſchwenkte wiederholt die mit dem Meſſer bewaffnete Hand, um ſie zur ſichern Füh⸗ rung einzuüben. So gerüſſtet, ſtellte er ſich, den Mitbewohnern des Gefängniſſes den Rücken zu⸗ gewandt, das Meſſer ſtoßbereit in der Fauſt, ans Fenſter, um den aufhaltenden Gedanken, der durch ſeine Seele gezogen, einer unerbittlichen Prüfung zu unterwerfen. Dem Ausbruch der Entrüſtung und Verzweif⸗ lung trat ein ſanfterer, klarerer Geiſt gegenüber. 5* 68 4 „Wie, ſagte dieſe Stimme, beim erſten Kampf mit dem Feinde willſt du entfliehen? Lebſt du dir allein, dann magſt du dein Leben hinwerfen, wenn es dir unerträglich wird; aber du lebſt einer Idee, und die verlangt ausdauernde, aufopfernde, rück⸗ ſichtsloſe Kämpfer. Fremdling in der Welt, wie magſt du dich vermeſſen an ihr zu verzweifeln? Kennſt du die Zahl der Selbſtbewußten, der Die⸗ ner der Menſchheit? was weißt du von ihren Lei⸗ den und Opfern und von dem Fortſchritt ihrer Thätigkeit? Iſt deine Erkenntniß nicht ſelbſt ein Kind fremder Lehren und Offenbarungen? wer weiß, in wie viel entzündliche Seelen du das em⸗ pfangene Licht weiter tragen kannſt? Achtzehn Jahre hat dein Vater für dich Laſten getragen, und du willſt die Laſt der Welt am erſten Tage abſchütteln?“ Bei dieſem letztern Gedanken legte Ephraim erröthend das Meſſer aus der Hand. Aber noch wußte er nicht, welche Wahl er in wenigen Stun⸗ den zwiſchen dem ſchrecklichen Eide und der ent⸗ ehrenden Strafe treffen ſollte. Ich habe mich ſelbſt, dachte er, aufgegeben, mein Leben iſt von jetzt an Einem Ziele zugewandt, dem Siege des Menſchen⸗ 1 69 rechtes und der Vernunft. Leiden und Schmach, die mir perſönlich widerfahren, können mich ſchmer⸗ zen aber nicht aufhalten. Was mich beſtimmt bei allen Zweifeln, kann nur noch das Ermeſſen ſein, ob ich den richtigen Weg zum Ziele im Dienſte der Menſchheit einſchlage. Ich habe, wie die erſten Chriſten, auch meinen Gott gefunden, dem ich un⸗ bedingt folge, aber dieſer Gott will nicht Opfer um ihrer ſelbſt, er verwirft das Opfer, wenn es nicht zu ſeinem Siege in der Welt dient. Was kann es die Menſchheit foͤrdern, wenn ich meinen Leib der Folter biete? Welchen Fortſchritt macht dadurch das Prinzip, für das ich kämpfe? Als unbekann⸗ tes Individuum wäre ich ein Stein, der ins Meer geworfen wird, über den die Wellen ſpurlos zu⸗ ſammenſchlagen. Nur der Mann, an dem die Augen und Herzen von Tauſenden hängen, hat das Recht durch eine Niederlage ſeines Ichs ſeinem Gedan⸗ ken einen Aufſchwung zu geben. Ein einzelner Mann, der ſich gegen eine Schanze ſtemmt, würde als ein Wahnſinniger betrachtet werden, wie der für einen Thoren gehalten werden müßte, der eine Bombe ſtehend herankommen läßt, anſtatt, ſich bük⸗ 70 kend, ſie über ſich wegfliegen zu laſſen. In der Er⸗ kenntniß des Zweckmäßigen liegt die Grenze zwi⸗ ſchen Enthuſiasmus und Fanatismus; die leitende Idee kann in beiden dieſelbe ſein, aber der Unter⸗ ſchied in der Kenntniß des Verhältniſſes zwiſchen Kraft und Zweck machte den einen zum geprieſenen Retter, wirft den andern zu den ſelbſtmörderiſchen Thoren.— Ja, meine Wahl iſt entſchieden, oder vielmehr ich habe keine Wahl. Mein Mund wird den Eid ausſprechen, der gegen Recht und Ver⸗ nunſt gerichtet iſt, und der Gott in meiner Bruſt, der Recht und Vernunſt heißt, wird ihn als null und nichtig erklären. Ich Ephraim, der Freund der Wahrheit, würde gerne mein Leben hinwerfen um unbefleckt meine Seele zu erhalten, aber der Kämpfer gegen Gewalt und Unvernunft im Dienſt der Menſchheit wird mehr Hingebung zeigen für ſeinen Gott als eure Schergen für ſchnöden Lohn. Möge dieſer Zwieſpalt in meiner Seele auf Euer Haupt fallen, die ihr Galiläi gefoltert, weil es Euch beliebte, daß die Erde ſtille ſtehe. Ihr habt ſie doch nicht aufgehalten in ihrem Lauf, und ihr werdet auch den Siegeswagen der Ver⸗ nunft nicht aufhalten, und wenn ihr ihm noch ſo viel hingemordetes Menſchenglück vor die Räder werfet. Die Entäußerung ſeiner Perſönlichkeit, das gänzliche Aufgehen in einer Idee erfüllte Ephraim mit einer erhabenen Kraft und Sicherheit. Er fühlte ſich ſo durchgeiſtigt, daß ihm zum erſten— male der Sinn der leiblichen Verklärung in der chriſtlichen Mythe anſchaulich ward; er vermochte in dieſem Augenblick die ſonſt unbegreifliche Ueber⸗ legenheit des geiſtigen Lebens über die körperliche Empfindlichkeit zu erfaſſen, mit der religiöſe und politiſche Märtyrer in erhabenen Momenten die höchſten Foltern ertrugen. Es bedurfte auch einer außerordentlichen He⸗ bung des innern Menſchen, da ihm nicht die ſtumpfe Unempfindlichkeit des gewöhnlichen Re⸗ cruten zu Gebote ſtand, um die vielfachen Ver⸗ letzungen ſeines Zartgefühls, die ihm in den erſten Tagen ſeiner neuen Laufbahn bevorſtanden, ohne allzutiefe Kränkung zu verwinden. Gegen zehn Uhr Morgens wurde er mitten unter dem Häuf⸗ lein aufgegriffener Vagabunden und Arbeiter durch die Straßen der Stadt in die Kaſerne abgeführt. 72 Es war eine ſchauerliche Gruppe dieſes Häuflein Ausgeſtoßener mit ihren zerriſſenen, bunt geflickten und beſchmutzten Kleidern und den von Elend, ſtumpfer Gedankenloſigkeit und rohen Leidenſchaf⸗ ten ſchroff gezeichneten Phyſiognomen. Und doch hätte ſich Ephraim für einige Minuten in eine ſolche Geſtalt verwandeln mögen, denn ſein wohl⸗ geordneter Anzug und ſeine feine Geſtalt ſtach ſo ſichtlich gegen dieſe Gruppe ab, daß die Augen aller Leute auf der Straße auf ihn gerichtet wur⸗ den. Und in dieſen Augen zeigte ſich keine Theil⸗ nahme, keine mitfühlende Entrüſtung, ſondern Ab⸗ ſcheu und Verachtung gegen eine Perſon, welche das Abzeichen des ſogenannten beſſern Standes, die äußere elegantere Erſcheinung zu einer ſolchen Schmach heruntergebracht. Ephraim hatte hier Gelegenheit zum zweiten Mal ſeit wenigen Stun— den zu bemerken, daß für einen Menſchen nichts gefährlicher iſt als die Vorurtheile des eigenen Standes zu verletzen. Gegen den abtrünnigen Juden hatte ein ohnmächtiges Häuflein von Gläu— bigen ihren engbrüſtigen Athem zu einem verderb⸗ lichen Sturm vereinigt, und den wohlgekleideten Bürger verabſcheuten dieſe Kleinſtädter, weil er 1 X n 73 es nicht verſtanden die Blitze des Staates auf andere Häupter abzulenken. Als Ephraim durch das Thor des Kaſernen⸗ hofes ſchritt, ſchien es ihm als ſtände darüber eine ähnliche Aufſchrift wie die, welche Dante über die Pforte ſeiner Hölle geſchrieben. Der trotzige kai⸗ ſerliche Adler über dem Thore ſchien ihm zuzu— krächzen: Laß den Menſchen draußen. Vor dem Büreau der Recrutirungscommiſſion herrſchte bunte Regſamkeit. Der Hof war mit Gruppen von Dorfleuten bedeckt, die unter An⸗ führung der herrſchaftlichen Vögte zur Recrutirung hereingetrieben waren. Ephraim konnte ſich des ſchauerlichen Gedankens nicht erwehren, daß es hier wie in einer menſchlichen Schlachtbank aus⸗ ſehe. Aus dem Büreau ſtürzten fortwährend junge Landleute heraus, auf deren Geſichtern die freu— dige Kunde ſtrahlte, daß ſie als untauglich be⸗ funden worden. Die als tauglich erklärten ließen ſich nicht ſehen, ſie wurden aus dem Büreau durch innere Gänge in die Montirungsſäle abgeführt um ſogleich eingekleidet zu werden. In Ephraims Phantaſie, welche durch die Anſchauung ſo ganz neuer Weltſcenen fieberhaft erregt war, verband 7 4 ſich dieſes Verſchwinden der Staatsopfer mit einem andern gräßlichen Bilde, das ihm die Geſchichte vorgeführt hatte. Er erinnerte ſich an jenen ſchreck⸗ lichen ledernen Sack, in welchem während der franzöſiſchen Schreckenszeit die Körper der Guillo⸗ tinirten verſchwanden vor den Augen der andern Verurtheilten, die am Fuße der rothen Treppe harrten, bis ſie die Reihe traf. Hie und da ſtand in dem Hofraum ein alter Landmann, in deſſen Geſicht viele viele Jahre harter Mühſal ihren Beſuch mit ſchwerer Hand eingeſchrieben. Der Sonntagsſtaat dieſer Land⸗ leute verrieth, daß ſie nicht das Produkt ihrer Arbeit auf den Markt gefahren um es in Geld umzuſetzen. Sie hatten Söhne herein begleitet auf ihrem unfreiwilligen Gang, und warteten hier ängſtlich auf ihren ſchweren Stock geſtützt, ob die mühſam erſparten harten Thaler, die ſie durch Unterhändler den entſcheidenden Perſonen der Re⸗ crutirungscommiſſion geſpendet, groß genug waren um die militairiſchen Fähigkeiten des Recruten ihren Augen zu verbergen. Dieſes ſchöne Geſchäft wurde bis zum Jahre 1848 mit einer ſo naiven Offenheit getrieben, und die Recrutirung war ſo 75 ſehr als eine Goldquelle bekannt, daß die Ernen⸗ nung zu dieſtt Funktion nur durch beſondere Gunſt und Kunſt zu erlangen war. In der ver⸗ rotteten öſterreichiſchen Staatsmaſchine war früher verwalten und ausbeuten gleichbedeutend. Von der kleinſten Behörde bis zu den ſogenannten Hof⸗ ſtellen gab es Agenten, welche Urtheil und Spruch für den Klienten zu erhandeln wußten. Das Recht wurde buchſtäblich auf der Goldwage ge⸗ wogen, und während bleierner Zwang auf jedes Haupt drückte, herrſchte in der Beamtenhierarchie der herrlichſte Geiſt der Duldung unter der lieb reichen Deviſe: leben und leben laſſen. 7. Die Vertreter der ſtädtiſchen Vaterlandsliebe un⸗ Ger ter denen ſich Ephraim befand, mußten ziemlich Ein lange warten, bis ſie vor den Altar des Vater⸗ der landes treten durften. Doch war die Verzögerung das durchaus keine Mißachtung der Kommiſſion gegen gen die ſtädtiſche Behörde, ſondern die Schuld traf d G einzig den Stadtſekretär, der ſich heute im nahen S Weinhaus verſpätet hatte, wo er für den auf ihn in gefallenen Antheil vom Gelde des jüdiſchen„Ver⸗ er eins der Seelenretter“ eine Flaſche über den Durſt de getrunken. Sobald der Sekretär met leuchtenden Augen eintraf, wurde ſeine Heerde ſogleich vor die Commiſſion gerufen. Faſt alle Genoſſen Eph⸗ nii raims wurden als tauglich erkannt, denn ihnen gegenüber waltete das adminiſtrative Prinzip des Augenzudrückens im umgekehrten Sinne. Wäh⸗ M rend bei andern Rekruten militäriſche Tugenden 77 verkannt wurden, galt es hier Fehler zu überſehen, um die ſtädtiſche Behörde nicht weiter zu beläſti⸗ gen und mit der Auftreibung neuer Opfer zu be⸗ mühen. Der weiſe Spruch,„eine Hand wäſcht die andere,“ wurde gewiſſenhaft in Anwendung gebracht. Ephraim war zufällig der letzte unter ſeinen Genoſſen, und als er ſeine Vorgänger bis auf Einen der etwas ſtark hinkte, in den ledernen Sack der Guillotine verſchwinden ſah, konnte er über das Loos das ihm bevorſtand keinen Zweifel he⸗ gen. Die Mittheilungen ſeines Freundes Wenzel, des Gerbergeſellen, und all das was er ſeit einer Stunde beobachtete, hatten ihn einen tiefen Blick in die Staatswirthſchaft werfen laſſen. So ſehr er fich jedoch mit der Kraft der Verachtung gegen die Diener der Gewalt gewaffnet hatte, war er doch nahe daran Widerſtand zu verſuchen gegen die Zumuthung vor der Commiſſion ganz ent⸗ kleidet zu erſcheinen. Nur der kurze, barſche Sol⸗ datenton, der in dem Hauſe herrſchte, erinnerte ihn, daß Widerſtand hier Raſerei wäre. Mit Mühe verbiß er den grauſamen Schmerz der ſei⸗ nem keuſchen Zartgefühl zugefügt wurde; aber er 1 3 1 78 vergaß den Moment nie wieder, wo er von ab⸗ geſtumpften Militärärzten und Officieren wie ein Stück Schlachtvieh betrachtet und betaſtet wurde, und wenn ſein Geiſt in den ſpätern Kämpfen ſeiner Laufbahn wankend wurde, trat dieſes empörende Bild entſcheidend vor ſeine zweifelnde Seele. Die Entſcheidung der Commiſſion konnte nicht zweifelhaft ſein. Seine Geſtalt in der ſich Wuchs und Kraft zu einem Modell für einen Theſeus vereinigte, bedurfte nur eines Blickes um ſeine „Tauglichkeit“ zu erkennen.— Prächtiger Kerl das, blöckte der dicke Recrutirungshauptmann mit ſeiner vom Fett der Bauerngüter getränkten Stimme. Zwei Officiere der Commiſſion ſtritten ſich mit ihrer ſchnarrenden Stimme um den„Mann,“ in⸗ dem der Rittmeiſter ihn für ſein Kuiraſſierregi⸗ ment, der Grenadierhauptmann ihn für das Gre⸗ nadierbataillon des Regimentes, das hier ſeinen Werbbezirk hatte,„haben“ wollte. Ein alter In⸗ fanteriemajor, welcher die Abneigung ſeiner Waf⸗ fengattung gegen die Cavallerie theilte, entſchied zu Gunſten des Grenadierhauptmanns, was Eph⸗ raim inſofern angenehm war, als er dadurch Aus⸗ ſicht hatte in die Hauptſtadt zu kommen, wo die 79 Grenadierbataillone aller Regimenter des Landes in Garniſon lagen, während er als Kavalleriſt in irgend ein Dorf oder kleines Städtchen verlegt worden wäre. Der Streit, der über ſeine Be⸗ ſtimmung geführt worden, ließ ihn jedoch befürch⸗ ten, daß ſein Freund Wenzel, der einzige Menſch, deſſen treuer Seele er von jetzt an einen Gedanken anvertrauen durfte, wer weiß wie weit von ihm weggeführt werden ſollte, wie zwei befreundete Sklaven die vom Markte nach entlegenen Plan⸗ tagen geſchleppt werden. Glücklicherweiſe war der Gerber ſo baumſtark, daß es Niemandem ein⸗ fiel ihn auf ein Pferd ſetzen zu wollen, und ſein Wuchs war über das Zollmaaß der Infanterie ſo hoch erhaben, daß die Natur ſelbſt ihn zum Grenadier beſtimmt zu haben ſchien. Der Gerber hatte mit noch weit mehr Angſt an die Möglichkeit einer Trennung von Ephraim gedacht. Dieſes rauhe aber wackere Herz empfand eine wahrhaft religiöſe Anhänglichkeit für den ſo liebreichen und durchgeiſtigten Jüngling, ſeit dieſer ſein Leidensgefährte geworden. Der arme ver⸗ waiſte Sohn eines Tagelöhners und einer Bett⸗ lerin hatte bisher nur rauhe Behandlung und 80 verachtende Gleichgültigkeit erfahren. Aus Eph⸗ raims Munde ſchlich ſich zum erſtenmal die ſüße Melodie einer ſanften liebreichen Stimme in ſein Herz; zum erſtenmal in ſeinem Leben beſchäftigte ſich ein Menſch mit ſeinen Angelegenheiten und mit ſeinem innern Leben, das er ſelbſt bisher nur dunkel geahnt und kaum beobachtet hatte. Und dieſer Menſch, auf ſo niederer Stufe in der Ge⸗ ſellſchaft wie er ſelbſt, wußte ſeinen ſchlummern⸗ den Geiſt mit einigen Worten ſo gewaltig zu rütteln, und wieder ſeine aufbrauſenden Gefühle mit einem milden Hauch ſo leicht zu beruhigen, daß er ein überirdiſches Glück darin fand, ihn zu ſehen und zu hören. Von ihm getrennt werden kam ihm faſt vor wie von einem guten Engel zu ſcheiden, wie von der eigenen Seele ſich zu trennen. Es wäre gewiß Uebertreibung, wenn man den Mann aus dem Volke als eine bevorzugte Natur, und ſein Herz als den einzigen Sitz der aus den höheren Ständen geflüchteten Einfalt und Red⸗ lichkeit hinſtellen wollte, wie man die Bauernhütte mit einem idylliſchen Glorienſchein umgeben hat. Gar oft iſt die Tapferkeit des Volkes nicht viel⸗ mehr als raufluſtige Rohheit, ſeine Frömmigkeit 8¹ gedankenloſe Unterwerfung unter eine himmliſche Herrſchaft, wie ſeine Pietät vor den Hochgeſtellten im Staate mehr dem Laſter der Selbſtverachtung, als gerechter Würdigung der überlegenen Natur ähnlich ſieht. Und was man von ſeiner Einfalt und Redlichkeit rühmt, wird ſehr verdächtig durch die Bequemlichkeit, welche Schlauheit und Unred⸗ lichkeit dabei finden. Mangel an Unterricht, Elend und undankbare Arbeit verwildern da unten gar viele Gemüther, verſenken oft ſo tief in Schmutz und Laſter, daß von dem menſchlichen Bilde kaum noch Spuren zu finden ſind. In großen Städten pflegt das dunkle Gefühl der Gleichberechtigung bei thatſächlicher Mißhandlung, die Gegenüber⸗ ſtellung der Entbehrung und der Ueberſättigung eine häßliche Neigung zum giftigen Spott und zur blinden Zerſtörung im Volke zu erzeugen, und die gewitzigte Einfalt verwandelt ſich gar oft in ewiges Mißtrauen und abſcheuliche Verſchmitztheit. Nein, die Kinder des Volkes ſind nicht beſſer als andere; ſie ſind eben nur Menſchen, deren Seelen dem Einfluß der Schickſale unterworfen ſind, wie ihr Leib von Wetter, Mühſal und Hun⸗ b zerſtört wird. Aber bewunderungswürdig und — II. 6 4 — —— — 8² hoffnungsvoll iſt die unzerſtörbare Gotteskraft, die der furchtbaren Geſchichte des menſchlichen Ge— ſchlechtes ſtandgehalten, und die ſtets als heller Strahl aus dem Herzen aufleuchtet, wenn man die harte Kruſte, welche der trübe Strom des Lebens angeſchwemmt, zu löſen verſteht. Dem armen Gerbergeſellen war es wenigſtens in ſolcher Weiſe gegangen. Es ſchien ihm als ob ſeit geſtern Abend in ſeinem ſtets ſo ſtillen Kopf ein Deckel aufgeflogen, und aus einem ver⸗ borgenen Fache eine Menge Fragen und Gedan— ken herausgeflattert wären. Er hatte darüber viel mit Ephraim zu ſprechen, und es wurde ihm ängſt⸗ lich zu Muthe bei dem Gedanken von ihm ge— trennt, ſich mit dem neu erwachten Geiſte allein überlaſſen zu bleiben. Als nun Ephraim in das Monturmagazin trat und zu der Abtheilung der Grenadieruniformen commandirt wurde, fühlte der Gerber, der eben mit dem Anlegen der Uniform beſchäftigt war, ſein Herz ſo ſehr erleichtert, daß ihm die hellen Freudenthränen aus den Augen ſtürzten, die er vergebens mit dem Aermel weg— zuwiſchen ſuchte. Aber der arme Wenzel bekam eine Lektion in der Gefühlsbeherrſchung, die ihm 83 einigen Vorgeſchmack von ſeinem neuen Stande beibrachte, und Ephraim ſchaudern machte. Der inſpicirende Feldwebel hatte das Manöver geſe⸗ hen, welches Wenzel mit dem Rockärmel gegen ſeine Augen ausführte, und herrſchte ihm mit einer Donnerſtimme zu: Ich glaube gar der Lümmel flennt, behandle er reſpektirlicher des Kaiſers Rock oder ich laſſe ihm mein ſpaniſches Rohr um ſeine Eſelsohren ſauſen. Alle im Saale beſchäftigten Recruten wurden bei dieſem erſten Kanonenſchuß ſo ſtill, als hätten ſie den Starrkrampf bekommen, nur die anweſenden Korporäle zollten dem Spaß ihre Anerkennung, indem ſie in ein Gelächter aus⸗ brachen das wie Stockſchläge ſchallte. Der Gerber hatte als Lehrjunge manchen Schlag von Meiſter und Geſellen erhalten, ohne daran zu denken, daß es anders ſein könnte; aber ſeit der Unterredung mit Ephraim in der vergan⸗ genen Nacht war er ſchon für eine Androhung em— pfindlich, und die Beſchimpfung in Ephraims Ge— genwart traf ihn ſo ſichtlich demüthigend, daß Ephraim, nur an den Schmerz des armen Freun⸗ des denkend, ſich gedrungen fühlte zu ihm hinzu⸗ treten, und ihm tröſtend die Hand zu drücken. 6* 84 Der Feldwebel ſah in dieſem Benehmen eine Beleidigung ſeiner Autorität, und trat mit ſehr unliebſamen Abſichten zu der Gruppe. Aber weiß der Himmel was es war, als er und Ephraim ſich Auge in Auge gegenüberſtanden, daß kein Wort über ſeine Lippen kam; der alte Schnapstrinker drehte ſich bloß barſch um und marſchirte ſteif in eine andere Ecke des Saales. Vielleicht hatte er ſich erinnert, daß der dreiſte Burſche noch ein dummer Junge ſei, der vom Reglement noch kei⸗ nen Begriff hatte, vielleicht war es ein anderer nichtmilitäriſcher Gedanke, der ihm mit Ephraims erhabenen Blick durch den Kopf fuhr. Jedenfalls hatte für Ephraim die Aufwallung ſeines edlen Herzens keine ſchlimmen Folgen. Indeſſen hob dieſe Scene, in der Ephraim einen moraliſchen Sieg errungen zu haben glaubte, ſeinen Muth und ſein Selbſtvertrauen. Er ſah wohl, daß hier Alles auf Willkühr und Laune der Obern ankomme, aber ſelbſt in dieſen einge⸗ knöpften ſteifen Paſchahs, die er anfangs für Ma⸗ ſchinen gehalten, ſchien ibm die urſprüngliche Men— ſchennatur noch mächtig zu walten, wenn auch ſtark eingeroſtet oder verknöchert. Wenn er dieſen 8⁵ Perſonen Achtung oder wenigſtens einige Zunei⸗ gung für ſich einflößen konnte, ſo ließe ſich, dachte er, die achtjährige Sklaverei inſofern erträglicher machen, daß er nutzloſen und tief verletzenden Colliſionen mit einer brutalen Gewalt entgehen, und manche Vergünſtigung erlangen konnte, um ſein Wiſſen zu erweitern und ſeine geiſtigen und körperlichen Anlagen für den weitern Weltgang nach der achtjährigen Dienſtzeit zu vervollkomm⸗ nen. Ein näher liegender Beweggrund, ſich alsbald die Gunſt einiger Kaſernenherrſcher zu gewinnen, war ſeine Sehnſucht nach einer Zu⸗ ſammenkunft mit ſeinem alten Freunde im Kloſter, bevor er den in einigen Tagen bevorſtehenden Marſch zu dem in der Hauptſtadt liegenden Ba⸗ taillon antreten mußte. Von einem älteren Sol⸗ daten erfuhr er, daß ein„neuer Mann“ erſt nach einiger Dienſtzeit die Kaſerne verlaſſen durfte, und daß die mit dem„Transport abgehenden neuen Leute curioſe Protektion haben müßten, um die Erlaubniß zu erhalten, die Naſe über die Thor⸗ wache hinaus zu ſtecken.“ Auf dieſe Protektion kam es nun an, wollte er nicht ohne Abſchied von einem Freunde, an 86 den ſein Leben ſo innig geknüpft war, auf lange Zeit fortgeriſſen werden, vielleicht für immer. Aber auf welche Art ſollte er, der zu einer Nummer herabgeſunkene Menſch, um den ſich Niemand kümmerte als der ſeine Abtheilung in der Heerde inſpicirende Unterofficier, eine ſo bedeutende Ver⸗ günſtigung von Seiten eines höheren Officiers erlangen? Wie das gewöhnlich bei Perſonen, die am Buch aufgewachſen der Fall iſt, griff er nach Beiſpielen in die Geſchichte zurück. Er unter⸗ ſuchte die Mittel mit denen römiſche und griechiſche Sklaven bei ihren Herren raſch in Gunſt kamen. Der philoſophiſche Sklave Epiktet mit dem er ſich in ziemlich ähnlicher Lage befand, wollte ihm als Vorbild nicht zuſagen. Er fühlte ſich nicht ge⸗ neigt mit dieſem Stoiker zu einem Herrn der ihm mit dem Knittel das Bein zerſchlagen, ruhig zu ſagen: Sieh welchen Schaden du dir in deinem Zorne zugefügt, indem du deinen Sklaven unfä— hig machſt zu deinem Dienſt. Der Thatendrang in Ephraims Bruſt, ſeine mächtigen Hoffnungen für den Sieg ſeiner Ideen in der Welt zu wir⸗ ken, vertrug ſich nicht mit einer ſolchen hoffnungs⸗ loſen Reſignation, der er eine raſche Beendigung 87 des Lebens vorgezogen hätte. Die Talente an⸗ derer antiken Sklaven deren Leben ihm bekannt war, bedurften einer langen Anwendung um zur Geltung zu kommen und der Grundlage des an— tiken Lebens. Plötzlich fiel ihm ein, als er ſchon alle Hoffnung fallen laſſen wollte, daß Orpheus durch melodiſche Töne wilde Thiere gebändigt. Das ſchien ihm ein glückliches Beiſpiel. Er war zwar kein Orpheus, aber dafür beſtand ſeine Um— gebung, wenn auch aus ziemlich verwilderten Men⸗ ſchen, doch gerade nicht aus Panthern und Tiger⸗ katzen. Ephraim beſaß in ſeinen Stimmorganen einen Schatz von deſſen bedeutender Geltung in der Welt er kaum eine Ahnung hatte. Als Knabe ſchon hatte er in der Synagoge unter dem Chor des Vorbeters einen herrlichen Sopran geſungen, der die Bewunderug ſeiner Gemeinde erregte. Wer Gelegenheit hatte die altjüdiſchen Synagogen zu beſuchen, wird gewiß erſtaunt ſein, welche muſika— liſchen Gaben hier verborgen liegen. Da die Juden ſich am Feiertage keiner muſikaliſchen In— ſtrumente bedienen dürfen, hat ſie das allen Na— tionen eigenthümliche Bedürfniß, den Gottesdienſt 88 durch Melodie zu heben, auf die ausſchließliche Uebung der Vokalmuſik geführt. Es gibt wenig Juden unter dem Publikum unſerer Opernhäuſer, die nicht ein Motiv nach einmaligem Hören nach⸗ ſingen könnten, und in der kurzen Zeit ſeit der religiöſe Indifferentismus dieſer Nationalität die Geſellſchaft zugänglich gemacht hat, ſind aus ihrer Mitte eine Menge muſikaliſche Meteore größerer oder geringerer Art emporgeſtiegen, während ſie in den bildenden Künſten und in den techniſchen Wiſſenſchaften bei weitem nicht gleichen Schritt hält. In dem Kloſter hatte Ephraim einmal in Be⸗ gleitung des Mönchs die Emporkirche beſucht, um den chriſtlichen Gottesdienſt kennen zu lernen. Die mächtigen Töne der Orgel und die in ihrer Ein⸗ fachheit ſo erhabenen alten Kirchenlieder wirkten auf ihn ſo ergreifend, daß er dem Mönch von ſeinen Gaben für den Geſang ſprach, und die leb⸗ hafteſten Wünſche äußerte, dieſe Gaben ſchulgerecht zu entwickeln. Der Mönch ging gerne auf dieſen Wunſch ein, da er in Ephraim alle möglichen Talente für einen höheren Lebenslauf in der Ge⸗ ſellſchaft, für den er ihn heranreifen ſah, entwickeln mochte. Auf ſeine Verwendung ertheilte ihm der 89 he Organiſt des Kloſters Unterricht, und er machte g in zwei Jahren ſo raſche Fortſchritte, daß er die 3 ſchönſten Cantaten der italieniſchen und deutſchen p. Kirchenmuſik auswendig kannte. Ephraim wäre er mit der Zeit ein hervorragender Künſtler gewor⸗ fe den, wenn er ſich ausſchließlich der Kunſt gewid⸗ er met hätte; aber ſein Daſein war vorherrſchend f dem unermeßlichen Reich der Gedanken, dem wei⸗ in ten Gebiet der Wiſſenſchaft hingegeben; die Kunſt en betrieb er nur als freundliche Begleiterin durchs t Leben. Doch gab ſein kräftiger klangvoller Tenor 2 und die ſeelenvolle Auffaſſung ſeinem Vortrag jenen mächtigen Zauber wahrhafter Empfindung, ſe den ſelbſt hohe Kunſtleiſtungen nicht immer beſitzen. d Mit dieſer Himmelsgabe wollte Ephraim jetzt „ einen Verſuch machen, um auf den verlorenen Sohn 4 der Kaſerne die freundliche Aufmerkſamkeit der hier z⸗ waltenden Herrſcher hinzulenken. Das Gefühl der 1 t geiſtigen Macht, die er mit dieſer Waffe des Or⸗ pheus über die neben und übergeordneten phyſi⸗ en ſchen Kräfte zu beſitzen glaubte, gab ihm eine ſolche 3 Sicherheit, daß er alle die hundert Widerwärtig⸗ 6 keiten, welche das Kaſernenleben einem Menſchen An von Geſchmack und Selbſtgefühl bei jedem Schritt 90 in den Weg wirft, mit ſolcher Kraft ertrug, als gälte es nur eine freiwillige Probe ſeiner Geduld und Standhaftigkeit abzulegen. Seine düſtre Stimmung verwandelte ſich in jene ſtolze Ironie, mit der Perſonen, die ſich einer hohen Stellung bewußt ſind, alle Unannehmlichkeiten ihres In⸗ cognito hinnehmen. Es ſchien ihm faſt komiſch, wenn ein Korporal, der auf dem Rumpfe einen Kopf trug den er von einem Kalb entlehnt haben konnte, ihm das übliche„Er“ mit ſteifer Gran— dezza zuherrſchte, ihm der Kant und Hegel ſtudirt hatte, und Arien aus Händels Meſſen vielleicht ſo gut wie ein kaiſerlicher Kammeſänger zu ſingen verſtand. Am zweiten Abend nach ſeiner Einkleidung machte er ſeinen Verſuch mit dem Zaubermittel des Orpheus Die Zeit der Dämmerung ſchien ihm am beſten geeignet, ſowohl ſich ſelbſt in eine feierliche Stimmung zu verſetzen, als auch auf die derben Nerven ſeiner Umgebung nachdrücklicher einzuwirken. Ueberdieß ruhte um dieſe Zeit das Geſchäft der Recrutirungscommiſſion, das lebhafte Treiben auf dem weiten Kaſernenhof machte einer tiefen Stille Platz, die nur durch den auf dem 91 Kiesſand kniſternden Schritt der Soldaten und Unterofficiere unterbrochen ward, welche in der Abendluft auf und nieder wandelten. In einer ſpätern Nachtſtunde hatte er keine Ausſicht auf ein zahlreiches Publikum, auch war nach dem Zapfenſtreich jede laute Störung der Ruhe unter— ſagt. Die Wahl des Geſangſtückes hatte er der Stimmung des Momentes überlaſſen. Um ſich zu ſammeln und ſein Gemüth in jene elektriſche Strömung zu verſetzen, die allein gewaltige Er— ſchütterungen hervorzubringen vermag, und ohne die ſelbſt große Meiſter nur die halben Erfolge ihrer Kunſtmittel erlangen, ſtellte ſich Ephraim an einen Platz des Hofes, von dem man das Flußthal weithin überſehen konnte. Die niedere Brüſtung einer alten Schanze der ehemaligen her⸗ zoglichen Burg bildete an dieſer Stelle die Ein— faſſung des Kaſernenhofes, und gewährte eine freie Ausſicht. Dieſer Schauplatz hatte wirklich alle Eigenſchaften um das Auge zu feſſeln und das Gemüth in Wallung zu bringen. Der Fluß da unten machte in dieſer Gegend eine Wendung, ſo daß man in zwei Thäler, die faſt unter einem rechten Winkel zuſammenſtießen, tief hineinblicken 92 konnte. Dieſe Thäler waren von den ununterbro⸗ chen hinziehenden Abhängen eingehegt und um— ſchloſſen, und die Krümmungen des FIluſſes an den entfernten Enden der Thäler beim Ein⸗ und Austritt waren ſo verborgen, daß man ſich leicht der tröſtlichen Täuſchung hingeben konnte: hier ſei ein verborgener Winkel der Erde entdeckt, der unbefleckt geblieben von dem Blute und den Thrä⸗ nen die überall vergoſſen worden. So weit das Auge reichte begegnete es Bildern des Friedens und freundlichen Waltens. Kleine Wäldchen wechſel⸗ ten mit Wieſen und Feldern. Die Aecker hatten ſchon für dieſes Jahr ihre Gaben geboten, und hie und da zog ein Wagen hin in der langſamen ſtätigen Weiſe des Landmannes, mit den letzten Garben beladen. An den Ufern und den ſanft geneigten Abhängen lagen überall niedere Häuſer und Gehöfte vereinzelt hingeſtreut, jedes eine kleine Welt; und der Lichtſchimmer der aus den kleinen Fenſtern herüberblickte, zeigte dem durch das Dun— kel hinſchweifenden Auge die Stätte, wo Menſchen⸗ herzen klopften und wo ſich die kleinen Kreiſe, welche die Kette der Geſellſchaft bilden, ewig er⸗ neuen: die Uranfänge der Gemeinſchaft, die Fa⸗ 93 mile. Auf dem Fluſſe ſcherzten die vom Abend⸗ winde gekräuſelten Wellen mit den Strahlen des eben aufgegangenen Mondes, und aus ſeinem hin⸗ geſtreckten Leibe liefen fortwährend Arme aus, welche mit Macht klappernde Mühlen drehten. Brücken und Stege ſpannten ſich über den rollen⸗ den Leib und ſeine geſchäftigen Arme, und ſpotte⸗ ten ſeiner undurchſchreitbaren Tiefe. Drüben aber am Himmelsrande verſchwanden allmäiig die letzten Farbenſtreifen der Dämmerung, als wären ſie der nachgeſchleppte Saum vom Gewande eines zur Ruhe hinabgeſtiegenen Gottes. Wie grauſam contraſtirte der Vordergrund mit dieſem Bilde. Hoch aufgethürmt, unwohnlich, trotzig und mürriſch ſtreckte ſich der rohe weitläu⸗ fige Bau der Kaſerne empor. Der erſte Blick auf dieſe wüſte Steinmaſſe mußte lehren, daß hier nicht für Menſchenglück, für das ſtille Walten der Familie, für die Wohnung und die Werkſtätte des Bürgers gebaut worden. Und welche Geſell⸗ ſchaft hauſte in dieſem Raum? eine zuſammenge⸗ raubte Heerde, Menſchen die ſich nicht kannten und nicht liebten durch eine gemeinſame Feſſel zuſammengehalten. Alle herausgeriſſen aus freund⸗ 94 lichen und gewohnten Verbänden, beraubt der göttlichen Domäne der Selbſtbeſtimmung, und eingeknöpft in die ſchrecklich gleichmäßigen weißen Röcke, dieſe Sterbekleider der Seele, unter denen das Individuum verſchwindet, und die Perſönlich— keit aufgeht in dem vernichtenden Collektivna⸗ men Soldat.— Soldat! welcher gräßliche Com— munismus liegt in dieſem Wort, wie viel gewalt⸗ ſame Entäußerung der natürlichſten Rechte, der innigſt mit dem Menſchen verwachſenen Eigen— thümer! Und dieſe Opfer der Gewalt zugleich die ergebenſten Diener der Gewalt— welche höl— liſche Erfindung, welche Verhöhnung der Menſch⸗ heit, und welche verzweiflungsvolle Erſcheinung! Wie viel freundliche Bilder knüpften ſich an die Sichel, die da unten im Thale der Landmann auf ſeiner Schulter vom Felde heimtrug, und welche ſchauerlichen Geſpenſter umlagerten das ſchauder⸗ hafte lange Meſſer, das dee Soldat an der Seite trug, der Sohn dieſes Landmannes! Der Contraſt zwiſchen den beiden Bildern wurde noch greller durch die Lage der Kaſerne hoch oben auf einem Vorſprung des Bergrandes. Der Ab⸗ hang war hier durch Abgrabung des Erdreichs 95 und Sprengung des Geſteins in eine ungeheure ſteile Felswand verwandelt worden. Wenn man von der Brüſtung der alten Schanze in die ſchwin— delnde Tiefe hinabblickte, ſo ſchien es als ob aus dieſer Gewaltregion kein Uebergang zu der fried⸗ lichen Welt da unten möglich wäre. Mit dieſen Bildern und Gedanken zogen durch Ephraims Seele die Klänge einer herrlichen Ton⸗ dichtung, die mehr als irgend ein Werk des menſch⸗ lichen Geiſtes das Geheimniß beſaß, das kummer— volle Erdenkind mit ſchmerzſtillendem Zauber in ſüße Täuſchungen einzuwiegen. Es waren die himmliſchen Melodien der„Schöpfung,“ welche in dem ſanften duftigen Hauch aus dem lieblichen Thal zu ſchweben ſchienen. In dieſen Melodien athmet eine ſo ſelige optimiſtiſche Weltanſchauung, als ob der ſo harmlos gutmüthige Joſef Haydn ſich mit dem Taktſtock eine kleine freundliche Welt gezaubert hätte mit allerliebſten Bächlein von Milch und Honig, mit dornenloſen Roſenbüſchen anſtatt der düſtern Wälder; ſaftige reife Frucht hing in dieſer Welt von niedlichen Bäumen neben friſch aufgegangenen farbenreichen würzigen Blüthen; aus vorüberſchwebenden leichten Wölkchen tröpfelte —— — — — —— 96 erquickender Regen duftend wie kölniſches Waſſer; paarweiſe luſtwandelten die Ebenbilder Gottes, liebten und mehrten ſich, ihre Stimme war Muſik und ihre Worte Freuden- und Lobgeſang; und über Alles wölbte ſich ein reizend blauer Himmel ſo groß wie die Kuppel einer Kirche und durch dieſen Himmel blickten des guten Haydn eigene liebevolle Augen als Sonne und Mond, und freuten ſich, daß Alles ſo gut war. Ephraim flüchtete ſeine Seele in das para⸗ dieſiſche Märchen des kindlichen Genius, und von ſeinen Lippen ergoß ſich mit ſüßem Klang die Arie des„Raphael,“ in welcher das Meer ſo melodiſch ſchäumt wie ein Goldfiſchteich, und„im ſtillen Thale der helle Bach“ ſo ſanft ſich ergießt, wie eine Freudenthräne über die Roſenwange eines liebenden Mädchens. Darauf beſang Ephraim mit „Gabriel“ die Pracht der Pflanzenwelt, und ging dann über zu dem mächtigen Recitativ des„Ra⸗ phael,“ welches die Erſcheinung der Thiere ſchlidert vom Sprung des Tigers bis zu dem Gekreuch des Gewürms. Die Arie des„Uriel,“ welche die Herrlich⸗ keit des Menſchen preiſet, ſang Ephraim mit einer Kraft und Majeſtät, deren er ſich ſelbſt nicht für 97 fähig gehalten. Die Demüthigung die er ſelbſt erfahren, und der Schmerz über die ſchamlofe Miß⸗ achtung des Menſchenrechts rings um ihn her, goß einen heiligen Zorn in die Tonwellen ſeines Geſanges von der„Würde und Hoheit des Kö⸗ nigs der Natur,“ und ſeine Stimme ſcholl mächtig hin durch die tiefe Stille der Nacht, als wäre der Erdgeiſt aus der Felſenwand unter der Schanze heraufgeſtiegen, um über die Mißhandlung der Erdenkinder ſchwere Klagen zu führen. Beim Schluß dieſer Arie „An ſeinen Buſen ſchmieget ſich Die Gattin hold und anmuthsvoll; In froher Unſchuld lächelt ſie, Des Frühlings reizend Bild, Ihm Liebe, Glück und Wonne zu.“ ſchwebte die ſchöne Eveline auf dem Bilde des Mönchs vor ſeinen Augen, und erfüllte die Bruſt des vom Zauber der Tondichtung und der Mond⸗ nacht tief erregten Jünglings mit einer ſolchen Gluth der Entzückung und geheimnißvollen Liebes⸗ ahnung, daß Haydns Apotheoſe des Weibes vielleicht noch von keinem Künſtler mit einem ſolchen ſchmel⸗ zenden Feuer der Begeiſterung und ſo ſehnſuchts⸗ vollem Beben geſungen worden. II. 98 Mit der letzten Note ſank der Jüngling von Rührung bewältigt auf die Brüſtung der Schanze hin, und das herbe Gefühl ſeiner Einſamkeit in einer rauhen Welt ergoß ſich in heißes ſtilles Weinen. Lange blieb er ſo liegen über die Brü⸗ ſtung der Schanze hingebeugt, in dumpfes Hin⸗ brüten verſunken, gedankenlos und ſchmollend wie ein Kind. Er hatte den Zweck vergeſſen, den er mit ſeinem Geſange verbunden, oder kümmerte ſich wenigſtens nicht darum. Mit dem Geſichte gegen das Thal gewendet wußte er gar nicht, ob er irgend eine Wirkung hervorgebracht; und wel⸗ cher Art ſie auch geweſen ſein mochte, ſie ſchien ihm unbedeutend und nichts vermögend neben dem Schmerze, der jetzt an ſeinem Herzen nagte. Der grübelnde Philoſoph und unermüdliche Forſcher, der hingebende Kämpfer für die Menſchheitsidee ſehnte ſich in dieſem Augeblick mit aller Kraft ſeiner Seele nach einem zärtlichen Blick aus ſchönen Augen, und nach all dem ſüßen Glück, welches er aus dem Roman des Mönchs kennen gelernt. Erſt der gellende Schall des Zapfenſtreichs weckte ihn aus dem gedankenloſen Hindämmern, welches für die Entwickelung geiſtiger Kraft und 99 der Charakterſtärke bei Jünglingen ſo gefährlich werden kann, indem es ihre beſten Kräfte in ohnmächtiges Wünſchen und eitles Phantaſiren verflüchtigt. Als Ephraim beim ſtreng mahnenden Gebrüll des Kalbfelles ſein bleiches thränenfeuchtes Geſichte erhob, traf ſein düſterer Blick auf die befreundeten theilnahmsvollen Züge des Gerber⸗ geſellen Wenzel. Dieſer wackere Menſch mit dem rauhen Aeußern und dem trefflichen Herzen hatte ſchon ſeit einer Stunde neben Ephraim mit unermüdlicher Aus⸗ dauer geſtanden, ganz beſtürzt über den plötzlichen Uebergang von dem erhabenen entzückungsvollen Geſang zu einer heftigen unbezähmbaren Schmer⸗ zensäußerung. Der gute Wenzel hatte keine Ahnung von der Macht der Phantaſie, die gerade in gewaltigen Naturen ſolche heftige Wechſel der Gemüthsſtimmung hervorzubringen pflegt. In⸗ deſſen hatte er ſchon die Ueberzeugung gefaßt, daß in dieſem jungen Kameraden etwas ganz be⸗ ſonderes ſtecken müſſe, und die plöͤtzliche Kundge⸗ bung einer ganz neuen außerordentlichen Gabe hatte ihn vollends zu einem höheren Weſen in ſeinen Augen gemacht. Wenzel hatte eben nicht 7* 100 mehr Kunſtſinn als andere Seinesgleichen, aber alles was Ephraim that war für ihn, ſeit der Nacht im Rathhaus und beſonders ſeit der kühnen und ſiegreichen Affaire im Monturmagazin, ein Gegenſtand achtungsvoller Aufmerkſamkeit. Mit einer ſolchen vorgefaßten Meinung und von der Begeiſterung des Freundes mitergriffen, öffnete ſich ſein Ohr und Herz dem Strome der Ton⸗ wellen, und von dem religiöſen Element in dem Geſange mit heiliger Weihe erfüllt erhob ſich die Seele des Gerbers zu verklärenden Ahnungen des Schönen, des Göttlichen. Und dieſes himmliſche Glück das er empfunden, machte ihm den Träger einer ſolchen Götterkraft zu einem ſo ſegenſpen⸗ denden Weſen, daß er nach dem Verklingen des letzten Tones auf Ephraim zueilte um ihm die Hand zu küſſen. Als er ſeinen kummervollen Zu⸗ ſtand ſah, wagte er nicht ihn zu ſtören, aber er blieb neben ihm als treue Schildwache um ihn raſch zu wecken, falls ſich ein Unberufener genä⸗ hert hätte; denn Wenzel wußte nun aus eigener Erfahrung, daß überſtrömende Gemüthsbewegungen an dieſem Orte nicht ſehr reſpektirt waren. Von ſeinem Freund Wenzel erfuhr Ephraim, aber t der ühnen ein 7 Mit. der ffnete Ton⸗ dem h die n des liſche Lgräger nſpen⸗ en des die Zu⸗ ber er n ihn genä⸗ igener ungen braim, 101 daß ſein Geſang nicht die beabſichtigte Wirkung hervorgebracht hatte. Ephraims Stimme beſaß entweder nicht die Macht der Zitter des Orpheus, oder waren die Tiger und Steine unter dem grie⸗ chiſchen Himmel, welche Orpheus gerührt, und worunter die griechiſche Mythe eben auch nur Menſchen mit Stein⸗ und Tigerherzen verſteht, mit mehr Kunſtſinn und Empfänglichkeit begabt als die unter der Fuchtel verknöcherten Söhne böhmiſcher Bauern. Von den Officieren der Gar⸗ niſon war Niemand anweſend, ſie wohnten außer⸗ halb der Kaſerne. Von den Unterofficieren und Soldaten, die ſich gerade im Hofe befanden, hatten einige den Geſang kaum beachtet, andere lachten über das„weinerliche Gedudel“ und riſſen Witze über„das Mädchen im Soldatenrocke;“ und ſelbſt diejenigen, welchen die hübſche Stimme gefiel, hätten lieber ein luſtiges Trinklied gewünſcht als „ſolches Zeug, welches nach dem Weihrauch der Kirche rieche.“ Ephraim wurde ſehr niedergeſchlagen durch die Erfahrung, daß ſeine geiſtige Waffe über dieſe Menſchen nichts vermöge; neben dem drückenden Gefühl der Ohnmacht und grauſamer Enttäuſchung, 8 10² bemächtigte ſich ſeiner der bittere Gedanke von der Gemeinheit dieſer Naturen, in deren ledernen Seelen ſein theurer Joſef Haydn keinen Widerhall wecken konnte. Er wurde darüber ſehr gränlich, und es überkam ihm wieder jener Anfall von Menſchenverachtung, der ihm im Rathhaus bei⸗ nahe das Leben gekoſtet hätte. Zudem hatte Haydns Muſik ſeine Phantaſie mit lieblichen Bil⸗ dern erfüllt, ſeinen Geſchmack verfeinert und ſeine Nerven zur zarteſten Empfindlichkeit gereizt. In dieſem Zuſtand ſchien ihm die Kaſerne widerlicher als jemals. Nachdem er durch alle Himmel ge⸗ ſchwärmt, ſollte er mit zwanzig brutalen Soldaten in einer Stube ſchlafen, und ſogar nach der ſchönen Sitte öſterreichiſcher Kaſernen zu zweien in ſoge⸗ nannten„zweiſpännigen“ Betten. Mit Schaudern dachte er daran, daß er in dieſen Rock einge⸗ knöpft allmählig in den Stumpfſinn ſeiner rohen Stubengenoſſen verſinken könnte, und wenn er ſich bei dieſem ſchrecklichen Gedanken nicht das Leben nahm, ſo war es nichts anderes als— daß ihm in dieſem Zuſtand geiſtiger Lähmung ſelbſt die Kraft zum Sterben fehlte. 8. Indeß war Ephraims Geſang nicht ſo ſpurlos verhallt als er glaubte. Die Töne waren bis an den Fuß der Felſenwand hinabgedrungen, und hatten dort, obgleich durch die Entfernung ge⸗ ſchwächt, das Ohr eines Mannes erreicht, der auf ſeinem Spaziergang in der milden Abendluft den Weg verfolgte, der ſich zwiſchen dem Felſen und dem Wieſengrunde hinzog. Ueberraſcht von dem ſchönen Geſang der aus den Spalten des Felſens zu kommen ſchien, blieb der Spaziergänger lau⸗ ſchend ſtehen. Bei der tiefen Stille ringsumher konnte ſein feines Ohr ohne große Anſtrengung wenn auch nicht den Text doch die Melodie unter⸗ ſcheiden, ſo wie den Ort woher die Töne ſtrömten. Er erſtaunte nicht wenig, aus dieſer Behauſung der Barbarei und Verwilderung die ſüßeſte Muſik der Liebe und des Friedens zu vernehmen. Wäre 104 dieſe Felſenwand die Mauer einer Feſtung gewe— ſen, ſo hätte er nicht gezweifelt, die Herzenser— gießungen eines erhabenen Gefangenen zu hören. Je länger er athemlos horchte, deſto bekannter wurden ihm Stimme und Vortrag, und als der Geſang verklungen war, und der Spaziergänger im Schatten der Felſenwand das Abentheuer über⸗ dachte, gewann er die traurige Ueberzeugung, daß es nur Einen Mann in dieſer kleinen Stadt gebe, der mit ſolchem Adel und ſolcher Innigkeit zu ſingen vermöchte, und daß dieſer Mann ſich in dieſem Zwinger nur unfreiwillig befinden könne. Am nächſten Morgen wurde Ephraim von ſeinem„Zimmer⸗Kommandanten“ angezeigt, daß ihn im Hof ein Verwandter erwarte, der ihn zu ſprechen wünſche.„Laß Er ſich,“ rief ihm der Kommandant nach,„von ſeinem Verwandten etwas Rechtes in die Taſche ſtecken. Es iſt ein wahrer Skandal, daß ſo viele neue Leute eingetreten ſind, ohne daß es was zu ſaufen gibt.“ Ephraim achtete auf dieſe Mahnung nicht, denn ſein Herz jubelte auf bei dem Gedanken ſeinen alten Freund den Mönch unten zu finden, er wußte keinen anderen Menſchen in der Welt — 105 der ſich um ihn bekümmern konnte. Wirklich wa⸗ ren es die theuern verehrten Züge, die er auf dem Geſicht des angeblichen Verwandten erkannte; aber die gewöhnliche Kleidung des Mönchs war ganz verändert; anſtatt des geiſtlichen Gewandes trug er die Kleidung eines feinen Städters, die ihm ſehr wohl ſtand, und ihm in Verbindung mit ſeiner ernſten geiſtvollen Miene das Anſehen einer ſehr vornehmen Perſon gab. „Du ſiehſt mich in meiner Reiſekleidung,“ ſagte der Mönch mit ernſtem Lächeln, als er die Ueber⸗ raſchung ſeines jungen Freundes bemerkte. Darauf führte er Ephraim an die Brüſtung der Schanze, wo ſie ungeſtört und unbehorcht ſprechen konnten. —„Ich weiß Alles,“ begann er, als er bemerkte, daß Ephraim ſeine Kraft zuſammen nahm um ſeine Gemüthsbewegung zu bemeiſtern, die ihn am ſprechen hinderte.„Ich habe geſtern Abend dein Lied von der Hoheit des Menſchen aus die⸗ ſem Hauſe der Knechtſchaft gehört, und deine Stimme erkannt; in der Judengaſſe habe ich das Uebrige erfahren. Im erſten Augenblicke war ich ſchmerzlich betroffen. Allein als ich den erſten Schauder, den uns die grauſamen Erſcheinungen 106 unſerer halbbarbariſchen Geſellſchaft einflößen, all⸗ mälig überwunden hatte, und die Zärtlichkeit des Freundes ſich zur Theilnahme am Schickſal der Menſchheit erweitert hatte— als wieder die Grund⸗ idee meines Lebens ſo mächtig in meinem Kopſe waltete, daß neben ihr alle Erſcheinungen der Außenwelt ihre individuelle Färbung verloren, und ſich blos als fördernde oder hindernde Kraft zeigten— von dieſem Augenblick, Ephraim, über— wog Ein Gedanke alle andern Rückſichten. Ich fand, daß deine Leiden ſich bei dir als ſtärkendes Stahlbad erweiſen dürften, und von dieſem Ge— ſichtspunkt waren ſie mir faſt willkommen. Dieſer Gedanke überwand raſch die Schwäche, die mich verleiten wollte, die Ablöſungsſumme zu erlegen, um dich aus der Sklaverei loszukaufen.“ Ephraim erſchrak faſt über die eiſerne uner⸗ bittliche Conſequenz dieſes Mannes, und ſeinen Lippen entſchlüpfte mit einer Miſchung von Schauer und Bewunderung der Ausruf: Brutus! Dieſer Ausruf erſchütterte den Mönch. Der Name zweier Männer von denen der Eine ſeinen Freund, der andere ſeine Söhne der Idee vom Glück des Vaterlandes geopfert, klang in dieſem 107 Augenblick mehr vorwurfsvoll als anerkennend von Ephraims zitternden Lippen. Der Mönch be⸗ trachtete mit Wehmuth das blaſſe Geſicht und den traurig zu Boden geſchlagenen Blick des Jüng⸗ lings. Er ſah ſeine eigene Jugend vor ſeinen Augen aufgehen mit ihrer drangvollen Lebens⸗ luſt, mit ihrer verzehrenden Sehnſucht nach Glück und Liebe und mit ihrer tiefen Scheu vor dem Gemeinen und Häßlichen. Doch dieſe Erinnerung an ſein eigenes zerſtörtes Glück verband ſich mit dem Jammer, den hier die Unbill der Welt über ein ſo reich begabtes Weſen goß, um den glühen⸗ den Haß gegen die Tyrannei zu ſchüren, welcher die Seele dieſes Mannes in einen Bombenmörſer umgewandelt, der unermüdlich gegen eine Schanze donnert. „Ephraim,“ ſagte er ſtreng,„wüßte ich nicht, daß deine Schwäche vorübergehend iſt, ſo lägen unſere Wege bald weit auseinander. Aber ich kenne deinen Zuſtand, du haſt gelitten, dein Blut hat ſich im Herzen zuſammengezogen, und es geht dir wie einem Kranken, deſſen Welt auf die düſtre Krankenſtube und das Zucken der eigenen Glieder zuſammengeſchrumpft iſt. Ich ermeſſe wohl den 108 ungeheuren Abſtand zwiſchen deinem Weſen und deiner augenblicklichen Lebensſtellung. Alles an dir berechtigt zum freundlichen Walten, zum ru⸗ higen Forſchen, zur Erkenntniß des Schönen und zur Verbreitung der erhabenen Offenbarungen des in der Menſchenbruſt waltenden Gottes. Aber willſt du allein glücklich ſein mitten im Elend der Welt, willſt du wie ein Kind mit Blumen ſpielen, die auf Gräbern wachſen?— Ich beſitze die Mittel dieſen Sklavenrock von dir abzuſtreifen, und dich wieder ans Buch und ſpäter an die Lehrkanzel hinzupflanzen. Aber Ephraim, eine gewaltige Zeit bricht herein— und die braucht Männer und eine rauhe Schule; den zögernd prüfenden Ge⸗ lehrten würde ſie zermalmen, auch könnte er nur Unheil ſtiften, wenn ſeine ängſtliche Hand in die Räder greifen wollte.— Sobald du willſt öffnet ſich die Pforte dieſes ſchrecklichen Hauſes, und nach Luſt und Laune kannſt du die Pfade der Welt hinwandeln. Aber bedenke was du thuſt! Leicht verwandelt ſich die Kraft des Weltmannes in frommes Wiünſchen, die innigſte Menſchenliebe haucht ſich als ohnmächtiger Seufzer aus, und die erhabenſte Erkenntniß gefällt ſich in wohlgeſetzten 109 Worten, verſchwimmt im Rhythmus des Gedichtes oder im plätſchernden Bächlein eines Liedes. Nicht am Buche wird man Brutus, und Luthers welt⸗ erſchütternder Fenergeiſt entzündete ſich unter den Qualen der Mönchskutte!“ Ephraim ſchwieg lange, verſunken in den Kampf widerſprechender Stimmen, die ſich die Entſchei⸗ dung einer ſo ſchweren ernſten Frage ſtreitig mach⸗ ten. Das wechſelnde Glück und Elend der vori— gen Nacht ſtand noch ſo lebendig vor ſeiner Seele, daß er in Gedanken ſehnſuchtsvoll die Arme aus⸗ ſtreckte nach dem freundlichen Daſein, auf das ihm der Mönch eine ſo lockende Ausſicht eröffnete. Aber vor dieſem Paradies ſtand die Warnung des Mönchs vor der damit verbundenen Abſchwächung der Thatkraft und ins Herz ſchleichenden Selbſt⸗ ſucht.— Doch was ſollte er hier? Durch den Druck der Gewalt eine nichts ſchonende umwälzende Kraft erlangen, im fortwährenden Ringen mit der Uebermacht die ſchmiegſame Schlauheit des Fuchſes und den Sprung des Tigers erlernen, aus dem bittern Gefühl der Ohnmacht tropfen⸗ weiſe jenen hölliſchen Feuerſtrom des Haſſes an⸗ ſammeln, welcher den Bau ſicher unterwühlt, wenn 110 dieſer dem offenen Angriff unüberwindlichen Wi⸗ derſtand leiſtee. Der grelle Ton der Trommel ſollte ihn ſo oft aufreißen aus ſtillem Sinnen und ſüßen Träumen, daß der geſpenſtiſche Schall ihn durchs ganze Leben verfolgen müßte, um ihn auf⸗ zujagen, wenn er ſich jemals behaglicher Trägheit und weltvergeſſenem Genuſſe hingeben wollte. Das kurze herriſche Kommando ſollte ſich ſo tief in ſein Ohr eingraben, daß ihn jedes Liebe und Wohl— wollen athmende Wort, jeder ſanfte Ton in der Natur nur an die Schrecken gewaltſamer Herr⸗ ſchaft erinnern müßte! Und vielleicht ſollte ſogar eine entehrende Mißhandlung jene kochende Rach— ſucht in ſeine Bruſt gießen, die Ströme vergiftet um Einen Feind zu tödten! Ephraim ſchauderte, wenn er ſich den trübſe⸗ ligen, gebrochenen oder finſtern blutdürſtigen Mann dachte, als der er vielleicht einſt die öſterreichiſche Kaſerne verlaſſen würde. Aber als er darüber nachſann, ob kräftiges Rechtsgefühl und klare Er⸗ kenntniß nicht hinreichten um jenen brennenden, ruheloſen Eifer zu erzeugen, der den Schlaf von dem Lager ſcheucht, der an der Ruhebank am Wege vorübertreibt und der jeden Genuß, jedes — 111 Familienglück als aufhaltende Störung, als Zer⸗ ſtreuung der Kraft von ſich weiſt, drang eine ſchmerzvolle Ueberzeugung in ſeine ſanfte liebevolle Seele. Er mußte ſich geſtehen, daß die Liebe eine Sonne ſei, welche aus dem freien Boden der Menſchheit die Blüthen des Glückes locken könne, daß aber nur der qualvoll drängende Haß den gewaltigen Hebel biete, um die laſtenden Steine der alten Barbarei abzuwälzen.— Dreihundert Millionen Bekenner, ſagte er ſich, zählt die chriſt⸗ liche Lehre, welche Gleichberechtigung und Nächſten⸗ liebe predigt; Tauſende von Schriftſtellern haben an dem menſchlichen Geiſte und Herzen gerüttelt, und tauſendmal Tauſende haben dieſe Werke mit Verſtändniß und gewiß nicht ohne Erregung geleſen— gewiß ſind viele einflußreiche Perſonen und ſelbſt mächtige Herrſcher nicht unberührt ge⸗ blieben von humanen Ideen und Gefühlen— und doch iſt es noch heute möglich, daß hier und anderwärts öffentliche Gebäude ſind, wo Tauſende von harmloſen Menſchen, gegen ihren Willen und gegen ihre Neigung, zuſammengeſchleppt und als Sklaven behandelt werden, ohne daß die Nachba⸗ ren es auch nur ſeltſam finden. Und das iſt nur Eine von den Formen der Rechtseingriffe und der Menſchenverachtung, unter denen die mir bekannt und unbekannt ſind. Gewiß iſt die Erkenntniß allein nicht hinreichend, und ſie wird erſt zur That— kraft, wenn ſie ſich mit perſönlichen Wünſchen oder Schmerzen verbindet. Haben nicht die Chr⸗ geizigen unendlich mehr vollführt als die redlichen Denker? Und hätte das Chriſtenthum ſo raſche Fortſchritte gemacht, wenn es nicht auf den Schul⸗ tern der Leidenden und Unglücklichen getragen worden wäre? Und warum hat die Idee des Menſchenrechtes noch ſo wenig Raum gewonnen? Gewiß nur darum, weil die Rechtsloſen zu unbe⸗ wußt ſind, und die Gebildeteren ſich nicht ſo ſehr beengt fühlen.— Bin ich nicht ſelbſt, fuhr er in ſeinen Betrachtungen fort, noch geſtern Abend von egoiſticher Sehnſucht nach Glück und Liebe befallen worden mitten unter Unglücklicheren, die nicht wie ich die Mittel in ſich tragen durch himm⸗ liſche Muſik und erhabene Gedanken ſich zeitwei⸗ lig weit über alles Elend der Welt zu erheben? Und dieſer außerordentliche Mönch, dieſer Brutus der ſeinen Freund opfert, wäre er der raſtloſe un⸗ beugſame Kämpfer geworden, wenn ſeine Seele —4, 6 113 nicht durch das Feuer eines ungeheuren Schmerzes gegangen wäre? Und beginne ich ſelbſt nicht wirklich erſt ſeit der kurzeu Zeit meines Kampfes mit dem Leben ſeinen Weltgang zu begreifen und zu wür⸗ digen, während ich anfangs mit der Scheu der Büchertugend und lebensunkundigen Bedenklichkeit vor ſeinen Waffen zurückbebte?“ Vielleicht wirkte neben dieſen Betrachtungen Ephraims auch die Furcht, die Achtung des Mönchs durch Schwäche zu verlieren mit ein, um ſeine tiefe Abneigung vor der Kaſerne zu überwinden. Vielleicht fand er in ſeiner Aufopferung etwas romantiſch Erhebendes, ſeit es auf ſeinen freien Willen ankam, das Joch zu ertragen oder abzu⸗ ſchütteln. Er erinnerte ſich an die muthige That eines berühmten Dichters, der ſich zwei Tage und Nächte in die unterirdiſchen Gefängniſſe Venedigs ohne Nahrung einſchließen ließ, um die Schreck⸗ niſſe barbariſcher Kerker kennen zu lernen und dann halbtodt herausgezogen wurde. Die furcht⸗ baren Proben geheimer Orden ſchwebten ihm vor, und wenn er auch nicht glaubte, daß der Mönch einem ſolchen Orden angehöre und ihn auf die Probe ſtellen wolle, ſo erkannte er doch, daß zu II. 8 114 allen Zeiten die Menſchen ergreifender Einwir⸗ kungen und fürs ganze Leben erſchütternder Er⸗ fahrungen bedurften, um zuverläßlige Kraft zu erlangen und grenzenloſer Hingebung fähig zu werden. Mit dem ſtolzen Ernſt eines Jünglings, der, nach einer ungeheuren Umwälzung in ſeinem In⸗ nern, ſchönen Träumen entſagt, um eine dornen⸗ volle Bahn zu betreten, erhob Ephaim ſein ſinnen⸗ des Haupt zu dem Mönch, der mit Spannung ſeinen Entſchluß erwartete.„Sprechen wir nicht mehr von mir,“ ſagte Ephraim,„meine Wahl iſt getroffen. Ich nehme den bittern Kelch aus dei— ner Hand, möge er ſtärkend wirken; und ſollte die Gabe zu ſtark ſein für meine Kraft, ſo wird die Welt nichts an mir verloren haben. Doch nun ſage mir, Freund, was bedeuten dieſe Reiſe⸗ kleider, es muß Bedeutendes ſein, was dich wieder in die Welt hinaus führt.“ „Zuvörderſt Ephraim,“ erwiederte der Mönch, „will ich dir bemerken, daß du nicht ohne den Faden der Ariadne in dieſe finſtere Region hinab⸗ ſteigſt. Gegen deinen Willen ſollſt du nicht einen Augenblick darinnen feſtgehalten bleiben. Die hohe 115 Achtung vor der perſönlichen Freiheit, die all mein Streben leitet und, ich will es nur bekennen, eine kleine freundſchaftliche Schwäche für dich erlaubt mir es nicht, dich an meine Zwecke zu feſſeln, obgleich du auch daſſelbe Ziel verfolgſt, ſobald du die Opfer zu groß finden ſollteſt, oder dir ein anderer Weg richtiger oder zuſagender erſchiene.“ Mit dieſen Worten übergab der Mönch Ephraim einen Kreditbrief auf ein Banquierhaus in Prag, der ihn ermächtigte beliebige Summen zu erheben, um damit ſeine augenblickliche Befreiung erwirken zu können. Der Mönch bat ihn auch von dieſem Briefe den weiteſten Gebrauch zu machen um ſich jede Bequemlichkeit zu verſchaffen. Durch gemeine Quälereien, meinte er, würde die moraliſche Kraft und Empfänglichkeit gelähmt und gebrochen, dann wäre aber der Zweck verfehlt, weßhalb Ephraim dieſe rauhe Schule durchmachen ſollte, und der darin beſtünde, in den tiefſten Tiefen ſeiner Seele erſchüttert zu werden. „Ein anderes Mittel,“ fuhr der Mönch fort, „welches ich dir mitgebe um deinen Geiſt friſch und deine Kraft ungebeugt zu erhalten, iſt die— Hoffnung! Ephraim,“ rief er mit leuchtenden 8* 116 Blicken und einem erhabenen Ausdruck in ſeinen edlen Zügen—„Ephraim, meine Pläne reifen, der Tag eines neuen Zeitalters bricht an, und von Petri Stuhl, dieſem Grabe des Evangeliums, wird der Lichtſtrahl ausgehen! Du erſtaunſt, Ephraim, o die ganze Welt wird erſtaunen und kaum ihren eigenen Augen trauen. Doch vernimm was ſich vorbereitet, es iſt jetzt Zeit vor deinem betrübten Auge den Schleier zu lüften.—“ „Pabſt Gregor der ſechszehnte iſt geſtorben! Ein Diener unſeres Ordens iſt Tag und Nacht hieher gereiſt um mir die Kunde zu bringen, und mich nach Rom zu rufen.— Du ſiehſt mich reiſe⸗ fertig und von hier aus eile ich zum Reiſewagen. — Mit Gregors Tode hat meine Parthei im Or⸗ den Jeſu die Oberhand gewonnen. Das raſtloſe Streben dieſer Parthei iſt dahin gerichtet, der Kirche wieder die verlorene Weltherrſchaft zu er⸗ obern. Der ſchwachköpfige Theil des Ordens war allerdings auf die Stufe der gewöhnlichen Kloſter⸗ Mönche herabgeſunken, welche ohne Zweck und Streben an der Ordensregel mechaniſch kleben; Gregor ſelbſt gehörte zu dieſer Richtung. Meine Parthei aber war überzugt, daß der Katholicismus, 117 dem Geiſt der Forſchung und dem Indifferentis⸗ mus der Maſſen gegenüber, langſam hinſiechen müſſe, wenn ihm nicht die Staatsgewalt zu Hilfe käme. Allein die Regierungen Europa's fingen ſelbſt an ungläubig zu werden, und warfen die Kirche bei Seite, theils um nicht mit ihr die Macht zu theilen, theils um ſich eines Genoſſen zu ent⸗ ledigen, deſſen Mißachtung und Unpopularität auf ſie ſelbſt in gefährlicher Weiſe zurückwirkte. Sie wollten, die Kirche ſolle ſich mit dem Himmel ausſchließend beſchäftigen, und ihren alten Kapu⸗ zinerrock, der aus der Mode gekommen, ein wenig der Zeit anpaſſen. Der Proteſtantismus und die Freigeiſterei waren obenauf, und mancher katho⸗ liſche Finanzminiſter begann mit den Kirchengütern zu liebäugeln.— Als ich nach einer langen Reiſe durch Europa nach Rom kam, fand ich die herrſch⸗ luſtige Parthei meines Ordens in voller Hoff⸗ nungsloſigkeit. Die Briefe meines Onkels, des Priors von St. Liguori, kündigten mich als ein großes Kirchenlicht an, und die Empfehlung dieſes Mannes galt nicht wenig in Rom; denn bei ſeiner Stellung auf dem bedeutendſten Vorpoſten des Ordens, in der Nähe eines mächtigen Thrones, 118 gingen die wichtigſten Angelegenheiten des Ordens und der Kirche durch ſeine Hand. Ueberdies war er trotz ſeines Alters einer der rührigſten und ſchlaueſten Köpfe des Ordens. Die Empfehlungen dieſes Mannes gaben mir einen gewiſſen Nimbus in den Augen meiner Geſellſchaft und der mit ihr affillirten geiſtlichen Welt. Bald hatte ich Gelegenheit das glatte heuchleriſche Terrain, auf dem ich mich bewegte, genau kennen zu lernen. Ich fand die wahren Leiter der Dinge heraus, die oft als ganz unſcheinbare Perſonen erſchienen, und in deren Hand die von Gold und Purpur glänzenden Kirchenfürſten willenloſe gehorſame Drahtpuppen waren. Ich ſtudirte die Charaktere dieſer Leute, und wußte ihnen bald eine hohe Meinnng von mir beizubringen. Sobald ich durch dieſe Verbindungen einen ſichern Anhaltspunkt gewonnen, rückte ich mit einem Plane heraus, der großes Erſtaunen erregte, und nach vielen Kämpfen und Mühen jetzt ſeine Ausführung findet.“ „Die Spitze meines Planes beſtand darin, einen Mann auf den Stuhl des heiligen Petrus zu ſetzen, welcher der in dem Bür⸗ gerthum durchdringenden Neigung zur 119 politiſchen Freiheit von ſeinem erhabe⸗ nen Sitze herab ein ſegnendes Wort zu⸗ rufen ſollte. Eine ſolche Idee hätte mir die Excommunication zugezogen und mich in den Ker⸗ ker der Inquiſition gebracht, wenn ich ſie wie der Pater Lamenais durch die Preſſe der Welt zugerufen hätte. Aber ich wußte ſie den rechten Leuten auf die rechte Weiſe ins Ohr zu flüſtern. Der Verdacht einer menſchenfreundlichen Abſicht konnte bei meiner berechneten Haltung nicht auf⸗ kommen, und man war bloß begierig die Moti⸗ virung dieſer kühnen Idee kennen zu lernen. Die Rachſüchtigen, deren Zahl in der geiſtlichen Welt nicht gering iſt, gewann ich durch den Gedanken, man müſſe die Regierungen für ihren Abfall von der Kirche beſtrafen, und ſie gingen darauf um ſo leichter ein, als ſie wirklich fürchteten, die Re⸗ gierungen würden, durch Louis Philipps glück⸗ lichen Liberalismus zur Nachahmung verleitet, durch halbe Conceſſionen die Völker zu beſchwich⸗ tigen ſuchen, wodurch der Kirche allein aller Haß zugeſtrömt wäre, was ſie um ſo ſicherer vernichten mußte, als ſie dann bloß auf ihre morſch gewor⸗ dene moraliſche Macht angewieſen war.— Eine 120 andere Fraktion, die ſelbſt nicht frei von dem Geiſt der Zeit geblieben war, überzeugte ich leicht, daß die Kirche durch Losſagung vom politiſchen Abſolutismus nur gewinnen könne, ſowohl an moraliſcher Kraft, indem ſie das lange unterdrückte Evangelium in der bürgerlichen Welt predigte, als auch an Umfang des Machtgebietes. Meine Reiſen hatten mir Mittel geboten, ein genaues Bild der Zuſtände zu entwerfen. Ich bewies, daß der Katholicismus unfehlbar zu Grunde gehen müſſe, wo er liberalen proteſtantiſchen Regie⸗ rungen gegenüber ſtehe, und daß die Geiſtlichen unterdrückter Nationalitäten ſich von Rom abwen⸗ den würden, wenn der heilige Stuhl fortfahre die Hand der Unterdrücker zu ſegnen. Ein la⸗ chendes Bild von der Herſtellung der alten Herr⸗ ſchaft der Tiara über ein unabhängiges Italien vervollſtändigte den Sieg meines Gedankens bei dieſer Fraktion des Clerus. Dieſe liberaliſtiſche Fraktion gehörte jedoch nicht zu meinem Orden; ſie beſtand nur aus Weltgeiſtlichen, die in ihrer Berührung mit der bürgerlichen Geſellſchaft profane Gedanken in ſich aufgenommen hatten. Sie ergriffen meinen Plan mit Begierde, da er ihnen erlaubte, —— 121 ihre profanen Wünſche mit der Pflicht gegen die Kirche zu vereinigen.— Bei den feineren Köpfen meines Ordens hätten ſolche Vorſpiegelungen nicht verfangen; dieſe wußten aus eigener Erfahrung, daß Autorität und freie Prüfung nicht lange ne⸗ ben einander beſtehen könnten, und daß die Prie⸗ ſterherrſchaft zuſammenbrechen würde, ſobald ſie nicht die weltliche Macht zur Verfügung hätte, um dem wühlenden Geiſt in der Geſellſchaft das Stillſchweigen des Grabes zu gebieten. Dieſen kalten Köpfen wäre mein Plan lächerlich und ver⸗ brecheriſch erſchienen, wenn ich ihn nicht als ein momentanes Mittel eingeführt hätte, um der Kirche den weltlichen Arm unbedingt zu unterwerfen. Ich verhehlte dieſer Parhei nicht, daß der Hauch von Sankt Peter als ein furchtbarer Sturm über die Welt brauſen würde, der viele morſche Ge⸗ bäude niederſchmettern dürfte. Aber ich rechnete ihnen genau den ſcheinbaren Schaden und die unermeßlichen Vortheile dieſer vorübergehenden Kriſe vor. Ich zeigte ihnen wie der glimmende Funke des Liberalismus zur hellen verzehrenden Flamme angefacht, die Regierungen aus ihrem kindiſchen Spiele mit dieſem ſcheinbar zahmen 122 Elemente emporſchrecken würde, um ſie in ihrer Angſt zu einem Vernichtungskriege gegen dieſes ſchleichende Feuer zu treiben, an dem ſie ſich zu wärmen begannen. Als einen noch bedeutendern und unverhofften Alliirten ſtellte ich ihnen das nach Mitregierung lüſterne Bürgerthum dar. Ich bewies, daß es dieſer durch Geld und Unterricht für die Autorität gefährlichen Kaſte mit dem ge⸗ hätſchelten Liberalismus, hinter dem ſich ihre Herrſchſucht verſteckte, ganz ſo ergehen würde, wie dem Landmann, der die erfrorne Schlange an ſeiner Bruſt erwärmte. Entſetzt über das ſich erhebende Gorgonenhaupt des vierten Standes, den ſie bis⸗ her mit Füßen getreten, würden ſie ſich unter die Kanonen des Thrones flüchten, und bereitwillig ſich jeder Autorität unterwerfen um nur dieſer die Macht zu geben, das furchtbare Geſpenſt wieder in ſeine Höhle zu treiben und an die feuchten Mauern des Kerkers feſt zu ſchmieden. Von allen Seiten würde ſo die gefährdete Selbſtſucht zu dem Stuhle von Sankt Peter ſtrömen, um ihn anzu⸗ flehen den Zauberbeſen wieder in ſeine Ecke zurück⸗ zubannen, und von dieſem Augenblicke werde die Macht Sankt Peters vielleicht unbeſchränkter wer⸗ ihrer dieſes ch zu dern das Ich rricht n ge⸗ ihre „wie ſeiner eende bik⸗ 3 die villig die jeder chten allen dem anzu⸗ rück⸗ e die wer⸗ 123 den als zur Zeit, da ein deutſcher Kaiſer unter dem Fenſter des Papſtes im Büßerhemde erſchien.“ „So lockend dieſer Plan für die Herrſchſucht meiner Partheigenoſſen war, die damit verbundene Gefahr hätte ihn doch unannehmbar gemacht, wenn nicht die Kühnheit der leitenden Geiſter an ihrer gränzenloſen Menſchenverachtung Unterſtützung ge⸗ funden hätte. Dieſe kalten Seelen glaubten ernſt⸗ lich, den erwachten Geiſt der Menſchheit wieder auf Jahrhunderte, vielleicht für immer eingraben zu können, ſobald nur die weltliche Macht ihrem ſchrecklichen Geiſte gehorchte, der wie das Meſſer des Arztes vor keinem Schmerz, keinem Schrei zurückbebt. Sie ſehen die Foltern und die Schei⸗ terhaufen der Inquiſition wieder aufgerichtet, nur noch zahlreicher und unerbittlicher. Sie malen ſich mit Luſt eine Zeit des Bürgerkrieges und der Verheerung aus, in welcher die Hälfte der Menſch⸗ heit vernichtet, und der Ueberreſt von Elend und Jammer erdrückt, in Stumpfſinn und rohe Selbſt⸗ ſucht verſinken würde wie nach den Hunnenzügen. Sie weiden ſich an dem Gedanken, daß Rom und Griechenland von der Höhe profaner Bildung und Freiheit auch in Auflöſung, Sklaverei und gedan⸗ 124 kenloſe Frömmelei verſunken iſt. Sie ſehen ſchon auf den Ruinen der Welt die römiſche Kirche all⸗ mächtig wieder aufgerichtet.“ „Und was gibt dir Sicherheit,“ ſchrie Ephraim erſchrocken auf„daß die Hoffnungen dieſer ſchreck⸗ lichen Menſchen blos wüſte Träume find?“ „Mein Freund,“ erwiederte der Mönch mit erhabener Zuverſicht,„du kennſt die Welt nicht, und bei der Ohnmacht, mit der du jetzt der Ge— walt gegenüberſtehſt, überſchätzt du ihre Kraft. Ich habe Eurvpa mit dem ängſtlich prüfenden Auge einer beſorgten Mutter durchwandert. Ich habe gefunden, daß der Pfeil auf dem Bogen liegt; ich habe erkannt, daß Millionen Seelen nur eines Blitzes bedürfen um in Flammen aufzulo— dern, und dieſer Blitz wird aus dem Mittelpunkt der Chriſtenheit aufleuchten. Ich weiß, daß der Sturm nur zerſtören, nicht bauen wird; ich möchte mit der Bibel ſagen:„Nicht im Sturme wohnt Gott.“ Aber die Menſchheit wird ihre Kraft er⸗ kennen, und aus dem gelockerten Boden wird die bereits darin liegende Saat der Ideen aufgehen. Dieſe Saat heißt„individuelle Souveränität;“ das Gefühl der Selbſtherrlichkeit, welches das Grund⸗ ſchon ſe all⸗ hraim chreck⸗ ) wit nicht, r Ge⸗ Kraft. enden Ich Bogen n nur ſzulo⸗ punkt g der nöchte vohnt rund⸗ 125 weſen des Despotismus ausmacht, iſt in das Herz jedes Einzelnen eingedrungen. Ueberall in der Welt habe ich dieſes Gefühl vorgefunden unter der Form des Haſſes gegen die Willkühr, gegen die Ausbeutung der eigenen Kraft durch ſelbſtſüch⸗ tige Gewalten. Die Grundlage der alten Welt, die Willkühr und die Ausbeutung wird unter dem Druck dieſes Haſſes zuſammenbrechen. Ich weiß nicht, wie lange die Geſellſchaft an ihrer Vervoll⸗ kommnung arbeiten wird, vielleicht ewig, denn hier iſt kein Maß, keine Gränze gegeben; aber die Grundlage der neuen Geſellſchaft, die perſönliche Freiheit, die individuelle Souveränität wird bald gefunden ſein, und damit iſt wenigſtens die Schmach der alten Welt abgethan. An Kämpfen wird es nicht fehlen; der Wechſel zwiſchen Despotismus und Anarchie wird vielleicht lange dauern, aber nur die Intereſſen werden mit einander ringen wie aufgeregte Wellen, bis ſich das Meer der Menſchheit zum Spiegel ebnet. Der alte blinde Glaube an eine übergeordnete Kraft, an die Auto⸗ rität wird, einmal niedergeworfen, nicht mehr auf⸗ erſtehen, denn die kämpfenden Intereſſen werden, 126 befreit von dem ſtählernen Harniſch des Kampfes. ſelbſt nichts anderes ſein, als die gegen Unter⸗ drückung und Knechtſchaft im fremden Dienſte rin gende individuelle Souveränität. Der Verfall Roms und Griechenlands iſt für unſere Zeit nicht denkbar. Damals war Bildung und Bewußtſein nur im Beſitz einzelner Familien, die übrige Welt war eine thieriſche Maſſe. Es brauchten nur einige Köpfe abgeſchlagen zu werden, einige Gei⸗ ſter zu verrotten, und die Welt verſank in Fin⸗ ſterniß. Heute kennen Millionen die Gedanken vereinzelter Weiſen; die Myſterien enggeſchloſſener Geſellſchaften ſind kein Geheimniß mehr; aus hun⸗ derttauſend Preſſen ſtrömt fortwährend der wek⸗ kende nährende Weltgeiſt, und auf endloſen Eiſen⸗ bahnen fliegt der Blitz des Gedankens, die Kunde jeder Lebensregung von Volk zu Volk. Du ſiehſt, Ephraim, unſere Ideen können getroſt in jeden Kampf treten, nur die dumpfe Stille iſt ihnen gefährlich; wenn aber der Jeſuit an den bevor⸗ ſtehenden Sturm ſeine Hoffnungen knüpft, ſo ſind es nur die Hoffnungen eines Verzweifelten, der Alles an Alles ſetzen muß.“ I npfes. Unter⸗ ſte rin Verfall tnicht ißtſein Welt n nur Gei⸗ Fin⸗ danken oſſener z hun⸗ r wel⸗ Eiſen⸗ dunde ſiehſt jeden ihnen bevor⸗ o ſind n, der 127 „Möge der bevorſtehende Weltkampf, ſchloß der Mönch, dich gerüſtet und erſtarkt finden, er wird große Kräfte, ſichere Geiſter und viele Opfer brauchen.“ Der Mönch bemerkte noch, daß er unter dem Namen Pater Antonius im Hauſe der Geſellſchaft Jeſu in Rom zu erfragen ſei, und verſprach durch das Banquierhaus in Prag Ephraim ſtets anzu⸗ zeigen, wo er ihn in der Welt aufzuſuchen habe, falls er Rom verlaſſen würde. Ephraim wagte kaum die Hand des Mönchs, als er hinwegging, zu ergreifen, ſo erſchüttert war er von der geſpenſtiſchen Erſcheinung dieſes Man⸗ nes, der mit gewaltigen Armen die Erde umfaßte und wach rüttelte. Aber der Mönch kehrte nach wenigen Schritten wieder um; aus ſeinen Zügen hatte ſich die eiſerne Strenge und die furchtbare Erhabenheit des Ausdrucks verloren. Sein Blick war nicht mehr ſo groß und ſtarr, als blickte er leitend über Schlachten hin. Mit der Innigkeit eines liebenden Herzens ergriff er die Hand des Jünglings, und ſeine Stimme klang faſt wehmü⸗ thig weich, als er ſagte:„Wir werden uns wie⸗ 128 derſehen in der milden Luft der Freiheit. Unſere Bruſt wird dann leichter und glücklicher athmen. Dann wirſt du mir vor ECvelinen's verſöhntem Bilde Haydns ſchönes Lied ſingen von der Herr⸗ lichkeit des Menſchen und dem ſüßen Glück der Liebe.“ inſere hmen. hntem Herr⸗ k der 9. E⸗s iſt nicht ganz richtig, wenn man glaubt, daß vor der Revolution nicht leicht ein öſterreichiſcher Soldat ſeine Dienſtzeit zurücklegen konnte, ohne mit dem Stock Bekanntſchaft zu machen. Durch die höchſte Sorgfalt, durch eine nie einſchlum⸗ mernde Wachſamkeit war es ſogar möglich, ſelbſt geringeren Strafen zu entgehen. Allerdings kam es hauptſächlich darauf an, wie man mit den nächſten Vorgeſetzten ſtand, und beſonders auf die Gemüthsbeſchaffenheit des Hauptmanns, des Kompagniechefs. Strafen bis zu fünfundzwanzig Stockſtreichen, welche unter der Rubrik„Kompagnie⸗ ſtrafen“ ſtanden, hingen einzig von dem Ermeſſen dieſes kleinen Paſchas ab. Der arme Soldat, der das Unglück hatte ſich das Mißfallen dieſes ge⸗ waltigen Mannes zuzuziehen, war der Bank ver⸗ fallen; und wenn ein Hauptmann einige Vorliebe I. 9 130 für die Muſik des pfeifenden Stockes hatte, ſo bekamen die Corporäle ſeiner Compagnie mehr Beſchäftiguug als anderwärts die Corporäle eines ganzen Regiments. Auch in anderer Weiſe konnte der Hauptmann ſeinen Untergebenen die Hölle heiß machen, und es gab daher Compagnien in der Armee worin man eine ſchreckliche Schule durchmachen mußte. Ephraim hatte das Glück, ſchon in den erſten Tagen ſeines Dienſtes ſich viele Freunde in der Compagnie zu erwerben. Sein angenehmes Aeußere gefiel ſogleich beim Eintritt in die Com— pagnie dem Hauptmann, der die neu eingetretenen Leute muſterte. Dieſer war ein Mann, der von unten auf gedient hatte, und anſtatt dadurch wie gewöhnlich rauh und widerhaarig zu werden, ſchien er einige Theilnahme für den ſchweren Stand des Soldaten zu empfinden. Vielleicht trug dazu der Umſtand bei, daß er trotz einer Dienſtzeit von dreißig Jahren noch nicht weiter gekommen. Ueber⸗ dies ſchien er des Dienſtes müde zu ſein und hatte wegen Kränklichkeit um Penſionirung angeſucht. Bei dem Corporal und dem Feldwebel ſetzte ſich Ephraim in Gunſt und Achtung durch ſeine vom Mör Dier rum erle der uner laut iron ein ſo mehr eines onnte Hölle en in chule erſten m der hmes Com⸗ tenen von wie chien 13¹1 Mönch verſorgte Geldbörſe, und da er ſeinen Dienſt mit Pünktlichkeit verrichtete und die Füh⸗ rumg der Waffen und das Exercitium ſo raſch erlernte wie einſt in ſeiner Stube die Grundſätze der Logik, ſo wurde ihm das Joch nicht ganz unerträglich. Die Rapporte über ſeine Führung lauteten vorzüglich, und Ephraim fühlte ſich mehr ironiſch als ärgerlich geſtimmmt, wenn er ſich wie ein Schuljunge für kleinliche Leiſtungen gelobt ſah, er, der innige Vertraute eines Mannes, deſſen Pläne die Welt erſchüttern ſollten. Bald wäre ihm jedoch das Soldatenſpiel zu unerträglich langweilig und läſtig geworden, wenn nicht ſein reger Geiſt in dieſem Körper ſelbſt, in den er eingekerkert war, Stoff zu wichtigen For⸗ ſchungen gefunden hätte. Die Kämpfe, die der Mönch prophezeit hatte und die auch ihm unver— meidlich ſchienen, konnten unmöglich blos auf dem geiſtigen Gebiete durchgeführt werden. Die Frei⸗ heit der Erörterung ſollte doch vor Allem erobert werden, und dieſe ließ ſich dem Despotismus doch nicht anders als durch materiellen Kampf entrei⸗ ßen. Er ſchauderte vor dem Gedanken an Blut⸗ vergießen, aber er ſah keinen andern Weg aus 9* 132 dem die Gedankenfreiheit verbietenden Despotismus. Hier in der Kaſerne hatte er Gelegenheit die Mittel der bewaffneten Macht dem Aufſchrei des Volkes gegenüber zu berechnen. Seine Forſchungen wa⸗ ren doppelter Art: er wollte in die Kunſt der Kriegführung eindringen, um ein Gegenmittel zu erfinden, und zugleich den Geiſt der Waffenträger und ihrer Führer ergründen, um zu ermeſſen, wie weit ihr oberſter Herr im Bürgerkrieg auf ſie zählen konnte. Nebenbei beſchäftigte ihn der wei⸗ tergreifende Gedanke, in welcher Weiſe einſt an— ſtatt der ſtehenden Heere die Volkskraft organiſirt werden könnte, um einen freien Staat gegen eine Ueberſchwemmung durch die centraliſirte Kraft be⸗ nachbarter despotiſcher Staaten zu ſchützen. Um dieſe Forſchungen zu betreiben ſtrebte Eph⸗ raim nach näherem Umgang mit den höheren Offi⸗ cieren, und er verſuchte nochmals durch Kundge⸗ bung der ihm innewohnenden höheren Talente den gemeinen Soldaten als ebenbürtig mit dem Höhergeſtellten anerkennen zu laſſen. Er hatte jetzt mebr Ausſicht in ſeinem Verſuche durchzu⸗ dringen, da ihm die Unterofficiere zugethan waren, und das angewandte Mittel ein handgreiflicheres zmus. Mittel Colles n wa⸗ Eph Offi⸗ lente dem hatte chzu⸗ aren, 133 war. Zu dieſem Zweck prägte er ſich die Züge des alten gutmüthigen Hauptmanns ſo tief ein, daß er ihn aus dem Gedächtniß zeichnen konnte. Seine Zeichnung verglich er mit dem Original, ſo oft dieſer unter dem Fenſter ſeiner Stube über dem Hof ging, und fand nur wenig daran zu ver⸗ beſſern. Dieſe Zeichnung hing er in dem Eßſaal der Compagnie an der Wand auf. Ein allge⸗ meiner Freudengeſchrei der Kameraden erklärte das Bild für treffend ähnlich, und der wohlgelittene Kamerad wurde von dem Augenblick der Stolz und der Liebling der Compagnie. Das Bild ſelbſt wurde von den Soldaten zur Ehre des geliebten Chefs mit Eichenlaub bekränzt. Der Vorfall wurde bald durch den befreundeten Feldwebel dem Hauptmann rapportirt. Der alte Soldat kam ſelbſt in den Eßſaal und war zu Thränen gerührt, als er ſich in Effigie ſo ſprechend ähnlich verewigt ſah. Er fühlte ſich nicht wenig geſchmeichelt, daß dieſes Bild von einem Kinde ſeiner Compagnie herrührte, und das Eichenlaub mit dem es umge⸗ ben war, ſchien ihm das beſte Zeugniß der Liebe und Verehrung ſeiner Untergebenen, mit dem er ſich vor ſeinen Genoſſen und Obern brüſten konnte. Er 134 erzählte aller Welt von der Freude, die ihm wi⸗ derfahren vor ſeinem Austritte aus dem Dienſte; das Bild lief im Officiercorps von Hand zu Hand und gelangte ſelbſt in die Hand der Ma— jorin, die es ſehr lobenswerth fand. Indeß hatte das Ereigniß vorläuſig keine andere Folge, als daß Ephraim„Gefreiter,“ das heißt vom Wacht⸗ dienſt befreit wurde, was ihm der Hauptmann ſelbſt ankündigte, und ihm dabei pophezeite, daß er ſchon ſeinen Weg machen werde. Ephraim war es recht lieb, daß er nicht mehr ſo oft auf zwei Stunden wandelnde Maſchine ſein mußte, aber nebenbei hatte er die Erfahrung gemacht, daß in der militäriſchen Hierarchie die Kluft zwi⸗ ſchen dem Officier und dem gemeinen Soldaten durch keinen perſönlichen Vorzug auszufüllen ſei. Nach zwei Monaten änderten ſich die Ver⸗ hältniſſe in der Compagnie. Der alte Hauptmann wurde penſionirt und an ſeine Stelle trat ein blutjunger Mann von nicht ganz zwanzig Jahren; aber er war ein altadeliger Graf und dieſe Eigen— ſchaft erſetzte bei ihm die dreißig Dienſtjahre ſeines Vorgängers. Der junge Hauptmann war in jeder Beziehung das Gegentheil des früheren 135 Compagniechefs. Er war finſter und herriſch, man konnte ihm nichts recht machen, und er ſah nie einen Subalternen gerade ins Geſicht, er blickte immer ſeitwärts, beſonders wenn er mit einem Unterofficier ſprach. In der ganzen Compagnie herrſchte bald nur eine Stimme des Unwillens, und man wagte ziemlich laut ihm nicht ſehr höf⸗ liche Spitznamen zu geben, da man wußte, daß ſelbſt die Lieutenants und Unterofficiere über dem „impertinenten Laffen“ aufgebracht waren. In dem Officiercorps lief das Gerücht um, daß der junge Graf gegen einen Standesgenoſſen die ſtolze Aeußerung gethan, es ſei eine ſchlechte Einrichtung die bürgerliche Canaille mit Officierſtellen zu be⸗ trauen, und daß es damit anders werden müſſe. Zwiſchen Ephraim und dieſem jungen Wüth⸗ rich entſtanden wenige Tage nach deſſem Amts⸗ antritt Bezüge ganz eigenthümlicher Art. Der Graf ſchien dieſen Liebling der Compagnie vor⸗ zugsweiſe mit ſeiner gefährlichen Feindſchaft zu beehren. Ephraim wurde durch den Unterlieutnant ſelbſt gemahnt auf ſeiner Hut zu ſein. In Ge⸗ genwart des Grafen waren nämlich von den Officieren lobende Aeußerungen über den ausge⸗ 136 tretenen Hauptmann gethan worden, vielleicht um den verhaßten Grafen zu ärgern. Bei dieſer Ge⸗ legenheit wurde auch der Zeichnung Ephraims gedacht, und des Eichenlaubs mit dem die Com⸗ pagnie das Bild ihres geliebten Chefs gefeiert habe. Der Graf ſprach ſich darüber ſehr miß⸗ fällig aus. Er meinte, ſolche Kundgebungen der Compagnie würde er nie geduldet haben, das untergrabe die Disciplin, und dieſen Soldaten, der ſich unterfange noch etwas anders als Soldat ſein zu wollen, werde er ganz beſonders aufs Korn nehmen. Jetzt wäre es wohl für Ephraim an der Zeit geweſen, das Zaubermittel des Mönchs vom Ban— quier zu holen um aus der Kaſerne zu verſchwin⸗ den. Doch Ephraim glaubte ſich vor einer Ent— ehrung hinreichend geſchützt, da ihm als„Gefreiten“ nur vom Bataillonschef Leibesſtrafen diktirt wer⸗ den konnten, und von dieſer Höhe hatte er nichts zu fürchten, ſeit man ihn mit dem Auftrag beehrt hatte den Sohn des Majors im Zeichnen zu un— terrichten. Geringere Unannehmlichkeiten wollte Ephraim ſchon ertragen und zwar nicht bloß um ſeine Schule durchzumachen, ſondern auch aus 137 einem andern ſeltſamen Grunde. Sein Intereſſe an dieſem wüthenden Hauptmann war nämlich ſo groß, daß er ſo lange als möglich in ſeiner Nähe bleiben wollte. Ephraim ſah in dieſem jungen Menſchen den Typus jener für ſeinen Ver⸗ ſtand unbegreiflichen Kaſte, die ſich nicht bloß ihre Privilegien freut und daraus Nutzen zieht, ſondern die ſich wegen eines ererbten Namens als ein abſonderliches von andern Menſchen im Grund⸗ weſen verſchiedenes Weſen fühlt. Es war ihm ſehr gelegen einen dieſer Menſchen zu ſtudiren, die durch ihre Stellung in der Welt, durch ihre Vorurtheile und Charaktereigenheiten ſo vielen Ein⸗ fluß auf den Gang der Geſchichte geübt hatten und noch ausübten. Er wollte gern erforſchen ob denn wirklich ein durch Jahrhunderte unver⸗ miſchtes Blut beſondere und höhere Naturen bilde, oder ob dieſer Menſch als ein geborner Schuh⸗ macher durch die Welt gegangen wäre, wenn man ihn im Kindesalter, wie den Sohn jenes unglück⸗ lichen Königs, in eine Schuſterwerkſtätte geſteckt hätte. Während Ephraim ſich der Beobachtung die⸗ ſes jungen Adeligen hingab und ſein Bild in 138 ſeiner Seele herumtrug, wurde er immer lebhafter von der dunklen Ahnung verfolgt, dieſen Zügen ſchon anderwärts begegnet zu ſein. Und dieſe Vorſtellungen, ſo ſchattenhaft und unbeſtimmt ſie waren, wirkten doch ſtark genug um den brennenden tödtlichen Haß, der gegen eine vermeſſene Kaſte in ihm erwachte, von der Perſon dieſes jungen Adeligen abzulenken, obgleich dieſer den Hochmuth ſeines Geſchlechtes im vollſten Maße zur Schau trug, und Ephraim ſelbſt, wenn er ihm unter die Augen kam, ſeinen vernichtendſten Blick zu⸗ ſchleuderte. Eines Tages als beim gemeinſchaftlichen Mit⸗ tagseſſen das Geſpräch auf den Hauptmann kam, erlaubte ſich der Feldwebel einen Witz auf den Familiennamen des Hauptmanns zu reißen. Spöt⸗ tereien über die unbeliebten Vorgeſetzten gehören zu den Lieblingsunterhaltungen der Soldaten, und gegen dieſen Hauptmann konnte man die Zunge dreiſter laufen laſſen, da man wußte, daß er ſelbſt zu ſtolz war um Spione in der Compagnie zu unterhalten. Dennoch wurde der Witz nur mit leiſer Stimme losgelaſſen, ſo daß nur die neben dem Feldwebel ſitzenden Vertrauten ihn vernehmen 139 konnten. Ephraim gehörte zu dieſem kleinen Kreiſe. Zum erſtenmal hörte er jetzt den Namen des Com⸗ pagniechefs, der ſonſt immer nur der Herr Haupt⸗ mann genannt wurde. Dieſer Name wirkte auf Ephraim ſo erſchütternd, daß er darüber ganz ſtarr und bleich wurde. Doch das Gelächter ſeiner Umgebung über den Witz des Feldwebels riß ihn gleich wieder auf aus ſeiner Betäubung. Er eilte aus dem Saal um ungeſtört einem Gedanken nach⸗ zuhängen, der wie ein Blitz über die dunklen Vor— ſtellungen, die ſich in ſeiner Seele an den Anblick des Hauptmanns knüpften, ein blendendes Licht verbreitete. Der Name, den der junge Hauptmann in der Geſellſchaft führte, war kein geringerer als Graf Auguſt von Burgen! Das war der Name des Mannes, der in das Jugendleben des Mönchs ſo verhängnißvoll ein⸗ gegriffen, und den jungen lebensfrohen Maler auf eine ſo außerordentliche Bahn geführt. Ephraim erinnerte ſich jetzt ganz deutlich, wo er den Zü⸗ gen des jungen Hauptmanns begegnet war. Er hegte jetzt keinen Zweifel mehr, daß ihm dieſe Züge auf dem Gemälde der heiligen Gruppe, das 140 ihm der Mönch geſchenkt, zuerſt erſchienen waren. Damals hatte er, von Evelinens Madonnenbild zu tief ergriffen, die Nebenfiguren nur flüchtig betrachtet. Seit der Kataſtrophe in der jüdiſchen Faſtnacht hatte er die Leinwandrolle, die er mit dem Manuſcript unter ſeinem Gepäck verborgen mit ſich führte, nicht wieder geöffnet; denn er wagte es nicht ſich Gefühlen hinzugeben, die ihm die mühſam errungene Kraft geraubt hätten, mit der er das Elend der Kaſerne ertrug. Aber er war jetzt überzeugt, daß es nur eines Blickes auf die Vebenfiguren ſeines Madonnenbildes bedurfte, um die mit der Geſchichte des Mönchs zuſammen⸗ hängenden Vermuthungen, welche der Name des Hauptmanns in ihm erweckt hatten, zur Gewiß⸗ heit zu erheben. Sobald der Dienſt es erlaubte, nahm Ephraim ſeinen Kunſtſchatz, und eilte damit auf eine ein⸗ ſame Anhöhe vor dem Thor der Stadt, wo er ſich ungeſtört dem Anblick des Bildes überlaſſen konnte. In der Kaſerne ſelbſt mochte er die Rolle nicht öffnen, er hätte ſie in dem Dunſt dieſes Raumes für entweiht gehalten; überdieß war er nicht ſicher vor Störungen, da er ſeine Stube 141 mit zwanzig Soldaten theilte. Draußen vor der Stadt, in der friſchen freien Luft, wo ihn nichts an den Soldaten erinnerte, in einer verborgenen Schlucht, warf er ſich auf die Knie und breitete das theure Bild vor ſich auf dem Boden aus. Der erſte Blick verſicherte ihn, daß er ſich in ſeinen Erwartungen nicht getäuſcht. Wenn er ſich den Kopf des bibliſchen Zimmermanns in der heiligen Gruppe, der den Mönch in ſeinem Jüng⸗ lingsalter darſtellte, mit einem Officiershute bis in die Mitte der Stirne dachte, ſo konnte der Hauptmann faſt dieſem Portrait geſeſſen haben. Auch die Geſtalt hatte große Aehnlichkeit, obgleich die Uniform des Hauptmanns und die altbibliſche Kleidung des Zimmermanns den Vergleich ſtörten. Nur das Auge und das Haar des Hauptmanns war gänzlich verſchieden von dem des Mönchs; das Auge war blau und das Haar war dunkel⸗ blond— aber es war das Auge und das Haar Evelinens! Soviel ſchien Ephraim nun unzweifelhaft, der junge Graf von Burgen ſtammte nicht aus einer andern Familie dieſes Namens; er war zuver⸗ läſſig der Sohn Evelinens. Vom Mönch hatte 142 Ephraim gehört, daß Eveline ein Jahr nach ihrer gewaltſamen Trennung von ihren Leiden durch den Tod erlöſt worden, und während dieſes Jahres ſchilderte ſie die in St. Liguori geſchriebene Er⸗ zählung als bloße conventionelle Gemahlin des Grafen. Aus der Verbindung dieſer Umſtände erſah Ephraim tief bewegt, daß der Sohn des verehrteſten und geliebteſten Menſchen in der Welt, mit dem ihn ein ſo inniges Band der gegenſeiti— gen Achtung und Liebe verband, als bitterer und gefährlicher Feind ihm gegenüberſtand, angethan mit allem Hochmuth und allen Vorrechten einer Kaſte, die er ſo unverſöhnlich haßte und an deren Beſiegung er ſein Leben ſetzen mochte. Die erſte Regung Ephraims bei der Gewiß⸗ heit ſeiner unverhofften Entdeckung, war das Ge⸗ fühl der Freude, dem ſchwergeprüften Mönch die theure Hinterlaſſenſchaft ſeiner geliebten Eveline zuführen zu können. Er zweifelte, daß der Mönch von dem Daſein ſeines Sohnes die geringſte Kunde oder Vermuthung habe. Er hätte ſonſt gewiß auf ſeinen Reiſen zu dem Kinde Evelinens zu dringen geſucht, und er würde nicht geruht haben, bis er ihn aus einem Stande entfernt, deſſen 143 Exiſtenz er als einen Eingriff in die Rechte der Menſchheit betrachten mußte. Auch, meinte Eph⸗ raim, würde er ihm von dieſem Sohn geſprochen haben, da er ihm ſein ganzes Herz enthüllt hatte. Das Kind mit dem Kreuze, auf dem Gemälde der heiligen Gruppe, ſchien Ephraim bloß eine Phantaſie, das Sinnbild der gekreuzigten Liebe. Dieſes Kind ſah auch keinem von den Eltern in beſtimmter Weiſe ähnlich, es war ein Traumbild in dem die Züge des Mönchs und Evelinens phantaſtiſch verwebt waren. Als aber Ephraim überlegte, was er mit ſei⸗ ner koſtbaren Entdeckung beginnen ſollte, fielen ihm Bedenken ein, die ihn zu keinem Entſchluß kommen ließen. Wer weiß, dachte er, ob dieſer hochmüthige, in den Vorurtheilen und Genüſſen eines glänzenden Standes erzogene Jüngling eine Enthüllung willkommen heißen würde, die ihn aus ſeinem hochfahrenden Dünkel reißen müßte. Wer weiß, ob er ſich geneigt fühlen würde, rei⸗ zenden Genüſſen und ehrgeizigen Hoffnungen zu entſagen, oder ob er nicht lieber, ſelbſt mit einem quälenden Bewußtſein in der Bruſt, die glänzende Rolle als Comödiant fortſpielen würde, in der 144 er ſich bis jetzt mit der Sicherheit ſeines Selbſtge⸗ fühls ſo gewandt bewegt hat. Sein rechtsgülti⸗ ger Geburtsſchein wird durch meine Entdeckung nicht angetaſtet. Hindern könnte ihn Niemand. Sein und Scheinen iſt am Ende gleich, es kommt nur auf den Glauben der Welt an. Papiergeld iſt ſo gut wie Gold, wenn man nur Kredit hat, und die Maske auf dem Ball unterſcheidet ſich nur von der gleichen Maske in der Welt durch den Reſpekt und Gehorſam der Umgebung. Viel⸗ leicht würde er, um ſich ſelbſt in ſeiner Täuſchung zu erhalten, meine Entdeckung als ein Märchen behandeln, und den angeblichen Vater, der ihm ſo ungelegen in den Weg käme, als einen Betrüger zurückweiſen, oder als einen verſchmitzten Jeſuiten, der ſich ſeiner ererbten Schätze bemächtigen wolle. Und wenn das der Fall wäre, dachte Ephraim weiter, würde meine Entdeckung nicht eine neue Laſt ſein für das Herz des ſchwergebeugten Freun⸗ des? Und kaum iſt es glaublich, daß es anders kommen dürfte, denn was iſt ihm dieſer Mönch, der nicht an ſeiner Wiege geſtanden, unter deſſen Augen er nicht aufgewachſen iſt, deſſen Herz und Geiſt meilenweit von dem ſeinigen auseinander kung and. mmt geld hat, ſich urch giel⸗ ung chen n ſo iger 145 liegt? Was kann dieſem bethörten Sprößling eines ſtolzen Stammbaumes ein ſolcher plebejiſcher Vater im beſten Falle anders ſein, als ein vermeſſener Verführer einer Mutter, die er ſelbſt nicht gekannt und deren Andenken, durch ſolche Verbindung be⸗ fleckt, der herzloſe Sohn vielleicht noch im Grabe verfluchen wird Dieſe lahzdenden Betrachtungen machten Eph⸗ raim um ſo betrübter, als er ſich bereits ſo freu⸗ digen Hoffnungen für das Glück ſeines Freundes hingegeben hatte. Er rollte mit feuchten Augen ſein geliebtes Gemälde zuſammen, das jetzt ſo be⸗ deutungsvoll geworden, und deſſen Geheimniß doch verſchloſſen in ſeiner Bruſt bleiben mußte, und — ging traurig in die Stadt zurück. II. 10 10. Als Ephraim in die Kaſerne trat, kam ſein Feld⸗ webel, der ihn im Hofe erwartet zu haben ſchien, eilig auf ihn zu, und gab ihm einen Wink ihm in ſeine Stube zu folgen. Der Feldwebel bewohnte die kleine Stube allein, und ſie hatten dort nicht zu fürchten von Jemandem gehört zu werden. Ephraim dachte an nichts Arges, er glaubte, der Feldwebel werde einen freundlichen Sturm gegen ſeine Geldbörſe machen. Aber der Feldwebel machte dieſes Mal eine ſaure Miene anſtatt der luſtigen Manier, mit der er ſonſt an Ephraims Taſche zu klopfen pflegte. „Armer Junge,“ begann der Feldwebel,„du mußt dich auf einen kleinen Verdruß gefaßt machen; bei deinem Herzen aus Wachs wird es dir ſchwer genug werden die Zwiefel ohne Thränen zu beißen. Aber was iſt zu thun, es ſieht jetzt nicht geheuer Feld⸗ ſchien, k ihm vohnte nicht eerden. te, der gegen nachte achen; ſchwel beißen. eheue 147 aus in der Compagnie; wo der Teufel Koch iſt ſtinkt der Braten; an böſen Hunden muß man ſtill vorbeigehen, oder die Beſtie fährt dir in die Waden. Kurz und gut, unſeren armen Wenzel iſt ein Unglück paſſirt. Er brummt ſeit fünf Mi⸗ nuten im Stockhaus, und wird morgen ſo ſicher fünf und zwanzig auf dem Hintern haben, als ich heute meinen Schnaps getrunken.“ Ephraim erſchrak auf den Tod. Das war die erſte brutale Strafe, die er in der Compagnie er— leben ſollte. Der vorige Hauptmann hatte in ſeiner Gutmüthigkeit, ſo lange Ephraim bei der Compagnie war, nie Leibesſtrafen verhängt, und ſelbſt die roheſten Burſchen der Compagnie hatten ſich, um den„Alten“ nicht zu kränken, ſoweit be⸗ herrſcht, daß er zu ſolchen Strafen nicht genöthigt war. Dem Anblick der Stockſtrafen in andern Compagnien des Bataillons hatte ſich Ephraim bisher zu entziehen gewußt. Jetzt aber ſollte die Gräuelthat vor ſeinen Augen geſchehen, denn die Abtheilung zu welcher der Sträfling gehörte, mußte bei der Procedur Front machen; und dieſe Schand⸗ that ſollte er an einen Menſchen vollziehen ſehen, den er in ſein Herz geſchloſſen. 10* — ——— 148 Ephraims Freundſchaft für den Gerber Wenzel war anderer Art als ſeine Beziehungen zu dem Mönch, aber ſie war nicht minder innig und ſtark. Ephraim liebte in dieſem kräftigen Handwerker das Bild des arbeitenden Volkes mit ſeinen Tu⸗ genden und Fehlern. Und ſeine Theilnahme für ihn war um ſo inniger als das Leben dieſes armen Volkskindes in einer langen bittern Geſchichte von ſchweren Mühen, von Elend und Mißhandlung beſtand. Anderſeits war Wenzels Liebe für Eph— raim jene ſelbſtvergeſſene Hingebung, wie man ſie nur bei Perſonen aus dem Volke findet, wenn ſie für irgend einen Menſchen oder eine Idee tief eingenommen ſind. Es iſt dies eine Eigenſchaft des Volkes, von der man nicht weiß, ob ſie in der dem Gebildeteren überlegenen Kraft des Herzens oder im Mangel an Ueberlegung beſteht. Wie viele Tauſende von Soldaten haben ſich ſchon, ohne einen andern Beweggrund als Liebe für einen General, in den Tod geſtürzt, und wie viel feine Röcke ſieht man wohl in den Revolutionskämpfen, ſelbſt wo ſie mit der Revolution gehen? Wenzel war ein ſolcher Menſch, der nicht zweimal ge⸗ fragt hätte, wenn es gegolten hätte für Ephraim Wenzel u dem ſtark. werker en Tu⸗ ne für armen te von ndlung Eph⸗ an ſie nn ſie ee tief nſchaft in der erzens Wie ſchon, einen feine npfen, genzel l ge hraim 149 oder für den Sieg der Ideen, die ihm jetzt durch den Kopf gingen, ſein Leben einzuſetzen. Die Gedanken, welche ihm Ephraim auf einſamen Spaziergängen mittheilte, über die künſtliche und über die naturgemäße Geſellſchaft, über den Zwangsſtaat und die freie auf Gleichberechtigung und gemeinſame Förderung begründete Verbin⸗ dung gruben ſich tief in den ſtarkknochigen Kopf dieſes Mannes, der nicht viel faßte, aber das Begriffene feſt hielt und in ſeinem Geiſte unab⸗ läſſig wälzte. Der Mann des Volkes hängt ſtär⸗ ker an neuen Ideen als der zerſtreute viel zuſam⸗ menraffende Student der Univerſität, den die erhabenſte Idee oft nicht tiefer ergreift und lebens⸗ wieriger erſchüttert als ein arithmetiſcher Lehrſatz. Wenzel war überdies einer jener hartſchädligen, finſter wühlenden und gegen Mauern rennenden Sklavenköpfe, welche die Huſſiten ſo großartig in ihrer Kraft und Aufopferungsfähigkeit gemacht, aber auch ſo ſchonungslos bei ihren Verheerungen und Metzeleien. Sobald Wenzel Recht und Un⸗ recht unterſchied, hätte er gleich zu dem alten huſſitiſchen Morgenſtern greifen mögen, um mit ſeinen eiſernen Spitzen den erſten beſten Mitſchul⸗ 150 digen und Mitgenießenden bei der Rechtsberau⸗ bung niederzuſchmettern. Er konnte nicht begreifen warum nicht jeder ſeinen Tyrannen und Plün⸗ derer mit geballter Fauſt zurückweiſe. Ephraim konnte an dieſen Mann lernen, wie ſchwer es ſei, das in Zorn aufflammende Bewußtſein einer Volks⸗ maſſe zu mäßigen, indem man es zu überzeugen ſucht, daß der Sieg über Gewalt nur durch Ge⸗ ſammtkraft, und die Beſſerung nur durch fort— ſchreitende Erkenntniß zu erreichen ſei. Wenzel war glücklicherweiſe leichter zu belehren als eine tobende Maſſe, denn Ephraims Stimme konnte ſich bei ihm vernehmbar machen, und Mißtrauen, dem ſelbſt redliche Volksführer ſo oft erliegen, ſtellte ſich ſeinen Vernunftgründen nicht zurückweiſend entgegen. Doch konnte er nicht verhindern, daß die neuen Erkenntniſſe Wenzel mürriſch und trüb⸗ ſelig machten. Wenzel vermochte bei ſeiner Un- wiſſenheit ſich nicht wie Ephraim über die gegen⸗ wärtige Weltlage zu der Fernſicht auf eine ſchönere Zukunft erheben, ſein Auge ſah nicht das Walten auf der weiten Erde, und ſein Ohr hörte nicht den Schritt der Geiſter durch die Geſellſchaft. Er konnte nur Ephraims Verſicherungen aufs Herau⸗ reifen Plün⸗ hraim es ſei, Volks⸗ euugen Ge⸗ fort⸗ Lenzel eine fonnte rauen, ſtellte eiſend daß trüb⸗ Un⸗ gegen⸗ onere Jalten nicht ſchaft. auf 151 Wort glauben, aber dieſes Wort bot ihm kein greifbares Bild. Beſonders drückte ihn der rechts⸗ kränkende Zwang des Militärdienſtes, und er em— pfand große Neigung ſeinen ſchwer zu bekämpfenden Trotz durchbrechen zu laſſen. Ephraim konnte dieſer Erbitterung gegen den Zwang nichts ent— gegen halten, als daß er ihn beſchwor, ſich nicht muthwillig Gefahren auszuſetzen, aber ſolche War⸗ nungen verfingen wenig bei einer Natur, die ſich todesmuthig und mit verbiſſenen Zähnen ſo gern in einen offenen Kampf mit der Gewalt geſtürzt hätte. Unter dem vorigen Hauptmann, den alle liebten, konnte Wenzel noch durchkommen, beſon⸗ ders da die Unterofficiere aus Rückſicht für Eph⸗ raim manches Verſehen ſeines Freundes vertuſchten. Aber unter dem neuen Hauptmann, wo jeder auf ſeiner eigenen Huth ſein mußte, wurde Ephraim für ſeinen Freund ernſtlich beſorgt, und er machte ihm den Antrag, die Summe, die ihm zu ſeiner eigenen Befreiung zu Gebote ſtand, zu ſeiner Los⸗ kaufung zu verwenden. Wenzel ſchlug jedoch das Anerbieten aus, da er ſich von ſeinem Freund nicht trennen wollte, und Ephraim benützte dieſe Gelegenheit um es ihm als eine Gewiſſenſache dar⸗ 152 zuſtellen, von jetzt an ſeinem Dienſt pünktlich ob⸗ zuliegen, da er ſich ihm freiwillig unterzog. Wen⸗ zel zeigte ſich auch wirklich von dieſem Augenblick an als untadeliger Soldat; aber unglücklicherweiſe ſollte die Freundſchaft Ephraims, die ſein höch⸗ ſtes Glück war, und die ihm bis jetzt ſo nütz⸗ lich geweſen, zu ſeinem Verderben führen. Der neue Hauptmann der gegen Ephraim ſo böswillig eingenommen war, machte auch den armen Wen⸗ zel zum Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit, ſobald man ihm von der Freundſchaft dieſer beiden ſo ver⸗ ſchiedenartigen Soldaten als einer unbegreiflichen Seltſamkeit geſprochen. Da nun der Hauptmann Ephraim ſelbſt wegen ſeiner ausgezeichneten Füh⸗ rung, und noch mehr wegen ſeiner Beliebtheit beim Major nicht gut faſſen konnte, ſo hoffte er ihn hart genug zu treffen, wenn er ſeinen Freund „auf die Bank brachte.“ Während Ephraim ſeinen Gang in die Berge vor dem Thore machte, kam der Hauptmann zu⸗ fällig in die Kaſerne. Wenzel ſtand eben Schild⸗ wache am Eingang. Weiß der Himmel welche trübe Gedanken dem armen Wenzel gerade durch den Kopf gegangen ſein mochten, daß er den 153 Hauptmann nicht gleich bemerkte, und etwas ſpät und dann mit etwas linkiſcher Haſt das Gewehr präſentirte. Mehr bedurfte es nicht, nm ihn der Gewalt des haßerfüllten Officiers preiszugeben. Der Hauptmann blieb vor ihm ſtehen, und maß den Freund Ephraims mit höhniſcher Grauſam⸗ keit in ſeinem Blicke. Er bediente ſich nie ge— meiner Schimpfwörter wie andre Officiere, aber er konnte in ſeine feine, ſcharfe Stimme und in ſeine Bemerkungen einen eiskalten Hohn legen, der jeden nicht ganz rohen Soldaten viel empfind⸗ licher traf als eine zornig hingeworfene Bruta⸗ lität.—„Wenn Seine großen Augen,“ ſagte er, „noch nicht weit genug ſind, ſo werde ich Seine Blindheit auf eine Art heilen, daß Er einen Of— ficier auf zehn Meilen weit erkennen ſoll!“— Wenzel begann das Blut zu ſieden; ſchon lange hegte er einen blutigen Haß gegen dieſen Mann, in dem er das leibhafte Sinnbild aller Tyrannei ſah. Er hätte ihm vielleicht jetzt, auf die Gefahr gehängt zu werden, das Bajonett durch den Leib gerannt, wenn ihn nicht die Erinnerung an Eph⸗ raim zurückgehalten hätte. Doch konnte der Ab⸗ kömmling der Huſſiten ſeine Wuth nicht ſo ganz 154 erſticken, um pflichtgemäß wie ein fühlloſes Stein⸗ bild da zu ſtehen. Er knirſchte laut genug gewaltigen Zähne, und ſeine Augen ſchoſſen einen mörderiſchen Blick auf den Todtfeind. Auf dieſes Zeichen offener Widerſpenſtigkeit rief der Haupt⸗ mann ſogleich den Corporal, ließ den Verbrecher ablöſen und ins Stockhaus führen. Den nächſten Morgen beim Rapport kam es darauf an, ob der Hauptmann ſelbſt eine Com— pagnieſtrafe verhängen wollte, deren Maximum in den üblichen fünf und zwanzig beſtand, oder ob er in ſeiner Bosheit den Vorfall als Inſub⸗ ordination auf dem Poſten bei dem höheren Ge⸗ richte anzeigen würde, woher nach dem Ausdruck des Feldwebels die Prügel multiplicirt kämen. Ephraim verlebte bis zum andern Morgen ſchreckliche Stunden. Noch nie hatte er den Druck der Staatsmaſchine auf das Individuum ſo bitter empfunden. Wenn ein ähnlicher Vorfall in einem gewöhnlichen Dienſtverhältniß vorgekommen wäre, dachte er, wenn Ephraim ſeinem Brodherrn die Zähne gezeigt, ſo würde es ſchlimmſten Falles zu einer Löſung des Dienſtverhältniſſes geführt haben, und der tüchtige Arbeiter hätte anderwärts Brod ein⸗ die inen jeſes upt⸗ icher n es vom⸗ num oder ſub⸗ Ge⸗ druck 15 ◻ gefunden und vielleicht einen beſſern Arbeitgeber. Hier aber ſollte ein reifer erwachſener Mann, dem man die weiße Jacke aufgezwungen, der für ein elendes Stück Brod achtjährige Sklaverei ertragen und ſein ſchwer erlerntes Handwerk vergeſſen mußte, wie ein Hund geſchlagen werden. Und warum? Weil ſein inneres Leben ihn auf einen Augenblick der Außenwelt entzogen, weil die innere moraliſche Kraft über den Rock des Soldaten triumphirt hatte. Dieſer ſchreckliche Gedanke wälzte ſich die ganze Nacht wie eine glühende Kugel in ſeiner Seele, und der tiefe ruhige Schlaf ſeiner Stubengenoſſen erhöhte noch ſeine Verzweiflung. Es ſchien ihm unbegreiflich, daß eine ſo entſetzliche Thatſache nicht hinreichend war, um eine ganze Armee zu revol⸗ tiren, um alle Junſſen⸗ die einen Sohn, einen Bruder an die Kaſerne zu verlieren hatten, zur Em— pörung zu ſtacheln. Aber er mußte ſich ſelbſt ge— ſtehen, daß ſein Herz lange nicht ſo wild pochte, bevor die ſchauderhafte Gewaltthat ihn ſo nahe berührte; daß er nicht wie jetzt eine gegen Mauern anrennende Wuth in ſich gefühlt, wenn er von be— vorſtehenden ähnlichen Proceduren bei andern Com⸗ pagnien des Bataillons hörte. Er erkannte jetzt 156 klarer als jemals, wie richtig der Mönch gerechnet, als er ihn mit ſchrecklicher Selbſtüberwindung in dieſen Zwinger hinabſteigen ließ. In dieſer furchtbaren Nacht wurde Ephraim unerbittlicher Peſſimiſt. Er ſah keine Rettung für den unter der Gewaltherrſchaft leidenden Theil der Geſellſchaft, als wenn die größtmöglichſte An— zahl von Menſchenherzen in dem Salzſee des Schmerzes getauft würden. Der wirkſamen De⸗ viſe der Tyrannei„Theilen und Herrſchen“ glaubte er den Grundſatz entgegen ſtellen zu müſſen: Befreiung durch Gemeingefühl. Warum, ſagte er ſich, kämpft alle Welt gegen den Dieb, den Straßenräuber, gegen die Vermehrung des Raub⸗ thieres und gegen verheerende Seuchen? Warum ſtürzt das ganze Dorf rettend herbei wenn ein Haus in Flammen ſteht? Wo die Gefahr gemein⸗ ſam iſt, erſteht auch die Geſammtkraft, und iſt dann unüberwindlich.— Von bitterer Qual ver⸗ zehrt und ſtöhnend unter dem erdrückenden Ge— fühl ſeiner Ohnmacht, ſchien es ihm ein Verbrechen, ſelbſt zu genießen, während der Nachbar ver⸗ ſchmachtete. Das darf nicht mehr ſo hingehen, rief er ergrimmt, daß die Bewohner der Höhen en, en, hen behaglich zuſehen, wie der Thalbewohner im aus⸗ ſchreitenden Strome ertrinkt; wenn die Berge ge⸗ ebnet ſind, dann wird die gemeinſame Gefahr für gute Dämme ſorgen. Der geheimſte Gedanke des Mönchs, den er ſelbſt vor ihm nicht ausgeſprochen, ſchien ihm jetzt deutlich zu werden. Er glaubte jetzt, daß der Mönch ſelbſt die Anſicht ſeiner ſcharfblickenden Partheiführer theile, der vom Va— tikan aus entzündete V Volksbrand werde durch Ver⸗ einigung der noch gewaltigen Gegner in der erſten Zeit erdrückt werden. Aber die Hoffnungen des Mönchs ſtützten ſich auf ſeine genaue Kenntniß ſeiner Partheigänger, aus deren Alles verletzenden Uebergriffen er den gemeinſchaftlichen Widerſtand, die Verſchmelzung der Völker im Feuer des Elends vorherſah. Ephraim ſchauderte nicht mehr vor dieſem furchtbaren Entwurf; es ſchien ihm eine erbärmliche Verirrung irgend einen Glücklichen wegen Störung der Verdauung zu bemitleiden, während ein von Mühe und Entbehrung erdrück⸗ ter Menſch wegen einer augenblicklichen Hingebung an ſeine Gedanken mit Stockſchlägen mißhandelt werden ſollte. Indeſſen begnügte ſich Ephraim nicht bloß 158 mit ohnmächtigen Klagen und ſchmerzvollem Mit⸗ gefühl, er ſuchte alles anzuwenden um ſeinen Freund von der drohenden Folter zu befreien. Er ſetzte grade auf die Grauſamkeit des Hauptmannes ſeine Hoffnungen, indem er nicht zweifelte, daß dieſer eine Anzeige wegen Inſubordination an das höhere Kommando machen werde um eine größere Strafe zu erzielen, als er ſelbſt anordnen durfte. Dann meinte er durch die Frau des Majors von ihrem Gemahl, in deſſen Hand die Entſcheidung gelegt wäre, Begnadigung zu bloßer Arreſtſtrafe erwirken zu können. Aber Ephraim hatte den Stolz des jungen Grafen nicht in ſeine Rechnung gezogen. Der Cavalier hegte für den Major, der von bürger⸗ lichem Stande war, zu viel Geringſchätzung, um ihm eine Sache zur Entſcheidung zu übergeben, die er ſelbſtherrlich richten konnte. Beim Rapport erhob der Hauptmann nur die Anklage, wegen Nachläſſigkeit auf dem Poſten und reſpektwidriger Haltung in Gegenwart eines Officiers, weßhalb er, aus Rückſicht daß den Mann noch keine Strafe getroffen, nur auf die höchſte„Compagnieſtrafe“ erkannte. 159 Sobald Ephraim bei der Vachricht von dieſem Spruch ſich in ſeiner Hoffnung getäuſcht ſah, eilte er in die Wohnung des Majors, und ließ durch ſeinen Schüler, der ihm ſehr zugethan war, für den unglücklichen Freund ſeines Lehrers um Gnade bitten. Der Major war ein menſchenfreundlicher Mann und dem Hauptmann nicht ſehr gewogen. Er ließ Ephraim zu ſich rufen, befragte ihn nach dem Vorgang, und ſprach ſein Bedauern aus— nicht helfen zu können. Er meinte, der Haupt⸗ mann hätte wohl ein Auge zudrücken können, er hätte nöthigenfalls eine gelinde Arreſtſtrafe ver⸗ hängen können, aber da er nun einmal eine ſo ſchwere Anklage erhoben und ſelbſt geurtheilt, könne der Major in eine regelmäßig ausgeübte Befugniß nicht eingreifen. Nur der Hauptmann ſelbſt vermöge noch die Strafe abzuändern oder zu erlaſſen, er ſelbſt aber ſtehe nicht mit ihm auf freundſchaftlichem Fuße, und er wiſſe überhaupt Niemanden in dem Bataillon, der etwas über das Herz des Hauptmanns vermöchte. Indeß wollte der Major doch etwas für den Lehrer ſeines Sohnes thun, da er ihn ſo tief betrübt ſah, 160 indem er ihm Gelegenheit bot, ſich dem Anblick der Execution zu entziehen. Ephraim verließ mit zerriſſenem Herzen die Wohnung des Majors, und konnte ſich eines Fluches nicht erwehren gegen dieſe Menſchen, die in einem ſo abſcheulichen Dienſt einen Broderwerb ſuchten. Es blieb jetzt nichts übrig als dieſen Hauptmann zu gewinnen. Ephraim dachte an die Macht, die ihm ſein entdecktes Geheimniß über den jungen Grafen bot. Aber er glaubte nicht das Recht zu haben, das zarte Geheimniß des Mönchs, das ihm anvertraut worden, für einen Menſchen zu opfern, der dem Mönch nicht näher ſtand als die andern Millionen Leidenden in der Welt. Und welche Leiden konnten dem Mönch ſelbſt durch Indiscretion bereitet werden, denn dieſer hartherzige Cavalier ſchien ihm jetzt wohl fähig, ihn und den Mönch wegen Verletzung ſeines guten Namens gerichtlich zu verfolgen. Welche Beweiſe, dachte er, könnte der Mönch dem zurück⸗ weiſenden Sohne entgegen ſetzen? Außer der That⸗ ſache, daß er als junger Menſch das Fräulein auf der Villa portraitirt hatte, waren alle andern 161 Beziehungen und Lebensereigniſſe der Liebenden dem Auge der Welt verborgen geblieben. Ueber⸗ dies war Ephraim überzeugt, daß für den Mönch nichts ſchmerzlicher ſein konnte, als die Liebe ſeiner angebeteten Eveline zum Gegenſtand einer profa⸗ nen Erörterung zu machen, und ihr heilig gehal⸗ tenes Andenken dem ſchmutzigen Gerede der Welt zu überliefern. Verzweiflungsvoll ſah Ephraim den ſchreckli⸗ chen Moment heranziehen, der für Wenzels ge⸗ wecktes Selbſtgefühl ein moraliſcher Mord werden mußte. Aber nicht einen Augenblick dachte Eph⸗ raim daran, ſich ſelbſt der gräßlichen Scene zu entziehen; er wollte wenigſtens die Leiden des Herzens mit dem gekreuzigten Freunde theilen, und die Schale des unerbittlichſten Haſſes in ſeine noch nicht genug durchglühte Seele bis auf die Hefe ausſchütten. Ephraims aufopfernde Theilnahme wurde durch das Dankgefühl des unglücklichen Freundes be⸗ lohnt. Als Wenzel vor die ſchreckliche Bank ge⸗ führt wurde, ſuchte ſein ſtarres Auge ſogleich die befreundete Geſtalt in der aufmarſchirten Fronte. Ein Zug der Zufriedenheit fuhr über ſein furcht⸗ II. 11 162 bar verdüſtertes Geſicht, als er Ephraim bleich wie Marmor und faſt leblos an ſeinem Gewehr ſtehen ſah. Von dieſem Augenblick ſchien er allen Gedanken an Widerſtand, den er in ſich getragen haben mochte, zu entſagen. Er legte ſich ruhig hin und keinen Laut entrang die grauſame Pein ſeinen Lippen, während Ephraim, ohnmächtig zu⸗ ſammenbrechend, auf den Boden hinſtürzte, und leblos in ſeine Stube getragen wurde. Als Ephraim ſich wieder erholte, fiel ſein Blick auf Wenzel, der neben ſeinem Bette an der Wand lehnte. Ephraim wurde von angſtvollen Ahnun⸗ gen ergriffen, als er die ſchreckliche Ruhe ſah, die auf Wenzels Geſicht ruhte. Bei dem heftigen Tem⸗ peramente dieſes Mannes, und der Unbeugſamkeit ſeines Charakters konnte dieſer Ausdruck keine ent⸗ ſagende Unterwürfigkeit bedeuten. Ephraim mußte jedoch ſeinen Drang dem Freunde mit ſeiner Theil⸗ nahme zu Hilfe zu kommen bewältigen, bis die Stubenkameraden ſich entfernt hatten. Sobald ſie allein waren, ſtürzte Ephraim von Lager zu Wen⸗ zels Füßen, umklammerte ſeine Knie wie die eines Krucifixes, und ſchwur mit ſchmerzvoll zitternder Stimme, daß er das Märtyrerbild des unglücklichen bleich Gewehr er allen hetragen ruhig ee Pein tig zu⸗ te, und in Blick Wand Ahnun⸗ ah, die n Tem⸗ iamkeit ne ent⸗ mußte Cheil⸗ bis die bald ſie n Wen⸗ e eines tternder ckichen 163 Freundes durchs ganze Leben vor Augen haben wolle, und unter dieſem Leidensbilde, wie die erſten Chriſten, raſtlos kämpfen werde, bis die Feinde der Menſchheit überwunden wären, oder ſeine Bruſt den letzten Athemzug ausgeſtoßen hätte. Wenzel drückte ſeinem Freunde heftig die Hand, aber keine Klage, kein Fluch kam über ſeine Lippen. Dieſes dumpfe Stillſchweigen beſtärkte Eph⸗ raim in ſeinen Vermuthungen und erfüllte ihn mit tiefer Trauer, denn er zweifelte ob er den Ent⸗ ſchluß dieſes ſtarken und jetzt verhärteten Herzens werde überwinden können. In den großen ehr⸗ lichen Augen Wenzels, die ſonſt matt blickten, funkelte jetzt eine unheimliche Gluth, und auf ſei⸗ ner Stirne ſaß der wahrhafte Huſſitentrotz; im Uebrigen waren ſeine ſonſt mürriſchen Züge ruhig und unbeweglich, und ſelbſt um ſeinen großen Mund hatte ſich der gewöhnliche herbe Zug ver— loren. Er war wie ein Menſch, der um Leiden zu entgehen Gift genommen, und nun im Be⸗ wußtſein baldiger Erlöſung ſich einer regungsloſen Gleichgültigkeit überläßt. Ephraim ſelbſt achtete ein verlorenes Leben nicht ſo hoch um es ängſtlich 11* 164 zu erhalten und feige fortzuſchleppen, aber die Nöthi⸗ gung zum Selbſtmord erfüllte ihn mit Schauer. Und doch hätte er ſo gerne dieſen Mann ſich er— halten, in dem er das Bild ſeines Vaters ſah, nur ſeelenvoller und durchgeiſtigter als ſein Vater, an deſſen dumpfen Glauben er nie zu rühren wagte. An dieſem Arbeiter hätte er ſo gerne die Laſten vergolten, die ſein Vater achtzehn Jahre für ihn getragen, und er hoffte mit Hilfe des ein⸗ flußreichen Mönchs und ſeiner eigenen Gaben einſt eine Stellung in der Welt zu erlangen, bei der er einem arbeitſamen und genügſamen Freund das Leben erträglich machen konnte. Dieſe Rückſicht bewog ihn alle Macht ſeiner Ueberredung anzu⸗ wenden um dem Unglücklichen den düſtern Ent⸗ ſchluß zu entwinden. Er ſchlang die Arme um ſeinen Hals, der für einen Bullen nicht zu ſchwach war, und ſagte mit der zärtlichſten Innigkeit ſeiner ſeelenvollen Stimme:„Du willſt mich verlaſſen, mein Freund? du konnteſt vergeſſen, daß noch ein Anderer ein Recht auf dein Daſein hat? Sind dir die Schmerzen des Hinterbliebenen gleichgül— tig? Du ſpringſt ans Land und läßt den Ge⸗ ſchauer. ſich er⸗ rs ſah, Later, rühren rne die Jahre es ein⸗ en einſt vei der nd das lückſicht anzli⸗ n Ent⸗ ne um bwach ſeiner vlaſſen, zch ein 165 fährten, der ſo lange mit dir in demſelben Boot Mühe und Gefahren getheilt, allein auf den Wel— len treiben? Du willſt dir das Leben nehmen?“ Wenzel wandte das Geſicht ab, wie Jemand der nicht gern gerührt ſein mag, und ſeine Rüh⸗ rung verbirgt um hart zu erſcheinen.„Ich werde mir nicht das Leben nehmen,“ ſagte er endlich, als er wieder Kraft zum Sprechen gewann;„aber ich werde ſterben.“ „Was ſoll das ſagen?“ rief Ephraim erblaſſend. „Verſtehe ich dich recht, ſo willſt du deinen Be— leidiger ermorden und dann am Galgen ſterben?“ Wenzel, der düſtre Huſſit, nickte bejahend mit einer ruhigen Feſtigkeit, als hätte es ſich darum gehandelt einen Eber zu jagen oder einen Baum zu fällen. Ephraim mußte ſich auf eine Bank nieder⸗ laſſen, ſo tief erſchrocken war er über die Gefahr die dem Sohne des Mönchs drohte. Er fühlte jetzt, daß er im Stande wäre dieſen Mann, der ihm ſo haſſenswerth ſchien, mit Gefahr ſeines eigenen Lebens zu vertheidigen, um dem Mönch ſeinen Sohn zu erhalten. Wie er ſelbſt von Wen⸗ zel geliebt wurde, ſo und vielldicht noch mehr liebte 166 er den Möͤnch, der weit mehr als ſein Vater war, der ſeine Seele zum zweitenmal geſchaffen, der tauſend Gaben in ihm geweckt und mit großen Hoffnungen und Entwürfen ſeinen Geiſt erfüllt. Neben ſeinen Kämpfen und etwaigen Siegen auf dem Boden der Menſchheit, welche der Mönch mit ihm theilte, wäre es ſein höchſtes Glück ge— weſen an das Herz des alten Mannes den Sohn zurückzuführen. Und über dieſen Sohn, Cveli⸗ nens Kind, ſchwebte der Todesſtreich eines Huſſi⸗ ten, der das Haupt des Feindes nicht leicht ver⸗ fehlte. Es war ihm, als wäre dieſer koſtbare Schatz des Mönchs ſeiner Obhut anvertraut, ſeit er das Geheimniß ſeines Daſeins entdeckt. Aber wie ſollte er ihn vertheigen, da der in ſeiner tie— fen Kränkung unerbittliche Verfolger ein nicht we⸗ niger geliebter Freund war, der ſeinem Freundes⸗ herzen den gräßlichen Vorſatz anvertraut, und der mit dem mörderiſchen Streich ſich ſelbſt den Tod gab? Ephraim ſchwindelte der Kopf vor dieſem Ab⸗ grund. Er hielt ſich für den unglücklichſten aller Menſchen. Alle Welt ſah er in ihrer Leiden⸗ ſchaft hinrennen, gegeneinander ſtürzen, Wunden 167 ſchlagend und Schmerzen bereitend, und alle dieſe er war, en, der Leiden der Nächſten und Fernſten ſtrömten in groſen ſeiner Bruſt zuſammen, als wäre ſie ein weites erfüll. Feld, das in allen Kriegen zum Tummelplatz der zen auf Heere wird. Und doch klopfte in dieſer Bruſt Mönch nur ein gebrechliches Menſchenherz und eines der ſanfteſten liebreichſten, mit den feinſten Fühlfäden ück ge⸗ e für alles Edle, Schöne und Erhabene in Gottes Gveli⸗ Weltall. buſſ⸗ Seine Angſt für das Leben des entdeckten tt ver⸗ Sohnes ſeines alten Freundes war ſo groß, daß oſtbate er Wenzel nicht mehr traute. Er hätte ihn viel— ut, ſät leicht zur Aenderung ſeines Entſchluſſes überreden gber können, aber bei der erſten Begegnung mit dem nur ti Hauptmann konnte ihm ſein Huſſitengrimm über Ji tt⸗ den Kopf wachſen. Der Liebe und Aufopferungs⸗ deß fähigkeit dieſes wackern Menſchen konnte man ahd ſein Leben anvertrauen, aber für ſein verbittertes bſ de gereiztes Gemüth konnte er ſelbſt nicht einſtehen. In dieſer äußerſten Noth entſchloß ſich Eph— gb⸗ raim, dem Hauptmann das Geheimniß von der Liebe en Uo ſeiner Mutter mitzutheilen. Wenn ihm der Ver⸗ n de ſuch fehlſchlug, wollte er Wenzel ſelbſt das Geheim— b eiden niß des Mönchs anvertrauen, und dieſem edlen 168 Herzen hoffte er gegen den Hauptmann eine hei— lige Rückſicht einzuflößen, ſobald er wußte, wie koſtbar ihm die Erhaltung ſeines Lebens ſein müſſe. Wenzel glaubte, daß Ephraims Kummer nur ſeinem traurigen Schickſal gelte. Als er ihn ſtill⸗ ſchweigend wegeilen ſah, war er überzeugt, daß Ephraim ſelbſt nichts gegen die blutige Sühnung ſeiner entehrenden Mißhandlung, ſeines Seelen⸗ mordes einwenden könne, und daß er es nur nicht über das Herz zu bringen vermöge, ihn in einem Vorhaben zu beſtärken, das ſeinen eigenen Tod in ſich ſchließen mußte. ge hei⸗ te, wie müſſe. er nur n ſtill⸗ , daß hnung Seelen⸗ richt einem Tod 11. Ephraim fand den Hauptmann zu Hauſe. Er ließ ſich durch den Diener anmelden, und ward ab— gewieſen. Der Hauptmann wollte mit einem Sub⸗ alternen nicht anders als auf dem Dienſtwege verkehren. Ephraim hätte ſich demnach durch den Feldwebel vorführen laſſen müſſen, und zwar in der Kanzlei der Compagnie. Dieſer Weg war unmöglich einzuſchlagen in einer ſo zarten Ange⸗ legenheit. Ephraim begann der Muth zu ſinken, allein er wollte nicht ſo leicht ſeinen Verſuch auf— geben. Nicht ohne Mühe konnte er den Diener des Hauptmann, der ebenfalls ein Soldat aus der Compagnie war, bewegen, nochmals hinein⸗ zugehen und dem Hauptmann zu melden, die Unterredung die er ſich erbitte, betreffe durchaus nicht den Dienſt, ſondern eine Angelegenheit, die den Hauptmann perſönlich intereſſire.„Nimm dich 170 in acht Kamerad,“ ſagte der Diener,„den Patron hinters Licht zu führen, der verſteht keinen Spaß.“ Ephraim zeigte auf die Rolle in ſeiner Hand, die er zu übergeben habe. Der Diener kam bald erſchrocken zurück und erzählte, der Hauptmann wäre bei der Meldung von ſeinem Sitz aufgefahren mit den Worten: „Was ins Teufels Namen kann der Menſch mit meiner Perſon zu thun haben!“ Und als ihm der Diener von der Rolle geſprochen, ſagte er:„Es wird wohl ein Wiſch von ſeiner Zeichnung ſein, ich will ihms abkaufen, wenn er Geld braucht, aber er ſoll mir vom Leibe bleiben, bringe Er mir das Zeug herein.“ Ephraim mußte ſich anſtrengen ſeine gekränkte Empfindlichkeit zu unterdrücken, um ſich nicht zu einem Wort hinreißen zu laſſen, welches des Die⸗ ners Aufmerkſamkeit zu ſehr erregt hätte, und doch war das Gelindeſte was er ſagen mußte um ſich Eintritt zu verſchaffen ſchon auffallend. Er ließ dringend bitten ihn perſönlich vorzulaſſen, indem es dem Hauptmann ſelbſt erwünſcht ſein werde, daß er darauf beſtanden. Dieſe Beharrlichkeit begann dem Hauptmann aufzufallen, zumal er 171 wußte, daß ſeine Untergebenen ihm lieber aus dem Wege gingen als ſich ſeinem Blick aufdrangen. Ephraim wurde vorgelaſſen. Beim Eintritt in das Arbeitszimmer des Haupt⸗ manns, wurde Ephraim von der freudigſten Ueber⸗ raſchung ergriffen, die ihn in dieſem Augenblicke treffen konnte. Sein erſter Blick fiel auf ein weib⸗ liches Portrait, das in einem koſtbaren Rahmen dem Eingang gegenüber an der Wand hing, und aus dieſem Portrait lächelte Evelinens reizendes Engelsgeſicht, wie in den heiterſten Stunden ihres Lebens. Das war offenbar das Portrait, welches der von der erſten Ahnung der Liebe und von noch ungetrübtem Glück begeiſterte Künſtler in der Villa bei Wien gemalt hatte. Bei dieſem Anblick hob ſich die bisher von ängſtlicher Span— nung beklommene Bruſt des Jünglings; er vergaß den Soldaten und den Hauptmann, er war in die romantiſche Region des Manuſcripts entführt, das er hundertmal geleſen, und ein Ausruf tief⸗ innigen, faſt zu ſchweren Glückes entrang ſich der ſo lange von vielfacher Qual durchtobten Bruſt. Der Hauptmann wußte nicht was er von dem ſo ſeltſam erregten Soldaten denken ſollte, er hielt 172 ihn faſt für ſinnverwirrt; denn Ephraim, der ſchon ſo oft plötzlich heranſtürmende Unglücksfälle mit Kraft ertragen hatte, konnte ſich in dem Ueber⸗ maß ſeines freudigen Gefühls gar nicht faſſen. Und doch war mit der Anweſenheit dieſes Bildes für ſeinen Zweck noch gar nicht viel gewonnen. Denn daß der Graf der Sohn ECvelinens ſei, konnte doch Ephraim nicht bezweifeln, und daß ein Sohn das Portrait ſeiner verſtorbenen Mutter in ſeinem Zimmer hatte, gehörte zu den natür⸗ lichſten und alltäglichſten Dingen von der Welt. Damit war aber der natürliche Vater des Grafen noch nicht anerkannt. Allein es ging Ephraims jugendlicher Phantaſie mit dem aus der Villa und dem Schloß des Grafen hieher gebrachten Portrait, wie einem jungen Romanleſer der auf ſeinen Reiſen in die alte Burg kommt, wo die Helden ſeines Lieblingsromans einſt gelebt und geliebt, oder vielmehr wie dem jungen Grafen Avenel in der berühmten Oper, dem ein Volkslied, das er auf ſeinem Wege hört, Lebensbilder ſeiner Kindheit, die er bisher für weſenloſe Traumbilder gehalten, als Wirklichkeit darſtellt. Dieſes Por⸗ trait, obwohl nur todte Leinwand, machte auf 173 Ephraim den Eindruck, als wenn Eveline ſelbſt in dem vollen Glanz ihrer Jugend aus dem Grabe erſtanden wäre; denn dieſes Portrait ſo wie es hier war, dieſe Leinwand ſelbſt ſammt ihrem Rah⸗ men war es, woran ſich das Geſchick von Men⸗ ſchen dieſſeits und jenſeits des Grabes knüpfte, die ihm ſo theuer geworden. Der Hauptmann bemerkte bald, daß es das Portrait ſeiner Mutter war, welches den jungen Menſchen in ſo freudiges Erſtaunen verſetzte. Er hielt ſeine Aufregung für die Begeiſterung des Kunſtſinns, und fühlte ſich durch den Eindruck, welchen die Schönheit ſeiner Mutter machte, ge⸗ ſchmeichelt und gerührt. Er wandte unwillkürlich ſelbſt den Blick auf das Portrait, und— war es ſchmerzliche Erinnerung an die zu früh für ihn Verlorene, oder hatte ihn Ephraims tiefe Bewe⸗ gung mit ergriffen— eine Thräne ſchlich aus dem Auge dieſes ſtolzen Ofſiciers. Ephraim bemerkte ſeine Bewegung und knüpfte daran große Hoffnungen.„Herr Hauptmann,“ ſagte er raſch um ſeine Rührung zu benützen,„die Schönheit dieſes Bildes iſt es nicht allein was mich ſo ergriffen, ſondern es iſt vielmehr das Zu— 174 ſammentreffen dieſes Bildes mit einem ähnlichen Gemälde, das ich mitgebracht um es Ihnen an— zubieten.“ Während er ſprach, entrollte er die Leinwand vor den Augen des von ſeinen Worten betroffenen Hauptmanns. Das ſprachloſe Erſtaunen des Hauptmanns, das Bild ſeiner Mutter im Beſitz eines gemeinen Soldaten ſeiner Compagnie zu finden, ging bald in tiefe Trauer über, als er die Leinwand Eph⸗ raim aus den Händen nahm, um das Bild ſeiner Mutter näher zu betrachten. Das war nicht das heiter lächelnde, frühlingsſonnige, kindliche Geſicht, mit welchem er ſeine Mutter in dem Portait aus der Villa zuerſt kennen gelernt, und mit dem ſie ihm ſein ganzes Leben durch wie ein freundlicher Engel vorſchwebte. Hier ſah er ſie, wie ſie ge— lebt in dem einzigen Jahre ihrer Vermählung, ſchmerzvoll, hoffnungslos. In dieſen bleichen durch⸗ ſichtigen Zügen, in dieſer nicht zu heilenden Schwer⸗ muth ihres Auges, dem die heiße Thräne nicht mehr fremd war, in dieſem ahnungsvoll bangen Blick auf das Kind zu ihren Füßen, dem die Lippen zitternd zu ſagen ſchienen:„Bald wirſt du verwaiſt ſein, armes Kindlein“— ſah er den 175 Grund und das Vorgefühl ihres ſo frühen Todes in der Blüthe der Jugend. Manche dunkle Ah— nung, die ihm früher zuweilen durch die Seele gezogen, wollte jetzt vor dieſem Bilde Farbe und Geſtalt annehmen. Aber er riß ſich gewaltſam los von dieſen erſchreckenden Gedanken, indem er ſich plötzlich an den Einfall klammerte, dieſes Bild ſei vielleicht nur die Phantaſie eines Malers, der das Portrait ſeiner Mutter geſehen, und darnach eine ſchmerzenreiche Madonna mit den entſpre⸗ chenden Eigenſchaften eines ſolchen Vorwurfs ge⸗ malt hatte. Haſtig wandte er ſich zu Ephraim, und rief mit ſcharfem Ton, gereizt von dem Feuer⸗ brand, den man mit dieſem Bild in ſeine Seele geworfen:„Wie kommen Sie zu dieſem Bilde, was wiſſen Sie davon?“— Er war in dieſem Augenblick nicht fähig dieſen Soldaten mit dem militäriſchen Er anzureden. Ephraim war auf dieſe Frage gefaßt. Als er ſich mit dem Gedanken beſchäftigt, in welcher Weiſe er dem jungen Grafen ſein Geheimniß mit⸗ theilen müßte, hatte er ſich dieſe Frage als un⸗ vermeidlich vorgeſtellt und darauf ſeine Antwort vorbereitet.„Ich habe das Bild,“ erwiederte er 176 mit bereits gewonnener Zuverſicht,„von dem Künſt⸗ ler ſelbſt, und was mich veranlaßte es Ihnen zu überreichen, iſt die auffallende Aehnlichkeit, welche die männliche Figur im Hintergrunde mit Ihrer eigenen Perſon hat. Dieſe Figur, fügte er mit bedeutungsvoller Betonung hinzu, ſcheint unfrei⸗ willig hinter der Vordergruppe zurückgedrängt, und in dieſem Augenblick Ihrer Gemüthserregung, die der Situation der Figur auf dem Bilde ent⸗ ſpricht, möchte man darauf wetten, daß Sie dem Maler geſeſſen haben.“ „Wahrhaftig!“ rief der Hauptmann von dem ſeltſamen Tone Ephraims und der nicht zu läug— nenden Aehnlichkeit beſtürzt. Er eilte zum Spie⸗ gel, verglich ſeine erregten Züge mit der Figur auf dem Bilde, und mußte ſich geſtehen, daß Eph— raims Bemerkung nur zu treffend war.— Und dieſe Figur neben dem Bilde ſeiner trauernden Mutter!— Sein Kopf begann ſich zu verwirren, er wußte nicht was er denken ſollte, und er wagte nicht den Gedanken zu verfolgen, der ſich ihm aufdrängte. Plötzlich ſchrie er auf, wie erfreut einer drückenden Laſt los zu werden:„Die Farbe des Haares und der Augen iſt total verſchieden!“ 177 „Sie haben das Haar und die Augen Ihrer Mutter,“ erwiederte Ephraim mit der Ruhe und dem Ernſt eines Orakels. Der Hauptmann wandte ſich todtenbleich zu dem fremden Mann, der mit ſeinen Worten ſo ſchneidend in ſein Herz drang. Sein zornig er⸗ glühender Blick ſuchte das Geſicht Ephraims zu durchdringen, das die unbeugſame Feſtigkeit aus⸗ drückte ſein begonnenes Werk durchzuführen. Dieſe Feſtigkeit dämpfte den Zorn des Hauptmanns und machte ihn ſchwankend.„Herr,“ ſagte er mit be⸗ bender Stimme,„Sie wiſſen entweder nicht, was Sie ſprechen, oder Sie tragen etwas Außerordent⸗ liches auf dem Herzen. Sprechen Sie deutlich! Intereſſiren Sie ſich für all dies als Kunſtfreund, oder iſt dieſe Madonnengruppe mehr als eine zu— fällige Malerphantaſie?“ „Die Madonna,“ ſagte Ephraim mit wehmü⸗ thigem Ernſt,„hat ſo gelebt und gelitten, wie Sie ſie hier ſehen, und die Figur im Hintergrunde wandelt noch heute durch die Welt, gramvoll und einſam. Wenn Sie mehr zu erfahren begierig ſind, ſo kann Ihnen dieſes Manuſcript, das von II. 12 178 der Hand dieſer Perſon ſelbſt geſchrieben iſt, den ſicherſten Aufſchluß geben.“ Der Hauptmann ergriff mit zitternder Hand das Papierheft, welches Ephraim aus der Taſche zog, und gab ihm ein Zeichen ſich auf das So— pha niederzulaſſen. Er ſelbſt ſetzte ſich, von Eph⸗ raim abgewandt, in eine Fenſtervertiefung des Zim⸗ mers, und durchflog mit athemloſer Haſt die von der Zeit vergilbten Blätter aus Sankt Liguori, deren Inhalt dem Leſer bekannt iſt. Ephraim konnte den Eindruck auf ſeinem Geſicht nicht be— obachten, aber er hörte ihn zuweilen tief ſeufzen, oder die leiſe Klage ausſtoßen: Arme, arme Mutter! Als der Hauptmann das letzte Blatt geleſen, ließ er die Hand mit dem Manuſkript auf ſein Knie ſinken, und blieb lange in tiefes Nachdenken verſunken. Ephraim konnte von dieſem zwanzigjährigen Jüngling nichts Schlimmes mehr befürchten, nach⸗ dem er ſeine innige Liebe für das Andenken ſeiner Mutter erkannt, und die tiefe Gemüthsbewegung, der er fähig war, geſehen. Dennoch erwartete er mit peinlicher Ungeduld das Reſultat ſeiner Be⸗ den and ſche — So⸗ 179 trachtungen, das für den Mönch ſo beglückend werden konnte. Als der Hauptmann ſich erhob und ſich wieder zu Ephraim wandte, waren die Züge ſeines Ge— ſichtes noch blaß und tief erregt von der außer⸗ ordentlichen Erfahrung die er gemacht, und von dem erſchütternden Blatt aus der Lebensgeſchichte ſeiner Eltern. Doch in ſeinem Auge glaubte Ephraim einen edlen Endſchluß zu leſen, der dem Herzen eines ſo liebreichen Sohnes entſprach. „Die Aufſchlüſſe, die Sie mir verſchafft,“ ſagte der Hauptmann mit noch zitternder Stimme,„ſind über allen Zweifel erhaben. Wenn ich noch Be⸗ denken haben koͤnnte oder wollte, ſo würde die Erwähnung des Ringes am Schluſſe der Hand⸗ ſchrift, deſſen Anblick meiner Mutter ſo viel Troſt in ihren Leiden gegeben, jedes Mißtrauen zer⸗ ſtreuen. Dieſen Ring beſitze ich ſelbſt, er iſt nie von meiner Hand gekommen, ſeit mir ihn die Amme und Kammerfrau meiner Mutter als ein theures Vermächtniß übergeben, das ihr meine Mutter in den letzten Stunden ihres Lebens an⸗ vertraut.“ Er zeigte Ephraim einen Ring, den er an 12* 180 dem kleinen Finger der linken Hand trug, und der wirklich unter der Steinplatte das Bild des Mönchs enthielt, nur jünger und heiterer als die männliche Figur auf dem Madonnenbilde. Er hatte vorhin, ohne daß es Ephraim bemerkte, als er in der Fenſterniſche ſeiner Beobachtung entzo⸗ gen ſaß, die verborgene Feder an dem Ring ge⸗ ſucht, und nach einiger Mühe die verdeckende Steinplatte von dem kleinen Bildchen gehoben. „Vielleicht,“ fuhr der Hauptmann fort,„wollte meine Mutter das Bild meines Vaters in meine Seele eingraben, vielleicht hoffte ſie dadurch ihrem trauernd überlebenden Freunde ein theures Ver⸗ mächtniß zuzuführen. Ich hatte jedoch bisher keine Ahnung von dem Geheimniß, das dieſer Ring verbarg, er ſchien mir blos ein beſonders ans Herz gelegtes Liebeszeichen meiner Mutter. Ihre Amme mochte ſelbſt nicht mehr wiſſen, denn meine Mutter hatte wahrſcheinlich aus Rückſicht für ihren Gemahl das Geheimniß ihrer Liebe tief in der Bruſt verſchloſſen. Sie wagte es vielleicht nicht mein junges Gemüth mit dem Bild eines fremden Mannes zu beunruhigen, das ſich zwiſchen mir und dem Manne den ich für meinen Vater halten als tzo⸗ ge⸗ ende rem Ver⸗ her Ning ans hre eine hren der ſnicht nden mir alten 181 mußte, qualvoll und ſtörend gedrängt hätte. Sie überließ wohl die Entdeckung dem Geſchick und dem Zufall, zufrieden mich mit dem Bild meines Vaters verbunden zu haben, und mit der Mög⸗ lichkeit es einſt vor mein Auge zu bringen, um nach dem geliebten Freunde der Mutter, den ich darin erkennen mußte, in der weiten Welt zu forſchen.“ Der Hauptmann brach hier ab, und ſchritt nachdenklich durchs Zimmer um ſeine Gedanken zu ſammeln, bevor er gegen Ephraim ſeinen Ent⸗ ſchluß ausſprach; denn er glaubte nicht anders als in Ephraim dem Boten ſeines Vaters zu ſehen, der in deſſen Auftrag handelte. Ephraim hegte keine Beſorgniſſe mehr, ſeit er den Ring Evelinens an ihres Sohnes Hand wußte, und von dieſem ſelbſt erfahren hatte, wie hoch er das Ver⸗ mächtniß ſchätzte. Was der Hauptmann nun auch beſchließen mochte, der Mönch durfte nun erfahren von dem Daſein eines ſolchen Sohnes, dem jeden⸗ falls der Freund ſeiner Mutter theuer ſein mußte, und er ſelbſt durfte ſich mit ihm wegen der Ge— fahr, die über ſeinem Haupte ſchwebte, berathen, 182 ohne daß ſein Freund Wenzel dadurch ins Un⸗ glück geſtürzt wurde. Der Hauptmann überließ ſich nicht lange ſei⸗ nen Erwägungen, obgleich das Reſultat derſelben weiter ging als Ephraim erwartet hatte.„Mein Herr,“ ſagte er mit großer Feſtigkeit,„ich brauche nicht nach Ihrer Lebensſtellung außerhalb der Kaſerne zu fragen. Alles an Ihnen verräth den Mann von Bildung und Charakter, der durch ſeltſame Umſtände in eine ſo gedrückte Lage ge⸗ kommen ſein muß. Für mich ſind Sie aber vor Allem das Orakel, das mir das edle Herz meiner Mutter erſchloſſen, und die letzten heißen Wünſche ihrer erblaſſenden Lippen erklärt hat. Ich kenne nichts Höheres und Beglückenderes als dieſem Wunſche zu gehorchen, und damit, wenn ſie uns jetzt umſchwebt, ihren Segen und ihren Dank auf mich herabzurufen. Sie werden meinen Ent⸗ ſchluß mit eins überſehen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich von dieſem Augenblick weder Graf noch Hauptmann bin, ſondern einfach Guſtav Roſe heiße, wie der Mann für den meine Mutter ihre Titel und Schätze hingeworfen, um ihm durch die Un⸗ Welt zu folgen. Mein Herz ſträubt ſich gegen den weiteren Beſitz des Namens und des Ver⸗ mögens eines Mannes, deſſen Liebe ich nie beſaß, und deſſen kalten, feindſeligen Blick ich jetzt be⸗ greife. Es iſt mir lieb, daß dieſer Mann nicht mehr lebt, und durch meinen Schritt nicht ver⸗ letzt wird, obgleich ſeine herzloſe Eitelkeit dieſe Strafe verdient hätte; denn dieſer Eitelkeit ver⸗ danke ich die Leiden und den frühen Tod meiner Mutter, und das Unglück ohne Liebe und Führung von der Wiege an aufgewachſen zu ſein. Den Namen und das Vermögen dieſes Mannes noch ferner zu beſitzen, ſchiene mir eben ſo entſetzlich, als ſich mit dem Blutgeld eines Seelenverkäufers zu berauſchen. Ueberdies würde mir derſelbe Stolz, mit dem ich bisher meinen vermeintlichen Rang in der Welt behauptet habe, alle Luſt rauben noch ferner etwas zu ſcheinen, was nicht eins iſt mit meinem ganzen Weſen. Vor Mangel ſchützt mich das hinterlaſſene Vermögen meiner Mutter. Sie ſehen alſo, mein Opfer iſt nicht ſo groß. Nun aber ſagen Sie mir, wo finde ich den Vater den ich ſo lange entbehren mußte? So viel ich ihn aus der Handſchrift, die Sie mir gegeben, 184 kennen gelernt, ſcheint er mir ein Mann, von deſſen Stolz und Kraft auch etwas in meine Seele übergegangen, und jedenfalls iſt das Band, von Glück und Schmerz gewebt, das ihn und meine Mutter umſchlungen, ſtark genug um auch mich mit ihm innigſt zu verbinden. Ich ſehne mich danach, ihn von meiner Mutter ſprechen zu hören, ſie in ſeinen Schilderungen nochmals aufleben zu ſehen, und in einem kurzen Traum für den un⸗ widerbringlichen Verluſt einigen Erſatz zu finden.“ Noch nie in ſeinem Leben hatte Ephraim die Freuden eines ſo vollen ungetrübten Glückes em⸗ pfunden, wie es ihm die Worte des Hauptmanns bereiteten. Er ſah durch ſeine Vermittlung dieſen dünkelvollen, durch Stellung und Erziehung ver⸗ derbten und verderbenden Grafen edleren Trieben zurück gegeben; er ſah Evelinens Sohn aus ſeinen eigenen Leidenſchaften und aus der drohenden Le⸗ bensgefahr gerettet. Daſſelbe freudige Ereigniß konnte ihm ein Mittel werden den unglücklichen Wenzel zu erhalten, und deſſen gekränktes Herz zu verſöhnen. Und welcher ſelige Genuß erwar⸗ tete ihn, wenn er dem alten Mönch einen ſolchen Sohn zuführen und auf deſſen Geſicht den Aus⸗ 185 druck eines Glückes ſehen würde, den es ſeit zwan⸗ zig Jahren nicht gekannt. Eine himmliſche Ruhe lag bei dieſen Gedanken auf der Stirne des edlen Jünglings, der nur für fremdes Glück ſchwärmte. Alle ſeine ſchmerzvollen Erinnerungen traten zurück, die Zukunft voll Leiden und Kämpfe verſchleierte ſich vor ſeiner Seele, die nur den großen und ſchönen Moment durchempfand. Wenn er ſich ſpäter an dieſe ſchöne Stunde erinnerte, kam er ſich darin vor wie der Wüſtenwandrer, der eine Oaſe gefunden, und ſich dem erquickenden Genuß der kühlen ſchattigen Luft, des friſchen Grüns, der klaren Quelle und ſaftigen Frucht ſorglos hin— gibt, obgleich draußen am Rande wildes Gethier heult und bruͤllt, und der lange Weg durch die Wüſte in den nächſten Stunden fortgeſetzt wer⸗ den muß. Ephraim verſicherte den Hauptmann, daß der Mönch keine Ahnung habe von ihrem Zuſammen⸗ treffen. Er konnte ihm nicht einmal die Gewiß⸗ heit geben, ob der Mönch überhaupt wiſſe, daß Eveline einen Sohn hinterlaſſen habe, da er ihm niemals davon geſprochen. Er machte ihn jedoch darauf aufmerkſam, daß der Mönch durch irgend 186 eine dritte Perſon, wahrſcheinlich durch den Prior der Liguorianer, Nachrichten über Eveline erhalten haben mußte, da er das Ereigniß mit dem Ringe und die Erlebniſſe Evelinens ſeit ihrer gewaltſamen Enführung aus der ungariſchen Stadt Debrezin in dem Manuſcripte erzählte. Das wiſſe er aber mit Zuverſicht, fürgte er hinzu, daß er ſich ver⸗ jüngt fühlen werde beim Anblick ſeines Sohnes, und daß er inniger als irgend ein Vater Eveli— nens Kind in ſein Herz ſchließen werde. Denn ſo großartig das Gedankenleben und das Hochge— fühl dieſes Mannes ſei, ſo käme doch alle ſeine Kraft in Liebe und Haß vor Allem aus einer Quelle, aus ſeinem nie verbleichenden Angedenken an Evelinen und ihre Schickſale. Und um ihn ſelbſt davon zu überzeugen ſchilderte er ihm vor Allem die Scene im Kloſter, als er den Mönch, nach dem Anblick des verſchleierten Bildes über ſeinem Bette, ſo tief betrübt gefunden, bei welcher Gelegenheit er das ſüßeſte und ſchmerzlichſte Ge— heimniß ſeines Lebens erfahren. Bis tief in die Nacht ſaßen die beiden jungen Männer, zwiſchen denen vor wenigen Stunden noch eine Kluft ſo weit wie die Welt lag, als den 187 innige Freunde neben einander auf dem Sopha. Der gemeine Soldat, der Sohn des jüdiſchen Todtengräbers, war jetzt die höhere Perſon, zu welcher der Graf und Hauptmann achtungsvoll hinaufſah. Evelinens Sohn konnte nicht genug von ſeinem Vater erzählen hören, und dieſe Er⸗ zählung und lebendige Schilderung brachte ihm den fremden Mann immer näher an die Seele, und er ward ihm allmälig ſo theuer und vertraut, als wäre er unter ſeinem Auge, unter ſeiner väter⸗ lichen Leitung aufgewachſen. Ephraims eigene Lebensgeſchichte, die noth⸗ wendig in dieſe Erzählung mit verflochten war, ſetzte den ehemaligen Grafen in das lebhafteſte Erſtaunen. Die Region in der ſich Ephraim be⸗ wegt hatte, war ihm ſo fremd wie ein unent⸗ decktes Land. In dieſer tiefen Schicht der Ge⸗ ſellſchaft hatte er nur elende Würmer vermuthet, die ihrer Nahrung nachkrochen. Das wäre ihm in ſeinem Leben nicht eingefallen, daß es da un⸗ ten Menſchen mit den feinſten Organen für das Schönſte und Erhabenſte geben könne, die ſich mit Fragen und Forſchungen beſchäftigten, die er nur als zum Metier eines beſondern Standes gehörig 188 betrachtet hatte, nämlich der Gelehrten und Pro— feſſoren, die nach ſeiner Anſicht ſich mit ſolchen Dingen nur beſchäftigten um dafür bezahlt zu werden. Er hatte die Wiſſenſchaft ungefähr von dem Standpunkte aus betrachtet, wie die alten Ritter die Schreibfertigkeit der Burgpfaffen, die ſie benützten, aber als unritterlich verachteten. Tiefe peinliche Erregung der Seele empfand vol⸗ lends der zum einfachen Menſchen gewordene Standesherr, als Ephraim die leiden⸗ und qual⸗ vollen Betrachtungen ſchilderte, denen er und der Mönch über die Zuſtände der Geſellſchaft ſo oft ſich hingegeben. Er ſelbſt hatte nie daran gedacht, daß es anders ſein könnte in der Welt; er und die jungen Standesgenoſſen mit denen er verkehrte, hatten alle Menſchen unterhalb ihrer olympiſchen Höhe als verächtliche Kanaille betrachtet, die nur dazu da wäre um die ſchweren Arbeiten des Land⸗ baues und der Gewerke zu leiſten, und die ge⸗ meinen Geſchäfte des Handels und des Geldver⸗ kehrs zu betreiben, nebenbei um in adeligen Häu⸗ ſern die Livree zu tragen, und im„Rock des Kaiſers“ die Armee zu bilden. Wenn er und ſeine Gefährten mit den Zuſtänden unzufrieden waren, ſo war es 189 nur deshalb, weil in ihren jungen Köpfen die Erinnerung an den Stolz und die unabhängige Macht ihrer Ahnen aufloderte, weil ſie ſich in ihren Privilegien durch die unumſchränkte Herr⸗ ſchaft der Krone verletzt fühlten, in deren Träger ſie nicht mehr als den erſten Edelmann erkennen wollten. Daß der Bürger zu höheren Beamten⸗ ſtellen zugelaſſen wurde, fanden ſie weniger ver— letzend, dieſe Aemter ſchienen ihnen nicht viel höher als das gemeine Schreiberhandwerk. Aber ſie glaubten ihren Stand auf das tieſſte gekränkt, daß man die edle ritterliche Waffenführung herab⸗ würdigte, indem man den Bürger in das Officier⸗ corps eindringen ließ. Sie waren empört über die Eingriffe der Krone in ihre Vorrechte, indem dieſe dem Bürger den Beſitz von Rittergütern geſtattete und durch Erhebung des ſchmutzigen Geldſackes den Ruhm ihrer Ahnen beleidigte. In dieſen jungen Köpfen gährte der Gedanke ſich ge⸗ gen den gegenwärtigen Staat aufzulehnen, in welchem ſie eine Verſchwörung zwiſchen der Krone und dem Unterthanen gegen ihr gutes Recht ſahen, das mit dem Recht der Krone aus gleicher Quelle floß. 190 Dieſe merkwürdige Weltanſchauung des Grafen und ſeiner Genoſſen machte auf Ephraim keinen unangenehmen Eindruck. Seine edle Natur ſym⸗ pathiſirte mit jeder Kraft die aus dem Herzen, aus einem feſten Glauben floß. Er fühlte, daß der glühende Haß, den er gegen dieſen Stand ge⸗ hegt hatte, ſich aus ſeiner Seele verlor, und war ſehr zufrieden von einer unreinen Flamme befreit zu werden. Zwiſchen dem ruchloſen ungläubigen Jeſuiten, zwiſchen dem lügneriſchen, verhärteten Staatsmann und dieſen im Glauben an ihre Ho— heit auferzogenen Kinder eines in ſich abgeſchloſ⸗ ſenen Standes ſah er einen himmelweiten Unter⸗ ſchied. Dieſe Menſchen konnten in ihrer Region die trefflichſten und erhabenſten Eigenſchaften der menſchlichen Seele beſitzen und entwickeln. Sie konnten da mit den zärtlichſten Banden des Fami⸗ lienlebens umſchlungen ſein, die liebendſten Söhne, die edelſten Freunde, die aufopfernſten Patrioten werden. Ihr Stand kämpfte mit dem Bürger⸗ thum wie einſt Katholiken mit Proteſtanten, die beide im Recht zu ſein glaubten. Wie wollte Ephraim, mit ſeiner unendlichen Menſchenliebe in der Bruſt, der leidend und liebend den Strom 191 der Weltgeſchichte bis an ihre Quelle verfolgt, einen dieſer glaubensbethörten Menſchen mit dem giftigen Blick des Haſſes betrachten. Als gefähr⸗ lich betrachtete er nur noch dieſen in ſeiner Ein⸗ bildung höheren Stand, als einen Feind des allgemeinen Menſchenrechtes, aber er konnte ihn nicht mehr haſſen; dieſer Stand kämpfte auch nur im Gefühl ſeines vermeintlichen Rechtes, er war ein ebenbärtiger, achtungswerther Feind. Nur die glaubensloſe mit Menſchenköpfen rechnende Selbſtſucht des Jeſuiten und Staatenmannes ſchien ihm ekelhaft und verächtlich. Er begriff jetzt wie man einen ehrlichen Feind lieben und achten könne, indem man ſich in ſeine Seele verſetzte. Er ſah in dieſem Stand einen gewaltigen Löwen mit dem er auf Tod und Leben ringen mußte; aber bewun⸗ derte er nicht den herrlichen Bau, die Kraft und den kühnen Sprung des Löwen, während er zu⸗ gleich das tödtliche Geſchoß feſt und unerbittlich ihm entgegen ſchleuderte?„Wann wirſt du kom⸗ men,“ rief er ſchmerzvoll aus,„ſchöne Zeit der bibliſchen Verheißung, wo der Löwe und das Lamm friedlich neben einander weiden, und warum muß es mir beſchieden ſein, der ich ſie alle an mein 192 Herz drücken möchte, die herrlichen Weſen dieſer Welt, warum muß ich berufen ſein, Schlingen zu drehen und Kugeln zu gießen!“— Dieſen ſchmerz— vollen Ausruf verſtand der Hauptmann nicht in ſeiner ganzen Bedeutung, denn Ephraim hatte ihm die politiſchen Pläne und Bemühungen des Mönchs verſchwiegen. Der Hauptmann hielt Ephraims Ausruf für eine bloße Redefigur; er konnte ſich nicht denken, welche große Stellung dieſer junge Mann, der noch den Rock des ge⸗ meinen Soldaten trug, in dem großen Weltkampf einnehmen ſollte, den er bei der damaligen Toden⸗ ſtille im öſterreichiſchen Staat und ſelbſt draußen in der Welt für noch weit hinausgeſchoben be⸗ trachtete. Pius der Neunte hatte zwar nach den Zeitungsberichten eben den Stuhl des heiligen Petrus beſtiegen, aber noch war das Grollen des heranziehenden Sturmes, den dieſes Ereigniß ver⸗ anlaßte, nur für die feinſten Ohren vernehmbar. Und am wenigſten fiel es dem Hauptmann ein, ſeinen Vater oder gar den neben ihm ſitzenden gemeinen Soldaten mit dem Thronwechſel in Rom in Verbindung zu bringen. Aber Ephaims Aus⸗ ruf hatte eine nur zu beſtimmte Bedeutung, der jeſer n zu nery⸗ 193 Schmerzensruf war ihm von einem ſichern Vor⸗ ſatz entriſſen worden, der ſich in ſeiner Seele unter den Ereigniſſen und Erfahrungen dieſer Nacht feſtgeſetzt hatte, und deſſen Ausführung er mit dem Mönch berathen wollte. Als der Hauptmann, bevor er ſich von Eph⸗ raim trennte, von der Gefahr hörte, die ſeinem Leben drohte, und die Ephraim bewogen hatte mit ſeinem Geheimniß zu ihm zu dringen, empfand er ſchmerzliche Gewiſſensbiſſe über die Leiden, die er dem armen Wenzel und dieſem edlen jungen Manne zugefügt, der ſo liebreich über ſein Leben gewacht, und deſſen inniger und dankbarer Freund er jetzt geworden war. 1 Als ihn Ephraim wegen einer That ſo be⸗ wegt ſah, die er vor wenigen Stunden mit der größten Ruhe verübt hatte, überraſchte ihn eine erklärende Auslegung der katholiſchen Lehre von der ewigen Verdammniß, an die er bisher noch nicht gedacht. Wenn es ein Jenſeits gibt, dachte er, müſſe wohl die Strafe für die dieſſeitigen Frevel darin beſtehen, daß die Erinnerung an dieſe Frevel in der Seele fortlebt, und zwar, durch das Zurückbleiben der beſchönigenden Vorurtheile II. 13 194 und der verblendeten Leidenſchaft, grell aus dem Zuſammenhang geriſſen. Der Katholizism wäre darum auf das Heilmittel des Ablaſſes durch die Gnade verfallen, wie die heidniſche Mythe auf den jede Erinnerung verwiſchenden Lethe. Eph⸗ raim empfand in dieſem Augenblick mehr als jemals einen tiefen Schauer vor einer Welt, in welcher der Zufall der Geburt und Erziehung eine ſolche Macht über das urewige Jedem einge⸗ borne ſittliche Gefühl ausübte, und ſein Entſchluß wurde nur um ſo feſter mit allen Mitteln an der Vernichtung der willkührlichen Ungleichheiten in der Welt zu arbeiten. Der Hauptmann geſtand Ephraim, daß er nur ihn durch die Beſtrafung Wenzels treffen wollte, da er es nicht ertragen konnte, daß ein Soldat durch höhere bürgerliche Gaben eine be⸗ vorzugte Stellung in der Compagnie einnahm. Er meinte, jeder Andre ſeines Standes hätte viel⸗ leicht die Dinge eben ſo betrachtet, ihm wäre aber der unverſöhnlichſte Haß gegen das Bürgerthum zumeiſt durch den gräflichen Gemahl ſeiner Mutter eingeflößt worden. Dieſer Mann, der ſeine ver⸗ letzte Eitelkeit und die Erbitterung über den Ruin dem waͤre h die auf cyſ⸗ als t, in hung inge⸗ chluß der n in ß er teffen Fein be⸗ ahm. viel⸗ aber thum putter ver⸗ Ruin ſeines Familienglückes durch eine bürgerliche Per⸗ ſon in der Bruſt vergraben mußte, ſchien ſein Bedürfniß nach Rache nicht beſſer befriedigen zu können, als indem er den hm aufgedrängten Sohn eines Bürgers zum wüthendſten Feinde dieſes Standes erzog. Dieſe Abſicht konnte auch nicht beſſer ausgeführt werden, als indem er dieſen Sohn dem militäriſchen Stande widmete, wo bürgerliche Perſonen ſo unbedingt in ſeine Gewalt gegeben waren. An dieſer Abſicht des alten Grafen von Burgen konnte der Hauptmann jetzt gar nicht zweifeln, da derſelbe ihm ausdrücklich befohlen in die Infanterie zu treten, wo er von Officieren aus dem Bürgerſtande umgeben war, während er ſelbſt lieber in der Cavallerie gedient hätte, die ſeinem ritterlichen Sinn mehr zuſagte, und in der er nicht der ſeinen Stolz verletzenden Nöthi⸗ gung ausgeſetzt geweſen wäre, andere Perſonen als Leute von gutem Adel neben und über ſich zu dulden. Reuevoll bat der Hauptmann Ephraim Alles zu thun, um den armen gekränkten Wenzel zu verſöhnen, in welchem er früher nicht mehr ge⸗ ſehen als ein Laſtthier, das nach wenigen Stunden 13* 196 die erhaltenen Schläge vergeſſen hat. Er erbot ſich aus ſeinen Mitteln die Summe zu bezahlen, die Wenzel vom Militärdienſt befreien konnte, und noch weiter für ihn zu ſorgen. Ephraim that nichts um die Reue des Haupt⸗ manns zu beſänftigen. Er hielt dieſen Schmerz, der ſich ſtets mit der glücklichſten Erinnerung in dem Leben des Hauptmannes verbinden mußte, ſehr heilſam für die Reinigung und Stärkung einer Seele, die von Jugend auf mit den erſticken⸗ den Dünſten hochmüthiger Vorurtheile erfüllt ge⸗ weſen. In Bezug auf Wenzel ſagte er nur, daß er für ihn annehmen wolle, was Evelinens Sohn zu ſeinem eigenen Troſt für ihn thun wolle, da Wenzel ſelbſt, deſſen Huſſitenherz ſchwer zu ver⸗ ſöhnen wäre, jedes Anerbieten des tödtlichen Be⸗ leidigers mit Verachtung zurückweiſen würde. Ephraim hatte nur noch die eine Sorge, daß die beiden nie zu verſöhnenden Männer jemals in der Welt zuſammentreffen könnten, was für beide die unglücklichſten Folgen haben müßte. Er entſchloß ſich daher Wenzels Rachſucht dadurch zu bekämpfen, daß er ihm die Verſicherung gab, der hochmüthige Graf und tyranniſche Hauptmann 197 exiſtire nicht mehr, ohne ſeinen Todesſtreich em⸗ pfangen zu haben; indem er ſich in die Perſon eines gewiſſen Guſtav Roſe verwandelt habe, der mit ſeinem Beleidiger nichts gemein habe, als die Aehnlichkeit der Geſichtszüge, und daß dieſer Roſe der Sohn eines theuren Freundes, und ihm auf die Seele gebunden ſei. 12. Pater Antonius von Sankt Liguori war in dem Hauſe der Geſellſchaft Jeſu in Rom nicht mehr anzutreffen. Nach der Thronbeſteigung des Pabſtes Pio Nono hatte er eine hohe Funktion erhalten, hieß Monſignore, und bewohnte einen der glän⸗ zenden Palläſte, woran die ewige Stadt ſo reich iſt. Dieſer Pallaſt war mit einer Pracht, die den Günſtling eines mächtigen Herrn und den Liebling eines unermeßlich reichen Ordens verrieth, ausge⸗ ſtattet, während der Geſchmack in der Auswahl und Anordnung der Verzierungen an den ehema⸗ ligen reichbegabten Künſtler erinnerte. In dieſem glänzenden Pallaſt, der raſch zu einem bedeuten⸗ den Ruf gekommen, gab es einen kleinen Salon, der nicht minder von ſich reden machte, und zwar darum, weil er gegen die andern Einrichtungen des Pallaſtes grell abſtach. — 199 Dieſer kleine Salon zeigte eine gründliche Ver⸗ achtung aller der Mittel, womit die Menſchen ihre Exiſtenz bequem und heiter zu machen ſuchen. Dieſer Salon verhielt ſich zu den andern Räumen des Hauſes, in welchen der Pater mit allen Ga⸗ ben eines ſplendiden und geiſtvollen Wirthes glän⸗ zende Geſellſchaften zu amüſiren wußte, wie ein Aſchermittwoch zu einem römiſchen Karneval. Der kleine Salon zeigte vier nackte, grau angeſtrichene Wände. In einer Piſche erhob ſich ein hölzernes von der Zeit geſchwärztes Kruciſix, das aus den mittelalterlichen Ueberbleibſeln eines Kloſterkellers hervorgeſucht zu ſein ſchien. Vor demſelben ſtand ein roh gezimmerter Betpult, und eine ähnliche Meiſterhand verriethen die übrigen ſpärlichen Mö⸗ bel des Zimmers. In dieſem Salon empfing ge⸗ wöhnlich Monſignore hohe Würdenträger der Kirche und hochgeſtellte Perſonen aus dem Laienſtande, die ihn in geſchäftlichen Angelegenheiten beſuchten. Der einflußreiche Mönch trug bei ſolcher Gelegen⸗ heit eine abgeſchabte Kutte ſeines Ordens, die ſo morſch ſchien, daß ſie ihm bei einer ſtarken Be⸗ wegung vom Leibe zu fallen drohte. In dieſem Salon ſaß eines Tages Pater 200 Antonius vor dem nackten grob gezimmerten Tiſch, die Augen ſtarr auf ein Blatt Papier geheftet, deſſen Inhalt ihn in große Aufregung zu verſetzen ſchien. Er war ſo tief in die Betrachtung der wenigen Zeilen verſunken, die ſich auf dem Papier befanden, daß er das wiederholte Klopfen an der Thüre überhörte. Der angelegentliche Beſucher draußen ſchien aber die Geduld zu verlieren, denn die Thüre wurde ohne den einladenden Ruf zu er⸗ warten haſtig geöffnet, und raſchen Schrittes trat ein junger, äußerſt elegant gekleideter Mann her⸗ ein, der mit dem Ausdruck lebhafteſter Freude auf den Mönch zueilte, um ihn in die Arme zu ſchließen. Pater Antonius, ſo gewaltſam in ſeinem tiefen Vachdenken geſtört, fuhr heftig erregt von ſeinem Sitze empor, als er in dem Geſichte des jungen Mannes die theuren Züge ſeines Freundes aus dem kleinen böhmiſchen Städtchen erkannte. Aber der Empfang war nicht der Art, wie ſich ihn der treuherzige Jüngling während der Reiſe von Prag bis Rom in ſeiner Phantaſie ausgemalt hatte. In der Seele des Mönchs ſchien in dieſem Augen— blick etwas vorzugehen, was ihn für jedes andre Gefühl unempfänglich machte. Er drängte den 201 Jüngling, der ihn mit ſeinen Armen umfangen wollte, heftig zurück, und rief leidenſchaftlich, in⸗ dem er Ephraims Geſicht mit glühenden Blicken prüfte:„Woher kommſt du Ephraim, was führt dich ſo plötzlich hieher?“ Ephraim erſtaunte über dieſen unbegreiflichen Empfang, der ihm durch etwas Außerordentliches motivirt ſchien. Da er indeß dem Mönch nur allmälich die Auffindung ſeines Sohnes mitthei⸗ len wollte, erwiederte er ruhig, daß er aus der Garniſon von Prag komme, indem er den Mili⸗ tärdienſt verlaſſen habe. „Seit wann haſt du den Dienſt verlaſſen?“ fragte der Mönch in gleicher Aufregung. Ephraim ſagte, daß er unmittelbar aus der Kaſerne komme. „Und du haſt mir nichts weiter zu melden?“ rief der Mönch, indem ſeine Erregung einer trau⸗ rigen Stimmung zu weichen begann. „O doch,“ rief Ephraim über dieſe Frage freudig erſchrocken.„Ich habe dir eine Mitthei⸗ lung zu machen, mein theurer Freund, die deinem Herzen großen Troſt bringen wird.“ „So war meine Hoffnung nicht vergeblich In1 202 ſchrie der Mönch auf, indem er ſich mit zitternder Hand an den ſchweren Seſſel hielt, von dem er ſich erhoben.„Du haſt meinen Sohn geſehen und gewiß geſprochen, wie ich aus deiner freudi— gen Miene ſehe. Sprich ſchnell, ſage Alles, du ſiehſt, ich bin gefaßt.“ „Er iſt hier,“ rief Ephraim entzückt,„und ſehnt ſich darnach an des Vaters Bruſt zu ſtürzen. Doch woher weißt du— Der Mönch zeigte ſprachlos auf das Papier auf dem Tiſche, und ſank, von der ſeine Hoffnun— gen übertreffenden Nachricht bewältigt, auf den Seſſel zurück. Ephraim überließ ihn ſeinen Gefühlen, und blickte in das Papier auf dem Tiſche, um daraus zu ſehen, wieviel der Mönch von ſeinem Sohne wußte. Es enthielt bloß die Worte:„So eben erfahre ich, daß der junge Graf Auguſt von Bur⸗ gen ſeit vierzehn Tagen zum Hauptmann avancirt, und zur dritten Compagnie des Grenadier⸗Ba⸗ taillons Palombini nach Prag verſetzt worden iſt.“ Ephraim erſah aus dieſem Briefe, daß der Mönch von dem Daſein ſeines Sohnes ſtets Kenntniß gehabt, und deſſen Leben nie aus den 203 Augen verloren hatte; er war begierig zu erfahren, was ein ſo liebendes Herz abgehalten, den Sohn früher an ſich heranzuziehen. Doch wollte er den ſo tief erſchütterten alten Freund nicht mit Fragen drängen; er begnügte ſich damit, ihm ſein Erlebniß mit dem ehemaligen Hauptmann zu erzählen, und überließ es dem Mönch ſelbſt, ihm die Gründe ſeines Verhaltens gegen den Sohn Evelinens anzugeben oder zu verſchweigen. Pater Antonius verſchlang jedes Wort dieſer Erzählung mit der innigſten Theilnahme. In ſeinen ſonſt ſo feſten und beherrſchten Zügen malte ſich der ſtürmiſche Wechſel von Angſt, Mit⸗ gefühl und Dankbarkeit, welche die furchtbaren Prüfungen Ephraims und deſſen liebevolle Hin⸗ gebung in ſeiner Seele erweckten. Als Ephraim ſeine Erzählung geendet und nachdenklich vor ſich nieder blickte, fühlte der Mönch, daß er eine dunkle Parthie ſeine Lebens aufhellen müſſe, um die Zwei⸗ fel in der Seele des befreundeten Jünglings zu beſchwichtigen. „Ephraim,“ ſagte er mit bewegter Stimme, „ich weiß nicht, ob du die Schwäche eines Vater⸗ 204 herzens begreifen und mit ihm Nachſicht haben wirſt. Aus dem Briefe, den du ſo eben geleſen, erſiehſt du, daß ich von dem Daſein meines Sohnes Kunde gehabt, und ſein Leben theils ſelbſt ſtets beobachtete, theils von einem Andern im Auge behalten ließ. Dieſer Andre iſt mein Onkel der Prior von St. Liguori, von dem auch der Brief geſchrieben iſt, den ich ſeit heute Morgen in Hän— den habe. Nach dem Tode Evelinens fand es dieſer Mann nicht mehr bedenklich dem Herzen eines ſo eifrigen Dieners der Kirche, für den er mich hält, einigen Troſt zu gewähren. Du kannſt dir denken, von welchen Hoffnungen und Beſorg— niſſen ich durchſtürmt war, als ich aus dieſem Briefe erfuhr, daß du und mein Sohn in demſelben Ba⸗ taillon ſich befinden, und zwar in einem ſo ent— ſetzlichen Mißverhältniß; der Freund als ohnmäch⸗ tiger Sklave, der Sohn mit allen Mitteln des Verderbens ausgerüſtet. In dieſen Stunden der Qual verfluchte ich die Schwäche, die mich abge— halten vor Evelinens Sohn als Vater hinzutreten, ſo oft ich mich, ohne daß er es ahnte, in ſeine Nähe ſchlich, um mich an ſeinem Anblick zu er— freuen. Ich erröthe über dieſe Schwäche, aber — — 205 ſie iſt die Schwäche eines Vaterherzens, das vor einem Todesſtreich von Sohneshand zurückbebte. Ich fürchtete, daß dieſer in Ahnenſtolz und Bür⸗ gerhaß auferzogene Jüngling bei der Vernichtung ſeines ſtolzen Wahnes und ſeiner glänzenden Hoff⸗ nungen zu viel Schmerz empfinden würde. Ich kannte ſeinen Stolz zu gut um nicht überzeugt zu ſein, er werde nicht einen Augenblick länger ſcheinen wollen, was er nicht mehr ſelbſtbewußt geweſen wäre; aber ich fürchtete den traurenden Blick, den er auf das Grab ſeiner Träume zurück⸗ werfen könnte. Von dieſer Furcht beherrſcht, zog ich es vor, mein Leben einſam bis zum Grabe fortzuſchleppen.“ Nach dieſen Worten erhob ſich der Mönch raſch von ſeinem Sitze, und rief mit Lebhaftig⸗ keit:„Nun mein Freund, der du ſo viel für mich gethan, laß mein Herz nicht länger der Auferſte— hung warten; führe mich eiligſt in die Arme eines Sohnes, den du mir neugeboren wieder gege⸗ ben haſt.“ Ephraim ſchien die Aufforderung des Mönchs überhört zu haben. Er blieb unbeweglich ſitzen und betrachtete den Mönch mit traurenden, 206 ſtrengen Blicken.„Ich habe keinen Maßſtab,“ ſagte er nach einigem Nachdenken mit einer er⸗ ſchreckend ernſten Stimme,„zur Beurtheilung der Kraft oder Schwäche eines väterlichen Herzens. Aber ich fürchte, die Befriedigung dieſes liebenden Herzens dürfte dir die Kraft des Haſſes nehmen, durch welche du bisher große und weitgreifende Werke für die Menſchheit raſtlos und rückſichts⸗ los gefördert. Dein Sohn wird einen glücklichen, unvergleichlichen Vater finden, aber die Menſch— heit, fürchte ich, wird den kühnen und gewaltigen Jeſuiten, den für den Sieg der Freiheit heimlich kämpfenden Alliirten der Reaktion verlieren.“ Der Mönch betrachtete erſtaunt ſeinen jungen Freund, deſſen Weſen in dieſem Augenblicke einen erhabenen Ernſt und eine eiſerne Kraft ausdrückte, wie er ſie dem früher ſo ſanften und gebeugten Jüngling nie zugetraut hätte. „Mein Freund,“ fuhr Ephraim unerbittlich fort„ich wage es kühn zu behaupten, der Schü⸗ ler hat den Meiſter übertroffen. Der Haß, dieſer blutige Planet, der dein Leben bisher regierte, ſcheint zu erbleichen, und du wirſt ein ruhiger Weltbürger werden, wie der ſtarke Simſon ſeine 207 Kraft verloren, nachdem ihm das geweihte Haar abgeſchnitten worden. Ich aber werde den ein— geſchlagenen Weg unveränderlich fortſetzen, ſo lange es Menſchen gibt, die unſchuldig ans Kreuz geſchlagen werden. Die ſchmerzenreiche Liebe, mit der meine Seele die Welt umſchlingt, läßt keinen Raum übrig für perſönliche Freuden, für das Glück des Individuums. Ich habe zu den Füßen eines grauſam mißhandelten Menſchen einem, nur mit dem Sieg endenden, Kampf gegen die Feinde des Rechtes und der Freiheit mich verſchworen! Die Waffe zum Beginn des Kampfes habe ich gefunden, eine Waffe, die ich mit tiefem Wider⸗ willen aber mit feſter Hand ergreife. Als ich deinen Sohn aus einem hochgeſtellten Grafen in einen anſpruchloſen Bürger ſich verwandeln ſah, kam mir der Gedanke, daß der Sohn des Todtengräbers ſich eben ſo leicht in einen edlen Grafen verwandeln könnte. Ich hülle mich in die Löwenhaut die er weggeworfen, und hoffe der Gedanke an den erhabenen Zweck wird mir Kraft und Geſchick geben, das ſanfte harmloſe Lamm, das meiner Seele eingeboren, zu verbergen, und die ſchreckliche Rolle, die ich übernommen, täu⸗ 208 ſchend durchzuführen. Sieh mich an; prüfe An⸗ zug, Haltung und Geberde, bis auf den leiſeſten Zug des Geſichtes und den Tonfall der Stimme; ich habe meine Rolle trotz dem beſten Schauſpieler vor dem Spiegel einſtudirt. In dieſer Maske werde ich in meinen neuen Genoſſen auf der Welt⸗ bühne den nie erloſchenen Funken der Herrſch⸗ ſucht zur hellen Flamme anfachen. Ich werde in dem jüngern Adel die Luſt entzünden, die Rolle der alten Barone zu ſpielen— ich werde den Bogen ſpannen, bis er bricht!“ „Ephraim,“ rief der Mönch, indem er mit Be⸗ geiſterung die Hand des Jünglings ergriff,„denke nicht ſo gering von mir. Die Quelle meiner Thätigkeit mag nicht die reinſte geweſen ſein, ſie war in der That von perſönlichem Haß getrübt; aber im Verlauf meines Lebens iſt mein Geiſt ſelbſtſtändig genug geworden, um das Recht ſeiner ſelbſt willen zu vertheidigen. Ich werde dich nicht allein laſſen auf dieſem peinlichen Wege der Auf⸗ opferung und Hingebung. Unſere Thätigkeit wird um ſo mächtiger in ihrer Wirkung werden, als ſie zuſammengreifend, zwei Stände auf dieſelbe verhängnißvolle Bahn treibt, das Mittelalter einer An⸗ ſeſten nme; pieler ſaske Welt⸗ rrſch⸗ de in Rolle den 209 erleuchteten, widerſtandsfähigen Zeit aufzubürden. Was wir beide auch ſonſt im individuellen Leben wünſchen und fühlen, in unſerem großen Wirken und Streben bleiben wir die unerbittlichen Feinde und Alliirten der Reaktion!“ Die Perſonen, welche der Leſer kennen gelernt, ſitzen und weben noch heutigen Tages am ſau— ſenden Webſtuhl der Zeit. Die Erzählung ihres weiteren Wirkens muß dem Abſchluß unſerer ſchwe⸗ benden Zeitperiode vorbehalten bleiben. Nur ſo viel können wir ſagen, daß der Gerber Wenzel auf einer der Barrikaden Europa's tödtlich ver⸗ wundet worden. Seine Wunde wurde zwar durch ärztliche Kunſt und die Sorgfalt zärtlicher Freunde geheilt, aber die Wunde, die ſeinem ſtolzen Huſſiten⸗ herzen geſchlagen worden, wird ſo lange bluten bis dieſes wackere Herz den letzten Pulsſchlag empfunden. Ende. Druck von G. Bernſtein in Berlin, Mauerſtraße 53. 5010F& Grey Controſ Chart Cyan Green Vellow Hed Magenta