„ ¹ ] 3 — N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: Morgens werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2— 3 3 9 2 2 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — Alliirten der Reaction. Noman „ von Isidor Heller. Erſter Band. Berlin, 1852. Allgemeine Deutſche Verlags⸗Anſtalt. Erſtes Buch. Mond und Sterne ſind erblichen, ein Geſtirn blieb noch immer: Nur das Sternbild des Krebſes, deutungsvoll in fahlem Schimmer. Doch vor Sankt Liguoris Kirche, auf der Bank ſich ſtreckend breit, Ruft ein heil'ger Mann behaglich: Welch ein ſchöner Tag iſt's heut!— Spaziergänge eines Wiener Poeten. *) Das Kloſter der Liguorianer in Wien wurde im Jahre 1848 von Volkshaufen geſtürmt. Die vertriebenen Mönche find noch heutigen Tages nicht zurückgekehrt. 1. Wenn man in Wien vom Donauquai der Leo⸗ poldſtadt oder dem anliegenden Glacis nach der hochliegenden innern Stadt hinaufſieht, bemerkt man ſeitwärts vom himmelanſteigenden St. Ste⸗ phan einen ſchlanken Kirchthurm, der weniger durch ſeine Höhe als durch die reizende und eigen⸗ thümliche Form ſeiner Spitze die Aufmerkſamkeit anregt. Dieſe Spitze aus ſchwarzen Steinmaſſen nimmt ſich in der hohen Luft wie die feinſte Filigran⸗ arbeit aus. Sie bildet einen Blumenkelch aus dem ein Kreuz hervorwächſt. Der Fremde der zum erſtenmal von dieſem Punkte die Stadt betrachtet, iſt gewiß nicht wenig verwundert, daß ihm auf ſeinen Wanderungen durch den beſchränkten Raum der innern Stadt dieſer merkwürdige Thurm noch nirgends aufgefallen. Auf Erkundigung erfährt er, daß dieſer Thurm I. 1 2 in einem abſeits liegenden Winkel der Stadt ſtehe wo die engen Straßen den Ueberblick des Baues hindern, und daß er zur Kloſterkirche der Liguo⸗ rianer gehöre. Das eigenthümliche Mienenſpiel das ſich bei dieſem Namen auf dem Geſicht des Auskunft ge⸗ benden Wieners zeigt, reizt die Neugierde. Man braucht aber nicht lange zu forſchen um die um— laufenden ſchlimmen Gerüchte über das Treiben dieſer Mönche zu erfahren. Jeder Wiener wird Euch ſagen: Das ſind die frommen Väter mit den harten verkniffenen Geſichtszügen, die mit zur Erde gebeugtem Haupt und ſeitwärts ſchielenden Augen, den breitkrämpigen Hut tief in die Stirne gedrückt durch die Straßen der heitern Stadt wie das boͤſe Gewiſſen ſchleichen. Sie dürfen nur zu zweien ausgehen um ſich gegenſeitig zu überwachen. Sie ſetzen das Geſchäft der ehemaligen Jeſuiten unter einer andern Firma fort; verſetzen die Milch des Glaubens mit bethörenden Stoffen, erſchleichen Erbſchaften und dringen verwirrend in das Fa⸗ milienleben. Ihr eifrigſtes Streben zielt dahin alles Licht zu verlöſchen bis auf die trüben rau⸗ chigen Kerzen ihrer Kandelaber. ift ge Man e um reiben wird nur zu wachen. Jeſuiten Milch 3 Um an den Ort wo ſo viel Unheil gebrütet wird zu gelangen, geht man vom Donauquai durch das„Neuthor“ quer über den„Salzgries, klimmt dann die hohe ſteile Treppe hinauf, die hier aus dem Donauthal auf die Höhe der innern Stadt führt, und gelangt auf einen kleinen formloſen Platz, der eine ſtark geneigte ſchiefe Ebene bildet. Dieſer ſeltſame Platz iſt von alten düſtern Häu⸗ ſern und der hohen Fronte einer Kirche eingefaßt. Das iſt die alte Kirche zu„Mariaſtiegen“, die jetzt den Namen zu St. Liguori führt. Das Portal der Kirche iſt ziemlich impoſant und von der Zeit geſchwärzt, eine breite hohe Steintreppe führt hinan. Aber die r ſchöne Ein⸗ gang iſt meiſt geſchloſſen, und wer in das Innere will, muß um die Ecke in ein ſchmales, von der hohen Kirche verfinſtertes Gäßchen biegen und an der Seitenmauer ein unſcheinbares Pförtchen ſuchen. Beim Eintritt wird man jedoch nicht wenig überraſcht. Man hat die furchtbarſten Schauer eines fanatiſchen Mönchthums erwartet: rieſige Krucifixe mit gräßlich verzerrten Mienen und klaf⸗ fenden blutrünſtigen Wunden, eine modrige At⸗ moſphäre, unheimliche Dämmerung, Altarblätter 4 von Höllenbreughel, Wände mit hundertjährigem Staub. Und man findet einen hellen luftigen Raum, die Wände mit heitern friſchen Farben bedeckt. Der Fußboden von weißen Steinplatten iſt blank geſcheuert, die Bänke ſind wohl polirt und Kanzel, Chor und Altäre faſt kokett geſchmückt. Die Krucifixe ſind ſo niedlich, daß eine fromme Dame ſie in ihrem Betzimmer aufſtellen könnte; die Altarblätter enthalten die gefälligſten Scenen aus der chriſtlichen Mythologie, ſind von Künſtler⸗ hand gemalt und von neuem Datum. Die Orgel dröhnt hier nicht wie die Poſaune des jüngſten Gerichtes, ſie iſt dem zarteſten Nervenſyſtem an⸗ gepaßt. Von der Kanzel kreiſcht kein hohlwan⸗ giges, zahnloſes Geſpenſt Flüche und Drohungen; ſondern ein bildſchöner junger Mann mit ſchwär⸗ meriſch blitzenden Augen und ſchneeweißen feinen Händen predigt eine phantaſtiſche zauberreiche Lehre, die ſich wie hochromantiſche Poeſie anhört. Unter ſolchen Umſtänden iſt es kein Wunder, daß das zarte Geſchlecht dieſer Kirche ein zahl⸗ reiches Publikum und ſolchen Seelenhirten eine ergiebige Heerde liefert. Hieher wallfahrten alte und junge Sünderinnen um nagende Erinnerungen aus d Dame tete⸗ Weibe Wund D ſames das i grund findet Kirch Möb dief grigem uftigen Farben platten p olirt zmückt. romme könnte; Scenen jnſtler Orgel ingſten em an⸗ hlwan⸗ zungen; ſchwär⸗ feinen Lehre, 5 aus der Seele räuchern zu laſſen, lebensſatte Damen aus der vornehmen Welt, die für ermat⸗ tete Phantaſien neue Reize ſuchen, und bethörte Weiber aus dem Volke die den Himmel um ein Wunder beſtürmen. Dem nicht katholiſchen Beſucher dürfte ein ſelt— ſames Möbel auffallen und unerklärlich erſcheinen, das in den Ecken der Sakriſtei und im Hinter⸗ grunde der Kirche in mehren Exemplaren ſich be⸗ findet. Dieſes Möbel iſt in jeder katholiſchen Kirche hier jedoch zahlreicher anzutreffen. Dieſes Möbel iſt ein äußerſt wichtiges Inſtrument für die frommen Väter zu St. Liguori, es iſt für ſie das ſogenannte Ohr des Dionys, durch welches ſie die ganze Stadt belauſchen, denn ſie haben großes Intereſſe Alles zu wiſſen, was im Innern der Häuſer der ſie umgebenden ſündigen Welt vor⸗ geht. Dieſes Möbel nennt man einen— Beichtſtuhl. Ein Beichtſtuhl hat viel Aehnlichkeit mit einer großen Sänfte ohne Tragſtangen. In der Mitte befindet ſich eine Scheidewand, in die eine Luke geſchnitten iſt. Die Luke iſt meiſt vergittert. Zwei ſchmale Eingänge ohne Thüren führen in die ab⸗ getheilten Räume. Die eine Abtheilung hat eine 6 Bank für den als„Beichtvater“ fungirenden Geiſt⸗ lichen, deſſen Ohr, wenn er ſitzt, an die Luke reicht. Auf der andern Seite der Scheidewand befindet ſich ein Kniebrett für das„Beichtkind“, deſſen Ge⸗ ſicht beim Knien unterhalb der Luke bleibt, ſo daß es nicht geſehen wohl aber von dem Lauſcher an der Luke deutlich gehört werden kann. Das nennt man die Ohrenbeichte, wobei der Vertreter der Kirche dem ſündigen Beichtkind durch Mahnung und Buße zur Gunade zu verhelfen hat, gleichviel welchen Namen und Stand es in der Geſellſchaft beſitzt. Auf der andern Seite ſieht das Beicht⸗ kind keinen Mann mit weinrother Naſe, wohlge— mäſtetem Leib, ſchlauem oder nichtsſagendem Blick, verſchmitzten oder einfältigen Zügen; die Luke in der Scheidewand erſcheint ihm als ein Fenſterchen am Himmel, durch welches die reumüthigen Ge⸗ ſtändniſſe aus dem Dunkel des irdiſchen Raumes und der nächtig umſchatteten Seele zu Gottes Ohr emporſteigen und die verſöhnenden Worte des Mittlers herniedergleiten. Der Beichtſtuhl unter der Orgel der Liguo⸗ rianerkirche hat für unſre Erzählung ein beſonderes Intereſſe. In der Form unterſcheidet er ſich durch⸗ eines tern Wo⸗ muͤl 9 wi füͤh ein Geiſt⸗ reicht. efindet en Ge ſo daß ger an nennt r del hnung ichviel llſchaft Beicht⸗ ohlge⸗ Blic, ꝛuke in ſterchen en Ge⸗ aumes Gottes Worte Liguh⸗ nderes durch⸗ ——:ʒ:—y— 7 aus nicht von den andern, aber einiges Schnitz⸗ werk an den äußern Wänden macht ihn weniger düſter und der Knieſchemel iſt mit einem weichen Polſter bedeckt. Er iſt für die Geſtändniſſe vor⸗ nehmerer Damen beſtimmt, die noch zu jung ſind um den Beichtiger ins Haus kommen zu laſſen. In dieſem Beichtſtuhl unter der Orgel ſchlich eines Tages nach der Frühmeſſe eine ſanfte zit⸗ ternde Stimme zu dem Ohr des Beichtigers. Die Worte ſtiegen vereinzelt empor, als rängen ſie ſich mühſam aus einer beklommenen Wuſt. „Chrwürdiger Vater!“ flüſterte die Stimme, „nimm mein Zagen nicht für das ſchlimme Ge⸗ fühl drückender Schuld. Ich kam nicht hieher um eines frevelhaften Bewußtſeins durch Geſtändniß quitt zu werden. Die Qualen meiner Bruſt heilt keine Buße. Nur dieſer enge finſtre Beichtſtuhl macht mich ſo beklommen und dieſe dumpfe Luft, in der abſcheuliche Geſtändniſſe zu modern ſcheinen. O, ich habe das Tageslicht nicht zu ſcheuen und den Laut meiner Stimme nicht zu fürchten. Nicht bußfertig ſondern anklagend und fordernd trete ich vor den Diener der Kirche!—“ Nach einer kleinen Pauſe, in welcher das Beicht⸗ V E8 8 8 kind ſeine Kraft zu ſammeln ſchien, fuhr die Stimme mit einem tieferen Ausdruck des Schmerzes aber mit größerer Sicherheit fort:„Vor einigen Wochen habe ich an dem Altar dieſer Kirche einem Manne Liebe und Treue geſchworen. Ach, ich wußte da⸗ mals nicht, faſt Kind noch, was ein Gatte unter dieſem Gelübde verſteht. Wenn ich es jemals mit Bewußtſein ausgeſprochen, es hätte einem Andern gelten müſſen, der vielleicht jetzt gleich mir ver⸗ zweifelt.— Dieſen Schwur gebt mir zurück, den Ihr im Namen der Kirche in Empfang genommen! Mein Herz weiß nichts davon und mein heiligſtes Gefühl ſträubt ſich gegen deſſen Erfüllung. Die⸗ ſes unnatürliche Bündniß, das man betrügeriſch geknüpft, löſet es wieder, oder ich muß an Euch und Eurer heiligen Sendung verzweifeln!“ Der Schluß dieſer ungewöhnlichen Beichte wurde jenſeits der Scheidewand von einem langen tiefen Athemzug begleitet, wie der eines Menſchen, der mit geſpannter Aufmerſamkeit athemlos gelauſcht hat. Dann folgte tiefe Stille, die nicht eher un⸗ terbrochen ward, als bis die Dame ſich ungeduldig von den Knien erhob. Das Rauſchen ihres ſeidenen Gewandes mochte den Beichtiger aus der Beſtür- — zung ſunke hinte Dieſe wie! die mäch timme eer mit Vochen Manne nmen! lgſte Die⸗ geriſch Euch wurde tiefen zeſtüt⸗ 9 zung oder dem ernſten Nachdenken, in das er ver⸗ ſunken ſchien, geweckt haben. Denn jetzt ließ ſich hinter der Luke eine tiefe Stimme vernehmen. Dieſe Stimme war nicht feierlich oder väterlich wie bei einer gewöhnlichen Beichtſtuhlrede, ſondern die Worte wurden hart und zürnend aus einer mächtig bewegten Bruſt herausgeſtoßen. „Unſeliges Weib!“— rief der Mönch lauter als es ſich für den Beichtſtuhl geziemte—„Du biſt für immer dem Schmerz verfallen. Nie löſt die Kirche was ſie einmal gebunden!— Tritt hin vor den Altar und erwarte was ſich Dir offen⸗ baren wird. Wohl Dir wenn Du der Macht der Erſcheinung unterliegſt; doppelt wehe wenn Du den Moment überdauerſt!“ Die Beichtende erſchrak mächtig bei dieſem furchtbaren Orakelſpruch. Die Kirche hatte nicht bloß ihre Forderung zurückgewieſen, ſondern be⸗ drohte die Frevlerin noch mit furchtbaren Strafen, die in dem geheimnißvollen Dunkel des Orakels wie geſpenſtiſche Schatten erſchienen. Die religiöſe Erziehung der unglücklichen Frau hatte es nicht an grauſen Wundern, abentheuerlichen Märchen und ſchauerlich ſüßen Ahnungen einer über- und 10 unterirdiſchen Welt fehlen laſſen, und der finſtre Beichtſtuhl, die weite Oede der Kirche und die eigene Aufregung waren nur zu ſehr geeignet die Macht eines anerzogenen und nie beſtrittenen Glau⸗ bens zu ſteigern. „O Himmel!“— dachte die geängſtete Frau— „was mag mir dort am Altare bevorſtehen? Wird ſich die Thüre des Tabernakels aufreißen und von der Monſtranz ein Blitz zerſchmetternd auf mich niederſtürzen? Oder wird die Madonna aus dem Altarblatt treten und drohend die Hand gegen mich erheben?— O die Kirche iſt ſchrecklich in ihrem Zorn, nund der Segen ihrer Liebe iſt für mich zum Fluch geworden!— Doch was kann mich treffen, das ſchlimmer wäre als die Fort⸗ dauer meiner entſetzlichen Lage! Was hat der zu fürchten dem die Erinnerung ein Feuerbrand und die Gegenwart eine Hölle iſt!“ Mit dem Muthe der Verzweiflung, der ihrer Sprache im Beichtſtuhl ſo viel Trotz gegeben, ſchritt die Dame in fieberhafter Erregung durch die Kirche zum Altar. Doch hier verließ ſie die mühſam aufgebotene Kraft. Sie ſank in die Knie und wäre ohnmächtig auf die Stufen des Altars — —— 11 hingefallen, wenn nicht in dem Augenblicke das e der ⸗ Geräuſch männlicher Schritte aus der Tief Kirche an ihr Ohr geſchlagen hätte. Die Nähe eines Menſchen, eines Mannes nahm dem öden Raume ſogleich ſeine ſinnverwirrende ſpukhafte Eigenthümlichkeit. Die grauſen Geiſter welche in der Luft zu ſchweben ſchienen verſchwan⸗ den, und die trübe Nacht welche über die Sinne der Dame hereinzubrechen drohte, wich dem hellen Tageslicht das durch die hohen Fenſter hereinfiel. Wie zu einem rettenden Engel wandte die Kniende, noch unfähig ſich zu erheben, ihr Geſicht gegen den Heranſchreitenden. Dieſer Mann ſchien ſiech und gebrochen. Die dunkle Kutte des Li— guorianermönchs hing ſchlaff um ſeinen hagern Leib, ſein Kopf war auf die Bruſt geſenkt und verhüllt von der tief ins Geſicht herabgezogenen Kapuze, ſein Schritt war ſchwankend und zögernd. Aber er war jedenfalls ein wirklich lebender Menſch, und ſeine Anweſenheit mächtig genug alle Grauen der Geiſterwelt zu verſcheuchen. Als der Mönch am Altare anlangte, wandte er ſich zu der knienden Dame. Seine gebeugte Geſtalt richtete ſich auf, und aus der zurückge⸗ 12 worfenen Kapuze trat der herrlich geſchnittene Kopf eines jungen Mannes. Die Bläſſe des Grames in ſeinem Geſicht erhöhte nur den Ausdruck ſeiner edlen ſeelenvollen Züge, und der düſtre Blick gab ſeinem großen Auge bewältigende Gluth und Kraft. Ein ſonniger Strahl entzückender Ueberraſchung überflog die vor Erſchöpfung matt gewordenen Züge der Dame, ihren Lippen entſchlüpfte ein leiſer Freudenſchrei und raſch ſtreckte ſie gegen den Mönch den Arm aus, als wollte ſie ſein Gewand faſſen und ſich überzeugen, ob die vor ihr ſtehende Geſtalt nicht ein Trugbild ihres fiebernden Kopfes ſei. Doch eben ſo ſchnell ließ ſie den Arm ſinken; Scham und Qual löſchten das Freudenfeuer ihrer ſchönen Augen, hohe Röthe überſtrömte ihr holdes Geſicht, das ſo ſanft und kindlich war wie der Frühling, und wich bald der Todesbläſſe eines heftigen Schmerzes, der ihre Bruſt krampfhaft zu⸗ ſammendrückte. Denn die Lippen des Mönchs hatten ſich ſchrecklich verzerrt, als wollten ſie einen gräß⸗ lichen Fluch ausſprechen; aber kein Laut kam über ſeinen Mund, nur ſeine Zähne zeigten ſich wild ver⸗ biſſen und unter ſeinen zuſammengezogenen Brauen ſchoſſen Blicke hervor, vernichtend zermalmend. L 6 13 Einen Augenblick ſchien es, als wollte der An⸗ des Jammers in dem die unglückliche Frau rſunken war, den furchtbaren Zorn des Mönchs beſänftigen. Er neigte ſich herab gegen die Kniende, die lodernde Gluth ſeines Auges milderte ſich im Düſter der Trauer, ſeine Lippen bewegten ſich ſanfter, als ſuchten ſie ein Wort des Beileids. Aber dieſer ſchmelzende Hauch der Theilnahme er— ſtarb bald unter dem Gegendruck einer aufwallen⸗ den Erinnerung, die ſo heftig war, daß der Mönch entſetzt zurückfuhr, als hätte er eine Natter hinter Roſen erblickt, und mit einem wilden Schrei ſtürzte er in die hinter dem Altar befindliche Sakriſtei. Schnell wie der Gedanke war ihm die Dame nachgeeilt, aber der Riegel wurde von innen vor⸗ geſchoben, als ſie die Klinke der zugeworfenen Thüre faßte. Unbeweglich und ſtarren Blickes blieb ſie an der Thüre ſtehen. Ihr Herz war auf den Tod getroffen, ihr Leben beſchloſſen und nur mechaniſch athmete ihre Bruſt noch weiter. Eine geraume Zeit ſtand ſie da verſteinert wie eine Bildſäule. Ihre erſtarrte Seele war keiner Ueberlegung kei⸗ ner Gedankenverbindung fähig, Zeit und Raum 14 hatten für ſie aufgehört. Nur in einer einzigen Vorſtellung verlor ſich ihr ganzes Daſein, 46 dieſe Vorſtellung ſtand feſt und unbeweglich ihrer erſtarrten Seele wie die ſchwarze Schrift auf einem Leichenſtein:„Er ein Mönch— und ich— verheirathet! Beide lebend und doch todt für einander— die Kirche will die Gräber nicht öffnen!“ Doch die Welt ging neben ihr den Alltags⸗ gang weiter. Leute kamen in die den ganzen Tag offene Kirche, der Küſter ging wiederholt an ihr vorüber und betrachtete ſie anfangs verwundert dann mit dreiſter Zudringlichkgit. Das hnſ der Schritte und das beleidigende Mienenſpiel d Küſters erweckten in dem halberſtorbenen B. Vevußt⸗ ſein der Dame den dunklen Gedanken, daß ſie hier nicht länger bleiben könne. Betäubt wankte ſie hinweg, wie man das eben zugeworfene Grab einer theuern Perſon verläßt. Draußen vor der Thüre traf ſie auf einen Wagen, ein Bedienter in Liyree trat ihr mit abgezogenem Hut in den Weg. Eine dunkle Vorſtellung kam ihr in den Sinn, daß ſie in dieſen Wagen ſteigen müſſe. Willenlos wie ein Kind gehorchte ſie dieſer Vorſtellung und ließ 15 ſich in den Wagen heben. Der Wagen fuhr in ein ſchönes Palais und hielt vor einer breiten Treppe. Alles um ſie her ſchien ihr ſo bekannt und doch fremd und gleichgültig. Ohne daran zu denken, wohin es ging, ſtieg ſie dem Zug der Ge⸗ wohnheit nachgebend, auf den Arm des Dieners geſtützt zu ihrem Zimmer hinauf. Dort angekom— men und unfähig ſich länger aufrecht zu erhalten ließ ſie ſich, noch den Hut auf dem Kopfe und den Shawl um die Schultern, auf den nächſten Fauteuil nieder, das ſtarre Auge zu Boden ge⸗ ſenkt und im wüſten Kopfe fortwährend den Ge⸗ danken wälzend:„Er ein Mönch und ich verhei⸗ rathet— die Kirche will nicht die Gräber öffnen!“ Endlich trat die Kammerfrau herein und war nicht wenig betroffen ihre Herrin in vollem Pro⸗ menadenanzug auf einem Fauteuil in der Nähe der Thüre ſitzen zu ſehen. Sie ſprach darüber ihr Erſtaunen aus, und wie die Dame von der bekannten Stimme geweckt den Kopf erhob, be⸗ merkte die Dienerin mit Schrecken die gläſernen Augen und das todtenbleiche Geſicht ihrer Herrin. Sie beeilte ſich ihr den Hut abzunehmen und d enganſchließende Kleid zu löſen. Wie die Dame* 16 ihre Dienerin, ihre geliebte Amme und ſtäte Ge⸗ fährtin ihres Lebens ſo zärtlich mit ſich beſchäftigt ſah, und der Ton ihrer Stimme ſo mütterlich be⸗ ſorgt in ihr Ohr drang, kam wieder Leben in ihr erſtarrtes Herz; ſie ſchlang heftig ihre Arme um die treue Magd und ein Strom von Thränen löſte den Starrkrampf ihrer Bruſt. — In ganz andrer Weiſe äußerte ſich der Schmerz, der in der Bruſt de Mö önchs wühlte. Der Brand n ſeinem Innern kehrte ſich als Lavaſtrom gegen 3 Außenwelt. Als er in ſeiner Zelle angekom⸗ men, ſtieß er das erſte was ihm im Wege war mit einem Fußtritt nieder; es war eine Staffelei mit einem noch nicht vollendeten myſtiſchen Bilde. Dann ergriff er einen Farbentopf und ſchleuderte ihn wild zu Boden, ſo daß die Scherben umherflogen und die Farbe die Wände beſpritzte. Das Unheil das er angerichtet that ihm wohl; ein herbes Lä⸗ cheln zuckte auf ſeinen Lippen.„Armſeliger Topf“— rief er, indem er mit wildem Blick umherſah— „ich wollte es wäre dieſe elende Welt, die ich zer— ſchmetterte.— Und was hindert mich die Welt zu vernichten?“ fuhr er fort, indem er die Scher⸗ ben ſinnend betrachtete.—„Ich brauchte doch nur I. 2 18 einen Muskel in meiner Bruſt zu durchſchneiden und es giebt für mich keine Welt mehr?“ Dieſer Gedanke ſchien ihn ſehr zu erfreuen; er lachte grell auf wie der Gefangene, der in einem Winkel ſeines Kerkers eine Feile gefunden und im ſichern Gefühl ſeiner Rettung an das verblüffte Geſicht des Kerkermeiſters denkt, der am nächſten Morgen das Gitter durchbrochen und den Käfig leer finden wird. Aber dieſer Gedanke waltete nicht lange vor. Sein Zorn gegen die Welt war mächtiger als das Gefühl ſeines Elends. Nicht mit Gott grollte er, ſondern mit der Menſchheit war er zerfallen; gegen dieſe ſtreckte ſich ſeine ge⸗ ballte Fauſt, die er einen Augenblick gegen ſich ſelbſt erhoben. „Selbſtmord“, ſagte er,„wäre kindiſch, die Welt bliebe unberührt von dem Eiſen, das meine Bruſt durchſchnitten; ſie würde wohl gar des Thoren ſpotten, der in ohnmächtiger Wuth ſich ſelbſt zer⸗ ſtört, anſtatt den Feind zu treffen. Nein ich will leben, wie der Strom der ſich verheerend über die Flur ergießt, wie der Orkan der mit ſtolzen Schif⸗ fen Fangball ſpielt. Ich will ſo viel Glück zer⸗ ſtören, daß die Anſicht der Kirche, dieſe Erde ſchneiden erfreuen; in einem nund im verblüffte nächſten en Käfig 1b waltete Velt war Aicht tenſchheit ſeine ge⸗ ggen ſich die Welt ne Bruſt Thoren elbſt zer⸗ ich will über die en Schif⸗ 11 4 enck zer⸗ Zück zer „ Erde 19 gehört dem Böſen, ſich bewähren ſoll. Mein Or⸗ den ſoll mich loben!— Der Anfang iſt gemacht, dieſes Weib habe ich zertreten, ſie kann nur noch wie ein leckes Schiff hinſchwimmen, bis ſie die Laſt ihres Jammers hinabzieht ins ewige Nichts.— Nein ich that ihr nicht zu viel, mein namenloſes Leid ſchrie nach Rache. Niemand in der Welt hat das Recht glücklich zu ſein, ſo lange Einer durch ihre ſchlechte Einrichtung leidet. Ein hoch— müthiger König ſagte einſt: Ich bin der Staat! Das war ſinnloſe Anmaßung, aber jeder Menſch hat das Recht zu ſagen: Ich bin die Welt!“ Dieſes furchtbare Mitglied eines gefährlichen Ordens war noch ſechs Wochen vor dieſem Er⸗ eigniß ein blühender hoffnungsvoller Jüngling. Geburt und Beruf gaben alle Ausſicht auf lange Jugend und unerſchöpflichen Frohſinn; er war Maler und geborner Wiener. Selbſt ſein Name Guſtav Roſe ſtimmte zu einem friedlichen freu⸗ digen Leben. Das Kaffeehaus auf dem„Mehlmarkt“, voll luſtiger in den Tag hinein lebender Künſtler, die Tanzſäle zum„Sperl“ und die Landparthien um Wien waren die heitere Welt des Jünglings 2* 20 geweſen. Der eiſige Hauch des Forſchens und Grübelns, der die Seelen der norddeutſchen Ju⸗ gend allzu früh erkaltet, drang noch nicht über die Grenzgebirge Oeſterreichs; die Kämpfe im Schooß des Staates und der Kirche klangen da⸗ mals den Wienern ſo ferne wie da Gewehrfeuer der Tſcherkeſſen im Kaukaſus. e Weltgeſchichte mit ihren furchtbaren weaneuehn fihe dem glück⸗ lichen Maler kaum mehr als eine Stoffſammlung zu intereſſanten Scenen für den Maler und Dichter. Ueberdies beſchäftigte Roſe ſeinen Pinſel nicht mit der ernſten Geſchichtsmalerei; er hatte zu viel Ta⸗ lent und geſundes Urtheil um über ſeine Welt hinaus zu greifen. Er fühlte wohl, daß man in einer großen Zeit und unter großen Menſchen leben müſſe um großartige Modelle zu finden. „Das Studium großer Muſter“, dachte er, wenn er durch die Rubensgallerie im„Belvedere“ be⸗ wundernd ſchritt,„würde mich höchſtens zum ge⸗ ſchickten Copiſten machen. Ein gewaltiger Schild und ein breites Schwert macht noch keinen Achil⸗ les, die Toga gibt noch keinen Römer. Wahrheit und ergreifende Darſtellung läßt ſich nur dem Leben entnehmen. Jede Zeit“, tröſtete er ſich, ehrfeuer geſ hichte Schild Achil⸗ gahrheit ur dem r ſich, 21 „hat ihre Kunſt; unſer bürgerliches Kleinleben findet ſeinen künſtleriſchen Ausdruck im Genrebild, und wenn wir der Nachwelt mannigfaltige Fa⸗ milienſcenen, Wirthshaus⸗ und Dorfbilder und eine Anzahl Porträts hinterlaſſen, haben wir ihr die Geſchichte unſerer Zeit überliefert.“ Dieſer Anſicht, dunkel oder klar, folgten die meiſten Wiener Maler. Guſtav Roſe unterſchied ſich nur in Einem von dem größten Theil ſeiner Kunſtgefährten. Während Andre in den Bier⸗ häuſern der Vorſtädte, in der elenden Wohnung des Taglöhners und in den Herbergen der Wohl⸗ luſt nach Modellen jagten, trachtete ſein zarter Geſchmack und ſeine Neigung feinere ſeeliſche Zu— ſtände im äußeren Ausdruck zu erfaſſen, in die Häuſer des Adels zu kommen, wo er noch Reſte von Ritterlichkeit, edlen Stolz und Schwung des Gefühls zu finden hoffte. Dieſer Wunſch wäre für einen noch wenig bekannten Maler, wie Roſe, nicht leicht zu befrie⸗ digen geweſen; aber glücklicherweiſe erfreute er ſich eines mächtigen einflußreichen Gönners, auf deſſen Empfehlung er große Hoffnung ſetzte. Die⸗ ſer Gönner war ſein Oheim, ein alter, ſcheinbar außer der Geſellſchaft ſtehender Mann— der Prior der Liguorianer. Guſtav Roſe haßte den Orden eben ſo ſehr wie die meiſten Wiener, und er hütete ſich wohl im Kreiſe ſeiner Kunſtgenoſſen ſeine nahe Ver⸗ wandſchaft mit dem Obern dieſes Ordens merken zu laſſen; er hätte ſich mindeſtens ewigen Necke⸗ reien ausgeſetzt. Er kam auch nur ſelten ins Kloſter; das dumpfe Haus war nicht nach ſeinem Geſchmack und das Weſen ſeines Oheims contra⸗ ſtirte unerquicklich mit ſeinem offenen fröhlichen Naturell. Indeß blieb er doch immer ſein einzi⸗ ger Verwandter, der den früh Verwaiſten ſtets gütig behandelt und reichlich unterſtützt hatte. Gegen dieſen Mann ſprach Roſe zuweilen den Wunſch aus in den Häuſern des Adels Beſchäf⸗ tigung für ſeinen Pinſel zu finden, und bat um ſeine Verwendung. Der Alte that gewöhnlich als hätte er die Bitte ſeines Neffen überhört. Eines Tages erhielt jedoch Roſe unerwartet von der ver⸗ wittweten Gräfin V. die Einladung nach ihrer Villa in Meidling zu kommen um dort die junge Comteſſe zu porträtiren. h ſeinem contra⸗ atzchon röhlichen t in einzi⸗ en ſtets atte. 1 eilen den Beſchãf⸗ bat um glich als Eines L „ver⸗ der ver ihrer je junge 3. Als der junge Maler in der Villa V. vor den breiten marmornen Stufen ſtand, die in die obern Zimmer führten, fühlte er ſich ſeltſam beklommen und verlegen. Es war das erſtemal, daß er mit der hochgebornen Kaſte in unmittelbare Beziehung treten ſollte. Dieſe ſtolze glänzende Kaſte hatte er bisher nur auf der Straße geſehen, wo ſie in prächtigen Wagen wie der Blitz vorübereilte, oder bei feierlichen Aufzügen des Hofes, wo ſie wie die Götter der Erde auftrat innerhalb einer eiſer⸗ nen Mauer von Bajonetten, oder in der Oper wo ſie in eigenen Logen ſaß, unnahbar für den Plebejer, in Prachtgewändern und von Edelſteinen blitzend. Der Wiener haßt den Adel nicht, da dieſer ihm nicht mit beleidigendem Hochmuth entgegen⸗ tritt. Er hegt ſogar eine gewiſſe patriarchaliſche Vorliebe für eine Kaſte, deren Glanz der ſüdlichen 24 Prachtliebe entſpricht, und die mit Orden behängt und mit reichen Uniformen bekleidet, einen ſtrah⸗ lenden Hof um den Thron bildet*). Jenes ſtolze Selbſtbewußtſein kennt der Wiener nicht, das nichts über ſich duldet als den überlegenen Geiſt und das überragende Verdienſt; die mächtige Thatkraft pocht nicht in ſeiner Bruſt, die an jeder Schranke ſich zu Tode ringt; die Idee der Menſchenrechte hat ihm noch nicht den bleiernen Schlaf geraubt. So war es denn nicht das bittere Gefühl der Unterthänigkeit, nicht die Kränkung der zum Die⸗ nen gezwungenen Kunſt, was der Maler Roſe empfand, als er die Marmortreppe hinaufſtieg um ſich der Gräfin vorſtellen zu laſſen, ſondern die ſchüchterne Befangenheit eines Kindes das vor eine Perſon geführt wird, deren Urtheil ihm Auto⸗ rität iſt. Er ängſtigte ſich vor der Möglichkeit, daß ſeine linkiſche Haltung oder ſeine plebejiſchen „ Selbſt während der Revolution des Jahres 1848 hat der Adel als ſolcher nicht die geringſten Inſulten erfahren. Im öſterreichiſchen Reichstag ſaßen ungefährdet Grafen und Fürſten und ein Antrag auf Abſchaffung der adeligen Titel wurde mit Gleichgültigkeit aufgenommen und durch die Ta⸗ gesordnung heſeitigt. Mani entlo ( zuzie ihm ſeifer Wel „de ein Fre ger ade im Auto⸗ glichkeit, bejiſchen 1848 hat erfahren. ffen und 1 Titel 25 Manieren der feinen Dame ein ſpöttiſches Lächeln entlocken könnten. Dem Wiener fällt es nicht ein den Adel herab⸗ zuziehen, ſondern ſein Streben geht dahin ſich zu ihm hinaufzuſchrauben. Der reiche Bürger wett⸗ eifert mit ihm in Aufwand und Luxus, und alle Welt bis zum Schuhmacher und Krämer läßt ſich „Herr von“ tituliren. Guſtav Roſe war eben auch ein ganzer Wiener und führte er auch mit ſeinen Freunden ein reines Künſtlerleben, das weder bür⸗ gerlich noch adelig war, ſo mochte er doch der adeligen Dame gegenüber keinen Makel bürger⸗ lichen Weſens blicken laſſen. Sorgfältig reinigte er daher ſeine Stiefeln vom Staube, prüfte in dem Spiegel des Vorgemachs aufmerkſam ſeinen Anzug und überlegte zum erſtenmal in ſeinem Leben, welche Haltung er annehmen ſollte, mit welchen Worten er ſich vorſtellen, und was er auf die verſchiedenen möglichen Bemerkungen der Dame antworten müſſe. Es ward ihm indeß erſpart in einer gezwun⸗ genen Komödie eine vielleicht falſche Rolle zu ſpie⸗ len; die Dame nahm ſeinen Beſuch nicht an. Der Kammerdiener durch den er ſich melden laſſen wollte, 2 2 6 erwiederte ihm mit dem Tone und der Miene der Kamaraderie:„Ah Sie ſind der Herr Maler? Die gnädige Gräfin hat ſchon Ihretwegen be⸗ fohlen. Kommen Sie nur mit in den Garten⸗ ſalon, Ihre hergeſchickte Staffelei iſt dort ſchon aufgeſtellt, und erwarten Sie da das gnädige Fräulein. Ich werde gleich der alten Ludmille der Kammerfrau Ihrer Gnaden melden, daß Sie angekommen ſind.“ Der junge Künſtler war nicht wenig ärger⸗ lich, daß man ihn als Handwerker behandelte und durch einen Bedienten gleichſam vor der Thüre beauftragen ließ. Seine Kränkung war um ſo größer als er ſich ſorgfältig auf eine noble Rolle vorbereitet hatte, und ſich nun ſelbſt lächerlich er— ſcheinen mußte. Doch tröſtete er ſich mit dem unverwüſtlichen Gleichmuth eines Wieners.„Sie ſind nun einmal nicht anders, dieſe vornehmen Leute. Wer nicht zu ihnen gehört, der iſt für ſie nicht weiter auf der Welt als um für ihr Geld all das zu bereiten, was ſie ſelbſt nicht machen können oder mögen. Ich muß ſchon die Dinge nehmen wie ſie ſind. Wollte ich den Beleidigten ſpielen, ſo würde ich mich nur wiederholten Er⸗ niedrig gung aber dieſes und dieſen in der ſinn Erin Men G geſeh her verſ den vom warm R ſien leue eine füh rt ſchon gnädige edmille lte und Thüre um ſo Rolle rlich er⸗ nit dem „Sie nehmen für ſie r Geld machen Dinge idigten Er⸗ en 27 niedrigungen ausſetzen, oder müßte auf Beſchäfti⸗ gung in dieſen Häuſern verzichten. Dann wäre es aber auch um die Möglichkeit geſchehen, die Köpfe dieſes Geſchlechtes in meine Mappe zu bringen, und am Ende ſuchte ich doch nichts weiter in dieſen Häuſern.“ Dieſe Betrachtung erweckte in ihm wieder den ganzen Künſtler und als er, vom Diener geführt, in den Gartenſalon trat, verdrängte ſein Kunſt⸗ ſinn unter dem Reiz der neuen Umgebung alle Erinnerung an das kleine Erlebniß, das er als Menſch erfahren. Der Salon nahm einen großen Theil des Erd⸗ geſchoſſes der Villa ein. Es war ein weiter ho— her Saal mit marmornen Fußboden aus carrirten verſchiedenfarbigen Platten. Zwiſchen den hohen Fenſtern reichten koloſſale Spiegel in Goldrahmen vom Boden bis an die Decke. Die andern Wände waren mit kunſtvoll geſtickten Tapeten bedeckt. Rieſige Luſter hingen an der Decke. Grüne Per⸗ ſiennes erhielten in dem weiten Raum die Be⸗ leuchtung mild, die Luft friſch und kühl. Durch eine mächtige Glasthüre, die auf eine Terraſſe führte, hatte man eine herrliche Ausſicht auf den ———ʒ 28 Garten und Park der Villa. Unterhalb der Ter⸗ raſſe lag der Blumengarten mit mehren Treib⸗ häuſern. Er wurde von einer hohen Baumwand begränzt, die der Terraſſe gegenüber einen Halb⸗ kreis bildete. Von der Baumwand führten ſchat— tige Aleen von alten Linden, Ahorn und Akazien in die Tiefe des Parks. In der Mitte der Baum⸗ wand gewährte eine ſchmale Lücke zwiſchen zwei rieſigen Eichen eine romantiſche Fernſicht auf einen See in Miniature, aus dem ſich eine kleine Inſel hob mit einer von Geisblatt umrankten Laube aus vergoldetem Eiſendrath. Und über alle dieſe Herr⸗ lichkeiten lag ein ſüßer würziger Duft gebreitet, der theils aus dem Garten aufſtieg, theils von den nahen kräuterreichen Gebirgen herabſchwebte, deren ſchöne Linien über den Gipfeln der Bäume einen reizenden Hintergrund bildeten. Der junge Künſtler hatte bereits viele herrliche Gärten geſehen, die in Wien eben nicht ſelten ſind und von denen die ſchönſten dem Publikum offen ſtehen. Er war darum über die Reize dieſer Anlagen nicht eben verwundert, obgleich ſein Auge ſich daran weidete und ſeine Bruſt mit Entzücken die ſüße Athmoſphäre einathmete. Das tiefe Er⸗ ſtaunen galt e bedecke die F Tribt hie u wand geleg der 1 ſen, Beko meng hwebte, Bäume errliche ſelten blikum dieſer Auge tzücken fſe Er⸗ 29 ſtaunen aber das ſich auf ſeinem Geſichte malte, galt einem andern Umſtand.— Salon und Gar⸗ ten zeigten nämlich auffällige Spuren einer Ver⸗ nachläſſigung, die um ſo unbegreiflicher war als die Herrſchaft ſelbſt anweſend war. Fußboden und Wände des Salons waren ſichtlich mit Staub bedeckt, die Spiegel ſchienen lange nicht geputzt, die Fontaine im Vordergarten ſprang nicht, die Treibhäuſer waren ziemlich leer und die Scheiben hie und da zerſchlagen. Die einſchließende Baum⸗ wand, urſprünglich im franzöſiſchen Geſchmack an⸗ gelegt, war ſchlecht geſchoren, in den Alleen ſchien der rothe Kiesſand nicht fleißig erneuert, der Ra⸗ ſen an der Terraſſe ſchien mit der Scheere wenig Bekanntſchaft zu haben. Nur die Beete des Blu⸗ mengartens ließen eine ſorgfältigere Pflege ahnen. Guſtavs Begleiter bemerkte ſein Erſtaunen und erklärte ihm mit der gewöhnlichen Redſeligkeit Wiener Bedienten dieſen ſeltſamen Zuſtand. „Einſt, ſagte er, war das Alles anders, da mußte hier und in unſerem Palais in der Stadt Alles in ſtrengſter Ordnung ſein. Kein Stäubchen durfte eine Minute lang auf einem Möbel ſitzen bleiben. Wir Angeſtellten hatten alle Hände voll 30 zu thun um den Tauſend Wünſchen der Herrſchaft zu genügen, und es hat Mancher ſeinen Platz ein⸗ gebüßt, der ſich Zeit nehmen wollte zu verſchnau⸗ fen. Damals gab's aber auch ein Kommen und Gehen, ein Rennen und Fahren von allen Herr⸗ ſchaften der Welt; im Winter in der Stadt, im Sommer hier draußen. Bald hieß es: Vierzig Gäſte auf eine Suppe einladen! Das war eine Suppe, daß vierzig Rieſen ſich auf eine Woche ſatt eſſen konnten. Bald gab's Thé dansant, bald soirée musicale. Der Teich den Sie dort ſehen, ſtand manche Nacht in Feuer, als wenn der Teu⸗ fel das Dachfenſter von der Hölle aufgemacht hätte. Die gnädige Herrſchaft fuhr darauf mit ihren Gäſten in kleinen ſchwarzen Schinakeln*), wie man ſie in Venedig haben ſoll, um Zwölf in der Nacht ſpazieren. Meiner Seel', wir Dienſtleute wußten zwiſchen Tag und Nacht keinen Unterſchied mehr.— Aber ſeit zwei Jahren hat der Wind umgeſchlagen. Man munkelt etwas von einem untreuen Liebhaber, und der Spiegel zeigt auch kein zwanzigjähriges Geſicht mehr— du lieber *) Provinzialism für Nachen. ſo viel ab, indeß wenn man ſein Schäfchen im 31 Gott, wenn man das auch noch für Geld haben könnte! Kurz und gut, die gnädige Gräfin war über Nacht wie verwandelt. Sie capricirte ſich darauf keine Beſuche anzunehmen, von Bällen und Luſtbarkeiten war nicht mehr die Red' und anſtatt eines ſchmucken Cavaliers von der neapolitaniſchen Geſandtſchaft beſucht uns zwei- dreimal die Woche ein alter ſchwarzer Schleppſack von St. Liguori.“ Dem Maler entfuhr hier ein leiſer Ausruf. Er begriff nun woher ihm, dem wenig bekannten Künſtler, der Ruf in dieſes ſtolze Haus gekommen. Der Diener deutete jedoch dieſe Bewegung in einem andern Sinne.„Ich weiß was Sie denken, Herr Maler,' ſagte er mit pfiffiger Miene,„und ich glaube, Sie haben Recht. Ich wette keinen kupfernen Kreuzer darum, daß nicht dieſer ſchwarze Schleicher ſeine Naſe im Teſtament Ihrer Gnaden hat. Indeß uns Dienſtleuten gefällt es jetzt beſſer hier als früher. Es fällt zwar jetzt nicht mehr Trocknen hat, will man auch bei Nacht ſchlafen und ein Stündchen im Bierhaus ſitzen. Am beſten hat es der Gärtner. Sehen Sie ſich nur den Garten an, lieber Herr! der alte Schelm von 32 Gärtner läßt ſich vom lieben Gott den Platz auf⸗ putzen und ſteckt das Geld ein für die Arbeit. Die gnädige Gräfin hört und ſieht nichts, auch wenn ſie einmal ganz vertieft durch den Garten ſpaziert, und Fräulein Eveline, ihr einziges Kind, iſt erſt ſeit dieſem Frühjahr aus dem Kloſter, wo ſie erzogen worden iſt, und begnügt ſich mit Gottes freier Luft und einem Paar einheimiſcher Blumen, die den Gärtner nicht viel koſten, und die Fräu⸗ lein Eveline obendrein täglich ſelbſt begießt.“ Die Erwähnung des Fräuleins erinnerte den Diener, daß er eigentlich die Ankunft des Malers längſt hätte melden ſollen, und da ſeine Sprech⸗ luſt durch keine Fragen des Malers gereizt wurde, ging er mit jener trägen Bequemlichkeit an die Erfüllung ſeiner Pflicht, der ſich Dienſtleute ſo gerne hingeben, wenn die Herrſchaft das Haus⸗ weſen ſich ſelbſt überläßt. Als der junge Maler allein durch dieſen Raum erſterbender Pracht und verblichenen Glanzes hin⸗ ſchritt, ogen Gedanken ganz neuer Art, von dem was er eben gehört angedegt, ſtürmiſch durch ſeine Seele. „Erſt Sünderin, dachte er, dann Betſchweſter! wie gemein, wie ſo ganz in der Weiſe der Hefe alers prech⸗ surde, n die tte ſo Haus⸗ Raum hin⸗ was Seele. eſter! Hefe 33 ihres Geſchlechtes!— Die einzige Tochter in ein Kloſter vergraben um die wilde Luſt von keinem zarteren Gefühl ſtören zu laſſen— welche Roh— heit des Herzens, welch grober Geſchmack im Ge⸗ nuß!— Und dieſe herrliche Villa für deren Aus⸗ ſtattung man ſonſt Kunſt und Natur in Athem hielt, möchte ſie jetzt in eine Wüſte verwandeln, ähnlich ihrem eigenen Herzen— welch frevelhaftes Spiel mit den Gaben des Geſchicks!“ Von dieſen Bemerkungeu kam er zu Betrach⸗ tungen über die Schichte der Geſellſchaft welcher die Dame angehörte. Wie die meiſten feurigen Köpfe ließ er ſich von zufälligen Erſcheinungen zu allgemeinen Anſichten und Sympathien oder Antipathien hinreißen. Ueberdies ſchienen ihm alle Perſonen, welche an den Gelagen dieſer Frau Theil genommen, und die ſie gewiß mit Schmei⸗ cheleien überhäuft anſtatt ihr entartetes Mutter⸗ herz mit Vorwürfen zu erſchüttern, als Mitſchul⸗ dige, als Naturen von gleicher Organiſation. „Sklaven ihrer Schwächen— rief er mit Bitterkeit—„von Müſſiggang und Ueberſättigung zu gewaltſamen Reizungen genöthigt, verſpottet und betrogen von liebloſen Dienern, endlich Spiel⸗ I. 3 34 ball und Fundgrube verſchmitzter Pfaffen! Dieſe Armſeligen ſcheinen uns Niedergeborenen die Göt⸗ ter der Erde! Und ich ſelbſt war Thor genug bei dieſem Geſchlecht die Züge hoher Naturen zu ſuchen. O ich ahne ſchon was ich finden werde: Hochmuth ſtatt Hochgefühl, Eigenwille ſtatt Kraft, Verzärtelung anſtatt der Grazie und Uebermuth anſtatt der Ritterlichkeit!“ Tief war ſeine Erregung; er hatte die erſte Enttäuſchung ſeines Lebeus erfahren. Die Jugend verwindet raſcher den Schmerz des erkannten Irr⸗ thums, aber der Sturz ſelbſt von der Höhe der Erwartung iſt bei ihr heftiger, gefährlicher. Und welche Enttäuſchung! wo er früher verehrt, bewun⸗ dert, ſollte er nun verachten, verabſcheuen— eine ſchmerzliche Nöthigung für Naturen die zum Lieben geſchaffen ſind. In der That gab er alle Hoff⸗ nung auf in dieſer Region den gewünſchten Stoff für ſeine Studien zu finden. Er hatte den Adel malen wollen und was er vorgefunden, ſchien ihm nur eine Pobleſſe, ein Stoff, meinte er, für die Satyre und Carricatur. Aufgeregt wie er war kehrte er endlich den Stachel ſeines Uebermuthes gegen ſich ſelbſt. Er machte ſich Vorwürfe, daß Dieſe Göt⸗ genug Iren zu werde: Kraſt, ermuth t erſte Jugend en Irr⸗ öhe der . Und bewun⸗ — eine Lieben e Hoff⸗ n Stoff n Adel ten ihm für die er war rmuthes fe, daß 35 er ſich auf dem Wege der Kunſt verirrt, indem er in dem Streben nach dem Idealen das Menſch⸗ liche überſehen habe, das ſich überall vorfinde, wenn nur Sinn und Auge offen iſt. Sollten die Zeichen der Mutterliebe in einem gewöͤhnlichen und ſelbſt häßlichen Geſichte, ſagte er ſich, kein feſſelnderes Abbild des Göttlichen in der Menſch⸗ heit geben. Wäre es nicht für die Kunſt würdi— ger in dem vom Mühe und Sorgen erdrückten Arbeiter nach jenen Linien urmenſchlichen Adels zu forſchen, in denen ſeine Gleichberechtigung liegt, als Schönheiten zu copiren, die mehr durch die Pflege der Haut und die Behaglichkeit des Lebens als durch die natürliche Zeichnung als ſolche er— ſcheinen. Wäre es nicht eine größere Aufgabe in die Kerker hinabzuſteigen und in manchem Auge den Blitz des Genius zu ſuchen, der durch die Geſellſchaft gegen die Geſellſchaft gedrängt wurde? 3* „* 4. Während der junge Maler dieſen Gedanken nach⸗ hing, in welchen ſein bisheriger Geſchmack mit einer neuen Kunſtrichtung kämpfte, öffnete ſich die Thüre des Salons und das Geräuſch weckte ihn aus ſeinen Träumen. Eine junge Dame trat herein, warf einen flüchtigen Blick auf den in ſeiner Ecke des Saales ſitzenden jungen Mann, und ſchritt dann raſch vor bis zu der Glasthüre die auf die Terraſſe führte. Sie ſah ſich ver⸗ wundert um als fände ſie nicht, was ſie erwartet hatte und ſagte dann halb gegen Roſe gewandt, der ſich von ſeinem Sitz erhoben hatte:„Man ſagte mir, der Maler erwarte mich.“ Beim erſten Anblick der jungen Dame glaubte der phantaſiereiche Jüngling nicht anders, als daß die Muſe der er huldigte, in den Streit ſeiner Gefühle entſcheidend eingetreten wäre um ihn auf dem bisher eingeſchlagenen Wege des Guido Reni nach⸗ ck mit ſich die kte ihn de trat den in Mann, asthüre ch ver⸗ rwartet ewandt, „ Man glaubte als daß ſeiner on auf o Reni 37 und Correggio feſtzuhalten.— Mit dieſem Vorbild, dachte er in Entzücken verloren, könnte ich die Erde mit Engeln erfüllen und die Kirchen mit Madonnen ſchmücken, die den Ungläubigſten zur Anbetung hinreißen müßten! Guſtav Roſe war kein Neuling in der ſchönen Welt, Anmuth und Liebreitz ſind für das Auge eines Wieners nichts Seltenes; aber noch nie hatte er eine ſo bezaubernde Miſchung von kindlicher Unbefangenheit und himmliſcher Heiterkeit mit dem geheimnißvollen Ernſt der Jungfrau geſehen, we⸗ der in einem Kunſtwerk noch im Leben. Ihre Formen hatten weder die Fülle welche die Sinne gefangen nimmt noch das Eckige und Ungelenke großer Jugend. Es war Pſyche's ſchlanke ſchwe⸗ bende Geſtalt. Sie bewegte ſich ſo keuſch, ſo un⸗ bewußt und mühelos, als wären ihre Glieder nicht aus dem ſchwerfälligen irdiſchen Stoff gebaut, und in ihrem fein geſchnittenen Geſicht milderte ein lebensfroher Ausdruck der friſchen Lippen und die ſanfte Röthe der Wangen die Kälte des reinen Blickes ihrer hellblauen durchſichtigen Augen. Der junge Maler hätte ſich bis zum letzten Athemzug in der Anſchauung dieſes himmliſchen 38 Bildes verlieren mögen. Ihre Frage berührte das Ohr des ſchwärmenden Jünglings faſt ſtörend, obgleich die Stimme ſüß und melodiſch war. Die Stimme hat immer etwas menſchlich Erregendes, indem ſie noch einen zweiten gröbern Sinn weckt, das Wort nöthigt zum Denken und ſtört die Ruhe beſeligender Anſchauung. Darum hat die Schrift an den Beginn der Erkenntniß den Verluſt des Paradieſes geknüpft, und eine grübelnde Zeit iſt das Grab der künſtleriſchen Inſpiration. Die junge Dame ahnte nicht im geringſten, was in Guſtavs Seele vorging, ſie wußte noch nicht, welche mächtigen Gefühle ſie einzuflößen vermochte. Ihre Miene verrieth bloß einige Ver⸗ wunderung über die Unbeweglichkeit des jungen Menſchen, der taub und ſtumm zu ſein ſchien. Guſtav jedoch entging nicht die leiſeſte Bewegung in dem lieblichen Geſichte, und die himmliſche Un⸗ ſchuld welche ihre Verwunderung ausdrückte, er⸗ füllte ihn mit einer freudigen Rührung, wie er ſie noch nie empfunden. Indeß konnte er ſich nicht länger dem ſtummen Anſchauen überlaſſen, die Frage des Fräuleins mußte beantwortet werden. Bei dem Zwange aud We W and gei erührte ſtörend, r. Die egendes, weckt, ie Ruhe Schrift uſt des Zeit iſt ringſten, te noch zuflößen ge Ver⸗ jungen ſchien. :wegung ſche Un⸗ kte, er⸗ wie er ftummen räuleins Zwange 39 aus der Region der Seligen in die conventionelle Welt herabzuſteigen hegte er den entgegen geſetzten Wunſch des Künſtlers Pygmalions, der die Götter anflehte ſeine Statue zu beleben. In ſeiner be⸗ geiſterten Stimmung konnte er jedoch den conven⸗ tionellen Ton nicht finden, und ſeine Antwort war mehr ein lyriſcher Ausbruch als eine Phraſe die den geſellſchaftlichen Verhältniſſen entſprechend ge⸗ weſen wäre. „Hier iſt der Maler,“ rief er, indem er raſch näher trat,„und es wird ſein höchſtes Glück ſein, wenn ſeine Kunſt dem Meiſterwerk der Schöpfung ein wenig nahe kommt.“ „Sie?“ ſagte das Fräulein erſtaunt ohne den zweiten Theil ſeiner Anrede zu beachten—„Sie ſind ein ſehr junger Maler.“ Sie ſprach das ganz unbefangen, ſichtlich ohne alle Nebengedanken; das ſanfte Roth ihrer Wan⸗ gen erhöhte ſich nicht um die leiſeſte Nüance, und die ſchönen ſeidenen Wimpern ſenkten ſich ſo we⸗ nig, daß der Maler bloß Neugierde empfand den Grund ihrer Verwunderung zu erfahren. „Und warum,“ ſagte er lächelnd,„ſollte der Künſtler, deſſen ſchönſte Aufgabe es iſt die himm— F 40 3 liſchen Reize der Jugend auf der Leinwand feſt⸗ zuhalten, nicht ſelbſt jung ſein dürfen?“ „Gewiß,“ erwiederte ſie lachend,„ſprach ich da eine Thorheit. Ich weiß ſo wenig von der Welt, und denke mir die Dinge nach meiner ge⸗ ringen Erfahrung. Wir haben da oben ein Por⸗ trait von Albrecht Dürer, und weil der alt aus⸗ ſieht, dachte ich mir einen Maler nicht anders als mit einem ſo ernſten bejahrten Geſichte. Nun ich bin recht angenehm vom Gegentheil überraſcht; einem alten fremden Mann viele Stunden gegen⸗ über ſitzen ſchien mir recht unbehaglich.“ Im Mund einer andern Dame hätten dieſe Worte ſehr herausfordernd geklungen, aber das kindliche Lächeln und der reine Blick, mit dem ſie hier begleitet wurden, erlaubten keine andere Aus⸗ legung als das natürliche Wohlgefallen, welches die Jugend an der Jugend findet. Aber für ſich ſelbſt fürchtete der Maler Ge⸗ fahr in der Fortſetzung eines lebenswarmen Ge⸗ ſprächs mit einem ſo reizenden Mädchen. Er ſetzte ſich daher ſchnell vor die Staffelei, nachdem er dem Fräulein ſchweigend einen Seſſel in ziemlicher Entfernung hingeſtellt. Er beeilte ſich ſeine Gefühle * d feſt⸗ rach ich von der ner ge⸗ n Por⸗ it aus⸗ anders Nun rraſcht; gegen⸗ n dieſe der das dem ſie re Aus⸗ welches er Ge⸗ en Ge⸗ r ſetzte dem er mlichet gefühle 41 in die Region der Kunſt zu flüchten, wo Bewun⸗ derung ohne Verlangen möglich iſt, und die Seele Genüſſe findet, die mit den Wallungen des Blutes und den Wirbeln des Herzens nichts gemein haben. Eine alte Kammerfrau kam ab und zu, ſetzte ſich, gähnte unverholen und ſchlich wieder von dannen. Eigentlich wäre es ihre Pflicht geweſen die junge Dame zu begleiten und zwiſchen ihr und dem Maler die Mittelsperſon zu machen. Allein der Dienſt im Hauſe wurde eben ſo nachläſſig betrieben als der Garten verwahrloſt war, und da das Fräulein wie ein neugieriges Kind in den Salon hinabgeeilt war, ſo ließ ſich die Kammer— frau Zeit ihm dahin zu folgen. Die Gräfin ſelbſt ſchien in ihrer tiefen Frömmigkeit alles Weltliche aufgegeben zu haben; ihr Sinn war lediglich mit dem beſchäftigt, was ſie das Höhere nannte. Ihre Tochter war ihr bei der langen Trennung ziemlich fremd geworden, und der Anblick dieſer hohen Un⸗ ſchuld hatte für ihr wüſtes Herz etwas zu pein⸗ liches, als daß ſie ſich viel mit ihr beſchäftigen mochte. Sie hatte ſie aus dem Kloſter kommen laſſen um ſie zu verheirathen, und glaubte ihre weitere Erziehung und Einführung in die Welt 42 dem künftigen Gemahl, den ſie bereits auserkoren, überlaſſen zu können. Für die kurze Zwiſchenzeit mochte ſie dem Fräulein keine Gouvernante bei⸗ geben; ſie hatte einen Widerwillen gegen die Auf⸗ nahme einer neuen Perſon, beſonders eines Frauen⸗ zimmers in ihrem Hauſe bei dem jetzigen Bedürf— niß nach Stille und Einſamkeit. Auch wußte der deſignirte Gemahl, ein routinirter Weltmann, ihr vielen Dank für die künſtlich erhaltene Kindlichkeit ihrer Tochter, welche durch Gouvernanten⸗Erzie⸗ hung nur geſtört werden konnte. Ueberdies pflegt der Adel, ſobald er die Land⸗ wohnung auf ſeinen Gütern bezogen hat, ſich einer unbegrenzten Freiheit zu überlaſſen; denn hier fühlt er ſich frei von der gegenſeitigen ſchar— fen Beobachtung ſeines Standes, und unterhalb dieſer Region gibt es für ihn weder Beifall noch Tadel. In der Stadt hätte die Gräfin, der Sitte ſtreng gehorſam, nur in ihrer Gegenwart das Fräulein dem Maler ſitzen laſſen. Auf dem Lande konnte man den langweiligen Zwang fallen laſſen. An eine Gefahr für das Herz ihrer Tochter fiel der hochariſtokratiſchen Dame nicht im entfernteſten ein zu denken. Sie hatte ſich auch nicht weder erkoren, cenzeit nte bei⸗ die Auf⸗ Frauen⸗ Bedürf⸗ ßte der m, ihr dDichkeit Erzie⸗ eLand⸗ t, ſich ; denn n ſchar⸗ nterhalb all noch er Sitte art das Lande laſſen. zter fiel ernteſten t weder 43 nach dem Alter noch nach dem Aeußern des Ma⸗ lers erkundigt. Dieſe Eigenſchaften waren in ihren Augen ſo wenig einer Berückſichtigung werth, wie bei einem Taglöhner, der in dem Garten, in wel⸗ chem das Fräulein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, ohne gegen den Anſtand zu ver⸗ ſtoßen, allein herumwandeln konnte, die Beete um⸗ grub und Sand auffuhr. Die Gräfin ſchien je— doch jenen hochmüthigen ariſtokratiſchen Ausſpruch Labruyere's nicht zu können:„Nur für eine Nonne iſt ein Gärtner ein Mann“; denn in Bezug auf ihre aus dem Kloſter gezogene Tochter hätte die— ſer nicht immer richtige Ausdruck eher eine War⸗ nung enthalten als eine Rechtfertigung ihrer ſtol⸗ zen Sorgloſigkeit. Nachdem die Sitzung, die von keiner Seite durch ein lautes Wort unterbrochen worden, eine halbe Stunde gedauert hatte, erhob ſich die junge Dame mit dem Wunſche die Sitzung für dieſen Tag zu beendigen. Ihre Wange war lebhafter geröthet als beim Beginn der Sitzung, ihr Auge glänzender und von den feinen Lidern mehr ver⸗ ſchleiert. Ohne die Zuſtimmung des Malers ab⸗ zuwarten, ſchritt ſie hinter der Staffelei weg raſch 44 zur Thüre, die auf die Terraſſe ſührte, und ver⸗ ſchwand bald hinter den Bäumen des Parks. Der Maler hatte nicht die Kraft aufzuſtehen, noch dachte er daran das Fräulein zu grüßen; er war wie in einem Traum befangen. Wie magne⸗ tiſch wandte er ſeinen Kopf und folgte ihr mit den Augen, wie ſie kaum den. Boden berührend hinſchwebte, bis die dunkle Allee ſie ſeinen Blicken entzog. Dann ſenkte er den Kopf auf die Bruſt, verſchränkte die Arme, und blickte mit halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen unbeweglich vor ſich nieder. Unſäg⸗ liches Glück malte ſich in ſeinen Zügen. Ziemlich lange blieb er ſo ſitzen, bis ihn die ſchrille Stimme der alten Kammerfrau, die aus dem Garten her⸗ eindrang, aus ſeinen Träumen weckte. Jetzt nahm er die Leinwand von der Staffelei, ſtellte ſie in eine Ecke gegen die Wand gekehrt, und verließ mit unſicherem Schritt wie berauſcht die Villa um den Omnibus aufzuſuchen, der in regelmäßigen Pauſen nach Wien hinabfuhr. Der Maler hatte ſich noch nicht lange entfernt, als die junge Gräfin von ihrem Spaziergang zu⸗ rückkehrte und wieder in den Salon trat. Ihr Auge ſuchte ſogleich die von der Staffelei wegge⸗ d ver⸗ 8s. uſtehen, ßen; er magne⸗ hr mit ührend Blicken Bruſt, ſſchloſ⸗ Unſäg⸗ iemlich Stimme en her⸗ t nahm ſie in verließ lla um äßigen utfernt, ng zu⸗ Iyr wegge⸗ 45 nommene Leinwand, und als ſie ſie in einer Ecke des Salons entdeckte, flog ſie haſtig darauf zu, wendete ſie neugierig um, und blieb erſtaunt und ſinnend davor ſtehen.— Die Leinwand war ganz blank, nicht einen Strich hatte der Maler darauf geführt. Eveline erinnerte ſich jetzt, daß des Malers Auge träumeriſch und wie geiſtesabweſend wäh⸗ rend der ganzen Sitzung unverwandt auf ſie ge⸗ richtet geweſen; wenigſtens begegnete ſie ſtets ſeinem großen ſtarren Auge, ſo oft ſie den Blick auf den Maler richtete. Seine rechte Hand war durch die Leinwand verdeckt, ſo daß ſie nicht ſehen konnte, ob ſie das Werk förderte. Dieſer fortwährend auf ſie gerichtete Gluthſtrahl ſeines Auges ſchien es ihr jetzt geweſen zu ſein was ſie ſo beklommen machte, daß ſie in der Friſche und Einſamkeit des Parkes Erholung ſuchen mußte. Und doch erwachte kein Groll in ihrer Bruſt wegen des leiſen Schmerzes, den ſie jetzt dem unverwandten Blick des jungen Mannes zuſchrieb; dieſer Schmerz hatte nicht die geringſte Aehnlichkeit mit der peinlichen empören⸗ den Empfindung welche freches Angaffen einer Dame verurſacht. Sie dachte ohne Angſt, ohne 46 Widerwillen daran, daß ſie andern Tages dem Maler wieder ſitzen ſollte. In der Tiefe ihrer Seele regte ſich ſogar der leiſe Wunſch die Fort⸗ ſetzung des Momentes zu erleben, der ſo neu und geheimnißvoll in ihrem jungen Leben aufgegangen. Dieſer Wunſch war jedoch nicht ſtärker und nicht wärmer als der Wunſch das zweite Kapitel einer ſchönen Erzählung zu leſen, deren erſtes Kapitel die Umriſſe einer intereſſanten Perſönlichkeit ge⸗ zeichnet oder eine ſpannende Situation angeknüpft. Hätte die alte Gräfin ihrer Tochter jene ſorg— fältige mütterliche Aufmerkſamkeit gewidmet, die mit feinem Ohr jeden Pulsſchlag des Herzens be⸗ lauſcht, mit geübtem Auge jeden Hauch, der über das Geſicht des Kindes zieht, prüft und erforſcht; ſie würde gewiß ihrer Tochter ein Buch vorſichtig entzogen haben, deſſen erſtes Kapitel einen ſo ge⸗ fährlichen Eindruck auf die junge Phantaſie aus⸗ geübt. Die alte Gräfin hatte Erfahrung genug um zu wiſſen, daß Neugierde und Geheimniß in einer ſo jungen Seele jenen zauberhaften Strahl erzeugen, der plötzlich wie der Funke im Stein erwacht. Sie hatte ſelbſt genug geliebt, um die ganze Geſchichte jenes wunderbaren Gefühls zu at ge⸗ tnüpft. d ſorg⸗ et, die ens be⸗ er über forſcht; orſichtig ſo ge⸗ ſie aus⸗ genug nniß in Strahl Stein um die aihls zu 47 kennen, das unbewußt ins Herz ſchleicht und mit Widerhaken haften bleibt, jene märchenhafte Ge⸗ ſchichte vom beſeligenden Schmerz, von der tau⸗ ſendarmigen Sehnſucht und dem Born aus dem man ſich nur Durſt trinkt. Die ſtolze Gräfin hätte begreifen müſſen, daß die conventionelle Ein⸗ richtung, welche die Geſellſchaft willkührlich ab⸗ theilt, von der Natur nicht anerkannt wird, und daß ein adeliges Pergament ſich als wenig aus⸗ reichender Schutz erweiſt für das Herz eines fern von den Lügen der Welt erzogenen Kindes. Aber die Frömmigkeit der Gräfin war eben ſo ſelbſt⸗ ſüchtig und nach Genuß lechzend wie ihre frühere Frivolität; ihr gemeines Herz bettelte jetzt bei der Kirche um Wallungen wie früher bei den Lieb⸗ habern. 5. Als Eveline am andern Morgen zur Sitzung kam, ſchien ſie dem Maler wunderbar verändert. Ihre Haltung war ſtolzer, ihre Miene ernſter, ihr Mund beſtimmter und feſter geſchloſſen; ihr Blick, nicht minder keuſch und rein, war mehr gefeſſelt von innerer Beſchäftigung und flog nicht gleich⸗ gültig von einem Gegenſtand zum andern. Das Kind war in der Jungfrau aufgegangen. Der junge Maler war nahe daran den Ver⸗ ſtand zu verlieren und ſich mit dem Ausruf„Ma— donna“ vor dem himmliſchen Bilde auf die Knie zu werfen. Es war nicht Liebe nicht Leidenſchaft, was er empfand, ſondern die reine jubelnde Be⸗ geiſterung einer empfänglichen Künſtlerſeele für die vollendete Schönheit, für das aus himmliſchen Duſt gewebte Ideal, das im Leben ſo ſelten anzutref⸗ fen iſt. Sitzung tändert. ſter, ihr hr Blick, gefeſſelt gleich⸗ 1. Das een Ver⸗ uf„Ma⸗ die Knie enſchaft, de Be⸗ für die en Duſt anzutref⸗ 49 Eveline bemerkte ſein Entzücken und richtete ihr ſchönes ruhiges Auge wohlwollend auf das begeiſterte Geſicht des jungen Künſtlers. Sie be⸗ griff zwar nicht den Sturm, der in ſeiner Bruſt wogte, aber ſie ſah ſich bewundert, angebetet und fühlte ſich darüber freudig bewegt. Dieſes ſüße beglückende Gefühl hatte nichts gemein mit weibiſcher Eitelkeit. Das edle Weib ahnt in ſich ein von der Gottheit abſtammendes Weſen, das ſich durch nichts Geringeres als durch wahrhafte Anbetung erkannt fühlt. Dieſe Ahnung iſt es eben, was der reinen Jungfrau jene ans Wunder grenzende gebieteriſche Würde verleiht, die ſelbſt dem roheſten Mann und dem verderb⸗ teſten Wüſtling imponirt und unüberwindliche Ach⸗ tung abnöthigt. Dieſes Wunder läßt ſich nicht künſtlich erzeugen, nicht mimiſch nachahmen— es iſt der Finger Gottes. Auch das gefallene Weib behält die leiſe Ahnung des verlornen Himmels im Buſen, und fühlt ſich dankbarer und beglückter durch einen Blick, der dieſe Ahnung erräth und be⸗ lebt als durch alle Galanterien ſeelenloſer Schmeich⸗ ler, deren begehrliche Augen an ihren Reizen wie Fliegen an einem Stück Zucker ſtechend ſaugen. . 4 50 Selbſt die Kokette krankt ihr lebelang mitten im Rauſch der Sinne an dem ſehnſüchtigen Durſt nach jener wahren Liebe, die durch Verehrung vor dem Roſt geſchützt wird. Die glückliche Zufriedenheit Evelinens, die aus ihrer ſchönen Seele durch das klare Auge ſanft ſtrahlte, die keuſche Ruhe in der ihre ganze Ge— ſtalt verharrte, während ihr jugendlicher Buſen ſich kaum merklich hob, beſänftigten auch in des Malers Bruſt die ſtürmiſchen Geiſter. Seine an— betende Bewunderung war verſtanden und nicht zurückgewieſen worden. Mehr hoffte, mehr wünſchte er nicht; Eveline ſollte ihm eine gnadenreiche Ma— donna ſein, die ihm nicht bloß erlaubte, ſie fern und fremd auf der Leinwand zu kopiren, ſondern die auch einen beſeligenden Blick für den armen Erdenſohn hatte. Die Möglichkeit andrer Bezie⸗ hungen war ihm nicht in den Sinn gekommen. Doch ſtand er noch zu ſehr unter dem Zauber der Erſcheinung um Ruhe genug zu beſitzen nach dem Pinſel zu greifen und mit ſicherem Künſtler⸗ auge Formen abzumeſſen, Farben zu miſchen. Eveline ſah die Verlegenheit mit der er vor der Staffelei zoͤgernd ſtehen blieb, und ſann über itten im a Durſt erehrung die aus ge ſanſt nze Ge⸗ Buſen hin des eine an⸗ nd nicht wünſchte che Ma⸗ ſie fern ſondern en armen er Bezie⸗ ekommen. Zauber 8 3 gen nach 51 den Grund nach. Mit dem angeborenen und ſchnell ſich entwickelnden Scharfſinn der bei den Frauen oft die Erfahrung erſetzt, errieth ſie, daß er ſich erſt an ihren Anblick, der für ihn ſo be⸗ wältigend zu ſein ſchien, gewöhnen müſſe, um die nöthige Künſtlerruhe zu erlangen und zu behaupten. Ein dunkles Vorgefühl ſagte ihr, daß es für beide peinlich ſein müßte die Sitzung wieder in der Art wie geſtern zuzubringen. Dieſes tändelnde Kind ſchien mit einem Mal ein ſtarkes Weib geworden, das den ſichern Blick und die nöthige Kraft fin⸗ det, wo es gilt einem leidenden Freund zu helfen, eine zarte Situation zu retten. Es lag die Zärt⸗ lichkeit einer Schweſter in ihrer Stimme und in dem Ausdruck ihres Geſichtes, als ſie ihn einlud den ſchönen Morgen im Garten zuzubringen und erſt in den kühlen Salon zurückzukehren, wenn die Sonne heißer würde. Dem Maler erſchien dieſer Vorſchlag als eine unſägliche Wohlthat. Er fühlte ſich in der Lage jener alten Propheten, die unter der Macht einer überirdiſchen Erſcheinung zu erliegen drohten, bis die Muſik menſchlicher Laute in ihr Ohr rieſelte und ſie dem Leben wieder gab. Doch unfähig 4* 52 ein ausreichendes Wort für ſeine Gefühle zu finden, legte er bloß zum Zeichen des Dankes die Hand auf daß gepreßte Herz. Eveline lächelte freudig als ſie ſah, wie glück— lich ihr Gedanke geweſen und lief wie ein fröh— liches Kind ihm voran die Terraſſe hinab. Bei dem erſten Blumenbeet blieb ſie ſtehen und ſah ſich nach ihrem Begleiter um. In der friſchen Luft und dem hellen weiten Raum des Gartens fand ſie den leichten Sinn und die fröhliche Un— befangenheit des Kindes wieder. Als ſie ihn lang— ſam und noch immer unſicher herankommen ſah, fühlte ſie ſich ihm ſo ſehr überlegen, daß ſie ihn wie einen Knaben behandelte. Sie ſprach lauter und raſcher als im Salon, ließ ihn die Gießkanne holen und Waſſer ſchöpfen, fragte ihn, wie ihm ihre Blumen gefielen und welchen er den Vorzug gebe. Durch dieſes Benehmen ward auch dem Ma⸗ ler leichter und wohler zu Muthe, er hörte mehr auf ihre Worte als er ſie anſah, und die Nöthi— gung ihre raſchen Fragen zu beantworten machte ſeinen Geiſt flüſſig und löſte ſeine gefeſſelte Zunge. Der Zauber unter dem er ſtand verlieh ſeinen auter ranne ihm orzug Ma⸗ mehr öthi⸗ achte unge. einen Worten einen poetiſchen Schwung der Auffaſſung und einen Adel der Sprache, daß Eveline wieder⸗ holt bewundernd und achtungsvoll zu dem Manne aufblickte, den ſie noch kurz zuvor wie einen un— geſchickten Knaben behandelt. Ein ſüßer Stolz erfüllte ihre Bruſt über den Eindruck den ſie auf einen ſolchen Mann ausgeübt. Indeſſen hatte die kurze lebendige Unterhal— tung die beiden jungen Leute ſo genähert, als ob ſie ſich jahrelang gekannt hätten. Und als ſie wieder zur Sitzung zurückkehrten, fühlte ſich der Maler in vollem Beſitz ſeiner künſtleriſchen Gaben und von Eifer beſeelt das liebliche Frauenbild in ſeiner ganzen Vollendung auf der Leinwand ab⸗ zuſpiegeln. Von dieſem Tage an war Guſtav Roſe mit dem früheſten Morgen in dem Garten der Villa ungeduldig Eveline erwartend. Auch ſie erwachte früher als ſonſt und ihre Morgentoilette, in wel⸗ cher ſie ſich malen ließ— weißes Kleid mit blauem Band, ein Strohhut auf den wallenden blonden Locken, war bald beendigt. Sie verlebten dann zuſammen einen Morgen unſchuldig und glücklich wie im Paradieſe. Sie begoſſen Beete, ſchnitten 54 Blumen und flochten Sträuße, liefen lachend wie Kinder durch den Park oder fuhren auf einem of⸗ fenen Nachen über den Teich. Cveline fütterte dann die Enten und Schwäne und Guſtav der das Ruder führte, ſang mit einer angenehmen reinen Stimme wie ein ächter Gondolier allerlei heitere und ernſte Lieder. Was ihm an muſika⸗ liſcher Bildung abging, erſetzte er durch tiefes Ver⸗ ſtändniß und eine Begeiſterung die in der Nähe Evelinens ſein ganzes Weſen durchdrang und in jedem Worte und jeder Geberde zum Ausdruck kam. Zuweilen ſetzten ſie ſich in den luftigen Pa⸗ villon auf der Inſel und Guſtav Roſe erzählte aus der Weltgeſchichte, aus Romanen und aus den epiſchen Gedichten der alten und neuen Zeit, oder ſchilderte Meiſterwerke des Pinſels und des Meiſels. Auf Evelinens Phantaſie übten dieſe Mitthei⸗ lungen einen hohen Reiz. Sie hatte von allen dieſen Dingen in ihrem Kloſter und der jetzt klö⸗ ſterlichen Villa nicht das Geringſte vernommen oder höchſtens eine entfernte Andeutung erhalten. Beten, Sticken, Katechismus, ein wenig Zeichnen, ein Tröpfchen Erdkunde und ungenießbare Predigten wie mof⸗ itterte v der ehmen lerlei uſika⸗ Ver⸗ Naͤhe ud in kam. Ha⸗ zͤhlte d aus Zeit, d des itthei⸗ allen t klö⸗ mmen alten. chnen, digten 55 waren dort ihre ganze geiſtige Nahrung geweſen. Jetzt ging für ſie eine neue herrliche Welt auf, und die Lebhaftigkeit und Begeiſterung, mit der der glückliche Künſtler ſprach, erhöhte den Eindruck und das Intereſſe. Alle dieſe neuen und reizenden Gedanken, Er⸗ fahrungen und Anſchauungen zogen in Evelinens empfängliche Seele innig verknüpft mit dem Bilde des jungen Mannes ein. In ſeiner Abweſenheit verbanden ſich alle ihre Betrachtungen und Er⸗ innerungen unzertrennlich mit ſeinem Bilde. So ward das Intereſſe und das Wohlgefallen das ſie bei der erſten Begegnung für ſeine angenehme Perſönlichkeit gefaßt, allmälig zu jener erhabenen unvergänglichen Liebe, die mit tauſend Banden Seele an Seele knüpft, ſo daß Einer ohne den Andern ſich Welt und Leben nicht mehr denken kann. Guſtavs edles unverderbtes Naturell und ſein fürs Ideal ſchwärmender Kunſtſinn bewahrte die⸗ ſes ſchöne Verhältniß vor der Schwüle der Lei⸗ denſchaft. Er kannte kein höheres Glück, als dieſe reine keuſche, von Liebe verklärte Geſtalt mit dem Ausdruck der Begeiſterung und unter dem Zauber 56 des Madonnenblickes betrachten zu dürfen und der ſüßen Melodie ihrer Stimme zu lauſchen. Er hü⸗ tete ſich wohl ihre Hand zu faſſen, er ſaß ihr ſtets nur gegenüber und weit genug um nicht ſinnverwirrend von ihrem Athem berührt zu wer⸗ den. Dieſe Blüthe mit dreiſter Hand berühren hätte ihm kirchenräuberiſche frevelhafte Entweihung geſchienen. Er wäre ſehr unglücklich geweſen, wenn jemals dieſer zarte Buſen ſtürmiſch gewogt, wenn ihre Roſenwange dunklere Röthe überdeckt oder aus ihrem klaren Auge ein düſterer Brand gelodert hätte. Das Porträt des Fräuleins war inzwiſchen vollendet worden. Es war ſprechend ähnlich. Eveline war davon ganz entzückt und auch die alte Gräfin hatte es, wie ECveline verſicherte, als eine vorzügliche Kunſtleiſtung anerkannt. Doch den Künſtler ſelbſt befriedigte es nicht; es ſchien ihm nur die gelungene Copie eines reizenden Mäd⸗ chens. Zu Hauſe in ſeinem Atelier malte er aus dem Gedächtniß Evelinens Bildniß mit allen Mit⸗ teln einer durch nichts geſtörten inſpirirten Phan⸗ tataſie als himmliſche Madonna. Dieſes Bild wollte er in der Kirche der Liguorianer als Altar— der hü⸗ ihr nicht wer⸗ ihren zung eſen, ogt, deckt rand 57 blatt aufſtellen; da ſollte das Auge, das ihn be— ſeligte, den Himmel öffnend und Gnade ſpendend auf die gläubige Menge herabblicken. Evelinens Kammerfrau, die früher ihre Amme geweſen, hatte bisher in dem Umgang der beiden jungen Leute weder Gefahr noch Unſchicklichkeit geſehen. Wie gewöhnlich alte Ammen beſaß ſie für das ſchöne unter ihren Augen aufwachſende Kind alle unendliche Liebe und Hingebung einer Mutter ohne deren Autorität und überwacheude Sorgfalt. Sie ſah Evelinen ſchöner und glück⸗ licher werden ſeit der Anweſenheit des jungen Malers, und das war für ſie hinreichend um dem Maler ſelbſt zu wohlwollen und an dem Umgang der beiden Kinder, wie ſie ſie in Gedanken nannte, Gefallen zu finden. Sie ſah die Beiden ſtets in anſtändiger Entfernung, kein Wort der Leidenſchaft, keine Andeutung eines zärtlichen Verhältniſſes kam über ihre Lippen, ihr Geſpräch war ſtets ruhig und gleichmäßig wie am erſten Tage, und die Lieder und Erzählungen des Malers ſchienen der Amme recht unterhaltend und lehrreich, und eher nützlich als gefährlich für ihren Zögling. Für feinere ſeeliſche Stimmungen und Beziehungen und 58 deren geheimnißvollen Ausdruck war allerdings das Auge der Amme zu ſtumpf, ihre Beobach⸗ tungsgabe auf zu niedriger Stufe. Doch die Dienſtleute im Hauſe, die dem Ver⸗ kehr des Malers mit dem Fräulein ferner ſtanden, betrachteten denſelben von einem weniger delicaten Geſichtspunkt. Das Dienſtvolk iſt mit ſeltenen Ausnahmen ſtets geneigt von der Herrſchaft Bö⸗ ſes zu denken und zu ſprechen, und dieſe Neigung iſt um ſo fataler, als dieſe Menſchen von rohem Sinn und gemeiner Erziehung die zarteſten Um⸗ ſtände nach ihrer Weiſe auslegen. Der Adel fühlt ſich auch nicht wenig abhängig und genirt von dem unvermeidlichen Dienſtperſonal, mit Ausnahme in denjenigen Ländern, wo ſich der Adel noch nicht um die bürgerliche Meinung kümmert und ſich ge— genſeitig eine ſehr ausgedehnte Licenz zugeſteht. Die Schönheit und die unſchuldvolle Erſchei⸗ nung Cvelinens konnten ſie nicht retten vor den giftigen Zungen der Dienſtleute der Villa V., die durch das Leben und die Fahrläſſigkeit der alten Gräfin verderbter und unverſchämter als ander⸗ wärts waren. Sie beurtheilten den Umgang der jungen Leute nach ihrem eigenen Geſchmack und ings dach⸗ Ver⸗ nden, caten tenen Bö⸗ gung ohem Um⸗ fühlt von ahme nicht ch ge⸗ eht. rſchei⸗ r den ., die alten ander⸗ ig der k und 59 machten ſich das Vergnügen groͤbliche Witze zu reißen, wie etwa: der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und dergleichen. Seltſamer Weiſe und bezeichnend für die niedrige Geſinnung dieſer Art Leute nahmen ſie es dem Fräulein beſonders übel, daß es ſich, wie ſie ſagten, mit einem Bürger— lichen eingelaſſen, ſie die doch ſelbſt dem bürger— lichen Stand angehörten. Es iſt eine räthſelhafte, betrübende Thatſache, daß bürgerliche Perſonen, welche jede Nachſicht für die Schwächen des Adels hegen oder ſich zu Helfershelfern für die Laſter der adeligen Race hergeben, unerbittliche Richter ſind gegenüber einer Mesalliance. Vergebens verſuchte die alte Amme die Dienſt— leute zu einer beſſern Anſicht zu bekehren, es wurde ihr mit ſpöttiſchen Bemerkungen gegen ihre eigene Perſönlichkeit erwiedert. Sie ſah ſich endlich ge— nöthigt der Gräfin von der Sachlage Mittheilung zu machen um ſie zu bewegen bei den Zuſammen— künften ihrer Tochter perſönlich zu erſcheinen und ſo dem häßlichen Gerede der Dienſtleute ein Ende zu machen. Die Gräfin hatte keine Ahnung von dieſem Vorgang. Sie bekümmerte ſich überhaupt faſt 60 gar nicht um das was in ihrem Hauſe vorging. Den Maler hatte ſie noch mit keinem Auge ge⸗ ſehen; da ſie ſpät das Bett verließ und dann ſtundenlang in ihrem Betzimmer zubrachte, hatte der Maler ſtets bereits die Villa verlaſſen, wenn ſie auf die Terraſſe herabkam. Die Mittheilung der Kammerfrau brachte die Gräfin faſt außer ſich vor Zorn. Ihr gemeines ſündhaftes Herz, das von platoniſcher Empfindung wenig Kenntniß hatte, faßte das Verhältniß von einem nicht viel höheren Geſichtspunkt als dem der Dienſtleute auf. In der erſten Aufwallung überhäufte die frömmelnde Dame die Kammerfrau mit gröblichen Vorwürfen und war ſehr geneigt ihre Tochter kommen zu laſſen um ihr eine brutale Lektion zu geben, und dem Gärtner Befehl zu geben den Maler, ſobald er ſich wieder im Garten blicken laſſe, mit dem Beſen aus der Villa jagen zu laſſen. Aber die mütterliche Amme trotzte ihrer Wuth und brachte ſie endlich zur Vernunft durch die Vor⸗ ſtellung, daß dadurch dem Gerede Nahrung gege— ben und das junge Fräulein einem befleckenden Skandal preisgegeben würde. Die Angſt vor einem Skandal machte eine gute Wirkung auf die R⸗ dann hatte venn lung ußer derz, tniß viel leute die ichen ſchter in zu den licken iſſen. und Vor⸗ gege⸗ uden vor f die 61 Dame, die das Auge der Welt nicht gerne in ihre Znrückgezogenheit dringen laſſen wollte. Ueber⸗ dieß erinnerte ſie ſich, daß ſie den Maler, als Neffen ihres Beichtvaters, nicht zu unglimpflich behandeln dürfe und beſchloß keinen Schritt in der Sache zu thun, bis ſie ſich mit dieſem berathen. Der Prior von St. Liguori ſann lange und ernſtlich nach über die Mittheilung, welche ihm die Gräfin mit etwas vorwurfsvoller Heftigkeit machte. Seine eiskalte Miene wurde nicht im geringſten alterirt.„Vor Allem,“ ſagte er mit geſenktem Blick und einem eigenthümlichen unheim— lichen Ausdruck auf dem fleiſchloſen Lippen,„will ich ſelber nachſehen und prüfen.“ Den andern Morgen ſuchte er die jungen Leute auf, die im Park herumwandelten. Er hörte ſchon von ferne die Stimme ſeines Neffen. Er ſang mit vielem Ausdruck Schuberts„Ave Maria.“ Als Eveline den wohlbekannten Mönch erblickte, lief ſie ihm entgegen und küßte ihm mit der de⸗ müthigen Ehrfurcht eines im Kloſter erzogenen Mädchens die Hand. Der Mönch machte mit heiliger Miene das Zeichen des Segens und warf zugleich raſch einen prüfenden durchdringenden Blick 62 auf die beiden Liebenden. Das Ergebniß ſeiner Forſchung ſchien ihm befriedigend. Er hielt ſich wenigſtens bei den jungen Leuten nicht länger auf, ſetzte ſeinen Weg durch die Allee fort und kehrte auf einem Umwege in die Villa zurück. „Sie können über die Gegenwart beruhigt ſein, meine fromme Tochter!“ ſagte er zu der Gräfin die ihn ungeduldig erwartete;„es ſind zwei tändelnde Kinder. Aber ſie ſcheinen ſich ſehr gewogen, und auf die Länge wären denn doch intimere Beziehungen zu befürchten. Rauh ein⸗ greifen wäre jedoch nicht rathſam, gewaltſame Trennung würde in beiden das Bewußtſein eines gefährlichen Gefühls erwecken, das bis jetzt harm— los in ihnen ſchlummert. Wecken wir die Schlange nicht am Baum des Lebens.— Ein beſſeres Mit⸗ tel ſteht Ihnen zu Gebot. Sie müſſen das ein⸗ ſame unbeſchäftigte Kind ſchleunigſt verheirathen, und wie ich weiß, haben Sie doch einen ange⸗ meſſenen Gemahl zur augenblicklichen Verfügung.“ Die Gräfin ſtimmte dem Rath des Prieſters bei, und noch denſelben Tag ſchrieb ſie an den Grafen von Burgen, der ſich auf ſeinen Gütern im Erzherzogthum befand. uhigt der ſind ſehr doch ein⸗ tſame eines athen, ange⸗ zung.“ ieſters n den Hütern 6. Es war wohl der vierzehnte Morgen ſeit der Maler Guſtav Roſa die Villa V. betreten, als ein eleganter Wagen mit gallonirten Bedienten auf dem Bocke in den Hofraum der Villa rollte. Ein fremder Wagen war ein Ereigniß in der ver⸗ einſamten Villa, und es ſtürzten von allen Sei⸗ ten neugierige Dienſtleute herbei. Ihr Erſtaunen machte aber ſchnell einem Ausdruck von Unter⸗ würfigkeit und dienſtwilliger Aufmerkſamkeit Platz, als ſie den Wagen und Kutſcher des Grafen von Burgen erkannten. Denn der Graf war von ihnen als ſtolzer ſtrenger Herr gekannt, und Stolz und Strenge finden die gehorſamſten Diener. Der ausſteigende Herr erwiederte nicht mit der leiſeſten Geberde die tiefen Verneigungen, die ihn begrüßten; er that ganz ſo als bemerke er gar nicht die Anweſenheit der Leute. Vornehme 64 Perſonen ſind der Dienſtwelt gegenüber überall zu Hauſe, ſie bedienen ſich derſelben ſo gleichgül⸗ tig wie der Staubbürſte am Fuße der Treppen oder wie der vorgefundenen Möbeln in den Gaſt⸗ zimmern der Hotels.. In der That aber hatte der Graf die Leute wohl geſehen, und es war ihm ſehr erwünſcht, daß ſie ſich ſo zahlreich eingefunden; denn es war ihm ſehr daran gelegen vor dem ganzen Hausperſonal, welches etwas wiſſen mußte, worunter ſeine Ehre leiden konnte, eine eklatante Demonſtration zu machen. In dieſer Abſicht winkte er den Kam⸗ merdiener der Gräſtn, der an der Schloßtreppe ihn ehrerbietig erwartete zu ſich und fragte ihn ob die Frau Gräfin ſchon zu ſprechen wäre. Er wußte wohl daß der Kammerdiener die Frage ver⸗ neinen werde. Darauf fragte er laut, ob das Fräu⸗ lein ſich ſchon im Salon oder im Garten befinde. Der Kammerdiener machte bei dieſer lauten Frage ein verlegenes Geſicht. Er glaubte den Grafen unbekannt mit dem was ſeit dem letzten Beſuch des Grafen in Bezug auf das Fräulein vorgegangen, und was das Gerede aller Haus— leute machte. Er fürchtete der Graf könne in ſeine Ert berall hgül⸗ teppen Gaſt⸗ Leute t, daß rihm ſonal, Chre on zu Kam⸗ treppe te ihn e. Er ge ver⸗ Fräu⸗ efinde. lauten te den letzten äulein Haub⸗ nne in 65 ſeiner Ueberraſchung eine öffentliche Scene geben. Er trat daher hart an ihn heran, und ſagte leiſe und mit blinzelnden Augen, welche den Grafen merken laſſen ſollten, es ſtecke etwas Geheimniß⸗ volles hinter ſeinen Worten: das Fräulein ſei im Park und laſſe ſich von einem Maler, der eben ihr Portrait angefertigt, auf dem Teich herum⸗ fahren. Der Graf war ſehr geneigt dem Diener für ſein vertrautes zweideutiges Weſen einen Fauſt⸗ ſchlag zu geben. Er mußte ſich ſehr anſtrengen um den Zorn zu beherrſchen, der ihm das Blut in Wallung brachte. Glücklicherweiſe lernen dieſe Herren die Kunſt der Verſtellung von früheſter Jugend auf, und die Wohlerzogenen erlangen die Gewandtheit wenn auch nicht ihre Leidenſchaften zu bewältigen, ſo doch deren Aeußerung zu be⸗ herrſchen. Zu nicht geringem Erſtaunen der Dienſt⸗ leute bewahrte das Geſicht des Grafen eine voll⸗ kommen täuſchende Ruhe und Kälte. Halb vor ſich hin doch laut genug um von den nächſtſte⸗ henden Dienern gehört zu werden ſagte er mit einer beifälligen Neigung des Kopfes:„Freut mich ſehr daß Fräulein den herrlichen Morgen ſo gut I. 5 66 benützt— charmanter Junge Freund Roſe, hat Wort gehalten Fräulein in meiner Abweſenheit zu unterhalten.— Bringen Sie der Frau Gräfin, fuhr er fort zum Kammerdiener gewendet, meinen Handkuß und melden Sie, daß ich Herrn Roſe in ſeinem Dienſt beim Fräulein ablöſen gehe, denn die Stunden des Künſtlers ſind koſtbar.“ Die verdutzten und faſt beſtürzten Geſichter der Dienſtleute zeigten, daß der Graf vollkommen ſeinen Zweck erreicht hatte. Er bemerkte das mit Vergnügen und ging ohne ſeine Umgebung weiter eines Blickes zu würdigen in die Allee des Parks, und verloͤr ſich vor den Augen der nachblickenden Dienern in der den Teich umgebenden dichten Baumparthie. Hinter einer mächtigen Eiche ver⸗ borgen, wartete er der Ankunft des Nachens am Ufer; dann wollte er plötzlich hervortreten und aus der überraſchten Miene des Fräuleins erſehen, ob er nichts zu fürchten oder nichts mehr zu hoffen habe. Zehn peinliche Minuten brachte der Graf am Ufer des Teiches zu, wo das Dunkel und die Stille des Parks und die mit jeder Minute wach⸗ ſende Ungeduld die Aufregung die er mitgebracht nur u nicht mit d die eigen keit im T delten ſe, hat eſenheit Gräfin, meinen in Roſe he, denn Heſichter kommen das mit g weiter 3 Parks, lickenden dichten iche ver⸗ hens am eten und erſehen, nehr zu Graf am und die te wach⸗ tgebracht 67 nur noch ſteigerten. Seine Einbildungskraft war nicht der Art um ſich den Umgang des Malers mit dem Fräulein ſo idylliſch zu denken, wie ihn die Gräfin in ihrem Brief geſchildert, und ſein eigenes Leben bot keinen Beleg für die Möglich⸗ keit platoniſcher Beziehungen. Seine Erfahrungen im Verkehr mit dem ſchönen Geſchlecht verwan⸗ delten ſich jetzt in ſeinem gereizten Gehirn in Sce⸗ nen, worin der Maler Rollen ſpielte, die er ſelbſt zu wiederholten Malen mit Glück und Geſchick durchgeführt. Und dieſe Scenen ſchienen ihm jetzt gar nicht amüſant und befriedigend. Nur ein Gedanke gab ihm Beruhigung. Zu der Tugend eines Weibes hatte er wenig Ver⸗ trauen, Jugend und Unſchuld gewährten ihm keine ſichere Bürgſchaft; aber der angeborene Stolz des hochadeligen Fräuleins ſchien ihm ein hinreichen⸗ der Schutz vor allem Zauber eines bürgerlichen Adonis. Sein ariſtokratiſcher Hochmuth war ſo grenzenlos, daß er die in ihm wühlende Eiferſucht als eine Art von Majeſtätsbeleidigung zurückſtieß. Dieſe Anſicht erhielt in ſeinen Augen volle Beſtättigung, als der Nachen endlich um die In⸗ ſel bog und unter Guſtavs geſchickter Führung 5* 68 auf der Spiegelfläche des Teiches anmuthig her⸗ ſchwamm, Der Graf empfand faſt Scham über ſeine thörichten Beſorgniſſe, als ſeine Lorgnette ihm die beiden jungen Leute deutlich zeigte. Die ehrerbietige Entfernung in der ſich der Maler hielt, beurtheilte er als das demüthige Gefühl ſeiner niedrigen Stellung und des ſchuldigen Reſpektes, während ihm die unbefangene Freundlichkeit des Fräuleins als jene feinere Pobleſſe erſchien, die den Talenten der Bourgeoiſie, ſo lange ſie amüſant ſind, einige Schritte heranzutreten geſtattet. In ſeiner Zuverſicht dachte er nicht weiter daran dem Fräu⸗ lein ſtrenge und forſchend entgegen zu treten, ſon⸗ dern ſtellte ſich ſichtbar ans Ufer hin und bemühte ſich bis zur Ankunft des Nachens auch die letzte Spur von Unmuth und Mißtrauen aus ſeinen Zügen zu entfernen, und ſeinem ganzen Weſen jenen Ausdruck von Galanterie und chevalereskem Weſen zu geben, der ihn nach ſeiner Meinung und Erfahrung unwiderſtehlich machen mußte. Guſtav und Eveline waren in ein intereſſantes Geſpräch vertieft und bemerkten den Grafen nicht eher, als bis ſie, da der Kahn ans Ufer ſtieß, ſich erhoben um ans Land zu ſteigen. ung ntes nicht ſich 69 Eveline ſchien nicht im geringſten überraſcht bei dem Anblick des Grafen, der ſie vertraulich grüßte und ihr mit ſtudirter Grazie die Hand reichte um ihr beim Ausſteigen zu helfen. Sie legte die Hand auf ſeinen Arm, ſchwang ſich leicht aufs Ufer und ſagte mit der größten Ruhe:„Seit wann ſind Sie wieder in Wien Auguſt? Haben wir Sie lange warten laſſen?“ Beide Männer legten Evelinens Benehmen in verſchiedenem Sinne aus. In der That war es nicht anderes als unbewußte Gleichgültigkeit einer Perſon gegenüber die ihrem Herzen nichts bedeutete, an deren Anblick und an deſſen Umgang ſie ſich gewöhnt hatte. Der Graf ſah mit Vergnügen, daß Eveline ſeit ſeiner Abweſenheit ſchöner, ſtolzer und ernſter geworden. Er fand eine Dame, wäh⸗ rend er ein Kind verlaſſen hatte; dieſe Verwand⸗ lung ſchrieb er der raſchen Entwickelung zu mit der kräftige Organiſationen heranreifen, nachdem ſie länger als gewöhnlich in der Kindheit erhalten worden. In ihrer Ruhe wollte er jenes echte vor⸗ nehme Weſen erkennen, das ſich durch nichts über⸗ raſchen läßt, und Männern gegenüber die tiefſte Empfindung zu beherrſchen weiß. Eben dieſes 70 vermeintlich ariſtocratiſche Bewußtſein gab ihm nun volle Beruhigung in Betreff ihrer Beziehung zu dem Maler. Guſtav Roſe fühlte ſich dagegen ſehr ſchmerz⸗ lich betroffen. Er wollte in dem Benehmen Eve⸗ linens eine Vertraulichkeit erkennen, die ſie ihm ſelbſt nie gezeigt. Dieſer Herr, dachte er, der ſich die Freiheit nahm Evelinen auf ihrem Morgen⸗ ſpaziergang zu überraſchen und anſtatt übel auf— genommen zu werden ganz vertraulich bei ſeinem Taufnamen angeredet wurde, genoß entweder die⸗ ſes Vorrecht als Kavalier oder erfreute ſich noch innigerer Beziehungen. In dem einen Falle war Eveline das höhere Weſen nicht, das er, aller⸗ dings ohne dafür Beweiſe erhalten zu haben, über die Vorurtheile des Standes erhaben glaubte; im andern Falle zerſtob der ſchöne überirdiſche Traum der letzten vierzehn Tage vor dem fahlen Lichte des alltäglichen Lebens. Der junge Künſtler hatte bisher weder an das altadelige Wappen draußen über dem Thore der Villa gedacht, das zwiſchen ihm uud Evelinen breit wie der Ocean trennend lag; eben ſo wenig waren ihm ihre ererbten Reichthümer in den Sinn un 71 gekommen, die ſich als unüberſteigliche Gebirge zwiſchen ihnen erhoben. Der begeiſterte Maler war ſo weit entfernt Evelinen bürgerliche Bezie⸗ hungen anzuſinnen, als es ihm eingefallen wäre die Madonna della Sedia unter die Haube zu bringen.— Er lebte nur in der Gegenwart unter dem Zauber ihres Anblicks, oder wenn er außer⸗ halb der Villa war in den Träumen der Erinne⸗ rung. Die Zukunft blickte er nie weiter hinab als bis zum nächſten Morgen, wo er Cvelinen wieder in der Villa ſehen ſollte. Dieſes leichte Vergeſſen der geſellſchaftlichen Einrichtungen in Momenten höherer Erregung iſt vielleicht der beſte Beweis für die Lügenhaftigkeit dieſer Einrichtun⸗ gen und Verzäunungen; und der Reiz den der die Zäune überſehende oder leicht überhüpfende Roman ſelbſt auf die privilegirte Welt ausübt, iſt ein Sieg der urewigen Natur über die Lüge und Tyrannei. Mit dem Auftreten des Grafen brach zum erſtenmal die ſociale Proſa in des Malers ideale Welt herein, die ſchon durch das Hereintreten eines zweiten Mannes in ihrem Zauber geſtört wurde; und die Berührung ſeiner Göttin durch die Hand dieſes Mannes mußte vollends ſeinen magnetiſchen Schlaf unterbrechen und den ſeit vierzehn Tagen im Zuſtand eines Clairvoyant le⸗ benden Jüngling aus ſeinen Höhen herabſtürzen. Die Art mit der der Graf Evelinens Fragen beantwortete war für Guſtav nicht beruhigender. Mit jener Zärtlichkeit im Blick und Ton, die ſich berechtigt weiß, ſagte er:„Was hätte ich in Wien zu thun, mein theures Fräulein, was könnte mir eine Stadt bieten, die Ihre Anweſenheit nicht verherrlicht! Ich verweilte dort nur einige Augen— blicke um die Reiſekleider zu wechſeln und meinen Wagen zu nehmen und flog hieher, wo ich an dieſem Ufer die Erfahrung machte, wie ſüße Er— wartung Minuten in Jahre verwandelt.“ „Nun“— ſagte Eveliue mit einem Lächeln das dem Spiel mit Worten galt, dem armen Maler aber das Herz zerriß, da er es für mäd⸗ chenhaftes Wohlgefallen an den Galanterien des Grafen hielt—„eine Ueberraſchung iſt der an⸗ dern werth. Kommen Sie ins Haus Auguſt und Sie ſollen eine Ueberraſchung finden die Sie die— ſem Herrn zu verdanken haben, den ich Ihnen einſtweilen um nichts zu verrathen einfach als 73 Herrn Roſe vorſtelle. Und Sie Herr Roſe ſehen hier den Grafe von Burgen der—— aber was iſt Ihnen mein Freund?“— fuhr ſie fort indem ſie den Maler erſchrocken betrachtete—„Sie ſind ſo blaß geworden! Ihnen iſt nicht wohl!“ „In der That ich fühle einen ſeltſamen Anfall von Schwindel“, ſagte Guſtav mit wirrem Blick und gepreßter Stimme—„ich werde wohl am beſten thun mich in meine Wohnung zu begeben.“ „Mein Wagen ſteht zu Ihrer Verfügung“, rief der Graf ſchnell um Evelinens Antwort zuvorzu⸗ kommen, deren Bewegung ihm mehr als freund⸗ liche Theilnahme ſchien.—„Und mir ſelbſt wer⸗ den Sie erlauben“, ſetzte er nach einigem Nach⸗ denken hinzu,„Sie eine Strecke zu begleiten, bis Sie ſich beſſer fühlen.“ Eveline blickte den Grafen dankbar an. Guſtav verneigte ſich zum Zeichen der Annahme. Er hatte trotz der Maske freundlichen Eifers, welche der Graf angenommen, ſeinen feindſeligen gehäſſigen Blick wohl bemerkt. Offenbar ſuchte der Graf eine Unterredung mit ihm und dieſe war auch ihm erwünſcht; ſein brennendes Herz lechzte nach einer Verſtändigung, welcher Art ſie immer ſein — 74 mochte. Ein langer düſterer Blick ſagte Evelinen noch, daß nicht ſein Körper ſondern ſeine Seele unſäglich leide, dann wandte er ſich raſch und eilte hinweg ohne Wort und Zeichen des Abſchiedes. Eveline ſah ihm beſtürzt nach ohne darauf zu merken, daß der Graf ſie ſcharf beobachtete, bevor er dem Maler folgte.— Was quält ihn ſo tief? dachte ſie, was hat ihn nur ſo plötzlich verän⸗ dert?— Sie rief ſich Alles ins Gedächtniß zu⸗ rück, was ſie dieſen Morgen zuſammen erlebt hatten, aber nichts gab ihr Aufklärung. Der Graf ſtand ſo ſehr außerhalb ihrer Beziehungen zum Maler, und ſeine Ankunft hatte dieſe in ihrem Herzen ſo wenig geſtört und unterbrochen, daß es der unſchuldigen mit Welt und Leben ſo gänzlich unbekannten Eveline nicht einfiel mit deſ— ſen Ankunft den Schmerz und die Veränderung des Malers in Verbindung zu bringen, zumal dieſer ſich ſo freundlich und theilnehmend gegen den Maler benommen. So wenig Cveline das plötzliche Weh ihres Freundes ſich erklären konnte, darüber konnte ſie nicht in Zweifel ſein, daß dieſes Weh heftig und zerſtörend war, denn es hatte ſich ihr ſelbſt in 75 nicht viel geringerem Maße mitgetheilt. Die Flamme ſeines wilden düſteren Blickes hatte in ihrem Herzen eine noch nie gekannte Qual ent⸗ zündet, und brennend wie ein Lavaſtrom floſſen über ihre kindlichen harmloſen Wangen ſchwere heiße Thränen. Die beiden Männer hatten nicht ſobald eine Wendung der Allee erreicht, die ſie dem noch im— mer ſinnend am Ufer ſtehenden Fräulein entzog, als der Graf ſeinen verſtört hinwankenden Ge⸗ fährten anhielt und in ſtrengem Tone anredete: „Ich hoffe mein Herr, Sie werden ſo viel Selbſt— beherrſchung gewinnen können um Ihrer Leichen⸗ bittermiene einen gleichmüthigern Ausdruck zu ge⸗ ben, während wir am Hausgeſinde vorübergehen. Sie haben das unerfahrene Fräulein durch Ihre Beſuche compromittirt, und werden nun Ihre Ver⸗ pflichtung erkennen dem Gerede dieſer Leute, das ich bereits beſchwichtigt, nicht wieder durch die Art, mit der Sie nach meiner Ankunft die Villa verlaſſen, aufs Neue gehäſſigen Stoff zu geben!“ Der hochmüthige Ton des Grafen verwandelte die trübe Stimmung des Malers in Erbitterung. In den Worten des Grafen fand er bei aller Ge— wandheit des Ausdrucks eine grenzenloſe Gering⸗ ſchätzung ſeiner Perſönlichkeit und eine hämiſche Verachtung ſeiner Gefühle. Er erkannte wohl, daß man ſehr geneigt wäre ihn mit einem Fuß⸗ tritt aus der Villa zu ſtoßen, wenn nicht die Selbſtſucht es rathſam machte einen an ſich un⸗ bedeutenden aber leicht verletzenden Gegenſtand mit guter Art aus dem Wege zu räumen. Sein Selbſtgefühl überwog in dieſem Augenblick jede andre Rückſicht und mit einem Stolz, der ihm einen viel höheren Adel gab als die erkünſtelte eingeſchulte Grandezza des Grafen erwiederte er mit Feſtigkeit:„Herr Graf, Ihre beleidigenden Vorwürfe weiſe ich zurück. Ich habe mich in dieſes Haus nicht geſchlichen, ich bin hieher ge— beten worden. Meine geſellſchaſtlichen Beziehun⸗ gen zum Fränulein ſcheuten nicht das Auge der Bewohner und konnten der Frau Gräfin bekannt ſein. Es iſt nicht meine Schuld, wenn das Dienſt⸗ perſonal in dieſem Hauſe ſich über die Herrſchaft eine ſeltſame Kritik erlaubt.— Nun aber, mein Herr, habe ich wohl das Recht zu fragen: was 77 gibt Ihnen Befugniß zu dem Tone, den Sie an— genommen und zu der brüsken Einmiſchung, die Sie ſich erlaubt haben?“ Der Graf war nicht der Mann, der Stolz und Selbſtgefühl bei einer bürgerlichen Perſon der Anerkennung würdigte; aber es war ihm in die⸗ ſem Augenblick ganz erwünſcht, daß der verletzte Stolz des jungen Menſchen den compromittiren⸗ den Ausdruck eines betäubenden Schmerzes ver⸗ wiſcht und ihn aus ſeiner gebeugten Haltung auf— gerichtet hatte. Um ihn in dieſer Stimmung zu erhalten, erwiederte der Graf in noch verächtli⸗ cherem Ton:„Ihre Frage ſoll gründliche Antwort finden, ſobald wir draußen im Freien angekommen ſind. Durch den Hofraum wollen wir als gute Freunde gehen. Meines Wagens“, ſetzte er ſpöt⸗ tiſch hinzu,„werden Sie wohl nicht mehr bedür⸗ fen; denn habe ich recht geſehen, ſo können nur Fittige nicht Pferdefüße Ihr Uebel heben.“ Guſtav erwiederte nichts; ſpitzige Gegenrede ſchien ihm kindiſch einer Perſon gegenüber, die ihm entweder gleichgültig ſein konnte oder ſeinen bitterſten Haß erregen mußte. Mit Vergnügen bemerkte er, wie der hochmüthige Graf bei dem 78 Gang über den Hof ſich ſo weit demüthigte vor den Dienſtleuten Komödie zu ſpielen, und mit Gift im Herzen ihm die freundlichſten Geſichter ſchnitt. Dieſe ſklaviſche Abhängigkeit von dem äußern Schein war nicht wenig geeignet ſein eigenes Selbſtgefühl zu heben und dem Nimbns der adeligen Welt den letzten Reſt zu nehmen, der ihn wie Andre ſo lange getäuſcht hatte. Die alte Gräfin hatte längſt in ſeinen Augen nichts mehr vor dem gewöhnlichen Weibe voraus als ein altes Pergament, das der Wahn der Men⸗ ſchen wunderkräftig machte wie die morſchen Kno⸗ chen uralter Heiligen. Und dieſer Graf der ihm ſo übermüthig gegenüberſtand, ſchien ihm unter der ſcharfen Lupe ſeines geübten Malerauges in keiner Beziehung überlegen. Sein Geſicht war welk und verlebt und nur durch die raffinirteſte Pflege mit einer Art Glaſur überzogen. Seine Züge hatten eine gewiſſe Glätte und vor dem Spiegel einſtudirte Harmonie erworben, die als Feinheit und Zartgefühl erſcheinen konnte, in der That aber in Herzloſigkeit und Verflachung des Gemüthes begründet war. Die Leichtigkeit ſeiner Haltung und die rhytmiſche Gleichmäßigkeit ſeiner ——,— ₰2, —— 79 Bewegung und Geſticulation verriethen gleichfalls innere Leerheit und gaben ein gutes Zeugniß für die Thätigkeit des Tanzkünſtlers und des Hof⸗ meiſters. In ſeinem hochmüthigen Blick glänzte keine erhabene Seele, von ſeiner glatten Stirne leuchtete kein bevorzugter Geiſt. Was wäre die— ſer Schwächling, dieſer künſtlich zuſammengeſetzte Gliedermann— dachte Guſtav, indem er ſein Auge mit Widerwillen von dem Grafen abwandte— wenn er nicht ein Patent in der Taſche trüge, ein Patent das, der Himmel weiß, wie erworben wurde, und das im beſten Falle nur dem Ahn ein verdientes Zeugniß gab. Was finge dieſer Menſch an ohne die Erbſchaft, die ihm in den Schooß gefallen? Würde er nicht vielleicht ſich zu einem geleckten geſchmeidigen Kammerdiener berufen fühlen? Auf keinen Fall würde er es dahin gebracht haben reizende oder begeiſternde Geſtalten auf die Leinwand zaubern zu können. Dieſe Betrachtungen ſchwellten mächtig das Selbſtbewußtſein in der Bruſt des früher faſt zu beſcheidenen und ſchüchternen Jünglings, und mit dieſem Bewußtſein das ſich von außen gedrückt und gekränkt fühlte, wuchs ſein Haß und die 80 Erbitterung gegen die unnatürlichen Weltverhält⸗ niſſe ſo ſehr, daß die Kraft und der Drang in ihm erwachte gegen dieſelben anzukämpfen.—„Der Herr Graf“, ſagte er zu ſich,„ſoll erfahren, daß er nicht mehr als ein Sandkorn auf meinem Wege iſt. Doch zuvor muß ich wiſſen, ob dieſe Villa für mich noch exiſtirt, oder ob ſie ein märchen⸗ haftes Schloß geweſen das ein böſer Geiſt um mich zu äffen hergezaubert und mit einem Hauche wieder weggeblaſen hat.“ Mit Ungeduld wartete Guſtav auf die Erklä⸗ rung des Grafen, bis ſie ſo weit vor dem Thore der Villa waren, daß ſie von dorther nicht ge⸗ hört werden konnten und eine Vertiefung des We⸗ ges ſie vor jedem nachſpähenden Auge verbarg. Dann wandte er ſich zu dem Grafen und ſprach mit einer Feſtigkeit, welche deſſen erkünſtelte Ruhe erſchütterte:„Mein Herr“, ſagte er mit einem Blick deſſen wahrhaft männliche Kraft der Graf kaum ertragen konnte—„ich kenne Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Ihre Titel mögen Sie bei Andern verwerthen. Wir trafen uns an einem Ort, wo mich ſeit vierzehn Tagen jeder Morgen ſah und eine Perſon die dazu berechtigt war mich 81 willkommen hieß, ehe ich von Ihrem Daſein Kennt⸗ niß hatte— und dieſe Morgenſonne ſoll mich auch in Zukunft auf dieſem Platze finden, obgleich die Ausſicht auf Ihre Gegenwart mir ihn verlei⸗ den könnte.“ „Und wenn die Gräfin“, unterbrach ihn der Graf ſeine bisherige Kälte verlierend—„durch meinen Mund ſich die Ehre Ihres Beſuches ver⸗ bittet?“ „Für mich gibt es nur eine Gebieterin in die— ſem Hauſe“, rief Guſtav mit der Raſerei eines Fanatismus der blindlings und ohne Rückſicht auf die Macht des Gegners ſein Idol verthei⸗ digt.—„Nur eine Perſon entſcheidet über mein Kommen und Gehen. Wenn nur der leiſeſte Schatten des Mißfallens den leuchtenden Blick ihres Auges trübt, ſo iſt dieſer Garten ſicherer vor mir, als wenn Ihr ihn mit dreifacher Mauer verwahrt!“ Der Graf erſchrak; eine ſolche anmaßliche Sprache, meinte er, müſſe denn ſich doch auf einen guten Grund ſtützen. Aber auch er klam⸗ merte ſich an ſeinen ſtärkenden Aberglauben, der es ihm unmöglich erſcheinen ließ, daß Eveline ſich 1. 6 ſo ſehr vergeſſen die Huldigung eines Menſchen anzunehmen, der ſo tief unter ihr ſtand. Jeden⸗ falls wollte er keine Schwäche blicken laſſen, die einen ſo unebenbürtigen Gegner hätte triumphi⸗ ren laſſen. Mit einer Zuverſicht, an die er ſelbſt nicht ganz glaubte, erwiederte er:„Sie ſind ein Thor der eher Mitleid als Strafe verdient. Sie haben eine freundliche Herablaſſung die Ihrer Kunſt galt für Wohlgefallen an Ihrer Perſon genommen. Danken Sie es dieſer Rückſicht auf Ihr Talent, welches eine exaltirte Phantaſie ent⸗ ſchuldigt, und meiner Verehrung für die Dame die Sie mir empfohlen, daß ich mir die Mühe nehme Sie auf eine glimpfliche Weiſe von Ihrem thörichten Wahn zu heilen. Erfahren Sie denn, daß die Comteſſe, zu der Sie Ihr Auge zu erhe⸗ ben wagten, ſeit zwei Monaten meine Verlobte iſt, und daß ich auf den Wunſch der Gräfin ge⸗ kommen bin um in den nächſten Tagen unſre Vermählung zu feiern.“ Auf den armen Guſtav Roſe wirkten dieſe Worte wie ein Blitzſchlag. Sprachlos und das umnach⸗ tete Auge zu Boden geſenkt ſtand er da wie ein überführter Verbrecher. 83 Der Graf weidete ſich an dieſem Anblick; er hatte ſeinen Rivalen zu Boden geſchmettert und ſah deſſen Beziehungen zu Evelinen doch nicht ſo weit gediehen, als es einen Augenblick den An— ſchein hatte.—„Unſre Affaire“, ſagte er mit bos⸗ haftem Lächeln, indem er ſich zur Rückkehr an— ſchickte,„wäre nun vollſtändig beendigt, leben Sie wohl!“ Der Graf hatte ſich jedoch kaum einige Schritte entfernt, als der Maler aus ſeiner Betäubung auffuhr und in jener furchtbaren Aufregung, mit der ein Troſtloſer einer Leiche nachſtürzt die man zur Beſtattung fortträgt, gegen die Villa eilte. Der Graf vertrat ihm den Weg.„Sie irren ſich in der Straße“, ſagte er lachend. Guſtav wollte weiter eilen ohne ſeinen Spott zu beachten. Aber der Graf ſah jetzt die Wild⸗ heit ſeines Blickes und die dunkle Röthe die das wallende Blut in ſein Geſicht trieb, und ahnte was er vorhabe. Er faßte ihn hart am Arm, und ſagte mit jener Ruhe eines kalten Herzens, die ſich ſtets Gehör zu verſchaffen pflegt:„Dieſe Villa iſt für Sie auf immer verſchloſſen; Sie haben nach dem was Sie gehört kein Recht mehr 6* 84 dort einzutreten! Ich leide es nicht, daß Sie das Fräulein in eine Scene verwickeln, zu der Sie Ihre thörichte Extaſe hinreißt. Erſparen Sie uns Allen das unerquickliche Abentheuer Sie vor den Augen Ihrer vermeintlichen Geliebten durch Be⸗ dienten wegweiſen zu laſſen.“ „Ich verachte Ihre Drohungen“, rief der Ma⸗ ler außer ſich vor Wuth und Schmerz—„ich muß Erelinen ſelbſt ſprechen, ich will aus ihrem eignen Munde Gewißheit haben! So leichten Kaufes ſollt Ihr nicht mit kalten Händen in un⸗ ſere Herzen greife en dürfen!“ „Ums Himmelswillen!“ rief der Graf der wirk⸗ lich glaubte, der junge Menſch ſei wahnſinnig ge⸗ worden—„man könnte Sie vermeſſen genug glauben an eine über Ihren Stand gehende Liai⸗ ſon zu denken; aber Sie können ſich doch unmög⸗ lich einbilden, daß ein Fräulein V. aus ihrem gräflichen Schloſſe i Ihre von Farben riechende Stube herabſteigen erde, um das Loos eines Handwerkers zu theilen, der für Bezahlung unſere Bunde und Pferde malen würde.“ „O Ihr ſeid niedrige Naturen die Ihr Euch den Adel nennt!“ erwiederte Guſtav mit der ſtolzen 85⁵ Entrüſtuug eines in ſeinen erhabenſten Geſühlen verletzten Herzens.„Ihr begreift ſo wenig den Adel der Kunſt als die Regungen eines edlen Herzens. Doch was kümmert mich Eure Mei⸗ nung; ſie aber iſt noch nicht verpeſtet von Eurer Fäulniß, ſie will ich retten auf ihrer Höhe!“ „Was fange ich nur mit dem tollen Menſchen an?“ rief der Graf faſt verzweifelnd an der Mög⸗ lichkeit ihn aufzuhalten.—„In welchem albernen Roman eines verrückten Gehirns haben Sie das Leben ſtudirt? Doch das muß ein Ende nehmen. Sie wollen ſich durchaus der Beſchämung aus— ſetzen durch das Fräulein ſelbſt Beweiſe von dem Wahnſinn Ihrer Hoffnungen zu erhalten? Sie ſollen ſie binnen drei Tagen haben, oder es ſteht Ihnen frei nach Belieben zu verfahren ohne mich auf Ihrem Wege zu treffen. Sind Sie nun zufrieden?“ Gegen dieſen Antrag vermochte Guſtav nichts einzuwenden. Ueberdies machte die Zuverſicht des Grafen ſeinen Glauben an Evelinen wankend und benahm ihm die Kraft ſie in dieſem Augenblick zu ſprechen. Noch einen Blick des bitterſten Haſſes warf er auf den Grafen, dann ſtürzte er verzwei⸗ felnd die Straße entlang, die nach Wien hinabführte. 7. Drei ſchrecklich lange Tage verlebte Guſtav Roſe in ſeiner Wohnung, die er in Erwartung der vom Grafen verheißenen Beweiſe nicht zu verlaſſen wagte. Seine Gemüthslage war fortwährend in jenem furchtbaren Zuſtand, den Göthe ſo treffend den grimmen Strauß des Herzens nennt. In ſolchen Momenten wirkt die Ungewißheit zerſtö⸗ render als jeder unabänderliche Schlag des Schick⸗ ſals, weil ſie den trotzigen Entſchluß hemmt und die Kraft zum Widerſtand lähmt. Wie ein Schif⸗ fer der im Angeſicht des Hafens auf einer wüthen⸗ den See herumgeworfen wird, rang er zwiſchen Hoffung und Verzweiflung. Stundenlang ſtand er an der Staffelei vor dem faſt vollendeten Madonnenbild, aus dem ihn Evelinens Züge gnadenreich anlächelten, Evelinens Auge ihn himmelerſchließend anblickte. Da verlor 87 ſich die künſtliche Welt, die ſogenannte Geſellſchaft, vor ſeinem Auge, die Wolken des Mißtrauens ſchwanden von ſeiner Stirne, und in ſeiner Seele leuchtete das magiſche Licht des Glaubens auf an das eine menſchliche Weſen, in dem er jetzt die Menſchheit anbetete oder verabſcheute. Aber wenn er auf dem Gipfel ſeiner Hoff⸗ nungen war, wenn die entzückende Ahnung des erſten Wiederfindens ihn mit der fieberhaften Mi⸗ ſchung von Gluth und Schauer erfüllte, wenn ſein Auge kühn eine zauberhafte Zukunft hinab⸗ blicken wollte— dann trat die unleugbare Wirk— lichkeit ſeines Erlebniſſes mit dem Grafen wie eine finſtere Kerkermauer zwiſchen ihn und ſein Traumbild; eine eiſige Geſpenſterhand faßte den Traumerhitzten und unter dem Nachtfroſt profaner Ueberlegung ſtarben die Blüthen feines unermüd⸗ lich treibenden Herzens. Hat ſie nicht wirklich, dachte er dann, den Grafen wie einen Verlobten empfangen? War nicht das Portrait das ſie mich malen ließ für ihn beſtimmt? Und hatte er nicht ganz die Zu⸗ verſicht eines Gatten der einen Liebhaber im Hauſe findet, und auf das pocht was er ſein Recht nennt? 88 Allerdings fiel ſie ihm nicht bräutlich um den Hals; aber vornehme Leute geben ſich nicht ihren Empfindungen hin, beſonders in Gegenwart eines Fremden. Und einem Verlobten deſſen man ſicher iſt, zeigt man nicht zu viel Liebe, wie alle Weiber wiſſen!— Aber darf ich ſie in die Maſſe ihres Geſchlechtes werfen? Wie, ich wäre ihr nichts geweſen als ein intereſſantes Buch das man ge— legentlich lieſt, und bei Seite legt wenn das All⸗ tagsleben in der Perſon einer marchande de modes oder eines Bräutigams an die Thüre pocht? Ich wäre ihr nichts geweſen als ein gu— ter Tänzer, den man nach der letzten Francaiſe Aber was bedeutete die ſchon vergeſſen hat? tiefe Innigkeit ihrer Stimme, jene unverkennbare Melodie der Zärtlichkeit, wenn ſie zu mir ſprach? Was erklärt den Freudenglanz ihres Geſichtes, wenn wir uns des Morgens fanden, als wäre die tren⸗ nende Nacht ein hundertjähriges Grab geweſen? Was wollte der glückliche Blick ſagen, der auf mir haftete, wenn wir ſchweigend uns gegenüber ſaßen?— Oder ſollte es wahr ſein, daß jedes Weib wie die Komödiantin ein Doppelleben führt: ein romantiſches vom Hauch der Poeſie berauſchtes— 89 und ein gemeines proſaiſches das unter der Fahne des Küchenzettels dient und den Strickſtrumpf im Wappen führt? Dieſen peinlichen Ideengang machte er wohl hundertmal durch, immer mit neuen Worten und Bildern, die aus dem glühenden Boden ſeiner Phantaſie unerſchöpflich aufſchoſſen. Und ſo oft er das Für und Wieder erſchöpft hatte, rief er qualvoll die Hände ringend: O wer hilft mir aus dieſem furchtbaren Labyrinth, in welcher Un— geheuer mich angrinſen, Harpyen an meinem Herzen ſaugen, und der Wahnſinn mit dürren Fingern nach meinem Kopfe zuckt! Der dritte Vormittag nach der Begegnung Guſtavs und des Grafen war zum Theil verfloſſen, ohne daß die vom Grafen verheißenen Beweiſe von Evelinens Anſichten über die Natur ihres Verkehrs mit dem Maler eintrafen. Guſtavs Ge— müth begann ſich zu entwölken, ſeine Phantaſie kleidete ſich wieder in die heitern Farben der Hoff— nung. Der Graf, dachte er, hat eine Zuverſicht zur Schau getragen, zu der er nicht berechtigt war. Er mag wohl Bewerber um Cvelinens Hand geweſen ſein aber nicht ihr Verlobter; er hat wohl 90 in der Unterſtützung der alten Gräfin ausreichende Bürgſchaft für die Erfüllung ſeiner Wünſche ge⸗ ſehen. Aber er hat ſich verrechnet; Eveline iſt nicht ſo willenlos als er glaubte; das neue Leben der letzten vierzehn Tage hat Evelinen in neue Regionen erhoben, wohin der Graf, ſo leichtfüßig er auch iſt, ihr nicht folgen kann.— Wie dem ſei, rief er entſchloſſen, die Zeit meiner Verpflich⸗ tung iſt abgelaufen, und ich will keine Minute warten um Evelinen wieder zu ſehen und in ihrem Auge mein Schickſal zu leſen. Als er ſeinen Anzug ordnete, ſah er mit Schrecken im Spiegel, in den er ſeit drei Tagen nicht geblickt hatte, welche Verheerung ſeine Lei⸗ den in ſeinen Zügen angerichtet. Doch tröſtete er ſich mit dem Gedanken, daß dieſe Verheerung für Evelinen der ſprechendſte Beweis von der Tiefe und Wahrheit ſeiner Gefühle ſein werde. Er war eben bereit nach der Villa zu eilen, als ſein Diener und Farbenreiber ihm einen eben abgegebenen Brief überbrachte. Das Siegel des Briefes trug die Buchſtaben E. v. V. unter einer Grafenkrone, die Unterſchrift beſtand bloß aus dem Worte, Cveline. ——— 91 „Mein theurer Freund,“ ſchrieb Eveline,„Ihr fortwährendes Ausbleiben beginnt mich ernſtlich zu beunruhigen. Laſſen Sie mich hoffen, daß Ihr Uebelbefinden von dem mir Auguſt ſprach keinen bedenklichen Charakter gewinnt. Gerne hätte ich ſelbſt nachgeſehen, ich wäre es Ihnen auch ſchuldig für die ſchönen Stunden die Sie mir be— reitet; aber Mama will davon nichts hören, ſie findet darin einen Verſtoß gegen die Schieklichkeit. Sie meint, nur einer Frau am Arm ihres Ge⸗ mals ſei es erlaubt am Bett eines kranken Freun— des zu erſcheinen. Ich muß geſtehen ich begreife dieſe Einrichtung nicht. Doch wird dem bald ab⸗ geholfen ſein, denn morgen werde ich dem Grafen von Burgen in der Kirche der Liguorianer ver⸗ mählt, und Auguſt wird ſich beeilen mich an Ihr Leidenslager zu führen.“ Mit athemloſer Spannung hatte Guſtav den Brief durchflogen, deſſen Anfang ſo wohlthuend lautete. Als er an den Schluß kam, ſtockte ſein Athem, ſeine Augen traten ſtarr aus den Höhlen, der Gedanke erſtarb in teinem Kopfe, das Gefühl erſtickte in ſeinem Herzen. Ein ſo ungeheures Weh tödtet meiſt den Körper 92 oder den Geiſt, es ſtürzt ins Grab oder in Wahn⸗ ſinn. Ueberdauern kräftige oder zähe Naturen den Moment der Entſcheidung, ſo führen ſie doch das frühere Leben nicht weiter; ihre Seele iſt wie eine verdorrte Vegetation deren abgefallene Samen⸗ körner neue Sproſſen treiben, oder wie ein erſtick⸗ ter Quell der ſich neue Strömungen bahnt. Ein ſolcher Wetterſchlag ändert meiſt die Pole der Seele. Man begegnet zuweilen nach nicht ſehr langer Trennung alten Bekannten, die das ſtraffe Gegen⸗ theil von dem geworden, wofür man ſie einſt ge⸗ kannt. Sie ſind darum nicht der Veränderlichkeit zu beſchuldigen; gewiß hat das Geſchick mit eiſer⸗ ner Hand ihr Herz gewendet. Die Kriſe ſelbſt äußert ſich bei urſprünglichen Vaturen oft auf eine ergreifend barocke Weiſe. Das Erſte was Guſtav that, als ſein Blut ſich wieder in Lauf ſetzte, ſein Auge wieder Seh⸗ kraft gewann und ſein Wille über die Muskeln wieder einige Herrſchaft erlangte, war daß er Feuer machte und den Brief in Brand ſteckte, als könnte er an dem Papier ſeinen Schmerz rächen. Mit einem wahnſinnigen Lächeln auf den verzerr⸗ ten Lippen betrachtete er die Flamme, verfolgte 93 er die Funken die auf der Aſche des Papiers herumliefen. Den Tod des letzten Funken be⸗ gleitete er mit einem ſchweren Seufzer, als wäre es ſein eigner letzter Athemzug geweſen.— Dann blickte er mit großen gedankenloſen Augen um ſich her, ganz erſtaunt daß Alles ſo unverändert ge⸗ blieben.— Eine große Fliege auf ſeinem Aermel feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit, er wagte nicht ſich zu rühren um ſie nicht zu erſchrecken; es kam ihm vor als wäre das ſeine Seele die ſeinen Körper verlaſſen. Als ſie endlich aufflog, haſchte er nach ihr mit ängſtlicher Haſt, und wie er den weichen Fliegenkörper zwiſchen ſeinen Fingern fühlte, über⸗ kam ihm eine Angewöhnung aus der Zeit ſeiner Kinderſpiele, der er ſich willenlos überließ; er riß nämlich der Fliege die Flügel aus und ließ ſie auf dem Tiſch herumlaufen. Nun verwunderte er ſich, daß ſie nicht fliegen wollte, ſelbſt wenn er ſie berührte; aber plötzlich ſchrie er ſchmerzvoll auf: Sie hat keine Flügel! und brach in heftiges Weinen aus. Der Thränenſtrom löſte den Krampf der ſeinen Geiſt gefeſſelt hielt; ſein Gedächtniß erwachte wie⸗ der, ſein Bewußtſein wurde klar, er überſah den 94 ganzen Umfang ſeines Verluſtes und den weiten Riß in ſeinem Leben. Vielleicht würde er, unfähig ein leeres Daſein fortzuſchleppen, ſeinem Leben ein Ende gemacht haben, wenn nicht an der hin⸗ ſterbenden Flamme ſeiner Liebe ſich eine neue Leidenſchaft entzündet hätte, die ſcinen Nerven Spannkraft und Lebensdrang einflößte. Dieſe Leidenſchaft, ein Kind der Liebe aber der unglücklichen Liebe, heißblütig und thatkräftig wie Kinder dieſer dämoniſchen Mutter— war der Haß. Der Haß der in dem Maler erwachte, galt nicht Evelinen nicht dem Grafen; zwei ein⸗ zelne Perſonen ſchienen ihm zu unbedeutend, auch ſah er in beiden ſelbſt nur Sklaven ihres Stan⸗ des und ihrer Erziehung. Dieſes Meer von Haß das in ſeiner Bruſt anſchwoll ſuchte einen größe⸗ ren Raum um ihn mit ſeinen Wogen zu über⸗ ſchwemmen; der ganzen Race, dem ganzen gewal⸗ tigen Princip war er geweiht, und es ſchien ihm eine lohnende Aufgabe ein ganzes Leben an die⸗ ſen Kampf zu ſetzen. Während er ſich an der Vollkraft dieſes neuen Gefühles labte, meldete ſein Diener daß der Ueber⸗ bringer des Briefes noch immer auf Antwort warte. ihm die⸗ 95 Im erſten Augenblick wollte er den Boten fortſchicken laſſen. Was hätten wir uns noch zu ſagen, dachte er, nachdem ſie in die Alltäglichkeit zurückgefallen iſt wie Orpheus Weib in die Hölle trotz aller Lieder des Genius. Gleicht ſie nicht ganz dem hochmüthigen Verlobten? Schrieb ſie nicht ganz ſeine Worte nur mit feinerer Weiber⸗ hand? Sie nennt Uebelbefinden was er Anma⸗ ßung und Wahnſinn nannte. Er ließ mich es mei⸗ nem Talent danken, daß man mir nicht durch den Hausknecht die Thüre zeigen ließ, auch ſie erklärt ſich dankbar für ſchöne Stunden, aber zum Zeichen daß ſie nicht mehr als amüſant waren, meldet ſie mir ihre bevorſtehende Vermählung. Ja wohl dieſer Brief iſt der vollſtändige Beweis meiner Thorheit den mir der Graf verſprochen, und um mir recht deutlich zu zeigen, daß man ſich keines Gefühles bewußt war, worüber das hochgräfliche Geſicht zu erröthen hätte, will man nach der Vermählung das amüſante Verhältniß fortſetzen und ſich ſogar zu einer Condolenzviſite herablaſſen. Dieſer Ge⸗ danke traf ihn ſo verletzend, daß er ſich entſchloß dieſe Zumuthung ſtolz zurückzuweiſen. Armſeliges Geſchlecht, rief er wild, ich kann Euch kein Herz 96 für erhabene Geſühle in die Bruſt pflanzen, aber vor Eurer Herablaſſung werde ich mich verwahren!“ Mit gewandter Hand zeichnete er in leichten Umriſſen einen mit gebrochenem Fittig aus den Wolken niederfallenden Engel und ſchrieb darun⸗ ter:„Träume ſind des Künſtlers Leben— mein ſchönſtes Traumbild hieß Eveline— eine Gräfin von Burgen iſt für mich eine Fremde.“ Als der Brief fort war, wollte ihn wieder Wehmuth über den Verluſt und eine leiſe An⸗ wandlung von Reue beſchleichen. Aber er wies mit Kraft jeden weitern Gedanken an das Erleb⸗ niß aus ſeiner Seele, und verließ ſeine Wohnung um in der Welt Ernüchterung zu ſuchen. Doch vergebens ſuchte er in dem Kaffeehaus, das von luſtigen Kunſtgenoſſen beſucht ward, nach Zer⸗ ſtreuung. Er fand keinen Geſchmack an ihren Späßen, der Punſch mundete ihm nicht, das Bil— lardſpiel langweilte ihn. Es lag nicht in ſeiner Macht das vorſchwebende Traumbild zu verwiſchen, er hätte denn ſeine Phantaſie vernichten können. Schon begann ſich in ſeinem Innern der Gedanke zu regen: Morgen in der Liguorianerkirche könn⸗ teſt du ſie noch einmal ſehen, zum letzten Mal!— jeder An⸗ wies rleb⸗ aung Doch von Bil⸗ einer ſchen, nnen. danke könn⸗ 11— 97 Ein Wiederſehen in einem ſolchen Momente ſchien ihm entſetzlich, und die Ahnung unabſehli— cher Wirkung die der Anblick der Trauung auf ihn ausüben konnte ließ ihn vor Schauder erzit⸗ tern. Dennoch fürchtete er, daß er in der beſtimm⸗ ten Stunde nicht die Kraft haben dürfte der Ver⸗ ſuchung zu widerſtehen. Er ſann ängſtlich darüber nach, wie er ſich jede Möglichkeit abſchneiden könnte am andern Morgen in die Kirche der Ligunrianer zu gelangen. Einen Augenblick dachte er daran ſich durch Opium in einen bleiernen Schlaf ver⸗ ſenken zu laſſen; aber dieſes Mittel ſchien ihm unmännlich, abſcheulich. Wie er ſo ſinnend durch die Straßen ging, kam er an der Poſt vorüber, wo eben wie ge⸗ wöhnlich gegen ſieben Uhr Abends mehre Eilwa⸗ gen bereit waren wegzufahren. Hier ſchien ihm der Zufall ein ſicheres Mittel zu bieten. Er er— kundigte ſich, ob in irgend einem der nach ver— ſchiedenen Richtungen ins Land gehenden Wagen ein leerer Platz vorhanden ſei, und als er einen ſolchen gefunden, wollte er ſich, gleichgültig wo— hin, die Nacht hindurch eine ſolche Strecke fahren laſſen, daß er mit dem beſten Willen vor dem J. 7 98 nächſten Mittag nicht wieder in der Stadt ſein Ha konnte. abl Die Nachtluft kühlte ſeine glühende Stirne und wo beſänftigte ſeine überreizten Nerven. Die Bewe⸗ in gung und das eintönige Rollen des Eilwagens ob wiegte allmälig den von langer Schlafloſigkeit Er— de ſchöpften in tiefen Schlaf. Während der Dun⸗ T kelheit war ſein Schlaf bleiern und traumlos, das au Anhalten des Wagens an den Poſtſtationen und kor der Pferdewechſel weckten ihn nicht auf; doch als der der Morgen graute und die Luft friſcher wehte, w. E wurde ſein Schlaf leichter und in ſeiner Seele ſpannen ſich die Bilder und Gedanken der letzten d Tage fort mit aller Willkühr und grotesken Grup⸗ pirung der Traumwelt. Er ſah in ſeinem Traum Evelinen heiter und ko blühend, in einem ſchweren Atlaskleid, einen Myr⸗ ri thenkranz auf den goldenen Locken vor dem blen⸗ be d dend erleuchteten Altar der Kirche zu St. Liguori. un Spöttiſches Lächeln verunſtaltete ihre ſchönen Lip⸗ al pen, als ſie den Maler in ohnmächtiger Wuth an einem Pfeiler lehnen ſah. Darauf legte ſie mit unverkennbarer Abſichtlichkeit ihre Hand in den g Arm des Grafen von Burgen und erhob ſteif das Seele etten örup⸗ und Myr⸗ blen⸗ zwori. Liyp⸗ th an e mit 99 Haupt, als wollte ſie ſagen: Ich kann mich her— ablaſſen aber nicht erniedrigen. Der arme Maler wollte hinter ſeinem Pfeiler vor Schmerz und Scham in die Erde verſinken. Er begann zu zweifeln, ob dieſe gräfliche Braut wirklich das Himmelskind der Villa ſei. Er hatte ſie jedoch zu getreu ge⸗ malt um ihre Züge zu verkennen; aber wenn er auch die Identität der Perſon nicht bezweifeln konnte, ihr inneres Weſen war doch ganz verän⸗ dert worden.— Als der Prieſter endlich das Ja⸗ wort abforderte, gerieth der Maler in eine ſolche Extaſe von Wuth und Angſt, daß er die Kraft eines erzürnten Simſon in ſeinen Muskeln fühlte. In dieſem übermenſchlichen Gefühle ergriff er, be⸗ vor Cveline die Frage des Prieſters beantworten konnte, den Stützpfeiler an dem er lehnte, und rüttelte ihn ſo heftig, daß die Decke des Gewöl⸗ bes zuſammenbrach und den Altar ſammt Prieſter und Brautpaar unter den Trümmern begrub. Doch als der aufwirbelnde Staub ſich legte, ſchwebte Eveline über den Ruinen des Altars in der Ver⸗ klärung, wie er ſie in ſeinem Atelier als Madonna gemalt. In einem zweiten Traumbild ſah er Evelinen 7* 100 geſchmückt wie ein Opferlamm, todtenbleich, die Wangen von Thränen überſtrömt zum Altar füh⸗ ren. Ihren rechten Arm hielt ihre Mutter wie mit einer eiſernen Klammer. Dieſe Frau, die der Maler hier zum erſten Mal ſah, hatte ganz die ſcharfen groben Züge, das derbe eckige Kinn und die mächtige Plattnaſe einer Hökerin in ſeiner Straße, von der er am liebſten ſein Obſt kaufte um Gelegenheit zu haben ihr Geſicht zu ſtudiren.— Zur Linken Evelinens hüpfte ein Affe mit langen Urangutanghänden, der ſich den Anſchein gab, als ob er Evelinen mit Grazie führte, während er ihre Hand, die ſie ihm zu entziehen ſtrebte, zwi⸗ ſchen ſeinem Arm und ſeinem haarigen Leib feſt klemmte.— Als Eveline den Maler auf dem Steinpflaſter der Kirche unter einem Haufen Volk, von Verzweiflung niedergedrückt, knien ſah, entrang ſich ihrer Bruſt ein jammervoller Hülferuf. Dieſer Ruf erfüllte den Maler mit dem raſenden Todes⸗ muth einer Löwin, welche die Stimme eines ge⸗ raubten Kindes vernimmt; er riß ſich von den Knien auf und ſtürzte hi auf Evelinens Führer um die Geliebte zu befreien. Aber der ganze Adel, der zur Trauung geladen war, trat ihm mit allerlei 101 alterthümlichen Waffen entgegen, ſelbſt die Damen ſchlugen nach ihm mit ihren Fächern. Doch auch er fand Theilnehmer an den in der Kirche anwe⸗ ſenden Leuten aus dem Volk. Es entſpann ſich ein furchtbarer langer Kampf, und als er ſiegreich endete, da war die Kirche von St. Liguori ein Aſchenhaufen, die pergamentnen Schilder des Adels lagen zerfetzt umher und ihre Waffen zerbrochen und die Stadt Wien ſelbſt war kaum wieder zu erkennen. Er ſelbſt aber und Eveline waren alt und grau geworden, und der ſchreckliche Moment in der Kirche lag hinter ihnen wie eine ferne, ferne Zeit. Mit einem ſchweren Seufzer erwachte Guſtav bei dieſer Wendung ſeines Traumes. Es war heller Tag geworden. Er fand ſich im Poſtwagen, der eben angehalten um die Pferde zu wechſeln, ge⸗ genüber von fremden Leuten die ſich über ſeine Ge⸗ ſticulationen und ſein heftiges unartikulirtes Spre⸗ chen im Schlaf luſtig machten. Doch er dachte nur an ſeinen letzten Traum, der ihm ein Finger⸗ zeig des Himmels ſchien, daß Cveline nicht frei— willig dem Grafen zum Altar folge, daß der er⸗ haltene Brief villeicht gar nicht von ihrer Hand 10² ſei, und daß es noch möglich wäre die entſetzliche Vermählung rückgängig zu machen, wenn er ſich ihr in der Kirche zeigte. Mit der verzweifelten Kraft eines Ertrinkenden klammerte er ſich an dieſe Einbildung, die ſo lebendig vor ihm ſtand, daß er nur noch von der Angſt gequält wurde, es dürfte ſchon zu ſpät ſein. Eiligſt ſprang er vom Wa⸗ gen, der eben ſeinen Weg fortſetzen wollte, und ſtürzte in die Poſthalterei um Kourierpferde zur augenblicklichen Rückfahrt nach Wien zu beſtellen. Von der Höhe St. Stephans dröhnten dumpf die zwölf Glockenſchläge der Mittagsſtunde, als Guſtavs Wagen durchs Rothenthurmthor in die innere Stadt hereinrollte. Er fuhr über den lan⸗ gen Salzgries und hielt an der Marienſtiege. Das Mittagsgeläute der Betglocke klang von der Höhe des Thurmes zu St. Liguori herab. Guſtav flog die Marienſtiege hinan und ſtürzte athemlos in die Kirche. Dort war Alles ſtill und leer; nur der Küſter war damit beſchäftigt die letzten Kan⸗ delaber auszulöſchen und den Altar in Ordnung zu bringen. „Hier war eine Trauung!“ rief Guſtav außer ſich. Das Höhe v flog 0s in ; nur Kan⸗ dnung außer 103 Der dicke luſtige Küſter ſah ſich über die ha— ſtige Frage verwundert um, und als er in dem verſtörten jungen Mann den Neffen des Priors erkannte, ſagte er lachend in ſeinem Wiener Pa⸗ tois:„Enker Madel iſt's holt nit, wos unter de Haub' gegangen, mer hoben nur a Bisl ihre Gno⸗ den die Cumteß V. gaplirt.“ Der gemeine Patois und die gutmüthige Spöt⸗ terei des Küſters, der nicht ahnen konnte, welchen Stachel ſeine Worte hatten, übergoſſen den glü⸗ henden Jüngling wie mit eiskaltem Waſſer.„Die ganze Welt iſt gegen mich“, ſtöhnte er in einen Betſtuhl ſinkend;„Hoch und Niedrig hält mich für einen Wahnſinnigen! Die Rechte des Herzens gelten in dieſer entarteten Welt nicht. Und doch kann ich von meinem Glauben nicht laſſen. Ich bin ein Märtyrer wie Alle die dem Wahn und der Gewalt gegenüber auf Natur und Gefühl pochten. O elende, elende Welt, wo rettet man ſich hin vor deinem Schmutz und deiner Lüge!“ Matt und gebrochen wankte er nach Hauſe, der Sturm der Leidenſchaft hatte ſein Herz ver⸗ laſſen; das Ungeheure war unwiderruflich geſche⸗ hen, Furcht und Hoffnung konnte nichts mehr 104 daran ändern. Sein Naturell war jedoch zu kraftis um ſich einem wirren Zuſtand des Gemüthes, dem aufreibenden Wechſel von verzehrendem Schrnnchken und ohnmächtigem Haß lange hinzugeben. Er ſann ernſtlich darauf einen Punkt in der Welt zu fin⸗ den, an den ſich der ſo gewaltſam abgeriſſene Fa⸗ den ſeines Lebens wieder anknüpfen ließe. Als er die Thüre ſeines Zimmers öffnete, fiel ſein erſter Blick auf das faſt vollendete Madon⸗ nenbild. Evelinens Anblick in himmliſcher Ver⸗ klärung zerſchnitt ihm das Herz. Aber er mochte ſich dieſer ſüßen Qual nicht überlaſſen; er wollte vor Allem Ruhe finden, jene lechzend erſehnte Ruhe die ein gequältes Gemüth nicht zu theuer um den Preis des Lebens erkauft. So mußte denn dieſe unnütze ſtörende Erinnerung entfernt werden und ſollten dieſe Züge ihm wieder begegnen, die ihn ſo glücklich und ſo elend gemacht. auf immer; nirgends in der Welt Mit geſenkten Augen ergriff er raſch einen dicken Pinſel, tauchte ihn in ſchwarze Farbe und bald fiel ein ewiger Schleier über die einſt ſo geliebten Züge. Das Vernichtungswerk war kaum vollbracht, als eine feine ſcharfe Stimme aus der Tiefe der uhe den dieſe und güge d ſo der Stube hinter ihm ausrief:„O Schade um das ſchöne Bild!“ Guſtav wandte ſich überraſcht nach der Seite, woher der Ton kam, und ſein Erſtaunen wuchs, als ſein Blick auf die harten ſcharfgeprägten Züge ſeines Oheims traf. In ſich verſunken und von dem Anblick des Bildes wiiſei hatte er beim Hereintreten die Anweſenheit eines Fremden nicht bemerkt. Das war das erſte Mal, daß er dieſen finſtern ſtrengen Prieſter auf ſeiner Es mußte nicht Geringes ſein, was ihn hergeführt. aß Stube ſah. Doch kümmerte ſich Guſtav nicht weiter um den Grund dieſer Erſcheinung; in dieſem Augenblick war ihm jedes fremde Treiben gleichgültig, zumal die Abſicht dieſes Mannes, deſſen Weſen und Stre⸗ ben von dem ſeinigen ſo weit auseinander lief. Es war ihm nur unerträglich jetzt durch wen im— mer geſtört zu werden, und er fühlte ſich peinlich betroffen, daß er vor dieſem kalten empfindungs⸗ loſen Mann eine Handlung der Leidenſchaft be⸗ gangen, ſein zerriſſenes Herz enthüllt hatte. „Ich hätte mir nie einfallen laſſen“— ſagte er ärgerlich mit jenem abfertigenden Ton mit dem man ſich eines Zudringlichen zu entledigen ſucht— 106 „ich hätte nie gedacht in Ihnen einen ſo enthu⸗ ſiaſtiſchen Verehrer der Kunſt zu finden.“ Der Mönch ließ ſich Guſtavs Aerger nicht anfechten; er ſchien den Unwillen und die Aufre— gung ſeines NYeffen gar nicht zu bemerken. Ein feines Lächeln auf ſeinen ſchmalen Lippen ſchien vielmehr anzudeuten, daß er dieſen Humor erwar⸗ tet habe. Mit Behaglichkeit lehnte er ſich in den Seſſel zurück, als fühlte er ſich nicht übel aufge— legt ſich über Guſtavs Ausſpruch des Weitern aus⸗ zulaſſen. „Verehrer der Kunſt!“— ſagte er mit einer Verachtung im Ausdruck ſeines furchtbaren Ge⸗ ſichtes, die Guſtav ſchaudern machte—„Ihr Welt⸗ leute beſitzet eine ſträfliche Leerheit und ſinnloſe Uebertreibung in der Art euch auszudrücken. Was wäre an der Geſchicklichkeit die zerſtreuten Stoffe dieſes Bodens zuſammen zu fügen verehrungs⸗ werth?“ Dieſe plötzliche Redſeligkeit des alten, ſchweigſam brütenden, despotiſchen Mönchsobern ſetzte Guſtav in Erſtaunen. Der Mann begann ihm intereſſant zu werden, ſeine hämiſche Anſchauung paßte zu ſeiner gegenwärtigen Stimmung. Neugierig wo 107 rthi⸗ das hinaus wolle, nahm er einen Seſſel und er— 1 wartete mit geſpannter Aufmerkſamkeit die weitern 2 Aeußerungen des Mönchs. 1 b Ein kaum ſichtbares, triumphirendes Lächeln ſchlüpfte wieder über das Geſicht des Priors.— ſcien Ihr ſeid alle wie Wachs, dachte er, man muß Ajdi⸗ Euch nur zu kneten wiſſen. Doch ließ er nicht n den im Geringſten merken, wie ſcharf er ſeinen Zu⸗ uige⸗ hörer beobachtete und fuhr mit einer ſteinernen Baus⸗ Unbeweglichkeit fort, als wäre es ihm um nichts zu thun als ſeinen Gedanken auszuführen. einer„Ich ſchätze die Kunſt,“ ſagte er mit eiſiger Ge⸗ Stimme,„wie der Arzt das Opium und den Rha⸗ Vel⸗ barber ſchätzt als Hilfsmittel für die Kranken. mnloſe Die Seelen der Menſchen ſind ſo blind und Was ſchwerhörig, daß man ſeine Noth hat ſie durch Stoffe die wenigen Jahre bis zum Himmel im Glauben rungz⸗ zu führen. Wie das Eiſen muß man ſie fort⸗ während reiben und durchglühen, daß ſie nicht igſam roſtig werden und der Vernichtung verfallen.— uſtav Ein Luftzug durch Orgelpfeifen klingt ihnen beſe⸗ reſſant ligend, erhaben; ein Häufchen Farbenſtaub auf ßte zu dem Altarblatt ſcheint ihnen göttlich, bezaubernd; ig wo Steinklumpen in dieſer oder jener Form aufgebaut 108 nennen ſie ein erhabenes Gotteshaus, tauſend Wachskerzen machen ihnen die Kirche feierlich wie der Himmel. Und was iſt das Alles? Staub und Aſche!— Ich habe doch auch Auge und Ohr, aber Dank dem Herrn, der mir die Kraft gegeben ſeinem Wort zu gehorchen:„Aergert dich dein Auge, reiß es aus“— es giebt für mich keinen Unter⸗ ſchied zwiſchen Roſe und Diſtel. Ich habe es er⸗ reicht gleich taub zu ſein für das Lachen der Freude wie für den Schrei des Schmerzes— ſie ſind beide Läſterung Gottes!“ Von Schauern durchrieſelt fuhr Guſtav von ſeinem Sitze auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dieſe neue Weltanſchauung war furchtbar, aber ſie gewann ſein von Wider⸗ willen und Abſcheu ergriffenes Gemüth. Es war ihm als ob ſchmerzſtillendes Gift in ſeine bren— nenden Wunden träufelte. Dieſer Mönch hatte kühn ausgeſprochen was jetzt in ſeiner Seele däm⸗ merte:„Das Schöne ein Blendwerk der Hölle, die Welt ein unendliches Nichts, das Daſein ein ſchauervolles Ahnen, ein ungeheures Grau'n! Wieder ſchlüpfte jenes triumphirende Lächeln über das Geſicht des Mönchs, wie eine Schlange. Als ſich Guſtav aber zu ihm wandte erblickte er nur verſteinerte Züge, und der Mönch fuhr fort tonlos und wie mit ſich ſelbſt ſprechend:„O es iſt eine ſchwere Pflicht aus der Beſchaulichkeit ſei⸗ ner ſtillen Zelle, vom Angeſicht Gottes wegzutreten um dieſem am Fleiſche klebenden Geſchlecht die Augen für den Himmel offen zu halten. Welche Einrichtung in dieſer Welt! Ueberall Läſterung und Götzendienſt! Armſelige Sterbliche, gebrech— licher oft und ſündiger als die Andern, werden als Bevorzugte, als Höhere, als Geweihte nicht viel geringer als Gott ſelbſt angebetet und ge⸗ feiert!“ Die letztern Worte riefen in Guſtavs Bruſt wieder alle Schmerzen der letzten Tage wach. Mit der Heftigkeit ſeines auflodernden Haſſes ſchrie er auf: Wie, ſeid Ihr es nicht die dieſer hoch— müthigen Race allen Vorſchub leiſtet? Seid Ihr es nicht die den alten dumpfen Wahn heiliget und kräftiget; ſeid Ihr nicht die thätigſten Helfers⸗ helfer zur Erhaltung ſklaviſcher Geſinnung?“ „Wir?“ erwiederte der Mönch mit einem furcht⸗ baren Blicke.—„Es giebt unter den Dienern der Kirche, die ſich Prieſter nennen, ebenfalls Blinde 1¹0 und Gottvergeſſene wie uuter den Laien. Wir Auserleſene aber, die unter der Gnade ſtehen, wir verdammen Alles ohne Unterſchied was von Gott abführt; wir ſichern Gott das Reich und arbeiten an dem Untergang weltlicher Macht und Anma— ßung. Eure Herren ſind unſre Sklaven, unſer Werkzeug; ſie müſſen ſich in den Staub zu unſern Füßen beugen, wenn wir im Namen der Mutter Kirche die züchtigende Geißel ſchwingen. Wir le— ben dem heiligen Werkt die freventlich entzogenen Güter dieſer Erde, die angemaßte Allgewalt über die gefallenen Ebenbilder Gottes der Kirche wie⸗ der zurückzubringen, der alleinigen Statthalterin Gottes auf Erden!“ Mit ſteigendem Erſtaunen und einer Art wil⸗ der Freude horchte Guſtav den unglaublichen Ent⸗ hüllungen des Mönchs. Er glaubte den Punkt gefunden zu haben, den er ſuchte um daran ein neues Leben zu knüpfen, ein Leben das mit der frühern fröhlichen Wanderung nichts gemein ha⸗ ben ſollte, ein Leben des Haſſes und der Zerſtö⸗ rung. Dabei drückte die Redeweiſe des Mönchs, die unheimlich und eintönig wie eine Todtenglocke klang, einen ſolchen diaboliſchen Ernſt aus, in 111 ſeiner Miene lag eine ſo eiſerne Strenge, daß Guſtav nicht zweifeln konnte, es handle ſich hier nicht um Meinungen und Wünſche ſondern um ſichere Thatſachen, um einen wohl organiſirten Krieg der nur mit der Niederlage des Gegners endigen ſollte. An dieſem Krieg wollte Guſtav ſich be⸗ theiligen. Dieſer Krieg ſchien ihm viel zuſagender als jener zerfleiſchende rohe Kampf mit Kugel und Bajonett, in den ſich Unglückliche zu ſtürzen pflegen um ihren Schmerz zu betäuben. Der Krieg den er mitmachen wollte, ſchien ihm berechtigt, denn er hatte es mit ſeinem natürlichen Feind zu thun; auch wurde dieſer Kampf mit geiſtigen Waffen geführt und nicht mit Inſtrumenten, die den Menſchen zum Schlächter machen, auf die niedrige Stufe des Huronen und Hotentotten herabſetzen. Feſt entſchloſſen ergriff Guſtav die Hand des Mönchs. Die Kälte dieſer magern Hand hatte ihm ſonſt ſtets einen leiſen Schauer eingeflößt, jetzt ſchien ſie ihm erquicklich und beneidenswerth. Dieſe kalte Ruhe, dieſe eiſerne Sicherheit ſchien ihm groß, ſeit er wußte, daß ſie nur in dem un⸗ abwendbaren Streben nach einem Ziel und in der Verachtung alles Nebenliegenden ihren Grund 112 hatte. Auf dieſe Höhe der Ueberlegenheit hoffte er auch zu gelangen.„Nimm mich auf,“ rief er mit Eifer,„in dieſe erhabene Geſellſchaft, die auf ſtolze Häupter tritt um Gott zu retten, die Welt in Trümmer ſchlägt um darauf die Kirche zu erheben!“ „Ich weiß,“ erwiederte der Mönch mit ſtren— gem Blicke,„daß irdiſche Leidenſchaft Deinen Willen regiert, daß Du mit Gottes Macht Deinem Haſſe dienen willſt. Doch das wird ſich finden, auf dem Weg durch die Kreuzgänge bleibt der Schwefelgeruch des hölliſchen Feuers bald zurück. Ich nehme Dich auf; auch kommſt Du nicht mit leeren Händen, Du führſt der Kirche Gaben zu die ſie zu ſchätzen weiß. Jugend, Phantaſie und Kunſt kann die Kirche verwenden, ſo lange die Menſchen an dieſen Götzen hangen. Gott ſelbſt mußte Geſtalt des Menſchen annehmen und die Sprache der Welt ſprechen um erkannt und ver⸗ ſtanden zu werden.“ 8. Am erſten Tag nach dem Einzug in das Kloſter von St. Liguori fand Guſtav Roſe in ſeiner Zelle ein weiches wohllüſtiges Bett, leckere Speiſen und köſtlichen Wein. Aber dieſe Genüſſe widerten ſein düſteres Gemüth an, das ſich in der Einſamkeit der Zelle mit allen Schauern einer verwüſteten Welt erfüllte. Er hatte ſich nicht einem Mönch— thum gewidmet das den Leib ſchwellt und die Seele leer läßt; er war in dieſes Kloſter nicht wie in eine Verſorgungsanſtalt eingetreten. Man muß, dachte er, eine ſehr gemeine Natur ſein um unter den Schauern des Kloſters an den Magen zu denken; nur ein Thier vermöchte einen Sarg als Krippe zu benützen. Ein König und ein Jeſuit müßten nie mehr dem Körper bieten als für die nothdürftigſte Erhaltung des Lebens erforderlich wäre. Was ſind Ambroſia und Nektar, wenn I. 8 114 Einem Donner und Blitz zu Gebot ſteht. Er ſah wohl ein daß ihn der Prior nur auf die Probe ſtellen wollte, und lächelte verächtlich über eine ſo plumpe Prüfung. Unberührt ließ er die Speiſen ſtehen, aß nur Brot, trank nur Waſſer und ſchlief auf dem nackten Boden. Nach einigen Tagen beſuchte ihn der Prior. Der Geiſt der Gnade, ſagte er, waltet über dir mein Sohn; er hat dich ſelbſt auf den Weg ge— führt, auf den wir die Novizen durch Kaſteiung mit Gewalt führen müſſen. Ich habe mich in dir nicht getäuſcht. Deine Seele ringt ſich los vom Staube. Du brauchſt unſere Katecheten nicht zu hören, an den Andachten und Vorbereitungen der Novizen nichtz theillunehmen. Deine auffliegende Seele erhebt dich über die niedern Stufen der Dreſſur, über die weſenloſen Formen an welchen niedere Naturen ihr ganzes Leben haften bleiben. Hier iſt die heilige Schrift, du wirſt ſie begreifen nachdem du die Taufe des Leidens erhalten haſt, und hier befeſtige ich das Krucifix an die nackte Wand, aus ſeinen Wundenmälern werden für dich Offenbarungen ſtrömen. Dein Malergeräth wird man dir herſchaffen, da du gewohnt biſt die 115 Regungen deiner Seele durch Form und Farbe zum Ausdruck zu bringen.“ Guſtav war kein Freund jener Malerei, welche die Leiden Cbriſti und der Märtyrer zum Gegen⸗ ſtande hatte. Sein Geſchmack neigte ſich hin zu den Darſtellungen der Jugend, Anmuth und der ſchönen Regungen des menſchlichen Herzens. Als Künſtler wie als Menſch ſuchte ſein Auge ſtets den Ausdruck der Liebe und Hoffnung, der kind⸗ lichen Unſchuld und der redlichen Einfalt, der ſanften Wehmuth bis zur ſchwermüthigen Melan⸗ cholie und der freudigen Wallung bis zum Zauber des Entzückens. Die mächtigen Leidenſchaften des Stolzes, des Ehrgeizes, des Thatendranges, der edlen Entrüſtung, der unbezwinglichen Titanen⸗ kraft verfolgte er bis zu den gefährlichen Grenzen der Schönheitslinie, denen ſich nur der ſichere Kunſt⸗ ſinn nahen darf ohne Gefahr in Grimaſſe und Entartung zu ſtürzen. Die Bilder qualvoller Ver⸗ zerrung, wahnſinniger Verſunkenheit, geiſtiger Mar⸗ ter mit ihren aſchgrauen blitzblauen und ſonſtigen unmöglichen Farbentoͤnen ſchienen ihm Ausgebur⸗ ten einer krankhaften vom Leben abirrenden Phan⸗ taſie und eine Erniedrigung der Kunſt, wie ihre 8* 116 Originale nur den Fall und die Entartung göttlichen Elementes im Menſchen bekundeten. Seinen tiefſten Widerwillen und entrüſteten Ab⸗ ſcheu erregten vollends die Bildniſſe dieſes Genre's von gemeiner Lohnarbeiterhand mit welchen die katholiſche Welt überdeckt war. Dieſe ſchienen ihm, hingepjlanzi wie ſie waren in allen Kirchen, auf den Begräbnißſtätten und an dem Rande der belebteſten Straßen, ein ruchloſer Frevel an der Menſchheit nnd der Gottesidee; denn in dieſen Bildniſſen der Jahrmärkte war nicht einmal die Gottesſpur des ſiegreichen Glaubens und der ahnungsvollen Erhebung zum Ausdruck gebracht. Indeſſen, dachte Guſtav indem er das ver— letzte Auge wieder auf das roh geſchnitzte Krucifix an der Wand richtete— ich bin doch nicht hieher gekommen um den Menſchen und Künſtler fort⸗ zuſetzen, ſondern um einer jener dämoniſchen Mönche zu werden, die unberührt und unnahbar wie Gott ſelbſt die Welt an ihren Polen faſſen. Er betrachtete lange und unabwendbar das entſetzliche Bild um ſeine Seele den angekündigten Offenbarungen zu öffnen, die daraus ſtrömen ſollten. Er betrachtete es mit den friſcheren Sinnen des —— 117 Morgens, er betrachtete es in der Schwüle des Mittags, wo das ſtarke Licht grelle Schatten warf, und im Zwielicht der Dämmerung, welches das Bild wie ſeine Sinne und ſeine Seele umnebelte. — Aber nur Eine Offenbarung ſtrömte ihm aus dem verzerrten Bild entgegen dem jede Spur des Göttlichen abging, daß die Gewalthaber zu allen Zeiten der beſſern Meinung, der veredelnden Neue⸗ rung und Lehre mit Folter und Schwerdt ent⸗ gegen getreten, und daß ſie bei ihrer Ohnmacht der Vernunft und der Erkenntniß zu begegnen gegen den Leib, den irdiſchen Träger zerſtoͤrend gewüthet. Aber dieſe Lehre, dachte er, iſt es wohl nicht mit der mich die Mitglieder einer Zunft erfüllen wollten, welche Huß verbrannt, Luther verfolgt und Galiläi gefoltert hat. Nach langem Sinnen kam er auf den Gedanken, daß man ihn nur einer neuen feinern Probe unterwerfen wollte. Doch vergebens ſuchte er die Natur dieſer Prüfung zu ergrübeln. Er öffnete die Bibel, die der Prior auf ſeinen Tiſch gelegt, um ſich hier Raths zu erholen. Unter dem ſchweren Deckel des Buches war ein weißes Blatt eingelegt und darauf ſtand 118 mit blutrother Schrift:„Die Sündhaftigkeit des Menſchen kann nicht durch die Gnade geheilt wer⸗ den, ſondern muß durch Zucht und Furcht gebro⸗ chen werden!“ Guſtav ſchauderte zurück vor dieſer blutigen Lehre an der Schwelle des Evangeliums der Liebe und Verſöhnung; es war ihm als ſtünde er vor dem Pallaſt der Inquiſition und leſe dieſen Satz über dem Portale. Doch meinte er darin die Löſung ſeiner räthſelhaften Prüfung gefunden zu haben. Gewiß, dachte er, die höheren Eingeweihten der Hierarchie ſind weder Chriſten noch gottesfürch⸗ tig; gab es doch Päbſte die ohne den Unwillen ihrer geiſtlichen Umgebung zu erregen ein Leben führten, das allen chriſtlichen und ſittlichen Geboten offen Hohn ſprach. Und auch dieſer blutige Ausſpruch über den Menſchen, der mich auf dieſem Blatte angrinſt, iſt ſchnurgrade entgegengeſetzt all dem was mir vom Evangelium und dem Beiſpiel Chriſti bekannt iſt. Es iſt nicht anders denkbar, als daß die Hierarchie eine weltliche Organiſation iſt, welche nach der Weltherrſchaft ſtrebt und ſich ſchlau ge— nug einer Fahne bedient, der die Maſſen in ihrem frommen Wahn blindlings folgen. 119 Das Wenige was er zerſtreut in der Geſchichte geleſen ohne daß es früher ſein Nachdenken, das auf andre Dinge gerichtet war, tiefer angeregt, reihte ſich jetzt an ſeine Vermuthung um ſie zu beſtärken. Die Gräuel der Inquiſition, ſagte er ſich, können unmöglich. einem beſchränkten Fana⸗ tismus zugeſchrieben werden; der gedankenloſe Haufe kann wohl auf kurze Zeit zu fanatiſchen Thaten aufgeſtachelt werden, aber die kalten ruhi— gen Kirchenobern, die Gelegenheit haben ſich zu bilden und zu prüfen, können nur im Intereſſe ihrer Herrſchaft, ſo wie die weltlichen Tyrannen, gegen jeden Eingriff mit den rohen Mitteln der Zer⸗ ſtörung kämpfen. Das Chriſtenthum, als es von wahrhaften Gläubigern und Bekennern getragen wurde, ging ſiegreich durch die Welt bloß mit ſeinen geiſtigen Waffen und trotz der gegneriſchen Gewaltmittel. Ueberdieß hat man geiſtliche Or⸗ den wie die Tempelherrn und Jeſuiten im Kampf mit ganz religiöſen weltlichen Herrſchern geſehen. Mit dieſer Erkenntniß glaubte er ſich nun ſicher über den Sinn ſeiner Prüfung und über die Mittel ſie zu beſtehen. Man wollte ſehen, dachte er, wie viel Chriſtenthum ich ins Kloſter 120 gebracht und ob mich die Einſamkeit und die Stille meiner Zelle, der Anblick des Krucifix und die Lektüre der Bibel in religiöſe Schwärmerei ver⸗ ſenken wird, oder ob ich einen verläßlichen Ein⸗ geweihten abgeben werde, der dem Haß und der Rachſucht gegen eine herrſchende Klaſſe, der auch dieſer Orden wie jeder weltlichen Herrſchaft feind iſt, unabwendbar treu bleibt. Der religiöſe Schwär⸗ mer wäre in den Augen der Obern auf die niedre Stufe der von ihnen geleiteten geiſtlichen Heerde, die unbewußt ihren Zwecken dient, herabgeſunken. Der eiſerne berechnende Mann der That, der un⸗ erbittliche Verfolger wird für ſie ein würdiges Mitglied ſein, den man ſelbſtthätig in die Spei⸗ chen des großen Rades greifen laſſen kann. Dieſe Anſicht ſteigerte ſich in Guſtav zur Ge— wißheit als er bemerkte, daß die Blätter der Bi⸗ bel unterhalb des eingelegten Blattes mit einer rothen Schnur durchzogen waren, deren Enden an den untern Deckel feſtgeſiegelt waren, ſo daß er dieſes Siegel löſen oder die Schnur durchſchnei⸗ den mußte, wenn er in dem Buche leſen wollte. Mit triumphirenden Lächeln ſchloß er das Buch wieder, dann nahm er das Krucifix von der Wand 121 und ſtellte es in ein Tuch gehüllt in einen Win⸗ kel ſeiner Zelle. Auch von dem Malergeräth das man ihm ſpäter brachte, machte er keinen Ge⸗ brauch. Sein Gemüth war nicht geſtimmt für die heitere Arbeiten ſeines früheren Lebens. Auch glaubte er in der Herbeiſchaffung ſeines Maler⸗ geräthes gleichfalls einen Theil ſeiner Prüfung zu finden, indem man daran ermeſſen wollte, in welchem Maße frühere Gewohnheiten noch auf ihn Einfluß üben könnten. Vielleicht, dachte er, will man erproben, wie viel oder wie wenig der Adept an ſich ſelbſt genug hat und an ſeiner Aufgabe, oder ob er noch das Bedürfniß empfinde bei der bunten Mannigfaltigkeit des äußern Lebens um Zerſtreuung und Unterhaltung zu betteln. Es ſollte ſich zeigen ob der Lehrling das Spiel der Künſte noch hoch halte, oder ob es ihm neben einem gewaltigen über Jahrhunderte und Gene— rationen hinabreichenden Streben kindiſch und ge⸗ ringfügig erſcheine.— Die Eingeweihten, ſagte er ſich mit einem herben faſt ſchauerlichen Gefühl des Triumphs, ſollen an mir einen Meiſter finden! Dieſe Anſichten und Entſchlüſſe hatte Guſtav nicht am erſten Tag gefunden; ſie waren das Re— 122 ſultat eines langen tiefen Sinnens, während zahl⸗ reicher Stunden einſamer Tage und Nächte in⸗ mitten der weltentrückten Grabesſtille der Kloſter⸗ zelle. Es ging ihm wie einen Menſchen der ploͤtzlich aus Tageshelle in eine finſtern geheimnißvollen Grotte verſetzt wird; anfangs hielt ſchwere ſchwarze Nacht ſeinen Geiſt befangen, endlich erweiterte ſich ſein Auge, es erkannte klar früher kaum ge— ahnte Dinge und muthig und ſicher bewegte er ſich in dem unterirdiſchen Labyrinth, unter der Leitung der in ſeiner Bruſt entflammten dämoni⸗ ſchen Fackel. Vier Wochen waren über ihn bei dieſem Ent⸗ wurf und Ausbau einer Welt in der er walten und herrſchen wollte hingegangen, als der Prior eines Tages in ſeine Zelle trat. Sein erſter Blick fiel auf die Wand, von der Guſtav das Krucifix abgenommen hatte, dann ſetzte er ſich an den Tiſch dem Novizen gegenüber und betrachtete wie zu— fällig die Bibel an welcher das ſchließende rothe Band nicht verletzt war. Darauf prüfte er lange die Züge des Novizen auf welchen ſich kalter fin⸗ ſterer Ernſt gelagert hatte.— Nach einigen Minu⸗ ten begann der Prior mit ſeiner gewöhnlichen Kälte 123 ohne alles feierliche Gepränge:„Bruder im Herrn, zwiſchen uns bedarf es keiner Erklärung, ich leſe in deiner Seele wie in einem offenen Buche die Geſchichte deiner Entwicklung.“ „Deine Weihe“, fuhr er fort,„iſt vollendet; die Kirche hat einen wahren Jünger an dir ge⸗ wonnen und es iſt nun Zeit, daß du deine Kräfte in ihrem Dienſt übſt. Eine Frau aus einer Fa⸗ milie, die in der Welt Macht und Geltung beſitzt, hat ſich zur Beichte gemeldet. Du wirſt ſie hören und ihr Herz, ihren Willen und alle ihre Kräfte der Kirche zu gewinnen ſuchen.“ Guſtav ſchien das ein guter Anfang ſeiner neuen Laufbahn; er freute ſich darauf ein Mitglied der ihm ſo verhaßten Adelswelt zu ſeinen Füßen zu ſehen, wie es in feiger Schwäche mit dem Him⸗ mel buhlte, und für goldene Opfer von einer be⸗ trügeriſchen Kirche neue Kraft für ſtumpfe Sinne erhandeln wollte. Doch fürchtete er einem vielleicht erfahrenen Beichtkind als falſcher Prieſter zu erſcheinen.„Ehr⸗ würdiger Vater“, ſagte er daher zu dem Prior, „werde ich auch dieſen Dienſt erfüllen können? Ich 124 erwarb mir noch nicht genug Kenntniß des Zere⸗ moniels und der Bräuche des Prieſterthums.“ „Haſt Du noch ſo wenig Vertrauen zu mei— nem Urtheil?“ erwiederte der Prior ſtrenge.„Ich würde dich nicht zu beſchränkten Menſchen ſen— den, die dich nicht begreifen könnten. In dieſem Fall aber kannſt du dich allen Eingebungen dei— nes Geiſtes überlaſſen. Auf den Haufen müſſen wir durch plumpe Künſte wirken. Ein Mutter⸗ gottesbild unter den Wurzeln einer alten Eiche gefunden, ſchauerliches Aechzen unter dem Bette eines Kranken wirkt da mehr als die Offenbarun⸗ gen einer Seele im Stande der Gnade. Doch bei denjenigen die ſich ihres eitlen Wiſſens rüh⸗ men, die auf Weisheit aus profanen Büchern ſtolz ſind, wirſt du im Moment wo ſie ſich ſchwach fühlen, allmächtigen Einfluß gewinnen, wenn du deinen begnadigten Geiſt in ſeiner ganzen Kraft ſtrömen laſſeſt. Und ſelbſt wenn ſie dich nicht begreifen, werden ſie erſchrecken und glauben.“ Guſtav bereitete ſich darauf vor die Theater⸗ donner eines heuchleriſchen Pfaffenthums über dem Haupte des gehaßten Beichtkindes raſſeln zu laſſen. Erl Wer dara lern oden ſen. 125 Er holte ſich aus der Bibl iothek des Kloſters die Werke eines der fanatiſcheſten Kirchenlehrer um daraus jene myſteriöſe, hyperboliſche Sprache zu lernen, welche religiöſen Verzückungen entſchlüpft, oder in dem Moderduft der Klöſter fiebernden Phan⸗ taſien entflammt, von kalt berechnenden Lügenprie⸗ ſtern ſchlau benutzt wurde, eine Sprache in welche der Prior ſelbſt ihm gegenüber theils aus Gewohn⸗ heit theils mit Abſicht ſeine eiskalten, profanen Gedanken kleidete. Eine halbe Stunde nachdem Mönch zur Beichte gerufen worden, kehrte er in der neucreirte heftigſter Bewegung in ſeine Zelle zurück. Er hatte im Beichtſtuhl Evelinen gefunden in Jam⸗ mer verſunken, aber vermählt. Ihr Jammer er⸗ regte nicht ſein Mitleid, denn der wieder aufflam⸗ mende Schmerz ſeines der ehüien Herzens war zu mächtig um nicht jedes Mitgefühl für nned einen Andern zu verzehren. Ihr Anblick belebte nicht ſeine frühere Zärtlichkeit, denn ſein Gemüth war in den vier Wochen der klöſterlichen Umwandlung zu einem ſolchen rauchenden Pech und Schwefel wälzenden Höllenſtrom geworden, daß ſich keine Brücke darüber ſchlagen ließ zu den paradieſiſchen 126 Gefilden einer harmloſen reinen Jugendliebe. Welt und Erlebniß lag breit und trennend zwiſchen ihnen wie eine ſchwarze unendliche Kluft. Allein der Mönch fand in ſeiner Zelle nicht wieder die Feſtigkeit eines Menſchen der mit ſtar— ker Hand den glühenden Pfeil aus der Bruſt ge⸗ zogen und ſein Inneres gereinigt hätte vom erlebten Graus; ſein Geiſt erlangte die Ruhe nicht mehr, die mit der Vergangenheit gebrochen und ſelbſt⸗ ſtändig an einer neuen Zukunft baut. Das Bild der am Altar knienden Cveline ſchwebte unver⸗ wiſchbar vor ſeinem Auge, und jenſeits der ſchwar⸗ zen trennenden Kluft erglänzte von Zeit zu Zeit ein warmes ſonniges Leben wie der Anblick des gelobten Landes. Der Zweifel blies zuweilen mit heißem Odem über die eiſigen ſtarren Maſſen ſei⸗ ner Pläne, und dann wälzten ſich ſeine Gedanken in trüben ſchäumenden Wirbeln, die ſeine Seele in die Abgründe des Wahnſinns hinabzuziehen drohten. 9. Während der Mönch in ſeiner Zelle alle Stürme die in der Seele des Mannes hauſen entfeſſelte, Welt und Geſchick in heftigen Monologen anklagte, überblickte Eveline mit der Beſonnenheit, die das Weib in den Kämpfen des Herzens mit der Welt leichter wieder erlangt als der Mann, ihre verän— derte Lage und fand ſie minder ſchrecklich als vor dem Ergebniß in der Kirche. Sie wußte doch nun wo in der weiten Welt der Freund ſich befand, nach dem ſich jede Regung ihres Herzens drängte. Er hatte ſie in ihrem Schmerz geſehen und ſeine Verzweiflung mußte ſich mindern ſeit er auch ſie in Trauer wußte.„Und meine aufwallende Freude“, dachte ſie,„konnte ihm doch nicht entgangen ſein, als ich angſtvoll am Altar kniend in dem ſchreck⸗ lichen Mönch den Geliebten erkannte. Schrecklich war wohl ſein Blick geweſen; er hatte mich ver⸗ 128 nichten wollen unter der Wucht ſeines Vorwurfs und ſeines Haſſes. Aber er war nicht kalt, nicht gleichgültig; die Flamme des Haſſes ſchlug aus einem Herzen voll Liebe. Und dieſer Groll ſollte unüberwindlich ſein, ich ſollte ihm nie mehr etwas werden können? Würde er mich von ſich ſtoßen, wenn ich mich an ſeinen Arm klammerte, um, wenn auch nicht Glück, doch Schmerz um Schmerz zu tauſchen?“ Den Beſuchen des Liguorianerobern im Hauſe ihrer Mutter verdankte Eveline einige Bekanntſchaft mit den Einrichtungen im Kloſter. Sie wußte, daß Frauenzimmern der Eintritt nicht geſtattet war, daß die Mönche andere Namen erhielten, als ſie früher im Leben geführt. Sie ſah wohl, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, um zu Guſtav zu gelangen; aber dieſe edle Seele, ſo zart und kindiſch im Glücke, war im Feuer des Schmerzes geſtählt worden und die erwachte Hoffnung gab ihr den Muth und die Kraft einer Heldin. Sie richtete ihren nächſten Beſuch bei ihrer Mutter ſo ein, daß ſie den Prior in der Villa treffen mußte. Sie küßte ihm die welke Hand und ſprach ihm mit verſtellter Wärme ihren Dank aus wenn. tz zu ZHauſe ſchaft vußte, war, welche uſtav t und 129 für die Heilung die ihre kranke Seele in Folge der Beichte bei einem ſeiner Kloſterbrüder gefun⸗ den. Sie gab ſich den Anſchein, als hielte ſie den Beichtiger für einen alten Mann, was ſie leicht wagen konnte, da ihr die tiefe gedrückte Stimme hinter der Luke des Beichtſtuhls wirklich alt und fremd erſchienen war. Sie rühmte die Kraft des Wortes im Munde des heiligen Man— nes, und erkundigte ſich nebenbei nach ſeinem Na⸗ men im Kloſter. Der Prior pries den frommen Sinn der jun⸗ gen Frau, ſprach allerlei von der Seltenheit ſol⸗ cher evangeliſchen Tugend in der jetzigen Welt ſtimmte ein in das Lob der großen Eigenſchaften des Beichtigers, und ließ ſich wie zufällig Guſtavs Kloſternamen entſchlüpfen. Jenes kalte Schlangenlächeln, der einzige Aus⸗ druck des Vergnügens der jemals dieſe verſteiner⸗ ten Züge bewegt hatte, zuckte wieder auf ſeinen Lippen, als Eveline den Kloſternamen Guſtavs haſtig wiederholte, als fürchtete ſie ihn zu vergeſ⸗ ſen. Doch Evelinen ſchien dieſes Lächeln der vä⸗ terliche Ausdruck eines tiefernſten frommen Mannes; I. 9 ſie wußte nichts von der Verwandtſchaft des Priors mit dem Maler, und hatte keine Ahnung von den Beziehungen dieſes furchtbaren Mannes zu Guſtavs Schickſalen. Dieſe erſte Verſtellung in ihrem Leben koſtete Evelinen nicht wenig Ueberwindung, allein ſie hatte das Schlagwort gefunden, das ihr die Kloſter⸗ pforte öffnete und dafür ſchien ihr kein Preis zu hoch. Auch ſtanden ihr noch größere Opfer be⸗ vor; ſie mußte ſich in Männerkleidung werfen und zwar heimlich außer ihrem Hauſe und unter dem Anſchein eines verdächtigen Vorhabens. Das war ein ſchweres herzbrechendes Beginnen für eine ſo offene Seele, für ein ſo zartfühlendes Naturell. Doch auch dieſes Opfer ward vollbracht, ob⸗ wohl mit Schaudern. In einer großen intriguen⸗ vollen Stadt wie Wien läßt ſich das Abentheuer⸗ lichſte ausführen; es koſtet nur Geld und— die Ueberwindung eines heimlichen Lächelns der benutz⸗ ten Perſonen. Nach einem langen innern Kampfe und nachdem ſie den Himmel unter heißen Thrä⸗ nen um Kraft angefleht, verließ Eveline zu Fuß ihr Palais, ſtieg in einer entlegenen Straße in einen Fiaker und verſprach dem Kutſcher ein an⸗ ſehn ſend wec geſ De Lie une ten oh⸗ guen⸗ euer⸗ die enutz⸗ mpfe Thrä⸗ Juß he in n an⸗ 13¹ ſehnliches Stück Geld, wenn er ſie an einen paſ— ſenden Ort bringen würde, wo man die Kleidung wechſeln könnte. Die Wiener Fiaker ſind als allwiſſende und geſchickte Helfershelfer in jeder Intrigue bekannt. Der Fiaker erkannte ſogleich, daß es ſich um eine Liebesaffaire handle, und daß er eine vornehme unerfahrene Dame vor ſich habe. Mit der größ⸗ ten Ehrerbietung und dem Ernſt einer in ſeinem Geſchäft ſich bewegenden Perſon, beruhigte er die ängſtliche Dame indem er ſie verſicherte, daß ſie ſich das Unternehmen wahrſcheinlich als beſonders ſchwierig vorſtelle, während es das leichteſte von der Welt ſei. Er verſprach Alles aufs Beſte zu beſorgen, ohne daß ſie ſich im Geringſten bloß zu ſtellen hätte. Der Fiaker fuhr in ein Gaſthaus, das ihm für den Zweck der Dame geeignet ſchien und ſprach dort heimlich, bevor die Dame ausſtieg, mit dem Zimmerkellner. Die tief verſchleierte Dame wurde wie eine fremde Reiſende vom Wagen gehoben und in ein ſchönes Zimmer geführt. Der Kellner verſprach mit einer tiefen Verbeugung, es werde 9* in kurzer Zeit Alles nach Wunſch der Dame beſchafft werden. Wirklich war kaum eine halbe Stunde vergangen, als der Kellner mit einem neuen eleganten Männeranzug erſchien, den er aus dem nächſten Kleidermagazin, der Geſtalt der Dame voll⸗ kommen entſprechend, geholt hatte. Nachdem der Kellner die geforderte Summe erhalten hatte, machte er die Dame aufmerkſam, daß ihr das Zimmer ſo lange ſie wünſchte zur Verfügung bleibe, nannte ihr den Namen des Gaſthauſes und zeigte ihr die im Ohr des Zimmerſchlüſſels eingeſchnittene Zim⸗ mernummer, ſo daß ſie ohne Jemanden zu fragen und anzureden aus- und eingehen könnte. Eveline hatte von dem Augenblick wo ſie das Zimmer betreten ſtumm und mit geſenkten Augen am Fenſter geſtanden. Die Möbel ſchienen ihr ſo fremd und abſtoßend, daß ſie ſich hütete irgend einen Gegenſtand zu berühren oder auch nur mit ihren Kleidern zu ſtreifen. Doch waren die ſchnelle Bedienung und die Weiſungen des Kellners ſehr erleichternd für ihr gedrücktes Gemüth. Sie dankte ihrem Gott, daß ihr Abentheuer viel leichter und unter geringeren Prüfungen angebahnt worden, als ſie es für möglich gehalten. Die Umkleidung koſtete dame zalbe deuen dem voll⸗ der achte er ſo unnte die Zim⸗ 133 ihr noch ſchwere Seufzer, ſie wagte nicht einmal ſich in der neuen Tracht im Spiegel anzuſehen. Zitternd und tief verletzt erreichte ſie endlich die Kloſterpforte. Nach dem was Cveline von dieſem Kloſter er⸗ fahren und nach dem Brauch des Kloſters in dem ſie erzogen worden, glaubte ſie, man werde ſie ins Sprachzimmer weiſen und dahin den verlangten Geiſtlichen rufen. Aber es kam anders. Sobald der mürriſche Pförtner ihren Wunſch den Pater Antonius zu ſprechen vernommen hatte, wurde er ſehr höflich, führte ſie ſogar ſelbſt in das Innere des Hauſes, und zeigte ihr die Thür ſeiner Zelle. So war denn Eveline nach ſo ſchwern Opfern endlich am Ziel ihrer Wünſche, aber ihr Herz hatte zu viel gelitten, und beſaß jetzt keine Kraft für die Freude. Sie hatte ſich ſo ſchön den Moment aus⸗ gemalt, wie ſie an die Bruſt des Ueberraſchten ſtürzen, mit ihren Thränen ſeinen Groll verwi⸗ ſchen und neuen Frühling in ſein erſtarrtes Herz lachen würde. Und nun ſtand ſie zögernd da im dämmernden Kreuzgange vor ungewiſſen Schrecken bebend. Doch es war keine Wahlz; hinter ihr hatte die Welt ein Ende. Schüchtern klopfte ſie an die 134 Thüre; es erfolgte keine Antwort. Sie pochte ſtärker, in ſteigender Angſt; kein einladender Ruf ließ ſich vernehmen. Sie nahm endlich ihre letzte Kraft zuſammen, öffnete raſch und trat in die Zelle. 10. An einem grob gezimmerten Tiſch ſaß ein Mönch den Kopf auf beide Arme geſtützt, die Stirne in die Hände vergraben. Nichts lag vor ihm was ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch nehmen konnte. Seine Augen ſtarrten auf den nackten Tiſch weltvergeſſen, traumbefangen. Eveline erkannte in ihm den Mönch des Beicht⸗ ſtuhls, den geſuchten Freund. Sie athmete tief auf, als fiele ein Stein von ihrer Bruſt, und ein leiſer Schrei entrang ſich ihren Lippen. Der Schrei traf das Ohr des Mönchs, er er⸗ hob den Kopf und richtete das ſtarre Auge nach der Thür, an der Eveline ſchüchtern ſtehen geblie⸗ ben war. Er betrachtete ſie lange mit ſteigender Verwunderung, als könnte er dieſe Erſcheinung nicht begreifen, nicht enträthſeln. Sein geübtes Malerauge ſchien trotz der Verkleidung an dem 136 Geſicht und den Formen das Weib zu errathen. Doch war ſein Geiſt zu ſehr in ſich verſunken und verloren, um Betrachtungen über den Con— traſt zwiſchen dem Weſen und der äußern Erſchei⸗ nung anzuſtellen, oder die Züge der Geſtalt ſchär— fer zu prüfen. Eveline ſah mit tiefem Kummer die furchtbare Veränderung, welche die kurze Zeit ihrer Trennung in dem Geſicht des Unglücklichen hervorgebracht. Dieſe ſtarren Augen, dieſe hohlen Wangen und verzerrten Züge erinnerten kaum noch an den blü— henden Jüngling. Sie machte ſich Vorwürfe, daß ſie in der Größe der Leiden hinter ihm zurückge⸗ blieben, denn ſie ſelbſt war außer der tiefen Schwer⸗ muth, die ihr einſt ſo ſonnig heiteres Geſicht be⸗ ſchattete, wenig verändert. Eveline wußte nicht, daß die unerbittliche Hand des Geſchickes das Aeußere des Weibes verſchont während es die Seele foltert. Das iſt eine gütige Anordnung der Schöpfung, denn nur zu oft endigt die Liebe des Mannes wenn ſein Mitleid beginnt. Aber Eve⸗ line, welche dieſe Beobachtung noch nicht gemacht, ſah in der ſtärkern Verheerung des Mönchs nur die überlegene Macht ſeiner Gefühle, und ihre Ste hen. nten LCon⸗ ſchei⸗ här⸗ 137 Liebe wuchs höher an dieſem ſtarken Herzen. Sie gelobte ſich, von dieſer Betrachtung bewältigt, ihr Schickſal an dieſen Mann, dem ſie die glücklichſten Stunden mit ſo heftigen Leiden vergolten, auf immer zu feſſeln, und mit ihm unterzugehen oder zu einem neuen Leben zu erſtehen. „Guſtav“, rief ſie mit einer ſchmerzgetränkten Stimme die einen Stein rühren konnte,„beſinnen Sie ſich doch, es iſt Eveline die vor Ihnen ſteht!“ Der Mönch fuhr bei dieſen Worten erſchrocken auf; unwillkührlich that er einige Schritte gegen die verkleidete Geliebte; aber plötzlich überkam ihn die Erinnerung an die erfahrenen Leiden mit ſol— cher Macht, daß er vor der Wiederanknüpfung eines ſchmerzenreichen Verhältniſſes zurückbebte. Dieſes Gefühl war nicht engherzige Selbſtſucht; wäre Guſtav im Vollbeſitz ſeiner geiſtigen Kraft geweſen, er hätte mit einem Blick die Lage der Dinge und die Größe dieſes liebevollen Herzens erkannt. Aber die äußere Welt war ihm ſeit der Beichte wie umnebelt, er ſelbſt lebte nur noch wie in jenen qualvollen Fieberträumen, in welchen ſich die Anſchauungen der Sinne mit einer innern na⸗ menloſen Welt chaotiſch durcheinanderwälzen. 138 Eveline ſah in ſeiner Geberde den Ausdruck unverſöhnlichen Widerſtrebens und fühlte ſich dar⸗ über tief gebeugt.„O mein Freund“, rief ſie ſchmerzvoll,„Sie ſind härter gegen mich, als ich es verdiene. Sehen Sie denn nicht, indem ich bis in dieſe Zelle gedrungen, ich ein ſchüchternes Kind, und in ſolcher verletzenden Kleidung, welches Opfer ich gebracht? Ach ich will ja nur den grauſen Irrthum Ihrer Meinung über mich zer⸗ ſtreuen und einen Strahl von Troſt in Ihre mar⸗ tervolle Seele werfen!— O nicht dieſen ſtarren Todesblick, dieſes entſetzliche Schweigen! Sprechen Sie, fordern Sie, was ſoll ich thun um wieder einen freundlichen Blick Ihrem Auge abzugewin⸗ nen, um wieder ein ſanftes Lächeln auf Ihre Lip⸗ pen zu bringen. Ich bin zu Allem bereit, kein Opfer ſoll mir zu ſchwer, kein Hinderniß zu ſchwie⸗ rig ſein!“ „Ich glaube Sie ſind vermählt, und nennen ſich Frau von Burgen“, ſagte Guſtav mit einer ſchauerlich tonloſen Stimme. Dieſer Gedanke der wie die fixe Idee eines Wahnſinnigen ſeine ganze Seelenkraft gefangen hielt, ergriff ihn wieder ſo bewältigend, daß er ſich halb ohnmächtig auf den druck dar⸗ ej ſie ds ich m ich ternes elches r den zer⸗ mar⸗ arren rechen dieder gewin⸗ eLip⸗ „kein hwie⸗ ganze der ſo uf den 139 Seſſel am Tiſche niederließ und wieder in ſeine alte Stellung verſank. Eveline eilte zu ihm mit der Angſt einer Mut— ter die ihr Kind hinſtürzen ſieht. Mit Heftigkeit ergriff ſie ſeine kalte Hand und riß ſie krampfhaft an ihre Bruſt.„O hören Sie mich!“ ſchrie ſie auf,„Sie können mich nicht verdammen, Sie kön⸗ nen mich nicht von ſich ſtoßen, Sie können mich nicht herzlos einem namenloſen Elend überlaſſen!“ Guſtavs Auge belebte ſich; ihre Heftigkeit, ihr Angſtſchrei ſtimmte gut zu ſeinen Gefühlen; an ihrer Gluth erwärmte ſich ſeine erſtarrte Seele. Thränen der Freude ſtürzten bei dieſem An⸗ blick aus Evelinens Auge, ſie glaubte ihn dem gräßlichen Grab des Wahnſinns entriſſen, ſie ſah beide gerettet. Ohne ſeine Hand los zu laſſen ſank ſie dankerfüllt in die Knie und drückte ihre heißen Lippen auf die abgemagerte Hand des Mönchs, die ſich zu erwärmen begann. Die Augen des Mönchs wurden feucht, ſanf— tere Rührung beſchlich ſein Herz. Er betrachtete lange das Engelsköpfchen zu ſeinen Füßen, dem der Schmerz die ergreifenderen Züge eines erha⸗ benen Weibes verliehen. Sein Geiſt begann die 140 † Größe und die Kühnheit ihrer That zu begreifen, de J und dieſe Erkenntniß erfüllte ihn mit einer Hoch⸗ ſe achtung und Bewunderung, die viel tiefer und hätte nachhaltiger war als der blendende Zauber den früher das Kind der Villa auf ihn ausgeübt. Er leiſe war noch nicht im Stande ſeinen Gefühlen Worte genh zu geben, aber ſein Auge ſprach deutlich die Re— gelie gungen ſeiner Seele aus, und er erhob das edle Tag Weib mit einem ſolchen Ausdruck der Verehrung in u vom Boden, daß Cveline ſich reich belohnt fühlte vuc w für alle Opfer und Wagniſſe. Sie Ihre Hände hielten ſich feſt geſchloſſen, ihre dach Blicke ſuchten ſich gegenſeitig, als hätten ſie ſich Leb in einer neuen Welt wiedergefunden. Doch fühlte den Eveline, daß noch ein dünner Schatten trennend alle zwiſchen ihnen lag, der die frühere harmloſe Ver⸗ von traulichkeit noch zurück drängte. Sie erkannte, M daß ihre Vermählung für ihn noch ein drückendes und Räthſel war, das gelöſt werden mußte. Es war an nicht das geringſte ihrer Opfer das ſie jetzt brin— gen ſollte. Nur der Drang den Bann zu löſen in der noch immer auf dem Sprachloſen zu ruhen der ſchien, nur die Angſt vor der Möglichkeit ſeines im Rückfalls vermochte ſie über ihre zarten Lippen eſich ühlte mend Ver⸗ unte, endes war brin⸗ löſen ruhen ſeines ppen 141 die Mittheilung eines Ereigniſſes zu bringen, das ſie lieber auf ewig in Vergeſſenheit begraben hätte. „Mein Freund!“ ſagte ſie erröthend und mit leiſer zagender Stimme,„unſre harmloſe Unbefan— genheit war unſer Unglück. Sie haben ein Kind geliebt und vergaßen es zu warnen.— Wenige Tage nachdem ich aus dem Kloſter gekommen, in welchem ich wie eine Pflanze gedankenlos auf— wuchs, ſtellte mir meine Mutter den Mann den Sie kennen als meinen künftigen Gatten vor. Ich dachte mir einen Gatten als einen Begleiter durch's Leben, als den Stellvertreter der Eltern, die nach dem Lauf der Natur vor uns ſterben und uns allein in der Welt zurücklaſſen müſſen. Der Graf von Burgen hatte nichts an ſich was ein junges Mädchen abſtoßen konnte, er war ſtets freundlich und zuvorkommend, und hatte etwas Ueberlegenes an ſich deſſen Leitung ich gerne vertrauen mochte.“ „Mit Ihrer Bekanntſchaft zogen neue Gefühle in meine Seele. Zum erſten Mal erfuhr ich, daß der Anblick eines Mannes beglücken könne, daß im Auge beſeligende Geiſter wohnen, daß der Schall einer Stimme im Herzen ein wunderbares Echo 142 wecke. Die Stunden Ihrer Abweſenheit lehrten mich das ſüße Weh der Sehnſucht kennen.“ Meine Beziehung zum Grafen von Burgen, meine Vermählung ging nebenher, berührte nir⸗ gends dieſes Seelenleben; ſie war eine Anordnung, ein Geſchäft das ich meiner Mutter überließ. Dieſe Vermählung beſchäftigte mich nicht weiter als der Gedanke ein Haus zu verlaſſen und ein anderes zu beziehen. Es lag in dieſer Veränderung für mich nicht die entfernteſte Ahnung, daß unſer Zu⸗ ſammenleben in der Weiſe wie früher geſtört wer⸗ den könnte. Der Graf ließ nicht im Geringſten merken, daß Ihr Zufammentreffen im Park ihm unangenehm geweſen. Er beförderte ſogar ſelbſt den Brief den ich, geängſtigt von Ihrem Ausblei⸗ ben, geſchrieben. Ihre Antwort auf dieſen Brief hätte mich retten können. Die Verzweiflung, die ſich in den wenigen wild hingeworfenen Zeilen ausſprach, das Bild des gefallenen Engels als Vignette, der ausgeſproöhens Schauder gegen mei— nen neuen Namen als Gräfin von Burgen hätte mich zum Pachdenken veranlaßt. Jedenfalls hätte ich erfahren, daß Ihre Krankheit ein heftiges Seelenleiden war, daß Sie unter der Laſt eines bevor ich w zuvor Briem mähl daß ren T lung nem freud Beg. bette mein ſtief lan, ath ſahe verſ 143 ten bevorſtehenden Unglücks zu mir aufſchreien, und ich würde keinen Schritt gethan haben ohne Sie gen, zuvor zu ſprechen.— Dieſen verhängnißvollen nit Brief erhielt ich erſt den Tag nach meiner Ver⸗ ung, mählung. Vermuthlich wollte man mir zeigen, ieſe daß wir beide für einander hoffnungslos verlo⸗ der ren wären.“ eres„In der erſten Nacht nach meiner Vermäh⸗ für lung lag ich in dem Hauſe meines Gemahls in mei— zu⸗ nem neuen Schlafzimmer, und überließ mich dem be⸗ freudigen Gedanken, Sie den andern Morgen in ſten Begleitung meines Gemahls an Ihrem Kranken⸗ ihm bette zu beſuchen. Da öffnete ſich die Thüre und elöſt mein Gemahl trat herein.“ blei⸗ Evelinens Stimme erſtarb hier— Guſtav Jrief ſtieß einen furchtbaren Schrei der Rache aus. die„Seitdem“— fuhr Eveline fort nach einer eilen langen ſchmerzloſen Pauſe in der beide kaum zu als 14 2 athmen ſchienen und wie verſteinert vor ſich nieder nei⸗ ſahen—„ſind meine Zimmer meinem Gemahl ätte verſchloſſen geblieben. Sobald ich mich aus mei— ätte 5 ner erſten Verzweiflung erholt, eilte ich in Ihre iges Wohnung um mich Ihnen zu Füßen zu werfen ines und mit meinen Thränen den Brand Ihres Herzens, 144 den ich nun begriff, zu löſchen. Sie waren fort und man wußte nicht wohin Sie gereiſt. Mein Zorn und mein Schmerz waren grenzenlos. Ver⸗ gebens ſprach mir meine Mutter von Pflicht und Schuldigkeit; ich wollte nichts hören, ich warf ihr ſogar vor daß ſie mich betrogen und drohte mei⸗ nem Leben ein Ende zu machen, wenn man mich in meiner Zurückgezogenheit ſtören würde. Meine Mutter betrachtete es noch als ein Glück, daß es Hochſommer war, wo die adelige Welt und der Hof auf dem Lande waren, wodurch das innere Zerwürfniß dem Auge der Welt entzogen werden konnte. Aber die Zukunft machte ihr Sorge ge⸗ nug. Sie zog ihren Beichtiger den Prior von St. Liguori in das Geheimniß, und dieſer gab mir den Rath in den Armen der Religion den Troſt zu ſuchen, den auch meine Mutter da ge⸗ funden. Ich weiß nicht wie viel er von unſerem Verhältniß wußte; aber ich werde dieſen Rath ewig preiſen, er hat mich in den Beichtſtuhl ge⸗ führt und dann an dein Herz, mein theurer Freund! Du kannſt mir dieſen Platz nicht mehr verweigern!“ Tief bewegt und von einer heiligen Begeiſte⸗ rung ſes ve hervo⸗ Glück heit T weckt innert Eintri glaubt Das legt, Prior ſah, zu in begre lier mähl manc Schie richt Gvel Mut fort Nein Ve⸗ und fihr mei⸗ wich ſeine ß es der anere erden e ge⸗ von gab den ge⸗ ſerem Rath ge⸗ eurer mehr eiſte⸗ 145 rung ergriffen ſchlang Guſtav ſeine Arme um die⸗ ſes verklärte, aus allen Proben ſo kühn und ſiegreich hervorgegangene Weib. Lange hielten ſich die Glücklichen umſchloſſen, die Leiden der Vergangen⸗ heit und die Drohungen der Zukunft vergeſſend. Der Schall der Vesperglocke vom Kloſterthurm weckte den Mönch aus ſeiner Verzückung, und er⸗ innerte ihn an die Feſſeln die er ſich durch den Eintritt in das Kloſter ſelbſt geſchmiedet. Doch glaubte er dieſe Feſſeln leicht abſtreifen zu können. Das geiſtliche Gelübde hatte er noch nicht abge⸗ legt, und zu irgend einer Verpflichtung gegen den Prior fühlte er ſich nicht gehalten, da er wohl ſah, daß dieſer ſich ſeiner Liebe und Verzweiflung zu irgend einem Zwecke bedient hatte. Das un— begreifliche Erſcheinen des Mönchs in ſeinem Ate⸗ lier in jener ſchrecklichen Stunde nach der Ver⸗ mählung war ihm jetzt ziemlich enträthſelt, ſo wie manches andere Eingreifen in den Gang ſeiner Schickſale, obgleich er den Zweck des Mönchs nicht durchſchauen konnte. Auch das Ehegelöbniß Evelinens hielt er nicht für bindend. Dieſes von Mutter und Gatten betrogene Kind, dachte er, J. 10 146 ſollte für immer durch eine Lüge gefeſſelt ſein die man ſie unbewußt ſprechen ließ? Erfahrung und erlangte Kenntniß die den Weiſeſten umſtimmt, Völker umwandelt, ſollte für die innigſten hei⸗ ligſten Gefühle verloren bleiben, weil es der Kirche beliebt nie zurückzugeben, was ſie einmal in Empfang genommen?“ „Cveline,“ rief er mit der raſchen Entſchloſſen⸗ heit der wiedererwachten Jugendkraft,„wir müſſen fort aus dieſer Stadt. Hier drohen unſerer Liebe tyranniſche Einrichtungen und Verfolger die der Stimme unſeres Herzens ſpotten. Cveline, willſt Du Rang, Pallaſt und Glanz verlaſſen, und mit dem ſtillen Glück der Liebe in der Stube eines Künſtlers dich begnügen?“ Eveline warf ſich mit einem Freudenſchrei an ſeine Bruſt. Das verlangte Opfer ſchien ihr ſehr unbedeutend; auferzogen im Kloſter, gelangweilt in der Villa und elend im Pallaſt ihres Gemahls begriff ſie kaum die Feierlichkeit mit der Guſtav ihr dieſe Frage ſtellte. Als ſie ihm deshalb ihre Verwunderung ausſprach, erwiederte Guſtav mit tiefem Ernſt: du irrſt Eveline, du kennſt das bür⸗ gerlich lieren Fern reißen ſchaff üble ten, inwen deren Uleber wegt, niſche der gelb der ihres krän ter, zu e wo delt, aus der die und immt, hei⸗ dirche pfang oſſen⸗ üſſen Liebe e der willſt d wit eines ei an ſehr weilt nahls uſtav ihre mit bür⸗ 147 gerliche Leben nicht, ich aber will lieber dich ver⸗ lieren als einer Täuſchung mein Glück verdanken. Fern ſei es von mir dich auf einen Weg fortzu⸗ reißen für den vielleicht dein zarter Fuß nicht ge⸗ ſchaffen. Eveline, es wird dir leicht werden die üble Nachrede deiner Standesgenoſſen zu verach⸗ ten, du biſt erhaben über eine Geſellſchaft, die inwendig aus gemeinem Töpferthon beſteht und deren Glanz nur Glaſur und Vergoldung iſt. Ueberdies haſt du dich in dieſen Kreiſen nicht be— wegt, und kennſt nicht die Furcht vor dem höh⸗ niſchen Lächeln der Bosheit und die Angſt vor der Mediſance, welche die Hochgeborenen am Gän⸗ gelband führt und den Freiherrn die freudige Kraft der Selbſtſtändigkeit nimmt, und jede freie Regung ihres Herzens und Geiſtes erdrückt.— Die ge⸗ kränkte Eitelkeit einer liebloſen ſelbſtſüchtigen Mut⸗ ter, die ihre Tochter ins Elend ſchickte um ſich ihrer zu entledigen, fällt nicht ſchwer in die Wage, wo es ſich um das Glück zweier Menſchen han— delt, die von der Welt nichts verlangen als ihnen aus der Sonne zu gehen. Für einen Gemahl der gegen dein Herz und dein Gewiſſen deine 10* 148 Hand erſchlichen, wird es eine geringe Strafe ſein die Honneurs ſeines Hauſes allein machen zu müſſen. Aber Eveline, darf ich es wagen, dich zu den Sorgen eines Künſtlerlebens herabzuziehen? Hier in Wien würde es mir leicht ſein, von dei⸗ nem Anblick begeiſtert Kunſtwerke zu ſchaffen, welche die Welt mit Gold aufwiegen würde; aber wir müſſen, um der Rache und der Verfolgung zu entgehen, uns in Dunkelheit begraben, in Schichten der Geſellſchaft, wo ich meine Kunſt nur als Hand⸗ werk werde brauchen müſſen.“ Eveline freute ſich, daß ihr Entſchluß dem Manne ihres Herzens zu folgen ein größeres Opfer war als es ihr geſchienen, doch wollte dieſe ſchöne Seele ihm nicht den Schmerz machen ein Opfer annehmen zu müſſen.„Mein Freund,“ ſagte ſie mit ihrem heiterſten Lächeln,„du vergißt, daß ich in der beſcheidenſten Weiſe im Kloſter erzogen wor⸗ den bin, als hätte das Geſchick mich von jeher für ein mühevolles Leben beſtimmt. Die ſchweren Atlaskleider die meine Mutter mir ins Kloſter ſandte, verwitterten im Schranke, und die koſtbaren Juwelen die mein Vater mir hinterlaſſen, blieben in ihr begra welch mird bleib dient war beſte 5 Hand biſt gleich ler erſ ſtlar in f unſe zens Mor in i nicht man und ſein n zu dich ehen? dei⸗ velche wir g zu chten aand⸗ dem Opfer ſchöne Opfer te ſie ſ ich wor⸗ r für veren loſter baren lieben 149 in ihren kleinen Särgen von Seide und Saffian begraben. Das weiße Kleid und das blaue Band welches du ſo gern an mir geſehen, wurde mit mir älter, und wechſelte nur, wenn ich ſeinen zurück⸗ bleibenden Formen entwachſen war. Meiner Amme diente ich mehr als ſie mir, und meine Nahrung war ſtets ſo einfach und mäßig, daß ſie die erſte beſte Bürgerstochter verſchmäht hätte.“ „Eveline,“ rief Guſtav aus, indem er ihre kleine Hand mit Küſſen und Thränen bedeckte—„du biſt ein Engel, und ich habe deine himmliſche Seele gleich beim erſten Blick erkannt. Der wahre Künſt⸗ ler ſieht auf den erſten Blick was ein Anderer erſt erforſchen muß, er ahmt nicht den Körper ſklaviſch nach, er zeichnet die unſichtbaren Seelen in faßbaren Formen! Ja ich darf unſer Glück, unſere Zukunft deinem hohen Sinne, deiner Her⸗ zenskraft, deiner himmliſchen Einfalt anvertrauen! Morgen ſchon wollen wir nach Ungarn entfliehen, in mein Vaterland! Dort werden die Menſchen nicht fortwährend wie Schafe gezählt, da kann man kommen und gehen ohne jedem Gensdarmen und Straßenwächter Rechenſchaft zu geben, dort 150 dringt das Auge der Polizei nicht ſpionirend in die Häuſer, und welche immer eines Menſchen Vergangenheit iſt, er kann da ein neues beſſeres Leben von Neuem anfangen!“*) *) Seit dem letzten Unterjochungskrieg iſt auch in Ungarn die Communalfreiheit, die unbeſchränkter als die engliſche war der Centraliſation gewichen, und das ſtrengſte büreau⸗ cratiſche und Polizeiſyſtem mit Conſkription und Paßweſen eingedrungen. In pital, Bang Gelü den im 9 Kleid ſeine wäh nur nd in nſchen eſſeres Ungam ngliſche hüreau⸗ Fweſen 11. Am andern Tag machte Guſtav ein kleines Ca— pital, eine Erbſchaft ſeiner Eltern die er bei einem Banquier angelegt hatte flüſſig. Da er noch kein Gelübde abgelegt hatte, und durch ſeinen Oheim den Prior begünſtigt eine ausnahmsweiſe Licenz im Kloſter genoß, konnte er in ſeiner bürgerlichen Kleidung, die er ins Kloſter mitgebracht und in ſeiner Zelle bewahrte, ausgehen und zwar allein, während die andern Bewohner, ſelbſt die Novizen nur paarweiſe die Straße betreten durften. Auch Eveline wandte zum erſtenmal in ihrem Leben ihre Aufmerkſamkeit auf die Bedürfniſſe der Erde. Das Wort welches Guſtav ſo ernſthaft von den Sor⸗ gen des Künſtlerlebens geſprochen, hatte in ihr das Bewußtſein der Pflicht geweckt gleichfalls mitzu⸗ wirken um die Laſt des Lebens erträglich zu machen. Es ſchien ihr eine unredliche Vertheilung der Le⸗ 152 benspflichten, wenn von zwei Perſonen, die ſich zur gemeinſamen Pilgerfahrt durchs Erdenthal ver⸗ bunden, der einen mehr Genuß, der andern mehr Mühe und Sorge zufallen ſollte. Glücklicherweiſe ſtanden ihr Hülfsmittel genug zu Gebote um ſorg⸗ los und heiter in die Zukunft blicken zu können. Ihre Chatouille war am Tage der Vermählung von ihrer Mutter mit einem kleinen Reichthum ge⸗ füllt worden, und ihre vom Vater ererbten Pre⸗ tioſen bildeten einen kleinen Schatz. Doch ſollte Guſtav nur im Pothfall von dieſem Beſitz erfah⸗ ren, da ſie beſorgte, er könnte eine Demüthigung darin erblicken. Mit Sorgfalt ſchied ſie die Ge⸗ ſchenke ihres Gemahls aus um ſie zurückzulaſſen; ſie hätte es als eine Schmach betrachtet, wenn ſich das Geringſte davon aus Unvorſichtigkeit unter den mitgenommenen Gegenſtänden befunden hätte. Am Morgen des nächſten Tages trafen ſich die beiden Liebenden am äußerſten Ende des Pra⸗ ters an der Landungsſtelle der Dampfboote. Sie hatten beide ängſtlich die verabredete Zeit einge⸗ halten um nicht den andern in peinlicher Span⸗ nung warten zu laſſen. Guſtav nahm eine Ka⸗ bine, die Eveline während der Fahrt nicht verließ, um ſit der R Neug ſonde ſeit menſe und! geben glocke Gefül der b beweg unern Ungs 8 welch pfere ſelten um d zu kü begle auf gung Land e ſich al ver⸗ mehr erweiſe ſorg⸗ bnnen. äͤblung im ge⸗ Pre⸗ ſollte eiſah⸗ bigung ie Ge⸗ laſſen; wenn unter hätte. en ſich Pra⸗ Sie einge⸗ Span⸗ ee Ka⸗ erließ, um ſich nicht der Gefahr auszuſetzen von einem der Reiſenden erkannt zu werden, und um ſich der Neugierde und der Geſellſchaft der Paſſagiere, be⸗ ſonders der Frauen zu entziehen. Zum erſtenmal ſeit ſo vielen Tagen der Bewegung und faſt über⸗ menſchlicher Anſtrengungen konnten ſie ſich der Ruhe und dem ſüßen Gefühle eines ſtillen Glückes hin⸗ geben. Bald nach ihrer Ankunft ließ die Schiffs⸗ glocke ihre ſchrille Stimme ertönen; ein unſägliches Gefühl der Beruhigung ſenkte ſich in die Bruſt der beiden Liebenden, als die Räder ſich brauſend bewegten, und bald darauf ſchwammen ſie hinab, unerreichbar der Verfolgung, in das ſchöne freie Ungarland. Bei dem Lärm, der Eile und dem Gewirre welches der Abfahrt des faſt ſtets übervollen Dam⸗ pfers voranzugehen pflegt, haben die Reiſenden ſelten Zeit und Muße ſich um etwas Anderes als um die Placirung und Ueberwachung ihres Gepäcks zu kümmern und um die Verſorgung ihrer ſie etwa begleitenden Frauen und Kinder. Doch zwei Augen auf dem Dampfer ſchienen keine beſſere Beſchäfti⸗ gung zu haben, als jeden Reiſenden der über die Landungsbrücke in das Boot ſchritt ſorgfältig zu 154 firiren. Auch Eveline und Guſtav entgingen die⸗ ſer ſcharfen Beobachtung nicht, ohne daß ſie es jedoch merkten. Sobald ſie den Dampfer betreten hatten, ſchien die Aufmerkſamkeit der neugierigen Perſon von den andern Reiſenden abzulaſſen und ſich ausſchließlich der Kabine zuzuwenden, in welche Guſtav Eveline geführt und wohin er ihr Gepäck hatte ſchaffen laſſen. So oft der Dampfer an einem Haltplatze anlegte, erſchien der Neugierige an der Barriere des Bootes und blickte verſtohlen nach Guſtavs Kabine, ob auch deren Bewohner ſich bereiteten das Boot zu verlaſſen. Die Per⸗ ſon welche der Kabine ſo viel Aufmerkſamkeit ſchenkte, war ein ganz unſcheinbarer Mann in der Tracht eines ungariſchen Bauern. Er ſaß gewöhnlich auf dem Deck zweiter Klaſſe, wo der einzige Ausgang aus dem Schiffe angebracht war, mitten unter Bauern, wandernden Handwerksburſchen, hauſiren⸗ den Handelsjuden, der gewöhnlichen Bevölkerung dieſer Abtheilung. Während der Fahrt ſchien ſeine Neugierde die ſich beim jedesmaligen Anlan⸗ den regte, einer ſtumpfen Gleichgültigkeit gegen Alles was ihn umgab zu weichen. Neben den Andern auf dem Verdeck hingeſtreckt, ſchien er für nichts mende das er durch ringen Erftif A das O auf de laden Name gen Schri Done Fiake Reiſe ( von welch lange Spun ten p Palg eigen die⸗ ſie es etreten ſerigen n und welche Gepäck er an ierige tohlen vohner Per⸗ henkte, Taacht ich auf agang unter uſiren⸗ kerung ſchien Anlan⸗ gegen en den er für 155 nichts Sinn zu haben als für ſeine ewig qual— mende Pfeife und für das fleißig gefüllte Bierglas, das er, auf ungariſchem Territorium angekommen, durch die Weinflaſche erſetzte, die er um einen ge— ringen Preis, ſo oft das Schiff anlegte, von den Erfriſchungen Feilbietenden am Ufer ſich füllen ließ. Als die beiden Flüchtlinge Abends in Peſth das Schiff verließen, folgte ihnen dieſer Bauer auf der Ferſe; er ſah ihr Gepäck auf einen Fiaker laden und hörte wie Guſtav dem Kutſcher den Namen des Gaſthauſes nannte, in dem er abſtei⸗ gen wollte. Dieſer Gaſthof lag kaum hundert Schritte vom Landungsplatz an dem ſchönen Peſther Donauquai, und es fiel dem Bauer leicht dem Fiaker bis zum Thore zu folgen und die beiden Reiſenden aufnehmen zu ſehen. Guſtav hielt es nicht für rathſam in dieſer von Wienern ſo ſtark beſuchten Hauptſtadt, in welche täglich ein Dampfboot von Wien herabkam, lange zu verweilen. Er konnte nicht erwarten jede Spur der Verfolgung zu entziehen, die zu erwar⸗ ten war, ſobald die Flucht Evelinens im gräflichen Palaſt nicht mehr bezweifelt wurde. Für ſeine eigene Verfolgung fürchtete er nichts, da er noch 156 das Recht hatte aus dem Orden auszutreten, und ſeine Entfernung aus Wien kaum Jemanden auf⸗ gefallen ſein konnte. Am nächſten Morgen ging Guſtav, der in Peſth wie in einem großen Theil Ungarns wohl bewan⸗ dert war, in die Stadt um einen leichten Reiſe⸗ wagen zu kaufen, der am beſten geeignet war zu einer erträglichen Fahrt auf den weichen ſchlecht⸗ oder gar nicht gebauten Straßen der weiten un⸗ gariſchen Ebene. Er beſtellte bei einem Fuhrherrn Pferde für einen Weg von wenigen Meilen auf der Straße nach Debrezin, damit man in ſeinem Gaſthaus nicht erfahre, wohin er gereiſt. Es ſchien ihm ein günſtiger Zufall, daß es eben um die Zeit des großen Debreziner Jahrmarktes war, in wel⸗ cher Zeit die Straße dahin, die er ſelbſt einſchlug, mit Fuhrwerken aller Art bedeckt war, ſo daß die beiden Flüchtlinge nicht zu befürchten hatten in den Gaſthäuſern unterwegs und auf den Statio⸗ nen den Leuten im Gedächtniß zu bleiben, wo⸗ gegen ſie die ſichere Ausſicht hatten überall bereit⸗ ſtehende Relaispferde zu finden um die Reiſe ohne Aufenthalt raſch fortſetzen zu können. Die Stun⸗ den des Vormittags verwandte Guſtav noch zu einem am O bishe zücke ſtädt ſich bende finſter un di S He Guſte das! recht Alte der der, Sch lem zeln ſenda der Und mit Grü n, und en auf⸗ Peſth bewan⸗ Reiſe⸗ war zu hlecht⸗ en un⸗ rherrn en auf ſeinem ſchien dee Zeit in wel⸗ ſchlug, daß die ten in Statio⸗ „wo⸗ bereit⸗ e ohne Stun⸗ och zu 157 einem Ritt auf den maleriſchen Blocksberg, der am Ofener Ufer hoch emporſtieg, wo Eveline, welche bisher ſo wenig von der Welt geſehen, eine ent⸗ zückende Ausſicht genoß über die beiden Donau⸗ ſtädte, die ſo wunderbar contraſtiren, als ſtünden ſich eine neue, freundliche, helle, muthig aufſtre⸗ bende Welt und eine altersgraue, melancholiſch finſtere, unwohnliche und doch hochmüthige Welt um die Herrſchaft ringend gegenüber. „Welch ein treffendes Bild unſerer Zeit!“ rief Guſtav aus,„iſt es nicht als ob der Adel und das Bürgerthum, das hiſtoriſche und das Natur⸗ recht ſich gegenüberſtänden? Der Eine auf ſein Alter pochend, das der Wahn heiligt, der ſich wie der Moder gern lagert auf verfaulte Marienbil⸗ der, auf baufällige Kirchen und zuſammenbrechende Schloßruinen. Und dort das Bürgerthum mit hel⸗ lem Sinn und friſcher Kraft, von Millionen Wur⸗ zeln genährt, unerſchöpflich erfinderiſch, ein tau⸗ ſendarmiger Rieſe. Wie mag nur die Kunſt in der Wahl zwiſchen Tod und Leben zweifelhaft ſein. Und doch gibt es eine kranke Poeſie die zuſammen mit dem Wahn um widrige Skelette und dumpfe Grüſte ſo gerne ſchwebt; ſie nennt ſich Romantik 158 und iſt doch nur eine Kröte die aus dumpfem Moor und triefendem Geſtein ſich Nahrung ſchlürft. Sieh Eveline, wie dort die alten Schanzen der Stadt Ofen ſich nicht drei Tage gegen das Ge⸗ ſchoß der neuen Zeit halten könnten, ſo werden bald alle die alten Schutzmittel der hochgeborenen Welt vor dem immer mächtiger emporſchießenden Strahl aus dem Haupte des Bürgerthums auf immer zuſammenbrechen.“ „Mein Freund“, ſagte Eveline Guſtavs Hand ergreifend,„wie bin ich dir zu Dank verpflichtet, daß du mich gerettet, bevor ich Zeit und Gelegen⸗ heit hatte in die Kreiſe einzutreten, die man be— vorzugt nennt. Ich wäre wohl auch nicht frei geblieben von Hochmuth und Selbſtüberſchätzung die ich mit der Atmoſphäre dieſer Kreiſe einge⸗ ſogen hätte. An mir könnte der Adel lernen, daß es kein angeborenes Recht gibt, ſondern daß die⸗ ſes nur ein anerzogenes Phantom iſt. Ich habe keine Ahnung von einer höheren Stellung; im Gefühl meiner Unwiſſenheit und meiner Unfähig⸗ keit irgend ein nützliches oder künſtleriſches Werk zu fördern blicke ich an den Arbeitern empor die da unten am Strom das ſchöne Schiff bauen, welch gende trage derte fähr gele Liebe J Dam Reiſ Deb Mit Bau ung ſchn die pfem Nüͤrft. n der Ge⸗ erden renen ſenden auf Hauen, 159 welches bald zwiſchen meilenweit entfernten Ge⸗ genden den Segen des Bodens und der Arbeit tragen wird.“ „Es gibt doch ein angeborenes Recht“, erwie⸗ derte Guſtav lächelnd, indem er ſeine ſchöne Ge⸗ fährtin liebevoll anblickte—„das Recht einer En— gelsſeele in den idealen Formen eines Weibes auf Liebe und Bewunderung.“ Mehre Stunden vor der Ankunft des Wiener Dampfbootes verließen ſie den Gaſthof um ihre Reiſe tief ins Land hinein anzutreten bis nach Debrezin, der zweiten Hauptſtadt Ungarns, dem Mittelpunkte des ächten Magyariens. Als ſie zur Barriere der Stadt hinausfuhren, folgte ihnen ein ungariſcher Bauerwagen mit drei kleinen aber ſchnellfüßigen Pferden ungariſcher Race beſpannt, die mindeſtens mit ihrem eigenen Geſpann gleichen Schritt halten konnten. Dieſer Bauerwagen war aus einem Wirtshaus in der Nähe des Gaſthofes, den Guſtav bezogen hatte, kurze Zeit nach Guſtavs und Evelinens Abreiſe weggefahren und hatte auf einem kürzern Wege faſt zugleich mit Guſtavs Wa⸗ gen die Stadtgrenze erreicht. Guſtav fiel es nicht ein dem Wagen irgend welche Aufmerkſamkeit zu 160 ſchenken, da er ſich von den andern Bauernwagen, welche zahlreich die Straße bedeckten, nicht unter⸗ ſchied. In der Tiefe des mit Leinwand gedeckten Bauernwagens lag ein Mann auf dem Stroh hin⸗ geſtreckt, der dem neugierigen Bauern auf dem Dampfboot ſehr ähnlich ſah, doch hatte er die Kleidung gewechſelt und trug jetzt die Tracht eines Debreziner Bürgers. Die Fahrt bis Debrezin war für Evelinen ziem⸗ lich ermüdend, da ſie wie faſt alle Reiſenden lieber die Fahrt ununterbrochen fortſetzten als in den ſchlechten ſchmutzigen Gaſthäuſern unterwegs Nacht⸗ quartier zu nehmen. In Debrezin miethete Guſtav eines der kleinen ebenerdigen Häuſer aus welchen meiſt die weitläufige Stadt beſteht. Er und Eve— line hatten ſich ſchon in Peſth mit Anzügen ver⸗ ſorgt nach der Tracht des ungariſchen Kleinbürgers, und da Guſtav überdies der magyariſchen Sprache mächtig war, konnten ſie ſich vollkommen vor je⸗ der Entdeckung ſicher fühlen in dieſer ausgedehnten volkreichen Stadt, in der Polizei und Ueberwachung ſo wenig mehr als ein leerer Name iſt, daß ſelbſt große und ſignaliſirte Verbrecher hier ungekannt und unangefochten leben können. 9 leben decku er n Grer Konf hin! werke zu ha in de in d Geſe agen, unter⸗ dechen h hin⸗ f dem er die eines ziem⸗ lieber n den Aacht⸗ Duſtav zelchen Eve⸗ n ver⸗ jrgerd, prache or je⸗ hnten chung ſelbſt ſekannt — 161 Hier wollte Guſtav ſo lange in Verborgenheit leben, bis die Verfolger alle Hoffnung auf Ent— deckung aufgegeben haben mußten. Dann hoffte er mit einem ungariſchen Paſſe die öſterreichiſche Grenze überſchreiten zu können und wollte über Konſtantinopel ſich nach Paris begeben. Bis da⸗ hin hoffte Guſtav in Debrezin ein oder mehre Kunſt⸗ werke von ſo bedeutendem Kunſtwerthe vollendet zu haben, daß er in Paris einen bedeutenden Rang in der Kunſtwelt einnehmen würde und dadurch in die Lage käme Eveline in die große lebensvolle Geſellſchaft dieſer Welthauptſtadt einzuführen. 12. Fünf Tage nach der Anſiedlung der beiden Lie⸗ benden in Debrezin hielt in ſpäter Nachtſtunde ein Kourierwagen an der Pforte des Kloſters zu St. Liguori. Ein einzelner Reiſender ohne alles Ge⸗ päck ſtieg ab und entließ den Poſtillion mit einem guten Trinkgeld. Der Reiſende zog wiederholt mit Kraft die Glocke, da er vorausſetzte, daß der Pfört⸗ ner, an nächtliche Beſuche nicht gewöhnt, ſich einem tiefen Schlafe hingegeben haben dürfte. Es dauerte auch ziemlich lange bis ſich das Schleifen der San⸗ dalen auf dem Pflaſter des Corridors vernehmen ließ. Der Pförtner ſchien nicht geneigt dem ſelt— ſamen Beſuch, den er durch die vergitterte Klappe am Thor nicht erkannte, das Haus zu öffnen. Doch als ihm der Reiſende einige Worte durch dieſe Klappe zuflüſterte, verlor ſich plötzlich ſeine Schläf⸗ rigkeit und ſein ängſtliches Zaudern. Raſch ließ er den Fremden ins Haus und leuchtete ihm zu n Lie⸗ de ein ¹ St. 3 Ge⸗ einem zlt mit Pfört⸗ einem dauerte rSan⸗ nehmen im ſelt⸗ Klappe Doch dieſe Schlͤf⸗ ſch lief ihm zu 163 den Zimmern des Priors, den der Fremde aus dem Schlaf pochte. Ueber eine Stunde blieb der Reiſende bei dem Mönch in angelegentlicher Un⸗ terhaltung begriffen, worauf dieſer ihn ſelbſt zu der Pforte führte und aus dem Kloſter entließ. Mit dem früheſten Morgen begab ſich der Prior in das Palais des Grafen von Burgen, und ließ ihn um eine Unterredung bitten. Der Graf kam erſtaunt über den frühen Beſuch in das Geſell⸗ ſchaftsjimmer. Er ſchien in ſehr gereizter Stim⸗ mung zu ſein. „Nicht hier!“— ſagte der Liguorianer mit einem gebieteriſchen Weſen das er wohl anzunehmen wußte, wenn er Gelegenheit fand den Großen ſeine Wich⸗ tigkeit fühlen zu laſſen.—„Nicht hier können Sie meine Mittheilung vernehmen. Gehen wir in ein Zimmer wo das ſchärfſte Ohr uns nicht zu hören vermag.“ Der ſtolze Graf hätte gerne dieſem dreiſten Geiſt⸗ lichen, deſſen Orden er nicht liebte, die Thüre zei⸗ gen mögen; aber er dachte, daß dieſe Leute nicht leicht ohne ſichern Grund und Zweck einen Gang machen oder auch nur den Mund öffnen. Er bekämpfte darum ſeine Abneigung und führte den 11* 164 Prior in ſein Arbeitszimmer, bot ihm einen Seſſel an, und wartete geſpannt auf die Erklärung des außerordentlichen Beſuches. Der Prior ließ ihn nicht lange warten—„Sie vermiſſen Ihre Frau!“ fagte er raſch und ohne Einleitung um den ſtolzen Mann um ſo heftiger zu treffen. Der Graf wurde in der That nicht wenig be⸗ treten; er glaubte dieſes Ereigniß wäre noch ein Geheimniß für alle Welt. Im Hauſe hatte er ſelbſt die Meinung verbreitet, daß die Gräfin mit ſeiner Einwilligung aufs Land gegangen ſei, wo⸗ hin er ihr, ſobald ſeine dringende Geſchäfte in der Stadt es erlaubten, folgen würde. Die Erfahrung, daß noch andere Perſonen um ſein peinliches Ge⸗ heimniß wußten und zumal dieſer Mönch der ſich in hohen Kreiſen bewegte, nahm ihm alle Faſſung. „Was wiſſen Sie davon“, fragte er barſch,„und was kümmern Sie überhaupt meine Angelegen⸗ heiten?“ „Ich bin der Prior von St. Liguori“— er⸗ wiederte der Mönch mit jenem Lächeln das wie ein Blitz aus der Hölle über ſein ſteinernes Geſicht fuhr, ſo oft ſeine Schlauheit einen Sieg gewon⸗ tte er n mit i, wo⸗ in der hrung, 8s Ge⸗ er ſich aſſung. „„und elegen⸗ — er⸗ as wie Geſcht gewon⸗ 165 nen—„ich bin der Obere eines wachſamen Or⸗ dens, und ſollte keine Kenntniß haben von einem Frevel gegen die Kirche der in dieſer Stadt be⸗ gangen worden? Ich kann Ihnen noch mehr ſa⸗ gen: die Gräfin iſt mit jenem jungen Maler ent⸗ flohen, der das Porträt malte, das Ihre Frau Ihnen als Erſatz für ihre Perſon zurückgelaſſen hat.“ Der Graf biß ſich heftig in die Lippen; die Worte des Mönchs verwundeten ihn mit vergif⸗ teten Waffen.„O ſchändlich, ſchändlich!“ rief er wüthend,„meine Ehre iſt für immer vernichtet. Nach einer Ehe von vier Wochen verlaſſen, und ſie mit einem namenloſen Menſchen aus der Hefe davongelaufen. Ich werde kein Auge erheben dür⸗ fen ohne einem verächtlichen oder ſpöttiſchen Lä⸗ cheln zu begegnen. Mein halbes Leben gäbe ich darum, könnte ich dieſen wahnſinnigen Schritt un⸗ geſchehen machen!“ „Sie können es!“ ſagte der Mönch, der ſich nicht wenig an der Heftigkeit des ſonſt ſo kalten, ſtolzen Hofmannes geweidet, und ſein Spiel ge⸗ wonnen ſah. „Ich könnte es?“ rief der Graf, die Hand des Mönchs mit Leidenſchaft ergreifend. 166 Die Züge des Mönchs blieben ſo fühllos wie früher.„Die Kirche“, ſagte er mit der Ruhe eines Inquiſitors,„wird Ihre Gattin ohne Aufſehen wieder in Ihr Haus führen, denn ſie verdammt die Wallungen des Blutes, und duldet keine Be⸗ freiung von ihrem ſanften Joch. Aber die Kirche zählt auch auf Ihre Buße und Dankopfer.“ „Rechnen Sie auf meine volle Erkenntlichkeit!“ rief der Graf haſtig, ungeduldig die Mittel zu er⸗ fahren, die ihm ſeine Frau wieder zuführen ſollten. Der Prior ließ ſich jedoch nicht drängen, und ſuhr mit großer Behaglichkeit fort:„Sie beſitzen zwei ſchöne Güter in Oberöſterreich. Wäre es nicht billig der Kirche wenigſtens die Hälfte eines Reichthums, der nur Sünde und Hoffahrt ver⸗ mehrt, zu opfern?“ „Sie ſollen ſie haben!“ rief der Graf, der ſich wie auf der Folter fühlte. „Nur noch ein Wort“, fuhr der Prior uner⸗ bittlich fort.„Sie genießen großes Anſehen bei der Frau Prinzeſſin... Wollen Sie mir verbür⸗ gen ein Mitglied unſeres Ordens an die Stelle ihres gegenwärtigen Beichtvaters zu bringen?“ „Auch das!“ rief der Graf außer ſich vor Wuth; wol ange mit Wu ter unſe zuw und liche Erfi Don 8 wie eines ufſehen dammt ne Be⸗ Kirche 1 chkeitl” zu er⸗ ſollten. en, und beſitzen Järe es te eines ort ver⸗ der ſich r uner⸗ hen bei verbür⸗ Stelle hen? rWuth; 167 „wollen Sie mir aber nicht endlich Ihre Mittel angeben—“ „Meine Mittel?“ unterbrach ihn der Mönch mit vernichtender Hoheit—„Kein Laie kann die Wunderkräfte begreifen, welche die gebenedeite Mut⸗ ter Gottes in ihrer Gnade und der heilige Patron unſeres Ordens den frommen Dienern der Kirche zuwendet. Wir werden Ihre Frau in tiefſter Stille und ohne Mitwiſſen und Mitwirken einer welt⸗ lichen Perſon auf Ihr Landgut bringen, und die Erfüllung Ihrer Verſprechungen, worüber Sie ein Dokument unterzeichnen werden, entgegen nehmen.“ Der Prior von St. Liguori wußte ſehr wohl, daß er kein Zauberer war, und daß die Mutter Gottes keine Wunder thue, als die man ſie mit ſehr irdiſchen Mitteln machen läßt. Der Prior hatte die ganze Unterredung ſeines Neffen mit Evelinen hinter einer verborgenen Tapetenthür in dem obern Theil der Zimmerwand deutlich ver⸗ nommen. Mit ſolchen Thüren ſind gewiſſe Zellen in dem Kloſter verſehen, in welche man Perſonen bringt, die man zu belauſchen für werth hält. Jener Mann in Bauernkleidung auf dem Dam⸗ pfer, der den Flüchtenden gefolgt und mit Kourier⸗ 168 pferden zurückgekommen war um eiligſt das Re⸗ ſultat ſeiner Beobachtungen zu melden, war eines der vielen Werkzeuge, welche die ſchlauen, uner⸗ müdlichen Jeſuiten und ihre affiliirten Orden un⸗ ter allen Ständen und Berufszweigen beſitzen. Dem Prior kam der Zufall ſehr gelegen, daß die Flüchtigen ſich nach Ungarn und zwar dem entlegenſten Theile deſſelben gewendet. Dort konnte er ſich ihrer in tiefſter Stille bemächtigen ohne die weltliche Macht zu Hülfe zu nehmen. Sein Orden ſcheute alles ſtörende Aufſehen; das Geheimniß in welche er ſeine Handlungen hüllte, gab dieſen den Anſchein des Wunderbaren und dem Orden ſelbſt das Anſehen der Allwiſſenheit und Allmacht, wo⸗ durch wieder ſein Einfluß und die Furcht gegen ihn anzukämpfen unendlich vermehrt wurde. Die vielen dreiſten Gewaltthaten und Räube⸗ reien, welche in dem mangelhaft verwalteten und faſt gar nicht überwachten öſtlichen und ſüdlichen Ungarn oft genug verübt wurden, ohne daß man den Urhe⸗ bern auf die Spur kam, gaben dem Prior die beſte Gelegenheit ſeine wohl angelegten Pläne gegen die Flüchtigen auszuführen. 8 Re⸗ eines uner⸗ en un— en. n diß 13. r dem konnte Kaum drei Wochen nach Guſtavs Ankunft in ne die Debrezin verbreitete ſich in dieſer Stadt das Ge⸗ Orden rücht, es wäre des Nachts in einem von drei niß in Perſonen bewohnten Häuschen eingebrochen und ſenden das meiſte Eigenthum geraubt worden. Man ſelbſt ſprach ſelbſt von mehren Ermordungen. Die Be⸗ t, wo⸗ hörde, welche an dem Orte des Verbrechens Un⸗ gegen terſuchung anſtellte, fand jedoch keine Spur einer Mordthat. Von den Bewohnern des Häuschens Räube⸗ war nur die Magd, die aus der Stadt gebürtig, nd faſt zurückgeblieben, die andern waren ſpurlos ver⸗ Ingarn ſchwunden. Die Magd hatte man geknebelt und Urhe⸗ bewußtlos auf dem Boden liegend gefunden. Als ebeſte dieſe durch ärztliche Hülfe ihr Bewußtſein erlangte, gen die bejammerte ſie ihre Herrſchaft mit heißen Thränen. Sie rühmte ſie als ſo gütig wie die Engel und konnte nicht genug erzählen, wie zärtlich die bei⸗ 170 den jungen Eheleute zuſammen gelebt hatten. Von dem ſchrecklichen Ereigniß wußte ſie nichts weiter, als daß vier vermummte Kerle durch ein erbro⸗ chenes Fenſter eingeſtiegen und ſie alle drei, ehe ſie einen Laut ausſtoßen konnten, gebunden und geknebelt. Darauf habe ſie ſelbſt einen Schlag auf den Kopf bekommen und das Bewußtſein verloren. Man ſchrieb die freche That einer in der Ge⸗ gend hauſenden Räuberbande zu, wegen deren vielfach verübten Unfug ſeit langer Zeit, wie das oft in Ungarn vorkommt, auf mehrere Meilen im Umkreis der Stadt das Standrecht proklamirt worden. Die Behörde forſchte noch einige Zeit nach den Spuren der Verſchwundenen, und dann war bald das Ereigniß und das Schickſal der beiden Unglücklichen vergeſſen, zumal ſie, außer den nächſten Nachbarn, in der Stadt gänzlich un⸗ bekannt waren. Guſtav ſelbſt hatte im Moment des Einbruchs nicht anders geglaubt, als daß er von Räubern überfallen ſei; aber er konnte im weitern Verlauf der Gewaltthat nicht begreifen was dieſe mit ihm vorhätten. Nachdem ſie Alles zuſammengepackt, .Von weiter, erbro⸗ ei, ehe en und Schlag zeußtſein er Ge⸗ deren vie das ilen im dllamirt ge Zeit d dann ſal der „außer lich un— abruchs däubern Verlauf mit ihm mgepack 171 was er und Eveline von Wien mitgebracht, er⸗ griffen ihn zwei Männer und trugen ihn gebunden wie er war in einen ſorgfältig gedeckten Wagen von der lechten Art der ungariſchen Reiſewagen, die für die raſche Fahrt über die ungariſche Triften (Pußten) ſich am beſten eigneten. Mit reißender Eile wurde er Tag und Nacht fortgeführt. Er wußte nicht wohin es ging, da die zwei Begleiter, die neben ihm ſaßen und von denen der eine ſtets wachte wenn der andere ſchlief, ihm nicht erlaubten ſich von dem Strohlager zu erheben und aus dem Wagen zu blicken. Der Wagen hielt nur um die Pferde zu wechſeln; dann ſtieg wohl auch einer der Wächter aus um die Feldflaſche mit friſchem Waſſer zu füllen. Mit Wein und kalter Küche ſchienen ſie reichlich verſehen. Seine Bande um Hände und Füße wurde nie gelöſt, doch nahm man ihm zuweilen anf einige Stunden den Knebel aus dem Munde und reichte ihm einige Erfriſchun⸗ gen. Dann durfte er wohl auch aus dem Wagen ſehen um friſche Luft zu athmen; aber man ſagte ihm gleich, daß ſein Hülferuf nichts nützen werde, was er auch ſelbſt einſah, da der Wagen in ſolchen — — 172 Stunden im wilden Wald oder auf einer menſchen⸗ leeren Haide hinfuhr. In der vierten Nacht nach der gewaltſamen Entreißung aus ſeinem glücklichen Stillleben wurde er vom Wagen gehoben und in ein Haus gebracht. Ein Tuch über ſeinen Kopf geworfen hinderte ihn die Umgebung zu erkennen, nur aus dem Schalle ſeiner Tritte auf einem ſteinernen Fußboden und aus der gepreßten Luft die er athmete errieth er, daß er durch einen langen engen Gang geführt wurde, der ſich abwärts zu neigen ſchien. Nach einer kurzen Wanderung wurde er auf eine Mat⸗ ratze gelegt und nun löſte man ſeine Bande. Seine Begleiter entfernten ſich raſch, und er hörte eine Thür zuſchlagen und von außen verſchließen. Sobald Guſtav ſeine Hände frei fühlte, riß er das Tuch von ſeinem Geſichte, aber er konnte bei der tiefen Dunkelheit nicht das Geringſte un⸗ terſcheiden. Der anbrechende Morgen zeigte ihm endlich eine kleine ziemlich wohnliche Stube. Das vergitterte Fenſter war durch einen Blechſchirm verwahrt, der wohl von oben einiges Licht herein⸗ fallen ließ, die Ausſicht aber unmöglich machte. Während Guſtav noch darüber grübelte, was ſein Glü vor woltt ihn wall Schl Tho here ſtär haſt nen jett kein du;z Sch und enſchen⸗ ltſamen wurde ebracht. erte ihn Schalle en und eth er, gefüͤhrt Nach . Mat⸗ Seine tte eine en. lte, riß konnte ſſte un⸗ zte ihm Das hſchirm herein⸗ achte. te, was 173 man mit ihm vorhaben dürfte, öffnete ſich die Thüre ſeines Gefängniſſes und eine ihm wohlbe⸗ kannte Perſon trat herein. Es war ſein Oheim der Prior von St. Liguori. 1 Bei dem Anblick dieſes Mannes wurde ihm ſein Erlebniß klar und die Vernichtung ſeines Glückes unzweifelhaft. Das Herz ſchwoll ihm vor Haß und Wuth, und mit zuckenden Händen wollte er ſich auf ſeinen Tyrannen ſtürzen um ihn zu erwürgen. Doch dieſer der ſeine über⸗ wallende Heftigkeit bemerkte, ſagte ohne einen Schritt zurückzuweichen mit eiſiger Kälte:„Keine Thorheit! Auf meinen erſten Ruf ſtürzen Leute herein und ſchlagen dich in Feſſeln, die einer ſtärkern Wuth ſchon geſpottet.“ „Herzloſer Böſewicht!“ ſchrie Guſtav auf,„du haſt mich zwiefach elend gemacht, früher mit dei⸗ nen Ränken, die ich nun wohl durchſchaue, und jetzt mit barbariſcher Gewalt. Haſt du denn gar kein Gefühl, Ungeheuer, für das ſchöne Glück das du zerſtört, gar kein Mitleid für den Sohn deiner Schweſter?“ „Ich kenne die Sprache des verwilderten Blutes und der Verblendung,“ erwiederte der Mönch mit 174 der furchtbaren Gewalt ſeiner unerſchütterlichen Ruhe.—„Armſeliger Schwächling! ein großes Streben war dir vorgezeichnet, an einem Rieſen⸗ werk ſollteſt du mitarbeiten, und der Aublick eines achtzehnjährigen Weibes warf deine Vorſätze über den Haufen.— Wie kindiſch und klein mich an die ſogenannte Verwandtſchaft des Blutes zu er⸗ innern. Ich kenne nur einen Gedanken, ein Ziel, die allmächtige alleinige Herrſchaft der Kirche. Was abſeits liegt hat für mich kein Daſein. Aber es liegt nichts abſeits. Wie alle Ströme, wie ſie ſich auch winden, ins Meer gehen, muß Alles was ſich in der Menſchheit regt, zu dieſem Ziel gelenkt werden. Dieſe Arbeit iſt die Auf⸗ gabe der wenigen, aber nie ausſterbenden Brüder der Geſellſchaft Jeſu die unter der Gnade ſtehen. Es iſt eine Arbeit die ſich durch die Jahrhunderte vererbt und Alles überdauert, was die andern bauen und gründen.“— Dieſe Worte ſprach der Mönch mit einem ſo dämoniſchen Ausdruck eines Geſichtes von Bronze und eines ſeltſam lebloſen Auges das die Außen⸗ welt nie anzublicken ſchien; ſeine Stimme war ſo klanglos und außerirdiſch, daß Guſtav wirklich, von C mente ſich! ſchen 8 der kurze menſ was Abtri am rette dar! krün ſelb wär bei Dic lung zwei eing wer zun rlichen Roßes Rieſen⸗ k eines ge über nich an zu er⸗ n Ziel, Kirche. Daſein. Stroͤme, 1, muß dieſem die Auf⸗ Brüder ſtehen. hunderte andern inem ſo Bronze Außen⸗ war ſo wirklic, von Schauder ergriffen, in dem furchtbaren Mo— mente Zweifel hegte, ob er einen Menſchen vor ſich habe oder ein Weſen der Unterwelt in men⸗ ſchenähnlicher Geſtalt. Indeß verharrte der Mönch nicht lange auf der Höhe ſeines dämoniſchen Weſens. Nach einer kurzen Pauſe fuhr er in einer ſtrengen aber doch menſchlicheren Weiſe fort:„Nun aber vernimm was ich dir unwiderruflich zu melden habe. Der Abtrünnige ſollte eigentlich nach der Ordensregel am Leibe gefoltert werden um ſeine Seele zu retten. Aber das wäre bei dir unnatürlich; nicht darum unnatürlich weil der Leib ſich im Schmerze krümmt und einen Schrei ausſtößt; er thut daſ⸗ ſelbe unter dem Meſſer des helfenden Arztes. Es wäre unnatürlich, weil deine Natur nicht, wie bei Andern, auf dieſem Wege gebeſſert würde. Dich kann nur die Einſamkeit und die Verzweif⸗ lung retten. Abgeſchnitten von der Welt und ver⸗ zweifelnd an jedem irdiſchen Glücke wird dein eingeborner Geiſt den Himmel finden, und fähig werden an dem großen Werk das du kennſt mit⸗ zuwirken!“ Der Prior entfernte ſich von dem betäubten —44— 176 Gefangenen. Die Thüre ſchloß ſich um ſich lange nicht wieder zu öffnen. Nur an der Decke des Zimmers erhob ſich zuweilen eine kleine Fallthüre, durch welche an einem Rollſeile ſpärliche Lebens⸗ mittel herabgelaſſen wurden. Eveline wurde eben ſo eilig aus ihrem niedern aber glückerfüllten Häuschen weggeführt. Eine wohlthätige Ohnmacht die ſich beim Anblick der Gewaltthat auf ihre Sinne ſenkte, rettete ſie von einer unwürdigen Behandlung, da die Räuber der Feſſeln und des Knebels bei ihr nicht mehr zu be⸗ dürfen glaubten. Die Bemühungen ihrer Begleiter brachten ſie wohl nach einiger Zeit zum Leben zurück, aber ihr Bewußtſein kam nicht wieder, ein heftiges Fieber raſte in ihren Adern. Viele Tage vergingen, bis ihre Jugendkraft ſie der über ihrem Haupte ſchwebenden Hand des Todes entriß. Als ihre Seele endlich aus den Nebeln des Fiebers heraustrat, und ihr Auge Kraft gewann die Gegenſtände um ſich her zu unter⸗ ſcheiden, fand ſie ſich in einem reich möblirten doch ganz fremden Gemache. An ihrem Bette ſaß ein großes, kräftiges aber gutmüthig ausſehen⸗ des Weib, offenbar ihre Wärterin. hlange ece des allthüre, Lebend⸗ niedern . Eine lick der ſie von ber der zu be⸗ Begleiter n Leben eder, ein gendkraft dand des aus den ge Kraft unter⸗ oöblirten m Bette zuöſchen⸗ 177 Dieſe Umſtände ſchienen Evelinen wenig ihrer letzten Erinnerung, der nächtlichen Gewaltſcene, zu entſprechen. „Wo bin ich gute Frau?“ fragte ſie mit ſchwacher ängſtlicher Stimme. Die Wärterin ſchien angenehm überraſcht von dieſem erſten ruhigen und Verſtand zeigenden Worte ſeit ſo vielen Tagen des Fiebers und der Raſerei.„Gott ſeis gedankt, gnädige Gräfin!“ ſagte ſie die Hände faltend.„Was für Sorgen und Kummer haben wir Alle mit Euer Gnaden gehabt.“ „Was ſchwatzt ſie da?“ rief Eveline heftig; „ich bin keine Gräfin! Wo iſt Guſtav, was habt Ihr mit ihm gemacht, ihr Räuber und Mörder!“ Die Wärterin ließ beſtürzt den Kopf ſinken, als ſie die Kranke wieder in ihren vermeintlichen Irrſinn verfallen ſah. „Und wo bin ich denn?“ fuhr Eveline ſort, „was hat man mit mir vor?“ „Euer Gnaden ſind in Ihrem Schloß auf der gräflichen Herrſchaft Felsdorf und werden ſeit vier⸗ zehn Tagen Tag und Nacht mit aller gebührenden Sorgfalt gepflegt und gewartet. Der Herr Graf J. 12 178 wird ſich ſehr freuen Cuer Gnaden ſo weit ge⸗ neſen zu ſehen.“ „Mein Gemahl iſt hier?“ rief Eveline.— „O mein Guſtav,“ unterbrach ſie ſich mit leiſer ſchmerzvoller Stimme,„vergieb dieſes unbeſonnene Wort!— Ich laſſe den Grafen zu mir bitten,“ fuhr ſie fort, ſich mit Strenge zu der Wärterin wendend. Die Wärterin traute dem Zuſtand der Kran⸗ ken noch nicht genug um ſie allein zu laſſen. Sie zog die Glocke, und machte den an der Thür er⸗ ſcheinenden Diener mit dem gebeſſerten Zuſtande und dem Wunſch der Gräfin bekannt. Nach einigen Minuten trat der Graf mit dem Ausdruck der freudigſten Ueberraſchung an das Bett ſeiner Frau. Eveline befahl der Wärterin ſich zu entfernen und ſagte dann mit ſchneidender Kälte zu ihrem Gemahl:„Wie Graf von Burgen, Sie geſellen ſich zu Räubern und Mördern, die bei Nacht in die Häuſer brechen? Das nenne ich Ritterlichkeit, Sie hätten den Zeiten des Fauſtrechtes Ehre ge⸗ macht. Doch ich muß für jetzt der Gewalt mich fügen, krank und elend wie Sie mich gemacht. Ich mich wor an mer mit eine Ang in e zwe aus leb die Vo fiel kar trü ver fach aus vor erh W deit ge⸗ line.— itt leiſet eſonnene bitten,“ Wärterin r Kran⸗ m. Sie — 8 2 hur er⸗ Zuſtande mit dem an das entfernen zu ihrem geſellen Nacht in erlichkeit Ehre ge⸗ valt mich gemacht. 429 Ich habe Ihnen wohl noch zu danken, daß Sie mich nicht in ein ſchauerliches Burgverließ ge⸗ worfen. Aber wo iſt Guſtav Roſe? Haben Sie an ihm die Rache geübt, die Sie an mir zu neh⸗ men ſich ſchämten?“ „Meine theure Eveline,“ erwiederte der Graf mit verſtelltem Schmerz,„Sie ſtürzen mich nach einem Augenblick der Hoffnung wieder in die größte Angſt. Seit vielen Wochen war Ihr Verſtand in einem ſo kranken Zuſtand, daß wir Alle ver⸗ zweifelten jemals wieder einen Strahl des Lichtes aus Ihrer ſanften Seele leuchten zu ſehen. Sie lebten in einer ſeltſamen Traumwelt, in Ländern die ihr Fuß nie betreten, und es ſcheint, daß dieſe Vorſtellungen noch immer ihre Macht über Ihre fiebernde Phantaſie nicht ganz verloren haben. Ich kann mir nicht anders denken, als daß dieſe be⸗ trügeriſchen Liguorianer Ihren ſonſt ſo klaren Geiſt verſtört haben; derartiges Unheil wird ihnen viel⸗ fach zur Laſt gelegt. Soviel iſt gewiß— ſeit Sie aus der Beichte in jener Kirche zurückgekommen, von der ich durch Ihre Frau Mutter Kenntniß erhalten, irrt Ihre Seele fortwährend in einer Welt des Wahns. Den Worten nach, die Ihnen 12* 180 ohne Zuſammenhang entſchlüpften, müſſen Sie in der Kirche das Seltſamſte erlebt haben.“ Betroffen ſank Eveline in das Bett zurück. Sie begann an ſich und der Wahrheit ihrer Er⸗ lebniſſe irre zu werden. Sie ging dieſe Erlebniſſe die der Graf als Fieberträume ausgab, in Ge⸗ danken bis an den Moment durch, wo ſie in der Kirche der Liguorianer angſtvoll vor dem Altar auf den Knieen lag. Sie erinnerte ſich wie der Mönch im Beichtſtuhl, entrüſtet über ihre an die Kirche geſtellte Forderung, ihr furchtbare Offen⸗ barungen verkündet, und wie ihre Seele in der Erwartung ſchrecklicher Erſcheinungen der Ohn⸗ macht und dem Wahnſinn nahe war.— Sollte nun wirklich, dachte ſie, was ſie ſeitdem in Schmerz und Freude empfunden und erfahren, nur in ihrem ſeit jenem Moment erkrankten Gehirn vorgegan⸗ gen ſein, das dieſe furchtbare Kirche mit ihrem verſengenden Bannſtrahl getroffen? Wie Eveline ſo qualvoll zwiſchen dem Zweifel an der Vergangenheit und der unleugbaren Ge⸗ genwart rang, fiel ihr Blick auf einen Ring an ihrem Finger, den man ihr abzuziehen nicht ge⸗ dacht hatte. Ein Schrei der Freude entſchlüpfte Sie in zurück. rer Er⸗ dlebniſſe in Ge⸗ in der n Altar vie der an die Offen⸗ in der r Ohn⸗ „Sollte Schmerz n ihrem orgegan⸗ t ihren Zweifel ren Ge⸗ Ning an icht ge⸗ ſchlüpfte 18¹1 bei dieſem Anblick ihrer aufjubelnden Bruſt. Die⸗ ſen Ring hatte ihr Guſtav während der ſchönen Tage in Ungarn an dem Finger geſteckt, und dieſer Ring trug, unter dem Steine verborgen, Guſtavs von ihm ſelbſt gemaltes Bild auf einer kleinen Platte von Elfenbein. Sie begriff nun den ganzen Umfang ihrer Lage. Dieſer Graf war ſo hochmüthig, daß Nie⸗ mand in der Welt, ſelbſt ſeine Gemahlin, die Schmach nicht kennen ſollte, die er erfahren. Ihr Nervenfieber und das damit verbundene Delirium kam ihm zu ſtatten um das Mährchen zu erfinden, welches ihre Erlebniſſe als Ausgeburt einer kran⸗ ken Phantaſie darſtellte. Eveline nahm ſich vor auf dieſe Liſt einzuge⸗ hen, die Beiden verletzende Auseinanderſetzungen er⸗ ſparte. So lange er die ſtille Trauer ihres Herzens nicht ſtörte, wollte ſie vor der Welt ſeine Gemahlin bleiben. Guſtav jemals wieder zu finden hoffte ſie nicht mehr; ſie glaubte ihn ermordet oder gleich⸗ falls gewaltſam ins Kloſter zurückgebracht. So ſchmerzvoll ſie auch das Unglück fühlte, welches wie ein Blitzſchlag über ihr ſtilles Glück hereinge⸗ brochen, der tröſtende Gedanke richtete ſie auf, 182 daß es ihr gelungen war den giftigen Stachel des Verdachtes aus ſeinem Herzen zu nehmen, den Glauben an ihre reine Seele ihm wieder zu geben und vierzehn Tage des ſchönſten Glückes mit ihm zu verleben. Und von dieſer Erinnerung wollte ſie die kurze Zeit noch leben, bis ihr von hefti⸗ ger Gemüthsbewegung erſchütterter Leib ihre Seele in ein Reich entließ, wo Vorurtheil und Gewalt nicht mehr liebende, für einander geſchaffene Weſen trennen durften. e Seele Gewalt Weſen Zweites Buch. Der Paria. Der Menſch beginnt im Geiſt heranzureifen, Schon ſcheidet ſich die Lüge von dem Wähnen, Bald läßt das Unkraut ſich mit Händen greifen. Fr. v. Sallet. In de ſen Ge Märche bar me Stadt reizende von b rauſcht Hochle dem in tau D in die dieſe war, Menſc den ſi in der 1. In dem geheimnißvollen Königreich Böheim, deſ⸗ ſen Geſchichte ſo ſeltſam klingt als ſeine tauſend Märchen, gibt es eine alte Kreisſtadt die wunder⸗ bar maleriſch gelegen iſt. Die Häuſerreihen der Stadt klimmen auf und ab längs dem Rande eines reizenden wieſenreichen Thales, durch welches ein von buſchigen Ufern eingefaßter Fluß anmuthig rauſcht. Das Thal ſelbſt iſt ein Einſchnitt in das Hochland, den ſich der Fluß, auf ſeinem Wege aus dem Rieſengebirge zu den Niederungen der Elbe, in tauſendjähriger Arbeit ausgegraben. Der Urſprung der Stadt reicht hoch hinauf in die graue Zeit der böhmiſchen Herzoge, wo dieſe Gegend noch mit finſterem Urwald bedeckt war, und die milde Lehre des Chriſtenthums die Menſchen dieſer Gegend noch nicht über den Eber den ſie jagten erhoben hatte. Kaum dürfte ein Ort in der Welt mehr geeignet ſein eine zufällig ein— M. 186 geborene Dichterſeele mit jenen geheimnißvollen Ahnungen zu erfüllen und mit jenen Schauern der Weltgeſchichte zu rütteln, wodurch das Kind des Bürgers aus dem engen Kreis der Werkſtatt und des Kramladens auf Höhen geführt wird, wo ſein Geiſt mit weit geöffnetem Auge Vergan⸗ genheit und Zukunft ſchwindelnd hinabſieht. Gewerbfleiß und Landbau haben jetzt die ein⸗ ſtige Wildniß verſcheucht, aber noch ſteht unerſchüt⸗ tert am äußerſten Rande des Thaleinſchnittes ein hohes weitläufiges Schloß, das ein böhmiſcher Her⸗ zog mitten in die Wildniß hineingebaut. Der Bau i*ſt gewaltig wie ſein erſter Bewohner, den die Ge⸗ ſchichte mit dem Namen„der Grauſame“ gebrand⸗ markt hat. Dieſer Name, den ſo viele Größen der Geſchichte verdienen, iſt jedoch lange nicht ge⸗ nug bezeichnend; die Geſchichte hätte ihn den böh⸗ miſchen Kain nennen ſollen, denn ſeine ruchloſe Hand hat das Blut eines edlen mildherzigen Bru⸗ ders vergoſſen in dem Augenblicke, als dieſer ſanf⸗ tern Göttern als denen ſeines Bruders die unblu⸗ tigen Opfer des Gebetes bringen wollte. Nicht ein Sandkorn haben acht Jahrhunderte den gigantiſchen Mauern dieſes Schloſſes entreißen A können, Räumer des gro tele= Nic ein an barei, welcher ten von wohnen ſich wi ſchlung nie ſte das di Splitt Schöß gepfto Gottes W unbeka Stadtt ſteigen Häuſer ſer z ißvollen Shauern as Kind Verſtatt t wird, Vergan⸗ ht die ein⸗ erſchüt⸗ ttes ein her Her⸗ Der Bau die Ge⸗ gebrand⸗ Größen nicht ge⸗ den böh⸗ ruchloſe hen Bru⸗ ſer ſanſ⸗ unblu⸗ rhunderte entreißen 187 können, und noch heute raſſelt in ſeinen weiten Räumen brudermörderiſches Eiſen; denn das Schloß des grauſamen Herzogs iſt jetzt eine wohleingerich— tete— kaiſerliche Kaſerne. Nicht weit von dieſem Stück Alterthum liegt ein anderer Ueberreſt alten Wahns und alter Bar⸗ barei, ein Stadttheil mit engen dunklen Gaſſen, welcher durch alte Thore mit dicken eichenen Pfor⸗ ten von der übrigen Stadt abgeſchieden iſt. Hier wohnen Abkömmlinge jenes uralten Völkchens das ſich wie Epheu am Baum der Menſchheit hinge— ſchlungen, ewig grün und doch nicht jugendlich, nie ſterbend und doch nicht lebensfriſch. Es ſind das die Parias des Morgen⸗ und Abendlandes— Splitter des verwitterten Wunderſtammes, deſſen Schößlinge, auf den wilden Baum der Menſchheit gepfropft, die Welt immer weiter in einen Garten Gottes werwandeln. Wer mit den Verhältniſſen in dieſer Stadt unbekannt iſt, müßte ſich wundern, daß in dieſem Stadttheil die Häuſer drei⸗ und vierſtöckig empor⸗ ſteigen, während in der übrigen Stadt zweiſtöckige Häuſer nur ſelten vorkommen. Die höheren Häu⸗ ſer zeigen jedoch weder höheren Bauſinn noch . 188 architektoniſchen Geſchmack; die Baukunſt hat hier weder durch ſchöne Verhältniſſe noch durch an— muthige Verzierungen Triumphe errungen. Die Eigenthümlichkeit dieſes Stadttheils gründet ſich bloß auf das alte Landesgeſetz, welches den Ju⸗ den verbot außerhalb des angewieſenen Stadtvier⸗ tels zu wohnen, was ſie natürlich nöthigte bei der Vermehrung ihrer Familien ihre Wohnungen dem Himmel näher zu rücken, wenn ihnen auf der Erde der Raum zu enge wurde. Feuer und Waſſer laſſen ſich leichter vermi⸗ ſchen als die Bewohner dieſes Stadttheils mit der übrigen Bevölkerung. Dieſe beſteht aus jener trübſeligen, dickköpfigen czechiſchen Race, deren Ge⸗ müth für Duldung und Liebe keine Poren hat, und noch heutigen Tages zu den ſchaudervollen Zügen der Huſſiten fanatiſirt werden könnte. Zwar wurden in letzter Zeit die Thore des Judenvier⸗ tels nicht mehr an den hohen Feſtſtagen beider Confeſſionen wie in alter Zeit geſchloſſen, aber die Bewohner des Ghetto wagten ſich doch nicht bei ſolchen Gelegenheiten hinaus in die Stadt, und die Jugend der Kinder Abrahams hütete ſich wohl ihre Spielplätze außerhalb der Thore zu verlegen, aus Ful ten Ste Do ſellſchaf drückte, Armutt und T terſchied jenen z gie und kaum! ganzen der we nur du tigkeit A von„ deſſen Leibes! Anführ Krieger volle; als B und t hat hier urch an⸗ en. Die ndet ſich den Ju⸗ tadtvier⸗ higte bei hnungen nen auf r vermi⸗ mit der us jener eeren Ge⸗ dren hat, dervollen te. Iwar udenvier⸗ n beider aber die nicht bei ndt, und ſih wohl verlegen, 189 aus Furcht vor Beſchimpfungen und wohlgemein— ten Steinwürfen von Seiten der chriſtlichen Jugend. Doch ſelbſt in dieſer niedern Schichte der Ge— ſellſchaft, auf welche die Laſt einer ganzen Welt drückte, gab es noch Unebenheiten. Reichthum und Armuth erzeugten noch in dieſer Niederung Höhen und Tiefland. Eine moraliſchere Quelle des Un⸗ terſchiedes bildete das Maß der Gelehrſamkeit in jenen zahlloſen Foliobänden der jüdiſchen Theolo⸗ gie und Polemik, zu deren umfaſſenden Kenntniß kaum das eifrigſte ausſchließende Forſchen eines ganzen Menſchenlebens ausreichte. Ein Unwiſſen⸗ der war ein Gegenſtand tiefſter Verachtung, die nur durch Reichthum, Frömmigkeit und Wohlthä⸗ tigkeit ausgeglichen werden konnte. Auf der niederſten Stufe in dieſer Geſellſchaft von Parias ſtand vor mehren Jahren ein Mann, deſſen herkuliſcher Körperbau und entſprechende Leibeskraft ihn vielleicht zu einem Nimrod und Anführer gemacht haben würde, wenn er einer Kriegerkaſte angehört hätte. Aber das demuth⸗ volle zerknirſchte Haus Jakob hegt eher Gräuel als Bewunderung vor einer robuſten Erfcheinung und thieriſchen Kraft. Solch ein gewaltiger Ritter 190 in eiſernen Hoſen, auf deſſen Andenken manche hochgeborene Familie ſich nicht wenig einbildet, würde dem Bekenner der zehn Gebote nicht viel beſſer, wenn nicht ſchlechter, als das Streitroß er— ſcheinen, das er mit ſeinem eiſernen Arm leichter als Bileam ſeine Eſelin regierte. Schlauheit, Witz, Scharfſinn und Gold das ſind die Waffen und der Schmuck, womit die Abkömmlinge der großen Mak⸗ kabäer ſich in der Verbannung das Leben erhielten und erträglich machten. Von all dieſen ſchönen Dingen beſaß aber Mardochai— ſo hieß der Mann mit dem Körper eines Nimrod— ſehr wenig oder gar nichts, und ſo mußte er ſeine mächtigen Schul⸗ tern neigen und der Knecht ſeiner Gemeinde wer⸗ den. Er übernahm das Amt eines Todtengräbers, und da ihn dieſes nur wenig beſchäftigte, füllte er die Mußeſtunden mit den mannigfachen Ge⸗ ſchäften eines Laſtträgers aus. Bei dieſen beiden Beſchäftigungen ſtand ſich Mardochai gar nicht übel, beſonders da er keinen Concurrenten hatte; nur mußte er ſich es gefallen laſſen, daß er ſeinen Gemeindegenoſſen als Laſtträger Verachtung ein⸗ flößte, und als Todtengräber Schauer erregte. Weiß der Himmel warum die Juden eine ganz abſonde ſägliche alte K ſprach nicht diger Berge als ein geſchild haben Voll C Jakob ihres dieſer brüde Mant geſchr 35 Gerin Erden ſoll, letten dieſen von z manche nbildet, cht viel troß ei⸗ leichter t, Wit, und der n Mak⸗ thielten ſchönen Mann ig oder Schul⸗ de wer⸗ gräberd, ., füllte en Ge⸗ beiden -r nicht hatte; r ſeinen ug ein⸗ egte. ine ganz 191 abſonderliche Angſt vor dem Tode und eine un— ſägliche Scheu vor den Todten haben. Schon der alte König Salomo, den man den Weiſen nennt, ſprach ſeine Todesfurcht ganz unumwunden in der nicht ſehr eleganten Phraſe aus:„Beſſer leben⸗ diger Hund als todter Löwe.“ Der alte Gott vom Berge Sinai wird aber auch den armen Juden als ein ſo finſterer, zorniger, unerbittlicher Herr geſchildert, daß ſie allerdings nicht ſonderlich Luſt haben können vor ſeinen Thron freiwillig zu treten. Voll Grauen und Entſetzen beſucht das zage Lamm Jakobs die Gräber ſeiner Väter am Jahrestage ihres Todes, und der Wohlhabende kauft ſich von dieſer Pflicht los, indem er Klageweiber oder Bet⸗ brüder, je nachdem der Todte eine Frau oder ein Mann war, an das Grab ſendet um dort die vor⸗ geſchriebenen Gebete abzuleſen. Dieſe Grabſtätten erinnern aber auch nicht im Geringſten an jenen ſchönen Garten, wo der arme Erdenſohn ſo paradieſiſch glücklich wieder erwachen ſoll, nachdem ihm irgend ein häßliches Uebel den letzten Athemzug auf dieſer Erde entriſſen. Auf dieſen Grabſtätten gibt es keine eingehegten oder von zierlichen Eiſengeländern umgebenen Plätze, wo 192 man in guter Geſellſchaft oder wenigſtens en fa- mille ruhen kann; kein Roſenſtrauch neigt ſich duf⸗ tend und ſchattend über die„Saat geſäet von Gott“, kein friſcher Blumenſtrauß, kein Immortellenkranz zeigt von dem unzerreißbaren Liebesband zwiſchen den verſtorbenen Unſterblichen und den lebenden Sterblichen. Niederes verwirrtes Geſtrüppe deckt düſter die Stätte, wie das wirre ſtruppige Haar auf dem Kopfe des hauſirenden Schmuel, und die jüngeren noch nicht überwachſenen Grabhügel lie⸗ gen einförmig nebeneinander wie die Striche auf dem Kerbholz einer Dorfſchenke. Statt der Blu⸗ men legen die Beſucher Kieſel auf die Leichenſteine, als ob das Kind Jakobs nicht genug im Leben belaſtet geweſen wäre. Unheimlich iſt das Zeremoniell mit dem der Jude beſtattet wird, und kein anderes Volk knüpft vielleicht ſo viele Geſpenſterſagen an ſeine Todten. Wenn ein Gemeindemitglied ſterben ſoll, raſſeln in der Nacht zuvor draußen im Magazin des Got⸗ tesackers die Bretter, mit welchen die Gräber an⸗ ſtatt der Särge ausgelegt werden. Auch rührt ſich bei ſolcher Gelegenheit im Kleiderkaſten der weißleinene Leichenhabit, den Mann und Frau ihr lebelang letzte S Todten, muß al tief un dem T Erdenki Stunde Todesen aber de Figur als tau gelsfitt trägt e dem L Wenn feiert, bens“ Mittern Liichen! um diem nach de müſſen Un J enkranz wiſchen benden d deckt Haar nd die gel lie⸗ he auf r Blu⸗ eſſteine, Leben em der knüpft Todten. raſſeln 5 Got⸗ der an⸗ rührt ten der rau ihr 193 lebelang ſtets bereit liegen haben.— Wenn die letzte Schaufel Erde auf den feierlichen Ruf des Todtengräbers auf ein Grab geworfen worden iſt, muß alle Welt raſch entfliehen; denn nun beginnt tief unten im Grabe eine Unterredung zwiſchen dem Todesengel und dem Todten, und wehe dem Erdenkinde das einen Laut davon vernimmt, ſeine Stunden wären gezählt. Keine Nation malt den Todesengel als eine liebenswürdige Perſönlichkeit, aber der jüdiſche Todesengel iſt die fürchterlichſte Figur aller Mythologien. Er hat nicht weniger als tauſend gräßliche Augen, keine Spur von En⸗ gelsfittigen, und in ſeiner dürren knochigen Hand trägt er jenes häßliche lange Meſſer, mit dem bei dem Volke Gottes die Ochſen geſchlachtet werden.— Wenn die Gemeinde ihre Trauer- und Buffeſte feiert, bleibt es auch draußen im„Hauſe des Le⸗ bens“ nicht ſtille; die Gräber öffnen ſich dann um Mitternacht, die unterirdiſchen Bewohner treten im Leichenhabit zuſammen, und wer es wagen würde um dieſe Zeit dem Platz nahe zu kommen, wollte nach den Stimmen, die ſein Ohr träfen, glauben müſſen, er befände ſich in der Nähe einer Synagoge. Unter ſolchen Umſtänden war es kein Wunder, J. 13 — — 194 daß der arme Mardochai nicht ohne leiſen Schauer betrachtet wurde. Doch Mardochai ließ ſich das wenig anfechten; Gewohnheit machte ihn gleich— gültig, und ſein mühſames Leben erlaubte keine empfindſamen Betrachtungen. Die Todtengräberei ſelbſt machte keinen beklemmenden Eindruck auf ſein Gemüth; ſeine ſtarken Nerven waren der Furcht unzugänglich, und hinter den eiſernen Knochen ſei⸗ ner Stirne hatten die Organe der Phantaſie kei⸗ nen Raum zur Entwicklung. Er bewegte ſich auf dem Acker Gottes mit einer Sicherheit wie auf einem Kartoffelfelde, und wenn es im Gebüſch raſchelte, beſaß er Feſtigkeit genug um ſich zu über⸗ zeugen, daß der Spuk die freundliche Geſtalt einer harmloſen Maus oder eines gefiederten Luftbewoh⸗ ners hatte. Nur einmal in ſeinem Leben verrichtete der un⸗ erſchütterliche Todtengräber ſein düſteres Amt mit ſchwerem Herzen und feuchtem Auge. Das war damals, als er an einem kalten Wintertage die ſtarre Erde aufriß, um für ſeine junge Frau nach vierjähriger glücklicher Ehe ein hartes Lager zu bereiten. Dieſe junge Frau war eine jener fremd⸗ artigen Schönheiten des Hauſes Israel, welche Roman ten hal zweime einen ſie nie geweſe Liebe, einer bigen einige ſchwun Hetz. Stam wäre nigin dem tern über chens, pfindl ethalt tengra zu d finſtr hhauer ch das Alich⸗ e keine räberei nuf ſein Furcht hen ſei⸗ ſie kei⸗ ich auf die auf Gebüſch u über⸗ att einer tbewoh⸗ der un⸗ Amt mit as war tage die au nach ager zl r frend⸗ welche Romanſchreibern oft ſo intereſſanten Stoff gebo⸗ ten haben. Die ſchöne Judith würde es ſich wohl zweimal überlegt haben, bevor ſie ſich entſchloß einen Todtengräber bräutlich zu umarmen, wenn ſie nicht unglücklicherweiſe eine blutarme Waiſe geweſen wäre und, was noch fataler, ein Kind der Liebe, entſprungen aus der zärtlichen Freundſchaft einer allzu gläubigen Nähterin mit einem ungläu⸗ bigen Garniſonslieutenant. Der Lieutenant war einige Zeit nach Judiths Eintritt in die Welt ver⸗ ſchwunden, und der Nähterin brach darüber das Herz. Die arme Judith würde mit einem ſolchen Stammbaum keinen Mann bekommen haben, und wäre ſie ſo ſchön geweſen wie die berühmte Kö⸗ nigin Eſther. Doch der gutmüthige Todtengräber, dem eben auch nicht die Auswahl unter den Töch⸗ tern der Gemeinde frei ſtand, drückte ein Auge zu über den Querbalken im Wappen des ſchönen Mäd⸗ chens, und die ſchöne Judith, welche bei ihren em— pfindlichen Glaubensgenoſſen kaum einen Dienſt erhalten konnte, entſchloß ſich gerne mit dem Tod— tengräber als eheliche Frau die Wohnung zu theilen, zu der man hinabſteigen mußte wie in eine tiefe, finſtre Gruft. 13* 196 Dieſe Wohnung nahm buchſtäblich den tiefſten unterſten Platz ein im ganzen Quartier, als ſollte ſie der Rangordnung entſprechen auf der ihr In⸗ haber in ſeiner Geſellſchaft ſtand. Sie befand ſich in einem der Gemeindehäuſer, das am äußerſten Rande des Thalabhanges gebaut war, an dem ſich das abgeſchloſſene Stadtviertel hinzog. Dieſes Ge⸗ meindehaus beſtand aus fünf Stockwerken, wovon die zwei unterſten Geſchoße in den Bergabhang hineingebaut waren. Im oberſten Stockwerk wohn⸗ ten ein penſionirter Rabbi und zwei Synagogen⸗ küſter, die zweite Abtheilung war die Reſidenz der Gemeindeſchlächter und des Vorbeters, zu ebner Erde befand ſich die Armenſchule und das Back⸗ haus der Oſterbrode. Das erſte Geſchoß unter der Erde diente zum Krankenſaal und zur Her⸗ berge durchreiſender Bettler; das zweite Geſchoß unter der Erde war dem Todtengräber und ſiechen Gemeindearmen eingeräumt. Hart an neben dieſem lieblichen Hauſe lag das Schlachthaus mit ſeinen Wohlgerüchen, Millionen Fliegen und ſonſtigen An⸗ nehmlichkeiten. 3n d hatte Weſen Himm mit d und dernd ſteren geheit noch Leben Rädel eſſten ſollte r In⸗ d ſich zerſten in ſich 8 Ge⸗ wovon hang vohn⸗ gogen⸗ nz der ebner Back⸗ unter r Her⸗ heſchoß ſiechen dieſem ſeinen en An⸗ 2. In dieſes Haus und mitten unter dieſe Umgebung hatte es den Launen des Geſchickes gefallen ein Weſen hinzuwerfen, deſſen Seele groß genug war Himmel und Erde zu umfaſſen, deſſen Geiſt ſich mit den erhabenſten Fragen der Menſchheit befaßte, und in die dunklen Räthſel des Lebens mit lo⸗ dernder Fackel hineinleuchtete. Auf dem tiefen fin⸗ ſteren Grunde dieſes unheimlichen Hauſes ließ das geheimnißvolle Schickſal ein Geſchöpf erſtehen, das noch heutigen Tages auf den großen Bahnen des Lebens wandelt, und deſſen gewaltige Hand in die Räder der Weltgeſchichte mit Macht eingreift. Die ſchöne Tochter des Lieutenants und der Nähterin hinterließ dem Todtengräber einen Sohn, in dem ſich die ſchönen weiblich zarten Züge der Mutter mit dem mächtigen Körperbau des Vaters und ſeiner muskulöſen Kraft verband, um einen 198 Knaben zu bilden, in dem jeder Bildhauer ein Modell zu einem Halbgott erblickt hätte. Als die⸗ ſer Knabe der den ſchönen bibliſchen Namen Eph⸗ raim erhielt, achtzehn Jahre alt war, glich er einem jener antiken Heldenbilder bei denen der kleine faſt weibliche Kopf gegen die kraftvolle Geſtalt jenen wunderbaren und reizenden Contraſt bildet, worin eben das unterſcheidende Merkmal des Halbgottes liegt, nämlich gewaltige überirdiſche Kraft in leich⸗ ten gefälligen Formen. In der Theſeus⸗Gruppe des Canova iſt dieſe Idee des antiken Heroenthums ſo glücklich zum Ausdruck gebracht, wo die olym⸗ piſche Kraft des von Göttern abſtammenden Jüng⸗ lings mit müheloſer Sicherheit und graziöſer Ge⸗ wandtheit die plumpe ſelſige Knochen⸗ und Fleiſch⸗ maſſe des Centauren überwindet. Doch war es nicht die Schönheit des jungen Ephraim, welche ihm in ſeiner Gemeinde Geltung verſchaffte; dieſe Himmelsgabe war vielmehr noch von Niemanden bemerkt worden. Der Sinn für Formſchönheit der wohl in jedes Menſchen Seele liegt, muß ebenſo wie der Sinn für Muſik durch Vorhaltung von Kunſtwerken und durch prüfende Vergleichung entwickelt werden. Aber in den Land⸗ Aufmer erſchüt ligen legund Kritik dem drückt ihm derbe Hoch weit, verge keiten fühlte Allta ſend Stre eine ner ein Als die⸗ LEph— r einem iine faſt ſt jenen „worin bgottes mleich⸗ Hruppe enthums eolym⸗ Jüng⸗ ſer Ge⸗ Fleiſch⸗ zjungen Geltung ehr noch inn für n Seele ſit durch prüfende en Land⸗ 201 Aufmerkſamkeit entlockt. Sein Glaube ruhte un⸗ erſchütterlich auf dem Felſen der Autorität der hei⸗ ligen Schrift und der Ueberlieferung; nur die Aus⸗ legungen der verſchiedenen Schulen forderten ſeine Kritik und ſein Urtheil heraus. Die außerordentlichen Kenntniſſe und der Scharf⸗ ſinn des jungen Theologen konnten nicht verfehlen ihm die Aufmerkſamkeit und Bewunderung der gan⸗ zen Gemeindenzu erwerben. Bei den öffentlichen Disputationen in der Synagoge vernichtete er die ſophiſtiſchen Aufſtellungen der Vortragenden mit dem Schwerdte einer unerbittlichen Logik, oder er⸗ drückte ſie unter der Laſt von Beweisſtellen die ihm ſeine ungeheuere Beleſenheit und ſein wun⸗ derbares Gedächtniß in Maſſen zuführten. Die Hochachtung vor dem jungen Gelehrten ging ſo weit, daß man an den Sohn des Todtengräbers vergaß, und den jungen Weiſen bei allen Feſtlich⸗ keiten mit Einladungen überhäufte. Aber Ephraim fühlte ſich nicht hingezogen zu den Tändeleien der Alltagswelt; überdies beobachtete er alle die tau— ſend Gebote ſeiner Religion mit einer eiſernen Strenge, und die demuthvolle Beſcheidenheit war eine der auferlegten Pflichten. Sobald der Gottes⸗ 202 dienſt oder die theologiſche Disputation vorüber war, verſchwand der ernſte Forſcher aus der Ge⸗ ſellſchaft um in die Tiefe ſeiner Wohnung zu neuen Forſchungen hinabzuſteigen. Die Erfolge Ephraims machten den Vater Mar⸗ dochai zum glücklichſten Menſchen der Welt. Die ſchweren Bücher Ephraims waren ihm zwar un⸗ lösbare Hyroglyphen, und bei den Disputationen in der Synagoge betrachtete er ſeinen Sohn mit weit aufgeriſſenen Augen und offenem Munde ohne das Geringſte von dem Inhalt ſeiner Worte zu verſtehen; aber er hörte alle Welt vom Lobe ſei⸗ nes Sohnes überfließen, und zum erſtenmal zog da in ſein derbes Herz ein beglückendes Gefühl ein, von dem der Laſtträger und Todtengräber früher keine Ahnung hatte— das Gefühl des be⸗ friedigten Ehrgeizes. Doch beſtand zwiſchen Bei⸗ den nicht das gewöhnliche Verhältniß von Vater und Sohn; jahrelang war zwiſchen ihnen kein Wort getauſcht worden, es gab ſo gar keinen Stoff zu einer Mittheilung zwiſchen den ſo nahe zuſammen Lebenden. Der alte Laſtträger betrachtete ſeinen Sohn mit jener Ehrerbietung die der bibliſche Zimmermann gegen jenen gotterfüllten Jüngling —; ˖——ę—————Q—Q—Q—Q—QLᷓℳꝑõ-—— empfur ſeinen E. und S der a ſtalt, häuti das n. genübe durche halbo brann Lamp nen? durch Wort oben halt dies Zerkn fung in di vorüber der Ge⸗ U neuen er Mar⸗ lt. Die var un⸗ rationen hn mit de ohne orte zu obe ſei⸗ nal zog Gefühl engräber des be⸗ en Bei⸗ n Later in Vort Stoff zu ſammen e ſeinen bibliſche Jüngling 203 empfunden haben mochte, der in der Welt für ſeinen Sohn galt. Es bot einen intereſſanten Anblick, wenn Vater und Sohn ſich zuweilen am Tiſche gegenüber ſaßen; der alte Laſtträger mit ſeiner vierſchrötigen Ge— ſtalt, dem knochigen gebräunten Geſicht, der dick⸗ häutigen Stirne und dem ſtarken rauhen Kinn das nur einmal die Woche raſirt wurde, und ge⸗ genüber der ſchlanke Jüngling mit den feinen durchgeiſtigten Zügen, dem ſanften Munde und den halbverſchleierten Augen, in welchen eine Flamme brannte rein und geheimnißvoll wie die ewige Lampe vor dem Altare. Oft wenn Ephraim ſei⸗ nen Vater müde und ſtaubbedeckt oder von Regen durchnäßt nach Hauſe kommen ſah, ſagte er einige Worte, indem er wehmuthsvoll den Blick nach oben richtete. Der Alte verſtand nicht den In⸗ halt und hielt es für einen Segensſpruch; es war dies aber jenes kurze Gebet, welches die ganze Zerknirſchtheit und die entſagungsvolle Unterwer⸗ fung der Ascetik ausdrückt, die vom Judenthum in die Chriſtenlehre übergegangen iſt. Das Ge⸗ bet lautete ungefähr:„Gelobt ſei der Herr, Tag für Tag bürdet er uns Laſten auf!“ 204 Nur ein einziges Mal hatte der alte Mardo⸗ chai die Stube ſeines Sohnes betreten. Er wollte ihn erinnern, daß er die Tiſchzeit vergeſſen habe. Da fand er die Geſtalt des Jünglings aufrecht und unbeweglich am Tiſche ſitzen, das Auge ſtarr und weit geöffnet. Durch das einzige Fenſter des Stübchens fiel das Mittagslicht ſo grell auf die bleichen ruhigen Züge, daß dieſe faſt durch⸗ ſichtig erſchienen. Bei dieſem Anblick erbebte das eiſerne Herz des Todtengräbers, der bisher ohne die geringſte Anwandlung von Furcht und Scheu unter finſterem Geſtrüppe zwiſchen verſunkenen Gräbern und Leichenſteinen feſten Schrittes herum⸗ gegangen war. Er glaubte nicht anders, als die Seele ſeines Sohnes wäre auf einige Zeit aus der irdiſchen Hülle hinweggezogen um ſich mit irgend welchen überirdiſchen Weſen zu beſprechen. Er wagte nicht ſich zu rühren, und er wäre viel⸗ leicht ein Opfer ſeines Schreckens geworden, wenn nicht Ephraim ſeine Anweſenheit endlich bemerkt hätte. Mit ſanfter melodiſcher Stimme die einem höheren Weſen anzugehören ſchien, ſagte er zu dem Alten: Lieber Vater verzeihe, ich habe dich warten laſſen, aber ich eſſe heute nicht, es iſt der —— Todesta alte M von G Ei Gegenſ der S führte, den G Art vo einem zeichnel Octavf kulatu Druck fanen beſtim gen n Maſſe bracht der a heilvol gebrac ren u A Nardo⸗ wollte habe. nufrecht he ſtarr Fenſter ell auf durch⸗ te das tohne Scheu unkenen herum⸗ als die eit aus ich mit prechen. re viel⸗ „wenn bemerkt einem er zu iſt der Todestag Moſis. Seit dieſem Tage wagte der alte Mardochai nicht mehr die, wie er feſt glaubte, von Geiſtern bewohnte Stube wieder zu betreten. Eines Tages brachte der alte Mardochai einen Gegenſtand mit nach Hauſe, den er draußen in der Stadt, als er auf ſeinem Karren eine Laſt führte, auf der Straße gefunden hatte. Er warf den Gegenſtand ſeiner Wirthſchafterin mit einer Art von Abſcheu hin, indem er denſelben mit einem derben Ausdruck als einen chriſtlichen be⸗ zeichnete. Dieſer Gegenſtand war ein Buch in Octavform, welches die Wirthſchafterin als Ma⸗ kulatur benutzen ſollte, da die Juden alte zerriſſene Druckſchriften mit hebräiſcher Schrift nie zu pro⸗ fanen Zwecken verwenden durften, ſondern in einem beſtimmten Verſchlag bei der Synagoge hinterle⸗ gen mußten, von wo dieſelben wenn ſich eine Maſſe angehäuft hatte, nach dem Gottesacker ge⸗ bracht und wie Leichnahme begraben wurden. Der arme Alte hatte keine Ahnung, welchen un⸗ heilvollen Geiſt er in ſeine beſcheidene Wohnung gebracht, einen Geiſt der ſein ſtilles Glück zerſtö⸗ ren und ſelbſt ſein Leben gefährden ſollte. Als Ephraim in die Stube trat, bemerkte er 206 mit frommen Aerger ein Buch auf dem Fußboden. Er beeilte ſich es aufzuheben, und er würde gewiß den nächſten Tag zur Sühne gefaſtet haben, wenn das Buch religiöſen Inhaltes geweſen wäre. Er öffnete das Buch, und betrachtete mit einer Mi⸗ ſchung von Neugierde und frommer Scheu die deutſchen Charaktere, die ihm daraus entgegen⸗ traten. Ephraim hatte als Knabe auf der Schule die deutſche Schrift kennen gelernt; bei ſeiner raſchen Faſſungskraft überwand er leicht die Schwie⸗ rigkeiten dieſer erſten Wiſſenſchaft, mit der andere Kinder ſo lange gequält werden. Das Leſebuch der Kinderſchule bot ihm nichts Neues; es ent⸗ hielt theils die jedem Kinde bekannten Sätze wie: der Himmel iſt blau, die Blume riecht, der Hund bellt, der Vogel fliegt— theils Ueberſetzun⸗ gen aus der heiligen Schrift und den Sprüchen der Väter. Seit dieſem Leſebuch war kein deut⸗ ſches Buch in ſein abgeſchiedenes, der religiöſen Forſchung ausſchließend geweihtes Leben herein⸗ gedrungen. Die Perſonen mit denen er verkehrte ſprachen nie von einem Buche oder einer Wiſſen⸗ ſchaft außerhalb der jüdiſchen Theologie. Dem ſteinalten Rabbiner der Gemeinde war ſelbſt die deutſch gyphe 6 brenn⸗ dem t ren. alten „Prij Kern ſend ſproch Wink den Buch Erfo nen kraft derer lichen Bei ihm er ei Kind Scht zboden. gewiß n wenn te. Er der Mi⸗ heu die ntgegen⸗ Schule ſeiner Schwie⸗ andere Leſebuch es ent⸗ 1 Sitze echt, der erſetzun⸗ prüchen ein deut⸗ eligüöſen herein⸗ verkehrte Wiſſen⸗ Dem ſebſt die deutſche Schrift ſo fremd wie ägyptiſche Hiero⸗ glyphen und chineſiſche Schriftzeichen. Ephraim ſchwankte einige Zeit zwiſchen der brennenden Neugier ſeines Forſchungstriebes und dem tief eingeprägten Abſcheu vor ketzeriſchen Leh⸗ ren. Aber bald kam ihm der Ausſpruch einer alten kirchlichen Autorität zu Hilfe, welcher lautete: „Prüfet Alles— die Schale werfet weg und den Kern behaltet.“ Dieſer Satz der vor zwei Tau⸗ ſend Jahren von einem berühmten Rabbi ausge⸗ ſprochen worden, und bisher unbenutzt in einem Winkel ſeines Gedächtniſſes gelegen hatte, beſtimmte den Entſchluß des jungen Gelehrten. Er trug das Buch auf ſein Stübchen, und verlor ſich in der Erforſchung des Inhaltes mit jener weltvergeſſe⸗ nen Ausdauer und jener durchdringenden Geiſtes⸗ kraft, mit der er ſeine Rieſenbücher bewältigt hatte, deren Anblick allein hinreichend wäre einen gewöhn⸗ lichen Jünger der Wiſſenſchaft zurückzuſchrecken. Bei ſeinem außerordentlichen Gedächtniß ward es ihm ſo leicht die deutſche Schrift zu leſen, als hätte er erſt geſtern die Prüfung im Leſebuch ſeiner Kindheit mit Ruhm beſtanden. Die hochdeutſche Schriftſprache war ihm kein Hinderniß, er kannte 208 ſie ſehr wohl aus den Ueberſetzungen der heiligen Schrift und der Gebetbücher, welche ſeit den Zei⸗ ten des berühmten Moſes Mendelsſohn mit he⸗ bräiſchen Schriftzeichen dem Urtext beigedruckt waren. Als Ephraim nach einem ausdauernden Stu⸗ dium von mehreren Tagen, das nur durch wenige Stunden eines kurzen Schlummers unterbrochen wurde, das Buch zu Ende geleſen hatte, fühlte er ſich wie vom Schwindel befallen. Alle die Kenntniſſe und Gedanken die bisher ſeinen Geiſt ausgefüllt, erſchienen ihm wie der Nebel von einem ſcharfen Windſtoß fortgefegt in eine kleine fahle Wolke am Rande des Horizontes zuſammenge⸗ drängt. Dagegen breitete ſich vor ſeinem Auge eine weite glänzende Welt aus voll Reichthum und reizender Mannigfaltigkeit. Dabei befand er ſich in der Lage eines Kindes, das zum erſtenmal durch das Glas eines Panorama in eine zauber⸗ hafte Gegend hinausblickt, während es ſich ſelbſt in einem engen dunklen Raume fühlt, aus dem es ins Unabſehliche hinauszuſtürzen fürchtet. Und doch führte das Buch einen ſo gewöhn⸗ lichen Titel, daß der erſte beſte Schüler über die Wirkur macht, harmle ein S ſchein der b Ahnuu bei de Idee, Anſcha einſied Lehre heran⸗ ben d hunde heran Zeiter ſchung weiſe uns a ſchobe Ddi große tende 1 eiligen en Jei⸗ nit he⸗ gedruckt n Stu⸗ wenige brochen fühlte lle die n Geiſt neinem e fahle amenge⸗ n Augt ichthum fand er ſtenmal zauber⸗ elbſt in dem es gewöhn⸗ üͤber die 209 Wirkung die es auf den gelehrten Theologen ge⸗ macht, verächtlich gelächelt hätte. Es war eine harmloſe Erdbeſchreibung für die Schuljugend, die ein Schüler des ſtädtiſchen Gymnaſiums wahr⸗ ſcheinlich verloren hatte. Wir Andern, Kinder der bürgerlichen Geſellſchaft, haben kaum eine Ahnung von der gewaltigen elektriſchen Wirkung bei dem plötzlichen Zuſammenſtoß einer großen Idee, einer neuen Wahrheit, einer fremdartigen Anſchauung mit einem mächtigen Geiſte, der als einſiedleriſcher Autodidakt in einer abgeſchloſſenen Lehre und Kaſte im ſtrengen Forſchen und Denken herangereift. An uns treten in Schule und Le⸗ ben die Entdeckungen und Erfindungen der Jahr⸗ hunderte als ausgemachte Thatſachen allmälich heran; die großen Wahrheiten und Löſungen aller Zeiten und Länder, die Reſultate tiefſinniger For⸗ ſchungen und qualvoller Zweifel, worüber ſo viele weiſe Häupter kahl und grau geworden, werden uns als baare geprägte Münze in die Taſche ge⸗ ſchoben, als alltägliche Gemeinplätze hingeworfen. Die Entdeckung Amerikas und die Leiden des großen Kolumbus leſen wir als eine unterhal⸗ tende Geſchichte in Bilderbüchern, und in die I. 14 210 neue Weltſchöpfung des Kopernikus treten wir gleichgültig wie in unſre hausbackene Familien⸗ ſtube. Wer ſchneidet ſein Brot an mit Dank⸗ gefühlen für den Erfinder des Pfluges, wer lüftet beim Betreten der Bahnhöfe ehrerbietig den Hut vor dem Andenken an Fulton und James Watt, und wo iſt der Jüngling der die geiſtigen Leiden des Jünglings Jeſus Chriſtus durchempfindet, die tiefer und nachhaltiger waren als der peinliche Gang zum Kreuze, deſſen Schmerzen am Ende nicht größer waren, als die der erſte beſte Soldat empfindet, der an ſeinen Bajonettwunden hinſtirbt. Vor Ephraims Auge lag die unabſehbare Welt plötzlich da, als wäre ein düſterer Wolkenſchleier entzwei geriſſen, der ſeit ſeiner Geburt über ſeinem Haupte gelagert hatte. Es ſchien ihm, als wäre er mitten in der Civiliſation aus einem zweitau⸗ ſendjährigen Grabe erſtanden, in welchem er ſeit der Zeit gelegen, da ſein Volk in die Gefangen⸗ ſchaft nach Babylon abgeführt worden war; ſo weit war die Kluft zwiſchen den Anſchauungen die er ſeinen alten rieſigen Büchern entnommen und der Wirkſamkeit, welche das dünne Büch⸗ lein eines Schulknaben vor ihm ausbreitete. Da unten gräber ten al über hin; und Netz und! weite und Erde, und demf ſeine Bah⸗ in di meing über unge falti ten wir anilien⸗ t Dank⸗ er lüftet den Hut 88 Watt, n Leiden ndet, die peinliche m Ende te Soldat hinſtirbt. dare Welt kenſchleier er ſeinem als wäre weitau⸗ im er ſeit Hefangen⸗ war; ſo hauungen ntnommen ne Büch⸗ — tete. Da 211 unten in der düſtern Kellerwohnung des Todten⸗ gräbers, in einem Stübchen das mit ſechs Schrit⸗ ten ausgemeſſen war, ſah der erleuchtete Jüngling über die Millionen Geviertmeilen der Erdfläche hin; er ſah die Meere und Flüſſe mit Segeln und Dampfern bedeckt, er ſah ein unermeßliches Netz von Landſtraßen worauf der Gewerbfleiß und das Vergnügen hin und her rollten, und die weite Ausdehnung war erfüllt von einer Thier⸗ und Pflanzenwelt die der Menſch, der Wirth der Erde, nach Eigenſchaft und Wirkſamkeit geordnet, und über die er ein getreues Regiſter führte. Und auf Meeren und Flüſſen, auf den Bergen und im Thal erblickte er die kaum faßbare Zahl von Tauſend Millionen Menſchen, ſo verſchieden in Farbe, Sprache und Thätigkeit, und doch alle nach demſelben Ebenbilde geſchaffen; jeder vereinzelt in ſeiner Individualität, das Centrum ſeiner eigenen Bahn und alle dieſe Bahnen in einandergreifend in die immer weiteren Kreiſe der Familie, der Ge⸗ meinde, des Staates, der Menſchheit. Noch tiefer überraſchte ihn die Lehre ſeines Buches, daß dieſe ungeheure Erde mit ihrer unendlichen Mannig⸗ faltigkeit nur ein Sandkorn ſei in dem unermeß⸗ 14* 212 lichen All, in welchem kleine Sternchen mit dem Erdkörper als Zollſtab gemeſſen, und ihre Entfer⸗ nungen nach Sonnenfernen berechnet werden. Das freudige Erſtaunen Ephraims bei den herrlichen Erſcheinungen, welche das wunderbare Buch vor ſeine Seele führte, wich bald heftigen brennenden Schmerzen und ruheloſen Wünſchen. Das war eine jener gewaltigen Seelen, welche der Genuß kaum Augenblicke zu feſſeln vermag, und die der gottähnliche Drang nach durchdrin⸗ gender Erkenntniß und ſelbſtthätiger Schöpfung fortwährend aufjagt aus der Behaglichkeit der Sättigung, der ſich der Menſch ſo gerne hingibt. Zunächſt wandte ſich ſein Auge nach ſeiner bis— herigen Welt, die hinter ihm zertrümmert lag, und von der er ſich ſchon weit fortgeriſſen fühlte. Wie klein erſchien ihm ſein Völkchen mitten in der Menſchheit, wie armſelig das gelobte Land Pa⸗ läſtina, das ihm ſein Buch und die beigefügte Landkarte als einen elenden verkommenen Fleck auf der Erde bezeichnet hatte, und welch ein kin⸗ diſches Mährchen war ſeine Religion die den großen gewaltigen Gott zum Eigenthum und Handlanger einer handvoll unbedeutender Men⸗ ſchen he muth ſieht n der I ten Le er da weiten einem ben un wer w die geg unabſe runge hatte. ſich t ſeiner vor, gegral die er in der das zu des F durch den( den. bei den nderbare heſtigen ünſchen. welche vermag, rchdrin⸗ höpfung keit der hingibt. ner bis⸗ lag, und te. Wie in der and Pa⸗ eigefügte n Fleck ein kin⸗ die den im und r Men⸗ 213 ſchen herabzog. Und doch beſchlich ihn leiſe Weh⸗ muth über die Trümmer ſeiner kleinen Welt; wer ſieht nicht mit Trauer auf die verlorenen Freuden der Jugend, auf den Aſchenhaufen des verbrann⸗ ten Vaterhauſes? Mit vielem Entſetzen betrachtete er dann ſein eigenes Ich im Verhältniß zu der weiten Welt; wie war ſeine Gelehrſamkeit zu einem weſenloſen Nichts zuſammengeſchrumpft; ne⸗ ben und hinter ſeinem Volk hatte die Menſchheit wer weiß wie lange gelebt und ſich entwickelt, und die gegenwärtige Welt um ihn her war aus einer unabſehlichen Reihe von Verkettungen und Folge⸗ rungen entſtanden, zu denen er keinen Schlüſſel hatte. Der Stachel der Selbſtverachtung bohrte ſich tief in ſeine Bruſt, er kam ſich da unten in ſeiner engen dumpfen Höhle wie ein Maulwurf vor, der achtzehn Jahre an einem elenden Loch gegraben das ſeine Welt geweſen. In der Luft die er athmete, in den Pulsſchlag ſeines Herzens, in der Bewegung ſeines Armes, in dem Lichte das zu ſeinem Fenſter hereinfiel, in dem Rauſchen des Fluſſes der ſich da unten vor ſeinen Fenſtern durch die Wieſen ſchlängelte, in dem Hauche der den Grashalm bewegte, überall umſchlang ihn 214 jetzt der Gott mit ſeinen geheimnißvollen Geſetzen, die ihm ſo fremd waren, wie das Seelenleben der Fliege die ihm umſchwirrte. Voll Scham und Verzweiflung verbarg Ephraim ſein bleiches Angeſicht in ſeine Hände, und er wäre glücklich geweſen, wenn ſich der Schleier des To⸗ des auf immer über ſein verlorenes Leben gebrei⸗ tet hätte. Aber in der Nacht ſeines Grames ſchlich eine leiſe Stimme in ſeine gebeugte Seele, die ihm wie vom Himmel zu kommen ſchien; die Stimme gebrauchte die Bilderſprache der Schrift die ihm ſo geläufig war. Gehe hinweg, ſagte ſie, von dem unfruchtbaren Boden der Unwiſſen⸗ heit und der Knechtſchaft! Das Buch das ſo geheimnißvoll in dein enges Leben hereingefallen, ſei dir eine Feuerwolke, die dich aus der Wüſte hinleitet zu dem Baum der Erkenntniß und zu den reinen Quellen der Wahrheit und des Lebens. Dieſer Zuſpruch der in Ephraims eigenem rin⸗ genden Geiſte entſprungen war, ſchien dem auf⸗ geregten Jüngling eine Offenbarung Gottes. Die⸗ ſes Buch, ſagte er ſich, enthält nur die Andeutungen einer unendlichen Wiſſenſchaft, aber diejenigen die es geſchrieben, haben die Schlüſſel in Händen zur umfaſſ ſetzen finden ſein; wohne Stade war naſtu Ephre Arme geſehe erhal ſo n Jün raim wäre To⸗ ebrei⸗ clich die die hriſt ſagte iſſen⸗ 8 ſo jallen, Wüſte d zu ebens. niin⸗ auf⸗ Die⸗ ungen en die en zur 215 umfaſſenden Erkenntniß und zu den ewigen Ge⸗ ſetzen des Weltalls. Aber wo dieſe Menſchen finden? Sie ſchienen ihm nicht weit entfernt zu ſein; ſie müſſen wohl, dachte er, in derſelben Stadt wohnen, denn das Buch war doch draußen in der Stadt gefunden worden, und auf dem Titelblatt war es als Lehrbuch für die Schüler des Gym— naſiums bezeichnet. Von dieſen Schülern hatte Ephraim ſchon manche mit Büchern unter dem Arme auf dem Wege durch das Judenquartier geſehen. Von dieſen konnte er wohl Auskunft erhalten, aber ſie ſchienen ihm ſo knabenhaft luſtig, ſo neckiſch muthwillig, daß der ernſte tiefſinnige Jüngling ſie nicht anzureden wagte. Wie er ſo ſinnend aus ſeinem Fenſter in die Gegend hinabblickte, die zum erſtenmal in ſeinem Leben ſeine Meugierde und Theilnahme anregte, fiel ſein Auge auf einen jungen Menſchen der auf dem Abhang der Thalwand, in die ſein Haus hin⸗ eingebaut war, einen großen Theil des Tages zu verweilen pflegte. Er ſchien im Dienſte eines Gerbers zu ſtehen, denn ſeine Beſchäftigung be⸗ ſtand darin, rohe und bearbeitete Felle zum Trock⸗ nen aufzuſpannen und abzunehmen. Von dieſem 216 jungen Menſchen hoffte Ephraim über das Gym⸗ naſium Auskunft zu erhalten; er konnte leicht zu ihm gelangen, wenn er aus ſeinem bis auf den Boden herabreichenden Fenſter auf den Abhang hinaustrat. Der junge Menſch war ungefähr in Ephraims Alter, aber außer ſeiner Jugend erſchien er mehr abſtoßend als anziehend. Sein mürriſches Geſicht, ſein röthliches borſtiges Haar, ſeine dicke Naſe uund der große rohe Mund waren nicht ſehr geeignet den ſchüchternen lebensfremden Ephraim zur Vertraulichkeit zu reizen. Er konnte eher einer groben Beleidigung gewärtig ſein, wie ſie die Juden außerhalb ihres Quartiers zu erfahren pflegten. Doch er hatte keine Wahl, und ſeine brennende Ungeduld die Gelehrten der chriſtlichen Schulen aufzuſuchen gab ihm Muth zu dem Wag— niß den Dienſtmann des Gerbers anzureden. Ge⸗ gen Mittag ſchien ſich eine günſtige Gelegenheit zu finden. Der junge Menſch, den Ephraim fort⸗ während beobachtete, ließ um dieſe Zeit ſeine Ar⸗ beit liegen, und ſetzte ſich ermüdet auf einen Stein um ein Stück ſchwarzes Brod zu verzehren. Aus der Haſt mit der er mächtige Stücke verſchlang, ſchloß Ephraim, daß der arme Menſch nicht we⸗ nig vo merkur Mittel zu gei wilden habe, ein w ſo hei eſſen Wirth eilte Schü 3 des die L behag barer Schüü wollt bitten den; ſtip Du ein den hang zr in chien ſches dicke ſehr aim eher e ſie ihren ſeine ichen Lag⸗ Ge⸗ 7 nig vom Hunger geplagt ſein müſſe. Dieſe Be⸗ merkung kam ihm ſehr gelegen, er ſah darin ein Mittel die Freundlichkeit des mürriſchen Geſellen zu gewinnen. Er erinnerte ſich, daß Jakob den wilden Eſau durch ein Gericht Linſen gewonnen habe, und der derbe Geſell da draußen ſchien ihm ein wahrer Eſau zu ſein, eben ſo wild und eben ſo heißhungrig. Ephraim ließ ſich ſein Mittags⸗ eſſen auf ſeine Stube bringen, und ſobald die Wirthſchafterin ſeines Vaters ſich entfernt hatte, eilte er, ohne ſelbſt ans Eſſen zu denken, mit der Schüſſel auf den Abhang hinaus. Der Verſuch gelang vollkommen. Der Geruch des dampfenden Fleiſches in der Schüſſel traf die Naſe des jungen Eſau mit ſichtlichem Wohl⸗ behagen, ſein grünes Auge erhob ſich mit dank⸗ barer Verwunderung zu Ephraim, der ihm die Schüſſel ſchweigend aber mit einem Ausdruck als wollte er ihn für die Anerbietung um Vergebung bitten, überreichte. Nachdem der hungrige Gerber den Inhalt der Schüſſel bis auf den Grund er⸗ ſchöpft hatte, ſagte er mit freundlichem Grinſen: Du biſt ein gutherziger Junge, alle Juden haben ein gutes Herz, meine Mutter erhält jeden Freitag 218 Almoſen in der Judenſtadt, und es thut mir leid, daß ihr doch alle auf ewig verdammt ſeid. Ephraim hatte mit freudiger Rührung den ar⸗ men Hungrigen ſich laben geſehen. Er ſelbſt ver⸗ ſtand nichts von den Freuden der Tafel, in grän⸗ zenloſer Hingebung an geiſtige Genüſſe koſtete es ihm keine Ueberwindung den Lebensregeln der ſtrengſten Ascetiker unter ſeinen Kirchenlehrern ziemlich genau zu entſprechen; aber er ſah einen Menſchen durch ſeine Gabe erquickt, und fühlte zum erſten Mal in ſeinem Leben, welch ein Glück im Wohlthun liege. Die ſeltſamen Worte des Gerbers klangen ihm wie Muſtk, obgleich die Stimme des jungen Menſchen nichts weniger als melodiſch tönte, aber es war der erſte Menſch der chriſtlichen Welt, den er an ſich herangezogen hatte, und der ihm als Wegweiſer dienen ſollte auf der großen Bahn die er einſchlagen wollte. Es war ihm lieb, daß der junge Menſch ſein Ge⸗ ſpräch gleich auf dem Boden der Religion begon⸗ nen, und er ſuchte ihn darauf feſtzuhalten, da er auf dieſe Weiſe am Beſten ſeinen Zweck zu errei⸗ chen hoffte. „Was verſtehſt du unter dem Worte, daß wir verdam weiblie 3 der( als d hen v 5 Ephre wie du gen Docl lich zu Spu wem heim ben, dam nich leid, nat⸗ ver⸗ grän⸗ te es der hrern inen ühlte Aluch des ˖die r als denſch zogen ſollte vollte. Ge⸗ ggon⸗ da er errei⸗ ß wir 219 verdammt ſind?“ fragte er mit ſeiner ſanften, faſt weiblichen Stimme. „Ganz genau weiß ich es nicht“, erwiederte der Gerber,„aber es ſoll wohl ſo viel bedeuten, als daß es euch in der andern Welt ſchlecht ge⸗ hen wird.“ „Und warum ſollte es uns ſchlecht gehen,“ ſagte Ephraim lächelnd,„wenn wir ſo gutherzig ſind wie du ſelbſt ſagſt?“ „Nun weil Ihr nicht Chriſten ſeid, und wer nicht Chriſt iſt, ſagte der Herr Pfarrer in der Pre⸗ digt, iſt auf ewig verdammt.“ Dieſe Lehre überraſchte Ephraim, denn in den Büchern ſeines Glaubens hatte er keinen Fluch ge⸗ gen die Bekenner einer fremden Lehre gefunden. Doch ſagte er ſich, wenn die chriſtliche Lehre wirk⸗ lich zur Erkenntniß Gottes führt, während Gott zu Moſes ſelbſt ſprach:„Du kannſt nur meine Spur finden aber nicht mein Angeſicht ſehen“— wenn dieſe Lehre den Schlüſſel beſitzt zu dem Ge⸗ heimniß vom irdiſchen Tod und dem ewigen Le⸗ ben, ſo kann ſie mit Recht den für einen Ver⸗ dammten erklären, deſſen Geiſt von dieſer Lehre nicht erleuchtet iſt. Fühle ich mich doch faſt ver⸗ 220 nichtet über meine Unkunde in den Dingen und Erſcheinungen des irdiſchen Daſeins; von welcher brennenden Sehnſucht würde ich vollends verzehrt, wenn ich neben mir eine Kirche wüßte, wo die Gottheit ſich offenbart, ohne den Eintritt erlangen zu können. Dieſer Zuſtand wäre allerdings der eines Verdammten. „Wie lauten die Grundlehren deiner Religion?“ rief er lebhaft, indem er den Knecht des Gerbers mit flammenden Augen betrachtete. „Lieber guter Mann“, ſagte dieſer mit einer gutmüthigen Naivetät, die ſeinem mürriſchen, ſonn⸗ verbrannten Geſicht einen komiſchen Ausdruck gab— „ich möchte es dir gerne ſagen, um dein Seelen⸗ heil zu retten, wenn ich es nur ſelber wüßte. Aber ich bin der Sohn einer blutarmen Wittwe, und habe nicht einmal die Zeit gehabt leſen zu lernen.“ „Und du fürchteſt nicht verdammt zu ſein, wenn du deine eigene Religion nicht kennſt,“ rief Eph⸗ raim erſtaunt. „O nein“, ſagte der Gerber etwas verwundert über Ephraims Aufregung—„dafür iſt geſorgt; Jeſus unſer Herr ſtarb für uns Alle die wir die heilige Taufe erhalten um uns von der Ver⸗ dammt führen „8 die He dreihu ſchreib loren gehört eines kein F gendhe reizte beeilte ling l zu ſei ſie ſich in ein Nand haut Aber und nen.“ venn F p h⸗ dert rgt; die Ver⸗ 221 dammniß zu retten, und ins ewige Leben einzu⸗ führen.“ „Seltſame unbegreifliche Lehre!“ rief Ephraim die Hände zuſammenſchlagend.„Und doch zählt ſie dreihundert Millionen Bekenner, wie meine Erdbe⸗ ſchreibung verſichert“, fügte er in Gedanken ver⸗ loren hinzu. Was er von dem jungen Katholiken gehört, war ſo ganz entgegengeſetzt dem Ausſpruch eines ſeiner Kirchenväter:„Ein Unwiſſender iſt kein Frommer, und ein Gedankenloſer iſt nicht tu— gendhaft.“ Die Seltſamkeit dieſer neuen Lehre reizte um ſo ſtärker ſeinen Wiſſensdurſt, und er beeilte ſich von ſeinem Gefährten Auskunft zu er⸗ halten, wie er zu den Lehrern ſeiner Religion und der deutſchen Wiſſenſchaft gelangen könnte. Der Knecht des Gerbers begleitete ſeine Fra⸗ gen mit einem triumphirenden Lächeln; er freute ſich innig darüber dem gutherzigen jüdiſchen Jüng⸗ ling bei der Rettung ſeines Seelenheils behülfflich zu ſein. Er zeigte ihm von der Stelle aus, wo ſie ſich befanden, ein altes Kloſtergebäude, welches in einiger Entfernung am Ende der Stadt am Rande des ſich weit hinziehenden Abhanges ge⸗ baut war. Die Geiſtlichen dieſes Kloſters, ſagte 222 er ihm, wären zugleich die Lehrer des Gymnaſiums. Er rieth ihm ſich in das Kloſter zu begeben, und dem Pater Katecheten ſein Anliegen vorzutragen. Den übrigen Theil des Tages über, gab ſich Ephraim einer freudigen Stimmung hin, wie er ſie bisher in ſeinem ernſten grübelnden Leben noch nie gekannt. Die Hoffnung in ihrem lachenden Gewande, die Illuſion mit ihrem glitzernden Ge⸗ ſtein zogen durch ſeine junge Phantaſie, die bis⸗ her unter der ſtrengen Herrſchaft der ernſten lo⸗ giſchen Prüfung niedergehalten war. So lange hatte er ſeit ſeiner Kindheit nicht geſchlafen als in dieſer Vacht, die eine Grenze bildete zwiſchen ſeinem alten zurückgetretenen Leben und einer neuen Welt, die er noch nicht kannte, die ihm aber la⸗ chend und ſonnig erſchien. In dieſer Nacht be⸗ ſchlich ein unbekannter Geiſt, der Gott des Trau⸗ mes, zum erſten Mal ſeinen Schlummer. Die Bilder der Erdbeſchreibung, der Knecht des Ger⸗ bers, das alte Kloſter und die luſtigen Schüler des Gymnaſiums tummelten ſich bunt und ſinnlos durcheinander. Seine Jugend, bisher durch ernſte Forſchungen und ein ſtrenges einſames Leben er⸗ drückt, war unter der zauberhaften Wirkung der entzün komm digkei V lange wöhn dern, men kühnel Ohne kungs manm lange n als wiſchen neuen der la⸗ ht be⸗ Tuau⸗ Die Ger⸗ chüler unlos ernſte en er⸗ ng der 223 entzündeten Phantaſie plötzlich zum Durchbruch ge⸗ kommen in all ihrer Thorheit und Liebenswür⸗ digkeit. Wie neugeboren erwachte Ephraim aus ſeinem langen traumvollen Schlafe; er fühlte eine unge— wöhnliche Kraft und Leichtigkeit in ſeinen Glie— dern, ſeine Züge hatten einen muntern lebenswar⸗ men Ausdruck, ſeine Sinne waren friſch, und ein kühner herausfordernder Muth ſchwellte ſeine Seele. Ohne Zagen und Sorgen trat er ſeine Entdek⸗ kungsreiſe in das Kloſter an, wie der kühne See⸗ mann der nach unbekannten Geſtaden hinausſegelt. 3. Tiefe Stille herrſchte rings um das einſam ſte— hende Kloſter und im Innern deſſelben. Es war um die Zeit der Frühmeſſe, welche täglich dem Beginn des Unterrichtes voranging, und Lehrer und Schüler befanden ſich ſämmtlich in der Kirche, die mit der für die Schulen beſtimmten Abthei⸗ lung einen von der Kloſterpforte entfernten Flü⸗ gel des weitläufigen Gebäudes einnahm. Als Ephraim in die langen dunklen Kreuzgänge eintrat, begegnete ihm überall die unerquickliche, ſchreckhafte Außenſeite des katholiſchen Mönchthums. In der ſchweren dumpfen Luft ſchien eine dunſtige Miſchung von Speiſe, Wein und Weihrauch zu modern; in den von Zeit und Staub geſchwärzten Wänden ſtaken die düſtern Zellenthüren wie Ein⸗ gänge zu der Unterwelt; die wenigen Fenſter in den Corridoren die auf den von Gebäuden eng umſche und geslic der K nen lich i weite lich ö wo er vorüb Katec res, aufge hölze ſen, Speiſ die D die Mön chen J 225 umſchloſſenen Hofraum gingen, waren mit Schmutz und Spinnenweben ſo dicht bedeckt, daß das Ta— geslicht nur durchzufallen ſchien um die Düſterkeit der Kreuzgänge ſchärfer hervorzuheben. Seine eige⸗ nen Schritte auf den Steinplatten hallten ſo ſchauer⸗ lich wieder, daß er, tief beklommen, nicht mehr weiter zu gehen wagte in dieſem ungeheuren, ſchauer⸗ lich öden Hauſe, und ſich entſchloß auf dem Platze, wo er ſich gerade befand, zu warten, bis Jemand vorüberkäme, der ihm die Wohnung des Pater Katecheten angeben könnte. Als ſich ſein Auge nach kurzem Warten an die Dämmerung des Kreuzganges gewöhnt hatte, traf ſein beklommenes Herz ein neuer Schrecken. Hart neben ſich bemerkte er plötzlich ein ungeheu⸗ res, entſetzliches Bild, das wie aus dem Boden aufgeſtiegen ſchien. Es war dies ein ungeheures hölzernes Krucifix in übermenſchlichen Verhältniſ⸗ ſen, das neben der Thür des Refektoriums, des Speiſeſaales der Mönche, vom Fußboden bis an die Decke reichte. Das Bild hatte wahrſcheinlich die Beſtimmung, den zu den Tafelfreuden eilenden Mönchen durch den Anblick der Leiden des Kir⸗ chenſtifters den Appetit zu mäßigen. Für die Mönche 1. 15 226 war dieſer Zweck verfehlt, die Gewohnheit hatte ſie abgeſtumpft; aber auf die friſchen empfängli— chen Sinne des unerfahrenen Jünglings machte dieſes Bild, inmitten der düſtern ſchreckhaften Um⸗ gebung, einen furchtbaren Eindruck. Ephraim hatte noch niemals in ſeinem Leben irgend eine Abbil⸗ dung geſehen, da deren Beſitz ſeinem Volke ver⸗ boten war. Er glaubte nicht anders, als daß ein lebendes Weſen, ein ſchreckliches Ungethüm ſich plötzlich neben ihm aufgerichtet habe, einer jener böſen Geiſter, von denen die rabbiniſchen Schrif⸗ ten viel zu erzählen wußten. Seine fieberhaft er⸗ regte Phantaſie und das wechſelnde Dämmerlicht des Corridors unterſtützten ſeinen Glauben. Die verzerrten Züge des roh geſchnitzten Leidensbildes ſchienen ſich zu bewegen, die ans Kreuz geſchla⸗ genen Glieder zuckten in krampfhafter Anſtrengung, und gräßlich ſtrömte das Blut aus den aufgeriſ⸗ ſenen Wunden. Ephraim konnte dieſen Anblick nicht lange er— tragen. Mit einem Schrei des Entſetzens wandte er ſich ab, und ſtürzte hinweg um ſich aus dieſer gräßlichen Höhle zu retten. Er flog einen langen Corridor hinab, in deſſen Tiefe der hereinfallende helle S zeichne irrt n Innel fiel de deren E er ſei Herz! zugleie Hauſe minde Märe gerüt wünſ A Jüng er ſic kühn Innen Stube Kleid das daß jener Schrif⸗ ift er⸗ erlicht Die bildes eſcha⸗ ngung, lfgeriſ⸗ ge er⸗ vandte dieſer langen allende 227 helle Sonnenſchein ihm die offene Kloſterpforte be⸗ zeichnete. Er hatte ſich jedoch in ſeiner Angſt ver⸗ irrt und einen Gang verfolgt, der tiefer in das Innere des Kloſters führte. Der Sonnenſchein fiel durch die offenſtehende Thüre einer Mönchszelle, deren Fenſter auf den Kloſtergarten hinausgingen. Ephraim war mehr erfreut als beunruhigt, als er ſeinen Irrthum erkannte. So heftig auch ſein Herz vor Angſt und Entſetzen pochte, ſo war doch zugleich ſeine Neugierde, die Geheimniſſe dieſes Hauſes kennen zu lernen, eher geſteigert als ver⸗ mindert; ſo wie es bei der Erzählung ſchrecklicher Märchen jungen Phantaſien geht, die, von Schauern gerüttelt, doch die Erzählung endlos ausgeſponnen wünſchen. In dem warmen hellen Sonnenſchein fand der Jüngling bald den vollen Muth wieder, mit dem er ſich in die neue fremde Welt hineingeſtürzt, und kühn trat er an den Eingang der Zelle um das Innere zu erforſchen. Es war eine geräumige helle Stube. Der Bewohner war abweſend, aber mehre Kleidungsſtücke, die auf einem Seſſel lagen, und das reinliche Bett in der Ecke deuteten darauf hin, daß die Zelle nicht verlaſſen war. Von den Wän⸗ 15* 228 den des Gemaches trat dem Auge Ephraims ein neues Wunder entgegen. Die Wände waren bis an die Decke mit Gemälden bedeckt, aber dieſe Bilder waren ganz anderer Art als das Schreck⸗ bild im Corridor. Sie hatten alle einen freund⸗ lichen Charakter, und ſo ſehr auch das Leben auf dieſen Bildniſſen erreicht war, erkannte Ephraim doch, daß er es hier mit keiner Geſpenſterwelt zu thun habe, ſondern mit den Werken einer Kunſt, von deren Exiſtenz er bisher kaum eine Ahnung gehabt hatte. Neugierig den Zweck dieſer Bildwerke zu er— forſchen betrachtete er ſie aufmerkſam; der Sinn für das Schöne in der Kunſt lag in ſeiner Seele noch unentwickelt, noch hatte er keine Ahnung da⸗ von, daß die Kunſt dem Vergnügen diene, und eine unendliche Reihe der verſchiedenſten Gefühle erwecken könne. Er betrachtete dieſe Bilder wie ein wilder Indianer, der aus ſeinen Urwäldern plötzlich in die Civiliſation verſetzt worden. Nach⸗ dem ſein Auge an den vielen Bildern herumgeirrt, blieb es auf einer Landſchaft haften, die der Thüre gegenüber aufgehängt war. Das Bild zeigte eine reizende Waldlichtung von den Strahlen der auf⸗ gehend ſchien frohen Licht junge tung dung das) ger k durch Geſch die A ten der d ausü von war. es eh lichken Thier Pinſe war chend Einfe efühle er wie iddern Nach⸗ geirrt, Thüre te eine er auf⸗ 229 gehenden Sonne übergoſſen. Alles an dem Bilde ſchien ſich des friſchen Lebens zu erfreuen und zum frohen Lebensgenuß einzuladen. Mitten durch die Lichtung floß ein ſilberheller Bach, an dem ein junges Reh harmlos weidete. Am Rande der Lich⸗ tung ſtand ein junger Mann in feiner Jagdklei— dung mit einer Büchſe in der Hand, die er auf das Reh angelegt; ſeine feine Hand, an deren Fin⸗ ger koſtbare Edelſteine blitzten, war eben bereit durch eine Bewegung des Drückers das tödtliche Geſchoß zu entſenden. Der Maler hatte offenbar die Abſicht einen feinen Mann aus der ſogenann⸗ ten guten hochgebildeten Geſellſchaft hinzuſtellen, der das Mordhandwerk bloß zu ſeinem Vergnügen ausübte. Das unſchuldige Reh hatte keine Ahnung von dem grauſamen Schickſal, von dem es bedroht war. Es verzehrte freudig die Krautblätter, die es eben ausgerupft, und blickte in harmloſer Fröh⸗ lichkeit vor ſich hin. Auf das Auge des frommen Thieres ſchien der Maler die höchſte Kraft ſeines Pinſels verwandt zu haben. Die Form des Auges war wohl der Individualität eines Rehes entſpre⸗ chend, aber im Blick lag eine Seele voll kindlicher Einfalt und himmliſcher Sanftmuth. 230 Was Ephraim an dem geübten Blick des Kunſt⸗ verſtändigen abging, das erſetzte die große Wahr⸗ heit des Meiſterwerkes und ſeine eigene jugendliche Phantaſie, welche durch die tiefe Stille rings um ihn her und das Geheimnißvolle ſeiner Lage mäch⸗ tig angeregt war. Allmälig gewann die Land⸗ ſchaft Leben und Wirklichkeit unter ſeinem darin verlorenen Auge. Die Proportionen ſämmtlicher Gegenſtände waren ſo genau eingehalten, Licht und Schatten ſo naturgetreu wiedergegeben, die Perſpektive ſo trefflich berechnet, und jener nicht zu bezeichnende Hauch des Lebens Allem einge⸗ flößt, daß die im verjüngten Maßſtab aufgenom⸗ mene Landſchaft ſich ſelbſt unter den unkundigen Augen Ephraims allmälig bis zu den Dimenſio⸗ nen des Originals erweiterte. An Kloſter, Zelle und Malerei vergeſſend, trat Ephraim unbewußt näher, als bewege er ſich auf dem Boden der Land⸗ ſchaft. Der wunderbare Blick des lieblichen Thie⸗ res erweckte in ſeinem Herzen ein nie gekanntes Gefühl liebevoller Theilnahme und mitleidiger Rüh⸗ rung, und wie er wieder ſein Auge auf den mit kalter Grauſamkeit ſein Ziel verfolgenden Jäger richtete, wurde er von der drohenden Gefahr für zu Ht getret leicht gen bare ſchaf ſeine hört Er! der mehl in d ſich Zell gene er d unſt Jahr dliche 8 um mäch⸗ Land⸗ darin klicher Licht die nicht einge⸗ 1 enom⸗ ndigen nenſio⸗ Zelle ewußt Land⸗ Thie⸗ unntes Rüh⸗ en mit Jäger ir für ſein geliebtes ſchutzloſes Thierchen ſo heftig ergrif⸗ fen, daß er mit geballter Fauſt gegen das Bild ſtürzte und wild aufſchrie:„Halt ein Grauſamer, fürchte den rächenden Gott!“ In demſelben Augenblick ſprach hinter ihm eine tiefe ernſte Stimme:„Du rufſt ein Phantom, es gibt keinen Gott!“ Ephraim war in ſeiner Haſt dem armen Reh zu Hülfe zu kommen ſo hart an das Bild heran⸗ getreten, daß er dadurch die Perſpektive verlor und leicht erkannte, daß er in einer Täuſchung befan⸗ gen geweſen. Aber er wußte nicht ob das furcht— bare Orakel, das er anfangs mitten in der Land⸗ ſchaft zu hoͤren glaubte, gleichfalls eine Täuſchung ſeiner Sinne geweſen, oder der Wirklichkeit ange⸗ hörte und mit der Zelle in Verbindung ſtand. Er wandte ſich von dem Gemälde ab um ſich in der Zelle umzuſehen, und da fand er, daß er nicht mehr allein in dem Gemache war. Während er, in der Betrachtung des Bildes vertieſt, Alles um ſich her vergeſſen hatte, war der Bewohner der Zelle eingetreten, und anfangs über den eingedrun⸗ genen Beſuch verwundert, freute er ſich ſehr, als er die zauberhafte Wirkung ſeines Kunſtwerkes auf 232 den fremden Jüngling bemerkte. Dieſem Manne ſchrieb Ephraim die vermeſſenen Worte zu, die ihn zugleich erſchreckt und teif empört hatten. Dieſer Mann hatte jedoch nichts weniger als das Ausſehen eines Menſchen, den man einer leicht⸗ fertigen oder frevelhaften Redeweiſe fähig halten konnte. Der Mann hatte eine mäßig große Ge⸗ ſtalt, die aber durch das lange geiſtliche Gewand gehoben wurde. Der vorherrſchende Ausdruck ſei— nes Geſichtes war Ruhe und Feſtigkeit; doch konnte der ſchärfere Beobachter bemerken, daß dieſe Eigen⸗ ſchaften, vielleicht in der harten Schule des Lebens, erſt mühſam erworben waren. Ein leiſer Zug von Schwermuth um ſeine Lippen und ein erhabener Glanz in ſeinem Auge deuteten darauf hin, daß die Fähigkeit für Schmerz und Leidenſchaft dieſer beruhigten und beherrſchten Seele nicht fremd wa⸗ ren. Das Alter des Geiſtlichen ſchien nicht über vierzig Jahre, doch blinkten ſchon Silberfäden nn— ter ſeinem dunklen Haare. Ephraim fühlte ſich zu dieſem Manne hingezogen, und er wäre glücklich geweſen in ihm einen Lehrer zu finden, wenn nicht die ſchrecklichen Worte aus ſeinem Munde gekom⸗ men wären. Als den ſei innerte ſchen; Außen Begeiſ Entrü um ſo lange ſchaft Die o die Ac lockt. kühne Hauch gar e Eindr er wo er arg ſchick. konnte lings wacht noch 233 Als der Mönch den heftigen Eindruck bemerkte, den ſeine Worte auf den Jüngling ausgeübt, er⸗ innerte er ſich, daß er den weiten Abſtand zwi⸗ ſchen ſeiner Weltanſchauung und den Anſichten der Außenwelt unvorſichtig verrathen habe. Die naive Begeiſterung des Jüngligs und die ſchöne ſittliche Entrüſtung dieſer jungen Seele hatten auch ihn um ſo raſcher erwärmt und verjüngt, als er ſo lange Zeit nur auf den Anblick und die Geſell⸗ ſchaft kalter heuchleriſcher Mönche gewieſen war. Die offene Natürlichkeit des Jünglings hatte ihm die Aeußerung ſeines innerſten Gedankenlebens ent⸗ lockt. Aber der Schrecken des Jünglings über ſein kühnes Wort goß einen erkältenden, ernüchternden Hauch in ſeine aufwallende Seele. Er warf ſo⸗ gar einen Blick des Mißtrauens auf den fremden Eindringling, denn der Theil des Kloſters in dem er wohnte, war der Schuljugend unzugänglich, und er argwöhnte, daß man ihm einen Lauſcher zuge⸗ ſchickt. Aber ſein ſcharfer menſchenkundiger Blick konnte in den offenen ſeelenvollen Zügen des Jüng⸗ lings nicht das Geringſte entdecken, was ſein er⸗ wachtes Mißtrauen hätte nähren können. Den⸗ noch ſchien es ihm wahrſcheinlich, daß der fremde 234 Jüngling ſeine Worte ohne böſe Abſicht als et⸗ was Außerordentliches verbreiten könnte. Einige Zeit ſchwankte der Mönch zwiſchen der Nothwendigkeit, den Eindruck ſeiner Worte auf ir⸗ gend eine Weiſe zu verwiſchen, und einem unwi⸗ derſtehlichen Antrieb, dieſe junge in ſeine Einſam⸗ keit hereingefallene Seele mächtig zu faſſen und wach zu rütteln. Er las auf dem Geſichte des Jünglings, daß er ſich für ihn intereſſire, und daß ihm nur der Muth fehle ihm irgend ein inniges Anliegen mitzutheilen. Als Künſtler und Menſch fühlte ſich der Mönch lebhaft ergriffen von dieſer edlen jugendlichln Geſtalt, in der ſich der Ausdruck eines erhabenen Seelenlebens mit den ſcharfen Li⸗ nien der Ausdauer und Thatkraft zu dem Bilde eines künftigen Helden der Religionskriege oder politiſchen Kämpfe vereinigte. Während der Künſt⸗ ler lebhaft wünſchte dieſes ſchöne Modell eines Johann v. Leyden oder St. Juſt nicht aus dem Auge zu verlieren, regte ſich auch in dem Herzen des Mönchs die lange unterdrückte Sehnſucht nach Freundſchaft, nach einem unverſchleierten Austauſch der Gedanken und Gefühle. Dieſen Jüngling wünſchte er an ſich heranzuziehen, um ſich an der Entwi lichen erzieh gion, ſie eit daß! ſie al habe telt, aber der d rückz Hau Kopf und Dun ling und n der uf ir⸗ unwi⸗ nſam⸗ n und e des d daß niges Renſch dieſer sdruck fen Li⸗ Bidde oder Künſt⸗ eines s dem Herzen t nach saauſch mgling an der 235 Entwicklung ſeines allem Anſchein nach empfäng⸗ lichen Geiſtes zu erquicken. Vielleicht, dachte er, erziehe ich in ihm einen Apoſtel der neuen Reli⸗ gion, die noch ſo wenige Bekenner zählt, obgleich ſie eine ſo einfache und naheliegende Wahrheit iſt, daß man ihr nur ins Auge zu blicken braucht um ſie als Mutter und Schweſter zu begrüßen. Schon habe ich mit einem Worte ſeine Geiſter aufgerüt⸗ telt, er taumelt noch von dem elektriſchen Schlag, aber er ſcheint mir nicht der Schneckenkopf zu ſein, der die Fühlfäden vor einer neuen Erſcheinung zu⸗ rückzieht. Ich darf es wagen, mit einem ſtarken Hauch die Nebel der Ueberlieferung aus ſeinem Kopf zu treiben; er wird die Probe beſtehen— und wenn nicht, wenn er nicht außerhalb des Dunſtkreiſes leben kann, ſo werde ich den Schwäch⸗ ling mit einer Lüge von meiner Schwelle treiben, und in meine Einſamkeit zurückfallen. Mit der ſtrengen Miene eines unerbittlichen Richters wandte ſich der Mönch zu Ephraim, der, von ſo vielen Eindrücken betäubt, an einem Tiſche lehnte, und nicht wußte ob er aus dieſer gefährlichen Zelle entfliehen oder der Stimme ſeines Herzens folgen ſollte, die ihn zu dieſem merkwür⸗ digen Manne hinzog. „Junger Menſch“, ſagte der Mönch mit einem Tone der wie ein eiſerner Hammer auf Ephraims Seele eindrang—„was ſtehſt du ſo vernichtet da wie ein Kind, dem man das Gängelband ge⸗ nommen, an dem es läſſig herumſchwankte? Kannſt du nicht auf eigenen Füßen ſtehen? Sträubt ſich nicht dein Menſchenſtolz gegen eingreifende fremde Willkühr, ſelbſt wenn ſie vom Himmel käme? Sklaviſches Geſchlecht, iſt euer Drang beherrſcht zu werden nicht genug von weltlichen Mächten be⸗ friedigt, daß Ihr noch im Himmel Weſen ſucht um ihnen Geißel und Zügel in die Hand zu drük— ken! Und was für einen Herrn habt Ihr aus dem Gott gemacht— einen wahren Aegertyrannen, der ſeine Sklaven ätzt und füttert, und nach Laune zu Boden wirft und mit Füßen tritt. Und dann ſoll dieſer unumſchränkte Tyrann wieder euer Be⸗ dienter und Knecht ſein, der euch den Acker beſtellt und die Mühlen dreht, von früh bis Abend für euch auf den Beinen ſein muß, beſchmutzt und be⸗ ſudelt von euren Aufträgen. Das iſt euer Gott, o du gedankenloſes kindiſches Geſchlecht!“ 0. gooßer den. ter le leicht denth worde ſtem er nic Mißo zu ve verno Stim verſte gion ſolche ler g ſteht, nicht erzäh Forſe deutf ten! wür⸗ einem raims iihtet d ge⸗ tannſt tſich eunde aͤme? rrſcht n be⸗ ſucht drük⸗ s dem , der Laune dann r Be⸗ eſtellt d für nd be⸗ Gott, 237 Ephraims Schüchternheit verſchwand vor den großen Fragen, die in ſeinem Geiſt angeregt wur⸗ den. Die tiefe Ehrfurcht vor dem Gott ſeiner Vä⸗ ter lebte zu mächtig in ihm, als daß ſein Glaube leicht erſchüttert werden konnte, obgleich das Ju⸗ denthum als Volksleben ihm ſchon zu enge ge— worden. Aber auch den Mann, der mit ſo ern— ſtem erhabenem Ausdruck vor ihm ſtand, konnte er nicht leicht aufgeben. Er glaubte, daß hier ein Mißverſtändniß obwalte, und ſuchte ſich Klarheit zu verſchaffen.—„Der Inhalt der Worte die ich vernommen“, ſagte er mit einer faſt klagenden Stimme,„hat mich nicht befremdet, ſo wie ich ſie verſtanden. Die heiligen Schriften meiner Reli⸗ gion ſprechen wiederholt von Gottesläugnern. Aber ſolche Menſchen werden dort als ſo ruchloſe Frev⸗ ler geſchildert, daß ich den Mann der vor mir ſteht, und der mir ſo verehrenswürdig erſcheint, nicht mit jenen Frevlern verwechſeln kann.“— Ee erzählte darauf dem Mönch die Geſchichte ſeines Forſcherlebens, die Kataſtrophe welche durch das deutſche Lehrbuch eingetreten, und die Zufälligkei⸗ ten die ihn in dieſe Zelle geführt. Der Mönch hörte dieſe Erzählung mit großem ——— — ͦů—O-—r— —ᷣO — — Intereſſe; dieſer arme Jüngling der in der Ge⸗ ſellſchaft auf ſo niederer Stufe ſtand, und von ſeinem raſtloſen Geiſt führerlos in die weite Welt geriſſen wurde, war ihm eine wunderbare theure Erſcheinung. Er ergriff ſeine Hand mit Wärme, und ſprach zu ihm mit einer milden liebevollen Stimme, die dem freundloſen Jüngling unendlich wohlthuend ins Herz drang. „Junge edle Seele“, ſagte er,„ich bin über— zeugt, du wärſt ſelbſtthätig auf den Standpunkt der Weltanſchauung angekommen, auf dem ich mich ſelbſt befinde. Aber du wärſt durch eine Reihe von bittern Schmerzen und heißen Kämpfen ge⸗ gangen. Ich weiß es ſelbſt was es heißt, die fertige Welt des Kinderglaubens mit eigener Hand zu zerſtören um in neue Täuſchungen und neue Zweifel zu ſtürzen. Dein gutes Glück hat dich zu mir hergeführt. Ein einzelner Menſch verzwei⸗ felt leicht an ſich ſelbſt, wenn er ſich allein und wohl gar gehaßt und verfolgt ſieht mitten in einer befangenen Geſellſchaft; zwei Menſchen die ſich verſtehen und ergänzen, ſind ſich eine hinreichende Stütze, und können es mit einer ganzen Welt aufnehmen. Dir ſelbſt überlaſſen oder von Bü⸗ chern gerathe eingeſe zwiſch der U gegan baren danken alter ben u wie e ſten ihrer ließen Gewc ſcheul Spöt er ni punkt wich Keihe n ge⸗ t, die Hand neue t dich tzwei⸗ n und einer e ſich chende Welt Bü⸗ 239 chern geleitet, wie ſie dir zufällig in die Hand gerathen wären, hätteſt du wahrſcheinlich den Weg eingeſchlagen, welchen die meiſten Denker im Kampf zwiſchen den Anforderungen ihres Verſtandes und der Unantaſtbarkeit der religiöſen Ueberlieferung gegangen. Sie quälten ſich mit dem unverrück⸗ baren Wort, und ſuchten ihm ihre eigenen Ge⸗ danken zu unterſchieben. Dieſes Zwitterding von alter kindlicher Einfalt und verkapptem Unglau⸗ ben macht einen widerwärtigen Eindruck, etwa wie eine mit Farbe übertünchte Antike. Die mei⸗ ſten dieſer Köche, welche den alten Kinderbrei ihrer erwachſenen Zeit mundgerecht machen wollten, ließen ſich theils von der Furcht vor der zeitlichen Gewalt der Kirche leiten, theils von jenem ab⸗ ſcheulichen Gedanken eines menſchenverachtenden Spötters:„Man müßte einen Gott erfinden, wenn er nicht exiſtirte.“ „Und welchen Weg willſt du mich führen?“ rief Ephraim mit wachſender Spannung. „Einen redlichen naturgetreuen Weg,“ erwiederte der Mönch mit erhabenem Ernſte,„den Weg jener wenigen Geiſter, die mit der vulkaniſchen Kraft des Selbſtbewußtſeins den laſtenden Schutt der 240 Jahrtauſende abgeſchüttelt, und die leuchtende wärmende Flamme der Menſchenſeele über die Erde hinleuchten ließen. Du wirſt ſie kennen lernen, Jüngling, dieſe reinen Geiſter und an dem S Quell der Wahrheit deine Seele laben. Sie leuchteten hinab in das Walten des Geiſtes, prüf⸗ I ten deſſen Kraft, und zeigten die unüberſchreitba⸗ ren Grenzen ſeiner Erkenntniß. Mit dieſem Licht der reinen Vernunſt, welches kein künſtliches er⸗ borgtes iſt, welches in dir ſelbſt liegt wie in jeder Menſchenſeele, kannſt du ſicher die Irrwege des menſchlichen Glaubens hinabwandeln. Du wirſt bei allen Völkern der Gegenwart und der Ver⸗ gangenheit leicht erkennen, daß nicht der Menſch im Ebenbilde des über unſer Erkennungs⸗Vermö⸗ gen erhabenen Weſens, das man mit dem nichts⸗ ausſprechendem Worte Gott bezeichnet, geſchaffen —— — iſt. Du wirſt erſehen, daß die Menſchen aller Zeiten und Länder das was ſie als Gott verehr⸗ G ten nach ihrem eigenen Ebenbilde, aus den höchſten 1 Kräften ihres Ichs zuſammengeſetzt. Moſes ſelbſt bezeichnete den Unerforſchlichen als das„ewige Daſein“ und verbot ſeinen Namen als unerfaßbar auszuſprechen; ſeinen irdiſchen Prieſterſtaat aber erbau furch regie als Prin Prie dige hinw Herz war ram ſelbf geko offer 9 Jul htende er die kennen mn dem Sie prüf⸗ reitba⸗ Licht s er⸗ jeder de des wirſt r Ver⸗ Menſch Vermö⸗ nichts⸗ ſchaffen maller verehr⸗ üchſten ſelbſt „ewige ffaßbar t aber 241 erbaute er mit der Allmacht und im Namen eines ſurchtbaren Herrſchers, der durch Lohn und Strafe regierte. Dieſer geſtrenge Gott war kein anderer als er ſelbſt der große Mann, der egyptiſche Prinz und ZJögling der Pyramiden. In ſeinem Prieſterſtaat geſchah Alles nach Befehl und bün⸗ diger Vorſchrift, es durfte nichts hinzugethan, nichts hinweggenommen werden. Liebe und Haß, jede Herzensäußerung ſo wie die alltäglichſte Verrichtung war nach feſten Geſetzen geregelt. Der Geſetz⸗ geber wollte den Stoff an dem er arbeitete durch die Form beſeelen, wie man in verwilderten Men⸗ ſchen durch reinliche Kleidung und Wohnung, durch geſunde Nahrung, und durch andere Verfeinerun⸗ gen der Sinne beſſere Gefühle wach zu rufen ſucht. So hämmerte der außerordentliche Mann aus ſeinem verkommenen Sklavenvolk einen Rie⸗ ſenſarg, in welchem er nach dem Muſter der Py⸗ ramiden, für gereiftere Zeiten die Idee des ſich ſelbſt erkennenden Gottes im Menſchen hinterlegte.“ „Dieſe Zeit iſt mehre Jahrhundert nach Moſes gekommen; der Sarg zerfiel und der Geiſt iſt ſich offenbarend auferſtanden. Der Streit, ob der Jüngling aus Nazareth wirklich gelebt hat oder I. 16 24 eine ſchöne Dichtung war, ändert die unbeſtreit⸗ bare Thatſache nicht, daß das Selbſtbewußtſein der Menſchen ſich gegen einen außer dem Men— ſchen hingeſtellten unnahbaren Herrſcher empörte, in deſſen Namen verachtete Prieſter ihrer Selbſt⸗ ſucht dienten. Die von Tyrannen mißhandelte und ausgebeutete Menſchheit nahm raſch in ſich auf die Lehre von dem Gott der Liebe und der Gerechtigkeit, denn ſie entſprach ihrem Haß gegen die Tyrannei der Machthaber und ihrem Drange nach Freiheit und Gleichheit. Gegen dieſen be⸗ drohenden Geiſt der menſchlichen Würde und Be⸗ rechtigung wütheten geiſtliche und weltliche Macht⸗ haber, und die neue Erkenntniß war genöthigt die Erde Preis zu geben und ſich in das innere Bewußtſein, unter dem Namen Himmelreich, zu flüchten. Dieſer demüthige, entſagende Glaube war den weltlichen Machthabern nicht mehr ge⸗ fährlich, und ſie ſchloſſen ſich ihm gerne an um ſich der unbequemen Macht der heidniſchen Prie⸗ ſter zu entziehen, die die Erde mit ihnen theilen wollten, und um den wachſenden Strom des neuen Glaubens von ihrem Thron abzuleiten. Eine Lehre, welche die Grundſätze aufſtellte:„Mein Reich iſt nicht was römi jochu ſich n8 von war Anden er erl Eifer ſchen ihm als dert dure wied Sch treit⸗ gtſein Men⸗ pörte, elbſt⸗ ndelte ſich — der gegen range n be⸗ d Be⸗ Nacht⸗ öthigt innere h, zu Flaube hr ge⸗ in um Prie⸗ hheilen neuen Lehre, iich iſt 243 nicht von dieſer Welt,“ und„Gebt dem Kaiſer was des Kaiſers iſt,“ ſchien den Herrſchern des römiſchen Reiches ein beſſeres Mittel der Unter⸗ jochung als die Schwerdter ihrer Prätorianer, die ſich oft gegen ſie ſelbſt wandten.“ Bei den letzten Worten wurde der Mönch von einem ſo heftigen innern Schmerz ergriffen, daß ihm das Wort verſagte. Ephraim begriff zwar noch nicht klar, was der Mönch in kurzer Andeutung an ſeinem Geiſte vorüberführte, aber er erkannte mit tiefer Verehrung, welcher erhabener Eifer für die Wahrheit und welche glühende Men⸗ ſchenliebe in der Bruſt dieſes Mönchs lebte, der ihm ſelbſt als jener Gottmenſch erſchien, der ihm als das einzig erkennbare höhere Weſen geſchil— dert wurde. Nach wenigen Augenblicken hatte der Mönch durch eine große Kraftanſtrengung jene tiefe Ruhe wieder gewonnen, die er ſich nach Jahren des Schmerzes und der Selbſtüberwindung erworben. Er konnte wieder mit Sicherheit in ſeiner Rede fortfahren, doch ſchien ſeine Stimme von einem leiſen Zittern durchdrungen, welches ſeinen jugend⸗ lichen Zuhörer tief erſchütterte. 16* 244 „Sobald das Chriſtenthum Staatsreligion ge— worden, fuhr der Mönch fort, machte es einen Rückſchritt zum jüdiſchen Kirchenſtaat. Der Gott wurde wieder vom Menſchen getrennt; er wurde als unumſchränkter Gebieter und der Menſch zum Sklaven erklärt, der nur durch Entſagung und blinden Gehorſam nach dieſem Leben in Gnaden aufgenommen würde. Zwiſchen dieſen Gott und den Menſchen traten die Vertreter Gottes, die ſich als ſeine Bevollmächtigten auf Erden erklärten. Der Gott der neuen Prieſter wurde alsbald, nach⸗ dem er ſich des weltlichem Schwerdtes bemächtigt hatte, noch finſterer und unerbittlicher als der alte Gott des Moſis; ſeine Unduldſamkeit und Tyrannei wuchs in dem Maße als ſein Reich über Ungläu⸗ bige ausgedehnt wurde, die mit dem Schwerdt unterworfen werden mußten. Doch die neuen Götzenprieſter konnten das Evangelium nicht aus⸗ löſchen, und ſo ſehr ſie auch das heilige Buch ver⸗ bargen, das ſie der Verrätherei an der Menſch⸗ heit anklagte, es weckte doch fortwährend in ihrer eigenen Mitte redliche Geiſter, welche die Lügen des Prieſterſtaates entlarvten. Nach langen blu⸗ tigen Kämpfen errang die Selbſterkenntniß einen ſiche imm wele kan. Lich beſt inde eine abe was won oſt füh deh den und ſich ten. ach⸗ tigt alte nnei läu⸗ erdt euen aus⸗ ver⸗ nſch⸗ hrer ügen blu⸗ einen 245 ſichern Boden, und vor ihrem Lichte verſchwindet immer weiter auf der Erde die alte Nacht, in welcher die Menſchen ſich nicht als Brüder er⸗ kannten und ſich gegenſeitig erwürgten. In dieſem Lichte kann auch das Evangelium ſelbſt nicht mehr beſtehen. Es hat ſeinen erhabenen Zweck erfüllt, indem es die Barbarei bekämpfte und den Begriff eines Gottes der Liebe über die Erde verbreitete; aber es waltet noch immer darin ein perſönlicher Gott der den Menſchen von der Menſchheit ab⸗ zieht, und ſeine Entwickelung ſtört. Das Evan⸗ gelium predigt mehr Barmherzigkeit als Menſchen⸗ recht und verlegt das Paradies in eine andere Welt. Allerdings ließe ſich in die ſymboliſche Sprache des Evangeliums all das hineinlegen, was die Vernunft durch ſich ſelbſt erkannt. Aber wozu dieſe ſo leicht beirrenden Symbole, die ſo oft zur Verwechslung von Form und Weſen ge⸗ führt, wozu das Kleid der Kindheit gewaltſam dehnen für den Erwachſenen, wenn entſprechendes Gewand zu Gebot ſteht? Warum eine zweitau⸗ ſendjährige Sprache reden, anſtatt in freundlichen gewohnten Lauten? Nur Lüge und Betrug können dabei ihre Rechnung finden. Sprechen wir deut⸗ ——— —— — ——— 246 lich zum Menſchen: Dein Recht und deine Pflicht liegen nur in deiner eigenen Natur, ſie gehen von dir aus und kehren zu dir zurück, ſo iſt jedem der nöthige Blick, die ſichere Kraft zum Leben ge— boten.“ „Und wie lautet Recht und Pflicht?“ rief Ephraim mit Wärme. „Frage deine eigene Seele,“ erwiederte der Mönch,„frage die Geſchichte aller Zeiten, du findeſt überall Ein durchdringendes Bedürfniß: die Sehnſucht nach dem höchſten Glück. Dieſe Sehnſucht erfand die Vorſtellung eines ehemaligen Paradieſes, eines goldenen Zeitalters und eines künftigen ſeligen Lebens. Aber was iſt Glück? Wenn wir Alles zuſammenfaſſen was dauernd erfreut, ſo wäre Glück die Verſchmelzung von Liebe, Thätigkeit, Erkenntniß. Dieſes höchſte Glück zu erreichen iſt des Menſchen Recht. Dieſes Recht kennt keine Grenzen als das gleiche Recht des Andern. Aus der Anerkennung dieſer Grenze fließt die Pflicht. Der geſelſſchaftliche Vertrag kann nur auf dieſes Recht und dieſe Pflicht be⸗ ruhen; er ſtellt die Linie zwiſchen den gleichbe⸗ rechtigten Strebungen feſt, als Geſetz. Dieſe — O⏑—ꝛ——— eſe gen nes ch? rnd von lück echt des 247 Linie wird bald gefunden ſein, wenn Recht und Pflicht keine andere Unterſtützung finden als die gemeinſame Erkenntniß von der Wechſelwirkung dieſer beiden Begriffe.“ Eine freudige Erinnerung leuchtete plötzlich in Ephraims Seele auf:„Verehrter Mann,“ rief er entzückt aus,„dieſe Lehre iſt nicht neu, ſie ſcheint mir bereits in einem Satze der vor zwei Tauſend Jahren ausgeſprochen worden, bündig zuſammen⸗ gefaßt. Ich habe dieſen Satz bisher nicht erklä— ren können. Ein Weiſer unter den Lehrern meiner Väter, ein blutarmer Mann, hinterließ unter ſei— nen hochgehaltenen Lehren den bisher räthſelhaften Ausſpruch:„Bin ich nicht für mich, wer iſt für mich— und bin ich für mich allein, was bin ich— und wenn nicht jetzt, wann ſonſt!“ „Herrlicher Ausſpruch,“ rief der Mönch,„ja darin liegt das Prinzip der Individualität und der Geſellſchaft! Wie konnte nur dieſer Juwel ſo lange unerkannt im Schutt der Lüge und des Un⸗ ſinns liegen. Du ſiehſt Ephraim, es hat zu allen Zeiten Menſchen gegeben, die mit unbefangenem Auge in die klare Quelle ihrer Seele hinabblickten, 248 — und eine Offenbarung ſchöpften die mit leuchten⸗ der Schrift darin geſchrieben ſteht.“ „Und wie war es möglich,“ rief Ephraim,„daß eine ſo einfache Wahrheit nicht mit dem erſten Athemzug der Menſchheit zur Geltung kommen konnte.“ „Dieſe Frage,“ erwiederte der Mönch weh⸗ müthig,„wird dir die Geſchichte der Menſchheit beantworten. Du wirſt ſie leſen; es iſt ein ſchreck⸗ liches Buch, deſſen Blätter von Blut triefen und mit zerſtörtem Menſchenglück bedeckt ſind. Mein Freund, wenn in deiner Bruſt die Seele wohnt, die ich an dem Glanz deines Auges und aus den edlen Zügen deines Geſichtes zu erkennen glaube, ſo wird der Weg durch die Geſchichte für dich eine furchtbare Wanderung ſein. Mit zerriſſenem Herzen und ergrauter Seele wirſt du die Geſchicke der Menſchheit durchleben. Nur ein Labſal wird dich ſtärken, daß du nicht in Jammer und Qual zuſammenbrichſt: die Bekanntſchaft mit einzelnen erhabenen Menſchen, die als Sterne in dieſer ſchrecklichen Nacht leuchten. Und wenn du herauf⸗ ſteigſt aus dieſer martervollen Hölle wirſt du ſein 249 wie Chriſtus in jener ſchönen Mythe, ein ver⸗ klärter Geiſt der nur Ein Streben kennt: die Menſchheit zu erlöſen von der doppelten Feſſel des Wahns und der Gewalt, unter der ſie noch heute ſtöhnt, wenn auch die Feſſel vom Roſt der Zeit angefreſſen, dünner und leichter geworden.“ Ende des erſten Bandes. — — 8 = 2 — = — 3 8 S E D Mauerſtraße 53 Solour& Grey Control Chart Cyan Green vellow Hed Magenta Grey