Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ en angenommen. 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ———— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben fuͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Doch habe ich hinreichend in der Welt geſehen, um mit der Truͤglichkeit erſter Eindruͤcke bekannt zu ſeyn, und bin daher vorſichtig, mir eine Meinung von einer Nation zu bilden, ausgenommen in Beziehungen, wo eß bloß die aͤußere Phyſiognomie gilt. Bei einzelnen P we kann auch dieſe, wenn es gilt, den Beob⸗ achter zu taͤuſchen, truͤglich ſeyn; ein ganzes Volk kann aber nicht aus einer Urſache aͤhnlicher Art ſein An⸗ ſehen aͤndern. Einem ſolchen ſind ſtets gewiſſe beſon— dere und treffende Zuͤge eigen. Erſcheint ein Volk an⸗ ders, als es wirklich iſt, ſo liegt der Trug in dem Kopfe des Beobachters ſelbſt. Er betrachtete die Ge— genſtaͤnde unter rein perſoͤnlichen Einfluͤſſen; er ward von vorgefaßten Meinungen verfuͤhrt, und mißt die 1* Slizzen aus Belgien. Gegenſtaͤnde, auf welche er blickt, nach dem Maßſtabe ſeiner eigenen Beſchaffenheit, nicht nach ihren wahren Eigenſchaften. Kein Wunder alſo, wenn viele acht⸗ bare und verſtaͤndige Schriftſteller in augenfaͤlligen Dingen ſich irren, und dann Hunderte von Reiſen⸗ den ihnen nach, die ſo leicht die Sachen fuͤr ausge⸗ macht annehmen, und durch andere Augen als ihre eigenen ſie betrachten. Die groͤßte Anzahl der Be⸗ ſchreiber von„Reiſen“ und„Ausfluͤgen“ folgt ein⸗ ander in Einer Sache nach, ſo wie die indiſchen Krie⸗ ger bei einem feindlichen Einfalle; ſie wiſſen nicht, was rechts oder links von ihrem Pfade geſchieht, und den⸗ ken bloß daran, ſorgfaͤltig in ihres Vorgaͤngers Fuß⸗ tapfen zu treten. Daher ſchoͤpfen ſie dann auch ihre Vorſtellungen von Charakteren aus Quellen, wo es keine ſolchen mehr giebt, halten faͤlſchlich zerſtreute Materialien fuͤr Maſſen feſter Zuſammenſtellung, und glauben eine Nation geſchildert zu haben, wenn ſie deren Hauptſtadt beſchrieben. Ein anderer Mißgriff der meiſten Schriftſteller ſcheint mir in ihrer Bereitwilligkeit zu liegen, lieber Nachtheiliges als Vortheilhaftes in den Charakteren aufzuſuchen. Sie gleiten ohne weitere Bemerkung uͤber die ſanfte Oberflaͤche von Nationaltugenden hin⸗ weg, koͤnnen aber kein Kieſelſteinchen auf ihrem Pfade gewahr werden, ohne es zu einem Steine des Anſto⸗ ßes zu machen. Sie ziehen das Sonderbare und Auf⸗ — ——-——-— — fallend vor. Dieſe hervon die n Schau ſie zu ſen iſ um de um il zu lei zum Geſic ſpring die E nende den f rüͤckſ A fuͤr dſt d eine 1 atten brunſ lett auslö denn hin⸗ fade ſto⸗ Einleitung. 5 fallende dem Allgemeinen, aber nicht Hervortretenden vor. Erſteres finden ſie in Nationalfehlern, denn Dieſe ragen wie Laſter bei Einzelnen in vollem Maße hervor. Dies ſind die ſcharfen Vorgebirge, an welche die meiſten Reiſenden zu ſtoßen fuͤrchten, ſie mit Schaudern beſchreiben, und vor ihnen fliehen, ohne ſie zu unterſuchen. Aber jeder hervorſpringende Fel⸗ ſen iſt mit einem Leuchtthurm verſehen, nicht allein um den Fremden vor Gefahr zu warnen, ſondern auch um ihn zu manchem gruͤnenden Thal in Sicherheit zu leiten. So ſind bei der franzoͤſiſchen Revolution, zum Beiſpiel, man mag ſie betrachten aus welchem Geſichtspunkt man will, ihre Verbrechen die hervor⸗ ſpringendſten Parthieen. Wie wir aber ſchaͤrfer in die Erſcheinungen jener Zeit eingehen, wie viel verſoͤh⸗ nende Sanftmuth, welche Fuͤlle von milden Tugen⸗ den finden wir dann, die uns vom Menſchenhaſſe zu⸗ ruͤckfuͤhren, und uns lehren menſchlich zu ſeyn! Aber nur zu ſelten haben wir gerechte Nachſicht fuͤr die Fehler der Nationen. Wir vergeſſen, daß ſie oft dem Elemente der Reinheit entſpringen, indem eine urſpruͤnglich tugendhafte Anlage in Exceſſe aus⸗ arten, und ein hellglaͤnzender Funke bis zur Feuers⸗ brunſt angefacht werden kann. Beunruhigt und ver⸗ letzt durch jenen Glanz, moͤchten wir ihn lieber ganz ausloͤſchen, und bleiben dann ſelbſt im Dunkeln. Iſt's denn nicht beſſer, das Licht zu mildern, als es zu til⸗ 6 Sützzen aus Belgien. gen? unſere Augen zu beſchatten, ſtatt ſie ganz zu ſchließen? uns doch wenigſtens die Mittel uͤbrig zu laſſen, unſern Weg in dem Labyrinthe zu erkennen, in welches wir uns ſelbſt geſtuͤrzt haben? Es iſt eine hoͤchſt ſchwierige Sache, bis auf den wah⸗ ren, auszeichnenden Charakter einer Nation zu gelan⸗ gen. Er beſteht aus ſo abwechſelnden Schatten einer ſo unendlichen Menge von Miſchungen, und zeigt ſich ſo chamaͤleoͤngleich in den ſtets ſich aͤndernden Zu⸗ ſtaͤnden ſeiner moraliſchen Atmoſphaͤre! Leicht iſt's, von beſtimmten Grundſaͤtzen und ungemiſchten Ver⸗ ſchiedenheiten zu ſprechen. Aber wo findet man dieſe? Bei den Individuen? Man zeige mir den Geiſt, der nicht durch Umſtaͤnde verdreht werden kann,— die Nation, die nicht durch Begebenheiten veraͤndert wer⸗ den muß! War das engliſche Volk vor der Refor⸗ mation das, was es jetzt iſt,— das franzoͤſiſche das heutige, vor der Revolution? Und was wird nicht Griechenland bei der glaͤnzenden Erneuerung, die ſei⸗ ner wartet, werden koͤnnen? oder Irland bei dem nach und nach geſchehenden Hinwegraͤumen der Maſſe von falſchen Maßregeln, welche ſeine niedergebeugte Energie noch verhuͤllt? Man koͤnnte dies jedoch viel— leicht eine Abſchweifung von der Hauptmaterie nen⸗ nen. Ich habe es jetzt bloß mit Belgien zu thun, und auf kein Land in Europa kann das meiſte der vorhergehenden Bemerkungen ſchaͤrfer angewendet wer⸗ — —— —— — Einleitung. 7 den als auf dieſes. Es iſt, ſo viel ich glaube, in je⸗ der Hinſicht von Reiſenden unter ſeinem Werthe ge⸗ ſchaͤtzt worden. In vielen Werken daruͤber liegt eine unbegreifliche Unwiſſenheit mit ſeinen Kraͤften, ſelbſt mit ſeinen Graͤnzen am Tage. Romantiſche Schrift⸗ ſteller koͤnnen dort keine Gegenſtaͤnde fuͤr ihren Pin⸗ ſel finden, und ſcheinen es, bis auf eine einzige glaͤn⸗ zende Ausnahme,*) in Verzweiflung zu verlaſſen. Und doch bin ich uͤberzeugt, daß es reich an Ge⸗ genſtaͤnden von der groͤßten Verſchiedenheit iſt, und erblicke in ſeinen unzuſammenpaſſenden Eigenthuͤm⸗ lichkeiten hinreichenden Stoff zu Eroͤrterungen. Ich will durchaus nicht damit ſagen, daß ich ſelbſt im Stande geweſen ſey, jene genuͤgend aufzufaſſen. Es ſind dies Gegenſtaͤnde, welche das Auge des Reiſen⸗ den wohl erblicken, die Hand des laͤnger Verweilen⸗ den aber allein erreichen kann. Ich gebe es zu, daß vieles in Belgien vorkommt, was fuͤr den erſten Augenblick zuruͤckſtoͤßt, viele Feh⸗ ler, die nichts zeigen, was ſie ſichtlich entſchuldigte. Der Spanier bringt einen ritterlichen Sinn mit in ſeinen Fanatismus; ein angeſtochener Irlaͤnder unter⸗ haͤlt durch ſeinen Humor, der kecke Geiſt ſeines Whisky *) Der Verf. ſpielt auf Quintin Durward an. Deutſch⸗ land kann mehreres andere, namentlich neuerlich G. Doͤring's Mumie von Rotterdam, dagegen anfuͤh⸗ ren. Der Ueberſetzer. 8 Slizzen aus Belgien. verdampft in Poſſen oder Schlaͤgerei; der trunkne Bel⸗ gier iſt eben ſo dumm als thieriſch, er iſt nur eine gaͤhrende Biertonne. Der Geiz eines Hollaͤnders be⸗ ruht auf Berechnung, der eines Belgiers auf Betrug. Die heimlichen Prellereien auf den Straßen, die Quaͤ⸗ lereien der Blutſauger, die ſich an den Reiſenden haͤn⸗ gen, ſind muͤhſelig organiſirte Geſchaͤfte im Fache der Spitzbuͤberei. Ein pittoresker Straßenraͤuber oder ein ſentimentaler Beutelſchneider zeigt ſich nirgends. An⸗ derswo wird Einer zuweilen betrogen, aber hier kommt Niemand frei hindurch. In den wenigen Monaten mei⸗ ner Wanderung durch Belgien traf ich auf mehr Be⸗ gehrlichkeit, und verlor mehr Kleidungsſtuͤcke, als in zweimal ſo viel Jahren meines Reiſens und Lebens in Frankreich. Und doch behaupte ich, daß trotz deſ⸗ ſen viel individuell und natuͤrlich Gutes dort zu fin— den iſt, wenn man ſich nur die Muͤhe geben will, es zu ſuchen, und ich halte, wie mein Landsmann,«eine ſolche Muͤhe fuͤr ein Vergnuͤgen.“» Fremde werfen den Belgiern vor, daß ſie keinen National⸗Charakter haͤtten. Ihre eingebornen Schrift⸗ ſteller ſtrengen ſich gewaltig an, um zu beweiſen, daß ſie deren zwei bis drei haben. Ich gebe jedoch ſelbſt zu, daß ſie jetzt keinen ſo ausgezeichneten und feſten beſitzen und beſitzen koͤnnen, um ihn fuͤr einen ih⸗ nen ausſchließlich eigenthuͤmlichen auszugeben. Jahr⸗ hunderte von Unterwerfung unter verſchiedne europaͤi⸗ — — ſche melwe den digkei und ſtrich glaͤnze fen m zuſam T neues zum ſtrit Geger ben ihrer eignen ter de Naie Thro ſprech eden; nahme nen, len u Sinleitung. 9 ſche Maͤchte, die alle in Sitten und Gebraͤuchen him⸗ melweit von einander verſchieden waren, haben bei den Belgiern unverkennbare Spuren von Unſelbſtaͤn⸗ digkeit zuruͤckgelaſſen, welche die Zeit und eine einzige und kurze Aera der Freiheit modificirt hat. Der An⸗ ſtrich jeder einzelnen Tyrannei vermiſcht ſich mit den glaͤnzenden Farben der Freiheit, und ihre Fehler tref⸗ fen mit Muth, Menſchlichkeit, Induſtrie und Stolz zuſammen. Die Niederlande bilden in dieſem Augenblicke ein neues Reich, und ihre verſchiednen Provinzen ſind zum erſtenmale ein anerkannter, unabhaͤngiger, un be⸗ ſtrittener Staat. In dieſer Hinſicht werden ſie ein Gegenſtand von ganz beſonderm Intereſſe. Sie beſi⸗ tzen moraliſche Verſchiedenheiten im Verhaͤltniß mit ihrer buntſcheckigen Landſchaft. Sie kennen jetzt ihre eignen Graͤnzen, ihre Herren und ihre Geſetze. Un— ter dem begeiſternden Einfluſſe einer conſtitutionellen Regierung, eines liberalen Koͤnigs und eines tapfern Thronfolgers, nehmen ſie jetzt einen Stand ein, ver⸗ ſprechen einen bleibenden Platz zu behaupten unter aden Nationen“, und erfuͤllen mich zugleich mit Theil⸗ nahme und Vorliebe, die Umriſſe eines Bildes zu zeich⸗ nen, das eine geſchicktere Hand zu ſeiner Zeit ausfuͤl⸗ len und vollenden wird. 1* Die Gränzre. Die Ausſicht von Mont⸗Caſſel aus an der noͤrdlichen Graͤnze Frankreichs, iſt nach meiner Meinung in ſei⸗ ner Art unvergleichlich. Ausſichten von bei weitem groͤßerer Verſchiedenheit und folglich auch hoͤherer Schoͤnheit ſind zwar ſelbſt in Frankreich haͤufig. Eng⸗ land beſitzt Landſchaften, die, wenn man ſie von einer Anhoͤhe aus erblickt, weit mehr beſondern Reichthum zeigen; mit bergigen Gegenden in allen Laͤndern kann dieſe, in Hinſicht auf wirkliche Ausdehnung nicht ver⸗ glichen werden, aber ſie iſt deſſen ungeachtet einzig. Das Auge, welches von ſeinem Standpunkte aus einen Umfang von etwa zwanzig engliſchen Meilen Entfernung, beſonders nach der belgiſchen Seite hin, umfaßt, ruht auf einer Maſſe vegetabiliſchen Wohl⸗ ſeyns, einer Fuͤlle von tieferm Gruͤn, das den Sa⸗ vanen am Ufer des Susquehanna an die Seite ge⸗ ſetzt werden koͤnnte. Die Ueppigkeit des Blattwuch⸗ ſes bezeichnet dieſe Gegend als eine der fruchtbarſten von Natur, und der Menſch iſt nicht minder ver⸗ ſchwenderiſch geweſen, ihr Beweiſe ſeiner Vorliebe zu —— — BDie Gränze. 11 ſchenken. An dreißig Staͤdte und dreimal ſo viel Doͤr⸗ fer, die man von jener Hoͤhe aus ſehen kann, zeigen, daß in dieſen gruͤnenden Ebenen der Anbau ſchon lange zu Hauſe war, und unſere Einbildung ſtellt ſich dann die unmerkliche Bevoͤlkerung vor, die uͤber dieſem frucht⸗ baren Boden ſich verbreitet. Dieſe Zuſammenſtellung iſt es aber auch, welche den außerordentlichen Reiz dieſer Ausſicht bildet, der Verein von Ausdehnung und Wohlſtand, der deutliche Anblick von Fruchtbarkeit und Erwerbfleiß, die Ver⸗ bindung zwiſchen Natur und Kunſt. Jedoch faſt Al⸗ les, was zur Schoͤnheit einer Landſchaft gehoͤrt, Daͤmme und Kirchthuͤrme,— iſt auch Alles, und dieſe in ſolcher monotonen Menge, daß ſie bald den Blick ermuͤden. Da giebt es keine Fluͤſſe, nicht einen Huͤ⸗ gel, außer dem, auf welchem man ſteht, keine Rui— nen, die man ſaͤhe, keinen Kontraſt, kurz keine Ver⸗ ſchiedenheit— und welche Ausſicht waͤre ohne dieſe wol ſchoͤn? Kaum iſt der erſte Ausbruch des Staunens vor⸗ uͤber— denn dieſes tritt jedenfalls ein— ſo finden wir an der Ausſicht das Mangelnde, und ſetzen nun im Einzelnen das herab, was im Ganzen eine ſolche Ueberraſchung hervorbrachte. Wir erblicken auf der ſchoͤnen gruͤnen Ebene bloß das, was flach und reiz⸗ los iſt, ob wir gleich mit gutem Gewiſſen nicht hin— zuſetzen koͤnnen, auch nutzlos. Der duͤnne Duͤnſt⸗ 12 Skizzen aus Velgien. ſchleier, der wie ein feingeſponnenes Gewebe den frucht⸗ baren Boden zu bedecken ſcheint, nimmt ſitzt den An— ſchein eines ungeſunden Nebels an, welcher Krankheit erzeugt und Tod beherbergt. Die Kirchthuͤrme, die ſich um uns her erheben, ſcheinen Bilder einer an⸗ maßenden Kleriſei, die durch ſie uͤber das Land gebie⸗ tet. Nichts ergreift uns romantiſch, wild oder pitto⸗ resk, und wir bereiten uns vor, in dieſe niedere Ge⸗ gend hinabzuſteigen, ſchon muͤde von ihrer Eintoͤnig⸗ keit und halb erſtickt in der Vorahnung ihrer ſumpfi⸗ gen Atmoſphaͤre. Es kann dem Leſer ſehr gleichguͤltig ſeyn, zu wel⸗ cher Zeit ich auf dem Berge von Caſſel ſtand, und ob bei meinem erſten oder letzten Beſuche der Eindruck auf mich erfolgte, den ich nach den Rechten und Freihei⸗ ten eines Schriftſtellers als allgemein guͤltig angenom⸗ men habe, ſo wie, ob meine Gefuͤhle ihre Farbe von der Gegend um mich her erhielten, oder ſie mit zu ihr brachten. Moͤgen aber auch immer verſchiedene Perſonen auf ganz andere Art, ihren individuellen Eigenthuͤmlichkeiten nach, dadurch ergriffen werden, ſo erweckt ſie doch ganz ſicher ein gewiſſes Gefuͤhl fuͤr Alle, das ſich nicht unmittelbar auf die Stelle be⸗ ſchraͤnkt, welche ich beſchrieb, ſondern aus jeder An⸗ ſicht auf eine reiche, friedliche, einſame Landſchaft ent⸗ ſteht, und dies um ſo mehr, je milder das Wetter und je reiner der Himmel iſt. Ich meine naͤmlich Bie Gränze. 13 jene tiefe Schwermuth, die ſich in das Gemuͤth, waͤh⸗ rend der Betrachtung einer durch menſchliche Weſen unbelebten Landſchaft, einſchleicht, ohne daß ſich damit ein Gefuͤhl lokaler Anhaͤnglichkeit verbindet. Alle ihre Schoͤnheiten ſcheinen in Nachdenken verſenkt zu ſeyn, und eine unbeſchreibliche Schwere druͤckt den Geiſt. Dies macht uns aber das Ganze nicht minder genuß⸗ reich; ja, wir fuͤhlen vielleicht ſeine Reize durch die Traurigkeit, welche darauf zu ruhen ſcheint, nur um ſo tiefer. Je hellglaͤnzender die Sonne, um ſo maͤch⸗ tiger dieſe Empfindungen. Wenn nun das entfernte Geſumme in den Doͤrfern, oder der Hall der Kirchen⸗ glocken, durch die Luͤfte ſchwebt, ſo vermehren ſie dieſe Ermattung nur noch, und der Geiſt iſt dann um ſo geneigter, nach dieſen entfernten Gegenſtaͤnden der Hin⸗ neigung ſich zu ſehnen, die weit außer ſeinem Bereiche liegen, und die allein nur noch fehlen, um die ſanft ermattende Ausſicht in ein Paradies der Freude zu verwandeln. Es war an einem ſonnenhellen Morgen, mitten im Sommer, als ich den gepflaſterten Fußſteig herab⸗ ſtieg, welcher ſich rund um den Huͤgel windet, und, indem ich bald die Vorſtaͤdte von Caſſel aus den Augen verlor, in einen der Zugaͤnge zu jener weiten und volkreichen Ebene trat, die auch nicht Einen Ge⸗ genſtand enthielt, der mein Intereſſe erregt, nicht Ein Weſen, das ich gekannt haͤtte. Da meine ganze Ab⸗ 14 Skizzen aus Belgien. ſicht nur darin beſtand, eine von mir noch unbeſuchte Gegend zu ſehen, ſo kuͤmmerte ich mich nicht darum, rechts oder links zu gehen, und da ich weder eine Reiſebeſchreibung noch Landkarte oder Fuͤhrer bei mir hatte, ſo ſchlug ich lediglich aus Zufall den Weg nach Poperingen, der naͤchſten Stadt an der belgiſchen Graͤnze, ein. Naht man ſich den Graͤnzen eines uns noch un⸗ bekannten Landes, ſo giebt man natuͤrlich ſehr genau auf die unterſcheidenden Kennzeichen Acht, welche uns anzeigen, daß wir aus dem alten heraus ſind. We⸗ nigſtens erwarten wir, in den Eingebornen das ſtolze Bewußtſeyn einer Demarkationslinie zu finden, deren einer Seite ſie den Stempel ihrer heimathlichen An⸗ haͤnglichkeit eingepraͤgt haben, und auf deren anderer ſie ſich dem Eindringen von Fremden, wo es noͤ— thig, auf's lebhafteſte entgegenſtellen. Eine verſtaͤndige Regierungspolitik wuͤrde gewiß ein ſolches ſich abſon⸗ derndes Gefuͤhl anfeuern, obgleich die Verſchiedenheit eben ſo unwirklich waͤre, als jene eingebildete Linie, welche die Weltkugel in zwei Haͤlften theilt. Die Na⸗ tional⸗Vorurtheile ſind eben ſo haſſenswerth, als National⸗Unterſchiede weiſe ſind. Voͤlker, welche durch einen See, einen Fluß, eine Bergkette, oder auch nur durch einen kleinen Bach, wie Spanier und Portugieſen, von einander getrennt ſind, zeigen ſich doch gaͤnzlich von einander in Charakter und Sitten Die Gränze. 15 verſchieden, weil ſie ihre Graͤnzen anzeigen koͤnnen, und indem ſie ſo der ſichtlichen Begraͤnzung eine ge⸗ wiſſe magiſche Kraft beilegen, dem Boden oder Klima — wenn auch in ihnen keine Verſchiedenheit ſtattfin⸗ det,— Wirkungen zuſchreiben, die bloß aus entgegen⸗ geſetzten Einrichtungen, die ſich auf das Gefuͤhl einer getrennten Unabhaͤngigkeit begruͤnden, entſpringen. So vermiſcht ſich alſo ihr Stolz mit der Liebe zum Va⸗ terlande, waͤhrend Haß und Verachtung des Nachbars, der jetzt Nebenbuhler iſt, und Feind werden kann, die natuͤrliche Folge davon, die Schlacke, in welcher das Erz verborgen iſt, ſcheint. Das eine abzuwerfen und das andere zu behalten, eine allgemeine Neben⸗ buhlerſchaft zu foͤrdern und eine rohe Feindſchaft ab⸗ zuſtumpfen, ſollte das wahre Streben der Civiliſa⸗ tion und der große Gegenſtand einer guten Regierung ſeyn. Um dem Volke aber dieſe Gefuͤhle in Bezug auf ihre Nachbarn und ſich ſelbſt beizubringen, ſcheint eine bezeichnete und ſichtliche Graͤnze zwiſchen ihnen weſentlich noͤthig. Napoleon behauptete, der Rhein ſey die natuͤrliche Graͤnze Frankreichs. Von dem Ge⸗ ſichtspunkte aus, wo ich dieſe Angelegenheit aufgefaßt habe, iſt dieſes, oder etwas dem aͤhnliches, gewiß entſchie⸗ den wahr. Aber das Poſſenſpiel von einer Graͤnze, die zwiſchen Frankreich und den Niederlanden ſtattfindet, iſt fuͤr die Gefuͤhle, denen ich das Wort rede, gaͤnz⸗ lich zerſtoͤrend, und miſcht jetzt die Eingebornen ſo 16 Skizzen aus Belgien. voͤllig unter einander, daß der bloße Begriff einer Begraͤnzung ſchon als unklug erſcheint. Indem ich ſo dem ſandigen Hohlwege nachſchlen⸗ derte, der von Caſſel nach Poperingen fuͤhrt, ſuchte ich vergebens nach der Graͤnzlinie. Die erſtere Stadt hatte fruͤher, bis zur letzten Theilung dieſes Stuͤck⸗ chens von Europa, zu Flandern gehoͤrt, ob ſie gleich in Frankreich liegt. Es wird dort ausſchließlich, außer, wo es die Bequemlichkeit der Fremden gilt, flam⸗ laͤndiſch geſprochen. Wie ich tiefer in's Land kam, ver⸗ ſtanden die Bauern keine andere Sprache, und bei der geringen Kenntniß, die ich davon beſaß, konnte ich nur mit Muͤhe meinen Weg fortſetzen. Kein einziger von Allen, die ich fragte, war im Stande, mir das, wonach ich mich erkundigte, zu beantworten oder zu beſchreiben. Einige gaben mir zu verſtehen, daß ſie mich nicht verſtaͤnden. Andere ſagten mir, daß ich noch in Frankreich ſey, daß ich aber, wenn ich nur weiter ginge, gewiß nach Belgien kommen werde. Ein Mann erklaͤrte mir die Graͤnze als einen ſchma⸗ len Graben, der irgend wo da herum in dem Boden ſich befinde; den wahren Ort aber, wo er vorhanden, konnte ich nicht erforſchen. Endlich gab ich die Sache auf und ging weiter durch fruchtbare Fluren, die trotz ihres außerordentli⸗ ches Anbau's, doch wie ausgetrockneter Moraſt ſich —— Die Gränze. 17 darſtellten, und reiche Anpflanzungen von Korn, Flachs und Tabak trugen, waͤhrend rings umher dichte Hop⸗ fenplantagen zerſtreut waren. Die ganze Anſicht war uͤberſchwaͤnklich reich. Sie war vollkommen geſaͤttigt. Es war ein Land,«wo Honig fleußt,» in dem der Fuß feſtzuhaften ſchien. Die Luft war feucht und dumpfig. Der heftige Geruch des Flachſes, der in den ſtehenden Teichen eingeweicht lag, brachte die un⸗ angenehmſten Gedanken von Ungeſundheit mit ſich. Fie⸗ ber aller Art ſchienen umher verbreitet— und ich eilte vorwaͤrts, als wollte ich dem Krankenhauſe entfliehn. Pational⸗Züge. Waͤhrend ich ſo von der Hitze und jenem An⸗ drang von Empfindungen, die ich eben zu beſchreiben verſuchte, gedruͤckt, fortwanderte, bemerkte ich, daß ſich ein ſehr bedeutendes, aber allerdings hoͤchſt gemeines Gefuͤhl in Geſtalt eines gewaltigen Anfalls von Hun⸗ ger meiner bemächtigt habe. Zu rechter Zeit zeigte ſich mir da ein Haus an der Straße mit einer brei⸗ ten Ankuͤndigung, daß nichts Geheimes darin ſey, ſondern alle Eintretende zu jeder Zeit dies Heiligthum entweihen koͤnnten. Ein gut gemaltes Schild uͤber der Thuͤre ſprach dies deutlich in den Worten aus: Hier verkoopt men dranken En logiert men de voet en te peerd. Wenn, dachte ich, das Logis ſo gut iſt wie das Schild, ſo kann ſich ein muͤder Wanderer in dieſer Huͤtte recht fein erholen; wer moͤchte aber wol nicht lieber alles andre als ein Schenkwirth ſein? Ein Sklave jedes Voruͤbergehenden, deſſen haͤusliches Innerſte dem ge⸗ meinſten Burſchen offen ſteht, der den Staub von den Schuhen auf der Schwelle abſchuͤttelt? Nattonal⸗Züge. 19 «Geben Sie mir ein Glas Bier:“» ſagte ich, in gebieteriſcher Bethaͤtigung meiner moraliſchen Gedan⸗ ken, und in vortrefflichem Flamlaͤndiſch, das aber nur platt Engliſch war. — Ja, Mynheer,— antwortete eine dicke Weibs⸗ perſon, und gab mir den Trank. «Brued“ ſagt' ich weiter. — Ja, Mynheer.— «Buter» — Ja, Mynheer:— und damit ſetzte ſie einen Klumpen geſalzener Butter und ein Wagenrad gro⸗ ben Brotes vor mich hin, welches letztere zu einem Brobdigniaeſchen Trauringe mochte gebraucht, und dann zu beſonderm Nutzen wieder aufgehoben worden ſeyn. Ich verzehrte mein Mahl, das noch durch ein Stuͤck ſchlechten hoͤllaͤndiſchen Kaͤſe vermehrt ward, ſo ſchnell wie moͤglich, denn beſonders mißfiel mir die Geſellſchaft, in welcher ich mich befand. Sie beſtand aus vier bis fuͤnf Bauerluͤmmeln, jeder mit einer Pfeife in dem einen Mundwinkel und einem großen Glaſe Bier, das unausgeſetzt an den andern applizirt ward, waͤhrend zwiſchen beiden ein Strom von Nauch und ein Strom von Worten in einem unnachahmli⸗ chen widrigen Kauderwelſch hervordrangen. Es war mir wohl!, als ich wieder auf der Straße war, mitten in der ſchaͤdlichen Ausduͤnſtung des Flach⸗ ſes, den Daͤmpfen der ſtehenden Tuͤmpel, die jedes 20 Slizzen aus Belgien. Haus, als Behaͤlter voͤllig fertiger Krankheiten umga⸗ ben, und der Einfoͤrmigkeit der Pappeln und Weiden, die mir truͤbſeliger als Cypreſſen oder Eſchen vorkamen. Ich war ſehr geneigt, auf der Stelle umzudrehen und wieder nach Frankreich zuruͤckzukehren; da es mir aber von Natur zuwider iſt, einen Schritt zuruͤck zu thun, und man doch auch nicht gleich nach dem er⸗ ſten Anſcheine urtheilen muß, ſo ging ich, waͤhrend ich die Sache bei mir ſelbſt uͤberlegte, mechaniſch wei⸗ ter. Je weiter ich aber durch den tiefen Koth auf der Straße nach Poperingen, und durch gewaltige Hopfenanpflanzungen, an welchen dieſe Gegend einen Ueberfluß hat, hinſchritt, ſchien mich jeder Schritt in eine deſto tiefere Einoͤde zu fuͤhren. Ich ſah weder Wohnungen, noch Menſchen, noch Vieh— nichts als Hopfen, und ſo gerieth ich nach und nach in die ſchwindelnde Art ſpekulativen Nachdenkens, worin uns eine Einſamkeit wie dieſe leicht verſetzt. Wachend begann ich ſchon Traͤumen nachzuhaͤngen, als dieſe durch den entfernten Knall einer Peitſche unterbrochen wurden. Dieſer einfache Ton rief mich in die wirk⸗ liche Welt zuruͤck, und ſchien die ungeſellige Strecke, durch welche ich watete, neu zu bevoͤlkern. Dieſes oft wiederholte und immer ſtaͤrker werdende Signal ſchien die Annaͤherung von irgend Jemanden zu verkuͤn⸗ den; vergebens aber horchte ich auf der ungepflaſter⸗ ten Straße hin, nach dem Geraͤuſche von Raͤdern, —;—;———:ʒÿ;ʒõÿ—ᷣ˖;ᷓ—ÿ— National⸗Züge. 21 dem natuͤrlichen Begleiter des Peitſchengeknalles, der durch die Hopfenſtangen wiederhallte. Aber da nahte ſich etwas noch angenehmeres— der Ton einer maͤnnlichen Stimme, in den Klaͤngen eines froͤhlichen Liedes, kraͤftig und richtig geſungen. Ich ſehnte mich nach der Geſellſchaft des Meiſterſaͤn⸗ gers, mochte es auch ſeyn, wer es wollte, ſelbſt ehe ich ihn noch ſah. Er ſandte ſeine Geſangsbeglaubi⸗ gung voraus, wie gewoͤhnliche Leute einen Brief, oder Fuͤrſten ihr Bruſtbild, und ich hoffte, dieſer Empfeh⸗ lungsbrief meiner zu erwartenden neuen Bekanntſchaft werde treuer und wahrer ſeyn, als die meiſten von denen, auf die ich eben anſpielte. Endlich kam mir, bei einer Wendung der engen Straße, auf welcher wir beide wanderten, der heitere Saͤnger vor die Augen, und zwar in der Perſon eines Kabriolet⸗Fuhrmanns. Er erſchien mir im vollen Ko⸗ ſtum ſeiner Beſtimmung, ſitzend in einem Karren von der plumpſten Bauart, alt, ſchmuzig und ausgewittert, mit dem Ueberzug von einem Monate von Schmuz und Koth an allen Theilen. Das Pferd, das mit einem Geſchirr, halb von Stricken und halb von Le⸗ der, an den Karren geſpannt war, ſtand faſt ſo gut wie ſtill. Es war blind auf einem Auge und lahm an allen Gliedern, knochenduͤrr, abgeſchabt, nie beruͤhrt von einer Striegel oder Buͤrſte, doch augenſcheinlich frei von jeder andern Art von Tuͤcken. 22 Shizzen aus Belgien. Der Fuhrmann aber war der ſchreiendſte Kontraſt zu ſeinem Fuhrwerke. Er befand ſich durchaus nicht auf ſeiner rechten Stelle, ſaß aber froͤhlich und ge⸗ muͤthlich da, und blickte heiter in die Welt, wie ein aͤchter Weltmann. Es war ein ungewoͤhnlich gut aus⸗ ſehender Burſche, ungefaͤhr an den Graͤnzen der dreißi⸗ ger Jahre,— die gerade in dieſem Alter eben ſo ſchwer zu beſtimmen ſind, als die von Belgien ſelbſt, — derben, kecken Anſehens, luſtig, mit einer offenen Jacke angethan, die eben ſo reich mit ſilbernen Liten beſetzt war, als die eines Lieutenants auf halben SAo. Ein regenbogenfarbiges ſeidenes Halstuch hing ihm nachlaͤſſig geſchlungen um den Hals, und ein blaues Tuchkaͤppchen mit einer Quaſte ruhte, ſeitwaͤrts ge⸗ ſetzt, auf ſeinem Lockenkopfe. Ich muß hier ſogleich bemerken, daß dieſe Kabriolet⸗ Fuhrleute eine Race von zweifuͤßigen Thieren ſind, die ſich von allen anderen unterſcheidet. Die Gattung von Fuhrwerk, von der ſie einen Theil ausmachen, iſt in ganz Belgien ſehr gewoͤhnlich, weit mehr als in Frank⸗ reich, denn da findet man auf faſt jeder Straße, ſelbſt zwiſchen den kleinſten Staͤdten, irgend einen oͤffentli⸗ chen Wagen, der zu einer gewiſſen Stunde abgeht, eine Patache oder Char-à-banc, oder etwas dergleichen, das Reiſenden von Zeit zu Zeit die Gelegenheit verſchafft, zu einer Gallerte zuſammengeſchuͤttelt und ſchwarz und blau geſtoßen zu werden. In Belgien fehlen derglei⸗ — wel National⸗Züge. 23 chen aber faſt uͤberall; ſtatt deren jedoch beſitzt jede Dorfſchenke, ja jede Kneipe, die einſam an der Straße liegt, ein oder mehrere Kabriolets, die den einzelnen Reiſenden weniger beſchwerlich, aber dagegen auch viel theurer fortſchaffen. Denn es findet bei ihnen kein beſtimmter Preis, weder nach Zeit, noch Entfernung, ſtatt. Alles beruht auf dem Abkommen mit dem Gaſt⸗ wirthe. Er iſt aber nie eigenſinnig billig, und der Him⸗ mel helfe den Reiſenden, die keinen andern Richter haben, als in Gewiſſen. Das nimmt keine Appellation an. Die Fuhrknechte ſind in der Regel ſehr wunderliche Menſchen. Sie kennen das Land, zwanzig engliſche Meilen in der Runde(denn das iſt ungefaͤhr der Um⸗ kreis ihrer Fuhren) ganz vortrefflich; aber man frage ſie nur einmal uͤber etwas, was weiter hinaus liegt, ſo antworten ſie gleich:«Ich kenne die Gegend nicht.”» Von dem Orte an, wo ſie wohnen, bis zu dem, wo⸗ hin ſie fahren, giebt es kein Haus oder Geſicht, das ihnen nicht vollkommen bekannt waͤre. Sie wechſeln aber wenig Worte, und man findet bei ihnen keine Spur von dem bekannten Nicken und Winken und Elbogen⸗ wenden, das den engliſchen Kutſchern eine ſo beſon⸗ dere Eigenthuͤmlichkeit giebt. Ein Belgiſcher Fuhrmann ſitzt zuſammengekauert in der Ecke ſeines Kabriolets, und ſtrengt ſeinen Nacken, ſeine Nerven oder Mus⸗ keln gar nicht durch dergleichen Bewegungen an. Ein aufſchauender Blick des Erkennens, oder ein 24 Skiizzen aus BVelgien. paar dumpfe Gaumentoͤne, ſind Alles, weſſen er ſeine Freunde wuͤrdigt, wenn er abfaͤhrt; faͤhrt er aber zuruͤck, ſo raucht er ſicher ein Pfeifchen und trinkt einen Schluck Bier in jedem Hauſe, das Feuer fuͤr jene und Gaſtfreundlichkeit genug fuͤr dieſen dar⸗ bietet. Im Allgemeinen ſind dieſe Burſche auf der Straße bewandert, wie der beſte Wegweiſer; ſie geben aber nur immer etwas davon auf einmal von ſich, ſo wie die Pumpen ihr Waſſer. Man muß ſtets den Schwengel in der Hand haben, und ſo fahren ſie denn in einem Hundetrab, der die Geduld eines Jeden, nur nicht ihrer Pferde, ermuͤden muß. Drei engliſche Mei⸗ len die Stunde auf Seitenwegen iſt ihr regelmaͤßiger Schritt. Sie ſind phlegmatiſch bis zum Uebermaße. Nichts kann weder ſie, noch ihr Fuhrwerk, in lebhaftere Bewegung ſetzen, und beide ſind an dieſe grobe Leben⸗ arbeit ſo gewohnt, daß ſelbſt die ruhige Gleichguͤltig⸗ keit, mit welcher ſie forttraben, fuͤr Jemand, der nicht eben ſo geduldig iſt, zur wahren Pein ausartet. Waͤhrend ich nun meine Betrachtungen uͤber die⸗ ſes, von denen, die ich eben beſchrieben habe, ſo ganz verſchiedene Weſen anſtellte, und mich wunderte, wie dieſer Burſche zu dieſem Genus gehoͤren koͤnne, nahm er auch mich vor ſeinen geiſtigen Maßſtab. Er beſah mich ein paar Minuten ſcharf, indem er neben mir herfuhr und ſein Stuͤckchen fortſummte. Endlich aber brach derte, i laſſen, o Haͤtten.“ Seir erwieder kenſchrit E. vollen ich aug auch ni gut anſt geſetzt, ab. Ich ſobſt ſe munter denſele i her den leer die mi Ein inellen Nattonal⸗Züge. 25 brach er ab, blieb ganz halten, griff gruͤßend an die Quaſte ſeines Kaͤppchens, und ſagte: Heda! mein Herr, ich kann Ihnen bloß ſagen, daß, wenn Sie dieſes Kabriolet kutſchirten und ich bis an die Knoͤchel in dieſem bodenloſen Wege wan⸗ derte, ich ganz gewiß Sie nicht wuͤrde vorbeifahren laſſen, ohne zu fragen, ob Sie nicht Platz fuͤr mich haͤtten.» Seinem Beiſpiele folgend blieb ich auch ſtehen, und erwiederte, daß ich das Gehen dem Fahren im Schnek⸗ kenſchritte und in einem ſolchen Karren vorzoͤge. «Ei, ei,» entgegnete er,«wir fahren freilich nicht vollen Galopp, und zum Beſten des Wagens kann ich auch nicht gar viel ſagen; aber das meinte ich auch nicht. Ein Bagagewagen wuͤrde mir eben ſo gut anſtehen, als des Koͤnigs Staatskaroſſe, voraus⸗ geſetzt, daß ich Geſellſchaft faͤnde. Das geht mir ab. Ich bin hoͤchſt ungern allein. Da muß ich mir ſelbſt ſchlecht und gerecht etwas vorſingen, um nur munter zu bleiben. Kurz, wir gehen, wie mir's ſcheint, denſelben Weg; ich komme durch Poperingen und bleibe in Ypern, wenn Sie alſo wollen, ſo biete ich Ihnen den leeren Platz an, und werde ſtolz darauf ſeyn, wenn Sie mir Geſellſchaft leiſten.“ Ein ſo angenehmes Anerbieten und einen ſo ori⸗ ginellen Reiſegefaͤhrten konnte man nicht gut ausſchla⸗ II. 2 1 e 26 Sützzen aus Belgien. gen. Ich hatte weiter keinen Weg zu waͤhlen; ſo ſtieg ich denn in das Kabriolet, und fort ging es. «Ei, ei! Es wundert mich nichts mehr,“ fuhr mein Gefaͤhrte fort,— denn jede kleine Pauſe oder Unterbrechung ſchien nicht im geringſten den Faden ſeines Geſpraͤches abzureißen, ſondern blos einen Kno⸗ ten hinein zu machen,—«ja, ja, uͤber nichts wun⸗ dere ich mich mehr, als wenn ich einen Menſchen zu Fuße gehen ſehe, der im Stande iſt, einen Wagen zu bezahlen, oder ein Pferd zu miethen. Was mich ſelbſt betrifft, ſo iſt die groͤßte Strecke, die ich zu gehen pflege, vom Stall in den Hof, und dann Brr! Ich ſpringe in mein Kabriolet, und es kommt mir vor, als ob der Sitz da ein Theil meiner ſelbſt waͤre. Doch, das iſt nur Spaß, denn ich bin nicht etwa zu ſolchen Ein⸗ bildungen aufgelegt. Nun, mein Herr, was halten Sie von unſerm Lande? Denn, wie ich ſehe, ſind Sie ein Fremder. Das bin ich eigentlich auch; denn, ob ich hier gleich geboren und mit Bier und Tabak getauft worden bin, wie meine uͤbrigen Landsleute, ſie mich auch mit einer recht guten Erziehung verſehen haben, ſo brachte ich doch den beſten Theil meines Lebens unter den Lanziers der Garde zu, und machte den Herren Englaͤndern meinen erſten Buͤckling auf dem Schlachtfelde von Waterloo. Nichts koͤnnte mich auch dazu bewegen, mein ganzes Leben in einer Gegend, wie dieſe da, hinzubringen. Die Weiber, eine oder zwei al Maͤnne mal tuͤ di ſproche dern i ſeinem davon war ni nes, et ſchen hauch nes C es der ein B hen ſi Dies gericht gien, Vand Ihnen kend j nicht nen 6 Seite welche ven Pattonal⸗Züge. 27 zwei ausgenommen, ſind wahre Fettklumpen, und die Maͤnner haben nicht eine Idee davon, einander ein⸗ mal tuͤchtig in die Haare zu gerathen.”» Dieſe Rede ward nicht ſo hinter einander weg ge— ſprochen, als ich ſie hier niedergeſchrieben habe, ſon⸗ dern in Bruchſtuͤcken mitgetheilt, mit Strophen aus ſeinem Geſange unterbrochen, und einen großen Theil davon habe ich vergeſſen. Was ich dazwiſchen ſagte war nicht der Muͤhe werth; als wir aber in ein klei— nes, enges, Bruſtbeklemmendes Dorf kamen, das zwi⸗ ſchen hohen Hecken und Baͤumen lag, und jedem Luft⸗ hauche unzugaͤnglich war, floß der beredte Mund mei⸗ nes Gefaͤhrten wieder von Folgendem uͤber:«Was hat es denn auch uͤberhaupt zu bedeuten, ob ein Menſch ein Belgier oder ein Franzoſe iſt? Und doch unterſte⸗ hen ſich die armſeligen Weſen dort darum zu ſtreiten. Dies iſt naͤmlich das Graͤnzdorf; laͤcherlich genug ein⸗ gerichtet! Die Huͤtten rechter Hand gehoͤren nach Bel⸗ gien, die, linker Hand nach Frankreich. Die Wittwe Vanderbroͤckellen, dort auf der einen Seite, verkauft Ihnen den Tabak zu zehn Sous das Pfund, wäͤh⸗ rend ihr Nachbar gegenuͤber, Frangois Delaporte, ihn nicht unter zehn Francs ablaſſen kann; dagegen koͤn⸗ nen Sie auch in dem Hauſe, da auf der franzoͤſiſchen Seite, eine Flaſche Wein fuͤr einen Franken trinken, welcher dem neidiſchen und durſtigen Hunde, der da gegenuͤber wohnt, ganz verboten iſt. So ſind unſere 2* Sſtizzen aus Belnien. Mauthgeſetze, und es hauſet daher ein ganzes Neſt von Schmugglern hier. Sehen Sie nur die beiden Maͤnner dort an, Spuͤrhunde nach ehrlichen Leuten — einer ein Franzoſe, der andere ein Belgier,— wie ſie uns von jeder Seite der Straße aus beaͤugeln! Ich ſehe dieſes Dorf La Belle, wie es genannt wird, fuͤr einen Vorwurf von Stein und Moͤrtel gegen zwei Regierungen an, die ſich ohnſtreitig beide fuͤr ſehr weiſe halten, und ſich einbilden, daß das ſtupide Volk, das dort wohnt, von beiden Seiten auf die Haͤlfte ihrer gemeinſamen Straße kommen, und ſich uͤber die Ehre ihrer beiderſeitigen Laͤnder die Haͤlſe brechen wird.”» — Ich freue mich ſehr, das zu hoͤren,— dachte ich bei mir ſelbſt,— es klingt wie National⸗Gefuͤhl: — huͤtete mich aber wohl, meinen Gefaͤhrten zu un⸗ terbrechen, und ſo ließen wir La Belle hinter uns. „Da gehen ſie!“ rief dieſer aus, als wir etwa eine Meile vom Dorfe entfernt waren:« Da gehen ſie, die wahren Seitenwegs⸗-Burſchen! Sehen Sie nur die leichtfuͤßigen Kerls!“» und ich erblickte auch, aus einem ſchmalen Fußſtege tretend, fuͤnf bis ſechs ungewoͤhnlich raſche, aber verwildert und vagabonden⸗ artig ausſehende junge Maͤnner, jeden mit einem Stocke in der Hand,eund vier, fuͤnf und noch mehr uͤber den Schultern haͤngenden blechernen Flaſchen. — Und wer ſind die?— fragte ich. „Saͤmtlich Schmuggler;“» antwortete er;«brave, rave,⸗ National⸗Züge. 29 offne, an's Tageslicht gewoͤhnte Burſchen, die ſich eben ſo wenig vor einem Gensdarmen oder Mauthbe⸗ amten fuͤrchten, als vor Ihnen oder mir. Sie ha— ben eben ihren Tabak in Frankreich verkauft, und kom⸗ men nun mit Brandwein wohlbeladen wieder zuruͤck. Sie ſind um das Dorf herumgegangen, um nicht da hindurch zu kommen, befinden ſich gerade jetzt auf dem rechten Wege und fragen nun weder nach Menſch noch Teufel.» Kaum hatte er dies geſagt, als zwei berittene Gens⸗ darmen ſich zeigten. Ein lauter Ruf der Schmuggler begruͤßte ſie, und in einem Augenbiicke war die ganze Geſellſchaft uͤber die Hecken hinweg in den jenſeitigen dichtbepflanzten Feldern verſchwunden. Die Gensdar⸗ men gaben ihren Pferden die Sporen, zogen die Saͤ⸗ bel, ſtellten ſich in eine furchtbare Poſitur, trieben eine Menge Staub's auf, galoppirten den einen Weg herauf, den andern vorſchriftmaͤßig herunter, und dann im ruhigen Schritt neben einander wieder hinweg, indem ſie wahrſcheinlich ſomit ihre Pflicht auf's voll⸗ kommenſte erfuͤllt hatten. Wir waren nicht weit gefahren, als ein anderer offizieller Regierungsbeamter, einer von jenen Wege⸗ lagerern auf den Belgiſchen Hochſtraßen, ein Mauth⸗ viſitator uns ploͤtzlich anhielt, und in nicht eben ſehr hoͤflichen Worten auszuſteigen befahl. Dann fing er an, den Wagen auf das allerſtrengſte zu unterſuchen. wuͤrde das ſehr befoͤrdern, denn ſo lange ein mittel⸗ 30 Sltzzen aus Velgten. Jeder Winkel und jedes Behaͤltniß ward durch und durch geſtoͤrt, mein kleines Paͤcktchen auseinanderge⸗ riſſen, als ob ein Oxhoft Brandtwein darin ſey— und wir unſers Wegs entlaſſen. Waͤhrend dieſer Unterſuchung ſagte ich zu dem mit Schwert und Gehaͤnge ausgeruͤſteten Viſitgtor: «Wiſſen Sie auch, mein Freund, daß indem Sie hier Ihre koſtbare Zeit an dieſem leeren Kabriolet verſchwen⸗ den, Sie in jenem Gehoͤlze dort, ſich einen wirklichen Fang entgehen laſſen?“ — Glauben Sie das nicht, mein Herr!— er⸗ wiederte er;— ich kenne meine Pflicht.— «Und ſorgen dabei fuͤr Ihr Intereſſe!“ ent— gegnete ich, denn ich hatte den Kerl ſatt, und war uͤberzeugt, daß er von den Schmugglern beſtochen ſey. Doch den allerunangenehmſten Eindruck machten auf mich die auf dieſer Straße erſichtlichen zahlloſen haͤßlichen aus Holz geſchnitzten Darſtellungen der Kreu⸗ zigung, die mir ſtets wie gotteslaͤſterliche Karikaturen vorkommen. Deſſenungeachtet erzeugen ſie bei dem Landvolke ganz andere Gefuͤhle, denn man kann ge— wiß ſeyn, am Fuße eines jeden derſelben ein oder meh⸗ rere Perſonen betend zu finden. Als wir bei einem ſolchen Kruzifixe vorbeifuhren, bemerkte der Fuhrmann, indem er darauf blickte;«Das alſo iſt Religion, wie ſie es nennen! Nun, recht gut! Waͤre ich Koͤnig, ich er! NPational⸗Züge. 31 maͤßiger Zimmermann und ein ſchlechter Maler noch im Lande ſind, will ich mich verbuͤrgen, es mit Huͤlfe von dieſen Beiden— der wahren Obrigkeit von Bel⸗ gien— zu regieren. Hier iſt Poperingen: glauben Sie nun wol, daß der Burgemeiſter und die Schoͤf⸗ fen halb ſo viel Autoritaͤt darin haben, als dieſes hoͤl⸗ zerne Bild? Behuͤte Gott! Das kann ich Ihnen ſa⸗ gen— aber der Wahrheit die Ehre zu geben, ſie ma— chen's auch nicht darnach. Da ſehen Sie nur das niedliche kleine Staͤdtchen, es koͤnnte ſich recht wohl befinden, wenn die reichen Einwohner darin Gemein⸗ ſinn haͤtten. Denn es giebt deren wenigſtens ein Dutzend darin von jaͤhrlich vierzig bis funfzigtauſend Franks Revenuͤen— aber wie wenden ſie ſie an? In einen eiſernen Kaſten legen ſie das Geld, und le— ben wie die aͤrmſten Buͤrger von wenig oder nichts, rauchen ihre Pfeife und trinken ihr Bier im Schenk⸗ hauſe, ſprechen vom Hopfen und ſchieben ihre Kegel. Das iſt ſo ganz ein Vorbild von allen den kleinen Landſtaͤdten hier, und Sie koͤnnen leicht ſehen, wie weit man in der Bildung vorgeſchritten iſt, wenn ſie dieſe plumpen Menſchen in Stutzperuͤken, kurzen Ho⸗ ſen, geſtreiften Struͤmpfen, und Schuhen mit meſſin— genen Schnallen betrachten. Nein, die Reformation der weiten Pantalons iſt noch nicht bis hierher gedrun⸗ gen— und wie kann denn da ſolch' ein Land gedeihen?» Nachdem wir das alte Roß gefuͤttert hatten, und 32 Sliizzen aus Velgten. es jetzt auf lange Zeit in ſeinem gewohnten Schritte weitergehen zu koͤnnen ſchien, machten wir uns wie— der auf den Weg, denn ich hatte keinen Antrieb dazu, in Poperingen zu bleiben, und ſo befanden wir uns bald denn auf der gutgepflaſterten Straße die nach Ypern fuͤhrt. Waͤhrend der zwei Stunden welche wir fuͤr die deutſche Meile zwiſchen beiden Staͤdten brauch⸗ ten, war mein Gefaͤhrte nicht muͤßig, und Folgen⸗ des der hauptſaͤchliche Inhalt ſeiner ungemein flie⸗ ßenden Mittheilungen, die ich fuͤr werth hielt, nieder⸗ zuſchreiben, wobei es mich wirklich in Erſtaunen ſetzte, wie dies alles aus einer ſolchen Quelle fließen koͤnne. Seine Bemerkungen kamen mir ſchon damals treffend vor, und ich ward nachher in dieſer Meinung durch etwas, wovon meine Leſer zu ſeiner Zeit auch noch in Kenntniß geſetzt werden ſollen, vollkommen darin beſtaͤrkt. «Ja, ja, mein Herr, Belgien iſt Fremden wirk⸗ lich ſo wenig bekannt, als ob es von allen uͤbrigen Theilen Europa's abgeſondert laͤge. Seine Geſchichte, Geographie, und ſein Nationalcharakter werden ganz misverſtanden, und das um deswillen, weil die neuen Buͤcher aus alten wieder abgeſchrieben werden, und die Schriftſteller lieber mit den Augen Anderer ſehen, als ſich ſelbſt die Muͤhe nehmen, die ihrigen aufzu⸗ thun. Wenn ein Schriftſteller ausgeſprochen hat, daß Aberglaube und Fanatismus die Hauptgrundzuͤge des belgiſch zu hab unterſe dem Land Volke ner C Wider dauert und d auf ſtehen dieſe In mußt macht Relig blieb eine Oeſt von die el erkan meht ter d derſch Thel National⸗Züge. 33 belgiſchen Charakters ſind, ſo glaubt er Alles gethan zu haben. Wir wollen aber doch einmal die Sache unterſuchen, und ein wenig ruͤckwaͤrts blicken. Nach dem Untergange des roͤmiſchen Reichs theilte dieſes Land das allgemeine Schickſal. Von ſeinem eignen Volke verwuͤſtet und zerriſſen, entſtand in Belgien je⸗ ner Geiſt der Unruhe, und man kann wol ſagen, der Widerſpaͤnſtigkeit, der ſelbſt noch in unſeren Tagen fort⸗ dauert. Spaͤter kam dann die ſpaniſche Herrſchaft, und dieſe laſtete zu lange auf uns, um nicht Einfluß auf unſern Charakter zu haben, und wir muͤſſen ge⸗ ſtehen, daß nach Verlauf von dreihundert Jahren auch dieſe Farbe noch nicht ganz wieder weggewaſchen iſt. In dem Heldenkampfe gegen Spaniens Tyrannei, mußte Belgien, da es mit Holland gemeine Sache machte, in nahe Beruͤhrung mit dieſem Lande kommen. Religioͤſe Uneinigkeiten trennten Beide wieder, und es blieb uns von dieſer Vereinigung nichts zuruͤck, als eine ſtarke Doſis Geiz. Die Herrſchaft des Hauſes Oeſtreich, unſer Streben nach einer Unabhaͤngigkeit von kurzem Leben, die franzoͤſiſche Revolution und die endliche Geſtaltung unſeres Landes zu einem an⸗ erkannten, unabhaͤngigen Koͤnigreiche mußten natuͤrlich mehr oder weniger Einfluß auf Sitten und Charak⸗ ter des Volkes haben. Da es nun ſonach aus ſo verſchiedenen Elementen gebildet ward, traͤgt es einen Theil der Zuͤge an ſich, welche jede dieſer verſchiede⸗ 2** 34 Skizzen aus Belgien. nen Nationen auszeichnen, und die daraus nothwen⸗ dig folgende Charakterunentſchiedenheit giebt ihm eine Phyſiognomie, die daher ſo ſchwer von dem Pin⸗ ſel des Beſchreibers aufgefaßt werden kann. Wir ſind weder Deutſche, noch Spanier, noch Franzoſen. Wir haben von allen dieſen ein wenig Gutes aufgeleſen, und vieles Ueble von uns geworfen. Wir ſind nicht mehr und nicht weniger Belgier geblieben, aber mit all' dem Entgegengeſetzten eines Charakters, welche Fremde, die ihn nicht ſtudirt haben, ſo ſehr in Ver⸗ legenheit ſetzt. Erſcheint ein Belgier gleichguͤltig und kalt, ſo iſt er dies weniger in der That, als weil es nun einmal ſo hergebracht iſt; er iſt oͤkonomiſch, ohne wirklich geizig zu ſein; macht es ſich gern bequem, iſt leidenſchaftlos, Neuerungen abgeneigt, zugleich maͤßig und doch auch lecker, beſcheiden und doch auch einge⸗ bildet, kalt in ſeiner Liebe, und ſchrecklich in ſeiner Feindſchaft— er ſcheint, wie ich eingeſtehen muß, ein ewiges unaufgeloͤſetes Raͤthſel zu ſein, und entfaltet eine Charakter⸗Vielheit, die nur bei ihm allein ſtattfindet.“ Dies war, ſo viel ich mich erinnere, die letzte Sentenz die ich von meinem Lehrer hoͤrte, denn mir begegnete ein Zufall, der hoffentlich bei meinen Leſern nicht auch eintreten wird— ich ſchlief naͤmlich feſt ein, und wir befanden uns bereits an den Thoren von Ypern, als ich erſt erwachte. Mein Gefaͤhrte brummte unbekuͤmmert ſein Liedchen vor ſich hin, und als ich Nattonal⸗Züge. 35 die Augen aufſchlug, wuͤnſchte er mir,«gut getraͤumt zu haben.» Ich verſicherte ihm, daß ich von alle dem was er mir mitgetheilt habe, ſehr erbaut ſey, und bezeugte ihm meine Verwunderung, uͤber das, was er geſprochen. — Hm, mein Herr,— ſagte er mit einer wich⸗ tigen und ſehr folgerechten Miene,— die Sache iſt die, daß ich ein wenig aufpaſſe, mir alles wohl uͤber⸗ lege, und zuweilen leſe. Es macht mir ſtets ein gro— ßes Vergnuͤgen, einem Fremden Auskunft zu geben, wenn ich mit einem ſolchen zuſammentreffe. Dies hier iſt der goldne Arm, das beſte Wirthshaus in Ypern. Da will ich Sie abſetzen und Abſchied von Ihnen nehmen. Das einzige empfehle ich Ihnen nur noch an, nicht uͤber einen bis zwei Tage in dieſer Stadt zu bleiben, deren ungeſunde Luft ſo zum Spruͤch⸗ worte geworden iſt, daß man eine krankausſehende Per⸗ ſon durch ganz Flandern, einen Todtenkopf von Ypern nennt.— Leben Sie wohl!— Ich erwiederte ſeine Hoͤflichkeit auf die ſeinen Er⸗ wartungen entſprechendſte Art, und wir ſchieden als die beſten Freunde von einander. Ich bekam ein treff⸗ liches Mittagseſſen, ſehr bequeme Wohnung und hoͤf, liche Aufwartung. Dann ging ich aus, mehr um mir den Abend zu vertreiben, als aus beſonderer Neu, gier, die Stadt zu ſehen. Ich ging um die Waͤlle, zu einem Thore hinaus, und zu einem andern wie⸗ 36 Sktzzen aus Belgien. der herein, bezeugte den koͤniglichen Wappen, die dar⸗ uͤber ausgehauen waren, meine Ehrfurcht, und erſchrak gehoͤrig vor dem Loͤwen mit offenem Rachen und einem Doppelhaken unter der Tatze, welcher unſtreitig den Mynheers und ihren Frauen aus der Nachbarſchaft, wenn ſie zu Markte kommen, eine gehoͤrige Furcht 2 . vor dem koͤniglichen Anſehen einfloͤßen ſoll. Als ich in die Stadt wieder zuruͤckkam, ſchlenderte T ich, wie jeder andere Fremde, umher, und entdeckte. Unte endlich einen Buchladen. Ich trat hinein, und nahm den ein kleines witziges Buch in die Hand, mit dem Ti⸗ die — tel:«Tablettes Belges.“ Schon der erſte Gedanke druͤͦ⸗ in der Vorrede kam mir nicht ganz neu vor. Ich rich las weiter, und fand zu meiner großen Verwunde— ſer. V rung und nicht geringem Spaße Wort vor Wort des kann Fuhrmanns Verſuch uͤber den belgiſchen Nationalcha⸗ und 1 rakter und ein großes Theil mehr, als er mir geſagt dder 1 hatte, wieder. So hatte er denn das Buͤchlein aus⸗ ente wendig gelernt und dann fuͤr ſeine eigenen Ideen aus⸗ Gei gegeben. Ich konnte deshalb nicht boͤſe auf ihn ſeyn. n Es war ein unſchuldiger Diebſtahl, und ich hoffe ge— die wiß, daß, wenn ihn der Verfaſſer jenes Buches ſelbſt un einmal entdecken ſollte, er, hinſichtlich des wahrhaft Ni originellen Exemplars von Nationalcharakter, welches der jener Spitzbube dadurch liefert, ihm verzeihen wird, dn wie ich es that. Städte und ltirchen. „„Gott ſchuf das Land, und die Menſchen die Stadt.“* Cowper. Die aͤußere Anſicht einer Stadt, und ihre naͤhere Unterſuchung blos als Kunſtprodukt, hat fuͤr mich nie den mindeſten Reiz gehabt. Die kalte Bewunderung, die wir Kuppeln, Thuͤrmen oder Saͤulen ſchenken, druͤckt uns mehr nieder, als ſie uns erheitert, wenn nicht irgend ein damit verknuͤpftes Gefuͤhlsband un⸗ ſer Intereſſe fuͤr einen dieſer Gegenſtaͤnde erregt. Ich kann vier Wochen durch eine fremde Landſtrecke kreuz und quer wandern, ohne Bekanntſchaften zu ſuchen, oder mich nach Geſellſchaft zu ſehnen. Die ſtets neu entquellenden Abwechſelungen der Natur geben dem Geiſte reichliche Beſchaͤftigung. Ein Tag aber, allein in einer Stadt zugebracht, iſt unertraͤglich. Es iſt die ſchlechteſte Art von Einſamkeit, denn ſie erzeugt Unzufriedenheit mit dem eigenen Verlaſſenſeyn, und Neid wegen des geſelligen Verkehrs, an welchem je⸗ der Andere Theil zu nehmen ſcheint. Wir troͤſten uns dann nicht mit der Betrachtung, die wir gar nicht einmal anſtellen, daß andere Reiſende auch von der⸗ ſelben Empfindung bedruͤckt werden. Und waͤre es auch 38 Stzzen aus Velgien. der Fall, ſo koͤnnen wir doch nicht mit Denen ſympa— thiſiren, die wir nicht kennen, ſo daß wir in unſerer einſamen Abgeſchloſſenheit nur immer an unſerem eige⸗ nen Unbehagen zehren. Was kann man aber dann auch nur thun, um ſich zu helfen? Fruͤhſtuͤcken, Mittagbrot genießen, zu Abend eſſen? dann die ganze Nacht durch ſchlafen? Aber die Zwiſchenraͤume?«Das iſt die Frage!“ Wie die Zeit,— den allgemeinen Feind,— toͤdten, und, ihr einen leichten und ruhigen Tod verſchaffen, deſſen Folge uns leicht auf dem Gewiſſen ruhe? Was mich betrifft, ſo habe ich eine regelmaͤßige Reihe von Me— thoden, deren ich mich mit ſyſtematiſcher Genauigkeit bediene, wenn ich mich ſelbſt in der eben erwaͤhnten traurigen Lage befinde. Ich unterſuche zuerſt auf's genaueſte alle Kupferſtiche, moͤgen ſie ſo ſchlecht oder unbedeutend ſeyn, wie ſie wollen, welche die Waͤnde meines Wirthshauſes zieren, und durchblaͤttere dann ſorgfaͤltig die alten abgegriffenen Kalender oder ganz gewoͤhnlichen Broſchuͤren, die etwa durch einen beſon⸗ deren Gluͤcksfall auf einem beſtaubten Brete oder einem altmodigen Schranke in einer Ecke liegen. Darauf ſchlendere ich in die Straßen, verbitte mir aber die Bereitwilligkeiten der zaͤhnefletſchenden, zerlappten Ci⸗ ceronen, die gleich ihre Dienſte anbieten, ſo wie des windbeutlichen Spitzbuben, auf dem Kontinente Kom⸗ miſſionair geſchimpft, der, mit einem Gemiſch von ſchech Huͤlfe G 3 unerfe verſen ſelbſt dazu Städte und litrrhen. 39 ſchlechtem Engliſch, jedem neu Ankommenden ſeine Huͤlfe aufdringt. Indem ich mich nun ſo in die bis dahin noch unerforſchten Straßen und Gaſſen des Orts getroſt verſenke, iſt es mein erſter Zweck, mich, wo moͤglich, ſelbſt zu verlieren, weil ich dann ein Viertelſtuͤndchen dazu anwenden kann, meinen Weg wieder nach Hauſe zu finden. Ich klettere oft die hundert und wer weiß wie vielen Stufen auf einen Thurm oder ein altes Schloß, und ſchaue uͤber die Bruſtwehren auf die Dachziegel und Schieferdaͤcher unter mir, mich ſehr verwundernd, daß der obere Theil aller der Haͤuſer und die Haͤuſer aller dieſer Staͤdte ſich ſo außeror⸗ dentlich aͤhnlich ſehen. Die ſich von dort aus veren⸗ genden Straßen, und die Pygmaͤengeſtalten der Fuß⸗ gaͤnger bieten mir Stoff, uͤber die Enge und Klein⸗ heit der Menſchen und ihrer Wege zu moraliſiren; es bedurfte aber keiner ſolchen ſcheinbaren Erhebung uͤber meine Mitmenſchen, um dieſe Lehre mir auch einzupraͤgen. So ſteige ich denn wieder herunter, nicht um vieles beſſer, und gewiß nicht um ein Haar kluͤ— ger als zuvor, und ſehe nun zu den Gebaͤuden hin⸗ auf, von welchen ich kurz zuvor heruntergeſehen hatte; eine in die Augen fallende Erlaͤuterung der Hoͤhen und Tiefen im menſchlichen Leben. Wenn ich nun aber ſo umherſtreife, ſtolpere ich oft zufaͤllig uͤber eine halb vergrabene Erinnerung aus A 1 1 8 1 40 Sktizzen aus Belgien. der Geſchichte oder Sage, oder ich ſtoße mit dem Kopfe an irgend eine Legende, oder einen Aberglau⸗ ben, die uͤber die einſtuͤrzenden Mauern eines alten Hauſes oder eines hinfaͤlligen Denkmals vorragen. Dies ſind gewoͤhnlich Schaͤtze fuͤr ſpaͤtere Verarbei⸗ tung, und wenn ich ſie nur fuͤr das mindeſte werth halte, ſo bin ich in jeder Hinſicht nicht ſtreng dabei. Allerdings habe ich nicht eben eine reiche Ernte die⸗ ſer Art in Belgien gemacht. Im Allgemeinen ruht, uͤber dieſem Lande eine dicke Luft von traͤger Geſchmack⸗ loſigkeit, gleich einer dichten Wolke. Jedes Anſtreben zur Froͤhlichkeit ſcheint in der Geburt zu ſterben, die unzuſammenſtimmende Lebhaftigkeit ihrer Carillons (Glockenſpiele),— wie ihre elenden Verſuche von Erleuchtungen und Feuerwerken. Dazu kommt die anmuthloſe Einfoͤrmigkeit der weiblichen Kleidung und die noch ungefaͤlligere Einfoͤrmigkeit der weiblichen Be⸗ ſchaͤftigung, denn jedes Fenſter in jedem Hauſe iſt mit einer ſchlaͤfrig fleißigen Schoͤnen beſetzt, die ihren Strumpf ſtrickt und in die Geheimniſſe der Straße durch Beihuͤlfe ihrer beiden Seitenſpiegel ſchaut. Kirchen, dieſe Lieblings⸗Plaͤtze zum Muͤſſiggehn fuͤr meine Landsleute, bieten mir in meiner Beſchaͤftigung die Zeit zu toͤdten nur wenig Stoff dar. Ich bin nicht eben ſehr geneigt, dieſes Verbrechen im Augen⸗ blicke ſeiner Begehung in den Graͤnzen einer Kathe⸗ drale abzubuͤßen. Es liegt dort in den Verzierungen, den 9 viel C ich ho tholiſ ſuche, genlie Neget ſende ich be maͤcht eines mir! her uneit niß einſti „ Städte und lirchen. 41 den Pfeilern, Gemaͤlden, Altaͤren und Betpulten zu viel Gleichtoͤniges um mich aufregen zu koͤnnen, und ich habe noch eine andere Urſache weshalb ich die ka⸗ tholiſchen Kirchen auf dem Feſtlande nicht gern be⸗ ſuche, die weniger aus Eigenthuͤmlichkeit als aus Ei⸗ genliebe entſpringt. Ich habe mir es naͤmlich zur Regel gemacht, vorher nie in Wegweiſern fuͤr Rei— ſende nachzuſchlagen, was ich beſehen muß, und was ich bewundern ſoll. Eine Art von Widerſtreben be⸗ maͤchtigt ſich meiner ſtets, gegen dieſe Vorſchriften eines ſogenannten Geſchmacks, wo, und wie oft ſie mir nur vorkommen. Mehreremale habe ich aber nach⸗ her ſolche Orakel aufgeſchlagen, um zu ſehen, ob meine uneingelernten Anſichten von Schoͤnheit und Verhaͤlt⸗ niß mit den anerkannten Dictis dieſer Gelehrten uͤber⸗ einſtimmten, und da iſt mir es denn ſehr oft begeg⸗ net, daß ich meine Bewunderung vielfach verſchwen⸗ det, und eine mir erfreuliche Unterſuchung an ganz werthloſe Dinge weggeworfen hatte, waͤhrend ich mit Gleichguͤltigkeit oder ſogar Mißfallen bei Meiſterſtuͤ⸗ cken voruͤbergegangen war, die ich bis zu dem Him⸗ mel haͤtte erheben ſollen. Nun hing ich aber freilich bei ſolchen Gelegenheiten an meiner alten Vorliebe feſt, und lachte uͤber die Herren die mir jene Ver⸗ achtung befahlen, kam jedoch dadurch in verſchiedene Streitigkeiten und Weiterungen. Da ich nun aber nicht den Stolz beſitze, ein Sonderling zu ſeyn, oder 42 Shtzzen aug Belgten. dies zu affectiren, ſo halte ich's fuͤr's beſte, ſolchen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Das iſt nun freilich eigentlich eine kindiſche Urſache mich in Kirchen nicht ſehr umzuſehen, und haͤtte ich keine beſſere, ſo wuͤrde ich ſie nicht erwaͤhnt haben; aber ich habe noch eine beſſere, oder glaube dies wenigſtens. In jedem katholiſchen Lande, und namentlich in einem ſo ausgezeichnet frommen, wie Belgien iſt, fuͤhl' ich einen wahren Widerwillen, durch dieſe heiligen Ge⸗ baͤude zu ſpaziren, die zu jeder Zeit mit vielen an⸗ daͤchtig Betenden angefuͤllt ſind, denen das Zudringen ketzeriſcher Neugier ſehr unzart und unanſtaͤndig vor⸗ kommen muß. Allerdings ſind dieſe Tempel der An⸗ betung offne Haͤuſer, aber nicht zur Unterhal⸗ tung. Die Gemaͤlde und Statuen befinden ſich nicht darin als bloße Gegenſtaͤnde der Kunſt, ſondern als An— reizungen zur Froͤmmigkeit, und diejenigen bei denen ſie blos Gefuͤhle ſehr entgegengeſetzter Art hervorbringen — und darunter rechne ich auch mich— thaͤten beſ⸗ ſer ſie ununterſucht zu laſſen, als ſich einen Weg durch die Vorurtheile oder die Froͤmmigkeit eines ganzen Volks zu bahnen, oder, wie es leicht moͤglich ſeyn kann, des achtungswertheſten Theiles deſſelben. Auch liebe ich den Prunk dieſer Kirchen durchaus nicht. Dieſe«Bilder in Stein und Erz“ verurſachen mir eine peinliche Empfindung, und ich kann mich mit der geiſtigen und koͤrperlichen Hinwerfung verſtaͤndi⸗ ger C ren S vertra ehre i Entat ker, d dem beleid hört, Demm dem der Städte und litrrhen. 43 ger Chriſten auf einem Wege, den ich mit dem wah⸗ ren Sinne ihrer Religion und ihres Stifters fuͤr un⸗ vertraͤglich halte, nicht einverſtehen. Und doch ver— ehre ich Religion auch noch in dem, was ich fuͤr ihre Entartung halte, und moͤchte dem niedrigſten Fanati⸗ ker, der ſich einbildet ſeinen Schoͤpfer zu erheben, in⸗ dem er ſich ſelbſt herabwuͤrdigt, weder bekraͤnken noch beleidigen. Da es nun nicht zu meinen Pflichten ge— hoͤrt, den Unterſchied zwiſchen Herabwuͤrdigung und Demuth zu lehren, ſo thue ich ſelten mehr, als unter dem Eingange der Kirchen, den feierlichen Klaͤngen der Orgel zuzuhoͤren, oder ſehr fruͤh oder ſehr ſpaͤt, wenn die Schatten des Zwielichts die heiligen Raͤume umſchleiern, und ein myſtiſches Dunkel zugleich das Gebaͤude, die Bewohner und ihre Abſichten zu verhuͤl⸗ len ſcheint, einen verſtohlenen Blick in das Innere zu wagen. Denn kirchliche Gebaͤude ſind nicht allein fuͤr kirchliche Gegenſtaͤnde erbaut. Die meiſten Chri— ſten fuͤhren weltliche oder unwuͤrdige Beweggruͤnde da— hin, und ſolche Auftritte hat man dann immer fuͤr geeignet gehalten, Situationen zu Romanen daher zu entlehnen. Verſchleierte Nonnen und verkappte Moͤnche ſind die wahre Nahrung fuͤr romantiſche Dichtungen, und ich bin uͤberzeugt, daß noch bis auf den heutigen Tag unter der Leitung ſolcher Mitſpielenden Verhaͤlt⸗ niſſe ſich geſtalten, die an Geheimnisvollem und Schreck⸗ lichem denen ganz gleich kommen, die von den uner⸗ 44 Slizsen aus Belgien. muͤdetſten Erzaͤhlern bisher mitgetheilt oder erfunden worden ſind. Des Menſchen Natur bleibt im Gan⸗ zen ſtets dieſelbe, und wenn ſich unter dem Einfluſſe der Civiliſation und Aufklaͤrung die Verbrechen nicht vermindern, ſo iſt doch kein Grund vorhanden, wes⸗ halb dies innerhalb der Mauern eines Kloſters ge⸗ ſchehen ſollte, von dem jene beiden ausgeſchloſſen ſind. Ein ganz neueres Ereigniß dieſer Art kam auch mir zu Ohren, und was man mir davon erzaͤhlte, ſchien mir unbezweifelt beſtaͤtiget. Ich will daher verſuchen, es hier mitzutheilen, ohne jedoch geradezu dafuͤr ein⸗ zuſtehn; doch ward es mir als Thatſache erzaͤhlt und allgemein als ſolche angenommen und geglaubt. 2 182. gaͤng ſtaͤt bar das brau⸗ ging Fine ten vort Noh bber niede ſchie um tung Der der Glo laͤut die Bte kÜloſter⸗Lelle. An einem kalten, truͤben Morgen im Monat Maͤrz 1827 wanderten zwei Reiſende in einem der Seiten⸗ gaͤnge der Kirche des heiligen*** in einer der Haupt⸗ ſtaͤdte der Niederlande auf und ab. Sie waren offen⸗ bar Fremde, nicht allein hinſichtlich jenes Gebaͤudes, das ſie mit Neugier anſtaunten, ſondern auch der Ge⸗ braͤuche und Anſichten jener Kongregation, denn ſie gingen ſorglos bei dem Weihkeſſel vorbei, ohne die Finger in das geweihte Waſſer zu tauchen, auch beug⸗ ten ſie die Kniee nicht, als ſie vor dem Hochaltare vorbeikamen und ſich dann unbekuͤmmert auf zwei Rohrſtuͤhle mit hohen Lehnen und einer Leiſte an dem oberen Ende, um die Gebetbuͤcher darauf zu legen, niederließen. Die Fremden zogen kein ſolches Buch heraus, noch ſchienen ſie der gottesdienſtlichen Feier, welche Alles um ſie her mit tiefer Ehrfurcht erfuͤllte, beſondere Ach⸗ tung zu bezeigen. Die halblauten Toͤne und myſtiſchen Bewegungen des Prieſters, die gellenden Antworten der Knaben, die die Meſſe bedienten, das Klingeln der Glocke, die bei dem Bruſtſchlagen der Gemeinde ge⸗ laͤutet ward, und ſelbſt die Erhebung der Hoſtie, welche die Haͤupter der Menge in ehrfurchtsvoller Demuth 46 Shtzzen aus Velgten. zur Erde niederbeugte, brachte in den Fremden blos ein ſtarres Staunen der Verwunderung und ſelbſt zu⸗ weilen ein Laͤcheln hervor, waͤhrend ein Gemiſch von Bedauern und Mißachtung um ihre Lippen zu ſpie⸗ len ſchien. Doch zeigte ſich kein wirklicher Leichtſinn in ihrem Betragen, nichts, was nicht irgend ein liberal geſinn⸗ ter Andaͤchtiger in dem Benehmen zweier Ketzer haͤtte entſchuldigen koͤnnen, die an die Gebraͤuche der roͤmiſch⸗ katholiſchen Kirche nicht gewoͤhnt waren, und ſich alſo von Unerfahrenheit und Jugend fortreißen ließen. Sie waren erſt ein Paar Tage vorher, von Lon⸗ don aus, zu Oſtende an's Land geſtiegen, und dieſes war ihr erſter Beſuch in einer roͤmiſch⸗ katholiſchen Kirche, ja in einem Lande dieſes Glaubens. Ob aber gleich die Feier der Meſſe keinen der bei⸗ den Fremden beſonders zu intereſſiren oder zu erregen ſchien, wurden ſie doch beide, und der eine beſonders, in nicht geringem Maße durch das Erſcheinen von ſechs bis acht Nonnen ergriffen, die zu einem an die Kirche ſtoßenden Kloſter gehoͤrten, und weit getrennt von dem uͤbrigen Theile der Gemeinde, nahe beim Al⸗ tar, auf einer, nur zu ihrem Gebrauch beſtimmten, halb verſteckten Emporgallerie, ſaßen. Die Nonnen ſelbſt aber ſchienen ſich nicht ganz der Beobachtung zu entziehen. Sie waren meiſt jung, doch beſaßen ſie, bis auf Eine, ihre intereſſante und für d nig? vorſte amer tores feierl ler a mer; was an rechn enth eine viel tet nach der dach waͤr eing tere vexg No⸗ mac tigk ded Die lloſter⸗Zelle. 47 fuͤr die Fremden romantiſche Lage ausgenommen, we⸗ nig Anziehendes. Man kann ſich leicht die Wirkung vorſtellen, welche dieſe Nonnen auf die beiden Nord⸗ amerikaner machten, die auf der Jagd nach allem Pit⸗ toresken in Europa ſich befanden, wie Beide jetzt den feierlichen Klaͤngen der Orgel zuhoͤrten, die alten Pfei⸗ ler anſtaunten und ihren Geiſt auf dieſe Gruppe from— mer Frauen richteten, die intereſſanter waren, als Alles, was ſie umgab. Die Freunde waren einander jedoch an Charakter nicht gleich. Der eine war ruhig, be⸗ rechnend und kalt, der andere feurig, empfaͤnglich und enthuſiaſtiſch. Der eine ſah auf die Nonnen, wie er eine Reihe von hiſtoriſchen Gemaͤlden, als eben ſo viele Dokumente fuͤr Sitten nnd Gebraͤuche, betrach⸗ tet haben wuͤrde, deren Urſprunge und Wirkungen er nachforſchte; der andere uͤberließ ſich dem Anſchauen der Schweſtern mit aller Waͤrme lebendiger Erregung, dachte uͤber ihre Entfernung von der Welt nach, und waͤre gern in den geheimen Schrein ihrer Herzen eingedrungen. Nach kurzer Zeit ward er aber zu noch beſtimm— terer und naͤherer Richtung ſeiner Gedanken dadurch veranlaßt, daß er ganz deutlich bemerkte, wie eine der Nonnen, die den meiſten Anſpruch auf Schoͤnheit machen konnte, ihre Blicke mit ungewoͤhnlicher Staͤ⸗ tigkeit und ſo bedeutend auf ihn richtete, daß er ſelbſt dadurch am Ende in nicht geringe Verlegenheit gerieth. 48 Skizzen aus Belgten. Es lag in dem Ausdrucke ihres Geſichts und in der ſichtlichen Pruͤfung ihres Blickes ein gewiſſes Etwas, das Schauder in ihm erregte. Sie war ohne Wider⸗ rede ſchoͤn, ihre Zuͤge regelmaͤßig und ſcharf; aber ſie war faſt todtenbleich, und ihre ſchwarzen Augen ſahen ſo unruhig und raſtlos umher, daß nur ein ſehr be⸗ wegtes Gemuͤth davon Urſache ſeyn konnte. Der junge Amerikaner verlor nach und nach ſeine Verlegenheit, gewann aber ſeine Ruhe doch nicht wie⸗ der, denn die Gefuͤhle die ihn jetzt beſtuͤrmten, waren zu lebendig. Eitelkeit, wie ſie junge Seelen nur zu leicht verleitet, die es wiſſen, daß ihr Aeußeres nicht haͤßlich iſt, fing an auf die Empfindungen des Frem⸗ den lebhaft einzuwirken, und ſein Herz klopfte und ſein Kopf ſchwindelte, wenn er daran dachte, daß er in der Bruſt dieſer Nonne eine unbeſiegbare Liebe entzuͤndet habe. Das Bewußtſeyn, daß ſie ihre Blicke nur auf ihn gerichtet, und ſeinen Freund, der neben ihm ſaß, nicht angeſehen habe, ſchmeichelte ihm in doppelter Hinſicht, und da Selbſtliebe in ſeinem Her⸗ zen auf dieſe Art vorarbeitete, ſo wurden die Ein⸗ druͤcke, die er von außen her erhielt, noch lebhafter. Die Folge davon war, daß er ſich einbildete, ein le⸗ bendigeres und tieferes Intereſſe zu nehmen, als es in der That der Fall war, und indem er ſich dieſer Taͤuſchung hingab, zweifelte er nicht laͤnger an dem Da⸗ Bie ltloſter⸗Zelle. 49 Daſeyn einer geheimen, unerklaͤrlichen Sympathie zwi⸗ ſchen ihm und der Nonne. Seine Wangen gluͤhten, und er verlieh ſeinen Blicken den zaͤrtlichſten Ausdruck deren ſie nur faͤhig waren. Er ſah wie eine ploͤtzliche Roͤthe auf der blaſ⸗ ſen Stirn der Nonne ihm antwortete, und ein Laͤcheln, das ihn mit Schmerz und Wonne durchſchauerte, einen Augenblick lang auf ihren bleichen Lippen ſpielte. Dann ſank ihr Auge zu Boden, und ihre Zuͤge nahmen wieder den vorigen ruhigen und gleichbleibenden Ausdruck an. Doch konnte er ſeine Augen nicht von ihr wen— den, obgleich ein ſonderbares Gemiſch von Empfin⸗ dungen ihn uͤbermannte. Liebte ſie ihn ſchon? Konnte denn das moͤglich ſeyn? und war ihr jetziges nieder— geſchlagenes Anſehn die Folge des Kampfes der Sitt⸗ ſamkeit gegen heftige Neigung? Sie war wol un— gluͤcklich— ſchlecht behandelt— tyranniſirt,— und richtete nun ihre Hoffnung und Bitte an ihn, um Schutz und Huͤlfe! Aber konnte nicht auch irgend eine ſchwarze, hinterliſtige Abſicht ihr dieſen anziehen⸗ den Blick dargeboten haben? Doch dieſen Zweifel gab er ſogleich als unmaͤnnlich und ungerecht auf. Nur das Eine war und blieb gewiß— ſie hatte ihn auf eine ganz beſondere und ausgezeichnete Weiſe angeſe⸗ hen, ſie hatte ſeinen Blick bemerkt und erwiedert. In⸗ ſoweit war er ſchuldig, und ſie hatte ſich vergeſſen. II. 3 50 Sntzzen aus Velgten. Es konnte Gefahr dabei ſeyn, das Abenteuer weiter zu treiben, aber es konnte auch zum Gluͤcke oder viel⸗ mehr zu dem fuͤhren, was die ungezuͤgelte Gluth war⸗ mer und jugendlicher Herzen dafuͤr haͤlt, und komme was da wolle, er war entſchloſſen, nicht davor zu⸗ ruͤckzubeben. Verſunken in dieſe beunruhigenden Betrachtungen bemerkte er nicht, daß der Prieſter vom Altare ſchritt, in die Sakriſtei ging, und die Gemeinde nach und nach die Kirche verließ. Er erblickte blos den einzi⸗ gen Gegenſtand ſeiner angeſtrengten Aufmerkſamkeit, und bemerkte ſelbſt nicht, daß ihre Gefaͤhrtinnen die Emporgallerie verlaſſen hatten, und ſie allein noch zu⸗ gegen war.* Sein Freund, der ihn ſeit einigen Minuten ge— nauer beobachtet hatte, brachte ihn endlich zur Beſin⸗ nung, und nekte ihn heimlich uͤber ſeine Traͤumereien und die geſpannte Art womit er auf die zuruͤckgeblie⸗ bene Nonne blickte, die in die tiefſte Andacht verſenkt zu ſeyn ſchien. Somit aus ſeinem Verlorenſeyn zu ſich ſelbſt gebracht, bereitete ſich der junge Mann, ſei⸗ nen Freund zu begleiten, indem er ſich des Ernſtes ſchaͤmte, den er verrathen hatte, und den er doch nicht von ſich abſtreifen konnte. Schon ſtanden ſie im Begriff ihre Pläͤtze und die unterdeſſen ganz leer gewordene Kirche zu verlaſſen, ſchon hatte der Freund des jungen Liebenden einige Schri ihm e ein fl folgte liche T Er ke fen, denke —n ſiner ein deſſe dert aang ſucht darau niem genſ anzu rem ſcher res Hin der die Die Itlaſter⸗Zelle. 51 Schritte nach der Thuͤr zu gethan, und jener wollte ihm eben folgen, als ſeinem Abſchiedsblicke zur Nonne ein flehender Blick aus ihren ſchnell gehobenen Augen folgte, und eine nur momentane aber doch verſtaͤnd⸗ liche Bewegung ihres Fingers ihn bleiben hieß. Dieſe ſonderbare Mittheilung durchſchauerte ihn. Er konnte die Beweggruͤnde der Nonne nicht begrei⸗ fen, noch auch Zeit genug gewinnen daruͤber nachzu⸗ denken. Sein Entſchluß mußte ſchnell gefaßt werden — und er entſchloß ſich zu bleiben Schnell eilte er ſeinem Freunde nach, geſtand ihm ſeine Abſicht, noch ein wenig in der Kirche zu verweilen, hoͤrte laͤchelnd deſſen ſpoͤttiſche Warnung ſich vorzuſehen, und wan— derte dann, als ſein Freund hinweg war, eine Zeit⸗ lang in den Gaͤngen umher, anſcheinend mit Unter⸗ ſuchung der Gemaͤlde und Bildſaͤulen beſchaͤftigt. Bald darauf konnte er ſich mit Vergnuͤgen uͤberzeugen, daß niemand mehr in der Kirche ſey, als er und der Ge⸗ genſtand ſeiner beginnenden Sorge. Er empfand ein peinliches Draͤngen die Nonne anzureden, aber es lag ſo etwas Wuͤrdevolles in ih⸗ rem ganzen Weſen, daß es ihn unbezwinglich zuruͤck⸗ ſcheuchte, und er ſich ganz nur als ein Geſchoͤpf ih⸗ res Willens fuͤhlte. Sie erwiederte ſein ungeduldiges Hinſchauen auf ſie durch einen gelegentlichen Blick, der ihm ſagte, er muͤſſe ſeine Ungeduld zuͤgeln, und die paſſende Gelegenheit abwarten. So gab er ſich 3* 52 Sliizszen aus Belgien. denn widerſtandlos dem Fortgange des Abenteuers hin, indem jeder Augenblick ſeine Aufregung noch ver⸗ mehrte, und einen Aufruhr von ſtuͤrmiſchen Empfin— dungen in ſeiner Bruſt erweckte. Nach einiger Zeit ſtand die Zauberin langſam von der Stelle auf, wo ſie ſo lange geknieet hatte, ſtieg eine beſondere Hintertreppe von jener Gallerie herab, ging hinter dem Hochaltare hinweg, und kniete in einer kleinen Niſche vor einem Heiligenbilde nieder, wo nur eine einzige Lampe brannte. Durch ein zwei⸗ felhaftes Laͤcheln, und das heimliche Zeichen ihrer Hand, welches ihm anzeigte, daß ſie wuͤnſche, ihn in ihrer Naͤhe zu ſehen, ermuthigt, aber angſtvoll, folgte er jeder ihrer Bewegungen. Endlich lehnte er an einen Pfeiler mit gefalteten Haͤnden, als ſtehe er in tiefer Betrachtung der Bild⸗ ſaͤule der heiligen Jungfrau, nur wenige Fuß von dem wahren Gegenſtande ſeiner athemloſen Aufmerk⸗ ſamkeit. Nit geſenktem aber nach ihm hingewendeten Haupte fragte ſie ihn, waͤhrend ſie in anſcheinender Andacht ihren Roſenkranz betete, mit leiſem Gefluͤſter:«Ver⸗ ſtehen Sie franzoͤſiſch?“ — Jal!— entgegnete er eben ſo. «Sprechen Sie es?“ — Nicht genug, um meinen Gefuͤhlen fuͤr Sie Worte zu geben.— Sie Die lloſter⸗Zelle. 53 Dies ward mit dem gewohnten Laͤcheln beantwor⸗ tet.— Großer Gott! dachte der Amerikaner, iſt dies Vergnuͤgen oder Triumph?— «Wenn Sie nur einigermaßen Theil an mir neh⸗ men,“» fluͤſterte ſie weiter:«wollen Sie mir wol einen Dienſt erzeigen?“ — Ob ich es will?— antwortete er haſtig:— ſtellen Sie mich auf die Probe.— Es iſt keine Kleinigkeit!“ ſagte ſie feierlich. — Alles iſt mir nur Kleinigkeit, wodurch es mir moͤglich wird, Ihnen zu dienen. Befehlen Sie uͤber mich, und wenn es mein Leben koſtete.— «Und wenn nun wirklich Ihr Leben dabei auf dem Spiele ſtuͤnde?» rief ſie mit vollem Gefuͤhl und durchdringendem Blicke aus. — Der Himmel ſey mein Zeuge, daß ich es nicht ſchonen wuͤrde:— erwiederte er.— Sie haben mich uͤber mich ſelbſt erhoben, wie ich mich vorher noch nie kannte.— «Sie ſind ein Enthuſiaſt!» entgegnete ſie, und ein ſanfterer Ausdruck lag in ihrem Laͤcheln. — Ich weiß nicht was ich bin, aber Sie ſind es, die mich dazu gemacht hat, was ich auch ſey.— Ich bin fremd in dieſem Lande— ich ſcheine bezaubert zu ſeyn— mein ganzes Ich gehoͤrt nur Ihnen.— Hier ließ ihn die Tiefe ſeines Gefuͤhls auf die Kniee ſinken, und er richtete eben ſo gluͤhende Blicke 54 Sſtizzen aus Belgien. und Gedanken auf die neben ihm kniende Nonne, als nur irgend eine fromme Seele zu dem Gegenſtande ihrer Verehrung erhoben haben konnte. Die Nonne laͤchelte noch einmal mit ſchmerzlicher Feierlichkeit. Der Amerikaner begriff weniger als je, was ſie beabſichtige. Aber es war gewiß etwas Großes. Sie hatte ihn dabei zu ihrem Gehuͤlfen auserkohren— er war an ſie gebunden, ohne daß er wußte wie. «Ich bin mit Ihnen zufrieden,» begann ſie wie⸗ der.«Ich halte Sie fuͤr einen Mann von Ehre, und dieſes edle Aeußere kann nicht mit einer unedlen Seele verbunden ſeyn. Ich fuͤhle mich ſicher in Ih— ren Haͤnden. Sie ſehen, daß die Regeln meines Or⸗ dens nicht die ſtrengſten ſind; wuͤrde es aber eutdeckt, daß ich ſie verletzte, ſo waͤre es mein Untergang, und ich verletze ſie jetzt. Ich kann fuͤr dieſen Augenblick nicht laͤnger mit Ihnen ſprechen;— was ich ſchon wagte, iſt furchtbar. Finden Sie ſich aber heut Nacht um neun Uhr außen am kleinen Portale ein. Ich werde Sie mit dem Glockenſchlage hereinlaſſen. Die Vesper iſt dann voruͤber, und die Kirche einſam. Sprechen Sie nicht: vertrauen Sie mir. Folgen Sie mir, und rechnen Sie auf meine Dankbarkeit.» «So darf ich hoffen?» — Sie duͤrfen alles von einer dankbaren Seele hoffen, die Sie bewundert, und Sie lieben muß, wenn Sie ihr ſo dienen, wie ſie erwartet.— , als tande tonne Der htige. ihn t an Die Itloſter⸗Zelle. 5⁵ «Wohl! Sie ſollen nichts mehr zu befuͤrchten ha⸗ ben. Um neun Uhr bin ich am kleinen Portale.» «Leben Sie wohl,“ fluͤſterte ſie ſanft, und nach einer Minute hatte der Amerikaner die Kirche verlaſſen. Als er in der heftigſten Erregung in's Freie trat, und eben bei einem der ungeheuern Pfeiler voruͤberging, die das ehrwuͤrdige Gebaͤude ſtuͤtzten, wandte ſich ein Mann in halber Uniform mit einem Saͤbel an der Seite, von einer Anzeige die an der Mauer klebte hinweg, und zu ihm. «Ein Wort mit Ihnen, mein Herr, wenn Sie erlauben;“» ſagte er in leidlichem Franzoͤſiſch, und nahm ſeinen dreieckigen mit der Orangekokarde gezier⸗ ten Hut ab. — Was koͤnnen Sie mir zu ſagen haben?— fragte der Amerikaner in etwas ſtolzem Tone ziemlich zerſtreut. «Sehr viel, mein Herr. Vorzuͤglich, daß Sie als ein Fremder doch fein vorſichtig ſeyn moͤchten. Ihr ungeziemendes und faſt ſpoͤttiſches Betragen waͤhrend der Meſſe hat Aufmerkſamkeit erregt, und die Freundſchaft eines Polizeibeamten, der ſich's zum Vergnuͤgen machen wird, Ihnen beizuſtehen, iſt viel⸗ leicht nicht zu verachten.” — Ol ich kann mir ſchon ſelbſt helfen!— ent— gegnete der Fremde hochmuͤthig. Er befand ſich in dem geiſtigen Zuſtande, wo ein ſanguiniſcher Menſch 56 Sltizzen aus Belgien. glaubt, es muͤſſe ihm alles gelingen, und es waͤre unrecht, ſelbſt bei Schwierigkeiten, ſich nach der Huͤlfe Anderer umzuſehen. Uebrigens fuͤrchtete er, es koͤnne dieſer Mann vielleicht ein Betruͤger ſeyn, der den Fremden aufpaße, um unter falſchen Androhungen von Gefahr und eitlen Beiſtandsverſprechungen, Geld von ihnen zu erpreſſen.„Gehen Sie nur!» ſagte daher der Amerikaner; Jener aber erwiederte:«Das wird Sie gereuen.”» Im Gaſthofe wartete ſein Freund auf ihn, und nach kurzem Ueberlegen erzaͤhlte er dieſem alles was vorgegangen war, von dem Augenblicke an, wo jener ſich aus der Kirche entfernt, bis dahin wo er ſelbſt nur noch die geheimnißvolle Nonne darin zuruͤck gelaſſen. Als der Freund dieſes Bekenntniß hoͤrte, fuͤhlte er vielleicht anfangs ein leichtes Aufwallen von Eifer— ſucht und Neid uͤber das beſſere Gluͤck ſeines Gefaͤhr⸗ ten; da ſie ſich aber ſehr lieb und gegenſeitig verſpro⸗ chen hatten, einander bei ihren verſchiedenen Aben⸗ teuern nicht in den Weg zu treten, ſo ging dieſes Gefuͤhl ſehr ſchnell voruͤber, und ließ bloß Beſorgniß fuͤr die voͤllige Sicherheit ſeines Freundes zuruͤck. Das ganze Anſehn der Sache gefiel ihm nicht. Es lag, wenn Wahrheit dabei vorwaltete, zu viel ro⸗ maneskes darin, und war es Vorwand, zu viel Heim⸗ lichkeit, um ſeinem ruhigen Temperamente und regel⸗ Die Itloſter⸗Zelle. 57 maͤßigen Weſen zuzuſagen. In jeder Hinſicht erſchien ihm die Sache ſonderbar, ob er gleich nicht in Abrede ſtellen konnte, daß ſein Freund ein einnehmender junger Mann ſey, der leicht bei einem weiblichen Weſen, das an Abenteuer gewohnt ſey, und ihre Abſicht auf einen Gegenſtand gerichtet habe, ein mehr als gewoͤhn⸗ liches Gefuͤhl erregen koͤnne. Moͤglich war es aber auch, daß dieſer ganze Vorwand eines geheimen Dien⸗ ſtes, den er ihr leiſten ſolle, nur darauf abzwecke, ſeine Einbildungskraft zu erhitzen, und ſeine Gefuͤhle zu entflammen. Wie aber, wenn ſie nun wirklich einen Streit auszufechten, und nur um deswillen ſo kunſt— voll auf ihn eingewirkt haͤtte, und auch noch ferner einwirken wolle, um ihn in irgend eine ernſte Gefahr zu verwickeln? Alles dieſes uͤberlegte der Freund reif⸗ lich bei ſich, waͤhrend der Held der Geſchichte mit aufloderndem Herzen in der Stube auf und abging, und dachte— wenn er anders an irgend etwas jetzt dachte— daß nichts einem guten Ausgange im Wege ſtehen, oder ſein kuͤnftiges Gluͤck hindern koͤnne. Nie floß dem Liebenden ein Tag ſchwerfaͤlliger da⸗ hin, nie kam ihm einer laͤnger vor. Stunden und halbe Stunden, wie ſie ihr einfoͤrmiges Getoͤn von den verſchiedenen Glockenthuͤrmen erklingen ließen, ſandten ihm dieſelben Toͤne der Langeweile und Ver⸗ zoͤgerung zu, und ſteigerten ſeine Gefuͤhle faſt bis zu 3** 58 Sltizzen aus Belgien. fieberhafter Glut. Sein Freund that alles was er vermochte, um ihm dieſen Zuſtand zu erleichtern, aber er theilte ſelbſt dieſes aͤngſtliche Gefuͤhl, das ſie vor— waͤrts trieb, waͤhrend es ſie auf der andern Seite von der Beendigung ihres Abenteuers zuruͤckzuhal⸗ ten ſchien. Jede Diele des ſandbeſtreuten Saals in welchem ſie wohnten, war nun unzaͤhligemale beſchritten, jede nur moͤgliche Art die Zeit hinzubringen, angewendet; 1 da ward endlich, als alle Verſuche innerhalb des Hau⸗ ſes erſchoͤpft waren, ein Spazirgang außerhalb des⸗ ſelben vorgeſchlagen und unternommen. Kaum waren aber die Freunde aus dem Hauſe getreten, als ſie von einem Haufen Knaben, unter denen ſich jedoch auch einige Erwachſene befanden, und die nur darauf ge⸗ wartet zu haben ſchienen mit ihnen anzubinden, un— ter nicht zweideutigen beleidigenden Aeußerungen an⸗ gefallen wurden. Der Liebende ging eine Zeit lang fort, ohne zu wiſſen, was um ihn her vorgehe, denn er beſaß jenen unerſchrockenen Geiſt, der keine Gefahr ynet, und dachte nicht im geringſten an die War⸗ nungen des Polizeibeamten. Ueberdies trugen ihn in dieſem Augenblicke die Schwingen der Gedanken, de⸗ nen er ſich ganz uͤberlaſſen hatte, weit hinweg. Sein Freund, obgleich auch feſt und entſchloſſen wenn die Gefahr ſich nahte, war jedoch ein auf— Die Itloſter⸗Zelle. 59 merkſamerer Beobachter dieſer Anzeichen. Er fragte alſo ſeinen in Gedanken verſunkenen Freund, ob er die offenbar feindſeligen Geſinnungen in dem Beneh⸗ men der Perſonen welche ſie umgaͤben, bemerke? «Ich?» erwiederte dieſer.„Ich habe ſie weder bemerkt, noch halte ich ſie fuͤr beachtungswerth. Ohn— ſtreitig wollen dieſe Menſchen blos ihre Neugier ſtil— len, denn wir koͤnnen ihnen ja nichts zu Leide gethan haben.”» — Das glaube ich nicht, lieber Freund. Der Aus⸗ druck ihrer Geſichter zeigt mehr als das, und einige dieſer Burſchen brummen ein haͤmiſches Kauderwelſch. Dort ſteht ein Mann in Uniform: ein Polizeibeam⸗ ter vielleicht. Es waͤre wol am beſten, uns unter ſeinen Schutz zu begeben. In einem ſolchen Streite wie hier, kann man keine Ehre gewinnen.— „Das iſt ja derſelbe Mann, der mir ſchon heut einmal ſagte, daß man ein Auge auf mich habe, und mir ſeinen Schutz anbot. Jetzt beſinne ich mich auf ihn.— «Ein Auge auf Dich habe? Weshalb.» — Weil ich in der Meſſe nicht fromm genug war, glaube ich.— «Wahrhaftig? Dann muͤſſen wir vorſichtig ſeyn. Wir ſtehen auf gefaͤhrlichem Grunde und Boden, denn wenn dieſes bigotte Volk erfahren hat, daß wir et⸗ was ihrer Meinung nach ungeziemendes vorgenom⸗ 60 Süizzen aus Belgien. men haben, ſo kann es uns ſchlecht ergehn. Ich will mit dem Manne ſprechen, aus dem du dir ſo wenig zu machen ſcheinſt.”» Mit dieſen Worten wandte ſich der vorſichtige Reiſende an den Polizeibeamten und redete ihn an, ward aber von ihm ohngefaͤhr eben ſo aufgenommen, als dieſer vorher von ſeinem Freunde behandelt wor⸗ den war. Der Mann nahm naͤmlich eine trotzige Miene an, und entgegnete auf das Geſuch, daß er zwei Fremde von einer Handvoll Gaſſenbuben nicht moͤge beleidigen laſſen:«Ja, ja! jetzt, da Sie meines Beiſtands beduͤrfen, koͤnnen Sie hoͤflich ſeyn. Nun moͤgen Sie aber auch fuͤr ſich ſelbſt ſorgen, und Ihr Freund fuͤr ſein hochmuͤthiges Verwerfen meines An⸗ erbietens buͤßen.”» «Lieber Mann!“ erwiederte der Amerikaner,„Sie muͤſſen einiges in der Art, wie ſich mein Freund ge— gen Sie benommen hat, auf deſſen geringe Kenntniß der Landesſitte, und wol auch der Sprache rechnen. Ich muß fuͤr ihn handeln, und erſuche Sie mithin, daß Sie die Guͤte haben, und gleich jetzt mit uns in unſern Gaſthof gehen.» Bei dieſen Worten erlaubte er ſich einen Druck in des Polizeioffizianten Hand, der ſein fuͤhlbares Zei⸗ chen darin zuruͤckließ, als dieſer die Finger daruͤber ſchloß,— einen Druck, der, wenn er einem ſolchen Ge⸗ ſpraͤche bei einer ſolchen Perſon folgt, wie das Sie⸗ Die loſter⸗Zelle. 61 gel auf einen Brief iſt, welches allem Vorhergegan⸗ genen Kraft und Folge giebt. — Wenn Sie es nun einmal ſo haben wollen! — entgegnete der Polizeimann, indem er den Betrag des Geldes durch's Gefuͤhl unterſuchte, da er es durch die Augen nicht anſtaͤndig fand:— Sie ſind ein hoͤf— licher, verſtaͤndiger junger Mann, und ich will Ih— nen Ihren Wunſch nicht verweigern, ſondern mit Ih⸗ nen gehen, und Ihnen ſoll nichts geſchehen, das ver— ſpreche ich Ihnen; laſſen Sie Ihren hochmuͤthigen Gefaͤhrten fuͤr ſich ſelbſt ſorgen, wie ich vorher ſagte; ich erklaͤrte ihm, daß er ſeine Unhoͤflichkeit noch be— reuen wuͤrde: mag er es denn jetzt.— «Gut, gut,“» entgegnete der Amerikaner; ich will ihn unter den Arm nehmen, denn ich kann ihn doch nicht verlaſſen, wie Sie wiſſen, und Sie halten ſich ganz nahe an mich.» So nahm er denn auch wirklich des Freundes Arm in den ſeinen, und zog ihn aus dem ſich an— draͤngenden Haufen heraus, deſſen Beleidigungen er nur durch Blicke der ariſtokratiſchſten republikaniſchen Verachtung erwiederte. Unter der gedachten ſicheren Begleitung gelangten ſie bald in ihr Gaſthaus. Kaum war der Haupt⸗Held unſerer Erzaͤhlung dort ange⸗ langt, als er auch ſchon die juͤngſten Ereigniſſe wie— der vergeſſen hatte. Seine Gedanken richteten ſich wieder auf den einzigen Gegenſtand ſeiner Beſorgniß 62 Slttzzen aus Belgien. und verweilten bei dieſem. Sein Freund jedoch, der das was vorgefallen, aus einem ernſteren Geſichts⸗ punkte anſah, beſchloß, daß, wenn ſeines Freundes Abenteuer beſtanden, ſie dieſen Ort auf der Stelle verlaſſen wollten, und beſtellte daher die Poſtpferde fuͤr den naͤchſten Morgen ſehr fruͤh. Als dies geſchehen, ward das Mittagseſſen unge⸗ woͤhnlich zeitig eingenommen, um die Langeweile des unbeſchaͤftigten Tages zu unterbrechen, und kaum war es beendet, als die Freunde bedauerten, es nicht wieder anfangen zu koͤnnen, da die noch uͤbrigen Stunden des Abends vor ihnen wie die Oeffnung einer dun⸗ keln noch unerforſchten Hoͤhle zu liegen ſchienen. Um die Unannehmlichkeit ihrer Lage noch zu vermehren, trat gegen Abend das haͤßlichſte Wetter ein. Regen und Schloſſen raſſelten gegen die Fenſter, und Wind⸗ ſtoͤße heulten ſchaurig durch die Straßen. Nur Eine Troͤſtung blieb den Freunden noch uͤbrig — Weinl! und zu dieſem genialen Sorgenbrecher ſetz⸗ ten ſie ſich nun auch. Sie tranken heiter und froͤh⸗ lich am Kaminfeuer und vergaßen in der Waͤrme der Unterredung bald des Schlagens gegen die erſchuͤtter⸗ ten Fenſterſcheiben, und des Tobens des immer mehr anwachſenden Sturms. Ihre Unterredung nahm den eigenſinnigen Weg, den ihr die Einbildungskraft ploͤtz⸗ lich anwies, und fuͤhrte ſie in ihre Heimath, unter ihre alten Freunde, ihre theuern Verwandten und in di gern ſchul und des. nach ſchne Glo Ver doch Zeit giſ ein Be alls tige men dol ſtoͤ und die ſein So ol zug Die Itloſter⸗Zelle. 63 in die fruͤhere Zeit, wo noch unbekannt mit den feuri⸗ gern Aufregungen des Mannsalters, ihre Tage un⸗ ſchuldig und leicht dahinſchwanden. In dieſen ſuͤßen und freundlichen Erinnerungen ward das Draͤngende des Augenblicks auf einige Zeit vergeſſen, und Stunde nach Stunde verfloß zum Staunen der Freunde in ſchneller Aufeinanderfolge. Endlich ſchlug die fruͤhſte Glocke neun. Der Liebende, den das augenblickliche Verlieren in entflohene Tage und ferne Gegenden doch nicht unachtſam fuͤr den Fortgang der wahren Zeit gemacht hatte, wußte, daß ob es gleich neun Uhr geſchlagen habe, doch eigentlich damit nur acht und ein halb gemeint ſey, indem nach der Gewohnheit der Belgiſchen Glockenſpiele, eine halbe Stunde ſtets vor⸗ aus angezeigt wird, ohnſtreitig aus irgend einem trif⸗ tigeren Grunde als dem naͤchſtliegenden, die Unachtſa⸗ men anzufuͤhren, und den wachſamen Buͤrger auf die Folter zu ſpannen. Der Liebende ſprang von ſeinem Stuhle auf, und ſtoͤrte ſeinen Freund aus einem Traume von Heimath und Gluͤck. Dieſer erkannte jedoch bald die Urſache dieſer ploͤtzlichen Bewegung, und machte ſich bereit, ſeinen Freund ſo weit zu begleiten, als es mit der Schicklichkeit— wenn man dieſen Ausdruck in einem ſolchen Falle anwenden darf— und Klugheit in Be⸗ zug auf die Sicherheit ſeines Freundes vertraͤglich ſeyn wuͤrde. Noch war eine ganze halbe Stunde vor — 64 Sſtizzen aus Belgien. der feſtgeſetzten Zeit uͤbrig, und der Freund ſtellte drin⸗ gend aber vergeblich die Nutzloſigkeit vor, ſchon jetzt das Gaſthaus zu verlaſſen, und dem Sturme, der eben heftiger als je raſete, zu trotzen, da man ja nur wenige Schritte bis zur Kirche zu gehen habe. Je⸗ ner aber, vom Weine und den gluͤhenden Gefuͤhlen, die jetzt mit erneuter Staͤrke wieder hervortraten, er⸗ waͤrmt, kuͤmmerte ſich weder um Sturm noch guten Rath, ſondern ſetzte ſeinen Hut auf, zog den Mantel enger um ſich und erklaͤrte, daß laͤngeres Zoͤgern ihm unertraͤglich ſeyn wuͤrde, und er gehen muͤſſe. Da ſein Freund ihn ſo entſchloſſen fand, zog er ſich ſelbſt auch zum Ausgehen an, und daruͤber be⸗ gann nun auf der Stelle ein heftiger Streit, welcher fuͤr des Freundes Zweck, Zeit zu gewinnen, recht ge⸗ legen kam. Der Liebende beſtand naͤmlich darauf, daß ſein Freund zu Hauſe bleiben ſolle, lachte uͤber deſſen Gedanken an Gefahr, und ſetzte ſich auf's heftigſte dagegen, daß ein Anderer das Unangenehme eines Aben⸗ teuers theilen ſolle, deſſen Reizendes er nicht mit ge⸗ nießen koͤnne. Der Freund aber blieb feſt auf ſeinem Vorſatze, und der Streit endete damit, daß beide das Haus verließen, und in Wind, Regen und Finſterniß zu der dunkeln Maſſe von Gebaͤuden ſich begaben, die der Liebende fuͤr die Kirche des Heiligen erkannte. Dann ſtellten ſie ſich in einen der verſteckteſten Win⸗ kel, dildet mm Die liloſter⸗Zelle. 65 kel, welchen die Vorſpruͤnge des gothiſchen Baues bildeten. In dieſem unſichern Zufluchtsorte, vor Kaͤlte und Naͤſſe ſchlotternd, fuͤhlten ſie, wie die langſamen Mi— nuten auf ſchwerfaͤlligen Schwingen dahin zogen. Kein Gegenſtand zeigte ſich, als die Geſtalt eines Mannes, der zweimal bei dem Winkel, in welchem ſie verborgen waren, voruͤberging, ohne daß ſie etwas von ihm naͤ⸗ her unterſcheiden konnten. Endlich trug ein auf ſie zuwehender Windſtoß ihnen den erſten Schlag der neunten Stunde mit hohlen Toͤnen entgegen. Der Liebende ergriff ſeines Freundes Hand, druͤckte ſie mit krampfhafter aber triumphirender Erregung, lispelte ein Lebewohl, ſo leiſe, als ob die heiligen Mauren ſein Geheimniß der Welt haͤtten verrathen koͤnnen, und ſchritt augenblick⸗ lich nach dem kleinen Portale zu, das ſich um eine Ecke herum wenige Schritte von ihnen befand. Einen Augenblick lang blieb ſein Freund bewegungslos ſtehen; als er ſich aber wieder beſann, folgte er vorſichtig und langſam, den fluͤchtigen Fußtritten die ihm vor— auseilten. Gleich darauf war er ſchon nahe und ſah, wie das Portal, das er nur muͤhſam unterſcheiden konnte, gerade nur ſo weit offen ſtand, um den aͤngſt— lich Wartenden hindurch zu laſſen, der auch ſchnell hinein ſchluͤpfte. Im Augenblicke ward es wieder ge⸗ 66 Sltizzen aus Belgien. ſchloſſen, und der Freund wandte ſich, als der neunte Schlag von dem Sturm, der durch Zinnen und Ge⸗ maͤuer tobte, raſch in die Wolken hinweggefuͤhrt ward, mit ſchwerem und bedraͤngenden Gefuͤhl, das er we— der bekaͤmpfen, noch ſich Rechenſchaft deshalb geben konnte, von der Kirche ab. Dieſelbe Geſtalt die vor⸗ her bei ihnen voruͤbergegangen war, ſtrich jetzt naͤher an ihm vorbei, rief laut genug, um ſelbſt im toſenden Winde vernehmbar zu ſeyn:„Huͤten Sie ſich!— es waͤre beſſer, Sie waͤren in Ihrem Gaſthofe ge⸗ blieben!» und verſchwand dann im Dunkel. — Dies ſieht aus wie Gefahr irgend einer ge⸗ heimen Art:— dachte der Amerikaner, als er ver⸗ gebens verſuchte, die Dunkelheit in der Richtung, welche die Geſtalt genommen hatte, zu durchdringen. — Das muß ich wo moͤglich naͤher ergruͤnden.— und damit folgte er ihr eiligſt, um ſie zum Stehen und Antworten zu bringen. Sein Bemuͤhen war je⸗ doch vergeblich. Vom tiefen Dunkel beguͤnſtigt, war die Geſtalt in eine enge Nebenſtraße entflohen, und er konnte ſie nicht mehr entdecken. — Mich huͤten!— rief der Amerikaner aus. Wenn ich mich huͤten muß, um wie viel mehr muß dies mein braver, unerſchrockener Freund! Nein, ich kehre nicht eher wieder nach Hauſe zuruͤck, bis er ſein Abenteuer beſtanden hat. Hier warte ich bis zu ſei⸗ nte Die Itloſter⸗Telle. 67 ner Ruͤckkehr. Ich hab's hier nicht ſchlimmer wie die Schildwacht auf dem Walle. Hier iſt mein Poſten.— So trat er dann wieder in das kleine Portal, knoͤpfte ſeinen weiten Reiſerock eng zuſammen, und ſtellte ſich unter das Vordach, das ihn zwar vor den ſtroͤmenden Regen, aber nicht gegen die heftigen und ploͤtzlichen Windſtoͤße ſchuͤtzte, welche ihm manchmal eine ganze Fluth entgegentrieben, und den freiwilligen Dul⸗ der tuͤchtig durchnaͤßten. Nicht lange, ſo war er durch und durch naß und ſo erkaͤltet, daß er es fuͤr's beſte hielt, ſeine Stellung zu verlaſſen, und um ſein Blut wieder in Circulation zu bringen, und ſeine erſtarr⸗ ten Glieder zu bewegen, mitten im Sturme lebhaft hin und her zu gehen. In dieſem unſeligen Zuſtand, den er jedoch bei der ſteigenden Unruhe ſeines Gemuͤths wenig beachtete, ſchritt der angſtvolle Freund nahe am Portale auf und ab, waͤhrend die Glocken dreimal ihren halbſtuͤn⸗ digen einfoͤrmig melodiſchen Verſuch wiederholten. Das Viertel der Stadt in welchem die Kirche lag, ward faſt ganz von der aͤrmern Klaſſe bewohnt, und nach und nach war in ihren elenden Wohnungen ein Laͤmp⸗ chen nach dem andern verloͤſcht. Jetzt war es nahe an eilf Uhr und alles einſam und oͤde, der Regen hatte aufgehoͤrt, der Wind tobte nicht mehr, und ſo wuͤnſchte denn der Amerikaner ſelbſt lieber jene wilde 68 Süizzen aus Belgien. Geſellſchaft herbei, ſtatt dieſer beaͤngſtigenden Ruhe, die ihm ohnerachtet ſeiner Unerſchrockenheit Schau⸗ der verurſachte. Von geiſtiger und koͤrperlicher Unruhe faſt ganz erſchoͤpft, hatte er ſich ſchon vorgenommen, an das Thor des Portals zu klopfen, und ſollte er auf dieſe Art nicht Nachricht uͤber ſeinen Freund erlangen koͤn⸗ nen, die Huͤlfe der Militairwache ſich zu erbitten, die— er auf dem Hauptmarkte der Stadt erblickt hatte. Um nun das erſte dieſer Vorhaben in Ausfuͤhrung zu bringen, naͤherte er ſich der Kirchthuͤre wieder, und hob ſchon den kleinen Klopfer in die Hoͤhe, als er die Hand ploͤtzlich wieder zuruͤck zog. Ein inneres Gefuͤhl ſtraͤubte ſich in ihm gegen eine ſolche aufdring⸗ liche, perſoͤnliche Einmiſchung. Er fuͤrchtete, ſie moͤchte ſeinen Freund beleidigen, der vielleicht uͤbrigens in vollkommener Sicherheit, und nur durch die gluͤckli⸗ chen Folgen ſeines Abenteuers am Wiedererſcheinen behindert ſey. Auch konnte dies die Ruhe— ja viel⸗ leicht ſelbſt das Leben jenes weiblichen Weſens gefaͤhr⸗ den. Vielleicht war es unanſtaͤndig, voreilig, unnoͤ⸗ thig. So hielt er denn inne, und beſchloß endlich noch eine halbe Stunde zu warten, bevor er irgend einen andern entſcheidenden Schritt unternehme. Er begann daher wieder ſeinen regelmaͤßigen Schritt; kaum aber war er zwei bis dreimal hin und her ge⸗ gangen, als er die Thuͤrangeln leiſe gehen hoͤrte. So⸗ gleich daß t mit d Der freute fahrd fuͤhl zutre er ſic ſchnel fluͤch mer groſ der und konn wiſſe deſt zu vöͤll unuͤ bald den Ven uu ſcht Die ltloſter⸗Zelle. 69 gleich ſtellte er ſich ganz nahe an's Portal, doch ſo, daß man ihn nicht ſehen konnte. Das Thor ward mit der groͤßten Eile geoͤffnet und wieder verſchloſſen. Der angſtvolle Amerikaner erblickte ſeinen Freund, freute ſich innig uͤber deſſen Ruͤckkehr aus dieſem ge⸗ fahrdrohenden Orte, und ward nur durch das Ge⸗ fuͤhl der Schicklichkeit abgehalten, auf der Stelle vor⸗ zutreten, und ihm Gluͤck zu wuͤnſchen. Doch draͤngte er ſich dicht hinter ihn und bemerkte, daß ſein Freund ſchnell vorwaͤrts eile, doch nicht mit der leichten und fluͤchtigen Bewegung, die ihm ſonſt eigen war. Im— mer weiter ſchreitend, entdeckte er auch jetzt zu ſeinem großen Staunen, daß jener unter dem Mantel auf der Schulter eine ſchwere Laſt trug, die ihrer Laͤnge und Geſtaltung nach, ſo viel er davon unterſcheiden konnte— ein menſchliches Weſen ſeyn mußte. Dieſe Entdeckung, oder vielmehr dieſe faſt ge— wiſſe Vermuthung machte ihn im hoͤchſten Grade beſtuͤrzt. Die Unklugheit und Gefahr, dieſe Nonne zu entfuͤhren, und ihrem Reiſeplane auf dieſe Art eine voͤllig abgeaͤnderte Richtung zu geben, ſchien eben ſo unuͤberlegt und unbeſonnen als unverzeihlich. Doch bald hatte das Freundesherz, zum Vergeben geneigt, den erſten Verdruß uͤberwunden, und er beſchloß den Bewegungen des Vorausgehenden ganz in der Naͤhe zu folgen, um zu ſehen, was deſſen Plan und Ab⸗ ſicht ſey. So ging er denn nahe genug hinter ihm 70 Süizzen aus Belgien. her, um ſowohl nicht in Gefahr zu gerathen, ihn aus den den Augen zu verlieren, als befuͤrchten zu duͤrfen, Nähe daß ihn der Entfuͤhrer oder die Beute, welche er da⸗ c von trug, gewahre. Daß jedoch das letztere geſchehe, Tahl konnte er ſchon um deswillen nicht vermuthen, da er mit ſah, wie der Traͤger das Haupt ſeiner Buͤrde, das anng nachlaͤſſig auf deſſen Schultern lehnte, ſorgfaͤltig in er, den Mantel eingehuͤllt hatte. Er hoͤrte, als ſie ſo Buͤri vorwaͤrts ſchritten, auch nicht einmal ein Gefluͤſter, unter und es lag fuͤr ihn etwas unheimliches, ja peinliches Fall —in dieſem Stillſchweigen, das nur durch das ſchwere Vur Auftreten ſeines Freundes unter ſeiner kirchenraͤuberi⸗ ſchen Laſt geſtoͤrt ward. de Nach einiger Zeit, waͤhrend welcher dieſer mehrere ken Nebenſtraßen, ſo ſicher, als ob er die Richtung ganz Ade genau kenne, durchſchritten hatte, gelangten ſie an rend einen, der in dieſer Stadt haͤufig vorkommenden Ka— 1 des naͤle, und der Vorausgehende ſtieg nun ſchnell eire rit jener Stufenreihen hinab, welche zum Aus⸗ und Ein⸗ A ſchiffen von Waaren und Perſonen in die Kaͤhne dienen. nn «Mein Gott!“ rief der aufmerkſam folgende Freund ar bei ſich ſelbſt aus:«waͤre er kuͤhn genug, ſie ganz fort I zu ſchaffen; in einem Boote— Gott weiß wohin! Wie wird dies noch enden?!“ So ſtellte er ſich denn ganz nahe an den Kanal 66 und ſah uͤber die Bruſtlehne. Sein Freund ſtand auf nal auf Die Itloſter⸗Selle. 71 den Stufen. Kein Boot irgend einer Art in der Naͤhe, und doch ſtieg dieſer immer tiefer hinab! «Was hat das zu bedeuten! wohin treibt ihn der Wahnſinn?» murmelte der angſtvolle Waͤchter, als er mit ſteigender Theilnahme ſtarr des Freundes Bewe⸗ gungen beobachtete. Aber indem er dies that, erblickte er, wie der Gegenſtand ſeiner Beſorgniß ſich ſeiner Buͤrde entladete. Eine ſchwarz gekleidete Geſtalt kam unter dem Mantel zum Vorſcheine, und ein ſchwerer Fall in das ſtauende Waſſer war das Zeichen ihres Verſchwindens. Jetzt ſtieg der Vollbringer dieſer ſchauderhaften That eiligſt die Stufen wieder herauf. Dem erſchrok⸗ kenen Zeugen rann das Blut wie Eis durch die Adern. Seine Augen ſchauten bald auf den ruͤckkeh⸗ renden Freund, bald auf die ſich kraͤuſelnde Oberflaͤche des Waſſers, da wo der Koͤrper verſank. Der Ame⸗ rikaner konnte nicht ſchwimmen, ſonſt haͤtte er keinen Augenblick ſich bedacht, was er zu thun habe. Er war daher genoͤthigt im regungsloſen Schauder hinzu⸗ ſtarren. Die Sicherheit ſeines Freundes hieß ihn ver⸗ ſtummen, denn ein Ruf nach Huͤlfe haͤtte den Moͤr⸗ der verrathen. So fuͤhlte er freilich ſelbſt ſich gleich⸗ ſam, als unwillkuͤhrlichen Mitſchuldigen der That, aber es blieb ihm keine Zeit zu ſchaͤrferer Ueberlegung. Sein Freund ging jetzt ſchnell bei ihm voruͤber, und als er Skizzen aus Belgien. ſich, um ihm zu folgen, von der unſeligen Stelle hin— wegwandte, ſah er, wie das Waſſer wieder ſanft und ruhig ſich uͤber ſeiner verborgenen Beute glaͤttete. Zu ſeinem großen Erſtaunen nahm ſein Freund jetzt den geraden Weg nach dem Gaſthofe zu. In einem und demſelben Augenblicke kamen ſie dort zu⸗ ſammen an. Sie erkannten ſich einander, ohne ein Wort zu wechſeln. Ein gleichartiger Druck der Hand war ihre einzige Begruͤßung, und der Freund ſchau⸗ derte zuſammen bei dem Gefuͤhle, wie kalt und ſtarr die des andern ſey. Die Thuͤre ward ihnen geoͤffnet, und ſie ſtiegen in ihr Zimmer hinauf.—— Einige Minuten lang machte die beiderſeitige tiefe Erregung der Freunde ſie ſtumm. Die Verzweiflung, die ſich auf dem Angeſichte des ungluͤcklichen Lieben⸗ den malte, war ſeinen Freunde ſchrecklich. Der junge Mann ſah aus wie halb trunken und halb todt. Der obere Theil ſeines Geſichts, Stirn und Wangen wa— ren erhitzt, und ſeine Augen ſtarrten wild, als ob koͤr⸗ perliches Leiden mit Seelenangſt ſich gepaart. Die Lip⸗ pen dagegen waren blau und zuſammengezogen, und alles um ſie her bleich und farblos, waͤhrend an zwei bis drei Orten ſich breite Blutſpuren zeigten, die ſei⸗ nem ganzen Geſichte ein anderes Anſehn gaben. Als er bemerkte, daß ihn ſein Freund mit dem Ausdrucke des Schauderns anblicke, ſprang er vom Seſſel auf, vor den Spiegel hin, und wieder von die⸗ ſem hin⸗ und teund In t zu ein Hand ſchau⸗ ſtart fnet, tiefe lung, ſeben⸗ junge Der wa⸗ bkor⸗ eLip⸗ und Bte liloſter⸗Zelle. 73 ſen krampfhaft zuruͤcktretend rief er mit einer Stimme die den Freund im Innerſten erſchuͤtterte:«Großer Gott! ſein Blut klebt an meinem Geſichte, aber nicht an meinen Haͤnden. Sieh, ſieh!— ſie ſind rein: O laß ſie mich vertilgen, dieſe furchtbaren Zeichen.“ Und mit wahnſinniger Angſt wuſch er das Geſicht, bis alle Blutſpuren hinweg waren. — Freund! theurer Freund! was hat dies alles zu bedeuten?— rief ihm voll Unruhe ſein Gefaͤhrte zu.— Um des Himmelswillen befreie mich von mei⸗ ner Angſt— was iſt Dir nur begegnet— was iſt hier unſeliges vorgefallen?— «Still, ſtill!“ engegnete der Andere.«Laß mir nur einen Augenblick Zeit— Du ſollſt Alles erfah⸗ ren— Alles, was ich Dir mittheilen kann. Setze Dich nieder, ich muß in der Ordnung erzaͤhlen, und mich faſſen ſo gut ich's vermag.”» Er ſetzte ſich zu ſeinem Freunde, nahe an's Feuer, deſſen Gluth ſonderbar auf dem wechſelnden Farben⸗ ſpiele ſeines Geſichts ſich malte, und ihm einen noch ſchauerlicheren Anſtrich verlieh. „Ich verließ Dich, Freund, als die Glocke neun ſchlug— dieſe unſelige, verruchte Stunde, die den Untergang meines Gluͤcks und den Anfang meines Lebenselendes bezeichnete!“ Mit dieſen Worten fing der ungluͤckliche junge Mann ſeine Erzaͤhlung an. Er zitterte ſo wie er ſprach, und ſah ſich angſtvoll im II. 4 74 Snizzen aus Belgien. Zimmer um. Sein Freund theilte ſeine Stimmung und hoͤrte mit innerm Schaudern dem Fortgang zu. «Mein Blut war Feuer: der Wein den ich ge⸗ trunken, wirkte heftig auf mein Gehirn und die Neu⸗ heit, Kuͤhnheit und Gefahr des Abenteuers ſteigerte mich zu der Spitze wahnſinnigen Enthuſiasmus. Ich war zu allem bereit— wartete nur auf einen Wink dazu— und dieſer erfolgte nur zu bald.— So folgte ich ihr, indem ich mit bebender Aufregung ihr Ge⸗ wand erfaßte.— Sie ſprach nicht. Ich eben ſo we⸗ nig. Wir gingen durch die Gaͤnge der Kirche, vor⸗ ſichtig, auf den Fußſpitzen. Und doch toͤnte das Echo unſerer Schritte durch das weite Gebaͤude. Es war voͤllig dunkel. Kaum konnte ich mich enthalten, meine Fuͤhrerin am Arme zu faſſen— aber das heilige Haus ward bald noch ſchrecklicher entweiht! Auf Wendel⸗ treppen und engen Gaͤngen gelangten wir durch die Umgebung der Kirche auf dem geheimen Wege zu den Kloſterzellen. Wir kamen an die ihre— O Gott! wie iſt doch dieſer kleine Raum meine Welt voll Er⸗ innerungen, Vorwuͤrfe und Schrecken geworden! Wir traten ein. Alles war ſchweigend wie der Tod.— Die Schweſterſchaft ſchlief, oder feierte vielleicht auch ihre ſtrafbaren Orgien insgeheim wie wir. „Eine kleine Lampe brannte vor einem Kruzifir mit Todtenkopfe, das auf dem Tiſche ſtand. Zwei grobe Stuͤhle waren der uͤbrige Hausrath. Ein Bett nung zu. ge⸗ Neu⸗ gerte Ich Wink folgte Ge⸗ Bie Itloſter⸗Zelle. 75 in einer Niſche, durch einen dunkeln Vorhang ver⸗ ſteckt.— Gott im Himmel, warum ward dieſer Vor⸗ hang je hinweggezogen! «Sie zuͤndete ſogleich zwei Kerzen an und ich blickte nun in ihr hoͤchſt ausdrucksvolles Geſicht. Ihre Augen funkelten wie Sterne— um ihre Lippen ſpielte ein ſchwermuͤthiges Laͤcheln— ſie ſchien mir mehr eine Heilige als eine Sterbliche.» — Theurer Freund!— unterbrach ihn ſein Ge— faͤhrte:— Du biſt nicht wohl— erhole Dich— Du bedarfſt der Ruhe— das Sprechen wird Dir ſchwer.— „Nein, nein! es iſt nichts— laß mich nur fort— fahren— ich bin bewegt, weiter nichts— aber ich will Dir Alles ſagen.— Was ich ſprach und ent⸗ gegnete, kann ich Dir nicht wiederholen. Laſſen ſich auch die tollen Raſereien eines halb Wahnſinnigen, oder die Worte innigen Vertrauens eines Maͤdchens — jedes Maͤdchens— nacherzaͤhlen?— Die Zeit ent⸗ floh— ſie war ein Engel— ich, aufgeregter als es das Herz zu erdulden vermochte, beſchwor ſie, mein Gluͤck nicht zu verzoͤgern. Da erinnerte ſie mich an mein Geluͤbde. Ich ſchwur— ſchwur den furcht⸗ barſten, gotteslaͤſterlichſten Eid,— daß ich bereit ſey jedes ihrer Gebote zu erfuͤllen. — Nun denn!— rief ſie:— ſo trinke erſt auf das gluͤckliche Ende Deines Unternehmens! Die Zelle 4* — — ————ᷣ—ᷣᷣᷣᷣᷣ Shtzzen aus Belgien. einer Nonne iſt nicht ſo arm als ſie ſcheint.— Mit dieſen Worten brachte ſie Wein herbei. Ich ſtuͤrzte ein Glas nach dem andern hinunter, und fuͤhlte wie in meinem Kopfe es wilder und betaͤubter wirbelte als je. Da ſchloß ich die Nonne in meine Arme. — Halt! ſchrie ſie; noch nicht— erſt muß Du dein Werk vollbringen.— « Ich bin bereit zu allem was du begehren, und was ein Menſch erfuͤllen kann;“» entgegnete ich. Hier nahmen ihre Blicke einen neuen Ausdruck an— be⸗ deutungsvoll— finſter— verzweifelnd. Du wirſt alſo nicht zoͤgern?“ fragte ſie, und ihre Worte ſchie⸗ nen ihre Kehle ſprengen zu wollen.«Stell' mich auf die Probe!“ rief ich aus in wilder, leidenſchaftlicher Aufregung.— Nun, ſo ſtaͤhle Deine Nerven, um das Furchtbarſte zu ertragen— Du haſt ein finſte⸗ res, unſeliges Werk zu vollbringen— nichts was Deinen maͤnnlichen Geiſt erregen— nichts was Dein jugendliches Blut befeuern koͤnnte. Mein Unrecht iſt ſchon geraͤcht— Du ſollſt nur Opfer und That in ewige Nacht verbergen. Blick' her— aber feſt und kuͤhn!— Mit dieſen Worten zog ſie den ſchwar— zen groben Vorhang vom Lager zuruͤck.— O! welch ein Schauer des Entſetzens durchrieſelte mich, als ich hinblickte.— Der Leichnam eines Prieſters in ſeiner Amtstracht, lag ausgeſtreckt auf dem Bette. Sein Geſicht zeigte, daß er ein junger Mann geweſen.— Mit ſͤrzte te wie irbelte me. 5 Du , und Hier — he⸗ wirſt ſchie⸗ h auf tlicher , um finſte was Dein nrecht That feſ hwar⸗ welch ls ich ſeiner Sein n. Die kiloſter⸗Zelle. 77 Zwei bis drei Wunden klafften auf Bruſt und Seite. — Seine Zuͤge waren verzerrt— ſeine Augen weit vorſtarrend— ſein Mund ungeſchloſſen.— Ich konnte einige Momente lang meine Augen nicht wieder hin⸗ wegwenden. Ich war wie angefroren am Boden. Endlich blicke ich auf ſie. Ihr Geſicht war faſt ſchwarz vom Andrange des wild erregten Blutes. Alle finſtere Leidenſchaften der Seele ſchienen zu wetteifern, ihm den duͤſterſten, haͤßlichſten Ausdruck aufzupraͤgen. In dieſem Augenblicke fuͤhlte ich nichts als Abſcheu und Furcht. Es war mir, als ſtuͤnde ich neben einem boͤſen Geiſte in menſchlicher Geſtalt. «Wohlan!“ ſagte ſie mit daͤmoniſcher Gewalt; „ jetzt vollziehe dein Geluͤbde. Ergreif' dieſen widri— gen Leichnam, trag' ihn fort von hier und wirf ihn in den erſten beſten Kanal.⸗ — Ich glaubte zu Boden ſinken zu muͤſſen. Nichts konnte ſo empoͤrend fuͤr mich ſeyn, als dies. Selbſt ein Mord wuͤrde meine wahnſinnige Leidenſchaft nicht abgeſchreckt haben. Aber jetzt war alles anders, und ich abgekuͤhlt und erſtarrt, und dieſe kaltbluͤtige Theil⸗ nahme an der ſchaudervollen That uͤber meine Kraͤfte. Ich ſagte ihr, daß ich das nicht koͤnne. Ach! warum ſchwand mir nicht das Gedaͤchtniß fuͤr das was nun folgte! Ich kann es nicht wiederholen— ein Eid— meine Ehre iſt verpfaͤndet— aber noch mehr, ihr Leben ſteht auf dem Spiele. Und ſie ſelbſt muß nichts Sſtizzen aus Belnien. zu befuͤrchten haben. Was nur eine weibliche Geſtalt traͤgt iſt geheiligt gegen Maͤnnerverrath.— Denke Dir ſelbſt Alles uͤbrige, mein Freund!— ihre uͤber— waͤltigenden Schmeicheleien— meine raſende ungezuͤ⸗ gelte Leidenſchaft!— Gerechter Himmel, laß mich einen Schleier uͤber dieſe Scene werfen— mir ſelbſt verhaßt, laß ſie mich auf ewig auch vor mir ſelbſt verbergen!» Hier ſank der junge Mann, von innerm Vorwurf erſchoͤpft in ſich ſelbſt zuſammen, und ſtieß nur noch abgebrochene Worte aus, deren furchtbaren Zuſammen⸗ hang ſein Freund nur zu gut ahnete. Dieſer brachte ihn durch treue Sorgfalt wieder zu ſich, und ſein erſtes Beſinnen war quaͤlende Angſt, er moͤchte die Geheimniſſe der Nonne verrathen haben. Sein Freund verſicherte ihm, daß dies nicht geſchehen ſey; er ward dann ruhiger und ſetzte ſeine Erzaͤhlung weiter fort. «So nahm ich denn den ſtarren, blutigen Koͤr⸗ per auf meine Arme, und ſchwang ihn mit daͤmoni⸗ ſcher Kraft uͤber meine Schultern. Sie ſchlug den Mantel verhuͤllend um mich und ihn, und fuͤhrte mich fort. So ſtiegen wir hinab— des Leichnams Wange an die meinige gelehnt, und ſeine Haͤnde gegen mich ſchlotternd ſo wie ich vorwaͤrts ſchritt. Wie behielt ich nur Kraft, dies zu ertragen?“» Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ihn ein heftiger innerer Krampf befiel. Sein Geſicht zuckte eſtalt Denke üͤber⸗ gezü⸗ mich ſelbſt ſelbſt wurf noch men⸗ achte ſein die reund ward ort. Koͤr⸗ noni⸗ den ührte nams ande hritt ihn uckte Die loſter⸗Zelle. 79 und ward ganz dunkel. Kalter Schweiß ſtroͤmte von ſeiner Stirn hernieder. Seine Augen rollten, ſeine Lippen bebten, und in ſeinem ganzen Weſen druͤckten ſich die Schauer der Todesangſt aus. Er ergriff ſei⸗ nes Freundes Hand, konnte aber nicht ein Wort uͤber die Lippen bringen. Jener rief laut nach Huͤlfe, und im Augenblicke war das Zimmer mit Polizeiſoldaten angefuͤllt, an deren Spitze ſich zwei Magiſtratsperſo⸗ nen befanden. Dieſe begannen nun mit geziemender obrigkeitli⸗ cher Ruhe und Gleichguͤltigkeit zu unterſuchen, und den ſchmerzlich leidenden Gegenſtand ihres Nachfor⸗ ſchens und der geſetzlichen Strenge in's Verhoͤr zu ziehen. Aber ſein Freund, der ſich immer nur aͤmſig beſtrebte, dem ohnmaͤchtigen Gefaͤhrten beizuſtehn, wies ſie zuruͤck und fragte, mit welchem Rechte ſie ſich hier eindraͤngten? Sie zeigten dagegen eine weibliche Handſchrift vor, welche beſagte, daß an dieſem Mor⸗ gen ein Mord an einem jungen Dominikaner, dem Beichtvater des Kloſters, begangen worden ſey, der Koͤrper verborgen gehalten werde, aber in dieſer Nacht zwiſchen neun und zwoͤlf Uhr, durch den Thaͤter in einen benannten Kanal ſolle geworfen werden. Dieſe Anzeige war am Abend insgeheim in die Haͤnde der Polizei geſpielt worden; man hatte daher zur darin beſtimmten Zeit an dem gedachten Orte aufgepaßt, die Wahrheit der Anzeige in Erfahrung gebracht, und 80 Shizzen aus Velgten. war dem uͤberfuͤhrten Moͤrder ſomit auf die Spur gekommen. So ſprach der Anfuͤhrer der Polizeiwache. Der Amerikaner erkannte auf der Stelle in ihm den Mann, der in den Abenteuern des abgewichenen Ta⸗ ges bereits eine Rolle geſpielt hatte. Er erinnerte ſich an deſſen Unwillen gegen ſeinen ungluͤcklichen Freund, und an die halb ausgeſtoßenen Drohworte. War der Mann vielleicht in dieſe That mit verwickelt, mit dieſem weiblichen Daͤmon verbunden, die in dem un⸗ beſonnenen, feurigen jungen Manne ein Werkzeug ge⸗ funden hatte, ihre Schuld zu verbergen, und dann den ſichern Plan entworfen, das fruͤhere Geheimniß und dieſes neue Opfer zugleich untergehn zu laſſen? Waͤhrend dieſe Gedanken ſeinen beaͤngſteten Geiſt durchkreuzten, entwickelte ſich ungluͤcklicherweiſe noch ein ſichreres und toͤdtlicheres Mittel, Geheimniß und Schuld zu verbergen, denn mit jedem Augenblicke gab der lei⸗ dende Verbrecher, wofuͤr man ihn jetzt hielt, furcht⸗ barere Zeichen zunehmenden Todeskampfes von ſich. Von Minute zu Minute ſteigerte ſich ſein gefaͤhrlicher Zuſtand, und bald ſchien alles Leben in ihm zu enden. Seine Augen brachen, ſeine Hand hing regungslos herab, und alle Anzeigen des Todes erſchienen. Die letzten Worte, die er ſprach, waren:«Der Wein— der Wein! — vergiftet!“ Da befreite ihn die letzte gewaltige Zuckung von Qual und Leben! Spur iwache. hm den en Ta⸗ rte ſich Freund, War t, mit im un⸗ uug ge⸗ dann eimniß iſſen? Geiſt och ein Schuld der lei⸗ furcht⸗ ſich rlicher enden. herab/ letzten Wein! valtige Die Itloſter⸗Selle. 81 Wie von einem Blitzſtrahle getroffen, ſtand der Freund neben dem Leichname, die eine zuſammengezo⸗ gene Hand noch in der ſeinen haltend, und ſtarrte auf das bleiche verzogene Angeſicht. Die Beamten ſchauderten bei der unerwarteten Kataſtrophe, die den Geſetzen ein Opfer entriß. Sie begannen jedoch nun auf der Stelle Anſtalten zu treffen, um ihren Bericht uͤber die Ereigniſſe dieſer Nacht abzufaſſen, und lie— ßen dem uͤberlebenden Reiſenden nur ganz kurze Zeit bevor ſie ihre Fragen an ihn richteten, indem ſie ihm warnend vorhielten, daß er einer Mitwiſſenſchaft des Mordes hoͤchſt verdaͤchtig ſey, da man ihn an dem Orte geſehen, wo der Leichnam in das Waſſer gewor— fen worden, und er mit dem unſeligen Vollbringer dieſer That in das Gaſthaus wieder zuruͤckgekehrt ſey. Dies klang ernſthaft genug, und der Amerikaner beſaß mitten in ſeiner Bekuͤmmerniß die Geiſtes⸗ ſtaͤrke und Beſonnenheit, ſeine uͤberaus gefaͤhrliche Lage von allen Seiten zu uͤberſchauen. Es war ihm klar, daß, wenn der rachſuͤchtige Geiſt religioͤſer Ver⸗ folgung in's Spiel komme, Veranlaſſung genug vor⸗ handen ſey, ihn zum Opfer zu machen, und bei aller Verwirrung dieſes furchtbaren Auftritts blieb ihm noch ſo viel feſter Entſchluß und hinreichende Ruhe, um den beſten Weg in allen Verlegenheiten des Lebens einzuſchlagen, naͤmlich den, die unverſtellte Wahrheit 4** 82 Sützzen aus Belgten. ruͤckſichtslos zu enthuͤllen. Er ſagte alſo faſt Wort vor Wort, was wir bis hierher geleſen haben, mit groͤßter Genauigkeit aus. Dieſe ſonderbare Mittheilung ſetzte ſeine Inqui⸗ renten in Staunen und Verlegenheit. Sie konnten an der Wahrheit ſeiner Ausſage nicht zweifeln, denn ſie trug in jedem Worte und Blicke des Amerikaners den Stempel unverſtellter Aufrichtigkeit. Aber ob ſie gleich, jeder fuͤr ſich und in ihrem Herzen, dieſe ſchreck⸗ lichen Thatſachen glaubten, ſo war es doch auch zu⸗ gleich bei ihnen entſchieden, daß man ſie oͤffentlich und ſo zuſammengeſtellt nicht einmal dulden duͤrfe. Ein ſo gewaltiger Stoß fur die Froͤmmigkeit der Stadt — die Tugend der frommen Schweſterſchaft— die Unverletzlichkeit des Glaubens— die Heiligkeit und Unfehlbarkeit der Mutterkirche! Nein, nein! das durfte nicht vor die Ohren der Welt kommen! Der todte Prieſter mußte aus dem Waſſergrabe geſiſcht, und ſtill in eines von Erde gelegt werden. Ueber ſein Ver⸗ ſchwinden mußte man ſich wundern, ſeinen Tod aber verheimlichen. Die Nonne, ihre Thaten und ihre Werkzeuge mußten ebenfalls im Dunkel und Zweifel bleiben. Wahrheit, die arme Wahrheit mußte auf ewige Zeiten ohne Bedenken, und ſo, daß ſie nie wie⸗ der aufwachen konnte, beſeitigt werden! Gegen dieſe Unterdruͤckung von Thatſachen zeigte ſich nur eine einzige Hinderniß. Die Ausſage des Wort n, mit Inqui⸗ konnten , denn lkkaners ob ſie ſchreck⸗ ſch zu⸗ entlich duͤrfe. Stadt — die t und durfte todte „und Ver⸗ d aber ihre weifel e auf e wie⸗ jeigte e des Die Iloſter⸗Zelle. 83 Amerikaners war ein ſtarkes Beweismittel, und er ſelbſt ſchien Mann's genug, um zur Vertheidigung der Ehre ſeines gemordeten Freundes es laut auszu⸗ ſprechen, ja, gegen den muthmaßlichen Thaͤter um Rache zu ſchreien. Indeß glaubte die obrigkeitliche Junta auch dieſe Schwierigkeit beſeitigen zu koͤnnen. Sie ſtellte daher zufoͤrderſt dem jungen Manne ſeine eigene perſoͤnliche Gefahr vor, wenn man in der Un⸗ terſuchung gegen ihn weiter ſchritte; ſodann zeigte man ihm die Unmoͤglichkeit, einen Beweis fuͤr das zu fuͤh⸗ ren, was er in ſeiner Erzaͤhlung kund gethan, da der einzige Zeuge dafuͤr nicht mehr am Leben ſey, und verſicherte ihm endlich, daß der gute Name ſeines Freundes nicht gefaͤhrdet werden ſolle, da ja, wenn die ganze Verhandlung unterdruͤckt werde, auch ſeiner nicht weiter Erwaͤhnung geſchehe. Man ſchlug ihm da⸗ her vor, ſich auf der Stelle fortzubegeben, und dem Gericht die Sorge zu uͤberlaſſen, den Leichnam ſeines Freundes anſtaͤndig zu beerdigen, der ihm doch eine ſolche nothgedrungene Entfernung nicht einmal zum Vorwurf machen koͤnne. Der Amerikaner fuͤhlte ſich zwar anfangs durch den Gedanken, die letzten Freundſchaftspflichten durch fremde Hand erfuͤllen zu laſſen, empoͤrt; aber er war eben ſo aufgeklaͤrt als theilnehmend. So uͤberlegte er ſich denn die Sache von allen Seiten, und nahm end⸗ lich dieſes gegenſeitige Einverſtaͤndniß an. Er verließ 84 Sntzzen auz Velgien. die Stadt allein, noch in derſelben Nacht, in fin— ſterer Geiſteszerſtoͤrung und mit krankem gebrochenen Herzen, doch in dem Bewußtſeyn, nur auf dieſe Art ſein eigenes Leben ſicher ſtellen und den uͤbeln Nach⸗ ruf fuͤr ſeinen Freund vermeiden zu koͤnnen. Wohin er ſich gewendet habe, weiß ich nicht, konnte auch keinen Namen der Theilnehmenden erfahren. Jeder welcher bei dieſer Sache betheiligt geweſen war, ſchwur heilige Verſchwiegenheit, und die Dro— hung augenblicklicher Entlaſſung war ein ſtaͤrkeres Bin⸗ demittel, das Beſchworne nicht zu veroͤffentlichen. Deſ⸗ ſenohngeachtet ward alles nach und nach kund, und von einem der Vielen, denen es unter dem Siegel des Geheimniſſes anvertraut war, gelangte es zu mei⸗ ner Feder, die, da ſie kein Geluͤbde des Schweigens gethan und keine Stelle zu verlieren hat, nicht den Vor⸗ wurf des Eidbruchs oder der Unbeſonnenheit befuͤrchten darf, wenn ſie dieſe Geſchichte weiter mittheilt. ohin auch weſen Dro⸗ Bin⸗ Deſ⸗ und iegel mei⸗ gens. Vor⸗ chen Die Crappiſten von ltatzenberg. Unmittelbar an der Graͤnze von Frankreich und Belgien, und ſo vollkommen«ſtreitig“», daß die Ein⸗ wohner durchaus nicht wiſſen, welcher von beiden Na⸗ tionen ſie angehoͤren, liegen mehrere Huͤgel, welche man in dieſer flachen Gegend fuͤr Berge von ziemlicher Bedeutung haͤlt. Es ſind deren ſechs bis ſieben, je— der ein paar hundert Fuß hoch, und darin ſo wenig, wie in ihrer ganzen Bildung verſchieden, daß man deutlich ſieht, die Mutter Erde habe ſie alle zugleich geboren. Wenn man die weſtlichen Gegenden Belgiens von Norden nach Suͤden durchſtrichen hat, ohne auch nur einen einzigen Fleck Erde zu ſehen, der hoͤher als ein Maulwurfshaufen waͤre, und uͤber einen Theil des Angeſichts der lieben Natur hinwegkommt, das ſo gleich und eben iſt, daß man ein Paar Warzen eher fuͤr Verſchoͤnerungen als fuͤr Verunſtaltungen anſehen wuͤrde, ſo macht es wahres Vergnuͤgen, dieſe Graͤnz— huͤgel ſich erheben, und etwas Emporragendes zwiſchen ſich und dem bisher unterbrochenen Kreiſe des Hori⸗ zonts aufſteigen zu ſehen. 86 Sützzen aus Belgien. Nie erblickte ich einen Berg, oder ſelbſt einen Huͤ⸗ gel von nur einiger Bedeutung, ohne die Luſt in mir zu fuͤhlen, ihn zu erklimmen. Auch die Huͤgelgruppe vor mir erregte natuͤrlich dieſelbe Empfindung in ho⸗ hem Grade, waͤre es auch nur um ihres Kontraſtes willen, mit der toͤdtenden Einfoͤrmigkeit die nun hin— ter mir lag, geſchehen. Sie ſind aber auch an ſich ſehr pittoresk, ſchoͤn bewachſen und mehrere an ſich verſchiedene landſchaftliche Gemaͤlde bildend. So zo— gen ſie mich denn gar ſehr an, aber nie war ich we— niger im Stande meinen Wuͤnſchen nachzuleben und ihre Schoͤnheiten zu erforſchen als dieſesmal. Aus Gruͤnden, die fuͤr den Leſer ſehr unwichtig ſeyn wuͤr— den, fuͤr mich ſich aber im hoͤchſten Grade entſchei— dend zeigten, war ich damals nicht Herr meiner Beine. Sie benutzten den Vortheil eines langen Unwohlſeyns um mir den Gehorſam aufzuſagen, und weigerten ſich mir zu gehorchen, ob ſie gleich auch gaͤnzlich außer Stande waren fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen. Die Folge davon war, daß ich der Einuͤbung wegen, zu jenen vorher ſchon beſchriebenen Maſchinen, den Dorf⸗Ka⸗ briolets, meine Zuflucht nehmen mußte. Und ſo ſaß ich denn damals eben in der rechten Ecke eines der ſchlechteſten derſelben, waͤhrend der Fuhrmann wie ge— woͤhnlich die linke einnahm. Dieſer war aber von ſeinem Herrn Collegen, von dem ich den Leſern be— reits eine Skizze gegeben habe, himmelweit verſchie⸗ Bie Crappiſten von Itatzenberg. 87 den. Es war naͤmlich dieſe treffliche Perſon, eine alte Frau, die Eigenthuͤmerin des Wagens ſelbſt, die, weil ihr regelmaͤßiger Fuhrmann eben in einem Fie⸗ beranfalle, wie ſie in dieſen Niederungen uͤblich, klap⸗ perte, ſein Geſchaͤft uͤbernahm, und nachdem ſie erſt mit mir uͤber den Preis bis auf's Blut gehandelt hatte, am Rade hinauf kroch und ſich neben mich ſetzte. So fuhren wir denn ein Paar Stuͤndchen fort, ohne daß ich mich darum bekuͤmmerte, wohin; der Zufall fuͤhrte mich aber nach den Bergen. Es hat wol noch nie ein unvertraͤglicheres Ge⸗ ſpann gegeben, als wir es waͤhrend der erſten Stunde waren. Keine Beruͤhrung auch der entfernteſten Art fuͤllte den leeren Raum zwiſchen uns aus, denn ich hatte mich ſo in meine Ecke gedruͤckt, daß die Frau voͤllig freien Spielraum mit ihren Ellenbogen bekam. Auch ward kein Wort zwiſchen uns gewechſelt. Sie war aber auch im hoͤchſten Grade abſtoßend, offenbar ein geiziger Drache, ohne auch nur die mindeſte Spur von Gutmuͤthigkeit, mit jener Nußknacker⸗Phyſiogno⸗ mie, aus der ſogleich Rohheit und Haͤrte blickt, und einer ſo ſauern Miene, daß dieſe eben ſo viel gewirkt haben wuͤrde, als ein Wagen Hannibaliſchen Wein⸗ eſſigs, als der Held ſich ſeinen Weg durch die Alpen damit bahnte. Sie war ſo ſchweigſam, daß ſie auch nicht einmal ein Woͤrtchen zu ihrer alten grauen Stute murmelte, die ihren magern Schweif manchmal nach 88 Skizzen aus Belgien. ihr hin ſchwenkte— als eine Art Vorwurf, wie mir's ſchien. So waren wir ſchweigend und ungeſellig weiter gefahren, bis wir ganz nahe an den Fuß der Huͤgel ka⸗ men, die, je mehr wir uns nahten, deſto ſichtlicher ihre verſchwiegenen Thaͤler zeigten. Ein kleines Dorf lag etwa eine Viertelſtunde vor uns dicht am Fuße des einen, und als der Weg langſam bergan zu gehen an⸗ fing, wandelte ſich der Schritt der alten grauen Stute auch allmaͤhlich aus Trott in Paß, und von Paß in Schritt. Dem zu Folge machte ſich's die Alte auch zuerſt bequem, dann legte ſie die Peitſche in die Ecke neben ſich, ließ den Zuͤgel auf dem Nacken des Roſ⸗ ſes ruhen, und lehnte ſich endlich ſelbſt in den Wa— gen zuruͤck, worauf ſie eine Priſe nahm, mir desglei⸗ chen eine anbot und endlich zu ſprechen begann.« Aha! — ſchon gut— recht ſchoͤn!— Nun koͤnnen wir es uns bequem machen. Geh nur immer deinen Schritt fort, mein Thierchen. Deine Beine und meine Arme koͤnnen nun ausruhen, und das haben ſie wahrhaftig recht noͤthig, wenn man beinahe zwei Stunden ſo ſcharf zufaͤhrt.“” So viel gehoͤrte von ihrer Unterhaltung ihr ſelbſt und ihrem Roͤßlein. Nun ſchwieg ſie ein Weilchen, dann aber nahm ſie ein langes Einſchlagemeſſer aus der Taſche, und zog unter'm Stroh am Boden des Wagens ein altes Taſchentuch hervor, das ein ſchon wie eiter el ka⸗ ihre fag des an⸗ Stute ß in auch Ecke Noſ Wa⸗ gglei⸗ Ahal ir es chritt Arme haftig en ſo ſelbſ chen, aus ndes ſchon Die Crappiſten von Matzenberg. 89 fertiges Gemiſch von Bohnen⸗ und Hafermehl ent⸗ hielt. Dabei ſorgſam verwahrt, und uͤberdies in ein Blatt ſchmutzigen Papiers eingeſchlagen befanden ſich auch noch einige dicke Butterſchnitte von ſchwarzem Brote, und verſchiedene Streifen kalten Schweine— ſpecks, welches zuſammen eine Mahlzeit bildete, die wol zu den ſolideſten aber auch zu den abſtoßendſten gehoͤrt, die ich noch jemals geſehen. Als mir meine Gefaͤhrtin einige Proͤbchen dieſes Gerichts anbot, ver⸗ zogen ſich ihre ſtarren Geſichtszuͤge zu einem Laͤcheln, das ein Gemiſch von ſauer und ſuͤß, und ſo eckelhaft wie ein Huſten⸗Traͤnkchen war. Ich lehnte dieſe Hoͤf⸗ lichkeit ab, und ſah nun ohne den geringſten Neid ihr zu, wie ſie den groͤßten Theil dieſer Koͤſtlichkei⸗ ten in ſich mumpelte, und ſie mit einigen derben Schlucken Bier aus einer gewaltigen Flaſche, die in der Kabriolettaſche ſteckte, hinunter ſchwemmte. Die fluͤſſigen und feſten Aufregungen wirkten maͤchtig auf meine Gefaͤhrtin ein, denn ſie ward auf einmal ſo geſpraͤchig, als ſie vorher ſchweigſam geweſen war, und ihre Unterhaltung wendete ſich gluͤcklich genug fuͤr mich auf die Gegenſtaͤnde, die meine Neugier ſo ſehr zu beſchaͤftigen anfingen. «Nun, da ſind wir denn mitten in den Bergen, lieber Herr, und es wird meinem armen Thiere da ſauer werden, bis zu dem Dorfe dort hinanzuklim⸗ men. Ich weiß gar nicht, welcher Satan mich ge⸗ 90 Sktizzen aus Velgten. plagt hat, den Weg hieher einzuſchlagen, ſtatt den ebenen gerade aus zu nehmen. Nun ſind wir aber einmal da,— alſo hilft alles Jammern nichts, und geht's wieder bergab, ſo flekt's um ſo beſſer. Seyn Sie nur guter Dinge, lieber Herr! wir bekommen im Dorfe einen guten Trunk Milch, und friſches Brod und Butter, einen Schmaus den manche Leut⸗ chen kaltem Schweinebraten und Buttelbier vorziehen. Auf Ihre Geſundheit, mein Herr!“ und damit ſchluͤrfte ſie vollends die Hefen aus ihrer Flaſche hinunter. — Weiß Sie, wie dieſe Huͤgel hier heißen?— fragte ich. «Ei, das will ich meinen! Ich muͤßte ja ganz dumm ſeyn, wenn ich die Berge da nicht kennte, wo ich ſo lange gelebt habe, und wo mein armer Mann ſich verewigte.”» — Ein Held! Bei'm Jupiter!— dachte ich und horchte aufmerkſam. «Ja, ja, die kenne ich recht gut,“» fuhr die Dame fort;«und Sie ſollen ſie auch kennen lernen, wenn Sie wollen. Der da rechts vor uns iſt der Roſen⸗ berg, ſo benannt von den blutigen Mordthaten, die nach der Schlacht von Kaſſel, vor mehr als tauſend Jahren, die Erde ganz roth faͤrbten. Es ging da los zwiſchen den Einwohnern von Bruͤgge und Julius Caͤſar, oder den Herzog von Alba, ich weiß das nicht ſo genau, aber mein armer Mann haͤtt's Ihnen er⸗ Bie Crapptſten non Iiatzenberg. 91 zaͤhlen koͤnnen, wie er mir's oft erzaͤhlt hat, mir ar— men verlaſſenen Frau. Dort liegt Scharfenberg, hoch und ſteil und felſig wie ſein Name, und Schwarzen⸗ berg, ſo ſchwarz als der Teufel ſelbſt, der ſonſt vor alten Zeiten oben auf deſſen Gipfel ſaß, und auf die Eremiten lauerte, die ſich ihre Zellen in der Erde ausgruben, lange bevor das Beneddiktinerkloſter zer⸗ ſtoͤrt und die garſtigen Moͤnche von dem Volke maſſa— krirt wurden, das mein eigener rechtſchaffener Mann, Peter Zannekills, anfuͤhrte, fuͤr welche gute That der Himmel ſeiner Seele gnaͤdig ſeyn moͤge. Amen! Hier nahe bei uns liegt der Katzenberg—” — Liebe Frau,— fiel ich ein,— ehe Sie wei— ter fortfaͤhrt, habe Sie doch die Guͤte mir die Urſache zu erzaͤhlen, weshalb jene Zerſtoͤrung des Kloſters ge⸗ ſchah.— «Sie muͤſſen nicht eben ſehr gelehrt ſeyn, wenn Sie nicht eine der tapferſten Thaten in der Weltge⸗ ſchichte kennen:“» entgegnete ſie mit einer Lebhaftigkeit, welche jede Muskel ihres Geſichts in Bewegung ſetzte, und mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln um Lippe und Na⸗ ſenfluͤgel, das ihr graues Schnauzbaͤrtchen ſehr male⸗ riſch in die Hoͤhe zog.«Ja,“ fuhr ſie fort,«ich ſollte doch glauben, jedermann muͤßte das wiſſen, daß die Benediktiner die zuletzt in dem alten Schwartzen⸗ berger Kloſter hauſeten, bis auf den letzten Mann umgebracht, und ihnen ihr ſuͤndhaftes Neſt uͤber dem 9² Sktzzen aus Belgien. Kopfe eingeriſſen worden iſt, ſo, daß kein Stein auf dem andern blieb, wie Sie noch aus dem Grunde ſe⸗ hen koͤnnen, der da vor Ihnen in Truͤmmern liegt, bis auf die finſteren Keller, wo ihre ungluͤcklichen Schlachtopfer hineingelockt wurden.» Als ich der guten alten Frau mit wahrer Demuth meine gaͤnzliche Unwiſſenheit in alle dem bekannte, und gar kein Bedenken bei ihren genealogiſchen und chronologiſchen Angaben zeigte, ſo ließ ſie ſich in ein ſehr weitlaͤufiges Detail der Unthaten ein, die man gewoͤhnlich der Benediktiner Bruͤderſchaft zuſchreibt. Unter andern hat der allgemeine Glaube ihr Anden⸗ ken mit der Schandthat geſtempelt, daß ſie alle ſchoͤ— nen Frauenzimmer der Nachbarſchaft in einen gewiſ⸗ ſen Theil des Kloſters gelockt haͤtten, wo ſich dann eine Fallthuͤre unmittelbar unter ihren Fuͤßen geoͤff⸗ net, und ſie wer weiß wie viele Klaftern tief in Hoͤh⸗ len herabgeſtuͤrtzt waͤren, wo die lebensluſtigen Moͤnche ihnen alle Annehmlichkeiten, nur nicht friſche Luft und Tageslicht haͤtten zukommen laſſen. Dort haͤtten dann die ungluͤcklichen Schlachtopfer ſchmachten muͤſ⸗ ſen, bis ein fruͤhzeitiges Hinwelken ihre Schoͤnheit zerſtoͤct, wo ſie dann die gottloſen Moͤnche nach und nach vollends zu Tode gemartert. Die Kin⸗ der waͤren auf der Stelle getoͤdtet worden. So ſey denn die ganze Gegend umher eine lange Zeit in der groͤßten Gaͤhrung geweſen, indem, wie meine Alte ſich in auf de ſe⸗ liegt, klichen emuth kannte, n und in ein man hreibt. Anden⸗ eſchi⸗ gewiſ dann gedff bih oͤnche eLuſt haͤten müͤſj ünheit nach Kin⸗ So ſey in der lte ſch Die Crappiſten von liatzenberg. 93 ausdruͤckte, ein ſchoͤnes Weibsbild um Schwartzenberg her ein eben ſo ſeltnes Thier geworden, als eine wilde Katze in den Waͤldern von Katzenberg, ſeit Paul Schoonen, der Jaͤger, dazu gebraucht worden, ſie fuͤr fuͤnf Gulden das Dutzend wegzufangen. Endlich habe eine hoͤchſt traurige Kataſtrophe der Laufbahn dieſer moͤnchiſchen Buͤberei ein Ende ge⸗ macht. Eins der Schlachtopfer, eine verheirathete Frau, ſei durch eine Art Wunder, das ich nicht recht ver⸗ ſtehen konnte, entwiſcht. In der Nacht ſey ſie zu ihrer Huͤtte geflohen, und ihr Mann auf den Tod erſchrok⸗ ken, als ſie ganz unerwartet, einem Geſpenſte gleich und ganz veraͤndert erſchienen. Die Frau habe ihm nun kurz und buͤndig die Geſchichte ihrer Gefangen⸗ ſchaft und ihrer Leiden erzaͤhlt, ihm geſagt, wie ſie von einem raͤuberiſchen Prieſter, als ſie des Abends nicht weit vom Hauſe eine Ziege aufgeſucht, die ihr von der Weide entlaufen, fortgelockt worden ſey, wie der ehrwuͤrdige Pater ſie in das Gebiet des Kloſters gekirrt habe, und bis in das Zimmer, wo ſie dann ploͤtzlich in den Abgrund verſunken, wie die beiden Knaben, die ſie in dieſem Kerker geboren, nie das Tageslicht erblickt und durch ihren eigenen Vater un⸗ barmherzig erwuͤrgt worden ſeyen, und wie ſie endlich nach einer Gefangenſchaft von faſt drei Jahren ihrer Huͤter Wachſamkeit getaͤuſcht habe und entflohen ſey. — Wie gluͤcklich muß doch der Mann geweſen 94 Skizzen aus Belgien. ſeyn, daß er ſeine Frau wieder hatte!— rief ich in meiner Unſchuld aus. «Das will ich glauben,“» entgegnete ſie und nickte ſelbſtgefaͤllig mit ihrem bejahrtem Haupte. — Und was that der Mann?— fragte ich weiter. „Nun, er herzte ſein ſchoͤnes Weibchen nach Her⸗ zens Luſt, dankte dem Himmel, ſteckte ein Meſſer in ſeinen Lederguͤrtel, nahm ſeine Hacke in die eine und ein brennendes Buͤndel Reis in die andere Hand, weckte die Nachbarſchaft, und war der erſte, der das Kloſter anzuͤndete, und die Metzelei damit anfing, daß er dem Prior die Kehle abſchnitt. — Aber Sie hat da wieder vergeſſen, liebe Frau, daß Sie mir ſagte, Ihr Mann ſey der Anfuͤhrer bei dieſer Sache geweſen.— „Und wer hat denn das Gegentheil geſagt? War nicht Peter Zannekills mein Mann, und ging ich nicht Hand in Hand mit ihm und ſtand bei ihm bis zuletzt wo das ganze Gebaͤude zuſammenſtuͤrzte, und das Andenken an den Boͤſewicht mit begrub, der mich in's Verderben gebracht?“ — Wier was? Sie war die ſchoͤne Frau?— Sie das Weib, deren Mann Gott dankte es wieder zu haben?— « Ja, Mynheer, ich war das, und dreißig Jahre hinter drein genoß er noch das Gluͤck mich zu ſeiner treuen Gehuͤlfin zu haben, zum Erſatz fuͤr die drei — ich in nickte eiter. Her: ſer in ſe und Hand, r das 3 daß Frau, fuͤhret War 9 ich m bis / und rmich 12— wieder Jahte ſeiner e drei Bie Crappiſten von Matzenberg. 95 Jahre unſerer Trennung, und er trennte ſich nur von mir auf ſeinem Todbette, in der frohen Hoff⸗ nung, daß ich—» — Noch lange ihn uͤberleben moͤchte?— «Richtig, Mynheer.» — Was fuͤr ein ſchrecklicher Anblick muͤſſen die brennenden Truͤmmer und die gemordeten Prieſter ge⸗ weſen ſeyn!— rief ich aus. «Das will ich glauben! aber doch hatte man auch wieder ſeine Freude daran, wenn man ſo Grauſam⸗ keit und Wolluſt in Blut und Flammen untergehen ſah! Ein ſchauderhafter Anblick war es aber beſon⸗ ders, die geſpenſtergleichen Frauen zu erblicken, wie ſie von Furcht und Freude faſt wahnſinnig aus den unterirdiſchen Gewoͤlben flohen, und bei der friſchen Luft, die ſie ſo ploͤtzlich umwehte, in Ohnmacht ſanken! Reden wir aber nicht mehr von den todten Moͤnchen, da es ja noch eine Menge lebendiger Trapiſten hier in Katzenberg giebt. Steh' mir Gott bei, wenn dort nicht einer ganz nahe bei uns iſt— ja, ſogar zwei! — Wir wollen geſchwind von dieſer einſamen Stelle fortzukommen ſuchen.— Ich moͤchte um die Welt nicht ihnen in die Klauen gerathen.“» Waͤhrend ſie die alte Stute bis zu einer Art von Trott peitſchte, konnte ich mich eines Laͤchelns uͤber ihre Angſt nicht enthalten, die allerdings bei der Lage der Dinge vor vierzig Jahren paſſender geweſen ſeyn 96„Sühtzzen aus Belgien. duͤrfte. Ich nahm einſtweilen die Nachricht von ih⸗ ren ehemaligen Reizen fuͤr wahr an; der Gedanke, wie vergaͤnglich doch die aͤußere Schoͤnheit ſey, flog mir durch den Sinn, und ich fragte mich ſelbſt, ob⸗ wol irgend eine unſerer jetzigen Schoͤnen den Wie⸗ derſchein ihrer eigenen Liebenswuͤrdigkeit in dem Ge⸗ ſichte dieſes alten Muͤtterchens finden, oder ihre eigene Bluͤthe, bei der Ausſicht, was einmal kuͤnftig daraus werden koͤnne, geringer achten wuͤrde. Waͤhrend dieſer Zeit behielt ich die beiden Trap⸗ piſten beſtaͤndig im Auge, und Neugierde war ſtaͤrker als Ueberlegung und Philoſophie. Da jene damit be⸗ ſchaͤftigt waren, einige Kuͤhe zu weiden, die an dem Huͤgel graſeten, ſo hatten ſie ihre Geſichter vom Wege abgewendet. Die Geſtalten zeigten ſich in braunen Kutten gehuͤllt, deren Kapuzen uͤber den Kopf gezo⸗ gen waren. Außerdem war nichts weiter ſichtbar, als zwei ſtaͤmmige nakte Beine, womit ſie durch das Ge⸗ niſt und die Haide ſtiegen. Auch trugen ſie Schuhe, allein andere Kleidungſtuͤcke konnte ich nicht gewahr werden. Ob ſie unſer Naͤhern bemerkt haben moch⸗ ten oder nicht, war nicht zu ergruͤnden, doch ſchienen ſie entweder uns oder der Welt uͤberhaupt verach⸗ tungsvoll den Ruͤcken zuzuwenden. Wir erreichten nun bald das kleine Dorf, eine von jenen nettgebauten abgelegenen Wohnſtaͤtten, die fuͤr den Genuß deſſen, was das reizendſte, aber auch be⸗ ſchei⸗ von ih hedanke, e, flog bſt, ob⸗ n Wie⸗ em Ge⸗ e eigene daraus Trap⸗ ſeaͤrker zmit be⸗ an dem m Wege braunen yf gedo⸗ dar, als as Ges Schuh gewaht moche ſchienen verach⸗ ine von die fut nuch be⸗ ſchei⸗ Die Crappiſten von Itatzenberg. 97 ſcheidenſte im Leben iſt, gemacht zu ſeyn ſcheinen. Es befanden ſich nur zwei bis drei Haͤuſer darin die hoͤ— her als ein Stockwerk waren, und dieſe machten auch keine andere Anſpruͤche vor den andern als eben dieſe paar Fuß Hoͤhe. Ein freundliches Maͤdchen empfing uns vor dem Wirthshauſe, bluͤhender als die große Tulpe(ein Lieblingsſchild der Niederlaͤnder) die uͤber der Thuͤre gemalt zu ſehen war. Ein lahmer Haus⸗ knecht humpelte heraus, um meiner Alten ihre Stute ausſpannen zu helfen, waͤhrend das Maͤdchen, mir ein Glas voll koͤſtlicher friſcher Milch darreichte, welche ihr Laͤcheln in die«der frommen Geſinnung” zu verwandeln ſchien. Ich ſetzte mich auf die ſtei⸗ nerne Bank vor dem Hauſe, trank mein Glas vol⸗ lends aus und aß dazu ein Stuͤck von dem beſten Brote das ich je in und außerhalb Belgien gegeſſen habe, und Butter, die eben ſo ſehr einen reizenden Abdruck verdient haͤtte, als das ſchoͤne Geſicht derje⸗ nigen die ſie zubereitet. Indeß ich mich ſo beſchaͤf⸗ tigte, kaute das alte Roß das Gemiſch in dem Fut⸗ terkaſten den man ihm vorgeſetzt hatte, und die alte Dame beendete die Uberreſte ihres vorbeſchriebenen Fruͤhſtuͤcks mit einer Schnelle, die hinreichend bewies, daß ihre Zaͤhne der Zeit Trotz geboten. Ich blickte auf den Huͤgel der hinter dem Dorfe ſich erhob, und konnte durch den Flor von Rauch der in dem leichten Luftzuge wirbelte, der kaum Kraft 5 98 Sizzen aus Belgien. genug beſaß ein Blatt zu ruͤhren, oder einen Grashalm zu kraͤuſeln, deſſen kahle Seiten erkennen. Auf einem hoͤheren Punkte deſſelben zeigten ſich einige zerſtreute Huͤtten, und weiter oben, auf dem Gipfel ſelbſt ſtand wie man mir ſagte, das Trappiſten⸗Kloſter. Indem ich alle Kraft meines Willens und mei⸗ ner Muskeln zuſammennahm, und meinen treuen Stock erfaßte, der mir ſchon bei Anhoͤhen, die etwas betraͤchtlicher waren, als die welche jetzt vor mir lag, geholfen hatte, machte ich einem mich anglotzenden Burſchen, der nichts beſſeres zu thun zu haben ſchien, den Vorſchlag, mich auf dem leichteſten Wege zu die— ſem hohen Ziele meines Strebens, und dem hoͤchſten wahrſcheinlich, was er kannte, zu geleiten. Ein klei⸗ nes Silberſtuͤck ſchloß den Handel ab, und ich wan— derte fort, mich maͤchtig auf den Burſchen lehnend, und begleitet von vielen Warnungen meiner guten Alten, mich ja in Acht zu nehmen und vor Fallthuͤ⸗ ren zu huͤten.“» Nie mehr als jetzt fuͤhlte ich die Staͤrkung der Luft und der Bewegung. Bei jedem Schritte auf⸗ waͤrts ſchien eine Laſt von Muͤdigkeit und Schwaͤche den Huͤgel herab zu rollen. Meine Beine wurden elaſtiſch, mein Geiſt leicht, und ich fuͤhlte mich ſtaͤr— ker und juͤnger als ſeit Monaten. Dann und wann hielt ich an um auszuruhen, als ich aber auf die Hoͤhe gekommen war blieb ich bloß ſtehen um die Ausſicht rashalm uf einem erſtreute bſt ſtand und mei⸗ n treuen ie etwas mir lag, lotzenden en ſchien, e zu die hoͤchſten Ein klei ich wan⸗ lehnend, ar guten Fallthi⸗ kung de ritte auß 2 chwaͤche wurden nich ſr und wann die Hoͤhe Ausſcc Die Crappiſten von Itatzenberg. 99 zu genießen und war in der That entzuͤckt. Eine weit ausgedehnte Landſchaft lag unter mir, aber ſie ſchien doch traut und gleichſam haͤuslich. Die zwei bis drei Staͤdte welche ich erblickte, ſahen nicht aus, als ob ſie bloß zum Beſuch da waͤren, wie ſolche die man von hoͤheren Berzen im Nebel ſchaut, ſondern erweckten Gefuͤhle des Heimiſchen und Ruhigen, ſtil⸗ ler Freude und geſelliger Kreiſe. In einer betraͤcht⸗ lichen Entfernung begraͤnzten die Ausſicht Waͤlder und Hoͤhen, und der hoͤchſte Gegenſtand war der Berg Caſſel, der einzeln und ſtolz daſtand und uͤber alle die andern Anhoͤhen die ich erblicken konnte weit hinwegſah. Ich mußte dieſem Huͤgel eine beſondere Verehrung widmen, als ich dieſe ſeine Auszeichnung gewahrte, und es beduͤnkte mich, als ob die Menſchen ſich ein Beiſpiel an Bergen nehmen und den Werth des Alleinſtehens von ihnen lernen koͤnnten. «Da iſt das Kloſter!» ſagte mein Fuͤhrer, ſobald er bemerkte daß mein Blick die rechte Richtung nehme. — Dies dar— rief ich aus, voll Verwunderung ſtatt eines finſtern Gebaͤudes, das man ſich immer unter dieſen Namen denkt, ein modernes, weiß ange⸗ ſtrichenes, freundliches Haus zu erblicken, das ſich laͤngs eines ſchoͤnen Gartens hinzog, und von der Sonne beſchienen, gerade den Gegenſatz alles Duͤſtern und Schauerlichen bildete. Indem ich uͤber eine Hecke blickte, die einen großen Hof im Hintergrunde des 5* — — S — — — ———O;—C—— —— 100 Sklzzen aus Belgien. Hauſes einſchloß, bemerkte ich nahe dabei zwei Trap⸗ piſten die aͤmſig mit Zimmermansarbeit beſchaͤftigt wa⸗ ren. Ein wenig weiter hin legten andere friſch ge⸗ waſchenes Linnen auf die Bleiche, wieder andere trie⸗ ben andere Beſchaͤftigungen, alle aber trugen daſſelbe haͤßliche und charakteriſtiſche Koſtuͤm wie diejenigen welche ich zuerſt erblickt hatte. Einige die ich nun von vorn betrachten konnte, waren von hoͤchſt wilden Anſehen mit buſchigen Baͤrten und finſteren Augen⸗ brauen, ſo daß ich faſt mit Straßenraͤubern zu thun zu haben glaubte. Ich ging nun um die Gartenhecke bis zu einer kleinen Thuͤre auf der andern Seite, welche, wie mein Fuͤhrer mir ſagte, in das Gebaͤude fuͤhrte. Daher zog ich an der Klingel. Augenblicks ward die Thuͤre geoͤffnet und eine von den fruͤher erblickten ganz ver⸗ ſchiedene Geſtalt ſtand vor mir. Es war die eines jungen faſt bartloſen Mannes, von ſchoͤnen und freund⸗ lichen Geſichtszuͤgen, in einem weiß wollenen Ge⸗ wande, die Kapuzze zuruͤckgeſchlagen, ſo daß ſich mir ein Kopf mit ſo kurz abgeſchnittenen Haaren zeigte, daß ſie wie geſchoren ſchienen, nur ein Kreis von etwa einem halben Zolle breit war gerade uͤber den Ohren ſtehen geblieben, der mir wie eine unehrerbietige Nach⸗ ahmung der Glorie vorkam, welche die Maler gewoͤhn⸗ lich uͤber den Koͤpfen der Heiligen zu bilden pflegen. eo 1 junge Mann machte mir mit uͤber der Bruſt ei Tray⸗ ftigt wa⸗ fiich ge⸗ dere trie⸗ daſſelbe dejenigen ich nun ſt wilden Augen⸗ zu thun zu einer wie mein Daher je Thuͤre anz ver⸗ ie eines freund⸗ nen Ge⸗ ſich mir in zeigte von etho n Ohren aewohn⸗ Die Crapniſten von ltarzenberg. 101 gekreuzten Armen eine tiefe Verbeugung und fragte auf flammlaͤndiſch was ich begehre? Ich antwortete franzoͤſiſch, daß ich eine ſo intereſſante Anſtalt zu be⸗ ſchauen wuͤnſchte, und meine Neugier befriedigt zu ſehen hoffte. Er machte eine bejahende Verbeugung und fuͤhrte mich in das Haus. Ich folgte und mein Fuͤhrer ging hinter mir drein, mit der Muͤtze in der Hand, ehrerbietig jedes Ding dem wir nahe kamen betrachtend. Zuerſt traten wir in ein kleines viereckiges Sprach⸗ zimmer zu ebener Erde, deſſen Geraͤthſchaften ſehr ge⸗ woͤhnlich nnd gering waren, doch war alles außeror⸗ dentlich nett, und ich fand in einem der rohrgefloch⸗ tenen, rothbeſchlagenen Stuͤhle ein eben ſo treffliches Ruheplaͤtzchen als es nur in einem Pallaſte auf einem Sammtpolſter haͤtte geſchehen koͤnnen. Dies iſt der Vortheil wenn die Sache mit dem Orte im Verhaͤlt⸗ niß ſteht. Der Thuͤrſteher verließ mich hier einige Minuten, ohnſtreitig um ſeinem Obern Nachricht zu bringen, denn nicht lange darauf erſchien der Prior ſelbſt. Er war ein außerordentlich gut ausſehender Mann von ohngefaͤhr 40 Jahren, wie jene die ich zuerſt geſehen hatte gekleidet, doch mit dem Unterſchiede, daß er ein enganliegendes Lederkaͤppchen auf dem Kopfe trug und ſeine braune Kutte von feinerem Zeuge war. Nach einer kurzen Unterredung ſchritt ich unter An— 10² Shizzen aus Belgien. leitung dieſes ehrwuͤrdigen Cicerone, der außen ſtehen blieb, weiter, um mir das Haus zu beſehen, und be— gann mit der kleinen ſehr einfachen Kepelle, die nichts von dem Pompe beſaß, welchen katholiſche Kirchen im Allgemeinen kund geben. Wir wanderten alsdann durch die engen Korridors, auf deren beiden Seiten die kleinen zellenfoͤrmigen Abtheilungen angebracht wa⸗ ren, wo die Moͤnche mit dem Schlafe geneckt wer⸗ den, denn in den vier Stunden Ruhe, die ſie zwi— ſchen acht Uhr und Mitternacht ſtehlen, wo ſie dann wieder aufſtehn und beten und ſingen, ohne auch nur ein Stuͤck ihrer Kleidung vom Morgen bis zur Nacht und von der Nacht bis zum Morgen abzulegen, kann doch keine wahre Erholung gefunden werden. Selbſt ihre Hemden von grobem Roßhaar tragen ſie vierzehn Tage lang. Die Betten auf denen ſie liegen ſind recht kuͤnſtlich unbequem erfunden, da ſie ſelbſt fuͤr eine nur gewoͤhnliche Laͤnge zu kurz ſind, und ich zweifle nicht, daß ihre Inhaber ſich oft ein Lager nach der Art des Procruſtes wuͤnſchen, wenigſtens mit der einen Haͤlfte der Eigenthuͤmlichkeiten dieſer beruͤchtig⸗ ten Maſchine. Eine ſchmale Decke liegt auf dem Strohe auf welches ſich dieſe Selbſtpeiniger ſtrecken, und kein anderes Geraͤth irgend einer Art ſchmuͤckt außerdem ihre Zelle, deren Groͤße nicht uͤber ſechs Fuß in's Gevierte betraͤgt. In jeder Thuͤr iſt eine kleine Oeffnung angebracht, um im buchſtaͤblichen Sinne einen ſteht Brude Pait A vierzi dem Naf nes? nicht Tele fand Sul terſt dies ſtehen i be⸗ nichts irchen sdann Seiten zt wa⸗ wer⸗ e zwi⸗ dann h nur Nacht kann Selbſt erzehn ſind t für d ich rnach nit der ſchtig⸗ dem recken, mückt ſechs t eine eim Die Crappiſten von liatzenberg. 103 einen Mundvoll Luft hereinzulaſſen, und auf jeder ſteht der Name des Inhabers: Bruder Franziskus; Bruder Ambroſius; Bruder Symphorion; Bruder Placidus u. ſ. w. Wir beſuchten nun den Speiſeſaal wo man fuͤr vierzig Perſonen die Tafel bereitet hatte. Neben je— dem Teller vom ſchlechteſten Toͤpfergeſchirr, ſtand ein Napf von demſelben Material, ohngefaͤhr wie ein klei⸗ nes Trinkglas, dieſer war mit Bier gefuͤllt. Ein nicht eben großes Stuͤck groben Brotes lag bei jedem Teller und ein noch kleineres Stuͤck Kaͤſe, und ich fand, daß dieſes nebſt ungemachten Sallat und einer Suppe die aus Waſſer, Zwiebeln, Kartoffeln und Pe⸗ terſilie beſtand, ihre ganze Mahlzeit ausmachte. Ueber⸗ dies muß ich auch noch bemerken, daß zu der Zeit wo ich die Trappiſten beſuchte, ſie gut lebten. Sie hatten außer den eben erwaͤhnten Tafelluxus auch noch Brod und Milch zum Fruͤhſtuͤck, niemals aber aßen ſie Fleiſch, ja ſelbſt nicht Fiſche. Mit dem erſten Ok— tober ſollte ihr neunmonatliches Faſten beginnen und waͤhrend dieſer ganzen Zeit verſtatten ſie ſich nur ein einziges Mal an jedem Tage zu eſſen, Milch und Bier iſt ganz ausgeſchloſſen und ſie leben bloß,(wenn man dies ſo nennen kann) von Brot und Waſſer. In jedem Zimmer war das Wort Schweigen auf die Wand gemalt, und ich ſtellte mir nun ſelbſt dieſe ungeſelligen Coͤnobiten an ihrer einſamen Tafel dar, 104 Sttizzen aus Belgien. wie ſie bei dem kargen und ſchlechten Mahle kaum ihren Hunger ſtillen koͤnnen und alle jene geſelligen Annehmlichkeiten verbannen muͤſſen, die den eſſenden Nenſchen uͤber das ſich naͤhrende Thier erheben. Das ganze Syſtem des Trappiſtenordens arbeitet aber ja dahin, die Menſchheit auf ihre unterſte Stufe zu er⸗ niedrigen. Bettelei, bedarfloſer perſoͤnlicher Schmutz, und immerwaͤhrendes Stillſchweigen, die wenigen aus⸗ genommen, die ſich ihrer Zungen bedienen muͤſſen, um den noͤthigen Verkehr mit der Welt zu treiben, ſcheinen die Grundprinzipe deſſelben. Sie hauſen zu⸗ ſammen zu keinem begreiflichen Zwecke, der nicht eben ſo gut auch durch jeden Einzelnen erreicht werden koͤnnte, und in dem ſie ſo ſich zuſammenſchaaren ge ben ſie der Phantaſie oder der Bosheit ein Ziel zu nachtheiligen Beſchuldigungen, die vielleicht genauer betrachtet nicht die mindeſte Wahrheit zur Grund⸗ lage haben. Ich konnte mir jedoch nicht helfen, ich mußte dieſe Noͤnche mit einer Art von Mitleid betrachten, die dem was man Theilnahme haͤtte nennen koͤnnen, ſehr nahe kam. Wie auch die Verwirrungen des Bigot⸗ tismus oder des Verbrechens beſchaffen ſeyn mochten welche dieſe Menſchen in einen ſolchen Zufluchtsort trieben, ſo iſt doch das Leben das ſie fuͤhren ohnſtrei⸗ tig eins der elendeſten. Was ſie auch geſuͤndigt ha⸗ ben mochten, die Strafe dafuͤr iſt genuͤgend. Denn welch einand lige? verur⸗ nen f nach einen zu he beduͤr werde herw kaum ſellgen ſenden Das ber ja zu er⸗ hmut, n aus⸗ nuͤſſen, reiben, en zu⸗ t eben werden zen ge⸗ diel zu enauer zrund⸗ e dieſe n, die ſehr Bigol⸗ ochten htsort nſtri⸗ gt ha⸗ Denn Die Crappiſten von liatzenberg. 105 welch ein Elend kann das uͤbertreffen, ganz nahe bei einander zu leben, und doch nicht die mindeſte geſel⸗ lige Verbindung unterhalten zu duͤrfen? den Geiſt verurtheilt zu ſehen immer im Schlummer ſeiner eig⸗ nen finſtern Gedanken zu wuͤhlen, und nur ſtets dar⸗ nach zu ſchmachten ſich dieſer Buͤrde zu entledigen? einen Gefaͤhrten vielleicht Jahre lang dicht neben ſich zu haben, wo es leicht nur eines einzigen Wortes beduͤrfte um vertraut, theilnehmend, mitfuͤhlend zu werden, und dieſe Worte nie ſprechen zu duͤrfen? um⸗ herwandeln zu muͤſſen, jeder ein athemholender Auto⸗ mat, Herz, Gefuͤhle und Geiſtesuͤbung, alles unter Verbot? Ich erwaͤhne nicht einmal ihrer perſoͤnlichen Kaſteiungen, Faſten und Beten, ſo lange als der Koͤr⸗ per und das Gehirn es aushalten koͤnnen, taͤgliches Geiſſeln, ja ſtuͤndliches, wenn es das Geluͤbde ver— langt, wenn zum Beiſpiel der Gedanke ſich freimacht bis zum Worte, oder man dem lindernden Geſpraͤche der Freundſchaft ſich nicht verſagen kann, ſelbſt auf die Gefahr, daß es zum ſchmerzlichſten Nachtheile fuͤhre! Das gluͤcklichſte Schickſal welches dem Trap⸗ piſten erwartet, iſt, daß er nicht lange leben kann, und daß die Vernunft ſich erſchoͤpft ſelbſt ehe noch der Koͤrper den zerſtoͤrenden Leiden zu welchen er ver⸗ urtheilt iſt, unterliegt. Da es mein Wunſch war dieſen Ort naͤher zu unterſuchen, als es bei dieſer eiligen Morgenviſite 5** 106 Slizzen aus Velnien. haͤtte geſchehen koͤnnen, ſo nahm ich die Einladung des Priors, ein paar Tage in dem Kloſter zu blei⸗ ben bereitwillig an. Dies iſt ein Gebrauch der ge— gen alle Fremde beobachtet werden muß, ein Geſetz der Gaſtfreundſchaft das ſeines Lohnes gewiß iſt. Ich ſandte daher den Burſchen der mich hierher gefuͤhrt hatte zuruͤck und ließ meiner Alten ſagen, daß ſie al— lein nach Hauſe fahren und mir morgen diejenigen Kleidungsſtuͤcke zum wechſeln zuſchicken ſolle, deren Entbehrung ſelbſt das Beiſpiel meiner Wirthe mir nicht annehmbar machen konnte.— In dem kleinen Sprachzimmer trug man mir nun ein gutes Mittagseſſen von Fleiſch, Gefluͤgel, Kaͤſe, Eiern, Bier und Wein auf, woruͤber ich mich nicht allein wunderte ſondern mich auch daran er⸗ quickte. Nur das konnte ich mir nicht denken, was aus den Ueberbleibſeln werde, oder was man mit den Vorraͤthen in der Speiſekammer anfange, wenn kein Gaſt gleich mir darauf Anſpruͤche mache. Doch huͤ⸗ tete ich mich darnach zu fragen Ich ſchlief in einem guten Bette mit leidlich feinem Linnen, und in einem Zimmer mit welchem jeder billige Beſuchende zufrie— den ſeyn konnte. Waͤhrend des uͤbrigen Theiles des Tages wan— derte ich im Garten und auf dem Huͤgel umher, und ſprach mit dem Prior und dem Almoſenier, der ſein Privilegium des Redens ſehr eifrig benutzte. Er war ein w undzu ſchien beſorg welch geeigt telbru ich ſ I Kapel geſche Ande gab nete weiß Nich um meiſt 4l6 wele cher aber ſebſ giebt hiet keine hen ladung u blei⸗ der ge⸗ ſetz der Ich gefuͤhrt ſie al ſenigen deren e mir n mir efluͤgel h mich einem einem uftie⸗ wan⸗ r, und er ſein er war BDie Crappiſten von liatzenberg. 107 ein wohlausſehender junger Mann von noch nicht fuͤnf⸗ undzwanzig Jahren, geſchwaͤtzig und heiter, und es ſchien, als ſei er fuͤr ſein Geſchaͤft, den Haushalt zu beſorgen und Unterſtuͤtzungen auswaͤrts einzuſammeln, welche er dann zu Hauſe mit verzehren half, ganz geeignet. Die Geſchaͤfte eines Almoſeniers und Bet⸗ telbruders ſind ſtets mit einander verbunden, und, wie ich ſpaͤterhin mich uͤberzeugte, keinesweges Sinecuren. Ich wartete den Nachmittagsgottesdienſt in der Kapelle ab, und ſah eine merkwuͤrdige Menge glatt⸗ geſchorener Koͤpfe, anſcheinende Demuth und aͤußere Andacht. Unter den Moͤnchen die die Veſper ſangen gab es viele gemeine aber doch auch einige ausgezeich⸗ nete Phyſiognomieen, und ſie waren einfoͤrmig in ein weißes Gewand, mit einem ſchwarzen Streifen den Ruͤcken herab gekleidet. Alle trugen den Haarkreis um den Kopf, deſſen ich oben erwaͤhnte. Es waren meiſt junge Leute und offenbar von hoͤherem Range als die in grobes braunes Tuch gekleideten Bruͤder, welche die haͤuslichen Arbeiten verrichteten In wel— cher Art gemeinſchaftlichen Zuſammenſeyns kann denn aber vollkommene Gleichheit ſtatt finden, wenn es ſelbſt unter den Trappiſten eine privilegirte Klaſſe giebt? Bei alle dem fraͤgt es ſich aber noch ſehr, wer hier ein Vorrecht hat, und ob der Pſalmodiſt, der keine Handarbeit verrichtet, nicht in ſeiner taͤglich ſie— ben Stunden fodernden Andacht in der Kapelle, wo 108 Sltizzen aus Belgien. er die haͤslichen Mistoͤne ſeiner Bruͤder Chorſaͤnger wieder in's Gleiche zu bringen ſich bemuͤht ein ſchwe— reres Loos uͤbernommen hat. Unter den letzteren fiel mir beſonders die hervortretende Zartheit ihrer Ge⸗ ſichter und Haͤnde auf, und bei vielen Koͤpfen die be⸗ merkliche Entwickelung jener Erhoͤhung, welche die Anhaͤnger Gall's als das Organ der Froͤmmigkeit bezeichnen. Unter allen zeigte ſich auch nicht Eine hervortretende Stirn. Beſonders gab es einen ſehr alten und einen jungen Mann unter ihnen die einem Maler oder Bildhauer zu Modellen haͤtten dienen koͤn⸗ nen. Der junge Mann vorzuͤglich zeigte den hinreiſ⸗ ſendſten Ausdruck entſagender und frommer Schoͤn⸗ heit, den ich noch jemals erblickte, und ich ſehe ihn noch, indem ich dieſes ſchreibe, vor mir, in ſeiner ru⸗ higen Stellung, mit gekreuzten Armen, und Augen die weder aufwaͤrts noch abwaͤrts gerichtet waren, in angenommener Andacht oder falſcher Froͤmmigkeit, und mit der hektiſchen Roͤthe, die ſich zuweilen auf ſeinen blaſſen und eingefallenen Wangen zeigte. Waͤhrend meines Beſuches unterrichtete ich mich hinreichend von den Gebraͤuchen und Regeln dieſes merkwuͤrdigen Ordens, und ward uͤber einige meiner fruͤheren Irrthuͤmer deshalb belehrt. Darunter gehoͤrte der allgemeine Glaube, daß die Trappiſten nie irgend ein Kleidungsſtuͤck ablegen, bis es ihnen im eigentli⸗ chen Wortverſtande vom Leibe faͤllt, und daß ein Theil ſänger ſchwe⸗ en fiel er Ge⸗ die be⸗ he die migkeit Eine n ſehr einem n kon⸗ inreiſ Schin he ihn ter rl Augen varen, igkeit, en auf mich dieſes meiner ehorte irgend gentli Thel Die Crappiſten von Itatzenberg. 109 ihrer Tagespflichten darin beſteht, ſich ihr eigenes Grab zu graben. Es giebt ohne zu ſolchen Ueber⸗ treibungen ſeine Zuflucht zu nehmen, Urſachen genug weshalb das Syſtem des de la Trappe denen im ho⸗ hen Grade verwerflich ſeyn muß, die das Moͤnchs⸗ thum in allen ſeinen Verzweigungen nicht billigen. Ich habe ſchon einiger der beſonderen Regeln dieſes Ordens Erwaͤhnung gethan. Was ihn hauptſaͤchlich dem geſunden Verſtande nicht anſprechend macht, iſt das, was er mit dem andern gemein hat, naͤmlich, daß er bloß durch Betteln beſteht, denn jeder geringe Anſchein von Induſtrie unter ſeinen Bekennern iſt blos auf das Nothwendigſte des Haushaltes beſchraͤnkt, und auch dazu wuͤrden ſie ſich nicht verſtehen, wenn ſie irgend eine andere gutmuͤthige Seele faͤnden, die es ihnen abnaͤhme. Die Geſellſchaft zu Katzenberg iſt ein Zweig des großen Trappiſten Etabliſſements in Frankreich. Sie ward vor nicht gar zu langer Zeit von einem nicht unberuͤhmten Maler Namens Ruyſſen begruͤndet, deſ⸗ ſen Freigebigkeit dieſen ſonderbaren Weg zur Buße ſuͤr ſeine Suͤnden einſchlug. Er ſchenkte den Moͤn⸗ chen das Haus welches ſie bewohnen und einen be⸗ traͤchtlichen Strich Landes umher. Das letztere iſt freilich nicht eben ein Geſchenk von großem Werthe denn der Boden iſt ſchlecht, und es wuͤrde mehr Fleiß dazu gehoͤren ihn tragbar zu machen, als ſeine jetzi⸗ 110 Sfttzzen aus Velgien. gen Beſitzer darauf wenden. Die Gabe war jedoch in der That grosmuͤthig, ob auch ihr Gegenſtand nicht zum Beſten ausgewaͤhlt ſeyn mochte, und die Moͤnche haben dem Geber, wie man glaubte, nicht allein fuͤr dieſes irdiſche Geſchenk eine Wiederver⸗ geltung im Himmel verbuͤrgt, ſondern das Geruͤcht hat ſich verbreitet, daß ſie ſogar die Wanderung ih— res Wohlthaͤters von dieſer Welt in jene abkuͤrzten, um ihn deſto zeitiger in Beſitz davon zu bringen. Bald nachdem der Maler ſein Teſtament gemacht und darin dieſe Stiftung gegruͤndet hatte, ſtarb er ploͤtz⸗ lich, und man nimmt allgemein an, daß die Trappi— ſten entſchloſſen waren ihre Erbſchaft gegen jede moͤg— liche Laune des Erblaſſers ſich zu ſichern. Ich hoffe jedoch, daß dies eine bloße Verlaͤumdung iſt. Man ſagte mir, daß einige Vewandte das Teſtament ange⸗ fochten, und die Moͤnche einen betraͤchtlichen Theil der Erbſchaft eingebuͤßt haͤtten, dafuͤr aber im Be— ſitze deſſen was ihnen gegenwaͤrtig gehoͤrt, beſtaͤtigt worden ſeyen, Katzenberg iſt von den fruͤhſten Zeiten her ein Lieblingsaufenthalt von Anachoreten geweſen, die vor der franzoͤſiſchen Revolution auf dem ganzen Huͤgel zerſtreut waren. Bald nach der Herſtellung der neuen Ordnung der Dinge, die vielmehr wol nur eine Ruͤckkehr zur alten zu nennen ſeyn duͤrfte, nahmen einige Bruͤder Ignorantiner von dem Huͤgel Beſitz und be politiſch iegend wohnen tel⸗Io jene T zufried daher ten di der U keines ſtaͤnd 5 tiſch Det ich ſtand teeffe man mic ſedoch ſtand d die nicht erver⸗ ruͤcht g i⸗ tzten, ngen. und plotz⸗ appi⸗ moͤg⸗ hoffe Man ange⸗ Theil Be⸗ tatigt ein vor züͤgel neuen eine hmen Beſih Die Crappuiſten von ltatzenberg. 111 und begannen ihren Curſus religioͤſer Aufklaͤrung und politiſcher Verfinſterung, von denen keins von beiden irgend eine Aufmunterung von den benachbarten Ein⸗ wohnern erhielt, deren Augen waͤhrend eines Vier⸗ tel⸗Jahrhunderts ſich zu weit geoͤffnet hatten, um jene Blendung zu vertragen oder mit dieſem Dunkel zufrieden zu ſeyn. Die unwiſſenden Lehrer ſahen ſich daher veranlaßt das Feld zu raͤumen, und ihnen folg⸗ ten die Trappiſten, welche, da ſie mit niemand in der Umgebung in Beruͤhrung kommen, geduldet, aber keinesweges geliebt werden. Erſt waren ſie Gegen— ſtaͤnde der Neugier jetzt aber lediglich der Nichtachtung. Der Burſche der mich auf den Huͤgel gefuͤhrt hatte erſchien folgenden Tages ſehr fruͤh ſchon an meinem Bette und brachte mir die benoͤthigten Sachen, die ich von meiner alten Wirthin mir erbeten hatte. Ich ſtand zeitig auf, nahm ein herzhaftes Fruͤhſtuͤck von trefflicher Art zu mir, gab fuͤr meinen Unterhalt ein meiner Meinung nach betraͤchtliches Geſchenk, empfahl mich dem Prior, und ſchlug es dem Almoſenier nicht ab, mich den Huͤgel herab bis zu meinem Kabriolet zu begleiten, das im Dorfe unten wartete. Mein ſprachſeliger und lebhafter Gefaͤhrte ließ ſich in die fließendſten Erlaͤuterungen aller Punkte aus, wegen deren ich ihn nur fragte, und ging mit eben ſo vieler Freimuͤthigkeit wie auf alles andere, auch auf die Verhaͤltniſſe ſeiner eigenen Lage ein. 112 Sltizzen aus Belgien. «Was fuͤr ein gluͤckliches Leben muͤſſen doch Sie, im Gegenſatz zu Ihren ſo eng beſchraͤnkten Bruͤdern fuͤhren!“» ſagte ich. — Allerdings iſt das wahr. Dem Himmel ſey Dank daß ich das fuͤhle— doch habe ich es noch nicht lange genoſſen. Ich bin ſchon ſelbſt in der kur⸗ zen Zeit ſeit welcher unſere Bruͤderſchaft hier beſteht, der Nachfolger eines andern, und wenn Sie deſſen Geſchichte kennten, wuͤrden Sie bekennen muͤſſen, daß die Lage eines bettelnden Bruders keine ſo wuͤnſchens⸗ werthe oder von weltlichen Gefahren freie ſey, wie Sdie ſich dieſelbe vielleicht vorſtellen.— «Vielleicht auch nicht. Doch um mich in den Stand zu ſetzen, daruͤber zu urtheilen, koͤnnten Sie mir wol die Geſchichte Ihres Vorgaͤngers erzaͤhlen?“ Der Wink war hinreichend. Er war kaum gege⸗ ben, als mein Begleiter auch darauf einging. Er be⸗ gleitete mich nicht blos bis in's Dorf, ſondern ſetzte ſich auch mit in mein Kabriolet und verließ mich nicht eher, als bis ich mein Mittagsmahl in dem Wirthshauſe der Alten, auf dem Kreuzwege der nach Bailleul und Buſſebrugge fuͤhrt getheilt hatte. Als wir uns am Abende trennten, wo er in ſein Kloſter zuruͤckging, ſteckte ich einen Beitrag in ſein ledernes Beutelchen, mein Scherflein ſomit zu den Fonds der Geſellſchaft beizutragen, obgleich ihn freilich nicht hin⸗ reichend rung d er mir mitthei ges ab dert. Die Crappiſten von Itatzenhnerg. 113 reichend fuͤr den Verluſt ſeiner Zeit und die Beleh⸗ rung die er mir zukommen laſſen, zu belohnen. Was er mir erzaͤhlte will ich jetzt meinen Leſern wieder mittheilen, und im Vortrage hie und da, keineswe⸗ ges aber ſelbſt in der kleinſten Thatſache, veraͤn⸗ dert. Geſchichte des Bettelmönchz. Erſtes Kapitel. Volle ſieben Jahre ſind es, ſeit ein junger Burſche von ohngefaͤhr achtzehn Jahren, zarten Anſehens, freundlicher Manieren, und artiger obgleich nicht fein— gebildeter Haltung, ſich ſelbſt dem Superior des Trap⸗ piſtenkloſters bei Amiens in der Picardie vorſtellte, und um Aufnahme in den Orden bat. Es lag ein gewiſſes Etwas in dieſem Kandidaten fuͤr ein leben⸗ diges Begraͤbniß, was den Prior beſonders auffiel. Er war in der Art gekleidet, wie ſich die reichen Landleute zu kleiden pflegen, und ſein ganzes Aeußere ſo wie ſeine Art zu ſprechen, ließen ihn zu dieſer Klaſſe zaͤhlen. Doch verlieh ein Anſtrich von natuͤr⸗ licher Bildung allem was er ſagte und that etwas ge— wiſſes Zartes. Er ſprach das franzoͤſiſche gut, doch mit einem belgiſchen Accente, und auf des Priors Fragen was ihn in ſo jungen Jahren veranlaſſe von der Welt ſich zu entfernen, und die Entbehrungen der ſtrengſten aller Ordensregeln uͤbernehmen zu wollen, antwortete er mit beſcheidener Waͤrme«daß er einen himmliſchen Ruf dazu in ſich fuͤhle.“ Nac gen As tinſamen ſehen noch we ward e nien vo ſeine K er mit rühige in die merkw von d noch das n paſſen das lichte das Es Burſche ſehens, ht fein⸗ Trap⸗ rſtellte, lag ein leben⸗ auffil reichen leußere dieſer natuͤr was ge⸗ , doch Priors ſſe von gen der wollen, r einen Geſchichte des Bettelmönchs. 115 Nach dem Syſteme des Ordens wurden dem jun⸗ gen Aspiranten, außer den Fragen, ob er ſich zum einſamen Leben, Schweigen und Selbſtverlaͤugnen ver⸗ ſtehen wolle, weiter keine weder uͤber ſein Gewerb, noch wer er ſey, oder woher er komme, vorgelegt. So ward er dann regelmaͤßig aufgenommen, die Ceremo⸗ nien vollzogen, ihm ſeine Pflichten bekannt gemacht, ſeine Kleidung angelegt, ſeine Zelle angewieſen, und er mit dem Namen Bruder Placidus belegt. Die ruhige Leichtigkeit mit welcher ſich der neue Bruder in die Verhaͤltniſſe ſeines jetzigen Standes fuͤgte, war merkwuͤrdig. Das Schließen der Thuͤre welche ihn von der Welt trennte, erregte keinen Seufzer in ihm, noch begleitete irgend ein Laͤcheln ſeinen Eintritt in das neu erwaͤhlte Verhaͤltniß. Nichts ſchien ihm un⸗ paſſend oder fremd. Das grobe Gewand kleidete ihn, das geſchorene Haar verurſachte ihm keine Unbequem⸗ lichkeit, das niegeſtoͤrte Schweigen, das karge Mahl, das Aufſtehen um Mitternacht, nichts fiel ihm ſchwer. Es war, als ob er nun mit einemmale in die Lage getreten waͤre, welche die Natur als die fuͤr ihn voͤl⸗ lig anpaſſendſte beſtimmt habe. Seine Aufmerkſamkeit auf ſeine Pflichten war exemplariſch. Er leiſtete mit raſtloſer Thaͤtigkeit einige Monate lang Dienſte, an welche er offenbar nicht ge— woͤhnt war, und verrichtete beſonders harte Handar⸗ beit, welche ihm wie ſeine zarten Haͤnde zeigten, bis 116 Sltizzen aus Belgien. dahin gaͤnzlich fremd geblieben. Nach der gewoͤhn⸗ lichen Zeit eines ſtrengen Noviziats legte er die Ge⸗ luͤbde vollends ab, und ward von der braunen Klei⸗ dung, welche die arbeitenden Bruͤder bezeichnet, befreit. Statt deſſen bekam er nun das weiße Gewand, und Bruder Placidus ward ſomit als einer der Meßſaͤn⸗ ger angeſtellt. In dieſem neuen Berufe, den er mit gleicher Ent⸗ ſagung, die weder Stolz noch Freude ausſprach, uͤber⸗ nahm, fuhr er fort dieſelbe ruhige Ausdauer zu be⸗ weiſen, die ihn vom Anfange an ſo ausgezeichnet hatte. Seine regelmaͤßige Abwartung des ſiebenſtuͤn⸗ digen taͤglichen Dienſtes in der Kapelle, welche jetzt ſeine Pflicht erforderte, ward auch nicht einmal un⸗ terbrochen. Er war ſtets der erſte bei'm Eintreten in die Kirche, und der fruͤheſte Ton der Glocke ward von ſeiner Hand hervorgebracht. Waͤhrend dieſer gan⸗ zen Zeit blieb ſeine Geſundheit unbenachtheiligt. Er behielt ſtets ſein fruͤheres ſchwaͤchliches Anſehen, war aber nie wirklich unwohl. In ſtrenger Befolgung ſeines Geluͤbdes und der Ordensregel entfloh kein Wort ſeinem Munde und ſelbſt die aufmerkſamſten Blicke der vielen, die ſich wahrhaft fuͤr ihn intereſſir— ten konnten keine mittheilende Entgegnung aus ſeinem ſprachloſen Auge erhalten. Seine einzige Unterhal⸗ tung war die mit ſeinen Gedanken— mochten ſie nun auch ſeyn, welche ſie wollten. Uebe dor, w duxppiſt außen j entfloh Pelt. ihn ein den wie wieder Art, d Koſter dern u D orden lungen Ptior Etzie Aketnn Wal und und was die wie daß das gewoͤhn⸗ die Ge⸗ en Klei⸗ „befreit d’, und Meßſin⸗ her Ent⸗ h, uͤber⸗ zu be⸗ tzeichnet benſtuͤn⸗ ſche jebt mal un⸗ feintreten ee ward ſer gan⸗ gt. Er en, war efolgung 0h kein kſamſten tereſſi⸗ z ſcinem interhal⸗ ütm ſie Geſchichte des Bettelmönrhs. 117 Ueber vier Jahre lang fiel auf dieſe Art nichts vor, was den einfoͤrmigen Lebensgang des jungen Trappiſten haͤtte unterbrechen koͤnnen. Niemand von außen fragte nach ihm, kein Wunſch oder Gedanke entfloh ihm und er war vollkommen todt fuͤr die Welt. Bei'm Ende dieſes Zeitraums aber erwartete ihn eine neue Beſtimmung, und es war ihm beſchie⸗ den wie ein Menſch der aus dem Grabe auferſteht, wieder auf die Lebensbuͤhne zu treten, und auf eine Art, die ihm, ſelbſt ehe er ſich in die Mauern des Kloſters verſchloß, fremd war, Gegenden zu durchwan⸗ dern und in Geſellſchaft zu leben. Die Gruͤndung des nenen Zweigs des Trappiſten⸗ ordens zu Katzenberg verlangte nebſt andern Anſtel⸗ lungen auch die eines Priors und Almoſenirs. Der Prior den ſich die Bruͤder waͤhlten, ein Mann von Erziehung und feinen Sitten ſowol als ſtrengen und exemplariſchen Betragen, trug kein Bedenken, die Wahl des Bruders Placidus zu ſeinem Almoſenier und bettelnden Bruder fuͤr die Anſtalt zu genehmigen. Nicht blos aber waren es die ſtillen Tugenden und die frommen Entſagungen des jungen Bruders was die Wahl der aͤlteren auf ihn gelenkt hatte. Als die Trappiſten die Welt verließen, vergaßen ſie nicht, wie es darin zugehe, und ſo urtheilen ſie mit Recht, daß die ſchoͤnen Zuͤge und das einnehmende Weſen, das treuherzige Anſehen und der ſanfte Enthuſiasmus 118 Shizzen aus Belgien. des Bruder Placidus am geeignetſten dazu ſeyn wuͤr⸗ den, die Herzen der wohlwollenden Menge und vor⸗ zuͤglich jenes weicheren Geſchlechts zu ruͤhren, von dem man fuͤr einen Moͤnchsorden Gaben erbitten mußte, der wegen ſeiner uͤberſpannten Strenge und den ge⸗ woͤhnlichen Anſichten, die alles was ſich nur Zuruͤck— ſtoßendes in ſeinen Uebungen vorfand, noch ſtaͤrker ausmalten nicht eben beliebt war. Ueberdies war Bruder Placidus ohnſtreitig ein Belgier und da ſeine Almoſenſammlungen ſich beſonders auf ſein Vaterland erſtrecken ſollten, um nicht mit dem aͤlteren Etabliſ⸗ ſement in Beruͤhrung zu kommen, ſo ſchien die Kennt— niß der Landesſprache eine ſehr nothwendige Eigen⸗ ſchaft fuͤr ſein Geſchaͤft zu ſeyn. Als dieſe Verabredungen unter den Oberen jenes Kloſters beſtimmt getroffen worden, ward der neuan⸗ zuſtellende Almoſenier ſchweigend aufgefordert die of⸗ fizielle Ankuͤndigung ſeiner Ernennung zu vernehmen. Er erhob ſich ruhig von ſeinem Sitze, riß ſich aus dem ſtillen Nachdenken in welches er ſich verſenkt hatte, und folgte dem ſtummen Boten der ihn ab— rief, unbekannt und gleichguͤltig wegen des Gegen⸗ ſtandes dem die Botſchaft galt. So wie er an der Thuͤr des Sprachzimmers ankam, wo der Prior Fremde zu empfangen oder Geſchaͤfte abzuthun gewohnt war, ſchlug das Herz des Bruder Placidus mit einer Hef⸗ tigkeit, wie er es ſeit dem Augenblicke wo er vor vier Jahre den d Der deing und gab ſ pfen, bereit A dl e des( halte den Jwe nier in wͤr⸗ und vor⸗ von dem mußte, den ge⸗ zurüͤck. ſtaͤrker ies war da ſeine aterland Etabliſ⸗ e Kennt⸗ e Eigen. en jenes neuan: die of nehmen. ſich aus verſintt ihn ab⸗ Gegen⸗ an der r Fremde hnt war, iner hep vot vier Geſrhirhte des Bettelmönchs. 119 Jahren als ein Bittender um Aufnahme in den Or⸗ den daſſelbe Zimmer betreten hatte, nicht empfunden. Der Gedanke durchzuckte ihn, daß vielleicht ein Auf— dringlicher gekommen ſey, um nach ihm zu forſchen und die Stille ſeiner Abgeſchiedenheit zu ſtoͤren. Er gab ſich Muͤhe dieſe innere Bewegung, niederzukaͤm⸗ pfen, und trat in das Zimmer, entſchloſſen und vor⸗ bereitet auf alles was ihn treffen koͤnne: Als er eintrat verbeugte er ſich ehrerbietig und als er die Augen wieder erhob bemerkte er kein frem— des Geſicht, noch ſelbſt eins daß ihn an fruͤhere Ver⸗ haͤltniſſe erinnert haͤtte Nur den Prior erblickte er, den Bruder der zur Oberaufſicht uͤber den neuen Zweig des Ordens beſtimmt war, und den Almoſe⸗ nier des gegenwaͤrtigen Mutterinſtituts. Dieſe Ge⸗ ſichter waren Placidus nicht fremd, ob er gleich nie mit zwei von dieſen dreien ein Wort geſprochen hatte, brachte doch die Vertraulichkeit des taͤglichen Verkehrs, da ſie an derſelben Tafel aßen, und derſelben Lokali⸗ taͤt angehoͤrten, eine Art gegenſeitiger Innigkeit her⸗ vor, welche allen Zwang aus der Seele des jungen Trappiſten bannte, und ihn ganz ruhig anhoͤren ließ, was man ihm hier mittheilen werde. Der Prior ſtand auf, nahte ſich Placidus mit herzlichem und wohlwollendem Laͤcheln, gab ihm die Hand und ſagte: Bruder! jahrelange Beſchraͤnkung ſey jetzt aufgehoben. Die Zeit iſt da, wo Sie die 120 Sützzen aus Velgten. Vorrechte mit genießen koͤnnen, die alle welche Sie hier vor ſich ſehen, ſchon beſitzen. Schweigen, das zum Wohlſeyn der Bruͤderſchaft im allgemeinen weſentlich nothwendig iſt, muß bei denen Mitgliedern des Or⸗ dens, die fuͤr ihn thatkraͤftig handeln muͤſſen, wegfal⸗ len, und ich kuͤndige Ihnen hiermit an, daß Sie zu einem ſolchen auserleſen ſind. Der Prior ſchwieg hier und erwartete mit den Anderen in den Blicken und Worten des jungen Man⸗ nes, den Ausdruck dankbarer Zufriedenheit zu leſen. Aber kein Ton entfuhr ihm, und er verbeugte ſich blos gehorſam und ehrerbietig, ohne die geringſte Ver⸗ aͤnderung in ſeinen Mienen. Der Prior zeigte nun auf einen Seſſel, den auch Placidus benutzte, und je⸗ ner fuhr alsdann, indem er ſich ſelbſt wieder ſetzte, fort. «Ein wohlwollender und frommer Privatmann hat uns ein Geſchenk mit einem Hauſe, Laͤndereien und Geld gemacht, wodurch wir in den Stand ge⸗ ſetzt werden, unſern Orden durch einen neuen Zweig bis an die Belgiſche Graͤnze zu erſtrecken, und auf eine Huͤgelreihe, die man die Katzenberge nennt, ſoll das neue Kloſter errichtet werden.“ Bei dieſen Worten ſchien Bruder Placidus un⸗ willkuͤhrlich zuſammenzuſchaudern, und eine hohe Roͤthe uͤberfflog ſeine Wangen. Doch es ging ſchnell vor⸗ uͤber. Er fuhr mit der Hand uͤber die Stirn und ließ ſie dann, als geſchehe es nur maſchinenmaͤßig, wie⸗ wiede tet S Prion tuts ganz liggt, Chare eines chen von Reii terſt habe ich- 2 tenlar lich beſſe achte brau ſen den. 8s ih ſchag et ſ era 1 gelche Sie „das zum weſentlich des Or⸗ n, wegfal⸗ ß Sie zu mit den gen Man⸗ zu leſen. eugte ſic naſte Ver⸗ zeigte nun e, und je⸗ bte, fort ivatmann aͤndereien Stand ge⸗ uen Zweig und auf ennt, ſol cidus un⸗ ohe Röͤthe hnell vor⸗ beim un nenmäͤßig wie Geſrhirhte des Bettelmönrht. 121 wieder auf's Herz fallen, waͤhrend ein halb unterdruͤck⸗ ter Seufzer ihm die Bruſt hob. «Der wuͤrdige Bruder mir zur Seite,“» fuhr der Prior fort,«iſt zum Oberhaupte dieſes neuen Inſti⸗ tuts erwaͤhlt worden, und nun iſt nur noch, da es ganz an der Graͤnze Belgiens, ja beinahe ſchon darin liegt, ein dort geborener Bruder, von exemplariſchem Charakter und Betragen noͤthig, um das Geſſchaͤft eines Almoſeniers zu uͤbernehmen und die gewoͤhnli⸗ chen Umgaͤnge zu machen, um fuͤr unſern kargen Fonds von jenen chriſtlichen Seelen in denen die Liebe zur Religion ſtaͤrker iſt, als die Eitelkeit der Welt, Un⸗ terſtuͤtzung zu erbitten. Einen ſo beſchaffenen Bruder haben wir in Ihnen gefunden, denn Sie ſind, wie ich glaube, ein Belgier, und fuͤr das uͤbrige ſtehe ich.“ Als der Prior geendet hatte, entſtand eine minu— tenlange Pauſe. Den jungen Trappiſten hatte ſicht⸗ lich eine heftige innere Bewegung ergriffen, die er zu beſiegen ſtrebte, und welche jene Beobachter zu ſehr achteten, um ihn zu unterbrechen. Selbſt den Ge— brauch der Sprache, der ihm ſo lange verboten gewe⸗ ſen war, konnte er wol nur mit Muͤhe wiederfin⸗ den. Er machte mehrere Verſuche zu ſprechen, ehe es ihm gelang, und als er endlich wirklich ſprach, ge⸗ ſchah dies ſo unzuſammenhaͤngend und verworren, daß er ſich verlegen und beſchaͤmt fuͤhlte. Doch druͤckte er auf eine genuͤgende Art ſeinen Vorgeſetzten ſeinen II 6 122 Sſtizzen aus Velgien. Dank fuͤr ihr Vertrauen und bezeigte Zufriedenheit aus, erklaͤrte ſich bereit, jedem Anſpruche den man auf ſeine Dienſte zum Beſten der Bruͤderſchaft machen werde, zu gehorchen, ſchloß aber mit den Worten, «daß, bei der Ueberraſchung die ihn ergriffen, indem er geglaubt und gehofft haͤtte, in der ruhigen Vergeſ⸗ ſenheit ſeines zuruͤckgezogenen Daſeyns zu leben und zu ſterben, er ſich einige Tage erbitten muͤſſe, um ſich fuͤr ſeinen neuen Beruf vorzubereiten, und darum bitte, daß man die Guͤte habe, und ihm einige An⸗ weiſung ertheilen moͤge, wie er ſich in einem Geſchaͤfte zu benehmen habe, wozu er ſich ſo ganz ungenuͤgend fuͤhle.“— «Geliebter Bruder!“» rief da der Prior aus: «Ihren Gefuͤhlen, wie Ihren Wuͤnſchen ſoll jede Nachſicht, jede Beruͤckſichtigung gewidmet werden, und unſer guter Bruder Petrus Maria hier, der ſo lange unſerm Kloſter als Almoſenier gedient hat, wird Ih⸗ nen ſo zweckmaͤßigen Unterricht ertheilen, daß das Geſchaͤft, wofuͤr ich ſie vor allen andern fuͤr geeig— net halte, Ihnen leicht und fuͤr die Bruͤderſchaft vor⸗ theilhaft werden wird.» Nach Begruͤßungen und Gluͤckwuͤnſchen von Sei⸗ ten des neuen Obern unter welchem er kuͤnftig ſtehen ſollte, und den Segen des Priors folgte Placidus dem Bruder Almoſenier in das kleine Gemach, wel⸗ ches dem letzteren, Behufs ſeiner Geldeinnahmen, ³ Auszc ihm u N ſchied alen Geſich ſand der k tia in ſeben bettel ten a ſo g einre ſeine dung und Tux len ſend aß t nataͤ chen farbe 8 ſehte ſtim friedenheit man auf ft machen Worten, fen, indem en Vergeſ⸗ leben und e, um ſch d darum inige An⸗ Geſchäfte ngenüͤgend rior aus: ſoll jede erden, und ſo lange wird Iy/ daß das fuͤr geeig⸗ ſchaft vol⸗ von Sii ftig ſahen — placidus d nach, we iinnahnen Geſchichte des Bettelmönchs. 123 Auszahlungen und Rechnungsfuͤhrung, welches alles ihm untergeben war, eingeraͤumt worden. Nichts konnte auffallender ſeyn, als der Unter— ſchied welcher zwiſchen dieſen beiden Almoſenieren in allen Dingen ſtatt fand. Das ruhige, blaße, ſchoͤne Geſicht und die hohe, ſchlanke Geſtalt von Placidus ſtand mit dem haͤßlichen rothgedunſenen Geſichte und der kurzen runden Geſtalt von Bruder Petrus Ma⸗ ria im ſchneidendſten Kontraſte. Dieſer letzere war ſeit ſieben bis acht Jahren nicht umſonſt Almoſenier und bettelnder Bruder geweſen. So wie er ſeine Pflich— ten auf's Gewiſſenhafteſte erfuͤllte, benutzte er auch eben ſo gewiſſenhaft die Privilegien welche ihm ſein Beruf einraͤumte. Indem er, der Erlaubniß zu Folge, bei ſeinen Bettel⸗Ausfluͤgen gewoͤhnliche buͤrgerliche Klei⸗ dung mit einziger Ausnahme des haͤrnen Heindes, und ein ſchwarzes dickbuſchiges Haar ganz gegen alle Trappiſten⸗Mode trug, ſo ließ er es ſich auch in al— len jenen Punkten wohl ſeyn, welche hungrige Rei— ſende fuͤr Nothwendigkeiten des Lebens erachten. Er aß tuͤchtig und trank ohne Umſtaͤnde, ſo daß er die natuͤrlichen Kennzeichen des guten Lebens in der ſpre⸗ chenden Rundung ſeiner Geſtalt und der Rubinen⸗ farbe ſeines Geſichts an den Tag legte. Bruder Petrus Maria war aus ganz entgegenge⸗ ſetzten Gruͤnden von denen, die Placidus' Wahl be⸗ ſtimmten, zum Almoſenier erkohren worden. Seine 6* — 124 Sſizzen aus Belgien. gelaͤufige Sprache, ſein unermuͤdlicher Eifer, die man vielleicht ſogar Unverſchaͤmtheit haͤtte nennen koͤnnen, ſo wie ſeine Kenntniß im Rechnungsfache, welche man zufaͤllig entdeckt, hatten die ſcheinbaren Urſachen zu ſeiner Anſtellung gegeben; doch hatte er ſelbſt mehr als einmal erklaͤrt, daß der wahre Grund dazu, ſeine unbeſiegbare Leidenſchaft zu ſprechen geworden ſey, die es ihm gaͤnzlich unmoͤglich gemacht habe, das Ge⸗ luͤbbde des Schweigens zu halten, ſo daß er manchmal nahe daran geweſen, zu erſticken, wenn er ſeine ſchon halb ausgeſprochenen Worte wieder verſchlucken muͤſ⸗ ſen, und wenn er es nun auch zufaͤllig dahin gebracht, einen Tag lang zu ſchweigen, ſo habe er die ganze Bruͤderſchaft dann durch ſein Sprechen in der Nacht und im Schlafe ſicher wieder aufgeweckt. Es ver⸗ lautete uͤbrigens nie, was fuͤr Urſachen ihn zum Ein⸗ tritt in den Orden bewogen. Allerdings fluͤſterte man, daß er das Kloſter gewaͤhlt habe, um nicht zu den Galeeren gezwungen zu ſeyn, und es ſeiner Unbeſchol— tenheit als Moͤnch nothwendig bedurft habe, um ſei⸗ ner fruͤhern Schlechtigkeit als Menſch das Gegenge⸗ wicht zu halten. Sey dem aber wie ihm wolle, ſo ward er doch in ſeinem gegenwaͤrtigen Berufe fuͤr durchaus rechtlich gehalten, und kein Bettelnder ward auf ſeinen Rundgaͤngen mit groͤßerem Vergnuͤgen auf⸗ genommen, als Bruder Petrus Maria, oder wie er vertraulicher genannt ward, Bruder Peter, vorzuͤglich venn lerma ſeiner nen *Iſ nach derſte und! ſo vj die Sp die zu zu n len, and Nlei Unc mich wah mur die man en können, velche man rſachen zu aſt mehr dazu, ſeine orden ſey, e, das Ge⸗ manchmal ſeine ſchon ucken muͤß n gebracht die ganze der Nacht Es vet⸗ zum Ein⸗ terte man, tt zu den Unbeſchol⸗ e, um ſei Gegenge⸗ wolle, ſo erufe fůr nder watd nigen ui det wie e uvtzigich Geſchichte des Bettelmönrhs. 125 wenn er das luſtige Geſicht zeigte, das er ſeine Bett⸗ lermaske nannte, und da er ein Gascogner war, einige ſeiner beruͤhmteſten Gasconnaden zum Beſten gab. «Willkommen, Bruder Placidus, in meinem klei— nen Stuͤbchen,» ſagte er, als ſie in daſſelbe eintraten. «Iſt das recht, daß man zu einem Freunde, den man nach fuͤnfjaͤhriger Bekanntſchaft zum erſtenmale wie— derſieht, bloß« Wie gehts Dir»» ſagt? Setze Dich, und laß uns doch ſehen, womit ich Dir dienen kann.“ — Ich erbitte mir,— entgegnete Placidus mit ſo vieler Ruhe, als die Aufregung ſeines Geiſtes und die außerordentliche Schwierigkeit, die er noch bei'm Sprechen fand, es nur verſtattete,— von Dir bloß die Gefaͤlligkeit, mir mit gutem Rath an die Hand zu gehen, wie ich die ſchweren Pflichten des Amtes, zu welchem man mich berufen hat, am beſten erfuͤl⸗ len, und dadurch neuen Obliegenheiten Genuͤge leiſten kann. Doch will ich nicht in Dich dringen, dies jetzt gleich zu thun. Ich will Dir zwei bis drei Tage ungeſtoͤrte Muße laſſen, einen kleinen Wegweiſer fuͤr mich auszuarbeiten, an den ich mich halten kann, und waͤhrend dieſer Zeit hoffe ich meinen Geiſt in die Stim mung zu verſetzen, wie ſie ſich zur Annahme Deiner bruͤderlichen und guͤtigen Mittheilungen eignet.— «Zwei bis drei Tage, um einen Wegweiſer aus⸗ zuarbeiten?“ rief der Allmoſenſammler verwundert aus: Die ſchweren Pflichten deines Amts! Gott 126 Sittzzen aus Velgien. ſtehe Dir bei, mein guter Sohn, wenn dies die An⸗ ſichten ſind, womit Du es antrittſt. Setze Dich nie— der, und ich will Dir das alles in zehn Minuten ſa⸗ gen, will Dir in noch kuͤrzerer Zeit ſo viel wirklich brauchbare Kenntniſſe uͤber unſern beiderſeitigen Be⸗ ruf beibringen, als ob ich Dich und mich mit einer langen Abhandlung von hundert Folioſeiten geplagt haͤtte. Setz' Dich nur! Setze Dich!“ Placidus gehorchte der wiederholten Einladung, nahm einen Stuhl und bereitete ſich vor, mit Stau⸗ nen und Zufriedenheit die einfachen Geheimniſſe eines Amtes zu vernehmen, das ihm ſo verwickelt vorge⸗ kommen war. «Jetzt, mein lieber Placidus, muß ich,» begann der bettelnde Bruder,«um deinen Verſtand gleich auf die rechte Anſicht zu bringen, Dich zuerſt fragen, was iſt die eigentliche Beſchaffenheit Deines und mei⸗ nes Amtes?— Betteln zu gehen, lieber Bruder! bet⸗ teln zu gehen, nichts mehr und nichts weniger. Was kann aber ſo leicht, ſo angenehm, ſo natuͤrlich fuͤr den Menſchen ſeyn, als dies? Es iſt geradezu inſtinkt⸗ gemaͤß. Jedermann iſt als Bettler geboren und lebt und ſtirbt als ein ſolcher. Viele, wie ich recht wohl weiß, verbergen ihren Beruf unter den Namen des Borgens, aber der einzige Unterſchied dabei iſt der, daß wir Bettler kein Verſprechen der Wiederbezah⸗ lung geben, und jene Borger keins halten. Noch dies die An⸗ ze Dich nie⸗ Minuten ſa⸗ viel wirklich ſeitigen Be⸗ ich mit einer eiten geplagt Einladung, mit Stau⸗ imniſſe eines ickelt vorge⸗ ch, begann ſand gleih trſt fragen, es und mei⸗ ruder! bet⸗ niger. Was lich fuͤr den tzu inſtintt en und lebt reht vaſ Namen des abei iſt de⸗ giederbeza ten. Noh Geſchichte des Bettelmönrhs. 127 andere ſtehlen, rauben, betruͤgen.— Denn es giebt eine Menge feiner Unterſchiede dabei— alle aber ſind doch nur maskirte Bettler, Abſtaͤmmlinge aus der ur⸗ ſpruͤnglichen Wurzel. Ich bin ſowol aus Neigung als aus Beruf ein Bettler; und ſo wirſt Du es auch werden, lieber Bruder, wenn Du nur erſt einen Ver— ſuch damit gemacht haſt. Giebt's denn auch etwas leichteres als einem Naturtriebe zu gehorchen? Fuͤhlt man einmal die Wahrheit des Grundſatzes, ſo folgt die Praxis bald nach. Doch ein paar Regeln muß ich Dir noch mittheilen und die Gruͤnde dazu. «Fuͤr's erſte bitte oder borge nie mit trauriger Miene oder abgeſchabtem Rocke. Der arme Teufel, der ſich in wahrem Elend an Seele und Leib befin— det, wird ſelten Unterſtuͤtzung erhalten Nur der froͤh⸗ liche, heitere, wohlgenaͤhrte und anſcheinend auch wohl⸗ habende Mann, braucht bloß anzuklopfen, und es wird ihm aufgethan. Und weshalb, Bruder Placidus? weil die Wohlthaͤtigkeit der halben Welt auf Eigen⸗ nutz beruht, welcher einen großen oder kleinen Dienſt nur um deswillen erzeigt, weil er einen groͤßern wie— dererwieſen zu ſehen hofft. «Fuͤr's zweite, fuͤlle Deinen Lederſack, ehe Du das Einſammeln anfaͤngſt, ſo wie ich, erſt halb voll. Ziehſt Du die Boͤrſe leer heraus, wirſt Du ſie auch leer wieder mitbringen. Vergiß auch nicht, wenn Du Almoſen ſammelſt, mit Deinem Gelde zu klimpern, 128 Sützzen aus Belgien. und die Oeffnung Deines Sacks hinzuhalten. Es liegt im Gelde, das den Armen geſchenkt worden iſt, eine gewaltige Anziehungskraft, und die Elemente der⸗ ſelben beſtehen aus einem Gemiſch von Eitelkeit und Neid, denn die Wohlthaͤtigkeit der andern Haͤlfte der Welt, iſt nichts als Eitelkeit, welche die Leute ſpornt, eben ſo viel oder noch mehr als der Nachbar that, auch zu thun, ob ſie gleich dieſen Nachbar verſchmach⸗ ten laſſen wuͤrden, wenn er in Noth geriethe.” Placidus, deſſen aufmerkſame Blicke nach und nach in das Starren des Abſcheu's und Schreckens ſich verwandelt hatten, benutzte hier eine Pauſe in des Almoſeniers Rede, um ſeinen Gefuͤhlen Worte zu geben. — Bruder! Bruder!— rief er aus,— iſt denn dieſes Gemaͤlde Wahrheit? Du erſchreckſt und erſchuͤt⸗ terſt mich! Das waͤre wirklich die Welt in welche zu treten ich im Begriff ſtehe?— «Ja, ja, dies iſt,» entgegnete Petrus Maria, «ein treues Gemaͤlde der Wohlthaͤtigkeit der Welt im Allgemeinen. Doch giebt es auch allerdings einige Ausnahmen. So kannſt Du z. B. in einer Stadt von zwanzigtauſend Seelen von funfzig Almoſen be⸗ kommen, die ihr Geld aus bloßer Sorgloſigkeit weg⸗ geben, aus Liebe zum Verthun, geſchehe es auch wo⸗ durch es immer wolle. Ein paar hundert Spitzbuben und Schurken dagegen, hoffen ihre Uebelthaten durch falſche halbes aus r murn ſcht Geſchichte des Bettelmönrhs. 129 falſche Wohlthaͤtigkeit abzukaufen, und vielleicht ein halbes Dutzend Perſonen nur, ſtecken ihren Beitrag aus reiner chriſtlichen Milde in Deinen Beutel.”» — Uund nur ſo wenige Ausnahmen gaͤb' es?— murmelte Placidus, indem er die Haͤnde vor das Ge⸗ ſicht ſchlug. «Nimm's nicht uͤbel, Bruder,» ſagte ſein Ge— faͤhrte,«wenn ich Deinem Gaumen eine unerfreuliche Sehnſucht verurſache, indem ich den meinen labe, aber ein Menſch, der ſpricht, muß trinken. Getraͤnke iſt der Sprache Nahrung, und ſomit ziehe ich ſelbſt den gehoͤrigen Nutzen von meiner Dispenſation.“» Mit dieſen Worten fuͤllte er aus einer maͤchtigen Flaſche ein Glas voll roſenrothen Liqueurs, welchen er auf der Stelle hinunter ſchluͤrfte. Placidus merkte kaum auf ihn, und ſein Gaumen kuͤmmerte ſich nicht im geringſten um ſeines Bruders Indulgenz. Dieſer aber fuhr alsdann, nachdem er mehr als einmal die Zunge uͤber die Lippen gelenkt hatte— damit von dem noch nicht voͤllig genoſſenen Tropfen ja nichts uͤbrig bliebe— folgendermaßen fort. «Lieber Bruder, aus ſolchen Materialien beſteht nun einmal die Maſſe der Weſen, unter denen Du fuͤr die Begruͤndung unſers jungen Inſtituts einſam⸗ meln ſollſt. Ich kenne ſie in allen ihren Verſchieden⸗ heiten ſehr wohl, und will Dir noch ein oder zwei Winke geben, wie Du ſie zu bearbeiten haſt.“» 6*£* 130 Süissen aus Belgien. — Bearbeiten?— wiederholte Placidus mit ern⸗ ſtem Nachdrucke. «Nun ja, bearbeiten— auf ihre Gefuͤhle einwir⸗ ken, wenn ſie deren haben; wenn das nicht der Fall iſt, auf ihre Gebrechen. Denn, Bruder Placidus, es giebt nichts auf der Welt, was wir nicht zum Be— ſten unſers Ordens und aus Liebe zu Gott thun muͤß— ten. So laß es Dir denn eingeſchaͤrft ſeyn, wenn Du von einem reichen Manne Almoſen verlangſt, von ſeiner Mildthaͤtigkeit zu ſprechen; bei einem bloß wohl⸗ habenden, von ſeinem Vermögen. Sind Frauen der Gegenſtand Deiner Bemuͤhungen, ſo mußt Du die Freigebigkeit der alten, die Friſche derer in mittlern Jahren, die Froͤmmigkeit der jungen und eiteln prei⸗ ſen. So giebſt Du allen Klaſſen und beiden Ge⸗ ſchlechtern dasjenige zu, was ſie nicht beſitzen, und fuͤr deſſen Ruf ſie doch am liebſten etwas bezahlen. Die große Hauptregel iſt uͤberhaupt die, Allen zu ſchmei⸗ cheln. Du mußt in dieſer Hinſicht ein wahrer Tuͤrke ſeyn, und weder Geſchlecht noch Alter ſchonen. Dann aber wirſt Du auch ſehen, wie ſehr der Katzenberger Gotteskaſten ſich fuͤllen wird.“ Nach Beendigung dieſer Rede hielt Petrus Ma⸗ ria inne, um Athem zu holen, und der arme Placi⸗ dus konnte vor innerer Bewegung ſich kaum faſſen. Er wartete noch eine Zeitlang, ob noch mehrere ſolche ſchauerhafte Mittheilungen kommen wuͤrden; als ihm vaͤte ſes erg it ern⸗ einwir⸗ er Fall dus, es mn Be⸗ muͤß⸗ wenn ſt, von wohl⸗ en der Du die rittlern n prei⸗ n Ge⸗ nd fuͤr Die chmei⸗ Tuͤrke Dann berger Ma⸗ Placi⸗ faſſen. ſolche z ihm Geſchirhte des Bettelmönrhs. 131 aber ein bedeutſamer Wink ſeines Gefaͤhrten zu ver⸗ ſtehen gab, daß er zu Ende ſey, ſtand er auf, und ging hinweg. So verließ er denn, von tauſend ſtrei— tenden Empfindungen beſtuͤrmt, und mit den Weltge⸗ braͤuchen unbekannt, ſchweigend das Zimmer, indem er nur noch hoͤrte, wie ſein Rathgeber hinter ihn drein murmelte; Sankt Peter helfe dem Burſchen! Wenn er nicht ſeine Manieren aͤndert, ehe er ſeine Runde anfaͤngt, ſo werden die armen Katzenberger Bruͤder nur Waſſer in ihre Biertonnen bekommen, und nicht einmal ihr Kruͤmchen Kaͤſe zu ihrem trocknen Brode eſſen koͤnnen.” Placidus eilte durch den Kreuzgang und war eben bis dahin gekommen, wo eine enge Stiege zu ſeiner Zelle hinauffuͤhrte, als er dem Prior begegnete, der ſo eben einem armen kranken Bruder dort oben einen vaͤterlich bruͤderlichen Beſuch abgeſtattet hatte. Die— ſes zufaͤllige Zuſammentreffen ſchien Placidus ein Wink der Vorſehung zu ſeyn, um ihn von einem Schick⸗ ſale zu retten das ſchon den Abgrund oͤffnete, um ihn zu verſchlingen. Dem lebhaften Eindrucke des Au⸗ genblicks folgend, warf er ſich zu des Priors Fuͤßen, ergriff ihn bei'm Gewande und ſchluchzte in kaum vernehmbaren Toͤnen ſeine unzuſammenhaͤngende Bitte. Das erſte, was der Prior endlich verſtand, waren die Worte:«Um des Himmels willen, beſtehen Sie nicht darauf— die furchtbare Beſchreibung, die mir 132 Süizzen aus Belnien. der Bruder dort von dem graͤßlichen Weltleben ge⸗ macht hat, raubt mir faſt den Verſtand. Ich koͤnnte der Bruͤderſchaft in einem ſolchen Poſten nicht die— nen— ich wuͤrde unter den Pflichten erliegen, die ich unfaͤhig bin, zu erfuͤllen,— alles wuͤrde nur zum Nachtheile des Ordens und zu meinem eigenen Elende enden!— Laſſen Sie es um aller Heiligen willen nicht dazu kommen— befreien Sie mich von dieſem Jammer— beſtimmen Sie einen anderen geeignete⸗ ren Bruder fuͤr dieſes Geſchaͤft,— und laſſen Sie mich zuruͤckkehren in das Schweigen und die Einſam⸗ keit meines fruͤheren Zuſtandes! O! erbarmen Sie ſich meiner und erhoͤren Sie mein demuͤthiges inniges Flehen!“ — Lieber Bruder,— erwiederte der Prior im freundlichſten Tone, indem er die Erregung des jun— gen Mannes innig mitfuͤhlte, aber ſich auch zugleich der wichtigen Urſachen erinnerte, die es noͤthig mach⸗ ten, ihn feſt fuͤr jene Beſtimmung zu erhalten,— ſolche innere Bewegung iſt bei einem jungen unſchul⸗ digen Gemuͤthe ganz natuͤrlich. Sie giebt uns aber auch die groͤßte Gewißheit, daß Sie fuͤr das Amt das wir Ihnen aufgetragen, vollkommen geeignet ſind. Ihre Anſtellung war die Folge reifer Ueberlegung— die weſentlichſten Vortheile des neuen Inſtituts ſind damit verknuͤpft— kurz ſie iſt unwiderruflich. Ich fuͤhle alles mit, was Sie empfinden, dafuͤr glauben Sie überg finden Man⸗ haben ſtoͤrt der⸗ zu le von; ſeinen treib n ge⸗ ünnte die⸗ , die zum klende villen ieſem nete⸗ Sie ſam⸗ eſch niges r im jun— leich nach⸗ — 7 ſchu⸗ aber Amt ſind. 9- ſind Ich uben Geſchirhte des Bettelmönrhs. 133 Sie mir aber auch, daß all' dieſe Gefuͤhle nur vor— uͤbergehend ſind. Sie werden die Welt nicht ſo ſchlecht finden, als Sie ſich ſie vorſtellen. Ein rechtlicher Mann kann vorwurfslos ein ſolches Verkehr mit ihm haben wie es Ihnen aufgetragen worden, und unge⸗ ſtoͤrt durch ihre Fehler und Laſter dahinwandeln. Bru⸗ der Petrus Maria hat ohnſtreitig ſein Gemaͤlde mit zu lebhaften Farben gemalt. Er iſt etwas ſatyriſch von Natur, ein wenig cyniſch aus Gewohnheit, und ſeinem Vaterlande nach ſchon geneigt alles zu uͤber⸗ treiben. Aber auch ich habe die Welt kennen gelernt — ihre ſchlechten und ihre guten Seiten. Ich habe Niedrigkeit, Verraͤtherei und Eigennutz der Menſchen empfinden gelernt, aber auch ihre Redlichkeit und Treue, habe gefuͤhlt, lieber Placidus, wie der heilende Athem weiblicher Tugend und nimmer muͤder Erge⸗ benheit den zerriſſenen Herzen Labung und Balſam wird, und es von neuem mit Kraft und Hoffnung ſtaͤrkt. Gehen Sie jetzt auf Ihre ſtille Zelle— auf Ihr einſames Lager— berathen Sie ſich mit Ihrer ſchuldloſen Seele,— und alles wird noch gut werden. Sie haben mich ſelbſt etwas erregt, und ſeit langer Zeit ſchon ſchlummernde Gedanken wieder erweckt. Das ſollte nicht ſeyn!— Mit dieſen Worten ging der Prior hinweg, und Placidus bemerkte nicht ohne Staunen deſſen ſicht⸗ liche Bewegung, waͤhrend er ſelbſt ein noch weit ge⸗ 134 Süizzen aus Belgien. folterteres Opfer der ſeinen war! Durch den unvorbe⸗ reiteten Ausdruck deſſen, was ſeinem Vorgeſetzten ent⸗ ſchluͤpft war, lebte in ſeinem Geiſt eine neue Reihen⸗ folge von Gedanken auf. Dies Gemaͤlde der Welt, wie es ihm vor kurzem noch vorgeſtellt worden, war vor ſeinen Augen erloſchen, und die Phantaſie fuͤhrte ihn zu Tagen und Begebenheiten zuruͤck, die der ver— tilgende Fittig der Zeit bis dahin ganz aus ſeinem Gedaͤchtniſſe verwiſcht hatte. In dieſer Stimmung kam er auf ſeine Zelle, legte er ſich auf ſein aͤrmliches Lager. Selbſt im Vergleich zu eines Trappiſten trauriger und kurzer Ruhe, war die Nacht die er verbrachte noch ſchrecklich. Seine einſamen Nachbarn vernahmen ohne Unterlaß ſein Schluchzen, bis der Tagesanbruch und das Horagloͤck⸗ chen ſie abrief, und zum erſtenmale ſeit ſeiner Auf— nahme in den Orden fehlte Bruder Placidus in ih⸗ ren Reihen. Zweites Kapitel. Einige Wochen nachher ward der neue Zweig der Bruͤderſchaft zu Katzenberg feſt begruͤndet. Den Theil des Gebaͤudes welcher ihnen uͤberlaſſen worden, hatte man zum Empfange ſolcher Bewohner in den gehoͤrigen Stand geſetzt, und nirgends wurden wol Wohnungen mit minderm Geraͤth verſehen, als hier. Auch der Garten ward abgeſteckt und die hungrige Erde mit den Pflan, Blum gezäun gegrab tohe des C D 83 und, hatter gunge hatte tauſe Wa chen ande ordn dr, ſeine de dun unn orbe⸗ ent⸗ hen⸗ Velt, war ihrte ver⸗ inem legte leich der Theil hatte rigen ngen der den Geſchirhte des Bettelmönch. 135 Pflanzen und Saamen genaͤhrt, die zu Fruͤchten und Blumen aufwachſen ſollten. Die Felder wurden ein— gezaͤunt, und der unfruchtbare Boden innerhalb um⸗ gegraben und vorgerichtet, daß er, ſo viel es ſeine rohe Beſchaffenbeit erlaube, Nuͤtzliches zum Beſten des Ganzen hervorbringe. Die zehn bis zwoͤlf Bruͤder, welche nebſt dem Prior und Placidus den Huͤgel auf dieſe Art neuangebaut hatten, wurden bald in ihre verſchiedenen Beſchaͤfti⸗ gungen eingewieſen, und der junge Almoſenſammler haͤtte ſehr gern ſeine Stelle mit einer der ihren ver⸗ tauſcht, ſelbſt auf Gefahr, die geſunde aber unheilige Wangenfarbe zu erhalten, welche jene Arbeiten, zu wel— chen die Natur den Menſchen angewieſen hat, den andern gaben. Waͤhrend alle dieſe verſchiedenen An⸗ ordnungen vor ſich gingen war Placidus zwar ruhi⸗ ger, aber nicht minder nuͤtzlich beſchaͤftigt. Er hatte ſeinen Beſuch bei'm Bruder Petrus Maria nicht wie⸗ derholt, dagegen zog er den Rath und die Unterre⸗ dung mit dem ehrwuͤrdigen Prior, als ſeinem eignen unmittelbaren Obern vor, und ſah ſo durch Froͤm— migkeit und Entſagung geſtaͤrkt, die furchtbare Wuͤſte von Schwierigkeit und Gefahr, in welche er geſtoßen werden ſollte, in minder furchtbarem Lichte vor ſich. So wirkte denn Gewohnheit ſtets noch maͤchtiger als guter Rath, Wunder bei ihm, und an dem Tage, wo er die Kloſtermauern verließ und die Gefilde der Cham⸗ 136 Sftizzen aus Belgien. pagne vor ſich liegen ſah, konnte er den Quell des Entzuͤckens nicht zuruͤckhalten, der unwillkuͤhrlich ſei— nem Herzen entquoll. Einen Augenblick lang riß ihn die Wonne ſichtlich mit ſich fort. Es ſchien als ob die Natur mit ihrer melodiſchen und doch tief durch⸗ dringenden Stimme wirklich zu ihm geredet habe, denn er antwortete ihr mit dem lauten Ausrufe: Ja, ja! das iſt wunderſchoͤn! Als er zu Katzenberg angekommen war, trat er in die eigentlich thaͤtigen Pflichten ſeines Amts mit einer Art von Lebendigkeit ein, die ihn ſelbſt in Staunen ſetzte. Der Reiz der Veraͤnderung wirkte unwider⸗ ſtehlich auf ihn, und ergoß ein unerwartetes Intereſſe uͤber ſeine neue Thaͤtigkeit. Er brachte ſeine Rech⸗ nungen in Ordnung und fing ſeine Ausgaben fuͤr die kleine Bruͤderſchaft froͤhlich an, indem er in dieſer Be— ſchaͤftigung einen Reiz fand, der ihn ſelbſt Wunder nahm. Die gewohnte Schwermuth jedoch, welche in ſeiner ſonſtigen ſchweigſamen Abgeſchiedenheit nicht ſo deutlich hervortrat, breitete einen dunkeln Schat⸗ ten uͤber ſein Benehmen in ſeiner neuen Laufbahn. Lange Gewohnheit tiefen Schweigens machte jede Un⸗ terhaltung mit ihm ſchwierig, und die kleinen Kraͤmer in den Laͤden unten am Huͤgel, bei denen er ſeine Ein⸗ kaͤufe beſorgte, und die uͤberhaupt dies junge moͤnchi⸗ ſche Inſtitut mit unguͤnſtigen Augen anſahen, hielten Brude ſuͤck i Pl ſer zu dirgan mal m ſenen gelmäͤ das T ttennt verene einen dem im! jung Jvei ihren Sich ddue Aus Eſſ mit ner er in einer aunen vider⸗ terſſe Rech: r die Be⸗ nder he in nicht ſchat⸗ ahn. un⸗ mer Ein⸗ nchi⸗ elten Geſchichte des Bettelmönchs. 137 Bruder Placidus bloß fuͤr ein verdruͤßliches Muſter⸗ ſtuͤck ihrer neuen Nachbaren. Placidus bediente ſich ſeines Vorrechts das Klo⸗ ſter zu verlaſſen nur ſelten. Sein gewoͤhnlicher Spa— zirgang war in dem Garten, doch erſtieg er manch— mal mit eiligen Schritten den mit Haidekraut bewach⸗ ſenen Gipfel des Huͤgels, und man bemerkte, daß er re⸗ gelmaͤßig taͤglich eine Felſenſpitze beſuchte, die ſich uͤber das Thal bog, welches Katzenberg von Scharfenberg trennt. Dieſes Thal lag ganz beſonders romantiſch. Es verengte ſich zuletzt in eine Schlucht, deren Schatten einen dunkeln aber nicht unangenehmen Kontraſt mit dem offenen Felde bildeten. Die ganze Gegend ließ ſich im heitern Sonnenſtrahl eines Lenzmorgens, wenn die jungen Blaͤtter froͤhlich hervorſproßten und an den Zweigen bebten, wie halbgefiederte Voͤgel, die ſchuͤchtern ihren erſten Ausflug wagen, recht freundlich anſchauen. Sichtlich war es aber nicht dieſer Reiz welcher Pla— eidus anzog, und ihn mit brennenden Augen auf die Ausſicht unter ſich hinſtarren ließ. Nur eine guͤnſtige Erſcheinung, die nach innen ſich bei ihm richtete und mit ihren durchdringenden Glanze das Labyrinth ſei⸗ ner Erinnerungen erhellte, konnte ihn ſo feſthalten, und mehr als einmal hatte ein herumirrender Bru⸗ der, der ſeinen Kuͤhen oder Ziegen durch das Buſch⸗ werk an den Seiten des Huͤgels nachging, den jun⸗ 138 Sſizzen aus Belgien. gen Almoſenier auf einem felſigen Vorſprung ſitzend, oder auf der Haide hingeſtreckt bemerkt, waͤhrend tiefe Seufzer ſich ihm entwanden, die man ſelbſt unten in dem kleinen Gebuͤſche vernahm. Einige Wochen waren ſo vergangen, und als die Bruͤderſchaft feſter geſtellt und durch einige Fanatiker und andere minder unſchuldige Rekruten vermehrt worden war, begann die Nachbarſchaft, welche anfangs in Maſſe herbeigeſtroͤmt war, um die erſten Ankoͤmm⸗ linge anzuſtaunen, allmaͤhlich mit ihrem abenteuerli⸗ chen Aeußern vertrauter zu werden, und der allge⸗ meine Widerwille ſchien nach und nach zu verſchwin— den. Jetzt hielt es der Prior fuͤr die rechte Zeit, die erſte Contribution zu erheben, und gebot alſo Placi⸗ dus, ſich auf ſeinen erſten Ausflug als bettelnder Bru⸗ der gefaßt zu machen. Es war ein ſchoͤner Maimorgen, ſo ein Morgen der Hoffnung und Vertrauen in der Menſchenbruſt naͤhrt und erweckt, als Placidus ſeine gewoͤhnliche Kleidung ablegte, und in einem feinen ſchwarzen An⸗ zuge mit einem Stocke in der Hand, den Fußſteig zum benachbarten Flecken hinabſchritt, nachdem er zu⸗ vor den Segen des Priors erhalten, und ſich ſelbſt den eines hoͤhern Beſchuͤtzers an den Stufen von deſ⸗ ſen kleinerm Altare in der Kapelle erfleht hatte. Er fuͤhlte eine ungewohnte Erhebung ſeines Geiſtes. Keine Erniedrigung erblickte er in dem frommen Vorhaben, um d er der geſich wiede von; tung den licher Sie reit, ohne der ſtin dies nen er b alle da R. ſes füh ade han An ſitzend, dtiefe ten in als die natiker rmehrt nfangs koͤmm⸗ euerli⸗ allge⸗ ſchwin⸗ it, die Placi⸗ Bru⸗ dorgen nbruſt hnliche n Am⸗ lßſteig er zu⸗ ſebſt en deſ Er Keine haben, Geſchichte des Bettelmönrhs. 139 um deſſen willen er auszog. Er war uͤberzeugt, daß er dem Vortheile ſeines Ordens diene, und ſein An— geſicht ſpiegelte unwillkuͤhrlich die Heiterkeit ſeiner Seele wieder. In ſo weit erfuͤllte er abſichtslos die erſte von Bruder Maria's Lehren; was aber die Ausſtat⸗ tung ſeiner Boͤrſe betraf, ſo ließ ihm ſein Gewiſſen den Kunſtgriff nicht zu, den ihm ſein minder bedenk⸗ licher und erfahrnerer Rathgeber anempfohlen hatte. Sie war daher leer, und gleich dem der ſie trug be⸗ reit, die Gaben der Wohlwollenden zu empfangen, ohne durch Kunſtgriffe des Betrugs entweiht zu ſeyn. Als Placidus den Huͤgel hinabſtieg, fiel ihm Bru⸗ der Petrus Maria's Grundſatz, daß Betteln ein In⸗ ſtinkt ſey, ſo wie deſſen Prophezeihung, daß er ſelbſt dies bei ſeinem erſten Ausfluge fuͤhlen und anerken— nen werde, wieder ein.«Meinetwegen auch!“» dachte er bei ſich ſelbſt.«Warum ſollte ich mich denn von allen andern meines gleichen unterſcheiden? Tauſend der heiligſten Maͤnner haben um Almoſen gebeten— Religion und die Regeln meines Ordens heiligen die⸗ ſes Geſchaͤft— ich bettle nicht fuͤr mich allein, und fuͤhle mich daher durch dieſes niedrige Amt mehr ge⸗ adelt als entwuͤrdigt. Vorwaͤrts alſo!”» In dem Augenblicke ſtand er eben vor dem Wirths⸗ hauſe des Fleckens, welches außer den gewoͤhnlichen Ankuͤndigungen von Wohnungen und Koſt, auch noch das Wort«Brauerei“» in großen Buchſtaben, uͤber 140 Sſtizzen aus Belgien. der grob gemalten Tulipane die ſich oberhalb der Thuͤre darſtellte, zeigte. Hier hatte Placidus bisher das Bier⸗ beduͤrfniß geholt, welches die Bruͤder oben im Kloſter ſparſam verbrauchten. Als die Wirthin und Aus⸗ ſchenkerin des Hopfen⸗ und Malz⸗Gebraͤudes Placidus in ſeinem ſchwarzen Anzuge erblickte, erkannte ſie ihn gar nicht als den weißgekleideten Trappiſten wieder, an deſſen gelegentliche Beſuche und Einkaͤufe ſie ge⸗ wohnt war. Wie ihr nun aber nach und nach ſeine Zuͤge wieder vertrauter wurden, konnte ſie es kaum glauben, daß dieſes heitere Geſicht und freundliche Be⸗ nehmen, jenem ſonſt ſo ſchwermuͤthigen und ungeſelli⸗ gen Beſuchenden angehoͤre. Sie bildete ſich natuͤrlich uun, der junge Mann habe ſich von ſeinem Geluͤbde sgemacht, und der Bruͤderſchaft ſeiner finſtern und ſchlecht genaͤhrten Gefaͤhrten entſagt, ſtreckte ihm da— her die Hand entgegen und wuͤnſchte ihm mit herzli⸗ cher Waͤrme Gluͤck zu dieſer Veraͤnderung. «Ich dachte mir's gleich, daß das ſo enden wuͤrde,“ ſagte ſie, indem ſie ihm keine Zeit ließ, auf ihren er⸗ ſten uͤbelangebrachten Gluͤckwunſch etwas zu erwiedern. «Die Extreme beruͤhren ſich, ſagen die feinen Leute, und ich glaubte auf der Stelle, daß eine ſo außeror⸗ dentliche Froͤmmigkeit zuletzt ein ſolches Davonlaufen zur Folge haben wuͤrde. Die Tonne war zu voll, als daß ſie nicht haͤtte platzen ſollen.— Nun, kom— men Sie nur hier herein, in mein Haus, Herr Pla⸗ (idus, aber nicht Ein g ungen Haus gemac oben den k Vutte wahr herzl abge ſcoͤrt Lindo chen verſt Thuͤre Bier⸗ Nloſter Aus⸗ aeidus ſe ihn vieder, ſe e ſeine kaum ſe Be⸗ geſell⸗ fürlich tluͤbde und n da⸗ jerzli üͤrde, en er⸗ dern. Leute, ßeror⸗ jaufen vol, korn⸗ Pla⸗ Geſchichte des Bettelmönchs. 141 cidus, wenn Sie ſich noch dieſen Namen beilegen; aber ſehr freut es mich um ihretwillen, daß ich Sie nicht mehr Bruder Placidus zu nennen brauche. Ein gutes Fruͤhſtuͤck iſt fuͤr Ihren Magen etwas ganz ungewoͤhnliches. Sie ſollen das Beſte haben was das Haus vermag; ein Schnittchen Speck mit einem ein— gemachten Gaͤnſefluͤgel, eine Flaſche Bier, wie ſie es oben auf dem Berge gewiß noch nie getrunken haben, den koͤſtlichſten Rahmkaffee, und friſches Brod und Butter. Was meinen Sie dazu? Ich habe meine wahre Freude daran, daß Ihr freundliches Geſicht herzlich dazu laͤchelt. Nun, kommen Sie nur herein.» Die ruhige Heiterkeit Placidus' ward durch dieſe abgebrochenen und unzeitigen Gluͤckwuͤnſche nicht ge— ſtoͤct.— Meine liebe Frau,— ſagte er, ohne ihrer Einladung zu folgen;— Ihre guͤtigen Wuͤnſche ma— chen mir Freude, aber ſie beruhen auf einem Miß⸗ verſtaͤndniſſe. Ich bin noch ein Trappiſt, bin noch Bruder Placidus, bin noch Almoſenier, und was ich dieſe ganze Zeit uͤber geweſen bin, der Beſorger der kleinen Beduͤrfniſſe meiner Bruͤderſchaft.— «Wahrhaftig? Das iſt doch zum Erſtaunen!“ rief die Wirthin aus.«Doch Sie ſind nichts deſto weniger willkommen, guter Bruder Placidus!» Und dies war ohnſtreitig vollkommene Wahrheit, denn da ſie einen anſehnlichen Antheil des Nationalgeſchmacks fuͤr Gewinn beſaß, ſo war es ihr ohnſtreitig einerlei, 1⁴2 Sliizzen aus Belgien. ob ſie ihren Vortheil bei eingemachten Gaͤnſen, oder einer Tonne Bier fand. In der Meinung daher, ihr Gaſt komme wie gewoͤhnlich, um eine der letzteren ein⸗ zukaufen, noͤthigte ſie ihn unausgeſetzt herein zu treten, und verſicherte, daß das letzte Gebraͤu alle uͤbertraͤfe, von denen er fruͤher gekauft, ſchlug ihm auch vor, einen Antheil davon in's Kloſter zu ſchicken, ehe der große Andrang der benachbarten Paͤchter den Vor⸗ rath ganz ausgeleert habe.„Meinen Irrthum,“ fuhr ſie fort, muͤſſen Sie mir aber vergeben, weil ich wirklich glaubte, Sie haͤtten ſich von den wuͤrdigen Herren im Kloſter getrennt, und dies um deswillen, weil ich Sie in dieſem chriſtlichen Anzuge erblickte, ſtatt der auslaͤndiſchen Tracht, in welcher Sie und die anderen Bruͤder ſich gewoͤhnlich auf dem Huͤgel her⸗ umtreiben, ſo daß ſie gerade wie Tuͤrken ohne Tur⸗ ban ausſehen.”» — Da Sie mich mit dem, was Sie ſagten, nicht beleidigen wollten, meine Gute,— entgegnete Placi⸗ dus, ſo bedarf es auch keiner Entſchuldigung. Sie erblicken mich aber jetzt hier in einer Beſtallung, in welcher ich noch nie vorher bei Ihnen war, naͤmlich— als der Almoſenſammler fuͤr unſer Kloſter.— Mit dieſen Worten zog er ſeinen ledernen Beutel heraus. Das ſchmaͤchtige Anſehen dieſes Seckels, der ſich bis⸗ her vor ihr immer in weit anmuthiger Ruͤndung ge⸗ oͤffnet hatte, entging dem ſchnellen Auge der Wirthin nicht, ganz g vollen iſtenn nung men z Feuer Dienſ fort: nicht der Orde dan fange wie wein um nahn ihrer enm von Und oder :, ihr ein⸗ reten, ttraͤfe, vor, je der Vor⸗ um,“ il ich rdigen villen, glickte, e und Geſchirhte des Bettelmönchs. 143 nicht, und ihre Gefuͤhle nahmen auf der Stelle eine ganz andere Richtung. Sie ſchien von einer ſchauer⸗ vollen Abneigung gegen alles ergriffen, was zum Trap⸗ piſtenweſen und Almoſenſammeln gehoͤrte. Die Oeff⸗ nung ihres Herzens ſchien ſich inſtinktmaͤßig zuſam⸗ men zu ziehen, als ob ihr Geld darin verwahrt ſey. — Ja, meine Gute,— fuhr Placidus noch im Feuer der Aufregung, welche dieſer erſte Verſuch im Dienſte der Bruͤderſchaft in ihm hervorgebracht hatte fort:— ich bin jetzt bloß der demuͤthig Bittende, nicht mehr der freigebig Einkaufende fuͤr meine Bruͤ— der Trappiſten. Sie wiſſen ohnſtreitig, daß unſer Orden von den Almoſen mitleidiger Seelen lebt, und da unſer kleines Vermoͤgen faſt ganz erſchoͤpft iſt, ſo fange ich heute eine Sammlung an, zu welcher Sie, wie ich hoffe, den erſten Beitrag ſpenden werden.— «Ich? Nun, da wenden Sie ſich an die Unrechte, mein Herr Bettelmann! Ich, etwas dazu beitragen, um einen Haufen muͤßiger, unnuͤtzer Tagediebe zu er⸗ naͤhren, die nichts thun, als die armen Bauern mit ihrem grimmigen Ausſehen zu erſchrecken, und nicht einmal jemand ein hoͤfliches Wort goͤnnen? Nein, nein, von mir bekommen Sie auch nicht einen Ortje.*) Und nun, guten Morgen, mein Herr, gutes Wetter auf den Weg.“* *) Halben Pfennig 144 Sſtizzen aus Belgten. — Ei, ei!— ſprach Placidus, ungekraͤnkt durch ihre harte Verweigerung;— das iſt ein boͤſer An⸗ fang. Aber bedenken Sie doch, je aͤrmer wir oben ſind, um ſo weniger Bier werden wir trinken, und ein Heller aus chriſtlicher Liebe gegeben, haͤtte Ihnen gewiß hundertfaͤltigen Gewinn bringen koͤnnen.— Das traf: Alle nationellen und perſoͤnlichen Ge⸗ fuͤhle der Wirthin, ſtimmten in den Ton ein, den Placidus angeſchlagen. Sie wandte ſich auf der Stelle wieder zu ihm und rief mit erzwungenem Laͤcheln: «Kann man denn widerſtehen, wenn uns das Herz ſo maͤchtig treibt? Ich habe es Ihnen in der Ueberei⸗ lung abgeſchlagen, mein guter Bruder Placidus, und vielleicht nicht einmal ganz hoͤflich. Aber ich weiß wahrhaftig nicht, was auf einmal uͤber mich kam— ich weiß es wahrhaftig nicht! Ich bin uͤberzeugt, daß, wenn ich nur einen Augenblick nachgedacht haͤtte, ich mich gewiß nicht wuͤrde geweigert haben, zu den Be⸗ duͤrfniſſen der guten Bruͤderſchaft auf dem Berge nach meinen Kraͤften beizutragen. Machen Sie nur Ih⸗ ren kleinen Beutel auf, und laſſen Sie dies hier als Grundſtuͤck hereinfallen. Ich wuͤnſche herzlich, daß es Ihnen Gluͤck bringen moͤge. Wollen Sie noch ſonſt etwas? Etwa ein Glas Neugebraͤu?“ Placidus entſchuldigte ſich, dankte der beſſer be— rathenen Wirthin fuͤr ihre Guͤte und ging hinweg, eben ſo zufrieden mit deren Geſchenk, als mit ſei⸗ ner t durch er An⸗ r oben n, und Ihnen en Ge⸗ n, den Stelle acheln: herz ſo jeberei⸗ 6, Und h weiß am— ſinweg iit ſei ner Geſchichte des Bettelmönchs. 145 ner eigenen Geſchicklichkeit die vorwaltende Leidenſchaft dieſer Frau, welcher er jenes allein verdankte, zu er⸗ regen. Ermuthigt durch dieſen Erfolg, ward ſein naͤch⸗ ſter Verſuch mit noch mehr Vertrauen und Selbſtbe⸗ herrſchung unternommen. So ging er denn zu dem Hauſe eines der wohlhabendſten Paͤchter der Gegend, der ſich in dem Flecken niedergelaſſen hatte, welchen ſeine Beſitzungen faſt ganz umgaben. Das große, ſchoͤne Anſehen des Hauſes und ſeiner Zubehoͤrungen ließen ein reichliches Geſchenk hoffen, und Placidus trat ſchon im Voraus mit dem Gefuͤhle der Dank⸗ barkeit in die halb offne Thuͤre. Pachter Cloots war in dieſem Augenblicke in dem gemeinſamen Zimmer, das nach dortiger Landesſitte zugleich zur Kuͤche und zum Verſammlungsſaale fuͤr die Familie diente. Eine große Tafel war zum Fruͤh⸗ ſtuͤcke fuͤr alle Angehoͤrigen gedeckt, die aus den Herrn und der Frau, ihren Soͤhnen und Toͤchtern und allen Dienſtleuten beſtanden. Tuͤchtige Stuͤcke von Brodt und Butter, Eier und Kaͤſe verriethen eine freigebige Haushaltung, waͤhrend der maͤchtige Kaffee⸗ topf, der am Feuer ſtand, und die ihm gleich geformte Milchkanne, ſeine Nachbarin, zu erkennen gaben, daß gutes und wohlhabiges Leben Allen gemeinſam ſey. Placidus faßte aus dieſen Anzeichen noch lebendigere Hoffnungen und trat daher auf die Einladung des II. 7 ſolchen Beſuchs ſchon laͤngſt erwartet. Ich wunderte 146 Snizzen aus Belgien. Paͤchters getroſt naͤher. Dieſer ſtellte ſich in voller kraͤftiger Geſtalt dar, mit dem Ruͤcken nach dem Heerde gewendet, und die Haͤnde in den Beinkleider⸗ taſchen, in deren jeder er mit einigen Geldſtuͤcken klim⸗ perte. Zu beiden Seiten ſaß ihm ein Frauenzimmer, das eine, Mitgenoſſin ſeiner zeitlichen Gluͤcksguͤter, die ſich mit Zubereitung des Milch⸗Kaffees beſchaͤftigte, das andere, eine Jammergeſtalt in Wittwenkleidern, die ſchweigend in die flammenden Reisbuͤndel blickte, und in ihnen die Geſchichte ihres eigenen Ungluͤcks zu leſen ſchien. «Willkommen, mein Herr, zu Haus und Tiſch!⸗ ſagte der Paͤchter, mit mahleriſcher Gaſtfreundlichkeit, als Placidus ſeinen Hut abnahm und ſich vor dem Kleeblatte verbeugte.«Wem und welcher Urſache ver⸗ danke ich, wenn ich fragen darf, dieſen Beſuch?⸗ — Ich bin der Almoſeneinſammelnde Bruder der Moͤnche von La Trappe, die hier nahe bei auf Katzen⸗ berg ſich niedergelaſſen haben, und der Gegenſtand meiner Aufdringlichkeit bei Ihnen iſt der, Ihre Guͤte fuͤr die Beduͤrfniſſe eines Ordens in Anſpruch zu neh⸗ men, deſſen einzige Subſiſtenzmittel in den Geſchen⸗ ken frommer und mildthaͤtiger Seelen beſtehen.— «Ha, ha!“ herrſchte ihm der Paͤchter entgegen, indem er den Mund weit aufriß, und die Beinklei⸗ dertaſchen zuknoͤpfte;«ich habe mir die Ehre eines voller h dem kleider⸗ en klim⸗ zimmer, sguͤter, äſtigt, leidern, blickte, ngluͤcks Tſchl ichkeit, or dem ttgegen, zeinklei 4 eines underte Geſchirhte des Bettelmönchz. 147 mich ſchon, wie Ihr Leutchen es ſo lange uͤbers Herz bringen konntet, ehe Ihr eure arbeitſamen Nachbaren heimſuchtet. Ich glaubte jedoch, Ihr waͤret zu ſehr damit beſchaͤftigt, euch eure Graͤber zu graben. Sie ſagen, mein Herr Bettelmoͤnch, daß Sie von den Geſchenken frommer und mildthaͤtiger Seelen leben? Gut, ich bin gewiß und wahrhaftig auch, das eine wie das andere,»— und hier fingen ſeine Haͤnde wieder an in den Taſchen mit dem Gelde zu rumoren — aber weder Froͤmmigkeit noch Mildthaͤtigkeit leh⸗ ren mich, die Faulheit zu belohnen, und deshalb be⸗ kommen Sie nichts von mir.» Und hierbei knoͤpfte er ſeine Taſchen wieder zu.«Ja, ja, mein Herr, ich bin gewiß ein frommer Chriſt; ich hoͤre jeden Mor⸗ gen die Meſſe und beichte alle Monate einmal. Ich denke auch wohl, daß ich mildthaͤtig bin, wie dieſe arme Frau hier bezeugen kann, die von meiner Gnade lebt, und eben jetzt ſich deren zu ruͤhmen gehabt hat“ — und abermals erklang der Ton von Gold- und Silberſtuͤcken in jeder Taſche—«aber ich habe nichts, gar nichts fuͤr ſolch ein faules— Nichts.“» — Nichts, oder noch weniger als nichts, wo moͤglich!— ſo ſtimmte die Lebensgefaͤhrtin des Spre⸗ chers mit ein, waͤhrend ein verſtaͤndiger ausſehendes Maͤdchen, die aͤlteſte Tochter der gut gepaarten Ehe⸗ leute, ihre Mutter am Rocke zupfte und ihr einen kleinen vorwurfsvollen Stoß mit dem Ellenbogen gab, 7* 148 Sſtizzen aus Belgten. indem ſie zugleich ein paar Blicke auf den ſchoͤnen Almoſenſammler warf. «Ich muß Ihre abſchlaͤgliche Antwort mit eben ſo großer Entſagung annehmen,“ entgegnete dieſer, als mir Ihre Guͤte Dank wuͤrde entlockt haben. Ich kann Ihre Boͤrſe nicht zwingen, ſich zu oͤffnen, noch maße ich mir ein Urtheil uͤber Ihre Handlungen an, ob Sie gleich die unſrigen keinesweges ſchonen. Am wenigſten haͤtte ich aber erwartet,“— und hier wendete er ſich zu der Frau—«daß Frau Wehrmuth, unten in der Tulipane, mir etwas wuͤrde gegeben ha⸗ ben, wenn ich hier eine abſchlaͤgliche Antwort erhalte, und ich hoffe, mein Herr“— wobei er ſich wieder zu dem Paͤchter kehrte,—«daß der Segen dem Un⸗ ternehmen des Mannes nicht vorenthalten werden moͤge, der die Armen verachtet und kraͤnkt.“” Placidus verbeugte ſich tief und wollte das Haus verlaſſen, als er die Wittwe zur Thuͤr hinaus ſchluͤp⸗ fen ſah. In demſelben Augenblicke fragte auch die Frau vom Hauſe hoͤchſt eifrig:«ob Frau Wehrmuth wirklich etwas gegeben habe?“» Placidus antwortete, indem er das kleine Gold⸗ ſtuͤck vorzeigte, das er von der Wirthin erhalten hatte. — Nein,— ſagte nun die mildthaͤtige Dame, — nein, das ſoll man nie im Flecken ſagen, daß Frau Wehrmuth, die Braͤuerin, es mir in irgend etwas ſchoͤnen it eben dieſer, n. Ich n, noch gen all, n. Am d hier drmuth, ben ha⸗ erhalte/ wieder em Un⸗ werden 3 Haus ſchlu⸗ uch die trmuth Gold⸗ hatte⸗ Danmne, aß Fral 8 etwas Geſchichte dez Bettelmönchs. 149 zuvor gethan habe. Hier, nehmen Sie dieſes Gold⸗ ſtuͤck, doppelt ſo viel am Werthe als jenes, und ſtek⸗ ken Sie es in Ihren Beutel, und laſſen ſie beide zuſammenſchlagen, um zu ſehen, welches am lautſten klingt.— «Ich habe mir's uͤberlegt, Herr Trappiſt,» rief nun auch der Paͤchter aus, noch ehe ſeine Haͤlfte ihre freundliche Rede beendet hatte,«daß man wohl nicht ſo ſtreng ſeyn ſollte, als ich es eben geweſen bin. Ich bin uͤberzeugt, daß wenn irgend jemand den Segen des Himmels verdient, ſo bin ich es. Ich bete ge⸗ nug und gebe genug um deſſen in jeder Hinſicht theil⸗ haftig zu werden, und moͤchte deſſen ja nicht verluſtig zu gehen wagen, wenn ich nicht Beduͤrftigen, wie ohnſtreitig Sie und Ihre Bruͤderſchaft nach Ihrer Art ſein moͤgen, mit einer maͤßigen Unterſtuͤtzung bei⸗ ſpraͤnge. Nehmen Sie daher dies hier gefaͤlligſt an. Halten Sie das nicht fuͤr genug mich vor Ungluͤck zu ſichern? Sie ſollen mehr haben, wenn ſie wirklich mit gutem Gewiſſen glauben, daß das nicht hinrei⸗ chend iſt— ich hoffe aber, es reicht— iſt dem nicht ſo, lieber Herr?» und damit hielt dieſes Gemiſch von Prahlerei und Aberglauben, ihm ein Silberſtuͤck von geringem Werthe hin. Placidus ließ ſich die Muͤnze in den Beutel ſtecken, indem er blos mit einer dankenden Verbeugung antwortete, laͤchelte der Toch⸗ 150 Sützzen aus Belgten. ter noch dankbar zu, deren beſonnenes Einſchreiten, um ſeinen Gefuͤhlen etwas Verletzendes zu erſparen, er wohl bemerkt hatte, und verließ das Haus. Als er ein Weilchen auf der Straße ſtehen ge⸗ blieben war, um zu uͤberlegen, wohin er ſich zunaͤchſt wenden wolle, zog ein Hm, Hm! das ſich zwei bis dreimal wiederholte, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, und als er ſich nach der Richtung des Tones umſah, be⸗ merkte er des Paͤchters verwittwete Koſtgaͤngerin, die halb verſteckt nicht weit von ihm in der Luͤcke zwi⸗ ſchen zwei Haͤuſern ſtand. Sie winkte ihm naͤher, und als er bei ihr war, ſagte ſie ſchuͤchtern zu ihm: «Mein lieber Herr! verſchmaͤhen Sie die kleine Gabe einer Ungluͤcklichen nicht, und laſſen Sie dies Scherf⸗ lein ihren Wunſch bethaͤtigen, ihre geringe Habe mit denen zu theilen, die noch aͤrmer ſind, als ſie ſelbſt. Es iſt ein Theil des woͤchentlichen Almoſens welches das Gewiſſen dieſem hartherzigen Manne erpreßt, eine ſchwache Vergeltung all' des Boͤſen, das ſein Geiz uͤber mich und die Meinen brachte. Nehmen Sie dies, und meinen Segen dazu, und entſchuldigen Sie meine Dreiſtigkeit.“ Damit gab ſie ihm mit niedergeſchlagenen Augen ein Geldſtuͤck. Placidus ward durch dieſe Demuth aͤchter Mildthaͤtigkeit die in ſo beruhigenden Kontraſt zu dem unedlen Beiſpiele trat, deren Zeuge er ſo eben geweſen war, tief ergriffen; er ſchloß die Hand der Pitt den ſeine Ihre Hab verle ſende Arm Ihr ſchor ligt gebe woh gol hreiten, ſparen, hen ge⸗ zunaͤchſt wei bis c,, und ah, be⸗ in, die he zwi⸗ naͤher, u ihm: e Gabe eten nbe mit ſelbſt. welches rpreßt, as ſein Nehmen uldigen Augen Demuth ontraſt o eben nd der Geſchichte des Bettelmönrhz. 151 Wittwe uͤber das Geldſtuͤck und druͤckte ſie zwiſchen den ſeinen.— Treffliches Weib!— ſagte er, und ſeine Stimme bebte als er es ſprach.— Ich nehme Ihren Segen an, aber nichts von Ihrer geringen Habe. Wenn ich dieſe geheiligte Gabe zuruͤck weiſe, verletze ich keine Pflicht gegen die, welche mich abge⸗ ſendet haben, um ihr Beduͤrfniß zu lindern. Der Arme muß nicht bei dem Armen um etwas bitten! Ihr Geſchenk hat das wenige was ich bereits beſitze ſchon durch die Abſicht es ihm beizugeſellen, gehei⸗ ligt, und die Schaͤtze des Himmels werden das dar⸗ gebotene Anlehn reichlich wieder erſetzen. Leben Sie wohl, und moͤge Ihr Segen Ihnen tauſendfach ver⸗ golten werden! Leben Sie wohl!— Unter aͤhnlichen Auftritten, die hier nach ſeinen eigenen Mittheilungen an den Prior entworfen ſind, ſetzte Placidus ſeinen Almoſengang fort. In kurzer Zeit hatte er Menſchennatur unter den ſonderbarſten Formen kennen gelernt, und er unterließ es nicht, dieſe Erfahrungen zu benutzen. Wie wir geſehen ha⸗ ben, hatte er ſich gleich bei ſeinem erſten Verſuche ſeiner tiefern Kenntniß des Herzens und Bekannt⸗ ſchaft mit den beiden vorwaltenden Laſtern ſeiner Na⸗ tion, Geiz und Aberglauben, bedient. Entſchloſſen nun, aus jedem was zu der Wohlfahrt derer, fuͤr welche er handelte, in Bezug trat, das Beſte herauszuſuchen, gedachte er oft an Petrus Maria Rath, auf die Feh⸗ 152 Sützzen aus Belgien. ler und Gebrechen der Menſchen einzuwirken. Fuͤr ſeinen frommen und redlichen Zweck hielt er dieſes fuͤr erlaubt, nie aber entwuͤrdigte er ſich ſelbſt oder ſeinen Beruf, durch ein unedles Schmeicheln der Ge⸗ fuͤhle oder Leidenſchaften derer, von denen er etwas er⸗ bat, und verachtete es, knechtiſchen Sinn hinter der natuͤrlichen Demuth ſeines Geiſtes zu verſtecken. Da er ſeine Runde auch auf die benachbarten Staͤdte ausdehnte, ſo hatte er mit Reichen und Ar⸗ men vielfach zu thun, und gelangte unbefleckt und un⸗ geſtoͤrt durch die Feuerprobe vor welcher er ſich ſo ſehr gefuͤrchtet hatte. Seine Sammlung war ſehr gut von ſtatten gegangen, und er brachte ſchoͤne Bei⸗ huͤlfen fuͤr die Bruͤderſchaft zuruͤck. Sein Beruf be⸗ kam ihm wohl. Nach wenigen Monaten ſah er im Vergleich zu ſeinem fruͤhern ſchwaͤchlichen Aeuſſern geſund und kraͤftig aus, und fuͤhlte eine Staͤrke, Leich⸗ tigkeit und Friſche des Geiſtes wie er ſie nur je vor⸗ dem empfunden hatte. Er ſtaunte daruͤber, aber das Wunder iſt leicht zu erklaͤren. Beſchaͤftigung be⸗ wirkte dieſe magiſche Veraͤnderung, Beſchaͤftigung, das einfachſte Heilmittel fuͤr alle traͤge und muͤßige Men⸗ ſchen, die das koſtbarſte Gut, die Zeit, im Nichtsthun verſchwenden, und es gleich dem Sande der in ihrem Stundenglaſe rinnt, entſchluͤpfen laſſen. Bailleul, Popperingen, Caſſel und alle ihre Um⸗ gebungen beſuchte der bettelnde Bruder auf ſeinen . Faͤr dieſes ſt oder der Ge⸗ was er⸗ ter der dn. hbarten nd Ar⸗ ind un⸗ ſch ſ ar ſehr ne Bei⸗ eruf be⸗ er im euſſern Leich je vor⸗ ber das ung be⸗ ig das Men. tsthun fihren re Ume ſeinen Geſchichte deg Bettelmönchz. 153 Umgaͤngen; man bemerkte jedoch, daß er ſorgfaͤltig das Thal vermied, welches Katzenberg von Schar⸗ fenberg trennte. Drittes Kapitel. Die Sommermonate eilten ſchnell dahin. Der letzte Sonntag im Juni war da und der bettelnde Bruder kehrte nach einer ſeiner weiteſten und gluͤck— lichſten Ausfluͤge, auf dem Wege von Oſtende her nach Katzenberg zuruͤck, als er Nachmittags zwiſchen drei und vier Uhr in die Stadt Furnes eintrat. Er hatte das Boot verlaſſen, das ihn bis an das Ende der offnen Vorſtadt Neuportgitter gebracht hatte, und dachte als er ſo weiter ſchritt bei dieſer Benen⸗ nung uͤber die Veraͤnderlichkeit menſchlicher Einrich⸗ tungen nach. Nicht eine Spur von dem war mehr zu finden, was ſonſt ein ſehr feſtes Bollwerk dieſer alten Stadt geweſen. Der Name Wall, den der mit gruͤnen Hecken eingefaßte Weg und die daran liegenden Gaͤrten, welche um dieſen Theil der Stadt ſich ziehen, noch jetzt fuͤhren, iſt ein zweites Beiſpiel der Hoͤflichkeit der Erinnerung, wenn ſie dem Stolze untergegangener Groͤße ſchmeichelt. Als Placidus vorwaͤrts ſchritt, gab das laute und ſchnelle Laͤuten der Kirchenglocke Kunde von irgend einer in mehr als aus dem bloßen Singen der Ves⸗ per beſtehenden Abendfeierlichkeit. Seinen frommen 7** 154 Sützzen aus Belgien. Gefuͤhlen war es willkommen, einem kirchlichen Ri⸗ tus beizuwohnen, und religioͤſe Empfindungen miſch⸗ ten ſich mit den geſchichtlichen und politiſchen Be⸗ trachtungen die ſeinen Geiſt erfuͤllten. Er eilte da— her ſchnell in den Mittelpunkt der Stadt. Die Straße durch welche er kam, und die ganz von Bewohnern entvoͤlkert zu ſeyn ſchien, war mit Blumen und Blaͤt⸗ tern beſtreut, und die kleinen niedrigen Haͤuſer an beiden Seiten mit allen moͤglichen Stuͤcken von Be⸗ haͤngen geziert, welche die dort waltende Armuth nur hatte auftreiben koͤnnen. Gruppen von Bauern zo⸗ gen in die Stadt, und alle nach der Gegend der Kirche zu, waͤhrend ein tiefer Ausdruck aberglaͤubi⸗ ſcher Neugier auf den meiſten Geſichtern ausgepraͤgt war, von denen der Lufthauch ihrer heimiſchen Suͤmpfe alle Farbe der Geſundheit verſcheucht hatte. Das armſelige, traurige Anſehen aller Gegenſtaͤnde umher bot dem aufmerkſamen Trappiſten volle Gele⸗ genheit uͤber den Kontraſt zwiſchen dem gegenwaͤrti⸗ gen Zuſtande der Stadt und dem zu moraliſiren, in welchem ſie ſich einige Jahrhunderte zuvor befunden, als ſie uͤber acht Herrſchaften und an funfzig Doͤrfer in ihrem Gerichtsſprengel gebot, als die Grafen von Flandern nicht ſelten in ihr reſidirten, wo ſie der Mittelpunkt ihres Glanzes war, indem jene wegen ihrer Reize und Vortheile, von denen man ſich jetzt en Ri⸗ miſch⸗ n Be⸗ lte da⸗ Straße oohnern Blaͤt⸗ ſſer an an Be⸗ th nur ern zo— ind der egaͤubi⸗ geptaͤgt zuͤmpfe iſtaͤnde Gele⸗ nwaͤrti⸗ ren, in funden, Dorfer en von ſie der wegen ip ſi Geſchichte des Bettelmönch. 155 kaum mehr eine Spur erdenken kann, den Gefahren ihres Klima's trotzten, das von jeher zum Spruͤch⸗ worte geworden war. Placidus kam auf den Hauptmarkt. Wegen der Menſchenmenge darauf, ſowohl als ſeiner eigenen Neu⸗ gier, blieb er am Ausgange der Straße aus welcher er trat, ſtehen. Ehe er ganz ſich den Traͤumereien von ehemaligen Zeiten entreißen konnte, verweilte er einen Augenblick bei den Ideenverbindungen, welche die Umgebungen in ihm erweckten. Sein Auge weilte auf dem großen ziegelſteinernen Gebaͤude rechts. Aus deſſen zerbroͤckelten Zierrathen und der ſonderbaren Bauart ſeiner ſpitzen Daͤcher konnte er auf hohes Al⸗ ter und Anſehen ſchließen, waͤhrend die vergitterten Fenſter den gegenwaͤrtigen Beruf fuͤr Straffaͤlligkeit und Elend ausſprachen. Die reiche Architektur des Gebaͤudes an der entgegengeſetzten Straßenecke, ſeine Hoͤhe gegen die Nachbarhaͤuſer und die National⸗ und Stadtwappen uͤber ſeinen Portalen und Fenſtern zeig⸗ ten, daß es die ehemalige Reſidenz der Fuͤrſten und Gouverneurs geweſen, jetzt aber der Gerichtshof ſey. Doch ſchnell war ſeine Aufmerkſamkeit von dieſen duͤſtern Denkmaͤlern der Vergangenheit wie der Ge⸗ genwart durch den Eintritt einer religioͤſen Ceremo⸗ nie abgezogen, deren gleichen es an Verkehrtheit wohl wenige geben duͤrfte, und die, wenn ſie die Gotteslaͤ⸗ 156 Sliizzen aus Belgien. ſterung ſtatt des Aberglaubens erfunden haͤtte, zu den ſchreiendſten Beleidigungen deſſen gerechnet werden wuͤrde, zu deſſen Ehre ſie jetzt beſtimmt iſt. Der ganze große Marktplatz war mit Staͤdtern und Landbewohnern angefuͤllt, die dicht gedraͤngt in glotzender und ſcheuer Aengſtlichkeit warteten. Als Placidus nach der Urſache dieſes Zuſammenſtroͤmens fragte, ſagte ihm ſein Nachbar, mit dem Fluͤſtern tie⸗ fer Ehrfurcht, daß die«Paſſionsprozeſſion“ ſo jeben aus der Kirche kommen werde, deren Lage er auf der entgegengeſetzten Marktſeite neben dem Rathhaus be⸗ zeichnete. Nachdem Placidus ſich von ſeinem Nach⸗ bar den Weg hatte beſchreiben laſſen, den die Pro⸗ zeſſion nehmen werde, draͤngte er ſich, um ſie naͤher zu betrachten, durch die Menge, und nahm endlich in einer Niſche an einem der dortſtehenden alten Haͤuſer Platz, von wo aus er ſie ohne Stoͤrung ſehen konnte. Die langtoͤnende Glocke ſchwieg endlich. Eine lautloſe Stille ruhte ploͤtzlich auf der Menge, die vor⸗ her deren Schall durch dumpfes Gemurmel beglei⸗ tet hatte. Jedes Haupt ward ſchnell entbloͤßt, jedes Knie gebogen, nicht ein Ton mehr gehoͤrt, und als Placidus die ſchweigende Menge uͤberſchaute, und die Tauſende neben einander gereiht erblickte, die un⸗ willkuͤhrlich wellenfoͤrmig hin und her wogten, ergriff auch ihn der feierliche Anblick menſchlicher Macht, durch religioͤſe Ehrfurcht tief zu Boden gebeugt. C igſtru men ſd we moni Fahn cher den 0 X⁴ bung ſähre wird Per der von nicht dacge unpa ſale ſelh über ſein Gen vern war⸗ ſcht ie 1 zu den werden Staͤdtern aͤngt in n. Als troͤmens tern tie⸗ ſo eben auf der aus be⸗ Nach⸗ it Pro⸗ e naͤher dlich in Haͤuſer onnte. Eine die vot⸗ beglei⸗ ¹ jedes nd als e, und die un⸗ etgrif Macht z. Geſchichte des Bettelmönchs. 157 Jetzt drangen die ſanften Harmonien von Blas⸗ inſtrumenten, das Singen der Prieſter und die Stim⸗ men der Chorknaben leiſe zu ihm her, und ſchwollen, ſo wie die Prozeſſion vorwaͤrts ging, zur vollen Har⸗ monie an. Nun erblickte man die ſich fortbewegenden Fahnen und es entfaltete ſich der ganze Zug kirchli⸗ cher Pracht, begleitet von allen obrigkeitlichen Behoͤr⸗ den der Stadt. Ich will hier keine in's Einzelne gehende Beſchrei⸗ bung eines ſolchen«Paſſionszuges“ verſuchen, wie er jaͤhrlich in der Stadt Furnes zum Beſten gegeben wird; jedermann weiß ja ohne dies ſchon, daß die Perſonen des Heilands und ſeiner Apoſtel, ſo wie die der andern dabei mitwirkenden bibliſchen Geſtalten, von bloßen Landleuten oft aus wahrer Froͤmmigkeit, nicht ſelten aber auch aus weniger reinen Abſichten dargeſtellt werden. Meiſtens jedoch geraͤth alles ſehr unpaſſend, und die Verkleidungen wie das Benehmen fallen mehr laͤcherlich als erhebend aus. Placidus ſelbſt fand in dem prunkenden Zuge, der an ihm vor⸗ uͤber ging, keinen Grund zu aͤhnlichen Bemerkungen; ſein Enthuſiasmus, ſeine langjaͤhrigen tiefgewurzelten Gewoͤhnungen, das Befangene das ſeinem ganzen Denk⸗ vermoͤgen in Bezug auf religioͤſe Gebraͤuche eingepraͤgt war, alles dies verblendete ihn fuͤr die eigentliche An⸗ ſicht deſſen was er jetzt erblickte, und keiner der Selbſt⸗ ſpielenden war wohl tiefer davon durchdrungen als er. 158 Sktzzen aus Belgten. Der einzige Theil eines ſolchen Zuges der einigen Antheil auf regeres Mitgefuͤhl ſelbſt bei Schaͤrferden⸗ kenden hat, iſt der welcher ihn beſchließt, wo ſich wirk⸗ liches Gefuͤhl mit wirklichem Leiden vereint. Er be⸗ ſteht naͤmlich aus den Frauen, Schweſtern, Kindern und nahen Verwandten derjenigen Opfer, welche an⸗ ſteckende Krankheiten, die in Furnes ſtets haͤufig ſind, vornaͤmlich aber in den Fiebererzeugenden letzten Som⸗ merwochen ausbrechen, hingewuͤrgt haben. Obgleich zu der Zeit von welcher ich jetzt ſchreibe, die ſichere Epoche dieſer Landplage noch nicht wirklich eingetreten war, gab es doch in der Stadt und der Umgegend Krankheiten genug, um einen langen Zug flehender Frauen zu bilden, unter denen ſehr viele blaße und verfallene Geſichter deutlich anzeigten, daß in ihnen weder Hoffnung noch Kraft ſehr lebendig vorwalteten. Unter allen aber zeichnete ſich eine aus, deren Schoͤn⸗ heit aller Blicke auf ſich zog, waͤhrend ein Anflug inniger und lebendiger Froͤmmigkeit ihr ganzes Weſen von dem dumpfen Aberglauben der uͤbrigen, die ihr vorangingen oder folgten, unterſchied. Ihr einfacher und beſcheidener Anzug, ſtellte ſie in die Klaſſe der Beſitzer kleiner laͤndlicher Grundſtuͤcke, die uͤberhaupt nebſt ihrem Zugehoͤrigen den größten Theil des Zuges ausmachten. Ein weißer Schleier hing von ihrem Haupte herab, das mit einem enganſchließenden Lein⸗ wandhaͤubchen, von ſchmalem Bande eingefaßt, be⸗ deckt lildete Koße des Ben weibl nung nach Zuge näthe Oeſc un; einigen rferden⸗ ich wirk⸗ Er be⸗ Kindern elche an⸗ fg ſind, n Som⸗ Obgleich ſichere geetreten mgegend ſehender ahe und n ihnen alteten. Schoͤn⸗ Anflug „Weſen die ihr infacher nſſe der erhaupt Geſchichte des Bettelmönchz. 159 deckt war. Ein einfaches, ungeſchmuͤcktes Gewand bildete ihren uͤbrigen Anzug, und ſo ging ſie mit einer großen Wachskerze in der Hand einher, um dieſe, wenn die Prozeſſion voruͤber, dem Altare ihres Schutz⸗ heiligen zu weihen. Als dieſe anziehende Geſtalt ſich der Stelle naͤ— herte wo Placidus ſtand, ruhte ſein Auge im erſten Augenblicke mit gluͤhendem und forſchendem Ausdrucke auf ihr, im naͤchſten aber ſchon rief er laut auf: „Allmaͤchtiger Gott!— ſie iſt's!— es iſt Melanie!» Bei dem Tone dieſer Stimme, und als ſie ihren Namen rufen hoͤrte, ſtand die jugendliche Geſtalt ploͤtz⸗ lich ſtill, ſchaute unglaͤubig nach der Stelle hin, wo Placidus weilte, und unterbrach ſo einen Augenblick lang den regelmaͤßigen Gang der Prozeſſion. Ihr Auge fand jedoch nicht, was ſie ſuchte. Placidus hatte ſeinen Platz verlaſſen, und man ſah ihn zum großen Erſtaunen der Menge umher, ſich in die Mitte des dichteſten Volkshaufens draͤngen, deſſen wogende Bewegungen ſeinen Weg bezeichneten. Das junge weibliche Weſen, getaͤuſcht in der anſcheinenden Hoff⸗ nung den, welchen ſie ſuchte, zu erblicken, verſuchte ſich nach einer Weile wieder zu faſſen und wie zuvor im Zuge weiter zu ſchreiten. Ihre innere Bewegung noͤthigte ſie jedoch bald wieder ſtill zu ſtehen. Ihr Geſicht ward noch blaͤſſer, Thraͤnen brachen aus ih⸗ ren Augen, und ſie war nahe daran ihre Kerze auf —— 160 Sflizzen aus Belnien. die Erde ſinken zu laſſen, der ſie gewiß dann ſelbſt nachgefolgt waͤre, wenn nicht ein wohlgebildeter jun⸗ ger Mann ſich ſchnell in die Reihe der Prozeſſion ge⸗ draͤngt, ſie in ſeine Arme aufgefaßt und in eins der benachbarten Haͤuſer geleitet haͤtte. Der fluͤchtende Trappiſt mußte bald ſtehen blei⸗ ben, da er durch den Widerſtand den ihm die ge— draͤngte Menge entgegenſtellte am Forteilen verhin⸗ dert ward. Gern waͤre er wieder ruͤckwaͤrts gegan⸗ gen, aber auch dies war ihm unmoͤglich, und er mußte alſo waͤhrend der ganzen Dauer dieſer Feierlichkeit in ſeinem Menſchenkerker ausharren. Endlich begann die Menge ſich nach und nach aufzuloͤſen, und Placidus haͤtte ſeinen Weg ungehin— derter fortſetzen koͤnnen. Als ihm dies jedoch moͤglich geworden, ſchien er es nicht zu bemerken und blieb in einem Zuſtande von Geiſtesabweſenheit durch Gei⸗ ſtesanſtrengung ſtehen, der nicht eher endete, als bis der Marktplatz wieder gang leer geworden war, ſo daß, als er aus dieſer Traͤumerei erwachte, er ſich voͤllig allein ſtehend fand, ohnfern eines Springbrun— nens in der Mittte jenes Platzes. Er blickte umher und bemerkte, daß er die Aufmerkſamkeit einiger Per⸗ ſonen auf ſich gezogen habe, die aus der Entfernung neugierig auf ihn ſchauten. Endlich faßte er ſich genug um das Unpaſſende ſeiner Lage einzuſehen, und eilte weiter. Es war ihm in ſelbſt tter jun⸗ ſſon ge⸗ eins der hen blei⸗ die ge⸗ verhit⸗ gegan⸗ emußte chkeit in nd' nach ungehin⸗ moͤglich 1d blieb ch Gei⸗ als bis war, ſo er ſic nobrun⸗ umher er Per; fernung vaſſende zar ihm Geſchichte des Bettelmönch. 161 daran gelegen, ſo bald als moͤglich aus der Stadt zu kommen, und als er deshalb einen ihm begegnen⸗ den Einwohner fragte, traf es ſich, daß er zufaͤlliger⸗ weiſe den rechten Weg den er ſuchte, eingeſchlagen, naͤmlich den, der nach Ypern und Popperingen fuͤhrte. In dieſer Richtung ging er nun volle zwei Stunden mechaniſch weiter nach Katzenberg zu, waͤhrend ſein Geiſt mit ganz andern Vorſtellungen von Zeit und Ort beſchaͤftigt war. Und doch floh er zu jener trau⸗ rigen Heimath, als ſey ſie ein Aſyl gegen die ihn ver⸗ folgenden Gedanken, gleich einem gejagten Wilde das vergebens Schutz ſucht in ſeinem verborgenen Lager. Schon hatte er die Nebenſtraße erreicht, welche von dem Heerwege abgehend, gerade zu nach Ypern fuͤhrt, und lenkte in den duͤſtern und einſamen Pfad ein, den der Wegezeiger als den naͤchſten Weg nach Steinwort, einem Schloße ganz in der Naͤhe des Kloſters, bezeichnet. Nichts kann fuͤr ein Gemuͤth, das ohnedies ſchon durch peinliche Beziehungen auf⸗ geregt worden, druͤckender ſeyn als dieſe Gegend, ver⸗ bunden mit dem ſchweren, ja faſt erſtickenden Zuſtande der Atmoſphaͤre umher. Ein dichter Wald zog ſich am Wege hin. Kein Lufthauch bewegte die weit aus⸗ geſtreckten Zweige der Baͤume. Ihre ernſten Schat⸗ ten ruhten auf dem Pfade, ohne eine jener luftigen Bebungen, welche dem einſamen Wanderer gute Leh⸗ ren geben, indem ſie ihn gleich den Launen des Gluͤcks — —— 162 Sützzen aus Belgten. auf dem großen Heerwege der Welt, fuͤr einen Au⸗ genblick die Sonne erſcheinen laſſen, um ihn dann wieder in deſto tieferes Dunkel zu verſenken. Ein entfernter Donner hatte waͤhrend des ganzen Nach— mittags am Himmel leiſe nachgehallt und ſein Mur⸗ meln ſchien mit der ganzen Umgebung durch welche der Trappiſt jetzt langſam wanderte, im Einklange zu ſtehen. Endlich weckte ihn eine Unterbrechung aus ſeinen Gedanken und veranlaßte ihn, aufzublicken. Es huͤllte ihn naͤmlich ploͤtzlich eine dicke Staubwolke ein, da die Beſchaffenheit der Straße ihn verhindert hatte, den Trott der großen braunen flandriſchen Stute zu hoͤren, deren ſchwerfaͤllige Hufe den Sand neben ihm aufwirbelten. Durch dieſen Nebel hindurch erblickte jedoch Placidus die Geſtalt, welche auf dem Roſſe ſaß. Es war die eines Mannes, der im Gleichmaße zu ſeiner Maͤhre ſtand, naͤmlich das vollkommenſte Muſter eines wohlgenaͤhrten Belgiſchen Paͤchters. Auf dem Haupte trug er eine fuchshaarene Muͤtze, deren Schirm jedoch weit uͤber die Augen ragte, und das Geſicht wenigſtens zur Haͤlfte verbarg. Ein blau⸗ leinwandner Ueberwurf, am Halſe und auf der Bruſt reichlich mit rothen Schnuͤren verziert, ſchuͤtzte ſeinen Sonntagsanzug vor allem Schaden. Der untere Theil ſeiner Beinkleider, die der Trott auf dem harten Roſſe in die Hoͤhe gearbeitet hatte, graͤnzte dort an die Stol⸗ pen v ſchwen dieſen Kaval ſibern von d atbeit nem ruhten tief b und ten( dazu dieſe reich verſch ein de unter keine zum inen Au⸗ hn dann en. Ein en Nach⸗ in Mur⸗ c welche klange zu s ſeinen Es huͤllte ein, da rt hatte, Stute zu eben ihm erblickte m Roſſe eichmaße mmenſte Hächters. eMuͤhe, gte, und in blau⸗ er Bruſ te ſtinen ere Theil an Joſſ ie Stul Geſchichte des Bettelmönrhs. 163 pen von ein Paar derben Stiefeln, wie ſie nur der ſchwerfaͤlligſte aller ſchweren Reiter tragen kann. An dieſen wichtigen Theil der Montur eines Belgiſchen Kavalleriſten, waren ein Paar gewaltig dicke und lange ſilberne Sporen befeſtigt. Eine Peitſche, deren Griff von demſelben Metall in Form eines Hammers ge⸗ arbeitet war, hing an einem ledernen Riemen, an ſei⸗ nem rechten Arme. Die Zuͤgel eines tuͤchtigen Zaums ruhten nachlaͤſſig auf der linken Fauſt, und er ſaß tief begraben in einem unfoͤrmlichen Sattel, der vor und hinter ihm hoch emporſtieg, und mit ſeinen brei⸗ ten Seitenledern faſt das halbe Roß bedeckte, das dazu verurtheilt war ſeine Schwere zu tragen, und dieſer ſowohl als Zaum und Schwanzriemen, waren reich mit metallnen Schnallen und Zierrathen von verſchiedener Geſtalt verſehen. Unter dem Sattel lag ein rothes Tuch mit einer hochgelben Einfaſſung; das unterſte von allen aber war ein gruͤnes Netz, das keinen Theil der derbbepackten Stute, vom Kopfe bis zum Schwanze von Bedeckung einer oder andern Art frei ließ. Selbſt dieſer arme Schweif, der doch ſo gern die Fliegen abgewehrt haͤtte, die an manchen Stellen blutige Spuren ihrer Angriffe zuruͤckgelaſſen hatten, war aufgebunden und mit einem Strohwiſche zuſammen geknotet, der in gar keinem Verhaͤltniſſe zu dem eben beſchriebenen ſtand. Der Reiter ſaß, nach⸗ laͤßPig Kopf und Glieder haͤngen laſſend, in einer Art 4 7 —— 164 Shiszen aus Belgien. von ſuͤßem Hinbruͤten auf dem Pferde, eine koͤſtliche Pfeife im Munde habend, aus der er eine Rauch⸗ wolke paffte, die faſt eben ſo dick war, als die des aufgeruͤhrten Staubes, welche alles um ihn her ver⸗ huͤllte. Als der Reiter in Placidus' Naͤhe kam, hauchte er mit einer dieſer Rauchexploſionen zugleich auch einen halb gemurmelten Gruß aus; doch jener, der in der That uͤberraſcht worden war, erwiederte nichts dar⸗ auf. Nun wiederholte der Reiter ſeine geraͤucherten hoͤflichen Worte, zwar nicht um vieles lauter, aber doch vernehmlich genug, um den Trappiſten ſtaunend zuruͤcktreten zu laſſen. «Großer Gott!“ rief dieſer aus, ſo daß es der Reiter haͤtte hoͤren koͤnnen:«was ſoll ich davon den⸗ ken? Bin ich denn wirklich erkannt und verrathen? Jener aber vernahm dennoch dieſen Ausruf nicht, und ſetzte in einem Anfalle von Verdruß, daß er zweimal keine Antwort auf ſeine zweimalige Hoͤflich⸗ keitsbezeigung erhalten hatte, ſeinem Roſſe die Spo⸗ ren in die Seiten, und riß mit einer ſolchen Heftig⸗ keit an dem ſchweren Gebiß, daß dieſes baͤumte und die Vorderhufe ſo nahe an Placidus emporhob, daß dieſer eiligſt uͤber die Hecke ſprang. Der Reiter brachte mit einem abermaligen Spornſtiche, das Pferd zwar wieder in's Gleichgewicht, es ſtuͤrzte aber ſchwerfaͤllig nach vorn nieder, und waͤhrend nun zwiſchen ihm und tif Trap Aben vierte koſtliche e Nauch: die des her ver⸗ , hauchte uch einen er in der chts dar⸗ aucherten ter, aber ſtaunend S es der won den athen” uf nicht, daß er Süfich die Syor⸗ Heſtig mte und hob„ daß er bracht erd zw wetſäll hen ihn Geſchichte des Bettelmönrhz. 165 und ſeinem Herrn ein aͤrgerlicher Kampf entſtand, rief dieſer mit einer Donnerſtimme dem beſtuͤrzten Trappiſten zu:«Guten Abend, mein Herr! Guten Abend ſage ich! Es iſt nun ſchon das dritte oder viertemal, daß ich das geſagt habe, und ich weiß gar nicht, warum Sie ſo unartig ſind, mir nicht zu ant⸗ worten. Das will ich mir verbeten haben, und darum — wuͤnſche ich Ihnen noch einmal einen guten Abend.» Seine leidenſchaftliche Aufregung erlaubte ihm kaum, des Trappiſten furchtſame Entgegnung zu hoͤren. Endlich ſchrie er aber wieder in etwas ſanfterm Tone: Nun, es iſt mir lieb, daß Sie das Maul wieder aufthun koͤnnen, denn ich haſſe allen Zank— aber beleidigen laſſe ich mich auch durchaus von Nie⸗ mand. Warum ſind Sie denn aber von der Straße fortgeſprungen? Sie fuͤrchten ſich am Ende mehr vor mir, als vor meinem Pferde! Das brauchen Sie aber gar nicht, denn ich bin kein Straßenraͤuber, junger Mann! Sie koͤnnen nur ganz ruhig wieder heruͤber kommen. Joos Cooperslangen von Scharfenberg iſt nicht ein Name, vor dem man auszureißen braucht. Er iſt in dieſer Gegend hier hinreichend, und wohl bekannt. Kommen Sie, kommen Sie! Bleiben Sie nur auf der Straße da! Sie haben ja in dem Buſch⸗ werk ein ganz abſcheuliches Gehen. Sie wiſſen nun wer ich bin.⸗* 166 Snttzzen aus Belgien. — Ich weiß es nur zu gut!— ſagte der Trap⸗ piſt trauernd zu ſich ſelbſt, und ein tiefer Seufzer war die einzige vernehmbare Antwort fuͤr des auf⸗ fahrenden Reiters Anrede. So bald nur Placidus den Ton dieſer Stimme gehoͤrt, hatte er auch den Mann ats einen alten Bekannten aus ſeinen fruͤhern Jahren erkannt, einen Mann, der mit allem dem in Verbindung ſtand, was ihn vordem an die Welt ge⸗ feſſelt, und in ſeinen Knabenjahren aus ihr verſcheucht, als den Vater des lieblichen Maͤdchens, deſſen ploͤtz⸗ liche Erſcheinung ihn, im voͤlligen Vergeſſen alles an⸗ dern umher, außer ihrer Gegenwart und ſeiner eigenen Gefahr, zur Flucht getrieben hatte. In viel kuͤrzerer Zeit als zu dem bisher Erzaͤhl⸗ ten noͤthig, jagten ſich hundert Erinnerungen durch ſeinen Geiſt, die mit dem jetzt ſo nahe bei ihm wei⸗ lenden Manne in Verbindung ſtanden, deſſen bloße Erwaͤhnung von Kindheit an bis zum reifern Alter, ein furchtbares Mittel gegen jedes frohe Gefuͤhl fuͤr ihn geweſen war. Kaum war er der Wiege entwach⸗ ſen, und hatte allein zu gehen angefangen, als der Name Joos Cooperslangen«der Bergrieſe», auch ſchon ein Schreckenswort fuͤr ſeine jugendlichen Oh⸗ ren geworden. Nie ward ein ſolcher Zuruf ohne Wir⸗ kung an ihn gerichtet. Das Fluͤſtern dieſer Silben mit einem aufgehobenen Finger um das Kind zu war⸗ nen oder zu ſchrecken, hatte gewiß ſtets deſſen Klagen der Trap⸗ Seuſzer des auf⸗ Placidus auch den n fruͤhern m dem in Welt ge⸗ erſcheucht, ſen plͤz⸗ alles an⸗ e eigenen er Etjähl⸗ gen durch ihm wei⸗ ſen bloße ern Alter, jefuhl für entwach , als der 2„, auch ichen Oy ohne Wir ꝛr Siben du war in Klaga Geſrhirhte des Berttelmoͤnchz. 167 bei ſchlechter Laune oder Uebelbefinden zum Schwei⸗ gen gebracht, und ihn den Kopf in den erſten beſten Schlupfwinkel verſtecken laſſen. Joos Cooperslangen war der Freund ſeines Vaters, und obgleich ihre Wohnungen ſo weit auseinander lagen, daß ſie ſich nicht fuͤglich Nachbarn nennen konnten, ſo ſprach derſelbe doch oft in Placidus' aͤlterlichem Hauſe ein, oder ſpeiſte daſelbſt, wo denn Ausbruͤche ſeines hefti⸗ gen Temperaments nicht ungewoͤhnlich waren. So bald der Knabe nur die Stimme dieſes unwillkom⸗ menen Beſuchs vernahm, durchſchauerte es ihn ſchon unwillkuͤhrlich, und kaum ließ er ſich auf der Schwelle ſehen, als ſich dieſer auch ſchon in irgend einen Zu— fluchtsort zuruͤck zog, oder gar aus dem Hauſe lief. Nach und nach gewoͤhnte er ſich jedoch mehr an ihn, und der dicke Mann von Scharfenberg— denn ſo hieß jener auch wohl— jagte ihn weniger in Schrek⸗ ken. Aber ſelbſt als Scham uͤber ſeine eigene Furcht⸗ ſamkeit, oder noch ein wichtigerer Grund— wohl der wichtigſte von allen— frei und eindringend auf ſei⸗ nen Geiſt wirkten, konnte er doch nicht die fruͤhere Furcht verbannen, welche die Albernheit ſeiner Mut⸗ ter oder Waͤrterin, oder beider, in ſein kindiſches Herz geflanzt hatten. Mehrere Beiſpiele der Wir⸗ kungen dieſer Furcht, und darunter hoͤchſt ſchmerzliche, ſtellten ſich jetzt vor des Trappiſten bereitwilliges Ob⸗ jektivglas der Erinnerung, und ſein ſanftes Gemuͤth 168 Sltizzen aus Belgien. war in ſeiner innerſten Tiefe bis zur heimlichen Ver⸗ wuͤnſchung des Mannes aufgeregt, den er jetzt nach Verfluß vieler Jahre zuerſt wieder erblickte und von neuem vor ihm zuruͤckſchauderte. Statt der nicht eben ganz hoͤflichen Einladung den Schutz des Buſch⸗ werks zu verlaſſen, zu folgen, ging der Trappiſt auf ſeinem ſehr beſchwerlichen Wege weiter fort, und ent⸗ gegnete endlich nach einer langen Pauſe mit leiſer Stimme, daß er ihn der ſtaubigen Heerſtraße vorziehe. «Auch gut, mein Herr! Wie es Ihnen beliebt! Jeder Mann nach ſeiner Weiſe, wie der Buͤrgermei⸗ ſter von Rusbrugge ſagte, als er ſein Meyſthen*) heirathete. Alles moͤgliche meinetwegen, nur nicht Unhoͤflichkeit! Bahnen Sie ſich einen Weg durch das Geſtruͤpp, ich will lieber hier im Staube erſticken, und wir koͤnnen immer noch uͤber die Hecke weg, ein freund⸗ ſchaftliches Woͤrtchen mit einander ſprechen, um uns den Weg zu verkuͤrzen.“ In dem Trappiſten kaͤmpften mehrere ſtreitende Gefuͤhle. Frage auf Frage draͤngte ſich bis an die Lippen, aber er wagte es nicht, ſie auszuſprechen. Er wollte ſo gern nach ſeinen Aeltern, nach ſeinem Bru⸗ der fragen, denn ſeine natuͤrlichen Gefuͤhle als Menſch waren in dieſem Augenblicke ſtaͤrker, als die des Ab⸗ ge⸗ *) Dienſtmaͤdchen. geſchi wollte Herze Mm ſebbſt Vorü gen ſamen daß mußt ſo ſe deut alle rech und von ℳ9S ſten Au reit den ine Her ſag der diir ſeh ichen Ver jetzt nach und von der nicht des Vuſſch: nnwit uf „und ente⸗ mit leiſer vorzlehe⸗ en bellebt! zuͤrgermei⸗ eyſthen*) nar nicht durch das icken, und in ſteund⸗ um uns ſireitende zis an die echen⸗ Er nem Bru⸗ ſs Menſch d des ge⸗ Geſchichte deß Bettelmönchg. 169 geſchiedenen, des Kloſterbruders, des Fanatikers. Er wollte einen andern Namen ausſprechen, der dem Herzen ſeines Gefaͤhrten noch naͤher ſtand, als der Name ſeines alten Freundes, aber die Furcht, ſich ſelbſt zu verrathen, verſchloß ſeine Lippen jedem Worte, außer einiger Gemeinplaͤtze und Bemerkun⸗ gen uͤber das Wetter, die noch dazu mit ſo furcht⸗ ſamem und gedaͤmpften Tone hervorgebracht wurden, daß der Reitersmann ſehr ſtarken Verdacht hegen mußte, der Reiſende, der ſeiner Aufmerkſamkeit ſich ſo ſorgfaͤltig zu entziehen ſuchte, ſey von ſehr zwei⸗ deutigem Charakter. Dieſer Eindruck vertrieb vollends alle ſeine Ideen von Hoͤflichkeit, denn er war ein rechtlicher Mann, der offiziell alle Schurken haßte, und ſein offner, rauher Sinn konnte allen Anſchein von etwas, was er nicht wirklich war, nicht leiden. „Hoͤren Sie, mein Herr!“ ſo rief er dem Trappi⸗ ſten in kraͤftigem Tone zu, nachdem er ſelbſt einige Augenblicke geſchwiegen hatte, mehr um ſich vorzube⸗ reiten, als erſt zu uͤberlegen, und indem er ſich in den Steigbuͤgeln hob, um ſeine kraͤftige Geſtalt noch in ein deutlicheres Licht zu ſtellen:«Hoͤren Sie, mein Herr, ich glaubte vorhin, als ich Ihnen offenherzig ſagte, wer ich ſey, Sie hielten mich fuͤr etwas min⸗ der Gutes als ich wirklich bin, aber jetzt kommt es mir vor, als ob Sie etwas ſchlechter waͤren als Sie ſeyn ſollten, und ich ſage Ihnen das ganz gerade her II. 8 170 Snizzen aus Belgien. aus. Kein ehrlicher Wanderer ſchleicht in der Abend⸗ daͤmmerung hinter Hecken und Strauchwerk. Dies hier iſt die offne Landſtraße, und darauf gingen Sie auch einher, als Sie ſich allein darauf ſahen. Nur wer ein boͤſes Gewiſſen hat, ſtiehlt ſich vom breiten Wege fort. Das iſt ſo meine Anſicht, und das Ur. theil von Joos Cooperslangen iſt in gar vielen Din⸗ gen immer das richtige geweſen. Ich bin Aufſeher und Reviſor des Diſtrikts, und es iſt daher meine Pflicht, ihn von allen verdaͤchtigen Perſonen frei zu erhalten. Sie werden alſo die Guͤte haben, mir nun unverweilt zu ſagen, wer und was Sie ſind.”» Der Trappiſt kannte den feſten Charakter des Mannes mit welchem er jetzt zu thun hatte, ſo wie auch deſſen Anſehen, als ein oͤffentlicher Beamter. Auch wußte er wohl, daß nichts ihn mehr in Har⸗ niſch bringen wuͤrde, als wenn er ihm ſeinen Stand offen angaͤbe, denn er hatte eine tiefe und ganz un— ehrerbietige Abneigung gegen alle Moͤnche und Bett⸗ ler, und da er es ihnen nicht verbieten konnte, auf der Landſtraße zu wandern, ſo pflegte er gewoͤhnlich ſie erſt mit Schimpfreden zu uͤberhaͤufen, dann aber vor ihnen ſchnell davon zu eilen. Der Trappiſt ant⸗ wortete auf dieſe hingeworfenen Fragen alſo:— Ohne wegen Ihres Rechts mich nach meinem Namen und Stande zu befragen, eine Unterſuchung anzuſtellen, denn ich muß dieſes Recht auch dem niedrigſten Puue herr, bin, ſiet z rückke 3 Man mmgſt 8 «Ja, der Abend⸗ ark. Dies ingen Sie zen. Nur om breiten d das Ur. ielen Din⸗ n Auſſeher her meine een frei zu , mir nun nd.“ rakter des te, ſo wie Beamter⸗ r in Har: en Stand ganz un und Bett onnte, alf gewͤhnlch dann abe appiſt ant .= Ohne amen und Inzuſelln niedriſi Geſchichte des Bettelmönrhs. 171 Bauersmanne zugeſtehen, kann ich Ihnen ſagen, mein Herr, daß ich ein Bruder vom Orden la Trappe bin, der von ſeiner Miſſion, Almoſen fuͤr unſer Klo— ſter zu Katzenberg einzuſammeln, ſo eben wieder zu— ruͤckkehrt.— «Der Teufel ſind Sie! Dann ſind Sie der rechte Mann, den ich eben brauche.“ Hier ſchnuͤrte eine angſtvolle Ahnung des Trappiſten Herz zuſammen. „Ja, ja, der rechte Mann! ob mir gleich ein ande— rer Ihres Gelichters auch eben ſo lieb geweſen waͤre. Ich wundere mich nur, daß Sie mich nicht einmal in Scharfenberg beſucht haben? Doch davon iſt jetzt nicht die Rede. Hier nahe bei, auf Huyſenclau's Pachtgute, in einem Hauſe von woher ich eben komme, liegt ein kranker Mann, der nach einem Geiſtlichen verlangt, da ihn der Doktor aufgegeben hat. Ein Freund hat heut die Paſſionsprozeſſion in Furnes da⸗ gegen gebraucht— aber das Fieber iſt dafuͤr zu ſtark, und da nun jetzt der arme Menſch am Ende iſt, und es mit dem Leben zur Neige geht, will er ſich zum Tode vorbereiten. Das Herz war mir ganz ſchwer, als ich ſo daher ritt, und wenn man verdruͤßlich iſt, waͤgt man ſeine Worte nicht genau; folgen Sie alſo nicht meinem boͤſen Beiſpiele und zanken Sie ſich mit mir, weil ich etwas unartig gegen Sie geweſen bin, ſondern ſteigen Sie uͤber das Brachfeld dort zu dem offenen Pfoͤrtchen da; nicht weit davon werden Sie 8* 172 Süfiszen aus Velgien. ein Haus erblicken— eine Huͤtte wohl eher— ge— hen Sie nur da geradezu hinein, wenn Sie ſich nicht vor dem Fieber fuͤrchten— aber wahrſcheinlich ſchuͤtzt Sie Ihre Heiligkeit vor der Anſteckung— Sagen Sie wer Sie ſind und wer Sie geſchickt hat— und man wird Sie dankbar aufnehmen— und es wird gut fuͤr Den ſeyn, der Ihrer bedarf, wenn Ihre Ge— bete eine eben ſo freundliche Aufnahme im Himmel finden.— Dazu helfe der liebe Gott!“ Dieſe letztern Worte ſprach er halb vor ſich ſelbſt, als geſchehe es gegen ſeinen eignen Willen. Der Trappiſt ſah ihm nach, als er ſeinem Pferde jetzt die Sporen gab und fortſprengte, und ward durch den ſanften Ton des rauhen ſtuͤrmiſchen Mannes betrof— fen und faſt ergriffen. Er hoͤrte das unfreiwillige Gebet das ihm entſchluͤpfte, und es ließ ihn alles Hoͤhniſche vergeſſen, das in einigen Wendungen ſeiner Rede gelegen hatte. Jede perſoͤnliche Ruͤckſicht ging in demſelben Augenblicke in ſeinem Herzen voͤllig un⸗ ter. Es war mit Angſt und Sorge fuͤr den Mann erfuͤllt, zu dem er ſich begeben ſollte, und ſo ſchritt er denn raſch nach dem Punkte zu, den ihm Joos Cooperslangen bezeichnet hatte. Viertes Kapitel. Von dem Gitterthor aus, an das er bald gelangte, ſah der Trappiſt ſogleich das Gebaͤude, das einzige was hindu ſterte jer— ge⸗ ſich nicht lich chuͤzt — Sagen at— und des wird Ihre Ge⸗ n Himmel ſcch ſelbſ len. Der de jeßt die durch den nes betrof nfreiwilige ihn alle gen ſeiner ſicht ging voͤllig un den Mant ſo ſchritt ihm Jobs d gelang as eitich Geſrhichte des Betteimönrhs. 173 was in der ganzen oͤden Landſchaft durch den Nebel hindurch zu erkennen war. Schwere Wolken verduͤ— ſterten die Strahlen, welche die Sonne noch uͤber den Horizont warf, an dem ſie eben unterging, und Duͤnſte verbreiteten ſich von allen Seiten uͤber die Suͤmpfe und Niederungen. Das Haus, oder wie Joos Cooperslangen es richtiger bezeichnet hatte, die Huͤtte, lag in einem großen Weidegrunde von meh⸗ reren Ackern Ausdehnung. Die kleine Erhoͤhung auf welcher es ſtand, war dicht mit Pappeln bepflanzt, und einige Haͤngeweiden ſenkten ſich ſchwermuͤthig in den ſtehenden Graben der es umgab. Duͤnſte ſtiegen ſichtlich daraus empor, als wollten ſie den ungluͤckli— chen Bewohner derſelben einhuͤllen. Die Viehheer⸗ den die auf der Graſung zerſtreut waren ſchlichen traurig einher, und mißtoͤnendes Gequack erklang aus jedem Moraſte. Der Trappiſt verweilte einen Au⸗ genblick auf dem mit Weiden bepflanzten Wege, der zu der Huͤtte fuͤhrte, die, ſo elend ſie auch war, und ſo ſchmerzlich der Grund der ihn dahin fuͤhrte, ſich doch wie ein Zufluchtsort vor der Oede und Duͤ⸗ ſternheit des Ganzen umher darſtellte. Er ging uͤber das Brett, das uͤber dem Graben lag und naͤherte ſich der halb verſchloſſenen Thuͤre. So vorſichtig er auch einherſchritt, ward er doch von den Inwohnern der Huͤtte gehoͤrt, und gerade als er ganz leiſe anklopfen wollte, erſchien das weiße Ge⸗ 174 Skizzen aus Belgien. wand eines Frauenzimmers an der Thuͤre, die ſacht geoͤffnet ward, und dem Trappiſten Angeſicht und Ge— ſtalt derjenigen zeigte, die er hier am wenigſten zu finden glaubte.— Melanie ſtand vor ihm.— Sie war blaß und bewegt, und erkannte offenbar den Be⸗ ſuchenden nicht, auf den ſie einen fragenden und doch zugleich aͤugſtlichen Blick warf. Ein Schauer der Ueberraſchung ſchien den Trap⸗ piſten an den Boden zu feſſeln. Er konnte nicht flie⸗ hen, wie er es wenige Stunden vorher gethan hatte. Die Ruͤckkehr der Erſcheinung die ihn da ſchon ſo heftig ergriffen, machte ihn jetzt ſtarr. Er konnte we— der ſprechen noch ſich regen; und ein paar Augen— blicke lang ſchien ihn ſelbſt alles Gefuͤhl verlaſſen zu haben. Er blickte auf ſie mit einem Ausdrucke, der durch den furchtbaren Gedanken, alles was er vor ſich ſehe, ſey bloß ein Gebilde ſeiner eigenen Phan— taſie, noch ſtarrer ward. Das ſchwache Daͤmmerlicht und der Schatten der Huͤtte ſelbſt, der ihn faſt ganz verbarg, ließ ſeine heftige Erſchuͤtterung unbemerkt bleiben, und die kurze Friſt dieſer geiſtigen Laͤhmung gab ihm endlich doch wieder ſo viel Kraft, ſeine Ge⸗ danken zu ſammeln, um ſich zu uͤberzeugen, daß das was er erblicke keine bloße Taͤuſchung ſey, und fluͤch⸗ tige Vermuthungen uͤber die ſonderbare Verkettung der Begebenheiten anzuſtellen, die ihn gerade mit dem Weſen ſo nahe gebracht hatten, das er vor allen an— den durch wer Unr. jitte e, die ſacht ht und Ge⸗ venigſten zu zm.— Sie bar den Be⸗ en und doch den Trap⸗ e nicht flie⸗ ethan hatte. da ſchon ſe konnte we⸗ aar Augen⸗ verlaſſen du drucke, der vas er vor nen Phan⸗ aͤmmerlicht ſaſ ganj unbemertt en Lähmung ſemm Ge n, daß dir und fuͤch Verkettung de mit del r allen 1 Geſchichte des Bertelmönchs. 175 dern mied. Melanie, von verſchiedenen Gefuͤhlen durchbebt und ermattet, hatte keinen Gedanken daran, wer der Mann ſey, deſſen verlegenes Schweigen ihre Unruhe noch vermehrte. Endlich fragte ſie ihn mit zitternder Stimme: was er wolle? Schwer moͤchte es ſeyn, den Eindruck zu beſchrei⸗ ben den der Ton der Stimme welche dieſe Worte muͤhſam hervorbrachte, in dem Trappiſten erregte. Wer hat nicht das innere Leben ſchon empfunden, das der leiſeſte Ton eines Weſens bewirkt, welches unſerm Herzen einmal und fuͤr immer theuer war? Und wem brauche ich das Zucken zu ſchildern womit es das Herz durchdringt, gleich dem Gekraͤuſel eines Sees, auf den das leichteſte Blaͤttchen fiel? Der Trappiſt zitterte als er Melanie's zweimalige Fragen vernahm. Ihre Stimme ſchien Gedanken vergange⸗ ner Jahre auszuſprechen, und erweckte augenblickliche und wirre Erinnerung an Empfindungen, die nicht wieder aufleben durften. Doch hatte er ſo viel Kraft, die Nothwendigkeit zu fuͤhlen, dem Einfluſſe der Ver⸗ gangenheit zu widerſtehen. Nur dies einzige erflehte er, Staͤrke genug zu beſitzen, dem Zauber entfliehen zu koͤnnen, der ihn zu umgarnen drohte. In dieſer Hoffnung faßte er augenblicks den Entſchluß ſich ſo⸗ gleich zu entfernen, indem er bei aller ſeiner Anſtren⸗ gung doch recht wohl fuͤhlte, daß im Vergleich mit der Gefahr, den Schwur der Entſagung alles deſſen, was 176 Sliizzen aus Belgien. zu Genuß oder Verſuchung fuͤhren koͤnnte, zu brechen, es verzeihlicher ſey, einem Nebenchriſten den letzten Troſt der Kirche bei'm Tode zu entziehen. Er ſchickte ſich alſo zur Flucht an, und haͤtte er ſie ſchnell und ſchweigend vollbracht, waͤr' er der Ent⸗ deckung und allen ihren Folgen entgangen. Durch die Dunkelheit der Huͤtte ſich hinreichend geſchuͤtzt glaubend, verſuchte er es jedoch in ſeiner Zerſtreuung ein paar Worte als Entſchuldigung wegen ſeiner Auf⸗ dringlichkeit zu ſtammeln, nicht vermeinend, daß Me⸗ lanie ſeine Stimme erkennen werde, ob er gleich ſelbſt fuͤhlte, daß fuͤr ihn auch nur ein Gefuuͤſter von ihr, durch alle Diſſonanzen der Welt, wie ein himmliſcher Accord hindurchtoͤnen muͤßte. Aber ſein Mangel an Selbſtvertrauen und eben ſeine zu große Beſcheiden⸗ heit hatten ihn in dieſem Augenblicke getaͤuſcht. Kaum hatte er nur die erſten unzuſammenhaͤngenden Toͤne einer Art von Hoͤflichkeitsformel hervorgeſtottert, als auch ſchon Melanie, in tiefſter Seele erſchuͤttert, auf ihn zuſprang, ihn in ihre Arme ſchloß, und mit einem halbunterdruͤckten Freudenſchrei ausrief:«Sie ſind es, Sie ſind es, Ernſt! So war's denn doch Ihre Stimme, die heut Nachmittag ſchon an mein Ohr ſchlug und mein Herz durchdrang wie ein Laut aus dem Grabe! — Und ich ſehe Sie jetzt wieder bei mir! Und Sie ſind wirklich noch am Leben, und ſind geſund, und kehren zu uns Allen zuruͤck— zu uns, die wir ſo ſei zu brechen, den letzten d haͤtte er er der Ent⸗ n. Durch d geſchuͤßt zerſtreuung einer Auf daß Me⸗ gleich ſelbſt von ihr, immlſcher Nangel an ‚eſcheiden⸗ zt Kaum den Toͤne ttert, als ttert, auf mit einem je ſind es, Stimmme, hlug und n Grabe Und Si und, und je wir d Geſchichte des Bettelmönrhs. 177 lange Sie als fuͤr immer verloren betrauert haben! Kommen Sie herein, kommen Sie herein!— Aber — ach Gott! wohin lade ich Sie! Nein, nein, Ernſt, Sie duͤrfen hier nicht hereintreten. Halte ich Sie denn wirklich, wirklich in meinen Armen? O, ſprechen Sie, theurer Ernſt, ſagen Sie mir, daß das alles kein Traum iſt!» Ernſt Van der Steen,— denn ſo muͤſſen wir jetzt unſern jungen Trappiſten nennen— hoͤrte die⸗ ſen Ausbruch von Melanie's Liebe, ſah die Thraͤnen welche uͤber ihre Wangen rollten, fuͤhlte den ſanften Druck ihrer Arme, und zitterte wie ein Kind, das ein Rieſe umſchlungen haͤlt. Er wußte kaum was er ſagte, oder ſagen wollte, aber er entgegnete doch: — Und ſind Sie es denn auch wirklich, Melanie? Und ich ſehe Sie noch Einmal wieder! Durch wel⸗ chen furchtbaren Zauber ſind Sie hier an dieſer trau⸗ rigen Stelle? Warum ſandte mich Ihr Vater hieher, um Sie zu finden? Er ſprach von einem Sterben⸗ den, der—— «Ol ſagen Sie nicht ein Sterbender, Ernſt!— ſein Leben ſteht noch in des Himmels Hand.» — Wer iſt der kranke Mann? Melanie! Iſt es Nikolas? Er muß es ſeyn. Liegt Nikolas im Ster⸗ ben?— «Nein, dem Himmel ſey Dank! er befindet ſich wohl. Aber Sie lieber Ernſt, was hat Sie ſo er⸗ — ————õ—— 178 Sltißzen aus Belgien. griffen und erſchuͤttert?— Warum laͤcheln Sie ſo wild, und zittern wieder ſo aͤngſtlich?— Nein, das iſt nicht Ernſt— Sie ſind es nicht— verlaſſen Sie mich— laſſen Sie mich in's Haus!“ Aber ſie vermochte der krampfhaften Umarmung nicht zu ent⸗ fliehen, mit welcher er ſie an ſeine Bruſt druͤckte. Ihre Antworten auf ſeine Fragen, ihre Zweifel daß er es wirklich ſey, ihr angſtvolles Bitten, alles war vergebens, und unzuſammenhaͤngend ſprach er, indem er ſie noch feſt umfangen hielt:— Liegt er im Ster— ben?— Ihr Vater ſagte es ja— Stirbt Niko⸗ las?— «Er iſt geſund und wohl! Um Gotteswillen laſ⸗ ſen Sie mich los! Wenn Sie wirklich Ernſt ſind, V haben Sie Mitleid mit mir— Sie erſchrecken mich — Nikolas iſt nicht krank— Ihr Bruder, mein Mann, iſt nicht krank!o 3— Bruder!— Mann!— Ja wohl, ja wohl! was wollte ich denn?— Bin ich von Sinnen?— Und Sie! Melanie! Allmaͤchtiger Gott, welch' ein ſchrecklicher Gedanke fuhr mir durch den Sinn!— Alſo Nikolas nicht?— Dem Himmel ſey Dank! Tau⸗ 1 ſend Dank!— Jetzt nun alſo an das Sterbebett — zu meiner Pflicht!— Ich bin gefaßt.— Bei dieſen raſch ausgeſtoßenen Worten hatte er Melanie wieder aus ſeiner wilden Umarmung losge— laſſen, und ohne die ſchwache Gegenwehr zu beachten, n Sie ſo Nein, das verlaſſen » Aber ſie iht zu ent⸗ ſt druͤcte weiſel daß alles war er, indem im Ster⸗ ebt Nibo⸗ zwillen laſ Ernſt ſind, ncken mich der, mein „ja wohl! innen?— welch' iin Sinn!— ank! Tau⸗ Sterbebett n hatte A uung ſosge ubeachl Geſchichte des Bettelmönchs. 179 mit der ſie ihn vom Eintreten abhalten wollte, ſtieß er die Thuͤr der Huͤtte ploͤtzlich auf, die ſie ſorgfaͤltig hinter ſich geſchloſſen hatte. Von ſeiner ganzen Art und Weiſe, deren Grund ſie in einer Geiſtesverwir⸗ rung ſuchte, tief beunruhigt, folgte ſie ihm. Schnell ſchritt er durch das leere Vorgemach in welches er zuerſt trat, und von da in einen innern Verſchlag, worin ein Bett ſtand. In dieſem ſah er den Kranken liegen. Eine Frauensperſon ſaß an dem Lager und ſchien ſorgſam zu wachen. Der feierliche Ernſt dieſer Erſcheinung wirkte ſchnell und maͤchtig auf den halb noch zerſtreuten Trappiſten, und er nahte ſich mit leiſem Schritte dem Bette. Bei ſeiner An— naͤherung ſtand die Frauensperſon auf, und der Mann erhob ſich auf ſeinem Lager. Ernſt betrachtete abwech⸗ ſelnd Beide, dann lehnte er ſich tief aufſeufzend und erſchoͤpft an einen naheſtehenden Tiſch, und rief mit hohlem Tone: Großer Gott im Himmel! Iſt denn das moͤglich?— Mein Vater! Meine Mutter! Was hat denn das zu bedeuten? Iſt es denn wirklich? Kann es denn ſeyn?“ Dieſe Stimme und die nun wenn auch nur dun—⸗ kel erblickten Geſichtszuͤge erkannte die Mutter ſogleich fuͤr die ihres lang betrauerten vor allen geliebten Soh⸗ nes. Sie ſprang von ihrem Stuhle auf, rief im Ausbruche muͤtterlichen Entzuͤckens ſeinen Namen laut, und bedeckte ihn mit Kuͤſſen, ganz vergeſſend, welchen —— 180 Slizzen aus Velgien. nachtheiligen Einfluß dieſes unerwartete Erſcheinen auf ſeinen kranken, dem Tode nahen Vater haben koͤnne. Dieſer jedoch blieb ruhig dabei. Seine Ner⸗ ven waren zu abgeſpannt und ſein ganzes Weſen zu erſchoͤpft, als daß er einen lebhaften Eindruck aufneh⸗ men konnte. Der ſonſt ſo kraͤftige Paͤchter, der in fruͤͤhern Tagen, vor Freude bei dieſer frohen Nach⸗ richt laut aufgejauchzt haben wuͤrde, hoͤrte die Kunde von ſeines Sohnes Ruͤckkehr und Anweſenheit ohne Erſchuͤtterung an, und ſchien ſogar voͤllig gleichguͤltig dabei zu ſeyn. Alle weltlichen Gefuͤhle ſchienen in ihm erloſchen, er ſchlug daher nur die Augen auf, und blickte nach oben, indem er in aͤngſtlichem, dringenden Flehen ſtoͤhnte:«Ol ſchickt mir einen Geiſtlichen! Soll ich denn ohne den heiligen Troſt ſterben?!“ Der Ton der Lebensverzichtung womit dieſe Worte ausgeſprochen wurden, erſchuͤtterte Ernſt tief. Er konnte laͤnger an der Wahrheit deſſen, was ihm ſeine Sinne zeigten, ſo ſchmerzlich dieſes auch war, nicht zweifeln. Es war in der That ſeine Mutter, die mit ihrer verfallenen Geſtalt vor ihm ſtand— ſein Vater, der in dem Bette lag, das ſelbſt fuͤr eine Beute des Todes noch als zu ſchlecht erſchien! Dieſe Ael⸗ tern, ihm ſo theuer, die er mit ſolcher Angſt, in vol— lem Beſitze von Geſundheit und Gluͤcksguͤtern ver— laſſen hatte, jetzt in die tiefſte Armuth herabgeſtuͤrzt, und eins davon am Rande des Grabes! Doch er ſah, e den, Seine lichen er ma Mutte rief m und n den ſen iſ bet er daß i der d in d theue das ſade Hali du be Gebe dieſe welch Spre wund ſtüſter wäͤhre heinen haben Ner⸗ ſen zu ufneh⸗ er in Nach⸗ dunde ohne gültig ihm und enden icen! Lorte Er ſeine nicht „ die ſein Heute Ael⸗ vol⸗ vet⸗ urz h el Geſchichte jes Bettelmönchs. 181 ſah, es war dem ſo,— und hier nicht Zeit vorhan⸗ den, um nach der Urſeche von alle dem zu fragen. Seines Vaters Flehen um den Beiſtand eines Geiſt⸗ lichen war fuͤr ſein Gefuͤhl die lebendigſte Aufregung; er machte ſich daher ſanft aus der Umarmung ſeiner Mutter los, ſank an dem Bette auf die Kniee, und rief mit einer erſt halb unterdruͤckten, dann aber nach und nach ihre gewohnte Fuͤlle und Kraft annehmen— den Stimme aus:«Mein theurer Vater! Ihr Ru⸗ fen iſt nicht vergebens! Der Himmel hat Ihr Ge⸗ bet erhoͤrt— und ich, Ihr Kind, gerecht beſtraft, daß ich Zeuge ſeyn muß Ihrer Leiden, bin auch wie⸗ der dadurch begnadigt, daß ich Ihr Troſt ſeyn kann in dieſer ſchwereu Stunde. Ich bin ein Prieſter, theuerſter Vater! der niedrigſte Diener des Himmels, das unwuͤrdigſte Mitglied unſerer heiligen Kirche, und lade Sie im Namen dieſer Kirche und durch die Heiligung dieſes Himmels ein, Ihre beaͤngſtete Seele zu beruhigen, und vor mir Ihr Herz in Beichte und Gebet auszugießen.”» Staunen malte ſich in den Zuͤgen derer, welche dieſe Worte hoͤrten, aber ein Gefuͤhl tiefer Ehrfurcht, welches die Froͤmmigkeit in Ton und Haltung des Sprechenden hervorrief, hielt den Ausbruch der Ver⸗ wunderung bei der Mutter und Melanie zuruͤck. Die erſtere ſchlug ſtaunend ihre Augen zum Himmel auf, waͤhrend Melanie mit gefalteten Haͤnden daſtand, und 182 Slttzzen aus Velgten. ihre Blicke eine noch innigere Freude auszuſprechen ſchienen, als die bloße Erfuͤllung des Wunſches jenes alten Mannes haͤtte hervorbüngen koͤnnen. Dieſer ſelbſt, den Ernſt's Geſtaͤndniß ſeines heiligen Berufs am naͤchſten anging, warf einen Blick des Zweifels auf ihn, welchen Ernſt wohl bemerkte und ſogleich, um jedes Bedenken in der Geburt zu erſticken, ſich mit dem Kopfe vorbeugte, damit er auf ſeinem Schei⸗ tel den geſchorenen Fleck ſehe, ob er ſich gleich ſein uͤbriges Haupthaar wieder hatte wachſen laſſen, weil er nicht allzu auffallend erſcheinen wollte. „Sehen Sie, Vater! ſehen Sie hier das demuͤ⸗ thige Zeichen meines Berufes.— Legen Sie Ihre Hand auf dieſe Tonſur, welche meine heiligen Pflich— ten anzeigt.“— Da ſtreckte der kranke Mann ſeinen abgemagerten Arm aus, und ſeine Finger befuͤhlten des Trappiſten gebeugtes Haupt, ſo wie Iſaak das ſeines Sohnes, um ihn anzuerkennen— aber dieſer Vater ward nicht hintergangen, wie jener Hebraͤer. Mit ſchwacher Stimme, aber der ſanften Ruhe frommer Ueberzeugung rief der alte Mann aus; — Gott ſegne Dich, mein Kind!— Und Ernſt, als dieſe Worte an ſein Ohr ſchlugen, und er den ſchwa— chen aber doch tief ihn durchbebenden Druck der Hand fuͤhlte, die auf ſeinem Haupte ruhte, konnte ſich des unprieſterlichen Gedankens nicht erwehren, daß er jetzt erſt wahrhaftig geweiht worden ſey. Die bei⸗ den weit diſem indeß d füͤhl fuͤt den S des alte ſen die Thuͤre ten ſtat die tief hhenden D den o einem aufßu ruhten aher d ſach, Nu beſten N in da volle ſeyend colas chen enes ieſer eruſs eifels leich, ſich jchei⸗ ſein weil emuͦ⸗ Ihre ſich einen des ines ater kuhe aus; Geſchichte des Bettelmönchs. 183 den weiblichen Zeugen waren bis in's Innerſte von dieſem Auftritte ergriffen. Melanie ſchluchzte laut; indeß die Gebete der Mutter zugleich ihr Dankge⸗ fuͤhl fuͤr den Himmel, und Stolz und Ehrfurcht fuͤr den Sohn ausſprachen. Ein ausdrucksvoller Blick des alten Mannes und ein ſanfter Wink Ernſt's lie⸗ ßen die weinenden Frauen ſich entfernen, und die Thuͤre ſchloß ſich vor dieſer feierlichen und wohl ſel⸗ ten ſtatt findenden Handlung, wo ein reuiger Vater die tiefſten Geheimniſſe ſeines Herzens dem losſpre⸗ chenden Anſehen ſeines Sohnes eroͤffnete. Die Heiligkeit des Glaubens ſowohl im Beichten⸗ den als dem Beichtiger bedecken ſolche Scenen mit einem Schleier, den ſelbſt die frechſte Hand ſich ſcheut aufzuheben. Die Bekenntniſſe Martins Van der Steen ruhten daher unverletzt in dem Buſen ſeines Kindes, aber der Charakter des Beichtenden ſelbſt war zu ein⸗ fach, als daß er etwas anderes als Schwaͤchen und Irrthuͤmer haͤtte bekennen ſollen, die der Prieſter mit beſtem Gewiſſen verzeihen konnte. Fuͤnftes Kapitel. Melanie und ihre Schwiegermutter waren kaum in das aͤußere Gemach getreten, wo die ehrfurchts⸗ volle Richtung ihrer Gedanken auf die innerhalb vor⸗ ſeyende Handlung, ſie ſich ſtill verhaiten ließ, als Ni⸗ kolas Van der Steen, der Sohn und Gatte, Ernſt's 184 Sttizzen aus Belgien. aͤlterer und einziger Bruder, haſtig in die Huͤtte trat. Er war erſchoͤpft und ermattet, und hatte ſichtlich die groͤßte Eile angewendet, aber er trat doch auf den Zehen ein und ſeine lkeiſen Fragen nach ſeinem Vater wurden eben ſo von ſeiner Frau beantwortet. Sie glaubte, in der Sorge fuͤr dieſen und dem fernen Ge⸗ toͤſe des nahenden Gewitters hinreichende Gruͤnde fuͤr die Haſt zu finden, welche ihn nach Hauſe getrieben hatte, und ohne ihn nach deren Urſache zu befragen, erzaͤhlte ſie ihm ſchnell Ernſt's unerwartetes Erſchei⸗ nen und womit er jetzt beſchaͤftigt ſey. Zu jeder andern Zeit wuͤrde Nikolas bei dieſer uͤberraſchenden Nachricht mehr Verwunderung und Freude bezeigt haben, aber jetzt druͤckte die Angſt zu ſchwer auf ihn, und ließ daher wenig Raum fuͤr an⸗ dere Gefuͤhle und noch weniger fuͤr deren Aeußerung uͤbrig. Er zeigte jedoch davon genug, um den Ver⸗ rath deſſen zu verhuͤten, was er zu verbergen ſtrebte, ob er gleich fuͤrchten mußte, daß ſein quaͤlendes Ge— heimniß nur zu bald an's Tageslicht kommen werde. Angſtvoll blickte er aus den Fenſtern des Gemachs, nachdem er die Hausthuͤre feſt zugemacht hatte, und waͤhrend er damit beſchaͤftigt war, kam der Trappiſt langſam aus ſeines Vaters Kammer. Auf ſeinem Geſichte ſchien der Geiſt der Froͤmmigkeit zu ruhen, und Melanie konnte es nun furchtlos anſchauen, und als das wieder erkennen, auf welches ſie in den Jah⸗ ren der blickt he deſſelben Verrich den ihn geſtoͤrte kolas, unwille als ſein um ihn gen un ſtäͤndni anilage Verda ſerz ic ſch a zartes anlegen R. der K da lag. ſine dät ib ſeinet bete. uühige ſc id Geſchichte des Bettelmönchs. 185 ren der erſten Liebe ſo oft und ſo unſchuldsvoll ge⸗ blickt hatte. Aller Tumult des fruͤhern Ausdruckes deſſelben war geſtillt in der Ausuͤbung ſeiner heiligen Verrichtungen, und er zeigte in dieſem Augenblicke den ihm ſo eignen, gewohnten Blick reiner und un⸗ geſtoͤrter Gottesergebung. Da fiel ſein Auge auf Ni— kolas, der noch angſtvoll am Fenſter Acht gab, und unwillkuͤrlich ſchauderte er und trat zuruͤck— und als ſein Bruder ſich umkehrte und auf ihn zu ging, um ihn zu umarmen, uͤberzog hohe Gluth ſeine Wan⸗ gen und Stirn, als ob ſein Herz die Roͤthe des Ge⸗ ſtaͤndniſſes auf dieſe gegoſſen haͤtte, um ſeine Selbſt⸗ anklage auszuſprechen. Aber Nikolas hatte keinen Verdacht, daß ſeines Bruders Umarmung minder herzlich ſeyn koͤnne, als ſeine eigene, und Ernſt war ſich kaum ſelbſt des Zwanges bewußt, den ein allzu⸗ zartes Gewiſſen dem Ergießen natuͤrlicher Zuneigung anlegen wollte. Nun richteten ſich aller Blicke auf das Bett in der Kammer, und man ſah, wie der Kranke ruhig da lag. Seine Haͤnde waren uͤber der Bruſt gefaltet, ſeine Augen geſchloſſen, ein Ausdruck inniger Heiter⸗ keit uͤber ſeine Zuͤge gebreitet, und nur die Bewegung ſeiner Lippen zeigte, daß er noch lebe, und inbruͤnſtig bete. Die aͤngſtlich Beobachtenden benutzten dieſen ruhigen und anſcheinend gluͤcklichen Zuſtand, um eiligſt ſich uͤber die Ereigniſſe zu verſtaͤndigen, welche waͤh⸗ 186 Sümzzen aus Belgien. rend der fuͤnf Jahre vorgefallen waren, wo ſie ſich zuletzt in Mitten der Feſtlichkeit und Luſt verlaſſen hatten, welche bis auf eine einzige Ausnahme bei der Hochzeit Nikolas' mit Melanie vorgewaltet. Eine kurze Erzaͤhlung ſetzte Ernſt von alle dem gehaͤuften Ungluͤck in Kenntniß, das ſeit dieſem Tage, deſſen froͤhlicher Anbruch bereits durch ſein ploͤtzliches Verſchwinden aus der Heimath, getruͤbt war, uͤber ſeine Familie hereingeſtuͤrmt. Die gaͤnzliche Unbe⸗ kanntſchaft was aus ihm geworden, war ſeitdem von ſtetem Mißgeſchick begleitet geweſen, und Verluſt und Krankheit hatten endlich das aͤlteſte Opfer dem Tode nahe gebracht. Hagelſchlag, Viehſterben und Waſſers⸗ noth, welche meilenweit dieſe Gegenden verwuͤſtete, waren die hauptſaͤchlichſten Unfaͤlle geweſen, gegen die Martin Van der Steen hatte ankaͤmpfen muͤſſen. Seine ausgezeichneten landwirthſchaftlichen Kenntniſſe, ſeine Thaͤtigkeit und Charakterſtaͤrke hatten lange Wi⸗ derſtand geleiſtet, aber endlich hatte ihn Krankheit nie⸗ dergeworfen, und der Kummer uͤber ſein verlornes geliebtes Kind ſelbſt ſeinen Geiſt vollends gebeugt, der ſchon mit dem erſchoͤpften Koͤrper matter gewor⸗ den war, bis zu der Stunde, wo durch ein faſt wun— dervolles Zuſammentreffen der Umſtaͤnde dieſes Kind wieder zuruͤckkehrte, als habe es der Himmel ſelbſt abgeſendet, um den Weg den der Vater noch bis zum Grabe hatte, ihm zu verſuͤßen. Do ſungg am K fen de the ſie die ſei dit h am F der S ſluchts ſen C ſchon wen Coop rer w bunge ſein ſi 8 und heit, den Van prech ſie n den aus, din( ſe ſich rlaſſen dei der e dem Tage, bliches „ uͤber Unbe⸗ n von ſt und Tode aſſers⸗ yͤſtete, een die uͤſſen. tniſſe, ge Wi⸗ eit nie lornes beugt, gewor⸗ wun⸗ Kind ſebſt t zun Geſchichte des Bettelmönchs. 187 Doch all' dieſes Elend war auch nicht ohne Troͤ— ſtung geweſen. Ein treues, unermuͤdliches Weib wachte am Krankenbette, warf ſich immer ſelbſt den Angrif⸗ fen des Ungluͤcks entgegen und beſaͤnftigte ihre Haͤrte, ehe ſie ihr Ziel erreichten. Melanie und ihr Mann, die ſeit ihrer Verheirathung ſtets bei dem Vater ge⸗ lebt hatten, verließen ihre Wohnung und Einrichtung am Fuße des Scharfenbergs, folgten dem armen Van der Steen und ſeinem Weibe, begleiteten ſie von Zu⸗ fluchtsort zu Zufluchtsort, wenn ſie von ſchonungslo⸗ ſen Glaͤubigern vertrieben wurden, und wohnten nun ſchon einige Wochen lang mit ihnen in dieſer einſa⸗ men ſchlechten Huͤtte auf einer Paͤchterei von Joos Cooperslangen, die, da ſie mehrere Stunden von ih⸗ rer vormaligen gluͤcklichen Heimath und deren Umge⸗ bungen abgelegen, gegen unmittelbare Verfolgungen ein ſicheres Verſteck verſprach. Selbſt Joos Cooperslangen, ſo rauh, muͤrriſch und heftig er auch war, bewies bei dieſer Gelegen— heit, welche verſoͤhnende Eigenſchaften Natur auch in den abſtoßendſten Charakter legen kann. Manche von Van der Steen's Freunden— um nach Weltſitte zu ſprechen— ſtanden von ferne, ſtellten ſich, als ob er ſie nie um Unterſtuͤtzung angeſprochen habe, oder fan⸗ den ihnen ſelbſt als hinreichend erſcheinende Urſachen aus, um ſie ihm abzuſchlagen. Andere trugen zwar ein Geringes fuͤr ihn bei, oder ſuchten ohne Muͤhe 188 Sſtizzen aus Belgien. irgend einen Glaͤubiger zu beſchwichtigen, wußten ſich aber dann mit der kleinſten Gefaͤlligkeit ungemein viel, und maßten ſich unter dem Deckmantel freund⸗ licher Zuneigung an, ihn zu tadeln, zu verhoͤhnen, ja zu beleidigen, wo ſie doch blos aufgefordert waren, ihm zu helfen, oder zu ſchweigen. Die Laſt ſolcher Verbindlichkeiten war zu ſchwer fuͤr des armen Dul⸗ ders Dankbarkeit, und er bejammerte alſo nun nicht blos ſein Ungluͤck, ſondern ward auch durch die Ge⸗ meinheit und Niedrigkeit empoͤrt, die es ſomit noch vergroͤßerte. Joos Cooperslaugen aber bildete einen wohlthuenden Kontraſt gegen dieſe alltaͤglichen kleinen Seelen. Er bot ſich unaufgefordert an, ſteckte die Hand in ſeine Boͤrſe, ſo weit er es, ohne ſich ſelbſt zu ſchaden, thun konnte, redete mit den Glaͤubigern ſeines Freundes, beſaͤnftigte ſie mindeſtens, wenn er ſie nicht bezahlen konnte, hielt die Ehre des Abweſenden gegen die ſchaͤndlichen Verlaͤumdungen ſeiner Verfol⸗ ger aufrecht, vertheidigte ſeinen Vortheil, nahm An⸗ theil an ſeinen Leiden und ſuchte ſeinem Mangel abzu⸗ helfen. Und wenn er nicht fuͤglich mehr thun konnte — wenn die Juſtiz die Hand ſchloß, welche Edel⸗ muth gern noch offen gehalten haͤtte, ſo verließ er den Freund, dem er nicht laͤnger dienſtlich ſeyn konnte doch nicht, ſondern zeigte ihm einen Schatz von Theil⸗ nahme, der koſtbarer war als der gemuͤnzte dieſes Koͤnigreichs. Ern tt kuͤrzt zuf die unterdre Koſter, deſſen? nen Be gang in prozeſſ mentreff Deſci ſeine dern den C Und a. ſey un dathole Bedeu 8 tig in terin und ſe liß u tt hin nie al digenſ J ſich :mein eund⸗ e, ja ateh, lcher Dul⸗ nicht Ge⸗ noch einen feinen e die ſelbſt igern er ſie unden erfol⸗ An⸗ abzu⸗ nnte Edeb tß er onnte Theil itſes Geſchichte des Bettelmönchs. 189 Ernſt hatte ſeinerſeits nur wenig zu erzaͤhlen, und er kuͤrzte es noch ab, indem er alle Anſpielungen auf die Beweggruͤnde zu ſeiner Flucht vom Hauſe unterdruͤckte. Er beſchrieb blos ſeinen Eintritt in das Kloſter, den langen Tag einfoͤrmiger Abgeſchiedenheit, deſſen Abtheilungen Monate und Jahre bildeten, ſei⸗ nen Beruf als Almoſenſammler, ſeinen letzten Um⸗ gang in dieſem Geſchaͤfte, ſeine Anweſenheit bei der Prozeſſion zu Furnes und ſein ſonderbares Zuſam⸗ mentreffen mit Melanie's Vater. Wie er von ſeiner Beſchaͤftigung als bettelnder Kloſterbruder ſprach, zeigte ſeine Mutter groͤßere Aufmerkſamkeit als bei allen an— dern Punkten ſeiner Erzaͤhlung. Sie fragte, ob er den Ertrag ſeiner letzten Sammlung bei ſich habe, und als er ohne Zoͤgern antwortete, daß dieß der Fall ſey und jenen offen, aber nicht ruhmredig angab, wie⸗ derholte ſie dieſe Worte mit einem Ausdrucke, deſſen Bedeutung er noch nicht recht faſſen konnte. Einige Minuten darauf ging die alte Frau vorſich⸗ tig in das Krankenzimmer. Sie ſchloß ſich als Waͤr⸗ terin mit dem Leidenden der jetzt ruhig ſchlief ein, und ſetzte ſich wieder an deſſen Bette. Nicolas ver⸗ ließ unter einem Vorwande die Huͤtte, deren Thuͤre er hinter ſich verſchloß, und Ernſt blieb mit Mela⸗ nie allein auf der Stelle ſitzen, die ſie waͤhrend der gegenſeitigen Mittheilungen eingenommen hatten. Jetzt ſo allein gelaſſen waren beider Gefuͤhle ſehr 190 Sſtiszen aus Belgien. verſchieden. Ernſt fuͤhlte ſich bei den weltlichen und perſoͤnlichen Eroͤffnungen welche eben ſtatt gefunden hatten, wie vom Geiſte der Religion verlaſſen, der noch zuletzt ſo beſeligend auf ihm geruht hatte. Er empfand nicht laͤnger die Erhebung, welche ihn uͤber die Erde hinweg zu fuͤhren ſchien, als er an ſeines Vaters Lager niederkniete und jene Worte ſprach, die er als Begeiſterung fuͤhlte, und die es alſo auch fuͤr ihn wirklich war. Es ſchien als ob er jetzt ganz wieder der Sterblichkeit zuruͤckgegeben ſey, und der Eindruck, den die Gegenwart des unſchuldigen We⸗ ſens an ſeiner Seite auf ihn machte, war Furcht fuͤr ſie und vor ſich ſelbſt. Aber auch ſelbſt einen in den Verhaͤltniſſen der Welt reich erfahrenen Mann haͤtte eine ſolche Lage in Verlegenheit ſetzen koͤnnen; fuͤr eine Perſon wie Ernſt war ſie mithin voͤllig uͤber⸗ waͤltigend und ſein Herz der Tummelplatz aller ſtrei⸗ tenden Empfindungen. Melanie dagegen fuͤhlte auch nicht das geringſte von dem Mißtrauen mehr, das in ihr vorher Ernſt's Benehmen, als ſie an der Thuͤr der Huͤtte ſich zuerſt getroffen, erweckt hatte. Das Geſtaͤndniß ſeines Berufs, der ſichtliche Beweis da— fuͤr, ſein ganzes Weſen als ſie ihn in der Ausuͤbung ſeiner Pflichten erblickt, hatten uͤber ihn ſelbſt eine Heiligkeit verbreitet, die ihn in ihren Augen uͤber den Maasſtab menſchlicher Schwaͤche erhob, und das was ſie zuvor in ſeinem Benehmen ſo uͤberraſcht und ver⸗ ſaͤrt he Manne und Vo Mo Sie be ſere T Länder Reſpek war ih gen, oh ehrte i langen den d oder gewol pen di in das draud Rodü ner Anſic dürg iffne und denke & ſch i und unden „der Er uͤber ſeines , die fuͤr ganz d der We⸗ t fuͤr n den haͤtte fͤr üͤber⸗ ſtrei⸗ auch „ das Thuͤr Das 6 da⸗ uͤbung t eine er den bwis d ver⸗ Geſchichte des Bettelmönchs. 191 ſtoͤrt hatte, ſchien ihr nun aus dem Charakter eines Mannes nothwendig zu folgen, der uͤber die Sitten und Verhaͤltniſſe des gewoͤhnlichen Lebens erhaben iſt. Melanie's Sinn war eben ſo einfach als rein. Sie beſaß all' die blinde Verehrung, welche der groͤ— ßere Theil ihres Geſchlechts Prieſtern in Katholiſchen Laͤndern zu widmen pflegt. Da ſich aber mit dieſem Reſpekte fuͤr ſein Amt perſoͤnliche Zuneigung verband, war ihr unmittelbares Gefuͤhl gegen Ernſt unbefan⸗ gen, ohne deshalb doch vertraut zu werden. Sie ver⸗ ehrte ihn, aber fuͤrchtete ihn nicht. Waͤhrend ſeiner langen Abweſenheit hatte ſie mit allen ſeinen Freun⸗ den die ſchmerzliche Beſorgniß gehegt, daß der Tod oder ein anderes ſchreckliches Mißgeſchick ſein Loos geworden ſey. Als ſie daher von ſeinen eigenen Lip⸗ pen die gluͤckliche Entwicklung des Geheimniſſes hoͤrte, in das er ſich zu huͤllen gewußt hatte, kannte ihre Freude keine Graͤnzen. Sie ſehnte ſich nach dem Au— genblicke, wo ſie frei mit ihm uͤber die Urſachen ſei— ner Flucht vom Hauſe ſprechen, ihre Gefuͤhle und Anſichten mit ihm austauſchen und ihm unter der Buͤrgſchaft ſeines heiligen Berufs ihr ganzes Herz oͤffnen koͤnne. Dieſer Augenblick war nun gekommen und Melanie benutzte ihn ohne Ruͤckhalt oder Be⸗ denken. «O, lieber Ernſt!“» ſagte ſie zu ihm und neigte ſich ihm naͤher bei'm Sprechen:«wie durchkreuzen ſich 192 Skizzen aus Belgien. doch die verſchiedenſten Gefuͤhle an dieſem Tage! O, ſagen Sie mir, wie es moͤglich iſt, daß das Herz zu gleicher Zeit von ſo entgegengeſetzten Empfindungen klopfen kann?— vor Freude und Schmerz— vor Verzweiflung und Wonne! Selbſt unſer armer Vater fuͤhlt alles dieſes ſogar in ſeinem huͤlfloſen Zuſtande — um wie viel mehr nun ich, mein theuerer Ernſt! Was iſt das nicht ſchon fuͤr eine Wonne, Ihnen ſa— gen zu koͤnnen, was ich fuͤhle— mit Ihnen ſprechen zu koͤnnen, wie ich's denke— ohne Ruͤckhalt Ihnen alles mitzutheilen— und dies zum erſtenmal in mei⸗ nem Leben! — Zum erſtenmale, Melaniek— erwiederte Ernſt mit unwillkuͤhrlichem Seufzer, und ſein Geiſt flog zu⸗ ruͤck zu den Fruͤhlingstagen ſeines Lebens, wo er glaubte, Melanie's Herz liege fuͤr ihn ſo offen da, wie der blaue Himmel uͤber ihnen, oder der liebliche Pfad im freundlichen Thale, durch welches ſie zuſam⸗ men wanderten. «Ja, ja, es iſt wirklich das erſtemal, lieber Ernſt! ſo ſonderbar auch das klingen mag. Aber ich fuͤhlte mich nie Ihnen gegenuͤber ſo unbefangen und furcht⸗ los wie heut. Waͤhrend unſeres fruͤheren Zuſammen⸗ ſeyns war zwiſchen uns, ob Sie gleich nur noch ein Knabe waren und ich ein albernes Maͤdchen, doch ein gewiſſes Etwas, das mich von Ihnen zuruͤckſcheuchte, ſelbſt wenn ich Sie am liebſten hatte. Jetzt aber, nun, nun, da mnthete ih vorl beichten und als nie vor liebte?“ nich lie 9 ſe! O, erz zu dungen — vor Vater uſtande Ernſt nen ſa⸗ rechen Ihnen n mei⸗ Ernſt log zu⸗ wo er en da, ebliche zuſam⸗ Ernſt fuͤhlte furcht⸗ mmen⸗ ch ein och ein euchte, aber, nul Geſchichte des Bettelmönrhs. 193 nun, da Sie ein Geiſtlicher ſind und ich eine verhei⸗ rathete Frau, fuͤhle ich ein Vertrauen zu Ihnen, das ich vorher nie empfand: es iſt mir, als ob ich Ihnen beichten muͤßte— nicht Suͤnden ſondern Gefuͤhle— und als muͤßte ich Ihnen geſtehen, was ich mir ſelbſt nie vorher zu geſtehen wagte— wie ſehr ich Sie liebte?» — Das iſt ein ſtarker Ausdruck, Melanie!— mich liebte?— «O ja, ja, mehr als Alles auf der Welt.“» — Wier— auch mehr als Nikolas?— mehr als meinen Bruder?— «Ja, ja!— ja, das kann ich jetzt ohne Scheu und Suͤnde geſtehen. Waͤren Sie nicht ein Geiſtli— cher, und ich nicht verheirathet, haͤtte ich's freilich nicht ausſprechen duͤrfen, aber jetzt iſt's, als ob mir damit ein Stein vom Herzen falle, und iſt's denn nicht recht, daß Sie mein Herz ganz ſo kennen ler⸗ nen, wie es iſt?» Melanie's beklemmte Bruſt, die Roͤthe ihrer Wan⸗ gen, waren ſprechende Zeichen ihrer innern Erregung, und das faſt ſichtbare Klopfen ihres Herzens, welches ſie beſchrieb, bezeugte, wie frei es nun von dem Drucke ſey, der noch kurz zuvor ſo ſchwer darauf gelaſtet hatte. Nicht zufrieden aber mit ihrem eigenen Be wußtſeyn davon, ergriff ſie noch die Hand ihres ſchwei⸗ genden aber tief erſchuͤtterten Gefaͤhrten und legte ſie II. 9 194 Süizzen aus Belgien. auf ihr Herz.„Fuͤhlen Sie, Ernſt,“ ſagte ſie, fuͤh⸗ len Sie! Schlaͤgt es nicht viel leichter? So hat es mir nie wieder geſchlagen, ſeit der Zeit, wo wir zu⸗ ſammen nach Scharfenberg gingen, an dem Täge, wo mich Nikolas zur Frau begehrt hatte, und ichn fort⸗ lief und es Ihnen erzaͤhlte, und Sie mich vor Ver⸗ wunderung in Ihre Arme ſchloſſen. Damals aber ſchlug es ſo heftig aus Furcht, wie ich glaube, und jetzt, jetzt nur aus Freude!“ Des Geiſtlichen Hand ruhte widerſtandslos auf Melanie's Herzen, und Hand ſowohl als Herz wa— ren ohnſtreitig von gleicher Anziehung erregt, denn der Druck der einen und das Klopfen des andern ſchien fuͤr das ſchuldloſe Paar all' zu elektriſch, und ſo zogen ſie ſich gegenſeitig zuruͤck, als ob in beiden das Gefuͤhl der Schicklichkeit inſtinktmaͤßig wach ge⸗ worden ſey. Sobald aber Ernſt's Hand nicht mehr auf jener Stelle ruhte, war Melanie wieder von al⸗ ler Nuͤckhaltung frei, denn nur mittelſt der Sinne waren ihre ſittlichen Gefuͤhle einen Augenblick lang erregt worden. Ihre Gedanken waren rein und ru⸗ hig, und Ernſt ſprach auch nicht Ein Wort, das dieſe truͤben oder aufſtoͤren konnte. Was dieſen betraf, ſo uͤbte ſein Prieſterſtand nicht ſo viele Gewalt uͤber ihn aus, ihn den Menſchen ver⸗ geſſen zu laſſen. Er war unſchuldig aber nicht fuͤhl⸗ los, und er beſaß, gleich allen Maͤnnern, Empfindun— gen m aber n daß m einen? nur em iſt J in all auch ſchafer male Baſen Trap bewwu deſſe untu und afuͤh⸗ zat es dir zu⸗ ge, wo h fort⸗ r Ver⸗ s aber e, und 's auf rz wa⸗ , denn andern ), und beiden ach ge⸗ t weht von al Sinnt ick lang und ru⸗ gö dieſt nd nihl hen vel cht fäh pfindn Geſrhirhte des Bettelmönrhz. 195 gen welche der Fanatismus Suͤnde nennt, die dies aber nicht an ſich ſind, ſondern erſt dadurch werden, daß man ihnen nachgiebt. Zuruͤckgehalten bilden ſie einen weſentlichen Theil der Tugend, die doch an ſich nur eine Miſchung von Verſuchung und Widerſtand iſt. Nach dem weiſen Plane der Natur ſind ſie aber in aller Menſchen Herzen geſenkt, und Ernſt beſaß auch ſeinen Theil davon. Bis dahin hatten ſie jedoch ſchlafend und verborgen gelegen, und jetzt zum erſten— male ſollte es ſich zeigen, ob ſie ihn zum Guten oder Boͤſen fuͤhren wuͤrden. Melanie's Worte zogen den Trappiſten unausſprechlich an. Er war es ſich kaum bewußt, daß er ſeine Hand auf ihr Herz legte, um deſſen Pulsſchlaͤge zu fuͤhlen, aber bald erweckten ſeine unruhigen Empfindungen ihm ein zugleich peinliches und doch hoͤchſt aufgeregtes Selbſtgefuͤhl. «Was ſagten Sie da, Melanie? Und weshalb hoͤre ich doch darauf? Sie erinnern mich an Scenen, und erwecken Gefuͤhle wieder, die laͤngſt vergeſſen ſeyn ſollten.* — Vergeſſen? Ernſt! O nein, nein? Das duͤr⸗ fen, das koͤnnen ſie nie ſeyn; wenigſtens von mir nicht; und auch Sie ſehen nicht ſo aus, als ob Sie ſie zu vergeſſen wuͤnſchten. Es waren die gluͤcklich— ſten meines Lebens, die einzigen wahrhaft gluͤcklichen bis jetzt, denn jetzt bin ich ja ſo gluͤcklich, als ich nur je war— ja noch gluͤcklicher wohl!— Und als ſie 9* 196 Süiszen aus Velgien. ſo ſprach, lehnte ſie ihren Arm ſanft auf Ernſt's Schulter. Er ergriff ihre Hand, und indem er naͤ⸗ her zu ihr ruͤckte als zuvor, ſagte er ihr mit dem Tone ſanften Vorwurfs:— Nun denn, Melanie, da Sie einmal ſo gut ſind, ſo beantworten Sie mir of— fen und ehrlich die einzige Frage: Warum verheim⸗ lichten Sie mir Ihre Liebe? Warum ließen Sie mich glauben, Sie waͤren gleichguͤltig fuͤr die meine— nein, nein! fuͤr meine Freundſchaft— meine Zunei— gung— die freundſchaftliche Zuneigung, die Sie mir eingefloͤßt hatten? Warum das?— «Gleichguͤltig! Ach, ich bildete mir ja nie ein, Ernſt, daß Sie mich hoͤher achteten als eine ge⸗ woͤhnliche Bekannte. Sie ſagten es mir ja nie. Sie mußten ſich doch daruͤber ausſprechen. Nicht wahr?“ — Ich ſprach es freilich nie aus— nie in Worten, Melanie, aber was ich dachte, mußte ſich Ihnen durch ſich ſelbſt kund geben. Meine gluͤhende Zuneigung— meine hohe Achtung— meine Ver— zweiflung als Sie Nikolas' Hand annahmen— alles dieſes aͤußerte ſich doch deutlich genug, wenn auch nicht durch Worte.— «So wahr der Himmel uͤber mir iſt, Ernſt! ich wußte davon nichts. Haͤtte ich nur das mindeſte davon ahnen koͤnnen, waͤre ich dann je das Weib ines 2 Ernſt's er naͤ⸗ nie, da nir of⸗ rheim⸗ e nich ine— Zunei⸗ ie mir ie ein, ne ge⸗ ja nie. Nicht nie in zte ſich ſͤhende e Ver⸗ alles n auch ſtl ich nindeſt⸗ Wai Geſrhichte des Bettelmönchs. 197 eines Andern geworden?— Ihres eigenen Bruders! — O nein, nein, um alles in der Welt nicht!“ — Nicht weiter, Melanie! nicht weiter!— noch Ein Wort, und wir ſind verloren! Ich Thor, der ich war!— Meine Feigheit iſt mein Ungluͤck geweſen! Ich wagte es nicht, Ihnen zu ſagen, was ich fuͤhlte — und Ihr Vater, Melanie— ich bekenne es jetzt zum erſtenmale— Ihr Vater verhoͤhnte mich, ver⸗ lachte meinen Antrag, und zuckte die Achſeln uͤber meine kindiſche Anmaßung, wie er es nannte. Er hatte allerdings meinem Bruder ſchon ſein Wort ge— geben, und dieſer es gefodert, ohne an die Moͤglich⸗ keit eines Verhaͤltniſſes zwiſchen mir und Ihnen zu denken. Und ſo verlor ich das Gluͤck, das ich errei⸗ chen konnte, wie ich jetzt erfahre! Und wann erfahre ich das? wo? und von wem? O ich Thor! Ich Wahnſinniger der ich jetzt bin!— Welchen Gedan— ken haͤnge ich nach— welche Sprache fuͤhre ich! Der Himmel erbarme ſich meiner und verzeihe es mir! — Ich weiß nicht, was ich ſage oder thue. Das iſt zu viel fuͤr mich!— O Ernſt! Ernſt! ſprechen Sie nicht ſo! Nicht dieſe Blicke!— Dies ziemt ſich nicht fuͤr Sie!— Haben Sie nicht allen Gefuͤhlen entſagt, die dahin fuͤhren koͤnnen? Vergeben Sie mir, vergeben Sie mir! Ach, ich dachte nicht daran, daß das Ihnen auch nur 198 Skizzen aus Belgien. fuͤr einen Augenblick Schmerz verurſachen koͤnnte! Ich bin immer noch ein ſchwaches, albernes Maͤdchen, wie Sie mich vor fuͤnf Jahren verließen, Ernſt! O ſo verzeihen Sie mir denn! Ich hatte keine Ahnung davon. Ich wußte nicht, daß Sie je ſo etwas ge⸗ fuͤhlt haͤtten, konnte mir noch weniger vorſtellen, daß ein Geiſtlicher noch ſo fuͤhlen koͤnnte, und gegen ſeine Schweſter! Ich hoffte, Sie ſo gluͤcklich zu machen, als ich es ſelbſt bin— aber ich bin ein ungluͤckliches, ſtrafbares Weſen! O, vergeben Sie mir nur!“ — Schuldloſeſtes, ſuͤßeſtes Weſen!— rief Ernſt im Tone leidenſchaftlicher Zaͤrtlichkeit aus:— o quaͤle Dich doch nicht laͤnger ſelbſt! Sey gluͤcklich, ſtets gluͤcklich in dieſer Deiner Unſchuld— und denke nicht mehr an mich. Ich ſehe es zu ſpaͤt ein, was ich verloren habe e fuͤhle dieſen Verluſt zu tief— bejammere ihn zu verzweiflungsvoll! So haͤtte ich denn alſo alles beſitzen koͤnnen wonach meine jugend⸗ liche Liebe ſtrebte! Ach, Melanie! das iſt doch zu grauſam! Ich habe das Einzige, was auf der Welt Werth fuͤr mich beſaß, verloren— unwiederbringlich verloren— und ich verabſcheue mein feiges Herz, das ſich ſcheute, das hinzunehmen, was der Himmel zu ſeinem Eigenthume beſtimmt hatte. Als ich mir es noch nicht traͤumen zu laſſen wagte, daß Sie mich geliebt, beſaß ich die Kraft, mein Elend zu bekaͤmpfen, denn verletztes Ehrgefuͤhl iſt ſtark;— als ich Sie mir au der Re⸗ jeßt, w Feuer und mi mir jet Die R lete ich ten— nem G Seligk den, a ſchma T nie fe den p broche ten a a185 mun umhe önnte! dchen, ſt! O lhnung das ge⸗ in, daß en ſeine nachen, kliches, 3 Ernſt Hauäle , ſtets denke , was tief— te ich jugende doch in r Welt ringlich Heti, himnel ich mit ie mih ämyfen, ch S Geſchichte des Bettelmönch. 199 mir auf ewig entriſſen ſah, ſchien der offne Buſen der Religion mir zur Ruhe zu winken; aber jetzt— jetzt, wo alles in mir wieder aufgelebt iſt, wo ich das Feuer hervorlodern fuͤhle, das ich ſo lange verbarg und mich von ihm verzehren ließ, welche Zuflucht iſt mir jetzt uͤbrig geblieben gegen meine Verzweiflung? Die Religion wird mich verwerfen— eben jetzt ver⸗ letze ich ja ihre Gebote— ich uͤbertrete meine Pflich⸗ ten— ich breche meine Eide— Verworfen von mei⸗ nem Glauben? Aber dies, dies iſt doch die hoͤchſte Seligkeit; und moͤge ich dafuͤr ſo viel dulden auf Er⸗ den, als es immer ſey, ich will, ich muß dieſen Vor⸗ ſchmack des Himmels genießen!— Waͤhrend dieſer Reden hielt der Trappiſt Mela⸗ nie feſt in ſeinen Armen. Seine letzten Worte wur⸗ den von wiederholten leidenſchaftlichen Kuͤſſen unter⸗ brochen, mit denen er ſie bedeckte. Seine Lippen ruh⸗ ten auf den ihren und eine Thraͤnenfluth erwiederte, als Melanie aufgehoͤrt hatte zu ſprechen, ſeine Umar⸗ mung. Im Wahnſinn des Augenblicks ſchien alles umher vergeſſen zu ſeyn. Vater, Mutter, Gefahr, Schuld, das eigene Selbſt und ſeine tauſendfachen Be⸗ ziehungen, nichts mehr war fuͤr Ernſt und Melanie vorhanden— und ſo ſtanden ſie, ſich feſt umſchlun⸗ gen haltend, bis ſie durch eilige Fußtritte an der aͤuſ⸗ ſern Thuͤre geſtoͤrt worden, welche Nikolas haſtig und mit dem Ausdrucke der tiefſten Erſchuͤtterung in ſei⸗ 200 Slizzen aus Belgien. nem ganzen Weſen aufriß. Das im Augenblicke einer Gefahr, deren ganzen Umfang ſie nicht kannten, ſo wundervoll gerettete Paar, ließ ſich inſtinktmaͤßig aus den Armen los, und ſank auf die Stuͤhle zuruͤck, von denen es im Selbſtvergeſſen aufgeſtanden war. Sobald Nikolas eingetreten war, verſchloß er ſorg— faͤltig die Thuͤre hinter ſich, und ſagte dann mit eili— gen, halblauten Worten:«So iſt denn das Schlimmſte eingetroffen, Melanie! Meine Furcht war nur allzu gegruͤndet! Die Harpyen, die ſo lange ſchon unſerem heimlichen Zufluchtsorte nachſpuͤrten, haben dich bei der heutigen Proceſſion erkannt. In dem Hauſe wo⸗ hin ich dich fuͤhrte, vernahm man einige unſerer ſorg⸗ los ausgeſtoßenen Worte— wir ſprachen von unſerm Vater, und ſeitdem haben uns die Schurken nicht wieder aus den Augen gelaſſen. Als ich von Dir auf der Straße Abſchied nahm, und nach Rusbrugge hinging um den Doktor zu holen, ſah ich, wie ſie mich beobachteten. Jetzt iſt alles verloren. Vier Gerichtsdiener ſind ſchon auf dem Wege hierher mit der Verordnung, unſern Vater in's Gefaͤngniß abzu⸗ fuͤhren. Was iſt nun zu thun? Koͤnnen wir ihn verbergen? Ihn von hier fortbringen, wuͤrde ſein Tod ſeyn!“ Melanie fand keine Antwort. Sie verſuchte zu ſprechen, aber die Zunge klebte ihr am Gaumen. Sie wollte aufſtehen, aber ihre zitternden Glieder verſag⸗ tn ihr die A Thraͤne net.( ſcß, u Einen nes B Kom Ernſt! haͤngen ten R d ver d tonte, hervo ihre eeiner en, ſo ig aus k, von er ſorg⸗ ſnit eili limmſte p allzu inſerem ÿich bei uſe wo er ſorg⸗ unſerm n nicht n Dir brugge wie ſie Vier her mit jabzuͦ⸗ ir ihn in Tod cte in n. Ei verſch⸗ Geſchichte des Bettelmönrhs. 201 ten ihr den Dienſt. Sie weinte auch nicht mehr. Die Quellen der Sprache und Bewegung, ja ſelbſt der Thraͤnen ſchienen auf einmal und fuͤr immer vertrock⸗ net. Ernſt lehnte ſich uͤber den Stuhl auf dem er ſaß, und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden. Einen Augenblick lang ſchien er unempfindlich bei ſei— nes Bruders Worten, und Nikolas fuhr alſo fort: «Komm, Melanie. Komm, und reiße Dich heraus! Ernſt! Jetzt kannſt Du dem Gram nicht muͤßig nach⸗ haͤngen. Wir muͤſſen handeln! Gebt mir euern gu⸗ ten Rath. Was koͤnnen wir thun, um unſern Vater zu verbergen. Sein Leben ſteht auf dem Spiel!» Die Kraft mit welcher er dieſe letzten Worte be— tonte, brachte augenblicklich die beabſichtigte Wirkung hervor. Ernſt und Melanie ſtanden ploͤtzlich auf, und ihre Gedanken wandten ſich im ſchnellen Wechſel der Gefuͤhle von dem gaͤnzlich ab, was ſie vorher einzig und allein beſchaͤftigt hatte. Die Gefahr die ihrem armen Vater drohte, uͤberwaͤltigte jede andere Empfin⸗ dung, und draͤngte ſelbſt auf kurze Zeit die Rieſenkraft ihrer Leidenſchaft zuruͤck. Sie eilten zur verſchloſſenen Thuͤr, gleich als treibe ſie der innere Impuls ſich als Schutzwehr davor zu ſtellen; aber Nikolas, der ſich ſelbſt mehr beherrſchte und auf den Vorgang nicht unvorbereitet war, ſah ſich nach beſſern Sicherheits⸗ maßregeln um. Sein erſter Gedanke war der, ſeinen Vater in das obere Zimmer zu bringen, ſeine Mut⸗ 202 Skizzen aus Belgien. ter das Krankenbette einnehmen zu laſſen, und ſo die Gerichtsdiener glauben zu machen, ihre Beute ſey ihnen entſchluͤpft. In dieſer Abſicht oͤffnete er die Kammerthuͤre, und da er ſah, daß ſein Vater noch ruhig und ohne Ahnung der drohenden Gefahr auf ſeinem Lager ſich befand, ruft er ſeine Mutter von ihrer Waͤchterſtelle hinweg. Es war ein bedenkliches Unternehmen, ihr jene unſeligen Nachrichten mitzu⸗ theilen, und Nikolas nicht ſehr verzuͤglich dazu geeig⸗ net, da er zu lange mit dem rauhen Joos Coopers⸗ langen verkehrt, und ſelbſt von Natur viele Anlage dazu hatte, ihm nachzuahmen. Er erzaͤhlte jedoch mit den ſanfteſten Worten die ihm zu Gebote ſtanden, in welcher Lage ſich die Sachen befaͤnden, und wie die Noth hoͤchſt dringend ſey. Die Mutter hoͤrte dieſes alles mit einer Ruhe an, welche die Kinder in Ver— wunderung ſetzte. Sie widerſtritt Nikolas' Plan, ih— ren Mann fortzubringen, und als er darauf drang, daß dies der einzige noch moͤgliche Ausgang ſey, um das Ungluͤck zu vermeiden, das ihnen ſchon ſo nahe auf den Ferſen folge, antwortete die Mutter mit Re⸗ den und Blicken, deren Bedeutung keiner von ihnen verſtand.«Schon gut, ſchon gut, lieber Sohn!» ſagte ſie:«Was geſchehen ſoll, muß geſchehen. Ich bin laͤngſt ſchon auf das Schlimmſte gefaßt geweſen. Es iſt nun hereingebrochen, und wenn es einmal hat kom⸗ men ſollen iſt's um ſo beſſer ſo! Wartet nur gedul⸗ dg ab, ſaben ſeutigen nung n ſen wir die Vo Na ſich ru ſch un Dii hin ha thaͤtige Kamm Stimm er, da ſtiegen Rieola diinger Gemi haften Hüͤlfs deute Kenft ud, nünc derſtön den C ſo die ute ſey er die er noch ähr auf ter von nkliches mitzu⸗ geeig⸗ oopers⸗ Anlage och mit den, in wie die e dieſes n Ver⸗ jan, ih⸗ drang, ſey, um ſo nahe nit Re⸗ ihnen 2ohnl“ Ich bin en. Es at kom rgeddl Geſchirhte des Bettelmönchs. 203 dig ab, was das Schickſal ferner uͤber uns beſchloſſen haben wird. Der Himmel hat große Dinge an dem heutigen Tage mit uns vor, und ich fuͤhle, daß Ret— tung nahe iſt. Um aber die Frucht zu genießen, muͤſ⸗ ſen wir nicht den ganzen Zweig abbrechen. Laßt nur die Vorſehung ihre eigenen Wege gehen!» Nachdem ſie dieſe Worte geſagt hatte, ſetzte ſie ſich ruhig nieder, ſah nach den Fenſtern hin, bekreuzte ſich und murmelte ein Gebet, als jetzt der heftigſte Blitz zuckte, und der Donner laut uͤber die Huͤtte hin hallte. Nikolas aber beharrte bei ſeinem Plane thaͤtigen Widerſtands. Als er in ſeines Vaters kleine Kammer trat, entſetzte ihn das Gefluͤſter fremder Stimmen, und zu ſeinem Staunen und Schmerz ſah er, daß ſchon zwei Maͤnner zum Fenſter herein ge⸗ ſtiegen waren, denen ein dritter auf dem Fuße folgte. Nikolas vergaß jede Ruͤckſicht, ſprang auf die Ein— dringenden, lediglich der natuͤrlichen Kuͤhnheit ſeines Gemuͤths folgend, los, und gerieth mit ihnen in leb⸗ haften Kampf. Da die Gerichtsdiener ſich von der Huͤlfsloſigkeit und mithin voͤlliger Sicherheit ihrer Beute uͤberzeugt hatten, ſo wendeten ſie ihre ganze Kraft gegen ihren kecken Angreifer, uͤberwaͤltigten ihn bald, und ſchleppten ihn unter dem Toben ſeiner Ver⸗ wuͤnſchungen, Melanie's Gekreiſch, dem Stoͤhnen des verſtoͤrten Kranken und den Bitten und Vorſtellun— gen Ernſt's und der Mutter in das vordere Gemach. 204 Skizzen aus Belgien. Waͤhrend hier zwei derſelben Nikolas, der ſich noch grife tapfer wehrte, am Boden feſthielten, oͤffnete der Dritte kein C die Thuͤr, um einen vierten herein zu laſſen, der ſei— Frömn nem noch ſpitzbuͤbiſchern Anſehen nach, das Ober⸗ er den haupt dieſer Maͤnner zu ſeyn ſchiemn Er hatte außer⸗ ſtieß, halb Roß und Wagen bewacht, waͤhrend ſeine Ge⸗ lich ei faͤhrten ſich in's Haus geſchlichen hatten. Dieſe wa— brauch ren blos mit großen Stoͤcken bewaffnet, waͤhrend je⸗ rer A ner auf der Stelle ein Piſtol hervorzog, und ſchwur,— ſii dies auf die vor ihm Stehenden abzufeuern, wenn Ni⸗ dg, kolas noch ferner den geringſten Widerſtand leiſte. Dieſe der 6 Drohung und eigene Erſchoͤpfung bewirkten einen Ge⸗ Befel horſam, zu dem eigene Gefahr Nikolas nie gebracht bei. haben wuͤrde, und nun zog der Obergerichtsdiener ſei⸗ einen nen Verhaftsbefehl gegen Martin Van der Steen, Don⸗ den ein unbedeutender Glaͤubiger wegen einer Summe in de⸗ von hundert Gulden ausgewirkt hatte, hervor, und deffa las ihn mit allen den empoͤrenden Ausdruͤcken darin, Geit die einem ſolchen Papiere das gehoͤrige Anſehen geben gen. ſollen, laut ab. ner; Ernſt hoͤrte ruhig dem zu, dann aber eroͤffnete er den Gerichtsdienern, daß er ein Geiſtlicher ſey, be⸗ riff gann ihnen religioͤſe Vorſtellungen zu thun, und flehte nn i um Schonung, indem er ſeines Vaters verzweiflungs⸗ Mt volle Lage, in welcher er dem Tode nahe ſey, ihnen Den ausmalte, und ſie vor der frevelhaften Verletzung der Sonntagsfeier warnte, die zu begehen, ſie im Be— h noch Dritte der ſei⸗ 3 Ober⸗ außer⸗ ne Ge⸗ ieſe wa⸗ rend je⸗ ſchwur, enn Ni⸗ 2. Dieſe nen Ge⸗ gebracht ener ſci Steen, Summe r, und darin, in geben Geſrhichte des Bettelmönchs. 205 griffe waͤren. Aber der Anfuͤhrer dieſer Rohen hatte kein Gehoͤr fuͤr Ruͤckſichten des Mitleids oder der Froͤmmigkeit. Er verhoͤhnte beides, und rief, indem er den Trappiſten mit unehrerbietiger Haͤrte bei Seite ſtieß, aus:«Mein Herr Geiſtlicher, wenn Sie wirk— lich einer ſind, bemuͤhen Sie ſich nicht weiter. Ich brauche Ihre Predigt nicht. Ich bin in ganz ande⸗ rer Abſicht hier— ich muß meinen Schuldner haben — ſein Koͤrper muß mein ſeyn— todt oder leben— dig, das iſt mir ganz einerlei. Was die Verletzung der Sabbathfeier betrifft, ſo habe ich ausdruͤcklichen Befehl, und daher giebt's nichts von Gottloſigkeit da— bei. Geſetz iſt Geſetz und macht den Sonntag zu einem eben ſo paſſenden Tage, wie den Montag oder Donnerſtag. Ich muß mir alſo alle weitere Stoͤrung in der Vollziehung meiner Pflicht verbitten, oder Ihr verfallt alle, alle wie Ihr hier ſeyd, Mann, Frau oder Geiſtlicher, oder was zum Henker Sie ſonſt ſeyn moͤ⸗ gen.— Laſſen Sie mich dort hinein, um den Schuld⸗ ner zu greifen.”* Ernſt ward durch dieſe Haͤrte von Staunen er⸗ griffen und ſchauderte zuſammen, als der Sprechende an ihm voruͤberging. Jetzt aber warf ſich ihm ſeine Mutter, die angſtvoll auf ihn geſehen und alle ſeine Bewegungen beobachtet hatte, um den Hals und rief: «Ernſt! Ernſt! mein Sohn! Kannſt Du es zugeben, daß dieſer da in die Kammer tritt? Kannſt Du dei⸗ 206 Sltizzen aus Belgien. nen Vater aus ſeinem Sterbebette reißen laſſen, da Du die Mittel in den Haͤnden haſt, ihn zu retten? Du haſt ja Geld bei dir— mehr als hinreichend fuͤr ihn— es iſt der Pfennig des Erbarmens, und wo iſt denn Erbarmen wohl beſſer angewendet, als um einen Vater zu retten? Der Himmel hat Dich, mit dem was Du beſitzeſt, ausdruͤcklich hierher geſendet, um dieſes Ungluͤck von uns abzuwenden. Das kannſt Du glauben, lieber Sohn— das iſt gewißlich wahr — ol zaudre nicht! Ernſt, um des Himmels willen, folge deiner Mutter!“» In dem Augenblick wo Ernſt die Abſicht der Worte die ſeine Mutter zu ihm ſprach, zuerſt vor die Augen trat, fuͤhlte er ſich vor Schrecken und Schmerz durch— zuckt. Seine Hand griff unwillkuͤhrlich nach der ver⸗ borgenen Taſche, in welcher ſich das Geld befand, das er bei ſeiner Sammlung erlangt hatte. Das Blut ſtockte in ſeinen Adern, und ein heftiges Zittern ergriff ihn. Alles was er bisher empfunden, war nichts gegen dieſes Gefuͤhl, denn es war durch keinen Zuſatz von Freude beſaͤnftigt. Die Stimme ſeiner Mutter toͤnte ihm in's Ohr, wie der Ruf eines boͤ— ſen Geiſtes, der ihn verſuchen wolle, einen Kirchen— raub zu begehen. Seine Eide— die treue Bewah⸗ rung deſſen, was ihm anvertraut— der Mangel ſei⸗ ner Bruͤder— die Heiligkeit des Geldes in ſei— nen Haͤnden— der Fluch der Kirche— auf den, der ih Strafc Geſetz Chaos und 3 «C Ninut nehmel Melan ſchen! ſen, da retten? end fuͤr und wo als um ch, mit eeſendet, kannſt hwahr willen, Worte Augen durch⸗ der ver⸗ hefand, Das zittern 1, war keinen ſeiner ꝛs boͤ⸗ eirchen⸗ Hewah⸗ gel ſei in ſti f den, Geſchichte des Bettelmönchz. 207 der ihre Rechte zu verletzen wage,— das ewige Strafgericht gegen den meineidigen Uebertreter ihrer Geſetze— alles ſtieg vor ihm auf in einem wirren Chaos des Jammers der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. «Ernſt, Ernſt!“» rief ſeine Mutter:«noch eine Minute laͤnger, und es iſt zu ſpaͤt. O Gott! ſie nehmen ihn ſchon aus dem Bette.— O, Nikolas, Melanie, ſprecht doch mit dieſem hartherzigen Men⸗ ſchen! Er iſt nicht mein Sohn— nicht mein ſonſt ſo geliebter Ernſt— aber ſprecht nur mit ihm— bittet Ihr ihn, denn ich kann nicht mehr!» Damit ſchwankte ſie in die Kammer, wo die Ge— richtsdiener wirklich ſchon angefangen hatten, ihr Schlachtopfer aus dem Bette zu nehmen, und ſchloß jenes, mit lautem Geſchrei um Huͤlfe, in ihre Arme. Nikolas lag noch am Boden, knirſchte mit den Zaͤh— nen und ſtieß Verwuͤnſchungen und Bitten aus, waͤh— rend Melanie auf ihren Knieen Ernſt bei'm Kleide faßte und ausrief:— Ernſt, ich flehe Sie an, im Na— men des barmherzigen Gottes! O! hoͤren Sie nur das Stoͤhnen Ihres Vaters— ſehen Sie, wie ſie ihn herausreißen— hoͤren Sie nur.— Natur und Religion rufen Ihnen zu, verhuͤten Sie den Mord Ihres Vaters!— Sehen Sico, ſehen ſie ſelbſt, Ernſt! ich vermag es nicht.— In dieſem Augenblicke trat der Anfuͤhrer der Ge— 208 Sltizzen auß Belnien. richtsdiener wieder ein, indem er das ſchreiende Weib nach ſich zog, das ſich mit der Staͤrke der Verzweif⸗ lung an ihn geklammert hatte, und ihn nicht fort⸗ laſſen wollte. Auf ſeinen Armen trug er den ſonſt ſo kraͤftigen Van der Steen, der jetzt zu einem Ge— rippe zuſammen gefallen war. Dieſes arme Schlacht⸗ opfer ſtraͤubte und wehrte ſich, ſo viel es konnte, und ein furchtbarer Zug des Schmerzes verunſtaltete ſein Geſicht. Auf Melanie's Aufſchrei wendete Ernſt un⸗ willkuͤhrlich ſein Auge nach der Kammerthuͤr und er⸗ blickte dieſes herzzerreißende Schauſpiel. Melanie hing noch an ihm mit flehender Geberde, da machte er ſich ſchnell los, oͤffnete heftig die geheime Bruſttaſche ſei⸗ nes Kleids, zog den ledernen Beutel heraus, der die ganze Summe ſeiner Einſammlungen enthielt, ergriff mit der einen Hand den Arm des Gerichtsdieners, ſchleuderte mit der andern das Geld auf den Tiſch und ſteckte mechaniſch den leeren Beutel wieder in die Taſche. Dann nahm er, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, ſeinen Vater aus des Gerichtsdieners Armen auf ſeine eigenen, ſchwankte mit ihm in die Kammer, und ſank an dem Bette nieder, noch feſt umſchlungen von dem Leichnam— denn das letzte convulſiviſche Zucken Martin's Van der Steen war der Todesſtoß geweſen, womit er ſich am Nacken ſeines Sohnes feſt— geklammert hatte. Die Wittwe, noch nichts ahnend, ſank auf ihre Kniee! Dank! ſinen, titen S dieſem wvelchen ſchſt lich ni nachden am Ar Kanm dienet Vorgg ſeine E dem e de Weib erzweif⸗ ht fort⸗ en ſonſt em Ge⸗ jchlacht⸗ te, und tete ſein nſt un⸗ und er⸗ ſnie hing er ſich ſhe ſei der die ergriff dieners, Tiſſch eder in zu ſpre⸗ Armen Geſrhichte des Bettelmönchs. 209 Kniee und ergoß ſich mit krampfhafter Aufregung in Dank und Preis fuͤr den Sohn, der, wie ſie glaubte, ſeinen Vater gerettet habe. Melanie ſtand mit gefal⸗ teten Haͤnden in ſchweigender Gemuͤthsbewegung bei dieſem Auftritte da. Nikolas, den die Gerichtsdiener welchen der Anblick von Ernſt's Gelde eine Buͤrg— ſchaft fuͤr des am Boden Liegenden Freiheit war, end⸗ lich nicht mehr feſthielten, ſprang ſchnell auf, und nachdem er ſeine Mutter emporgehoben und Melanie am Arm gefaßt hatte, folgten ſie alle Ernſt in die Kammer. Waͤhrend des zaͤhlte der oberſte Gerichts⸗ diener das Geld, das ſein geuͤbter Blick ſchon im Voraus fuͤr mehr als hinreichend erkannt hatte, um ſeine Anforderung zu decken. Ernſt legte ſeine entſtellte Laſt auf's Bett, in⸗ dem er ſich ſanft von den ihn eng umſtrickenden Ar⸗ men losmachte, und als er ſich uͤber den Leichnam beugte, brach ein hellleuchtender Blitz durch die Daͤm⸗ merung, und zeigte ihm die ſtarren und mit Todten⸗ blaͤſſe bedeckten Geſichtszuͤge ſeines Vaters. Der Blick des Todes ſpricht eine Sprache von furchtbarer Wahrheit. Sie kann nicht nachgemacht oder mißverſtanden werden. Mit einem Blicke uͤber⸗ ſah Ernſt das ganze Elend. Ein krampfhafter Schrei erſcholl von Ernſt's Lippen; er ſprang auf, ſtuͤrzte bei der Gruppe vorbei, die am Eingange der Thuͤre ſtand, und flog uͤber das Zimmer hinweg durch die offne 210 Sitizzen aus Velnien. 3 Thuͤr hinaus, waͤhrend ihm ein gellendes Gelaͤchter der Gerichtsdiener folgte, die um den Tiſch herum⸗ ſtanden und ihr ſchlecht erworbenes Geld zaͤhlten. Nikolas, der die traurige Kataſtrophe noch nicht ahnete, uͤberließ ſeiner Frau und Mutter die Sorge fuͤr den zu ſpaͤt losgekauften Vater, und eilte, betrof— fen von Ernſt's verwildertem Ausſehen, dieſem nach. Er holte ihn auch ein, als er eben uͤber das Brett eilte, das uͤber dem Waſſergraben lag, faßte ihn um den Leib, und beſchwor ihn, in die Huͤtte zuruͤckzukeh⸗ ren. Ernſt riß ſich jedoch aus den Armen ſeines Bru⸗ ders los, und ſchrie mit wahnſinniger Wuth:«Zu⸗ ruͤck, zuruͤck, verhaßter Boͤſewicht! uͤberlaß mich dem Schickſale das Du mir bereitet haſt. Ich habe meine Bruͤder beſtohlen— meinen Vater gemordet— den Frieden der die ich anbetete geraubt— und um weſ—⸗ ſen willen? Ich bin mit Schande bedeckt— der Him— mel verflucht mich— die Hoͤlle gaͤhnt mich an— hoͤre nur wie die Teufel lachen!— Und wer brachte mich dazu? Wer warf ſich zwiſchen mich und die Se⸗ ligkeit die mein war; mein! Wer folgt mir an den Rand des Abgrunds! Du! Du! So uͤberlaſſe mich denn meiner Verzweiflung!» — Ernſt! Um unſerer aller— um Deiner Mut— ter, um Deines armen Vaters willen, um Mela— nie's—— «Ungeheuer! hoͤhnſt Du noch mein Elend?» Bei diſſen in die Hand in Kraf ders Ha t beſinn nur vor Und es ſchweist Nite dem Fl das dur durüͤckg tets er Zu dorfäl aber d Hauſe fauer. gepolſt nachge dehr v ſager lein in an de ſch ſ Gelaͤchter herum⸗ liten. och nicht ie Sorge e, betrof em nach. ss Brett ihn um ückzukeh⸗ nes Bru⸗ ih:«u⸗ nich dem ae meine — den um weſ⸗ der Him⸗ han— r brachte die Se⸗ an den iſe mich er Mut⸗ Mela⸗ d„ Bei Seſchirhte des Bettelmönchs. 211 dieſen in Wahnſinn geſprochenen Worten erhob Ernſt die Hand, und fuͤhrte mit einer ihm voͤllig ungewohn⸗ ten Kraft einen ſo heftigen Streich gegen ſeines Bru⸗ ders Haupt, daß dieſer zu Boden ſank. Dann ſtuͤrzte er beſinnungslos fort in die Nacht. Sein Weg ward nur von Zeit zu Zeit durch blendende Blitze erhellt, und es war ihm als ob der Fluch Cain's auf ſeiner ſchweistriefenden Stirne eingegraben waͤre. Nikolas ſtand jedoch bald wieder auf, und wuͤrde dem Fluͤchtigen dennoch nachgeeilt ſeyn, haͤtte ihn nicht das durchdringende Geſchrei der Frauen in die Huͤtte zuruͤckgerufen, wo er nun erſt den Tod ſeines Va⸗ ters erfuhr. Sechstes Kapitel. Zu derſelben Zeit wo dieſe ſchrecklichen Auftritte vorfielen, ſaß Joos Cooperslangen, den ſein koſtbares aber zuweilen etwas ſaumſeliges Roß gluͤcklich nach Hauſe gebracht hatte, gemuͤthlich vor ſeinem Kuͤchen⸗ feuer. Ehe er ſich jedoch in ſeinen maͤchtigen, wohl⸗ gepolſterten Lehnſeſſel gefluͤchtet, hatte er ſorgfaͤltig nachgeſehen, ob der Theilnehmer ſeiner ſchnellen Ruͤck⸗ kehr von Huyſenclaus gut gereinigt, gefuͤttert und ge⸗ lagert ſich in dem Stalle befaͤnde, den er fuͤr ſich al— lein in gehoͤriger Entfernung von den ſchlechtern Thie⸗ ren des Pachthofes einnahm. Nun erſt fing er an, ſich ſeiner Reitſtiefeln und andern Reiſe-Kleidungs⸗ 212 Skizzen aus Belgien. ſtuͤcke zu entledigen. Darauf befahl er Micha, ſeiner treuen Magd, ſeine mit guten Kanaſter geſtopfte Pfeife, ſein halbkanniges Trinkglas, und ein zinner⸗ nes bei weitem anſehnlicheres Geſchirr, das er aus einem Faͤßchen aus der Frau Wermuth Brauerei, in der nahgelegenen Tulipane gefuͤllt, auf den Tiſch zu ſtellen. Nachdem dieſes alles beſorgt war, ſetzte ſich der ehrliche Paͤchter und Straßenaufſeher zu ruhiger Beſchauung nieder, horchte auf den Sturm, der durch das Thal ſauſ'te und trank einen tuͤchtigen Schluck auf die Geneſung ſeines alten Freundes in demſelben Augenblicke, wo der arme Van der Steen ſeinen letz⸗ ten Athemzug aushauchte. Joos Cooperslangen hegte immer gute Hoffnung, verzweifelte nie, trat keck dem Geſchick entgegen und ließ ſich Ungluͤck und Fieber nicht anfechten. Kurz, er hatte ſtarke Nerven und keinen Ueberfluß an Galle. Ohnerachtet deſſen was er dem Trappiſten geſagt, hatte er daher doch ſeinen Freund noch nicht aufgege⸗ ben. Waͤhrend er am Lager des Kranken geſeſſen und deſſen Leiden und Erſchoͤpfung mit angeſehen, hatte er freilich deren Einfluß nicht widerſtehen koͤn— nen, und die Sachen fuͤr ſehr bedenklich anerkennen muͤſſen. Als er aber jetzt ſo gemaͤchlich in ſeinem Armſtuhle ſaß, das Feuer ihn waͤrmte— denn in dem feuchten Thale that das zu allen Zeiten wohl — das ſtarke Bier ihm wohlſchmeckte, und der Ka⸗ naſter⸗S underes ſenz deſ du zwei d ſchw dder ſic für und erslan ſopfte dß, ke hens ſtieden ſchen S haglic Gewof ſo tege tat.( er he ren 1 ſe ihr ſi ſe nt G len A den deK mtic ſa, ſeiner geſtopfte mzinner⸗ wer aus zuerei, in Tiſch zu ette ſich ruhiger er durch Schluck emſelben enen let⸗ voffnung, xgen und Kurz, Gall. geſagt, aufgege⸗ geſeſſen geſchen, hen koͤn⸗ rrkennen ſeinem denn in n woſe der Ke Geſchirhte des Bettelmönrh. 213 naſter⸗Dampf ihn umhuͤllte, hatte die Sache ein ganz anderes Anſehen gewonnen. Er fing an, an der Exi⸗ ſtenz deſſen, woran er ſo halb und halb geglaubt hatte, zu zweifeln, und ſich zu wundern, wie die Menſchen ſo ſchwach ſeyn koͤnnten, einer Krankheit nachzugeben, oder ſich ſelbſt Elend zuzuziehen, in dem ſie ſich ſelbſt fuͤr ungluͤcklich hielten. Und ſomit hatte Joos Coo⸗ perslangen als er die Aſche der vierten Pfeife aus— klopfte und die Hefen ſeines vierten Glaſes in's Feuer goß, keinen Gedanken mehr an die Uebel dieſes Le⸗ bens und ſaß in ruhigem Hinbruͤten voll Selbſtzu⸗ friedenheit und freundlicher Geſinnung fuͤr alle Men⸗ ſchen da. Seine alte Haushaͤlterin, eine kraͤftig gebaute, be⸗ hagliche kleine Perſon, die ſeit vielen Jahren mit den Gewohnheiten ihres Herrn bekannt war, zeigte ſich ſo regelmaͤßig wie ein Uhrwerk in ihren Obliegenhei⸗ ten. Sie wußte bis auf die Minute die Zeit welche er brauchte, um den gedachten zinnernen Krug zu lee⸗ ren und betrog ſich nie in ihrer Berechnung, wenn ſie ihn wieder zu fuͤllen haͤtte. In der Zwiſchenzeit ſaß ſie nickend auf ihrem Rohrſtuhle, der ſich, um ih⸗ rer Geſtalt ſich beſſer anzueignen, an allen ſeinen Thei⸗ len Abkuͤrzungen hatte gefallen laſſen muͤſſen, und auf den Stumpfen ſeiner hoͤlzernen Beine in einer Ecke des Kamins ſtand. In dieſer Lage bildete ſie den we⸗ ſentlichen Schatten zu jeder Bewegung ihres Herrn, 214 Skizzen aus Belgien. und waͤhrend ſie zu ſchlafen ſchien, bewachte ſie ihn Araus unter ihren halbgeſchloſſenen Augenliedern hervor, in⸗ nn, ei dem ſie durch genaue Beobachtung ſeiner Gewohnhei⸗ und ſit ten ſtets bereit war, jedem ſeiner Wuͤnſche zuvorzu⸗ T kommen. Sie ſetzte ihren Herrn oft durch dieſe Art iif ih von Divinationsgabe in Verwunderung, denn er war, wit eit ſo wie mancher noch kluͤgere Mann, nicht damit be⸗ fruund kannt, auf welche verraͤtheriſche Art Blicke und Be⸗— wegungen Worten zuvorkommen, ehe dieſe ausgeſpro⸗ nte ſ chen werden, und Gedanken kund geben, die man 2 recht wohl verborgen zu haben glaubt. Er berechnete de nie, daß wenn ſein Zeigefinger ſich bis an das zweite 8 Gelenk in ſeinen Pfeifenkopf verſenkte, dies fuͤr Frau die F Nicha eben ſo deutlich von der Leerheit dieſer Pfeife ten ſprach, als wenn ſie ſolche ſelbſt empfunden haͤtte; ters auch war ihm ſeine ſtete Gewohnheit nicht bekannt, ſachen nach welcher er ſich die Lippen netzte, und ſie dann fahren 4 mit der Hand wieder abtrocknete ehe er trank, indem- er auf dieſe Art die natuͤrliche und ſehr reinliche Sitte unru aller Biertrinker im Allgemeinen umdrehte. Dieſe und 1I viele andere aͤhnliche Anzeichen telegraphirten, ohne Jaos daß er's wußte, ſeine Wuͤnſche, welche dann die ge⸗ benen wandte Frau auf der Stelle befriedigte, und ſo ſprang wein denn auch zu der vorgedachten Zeit, als der alte Joos raan eben ſeine vierte Pfeife und ſein viertes Glas beendet aun hatte, Frau Micha von ihrem niedrigen Seſſel auf, nen eilte quer uͤber die Stube nach einem Eckſchrank, nahm n te ſie ihn evvor, in⸗ jewohnhei⸗ e zuvorzu⸗ dieſe Art in er war, damit be⸗ und Br ausgeſpro⸗ die man berechnete das zweite z fuͤr Frau eſer Pfeif den hätke: t bekannt, ſie dann nk, indem ſiche Sitte Dieſe un ten, ohne in die ge ſo ſptang alte Joor as beende Zeſte alh ank, naf Geſchichte des Bettelmönchs. 215 daraus die Ueberreſte von einem Antwerpner Schin⸗ ken, einen Leib Brot nebſt etwas Kaͤſe und Butter, und ſetzte es auf den Tiſch. «Was zum Henker treibt Sie denn da? Micha!“ rief ihr Herr, dem Anſcheine nach brummend, aber mit einem Blicke auf das Eſſen, der nicht der un⸗ freundlichſte war. — Sie ſind hungrig. Nicht wahr?— entgeg⸗ nete ſie, Frage mit Frage erwiedernd. «Ja, das bin ich. Aber woher weiß Sie denn das? Ich ſagte ja kein Sterbenswoͤrtchen.» — Aber ich dachte mir's gleich:— antwortete die Haushaͤlterin. Ehrlich geſagt, haͤtte ſie antwor⸗ ten muͤſſen,«ich wußte es;“» denn ſie konnte des Paͤch— ters regelmaͤßige Gewohnheit, ſich mit ſeiner derben flachen Hand uͤber die Oberflaͤche jener Gegend zu fahren, wo bei einem geſunden Manne die Regungen des Appetits dreimal des Tages eine angenehme Be⸗ unruhigung hervorbringen, nicht verkennen. «Ich will Ihr etwas ſagen, Micha!“ rief ihr Joos zu, indem er mechaniſch ſeinen Finger in den leeren Pfeifenkopf ſteckte:„Dieſe Art von Kenntniß meiner Gedanken, die Sie, weiß der Himmel woher, erlangt hat, iſt dann und wann allerdings recht be⸗ quem, aber es iſt doch auch zum Henker verdruͤßlich, wenn man nicht zuweilen ſagen und fordern kann, was man haben will. So zum Beiſpiel jetzt: warum 216 Sütizzen aus Belgien. ſchiebt Sie den Kanaſter da ſo nahe an meinen Ell⸗ bogen? Konnte Sie nicht warten, bis ich darnach fragte? 1 — Ich dachte, Sie wollten noch eine Pfeife rau⸗ chen:— ſagte Micha trocken. «Das dachte ich auch in der That; Sie muß mir aber nicht ſo in die Quere kommen!“ entgegugte ihr Herr, und ſchnalzte mit der Zunge gegen ſeinen vom Rauche trocken gewordenen Gaumen, in dem er mit der Hand uͤber die Lippen fuhr.„Nun, was giebts denn ſchon wieder.“ Frau Micha! Was hat Sie denn da wieder in dem Bierſchranke zu thun?“» — Ich will den Krug fuͤllen:— antwortete Nicha. „ Da ſoll mich doch der Roſenberger Fels in Gra⸗ natbischen zerſchlagen, wenn ich Sie nicht eben dar⸗ nach ſchicken wollte!» rief Cooperslangen aus, ſchlug mit der Hand auf den Tiſch und ſtand mit all' der Haſt und Derbheit, wie dies ein ſtarker Mann in der Leidenſchaft zu thun pflegt, auf. Aber Micha nahm keine Notiz davon— oder ſchien ſie wenigſtens nicht zu nehmen, ſondern ſetzte ſich ruhig nieder. Joos aber, der in ihrem unerſchuͤtterlichen Gleichmuth kei⸗ nen Widerſtand fand, warf ſich wieder in ſeinen Lehn⸗ ſtuhl, wo ſeine Hitze ohne Schaden verrauchte, wie eine Bombe, die in einem Moraſte platzt. «Ich muß es Ihr nur ſagen, Micha!» murmelte er; et, ai Dienſi aus vo Pr d Einem iſ gerc eigage mͤrriſ in Wid Sie ni Undn Schin daran Sie! einen Ell⸗ darnach pfeiſe rau⸗ Sie muß entgegnate hen ſeinen n dem er eun, was Was hat thun?“ antwortete z in Gra⸗ eben dar⸗ s, ſchlug t all der Mann in er Mic venigſtens der. Joos muth kei⸗ nen dhn chte, wi murmält er Geſrchirhte des Bettelmünrhs. 217 er;«ich kann dieſes Geſchaͤftigthun nicht leiden. Dienſtleute, die ihres Herrn Befehle ſchon im Vor— aus vollbringen, haſſe ich. Es iſt gerade genug, daß Ihr dann gehorcht, wenn man Euch etwas befiehlt. Einem ſo die Worte aus dem Munde weg zu ſtehlen iſt gerade zu eine Beleidigung— und alles kann ich entbagen, nur das nicht. Nun? was ſieht Sie ſo muͤrriſch vor ſich hin? Warum ſitzt Sie denn dort im Winkel, wie eine Kroͤte in einem Kellerloche? kann Sie nicht vergnuͤgt ſeyn, und mich nicht aufbringen? Und wozu iſt Sie denn da? Micha! Kann ich denn Schinken und Kaͤſe ohne Meſſer eſſen? Soll ich etwa daran nagen, wie ein kleines Ferkel? Warum giebt Sie mir kein Meſſer?» — Weil Sie es nicht verlangt haben.— «Aber ich ſage Ihr, ich habe es verlangt.“ — Und ich ſage Ihnen, daß Sie es nicht ver— langt haben— «Micha, ich will Ihr ſagen, daß Sie beſſer daran thaͤte, wenn Sie mich nicht aufbraͤchte.“” — Und ich will Ihnen ſagen, Herr Cooperslan⸗ gen, daß Sie beſſer daran thaͤten, wenn Sie ſich nicht ſelbſt aufbraͤchten. Es iſt eine Schande fuͤr Sie, ſich immer ſo zu ſtreiten und ſich ſelbſt zu aͤrgern, wenn man alles gethan hat, was man Ihnen nur an den Augen abſehen kann. Und aufrichtig geſagt, das verdiene ich nicht von Ihnen. Das iſt ein ſchlech⸗ II. 10 218 Süizzen aus Belgten. ter Dank fuͤr alle meine Dienſte; aber wenn man dun kein gutes Herz hat, kann man auch keine gute Laune R haben.— Ein ploͤtzlicher Thraͤnenſchauer unterbrach dieſe it Vorwuͤrfe, dauerte jedoch lange genug, um bei Joos enſt in's Innerſte zu dringen, denn er konnte nicht in won Abrede ſtellen, daß der Anfang jener Rede wahr ſey, det und fuͤrchtete, das Ende moͤchte auch nicht anders ausfallen. Ueberdies konnte er Niemand weinen ſe⸗ hen, und Micha's haͤufige Stromergießungen wuſchen ſtets die Graͤnzzeichen ſeines Verdrußes wieder hin⸗ Br weg. Auch dieſesmal war er, wie immer, der erſte, V d der ſich wieder zu verſoͤhnen ſuchte. Er ſprach, aber 8 ſeiner Stimme fehlten ein paar Octaven, und ſo üb ſtreckte er denn die Hand aus, die Micha, nun auch tet wieder beſaͤnftigt, ergriff, und mit Thraͤnen kuͤßte. 8 „Komm, Micha! Vergeben und vergeſſen!“ rief wi er: azes ſollte mir leid thun, wenn Du mein Herz 3 fuͤr boͤs hielteſt, Du kennſt es ja.“ V 8 — O ja, ich kenne es, weiß ſehr wohl, daß es p das beſte Herz von der Welt iſt; und ich bin eine A undankbare Perſon, das zu ſagen, was ich geſagt habe. Aber gedacht habe ich's nicht,— wahrhaftig nicht: — und Sie muͤſſen mir ſchon ſo ein paar Worte 1 verzeihen— in der Hitze mir entfahren— oh, oh! —— damit ſchwieg ſie ſchluchzend und die Einbil enn man te Laune ach dieſe bei Joos nicht in wahr ſey⸗ zt anders einen ſe⸗ wuſchen lder hin der erſte rach, abet und ſo nun auch kuͤßte. in!» rief nin Herz l, daß de bin eine ſagt habe iftig nicht at Worke . oh, 00 die Einbil Geſehirhte des Bettelmönrhs. 219 dungskraft ihres Herrn vervollſtaͤndigte der armen Micha Sentenz. So war denn der Streit geſchlichtet, aber lange Zeit noch nachher begleitete Frau Micha Joos' Kau— anſtrengungen mit ihrem Schluchzen, denn ſie war von der Art jener Leute, die, wenn ſie auch wieder verſoͤhnt ſind, doch ſich nicht gleich aus dem Nach— klang der fruͤhern Stimmung heraus finden koͤnnen. «Ja, ja, ich war wahrhaftig zu hitzig!“ ſagte Joos, durch die Arbeit am Schinken und ſchwarzem Brode in der Ausſprache behindert, nicht eben allzu deutlich;«aber Sie muß mir etwas nachſehen, Micha! Sie weiß, daß Sie blos— Sie muß das aber nicht uͤbel nehmen— ein trauriger Erſatz fuͤr meine Toch— ter iſt. Wenn man ſich nun immer an ſo einem— Stuͤcke reiben muß, wird man endlich auch ſcharf, wie der Zahn einer Egge, der an einen gefrornen Erd— klos ſtoͤßt. Ich will Ihr nicht ſchmeicheln— aber Sie iſt ein gutes Maͤdchen, und iſt das auch ſo ein paar Dutzend Jahre geweſen, ſeit ich Sie kenne. Aber Sie hat den rechten Verſtand nicht, Micha; Sie kann ſich nicht mit mir unterhalten, und in dem Wenigen was ich Ihr zu ſagen habe, beſchraͤnkt Sie mich auch noch. Ich kann's nicht leiden, ſo mit der Pfeife im Maule da zu ſitzen, und Bier zu trinken ohne zu ſprechen, wie der Negerkopf uͤber der Frau 10* 220 Süiszen aus Belgien. Wermuth Hausthuͤre. Ich brauche Geſellſchaft, und bin gar nicht mehr derſelbe Menſch ſeit Melanie und ihr Mann nicht mehr hier ſind. Sie hoͤrte ſo gern auf mich, und Nikolas konnte mir allemal antwor⸗ ten, ich mochte ſprechen von was ich wollte. Aber jetzt habe ich gar Niemand mehr. Seit der gute Herr Ruyſten ſich mit den armen Schluckern, den Trappiſten, eingelaſſen hat, habe ich gar Niemand bei dem ich ein Abendſtuͤndchen verplaudern koͤnnte. Ich kann den Ortsgeiſtlichen nicht leiden, weil— weil— weil er ein Geiſtlicher iſt, und der Accisbeamter haßt mich, weil ich die Straßen von ſeinen guten Bekann⸗ ten und Kunden, den Schmugglern, rein halte. Ich habe mich mit Pachter Vranken und Pachter Cloots und zwei oder drei andern meiner Nachbarn uͤber⸗ worfen, und der alte Caſasnooters, der Notar, ſagt, ſeine Nerven vertruͤgen mein lautes Reden nicht. Das iſt alles ſehr ſchlimm, Micha! Das iſt hinrei⸗ chend um einem Menſchen das Garaus zu machen, an Seele und Leib! Schieb doch ein paar Eierkuchen in die Bratpfanne— ich eſſe dieſen Schinken nicht gern.» Und damit ſchob er ſeinen Teller bei Seite, auf dem nichts mehr lag als der bloße Knochen, den er ſorgfaͤltig abgenagt hatte. Was gaͤbe ich nicht fuͤr eine angenehme Geſellſchaft, um ein Stuͤndchen oder ein paar mit mir zuzubringen, daß man das Praſſeln von dieſem Donnerwetter nicht ſo deutlich hoͤrte.“ iſt, und nie und ſo gern antwor⸗ e. Aber der gute ern, den nand bei te. Ich weil— ter haßt Bekann⸗ lte. Ich r Cboots en uͤber ar, ſagt, n vicht⸗ t hinrei machen, ierkuchen tm nicht ei Seite/ chen, den nicht füt cen vdu prſcn urte. Geſrhichte des Bettelmünrhs. 221 — Still, Still, Mynheer!— fiel Micha ein. — Hoͤren Sie nicht eine Stimme draußen? Der Sturm mag wohl Jemand uͤberraſcht haben.— «Mir iſt's auch, als ob ich einen leiſen Ruf hoͤrte— ja, ja,— gewiß ein Reiſender— obgleich wenige, wenn's finſter geworden iſt, hier vorbeikom⸗ men.— Wer kann denn das ſeyn?— Geh' Sie hin— aus, Micha— nehme Sie die Lampe— warte Sie einen Augenblick— laſſe Sie mich erſt meine Flinte nehmen— So, nun geh' Sie geſchwind— das Ru⸗ fen iſt ganz nahe am Hauſe.» Kaum hatte Micha die Thuͤr aufgeriegelt, als dieſe von einem Windſtoße vollends aufgeriſſen und ihr zugleich die Lampe ausgeloͤſcht ward. Die un— aufhoͤrlichen Blitze erleuchteten jedoch den Pachthof, der vor dem Hauſe lag, hinreichend, und ſtellten jeden Gegenſtand in den Zwiſchenraͤumen des tiefverhuͤllen⸗ den Dunkels in um ſo grelleres Licht. Micha brauchte dies aber nicht einmal, um durch die Hinderniſſe vor⸗ zuſchreiten, die ſie alle in ihrer Lage auf's genaueſte kannte, und da ihr Herz eben ſo ruͤſtig war, als ihre ganze Geſtalt, ſo ging ſie raſch vorwaͤrts, um die von der Nacht uͤberfallene Perſon aufzuſuchen. Fuͤr's erſte aber rief ſie die beiden wilden Hunde zu ſich, die ſonſt im Hofe umherjagten, und zum Gluͤcke fuͤr den Reiſenden diesmal nur durch die inſtinktmaͤßige Beaͤngſtigung bei'm Gewitter in ihren Huͤtten zuruͤck⸗ 222 Sltiszen aus Belgten. gehalten worden waren. Joos Cooperslangen ſtand an der Thuͤr mit geſpanntem Flintenhahn, um ſich gegen verraͤtheriſchen Ueberfall zu ſchuͤtzen, und ſchrie ſo laut, daß er den Donner ſelbſt uͤbertoͤnte. Trotz deſſen erfolgte keine Antwort. Joos daher, der leicht Verdacht ſchoͤpfte, rief Micha zu, auf ihrer Hut zu ſeyn; Micha theilte aber ſeine Beſorgniſſe nicht, und wenn ſie es auch that, ſo wurden dieſe durch die Sproͤßlinge des Mitleidens, das ſo tief ihrem Herzen eingewurzelt war, ganz in Schatten geſtellt. Sie hoͤrte ihres Herrn Warnungen, beachtete ſie jedoch nicht. Sie wußte daß ein Nebenmenſch nach Huͤlfe gerufen habe, und fuͤhlte ſich unwiderſtehlich fortgetrieben, dieſe ihm darzubringen, ohne zu bedenken, ob der Aufruf dazu wahr oder nur ein Vorwand ſey. Vergebens ſuchte jedoch Micha in allen Winkeln des Pachthofes. Sie ſprach in der freundlichſten Art, die ihr flamlaͤndiſcher Jargon nur verſtattete, Ein⸗ ladungen fuͤr den Bedraͤngten aus, aber keine Ant⸗ wort war zu vernehmen, und jetzt fing ſie ernſtlich an fuͤr das arme Weſen beſorgt zu ſeyn, deſſen Stimme ſie und ihr Herr doch ſo deutlich gehoͤrt hatten. We⸗ der der Pachter noch ſeine Haushaͤlterin glaubten in irgend einer Art an Geſpenſter und Spukgeiſter, die der allgemeinen Sage nach im Scharfenberger Thale hauſen ſollten. Joos war einer von den Maͤnnern, von denen man den kraͤftigen Ausdruck braucht, daß en ſtand um ſich nd ſchrie e. Troß der leicht — Hut zu icht, und durch die n Herzen lt. Sie och nicht⸗ e geruſen getrieben, ob der ſey. Winkeln hſten Att, ete, Eini eine Ant rnſllich an Stimme ten. We ubten in eſſtt, die rger Thul Minnern nucht, dih Geſchichte des Bettelmönrhs. 223 ſie ſich weder vor Menſchen noch Teufel fuͤrchten, und Micha ein zu materielles Stuͤck Menſchenthum, als daß die poetiſchen Hefen des Aberglaubens ſie aufge⸗ lockert haͤtten. Sie blieben alſo Beide gegenſeitig da⸗ bei, daß es eine Menſchenſtimme geweſen ſeyn muͤſſe, die ſie gehoͤrt haͤtten, und waͤhrend Micha bis auf die Haut naß geworden war, ſchaͤmte ſich ihr Herr, ſich von ihr an Thaͤtigkeit uͤbertroffen zu ſehen, und ſchickte ſich alſo an, ihre Muͤhe zu theilen. Er band daher die Seitenklappen ſeiner Seehundsmuͤtze unter dem Kinn zuſammen, nahm die Stalllaterne in die Hand und wollte ſich eben in ſeinen Mantel huͤllen, als Micha den Gegenſtand ihrer Nachforſchungen ent⸗ deckte, und Muͤtze und Mantel vor der Nothwendig— keit bewahrte, die Regenſtroͤme abzuwehren. Die kraͤftige Haushaͤlterin hatte ein ſo gutes Herz, daß ſie eben ſo gut fuͤr Thiere als Menſchen Mitleid fuͤhlte, und als ſie ſich uͤberzeugt, daß nichts von der letztern Art in Gefahr ſchweben koͤnne, wandte ſie ihre Aufmerkſamkeit zu der großen Geſellſchaft der Hausſchweinchen, welche in dem Verſchlage, den ſie ohnweit der Hofmauer einnahmen, furchtbar grunzten und quikten.«Die armen Dinger!“» ſeufzte Micha bei ſich ſelbſt:«ſie kennen meine Stimme!“ und als ſie oben in die Vermachung hineinſah, um ihnen ein troͤſtliches Wort zuzuſprechen, erblickte ſie bei einem hellaufleuchtenden Blitze, wie die ganze Geſellſchaft 224 Sltizzen aus Belgien. um einen maͤnnlichen Koͤrper ſtand, der ohnſtreitig oben von der Mauer herab, da hineingefallen war. Dieſes Weſen mußte entweder ſchwer verletzt oder in ſchrecklicher Angſt ſeyn, denn es war wie ein Knaul zuſammen gewickelt, und ruͤhrte ſich, trotz der Stoͤße von acht bis zehn Ruͤſſeln nicht, die an ſeiner Fort⸗ ſchaffung arbeiteten. Micha's Anſtrengungen waren wirkſamer, denn ſie kauerte ſich ohne Verzug nieder und nahm den Koͤrper auf ihre Schultern. In dem⸗ ſelben Augenblicke umklammerten ein paar kraͤftige Arme ihren Nacken, und die Kniee ihrer Laſt hielten ſich inſtinktmaͤßig an ihren Huͤften feſt. So beſchwert und beladen wadete Micha durch Schmutz und Duͤn— ger des Hofs, indem ihr die ganze Bevoͤlkerung des Schweineſtalls nachfolgte, und durch Grunzen ihren Dank der Hand darbrachte, die ſie naͤhrte, ſo wie ihren Widerwillen gegen die Perſon ausdruͤckte, welche ſie ſo unangemeldet geſtoͤrt hatte. Eben als Joos Cooperslangen aus dem Hauſe trat, ſchritt Micha herein, und ſie geriethen in ſehr ſtarke Beruͤhrung, doch nicht ſtark genug, um den neuen Ankoͤmmling von ſeinem Sitze zu vertreiben. Doch oͤffnete er bei dieſem Stoße die Augen; dies wilde mit Haaren umſtarrte Angeſicht von Joos, nahe an dem ſeinen, war aber ein hinreichender Gegenſtand der Beunruhigung, um ſie ihn auf der Stelle wie⸗ der ſchließen zu laſſen. hnſtreitig len war. t oder in in Knaul er Stoͤße ner Fort⸗ en waren ug nieder In dem⸗ kraͤftige ſt hielten beſchwert und Düͤn⸗ erung des zen ihren — ſo wie je, welche m Hauſſe nin ſehr um den ertreiben. dies gen; he ſtand zegenſtan telle wie: Geſchichte des Bettelmönrhs. 225 Der Himmel erbarme ſich meiner!» rief er, als Micha ihn in ihres Herrn großen Lehnſeſſel ablud. — Er hat ſich Eurer erbarmt,— ſagte Joos, — indem er Euch ein ſo bequemes Quartier ver⸗ ſchafft hat. Friſch alſo! Fuͤrchtet Euch nicht. Ihr koͤnnt jetzt den Sturm auslachen. Kommt, kommt, thut das Maul und die Augen auf, trinkt das Glas aͤchten Schiedammer hier, und ſeht einen Mann hier vor Euch, vor dem ſich Niemand zu fuͤrchten braucht, — Joos Cooperslangen aus Scharfenberg, Straßen⸗ Aufſeher von Ypern bis Popperingen, von Rusbrugge bis Steinwort— oͤſtlich und weſtlich— noͤrdlich und ſuͤdlich— rings um den Compaß herum derſelbe — und uͤberall wohl bekannt.— Der Fremde ſchuͤttelte ſich waͤhrend dieſer Zu⸗ verſicht einfloͤßenden Worte, rieb ſich die Augen, und ſchluckte ohne Widerſtand den ihm dargebotenen Brandt⸗ wein hinunter. — So recht, ehrlicher Junge!— ſagte Joos. — Fuͤrchtet Euch davor nicht. Laßt Euer Herz nur erſt einmal wieder in ſolchem Lebenswaſſer flott wer⸗ den, und es wird nicht von neuem unterſinken. Wollt Ihr noch Eins verſuchen? Ja?— Wer ſchweigt, willigt ein. Aber macht doch nur die Augen auf, ſeht auf das Glas und dankt ihm gehoͤrig. Ichlerbte es von meinem Vater.— Der Fremde konnte der Auffoderung nicht wider⸗ 226 Slizzen aus Belgien. ſtehen. Er warf ein paar Blicke auf dieſe Familien⸗ Reliquie, eins von jenen geraͤumigen in Belgien ſehr uͤblichen Schnapsglaͤſern, von dickem Kriſtallglaſe, mit einer weißen Spirallinie im langen Stiele, die ſich wie eine Schnecke bis zum Boden ſelbſt heraufwin— det. Der Fremde verlor aber keine Zeit in nutzloſen Betrachtungen, ſondern erfreute ſich auf der Stelle des Inhalts, womit Joos es ſo freigebig gefuͤllt hatte. «Ja, ja,“» fuhr dieſer mit einem ſchwermuͤthigen Blicke fort:«ich nehme es nie in die Hand, ohne an meinen armen Vater zu denken. Aber Kummer iſt eben ſo unnuͤtz als trocken— folglich fort damit!“ — und ſo zog er denn auch ſeiner Seits ein aͤhnli⸗ ches Glas aus. — O GSott!— ſtoͤhnte der Fremde:— wenn mein armer Vater nur ſeinen verlornen Sohn, wie den boͤſen Feind unter einer Heerde Schweinen geſe⸗ hen haͤtte!— Micha, welche franzoͤſiſch und die Bibel genug kannte, um dieſe Anſpielung zu verſtehen, erklaͤrte ſie ihren Herrn, und dieſer brach in ein Gelaͤchter aus, das ſich mehr fuͤr den Stall als fuͤr die Kuͤche ge⸗ ſchickt haͤtte. Der Fremde nahm es jedoch nicht uͤbel auf, ſondern ſagte mit einem laͤchelnden Seitenblicke auf eine Reihe von Blutwuͤrſten, welche Micha auf den Tiſch ſetzte:«Lachen Sie nur, lachen Sie nur, ehrwuͤrdiger und verehrter Weg⸗Oberaufſeher, das iſt Familien⸗ gien ſehr ſlaſe, mit die ſich eraufwin⸗ nußzoſen er Stelle llt hatte muͤthigen nd, ohne Kummer t damit.” iin aͤhnli — wenn ohn, wie nen geſer bel genug pklaͤrte ſi itet aus, Küͤche ge nicht iöi eitnölit hicha an Sie nut, ſt „ das er, de Geſrhichte des Berteimönchs. 227 alles vortrefflich, und ich denke meine Rache an den Schweinen durch einen Angriff auf das Innere eini⸗ ger ihrer Vorfahren zu nehmen. Ich geſtehe es, daß ich einen innern Trieb zu einer dieſer Wuͤrſte, oder einer Bratwurſt, oder ſonſt des etwas empfinde. Wollte Sie mir wohl, mein liebes Kind, ſo etwas von dieſer Art zurichten? Sie leiſten mir dabei wohl auch Geſellſchaft, Mynheer Cooperslangen? Ich fuͤrchte Ihr Abendeſſen unterbrochen zu haben, aber da iſt ja noch genug fuͤr uns Beide!— Laſſen Sie ſich doch nieder.» Jetzt kam die Reihe des Staunens an Joos. So eine vollſtaͤndige Wiederkehr von Selbſtbewußtſeyn, ſo ein ſchnelles Sichſchicken in die Umſtaͤnde, ſo viele Ruhe und eine ſo vollſtaͤndige Unverſchaͤmtheit hatte er im Scharfenberger Thale noch nicht geſehen. «Kommen Sie, kommen Sie, mein trefflicher Herr Wirth!“ fuhr der Fremde fort:«Sie ſehen, daß ich thue als ob ich zu Hauſe waͤre. Das iſt die beſte Art wie ich Ihnen meine Dankbarkeit beweiſen kann, und wahre Gaſtfreundſchaft braucht keine an⸗ dere Wiedervergeltung. Ich ſehe, daß Sie Scherz verſtehen, und nehmen ihn gewiß eben ſo gern, als Sie ihn geben. Das iſt eine goldene Regel; glau⸗ ben Sie mir. Ein Spasmacher empfaͤngt reichlich und giebt ſparſam. O! ſo ſetzen Sie ſich doch!— Ein Stuhl fuͤr Ihren Herrn, Frauchen! Auf Ihre 228 Süizzen aus Belgien. Geſundheit, mein Herr! Ihr Bier iſt wahrhaftig eben ſo vortrefflich als Ihr Brandtwein!“» und das Kan— nenmaaß wiederhallte dabei von dem kraͤftigen Zuge des Trinkers. — Je nun, es iſt nicht ſchlecht!— murmelte Joos zoͤgernd, und ganz verwirrt, und zog dann, zu Micha's vollkommenen Erſtaunen, ganz ruhig einen Rohrſtuhl herbei, auf welchen er ſich an den Tiſch ſetzte, indem er ſeinen Platz am Feuer und ſeinen zweiarmigen weich gepolſterten Thron dem Uſurpator uͤberließ, der ſich in dieſe haͤuslichen Wuͤrden mit ſo vieler Leichtigkeit einniſtete, als ob er gleich einem maͤchtigern Monarchen— ſeine Krone in dem Kothe gefunden haͤtte,— durch welchen er noch vor kurzem gewandert war. Jetzt trat eine oft abgebrochene Unterhaltung ein, zu welcher der Fremde jedoch gegen ſeine eigene Theo⸗ rie mehr freigebig als großmuͤthig beitrug, waͤhrend Micha ihre Verwunderung in dem Rauche ihrer Kuͤ— chenbeſchaͤftigungen zu ſtillen ſuchte. Die Blutwuͤrſte wurden gierig angegriffen, und das Trinkgefaͤß drei⸗ mal gefuͤllt und geleert, wobei Joos Cooperslangen in demſelben Verhaͤltniſſe, wie an der Unterhaltung Theil nahm. Seit laͤnger als zwanzig Jahren hatte ſich Joos nicht ſo unwohl gefuͤhlt. Er war bis hier— her ein wahrer Despot in ſeinem haͤuslichen Kreiſe geweſen. Jeder Wink, jedes Nicken ein Geſetz, und ſeine wurde Souv Theile nen 2 Gunſe zitt konnt rechte der l geſch Mic Notz mer fließe prac eine gang ſch gfuͤl an ſäne der keine tend han eben Kan⸗ Zuge rmelte nn, zu einen Tiſch einen rpator mit ſo einem Kothe kurzemn g ein, Theo⸗ ahrend er Ki wuͤrſte drei⸗ angen altung hatte z hier⸗ Kreiſ a, ud / Geſchichte des Bettelmönrhs. 229 ſeine Privilegien in Bezug auf Platz und Anſehen wurden ſo heilig geachtet, wie die irgend eines andern Souverains der aͤlteſten Dynaſtie in irgend einem Theile der Welt. Jetzt aber ſtellte er auf ſeinem eig⸗ nen Territorio eine bloße Null vor, indem er zu Gunſten eines Menſchen den er nicht kannte, abdi⸗ zirt hatte, und alles ging ihm nun verkehrt. Er konnte mit nichts gehoͤrig zu Stande kommen; ſeine rechte Hand ſchien das zu thun, was er ſonſt mit der linken verrichtet hatte, und er aß und trank, als geſchehe es auf der unrechten Seite ſeines Mundes. Micha war eben ſo verlegen wie ihr Herr, und ſie glotzte von ihrem niedrigen Seſſel aus in ſchweigſa— mer Beſtuͤrzung auf deſſen Verwirrung. Deſſen ungeachtet fand Joos Unterhaltung an der fließenden Aufſchneiderei ſeines Gaſtes. Er aß und ſprach mit ſtaunenswerther Leichtigkeit, und es lag eine gewiſſe Zierlichkeit in ſeinen Worten und ſeiner ganzen Art, die vollkommen nach des Pachters Ge— ſchmack war. Als daher die Glaͤſer nach und nach gefuͤllt und leer geworden waren, fing er in der That an zufrieden damit zu ſeyn, den luſtigen Patron an ſeiner Seite ſitzen zu ſehen, den er eine Stunde zu⸗ vor gern zum Hauſe hinaus geworfen haͤtte. Ueber keinen Gegenſtand aber ſprach der Fremde unterhal⸗ tender als uͤber ſich ſelbſt. Er machte eine hoͤchſt laͤ— cherliche Erzaͤhlung von ſeiner Wanderung durch das 230 Sktzzen aus Belgien. Thal— von ſeiner Furcht vor dem Sturme— ſei— ner Freude, als er Licht in einem Hauſe entdeckt— ſeinem Schrecken als dies ploͤtzlich verſchwunden, ſo wie bei dem furchtbaren Geſchrei von Joos und ſei— ner Haushaͤlterin— und ſeinem klugen Entſchluſſe, in dem niedrigen Schlupfwinkel in welchen er durch Zufall gerathen, als er uͤber die Hofmauer geklettert, ruhig liegen zu bleiben. Allen dieſen Dingen gab er jedoch eine ſo komiſche Wendung, daß der Schein der Feigheit dabei wegfiel, den ſie bei einer minder ver— ſchoͤnernden Ausmalung gewiß wuͤrden erhalten haben. Endlich ſchloß er ſeine Selbſtbiographie mit folgenden Worten:«Aber, lieber Freund Cooperslangen, ich kann mir es nicht anders denken, als daß auch Sie heut Abend etwas zu kurz gekommen ſind. Alle Menſchen und alle Dinge ſind gleichſeitig Ungluͤcksfaͤllen unter⸗ worfen, Geiſtliche und Laien, Kirche und Staat. Im Getuͤmmel einer Revolution werden Einzelne wie ganze Reiche von oberſt zu unterſt gedreht— und habe ich das allgemeine Schickſal theilen muͤſſen, ſo ſind auch Sie nicht ganz davon verſchont worden. Denn ein Oberſtraßeninſpektor, der ſeines Lehnſtuhls beraubt worden, ſcheint mir eben ſo wenig an ſeinem Platze zu ſeyn, als ein Geiſtlicher in einem— nun, Sie wiſſen ſchon! Und habe ich nicht Recht?» — Ein Geiſtlicher! Wie zum Henker meinen Sie das?— fragte Joos, indem dies cabaliſtiſche Wopt alle di Pat ſe in ſeine umr den toll fen aue Un ſei⸗ ft— en, ſo ad ſei⸗ hluſſe, durch lettert, gab er in der t ver⸗ haben. genden hkann e heut enſchen unter⸗ Im 3 wie und —, ſo orden. ſtuhls einem nun, n Sit Wal Geſrhichte des Bettelmönchs. 231 alle die andern, welche der Fremde geſprochen hatte, ſogleich verbannte. «Wie ich das meiner mein vortrefflicher Herr Wirth! Je nun, ganz einfach, daß ich ein Geiſtli— cher bin.» — Sie ein Geiſtlicher!— ſtieß Joos in einer Miſchung von Staunen und Aufregung heraus. «Der bin ich allerdings, und ein Mann vor dem ſich Niemand zu fuͤrchten braucht. Bruder Petrus Naria, vom Orden de la Trappe, Befahrer der Stra⸗ ßen von Amiens nach Aive, von Arras nach Abbe⸗ ville, noͤrdlich und ſuͤdlich, oͤſtlich und weſtlich, und in der Picardie eben ſo gut gekannt, als Joos Coopers⸗ langen in Flandern. — Bruder Petrus Maria vom Orden de la Trappe!— rief Joos in demſelben Tone aus. «Allerdings, oder wenn Ihnen bas beſſer gefaͤllt, Pater Peter, der Trappiſt, und bettelnder Bruder ſeines Kloſters.”»— — Bettelbruder!— rief Joos heftig, indem er von ſeinem Stuhle aufſprang und dieſen in der Wuth umwarf.— Donner und Wetter! Was ſoll das hei— ßen? Noch einer! Zwei an einem Tage! Das iſt zu toll— das iſt nicht auszuhalten— das iſt eine of— fenbare Injurie!— Was habt Ihr fuͤr ein Komplot ausgeheckt? Welcher Teufel hat euch hierher gebracht? Und wie hab' ich euch nur uͤber meine Schwelle laſ⸗ 232 Sltizzen aus Belgien. ſen köͤnnen? Ach, macht keinen Spaß, guter Freund! Soll mich der Henker holen, wenn Ihr ein Geiſtli— cher ſeyd, oder gar ein Bettler— wenn Ihr's aber wirklich ſeyd, nun— ſo will ich von heut Abend an meinen Haß gegen beide Sorten von Leuten zu Eh— ren eines ſo luſtigen, rothbackigen, zudringlichen Kum— pans verſchwoͤren. Und ſo ſetze ich mich denn auch nieder zu Euch, ob ich gleich ein Geluͤbde gethan habe, nie die Beine mit einem Geiſtlichen oder Bettler un⸗ ter Einen Tiſch zu ſtecken. Erzaͤhlt mir alſo offen wer und was Ihr ſeyd, und moͤgt Ihr ſeyn, wer Ihr wollt, ſo verlaſſe ich mich auf Eure Abſolution wegen meines Eidbruchs.— Mit dieſen Worten ſetzte ſich Joos wieder, fuͤllte die Glaͤſer fuͤr ſich und Petrus Maria von neuem, und hoͤrte ruhig zu, wie der Andere erzaͤhlte, daß er nach dem Verlaſſen der Diligence zu Bailleul, um zu Fuß das Thal zu durchkreuzen, den rechten Weg verloren habe, und ſich bei'm Aufſuchen des Kloſters auf dem Katzenberge, wohin ihn ſein Prior mit einem beſondern Auftrage geſchickt, im Walde verirrt habe. Dies iſt freilich nur ein Auszug einer ſehr weitſchwei⸗ figen Mittheilung, welche mit einem Dutzend Gas⸗ konaden in jeder Hinſicht durchflochten war, und durch Schlucken und andere Folgen einer Art von Unter⸗ haltung, die wohl nahe an Voͤllerei graͤnzte, unter— brochen ward. Jo ſeines mer te füh, ſizen. ohne und oſter ten. um w nerin lich in il Joo Ver ende in die nicht bloß brach aus ſare 8i eund! zeiſtli⸗ zaber nd an u Ch⸗ Kum⸗ auch habe, r un⸗ offen „wer lution fuͤlle enemn, aß er „um Weg oſters einem habe. hwei⸗ Gas⸗ durch inter⸗ jnter⸗ Geſchirhte des Bettelmönrhs. 233 Joos war ganz umgewandelt durch den Einfluß ſeines Gefaͤhrten. So wie Beide nach und nach im— mer trunkner wurden, ſchienen ſie Gedanken, Ge⸗ fuͤhle, Glaͤſer und Tiſchgeſchirr gemeinſchaftlich zu be— ſitzen. Sie wechſelten mehr als einmal die Stuͤhle, ohne einen von dem andern unterſcheiden zu koͤnnen, und alle Gegenſtaͤnde im Zimmer ſchienen ſich noch oͤfter in der Runde zu drehen, als Sie es ſelbſt tha— ten. Aber Micha ſtand ſtill, ein feſter Centralpunkt um welche ſie ſich bewegten, und durch der treuen Die⸗ nerin ſtete Vermittlung erhielten ſie ſich noch leid⸗ lich im Gleichgewicht. Endlich brachte Micha Beide in ihre Betten. Der letzte wachende Gedanke von Joos Cooperslangen war ein Zweifel an Micha's Verſicherung, daß er mit dem Kopfe nicht am Fuß— ende des Bettes liege, und Peter lachte noch laut auf im Schlafe, daß er einen ſolchen Eiſenfreſſer, den die geſammte Beſcheidenheit der ganzen Menſchheit nicht haͤtte in die Enge treiben koͤnnen, durch die bloße Kraft ſeiner Unbeſcheidenheit eben dahin ge⸗ bracht habe. Siebentes Kapitel. Als der Pachter und Geiſtliche bei Tagesanbruch, aus dem Zuſtande fieberhafter Abſtumpfung, welchen ſtarke Trinker Schlaf nennen, wieder erwachten, war es ihnen, als ob ſie eben erſt die Augen geſchloſſen, 234 Süizzen aus Belgien. und nie den Mund zugethan haͤtten.«Waſſer, Waſ— ſer!“ war das erſte Wort, das Jeder ausrief, und ſchon der Ruf darnach ſchien Jeden zu erſticken. Ein paar Knechte, die in einem Gemache welches an das ihres Herrn ſtieß, ſchliefen, wurden dadurch aus ih⸗ rer ſanften Ruhe mit feuchtem Gaumen und klarem Verſtande aufgeregt, indem ſie glaubten, das Haus brenne. In derſelben Ueberzeugung eilte Micha in Pater Peter's Gemach, aber er ſowohl als ſein Wirth ſaßen auf ihren Betten, jeder mit einem großen brau⸗ nen Waſſerkruge, womit ſie Micha's Vorſicht verſorgt hatte, an dem Munde und goſſen Stroͤme in ihre Gurgeln. Unſanft in der Ruhe geſtoͤrt, fragten ſie gar nicht warum und weshalb, ſondern fingen dann wieder an mit verdruͤßlichem Brummen Verſuche zu machen von neuem einzuſchlafen. Aber das laute Klopfen an der Hausthuͤre und das Geſchrei nach Joos Cooperslangen konnte man nicht verſchlafen. Sobald Pater Peter wieder Beſinnung genug beſaß, um ſich etwas zu faſſen, bildete er ſich ein, daß ein Einbruch von Raͤubern geſchehe, verbarg daher den Kopf unter der Bettdecke, und ward durch die Angſt ſogleich wieder nuͤchtern. Ein tieferes Gefuͤhl dage— gen that dieſelbe Wirkung bei Joos. Als er naͤmlich ſich deutlich uͤberzeugte, daß die Stimme, welche rufe, die ſeines Schwiegerſohns Nikolas ſey, ſprang er aus dem Bette in die Mitte der Stube, und als ob ein ſ(ichtſer die K ſthas Yicke Van d A ſen ho herau Risſer derged kolas ahnu haber perſt Sc Han Schr vorge feſte der, onze nach ſo M mic alh „Waſ⸗ f, und n. Ein an das aus ihe⸗ klarem Haus ſicha in Wirth n brau⸗ verſorgt in ihre ten ſie n dann uche zu z laute er den 4 Angſt (dages naͤmüic he rufß er aus ob ein Geſrhichte des Bettelmönchs. 235 Lichtſtrom in ſeinem Verſtande ſich ergoſſen, und ihm die Klarheit einer reinen Quelle mitgetheilt hatte, ſchlug er die Haͤnde zuſammen, und rief mit ſtarrem Blicke und der Kraft des Schmerzes aus: Martin Van der Steen iſt todt!”» Als die Dienſtleute Nikolas in das Haus gelaſ⸗ ſen hatten, ſtieg dieſer ſchnell die Treppen zu Joos herauf, und als er in's Zimmer trat, ſah er deſſen Rieſengeſtalt vor ſich in einer ganz ungewoͤhnlich nie⸗ dergedruͤckten Stellung und Haltung. Da ſich Ni⸗ kolas nicht einbilden konnte, daß eine traurige Vor⸗ ahnung ſeines Schwiegervaters Feſtigkeit erſchuͤttert haben koͤnnte, ſo mußte er glauben, daß irgend ein perſoͤnliches Mißgeſchick an dieſer Niedergeſchlagenheit Schuld ſey; er redete ihn alſo nachdem er ihm die Hand gegeben mit den Worten an:«Aber, lieber Schwiegervater! warum ſo traurig? Was iſt denn vorgefallen?“» — Was vorgefallen iſt?— erwiederte Joos mit feſtem aber ſchmerzlichem Tone, und einem Ausdrucke der Geſichtszuͤge, der einen unterdruͤckten innern Kampf anzeigte;— was vorgefallen iſt, Nikolas? Und dar⸗ nach fragſt Du mich? Soll ich denn dem Manne, der ſo boͤſe Botſchaft bringt, dieſe ſelbſt erzaͤhlen?— Oder willſt Du mich darauf vorbereiten, wenn Du mich erſt fraͤgſt? Ich hoffe, Du kennſt mich dazu allzu gut, Nikolas. Joos Cooperslangen iſt kein Kind, 236 Sttiszen aus Belgien. kein weichherziges Maͤdchen! Die alte Ulme dort vor'm Hauſe kann wohl vom Sturme gebeugt wer⸗ den, braucht aber keinen Zephyr, um ihr erſt zu ſa⸗ gen, was geſchehen wird. Gerade ſo iſt's auch mit Joos Cooperslangen. Ich bin alle Zeit auf den Sturm gefaßt, und weiß daß er jetzt da iſt, ohne daß mir's Jemand noͤthig hat, zu ſagen. Ich bin kein Fuͤnkchen aberglaͤubiſch, aber ich kann ein wenig zu— ſammenreimen, ob ich gleich kein Dichter bin. Ich wußte wohl, daß nur ein einziger Umſtand Dich hie— her bringen konnte, in einer ſolchen Nacht, wie dieſe. Weiber kann man zur Wache bei einem Leichnam anſtellen, aber ein Sohn konnte ſeinen Vater nicht allein laſſen, der mit dem Tode rang. Martin Van der Steen iſt todt. Du haſt einen braven Vater ver⸗ loren, Nikolas, und ich meinen beſten Freund! Bei— des kann uns nicht wieder erſetzt werden. Aber wir Beide koͤnnen noch viel fuͤr einander thun, mein guter Junge. Sey Du alſo immer mein Freund, und ich will mit Gottes Huͤlfe Dein Vater ſeyn. Laß uns dieſen Schlag wie Maͤnner ertragen, Nikolas. Was heulſt Du dal Laß Melanie und Deine arme Mut⸗ ter heulen und ſchreien, aber Du und ich— zwei Maͤnner— und ohne Ruhm zu melden ein paar brave Maͤnner dazu— wir duͤrfen wenigſtens keine Schwachheit zeigen, was wir auch in unſern Herzen fuͤhlen moͤgen.— Und ſch das nͤhte iſches um ihr Erftiſch Jener als me degobe Huhſer hatten 3 was tigen ganz welche den a hatte. Ernſ hiete ſen g ie dort gt wer⸗ zu ſa⸗ uch mit zuf den t, ohne bin kein nig zu⸗ 3a ich hic⸗ e dieſe chnam nicht n Van ter vet⸗ Bei⸗ er wir guter und ich ß uns Was Mut⸗ zwei paal zkeine Hetzen Geſchirhte des Bettelmönrhs. 237 Und mit dieſem philoſophiſchen Axiom wiſchte er ſich das Augenſcheinliche aus den Augen und be⸗ muͤhte ſich, Nikolas ſowohl als ſich ſelbſt durch muͤr— riſches und nur halb artikulirtes Rufen nach Micha, um ihren jungen Herrn trockne Kleider und andere Erfriſchungen zu verſchaffen, zu taͤuſchen. Waͤhrend Jene nun dies herbeiholte, vollendete er ſelbſt ſo ſchnell als moͤglich ſeine laͤndliche Toilette, indeß Nikolas die Begebenheiten dieſer Nacht, welche die Huͤtte zu Huyſensclaus zum Wohnſitze des Kummers gemacht hatten, kuͤrzlich mittheilte. Joos hoͤrte mit großer Aufmerkſamkeit auf alles was den Tod ſeines Freundes betraf, und mit gewal— tigem Staunen auf das, was Ernſt anging. Er ging ganz in Nikolas' Beſorgniß wegen ſeines Bruders ein, welchen dieſer jetzt aufſuchte, indeß er die Sorge fuͤr den Todten den hoͤchſt betruͤbten Frauen uͤberlaſſen hatte. Das Kloſter ſchien der Ort zu ſeyn, wo man Ernſt am erſten finden zu koͤnnen glaubte; wenigſtens hielten Nikolas und Joos dies dafuͤr, und ſie beſchloſ⸗ ſen alſo, augenblicklich dahin zu gehen. Erſterer wech⸗ ſelte blos einige Kleidungsſtuͤcke, und drang dann auf den Abmarſch, wozu auch Joos ſchon ganz bereit war, als er auf eine leiſe Zufluͤſterung Micha's aus⸗ rief! Alle Teufel auch! Das iſt wahrhaftig wahr! Das hatte ich ganz vergeſſen— Dieſe traurigen 238 Sſtizzen aus Belgien. Nachrichten haben mir ihn ganz aus dem Gedaͤcht⸗ niſſe gebracht. Ich wollte, er waͤre anderswo geblie⸗ ben, denn er hat nichts als Ungluͤck mit in's Haus ge⸗ bracht. Weck' Sie ihn, Micha, und ſage Sie ihm, daß ich ihm den Weg nach dem Kloſter zeigen will. Ich haͤtte wahrhaftig nicht gedacht, daß ich dort einen Beſuch machen, und Einen von dem heuchleriſchen Volke darin beherbergen ſollte. Warte nur noch ein paar Minuten, Nikolas! Es iſt hier einer von Dei⸗ nes ungluͤcklichen Bruders Mitgenoſſen— vielleicht derſelbe ſeelenverkaͤuferiſche Burſche, der den armen Ernſt vor fuͤnf Jahren dorthin brachte. Wir wollen auf ihn warten: er will auch nach Katzenberg, und aufrichtig geſprochen, mag ich ihn nicht gern, wenn ich fort bin, hier im Hauſe laſſen. Seit er herein⸗ getreten, iſt nichts an Ort und Stelle geblieben, und wenn wir ihn ſo ohne Aufſicht laſſen, ſo weiß der Himmel was er noch anfangen koͤnnte. Er ſagt, er ſey ein Bettler, und ſieht gerade wie einer aus, der nie darum verkegen iſt, ein Mantelſaͤckchen zu finden, und etwas, das er hineinprakticiren kann. Er giebt ſich auch fuͤr einen Geiſtlichen aus. Das kann wohl ſeyn, aber wenn dem ſo iſt, ſo iſt dieſe Zucht ſeit der Revolution ganz aus der Art geſchlagen, denn er iſt der erſte mit dem ich ſeitdem an Einem Tiſche ge⸗ ſeſſen habe.— Doch da kommt er ja ſchon!— Er muß ſe ſolt ha Un ſorgfal üörige und a Mielc er dad fteit n de T Allerd hinten 88 tr der; ſehen zierlie den? den d ſchen gewe Mit Klch Gedaͤcht geblie⸗ Saus ge⸗ hm, daß il. Ich rt einen leriſchen noch ein on Dei— vielleicht armen rwollen r, und 1, wenn herein gen, und veiß der ſagt, e aus, der jfinden, Er giebt nn woh ſii de nn er 1 iſche ge — G Geſrhichte des Bettelmönchs. 239 muß ſchon fertig geweſen ſeyn, ehe ihn Micha ge— holt hat!» Und ſo war es auch. Denn Pater Peter hatte ſorgfaͤltig eins ſeiner Ohren freigemacht, waͤhrend der uͤbrige Theil ſeines Koͤrpers unter der Bettdecke ſteckte, und auf dieſe Art das meiſte von dem gehoͤrt, was Nikolas ſeinem Schwiegervater mittheilte. Nachdem er dadurch von ſeiner Angſt vor drohender Gefahr be⸗ freit war, hatte er ſich geſchwind angezogen, und ſtieg die Treppen herab, ſobald er gerufen worden war. Allerdings hoffte er, das Andenken an ſeinen Exzeß hinter einem nicht erroͤthenden Geſicht zu verbergen, es trug aber im Gegentheile die deutlichſten Zeichen der Wahrheit in ſeinem aufgedunſenen blutrothen Aus⸗ ſehen. Er gruͤßte ſeinen Wirth mit einer Art von zierlichem Anſtande, und indem er aus feuerſpruͤhen⸗ den Augen einen Blick auf Nikolas warf, gab er Bei⸗ den den Segen, wobei er ſein Haupt mit einer fal⸗ ſchen Demuth neigte, die eines Kirchenlichts wuͤrdig geweſen waͤre, das eben ſich unter dem Drucke der Mitra gebeugt, waͤhrend die Zunge ſie von ſich ab⸗ gelehnt. Unter dieſen unerfreulichen Umſtaͤnden wanderten Joos und Nikolas in deſſen Geleite fort, der eher ihr weltlicher Nachfolger als ihr geiſtlicher Fuͤhrer haͤtte ſeyn koͤnnen. Kaum hatten ſie das Pachtgut 240 Sützzen aus Belgien. verlaſſen, und gingen durch den Baumgang auf dem ſchmalen Wege in's Thal, als ſie auf demſelben ſich ſchon gehemmt fanden. Eine daran ſtehende große Eiche war naͤmlich vom Blitz getroffen und quer uͤber den Weg geſtuͤrzt worden. Die Baͤchelchen, welche von den Anhoͤhen herab auf beiden Seiten rieſelten, waren durch den Regen angeſchwollen, uͤberflutheten ihr Bett, und brachten Steine, Lehm und Geroͤll mit, welche ſich an den Zweigen des umgefallenen Baumes feſtſetzten und dort eine Art von See von nicht unbedeutendem Umfange bildeten. Gegenuͤber lag die Waldſeite des Katzenbergs, und waͤhrend Joos und Nikolas mit einander Raths pflogen, auf wel⸗ chem Punkte ſie ein beſſeres Durchkommen ſuchen wollten, bemerkte ihr Gefaͤhrte, deſſen dunſtige Blicke ſich in den Waſſertuͤmpel zu verſenken ſchienen, nicht weit von der andern Seite den Koͤrper eines Men⸗ ſchen, theils im Waſſer, theils in den Zweigen. Er theilte dieſe Entdeckung den Andern mit, die auf der Stelle mit ihm naͤher hineilten, und alle drei riefen dann, als ſie das Geſicht das außerhalb des Waſſers ſich befand, genauer erblickten, laut aus: Placi⸗ dus!“—«Ernſt Van der Steen?“—„Mein Bruder!” 3 Alle hatten Recht, aber das arme Opfer das ſie erkannten, antwortete ihrem Rufen nicht. Jetzt ſpran⸗ gen ſie, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, in das Waſſer, Paſſe Korp riſſen liger detl. Rit daſſ der uf dem den ſich : große ſer uͤber welche ieſelten, -utheten Geroͤll fallenen dee von genuͤber d Jvos uf wel⸗ ſuchen Blickt , nich Men n. Er auf der ij ritfen Waſſers Placi „Mein das ſ t ſoran in das Paſſir Geſchichte des Bettelmönchs. 241 Waſſer, wateten bis ziemlich an die Bruſt zu dem Koͤrper hin, hoben ihn empor und brachten ihn an's Ufer. Joos Cooperslangen fuͤhlte das bleiche Geſicht an, nahm eine der naſſen, kalten Haͤnde in die ſeinen, und rief dann:«Der arme Jungel! er iſt mauſetodt!”» Petrus Maria, der die leere Boͤrſe aus dem zer⸗ riſſenen Rocke gezogen hatte, ſchrie laut:«Ungluͤckſe⸗ liger Placidus! Sie haben Dich beraubt und gemor⸗ det! Im tiefern Gefuͤhle der bruͤderlichen Liebe oͤffnete Nikolas die Kleider des Todten, legte ſeine Hand auf deſſen Bruſt, und jubelte dann:«Er lebt! Er lebt! — Sein Herz ſchlaͤgt noch!— Wir koͤnnen ihn wie— der zu ſich bringen! Geſchwind in's Kloſter!“ Indem Nikolas ſo ſprach, nahm er den Koͤrper auf ſeine Arme. Unterwegs unterſtuͤtzten ihn dann und wann ſeine kraͤftigen Gefaͤhrten, die ſich gern mit ihm zu dem vereinten, was ſie freilich fuͤr ein nutzloſes Unternehmen hielten; und ſo erreichten ſie bald den Gipfel des Katzenbergs. Das Kloſter lag vor ihnen, und Petrus Maria ging an das kleine Gartenthor. Auf ſein ſtarkes Klingeln ward es augen⸗ blicklich geoͤffnet und der Prior nebſt einigen Bruͤdern erſchienen voll Verwunderung uͤber dieſen fruͤhen Be⸗ ſuch, den die Glocke ſo laut angekuͤndigt hatte. Alle erſchraken aber auf's heftigſte bei Petrus II 11 242 Sſtizzen aus Velgien. Maria kurzer Mittheilung ſeiner eignen Befuͤrchtun⸗ gen, und der traurigen Beſtaͤtigung derſelben, die auf Ernſt's Leichengeſicht gepraͤgt zu ſeyn ſchien. Mit der groͤßten Schnelligkeit ward der Koͤrper in's Haus gebracht, und mit einer Unermuͤdlichkeit, Eifer und Geſchicklichkeit, die jeden nur moͤglichen Erfolg ver⸗ buͤrgten, wurden alle Mittel angewendet, um den un— terdruͤckten Lebensathem wieder zu wecken. Und nach kurzer Zeit wurden auch dieſe Anſtrengungen belohnt. Alle Kennzeichen des Lebens zeigten ſich— aber— keine Spur ruͤckkehrender Beſinnung ward ſichtbar. Nan zog noch eine Menge verſchiedener Anſichten und Vorſchlaͤge in Beruͤckſichtigung, um die beſte Art und Weiſe zu finden, die Vernunft wieder in Wirk⸗ ſamkeit zu bringen. Cooperslangen, Nikolas und Pe⸗ trus Maria hatten jeder ſeine eigene Theorie; der Prior aber nahm die Leitung der Verſuche uͤber ſich, und ſo ſonderbar die Mittel die er anwendete auch zu ſeyn ſchienen, zeigten ſie ſich doch bald als wirkſam. Er ordnete naͤmlich an, daß der wieder frei auf⸗ athmende, aber bewegungsloſe Koͤrper ſanft in die friſche Luft und von da in die Kapelle, wo die Bruͤ⸗ der zum Morgengottesdienſte verſammelt waren, ge⸗ tragen werden ſollte. Hier ward er auf eine Ma⸗ trazze in die Mitte des Schiffs nahe an die Altar⸗ ſtufen gelegt. Zwei Reihen Moͤnche, auf jeder Seite eine, ſtellten ſich ſo, daß ſein erſter Blick auf die ſaͤigſe falen dungsl gang j Und N R einer derbar hernb, ddrgeb Feier tar b Kory ſucht füͤrchtun. die auf n. Mit 's Haus ifer und folg ver⸗ den un⸗ und nach belohnt. — abkr ſchtbar. Anſchten beſte Art in Wirk⸗ und Pe⸗ rie; der ber ſcc, auch zu virkſam. frei auf in die die Bri⸗ aren, 9e ine Mo ie Altar: der Seite auf di Geſchirhte des Bettelmönchs. 243 heiligſten Gegenſtaͤnde frommen katholiſchen Glaubens fallen mußte. Ruhig lag nun dort die noch empfin⸗ dungsloſe Geſtalt Ernſt's, und erwartete den Fort⸗ gang jener neuen Schoͤpfung, die ihn zu aller Kraft und Macht ſterblichen Lebens wieder erheben ſollte. Nikolas und ſein Schwiegervater beobachteten von einer Emporkirche aus den fernern Verlauf dieſer ſon⸗ derbaren und feierlichen Scene. Von dort ſahen ſie herab, bald auf die Moͤnche, die mit bloßem Haupte vörgebeugt daſtanden, bald auf den Prior, der zur Feier des Hochamts an dem einfach geſchmuͤckten Al⸗ tar bereit war, bald auf Ernſt's ausgeſtreckt liegenden Koͤrper und deſſen bleiches Geſicht; und dieſe unge⸗ ſuchte Zuſammenſtellung menſchlicher Geſtalten brachte ſelbſt in den rohen und unehrerbietigen Beobachtern ein ſo tieffeierliches Gefuͤhl hervor, wie es die glaͤn— zendſte Darbietung aller kirchlichen Herrlichkeiten nicht haͤtte bewirken koͤnnen. Joos und Niikolas fuͤhlten ſich auf eine, ihnen bis dahin noch unbekannte Art ergriffen, und als der dumpfe Geſang der Morgen— andacht begann, ſanken ſie unwillkuͤhrlich auf ihre Kniee und vereinigten ihre Gebete mit denen, welche die Bruͤderſchaft, um Wiederherſtellung von Leben und Vernunft fuͤr den, deſſen Schickſal ſie jetzt alle be— ſchaͤftigte, zum Himmel ſandten. Im Fortgange dieſer Feierlichkeit beſtaͤtigten ſich die vom Prior genommenen Maaßregeln als vollkom⸗ 11* 244 Süizzen aus Belgien. men wirkſam. Das Laͤuten der Glocken, die leiſe ſchallenden Klaͤnge des Morgengottesdienſtes und dann das anſchwellende Harmonienchor wirkte maͤchtig auf den Geiſt ein, der langſam zur Wiedererweckung an⸗ ſtrebte. Mit hoher Freude bemerkte die kleine Bruͤ— derſchaft die neue Entwickelung ſeiner Faͤhigkeiten, und jeder Einzelne fuͤhlte den ihm gebuͤhrenden Antheil an dem Erfolge, der dem vereinten Flehen Aller zu ver⸗ danken war. Das erſte Zeichen von Ernſt's erwachender Theil⸗ nahme an dem was ihn umgab, waren zuckende Be⸗ wegungen mit Lippen und Augenliedern, und das ſchnelle Oeffnen und Wiederſchließen ſeiner Haͤnde, als ob die Sinne zugleich verſchiedene Anſtrengungen machten ſich kund zu geben. Nun uͤberzog ein leich— tes Erroͤthen das Geſicht, die Bruſt hob ſich, leiſe Seufzer ſtiegen aus ihr empor, und endlich ſchien ein Strom von Thraͤnen die letzte Schranke fuͤr die ruͤck⸗ kehrende Vernunft zu ſprengen. Nun begann das Gedaͤchtniß zu wirken. Ein ploͤtzliches Zucken— eine ſchnelle Veraͤnderung der Lage— ein Sich-erheben auf ein Knie— das Legen der Hand auf die Bruſt — ein ſtaunender Blick rings umher— ein augen— blickliches Starren auf den amthaltenden Prieſter— ploͤtzliches Wiederzuruͤckſinken in Unempfindlichkeit— dies waren die Zeichen welche fuͤr die Ruͤckkehr der Siſinn vache d mahnt ihnen auf d unde Leb ſche dnſt Däiſ ſtreu ſand St die leiſe und dann chtig auf kung an⸗ ine Bruͤ⸗ iten, und ntheil an zu ver⸗ er Theil kende Be⸗ und das Haͤnde, rengungen ein leic ſic, leiſe ſchien ein die ruͤck gann das n eind hetheben die Bruſ in augel rieſte— ichkeit— cahr d Geſchichte des Bettelmönchs. 245 Beſinnung ſprachen, und die erſten Eindruͤcke durch welche ſie ergriffen ward. Das Hochamt war zu Ende, und der Prior er⸗ mahnte die Bruͤder, die Kirche zu verlaſſen. Er folgte ihnen ſogleich, und indem er mit einigen Moͤnchen ſich auf die Emporgallerie begab, bewachte er mit Nikolas und Joos das fernere Entfalten von Ernſt's Geneſung. Er brauchte nicht lange zu warten. Das augenblick⸗ liche Zuruͤckſinken in Erſchoͤpfung war ſchon voruͤber. Ernſt hob ſich wieder empor, und nach einer kleinen Weile, waͤhrend welcher er beſchaͤftigt ſchien, ſeine zer⸗ ſtreuten Gedanken zu ſammeln, ſtand er ganz auf, und ſank dann wieder mit aufgehobenen Haͤnden in die Stellung eines Betenden hin, zuletzt aber warf er ſich voͤllig auf den Stufen des Altars nieder. Die gluͤhende Lebendigkeit ſeines Flehens ſprach es aus, daß er das vollkommene Bewußtſeyn ſeines Zuſtan⸗ des wieder beſitze, und dies ward noch mehr dadurch beſtaͤrkt, daß er bald darauf ſeine knieende Stellung verließ, und mit gefalteten Haͤnden und niedergeſchla— genen Blicken geradezu nach ſeiner Zelle ging. Man legte ihm dabei nichts in den Weg, und bemerkte, wie er ſchweigend in dieſelbe trat, und ſich auf ſein Bett warf, als ob ihn in dem Augenblicke, wo er dieſen Zufluchtshafen gegen die Stuͤrme der Welt er— reicht gehabt, ſeine Kraͤfte verlaſſen haͤtten. 246 Sützzen aus Belgien. So hatte die wohlmeinende Ueberlegung des Priors dem armen Leidenden den Pfad zur Wiedergeneſung geebnet, und indem er ihn gleichſam im Schooße der Religion ſelbſt wieder aufleben ließ, die Angſt der Er⸗ innerung erleichtert, die er ihm nicht ganz erſparen konnte. Die abgebrochenen Nachrichten, welche Niko— las ihm von ſeines Vaters Tode gegeben hatte, und die noch unerklaͤrte Thatſache des Verluſts jenes Gel⸗ des, welches Ernſt auf ſeinem Umgange eingeſammelt, waren Urſachen genug zu des Priors Vorſichtsmaß⸗ regeln und der Richtung geweſen, die er mit ſo guͤn⸗ ſtigem Erfolge deſſen erwachenden Gedanken zu geben ſuchte. Haͤtte der Prior alle die vereinten Gefuͤhle gekannt, die Ernſt in den Sturm gejagt und ihn fortgetrieben hatten, bis Regen, Wind und Ermuͤdung ihn zu Boden geworfen, ſo, daß er nur faſt durch ein Wunder vom Tode errettet worden, er haͤtte wahr⸗ ſcheinlich an der Moͤglichkeit verzweifelt, einer ſo auf's Aeußerſte gequaͤlten Seele noch eine aͤußere Huͤlfe an— gedeihen zu laſſen. Vergebens wuͤrde es ſeyn, das Labyrinth von Muthmaßungen ſchildern zu wollen, in welches ſich Ernſt verſenkte, waͤhrend er ſo einſam auf ſeinem La— ger weilte. Sein Geiſt mußte wider Willen ihm eine Menge von Scenen und Gefuͤhlen wieder vorgefuͤhrt haben, bei denen er vor kurzem noch thaͤtiger Theil⸗ nehmer geweſen war. Religioͤſe Andacht hatte jedoch te g ſicher ſaſter in, dch ausge es ſc Taau reine war ſain er das s Priors rgeneſung zpooße der t der Er⸗ erſparen che Nike⸗ atte, und enes Gel eſammelt, ihtsmaß⸗ t ſo guͤn⸗ zu geben Gefuͤhle und ihn ermuͤdung faſt durch tte wahr⸗ ſo auf? Hüͤlſt an inth von ſches ſich einem a⸗ ihm eine orgefüüh ger Thei tte ſdoc Geſchichte des Bettelmönchs. 247 ihre gewohnte Oberhand endlich gewonnen, und gluͤck⸗ licher Weiſe fuͤr ihn, war ihr Eindruck jetzt noch leb⸗ hafter als je zuvor. Die vergangenen Begebenhei⸗ ten, ſo maͤchtig auch ihre Wirkung geweſen, wurden doch durch die Begeiſterung, die ſich neu uͤber ihn ausgegoſſen zu haben ſchien, voͤllig unterdruͤckt, und es ſchien ihm, als ſey er bis dahin in einem duͤſtern Traume umhergewandert und nun in des Himmels reinſtem Sonnenlichte erwacht. Seine einzige Angſt war noch die, die Laſt abzuwaͤlzen, die insgeheim auf ſeinem Herzen lag, das Ungeheure zu geſtehen, deſſen er ſich ſelbſt zeihen und anklagen mußte, und ſelbſt das bloße Andenken an eine Welt, der er jetzt endlich und fuͤr immer entſagte, in die tiefſte Einſamkeit und die ſtrengſte Buͤßung zu begraben. So folgten ſich die Gedanken in dem wieder erlangten Beſinnungs⸗ vermoͤgen des jungen Trappiſten, und waͤhrend dies in ſeinem Geiſte und Herzen vor ſich ging, ſprachen der Prior, Nikolas und Joos mit einander uͤber Ernſt's ſonſtigen und gegenwaͤrtigen Zuſtand, indem Petrus Maria vermoͤge des Rechts, das er ſich durch ſeinen Antheil an deſſen Lebensrettung darauf erwor⸗ ben, dem Geſpraͤche zuhoͤrte. Der Prior fragte ſorgfaͤltig nach vielem Einzel⸗ nen. Seine Fragen beſchraͤnkten ſich nicht allein auf die bloßen Umſtaͤnde ſeiner augenblicklichen Lage und deren Urſachen, ſondern er ging auch in die Bezie⸗ 248 Süiszen aus Belgien. hungen ſeines fruͤhern Lebens, ehe er ſich der Bruͤ— derſchaft angeſchloſſen hatte, ein. In dieſen Punk⸗ ten konnte Joos Cooperslangen die ſicherſte Auskunft geben, und er that dies auch nicht ohne eine gewiſſe ſtuͤrmiſche Art, bis in die kleinſten Einzelnheiten. Wir wiederholen hier dies alles nicht, ſondern bloß das was er ſeiner Rede gleichſam als ſummariſchen Aus⸗ zug anhing: Sie ſehen daraus,“ ſchloß er naͤmlich; «daß er ſich ſtets zur Traͤgheit und einen aberglaͤu⸗ biſchen aber auch frommen Weſen hinneigte; kein Wun⸗ der alſo, daß er ſich zu Ihnen und Ihres Gleichen geſellte. In der Pachtung arbeitete er nicht wie Ni— kolas da, ſondern ging lieber muͤßig einher. Den Pflug nahm er nie an die Hand, oder ging auf den Markt, oder trieb ſonſt etwas nuͤtzliches, ſondern er lag immer uͤber den Buͤchern oder andern desgleichen. Der Himmel weiß, wer ihm die Heirathsgedanken in den Kopf ſetzte, als er aber wegen Melanie bei mir anfrug, ſagte ich ihm, daß er ſich weit eher zu einem Geiſtlichen oder Opernſaͤnger ſchicke, als zu einem Ehemanne fuͤr ein huͤbſches Maͤdchen— und das brachte ihm vielleicht den Gedanken bei, mit Ihnen gemeinſchaftliche Sache zu machen. Und hier haben Sie ihn denn nun wieder, und ich will hoffen, daß Sie ihn nun feſthalten werden. Ich ſelbſt bin mehr als je nun froh, daß ich ſo gehandelt habe, wie ich han⸗ delte. Ich ſehe deutlich ein, was meine Tochter da— er Bruͦ⸗ n Punk⸗ Auskunft e gewiſſe en. Wir bloß das zen Aus⸗ naͤmlich; berglau⸗ in Wun⸗ Gleichen wie Ni⸗ r. Den auf den ndern er ggleichen. gedanken bei mit zu einem u einem und das t Ihnen er haben fen, daß nht a ich hane ihter de Geſchichte des Bettelmönchs. 249 bei fuͤr ein Gluͤck gehabt hat, ſo einen braven und ruͤhrigen Mann wie Nikolas zu bekommen, ſtatt eines wimmernden Thunichtguts wie Ernſt, der zu nichts nutz iſt, als zu faſten und zu beten, herumzuſtreifen und zu betteln, ſich ſelbſt zu Schanden zu machen, und den Himmel zu ſtuͤrmen. Und damit, Herr Prior, wuͤnſche ich Ihnen wohl zu leben. Es iſt ſchon ziemlich hoch am Tage, und Nikolas und ich muͤſſen noch einige Meilen weit reiten, um den ar⸗ men Vater dieſes nichtsnutzigen Menſchen zur Erde zu beſtatten. Wohl bekomme Ihnen Ihr Handel.» Waͤhrend dieſer Mittheilung von Thatſachen und Meinungen hatte Petrus Maria Nikolas bei Seite gezogen. Er hatte aus deſſen abgebrochenen Reden genug entnommen, um vergewiſſert zu ſeyn, daß Ernſt irgend wo das eingeſammelte Geld weggegeben habe, und da er fuͤr die kleinen Suͤnden Anderer,— wenn er auch gegen die ſeinigen vielleicht ſtrenger ſeyn mochte— ein ſehr zartfuͤhlendes Gewiſſen beſaß, ſo fluͤſterte er Nikolas in's Ohr!«Nehmet Freundes Nath an, lieber Mann, und wenn Ihr wieder mit dem Prior ſprecht, ſo ſagt ihm nichts davon, wie das Geld abhanden gekommen iſt. Nichts wahrſchein⸗ licher in der Welt, als daß der arme Bruder Placi⸗ dus beraubt ward. Dachte ich nicht das gerade auch, als ich ihn in dem Tuͤmpel mit ſeinem leeren Beu⸗ tel in der Taſche fand? Warum ſollte man denn das 11** 250 Slizzen aus Belgien. nicht zugeben? Kommt etwa das Geld dadurch wie— der zuruͤck? Laßt alſo nur die Sachen wie ſie jetzt ſtehen— eine ſchweigſame Zunge iſt ein ſicherer Zeuge — wenn ſie nichts angiebt, ſagt ſie doch immer noch keine Luͤge. Ueberlaßt die Geſchichte mit dem Gelde nur mir. Ich will die Thatſache von dem leeren Beutel und der zerriſſenen Taſche ſchon in's Klare ſetzen, und wenn Bruder Placidus im Stande ſeyn wird, mich zu ſprechen, ihm eine kleine Lection von dem geben, was er ſagen ſoll, und was er nicht ſa— gen ſoll— etwas das im Weltverkehr wie in einer Trappiſten Zelle hoͤchſt wichtig iſt. Still jetzt! Kein Wort von Gulden oder Stuͤvern. Ihr wißt gewiß auch, daß es das groͤßte Kirchenverbrechen iſt, deren Geld zu entfremden. Das iſt die ſchrecklichſte aller ſchrecklichen Suͤnden, wenn ſie entdeckt wird, und folgt darauf die Excommunikation, ſo giebt es fuͤr den Schuldigen keine Gnade mehr, dieſſeits noch jenſeits, denn der Himmel muß dann das Urtheil beſtaͤtigen, das ihn zur Hoͤlle ſchickt. So moͤge Euch denn der heilige Petrus bewahren, und euch ſegnen, und Eure Zunge im Zaume halten!“ Nikolas fand keinen Beruf dazu, ſeinem Bruder in dieſer oder in der kuͤnftigen Welt wehe zu thun, und befolgte alſo den ihm gegebenen Wink. Mit dem Prior darin uͤbereinkommend, daß Ernſt einige Zeit⸗ lang fuͤr ſich ganz ungeſtoͤrt ſolle gelaſſen werden, nahe Inſ ihre ſene Geſrhichte des Bettelmönchs. 251 irch wie⸗ nahm er und Joos Adſchied vom Kloſter und deſſen ſie jetzt Inſaſſen. Als ſie zu Hauſe angekommen waren, war⸗ ter Jeuge fen ſie ſich auf die Pferde, und ritten zur Erfuͤllung mer noch ihrer traurigen Pflichten, nach dem Pachthofe zu Huy⸗ m Gelde ſenclaus. m leeren Sobald ſie das Kloſter verlaſſen hatten theilte Pe⸗ 's Kaare trus Maria dem Prior den Gegenſtand ſeiner Sen⸗ nde ſeyn dung mit, der ſich lediglich auf einige haͤusliche Angele— tion von genheiten bezog, aber hoͤchſt geheim gehalten ward, und nicht ſa benutzte dann ſeine Dispenſation in vollſtem Maaße, in einer legte einen Beſuch bei dem Koche ab, und muſterte 6t Kein die Vorraͤthe der Speiſekammer auf's allerſorgfaͤltigſte. ft gewiß Genau kann ich nicht angeben, was er hier vorfand, ſt, deren doch mochte wahrſcheinlich wenig Erfreuliches fuͤr iſte alle ihn vorhanden ſeyn, da er nicht lange nachher den und folgt Huͤgel wieder hinabtrollte und ſich in der Frau Wer— fuͤr den muth gaſtfreundſchaftliches Haus begab. Ein dicker fenſeits, Rauch, der aus dem Schornſteine aufſtieg, zeigte augen⸗ eſtüigen, blicklich ſeinen Beſuch und deſſen Gegenſtand an, aber denn der wenn dieſer auch mit Rauch begann, koͤnnen wir nd Eure doch mit Gewißheit vorausſetzen, daß er nicht damit endete. Unterdeſſen beſuchte der Prior Placidus in Bruder ſeiner Zelle. Sie hatten eine lange Unterredung mit z thun, einander; etwas Naͤheres iſt aber nicht davon kund Mit dem geworden. Ohnſtreitig war Ernſt's Bekenntniß eben ſo wahrhaft als vollſtaͤndig, und Petrus Maria Kunſt⸗ nige eit— 3 griff, ſo wie Nikolas' Vorſicht wurden durch die ge— werden/ 252 Sützzen aus Belgien. wiſſenhafte Beichte des Reuigen unnuͤtz. Die ſelbſt en auferlegte Strafe war das Geluͤbde eines ewigen nigen Schweigens, das kein Umſtand je wieder aufheben s koͤnne; das lebenslaͤngliche Abwarten jeder gottesdienſt⸗ und lichen Handlung im Kloſter; eine gaͤnzliche Abſonde— aner rung von allem weltlichen Umgange; Enthaltſamkeit alli von aller Nahrung außer einem kargen Mahle, ein⸗ V mal des Tags, bis die Natur den Entbehrungen un— buf terliege, und das oͤffentliche Bekenntniß alles Vorge⸗ ben fallenen als Warnung fuͤr jeden, der ihm in der ge⸗ nit „ faͤhrlichen Verſuchung des Amts eines bettelnden Bru⸗ ihn ders folgen wuͤrde. let Dieſe harten Bedingungen zur Verſoͤhnung mit rn ſich ſelbſt und Vergebung vom Himmel wurden lange Zeit ſtreng beobachtet. Das Opfer einer zu gluͤhen— den Phantaſie eines zu lebhaft aufgeregten Geiſtes trug ſo gut es nur konnte dieſe Strafe, ſo unverhaͤltniß⸗ w maͤßig ſchwer fuͤr ſeine Irrthuͤmer, ſo moͤrderiſch in w ihren Einwirkungen auf ſeine Geſundheit ſie auch war. Das glaͤnzende, aber verzehrende Meteor des Fana⸗ b tismus leuchtete auf ſeine freudenloſe Beſtimmung, d aber fuͤr ihn ſelbſt war es ein Licht des Himmels. In dieſer Taͤuſchung war er gluͤcklich— gluͤcklich trotz deſſen was er wirklich und in der Erinnerung duldete. Denn was er je an Freude gekannt, ward nicht neu belebt in ſeinem Gedaͤchtniſſe, ſondern nur langbegrabene Gefuͤhle des Elends ſchienen aus ih⸗ ſelbſt ewigen ufheben dienſt⸗ lbſonden ſamkeit le, ein⸗ gen un Vorge⸗ der ge⸗ n Bru⸗ ng mit n lange gluͤhen⸗ es trug hältniß⸗ riſch in ich war⸗ Fanae⸗ mmung, immels· glüclüh nnerung 3 watd ern nur rus ih Geſchtrhte des Bettelmönrhz. 253 ren Gruͤften aufzuſtehen, und ihn unausgeſetzt zu pei⸗ nigen. Dieſe wurden fuͤr ihn das irdiſche Fegefeuer, aus dem er endlich durch die Kraft jener erhoͤhten und uͤberſpannten Inbrunſt, die den Fanatiker bis zu einer Sphaͤre des Entzuͤckens erhebt, welche fuͤr ihn allein vorhanden iſt, befreit ward. So endete denn der junge Trappiſt ſeinen Welt⸗ lauf, denn das ſchwache Band, das ihn noch an's Le— ben knuͤpfte, konnte man kaum noch ein Verbindungs⸗ mittel mit der Welt nennen. So ſah ich ihn und fand ihn ſo, wie ich ihn mit wenigen Zuͤgen in der Ein⸗ leitung zu dieſer Erzaͤhlung geſchildert habe. Abzeh⸗ rung hatte ſich nur zu deutlich in ſeinem ganzen We⸗ ſen ausgeſprochen, das durch die Innigkeit ſeiner An⸗ dacht zugleich aufrechterhalten und zerſtoͤrt wurde. Seitdem iſt ein langer Winter verfloſſen. Ich weiß nicht, welche Wirkungen er hervorgebracht, oder welchen Widerſtand Ernſt's gebrochene Kraͤfte deſſen vernichtenden Duͤnſten und Froͤſten entgegengeſetzt ha⸗ ben. Aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach, iſt er aber nun bereits in das abgelegene und einfache Grab geſunken, das er ſich von der Milde ſeines Obern auf der kleinen Erhoͤhung uͤber dem Thale von Scharfenberg erbeten hatte, und wohl kann ich mir denken, wie eben jetzt Melanie's zarte Geſtalt dort hinaufblickt und Gebete zum Himmel ſendet, fuͤr die Ruhe der Seele des Mannes, den ſie ſo innig und 254 Skiszen aus Belgien. und ohne Suͤnde geliebt hat, und ſo tief und ohne Reue betrauert. Note.— Es war im Jahre 1650, als ein ge⸗ wiſſer Mannaert, Soldat im Regimente des Oberſten Vauboquet, welches damals zu Furnes in Garniſon lag, durch Geldmangel und boͤslichen Rath ſeines Kameraden Le Jeusne angetrieben, eine kirchenſchaͤn⸗ deriſche That beging, die eben ſo ſchauderhaft war, wie die des beruͤchtigten Jonathas, des Juden von Loͤwen, dreihundert Jahre zuvor, die zu dem Wun⸗ der der blutenden Hoſtie und dem Jubilaͤo, welches in Bruͤſſel jede funfzig Jahre gefeiert wird, Veranlaſ⸗ ſung gab. Dieſes Verbrechen beſtand darin, daß, als der Sol⸗ dat Mannagert ſich in anſcheinender Demuth eines Communicirenden dem Altar genaht hatte, er die con⸗ ſakrirte Oblate gleich wieder aus dem Munde zog, in ein Taſchentuch wickelte und ungeſtoͤrt mit nach Hauſe nahm. Dort verbrannte er ſie in Gemeinſchaft mit dem Anſtifter dieſes Frevels, hoffend, daß er durch die Aſche, welche er nach einer gewiſſen Vorſchrift zu⸗ bereitete, ſich unverwundbar machen, und uͤber alle Schaͤtze der Erde unumſchraͤnkt gebieten koͤnne. Kaum war aber die abſcheuliche That geſchehen, als der Un⸗ ſelige auch von Gewiſſensbiſſen gepeinigt, balb wahn⸗ ſanig in N Eimi nen Otha niß gätte tief, dig über mit ter er ho di mo pl dohne ein ge⸗ Oberſten zarniſon ſeines enſchän⸗ ft war, den von Wun⸗ ſches in eranlaſe er Sol⸗ ) eines die con⸗ zog, in Hauſt aft mit r durch rift in ber oll Kaum der Un⸗ wahne Geſchichte des Bettelmönrhs. 255 ſinnig von dem Orte ſeines Vergehens hinweg wie ein Raſender durch die Stadt lief, bis er endlich, von Ermuͤdung und Aufregung erſchoͤpft, gefangen genom⸗ men wurde, wo er denn ſogleich, ohne vielleicht die Strafe zu kennen, welche ihn nach dieſem Eingeſtaͤnd⸗ niß erwartete, ſein Verbrechen bekannte. Gnade, das goͤttlichſte Attribut der Macht, ſchlief damals noch tief, und ward von der laut toͤnenden Stimme des Bigottismus nicht erweckt, um ihren ſchuͤtzenden Arm uͤber die Verurtheilten zu breiten. An dem Aſcher⸗ mittwoch nach der begangenen Unthat, ward er un⸗ ter den Verwuͤnſchungen des Volks an die vier Ek⸗ ken der Stadt geſchleift, von dem Scharfrichter ge⸗ hangen, und ſein Koͤrper nebſt dem ſeines Mitſchul⸗ digen bei dieſer furchtbaren Verirrung, die man da⸗ mals abſichtliches Verbrechen nannte, auf dem Markt— platze verbrannt, die Aſche aber in die Winde geſtreut. Um den goͤttlichen Zorn zu ſtillen und der Nach⸗ welt ein warnendes Beiſpiel zu geben, ward die Paſ⸗ ſionsprozeſſion geſtiftet, und iſt noch jetzt nicht abge— ſchafft worden. Der Peteran. Sei dem Tage, an welchem ich das letzte Mal von meinem alten Bekannten, Philipp Hartigan, ſchied, waren gerade zehn Jahre verfloſſen, als ich zufaͤllig wieder in das Staͤdtchen kam, wo wir uns bei'm Abſchiede herzlich die Haͤnde gedruͤckt hatten. In dieſem Staͤdtchen, einem der vierten Ordnung, in einem der noͤrdlichen Departements von Frankreich, hart an der Belgiſchen Graͤnze, lag mein Freund, der Capitain Hartigan, damals, kurz vor dem Aufbruch der Occupationsarmee, in Cantonnirungsquartieren. Wir hatten uns in Valenciennes kennen gelernt, wo ſein Regiment einen Theil der Beſatzung aus⸗ machte. Von da wurde er, nach Jahresfriſt, zu ſei⸗ nem groͤßten Verdruß, mit ſeiner Compagnie an den mitten in Steinkohlengruben gelegenen kleinen und finſtern Ort verſetzt, welchen er um ſo mehr als ein Exil betrachten konnte, da der Abfall von dem freund⸗ lichen Valenciennes ſo groß war. Valenciennes galt allgemein in den Augen der engliſchen Krieger fuͤr die angenehmſte Garniſon, die ſie ſich in der Fremde 260 Itriensſrenen. wuͤnſchen konnten. Waͤhrend der Jahre 1815 und 1816 wechſelten in derſelben Baͤlle, Concerte, Diners, Jagden, Privatſchauſpiele, kurz Vergnuͤgungen aller Art und aller Jahreszeiten mit einander. Im Fruͤh⸗ ſommer 1816 ritt ich, an einem ſchoͤnen Morgen, mit zwei Offizieren, zum Beſuch bei unſerm alten Ka⸗ meraden, in ſein Kohlenloch, um wenigſtens einen Tag lang den Mismuth, der ihn druͤckte, zu verſcheu⸗ chen. Dieſer Mismuth hatte ſich ſogar in der ſchrift— lichen Einladung, welche mit folgenden Worten ſchloß, ausgeſprochen: Ich bin» jammerte Philipp,«ein armer, hoͤchſt ungluͤcklicher Teufel; bis uͤber die Oh⸗ ren ſtecke ich in dem verfluchten Moraſt; er geht mir an den Hals, an's Leben. Kommt zu mir heruͤber, kommt als brave Kerle, und helft mir noch zu einem frohen Tag, bevor ich ſterbe.”» Dieſer Schluß war eine Art von Todesurtheil, welches er uͤber ſich ausſprach. Er ſollte uns nicht wiederſehen. Was aber im Uebrigen in dieſer Zu⸗ ſchickung Syntax, Rechtſchreibung, Interpunktion und dergleichen pedantiſche Wortklaubereien betrifft, ſo war Philipp Hartigan der Mann nicht, der ſich auf dergleichen verſtand, oder wenn er ſich darauf verſtanden, es der Muͤhe werth geachtet haͤtte, et⸗ was darauf zu geben. Von Natur war er ein ge⸗ ſcheuter Kopf, und was ſeine Erziehung betraf, fuͤr den juͤngſten Sohn eines Irlaͤndiſchen Gentleman, wie me war ei ter An lernt, Jahrer ſchriebe in dre⸗ gils die erf hiiſchen war e Veruf ütair der J wohl eine wwenn Geger ſucht ſter ſprac auffkei Lenor ur . milt ſüdſ und finers, aller Fruͤh⸗ orgen, in Ka einen rſcheu⸗ ſchrift⸗ ſchoß, ein eOh⸗ t mir ruͤber, einem rtheil nicht r Zu⸗ nttin etrifft⸗ r ſch darauf , et in ge ſ eman, Der Veteran. 261 wie man zu ſagen pflegt, ganz gut ausſtaffirt. Er war ein guter Reiter, ein guter Schuͤtze, ein gu— ter Angler, und hatte, was er in der Schule ge⸗ lernt, nicht ganz ausgeſchwitzt; denn nach zwanzig Jahren konnte er noch leſerlich ſchreiben, leſerlich-Ge⸗ ſchriebenes leſen, wußte noch, daß das alte Gallien in drei Theile zerfiel, konnte die erſten Verſe Vir⸗ gil's: Tityre tu patulae und Arma virumque cano, die erſten Saͤtze Euklid's, und zwei Drittel des Grie⸗ chiſchen Alpha-Beta ohne Anſtoß herſagen. Dabei war er ein guter Soldat, tapfer, vom Geiſte ſeines Berufs durchdrungen, hing mit ganzer Seele an Mi— litair und Kriegerehre, und haͤtte ſich, um Alles in der Welt, nichts gegen dieſelbe erlaubt. Er war ein wohlgebildeter Mann, beſaß eine ſchoͤne Stimme, d. h. eine natuͤrlich⸗ſchoͤne, ohne Kunſt und Unterricht; und wenn auch das kleinſte Billet uͤber den gewoͤhnlichſten Gegenſtand eine herkuliſche Arbeit fuͤr ihn war, ſo ſuchte er als leichter angenehmer Erzaͤhler ſeinen Mei⸗ ſter. Haͤtte er die Gabe beſeſſen, zu ſchreiben wie er ſprach, er wuͤrde in den heutigen Fruͤhlingstagen des aufkeimenden Autorenbeets eine bedeutende Stelle ein⸗ genommen, und jede ſeiner muͤndlichen Erzaͤhlungen zur geleſenſten Novelle erhoben haben. Philipp Hartigan trat fruͤh, d. h. ſo fruͤh es die militairiſche Vorſchrift geſtattet, in die Armee; noch ſelbſt ein Knabe, erhielt er das Kommando uͤber Maͤn⸗ 262 Itriensſrenen. ner. Ohne Erfahrung und Menſchenkenntniß, legte man ihm Pflichten auf, wobei dieſe Eigenſchaften die unerlaͤßlichſte Bedingung waren. So mußte er denn durch bloße Uebung ſein Handwerk lernen(frei⸗ lich ab und zu auf Koſten der Soldaten), und aus ihm ward bald ein tuͤchtiger Offizier. Ein paar Jahre hatte er in Quartieren und Ka⸗ ſernen des Vaterlandes gehockt, hatte ſo ziemlich durch England, Schottland und Irland die Runde gemacht, und war auf den Lotterbaͤnken des haͤuslichen Kama⸗ ſchendienſtes zugleich traͤge, ſchlotterig und muͤrbe ge— worden, als er es mit dem im Auslande verſuchte. Zuerſt ging er nach Suͤd-Amerika, und machte den Feldzug mit, der mit des General Whitelock's bekann⸗ tem Unfall endigte. Er kehrte nun auf kurze Zeit nach England zuruͤck, ſetzte nach Spanien uͤber, wo er in beſtaͤndiger Thaͤtigkeit erhalten und mit Nutzen gebraucht ward, bis die Ueberbleibſel der Franzoͤſiſchen Heere uͤber die Pyrenaͤen zuſammengedraͤngt worden. Nach der Schlacht bei Toulouſe ſchickte man ihn nach Canada, wo ihm ſein Antheil an Beſchwerden und Ereigniſſen zugemeſſen wurde. Von da abgerufen, ließ er das Atlantiſche Meer zum zweiten Male hin⸗ ter ſich, um zu rechter Zeit auf dem Schlachtfelde von Waterloo einzutreffen, und das halbe Dutzend ſeiner Wunden voll zu machen. Als Faͤhnrich war ſein Stand bei den verlornen Poſten— eine elegi⸗ ſche B ſtanden Patent der At beſonde nem N Auszßei tinäpe er ſo worfäle gefaller ihm kleinen S derte ausgez Lompe nes u ein e Leben hen, unter er mit Miete pkell D T üde legte haften ßte er (frei⸗ d aus d Ka⸗ durch macht, Kama⸗ ebe ge⸗ ſuchte. te den ekann⸗ he Zeit r, wo Nutzen ſiſchen voorden. n nach n und erufen, ſe hin⸗ htfelde dußzend wat eleg’ Der Veteran. 263 ſche Benennung!—«Zur Belohnung fuͤr die uͤber⸗ ſtandenen Gefahren,» wie die Gebrauchsformel im Patent lautet, erhielt er eine Lieutenantsſtelle— nach der Anciennetaͤt. Weil er aber als Lieutenant ſich beſonders hervorgethan, und dieſer Umſtand neben ſei⸗ nem Namen in der Depeſche des Obergenerals mit Auszeichnung erwaͤhnt ward, wurde ihm ein Capi⸗ tainspatent— zu kaufen erlaubt. Als Capitain war er ſo gluͤcklich geweſen, bei einem der letzten Kriegs— vorfaͤlle, als ſein Major gegen das Ende der Schlacht gefallen war, das Bataillon mit Erfolg anzufuͤhren; ihm war nun die Majorsſtelle gewiß, nur mit dem kleinen Umſtande: er mußte ſeine Tour abwarten. So hatte ſich denn Philipp Hartigan, wie Hun⸗ derte der beſten Maͤnner ſeines Gleichen, vielfaͤltig ausgezeichnet, hatte ſeinen letzten Schilling fuͤr die Compagnie ausgegeben, auf allen Schlachtfeldern eige— nes und fremdes Blut vergoſſen— ohne auch nur ein einziges Mal in der Lotterie des militairiſchen Lebens— wie im gewoͤhnlichen— ein Loos zu zie⸗ hen, von fuͤnf, zehn, zwanzig tauſend Pfund, und unter Hunderten der Eine zu ſeyn. Immer theilte er mit den uͤbrigen Neunundneunzig das Schickſal der Nieten; immer um ſein Geld und ſeine Hoffnungen ge— prellt, ſtand er da, Alles erwartend, Nichts erlangend. Denn, nach zwanzig Dienſtjahren, nach elf Feld⸗ zuͤgen, nach Schlachten, Belagerungen, Scharmuͤtzeln 264 Itriensſrenen. ohne Zahl, den einen Arm gelaͤhmt, mit geſchlitzten Muskeln, zerſplitterten Knochen, erſchuͤttertem Koͤr⸗ perbau, ſah er ſich in ſeine duͤſtere Cantonnirung ge— bannt, dergeſtalt und ſo feſt gebannt, daß ihm keine andere Ausſicht blieb, ſie zu verlaſſen, bis ihm der Knochenmann als Fourier den letzten Quartierzettel zum— engen Wohnſitz ewiger Ruhe einhaͤndigen wuͤrde. Der Tag, welchen wir, meine Gefaͤhrten und ich, zu unſerm Beſuch auserſehen hatten, war ein ſchoͤner Juni⸗Tag. Kaum waren wir durch das Thor des Staͤdtchens geritten, als wir, vom Marktplatz her, Laͤrmen und Auflauf vernahmen. Wir lenkten dahin ein, und was fiel uns bei'm erſten Blick in die Au⸗ gen? Philipp und ſeine ſchoͤne Geſtalt. Hoch ragte er aus einem Volkshaufen hervor, der einen Trupp von vier bis fuͤnf Koſacken umringte, welche vor einem Trinkhauſe am Markt abgeſtiegen, in der Wirthsſtube ſich à la Cosaque berauſcht hatten, dann unter ein— ander in Streit gerathen, wieder aufgeſeſſen, und ſich nun nicht mit Worten, ſondern mit den kurzen Kant⸗ ſchuen ganz unbarmherzig bearbeiteten. Und eben ſo, wie dieſe Halbwilden blind auf ſich zuſchlugen, wur⸗ den ſie vom feigen Straßenpoͤbel, der ſich ihren Zu— ſtand zu Nutze machte, angefallen, und beſonders zwei von ihnen, welche am ſchwerſten geladen hatten, von ihren Kleppern gefallen waren, und wehrlos auf dem Bo⸗ Boden Stadt theil n den uͤ perſor heigt. Nechte ihr de verfolc ſonder chen; Berüͤ verſch 9 zu ei mit unters beſie fall Hur. Otäͤd ohne Min hlitzten n Koͤr⸗ ung ge⸗ m keine m der jerzettel aͤndigen und ich, ſchoͤner hor des atz her, n dahin die Au⸗ 9 ragte Trupp r einem thsſtube nter eine und ſich in Kanie eben ſo, n, wur hren Zu ers zwe ten/ von auf dem Bo Der Veteran. 265 Boden zappelten, jaͤmmerlich gemißhandelt. Die halbe Stadt ſchien ſchon an dem Vorgang feindlichen An— theil nehmen zu wollen, und die armen Coſacken wuͤr⸗ den uͤbel weggekommen ſeyn, haͤtte ſich nicht in der Perſon des engliſchen Capitaͤns ein Schutzengel ge— zeigt. Philipp nahm ſich ihrer an, ſchwenkte ſeine Rechte uͤber ſie, fiel uͤber die feige Menge her, entriß ihr den leichten Sieg, und als ſie zu weichen anfing, verfolgte er ſie, nicht mit dem Degen in die Rippen, ſondern mit dem ſcharfen Stiefelſchnabel in die Wei⸗ chen; ſo daß in wenig Minuten, um dieſer electriſchen Beruͤhrung zu entgehen, ein paar Dutzend Memmen verſchwunden waren. Kaum hatte der Held uns erblickt, als er auf uns zu eilte, und bald in das laute Gelaͤchter einfiel, wo⸗ mit wir ihn empfingen. Die Coſacken, welche ſich unterdeſſen wieder ermannt, aufgerafft und ihre Pferde beſtiegen hatten, wieherten grinſend dem Retter Bei— fall und Dank, lachten auf ihre Weiſe, ließen ein Hurrah! erſchallen und galoppirten nun durch das Staͤdtchen, wobei ſie ohne Unterſchied(zum Glluͤck, ohne Schaden anzurichten) Alles was ihnen vorkam, Maͤnner, Weiber, Kinder, Obſt⸗, Kraut- und Huͤh— nerkoͤrbe umritten. Wie eine Regenwolke ſich der ein⸗ zelnen Tropfen, ſo entlud ſich der Marktplatz im Nu ſowohl der Mithandelnden als der Zuſchauer des auf⸗ gefuͤhrten Drama's, und auch wir begaben uns in die II. 12 266 Itriegsſrenen. Auberge, wo Philipp ſein Quartier hatte, uͤbergaben unſre Pferde ſeinem Reitknechte und ſchickten uns mit ruͤſtiger Eßluſt an, das beſtellte wohlzubereitete Mahl einzunehmen. Der Abend wurde auf die in ſolchen Faͤllen uͤbliche Weiſe zugebracht. Wir aßen, tranken, ſangen, ſcherzten, ſogen und nagten an Bra⸗ tenknochen um neue Trinkiuſt zu erregen, fuͤllten und leerten die Humpen um zu neuer Eßluſt zu reizen. — Was doch fuͤr ſeltſame Bilder ein Ruͤckblick auf die vergangenen Jugendgelage, in ſpaͤteren Zeiten uns vor Augen fuͤhrt! Wie lebendig Tage, Naͤchte und Jahre ſich vor uns wieder aufrollen, eben ſo lebendig, wie man damals Flaſchen und Glaͤſer vor uns ſtellte! Wie genußreich, wie nutzlos jene Theile unſers Le⸗ bens verfloſſen! Doch nicht ganz nutzlos, wenn die Erinnerung daran uns lehrt, mit dem Reſt der min⸗ der gewuͤrzten Tropfen des Freudenkelchs, haushaͤlte⸗ riſch im Alter umzugehen, und jeden derſelben lang⸗ ſam und koſtend herabzuſchluͤrfen! Am folgenden Morgen, nach eingenommenem Fruͤh⸗ ſtuͤck verließen wir Philipp und ſein elendes Quartier, um nach Valenciennes zuruͤck zu galoppiren. Auf der Straße ſahen wir uns noch einmal auf Parther⸗Weiſe nach unſerm einſamen verlaſſenen Freund um, der in der Thuͤre ſtehend, ſeinen Spuͤrhund Snap zur Seite, mit unverwandten Blicken und dem ſichtbaren Be— ſtreben, heiter zu ſcheinen, uns ein kraͤftiges Halloh xgaben n uns ereitete die in aßen, n Bra⸗ ten und reizen. ick auf en uns hte und ebendig, ſtellt ſers Le enn dit er min⸗ ushaͤlte en lang: n Friͤh Auartiet, Auf der er Weiſt , det in e Seitt ren Be — Hallh Der Veteran. 267 nachrief, jenem gleich, welchen ihm der Wiederhall von Kilworth's⸗Bergen zuruͤckgab, als er auf der Fuchs⸗ jagd ſeines Vaters Hunde anfeuerte. Wir machten noch alle Drei unſere Bemerkungen uͤber die herrliche Geſtalt des Mannes, uͤber das volle ſchwarze Haar, den zierlich gekraͤuſelten Knebelbart, die bluͤhenden Wangen und den ganzen kraͤftigen Bau eines Fuͤnf⸗ unddreißigers, der ſich vollkommen erhalten hat. Wenn aber ein Mal ein ſolcher Bau ſich zu ſenken anfaͤngt, wenn eine ſolche Leibesconſtitution in ſich zuruͤckfaͤllt, ſo bricht und kracht auch Alles mit einemmal! Wir erwiederten den Nachruf unſeres Freundes. Ein naher Wald nahm uns auf, wir verloren die Stadt aus dem Geſicht, und ſo endete unſer Beſuch. Seit jenem Tage waren gerade zehn Jahre ver⸗ floſſen, als ich zufaͤllig wieder an denſelben Ort kam. Er lag ſo ganz aus meinem Wege, daß ich keinen vernuͤnftigen Grund haben konnte, einen Abſtecher da⸗ hin zu machen; auch geſtehe ich gern, daß ich nicht deutlich weiß, was mich dahin fuͤhrte, es muͤßte denn eben«der muͤßiggaͤngeriſche Hang“ geweſen ſeyn, wel⸗ cher Horatio nach Wittenberg brachte.*) Ich hatte einen guten Theil der ehemaligen Provinz Artois *) Hamlet, Act 1. Sc. 2.: a truant disposition 12* — 268 Itriegsſrenen. durchſtreift, und war zu verfallenen Alterthuͤmern, Kir⸗ chen und Kapellen gepilgert, welche ſich der Muͤhe nicht verlohnten. Unter andern waren mir die Rui⸗ nen von Terouanne geruͤhmt worden, jener ungluͤckli⸗ chen Stadt, welche 1553 Kaiſer Carl der Fuͤnfte von Grund aus zerſtoͤren ließ. Die Zeit hatte mit der Rache des Ueberwinders ſo genau Schritt gehalten, daß auch keine Truͤmmer der ehemals reichen und volkreichen Stadt uͤbrig waren. Kein Stein liegt auf dem andern, der uns ſagen koͤnnte, zu welchem Bau er gehoͤrt, zu welchem Zweck er gedient. Da iſt auch nicht die geringſte Spur eines ehemals bewohnten Orts; fragt man aber die dortigen Ciceroni, die Bauern des erbaͤrmlichen Dorfs, auf welches der Name der Stadt uͤbergegangen, ſo heißt es:«Dies iſt die Citadelle, jenes die Kathedrale, hier die Kirche dieſes, dort jenes Heiligen.”» Man ſieht nichts, und fraͤgt man: Wo ſo zeigen ſie auf den ebenen Grund, und allenfalls auf eine angebaute Schlucht, welche von ſelbſt ſchon den ehemaligen Stadtgraben andeutet. Marius auf den Truͤmmern von Carthago, Volney in den Ruinen von Palmyra hatten beſtimmtere Be⸗ weiſe fuͤr das Daſeyn beider Staͤdte, aber keine ſo uͤberzeugende von ihrer Zerſtoͤrung. Ein Weilen auf Ruinen giebt dem Philoſophen Stoff zum Nachden⸗ ken, ſagt dem Alterthumsforſcher wenig, und noch wenige Oitter n, Kit⸗ Muͤhe ie Rui⸗ gluͤckli fte von mit der ehalten, en und egt auf m Bau iſt auch wohnten ni, die hes der Dies iſt Kirche ts, und Grund, welche andeutet. Volneh tere Be⸗ keine ſo eilen auf Nachdene und noch Der Deteran. 269 weniger dem Darſteller geſellſchaftlicher Auftritte und Sitten. Indem ich auf den nackten rauhen Anhoͤhen um— her ging, welche ſich der Ackerbau noch nicht unter— thaͤnig gemacht, ſah ich einen Landmann den Pflug in den undankbaren Boden ſtoßen. Von einer an⸗ dern Seite durchzog ein Jaͤger und ſein Hund duͤrre Felder, auf welchen nicht einmal ſo viel Gras wuchs, daß ſich ein Volk Rebhuͤhner darin haͤtte verbergen koͤnnen.— Ich hatte auch meine Buͤchſe im Arm und meinen Hund hinter mir, ohne daß ich fuͤr Beide etwas zu thun gefunden haͤtte. Wir drei Zweibeinige, ein Paar Pferde und ein Paar Hunde waren zu viel fuͤr eine Oberflaͤche, welche fruͤher fuͤr Tauſende hin— gereicht hatte. Mein Blick richtete ſich nach Oſten, als ploͤtzlich der Gedanke ſich in mir regte, Gegenden zu beſuchen, die mich an vergangene Freuden, oder was dafuͤr ge⸗ golten, erinnern koͤnnten. Ich verließ auf der Stelle den ſchwermuͤthigen Boden von Terouanne, und ſchlug, begleitet von Carlo, dem Sohne Ranger's, dem Sohne .— doch man erlaſſe mir die weitere Genealogie — die Straße nach Lille ein. Eben ſchlug's Mittag, als mich mein Weg durch das Staͤdtchen fuͤhrte, wo Philipp Hartigan ſein Quar⸗ tier gehabt. Die Sonne ſchien im vollen Glanze uͤber 270 Itriegsſrenen. dem kleinen Ort, und wandelte das traurige Anſehen deſſelben in etwas um, das einem Laͤcheln glich. Zu⸗ gleich regte ſich auch in mir ein melancholiſches Laͤ⸗ cheln, ein Laͤcheln des Wehes. Ich dachte mir, als ich in das Thor trat und in die Hauptſtraße blickte, die Zuͤge des armen Philipp, den ich vor zehn Jah— ren hier geſehen. Ich dachte an meine beiden Ge⸗ faͤhrten; beide ſeit einigen Jahren todt; der eine, als Opfer des Weſt-⸗Indiſchen Fiebers; der andere, im Zweikampf gefallen. Ein peinliches Gefuͤhl der Ruͤck— erinnerung durchdrang mich. Ich bereute es, den Fuß in den Ort geſetzt zu haben, und war im Be— griff umzukehren, als mir zwei Geſtalten entgegenka⸗ men, und meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zogen; zwei Geſtalten, welche zu ſtutzen und zu zweifeln ſchie— nen; zwei Geſtalten, ein Mann und ein Hund. Der Mann mit den abgelebten Zuͤgen erinnerte an Harti— gan; der Hund mit dem eingefallenen Gerippe, an Snap. «Seltſam!“» ſagte ich, und blieb ploͤtzlich ſtehen. Die Geſtalt, die ich in's Auge faßte, that daſſelbe und ſah mich unverruͤckt an. — Sonderbar, hol' mich der T—!— rief ſie aus. «Unglaublich!“» murmelte ich. — Unmoͤglich!— murmelte die Geſtalt. Doch Trotz der Ausrufe: Seltſam, ſonderbar, un⸗ glaublich, unmoͤglich! war es nichts deſto weniger inſehen h. Zu⸗ hes Lä⸗ ir, als blickte, n Jahe en Ge⸗ ne, als ere, im Ruͤck⸗ 6, den im Be⸗ gegenka⸗ zogen; in ſchie⸗ d. Der Harti⸗ pe, an ſtehen. daſſelbe ſie aus. bat, un⸗ weniget Der Veteran. 271 wahr, daß im ſelben Augenblick Philipp Hartigan und ich uns die Haͤnde ſchuͤttelten, waͤhrend der alte Snap und der junge Carlo auf die gewohnte Weiſe, viel⸗ leicht aber auch inſtinktmaͤßig, in beiderſeitiger Erin⸗ nerung an Freund und Vater, an ihren alten Ranger, der vor einiger Zeit geſtorben war, Bekanntſchaft zu machen ſchienen. „Mein theurer Freund! wie freut es mich, dich wieder zu ſehen! Durch welchen Zufall? Wie die Zeit vergeht! Wie verteufelt fett du geworden!“ Dies wa⸗ ren Philipp's Ausrufungen. — Findeſt du?— fragte ich, mich innerlich zu⸗ ſammenpreſſend, wie man zu thun pflegt, wenn man weniger korpulent ſcheinen will. Weiter konnte ich aber in den erſten Minuten kein Wort vorbringen, waͤhrend Philipp einen Strom von Fragen, Antwor⸗ ten, Willkommen, Verwunderungs⸗ und Ausrufungs⸗ zeichen von ſich gab. War mir ſein erſter Anblick aufgefallen, ſo that es die Pruͤfung der naͤheren Umſtaͤnde nicht minder. Ich konnte mich nicht uͤberreden, daß ich Philipp Har⸗ tigan, und nicht ſeinen Vater, ſeinen Oheim, einen aͤltern, bei weitem aͤltern Bruder, oder Gott weiß wen oder was vor mir ſah, nur nicht Ihn, nur nicht Philipp Hartigan. Wie konnten zehn Jahre meinen Freund ſo ganz umgewandelt, niedergedruͤckt, aufgeloͤſet haben? Wo waren ſeine ſchwarzen Haarlok⸗— ——— 272 Itriegsſrenen. ken, wo war ſein ſchwarzer Knebelbart geblieben? Jene hatte die Zeit, mit ihrer auf dem Schleifſtein der Sorgen ſcharfgemachten Senſe abgemaͤht; dieſen hatte Philipp eigenes Scheermeſſer weggeſaͤbelt, weil er grau geworden. Und ſeine bluͤhende Geſichtsfarbe! erſt bleich und welk, dann in Todtengelb mit braun— rothen Flecken uͤbergegangen— eine Folge des Kum⸗ mers und der Lebensweiſe;— ſeine Augen eingefallen; die Stirn mit Runzeln befurcht; die Wangen hohl und ſchlotternd; und wenn ich in der Zwiſchenzeit fuͤr ihn fett geworden, wie duͤnn und mager erſchien er mir! Er war nur noch der Schatten Philipp Har⸗ tigan's. Er trug einen blauen Ueberrock, zwar militaͤriſch zugeſchnitten, aber ſo ſchlecht und philiſterhaft, daß man ihn fuͤr einen Abtruͤnnigen halten, und ſich wun⸗ dern mußte, wie er auf Philipp's Schultern gekom⸗ men ſei.— In dieſen Abtruͤnnigen hatte er ſich bis an das Kinn eingeknoͤpft, und den Kragen noch oben ein in die Hoͤhe geſchoben und mit Haken und Oeſe befeſtigt. Weiß der Himmel, welches die Farbe ſei⸗ nes Hemdes war, denn um ſein ſchwarzes, rothgewor⸗ denes Halstuch, wand ſich eine weiße ſteife Binde, welche jede weitere Unterſuchung ſtandhaft zuruͤckſchlug. Eine braune tuchene Fouragemuͤtze deckte ſein Haupt, ohne die kahle Glatze ganz zu verbergen, und ein ab⸗ genutzte ten uͤb Al weckten Sein ſene n ſein ta dieſes der Fe⸗ aber a A ſchs druck ginger iin gu gerau Jene in der n hatte veil er efarbe! braun⸗ Kum⸗ efallen; n hohl zeit fuͤr hien er p Har; iitaͤriſch ſt, daß h wun⸗ gekom⸗ ſich bis ch oben d Oeſe the ſei⸗ gemor⸗ Binde/ Kczu Haupt tin ab⸗ Der Veteran. 273 genutztes Pantalon, graue wollene Struͤmpfe und hin⸗ ten uͤbergetretene Schuhe vollendeten das Gemaͤlde. Alſo waren die Außenwerke des ehemals aufge⸗ weckten, ſchoͤnen, ſchmetternden Hartigan beſchaffen. Sein niedergedruͤckter Leib war der bedeckte Weg, ſeine noch immer offenen Wunden, die Schießſcharten, ſein tapferer Sinn der Wall, ſein Herz die Citadelle dieſes ſterblichen Ebenbildes einer Feſtung, deren ſich der Feind durch die Sappe bemaͤchtigt hatte, von der aber alle Stuͤrme abgeſchlagen worden. Als ich mich vom erſten Staunen erholt, ſo gut ſich's thun ließ es unterdruͤckt, und der erſte Aus⸗ druck der Freude bei'm Begegnen ſich gelegt hatte, gingen wir zuſammen nach dem Marktplatz. «Aber mein Liebſter,» rief Philipp,«es iſt doch ein gut Theil her, daß wir uns nicht geſehen haben.” — Ja wohl,— gab ich zu Antwort,— eine geraume Zeit.— «Laß mich nachzaͤhlen: es muͤſſen ſechs bis ſieben Jahre ſeyn.» — Zehn, lieber Philipp, gerade heute zehn Jahr.— «Zehn? Unmoͤglich. Du irrſt dich; hoͤchſtens acht, auf's aͤußerſte.”» — Ich will Dir's vorrechnen. War's nicht 1816, als wir zum Beſuch aus Valenciennes zu Dir kamen, Butler, Tom Wendburne und ich?— 12** Itriegsſrenen. «Bei'm Jupiter, ſo war's!“ — Und zaͤhlen wir nicht 18267— «Bei'’m Jupiter, ſo iſt's!“» Das«ſo war's» und«ſo iſt's” ſprach mein ar⸗ mer Freund gerade mit derſelben Betonung aus, ſo daß es ſchien, als laͤgen Vergangenheit und Gegen— wart verworren unter einander in ſeinem Kopfe. — und meine alten Cameraden, Butler und Wend⸗ burne,— hub er wieder an,— wie geht's ihnen?— «Wie es ihnen geht? Beide arme Teufel ſind uͤber Jahr und Tag todt.» — Wie du ſagſt? Nun ſo hat die Welt ein paar gute Menſchen weniger—— war ſeine gleichguͤltige Antwort, welche zu erkennen gab, daß die Zeit in ih⸗ rem Flug eben ſo wohl ſein Gefuͤhl, als ſein Ge— daͤchtniß abgeſtumpft hatte. Als wir ſo fortgingen, ſah ich mich nach Snap um, der in paralleler Richtung mit ſeinem Herrn, und eben ſo ſchnell den Huͤgel— den Lebenshuͤgel mein' ich— herabgekommen war. Snap, der in ſeiner Jugend blendend weiß geweſen, war dunkelgrau geworden. Seine Ohren, und ſtellenweiſe Ruͤcken und Hals waren abgeſchabt, kahl, und ließen das we— nige Fleiſch durch die Haut ſchimmern. Auf dem einen Auge blind, ſtocktaub, war er das leibhafte ehrwuͤrdige Ebenbild eines auf dem alten Regiſter ſte⸗ henden, auf Halbſold geſetzten Spuͤrhundes. Sein nein ar⸗ aus, ſo Gegen⸗ opfe. d Wend⸗ een?— fel ſind ein paal hguͤltige it in ihr ſein Ge⸗ 9 Snap Herkn, enshügel der in mnkelgral Ruͤcken das we⸗ Auf dem leibhafte giſter ſe Der Veteran. 275 Herr mußte gemerkt haben, daß ich ſo etwas dachte, denn er fragte:«Findeſt du meinen armen Snap nicht ſehr veraͤndert?» — Ja— ſagte ich in mir ſelbſt,— und ſei— nen Herrn dazu.— Doch ließ ich nur das«Ja laut werden, und verſchluckte den zweiten Theil der Antwort. Er war aus der Auberge in ein kleines Quartier gezogen, welches aus zwei Zimmern beſtand. Die Wirthin hieß Penelope, ein gutes Muͤtterchen; und ihr Haͤuschen ſtand in einer engen Quergaſſe hinter dem Markt. Es bedurfte nur einen Blick, ſich zu uͤberfuͤhren, Mangel ſei der Beweggrund, der meinen Freund aus ſeiner fruͤheren bequemen Wohnung ge⸗ trieben. Sein gegenwaͤrtiger Aufenthalt contraſtirte mit dem vorigen eben ſo ſehr, als der heutige Harti— gan mit dem vor zehn Jahren. Gleichwohl hatte er, bei der Einbuße an Geſundheit, Ausſehen, Haltung, ſelbſt an Gefuͤhlen, noch manches aus dem Schiff— bruch gerettet. Sein Grundcharakter war ihm un⸗ verkuͤrzt geblieben; dies bewieſen alle Umgebungen. Das Schlafzimmer war reinlich, und ſein kleines Wohn⸗ zimmer neben an, mit einem Theil des militaͤriſchen Tands ausgeſchmuͤckt, auf welchen er fruͤher ſo ſehr hielt. Das Ganze zuſammengenommen ſprach die Ge⸗ wohnheiten des Kriegsmanns, und den Kleinlichkeits⸗ ſinn des Hageſtolzen aus. Die Stuͤcke der abgetra⸗ 276 Itriegsſrenen. genen Garderobe unſeres Veterans lagen, in ſorgſame Falten geſchlagen, auf einem beſonderen Brette, und ein Laken daruͤber gebreitet, um ſie vor Staub zu be⸗ wahren; doch haͤtte dieſer auch fingerdick darauf lie⸗ gen koͤnnen, man wuͤrde doch gedacht und geſagt ha⸗ ben:«Staub im Staube!“ An Naͤgeln uͤber dem Kamin hing der alte Saͤbel, die eingedruͤckte Bruſt⸗ platte und der Ringkragen, welche ſo viel Feldzuͤge zu⸗ ſammen mitgemacht, ſo manchen Stoß verſetzt und aufgefangen. Ein Paar Moccaſſins— Canadiſche Halbſtiefeln— hingen zu beiden Seiten der Waffen, und wurden rechts von einem Suͤdamerikaniſchen Buͤffel⸗Jagdguͤrtel und links von einem Paar Spa⸗ niſchen Caſtagnetten flankirt. Der Hauptſchmuck eines Indianiſchen Kriegers kroͤnte das Ganze, und war mit der alten Schaͤrpe Hartigan's, wie mit einem Blumengewinde eingefaßt. Auf dem Geſimſe des Ka— mins lagen mancherlei Reliquien, keine heiligen, ſon⸗ dern ſolche, die er in den verſchiedenſten Gegenden, wohin er gelangt, eingeſammelt; die Waͤnde waren mit Bogen und Pfeilen, Schneeſchuhen und derglei⸗ chen zum Gebrauch oder Kriegsdienſt gehoͤrigen Sa⸗ chen behangen, waͤhrend eine verroſtete Flinte und eine mit Spinneweben uͤberzogene Angelruthe offenbar Zeugniß ablegten, daß ſeit mehreren Jahren ihr Ei⸗ genthuͤmer allen Uebungen der Jagd und des Fiſch⸗ fangs entſagt hatte. J gebote lehnte nige gleich ihm und einzi zu b bias Hal in ang bra geg ſeſſ laſſe che rgſame e, und zu be⸗ auf lie⸗ agt ha⸗ er dem Bruſt zͤge zu⸗ zt und nadiſche Waffen, aniſchen ar Spa⸗ ick eines nd wa t einem des Ka⸗ en, ſont egenden, waren derglei⸗ Der Veteran. 277 Nach wiederholtem herzlichen Willkommen und an⸗ gebotenem Schnaps, den Hartigan, als ich ihn ab⸗ lehnte, ſelbſt hinunter ſchluͤrfte, verließ er mich auf ei⸗ nige Augenblicke, um mit ſeiner Wirthin, welche zu⸗ gleich Haushaͤlterin, Stubenmaͤdchen und Koͤchin bei ihm war, wegen der Mahlzeit Ruͤckſprache zu halten, und von da, ſeinen Mitmiether, Tiſchgenoſſen und einzigen Geſellſchafter gegenuͤber von meiner Ankunft zu benachrichtigen. Dieſer Eine in Allem war To⸗ bias Underwood, ein Lieutenant von der Marine auf Halbſold, ein alter Alliirter, der ſich unſerem Philipp in ſeiner einſamen Wohnung aus wahrer Theilnahme angeſchloſſen, und, wie Dieſer mich verſicherte,« ein ſo braver und treuer Kerl war, als je einer dem Feinde gegenuͤber geſtanden und dem Freunde zur Seite ge— ſeſſen. Ich ſuchte die Zeit, wo ich allein und mir uͤber⸗ laſſen blieb, mir mit einem Geſchaͤft zu vertreihen, wel⸗ ches man gewoͤhnlich in einem fremden Zimmer vor⸗ nimmt, nehmlich mit unſchuldiger Muſterung der darin befindlichen Geraͤthe. Waͤre ich im geringſten zu mo— raliſchen Betrachtungen aufgelegt geweſen, ich wuͤrde uͤber den Zufall nachgedacht haben, welcher ſo verſchie⸗ denartige Gegenſtaͤnde zuſammengebracht. Statt deſ⸗ ſen aber begnuͤgte ich mich, Philipp's kleinen Buͤcher⸗ vorrath durchzuſtoͤbern, und fand, ohne Huͤlfe eines Katalogs, Folgendes: Joſeph Miller's luſtiges Vade⸗ 278 Itriegsſrenen. mecum— ein Reglementsbuch, halb zerriſſen— einen Band von Miſtr. Inchbald britiſchem Theater, mit ei⸗ nem großen rothen Weinfleck auf dem Titelblatte— eine Rangliſte vom November 1816, ohne Deckel— eine alte Ausgabe von Blair's Predigten, Theil I., ganz neu. Ferner fand ich eine Rangliſte der Marine, ei⸗ nen Traktat vom Dry-Rot, das Midſchipmans⸗Hand⸗ buch, oder einen aͤhnlichen Titel. Da aber auf den letzten Buͤchern der Name Tob. Underwood eingeſchrie⸗ ben ſtand, ſo konnte ich ſie nicht als zu Hartigan's Bibliothek gehoͤrig anſehen. Ich griff nun zur alten Rangliſte der Armee, blaͤtterte, und fand an den abgegriffenen Blaͤttern und der Verrenkung des Einbandes, daß Philipp ſie zum beſtaͤndigen ausſchließlichen Studium gemacht hatte. Jedes Blatt trug Randnoten, zwar nothwen⸗ dig abgekuͤrzt wegen des ſchmalen weißen Raums, wodurch dieſe monatlichen Berichte mit den breiten Naͤndern ſo mancher ſplendid gedruckten, oft nur ephe⸗ meren Schriften auf ſeltſame Weiſe contraſtiren. Ein kleines d oder k oder p vor dieſen oder jenen Namen geſetzt, bedeutete dead, killed, promoted(geſtorben, geblieben, avancirt), denn ſo konnte ich die Buchſta— ben durch meine Bekanntſchaft mit den bezeichneten Perſonen ergaͤnzen. Solche Abbreviaturen koͤnnten fuͤr die Herren Commentatoren bei dem gedraͤngten Styl, deſſen ſie ſich bedienen ſollten, zu einer ſehr zu empfeh⸗ 4 lenden Beför d's uu kung laune lipp ten,) ihn! Beid kruͤp chen Gar Ge jeinen mit ei⸗ — eine — eine „, ganz ine, ei⸗ Hand⸗ auf den eſchrie tigan'5 Armee, zlaͤttern lipp ſi gemacht othwen⸗ Raums, breiten ur eyhe⸗ en. Ein Namenl ſorben, Puchſta ichneten ten füt Styb⸗ enyſch Der VDeteran. 279 lenden Vorſchrift dienen. Leider bemerkte ich, daß die Befoͤrderungs⸗p's in duͤrftigem Verhaͤltniß zu den d's und k's ſtanden. Ich mochte aber dieſe Bemer⸗ kung nicht weiter fortſetzen, oder mich bei den Spiel⸗ launen des Gluͤcks laͤnger aufhalten, die unſern Phi⸗ lipp betreffen und ihn unter die d's bringen konn— ten, noch ehe das Patent, worauf er ſo ſicher rechnete, ihn unter die p's verſetzt haben wuͤrde. Er kam bald zuruͤck, und nun ſchlenderten wir Beide ohnweit des Hauſes einen kurzen Gang ver⸗ kruͤppelter Linden auf und ab, dem das Liebhabervoͤlk⸗ chen des Ortes den hochklingenden Namen Allée d'amour beigelegt hatte, den aber Philipp nach alter Gewohnheit Pall⸗Mall nannte. Er wußte das Maaß der erbaͤrmlichen Promenade bis auf einen Zoll anzu⸗ geben; ihm war jeder Knorr jedes Baumes bekannt, und durch ſein taͤgliches vieles Auf- und Abgehen hatte er eine eben ſo tiefe, nur nicht ſo dauerhafte, Rinne eingetreten, als der Streifen iſt, den die Tritte der Pilger im Chorgange der Kathedrale von Canterbury auf dem Wege zur Kapelle des heiligen Thomas Becket ausgehoͤhlt haben. Waͤhrend wir ſo herumſchlenderten, und die halbe Stunde vor Tiſche und die uͤberall eingefuͤhrte viertel⸗ ſtuͤndige Zugabe fuͤr Koch oder Koͤchin verſtreichen lie— ßen, machte mich mein Wirth mit allen Begegniſſen und Widerwaͤrtigkeiten ſeines Lebens ſeit dem Tage un⸗ 280 Itriegsſrenen. ſeres erſten Zuſammentreffens bekannt. Seine Ge⸗ ſchichte war kurz und bald erzaͤhlt; die Zuſaͤtze und Commentare deſto laͤnger und weitlaͤufiger; er ließ ſich in eine lange Wehklage uͤber die Leiden und Haͤrten ſeines Schickſals ein, und trug die einzelnen Schilderungen mit der gewoͤhnlichen Bitterkeit vor, die aber nur von Solchen, welche ſelbſt Aehnliches er⸗ litten, ſympathetiſch gefuͤhlt und ohne Unterbrechung angehoͤrt wird. Bald nach meinem Beſuch von 1816 war Capitaͤn Hartigan in die Reductionen, welche bei der Armee ſtattfanden, mit begriffen, und ſah ſich auf dem Punkt, in Unthaͤtigkeit verſetzt, aus dem Heere in die weite Welt verwieſen und auf Halbſold als auf ſein einziges Lebensmittel beſchraͤnkt zu werden; denn ihm fehlte ſonſt Alles, wodurch er, ohne der Wuͤrde eines Gentleman's, oder was Er wenigſtens dafuͤr hielt, etwas zu vergeben, ſein Loos haͤtte ver⸗ beſſern koͤnnen. Die Nation ließ das Wort«Er⸗ ſparniſſe“ laut erſchallen, aber dieſe Erſparniſſe fielen auf Diejenigen, welchen man ſie mit Aufopferung ei⸗ niger Sinecure⸗Stellen, haͤtte erſparen ſollen. Statt deſſen beraubte das angenommene oͤkonomiſche Sy⸗ ſtem, welches weder politiſch noch verſtaͤndig ausge— ſonnen war, mit ſo vielen ſeiner Ungluͤcksgefaͤhrten, auch unſern armen Philipp Hartigan der Penſion, zu welcher ihn ſeit vielen Jahren zwei Wunden be⸗ rechtigten, und welche er in ſeinem Wahn fuͤr einen F lebens Auger men, herab Penſ komn chend menſ der übrig ſocht deren hdhe Gu Sch M befri Gui behl ſagt Der Veteran. 281 lebenslaͤnglichen Lohn gehalten. So daß, in dem Augenblick, wo Sold, Rationen, und uͤbrige Einnah⸗ men, kurz ſein ganzer Militaͤr-Etat, auf die Haͤlfte herabgeſetzt war, er noch uͤberdies die Schmerzens⸗ Penſion fuͤr ſeine Wunden einbuͤßte, und ein Ein— kommen, welches fuͤr einen ledigen Krieger hinrei⸗ chend, ja uͤberfluͤſſig ſchien, ploͤtzlich dergeſtalt zuſam⸗ menſchmolz, daß es ihn nur wenig uͤber den Stand der Duͤrftigkeit erhob. Dabei ließ man dieſe ihm uͤbrig gebliebene Haͤlfte nichts weniger als unange— fochten; denn Handwerker und Glaͤubiger aller Art, deren Rechnungen der gedankenloſe Schuldner immer hoͤher hatte anlaufen laſſen, und die ihn nie um eine Guinee angeſprochen hatten, ſo lange eine Guinee ein Schilling fuͤr ihn war, brachen jetzt Alle auf ein Mal los, und wollten bis auf den letzten Schilling befriedigt ſeyn, zu einer Zeit, als ein Schilling eine Guinee in ſeinen Augen war, und er ihn nicht ent— behren konnte, ohne ſich manches Nothwendige ver⸗ ſagen zu muͤſſen. Philipp, der ſeit zwanzig Jahren, d. h. ſeitdem er Rechnungen abzuthun hatte, keine Rechnung ge— fuͤhrt, und ſich um ſeine Geldangelegenheiten nicht bekuͤmmert hatte, fing jetzt zum erſten Male an, dar— uͤber nachzudenken. Er fand ſich bis uͤber die Oh⸗ ren in große Verlegenheiten verwickelt, von allen Sei⸗ bhhten gemahnt, mit Meldungen an die Horſe⸗Guards⸗ 282 Itriegsſrenen. Behoͤrde bedroht, oͤffentlichen Auftritten der empfind⸗ lichſten Art ausgeſetzt, und von gemeinen Leuten, de⸗ ren groͤßtes Vergnuͤgen darin beſteht, einem Gentle⸗ man wehe zu thun und ihn zu demuͤthigen, mit gro⸗ ben Schmaͤhungen verfolgt. Nur ein Mittel blieb ihm uͤbrig. Philipp Hartigan war ein Ehrenmann, ein Mann von Ehre; er that was er thun konnte, was er thun zu muͤſſen fuͤr Recht hielt. Er bot den Glaͤubigern alle Sicherheit an, die in ſeinen Kraͤften ſtand, und trat ihnen die Haͤlfte ſeines Halbſoldes ab. Dabei fiel aber auf die ihm gebliebene Haͤlfte die ganze Laſt der Unkoͤſten, des Porto, der Intereſſen, der Abzuͤge. Es entſtand auf dieſe Weiſe fuͤr ihn ein wahrer Sinking-Fond, ohne fuͤr ſeine Glaͤubiger zum Tilgungs⸗Fond zu werden. Das Einzige, was ihn aufrecht hielt, war der Hinblick auf ſein gehofftes Majors⸗Patent; freilich konnte er ſich's nicht ver— hehlen, daß bis dahin noch eine geraume Zeit ver⸗ ſtreichen muͤſſe; wenn er aber auf die Schnelligkeit zuruͤckſah, mit welcher die vergangenen Jahre verflo⸗ gen waren, ſo ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, daß es ſich mit den nachfolgenden eben ſo verhalten wuͤrde. Leider hatte er den ſchleppenden Gang der Zeit noch nicht kennen gelernt, wenn ſie von Wider⸗ waͤrtigkeiten gehemmt, von taͤuſchenden und getaͤuſch— ten Hoffnungen aufgehalten wird. Ein Jahr verfloß nach dem andern, der veffh nungs Unga luſtige „aͤt je Stat er ſei brach zertre ſeinen Dind Der Veteran. 283 pfind⸗ nungsſtrahl verblich und erkaltete immer mehr. Ohne u, de⸗ Umgang, ohne troͤſtenden Erſatz fuͤr ſeine leichte und entle⸗ luſtige Lebensweiſe, ſank Philipp Hartigan's Morali⸗ t gro⸗ taͤt je tiefer, je weiter er in den Jahren vorruͤckte. blieb Statt der geiſtvollen Geſellſchaft, die ihm fehlte, nahm mann, er ſeine Zuflucht zu geiſtigen Getraͤnken, und dieſes onnte, brachte alle von dieſem Schritt der Verzweiflung un⸗ ot den zertrennlichen Uebel uͤber ihn; denn bald ergab er ſich räͤften ſeinem Feinde unbedingt, d. h. er ſchrieb ſich bei'm es ab. Trinken eben ſo wenig Bedingungen der Maͤßigkeit gunze vor, als der Franzoſe bei'm Broteſſen, wenn man ihm ;, der Pain à discrétion hinſtellt. Doch ich darf hier dem dn ein armen Philipp nicht zu ſchwer fallen; ſchiene es doch, t zum als wollte ich ihm jene Laſt noch auf ſein Grab waͤlzen. s ihn Unſer Veteran hatte nicht gleich Muth und Hoff⸗ hofftes nung verloren; auch verlor er ſie nie ganz, und ging t ver⸗ nie in Verzweiflung uͤber. Er ſetzte ein Memorial tver⸗ nach dem andern auf, eine Petition nach der andern. ligkit Bittſchriften folgten auf Bittſchriften, Erwartungen auf verfl⸗ Erwartungen. Seine Verſuche, wieder in volles Gehalt fuung zu treten, wurden ſtets angenommen, in Berathung haltn gezogen,— abgeſchlagen. Zwar hatte er keine uͤber⸗ 4 det wiegende Gruͤnde anzugeben, keine beſondere Anſpruͤche gder geltend zu machen. Der Koͤnigliche General⸗-en-Chef tauſc der Armee konnte unmoͤglich, auch bei dem beſten Willen, allen Bitten und Vorſtellungen in der gan⸗ 6 ren Armee Folge leiſten. So oft Philipp um die A Hoff — 284 Itriegsſrenen. Fortſetzung ſeiner Penſion fuͤr Wunden einkam, er⸗ hielt er den hoͤflich abgefaßten Beſcheid: er habe ſich bei der Militaͤr⸗Medizinal⸗Behoͤrde zu melden, und dort ſeine Wunden unterſuchen zu laſſen. Da aber dieſe Behoͤrde unbeweglich in London ſtationirte, und Philipp aus Geldmangel weder zu ihr, noch ſie zu ihm kam, ſo traf hier der Fall ein, daß Mahomet und der Berg um keinen Zoll breit einander naͤher ruͤckten. So ſtanden die Sachen ſeit mehreren Jahren im— mer auf demſelben Punkt, und Philipp ſaß feſt auf dem Grunde, als ein alter Bekannter, T;obias Un⸗ derwood, auch ein Halbſoͤldner, ein verſtuͤmmelter Invalide, in eben ſo unfreundlicher Lage, zum Be⸗ ſuch zu ihm kam. Tobias fand das Staͤdtchen eben ſo gut wie jedes andere zur Niederlaſſung, hielt ſei— nen Freund fuͤr einen beſſeren Geſellſchafter als viele Andere, und machte die Entdeckung, daß der Brandt⸗ wein hier wohlfeil und zugleich wohlſchmeckend ſei. So ward denn in Kurzem die Sache zwiſchen Beiden abgemacht, und ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß gegen Sorgen aller Art, gegen Teufel von allen Farben ge— ſchloſſen. Sie zogen zuſammen. Eine Schuͤſſel, Eine Flaſche, Eine Geſchaͤfts⸗ und Lebensgenoſſenſchaft: beide Theile ſchoſſen ihr bischen Armuth zuſammen; da war kein Neid, kein Streit um Kapital und Intereſſen; Mangel macht die beſten Freunde, und ollem Zwiſt ſh ein E im Ue zweiſti Avane Minr unter nen; Unglü Und die be Polit in ih ſie b gion Jc Eng en n, er⸗ de ſich , und aber e, und ſie zu ahomet naͤher en im⸗ iſt auf 3 Un⸗ zmelter m Be⸗ eben elt ſei viele randt⸗ ri. So Beiden gegen ben ge⸗ Eine beidt da wat exeſſen; Zwiſ Der Veteran. 285 ein Ende. Dazu kam, daß unſere Waffenbruͤder auch im Uebrigen eines Sinnes waren; ſie ſchimpften in zweiſtimmigem Chor auf die Regierung, welche ſie auf Avancement warten ließ, und vergaßen dabei, daß es Maͤnner giebt, welche die Natur beſtimmt hat, auf untergeordneten Stellen ſtehen zu bleiben, weil es ih— nen zu hoͤheren an Faͤhigkeit mangelt, und es ein Ungluͤck fuͤr ſie waͤre, weiter befoͤrdert zu werden. Und was die zwei Hauptpunkte betrifft, worin auch die beſten Freunde oft abweichen, naͤmlich Religion und Politik, ſo lief Philipp ſo wenig als Tobias Gefahr in ihren Meinungen gegen einander anzukaͤmpfen, da ſie beide dafuͤr hielten: Politik ſey Betrug und Reli⸗ gion Heuchelei. Unſere Freunde wußten ſich uͤbrigens im Staͤdt— chen ein gewiſſes Gewicht zu geben, und wurden all⸗ gemein hoch geachtet, welches um ſo verdienſtlicher war, da Beide zuſammen taͤglich nicht mehr als eine Krone auszugeben hatten; ihr Geheimniß beſtand aber darin, daß ſie nicht mehr ausgaben, als ſie einnah⸗ men. Das Gegentheil klingt faſt wie ein paradoxer Satz, wie ein Irish-Bull, nicht nur im Ausdruck, ſondern auch in der Praxis. Philipp ſtellte mich ſeinem Freunde foͤrmlich vor. Ich fand in ihm einen derben gutmuͤthigen Nord⸗ Englaͤnder mit einem Stelzbein, einer ungefaͤhren it Kenntniß desjenigen Theiles der Welt, in welcher er 286 Itriensſrenen. ſich herumgetummelt, und mit Geiſtesanlagen, die ihn lipp zu keinem zweiten Columbus gemacht haben wuͤrden. aus ſe Ein Seeſoldat iſt von Natur eine Art von Amphi⸗ ein go bium. Er kann ganz gut auf dem Lande leben, aber ſche ei wenn man ihm dort zu ſehr auf den Leib ruͤckt, ſchluͤpft räpar er in's Waſſer. Iſt er nur einigermaßen verſtaͤndig, man ſo wird aus ihm ein Mittelding, aus beiden Elemen⸗ Stoff ten beſtehend. Gerade ſo war Tobias; man haͤtte ihn arbeit mit dem Glaſe Grog, das vor ihm ſtand, vergleichen Anla koͤnnen: halb Glas, halb Grog. Er wußte eine Menge ſich z luſtiger Anekdoten vom See- und Landdienſte, trug jedem ſie mit Lebendigkeit vor, und wuͤrde fuͤr einen capi⸗ mand talen Erzaͤhler(im beſten Sinne des Wortes) ge⸗ Nich golten haben, waͤre er nicht in dieſem Stuͤcke von Phi⸗. lipp Hartigan durchaus in Schatten geſtellt worden. Anel Kaum war das Mahl voruͤber, und Philipp's wege V Herz, nachdem er einige Humpen Brandtwein und ſeine war Flaſche Burgunder zu ſich genommen, froͤhlich gewor⸗ lei, den, als er anfing, ſich wie eine Nachtblume aufzu— Tob ſchließen. Allmaͤhlich entfalteten ſich die Blaͤtter ſeines iſter Gedaͤchtniſſes— vulgo die Schreibtafel ſeines Gehirn⸗ ten kaſtens— und wie er vollends wieder von der Flaſche 1der zum Humpen uͤberging, trat ſein Gemuͤth in ſeiner wein ganz alten Geſtalt wieder auf, und nun ſtroͤmten eine dem Menge Hiſtoͤrchen von ihm aus, wie ſie ſelten in gro⸗ ßen Gelagen vorkommen. Denn Erzaͤhlen war Phi⸗ und 1 ie ihn uͤrden. Emphi⸗ , aber chlaͤpſt tandig, lemen⸗ tte ihn leichen Menge , trug capit 8) g n Phi⸗ orden. ilppys d ſeine gewor⸗ aufzu⸗ ſeinet Hehien Flaſche ſeiner en eine in gro⸗ ar Phe Der Veteran. 287 lipp Hartigan's eigenthuͤmliches Talent. Nie habe ich aus ſeinem Munde ein Wort gehoͤrt, was der Englaͤnder ein good Thing, der Franzoſe ein bon mot, der Deut⸗ ſche einen guten Einfall, ein Witzwort nennt, nie eine répartie, eine ſchnelle, beißende Gegenantwort. Gab man ihm aber nur Gelegenheit und unbedeutenden Stoff zu einer Erzaͤhlung, ſo wußte er ihn ſo zu be— arbeiten, und dabei ſeine Gabe zum Schildern, ſeine Anlage zur Pantomime, ſein biegſames Organ welches ſich zu jeder Stimme, jedem Idiom, jeder Ausſprache, jedem Accent herlieh, ſo zu benutzen, daß ihn Nie⸗ mand hierin uͤbertraf, und er aus Wenigem Viel, aus Nichts oft Etwas und Alles zu machen verſtand. Dieſen Abend beſonders tiſchte er uns ſeine beſten Anekdoten auf; zwar lauter alte und bekannte, aber des⸗ wegen um nichts ſchlechter geworden. Sein Gedaͤchtniß war ſo friſch als jemals, und es galt ihm voͤllig einer— lei, ob er ſcherzhafte oder ernſte Hiſtoͤrchen vortrug. Tobias Underwood, der ſeine kleinen Geſchichten weit oͤfter als ich hatte erzaͤhlen hoͤren, mußte bei den er— ſten eben ſo laut auflachen, als waͤren ſie eben erſt aus der Muͤhle gekommen; bei den letzten ſtill vor ſich weinen,— doch nur nach der zweiten Flaſche und dem ſechsten Humpen. Das Tageslicht beſchaͤmte unſere Nachtlichter, und wir ſchieden. Toby begab ſich auf ſein Zimmer, —xixi — —— —————— — —-—— —— ———— ——V2 2—⏑—ʒõ⸗-— 288 Itriegsſrenen. und Philipp kroch in ſein Bett, doch nicht eher, bis er mich auf meiner Streu im Salon bequem gelagert geſehen. In Vergleich mit meinen Gefaͤhrten hatte ich we⸗ nig zu mir genommen, ſo daß ich mir vorwerfen laſ⸗ ſen mußte, ich ſei ein Stuͤmper(ein Fletcher, eine mazette) geworden. «Dahin kommt es mit Einem, der in dieſem verfluchten Lande wohnen muß“ ſagte Philipp, ſein Glas fuͤllend.«Iſt's nicht ſo, Toby?“ — Ja wahrhaftig;— erwiederte dieſer, indem er ſeines leerte. «Es wird, ſo wahr, noch einſt ſo weit mit uns kommen,“ ſetzte Philipp hinzu, einen Humpen hin⸗ abgießend. — Nicht vor dem Patent,— dachte ich. «Ja, und mit mir ebenfalls, wenn's auf die Neige geht,» rief Tobias, und ſchenkte wieder ein. — Ja wol, nicht eher,— dachte ich. Als der einzige Abſtemius von uns Dreien hatte ich den Vortheil, einen geſunden drei⸗ bis vierſtuͤndi— gen Schlaf zu thun, welcher mich ganz wiederher⸗ ſtellte. Mit Philipp ging es anders. Der ſchlief und ſchnarchte immer fort, daß ich es im Nebenzimmer hoͤren konnte. Sollte ich ihn wecken? Nein. Aber womit mich beſchaͤftigen? Der Buͤchervorrath, die Ruͤſtkammer, das Kunſt⸗ und Naturalienkabinet bot mir — mir kel, j unbek kleine trieb nung, irgent der d und geſeh geſetz gen nen Phi einze ſchl ment huͤl man Vide veira Ein keten Nr. 1 ſang U her, bis gelagert ich we⸗ ffen laſ⸗ er, eine dieſem pp, ſein , indem mit uns pen hin: h. ie Neigt ien hatte jerſtundi⸗ jederhet⸗ Hlif und enzimmer n. Aber rath, de binet bo —— 4 mir 1 BDer Veteran. mir nichts neues an; ſo daß ich anfing, jeden Win⸗ kel, jedes Loch zu durchſtoͤbern, ob ich auf einen noch unbekannten Gegenſtand ſtieße. Endlich fand ich eine kleine Mahagony⸗Buͤchſe ohne Schloß. Die Neugier trieb mich, den Inhalt zu unterſuchen, in der Hoff⸗ nung, etwa einen Wildſchwein⸗Fangzahn, oder ſonſt irgend eine Raritaͤt des Auslandes zu finden. Haͤtte ich aber ſaͤmmtliche Sammlungen aller Seltenheiten der drei Naturreiche, haͤtte ich ſaͤmmtliche zoologiſche und anatomiſche Muſeen auf einem Fleck vor mir geſehen, ſie wuͤrden mich nicht in ſo großes Erſtaunen geſetzt, mich nicht ſo ſehr intereſſirt, ſo innig angezo— gen und geruͤhrt haben, als es der Inhalt der klei— nen Mahagony⸗Buͤchſe meines Freundes, des armen Philipp Hartigan, und die einfachen Ueberſchriften der einzelnen Stuͤcke gethan. Ein groͤßerer papierner Um⸗ ſchlag, worin Alles lag, fuͤhrte die Worte:«Frag⸗ mente eines alten Soldaten.» Auf kleineren Papier⸗ huͤllen, in welche Jedes beſonders gewickelt war, las man: Nr. 1. Knochen aus meinem Bein, Monte⸗ Video; Nr. 2. Knochen aus meinem Kopfe, Tala⸗ veira; Nr. 3. Knochen aus meinem Arme, Badajoz. Ein letztes Papier enthielt eine plattgedruͤckte Muſ⸗ ketenkugel in Baumwolle, daruͤber ſtanden die Worte: Nr. 4. Ausgeſchnittene Kugel, Waterloo. Dieſe heiligen Reliquien langer Kriegsdienſte nnd langer Leiden erregten in mir eine ſolche Wehmuth, II. 13 290 Itriegsſrenen. ein ſo melancholiſches Gefuͤhl, daß die angeſtrengteſten Bemuͤhungen meines Freundes und ſeines Genoſſen, es umzuſtimmen, vergeblich waren. Der Tag verging mir wie ein Tag der Trauer, die darauf folgende Nacht wie eine Trauernacht. Philipp hingegen gehorchte, als am Schluſſe des Mahls die Flaſchen wieder um— gingen, der Stimme der Begeiſterung, die aus ihnen floß, war luſtig und guter Dinge, fand ſeine natuͤr⸗ liche Lebhaftigkeit wieder; doch wollten ſeine Geſchich⸗ ten nicht ſchmecken und ſchienen ihre liebliche Friſche verloren zu haben: die drolligen klangen nicht mehr drollig; die ernſten waren ernſter und truͤber als vor⸗ hin. Was mich betraf; ſo war es mir unmoͤglich in die paar Stunden naͤchtlichen Freudenrauſches eines Ungluͤcklichen einzuſtimmen, deſſen Lage ſo durchaus troſt⸗ und freudenlos war; und als ich fand, daß die Verlaͤngerung meines Beſuchs mein Misbehagen nur vermehren muͤſſe, ſo entſchloß ich mich am dritten Morgen aufzubrechen, mit dem Verſprechen, und dem feſten Vorſatz es zu halten, in kurzem wieder bei Philipp einzuſprechen, zumal da ich ihn nicht ohne Hoffnung verließ, meinen Entwurf, ihn aus der trau⸗ rigen Einoͤde, worin er verkuͤmmerte, heraus zu gra⸗ ben, und in einen freundlicheren, geſelligeren Boden zu verſetzen, verwirklichen zu koͤnnen. Philipp ſchuͤttelte mir bei'm Abſchiede herzlich die Hand; ich mußte ihm verſprechen, bald wieder zu kom⸗ ngteſten ſſen, es verging eNacht horchte, der um⸗ s ihnen enatuͤr⸗ ÿeſchich Friſche ht mehr als vor⸗ umoͤglich es eines durchaus daß die gen nur dritten und dem jeder bei cht ohne der trau⸗ zu gka⸗ n Boden rzlich die ru tam Der Veteran. 291 men, und er verſicherte mir noch ganz zuletzt, er werde nicht mehr lange an dem Orte bleiben; denn, ſetzte er hinzu:«mein Majors⸗Patent iſt mir gewiß, und muß naͤchſtens einlaufen.”* Vier Wochen ſpaͤter erhielt ich einen Brief auf grobes Papier geſchrieben, und ſchwarz verſiegelt. Auf dem Siegelklecks ſtand ein Anker im Mittelfelde; eine Flinte als Helmſchmuck, auf etwas, das einem Waffenſchilde aͤhnlich ſehen ſollte. Das Schreiben lautete wie folgt. Hochgeehrteſter Herr! Sie werden mit Beileid vernehmen, daß unſer armer Freund, der Capitaͤn Philipp Hartigan, dieſen Morgen zur Erde beſtattet worden iſt. Er ſtarb vor zwei Tagen, ganz ploͤtzlich. Der Arzt nannte ſein Uebel eine Aufloͤſung des Nervenſyſtems; ich halte es fuͤr die Aufloͤſung eines gebrochenen Herzens. Er war die bravſte, die beſte, die luſtigſte Seele unter al⸗ len Lebenden und Todten; doch das wiſſen ſie beſſer als ich es Ihnen ſagen koͤnnte. Mein ſterbender Freund hat mir aufgetragen, an Sie zu ſchreiben, ſo— bald alles voruͤber ſeyn wuͤrde. Ich habe ihn ſo ſtandesmäͤßig begraben laſſen, als es mir moͤglich ge— weſen; auch habe ich veranſtaltet, daß die kleine Buͤchſe mit den Knochenſplittern, welche er ſo ſorgfaͤltig auf— bewahrt, zu ſeinen uͤbrigen Gebeinen gelegt wurde. Ergebenſter Tobias Underwood. 13* 292 Itriegsſrenen. N. S. Snap iſt vor acht Tagen ſeinem Herrn vorausgegangen. Der Brief machte einen tiefen ſchmerzhaften Ein⸗ druck auf mich. Die unerwartete Botſchaft erſchuͤt⸗ terte mich um ſo mehr, da ich eben mit einer Ein— richtung fertig geworden, welche meinem Freunde einen beſſern Wohnſitz bereitete. Doch war es vielleicht beſ⸗ ſer fuͤr ihn, an dem Orte zu ſterben, wo er ſo kuͤm— merlich gelebt hatte, und wo ihm der Abſchied von der Welt leicht werden mußte. Sein Grab iſt mit einem kleinen Leichenſtein be⸗ zeichnet, der bloß ſeinen Namen, und ein Paar Zei⸗ len enthaͤlt, worin ſeine guten Eigenſchaften erwaͤhnt werden. Wie wenige— vielleicht kein einziger ſeiner vielen Bekannten, Waffenbruͤder und Freunde, werden den Ort aufſuchen und die prunkloſe Grabſchrift leſen. Ich habe einige ſeiner Erzaͤhlungen und Anekdo⸗ ten aus dem Gedaͤchtniſſe, leichthin zu Papier ge⸗ bracht. Es ſind bloße Skizzen, denen Farbe, Leben und Seele des muͤndlichen Vortrags abgehet. Sie waren uͤberhaupt mehr fuͤr den Zuhoͤrer, als fuͤr den Leſer; doch da der groͤßte Theil meiner Leſer ſie nicht hat erzaͤhlen hoͤren, ſo mag hier eine, oder die andere, als Probe ſtehen, und um Nachſicht bitten. Herrn Ein⸗ ſchuͤt⸗ Ein⸗ einen t beſ⸗ kuͤm⸗ d von in be⸗ r Zei⸗ wähnt ſeiner verden leſen. nekdo⸗ er ge⸗ Leben Sie r den nicht ndere, Capitän X. Waͤhrend meiner Dienſtzeit habe ich mit einer gro⸗ ßen Anzahl Tapfern und wenigen Memmen verkehrt, habe Muth und Furcht auf verſchiedene Weiſe und in mancherlei Geſtalten ſich entwickeln geſehen; aber nur einziges Beiſpiel iſt mir vorgekommen von Keck⸗ heit mit Feigheit gepaart, von der niedertraͤchtigſten Poltronerie mit der beſonnenſten Geiſtesgegenwart ausgeſtattet. Als ich naͤmlich bei einem Dienſtwechſel in das Regiment getreten war, welches einen Theil der Spa⸗ niſchen Expedition ausmachen ſollte, und von dem kommandirenden Major meinen Waffenbruͤdern vor⸗ geſtellt wurde, war Capitaͤn X., mein kuͤnftiger Com⸗ pagniechef, der erſte, mit welchem ich Bekanntſchaft machte. Ich muß ſagen, daß mich nie, auf den er⸗ ſten Blick, irgend jemand ſo ſehr fuͤr ſich eingenom— men hatte, als er. Ein ſchoͤner, feiner, junger Mann, gewandt, geſittet, feurig, mit ſchnellem Witz begabt, und wie es ſchien mit Leib und Seele Soldat, und ein Liebling des ganzen Regiments. Er trieb ſeine Aufmerkſamkeit fuͤr mich auf's aͤußerſte, und ſelbſt 294 Itriegsſrenen. voll brennenden Eifer fuͤr den Dienſt, gab er ſich alle Muͤhe, einen Theil ſeines Muths und ſeiner kriegeri⸗ ſchen Gefuͤhle auf mich uͤberzutragen. Das erſte Mal, als unſer Regiment in's Feuer gefuͤhrt werden ſollte, betraf Capitaͤn R. das Un⸗ gluͤck, gerade an dem Tage von einer Unpaͤßlichkeit befallen zu werden, als unſere Brigade Befehl zum Angriff erhielt. Dies noͤthigte ihn, mir die Leitung der Compagnie zu uͤbertragen. Ich theilte ſein Be⸗ dauern aufrichtig: der Umſtand fuͤgte ſich ſo ſehr zur Unzeit; dabei kam es mir uͤberdieß vor, als leide er noch mehr am Gemuͤth als koͤrperlich, obſchon er drei Stellen angab, die ihm unſaͤgliche Schmerzen verur⸗ ſachten. Wie geſagt, ich bedauerte ihn doppelt. Kaum war es uns gelungen, den Feind aus einer ſtark befeſtigten Schanze zu vertreiben, als auch ſchon der Capitaͤn zu uns ſtieß, ſo friſch und geſund, und von ſeinen Kraͤmpfen befreit, wie ein Neubelebter, und zwar, wie er verſicherte, nach dem Gebrauch eines gewaltſamen Mittels, deſſen er ſich bei ſolchen Gele— heiten bediente, deſſen Wirkung ohnfehlbar ſei,— einer Kur auf Leben und Tod, wo es heißt:«Friß Vogel oder ſtirb.“ Er war nahe daran, als er erfuhr, daß das Gefecht voruͤber ſei, zu weinen wie ein Kind. «Man moͤchte raſend werden!» rief er ein Mal uͤber das andere aus. alle geri⸗ Heuer Un⸗ chkeit zum itung Be⸗ r zur de er drei erur⸗ einer ſen und ebter, eines Gele⸗ einer Vogel , daß Kind⸗ uͤber Capitän X. 295 Nach dieſem Sturm hatten wir manches ſchwere Scharmuͤtzel zu beſtehen. Capitaͤn R. war oft mit uns auf dem Platze, nur konnte ich ihn vor dem vielen Rauche nicht erkennen; ein einziges Mal gelang es mir, mich zu uͤberzeugen, daß er zugleich Takt und Taktik beſitzen muͤſſe; er ſtand naͤmlich, ſein Perſpectiv in der Hand, bald hinter einem Baum, bald in einer Vertiefung, den Blick unverwandt auf den Feind ge⸗ richtet, und mit großer Kaltbluͤtigkeit mir und den anderen Subalternoffizieren, abwechſelnd zum Vorruͤk⸗ ken und zum Ruͤckzug Befehl gebend, je nach den Umſtaͤnden. Als ich einſt bei'm Sturmlaufen, mit meinen Scharfſchuͤtzen auf einen verlornen Poſten detaſchirt war, wo es am heißeſten herging, haͤtte den Capi⸗ taͤn R., den ich hinter mir zuruͤckließ, beinahe ein großes Ungluͤck betreffen koͤnnen; ich erfuhr naͤm— lich, als ich mich nach beendigtem Auftrag dem Re⸗ giment wieder anſchloß, daß er aͤngſtlich nach mir gefragt, und mich dringend zu ſich entbieten laſſen. Mir wurde beſtellt: ich moͤchte unverzuͤglich zu ihm kommen; er habe allen Grund zu fuͤrchten, daß er den Tag nicht uͤberkeben wuͤrde; ſein Tod ſei unver⸗ meidlich. Ich eilte nach dem Quartiere, welches er in einem Haͤuschen dicht unter dem Walle genom— men; mit vieler Muͤhe, hieß es, ſei er bis dahin ge⸗ 13** 296 Itriegsſrenen. krochen. Unterweges traf ich den Regimentsarzt an, der die Verwundeten verband; ich bewog ihn, ſein Geſchaͤft fuͤr's erſte abzubrechen, mir zu folgen, und meinem Freunde augenblicklichen Beiſtand zu lei⸗ ſten. Wir ſanden ihn auf einer Matraze liegend, mit geſchloſſenen Augen, ohne Beſinnung. «Guter Gott!“ rief ich bei dieſem Anblick:«was hat ſich zugetragen? Sie verwundet, liebſter R.: wo?“ Er konnte nicht ſprechen, und kaum mit der Hand nach der Seite hinweiſen. — Erlauben Sie, Capitaͤn R.!— ſagte der Wundarzt.— Ich habe keine Minute zu verlieren, und alle Haͤnde voll zu thun. Druͤben liegen eine Menge Verwundeter, Offiziere und Gemeine.— «Ach! lieber Doktor, ſind Sie es?“ ſprach der Leidende mit ſchwacher Stimme, die Augen zum er⸗ ſten Mal aufſchlagend.„Wie guͤtig! wie menſchen⸗ freundlich! Kuͤmmern Sie ſich nicht um mich; eilen Sie, eilen Sie zu meinen Waffenbruͤdern; auf mich kommt wenig oder nichts an; mit mir iſt es aus! alle Huͤlfe zu ſpaͤt, alle Kunſt verloren. Ich bin eine Leiche— Setzen Sie aber nicht in Ihrem Be⸗ richt todt; ich moͤchte meinen Freunden keinen ſo ploͤtz⸗ lichen Schreck verurſachen. Setzen Sie gefaͤhrlich verwundet.“ — Ich kann gar nichts angeben, bis ich die da zarzt ihn, lgen, lei⸗ gend, was Capitän X. 297 Wunde geſehen habe,— verſetzte der Arzt trocken. — Wo ſind Sie verwundet, Sir?— «Ja, was dieſen Punkt anbetrifft, liebſter Dok⸗ ter, ſo kann ich es ſo genau nicht angeben; das will ſagen, ich kann ſo eigentlich nicht beſtimmen, daß ich — was man nennt— verwundet, getroffen bin; nur... nur... — Was nur, Herr? Ich habe Eile. Das Le⸗ ben ſo mancher Braven ſchwebt in Gefahr, wenn ich hier ohne Noth verweile; halten Sie mich nicht ſo lange, vielleicht um und wider nichts, auf!— rief der Arzt mit fuͤhlloſem Nachdruck. «Liebſter Mann, liebſter Freund,» verſetzte Capi⸗ taͤn X.,«unterſuchen Sie mich, behandeln Sie mich zuletzt, ganz zuletzt!“ — Wo iſt die Wunde, wenn uͤberhaupt eine Wunde da iſt?— fragte der Wundarzt peremtoriſch. —«Laſſen Sie es gut ſeyn, verlaſſen Sie mich; uͤber⸗ laſſen Sie mich meinem Schickſal; eilen Sie zu meinen Freunden, zu meinen armen Bruͤdern; bringen Sie ihnen Huͤlfe. Berichten Sie bloß: ich ſey ſchwer verwundet, und laſſen Sie mich ſterben!» — Aber was haben Sie denn fuͤr eine Wunde? wo ſitzt ſie? wie iſt ſie beſchaffen? frage ich Sie zum letzten Male!— „Es muß mich, ſo denke ich, ein Kanonenſchuß 298 riensſrenen. getroffen haben. Ich fuͤhle meine Seite zerſchmettert, eingedruͤckt; es wird, ſo zu ſagen, eine matte Kugel geweſen ſeyn.“ — Zeigen Sie nur die Stelle! Iſt etwas zu ſehen?— «Zu ſehen? nein, ſo eigentlich nicht; kein ſichtba⸗ res Zeichen. Auch ſollte ich meinen, es ſei keine Quet⸗ ſchung, nur ſo etwas aͤhnliches. Vielleicht die vor⸗ uͤberſtreifende Kugel aus einem Zwoͤlfpfuͤnder, oder dergleichen. Um kurz zu ſeyn, ſetzen Sie, lieber, be⸗ ſter Freund, bei meinem Namen(um die Gefuͤhle mei— ner Theuern zu ſchonen) ſetzen Sie... leicht ver⸗ wundet.⸗ — Wie Capitaͤn R., wie ſoll ich das nehmen?— „Nehmen Sie es immerhin, wie ich es ſage; eilen Sie zu ihrer Pflicht, zu den Andern; eilen Sie; aber ſo viel muͤſſen Sie mir verſprechen— denn verwun— det bin ich nun ein Mal— meinen Namen auf die Liſte zu ſetzen; verwundet, leicht verwundet, oder— wie Sie wollen; nur verwundet muß ich ſeyn, verſte⸗ hen Sie mich! Kein Wort weiter, keine Einrede; le⸗ ben Sie wohl, lieber, liebſter Doktor; leben Sie recht wohl!“ Der Doktor laͤchelte, aber ſo bitter, als haͤtte er eine Gabe Rhabarber eingeſchluckt. Er ging— und zu meinem, und ich moͤchte ſagen, zu des ganzen Hee⸗ res unendlichem Befremden, laſen wir einige Wochen Capitän X. 299 nachher in der Londner Zeitung den officiellen Be⸗ richt des Sturms, und darin den Artikel, mit der zum erſten Mal vorkommenden neuen Rubrik:«Capi⸗ taͤn X. uͤberaus leicht verwundet.“ Er, der Ca⸗ pitaͤn, war uͤbrigens der einzige beim Regiment, der ſich nicht ſchaͤmte, und ſich durch die Brandmarkung, die in dieſer ironiſchen Wendung des aͤrztlichen Be⸗ richts fuͤr ihn lag, nicht getroffen fuͤhlte. Jetzt gingen mir die Augen auf, ſo daß es mich nicht Wunder nahm, als ich bald nachher bei dem naͤchtli⸗ chen Angriff einer Feſtung mich von meinem Poſten im Nachtrab,(denn wir avancirten in kleinen Ab⸗ theilungen auf die Breſche zu) durch den erſten Ser⸗ geanten des Capitaͤns R., Eduard Flanegan von Gal⸗ way⸗town, mit folgenden Worten abrufen hoͤrte:«Herr Hartigan! Herr Hartigan! um Gotteswillen eilen Sie, was ſie koͤnnen, und uͤbernehmen das Commando der Compagnie, denn ſo eben laͤuft der Capitaͤn davon!» Wer erinnert ſich nicht lebhaft an den heißen Tag von Fuente d'Onore. Nur fuͤr Capitaͤn R. war es ein kuͤhler, ein kaltbluͤtiger. Das Dorf wurde meh⸗ rere Mal abwechſelnd genommen und verlaſſen. Bei dem letzten Angriff, woran auch unſer Regiment Theil nahm, wurde der Feind vertrieben und der Ort be⸗ hauptet. Als wir aber hier, um die Flanke abzuge⸗ winnen, in geſchloſſenen Colonnen Compagnienweiſe 300 Itrtegsſrenen. durch den Fluß waten mußten, benutzte Capitaͤn R. die Gelegenheit, ſchluͤpfte hintenweg, und faßte mit⸗ ten im Schutt eines abgebrochenen Hauſes Poſto, von wo er einen herrlichen Ueberblick des Ganzen ha⸗ ben konnte. Unſer Obriſt, ein Schotte, auf den ſich von Vater auf Sohn, der Loͤwenmuth ſeines Ge— ſchlechts vererbt hatte, und der unſer Bataillon in Per⸗ ſon anfuͤhrte, drehte ſich zum Adjutanten mit der Frage:«Ich ſehe den Capitaͤn R. nicht? Wo ſteckt er?“ — Dort hinter den Mauertruͤmmern,— gab die⸗ ſer zur Antwort, und zeigte mit dem Finger auf den ſichern Schlupfwinkel des recognoſcirenden Helden. «Bei Gott, das iſt zu arg!“ rief der Obriſt mit dem Ausbruch des hoͤchſten Unwillens.«Jagen Sie zu ihm hin, auf ihn zu, uͤber ihn weg; und wenn er nicht auf der Stelle zum Regiment ſtoͤßt, ſo hauen Sie ihn zur Stelle nieder. Und nun(fuhr er fort), brave Kameraden, auf den Feind los, feſt und beſon⸗ nen, mit dem Bajonett in die Rippen; alles nieder!“ Indem er ſich ſo an die Leute wandte, vergaß er den Capitaͤn. Aber ſein Adjutant hatte es ſich nicht zwei Mal ſagen laſſen, ſondern ritt im ſcharfen Ga— lopp zu ihm hin, und richtete den Befehl aus. Capitaͤn&. hoͤrte ihn kaltbluͤtig an, und erwie⸗ derte:— Ei, ei, guter Freund, deßwegen muͤſſen Sie ſo eilen? Hoͤren Sie mich an, und was ich zu mei— nen wei un Capttän X. 301 nen Gunſten zu ſagen habe. Ich will auf der Stelle des Todes ſeyn, wenn ich— «Tod und Teufel!“ ſchimpfte der Adjutant, nicht weiter auf ihn hoͤrend, gab ſeinem Pferde die Spo⸗ ren, flog auf ſeinen Poſten zuruͤck, war aber kaum angelangt, als eine Muſketenkugel ihn traf. Er ſtuͤrzte, und Leben und Tagewerk hatten fuͤr den Tapfern ein Ende. Wir ſtanden in Schlachtordnung bei Salamanca. Das Traubenfeuer fing ſeine Verheerungen an, und pfefferte die Téte unſerer Colonnen; die Leute fielen rechts und links. Unter andern ſtuͤrzte ein Offizier kopflings mit ganzem Leibe in einen trocknen Graben; die Menge jammerte uͤber den Fall des unbekannten Braven; einige, die den Capitaͤn X. erkannt hatten, waren froh, daß er es ſei, der eine Grube fuͤlle. So⸗ bald aber das heiße Gefecht fuͤr uns eine gluͤckliche Endſchaft erreicht hatte, mit dem Feuer inne gehal⸗ ten ward, und dem fliehenden Feinde lebhaft nachge⸗ ſetzt wurde, erſchien ohngefaͤhr hundert Schritt von uns, aus Staub und Rauchwolken hervortretend, auf die Linie zueilend, den Hut mit der ellenlangen Fe— der in einer Hand, mit der andern das blanke Schwert ſchwenkend, und dem Regiment das lauteſte Huzza, 30² Itriegsſrenen. welches jemals von den Arapillas wiederhallte, im Siegeston entgegenrufend— eine kriegeriſche Geſtalt. Die ganze Linie brach in Gelaͤchter aus, als ſie die Geſtalt von weitem auf ſich zukommen ſah; wie ver— doppelte es ſich aber, als unſere Compagnie, ihren braven Capitaͤn X. wieder erkennend, ihn mit Hohn und Ziſchen empfing! Seine beſte, aber auch leider! fuͤr den armen Ca— pitaͤn, ſeine letzte Kriegesthat fiel bald nachher bei der Belagerung einer Feſtung vor, deren tapfere Ver⸗ theidigung ihr zu eben ſo großer Ehre gereichte, als dem engliſchen Heere ſeine Beharrlichkeit bei'm An⸗ griff, und ſein Muth bei der Einnahme. Die Laufgraͤben waren bis zu einer ſo gefaͤhrli⸗ chen Naͤhe vorgeruͤckt, daß von den Waͤllen nach ein⸗ zelnen Koͤpfen, ſobald ſie uͤber die Bruͤſtung hervorrag⸗ ten, gezielt werden konnte, ſowohl mit kleinem Gewehr⸗ feuer, als mit grobem Geſchuͤtz, und zwar mit ſolcher Sicherheit, daß es die Feuerwerker den Scharfſchuͤtzen gleich thaten. An einem ſchoͤnen Morgen wurde, zu ihrem nicht geringen Befremden, unſere Compagnie außer der Reihe in die Tranſcheen zum Schutze der Arbeiter beordert, um die, welche in der vorigen Nacht dieſen im ſtalt. edie ver⸗ ihren Hohn n Ca- r bei Ver⸗ , als An⸗ ahrli⸗ hein⸗ orrag⸗ wehr⸗ olcher ͤßen nicht r der kbeiter dieſen Capitän X. 303 Auftrag gehabt, und bei Tagesanbruch durch das hef⸗ tige Feuer aus der Feſtung faſt ganz aufgerieben wor⸗ den, zu erſetzen. Es mußte ſich fuͤgen, daß einer unſerer Subal⸗ ternoffiziere vor einiger Zeit geblieben war, ſo daß Capitaͤn R. ſonſt keinen unter ſeinem Commando hatte als mich, und den Faͤhnrich, einen zwanzigjaͤh⸗ rigen, baumſtarken Rieſen von ſechs Fuß fuͤnf Zoll, einen Irlaͤnder aus Kerry. Die Compagnie mar⸗ ſchirte auf, ruͤckte in die Laufgraͤben ein, bis in die vorderſten, ganz in den Bereich des feindlichen Ge⸗ ſchuͤtzes; und war, ich muß es nur geſtehen, eben ſo froh als der Capitaͤn, als ſie ſich hamſterartig hinter ihrem Erdwall eingegraben ſah. Laͤngs der Tranſcheen waren hier und da kleine hoͤher ſtehende Schanzen aufgeworfen, damit die com⸗ mandirten Offiziere von dort aus eine beſſere Ueber⸗ ſicht der Arbeiter und ihrer Arbeiten haben koͤnn⸗ ten. Ich ſtieg, oder vielmehr kroch in eine dieſer Schanzen, um dort den einzigen in der vorigen Nacht uͤbrig gebliebenen Offizier abzuloͤſen, und fand ihn eben beſchaͤftigt, das Fruͤhſtuͤck, welches ihm ſein Kerl gebracht,— eine Brodrinde— zu benagen. Ehe der arme Teufel den Poſten verließ, wollte er noch einen Blick auf die Feſtungswerke werfen, hob den Kopf in die Hoͤhe, und in demſelben Augenblick flog eine aus einem Vierundzwanziger abgeſchoſſene Ku⸗ — — —— —y——— 304 lriegsſrenen. gel mit dem Kopfe davon, und ſchleuderte den Rumpf klafterweit aus der Schanze. Dies waren keine guͤnſtige Ausſichten fuͤr eine Lage wie die unſrige; am allerwenigſten fuͤr unſern Capitaͤn. Ich hatte mich kaum in meiner kleinen Verſchanzung niedergelaſſen, als ich ihn laͤngs der Schanzkoͤrbe ſich mir naͤhern ſah, krumm gebuͤckt, uͤber die Gebuͤhr, mit der vorſichtigſten Vorſicht. Er ſchlich auf allen Vieren in die Schanze, mich zu erſuchen, daß ich den Platz mit ihm tauſchen, und das Com⸗ mando der Compagnie uͤbernehmen moͤchte; er wuͤnſche naͤmlich, ſagte er, die gegenuͤberliegenden Baſtionen aufzunehmen: zugleich zog er eine Schreibtafel und ein Blei aus der Taſche. Ich wollte ihm die Bitte nicht abſchlagen; eine Bitte, die, haͤtte er den Erfolg vorausgeſehen, er um Alles nicht gethan haben wuͤrde; denn von ihr hing fuͤr ihn die bald darauf folgende Kataſtrophe ab. Kaum waren fuͤnf Minuten verfloſſen, ſeitdem ich die Stelle mit dem Capitaͤn gewechſelt, und die mei— nige an der Spitze der arbeitenden Compagnie ange⸗ nommen, um, meiner Pflicht zu Folge, ſie zu leiten und anzutreiben, als der General du jour mit zwei Adjutanten und einigen Ordonnanz⸗Dragonern ange⸗ jagt kam. Er war der Bravſten einer unter den Braven, und leider zu brav, denn nicht gar lange nachher ließ er ſeine Knochen in einem entlegnen Lande umpf eine nſern einen 3 der uͤber chlich ſchen, Com⸗ inſche ionen und Bitte Erfolg uͤrde; gende m ich mei⸗ ange⸗ leiten dwii ange⸗ t den 3⁰⁵ Capitän F. und in einer Beſtimmung, die ſeiner Talente unwerth war. Auch er war ein Irlaͤnder, und unſer Regi⸗ ment ihm wohl bekannt. «Wer kommandirt die Leute, Lieutenant Harti⸗ gan?» war ſeine Frage. — Ich, General!— war meine Antwort. «Eine ganze Compagnie? Nicht wahr? Wer iſt der Capitaͤn? Wo iſt er?“— waren ſeine naͤchſten, ſchnell auf einander folgenden Fragen. — Eine ganze Compagnie, General. Capitaͤn X., der Hauptmann, ſitzt dort in der Schanze.—— Waren meine eben ſo ſchnellen Antworten. «Sitzt in der Schanze? Hol' ihn der T... ein Mal und abermals! Was ſchafft er dort? Hoͤren Sie, Herr(ſich zu unſerm Wegweiſer von Faͤhnrich wen⸗ dend) ſie haben Gottlob lange Beine; fort und ſchnell zu ihm in die Schanze, und bringen mir den Capi⸗ taͤn E. unverzuͤglich. Buͤck! buͤck! tiefer! noch tie⸗ fer! Herr, wenn Sie ſich nicht buͤcken, ſo kommen Sie, bei Jaſus, ohne Kopf in die Schanze und wie⸗ der zuruͤck!“ Der unerſchrockene Rieſe von Kerry ſchritt da⸗ von, eben ſo wenig auf des Generals Warnung ach⸗ tend, als auf den Schutz der Faſchinen und Schanz⸗ koͤrbe. Bei der Schanze angekommen, wiederholte er dem Capitaͤn ſeinen Auftrag Wort fuͤr Wort. — Ueber den verfluchten Hitzkopf!— rief dieſer. 306 Itriegsſrenen. — Gehen Sie zum General zuruͤck, mein redlicher Faͤhnrich; ſagen Sie ihm, ich naͤhme die Gegend auf; es ſei ein hoͤchſt wichtiges Stuͤck Arbeit; die Inge⸗ nieure haͤtten Fehler uͤber Fehler begangen; ich wolle es ihnen beweiſen. Verſichern Sie ihm, nichts in der Welt koͤnne mich von dieſem Geſchaͤft abrufen. Der Langbein machte links um, und berichtete dem General, welcher eben beſchaͤftigt war, Befehle zu er— theilen. «Was eine Zeichnung? einen Plan? Seh' mir Einer den unverſchaͤmten Schurken! es beſſer verſtehen wollen, als alle Ingenieure! Hoͤren Sie, Herr! auf der Stelle wieder zu ihm hin, und zum zweiten Mal Ih⸗ rem Capitaͤn geſagt: mein Befehl ſei, daß er ſich au⸗ genblicklich herſchere! Will er nicht, gut, ſo ſchleppen Sie ihn bei den Beinen, oder bei den Ohren aus der Schanze zu mir her, ſage ich Ihnen, hierher!» — Ich will Ihnen was ſagen, Freund,— war die langſame Antwort des Capitaͤns, als die zweite Botſchaft an ihn gelangte, wobei er jedes Wort dehnte, weil es ihm darum zu thun war, Zeit zu gewinnen, und er hoffte, der General werde ſich mittlerweile vielleicht aus den Laufgraͤben, oder wol gar aus der Welt trollen, wenn ein guͤnſtiger Schuß aus der Fe⸗ ſtung ihn traͤfe.«Ich... will... Ihnen... etwas „ ſagen,.. Freund.”» So langſam jener, ſo ſchnell antwortete dieſer: icher auf; nge⸗ volle der dem uer⸗ mir tehen f der (Jy h au⸗ eppen s del war weite chute, innen, weile s der er Fe⸗ ieſer: Capitäu X. 307 « Geben Sie ſich keine Muͤhe, mir etwas ſagen zu wollen, Capitaͤn&. Ich habe Ihnen nur kurz und gut zu ſagen: fort mit mir, augenblicklich fort!“— Und in demſelben Augenblick flog ſein Chacot, der uͤber den Erdwall vorragend bemerkt worden, von einer feindlichen Kugel durchbohrt, ihm vom Kopfe. «Gott im Himmel, welcher Gefahr ſind Sie ent⸗ gangen! Wie koͤnnen Sie von Gluͤck ſagen, daß Sie nicht drei Zoll mehr meſſen!“» rief der Capitaͤn aus. — Was haben Sie ſich, Capitaͤn, um mein Maaß zu bekuͤmmern, und ob ich ein paar Zoll mehr oder weniger habe!— erwiederte der Faͤhnrich, waͤhrend er den Chacot kaltbluͤtig vom Boden hob, abklopfte und wieder aufſetzte.— Laſſen Sie mich ein Wort Ihnen ſagen, keines mehr oder keines weniger. Bei Jaſus! kommen Sie nicht ſogleich mit mir, fein ſchmuck und manierlich, ſo ſchleppe ich Sie fort, todt oder lebendig; ich rathe Ihnen zu kommen, todt oder lebendig, wie es Ihnen beliebt.— Als R. ſah, daß jeder Verſchub, jeder Widerſtand, jede Ausflucht vergeblich ſei, erhob er ſich langſam und krummgebuͤckt, und folgte dem Lieutenant— in die Laufgraͤben bis an's Ende, nicht ohne unterweges vor ſich im Barte zu murmeln: man ſei unter die⸗ ſen hoͤlliſchen Tollkoͤpfen von Irlaͤndern keine Stunde ſeines Lebens ſicher; wo hingegen man mit Maͤnnern von gutem Verſtande und ſittlicher Erziehung zwoͤlf 308 Itriegsſrenen. Feldzuͤge hinter einander machen koͤnne, ohne mehr oder weniger Gefahr zu laufen, als ſonſt Jemand, der in ſeinem Leben kein Pulver gerochen haͤtte. Dem Feinde war es nicht entgangen, daß ſich ein Stabsoffizier mit Gefolge ſo nahe in den Laufgraͤben befinde. Die Geſchuͤtze wurden in verdoppelter An⸗ zahl auf ihn gerichtet. Einen Dragoner traf und zer⸗ ſchnitt in buchſtaͤblichem Sinne eine Kugel; ein Bom— benſtuͤck fiel auf ein Adjutanten⸗Pferd und zerſchmet⸗ terte ihm den Ruͤcken. Capitaͤn X. ſah dies alles, als er herankam; doch, um ſeine Rolle ganz auszu⸗ ſpielen, und dem General Rede zu ſtehen, erſchien er vor ihm mit Schreibtafel und Bleiſtift in der Hand, und wollte eben einige Worte ſtammeln, als ihn dieſer unterbrach.* «Kein Wort! kein Wort, Herr! Geſchwiegen, und mich angehoͤrt. Ihren Platz wieder eingenommen, Ihre Schuldigkeit gethan, oder bei'm Himmel, ich ſtatuire ein Exempel, wie noch keines» Hier wurde der General ſelbſt unterbrochen, denn eine zweite Bombe platzte gerade zuͤber der Gruppe. In den Knall, den ſie gab, miſchte ſich augenblicklich das Zetergeſchrei und Aechzen des Capitaͤns, der mit beiden Haͤnden um die Bruſt geklammert mit dem vollen Ausdruck der Todesangſt in allen Zuͤgen, ge⸗ rade vor dem Pferde des Generals ruͤcklings uͤber ſtuͤrzte. « Iſt's mehr d, der ch ein raͤben r An⸗ d zer Bom⸗ chmet⸗ alles, auszu⸗ ſſhien n der in, als n, und nmen, l, ich 3 denn ruppe. lickich er mit t dem n, ge⸗ z uübet Capitän X. 309 «Iſt's moͤglich, guter Gott! rief dieſer, ploͤtzlich umgeſtimmt, mit einer Gutherzigkeit, die mit ſeinem vorigen Ingrimm ſeltſam contraſtirte.«Wer haͤtte es gedacht, daß dieſer Menſch einen ſo ſchoͤnen Tod ſterben wuͤrde! Immerhin, laß ihn fahren, den armen Teufel! Er war uͤbrigens eine gute Haut, eine glatte, nette, geſchniegelte Geſtalt, ein luſtiger Burſch, und ein Elegant— jeder Zoll ein Gentleman— das muß man ihm laſſen; nur mit dem Herzen, mit der Courage ſtand es ſo ſo; doch das kann ſich Niemand geben, der's nicht mit auf die Welt bringt. Hier, Leute, breitet einen Mantel uͤber den Leichnam aus, und tragt ihn in's Lager.» Er ſchloß mit der Stelle: Armer Hans, leb' wohl! Wir konnten beſſer einen Beſſern miſſen.*) Nach dieſer Anſpielung auf Falſtaff ritt der Gene— ral, mit den Adjutanten und Ordonnanzen, unter einem Bomben⸗ und Kartaͤtſchenregen kalt und im Schritt weiter. Wir Beide, der lange Faͤhnrich und ich, waren uͤber den Vorgang ſo erſchuͤttert, daß wir ein paar Minuten an nichts Anders denken konnten, als an das Schickſal unſers Capitaͤns. Stumm und un⸗ beweglich ſahen wir ſeinem Leichnam nach, als er fort⸗ getragen wurde, ohne es uns befremden zu laſſen, daß *) Shaksſpeare's Heinrich IV., Erſter Theil, Akt V. II. 14 310 lliriegsſcenen. der Koͤrper ſchon ſteif geworden war, noch ehe wir ihn aus den Augen verloren. Man denke ſich aber des Generals Erſtaunen, der nun erſt dem Capitaͤn X. obige Standrede gehalten, als er eine Stunde darauf, bei ſeinem Eintritt in's Lager eben dieſen naͤmlichen Capitaͤn R. heil und un⸗ verſehrt, ohne bei ſeinem Anblick zu erroͤthen, oder ſich zu ſchaͤmen, ſo glatt, ſo nett, ſo geſchniegelt wie gewoͤhnlich, auf ſeinem kleinen Arabiſchen Klepper mit einer Hutfeder, ſo lang wie ſein Pferdeſchweif, die Linie entlang reiten ſah.— Und wie erſtaunte ich erſt, als er mir am folgenden Morgen friſch und ge⸗ ſund entgegenkam! Das konnte nun fuͤglich nicht ſo bleiben. Vom Ober⸗General war ſchon am naͤmlichen Tage ein Wink an ihn erfolgt. Gleich darauf hieß es— ſo ſprengte er wenigſtens aus— er habe Briefe aus England erhalten, welche ihn zur unverzuͤglichen Ruͤckkehr in's Vaterland aufforderten. Und wirklich machte er ſich noch denſelben Abend auf den Weg. In der naͤchſt darauf erſchienenen Gazette las man: er habe ſeinen Abſchied genommen, und da ſeit der Zeit aus Capi⸗ taͤn X. ein Capitaͤn⸗Ex, d. h. ein Ex⸗Capitaͤn gewor⸗ den, ſo habe ich weiter nichts von ihm zu erzaͤhlen. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin. wir Anzeige. In demſelben Verlage iſt erſchienen: Willibald Alexis geſammelte Novellen. Ir. 2r. Band. 8. 1830. geh. 2 ¾ Rthlr. Dieſe beiden Baͤnde enthalten des Verfaſſers fruͤheſte Novellen, naͤmlich: Iblou, die Schlacht bei Torgau, die Erſcheinung von Anklam, die ehrlichen Leute, der Schleichhaͤndler, der Braune, Graͤfin He⸗ lene. Alle ſind mehr oder weniger umgearbeitet, indem der Autor(ſ. Vorrede S. IV.)„ausmerzte, in weitern und engern Kreiſen, was ihm muͤßig, verfehlt, uͤbertrieben ſchien, und dasjenige, was ſtehen blieb, haͤufig eine Umwandlung des Ausdrucks erfuhr.“ 7* e Die Geaͤchteten. Novelle, von Willibald Alexis. 8. geheftet 1¾ Rthlr. Die Begebenheit, welche dieſer Novelle zum Grunde liegt, iſt eine hiſtoriſche, welche noch im friſchen Andenken der Zeitgenoſſen lebt; der Schauplatz zum Theil eine der intereſſanteſten Partieen deutſchen Bodens. Der Verfaſſer aͤußert in Hinſicht jener Begebenheit:„Der Autor glaubt, weder von Haß noch Vorliebe geleitet, nur den Anweiſun⸗ gen des poetiſchen Genius gefolgt zu ſeyn.“ Wenn alſo auch von wirklichen Thatſachen und bekannten Gegenden die Rede iſt, ſo iſt dies weder ſo zu verſtehen, als waͤre nur matte Wirklichkeit im Romangewande reproducirt, noch als ſollte unter dieſem Schilde einer der Parteiungen der Zeit gehuldigt ſeyn. Man hat in unſeren Tagen hiſtori⸗ ſche Romane kennen gelernt, welche einen Maaßſtab fuͤr dasjenige abgeben, was der poetiſche Genius mit Huͤlfe eines der Geſchichte entnommenen realen Hintergrundes hervorbringen koͤnne, und dem Verf. dieſer Novelle iſt, vermoͤge deſſen, was er im Walladmor geleiſtet hat, oder geleiſtet zu haben vielleicht unſchuldig„in Verdacht“ gerathen iſt, zuzutrauen, daß er auch die Abwege dieſer Richtung erkannt haben wird. Geſchichte der deutſchen Litteratur, oder der Sprach⸗, Dicht⸗ und Redekunſt der Deutſchen, bis auf die neueſten Zeiten; von Dr. Theodor Heinſius. Vierte, theilweiſe umgearbeitete, durchweg berichtigte und mit vielen Zuſaͤtzen vermehrte Ausgabe. 8. 1829. 1 ½ Rthlr. Zu den wohlthaͤtigen Richtungen der neuern Zeit ge⸗ hoͤrt die Liebe fuͤr das Studium der deutſchen Sprache und Litteratur. Einmal erwacht, iſt ſie in Mehreren ſehr lebendig geworden, und hat ſich im deutſchen Vaterlande allgemeiner verbreitet. Es genuͤgt jetzt nicht, zu wiſſen, welche Schriftſteller der ſchoͤnern Periode der deutſchen Lit⸗ teratur hauptſaͤchlich Bewunderung erregen; auch diejenigen der fruͤheren Zeit, welche Denkmale ihres Geiſtes hinter⸗ laſſen haben, finden von neuem Anerkennung und Schaͤtzung. Schon bei der erſten Ausgabe des„Teut“ hatte daher der Verfaſſer auch dieſen hiſtoriſchen Theil als eine nothwendige Ergaͤnzung der Sprachſtudien betrachtet, und der Beifall, den das 2 erk erhielt, hat in wenig Jahren mehrere neue Auflagen noͤthig gemacht, welchen vielfache Verbeſſerungen und Erweiterungen noch mehr Anerkennung verſchaffen werden. Was jede Periode der deutſchen Litteratur, von dem bardiſch⸗gothiſchen Zeitalter bis auf Karl den Großen, von dieſem bis auf die Minneſaͤnger, dann bis zu den Meiſterſaͤngern, von dieſen bis auf Luther, dann bis zu Opitz, ferner bis auf den Beginn der klaſ⸗ ſiſchen Periode, und dieſe hindurch, in ihrer Bluͤthe (wo, unter Vielen, Haller, Gellert, Leſſing, Klop⸗ ſtock, Wieland, Herder, Goͤthe und Schiller glaͤn⸗ zen) bis auf unſere Tage geleiſtet, iſt hier in einer Dar⸗ ſtellung zuſammengefaßt, welche vornehmlich reichhaltig in Ueberſichten und kurzen Charakteriſtiken, ſeltener in Ent⸗ wickelungen, iſt, und daher, mehr als ſonſtvorhandene Werke, dem Zweck entſpricht, in einem geringen Umfange einen vollſtaͤndigen Ueberblick von dem Reich⸗ thume der deutſchen Litteratur zu geben. — t ge⸗ rache ſehr lande iſſen, nLi⸗ nigen inter⸗ zung. daher eine , und ahren lfache nung dem den dann ther klaſ⸗ Gluͤthe flop⸗ glaͤn⸗ Dal⸗ ltig in Ent⸗ Werke, fange Reich⸗ Grey Control Chart Green vellow Hed Magenta Groy 2.— Grey 4—