3 — 1 ₰ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3 2— 3 5 3„. 3„=„ 4—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kuserhezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 4 — Der Graf von Bragelonne oder: Zehn Jahre nachher. Alexandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zweite Fortſetzung der„drei Musketiere.“ Dreiunddreißigſtes bis ſechsunddreißigſtes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1850. Heu! miser! Der Leſer erinnert ſich vielleicht, oder erinnert ſich nicht, daß wir in einem früheren Kapitel die Worte geſchrieben*): Nach dem Abgang von Louiſe, auf de⸗ ren Erſcheinung wir ſpäter zurückkommen werden, be⸗ zähmte Raoul ſeinen Schmerz u. ſ. w. Er gürtete ſein Schwert um, traf mit Grimand zuſammen und eilte mit dieſem zu den Minimes von Vincennes, wo Por⸗ thos auf ihn wartete.. Kehren wir alſo wirklich zu der Erſcheinung von Louiſe de la Vallière zurück. Armer Raoul! hatte Athos mit einem Seufzer ge⸗ ſagt. Armer Raoul! hatte d'Artagnan geſagt**). Als Raoul weggegangen war, nachdem ihm d'Artagnan den Rath ertheilt, ſich nach allen den Strapazen, die er durchgemacht, nach allen Gemüthsbewegungen, denen er unterworfen geweſen, ſich einem Schlafe von zwölf Stunden hinzugeben. Von dieſen zwei ſo ſtarken Männern beklagt, nuußit Raoul wirklich ein ſehr unglücklicher Menſch ein. *) Kap. XXII. S. 190. **) In der Ueberſetzung: Schluß des Kapitel XVIII. im vorherge⸗ henden Band VIII. S. 159. Die drei Musketiere. Bragelonne. NR 1 K 2 Als er ſich allein nur ſich gegenüber fand, als er den unerſchrockenen Freund und den zärtlichen Vater hinter ſich gelaſſen hatte, als er ſich des Geſtändniſſes erinnerte, das der König von der Zärtlichkeit gemacht, die ihm ſeine Geliebte, Louiſe de la Vallière, raubte, da fühlte er ſein Herz brechen, wie es Jeder von uns bei der erſten zerſtörten Illuſton, bei der erſten getäuſchten Liebe brechen gefühlt hat. „Oh!“ murmelte er,„es iſt alſo vorbei! Nichts mehr im Leben! Nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu hoffen! Guiche hat es mir geſagt, mein Va⸗ ter hat es mir geſagt, Herr d'Artagnan hat es mir geſagt. Es iſt alſo Alles ein Traum auf dieſer Welt! Sie war ein Traum, dieſe ſeit zehn Jahren verfolgte Zukunft! Dieſe Verbindung unſerer Herzen war ein Traum! Dieſes Leben voll Liebe und Glück war ein Traum!. „Ich armer Narr, der ich ſo ganz laut und öffent⸗ lich in Gegenwart meiner Freunde und Feinde träumte, damit ſich meine Freunde über meine Leiden betrüben und meine Feinde über meine Schmerzen lachen. „Alſo wird mein Unglück eine Geſchrei machende Ungnade, ein öffentlicher Scandal ſein! Morgen wird man ſchmählich mit dem Finger auf mich deuten!“ Und trotz der Ruhe, die er ſeinem Vater und L'Artagnan gelobt, ließ Raoul einige Worte dumpfer Drohung vernehmen. „Und dennoch,“ fuhr er fort,„wenn ich Wardes hieße, wenn ich zugleich die Geſchmeidigkeit und die Stärke von d'Artagnan beſäße, lachte ich mit den Lip⸗ pen und würde die Frauen überzeugen, dieſe Treuloſe, die ich mit meiner Liebe beehrt, laſſe nur ein Bedauern bei mir zurück: das, daß ich durch ihren Anſchein von Redlichkeit hintergangen worden ſei; einige Spöͤtter würden dem König auf meine Koſten fuchsſchwänzen; ich würde am Wege auf die Spötter lauern und einige davon züchtigen. Die Männer würden mich fürchten, 3 und bei dem Dritten, den ich zu meinen Füßen nieder geſtreckt hätte, wäre ich von den Frauen angebetet. „Ja, das iſt ein Entſchluß, den ich zu faſſen habe, und dem Graf de la Fore ſelbſt wird nicht widerſtre⸗ ben. Iſt er nicht in der Mitte ſeiner Jugend geprüft woorden, wie ich geprüft worden bin? Hat er nicht die Liebe durch die Trunkenheit erſetzt? Er hat es mir oft geſagt. Warum ſollte ich nicht die Liebe durch das Vergnügen erſetzen? „Er hatte ſo viel gelitten, als ich leide, mehr vielleicht noch! Die Geſchichte eines Menſchen iſt alſo die Geſchichte aller Menſchen: eine mehr oder minder lange, mehr oder minder ſchmerzliche Prüfung! Die Geſchichte der ganzen Menſchheit iſt alſo nur ein lan⸗ ger Schrei! „Was liegt aber dem, der leidet, an den Schmer⸗ zen anderer Menſchen? Mildert die offene Wunde in einer andern Bruſt die gähnende Wunde in der unſe⸗ rigen? Stillt das Blut, das an unſerer Seite fließt, unſer Blut? Vermindert die allgemeine Herzensangſt die Bangigkeit der Einzelnen? Nein, Jeder leidet für ſich, Jeder kämpft mit ſeinem Schmerz, Jeder weint ſeine eigenen Thränen. „Und überdies, was iſt bis jetzt das Leben für mich geweſen? Eine kalte, unfruchtbare Arena, auf der ich immer für die Anderen und nie für mich ge⸗ kämpfi habe. „Bald für einen König, bald für ein Weib. „Der König hat mich verrathen, das Weib hat mich verachtet. „SOhl! Unglücklicher!... Die Weiber! Koͤnnte ich nicht alle das Verbrechen von einem derſelben büßen laſſen? „Was iſt hiezu erforderlich? Kein Herz mehr ha⸗ ben, oder vergeſſen, daß man eines gehabt hat; ſtark ſein ſelbſt gegen die Schwäche; immer daraufdrücken, ſelbſt wenn man es brechen fühlt. „Was iſt erforderlich, um hiezu zu gelangen? Jung, ſchön, ſtark, muthig, reich ſein. Ich bin oder werde Bes Alles ſein. „Aber die Ehre?... Was iſt die Ehre? Eine Theorie, die Jeder auf ſeine Weiſe verſteht. Mein Vater würde mir ſagen:„„Die Ehre iſt die Achtung vor dem, was man den Anderen, und beſonders vor dem, was man ſich ſelbſt ſchuldig iſt.““ Guiche jedoch, Manicamp, Saint⸗Aignan beſonders würden mir ſagen: „„Die Ehre? die Chre beſteht darin, daß man den Leidenſchaften und Vergnügungen ſeines Königs dient.““ Dieſe Ehre iſt leicht und fruchtbar. Mit dieſer Ehre kann ich mir meinen Poſten bei Hofe erhalten, Kam⸗ merherr werden, ein ſchönes und gutes Regiment für mich haben. Mit dieſer Ehre kann ich Herzog und Pair werden. „Der Flecken, den mir dieſe Frau aufgedrückt, der Schmerz, durch den ſie mein, Raouls, ihres Freundes aus der Kindheit, Herz gebrochen hat, berührt in kei⸗ ner Beziehung Herrn von Bragelonne, einen guten Of⸗ ficier, einen braven Kapitän, der ſich beim erſten Tref⸗ fen mit Ruhm bedecken und hundertmal mehr werden wird, als heute de la Vallidre, die Geliebte des Kö⸗ nigs iſt, denn der König wird Fräulein de la Vallièére nicht heirathen, und je mehr er ſie öffentlich für ſeine Geliebte erklärt, deſto mehr wird er das Band der Schmach verdicken, das er ihr in der Geſtalt einer Krone um die Stirne wirft, und in demſelben Maße, in dem man ſie verachten wird, wie ich ſie verachte, werde ich mich verklären. 3 „Ach! wir gingen mit einander während des er⸗ ſten, während des ſchönſten Drittels unſeres Lebens; wir hielten uns an der Hand den reizenden, blumen⸗ reichen Pfad der Jugend entlang, und nun kommen wir zu dem Scheideweg, wo ſie ſich von mir trennt, wo wir eine verſchiedene Straße verfolgen werden, die uns immer mehr von einander entfernt, und um das Ende dieſes Weges zu erreichen, o Herr! bin ich allein, bin ich verzweiflungsvoll, bin ich vernichtet! „Ohl Unglücklicher!..“ Raoul war ſo weit in ſeinen düſteren Betrachtun⸗ gen, als ſich ſein Fuß maſchinenmäßig auf die Schwelle ſeines Hauſes ſetzte. Er war hieher gekommen, ohne die Straßen zu ſehen, durch die er ging, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie er gekommen; er ſtieß die Thüre auf, ſchritt weiter und ſtieg die Treppe hinauf. Wie bei den meiſten Häuſern jener Zeit, war die Treppe finſter, waren die Ruheplätze dunkel. Raoul wohnte im erſten Stock; er blieb ſtehen, um zu läuten. Olivain erſchien und nahm ihm Degen und Mantel ab. Raoul öffnete ſelbſt die Thüre, welche von einem Vorzimmer in einen für einen jungen Mann ziemlich reich meublirten Salon führte; dieſer Salon war von Olivain ganz mit Blumen ausgeſchmückt; der Diener kannte den Geſchmack ſeines Herrn und hatte ſich be⸗ eifert, ihn zu befriedigen, ohne ſich darum zu beküm⸗ mern, ob er dieſe Aufmerkſamkeit wahrnähme oder nicht wahrnähme. Es war in dem Salon ein Portrait von la Val⸗ lière, das la Vallière ſelbſt gezeichnet und Raoul ge⸗ ſchenkt hatte. Dieſes Portrait, das über einer großen mit dunkelfarbigem Damaſt überzogenen Chaiſe⸗longue hing, war der erſte Punkt, gegen den ſich Raoul wandte, der erſte Gegenſtand, auf den er die Augen heftete. Raoul gab übrigens ſeiner Gewohnheit nach; es war bei ihm dieſes Portrait, was vor Allem ſeine Augen auf ſich zog. Diesmal, wie immer, ging er gerade auf das Portrait zu, ſtützte ſeine Kniee auf die Chaiſe⸗ longue und ſchaute es traurig an. Er hatte die Arme über der Bruſt gekreuzt, den Kopf ſachte emporgehoben, das Auge ruhig und ver⸗ ſchleiert und den Mund durch ein bitteres Lächeln zu⸗ ſammengezogen. Er betrachtete das angebetete Bild; dann durch⸗ 6 zog Alles, was er geſagt, ſeinen Geiſt, dann beſtürmte Alles, was er gelilten, ſein Herz; und nach einem lan⸗ gen Stillſchweigen ſprach er zum dritten Mal: „Ohl Unglücklicher!“ Kaum hatte er dieſe zwei Worte geſprochen, als ſich ein Seufzer und eine Klage hinter ihm hörbar machten. Er drehte ſich raſch um und ſah in der Ecke des Zimmers, ſtehend, gebückt, verſchleiert, eine Frau, die er bei ſeinem Eintritt durch die Ausbreitung der Thüre bedeckt und ſeitdem, weil er ſich nicht umgedreht, nicht geſehen hatte. Er ging auf die Frau zu, deren Gegenwart ihm Niemand gemeldet hatte, grüßte und erkundigte ſich zugleich, als ſich plötzlich der geſenkte Kopf erhob, der auf die Seite geſchobene Schleier das Geſicht ſehen ließ und eine weiße, traurige Geſtalt vor ihm er⸗ ſchien. NRaoul wich zurück, als hätte er ein Geſpenſt vor „Louiſe!“ rief er mit einem ſo verzweifelten Aus⸗ druck, daß man nicht hätte glauben ſollen, die menſch⸗ liche Stimme könnte einen ſolchen Schrei ausſtoßen, ohne daß alle Fibern des Herzens zerreißen würden. Il. Wunden auf Munden. Fräulein de la Vallière, denn ſie war es, machte einen Schritt vorwärts. „Ja, Louiſe,“ murmelte ſie. Doch in dieſem Zwiſchenraum, ſo kurz er war, hatte Raoul Zeit gehabt, ſich zu erholen. „Ihr, mein Fräulein,“ ſagte er. Dann fügte er mit einem unbeſchreiblichen Tone bei:„Ihr hier?“ „Ja, Raoul,“ erwiederte das Mädchen,„ich, die ich auf Euch wartete.“ „Verzeiht, als ich nach Hauſe kam, erfuhr ich 44 „Ja, ich hatte Olivain empfohlen, Euch in Un⸗ wiſſenheit zu laſſen...“ Sie zögerte; und da ſich Raoul nicht beeilte, ihr zu antworten, ſo trat einen Augenblick Stillſchweigen ein, ein Stillſchweigen, bei dem man das Geräuſch von zwei Herzen, welche, nicht mehr im Einklang, ſondern eines ſo heftig als das andere ſchlugen, hören konnte. Es war an Louiſe, zu ſprechen. Sie ſtrengte ſich an und ſagte: „Ich hatte mit Euch zu reden; ich mußte Euch nothwendig ſehen... ich ſelbſt... allein. Ich bin nicht vor einem Schritte zurückgewichen, der geheim bleiben muß, denn Niemand außer Euch, Herr von Bragelonne, würde ihn begreifen.“ „In der That, mein Fräulein,“ ſtammelte Raoul beſtürzt, keichend,„und ich ſelbſt, trotz der guten Mei⸗ nung, die Ihr von mir habt, muß geſtehen...“ „Wollt die Güte haben, Euch zu ſetzen und mich nicht anzuhören,“ unterbrach ihn Louiſe mit ihrem weichſten Tone. Bragelonne ſchaute ſie einen Augenblick an, ſchüt⸗ telte dann traurig den Kopf, ſetzte ſich oder ſank viel⸗ mehr auf einen Stuhl, und ſagte: „Sprecht.“ Sie warf einen verſtohlenen Blick umher; dieſer Blick war eine Bitte und forderte viel beſſer Geheim⸗ haltung, als es eine Minute früher ihre Worte gethan hatten. Raoul ſtand auf, ging nach der Thüre, öſſnete ſie und rief: „Olivain, ich bin für Niemand zu Hauſe.“ Dann ſich gegen la Vallidre umwendend, fragte er: „Iſt es das, was Ihr wünſchtet?“ Nichts kann den Eindruck ſchildern, den auf Louiſe dieſes Wort hervorbrachte, welches bezeichnete: Ihr ſeht, ich verſtehe Euch noch. Sie fuhr mit ihrem Sacktuch über ihre Augen, um eine widerſpänſtige Thräne zu trocknen; dann, nachdem ſie ſich ein wenig geſammelt hatte, ſprach ſie: „Raoul, wendet Euren ſo guten und treuherzigen Blick nicht von mir ab; Ihr ſeid keiner von den Män⸗ nern, die eine Frau verachten, weil ſie ihr Herz ver⸗ ſchenkt hat, und ſollte ihnen dieſe Liebe auch zum Unglück gereichen oder ihren Stolz verletzen.“ Raoul antwortete nicht. „Ach!“ fuhr la Vallière fort,„es iſt nur zu wahr, meine Sache iſt ſchlimm, und ich weiß nicht, wie ich anfangen ſoll. Höret, ich glaube, ich werde am Beſten daran thun, wenn ich Euch ganz einſach erzähle, was mir begegnet. Da ich die Wahrheit ſagen werde, ſo werde ich immer meinen rechten Weg in der Finſterniß, in der Stockung, in den Hinderniſſen finden, die ich zu überwinden habe, um mein Herz zu erleichtern, das überſtrömt und ſich zu Euren Füßen ergießen will.“ Raoul ſchwieg fortwährend. S n ˖—— 8 9 La Valliere ſchaute ihn mit einer Miene an, welche beſagen wollte: „Ermuthigt mich! habt Mitleid! nur ein Wort!“ Aber Raoul ſchwieg und das Mädchen mußte fort⸗ fahren: „So eben iſt Herr von Saint⸗Aignan im Auftrage des Koͤnigs bei mir geweſen,“ ſagte ſie. Und ſie ſchlug die Augen nieder. Raoul wandte die ſeinigen ab, um nichts zu ſehen. „Herr von Saint⸗Aignan iſt im Auftrage des Kö⸗ nigs bei mir geweſen,“ wiederholte ſie,„und hat mir geſagt, Ihr wüßtet Alles.“ Und ſie ſuchte demjenigen, welcher dieſe Wunde nach ſo vielen Wunden empfing, ins Geſicht zu ſchauen; aber es war ihr unmöglich, den Augen von Raoul zu begegnen. „Er ſagt mir, Ihr habet einen gerechten Zorn gegen mich gefaßt.“ Diesmal ſchaute Raoul das Mädchen an, und ein verächtliches Lächeln hob ſeine Lippen in die Höhe. 8„Oh!“ fuhr ſie fort,„ich flehe Euch an, behauptet nicht, Ihr habet gegen mich etwas Anderes, als Zorn empfunden. Raoul wartet, bis ich Euch Alles geſagt, bis ich ausgeſprochen habe.“ Die Stirne von Raoul klärte ſich durch die Macht ſeines Willens auf; die Falte ſeines Mundes ver⸗ 4 ſchwand. —„Und vor Allem,“ ſagte la Vallidre, die Hände gefaltet, die Stirne geſenkt,„vor Allem bitte ich Euch, als den großmüthigſten, als den edelherzigſten Menſchen, um Verzeihung. Wenn ich Euch unbekannt mit dem 1 ließ, was in meinem Innern vorging, ſo hätte ich doch nie eingewilligt, Euch zu hintergehen! Ahl ich flehe Cuch an, Raoul, ich bitte Euch kniefällig, antwortet 4 mir, und wäre es auch mit einer Beleidigung. Eine 10 Beleidigung Eurer Lippen iſt mir lieber, als ein Ver⸗ dacht Eures Herzens.“ „Ich bewundere Eure Feinheit, mein Fräulein,“ ſprach Raoul, der ſich anſtrengte, um ruhig zu bleiben, „nicht wiſſen laſſen, daß man hintergeht, iſt redlich; aber hintergehen, es ſcheint, das wäre ſchlimm, und Ihr würdet das nicht thun.“ 4 „Mein Herr, lange glaubte ich, ich liebe Euch mehr, als Alles, und ſo lange ich an meine Liebe für Euch glaubte, ſagte ich Euch, daß ich Euch liebte. In Blois liebte ich Euch. Der König kam nach Blois. Ich glaubte Euch noch zu lieben. Ich hätte es auf einen Altar geſchworen; doch es kam ein Tag, der mich enttäuſchte.“ „Wohl! an dieſem Tag, mein Fräulein, da Ihr ſahet, ich liebe Euch fortwährend, mußte Euch die Red⸗ lichkeit gebieten, mir zu ſagen, Ihr liebet mich nicht mehr.“ „An dieſem Tage, Raoul, an dem Tag, wo ich bis im Grunde meines Herzens las, wo ich mir ſelbſt ge⸗ ſtand, Ihr erfüllet nicht meinen ganzen Geiſt, an die⸗ ſem Tag, wo ich eine andere Zukunft erblickte, als die, Eure Freundin, Eure Geliebte, Eure Gattin zu ſein, an dieſem Tag, Raoul, waret Ihr leider nicht bei mir.“ „Ihr wußtet, wo ich war, mein Fräulein, Ihr mußtet mir ſchreiben.“ „Raoul, ich habe das nicht gewagt, Raoul, ich bin feige geweſen! Was wollt Ihr, Raoul, ich kannte Euch ſo gut, ich wußte ſo wohl, daß Ihr mich liebtet, daß ich ſchon bei dem Gedanken an den Schmerz, den ich Euch machen ſollte, zitterte; und das iſt ſo wahr, Raoul, daß in dieſem Augenblick, wo ich, vor Euch ge⸗ beugt, das Herz gepreßt, die Stimme voll Seufzer, die Augen voll Thränen, mit Euch ſpreche, ſo wahr, daß ich wie ich keine andere Vertheidigung habe, als meine Offenherzigkeit, auch keinen andern Schmerz habe, als den, welchen ich in Euren Augen leſe.“ V 11 Raoul ſuchte zu lächeln. „Nein,“ ſagte das Mädchen mit einer tiefen Ueber⸗ zeugung, onein, Ihr werdet mir die Beleidigung nicht anthun, daß Ihr Euch vor mir verſtellt. Ihr liebtet mich, Ihr waret ſicher, daß Ihr mich liebtet, Ihr täuſchtet Euch nicht über Euch ſelbſt, Ihr beloget nicht Euer eigenes Herz, während ich...“ Und ganz bleich, die Arme über ihrem Kopfe aus⸗ geſtreckt, ſank ſie auf ihre Kniee. „Während Ihr mir ſagtet, Ihr liebet mich, und einen Andern liebtet,“ ſprach Raoul. „Ach! ja,“ rief das arme Kind;„ach! ja, ich liebe einen Andern, und dieſer Andere... mein Gott! laßt es mich Euch ſagen, denn das iſt meine einzige Ent⸗ ſchuldigung, Raoul... Dieſen Andern liebe ich mehr, als ich mein Leben liebe, mehr, als ich Gott liebe! Verzeiht mir meinen Fehler, oder ſtrafet meinen Ver⸗ rath, Raoul. Ich bin hierher gekommen, nicht, um mich zu vertheidigen, ſondern um Euch zu ſagen: Ihr wißt, was lieben heißt? wohll ich liebe! ich liebe, um mein Leben, um meine Seele demjenigen zu geben, welchen ich liebe! Hört er je auf, mich zu lieben, ſo werde ich vor Schmerz ſterben, wenn Gott mich nicht unterſtützt, wenn ſich der Herr nicht meiner erbarmt! Raoul, ich bin hier, um mich Eurem Willen zu unter⸗ werfen, welcher es auch ſein mag, um zu ſterben, wenn Ihr wollt, daß ich ſterbe! Tödtet mich alſo, Raoul, wenn Ihr glaubt, ich verdiene den Tod!“ 4 „Nehmt Euch in Acht, mein Fräulein,“ erwiederte Raoul,„die Fräu, welche den Tod verlangt, iſt dieje⸗ nige, welche dem verrathenen Liebhaber nur noch ihr Blut geben kann.“. „Ihr habt Recht,“ ſagte ſie. Raoul ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Und Ihr liebet, ohne vergeſſen zu koͤnnen!“ rief Raoul. „Ich liebe, ohne vergeſſen zu wollen, ohne den „ Wunſch, je anderswo zu lieben,“ antwortete la Val⸗ lisre. „Gut,“ ſprach Raoul,„Ihr habt mir in der That Alles geſagt, was Ihr mir zu ſagen hattet, Alles, was ich zu wiſſen wünſchen konnte. Und nun, mein Fräu⸗ lein, bin ich es, der Euch um Verzeihung bittet, ich, der ein Hinderniß in Eurem Leben geweſen, ich, der Unrecht gehabt hat, ich, der ich, indem ich mich täuſchte, Euch Euch ſelbſt täuſchen half.“ „Oh!“ rief la Vallidre,„ich verlange nicht ſo viel von Euch, Raoul.“ „Dies Alles iſt mein Fehler, mein Fräulein,“ fuhr Raoul fort.„In den Schwierigkeiten des Lebens mehr unterrichtet, als Ihr, hatte ich die Aufgabe, Euch auf⸗ zuklären. Ich mußte mich nicht auf das Ungewiſſe verlaſſen, ich mußte Euer Herz ſprechen machen, wäh⸗ rend ich kaum Euren Mund ſprechen gemacht habe. Ich wiederhole Euch, mein Fräulein, ich bitte um Ver⸗ zeihung.“ „Das iſt unmöglich! das iſt unmöglich! Ihr ſpot⸗ tet meiner!“ rief ſie. „Wie, unmöglich?“ „Ja, es iſt unmöglich, in dieſem Grade gut, vor⸗ trefflich, vollkommen zu ſein!“ „Nehmt Euch in Acht,“ entgegnete Raoul mit ei⸗ nem bitteren Lächeln,„denn Ihr werdet vielleicht ſo⸗ gleich ſagen, ich liebe Euch nicht.“ „Oh! Ihr liebet mich wie ein zärtlicher Bruder, laßt mich das hoffen, Raoul.“ „Wie ein zärtlicher Bruder? Ihr täuſcht Euch, Louiſe. Ich liebte Euch wie ein Liebhaber, wie ein Hatie, wie der Zärtlichſte der Menſchen, welche jeben.“ 3 „Raoul! Raoul!“ „Wie ein Bruder! Ohl Louiſe, ich liebte Euch, um für Euch all mein Blut Tropfen für Tropfen, all mein 13 Fleiſch Fetzen um Fetzen, meine ganze Ewigkeit Stunde für Stunde hinzugeben!“ „Raoul, Raoul, habet Mitleid!“ „Ich liebte Euch ſo ſehr, Louiſe, daß mein Herz todt iſt, daß mein Glaube wankt, daß meine Augen er⸗ löſchen; ich liebte Euch ſo ſehr, daß ich weder auf Er⸗ den, noch im Himmel mehr etwas ſehe.“ „Raoul, Raoul, mein Freund, ich beſchwöre Euch, ſchonet meiner!“ rief la Vallisre.„Oh! wenn ich ge⸗ wußt hätte...“ „Es iſt zu ſpät, Louiſe, Ihr liebet, Ihr ſeid glück⸗ lich; ich leſe dieſe Freude durch Eure Thränen; hinter den Thränen, welche Eure Reellichkeit vergießt, fühle ich die Seufzer, die Eure Liebe aushaucht. Louiſe, Louiſe, Ihr habt aus mir den Letzten der Menſchen ge⸗ macht. Geht, ich beſchwöre Euch. Gott befohlen!“ „Verzeiht mir, Naoul, verzeiht mir, ich flehe Euch an.“ 5 „Ei! habe ich nicht mehr gethan? Habe ich Euch nicht geſagt, ich liebe Euch immer noch?“ Sie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Und Euch dies ſagen, begreift Ihr, Louiſe? Euch es ſagen in einem ſolchen Augenblick, Euch es ſa⸗ gen, wie ich es ſage, heißt Euch mein Todesurtheil ausſprechen. Gott befohlen!“ La Vallière wollte ihre beiden Hände gegen ihn ausſtrecken. „Wir dürfen uns in dieſer Welt nie mehr ſehen,“ ſprach er. Sie wollte aufſchreien: er verſchloß ihr den Mund mit der Hand. Sie küßte dieſe Hand und wurde ohn⸗ mächtig. „Olivain,“ ſagte Raoul,„nehmt dieſe junge Dame und tragt ſie in ihre Sänfte, die vor der Thüre ihrer harrt.“,. Olivain hob ſie auf, Raoul machte eine Bewegung, um ſich auf la Vallière zu ſtürzen, um ihr den erſten * und den letzten Kuß zu geben; doch er hielt plötzlich inne und ſprach: „Nein, dieſes Gut gehört nicht mir. Ich bin nicht der König von Frankreich, um zu ſtehlen.“ Und er kehrte in ſein Zimmer zurück, während der Lackei la Vallière, welche immer noch ohnmächtig, forttrug. Was nach dieſer Scene mit Raoul geſchah, wie er ſeinen Vater ſuchte und fand, und mit dieſem nach Blois zurückkehrte, weiß der Leſer. Er weiß auch, was in der Baſtille zwiſchen dem Gefangenen und Aramiis vorſtel. Und ſo fahren wir fort. III. Wie Monſton fett geworden, ahne daß er Por⸗ thos zuvor davon in Kenntniß geſetzt hatte, und von den Unannehmtlichkeiten, welche hieraus ent⸗ ſprungen waren. Seit der Abreiſe von Athos nach Blois, hatten ſich Porthos und d'Artagnan ſelten zuſammengefunden. Der Eine hatte einen anſtrengenden Dienſt beim König gehabt, der Andere hatte viele Meubles eingekauft, die er auf ſeine Güter mitzunehmen beabſichtigte, und mit deren Hülfe er in ſeinen Reſidenzen ein wenig von je⸗ nem Hofluxus zu gründen hoffte, deſſen glänzende Helle er in der Geſellſchaft Seiner Majeſtät erſchaut. Immer getreu, dachte d'Artagnan eines Morgens, n———— 15 als ihm ſein Dienſt einige Freiheit ließ, an Porthos, und beſorgt, weil er ſeit mehr als vierzehn Tagen nicht mehr von ihm hatte ſprechen hören, wanderte er nach ſeinem Hotel, wo er ihn traf, als er eben vom Bette aufſtand. Der würdige Baron ſah nachdenkend aus, mehr als nachdenkend, ſchwermüthig. Er ſaß auf ſeinem Bett, halb nackt, die Beine hängend, und betrachtete eine Menge von Kleidern, die mit ihren Franſen, mit ihren Galonen, mit ihren Stickereien und mit ihrem Klingklang unharmoniſcher Farben zerſtreut auf dem Bo⸗ den umherlagen. Traurig und träumeriſch, wie der Haſe von La Fontaine, ſah Porthos d'Artagnan nicht eintreten, den ihm überdies auch im Augenblick Mouſton verbarg, deſ⸗ ſen perſönliche Beleibtheit, in jedem Fall ſehr genü⸗ gend, um einen Menſchen vor einem andern zu verber⸗ gen, momentan dadurch verdoppelt wurde, daß er vor ſeinem Herrn an den Aermeln einen ſcharlachrothen Rock ausgebreitet hielt, um ihn von allen Seiten anſchau⸗ licher zu machen. D'Artagnan blieb auf der Schwelle ſtehen und betrachtete den nachdenkenden Porthos; dann, da der Anblick dieſer zahlloſen, zerſtreut auf dem Boden umher⸗ liegenden Kleider der Bruſt des würdigen Edelmanns tiefe Seufzer entwand, dachte d'Artagnan, es ſei Zeit, ihn dieſer ſchmerzlichen Beſchauung zu entreißen, und huſtete, um ſich anzukündigen. „Ah!“ rief Porthos, deſſen Geſicht ſich vor Freude erleuchtete,„ah! ah! hier kommt d'Artagnan! Endlich werde ich einen Gedanken haben.“ Bei dieſen Worten vermuthete Mouſton, was hinter ihm vorging; er trat auf die Seite und lächelte dabei dem Freunde ſeines Herrn zu, der nun von dem mate⸗ riellen Hinderniß befreit war, das ihn bis zu d'Artag⸗ nan zu gelangen abhielt. 1 3 Porthos ließ, indem er ſich aufrichtete, ſeine mäch⸗ tigen Kniee krachen, durchmaß mit zwei Schritten das Zimmer, ſtand vor d'Artagnan und preßte dieſen mit einer Zärtlichkeit ans Herz, die von Tag zu Tag eine neue Stärke zu gewinnen ſchien. „Ah!“ wiederholte er,„Ihr ſeid ſtets willkommen, theurer Freund, doch heute ſeid Ihr es mehr, als je.“ „Oho! man iſt traurig bei Euch?“ ſagte d'Ar⸗ tagnan. Porthos antwortete durch einen Blick, der Niederge⸗ ſchlagenheit ausdrückte. „Nun! erzählt mir das, Porthos, mein Freund, wenn es nicht etwa ein Geheimniß iſt.“ „Vor Allem, mein Freund,“ ſprach Porthos,„Ihr wißt, daß ich kein Geheimniß für Euch habe. Höret alſo, was mich betrübt.“ „Wartet, Porthos, laßt mich zuerſt meine Füße aus dieſer Streu von Atlas⸗ und Sammetſtoffen los⸗ wickeln.“ „Oh! geht immer zu,“ erwiederte Porthos mit kläglichem Ton,„dies Alles iſt nur Brack.“’ „Teufel! Brack, Porthos! Tuch zu zwanzig Livres die Elle! herrlicher Atlas! königlicher Sam⸗ met!“ „Ihr findet alſo dieſe Kleider...“ „Glänzend, Porthos, glänzend! Ich wette, Ihr allein habt ſo viel in Frankreich, und angenommen, Ihr laſſet nicht mehr ein einziges machen, und Ihr werdet hundert Jahre leben, worüber ich mich nicht wundern würde, könntet Ihr noch neue Kleider an Eurem Todestag tragen, ohne daß Ihr von heute bis zu dieſem Tag die Naſe eines einzigen Schneiders zu ſehen nöthig hättet.“ 3 Porthos ſchüttelte den Kopf. „Höret, mein Freund,“ fuhr d'Artagnan fort, „dieſe Schwermuth, die nicht in Eurem Charakter liegt, erſchreckt mich. Mein lieber Porthos, machen wir uns je eher, deſto beſſer, davon frei.“ 17 * „Ja, mein Freund, thun wir das,“ erwiederte Porthos,„wenn es überhaupt möglich iſt.“. „Habt Ihr ſchlimme Nachrichten von Bracieur er⸗ halten, mein Freund?“ „Nein, man hat Holz geſchlagen, und es hat ein Drittel über die Schätzung ertragen.“ 5 „Hat eine Flucht in den Teichen von Pierrefonds ſtattgefunden?“ „Nein, mein Freund, man hat ſie ausgefiſcht, und aus dem Ueberfluß vom Verkauf hätte man alle Teiche mit jungen Fiſchen beſetzen können.“ „Sollte das Vallon in Folge eines Erdbebens eingeſtürzt ſein?“ „Nein, mein Freund, im Gegentheil, der Blitz hat hundert Schritte vom Schloß eingeſchlagen und eine Quelle an einem Orte ſpringen gemacht, wo es völlig an Waſſer mangelte.“ „Nun! was gibt es denn?“ „Ich habe eine Einladung zu dem Feſte in Vaux erhalten.“. „Ei! beklagt Euch doch ein wenig! Der König hat in den Haushaltungen des Hofes mehr als hundert Zwiſtigkeiten auf Leben und Tod dadurch veranlaßt, daß er Einladungen verweigert. Ah! wahrhaftig, theurer Freund, Ihr ſeid bei der Fahrt nach Vaux? Ah! ah! ah!“. „Mein Gott, ja.“.. „Ihr werdet einen herrlichen Anblick genießen, mein Freund.“ „Ach! ich vermuthe es.“ „Alles, was es in Frankreich Großes gibt, wird dort verſammelt ſein.“ „Ah!“ machte Porthos. Und er raufte ſich aus Verzweiflung ein Pfötchen voll Haare aus. „Guter Gott!“ rief d'Artagnan,„ſeid Ihr krank, mein Freund?“ 3 Die drei Musketiere. Bragelonne. IX, 3 2 „ 18 „Alle Wetter! ich befinde mich wie der Pont⸗Neuf. Das iſt es nicht.“ „Aber was iſt es denn?“ „Ich habe keine Kleider.“ D'Artagnan blieb verſteinert. „Keine Kleider! Porthos!“ rief er,„keine Kleider! während ich mehr als fünfzig auf dem Boden ſehe!“ „Fünfzig, ja, und nicht eines, das mir taugt.“ „Wiel nicht eines, das Euch taugt? Man nimmt alſo kein Maß von Euch, wenn man Cuch kleidet?“ „Doch, doch,“ erwiederte Mouſton,„aber leider bin ich ſtärker geworden.“ „Wie, Ihr ſeid ſtärker geworden?“ „So, daß ich nun dicker, viel, viel dicker bin, als der Herr Baron. Solltet Ihr das glauben, gnädiger Herr?“ 0„Bei Gott! das ſieht man wohl.“ „Siehſt Du, Dummkopf, man ſieht das!“ rief Porthos. „Aber, mein lieber Porthos,“ ſagte d'Artagnan mit einer leichten Ungeduld,„ich weiß nicht, warum Eure Kleider für Euch nicht paſſend ſind, weil Mou⸗ ſton dicker geworden iſt.“ „Ich will Euch das erklären, mein Freund, Ihr erinnert Euch, mir die Geſchichte von einem römiſchen Ge⸗ neral, Antonius, erzählt zu haben, der immer ſteben Wildſchweine, zu verſchiedenen Punkten gekocht, am Spieß hatte, um ſein Mittagsmahl, zu welcher Stunde des Tages es ihm beliebte, verlangen zu können. Wohl! ich beſchloß, da ich jeden Augenblick zu Hofe berufen werden und dort acht Tage verweilen könnte, für dieſe Veranlaſſung immer ſieben Kleider bereit zu halten” „Vortrefflich geurtheilt, Porthos! Nur muß man Euer Vermögen haben, um ſich ſolche Phantaſten zu erlauben, abgeſehen von der Zeit, die man dadurch verliert, daß man ſich anmeſſen läßt. Die Moden weche ſeln ſo oft!“. 4 uf. 19 „Gerade hierin ſchmeichelte ich mir, etwas ſehr Geiſtreiches gefunden zu haben.“ „Sprecht, laßt hören. Ich zweifle, bei Gott! nicht an Eurem Genie.“ „Ihr erinnert Euch, daß Mouſton mager war?“ „Ja, zur Zeit, wo er Monsqueton hieß.“ „Ihr erinnert Euch auch der Zeit, wo er fett zu werden anfing?“. „Nein, nicht genau. Ich bitte Euch um Verzei⸗ hung, mein lieber Mouſton.“ „Ohl der gnädige Herr iſt nicht mangelhaft,“ er⸗ wiederte Mouſton mit einer liebenswürdigen Miene, „der gnädige Herr war in Paris, und wir waren in Pierrefonds.“ 5 „Nun, Porthos, es gab alſo eine Zeit, wo Mou⸗ ſton ſtark zu werden anfing? Nicht wahr, das wollt Ihr ſagen?“ „Ja, mein Freund, und darüber freute ich mich zu jener Zeit ungemein.“ „Peſt, das glaube ich wohl,“ rief d'Artagnan. „Ihr begreift, daß das mir Mühe erſparte,“ fuhr Porthos fort. „Nein, mein Freund, ich begreife noch nicht; doch wenn Ihr mir genau erklärt...“ „Ich komme zur Sache, mein Freund. Vor Allem iſt es, wie Ihr ſagt, ein Zeitverluſt, daß man ſich ſoll anmeſſen laſſen, und wäre es nur einmal alle vierzehn Tage. Und dann kann man auf der Reiſe ſein, und wenn man immer ſieben Anzüge im Gange haben will... Kurz, mein Freund, ich haſſe es, irgend Jemand mein Maß zu geben. Was Teufels, man iſt Edelmann oder iſt es nicht! Sich von einem ſolchen Burſchen, der einen nach Fuß, Zoll und Linie analyſirt, meſſen und unterſuchen zu laſſen, iſt demüthigend. Dergleichen Leute finden uns hier zu hohl, dort zu hervorragend; ſie kennen unſere Staͤrke und unſere Schwäche. Geht man aus den Haͤnden eines ſolchen Anmeſſers hervor, 20 ſo gleicht man jenen Feſtungen, deren Winkel und Dicken ein Spion ausgekundſchaftet hat.“ „In der That, mein lieber Porthos, Ihr habt Ideen, die nur Euch eigenthümlich ſind.“ „Ah! Ihr begreift, wenn man Ingenieur iſt...“ „Und Belle⸗Isle befeſtigt hat, ganz richtig, mein Freund.“ „Ich hatte alſo einen Gedanken, und ohne Zweifel wäre er ohne die Nachläſſigkeit von Herrn Mouſton gut geweſen.“ D'Artagnan warf einen Blick auf Mouſton, der dieſen Blick mit einer Bewegung des Körpers erwie⸗ derte, welche beſagen wollte:„Ihr werdet ſehen, ob ich an dem Allem Schuld bin.“ „Ich wünſchte mir alſo Glück, da ich Mouſton fett werden ſah,“ fuhr Porthos fort,„und ich half ſelbſt mit allen meinen Kräften dazu, ihm Beleibtheit mittelſt einer weſenhaften Nahrung zu verſchaffen, be⸗ ſtändig in der Hoffnung, es würde ihm gelingen, mir an Umfang gleich zu kommen, und er könnte ſich dann ſtatt meiner anmeſſen laſſen.“ „Ah!l beim Gewitter, ich begreife,“ rief d'Artag⸗ nan,„das erſparte Euch die Mühe und die Demüthi⸗ gung.“ ſen...“ „Ah!l und ich habe treulich dabei geholfen, gnã⸗ diger Herr,“ verſetzte Mouſton beſcheiden. „Das iſt wahr. Denkt Euch alſo meine Freude, als ich eines Morgens bemerkte, daß Mouſton genö⸗ thigt war., ſich zuſammenzuziehen, wie ich mich ſelbſt zuſammenzog, um durch die kleine Geheimthüre zu ge⸗ hen, welche dieſe Teufel von Baumeiſtern in dem Zim⸗ mer von Madame du Vallon in Pierrefonds ange⸗ bracht haben. Bei Gelegenheit dieſer Thüre frage „Denkt Euch alſo meine Freude, als ich nach an⸗ derthalb Jahren einer gut ausgedachten Nahrung, denn ich gab mir die Mühe, dieſen Burſchen ſelbſt zu ſpei⸗ 21 Euch, mein Freund, der Ihr Alles wißt, wie es dieſen Eſeln von Architekten, welche von ihrem Handwerke aus den Compaß im Kopf haben müſſen, einfallen kann, Thüren zu machen, durch welche nur magere Leute zu gehen im Stande ſind.“ 3 „Solche Thüren,“ erwiederte d'Artagnan,„ſind für die Liebhaber beſtimmt; ein Liebhaber aber iſt in der Regel von ſchlankem, hageren Wuchſe.“ „Madame du Vallon hatte keinen Liebhaber,“ ent⸗ gegnete Porthos mit Majeſtät. nun, da mir die Erklärung der zu engen Thüren gege⸗ ben iſt, kommen wir auf das Fettwerden von Mou⸗ ſton zurück. Doch bemerkt, daß ſich dieſe beiden Dinge berühren, mein Freund. Ich habe immer wahrgenommen, daß die Ideen ſich paarten. So bewundert folgendes Phänomen, d'Artagnan: ich ſprach mit Euch von Mouſton, der dick wurde, und wir ſind dadurch auf Madame du Vallon gekommen.“ „Welche mager war.“ 9 „Hm! iſt das nicht wunderbar!“ „Mein lieber, ein mir befreundeter Gelehrter, Herr Coſtar, hat dieſelbe Bemerkung gemacht, wie Ihr, und er benennt das mit einem griechiſchen Namen, deſſen ich mich nicht mehr erinnere.“ „Ah! meine Bemerkung iſt alſo nicht neu?“ rief Porthos erſtaunt;„ich glaubte ſie erfunden zu haben.“ „Mein Freund, das war eine vor Ariſtoteles, das heißt, vor etwa zweitauſend Jahren bekannte Thatſache.“ „Wohl! darum iſt es nicht minder richtig,“ ſagte Porthos, entzückt, mit den Gelehrten des Alterthums zuſammengetroffen zu ſein. 1 „Vortrefflich! Doch wenn wir auf Mouſton zu⸗ rückkämen... mich dünkt, wir haben ihn augenſchein⸗ lich ſtaͤrker werdend verlaſſen.“. „ . 20 ſo gleicht man jenen Feſtungen, deren Winkel und Dicken ein Spion ausgekundſchaftet hat.“ „In der That, mein lieber Porthos, Ihr habt Ideen, die nur Euch eigenthümlich ſind.“ „Ah! Ihr begreift, wenn man Ingenieur iſt. „Und Belle⸗Isle befeſtigt hat, ganz richtig, mein Freund.“ „Ich hatte alſo einen Gedanken, und ohne Zweifel wäre er ohne die Nachläſſigkeit von Herrn Mouſton gut geweſen.“ D'Artagnan warf einen Blick auf Mouſton, der dieſen Blick mit einer Bewegung des Körpers erwie⸗ derte, welche beſagen wollte:„Ihr werdet ſehen, ob ich an dem Allem Schuld bin.. „Ich wünſchte mir alſo Glück, da ich Mouſton fett werden ſah,“ fuhr Porthos fort,„und ich half ſelbſt mit allen meinen Kräften dazu, ihm Beleibtheit mittelſt einer weſenhaften Nahrung zu verſchaffen, be⸗ ſtändig in der Hoffnung, es würde ihm gelingen, mir an Umfang gleich zu kommen, und er könnte ſich dann ſtatt meiner anmeſſen laſſen.“ „Ah!l beim Gewitter, ich begreife,“ rief d'Artag⸗ nan,„das erſparte Euch die Mühe und die Demüthi⸗ ung.“ 9„Denkt Euch alſo meine Freude, als ich nach an⸗ derthalb Jahren einer gut ausgedachten Nahrung, denn ich gab mir die Mühe, dieſen Burſchen ſelbſt zu ſpei⸗ 3 ſen...“ 4 „Ahl und ich habe treulich dabei geholfen, gnä⸗ diger Herr,“ verſetzte Mouſton beſcheiden. 5 „Das iſt wahr. Denkt Euch alſo meine Freude, 1 als ich eines Morgens bemerkte, daß Mouſton genö⸗ thigt war., ſich zuſammenzuziehen, wie ich mich ſelbſt zuſammenzog, um durch die kleine Geheimthüre zu ge⸗ hen, welche dieſe Teufel von Baumeiſtern in dem Zim⸗ mer von Madame du Vallon in Pierrefonds ange⸗ Peut haben. Bei Gelegenheit dieſer Thüre frage ich „. ———— 21 nd Euch, mein Freund, der Ihr Alles wißt, wie es dieſen Eſeln von Architekten, welche von ihrem Handwerke abt aus den Compaß im Kopf haben müſſen, einfallen kann, Thüren zu machen, durch welche nur magere Leute zu .u gehen im Stande find.“ in„Solche Thüren,“ erwiederte d'Artagnan,„ſind für die Liebhaber beſtimmt; ein Liebhaber aber iſt in der fel Regel pon ſchlankem, hageren Wuchſe.“ on„Madame du Vallon hatte keinen Liebhaber,“ ent⸗ gegnete Porthos mit Majeſtät. der„Ganz richtig, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan; e⸗„doch die Baumeiſter haben an den Fall gedacht, daß ob Ihr vielleicht wieder heirathen würdet.“ „Ah! das iſt möglich,“ ſprach Porthos.„Und on nun, da mir die Erklärung der zu engen Thüren gege⸗ alf ben iſt, kommen wir auf das Fettwerden von Mou⸗ eit ſton zurück. Doch bemerkt, daß ſich dieſe beiden Dinge e⸗ berühren, mein Freund. Ich habe immer wahrgenommen, nr daß die Ideen ſich paarten. So bewundert folgendes un Phänomen, d'Artagnan: ich ſprach mit Euch von Mouſton, der dick wurde, und wir find dadurch auf g⸗ Madame du Vallon gekommen.“ hi⸗„Welche mager war.“ 4 „Hm! iſt das nicht wunderbar!“ m⸗„Mein lieber, ein mir befreundeter Gelehrter, Herr nn Coſtar, hat dieſelbe Bemerkung gemacht, wie Ihr, und ei⸗ er benennt das mit einem griechiſchen Namen, deſſen ich mich nicht mehr erinnere.“ d⸗-„Ah! meine Bemerkung iſt alſo nicht neu?“ rief Porthos erſtaunt;„ich glaubte ſie erfunden zu haben.“ de,„Mein Freund, das war eine vor Ariſtoteles, das nö⸗ heißt, vor etwa zweitauſend Jahren bekannte Thatſache.“ bſt„Wohl! darum iſt es nicht minder richtig,“ ſagte ge: Porthos, entzückt, mit den Gelehrten des Alterthums zuſammengetroffen zu ſein. 1 „„Vortrefflich! Doch wenn wir auf Mouſton zu⸗ rückkämen... mich dünkt, wir haben ihn augenſchein⸗ ch ſtaͤrker werdend verlaſſen.“. — 22 „Ja, gnädiger Herr,“ ſagte Mouſton. 3 „Gut, ich bin dabei,“ ſprach Porthos.„Mouſton nahm alſo dergeſtalt zu, daß er alle meine Hoffnungen erfüllte, denn er erreichte mein Maß; hievon konnte ich mich eines Tags überzeugen, als ich auf dem Leibe dieſes Burſchen ein Kamiſol von mir erblickte, aus dem er ſich einen Rock gemacht hatte, das, nur was die Stickerei betrifft, hundert Piſtolen werth war.“ „Das geſchah, um es zu probiren, gnädiger Herr,“ ſagte Mouſton. „Von dieſem Augenblick an,“ fuhr Porthos fort, „beſchloß ich, daß Mouſton mit meinem Schneider in Verbindung treten und ſich an meiner Stelle anmeſſen laſſen ſollte.“) „Herrlich erſonnen, Porthos; doch Mouſton iſt anderthalb Fuß kleiner, als Ihr.“ „Ganz richtig, man nahm das Maß bis auf den Boden, und das Ende des Kleides ging mir gerade bis über das Knie.“ 1 „Welches Glück habt Ihr doch, Porthos! Der⸗ gleichen Dinge widerfahren nur Euch.“ 4 „Ah! ja, macht mir Euer Kompliment, es iſt Ur⸗ 3 ſache dazu vorhanden. Gerade um dieſe Zeit, nämlich vor ungefähr drittehalb Jahren, reiſte ich nach Beile⸗Isle abz ich beauftragte Mouſton, um immer und im Fall der Noth ein Muſter von allen Moden zu haben, ſich jeden Monat ein Kleid machen zu laſſen.“ „Sollte es Mouſton verſäumt haben, Euren Auf⸗ trag zu befolgen? Oh! das wäre ſchlimm, Mouſton.“ „Im Gegentheil, gnädiger Herr, im Gegentheil.“ „Nein, er hat nicht vergeſſen, ſich die Kleider machen zu laſſen, aber er hat vergeſſen, mich zu enach richtigen, daß er noch dicker wurde.“ 3 „Ahl das iſt nicht mein Fehler, gnädiger 5 Euer Schneider hat es mir nicht geſagt.“ „„So,“ ſprach Porthos,„ſo, daß der Burſche zwei Jahren um achtzehn Zoll Umfang zugenom Fouquet eingeladen?“ hat, und daß meine zwölf letzten Röcke alle ſtufenweiſe um einen bis anderthalb Fuß zu weit ſind.“ „Doch die anderen, diejenigen, welche ſich der Zeit nähern, wo Eure Taille dieſelbe war?2 „Sie ſind nicht mehr in der Mode, mein lieber Freund. Zöge ich ſie an, ſo würde ich ausſehen, als käme ich von Siam, und als wäre ich zwei Jahre von Hofe entfernt geweſen.“ „Ich begreife Eure Verlegenheit. Wie viel neue Kleider habt Ihr? nicht wahr, ſechs und dreißig? und Ihr habt kein einziges. Wohl! Ihr müßt Euch ein ſieben und dreißigſtes machen laſſen; die ſechs und dreißig anderen ſind für Mouſton.“ „Ahl gnädiger Herr!“ rief Mouſton mit zufrie⸗ dener Miene.„Doch der gnädige Herr iſt allerdings immer gütig gegen mich geweſen.“ „Bei Gott! glaubt Ihr, dieſer Gedanke ſei mir nicht auch gekommen, oder ich habe die Ausgabe ge⸗ ſcheut? Aber es ſind nur noch zwei Tage von jetzt bis zu dem Feſte in Vaux; ich habe die Einladung ge⸗ ſtern erhalten, ich habe Mouſton mit Poſt mit meiner Garderobe kommen laſſen, ich habe das Unglück, das mir begegnete, erſt dieſen Morgen wahrgenommen, und es gibt keinen Schneider, der nur ein wenig in der Mode wäre und es übernähme, mir bis übermorgen ein Kleid zu verfertigen.“ „Näͤmlich ein mit Gold bedecktes Kleid, nicht wahr?“ „Ich will überall Gold haben.“— „Wir werden das in Ordnung bringen. Ihr geht erſt in drei Tagen ab. Die Einladungen ſind für Mitt⸗ woch gemacht, und wir ſind am Sonntag Morgen.“ „Das iſt wahr, doch Aramis hat mir eingeſchärft, vier und zwanzig Stunden vorher in Vaux zu ſein.“ „Wie, Aramis?“ „Ja, Aramis hat mir die Einladung gebracht.“ „Ahl ſehr gut, ich begreife. Ihr ſeid von Herrn 24 „Nein, von Seiten des Königs, lieber Freund. Auf dem Zettel ſtand mit allen Buchſtaben geſchrieben: „„Der Herr Baron du Vallon wird benachrichtigt, daß der König die Gnade gehabt hat, ihn auf die Liſte ſei⸗ ner Einladungen zu ſetzen.““ „Sehr gut; doch Ihr werdet mit Herrn Fouquet abgehen?“ „Und wenn ich bedenke,“ rief Porthos, mit einem Fußtritt den Boden einſtoßend,„wenn ich bedenke, daß ich keine Kleider haben werde, ſo berſte ich vor Zorn. Ich möchte gern Einen erwuͤrgen oder Etwas zer⸗ reißen!“„ „Erwürgt Niemand und zerreißt Nichts, Porthos; ich werde Alles in Ordnung bringen. Zieht eines von Euren ſechs und dreißig Kleidern an und kommt mit mir zu einem Schneider.“ „Bahl mein Kammerdiener iſt ſeit dem Morgen bei allen geweſen.“ „Auch bei Herrn Percerin?“ „Wer iſt Herr Percerin?“ „Er iſt der Schneider des Königs, bei Gott!“ 4 „Ahl ja, ja,“ rief Porthos, der ſich das Anſehen geben wollte, als kennete er den Schneider des Kö⸗ nigs, während er ſeinen Namen zum erſten Mal hörte; „bei Herrn Percerin, dem Schneider des Königs, bei Gott! Ich dachte, er wäre zu ſehr beſchäftigt.“ „Ohne Zweifel wird er zu ſehr beſchäftigt ſein; voch ſeid unbeſorgt, Porthos, er wird für mich thun, was er für einen Andern nicht thun würde. Nur müſ⸗ ſen wir ihn das Maß nehmen laſſen, mein Freund.“ „Oh!“ verſetzte Porthos mit einem Seufzer,„das iſt ärgerlich, doch was kann man am Ende thun!, „Ihr werdet es machen, wie die Anderen, Ihr wer⸗ 8 ————--——— ——" — det es machen, wie der König.“ „Wie, man mißt auch dem König an? Und er l duldet es.“ „Der König iſt eitel, mein Lieber, und Ihr, Ihr n: ſeid es auch, was Ihr auch ſagen möget.“ aß Porthos lächelte mit einer ſiegreichen Miene und ei⸗ ſprach: 14. „Gehen wir zum Schneider des Königs; und da iet er dem König anmißt, ſo kann ich mir, bei Gott! wohl auch anmeſſen laſſen.“ em aß en. er⸗ 8; on VI. nit en Wer das war, der Herr Jean Percerin. Der Schneider des Königs, Meſſire Jean Perce⸗ rin, bewohnte ein ziemlich großes Haus in der Rue Saint⸗Honoré, bei der Rue de l'Arbre⸗Sec. Er war en ein Mann, der Geſchmack für ſchöne Stoffe, für ſchöne dö⸗ Stickereien, für Sammete hatte; die Kundſchaft des te; Königs hatte ſich vom Vater auf den Sohn vererbt. bei Dieſe Erbfolge beſchränkte ſich indeſſen nicht hierauf, ſie ging bis zu Karl 1X. zurück, bei dem, wie man in; weiß, häufig Bravourlaunen vorkamen, welche ſehr un, ſchwer zu befriedigen waren. üſ⸗ der Percerin jener Zeit war ein Hugenot, wie d.“ Amtroiſe Paré; die Königin von Navarra, die ſchöne das Margot, hatte ihn verſchont, weil er der Einzige ge⸗ weſen, dem es gelungen war, ihr die herrlichen Reit⸗ wkleider zu verfertigen, die ſie ſo gern trug, weil ſie geeignet waren, gewiſſe anatomiſche Mängel zu ver⸗ bergen, welche die Königin von Navarra ſo ſorgfältig verbarg. Der gerettete Percerin machte aus Dankbarkeit ſchöne, ſchwarze, ſahr ökonomiſche Leibchen für die Kö⸗ nigin Catharina, welche am Ende dem Hugenoten, dem ſie lange ein böſes Geſicht gemacht hatte, für ſeine Erhaltung ſehr gewogen war. Doch Percerin war ein kluger Mann; er hatte ſagen hören, nichts ſei für einen Hugenoten gefährlicher, als das Lächeln der Königin Catharina, und da er bemerkte, daß ſie ihm öfter, als gewöhnlich, zulächelte, ſo beeilte er ſich, katholiſch mit ſeiner ganzen Familie zu werden, und durch dieſe Be⸗ kehrung tadellos geworden, gelangte er zu der hohen Stellung des Schneidermeiſters der Krone von Frank⸗ reich. Unter Heinrich III., der ein äußerſt eitler König war, erlangte dieſe Stellung die Höhe von einer der erhabenſten Bergſpitzen der Cordilleren. Percerin war ſein ganzes Leben ein geſchickter Mann geweſen, und um dieſen Ruf auch über ſein Grab hinaus zu bewah⸗ ren, hütete er ſich wohl, ſeinen Tod zu verfehlen: er ſtarb alſo ſehr geſchickt, und gerade zur Stunde, wo ſeine Einbildungskraft nachzulaſſen anfing. Er hinterließ einen Sohn und eine Tochter, Beide würdig des Namens, den ſie zu führen berufen waren: der Sohn ein unerſchrockener Schneider und pünktlich wie ein Winkelmaß: die Tochter eine Stickerin und Ornamentenzeichnerin.. Die Hochzeit von Heinrich IV. und Maria von Medicis, die ſchöne Trauer der genannten Königin machten, nebſt einigen Herrn von Baſſompierre, dem König der Elegants jener Zeit, entſchlüpften Worten, das Glück der zweiten Generation der Percerin. Herr Coneino Concini und ſeine Frau Galigai, welche hernach am franzöſiſchen Hofe glänzten, wollten die Kleider italieniſiren und ließen Schneider von Flo⸗ renz kommen; aber in ſeiner Vaterlandsliebe und in ſeiner Eitelkeit geſtachelt, vernichtete Percerin dieſe Fremdlinge durch die Anwendung ſeiner Deſſins von* eOSr Lkeo e8SAãEVS— Kö⸗ dem eine ein nen gin als mit Be⸗ hen nk⸗ 27 Brocatell und ſeiner unnachahmlichen Plumetis*), der⸗ geſtalt, daß Concino zuerfl auf ſeine Landsleute verzich⸗ tete und eine ſolche Zuneigung zu dem Schneider faßte, daß er nur noch von ihm gekleidet ſein wollte; er trug auch ein Wamms von ihm an dem Tag, wo ihm Vitry mit einem Piſtolenſchuß auf der kleinen Brücke des Louvre die Hirnſchale zerſchmetterte. Dieſes Wamms, das aus der Werkſtätte von Mei⸗ ſter Percerin kam, hatten die Pariſer das Vergnügen, mit dem darin enthaltenen Menſchenfleiſch, in ſo viele Stücke zu zerreißen. Trotz der Gunſt, der ſich Percerin bei Concino Concini erfreut hatte, war König Ludwig XlIIlI. edel⸗ müthig genug, keinen Groll gegen ſeinen Schneider zu hegen und ihn in ſeinem Dienſte zu behalten. In dem Augenblick, wo Ludwig der Gerechte dieſes große Bei⸗ ſpiel von Billigkeit gab, hatte Percerin zwei Söhne erzogen, von denen der Eine ſein Probeſtück bei der Hochzeit von Anna von Oeſterreich machte, für den Cardinal von Richelien das ſchöne ſpaniſche Kleid erfand, mit dem er Sarabande tanzte, die Coſtumes des Trauerſpiels Mi⸗ rame verfertigte und auf den Mantel von Buckingham die bekannten Perlen nähte, die auf den Böden des Louvre ausgeſtreut zu werden beſtimmt waren. Man wird bald berühmt, wenn man Herrn von Buckingham, Herrn von Cinq⸗Mars, Mademoiſelle Ninon, Herrn von Beaufort und Marion de Lorme gekleidet hat. Percerin III. hatte den Culminations⸗ punkt ſeines Ruhmes erreicht, als ſein Vater ſtarb. Alt, mit Ruhm bekränzt und reich, kleidete noch derſelbe Percerin Ludwig XIV., und da er keinen Sohn beſaß, was für ihn ein großer Kummer war, inſofern mit ihm ſeine Dynaſtie erloſch, ſo hatte er mehrere Zöglinge von ſchoͤnen Hoffnungen herangebildet. Er hatte einen Wagen, ein Landgut, Lackeien, die größten *) Eine Art von Stickerei in Baumwolle. 28 in Paris, und durch beſondere Erlaubniß von Lud⸗ wig XIV. eine Meute. Er kleidete die Herren von Lyonne und Letellier mit einer Art von Protection, aber ihm, dem Politiker, genährt von den Staatsge⸗ heimniſſen, war es nie gelungen, ein Kleid für Herrn Colbert zu verfertigen. Das läßt ſich nicht erklären, es erräth ſich. Die großen Geiſter jeder Art leben von unfaßbaren, unſichtbaren Vorſtellungen; ſie handeln, ohne ſelbſt zu wiſſen, warum. Der große Percerin, denn gegen die Gewohnheit der Dynaſtien, war es be⸗ ſonders der letzte der Percerin, der den Beinamen der Große verdient hatte, der große Percerin, ſagen wir, ſchnitt in Folge einer Eingebung einen Rock für die Königin oder eine enge Hoſe für den König; er erſann einen Mantel für Monſieur, einen Strumpfzwickel für Madame; doch trotz ſeines erhabenen Genies konnte er das Maß von Herrn Colbert nicht feſthalten:„Dieſer Mann,“ ſagte er oft,„liegt außer meinem Talent, und ich wäre nicht im Stande, ihn im Deſſin meiner Nadeln zu ſehen!“ Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Percerin der Schnei⸗ der von Herrn Fouquet war, und daß ihn der Herr Oberintendant hochſchätzte. Herr Percerin zählte gegen achtzig Jahre, und dennoch war er ſo friſch und zu gleicher Zeit ſo dürr, wie die Hofleute ſagten, als er ſpröde war. Sein Ruf und ſein Vermögen waren groß genug, daß der Herr Prinz, dieſer König der Zierlinge, ihm, während er ſich über Coſtumes mit ihm unterhielt, den Arm gab, und daß die im Bezahlen am wenigſten eifrigen Hofleute es nie wagten, die Rechnungen bei ihm zu lange an⸗ ſtehen zu laſſen; denn Pereerin machte einmal Kleider auf Kredit, doch nie zum zweiten Mal, wenn er nicht für das erſte Mal bezahlt war. Man begreift, daß ein ſolcher Schneider, ſtatt Kunden nachzulaufen, nur mit Schwierigkeiten neue 8 annahm. Percerin weigerte ſich auch, die Bürger und die zu neu Geadelten zu kleiden. Es ging ſogar das 8* en 29 Gerücht, Herr von Mazarin habe ihm gegen die un⸗ eigennutzige Lieferung eines großen, vollſtändigen Cere⸗ monienkleides für einen Cardinal an einem ſchönen Tag ein Adelsdiplom in die Taſche geſteckt.— Percerin hatte Witz und Bosheit. Man ſagte, er ſei ſehr aufgeweckt. Mit ſeinem achtzigſten Jahre nahm er noch mit feſter Hand das Maß vom Leibe einer Frau. In das Haus dieſer künſtleriſchen Vornehmheit führte d'Artagnan den troſtloſen Porthos. 3 Dieſer ſagte unter Weges zu ſeinem Freunde: „Mein lieber d'Artagnan, nehmt Euch in Acht, daß es keinen Zuſammenſtoß der Würde eines Mannes, wie ich bin, mit der Unverſchämtheit dieſes Percerin gibt, der ſehr unhoͤflich ſein muß, denn ich ſage Euch zum Voraus, daß ich ihn, wenn er ſich gegen mich verfehlte, beſtrafen würde.“ „Durch mich vorgeſtellt,“ erwiederte d'Artagnan, „habt Ihr nichts zu befürchten, und wäret Ihr auch, was Ihr nicht ſeid.“ „Oh! es iſt... „Was denn? Solltet Ihr etwas gegen Percerin haben, Porthos?“ „Ich glaube, ich habe ſeiner Zeit...“ „Nun, was denn: ſeiner Zeit?“ „Ich habe Mouſton zu einem Burſchen dieſes Na⸗ mens geſchickt.““ „Weiter?“ „Und dieſer Burſche hat ſich geweigert, mich zu kleiden.“ 3 „Oh! ein Mißverſtändniß, das nothwendig aus⸗ geglichen werden muß. Mouſton wird es verwechſelt haben.“. „Vielleicht.“ „Er hat wohl einen Namen für den andern ge⸗ nommen.“ 2 4 763 möglich. Dieſer Schelm von einem Mou⸗ ſton hat nie ein Namengedächtniß gehabt.“ 30 „Ich übernehme Alles.“ „Sehr gut. 4 „Laßt den Wagen halten, Porthos; es iſt hier.“ „Hier! 14 „Ja, hier.“ „Wie, hier! Wir ſind hier in den Hallen und Ihr habt mir geſagt, das Haus ſei an der Ecke der Rue de l'Arbre⸗Sec.“ „Es iſt wahr, doch ſchaut.“ „Wohll ich ſchaue und ich ſehe...“ „Was?“ „Daß wir in den Hallen ſind, bei Gott!“ „Ihr wollt ohne Zweifel nicht, daß unſere Pferde auf den Wagen desjenigen, welcher uns voranfährt, hinaufſteigt?“ „Nein.“ „Auch nicht, daß der Wagen, der vor uns kommt, auf den vor ihm hinauffährt?“ „Eben ſo wenig.“ „Noch daß der zweite Wagen den zwanzig bis dreißig anderen Wagen, welche vor uns gekommen ſind, über den Bauch fährt?“ Ohl bei meiner Treue, Ihr habt Recht. Ah! wie viel Leute, mein Lieber, wie viel Leute!“ „Nicht wahr?“ „Und was machen alle dieſe Leute hier?“ „Das iſt ganz einfach. Sie warten, bis die Reihe an ſie kommt.“ „Bah! ſollten die Schauſpieler des Hotel de Bour⸗ gogne ausgezogen ſein 2 „Nein, bis die Reihe des Eintritts bei Herrn Per⸗ cerin an ſie kommt.“ „Wir werden alſo auch warten?“ „Wir, wir werden geſcheiter und weniget ſtolz ſein, als ſie.“ 8 „Was thun wir dann?“ 3 „Wir ſteigen aus, wir ſchreiten mitten d 1 — —. 3¹1 gen und Lackeien und treten bei dem Schneider ein, dafür ſtehe ich Euch, beſonders, wenn Ihr vorangeht.“ „Vorwärts,“ ſagte Porthos. Beide ſtiegen aus und gingen zu Fuß nach dem Hauſe. Was dieſe Zuſammenſcharung veranlaßte, war der Umſtand, daß die Thüre von Herrn Percerin geſchloſſen war, und daß ein Lackei, der vor dieſer Thuͤre ſtand, den vornehmen Kunden des vornehmen Schneiders er⸗ klärte, für den Augenblick empfange Herr Percerin Nie⸗ mand. Man wiederholte ſich außen immer nach dem, was vertraulich der große Lackei zu einem vornehmen Mann, gegen den er ſich freundlich benahm, geſagt hatte, man wiederholte ſich, Percerin ſei mit fünf An⸗ zügen für den König beſchäftigt, und in Betracht der Dringlichkeit der Lage, ſinne er in ſeinem Cabinet über die Verzierungen, die Farbe und den Schnitt dieſer fünf Anzüge nach. hrere kehrten, befriedigt durch den Grund und glücklich, ihn Andern ſagen zu koͤnnen, um, aber Andere, von zäherer Natur, beſtanden darauf, daß ihnen die Thüre geöffnet werden ſollte, und unter den letzten drei Heili⸗ gengeiſtritter, die für ein Ballet bezeichnet waren, das unfehlbar ſcheitern würde, hätten die drei Heiligengeiſt⸗ ritter nicht eigenhändig vom großen Pereerin geſchnit⸗ tene Kleider. Porthos vor ſich her ſchiebend, der die Gruppen durchbrach, gelangte d'Artagnan bis zu den Arbeits⸗ tiſchen, hinter denen ſich die Schneidergeſellen gewal⸗ tig anſtrengten, um auf's Beſte zu antworten. Wir vergeſſen, zu bemerken, daß man vor der Thüre, Porthos, wie die Anderen, hatte zurückweiſen wollen, doch es hatte ſich d'Artagnan gezeigt, und nur die Worte:„Befehl des Königs,“ geſprochen, und war ſogleich mit ſeinem Freunde eingeführt worden. Dieſe armen Teufel hatten viel zu thun und raff⸗ ten alle ihre Kräfte zuſammen, um den Anforderungen 32 der Kunden, in Abweſenheit des Herrn, zu entſprechen; ſie unterbrachen ſich zuweilen, indem ſie einen Stich machten, um eine Phraſe zu drechſeln, und wenn der verwundete Stolz oder die getäuſchte Erwartung ſie zu heftig ausſchalt, ſo tauchte der Angegriffene nieder und verſchwand unter dem Arbeitstiſch. Die Proceſſion der unzufriedenen vornehmen Her⸗ ren bildete ein Gemälde voll intereſſanter Einzel⸗ heiten. Unſer Kapitän der Musketiere, der Mann mit dem raſchen, ſichern Auge, umfaßte es mit einem Blick. Nachdem er jedoch die Gruppen durchlaufen hatte, hef⸗ tete ſich dieſer Blick auf einen Mann, welcher gegen⸗ über auf einem Schemel ſaß und kaum mit dem Kopfe den Arbeitstiſch überragte, der ihm Schutz verlieh. Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren mit ſchwermüthiger Phyſiognomie, bleichem Geſichte und ſanften, leuchtenden Augen. Er ſchaute d'Artagnan und die Anderen, eine Hand unter dem Kinn, wie ein neugieriger, ruhiger Liebhaber an. Nur als er unſern Kapitän erblickte und ohne Zweifel erkannte, ſchlug er ſeinen Hut auf ſeine Augen nieder. Es war vielleicht dieſe Geberde, was den Blick von d'Artagnan anzog. War dem ſo, ſo folgte hieraus, daß der Mann mit dem niedergeſchlagenen Hut einen von dem, welchen er ſich vorgeſetzt, ſehr verſchiedenen Zweck erreicht hatte. Die Tracht dieſes Mannes war übrigens ſehr ein⸗ fach, und ſeine Haare waren flach genug friſirt, daß ihn minder ſcharf beobachtende Kunden für einen ge⸗ wöhnlichen Schneidergeſellen halten konnten, der, hinter den eichenen Tiſch gekauert, mit Pünktlichkeit am Sammet oder an der Seide nähte. Jedenfalls hatte dieſer Menſch den Kopf zu oft in der Luft, um nützlich mit ſeinen Fingern zu ar⸗ beiten. D'Artagnan ließ ſich nicht bethören; er ſah wohl⸗ ſe B 33 daß, wenn dieſer Menſch arbeitete, es ſtcherlich nicht an Stoffen geſchah. „He!“ ſagte er, indem er ſich an dieſen Mann wandte,„Ihr ſeid alſo Schneidergeſell geworden, Herr Molièdre?“ „St! Herr d'Artagnan,“ erwiederte leiſe der Mann mit dem niedergeſchlagenen Hut,„ſtille, in des Him⸗ mels Namen, Ihr werdet machen, daß man mich er⸗ kennt.“ „Nun, was iſt daran Schlimmes 2“ „Es iſt allerdings nichts Schlimmes daran; doch...“ bedhr wollt ſagen, es ſei auch nicht gut, nicht r 7 „Ach! nein, denn ich verſichere Euch, ich war be⸗ ſchäftigt, ſehr gute Geſichter zu betrachten.“ „Thut das, thut das. Ich begreife, welches In⸗ tereſſe die Sache für Euch hat, Herr Molière; und... ich werde Euch in Euren Studien nicht ſtören.“ „Ich danke Euch.“ „Doch unter einer Bedingung: daß Ihr mir ſagt, wo Herr Percerin in der That iſt.“ „Ohl ſehr gern: in ſeinem Cabinet. Nur„..“ „Nur, darf man nicht hinein?“ „Unzugänglich.“ „Für Jedermann?“ „Für Jedermann. Er hat mich hier hereingelaſ⸗ ſen, damit ich nach meinen Bequemlichkeiten meine Beobachtungen machen könnte, dann iſt er wegge⸗ gangen.“ „Wohl! mein lieber Molidre, nicht wahr, Ihr be⸗ nachrichtet ihn, daß ich da bin?“ „Ich!“ rief Molière mit dem Tone eines muthi⸗ gen Hundes, dem man den Knochen nimmt, welchen er rechtlicher Weiſe erworben hat;„ich ſoll meinen Platz Die drei Musketiere, Bragelonne., 1 3 verlaſſen? Ah! Herr d'Artagnan, wie ſchlecht behan⸗ delt Ihr mich!“ 0 „Wenn Ihr nicht auf der Stelle Herrn Percerin meldet, ich ſei da, mein lieber Herr Molidre,“ ſagte d'Artagnan leiſe,„ſo erkläre ich Euch Eines: ich laſſe Euch den Freund nicht ſehen, den ich mitgebracht habe.“ Molidre bezeichnete mit einer unmerklichen Geberde Porthos. „Dieſen, nicht wahr?“ ſagte er. „J a. Molisre heftete auf Porthos einen von den Blicken, welche die Gehirne und die Herzen durchwühlen. Die Prüfung kam ihm ohne Zweifel vielverſprechend vor, denn er ſtand ſogleich auf und ging in das anſtoßende Zimmer. V. Die Muſter. Mittlerweile verlief ſich die Menge langſam, wobei ſie indeſſen an jeder Ecke des Arbeitstiſches ein Ge⸗ murre oder eine Drohung zurückließ, wie an den Sand⸗ bänken des Meeres die Wellen ein wenig Schaum oder Prmafnibes Meergras hinterlaſſen, wenn ſie ſich bei intritt der Ebbe zurückziehen.. Nach zehn Minuten erſchien Molidre wieder und machte d'Artagnan unter dem Thürvorhang ein ande⸗ res Zeichen. Dieſer eilte, Porthos mit ſich ziehend, fort, und führte ihn durch verſchiedene ziemlich verwor⸗ rene Gänge in das Cabinet von Percerin. Die Aermel 3 35 zurückgeſchlagen, unterſuchte der Greis ein Stück Bro⸗ cat mit großen goldenen Blumen, um ſchöne Reflexe darauf hervorzubringen. Als er d'Artagnan erblickte, ließ er ſeinen Stoff liegen und ging ihm entgegen, nicht ſtrahlend, nicht höflich, doch im Ganzen ziemlich artig. 3. Herr Kapitän der Garden,“ ſagte er,„nicht wahr, Ihr werdet mich entſchuldigen? doch ich habe u thun.“ 4„Ahl ja, Ihr ſeid mit den Kleidern des Königs beſchaftigt; ich weiß das, mein lieber Herr Percerin, Ihr macht drei, wie man mir geſagt hat?“ „Fünf, mein lieber Herr, fünf.“ „Drei oder fünf, das kümmert mich nichts, Meiſter Percerin, und ich weiß, daß Ihr die ſchönſten der Welt machen werdet.“ „Man weiß es, ja, einmal gemacht, werden ſie die ſchönſten der Welt ſein, damit es aber die ſchönſten der Welt ſind, müſſen ſie zuvor gemacht werden, und hiezu, mein lieber Herr Kapitän, brauche ich Zeit.“ „Ah bah! noch zwei Tage! das iſt mehr, als Ihr braucht, mein lieber Herr Percerin,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan mit dem größten Phlegma. Percerin ſchaute empor, wie ein Menſch, der we⸗ nig an den Widerſpruch gewöhnt iſt, ſelbſt nicht einmal in ſeinen Launen; d'Artagnan merkte aber nicht auf die Miene, welche der erhabene Brocatſchneider allmälig annahm.* „Mein lieber Herr Percerin,“ fuhr er fort,„ich bringe Euch einen Kunden.“ Ah! ah!“ machte Percerin mit einem verdrießli⸗ chen Tone. „Den Herrn Baron du Vallon de Bracieux de Pierrefonds,“ ſagte d'Artagnan. ercerin verſuchte eine Begrüßung, welche nichts Sympathetiſches bei dem furchtbaren Porthos fand, der ſeit ſeinem Eintritt in das Cabinet den Schneider ſchel anſchaute. „Einen von meinen Freunden,“ vollendete d'Ar⸗ tagnan. 1 „Ich werde den Herrn bedienen, aber ſpäter,“ er⸗ wiederte Percerin. „Später! und wann dies?“ „Wann.. wann ich Zeit haben werde.“ „Ihr habt das ſchon meinem Bedienten geſagt!“ rief Porthos unzufrieden. „Das iſt möglich, ich bin beinahe immer mit drin⸗ genden Geſchäften überhäuft.“ „Mein Freund,“ entgegnete Porthos pathetiſch, „man hat immer Zeit, wenn man will.“ Percerin wurde carmeſinroth; was bei den durch das Alter weiß gewordenen Greiſen ein ärgerliches Merkmal iſt. „Es ſteht dem Herrn, meiner Treue! frei, ſich anderswo bedienen zu laſſen,“ ſagte er. „Ah! ah! Percerin,“ flüſterte d'Artagnan,„Ihr ſeid heute nicht liebenswürdig. Wohl denn! ich will Euch ein letztes Wort ſagen, wonach Ihr auf die Kniee fallen werdet: dieſer Herr iſt nicht nur ein Freund von mir, ſondern auch ein Freund von Herrn Fou⸗ quet.“ „Ahl ah!“ verſetzte der Schneider,„das iſt etwas Anderes.“ Dann ſich gegen Porthos wendend, fragte er:.„Der Herr Baron gehört dem Herrn Oberinten⸗ danten?“ „Ich gehöre mir,“ brach Porthos gerade in dem Augenblick los, wo der Thürvorhang aufgehoben wurde, um eine neue Perſon durchzulaſſen. Molidre beobachtete. D'Artagnan lachte. Porthos 3 fluchte. bitte Euch darum.“ „Mein lieber Herr Percerin,“ ſagte d'Artagnan, „Ihr werdet dem Herrn Baron ein Kleid machen, ich 37 „Bei Euch ſage ich nicht nein, Herr Kapitän.“ „Doch das iſt nicht Alles, Ihr werdet ihm das Kleid ſogleich machen.“ „Unmöglich vor acht Tagen.“ „Dann iſt es, als ob Ihr es abſchlüget, ihm eines zu machen, da das Kleid bei dem Feſte in Vaux zu erſcheinen beſtimmt iſt.“ „Ich wiederhole, daß es unmöͤglich iſt,“ entgegnete der hartnäckige Greis. 4 „Nein, lieber Herr Percerin, beſonders, wenn ich Euch darum bitte,“ ſagte an der Thüre eine ſanfte Stimme, eine metalliſche Stimme, welche d'Artagnan das Ohr ſpitzen machte. Es war die Stimme von Aramis. „Herr d'Herblay,“ rief der Schneider. „Aramis!“ murmelte d'Artagnan. „Ahl unſer Biſchof!“ ſagte Porthos. „Guten Morgen, d'Artagnan, guten Morgen, theure Freunde,“ ſprach Aramis.„Auf, Herr Percerin, macht das Kleid für dieſen Herrn, und ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr, indem Ihr es macht, Herrn Fouquet etwas Angenehmes erweiſt.“ Und er begleitete dieſe Worte mit einem Zeichen, welches beſagen wollte: Bewilligt und entlaßt. Es ſcheint, Aramis hatte auf Percerin einen höheren Ein⸗ fluß, als ſelbſt d'Artagnan, denn der Schneider ver⸗ beugte ſich zum Zeichen der Einwilligung, wandte ſich gegen Porthos um und ſprach ungeſchlacht: „Laßt Euch das Maß auf der andern Seite nehmen.“ 1 Porthos erröthete auf eine furchtbare Art. „Artagnan ſah den Sturm kommen und ſagte mit halber Stimme zu Molière: „Mein lieber Herr, der Mann, den Ihr ſeht, hält ſich für entehrt, wenn man das Fleiſch und die Kno⸗ chen mißt, die ihm Gott zugetheilt hat; ſtudirt mir dieſen Typus, Meiſter Ariſtophanes, und benützt es.“ 38 Molidre bedurfte der Ermuthigung nicht; er um⸗ faßte mit den Augen die ganze Perſon von Porthos und ſagte dann zu ihm: „Mein Herr, wenn es GEuch gefällig iſt, mit mir zu kommen, ſo werde ich Euch das Maß von einem Kleid nehmen laſſen, ohne daß Euch der Meſſer be⸗ rührt.“ 4 15„Ah! was ſagt Ihr da, mein Freund?“ rief Por⸗ os. „Ich ſage, man werde weder die Elle, noch den Fuß auf Eure Nähte anwenden. Das iſt ein neues Verfahren, das wir erſonnen haben, um das Maß von Leuten von Stand zu nehmen, deren Empfindlichkeit es widerſtrebt, ſich von gemeinen Burſchen berühren zu laſſen. Wir haben empfindliche Leute, die es nicht er⸗ tragen können, gemeſſen zu werden, eine Ceremonie, die, meines Erachtens, die natürliche Majeſtät des Menſchen verletzt, und ſolltet Ihr zufällig zu dieſen Leuten gehören... 2„. „Alle Hagel! ich glaube wohl, daß ich dazu ge⸗ höre.“ „Wohl! das kommt vortrefflich, Herr Baron, und bei Euch ſoll von unſerer Erfindung zuerſt Gebrauch gemacht werden.“ 1 „Wie, des Teufels, benimmt man ſich aber hiebei?“ fragte Porthos entzückt. „Mein Herr,“ antwortete Molisre, ſich verbeugend, „wollt Ihr die Gnade haben, mir zu folgen, ſo werdet Ihr es ſehen.“ Aramis ſchaute dieſe Scene mit allen ſeinen Au⸗ gen an. Vielleicht glaubte er an der Belebtheit von d'Ar⸗ tagnan zu erkennen, dieſer würde mit Porthos wegge⸗ 3 hen, um das Ende von einer ſo gut begonnenen Scene nicht zu verlieren; doch ſo ſcharfſichtig Aramis auch war, er täuſchte ſich. Porthos und Molière gingen allein weg. D'Artagnan blieb bei Percerin. Warum? aus Neugierde, das iſt das Ganze; wahrſcheinlich um „ 1 39 och einige Augenblicke länger die Gegenwart ſeines guten Freundes Aramis zu genießen. Sobald Molidre und Porthos verſchwunden waren, näherte ſich d'Ar⸗ tagnan dem Biſchof von Vannes, was dieſem beſonders ärgerlich zu ſein ſchien, und ſagte: 1„Nicht wahr, auch ein Kleid für Euch, lieber Freund?“ 3„Nein,“ erwiederte Aramis lächelnd. 7„Ihr geht doch nach Vaux?“ „Ich gehe dahin, doch ohne ein neues Kleid. Ihr 1 vergeßt, mein lieber d'Artagnan, daß ein armer Bi⸗ 6 ſchof von Vannes nicht reich genug iſt, um ſich für alle Feſte neue Kleider machen zu laſſen.“ 6„Bah!“ verſetzte lachend der Musketier,„und die 1 Gedichte, machen wir keine mehr?“ 1 .„Oh! d'Artagnan,“ erwiederte Aramis,„es iſt 1 lange her⸗ daß ich nicht mehr an alle dieſe Nichts⸗ würdigkeiten denke.“ 4„Gut,“ ſagte d'Artagnan, ſchlecht überzeugt. Percerin hatte ſich wieder in ſeine Brocatbetrach⸗ 5 tungen verſenkt. d„Bemerkt Ihr nicht, daß wir dieſem braven Mann 5 ſehr zur Laſt ſind, mein lieber d'Artagnan,“ ſagte Ara⸗ 4 mis lächelnd. „Ah! ah!“ murmelte mit halber Stimme der Mus⸗ ketier,„das heißt, ich bin Dir zur Laſt, mein lieber Freund.“ Dann ſprach er laut:„Wohll ſo gehen wir. et Ich habe nichts mehr hier zu thun, und wenn Ihr ſo frei ſeid, als ich, lieber Aramis...“ „Nein, ich wollte...“ „Ah! Ihr wolltet Herrn Percerin etwas insge⸗ heim ſagen?“ „Insgeheim,“ wiederholte Aramis,„ja, gewiß, doch nicht für Euch. Nie, das bitte ich Euch, mir zu glauben, nie werde ich etwas Geheimes haben, das ein Freund, wie Ihr, nicht hören darf.. 3„Oh! nein, nein, ich entferne mich,“ erwiederte 1 40 d'Artagnan, wobei jedoch ſeine Stimme einen merk⸗ lichen Ausdruck von Neugierde hatte, denn die Bewe⸗ gung von Aramis, ſo gut ſie auch verkleidet war, ent⸗ ging ihm nicht, und er wußte, daß in dieſer uner⸗ forſchlichen Seele Alles, ſelbſt die ſcheinbar geringfügigſten Dinge, gewöhnlich auf ein Ziel losging, ein unbekann⸗ tes Ziel, das aber, wie der Musketier bei ſeiner ge⸗ nauen Kenntniß des Charakters ſeines Freundes wohl begriff, wichtig ſein mußte. Aramis aber ſah ſeinerſeits, daß d'Artagnan nicht ohne Verdacht war, und entgegnete beharrlich: „Ich bitte, bleibt und höret, wie ſich die Sache verhält.“ Dann ſich an den Schneider wendend:„Mein lieber Herr Percerin... Ich freue mich ſogar ſehr, daß Ihr da ſeid.“ „Ah! wahrhaftig!“ ſagte zum dritten Mal der Daschsner diesmal ſo wenig bethört, als die anderen ale. Percerin rührte ſich nicht. Aramis weckte ihn ge waltſam dadurch auf, daß er ihm den Stoff, den Gegen⸗ ſtand ſeines Nachſinnens, aus den Händen zog. „Mein lieber Herr Percerin,“ ſagte er,„ich habe hier nebenan Herrn Lebrun, einen der Maler von Herrn Fouquet.“ „Ahl ſehr gut,“ dachte d'Artagnan,„doch warum Herr Lebrun?“ Aramis ſchaute d'Artagnan an, der ſich die Miene gab, als betrachtete er Kupferſtiche. „Und Ihr wollt ihm ein Kleid, dem der Epicuräer ähnlich, machen laſſen?“ fragte Percerin. Und indem er dies auf eine ganz zerſtreute Art ſagte, ſuchte der gute Schneider ſein Stück Brocat wie⸗ der zu erwiſchen. 3 „Ein Epicuräer⸗Kleid?“ fragte d'Artagnan mit ausforſchendem Tone. „Ahl“ ſagte Aramis mit ſeinem reizenden Lächeln, „es ſteht geſchrieben, daß dieſer liebe d'Artagnan heute —— 41 Abend alle unſere Geheimniſſe erfahren ſoll; ja, mein Freund; nicht wahr, Ihr habt wohl von den Epicu⸗ räern von Herrn Fouquet reden hoͤren?“— „Gewiß. Iſt es nicht eine Art von Geſellſchaft von Dichtern, bei der die Herren La Fontaine, Loret, Peliſſon, Molidre ſind, was weiß ich? und die ihre Academie in Saint⸗Mandé hält?“. „Ganz richtig. Wohl! wir geben unſeren Dich⸗ tern eine Uniform und reihen ſie in den Dienſt des Königs ein.“ „Ohl ſehr gut, ich errathe, eine Ueberraſchung, die Herr Fouquet dem König bereitet. Oh! ſeid unbe⸗ ſorgt, wenn hierin das Geheimniß von Herrn Fouquet liegt, ich werde es nicht ſagen.“ —„Immer zum Entzücken, mein Freund. Nein, Herr Lebrun hat nichts auf dieſer Seite zu thun; das Geheimniß, das ihn betrifft, iſt noch viel wichtiger, als das andere.“ „Wenn es ſo wichtig iſt, will ich es lieber nicht wiſſen,“ erwiederte d'Artagnan, indem er ſich einen fal⸗ ſchen Abgang machte. „Tretet ein, Herr Lebrun, tretet ein,“ rief Aramis. Und er öffnete mit der rechten Hand eine Seiten⸗ thüre, während er mit der linken d'Artagnan zurück⸗ hielt. „Meiner Treue, ich begreife nicht mehr,“ ſagte Percerin. 3 Aramis nahm ein Tempo, wie man in Theater⸗ ſachen ſagt.. „Mein lieber Herr Percerin,“ ſprach er, pnicht wahr, Ihr macht fünf Kleider für den König? eines von Brocat, eines von Jagdtuch, eines von Sammet, eines von Atlas und eines von Florentiner Stoff?“ „Ja. Doch woher wißt Ihr dies Alles, Monſeig⸗ neur?“ fragte Percerin erſtaunt.. 3 „Das iſt ganz einfach, mein lieber Freund; es wird Jagd, Feſtmahl, Concert, Spazierfahrt und Em⸗ 42 pfang ſtattfinden, dieſe fünf Stoffe ſind nach der Eti⸗ quette.“ 1 „Ihr wißt Alles, Monſeigneur.“ „Und noch viele andere Dinge,“ murmelte d'Ar⸗ tagnan. „Aber was Ihr nicht wißt,“ rief der Schneider triumphirend,„obgleich Ihr Kirchenfürſt ſeid, Monſeig⸗ neur, was Niemand erfahren wird, was der König al⸗ lein, Fräͤulein de la Vallière und ich wiſſen, das iſt die Farbe der Stoffe und die Art der Verzierungen, es iſt der Schnitt, es iſt die Tournüre von dem Allem.“ „Wohll“ ſagte Aramis,„das iſt es gerade, womit ich Euch mich bekannt zu machen bitte, lieber Herr Percerin.“ 4 „Ah bah!“ rief der Schneider erſchrocken, obgleich Aramis dieſe Worte mit ſeinem weichſten, honigreichſten Tone geſprochen hatte. Das Verlangen erſchien Per⸗ cerin, wenn er darüber nachdachte, ſo übertrieben lächer⸗ lich, ſo ungeheuer, daß er Anfangs ganz leiſe, dann laut lachte und endlich in ein ſchallendes Gelächter aus⸗ brach. D'Artagnan ahmte ihn nach, nicht als hätte er die Sache ſo tief lächerlich gefunden, ſondern um Aramis nicht erkalten zu laſſen. Dieſer ließ Beide ge⸗ währen, dann, als ſie wieder ruhig waren, ſagte er: „Beim erſten Anblick, nicht wahr, ſehe ich aus, als ließe ich mir eine Albernheit zu Schulden kommen? doch d'Artagnan, der die eingefleiſchte Weisheit iſt, wird Euch wohl ſagen, daß ich nicht umhin kann, Euch dies zu fragen.“. „Laßt hören,“ rief der aufmerkſame Musketier, der mit ſeinem wunderbaren Geruchsſinn witterte, man habe bis jetzt nur ſcharmutzirt, und der Augenblick der Schlacht nahe heran. 3 „Laßt hören,“ ſagte Percerin ungläubig. „Warum gibt Herr Fouquet dem Koͤnig ein Feſt?“ fuhr Aramis fort.„Nicht wahr, um ihm zu gefallen?“ „Sicherlich,“ erwiederte Percerin. 8 — +½——u A AU „N SBSNu U 8 N 43 D' Artagnan nickte billigend mit dem Kopf. „Durch eine Galanterie, durch eine gute Erfin⸗ dung, durch eine Reihe von Ueberraſchungen, ähnlich der, von welcher wir vorhin in Beziehung auf die Einrei⸗ hung der Epicuräer ſprachen? „Vortrefflich.“ „Nun alſo die Ueberraſchung, mein guter Freund. Herr Lebrun hier iſt ein Mann, der ſehr pünktlich zeichnet.“ „Ja,“ ſagte Percerin,„ich habe Gemälde von dem Herrn geſehen und bemerkt, daß die Kleider ſehr ſorg⸗ fältig behandelt waren. Darum habe ich ſogleich ein⸗ gewilligt, ihm eine Kleidung zu machen, ſei es eine mit denen detHerren Epicuräer übereinſtimmende, ſei es eine beſondere.“ vLieber Herr, wir nehmen Euer Wort an und werden ſpäter davon Gebrauch machen; für den Augen⸗ blick aber bedarf Herr Lebrun nicht der Kleider, die Ihr für ihn machen werdet, ſondern derjenigen, welche Ihr für den König gemacht habt.“ Percerin machte einen Sprung rückwärts, den d'Artagnan, der ruhige Mann und der vorzugsweiſe Schätzer, nicht zu übertrieben fand, ſo viel ſeltſame und Schauer erregende Seiten enthielt das Verlangen, das Aramis geſtellt hatte.. „Die Kleider des Königs! irgend Jemand in der Welt die Kleider des Königs geben! Oh! ohl Herr Biſchof, Eure Herrlichkeit iſt toll!“ rief der arme Schneider außer ſich. „Helft mir doch, d'Artagnan,“ ſagte Aramis im⸗ mer lächelnder und ruhiger;„helft mir doch den Herrn überreden, denn nicht wahr, Ihr begreift?“ „Eil ich geſtehe, nicht ganz.“ „Wie! Ihr begreift nicht, daß Herr Fouquet dem Kö⸗ nig die Ueberraſchung, bei ſeiner Ankunft in Vaur ſein Portrait zu finden, bereiten will, und daß das Portrait, deſſen Aehnlichkeit treffend ſein wird, gekleidet ſein muß⸗ erſcheinen ſoll, gekleidet ſein wird. „Ahl ja, ja,“ rief der Musketier, beinahe über⸗ zeugt, ſo wahrſcheinlich war der Grund;„ja, mein lieber Aramis, Ihr habt Recht; ja, der Gedanke iſt glücklich. Wetten wir, daß er von Euch kommt, Ara⸗ mis?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte der Biſchof mit nach⸗ läßigem Tone,„von mir oder von Herrn Fouquet.“ Dann das Geſicht von Percerin befragend, nach⸗ dem er die Unentſchiedenheit von d'Artagnan wahrge⸗ nommen hatte, ſprach er:. „Nun! Herr Percerin, was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, daß..“ „Ich weiß wohl, es ſteht Euch frei, es abzuſchla⸗ gen, und ich gedenke Euch durchaus nicht zu zwingen, lieber Herr; ich ſage mehr, ich begreife ſogar, mit welchem Zartgefühl Ihr zu Werke geht, daß Ihr dem Gedanken von Herrn Fouquet nicht entgegenkommt. Ihr befürchtet, es habe den Anſchein, als wolltet Ihr dem Könige ſchmeicheln. Adel des Herzens, Herr Per⸗ cerin, Adel des Herzens!“ Der Schneider ſtammelte ein unverſtändliches Wort. „Es wäre allerdings eine ſehr ſchöne Schmeichelei, die man dem jungen Fürſten machen könnte,“ fuhr Aramis fort;„doch, ſagte der Herr Oberindendant zu mir, ſchlägt es Herr Percerin ab, ſo erklärt ihm, es thue ihm dies in meinem Geiſte keinen Eintrag, und ich ſchätze ihn immerhin. Nur...“ „Nur...“ wiederholte der Schneider unruhig. „Nur,“ fuhr Aramis fort,„werde ich genöthigt ſein, dem König zu ſagen:„„Sire, ich beabſichtigte Eurer Majeſtät ihr Bild anzubieten, doch in einem vielleicht übertriebenen, obgleich achtungswerthen Zart⸗ gefühl hat ſich Herr Percerin widerſetzt.““ „Widerſetzt!“ rief der Schneider, erſchrocken über die Verantwortlichkeit, die auf ihm laſten ſollte;„ich gerade wie der König an dem Tage, wo das Portrait 4 4 4 2ᷣ S &—— X— ⏑— r 45 mich dem widerſetzen, was Herr Fouquet will, wenn es ſich darum handelt, dem König ein Vergnügen zu machen! Oh! was für ein abſcheuliches Wort habt Ihr da geſagt, Herr Biſchof! ich mich widerſetzen! Oh! Gott ſei Dank! ich habe es nicht ausgeſprochen! Ich nehme den Herrn Kapitän der Musketiere zum Zeugen. Nicht wahr, Herr d'Artagnan, ich widerſetze mich nichts?“ D'Artagnan machte ein Zeichen der Zurückweiſung, welches bedeutete, er wunſche neutral zu bleiben; er fuͤhlte, daß hierunter eine Intrigue, ein Luſtſpiel oder ein Trauerſpiel ſtak; er wußte es durchaus noch nicht zu errathen, vor der Hand wollte er ſich aber jeder Einmiſchung enthalten. Doch von dem Gedanken verfolgt, man könnte dem König ſagen, er habe ſich dem, daß man ihm eine Ueberraſchung bereite, widerſetzt, hatte Percerin ſchon einen Stuhl zu Lebrun gerückt; geſchäftig zog er ſodann aus einem Schranke vier glänzende Kleidungen— die fünfte war noch in den Händen der Arbeiter— und legte die genannten Meiſterwerke auf eben ſo viele Glie⸗ dermänner von Bergamo, die, zur Zeit von Concini nach Frankreich gekommen, Percerin vom Marſchall d'Ancre nach der Niederlage der in ihrer Concurrenz zu Grunde gerichteten italieniſchen Schneider geſchenkt worden waren. Der Maler ſing an die Kleider zu zeichnen und dann zu malen. Doch Aramis, der mit den Augen alle Phaſen ſeiner Arbeit verfolgte, von Nahem überwachte, unter⸗ brach ihn plötzlich und ſagte; 3 „Ich glaube, Ihr ſeid nicht im rechten Ton, Herr Lebrun; Eure Farben werden Euch täuſchen, und auf der Leinwand wird ſich dieſe vollkommene Aehnlichkeit verlieren, die für uns durchaus nothwendig iſt. Ihr müßtet mehr⸗Zeit haben, um die Nuancen aufmerkſam zu betrachten.“ — 46 „Es iſt wahr,“ erwiederte Lebrun;„doch es ge⸗ bricht uns an Zeit, und hiebei, Ihr werdet das zuge⸗ ben, Herr Biſchof, vermag ich nichts.“ „Dann wird die Sache verfehlt ſein, und zwar in Ermangelung der Wahrheit der Farben,“ ſprach Ara⸗ mis ruhig. Lebrun copirte indeſſen Stoffe und Zierrathen mit der größten Treue, was Aramis mit einer ſchlecht verhehlten Ungeduld anſchaute.. „Ei! welch ein verteufeltes Imbroglio ſpielt man hier?“ fragte ſich der Musketier.. „Das wird offenbar nicht gehen,“ ſagte Aramis; „Herr Lebrun, ſchließt Eure Schachteln und rollt Eure Leinwand zuſammen.“ „Das Licht iſt aber auch abſcheulich hier!“ rief der Maler ärgerlich. „Ein Gedanke, Herr Lebrun, ein Gedanke l...“ Wenn man, zum Beiſpiel, ein Muſter von den Stoffen hätte, und mit der Zeit und bei beſſerem Licht!..“ „Ohl dann wuüͤrde ich für Alles ſtehen,“ rief Lebrun. „Gut!“ ſagte d'Artagnan,„das muß der Knote der Handlung ſein; man bedarf eines Muſters von jedem Stoff. Mordioux! wird er es geben, dieſer Percerin?“ In ſeinen letzten Verſchanzungen geſchlagen, über⸗ dies bethört durch die geheuchelte Treuherzigkeit von Aramis, ſchnitt Pereerin fünf Muſter ab und übergab ſie dem Biſchof von Vannes. 1 „Das iſt mir lieber. Nicht wahr, es iſt auch Cure Anſicht?“ ſagte Aramis zu d'Artagnan. „Meine Anſicht iſt, daß Ihr immer derſelbe ſeid,“ antwortete d'Artagnan. „Und folglich immer Euer Freund,“ ſprach Ara⸗ mis mit ſeinem reizendſten Stimmtone. „Ja, ja,“ ſagte d'Artagnan laut. Dann fügte er 1 leiſe bei:„Wenn ich mich von Dir bethören laſſe, ſo — 47 will ich wenigſtens nicht Dein Genoſſe ſein, und damit ich nicht Dein Genoſſe bin, iſt es Zeit, daß ich von hier weggehe. Gott befohlen, Aramis,“ ſprach er laut,„Gott befohlen, ich will zu Porthos zurückkehren.“ „So wartet auf mich,“ verſetzte Aramis, die Mu⸗ ſter einſackend,„denn ich bin fertig, und es wäre mir nicht unangenehm, unſerem Freunde ein letztes Wort zu ſagen.“. Lebrun packte zuſammen, Percerin legte ſeine Klei⸗ der wieder in den Schrank, Aramis drückte mit ſeiner Hand an ſeine Taſche, um ſich zu verſichern, daß die Muſter wohl eingeſchloſſen waren, und Alle verließen das Cabinet. VI. Worin Molidre vielleicht den erſten Gedanken zu ſeinem Jürger-Edelmann faßte. D'Artagnan fand Porthos im anſtoßenden Zim⸗ mer, aber nicht mehr den zornigen, aufgebrachten Por⸗ thos, ſondern Porthos aufgeheitert, ſtrahlend, reizend und mit Molizre plaudernd, der ihn mit einer Art von Vergötterung und wie ein Menſch anſchaute, welcher noch nie etwas Beſſeres, aber auch noch nie etwas Aehn⸗ liches geſehen hat. Aramis ging gerade auf Porthos zu, reichte ihm ſeine zarte, weiße Hand, welche von der Rieſenhand ſeines alten Freundes verſchlungen werden ſollte— eine Operation, welche Aramis nie ohne eine Art von Angſt wagte. Doch als der freundſchaftliche Druck ohne zu großen Schmerz vor ſich gegangen war, ſo wandte ſich 48 der niſ haf von Vannes gegen Molière um und ſagte zu ihm: „Nun, mein Herr, werdet Ihr mit mir nach Saint⸗ Mandé kommen?“ 4 „Ich werde überallhin gehen, wohin Ihr wollt, Monſeigneur,“ antwortete Molisre. „Nach Saint⸗Mandé!“ rief Porthos erſtaunt, daß er den ſtolzen Biſchof von Vannes ſo vertraulich mit einem Schneidergeſellen ſah.„Wie! Aramis, Ihr nehmt den Herrn nach Saint⸗Mandé mit?“ 6„Ja,“ antwortete Aramis lächelnd,„die Arbeit hat ile.* „Und dann, mein lieber Porthos,“ fuhr d'Artagnan fort,„Herr Molidre iſt nicht gerade das, was er zu ſein ſcheint.“ 5 „Wie?“ fragte Porthos. „Ja, der Herr iſt einer der erſten Gehülfen von Herrn Percerin, und man erwartet ihn in Saint⸗Mandé, um den Epicuräern die Feſtkleider anzuprobiren, welche von Herrn Fouquet beſtellt worden find.“ „Ganz richtig,“ ſagte Molière.„Ja, mein Herr.“ „Kommet alſo, mein lieber Herr Molière, wenn Ihr mit Herrn du Vallon fertig ſeid,“ ſagte Aramis. „Wir ſind fertig,“ ſprach Porthos. „Und Ihr ſeid zufrieden?“ fragte d'Artagnan. „Vollkommen zufrieden,“ antwortete Porthos. Molière nahm unter vielen Verbeugungen von Porthos Abſchied, und drückte die Hand, die ihm ver⸗ ſtohlen der Kapitän der Musketiere reichte. „Mein Herr,“ ſagte Porthos zum Schluß,„ſeid beſonders pünktlich.“ „Herr Baron, Ihr werdet Euer Kleid morgen haben,“ erwiederte Molidre. Und er ging mit Aramis weg. Da nahm d'Artagnan Porthos beim Arm und fragte ihn: 1 49 „Was hat denn dieſer Schneider mit Euch ge⸗ macht, daß Ihr ſo zufrieden mit ihm ſeid?“ „Was er mit mir gemacht hat, mein Freund! was er gemacht hat!“ rief Porthos voll Begeiſterung. „Ja, ich frage, was er mit Euch gemacht hat.“ „Er hat zu thun gewußt, was noch nie ein Schnei⸗ der gethan hat; er hat mir das Maß genommen, ohne mich zu berühren.“ „Ah! bahl erzählt mir das, mein Freund.“ „Vor Allem, mein Freund, hat man, ich weiß nicht, wo, eine Reihenfolge von Gliedermännern von jeder Größe geholt, in der Hoffnung, es würde ſich darunter einer von der meinigen finden; aber der größte, der vom Tambour⸗Major der Schweizer, war zwei Zoll zu kurz und einen Fuß zu mager.“ „Ah! wahrhaftig!“ „Wie ich Euch zu ſagen die Ehre habe, mein lie⸗ ber d'Artagnan; doch er iſt ein großer Mann, oder wenigſtens ein großer Schneider, dieſer Herr Molière. Er war deshalb nicht im Geringſten verlegen.“ „Und was hat er gethan?“ „Oh! etwas ganz Einfaches. Es iſt meiner Treue unerhört, daß man ſo plump geweſen, dieſes Mittel nicht ſogleich zu finden. Welche Mühe, welche Demü⸗ thigungen hätte man mir erſpart!“ „Abgeſehen von den Kleidern, mein lieber Porthos.“ „Ja, dreißig Kleider.“ „Wohll ſagt mir die Methode von Herrn Molière.“ „Molieère? Nicht wahr, ſo nennt Ihr ihn? Es liegt mir daran, ſeinen Namen zu behalten.“ „ Ja, oder Poquelin, wenn Ihr lieber wollt.“ „Nein, Molière iſt mir lieber. Will ich mich ſei⸗ nes Namens erinnern, ſo werde ich an Volière denken, und da ich eine in Pierrefonds habe..“ „Vortrefflich, mein Freund. Und die Methode von Herrn Molidre?“ Die drei Müsketiere, Bragelonne. IX. 4 „Höret, ſtatt mich zu zergliedern, wie es alle dieſe Lumpenkerle machen, ſtatt mich die Lenden biegen und die Knochenfügungen recken zu laſſen, lauter entehrende, gemeine Practiken...“ D'Artagnan nickte billigend mit dem Kopf. „Sagte er zu mir:„Mein Herr, ein galanter Mann muß ſich ſelbſt meſſen. Habt die Güte, vor den Spiegel zu treten.““ Da näherte ich mich dem Spie⸗ gel. Ich muß geſtehen, daß ich nicht vollkommen be⸗ griff, was dieſer brave Herr Volidre von mir wollte.“ „Molidre.“ „Ah! ja, Molidre, Molisre. Und da nich die Furcht, gemeſſen zu werden, immer noch gefangen hielt, ſo ſagte ich zu ihm:„„Gebt wohl Acht auf das, was Ihr mit mir machen wollt. Ich bin ſehr kitzelig, das ſage ich Euch zum Voraus.““ Er aber mit ſeiner ſanf⸗ ten Stimme(mein Freund, man muß geſtehen, es iſt ein artiger Junge), er aber mit ſeiner ſanften Stimme erwiederte:„„Soll das Kleid gut ſtehen, ſo muß es nach Eurem Bilde gemacht ſein. Euer Bild wird von dieſem Spiegel genau zurückgeſtrahlt. Wir nehmen das Maß von Eurem Bilde.““ 4 „In der That, Ihr ſaht Euch in dem Spiegel,“ ſprach d'Artagnan;„doch wie hat man einen Spiegel gefunden, in dem Ihr Euch ganz ſehen konntet?“ „Mein Freund, es iſt derſelbe Spiegel, in dem ſich der König beſchaut.“ „Ja, doch der König iſt anderthalb Fuß kleiner als Ihr.“ „Wohl! ich weiß nicht, wie das kommt, es war ohne Zweifel eine Art, dem König zu ſchmeicheln, aber der Spiegel war zu groß für mich. Allerdings war ſeine Höhe aus drei über einander geſetzten Venetianer Gläſern und ſeine Breite aus ähnlichen angeſetzten Gläſern gemacht.“ „Oh! mein Freund, was für bewunderungswürdige 51 Worte beſitzt Ihr dal Wo des Teufels habt Ihr ſie geſammelt?“ „In Belle⸗Isle; Aramis erklärte ſie dem Bau⸗ meiſter.“ „Ahl ſehr gut. Kommen wir auf den Spiegel zurück, lieber Freund.“ „Der brave Herr Volkdre...“ „Molidre.“ 4 „Ja, Molidre, ganz richtig. Ihr werdet ſehen, mein Freund, daß ich mich nun ſeines Namens ganz genau erinnere. Der brave Herr Molisre fing nun an mit einem Stückchen weißer Kreide Linien auf dem Spiegel zu ziehen, wobei er der Zeichnung meiner Arme und meiner Schultern folgte und dabei den Grund⸗ ſatz ausſprach, welchen ich vortrefflich fand:„„Ein Rock darf denjenigen, welcher ihn trägt, nicht beengen.““ „In der That, das iſt eine ſchöne Maxime, welche leider nicht immer in Anwendung gebracht wird.“ „Darum fand ich ſie um ſo wunderbarer, beſon⸗ ders, als er ſie entwickelte.“ „Ah! er entwickelte dieſe Maxime?“ „Bei Gott!“ „Laßt dieſe Entwickelung hören.“ „„In Betracht,““ fuhr er fort,„„daß man unter einem ſchwierigen Umſtande oder in einer beſchwerlichen Lage ſeinen Rock auf der Schulter haben und ihn nicht auszuziehen wünſchen kann!““ „Das iſt wahr,“ bemerkte d'Artagnan. „„So,““ fuhr Herr Volidsre fort. „Molidre.“ „Molidre, ja.„„So,““ fuhr Herr Molidre fort, „„müßt Ihr nothwendig den Degen ziehen, mein Herr, und Ihr habt Euren Rock auf dem Rücken. Wie macht Ihr es?““ 4 „Ich lege ihn ab,“ antwortete ich. „„Nein,““ erwiederte er. „„Wie! nein?““ d „„Ich ſage, das Kleid muß ſo gemacht ſeint, daß es Euch in keiner Hinſicht beengt, nicht einmal, um den Degen zu ziehen.““ „„Ah! ah!““ n, Legt Euch aus,““ fuhr'er fort. Ich legte mich mit einer ſo wunderbaren Feſtigkeit aus, daß davon zwei Fenſterſcheiben ſprangen. pn24„„ Es iſt nichts, es iſt nichts,⸗“ ſagte er,„bleibt o. 1 „Ich hob den linken Arm, den Vorderarm an⸗ muthig gebogen, die Manchette zurückgeſchlagen und das Fauſtgelenke circumflex in die Luft, während der rechte Arm, halb ausgeſtreckt, den Gürtel mit dem Ellenbogen und die Bruſt mit dem Fauſtgelenke ſchützte.“ „Ja,“ rief d'Artagnan,„die wahre Auslage, die academiſche Auslage.“ „Ihr habt das rechte Wort geſagt, mein theurer Freund. Wäͤhrend dieſer Zeit ſkizzirte Voli dre...“ „„Molièére.““ „Mein Freund, ich nenne ihn entſchieden lieber... habt Ihr ſeinen andern Namen genannt?“ „Poquelin.“ „Ich will ihn lieber Poquelin nennen.“ „Und wie werdet Ihr Euch beſſer dieſes Namens, als des andern erinnern?“ „Ihr begreift, er heißt Poquelin... nicht wahr?“ „Ja.⸗ „Ich werde an Madame Coquenard denken.“ „Gut.“ 6 wi 8 „Ich verwandle Coc in Poe, nard in lin, und ſtatt Coquenard habe ich Poquelin.“ „Vortrefflich!“ rief d'Artagnan.„Ohl mein Freund, ich hore Euch mit Bewunderung.“ „Dieſer Coquelin ſkizzirte alſo meinen Arm auf dem Spiegel.“ 3 „Verzeiht, Poquelin.“ „Wie habe ich denn geſagt?“ 8 53 „Ihr habt geſagt Coquelin.“* „Ahl richtig. Dieſer Poquelin ſkizzirte alſo mei⸗ nen Arm auf dem Spiegel; aber er brauchte Zeit dazu, er ſchaute mich viel an... ich war allerdings ſchön. „„Das ſtrengt Euch ſehr an?“¹, fragte er.„„Ein wenig,““ erwiederte ich, indem ich die Kniee etwas bog,„ndoch ich will es noch eine Stunde aushalten.““ „„Nein, nein, das werde ich nicht dulden! Wir haben hier gefällige Burſche, die es ſich zur Pflicht machen werden, Euch die Arme zu halten, wie man einſt die der Propheten hielt, wenn ſie den Herrn anriefen.““ „„Sehr gut,““ erwiederte ich.„„Wird Euch das de⸗ müthigen?““„Nein, Freund,““ ſagte ich,„„ich glaube, es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen unterſtützt werden und gemeſſen werden.““ „Der Unterſchied iſt ſehr ſinnreich,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan.— „Da machte er ein Zeichen,“ fuhr Porthos fort; „zwei Geſellen kamen herbei; der eine unterſtützte mei⸗ nen linken Arm, während der andere mit unendlicher Geſchicklichkeit den rechten unterſtützte. „„Ein dritter Geſelle!““ rief er. „Ein dritter Geſelle näherte ſich. „„ Unterſtützt die Lenden des Herrn,““ ſagte er. „Der Geſelle hielt meine Lenden. „Somit ſtandet Ihr Modell?“ fragte d'Artagnan. „Ganz und gar, und Herr Pocquenard. zeichnete mich auf den Spiegel.“ „Poquelin, mein Freund.“ „Poquelin, Ihr habt Recht. Oh! ich will ihn offenbar lieber Volidre nennen.“ „Ja, und damit ſei es abgethan, nicht wahr?“ „Mittlerweile zeichnete mich Volidre auf den Spiegel.“ „Das war artig.“ 1 „„Ich liebe dieſe Methode ungemein; ſie iſt ehrer⸗ bietig und ſtellt Jeden an ſeinen Platz.“ 54 „Und das endigte?“ „Ohne daß mich Jemand berührt hatte.“ „Die drei Geſellen ausgenommen, die Euch unter⸗ ſtützten.“) 3 „Allerdings, doch ich habe Euch, wie ich glaube, ſchon auseinandergeſetzt, welcher Unterſchied zwiſchen unterſtutzen und meſſen ſtattfindet.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte d'Artagnan. Und er ſagte dann zu ſich ſelbſt:„Meiner Treue! wenn mich nicht Alles täuſcht, habe ich dieſem Schelm Molidre einen ſchönen Haſen in die Küche gejagt, und wir wer⸗ den ſicherlich die Scene, nach der Natur gezeichnet, in irgend einem Luſtſpiele ſehen.“ Porthos lächelte. 3 4 „Was macht Euch lachen 2“ fragte d'Artagnan. „Soll ich es Euch geſtehen? Wohl! ich lache darüber, daß ich ſo viel Glück gehabt habe.“ „Oh! das iſt wahr; ich kenne keinen glücklicheren Menſchen, als Euch.“ „So wünſcht mir Glück, mein Freund.“ „Von Herzen.“ „Es ſcheint ich bin der Erſte, dem man das Maß auf dieſe Art genommen hat.“ „Wißt Ihr das gewiß?“ „So ungefähr! Gewiſſe zwiſchen Volisre und den andern Geſellen ausgetauſchte Zeichen des Ver⸗ ſtändniſſes haben mir das klar gemacht.“. 3 „Nun wohl! mein lieber Freund, das wundert mich bei Molisre nicht.“ 3 „Volldre, mein Freund.“ „Ohl nein, nein! Ich will Euch wohl Volisre ſagen laſſen, doch ich werde fortfahren, Molidre zu ſa⸗ gen. Nunl ich ſagte alſo, das wundere mich bei Mo⸗ Uère nicht, der ein geiſtreicher Junge iſt, und dem Ihr dieſe ſchöne Idee eingegeben habt.“ 5 ſe„Ich bin überzeugt, ſie wird ihm ſpäter dienlich ein.“ 3 —- N8 e en 55 „Wie! ob ſie ihm dienlich ſein wird! Ich glaube wohl, daß ſie ihm dienlich ſein wird, und zwar ſehr; denn ſeht Ihr, mein Freund, Molidre iſt von allen un⸗ ſeren bekannten Schneidern derjenige, der am Beſten unſere Barone, unſere Grafen und unſere Marquis... nach ihrem Maße kleidet.“. Nach dieſem Worte, deſſen Richtigkeit und Tieſe wir nicht beſtreiten werden, gingen d'Artagnan und Porthos von Meiſter Percerin weg und kehrten zu ihrem Wagen zurück. Wir laſſen ſie dort, wenn es dem Leſer gefällt, um Molière und Aramis nach Saint⸗ Mandeé zu folgen. VII. Der Zienenkorb, die Dienen und der Honig. Sehr ärgerlich, daß er d'Artagnan bei Meiſter Percerin getroffen hatte, kehrte der Biſchof von Van⸗ nes, ziemlich uͤbler Laune, nach Saint⸗Mands zurück. Molière dagegen, der entzückt war, daß er eine ſo gute Skizze zu machen Gelegenheit gehabt, von der er das Original wiederzufinden wußte, kehrte in der freudigſten Laune dahin zurück. Den ganzen erſten Stock der linken Seite hatten die berühmteſten Epicuräre in Paris und die vertraute⸗ ſten im Hauſe inne; Jeder war in ſeiner Abtheilung, wie die Bienen in ihren Zellen, beſchäftigt, einen Honig beſtimmt für den königlichen Kuchen zu erzeugen, den Herr Fouquet Seiner Majeſtät König Ludwig XIV. bei dem Feſte in Vaux bieten wollte. Den Kopf in der Hand, ſann Peliſſon über die Grundlagen für den Prolog zu den Facheux(Aerger⸗ lichen) nach, einer Komödie in drei Akten, welche Po⸗ quelin von Molidre, wie d'Artagnan ſagte, und Coque⸗ linlnon Volidre, wie Porthos ſagte, aufführen laſſen ollte. 5 In der ganzen Naivetät ſeines Standes als Zei⸗ tungsſchreiber— die Zeitungsſchreiber ſind in allen Zeiten naiv geweſen— verfaßte Loret die Erzählung dan den Feſten in Vaur, ehe dieſe Feſte ſtattgefunden atten. La Fontaine ſchwamm zwiſchen den Einen und den Anderen, ein irrender, zerſtreuter, beſchwerlicher, unerträglicher Schatten, der an der Schulter von Je⸗ dem tauſend poetiſche Ungereimtheiten ſummte und ſurrte. Er fiel Peliſſon ſo oft beſchwerlich, daß dieſer den Kopf erhob und dem Läſtigen zurief: „La Fontaine, pflückt mir wenigſtens einen Reim, da Ihr ſagt, Ihr gehet in den Gärten des Parnaß ſpazieren.“ „Was für einen Reim wollt Ihr haben,“ fragte das Fabelbuch, wie ihn Frau von Sévigné nannte.“ R„Ich will einen Reim auf lumière?“(iicht.) „Ornière(Geleiſe),“ antwortete La Fontaine. „Ei! mein lieber Freund, man kann unmöglich von ornière ſprechen, wenn man die Reize von Vaur rühmt,“ ſagte Loret. „Ueberdies reimt ſich das nicht,“ bemerkte Pe⸗ liſſon.“ erſtaunt. „Ja, Ihr habt eine abſcheuliche Gewohnheit, mein Theurer; eine Gewohnheit, die Euch ſtets hindern wird, ein Dichter erſten Rangs zu ſein. Ihr reimt feige.“ „Ho!l ho! Ihr findet das, Peliſſon?“ „Ja, mein Lieber, ich finde. Erinnert Euch, daß „Wie! das reimt ſich nicht!“ rief La Fontaine 57 ein Reim nie gut iſt, ſo lange ſich ein beſſerer finden läßt.“ „Dann werde ich immer nur in Proſa ſchreiben,“ ſagte La Fontaine, der den Vorwurf von Peliſſon im Eenſte genommen hatte.„Ohl ich vermuthete oft, ich ſei ein Lumpenkerl von einem Dichter! Ja, das iſt die reine Wahrheit.“ „Sagt das nicht, mein Lieber, Ihr werdet zu aus⸗ ſchließlich, und Ihr habt Gutes in Euren Fabeln.“ „Und um anzufangen,“ fuhr La Fontaine ſeinen Gedanken verfolgend fort,„werde ich ein hundert Verſe, die ich ſo eben gemacht habe, verbrennen.“ „Wo ſind ſie, Eure Verſe?“ „In meinem Kopf.“ 4 „Nun! wenn ſie in Eurem Kopfe ſind, könnt Ihr ſie nicht verbrennen...“ „Das iſt wahr,“ ſagte La Fontaine.„Wenn ich ſie jedoch nicht verbrenne...“ „Was wird geſchehen, wenn Ihr ſie nicht ver⸗ brennt?“ „Es wird geſchehen, daß ſie mir im Kopf bleiben, und daß ich ſie nie vergeſſe.“ „Teufel!“ rief Loret,„das iſt gefährlich, man wird ein Narr darüber.“ „Teufel! Teufel! Teufel!“ wiederholte La Fon⸗ taine,„was iſt da zu machen?“ „Ich habe ein Mittel gefunden,“ ſagte Molidre, der bei den letzten Worten eingetreten war. „Welches?“ „Schreibt ſie zuerſt und verbrennt ſie hernach.“ „Wie einfach das iſt! Ich hätte das nie erſon⸗ nen. Wie viel Geiſt hat er, dieſer Teufel von einem Molisre!“ ſprach La Fontaine. Dann ſchlug er ſich vor die Stirne und fügte bei:„Ah! Jean de La Fon⸗ taine, Du wirſt ſtets nur ein Eſel ſein.“ „Was ſagt Ihr da, mein Freund?“ unterbrach ihn Molidre, der ſein Beiſeit gehoͤrt hatte. 58 „Ich ſage, ich werde ſtets nur ein Eſel ſein, mein lieber College,“ antwortete La Fontaine mit einem ſchweren Seufzer und die Augen ganz angeſchwollen von Traurigkeit.„Ja, mein Freund,“ fuhr er mit wach⸗ ſender Betrübniß fort,„es ſſcheint, ich reime ſchlecht.“ „Das iſt ein Unrecht.“ „Ihr ſeht wohl, ich bin ein verächtlicher Burſche 1 „Wer hat das geſagt?“ „Wahrhaftig! Peliſſon. Nicht wahr, Peliſſon?“ Wieder in ſeine Compoſition verſunken, hütete ſich Peliſſon wohl, zu antworten. „Aber wenn Peliſſon geſagt hat, Ihr ſeid ein verächtlicher Burſche, ſo hat er Euch ſchwer beleidigt,“ rief Molidre. „Ihr glaubt?“ „Ahl mein Lieber, ich rathe Euch, da Ihr Edel⸗ mann ſeid, eine ſolche Beleidigung nicht unbeſtraft hin⸗ gehen zu laſſen.“ „Ei!“ machte La Fontaine. „Habt Ihr Euch nie geſchlagen? 2“ „Einmal, mein Freund, mit einem Lieutenant von den Chevaulegers.“ „Was hatte er Euch gethan?“ „Es ſcheint, er hatte meine Frau verführt.“ „Ah! ah!“ rief Moliére leicht erbleichend. Da ſich aber bei dem Geſtändniß von La Fon⸗ taine die Anderen umgewandt hatten, ſo behielt er auf ſeinen Lippen das ſpöttiſche Lächeln, das beinahe ver⸗ ſchwunden wäre, und fuhr fort, mit La Fontaine zu ſprechen: „Und was iſt aus dieſem Duell eifolgt?“ „Es iſt daraus erfolgt, daß mich mein Gegner auf dem Kampfplatz entwaffnete, ſich dann entſchuldigte und mir verſprach, nie mehr einen Fuß in mein Haus zu ſetzen.“ „Und Ihr hieltet Euch für befriedigt?⸗ fragte Molidre, 59 „Nein! im Gegentheil. Ich hob meinen Degen auf und ſprach:„„Verzeiht, mein Herr, ich habe mich nicht mit Euch geſchlagen, weil Ihr der Liebhaber meiner Frau waret, ſondern weil man mir geſagt hat, ich müßte mich ſchlagen. Da ich aber nun ſeit dieſer Zeit glück⸗ lich geweſen bin, ſo macht mir das Vergnügen, mein Haus zu beſuchen wie früher, oder, alle Teufel! fan⸗ gen wir wieder an!““ So daß,“ fuhr La Fontaine fort,„ſo daß er genöthigt geweſen iſt, der Liebhaber meiner Frau zu bleiben, und daß ich fortwährend der glücklichſte Ehemann der Erde bin.“ Alle brachen in ein Gelächter aus. Molidre al⸗ lein fuhr mit ſeiner Hand über ſeine Augen. Warum? Vielleicht, um eine Thräne abzuwiſchen, vielleicht, um einen Seufzer zu erſticken, Ah! es iſt bekannt, Mo⸗ liere war Moraliſt, aber Molidre war kein Philoſoph. SGleichviel,“ ſagte er, auf den Ausgangspunkt des Streites zurückkommend,„Peliſſon hat Euch beleidigt.“ „Ahl es iſt wahr, ich hatte es ſchon vergeſſen.“ „uund ich will ihn in Eurem Auftrag heraus⸗ fordern.“ „Das mag ſein, wenn Ihr es für unerläßlich er⸗ achtet.“. „Ich halte es für unerläßlich, und ich gehe.“ „Wartet,“ ſagte La Fontaine.„Ich will Euren Rath hören.“ „Worüber? über dieſe Beleidigung?“ 1 „Nein, ſagt mir, ob ornidre ſich wirklich nicht auf lumidre reimt?“ 3 „Ich ließe dieſe zwei Wörter reimen.“ „Bei Gott! ich wußte es wohl.“ „und ich habe hundert tauſend ähnliche Verſe in meinem Leben gemacht.“ „Hundert tauſend,“ rief La Fontaine.„Viermal die Pucelle*), welche Herr Chapelain dichtet! habt *) Ia pueelle, die Jungfrau von Orleans, ein klägliches Heldenge⸗ dicht von Chapelain, Ihr etwa auch über dieſen Gegenſtand hundert tauſend Verſe gemacht, mein lieber Freund.“ 83„Hoͤrt mich doch an, ewig Zerſtreuter!“ rief Mo⸗ idre.. „Es iſt gewiß,“ fuhr La Fontaine fort,„daß ſich zum Beiſpiel légume(Gemüſe) auf posthume(nach⸗ geboren) reimt.“ „Im Plural beſonders.“ „Ja, beſonders im Plural, in Betracht, daß es dann nicht mehr mit drei Buchſtaben, ſondern mit vier reimt; das iſt wie ornidre mit lumidre. Setzt ornières und lumidres im Plural, mein lieber Peliſſon,“ ſagte La Fontaine, ſeinem Collegen, deſſen Beleldigung er ſchon völlig vergeſſen hatte, auf die Schulter klopfend, „und es wird ſich reimen.“ „Wie?“ machte Peliſſon. „Gewiß! Molidre ſagt es, und Molière verſteht ſich darauf; er bekennt ſelbſt, hundert tauſend Verſe ge⸗ macht zu haben.“— „Ahl“ ſagte Molidre lachend,„nun iſt er abge⸗ fahren!“ „Es iſt wie rivage(Ufer), das ſich vortrefflich auf herbage(Gras) reimt; ich wollte meinen Kopf darauf verwetten.“ „Aber...“ machte Moliére. „Ich ſage Euch dies Alles, weil Ihr ein Luſtſpiel für Vaux macht, nicht wahr?“ „Ja,„Les Facheux!“ „Ahl Les Facheux, ſo iſt es; ja, ich erinnere mich. Es iſt mir eingefallen, daß ein Prolog ſehr gut. für Euer Luſtſpiel wäre.“ „Gewiß, das ginge vortrefflich.“ „Ah! Ihr ſeid auch meiner Anſicht?“ „Ich bin es ſo ſehr, daß ich Euch gebeten hatte, ihn mir zu machen, dieſen Prolog.“ 3 „Ihr hattet mich gebeten, ihn zu machen?“ „Ja, Euch, und auf Eure Weigerung habe ich Euch 61 ſogar gebeten, Peliſſon darum zu erſuchen, der ihn in dieſem Augenblick macht.“. „Ahl das iſt es, was Peliſſon macht? Meiner Treue, mein lieber Molidre, Ihr könntet wohl zuweilen Recht haben.“ „Wenn dies?“— „Wenn Ihr ſagt, ich ſei zerſtreut. Das iſt ein abſcheulicher Fehler; ich werde mich in dieſer Hinſicht beſſern, und ich will Euch Euren Prolog machen.“ „Peliſſon macht ihn ja!“ „Ahl richtig! ahl ich doppelter Dummkopf! Loret hatte Recht, wenn er ſagte, ich ſei ein verächtlicher Burſche.“ 3 „Nicht Loret hat es geſagt, mein Freund.“ „Wohl alſo, derjenige, welcher es geſagt hat, gleichviel wer! Euer Luſtſpiel heißt alſo: Les Facheux? Nun werdet Ihr nicht heureux(glücklich) auf facheux reimen laſſen?“ „Ja, das kann ich wohl thun.“ „Und auch capricieux(eigenſtnnig)?“ „Ohl nein, diesmal, nein.“ „Nicht wahr, das wäre gewagt? Doch warum ſollte es am Ende gewagt ſein?“ „Weil die Endung zu verſchieden iſt.“ 2 „Ich dachte,“ ſagte La Fontaine, der Molidre ver⸗ ließ, um Loret aufzuſuchen,„ich dachte...“ „Was dachtet Ihr?“ fragte Loret mitten in einer Phraſe:„Sprecht geſchwinde.“ „Nicht wahr, Ihr macht den Prolog der Facheux?“ „Ei! nein, alle Teufel! Peliſſon!“ „Ah! Peliſſon?“ rief La Fontaine. Und er ging zu Peliſſon,„Ich dachte,“ fuhr er fort,„die Nymphe von Baux...“ „Ah! ſchön!“ rief Loret.„Die Nymphe von Vaux! ich denke, La Fontaine, Ihr habt mir die zwei letzten Verſe meiner Zeitung gegeben: „Et l'on vit la nymphe de Vaux Donner le prix à leurs travaux.“ 6² (Und man ſah die Nymphe von Vaux den Preis ihren Arbeiten geben.) „Gut, gut! das iſt gereimt!“ rief Peliſſon:„wenn Ihr ſo reimtet, La Fontaine, das wäre ſchön.“ „Mir ſcheint, ich reime ſo, da Loret ſagt, ich habe ihm die zwei Verſe gegeben, die er ſo eben geſprochen.“ „Nun, wenn Ihr ſo reimt, ſo ſagt mir, wie Ihr meinen Prolog anfangen würdet?“ „Ich würde zum Beiſpiel ſagen:„„„O nymphe... qui....(O Nymphe... die..—.) Nach qui, würde ich ein Verbum in der zweiten Perſon des Plu⸗ rals vom Präſens des Indicativs ſetzen, und dann fort⸗ fahren: cette grotte profonde(dieſe tiefe Grotte).“ „Aber das Verbum, das Verbum?“ fragte Pe⸗ liſſon. „Pour venir admirer le plus grand roi du monde, (um den größten König der Welt zu bewundern).“ „ Aber das Verbum, das Verbum?“ rief Peliſſon beharrlich.„Die zweite Perſon des Plurals vom Prä⸗ ſens des Indicativs&.* „Wohl denn, quittez(verlaßt).“ O nymphe qui quitte⸗z cette grotte profonde pour venir admirer le plus grand roi du monde. (O Nymphe, die Ihr dieſe tiefe Grotte verlaßt*), um den größten König der Welt zu bewundern.) „Ihr würdet: qui quittez, ſetzen?“ „Warum nicht?“ „Qui... qui?“ „Ohl mein Lieber,“ ſagte La Fontaine,„Ihr ſeid furchtbar pedantiſt 4 4 3 „Abgeſehen davon,“ ſprach Molidre,„daß der zweite Vers: Venir admirer ſchwach iſt, mein lieber La Fon⸗ taine.“ 3 Deutſche ſagen, der, minder böflich als die Franzoſen, ſich gegen die Rymphen nur des Singulars bedient. Aum. d. Ueb. 3 *) O Rymphe, die Du die tiefe Grotte verläſſeſt ꝛc. ꝛc., würde der N A8* ⸗ der gen 63 „Ihr ſeht alſo wohl, daß ich ein Toͤlpel, ein ver⸗ ächtlicher Kerl bin, wie Ihr ſagtet.“ 3 „Ich habe das nie geſagt“ „Alſo wie Loret ſagte.“ „Auch nicht Loret: Peliſſon.“ „Wohl! Peliſſon hatte hundertmal Recht. Was mich aber beſonders ärgert, mein lieber Molidre, iſt, daß wir, glaube ich, keine Epicuräer⸗Kleider bekommen werden.“ „Ihr rechnetet auf das Eurige für das Feſt?“ „Ja, für das Feſt und auch, um es nach dem Feſte zu tragen. Meine Haushälterin hat mir eröffnet, das meinige ſei ein wenig mürbe.“ „Teufel: Eure Haushälterin hat Recht, es iſt mehr als mürbe.“ „Ah! ſeht Ihr,“ rief La Fontaine,„ich habe es auf dem Boden liegen laſſen, in meinem Cabinet, und meine Katze...“ „Nun! Eure Katze?“* „Meine Katze hat ihre Jungen darauf geworfen und dadurch iſt es etwas beſchädigt worden.“ Molidre ſchlug ein Gelächter auf. Peliſſon und Loret folgten ihm. In dieſem Augenblick erſchien der Biſchof von Vannes mit einer Rolle Pläne und Pergamente unter dem Arm. Als ob der Tod alle dieſe tollen, lachenden Phan⸗ taſien in Eis verwandelt, als ob dieſes bleiche Geſicht, die Grazien verſcheucht hätte, denen Xenokrates opferte, trat ſogleich das Stillſchweigen in der Werkſtätte ein, und Jeder nahm wieder ſeine Kaltblütigkeit an, griff wie⸗ der zu ſeiner Feder. Aramis theilte Einladungskarten den Anweſenden aus und richtete Dankſagungen im Auftrage von Herrn Fouquet an ſie. In ſeinem Cabinet durch Arbei⸗ ten zurückgehalten, ſagte er, könne ſie der Oberinten⸗ dant nicht beſuchen, aber er bitte ſie, ihm ein wenig 64 von ihrer Tagesarbeit zu ſchicken, um ihn die Anſtren⸗ gung ſeiner Nachtarbeit vergeſſen zu machen. Bei dieſen Worten ſah man alle Stirnen ſich ſenken. La Fontaine ſetzte ſich ſelbſt an den Tiſch und ließ eine raſche Feder über das Papier laufen; Peliſſon brachte ſeinen Prolog ins Reine; Molidre lieferte fünſzig neu entworfene Verſe, die ihm ſein Beſuch bei Percerin ein⸗ gegeben hatte; Loret ſeinen Artikel über die wunderbaren Feſte, die er prophezeite, und Aramis kehrte, mit der Beute beladen, wie die Bienenkönigin, die große Drohne mit den Zierrathen von Gold und Purpur, ſchweigſam und geſchäftig in ſein Zimmer zurück. Ehe er aber zurückkehrte, ſagte er: „Bedenkt, liebe Herren, daß wir alle morgen Abend abreiſen.“ „In dieſem Fall muß ich zu Hauſe Nachricht ge⸗ ben,“ ſagte Molidre. „ Ahl ja, armer Molière,“ verſetzte Loret lächelnd, r liebt zu Hauſe.“ „Er liebt, ja,“ erwiederte Molidre mit ſeinem ſanften, traurigen Lächeln,„er liebt, was nicht beſa⸗ gen will, man liebe ihn.“ „Mich,“ ſagte La Fontaine,„mich liebt man in Cha⸗ teau⸗Thierry, deſſen bin ich ſicher.“ 4 In dieſer Secunde trat Aramis, nachdem er einen Augenblick verſchwunden war, wieder ein. „Geht Jemand mit mir 2“ fragte er.„Ich ſahre durch Paris, nachdem ich eine Viertelſtunde mit Herrn Fouquet geſprochen habe, und biete meinen Wagen an.“ 3 „Gut für mich!“ ſagte Molidre;„ich nehme es an, denn ich habe Eile.“ 1 „Ich, ich werde hier zu Mittag ſpeiſen,“ ſagte Lo⸗ ret,„Herr von Gourville hat mir Krebſe verſprochen.“ „Il m'a promis des écrevisses.““ „Suche den Reim, La Fontaine,“ * — 8 aee „Werdet Ihr Marchiali freilaſſen?“ ſagte er.„Oh! wie duftet dieſer Teres!“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Gouverneur,„ich werde den Gefangenen Marchiali freilaſſen, wenn ich den Courrier, der den Brief brachte, zurückgerufen und beſonders, wenn ich mich ihn befragend verſichert habe.“ „Die Befehle ſind geſtegelt, und der Inhalt iſt dem Courrier unbekannt. Ich bitte alſo, worüber wer⸗ det Ihr Euch verſichern?“. „Wohl, Monſeigneur, doch ich werde in das Mi⸗ niſterium ſchicken, und dort wird Herr von Lyonne ent⸗ weder den Befehl zurücknehmen, oder gutheißen.“ „Wozu ſoll dies Alles nützen?“ fragte Aramis allt.. „Wozu?“ 8 „Ja, ich frage, wozu dies diene.“, „Das dient dazu, daß man ſich nie täuſcht, Mon⸗ ſeigneur, daß man ſich nie gegen die Achtung verfehlt, die jeder Untergeordnete ſeinen Vorgeſetzten ſchuldig iſt, daß man nie die Pflichten des Dienſtes verletzt, den man übernommen hat.“ „Sehr gut, Ihr habt ſo beredt geſprochen, daß ich Euch bewundere. Es iſt wahr, ein Untergeordneter iſt ſeinen Vorgeſetzten Achtung ſchuldig, er iſt ſtrafbar, wenn er ſich täuſcht, und er wird beſtraft werden, ſollte er die Pflichten oder die Geſetze ſeines Dienſtes ver⸗ letzten.“ 4 Baiſemeaux ſchaute den Biſchof mit Erſtaunen an. „Daraus geht hervor,“ fuhr Aramis fort,„daß Ihr um Rath fragen werdet, um Euch mit Eurem Ge⸗ wiſſen in Ruhe zu ſetzen.“ —„Ja, Monſeigneur.“. „Und daß, wenn ein Vorgeſetzter Euch beſtiehlt, Ihr gehorchen werdet?“ „Ihr zweifelt nicht daran, Monſeigneur?“ Die drei Musketiere. Bragelonne. MN. 6 82 „Ihr kennt die Unterſchrift des Königs, Herr von— Baiſemeaux?“ 1. „Ja, Monſeigneur.“ „Steht ſie nicht auf dieſem Freilaſſungsbefehl?“ „Ja, doch ſie kann...“ „Falſch ſein, nicht wahr?“ „Das iſt vorgekommen, Monſeigneur.“ „Ihr habt Recht. Und die von Herrn von Lyonne?“ „Ich ſehe ſie wohl auf dem Befehl, doch wie man die Unterſchrift des Königs hat ſälſchen können, ſo kann man noch viel mehr die von Herrn von Lyonne fälſchen.“ 4 1„Ihr geht mit Rieſenſchritten in der Logik einher, mein lieber Herr von Baiſemeaur, und Eure Beweis⸗ führung iſt unwiderlegbar. Doch auf welche Gründe ſtützt Ihr Euch hauptſächlich, um dieſe Unterſchriften falſch zu finden?“ „Auf dieſen: die Abweſenheit der Unterzeichner. Nichts controlirt die Unterſchrift Seiner Majeſtät, und Herr von Lyonne iſt nicht da, um mir zu ſagen, er habe unterzeichnet.“ „Wohl! Herr von Baiſemeaux,“ ſprach Aramis ſeinen Adlersblick auf den Gouverneur heftend,„ich nehme ſo geradezu Eure Zweifel und Eure Weiſe, ſie zu beleuchten, an, daß ich eine Feder ergreifen werde, wenn Ihr mir ſte geben wollt.⸗ Baiſemeaux gab eine Feder. „Ein weißes Blatt,“ fügte Aramis bei. Baiſemeaux gab das Papier. „Und daß ich, ich, der ich gegenwärtig, der ich unbeſtreitbar bin, nicht wahr? auch einen Befehl ſchrei⸗ ben werde, dem Ihr, ich bin es feſt überzeugt, Glauben ſchenken werdet, ſo ungläubig Ihr ſeid.“ Baiſemeaux erbleichte vor dieſer eiſernen Sicher⸗ heit. Es kam ihm vor, als waͤre die kurz zuvor noch ſo heitere, ſo freundliche Stimme von Aramis unheim⸗ lich, unheilſchwanger geworden, als verwandelte ſich das Wachs der Lichter in Kerzen einer Begräbnißkapelle und der Wein der Gläſer würde zu Blut im Kelche. Aramis nahm die Feder und ſchrieb. Baiſemeaux las ganz beſtürzt hinter ſeiner Schulter: „A. M. D. G.“ ſchrieb der Biſchof, und er zeich⸗ nete ein Kreuz unter dieſe vier Buchſtaben, welche be⸗ deuten: ad majorem Dei gloriam. Dann fuhr er fort: „Es beliebt uns, daß der Herrn von Baiſemeaur von Montlezun, dem Gouverneur für den König des Schloſſes der Baſtille, überbrachte Befehl von ihm für gut und gültig erachtet und ſogleich vollzogen werde. „Unterzeichnet: d'Herblay, General des Ordens, von Gottes Gnaden.“ Baiſemeaux war ſo tief erſchüttert, daß ſein Ge⸗ ſicht zuſammengezogen, ſeine Lippen gähnend, ſeine Au⸗ gen ſtarr blieben. Man hörte in dem großen Saale nur das Sum⸗ men einer kleinen Fliege, welche um die Lichter flat⸗ terte. 1 Ohne den Mann, den er in einen ſo elenden Zu⸗ ſtand verſetzte, nur eines Blickes zu würdigen, zog Ara⸗ mis aus ſeiner Taſche ein kleines Etui, das ſchwarzes Wachs enthielt; er ſiegelte, drückte ein an ſeiner Bruſt hängendes Petſchaft darauf und reichte, als dieſe Ope⸗ ration beendigt war, beſtändig ſchweigend, das Schrei⸗ ben Herrn von Baiſemeaur. Dieſer, deſſen Hände zitterten, daß man hätte Mit⸗ leid mit ihm bekommen müſſen, warf einen trüben, irren Blick auf das Siegel. Ein letzter Schimmer der Be⸗ wegung offenbarte ſich in ſeinen Zügen, und er ſank wie vom Blitze getroffen auf einen Stuhl. „Auf, auf,“ ſagte Aramis nach einem langen Still⸗ ſchweigen, während deſſen der Gouverneur der Baſtille allmälig wieder zum Bewußtſein gekommen war,„laßt mich nicht glauben, lieber Baiſemeaur, die Gegenwart des Ordensgenerals ſei furchtbar, wie die Gottes, und man ſterbe, wenn man ihn geſehen habe. Muthl ſteht auf, gebt mir Eure Hand und gehorcht.“ „ Beruhigt, wenn nicht befriedigt, gehorchte Baiſe⸗ meaux, küßte Aramis die Hand und ſtand auf. „Sogleich,“ murmelte er. „Ah! keine Uebertreibung, mein Wirth; nehmt wieder Euren Platz ein und laßt uns dieſem ſchönen Deſſert Ehre anthun.“ „Monſeigneur, ich werde mich von einem ſolchen Schlage nicht wiedererheben, ich, der ich mit Euch ge⸗ lacht, geſcherzt habe! ich, der ich es gewagt habe, Euch auf dem Fuße der Gleichheit zu behandeln!“ „Schweige, mein alter Kamerad,“ erwiederte der Biſchof, wohl fühlend, wie ſehr die Saite geſpannt, und wie gefährlich es geweſen wäre, ſie zu zerr eißen; „ſchweige. Leben wir jeder unſer Leben: Dir meine Protection und meine Freundſchaft, mir Dein Gehor⸗ ſam. Werden dieſe zwei Tribute pünktlich bezahlt, ſo bleiben wir in Freude.“ S Baiſemeaux dachte einen Augenblick nach; er er⸗ ſchaute mit einem Blick die Folgen dieſer Freimachung eines Gefangenen mittelſt eines falſchen Befehls, und indem er die Garantie, welche ihm der officielle Be⸗ fehl des Generals bot, in Parallele ſetzte, fand er ſie nicht gewichtig. Aramis errieth ihn und ſagte: „Mein lieber Baiſemeaux, Ihr ſeid ein Dummkopf. Verliert doch die Gewohnheit, zu überlegen, wenn ich mir die Mühe gebe, für Euch zu denken.“ Und auf eine neue Geberde, die er machte, ver⸗ beugte ſich Baiſemeaur abermals. 3 „Wie habe ich mich zu benehmen?“ fragte er. „Wie macht Ihr es, wenn Ihr einen Gefangenen freilaßt?“ „Ich habe das Reglement.“— „Wohll ſo befolgt das Reglement, mein Theurer.“ „Ich gehe mit meinem Major in die Stube des 85 * Gefangenen, und führe ihn heraus, wenn es eine Per⸗ ſon von Bedentung iſt.“) „Aber dieſer Marchiali iſt keine Perſon von Be⸗ deutung,“ entgegnete Aramis mit gleichgültigem Tone. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte der Gouverneur, als hätte er geſagt:„Es iſt an Euch, mich hierüber zu belehren.“ „Wenn Ihr es nicht wißt, ſo habe ich Recht, ver⸗ fahrt alſo bei dieſem Marchiali, wie Ihr bei den Klei⸗ nen verfahrt.“ „Gut. Das Reglement gibt es an.“ „Ahl“ „Das Reglement ſagt, der Kerkermeiſter oder einer von den niederen Officieren habe den Gefangenen zum Gouverneur in die Kanzellei zu bringen.“ 1 „Ohl das iſt ſehr vernünftig. Und dann?“ „Dann übergibt man dem Gefangenen die Gegen⸗ ſtände von Werth, die er bei ſeiner Einkerkerung bei ſich hatte, die Kleider, die Papiere, wenn der Befehl des Miniſters nicht anders verfügt hat.“ „Was ſagt der Befehl des Miniſters in Betreff dieſes Marchiali?“ „Nichts, denn der Unglückliche iſt ohne Juwelen, ohne Papiere, beinahe ohne Kleider hierher gekommen.“ „Seht, wie einfach dies Alles iſt! Wahrhaftig, Baiſemeaux, Ihr macht Euch Ungeheuer aus jeder Sache. Bleibt alſo hier und laßt den Gefangenen in das Gouvernement bringen.“ Baiſemeaux gehorchte. Er rief ſeinen Lieutenant und gab ihm einen Befehl, den dieſer, ohne ſich zu rühren, demjenigen, für welchen er beſtimmt war, über⸗ drachte. Nach einer halben Stunde hörte man eine Thüre im Hofe ſich wieder ſchließen: es war die Thüre des Phurnies, der ſeine Beute der freien Luft zurückgegeben atte. 3 Aramis blies alle Kerzen aus, welche das Zimmer erleuchteten. chen oder ein Wort zu ſprechen. 86 Er ließ nur eine hinter der Thüre bren⸗ nen. Dieſer zitternde Schein erlaubte den Blicken nicht, ſich auf Gegenſtände zu heften. Er verzehnfachte die Anſichten und die Nuancen durch ſeine Unſicherheit und ſeine Beweglichkeit.. Die Tritte näherten ſich. „Geht Euren Leuten entgegen,“ ſagte Aramis. Der Gouverneur gehorchte. Der Sergent und die Schließer verſchwanden. Baiſemeaur kam, gefolgt von einem Gefangenen, wieder herein. Aramis hatte ſich in den Schatten geſtellt; er ſah, ohne geſehen zu werden.. Baiſemeaux eröffnete mit bewegter Stimme dieſem jungen Mann den Befehl, der ihn befreite. Der Gefangene hörte, ohne eine Geberde zu ma⸗ 3„Ihr werdet ſchwören, das Reglement fordert dies,“ fügte der Gouverneur bei, gnie etwas von dem zu offenbaren, was Ihr in der Baſtille geſehen oder gehört habt.“ Der Gefangene erblickte einen Chriſtus; er ſtreckte die Hand aus und ſchwur mit den Lippen. „Nun ſeid Ihr frei, mein Herr; wohin gedenkt Ihr zu gehen?“ Der Gefangene wandte den Kopf um, als wollte er hinter ſich einen Beſchützer ſuchen, auf den er hätte zählen müſſen. Da trat Aramis aus dem Schatten hervor und ſprach: 3 25. „Hier bin ich, um dem Herrn den Dienſt zu leiſten, den es ihm von mir zu verlangen belieben wird.“ 3 Der Gefangene erröthete leicht und ſchob ohne Zoͤgern ſeinen Arm unter den von Aramis. „Gott gewähre Euch ſeinen heiligen Schutz,“ ſprach er mit einer Stimme, die durch ihre Feſtigkeit 4 87 den Gouverneur eben ſo ſehr beben machte, als ihn die Worte in Erſtaunen geſetzt hatten. Aramis drückte Baiſemeaux die Hände und ſagte: „Iſt Euch mein Befehl läſtig? Befürchtet Ihr, man könnte ihn finden, wenn man hierher käme und ausſuchen würde?“ „Ich wünſche, ihn zu behalten,“ erwiederte Baiſe⸗ meaur.„Fände man ihn, ſo könnte man mit Sicher⸗ heit annehmen, daß ich verloren wäre, und in dieſem Fall wäret Ihr für mich ein mächtiger und letzter Bei⸗ ſtand.“ „Als Euer Mitſchuldiger, wollt Ihr ſagen?“ er⸗ wiederte Aramis, die Achſeln zuckend.„Gott befohlen, Baiſemeaux!“ Die Pferde warteten, den Wagen in ihrer Unge⸗ duld erſchütternd. Baiſemeaur geleitete den Biſchof bis unten an die Freitreppe. Aramis ließ ſeinen Gefährten zuerſt in den Wa⸗ gen ſteigen, ſtieg dann auch ein und rief dem Kutſcher nur:„Vorwärts!“ zu. Der Wagen rollte geräuſchvoll auf dem Pflaſter der Höfe. Ein Officier, der eine Fackel trug, ging vor den Pferden her und gab bei jedem Wachpoſten den Befehl, durchzulaſſen. Während der Zeit, die man brauchte, um alle Schranken zu öffnen, athmete Aramis nicht, und man hätte können ſein Herz an die Wände ſeiner Bruſt ſchlagen hören. In eine Ecke des Wagens gedrückt, gab der Ge⸗ fangene kein Lebenszeichen von ſich. Ein Stoß, der ſtärker, als die anderen, verkündigte endlich, daß man über die letzte Goſſe weggefahren war. Hinter dem Wagen wurde das letzte Thor ge⸗ ſchloſſen, das an der Rue Saint⸗Antoine. Keine Mauern rechts, keine links mehr, überall der Himmel, überall die Freiheit, überall das Leben. Durch eine kräftige Fauſt im Zügel gehalten, gin⸗ gen die Pferde ſachte bis mitten in die Vorſtadt. Hier ſchlugen ſie einen Trab an. Allmälig, mochten ſie nun warm werden, oder trieb man ſie an, nahmen ſie an Geſchwindigkeit zu, und ſo bald man in Bercy war, ſchien der Wagen zu fliegen, ſo groß war der Eifer der Renner. Dieſe Pferde lie⸗ fen ſo bis Villeneuve⸗Saint⸗Georges, wo das Relais bereit ſtand. Dann zogen vier Pferde, ſtatt zwei, den Wagen in der Richtung von Melun fort und hielten einen Augenblick mitten im Walde von Senart an. Ohne Zweifel war dem Poſtillon der Befehl hiezu ſchon vorher gegeben worden, denn Aramis brauchte nicht einmal ein Zeichen zu machen. 3 „Was gibt es?“ fragte der Gefangene, als ob er aus einem langen Traume erwachte. „Monſeigneur,“ antwortete Aramis,„ehe wir wei⸗ ter fahren, haben wir, Eure Königliche Hoheit und ich, mit einander zu ſprechen.“ „Ich werde die Gelegenheit abwarten, mein Herr,“ ſagte der junge Prinz. „Sie könnte nicht beſſer ſein, Monſeigneur, wir find hier mitten im Walde, und Niemand vermag uns zu hören.“— „Und der Poſtillon?“ „Der Poſtillon von dieſer Station iſt taubſtumm, Monſeigneur.“ E„Ich gehöre Euch, Herr d'Herblay.“ „Beliebt es Euch, in dieſem Wagen zu bleiben?“ „Ja, wir ſitzen hier gut, und ich liebe dieſen Wa⸗ gen, es iſt derjenige, welcher mich der Freiheit wieder⸗ gegeben hat.“ 3 „Wartet, Monſeigneur. Es iſt noch eine Vor⸗ ſichtsmaßregel zu nehmen.“ „Welche?0 8 „Wir ſind hier auf der Landſtraße; es können Rei⸗ ter und Wagen vorüberkommen, die uns, wenn ſie uns 89 ſtille halten ſähen, in Verlegenheit glauben würden. Vermeiden wir läſtige Dienſtanerbietungen.“ „Befehlt dem Kutſcher, den Wagen in einer Sei⸗ tenallee zu verbergen.“ „Das wollte ich gerade thun, Monſeigneur.“ Aramis berührte den Stummen und machte ihm ein Zeichen. Er ſtieg ab, nahm die zwei Vorderpferde am Zügel und führte ſie durch das weiche Heidekraut auf das mooſige Gras einer gekrümmten Allee, in deren Hintergrund in dieſer mondloſen Nacht die Wolken einen Vorhang bildeten, der ſchwärzer war, als Tintenflecken. Nachdem dies geſchehen war, legte ſich der Mann auf eine Böſchung in der Nähe ſeiner Pferde, welche rechts und links die jungen Eichenſchößlinge abrißen. „Ich höre Euch,“ ſagte der junge Prinz zu Ara⸗ mis,„doch was macht Ihr da?“ „Ich ziehe die Kugeln aus den Piſtolen, deren wir nicht mehr bedürfen.“ X. Der Verſucher. „Mein Prinz,“ ſagte Aramis, indem er ſich im Wagen gegen ſeinen Gefährten wandte,„ein ſo ſchwa⸗ ches Geſchöpf, ſo mittelmäßig an Geiſt, ſo unterge⸗ ordnet in der Klaſſe der denkenden Weſen ich auch bin, ſo iſt es mir doch nie begegnet, daß ich mit einem Menſchen geſprochen habe, ohne ſeine Gedanken durch die lebendige Maske zu ergründen, welche über unſern 90 Verſtand geworfen iſt, um die Offenbarung darin zu⸗ rückzuhalten. Aber heute Abend, in der Dunkelheit, in der wir uns befinden, bei der Zurückhaltung, die ich an Euch wahrnehme, vermag ich nicht in Euren Zügen zu leſen, und es ſagt mir etwas, ich werde Mühe ha⸗ ben, Euch ein aufrichtiges Wort zu entreißen. Ich flehe Euch alſo an, nicht aus Liebe zu mir, denn die Unterthanen dürfen kein Gewicht in der Wage haben, welche die Fürſten halten, ſondern aus Liebe zu Euch, jede von meinen Sylben, jede von meinen Wendungen wohl zu behalten, denn jede wird einen Sinn und einen Werth von einer ſo hohen Bedeutung haben, als dies je in der Welt vorgekommen iſt.“ „Ich höre, ohne etwas von dem, was Ihr mir ſagen werdet, zu erſtreben, zu befürchten,“ ſprach der lunge Prinz mit Entſchiedenheit. Und er drückte ſich noch tiefer in die dicken Kiſſen der Carroſſe und ſuchte ſeinem Gefährten nicht nur ſei⸗ nen Anblick, ſondern ſogar die Vorausſetzung ſeiner Perſon zu entziehen. 4 Der Schatten war ſchwarz und fiel breit und un⸗ durchſichtig vom Gipfel der verſchlungenen Bäume herab. Dieſer mittelſt eines großen Verdeckes geſchloſ⸗ 4 ſene Wagen hätte auch nicht das geringſte Lichttheil chen empfangen, ſelbſt wenn ein leuchtendes Atom zwi⸗ ſchen den Nebelſaͤulen, die ſich auf dem Waldwege aus⸗ dehnten, durchgedrungen wäre. „Monſeigneur,“ ſprach Aramis,„Ihr kennt die Geſchichte der Regierung, welche heute Frankreich lei⸗ tet. Der König iſt aus einer Kindheit hervorgegangen, welche die eines Gefangenen, wie die Eurige, dunkel, wie die Eurige, beengt, wie die Eurige, gewefen war. Nur ſtatt, wie Ihr, die Sklaverei des Gefängniſſes, das Dunkel der Einſamkeit, die Beengung des verborgenen Lebens zu haben, mußte er alle Erbärmlichkeiten, alle Demüthigungen, alle Qualen beim hellen Tageslichte, bei der unbarmherzigen Sonne des Königthums ertragen; — 91 ein in Licht getauchter Platz, wo jeder Fleck wie ein abſcheulicher Koth erſcheint. Der König hat gelitten, er grollt, er wird ſich rächen. Es wird ein ſchlechter König ſein. Ich ſage nicht, er werde Blut vergießen, wie Ludwig XI. oder Karl IX., denn er hat keine tödtliche Beleidigungen zu rächen, aber er wird das Geld und den Lebensunterhalt ſeiner Unterthanen ver⸗ zehren, weil er Beleidigungen des Intereſſes und des Geldes erlitten hat. Ich ſchütze mich daher vor Allem vor meinem Gewiſſen, wenn ich den Verdienſten und den Fehlern dieſes Fürſten ins Geſicht ſchaue, und wenn ich ihn verdamme, ſpricht mich mein Gewiſſen frei.“ 1 Aramis machte eine Pauſe. Dies geſchah nicht, um zu horchen, ob die Stille des Waldes immer noch dieſelbe wäre, ſondern um ſeinen Gedanken im Grunde ſeines Geiſtes zuſammenzufaſſen, um dieſem Gedanken Zeit zu laſſen, ſich tief in den Geiſt ſeines Gefährten einzugraben. „Gott thut Alles gut, was er thut,“ fuhr der Bi⸗ ſchof von Vannes fort,„und hievon bin ich ſo ſehr überzeugt, daß ich mir ſeit langer Zeit Glück gewünſcht habe, von ihm zum Bewahrer des Geheimniſſes, das ich Euch entdecken geholfen habe, erwählt worden zu ſein. Der Gott der Gerechtigkeit und der Vorausſicht be⸗ durfte eines ſcharfen, ausdauernden, überzeugten Werk⸗ zeugs, um ein großes Werk zu vollbringen. Dieſes Werkzeug bin ich, ich habe die Schärfe, ich habe die Ausdauer, ich habe die Ueberzeugung; ich regiere ein geheimnißvolles Volk, das zum Wahlſpruch den Wahl⸗ pennh Gottes: Patiens quia aeternus! genommen a.4 Der Prinz machte eine Bewegung. „Monſeigneur„“ ſagte Aramis,„ich errathe, daß Ihr das Haupt erhebt, und daß Euch das Volk, dem ich befehle, in Erſtaunen ſetzt. Ihr wußtet nicht, daß Ihr mit einem König unterhandelt. Oh! Monſeigneur, der Koͤnig eines ſehr kleinen Volkes, der König eines 92 ſehr demüthigen Volkes, der König eines ſehr enterbten Volkes: demüthig, weil es nur kriechend Stärke hat, enterbt, weil nie, beinahe nie auf dieſer Welt mein Volk einerntet, was es ausgeſät hat, nie die Frucht von dem verzehrt, was es anbaut. Es arbeitet für eine Abſtraction, es ballt alle die bis ins Unſichtbare kleinen Klümpchen ſeiner Macht zuſammen, um einen Menſchen daraus zu bilden, und dieſem Menſchen verleiht es mit dem Ertrag ſeiner Schweißtropfen eine Wolke, aus der das Genie dieſes Menſchen eine Glorie, vergoldet in den Strahlen aller Kronen der Chriſtenheit, machen muß. Das iſt der Menſch, den Ihr an Eurer Seite habt, Monſeigneur. Und damit ſage ich Euch, daß er Euch aus einem Abgrund in einer großen Abſicht her⸗ ausgezogen hat, und daß er Euch in dieſer herrlichen Abſicht über alle Mächte der Erde, auch über ihn ſelbſt, erheben will.“ Der Prinz berührte leicht den Arm von Aramis und ſagte: „Ihr ſprecht von dem religiöſen Orden, deſſen Haupt Ihr ſeid. Es geht für mich aus Euren Worten hervor, daß an dem Tage, wo Ihr denjenigen, welchen Ihr erhoben, ſtürzen wollt, dies ſich machen wird, und daß Ihr Euer Geſchöpf vom vorhergehenden Tage in der Hand haben werdet.“ „ Ihr täuſcht Euch, mein Prinz, ich würde mir nicht die Mühe geben, dieſes furchtbare Spiel mit Eurer Koͤniglichen Hoheit zu ſpielen, hätte ich nicht ein doppeltes Intereſſe, die Partie zu gewinnen. An dem Tage, wo Ihr erhoben werdet, ſeid Ihr für im⸗ mer erhoben; Ihr werft, wenn Ihr hinaufſteigt, den Fußtritt um, Ihr ſchleudert ihn ſo weit fort, daß Euch nie mehr auch nur ſein Anblick an ſeinen Anſpruch auf Dankbarkeit erinnern wird.“ „Oh! mein Herr!“ „Cuere Bewegung, Monſeigneur, zeugt von einer vortrefflichen Gemüthsbeſchaffenheit. Ich danke Euch. 93 Glaubt mir, daß ich nach mehr als Dankbarkeit trachte; ich bin überzeugt, daß Ihr, auf dem Gipfel angelangt, mich noch mehr Euer Freund zu ſein würdig erachten werdet, und dann wollen wir zwei, Monſeigneur, ſo große Dinge vollführen, daß man noch in fernen Jahr⸗ hunderten davon ſprechen ſoll.“ 1 „Sagt mir, mein Herr, ſagt es mir unverſchleiert, was ich heute bin und was ich nach Eurem Willen morgen ſein ſoll.“ „Ihr ſeid der Sohn von Koͤnig Ludwig XIII., Ihr ſeid der Bruder von König Ludwig XIV., Ihr ſeid der natürliche und geſetzliche Thronerbe von Frank⸗ reich. Indem er Euch bei ſich behielt, wie man Mon⸗ ſeigneur, Euren jüngeren Bruder, behalten hat, reſer⸗ virte ſich der König das Recht, legitimer Fürſt zu ſein. Nur die Aerzte und Gott allein konnten ihm die Legi⸗ timität ſtreitig machen. Die Aerzte lieben ſtets mehr den König, der es iſt, als den, welcher es nicht iſt. Gott würde ein Unrecht begehen, wenn er einen Für⸗ ſten, der ein ehrlicher Menſch, benachtheiligte. Es war aber Gottes Wille, daß man Euch verfolgte, und dieſe Verfolgung ſalbt Euch heute zum König von Frank⸗ reich; Ihr hattet alſo das Recht, zu regieren, da man es Euch ſtreitig macht; Ihr hattet alſo das Recht, erklärt zu werden, da man Euch heimlich auf die Seite brachte. Ihr ſeid alſo von göttlichem Blut, da man es nicht gewagt hat, Euer Blut zu vergießen, wie das Eurer Diener. Seht nur, was er für Euch gethan hat, dieſer Gott, den Ihr ſo oft beſchuldigtet, er habe Alles gegen Euch gethan. Er hat Euch die Züge, die Geſtalt, das Alter und die Stimme Eures Bruders gegeben, und aus allen Urſachen Eurer Verfolgung werden Urſachen Eurer ſiegreichen Auferſtehung werden. Morgen, übermorgen, im erſten Augenblick, werdet Ihr, das königliche Geſpenſt, der lebendige Schatten von Ludwig XIV., Euch auf ſeinen Thron ſetzen, von dem ihn der Wille Gottes, einen mächtigen Arme zur Voll⸗ 94 Ziehung anvertraut, unwiederbringlich geſtoßen haben wird.“ 3 „Ich begreife,“ ſagte der Prinz,„man wird das Blut meines Bruders nicht vergießen.“ 4 „Ihr ſeid allein der unumſchränkte Herr ſeines Geſchicks.“ „Das Geheimniß, das er gegen mich gemißbraucht at... „Werdet Ihr gegen ihn gebrauchen. Was that er, um es zu verbergen? Er verbarg Euch. Ein le⸗ bendiges Ebenbild von ihm ſelbſt, würdet Ihr das Kom⸗ plott von Mazarin und Anna von Oeſterreich verra⸗ then. Ihr, mein Prinz, Ihr werdet daſſelbe Intereſſe haben, denjenigen zu verbergen, welcher Euch als Ge⸗ fangener gleichen wird, wie Ihr ihm als König glei⸗ chen werdet.“— „Ich komme auf das zurück, was ich Euch ſagte. Wer wird ihn verwahren?“ „Wer verwahrte Euch?“ „Ihr kennt dieſes Geheimniß, Ihr habt für mich davon Gebrauch gemacht. Wer kennt es noch mehr?“ „Die Konigin Mutter und Frau von Chevreuſe.“ „Was werden ſie thun?“ „Nichts, wenn Ihr es wollt.“ „Wie ſo?“— „Wie werden ſie Euch erkennen, wenn Ihr ſo han⸗ delt, daß man Guch nicht erkennt?“ e„Das iſt wahr. Es gibt noch ernſtere Schwierig⸗ eiten.. „ Sprecht, mein Prinz.“— „Mein Bruder iſt verheirathet; ich kann nicht die Frau meines Bruders nehmen.“. „Ich werde machen, daß eine Auflöſung der Ehe von Spanien bewilligt wird; das iſt das Intereſſe Eurer was es wahrhaft Edles und wahrhaft Nützliches in der Welt gibt, wird dabei ſeine Rechnung ſinden.“ neuen Politik, das iſt die menſchliche Moral. Alles, 3 — õM E/ 7 9⁵ „Der eingeſperrte König wird ſprechen?“. „Mit wem ſoll er ſprechen? mit den Wänden?“ „Ihr nennt Wände die Menſchen, zu denen Ihr Vertrauen habt.“. „Im Noihfall, ja. Eure Hoheit kann übrigens...“ „Uebrigens..“ „Ich wollte ſagen, Gott bleibe bei ſeinen Abſich⸗ ten nicht auf ſo ſchönem Wege ſtehen. Jeder Plan von dieſer Bedentung wird vervollſtändigt durch die Reſultate, wie eine geometriſche Berechnung. Der ein⸗ geſperrte König wird für Euch nicht die Verlegenheit ſein, die Ihr für den regierenden König geweſen ſeid. Gott hat dieſe. Seele ſtolz und ungeduldig von Natur gemacht. Er hat ſie überdies verweichlicht, entwaffnet durch den Gebrauch der Ehren und die Gewohnheit der unumſchränkten Gewalt. Gott, deſſen Wille es war, daß das Ende der geometriſchen Berechnung, von der ich mit Euch zu ſprechen die Ehre hatte, Eure Thronbeſteigung und die Zerſtörung deſſen, was Euch ſchädlich iſt, ſein ſollten, hat beſchloſſen, daß der Beſiegte bald ſeine Leiden mit den Eurigen endigen werde. Er hat alſo dieſe Seele und dieſen Leib für die Kürze des Todeskampfes vorbereitet. In das Gefängniß gebracht, ein einfacher Privatmann mit Euren Zweifeln einge⸗ ſperrt, von Allem beraubt, an ein einſames Leben ge⸗ woöhnt, habt Ihr widerſtanden. Doch ein vergeſſener, eingeſchränkter Gefangener, wird Euer Bruder ſein Ungemach nicht ertragen, und Gott wird ſeine Seele zur beſtimmten Zeit, das heißt bald, zu ſich nehmen.“ In dieſem Augenblick der finſteren Analyſe von Aramis ſtieß ein Nachtvogel aus dem Grunde des Ge⸗ hölzes jenes lange, gedehnte Klagegeſchrei aus, das je⸗ des Geſchöpf beben macht. „Ich würde den entthronten König verbannen, das wäre menſchlicher,“ ſagte Philipp bebend. „Das Belieben des Königs wird dieſe Frage ent⸗ ſcheiden,“ erwiederte Aramis.„Habe ich das Problem 96 nun gut geſtellt? habe ich die Löſung wohl nach den Wünſchen oder den Vorherſehungen Eurer Königlichen Hoheit herbeigeführt?“ 1 „Ja, mein Herr, ja. Ihr habt nichts vergeſſen, wenn nicht etwa zwei Dinge.“ „Das erſte?“ „Sprechen wir ſogleich hievon mit derſelben Of⸗ fenherzigkeit, mit der wir bei unſerer Unterredung zu Werke gegangen find; ſprechen wir von den Gründen, welche die Auflöſung der Hoffnungen, die wir gefaßt haben, herbeiführen können; ſprechen wir von den Ge⸗ fahren, die wir laufen.“ unüberſteiglich, wenn nicht, wie geſagt, Alles dazu bei⸗ trüge, ſie nichtig zu machen. Es gibt weder für Euch, noch für mich Gefahren, wenn die Beharrlichkeit und die Unerſchrockenheit Eurer Königlichen Hoheit der voll⸗ kommenen Aehnlichkeit gleichkommen, die Euch die Na⸗ tur mit dem Koͤnig verliehen hat. Ich wiederhole Euch, es gibt keine Gefahren, es gibt nur Hinderniſſe. Dieſes Wort, das ich in allen Sprachen finde, habe ich immer ſchlecht verſtanden, und wenn ich König wäre, ließe ich es als albern und unnütz ausſtreichen.“ derniß, es gibt eine Gefahr, die Ihr vergeßt.“ „Ah!“ machte Aramis. „Es gibt das Gewiſſen, welches ſchreit, es gibt den Gewiſſensbiß, welcher zerreißt.“ „Ja, es iſt wahr,“ ſagte der Biſchof;„Ihr erin⸗ nert mich daran, es gibt die Schwäche des Herzens. Oh! Ihr habt Recht, das iſt ein ungeheures Hinder⸗ niß. Das Pferd, das vor dem Graben Angſt hat, ſpringt mitten hinein und tödtet ſich! Der Menſch, wahr! es iſt wahr!“ „Sie wären ungeheuer, unermeßlich, furchtbar, „Doch, mein Herr, es gibt ein ſehr ernſtes Hin⸗ der zitternd den Degen kreuzt, läßt der Klinge des Feindes Blößen, durch die der Tod eindringt! Es iſt — 2„ Skken e s Aramis ging lachend weg, wie er zu lachen ver⸗ ſtand. Molière folgte ihm. Sie waren unten an der Treppe, als La Fontaine die Thüre halb öffnete und ihnen nachrief: 4 Moyennant que tu l'écrivisses, Il t'a promis des écrevisses. (Unter der Bedingung, daß Du es ſchreibeſt, hat er die Krebſe verſprochen.) Das Gelächter der Epicuräer verdoppelte ſich und drang bis zu den Ohren von Fouguet in dem Augen⸗ blick, wo Aramis die Thüre ſeines Cabinets öffnete⸗ Molière hatte es übernommen, die Pferde zu be⸗ ſtellen, während Aramis mit dem Oberintendanten die paar Worte austauſchte, die er ihm zu ſagen hatte. „Oh! wie ſie da oben lachen,“ ſagte Fouquet mit einem Seufzer. „Ihr lacht nicht, Monſeigneur?“ „Ich lache nicht mehr, Herr d'Herblay.“ „Das Feſt kommt herbei.“ „Das Geld entfernt ſich.“ „Habe ich Euch nicht geſagt, das ſei meine Sache?“ 3 „Ja, Ihr habt mir Millionen verſprochen.“ „Ihr werdet ſie am andern Tag nach der Ankunft des Königs in Vaur erhalten.“ Fouquet ſchaute Aramis tief an und fuhr mit ſei⸗ ner eiskalten Hand über ſeine feuchte Stirne. Aramis begriff, daß der Oberintendant an ihm zweifelte, oder ſeine Ohnmacht, Geld zu bekommen, fühlte. Wie ronnte Fouquet vermuthen, ein armer Biſchof, ein Er⸗ abbé, ein Exmusketier würde Geld finden?“ „Warum zweiſeln?“ ſagte Aramis. Fouquet lächelte und ſchüttelte den Kopf. „Mann vom kleinen Glauben!“ fügte der Bi⸗ ſchof bei. Mein, lieber Herr d'Herblay,“ ſagte Fouquet, „wenn ich falle...“ Die drei Musketiere. Bragelonne. ä. 5 „Nun, wenn Ihr fallt?“ „So falle ich wenigſtens ſo hoch herab, daß ich fallend mich zerſchmettere.“ Dann ſchüttelte er ſich, als wollte er ſich ſelbſt entſchlüpfen, und ſagte: „Woher kommt Ihr, lieber Freund?“ „Von Paris.“ „Von Paris? ah!“ „Ja, von Percerin.“ „Und was habt Ihr ſelbſt bei Percerin gemacht? denn ich nehme nicht an, daß Ihr einen ſo großen Werth auf die Kleider unſerer Dichter legtet.“ „Nein; ich habe eine Ueberraſchung beſtellt.“ „Eine Ueberraſchung?“ „Ja, die Ihr dem König bereiten werdet.“ „Wird ſie viel koſten?“ „Oh! hundert Piſtolen, welche Ihr Lebrun gebt.“ „Ein Gemälde? Ahl deſto beſſer. Und was ſoll dieſes Gemälde vorſtellen?“ „Ich werde Euch das erzählen; dann habe ich zu⸗ gleich, was Ihr auch ſagtet, die Kleider unſerer Dichter in Augenſchein genommen.“ „Bah! und ſie werden glänzend, reich ſein?“ „Herrlich! es werden wenige vornehme Herren ähn⸗ liche haben. Man wird ſehen, welcher Unterſchied un⸗ ter den Höflingen des Reichthums und denen der Freund⸗ ſchaft ſtattfindet.“ 8 „Immer geiſtreich und edelmüthig, lieber Prälat.“ „Aus Eurer Schule.“. Fouquet drückte Aramis die Hand. „Und wohin geht Ihr?“ ſagte er. 3 3„Ich gehe nach Paris, wenn Ihr mir einen Brief gegeben habt.“ „Einen Brief, an wen?“ „An Herrn von Lyonne.“ „Und was wollt Ihr von Lyonne?“ 67 „Ich will ihn einen Geheimbefehl unterzeichnen laſſen.“ „Einen Geheimbefehl? Ihr wollt Jemand in die Baſtille ſperren laſſen?“ 4 „Nein, im Gegentheil, ich will Jemand heraus⸗ bringen.“ 4 „Ohl und wen denn?“ „Einen armen Teufel, einen jungen Menſchen, der bald zehn Jahre wegen zweier lateiniſchen Verſe, die er gegen die Jeſuiten gemacht hat, in der Baſtille ein⸗ geſperrt iſt.“. „Er hat kein anderes Verbrechen begangen?“ „Abgeſehen von dieſen zwei Verſen iſt er unſchul⸗ dig, wie Ihr und ich.“ „Und er heißt?“ „Seldon.“ „Ahl das iſt doch zu ſtark! Und Ihr wußtet das und habt es mir nicht geſagt?“ „Geſtern erſt hat ſich ſeine Mutter an mich ge⸗ wandt, Monſeigneur.“ „Und dieſe Frau iſt arm?“ „Im tiefſten Elend.“ „Mein Gott! Du geſtatteſt oft ſolche Ungerechtig⸗ keiten, daß ich begreife, wenn es Unglückliche gibt, die an Dir zweifeln! Wartet, Herr d'Herblay.“ Fouquet nahm eine Feder und ſchrieb raſch ein paar Zeilen an ſeinen Collegen Lyonne. Aramis nahm den Brief und ſchickte ſich an, weg⸗ zugehen. „Einen Augenblick,“ ſagte Fouquet. Er öffnete ſeine Schublade und nahm zehn Kaſſen⸗ billets, die darin lagen, jedes zu tauſend Franken. „Nehmet,“ ſprach er,„bringt den Sohn aus dem Sahnni und gebt das der Mutter, aber ſagt ihr ja nicht..“ „Was, Monſeigneur?“ „Daß ſie um zehn tauſend Livres reicher iſt, als 68 ich. Sie würde ſagen, ich ſei ein trauriger Oberin⸗ tendant! Geht, und ich hoffe, Gott wird diejenigen ſegnen, welche ſeiner Armen gedenken.“ „Das hoffe ich auch,“ erwiederte Aramis, Fouquet die Hand küſſend. Und er entfernte ſich raſch mit dem Briefe an Lyonne und den Kaſſenbillets für die Mutter von Sel⸗ don, und nahm Molidre mit, der ungeduldig zu wer⸗ den anfing. VIII. Noch ein Abendbrod in der Baſtillt. Es ſchlug ſieben auf der großen Uhr der Baſtllle, welche, wie alle Beigaben des Staatsgefängniſſes, de⸗ ren Gebrauch eine Qual iſt, die Gefangenen an die Beſtimmung von jeder der Stunden ihrer Marterzeit erinnerte. Mit Figuren geſchmückt, wie die meiſten Uhren jener Zeit, ſtellte die Uhr der Baſtille den heili⸗ gen Petrus in Feſſeln vor. Es war die Stunde des Abendbrods für die armen Gefangenen Auf ihren ungeheuren Angeln ächzend, öffneten ſich die Thüren und ließen Platten und Körbe beladen mit Gerichten ein, deren Wohlgeſchmack, wie uns Herr von Baiſemeaur ſelbſt belehrt hat, ſich nach dem Stande des Eingekerkerten richtete. Wir kennen hierüber die Theorien von Herrn vo Baiſemeaux, dem ſouverainen Spender der gaſtronomi⸗ ſchen Genüſſe, dem Oberküchenmeiſter der königlichen Feſtung, deſſen volle Koͤrbe die ſteilen Treppen hinauf⸗ 8 —, A‚ͤ ſtiegen und den Gefangenen einigen Troſt im Grunde ehrlich gefüllter Flaſchen brachten. Es war auch die Stunde, zu der der Herr Gou⸗ verneur ſelbſt zu Nacht ſpeiſte. Er hatte an dieſem Abend einen Gaſt, und der Spieß drehte ſich ſchwerer als gewöhnlich. Die gebratenen jungen Feldhühner, mit Wachteln umgeben und ühen geſpickten jungen Haſen an die Seite geſtellt, Wie Hühner in Bouillon, der gebackene und mit weißem Wein beſprengte Schinken, die Arti⸗ ſchocken vom Guipuzcoa und die Krebsſuppe, dies war nebſt den Zwiſchengerichten der Küchenzettel des Herrn Gouverneur. 4 Am Tiſche ſitzend, rieb ſich Herr von Baiſemeaux die Hände und ſchaute dabei den Herrn Biſchof von Vannes an, der, geſtiefelt wie ein Reiter, den Degen an der Seite und in einem grauen Kleide, fortwährend von ſeinem Hunger ſprach und die lebhafteſte Ungeduld äußerte.—— Herr Baiſemeaux von Montlezun war nicht gewöhnt an die Vertraulichkeit von Monſeigneur dem Herrn Biſchof von Vannes, und an dieſem Abend machte Aramis, munter geſtimmt, Geſtändniß auf Geſtändniß. Der Prälat war wieder einiger Maßen Musketier ge⸗ worden. Herr von Baiſemeaux aber gab ſich, mit der Leichtigkeit gewöhnlicher Menſchen, ganz dem theilweiſen Sichgehenlaſſen ſeines Gaſtes hin. „Mein Herr,“ ſagte er,„denn wahrhaftig, heute Abend will ich Euch nicht Monſeigneur nennen.“ „Nein,“ erwiederte Aramis,„nennt mich Herr; ich habe Stiefel.“ „Wohl, mein Herr, wißt Ihr, an wen Ihr mich heute Abend erinnert?“ „Meiner Treue, nein,“ ſprach Aramis, während er ſich Wein einſchenkte,„doch hoffentlich erinnere ich Euch an einen guten Gaſt.“ „Ihr erinnert mich an zwei. Frangois, mein Freund, 70 ſchließt jenes Fenſter; der Wind koͤnnte Seine Herr⸗ lichkeit beläſtigen.“ „Und er entferne ſich,“ fägte Aramis bei,„das Abendbrod iſt völlig aufgetragen, wir werden es wohl ohne Lackei verzehren. Ich liebe es ungemein, wenn 19 in kleinem Comité bin, wenn ich mit einem Freunde in... Baiſemeaur verbeugte ſich ehrerhistig. „Ich liebe es ungemein, mich ſelbſt zu bedienen,“ fuhr Aramis fort. „Francois, entfernt Euch!“ rief Baiſemeaux.„Ich ſagte alſo, Ihr erinnert mich an zwei Perſonen; die eine iſt eine ſehr erhabene Perſon, es iſt der ſelige Herr Cardinal, der große Cardinal, der von la Ro⸗ chelle, der, welcher Stiefel hatte, wie Ihr. Iſt das wahr?“ 3 „Meiner Treue, ja,“ erwiederte Aramis.„Und die andere Perſon?“ „Die andere iſt ein gewiſſer Musketier, ſehr hübſch, ſehr beherzt, ſehr kühn, ſehr glücklich, der vom Abbé Musketier und vom Musketier Abbé wurde.“ Aramis lächelte wohlwollend. —„Vom Abbé,“ fuhr Baiſemeaur, durch das Lächeln von Aramis ermuthigt, fort,„vom Abbé Biſchof und vom Biſchof..“ „Ahl ich bitte, bleiben wir hiebei ſtehen.“ „Ich ſage Euch, daß Ihr den Eindruck eines Car⸗ dinals auf mich macht.“ 2 „Hören wir auf, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaux. Ich trage, wie Ihr geſagt habt, Stiefel, doch ich will mich nicht einmal dieſen Abend mit der Kirche entzweien.“ 4 2 3 „Aber Ihr habt doch ſchlimme Abſichten, Mon⸗ ſeigneur.“ „Ohl ich geſtehe, ſchlimm, wie Alles, was welt⸗ lich iſt.“ 4 71 „Ihr lauft in der Maske in der Stadt, in den Gäßchen umher.“. „Wie Ihr ſagt, in der Maske.“ „Und Ihr handhabt immer noch den Degen?“ „Ich glaube, ja; doch nur, wenn man mich dazu zwingt. Thut mir den Gefallen und ruft Frangois.“ „Ihr habt Wein da?“ „Es iſt nicht wegen des Weines, ſondern weil es hier ſehr heiß und das Fenſter geſchloſſen iſt.“ 8 „Ich ſchließe die Fenſter, wenn ich zu Nacht ſpeiſe, um die Runden oder die Ankunft der Courriere nicht zu hören.“ ſ1re ja, man höͤrt ſie, wenn das Fenſter offen iſt? 5 „Nur zu gut, und das ſtört. Ihr begreift.“ „Man erſtickt jedoch hier. Frangois!”“ Francois trat ein. „Ich bitte, öffnet das Fenſter, Meiſter Frangois. Ihr erlaubt, lieber Herr von Baiſemeaux?2“ „Monſeigneur iſt hier zu Hauſe,“ erwiederte der Gouverneur. Das Fenſter wurde geöffnet. 3 „Wißt Ihr,“ ſagte Herr von Baiſemeaux,„wißt Ihr, daß Ihr Euch ſehr verlaſſen fühlen werdet, nun da Herr de la Foͤre zu ſeinen Penaten in Blois zu⸗ rückgekehrt iſt? Nicht wahr, das iſt ein ſehr alter Freund von Euch?“ „Ihr wißt das ſo gut, als ich, Baiſemeaux, da Ihr mit und bei den Musketieren geweſen ſeid.“ „Bah! bei meinen Freunden zähle ich weder die Flaſchen, noch die Jahre.“ „Und Ihr habt Recht. Doch ich liebe Herrn de la Fsre nicht nur, mein guter Baiſemsaux: ich verehre ihn.“ „Wohll ich, es iſt ſonderbar, ich ziehe ihm Herrn d'Artagnan vor. Das iſt ein Mann, der gut und lang trinkt! Solche Leute laſſen doch wenigſtens ihren Ge⸗ danken ſehen.“ 1 8 ——— 72² wir wie einſt, und wenn ich einen Schmerz im Grunde meines Herzens habe, ſo ſollt Ihr ihn ſehen, das ver⸗ ſpreche ich Euch, wie Ihr einen Diamant auf dem Boden Eures Glaſes ſehen würdet.“ „Bravo!“ rief Baiſemeaux. Und er ſchenkte ſich ein großes Glas Wein ein und leerte es, bebend vor Freude, daß er von einiger Bedeutung bei einer erzbi⸗ ſchöflichen Todſünde ſein ſollte. ₰ Während er trank, ſah er nicht, mit welcher Auf⸗ merkſamkeit Aramis das Geräuſch im großen Hofe be⸗ obachtete. Ein Courrier traf um acht Uhr ein, gerade als Francois die fünfte Flaſche auf den Tiſch ſtellte, und obgleich dieſer Courrier einen gewaltigen Lärmen machte, hörte Baiſemeaux doch nichts. „Der Teufel ſoll es holen!“ rief Aramis. „Baiſemeaur, berauſcht mich heute Abend, ſchwelgen „Was denn? wen denn?“ fragte Baiſemeaux.„Ich hoffs weder den Wein, den Ihr trinkt, noch denjenigen, welcher Euch denſelben zu trinken veranlaßt.“ „Nein, ein Pferd, das für ſich allein im Hofe einen ſo gewaltigen Lärmen macht, als nur eine ganze Schwa⸗ dron machen könnte.“ 3 „Bahl ein Courrier,“ erwiederte der Göͤuverneur, abermals ein paar volle Gläſer leerend.„Ja, der Teu⸗ fel ſoll ihn holen, und zwar ſo ſchnell, daß wir nicht. mehr davon ſprechen hören. Hurrah! hurrah!“ „Ihr vergeßt mich, Baiſemeaux. Mein Glas iſt leer,“ ſagte Aramis, indem er ein glänzendes Kriſtall⸗ glas in die Höhe hob. 7 „Bei meiner Ehre, Ihr entzückt mich. Fransois, Wein!“. Francois trat ein. 5 „Wein, Schurke, und zwar vom beſten!“ „3a, Wäidider Here⸗. doch es iſt ein Courrier. ⸗ „Zum Teufel! habe ich geſagt.“ „Gnädiger Herr, aber...“ 73 „Er laſſe ſeine Depeche in der Kanzellei, wir wer⸗ den morgen ſehen. Morgen wird es Tag ſein, morgen iſt es Zeit,“ ſagte Baiſemeaur, dieſe zwei letzten Sätze trällernd. „Oh! gnädiger Herr,“ brummelte unwillkührlich der Soldat Frangçois,„gnädiger Herr...“ „Gebt wohl Acht,“ ſagte Aramis,„gebt wohl Acht.“ „Worauf, lieber Herr d'Herblay?“ fragte Baiſe⸗ meaux halb trunken. „Der Brief, der durch Courriere den Gouverneurs von Citadellen zukommt, iſt zuweilen ein Befehl.“ „Beinahe immer.“ „Kommen die Befehle nicht von den Miniſtern?“ „Ja, allerdings, doch...“ „Und die Miniſter, contraſigniren ſie nicht nur die Unterſchrift des Königs?“ „Ihr habt vielleicht Recht. Doch es iſt ſehr är⸗ gerlich, wenn man an einer guten Tafel unter, ier Augen mit einem Freunde ſitzt. Ah! verzeiht, mein Herr, ich vergeſſe, daß ich Euch Abendbrod gebe und daß ich mit einem zukünftigen Cardinal ſpreche.“ „Laſſen wir Alles das, lieber Baiſemeaux, und kommen wir auf unſern Soldaten, auf Frangois zurück.“ „Nun, was hat Frangois gethan?“ „Er hat gemurmelt.“ „Er hat ÜUnrecht gehabt.“. „Er hat jedoch gemurmelt. Ihr begreift, dies ge⸗ ſchah am Ende, weil etwas Außerordentliches vorgeht. Es könnte wohl ſein, daß Francois nicht Unrecht ge⸗ habt hätte, zu murmeln, daß aber Ihr Unrecht hät⸗ tet, ihn nicht anzuhören.“ „Unrecht! ich ſoll Unrecht haben vor Frangois? Das kommt mir hart vor.“ 3 „Ein Unrecht der Unregelmäßigkeit! Verzeiht, doch ich glaubte Euch eine Bemerkung machen zu müſſen, die ich für wichtig erachte.“* 1 „Ah! Ihr„haht vielleicht Recht,“ ſtammelte Bai⸗ ſemeaux.„Befehl des Königs, das iſt heilig; doch die Befehle, welche kommen, während man zu Nacht ſpeiſt, ich wiederhole, der Teufel...“ „Wenn Ihr das dem großen Cardinal gethan hät⸗ tet, wie! mein lieber Baiſemeaux, und dieſer Befehl hätte einige Wichtigkeit gehabt...“ „Ich thue es, um einen Biſchof nicht zu ſtoren; alle Gewitter! bin ich nicht entſchuldbar?“ „Vergeßt nicht, Baiſemeaur, daß ich die Kaſake getragen habe, und daß es mir zur Gewohnheit ge⸗ worden iſt, überall Befehle zu ſehen.“ „Ihr wollt alſo...“ „Ihr ſollt Eure Pflicht thun, mein Freund. Ja, ich bitte Euch darum, wenigſtens vor dieſem Soldaten.“ „Das iſt mathematiſch.“ Frangçois wartete immer noch. „Man bringe mir den Befehl des Königs herauf,“ ſprach Baiſemeaux, indem er ſich erhob. Und er fügte leiſe bei:„Wißt Ihr, was das iſt? Ich will es Euch ſagen: etwas Intereſſantes wie:„„Gebt auf das Feuer in der Umgegend der Pulverkammer Acht;““ oder auch: „„Wacht über dem und dem, der im Entweichen ſehr gewandt iſt.““ Ohl wenn Ihr wüßtet, wie oft ich plötzlich im ſüßeſten, im tiefſten Schlaf aufgeweckt wor⸗ den bin durch Ordonnanzen, welche im Galopp anka⸗ men, um mir zu ſagen, oder vielmehr um mir ein Schreiben folgenden Inhalts zu überbringen:„„Herr von Baiſemeaux, was gibt es Neues?““ Man ſieht wohl, daß diejenigen, welche ihre Zeit damit verlieren, daß ſie ſolche Briefe ſchreiben, nie eine Nacht in der Baſtille zugebracht haben. Sie würden ſonſt die Dicke meiner Mauern, die Wachſamkeit meiner Officiere, die Vielfältigkeit meiner Runden kennen. Was wollt Ihr, Monſeigneur, es iſt ihr Handwerk, zu ſchreiben, um mich zu ſtören, wenn ich ruhig bin, mich zu beunruhi⸗ gen, wenn ich glücklich bin,“ fügte Baiſemeaux, ſich vor 75 Aramis verbeugend, bei:„Laſſen wir ſie alſo ihr Hand⸗ werk treiben.“ 3 „Und treibt das Eurige,“ ſagte lächelnd der Bi⸗ ſchof, deſſen feſter Blick trotz dieſer Freundlichkeit be⸗ fahl. Frangois kam zurück. Der Gouverneur nahm aus ſeiner Hand den vom Miniſterium überſchickten Befehl. Er entſtegelte langſam und las ebenſo. Aramis ſtellte ſich, als tränke er, um ſeinen Wirth durch den Kriſtall zu beobachten. Dann, als Baiſemeaur geleſen hatte, rief dieſer: „Was ſagte ich ſo eben?“ „Was denn?“ fragte Aramis. „Ein Loslaſſungsbefehl. Ich frage Euch doch, iſt dies eine Nachricht, um uns zu ſtoͤren!“ „Eine ſchöne Nachricht für denjenigen, welchen ſie betrifft, das werdet Ihr wenigſtens zugeſtehen, mein lieber Gouverneur.“ „Und um acht Uhr Abends.“ „Das iſt Mildherzigkeit.“ „Mildherzigkeit, ich glaube es wohl, doch nur ge⸗ gen dieſen Burſchen, der ſich langweilt, und nicht gegen mich, der ich mich beluſtige!“ rief Baiſemeaux außer ſich. „Erleidet Ihr einen Verluſt hiedurch? Gehörte der Gefangene, der Euch genommen wird, zu den gro⸗ ßen Anſätzen?“ „Ahl ja wohl! Ein Lumpenkerl, eine Ratte zu fünf Franken!“ „Laßt ſehen,“ ſagte d'Herblay.„Iſt es unbeſchei⸗ den?“ 4 „Nein, leſet.“— „Es ſteht preſſant auf dem Blatt. Nicht wahr, Ihr habt das geſehen?“ „ Das iſt bewunderungswürdig! Preſſant... ein Menſch, der ſeit zehn Jahren hier iſt. Man hat Eile, ihn hinauszubringen, heute, dieſen Abend noch, um acht Uhr!“ Und mit einer Miene erhabener Verachtung die Achſeln zuckend, warf Baiſemeaux das Papier auf den Tiſch und fing wieder an zu eſſen. „Sie haben ſolche Bewegungen,“ ſagte er mit vol⸗ lem Mund;„ſie nehmen einen Menſchen an einem ſchö⸗ nen Tag feſt, füttern ihn zehn Jahre und ſchreiben uns: „„Wachet wohl über dieſem Burſchen!““ oder: „„Haltet ihn ſtreng!““ Und dann, wenn man ſich daran gewöhnt hat, den Gefangenen als einen ge⸗ fährlichen Menſchen zu betrachten, ſchreiben ſie uns plötzlich, ohne Vorgang, ohne Urſache:„„Setzt ihn in Freiheit!““ Und ſie fügen ihrem Sendſchreiben bei: „„Preſſant!““ Ihr müßt geſtehen, Monſeigneur, daß man hierüber nur die Achſeln zucken kann.“ „Was wollt Ihr, man ſchreit ſo und vollzieht den Befehl!“ ſagte Aramis. „Gut! gut! man vollzieht ihn... oh! nur Ge⸗ duld!. Ihr müßt Euch nicht einbilden, ich ſei ein Sklave.“— „Mein Gott! mein lieber Herr von Baiſemeaur, wer ſagt Euch das? Man kennt Eure Unabhängigkeit.“ „Gott ſei Dank!“ „Man kennt aber auch Euer gutes Herz.“ „Ohl ich glaube wohl.“ 4 „Und Euren Gehorſam gegen Eure Vorgeſetzten. Seht Ihr, Baiſemeaux, wenn man Soldat geweſen iſt, ſo iſt das für das Leben.“ „Ich werde auch ſtrenge gehorchen, und morgen bei Tagesanbruch iſt der Gefangene freigelaſſen.“ „Morgen?“. „Bei Tagesanbruch.“ „Warum nicht heute Abend, da bei der Aufſchrift und innen im Briefe ſteht: Preſſant?“— hab„Weil wir heute zu Nacht ſpeiſen und auch Eile aben.“ „Lieber Baiſemeaux, obgleich geſtiefelt, fühle ich mich doch Prieſter, und die Menſchenliebe iſt für mich 77 eine gebieteriſchere Pflicht, als Hunger und Durſt. Die⸗ ſer Unglückliche hat lange genug gelitten, da Ihr mir ſagt, er ſei ſeit zehn Jahren Euer Koſtgänger. Kürzt ſein Leiden ab. Es erwartet ihn eine gute Minute, gebt ſie ihm geſchwinde, Gott wird ſie Euch im Para⸗ dies in Jahren der Glückſeligkeit wiedererſtatten.“ „Ihr wollt es?“„ „Ich bitte Euch darum.“ „Nur ſo, mitten im Mahle.“ Ich flehe Euch an; dieſe Handlung wird zehn Benedicite werth ſein.“ „Es geſchehe nach Eurem Wunſche. Nur werden wir kalt eſſen.“ „Oh!l daran iſt nichts gelegen.“ Baiſemeaux neigte ſich rückwärts, um Frangois zu läuten, und wandte ſich mit einer ganz natürlichen Be⸗ wegung gegen die Thüre um. Der Befehl war auf dem Tiſche liegen geblieben. Aramis benützte den Augenblick, wo Baiſemeaur nicht ſchaute, um dieſes Papier gegen ein anderes, auf dieſelbe Art zuſammengelegtes, zu vertauſchen, das er aus ſeiner Taſche zog. „Frangois,“ ſagte der Gouverneur,„man laſſe den Herrn Major mit den Schließern der Bertaudidre heraufkommen.“— Frangois verbeugte ſich und trat ab, und die zwei Gäſte waren wieder allein. IX. Ver Ordensgeneral. . Es trat nun ein Augenblick des Stillſchweigens ein, wobei Aramis den Gouverneur nicht eine Secunde aus dem Blicke verlor. Dieſer ſchien nur halb ent⸗ ſchloſſen, ſich mitten in ſeinem Abendbrode ſtoͤren zu laſſen, und es war offenbar, daß er irgend einen Grund, einen guten oder einen ſchlechten, ſuchte, um die Sache wenig⸗ ſtens bis nach dem Deſſert zu verſchieben. Dieſen Grund ſchien er plötzlich gefunden zu haben. „Eil es iſt unmöglich!“ rief er. „Wie, unmöglich?“ ſagte Aramis.„Laßt ein wenig hören, lieber Freund, was unmöglich iſt.“ „Es iſt unmöglich, den Gefangenen zu einer ſolchen Stunde in Freiheit zu ſetzen. Wohin wird er gehen, er, der Paris nicht kennt?“ 5 „Er wird gehen, wohin er kann.“ „Ihr ſeht wohll es wäre ebenſo gut, als wenn man einen Blinden freilaſſen würde.“. „Ich habe einen Wagen und werde ihn führen, wohin er geführt ſein will.“ „Ihr habt eine Antwort für Alles. Francois! man ſage dem Herrn Major, er möge das Gefängniß von Herrn Seldon, Nro. 3, Bertaudidsre, öffnen.“ „Seldon?“ fragte Aramis einfach.„Ich glaube, Ihr habt geſagt, Seldon?“ „Ich habe geſagt, Seldon. Das iſt der Name desjenigen, welchen man freiläßt.“ 4 „Ah! Ihr wollt ſagen, Marchiali.“ 3 „Marchiali? ah! ja wohl! Nein, nein, Seldon.“ „Ich denke, Ihr irrt Euch, Herr von Baiſemeaur.“ t⸗ 79 „Ich habe den Befehl geleſen.“ „Ich auch. 3 „Und ich habe Seldon in ſo dicken Buchſtaben ge⸗ ſehen.“ 3 Herr von Baiſemeaur zeigte hiebei ſeinen Finger. „Und ich habe Marchiali in ſo dicken Buchſtaben geleſen.“ Aramis zeigte zwei Finger. „Wir wollen die Sache aufklären,“ ſagte Baiſe⸗ meaur, ſeiner ſicher.„Das Papier iſt da, und es wird genügen, es zu leſen.“ „Ich leſe: Marchiali,“ ſagte Aramis das Papier entfaltend.„Seht!“ Baiſemeaur ſchaute und ſeine Arme erſchlafften. „Ja, ja,“ ſagte er niedergeſchmettert,„ja, Marchiali. Es iſ wahr, es ſteht geſchrieben: Marchiali.“ „Ah!“ 3 „Wiel der Menſch, von dem wir ſo viel ſprechen? der Menſch, den man mir jeden Tag ſo ſehr empfiehlt?“ „Es ſteht: Marchiali,“ wiederholte der unbeug⸗ ſame Aramis. „Ich muß es zugeſtehen, Monſeigneur; doch ich begreife es durchaus nicht.“ „Man glaubt doch ſeinen Augen.“ „Meiner Treue, wer ſollte glauben, es heiße Marchiali!“ 4 „Und zwar mit einer guten Handſchrift.“ „Das iſt wunderbar. Ich ſehe noch den Befehl und den Namen von Seldon, einem Irländer... ich ſehe ihn. Ahl und ich erinnere mich ſogar, unter die⸗ ſem Namen war ein, Tintenklecks!“ „Nein, es iſt hier keine Tinte, nein, es iſt hier kein Klecks.“ „Oh! doch, doch, dergeſtalt, daß ich den Streu⸗ ſand abgerieben habe, der auf dem Kleckſe lag.“ 1 „Wie dem ſein mag, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaux, und was Ihr auch geleſen habet möget, es iſt 80 der Befehl, Marchiali freizulaſſen, mit oder ohne Klecks unterzeichnet.“ „Der Befehl, Marchiali freizulaſſen, iſt unterzeich⸗ net,“ wiederholte maſchinenmäßig Baiſemeaux, der wie⸗ der von ſeinen Geiſtern Beſitz zu ergreifen ſuchte. „Und Ihr werdet dieſen Gefangenen freilaſſen. Heißt Euch Euer Herz auch Seldon freigeben, ſo erkläre ich Euch, daß ich mich nicht im Geringſten wider⸗ ſetzen werde.“ Aramis punktirte dieſe Worte mit einem Lächeln, das Baiſemeaux vollends wieder nüchtern machte und ihm Muth verlieh. „Monſeigneur,“ ſagte er,„dieſer Marchiali iſt der⸗ ſelbe Gefangene, den einſt ein Prieſter, der Beichtiger un⸗ ſeres Ordens, ſo gebieteriſch und ſo geheimnißvoll be⸗ ſucht hat.“ „Ich weiß das nicht, mein. Herr,“ erwiederte der Biſchof. „Cs iſt doch noch nicht ſo lange her, mein lieber Herr d'Herblay.“ „Allerdings, doch bei uns, mein Herr, iſt es gut, wenn der Menſch von heute nicht mehr weiß, was der Menſch von geſtern gethan hat.“ „Jeden Falls wird der Beſuch des Beichtvaters der Jeſuiten dieſem Mann Glück gebracht haben,“ ſagte Baiſemeaux. Aramis erwiederte nichts und ſing wieder an zu eſſen und zu trinken. Baiſemeaur nahm, ohne mehr etwas von dem, was auf dem Tiſche ſtand, zu berühren, den Befehl in die Hand und unterſuchte ihn in allen Richtungen. Dieſes Forſchen hätte, unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden, den Purpur zu den Ohren des ungeduldigen Aramis ſteigen gemacht, doch der Biſchof von Vannes gerieth wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht in Zorn, beſonders wenn er ſich leiſe geſagt hatte, es wäre ge⸗ fährlich, zornig zu werden. 20 ͤ2— —— I I6 Eee „Habt Ihr einen Bruder?“ fragte der junge Mann. b „Ich bin allein auf der Welt,“ erwiederte Aramis mit einer Stimme ſo trocken und nervig, wie der Drücker der Piſtole. „Aber Ihr liebt Jemand auf dieſer Erde?“ fügte Philipp bei. „Niemand! Doch, ich liebe Euch.“ Der junge Mann verſank in ein ſo tiefes Still⸗ ſchweigen, daß das Geräuſch ſeines eigenen Athems ein Tumult für Aramis wurde.. „Monſeigneur,“ ſprach er,„ich habe nicht Alles geſagt, was ich Eurer Koͤniglichen Hoheit zu ſagen hatte: ich hatte meinem Fürſten nicht Alles angeboten, was ich für ihn an heilſamen Rathſchlägen und nütz⸗ lichen Mitteln beſitze. Es handelt ſich nicht darum, einen Blitz in den Augen desjenigen glänzen zu machen, der den Schatten liebt; es handelt ſich nicht darum, die Herrlichkeit der Kanonen in den Ohren des ſanften Menſchen donnern zu laſſen, der die Ruhe und die Stille des Landes liebt. Monſeigneur, ich habe Euer Glück ganz bereit in meinem Geiſte; ich will es von meinen Lippen fallen laſſen; hebt es ſorgfältig für Euch auf, der Ihr den Himmel, die grünen Wieſen und die reine Luft ſo ſehr geliebt habt. Ich kenne ein Land der Wonne, ein unbekanntes Paradies, einen Winkel der Erde, wo Ihr allein, frei, fremd, in den Blumen, im Walde, im lebendigen Waſſer, Alles vergeſſen werdet, was Euch die menſchliche Thorheit, die Verſucherin Gottes, ſo eben an Erbärmlichkeiten vorgeſchwatzt hat. Ohl höret mich an, mein Prinz, ich ſpotte nicht! Seht Ihr, ich habe eine Seele, und ich errathe den Abgrund der Curigen. Ich werde Euch nicht unvollſtändig nehmen, um Euch in den Schmelztiegel meines Willens, meiner Laune oder meines Ehrgeizes zu werfen. Alles oder nichts. Ihr ſeid wand gerieben, krank, beinahe ausgelöſcht Die drei Musketiere. Bragelonne. N. 7 98 durch den Zuwachs an Athem, den Ihr ſeit einer Stunde der Freiheit geben mußtet. Das iſt für mich ein ſicheres Zeichen, daß Ihr nicht werdet fortwährend weit, lang athmen wollen. Halten wir uns daher an ein geringfügigeres, mehr unſeren Kräften angemeſſenes Leben. Gott iſt mein Zeuge, ich rufe ſeine Allmacht zur Zeugin an, daß ich Euer Glück aus der Prüfung will hervorgehen laſſen, in die ich Euch verſetzt habe.“ „Sprecht, ſprecht,“ ſagte der Prinz mit einer Leb⸗ haftigkeit, welche Aramis nachdenken machte. „Ich kenne,“ fuhr Aramis fort,„in Nieder⸗Poitou einen Kanton, von deſſen Daſein in Frankreich Nie⸗ mand eine Ahnung hat. Zwanzig Meilen Landes, nicht wahr, das iſt ungeheuer? Zwanzig Meilen, Monſeig⸗ neur, und alle bedeckt mit Waſſer, mit Gras und Bin⸗ ſen, Alles vermiſcht mit waldbewachſenen Inſeln. Dieſe großen Teiche, bekleidet mit buſchigem Schilfrohr, ſchlummern ſtille und tief unter dem Lächeln der Sonne. Einige Fiſcherfamilien durchmeſſen ſie träge mit ihren großen Flößen von Pappeln und Weiden, deren Boden von einem Schilfbette, deren Dach von kräftigen Binſen gemacht iſt. Dieſe Barken, dieſe ſchwimmenden Häuſer gehen auf gut Glück unter dem Hauche des Windes. Berühren ſie zufällig ein Ufer, ſo geſchieht es ſo ſanft, daß der ſchlafende Fiſcher nicht durch den Stoß erweckt wird. Hat er landen wollen, ſo geſchah dies, weil er lange Schwärme von Rallen oder von Kibitzen, von Enten oder von Brachvögeln, von Kriechenten oder von Becaſſinen geſehen hat, wor⸗ aus er ſeine Beute mit der Falle oder mit dem Blei der Muskete macht. 5 „Die ſilbernen Elſen, die ungeheuren Aale die nervigen Hechte, die grau⸗ und roſenfarbenen Barſe fal⸗ len in Maſſen in ſeine Netze. Er braucht nur die größten Stücke zu wählen und das Uebrige zurückzu⸗ laſſen. 3 Nie iſt ein Menſch der Städte, nie iſt ein Sol⸗ dat, nie iſt Jemand in dieſe Gegend gedrungen. Die 8 — 20 N ——— — A NNℛÆN 99 Sonne iſt hier mild. Gewiſſe Erdſtrecken ſind der Weinrebe günſtig und nähren mit einem edlen Saft ihre ſchönen ſchwarzen und weißen Trauben. Einmal in der Woche holt eine Barke aus dem gemeinſchaftli⸗ chen Ofen das warme gelbe Brod, deſſen Duft von fern anlockt und reizt. Dort werdet Ihr leben wie ein Menſch der alten Zeiten. Ein mächtiger Gebieter Eurer Pudelhunde, Eurer Leinen, Eurer Flinten und Eures ſchönen Hauſes von Schilfrohr, lebt Ihr dort im Reichthum der Jagd, in der Fülle der Sicherheit; Ihr bringt ſo Jahre hin, an deren Ende Ihr, unkennt⸗ lich, verwandelt, Gott genöthigt haben werdet, Euch abermals ein Schickſal zu machen. Es ſind tauſend gert nicht. Im Poiton wagt Ihr nichts, außer etwa, das Fieber zu bekommen. Dabei werden Euch die Zauberer des Landes für Eure Piſtolen heilen können. Spielt Ihr die andere Partie, die bewußte, ſo ſetzt Ihr Euch der Gefahr aus, auf einem Throne erdolcht oder in einem Gefängniß erdroſſelt zu werden. Bei meiner Seele, ich ſage es, nun, da ich beide abgewogen habe, bei meinem Leben, ich würde nicht zögern.“ „Mein Herr,“ erwiederte der junge Prinz,„ehe ich mich entſchließe, laßt mich aus dieſem Wagen ſteigen, auf der Erde gehen und die Stimme um Rath fragen, welche Gott in der freien Natur fprechen macht. Zehn Minuten, und ich werde antworten.“ „Thut es, Monſeigneur,“ ſagte Aramis, indem er ſich voll Ehrerbietung verbeugte, ſo feierlich und erha⸗ bent wur die Stimme geweſen, die ſich ſo ausgedrückt atte. XI. Krone und Tiare. Aramis war vor dem jungen Mann ausgeſtiegen und hielt ihm den Kutſchenſchlag offen. Er ſah ihn den Fuß auf das Moos mit einem Zittern ſeines gan⸗ zen Körpers ſetzen und einige zaghafte, beinahe wan⸗ kende Schritte um den Wagen machen. Es hatte das Ausſehen, als wäre der junge Gefangene nicht daran gewöhnt, auf der Erde der Menſchen zu gehen. Es ereignete ſich dies am 15. Auguſt gegen eilf Uhr Abends; große Wolken, die einen Sturm weiſſag⸗ ten, hatten den Himmel überzogen und raubten unter ihren Falten alles Licht und alle Perſpective. Kaum hoben ſich die Enden der Alleen vom Baumwerk durch einen Halbſchatten von einem undurchſichtigen Grau ab, das, nachdem man eine Zeit lang geprüft hatte, mitten in dieſer völligen Dunkelheit fühlbar wurde. Aber die Düfte, welche vom Graſe aufſtiegen, der noch viel 101 ſchärfere und friſchere Geruch, den die Eichen ausſtroͤ⸗ men, die laue Atmoſphäre, die ihn zum erſten Mal ganz nach ſo vielen Jahren umgab, der unbeſchreibliche Ge⸗ nuß der Freiheit in Gottes Natur ſprachen eine für den Prinzen ſo verführeriſche Sprache, daß er, ſo groß auch die Zurückhaltung, wir möchten ſagen, die Ver⸗ ſtellung war, von der wir einen Begriff zu geben ver⸗ ſucht haben, ſich bei ſeiner Gemüthsbewegung ertappen ließ und einen Seufzer der Freude von ſich gab. Allmälig erhob er ſeinen beſchwerten Kopf und athmete die verſchiedenen Luftſchichten ein, wie ſie ſich, mit Aromen beladen, ſeinem aufblühenden Geſichte bo⸗ ten. Seine Arme über ſeiner Bruſt kreuzend, als wollte er dieſe verhindern, beim Einbruch dieſer neuen Glückſeligkeit zu zerſpringen, zog er voll Wonne die unbefannte Luft ein, welche bei Nacht unter dem Dome der Hochwaldungen hinſtrömt. Der Himmel, den er betrachtete, das Waſſer, das er rauſchen höoͤrte, die Geſchöpfe, die er ſich bewegen ſah, war das nicht die Wirklichkeit? War Aramis nicht verrückt, daß er glauhte, es gebe in dieſer Welt etwas Anderes zu träu⸗ men? Dieſe Gemälde des von Sorgen, Befürchtungen und Beläſtigungen freien Landlebens, dieſer Ocean glücklicher Tage, der beſtändig vor jeder jungen Ein⸗ bildungskraft ſpiegelt, das war der wahre Koͤder, an dem man einen unglücklichen, durch die Kerkermauern abgenutzten, in der ſo ſpärlichen Luft der Baſtille welk gewordenen Gefangenen wird feſtnehmen können. Es war der, welchen ihm Aramis dargereicht hatte, wie man ſich erinnert, als er ihm die im Wagen enthalte⸗ nen tauſend Piſtolen und das zauberhafte Eden bot, welches vor den Augen der Welt die Einöden von Nie⸗ der⸗Poitou verbargen. Dies waren die Betrachtungen von Aramis, während er mit einer nicht zu beſchreibenden Angſt den ſchweigſamen Gang der Freude von Philipp verfolgte, den er ſich ſtufenweiſe in die Tiefen ſeines Nachſinnens ſich ver⸗ ſenken ſah. Ganz ſeinen Gedanken hingegeben, berührte der junge Prinz in der That die Erde nur noch mit den Füßen, und zum Throne Gottes entflogen, flehte ihn ſeine Seele an, einen Lichtſtrahl dieſem Zögern zu lczien aus dem ſein Leben oder ſein Tod hervorgehen mußte. Dieſer Augenblick war furchtbar für den Biſchof von Vannes. Er hatte ſich noch nie einem ſo großen Unglück gegenüber befunden. Gewohnt, im Leben unter Hinderniſſen ohne Haltbarkeit zu ſpielen, ſollte dieſe ſtählerne Seele, die ſich nie untergeordnet oder beſiegt gefunden, bei einem ſo weit umfaſſenden Plane ſchei⸗ tern, weil ſie den Einfluß nicht vorhergeſehen hatte, den auf einen menſchlichen Körper einige Baumblätter, beſprengt mit ein paar Maß Litres, übten. An dieſelbe Stelle durch die Bangigkeit ſeines Zweifels gefeſſelt, betrachtete Aramis alſo die ſchmerz⸗ liche Agonie von Philipp, der den Kampf gegen die zwei geheimnißvollen Engel aushielt. Dieſe Folter dauerte die zehn Minuten, die der junge Mann ver⸗ langt hatte. Während dieſer Ewigkeit ſchaute Philipp unabläſſig den Himmel mit einem flehenden, traurigen, feuchten Auge an. Aramis ſchaute unabläſſig Philipp mit einem gierigen, entflammten, verzehrenden Auge an. Plötzlich neigte ſich der Kopf des jungen Mannes. Sein Gedanke ſtieg wieder zur Erde herab. Man ſah ſeinen Blick ſich verhärten, ſeine Stirne ſich falten, ſeinen Mund ſich zu einer wilden Zuckung waffnen; dann wurde ſein Blick abermals ſtarr, doch diesmal war es ein Wiederſchein der Flamme der weltlichen Herrlichkei⸗ ten; diesmal glich er einem Blicke von Satan auf dem Berge, als er die Königreiche und Mächte der Erde als Verführungsmittel für Jeſus vorüberziehen ließ. Das Auge von Aramis wurde wieder ſo mild, als es düſter geweſen war. Da faßte ihn Philipp mit 103 einer raſchen nervigen Bewegung bei der Hand und rief: „Auf, gehen wir dahin, wo man die Krone von Frankreich findet.“ „Iſt das Eure Entſcheidung, mein König?“ „Es iſt meine Entſcheidung?“ „Unwiderruflich!“. Philipp antwortete nicht einmal. Er ſchaute den Biſchof feſt an, als wollte er ihn fragen, ob es mög⸗ lich ſei, daß ein Menſch von einem gefaßten Entſchluß abgehe. „Dieſe Blicke ſind Feuerzüge, welche die Charak⸗ tere malen,“ ſagte Aramis, indem er ſich auf die Hand von Philipp neigte,„Ihr werdet groß ſein, dafür ſtehe ich Euch.“ 3 „Nehmen wir, wenn es Euch beliebt, das Geſpräch da wieder auf, wo wir es gelaſſen haben. Ich ſagte Euch, glaube ich, ich wolle mich mit Cuch über zwei Punkte verſtändigen: die Gefahren oder die Hinder⸗ niſſe. Dieſer Punkt iſt entſchieden, die andern ſind die Bedingungen, die Ihr mir ſtellen würdet. Die Reihe, zu ſprechen, iſt an Ench, Herr d'Herblay.“ „Die Bedingungen, mein Prinz?“ „Allerdings. Ihr werdet mich wegen einer ſolchen Bagatelle nicht unter Weges aufhalten, und Ihr wer⸗ det mir auch nicht die Beleidigung anthun, anzuneh⸗ men, ich glaube, Ihr ſeid ohne Intereſſe bei dieſer Sache. Ohne Umſchweife und ohne Furcht alſo, öffnet mir den Grund Eures Gedankens.“ „Ich thue es, Monſeigneur, ſeid Ihr einmal Kö⸗ n g...ℳ „Wann wird das der Fall ſein 2 „Morgen am Abend. Ich will ſagen in der Nacht.“ „Erklärt mir, wie?“ „Wenn ich eine Frage an Eure Königliche Hoheit gemacht haben werde.“ „Thut es.“ „Ich habe an Eure Hoheit einen mir ergebenen Mann geſchickt, der beauftragt war, ihr ein Heft fei. geſchriebener, mit Sicherheit abgefaßter Noten zuu übergeben, welche Eure Hoheit gründlich alle Perſo⸗ nen, die ihren Hof bilden, kennen zu lernen ge⸗ ſtatten.“ 2 3 „Ich habe alle dieſe Noten geleſen.“ „Aufmerkſam?“ „Ich weiß ſie auswendig.“ „Und begriffen? Verzeiht, ich darf das den armen 1 Verlaſſenen der Baſtille fragen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich in acht Tagen einen Geiſt, wie der Eurige, der ſeine Freiheit in ſeiner Allmacht genießt, nichts mehr zu fragen haben werde.“ „Befragt mich; ich will der Schüler ſein, den der zelehri⸗ Meiſter die verabredete Lection wiederholen läßt.“ „Zuerſt von Eurer Familie.“ „Meine Mutter Anna von Oeſterreich? All ihren Kummer, ihre traurige Krankheit! Ohl ich kenne ſie, ich kenne ſie, ich kenne ſie.“ „Euer zweiter Bruder?“ ſagte Aramis, ſich ver⸗ beugend. „Ihr habt dieſen Noten ſo wunderbar entworfene, gezeichnete und gemalte Portraits beigefügt, daß ich 5 durch dieſe Portraits die Leute erkannte, deren Cha⸗ raktere, Sitten und Geſchichte Eure Noten bezeichneten. Monſieur, mein Bruder, iſt ein ſchöner Mann mit brau⸗ nen Haaren und bleichem Geſicht; er liebt ſeine Frqu Henriette nicht, die ich, ich Ludwig XIV., ein wenig geliebt, die ich noch auf eine coquette Weiſe liebe, ob⸗ gleich ſie mich ſo viel an dem Tage weinen machte, wo ſie Fräulein de la Vallière wegjagen wollte.“ „Ihr werdet Euch vor den Augen von dieſer in Acht nehmen,“ ſagte Aramis.„Sie liebt den gegen⸗ wärtigen König aufrichtig, und man täuſcht ſchwer die Augen einer Frau, welche liebt.“ — 1 105⁵ „Sie iſt blond, ſie hat blaue Augen, deren Zärt⸗ lichkeit mir ihre Identität offenbaren wird. Sie hinkt ein wenig, ſie ſchreibt jeden Tag einen Brief, den ich durch Herrn von Saint⸗Aignan beantworten laſſe.“ „Kennt Ihr dieſen?“ „Als ſähe ich ihn vor mir, und ich weiß die letz⸗ ten Verſe, die er mir gemacht hat, wie die, welche ich in Erwiederung der ſeinigen gedichtet habe.“ „Sehr gut. Kennt Ihr Eure Miniſter 24 n„Colberk, ein häßliches, düſteres, aber verſtändiges n Geſicht; Haare, die ſeine Stirne bedecken, großer, vol⸗ r 7 KN SSS ler, plumper Kopf; Todfeind von Herrn Fouquet.“ „Um dieſen bekümmert Euch nicht.“ 3„Nein, weil Ihr nothwendig von mir verlangen r werdet, daß ich ihn verbanne, nicht wahr?“ „Von Bewunderung durchdrungen, erwiederte Ara⸗ mis nur: „Monſeigneur, Ihr werdet ſehr groß ſein.“ 1„Ihr ſeht,“ fügte der Prinz bei,„ich weiß meine Lection vortrefflich, und mit Gottes Hülfe und mit der Eurigen werde ich mich nie täuſchen.“ 4„Ihr habt noch ein paar ſehr läſtige Augen, Mon⸗ ſeigneur.“ „Ja, der Kapitän der Musketiere, Herr d'Artag⸗ b nan, Euer Freund.“ —„Mein Freund, ich muß es ſagen.“ 4„Derjenige, welcher la Vallidre nach Chaillot be⸗ gleitet, derjenige, welcher Monk in einer Kiſte Karl II. über⸗ liefert, derjenige, welcher meiner Mutter ſo gut gedient hat, derjenige, welchem die Krone Frankreichs ſo viel, welchem ſie Alles ſchuldig iſt. Werdet Ihr auch von mir verlangen, daß ich dieſen verbanne?“ 4„Nie, Sire. D'Artagnan iſt ein Mann, dem ich 3 im gegebenen Augenhlick Alles zu ſagen gedenke; doch mißtraut ihm; denn wenn er uns vor dieſer Offenba⸗ rung auf die Fährte kommt, werdet Ihr oder ich feſt⸗ . 106 genommen oder getödtet werden. Es iſt ein handfeſter Mann.“. „Ich werde auf der Hut ſein. Doch ſprecht von Herrn Fouquet. Was wollt Ihr mit ihm machen?“ „Ich bitte, noch einen Augenblick Geduld, Mon⸗ ſeigneur. Verzeiht, wenn ich dadurch, daß ich Euch fortwährend befrage, mich gegen die Achtung zu ver⸗ fehlen ſcheine.“ „Es iſt Eure Pflicht, dies zu thun, und es iſt auch noch Euer Recht.“ „Ehe wir zu Herrn Fouquet übergehen, würde ich Bedenken tragen, einen andern Freund von mir zu vergeſſen.“ „Herrn du Vallon, den Hercules von Frankreich. Was dieſen betrifft, ſo iſt ſein Glück geſichert.“ „Nein, ich wollte nicht von ihm ſprechen.“ „Vom Grafen de la Fore alſo?“ „Und von ſeinem Sohne, dem Sohne von uns Vieren.“ „Dieſer Junge, der aus Liebe für la Vallière ſtirbt, dem ſie mein Bruder auf eine ſo unredliche Art genom⸗ men hat? Seid unbeſorgt, ich werde ſie ihm wieder verſchaffen. Sagt mir Eines, Herr d'Herblay: vergißt man die Beleidigungen, wenn man liebt? Verzeiht man der Frau, welche verrathen hat? Iſt dies einer der Gebräuche des franzöſiſchen Geiſtes? Iſt es eines der Geſetze des menſchlichen Herzens?“ „Ein Mann, welcher tief liebt, wie Raoul von Bragelonne, vergißt am Ende das Verbrechen ſeiner Geliebten; aber ich weiß nicht, ob Raoul vergeſſen wird.“ „Ich werde darauf bedacht ſein. Iſt das Alles, was Ihr mir über Euren Freund ſagen wolltet?“ „Es iſt Alles.“ „Nun zu Herrn Fouquet. Was ſoll ich mit ihm machen?“ 3 107 „Ich bitte, laßt ihn als Oberintendanten wie früher.“. 1„Es ſei; doch er iſt heute erſter Miniſter.“ „Nicht ganz und gar.“ 3„Ein unwiſſender und verlegener König, wie ich, wiird wohl einen erſten Miniſter brauchen.“ 1„Eure Majeſtät wird einen Freund brauchen.“ „Ich habe nur einen, der ſeid Ihr.“ „Ihr werdet ſpäter andere haben, doch keinen, der Euch ſo ergeben, keinen, der ſo eifrig für Euren Ruhm.“ )„Ihr werdet mein erſter Miniſter ſein.“ „Nicht ſogleich, Monſeigneur. Das würde zu viel Argwohn und Erſtaunen erregen.“ „Herr von Richelieu, der erſte Miniſter meiner Großmutter, Maria von Medicis, war nur Biſchof von Luçon, wie Ihr Biſchof von Vannes ſeid.“ „Ich ſehe, daß Eure königliche Hoheit meine No⸗ s en gut benützt hat. Dieſer wunderbare Scharfſinn erfüllt mich mit Freude.“ „„Ich weiß wohl, daß Herr von Richelieu durch die Protection der Königin bald Cardinal geworden iſt.“ 3„Es wird beſſer ſein,“ erwiederte Aramis ſich ver⸗ t beugend,„wenn ich nicht eher erſter Miniſter bin, als t bis mich Eure königliche Hoheit zum Cardinal hat er⸗ 3 nennen laſſen.“* 3„Ihr werdet es vor zwei Monaten ſein, Herr d'Her⸗ blay. Doch das iſt ſehr wenig. Ihr würdet mich nicht 1 ddadurch beleidigen, daß Ihr mehr von mir verlangtet, r und Ihr würdet mich betrüben, wenn Ihr Euch hieran hieltet.“ 3„Ich habe auch etwas mehr zu hoffen, Monſeig⸗ . neur.“ „Sprecht, ſprecht.“ „Herr Fouquet wird nicht immer den Angelegen⸗ heiten vorſtehen, er wird raſch alt werden. Er liebt das Vergnügen, das heute mit dem Ueberreſte von Ju⸗ gend, deſſen er ſich erfreut, verträglich iſt; doch dieſe 4 Jugend iſt vom erſten Kummer, oder von der erſten Krankheit, die ihm zuſtößt, abhängig. Wir werden ihm den Kummer erſparen, weil er ein galanter Mann und ein edles Herz iſt. Vor der Krankheit werden wir ihn nicht ſchützen können. Das iſt alſo abgethan. Habt Ihr alle Schulden von Herrn Fouquet bezahlt, die Fi⸗ nanzen wieder in Ordnung gebracht, ſo kann Herr Fouquet Köoͤnig an ſeinem Hofe von Dichtern und Malern bleiben; wir werden ihn reich gemacht haben. Wenn ich dann erſter Miniſter Eurer königlichen Ho⸗ heit geworden bin, werde ich an meine Intereſſen und an die Eurigen denken können.“ Der junge Mann ſchaute den Biſchof an. „Herr von Richelien,“ fuhr Aramis fort,„Herr von Richelieu hat großes Unrecht gehabt, daß er hart⸗ näckig Frankreich allein regieren wollte. Er hat zwel Könige, Ludwig XIII. und ſich, auf demſelben Throne ſitzen laſſen, während er ſie bequemer ⸗auf zwei Thronen feſtſetzen konnte.“ „Auf zwei Thronen?“ fragte träumeriſch der junge Mann. „In der That,“ fuhr Aramis fort,„ein Cardinal, erſter Miniſter von Frankreich, unterſtützt durch die Gunſt und den Beiſtand des allerchriſtlichſten Königs, ein Cardinal, dem der König, ſein Herr, ſeine Schätze, ſein Heer, ſeinen Rath leiht, dieſer Mann würde einen doppelt ärgerlichen Gebrauch davon machen, verwendete er ſeine Mittel auf Frankreich allein. Ihr,“ fügte Ara⸗ mis bis auf den Grund der Augen von Philipp tauchend bei,„Ihr würdet übrigens kein König ſein, wie Euer Vater: weichlich, langſam und aller Dinge überdrüſſig; Ihr werdet ein König des Kopfes und des Schwertes ſein; Ihr werdet an Euren Staaten nicht genug haben, ich würde Euch darin beengen. Nie aber ſoll unſere Freundſchaft, ich ſage nicht geſchwächt, ſondern nur durch einen geheimen Gedanken geſtreift werden. Ich werde Euch den Thron von Frankreich gegeben haben, 109 Ihr gebt mir den Thron des heiligen Petrus. Hat Eure redliche, feſte und bewaffnete Hand zur Zwillingshand die eines Papſtes, wie ich es ſein werde, dann werden we⸗ der Karl V., der zwei Drittel der Welt beſeſſen hat, noch Karl der Große, der ſie ganz beſaß, bis zur Höhe Eures Gürtels reichen. Ich habe kein Bündniß, ich habe keine Vorurtheile, ich werde Euch nicht zu Ketzer⸗ verfolgungen, nicht zu Familienkriegen antreiben; ich werde ſagen: Uns Beiden das Weltall, mir, was die Seelen, Euch was die Leiber betrifft. Und da ich zuerſt ſterben werde, ſo beerbt Ihr mich. Was ſagt Ihr zu meinem Plane, Monſeigneur?“ „Ich ſage, daß Ihr mich ſchon dadurch, daß ich Euch begriffen habe, glücklich und ſtolz macht. Herr d'Herblay, Ihr werdet Cardinal ſein, einmal Cardinal, werdet Ihr mein erſter Miniſter ſein. Und dann wer⸗ det Ihr mir angeben, was ich zu thun habe, daß man Euch zum Papſt erwählt, und ich werde es thun. Ver⸗ langt Garantieen von mir.“ 4 „Das iſt unnöthig. Ich werde nie handeln, ohne daß ich Euch etwas dabei gewinnen laſſe; ich werde nie ſteigen, ohne Euch auf die höhere Stufe empor⸗ gehoben zu haben; ich werde mich immer fern genug von Euch halten, um Eurer Eiferſucht zu entgehen, nahe genug, um Euren Vortheil zu wahren und Eure Freundſchaft zu überwachen. Alle Verträge der Welt werden gebrochen, weil das⸗Intereſſe, das ſie enthalten, ſich nach einer Seite hinneigt. Nie wird es zwiſchen uns ebenſo ſein; ich bedarf der Garantieen nicht.“ „Mein Bruder wird alſo verſchwinden...“ „Ganz einfach. Wir nehmen ihn aus ſeinem Bette mittelſt eines Brettes weg, das dem Drucke des Fin⸗ gers nachgibt. Unter der Krone entſchlummert, wird er in der Gefangenſchaft erwachen. Von dieſem Augenblick an werdet Ihr allein befehlen, und Ihr werdet kein theureres Intereſſe haben, als das, mich bei Euch zu ,erhalten.“— 1¹10 „Das iſt wahr. Hier meine Hand, Herr d'Her⸗ 441 „Erlaubt mir, Sire, daß ich ehrfurchtsvoll vor Euch niederkniee. Wir umarmen uns an dem Tage, wo wir Beide auf der Stirne, Ihr die Krone, ich die Tiare haben werden.“ 3 „Umarmt mich auch heute, und ſeid mehr als groß, mehr als gewandt, mehr als erhabenes Genie: ſeid gut gegen mich, ſeid mein Vater.“ Aramis hätte ſich beinahe rühren laſſen, als er ihn ſo ſprechen hörte. Er glaubte in ſeinem Herzen eine bis dahin unbekannte Bewegung zu fühlen, doch dieſer Eindruck verſchwand alsbald. „Sein Vater!“ dachte er.„Ja, der heilige Vater.“ Und ſie ſetzten ſich wieder in den Wagen, der raſch auf der Straße nach Vaur⸗le⸗Vicomte fortfuhr. blay XII. Das Schloß Vaux-le-Vicomte. Das Schloß Vaur⸗le⸗Vicomte, eine Meile von Melun entfernt, war von Herrn Fouquet im Jahre 1653 erbaut worden. Es gab damals wenig Geld in Frankreich. Mazarin hatte Alles genommen und Fou⸗ quet wandte den Reſt auf. Nur, da gewiſſe Menſchen 1 fruchtbare Fehler und nützliche Laſter haben, hatte Fouquet, indem er Millionen in dieſem Palaſte aus⸗ ſäte, Gelegenheit gefunden, drei ausgezeichnete Männer 4 zu ernten: Levau, den Baumeiſter des Schloſſes, Le⸗ 111 notre, den Zeichner der Gärten, und Lebrun, den De⸗ corateur der Zimmer. Hatte das Schloß Vaux einen Fehler, den man ihm vorwerfen konnte, ſo war es ſein großartiger Cha⸗ rakter und ſeine anmuthreiche Pracht. Es iſt noch heute ſprüchwörtlich, die Morgen ſeines Daches aufzu⸗ zählen, deſſen Wiederherſtellung in unſeren Tagen der Ruin von Vermögen iſt, welche beengt, wie die ganze Epoche.. Vaux⸗le⸗Vicomte, wenn man durch das prächtige, von Karyatiden gehaltene Gitterthor eingetreten iſt, entwickelt zuerſt ſein Hauptgebände in dem großen Ehrenhof; dieſer Ehrenhof iſt von tiefen, mit einem prachtvollen ſteinernen Geländer eingefaßten Gräben umgeben. Man kann ſich nichts Edleres denken, als den Vorbau in der Mitte, auf ſeine Freitreppe geſetzt, wie ein König auf ſeinem Throne, um ſich her vier die Ecken bildende Pavillons, deren ungeheure joniſche Säͤulen ſich majeſtätiſch zur ganzen Höhe des Gebäu⸗ des erheben. Die mit Arabesken verzierten Frieſe, die Frontons, welche die Pilaſter bekränzen, geben überall den Reichthum und die Anmuth. Die Kuppeln, welche Alles überragen, geben die Großartigkeit und die Majeſtät. Von einem Unterthanen erbaut, gleicht dieſes Haus viel mehr einem königlichen Hauſe, als jene königlichen Häuſer, mit denen Wolſey aus Furcht, er könnte die Eiferſucht ſeines Herrn erregen, dieſem ein Geſchenk machen zu müſſen glaubte. Wenn aber die Pracht und der Geſchmack an einem ſpeciellen Orte dieſes Palaſtes zu Tage ausgehen, wenn etwas der glänzenden Anordnung des Innern, dem Luxus der Vergoldungen, der Verſchwendung an Ge⸗ mälden und Statuen vorgezogen werden kann, ſo iſt es der Park, ſo ſind es die Gärten von Vaur. Wunder⸗ bar im Jahr 1653, ſind die Waſſerſtrahlen noch heut zu Tage Wunder; die Cascaden wurden von allen Königen und allen Fürſten angeſtaunt; und was die berühmte Grotte betrifft, das Thema von ſo vielen vor⸗ trefflichen Verſen, der Aufenthalt der herrlichen Nymphe von Vaux, welche Peliſſon zu ſeinem Geſpräche mit La Fontaine veranlaßt hatte, ſo wird man uns wohl von der Aufgabe entbinden, alle ihre Schönheiten zu be⸗ ſchreiben. Wir werden es machen wie Despréaur, wir wer⸗ den unmittelbar in dieſen erſt achtzehn Jahre alten Park eintreten, deſſen ſchon prächtige Gipfel, ſich unter den erſten Sonnenſtrahlen röthend, emporragen. Lenotre hatte das Vergnügen des Mäcens beſchleunigt: alle Pflanzſchulen hatten durch die Cultur und die thätigen Düngungsmittel verdoppelte Bäume gegeben. Jeder Baum der Nachbarſchaft, der eine ſchöne Hoffnung bot, war mit ſeinen Wurzeln ausgehoben und ganz leben⸗ dig in den Park gepflanzt worden. Fouquet konnte wohl Bäume kaufen, um ſeinen Park zu ſchmücken, da er drei Dörfer und ihr Zubehör gekauft hatte, um ihn zu vergrößern. Herr von Scudéry ſagt von dieſem Parke, um ihn zu wäſſern, habe Herr Fouquet einen Fluß in tau⸗ ſend Brunnen getheilt, und tauſend Brunnen in Bäche zuſammengefaßt. Dieſer Herr von Scudéry hat noch ganz andere Dinge in ſeiner Clélie über dieſen Palaſt vom Valterre geſagt, deſſen Annehmlichkeiten er auf das Aengſtlichſte beſchreibt. Wir werden vernünftiger ſein, wenn wir die neugierigen Leſer nach Vaur ſchicken, als wenn wir ſie zur Clélie ſchicken. Dieſes glänzende Haus war bereit, um den größ⸗ ten König der Welt zu empfangen. Die Freunde von Herrn Fouquet hatten dahin geführt: die Einen ihre Schauſpieler und ihre Decorationen, die Anderen ihre Equipagen mit Bildhauern und Malern, wieder Andere ihre fein geſpitzten Federn. Es handelte ſich darum, viele Impromptus zu wagen. ρ N 8 8 ES 8 828 8N ———& NK&— α———& 8 ———— 113 Wenig gelehrig, obgleich Nymphen, ſtrotzten die Cascaden von einem Waſſer, das glänzender, als der Kriſtall; ſie ergoſſen auf die bronzenen Tritone und Nereiden ſchäumende Wogen, die unter dem Feuer der Sonne in den Farben des Regenbogens ſpielten. Ein Heer von Dienern lief in Abtheilungen durch die Höfe und die weiten Corridors, während Fouquet, der erſt am Morgen angekommen, ruhig und hellſehend umher ging, um ſeine letzten Befehle zu geben, nach⸗ dem ſeine Intendanten die Revue paſſirt hatten. Man war, wie geſagt, am fünfzehnten Auguſt. Die Sonne ſiel ſenkrecht auf die Schultern der Goͤtter von Marmor und Bronze; ſie erwärmte das Waſſer der Muſcheln und reifte in den Obſtgärten die herrlichen Pfirſiche, welche der König fünfzig Jahre ſpäter beklagen ſollte, als in Marly, da es an ſchönen Gattungen in ſeinen Gäͤrten gebrach, welche Frankreich das Doppelte von dem koſteten, was Fouquet Vaur gekoſtet hatte, der große König zu Jemand ſagte: „Sie ſind zu jung, um Pfirſiche von Herrn Fou⸗ quet gegeſſen zu haben.“ O Erinnerung! o Trompeten des Rufes! o Ruhm dieſer Welt! Derjenige, welcher ſich gut auf das Ver⸗ dienſt verſtand, der die Erbſchaft von Nicolas Fouquet eingethan, der ihm Lenotre und Lebrun genommen, der ihn für ſein ganzes Leben in ein Staatsgefängniß geſchickt hatte, errinnerte ſich nur noch der Pfirſiche dieſes beſtegten, erſtickten, vergeſſenen Feindes! Fouquet mochte immerhin dreißig Millionen in die Baſſins, in die Schmelztiegel ſeiner Bildhauer, in die Schreibzeuge ſeiner Dichter, in die Mappen ſeiner Maler geworfen haben; vergebens hatte er an ſich denken zu machen geglaubt. Eine friſche, fleiſchige Pfirſich, gereift zwiſchen den Rau⸗ ten eines Gitters, unter den grünen Zungen ihrer ſpitzi⸗ gen Blätter, dieſes Bischen vegetabiliſcher Stoffe, das ein Murmelthier verzehrte, ohne daran zu denken, genügte für Die drei Musketiere. Bragelonne. M. 8 114 den großen König, um in ſeinem Gedächtniß den be⸗ klagenswerthen Schatten von Frankreichs letztem Ober⸗ intendanten wiederzuerwecken! Sicher, daß Aramis die großen Maſſen vertheilt, daß er für die Bewachung der Thüren und Thore, ſo wie für die Einrichtung der Wohnungen beſorgt gewe⸗ ſen war, bekümmerte ſich Fouquet nur noch um das Enſemble. Hier zeigte ihm Gourville die Anordnung des Feuerwerks; dort führte ihn Molière auf das Thea⸗ ter, und endlich, nachdem er die Kapelle, die Salons, die Gallerien beſucht hatte, ging Fouquet erſchöpft hin⸗ ab, als er auf der Treppe Aramis erblickte. Der Prä⸗ lat machte ihm ein Zeichen. Der Oberintendant ſchloß ſich an ſeinen Freund an, der ihn vor einem kaum vollendeten Gemälde zu⸗ rückhielt. Sich auf dieſer Leinwand zerarbeitend, mit Schweiß bedeckt, von Farben befleckt, bleich von An⸗ ſtrengung und Inſpiration, machte der Maler Lebrun eben die letzten Striche mit ſeinem raſchen Pinſel. Es war dies das Portrait des Königs in dem Galakleide, das Percerin den Biſchof von Vannes zum Voraus ſehen zu laſſen ſo wohlwollend geweſen war. 3 Fouquet ſtellte ſich vor dieſes Gemälde, das, ſo zu ſagen, in ſeinem friſchen Fleiſch und in ſeiner feuchten Farbe lebte. Er ſchaute das Geſicht an, berechnete die Arbeit, bewunderte, und da er keine Belohnung fand, welche dieſer herkuliſchen Arbeit würdig geweſen wäre, ſo ſchlang er ſeine Arme um den Hals des Malers und küßte ihn. Der Oberintendant hatte ein Kleid von tauſend Piſtolan verdorben, aber er hatte Lebrun be⸗ ruhigt. Es war dies ein ſchöner Augenblick für den Künſt⸗ ler, es war aber zugleich ein ſchmerzlicher für Herrn Percerin, der auch hinter Fouquet ging und an dem Gemälde von Lebrun das Kleid bewunderte, das er für den König gemacht hatte, einen Kunſtgegenſtand, wie 115 er ſagte, der nicht ſeines Gleichen in der Garderobe des Herrn Oberintendanten hatte. Sein Schmerz und ſein Geſchrei wurden unter⸗ brochen durch ein Signal, das man von der Spitze des Hauſes gab. Jenſeits Melun, auf der ſchon kahlen Ebene, hatten die Schildwachen von Vaux den Zug des Königs und der Köoniginnen erblickt. Seine Majeſtät kam in Melun mit ihrer langen Reihe von Wagen und Reitern an. „In einer Stunde,“ ſagte Aramis zu Fouquet. „In einer Stunde,“ wiederholte dieſer ſeufzend. „Und dieſes Volk fragt ſich, wozu die königlichen⸗ Feſte dienen!“ fuhr der Biſchof von Vannes, auf ſeine falſche Weiſe lachend, fort. „Ach! ich, der ich nicht das Volk bin, frage es mich auch!“ „Ich werde Euch in vierundzwanzig Stunden ant⸗ worten. Nehmt Euer gutes Geſicht an, denn es iſt ein Freudentag.“ „Nun! glaubt mir, wenn Ihr wollt, d'Herblay,“ ſagte Fouquet mit froherem Geſichte, indem er mit dem Finger auf den Zug von Ludwig am Horizont deutete, „er liebt mich nicht ſonderlich, ich liebe ihn nicht ſehr, aber ich weiß nicht, wie es kommt, ſeitdem er ſich mei⸗ nem Hauſe nähert...“ 4 „Nun! was?“ „Seitdem er ſich meinem Hauſe näͤhert, iſt er mir heiliger, iſt er mir König, iſt er mir beinahe theuer.“ „Theuer! ja,“ verſetzte Aramis, mit dem Worte ſpielend, wie ſpäter der Abbé Terray bei Ludwig XV. „Scherzt nicht, Herr d'Herblay, ich fühle, daß ich, wenn er es wollte, dieſen jungen Mann lieben würde.“ „Nicht mir müßt Ihr das ſagen, ſondern Herrn Colbert,“ entgegnete Aramis. „Herrn Colbert!“ rief Fouquet.„Warum?“ „Weil er Euch eine Penſion auf die Caſſette s Koͤnigs bewilligen wird, wenn er Oberintendant iſt.“ 146 Nachdem dieſer Pfeil abgeſchoſſen war, verbeugte ſich Aramis. „Wohin geht Ihr denn?“ fragte Fouquet, der wieder düſter geworden war. „In mein Zimmer, um die Kleider zu wechſeln, Monſeigneur.“ 8 „Wo ſeid Ihr einquartiert, d'Herblay?“ „In dem blauen Zimmer des zweiten Stockes.“ „In dem über dem Zimmer des Königs?“ „Ganz richtig.“ „Wie habt Ihr Euch da abhängig gemacht! Wie kann man ſich verurtheilen, ſich nicht ruͤhren zu dürfen!“ „Monſeigneur, die ganze Nacht ſchlafe oder leſe ich in meinem Bette.“ 3. „Und Eure Leute?“ „Ohl ich habe nur eine Perſon bei mir.“ „So wenig!“ „Mein Vorleſer genügt mir. Gott befohlen, Mon⸗ ſeigneur. Strengt Euch nicht zu ſehr an. Erhaltet Euch friſch für die Ankunft des Königs.“— „Man wird Euch ſehen? man wird unſern Freund du Vallon ſehen?“ „Ich habe ihn bei mir einquartiert. Er kleidet ſich an.“ Fouquet grüßte mit dem Kopfe und mit einem Lä⸗ cheln und ging weiter, wie ein Obergeneral, der die Vorpoſten viſitirt, wenn man ihm den Feind ſignali⸗ firt hat. N d& NRN 117 XIII. Der Wein von Melun. Der König war wirklich in Melun angekommen, doch nur in der Abſicht, durch die Stadt zu fahren. Es dürſtete den jungen Monarchen nach Vergnügungen. Während der ganzen Reiſe hatte er nur zweimal la Val⸗ lidre erblickt, und da er vermuthete, er würde ſie erſt am Abend, nach der Ceremonie, in den Gaͤrten ſprechen können, ſo hatte er Eile, ſeine Wohnung in Vaux ein⸗ zunehmen. Doch er rechnete ohne ſeinen Kapitän der Musketiere und auch ohne Herrn Colbert. Calypſo ähnlich, die ſich nicht über die Abreiſe von Ulyſſes tröſten konnte, konnte ſich unſer Gascogner nicht darüber tröſten, daß er nicht errathen, warum Aramis von Percerin die Vorlegung der neuen Kleider des Kö⸗ nigs verlangt hatte. „So viel iſt immerhin gewiß,“ ſagte zu ſich ſelbſt dieſer in ſeiner Logik unbeugſame Geiſt,„es iſt gewiß, daß der Biſchof von Vannes, mein Freund, dies zu einem beſtimmten Zwecke thut.“ Und vergebens zermarterte er ſich das Gehirn. D'Artagnan, der ſo geſchmeidig bei allen Intriguen des Hofes, d'Artagnan, der die Lage von Fouquet beſ⸗ ſer kannte, als Fouquet ſelbſt, hatte den ſeltſamſten Verdacht bei der Ankündigung dieſes Feſtes geſchöpft, das einen reichen Mann zu Grunde gerichtet haben würde, während es ein unausführbares, wahnſinniges Werk für einen ruinirten Mann wurde. Und dann die Gegenwart von Aramis, der von Belle⸗Isle zurückge⸗ kommen und von Herrn Fouquet zum Oberfeſtordner ernannt worden war, ſeine beharrliche Einmiſchung in alle Angelegenheiten des Oberintendanten, die Beſuche des Biſchofs von Vannes bei Herrn von Baiſemeaur, 118 dieſes ganze zweideutige Weſen war ſeit ein paar Wo⸗ chen zu einer tiefen Qual für d'Artagnan geworden. „Bei Leuten vom Schlage von Aramis iſt man nur der Stärkere mit dem Degen in der Hand,“ ſagte er.„So lange Aramis den Kriegsmann ſpielte, hatte man Hoffnung, ihn zu überwinden. Seitdem er ſeinen Panzer mit einer Stole gefüttert hat, ſind wir verloren. Doch was will Aramis?“ D'Artagnan träumte. „Was iſt im Ganzen mir daran gelegen, wenn er nur Herrn Colbert ſtürzen will... Was kann er An⸗ deres wollen?“ D'Artagnan kratzte ſich an der Stirne, dieſer frucht⸗ baren Erde, aus der die Pflugſchaar ſeines Nagels ſo viele ſchöne und gute Ideen herausgewühlt hatte. Er hatte den Gedanken, ſich mit Colbert zu be⸗ ſprechen, doch ſein Schwur von einſt, ſeine Freundſchaft banden ihn zu ſehr an Aramis. Er blieb. Ueberdies haßte er dieſen Finanzmann.. Er wollte ſich dem König eröffnen, doch der König würde durchaus nicht ſeinen Verdacht begreifen, der nicht einmal die Wirklichkeit eines Schattens hatte. Er beſchloß, ſich unmittelbar an Aramis zu wen⸗ den, ſobald er ihn wieder ſehen würde. „Ich werde ihn zwiſchen zwei Lichtern nehmen, unmittelbar, ungeſtüm,“ ſagte der Musketier zu ſich ſelbſt;„ich werde ihm die Hand aufs Herz legen, und er wird mir ſagen... Was wird er mir ſagen? ja, er wird mir etwas ſagen, Mordiourl denn dahinter ſteckt etwas!”“ Nun ruhiger, traf d'Artagnan ſeine Anſtalten zur Reiſe und war dafür beſorgt, daß die königlichen Haus⸗ truppen, damals noch ſehr unbedeutend, gut befeh⸗ ligt und in ihren mittelmäßigen Verhältniſſen gut an⸗ geordnet würden. Eine Folge der Verkehrungen des Kapitäns war, daß ſich der König an der Spitze der Musketiere, der Schweizer und eines Piquets von fran⸗ zoͤſiſchen Garden befand, als er vor Melun ankam. —— 8— 3 ) — 1 1 r 3 r 119 Man hätte glauben ſollen, es waͤre ein kleines Heer. Colbert ſchaute dieſe Militäre mit großem Vergnügen an. Er wollte noch ein Drittel dazu haben. „Warum?“ fragte der König. „Um Herrn Fouquet mehr Ehre zu machen,“ er⸗ wiederte Colbert. „Um ihn geſchwinder zu Grunde zu richten,“ dachte d'Artagnan.— Das Heer erſchien vor Melun, deſſen Notabeln dem König die Schlüſſel überbrachten und ihn einlu⸗ den, ins Rathhaus zu kommen, um den Ehrenwein zu trinken. Der König, der weiter zu fahren und ſogleich Vaux zu erreichen gedachte, wurde roth vor Aerger. „Wer iſt der Dummkopf, der mir dieſe Zögerung verurſacht hat?“ brummte er zwiſchen den Zähnen, während der Oberſchöffe ſeine Rede hielt. „Ich nicht, aber ich glaube, Herr Colbert,“ erwie⸗ derte d'Artagnan. Colbert hörte ſeinen Namen. „Was beliebt, Herr d'Artagnan?“ fragte er. „Es beliebt mir, wiſſen zu wollen, ob Ihr es ſeid, der den König hierher gebracht hat?“ „Ja, mein Herr.“ b„Dann hat Euch der König einen Namen ge⸗ geben.“ „Welchen, mein Herr?“ „Ich weiß nicht genau... wartet... Einfalts⸗ pinſel... nein, nein... Dummkopf... oder albern hat Seine Majeſtät denjenigen genannt, welcher ihn zum Ehrenwein von Melun gebracht hat.“ Nach dieſer Ladung ſtreichelte d'Artagnan ruhig ſein Pferd. Der dicke Kopf von Colbert ſchwoll an wie ein Scheffel. Als ihn d'Artagnan ſo häßlich durch den Zorn ſah, blieb er nicht auf dem Wege ſtehen. Der Redner 120 fuhr immer fort, der König wurde ſichtbar immer röther. „Mordioux,“ ſagte phleagmatiſch der Musketier, „es wird den König ein Blutſchlag treffen. Wie Teufels iſt Euch dieſer Gedanke gekommen, Herr Col⸗ bert? Ihr habt kein Glück.“ „Mein Herr,“ erwiederte der Finanzmann, indem er ſich aufrichtete,„dieſer Gedanke iſt mir durch mei⸗ nen Eifer für den Dienſt des Königs eingegeben worden.“ „Bah!“ „Mein Herr, Melun iſt eine Stadt, eine gute Stadt, welche gut bezahlt und nicht unzufrieden ge⸗ macht werden darf.“ „Seht Ihr es ſo an! Ich, der ich kein Finanz⸗ mann bin, ſah nur einen Gedanken in Euren Ge⸗ danken.“ „Welchen, mein Herr?“. „Den, ein wenig Galle Herrn Fouquet zu machen, der ſich dort auf ſeinen Thürmen abmartert, uns zu er⸗ warten.“ Der Schlag traf richtig und gewaltig. Colbert war bügellos. Er zog ſich mit geſenkten Ohren zu⸗ rück. Zum Glück war die Rede zu Ende. Der König trank, dann zog alle Welt durch die Stadt weiter. Der Koöͤnig nagte an ſeinen Lippen, denn es wurde Nacht, und jede Hoffnung auf einen Spaziergang mit la Vallière verſchwand. Um das ganze königliche Haus in Vaux einzie⸗ hen zu laſſen, brauchte man wenigſteus vier Stunden. Der König kochte auch vor Ungeduld; er trieb die Kö⸗ nigin an, damit man vor Nacht ankäme. Doch, in dem Augenblick, wo man wieder aufbrach, erhoben ſich die Schwierigkeiten. „Wird der König nicht in Melun übernachten?“ ſagte Colbert leiſe zu d'Artagnan. ter 121 Herr Colbert war an dieſem Tage ſchlecht inſpi⸗ rirt, daß er ſich ſo an den Anführer der Musketiere wandte. Dieſer hatte errathen, der König würde es nicht am Platze aushalten. D'Artagnan wollte ihn nur unter guter Begleitung in Vaux einziehen laſſen. Seine Majeſtät ſollte alſo nach ſeinem Wunſche nur mit der ganzen Escorte ankommen. Andererſeits fühlte er, die Aufenthalte würden dieſen ungeduldigen Cha⸗ rakter erzurnen. Wie waren dieſe zwei Schwierigkeiten auszugleichen? D'Artagnan nahm Colbert bei ſeinem Wort und ſchleuderte es dem König zu. „Nun,“ ſagte er,„Herr Colbert fragt, ob Eure Majeſtät nicht in Melun übernachten werde?“ „In Melun übernachten? Und warum?“ rief Ludwig XIV.„In Melun übernachten? Wer Teufels hat daran denken können, während uns Herr Fouquet heute Abend erwartet!“ „Sire,“ erwiederte Colbert lebhaft,„es war die Furcht, Eure Majeſtät könnte zu ſpät ankommen, Eure Majeſtät, die nach der Etiquette nirgends anders, als in ihrem Hauſe eintreten kann, ehe die Wohnungen durch ihren Fourier bezeichnet ſind und die Garniſon vertheilt iſt.“ D'Artagnan horchte mit ſeinen Ohren, während er ſich auf den Schnurrbart biß. Die Königinnen hörten auch. Sie waren müde; ſie hätten gern geſchlafen und beſonders auch gern den König verhindert, am Abend mit Herrn von Saint⸗Aignan und den Damen ſpazieren zu gehen. Denn wenn die Etiquette die Prinzeſſinnen in ihre Zimmer einſchloß, ſo hatten doch die Damen, ſobald ihr Dienſt gethan war, jede Freiheit, ſpazieren zu gehen. Man ſieht, daß alle dieſe Intereſſen, indem ſie ſich in Dünſten anhäuften, Wolken hervorbringen mußten, und die Wolken einen Sturm. Der König hatte keinen Schnurrbart, um darauf zu beißen: er nagte gierig 122 am Stiele ſeiner Peitſche. Wie war da herauszu⸗ kommen? „Man wird die Koͤnigin hierüber befragen,“ ſagte Ludwig, indem er ſich vor den Damen verbeugte. Dieſe Freundlichkeit durchdrang das Herz von Maria Thereſia, welche gut und edelmüthig war und, ihabr Willkühr anheimgegeben, ehrfurchtsvoll erwie⸗ derte: „Ich werde ſtets mit Vergnügen dem Willen des Königs entſprechen.“ „Wie viel braucht man Zeit, um nach Vaux zu kommen?“ fragte Anna von Oeſterreich, jede Sylbe ſchleppend, indem ſie ihre Hand an ihre von Schmerzen heimgeſuchte Bruſt drückte. S „Eine Stunde für die Wagen Eurer Majeſtäten, 4 auf ziemlich ſchönen Wegen,“ antwortete d'Artagnan. Der König ſchaute ihn an. 8 „Eine Viertelſtunde für den König,“ fügte er ei⸗ ligſt bei. „Man würde bei Tage ankommen,“ ſagte der König. „Aber die Wohnungen der Haustruppen,“ wand Colbert ſachte ein,„ſie werden den König alle Eile der Reiſe, ſo geſchwinde er auch ſein mag, verlieren machen.“ „Doppelter Dummkopf!“ dachte d'Artagnan,„wenn ich ein Intereſſe dabei hätte, Dein Anſehen zu zerſtö⸗ ren, ſo würde ich es in zehn Minuten thun. An der Stelle des Königs,“ fügte er laut bei,„ließe ich, in⸗ dem ich mich zu Herrn Fouquet begeben würde, der ein wackerer Mann iſt, meine Haustruppen zurück; ich ginge als Freund; ich würde allein mit meinem Kapi⸗ tän der Garden ankommen; ich wäre dadurch größer und heiliger.“ 1 Die Freude glänzte in den Augen des Koͤnigs. „Das iſt ein guter Rath, meine Damen,“ ſagte er; „gehen wir als Freund zu einem Freunde. Fahrt 123 ſachte, meine Herren von den Equipagen, und wir, meine Herren, vorwärts!“ Und er zog alle Reiter hinter ſich fort. Colbert verbarg ſeinen dicken verdrießlichen Kopf hinter dem Halſe ſeines Pferdes. „Ich habe dadurch den Vortheil, daß ich ſchon heute Abend mit Aramis reden kann.“ ſprach d'Artag⸗ nan, während er galoppirte, zu ſich ſelbſt.„Und dann iſt Herr Fouquet ein wackerer Mann. Mordiour! ich habe es geſagt, und man muß es glauben.“ So erſchien gegen ſieben Uhr Abends, ohne Trom⸗ peter, Vorhut und Musketiere, der König vor dem Git⸗ terthore von Vaur, wo Fouquet, von ſeiner baldigen Ankunft benachrichtigt, ihn ſeit einer halben Stunde inmitten ſeines Hauſes und ſeiner Freunde mit entblöß⸗ tem Haupte erwartete. XIV. Nectar und Ambroſia. Herr Fouauet hielt dem Koͤnig den Steigbügel; ſobald dieſer den Fuß auf die Erde geſetzt hatte, erhob er ſich anmuthig und reichte noch viel anmuthiger Fou⸗ quet eine Hand, welche der Oberintendant, trotz eines leichten Sträubens Seiner Majeſtät, an ſeine Lippen zog. Der König wollte in der erſten Umfriedung die Wagen erwarten. Er wartete nicht lange. Die Wege waren auf Befehl des Oberintendanten geſchlagen wor⸗ den. Man hätte von Melun bis Vaux nicht einen Kie⸗ 124 ſelſtein ſo groß wie ein Ei gefunden. Wie auf einem Teppich hinrollend, brachten auch die Wagen ohne Stöße und Anſtrengung gegen acht Uhr die Damen. Sie wurden von der Frau Oberintendantin empfangen, und in dem Augenblick, wo ſie erſchienen, ſprang ein Licht, ſo ſcharf wie das des Tages, aus allen Bäumen, aus allen Vaſen, aus allen Marmornen hervor. Dieſer Zau⸗ ber dauerte fort, bis Ihre Majeſtäten im Innern des Palaſtes verſchwunden waren. Alle dieſe Wunder, welche der Chronikſchreiber, auf die Gefahr, mit dem Romarndichter zu rivaliſiren, aufgehäuft oder vielmehr aufbewahrt hat, dieſe Herr⸗ lichkeiten der beſtegten Nacht, der verbeſſerten Natur, aller Vergnügungen, jedes für die Befriedigung der Sinne und des Geiſtes combinirten Luxus bot wirklich Fouquet ſeinem König an dieſem Zauberorte, dem kein Beſitzthum irgend eines Fürſten in Europa damals an Werth gleichkam. Wir werden weder von dem großen Feſtmahle, das Ihre Majeſtäten vereinigte, noch von den Concerten, noch von den feenhaften Verwandlungen ſprechen; wir beſchränken uns darauf, daß wir das Geſicht des Kö⸗ nigs ſchildern, das von heiter, offen, glückſelig, wie es Aefangs war, ein düſteres, gezwungenes, gereiztes Aus⸗ ſehen bekam. Er erinnerte ſich ſeines eigenen Hauſes und des armſeligen Lurus, der nur das Geräth des Königthums war, ohne das Eigenthum des Koͤnigs⸗Men⸗ ſchen zu ſein. Die großen Vaſen des Louvre, die alten Meubles und das Silbergeſchirr von Heinrich II., Franz l. und Ludwig XI. waren nur geſchichtliche Mo⸗ numente. Es waren nur Kunſtgegenſtände, die Ver⸗ laſſenſchaft des Königshandwerks. Bei Fouquet dage⸗ gen lag der Werth in der Arbeit, wie im Stoffe. Fouquet aß aus goldenen Gefäſſen, welche ihm gehö⸗ rige Künſtler gegoſſen und eiſelirt hatten. Fouquet trank Weine, die der König von Frankreich nicht ein⸗ mal dem Namen nach kannte; er trank ſie aus Be⸗ àR— 9 2— —— — N 8̈8 —8—— R Gw —2 N NXAI 125 Phern, von denen jeder koſtbarer war, als der koͤnigliche eller. Was ſollen wir von den Sälen ſagen, von den Tapeten, von den Gemälden, von den Dienern, von den Officianten aller Art? Was von der Bedienung, wo⸗ bei die Ordnung die Etiquette, das Wohlbehagen die Befehle erſetzte, ſo daß das Vergnügen und die Befrie⸗ digung des Gaſtes das oberſte Geſetz von Allem dem wurden, was dem Wirthe gehorchte. Dieſer Schwarm geräuſchlos geſchäftiger Leute, dieſe Menge von Gäſten, welche minder zahlreich, als die Diener, dieſe Myriaden von Gerichten, von goldenen und filbernen Gefäſſen, dieſe Lichtwogen, dieſer Haufen unbekannter Blumen, deren ſich die Treibhäuſer wie einer Ueberlaſt entledigt hatten, während ſie noch von Schönheit ſtrotzten, dieſes harmoniſche Ganze, das nur das Vorſpiel des verſprochenen Feſtes war, entzückte. alle Anweſenden, und ſie bezeigten auch ihre Verwun⸗ derung zu wiederholten Malen, nicht durch die Stimme oder die Geberde, ſondern durch das Stillſchweigen und die Aufmerkſamkeit, dieſe zwei Sprachen des Höflings, der den Zügel des Herrn nicht mehr kennt. Was den König betrifft, ſo ſchwollen ſeine Augen an; er wagte es nicht mehr, die Königin anzuſchauen. Stets erhaben an Stolz über jedes Geſchöpf, beugte Anna von Oeſterreich ihren Wirth durch die Verach⸗ tung nieder, die ſie gegen Alles kundgab, was man ihr vorſetzte. Gut und lebensfroh, lobte die junge Koͤnigin Herrn Fouquet, aß mit kräftigem Appetit und fragte nach dem Namen von mehreren Früchten, welche auf der Tafel er⸗ ſchienen. Fouquet erwiederte, er wiſſe die Namen nicht. Dieſe Früchte kamen von ſeinen Pflanzungen, er hatte ſie oft ſelbſt cultivirt, denn er war ein Ge⸗ lehrter im Punkte des exotiſchen Obſtbaues. Der König fühlte die Zartheit, war aber dadurch nur noch mehr ggedemuthigt. Er fand die Königin ein wenig volks⸗ 126 mäßig und Anna von Oeſterreich ein wenig junoniſch. Er war einzig und allein darauf bedacht, ſich kalt auf der äußerſten Grenze der Verachtung und der einfachen Bewunderung zu halten. Doch Fouquet hatte dies Alles vorhergeſehen: er war einer von den Menſchen, die Alles vorherſehen. Der König hatte ausdrücklich erklärt, ſo lange er bei Herrn Fouquet verweile, wünſche er ſeine Mahle nicht der Etiquette zu unterwerfen, und folglich mit aller Welt zu ſpeiſen; aber durch die Sorge des Ober⸗ intendanten war das Mittagsmahl des Koͤnigs abge⸗ ſondert, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, inmitten der allgemeinen Tafel ſervirt. Wunderbar durch ſeine Zu⸗ ſammenſetzung, umfaßte dieſes Mahl Alles, was der König liebte, Alles, was er gewöhnlich wählte. Lud⸗ wig, er, der erſte Appetiät ſeines Reiches, hatte keine Entſchuldigungen, er konnte nicht ſagen, er habe keinen Hunger. Fouquet that etwas noch viel Beſſeres: er hatte ſich, um dem Befehl des Königs zu gehorchen, an die Tafel geſetzt; ſobald aber die Suppen aufgetragen wa⸗ ren, ſtand er auf und ſchickte ſich an, den König ſelbſt bedienen, während die Frau Oberintendantin ſich hinter den Lehnſtuhl der Königin Mutter ſtellte. Die Verachtung von Juno und das Schmollen von Jupiter hielten nicht Stand gegen dieſes Uebermaß von Artigkeit. Die Königin Mutter aß ein Biscuit in einem San⸗Lucar⸗ Wein, der König aß von Allem und ſagte zu Herrn Fouquet: 1 „Herr Oberintendant, es iſt unmöglich, beſſer zu ſpeiſen.“. Wonach der ganze Hof mit einer ſolchen Begeiſte⸗ rung zu ſchlingen anfing, daß man hätte glauben ſollen, es ſeien Wolken ägyptiſcher Heuſchrecken auf das grüne Korn herabgefallen. Deſſen ungeachtet wurde der König, nachdem der Hunger geſtillt war, wieder traurig; traurig im Ver⸗ —²2 O N GM N=— e e ſt r g n e n 127 hältniß zu der ſchönen Laune, die er kundgeben zu müſſen geglaubt, zu dem freundlichen Geſicht, das die Höflinge Fouquet gemacht hatten. D'Artagnan, der viel aß und tüchtig trank, ohne daß es den Anſchein hatte, arbeitete ununterbrochen und ohne eine Sylbe zu ſprechen, an dem Mahle fort, machte aber zugleich Bemerkungen in großer Anzahl, die ihm von Nutzen waren. Nachdem das Mahl beendigt war, wollte der Kö⸗ nig den Spaziergang nicht verlieren. Der Park war beleuchtet. Ueberdies, als hätte er ſich zu den Be⸗ fehlen des Grundherrn von Vaur geſtellt, überſtrömte der Mond die Gebüſche und die Seee mit ſeinen Dia⸗ manten und ſeinem Phosphor. Es herrſchte eine ſanfte Kühle. Die Alleen waren ſchattig und ſo weich mit Sand beſtreut, daß ſich die Füße darin geſtelen. Das Feſt war vollkommen, denn der König, der la Vallidre an der Biegung eines Gehölzes traf, konnte ihr die Hand drücken und zu ihr ſagen:„Ich liebe Euch,“ ohne daß es Jemand hörte, außer d'Artagnan, der folgte, und Herr Fouquet, der vorausging. Dieſe Zaubernacht rückte vor. Der König ver⸗ langte ſein Zimmer. Sogleich war Alles in Bewe⸗ gung. Die Königinnen gingen beim Klange der Theorben und der Flöten in ihre Wohnungen. Der König fand, als er die große Freitreppe hinaufſtieg, ſeine Muske⸗ tiere, welche Herr Fouquet von Melun herbeigerufen und zum Abendbrod eingeladen hatte. D'Artagnan verlor alles Mißtrauen. Er war müde, er hatte gut geſpeiſt, und wollte, einmal in ſei⸗ nem Leben, ein Feſt bei einem wahren Konig ge⸗ nießen. Man führte den König in großer Ceremonie in das Morpheus⸗Zimmer, von dem wir dem Leſer eine leichte Erwähnug ſchuldig ſind. Es war das ſchönſte und geräumigſte des Palaſtes. Lebrun hatte in die Kuppel die glücklichen Träume und die traurigen Träͤume gemalt, welche Morpheus bei den Königen, wie bei den Menſchen erregt. Mit Allem, was der Schlaf Liebliches erzeugt, was er an Honig und Wohlgerüchen, an Blumen oder Nectar, an Wolluſt oder Ruhe in die Sinne ergießt, hatte der Maler ſeine Fresken bereichert. Es war dies eine Compoſition ſo freundlich und mild in einer Abtheilung, als ſie düſter, unheimlich und ſchrecklich in der andern war. Die Becher, welche Gift einflößen, das Eiſen, das über dem Kopfe des Schlä⸗ fers glänzt, der Zauberer und die Geſpenſter mit den häßlichen Larven, die Halbdunkelheiten, noch ſchreckli⸗ cher, als die Flamme oder die tiefe Nacht, dies war es, was er als Pendant ſeinen anmuthigen Gemälden gegeben hatte. Als der König in dieſes prächtige Zimmer eintrat, wurde er von einem Schauer ergriffen. Fouquet frugte nach der Urſache. „Ich habe Schlaf,“ erwiederte der Konig, der ziem⸗ lich bleich ausſah. „Will Eure Majeſtät ſogleich Ihre Bedienung?“ „Nein,“ erwiederte der König,„ich habe mit eini⸗ gen Perſonen zu ſprechen. Man benachrichtige Herrn Colbert.“ Fouquet verbeugte ſich und trat ab. 129 XV. Auf einen Gascogner anderthalb. D'Artagnan hatte keine Zeit verloren; das lag nicht in ſeinen Gewohnheiten. Nachdem er ſich nach Aramis erkundigt hatte, war er umhergelaufen, bis er ihn gefunden. Aramis hatte ſich, ſobald der König in Vaur eingezogen war, in ſein Zimmer begeben, wo er ohne Zweifel noch über irgend eine Galanterie- zum Vergnügen Seiner Majeſtät nach ſann. D'Artagnan ließ ſich melden und fand im zweiten Stock in einem ſchönen Zimmer, das man wegen ſeiner Tapete das blaue nannte, den Biſchof von Vannes in Geſell⸗ ſchaft von Porthos und mehreren modernen Epicuräern. Aramis umarmte ſeinen Freund, bot ihm den beſten Sitz an, und da man allgemein ſah, daß ſich der Mus⸗ ketier zurückhaltend benahm, ohne Zweifel, um insge⸗ heim mit Aramis zu ſprechen, ſo verabſchiedeten ſich die Epicuräer.. Porthos rührte ſich nicht.„Er hatte allerdings viel gegeſſen und ſchlief in ſeinem Lehnſtuhl. Der Un⸗ terredung wurde durch dieſen Dritten kein Zwang auf⸗ erlegt. Porthos hatte das harmoniſche Schnarchen, und man konnte bei dieſem Baß reden, wie bei der antiken Geſangſprache. D'Artagnan fühlte, daß es an ihm war, das Ge⸗ ſpräch zu eröffnen. Die Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte, war ſchwierig; er griff auch den Gegenſtand geradezu an. „Nun! wir ſind alſo in Vaur,“ ſagte er. „Ja, d'Artagnan, liebt Ihr dieſen Ort?“ Die drei Musketiere. Bragelonne⸗ MK. 9 130 „Ungemein, und ich liebe auch Herrn Fouquet.“ „Nicht wahr, er iſt reizend?“ „Man könnte nicht beſſer ſein.“ 4 „Man hat geſagt, der König ſei ihm ſehr kalt be⸗ gegnet, aber er habe ſich beſänftigt.“ „Ihr habt es alſo nicht geſehen, da Ihr Euch des Ausdruckes: man ſagt, bedient?“ „Nein, ich beſchäftigte mich mit dieſen Herren, welche ſo eben weggegangen ſind, mit der Vorſtellung und dem Carrouſel von morgen.“ „Ah! Ihr ſeid Feſtordner hier?“ 1 „Ich bin, wie Ihr wißt, ein Freund der Vergnü⸗ gungen der Phantaſte; ich war immer ſtellenweiſe Dichter.“. „Ich erinnere mich Eurer Verſe, ſie waren entzuͤckend.“ „Ich, ich habe ſie vergeſſen, aber ich freue mich, die der Anderen kennen zu lernen, wenn dieſe Anderen Molidre, Peliſſon, La Fontaine u. ſ. w. heißen.“ „Wißt Ihr, welcher Gedanke mir heute Abend beim Mahle gekommen iſt?“ „Nein. Sagt ihn mir, denn ich würde ihn nicht errathen; Ihr habt ſo viele.“ „Wohll es iſt mir der Gedanke gekommen, der wahre Koͤnig von Frankreich ſei nicht Ludwig XIV.“ „Wie!“ machte Aramis, indem er unwillkührlich ſite Augen auf die Augen des Musketiers zurück⸗ enkte. „Nein, es iſt Herr Fouquet.“ Aramis athmete und lächelte. „Nun ſeid Ihr wie die Anderen: eiferſüchtig,“ ſprach er.„Ich wollte wetten, daß Euch Herr Col⸗ bert dieſe Worte da eingegeben hat?“ 9* Um Aramis geſchmeidig zu machen, erzählte ihm d'Artagnan das Mißgeſchick von Herrn Colbert hin⸗ ſichtlich des Weins von Melun. mis. „Eine gemeine Race, dieſer Colbert!“ ſagte Ara⸗ 1 131 „Meiner Treue, ja.“ „Wenn man bedenkt,“ fügte der Biſchof von Van⸗ nes bei,„wenn man bedenkt, daß dieſer Burſche in vier Monaten Euer Miniſter ſein wird!“ „Bah!“ „Und daß Ihr ihm dienen werdet, wie Richelieu, wie Mazarin.“ „Wie Ihr Fouquet dient,“ erwiederte d'Artagnan. „Nur mit dem Unterſchied, lieber Freund, daß Herr Fouquet nicht Herr Colbert iſt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach d'Artagnan. Und er ſtellte ſich, als würde er traurig. „Aber,“ fügte er nach einem Augenblick bei,„wa⸗ rum ſagtet Ihr mir denn, Herr Colbert werde in vier Monaten Miniſter ſein?“ „Weil es Herr Fouquet nicht mehr ſein wird,“ erwiederte Aramis. „Nicht wahr, er wird zu Grunde gerichtet ſein.“ „Ganz und gar.“ „Warum gibt er dann Feſte?“ ſagte der Muske⸗ tier mit einem ſo natürlichen Ton des Wohlwollens, daß ſich der Biſchof einen Augenblick dadurch bethören ließ.„Warum habt Ihr es ihm nicht abgerathen?“ Dieſer letzte Theil der Phraſe war ein Uebermaß. Aramis kehrte zum Mißtrauen zurück. „Man muß ſich den König gewogen erhalten.“ „Indem man ſich für ihn zu Grunde richtet.“ „JcU, indem man ſich für ihn zu Grunde richtet.“ „Eine ſonderbare Berechnung.“ „Die Nothwendigkeit.“ 1 „Ich ſehe ſie nicht, lieber Aramis.“ „Doch! Ihr bemerkt wohl, das entſtehende Ent⸗ gegenſtreben von Herrn Colbert.“ 4 „Ohl ja.“ 4 3 „Und daß Herr Colbert den König antreibt, ſich des Oberintendanten zu entledigen?“ „Das ſpringt in die Augen.“ 13²2 „Und daß Kabale gegen Herrn Fouquet obwaltet?“ „Man weiß es.*. „Wie es ſcheint, daß der König der Partie gegen einen Mann beitritt, der Alles für ihn ausgegeben ha⸗ ben wird?“ „Es iſt wahr,“ erwiederte langſam d'Artagnan, wenig überzeugt und begierig, eine andere Seite des Gegenſtandes der Unterredung in Angriff zu nehmen. „Es gibt Thorheiten und Thorheiten,“ fuhr er fort.„Ich liebe diejenigen nicht, welche Ihr macht.“ „Welche 2“ „Das Abendbrod, der Ball, das Concert, die Ko⸗ mödie, die Carrouſels, die Waſſerfälle, die Freuden⸗ feuer, das Kunſtfeuerwerk, die Beleuchtungen und die Geſchenke, gut, das gebe ich Euch zu; aber genügten dieſe aus den Umſtänden hervorgehenden Ausgaben nicht? Mußte man...“ „Was?“ „Mußte man zum Beiſpiel ein ganzes Haus neu kleiden?“ „Ohl es iſt wahr, ich habe das Herrn Fouquet geſagt; er erwiederte mir, wenn er reich genug wäre, würde er dem König ein von den Wetterfahnen bis in die Keller neues Haus anbieten; neu mit Allem, was darin enthalten iſt, und wenn der König abgereiſt wäre, würde er Alles verbrennen, daß nichts mehr Anderen diente.“ „Das iſt reines Spaniſch.“ „Ich habe es ihm geſagt. Er fügte bei:„„Jeder, der mir zu ſparen räth, wird mein Feind ſein.““ „Das iſt Wahnſinn, ſage ich Euch, ebenſo das Portrait.“ „Welches Portrait?“ „Das des Königs. Die Ueberraſchung.“ „Welche Ueberraſchung?“ 3 Bt7. für die Ihr Muſter bei Percerin genommen a 4. 133 D'Artagnan hielt inne; er hatte den Pfeil abge⸗ drückt. Es handelte ſich nur noch darum, die Schuß⸗ weite zu berechnen. „Das iſt eine Freundlichkeit,“ erwiederte Aramis. D'Artagnan ging gerade auf ſeinen Freund zu, nahm ihn bei beiden Händen, ſchaute ihm in die Augen und ſprach:. „Aramis, liebt Ihr mich noch ein wenig?“ „Ob ich Euch liebe!“ „Gut! Einen Dienſt alſo. Warum habt Ihr die Muſter vom Kleide des Königs bei Percerin genom⸗ men?“ „Kommt mit mir und fragt den armen Lebrun, der hieran zwei Tage und zwei Nächte gearbeitet hat.* „Aramis, das iſt die Wahrheit für alle Welt, aber für mich..“ „In der That, d'Artagnan, Ihr ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen.“ „Seid gut gegen mich. Sagt mir die Wahrheit: nicht wahr, Ihr möchtet nicht gern, daß mir eine Un⸗ annehmlichkeit widerführe?“ „Theurer Freund, Ihr werdet unbegreiflich. Was für einen Teufelsverdacht habt Ihr da? „Glaubt Ihr an meine Inſtincte? Ihr glaubtet einſt daran. Wohll ein Inſtinct ſagt mir, Ihr habet einen verborgenen Plan.“ „Jch, einen Plan?“ „ in meiner Sache nicht ſicher.“ „Bei Gott!“ he mücht ſiihen „Ich bin meiner Sache nicht ſicher, aber ich würde darauf ſchwören.“ „D'Artagnan, Ihr bereitet mir einen lebhaften Schmerz. In der That, wenn ich einen Plan habe, den ich Euch verſchweigen muß, ſo werde ich ihn ver⸗ ſchweigen, nicht wahr? Habe ich einen, den ich Euch enthuͤllen ſoll, ſo hätte ich ihn Euch ſchon geſagt.“ in günſtigen Augenblicken offendart.“ „Dann, mein lieber Freund,“ erwiederte lachend der Biſchof von Vannes,„dann iſt der günſtige Augen⸗ blick noch nicht gekommen.“ D'Artagnan ſchüttelte den Kopf. „Freundſchaft! Freundſchaft!“ ſagte er,„leerer Name! Hier iſt ein Mann, der ſich, wenn ich es von ihm verlangte, in Stücke für mich zerhauen ließe.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Aramis mit edlem Tone. 3„Und dieſer Freund, der mir alles Blut ſeiner Adern geben würde, wird mir nicht einmal einen klei⸗ nen Winkel ſeines Herzens öffnen. Freundſchaft, ich wiederhole es, du biſt nur ein Schatten und ein Kö⸗ der, wie Alles, was in der Welt glänzt.“ „Redet nicht ſo von unſerer Freundſchaft,“ erwie⸗ derte der Biſchof von Vannes mit feſtem, überzeugtem Tone.„Sie iſt nicht von der Art derjenigen, von welcher Ihr ſprecht.“ „Schaut uns an, Aramis. Wir ſind nun Drei von Vieren. Ich habe Euch im Verdacht, daß Ihr mich täuſcht, und Porthos ſchläft. Ein ſchönes Trio von Freunden, nicht wahr? ein ſchöner Reſt!“ „Ich kann Euch nur Eines ſagen, d'Artagnan, und ich verſichere es Euch auf das Evangelium. Ich liebe Euch wie einſt. Wenn ich Euch je mißtraue, ſo geſchieht es wegen der Anderen, Euretwegen, nicht wegen meiner. Bei Allem, was ich machen werde und worin ich obſtege, werdet Ihr Euer Viertel finden. Verſprecht mir dieſelbe Gunſt!“ „Wenn ich mich nicht täuſche, ſind dieſe Worte, in 3 Augenblick, wo Ihr ſie ausſprecht, voll Edel⸗ muth.“. „Das iſt möglich!“ „Ihr conſpirirt gegen Herrn Colbert. Wenn es nur das iſt, Mordiour! ſagt es mir. Ich habe das Werk⸗ zeug, ich werde den Zahn ausreißen.“ „Nein, Aramis, nein, es gibt Pläne, die man nur —— 135 Aramis konnte ein Lächeln der Verachtung, das über ſein edles Geſicht hinglitt, nicht unterdrücken. „Und wenn ich gegen Colbert conſpirirte, worin läge das Uebel?“. „Das iſt zu wenig für Euch, und nicht um Herrn Colbert zu ſtürzen, habt Ihr die Muſter von Percerin verlangt. Ohl Aramis, wir ſind keine Feinde, wir ſind Brüder. Sagt mir, was Ihr unternehmen wollt, und ſo wahr ich d'Artagnan heiße, wenn ich Euch nicht unterſtützen kann, ſo ſchwöre ich doch, neutral zu bleiben.“. „Ich unternehme nichts.“ 4 „Aramis, eine Stimme ſpricht mit mir, ſie erleuch⸗ tet mich; dieſe Stimme hat mich nie getäuſcht. Ihr habt es auf den König abgeſehen.“.— „Auf den König!“ rief der Biſchof, Unzufriedenheit heuchelnd. „Eure Phyſiognomie wird mich nicht überzeugen. Auf den König, ich wiederhole es.“ „Ihr werdet mir helfen?“ ſagte Aramis immer mit der Ironie ſeines Lächelns. „Aramis, ich werde mehr thun, als neutral blei⸗ ben, ich werde Euch retten.“ „Ihr ſeid verrückt, d'Artagnan.“ „Ich bin der Vernünftigere von uns Beiden.“ „Ihr habt mich im Verdacht, ich wolle den Kö⸗ nig ermorden?“ „Wer ſpricht hievon?“; „Dann verſtändigen wir uns; ich begreife nicht, was man einem legitimen König, wie dem unſrigen, thun kann, wenn man ihn nicht ermordet.“ D'Artagnan erwiederte nichts. „Ueberdies habt Ihr Eure Garden und Eure Mus⸗ ketiere hier,“ ſagte der Biſchof. „Das iſt wahr.“ „Ihr ſeid nicht bei Herrn Fouquet, Ihr ſeid zu Hauſe.“ 3 „Das iſt wahr.“ „Ihr habt zu dieſer Stunde Herrn Colbert, der dem König gegen Herrn Fouquet Alles räth, was Ihr vielleicht gern rathen möchtet, wäre ich nicht von der Partie.“ .„Aramis! Aramis! ich bitte, ein Freundeswort.“ „Das Wort der Freunde iſt die Wahrheit. Wenn ich den Sohn von Anna von Oeſterreich, den wahren König des Landes Frankreich mit dem Finger anzu⸗ rühren gedenke; wenn es nicht meine feſte Abſicht iſt, mich vor ſeinem Throne niederzuwerfen; wenn in mei⸗ nen Ideen der morgige Tag, hier in Vaur, nicht der glorreichſte der Tage meines Königs ſein ſoll, ſo er⸗ ſchlage mich der Blitz, ich willige dazu ein.“ Aramis ſprach dieſe Worte das Geſicht dem Alko⸗ ven ſeines Zimmers zugewendet, wo d'Artagnan, der ſich überdies mit dem Rücken an dieſen Alkoven an⸗ lehnte, nicht vermuthen konnte, daß ſich Jemand darin verbarg. Die Salbung ſeiner Worte, die ſtudirte Lang⸗ ſamkeit, die Feierlichkeit des Schwures gaben dem Mus⸗ ketier die vollſtändigſte Befriedigung. Er nahm beide Hände von Aramis und drückte ſie herzlich. Aramis hatte die Vorwürfe, ohne zu erbleichen, ertragen, er erröthete, als er die Lobeserhebungen hörte. D'Artagnan getäuſcht, machte ihm Chre, d'Artagnan vertrauend, that ihm Schaden. „Geht Ihr?“ ſagte er, indem er ihn umarmte, um ſeine Röthe zu verbergen. „Ja, mein Dienſt ruft mich. Ich habe die Nacht⸗ parole zu nehmen.“ 3 „Wo werdet Ihr ſchlafen?“ „Im Vorzimmer des Königs, wie es ſcheint. Aber Porthos?“ „Nehmt ihn doch mit, denn er ſchnarcht wie eine Kanone.“ „Ah! er wohnt nicht bei Euch?“ n Gu=n—'— —— „Durchaus nicht, er hat ſeine Wohnung irgend anderswo.“ „Sehr gut,“ ſagte der Musketier, dem dieſe Tren⸗ nung der zwei Verbündeten den letzten Verdacht be⸗ nahm. Und er berührte ungeſchlacht die Schulter von Porthos. Dieſer antwortete durch ein Gebrülle. „Kommt!“ ſagte d'Artagnan. „Ah! d'Artagnan, der liebe Freund! Durch welchen Zufall? Ah! es iſt wahr, ich bin beim Feſte in Vaux!“ „Mit Eurem ſchöoͤnen Kleide!“ „Nicht wahr, das iſt artig von Herrn Coquelin von Volisre?“ „St!“ machte Aramis,„Ihr geht, um den Boden einzutreten.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Musketier.„Dieſes Zim⸗ mer liegt über der Kuppel.“ „Und ich habe es nicht zum Fechtſaale genommen,“ fügte Aramis bei.„Das Zimmer des Koͤnigs hat zum Plafond die Süßigkeiten des Schlafes. Vergeßt nicht, daß mein Boden das Futter dieſes Plafond iſt. Gute Nacht, meine Freunde, in zehn Minuten werde ich ſchlafen.“ Aramis geleitete ſie leiſe lachend. Dann, als ſie außen waren, ſchob er raſch die Riegel vor, verſtopfte die Fenſter und rief: „Monſeigneur, Monſeigneur.“ Philipp ſtieß eine vor dem Bette ſtehende Tapeten⸗ thüre zurück und trat aus dem Alkoven. „Bei Herrn d'Artagnan iſt viel Verdacht,“ ſagte er. „Ah! nicht wahr, Ihr habt d'Artagnan erkannt?“ „Ehe Ihr ihn genannt hattet.“ „Es iſt Euer Kapitän der Musketiere.“ „Er iſt mir ſehr ergeben,“ erwiederte Philipp, indem er einen beſonderen Nachdruck auf das perſoͤn⸗ liche Fürwort, legte. „Getreu wie ein Hund, beißt zuweilen. Erkennt 138 Euch d'Artagnan nicht, ehe der Andere verſchwunden iſt, ſo rechnet auf d'Artagnan bis in alle Ewigkeit; denn dann, wenn er nichts geſehen hat, wird er ſeine Treue bewahren. Hat er zu viel geſehen, ſo iſt er Gascog⸗ ner und er wird nie geſtehen, daß er ſich getäuſcht hat.“ „Ich dachte es. Was machen wir nun?“ „Ihr geht auf den Beobachtungspoſten und ſchaut, beim Schlafengehen des Königs, wie Ihr Euch in kleiner Ceremonie zu Bette legt.“ „Gut. Wo ſoll ich meinen Platz nehmen?“ „Setzt Euch auf dieſen Feldſtuhl. Ich will den Boden rücken, Ihr ſchaut durch dieſe Oeffnung, welche den falſchen Fenſtern entſpricht, die in der Kuppel des Gemachs des Königs angebracht ſind. Seht Ihr?“ „Ich ſehe den König.“ Philipp bebte wie beim Anblick eines Feindes. „Was macht er?“— „Er will einen Mann zu ſich ſitzen machen.“ „Herrn Fouquet?“ „Nein, nein, wartet..“ „Die Noten, mein Prinz, die Portraits.“ „Der Menſch, den der Konig ſich gegenüͤber ſitzen heißt, iſt Herr Colbert.“ „Herr Colbert, dem König gegenüber lu rief Ara⸗ mis;„unmöglich!“ „Schaut.“ Aramis tauchte ſeine Blicke durch die Fuge des Bodens. „Ja,“ ſagte er,„Colbert ſelbſt. Oh! Monſeig⸗ neur, was werden wir hören, und was wird aus dieſer Vertraulichkeit entſpringen!“ 4 „Ohne allen Zweifel nichts Gutes für Herrn Fouquet.“ Der Prinz täuſchte ſich nicht. Wir haben geſehen, daß der König Colbert rufen ließ, und daß Colbert kam. Das Geſpräch begann mit einer der höͤchſten Gunſtbe⸗ N —— 139 zeigungen, welche der Koͤnig je bewilligt hatte. Aller⸗ dings war der König allein mit ſeinem Unterthan. „Colbert, ſetzt Euch.“. Der Intendant, der entlaſſen zu werden befürchtet hatte, ſchlug dieſe unſchätzbare Ehre aus. „Nimmt er an?“ fragte Aramis. „Nein, er bleibt ſtehen.“ „Horchen wir, mein Prinz.“ Und der zukünftige König und der zukünftige Papſt horchten gierig auf dieſe einfachen Sterblichen, die ſte unter ihren Füßen hielten, bereit, ſie zu zertreten, wenn ſie gewollt hätten. „Colbert,“ ſagte der König,„Ihr habt mich heute ſehr geärgert.“ „Sire, ich wußte es.“ „Sehr gut. Ich liebe dieſe Antwort. Ja, Ihr wußtet es. Es gehörte Muth dazu, es zu thun.“ „Ich ſetzte mich der Gefahr aus, Eure Majeſtät unzufrieden zu machen, zugleich aber auch der Gefahr, ihr ein wahres Intereſſe zu verbergen.“ „Wiel Ihr befürchtetet etwas für mich?“ „Und wäre es nur eine Unverdaulichkeit, Sire, denn man gibt ſeinem Koͤnig nur ſolche Schmäuſe, um ihn unter der Laſt des guten Mahles zu erſticken.“ Nachdem er dieſen plumpen Scherz vorgebracht hatte, wartete Colbert wonniglich auf die Wirkung. Ludwig XIV,, der eitelſte und der zarteſte Mann ſeines Reiches, verzieh Colbert auch dieſen Spaß. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„Herr Fouquet hat mir ein zu gutes Mahl gegeben. Sagt mir, Colbert, wo⸗ her nimmt er all das Geld, was erforderlich iſt, um die ungeheuren Koſten zu beſtreiten? Wißt Ihr es 20 „Ja, ich weiß es, Sire. „Ihr werdet es mir ein wenig vorrechnen.“ „Leicht, bis auf einen Pfennig.“ „Es iſt mir bekannt, Ihr rechnet richtig.“ „Das iſt die erſte Eigenſchaft, die man von einem Intendanten der Finanzen fordern kann.“ „Nicht Alle haben ſie.”“ „Ich danke Eurer Majeſtät für ein aus ihrem Munde ſo ſchmeichelhaftes Lob.“ „Herr Fouquet iſt alſo reich, ſehr reich, und das weiß alle Welt, mein Herr.“ „Alle Welt, die Lebendigen wie die Todten.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr Colbert?“ „Die Lebendigen ſehen den Reichthum von Herrn Fouquet; ſie bewundern ein Reſultat und klatſchen Bei⸗ fall; aber die Todten, welche mehr wiſſen als wir, ken⸗ nen die Urſachen und klagen an.“ „Nun! welchen Urſachen verdankt Herr Fouquet ſeinen Reichthum?“ „Das Gewerbe eines Intendanten begünſtigt oft diejenigen, welche es treiben.“ „Ihr habt vertraulicher mit mir zu reden; fürchtet Euch nicht, wir ſind ganz allein.“ „Ich bin ſtets ohne alle Furcht unter der Aegide meines Gewiſſens und unter dem Schutze meines Kö⸗ nigs, Sire,“ ſprach Colbert. Und er verbeugte ſich. „Wenn alſo die Todten ſprächen...“ „Sie ſprechen zuweilen, Sire. Leſet.“ „Ah!“ flüſterte Aramis dem Prinzen zu, der an ſeiner Seite horchte, ohne eine Sylbe zu verlieren,„da Ihr Euch hier befindet, um Euer Königshandwerk zu lernen, hoͤret eine ganz koͤnigliche Schändlichkeit, Ihr werdet einer von den Scenen beiwohnen, wie ott allein oder wie ſie vielmehr der Teufel allein erſinnt und ausführt. Höret wohl, Ihr werdet Nutzen daraus ſchöpfen.“ Der Prinz verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit und ſah Ludwig XIV. aus den Händen von Colbert einen Brief nehmen, den dieſer ihm reichte. 4 141 4„Die Handſchrift des ſeligen Cardinals,“ ſagte der önig. „Eure Majeſtät hat ein gutes Gedächtniß,“ erwie⸗ derte Colbert, ſich verbeugend,„und es iſt eine ſeltene Fähigkeit eines für die Arbeit beſtimmten Königs, ſo die Handſchriften mit dem erſten Blick zu erkennen.“ Der König las einen Brief von Mazarin, der, dem Leſer ſchon ſeit der Zwiſtigkeit zwiſchen Frau von Che⸗ vreuſe und Aramis bekannt, nichts Neues lehren würde, wenn wir ihn hier mittheilten. „Ich verſtehe nicht ganz,“ ſagte der König, lebhaft intereſſirt. 3 „Eure Majeſtät iſt noch nicht mit Intendanz⸗Rech⸗ nungen vertraut.“ „Ich ſehe, daß es ſich um Geld handelt, das man Herrn Fouquet gegeben hat.“ „Dreizehn Millionen. Eine hübſche Summe!“ „Ja wohl.. Nunl dieſe dreizehn Millionen fehlen bei der Geſammtſumme der Rechnungen?“ „Das iſt es gerade, was ich nicht recht verſtehe, ſage ich Euch. Warum und wie wäre dieſes Deficit möglich?“ „Möglich, Jage ich nicht; wirklich, ſage ich.“ „Ihr ſagt, dreizehn Millionen fehlen in den Rech⸗ nungen?“ „Nicht ich ſage es, dieſes Regiſter.“ „ und dieſer Brief von Herrn von Mazarin bezeichnet die Verwendung der Summe und denjenigen, bei wel⸗ chem ſie hinterlegt worden iſt?“ „Wie ſich Eure Majeſtät überzeugen kann.“ „Ja, in der That. Hieraus geht hervor, daß Herr Fauurt die dreizehn Millionen noch nicht zurückgegeben ätte. „Das geht aus den Rechnungen hervor, ja, Sire.“ „Nun, und dann?“ „Dann, Sire, da Herr Fouquet die dreizehn Millionen 142 noch nicht zurückgegeben hat, ſo hat er ſie in der Kaſſe, und mit dreizehn Millionen macht man viermal mehr, als Eure Majeſtät mit einem Bruche davon mit ihrer Frei⸗ gebigkeit in Fontainebleau hat aufwenden köoͤnnen, denn wir haben dort im Ganzen nur drei Millionen ausge⸗ geben, wenn Ihr Euch erinnert.“ Das war für einen Ungeſchickten eine ſehr geſchickte Anſchwärzung, dieſe heraufbeſchworene Erinnerung an das Feſt, bei welchem der König, in Folge eines Wor⸗ tes von Fouquet, zum erſten Mal ſeinen niedri⸗ geren Stand wahrgenommen hatte. Colbert erhielt in Vaux, was ihm Fouquet in Fontainebleau gethan hatte, und als guter Finanzmann gab er es mit allen Intereſſen zurück. Nachdem er den König ſo geſtimmt, hatte Colbert nicht mehr viel zu thun. Er fühlte es, der König war düſter geworden. Colbert wartete auf das erſte Wort des Köoͤnigs mit eben ſo großer Unge⸗ duld, als Philipp und Aramis von ihrem Beobachtungs⸗ poſten herab. „Wißt Ihr, was aus dem Allem hervorgeht?“ ſagte der König, nachdem er einige Zeit nachgedacht hatte. „Nein, Sire.“ 3 „Daß die Thatſache der Aneignung der dreizehn Millionen, würde ſie bewahrheitet...“ „Sie iſt es.“ „Ich will ſagen, würde ſie erklärt, Herr Colbert.“ „ Ich denke, ſie wäre es ſchon morgen, wenn Eure Majeſtät...“ t. 3„Nicht bei Herrn. Fouquet wäre,“ erwiederte der König ziemlich würdig.. „Der König iſt überall bei ſich, Sire, und beſon⸗ ders in den Häuſern, die ſein Geld bezahlt hat.“ „Mir ſcheint,“ ſagte Philipp leiſe zu Aramis,„der Baumeiſter, der dieſe Kuppel gemacht, hätte in der Vor⸗ ausſicht, wie man ſie benützen würde, dieſelbe beweg⸗ —— 1 143 lich machen müſſen, damit man ſie hätte koͤnnen Schuf⸗ ten von ſo ſchwarzem Charakter, wie der des Herrn Colbert, auf den Kopf fallen laſſen.“ „Ich dachte auch daran,“ erwiederte Aramis,„doch Colbert iſt in dieſem Augenblick ſo nahe beim König.“ „Das iſt wahr, das würde eine Erbfolge eröffnen.“ „Euer nachgeborener Herr Bruder würde alſo die ganze Frucht ernten, Monſeigneur. Bleiben wir ruhig und hören wir weiter.“ „Wir werden nicht mehr lange hören,“ entgegnete Philipp. „Warum nicht, Monſeigneur?“ „Weil ich, wenn ich der König wäre, nicht mehr antworten würde.“ „Und was würdet Ihr thun?“ „Ich würde den nächſten Morgen abwarten, um zu überlegen.“ Ludwig ſchlug endlich die Augen auf und ſagte, als er Colbert aufmerkſam ſeinem erſten Worte entge⸗ genharren ſah, indem er plötzlich das Geſpräch änderte: „Herr Colbert, ich ſehe, daß es ſpät iſt, ich werde ſchlafen gehen.“ „Ah!“ machte Colbert,„ich werde..“ hab„Morgen früh werde ich einen Entſchluß gefaßt aben.“ „Sehr wohl, Sire,“ erwiederte Colbert außer ſich, obgleich er ſich in Gegenwart des Königs bewältigte. Der König machte eine Geberde, und der Inten⸗ dant wandte ſich rückwärts nach der Thüre. „Meine Bedienung!“ rief der König. Die Bedienung des Königs trat in das Gemach ein. Philipp verließ ſeinen Beobachtungspoſten. „Einen Augenblick,“ ſagte Aramis mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Milde,„was ſo eben vorgefallen, iſt nur eine Einzelheit, und wir werden uns morgen nichts mehr darum bekümmern; aber die Nachtbedienung, die Eti⸗ 144 quette beim kleinen Schlafengehen, ahl! Monſeigneur, das iſt wichtig! Erfahrt, lernt, wie Ihr zu Bette geht, Sire. Schaut, ſchaut.“ XVI. Colbert. Die Geſchichte wird uns erzählen, oder ſie hat uns vielmehr die Ereigniſſe des nächſten Tages und die glän⸗ zenden Feſte erzählt, die der Oberintendant dem König gab. Zwei bedeutende Schriftſteller haben den großen Streit beſtätigt, der zwiſchen der Cascade und der Waſſergarbe, zwiſchen der Kronfontaine und den Thieren ſtattfand, um zu erfahren, was mehr gefiele. Es war alſo am andern Tag Beluſtigung und Freude; es fanden Promenade, Mahl und Komödie ſtatt, eine Komödie, ſbei der Porthos zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen Herrn Coquelin von Volidre erkannte, welcher in der Poſſe: die Aergerlichen, ſpielte. So nannte dieſes Luſtſpiel, Herr Bracieux de Pierrefonds. La Fontaine urtheilte ohne Zweifel nicht ebenſo, denn er ſchrieb an ſeinen Freund Maucrou: G'est un ouvrage de Molière. Cet écrivain par sa manière Charme à présent toute la cour. De la façon que son nom court, — Il doit déjà ètre par delà BRome. Pen suis ravi, car c'est un homme- =SRJISS3=S— —½ — —— ☛■᷑ (Das iſt ein Werk von Molière. Dieſer Schrift⸗ ſteller bezaubert durch ſeine Manier gegenwärtig den ganzen Hof. So, wie ſein Name ſich raſch verbreitet, muß er ſchon jenſeits Rom ſein. Ich bin entzückt dar⸗ über, denn das iſt ein Mann.) Man ſieht, daß La Fontaine den Rath von Peliſ⸗ ſon benützt und den Reim ſorgfältig behandelt hatte, Uebrigens war Porthos der Anſicht von La Fon⸗ taine, und er hätte wie dieſer geſagt:„Bei Gott! dieſer Molieère iſt mein Mann!“ Doch nur was die Kleider betrifft. Hinſichtlich des Theaters war, wie geſagt, Molière für Herrn de Bracieux de Pierrefonds nur ein Poſſenreißer. Doch in ſeinen Gedanken mit der Scene vom vor⸗ hergehender Tage beſchäftigt, doch das Gift ausbrütend, das Colbert eingeträufelt hatte, zeigte ſich der König während dieſes ganzen, ſo glänzenden, ſo wechſelreichen, ſo unvorhergeſehenen Tages, wo alle Wunder aus Tauſend und eine Nacht unter ſeinen Füßen zu erſte⸗ hen ſchienen, zeigte ſich der König kalt, zurückhaltend, ſchweigſam. Nichts konnte ſeine Stirne entrunzeln; man fuͤhlte, daß ein tiefer, von fern kommender Verdruß, allmälig angewachſen, wie die Quelle, die zum Fluſſe wird durch die tauſend Bächlein, die ſie ſpeiſen, in der tiefſten Tiefe ſeiner Seele zitterte. Erſt gegen Mittag fing er an ein wenig Heiterkeit zu erlangen. Ohne Zweifel war ſein Entſchluß gefaßt. Aramis, der ihm Schritt für Schritt, in ſeinem Geiſte, wie in ſeinem Gange, folgte, ſchloß, das Ereig⸗ niß, dem er entgegenſah, würde nicht lange auf ſich warten laſſen. 3 Diesmal ſchien Colbert im Einklang mit dem Bi⸗ ſchof von Vannes zu gehen, und würde er für jede Nadel, mit der er in das Herz des Königs ſtach, das Loſungswort bekommen haben, er hätte es nicht beſſer ſchen können. ie drei Musketiere. Bragelonne. N, 10 146 Der König, für den es ohne Zweifel Bedürfniß war, einen düſtern Gedanken zu verbannen, ſchien den ganzen Tag ebenſo thätig die Geſellſchaft von la Val⸗ lidre zu ſuchen, als er die von Herrn Colbert oder die von Herrn Fouquet zu fliehen eifrigſt bemüht war. Es kam der Abend. Der Koͤnig hatte erſt nach dem Spiel ſpazieren zu gehen gewunſcht. Zwiſchen dem Abendbrod und dem Spaziergang ſpielte man alſo. Der König gewann tauſend Piſtolen, und nachdem er ſte gewonnen hatte, ſteckte er ſie in die Taſche, ſtand auf und ſagte: „Vorwärts, meine Herren, gehen wir in den Park.“ Er fand hier die Damen. Der König hatte, wie geſagt, tauſend Piſtolen gewonnen und eingeſteckt. Herr Fouquet hatte zehn tauſend zu verlieren gewußt, ſo, daß den Höflingen noch ein Vortheil von hundert und neunzig tauſend Livres zugefallen war, was aus den Geſichtern der Höflinge und den Officieren der Haus⸗ truppen die freudigſten Geſichter der Erde machte. Nicht daſſelbe war beim Geſichte des Königs der Fall, auf dem trotz des Gewinns, für den er nicht un⸗ empfindlich war, immer noch ein Stück von einer Wolke blieb. An der Ecke einer Allee erwartete ihn Colbert. Ohne Zweifel befand ſich Herr Colbert hier kraft eines gegebenen Rendez⸗vous, denn Ludwig XIV., der ihn vermieden oder ſich den Anſchein gegeben hatte, als vermeide er ihn, machte ihm ein Zeichen und vertiefte ſich mit ihm in den Park. La Vallière hatte dieſe düſtere Stirne und dieſen flammenden Blick des Königs auch geſehen; ſie hatte ihn geſehen, und da nichts von dem, was in dieſer Seele brütete, für ihre Liebe unerforſchlich war, ſo hatte ſie begriffen, daß dieſer unterdrückte Zorn Jemand be⸗ drohte. Sie ſtellte ſich auf dem Wege der Rache wie der Engel der Barmherzigkeit auf.„ Ganz traurig, ganz verwirrt, halb wahnſinnig darüber, daß ſie von ihrem Geliebten ſo lange getrennt 147 geweſen war, unruhig über die innere Bewegung, die ſie errathen hatte, zeigte ſie ſich Anfangs dem König mit einem verlegenen Ausſehen, das Ludwig in der ſchlimmen Verfaſſung ſeines Geiſtes ungünſtig auslegte. Nun, da ſie allein oder beinahe allein waren, in⸗ ſofern Colbert, als er das Mädchen erblickte, ehrerbie⸗ tig ſtehen blieb und ſich zehn Schritte entfernt hielt, näherte ſich der König la Valliedre, nahm ſie bei der Hand und ſagte zu ihr: „Mein Fräulein, darf ich Euch, ohne unbeſcheiden zu ſein, fragen, was Ihr habt? Eure Bruſt ſcheint angeſchwollen, Eure Augen ſind feucht.“ „Ohl Sire, wenn meine Bruſt angeſchwollen iſt, wenn meine Augen feucht ſind, wenn ich traurig bin, ſo iſt dies die Traurigkeit Eurer Majeſtät.“ „Meine Traurigkeit? oh! Ihr ſeht ſchlecht, mein Fräulein. Nein, es iſt nicht Traurigkeit, was ich em⸗ pfinde.“ „Und was empfindet Ihr denn, Sire?“ „Demüthigung.“ „Demüthigung? Ohl was ſagt Ihr da?“ „Ich ſage, mein Fräulein, daß da, wo ich bin, kein Anderer der Herr ſein müßte. Nun! ſo ſchaut, ob ich, der König von Frankreich, nicht vor dem Koͤnig dieſes Beſitzthums unſichtbar werde. Oh!“ fuhr er dann mit den Zähnen knirſchend und die Fauſt ballend Pert⸗„ohl... Und wenn ich bedenke, daß dieſer önig...“ Aeun 2 fragte la Vallidre erſchrocken. „Daß dieſer König ein ungetreuer Diener iſt, der ſich mit dem Gute, das er mir geſtohlen, brüſtet! Ich werde ihm auch, dieſem unverſchämten Miniſter, ſein Feſt in eine Trauer verwandeln, der ſich die Nymphe von Paux wie dieſe Dichter ſagen, lange erinnern wird.“ 3 „Oh! Eure Majeſtät.“ 148 „Ah! mein Fräulein, wollt Ihr die Partie von Herr Fouquet nehmen!“ rief der König voll Unge⸗ duld. 4 „Nein, Sire, ich erlaube mir nur, Euch zu fra⸗ gen, ob Ihr gut nunterrichtet ſeid. Eure Majeſtät hat mehr als einmal den Werth von Hofanſchuldigungen kennen gelernt.“ Ludwig XIV. winkte Colbert durch ein Zeichen herbei. „Sprecht, Herr Colbert,“ ſagte der junge Fürſt, „denn in der That, mir ſcheint, Fräulein de la Vallière hier braucht Euer Wort, um an das Wort des Königs zu glauben. Sagt dem Fräulein, was Herr Fouquet gethan hat. Und Ihr, mein Fräulein, ohl es wird nicht lange dauern, ich bitte Euch, habt die Güte, zu hören.“ Warum drängte Ludwig XIV. ſo? Das iſt ganz einfach: ſein Herz war nicht ruhig, ſein Geiſt war nicht ganz überzeugt; er errieth einen düſteren, licht⸗ ſcheuen, krummen Schleichweg unter dieſer Geſchichte der dreizehn Millionen, und es wäre ihm lieb geweſen, wenn das Herz von la Vallidre, empört bei dem Ge⸗ danken an einen Diebſtahl, mit einem einzigen Wort den Entſchluß, den er gefaßt und den er nichtsdeſtoweniger auszuführen zögerte, gebilligt hätte. „Sprecht, mein Herr,“ ſagte la Vallisre zu Col⸗ bert, der herbeigekommen war;„ſprecht, da es der Wille des Königs iſt, daß ich Euch höre. Sagt, was iſt das Verbrechen von Herrn Fouquet?“ „Oh! es iſt nicht ſehr bedeutend, mein Fräulein,“ erwiederte der ſchwarze Menſch,„ein einfacher Ver⸗ trauensmißbrauch...“ „Sprecht, ſprecht, Colbert, und wenn Ihr ge⸗ ſprochen habt, verlaßt uns und benachrichtigt Herrn d'Artagnan, daß ich ihm Befehle zu geben habe.“ „Herrn d'Artagnan!“ rief la Vallisre,„und wa⸗ 21SSSSA — N 149 rum Herrn d'Artagnan benachrichtigen, Sire? ſagt es mir, ich flehe Euch an.“ „Bei Gott! um dieſen ſtolzen Titanen zu verhaf⸗ ten, der, ſeinem Wahlſpruche getreu, meinen Himmel zu erſtürmen droht.“ „Herrn Fouquet verhaften, ſagt Ihr?“ „Ah! Ihr wundert Euch darüber?“ „In ſeinem Hauſe?“ 3. „Warum nicht, wenn er ſchuldig iſt? er iſt ſchuldig in ſeinem Hauſe, wie anderswo.“ „Herrn Fouquet, der ſich in dieſem Augenblick zu Grunde richtet, um ſeinem König Ehre zu erweiſen?“ „Ich glaube wahrhaftig, Ihr vertheidigt dieſen Verräther, mein Fräulein?“ Colbert lachte ganz leiſe. Der König wandte ſich bei dem Ziſchen dieſes Gelächters um. „Sire,“ ſprach la Vallidre,„nicht Herrn Fouquet vertheidige ich, ſondern Euch ſelbſt.“ „Mich ſelbſt!... Ihr vertheidigt mich?“ „Sire, Ihr entehrt Euch, indem Ihr einen ſolchen Befehl gebt.“. „Mich entehren!“ murmelte, der Koͤnig, vor Zorn erbleichend.„Wahrhaftig, Ihr ſetzt bei dem, was Ihr ſagt, eine ſeltſame Leidenſchaft ein.“ „Ich bin leidenſchaftlich, nicht bei dem, was ich ſage, ſondern um Eurer Majeſtät zu dienen,“ entgeg⸗ nete das edle Mädchen.„Ich würde, wenn es ſein müßte, hiebei mein Leben einſetzen, und dies mit der⸗ ſelben Leidenſchaft, Sire.“ Colbert wollte murren. Da erhob ſich la Vallisre, das ſanfte Lamm, gegen ihn und ſprach, indem ſie ihm mit entflammtem Auge Stillſchweigen auferlegte: „Mein Herr, handelt der König gut, und es ge⸗ ſchieht dadurch auch mir oder den Meinigen Eintrag, ſo ſchweige ich; begünſtigt jedoch der König mich oder diejenigen, welche ich liebe, und er handelt ſchlimm, ſo ſage ich es ihm.“ „Aber mir ſcheint, ich liebe den König auch, mein Fräulein,“ wagte Colbert zu bemerken. „Ja, mein Herr, wir lieben ihn Beide, jedes auf ſeine Art,“ entgegnete la Vallidre mit einem Ausdruck, von dem das Herz des Königs tief durchdrungen war. „Nur liebe ich ihn ſo ſtark, daß alle Welt es weiß,⸗ daß der König ſelbſt nicht an meiner Liebe zweifelt. Er iſt mein König und mein Herr, ich bin ſeine unterthä⸗ nige Magd; aber wer ſeine Ehre anrührt, rührt mein Leben an. Ich wiederhole nun, daß diejenigen den König entehren, welche ihm rathen, Herrn Fouquet in ſeinem Hauſe verhaften zu laſſen.“ Colbert neigte das Haupt, denn er fühlte ſich vom König verlaſſen. Während er aber das Haupt neigte, murmelte er: „Mein Fräulein, ich hätte nur noch ein Wort zu agen.“ „Sagt es mir nicht, dieſes Wort, denn ich würde es nicht hören, mein Herr. Was würdet Ihr mir üb⸗ rigens ſagen? Daß Herr Fouquet Verbrechen began⸗ gen hat? Ich weiß es, weil es der König geſagt; und ſobald der König geſagt hat:„„Ich glaube,““ braucht mir nicht ein anderer Mund zu ſagen:„„Ich beſtätige.““ Doch Herr Fouquet, und wäre er der letzte der Menſchen, ich ſage es laut, Herr Fouquet iſt dem König heilig, weil der König ſein Gaſt iſt. Sein Haus, und wäre es ein Aufenthalt wilder Thiere, Vaux, und wäre es eine Höhle von Falſchmünzern und Banditen, ſein Haus iſt heilig, ſein Schloß iſt unver⸗ letzlich, weil hier ſeine Frau wohnt, und das iſt ein Aſyl, welches ſelbſt Henker nicht verletzen würden.“ La Vallisre ſchwieg. Unwillkührlich bewunderte ſie der Koͤnig; er war beſiegt durch die Wärme dieſer Stimme, durch den Adel dieſer Schutzrede. Colbert beugte ſich, der Ungleichheit des Kampfes erliegend. Der König athmete, ſchüttelte den Kopf, reichte la Val libre die Hand und ſprach mit ſanfter Stimme: 15¹1 „Mein Fräulein, warum redet Ihr gegen mich? Wißt Ihr, was der Elende thun wird, wenn ich ihn athmen laſſe?“ „Ei! mein Gott, iſt das nicht eine Beute, die Euch immer gehoͤren wird?“ „Und wenn er entweicht, wenn er flieht?“ rief Colbert. „Ah! mein Herr, es wird dem König zum ewigen Ruhm gereichen, daß er ihn hat entflieben laſſen; und je mehr Herr Fouquet ſchuldig geweſen iſt, deſto größer wird der Ruhm des Königs im Vergleich mit dieſer Erbärmlichkeit, mit dieſer Schmach ſein.“ Ludwig ſank auf ſeine Knie und küßte la Vallière die Hand. „Ich bin verloren,“ dachte Colbert. Dann klärte ſich plötzlich ſein Geſicht auf.„Oh! nein, nein, noch nicht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Und während der König, beſchützt durch die Dicke einer ungeheuren Linde, la Vallidre mit aller Gluth einer unausſprechlichen Liebe umfangen hielt, ſuchte Colbert ruhig in ſeinem Notizenbuch und zog aus dieſem ein in Form eines Briefes zuſammengelegtes Papier, ein etwas vergelbtes Papier, das jedoch koſt⸗ bar ſein mußte, da Colbert lächelte, während er es an⸗ ſchaute. Dann lenkte er ſeinen gehäſſigen Blick wieder auf die reizende Gruppe zurück, die im Schatten der König und das Mädchen bildeten, eine Gruppe, die nur durch den Schimmer von Fackeln, welche ſich näherten, beleuchtet wurde. Ludwig ſah den Widerſchein dieſer Fackeln auf dem weißen Kleide von Louiſe. „Gehe, Louiſe, denn man kommt,“ ſagte er. „Mein Fräulein, mein Fräulein, man kommt,“ fügte Colbert bei, um den Abgang des Mädchens zu beſchleunigen. Louiſe verſchwand raſch zwiſchen den Bäumen. 7 1⁵² Dann, als der König, der vor dem Mädchen niederge⸗ kniet war, ſich erhob, ſagte Colbert: „Ah! Fräulein de la Vallière hat etwas fallen laſſen.“ „Was denn?“ fragte der König. „Ein Papier, einen Brief, etwas Weißes; ſeht, dort, Sire.“— Der König bückte ſich ſchnell und hob, ihn zer⸗ knitternd, den Brief auf. goßen dieſe dunkle Scene mit Licht. In dieſem Augenblick kamen die Fackeln und über⸗ XVII. Eiferſucht. Dieſes wahre Licht, dieſer Eifer Aller, dieſe neue Huldigung, von Fouquet dem König dargebracht, hoben die Wirkung eines Beſchluſſes auf, den la Vallière ſchon ſehr im Herzen von Ludwig XIV. erſchüttert hatte. Er ſchaute Fouquet mit einer Art von Dankbar⸗ keit dafür an, daß er la Vallidre Gelegenheit verſchafft hatte, ſo edelmüthig, ſo mächtig über ſein Herz zu ſein. Es war dies der Augenblick der letzten Wunden. Kaum hatte Fouquet den König nach dem Schloſſe zurückgeführt, als eine Feuermaſſe, mit einem majeſtä⸗ tiſchen Rollen aus der Kuppel von Vaux hervorbrechend, eine blendende Morgenröthe, Alles, bis auf die kleinſten Einzelheiten der Blumenbeete, erleuchtete. Das Feuerwerk begann. Zwanzig Schritte vom 4 153 König entfernt, den die Gebieter von Vaux huldigend umgaben, ſuchte Colbert durch die Hartnäckigkeit ſeines Geiſtes die Aufmerkſamkeit von Ludwig auf Ideen zu⸗ rückzuführen, welche die Pracht des Schauſpiels ſchon zu ſehr entfernte. Plötzlich, in dem Augenblick, wo er ſie Fouquet reichen wollte, fühlte der König in ſeiner Hand das Papier, das allem Anſchein nach la Vallière im Ent⸗ fliehen zu ſeinen Füßen hatte fallen laſſen. Der ſtärkere Magnet des Liebesgedankens führte den jungen Fürſten zur Erinnerung an ſeine Geliebte zurück. Beim Schimmer des immer mehr an Schönheit zuneh⸗ menden Feuers, das Schreie der Bewunderung in den umliegenden Dörfern ausſtoßen machte, las der Kö⸗ nig das Billet, von dem er glaubte, es ſei ein von la Vallidre für ihn beſtimmter Liebesbrief. Wäͤhrend er las, erbleichte ſein Antlitz, und der dumpfe Zorn, beleuchtet von dieſen tauſendfarbigen Feuern, bildete ein ſchreckliches Schauſpiel, worüber Jedermann gebebt hätte, hätte Jeder in dieſem von den finſterſten Leidenſchaften durchwühlten Herz leſen kön⸗ nen. Für ihn gab es keinen Waffenſtillſtand in der Eiferſucht und in der Wuth mehr. Von dem Augen⸗ blick an, wo er die düſtere Wahrheit entdeckt hatte, ver⸗ ſchwand Alles: Mitleid, Sanftmuth, Religion und Gaſtfreundſchaft. Wenig fehlte, daß er nicht bei dem ſcharfen Schmerz, der ſein Herz zuſammendrehte, welches noch zu ſchwach war, um ſein Leiden zu verbergen, wenig fehlte, daß er einen Schreckensſchrei ausgeſtoßen und ſeine Gar⸗ den um ſich gerufen hätte. Dieſer, wie man ſchon errathen hat, von Colbert auf den Weg des Königs geworfene Brief war der, welcher mit dem Portier Tobie in Fontainebleau nach dem von Fouquet auf das Herz von la Vallidre ge⸗ machten Verſuche verſchwand, Fouquet ſah die Bläſſe, errieth aber die Urſache nicht; Colbert ſah den Zorn und freute ſich auf das Herannahen des Sturmes. Die Stimme von Fouquet entzog den jungen Für⸗ ſten ſeiner wilden Träumerei. „Was habt Ihr, Sire?“ fragte liebreich der Ober⸗ intendant. Ludwig machte eine Anſtrengung, eine ganz gewal⸗ tige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und erwiederte: „Nichts!“ „Ich befürchte, Eure Majeſtät leidet.“ „Ich leide in der That, ich habe es ſchon geſagt, mein Herr, doch es iſt nichts.“ Und ohne das Ende des Feuerwerks abzuwarten, wandte ſich der König nach dem Schloſſe. Fouquet begleitete den König. Alle Welt folgte hinter ihnen. 1un“ letzten Raketen verbrannten traurig für ſich elbſt. Der Oberintendant verſuchte es, den König aber⸗ mals zu befragen, erhielt jedoch keine Antwort. Er muthmaßte, es habe ein Streit zwiſchen Ludwig und la Vallidre ſtattgefunden, ein Zerwürfniß ſei dadurch entſtanden, und der König, ſeiner Natur nach wenig zänkiſch, aber ganz ſeiner Liebeswuth hingegeben, habe einen Haß gegen die ganze Welt gefaßt, ſeitdem ſeine Geliebte mit ihm ſchmollte. Dieſer Gedanke genügte, um ihn zu troͤſten; er hatte ſogar ein freundſchaftliches und tröſtendes Lächeln für den König, als ihm dieſer gute Nacht wünſchte. Das war nicht Alles für den König. Er mußte die Bedienung durchmachen. Dieſe Abendbedienung ſollte in großer Etiquette ſtattfinden. Der andere Tag war für die Abreiſe beſtimmt. Die Gäſte mußten dem Wirthe danken und ihm eine Axtigkeit für ſeine zwölf Millionen geben. ——— ———— 15⁵ Das Einzige, was der König Liebenswürdiges für Fouquet fand, waren, als er ihn entließ, die Worte: „Herr Fouquet, Ihr ſollt Nachricht von mir er⸗ halten; ich bitte, laßt Herrn d'Artagnan hierher kom⸗ men.“ Und das Blut von Ludwig XIII., das ſich ſo ſehr verſtellt hatte, kochte nun in ſeinen Adern, und er war nahe daran, Fouquet erwürgen zu laſſen, wie ſein Vor⸗ gänger den Marſchall d'Anere hatte erwürgen laſſen. Er verbarg auch den abſcheulichen Entſchluß unter einer von jenen lächelnden Mienen, welche die Blitze der Staatsſtreiche ſind. Fouquet nahm die rechte Hand des Königs und küßte ſie. Ludwig ſchauerte am ganzen Leib, ließ aber ſeine Hand von den Lippen von Fouguet berühren. Nach fünf Minuten trat d'Artagnan, dem man den königlichen Befehl überbracht hatte, in das Zimmer von Ludwig XIV. Aramis und Philipp waren in dem ihrigen, ſtets aufmerkſam, ſtets horchend. Der König ließ dem Kapitän der Musketiere nicht Zeit, bis zu ſeinem Lehnſtuhl zu kommen. Er lief ihm entgegen. ief„Seid beſorgt, daß Niemand hier herein kommt,“ rief er. „Gut, Sire,“ erwiederte der Soldat, deſſen Blick ſchon lange die Verheerungen in dieſem Geſichte ana⸗ lyſirt hatte. 1 Und er gab bei der Thüre Befehl; dann kehrte er zum Koͤnig zurück und ſagte: „Gibt es Neues bei Eurer Majeſtät?“ „Wie viel habt Ihr Leute hier?“ fragte der König, ohne anders auf die Frage, die man an ihn gerichtet, zu antworten.. „Wozu, Sire?“ „Wie e ſhunt Ihr Leute?“ wiederholte der König, mit dem Fuße ſtampfend. 4 156 „Ich habe die Musketiere.“ „Ferner?“ „Ich habe zwanzig Garden und dreizehn Schwei⸗ er.“ 1„Wie viel braucht man Leute, um...“ „Um..“ wiederholte der Musketier mit ſeinen großen, ruhigen Augen. „Um Herrn Fouquet zu verhaften?“ D'Artagnan machte einen Schritt rückwärts. „Herrn Fouquet verhaften!“ rief er. „Werdet Ihr mir auch ſagen, das ſei unmöglich!“ ſchrie der König mit einer kalten, gehäſſigen Wuth. „Ich ſage nie, es ſei etwas unmöglich,“ erwiederte d'Artagnan, tief verwundet. „Nunl ſo thut es.“ D'Artagnan drehte ſich auf ſeinen Abſätzen und ging auf die Thüre zu. Der Naum, den er zu durchlaufen hatte, war kurz; er legte ihn mit ſechs Schritten zurück. Da blieb er ſtehen und ſagte: „Verzeihr, Sire.“ „Was?“ fragte der König. „Um dieſe Verhaftung vorzunehmen, moͤchte ich gern einen geſchriebenen Befehl haben.“ „Warum und ſeit wann genügt Euch das Wort des Königs nicht?“ „Weil ein Königswort, aus dem Gefühle des Zor⸗ nes hervorgegangen, ſich ändern kann, wenn ſich das Gefühl ändert.“ „Keine Phraſen, mein Herr! Ihr habt einen an⸗ dern Gedanken.“ „Oh! ich habe immer Gedanken, und zwar Gedan⸗ ken, welche leider die Andern nicht haben,“ erwiederte frecher Weiſe d'Artagnan. Im Ungeſtüm ſeines Zornes beugte ſich der Koͤnig vor dieſem Mann, wie das Pferd die Häckſen unter der mächtigen Hand des Bändigers beugt. — 157 „Euer Gedanke?“ rief er. „Hoͤret, Sire,“ erwiederte d'Artagnan.„Ihr laßt einen Mann verhaften, während Ihr noch bei ihm ſeid. Das iſt der Zorn. Wenn Ihr nicht mehr zornig ſeid, werdet Ihr es bereuen. Dann will ich Euch Eure Un⸗ terſchrift zeigen können. Wenn das nichts wieder gut macht, ſo wird es uns doch zeigen, daß der König Un⸗ recht hat, in Zorn zu gerathen.“ „Unrecht hat, in Zorn zu gerathen!“ brüllte der König in ſeiner Wuth.„Beim Leibe Chriſti! gerieth der König, mein Vater, gerieth mein Großvater nicht auch in Zorn?“ „Der König Euer Vater, der Köͤnig Euer Groß⸗ vater geriethen immer nur in ihrem Hauſe in Zorn.“ „Der König iſt überall Herr, wie in ſeinem Hauſe.“ „Das iſt eine Schmeichlerphraſe, die von Herrn Colbert herkommen muß, aber es iſt keine Wahrheit. Der König iſt in jedem Hauſe bei ſich, wenn er den Eigenthümer daraus vertrieben hat.“ Ludwig biß ſich auf die Lippen. „Wie!“ ſagte d'Artagnan,„das iſt ein Mann, der ſich für Euch zu Grunde richtet, und Ihr wollt ihn verhaften laſſen! Mordioux! Sire, wenn ich Fouquet hieße und man mir das thäte, ich würde Raketen ver⸗ ſchlingen und Feuer daran legen, um mich, mich und alles Uebrige, in die Luft zu ſprengen! Gleichviel, Ihr wollt es und ich gehe.“ „Geht,“ ſagte der König.„Ihr habt Leute ge⸗ nug?“ „Glaubt Ihr, Sire, ich werde einen Gefreiten mit mir nehmen? Herrn Fouquet verhaften, das iſt ſo leicht, daß es ein Kind thäte. Herrn Fouquet verhaf⸗ ten? das iſt, als ob man ein Glaschen Abſinthe tränke. Man macht ein ſaures Geſicht, und das iſt Alles.“ „Wenn er, ſich vertheidigt?“ „Er! ah! ſich vertheidigen, während ihn eine Strenge, wie dieſe, zum König und Märtyrer macht! Höret, wenn ihm eine Million bleibt, was ich bezweifle, ich wette, er würde ſie geben, um dieſes Ende zu haben. Sire, ich gehe.“ „Wartet,“ ſprach der König. „Ah! was gibt es?“ „Macht ſeine Verhaftung nicht oͤffentlich.“ „Das iſt ſchwieriger.“ „Warum?“ 8 „Weil nichts einfacher ſein kann, als inmitten von tauſend begeiſterten Perſonen, die ihn umgeben, auf Herrn Fouquet zuzugehen und zu ihm zu ſagen:„„Im Namen des Königs, mein Herr, ich verhafte Euch!“" Aber auf ihn zugehen, ihn drehen und umdrehen, ihn in irgend einem Winkel des Schachbretts feſthalten, ihn allen ſeinen Gäſten ſtehlen und gefangen halten, ohne daß man eines von ſeinen Ach! gehört hätte, das iſt eine wirkliche, wahre, große Schwierigkeit, welche zu überwinden dem Geſchickteſten kaum möglich ſein wird. „Sagt doch geradezu: Es iſt unmöglich, und Ihr werdet geſchwinder fertig ſein. Ohl mein Gott! mein Gott! wäre ich nur von Leuten umgeben, die mich hindern, zu thun, was ich will?“ „Ich, ich hindere Euch nicht, irgend etwas zu thun. Iſt das abgemacht?“ „Bewacht mir Herrn Fouquet, bis ich morgen ei⸗ nen Entſchluß gefaßt habe.“ „Das ſoll geſchehen, Sire.“ „Und kommt zu meinem Aufſtehen, um neue Be⸗ fehle bei mir einzuholen.“ 8 „Ich werde kommen.“ „Nun laſſe man mich allein.“ „Ihr braucht nicht einmal Herrn Colbert?“ ſagt⸗ der Musketier, im Augenblick des Abgangs ſeinen letz⸗ ten Pfeil abſendend. 4“ 159 Der König bebte. Ganz mit ſeiner Reiſe beſchäf⸗ 15 tigt, hatte er den Gegenſtand des Verbrechens ver⸗ geſſen.. 1„Nein, Niemand,“ ſagte er,„Niemand hier! Laßt mich.“ 3 D'Artagnan entfernte ſich. Der König ſchloß ſelbſt ſeine Thüre und fing an wüthend im Zimmer umher zu rennen, wie der verwundete Stier, der die Schlingen und die eiſernen Haken, die man nach ihm geſchleudert, fortſchleppt. Endlich erleichterte er ſich durch Schreie. n„Ah! der Elende! nicht nur ſtiehlt er mir meine uf Finanzen, ſondern mit dieſem Geld beſticht er mir Ge⸗ in heimſchreiber, Freunde, Generale, Künſtler, und er 3 nimmt mir ſogar meine Geliebte weg! Ah! darum hn hat ihn dieſe Treuloſe ſo muthig vertheidigt!... Das in war WDantharleit... Wer weiß, vielleicht ſogar Liebe!...“ iſt Er verſank einen Augenblick in ſeine ſchmerzlichen zu Betrachtungen. 3 ein„Ein Satyr!“ dachte er, mit jenem tiefen Haß, den die große Jugend gegen reife Männer hegt, welche hr noch an die Liebe denken,„ein Faun, der den Galan⸗ ein ten ſpielt und nie Widerſpänſtige gefunden hat, ein ich Weiberknecht, der Blümchen von Gold und Diamanten verſchenkt und Maler hält, um die Portraits ſeiner in. weiiehtinnen im Coſtume von Göttinnen machen zu aſſen!“* ei⸗ Der König bebte vor Verzweiflung. „Er beſchmutzt mir Alles!“ fuhr er fort.„Er richtet mir Alles zu Grunde! Er wird mich umbrin⸗ Ze⸗ geu! Dieſer Menſch iſt zu viel für mich! Er iſt mein Todfeind! Dieſer Menſch wird fallen! ihn!... ich haſſe ihn!... ich haſſe ihn!...“ Und indem er dieſe Worte ſprach, klopfte er mit verdoppelten Schlägen auf die Arme des Lehnſtuhls, in tiſcher aufſtand. 160 welchen er ſich ſetzte, und aus dem er wie ein Epilep⸗ „Morgen! morgen!...“ murmelte er.„Ohl ein ſchöner Tag, wenn die Sonne aufgeht und ich nur noch mich zum Nebenbuhler haben werde. Dieſer Menſch wird ſo tief fallen, daß man, wenn man die Trümmer ſieht, die mein Zorn gemacht hat, endlich zugeſtehen wird, ich ſei größer, als er.“ 1 Unfähig, ſich länger zu bemeiſtern, warf der König mit einem Fauſtſchlag einen Tiſch um, der bei ſeinem Bette ſtand, und weinend, beinahe erſtickend in dem Schmerz, den er empfand, ſtürzte er ſich ganz angeklei⸗ det, wie er war, auf ſeine Betttücher, um darein zu beißen und um hier die Ruhe des Körpers zu finden. Das Bett ächzte unter dieſem Gewicht, und abge⸗ ſehen von einigen Seufzern, die der keuchenden Bruſt des Königs entſchluͤpften, hörte man nichts mehr im Morpheus⸗Zimmer. 1 Die exaltirte Wuth, die ſich des Köͤnigs beim An⸗ blick und beim Leſen des Briefes von Fouquet an la Vallidre bemächtigt hatte, zerſchmolz allmälig in eine ſchmerzliche Müdigkeit. Voll Geſundheit und Leben, iſt es für die Jugend Bedürfniß, ſogleich wiederherzuſtellen, was ſie verloren hat; ſie kennt die Schlafloſigkeiten ohne Ende nicht, welche für den Unglücklichen die Fabel von der immer wieder wachſenden Leber des Prometheus verwirklicht. Da, wo der reifere Mann in ſeiner Kraft, wo der Greis in ſeiner Erſchöpfung eine beſtändige Nahrung für den Schmerz finden, entkräftet ſich der durch die Offenba⸗ rung des Uebels überraſchte junge Mann in Schreien, in unmittelbaren Kämpfen, und läßt ſich ſchneller durch den unbeugſamen Feind, den er bekämpft, niederſchmet⸗ tern. Iſt er einmal niedergeſchmettert, ſo leidet er nicht mehr. —— BO——3 82——— N — X — 164 Ludwig war in einer Viertelſtunde bezähmt; dann hörte er auf, ſeine Fäuſte krampfhaft zu ballen und mit ſeinen Blicken die unſichtbaren Gegenſtände ſeines Haſſes zu verſengen; er hörte auf, durch heftige Worte Herrn Fouquet und la Vallidre anzuklagen; er verfiel von der Wuth in die Verzweiflung und von der Ver⸗ zweiflung in die Niedergeſchlagenheit. Nachdem er ſich einige Augenblicke auf ſeinem Bette abwechſelnd angeſtrafft und gekrümmt hatte, ſie⸗ len ſeine Arme wieder träge an ſeiner Seite herab. Sein Kopf ſank auf das Spitzenkiſſen, ſeine erſchöpften Glieder bebten, von leichten Zuſammenziehungen der Muskeln bewegt, und ſeine Bruſt ließ nur ſeltene Seuf⸗ zer durchſiekern. 1 Der Gott Morpheus, der als unumſchränkter Ge⸗ bieter in dieſem Zimmer herrſchte, welchem er ſeinen Namen gegeben hatte, und gegen den Ludwig ſeine durch den Zorn erſchwerten und durch die Thränen gerötheten Augen richtete, der Gott Morpheus ergoß auf ihn den Mohn, von dem ſeine Hände voll waren, ſo daß der König ſachte die Augen ſchloß und entſchlummerte. Da kam es ihm vor, wie es oft in dieſem erſten ſo ſanften und ſo leichten Schlafe geſchieht, der den Kör⸗ per über das Lager, die Seele über die Erde erhebt, es kam ihm vor, als ob ihn der an den Plafond ge⸗ malte Gott Morpheus mit ganz menſchlichen Augen anſchaute; als ob in der Kuppel etwas glänzte und ſich bewegte, als ob die Schwärme finſterer Träume, einen Augenblick auf die Seite gerückt, das Geſicht eines Menſchen, die Hand auf ſeinen Mund gelegt und in der Haltung eines beſchaulichen Nachſinnens, entblößt ließen. Und... ſeltſame Erſcheinung.. dieſer Menſch glich dergeſtalt dem König, daß Ludwig ſein eigenes Bild in einem Spiegel zurückgeworfen zu ſehen glaubte. Nur war dieſes Geſicht durch ein Gefühl tiefen Mit⸗ leids verdüſtert. Die drei Musketiere. Bragelonne, IX. 11 — Dann kam es ihm allmälig vor, als ob die Kuppel flöhe und ſeinem Blick entſchwände, und als ob die von Lebrun gemalten Figuren und Attribute ſich in einer ſtufenweiſen Entfernung verdunkelten. Eine ſanfte, gleichmäßige, abgemeſſene Bewegung, wie die eines Schiffes, das unter die Welle taucht, war auf die Unbeweglichkeit des Bettes gefolgt. Der König machte ohne Zweifel einen Traum, und in dieſem Traum entfernte ſich die goldene Krone, welche die Vorhänge feſthielt, wie die Kuppel, an der ſie hing, ſo daß der geflügelte Genius, der mit ſeinen beiden Händen dieſe Krone ſtützte, vergebens den Kö⸗ nig, der fern von ihr verſchwand, zu rufen ſchien. Das Bett ſank immer. Die Augen offen, ließ ſich Ludwig durch dieſe furchtbare Sinnenblendung täu⸗ ſchen. Endlich verdunkelte ſich das Licht des königlichen Gemachs, und etwas Düſteres, Kaltes, Unerklärliches erfüllte die Luft. Keine Gemälde, kein Gold, keine Sammetvorhänge mehr, ſondern Mauern von einem trüben Grau, deſſen Schatten immer dichter wurde. Und dennoch ſank das Bett immer mehr, und nach einer Minute, die dem König ein Jahrhundert dünkte, er⸗ reichte es eine ſchwarze, eiſige Luftſchichte. Hier blieb es ſtehen. Der König ſah das Licht ſeines Zimmers nicht mehr, als man aus der Tiefe eines Brunnen das Licht des Tages ſieht. „Ich habe einen abſcheulichen Traum!“ dachte er.„Gs iſt Zeit, daß ich erwache. Auf, erwachen wir!“ Alle Welt hat empfunden, was wir hier ſagen; es gibt keinen Menſchen, der ſich nicht, unter einem er⸗ ſtickenden Alp, mit Hülfe jener Lampe, welche im Grunde des Gehirnes wacht, wenn alles menſchliche Licht erloſchen iſt, geſagt hat: Es iſt nichts, es iſt ein Traum! 8. Das hatte ſich der König auch geſagt, doch bei 163 dem Worte: Erwachen wir! bemerkte er, daß er nicht nur wach war, ſondern daß er auch die Augen offen hatte. Da ſchaute er umher. 4 Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken ſtanden zwei bewaffnete Männer, jeder in einen weiten Mantel gehüllt und das Geſicht mit einer Larve bedeckt. Einer von dieſen zwei Männern hielt in der Hand eine kleine Lampe, deren rother Schein das traurigſte Gemälde beleuchtete, das ein König erſchauen konnte. Ludwig ſagte ſich, ſein Traum währe fort, und um ihn aufhoͤren zu machen, genüge es, die Arme zu bewegen oder ſeine Stimme hören zu laſſen. Er wandte ſich nun an denjenigen von den zwei Männern, welcher die Lampe hielt, und ſprach: „Was iſt das, mein Herr, und woher rührt dieſer Scherz?“ „Es iſt kein Scherz,“ antwortete mit dumpfer Stimme derjenige von den zwei Männern, welcher die Lampe hielt. „Seid Ihr im Dienſte von Herrn Fouquet?“ fragte der König, ein wenig verblüfft. „Gleichviel, in weſſen Dienſte wir ſind!“ erwie⸗ derte das Geſpenſt.„Wir ſind nun Eure Gebieter.“ Mehr ungeduldig, als eingeſchüchtert, wandte ſich der König an die zweite Larve und ſprach: „Iſt das eine Komödie, ſo ſagt Herrn Fouquet, 19 finde ſie unſchicklich, und ich befehle, daß ſie auf⸗ öre.“ 1 Die zweite Larve, an die ſich der König wandte, war ein Mann von hohem Wuchſe und von großem Umfang. Er hielt ſich aufrecht und unbeweglich, wie ein Marmorblock. „Nun!“ fügte der König, mit dem Fuße ſtampfend, bei:„Ihr antwortet mir nicht!“ „Wir antworten Euch nicht, mein kleiner Herr,“ erwiederte der Rieſe mit einer Stentorſtimme,„weil „Euch nichts zu antworten iſt, wenn nicht, daß Ihr der verſte Aergerliche ſeid, und daß Herr Coquelin von Volidre Euch in der Zahl der Seinigen vergeſſen hat.“ 4 „Aber was will man denn von mir?“ rief Ludwig, voll Zorn die Arme kreuzend. „Ihr werdet es ſpäter erfahren,“ erwiederte der„ Lampenträger. „Sagt mir einſtweilen, wo ich bin?“ „Schaut!“. Ludwig ſchaute wirklich; doch beim Scheine der Lampe, die der Verlarvte aufhob, erblickte er nur feuchte Wände, an denen da und dort der ſilberne Sog von Erdſchnecken glänzte. „Hol ho! ein Kerker!“ machte Ludwig. „Nein, ein unterirdiſches Gewölbe.“ „Welches fuͤhrt?...“ „Wollt uns folgen.“ „Ich rühre mich nicht von der Stelle!“ rief der König. „Macht Ihr den Widerſpänſtigen, mein junger Freund,“ erwiederte der Stärkere von den beiden Män⸗ nern,„ſo hebe ich Euch auf und wickle Euch in mei⸗ nen Mantel, und wenn Ihr darin erſtickt, meiner Treue! deſto ſchlimmer für Euch.“ Indem er dieſe Worte ſagte, zog der Sprechende unter dem Mantel, mit dem er den König bedrohte, eine Hand hervor, die Milon von Kroton gern an dem Tage beſeſſen hätte, wo ihm der unglückliche Gedanke kam, ſeine letzte Eiche auseinander zu reißen. Es ſchauderte dem König vor einer Gewaltthat, denn er begriff, daß dieſe zwei Männer, in deren Ge⸗ walt er ſich befand, nicht ſo weit vorgerückt waren, um zurückzuweichen, und daß ſie folglich die Sache bis aufs Aeußerſte treiben würden. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte: 1 „Es ſcheint, ich bin in die Hände von zwei Mör⸗ dern gefallen. Vorwärts!“ Keiner von den zwei Männern erwiederte eiwas — 165⁵ auf dieſes Wort. Derjenige, welcher die Lampe trug, ging voran; der König folgte ihm; dann kam die zweite Larve. Man durchſchritt eine lange, gekrümmte Gal⸗ lerie, mit ſo vielen Treppen, als man dem geheim⸗ nißvollen, duſteren Palaſte von Anne adeliff findet. Alle dieſe Krümmungen, in denen der König wieder⸗ holt das Rauſchen von Waſſer über ſeinem Kopfe hörte, mündeten am Ende in einen langen, mittelſt einer eiſer⸗ nen Thüre verſchloſſenen Gang aus. Der Mann der Lampe öffnete dieſe Thüre mit Schlüſſeln, die er an ſeinem Gürtel trug, wo ſie der Köoͤnig auf dem ganzen Wege hatte klirren hören. Als ſich dieſe Thüre öffnete und Luft einſtroͤmen ließ, erkannte der König die balſamiſchen Düfte, welche die Bäume nach heißen Sommertagen ausſtrömen. Einen Augenblick blieb er ſtehen, aber der kräftige Wächter, de ihm folgte, ſchob ihn aus dem unterirdiſchen Gang inaus. „Ich frage Euch noch einmal,“ ſagte Ludwig, in⸗ dem er ſich gegen denjenigen umwandte, der ſich die verwegene Handlung, ſeinen Souverain zu berühren, erlaubt hatte,„was wollt Ihr mit dem Koͤnig von Frankreich machen?“ „Sucht dieſen Namen zu vergeſſen,“ erwiederte der Lampenmann mit einem Ton, der ebenſo wenig eine Ginwendung zuließ, als die berühmten Sprüche von inos. „Ihr müßtet für dieſes Wort gerädert werden,“ fügte der Rieſe bei, der nun das Licht auslöſchte, das ihn ſein Gefährte reichte;„doch der König iſt zu leut⸗ elig.“ Bei dieſer Drohung machte Ludwig eine ſo unge⸗ ſtüme Bewegung, daß man glauben konnte, er wolle entfliehen; doch die Hand des Rieſen legte ſich auf ſeine Schulter und hielt ihn an ſeinem Platze feſt. „Aber wohin gehen wir denn?“ fragte der König. 1 „Kommt,“ erwiederte der Erſte von den zwei Män⸗ nern mit einer Art von Ehrfurcht. Und er führte ſeinen Gefangenen zu einem Wa⸗ gen, der zu warten ſchien. Dieſer Wagen war ganz im Blätterwerk verbor⸗ gen. Zwei Pferde, welche Feſſeln an den Beinen hat⸗ ten, waren mittelſt eines Halfters an die niedrigen Zweige einer großen Eiche gebunden. „Steigt ein,“ ſagte derſelbe Mann, indem er den Kutſchenſchlag öffnete und den Fußtritt niederließ. Der König gehorchte und ſetzte ſich auf den Rückſitz des Wagens, deſſen gepolſterter und mit einem Schloſſe verſehener Schlag ſogleich hinter ihm und ſeinem Füh⸗ rer zugemacht wurde. Der Rieſe durchſchnitt die Feſ⸗ ſeln und Halfter der Pferde, ſpannte ſelbſt an und ſtieg auf den Bock, der nicht beſetzt war. Sogleich fuhr der Wagen in ſcharfem Trabe ab, erreichte die⸗Straße nach Paris und fand im Walde von Senort ein wie die erſten Pferde an die Bäume gebundenes Relais ohne Poſtillon. Der Mann vom Bock wechſelte das Geſpann und ſetzte raſch die Fahrt nach Paris fort, wo er gegen drei Uhr Morgens ankam. Der Wagen folgte dem Faubourg Saint⸗Antoine, und nachdem er der Schild⸗ wache:„Befehl des Königs!“ zugerufen hatte, lenkte der Kutſcher die Pferde in die kreisförmige, auf den Hof des Gouvernement zulaufenden Ringmauer der Baſtille. Hier hielten die Pferde rauchend bei den Stu⸗ fen der Freitreppe an. Ein Sergent von der Wache lief herbei. „Man wecke den Herrn Gouverneur 1“ rief der Kutſcher mit einer Donnerſtimmtme. Abgeſehen von dieſer Stimme, welche man vom Eingange des Faubourg Saint⸗Antoine aus hätte hö⸗ ren können, blieb Alles ruhig im Wagen, wie im Schloß. Nach zehn Minuten erſchien Herr von Bai⸗ ſemeaux im Schlafrock auf ſeiner Thürſchwelle. 167 „Was gibt es wieder?“ fragte er.„Und wen bringt Ihr mir da?“ Der Mann mit der Laterne öͤffnete den Wagen⸗ ſchlag und ſagte zwei Worte zum Kutſcher. Sogleich ſtieg dieſer von ſeinem Bocke ab, nahm die Muskete, die er unter ſeinen Füßen hielt, und ſetzte den Lauf des Gewehres dem Gefangenen auf die Bruſt. „Und gebt Feuer, wenn er ſpricht!“ fügte laut der Mann, der aus dem Wagen ſtieg, bei. „Gut,“ erwiederte der Andere ohne eine weitere Bemerkung. Nachdem er dieſen Auftrag ertheilt hatte, ſtieg der Führer des Königs die Stufen hinauf, auf deren oberſter der Gouverneur wartete. „Herr d'Herblay!“ rief dieſer. „St!“ ſagte Aramis,„treten wir bei Euch ein.“ „Ach! mein Gott! Und was führt Euch denn zu dieſer Stunde hierher?“ „Ein Irrthum, mein lieber Herr von Baiſemeaux,“ antwortete Aramis ruhig.„Es ſcheint, Ihr hattet neulich Recht.“ 4 „In welcher Hinſicht?“ „In Beziehung auf den Freilaſſungsbefehl, theurer Freund.“ „Erklärt mir das, mein Herr, nein, Monſeigneur, a ſagte Baiſemeaur ganz beklommen zugleich von Ver⸗ wunderung und von Schrecken. 1 „Das iſt ganz einfach. Ihr erinnert Euch, lieber Herr von Baiſemeaur, daß man Euch einen Freilaſſungs⸗ befehl überſchickt hat?“ „Ja, für Marchiali.“ „Nicht wahr, wir haben Alle geglaubt, er wäre für Marchiali?“ „Gewiß. Entſinnt Euch jedoch, daß ich zweifelte, daß ich nicht wollte, daß Ihr mich gezwungen habt.“ „Ohl! welches Wort gebraucht Ihr da, lieber Bai⸗ ſemeaux! aufgefordert, nicht mehr.“ * „Aufgefordert, ja, Euch den Gefangenen zu über⸗ geben, und Ihr habt ihn in Eurem Wagen mitge⸗ nommen.“ „Wohl! mein lieber Herr von Baiſemeaur, das war ein Irrthum. Man hat ihn im Miniſterium erkannt, ſo daß ich Euch einen Befehl des Königs bringe, einen Anderen in Freiheit zu ſetzen... Seldon, den armen Teufel von einem Schotten, Ihr wißt?“ „Seldon! ſeid Ihr diesmal Eurer Sache ſicher?“ „Ei! leſet ſelbſt,“ rief Aramis. Und er reichte ihm den Befehl. „Aber dieſer Befehl iſt mir ſchon einmal durch die Hände gegangen,“ ſagte Baiſeme aux.“ „Wahrhaftig!“ „Es iſt der, von welchem ich Euch betheuerte, ich habe ihn an jenem Abend geſehen. Bei Gott! ich er⸗ kenne ihn an dem Tintenklecks.“ „Ich weiß nicht, ob es derſelbe iſt, ſoviel bleibt aber wahr, daß ich ihn Euch überbringe.“ „Doch der Andere?“ „Welcher Andere?“ „Marchiali.“ „Ich führe ihn Euch zurück.“ „Das genügt mir nicht. Um ihn wieder aufzu⸗ nehmen, brauche ich einen neuen Befehl.“ „Sagt doch nicht ſolche Dinge, mein lieber Baiſe⸗ meaux! Ihr ſprecht wie ein Kind! Wo iſt der Be⸗ feir, ehe Ihr in Beziehung auf Marchiali erhalten habt?“ Baiſemeaux lief an ſeinen Schrank und zog den Befehl daraus hervor. Aramis nahm ihn, zerriß ihn kalt in vier Stücke, hielt die Stücke an die Lampe und verbrannte ſie. „Was macht Ihr denn?“ rief Baiſemeaux, im hoöchſten Grade erſchrocken. „Betrachtet ein wenig die Lage der Dinge, mein lieher Gouverneur,“ erwiederte Aramis mit ſeiner un⸗ i 0 8* N e⸗ — 8— 169 ſtörbaren Ruhe,„und Ihr werdet ſehen, wie einfach ſie iſt. Ihr habt keinen Befehl mehr, der den Abgang voon Marchiali rechtfertigt.“ „Eil mein Gott, nein, ich bin ein verlorener Mann.“ „Keines Wegs, da ich Euch Marchiali zurückbringe. Sobald ich ihn Euch bringe, iſt es, als ob er gar nicht weggegangen wäre.“ „Ah!“ machte der Gouverneur verblüfft. „Allerdings. Ihr ſperrt ihn auf der Stelle wie⸗ der ein.“ „Das glaube ich wohl!“ „Und Ihr gebt mir dieſen Seldon, den der neue Beſehl frei macht. Auf dieſe Art iſt Eure Verant⸗ wortlichkeit in Ordnung. Begreift Ihr?“ „Ich. ich.. „Ihr begreift,“ ſagte Aramis.„Sehr gut!“ Baiſemeaux faltete die Hände. „Aber warum bringt Ihr mir denn Marchiali zu⸗ rück, nachdem Ihr mir ihn genommen habt?“ rief der unglückliche Gouverneur in einem Paroxismus des Schmerzes und der Beſtürzung. „Für einen Freund, wie Ihr,“ ſagte Aramis,„für einen Diener, wie Ihr, habe ich keine Geheimniſſe.“ Und er näherte ſeinen Mund dem Ohre von Bai⸗ ſemeaux und flüſterte: „Ihr wißt, welche Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Unglücklichen und...“ „Dem König ſtattfindet, ja.“ „Wohl!l der erſte Gebrauch, den Marchiali von ſeiner Freiheit machte, war, daß er behauptete, erra⸗ thet, was?“ „Wie ſoll ich das errathen?“ „Daß er behauptete, er ſei der Koͤnig von Frankreich.“ „Ohl der Unglückliche!“ rief Baiſemeaur. „Dies geſchah, um Kleider denen des Königs ähn⸗ liche anzuthun, und ſich als Uſurpator aufzuwerfen.“ 170 „Gütiger Himmel!“ „Deswegen bringe ich ihn Euch zurück, lieber Aefthüd Er iſt ein Narr und ſagt ſeine Narrheit aller e. „Was iſt nun zu thun?“ „Das iſt ganz einfach: Ihr dürft ihn mit Niemand reden laſſen. Ihr begreift, daß, als die Sache dem König zu Ohren kam, der mit ſeinem Unglück Mitleid gehabt hatte und nun ſeine Güte mit dem ſchwärzeſten Undank belohnt ſah, der König wüthend war. So daß nun, behaltet das wohl, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaur, denn das geht Euch an, daß nun die Todes⸗ ſtrafe für diejenigen darauf geſetzt iſt, welche ihn mit andern Perſonen, als mit mir oder mit dem König ſelbſt, ſich unterreden ließen. Ihr verſteht, Baiſemeaux, Todesſtrafe.“)„ „Ob ich verſtehe, alle Teufel!“ „Und nun geht hinab, und führt den armen Teu⸗ fel wieder in ſeinen Kerker, wenn Ihr ihn nicht lieber hier herauf kommen laſſen wollt.“ „Wozu dies?“ „Ja, nicht wahr, es iſt beſſer, ihn ſogleich einzu⸗ ſperren.“ „Bei Gott!“ „Gehen wir alſo.“ Baiſemeaux ließ die Trommel rühren und die Glocke läuten, was verkündigte, daß Jeder in ſeiie Wohnung zurückzukehren hatte, um das Begegnen eines geheimnißvollen Gefangenen zu vermeiden. Dann, als die Wege frei waren, nahm er aus dem Wagen den Gefangenen, den Porthos, dem Befehl getreu, die Mus⸗ kete auf die Bruſt geſetzt bewachte. „Ahl Ihr ſeid der Unglückliche!“ rief Baiſemeaux, als er den König erblickte.„Es iſt gut! es iſt gut!“ Und er ließ ſogleich den König aus dem Wagen ſteigen, führte ihn, ſtets begleitet von Porthos, der ſeine Larve nicht abgelegt, und von Aramis, der die ſeinige 171 wieder aufgenommen hatte, in die zweite Bertaudidre und öffnete ihm die Thüre der Stube, in der Philipp ſechs Jahre lang geſeufzt hatte. Der König trat in den Kerker ein, ohne ein Wort zu ſprechen. Er war bleich und verſtört. 4 Baiſemeaux machte die Thüre wieder hinter ihm zu, drehte den Schlüſſel ſelbſt zweimal im Schloſſe um, kehrte dann zu Aramis zurück und ſagte leiſe zu dieſem: „Es iſt, bei meiner Treue! wahr, er gleicht dem König; doch weniger, als Ihr ſagt.“ „So daß Ihr Euch durch die Unterſchiebung nicht hättet täuſchen laſſen.“ „Ahl was denkt Ihr!“ „Ihr ſeid ein koſtbarer Mann, mein lieber Baiſe⸗ meaur,“ ſagte Aramis.„Setzt nun Seldon in Frei⸗ heit.“ „Es iſt richtig; ich vergaß... Ich will den Be⸗ fehl geben...“. „Bahl Ihr habt morgen Zeit.“ „Morgen! nein, nein, auf der Stelle. Gott be⸗ hüte mich, daß ich eine Secunde warte.“ „Dann geht an Eure Geſchäfte, ich gehe an die meinigen. Doch nicht wahr, das iſt abgemacht?“ „Was iſt abgemacht?“ „Das Niemand der Eintritt zu dem Gefangenen geſtattet wird, außer mit einem Befehl des Koͤnigs, welchen Befehl ich ſelbſt überbringen werde.“ „ Abgemacht. Gott befohlen, Monſeigneur.“ Aramis kehrte zu ſeinem Gefährten zurück. „Vorwärts, Freund Porthos, nach Vaux! Und geſchwinde!“ „Man iſt leicht, wenn man ſeinem König treu ge⸗ dient und, indem man ihm gedient, ſein Vaterland gerettet hat,“ ſagte Parthos.„Die Pferde werden nichts zu ziehen haben. Marſch!“ Und von einem Gefangenen befreit, der Aramis „ 172 in der That ſehr ſchwer ſcheinen konnte, fuhr der Wa⸗ gen über die Zugbrücke der Baſtille, welche hinter ihm wieder aufgezogen wurde. XVIII. 4 Eine Nacht in der Baſtille. Das Leiden ſteht in dieſem Leben im Verhältniß zu den Kräften des Menſchen. Wir wollen damit nicht behaupten, Gott bemeſſe bei den Kräften des Menſchen immer die Marter, die er ihn ausſtehen läßt: das wäre nicht genau, da Gott den Tod geſtattet, der oft die einzige Zuflucht zu lebhaft im Koͤrper bedrängter See⸗ len iſt. Das Leiden ſteht im Verhältniß zu den Kräften, das heißt, der Schwache leidet mehr, bei gleichem Uebel, als der Starke. Aus welchen Elementen beſteht nun die menſchliche Stärke? nicht wahr, beſonders aus der Uebung, der Gewohnheit, der Erfahrung? Das wer⸗ den wir nicht einmal zu beweiſen bemüht ſein, denn es iſt dies ein Ariom in der Moral, wie in der Phyſik. 4 Als der junge König, verdutzt, gelähmt, ſah, daß man ihn in ein Zimmer der Baſtille führte, ſtellte er ſich Anfangs vor, der Tod ſei wie ein Schlaf, er habe ſeine Träume, das Bett ſei in den Boden von Vaur eingeſunken, der Tod ſei darauf erfolgt, und ſeinen Traum als Koͤnig fortſetzend, träume Ludwig eines von den im Leben unmöglichen Gräueln, welche man die Entthronung, die Einkerkerung und die Verletzung eines kurz zuvor noch allmächtigen Königs nennt. .—, a⸗ im — — 173 Ein greifbares Geſpenſt ſeinem ſchmerzlichen Lei⸗ den beiwohnen; in einem unfaßlichen Geheimniß zwi⸗ ſchen der Aehnlichkeit und der Wirklichkeit ſchwimmen; Alles hören, Alles ſehen, ohne einen von den einzelnen Umſtänden der Agonie zu vermengen, war das nicht, ſagte ſich der König, eine um ſo gräßlichere Marter, als ſie ewig ſein konnte? „Iſt hier das, was man die Ewigkeit, die Hölle nennt?“ murmelte Ludwig XIV. in dem Augenblick, wo die Thüre von Baiſemeaur ſelbſt hinter ihm ge⸗ ſchloſſen wurde. Er ſchaute nicht einmal umher, und in dieſer Stube, an irgend eine Wand angelehnt, ließ er ſich durch die furchtbare Vorausſetzung ſeines Todes fortziehen, indem er die Augen ſchloß, um es zu vermeiden, noch etwas Schlimmeres zu ſehen. „Wie bin ich geſtorben?“ ſagte er halb wahnſinnig zu ſich ſelbſt.„Hat man nicht dieſes Bett durch ein Kunſtwerk hinabſinken laſſen? Nein, keine Erinnerung an irgend einen Stoß, an irgend eine Quetſchung. Sollte man mich nicht eher im Mahle oder im Dampfe der Wachskerzen vergiftet haben, wie meine Urgroßmut⸗ ter Johanna d'Albret!“ Plötzlich ſiel die Kälte dieſer Stube wie ein Man⸗ tel auf die Schultern von Ludwig. „Ich habe.“ ſprach er,„ich habe meinen Vater in ſeinem königlichen Gewande auf ſeinem Bett ausgeſetzt geſehen. Dieſes bleiche, ſo ruhige und ſo eingefallene Geſicht, dieſe geſchickten, nun unempfindlich gewordenen Hände, dieſe ſtarren Beine, dies Alles verrieth keinen mit Träumen bevölkerten Schlaf. Und dennoch, wie viel Träume mußte nicht Gott dieſem Todten ſchicken! dieſem Todten, dem ſo viele Andere, von ihm in den ewigen Tod befördert, vorangegangen waren!!! Nein, dieſer König war noch der König; er thronte noch auf dieſem Todtenbette, wie in dem ſammetenen Thronſeſſel. Err hatte nichts von ſeiner Majeſtät abgelegt. Gott, 1 der ihn nicht beſtraft hatte, kann mich nicht beſtrafen, mich, der ich nichts gethan habe.“ Ein ſeltſames Geräuſch erregte die Aufmerkſam⸗ keit des jungen Mannes. Er ſchaute und erblickte auf dem Kamin, unter einem ungeheuren plump al fresco gemalten Chriſtus, eine Ratte von monſtruoſer Geſtalt, welche, während ſie einen verſtändigen und neugierigen Blick auf den neuen Gaſt der Wohnung heftete, einen Reſt harten Brodes zu zerknaupeln beſchäftigt war. Der König hatte Angſt; er fühlte einen Ekel und wich, einen gewaltigen Schrei ausſtoßend, gegen die Thüre zurück. Und als hätte es dieſes ſeiner Bruſt entſchlüpften Schreis bedurft, damit er ſich ſelbſt er⸗ kannte, begriff Ludwig, daß er lebte, daß er vernünf⸗ tig und mit ſeinem natürlichen Bewußtſein verſehen war. „Gefangener!“ rief er,„ich, Gefangener!“ Er ſuchte mit den Augen eine Glocke, um zu rufen. „Es gibt keine Glocken in der Baſtille,“ ſagte er, „und in der Baſtille bin ich eingeſchloſſen. Wie bin ich nun zum Gefangenen gemacht worden? Das iſt nothwendig eine Verſchwörung von Herrn Fouquet. Ich bin in Vaur in eine Falle gelockt worden. Herr Fouquet kann nicht allein bei dieſer Sache ſein. Sein Agent... dieſe Stimme... Es war Herr d'Herblay! ich habe ihn erkannt. Colbert hatte Recht. Aber was will Fouquet mit mir? wird er an meiner Stelle regieren? Unmöglich! Wer weiß!..“ dachte der König düſter geworden.„Mein Bruder, der Her⸗ zog von Orleans, thut vielleicht gegen mich, was ſein ganzes Leben lang mein Oheim gegen meinen Vater thun wollte. Aber die Königin? aber meine Mutter? aber la Vallidre? ohl la Vallière! ſie würde Madame preisgegeben. Theures Kind! ja, ſo iſt es, man wird ſie eingeſperrt haben, wie ich ſelbſt eingeſperrt bin. Wir ſind auf ewig getrennt!“ 175 Und ſchon bei dieſem Gedanken an Trennung brach der Liebende in Seufzer, in Schluchzen, in Schreie aus. „Es iſt ein Gouverneur hier,“ fuhr der König wüthend fort.„Ich werde mit ihm ſprechen. Rufen wir.“ Er rief. Keine Stimme antwortete auf die ſeinige. Er nahm ſeinen Stuhl und bediente ſich deſſelben, um an die maſſige eichene Thüre zu klopfen. Das Holz dröhnte auf dem Holz und ließ mehrere unheimliche Echos in den Tiefen der Treppe ſprechen; aber kein lebendes Geſchöpf antwortete. Das war für den König ein neuer Beweis von der geringen Achtung, die man ihm in der Baſtille zollte. Dann, nach dem erſten Zorn, als er ein vergit⸗ tertes Fenſter bemerkte, durch das eine goldene Raute drang, was die leuchtende Morgenröthe ſein mußte, fing Ludwig an zu rufen, Anfangs ſanft, dann ſtark. Es wurde ihm nicht geantwortet. Zwanzig weiteren Verſuchen, die er nach und nach machte, wurde kein beſſerer Erfolg zu Theil. Das Blut fing an ſich zu empören und ſtieg dem Fürſten zu Kopf. An das Befehlen gewöhnt, bebte dieſe Natur vor einem Ungehorſam. Allmälig nahm der Zorn zu. Der Gefangene zerbrach den für ſeine Hände zu ſchweren Stuhl und bediente ſich deſſelben wie eines Sturmbockes, um an die Thüre zu ſtoßen. Er ſtieß ſo gewaltig und ſo oft, daß nach und nach der Schweiß von ſeiner Stirne floß. Da und dort antworteten hierauf einige unterdrückte Schreie. Dieſes Geräuſch brachte auf den König eine ſelt⸗ ſame Wirkung hervor. Er hielt inne, um zu horchen. Es waren die Stimmen der Gefangenen, die, einſt ſeine Opfer, heute ſeine Gefährten. Die Stimmen ſtiegen wie Dünſte durch dicke Plafonds und undurchſichtige Mauern empor. Sie klagten den Urheber dieſes Lärms an, wie ohne Zweifel die Seufzer und die Thränen ganz leiſe den Urheber ihrer Gefangenſchaft anklagten. Nachdem er ſo vielen Leuten die Freiheit geraubt hatte, kam der König zu ihnen, um ihnen auch den Schlaf zu rauben. Dieſer Gedanke hätte ihn beinahe wahnſinnig ge⸗ macht. Er verdoppelte ſeine Kräfte oder vielmehr ſei⸗ nen Willen, der gierig darnach trachtete, eine Aufklärung oder einen Schluß zu erhalten. Der Stuhl begann wieder ſeinen Dienſt. Nach einer Stunde hörte Lud⸗ wig etwas im Gange vor ſeiner Thüre, und ein hef⸗ tiger Schlag der Erwiederung an dieſe Thüre ſelbſt machte ſeine Stöße aufhören. „Ahl ſeid Ihr verrückt?“ rief eine rauhe, plumpe Stimme.„Was kommt Cuch dieſen Morgen an?“ Dieſen Morgen, dachte der König erſtaunt. Dann fragte er höflich: „Mein Herr, ſeid Ihr der Gouverneur der Baſtille?“ „Mein Braver, es ſpukt heute in Curem Gehirn,“ antwortete die Stimme,„doch das iſt kein Grund, einen ſolchen Lärm zu machen. Alle Wetter! ſchweigt.“ „Seid Ihr der Gouverneur?“ fragte der Koͤnig abermals. Eine Thüre ſchloß ſich wieder. Der Kerkermeiſter war weggegangen, ohne nur ein Wort mehr zu er⸗ wiedern. Als der König die Gewißheit hatte, daß er weg⸗ gegangen, da kannte ſein Zorn keine Grenzen mehr. Behende wie ein Tiger ſprang er vom Tiſch an das Fenſter und rüttelte am Gitter. Er ſtieß eine Scheibe hinaus, deren Scherben mit tauſendfachem harmoniſchem Geklirre in die Höfe ſielen. Er ſchrie, daß er heiſer wurde:„Der Gouverneur! der Gouverneur!“ Dieſer Anfall dauerte eine Stunde, was eine Periode des hitzigen Fiebers war. Die Haare verwirrt und an ſeine Stirne geklebt, ſeine Kleider zerriſſen und weiß gemacht, ſeine Wäſche in Fetzen, hörte der König nicht eher auf, als bis ſeine Kräfte erſchöpft waren, und dann erſt begriff er die 127 unbarmherzige Dicke dieſer Mauern, die Undurchdring⸗ lichkeit dieſes Mörtels, der für jeden andern Verſuch, als den der Zeit, welche die Verzweiflung zum Werk⸗ zeug hat, unbeſiegbar war. Er drückte ſeine Stirne an die Thüre und ließ ſein Herz allmälig ſich beruhigen. Ein Schlag mehr hätte es zerſpringen gemacht.— „Es wird ein Augenblick kommen,“ ſagte er,„wo man mir die Nahrung bringt, die man allen Gefangenen gibt. Ich werde dann Jemand ſehen, ich werde ſprechen, man wird mir antworten.“ Und der König ſuchte in ſeinem Gedächtniß, zu welcher Stunde das erſte Mahl der Gefangenen in der Baſtille ſtattfand. Er wußte ſelbſt dieſen Umſtand nicht. Es war ein dumpfer, grauſamer Dolchſtich, dieſer Ge⸗ wiſſensbiß, fünf und zwanzig Jahre gelebt zu haben, als König und glücklich gelebt zu haben, ohne an Alles das zu denken, was ein Unglücklicher leidet, den man ungerechter Weiſe ſeiner Freiheit beraubt. Der König erröthete vor Scham. Er fühlte, daß Gott, indem er dieſe ſchreckliche Demüthigung geſtattete, nur einem Menſchen die Marter zurückgab, die dieſer Menſch ſo vielen Anderen auferlegt hatte. 3 Nichts konnte wirkſamer ſein, um dieſe durch das Gefühl der Schmerzen niedergeſchmetterte Seele zur Religion zurückzuführen. Aber Ludwig wagte es nicht einmal, niederzuknieen, um zu Gott zu beten und ihn um das Ende dieſer Prüfung anzuflehen. „Gott thut wohl,“ ſagte er,„Gott hat Recht. Es wäre feig von mir, von Gott zu verlangen, was ich ſo oft meines Gleichen verweigert habe.“ Er war ſo weit in ſeinen Betrachtungen, das heißt in ſeinem Seelenkampfe, als daſſelbe Geräuſch vor ſeiner Thüre hörbar wurde. Diesmal aber gefolgt vom Knir⸗ ſchen der Schlüſſel und dem Klirren der in den Schließ⸗ kappen ſpielenden Riegel. Der König machte einen Die drei Musketiere. Bragelonne, N, 12 178 Sprung vorwärts, um ſich demjenigen zu nähern, wel⸗ cher eintreten würde; ſogleich aber bedenkend, es wäre dies eine eines Königs unwürdige Bewegung, blieb er ſtehen, nahm eine edle und ruhige Haltung an, was ihm leicht war, und wartete, den Rücken dem Fenſter zugekehrt, um ſeine Aufregung ein wenig vor den Blicken des Ankommenden zu verbergen. Es war nur ein Schließer mit einem Korbe voll Lebensmittel. Der König ſchaute dieſen Menſchen mit einer ge⸗ wiſſen Unruhe an; er erwartete, daß er reden würde. „Ah!“ ſprach der Schließer,„Ihr habt Euren Stuhl zerbrochen. Ich ſagte es wohl. Doch Ihr müßt raſend geworden ſein.“ „Mein Herr,“ erwiederte der König,„gebt wohl Acht auf Alles, was Ihr ſagen werdet; es iſt für Euch von einem ſehr ernſten Intereſſe.“ Der Schließer ſtellte ſeinen Korb auf den Tiſch und ſchaute Ludwig an. „Was meint Ihr?“ fragte er erſtaunt. „Laßt mir den Gouverneur heraufkommen,“ fügte der König mit einem edlen Weſen bei. „Eil mein Kind,“ verſetzte der Schließer,„Ihr ſeid immer vernünftig geweſen, doch die Narrheit macht boshaft, und wir wollen Euch warnen: Ihr habt Euren Stuhl zerbrochen und Lärm gemacht, das iſt ein Ver⸗ gehen, das mit dem finſtern Loch beſtraft wird. Ver⸗ ſprecht mir, nicht wieder anzufangen, und ich werde dem Gouverneur nichts ſagen.“ „Ich will den Gouverneur ſehen,“ erwiederte der Koͤnig, ohne eine Miene zu verziehen. „Nehmt Euch in Acht, er läßt Euch ins Aſchwarg Loch ſtecken.“ „ic will! verſteht Ihr mich?“ 1„Ah! Euer Auge wird wieder ſtier. Gut! ich weime Euch Euer Meſſer.“ Der Schließer that, was er ſagte, ſchloß die Thüre, ¹ . 179 ging weg und ließ den König mehr erſtaunt, mehr un⸗ glücklich, mehr allein, als je, zurück. Vergebens begann er wieder das Spiel mit dem Stuhlfuß; vergebens ſchleuderte er Platten und Teller durch die Fenſter: nichts antwortete ihm mehr. Zwei Stunden nachher war es nicht mehr ein König, ein Edelmann, ein Menſch, ein Gehirn, es war ein Wahnſinniger, der ſich die Nägel an den Thüren zerſchund, den Boden aufzureißen verſuchte und ſo furcht⸗ bare Schreie ausſtieß, daß die alte Baſtille bis in ihren Grundfeſten zu erbeben ſchien, weil ſie es gewagt, ſich gegen ihren Herrn zu empören. Der Gouverneur ließ ſich nicht im Geringſten ſtören. Die Schließer und die Schildwachen machten ihre Mel⸗ dung, doch wozu nützte es? Waren die Narren nicht etwas Gewöhnliches in der Feſtung, und waren die Mauern nicht ſtärker, als die Narren? Durchdrungen von Allem dem, was ihm Aramis geſagt hatte, und vollkommen in der Ordnung mit ſei⸗ nem königlichen Befehl, wünſchte Herr von Baiſemeaux nur Eines: der Narr Marchiali möchte Narr genug ſein, um ſich ein wenig an ſeinem Betthimmel oder an einer von den Stangen ſeines Gitters aufzuhängen. Dieſer Gefangene trug in der That nicht viel ein und wurde läſtiger, als in früherer Zeit. Die Ver⸗ wickelungen mit Seldon und Marchiali, mit der Be⸗ freiung und der Wiedereinſperrung, mit dieſer Aehnlich⸗ keit, hätten eine ſehr bequeme Löſung gefunden. Baiſe⸗ meaux glaubte ſogar bemerkt zu haben, dies würde Herrn d'Herblay nicht zu ſehr mißfallen. „Und dann, in der That,“ ſagte Baiſemeaux zu ſeinem Major,„ein gewöhnlicher Gefangener iſt ſchon unglücklich genug, daß er Gefangener iſt; er leidet ge⸗ nug, daß man ihm mildherziger Weiſe den Tod wünſchen kann. Um ſo viel mehr, wenn dieſer Gefangene ver⸗ rückt geworden iſt und beißen und Lärm machen kann; dann iſt es wahrhaft menſchenfreundlich, wenn man ihm 180 den Tod wünſcht; es wäre ein gutes Werk, ihn nach wi und nach aufhören zu machen.“ ſe Hienach nahm der gute Gouverneur ſein zweites E⸗ Frühſtück ein. ge XIX. w Der Schatten von Herrn Fouguet. und Herr Fouquet G der Eigenthümer des Schloſſes, in welchem Ludwig XIV. Gaſtfreundſchaft empfangen habe. Dieſe Betrachtungen ie waren nicht die eines trunkenen Mannes. Man hatte ar indeſſen in Vaur tüchtig geſchmauſt. Die Weine des P Herrn Oberintendanten hatten mit Ehre bei dem Feſte n ſigurirt. Doch der Gascogner war ein Mann von ei enn er ſeinen Degen von m zi h m m K ir n Hand an den Kragen h Herrn Nicolas Fouquet, dem Oberintendanten der F b — nanzen, gelegt. Meine Abkömmlinge, wenn ich habe, werden ſich mit dieſer Verhaftung einen Ruf machen, 8 S — 8 8 181 wie ſich die Herren von Luynes einen mit der Verlaſ⸗ ſenſchaft des armen Marſchalls d'Ancre gemacht haben. Es handelt ſich darum, den Willen des Königs auf eine geeignete Weiſe zu vollziehen. Jeder Mann wird zu Herrn Fouquet zu ſagen wiſſen:„„Euren Degen, mein Herr!““ aber nicht Jeder wird Herrn Fouquet zu be⸗ wachen wiſſen, ohne eine Seele ſchreien zu machen. Wie iſt es alſo zu bewerkſtelligen, daß der Herr Ober⸗ intendant von der hoͤchſten Gnade zur äußerſten Un⸗ gnade übergeht, daß er Vaur ſich in einen Kerker ver⸗ wandeln ſieht, daß er, nachdem er den Weihrauch von Aſſuerus gekoſtet hat, den Galgen von Aman, das heißt von Enguerrand von Macigny, berührt?“ Hier verdüſterte ſich die Stirne von d'Artagnan, daß man hätte Mitleid bekommen ſollen. Der Muske⸗ tier hatte Bedenklichkeiten. So dem Tode(denn Lud⸗ wig XIV. haßte Herrn Fouquet ſicherlich), ſo dem Tode, ſagen wir, denjenigen überliefern, den man ſo eben noch als wackern Mann privilegirt hatte, das war ein wahrer Gewiſſensfall. „Mir ſcheint,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„wenn ich kein verächtlicher Kerl bin, ſo thue ich Herrn Fou⸗ quet den Gedanken des Königs in Beziehung auf ſeine Perſon zu wiſſen. Aber wenn ich das Geheimniß mei⸗ nes Gebieters verrathe, ſo bin ich ein Treuloſer und ein Verräther, ein Verbrechen, für das ganz in den militäriſchen Geſetzen vorhergeſehen iſt, ſo daß ich zwan⸗ zigmal in den Kriegen Unglückliche habe an den Bäumen hängen ſehen, welche im Kleinen gethan hatten, was mir meine Bedenklichkeit im Großen zu thun räth. Nein, mich dünkt, ein Mann von Geiſt muß ſich aus dieſer Klemme mit viel mehr Gewandtheit herausziehen. Und nehmen wir nun an, ich habe Geiſt? Das iſt zweifel⸗ haft, denn ich habe in vierzig Jahren ſo viel aufge⸗ braucht, daß es ein Glück ſein wird, wenn mir noch für eine Piſtole übrig bleibt!“ D'Artagnan nahm ſeinen Kopf in ſeine Hände, riß 182 ſich, wohl oder übel, ein paar Haare aus dem Schnurt⸗ bart und fügte bei:. „Aus welcher Urſache dürfte Herr Fouquet in Un⸗ ſo gnade gefallen ſein? Aus drei Urſachen. Einmal, weil er von Herrn Colbert nicht geliebt wird; zweitens, weil er Fräulein de la Vallière lieben wollte; drittens, weil I der König Herrn Colbert und Fräulein de la Vallieère ſt liebt. Das iſt ein verlorener Mann! Aber werde ich ihm den Fuß auf den Kopf ſetzen, wenn er den Intri⸗ ſe guen von Weibern und Schreibern erliegt? Pfui doch! ſe Iſt er gefährlich, ſo werde ich ihn niederſchlagen; iſt er nur ein Verfolgter, ſo werde ich ſehen! Ich bin bei 3 g dem Punkte angelangt, daß weder König, noch Menſch 1 bei meiner Meinung überwiegend ſein werden. Wäre h Athos hier, er würde es machen wie ich. Statt alſo 1 roher Weiſe zu Herrn Fouquet zu gehen, ihn in Ver⸗ haft zu nehmen und einzuſperren, will ich es verſuchen, mich als Mann von guten Manieren zu betragen. Man 4 wird allerdings davon ſprechen, aber man wird gut ſ ſprechen.“ Und mit einer eigenthümlichen Geberde ſein Degen⸗ gehenk auf die Schulter hinaufſchiebend, ging d'Artag⸗ nan geraden Wegs zu Fouquet, der, nachdem er von den Damen Abſchied genommen, ruhig auf ſeinen Trium⸗ phen des Tags zu ſchlafen ſich anſchickte. Die Luft war noch vom Wohlgeruch oder vom Ge⸗ 3 ſtank, wie man will, des Feuerwerks erfüllt. Die Kerzen gaben ihren ſterbenden Schein von ſich, die Blumen ſielen gelöſt von den Guirlanden, die Klumpen der Tän⸗ zer und der Höflinge zerbröckelten ſich in den Salons. Mitten unter ſeinen Freunden, die ihm ihre Glück⸗ wünſche abſtatteten und ſeine Komplimente empfingen, ſchloß der Intendant halb ſeine müden Augen. Er. G ſehnte ſich nach Ruhe; er ſiel auf die Streu ſeit ſo vielen Tagen angehäufter Lorbeeren. Es war, als beugte er ſein Haupt unter dem Gewicht neuer Schulden, die er gemacht, um dem Feſte Chre anzuthun. 183 Fouguet hatte ſich lächelnd und mehr als halb todt in ſein Zimmer zurückgezogen. Er hörte nicht mehr, er ſah nicht mehr; ſein Bett zog ihn an und bezauberte ihn. Der Gott Morpheus, der Beherrſcher der von Lebrun gemalten Kuppel, hatte ſeine Macht über die benachbarten Zimmer ausgedehnt und ſeinen wirkſam⸗ ſten Mohn auf den Gebieter des Hauſes geworfen. Beinahe allein, war Fouquet ſchon in den Händen ſeines Kammerdieners, als d'Artagnan auf der Schwelle ſeines Gemaches erſchien. Es war d'Artagnan nie gelungen, ſich am Hofe gemein zu machen; vergebens ſah man ihn überall und immer, er brachte immer und überall ſeine Wirkung hervor. Das iſt das Privilegium gewiſſer Naturen, die in dieſer Hinſicht den Blitzen oder dem Donner gleichen. Jedermann kennt ſie, doch ihre Erſcheinung ſetzt in Er⸗ ſtaunen, und wenn man ſie fühlt, iſt der letzte Eindruck immer derjenige, von welchem man glaubt, er ſei der ſtärkſte geweſen. „Ahl Herr d'Artagnan?“ ſagte Fouquet, deſſen rechter Aermel ſchon vom Körper getrennt war. „Euch zu dienen,“ erwiederte der Musketier. „Tretet doch ein, mein lieber Herr d'Artagnan.“ „Ich danke.“ „Kommt Ihr, um mir eine Kritik über das Feſt zu machen? Ihr ſeid ein geiſtreicher Kopf.“ „Oh! nein.“ „Iſt man Euch läſtig bei Eurem Dienſte?“ „Keines Wegs.“ „Ihr wohnt vielleicht ſchlecht?“ „Vortrefflich.“ „Wohll ſo danke ich Euch, daß Ihr ſo liebens⸗ würdig ſeid, und ich erkläre mich Euch für verbunden für Alles, was Ihr mir Schmeichelhaftes ſagt.“ Dieſe Worte bedeuteten ohne Widerſpruch: Mein lieber d'Artagnan, legt Euch zu Bette, da Ihr ein Bett habt, und laßt mich daſſelbe thun. 184 D'Artagnan ſchien nicht begriffen zu haben. „Ihr legt Euch ſchon nieder?“ ſagte er zum Ober⸗ intendanten. „Ja. Habt Ihr mir etwas mitzutheilen?“ „Nichts, mein Herr, nichts. Ihr ſchlaft alſo hier?“ „Wie Ihr ſeht.“ „Ihr habt dem König ein ſehr ſchönes Feſt gege⸗ en, mein Herr.“ „Findet Ihr?“ „Ohl herrlich.“ „Der König iſt zufrieden?“ „Entzückt.“ „Sollte er Euch gebeten haben, mich davon in Kenntniß zu ſetzen?“ „Er würde nicht einen ſo unwürdigen Boten wählen.“ „Ihr thut Euch Unrecht, mein Herr.“ „Iſt das hier Euer Bett?“ „Ja. Warum dieſe Frage? Seid Ihr mit dem Eurigen nicht zufrieden?“ „Soll ich offenherzig mit Euch ſprechen 2“ „Sicherlich.“ „Wohl denn! nein.“ Fouquet bebte. „Herr d'Artagnan,“ ſagte er,„nehmt das meinige.“ „Ich ſoll Euch berauben, Monſeigneur? Niel“ „Was iſt dann zu thun?“ „Erlaubt mir, daß ich es mit Euch theile.“ Fouquet ſchaute den Musketier feſt an. „Ah! ah!“ ſagte er,„Ihr kommt vom Koͤnig her?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Und der König möchte Euch gern in meinem Zimmer ſchlafen ſehen?“ „Monſeigneur. „Sehr gut, Herr d'Artagnan, ſehr gut. Ihr ſeid Hier der Herr.“ „Ich verſichere Euch, Monſeigneur, ich will keinen Mißbrauch machen...“ „ 185 Sich an ſeinen Kammerdiener wendend, ſagte Fou⸗ quet: „Laßt uns allein.“ Der Kammerdiener ging hinaus. „Ihr habt mit mir zu ſprechen, mein Herr?“ fragte der Oberintendant. „Ich?“ „Ein Mann von Eurem Geiſte kommt zu einem Mann von dem meinigen zu dieſer Stunde, um mit ihm zu plaudern, nicht ohne gewichtige Beweggründe. „Befragt mich nicht.“ „Im Gegentheil. Was wollt Ihr von mir?“ „Nichts, als Eure Geſellſchaft.“ „Gehen wir in den Garten, in den Park,“ rief plotzlich der Oberintendant. „Nein,“ erwiederte lebhaft der Musketier,„nein.“ „Warum nicht?“ „Die Kühle...“ „Geſteht doch, daß Ihr mich verhaftet,“ ſagte der Oberintendant zu dem Musketier. „Nie!“ rief dieſer. „Ihr bewacht mich alſo?“ „Ehren halber, ja, Monſeigneur.“ „Ehren halber?.. das iſt etwas Anderes! ahl man verhaftet mich alſo in meinem Hauſe.“ „Sagt das nicht!“ „Ich werde es im Gegentheil laut ſchreien.“ „Schreit Ihr, ſo bin ich genöthigt, Euch zum Stillſchweigen aufzufordern.“ 3 teGut! Gewaltthat in meinem Hauſe? ah! ſehr gut!“. „Wir verſtehen uns durchaus nicht. Seht, hier iſt ein Schachbrett, ſpielen wir, wenn es Cuch beliebt, Monſeigneur.“ „Herr d'Artagnan ich bin alſo in Ungnade?“ „„Keines Wegs, aber...“ „ 186 „ Aber es iſt mir verboten, mich Euren Blickev zu entziehen.“ „Ich verſtehe nicht ein Wort von dem, was Ihr mir da ſagt, Monſeigneur, und wenn Ihr wollt, daß ich mich entferne, ſo ſprecht es aus.“ „Lieber Herr d'Artagnan, Eure Manieren werden mich verrückt machen. Ich bin vor Schlaf umgefallen, Ihr habt mich aufgeweckt.“ „Ich werde es mir nie verzeihen, und wenn Ihr mich mit mir ſelbſt verſöhnen wollt...“ „Nun?“ „Nun! ſo ſchlaft dort, vor mir; ich werde darüber entzückt ſein.“ „Bewachung?“ „Dann gehe ich.“ „Ich verſtehe Euch nicht mehr.“ „Gute Nacht, Monſeigneur.“ D'Artagnan ſtellte ſich, als wollte er weggehen. Da lief ihm Fouquet nach. „Ich werde mich nicht ſchlafen legen,“ ſagte er. „Im Ernſte, da Ihr Euch weigert, mich als Mann zu behandeln, da Ihr den Liſtigen gegen mich ſpielt, ſo werde ich Euch forciren, wie man es dem Keiler thut.“ „Bah!“ rief d'Artagnan, indem er ein Lächeln heuchelte. „Ich beſtelle meine Pferde und fahre nach Paris,“ ſagte Fouquet, dem Kapitän der Musketiere bis ins Herz greifend. „Ahl wenn dem ſo iſt, Monſeigneur... das iſt etwas Anderes.“ „Ihr verhaftet mich?“ „Nein, aber ich fahre mit Euch ab.“ „Genug hiemit, Herr d'Artagnan,“ ſprach Fouquet mit kaltem Tone.„Nicht umſonſt habt Ihr den Ruf eines Mannes von Geiſt und eines Mannes von Mit⸗ teln. Doch bei mir iſt dies Alles überflüſſig. Gerade 187 auf das Ziel zu! Erweiſt mir einen Gefallen. Warum verhaftet Ihr mich? was habe ich gethan?“ „Ohl ich weiß durchaus nicht, was Ihr gethan habt; aber ich verhafte Euch nicht... dieſen Abend...“ „Dieſen Abend,“ rief Fouquet erbleichend,„doch morgen!“ „Ohl wir ſind noch nicht bei morgen, Monſeigneur. Wer kann je für den nächſten Tag ſtehen?“ .„Geſchwinde! geſchwinde! Kapitän, laßt mich mit Herrn d'Herblay reden.“ „Ahl das wird gerade unmöglich, Monſeigneur. Ich habe Befehl, darüber zu wachen, daß Ihr mit Niemand redet.“ „Mit Herrn d'Herblay, Kapitän, mit Eurem Freund.“ „Monſeigneur, ſollte Herr d'Herblay, mein Freund, nicht zufällig der Einzige ſein, mit dem eine Unterre⸗ dung zu pflegen ich Euch verhindern müßte?“ Fouquet erröthete, nahm jedoch eine Miene der Reſignation an und erwiederte: „Ihr habt Recht, mein Herr, ich empfange eine Lection, die ich nicht hätte hervorrufen müſſen. Der gefallene Menſch hat auf nichts Anſpruch zu machen, nicht einmal auf etwas bei denjenigen, deren Glück er gegründet hat, geſchweige denn bei Leuten, denen er nie einen Dienſt zu leiſten im Stande geweſen iſt.“ „Monſeigneur.“ 3 „ s iſt wahr, Herr d'Artagnan, Ihr habt ſtets mir gegenüber eine gute Stellung behauptet, die Stellung, die ſich für den Mann geziemt, der mich zu verhaſten beſtimmt iſt. Ihr habt nie etwas von mir verlangt.“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Gascogner, gerührt von dieſem beredten und edlen Schmerz, nich bitte, wollt Ihr mir Euer Wort als redlicher Mann ver⸗ pfänden, daß Ihr dieſes Zimmer nicht verlaſſen werdet?“ „Wozu, lieber Herr d'Artagnan, da Ihr mich hier 188 bewacht? Befürchtet Ihr, ich werde gegen den muthig⸗ ſten Degen des Königreichs kämpfen?“ „Das iſt es nicht; ich will Euch Herrn d'Herblay holen, und folglich allein laſſen.“ Fouquet ſtieß einen Schrei der Freude und des Erſtaunens aus. „Herrn d'Herblay holen, mich allein laſſen!“ rief er die Hände faltend. 4 „Wo wohnt Herr d'Herblay? im blauen Zimmer?“ „Ja, mein Freund, ja.“ „Euer Freund! ich danke für das Wort, Monſeig⸗ neur, Ihr gebt mir heute, wenn Ihr mir früher nicht gegeben habt.“ „Ohl Ihr rettet mich!“ „Man braucht wohl zehn Minuten Zeit von hier zum blauen Zimmer, um hin⸗ und herzugehen 2“ ſagte d'Artagnan. „Ungefähr.“ „Und um Aramis aufzuwecken, der gut ſchläft, wenn er ſchläft, um ihn in Kenntniß zu ſetzen, nehme ich fünf Minuten an: im Ganzen eine Viertelſtunde Abweſen⸗ heit. Gebt mir nur Euer Wort, Monſeigneur, daß Ihr auf keine Weiſe zu entfliehen ſuchen werdet, und daß ich, wenn ich hierher zurückkomme, Euch wieder treffen werde.“ „Ich gebe es Euch, mein Herr,“ antwortete Fou⸗ quet, in dem er dem Mausketier mit liebevoller Dank⸗ barkeit die Hand drückte. D'Artagnan verſchwand. „ Fouquet ſah ihn weggehen, er wartete mit einer ſichtbaren Ungeduld, bis die Thüre ſich hinter ihm ge⸗ ſchloſſen, und als ſie ſich geſchloſſen hatte, ſtürzte er ſich auf ſeine Schlüſſel, öffnete ein paar in Schränken verborgene Schubladen, und ſuchte vergebens einige, ohne Zweifel in Saint⸗Mandé zurückgebliebene Papiere, welche nicht zu finden er ſehr zu bedauern ſchien; dann nahm er voll Eifer Briefe, Verträge, Schriften, machte 189 einen Haufen daraus und verbra nnte dieſen haſtig auf der Marmorplatte des Kamins, ohne daß er ſich Zeit nahm, aus dem Innern die Blumentöpfe herauszuziehen, die den Herd füllten. Als dieſes Werk vollbracht war, ſank er wie ein Menſch, der einer ungeheuren Gefahr entgangen iſt. und den die Kraft verläßt, ſobald er dieſe Gefahr nicht mehr zu fürchten hat, vernichtet in einen Lehnſtuhl. D'Artagnan kam zurück und fand Fouguet in die⸗ ſer Lage. Der würdige Musketier hatte nicht bezweifelt, Fouquet, da er ſein Wort gegeben, würde nicht einmal daran denken, es zu brechen; aber er dachte wohl, er würde ſeine Abweſenheit benützen und ſich aller Papiere, aller Noten, aller Verträge entledigen, welche die ſchon ernſte Stellung, in der er ſich befand, noch gefährlicher machen könnten. Den Kopf erhebend, wie der Hund, der die Witterung faßt, zog er auch den Brandgeruch ein, den er in der Atmoſphäre zu entdecken erwartete, und als er ihn darin gefunden, machte er eine Zufrie⸗ denheit bezeichnende Bewegung mit dem Kopf. Beim Eintritt von d'Artagnan hatte Fouquet ſeiner⸗ ſeits auch das Haupt erhoben, und keine von den Be⸗ wegungen des Musketiers war ihm entgangen. 3 Dann trafen ſich die Blicke der beiden Männer; Beide ſahen, daß ſie ſich verſtanden, ohne ein Wort gewechſelt zu haben. „Nun!“ fragte Fouquet zuerſt,„wo iſt Herr d'Her⸗ blay?“ 3 „Bei meiner Treue!“ erwiederte d'Artagnan,„Herr d'Herblay muß die nächtlichen Promenaden lieben und im Mondſchein im Parke von Vaux Verſe mit einigen von unſern Dichtern machen; er war nicht zu Hauſe.“ „Wie! nicht zu Hauſe?“ rief Fouquet, dem ſeine letzte Hoffnung entſchwand, denn ohne daß er ſich Rechen⸗ ſchaft davon gab, auf welche Weiſe ihm der Biſchof von Vannes beiſtehen könnte, begriff er, daß er nur von ihm Hülfe erwarten durfte. 3 190 „Oder wenn er zu Hauſe geweſen iſt, hat er Gründe gehabt, nicht zu antworten,“ fügte d'Artagnan bei. „Ihr habt wohl nicht ſo gerufen, daß er es ge⸗ hört, mein Herr?“ „Ihr nehmt nicht an, daß ich, der ich ſchon meine Befehle überſchritten, die mir Euch auch nur einen Augenblick zu verlaſſen verboten, toll genug geweſen ſei, das ganze Haus zu wecken und mich in der Hausflur des Biſchofs von Vannes ſehen zu laſſen, daß Herr Colbert nachweiſen könnte, ich habe Euch Zeit gegeben, um Eure Papiere zu verbrennen.“ „Meine Papiere?“ „Allerdings. Das hätte ich wenigſtens an Eurer Stelle gethan. Oeffnet man mir eine Thüre, ſo benütze ich es.“ 1 s de denn! ja, ich danke Euch; ich habe es be⸗ nützt.“ „Und Ihr habt wohl daran gethan, alle Teufel! Jeder hat ſeine kleinen Geheimniſſe, welche die anderen Leute nichts angehen. Doch kommen wir auf Aramis zurück, Monſeigneur.“ „Ich ſage Euch, Ihr habt zu leiſe gerufen, und er wird nicht gehört haben.“ „So leiſe man Aramis ruft, Monſeigneur, Aramis hört immer, wenn er ein Intereſſe hat, zu hören. Ich wiederhole alſo meinen Satz: Aramis war nicht zu Hauſe, Monſeigneur, oder Aramis hat, um meine Stimme nicht zu erkennen, Gründe gehabt, die ich nicht weiß und die Ihr vielleicht auch nicht wißt, ſo ſehr auch Seine Herrlichkeit Monſeigneur der Biſchof von Vannes Euer Lehenmann iſt.“. Fouquet gab einen Seufzer von ſich, ſtand auf, machte ein paar Schritte im Zimmer und ſetzte ſich am Ende wieder mit einem Ausdruck tiefer Niedergeſchla⸗ genheit auf ſein prächtiges, ganz mit blendenden Spitzen verziertes Bett von Sammet. — u— 191 D'Artagnan ſchaute Fouquet mit einem Gefühle tiefen Mitleids an. „Ich habe viele Leute in meinem Leben verhaften ſehen,“ ſagte ſchwermüthig der Musketier;„ich habe Herrn von Cinq⸗Mars, ich habe Herrn von Chalais verhaften ſehen. Ich war noch ſehr jung. Ich habe. Herrn von Condé mit den Prinzen, ich habe Herrn von Retz, ich habe Herrn Brouſſel verhaften ſehen. Höret, Monſeigneur, es iſt ärgerlich zu ſagen, aber derjenige von allen dieſen Leuten, welchem Ihr in die⸗ ſem Augenblick am meiſten gleicht, iſt der gute Brouſſel. Es fehlt nicht viel, daß Ihr, wie er, Eure Serviette in das Portefeuille ſtecktet und Euch den Mund mit Euren Papieren abwiſchtet. Mordioux! Herr Fouquet, ein Mann, wie Ihr, darf ſich nicht ſo niederſchlagen laſſen. Wenn Eure Freunde Euch ſehen würden!...“ „Herr d'Artagnan,“ erwiederte der Oberintendant mit einem Lächeln voll Traurigkeit,„Ihr verſteht mich nicht: gerade weil mich meine Freunde nicht ſehen, bin ich ſo, wie Ihr mich ſeht. Ich lebe nicht ganz allein; ich bin nichts ganz allein. Bemerkt wohl, daß ich meine Exiſtenz dazu angewendet habe, um mir Freunde zu machen, aus denen ich mir Stützen zu bilden hoffte. In der Wohlfahrt machten mir alle dieſe für mich glücklichen Stimmen ein Concert von Lobeserhebungen und Dankſagungen. Bei der geringſten Mißgunſt be⸗ gleiteten dieſe demüthigeren Stimmen harmoniſch das Murren meiner Seele. Die Vereinzelung habe ich nie gekannt. Die Armuth, das Phantom, das ich zuweilen mit den Augen am Ende meiner Straße erblickte, war das Geſpenſt, mit dem mehrere von meinen Freunden ſeit ſo vielen Jahren ſpielen, das ſie poetiſiren, das ſie mich lieben machen! Die Armuth! ich nehme ſie an, ich erkenne ſie, ich empfange ſie wie eine enterbte Schwe⸗ ſter, denn die Armuth, das iſt nicht die Einſamkeit, das iſt nicht die Verbannung, das iſt nicht das Gefängniß! Werde ich je arm ſein mit Freunden wie Peliſſon, wie 192 La Fontaine, wie Molière? mit einer Geliebten wie... Oh! aber die Einſamkeit, mir, dem Mann des Geräuſches, mir, dem Mann des Vergnügens, mir, der ich nur bin, weil die Anderen ſind! Ohl wenn Ihr wüßtet, wie allein ich mich in dieſem Augenblick fühle, und wie Ihr mir, Ihr, der Ihr mich von Allem, was ich liebte, trennt, das Bild der Einſamkeit, des Nichts und des Todes zu ſein ſcheint!“ „Ich habe Euch ſchon geſagt,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan, bis in die Tiefe ſeiner Seele gerührt,„ich habe Euch ſchon geſagt, Ihr übertreibt die Dinge. Der Kö⸗ nig liebt Euch.“ „Nein,“ ſagte Fouquet, den Kopf ſchüttelnd,„nein.“ „Herr Colbert haßt Euch.“ „Herr Colbert? Was iſt mir daran gelegen!“ „Er wird Euch zu Grunde richten.“ „Ohl was das betrifft, ich fordere ihn dazu auf: ich bin ſchon zu Grunde gerichtet.“ Bei dieſem ſeltſamen Geſtändniß des Oberinten⸗ danten ließ d'Artagnan einen ausdrucksvollen Blick um⸗ herlaufen. Obgleich er den Mund nicht öffnete, verſtand ihn Herrn Fouquet doch ſo gut, daß er beifügte: „Was iſt mit dieſen Herrlichkeiten zu machen, wenn man ſelbſt nicht mehr herrlich iſt? Wißt Ihr, wozu uns reichen Leuten unſere meiſten Beſitzungen dienen? Daß ſie uns gerade durch ihren Glanz Alles verleiden, was dieſem Glanze nicht gleichkommt. Vaux! werdet Ihr mir ſagen, die Wunder von Vaux, nicht wahr? Nun! was denn? Was iſt mit dieſen Wundern zu machen? Womit werde ich, wenn ich zu Grunde ge⸗ richtet bin, das Waſſer in die Urnen meiner Najaden, das Feuer in die Eingeweide meiner Salamander, die Luft in die Bruſt meiner Tritone gießen? Um reich genug zu ſein, Herr d'Artagnan, muß man zu reich ſein.“ D Artagnan ſchüttelte den Kopf. „Ohl ich weiß wohl, was Ihr denkt,“ ſprach Fou⸗ quet lebhaft.„Wenn Ihr Vaux hättet, würdet Ihr es d — 193 verkaufen und Euch ein Gut in der Provinz kaufen. Dieſes Gut hätte Waldungen, Obſtgärten, Felder; die⸗ ſes Gut würde ſeinen Herrn ernähren. Aus vierzig Millionen würdet Ihr wohl...“ „Zehn machen,“ unterbrach ihn d'Artagnan. „Nicht eine Million, mein lieber d'Artagnan. Nie⸗ mand in Frankreich iſt reich genug, um Vaux für zwei Millionen zu kaufen und zu unterhalten, wie es iſt; Niemand könnte es, Niemand vermöchte es.“ „Ei!“ rief d'Artagnan,„in jedem Fall eine Million.“ „Nun?“ „Das iſt nicht die Armuth.“ „Beinahe, mein lieber Herr.“ „Wie?“ „Ohl Ihr begreift nicht. Nein, ich will mein Haus in Vaur nicht verkaufen. Ich ſchenke es Cuch, wenn Ihr wollt.“ Fouquet begleitete dieſe Worte mit einer unbe⸗ ſchreibbaren Bewegung der Schultern. „Schenkt es dem König, Ihr werdet einen beſſeren Handel machen.“ „Der König hat nicht nöthig, daß ich es ihm ſchenke; er wird es mir ganz gut nehmen, wenn es ihm beliebt; darum iſt es mir lieber, wenn es untergeht. Seht, Herr d'Artagnan, ware der König nicht unter meinem Dach, ſo nähme ich dieſe Kerze, ginge unter die Kuppel, ſteckte zwei Kiſten mit Raketen und anderem Feuerwerk, das man aufbewahrt, in Brand und würde meinen Palaſt in Aſche verwandeln.“ „Bah!“ verſetzte d'Artagnan mit nachläßigem Tone. „In jedem Fall werdet Ihr die Gärten nicht verbren⸗ nen, und das iſt das Beſte, was es bei Euch gibt.“ „Und dann,“ fuhr Fouquet mit finſterer Miene fort,„mein Gott! was habe ich da geſagt! Vaux ver⸗ brennen! meinen Palaſt zerſtören! Vaur gehört nicht mir, dieſe Reichthümer, dieſe Wunder gehören zum Ge⸗ Die drei Musketiere. Bragelonne. IX. 3 13 — 194 nuß demjenigen, welcher ſie bezahlt hat, das iſt wahr, aber auf die Dauer denjenigen, welche ſie geſchaffen haben. Vaux gehört Lebrun, Vaux gehört Lenoire, Baur gehört Peliſſon, Levau, La Fontaine; Vaux ge⸗ hört Moliéère, der die Aergerlichen hat ſpielen laſſen; Vaux gehoͤrt der Nachwelt. Ihr ſeht wohl, Herr d'Ar⸗ tagnan, daß ich nicht einmal mehr mein eigenes Haus habe.“ „Ah! gut,“ ſagte d'Artagnan,„das iſt ein Gedanke, den ich liebe, und daran erkenne ich Herrn Fouquet. Dieſer Gedanke entfernt mich von dem guten Brouſſel, und ich ſehe darin nicht mehr die Weinerlichkeiten des alten Frondeur. Seid Ihr zu Grunde gerichtet, Mon⸗ ſeigneur, ſo nehmet die Sache gut hin; Mordioux! Ihr gehört auch der Nachwelt an, und Ihr habt nicht das Recht, Euch zu verringern. Seht, ſchaut mich an, mich, der ich ausſehe, als übte ich eine Obergewalt über Euch, weil ich Euch verhafte: das Schickſal, das ihre Rolle den Schauſpielern dieſer Welt zutheilt, hat mir eine minder ſchöne, minder angenehme, als die Eurige war, zu ſpielen gegeben; ich gehöre zu denjenigen, welche glauben, die Rollen der Könige oder der Mächtigen ſeien mehr werth, als die Rollen der Bettler oder der Bedienten. Es iſt mehr werth, in der Scene auf einem andern Theater, als das Theater der Welt, das ſchöne Kleid zu tragen und ſchöne Redensarten zu gebrauchen, als den Boden mit einer Schlarre zu wichſen oder ſich den Rückgrath mit Stöcken, die mit Werg umwickelt, kitzeln zu laſſen. Mit einem Wort, Ihr habt Gold vergeudet, Ihr habt befohlen, Ihr habt genoſſen. Ich, ich habe meine Leine geſchleppt; ich, ich habe gehorcht; ich, ich habe gelitten. Wohl denn! ſo wenig ich im Vergleiche mit Euch Werth beſitze, Monſeigneur, erkläre ich Euch doch, die Erinnerung an das, was ich gethan habe, dient mir als ein Stachel, der mich verhindert, meinen alten Kopf zu früh zu beugen. Ich werde bis 195 ans Ende ein gutes Schwadronpferd ſein, und ich werde ganz ſteif, ganz mit einem Mal, ganz lebendig fallen, nachdem ich meinen Platz gut gewählt habe. Macht es wie ich, Herr Fouquet, Ihr werdet Euch nicht ſchlimmer dabei befinden. Das begegnet nur einmal den Men⸗ ſchen, wie Ihr ſeid. Das Ganze iſt, daß man gut handelt, wenn dies geſchieht. Es gibt ein lateiniſches Sprüchwort, deſſen Worte ich vergeſſen habe, doch ich erinnere mich des Sinnes, denn oft babe ich darüber nachgedacht; es ſagt: Das Ende kront das Werk.“ Fouquet ſtand auf, ſchlang ſeinen Arm um den Hals von d'Artagnan und preßte ihn an ſeine Bruſt, während er mit ſeiner andern Hand dem Musketier die Hand drückte. „Das iſt eine gute Predigt,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Predigt eines Musketiers, Monſeigneur.“ „Ihr lUiebt mich, Ihr, der Ihr mir das ſagt?“ „Vielleicht.“— Fouquet wurde wieder nachdenkend; dann nach einem Augenblick fragte er: „Aber Herr d'Herblay, wo kann er ſein?“ „Ah! ja.“ „Ich wage es nicht, Euch zu bitten, ihn holen zu laſſen.“ „Bätet Ihr mich, ſo würde ich es doch nicht mehr thun, Herr Fouquet. Es wäre unklug. Man würde es erfahren, und Aramis, der an dem Allem keinen Theil hat, könnte compromittirt und in Eure Ungnade mit hineingezogen werden.“ „Ich werde den Tag abwarten,“ ſagte Fouquet. „Ja, das iſt das Beſte.“ „Was werden wir am Tage thun?“ „Ich weiß es nicht, Monſeigneur.“ „Thut mir einen Gefallen, Herr d'Artagnan.“ „Sehr gern.“ 196 „Ihr bewacht mich, ich bleibe; nicht wahr, Ihr Holht ganz und gar Eure Befehle?“ 1 a.“ „Wohl denn!l bleibt mein Schatten! Ich liebe dieſen mehr, als einen andern.“ D'Artagnan verbeugte ſich. „Aber vergeßt, daß Ihr, Herr d'Artagnan, Kapi⸗ tän der Musketiere ſeid; vergeßt, daß ich, Herr Fou⸗ quet, Oberintendant der Finanzen bin, und laßt uns von meinen Angelegenheiten reden.“ „Teufel! das iſt kitzelig.“ „Wahrhaftig?“ „Ja, doch für Euch, Herr Fouquet, werde ich das Unmögliche thun.“ „Ich danke. Was hat Euch der König geſagt?“ „Nichts.“ „Ah! ſo redet Ihr!“ „Bei Gott!“ „Was denkt Ihr von meiner Lage?“ „Nichts.“ „Aber wenn nicht böſer Wille..“ „Eure Lage iſt ſchwierig.“ „In welcher Hinſicht?“ „In der, daß Ihr in Eurem Hauſe ſeid.“ „So ſchwierig ſie auch ſein mag, ich begreife ſie „Bei Gott! bildet Ihr Euch ein, gegen einen An⸗ dern, als Euch, wäre ich mit dieſer Offenherzigkeit zu Werke gegangen!“ „Wie! ſo viel Offenherzigkeit! Ihr ſeid offen⸗ herzig gegen mich geweſen? Ihr, der Ihr Euch wei⸗ gert, mir auch nur das Geringſte zu ſagen?“ „Mit vielen Umſtänden alſo.“ „Ah!l gut.“ „Höoͤret, wie ich mich gegen einen Andern, als Euch, benommen hätte. Ich kam an Eure Thüre, die Leute waren weggegangen, oder weil ſie nicht wegge⸗ doch -—O ͤ= ͤ———,— — — ——————-——, ———— ³ NA 197 gangen, wartete ich auf ſie bei ihrem Austritt und er⸗ wiſchte einen nach dem andern, wie Kaninchen vor dem Lager; ich ſteckte ſie geräuſchlos ein und ſtreckte mich auf dem Teppich Eurer Hausflur aus, und eine Hand auf Euch, ohne daß Ihr es vermuthetet, be⸗ wachte ich Euch zum Frühſtück des Herrn. Auf dieſe Art kein Aufſehen, keine Vertheidigung, kein Lärm; aber auch keine Warnung für Herrn Fouquet, keine Zu⸗ rückhaltung, keine von den zarten Einräumungen, die man ſich unter artigen Leuten im entſcheidenden Augen⸗ blick gewährt. Seid Ihr zufrieden mit dieſem Plan?“ „Er macht mich beben.“ „Nicht wahr? es wäre traurig geweſen, morgen ohne Vorbereitung zu erſcheinen und Euren Degen von Euch zu fordern?“ „Ohl mein Herr, ich wäre vor Scham und Zorn geſtorben!“ „Eure Dankbarkeit drückt ſich zu beredt aus, glaubt mir, ich habe nicht genug gethan.“ „Das werdet Ihr mich gewiß nie zugeſtehen machen.“ „Nun, Monſeigneur, wenn Ihr mit mir zufrieden ſeid, wenn Ihr Euch von dem Stoß, den ich ſo viel, als ich konnte, milderte, erholt häbt, laſſen wir die Zeit ihre Flügel ſchlagen; Ihr ſeid müde, Ihr habt Be⸗ trachtungen anzuſtellen; ich beſchwöre Euch, ſchlaft, oder ſtellt Euch, als ſchliefet Ihr, auf Eurem Bett oder in Eurem Bett. Ich, ich ſchlafe in dieſem Lehnſtuhl, und wenn ich ſchlafe, iſt mein Schlaf ſo hart, daß mich eine Kanone nicht auſwecken würde.“ Fouquet lächelte.— „Ich nehme jedoch aus,“ fuhr der Musketier fort, „ich nehme deu Fall aus, daß man eine Thüre öffnen würde, eine geheime oder eine ſichtbare, eine Aus⸗ gangs⸗ oder eine Eingangsthüre. Ohl hiefür iſt mein Ohr im höchſten Grade verwundbar. Ein Krachen macht, daß ich bebe. Das iſt eine Sache natürlicher Antipathie. Geht alſo im Zimmer auf und ab, ſchreibt, loͤſcht aus, zerreißt, verbrennt; dies Alles⸗wird mi nicht zu ſchlafen und ſogar zu ſchnarchen verhindern; abe rührt den Schlüſſel des Schloſſes nicht an, rührt die Thürſchnalle nicht an, denn Ihr würdet mich ploͤtzlich X aufwecken, und das würde meine Nerven furchtbar reizen.“ ſchieden der geiſtreichſte und artigſte Mann, den ich kenne, und ich bedaure nur Eines: daß ich ſo ſpät Eure Bekanntſchaft gemacht habe.“ D'Artagnan ſtieß einen Seufzer aus, welcher be⸗ ſagen wollte: Ach! Ihr habt ſie vielleicht zu früh ge⸗ macht! Dann verſenkte er ſich in ſeinen Lehnſtuhl, während Fouquet, halb auf ſeinem Bette liegend und auf ſeinen Ellenbogen geſtützt, von ſeinem Abenteuer träumte. 3 Und Beide ließen die Kerzen brennen und warteten auf das erſte Erwachen des Tages, und wenn Fouquet zu laut ſeufzte, ſchnarchte d'Artagnan zu ſtark. Kein Beſuch, nicht einmal der von Aramis, ſtörte ihre Ruhe; kein Geräuſch machte ſich in dem weiten Hauſe höͤrbar. Außen ließen die Ehrenrunden und die Patroull⸗ len der Musketiere den Sand unter ihren Tritten kra⸗ chen; das war eine Ruhe mehr für die Schläfer. Man füge dann das Rauſchen des Windes und der Brunnen bei, welche ihre ewige Function verſehen, ohne ſich um die kleinen Dinge zu bekümmern, aus denen das Leben und der Tod des Menſchen beſtehen. „Heir d'Artagnan,“ ſprach Fouquet,„Ihr ſeid ent⸗I 199 XX. Der⸗Morgen. — Im Vergleich mit dem finſteren Geſchick des in der Baſtille eingeſperrten und vor Verzweiflung an den Riegeln und den Gitterſtangen nagenden Königs, würde die Rhetorik der alten Chronikſchreiber nicht verfehlen, den Gegenſatz des unter dem königlichen Betthimmel ſchlafenden Philipp aufzuſtellen. Die Rhetorik iſt nicht immer ſchlecht, ſie ſät nicht immer falſch die Blumen aus, mit denen ſie die Geſchichte, überſchmelzen will; aber wir werden uns der Aufgade überheben, die An⸗ titheſe hier ſorgfältig glänzend zu machen und mit Intereſſe das andere Gemälde zu zeichnen, das dem er⸗ ſten als Seitenſtück zu dienen beſtimmt iſt. Der junge Prinz ſtieg aus der Wohnung von Aramis herab, wie der Koͤnig aus dem Zimmer von Morpheus herabgeſtiegen war. Die Kuppel ſenkte ſich langſam unter dem Drucke von Herrn d'Herblay, und Philipp befand ſich vor dem königlichen Bette, das wieder emporgegangen war, nachdem es ſeinen Gefan⸗ genen in den Tiefen des unterirdiſchen Gewölbes abge⸗ ſetzt hatte. 1 Allein in Gegenwart dieſes Lurxus, allein vor all dieſer Macht, allein vor der Rolle, die er zu ſpielen genöthigt ſein ſollte, fühlte Philipp zum erſten Mal ſeine Seele den tauſend Bewegungen ſich öffnen, welche die Lebensſchläge eines königlichen Herzens ſind. Aber die Kälte erfaßte ihn, indem er dieſes leere und noch von dem Leibe ſeines Bruders zerknitterte Bett betrachtete. Der ſtumme Mitſchuldige war zurückgekehrt, nach⸗ 200 dem er zu Vollbringung des Werkes gedient hatte. Er kam mit der Spur des Verbrechers zurück, er ſprach zu dem Schuldigen die offenherzige und ungeſchlachte Sprache, die der Mitſchuldige gegen den Mitſchuldigen zu gebrauchen nie ſich ſcheut. Er ſagte die Wahr⸗ heit. Philipp, indem er ſich bückte, um beſſer zu ſehen, erblickte das von dem kalten Schweiß, der von der Stirne von Ludwig XIV. gerieſelt war, noch feuchte Sacktuch. Dieſer Schweiß erſchreckte Philipp, wie das Blut von Abel Kain erſchreckt hatte. „Ich ſtehe nun von Angeſicht zu Angeſicht meinem Geſchicke gegenüber,“ ſprach Philipp, das Auge in Flammen, das Geſicht leichenbleich.„Wird es furcht⸗ barer ſein, als meine Gefangenſchaft ſchmerzlich war? Werde ich genöthigt, jeden Augenblick den Uſurpationen des Geiſtes zu folgen, ſtets daran denken, auf die Scru⸗ pel meines Herzens zu hören? Nun wohll ja, der König hat auf dieſem Bette geruht; ja, es iſt ſein Kopf, der dieſe Vertiefung⸗in das Kiſſen gegraben hat; es iſt die Bitterkeit ſeiner Thränen, was dieſes Sack⸗ tuch erweicht hat, und ich zögere, mich auf dieſes Bett zu legen, mit meiner Hand dieſes Sacktuch zu berühren, auf welches das Wappen des Königs geſtiickt iſt! Auf, ahmen wir Herrn d'Herblay nach, nach deſſen Willen die Handlung immer einen Grad über dem Gedanken ſtehen ſoll; ahmen wir Herrn d'Herblay nach, der im⸗ mer an ſich denkt, und der ſich einen ehrlichen Mann nennt, wenn er nur ſeine Feinde unzufrieden gemacht oder verrathen hat. Dieſes Bett, ich würde es einge⸗ nommen haben, haͤtte mich mein Bruder nicht durch das Verbrechen unſerer Mutter um mein Erbe gebracht. Dieſes Sacktuch, worauf das Wappen von Frankreich geſtickt iſt, mir allein käme es zu, mich deſſelben zu be⸗ dienen, hätte man mich, wie Herr d'Herblay bemerkte, an meinem Platze in der königlichen Wiege gelaſſen. Philipp, Sohn von Frankreich, ſteige wieder auf Dein S8 ̈ NaO ☛ 8 81 1 8 R — u 201 Bett! Philipp, einziger König von Frankreich, nimm Dein Wappen wieder an!! Philipp, einziger muth⸗ maßlicher Erbe von Ludwig XIII., Deinem Vater, ſei ohne Mitleid gegen den Uſurpator, der in dieſem Augen⸗ blick nicht einmal den Gewiſſensbiß über Alles das hat, was Du gelitten!!!“ Nachdem er ſo geſprochen, legte ſich Philipp, trotz des inſtinctartigen Widerſtrebens ſeines Koͤrpers, trotz des Schauers, trotz des Schreckens, den ſein Wille bändigte, auf das königliche Bett und zwang ſeine Muskeln, das noch laue Lager von Ludwig XIV. zu preſſen, während er auf ſeine Stirne das von Schweiß feuchte Sacktuch drückte. Als ſich ſein Kopf rückwärts warf und das weiche Kiſſen aushoͤhlte, erblickte Philipp über ſeiner Stirne die Krone von Frankreich, erwähnter Maßen, gehalten von den Engeln mit den großen goldenen Flügeln. Man ſtelle ſich nun dieſen königlichen Eindring⸗ ling, das Auge düſter und den Leib bebend, vor. Er gleicht dem in einer ſtürmiſchen Nacht verirrten Tiger, der durch das Schilfrohr, durch die unbekannte Schlucht, herbeigekommen iſt und ſich in der Höhle des abweſen⸗ den Lowen niedergelegt hat. Der bösartige Geruch, der laue Dunſt der gewöhnlichen Wohnung haben ihn angezogen. Er hat ein Bett von trockenen Kräutern und zerbrochenen, markartig teigichten Knochen gefunden; er kommt und läßt in der Dunkelheit ſeinen Blick um⸗ herlaufen, welcher flammt und ſieht; er ſchüttelt ſeine triefenden Glieder, ſein von Schlamm beſchmutztes Fell, kauert ſich langſam nieder und ſtreckt ſeine Schnauze auf ſeine ungeheuren Pfoten aus, bereit zum Schlafe, aber auch bereit zum Kampfe. Der Blitz, der in den Spalten der Hoͤhle gläͤnzt und ſpiegelt, das Rauſchen der an einander ſtoßenden Zweige, die Steine, welche niederſtürzend krachen, die unbeſtimmte Furcht vor der Gefahr, entziehen ihn oft dieſer durch die Müdigkeit verurſachten Lethargie. 4 1 20²2 Man kann ſeinen Ehrgeiz darein ſetzen, im Bette des Löwen zu ſchlafen, aber man darf nicht hoffen, ruhig darin zu ſchlafen. Philipp horchte auf jedes Geräuſch. Er ließ ſein Herz bei dem Hauche aller Schrecken ſchwanken. Doch auf ſeine, durch das Uebermaß ſeines äußerſten Ent⸗ ſchluſſes verdoppelte Kraft vertrauend, wartete er ohne Schwäche, daß ihm ein entſcheidender Umſtand ſich ſelbſt zu beurtheilen geſtattete. Er hoffte, eine große Gefahr würde für ihn leuchten, wie jene Phosphore des Stur⸗ mes, die den Schiffern die Höhe der Wellen zeigen, gegen die ſie kämpfen. Doch nichts kam. Die Stille, dieſer Todfeind un⸗ ruhiger Herzen, dieſer Todfeind der Ehrgeizigen, um⸗ hüllte die ganze Nacht hindurch mit ihrem dichten Dunſt den unter ſeiner geſtohlenen Krone liegenden zukünftigen König von Frankreich. Gegen Morgen ſchlüpfte mehr ein Schatten, als ein Körper, in das koͤnigliche Gemach. Philipp erwar⸗ tete ihn und wunderte ſich nicht darüber. „Nun! Herr d'Herblay?“ ſagte er. „Sire, Alles iſt beendigt.“ „Wie 2 „Alles, was wir erwarteten.“ „Widerſtand?“ „Heftiger. Thränen, Schreie.“ „Dann 2“ „Dann die Beſtürzung.“ „Endlich?“ „Vollkommener Sieg und gänzliches Stillſchwei⸗ gen... „Vermuthet der Gouverneur der Baſtille?“ „Nichts.“ „Dieſe Aehnlichkeit?“ „Iſt hie Urſache des glücklichen Erfolgs.“ „Aber der Gefangene muß ſich unfehlbar erklären⸗ Bedenkt das wohl.“ —- 203 „Ich habe ſchon für Alles vorhergeſehen. In einigen Tagen, früher vielleicht, wenn es nöthig iſt, nehmen wir den Gefangenen aus ſeinem Kerker und ſchaffen ihn durch die Verbannung nach einem ſo fernen Ort aus dem Lande..“— „Man kommt aus der Verbannung zurück, Herr d'Herblay?“ „Nach einem ſo fernen Ort, habe ich geſagt, daß die materiellen Kräfte des Menſchen und die Dauer ſeines Lebens nicht zur Rückkehr zureichen würden.“ Abermals kreuzten ſich der Blick des jungen Königs und der von Aramis mit einem kalten Einverſtändniß. „Und Herr du Vallon?“ fragte Philipp, um das Geſpräch zu wechſeln. „Er wird Euch heute vorgeſtellt werden und Euch vertraulicher Weiſe zu der Gefahr Glück wünſchen, die Euch dieſer Uſurpator hat laufen laſſen.“ „Was wird man aus ihm machen?“ „Aus Herrn du Vallon?“ „Einen Herzog mit Diplom, nicht wahr?“ „Ja, einen Herzog mit Diplom,“ erwiederte Ara⸗ mis, ſeltſam lächelnd. „Warum lacht Ihr, Herr d'Herblay?“ „Ich lache über den vorſichtigen Gedanken Eurer Majeſtät.“ 5 „Vorſichtig? was verſteht Ihr hierunter?“ „Eure Majeſtät befürchtet ohne Zweifel, dieſer arme Porthos werde ein läſtiger Zeuge, und ſie will ſich ſeiner entledigen.“ „Indem ich ihn zum Herzog mache?“ „Gewiß, Ihr toͤdtet ihn; er wird vor Freude darüber ſterben, und das Geheimniß wird mit ihm ſterben.“ „Oh! mein Gott!“ „Ich,“ ſagte Aramis phlegmatiſch,„ich werde in ihm einen ſehr guten Freund verlieren.“ 3 In dieſem Augenblick und mitten unter dieſen un⸗ . bedeutenden Geſprächen, unter denen die zwei Verſchwoö⸗ rer die Freude und den Stolz über den glücklichen Er⸗ folg verbargen, hörte Aramis etwas, was ihn die Ohren ſpitzen machte. „Was gibt es?“ fragte Philipp. „Der Tag, Sire!“ „Nun?“ „Ehe Ihr Euch geſtern in dieſes Bett gelegt, habt Ihr wahrſcheinlich beſtimmt, dieſen Morgen bei Tages⸗ anbruch etwas zu thun?“ „Ich habe meinem Kapitän der Musketiere geſagt, ich erwarte ihn,“ erwiederte lebhaft der junge Mann. „Wenn Ihr ihm das geſagt habt, ſo kommt er ſicherlich, denn es iſt ein pünktlicher Mann.“ „Ich höre einen Tritt im Vorſaal.“ „Er iſt es.“ „Auf, beginnen wir den Angriff,“ ſprach der junge Mann entſchloſſen. 8 „Nehmt Euch in Acht!“ rief Aramis,„den Angriff beginnen, und zwar bei d'Artagnan, das wäre Tollheit. D'Artagnan hat nichts geſehen, d'Artagnan iſt hundert Meilen davon entfernt, unſer Geheimniß zu ahnen; aber er komme zuerſt dieſen Morgen hier herein, und er wird wittern, daß etwas vorgefallen iſt, womit er ſich beſchäftigen muß. Höret, Sire, ehe wir d'Artagnan hier eindringen laſſen, müſſen wir dem Zimmer viel Luft geben, oder ſo viele Leute hier einführen, daß der feinſte Leithund des Königreichs durch zwanzig ver⸗ ſchiedene Spuren von der Fährte abgebracht würde.“ „Aber wie ihn wegſchicken, da ich ihn hierher be⸗ ſchieden habe?“ bemerkte der Prinz, ungeduldig, ſich mit einem ſo furchtbaren Gegner zu meſſen. „Ich übernehme das,“ erwiederte der Biſchof,„und um anzufangen, will ich einen Schlag thun, der unſern Mann betäuben wird.“ „Er thut auch einen Schlag,“ fügte der Prinz lebhaft bei. ⸗ ——— — 20⁵ Man hörte in der That außen klopfen. Aramis hatte ſich nicht getäuſcht: es war d'Artag⸗ nan, der ſich auf dieſe Art ankündigte. Wir haben ihn die Nacht mit Philoſophiren bei Herrn Fouquet hinbringen ſehen. Doch der Musketier war ſehr müde, ſogar nur den Schlaf zu heucheln, und ſobald die Morgendämmerung mit ihrem bläulichen Scheine die koſtbaren Karnieße im Gemache des Ober⸗ intendanten beleuchtete, erhob ſich d'Artagnan aus ſei⸗ nem Lehnſtuhle, richtete ſeinen Degen zurecht, bügelte ſeinen Rock mit ſeinem Aermel und bürſtete ſeinen Filzhut wie ein Soldat auf der Wache, der bereit iſt, die Inſpection ſeines Gefreiten durchzumachen. „Ihr geht weg?“ fragte Fouquet. „Ja, Monſeigneur; und Ihr?“ „Ich bleibe.“ „Auf Euer Wort?“ „Auf mein Wort.“ „Gut. Ich gehe übrigens nur von hier weg, um Euch die bewußte Antwort zu holen.“ „Den Spruch wollt Ihr ſagen.“ „Seht, ich habe ein wenig vom alten Römer. Dieſen Morgen, als ich mich erhob, bemerkte ich, daß ſich mein Degen an keinem Neſtel fing und daß das Wehr⸗ gehenk gut lief. Das iſt ein untrügliches Zeichen.“ „Von Glück?“ 3 „So oft ſich dieſes verteufelte Büffelleder an mei⸗ nen Rücken anhing, war es eine Strafe von Herrn von Treville oder eine Geldverweigerung von Herrn von Mazarin. So oft der Degen ſich am Wehrgehenk ſelbſt anhakte, war es ein ſchlimmer Auftrag, wie es mir ſolche mein ganzes Leben lang geregnet hat. So oft der Degen ſelbſt in der Scheide tanzte, war es ein glückliches Duell. Sobald er ſich in meine Waden einquartierte, war es eine leichte Wunde. So oft er ganz aus der Scheide herauskam, war ich en chieden, 206 ich ſollte auf dem Schlachtfeld bleiben, mit zwei bis drei Monat Wundarzt und Compreſſen.“ „Ahl ich wußte nicht, daß Ihr von Eurem De⸗ gen ſo gut unterrichtet werdet,“ ſagte Fouquet mit 4 einem bleichen Lächeln, das der Kampf gegen ſeine eigenen Schwächen war.„Iſt Eure Klinge eine Fee oder eine Zauberin?“ „Mein Degen, ſeht Ihr, iſt ein Glied, das einen Theil meines Körpers bildet. Ich habe ſagen hören, gewiſſe Menſchen werden durch ihr Bein, oder durch ein Schlagen ihrer Schläfe benachrichtigt. Ich werde durch meinen Degen unterrichtet. Nun! er hat mir heute Morgen nichts geſagt. Ahl doch... nun fällt er ganz allein in den letzten Winkel des Wehrgehenks. Wißt Ihr, was mir das weisſagt?“ „Nein.“ „Das weisſagt mir eine Verhaftung für heute.“ „Ah!“ rief der Oberintendant, mehr erſtaunt als ärgerlich über dieſe Offenherzigkeit,„wenn Euch von Eurem Degen nichts Trauriges geweisſagt wird, ſo iſt es alſo nicht traurig für Euch, mich zu verhaften.“ „Euch verhaften! Euch?“ „Alle rdings... die Weisſagung“ „Geht Euch nichts an, da Ihr ſeit geſtern ver⸗ haftet ſeid. Ihr ſeid es alſo nicht, den ich verhaften werde. Darum freue ich mich, darum ſage ich, mein Tag werde glücklich ſein.“ 4 Nach dieſen, mit einer ganz liebevollen Freundlich⸗ keit ausgeſprochenen, Worten nahm der Kapitän von Fouquet Abſchied, um ſich zum König zu begeben. Er war im Begriff über die Schwelle des Zim⸗ mers zu ſchreiten, als Fouquet zu ihm ſagte: „Ein letztes Zeichen Eures Wohlwollens.“ „Gut, Monſeigneur.“ „Herr d'Herblay, laßt mich Herrn d'Herblay ſehen.“ „Ich will es ſo einrichten, daß ich ihn Euch zurücke bringe.“ 207 D'Artagnan glaubte nicht, ſo wahr zu ſprechen. Es ſtand geſchrieben, es ſollten ſich für ihn am Tage die Weisſagungen verwirklichen, die ihm der Morgen gemacht hatte. Er hatte, wie geſagt, an die Thüre des Königs geklopft. Dieſe Thüre öffnete ſich. Der Kapitän konnte glauben, der König habe ſelbſt geöffnet. Dieſe An⸗ nahme war nicht unzuläßig nach dem aufgeregten Zuſtand, in dem der Musketier den König am Abend vorher verlaſſen hatte. Doch ſtatt des königlichen Ge⸗ ſichtes, das er ehrfurchtsvoll zu begrüßen ſich anſchickte, erblickte er das lange, unempfindliche Geſicht von Ara⸗ mis. Es fehlte wenig, daß er einen Schrei ausgeſtoßen hätte, ſo gewaltig war ſein Erſtaunen. „Aramis?“ ſagte er. „Guten Morgen, lieber d'Artagnan,“ erwiederte kalt der Prälat. „Hier!“ ſtammelte der Musketier. „Seine Majeſtät bittet Euch, zu verkündigen, ſie ruhe, nachdem ſie ſich die ganze Nacht ermüdet habe.“ „Ah!“ machte d'Artagnan, der nicht begreifen konnte, wie der Biſchof von Vannes, am Abend zuvor ein ſo dünner Günſtling, in ſechs Stunden der größte Glückspilz geworden war, der je im Gange hinter einem königlichen Bett gewachſen. In der That, um auf der Schwelle des Gemaches des Monarchen die Willensbeſtimmungen des Königs zu übertragen, um Ludwig XIV. als Mittelsperſon zu dienen, um in ſeinem Namen zwei Schritte von ihm zu befehlen, mußte man mehr ſein, als je Richelieu bei Ludwig XIII. geweſen war. Das ausdrucksvolle Auge von d'Artagnan, ſein erweiterter Mund, ſein emporgeſträubter Schnurrbart ſagten dies Alles in der klarſten Sprache dem ſtolzen Günſtling, der nicht dadurch in Bewegung gexieth. „Mehr noch,“ fuhr der Biſchof fort,„Ihr werdet die Güte haben, mein Herr Kapitän der Musketiere, 208 dieſen Morgen nur die größten Entrées zuzulaſſen. Seine Majeſtät will noch ſchlafen.“ „Aber,“ wandte d'Artagnan ein, der im Begriffe war, ſich zu empören und beſonders den Verdacht aus⸗ brechen zu laſſen, den ihm das Stillſchweigen des Kö⸗ nigs einflößte,„aber, Herr Biſchof, Seine Majeſtät hat mich auf dieſen Morgen beſchieden.“ „Verſchieben wir das,“ rief aus dem Hintergrunde des Alkoven die Stimme des Königs, eine Stimme, die einen Schauer die Adern des Musketiers durchlau⸗ fen machte. Er verbeugte ſich, verblüfft, verdutzt durch das Lächeln, mit dem ihn Aramis niederſchmetterte, ſobald dieſe Worte geſprochen waren. „Und dann,“ fuhr Aramis fort,„um auf das zu antworten, was Ihr den König fragen wolltet, mein lieber d'Artagnan, hier iſt ein Befehl, von dem Ihr auf der Stelle Kenntniß nehmen werdet. Dieſer Be⸗ fehl betrifft Herrn Fouquet.“ 19.) Andunan nahm einen Befehl, den man ihm reichte. „Freilaſſungsbefehl?“ murmelte er.„Ah!“ Und er gab ein zweites ahl von ſich, das noch verſtändiger war, als das erſte. Dieſer Befehl erklärte ihm nämlich die Anweſen⸗ heit von Aramis beim König; um die Begnadigung von Fouquet erlangt zu haben, mußte Aramis ſehr hoch in der Gunſt des Königs ſtehen; dieſe Gunſt er⸗ klärte ebenfalls die unglaubliche Dreiſtigkeit, mit der Herr d'Herblay die Befehle im Namen Seiner Maje⸗ ſtät gab. Es genügte für d'Artagnan, etwas begriffen zu haben, um Alles zu begreifen.. Er grüßte und machte zwei Schritte, um wegzu⸗ gehen. „Ich begleite Euch,“ ſagte der Biſchof. „Wohin 4 1 —,—n— 12 Hß„ “ 209 „Zu Herrn Fouquet; ich will mich an ſeiner Freude weiden.“ „Ah! Aramis, wie habt Ihr mich ſo eben intri⸗ guirt,“ ſprach d'Artagnan. „Doch nun begreift Ihr?“ „Bei Gott! ob ich begreife,“ ſagte er ganz laut. Dann hauchte er ganz leiſe zwiſchen den Zähnen:„Nein, nein, ich begreife nicht. Doch gleichviel... der Be⸗ fehl iſt da.“ Und er fügte bei:„Geht voran, Mon⸗ ſeigneur.“ D'Artagnan führte Aramis zu Fouquet. XXI. Der Freund des Königs. Fouquet wartete voll Angſt, er hatte ſchon meh⸗ rere von ſeinen Dienern und ſeinen Freunden wegge⸗ ſchickt, welche, ſeiner gewöhnlichen Empfangsſtunde zuvorkommend, an ſeiner Thüre erſchienen waren. Jeden derſelben fragte er nur, indem er die über ſeinem Haupte ſchwebende Gefahr verſchwieg, wo man Aramis finden könnte. Als er dArtagnan zurückkommen fah, als er hinter ihm den Biſchof von Vannes erblickte, erreichte ſeine Freude den höchſten Grad; ſie kam ſeiner ganzen vor⸗ hergehenden Bangigkeit gleich. Aramis ſehen, war für den Oberintendanten eine Entſchädigung für das Un⸗ glück, verhaftet zu werden. 3 Die drei Musketiere. Bragelonne. IX. 14 Der Prälat war ſchweigſam und ernſt; d'Artagnan war verſtört durch all die Zuſammenhäufung unglaub⸗ licher Ereigniſſe. „Nun! Kapitän, Ihr bringt mir Herrn d'Herblay?“ „Und noch etwas Beſſeres, Monſeigneur.“ „Was denn?“ „Die Freiheit.“ „Ich bin frei?“ „Ihr ſeid es. Befehl des Königs.“ Fouquet nahm wieder ſeine ganze Heiterkeit an, um Aramis mit dem Blicke zu befragen. „Oh! ja, Ihr könnt dem Herrn Biſchof von Van⸗ nes danken,“ fuhr d'Artagnan fort,„denn ihm habt Ihr die Veränderung des Königs zuzuſchreiben.“ „Oh!“ machte Fouquet, mehr gedemüthigt durch den Dienſt, als dankbar für den Erfolg. „Aber Ihr,“ ſagte d'Artagnan ſich an Aramis wendend,„Ihr, der Ihr Herrn Fouqguet beſchützt, wer⸗ det Ihr nicht etwas für mich thun?“ „Alles, was Ihr wollt, mein Freund,“ erwiederte der Biſchof mit ſeinem ruhigen Ton. „Nur Eines, und ich erkläre mich für zufrieden. Wie ſeid Ihr der Günſtling des Königs geworden, Ihr, der Ihr ihn nur zweimal in Eurem Leben ge⸗ ſprochen habt?“ „Vor einem Freunde, wie Ihr ſeid, verbirgt man nichts,“ erwiederte Aramis feiner Weiſe. „Ah! gut, ſo ſprecht.“ „Wohl denn! Ihr glaubt, ich habe den König nur zweimal geſehen, während ich ihn mehr als hundertmal geſehen habe. Nur verbargen wir uns, das iſt das Ganze.“ Und ohne daß er die neue Röthe zu vertilgen ſuchte, welche bei dieſer Offenbarung d'Artagnan zur Stirne ſtieg, drehte ſich Aramis zu Herrn Fouquet um, der eben ſo ſehr erſtaunt war, als der Musketier. „Monſeigneur,“ ſprach er,„der König beauftragt an ib⸗ 7“ 211 mich, Euch zu ſagen, er ſei mehr als je Euer Freund, und Euer ſo ſchönes, ſo edelmüthig gebotenes Feſt habe ſein Herz gerührt.“ Hienach verbeugte er ſich wiederholt ſo hrerbjetig vor Fouquet, daß dieſer, unfähig, eine Diplomatie von dieſer Stärke zu begreifen, ohne Stimme, ohne Ge⸗ danken und ohne Bewegung blieb. D'Artagnan glaubte zu bemerken, daß dieſe zwei Männer ſich etwas zu ſagen hatten, und er gedachte die ſem Inſtincte der Höflichkeit zu gehorchen, der in einem ſolchen Falle denjenigen nach der Thüre treibt, deſſen Gegenwart eine Beengung für die Anderen iſt, Raber durch ſo viele Geheimniſſe geſtachelt, rieth ihm ſeine glühende Neugierde, zu bleiben. Da wandte ſich Aramis mit freundlicher Miene an ihn und ſagte: „Mein Freund, nicht wahr, Ihr erinnert Euch wohl des Befehls Seiner Majeſtät hinſichtlich ihres kleinen Lever?“ Dieſe Worte waren klar genug. Der Musketier verſtand ſie; er grüßte Fouquet, dann Aramis mit einer Färbung ironiſcher Ehrfurcht, und verſchwand. Dann ſtürzte Fouquet, der in ſeiner Ungeduld Mühe gehabt hatte, dieſen Augenblick abzuwarten, nach der Thüre, um ſie zu ſchließen, kehrte ſogleich wieder zum Biſchof zurück und ſagte: „Mein lieber d'Herblay, ich glaube, es iſt Zeit für Euch, daß Ihr mir erklärt, was vorgeht. In der That, ich verſtehe nichts mehr.“ „Wir werden Euch das Alles erklären,“ erwiederte Aramis, indem er ſich ſetzte und Fouquet ebenfalls ſitzen hieß.„Wo ſoll ich anfangen?“ „Sagt mir vor Allem, warum mich der König in Freiheit ſetzen läßt?“ „Ihr hättet mich fragen ſollen, warum er Euch habe verhaften laſſen.“ „Seit meiner Verhaftung hatte ich Zeit, darüber 212 nachzudenken, und ich glaube, daß ein wenig Eiferſucht im Spiele iſt. Mein Feſt hat Herrn Colbert geärgert, und Herr Colbert hat irgend einen Plan gegen mich gefunden, den Plan von Belle⸗Isle zum Beiſpiel.“ „Nein, es handelt ſich noch nicht um Belle⸗Isle.“ „Um was denn?“ „Ihr erinnert Euch der Quittungen über dreizehn Millionen, die Herr von Mazarin Euch hat ſtehlen laſſen?“ „Ohl ja. Nun?“ „Nun! man hat Euch ſchon zum Diebe erklärt.“ „Mein Gott!“ „Das iſt noch nicht Alles. Ihr erinnert Euch des von Euch an la Vallidre geſchriebenen Briefes?“ „Ach! es iſt wahr.“ „Dieſes Briefes wegen ſeid Ihr als Verräther und Verführer erklärt worden.“ „Warum hat man mir aber dann verziehen?“ „Wir ſind noch nicht ſo weit in unſerer Beweis⸗ führung. Ich wünſche Euch gehörig über die That⸗ ſache ins Klare geſetzt zu haben. Bemerkt wohl: der König weiß Euch ſchuldig der Entwendung von Gel⸗ dern. Ohl bei Gott! es iſt mir genau bekannt, daß Ihr durchaus nichts entwendet habt: aber der König hat am Ende die Süienan nicht geſehen, und er kann nicht umhin, Euch für ſtrafbar zu halten.“ „Verzeiht, ich ſehe nicht ein...“ „Ihr werdet einſehen.“ „Mehr noch, der König, der Euer Liebesbillet und die Anträge, die Ihr la Vallidre gemacht, geleſen hat, kann keinen Zweifel über Eure Abſichten in Beziehung auf dieſe Schöne hegen, nicht wahr?“ „Gewiß. Doch ſchließt.“ „Ich komme dazu.“ „Der Koͤnig iſt alſo für Euch ein Todfeind, ein unverſöhnlicher Feind, ein ewiger Feind?“ „Einverſtanden. Aber bin ich denn ſo mächtig, 213 daß er es, trotz dieſes Haſſes, nicht gewagt hätte, mich mit allen den Mitteln, die ihm meine Schwäche oder mein Unglück als Gewalt über mich verleihen, zu Grunde zu richten?“ „Es iſt entſchieden,“ fuhr Aramis kalt fort,„der König iſt unverſöhnlich mit Euch entzweit.“ „Aber er ſpricht mich frei..“ „Glaubt Ihr?“ ſagte der Biſchof mit einem for⸗ ſchenden Blick. „Ohne an die Aufrichtigkeit des Herzens zu glau⸗ ben, glaube ich an die Wahrheit der Thatſache.“ Aramis zuckte leicht die Achſeln. „Warum hätte Euch denn Ludwig XIV. beauf⸗ tragt, mir zu ſagen, was Ihr mir gemeldet habt?“ 1„Der König hat mich mit nichts für Euch beauf⸗ ragt.“ „Mit nichts!“ rief der Oberintendant erſtaunt. „Nun! aber der Befehl?“ „Ahl ja, es iſt ein Befehl vorhanden; ganz richtig.“ Dieſe Worte wurden von Aramis mit einem ſo ſeltſamen Ausdruck geſprochen, daß ſich Fouquet eines Schauers nicht erwehren konnte. „Höret,“ ſagte er,„ich ſehe, Ihr verbergt mir etwas.“ Aramis ſtreichelte ſein Kinn mit ſeinen ſo weißen Fingern— „Der Koͤnig verbannt mich?“ „Macht es nicht wie in jenem Spiel, bei welchen die Kinder die Gegenwart eines verborgenen Gegen⸗ ſtands aus der Weiſe errathen, wie ein Gloͤckchen er⸗ tönt, je nachdem ſie ſich dem Gegenſtand nähern oder von demſelben entfernen.“ „„ Sprecht doch.“ „Errathet.“ „Ihr macht mir bange.“ „Bah! ſo habt Ihr alſo nicht errathen 214 „Was hat Euch der König geſagt? Im Namen Eurer Freundſchaft, verbergt es mir nicht.“ „Der König hat mir nichts geſagt.“ „Ihr macht, daß ich vor Ungeduld ſterbe, d'Her⸗ blay. Bin ich immer noch Oberintendant?“ „So lange Ihr wollt.“ „Aber welche ſonderbare Herrſchaft habt Ihr ploͤtz⸗ lich über den Geiſt des Königs gewonnen?“ „Ahl ja.“ „Ihr laßt ihn nach Eurem Willen handeln.“ „Ich glaube es.“ „Das iſt unwahrſcheinlich.“ „Man wird es ſagen.“ „Herr d'Herblay, bei unſerem Bunde, bei unſerer Freundſchaft, bei Allem, was Ihr Theuerſtes auf der Welt habt, ſprecht, ich flehe Euch an. Welchem Um⸗ ſtande habt Ihr es zu verdanken, daß Ihr ſo bei Lud⸗ wig XIV. vorgedrungen ſeid? Ich weiß, er liebte Euch nicht.“. „Der Koönig wird mich nun lieben,“ erwiederte Aramis mit einem Nachdruck auf das Wort„nun.“ „Ihr habt etwas Beſonderes mit ihm gehabt?“ „Ja. 2 „Ein Geheimniß vielleicht?“ „Ja, ein Geheimniß.“ „Ein Geheimniß der Art, daß es die Intereſſen des Königs verändern mußte?“ 4 „Ihr ſeid ein wahrhaft erhabener Mann, Monſeig⸗ neur. Ihr habt gut errathen. Ich habe wirklich ein Geheimniß entdeckt, deſſen Natur die Intereſſen des Königs von Frankreich verändern mußte.“ „Ah!“ machte Fouquet, mit der Zurückhaltung eines galanten Mannes, der nicht ausforſchen will. „Und Ihr werdet darüber urtheilen,“ fuhr Aramis fort,„Ihr ſollt mir ſagen, ob ich mich über die Wich⸗ tigkeit dieſes Geheimniſſes täuſche.“ „Ich höre, da Ihr ſo gut ſeid, Euch mir zu eroͤff⸗ 215 nen. Nur bemerkt, mein Freund, daß ich nichts Indis⸗ cretes nachgeſucht habe.“ Aramis ſammelte ſich einen Augenblick. Bei„Sprecht nicht,“ rief Fouquet.„Es iſt noch eit.“ „Erinnert Ihr Euch,“ ſprach Aramis mit nieder⸗ geſchlagenen Augen,„erinnert Ihr Euch der Geburt von Ludwig XIV.?“ „Wie heute.“ „Habt Ihr etwas Beſonderes über dieſe Geburt ſagen hören?“ „Nichts, wenn nicht, der Koͤnig ſei nicht wirklich der Sohn von Ludwig XIII.“ „Daran iſt weder bei unſerem Intereſſe, noch bei dem des Königreichs gelegen. Es iſt der Sohn ſeines Vaters derjenige, welcher einen durch das Geſetz zu⸗ geſtandenen Vater hat, ſagt das franzöſiſche Geſetz.“ „Das iſt wahr; doch es iſt von Bedeutung, wenn es ſich um die Eigenſchaft der Race handelt.“ „Eine ſecundäre Frage. Ihr habt alſo nichts Be⸗ ſonderes erfahren?“ „Nichts.“ „Hier beginnt mein Geheimniß.“ 44 . „Die Königin, ſtatt einen Sohn zu gebären, gebar zwei Kinder.“ Fouquet erhob das Haupt. „Und das zweite iſt geſtorben?“ ſagte er. „Ihr werdet ſehen. Dieſe Zwillinge mußten der Stolz ihrer Mutter und die Hoffnung Frankreichs ſein; aber die Schwäche des Königs, ſein Aberglaube ließen ihn Confliete zwiſchen zwei ihren Rechten nach gleichen Kindern befürchten; er unterdrückte eines von den Zwil⸗ lingsgeſchwiſtern.“ „Unterdrückte, ſagt Ihr?“ „Wartet. Dieſe zwei Kinder wuchſen heran: das 216 eine auf dem Thron, Ihr ſeid ſein Miniſter, das andere im Schatten und in der Einſamkeit.“ „Und dieſes?“ „Iſt mein Freund.“ „Mein Gott! was ſagt Ihr mir da, Herr d'Her⸗ blay? Und was macht dieſer arme Prinz?“ „Fragt mich zuerſt, was er gemacht hat.“ „Ja, ja.“ „Er iſt auf dem Lande aufgezogen und dann in eine Feſtung eingeſperrt worden, welche man die Ba⸗ ſtille nennt.“ „Iſt das möglich!“ rief der Oberintendant, die Hände faltend. „Der Eine war der Beglückteſte der Menſchen, der Andere der Unglücklichſte der Elenden.“ „Und ſeine Mutter weiß nichts davon?“ „Anna von Oeſterreich weiß Alles.“ „Und der König?“ „Ahl der König weiß nichts.“ „Deſto beſſer!“ rief Fouquet. Dieſer Ausruf ſchien einen lebhaften Eindruck auf Aramis zu machen. Er ſchaute den Oberintendanten mit einer beſorgten Miene an. „Verzeiht, ich habe Euch unterbrochen,“ ſprach Fouquet. „Ich ſagte alſo,“ fuhr Aramis fort:„der arme Prinz war der Unglücklichſte der Menſchen, als Gott, der an alle ſeine Geſchöpfe denkt, ihm zu Hülfe zu kommen beſchloß.“ 8 „Ohl wie dies?“ „Ihr ſollt es ſehen. Der regierende König... (Ich ſage der regierende König. Ihr errathet wohl, warum?)“ „Nein. Warum?“ „Weil Beide, legitim der Wohlthat ihrer Geburt theilhaftig, hätten müſſen König ſein. Iſt das Eure Anſicht?“ 217 „Das iſt meine Anſicht.“ „Entſchieden?“ „Entſchieden. Die Zwillinge ſind Eines in zwei Körpern.“ „Es iſt mir lieb, daß mir ein Geſetzkundiger von Eurer Stärke und Eurem Anſehen dieſes Gutachten gibt. Für uns iſt es alſo dargethan, nicht wahr, daß Beide die gleichen Rechte hatten?“ „Es iſt feſtgeſtellt. Aber, mein Gott! welch ein Abenteuer!“ „Ihr ſeid noch nicht beim Ende. Geduld!“ „Ohl ich werde haben.“ „Gott wollte dem Unterdrückten einen Rächer, eine Stütze, weun Ihr es vorzieht, erwecken. Es geſchah, daß der regierende König, der Uſurpator.(Ihr ſeid wohl meiner Anſicht, nicht wahr? es iſt Uſurpation, der ruhige, ſelbſtſüchtige Genuß einer Erbſchaft, an die man höchſtens zur Haͤlfte ein Recht hat?)“ „Uſurpation iſt das richtige Wort.“ „Ich fahre alſo fort. Es war Gottes Wille, daß der Uſurpator zum Miniſter einen Mann von Talent de von großem Herzen, überdies einen großen Geiſt atte.“ „Es iſt gut, es iſt gut,“ rief Fouquet.„Ich be⸗ greife, Ihr habt darauf gerechnet, daß ich Euch das ÜUnrecht, welches dem armen Bruder von Ludwig XIV. widerfahren, wieder gut machen helfen werde? Ihr habt wohl gedacht, ich werde Euch helfen. Meinen Dank, Herr d'Herblay, meinen Dank!“ „Das iſt es durchaus nicht. Ihr laßt mich nicht endigen,“ erwiederte Aramis unempfindlich. „Ich ſchweige.“ 3 „Der regierende König faßte gegen Herrn Fou⸗ quet, der ſein erſter Miniſter war, eine Abneigung, er wurde ſehr in ſeinem Vermögen, in ſeiner Freiheit, in ſeinem Leben vielleicht, durch die Intrignue und den Haß bedroht, denen der König nur zu leicht Gehör 218 ſchenkte. Aber Gott geſtattete, ſtets für das Heil des geopferten Prinzen, daß Herr Fougnet ſeinerſeits einen ergebenen Freund hatte, der das Staatsgeheimniß kannte und die Kraft in ſich fühlte, dieſes Geheimniß ans Tageslicht zu bringen, nachdem er die Kraft ge⸗ habt hatte, daſſelbe zwanzig Jahre in ſeinem Herzen zu tragen.“ „Geht nicht weiter,“ rief Fouquet, glühend vor edelmüthigen Ideen;„ich verſtehe Euch und errathe Alles. Ihr habt Euch zum König begeben, als die Nachricht von meiner Verhaftung zu Euch gelangt; Ihr habt ihn angefleht, er hat ſich geweigert, Euch zu hören; da habt Ihr ihm mit der Offenbarung des Ge⸗ heimniſſes gedroht, und Ludwig XIV. mußte erſchrecken, der Beängſtigung durch Eure Indiscretion das bewilli⸗ gen, was er Eurer edelmüthigen Vermittelung verwei⸗ gerte. Ich begreife, ich begreife: Ihr habt den König in den Händen; ich begreife.“ „Ihr begreift durchaus nicht,“ erwiederte Aramis, „und Ihr habt mich nun abermals unterbrochen, mein Freund. Und dann, erlaubt mir, es Euch zu ſagen, Ihr vernachläſſigt zu ſehr die Logik und benützt nicht genug das Gedächtniß.“ „Wie ſo?“. „Ihr wißt, worauf ich beim Anfang unſeres Ge⸗ ſprächs Nachdruck gelegt habe?“ „ Ja, auf den Haß Seiner Majeſtät gegen mich, einen unbeſiegbaren Haß. Doch welcher Haß würde der Drohung mit einer ſolchen Offenbarung wider⸗ ſtehen?“ „Eine ſolche Offenbarung? Eil gerade hier ver⸗ fehlt Ihr Euch gegen die Logik. Wie, Ihr nehmt an, wenn ich dem König eine ſolche Offenbarung gemacht hätte, könnte ich noch zu dieſer Stunde leben 24 „Es, ſind keine zehn Minuten, daß Ihr beim Kö⸗ nig waret.“ „Gut! Er hätte nicht die Zeit gehabt, mich um⸗ — 2—— —j;ÿ, N R ðu—-‧;—= e 219 bringen zu laſſen, wohl aber, mich knebeln und in eine Oubliette werfen zu laſſen. Auf, habt mehr Feſtigkeit in Euren Schlüſſen, Gottes Tod!“ Und aus dieſem ganz musketierartigen Wort,— Vergeſſenheit eines Mannes, der ſich nie vergaß,— mußte Fouquet erſehen, welchen Grad der Exaltation der ru⸗ hige, der unerforſchliche Biſchof von Vannes erreicht hatte. Er bebte darob. „Und dann,“ fuhr der letztere fort, nachdem er ſich bewältigt,„wäre ich der Mann, der ich bin, wäre ich ein wahrer Freund, wenn ich Euch, den der König ſchon haßt, einem noch furchtbareren Gefühle des jun⸗ gen Königs ausſetzte? Ihn beſtohlen zu haben, iſt nichts; ſeiner Geliebten den Hof gemacht zu haben, iſt wenig; aber in Eurer Gewalt ſeine Krone und ſeine Ehre halten, oh! er würde Euch eher das Herz mit ſeinen eigenen Händen ausreißen!“ „Ihr habt ihn nichts von Eurem Geheimniß ſehen laſſen?“ „Lieber hätte ich alle Gifte verſchluckt, die Mithri⸗ dates in zwanzig Jahren getrunken hat, um es zu ver⸗ ſuchen, nicht zu ſterben.“ „Was habt Ihr dann gethan?“ „Ohl nun ſind wir ſo weit, Monſeigneur. Ich glaube, ich bin im Begriff, einiges Intereſſe bei Euch zu erregen. Nicht wahr, Ihr hört mich immer noch?“ „Ob ich Euch höre! Sprecht.“ Aramis machte einen Gang durch das Zimmer, verſicherte ſich der Einſamkeit, der Stille, und nahm ſeinen Platz wieder bei dem Lehnſtuhl, in welchem Fouquet ſeine Mittheilungen mit tiefem Bangen er⸗ wartete. 3. „Ich vergaß, Euch zu ſagen,“ fuhr Aramis fort, indem er ſich an Fouquet wandte, der ihm mit außer⸗ ordentlicher Aufmerkſamkeit zuhörte,„ich vergaß einen merkwürdigen Umſtand in Beziehung auf dieſe Zwillinge hervorzuheben: Gott hat ſie nämlich dergeſtalt einander 220 ähnlich gemacht, daß er allein, wenn er ſie vor ſein Tribunal berufen würde, den einen von dem andern zu unterſcheiden vermöchte. Die Mutter könnte es nicht.“ „Iſt es möglich!“ rief Fouquet. „Derſelbe Adel in den Zügen, derſelbe Gang, der⸗ ſelbe Wuchs, dieſelbe Stimme.“ „Doch der Geiſt? doch der Verſtand? doch die Wiſſenſchaft des Lebens?“ „Ohl in dieſer Hinſicht Ungleichheit, Monſeigneur. Ja, denn der Gefangene der Baſtille iſt ſeinem Bruder unbeſtreitbar überlegen, und wenn dieſes arme Opfer vom Gefängniß auf den Thron übergänge, ſo hätte Frankreich, vielleicht von ſeinem Urſprung an, keinen Herrn getroffen, der mächtiger durch das Genie und den Adel des Herzens.“ Fouquet ließ einen Augenblick ſeine durch dieſes ungeheure Geheimniß beſchwerte Stirne in ſeine Hände fallen. Aramis näherte ſich ihm und ſprach, ſein Werk der Verſuchung fortſetzend: „Und dann waltet noch eine andere Ungleichheit zwiſchen den Zwillingsbrüdern, den Söhnen von Lud⸗ wig XIII., ob, eine Ungleichheit für Euch, Monſeig⸗ neur: die, daß der Zuletztgekommene Herrn Colbert nicht kennt.“ 3 Fouquet richtete ſich alsbald mit bleichem, verſtör⸗ tem Antlitz auf. Der Streich hatte getroffen, nicht in das volle Herz, aber in den vollen Geiſt. „Ich verſtehe Euch,“ ſagte er zu Aramis.„Ihr ſchlagt mir eine Verſchwörung vor.“ „So ungefähr.“ „„Einer von den Verſuchen, welche, wie Ihr von Anfang dieſer Unterredung ſagtet, das Geſchick der Reiche verändern.“ „Und des Oberintendanten, ja, Monſeigneur.“ „Mit einem Wort, Ihr ſchlagt mir vor, den Sohn von Ludwig XIII., der heute Gefangener in der Baſtille 221 iſt, an die Stelle des Sohnes von Ludwig XIII. zu ſetzen, der in dieſem Augenblick im Morpheus⸗Zimmer ſchläft.“ Aramis lächelte mit dem düſteren Glanze ſeines düſtern Gedankens. „Es mag ſein!“ ſagte er. „Aber,“ ſprach Fouquet nach einem peinlichen Stillſchweigen,„Ihr habt nicht bedacht, daß dieſes po⸗ litiſche Werk im Stande iſt, das ganze Königreich um⸗ zukehren, und daß, um dieſen Baum mit den endloſen Wurzeln, den man einen König nennt, auszureißen, um ihn durch einen andern zu erſetzen, die Erde nie in dem Grade befeſtigt ſein wird, daß der König gegen den Wind, der vom alten Sturme übrig bleibt, und gegen die Schwankungen ſeiner eigenen Maſſe geſi⸗ chert iſt.“ Aramis lächelte fortwährend. „Bedenkt doch!“ ſprach Fouquet mit jener Stärke des Talentes, welche einen Plan in einigen Secunden ergründet und zur Reife bringt, und mit jener Breite des Blicks, welche alle Folgen vorherſieht und alle Re⸗ ſultate umfaßt,„bedenkt doch, daß wir den Adel, die Geiſtlichkeit, den Bürgerſtand verſammeln, den regie⸗ renden Fürſten abſetzen, durch ein abſcheuliches Aerger⸗ niß das Grab von Ludwig XIII. beunruhigen, das Leben und den Frieden einer andern Frau, Maria The⸗ reſia, zu Grunde richten müſſen, und wenn dies Alles beendigt iſt...“ „Ich begreife Euch nicht,“ erwiederte Aramis;„es iſt kein nützliches Wort in Allem dem, was Ihr da ge⸗ ſagt habt.“ „Wie!“ rief der Oberintendant erſtaunt,„Ihr er⸗ örtert die Vollführung nicht... ein Mann, wie Ihr ſeid! Ihr beſchränkt Euch auf die kindiſchen Freuden einer politiſchen Illuſton und vernachläſſigt die Wech⸗ ſelfälle der Ausführung; iſt das möglich?“ „Mein Freund,“ erwiederte Aramis, indem er auf dieſes Wort einen Nachdruck mit einer gewiſſen gering⸗ 222 ſchätzenden Vertraulichkeit legte,„wie macht es Gott, um einen König an die Stelle eines andern zu ſetzen?“ „Gott!“ rief Fouquet,„Gott gibt einen Befehl ſeinem Agenten, dieſer packt den Verurtheilten, ſchleppt ihn fort und ſetzt den Sieger auf den leer gewordenen Thron. Aber Ihr vergeßt, daß dieſer Agent der Tod heißt. Oh! mein Gott, Herr d'Herblay, hattet Ihr den Gedanken...“ „Es handelt ſich nicht hierum, Monſeigneur. Wahrhaftig, Ihr geht über das Ziel hinaus. Wer ſpricht denn davon, daß dem König der Tod geſchickt werden ſoll? Wer ſpricht von einer Befolgung des Bei⸗ ſpiels Gottes in der ſtrengen Vollführung ſeiner Werke? Nein, ich wollte Euch ſagen, Gott mache die Dinge ohne Umſturz, ohne Aergerniß, ohne Anſtrengungen, und die von Gott inſpirirten Menſchen ſiegen, wie er, in dem, was ſie unternehmen, in dem, was ſie verſu⸗ chen, in dem, was ſie thun.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich wollte Euch ſagen, mein Freund,“ erwiederte Aramis mit derſelben Betonung, die er dem Worte Freund, als er es zum erſten Mal ausgeſprochen, ge⸗ geben hatte,„ich wollte Euch ſagen, wenn es Umſturz, Aergerniß, Anſtrengung ſogar, als man den Gefange⸗ nen der Baſtille an die Stelle des Königs geſetzt, ge⸗ geben habe, ſo fordere ich Euch heraus, dies zu be⸗ weiſen.“ „Wie beliebt!“ rief Fouquet, weißer als das Sack⸗ tuch; mit dem er ſich die Schläfe abwiſchte.„Ihr ſa t?“ 4„Geht doch in das Zimmer des Königs, Ihr, der Ihr das Geheimniß wißt,“ fuhr Aramis ruhig fort, „ich fordere Euch heraus, wahrzunehmen, daß der Ge⸗ fangene der Baſtille in dem Bette ſeines Bruders liegt.“ Schauer bei dieſer Kunde ergriffen. „Aber der Koͤnig?“ ſtammelte Fouquet, von einem 4——&—2— AN;AN*— u OA* 223 „Welcher König?“ verſetzte Aramis mit ſeinem mildeſten Tone;„der, welcher Euch haßt, oder der, welcher Euch liebt?“ „Der König... von geſtern...“ „Der Koͤnig von geſtern? beruhigt Euch, er hat in der Baſtille den Platz eingenommen, den ſein Opfer ſeit zu lange einnahm.“ „Gerechter Himmel! Und wer hat ihn dahin ge⸗ führt?“ „Ich!“ „Ihr?“ „Ja, und zwar auf die einfachſte Weiſe. Ich habe ihn in dieſer Nacht weggebracht, und während er in die Dunkelheit hinabſtieg, ſtieg der Andere zum Lichte hinauf. Ich glaube nicht, daß das Lärm gemacht hat. Ein Blitz ohne Donner, das weckt Niemand auf.“ Fouquet ſtieß einen dumpfen Schrei aus, als wäre er von einem unſichtbaren Schlage getroffen worden; er nahm ſeinen Kopf in ſeine zwei krampfhaft zuſam⸗ mengezogenen Hände und murmelte: „Ihr habt das gethan!“ „Ziemlich geſchickt. Was denkt Ihr davon?“ „Ihr habt den König entthront? Ihr habt ihn eingekerkert?“ „Das iſt geſchehen.“ „Und die Handlung iſt hier in Vaux vorgefallen?“ „Hier in Vaux, im Morpheus⸗Zimmer. Scheint es nicht in der Vorausſicht eines ſolchen Aktes gebaut worden zu ſein?“ „Dieſe Nacht!“ „In dieſer Nacht! Zwiſchen zwölf und ein Uhr.“ Fouquet machte eine Bewegung, als wollte er ſich auf Aramis werfen; er bewältigte ſich. „In Vaux! bei mir!“ ſagte er mit erſtickter Stimme. „Ich glaube, ja. Es iſt beſonders Euer Haus, ſeitdem es Herr Colbert Euch nicht mehr kann ſtehlen laſſen.“ 224 „Bei mir iſt alſo dieſes Verbrechen begangen worden?“ „Dieſes Verbrechen!“ rief Aramis erſtaunt. „Dieſes abſcheuliche Verbrechen!“ fuhr Fouquet, ſich immer mehr eraltirend, fort;„dieſes Verbrechen, das fluchwürdiger als ein Mord! Dieſes Verbrechen, das meinen Namen auf immer ſchändet und mich dem Abſcheu der Nachwelt preisgibt.“ „Ihr ſprecht im Fieberwahnwitz, mein Herr,“ ent⸗ gegnete Aramis mit unſicherer Stimme;„Ihr ſprecht zu laut: nehmt Euch in Acht.“ „Ich werde ſo laut ſchreien, daß es das Weltall hört.“ „Herr Fouquet, nehmt Euch in Acht.“ Fouquet wandte ſich gegen den Prälaten um, ſchaute ihm in's Geſicht und ſprach: „Ja, Ihr habt mich entehrt, indem Ihr dieſen Verrath, dieſe Frevelthat an meinem Gaſt, an demje⸗ nigen begangen, der friedlich unter meinem Dache ruhte!“ Ohl wehe mir!“ „Wehe über dem, welcher unter Eurem Dach auf den Ruin Eures Vermögens, Eures Lebens ſann. Ver⸗ geßt Ihr das?“ „Es war mein Gaſt, es war mein König!“ Aramis erhob ſich, die Augen von Blut unterlau⸗ fen, den Mund in krampfhaften Zuckungen. „Habe ich es mit einem Wahnſinnigen zu thun?“ ſagte er. „Ihr habt es mit einem ehrlichen Mann zu thun. „Verruͤckter!“ „Mit einem Mann, der Euch verhindern wird, Euer Verbrechen zu vollenden.“ „Wahnwitziger!“ 3 „Mit einem Mann, der lieber ſterben, lieber Euch tödten, als ſeine Entehrung von Euch vollführen laſſen will,“ rief Fouquet. Und er ſtürzte nach ſeinem Degen, den d'Artagnan „——— 225 wieder oben an ſein Bett gelegt hatte, und ſchwang entſchloſſen das funkelnde ſtählerne Werkzeug. Aramis faltete die Stirne und fuhr mit einer Hand in ſeine Bruſt, als ſuchte er darin eine Waffe. Dieſe Bewegung entging Fouquet nicht. Edel und herrlich in ſeiner Großmuth, warf er auch weit von ſich ſeinen Degen, der in den Bettgang rollte, näherte ſich Ara⸗ mis ſo, daß er mit ſeiner entwaffneten Hand die Schul⸗ ter des Prälaten berührte, und ſprach: „Mein Herr, es wäre mir ſüß, hier zu ſterben, um meine Schande nicht zu überleben, und wenn Ihr noch einige Freundſchaft für mich habt, ſo flehe ich Euch an, gebt mir den Tod.“ Aramis blieb ſchweigſam und unbeweglich. „Ihr antwortet nichts?“ Aramis erhob das Haupt, und man ſah noch einmal den Blitz der Hoffnung ſich in ſeinen Augen entzünden. „Bedenkt wohl Alles, was uns erwartet, Mon⸗ ſeigneur!“ ſagte er.„Nachdem dieſe Gerechtigkeit geübt worden iſt, lebt der König noch, und ſeine Einkerkerung rettet Euch das Leben.“ „Ja,“ erwiederte Fouquet,„Ihr konntet in mei⸗ nem Intereſſe handeln,„doch ich nehme Euren Dienſt nicht an. Jedenfalls will ich Euch nicht ins Verderben ſtürzen. Ihr werdet dieſes Haus verlaſſen.“ Aramis erſtickte den Blitz, der aus ſeinem gebro⸗ chenen Herzen hervorſprang. „Ich bin gaſtfreundlich gegen Alle,“ fuhr Fouquet mit einer unausſprechlichen Majeſtät fort;„Ihr werdet nicht mehr geopfert werden, als der, deſſen Untergang Ihr bewerkſtelligt habt.“ „Ihr werdet geopfert werden, Ihr, das ſage ich Euch!“ rief Aramis mit einer dumpf prophetiſchen Stimme. „Ich nehme die Wahrſagung an, Herr d'Herblay, doch nichts wird mich zurückhalten. Ihr verlaßt Vaur, Die drei Musketiere. Bragelonne. IX. 15, 226 Ihr verlaßt Frankreich. Ich gebe Euch vier Stunden, um Euch außer den Bereich des Koͤnigs zu ſetzen.“ „Vier Stunden!“ erwiederte Aramis ungläubig und ſpöttiſch. „Bei meinem Wort! Niemand wird Euch vor die⸗ ſer Friſt folgen. Ihr habt alſo vier Stunden vor den⸗ jenigen voraus, die Euch der König nachſenden dürfte.“ „Vier Stunden!“ wiederholte Aramis, gleichſam knurrend. 3 „Das iſt mehr, als Ihr braucht, um Euch einzu⸗ ſchiffen und Belle⸗Isle zu erreichen, welches ich Euch zur Zuflucht gebe.“ „Ah!“ murmelte Aramis. „Belle⸗Isle iſt mir für Euch, wie mir Vaux für den König iſt. Geht, d'Herblay, geht; ſo lange ich lebe, wird kein Haar von Eurem Haupte fallen.“ „Ich danke,“ erwiederte Aramis mit einer düſtern Jronie. „Geht alſo, und gebt mir die Hand, damit wir Beide, Ihr zur Rettung Eures Lebens, ich zur Ret⸗ tung meiner Ehre eilen.“— Aramis zog aus ſeinem Buſen die Hand, die er darin verborgen hatte. Sie war roth von ſeinem Blut; ſie hatte ſeine Bruſt mit ſeinen Nägeln bearbeitet, als wollte er das Fleiſch beſtrafen, daß es ſo viele Pläne erzeugt, welche eitler, wahnſinniger, vergänglicher, als das Leben des Menſchen. Fouquet wurde von Schauer, von Mitleid ergriffen; er öffnete Aramis die Arme. „ Ich hatte keine Waffen,“ murmelte dieſer, wild und furchtbar wie der Schatten von Dido. Dann wandte er, ohne die Hand von Fouguet zu berühren, ſeinen Blick ab und machte zwei Schritte rückwärts. Sein letztes Wort war eine Verwünſchung, ſeine letzte Geberde war der Bannſluch, den dieſe geroͤ⸗ thete Hand, Fouquet im Geſichte mit einigen Tröpfchen Blutes befleckend, zeichnete. Und Beide eilten aus dem Zimmer und liefen die 227 Geheimtreppe hinab, welche gegen die inneren Höfe ausmündete. Fouquet beſtellte ſeine beſten Pferde, und Aramis blieb unten an der Treppe ſtehen, die nach dem Zim⸗ mer von Porthos führte. Er dachte lange nach, während der Wagen von Fouquet, im ſtärkſten Galopp fortgezogen, das Pflaſter des Haupthofes verließ. „Allein abreiſen 2... ſagte Aramis zu ſich ſelbſt, „den Prinzen benachrichtigen?.. Oh! Wuth!.. Den Prinzen benachrichtigen, und was dann thun!.. Mit ihm abreiſen 2. Dieſes anklagende Zeugniß überallhin ſchleppen 2.. Der Krieg?.. Der Bürgerkrieg, unver⸗ ſöhnlich!.. Ohne Mittel, ach!.. Unmöglich!.. Was wird er ohne mich thun 2.. Oh! ohne mich wird er einſtürzen wie ich... Wer weiß!.. Das Schickſal gehe in Erfüllung!.. Er war verdammt: er bleibe ver⸗ dammt!.. Gott!.. Teufel! Düſtere, höhniſche Macht, die man den Genius des Menſchen nennt, du biſt nur ein Hauch, der unſicherer, der unnützer als der Wind im Gebirge; du heißeſt Zufall, du biſt nichts; du um⸗ faſſeſt Alles mit deinem Athem, du hebſt Felsblöcke, den Berg ſelbſt auf, und plötzlich zerbrichſt du vor dem Kreuze von dürrem Holz, hinter dem eine andere un⸗ ſichtbare Macht lebt, die du vielleicht leugneſt, und die ſich an dir rächt, und die dich niederſchmettert, ohne dir vielleicht nur die Ehre zu erweiſen, dir ihren Namen zu ſagen!.. Verloren!.. Ich bin verloren!.. Was iſt zu thun?.. Nach Belle⸗Isle gehen.. Ja, und Porthos, der hier bleiben und ſprechen, und Allen Alles erzählen wird! Porthos, der vielleicht leiden wird!.. Ich will nicht, daß Porthos leidet! Das iſt eines von meinen Gliedern; ſein Schmerz iſt der meinige. Por⸗ thos wird mit mir abreiſen; Porthos wird meinem Ge⸗ ſchicke folgen. Es muß ſein!“. Und ganz von der Furcht erfüllt, er könnte Jemand begegnen, dem dieſe Haſt verdäͤchtig ſcheinen dürfte, 228 ſtieg Aramis die Treppe hinauf, ohne von einer Seele bemerkt zu werden. Porthos, der kaum erſt von Paris zurückgekommen war, ſchlief ſchon den Schlaf des Gerechten. Sein un⸗ geheurer Leib vergaß die Strapazen, wie ſein Geiſt den Gedanken vergaß. Aramis trat leicht wie ein Schatten ein, legte ſeine nervige Hand auf die Schulter des Rieſen und rief: „Auf, auf, Porthos, auf!“ Porthos gehorchte, ſtand auf und öffnete die Augen, ehe er den Verſtand öffnete. „Wir reiſen,“ ſagte Aramis. „Ah!“ machte Porthos. „Wir reiſen zu Pferde, ſchneller als wir je gerit⸗ ten ſind.“. „Ah!“ wiederholte Porthos. „Kleidet Euch an, Freund.“ Und er half dem Rieſen ſich ankleiden und ſteckte ihm ſein Gold und ſeine Diamanten in die Taſchen. Während er ſich dieſer Operation hingab, erregte ein leichtes Geräuſch ſeine Aufmerkſamkeit. D'Artagnan ſchaute von der Oeffnung der Thüre herein. Aramis bebte. „Was Teufels macht Ihr da ſo eifrig?“ fragte der Musketier. „Stille!“ flüſterte Porthos. „Wir reiſen in einer Sendung,“ fügte der Bi⸗ ſchof bei. „Ihr ſeid ſehr glücklich!“ flüſterte der Musketier. „Bah!“ machte Porthos,„ich bin ungemein müde und hätte lieber geſchlafen. Doch der Dienſt des Kö⸗ nigs...“ „Habt Ihr Herrn Fouquet geſehen?“ fragte Ara⸗ mis d'Artagnan. „Ja, ſo eben im Wagen.“ „Und was hat er Ench geſagt?“ — N— 229 „Er hat mir Lebewohl geſagt.“ „Iſt das Alles?“ „Was hätte er mir Anderes ſagen ſollen? Zähle ich nicht als Nichts, ſeitdem Ihr Alle in Gunſt ſeid?“ „Höret,“ ſprach Aramis, den Musketier umarmend, „Eure gute Zeit iſt wiedergekehrt. Ihr braucht auf Niemand mehr eiferſüchtig zu ſein.“ „Ah bah!“ „Ich weisſage Euch für dieſen Tag ein Abenteuer, das Eure Stellung verdoppeln wird.“ „Wahrhaftig?“ „Ihr wißt, daß mir die Neuigkeiten bekannt ſind.“ „Oh! ja!“ „Auf, Porthos, Ihr ſeid bereit?“ „Gehen wir.“ „Und umarmen wir d'Artagnan.“ „Bei Gott!“ „Die Pferde?“ „Es fehlt hier nicht daran. Wollt Ihr nige?⸗ „Nein, Porthos hat ſeinen Stall. Gott Die zwei Flüchtlinge ſtiegen zu Pferde r den Augen des Kapitäns der Musketiere, der Por den Steigbügel hielt und ſeine Freunde mit dem— gleitete, bis er ſie hatte verſchwinden ſehen. „Bei jeder andern Gelegenheit würde ich ſagen, diefe Leute flüchten ſich,“ dachte der Gascogner;„aber heut zu Tage hat ſich die Politik ſo ſehr verändert, daß man dies in einer Sendung reiſen nennt. Ich will es wohl glauben. Gehen wir an unſere Geſchäfte.“ Und er kehrte philoſophiſch in ſeine Wohnung zurück. 230 XXII. Wie der Befehl in der Baſtille geachtet wurde. Fouquet fuhr mit der größten Geſchwindigkeit. Unter Weges ſchüttelte er ſich vor Schauer bei dem Gedanken an das, was er erfahren hatte. „Was war denn,“ dachte er,„was war die Ju⸗ gend dieſer wunderbaren Menſchen, welche, in dem ſchon ſchwachen Alter, noch ſolche Pläns zu bilden und die⸗ ſelben auszuführen wiſſen, ohne eiſte Miene zu ver⸗ e gte er ſich, ob Alles das, was ihm Ara nis erzählt hatte, nicht ein Traum, ob die Fabel nicht die Falle ſelbſt ſei, und ob er, Fouquet, wenn er in die Baſtille käme, nicht einen Verhaftsbefehl finden vürde, der ihn dem entthronten König beigeſellte. e alle Corpsanführer gerichtet, deren Treue nicht ver⸗ dächtig ſein konnte. 3 „Auf dieſe Art,“ ſagte Fonquet zu ſich ſelbſt, „werde ich, Gefangener oder nicht, den Dienſt geleiſtet haben, den ich der Sache der CEhre ſchuldig bin. Die ſer Idee gab er auf dem Wege einige ver⸗ efehle, während man die Pferde anſpannte. Befehle waren an Herrn d'Artagnan und an Befehle werden erſt nach mir ankommen, wenn ich frei zuruckkehre, und man wird ſie folglich nicht entſiegelt haben. Ich werde ſie zurücknehmen. Bleibe ich aus, ſo iſt mir Unglück widerfahren. Dann werde ich Bei⸗ ſtand für mich und den König haben.“. So vorbereitet kam er vor der Baſtille an. Der Oberintendant hatte fünf und eine halbe Meile in einer Stunde zurückgelegt. —.——————,,—.—, —— Thor zu ſchließen, ſchlüpfte Monſeigneur durch die 231 Alles, was Aramis nie widerfahren war, wider⸗ fuhr Herrn Fouquet in der Baſtille. Fouquet mochte immerhin ſich nennen, er mochte ſich immerhin zu er⸗ kennen geben, es gelang ihm nicht, eingeführt zu werden. Durch Bitten, durch Drohen, durch Befehlen be⸗ ſtimmte er endlich eine Schildwache, einen Unterofficier in Kenntniß zu ſetzen, den Major zu benachrichtigen. Was den Gouverneur betrifft, ſo hatte man nicht ein⸗ mal gewagt, ihn zu dieſem Ende zu ſtören. In ſeinem Wagen, vor dem Thore der Feſtung, nagte Fouquet an ſeinem Gebiß und wartete auf die Rückkehr des Unterofſiciers, der endlich mit einer ziem⸗ lich verdrießlichen Miene erſchien. „Nun!“ rief Fouquet ungeduldig,„was hat der Major geſagt?“ „Mein Herr,“ erwiederte der Soldat, 1 Major hat mir ins Geſicht gelacht. Er hat mir ge⸗ ſagt, Herr Fouquet ſei in Vaux, und wäre er auch in 9 Paris, ſo würde er doch nicht zu dieſer Stunde auf⸗ ſtehen.“ „Tod und Teufel! Ihr ſeid eine Herde ten!“ rief der Miniſter aus dem Wagen ſpringen Und ehe der Unterofficeier Zeit gehabt ha Spalte hinein und lief vorwärts trotz des Geſchreis des Sol iten, der um Hülfe rief. Unbezorgt um den Lärm dieſes Menſchen, legte Fouquet eine Strecke zurück, doch der Unterofficier holte ihn wieder ein und rief der Schildwache des zweiten Thores zu: „Aufgepaßt, Schildwache!“ Der Soldat hielt dem Miniſter die Pike quer vor, aber ſtark und behende und überdies vom Zorn ange⸗ ſtachelt, riß ihm Fouquet die Pike aus den Händen und bearbeitete ihm damit tüchtig die Schultern. Der Unterofficier der zu nahe kam, erhielt auch ſeinen Theil ͤͤGwG · ͤ e-— 23²2 an den Prügeln; Beide ſtießen wüthende Schreie aus, bei deren Schall die ganze Wachmannſchaft vom Vor⸗ poſten heraustrat. Unter dieſen Soldaten war einer, der den Oberin⸗ tendanten erkannte; er rief: „Monſeigneur!.. ahl Monſeigneur!.. haltet ein, Ihr Leute!“ Und er hielt wirklich die Wachen zurück, welche ihren Gefährten zu rächen ſich anſchickten. Fouquet befahl, daß man ihm das Gitter öffne; aber man entgegnete ihm, es ſei dies verboten. Er befahl, den Gouverneur zu benachrichten; doch dieſer war ſchon durch all den Lärmen am Thore be⸗ nachrichtigt; er lief an der Spitze eines Piquets von zwanzig Mann und geſolgtaon ſeinem Mnſar in der Ueberzeugung herbei, es finde ein Angriff gegen die 8 Bafie gar, Buaaiſemeaux erkannte auch Fouquet. „Ah! Monſeigneur!“ ſtammelte er, nich bitte tau⸗ ſendmal um Entſchuldigung!“ Mein Herr,“ erwiederte der Oberintendant roth und ganz ſchwitzend,„ich mache Euch mein Kom⸗ iment. Der Dienſt wird vortrefflich bei Euch ver⸗ en./ Baiſemeaur erbleichte, denn er glaubte, dieſe Worte ſeien nur Ironie, das Vorzeichen eines wüthenden Zorns. Doch Fouquet hatte wieder Athem geholt, er rief mit einer Geberde die Schildwache und den Unter⸗ offieier herbei, die ſich die Schultern rieben, und ſagte: „Zwanzig Piſtolen für die Schildwache, fünfzig für den Unterofficier. Ich mache Euch mein Kompli⸗ ment, meine Herren, und werde mit dem König darü⸗ ber ſprechen. Nun wir Beide, Herr von Baiſemeaur.“ Und nach einem Gemurmel allgemeiner Zufrieden⸗ heit, folgte er dem Gouverneur in das Gouvernement. Baiſemeaur zitterte ſchon vor Scham und Bangig⸗ keit. Der Morgenbeſuch ſchien ihm Folgen zu haben, 233 vor denen ein Beamter wohl mit Recht erſchrecken konnte. 3 Es war dies noch ganz anders, als Fouquet mit kurzem Tone und mit einem gebieteriſchen Blick zu ihm agte: ſs„Mein Herr, Ihr habt Herrn d'Herblay dieſen Morgen geſehen?“ 4 „Ja, Monſeigneur.“ „Wohl! Ihr ſchaudert nicht vor dem Verbrechen, deſſen Ihr Euch mitſchuldig gemacht habt?“ „Ahl gut!“ dachte Baiſemeaux. Und er fügte laut bei:„Welches Verbrechen meint Ihr, Monſeigneur?“ „Bedenkt Ihr wohl, das iſt ein Grund, Euch vier⸗ theilen zu laſſen! Doch es iſt jetzt nicht der Augen⸗ blick, ſich zu erzürnen. Führt mich auf der Stelle zu dem Gefangenen.“ „Zu welchem Gefangenen?“ fragte Baiſemeaur bebend. „Ihr ſpielt den Unwiſſenden? wohl! das iſt das Beſte, was Ihr thun könnt. In der That, wenn Ihr ein ſolche Mitſchuld zugeſtündet, wäre es um Euch ge⸗ ſchehen. Ich will mir alſo wohl den Anſchein geben, als glaubte ich an Eure Unwiſſenheit.“ „Ich bitte Euch, Monſeigneur...A „Es iſt gut. Führt mich zu dem Gefangenen.“) „Zu Marchiali?“ „Was iſt das, Marchiali?“ „ Es iſt der Gefangene, den Herr d'Herblay dieſen Morgen gebracht hat.“ „Man nennt ihn Marchiali?“ fragte der Ober⸗ intendant, in ſeiner Ueberzeugung geſtöͤrt durch die naive Sicherheit von Baiſemeaux. 88 „Ja, Monſeigneur, unter dieſem Namen hat man ihn hier eingeſchrieben.“ Fouquet blickte bis in die Tiefe des Herzens von Baiſemeaux. Er las darin mit jener Gewohnheit der Menſchen, welche dieſen die Ausübung der Macht ver⸗ 234 leiht, eine völlige Aufrichtigkeit. Wie konnte man üͤberdies, wenn man eine Minute lang dieſe Phyſiog⸗ nomie betrachtete, glauben, Aramis habe einen ſolchen Mann zum Vertrauten genommen? „Das iſt der Gefangene, den Herr d'Herblay vor⸗ geſtern weggeführt hatte?“ ſagte er dann zum Gou⸗ verneur.“ „ Ja, Monſeigneur.“ „Und den er dieſen Morgen zurückgebrachthat?“ fügte lebhaft Fouquet bei, der alsbald den Mechanismus des Planes von Aramis begriff. „So iſt es; ja, Monſeigneur.“ „Und er heißt Marchiali?“ „Marchiali. Kommt Monſeigneur hierher, um ihn von mir wegzuführen, deſto beſſer, denn ich war im Begriff, in Beziehung auf ihn ſchriftliche Meldung zu machen.“ „Was thut er denn?“ „ Seit dieſem Morgen bin ich außerordentlich unge⸗ halten über ihn; er hat Wuthanfälle, daß man glau⸗ ben aülle⸗ die Baſtille müßte durch ſein Treiben ein⸗ allen 8„Ah! deſto beſſer. 4¼ „Fuͤhrt mich in ſein Gefängniß.“ „Monſeigneur wird mir wohl den Befehl geben.“ „Welchen Befehl?“ „Einen Befehl des Königs.“ „Wartet, ich unterzeichne Euch einen.“ „Das würde nicht genügen; ich muß einen Befehl vom König haben.“ Fouquet nahm ſeine gereizte Miene an und ſprach: „Ihr, der Ihr ſo gewiſſenhaft ſeid, die Gefange⸗ nen weggehen zu laſſen, zeigt mir doch den Befehl, mit dem man dieſen befreit hatte.“ Baiſemeaux zeigte den Befehl, Seldon freizulaſſen. 23⁵ Penunt ſagte Fouquet,„Seldon iſt nicht Mar⸗ chiali!“ 8 Marchiali iſt nicht freigelaſſen, Monſeigneur, er iſt hier.“ „Ihr ſagt doch, Herr d'Herblay habe ihn wegge⸗ führt und wieder zurückgebracht.“ „Ich habe das nicht geſagt.“ „Ihr habt das ſo gut geſagt, daß ich es noch zu hören glaube.“ „Ich verſprach mich nur.“ „Herr von Baiſemeaur, nehmt Euch in Acht.“ „Ich habe nichts zu befürchten, Monſeigneur; meine Handlungsweiſe entſpricht der Vorſchrift.“ „Wagt Ihr es, das zu ſagen!“ „Ich würde das vor einem Apoſtel ſagen. Herr d'Herblay hat mir einen Befehl, Seldon freizulaſſen, überbracht, Seldon iſt befreit.“ „Ich ſage Euch, daß Marchiali aus der Baſtille gekommen iſt.“ „Ihr müßt mir das beweiſen, Monſeigneur.“ „Laßt mich ihn ſehen.“ „Monſeigneur, wer in dieſem Königreich regiert, woeeiß nur zu gut, daß Niemand zu den Gefangenen ohne einen ausdräcklichen Befehl des Koͤnigs eingelaſſen wird.“ „Herr d'Herblay iſt wohl hinein gekommen.“ „Das müßte man beweiſen, Monſeigneur.“ „Herr von Baiſemeaux, ich wiederhole, gebt wohl Acht auf Eure Worte.“ 3 „Die Akten ſind da.“— „Herr d'Herblay iſt geſtürzt.“ „Geſtürzt, Herr d'Herblay? Unmöglich!“ 1„Ihr ſeht, daß er einen Einfluß auf Euch geübt at.“ „Was Einfluß auf mich übt, iſt der Dienſt des Königs: ich thue meine Pflicht; gebt mir einen Befehl von ihm, und Ihr werdet eintreten.“ 3 236 „Herr Gouverneur, ich verpfände Euch mein Wort, daß ich Euch, wenn Ihr mich zu dem Gefangenen ein⸗ laßt, ſogleich einen Befehl vom König gebe.“ „Gebt ihn mir auf der Stelle, Monſeigneur.“ „Und daß ich, wenn Ihr mich zurückweiſt, Euch ſeenden Fußes mit allen Euren Officieren verhaften aſſe.“ „Ehe Ihr dieſe Gewaltthat begeht, werdet Ihr wohl bedenken, Monſeigneur,“ ſagte Baiſemeaur er⸗ bleichend,„daß wir nur einem Befehle des Königs ge⸗ horchen, und daß es für Euch ebenſo bald gethan ſein wird, einen zu bekommen, um Marchiali zu ſehen, als einen zu erlangen, um mir, dem Unſchuldigen, ſo viel Böſes zuzufügen.“ „Das iſt wahr,“ rief Fouquet wüthend,„das iſt wahr. Nun wohl! Herr von Baiſemeaur,“ fügte er hängen laſſe.“ „Monſeigneur, Monſeigneur, ich flehe Euch an“ „Ich gebe Euch zehn Minuten, um Euern Ent⸗ ſchluß zu faſſen,“ fügte Fouquet mit ruhigem Tone bei; „ich ſetze mich hier in dieſen Lehnſtuhl und warte auf Euch. Beharrt Ihr in zehn Minuten auf Eurer Wei⸗ gerung, wohl! ſo gehe ich weg, und haltet mich für Dꝙ——₰— ——₰—₰4— —2 — Q 8BNU ——— NS N —,—ü N 237 verrückt, ſo lange es Euch beliebt, doch Ihr werdet ſehen.“. Baiſemeaur ſtampfte mit dem Fuß wie ein Menſch, der in Verzweiflung iſt, aber er antwortete nicht. Als Fouquet dies ſah, nahm er eine Feder, tauchte ſie in die Tinte und ſchrieb: „Befehl an den Herrn Stadtvogt, die Bürgergarde zuſammenzuberufen und für den Dienſt des Königs ge⸗ gen die Baſtille zu marſchiren.“ Baiſemeaur zuckte die Achſeln. Fouquet ſchrieb: „Befehl an den Herrn Herzog von Bouillon und an den Herrn Prinzen von Condé, das Commando über die Schweizer und die Garden zu übernehmen und für den Dienſt Seiner Majeſtät gegen die Baſtille zu mar⸗ ſchiren.“. Baiſemeaux überlegte. Fouquet ſchrieb: „Befehl an jeden Soldaten, Bürger oder Edel⸗ mann, zu ergreifen und in Haft zu bringen, überall, wo ſie ſich finden werden, den Chevalier d'Herblay, Biſchof von Vannes, und ſeine Mitſchuldigen, welche ſind 1) Herr von Baiſemeaux, Gouverneur der Baſtille, verdächtig der Verbrechen des Verraths, des Aufruhrs und der Majeſtätsbeleidigung...“ „Haltet ein, Monſeigneur!“ rief Baiſemeaux;„ich begreife durchaus nichts von dem Allem; doch ſo viele Uebel, und würden ſie von der Tollheit ſelbſt entfeſſelt, können innerhalb zwei Stunden geſchehen, daß der Kö⸗ nig, der mich richten ſoll, ſehen wird, ob ich Unrecht gehabt habe, das Gebot vor ſolchen dräuenden Kata⸗ ſtrophen übertreten zu laſſen. Gehen wir in den Thurm, Monſeigneur. Ihr ſollt Marchiali ſehen.“ Fouquet ſtürzte aus dem Zimmer, und Baiſemeaux folgte ihm den kalten Schweiß abwiſchend, der ihm von der Stirne rieſelte. „Welch ein gräulicher Morgen!“ ſagte er,„welch ein Unglück!“ „ 238 „Geht geſchwinde!“ rief Fouquet. Baiſemeaux hieß durch ein Zeichen den Schließer vorangehen. Er hatte Angſt vor ſeinem Gefährten. Dieſer bemerkte es und ſagte mit ſtrengem Tone: „Genug der Kindereien! Laßt dieſen Menſchen da, nehmt die Schlüſſel ſelbſt und zeigt mir den Weg. Niemand, verſteht Ihr wohl? Niemand darf hören, was hier vorgehen wird.“ „Ah!“ machte Baiſemeaur unentſchloſſen. „Abermals!“ rief Fonquet.„Ah! ſagt ſogleich: Nein, und ich verlaſſe die Baſtille, um ſelbſt meine Depechen zu überbringen.“ Baiſemeaux neigte das Haupt, nahm die Schlüſſel und ſtieg allein mit dem Miniſter die Treppe des Thur⸗ mes hinauf. Während ſie ſo die Stufen der Schnecke immer weiter hinaufſtiegen, wurden aus einem gewiſſen ge⸗ dämpften Gemurmel deutliche Schreie und gräßliche Verwünſchungen. „Was iſt das?“ fragte Fouquet. „Das iſt Euer Marchiali,“ erwiederte der Gouver⸗ neur;„ſo brüllen die Narren!“ Er begleitete dieſe Antwort mit einem mehr von verletzenden Anſpielungen, als von Artigkeit gegen Fou⸗ quet erfüllten Blick. Dieſer bebte. Er hatte in einem Schrei, der furcht⸗ barer, als die andern, die Stimme des Königs erkannt. Er blieb auf dem Ruheplatz ſtehen und nahm den Schlüſſelbund aus den Händen von Baiſemeaux. Dieſer glaubte, der neue Narr wolle ihm den Schädel mit einem von den Shlüſteln zerſchmettern. „Oh!“ rief er,„Herr d'Herblay hatte mir nichts hievon geſagt!“ „Gebt doch die Schlüſſel!“ ſprach Fouquet, indem er ihm dieſelben entriß. „Wo iſt der zu der Thüre, die ich oͤffnen will?⸗ „ —— 282&—,Oo n ————— 8M——— N— — à—* A 239 „Dieſer iſt es.“. Ein ſchrecklicher Schrei, worauf ein furchtbarer Schlag an die Thüre erſcholl, machte Echo auf der Treppe. „Zieht Euch zurück!“ ſprach Fouquet mit drohen⸗ der Stimme zu Baiſemeaurx. „Das iſt mir ganz lieb,“ murmelte dieſer.„Da werden zwei Wüthende einander gegenüberſtehen. Der Eine wird den Andern freſſen, davon bin ich feſt über⸗ zeugt.“ 4 „Geht,“ wiederholte Fouquet.„Setzt Ihr den Fuß auf dieſe Treppe, ehe ich Euch rufe, ſo erinnert Euch, daß Ihr den Platz des Elendeſten der Gefangenen der Baſtille einnehmen werdet.“ „Das iſt mein Tod, ſoyiel iſt gewiß,“ brummelte Baiſemeaux, während er ſich mit wankenden Schritten entfernte. Fouquet verſicherte ſich, daß Baiſemeaur unten an die Stufen kam. Dann ſteckte er den Schlüſſel in das erſte Schloß. 3 Da hörte er klar die erſtickte Stimme des Königs, welcher wüthend ſchrie: „Zu Hülfe! ich bin der König! zu Hülfe!“ Der Schlüſſel zur zweiten Thüre war nicht derſelbe wie der zur erſten. Fouquet war genöthigt, in dem Bund zu ſuchen. Indeſſen ſchrie der König trunken, verrückt, wahn⸗ ſinnig aus vollem Halſe: „Herr Fouquet hat mich hierher führen laſſen! Zu Hülfe gegen Herrn Fouquet! ich bin der König! zu Hülfe für den König gegen Herrn Fouquet!“ Dieſe Schreie zerrißen dem Miniſter das Herz. Es folgten darauf furchtbare Schläge an die Thüre mit dem zerbrochenen Stuhl, deſſen ſich der König als eines Sturmbocks bediente. Es gelang Fouquet, den Schlüſſel zu finden. Die Kräfte des Königs waren erſchöpft: er artikulirte nicht mehr, er brüllte. 1 — 240 „Fouquet den Tod!“ heulte er;„Tod dem ruch⸗ loſen Fouquet!“ Die Thüre öffnete ſich. XXIII. Die Dankbarkeit des Königs. Die zwei Männer, welche einander entgegenſtürz⸗ ten, blieben plötzlich ſtehen, als ſie ſich erblickten, und ſtießen jeder einen Schrei des Schreckens aus. „Kommt Ihr, um mich zu ermorden?“ ſagte der König, Fouquet erkennend. „Der König in dieſem Zuſtand!“ murmelte der Miniſter. Nichts konnte in der That ſchrecklicher ſein, als das Ausſehen des jungen Fürſten in dem Augenblick, wo ihn Fouquet überraſchte. Seine Kleider waren in Fetzen; offen und zerriſſen, trank ſein Hemd zugleich den Schweiß und das Blut, die ſeiner Bruſt und ſei⸗ nen verwundeten Armen entfloßen. Verſtört, bleich, ſchäumend, die Haare emporge⸗ ſträubt, bot Ludwig XIV. das wahrhafte Bild der Ver⸗ zweiflung, des Hungers und der Angſt, in einer einzi⸗ gen Bildſäule vereinigt. Fouquet war ſo gerührt, ſo ergriffen, daß er mit offenen Armen und Thränen in den Augen auf den König zulief. Ludwig hob gegen Fouquet den hölzernen Stumpf auf, von dem er einen ſo wuͤthenden Gebrauch gemacht hatte., „Nun!“ ſagte Fouquet mit zitternder Stimme, „erkennt Ihr nicht den treuſten Eurer Freunde 2 „„₰ —, N ᷣ N er ₰‿ᷣ E 1SNNRR N — —— ₰ — 241 „Ein Freund, Ihr!“ wiederholte Ludwig mit einem Knirſchen der Zähne, worin der Haß und der Durſt nach einer ſchnellen Rache erklangen. „Ein ehrfurchtsvoller Diener,“ ſprach Fouquet auf die Kniee ſtürzend.: Der Koönig ließ ſeine Waffe fallen. Fouquet näh⸗ erte ſich ihm, kußte ſeine Kniee und nahm ihn zärt⸗ lich in ſeine Arme. „Mein Koͤnig, mein Kind!“ ſagte er.„Wie mußtet Ihr leiden!“. Durch die Veränderung der Lage zu ſich ſelbſt zurückgerufen, wich Ludwig, der Unordnung in ſeinem Aeußern, ſeiner Tollheit, des Schutzes, der ihm zu Theil wurde, ſich ſchämend, ein paar Schritte zurück. Fouquet begriff dieſe Bewegung nicht. Er fühlte nicht, der Stolz des Königs würde ihm nie verzeihen, daß er der Zeuge einer ſo großen Schwäche geweſen. „Kommt, Sire, Ihr ſeid frei,“ ſagte er. „Frei?“ wiederholte der König.„Ahl Ihr macht mich frei, nachdem Ihr die Hand an mich zu legen gewagt habt!“ „Ihr glaubt das nicht!“ rief Fouquet entrüſtet. Fü glaubt nicht, daß ich bei dieſer Sache ſchuldig in?“ Und raſch, hitzig ſogar, erzählte er ihm die In⸗ trigue, deren einzelne Umſtände man kennt. So lange die Erzählung dauerte, erduldete Lud⸗ wig die furchtbarſten Bangigkeiten, und als die Erzäh⸗ lung beendigt, war er noch viel mehr ergriffen von der Größe der Gefahr, der er preisgegeben geweſen, als von der Wichtigkeit des Geheimniſſes in Beziehung auf ſeinen Zwillingsbruder.. „Mein Herr,“ ſagte er plötzlich zu Fouquet,„dieſe doppelte Geburt iſt eine Lüge; es iſt nicht möglich, daß Ihr Euch habt dadurch bethören laſſen.“ „Sire.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. X. 1 16 242 „s iſt nicht möglich, daß man die Ehre, die Tu⸗ gend meiner Mutter beargwohnt. Und mein erſter Miniſter hat den Verbrechern nicht ſchon Gerechtigkeit widerfahren laſſen?“ „Ueberlegt wohl, Sire, ehe Ihr Euch erhitzt,“ er⸗ wiederte Fouquet.„Die Geburt Eures Bruders...“ „Ich habe nur einen Bruder: das iſt Monſieur. Ihr kennt ihn wie ich. Es iſt ein Komplott, ſage ich Euch, mit dem Gouverneur der Baſtille anzufangen.“ „Habt wohl Acht, Sire: dieſer Mann iſt, wie alle Welt, durch die Aehnlichkeit des Prinzen getäuſcht worden.“ „Die Aehnlichkeit! Geht doch!“ „Marchiali muß Eurer Majeſtät ſehr ähnlich ſein, daß Aller Augen ſich dadurch täuſchen laſſen,“ entgegnete Fouquet. 4„Tollheit!“ „Sagt das nicht, Sire; die Leute, die ſich bereit halten, dem Blicke Eurer Miniſter, Eurer Mutter, Eurer Officiere, Eurer Familie zu trotzen, dieſe Leute müſſen der Aehnlichkeit ſehr ſicher ſein.“ „In der That,“ murmelte der König;„dieſe Leute, wo ſind ſie?“ „In Vaux.“ „In Vaux! Ihr duldet, daß ſie dort bleiben?“ „Das Dringendſte, wie mir ſcheint, war, Eure Majeſtät zu befreien. Ich habe dieſe Pflicht erfüllt. Thun wir nun, was der König befehlen wird. Ich warte.“ Ludwig dachte einen Augenblick nach. „Verſammeln wir die Truppen in Paris,“ ſagte er ſodann. „Alle Befehle ſind zu dieſem Behufe gegeben,“ erwiederte Fouquet. 1 „Ihr habt Befehle gegeben!“ rief der König. „Zu dieſem Behufe, ja, Sire. Eure Majeſtät wird ——. NN— — 4 M— 8 243 35 einer Stunde an der Spitze von zehntauſend Mann ehen.“ 2 Statt jeder Antwort, ergriff der König die Hand von Fouquet mit einer ſolchen Wärme, daß man leicht ſehen konnte, welches Mißtrauen er bis zu dieſem Worte gegen ſeinen Miniſter, trotz ſeiner Dazwiſchenkunft, ge⸗ hegt hatte. „Und mit dieſen Truppen,“ fuhr der König fort, „werden wir in Eurem Hauſe die Rebellen belagern, die ſich ſchon dort feſtgeſtellt und verſchanzt haben müſſen.“. „Das würde mich wundern.“ „Warum?“ „Weil, nachdem ihr Haupt, die Seele der Unter⸗ nehmung, durch mich entlarvt worden iſt, mir der ganze Plan geſcheitert zu ſein ſcheint.“ „Ihr habt den falſchen Prinzen entlarvt?“ „Nein, ich habe ihn nicht geſehen.“ „Wen denn?“ „Das Haupt der Unternehmung iſt nicht dieſer Un⸗ glückliche. Dieſer iſt nur ein Werkzeug, für ſein gan⸗ zes Leben zum Unglück beſtimmt, wie ich wohl ſehe.“ „Entſchieden!“ „Es iſt der Herr Abbé d'Herblay, der Biſchof von Vannes.“ „Euer Freund!“ „Er war mein Freund,“ erwiederte Fouquet edel⸗ müthig. „Das iſt ein Unglück für Euch,“ rief der Koͤnig mit minder edelmüthigem Tone. „Solche Freundſchaften hatten nichts Entehrendes, ſo lauge ich das Verbrechen nicht kannte.“. „Ihr mußtet es vorherſehen.“ „Bin ich ſtrafbar, ſo übergebe ich mich den Hän⸗ den Eurer Majeſtät.“ „Oh! Herr Fouquet, das iſt es nicht, was ich ſa⸗ gen wilt,“ erwiederte der König, ärgerlich, daß er ſo 244 die Bitterkeit ſeines Gedankens gezeigt hatte.„Nun! ich erkläre Euch, trotz der Larve, mit der dieſer Elende ſein Geſicht bedeckt hatte, regte ſich in uns ein unbe⸗ ſtimmter Verdacht, er könnte es ſein. Doch bei dieſem Haupte der Unternehmung war ein handfeſter Mann. Derjenige, welcher mich mit ſeiner herculiſchen Kraft bedrohte, wer iſt es?“ „Das muß ſein Freund der Baron du Vallon, der ehemalige Musketier ſein.“ „Der Freund von d'Artagnan? der Freund des Grafen de la Fère? Ah!“ rief der Köonig bei dem letz⸗ ten Namen,„überſehen wir dieſen Zuſammenhang zwi⸗ ſchen den Verſchwörern und Herrn von Bragelonne nicht.“ „Sire, Sire, geht nicht zu weit. Herr de la Foͤre iſt der redlichſte Mann Frankreichs. Begnügt Euch mit dem, was ich Euch überliefere. „Mit dem, was Ihr mir überliefert? Die Schul⸗ digen, nicht wahr?“ „Wie meint Eure Majeſtät das?“ „Ich meine, daß wir mit Streitkräften nach Vaux kommen, daß wir uns dieſes Schlangenneſtes bemächti⸗ gen werden, und daß nichts entkommen wird; nicht wahr, nichts?“ „Eure Majeſtät wird dieſe Menſchen todten laſ⸗ ſen?“ rief Fouquet. „Bis auf den letzten.“ „Oh! Sire.“ 4 „Verſtehen wir uns wohl,“ ſprach der König hoch⸗ müthig.„Ich lebe nicht mehr in einer Zeit, wo der Mord die einzige, die letzte Raiſon der Könige iſt. Nein, Gott ſei Dank! Ich habe Parlamente, die in meinem Namen richten, und ich habe Schaffote, wor⸗ auf man meinen höchſten Willen vollſtreckt.“ Fouquet erbleichte. „Ich nehme mir die Freiheit, Eurer Majeſtät zu bemerken,“ ſagte er,„daß jeder Prozeß über ſolche Ma⸗ —] N— „A— A 245 terien ein tödtliches Aergerniß für die Würde des Thrones iſt. Der erhabene Name von Anna von Oe⸗ ſterreich darf nicht über die zu einem Lächeln halb ge⸗ öffneten Lippen des Volkes gehen.“ „Es muß Gerechtigkeit geſchehen, mein Herr.“ „Gut, Sire, aber das königliche Blut kann nicht auf dem Schaffot fließen.“ „Das königliche Blut! Ihr glaubt das!“ rief der König voll Wuth mit dem Fuß auf den Boden ſtam⸗ pfend.„Dieſe doppelte Geburt iſt eine Erfindung. Hier⸗ hauptſächlich in dieſer Erſindung ſehe ich das Ver⸗ brechen von Herrn d'Herblay. Dieſes Verbrechen will ich mehr beſtrafen, als ihre Gewaltthat, ihre Beleidi⸗ gung.“ „Und mit dem Tode beſtrafen?“ „Mit dem Tode, ja, mein Herr.“ „Sire,“ ſprach mit Feſtigkeit der Oberintendant, deſſen lange Zeit gebeugte Stirne ſich ſtolz erhob,„Cure Majeſtät wird, wenn ſie es will, Philipp von Frank⸗ reich, ihrem Bruder, den Kopf abſchlagen laſſen; das iſt ihre Sache, und ſie wird ſich darüber mit Anna von Oeſterreich, ihrer Mutter, berathen. Was Eure Majeſtät beſiehlt, wird befohlen ſein. Ich will mich alſo nicht mehr darein miſchen, nicht einmal für die Ehre Eurer Krone; aber ich habe mir eine Gnade von Euch zu erbitten, und ich erbitte ſie mir.“ „Sprecht,“ ſagte der König ſehr beunruhigt durch die letzten Worte des Miniſters.„Was verlangt Ihr?“ „Die Begnadigung von Herrn d'Herblay und die von Herrn du Vallon.“ „Meine Moͤrder!“ „Zwei Rebellen, Sire, nicht mehr.“ „Oh! ich begreife, daß Ihr Begnadigung für Eure Freunde verlangt.“ „Meine Freunde!“ rief Fouquet tief verletzt. „Eure Freunde, ja; doch die Sicherheit meines 246 Staates heiſcht eine exemplariſche Beſtrafung der Schul⸗ digen.“ „Ich bemerke Eurer Majeſtät nicht, daß ich ſie ſo eben in Freiheit geſetzt, ihr das Leben gerettet habe.“ „Mein Herr!“ „Ich bemerke ihr nicht, daß Herr d'Herblay, wenn er hätte ſeine Mörderrolle ſpielen wollen, Eure Ma⸗ jeſtät ganz einfach dieſen Morgen im Walde von Se⸗ nart ermorden konnte, und Alles war vorbei.“ Der Koöͤnig bebte. „Ein Piſtolenſchuß vor den Kopf,“ fuhr Fouquet fort,„und das unkenntlich gewordene Geſicht von Lud⸗ wig XIV. war auf immer die Freiſprechung von Herrn d'Herblay.“ Der König erbleichte beim Anblick der Gefahr, der er entgangen.“ „Herr d'Herblay,“ ſprach Fouquet,„wäre er ein Möoͤrder geweſen, brauchte mir ſeinen Plan nicht zu erzählen. Des wahren Königs entledigt, machte er es unmöglich, den falſchen zu errathen. Hätte Anna von Oeſterreich den Uſurpator erkannt, ſo war⸗ es doch immer ein Sohn für ſie. Der Uſurpator war für das Gewiſſen von Herrn d'Herblay immer ein Sohn vom Blute Ludwigs XIII. Mehr noch, der Verſchwö⸗ rer hatte die Sicherheit, das Geheimniß, die Straf⸗ loſtgkeit. Ein Piſtolenſchuß gab ihm dies Alles. Gnade für ihn im Namen Eurer Rettung, Sire!“ 6 Statt von dieſem ſo wahren Gemälde des Edelmuths von Aramis gerührt zu ſein, fühlte ſich der König grauſam gedemüthigt. Sein unbezähmbarer Stolz konnte ſich nicht an dem Gedanken gewöhnen, ein Menſch habe an dem Ende ſeines Fingers den Faden eines königlichen Le⸗ bens hängen gehabt. Jedes von den Worten, welche Fouquet fuͤr wirkſam hielt, um die Begnadigung ſeiner Freunde zu erlangen, brachte einen neuen Tropfen Gift in das ſchon geſchworene Herz von Ludwig XIV. Nichts —— 2 247 vermochte ihn daher zu beugen, und ungeſtuͤm ſich an Founquet wendend, ſprach er: „Mein Herr, ich weiß wahrhaftig nicht, warum Ihr die Begnadigung dieſer Leute verlangt! Wozu ſoll es nützen, das zu verlangen, was man ohne Ge⸗ ſuch haben kann?“ „Ich verſtehe Euch nicht, Sire.“ „Das iſt doch leicht. Wo bin ich hier?“ „In der Baſtille, Sire.“ „In einem Kerker. Nicht wahr, ich gelte für einen Narren?“ „Das iſt wahr.“ „Und Niemand kennt hier einen Andern, als Mar⸗ chiali?“ „Sicherlich.“ „Wohl denn! ändert nichts an der Lage der Dinge. Laßt den Narren in einem Kerker der Baſtille verfau⸗ len, und die Herren d'Herblay und du Vallon bedür⸗ fen meiner Begnadigung nicht. Ihr neuer Koͤnig wird ſie freiſprechen.“ 4 „Eure Majeſtät beleidigt mich, und ſie hat Un⸗ recht,“ erwiederte Fouquet trocken.„Ich bin nicht ge⸗ nug Kind, Herr d'Herblay iſt nicht albern genug, um nicht adte dieſe Betrachtungen angeſtellt zu haben, und wenn ich hätte einen neuen König machen wollen, wie Ihr ſagt, ſo hatte ich kein Bedürfniß, die Thüren der Baſtille zu ſprengen, um Euch daraus zu befreien. Das entbehrt des Sinnes. Der Geiſt Eurer Majeſtät iſt durch den Zorn geſtört; ſonſt würde ſie nicht ohne Grund denjenigen von ihren Dienern beleidigen, der ihr den wichtigſten Dienſt geleiſtet hat.“ Ludwig bemerkte, daß er zu weit gegangen, daß die Thore der Baſtille noch vor ihm geſchloſſen waren, während allmälig die Schleuſen ſich öffneten, hinter denen der edelmüthige Fouquet ſeinen Zorn gedämmt hielt.. „Ich habe dies nicht geſagt, um Euch zu demüthi⸗ 248 gen. Gott behüte mich, mein Herr,“ erwiederte er. „Nur wendet Ihr Euch an mich, um eine Begnadi⸗ gung zu erhalten, und ich antworte Euch nach meinem Gewiſſen. Nach meinem Gewiſſen ſind nun die Schul⸗ digen, von denen wir ſprechen, weder der Begnadigung, noch der Verzeihung würdig.“ Fouquet entgegnete nichts. „Was ich da thue,“ fügte der König bei,„iſt hoch⸗ herzig, wie das, was Ihr gethan habt, denn ich bin in Eurer Gewalt. Ich ſage ſogar, es iſt hochherziger in Betracht, daß Ihr mich Bedingungen gegenuͤber⸗ ſtellt, wovon meine Freiheit, mein Leben abhängen können, und als eine Weigerung dieſe beiden Güter. opfern heißt.“ „Ich habe in der That Unrecht,“ ſagte Fouquet. „Ja, ich hatte das Anſehen, als wollte ich Euch eine Begnadigung abnöthigen; ich bereue es und bitte Eure Majeſtät um Verzeihung.“ „Und es iſt Euch verziehen, mein lieber Herr Fou⸗ quet,“ ſprach der König mit einem Lächeln, das vol⸗ lends die Heiterkeit auf ſein Geſicht zurückbrachte, wel⸗ ches ſo viele Ereigniſſe ſeit dem vorhergehenden Tag verſtört hatte. „Ich habe meine Begnadigung,“ ſagte hartnäckig der Miniſter;„doch die Herren d'Herblay und du Val⸗ lon? 4 „Werden die ihrige nie erhalten, ſo lange ich lebe,“ erwiederte der unbeugſame König.„Thut mir den Gefallen, ſprecht nicht mehr davon.“ „Es ſoll Eurer Majeſtät gehorcht werden.“ 2uund Ihr werdet keinen Groll gegen mich he⸗ gen?“ „Ohl nein, Sire, denn ich hatte den Fall vorher⸗ geſehen.“ „Ihr hattet vorhergeſehen, ich würde die Begna⸗ digung dieſer Herren abſchlagen?“ 249 „Gewiß, und alle meine Maßregeln waren hienach getroffen.“. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ rief der König erſtaunt. 3 „Herr d'Herblay überlieferte ſich gleichſam meinen Händen. Herr d'Herblay ließ mir das Glück, meinen König und mein Vaterland zu retten. Ich konnte Herrn d'Herblay nicht zum Tode verurtheilen. Ich konnte ihn eben ſo wenig dem ſehr gerechten Zorn Eurer Majeſtät ausſetzen. Das wäre daſſelbe geweſen, als wenn ich ihn ſelbſt getödtet häͤtte.“ „Nun! was habt Ihr gethan?“ „Sire, ich habe Herrn d'Herblay meine beſten Pferde und vier Stunden voraus vor allen denjenigen gegeben, welche ihm Eure Majeſtät wird nachſchicken können.“ „Gut,“ murmelte der König;„doch die Welt iſt groß genug, daß meine Renner Euren Pferden die vier Stunden Vorſprung abgewinnen, die Ihr Herrn d'Her⸗ blay gegeben habt.“ „Indem ich ihm dieſe vier Stunden gab, wußte ich, daß ich ihm das Leben gab. Er wird das Leben haben.“ „Wie ſo?“ „Nachdem er, immer Euren Musketieren voran, gut gerannt iſt, wird er in meinem Schloſſe Belle⸗Isle an⸗ kommen, wo ich ihm Zuflucht gewährt habe.”“ „Es mag ſein; doch Ihr vergeßt, daß Ihr mir Belle⸗Isle geſchenkt habt.“ „Nicht, um meine Freunde verhaften zu laſſen.“ „Ihr nehmt es mir alſo wieder?“ „Zu dieſem Behufe, ja, Sire.“ „Meine Musketiere werden es nehmen, und Alles wird abgemacht ſein.“ „Weder Eure Musketiere, noch Cure Armee,“ ent⸗ gegnete Fouquet mit kaltem Tone.„Belle⸗Isle iſt un⸗ einnehmbar!“ 3 2⁵50 Der König wurde leichenbleich. Ein Blitz zuckte aus ſeinen Augen. Fouguet fühlte ſich verloren; aber er gehörte nicht zu denjenigen, welche von der Stimme der Ehre zurückweichen. Er hielt den giftigen Blick des Königs aus. Dieſer verſchlang ſeine Wuth und ſagte nach einem Stillſchweigen: 8 „Gehen wir nach Vaux?“ „Ich bin zu den Befehlen Eurer Majeſtät,“ er⸗ wiederte Fouquet ſich tief verbeugend;„doch ich glaube, Eure Majeſtät kann nicht umhin, die Kleider zu wech⸗ ſeln, ehe ſie vor ihrem Hofe erſcheint.“ „Wir fahren durch den Louvre. Gehen wir,“ ſprach der König. Und ſie gingen vor dem erſchrockenen Baiſemeaur hinaus, der abermals Marchiali ſich entfernen ſah und ſich die wenigen Haare, die ihm noch blieben, ausriß. Allerdings gab ihm Fouquet eine Losſprechung des Gefangenen und der König ſchrieb darunter: Ge⸗ ſehen und gebilligt, Ludwig; eine Tollheit, welche Baiſemeaux, unfähig, zwei Gedanken zuſammen⸗ zufaſſen, mit einem heldenmüthigen Fauſtſchlag aufnahm, den er ſich an die Kinnbacken verſetzte. — 2œ 2 -9, — 10———— ₰—,,— —— 4— 251 XXIV. Der falſche König. Das uſurpirte Königthum ſetzte indeſſen in Vaurx muthig ſeine Rolle fort. Philipp gab Befehl, zu ſeinem kleinen Lever die großen Entrées einzuführen, welche ſchon vor dem Kö⸗ nig zu erſcheinen bereit waren. Er entſchloß ſich, die⸗ ſen Befehl zu geben, trotz der Abweſenheit von Herrn d'Herblay, der nicht zurückkam, und unſere Leſer wiſſen, aus welchem Grunde. Aber der Prinz, der nicht glaubte, dieſe Abweſenheit könnte ſich verlängern, wollte, wie alle ſchüchternen Geiſter, ſeinen Werth und ſein Glück, fern von allem Schutze, von allem Rathe, verſuchen. Ein anderer Grund trieb ihn hiezu an. Anna von Oeſterreich ſollte erſcheinen; die ſo ſtrafbare Mutter ſollte ſich in Gegenwart ihres geopferten Sohnes be⸗ Finden. Philipp wollte, wenn er eine Schwäche hatte, den Mann nicht zum Zeugen davon machen, gegen den er fortan ſo viel Stärke zu entwickeln gehalten war. Philipp öffnete beide Flügel der Thüre, und meh⸗ rere Perſonen traten ſtillſchweigend ein. Philipp rührte ſich nicht, während ihn ſeine Kammerdiener ankleideten. Er hatte am Tage vorher die Gewohnheiten ſeines Bruders geſehen. Er ſpielte den Köoͤnig auf eine Weiſe, um keinen Verdacht zu erregen. Er empfing alſo ganz angekleidet, in einem Jagd⸗ gewand, die Beſuche. Sein Gedächtniß und die Noten von Aramis verkündigten ihm vor Allem Anna von Oeſterreich, der Monſeigneur die Hand gab, dann Ma⸗ dame mit Herrn von Saint⸗Aignan.— 4 2⁵² Er lächelte, als er dieſe Geſichter ſah, und ſchauerte, als er ſeine Mutter erkannte. Dieſes edle und eindrucksvolle, vom Schmerz ver⸗ heerte Geſicht vertheidigte in ſeinem Herzen die Sache der berüchtigten Königin, die ein Kind der Staatsrai⸗ ſon geopfert hatte. Er fand, ſeine Mutter ſei ſchön. Er wußte, daß Ludwig XIV. ſie liebte, er gelobte ſich, ſie auch zu lieben, und für ihr Alter keine grauſame Strafe zu ſein. Er ſchaute ſeinen Bruder mit einer leicht begreif⸗ lichen Rührung an. Dieſer hatte nichts uſurpirt, nichts in ſeinem Leben verdorben. War der Zweig beſeitigt, ſo ließ er den Stamm emporwachſen, ohne ſich um die Erhabenheit und die Majeſtät ſeines Lebens zu beküm⸗ mern. Philipp gelobte ſich, ein guter Bruder gegen dieſen Prinzen zu ſein, dem das Gold genügte, das die Vergnügungen gewährt. Er grüßte mit einer liebevollen Miene Saint⸗Aig⸗ nan, der ſich im Lächeln und in Bücklingen erſchöpfte, und reichte die Hand zitternd Henriette, ſeiner Schwä⸗ gerin, deren Schönheit ihm auffiel. Aber er ſah in den Augen dieſer Prinzeſſin einen Reſt von Kälte, was ihm für die Leichtigkeit ihrer zukünftigen gegenſeitigen Beziehungen gefiel. „Wie viel leichter wird es mir werden,“ dachte er, „der Bruder dieſer Frau, als ihr Liebhaber zu ſein, wenn ſie mir eine Kälte bezeigt, die mein Bruder nicht gegen ſie haben konnte, und die mir als eine Pflicht auferlegt iſt.“ Der einzige Beſuch, den er in dieſem Augenblick fürchtete, war der der Königin; ihr Herz, ihr Geiſt waren durch eine ſo heftige Pruͤfung erſchüttert worden, daß ſie vielleicht, trotz ihres ſoliden Schlags, einen neuen Stoß nicht aushalten würden. Zum Glück kam die Königin nicht. Da begann von Seiten von Anna von Oeſterreich eine politiſche Abhandlung über den Empfang, den Herr ᷣA α — △̈ 2⁵5³ Fouquet dem Hauſe Frankreich bereitet hatte. Sie ver⸗ miſchte ihre Feindſeligkeit mit Komplimenten an den König adreſſirt, mit Fragen nach ſeiner Geſundheit, mit kleinen mütterlichen Schmeicheleien und diplomati⸗ ſchen Ränken. „Nun! mein Sohn,“ ſagte ſie,„ſeid Ihr anderer Anſicht über Herrn Fouquet geworden 24 „Saint⸗Aignan, wollt Euch nach der Königin er⸗ kundigen,“ ſagte Philipp. Bei dieſen Worten, den erſten, welche Philipp laut ſprach, wurde der leichte Unterſchied, welcher zwiſchen ſeiner Stimme und der von Ludwig XIV. ſtattfand, für die mütterlichen Ohren fühlbar, und Anna von Oeſterreich ſchaute ihren Sohn ſcharf an. Saint⸗Aignan ging hinaus. Philipp fuhr fort: „Madame, Ihr wißt, ich liebe es nicht, daß man ſchlecht von Herrn Fouquet ſpricht, und Ihr habt mir ſelbſt Gutes von ihm geſagt.“ „Das iſt wahr; ich frage Euch auch nur nach dem Zuſtand Eurer Gefühle gegen ihn.“ „Sire, ich habe Herrn Fouquet immer geliebt,“ ſprach Henriette.„Es iſt ein Mann von gutem Ge⸗ ſchmack, ein wackerer Mann.“ „Ein Oberintendent, der nie knauſert,“ fügte Mon⸗ ſteur bei,„und der alle Anweiſungen, die ich auf ihn habe, in Gold bezahlt.“ „Es rechnet hier Jeder zu ſehr für ſich,“ entgeg⸗ nete die alte Königin.„Niemand rechnet für den Staat. Herr Fouquet, das iſt eine Thatſache, richtet den Staat zu Grunde.“ „Ahl Madame,“ ſagte Philipp mit leiſerem Tone, enn Ihr Euch auch zum Schilde von Herrn Colbert au 44 „Wie ſo?“ fragte erſtaunt die alte Königin. „Ich hoͤre Euch in der That hier ſprechen,“ erwie⸗ derte Philipp,„wie Eure alte Freundin Frau von Chevreuſe ſprechen würde.“ 3 3 Bei dieſem Namen erbleichte Anna von Oeſterreich und biß ſich auf die Lippen.. „Was ſagt Ihr mir da von Frau von Chevreuſe!“ rief ſie,„und welche Laune habt Ihr heute gegen mich?“ Philipp fuhr fort: „Hat Frau von Chevreuſe nicht immer ein Bünd⸗ niß gegen Jemand zu ſchließen? Hat Euch Frau von Chevreuſe nicht einen Beſuch gemacht, meine Mutter 2“ „Mein Herr,“ erwiederte die alte Königin,„Ihr ſprecht hier mit mir auf eine Art, daß ich den König, Euren Vater, zu hören glanbe.“ „Mein Vater liebte Frau von Chevreuſe nicht, und er hatte Recht. Ich, ich liebe ſie ebenfalls nicht, und wenn es ihr einfällt, hierher zu kommen, wie ſie einſt kam, unter dem Vorwand, Geld zu betteln, in der That aber, um Haß und Zwietracht auszuſtreuen, nun!. „Nun?“ verſetzte ſtolz Anna von Oeſterreich, ſelbſt den Sturm hervorrufend. „Nun!“ erwiederte mit Entſchloſſenheit der junge Mann,„ſo werde ich Frau von Chevreuſe aus dem Königreich jagek, und mit ihr alle die Künſtler in Ge⸗ heimniſſen und Myſterien.“ Err hatte die Schußweite dieſes furchtbaren Wortes nicht berechnet, oder er hatte vielleicht die Wirkung davon beurtheilen wollen, wie diejenigen, welche an einem chroniſchen Schmerz leiden und die Eintönigkeit dieſes Leidens brechen wollen, auf die Wunde drücken, um ſich zur Abwechſelung einen ſcharfen Schmerz zu verſchaffen. Anna von Oeſterreich war einer Ohnmacht nahe; ihre offenen, aber blickloſen Augen hörten einen Mo⸗ ment auf zu ſehen; ſie ſtreckte ihre Arme gegen ihren andern Sohn aus, der ſie ſogleich ohne Zögern und ohne Furcht, den König zu ärgern, umfing. „Sire,“ murmelte ſie,„Ihr behandelt Eure Mut⸗ ter grauſam.“ 3. 22—,—— 9 SSSOOͤV —₰— D— — —————,— —„„ 25⁵ „In welcher Hinſicht, Madame? Ich ſpreche nur von Frau von Chevreuſe; zieht meine Mutter etwa Frau von Chevreuſe der Sicherheit meines Staates und der Sicherheit meiner Perſon vor? Ich ſage Euch, Frau von Chevreuſe iſt nach Frankreich gekommen, um Geld zu entlehnen, ſie hat keines gefunden, ſie hat ſich an Herrn Fouquet gewendet, um ein gewiſſes Geheim⸗ niß an ihn zu verkaufen.“ 4 eendin gewiſſes Geheimniß!“ rief Anna von Oeſter⸗ reich. „Die vorgeblichen Diebſtähle betreffend, welche der Herr Oberintendant begangen haben ſoll; was falſch iſt,“ fügte Philipp bei.„Herr Fouquet hat ſie mit Entrü⸗ ſtung fortjagen laſſen, denn er zog die Achtung des Königs jeder Genoſſenſchaft mit Intriguantinnen vor. Dann hat Frau von Chevreuſe das Geheimniß an Col⸗ bert verkauft, und da ſie unerſättlich iſt, und es ihr nicht genügte, hunderttauſend Thaler dieſem Schreiber ausgepreßt zu haben, ſo ſuchte ſie höher, ob ſie nicht tiefere Quellen finden könnte.. Iſt das wahr, Ma⸗ dame?“ „Ihr wißt Alles, Sire,“ antwortete die Königin mehr unruhig, als gereizt. 5 „Ich habe nun,“ fuhr Philipp fort,„ich habe wohl das Recht, auf dieſe Furie böſe zu ſein, welche an mei⸗ nen Hof kommt, um die Schande der Einen und den Untergang der Andern anzuzetteln. Hat Gott geduldet, daß gewiſſe Verbrechen begangen wurden, und er hat ſie im Schatten ſeiner Milde verborgen, ſo gebe ich nicht zu, daß Frau von Chevreuſe die Macht haben ſoll, den Abſichten Gottes entgegenzutreten.“ Dieſer letzte Theil der Rede von Philipp hatte die Königin Mutter dergeſtalt erſchüttert, daß ihr Sohn Mitleid mit ihr bekam. Er nahm ihre Hand und küßte ſte zärtlich; ſie fühlte nicht, daß in dieſem Kuß, trotz des Grolls und der Emporung des Herzens, eine ganze Verzeihung von acht Jahren furchtbarer Leiden lag. —— Philipp ließ einen Augenblick des Stillſchweigens die Gemüthsbewegungen verſchlingen, die er hervorge⸗ bracht hatte. Dann ſagte er mit einer Art von Hei⸗ terkeit: „Wir werden heute nicht abreiſen; ich habe einen Plan.“. Und er wandte ſich nach der Thüre, wo er Ara⸗ mis zu ſehen hoffte, deſſen Abweſenheit ihm unange⸗ nehm zu ſein anfing. Die Königin Mutter wollte Abſchied nehmen. „Bleibt, meine Mutter,“ ſagte er,„ich will Euch Frieden mit Herrn Fouquet ſchließen laſſen.“ „Ich bin Herrn Fouquet nicht böſe, ich fürchtete nur ſeine Verſchwendungen.“ „Wir werden Ordnung in die Sache bringen und vom Herrn Oberintendanten nur die guten Eigenſchaf⸗ ten nehmen.“ „Was ſucht denn Eure Majeſtät?“ fragte Hen⸗ riette, welche ſah, daß der König abermals nach der Thüre ſchaute, und ihm einen Pfeil nach dem Herzen abzudrücken wünſchte, denn ſie vermuthete, er warte auf la Vallidre oder auf einen Brief von ihr. „Meine Schweſter,“ erwiederte der junge Mann, der ſie errathen hatte, mit dem wunderbaren Scharffinn, deſſen Uebung das Glück ihm fortan geſtatten ſollte, „meine Schweſter, ich erwarte einen ſehr ausgezeichne⸗ ten Mann, einen äußerſt geſchickten Ruth, den ich Euch Allen vorſtellen und Eurem freundlichen Wohlwollen empfehlen will. Ah!l tretet doch ein, d'Artagnan.“ „Was will Seine Majeſtät?a— „Sagt doch, wo der Herr Biſchof von Vannes, Euer Freund, iſt 2“ „Sire.. „Ich erwarte ihn und ſehe ihn nicht kommen. Man hole ihn mir.“ D'Artagnan blieb einen Augenblick ganz erſtaunt; bald aber bedachte er, Aramis habe Vaux insgeheim 3 257 mit einer Sendung des Königs verlaſſen, und er ſchloß hieraus, der König wolle das Geheimniß bewahren. „Sire,“ erwiederte er,„will Eure Majeſtät durch⸗ aus, daß man ihr Herrn d'Herblay bringe?“ „Durchaus iſt nicht das Wort,“ entgegnete Phi⸗ lipp.„Ich habe kein ſolches Bedürfniß; doch wenn man mir ihn fände...“ „Ich habe errathen,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt. „Dieſer Herr d'Herblay iſt der Biſchof von Van⸗ nes?“ fragte Anna von Oeſterreich. „Ja, Madame.“ „Ein Freund von Herrn Fouquet?“ „Ja, Madame, ein ehemaliger Musketier.“ Anna von Oeſterreich erroͤthete. „Einer von den vier Braven, welche einſt ſo viele Wunder vollbrachten.“ Die alte Königin bereute, daß ſie hatte angreifen wollen; ſie brach das Geſpräch ab, um den Reſt in den Zähnen zu behalten. „Was auch Eure Wahl ſein mag,“ ſprach ſie,„ich halte ſie für vortrefflich.“ Alle verbeugten ſich. „Ihr werdet ſehen,“ fuhr Philipp fort:„die Tiefe von Herrn von Richelieu, ohne den Geiz von Ma⸗ zarin.“ „Ein erſter Miniſter?“ fragte Monſieur er⸗ ſchrocken. „Ich werde Euch das erzählen, mein Bruder; aber es iſt ſeltſam, daß Herr d'Herblay nicht erſcheint.“ Er rief. „Man benachrichtige Herrn Fouquet“ ſagte er, „ich habe mit ihm zu ſprechen... oh! in Eurer Ge⸗ genwart, entfernt Euch nicht.“ Herr von Saint⸗Aignan kam zurück und brachte befriedigende Kunde von der Königin; ſie hütete das Die drei Musketiere. Bragelonne. IX. 17 258 Bett nur aus Vorſicht, und um die Kraft zu haben, jeden Willen des Königs zu befolgen. Während man Herrn Fouquet und Aramis überall ſuchte, ſetzte der neue König ruhig ſeine Prüfungen fort, und alle Leute, Familie, Officiere, Bediente, er⸗ kannten den König an ſeiner Miene, an ſeiner Stimme, an ſeinen Gewohnheiten. Philipp, indem er auf alle Geſichter die ihm von ſeinem Genoſſen gelieferten treuen Noten und Zeich⸗ nungen anwandte, benahm ſich ſeinerſeits ſo, daß ſich nicht der geringſte Verdacht im Geiſte derjenigen, welche ihn umgaben, erhob. Nichts konnte fortan den Uſurpator beunruhigen. Mit welch ſeltſamer Leichtigkeit hatte nicht die Vor⸗ ſehung das höchſte Glück der Erde umgeſtürzt, um das demüthigſte an ſeine Stelle zu ſetzen! Philipp bewunderte dieſe Guͤte Gottes gegen ihn und unterſtützte ſie mit allen Mitteln ſeiner wunderba⸗ ren Natur. Aber er fühlte zuweilen etwas wie einen Schatten auf die Strahlen ſeiner neuen Glorie gleiten. Aramis kam nicht. 3 Das Geſpräch war erlahmt in der königlichen Fa⸗ milie. Innerlich in Anſpruch genommen, vergaß Phi⸗ lipp, ſeinen Bruder und Madame Henriette zu entlaſſen. Dieſe wunderten ſich und verloren allmälig die Geduld. Anna von Oeſterreich neigte ſich gegen ihren Sohn und ſagte ein paar Worte in ſpaniſcher Sprache zu ihm. Philipp war völlig unbekannt mit dieſer Sprache; er erbleichte vor dieſem unerwarteten Hinderniß. Doch als hätte ihn der Geiſt des unſtörbaren Aramis mit ſeiner Unfehlbarkeit bedeckt, erhob ſich Philipp, ſtatt ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen. „Nun, wie? antwortet,“ ſagte Anna von Oeſter⸗ „Was für ein Geräuſch iſt das?“ fragte Philipp, indem er ſich nach der Thüre der Geheimtreppe wandte. Und man hörte eine Stimme rufen: reich 259 „Hierher! hierher! noch ein paar Stufen, Sire!“ „Die Stimme von Herrn Fouquet,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan, der bei der Königin⸗Mutter ſtand. „Herr d'Herblay dürfte nicht fern ſein,“ fügte Phi⸗ lipp bei. Doch er ſah nun, was er ſo nahe bei ſich zu ſehen entfernt nicht erwartete. Aller Augen waren der Thüre zugewendet, durch welche Herr Fouguet eintreten ſollte; aber er war es nicht, der eintrat. Ein furchtbarer Schrei drang aus allen Ecken des Gemaches hervor, ein ſchmerzlicher Schrei, ausgeſtoßen vom König und den Anweſenden. Es iſt den Menſchen nicht gegeben, ſelbſt denen nicht, deren Geſchick am meiſten ſeltſame Elemente und wunderbare Vorkommniſſe enthält, ein Schauſpiel zu betrachten, wie das, welches das königliche Gemach in dieſem Augenblick bot. Die halb geſchloſſenen Läden ließen nur ein unge⸗ wiſſes, durch große, mit einer dichten Seide gefütterte Sammetvorhänge gedämpftes Licht eindringen. In dieſem weichen Halbſchatten hatten ſich allmä⸗ lig die Augen erweitert, und Jeder von den Anweſenden ſah die Anderen mehr mit dem Vertrauen, als mit dem Blick. Man gelangt indeſſen unter ſolchen Umſtänden dazu, daß man ſich keine von den Einzelheiten der Um⸗ gebung entgehen läßt, und der Gegenſtand, der ſich darbietet, erſcheint leuchtend, als ob die Sonnenſtrahlen darauf fielen. 8 Dies geſchah Ludwig, als er ſich, bleich und die Stirne gefaltet, unter dem Thürvorhange der Geheim⸗ treppe zeigte. Fouquet ließ hinter ihm ſein Geſicht mit dem Ge⸗ präͤge der Strenge und der Traurigkeit ſehen. Die Königin⸗Mutter, welche Ludwig XIV. erblickte und Philipp bei der Hand hielt, ſtieß einen Schrei aus, wie ſie es, ein Geſpenſt erſchauend, gethan hätte. Monſteur hatte eine Art von Blendung und wandte 260 den Kopf von demjenigen der zwei Könige, den er von Geſicht ſah, zu demjenigen, an deſſen Seite er ſtand. Madame machte einen Schritt vorwärts, ſie glaubte in einem Spiegel den Widerſchein ihres Schwagers zu ſehen. 1 Die Täuſchung war wirklich möglich. Die zwei Prinzen, Beide entſtellt, denn wir ver⸗ zichten darauf, den furchtbaren Schrecken von Philipp zu ſchildern, Beide zitternd, Beide krampfhaft die Fauſt ballend, maßen ſich mit dem Blicke und tauchten ihre Augen wie Dolche einander in die Seele. Stumm, keuchend, gebückt, ſchienen ſie bereit, auf einen Feind loszuſtürzen. Dieſe unerhörte Aehnlichkeit des Geſichtes, der Ge⸗ berde, des Wuchſes, Alles bis auf die vom Zufall ent⸗ ſchiedene Aehnlichkeit der Kleidung, denn Ludwig hatte im Louvre ein Kleid von veilchenblauem Sammet ge⸗ nommen, dieſe vollkommene Analogie der zwei Prinzen zertrümmerte vollends das Herz von Anna von Oeſter⸗ reich. 3 Dennoch errieth ſie die Wahrheit noch nicht. Es gibt Unglücksfälle, die Niemand im Leben annehmen will. Man glaubt lieber an das Uebernatürliche, an das Unmögliche. Ludwig hatte nicht auf dieſe Hinderniſſe gerechnet. Er erwartete, allein eintretend erkannt zu werden. Eine lebende Sonne, duldete er nicht den Verdacht einer Gleichheit mit was es auch ſein mochte. Er gab nicht zu, daß jede Fackel nicht in dem Augenblick zur Finſter⸗ niß würde, wo er ſeinen königlichen Strahl glänzen ließe. . Bei dem Anblick von Philipp war er auch vielleicht mehr erſchrocken, als jeder Andere um ihn her, und ſein Stillſchweigen, ſeine Unbeweglichkeit waren die Zeit der Sammlung und der Ruhe, welche heftigen Zornausbrüchen vorhergeht. Aber Fouquet! wer vermöchte ſeine Erſchütterung 261 und ſein Erſtaunen in Gegenwart dieſes lebendigen Ebenbildes ſeines Herrn zu ſchildern! Fouquet dachte, Aramis habe Recht, dieſer neue König ſei ein König, der eben ſo rein in ſeiner Race als der andere, und um jede Theilnahme an dem von dem Jeſuitengeneral ſo geſchickt ausgeführten Staatsſtreiche zurückgewieſen zu haben, müſſe man enthuſtaſtiſcher Thor und unwür⸗ dig ſein, ſeine Hände je in ein politiſches Werk zu tauchen. 4 Und dann war es das Blut von Ludwig XIII., was Fouquet dem Blute von Ludwig XIII. opferte; einem ſelbſtſüchtigen Ehrgeiz opferte er einen edlen Ehrgeiz; dem Rechte, zu erhalten, opferte er das Recht, zu haben. Die ganze Ausdehnung ſeines Fehlers ward ihm durch den Anblick des Prätendenten allein enthüllt. Alles was in dem Geiſte von Fouquet vorging, war für die Anweſenden verloren. Er hatte fünf Mi⸗ nuten, um ſeine Betrachtungen über dieſen Punkt des Gewiſſensfalls zu concentriren; fünf Minuten, das heißt fünf Jahrhunderte, während welcher die zwei Könige und ihre Familie kaum Zeit fanden, von einem ſo furchtbaren Schlag aufzuathmen. An die Wand angelehnt, Fouquet gegenüber, die Fauſt vor ſeiner Stirne, fragte ſich d'Artagnan nach der Urſache eines ſo ſeltſamen Wunders. Er hätte nicht auf der Stelle ſagen koͤnnen, warum er zweifelte, aber er wußte ſicherlich, daß er Recht gehabt, zu zweifeln, und daß in dieſem Zuſammentreffen der zwei Ludwig XIV. die ganze Schwierigkeit lag, welche während der letzten Tage das Benehmen von. Aramis dem Musketier ſo verdächtig gemacht hatte. 5 Indeſſen waren dieſe Ideen mit dichten Schleiern umhüllt. Die Schauſpieler dieſer Scene ſchienen in den Dunſten eines ſchwerfälligen Erwachens zu ſchwimmen. Ungeduldiger und mehr an das Befehlen gewöhnt, lief Ludwig XIV. plötzlich an einen der Läden und öff⸗ nete ihn, die Vorhänge zerreißend. Eine Woge lebhaf⸗ ten Lichtes drang in das Zimmer und machte Philipp bis zum Alcoven zurückweichen. Dieſe Bewegung ergriff Ludwig mit Eifer, und er rief, ſich an die Königin wendend: „Meine Mutter, erkennt Ihr Euren Sohn nicht, da Jeder hier ſeinen König verkannt hat!“ Anna von Oeſterreich bebte und hob ihre Arme zum Himmel empor, ohne ein Wort ausſprechen zu können. „Meine Mutter,“ ſagte Philippmit ruhiger Stimme, „erkennt Ihr Euren Sohn nicht?“ . Und diesmal wich Ludwig ſeinerſeits zurück. Durch den Gewiſſensbiß im Kopfe und im Herzen getroffen, verlor Anna von Oeſterreich das Gleichgewicht. Da ſie Niemand unterſtützte, denn Alle waren verſtei⸗ nert, ſank ſie, einen ſchwachen Seufzer ausſtoßend, in ihren Lehnſtuhl. Ludwig konnte dieſes Schauſpiel und dieſe Schmach nicht aushalten. Er ſpraug: auf d'Artagnan zu, der, vom Schwindel erfaßt, an der Thüre, ſeinem Stütz⸗ punkte, hinſtreifend wankte. „Herbei, Musketier!“ rief er:„Schaut uns ins Geſicht und ſeht, welcher von uns bleicher iſt.“ Dieſer Ruf erweckte d'Artagnan und rührte in ſeinem Herzen die Fiber des Gehorſams. Er ſchüttelte ſeine Stirne, ging, ohne ferner zu zögern, auf Philipp zu, legte ihm die Hand auf ſeine Schulter und ſprach: „Mein Herr, Ihr ſeid mein Gefangener.“ Philipp ſchlug die Augen nicht zum Himmel auf, er rührte ſich nicht von der Stelle, wo er, den Blick tief auf ſeinen Bruder, den König, geheftet, wie an den Boden angeklammert ſtand. Er warf ihm in einem erhabenen Stillſchweigen all ſein vergangenes Unglück, alle ſeine Qualen in der Zukunft vor. Gegen dieſe Sprache der Seele fühlte der Koͤnig keine Kraft mehr in ſich; er ſchlug die Augen nieder, zog haſtig ſeinen ——Ü—————— 263 Bruder und ſeine Schwägerin fort, und vergaß dabei ſeine Mutter, welche bewegungslos drei Schritte von dem Sohn ausgeſtreckt lag, den ſie abermals zum Tode verurtheilen ließ. 2 Philipp näherte ſich Anna von Oeſterreich und ſprach zu ihr mit ſanfter, aber bewegter Stimme: „Wäͤre ich nicht Euer Sohn, ſo würde ich Euch verfluchen, daß Ihr mich ſo unglücklich gemacht.“ D'Artagnan fühlte einen Schauer das Mark ſeiner Knochen durchziehen. Er grüßte ehrfurchtsvoll den Prinzen und ſprach halb gebückt zu ihm:; „Entſchuldigt mich, Monſeigneur, ich bin nur ein Soldat, und meine Schwüre gehören demjenigen, wel⸗ cher ſo eben dieſes Zimmer verläßt.“ 3 „Ich danke, Herr d'Artagnan. Doch was iſt aus Herrn d'Herblay geworden?“ „Herr d'Herblay iſt in Sicherheit, Monſeigneur,“ ſprach eine Stimme hinter ihnen,„und Niemand, ſo lange ich lebe oder frei bin, wird ein Haar von ſeinem Haupte fallen machen.“. „Herr Fouquet,“ ſagte der Prinz traurig lächelnd. „Verzeiht mir, Monſeigneur,“ ſprach Fouquet nie⸗ derknieend,„derjenige, welcher ſo eben von hier weg⸗ gegangen iſt, war mein Gaſt.. „Das ſind brave Freunde und gute Herzen,“ mur⸗ melte Philipp.„Sie machen, daß ich es bedaure, aus dieſer Welt ſcheiden zu müſſen. Geht, Herr d'Ar⸗ tagnan, ich folge Euch.“ In dem Augenblick, wo der Kapitän der Muske⸗ tiere weggehen wollte, erſchien Colbert, übergab d'Ar⸗ tagnan einen Befehl des Köͤnigs und entfernte ſich wieder. D'Artagnan las ihn und zerknitterte das Papier voll Wuth. „Was gibt es?“ fragte der Prinz. „Leſet, Monſeigneur,“ erwiederte der Musketier. 264 Philipp las folgende in Haſt von der Hand von Ludwig XIV. geſchriebene Worte: „Herr d'Artagnan wird den Gefangenen nach der Inſel Sainte⸗Marguerite führen. Er wird ihm das Geſicht mit einem eiſernen Viſir bedecken, das der Gefangene nur bei Verluſt ſeines Lebens aufheben kann.“ „Ganz richtig,“ ſprach Philipp mit Reſignation, „ich bin bereit.“ „Aramis hatte Recht,“ flüſterte Fouquet dem Mus⸗ ketier zu:„dieſer iſt König ſo ſehr, als der Andere.“ „Mehr!“ erwiederte d'Artagnan.„Es fehlten ihm nur ich und Ihr.“ XXV. Worin Porthos einem Herzogthum nachzulaufen glaubt. Die ihnen von Fouquet bewilligte Zeit benützend, machten Aramis und Porthos der franzöſiſchen Cavale⸗ rie durch ihre Schnelligkeit CEhre. Porthos begriff nicht, für welche Art von Sendung man ihn eine ſolche Geſchwindigkeit zu entwickeln nö⸗ thigte; da er aber Aramis mit aller Hitze ſpornen ſah, ſo ſpornte er mit Wuth. Sie hatten ſo bald zwoͤlf Meilen zwiſchen ſich und Vaux; dann mußte man die Pferde wechſeln und eine Art von Poſtdienſt organiſiren. Während eines Relais wagte es Porthos, Aramis beſcheiden zu fragen: 26⁵ „ St!“ erwiederte dieſer,„erfahrt nur, daß unſer Glück von unſerer Schnelligkeit abhängt.“ Porthos jagte vorwärts, als wäre er noch der Musketier ohne Heller und Gepäcke von 1626 geweſen. Das magiſche Wort Glück bedeutet immer etwas für das menſchliche Ohr. Es beſagt Genug für diejenigen, welche Nichts haben; es bedeutet Zuviel für diejeni⸗ gen, welche Genug haben. „Man wird mich zum Herzog machen,“ ſagte Por⸗ thos ganz laut. Er ſprach mit ſich ſelbſt. „Das iſt möglich,“ erwiederte auf ſeine Weiſe lä⸗ chelnd Aramis, dem das Pferd von Porthos voranlief. Der Kopf von Aramis ſtand indeſſen in Flammen; der Thätigkeit des Körpers war es noch nicht gelungen, die des Geiſtes zu überwältigen. Alles, was es an brauſendem Zorn, an Schmerz mit den ſcharfen Zähnen, an tödtlichen Drohungen gibt, krümmte ſich, und biß und brüllte im Kopfe des beſiegten Prälaten. Seine Phyſiognomie bot die ſichtbaren Spuren dieſes heftigen Kampfes. Frei, auf der Landſtraße ſich wenigſtens den Eindrücken des Augenblickes zu über⸗ laſſen, enthielt ſich Aramis nicht, bei jedem Seiten⸗ ſprunge des Pferdes, bei jeder Ungleichheit des Weges zu fluchen. Bleich, bald von ſiedendem Schweiß über⸗ goſſen, bald trocken und eiskalt, ſchlug er die Pferde und ſtachelte ihnen die Seiten blutig. Porthos ſeufzte darob, er, deſſen Hauptfehler nicht die Empfindſamkeit war. So rannten ſie acht volle Stunden und gelangten nach Orleans. Es war ‚vier Uhr Nachmittags. Aramis, indem er ſeine Erinnerungen befragte, dachte, nichts beweiſe die mögliche Verfolgung. Es wäre ohne Beiſpiel geweſen, daß man eine Truppe, welche fähig, Porthos und ihn feſtzunehmen, mit hinreichenden Relais verſehen hätte, um vierzig Meilen in acht Stunden zurückzulegen. Die Verfol⸗ 266 gung zugegeben, was nicht entſchieden war, hatten ſo⸗ mit die Flüchtlinge fünf gute Stunden vor den Ver⸗ folgern voraus. Aramis dachte, ausruhen wäre keine Unklugheit, aber weiter reiten wäre ein glücklicherer Entſchluß. In der That, zwanzig Meilen mehr mit dieſer Geſchwin⸗ digkeit geliefert, zwanzig Meilen verſchlungen, und Nie⸗ mand, nicht einmal d'Artagnan, könnte die Feinde des Königs einholen. Aramis machte alſo Porthos den Kummer, wieder zu Pferde zu ſteigen. Man ritt bis um ſieben Uhr uhde und hatte nur noch eine Poſt, um Blois zu er⸗ reichen. Hier aber beunruhigte ein teufliſcher Unſtern Ara⸗ mis. Es fehlte auf der Poſt an Pferden. Der Prälat fragte ſich, durch welche hölliſche Ma⸗ chination es ſeinen Feinden gelungen ſei, ihn der Mit⸗ tel, weiter zu gehen, zu berauben, ihn, der den Zufall nicht für einen Gott anerkannte, ihn, der für jedes Re⸗ ſultat ſeine Urſache fand; er wollte lieber glauben, die Weigerung des Poſtmeiſters, zu einer ſolchen Stunde, in einer ſolchen Gegend, ſei die Folge eines von oben ausgegangenen Befehls, eines Befehles, gegeben, um den Majeſtätmacher auf ſeiner Flucht aufzuhalten. Doch in dem Augenblick, wo er auffahren wollte, entweder um eine Erklärung oder um ein Pferd zu er⸗ halten, kam ihm ein Gedanke. Er erinnerte ſich, daß der Graf de la Fore in der Gegend wohnte. „Ich reiſe nicht,“ ſagte er,„ich mache keine ganze Poſt. Gebt mir zwei Pferde, um einen mir befreun⸗ deten Edelmann zu beſuchen, der in der Nähe von hier wohnt.“ „Welchen Edelmann?“ fragte der Poſtmeiſter. „Den Herrn Grafen de la Fore.“ „Oh!“ antwortete dieſer Mann, indem er ſich ehr⸗ furchtsvoll entblößte,„ein würdiger Herr. Aber wie ſehr ich auch ihm gefällig zu ſein wünſche, ſo kann ich 267 Euch doch keine zwei Pferde geben, da alle von mei⸗ ner Poſt vom Herrn Herzog von Beaufort genommen nd.“ „Ah!“ machte Aramis ärgerlich. „Indeſſen,“ fuhr der Poſtmeiſter fort,„wenn es Euch geſtele, in ein Wägelchen zu ſteigen, das ich beſitze, ſo würde ich ein altes blindes Pferd anſpannen, das nur noch ſeine Beine hat, aber Euch zu dem Herrn Grafen de la Fére führen könnte.“ „Das iſt einen Louis d'or werth,“ ſagte Aramis. „Nein, mein Herr, es iſt nur einen Thaler werth, das iſt der Preis, den mir Herr Grimand, der Inten⸗ dant des Herrn Grafen, bezahlt, ſo oft er ſich meines Wägelchens bedient, und der Herr Graf ſoll mir nicht vorwerfen können, ich habe einen von ſeinen Freunden zu viel bezahlen laſſen.“. „Nach Eurem Belieben,“ ſagte Aramis,„und be⸗ ſonders nach dem des Herrn Grafen de la Fore, wel⸗ chem mißfällig zu ſein ich mich wohl hüten werde. Ihr ſollt Euren Thaler bekommen, nur habe ich das Recht, Euch einen Louis d'or für Euren Gedanken zu geben.“ „Allerdings,“ erwiederte der Poſtmeiſter ganz freudig.— Und er ſpannte ſelbſt ſein altes Pferd an ſein knar⸗ rendes Wägelchen. Während dieſer Zeit ſchaute Porthos neugierig. Er bildete ſich ein, das Geheimniß entdeckt zu haben; er war vor Freude außer ſich, einmal weil ihm der Be⸗ ſuch bei Athos beſonders angenehm, und dann weil er der Hoffnung lebte, er würde zugleich ein gutes Abend⸗ brod und ein gutes Bett bekommen. Als der Poſtmeiſter vollends angeſpannt hatte, ſchlug er einen von ſeinen Knechten vor, um die Frem⸗ den nach Fore zu führen. Porthos ſetzte ſich mit Aramis auf den Rückſitz und ſagte ihm ins Ohr: 268 „Ich begreife.“ „Ahl ah!“ erwiederte Aramis,„was begreift Ihr denn, mein lieber Freund?“ „Wir gehen zu Athos, um ihm im Namen des Königs einen großen Antrag zu machen.“ „Bah!“ rief Aramis. „Sagt mir nichts,“ fügte der gute Porthos bei, indem er feſt genug Gleichgewicht zu halten ſuchte, um die Stöße zu vermeiden;„ſagt mir nichts, ich werde errathen.“ „Gut! mein Freund, errathet, errathet!“ Man kam gegen neun Uhr Abends bei einem herr⸗ lichen Mondſchein zu Athos. Dieſe wunderbare Helle erfreute Porthos über allen Ausdruck. Aramis aber fühlte ſich in einem beinahe gleichen Grade dadurch beläſtigt. Er bezeigte hievon etwas Porthos, der ihm erwiederte: „Gut! ich errathe abermals! die Sendung iſt ge⸗ heim.“„ Das waren ſeine letzten Worte im Wagen. 4 Der Kutſcher unterbrach ſie durch die Bemer⸗ Lung: „Meine Herren, Ihr ſeid an Ort und Stelle.“ Porthos und ſein Gefährte ſtiegen vor dem Thore des kleinen Schloſſes aus. Hier finden wir Athos und Bragelonne wieder, welche Beide ſeit der Entdeckung der Untreue von la Vallière verſchwunden waren. Gibt es ein Wort voll Wahrheit, ſo iſt es dieſes: Die großen Schmerzen enthalten in ſich ſelbſt den Keim ihres Troſtes. Die ſchmerzliche, Raoul beigebrachte Wunde hatte dieſen ſeinem Vater näher gebracht, und Goit weiß, ob ſie ſüß waren, die Tröſtungen, welche von dem beredten Mund und dem edlen Herzen von Athos floß Die Wunde hatte ſich nicht vernarbt; aber dad daß er viel mit ſeinem Sohne ſprach, daß er ein *☛ —,— 2—2 — — 269 von ſeinem Leben in das des jungen Mannes miſchte, hatte ihm Athos am Ende begreiflich gemacht, daß die⸗ ſer Schmerz über die erſte Untreue für jedes menſch⸗ liche Daſein nothwendig ſei, und daß Niemand geliebt habe, ohne ihn kennen zu lernen. Raoul horchte oft, er hörte nicht. Nichts erſetzt in dem lebhaft verliebten Herzen die Crinnerung und den Gedanken an den ge⸗ liebten Gegenſtand. Raoul antwortete dann ſeinem Vater: „Mein Herr! Alles, was Ihr mir ſagt, iſt wahr; ich glaube, daß Niemand ſo viel, wie Ihr, durch das Herz gelitten hat, aber Ihr ſeid ein Mann, der zu groß durch den Verſtand, zu ſehr geprüft durch das Unglück, um nicht die Schwäche dem Soldaten zu geſtatten, der zum erſten Male leidet. Ich bezahle einen Tribut, den ich nicht zweimal bezahlen werde; erlaubt mir, mich ſo tief in meinen Schmerz zu verſenken, daß ich mich ſelbſt vergeſſe, daß ich darin bis zu meiner Vernunft ertrinke.“ 5* „Naoul! Raoul!“ „Höret, mein Herr, nie werde ich mich an den Ge⸗ danken gewöhnen, daß Louiſe, die keuſcheſte und unſchul⸗ digſte der Frauen, ſchändlicher Weiſe einen ſo redlichen und ſo innig liebenden Mann, wie ich bin, hat betrügen können; nie werde ich mich entſchließen, dieſe ſo ſanfte und ſo gute Maske in ein heuchleriſches und leichtferti⸗ ges Geſicht ſich verwandeln zu ſehen. Louiſe verloren! Louiſe ehrlos! Ahl mein Herr, das iſt viel grauſamer für mich, als Raoul verlaſſen, Raoul unglücklich!“ Athos wandte dann das heroiſche Mittel an. Er vertheidigte Louiſe gegen Raoul und rechtfertigte ihre Treuloſigkeit durch ihre Liebe. „Eine Frau, welche dem König nachgegeben hätte, weil er der König iſt,“ ſagte er,„würde den Namen einer Schändlichen derdienen; aber Louiſe liebt Ludwig. Beide jung, haben ſie vergeſſen, er ſeinen Rang, ſie 270 ihre Schwüre. Die Liebe ſpricht Alles frei, Raoul. Die zwei jungen Leute lieben ſich mit Offenherzigkeit.“ Und wenn er dieſen Dolchſtich gegeben hatte, ſah Athos ſeufzend Raoul unter der grauſamen Wunde auf⸗ ſpringen und in den dickſten Wald entfliehen oder ſich in ſein Zimmer flüchten, von wo er nach einer Stunde bleich, zitternd, aber gebändigt zurückkam. Da trat er auf Athos mit einem Lächeln zu und küßte ihm die Hand, wie der Hund, der geſchlagen worden, einen guten Herrn liebkoſt, um ſeinen Fehler zu fühnen. Raoul verbarg nur ſeine Schwäche und geſtand nur ſeinen Schmerz. So vergingen die Tage, welche auf die Scene folgten, in der Athos ſo heftig an dem unbändigen Stolz des Königs gerüttelt hatte. Nie, wenn er mit ſeinem Sohne ſprach, ſpielte er auf dieſe Scene an; nie er⸗ zählte er ihm die einzelnen Umſtände von dieſem kräfti⸗ gen Ausfall, der vielleicht den jungen Mann, indem er ihm die Erniedrigung ſeines Nebenbuhlers gezeigt, ge⸗ tröſtet hätte. Der beleidigte Liebhaber ſollte nach d Willen von Athos nicht die Achtung vor dem KSng verlieren.— Und wenn Bragelonne, glühend, wüthend, düſter, mit Verachtung von den königlichen Worten ſprach und von dem zweideutigen Glauben, den gewiſſe Narren aus dem vom Thron gefallenen Verſprechen ſchöpfen; wenn, zwei Jahrhunderte mit der Schnelligkeit eines Vogels durcheilend, der über eine Meerenge hinfliegt, um von einer Welt zu einer andern zu gelangen, Raoul dazu kam, die Zeit zu weiſſagen, wo die Könige kleiner er⸗ ſcheinen würden, als die Menſchen, da ſprach Athos mit ſeiner klaren, überzeugenden Stimme:. „Ihr habt Recht, Raoul, Alles, was Ihr ſagt, wird geſchehen: die Könige werden ihren Zauber verlie⸗ ren, wie ihre Helle die Sterne verlieren, die ihre Zeit durchgemacht haben. Aber wenn dieſer Augenblick kommt, Raoul, werden wir todt ſein; und erinnert Euch ſtets wohl deſſen, was ich ſage: In dieſer Welt 271 müſſen wir für Alle, Männer, Frauen und Könige, in der Gegenwart leben, wir müſſen nur der Zukunft ge⸗ mäß für Gott leben.“ Hievon unterhielten ſich wie immer Athos und Bra⸗ 3 gelonne, waͤhrend ſie die lange Lindenallee im Parke durchſchritten, als ploͤtzlich das Gloͤckchen ertönte, das dazu diente, dem Grafen entweder die Stunde des Mah⸗ les oder einen Beſuch zu verkündigen. Maſchinenmäßig und ohne ein Gewicht darauf zu legen, kehrte er mit ſeinem Sohne zurück, und Beide fanden ſich am Ende der Allee in Gegenwart von Porthos und Aramis. ſſſſſſſiſſſfinnſſſſſſſſimſſſſſſſiſſſſſſſiſſiinſſſſennſſin 9 10 11 12 13 14 15 16 17 ſſſſſſſiſſſfinnſſſſſſſſimſſſſſſſiſſſſſſſiſſiinſſſſennſſin 9 10 11 12 13 14 15 16 17