— 2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:„ 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 33„=, 3„=„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.— 1 3 V Graf von Bragelonne oder: Zehn Jahre nachher. on Alexandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zweite Fortſetzung der„drei Musketiere.“ Neunundzwanzigſtes bis zweiunddreißigſtes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. Die Haut des Bären. Colbert gab den Einführungsbrief der Herzogin und zog ſachte den Stuhl weg, hinter dem ſie ſtand. Frau von Chevreuſe grüßte ſehr leicht und ent⸗ fernte ſich. 4 Colbert, der die Handſchrift von Mazarin erkannt und die Briefe gezählt hatte, läutete ſeinem Secretaire und befahl dieſem, Herrn Vanel, den Rath beim Par⸗ lament, zu ihm zu holen. Der Secretaire erwiederte, ſeiner Gewohnheit getreu ſei der Herr Rath ſo eben in das Haus eingetreten, um dem Herrn Intendanten über die Hauptumſtände der an demſelben Tag in der Sitzung des Parlaments vollbrachten Arbeit Bericht zu erſtatten. Herr Colbert trat näher an die Lampe, las die Briefe des verſtorbenen Cardinals noch einmal und lachte wiederholt, indem er den ganzen Werth der ihm von Frau von Chevreuſe überlieferten Papiere erkannte; dann ſtützte er ſeinen dicken Kopf mehrere Minuten auf ſeine Hände und dachte nach. Während dieſer Minuten war ein feiſter, großer Mann mit knochigem Geſicht, ſtarren Augen, und gebogener Naſe in das Cabinet von Colbert mit einer beſcheidenen Dreiſtigkeit eingetreten, die einen zugleich geſchmeidigen und entſchiedenen Charakter offenbarte, geſchmeidig ge⸗ Die drei Musketiere, Bragelonne. VllI. 1 2 gen den Herrn, der die Beute hinwerfen konnte, keck gegen die Hunde, die ihm dieſe Beute hätten ſtreitig machen können. Herr Vanel hatte unter ſeinem Arm einen um⸗ fangreichen Pack Acten, er legte ihn auf den Schreib⸗ tiſch, auf dem die beiden Ellenbogen von Colbert deſſen Kopf ſtützten. „Guten Tag, Herr Vanel,“ ſagte dieſer, aus ſei⸗ nem Nachſinnen erwachend. 4 „Guten Tag, Monſeigneur,“ erwiederte Vanel, mit ganz natürlichem Tone. 4 t Mein Herr, müßt Ihr ſagen,“ entgegnete Colbert anft. 3„Mann nennt Monſeigneur die Miniſter,“ ſprach Vanel mit unſtörbarer Kaltblütigkeit,„Ihr ſeid Mi⸗ niſter.“ „Noch nicht.“ „Factiſch, und ſo nenne ich Euch Monſeigneur; überdies ſeid Ihr mein Gebieter, und das genügt mir; mißfällt es Euch, daß ich Euch vor der Welt ſo nenne, ſo erlaubt mir, Euch dieſen Titel unter vier Augen zu eben.“ 4 Colbert erhob den Kopf bis zur Höhe der Lampen und las oder ſuchte in dem Geſichte von Vanel zu le⸗ ſen, wie viel Antheil an dieſer Ergebenheitsbetheurung die Aufrichtigkeit habe. Aber der Rath wußte das Gewicht eines Blickes auszuhalten, und war dieſer Blick auch der von Mon⸗ ſeigneur. 1 Colbert ſtutzte. Er hatte nichts auf dem Geſichte von Vanel geleſen. Vanel konnte ehrlich ſein. Colbert bedachte, daß dieſer Untergeordnete dadurch höher ſtand, als er, daß er eine ungetreue Frau hatte. 4 In dem Augenblick, wo er von Mitleid über das Schickſal dieſes Mannes ergriffen wurde, zog Vanel aus ſeiner Taſche kalt ein mit ſpaniſch Wachs geſiegel⸗ es wohlriechendes Billet und reichte es Monſeigneur. „—, 1202 „Was iſt das, Vanel?“ d* „Ein Brief von meiner Frau, Monſeigneur.“ Colbert huſtete. Er nahm den Brief, öffnete, las ihn und ſteckte ihn in ſeine Taſche, während Vanel unempfindlich in ſeinen Prozeßakten blätterte. „Vanel,“ ſagte plötzlich der Beſchützer zu ſeinem Schützling,„Ihr ſeid ein Mann der Arbeit 24 „Ja, Monſeigneur.“ „Zwölf Stunden ſtudiren würde Euch nicht bange machen?“ „Ich ſtudire fünfzehn täglich.“ „Unmöglich. Ein Rath braucht nicht mehr als drei für das Parlament zu arbeiten.“ „Oh! ich mache Etwas für einen Freund, der beim Rechnungsweſen angeſtellt iſt, und da mir noch Zeit übrig bleibt, ſo ſtudire ich das Hebräiſche.“ „Ihr ſteht in großem Anſehen beim Parlament, Vanel.“ „Ich glaube, ja, Monſeigneur.“ „Ihr müßtet nicht auf dem Rathsſitze verdumpfen.“ „Was hätte ich zu dieſem Behufe zu thun?“ „Eine Stelle zu kaufen.“ „Welche?“ „Etwas Großes. Die kleinen Ambitionen ſind am Unbequemſten zu befriedigen.“ „Die kleinen Börſen, Monſeigneur, ſind am ſchwer⸗ ſten zu füllen.“ „Welche Stelle habt Ihr im Auge?“ fragte Colbert. „Ich habe keine im Auge.“ „Es gibt eine, doch man muß der Koͤnig ſein, um ſie zu kaufen, ohne ſich in Verlegenheit zu ſetzen; dem König wird es aber nicht einfallen, eine Generalan⸗ walts⸗Stelle zu kaufen.“ 4 Als Vanel dieſe Worte hörte, heftete er auf Col⸗ bert einen zugleich demüthigen und trüben Blick. Colbert fragte ſich, ob er errathen worden, oder ob ihm der Gedanke dieſes Menſchen nur begegnet ſei. „Was ſprecht Ihr mir von der Stelle eines Ge⸗ neralanwalts beim Parlament? ich kenne keine andere, als die von Herrn Fouquet,“ ſagte Vanel. „Ganz richtig, mein lieber Rath.“ „Ihr ſeid nicht ekel, Monſeigneur; doch ehe die Waare gekauft iſt, muß ſie verkauft werden.“ ſch. „Herr Vanel, ich glaube, dieſe Stelle wird binnen ſiel Kurzem zum verkaufen ſein.“ ohr „Zu, verkaufen! die Anwaltsſtelle von Herrn Fou⸗ nu quet?“ nich „Man ſagt es.“ „Die Stelle, die ihn anverletzlich macht, zu ver⸗ kaufen! Ho! ho!“ der Hiebei lachte Vanel. „Hättet Ihr bange vor dieſer Stelle? 2 fragte Col⸗ bert mit ernſter Miene. daf „Bange! nein...“ zu „Solltet Ihr keine Luſt dazu haben?⸗ auf „Monſeigneur ſpottet meiner: wie ſollte ein Rath vom Parlament nicht Luſt haben, Generalanwalt zu ein werden!“ fan „Da ich Euch alſo ſage, die Stelle werde zum Ver⸗ kauf ausgeboten...“ eer! „Monſeigneur ſagt es.“ ſich „Es geht das Gerücht.“ Va „Ich wiederhole, das iſt unmöglich; nie wirft ein Menſch den Schild weg, hinter dem er ſeine Ehre, ſein Ge Vermögen und ſein Leben geſchützt hat.“. „Es gibt zuweilen Narren, welche glauben, ſie nich ſtehen über allen ſchlimmen Wechſelfällen, Har Vanel.“ „Ja, Monſeigneur, doch dieſe Narren begehen ihre Tollheiten nicht zum Vortheil der armen Vanel, die es in der Welt gibt.“ „Warum nicht?“ „Weil dieſe Vanel arm find.“ „Die Stelle von Herrn Fouquet kann allerdings viel koſten. Was würdet Ihr daran ſetzen, Herr Vanel??, — ⏑8—* 5 „Meine ganze Habe.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Drei bis viermal hunderttauſend Livres.“ „Und die Stelle iſt werth?“ „Anderthalb Millionen auf das Geringſte ange⸗ ſchlagen. Ich kenne Leute, welche eine Million und ſiebenmal hundertauſend Livres dafür geboten haben, ohne Herrn Fouquet zum Verkauf zu beſtimmen. Wenn nun Herrn Fouquet zufällig verkaufen wollte, was ich nicht glaube, trotz deſſen, was man mir ſagt.. ℳ „Ahl man ſagt Euch etwas; wer dies?“ „Herr von Gourville,. Herr Peliſſon und An⸗ dere.“ „Nun, wenn Herr Fouquet verkaufen wollte?“ „Ich wäre nicht im Stande, zu kaufen, in Betracht, daß Herr Fouquet nur verkaufen würde, um friſches Geld zu bekommen, und Niemand hat anderthalb Millionen auf ein Brett zu werfen.“ Colbert unterbrach den Rath bei dieſer Stelle durch eine gebieteriſche Pantomime. Er hatte wieder ange⸗ fangen, nachzudenken. Als er die ernſte Haltung des Gebieters ſah, als er wahrnahm, mit welcher Beharrlichkeit er das Geſpräch ſich nur um dieſen Gegenſtand drehen ließ, wartete Herr Vanel auf die Löſung, ohne ſie herauszufordern. „Erklärt mir doch die Vorrechte der Stelle des Generalanwalts,“ ſagte Colbert. „Das Recht, jeden franzöſiſchen Unterthanen, der nicht Prinz von Geblüt iſt, in Anklageſtand zu ſetzen; das Recht der Nichtigkeitserklärung jeder Anklage, die gegen irgend einen Franzoſen, der nicht König oder Prinz von Geblüt, gerichtet iſt. Ein Generalanwalt iſt der rechte Arm des Koͤnigs, um einen Schuldigen zu ſchlagen; es iſt auch ſein Arm, um die Fackel der Ge⸗ rechtigkeit auszulöſchen. Herr Fouquet wird ſich auch gegen den König ſelbſt halten, indem er die Parlamente aufwiegelt; ſo wird der König Herrn Fouquet Allen zum Trotz ſchonen, um ſeine Ediete ohne Widerſpruch einregiſtriren zu laſſen. Der Generalanwalt kann ein ſehr nützliches oder ſehr gefährliches Werkzeng ſein.“ „Wollt Ihr Generalanwalt werden, Vanel?“ fragte plötzlich Colbert, ſeinen Blick und ſeine Stimme mildernd. „Ich!“ rief Vanel.„Ich habe die Ehre gehabt, Euch vorzuſtellen, daß meiner Kaſſe hiezu wenigſtens eilfmal hunderttauſend Livres ſehlen.“ „Ihr entlehnt dieſe Summe von Euren Freunden.“ „Ich habe keine Freunde, welche reicher ſind als ich.¹ „Ein ehrlicher Mann!“ „Wenn alle Welt dächte wie Ihr, Monſeigneur!“ „Ich denke ſo, das genügt, im Nothfall werde ich mich für Euch verbürgen.“. „Beachtet das Sprüchwort Monſeigneur!“ „Welches?“ „Wer bürgt, bezahlt.“ „Daran iſt nichts gelegen.“ Vanel erhob ſich ganz bewegt bei dieſem Aner⸗ bieten, das ihm ſo plötzlich, ſo unvermuthet von einem Manne gemacht wurde, den auch die Frivolſten mit ern⸗ ſten Augen anſchauten. „Spottet meiner nicht, Monſeigneur,“ ſagte er. „Machen wir die Sache raſch ab, Herr Vanel. Ihr ſagt, Herr Gourville habe mit Euch von der Stelle von Herrn Fouquet geſprochen.“ „ Herr Peliſſon auch.“ „Officiell, oder aus freien Stücken?“ „Folgendes ſind ihre Worte: Dieſe Leute vom Par⸗ lament ſind ehrgeizig und reich; ſie ſollten zuſammen⸗ ſtehen, um Herrn Fouquet, ihrem Beſchützer, ihrem Licht zwei bis drei Millionen zu geben.“ „Und was habt Ihr geſagt?“ „Ich habe geſagt, ich würde für meinen Theil zehn⸗ tauſend Livres beiſteuern, wenn es ſein müßte.“ „Ohl Ihr liebt alſo Herrn Fonquet!“ rief Colbert mit einem Blicke voll Haß⸗ α Q —— „Nein; aber Herr Fouquet iſt unſer Generalan⸗ walt; er beladet ſich mit Schulden, er ſinkt unter; wir müſſen die Ehre der Körperſchaft retten.“ „Das erklärt mir, warum Herr Fouqguet ſtets un⸗ verſehrt bleiben wird, ſo lange er ſeine Stelle einnimmt,“ verſetzte Herr Colbert. „Herr Gourville,“ fuhr Vanel fort,„Herr Gour⸗ ville fügte bei:“ „„Herrn Fouquet ein Almoſen ſpenden iſt immer ein demüthigendes Verfahren, dem er eine Weigerung entgegenſtellen wird; das Parlament verbinde ſich, um ihm auf eine würdige Weiſe die Stelle eines Generalan⸗ walts abzukaufen, dann geht Alles gut, die Ehre der Körperſchaft iſt gerettet und der Stolz von Herrn Fou⸗ quet bleibt unverletzt.““ „Das iſt eine Eröffnung.“ „Ich habe es ſo angeſehen, Monſeigneur.“ „Nun wohl, Herr Vanel, Ihr ſucht auf der Stelle Herrn Gourville, oder Herrn Peliſſon auf; kennt Ihr noch einen andern Freund von Herrn Fouquet?“ „Ich kenne Herrn Lafontaine ſehr genau.“ „Lafontaine, den Reimer?“ „Ganz richtig; er machte meiner Frau Verſe, als Herr Fouquet zu unſeren Freunden gehörte.“ „Wendet Euch alſo an ihn, um eine Zuſammenkunft von Herrn Fouquet zu erlangen.“ „Gern, doch die Summe?“ „Zur beſtimmten Stunde werdet Ihr mit der Summe verſehen werden, kümmert Euch darum nicht, Herr Vanel.“ „Monſeigneur! eine ſolche Freigebigkeit! Ihr ſtellt die Könige in Schatten, Ihr übertrefft Herrn Fouquet.“ „Einen Augenblick Geduld... geben wir den Worten keine falſche Deutung. Ich ſchenke Euch die vierzehnmal hunderttauſend Livres nicht: ich habe Kinder.“ „Ei! Ihr borgt ſte mir, das genügt.“ „Ich borge ſie Euch: ja.“ „Verlangt jedes Intereſſe, jede Bürgſchaft, die Ihr wollt, Monſeigneur, ich bin bereit, und wenn Eure Wünſche befriedigt ſind, werde ich wiederholen: Ihr übertrefft an Freigebigkeit die Könige und Herrn Fou⸗ quet. Eure Bedingungen?“ „Die Zurückzahlung in acht Jahren.“ „Oh! ſehr gut.“ „Hypothek auf die Stelle ſelbſt.“ „Vortrefflich; iſt das Alles?“ „Wartet. Ich behalte mir das Recht bevor, Euch die Stelle mit hundert und fünfzigtauſend Livres Nutzen wieder abzukaufen, wenn Ihr bei Führung dieſes Amtes nicht eine den Intereſſen des Königs und meinen Ab⸗ ſichten eutſprechende Linie verfolgt.“ „Ah! ah!“ ſagte Vanel etwas bewegt. „Enthält dies etwas, was Anſtoß bei Euch findet, Herr Vanel?“ fragte Colbert mit kaltem Tone. „Nein, nein,“ erwiederte Vanel lebhaft. „Nun wohl, wir unterzeichnen die Urkunde, wann es Euch beliebt; lauft zu den Freunden von Herrn Fouquet.“ „ Ich fliege.“ tenn erlangt von Herrn Fouquet eine Zuſammen⸗ un.4 8 „Ja, Monſeigneur.“ „Seid nachgiebig bei den Conceſſionen.“ 741 „Ja. .„Und ſind die Bedingungen feſtgeſtellt..“ „So beeile ich mich, ſie unterzeichnen zu laſſen.“ „Hütet Euch wohl hievor!... ſprecht mit Herrn Fouquet nichts von Unterſchrift, nichts von Reukauf, nicht einmal etwas vom Wortgeben, verſteht Ihr, Ihr würdet Alles verlieren.“ „Ei! Monſeigneur, was ſoll ich denn thun? das 4 „Bringt es nur dahin, daß Euch Herr Fouquet iſt zu ſchwierig...“ die Hand darauf gibt.. Geht!“ s 9⸗ n⸗ Il. Zei der Königin Mutter. Die Königin Mutter war in ihrem Schlafzimmer im Palais Royal mit Frau von Motteville und der Se⸗ nora Molina. Bis zum Abend erwartet, war der König nicht erſchienen; die Königin hatte oft ganz ungeduldig zu ihm geſchickt, um ſich nach ihm erkundigen zu laſſen. Das Wetter ſchien auf Sturm zu ſtehen. Die Höflinge und die Damen vermieden ſich in den Vorzim⸗ mern und in den Gängen, um nicht von gefährdenden Gegenſtänden mit einander zu ſprechen. Monſieur hatte ſich ſchon am Morgen zum König zu einer Jagdpartie begeben. Madame blieb, mit aller Welt ſchmollend, zu Hauſe. Die Königin plauderte, nachdem ſie ihr Gebet in lateiniſcher Sprache verrichtet hatte, mit ihren zwei Freundinnen im reinſten Caſtilianiſch über häͤusliche An⸗ gelegenheiten. Frau von Motteville, die das Spaniſche vollkom⸗ men verſtand, antwortete franzöſiſch. Als die drei Damen alle Formeln der Verſtellung und der Höflichkeit erſchöpft hatten, um zu der Be⸗ merkung zu kommen, das Benehmen des Koͤnigs mache die Königin, die Koͤnigin Mutter und ſeine ganze Ver⸗ wandtſchaft vor Kummer ſterben; als man in gewähl⸗ ten Ausdrücken alle mögliche Verwünſchungen gegen Fräulein de la Vallidre geſchleudert hatte, beendigte die Königin Mutter ihre Anſchuldigungen mit den von ihrem Geiſte und ihrem Charakter erfüllten Worten, die ſie zu Molina ſagte: „,Estos hijos.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. VI. 2 10 Das heißt: Dieſe Kinder! Ein tiefes Wort im Munde einer Mutter, ein furchtbares Wort im Munde einer Königin, welche, wie Anna von Oeſterreich, ſo ſonderbare Geheimniſſe in ihrer verdüſterten Seele verbarg. „Ja,“ ſprach Molina,„dieſe Kinder, denen jede Mutter ſich opfert!“ „Denen eine Mutter Alles geopfert hat,“ verſetzte die Königin. Sie vollendete jedoch nicht. Sie ſchlug die Augen zu dem lebensgroßen Portrait des bleichen Ludwig XIII. auf, und es kam ihr vor, als ließe ihr Gemahl noch einmal das Licht in ſeinen trüben Augen aufſteigen, den Zorn ſeine gemalte Naſe anſchwellen. Das Portrait belebte ſich: es ſprach nicht, es drohte. Ein tiefes Stillſchweigen folgte auf die letzten Worte der Königin. Die Molina durchwühlte die Bänder und Spitzen eines großen Korbes. Erſtaunt über den Blitz, der gleichzeitig und mit Einverſtändniß den Blick der Vertrauten und den der Gebieterin erleuchtet hatte, ſchlug Frau von Motteville als eine discrete Perſon die Augen nieder, ſuchte nicht mehr zu ſehen, horchte aber mit allen ihren Ohren. Sie erlauſchte nur ein bezeichnendes:„Hm!“ der ſpaniſchen Duena, eines Muſterbildes der Vorſichtigkeit. Sie ergatterte auch einen Seufzer, der wie ein Hauch aus dem Buſen der Königin heraufzog. Sogleich erhob ſie den Kopf und fragte: „Ihr leidet?“ „Nein, Motteville, nein; warum ſagſt Du das?“ „Eure Majeſtät ſeufzte.“ „Du haſt in der That Recht; ja, ich leide ein wenig.“ „Herr Vallot iſt in der Nähe, bei Madame, glaube ich.“ „Bei Madame, warum?“ 7 „Madame leidet an den Nerven.“ „Eine ſchöne Krankheit!“ ein ne, 11 „Herr Vallot hat Unrecht, bei Madame zu ſein, wäh⸗ rend ein anderer Arzt Madame heilen würde..“ Frau von Motteville ſchlug die Augen abermals erſtaunt auf. „Ein anderer Arzt, als Herr Vallot! wer denn?“ ſagte ſie. „Die Arbeit, Motteville, die Arbeit; ah! wenn Jemand krank iſt, ſo iſt es meine arme Tochter.“ „Auch Eure Majeſtät.“ „Dieſen Abend weniger.“ „Traut nicht, Madame.“ Und als ſollte dieſe Drohung von Frau von Motte⸗ ville gerechtfertigt werden, erfaßte ein ſcharfer Schmerz das Herz der Königin, machte ſie erbleichen und warf ſie mit allen Symptomen einer plötzlichen Ohnmacht in einen Lehnſtuhl zurück. „Meine Tropfen,“ murmelte ſie. „Sogleich! ſogleich!“ erwiederte die Molina, die, ohne ihren Gang zu beſchleunigen, aus einem Schranke von Schildpatt mit Gold eingelegt ein großes Flacon von Bergkriſtall hervorzog, das ſie geöffnet der Köni⸗ gin reichte. 3 Dieſe athmete wiederholt mit großer Heftigkeit und murmelte:* „Hiedurch wird mich der Herr tödten. Sein hei⸗ liger Wille geſchehe.“ „Man ſtirbt nicht daran, daß einem übel iſt,“ ſagte die Molina, während ſie das Flacon wieder in den Schrank ſtellte. „Es geht Eurer Majeſtät nun gut?“ fragte Frau von Motteville. „Beſſer,“ antwortete die Königin. Und ſie legte ihren Finger auf ihre Lippen, um ihren Günſtlingen Discretion zu empfehlen. „CEs aiſt ſeltſam,“ ſagte Frau von Motteville nach einem Stillſchweigen. „Was iſt ſeltſam?“ fragte die Königin. „Erinnert ſich Gure Majeſtät des Tages, wo dieſer merz zum erſten Mal fühlbar wurde?“ „Ich erinnere mich, daß es ein ſehr trauriger Tag war, Motteville.“ „Dieſer Tag war nicht immer für Eure Majeſtät traurig geweſen.“ „Warum?“ „Weil drei und zwanzig Jahre vorher Seine Ma⸗ jeſtät der regierende König, Euer glorreicher Sohn, Madame, zu derſelben Stunde geboren worden war.“ Die Königin ſtieß einen Schrei aus, neigte ihre Stirne auf ihre Hände und verſank in Gedanken. War dies Nachdenken oder Erirnerung? war es abermals Schmerz? Die Molina warf auf Frau von Motteville einen beinahe wüthenden Blick, der ganz einem Vorwurf glich, und die würdige Frau, die das nicht begriff, wollte eben zur Befreiung ihres Gewiſſens die Köni⸗ gin befragen, als ſich Anna von Oeſterreich plötzlich erhob und zu ihr ſprach: „Am 5. September! ja, am 5. September iſt mein Schmerz erwacht. Große Freude an einem Tag, großer Schmerz an einem andern! Großer Schmerz, Sühnung einer zu großen Freude!“ Und von dieſem Augenblick blieb Anna von Oeſter⸗ reich, die ihr ganzes Gedächtniß und ihre ganze Ver⸗ nunft erſchöpft zu haben ſchien, undurchdringlich, das Auge düſter, den Geiſt umherſchweifend, die Hände hängend. 4 „Wir müſſen zu Bette gehen,“ ſagte die Molina. „Sogleich, Molina.“ 1 24 „Laſſen wir die Königin,“ fügte die zähe Spa⸗ nierin bei. Frau von Motteville ſtand auf; Thränen groß und glänzend, wie Kinderthränen, liefen langſam über die weißen Wangen der Königin herab. dieſer Tag jeſtät Ma⸗ ohn, r.“ ihre r es nen vurf riff, öni⸗ lich nein ag, erz, er⸗ er⸗ das nde na. pa⸗ ind die 13 Als die Molina dies wahrnahm, heftete ſte ihr ſchwarzes, wachſames Auge auf Anna von Oeſterreich. „Ja, ja,“ ſprach plötz lich die Königin.„Laßt uns Motteville, geht.“ 5 Das Wort„uns“ klang unangenehm im Ohr der franzöſiſchen Günſtlingin. Es bedeutete, daß ein Aus⸗ tauſch von Geheimniſſen oder Erinnerungen ſtattfinden ſollte. Es bedeutete, daß eine Perſon zu viel bei der Unterredung in ihrer intereſſanteſten Phaſe war. „Madame, wird Molina für den Dienſt Eurer Majeſtät genügen?“ fragte die Franzöſin. „Ja,“ erwiederte die Spanierin, und Frau von Motteville verneigte ſich. Plötzlich öffnete eine alte Kammerfrau, gekleidet wie ſie 1620 vom ſpaniſchen Hofe gekommen war, die Thürvorhänge und rief, als ſie die Königin in Thränen, Frau von Motteyille bei ihrem geſchickten Rückzug, die Molina bei ihrer Diplo⸗ matie überraſchte, der Königin zu, indem ſie ſich ohne Umſtände der Gruppe näherte: „Das Mittel! das Mittel!“ 11„Welches Mittel, Chica?“ ſagte Anna von Oeſter⸗ reich. „Für das Uebel Eurer Majeſtät,“ antwortete die Kammerfrau. „Wer bringt es?“ fragte raſch Frau von Motte⸗ ville,„Herr Vallot?“ „Nein, eine Dame aus Flandern.“ „Eine Dame aus Flandern, eine Spanierin?“ ſagte die Königin. „Ich weiß es nicht.“ „Wer ſchickt ſie?“ „Herr Colbert.“ „Ihr Name?“ „Sie hat ihn nicht eſagt.“ „Ihr Stand?“ 3a „Sie wird ihn nennen.“ „Ihr Geſicht 29 „Sie iſt verlarvt.“ „Sieh nach, Molina!“ rief die orign. „Es iſt unnöthig,“ antwortete plötzlich eine feſte und zugleich ſanfte Stimme, die von jenſeits der Thür⸗ vorhänge kam, eine Stimme, welche die anderen Damen beben und die Königin ſchauern machte. Zu gleicher Zeit erſchien eine verlarvte Frau zwi⸗ ſchen den Vorhängen. Ehe die Königin geſprochen hatte, ſagte die unbe⸗ kannte Frau: „Ich bin eine Dame vom Beguinen⸗Kloſter in Brügge und bringe in der That das Mittel, das Eure Majeſtät heilen muß.“ Jedermann ſchwieg. Die Beguine machte keinen Schritt. „Sprecht,“ ſagte die Königin. „Wenn wir allein ſein werden,“ erwiederte die Be⸗ guine. Anna von Oeſterreich richtete einen Blick an ihre Gefährtinnen, und dieſe zogen ſich zurück. Nun machte die Beguine drei Schritte gegen die Königin und verneigte ſich ehrfurchtsvoll. Die Königin ſchaute mißtrauiſch dieſe Frau an, die ſie auch mit glänzenden Augen durch die Löcher ihrer Larve anſchaute. „Die Königin von Frankreich iſt alſo ſehr krank, daß man im Beguinen⸗Kloſter in Brügge weiß, ſie be⸗ dürfe der Heilung?“ ſagte Anna von Oeſterreich, „Eure Majeſtät iſt, Gott ſei Dank, nicht ſo krank, daß es kein Mittel für ihre Leiden gäbe.“ „Woher wißt Ihr denn, daß ich leide 24 „Eure Majeſtät hat Freunde in Flandern,“ „Und die Freunde haben Euch geſchickt?“ „Ja, Madame.“ „Nennt ſi ſie mir.“ „Unmöglich, Madame, und unnütz, da das* feſte hür⸗ imen zwi⸗ nbe⸗ r in Fure inen Ge⸗ 15 dächtniß Eurer Majeſtät nicht ſchon durch ihr Herz erweckt worden iſt.“ Anna von Oeſterreich erhob das Haupt und ſuchte unter dem Schatten der Larve und unter dem Ge⸗ heimniß der Rede den Namen derjenigen zu entdecken, welche ſich mit ſo vertraulicher Freiheit ausdrückte. Dann der Neugierde müde, die ihren ganzen ge⸗ wöhnlichen Stolz verletzte, ſprach ſie plöͤtzlich: „Madame, Ihr wißt nicht, daß man mit könig⸗ lüh Perſonen nicht mit einer Maske auf dem Geſicht pricht.“ „Wollt mich gnädigſt entſchuldigen,“ erwiederte demüthig die Beguine. „Ich kann Euch nicht entſchuldigen, aber ich kann Euch vergeben, wenn Ihr die Larve ablegt.“ „Madame, ich habe ein Gelübde gethan, den be⸗ kümmerten oder leidenden Perſonen Hülfe zu leiſten, ohne ſie je mein Geſicht ſehen zu laſſen. Ich hätte Eurem Leib und Eurer Seele Linderung verſchaffen können, da es mir aber Eure Majeſtät verbietet, ſo ziehe ich mich zurück. Gott befohlen, Madame, Gott befohlen.“ Dieſe Worte wurden mit einem Reize der Har⸗ monie und der Ehrehrbietung geſprochen, der den Zorn und das Mißtrauen der Königin fallen machte, ohne ihre Neugierde zu vermindern. „Ihr habt Recht,“ ſprach ſte,„es geziemt ſich nicht für leidende Menſchen, die Tröſtungen zu verachten, die Gott ihnen ſendet. Sprecht, Madame, und möchtet Ihr, wie Ihr geſagt habt, meinem Körper Erleichte⸗ rung zu bringen im Stande ſein. Ah! ich glaube, Gott ſchickt ſich an, ihn grauſam zu prüfen.“ „Sprechen wir ein wenig von der Seele, wenn es Euch beliebt,“ ſagte die Beguine,„von der Seele, welche, deſſen bin ich ſicher, auch leiden muß.“ „Meine Seele?“ „Es gibt freſſende Krebſe, deren Pulſirung unſicht⸗ 16 bar iſt. Dieſe, Königin, laſſen der Haut ihre elfen⸗ beinartige Weiße, ſie beſprengeln das Fleiſch nicht mit ihren bläulichen Dünſten; der Arzt, der ſich auf die Bruſt des Kranken neigt, hört nicht in den Muskeln, unter der Wogung des Blutes den unerſättlichen Zahn dieſer Ungeheuer knirſchen; nie hat das Feuer, nie hat das Eiſen die Wuth dieſer tödtlichen Geißeln vertilgt oder entwaffnet; ſie wohnen im Geiſte und verderben ihn; ſie wohnen im Herzen und machen es berſten; das ſind andere, für Königinnen unſelige Krebſe; lei⸗ det Ihr nicht an dieſen Uebeln?“ Die Koͤnigin hob langſam ihren Arm auf, der von Weiße ſo glänzend und von Form ſo rein war, als in ihrer Jugend, und ſprach: „Die Uebel, von denen Ihr redet, ſind die Bedin⸗ gung des Lebens von uns Großen der Erde, denen Gott die Seelenbürde gibt. Dieſe Uebel, ſind ſie zu ſchwer, erleichtert uns der Herr vor dem Tribunal der Buße. Hier legen wir die Bürde und die Geheimniſſe nieder. Vergeßt aber nicht, daß derſelbe höchſte Herr⸗ ſcher die Prüfungen nach den Kraͤften ſeiner Geſchöpfe ermißt, und meine Kräfte ſind nicht zu ſchwach, um die Bürde zu tragen; was die Geheimniſſe Anderer betrifft, ſo habe ich genug an der Discretion Gottes; was meine Geheimniſſe betrifft, ſo habe ich zu wenig an der meines Beichtigers.“ „Ich ſehe Euch muthig wie immer gegen Eure Feinde, Madame; ich finde Euch nicht vertrauend gegen Eure Freunde.“. „Die Königinnen haben keine Freunde. Habt Ihr mir nichts Anderes zu ſagen, fühlt Ihr Euch nicht von Gott inſpirirt, wie eine Prophetin, ſo entfernt Euch, 4 denn ich fürchte die Zukunft.“ „Ich hätte geglaubt, Ihr fürchtet vielmehr die Vergangenheit,“ entgegnete entſchloſſen die Beguine. Sie hatte nicht ſobald dieſes Wort geſprochen, lfen⸗ mit die keln, Zahn hat tilgt rben ten; lei⸗ der var, din⸗ enen zu der iſſe err⸗ pfe um erer tes; nig kure gen Ihr von ich, die den, 17 als ſich die Königin hoch aufrichtete und ihr mit kurzem, gebieteriſchem Tone zurief: 13 „Sprecht! ſprecht! erklärt Euch deutlich, unum⸗ wunden, lebhaft, vollſtändig, oder...“ 3 „Droht nicht, Königin,“ erwiederte ſanft die Be⸗ guine:„ich bin voll Ehrfurcht und Mitleid zu Euch gekommen, ich bin im Auftrage einer Freundin ge⸗ kommen.“ „Beweiſt es! Erleichtert, ſtatt aufzureizen!”“ „Das iſt nicht ſchwer, und Eure Majeſtät wird ſehen, ob man ihre Freundin iſt.“ „Redet.“ 4 „Welches Unglück iſt Eurer Majeſtät ſeit drei und zwanzig Jahren widerfahren?⸗— „Großes Unglück... habe ich nicht den Koͤnig verloren?“ „Ich ſpreche nicht von ſolchen Unglücksfällen. Ich frage, ob ſeit... der Geburt des Königs... die In⸗ discretion einer Freundin Eurer Majeſtät einen Schmerz verurſacht habe?“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ erwiederte die Königin, die Zähne zuſammenpreſſend, um ihre Aufregung zu verbergen. „Ich werde mich verſtändlich machen. Eure Maje⸗ ſtät erinnert ſich, daß der König am 5. September 1638 um eilf ein Viertel Uhr geboren iſt?“ „Ja,“ ſtammelte die Königin. „Um halb ein Uhr war der Dauphin, der ſchon unter den Augen des Königs, unter Euren Augen, vom Biſchof von Meaur die Nothtaufe erhalten hatte, als Erbe der Krone Frankreichs anerkannt. Der Koͤnig begab ſich in die Kapelle des alten Schloſſes von Saint⸗ Germain, um das Te Deum anzuhören.“ „Dies Alles iſt richtig,“ murmelte die Königin. „Die Niederkunft Eurer Majeſtät hatte in Gegen⸗ wart des ſeligen Monſieur, der Prinzen, der Damen des Hofes ſtattgefunden. Der Arzt des Königs Bauvard h 7 18 der Wundarzt Honoré waren im Vorzimmer; 3I — CEure Majeſtät entſchlief gegen drei Uhr und wachte m um ſieben Uhr wieder auf, nicht wahr?“ „Allerdings; doch Ihr erzählt mir da, was alle po Welt ſo gut weiß, als Ihr und ich.“ ni „Ich komme zu dem, Madame, was wenige Per⸗ tig ſonen wiſſen. Wenige Perſonen, ſagte ich. Ach! ich die könnte ſagen, zwei Perſonen, denn es waren einſt fünf, ſti dooch ſeit einigen Jahren iſt das Geheimniß durch den an Tod der Haupttheilnehmer geſichert worden. Der Kö⸗ ihr nig, unſer Herr, ſchläft bei ſeinen Vätern; die Heb⸗ amme Peronne iſt ihm bald gefolgt, Laporte iſt ſchon es vergeſſen.“ Ddie Königin öffnete den Mund, um zu ſprechen; eir ſie fand unter ihrer eiskalten Hand, mit der ſie über lei ihr Geſicht ſtrich, brennende Schweißtropfen. un „Es war acht Uhr,“ fuhr die Beguine fort,„der ne König ſpeiſte freudigen Herzens zu Nacht; rings um beſ ihn her war nur Heiterkeit, Geſchrei, Gläſergeklirre, das Volk brüllte unter den Balcons, die Schweizer, ihr die Musketiere und die Garden ſchweiften, von den ſta trunkenen Studenten getragen, in der Stadt umher. „Dieſes furchtbare Getöſe der öffentlichen Freudig⸗ rei keit machte in den Armen von Frau von Fauſſac, ſeiner Gouvernante, ſanft den Dauphin, den zukünftigen König die von Frankreich, wimmern, deſſen Augen, wenn ſie ſich Di öffneten, im Hintergrunde ſeiner Wiege zwei Kronen erblicken mußten. Plötzlich ſtieß Eure Majeſtät einen beui durchdringenden Schrei aus, und Frau Peronne erſchien zur an ihrem Bett.. hor „Die Aerzte ſpeiſten in einem entfernten Saal. Der Lip Palaſt war, gerade weil man ihn ſo ſehr beſtürmte, ode verödet und ohne Wachen. Frau Peronne ſchrie, ſobald ſie den Zuſtand Eurer Majeſtät unterſucht hatte, vor Kö Erſtaunen laut auf, ſchloß Euch, die Ihr wahnſinnig gib vor Schmerz in Thränen zerfloſſet, in ihre Arme und Th ſchickte Laporte ab, um den König zu benachrichtigen, nei „der um lirre, eizer, den t. dig⸗ einer önig ſich onen inen hien Der mte, bald vor anig und gen, 19 Ihre Majeſtät die Königin wolle ihn in ihrem Zim⸗ mer ſehen. „Laporte war, wie Ihr wißt, Madame, ein Mann von Kaltblütigkeit und Geiſt. Er näherte ſich dem Kö⸗ nig nicht wie ein erſchrockener Diener, der ſeine Wich⸗ tigkeit fühlt und ebenfalls erſchrecken will; auch war die Nachricht, die den König erwartete, keine beäng⸗ ſtigende Nachricht. Kurz, Laporte erſchien, ein Lächeln auf den Lippen, am Stuhl des Königs und ſagte zu ihm: „„Sire, die Königin iſt ſehr glücklich, und wäre es noch mehr, wenn ſie Eure Majeſtät ſehen würde.““ „An dieſem Tag hätte Ludwig XIII. ſeine Krone einem Armen um ein Gott vergelt's gegeben. Heiter, leichten Sinnes, lebhaft, verließ der König die Tafel und ſagte mit dem Ton, den Heinrich IV. hätte an⸗ nehmen können:„„Meine Herren, ich will meine Frau beſuchen.““ „Sobald er bei Euch eintrat, Madame, reichte ihm Frau Peronne einen zweiten Prinzen, ſchön und ſtark wie der erſte, und ſprach: „„Sire, es iſt nicht Gottes Wille, daß das König⸗ reich Frankreich auf die Kunkelſeite falle.““ „In einer erſten Bewegung ſtürzte der König auf dieſes Kind los und rief:„„Mein Gott, ich danke Dir!4 Die Beguine hielt bei dieſer Stelle inne, da ſie bemerkte, wie ſehr die Königin litt. In ihren Lehnſtuhl zurückgeworfen, den Kopf geſenkt, die Augen ſtarr, horchte Anna von Oeſterreich, ohne zu hören, und ihre Lippen bewegten ſich krampfhaft für ein Gebet zu Gott oder für eine Verwünſchung gegen dieſe Frau. „Ohl“ rief die Beguine,„glaubt nicht, daß die Königin, wenn es nur einen Dauphin in Frankreich gibt, glaubt nicht, daß, wenn ſie dieſes Kind fern vom Thron vegetiren ließ, eine ſchlechte Frau war. Oh! nein. Es gibt Leute, welche wiſſen, wie viel Thränen 20 ſie vergoſſen hat; es gibt Leute, die die glühenden Küſſe zählen konnten, die ſie dem armen Kind als Er⸗ ſatz für das Leben des Elends und der Dunkelheit gab, zu dem die Staatsraiſon den Zwillingsbruder von Ludwig XIV. verurtheilte. „Mein Gott, mein Gott,“ murmelte die Königin mit ſchwacher Stimme. „Man weiß,“ fuhr die Beguine lebhaft fort,„man weiß, daß der König, als er ſah, daß er zwei Soͤhne hatte, die ſich beide gleich an Alter, an Anſprüchen, für das Heil Frankreichs, für die Ruhe ſeines Staates zitterte. Man weiß, daß der Herr Cardinal von Ri⸗ chelieu, zu dieſem Ende von Ludwig XIII. berufen, mehr als eine Stunde im Cabinet Seiner Majeſtät nachdachte... und dann folgenden Spruch vernehmen ließ: „„Es gibt einen König, der geboren iſt, um S. M. auf dem Throne nachzufolgen. Gott hat einen an⸗ dern geboren werden laſſen, um dieſem erſten König nachzufolgen; jetzt aber bedürfen wir nur des erſtge⸗ borenen; verbergen wir den zweiten Frankreich, wie ihn Gott ſeinen Eltern ſelbſt verborgen hatte. „„Ein Prinz iſt für den Staat der Friede und die Sicherheit; zwei Thronbewerber ſind der Bürgerkrieg und die Anarchie.““ 3 Die Königin erhob ſich ungeſtüm mit krampfhaft zuſammengezogenen Fäuſten und ſprach mit dumpfem Tone: „Ihr wißt zu viel, da Ihr die Staatsgeheimniſſe berührt. Die Freunde, von denen Ihr dieſe Geheimniſſe habt, ſind Schändliche und falſche Freunde. Ihr ſeid Genoſſin bei dem Verbrechen, das heute vollbracht wird. Nun die Larve herab, oder ich laſſe Euch von meinem Kapitän der Garden verhaften. Oh! dieſes Geheimniß macht mir nicht bange. Ihr habt es einge⸗ zogen, Ihr werdet es mir wiedergeben! Es wird in Eurem Buſen vereiſen; von dieſem Augenblick an ge⸗ und ſtol für mit 21 hört Euch weder mehr dieſes Geheimniß, noch Euer Leben.“ Die Geberde mit der Drohung verbindend, machte Anna von Oeſterreich zwei Schritte gegen die Beguine. „Lernt die Treue, die Ehre, die Verſchwiegenheit Eurer von Euch verlaſſenen Freunde kennen,“ ſprach die Beguine und riß plötzlich ihre Larve ab. „Frau von Chevreuſe!“ rief die Königin. „Mit Eurer Majeſtät die Einzige, die mit dem Geheimniß vertraut iſt.“ „Ah!“ murmelte Anna von Oeſterreich,„kommt und umarmet mich, Herzogin. „Ach! es heißt ſeine Freunde tödten, ſo mit ihrem ſchmerzlichſten Kummer ſpielen.“ Und ihren Kopf auf die Schultern der alten Her⸗ zogin ſtützend, ließ die Königin ihren Augen eine Quelle bitterer Thränen entſtrömen. „Wie jung ſeid Ihr noch!“ ſagte die Herzogin mit dumpfem Tone,„Ihr weint!“ Ill. Zwei Freundinnen. Die Königin ſchaute Frau von Chevreuſe ſtolz an und ſagte: „Ich glaube, Ihr habt, von mir redend, das Wort ſtolz ausgeſprochen. Bis jetzt, Herzogin, hielt ich es für unmöglich, es könnte ſich ein menſchliches Geſchöpf minder glucklich finden, als die Königin von Frankreich.“ „Madame, Ihr ſeid in der That eine Schmerzens⸗ mutter geweſen, aber neben dem erhabenen Unglück, von dem wir ſo eben geſprochen, wir durch die Bosheit der Menſchen getrennte alte Freundinnen, neben dieſem königlichen Mißgeſchick habt Ihr, allerdings wenig fühlbare, aber von dieſer Welt ſehr beneidete Freuden ehabt.“ 3„Welche?“ fragte Anna von Oeſterreich bitter. „Wie könnt Ihr das Wort Freude ausſprechen, Her⸗ zogin, Ihr, die Ihr ſo eben anerkanntet, es bedürfe der Heilmittel für meinen Leib und meinen Geiſt?“ Frau von Chevreuſe ſammelte ſich einen Augenblick und murmelte dann: „Wie fern ſind doch die Könige von den andern Menſchen!“ „Was wollt Ihr hiemit ſagen?“ 1 „Ich will hiemit ſagen, ſie ſeien ſo weit vom groſ⸗ ſen Haufen entfernt, daß ſie für die Anderen alle Nothwendigkeiten des Lebens vergeſſen, wie der Bewoh⸗ ner des afrikaniſchen Gebirges, der im Schooße ſeiner grünen, durch die Schneebäche erfriſchten Plateaur nicht begreift, daß der Bewohner der Ebene vor Durſt und Hunger inmitten durch die Sonne verbrannter 6 Ländereien ſtirbt.“ Die Königin erröthete leicht, ſie hatte begriffen. „Wißt Ihr, daß es ſchlimm iſt, daß man Euch hülflos gelaſſen hat?“ ſprach ſie. „O! Madame, der König hat, wie man ſagt, den Haß geerbt, den ſein Vater gegen mich hegte. Der König würde mich wegweiſen, wenn er mich im Palais⸗ Royal wüßte.“ „Ich ſage nicht, der König ſei gut für Euch ge⸗ ſtimmt,“ erwiederte die Königin;„doch ich, ich konnte ... insgeheim...“ Die Herzogin ließ in ihrem Geſicht ein verächt⸗ liches Lächeln hervortreten, das Anna von Oeſterreich beunruhigte. 23 „Uebrigens habt Ihr wohl daran gethan, hierher zu kommen,“ fügte ſie raſch bei. „Ich danke, Madame.“ „Und wäre es nur, um uns die Freude zu bereiten, das Gerücht von Eurem Tod Lügen zu ſtrafen.“ „Man hat in der That geſagt, ich ſei todt?“ „Ueberall.“ „Meine Kinder trugen doch keine Trauer.“ „Oh! Ihr wißt, Herzogin, der Hof reiſt häufig. Wir ſehen ſehr wenig die Herrn d'Albert de Luynes, und viele Dinge entgehen uns in der Unruhe, in der wir beſtändig leben.“ „Eure Majeſtät hätte nicht an das Gerücht von meinem Tod glauben ſollen.“ „Warum nicht? ach! wir ſind ſterblich, ſeht Ihr nicht, daß ich, die jüngere Schweſter, wie wir einſt ſagten, mich ſchon dem Grabe zuneige?“ „Hatte Eure Majeſtät geglaubt, ich ſei todt, ſo mußte ſie ſich wundern, daß ſie keine Kunde von mir erhalten.“ „„Der Tod überraſcht zuweilen ſehr ſchnell, Her⸗ zogin.“ „Oh! Eure Majeſtaͤt, die mit Geheimniſſen wie das, von dem wir vorhin ſprachen, beladenen Seelen haben immer das Bedürfniß des Erguſſes, das zuvor befriedigt werden muß. Unter die Zahl der Stationen für die Reiſe in die Ewigkeit rechnet man die, auf welcher man ſeine Papiere in Ordnung bringt.“ Die Königin bebte. „Eure Majeſtät wird auf eine ſichere Weiſe den Tag meines Todes erfahren,“ ſagte die Herzogin. „Wie dies?2 „Cure Majeſtät wird am andern Tag unter vierfa⸗ chem Umſchlag Alles erhalten, was von unſern ſo ge⸗ heimnißvollen kleinen Correſpondenzen von einſt entkom⸗ men iſt.“ 24 „Ihr habt das nicht verbrannt!“ rief die Koͤnigin voll Angſt. „Ohl theure Majeſtät,“ erwiederte die Herzogin, „die Verräther allein verbrennen eine königliche Corre⸗ ſpondenz. Ja, allerdings, oder vielmehr ſie geben ſich den Anſchein, als verbrennten ſie dieſelbe, behalten oder ver⸗ kaufen ſie aber.“ „Mein Gott!“ „Die Getreuen vergraben im Gegentheil dergleichen Schätze ſorgfältig, dann ſuchen ſie eines Tags die Kö⸗ nigin auf und ſagen zu ihr:„„Madame, ich werde alt, ich fühle mich krank; es iſt Todesgefahr für mich, Ge⸗ fahr der Enthüllung für das Geheimniß Eurer Majeſtät vorhanden; nehmt alſo dieſes gefährliche Papier und verbrennt es ſelbſt.“ Aeltt „Ein gefährliches Papier! Welches?“ „Ich, was mich betrifft, habe allerdings nur eines, doch es iſt ſehr gefährlich.“ 1 „Oh! Herzogin, ſprecht, ſprecht!“ „Es iſt das Billet, datirt Dienſtag d. 2. Auguſt 1644, worin Ihr mich nach Noiſy⸗le⸗Sec gehen hießet, um das theure unglückliche Kind zu ſehen. Es ſteht dies von Eurer Hand geſchrieben:„„An das theure un⸗ glückliche Kind.““ In dieſem Augenblick trat ein tiefes Stillſchweigen ein; die Königin ſondirte den Abgrund, Frau von Chev⸗ reuſe ſtellte ihre Falle. „ Ja, unglücklich, ſehr unglücklich,“ murmelte Anna von Oeſterreich,„welch ein trauriges Leben hat es ge⸗ führt, das arme Kind, um zu einem ſo grauſaämen Ende zu gelangen!“ 3 „Es iſt geſtorben!“ rief raſch die Herzogin mit einer Neugierde, deren aufrichtigen Ausdruck die Köni⸗ gin gierig auffaßte. 3 „Geſtorben an der Abzehrung, vergeſſen geſtorben, verwelkt geſtorben, wie jene Blumen von einem Ge⸗ 25 liebten geſchenkt, die die Geliebte in einer Schublade verſcheiden läßt, um ſie vor aller Welt zu verbergen.“ „Geſtorben!“ wiederholte die Herzogin mit einer Miene der Entmuthigung, die die Königin erfreut hätte, wäre ſie nicht durch eine Beimiſchung von Zweifel ge⸗ mäßigt worden..„Geſtorben in Noiſy⸗le⸗Sec?“ „Ja, in den Armen ſeines Erziehers, eines guten, ehrlichen Dieners, der das Kind nicht lange überlebte.“ „Das läßt ſich begreifen: es iſt ſo ſchwer, eine ſolche Trauer und ein ſolches Geheimniß zu tragen!“ Die Königin gab ſich nicht die Mühe, die Ironie dieſer Bemerkung aufzugreifen. Frau von Chevreuſe fuhr fort: „Nun wohl! Madame, ich erkundigte mich vor einigen Jahren in Noiſy⸗le⸗Sec ſelbſt nach dem Schick⸗ ſal des ſo unglücklichen Kindes. Man ſagte mir, man halte es nicht für todt; deshalb hatte ich mich nicht ſo⸗ gleich mit Eurer Majeſtät betrübt. Ohl wenn ich das gewußt hätte, nie würde eine Anſpielung auf dieſes be⸗ klagenswerthe Ereigniß die ſo gerechten Schmerzen Eurer Majeſtät wiedererweckt haben.“ „Ihr ſagt, man habe das Kind in Noiſy nicht für todt angenommen?“ 4 „Nein, Madame.“ „Was ſagte man denn?2 „Man ſagte... ohne Zweifel täuſchte man ſich.“ „Sprecht es immerhin aus.“ „Man ſagte, eines Abends im Jahre 1645 ſei eine ſchöne und majeſtätiſche Dame, was man trotz der Larve und des Mantels, die ſie verbargen, wahrnahm, eine Dame von Stand, von ſehr hohem Stand ohne Zweifel, in einem Wagen an die Verzweigung der Straße gekommen, Ihr wißt dahin, wo ich auf Nach⸗ richten vom jungen Prinzen wartete, als Eure Majeſtät mich dorthin zu ſchicken die Gnade hatte.“ „Nun?“ Die drei Musketiere. Bragelonne. Vnl. 3 26 „Der Erzieher habe das Kind zu der Dame geführt.“ „Weiter?“ „Am andern Tag haben Erzieher und Kind die Gegend verlaſſen.“ „Ihr ſeht wohl! es iſt Wahres hieran, da das Kind wirklich an einem von den Donnerſchlägen ſtarb, denen zu Folge, nach der Ausſage der Aerzte, das Leben der Kinder bis zum ſiebenten Jahr an einem Faden hängt.“ „Oh! was Eure Majeſtät ſagt, iſt ganz richtig, Niemand weiß dies beſſer, als Ihr, Madame; Niemand glaubt es mehr, als ich. Doch bewundert die Seltſam⸗ keit. „Was gibt es noch weiter?“ dachte die Königin. „Die Perſon, die dieſe Umſtände mitgetheilt, die ſich nach der Geſundheit des Kindes erkundigt hatte, dieſe Perſon...“ „Ihr vertrautet eine ſolche Sorge Jemand? Oh, Herzogin!“ „Jemand, der ſtumm wie Eure Majeſtät, wie ich ſelbſt; nehmt an, ich ſei es geweſen; dieſer Jemand, ſage ich, kam einige Monate nachher in die Touraine...“ „In die Touraine?“ „Erkannte den Erzieher und das Kind, verzeiht, glaubte ſie zu erkennen. Beide lebten heiter und glück⸗ lich, der eine in ſeinem grauen Alter, das andere in ſeiner blühenden Jugend. Urtheilt hienach, wie es mit den Gerüchten iſt, die im Umlauf ſind; glaubt an irgend Etwas von dem, was in der Welt vorgeht. Doch ich ermüde Eure Majeſtät. Oh! das iſt nicht meine Abſicht, und ich werde von ihr Abſchied nehmen, nachdem ich ſie wiederholt meiner ehrfurchtsvollen Er⸗ gebenheit verſichert habe.“. „Haltet, Herzogin; ſprechen wir ein wenig von Euch.“ dſ 1e mir, oh! Madame, ſenket Eure Blicke niat o tief. 27 „Warum denn? Seid Ihr nicht meine ältſte Freun⸗ din? Grollt Ihr mir, Herzogin?“ „Ich! mein Gott, aus welchem Grunde? Wäre ich zu Eurer Majeſtät gekommen, wenn ich Urſache hätte, ihr zu grollen?“— „Herzogin, das Alter erfaßt uns, wir müſſen uns gegen den Tod, der uns droht, anſchließen.“ „Eure Majeſtät beglückt mich mit ſüßen Worten.“ „Nie hat mich Jemand ſo geliebt, mir ſo gedient, wie Ihr, Herzogin.“ „Erinnert ſich Eure Majeſtät deſſen?“ „Stets. Herzogin, einen Beweis der Freundſchaft.“ „Ahl meine Seele, mein ganzes Weſen gehört Eurer Majeſtät.“ „Gebt mir den Beweis.“ „Welchen?“ „Verlangt etwas von mir.“ „Verlangen?“ „Ahl ich weiß, daß Ihr die uneigennützigſte, die größte, die königlichſte Seele ſeid.“ 3 „Lobt mich nicht zu ſehr, Madame,“ erwiederte die Herzogin unruhig. „Ich werde Euch nie ſo ſehr loben, als Ihr es verdient.“ „Mit dem Alter, mit dem Unglück ändert man ſich ungemein, Madame.“ „Gott höre Euch, Herzogin.“ „Wie ſoll ich dies verſtehen?“ „Ja, die Herzogin von einſt, die ſchöne, die ſtolze, die angebetete Chevreuſe hätte mir undankbar geant⸗ wortet:„„Ich will nichts von Euch.“ Segnet alſo das Unglück, wenn es Euch getroffen, da Ihr Euch geändert haben werdet, und mir vielleicht antwortet: „„Ich nehme an. u⸗ Die Herzogin milderte ihren Blick und ihr Lächeln, ſie ſtand unter dem Zauber und hörte auf, zurückhal⸗ tend zu ſein. 3 28 „Sprecht, meine Liebe, was wollt Ihr?“ ſagte die Königin. „Ich ſoll mich alſo erklären?“ „Ohne zu zögern.“ „Nun wohl! Eure Majeflät kann mir eine unbe⸗ ſchreibliche, eine unvergleichliche Freude machen.“ „Sprecht,“ ſagte die Königin, durch die Beſorg⸗ niß etwas kalt geworden.„Vor Allem aber, meine gute Chevreuſe, erinnert Euch, daß ich unter der Ge⸗ walt des Sohnes bin, wie ich einſt unter der des Gat⸗ ten war.“ 4 „Ich werde Euch ſchonen, theure Königin.“ „Nennt mich Anna, wie einſt; es wird dies ein ſüßes Echo der ſchoͤnen Jugend ſein.“ „Wohl! meine verehrte Gebieterin, meine geliebte Anna... „Kannſt Du noch Spaniſch?“ „Gewiß.“ „Verlange alſo in ſpaniſcher Sprache von mir.“ „Erweiſt mir die Ehre, einige Tage in Dampierre zuzubringen.“ „Das iſt Alles?“ rief die Königin ganz erſtaunt. 44 „Ja. „Nichts, als dieſes?“— „Guter Gott! ſolltet Ihr den Gedanken haben, ich erbitte mir von Euch nicht die unermeßlichſte Wohl⸗ that? Wenn dem ſo iſt, ſo kennt Ihr mich nicht mehr! Willigt Ihr ein?“ „Von ganzem Herzen!“ „Oh! meinen Dank!“ 8 „Und ich werde mich glücklich fühlen, wenn meine Gegenwart Euch zu etwas nützlich iſt,“ fuhr die Kö⸗ nigin mißtrauiſch fort. „Nützlich!“ rief die Herzogin lachend,„oh! nein, angenehm, ſüß, koſtbar, ja, tauſendmal ja; das iſt alſo verſprochen?“ „Beſchworen.“ 938 8 die 29 Die Herzogin warf ſich auf die ſo ſchöne Hand der Königin und bedeckte ſte mit Küſſen. „Sie iſt im Grund eine gute Frau und großmü⸗ thigen Geiſtes,“ dachte die Königin. „Wird Eure Majeſtät die Gnade haben, mir vier⸗ zehn Tage zu bewilligen?“ fragte die Herzogin. „Gewiß; warum?“ „Weil mir, da man mich in Ungnade wußte, Nie⸗ mand die hundert tauſend Thaler borgen wollte, deren ich bedarf, um Dampierre wiederherſtellen zu laſſen. Wenn man aber erfährt, daß ich ſie brauche, um Eure Majeſtät zu empfangen, ſo werden mir alle Gelder von Paris zufließen.“ „Ah!“ verſetzte die Königin, ſanft den Kopf be⸗ wegend;„hundert tauſend Thaler! Ihr braucht hundert tauſend Thaler, um Dampierre wiederherſtellen zu laſſen?“ „Gerade ſo viel.“ „Und Niemand will ſie Euch borgen?“ „Niemand.“ „Ich werde es thun, Herzogin, wenn Ihr wollt.“ „Ohl ich würde es nicht wagen.. ℳ „Ihr hättet Unrecht.“ „Wahrhaftig?“ „Bei meinem königlichen Wort... Hundert tau⸗ ſend Thaler, das iſt wirklich nicht viel.“ „Nicht wahr?“ „Nein! Ohl ich weiß, daß Ihr Euch Eure Ver⸗ ſchwiegenheit nie zu ihrem ganzen Werth habt bezahlen laſſen. Herzogin, rückt mir dieſen Tiſch vor, daß ich Euch die Anweiſung auf Herrn Colbert ſchreibe; nein, auf Herrn Fouquet, der ein viel galanterer Mann iſt.“ „Bezahlt er?“ „Wenn er nicht bezahlt, ſo werde ich bezahlen, doch es wäͤre das erſte Mal, daß er es mir abſchlüge.“ Die, Königin ſchrieb, gab die Anweiſung der Her⸗ zogin und entließ ſie, nachdem ſie die alte Freundin heiter geküßt hatte. 3 — IV. Zean la Fontaine macht ſeine erſte Erzählung. Alle dieſe Intriguen ſind erſchöpft; ſo vielfach in ſeinen Darſtellungen konnte ſich der menſchliche Geiſt nach Wohlgefallen in den drei Rahmen, die ihm unſere Erzählung geliefert hat, entwickeln. Es handelt ſich vielleicht in dem Tableau, das wir vorbereiten, abermals um Politik und Intriguen, doch die Federn werden ſo verborgen ſein, daß man nur die Blumen und die Malereien ſieht, gerade wie in jenen Theatern, wo auf der Scene ein Koloß erſcheint, der unterſtützt durch die kleinen Beine und die mageren Arme eines Kindes, das in ſeinem Gerippe verborgen iſt, einherſchreitet. Wir kehren nach Saint⸗Mandé zurück, wo der Oberintendant, ſeiner Gewohnheit gemäß, ſeine auserle⸗ ſene Geſellſchaft von Epikurären empfängt. Der Gebieter iſt ſeit einiger Zeit auf harte Proben geſtellt worden. Jeder fühlt die Folgen der Beklem⸗ mung des Miniſters. Keine große, tolle Geſellſchaften mehr. Die Finanzen waren für Fouquet ein Vorwand geweſen; doch nie hat es, wie Gourville ſo geiſtreich ſagte, einen betrüglicheren Vorwand gegeben: von Finanzen kein Schatten. Herr Vatel ſinnt auf Mittel, um den Ruf des Hauſes aufrecht zu erhalten. Die Gärtner, welche ihre Beiträge zu den Küchen liefern, beklagen ſich über eine z3 Grunde richtende Verzögerung. Die Lieferanten er ſpaniſchen Weine ſchicken häuftig Anweiſungen, die Niemand bezahlt. Die Fiſcher, die der Oberintendant in der Normandie beſoldet, berechnen, wenn ſie bezahlt würden, könnte das Eingehen der betreffenden Summen . 4 ng. fach iche ihm wir och die nen der ren gen der lle⸗ ben m⸗ ten nd ich on des jre ine en ie nt olt en 31 ihnen geſtatten, ſich ans Land zurückzuziehen. Die Fluth, welche ſpäter den Tod von Vatel veranlaſſen ſollte, kommt gar nicht. Am gewöhnlichen Empfangstag finden ſich indeſſen die Freunde von Herrn Fouquet zahlreicher, als ſonſt ein. Gourville und der Abbé Fouquet plaudern von den Finanzen, der Abbé Fouquet entlehnt nämlich einige Piſtolen von Gourville. Peliſſon, der mit gekreuzten Beinen auf einem Stuhl ſitzt, endigt die Declamation einer Rede, mit der Fouquet das Parlament wieder eröffnen ſoll. Und dieſe Rede iſt ein Meiſterwerk, weil ſte Pe⸗ liſſon für ſeinen Freund macht, das heißt, weil er Alles darein legt, was er ſicherlich für ſich ſelbſt nicht ſagen würde. Ueber die leichten Reime ſtreitend, kommen bald vom Hintergrunde des GartensLoret und laFontaine herbei. Die Maler und die Mufiker nehmen ihre Richtung nach dem Speiſeſaal. Wenn es acht Uhr ſchlägt, wird man zu Nacht ſpeiſen. Der Oberintendant läßt nie auf ſich warten. Es iſt halb acht Uhr; der Appetit kündigt ſich ziemlich artig an. Sobald alle Gäſte verſammelt ſind, geht Gourville gerade auf Peliſſon zu, weckt ihn aus ſeinen Träu⸗ mereien auf, und führt ihn mitten in den Salon, deſ⸗ ſen Thüren er geſchloſſen hat. „Nun,“ ſagte er,„was gibt es Neues?“ Peliſſon hob ſeinen verſtändigen, ſanften Kopf in die Höhe und erwiederte: „Ich habe fünf und zwanzig tauſend Livres von meiner Tante entlehnt, hier ſind ſie in Kaſſenanweiſungen.“ „Gut,“ ſagte Gourville,„es fehlen mir nur noch hundert und fünf und zwanzig tauſend Livres für die erſte Zahlung.“ „Die Bezahlung, von was?“ fragte la Fontaine in dem Ton, in dem er etwa gefragt hätte:„habt Ihr Baru geleſen?“ 32 „Das iſt abermals mein Zerſtreuter,“ verſetzte Gourville.„Wie! Ihr habt uns mitgetheilt, das kleine Gut Corbeil ſollte von einem Gläubiger von Herrn Fouquet verkauft werden, Ihr habt uns die Vereini⸗ gung aller Freunde Epikurs vorgeſchlagen, Ihr habt geſagt, Ihr würdet einen Winkel Eures Gutes in Chateau⸗Thierry verkaufen, um Euren Beitrag zu lie⸗ fern, und heute kommt Ihr und fragt:„Die Bezahlung von was?“ Dieſer Ausfall wurde mit einem allgemeinen Ge⸗ lächter aufgenommen und machte la Fontaine erroͤthen. „Verzeiht, verzeiht,“ ſagte er,„es iſt wahr, ich hatte es nicht vergeſſen; oh! nein, nur..“ „Nur erinnerſt Du Dich deſſen nicht mehr,“ ver⸗ ſetzte Loret. „Das iſt die Wahrheit Der hat in der That Recht. Zwiſchen vergeſſen und ſich nicht mehr erin⸗ nern iſt ein großer Unterſchied.“ „Ihr bringt alſo den Obol, den Preis des verkauf⸗ ten Winkels von Eurem Gute?“ fragte Peliſſon. „Verkauft! nein.“ „Ihr habt alſo das Stückchen Land nicht verkauft?“ rief Gourville erſtaunt, denn er kannte die Uneigen⸗ nützigkeit des Dichters. „Meine Frau wollte nicht,“ erwiederte der letztere. Neues Gelächter. „Ihr habt Euch aber doch zu dieſem Behuf nach Chateau⸗Thierry begeben?“ entgegnete man ihm. „Gewiß, und zwar zu Pferde.“ „Armer Jean!“ 3 „Acht verſchiedene Pferde! ich war gerädert.“ „Vortrefflicher Freund!... Und dort habt Ihr ausgeruht?“. 4 „Ausgeruht! Ach! ja wohl. Ich hatte dort viele Geſchäfte.“ 4 „Wie ſo?“ 4 „Meine Frau hatte Coquetterien mit dem gemacht, ha la Ihr iele ht, 33 an welchen ich das Gut verkaufen wollte; er nahm ſein Wort zurück und ich forderte ihn zum Duell.“ „Sehr gut, und Ihr habt Euch geſchlagen?“ „Es ſcheint, nein.“ „Ihr wißt alſo nichts davon?“ „Nein, meine Frau und ihre Eltern miſchten ſich darein. Ich hatte eine Viertelſtunde lang den Degen in der Hand, wurde aber nicht verwundet.“ „Und der Gegner?“ „Der Gegner auch nicht; er war nicht auf den Kampfplatz gekommen.“ „Das iſt bewunderungswürdig“ rief man von allen Seiten;„Ihr mußtet zornig werden?“ „Bedeutend; ich bekam den Schnupfen; ich kehrte nach Hauſe zurück und meine Frau ſchalt mich aus.“ „Ganz einfach?“ „Ganz einfach! Sie warf mir einen Brodlaib an den Kopf, einen großen Brodlaib!“ „Und Ihr 24 „Ich ſtürzte ihr den ganzen Tiſch auf ihren Leib und auf den ihrer Gäſte, dann ſtieg ich wieder zu Pferde und hier bin ich.“ Niemand wäre im Stande geweſen, bei Auseinanderſetzung dieſer komiſchen He haupten. Als ſich der Orkan des Gelä hatte, ſagte man „Das iſt Alles, was Ihr zurückgebracht habt?“ „Oh! nein, ich hatte einen vortrefflichen Gedanken.“ „Sprecht.“ „Habt Ihr bemerkt, daß in Frankreich viele ſcherz⸗ hafte Poeſien gemacht werden?“ „Ja,“ antwortete die Verſammlung. „Und daß man ſehr wenige davon druckt?“ fuhr la Fontaine fort. „Die Geſetze ſind allerdings hart.“ „Die ſeltene Waare i*ſt eine theure Waare, dachte ſeinen Ernſt roide zu be⸗ 34 ich. Aus dieſem Grund componirte ich ein kleines äußerſt freies Gedicht.“ „Ho! hol lieber Dichter!“ „Me hemein munter.“ „Hol ho!“ „Außerordentlich eyniſch.“ „Teufel! Teufel!“ „Ich habe Alles angebracht, was ich an galanten Worten finden konnte,“ fuhr der Dichter kalt fort. Jeder kruͤmmte ſich vor Lachen, während der ängſt⸗ liche Poet das Schild für ſeine Waare ausſtellte. „Und,“ ſprach er,„ich bemühte mich, Alles zu übertreffen, was Boccaccio, Aretino und andere Meiſter in dieſem Genre gemacht hatten.“ „Guter Gott!“ rief Peliſſon,„er wird verurtheilt werden!“ „Ihr glaubt?“ fragte la Fontaine naiv;„ich ſchwöre Euch, daß ich das nicht für mich, ſondern einzig und allein für Herrn Fouquet gemacht habe.“ Dieſer überraſchende Schluß befriedigte die Anwe⸗ ſenden im höchſten Maße. „Und ich habe das Werkchen um achthundert Livres für die erſte Auflage verkauft,“ rief la Fontaine ſich die Hände reibend.„Die Andachtsbücher koſten um die Hälfte weniger.“ „Es wäre mehr werth geweſen, wenn Ihr zwei Andachtsbücher gemacht hättet,“ entgegnete Gourville lachend. „Das dauert zu lange und iſt nicht beluſtigend ge⸗ nug,“ erwiederte la Fontaine ruhig;„meine achthundert Livres ſind in dieſen Säckchen, ich biete ſie an.“ Und er legte in der That ſeine Opfergabe in die Hände des Saͤckelmeiſters der Epikuräer. Dann kam die Reihe an Loret, der hundert und fünfzig Livres gab; die Anderen erſchöpften ſich auf⸗ dieſelbe Weiſe. Es waren, als man rechnete, vierzig tauſend Livres in der Bügeltaſche beiſammen. ——,—,“——r,——,— & Z— — α erſt 35 Nie klangen großmüthigere Pfennige in den gött⸗ lichen Wagſchalen, worin die Liebe die guten Werke und die guten Abſtchten gegen die falſchen Münzen der bigotten Heuchler abwiegt. Die Thaler klangen noch, als der Oberintendant in den Saal eintrat oder vielmehr ſchlüpfte. Er hatte Alles gehört. Man ſah dieſen Mann, der in ſo vielen Millionen gewühlt, dieſen Reichen, der alle Freuden und alle Ehren erſchöpft hatte, dieſes unermeßliche Herz, dieſes fruchtbare Gehirn, welches wie zwei gierige Schmelz⸗ tiegel die moraliſche und die materielle Subſtanz des erſten Koͤnigreichs der Welt aufgezehrt hatte, man ſah Fouquet mit Augen voll Thränen über die Schwelle ſchreiten, und ſeine weißen, zarten Finger in das Gold und in das Silber tauchen. 3 „Armes Almoſen,“ ſprach er mit innigem, beweg⸗ tem/Ton,„du wirſt in der kleinſten von den Falten meiner leeren Börſe verſchwinden, aber Du haſt bis an den Rand das gefüllt, was nie ein Menſch erſchöpfen wird, mein Herz; ich danke Euch, meine Freunde, ich danke Euch.“ 3 Und da er nicht Alle umarmen konnte, die ihn um⸗ gaben und wohl auch ein wenig weinten, ſo ſehr ſie Philoſophen waren, ſo umarmte er la Fontaine und ſagte zu ihm: „Armer Junge, der ſich für mich von ſeiner Frau hat ſchlagen und von ſeinem Beichtvater hat verdammen laſſen!“ „Das iſt nichts,“ erwiederte der Dichter,„Eure Gläubiger mögen zwei Jahre warten, und ich habe hundert andere Erzählungen gemacht, die, jede zu zwei Auflagen, die Schuld bezahlen werden.“ 36 V. La Pontaine als Unterhändler. Fouquet drückte la Fontaine mit reizendem Erguß die Hand. „Mein lieber Dichter,“ ſagte er,„macht uns hun⸗ dert andere Erzählungen, doch nicht allein wegen der achtzig Piſtolen, die jede eintragen wird, ſondern auch, um unſere Sprache mit hundert Meiſterwerken zu be⸗ reichern.“ „Hol ho!“ verſetzte la Fontaine ſich aufblähend, „Ihr müßt nicht glauben, ich habe nur dieſen Gedanken und dieſe achtzig Piſtolen dem Herrn Oberintendanten mitgebracht.“ „Ohl Herr la Fontaine iſt heute bei Mitteln,“ rief man von allen Seiten. „Geſegnet ſei die Idee, wenn ſie mir eine oder zwei Millionen bringt,“ ſagte Fouquet heiter. „So iſt es,“ ſprach la Fontaine. „Geſchwinde, geſchwinde!“ rief die Verſammlung. „Nehmt Euch in Acht,“ ſagte Peliſſon la Fontaine in's Ohr,„Ihr habt Euch bis jetzt eines ſehr glückli⸗ chen Erfolges erfreut, ſchleudert den Pfeil nicht über das Ziel hinaus.“ „Keines Wegs, Herr Peliſſon, und Ihr, der Ihr tin Mann von Geſchmack ſeid, werdet mich zuerſt be⸗ oben.“ 3 3„Es handelt ſich um Millionen,“ bemerkte Gour⸗ v e. 1 „Ich habe hier fünfzehnmal hunderttauſend Livres,“ erwiederte la Fontaine. Und er ſchlug an ſeine Bruſt. „Zum Teufel mit dem Gascogner von Chateau Thierry!“ rief Loret. 37 „Nicht die Taſche, ſondern das Gehirn hättet Ihr berühren müſſen!“ ſagte Fouquet. „Herr Oberintendant,“ ſprach la Fontaine,„Ihr ſeid kein Generalanwalt, Ihr ſeid ein Dichter.“ „Das iſt wahr,“ riefen Loret, Conrart und Alles, was von Literaten anweſend. „Ihr ſeid, ſage ich, ein Dichter und ein Maler; doch geſteht ſelbſt, Ihr ſeid kein Rechtsgelehrter.“ „Ich geſtehe es,“ erwiederte Fouquet lächelnd. „Wollte man Euch in die Akademie aufnehmen, nicht wahr, Ihr würdet es ausſchlagen?“ „Ich glaube ja, was mir die Akademiker nicht ver⸗ argen mögen.“ „Nun wohl, wenn Ihr nicht zur Akademie gehören wollt, warum laßt Ihr Euch herbei, zum Parlament zu gehören?“ mr„Hol ho!“ rief Peliſſon,„wir ſprechen über Po⸗ itik!“ „Ich frage, ob Herrn Fouquet die Robe gut oder nicht gut ſteht?“ fuhr la Fontaine fort. „Es handelt ſich nicht um die Robe,“ ſagte Pe⸗ liſſon ärgerlich über das Gelächter der Verſammlung. „Im Gegentheil, es handelt ſich um die Robe,“ erwiederte Loret. „Zieht dem Herrn Generalanwalt die Robe aus, und wir haben Herrn Fouquet, worüber wir uns nicht beklagen werden,“ ſprach Loret;„da es aber keinen Generalanwalt ohne Robe gibt, ſo erklären wir mit Herrn la Fontaine, die Robe ſei ſicherlich eine Vogelſcheuche.“ „Fugiunt risus leporesque,“ rief Loret. „Die Scherze und die Grazien,“ bemerkte ein Ge⸗ lehrter. „Ich,“ fuhr Peliſſon mit ernſtem Tone fort,„ich— überſetze lepores nicht ſo.“ „ uünd wie überſetzt Ihr es?“ fragte la Fontaine „Ich überſetze es: 1* 3„ 38 ſcler Haſen flüchten ſich, wenn ſie Herrn Fouquet Schallendes Gelächter, an dem der Oberintendant Theil nimmt. „Warum die Haſen?“ fragte Conrart gereizt. „Weil derjenige ein Haſe ſein wird, der ſich nicht freut, Herrn Fouquet in den Attributen ſeiner parla⸗ mentariſchen Gewalt zu ſehen.“. „Ho! ho!“ murmelten die Dichter.“ „Quo non ascendant;“ ſagte Conrart,„ſcheint mir unmöglich mit einter Anwaltsrobe.“ .„Und mir ohne dieſe Robe,“ entgegnete der hart⸗ näckige Peliſſon.„Was denkt Ihr davon, Gourville?“ „Ich denke, die Robe ſei gut,“ antwortete dieſer⸗ „aber ich denke zugleich, anderthalb Millionen wären mehr werth, als die Robe.“ „Und ich bin der Anſicht von Gourville,“ ſprach Fou⸗ quet, die Discuſſion durch ſeine Meinung, welche noth⸗ wendig alle andere überwiegen mußte, kurz abſchneidend.“ „Anderthalb Millionen,“ brummte Peliſſon.„Bei Gott! ich kenne eine indiſche Fabel...“ „Ihr? erzählt ſie mir, ich muß ſie auch wiſſen,“ ſagte la Fontaine. „Erzählt! erzählt!“ „Die Schildkröte hatte ein Rückenſchild,“ ſprach Peliſſon,„ſie flüchtete ſich darein, wenn ihre Feinde ſie verfolgten. Eines Tags ſagte Jemand zu ihr:„„Ihr habt des Sommers ſehr warm in dieſem Hauſe, und es hindert euch ungemein, eure Anmuth zu zeigen, hier iſt die Natter, die euch anderthalb Millionen für eure Schale gibt.““ „Gut!“ rief lachend der Oberintendant. „Weiter?“ ſagte la Fontaine, viel mehr durch die Gleichnißrede, als durch die Moral int reſßit „Die Schildkröte verkaufte ihre Schale und blieb nackt. Ein Geier ſah ſie, er hatte Hunger, er zerriß ihr mit dem Schnabel die Lenden und fraß ſie auf.“ — t 39 „O Huo⁵υοσσ dsot!“ ſagte Conrart. 4 „Herr Fouquet wird wohl daran thun, ſeine Robe zu behalten.“ 3 La Fontaine nahm die Moral im Ernſte und ſagte zu ſeinem Gegner: „Ihr vergeßt Aeſchylos.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Aeſchylos, den Kahlkopf.“ Nun?“ „Aeſchylos, deſſen Schädel ein Geier, Euer Geier wahrſcheinlich, ein großer Liebhaber von Schildkröten, von oben für einen Stein hielt und auf dieſen Schädel eine in ihre Schale gekauerte Schildkröte warf.“ 6 „Eil mein Gott, la Fontaine hat Recht,“ ſagte Fouquet, der nachdenkend geworden war;„jeder Geier, wenn er Hunger nach Schildkröten hat, weiß ihnen ganz wohl gratis die Schale zu zerſchmettern; zu glücklich ſind die Schildkröten, denen eine Nattér die Hülle mit anderthalb Millionen bezahlt. Man bringe mir eine freigebige Natter, wie die Eurer Fabel, Peliſſon, und ich gebe ihr mein Rückenſchild.“ „Rara avis in terris!“ rief Conrart. „Und einem ſchwarzen Schwan ähnlich, nicht wahr?“ fügte la Fontaine bei;„nun wohl, ja, ganz richtig, ein ganz ſchwarzer und ſehr ſeltener Vogel, ich habe ihn gefunden.“ „Ihr habt einen Käufer für meine Anwaltsſtelle gefunden?“ rief Fouquet. „Ja, mein Herr.“ „Der Herr Oberintendant hat aber nie geſagt, er müſſe verkaufen!“ entgegnete Peliſſon. „Verzeiht, Ihr ſelbſt habt davon geſprochen,“ ſagte Conrart. „Deſſen bin ich Zeuge,“ ſprach Gourville. „Er hält an den ſchönen Reden feſt, die er mir macht,“ rief Fouquet lachend.„Wer iſt der Käufer, la Fontaine?“ 4 3 40 „Ein ganz ſchwarzer Vogel, ein Rath beim Parla⸗ ment, ein braver Mann.“ „Er heißt?“ 4 „Vanel.“ „Vanel!“ rief Fouquet,„der Mann von... „Ganz richtig, ihr Mann: ja, mein Herr.“ „Der liebe Menſch!“ ſprach Fouquet theilnehmend, „er will Generalanwalt werden!“ „Er will Alles ſein, was Ihr ſeid,“ verſetzte Gour⸗ ville,„und durchaus Alles thun, was Ihr gethan habt.“ „Oh! das iſt ſehr ergoͤtzlich: erzählt uns das, la Fontaine.“ „Es iſt ganz einfach. Ich ſehe ihn von Zeit zu Zeit. Vorhin begegnete ich ihm, er lungerte auf dem Baſtille⸗Platze herum... gerade in dem Augenblick, wo ich den kleinen Wagen nach Saint⸗Mandé nehmen wollte.“ „Er lauerte gewiß auf ſeine Frau,“ bemerkte Loret. „Ohl mein Gott,“ entgegnete Fouquet einfach, „er iſt nicht eiferſüchtig.“ 1 „Er redet mich an, umarmt mich, führt mich in die Schenke zum heiligen Fiacre, und ſpricht mit mir über ſeinen Kummer.“ „Er hat Kummer?“ „Ja, ſeine Frau flößt ihm Ehrgeiz ein.“ „Und er ſagt Euch?“ „Man habe ihm von einer Stelle beim Parlament geſprochen, der Name von Herrn Fouquet ſei genannt worden, ſeit dieſer Zeit träume Madame Vanel nur 44 davon, Frau Generalanwaltin zu heißen, und ſie ſterbe jede Nacht, wenn ſte nicht davon träume.“ „Teufel!“ 3 „Arme Frau!“ rief Fouquet- „Wartet. Conrart ſagt mir immer, ich viſes wie ich dieſe geleitet habe.“ t Angelegenheiten nicht zu behandeln. Ihr ſollt ſe ten. 4 „Laßt hoͤren.“ „„Wißt Ihr,““ ſagte ich zu Vanel,„„wißt Ihr, daß eine Stelle wie die von Herrn Fouquet theuer iſt 2u„ „„Wie hoch magſie etwa zuſſtehen kommen?“ufragte er. „„Herr Fouquet hat ſiebenzehnmal hundert tauſend Livres ausgeſchlagen.“ „„„Meine Frau berechnete das zu etwa vierzehn⸗ mal hundert tauſend Livres,““ erwiederte Vanel. „„Baar Geld?““ verſetzte ich. „„Ja, ſie hat ein ſchoͤnes Gut in Guienne ver⸗ a kauft, ſie hat realiſirt...““ „Das iſt ein ſchönes Stück Geld mit einem Schlage zu zu verdienen,“ ſagte leiſe der Abbé Fouquet, der noch m nicht geſprochen hatte. f,„Die arme Dame Vanel,“ murmelte Fouquet. 2n Peliſſon zuckte die Achſeln und flüſterte Fouquet zu: „Ein Dämon!“.. dte„Ganz richtig. Es wäre reizend, das Geld dieſes Daͤmons dazu anzuwenden, einen Schaden wieder gut ch, ntwachen, den ſich mir zu Liebe ein Engel zugefügt a.* die Peliſſon ſchaute mit erſtaunter Miene Fouquet an, ber deſſen Gedanken ſich von dieſem Augenblick auf ein neues Ziel hefteten. „Nun,“ fragte la Fontaine,„wie iſt meine Unter⸗ handlung?“ „Bewunderungswürdig, lieber Dichter!“ tent„Ja,“ ſagte Gourville,„es rühmt ſich Einer, Luſt nnt zu dem Pferde zu haben, und beſitzt nicht einmal die nur Mittel, um den Zaum zu bezahlen.“ rbe„Vanel würde zurücktreten, wenn man ihn beim Wort nähme,“ bemerkte der Abbé Fouquet. „ Ich glaube das nicht,“ ſagte la Fontaine. „ Woher wißt Ihr das?“ ſte iheir kennt die Entwickelung meiner Geſchichte n, nicht.“—“ 4 Die drei Musketiere. Bragelonne. vill.— 4 „Ahl wenn es eine Entwickelung gibt, warum faullenzt Ihr unter Weges 2“ ſagte Gourville. „Semper ad eventum, nicht ſo?“ ſagte Fouquet mit dem Ton eines vornehmen Hexrn, der ſich in Bar⸗ barismen verirrt. 1 Die Latiniſten klatſchten in die Hände. „Meine Entwickelung!“ rief la Fontaine,„ſie beſteht darin, daß Vanel, dieſer zäye, ſchwarze Vogel, da er wußte, ich begebe mich nach Saint⸗Mandé, mich bat, ihn mitzunehmen.“ „Ho!l ho!“ „Und ihn, wenn es möglich wäre, Monſeigneur vorzuſtellen.“ „Somit...“ „Somit iſt er da auf dem Raſen des Bel⸗Air.“ „Wie ein Käfer!“ „Gourville, Ihr ſagt das wegen der Fühlhörner, † Ihr ſchlechter Spaßmacher.“ 8„Nun, Herr Fouquet?“ „Es geziemt ſich nicht, daß der Mann von Ma⸗ dame Vanel vor meinem Hauſe den Schnupfen bekommt; laßt ihn holen, la Fontaine, da Ihr wißt, wo er iſt.“ „Ich laufe ſelbſt zu ihm.“ „Ich begleite Euch,“ rief der Abbs Fouquet,„ich trage die Saͤcke.“ 3 „Keine ſchlechte Späͤße,“ ſprach Fouquet mit ſtren⸗ gen Ton...„Die Angelegenheit werde, wenn eine ſolche vorhanden iſt, ernſt behandelt. Vor Allem ſeien wir gaſtfreundlich. Entſchuldigt mich, la Fontaine, bei 5 dem artigen Mann, ich ſei in Verzweiflung, daß ich ihn habe warten laſſen, doch ſeine Anweſenheit ſei mir nicht bekannt geweſen.“ 8 La Fontaine war ſchon weggegangen. Zum Glück begleitete ihn Gourville, denn ganz mit ſeinem 3 beſchäftigt, irrte ſich der Dichter im Wege gegen Saint⸗Maur. Nach einer Viertelſtunde wurde Herr 7 das Cabinet von Fouquet eingeführt, in dasſelbe Ca⸗ binet, deſſen Beſchreibung wir mit allen Umſtänden am Anfang dieſer Geſchichte gegeben haben. Als ihn Fouquet eintreten ſah, rief er Peliſſon und ſprach ein paar Minuten leiſe mit ihm. „Behaltet wohl, was ich Euch ſage,“ ſprach er, „alles Silberzeug, alles Tafelgeſchirr, alle Juwelen werden in den Wagen eingepackt. Ihr nehmt die Rap⸗ pen; der Goldſchmied begleitet Euch. Ihr verſchiebt das Abendbrod bis zur Ankunft von Frau von Bellière.“ „Frau von Bellidre muß benachrichtigt werden,“ ſagte Peliſſon. „Unnöthig, ich übernehme das.“ „Gut!“ „Geht, mein Freund.“ Peliſſon entfernte ſich, ſchlecht errathend, aber voll Vertrauen, wie dies alle wahren Freunde ſind, zu dem Willen, in den er ſich fügte. Darin liegt die Stärke der auserkorenen Seelen. Das Mißtrauen iſt nur für die untergeordneten Naturen gemacht. Vanel verbeugte ſich vor dem Oberintendanten und wollte eine Rede beginnen. Fouquet ſagte aber artig zu ihm: „Gerade heraus, mein Herr, es ſcheint mir, Ihr wollt meine Stelle erwerben.“. „Monſeigneur...“ „Wie viel könnt Ihr dafür geben?“ „Es iſt Eure Sache, Monſeigneur, die Summe zu beſtimmen. Ich weiß, daß man Euch Angebote ge⸗ macht hat.“ „Madame Vanel ſchätzt ſie, wie ich höre, zu vier⸗ zehnmal hundert tauſend Livres.“ „Das iſt unſere ganze Habe.“ „Könnt Ihr die Summe ſogleich geben?“ „Ich habe ſie nicht bei mir,“ erwiederte naiv Herr anel, denn er erſchrak über dieſe Einfachheit, uͤber 14 dieſe Größe, da er Kämpfe, Schlauheiten, Querzüge erwartet hatte.. „Wann werdet Ihr ſie haben?“ „Wann es Monſeigneur beliebt,“ antwortete Vanel. Und er zitterte, Fouquet ſpotte ſeiner. „Wenn es nicht Mühe machte, nach Paris zurück⸗ zukehren, ſo würde ich ſagen: ſogleich...“ „Ah! Monſeigneur...“ 4 „Aber wir wollen Bezahlung und Unterzeichnung auf morgen verſchieben,“ ſagte der Oberintendant. „Es ſei,“ erwiederte Vanel ganz betäubt. „Um ſechs Uhr,“ fügte Fouquet bei. „Um ſechs Uhr,“ wiederholte Vanel. „Guten Abend, Herr Vanel, ſagt Madame Vanel, ich küſſe ihr die Hände.“ Nach dieſen Worten ſtand Fouquet auf. Da ſprach Vanel, dem das Blut in die Augen ſtieg, und der den Kopf zu verlieren anfing: „„Monſeigneur, Monſeigneur, gebt Ihr mir im Ernſte das Wort?“ Fouquet wandte den Kopf um und erwiederte: „Bei Gott! und Ihr?“ Vanel zauderte, bebte und ſtreckte am Ende ſchuͤch⸗ tern die Hand aus. 4 Fouquet öffnete und ſtreckte mit einer edlen Ge⸗ berde die ſeinige aus. Dieſe redliche Hand drückte ſich eine Secunde lang in die Feuchtigkeit einer gleißneri⸗ ſchen Hand ein. Vanel drückte die Finger von Fou⸗ quet, um ſich beſſer zu überzeugen. 4— Der Oberintendant machte ſachte ſeine Hand los und ſprach: „Gott befohlen!“ Vanel lief rückwärts nach der Thüre, ſtürzte durch„ die Hausfluren und entfloh. „— 8öZ ———,e & R N SBN 8 7 45 VI. Das Tafelgeſchirr und die Diamanten von Frau von Vellière. Kaum hatte Fouquet Herrn Vanel entlaſſen, als er einen Augenblick nachdachte. „Man vermöochte nicht zu viel für die Frau zu thun, die man geliebt hat,“ ſagte er.„Marguerite wünſcht Generalanwaltin zu werden, warum ſollte man 7 ihr nicht dieſes Vergnügen machen? Nun, da mir das ängſtlichſte Gewiſſen nichts mehr vorwerfen könnte, wollen wir einzig und allein an die Frau denken, die mich liebt. Frau von Bellidre muß bald dort ſein.“ Er deutete mit dem Finger auf die geheime Thüre. Nachdem er ſich eingeſchloſſen, öffnete er den unter⸗ irdiſchen Gang und wandte ſich raſch nach dem, zwi⸗ ſchen dem Hauſe in Vincennes und ſeinem Hauſe beſte⸗ henden Verbindungswege. Er hatte es unterlaſſen, ſeine Freundin mit dem Glöckchen zu benachrichtigen, da er ſicher war, daß ſie nie bei den Rendezvous fehlte. Die Marquiſe war in der That eingetroffen. Sie wartete. Das Geräuſch, das der Oberintendant ver⸗ anlaßte, machte ſie aufmerkſam; ſie lief hinzu, um unter der Thüre das Billet in Empfang zu nehmen, das er ihr zuſchob. 4 „Kommt, Marquiſe, man erwartet Euch beim Abendbrod.“ Glücklich und behende ſtieg Frau von Bellière in der Allee von Vincennes in ihren Wagen, und ſie reichte bald auf der Freitreppe ihre Hand Gourville, der, um dem Gehjeter zu gefallen, im Hof auf ihre Ankunft uerte. 4 46 Sie hatte nicht rauchend und weiß von Schaum die Rappen von Fouquet zurückkommen ſehen, welche nach Saint⸗Mandé Peliſſon und den Goldſchmied brach⸗ ten, an den Frau von Bellidre ihr Tafelgeſchirr und ihre Juwelen verkauft hatte. Peliſſon führte dieſen Mann in das Cabinet, das Fouquet noch nicht verlaſſen. Fouquet dankte dem Goldſchmied, daß er die Güte gehabt, ihm wie ein hinterlegtes Gut dieſe Reichthü⸗ mer aufzubewahren, die er zu verkaufen berechtigt ge⸗ weſen. Er warf einen Blick auf die Geſammtſumme der Rechnungen, die ſich auf dreizehnmal hundert tau⸗ ſend Livres belief. Dann ſetzte er ſich an ſein Bureau und ſchrieb eine Anweiſung von vierzehnmal hundert tauſend Livres auf ſeine Kaſſe zahlbar nach Sicht vor Mittag des andern Tags. „Hundert tauſend Livres Gewinn!“ rief der Gold⸗ ſchmied.„Oh! Monſeigneur, welche Großmuth!“ „Nein, nein, mein Herr,“ erwiederte Fouquet, in⸗ dem er die Schulter des Goldſchmieds berührte,„es gibt Artigkeiten, die ſich nie bezahlen laſſen. Der Ge⸗ winn iſt ungefähr der, den Ihr gemacht hättet; doch es bleibt das Intereſſe aus Eurem Geld.“ So ſprechend machte er aus ſeiner Mancheite einen Diamantknopf los, den derſelbe ⸗Goldſchmied oft zu dreitauſend Piſtolen geſchätzt hatte, und ſprach: „Nehmt das zum Andenken an mich und lebet wohl; Ihr ſeid ein ehrlicher Mann.“ „Und Ihr,“ rief der Goldſchmied, tief gerührt, „Ihr, Monſeigneur, ſeid ein wackerer Herr.“) Fouquet ließ den Goldſchmied durch eine Geheim⸗ thüre weggehen; dann empfing er Frau von Bellidre, die ſchon alle Gäſte umgaben.. 3 Die Marquiſe war immer ſchön, doch an dieſem Tag ſtrahlte ſie. „Meine Herren,“ ſprach Fouquet,„findet Ihr nicht, 1 daß Madame heute Abend von einer unvergleichlichen Schönheit iſt? Wißt Ihr, warum?“ 8 47 „Weil Madame die ſchönſte der Frauen iſt,“ ſagte Einer. „Nein, ſondern weil Madame die beſte derſelben iſt. Doch 4 „Doch?“ fragte die Marquiſe lächelnd. „Doch alle Juwelen, welche Madame heute Abend trägt, beſtehen aus falſchen Steinen.“ Sie erröthete. „Hol ho!“ riefen alle Gäſte,„man kann dies ohne Furcht von einer Dame ſagen, welche die ſchönſten Diamanten von Paris beſitzt.“ „Nun!“ ſagte Fouquet leiſe zu Peliſſon. „Ich habe endlich begriffen, und Ihr habt wohlge⸗ than,“ erwiederte Peliſſon. „Das iſt ein Glück,“ verſetzte lachend der Oberin⸗ tendant. „Monſeigneur, es iſt aufgetragen,“erief Vatel ma⸗ jeſtätiſch. 3 Die Woge der Gäſte ſtürzte minder langſam, als es bei miniſteriellen Foten gebräuchlich iſt, in den Speiſeſaal, wo ein prachtvolles Schauſpiel ihrer harrte. Auf dem Schenktiſch, auf dem Anrichttiſch, auf der Tafel, unter Blumen und Lichtern glänzte zum Blenden das reichſte Geſchirr von Silber und Gold, das man ſehen konnte; es war ein Ueberreſt von den alten Herr⸗ lichkeiten, welche die von den Medieis mitgebrachten florentiniſchen Künſtler für die prunkenden Tafeln, als es in Frankreich noch Gold gab, geſchnitten, eiſelirt, gegoſſen hatten; dieſe verborgenen Wunder, die man während der Bürgerkriege begraben, waren ſchüchtern in den Zwiſchenräumen des Krieges von gutem Geſchmack, den man die Fronde nannte, wieder erſchienen; die vor⸗ nehmen Herren ſchlugen ſich gegen die vornehmen Her⸗ ren, tödteten ſich, beraubten ſich aber nicht. All dieſes Geſchirr war mit dem Wappen von Frau von Bellière bezeichnet. 48 „Seht,“ rief la Fontaine,„ein P und ein B.“ Das Seltſamſte von Allem aber war das Gedecke der Marquiſe an dem Platz, den ihr Fouquet angewieſen hatte; hier erhob ſich eine Pyramide von Diamanten, von Saphiren, von Smaragden, von antiken Cameen; der Sardonyr, gravirt von den alten Griechen von Klein⸗ aſien mit ſeiner Faſſung von myſiſchem Gold, die herr⸗ lichen Moſaike des alten Alexandrien in Silber gefaßt, die maſſiven Armſpangen Aegyptens aus der Zeit von Cleopatra lagen auf einer großen Platte von Paliſſy umher, welche auf einen Dreifuß von vergoldetem Bronze von Benvenutos Meiſterhand ruhte. Die Marquiſe erbleichte, als ſie ſah, was ſie nim⸗ mer wiederzuſehen glaubte. Ein tiefes Stillſchweigen, der Vorläufer einer lebhaften Aufregung, herrſchte unter den betäubten Gäſten des Saales.— Fouquet machte nicht einmal ein Zeichen, um alle die buntſcheckigen Diener wegzujagen, welche ſich wie geſchäftige Bienen bei den Schenktiſchen umhertrieben. „Meine Herren,“ ſagte er,„das Tafelgeſchirr, das Ihr hier ſeht, gehörte Frau von Bellière, die eines Tags, als ſie einen ihrer Freunde in Verlegenheit ſah, all dieſes Gold und all dieſes Silber nebſt der Maſſe von Ju⸗ welen, die ſich vor ihr erheben, zum Goldſchmied ſchickte. Dieſe ſchöne Handlung einer Freundin mußte von Freun⸗ ken, wie Ihr ſeid, begriffen werden. Glücklich der Mann, der ſich ſo geliebt ſieht. Trinken wir auf die Geſund⸗ heit von Frau von Bellidre.“ Ein ungeheures Beifallsgeſchrei übertönte ſeine Worte und machte ſtumm, ohnmächtig auf ihren Sitz die arme Frau fallen, die ihre Sinne verloren, den Vögeln Griechenlands ähnlich, die über der Arena von Olympia den Himmel durchſchnitten.. „ und dann,“ fügte Peliſſon bei, den jede Tugend rührte, jede Schönheit bezauberte,„trinken wir auch ein wenig auf die Geſundheit desjenigen, welcher zu N ‿☚—6 ͤ— — 49 der ſchonen Handlung inſpirirt hat, denn ein ſolcher Mann muß geliebt zu werden würdig ſein.“ Es war die Reihe an der Marquiſe. Sie erhob ſich bleich und lächelnd und ſtreckte mit einer ſchwachen Hand, deren zitternde Finger die Finger von Fouquet ſtreiften, ihr Glas aus, während ihre ſterbenden Augen noch alle Liebe hervorriefen, die dieſes edle Herz durch⸗ glühten. Auf dieſe heroiſche Weiſe begonnen, wurde das Abendbrod bald zu einem Feſte; Keiner beſchäftigte ſich damit, Geiſt zu haben, Niemand fehlte es daran. 3 La Fontaine vergaß ſeinen Gorgny⸗Wein, und er⸗ laubte Vatel, ihn mit den Rhone Weinen und den ſpa⸗ niſchen zu verſöhnen. Der Abbé Fouquet wurde ſo gutmüthig, daß Gour⸗ ville zu ihm ſagte:„Nehmt Euch in Acht, Herr Abbé, wenn Ihr ſo zart ſeid, wird man Euch aufſpeiſen.“ Die Stunden vergingen ſo freudig und Noſen auf die Gäſte ausſtreuend. Der Oberintendant verließ die Tafel gegen ſeine Gewohnheit erſt mit den letzten Spenden des Deſſert. Er lächelte den meiſten von ſeinen Freunden zu, welche trunken waren, wie man es iſt, wenn man das Herz vor dem Kopf berauſcht hat, und zum erſten Mal ſchaute er nach der Uhr. Plötzlich rollte ein Wagen in den Hof, und man hörte ihn ſeltſamer Weiſe mitten unter dem Lärmen und den Geſaͤngen. Fouquet horchte aufmerkſam und wandte dann ſeine Blicke nach dem Vorzimmer. Es kam ihm vor, als er⸗ tönte ein Tritt, und als laſtete dieſer Tritt auf ſeinem Herzen, ſtatt auf den Boden zu drücken. Inſtinktartig verließ ſein Fuß den Fuß, den Frau von Bellière ſeit zwei Stunden auf den ſeinigen ſtützte. ffeden d'Herblay, Biſchof von Vannes„ rief der uiſſier. 3 Und das düſtere, nachdenkende Geſicht von Aramis erſchien über der Schwelle zwiſchen den Ueberreſten von zwei Guirlanden, deren Fäden eine Lampenflamme zer⸗ riſſen hatte. VII. Die Quittung von Herrn ron Majarin. Fouquet würde einen Freudenſchrei beim Anblick eines neuen Freundes ausgeſtoßen haben, hätten ihm nicht die eiſige Miene und der zerſtreute Blick von Ara⸗ mis ſeine ganze Zurückhaltung verliehen. „Wollt Ihr uns das Deſſert verzehren helfen?“ fragte er jedoch.„Habt Ihr nicht ein wenig hange vor all dem Lärmen, den unſere Tollheiten machen?“ „Monſeigneur,“ erwiederte Aramis ehrerbietig,„ich habe mich vor Allem bei Euch zu entſchuldigen, daß ich Eure freudige Geſellſchaft ſtoͤre, dann bitte ich Euch, nach den Vergnügungen, um einen Augenblick Gehör in Geſchäften.“ Da das Wort Geſchäfte einige Epikuräer die Ohren ſpitzen machte, ſo ſtand Fouquet auf und ſprach: „Den Geſchäften gehört jeder Zeit, Herr d'Herblay, und wir ſind zu glücklich, wenn ſie erſt nach dem Mahle kommen.“ So ſprechend nahm er Frau von Belli re, die ihn mit einer Art von Unruhe anſchaute, bei der Hand und führte ſie in den anſtoßenden Salon, wo er ſie den 3 Vernünftigſten der Geſellſchaft anvertraute. ðU 4 51 Hienach wandte er ſich mit Aramis nach ſeinem Cabinet. Sobald Aramis hier war, vergaß er die Achtung und die Etiquette; er ſetzte ſich.. „Errathet, was ich dieſen Abend geſehen habe,“ ſagte er. „Mein lieber Chevalier, ſo oft Ihr anfangt, bin ich ſicher, Euch etwas Unangenehmes verkündigen zu hören.“ „Auch diesmal habt Ihr Euch nicht getäuſcht.“ „Laßt mich nicht ſchmachten,“ ſagte Fouquet phleg⸗ matiſch. —„Nun wohl! ich habe Frau von Chevreuſe ge⸗ ehen.“ „Die alte Herzogin?“ „Ja.“ „Oder ihren Schatten?“ 8 „Nein. Eine alte Wölfin.“ „Ohne Zähne?“ „Es iſt möglich, doch nicht ohne Krallen.“ „Wohl! warum ſollte ſie mir böſe ſein? Ich bin nicht geizig gegen die Fraueu, die nicht ſpröde ſind. Das iſt eine Eigenſchaft, welche ſtets geſchätzt wird, ſelbſt von dem Weibe, das nicht mehr Liebe hervorzu⸗ rufen wagt.“ „Frau von Chevreuſe weiß wohl, daß Ihr nicht geizig ſeid, da ſie Euch Geld entreißen will.“ „Gut. Unter welchem Vorwand?“ „Ohl an Vorwänden fehlt es ihr nicht. Verneh⸗ met alſo.“ „Ich höre.“ „Es ſcheint, die Herzogin beſitzt mehrere Briefe von Herrn von Mazarin.“ „Das wundert mich nicht, der Prälat war galant.“ „Ja, doch dieſe Briefe haben keine Beziehung zu den Liebſchaften des Prälaten. Sie ſollen von Finanz⸗ angelegenheiten handeln.“ „Das iſt minder intereſſant.“ „Ihr ahnet nicht ein wenig, was ich ſagen will?“ „Durchaus nicht.“ „Solltet Ihr nie von einer Anklage der Entwen⸗ dung von Fonds haben reden hören 2“ „Hundertmal! tauſendmal! ſeitdem ich im Amte bin, habe ich nur hievon reden hören. Gerade wie man Euch, dem Biſchof, Eure Gottloſigkeit, Euch, dem Muskekier, die Feigheit vorwirft, ſo wirft man dem Miniſter der Finanzen beſtändig vor, er beſtehle die Fi⸗ nanzen.“ „Gut, doch nehmen wir es genauer, denn Herr dan Mazarin gibt genau an, wie die Frau Herzogin ag.“ 2 „Was gibt er genau an?“ „Etwas wie eine Summe von dreizehn Millionen, deren Verwendung beſtimmt aufzuführen Ihr Euch ent⸗ halten hättet.“ „Dreizehn Millionen!“ ſagte der Oberintendant, während er ſich in ſeinem Lehnſtuhl ausſtreckte, um den Kopf beſſer zum Plafond zu erheben.„Dreizehn Mil⸗ lionen! Oh! bei Gott! ſeht, ich ſuche ſie unter allen denen, welche geſtohlen zu haben man mich beſchuldigt.“ „Lacht nicht, mein lieber Herr, die Sache iſt ernſt. Es iſt gewiß, daß die Herzogin dieſe Briefe beſitzt, und daß die Briefe gut ſein müſſen, in Betracht, daß ſie dieſelben um fünfmal hunderttauſend Livres verkaufen wollte.“ „Man kann eine hübſche Verleumdung um dieſen Preis haben,“ erwiederte Fouquet.„Doch ja, ich weiß, was Ihr ſagen wollt.“ Fouquet lachte herzlich. „Deſto beſſer,“ verſetzte Aramis ein wenig beruhigt. .„Ich erinnere mich der Geſchichte mit den dreizehn Millionen wieder. Ja, ſo iſt es, ich habe ſie.“ „Ihr macht mir ein großes Vergnügen, laßt ein wenig hören.“ 4 1 — 53 „Stellt Euch vor, mein Lieber, daß der Signor Mazarini, Gott habe ſeine Seele, eines Tags dieſen Gewinn von dreizehn Millionen an einer Conceſſion von Gütern im Veltlin, die im Streit begriffen, machte; er durchſtrich ſie im Regiſter der Einnahmen, ließ ſie mich abſchicken und dieſelben ſich für Kriegskoſten geben.“ „Gut, dann iſt die Beſtimmung gerechtfertigt.“ „Nein, der Cardinal ließ ſie unter ſeinem Namen anlegen und ſchickte mir eine Quittung.“ „Ihr habt dieſe Quittung?“ „Gewiß,“ erwiederte Fouquet, indem er ruhig aufſtand, um zu den Schubladen ſeines großen eben⸗ holzenen, mit Perlmutter und Gold eingelegten Schreib⸗ tiſches zu gehen. „Was ich an Euch bewundere,“ ſagte Aramis ent⸗ zückt,„iſt vor Allem Euer Gedächtniß, ſodann Eure Kaltblütigkeit und endlich die vollkommene Ordnung, welche in der Verwaltung von Euch, der Ihr vorzugs⸗ weiſe Dichter, herrſcht.“ „Ja,“ erwiederte Fouquet,„ich habe Ordnung aus Trägheitsgeiſt, um mir die Mühe des Suchens zu er⸗ ſparen. So weiß ich, baß der Schein von Mazarin in der dritten Schublade, Buchſtabe M, liegt; ich öffne dieſe Schublade und lege die Hand unmittelbar auf das Papier, das ich brauche. Ich würde es bei Nacht ohne Licht finden.“ VUnd er griff mit ſicherer Hand nach dem Bündel in der offenen Schublade aufgehäufter Papiere. „Mehr noch,“ fuhr er fort,„ich erinnere mich des Papiers, als ob ich es vor mir ſähe; es iſt ſtark, run⸗ zelig und am Schnitt vergoldet; Mazarin hatte einen Tintenklecks auf die Zahl des Datum gemacht. Nun! hier iſt das Papier, es fuͤhlt, daß man ſich mit ihm beſchäftigt und ſeiner bedarf: es verbirgt ſich und ſträubt ſich. Hiebei ſchaute der Intendant in die Schublade, Aramis war aufgeſtanden. „Das iſt ſonderbar!“ ſagte Fouquet. „Euer Gedächtniß täuſcht Euch, mein lieber Herr, ſucht in einem andern Bündel.“ Fouquet nahm den Pack Papier und durchlief ihn noch einmal; dann erbleichte er. „Bleibt nicht hartnäckig bei dieſem,“ ſagte Aramis, „ſucht anderswo.“ „Vergebens, vergebens, ich begehe nie einen Irr⸗ thum; Niemand außer mir ordnet dergleichen Papiere; Niemand öffnet dieſe Schublade, an der ich, wie Ihr ſeht, einen Mechanismus habe anbringen laſſen, deſſen Geheimniß nur ich allein kenne.“ „Was ſchließt Ihr hieraus?“ fragte Aramis bewegt. „Daß mir der Schein von Mazarin geſtohlen wor⸗ den iſt. Frau von Chevreuſe hat Recht, Chevalier; ich habe die öffentlichen Gelder veruntreut; ich habe drei⸗ zehn Millionen aus der Staatskaſſe geſtohlen, ich bin ein Dieb, Herr d'Herblay.“ „Herr! Herr! erzürnt Euch nicht, exaltirt Euch nicht!“ 5 „Warum ſollte ich mich nicht exaltiren, Chevalier? die Sache iſt ſchon der Mühe werth! Ein guter Pro⸗ zeß, eine gute Verurtheilung, und Euer Freund, der Herr Oberintendant, kann nach Montfaucon ſeinem Col⸗ legen Enguerrand von Marigny, ſeinem Vorgänger Semblan çay folgen!“ „Ohl nicht ſo raſch!“ verſetzte Aramis lächelnd. „Wie, nicht ſo raſch! Was denkt Ihr denn, daß Frau von Chevreuſe mit dieſen Briefen gemacht haben werde, denn nicht wahr, Ihr habt ſie zurückgewieſen?“ „Oh! ja, geradezu zurückgewieſen. Ich denke, ſie wird zu Herrn Colbert gegangen ſein, um ſie an die⸗ ſen zu verkaufen.“ „Seht Ihr!“ „Ich habe geſagt, ich denke, ich könnte ſagen, ich t ſei deſſen ſicher, denn ich habe ihr nachgeſchickt; als ſie mich verließ, kehrte ſie zuerſt nach Hauſe zurück, ⸗ 6 —— 1u— n f u u 6 — dann ging ſie durch eine Hinterthüre hinaus und be⸗ gab ſich nach der Wohnung des Intendanten in der Rue Croix⸗des⸗Petits⸗Champs.“ „Somit alſo Prozeß, Seandal und Schande, Alles niederfallend wie der Blitz, blind, roh, unbarmherzig!“ Aramis näherte ſich Fouquet, der in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl bei der offenen Schublade bebte; er legte die Hand auf ſeine Schulter und ſprach mit liebevollem Ton: „Vergeßt nie, daß die Stellung von Herrn Fou⸗ quet ſich nicht mit der von Semblanezy oder Marigny vergleichen laͤßt.“ „Mein Gott! warum nicht?“ „Weil man dieſen Miniſtern den Prozeß gemacht, ſie abgeurtheilt und den Spruch vollzogen hat, wäh⸗ pend in Beziehung auf Euch nicht daſſelbe geſchehen ann.“ „Ich frage Euch noch einmal, waͤrum nicht? In allen Zeiten ſind die Menſchen, welche Gelder unter⸗ ſchlagen, Verbrecher.“ „Die Verbrecher, welche ein Aſyl zu finden wiſſen, ſind nie in Gefahr!“ „Mich flüchten, entfliehen!“ „Ich ſpreche nicht hievon, und Ihr vergeßt, daß dergleichen Prozeſſe vom Parlament hervorgerufen und vom Generalanwalt inſtruirt werden, und daß Ihr Generalanwalt ſeid. Ihr ſeht wohl, daß, wenn Ihr Euch nicht etwa ſelbſt verurtheilen wollt...“ „Oh!“ rief Fouquet plötzlich mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend.. „Nun! was? was gibt es?“ „Ich bin nicht mehr Generalanwalt.“ Nun erbleichte Aramis dergeſtalt, daß er leichen⸗ farbig ausſah; er preßte ſeine Finger zuſammen, daß ſie an einander krachten, ſchaute mit einem verſtörten 8 Auge den Oberintendanten an und ſprach, jede Sylbe abſtoßend:. 56 „Ihr ſeid nicht mehr Generalanwalt?“ „Nein!“ 3 „Seit wann?“ „Seit vier bis fünf Stunden.“ „Nehmt Euch in Acht!“ rief Aramis,„ich glaube, Ihr ſeid nicht im Beſitz Eures geſunden Verſtandes; mein Freund, erholt Euch.“ „Ich ſage Euch, daß vor Kurzem Jemand im Auf⸗ trage meiner Freunde hier geweſen iſt, um mir vier⸗ zehnmal hundert tauſend Livres für meine Stelle an⸗ zubieten, und daß ich meine Stelle verkauft habe.“ Aramis blieb ganz verblüfft; ſein verſtändiges, ſpöt⸗ tiſches Geſicht nahm einen Ausdruck düſterer Bangigkeit an, der eine tiefere Wirkung auf den Oberintendanten hervorbrachte, als alle Schreie und alle Reden der Welt. „Ihr hattet alſo Geld nöthig?“ fragte er endlich. „Ja, um eine Ehrenſchuld abzutragen.“ Und er erzählte Aramis mit wenigen Worten die Großmuth von Frau von Bellidre und die Art, wie er dieſe Großmuth bezahlen zu müſſen geglaubt hatte. „Das iſt ein ſchöner Zug,“ ſagte Aramis;„und das koſtet Euch?“ „Gerade die vierzehnmal hundert tauſend Livres meiner Stelle.“ „Die Ihr ganz einfach, ohne nachzudenken, in Empfang genommen habt, o unkluger Freund!’ „Ich habe ſie nicht in Empfang genommen, aber ich werde ſie morgen erhalten.“ „Es iſt alſo noch nicht abgemacht?“ „Es muß abgemacht ſein, da ich dem Goldſchmied für Mittag eine Anweiſung auf meine Kaſſe gegeben habe, in die das Geld des Käufers zwiſchen ſechs und ſteben Uhr kommen wird.“ „Gott ſei gelobt!“ rief Aramis in die Hände klat⸗ ſchend,„nichts iſt völlig abgethan, da Ihr noch nicht bezahlt ſeid.“ „Aber der Goldſchmied?“ 3 57 „Ihr erhaltet von mir die vierzehnmal hundert tanſend Livres um ein Viertel vor zwoͤlf Uhr.“ „Einen Augenblick Geduld, dieſen Morgen um ſechs Uhr unterzeichne ich.“ 1 „Ohl ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr nicht unter⸗ zeichnet.“ „Ich habe mein Wort gegeben, Chevalier!“ „Wenn Ihr es gegeben habt, ſo werdet Ihr es zurücknehmen.“ „Oh! was ſagt Ihr mir da!“ rief Fouquet mit einem Ausdruck tiefer Rechtſchaffenheit„ein Wort zu⸗ rücknehmen, wenn man Fouquet iſt!“ Aramis erwiederte den beinahe ſtrengen Blick des Miniſters mit einem zornigen Blick und ſprach: „Ich glaube, ich habe es verdient, ein ehrlicher Mann genannt zu werden, nicht wahr? Unter der Kaſake des Soldaten habe ich fünf hundertmal mein Leben in Gefahr geſetzt; unter dem Kleide des Prieſters habe ich Gott, dem Staate oder meinen Freunden noch viel größere Dienſte geleiſtet. Ein Wort i*ſt ſo viel werth, als der Menſch, der es gibt. Es iſt, wenn er es hält, reines Gold; es iſt ein ſchneidendes Eiſen, wenn er es nicht halten will. Er vertheidigt ſich dann mit dieſem orte wie mit einer Ehrenwaffe, in Betracht, daß, wenn er dieſes Wort nicht hält, der Ehrenmann, dies geſchieht, weil er in Todesgefahr iſt, weil die Gefahr, die er läuft, größer iſt, als der Nutzen, den ſein Gegner zu ziehen hat. Dann, mein Herr, appellirt man an Gott und an ſein Recht.“. Fouquet neigte das Haupt und erwiederte: „Ich bin ein armer hartnäckiger, gewöhnlicher Bretagner; mein Geiſt bewundert und fürchtet den Eurigen. Ich ſage nicht, ich halte mein Wort aus Tugend; ich halte es, wenn Ihr wollt, aus Routine: aber die Menſchen vom großen Haufen ſind einfältig genug, ſie zu bewundern, dieſe Routine, das iſt meine einzige Tugend, laßt mir die Ehre dayon.“ Die drei Musketiere. Bragelonne, Vn. 5 58 „Ihr werdet alſo morgen den Verkauf der Stelle, die Euch gegen alle Eure Feinde beſchützte, unter⸗ zeichnen?“ „Ich werde unterzeichnen.”“ „Ihr werdet Euch an Händen und Füßen gebun⸗ den einem falſchen Anſchein von Ehre zu Liebe, den der ängſtlichſte Caſuiſt verachten würde, ausliefern?“ „Ich werde unterzeichnen.“ Aramis ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſchaute mit der Ungeduld eines Menſchen, der gern etwas zer⸗ brechen möchte, rings umher. „Wir haben noch ein Mittel,“ ſagte er,„und ich hoffe, daß Ihr Euch nicht weigern werdet, dieſes an⸗ zuwenden.“ „ Sicherlich nicht, wenn es ehrenhaft iſt, wie Alles, was Ihr erſinnt, theurer Freund.“ „Ich kenne nichts Ehrenhafteres, als eine Verzicht⸗ leiſtung von Seiten Eures Käufers. Iſt er ein Freund von Euch?“ „Gewiß!... aber...“ 4 „Aber!... Wenn Ihr mir erlaubt, die Sache zu behandeln, ſo verzweifle ich nicht.“ „Ohl ich überlaſſe es ganz Euch.“ „Mit wem habt Ihr unterhandelt? Was für ein Menſch iſt es?"“ „Ich weiß nicht, ob Ihr das Parlament kennt?“ „Zum großen Theil. Iſt es ein Präſident?“ „Nein, ein einfacher Rath.“ „Ah! ah!“ „r heißt Vanel.“ Aramis wurde purpurroth. „Vanel!“ rief er, ſich erhebend;„Vanel, der Mann von Marguerite! Vanel!“ 1 „Ganz richtig.“ „Der Mann Eurer ehemaligen Geliebten?“ „Ja, mein Theurer, ſie hat Frau Generalanwaltin in werden gewünſcht. Ich war ihm dies wohl ſchul⸗ N 59 dig, dem armen Vanel, und ich gewinne dabei, da ich auch noch ſeiner Frau ein Vergnügen mache.“ Aramis ging gerade auf Fouquet zu, nahm ihn bei der Hand und ſprach kaltblütig: „Ihr wißt den Namen des neuen Liebhabers von Madame Vanel?⸗ „Ah! ſie hat einen neuen Liebhaber? Das war mir nicht bekannt; meiner Treue, nein, ich weiß ſeinen Namen nicht.“ „Er heißt Herr Jean Baptiſt Colbert; er iſt Intendant der Finanzen; er wohnt in der Rue Croix⸗des⸗Petites⸗ Champs, da, wohin Frau von Chevreuſe heute Abend die Vnei von Mazarin, die ſie verkaufen will, getra⸗ gen hat.“ „Mein Gott!“ rief Fouquet, ſeine von Schweiß triefende Stirne abwiſchend.„Mein Gott!“ „Nicht wahr, Ihr fangt an zu behreifen 2“ „Daß ich verloren bin, ja.“ „Glaubt Ihr, es ſei dies der Mühe werth, um auf ein Wort etwas weniger als Regulus zu halten?“ „Nein.“ „Die hartnäckigen Menſchen richten es immer ſo ein, daß man ſie bewundert,“ ſagte Aramis. Fouquet reichte ihm die Hand. In dieſem Augenblick ſchlug eine reiche Uhr von Schildpatt mit goldenen Figuren, die auf einer Con⸗ ſuns den Kamin gegenüber ſtand, die ſechste Morgen⸗ unde. Eine Thüre ächzte in der Hausflur. Gourville erſchien auf der Schwelle des Cabinets und ſagte: 1„Herr Vanel fragt, ob ihn Monſeigneur empfangen önne.“ Fouquet wandte ſeine Augen von den Augen von Aramis ab und antwortete: 3 „Laßt Herrn Vanel eintreten.“ 4 —— 60 VUII. Das Concept von Herrn Colbert. Vanel, der in dieſem Augenblick des Geſprächs eintrat, war für Aramis und Fouquet nichts Anderes, als der Punkt, mit dem der Satz endigt. Aber für den ankommenden Vanel mußte die Ge⸗ genwart von Aramis im Cabinet von Fouquet eine ganz andere Bedeutung haben. 3 Der Känufer heftete auch bei ſeinem erſten Schritt im Zimmer auf die zugleich ſo feine und ſo feſte Phy⸗ ſiognomie des Biſchofs von Vannes einen erſtaunten Blick, der bald forſchend wurde. Fouquet aber, ein wahrer Politiker, das heißt⸗ Herr ſeiner ſelbſt, hatte ſchon durch die Kraft ſeines Willens von ſeinem Geſichte die Spuren der durch die Mittheilung von Aramis verurſachten Aufregung ver⸗ ſchwinden gemacht. Es war alſo kein durch das Unglück niedergeſchla⸗ gener und auf Auswege angewieſener Menſch mehr, er hatte den Kopf erhoben und die Hand ausgeſtreckt, um Vanel eintreten zu laſſen. Er war erſter Miniſter, er war zu Hauſe. Aramis kannte den Oberintendanten. Alle Zartheit ſeines Herzens, alle Mächtigkeit ſeines Geiſtes hatte nichts, was ihn in Erſtaunen ſetzen konnte. Er be⸗ ſchränkte ſich daher, entſchloſſen, ſpäter einen thätigen Antheil an dem Geſpräch zu nehmen, auf die ſchwierige Rolle des Mannes, der ſchaut und horcht, um zu er⸗ fahren und zu verſtehen. Vanel war ſichtbar bewegt. Er trat bis in die Mitte des Zimmers und begrüßte Alles und Alle. „Ich komme...“ ſagte er. 82 Fouquet machte ein Zeichen mit dem Kopf und er⸗ wiederte: 4 3 N —=8 RN NuSDS8So 8— 61 „Ihr ſeid pünktlich, Herr Vanel.“ 3 „In Geſchäften, Monſeigneur, iſt die Pünktlichkeit meiner Anſicht nach eine Tugend,“ ſprach Vanel. „Gewiß, mein Herr.“ „Verzeiht,“ unterbrach Aramis, der mit dem Finger Vanel bezeichnete und ſich an Fouquet wandte,„nicht wahr, der Herr hier kommt, um Eure Stelle zu kaufen? „Ja,“ antwortete Vanel ganz verwundert über den ſtolzen Ton, mit dem Aramis dieſe Frage machte.„Doch wie muß ich denjenigen nennen, der mir die Ehre erweiſt?“ „Nennt mich Monſeigneur,“ erwiederte Aramis trocken. „Ah! meine Herren,“ rief Fouquet,„genug der Ceremonien, kommen wir zur Sache.“ „Monſeigneur ſieht, ich warte auf ſein Belieben,“ ſagte Vanel. „Ich bin es im Gegentheil, der wartete,“ verſetzte Fouquet. „Worauf wartete Monſeigneur?“ „Ich dachte, Ihr hättet mir etwas zu ſagen.“ „Hol ho!“ murmelte Vanel in ſeinem Innern,„er hat überlegt, ich bin verloren.“ Doch er faßte wieder Muth und ſprach: „Nein, Monſeigneur, nichts, durchaus nichts, als was ich Euch geſtern geſagt habe und Euch zu wieder⸗ holen bereit bin.“ „Sprecht offenherzig, Herr Vanel, iſt der Kauf nicht ein wenig ſchwer für Euch?“ „Allerdings, Monſeigneur, fünfzehnmal hundert⸗ tauſend Livres ſind eine bedeutende Summe.“ „So bedeutend, daß ich mir überlegt hatte.“ „Ihr hattet überlegt, Monſeigneur?“ rief Vanel lebhaft. 1 „Ja, Ihr wäret vielleicht noch nicht im Stande, zu kaufen.“ z „Oh! Monſeigneur...“ „Beruhigt Euch, ich werde Euch nicht wegen eines 62 Wortbruchs tadeln, der offenbar nur von Eurem Unver⸗ mögen herrühren kann.“. „Doch wohl, Ihr würdet mich tadeln, und Ihr hättet Recht, denn es iſt das Benehmen eines Unklugen oder eines Narren, Verbindlichkeiten einzugehen, die er nicht halten kann, und ich habe ſtets eine verabredete Sache als eine abgemachte Sache betrachtet.“ Fouquet erröthete. Aramis machte ein hm! der Ungeduld. „Man müßte es indeſſen bei ſolchen Ideen nicht übertreiben, mein Herr,“ entgegnete der Oberintendant; „denn der Geiſt des Menſchen iſt veränderlich und voll kleiner, ſehr entſchuldbarer, zuweilen ſogar ſehr acht⸗ barer Launen, und was Einer geſtern gewünſcht hat, bereut er heute.“ Vanel fühlte einen kalten Schweiß von ſeiner Stirne über ſeine Wangen herabfließen und ſtammelte: „Monſeigneur!. ℳ Glücklich, den Oberintendanten eine ſo unbefangene Stellung in der Debatte nehmen zu ſehen, ſtützte ſich Aramis mit dem Ellenbogen auf den Marmor eines Wandtiſches und fing an mit einem kleinen goldenen Meſſer, deſſen Griff von Malachit, zu ſpielen. Fouquet ſah ſeine Zeit ab; dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte er: „Höret, mein lieber Herr Vanel, ich will Euch die Lage der Dinge auseinanderſetzen.“ Vanel bebte. „Ihr ſeid ein galanter Mann, und als ein ſol⸗ cher werdet Ihr begreifen,“ fuhr Fouquet fort. Vanel wankte. 3 „Ich wollte geſtern verkaufen..“ „Monſeigneur wollte nicht nur geſtern verkaufen, Monſeigneur hat verkauft,“ unterbrach Vanel den Ober⸗ intendanten.— „Gut! es mag ſein. Doch heute erbitte ich mir 2 5 —8— N 63 von Euch als eine Gunſt, daß Ihr mir das Wort zu⸗ rückgebt, das Ihr geſtern von mir empfangen habt.“ „Dieſes Wort, ich habe es empfangen,“ ſagte Vanel wie ein unbeugſames Echo. „Ich weiß es, deshalb flehe ich Ench an, Herr Vanel, hört Ihr wohld ich flehe Euch an, es mir zu⸗ rückzugeben.“ Fouquet hielt inne. Das Wortt ich flehe Euch an, deſſen unmittelbare Wirkung er nicht ſah, hatte ihm beim Durchgang die Kehle zerriſſen. Aramis, der beſtändig mit ſeinem Meſſer ſpielte, heftete auf Vanel Blicke, die bis in den Grund ſeiner Seele dringen zu wollen ſchienen. Vanel verbeugte ſich und erwiederte:r: „Monſeigneur, ich bin ſehr gerührt von der Chre, daß Ihr mich über eine vollendete Thatſache zu Rathe zieht; aber...“ „Sprecht keine aber, lieber Heir Vanel.“ „Ach! Mouſeigneur, bedenkt doch, daß ich das Geld, ich will ſagen, die Summe mitgebracht habe.“ Vanel öffnete hier ein dickes Portefeuille und fuhr dann fort: „Monſeigneur, hier iſt der Vertrag über den Ver⸗ kauf, den ich mit einem Gute meiner Frau gemacht habe. Die Anweiſung iſt autoriſirt, mit den nöthigen Unterſchriften verſehen, zahlbar nach Sicht; es iſt baa⸗ res Geld, mit einem Wort, das Geſchäft iſt abgethan.“ „Mein lieber Herr Vanel, es gibt kein Geſchäft in der Welt, ſo bedeutend es auch ſein mag, das man nicht rückgängig macht, um zu verbinden...“ „Gewiß,“ murmelte Vanel ungeſchickter Weiſe. „Um einen Mann zu verbinden, aus dem man ſich ſo einen Freund ſchaffen wird,“ fuhr Fouquet fort. „Gewiß, Monſeigneur.“ „Mit um ſo viel mehr Recht einen Freund, Herr Vanel, je bedeutender der geleiſtete Dienſt ſein wird. 64 Nun, mein Herr, laßt hoͤren, wozu entſcheidet Ihr Euch?“ Vanel ſchwieg. Mittlerweile hatte Aramis ſeine Beobachtungen zu⸗ ſammengefaßt. Das ſchmale Geſicht von Vanel, ſeine tiefen Au⸗ genhöhlen, ſeine bogenartig runden Augenbrauen hatten dem Biſchof von Vannes den Typus eines Geizigen und eines Ehrſüchtigen geoffenbart. Eine Leidenſchaft durch eine andere Breſche ſchießen, dies war die Me⸗ thode von Aramis. Er ſah Fouquet beſiegt, entmuthigt, nd warf ſich mit neuen Waffen in den Kampf. „Verzeiht, Monſeigneur,“ ſagte er,„Ihr vergeßt, anel begreiflich zu machen, daß ſeine Intereſſen dieſem Verzicht auf den Verkauf geradezu entgegenge⸗ ſetzt ſind.“ Vanel ſchaute den Biſchof ganz erſtaunt an; auf dieſer Seite eine Hülfsmacht zu finden, hatte er nicht erwartet. Fouquet hielt auch inne, um auf den Bi⸗ ſchof zu hören.. „Herr Vanel,“ fuhr Aramis fort,„Herr Vanel hat, um Eure Stelle zu kaufen, Monſeigneur, ein Gut von ſeiner Frau Gemahlin verkauft; nun wohl! das iſt ein Geſchäft; man deplacirt nicht, wie er es gethan hat, fünfzehnmal hunderttauſend Livres ohne beträcht⸗ liche Verluſte, ohne ſchwere Verlegenheiten.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Vanel, dem Aramis mit ſeinen leuchtenden Blicken die Wahrheit aus dem Grunde des Herzens riß. „Verlegenheiten,“ fuhr Aramis fort,„löſen ſich in Ausgaben auf, und wenn man ein Geldgeſchäft macht, kommen die Geldausgaben unter Nro. 1 bei den Be⸗ ſchwerden.“ „Ja, ja,“ ſagte Fouquet, der die Abſicht von Ara⸗ mis zu errathen anfing. 4 Vanel blieb ſtumm: er hatte begriffen. ᷣ— 8 5 65 Aramis bemerkte dieſe Kälte und dieſe Zurückhal⸗ tung. 3. Gut ⸗ ſagte er zu ſich ſelbſt,„häßliches Geſicht, du ſpielſt den Discreten, bis du die Summe kennſt; doch ſei unbeſorgt, ich will dir einen ſolchen Hagel von Thalern zuſchicken, daß du capituliren wirſt.“ „Wir muͤſſen ſogleich Herrn Vanel hunderttauſend Thaler anbieten,“ ſprach Fouquet von ſeiner Großmuth hingeriſſen. Die Summe war ſchön. Ein Fürſt hätte ſich mit einem ſolchen Reukauf begnügt. Hunderttauſend Thaler waren in jener Zeit die Mitgift einer Königstochter. Vanel rührte ſich nicht. „Das iſt ein Schelm,“ dachte der Biſchof,„er Praucht die runde Summe von fünfmal hunderttauſend ivres.“ Und er machte Fouquet ein Zeichen, „Ihr ſcheint mehr als dieſes ausgegeben zu haben, mein lieber Herr Vanel,“ ſagte der Oberintendant. „Oh! das Geld iſt ſehr theuer. Ja, Ihr werdet bei dem Verkauf dieſes Gutes ein Opfer gebracht haben. Ei! wo hatte ich den Kopf! Ich will Euch eine An⸗ weiſung von fünfmal hunderttauſend Livres unterzeich⸗ nen, und dabei bin ich Euch noch mit ganzem Herzen verbunden.“ Es kam bei Vanel weder Freude, noch Verlangen zum Ausbruch. Seine Phyſtognomie blieb unempfindlich und keine Muskel ſeines Geſichtes bewegte ſich. Aramis ſandte Fouquet einen verzweifelten Blick zu. Dann näherte er ſich Vanel, nahm ihn mit der den Menſchen von großem Gewicht eigenthümlichen Ge⸗ berde oben an ſeinem Wamms und ſagte: „Herr Vanel, es iſt nicht die Klemme, nicht das Aufbringen des Geldes, nicht der Verkauf Eures Gutes, was Euch in Anſpruch nimmt; es iſt ein höherer Ge⸗ danke; ich begreife ihn: Merkt wohl auf meine Worte.“ „Ja, Monſeigneur,“ antwortete Vanel. ein 66 Und der Unglückliche fing an zu zittern; das Feuer der Augen des Prälaten verzehrte ihn. „Ich biete Euch alſo, ich, im Namen des Oberin⸗ tendanten, nicht dreimal hunderttauſend Livres, ſondern eine Million. Eine Million, höret Ihr?“ Und er ſchüttelte ihn mit nervigem Arme. „Eine Million!“ wiederholte Vanel ganz bleich. „Eine Million, das heißt in gegenwärtiger Zeit ſiebenzigtauſend Livres Einkünfte.“ „Ah! mein Herr,“ ſagte Fouquet,„das ſchlägt man nicht aus. Antwortet alſo: nehmt Ihr an 24. „Unmöglich,“ murmelte Vanel. 8 Aramis biß ſich auf die Lippen, und etwas wie eine weiße Wolke zog über ſein Geſicht hin. 3 Man errieth den Blitz hinter dieſer Wolke. Er ließ Vanel nicht los. 8* 8 „Nicht wahr, Ihr habt die Stelle um fünfzehnmal hunderttauſend Livres gekauft? Wohl! man wird Euch dieſe fünfzehnmal hunderttauſend Livres geben. Ihr habt anderthalb Millionen damit gewonnen, daß Ihr Herrn Fouguet beſucht und ſeine Hand berührt. Ehre und Gewinn zugleich, Herr Vanel.“. „Ich kann nicht,“ ſagte Vanel mit dumpfem Ton. „Gut,“ ſprach Aramis, der das Wamms derge⸗ ſtalt zuſammengepreßt hatte, daß Vanel in dem Augen⸗ blick, wo er es losließ, durch die Erſchütterung zurück⸗ geſchleudert wurde;„gut! man ſieht klar genug, was Ihr hier gewollt.“ „Ja, man ſieht es,“ rief Fouquet. 4 „Aber...“ verſetzte Vanel, der ſich von der Acpuiche dieſer zwei Ehrenmänner emporzurichten uchte.. „Der Schurke erhebt die Stimme, denke ich!“ ſprach Aramis mit dem Tone eines Kaiſers. „Schurke!“ wiederholte Vanel. „Das iſt erbärmlich, wollte ich ſagen,“ fügte Ara⸗ mis wieder kalt geworden bei.„Zieht raſch Curen 4 5 Urkunde, die man ihm reichte, nahm er das Concept. Verkaufsvertrag hervor; Ihr müßt ihn ganz fertig in einer von Euren Taſchen haben, wie der Räuber ſeine Piſtole oder ſeinen Dolch unter ſeinem Mantel verbor⸗ gen hält.“ Vanel brummelte. „Genug!“ rief Fouquet,„reicht mir den Vertrag.“ Vanel ſtörte zitternd in ſeiner Taſche; er zog ſein Portefeuille hervor, und aus dem Portefeuille fiel ein Papier, während Vanel Fouquet das andere reichte. Aramis ſchoß auf das Papier zu, deſſen Schrift er erkannte. 5 „Verzeiht, das iſt das Concept der Urkunde,“ ſagte Vanel. „Ich ſehe es wohl,“ erwiederte Aramis mit einem Lächeln, das grauſamer, als ein Peitſchenhieb geweſen wäre,„und dabei bewundere ich, daß dieſes Concept von der Hand von Herrn Colbert iſt.„Seht, Monſeig⸗ neur, ſchaut.“ Er reichte das Concept Fouquet und dieſer erkannte die Wahrheit der Thatſache. Mit Durchſtrichen, mit beigefügten Worten überladen und am Rande ganz ge⸗ ſchwärzt, enthüllte dieſe Urkunde, ein lebendiges Zeug⸗ niß vom Anſchlag Colberts, dem Opfer Alles. „Nun?“ murmelte Fouquet. Ganz niedergeſchmettert, ſchien Vanel ein tiefes Loch zu ſuchen, um ſich darin zu verſenken. „Nun!“ ſprach Aramis,„wenn Ihr nicht Fouquet hießet, und Euer Feind nicht Colbert, wenn Ihr nur dieſen feigen Dieb hier vor Euch hättet, ſo würde ich Euch ſagen: Leugnet, ein ſolcher Beweis hebt jedes Wort auf; doch dieſe Leute würden glauben, Ihr habet Angſt; ſie würden Euch weniger fürchten; nehmt, Monſeigneur.“ Er reichte ihm die Feder und fügte bei: „Unterzeichnet.“— Fouquet drückte Aramis die Hand, doch ſtatt der 68 „Nein, nicht dieſes Papier! ſondern jenes,“ ſagte Aramis lebhaft.„Das andere iſt zu koſtbar, als daß Ihr es nicht behalten ſolltet.“ „Ohl nein,“ entgegnete Fouquet;„ich werde auf der Schrift von Herrn Colbert ſelbſt unterzeichnen, und ich ſchreibe:„„Die Schrift gut geheißen.““ Er unterzeichnete und ſprach dann: „Nehmt, Herr Vanel.“ Vanel ergriff das Papier, gab ſein Geld und wollte entfliehen. „Einen Augenblick Geduld!“ rief Aramis.„Seid Ihr ſicher, daß das Geld richtig iſt? Dergleichen zählt man, Herr Vanel, beſonders wenn es Geld iſt, das Herr Colbert den Weibern ſchenkt. Ahl dieſer würdige Herr Colbert iſt nicht ſo freigebig, wie Herr Fouquet.“ Und jedes Wort, jeden Buchſtaben der Anweiſung einzeln ausſprechend, deſtillirte Aramis ſeinen ganzen Zorn und ſeine ganze Verachtung Tropfen für Tropfen auf dem Elenden, der eine halbe Viertelſtunde lang dieſe Marter erduldete; dann ſchickte man ihn weg, nicht mehr mit der Stimme, ſondern mit der Geberde, wie man einen albernen Bauernburſchen wegſchickt, einen Bedienten wegjagt. Als Vanel ſich entſernt hatte, ſchwiegen der Mi⸗ niſter und der Prälat, einander anſchauend, einen Au⸗ genblick. „Nun?“ ſagte Aramis, der das Stillſchweigen zuerſt brach,„womit vergleicht Ihr einen Menſchen, der, wäh⸗ rend er einen gepanzerten, bewaffneten, wüthenden Feind bekämpfen ſollte, ſeine Waffen wegwirft und ſeinem Gegner freundliche Küſſe zuſendet? Treue und Glauben ſind eine Waffe, der ſich die Schurken häufig gegen die redlichen Leute mit Glück bedienen. Die redlichen Leute müßten daher auch Falſchheit gegen die Schufte an⸗ wenden, Ihr würdet ſehen, wie ſtark ſie wären, ohne aufzuhören, ehrlich zu ſein.“ 69 „Man würde ihre Handlungen ſchuftige Handlun⸗ gen nennen,“ erwiederte Fouquet.. „Keines Wegs; man würde das die Coquetterie der Chrlichkeit nennen. Da Ihr nun mit dieſem Vanel abgeſchloſſen, da Ihr Euch des Glückes beraubt habt, ihn Euer Wort ableugnend niederzuſchmettern, da Ihr ihm gegen Euch die einzige Waffe gegeben habt, die Euch zu Grunde richten kann.“ „Oh! mein Freund,“ ſprach Fouquet traurig,„Ihr ſeid nun wie der philoſophiſche Lehrer, von dem eines Tages la Fontaine ſprach. Er ſteht, daß das Kind er⸗ trinkt, und hält ihm eine Rede in drei Theilen.“ „Philoſoph, ja; Lehrer, ja; Kind, das ertrinkt, ja; doch ein Kind, das man rettet, wie Ihr ſehen wer⸗ det. Sprechen wir vor Allem von den Geſchäften.“ Fouquet ſchaute ihn mit erſtaunter Miene an. „Habt Ihr mir nicht kürzlich einen gewiſſen Plan von einem Feſte in Vaur mitgetheilt?“ „Ah! das war die gute Zeit.“ „Ein Feſt, zu dem ſich der König, glaube ich, ſelbſt eingeladen hatte?“ „Nein, mein lieber Prälat, ein Feſt, zu dem ſich einzuladen Herr Colbert dem König gerathen hatte.“ „Ahl ja, als zu einem Feſte, das zu koſtſpielig witen daß Ihr Euch nicht dabei zu Grunde richten olltet.“ „So iſt es. In der guten Zeit hatte ich, wie ich Euch vorhin ſagte, den Stolz, meinen Feinden die Frucht⸗ barkeit meiner Mittel zu zeigen; ich ſetzte meine Ehre darein, ſie mit Schrecken zu erfüllen, indem ich Millio⸗ nen da ſchuf, wo ſie nur mögliche Bankerotte geſehen hatten; heute aber rechne ich mit dem Staat, mit dem König, mit mir ſelbſt; heute bin ich im Begriff, der Mann der Knickerei zu werden; ich werde der Welt zu beweiſen wiſſen, daß ich mit Pfennigen zu Werke gehe, wie mit Piſtolenſtücken, und von morgen an, . 2——— —*———— 5— 2—. 70 wenn meine Equipagen verkauft, wenn meine Häuſer verpfändet ſind, wenn mein Aufwand eingeſtellt iſt. „Von morgen an,“ unterbrach ihn Aramis ruhig, „von morgen an, mein lieber Freund, werdet Ihr Euch 3 unabläßig mit dem Feſte in Vaux beſchäftigen, das eines Tages unter den heroiſchen Herrlichkeiten Eurer ſchonen Zeit angeführt werden ſoll.“ „Ihr ſeid verrückt, Chevalier d'Herblay.“ „Ich? Das fällt Euch nicht ein.“ „Wie? wißt Ihr denn, was ein Feſt, das ein⸗ fachſte der Welt, in Vaux koſten kann? Vier bis fünf Millionen.“ „Ich ſpreche nicht vom einfachſten der Welt, mein lieber Oberintendant.“ „Da das Feſt dem König gegeben wird, ſo kann es aber nicht einfach ſein,“ eutgegnete Fouquet, der ſich in dem Gedanken von Aramis täuſchte. „Ganz richtig, es muß von der größten Pracht ſein.“ „Dann werde ich zehn bis zwölf Millionen aus⸗ geben.“ „Ihr werdet zwanzig ausgeben, wenn es ſein muß,“ erwiederte Aramis ohne alle Aufregung. „Woher würde ich ſie nehmen?“ rief Fouquet. „Das iſt meine Sache, Herr Oberintendant, ſeid deshalb nicht einen Augenblick unruhig. Das Geld wird ſchneller zu Eurer Verfügung bereit liegen, als Ihr mit dem Plan für Euer Feſt mit Euch im Reinen ſeid.“ „Chevalier! Chevalier!“ rief Fouquet vom Schwin⸗ del ergriffen,„wohin reißt Ihr mich?“ „Auf die andere Seite ves Abgrundes, in den Ihr zu fallen im Begriffe waret,“ antwortete der Biſchof von Vannes.„Hängt Euch an meinen Mantel an und habt nicht bange.“ „Warum habt Ihr mir das nicht früher geſagt, Aramis! Es iſt ein Tag erſchienen, wo Ihr mich mit einer Million gerettet hättet; waͤhrend heute.... N. 1 71 „Während ich heute zwanzig ausgeben werde?u ſagte der Prälat.„Gut, es mag ſein. Doch der Grund iſt einfach, mein Freund: an dem Tag, von dem Ihr ſprecht, hatte ich die nöthige Million nicht zu meiner Verfügung. Heute habe ich leicht die zwanzig Millionen, die ich brauchen werde.“ „Gott höre Euch und rette mich!“ Aramis lächelte wieder auf eine ſeltſame Weiſe wie gewöhnlich und ſprach: „Gott hört mich immer, dies hängt vielleicht davon ab, daß ich ihn ſehr laut bitte.“ „Ich überlaſſe mich Euch ohne Rückhalt.“ „Ohl ſo verſtehe ich es nicht. Ich gehöre Euch ohne Rückhalt. Auch werdet Ihr, der Ihr der feinſte, zarteſte und erfindungsreichſte Geiſt ſeid, das ganze Feſt bis auf die geringſte Einzelheit anordnen. Nur..“ „Nun?“ fragte Fouquet, wie ein Menſch, der ge⸗ wohnt iſt, den Werth der Parentheſen zu fühlen. „Nun wohl! wenn ich Euch die Erfindung der Einzelheiten überlaſſe, ſo behalte ich mir die Ueberwa⸗ chung der Ausführung vor.“ „Wie ſo?“ „Damit will ich ſagen, Ihr werdet aus mir, für dieſen Tag, einen Haushofmeiſter, einen Oberaufſeher, eine Art von Factotum machen; ich werde als Kapitän der Garden und als Verwalter functioniren, die Leute gehen machen und die Schlüſſel der Thüren haben; Ihr ertheilt dann allerdings Eure Befehle, doch Ihr ertheilt ſte mir, ſie gehen durch meinen Mund, um an ihre Beſtimmung zu gelangen, begreift Ihr?“ „Nein, ich begreife nicht.“ „Doch Ihr willigt ein?“ „Bei Gott! ja, mein Freund.“ „Mehr brauche ich nicht. Meinen Dank alſo, und macht die Liſte der Einladungen.“. „Und wen werde ich einladen?⸗ 25 „Alle Welt.“ 8 — 72 IX. Worin es dem Autor ſcheint, es ſei Zeit, zum Vicomte von Zragelonne zurückzukehren. unſere Leſer haben in dieſer Geſchichte parallel die Abenteuer der neuen Generation und die der ver⸗ gangenen ſich entrollen ſehen. Den Einen der Reflex des Ruhmes von Einſt, die Erfahrung der ſchmerzlichen Dinge dieſer Welt. Daher auch der Friede, der ſich des Herzens bemäch⸗ tigt und dem Blute um die Narben, welche grauſame Wunden machten, zu entſchlummern geſtattet. Den Anderen die Kämpfe der Eitelkeit und der Liebe, der bittere Kummer und die unausſprechlichen Freuden: das Leben ſtatt der Erinnerung. Iſt eine Abwechſelung vor den Augen des Leſers bei den Epiſoden dieſer Erzählung aufgetaucht, ſo liegt die Urſache in den fruchtbaren Nuancen, welche aus dieſer doppelten Palette hervorſpringen. Zwei Ge⸗ mälde gehen Seite an Seite, vermengen ſich und ſetzen ihren ſtrengen Ton und ihren freudigen gegenſeitig in Einklang. Die Ruhe der Bewegungen des einen findet ſich im Schooße der Bewegungen des anderen. Nachdem man mit den Greiſen vernünftig abgehandelt, tollt man gern mit den jungen Leuten. Würden die Fäden dieſer Geſchichte nicht hinrei⸗ chend das Kapitel, das wir ſchreiben, mit dem ver⸗ knüpfen, welches wir geſchrieben haben, ſo würde uns das nicht mehr Sorge machen, als es Ruysdael machte, einen Herbſthimmel zu malen, nachdem er einen Früh⸗ ling vollendet hatte. 1 Wir fordern den Leſer auf, ebenſo zu thun und —& N 188 Z R N 8— Raoul zu ſich ſelbſt:„Guiche hat mir geſchrieben, um 73 Raoul von Bragelonne an der Stelle wieder aufzuneh⸗ men, wo ihn unſere letzte Skizze gelaſſen hatte. Trunken, erſchrocken, troſtlos oder vielmehr ohne Vernunft, ohne Willen, ohne einen Entſchluß, entfloh er nach der Scene, deren Ende er bei la Vallidre ge⸗ ſehen hatte. Der König, Montalais, Louiſe, dieſes Zimmer, dieſe ſeltſame Ausſchließung, dieſer Schmerz von Louiſe, dieſer Schrecken von Montalais, dieſer Zorn des Königs, Alles weisſagte ihm ein Unglückl Doch welches? 7 Von London angekommen, weil man ihm eine Ge⸗ fahr verkündigte, fand er mit dem erſten Blick den Schein dieſer Gefahr. War dies nicht genug für eine Liebe? Ja, gewiß, aber es war nicht genug für ein edles Herz, das ſtolz darauf, ſich bei einer der ſeinigen gleichen Redlichkeit der Gefahr auszuſetzen. Raoul ſuchte indeſſen die Erklärungen nicht da, wo ſie ſogleich eiferſüchtige Liebhaber oder ſchüchterne Ehemänner ſuchen. Er ſprach nicht zu ſeiner Gelieb⸗ ten:„Louiſe, liebt Ihr mich nicht mehr? Louiſe, liebt Ihr einen Anderen?“ Ein Mann voll Muth, voll Freund⸗ ſchaft wie er voll Liebe war, gewiſſenhaft, ſeinem Worte getreu, wie er an das Wort Anderer glaubten ſagte mich zu warnen; Guiche weiß etwas, ich will Guiche fuager⸗ was er wiſſe, und ihm ſagen, was ich geſehen abe.“ Der Weg zu dieſem war nicht weit. Vor zwei Tagen von Fontainebleau nach Paris zurückgebracht, fing Guiche an, ſich von ſeiner Wunde zu erholen, und machte ein paar Schritte in ſeinem Zimmer Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er Raoul mit ſeiner Freundſchaftswuth eintreten ſah.. „Raoul ſtieß einen Schmerzensſchrei aus, als er Guiche ſo bleich, ſo abgemagert erblickte. Zwei Worte und die Geberde, die der Verwundete machte, um den Die drei Musketiere. Bragelonne. Vlll. 6 . Arm von Raoul zu entfernen, genügten, um den letz⸗ teren von der Wahrheit zu unterrichten. „Ahl ſo iſt es,“ ſagte Raoul, während er ſich an die Seite ſeines Freundes ſetzte,„man liebt und man ſtirbt.“*. „Nein, nein, man ſtirbt nicht, denn ich ſtehe und ſchließe Euch in meine Arme,“ erwiederte Guiche lächelnd. „Ahl ich verſtehe.“ „Und ich verſtehe Euch auch, Ihr lebt der Ueber⸗ zeugung, ich ſei unglücklich, Raoul?“ „Leider.“ „Nein. Ich bin der glücklichſte der Menſchen, ich leide mit meinem Leib, aber nicht mit meinem Herzen, nicht mit meiner Seele. Wenn Ihr wüßtet... Oh! ich bin der glücklichſte der Menſchen!“ „Ohl deſto beſſer, deſto beſſer, wenn es nur fort⸗ dauert.“ „Ahl ich habe genug bis zu meinem Tode, Raoul.“ „Ihr, das bezweifle ich nicht, doch ſie...“ 3„Hört, Freund, ich liebe ſie... weil... Aber Ihr hört mich nicht.“ „Verzeiht.“ „Ihr ſeid zerſtreut.“ „ Ja... Doch vor Allem, wie ſteht es mit Eurer Geſundheit?“ „Das iſt es nicht.“ „Mein Lieber, ich glaube Ihr hättet Unrecht, mich zu befragen.“ Und er betonte dieſes Ihr ſo, daß er ſeinen Freund völlig über die Natur des Uebels und die Schwierigkeiten des Heilmittels aufflärte. „Ihr ſagt mir das, Raoul, wegen deſſen, was ich Euch geſchrieben habe.“ „Ja... Doch wollen wir nicht hievon ſprechen, wenn Ihr mir Eure Freuden und Eure Leiden bis zum Ende erzählt haben werdet?““ . er 75 „Theurer Freund, ich gehöre Euch, ganz und auf der Stelle Euch.“ „Meinen Dank, ich habe Eile... ich brenne, ich bin von London hierher in der Hälfte der Zeit gekom⸗ men, welche die Staatscourriere gewöhnlich brauchen. Nun! was wolltet Ihr?“— 3 „Nichts Anderes, als Euch zur Rückkehr veran⸗ laſſen.“ 8 4„Woh,, hier bin ich.“ „Dann iſt es gut.“ „Ahl ich denke, es gibt noch etwas Anderes.“ „Meiner Treue, nein!“ „Guiche!“ „Bei meinem Ehrenwort.“ „Ihr habt mich nicht mit Gewalt Hoffnungen ent⸗ riſſen, Ihr habt mich nicht einer Ungnade des Königs durch dieſe Rückkehr ausgeſetzt, die eine Verletzung ſeiner Befehle iſt, Ihr habt mir nicht die Eiferſucht, dieſe Schlange, ins Herz gebunden, um mir zu ſagen: Es iſt gut, ſchlafet ruhig!“ „Ich ſage Euch nicht, ſchlafet ruhig, Raoul, aber begreift mich wohl. Ich will und kann Euch nichts Anderes ſagen.“ „Oh! mein Freund, für wen haltet Ihr mich?2ℳ „Wie ſo?“ „Wenn Ihr wißt, warum verbergt Ihr mir? wenn Ihr nicht wißt, warum warntet Ihr mich?“ „Es iſt wahr. Ich habe Unrecht gehabt. Ahl ſeht Ihr, ich bereue es, Raoul. Es iſt nichts einem Freunde zu ſchreiben: Kommt! aber dieſen Freund vor dem Antlitz haben, ihn ſchauern, unter der Erwartung eines Wortes, was man ihm nicht zu ſagen wagt, keuchen fühlen!“ 4 „Wagt es, ich habe Muth, wenn Ihr keinen habt!“ rief Raoul in Verzweiflung. „Oh! Ihr ſeid ungerecht und vergeßt, daß Ihr es mit einem armen Verwundeten, der Hälfte Eures Her⸗ 76 zens, zu thun habt.. Beruhigt Euch! Ich habe Euch geſchrieben: Kommt! Ihr ſeid gekommen, verlangt nicht mehr von dieſem unglücklichen Guiche.“ „Ihr habt mich kommen heißen, nicht wahr, in der Hoffnung, ich würde ſehen?“ „Aber... „Kein Zögern! Ich habe geſehen.“ „Ah!“ machte Guiche. „Oder ich glaubte wenigſtens...“ „Ihr ſeht, Ihr zweifelt. Doch wenn Ihr zweifelt, mein armer Freund, was bleibt mir zu thun übrig?“ „Ich habe la Vallidre in Verwirrung, Montalais erſchrocken geſehen... den König...“ „Den König?“ „Ja, Ihr wendet den Kopf ab; hier iſt die Ge⸗ fahr, hier iſt das Uebel; nicht wahr, es iſt der König?“ „Ich ſage nichts.“ „Oh! Ihr ſagt tauſend und aber tauſendmal mehr. Ohl ich flehe Euch an, habt Mitleid, nennt mir That⸗ ſachen! mein Freund, mein einziger Freund, ſprecht. Mein Herz iſt tief verwundet, es blutet, ich ſterbe vor Verzweiflung!“ „Wenn dem ſo iſt, mein lieber Raoul, ſo erleich⸗ tert Ihr es mir und ich will ſprechen, überzeugt, daß ich nur tröſtliche Dinge ſage, im Vergleich zu der Verzweiflung, in der ich Euch ſehe.“ „Ich hoͤre... ich höre!..“ „Wohl!“ ſprach der Graf Guiche,„ich kann Euch das ſagen, was Ihr aus dem Munde des Erſten, des Beſten erfahren würdet.“ „Des Erſten, des Beſten? Man ſpricht alſo da⸗ von?“ rief Raoul. „Ehe Ihr ſagt: Man ſpricht davon, erfahret zuerſt, wovon man ſprechen kann. Ich ſchwöre Euch, es han⸗ delt ſich um nichts, was im Grunde nicht ſehr unſchul⸗ dig iſt; vielleicht ein Spaziergang.“ „Ahl ein Spaziergang mit dem König?? — 77 „Ja, mit dem Koͤnig, doch mir ſcheint, der König iſt ſchon ſehr oft mit Damen ſpazieren gegangen, ohne daß deshalb...“. „Ich muß Euch wiederholen, Ihr hättet mir nicht geſchrieben, wäre dieſer Spaziergang ſehr natürlich ge⸗ weſen.“ n weiß, daß der König während dieſes Stur⸗ mes beſſer daran gethan haͤtte, ein Obdach zu ſuchen, als mit entblößtem Haupte vor la Vallière ſtehen zu bleiben, doch...“ „Doch?“ „Der König iſt ſo artig.“ „Ah! Guiche! Guiche] Ihr macht mich ſterben.“ „Schweigen wir alſo.“ „Nein, fahret fort. Auf dieſen Spaziergang folg⸗ ten andere?“ „Nein... das heißt, ja; es iſt das Abenteuer bei der Eiche vorgefallen. Iſt es das? Ich weiß es nicht.“ Raoul ſtand auf. Guiche ſuchte ihn, trotz ſeiner Schwäche, nachzuahmen. „Seht Ihr,“ ſagte er,„ich werde kein Wort mehr beifügen; ich habe zu viel oder zu wenig geſagt. An⸗ dere werden Euch unterrichten, wenn ſie wollen oder wenn ſie können; meine Pflicht war, Euch zu warnen; ich habe es gethan. Ueberwacht Eure Angelegenheiten nun ſelbſt.“ „Ausfragen! ach! Ihr ſeid nicht mein Freund, Ihr, der Ihr ſo mit mir ſprecht,“ ſagte troſtlos der junge Dummkopf, ſo wird er noch Schlimmeres thun. Ah! Guiche, Guiche, ehe zwei Stunden vergehen, werde ich zehn Lügen und zehn Duelle gefunden haben. Rettet mich! iſt es nicht das Beſte, ſein Unglück zu kennen?“ „Aber ich weiß nichts, ſage ich Euch. Ich war * 78 verwundet, lag im Fieber; ich hatte den Geiſt verlo⸗ ren, und habe hievon nur eine oberflächliche, verwiſchte Kenntniß. Doch, bei Gott! wir ſuchen ſehr fern, wäh⸗ rend wir unſern Mann unter der Hand haben. Iſt nicht Herr d'Artagnan Euer Freund?“ „Ohl das iſt wahr! das iſt wahr!“ „Geht alſo zu ihm. Er wird das Licht machen und Eure Augen nicht zu verletzen ſuchen.“ Ein Lackei trat ein. „Was gibt es?“ fragte Guiche. „Man erwartrt den Herrn Grafen im Porzellan⸗ cabinet.“ „Gut. Ihr erlaubt, lieber Raoul. Seitdem ich bin ich ſtolz.“ „Ich würde Euch meinen Arm anbieten, Guiche, erriethe ich nicht, daß die Perſon, die nach Euch ſchickt, eine Frau iſt.“ „Ich glaube, ja,“ erwiederte Guiche lächelnd; und er verließ Raoul.. Dieſer blieb unbeweglich, in Gedanken verſunken, niedergeſchmettert wie der Bergmann, auf den ein Ge⸗ wolbe eingeſtürzt iſt; er iſt verwundet, ſein Blut fließt, ſein Geiſt unterbricht ſich, er ſucht ſich aufzuraffen und ſein Leben mit ſeiner Vernunft zu retten. Einige Mi⸗ nuten genügten Raoul, um die Blendungen dieſer zwei Offenbarungen zu zerſtreuen. Er hatte ſchon den Fa⸗ den ſeiner Ideen wieder aufgegriffen, als er plöͤtzlich durch die Thüre die Stimme von Montalais im Por⸗ zellancabinet zu erkennen glaubte. 1 „Sie!“ rief er.„Ja, es iſt ihre Stimme. O! das iſt eine Frau, die mir die Wahrheit ſagen könnte; doch werde ich ſie hier befragen? Sie verbirgt ſelbſt vor mir. Sie kommt ohne Zweifel im Auftrage von Madame. Ich werde ſie in ihrer Wohnung ſehen. Sie wird mir ihren Schrecken, ihre Flucht, die Unge⸗ gehe, ſſchhicklichkeit, mit der man mich vertrieben hat, erklären; ſie wird mir Alles ſagen, hat mir Herr d'Artagnan, “ — õN 79 der Alles weiß, das Herz wieder geſtärkt. Madame... eine Coquette. Nun wohl! ja, eine Coquette, die aber in ihren guten Augenblicken liebt, eine Coquette, die wie der Tod oder das Leben ihre Laume hat, die aber Guiche ſagen gemacht, er ſei der glücklichſte der Men⸗ ſchen. Dieſer iſt wenigſtens der Roſen ſicher. Vor⸗ wärts!“ Er entfloh aus dem Zimmer des Grafen und kam, während er ſich zum Vorwurf machte, daß er mit Guiche nur von ſich ſelbſt geſprochen, zu d'Artagnan. X. 1 Bragelonne ſetzt ſeine Fragen fort: 3 Der Kapitän hatte den Dienſt, er ſaß im ledernen Lehnſtuhl, den Sporn in den Boden eingedrückt, den Degen zwiſchen den Beinen und las, ſeinen Schnurrbart drehend, viele Briefe. D'Artagnan gab ein Gebrumme der Freude von ſich, als er den Sohn ſeines Freundes erblickte. „Raoul, mein Junge,“ ſagte er,„durch welchen Zu⸗ fall hat Dich der Koͤnig zurückgerufen?“ Dieſe Worte klangen ſchlecht im Ohr des jungen Mannes, er ſetzte ſich und erwiederte: „Meiner Treue, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich zurückgekommen bin.“ 3 „Hm!“ machte d'Artagnan, indem er die Briefe, mit einem Blick voll Abſicht auf Raoul gerichtet, wieder zu⸗ ſammenlegte 8 „Was ſagſt Du da, Junge? der Koͤnig hat Dich 80 nicht gerufen und Du biſt zurückgekommen? Ich be⸗ greife das nicht recht.“ Naoul war ſchon bleich, er rollte ſchon ſeinen Hut mit einer troſtloſen Miene zuſammen. „Was für eine Teufelsmiene machſt Du, und was für ein Leichengeſicht iſt dies?“ rief der Kapitän. „Nimmt man in England dergleichen Manieren an? Mordiour! ich war auch in England und bin munter zeüsgekommen wie ein Fink. Wirſt Du wohl ſpre⸗ chen 77 „Ich habe zu viel zu ſagen.“ „Ahl ahl wie geht es Deinem Vater?“ „Theurer Freund, verzeiht mir, das wollte ich Euch fragen.“ D'Artagnan verdoppelte die Schärfe des Blickes, dem kein Geheimniß widerſtand. „Du haſt Kummer,“ ſagte er. „Be 15 Gott! Ihr wißt es wohl, Herr dArtagnan. ch?“ „Allerdings. Ohl ſpielt nicht den Erſtaunten.“ „Ich ſpiele nicht den Erſtaunten, mein Freund.“ „Mein lieber Kapitän, ich weiß wohl, daß ich im Spiele der Schlauheit, wie in dem der Stärke von Euch geſchlagen würde. In dieſem Augenblick bin ich ein Dummkopf, ein winziges Weſen. Ich habe weder Ge⸗ hirn, noch Arm, verachtet mich nicht, helft mir. Mit finen Worte, ich bin der elendſte der lebenden Men⸗ ſchen.“ „Hol ho! warum das?“ fragte d'Artagnan, indem er ſeinen Gürtel aufſchnallte und ſein Lächeln milderte. „Weil Fräulein de la Vallidre mich betrügt.“ 5 D'Artagnan veränderte das Geſicht nicht. „Sie betrügt Dich! ſie betrügt Dich! das nnd große Worte. Wer hat ſie Dir geſagt?“ 4 „Alle Welt.“ „Ah! wenn es alle Welt geſagt hat, muß eiw 4 Wahres daran ſein. Ich meinerſeits glaube an das +́ eͤ— ——— 81 Feuer, wenn ich den Rauch ſehe. Das iſt lächerlich, aber es iſt ſo.“. „Ihr glaubt alſo?“ rief Bragelonne lebhaft. „Ahl wenn Du Dich an mich hältſt.. „Allerdings.“ „Ich miſche mich nicht in dergleichen Angelegenhei⸗ ten, Du weißt das wohl.“ „Wiel für einen Freund, für einen Sohn!“ „Ganz richtig. Wenn Du ein Fremder wäreſt, würde ich Dir ſagen... ich würde Dir gar nichts ſa⸗ gen. Wie geht es Porthos, weißt Du es?“ „Herr,“ rief Raoul, d'Artagnan die Hand drückend, „im Namen der Freundſchaft, die Ihr meinem Vater gewidmet habt.“ „Ahl Teufel, Teufel! Du biſt ſehr krank... an Neugierde.“ 4 „Nicht an Neugierde, an Liebe.“ „Gut. Abermals ein großes Wort. Wäreſt Du wirklich verliebt, mein theurer Raoul, ſo würde das ein großer Unterſchied ſein.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich ſage, wenn Du von einer ſo ernſten Liebe erfüllt wäreſt, daß ich mich immerhin an Dein Herz zu wenden glauben könnte... Doch das iſt unmöglich.“ „Ich ſage Euch, daß ich Louiſe wahnfinnig liebe.“ D'Artagnan las mit ſeinen Augen im Grunde des Herzens von Raoul. „Unmöglich, ſage ich Dir. Du biſt wie alle jungen Leute; Du biſt nicht verliebt, Du biſt verrückt.“ „Wohll wenn es nur dieſes wäre!““ „Nie hat ein vernünftiger Menſch in einem Scha⸗ del ein Gehirn, das ſich dreht, in Ordnung gebracht. Ich habe mein Latein hundertmal in meinem Leben ver⸗ loren. Du würdeſt mir zuhorchen und mich nicht hoͤ⸗ ren;z hörteſt Du mich, ſo würdeſt Du mich nicht verſte⸗ he zebertändeſt Du mich, ſo würdeſt Du mir nicht ge⸗ orchen.“. 8² „Ohl verſucht es, verſucht es.“ „Ich ſage mehr: wäre ich unglücklich genug, etwas zu wiſſen, und dumm genug, Dir etwas mitzutheilen... Du biſt mein Freund, ſagſt Du?“ „Oh! ja.“ „Wohl! ich würde mich mit Dir entzweien, Du würdeſt mir nie verzeihen, daß ich Deine Illuſton zer⸗ ſtört habe, wie man in der Liebe ſagt.“ „Herr d'Artagnan! Ihr wißt Alles. Ihr laßt mich in der Verwirrung, in der Verzweiflung, im Tod! Das iſt gräßlich!“ „La! la!“ „Ihr wißt, ich ſchreie nie. Da es mir Gott und mein Vater nie verzeihen würden, wenn ich mir mit einem Piſtolenſchuß den Kopf zerſchmetterte, nun! ſo will ich mir das, was Ihr mir verweigert, von dem Erſten dem Beſten erzählen laſſen; ich werde ihn Lügen ſtrafen..“ „Und ihn tödten! Eine ſchöne Geſchichte! Deſto beſſer! Was thut das mir? Toͤdte, mein Junge, todte, wenn es Dir Vergnügen macht. Das iſt wie bei den Leuten, welche Zahnweh haben; ſie ſagen:„„Ohl wie leide ich! ich würde in Eiſen beißen.““ Ich antworte ihnen:„„Beißet, meine Freunde, beißet, der Zahn wird darin bleiben.““ 1 „Ich werde nicht tödten, mein Herr,“ ſprach Raoul mit bitterer Miene. „Ja, oh! ja, das iſt ſo das Weſen von Euch Leuten heut zu Tage, nicht wahr, Ihr werdet Euch tödten laſ⸗ ſen? Ahl wie hübſch iſt das und wie werde ich Euch bedauern! Wie werde ich den ganzen Tag ſagen: Er war ein tüchtiger Dummkopf, der kleine Bragelonne! ein doppelter Einfaltspinſel! Ich hatte mein Leben da⸗ mit zugebracht, daß ich ihn einen Degen gehörig hal⸗ ten lehrte, und der Burſche hat ſich nun ſpießen laſſen, wie ein Vogel. Auf, Raoul! auf, laßt Euch tödten, mein Freund. Ich weiß nicht, wer Euch in der Logik unterrichtet hat; aber, Gott verdamme mich! wie die „ — 83 Engländer ſagen, der hat Eurem Vater das Geld ge⸗ ſtohlen.“ Schweigend drückte Raoul ſeinen Kopf in ſeine Hände und murmelte: „Man hat keine Freunde, nein!“ „Ah! bahl“ rief d'Artagnan. „Man hat nur Spötter oder Gleichgültige.“ „Poſſen! Ich bin, obgleich Gascogner, doch kein Spoͤtter. Und gleichgültig! Wenn ich es wäre, ſo hätte ich Euch ſchon vor einer Viertelſtunde zu allen Teufeln geſchickt, denn Ihr würdet einen freudetollen Menſchen traurig und einen traurigen Menſchen todt machen. Wie, junger Mann, Ihr wollt, daß ich Euch einen Widerwillen gegen Euer Geliebte beibringe und Euch die Frauen verfluchen lehre, die die Ehre und die Se⸗ ligkeit des menſchlichen Lebens ſind?“ „Sprecht, ſprecht, und ich werde Euch ſegnen.“ „Ei! mein Lieber, glaubt Ihr, ich habe mir das Gehirn mit allen den Geſchichten vom Schreiner und vom Portraitmaler und mit tauſend andern Erzählun⸗ gen, um ſtehend zu ſchlafen, vollgepfropft? „Ein Schreiner? was bedeutet dieſer Schreiner?“ „Meiner Treue, ich weiß es nicht; man hat mir geſagt, es ſei ein Schreiner geweſen, der einen Boden durchbrochen.“ „Bei la Vallière?“ „Ahl ich weiß nicht, wo.“ „Beim König?“ „Gutl wenn es beim Koͤnig waͤre, würde ich es Dir wohl ſagen, nicht wahr?”“ „Bei wem denn?“ „Seit einer Stunde bringe ich mich damit um, daß ich Dir wiederhole, ich wiſſe es nicht.“ „Aber der Maler alſo? Das Portrait?“ „Es ſcheint, der König hat das Portrait einer Dame vom Hofe malen laſſen.“ „Von la Vallidère?“ 84 „Ei! Du haſt nur dieſen Namen im Mund. Wer ſpricht von la Vallière?“ „Wen ſoll es auch denn berühren, wenn nicht von ihr die Rede iſt?“ „Es ſoll Dich nicht berühren. Aber Du befragſt mich und ich antworte Dir. Du willſt die Chronik der Scandale kennen, ich gebe ſie Dir. Ziehe Deinen Nutzen daraus.“ Raoul ſchlug ſich voll Verzweiflung vor die Stirne und rief: „Das iſt zum Sterben!“ „Du haſt es ſchon geſagt!“ „Ja, Ihr habt Recht.“ Und er machte einen Schritt, um ſich zu entfernen. „Wohin gehſt Du?“ fragte d'Artagnan. „Ich will Jemand aufſuchen, der mir die Wahr⸗ heit ſagen wird.“ „Wen?“ „Eine Frau.“ „Fraͤulein de la Vallisre ſelbſt, nicht wahr?“ verſetzte d'Artagnan mit einem Lächeln.„Ah! Du haſt da einen herrlichen Gedanken; Du ſuchteſt getröſtet zu werden, Du wirſt es ſogleich ſein. Sie wird Dir nichts Schlimmes von ſich ſelbfl ſagen.“ „Ihr täuſcht Euch, mein Herr,“ entgegnete Raoul, „die Frau, an die ich mich wende, wird mir viel Schlimmes ſagen.“ „Ich wette, Montalais.“ „Ja, Montalais.“ „Ah! ihre Freundin. Eine Fxau, die, in ihrer Eigenſchaft, das Gute oder das Böſe ſtark übertreiben wird! Sprich nicht mit Montalais, mein guter Raoul.“ 1 von Montalais fern zu halten.“ „Wohl, ich geſtehe es. Warum ſollte ich übrigens im Ganzen mit Dir ſpielen, wie die Katze mit einer „Das iſt nicht der Grund, der Euch antreibt, mich n. ⸗ tal 8⁵ armen Maus. Es thut mir leid um Dich. Und wenn ich wünſche, daß Du in dieſem Augenblick nicht mit Montalais ſprechen mögeſt, ſo geſchieht es, weil Du Dein Geheimniß preisgeben wirſt, und weil man es mißbrauchen wird. Warte, wenn Du kannſt.“ „Ich kann nicht.“ „Deſto ſchlimmer. Siehſt Du, Raoul, wenn ich einen Gedanken hätte, aber ich habe keinen.“ „Verſprecht mir, mein Freund, mich zu beklagen, das wird mir genügen, und laßt mich dieſe Sache all⸗ ein abmachen.“ „Ah! ja wohll daß Du im Koth ſtecken bleibſt! das wäre nicht übel. Setze Dich hierher an dieſen Tiſch und nimm die Feder.“ „Warum dies?“ „Um an Montalais zu ſchreiben und ſie um eine Zuſammenkunft zu bitten.“ „Ah!“ rief Raoul, während er auf die Feder zu⸗ ſtürzte, die ihm der Kapitän bot. Plötzlich öffnete ſich die Thüre, ein Musketier näherte ſich d'Artagnan und ſprach: „Mein Kapitän, Fräulein von Montalais möchte Euch gern ſprechen.“ „Mich?“ murmelte d'Artagnan.„Sie trete ein, und Wih Berde wohl ſehen, ob ich es, bin, den ſte ſprechen wollte.“ Der ſchlaue Kapitän hatte richtig gerochen. Montalais ſah bei ihrem Eintritt Raoul und rief: „Mein Herr! mein Herr! verzeiht, Herr d'Ar⸗ tagnan.“. „Ich verzeihe Euch, mein Fräulein,“ erwiederte d'Artagnan,„ich weiß, daß in meinem Alter diejenigen, welche mich ſuchen, meiner ſehr bedürfen.“ „Ich ſuchte Herrn von Bragelonne,“ ſagte Mon⸗ ais. „Wie ſich das gut trifft! er ſuchte Euch ebenfalls. Raoul, wollt Ihr nicht mit dem Fraͤulein gehen 4 „Von Herzen gern.“ „Geht alſo.“ „Und er ſchob Raoul ſanft aus dem Cabinet; dann nahm er Montalais bei der Hand und ſagte leiſe zu ihr: „Seid ein gutes Mädchen, ſchonet ihn und ſchonet ſie. „Ah!“ erwiederte ſie in demſelben Ton,„nicht ich werde mit ihm ſprechen.“ „Wie ſo?“ „Es iſt Madame, die ihn holen läßt.“ „Ahl gut!“ rief d'Artagnan,„es iſt Madame. Eher eine Stunde vergeht, wird der arme Junge geheilt ein!“ „Oder todt,“ verſetzte Montalais mitleidig.„Ge⸗ habt Euch wohl, Herr d'Artagnan.“ Und ſie lief Raoul nach, der unfern von der Thüre ſehr beſorgt, ſehr unruhig über dieſen Zwieſprach, welcher nichts Gutes weisſagte, auf ſie wartete. XI. Eiferſucht auf zwei Seiten. Die Liebenden find zärtlich gegen Alles, was mit ihrer Geliebten in Berührung ſteht. Raoul ſah ſich nicht ſo bald mit Montalais allein, als er ihr voll In⸗ brunſt die Hand küßte. 4 „Laßt das,“ ſprach traurig das Mädchen.„Ihr legt die Küſſe mit Verluſt des Kapitals an. Mein lie⸗ ber Raoul, ich garantire Euch ſogar dafür, daß ſte Euch nicht einmal Intereſſe tragen werden.“ —-O—— 5* 87 „Wiel was?. Erklärt Euch, Aure.“ 3. „Madame wird Euch Alles erklären. Zu ihr führe un. ich Euch.“ r:„Wie!..“— „„Stille! und keine ſolche erſchrockene Blicke! Die ch Fenſter haben hier Augen, die Waͤnde weite Ohren. Habt die Güte, mich nicht mehr anzuſchauen, macht mir das Vergnügen, laut über den Regen, über das ſchöne Wetter, über die Annehmlichkeiten Englands mit e. mir zu ſprechen.“ ilt„ 1 „Ah! ich ſage Euch zum Voraus, daß Madame e⸗ irgendwo, ich weiß nicht wo, aber irgendwo ein offenes Auge und ein geſpanntes Ohr haben muß. Ihr be⸗ re greift, ich bekümmere mich nichts darum, ob man mich er wegjagt oder in die Baſtille ſchickt. Sprechen wir, . ſage ich Euch, oder ſprechen wir vielmehr nicht?“ Raoul preßte die Fäuſte zuſammen, hob den Fuß auf und machte die Miene eines Mannes von Herz, es iſt nicht zu leugnen, aber eines Mannes von Herz, der zur Folterbank geht. Das Auge in Verwunderung, den Gang leicht, den Kopf im Wind, ſchritt ihm Montalais voran. Raoul wurde ſogleich in das Cabinet von Madame eingeführt. „Gut!“ dachte er,„dieſer Tag wird vorübergehen, ohne daß ich etwas erfahre. Guiche hat zu viel Mitleid mit mir gehabt, er hat ſich mit Madame verſtändigt und durch ein freundſchaftliches Komplott verſchieben t Beide die Löſung des Räthſels. Warum habe ich nicht hier einen guten Feind.. die Schlange Wardes zum Bei⸗ ⸗ ſpiel; er würde allerdings beißen, aber ich würde nicht— mehr zögern. Zögern... zweifeln... lieber ſterben.“ -x Raoul war vor Madame. Reizender als je ſaß Henriette halb zurückgelehnt, ihre niedlichen Füße auf einem geſtickten Sammetkiſſen, in einem Fauteuil; ſie ſpielte mit einer kleinen Katze —— mit buſchigen Haaren, die ihr zart in die Finger biß und ſich an die Spitzen an ihrem Kragen anhing. Madame dachte nach; ſie dachte tief und bedurfte der Stimme von Montalais, der von Raoul, um ſie aus dieſer Träumerei aufzuwecken. 1 „Eure Hoheit hat mich rufen laſſen?“ wiederholte Raoul. 1 Madame ſchüttelte den Kopf, als ob ſie erwachte. „Guten Morgen, Herr von Bragelonne,“ ſagte ſie, „ja, ich habe nach Euch verlangt: Ihr ſeid alſo von England zurückgekehrt?“ „Im Dienſte Eurer königlichen Hoheit.“ „Ich danke. Laßt uns allein, Montalais.“ Montalais ging hinaus. „Ihr könnt mir wohl einige Minuten ſchenken, nicht wahr, Herr von Bragelonne?“ „Mein ganzes Leben gehört Eurer Königlichen Hoheit,“ erwiederte ehrfurchtsvoll Raoul, der etwas Düſteres unter allen dieſen Höflichkeiten von Madame errieth, und dem dieſes Düſtere nicht mißſiel, denn er war überzeugt, daß dabei eine gewiſſe Verwandtſchaft der Gefühle von Madame mit den ſeinigen obwalte. Alle geſcheite Leute des Hofes kannten in der That den launenhaften Willen und den phantaſtiſchen Deſpo⸗ tismus des ſeltſamen Charakters von Madame. Es war Madame durch die Huldigungen des Kö⸗ nigs über die Maßen geſchmeichelt worden, Madame hatte von ſich ſprechen gemacht und der Königin die tödtliche Eiferſucht eingefloßt, die der nagende Wurm jeder weiblichen Glückſeligkeit iſt. Madame hatte ſich, um einen verwundeten Stolz zu heilen, ein verliebtes Herz gemacht. 3 Wir wiſſen, was Madame gethan, um den durch Ludwig XIV. entfernten Raoul zurückzurufen. Ihren Brief an Karl II. kannte Raoul nicht, aber d'Artag⸗ nan hatte ihn wohl errathen., 3 Dieſe unerklärliche Miſchung von Liebe und Eitel⸗ 89 keit, dieſe unerhörten Zärtlichkeiten, dieſe ungeheuren 5 Treuloſigkeiten, wer wird ſie erklären? Niemand, nicht einmal der boͤſe Engel, der die Gefallſucht im Herzen der Frauen entzündet. „Herr von Bragelonne,“ ſagte die Prinzeſſin,„ſeid t Ihr zufrieden zurückgekommen 24 R„Zufrieden!“ erwiederte Raoul,„womit ſoll ich zufrieden oder unzufrieden ſein, Madame?“ 8.„Womit kann ein Mann von Eurem Alter und e. von Eurem Ausſehen zufrieden oder unzufrieden ſein?“ 5„Wie raſch ſie zu Werke geht,“ dachte Raoul er⸗ ſchrocken:„was will ſie meinem Herzen einblaſen?“ Aengſtlich über das, was er erfahren ſollte, und darauf bedacht, den ſo erſehnten, aber ſo furchtbaren n Augenblick, wo er Alles erfahren würde, zu verſchieben, , antwortete Raoul: en„Madame, ich ließ einen zärtlichen Freund in gu⸗ a ter Geſundheit zurück und fand ihn krank wieder.“ mne„Sprecht Ihr von Herrn von Guiche?“ verſetzte er Madame Henriette mit einer unſtörbaren Ruhe,„er aft iſt, wie ich höre, ein ſehr theurer Freund von Euch.“ „Ja, Madame.“ hat„Nun wohll es iſt wahr, er iſt verwundet wor⸗ 65 den, doch es geht beſſer bei ihm; oh! Herr von Guiche iſt nicht zu beklagen,“ ſagte ſie raſch; dann ſich Kö⸗ wieder faſſend, fügte ſie bei; 3„Iſt er zu beklagen? hat er ſich beklagt? hat er 8 irgend einen Kummer, den wir nicht kennen würden?“ arm„Ich ſpreche nur von ſeiner Wunde, Madame.“ ſich,„Ah! gut, denn im Uebrigen ſcheint Herr von btes Guiche ſehr glücklich zu ſein, man ſieht ihn in heiterer Laune. Ah! Herr von Bragelonne, ich bin überzeugt, urch es würde Eurer Wahl entſprechen, wie er, am Leibe Fen verwundet zu ſein. Was iſt eine Wunde am Leibe!“ * Raoul bebte. 4 Aaohe kommt darauf zurück,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „„Ach!“ 1 itel⸗. Die drei Musketiere, Bragelonne VIll. 7 4 90 Er antwortete nichts. „Wie beliebt?“ fragte ſie. „Ich habe nichts geſagt, Madame.“ „Ihr habt nichts geſagt, Ihr mißbilligt meine Anſicht, Ihr ſeid alſo zufrieden?“ Raoul naͤherte ſich der Prinzeſſin und ſprach: „Madame, Eure Königliche Hoheit will mir etwas ſagen, und ihr natürlicher Edelmuth treibt ſie an, be⸗ hutſam mit ihren Worten zu ſein. Eure Hoheit wolle ohne„Schonung zu Werke gehen: ich bin ſtark und ich hore. 1 gähl erwiederte Henriette,„was begreift Ihr nun?“ „Was mir Eure Hoheit begreiflich machen will,“ ſagte Raoul. Und er zitterte unwillkührlich, während er dieſe Worte ſprach. 4„In der That,“ erwiederte die Prinzeſſin,„es iſt grauſam, doch da ich einmal angefangen habe...“ „Ja, Madame, da Eure Hoheit anzufangen die Gnade gehabt hat, wolle ſie auch vollenden.“ Henriette ſtand haſtig auf, machte ein paar Schritte im Zimmer und fragte dann plötzlich: „Was hat Euch Herr von Guiche geſagt?“ „Nichts, Madame.“ erkenne ich ihn hieran.“ „Er wollte mich ohne Zweifel ſchonen.“ „Und das nennen die Freunde Freundſchaft. Aber Herr d'Artagnan, den Ihr ſo eben verlaſſen, er hat mit Euch geſprochen?“ 4 „Nicht mehr, als Guiche, Madame.“ Henriette machte eine Bewegung der Ungeduld „Ihr wißt wenigſtens Alles, was der Hof ren hat?“ ſagte ſie.* „Ich weiß gar nichts, Madame.“ 3 „Nichts! er hat Euch nichts geſagt? Oh! wie 2 ie er at „ 8 6 91 „Nicht die Scene vom Sturm?“ „Nicht die Scene vom Sturm.“ „Nicht das Zuſammenſein unter vier Augen im Walde?“ „Nicht das Zuſammenſein im Walde.“ „Nicht die Flucht nach Chaillot?“ 1 Raoul, der ſich neigte wie die von der Sichel ab⸗ geſchnittene Blume, ſtrengte ſich übermenſchlich an, um zu lächeln, und antwortete mit unendlicher Milde: „Ich habe die Ehre gehabt, Eurer Königlichen Ho⸗ heit zu ſagen, daß ich durchaus nichts weiß, ich bin ein armer Vergeſſener, der von England ankommt.“ Zwiſchen den Leuten hier und mir waren ſo viele rauſchende Wellen, daß der Lärmen von allen den Dingen, von denen Eure Hoheit ſpricht, nicht zu mei⸗ nen Ohren gelangen konnte.“ Henriette war gerührt von dieſem Blicke, von die⸗ ſer Zahmheit, von dieſem Muth. Das vorherrſchende Gefühl ihres Herzens in dieſem Augenblick war ein lebhaftes Verlangen, das Andenken an diejenige, welche ihn ſo leiden machte, bei dem ar⸗ men Liebenden zu tilgen. „Herr von Bragelonne,“ ſagte ſie,„was Euer Freund nicht thun wollte, will ich für Euch thun, den ich ſchätze und liebe. Ich werde Eure Freundin ſein. Ihr tragt hier den Kopf wie ein ehrlicher Mann, und ich will nicht, daß Ihr ihn unter der Lächerlichkeit beuget. In acht Tagen würde man ſagen unter der Verachtung.“. „Ah!“ machte Raoul leichenbleich,„iſt es ſchon ſo weit?“ „Wenn Ihr nichts wißt, ſo ſehe ich doch, daß Ihr erröthet; nicht wahr, Ihr waret mit Fräulein de la Vallisre verlobt?“ „Ja, Madame.“ 1 „Unter dieſem Titel bin ich Euch eine Kunde ſchuldig; da ich Fräulein de la Vallière binnen Kur⸗ zem aus meinem Hauſe wegjagen werde...“ „La Valliére wegjagen 1“ rief Bragelonne. „Allerdings. Glaubt Ihr, ich werde ſtets Rück⸗ ſicht auf Thränen und Jeremiaden des Königs nehmen? Nein, nein, mein Haus wird nicht länger für derglei⸗ chen Gebräuche bequem ſein; doch Ihr wankt...“ „Nein, Madame, verzeiht!“ erwiederte Bragelonne, der ſich zuſammenzuraffen ſuchte;„ich glaubte nur, ich würde ſterben. Eure Königliche Hoheit erwies mir die che mir zu ſagen, der König habe geweint, ge⸗ eht... „Ja, doch vergebens.“ Und ſie erzählte Raoul die Seene von Chaillot und die Verzweiflung des Königs bei der Rückkehr; ſie erzählte von ſeiner Nachſicht gegen ſie ſelbſt und von dem furchtbaren Wort, mit dem die verletzte Prin⸗ zeſſin, die gedemüthigte Coquette den königlichen Zorn niedergeſchmettert hatte. Raoul neigte das Haupt. „Was denkt Ihr davon?“ ſagte ſie. „Der König liebt ſie⸗“ erwiederte er. „Ihr ſeht aber aus, als ob Ihr ſagen wolltet, ſie liebe ihn nicht.“ „Ach! ich gedenke noch der Zeit, wo ſie mich ge⸗ liebt hat, Madame.“ 3 Henriette hatte einen Augenblick der Bewunderung für dieſe hochherzige Ungläubigkeit, dann aber zuckte ſie die Achſeln und ſprach: „Ihr glaubt mir nicht. Oh! wie liebt Ihr ſie und Ihr bezweifelt, daß ſie den Koͤnig liebe.“ „Bis zum voͤlligen Beweiſe. Verzeiht, ich habe ihr Wort, und ſie iſt ein edles Mädchen.“ „Bis zum Beweiſe?... Wohl! es ſei, kommt.“ XII. Hausſuchung. Die Prinzeſſin ſchritt Raoul voran, führte ihn durch den Hof nach dem Mittelgebäude, das la Vallidre bewohnte, ſtieg die Treppe hinauf, welche Raoul am Morgen hinaufgeſtiegen war, und blieb vor der Thüre des Zimmers ſtehen, wo dem jungen Mann ein ſo ſeltſamer Empfang von Montalais zu Theil geworden. Der Augenblick war gut gewählt, um den von Madame Henriette gefaßten Plan auszuführen, das Schloß war leer. Der König, die Höflinge, die Da⸗ men hatten ſich nach Saint⸗Germain begebem; Madame allein hatte, da ſie die Rückkehr von Bragelonne wußte und einen Vortheil aus dieſer Rückkehr zu ziehen ge⸗ dachte, eine Unpäßlichkeit vorgeſchützt und war zu Hauſe geblieben. Madame war alſo ſicher, ſie werde das Zimmer von la Vallisre und die Wohnung von Saint⸗Aignan leer finden. Sie zog einen Hauptſchlüſſel aus ihrer Taſche und öffnete die Thüre ihres Ehrenfräuleins. Das Auge von Bragelonne tauchte in dieſes Zim⸗ mer, das er erkannte, und der Eindruck, den der Anblick deſſelben auf ihn machte, war eine der erſten Martern, die ſeiner harrten.. Die Prinzeſſin ſchaute ihn an, und ihr geübtes Auge konnte wahrnehmen, was in dem Herzen des jungen Mannes vorging.. „Ihr habt Beweiſe von mir verlangt,“ ſagte ſie, „ſeid alſo nicht erſtaunt, wenn ich ſie Euch gebe; haltet Ihr Euch aber nicht muthig genug, um ſie zu ertragen, ſo iſt es noch Zeit, ziehen wir uns zurück.“ „Ich danke, Madame, doch ich bin gekommen, um 94 überzeugt zu werden,“ erwiederte Bragelonne,„Ihr habt verſprochen, mich zu überzeugen, überzeugt mich.“ „Tretet ein und ſchließt die Thüre hinter uns.“ Bragelonne gehorchte und wandte ſich gegen die Prinzeſſin um, die ihn mit dem Blick befragte: „Ihr wißt, wo Ihr ſeid?“ fragte Madame Hen⸗ e. „Alles läßt mich glauben, Madame, daß ich im Zimmer von Fräulein de la Valliére bin!“ „So iſt es.“ „Aber ich erlaube mir, Eurer Hoheit zu bemerken, daß dieſes Zimmer ein Zimmer und kein Beweis iſt.“ „Wartet.“ Die Prinzeſſin ging auf den Fuß des Bettes zu, rückte den Windſchirm zurück, bückte ſich nach dem Bo⸗ den und ſagte zu Raoul: „Bückt Euch ſelbſt und hebt dieſe Fallthüre auf.“ „ Dieſe Fallthüre!“ rief Raoul ganz erſtaunt, denn die Worte von d'Artagnan tauchten allmälig wieder in ſeinem Gedächtniß auf, und er erinnerte ſich, daß der Musketier unbeſtimmt dieſes Wort ausgeſprochen hatte. Raoul ſuchte mit den Augen, doch vergebens, eine Spalte, die eine Oeffnung bezeichnen, oder einen Ring, der irgend einen Theil des Bodens aufzuheben helfen würde.— „Ah! es iſt wahr,“ ſagte lachend Madame Hen⸗ riette, ich vergaß die verborgene Feder: am vierten Blatt des Bodens auf die Stelle drucken, wo das Holz einen Knorren hat, das iſt die Inſtruction; drückt ſelbſt darauf, Vicomte, drückt, es iſt hier.“ Bleich wie ein Todter drückte Raoul den Daumen auf die bezeichnete Stelle, die Feder ſpielte in der That ſogleich und die Fallthüre hob ſich von ſelbſt. „ Das iſt ſehr ſinnreich,“ ſagte die Prinzeſſin,„und man bemerkt, daß der Architekt vorhergeſehen, es wäre riett eine kleine Hand, die dieſe Feder benützen ſollte: ſeht, wie ſich die Fallthüre ganz von ſelbſt öͤffnet.“ dlz der ire ht, 95 „Eine Treppe!“ rief Raoul. „Ja, und zwar eine ſehr zierliche,“ ſagte die Prinzeſſin.„Seht, Vicomte, die Treppe hat ein Ge⸗ länder, das dazu beſtimmt iſt, den Sturz delicater Per⸗ ſonen zu verhindern, welche hinabzuſteigen wagen wür⸗ den; ich kann es darum auch wohl wagen. Folgt mir, Vicomte, folgt mir.“ „Ehe ich Euch folge, ſagt mir, Madame, wohin dieſe Treppe führt?“ „Ah! es iſt wahr, ich vergaß das.“ „Ich höre, Madame,“ ſprach Raoul, der kaum noch athmete. „Ihr wißt vielleicht, daß Herr von Saint⸗Aig⸗ nan früher Thüre an Thüre beim König wohnte?“ „Ja, Madame, ich weiß das, es war ſo vor mei⸗ ner Abreiſe, und mehr als einmal hatte ich die Ehre, ihn in ſeiner alten Wohnung zu beſuchen.“ „Nun wohl! es ward ihm vom König geſtattet, dieſe bequeme und ſchöne Wohnung, die Ihr kennt, ge⸗ gen die zwei kleinen Zimmer zu vertauſchen, zu denen dieſe Treppe führt, und die eine Wohnung bilden, welche zweimal kleiner und zehnmal entfernter von der des Königs iſt, deren Nähe die Herren vom Hofe in der Regel doch nicht verachten.“ „Sehr gut, Madame, doch fahret fort, ich bitte Euch, denn ich verſtehe Euch noch nicht ganz.“ „Nun wohl!“ fuhr die Prinzeſſin fort,„es hat ſich zufällig gefunden, daß die Wohnung von Saint⸗ Aignan unter denen von meinen Fräulein liegt und beſonders unter der von la Vallidère!“ „Doch zu welchem Ende dieſe Fallthüre und dieſe Treppe?“* „Ah! ich weiß es nicht! Wollen wir zu Herrn von Saint⸗Aignan hinunterſteigen? Vielleicht werden wir dort die Erklärung des Räthſels finden.“— zi Mnd Madame gab das Beiſpiel und ſtieg ſelbſt inab. 1 5 96 Raoul folgte ihr ſeufzend. Jede Stufe, die unter den Füßen von Bragelonne krachte, ließ ihn um einen Schritt in das geheimniß⸗ volle Gemach dringen, das noch die Seufzer von la Vallière und die ſuͤßeſten Düfte ihres Körpers enthielt. Durch keuchendes Athemholen die Luft einziehend, erkannte Raoul, das Mädchen müſſe hier geweſen ſein. Dann nach dieſen Duftungen, unſichtbaren, aber ſicheren Beweiſen, kamen die Blumen, die ſie liebte, die Bücher, die ſie gewählt hatte. Wäre Raoul ein einziger Zweifel geblieben, er hätte ihn verloren bei dieſer gehei⸗ men Harmon ie des Geſchmacks und der Bündniſſe des Gei⸗ ſtes mit dem Gebrauch der Gegenſtände, die das Leben begleiten. La Vallidre war für Bragelonne in leben⸗ diger Gegenwart im Zimmergeräthe, in der Wahl der Stoffe, ſogar in der Reflexion des Bodens. Stumm und niedergeſchmettert, hatte er nichts mehr zu erfaſſen, und er folgte ſeiner Führerin nur noch, wie der arme Sünder ſeinem Henker folgt.— Grauſam wie eine zarte und nervöſe Frau, erließ ihm Madame nicht die geringſte Einzelheit. Doch es iſt nicht zu leugnen, trotz der Apathie, in die er verfallen, würde keine von dieſen Einzelheiten, wäre er auch allein geweſen, Raoul entgangen ſein. Das Glück der Frau, die er liebt, kommt ihr dieſes Glück von einem Nebenbuhler zu, iſt eine Marter für einen Eiferſüchtigen. Aber für einen Eiferſüchtigen, wie es Raoul war, für dieſes Herz, das ſich zum erſten Mal mit Galle ſchwängerte, war das Glück von Louiſe ein ſchmählicher Tod, der Tod des Leibes und der Seele. Er errieth Alles, die Hände, die ſich gedrückt, die Geſichter, die ſich genähert und vor dem Spiegel ver⸗ maählt, eine Art von Schwur, der ſo ſüß für die Lie⸗ benden, die ſich zweimal ſehen, um das Gemälde beſſer in ihre Erinnerung einzugraben. Er errieth den unſichtbaren Kuß unter den dichten, 97 frei herabfallenden Thürvorhängen. Er übertrug in fieberhafte Wonne die Beredſamkeit der in ihren Schatten verborgenen Ruhebetten. Dieſer Lurus, dieſe Bequemlichkeit voll Berauſchung, dieſe ängſtliche Sorge, dem geliebten Gegenſtand jedes Mißbehagen zu erſparen oder ihm eine anmuthreiche Ueberraſchung zu bereiten, dieſe Macht der durch die königliche Gewalt vermehrten Liebe brachten Raoul einen tödtlichen Schlag bei. Ohl wenn es eine Milderung für die ſtechenden Schmerzen der Eiferſucht gibt, ſo iſt es die niedrigere Lebensſtellung des Mannes, den man uns vorzieht; waͤhrend im Gegentheil, wenn es eine Hoͤlle in der Hölle, eine in der Sprache namenloſe Qual gibt, dies die mit der Jugend, der Schoͤnheit, dem Liebreiz zur Verfügung eines Nebenbuhlers ge⸗ ſtellte Allmacht iſt. In ſolchen Augenblicken ſcheint Gott ſelbſt gegen den verſchmähten Liebhaber Partei ergriffen zu haben. Dem armen Raoul war ein letzter Schmerz vor⸗ behalten. Madame Henriette hob einen ſeidenen Vor⸗ hang auf, und hinter dieſem Vorhang erblickte er das Portrait von la Vallidre. Nicht nur von la Vallidre, ſondern von la Valliére jung, ſchoͤn, freudig, das Le⸗ ben durch alle Poren einathmend, weil mit achtzehn Jahren das Leben die Liebe iſt. 5 „Louiſe,“ murmelte Bragelonne,„Louiſe, es iſt alſo wahr! Oh! Du haſt mich nie geliebt, denn nie haſt Du mich ſo angeſchaut!“ Und es war ihm, als würde ſein Herz in ſeiner Bruſt zuſammengedreht. Madame blickte ihn faſt neidiſch über dieſen Schmerz an, obgleich ſie wußte, daß ſie nichts zu beneiden hatte, und daß ſie von Guiche geliebt war, wie la Vallière von Bragelonne. Raul gewahrte dieſen Blick von Madame Hen⸗ riette und rief: „Ahl verzeiht, verzeiht, ich weiß, ich müßte, da ich e vor Euch bin, mehr Herr über mich ſein. Aber moͤchte der Gott des Himmels und der Erde Euch nie mit dem Schlage berühren, der mich in dieſem Augenblicke trifft: denn Ihr ſeid eine Frau und könntet, ohne Zweifel, einen ſolchen Schmerz nicht ertragen. Verzeiht, ich bin nur ein armer Edelmann, während Ihr von dem Geſchlechte der Glücklichen, der Allmächtigen, der Aus⸗ erwählten ſeid.“ „Herr von Bragelonne,“ erwiederte Henriette,„ein Herz wie das Eurige verdient die theilnehmende Sorge und die Rückſichten des Herzens einer Köͤnigin. Ich bin Eure Freundin, mein Herr, ich wollte auch nicht, daß Euer ganzes Leben durch die Treuloſigkeit vergiftet oder durch die Lächerlichkeit befleckt werden ſollte. Ich bin es, die Euch, muthiger, als alle angebliche Freunde, — ich nehme Herrn von Guiche aus— von London zurückkommen ließ; ich bin es, die Euch die ſchmerz⸗ lichen, aber nothwendigen Beweiſe liefert, welche Euch zur Heilung gereichen werden, wenn Ihr ein muthiger iebender und nicht ein träumeriſcher Amadis ſeid. Dankt mir nicht, beklagt mich vielmehr und dient nichts⸗ deſtoweniger dem König gut.“ Raoul lächelte voll Bitterkeit und ſprach: „Ah! ich vergaß das, der König iſt mein Herr.“ „Es handelt ſich um Eure Freiheit, um Euer Le⸗ ben,“ rief Madame. Ein klarer, durchdringender Blick von Raoul be⸗ lehrte Madame Henriette, ſie täuſche ſich und ihr letztes Beweismittel gehöre nicht zu denjenigen, welche dieſen jungen Mann zu berühren vermöchten. „Nehmt Euch in Acht, Herr von Bragelonne,“ ſagte ſte,„legtet Ihr Eure Handlungen nicht auf die Wagſchale, ſo würdet Ihr einen Fürſten in Zorn ver⸗ ſetzen, der geneigt iſt, ſich über alle Schranken der Ver⸗ nunft hinaus zu erboſen. Ihr würdet Euren Freunden und Eurer Familie unſäglichen Schmerz bereiten“: beugt Euch nieder, unterwerft Euch, heilt Euch.“ —* 99 „Ich danke, Madame, ich weiß den Rath zu ſchätzen, den mir Euer Hoheit gibt, und werde ihn zu befolgen bemüht ſein. Doch ich bitte, noch ein letztes Wort.“ „Sprecht.“ „Iſt es eine Indiscretion, wenn ich Euch erſuche, mir die Bewandtniß dieſer Treppe, dieſer Fallthüre, die⸗ ſes Portraits— ein Geheimniß, das Ihr entdeckt habt — zu erklären?“ daß der König ſo täglich Herrn von Saint⸗Aignan beſuchte; Vallière, die weint, wird er Montalais haben, die lacht, Tonnay⸗Charente, die fingt; das iſt keine meiner wür⸗ meiner Freundſchaft und entdeckte das Geheimniß; ich Pflicht zu erfüllen; ich bin zu Ende, Ihr ſeid in Kennt⸗ niß geſetzt; der Sturm naht heran, ſchützt Euch.“ „Ihr ſchließt jedoch etwas, Madame,“ entgegnete Raoul mit Feſtigkeit,„denn Ihr könnt nicht glauben, ich werde, ohne etwas zu ſagen, die Schande, die man mir auferlegt, und den Verrath, den man an mir be⸗ „Ihr werdet in dieſer Hinſicht den Entſchluß faſ⸗ ſen, der Euch gutdünkt, Herr Naoul, nur nennt die Quelle nicht, aus der Ihr die Wahrheit habt. Das iſt Alles, was ich von Euch verlange, es iſt der einzige Lohn, welchen ich füͤr den Dienſt fordere, den ich Euch 100 „Seid unbeſorgt, Madame,“ erwiederte Bragelonne mit einem bittern Lächeln. „ Ich habe den Schloſſer beſtochen, den die Lieben⸗ den in ihr Intereſſe gezogen, Ihr könnt es ſehr wohl gemacht haben, wie ich, nicht wahr?“ „Ja, Madame. Eure Hoheit gibt mir alſo keinen Rath, ſie ſchreibt mir keine andere Zurückhaltung vor, als die, nicht auszuſchwatzen?“ „Keine andere.“ „Dann bitte ich Eure Hoheit, mir eine Minute Aufenthalt hier zu geſtatten.“ „Ohne mich?“ „Ohl nein. Was ich thue, kann ich vor Euch thun. Ich bitte Euch um eine Minute, um ein Wort an Jemand zu ſchreiben.“ „Das iſt verwegen, Herr von Bragelonne, nehmt Euch in Acht.“ „Niemand kann wiſſen, daß Eure Königliche Ho⸗ heit mir die Ehre errwieſen hat, mich hierher zu füh⸗ ren. Ueberdies unterzeichne ich den Brief, den ich ſchreibe.“ „Wohl denn, mein Herr.“ 3 Raoul hatte ſchon ſeine Brieftaſche herausgezogen und raſch folgende Worte auf ein weißes Blatt Papier geſchrieben: „Herr Graf,„ „Wundert Euch nicht, daß Ihr hier dieſes von mir unterzeichnete Papier findet, ehe einer von meinen Freunden, den ich bald zu Euch ſchicken werde, die Ehre gehabt hat, Euch die Veranlaſſung meines Beſuches zu erklären. „Vicomte Raoul von Bragelonne.“ Er rollte dieſes Blatt zuſammen, ſchob es in das Schloß der Thüre, die mit dem Zimmer der zwei Lie⸗ peernden in Verbindung ſtand, und überzeugt, das Papier ſei ſo ſichtbar, daß es Saint⸗Aignan bei ſeiner Rück⸗ ——— —,—, ie⸗ ier ck⸗ 101. kehr ſehen müſſe, folgte er der Prinzeſſin nach, welche ſchon bis oben an die Treppe gekommen war. Auf dem Ruheplatz trennten ſie ſich, Raoul dem Ausſehen nach, als dankte er Ihrer Königlichen Hoheit, Henriette ſcheinbar oder wirklich von ganzem Herzen den jungen Mann beklagend, den ſie zu einer ſo gräß⸗ lichen Qual verurtheilt hatte... „Ohl“ ſagte ſie, als ſie ihn bleich und das Auge mit Blut unterlaufen weggehen ſah, noh! wenn ich das gewußt hätte, würde ich dem armen jungen Mann die Wahrheit verborgen haben.“ XIII. Die Methode von Porthos. Die große Anzahl der Perſonen, die wir in dieſe lange Geſchichte eingeführt, macht, daß jede nur ihrer Reihe nach und nach den Bedürfniſſen der Erzählung erſcheinen darf. So kommt es, daß unſere Leſer nicht Gelegenheit gehabt haben, ſich wieder mit unſerem Freunde Porthos ſeit ſeiner Rückkehr von Fontainebleau zuſammenzufinden. 3 Die Ehrenbezeigungen, die ihm vom Koͤnig zu Theil geworden waren, hatten den freundlichen und liebevollen Charakter des achtbaren Herrn nicht geän⸗ dert; nur trug er den Kopf höher als gewöhnlich, und etwas Majeſtäͤtiſches offenbarte ſich in ſeiner Haltung, ſeitdem er an der Tafel des Königs zu ſpeiſen ſo glück⸗ lich geweſen. Der Speiſeſaal Seiner Majeſtät, hatte eine gewiſſe Wirkung auf Porthos hervorgebracht. Der 3 8. Grundherr von Bracieux und Pierrefonds liebte es, ſich zu erinnern, daß, waͤhrend dieſes merkwürdigen Mah⸗ les, viele Diener und eine große Anzahl von Offician⸗ ten, die ſich hinter den Gäͤſten befanden, dem Schmauſe fin gutes Ausſehen verliehen und das Gemach meub⸗ irten. Porthos gelobte ſich, Mousqueton mit irgend einer Würde zu bekleiden, eine Hierarchie bei ſeinen übrigen Leuten zu gründen und ſich eine Haustruppe zu ſchaf⸗ fen, was nichts Un gewöhnliches unter den großen Ka⸗ pitänen war, inſofern man dieſen Luxus im vorhergehen⸗ den Jahrhundert bei den Herren von Treville, von Schomberg, von Vieuxville bemerkte„von den Herren von Richelieu, von Condé und von Bouillon⸗Turenne. nicht zu ſprechen. Warum ſollte er, Porthos, ein Freund des Kö⸗ nigs und von Herrn Fouquet, Baron, Ingenieur u. ſ. w. nicht alle mit großen Gütern und großen Verdienſten verbundenen Annehmlichkeiten genießen? Ein wenig verlaſſen von Aramis, der ſich, wie wir wiſſen, viel mit Herrn Fouquet beſchäftigte, ein wenig vernachläſſigt, des Dienſtes wegen, von d'Artagnan, überſättigt in Beziehung auf Trüchen und Planchet, über⸗ raſchte ſich Porthos dabei, daß er träumte, ohne genau zu wiſſen warum. Doch Jedem, der ihn gefragt haben würde:„Fehlt Euch etwas, Porthos?“ hätte er ſicher⸗ lich geantwortet:„Ja.“ Während eines von den Mahlen, bei denen ſich Porthos aller einzelner Umſtände des königlicher Mah⸗ les zu erinnern ſuchte, überließ ſich Porthos halb hei⸗ ter durch den guten Wein, halb traurig in Folge von ehrgeizigen Gedanken einem Anfang von Sieſte, als ihm ſein Kammerdiener meldete, Herr von Bragelonne wolle ihn ſprechen. Porthos ging in den anſtoßenden Saal, wo er ſei⸗ nen jungen Freund in der uns bekannten Verfaſſung fa „ — 1 2 — 1 u N 2 2 8 8 f⸗ N N 5 ˙ N =1— AS—RK* — 103 Raoul drückte Porthos die Hand und erſtaunt über ſeinen Ernſt, bot ihm dieſer einen Stuhl an. „Lieber Herr du Vallon,“ ſagte Raoul,„ich habe Euch um einen Dienſt zu bitten.“ „Das kommt vortrefflich, mein junger Freund,“ erwiederte Porthos.„Man hat mir dieſen Morgen acht tauſend Livres von Pierrefonds geſchickt, und wenn es Geld iſt, was Ihr braucht...“ „Nein, es iſt nicht Geld, ich danke, mein vortreff⸗ licher Freund.“ „Deſto ſchlimmer! Ich habe immer ſagen hören, es ſei dies der ſeltſamſte der Dienſte, aber derjenige, welcher ſich am leichteſten leiſten laſſe. Dieſes Wort iſt mir aufgefallen, ich führe gern die Worte an, die mir auffallen.“ 1 „Euer Herz iſt eben ſo gut, als Euer Geiſt ge⸗ ſund.“ „Ihr ſeid zu artig. Speiſt Ihr vielleicht bei mir zu Mittag?“ „Ohl nein, ich habe keinen Hunger.“ „Sagt, was fuͤr ein abſcheuliches Land iſt Eng⸗ land!“ „Nicht zu ſehr... aber...“ „Seht Ihr, fände man dort nicht die vortrefflichen Fiſche und das ſchöne Fleiſch, es wäre unerträglich.“ „Ahl ich bin gekommen. „Sch höre Euch. Erlaubt mir nur„daß ich mich ein wenig erfriſche. Man ſpeiſt geſalzen in Paris. Puh!“ Porthos ließ eine Flaſche Champagner bringen, üllte vor ſeinem Glas das von Raoul, that einen bedeutenden Zug, und ſagte dann befriedigt: „Es war dies ein Bedürfniß für mich, um Euch ohne Zerſtreuung anzuhören. Nun bin ich ganz zu Euren Dienſten. Was verlangt Ihr von mir, mein lieber Raoul? Was wünſcht Ihr??. 104 „Sagt mir Eure Meinung über die Zwiſte, mein theurer Freund.“ „Meine Meinung 2... Entwickelt mir ein wenig Eure Gedanken,“ erwiederte Porthos, indem er ſich an der Stirne kratzte. „Ich will ſagen: Habt Ihr ein gutes Naturell, wenn ein Streit zwiſchen Euren Freunden und Frem⸗ den ſtattfindet?“ „Ohl ein vortreffliches Naturell, wie immer.“ „Sehr gut, aber was macht Ihr dann?“ „Entſpinnen ſich Streitigkeiten zwiſchen meinen Freunden, ſo habe ich einen Grundſatz.“ „Welchen?“ „Den, daß die verlorene Zeit unwiederbringlich iſt, und daß man eine Sache nie ſo gut abmacht, als wenn man noch die Erhitzung des Streites hat.“ „Ah! wahrhaftig, das iſt Euer Grundſatz?“ „Durchaus. Sobald ſich ein Streit entſponnen hat, fe ich auch die Parteien einander gegenüber.“ „Ah!“ „Ihr begreift, auf dieſe Art iſt es unmöglich, daß eine Sache nicht abgemacht wird.“ „Ich hätte geglaubt,“ ſagte Raoul mit Erſtaunen, „ſo genommen müßte eine Sache im Gegentheil...“ „Ganz und gar nicht. Bedenkt, daß ich in mei⸗ nem Leben ſo etwas wie hundert undachtzig bis hundert und neunzig Duelle gehabt habe; die Vorkommniſſe, bei denen ich ſonſt noch nach dem Degen gegriffen und die zufälligen Begegnungen nicht zu rechnen.“ „Das iſt eine ſchöne Zahl,“ verſetzte Raoul, un⸗ willkührlich lächelnd. „Ohl das iſt nichts; ich bin ſo ſanft. D'Artag⸗ nan zäͤhlt ſeine Duelle nach Hunderten. Es iſt wahr, r ſ hart und ſtechend, ich habe es ihm oft, wieder⸗ holt.“ 77 ab, die Euch Eure Freunde anvertrauen 24. Iör macht alſo gewöhnlich die Angelegenheiten AS ſt, in 10⁵ „Es gibt kein Beiſpiel, daß ich eine nicht abge⸗ macht habe,“ erwiederte Porthos mit einer Zahmheit und einem Vertrauen, wodurch Raoul ſehr freudig an⸗ geſprochen wurde. „Aber,“ ſagte er,„Eure Anordnungen ſind wenig⸗ ſtens ehrenvoll?“ 3 „Ohl dafür ſtehe ich Euch, und ich will Euch in dieſer Hinſicht meinen andern Grundſatz erklären. Hat mir einmal mein Freund ſeinen Streit übertragen, ſo verfahre ich auf folgende Art. Ich ſuche ſeinen Gegner auf der Stelle auf, ich bewaffne mich mit einer Höf⸗ lichkeit und einer Kaltblütigkeit, wie ſie unter ſolchen Umſtänden ſtreng nothwendig ſind.“ „Darum müßt Ihr die Sachen ſo gut und ſo ſicher abmachen,“ ſagte Raoul mit Bitterkeit. 1 „Ich glaube es. Ich ſuche alſo den Gegner auf und ſage zu ihm:„„Mein Herr, Ihr müßt nothwendig hegelſen in welchem Grad Ihr meinen Freund beleidigt abt.““ Raoul faltete die Stirne. „Zuweilen, oft ſogar iſt mein Freund durchaus nicht beleidigt worden,“ fuhr Porthos fort;„ja, er hat zuerſt beleidigt: Ihr möget beurtheilen, ob meine Rede geſchickt iſt.“ 3 Hier brach Porthos in ein Gelächter aus. „Ich habe entſchieden Unglück,“ ſagte Raoul zu ſich ſelbſt, während der furchtbare Donner dieſer Heiter⸗ keit erſcholl.„Guiche nimmt mich kalt auf, d'Artagnan verſpottet mich, Porthos iſt fühllos; Niemand will dieſe Sache nach meiner Art anordnen. Und ich wandte mich an Porthos, um einen Degen ſtatt eines Raiſonnement zu finden! Oh!l welch ein Mißgeſchick!“ Porthos faßte ſich wieder und fuhr fort: „Ich habe alſo durch ein einziges Wort den Geg⸗ ner in ſein Unrecht verſetzt.“ 3 „Je nachdem,“ bemerkte Raoul zerſtreut. Die drei Musketiere. Bragelonne. Vlll. 8 8 106 „Nein, das iſt ſicher. Ich habe ihn in ſein Unrecht verſetzt; in dieſem Augenblick entwickle ich meine ganze Höflichkeit, um zum glücklichen Ausgang meiges Planes zu gelangen. Ich gehe mit freundlicher Miene’ auf den Gegner zu, nehme ihn bei der Hand..“ 3 „Oh!“ machte Raoul ungeduldig. „„Mein Herr,““ ſage ich zu ihm,„„nun, da Ihr von der Beleidigung überzeugt ſeid, ſind wir der Genug⸗ thuung varſichent. Zwiſchen meinem Freunde und Euch findet fortan ein Austauſch artigen Benehmens ſtatt. Dem zu Folge bin ich beauftragt, Euch die Länge des Degens von meinem Freunde zu geben.“ „) 5 „Wartet doch!...„„die Länge des Degens von meinem Freunde. Ich habe ein Pferd unten; mein Freund wartet da und da auf Eure liebenswürdige Ge⸗ genwart; ich nehme Euch mit; wir holen im Vorüber⸗ gehen Euren Zeugen ab; die Sache iſt abgemacht.““ „Und Ihr verſöhnt die zwei Gegner auf dem Platze der Zuſammenkunft?“ fragte Raoul bleich vor Aerger. „Wie beliebt?“ unterbrach ihn Porthos,„verſöh⸗ nen? warum denn 24* „Ihr ſagt, die Sache ſei abgemacht?“ „Allerdings, da mein Freund wartet.“ „Nun! was? wenn er wartet?“ „Wenn er wartet, ſo geſchieht es, um ſich die Beine geſchmeidig zu machen. Der Feind iſt im Gegen⸗ theil noch ganz ſteif vom Pferde. Man ſtellt ſich auf, und mein Freund tödtet den Gegner. Damit hat es ein Ende.“ SDOhl er tödtet ihn!“ rief Raoul. Bei Gott!.. nehme ich je Leute zu Freunden, die ſich tödten laſſen? Ich habe hundert und einen Freund, an deren Spitze Euer Herr Vater, Aramis und „'Artagnan— ich glaube, lauter lebhafte Leute— ſtehen.“ —— * 4 —— 107 „Oh! mein theurer Baron!“ rief Raoul im Ueber⸗ maß ſeiner Freude. Und er umarmte Porthos. „Ihr billigt alſo meine Methode?“ ſagte der eſe. zſe,35 billige ſte ſo ſehr, daß ich heute, auf der Stelle meine Zuflucht dazu nehmen werde. Ihr ſeid der Mann, den ich ſuche.“ „Gut! hier bin ich; wollt Ihr Euch ſchlagen?“ „Gewiß!“ „Das iſt ſehr natürlich. Mit wem?“ „Mit Herrn von Saint⸗Aignan.“. „Ich kenne ihn... ein reizender Junge; er iſt an dem Tage, als ich die Ehre hatte, mit dem König zu ſpeiſen, ſehr artig gegen mich geweſen. Ich werde ſeine Höflichkeit erwiedern, wenn dies auch nicht meine Gewohnheit wäre. Ahl er hat Euch alſo beleidigt?“ „Tödtlich!“ „Teufel! Ich werde ſagen können tödtlich?“ „Noch mehr, wenn Ihr wollt.“ „Das iſt ſehr bequem.“ „Nicht wahr, das iſt eine ganz abgemachte Sache?“ ſagte Raoul lächelnd. „Das geht von ſelbſt. Wo erwartet Ihr ihn?“ „Ah! verzeiht, das iſt delicater Natur. Herr von Saint⸗Aignan iſt ſehr befreundet mit dem König.“ „Ich habe es ſagen hören...“ „Und wenn ich ihn tödte..“ „Ihr werdet ihn ſicherlich tödten. Es iſt Eure Sache, Euch vorzuſehen. Gegenwärtig erdulden derglei⸗ chen Dinge keine Schwierigkeiten mehr. Ah! ja, wenn Ihr zu unſerer Zeit gelebt hättet!“. „Theurer Freund, Ihr habt mich nicht verſtanden. Ich will damit ſagen, da Herr von Saint⸗Aignan ein Freund des Königs ſei, ſo laſſe ſich die Sache ſchwie⸗ niger anordnen, inſofern der König es vorher erfahren ann.“ „Ei! nein! meine Methode, Ihr wißt wohl: 108 „„Mein Herr, Ihr habt meinen Freund beleidigt, und...“ 4 „Ja, ich weiß es.“ „Und dann:„„Mein Herr, das Pferd iſt unten.““ Ich führe ihn alſo fort, ehe er mit Jemand geſprochen hat.“ „Wird er ſich nur ſo fortführen laſſen?“ „Bei Gott! das wollte ich wohl ſehen. Er wäre der Erſte. Es iſt wahr, die jungen Leute von heute... Doch bahl ich führe ihn, wenn es Noth thut, mit Ge⸗ walt fort.“ Und die Geberde mit dem Worte verbindend, hob er Raoul und ſeinen Stuhl in die Höhe. „Sehr gut!“ ſagte der junge Mann lachend.„Nun haben wir noch die Frage für Herrn von Saint⸗Aignan zu ſtellen.“ „Welche Frage?“ „Die der Beleidigung.“ 1 „Das iſt abgethan, wie mir ſcheint.“ „ Nein, mein lieber Herr du Vallon, bei uns jun⸗ gen Leuten von heute, wie Ihr ſagt, heiſcht die Ge⸗ wohnheit, daß man ſich die Urſachen der Beleldignng erklärt.“ „Bei Eurer neuen Methode, ja. Nunl ſo erzählt mir Eure Sache.“ „Es war „Oh! bei Gott, das iſt langweilig. Bei uns war es früher nie nöthig, etwas zu erzählen. Man ſchlug ſich, weil man ſich ſchlug. Ich kenne keinen beſſeren Grund.“ „Ihr habt Recht, mein Freund.“ „Laßt indeſſen Eure Beweggründe hören.“ „Ich habe zu viele zu nennen. Nur da genau anzugeben iſt...“ 3 „Ja, ja, Teufel! bei der neuen Methode!“ „Da, ſage ich, genau anzugeben iſt, da andererſeits N 8 109 die Sache eine Menge von Schwierigkeit hat und voͤl⸗ lige Geheimhaltung erfordert..“ „Ho! ho!“ „So werdet Ihr ſo gefällig ſein, Herrn von Saint⸗ Aignan nur zu ſagen, und er wird das begreifen, er habe mich beleidigt, einmal dadurch, daß er ausge⸗ zogen.“ 3„Daß er ausgezogen? Gut!“ verſetzte Porthos, indem er an den Fingern recapitulirte,„hernach 2“ „Dann dadurch, daß er eine Fallthüre in ſeiner Wohnung habe machen laſſen.“ „Ich begreife, eine Fallthüre. Teufel! das iſt ernſt! Ich glaube wohl, daß Ihr hierüher wüthend ſein müßt. Und warum dürfte dieſer Burſche Fallthüren machen laſſen, ohne Euch zuvor um Rath zu fragen? Fall⸗ thüren!... alle Gewitter! Ich.. habe keine, wenn nicht etwa meine Oubliette in Bracieux!“ „Ihr fügt bei, der letzte Grund, aus dem ich mich beleidigt glaube, ſei das Herrn von Saint⸗Aignan wohl bekannte Portrait.“. „Oh! auch noch ein Portrait?... Wiel ſein Auszug, eine Fallthüre und ein Portrait! Aber, mein Freund, nur bei einer von dieſen Beſchwerden wäre für den ganzen Adel von Frankreich und Spanien, was nicht wenig beſagen will, Grund vorhanden, ſich gegen⸗ ſeitig zu erwürgen.“ „Mein Theurer, Ihr ſeid alſo hinreichend ausge⸗ rüſtet 2 ²⁷4 „Ich nehme ein zweites Pferd mit. Wählt den Ort der Zuſammenkunft, und während Ihr wartet, macht Biegungen und fallt weit aus, das gibt eine ſeltene Claſticität.“ „Meinen Dankl ich werde im Walde von Vincen⸗ nes, bei den Minimes, warten.“ 4 „ So iſt es gut! Wo findet man Herrn von Saint⸗ Aignan? „Im Palais⸗Royal.“ 110 Porthos ergriff eine große Glocke und läutete. Sein Diener erſchien. „Mein Galakleid,“ ſagte er,„mein Pferd und ein Handpferd.“ Der Diener verbeugte ſich und trat ab. „Weiß Euer Vater etwas hievon 2“ fragte Porthos. „Nein; ich will ihm ſchreiben.“ „Und d'Artagnan?“ „D'Artagnan ehen ſowenig. Er iſt klug und hätte mich abwendig gemacht.“ „D'Artagnan iſt ein Mann von gutem Rath,“ ent⸗ gegnete Porthos, in ſeiner redlichen Beſcheidenheit darüber erſtaunt, daß man an ihn gedacht, während es einen d'Artagnan auf der Welt gab.“ „Lieber Herr du Vallon„“ ſprach Raoul,„ich be⸗ beſchwöre Euch, befragt mich nicht mehr.. Ich habe Alles geſagt, was ich zu ſagen hatte. Es iſt ein Han⸗ deln, was ich erwarte, und zwar tüchtig und entſchie⸗ den, wie Ihr das vorzubereiten wißt. Darum habe ich Euch gewählt.“ „Ihr werdet mit mir zufrieden ſein.“ „Und bedenkt, theurer Freund, daß außer uns die⸗ ſes Duell Jedermann unbekannt bleiben muß.“ „Man bemerkt dergleichen Dinge immer, wenn man einen Leichnam in einem Walde findet. Ahl lieber Freund, ich verſpreche Euch Alles, nur nicht, den Leich⸗ nam zu verbergen. Er iſt da, man ſieht ihn, das iſt unvermeidlich. Ich habe den Grundſatz, nicht zu begra⸗ ben, das riecht nach dem Mörder. Auf die Gefahr der Gefahr, wie die Normannen ſagen.“ „Bravo, theurer Freund, zum Werke!“ „Verlaßt Euch auf mich,“ ſprach der Rieſe, ſeine Flaſche vollends leerend, während ſein Lackei auf einem Tiſche das koſtbare Gewand und die Spitzen ausbreitete. Als Raoul wegging, ſagte er mit einer geheimen Freude zu ſich ſelbſt „Ohl falſcher König! ohl verrätheriſcher König! — ——. —— N I 111 ich kann dich nicht erreichen; ich will es nicht! die Könige ſind geheiligte Perſonen; aber dein Freund, dein Schuldgenoſſe, dein Kuppler, der dich vertritt, dieſer Schändliche ſoll dein Verbrechen bezahlen. Ich werde ihn in deinem Namen tödten; und dann wollen wir an Louiſe denken.“ XIV. 4 Ner Auszug, die Fallthüre und das Portrait. Zu ſeiner großen Freude mit dieſer Sendung be⸗ auftragt, die ihn verjüngte, ſparte Porthos eine halbe Stunde an der Zeit, die er gewöhnlich auf ſeine Staatstoilette verwandte. Als ein Mann, der ſich in der großen Welt bewegt hatte, fing er damit an, daß er ſeinen Lackei abſchickte, um ſich erkundigen zu laſſen, ob Herr von Saint⸗ Aignan zu Hauſe ſei. Man antwortete ihm, der Herr Graf von Saint⸗ Aignan habe die Ehre gehabt, den König nach Saint⸗ Germain zu begleiten, wie der ganze Hof; der Herr Graf ſei aber ſo eben zurückgekehrt. Auf dieſe Antwort beeilte ſich Porthos, und er kam nach der Wohnung von Saint⸗Aignan, als dieſer gerade ſeine Stiefel ausgezogen hatte. Die Promenade war herrlich geweſen. Immer verliebter und immer glücklicher, zeigte ſich der König von der beſten Laune gegen Jedermann; er entwickelte eine unvergleichliche Güte. Herr von Saint⸗Aignan war, wie man ſich erin⸗ . 112 nert, Dichter und glaubte es unter genug merkwürdigen Umſtänden bewieſen zu haben, daß man ihm dieſen Ti⸗ tel nicht ſtreitig machen könne. Als ein unermüdlicher Reimeſchmied hatte er auf dem ganzen Weg zuerſt den König und dann la Val⸗ libre mit Strophen von vier, von ſechs Verſen und mit Madrigalen beſtreut. Der König war ſeinerſeits in Begeiſterung gewe⸗ ſen und hatte ein Diſtichon gemacht. La Vallidre aber hatte, wie die liebenden Frauen, zwei Sonnete gemacht. Der Tag war, wie man ſieht, nicht unfruchtbar für Apollo vergangen. Saint⸗Aignan, der zum Voraus wußte, ſeine Verſe würden in alle Gemächer der Damen Eingang finden, war auch etwas angſtlicher, als er es auf der ganzen Promenade geweſen, mit der Abfaſſung und der Idee beſchäftigt. Einem zärtlichen Vater ähnlich, der im Begriff iſt, ſeine Kinder in die Welt einzuführen, fragte er ſich, ob das Publicum dieſen Sohn ſeiner Einbildungskraft richtig, correct und anmuthig finden würde. Um mit ſich hierüber ins Reine zu kommen, recitirte er ſich ſelbſt folgendes Madrigal, das er dem König aus dem Ge⸗ dächtniß vorgeſagt und ihm geſchrieben zu geben ver⸗ ſprochen hatte: Iris, vos, yeux malins ne disent pas toujours Ce que votre pensée à votre coeur confie; Iris, pourquoi faut-il que je passe ma vie A plus aimer vos yeux qui m'ont joué ces tours.*) *) Jris, Deine ſchlauen Augen ſagen nicht immer, was Dein Geiſt Deinem Herzen anvertraut; Iris, warum muß ich mein Leben damit hinbringen, daß ich Deine Augen, die mir dieſe Streiche geſpielt, mehr liebe. — — a—q ieſ,—9 8* R AõAA— 113 Dieſes Madrigal, ſo anmuthig es war, ſchien Saint⸗Aignan nicht vollkommen, ſobald er von der mündlichen Ueberlieferung zur handſchriftlichen Poeſie überging. Viele hatten es reizend gefunden, der Ver⸗ faſſer zuerſt; aber beim zweiten Anblick war er nicht mehr ſo ſehr dafür eingenommen. Vor ſeinem Tiſche ſitzend, ein Bein über das andere gekreuzt und ſich am Schlafe kratzend, wiederholte ſich auch Saint⸗Aignan: Iris, vos yeux malins ne disent pas toujours.. „Oh! was dieſen betrifft,“ murmelte Saint⸗Aig⸗ nan,„dieſer iſt tadellos. Ich darf ſogar beifügen, er hat ſo etwas von Ronſard oder Malherbe, folglich bin ich zufrieden. Leider iſt nicht dasſelbe beim zweiten der Fall. Man hat Recht, wenn man ſagt, der erſte Vers ſei am leichteſten zu machen.“ Und er fuhr fort: Ce que votre pensée à votre coeur confie... „Ah! der Geiſt anvertraut dem Herzen! Warum ſollte nicht auch eben ſo gut das Herz dem Geiſte anver⸗ trauen? Meiner Treue! ich, was mich betrifft, finde kein Hinderniß hiebei. Warum des Teufels habe ich dieſe zwei Halbverſe mit einander verbunden. Ahl der dritte iſt gut: Iris, pourquoi faut-il que je passe ma vie... „Der Reim iſt zwar nicht reich— vie und confie. Meiner Treue! der Abbé Boyer, der ein großer Dich⸗ ter iſt, macht in ſeinem Trauerſpiel: der falſche Tona⸗ reres, Reime, wie vie und confie, abgeſehen von Herrn Corneille, der ſich in ſeiner Tragödie: Sophonisbe, in dieſer Hinſicht auch keinen Zwang anthut. Vie und conſie mag alſo ſtehen bleiben. Jedoch der Vers iſt unverſchämt... Ich erinnere mich, daß ſich der Kö⸗ nig in dieſem Augenblick auf den Nagel gebiſſen hat. Es ſieht in der That gerade aus, als wollte er zu la Vallidre ſagen:„„Woher des Teufels kommt es, daß 114. ich von Euch bezaubert bin?““ Ich hätte mich, glaube ich, beſſer ſo ausgedrückt: „Que bénis soient les dieux qui condamnent ma vie.“*) „Abermals eine Artigkeit! Verurtheilen! Der Kö⸗ nig zu la Vallière verurtheilt!... Nein!“ Dann wiederholte er: „Mais bénis soient les dieux qui... destinent ma vie.. ⁴*) „Nicht ſchlecht, obgleich destinent ma vie ſchwach iſt; doch es kann nicht Alles ſtark bei einem Quatrain ſein. A plus aimer vos yeuz. Mehr lieben wen? was? Dunkelheit... Die Dunkelheit iſt nichts, da la Vallidre und der König mich begriffen haben. Jeder⸗ mann wird mich begreifen. Ja, aber nun kommt das Traurige!... der letzte Halbvers! Qui m'ont joué ces tours. Der gezwungene Plural des Reimes we⸗ gen! Und dann die Schamhatigkeit von la Vallisre einen Streich nennen! Das iſt nicht glücklich! Ich werde mich dem Tadel aller Papierverſchmierer, meiner Collegen, ausſetzen. Man wird meine Poeſien Verſe eines vornehmen Mannes nennen. Und hört der König mich einen ſchlechten Dichter ſchelten, ſo wird ihm der Gedanke kommen, es zu glauben.“ und während er dieſe Worte ſeinem Herzen anver⸗ traute, und ſein Herz ſeinen Gedanken, entkleidete ſich der Graf vollends. Er war eben im Begriff, ſeinen Schlafrock anzuziehen, als man ihm den Beſuch des Herrn Baron du Vallon de Bracieux de Pierrefonds meldete. 1 „Eil.. was iſt das für ein Klumpen von Na⸗ men?“ ſagte Saint⸗Aignan.„Ich kenne das nicht.“ *) Geſegnet ſeien die Götter, die mein Leben verurtheilen. *) Geſegnet ſeien die Götter, die mein Leben beſtimmen. 115 „Es iſt ein Edelmann,“ erwiederte der Lackei,„der die Ehre gehabt hat, mit dem Herrn Grafen an der Tafel des Königs während des Aufenthalts Seiner Majeſtät in Fontainebleau, zu ſpeiſen.“ „Beim König in Fontainebleau!“ rief Saint⸗Aig⸗ nan.„Ei! führe den Herrn geſchwinde ein!“ Der Lackei beeilte ſich, zu gehorchen. Porthos trat ein. Saint⸗Aignan hatte das Gedächtniß der Höflinge: mit dem erſten Blick erkannte er den Gutsherrn aus der Provinz mit dem ſeltſamen Ruf, den der König, trotz einiges Lächelns der gegenwärtigen Officiere, in Fontainebleau ſo gut aufgenommen hatte. Er ging daher mit allen Zeichen eines ganz natürlichen Wohl⸗ wollens auf Porthos zu, der, wie wir wiſſen, wenn er bei einem Gegner eintrat, die Fahne der raffinirteſten Höͤflichkeit aufpflanzte. Saint⸗Aignan ließ durch den Lackei, der Porthos gemeldet, einen Stuhl vorrücken. Der Letztere ſah nichts Uebertriebenes in dieſen Artigkeiten, ſetzte ſich und huſtete. Es wurden die üblichen Höflichkeiten zwiſchen den zwei Herren ausgetauſcht, dann, da es der Graf war, der den Beſuch empfing, ſagte Saint⸗ Aignan: 3 „Herr Baron, welchem glücklichen Zufall verdanke ich die Gunſt Eures Beſuches?“ „Das iſt es gerade, was ich Euch zu erklären die Ehre haben werde,“ erwiederte Porthos;„aber ver⸗ zeiht..“ „Was gibt es, mein Herr 20 3 „Ich ſehe, daß ich Euren Stuhl zerbreche.“ „Keines Wegs, mein Herr, keines Wegs.“ „Doch, Herr Graf, doch, ich zerbreche ihn, und zwar dergeſtalt, daß ich, wenn ich zoͤgere, niederfallen werde, — eine ganz und gar unpaſſende Poſition bei der ern⸗ ſten Rolle, die ich bei Euch zu ſpielen habe.“ 3 Porthos ſtand auf. Es war Zeit; der Stuhl war * 116. ſchon um ein paar Zoll zuſammengeſunken. Saint⸗ Aignan ſuchte mit den Augen ein ſolideres Geräthe für ſeinen Gaſt. „Die modernen Meubles,“ ſprach Porthos, wäh⸗ rend der Graf ſich dieſer Forſchung hingab,„die mo⸗ dernen Meubles ſind von einer lächerlichen Leichtigkeit geworden. In meiner Jugend, einer Zeit, wo ich mich mit noch viel mehr Energie ſetzte, als heute, erinnere ich mich nicht, je einen Stuhl zerbrochen zu haben, wenn nicht in den Wirthshäuſern mit meinen Armen.“ Saint⸗Aignan lächelte angenehm über dieſen Scherz. „Doch,“ fuhr Porthos fort, während er ſich auf einem Ruhebett einquartierte, das zwar ſeufzte, aber widerſtand,„doch leider handelt es ſich nicht um dieſes.“ „Wie, leider! Solltet Ihr der Ueberbringer einer Botſchaft von ſchlimmer Vorbedeutung ſein, Herr Baron?“ „Von ſchlimmer Vorbedeutung... für einen Ca⸗ valier? Ohl nein, Herr Graf,“ antwortete Porthos voll Adel.„Ich komme nur, um Euch anzuzeigen, daß Ihr einen meiner Freunde grauſam beleidigt habt.“ „Ich mein Herr?“ rief Saint⸗Aignan,„ich habe einen von Euren Freunden beleidigt? Und welchen, wenn ich bitten darf?2⸗ „Herrn Raoul von Bragelonne.“ „Ich habe Herrn von Bragelonne beleidigt, ich?“ rief Saint⸗Aignan.„Ah! in der That, mein Herr, das iſt unmöglich, denn Herr von Bragelonne, den ich nur wenig kenne, ich moͤchte ſagen, gar nicht kenne, iſt in England, und da ich ihn ſeit langer Zeit nicht geſehen, kann ich ihn nicht beleidigt haben“ „Herr von Bragelonne iſt in Paris, Herr Graf,“ erwiederte Porthos unempfindlich,„und was die Belei⸗ digung betrifft, ſo ſtehe ich dafür, denn er hat es mir ſelbſt geſagt! Ja, Herr Graf, Ihr habt ihn beleidigt, ich wiederhole das Wort, toͤdtlich beleidigt.“ —.,„—, „— 117 „Unmöglich, Herr Baron, ich ſchwoͤre Euch, un⸗ möglich!“ „Uebrigens kann Euch dieſer Umſtand nicht unbe⸗ kannt ſein, da mir Herr von Bragelonne erklärt hat, Ihr ſeid von ihm durch ein Billet in Kenntniß geſetzt worden.“ „Ich habe kein Billet erhalten, mein Herr, darauf gebe ich mein Wort.“ „Das iſt höchſt ſeltſam!.. und was Raoul ſagt..“ „Ich will Euch überzeugen, daß ich nichts em⸗ pfangen habe,“ ſagte Saint⸗Aignan. Und er läutete. „Basque,“ ſprach er,„wie viel Briefe oder Billets nd in meiner Abweſenheit gekommen?“ „Drei, Herr Graf.“ 7 „Und zwar?“ 1 „Das Billet von Herrn von Fiesque, das von Frau von Laferté und der Brief von Herrn de la Fuentéès.“ „Das iſt Alles?“ „Alles, Herr Graf.“ „Sprich die Wahrheit vor dieſem Herrn. Die Wahrheit, hörſt Du wohl? Ich verbürge mich für Dich.“ 4 „Gnädiger Herr, es war noch ein Billet von..“ „Von... ſage geſchwinde.“ „Von Fräulein de la Val..“ „Genug,“ unterbrach ihn Porthos discreter Weiſe. „Sehr gut, ich glaube Euch, Herr Graf.“ Saint⸗Aignan entließ den Bedienten und ſchloß ſelbſt die Thüre; als er zufällig vor ſich hinſchauend zurückkam, ſah er aus dem Schloß des anſtoßenden Zimmers das bekannte Papier hervorſtehen, das Bra⸗ gelonne vor ſeinem Abgang hineingeſchoben hatte. „Was iſt das?“ ſagte er. Porthos, der dieſem Zimmer den Rücken zukehrte, wandte ſich um. 3 „Ho! ho!“ machte Porthos,. 118 „Ein Billet im Schloß!“ rief Saint⸗Aignan. „Das köoͤnnte wohl das unſere ſein, Herr Graf,“ ſagte Porthos,„ſeht nach.“ Saint⸗Aignan nahm das Papier und rief: „Ein Billet vom Herrn von Bragelonne!“ „Ihr ſeht, ich hatte Recht. Oh! wenn ich etwas L. ſage... „Von Herrn von Bragelonne ſelbſt hierher ge⸗ bracht,“ murmelte der Graf erbleichend.„Das iſt un⸗ würdig! Wer iſt hier eingedrungen?“ Saint⸗Aignan läutete abermals. Basque erſchien wieder. „Wer iſt hier geweſen, ſo lange ich mit dem Kö⸗ nig auf der Promenade war?“ „Niemand, gnädiger Herr.“ „Das iſt unmöglich. Es muß Jemand hier gewe⸗ ſen ſein.“ „Es konnte Niemand herein, Herr Graf, da ich die Schlüſſel in meiner Taſche hatte.“ „ Aber das Billet, das hier im Schloſſe ſtak... Jemand muß es hinein geſteckt haben, es kann nicht von ſelbſt gekommen ſein.“ Basque öffnete die Arme, um damit völlige Un⸗ wiſſenheit zu bezeichnen. „Wahrſcheinlich wird es Herr von Bragelonne hinein geſteckt haben,“ ſagte Porthos. „Dann wäre er hier geweſen?“ „Ohne Zweifel.“ „Aber da ich den Schlüſſel in der Taſche hatte,“ verſetzte Basque hartnäckig. Saint⸗Aignan zerknitterte das Billet, nachdem er es geleſen. „Darunter iſt etwas verborgen,“ murmelte er in Gedanken verſunken.. Porthos überließ ihn einen Augenblick ſeinen Be⸗ trachtungen. Dann nahm er ſeine Botſchaft wieder auf. „Wäre es Euch gefällig, daß wir auf unſere An⸗ 119 gelegenheit zurückkommen würden?“ fragte er Saint⸗ Aignan, als der Lackei weggegangen war. „Ich glaube ſie durch das ſo ſeltſam hieher ge⸗ kommene Billet zu begreifen. Herr von Bragelonne kündigt mir einen Freund an...“ „Ich bin ſein Freund, folglich bin ich derjenige, welchen er ankündigt.“ „Um eine Ausforderung an mich zu richten.“ „So iſt es.“ „Und er beklagt ſich, ich habe ihn beleidigt?“ „Grauſam, töodtlich!“ „Auf welche Art, wenn's beliebt, denn ſein Schritt iſt zu geheimnißvoll, als daß ich nicht wenigſtens einen Sinn davon ſuchen ſollte?“ „Mein Herr,“ antwortete Porthos,„mein Freund muß Recht haben, und was ſeinen Schritt betrifft, wenn er geheimnißvoll iſt, ſo klagt nur Euch an.“ Porthos ſprach dieſe letzten Worte mit einem Ver⸗ trauen aus, das für einen an ſeine Manieren wenig gewöhnten Mann einen tauſendfältigen Sinn offen⸗ baren mußte. „Ein Geheimniß! Erklärt das Geheimniß.“ Porthos aber verbeugte ſich und erwiederte: „Ihr werdet erlauben, daß ich nicht in dasſelbe eingehe, und zwar aus vortrefflichen Gründen.“ „Die ich ganz gut begreife. Ja, mein Herr, ge⸗ hen wir alſo darüber weg. Zur Sache, laßt hören.“ „Vor Allem nenne ich Euch den Umſtand, daß Ihr ausgezogen ſeid.“ „Es iſt wahr, ich bin ausgezogen,“ ſagte Saint⸗ Aignan. „Ihr geſteht es?“ rief Porthos mit einer Miene ſichtbarer Befriedigung. „Ob ich es geſtehe? Ja, ich geſtehe es. Warum ſollte ich es denn nicht geſtehen?“ „Ihr habt geſtanden. Gut,“ notirte Porthos, indem er nur einen Finger in die Höhe hob. 120 „Ahl mein Herr, wie kann mein Auszug Herrn von Bragelonne Schaden zugefügt haben? Antwortet, benn, ich verſtehe durchaus nichts von dem, was Ihr agt. Porthos unterbrach ihn. „Mein Herr,“ ſprach er ernſt,„dieſe Beſchwerde iſt die erſte von denjenigen, welche Herr von Brage⸗ lonne gegen Euch vorbringt. Bringt er ſie vor, ſo geſchieht es, weil er ſich verletzt gefühlt hat.“ Saint⸗Aignan ſtieß vor Ungeduld mit dem Fuß auf den Boden und rief: „Das gleicht einem böſen Streit!“ „Man kann keinen böſen Streit mit einem ſo ga⸗ lanten Mann, wie der Vicomte von Bragelonne, haben,“ entgegnete Porthos,„doch nicht wahr, Ihr habt nichts mehr in Beziehung auf den Auszug beizufügen?“ „Nein. Sprecht weiter.“ 4 „Ahl weiter! Bemerkt wohl, mein Herr, daß dies ſchon eine abſcheuliche Beſchwerde iſt, auf die Ih icht antwortet oder vielmehr ſchlecht antwortet. Wiel mein Herr, Ihr zieht aus; das beleidigt Herrn von rage⸗ lonne, und Ihr entſchuldigt Euch nicht! Sehr gut!“ „Wie!“ rief Saint⸗Aignan, der ſich über das Phlegma dieſes Menſchen erzürnte,„wiel habe ich nö⸗ thig, Herrn von Bragelonne um Rath zu fragen, ob ich ausziehen ſoll oder nicht? Geht doch, mein Herr!“ „Verpflichtet, mein Herr, verpflichtet! Jedenfalls werdet Ihr mir zugeſtehen, daß dies nichts im Ver⸗ gleich zu der zweiten Beſchwerde iſt.“ „Laßt die zweite Beſchwerde hören.“ Porthos nahm eine ſtrenge Miene an und ſprach: „Und die Fallthüre, mein Herr, die Fallthüre.“ Saint⸗Aignan wurde übermäßig bleich. Er rückte ſeinen Stuhl ſo ungeſtüm zurück, daß Porthos, ſo naiv er war, bemerkte, der Schlag habe getroffen. „Die Fallthüre?“ murmelte Saint⸗Aignan. 1 — 121 „Ja, mein Herr, erklärt Euch, wenn Ihr könnt,“ ſagte Porthos den Kopf ſchüttelnd. Saint⸗Aignan neigte die Stirne und murmelte: „Ohl ich bin verrathen, man weiß Alles.“ „Man weiß ſtets Alles,“ erwiederte Porthos, der nichts wußte. „Mein Herr,“ fuhr Saint⸗Aignan fort,„Ihr ſeht mich zu Boden gedrückt, und zwar dergeſtalt zu Boden gedrückt, daß ich den Kopf darüber verliere.“ „Ein ſchuldiges Gewiſſen, mein Herr! Ohl Eure Sache iſt nicht gut.“ „Mein Herr!“ „Und wenn das Publicum davon unterrichtet ſein und ſich zum Richter machen wird...“ „Ohl mein Herr,“ rief lebhaft der Graf,„ein ſol⸗ ches Geheimniß muß unbekannt bleiben, ſelbſt für den Beichtiger.“ „Wir werden darauf bedacht ſein, und das Ge⸗ heimniß wird in der That nicht weit gehen.“ „Aber ſprecht, gibt ſich Herr von Bragelonne, in⸗ dem er dieſes Geheimniß ergründet, Rechenſchaft von der Gefahr, die er läuft und der er Andere bloßſtellt?“ „Herr von Bragelonne läuft keine Gefahr, mein Herr, fürchtet keine, und mit Gottes Hülfe werdet Ihr das bald erproben.“ „Dieſer Menſch iſt ein Wüthender,“ dachte Saint⸗ Aignan.„Was will er von mir?“ Dann ſprach er laut:„Auf, mein Herr, laßt uns unſere Angelegenheit vollends in's Reine bringen.“ „Ihr vergeßt das Portrait, mein Herr!“ ſprach Porthos mit einer Donnerſtimme, die das Blut des Grafen in Eis verwandelte. Da das Portrait das von la Vallière war und hierin keine Täuſchung ſtattfinden konnte, ſo fühlte Saint⸗ Aignan ſeine Augen ſich ganz und gar öffnen. „Ah! mein Herr,“ rief er,“ ahl ich erinnere mich, Herr von Bragelonne war ihr Bräutigam.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. VIl. 9 122 Porthos nahm eine impoſante Miene, die Majeſtät der Unwiſſenheit, an und ſprach: „Es kann mir nicht daran gelegen ſein, und Euch auch nicht, ob mein Freund Bräutigam von der, die Ihr ſagt, iſt oder nicht iſt. Ich wundere mich ſogar, daß Ihr dieſes indiscrete Wort ausgeſprochen habt; es dürfte Eurer Sache Eintrag thun.“ „Mein Herr, Ihr ſeid der Geiſt, das Zartgefühl und die Biederkeit in einer Perſon. Ich ſehe, um was Alles es ſich handelt.“ „Deſto beſſer.“ „Und,“ fuhr Saint⸗Aignan fort,„Ihr habt es mir auf die geiſtreichſte und zarteſte Weiſe zu verſtehen gegeben. Empfangt meinen Dank, mein Herr.“ Porthos warf ſich in die Bruſt.. „Nur, da ich nun Alles weiß, geſtattet, daß ich Euch erkläre.“ Porthos ſchüttelte den Kopf wie ein Menſch, der nicht verſtehen will. Saint⸗Aignan fuhr jedoch fort; „Seht Ihr, ich bin in Verzweiflung über Alles, was geſchieht, für dieſen armen Herrn von Bragelonne; aber was hättet Ihr an meiner Stelle gethan? unter uns geſprochen, was hättet Ihr gethan?“ Porthos erhob das Haupt und erwiederte: „Es handelt ſich nicht um das, was ich gethan hätte; nicht wahr, Ihr habt nun Kenntniß von den drei Beſchwerden?“ „Was die erſte betrifft, den Auszug, mein Herr— ich wende mich hier an den Mann von Geiſt und Ehre — wenn ein erhabener Wille mich aufforderte, auszu⸗ ziehen, durfte ich, konnte ich ungehorſam ſein 7 Porthos machte eine Bewegung, welche zu vollen⸗ den Saint⸗Aignan ihm ſicht Zeit ließ. „Ahl meine Offenherzigkeit ergreift Euch,“, ſagte er, die Bewegung auf ſeine Weiſe auslegend,„Ihr fühlt, daß ich Recht habe.“ meinigen. Ihr würdigt die Hinreißung... ich ſpreche wuürde darüber lachen. Wenn er nur ſeinen Kopf auf⸗ 123.. Porthos erwiederte nichts. „Ich gehe zu der unglückſeligen Fallthüre über,“ fuhr Saint⸗Aignan ſort, indem er ſeine Hand auf den Arm von Porthos legte;„dieſe Fallthüre, die Urſache des Uebels, das Mittel des Uebels, dieſe Fallthüre, er⸗ baut für das, was Euch bekannt... Sprecht offen⸗ herzig, glaubt Ihr, ich ſei es geweſen, der ganz nach dem eigenen Willen, ganz aus freien Stücken habe eine Fallthüre öffnen laſſen, deren Beſtimmung... nein, das glaubt Ihr nicht, und auch hier fühlt Ihr, errathet Ihr, begreift Ihr einen Willen, der uͤber dem nicht von der Liebe, dieſer unwiderſtehlichen Tollheit... Mein Gottl.. Zum Glück ſpreche ich mit einem Mann voll Herz, voll Gefühl; ſonſt wie viel Unglück, wie viel Scandal über ſie, das arme Kind! und über den⸗ jenigen, welchen ich nicht nennen will!“ Ganz verwirrt, betäubt durch die Beredſamkeit und die Geberden von Saint⸗Aignan, ſtrengte ſich Porthos tauſendfältig an, um dieſen Platzregen von Redensarten zu empfangen, von denen er nicht das geringſte Wörtchen verſtand. Gerade und unbeweglich auf ſeinem Sitze gelangte er hiezu. In ſeine Vergleichung hineingeworfen, fuhr Saint⸗ Aignan, indem er ſeiner Stimme eine neue Thätigkeit, ſeiner Geberde eine wachſende Höflichkeit verlieh, fort: „Was das Portrait betrifft, denn ich begreife, daß das Portrait die Hauptbeſchwerde iſt; was das Por⸗ trait betrifft, ſagt, bin ich ſchuldig? Wer hat ihr Por⸗ trait zu haben gewünſcht? Ich etwa? Wer liebt ſie? Ich etwa? Wer will ſie? Ich etwa? Wer hat ſie genommen? Ich etwa? Nein, tauſendmal nein! Ich weiß, daß Herr von Bragelonne in Verzweiflung ſein muß; ich weiß, daß ein ſolches Unglück grauſam iſt. Hört, auch ich leide; doch es iſt kein Widerſtand möglich. Wird er kämpfen? Man ſetzt, richtet er ſich zu Grunde. Ihr werdet mir ſagen, die Verzweiflung ſei eine Tollheit, doch Ihr ſeid ver⸗ 124 nünftig. Ihr habt mich begriffen. Ich ſehe an Eurer ernſten, nachdenklichen, ſogar verlegenen Miene, daß Euch die Bedeutſamkeit der Lage eingeleuchtet hat. Kehrt alſo zu Herrn von Bragelonne zuruck, dankt ihm, wie ich ihm ſelbſt danke, daß er zur Vermittlung einen Mann von Eurem Verdienſt gewählt. Glaubt mir, daß ich eine ewige Dankbarkeit für denjenigen bewah⸗ ren werde, der unſere Uneinigkeit auf eine ſo edelmü⸗ thige, ſo anſtändige Weiſe zum Frieden gelenkt hat. Und da es das Unglück gefügt, daß dieſes Geheimniß Vieren ſtatt Dreien gehören ſollte, dieſes Geheimniß, das das Glück des Ehrgeizigſten machen kann, ſo freue ich mich, es mit Euch zu theilen, mein Herr, ich freue mich aus dem Grunde meiner Seele. Von dieſem Augen⸗ blick an verfügt über mich; ich ſtelle mich ganz Eurem Willen zu Gebot. Was ſoll ich für Euch thun? Was ſoll ich erbitten, fordern ſogar? ſprecht, mein Herr ſprecht.“ Und nach der vertraulich freundſchaftlichen Ge⸗ wohnheit der Hoͤflinge jener Zeit ſchloß Saint⸗Aignan Porthos in ſeine Arme und drückte ihn an ſeine Bruſt. Porthos ließ ihn mit unerhörtem Phlegma gewähren. „Sprecht,“ wiederholte Saint⸗Aignan,„was ver⸗ langt Ihr?“ 4 „Mein Herr,“ antwortete Porthos,„ich habe un⸗ ten ein Pferd, macht mir das Vergnügen, es zu be⸗ ſteigen; es iſt vortrefflich und wird Euch keine ſchlimmen Streiche ſpielen.“ „Zu Pferde ſteigen! warum dies?“ fragte Saint⸗ Aignan neugierig. „Um mit mir dahin zu kommen, wo uns Herr von Bragelonne erwartet.“ „Ah! er möchte mich gern ſprechen? Ich begreife das, die näheren Umſtände erfahren, ach! das iſt ſehr delicat! Doch in dieſem Augenblick kann ich nicht, der König erwartet mich.“ „Der König wird warten“ 125 „Wie! der König wird warten!“ rief mit einem Lächeln des Erſtaunens dieſer vollkommene Hofling, der nicht begriff, daß der König warten könnte. „Mein Herr, es iſt die Sache einer kleinen Stunde,“ ſprach Porthos. „Aber wo erwartet mich denn Herr von Brage⸗ lonne?“ „Bei den Minimes in Vincennes.“ „Ahl ahl ſpaſſen wir etwa?“ „Ich glaube nicht, ich wenigſtens nicht.“ „Aber die Minimis, das iſt ja ein Rendezvous für Duelle.“ „Nun?“ „Nun! was habe ich denn bei den Minimes zu thun? Porthos zog langſam ſeinen Degen und ſprach: „Hier iſt das Maaß des Degens von meinem Freund.“. „Alle Wetter! dieſer Menſch iſt verrückt!“ rief Saint⸗Aignan.. Die Röthe ſtieg Porthos zu den Ohren. „Mein Herr,“ ſagte er,„wenn ich nicht die Ehre hätte, in Eurer Wohnung zu ſein und den Intereſſen von Herrn von Bragelonne zu dienen, ſo würde ich Euch zu Eurem Fenſter hinauswerfen. Doch das iſt nur aufgeſchoben, und Ihr ſollt beim Warten nicht ver⸗ lieren. Kommt Ihr zu den Minimes, mein Herr?“ „Kommt Ihr gutwillig?“ „Aber... „Ich trage Euch dahin, wenn Ihr nicht kommt! nehmt Euch in Acht.“ „Basque!“ rief Herr von Saint⸗Aignan. Basque trat ein. „Der König läßt den Herrn Grafen rufen,“ ſagte Basque. „Das iſt etwas Anderes,“ zſugte Porthos;„der Dienſt des Königs vor Allem. Wir warten dort bis heute Abend, mein Herr.“ Und nachdem er Saint⸗Aignan mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Höflichkeit gegrüßt, ging Porthos, entzückt, abermals eine Sache abgethan zu haben, hinaus. Saint⸗Aignan ſchaute ihm nach, zog dann haſtig ſeine Kleider wieder an, lief, unter Weges die Unord⸗ dunß ſeiner Toilette verbeſſernd, weg und ſagte zu ſich elbſt: „Zu den Minimes! zu den Minimes!.. Wir wer⸗ den ſehen, wie der König dieſe Ausforderung aufnimmt. Sie iſt bei Gott! für ihn.“ XV. Politiſche Uebenbuhler. Nach der für Apollo ſo fruchtbaren Promenade, wobei Jeder, wie die Dichter jener Zeit ſagten, den Muſen ſeinen Tribut bezahlte, fand der Koͤnig in ſei⸗ nen Gemächern Herrn Fouquet, der auf ihn wartete. Hinter dem König kam Herr Colbert. Herr Col⸗ bert mit ſeinem viereckigen Kopf, mit ſeinem plumpen Lurus formloſer, nachläßig getragener Kleider; er hatte den König, als wäre er auf dem Anſtand gewe⸗ ſen, in einer Hausflur gleichſam gefangen genommen und folgte ihm wie ein Schatten. Fouquet blieb beim Anblick ſeines Feindes ruhig und war während der ganzen Scene, die ſich ereignen ſollte, bemüht, das ſchwierige Benehmen des erhabenen Mannes zu beobachten, deſſen Herz von Verachtung überfüllt iſt, der aber ſeine Verachtung nicht einm al kundgeben will, aus Furcht, er könnte ſeinem Gegner noch zu viel CEhre erweiſen. 3 .. Colbert verbarg eine verletzende Freude nicht. Für ihn war es von Seiten von Herrn Fouquet eine ſchlecht geſpielte und rettungslos verlorene Partie, ob⸗ gleich ſie noch nicht beendigt. Colbert gehörte zu jener Schule von Politikern, welche nur die Geſchicklichkeit bewundern, nur den günſtigen Ausgang ſchätzen. „Mehr noch, Colbert, der nicht nur ein neidiſcher und eiferſüchtiger Menſch war, ſondern ſich alle In⸗ tereſſen des Königs ſehr angelegen ſein ließ, weil er im Grunde mit der größten Redlichkeit im Zahlenweſen begabt, Colbert konnte ſich ſelbſt den, wenn man haßt, ſo glücklichen Vorwand geben, er handle, indem er Herrn Fouquet haſſe und zu Grunde richte, im Hin⸗ blick auf das Wohl des Staates und der königlichen Würde. Keiner von dieſen einzelnen Umſtänden entging Fouquet. Zwiſchen den dicken Augenbraunen ſeines Fein⸗ des durch, und trotz des unabläſſigen Spieles der Augenlider, las er durch die Augen bis in die Tiefe des Herzens von Colbert, er las alſo Alles, was in dieſem Herzen war: Haß und Triumph. Nur, da er, während er durchdrang, undurch⸗ dringlich bleiben wollte, erheiterte er ſein Geſicht, lä⸗ chelte er auf jene ſympathetiſche Weiſe, die nur ihm eigenthümlich war und ſeinem Gruß die edelſte und zugleich geſchmeidigſte Glaſticität verlieh. „Sire,“ ſprach er,„ich gewahre an der freudigen Miene Eurer Majeſtät, daß ſie eine gute Promenade gemacht hat.“ „Eine reizende in der That, Herr Oberintendant, eine reizende. Ihr habt ſehr Unrecht gehabt, nicht mit uns zu kommen, während ich Euch doch eingeladen.“ „Sire, ich arbeitete,“ ſagte Fouquet. Fouquet hatte nicht einmal nöthig, den Kopf ab⸗ zuwenden; er ſchaute Herrn Colbert nicht von der Seite an. DOhl das Land! Herr Fouquet,“ rief der König, 128 „Mein Gott, wie gern moͤchte ich ſtets auf dem Lande, in freier Luft, unter den Bäumen leben können!“ „Ah! Eure Majeſtät iſt hoffentlich des Thrones noch nicht müde,“ entgegnete Fouquet. „Nein, aber die grünen Throne ſind ſehr ſanft.“ „Eure Majeſtät erfüllt wahrhaftig alle meine Wünſche, indem ſie ſo ſpricht. Ich hatte ihr gerade ein Geſuch vorzutragen.“ „Von wem, Herr Oberintendant? „Von Seiten der Nymphen von Vaux.“ „Ah! ah!“ machte Ludwig XIV. „Der Koͤnig hat die Gnade gehabt, mir ein Ver⸗ ſprechen zu geben.“— „Ja, ich erinnere mich desſelben.“ „Das Feſt in Vaux, das berühmte Feſt, nicht wahr, Sire?“ ſagte Colbert, der dadurch, daß er ſich in das Geſpräch miſchte, einen Beweis von ſeinem An⸗ ſehen zu geben ſuchte. Mit einer tiefen Verachtung nahm Fouquet nicht einmal das Wort auf. Es war für ihn, als hätte Colbert weder gedacht, noch geſprochen. „Eure Majeſtät weiß,“ ſagte er,„daß ich mein Landgut Vaux zur Aufnahme des liebenswürdigſten der Fürſten, des mächtigſten der Könige beſtimme.“ „Ich habe verſprochen, und ein König hat nur ſein Wort,“ erwiederte Ludwig XIV. „Und ich, Sire, ich komme, um Eurer Majeſtät zu ſagen, daß ich ganz zu ihren Befehlen bin.“ „Verſprecht Ihr mir viele Wunder, Herr Ober⸗ intendant?“ Hiebei ſchaute Ludwig XIV. Colbert an. 4 „Wunder? ohl nein, Sire. Ich mache mich nicht hiezu anheiſchig; ich hoffe dem König ein wenig Vergnügen, vielleicht ſogar ein wenig Vergeſſen verſprechen zu können.“ „Nein, nein, Herr Fouquet. Ich beſtehe auf dem Wort Wunder. Ohl Ihr ſeid ein Zauberer, wir ken⸗ 129 nen Eure Macht, wir wiſſen, daß Ihr Gold ſindet, und gäbe es auch keines mehr in der Welt. Das Volk ſagt auch, Ihr machet Geld.“ Fouquet fühlte, daß der Schuß aus einem doppel⸗ ten Köcher kam, und daß der König zugleich einen Pfeil von ſeinem Bogen und einen von dem von Col⸗ bert auf ihn abdrückte. Er lachte. „Oh!“ ſagte er,„das Volk weiß ganz genau, aus welchem Schacht ich dieſes Gold nehme. Es weiß das vielleicht zu gut, und überdies,“ fügte er ſtolz bei, „überdies kann ich Eure Majeſtät verſichern, daß das zu Bezahlung des Feſtes in Vaux beſtimmte Gold we⸗ der Blut, noch Thränen fließen machen wird. Schweiß vielleicht. Man wird ihn bezahlen.“ Ludwig blieb verblüfft. Er wollte Colbert anſchauen, Colbert wollte etwas entgegnen; ein Adlersblick, ein königlicher Blick, von Fouquet geſchleudert, hielt das Wort auf ſeinen Lippen zurück. Der König faßte ſich mittlerweile. Er wandte ſich gegen Fouquet um und ſagte zu dieſem: „Ihr macht alſo Eure Einladung?“ „Ja, Sire, wenn es Eurer Majeſtät gefällt.“ „Auf welchen Tag?“ 3 „Auf den Tag, der Eurer Majeſtät genehm ſein wird.“ „Ihr ſprecht wie ein Zauberer, der improvifirt. Ich würde nicht ſo viel ſagen.“ 4. „Eure Majeſtät wird, wann ſie will, Alles machen, was ein König machen kann und ſoll. Der König von Frankreich hat Diener, welche zu Allem für ſeinen Dienſt und für ſeine Vergnügungen fähig ſind. Colbert ſuchte den Oberintendanten anzuſchauen, um zu ſehen, ob dieſes Wort eine Rückkehr zu minder feindlichen Gefühlen ſei, Fouquet hatte ſeinen Feind nicht einmal angeſchaut...Colbert war nicht für ihn vorhanden. 130 45 fe Run denn! in acht Tagen, wollt Ihr?“ ſagte der nig. 931 acht Tagen, Sire.“ „Heute iſt Dienſtag, wollt Ihr bis zum folgenden Sonntag?“ „Die Friſt, die Seine Majeſtät zu bewilligen die Gnade hat, wird die Arbeiten, welche meine Architek⸗ ten unternehmen, um zu der Unterhaltung des Königs und ſeiner Freunde beizutragen, mächtig unterſtützen.“ „Wenn Ihr von meinen Freunden ſprecht, wie gedenkt Ihr es mit ihnen zu halten?“ fragte Lud⸗ wig XIV. „Der König iſt überall Herr; der König macht ſeine Liſte und gibt ſeine Befehle. Alle, die er einzu⸗ laden geruht, ſind von mir ſehr geachtete Gaͤſte.“ „Ich danke Euch!“ ſagte der König gerührt von dem edlen mit einem edlen Ton ausgeſprochenen Ge⸗ danken. Nach einigen Worten über Details gewiſſer Ange⸗ legerüheiten nahm Fouquet nun von Ludwig XIV. Ab⸗ ſchied. Er fühlte, Colbert würde beim Konig bleiben, man würde von ihm ſprechen, und weder der Eine, noch der Andere würde ihn ſchonen. Die Befriedigung, ſeinem Feinde einen letzten, einen furchtbaren Schlag zu ge⸗ ben, kam ihm wie ein Erſatz für Alles vor, was man ihn leiden ließe. Er kehrte alſo raſch um, nachdem er ſchon die Thüre berührt hatte, wandte ſich an den König und ſprach: 3 4 „Verzeiht, Sire, verzeiht.“ „Was verzeihen, mein Herr?“ fragte der König mit liebreicher Stimme. „Ein ſchweres Verſehen, das ich beging, ohne es wahrzunehmen.. „Ein Verſehen, Ihr! Ahl Herr Fouquet, ich werde er 131 Euch wohl verzeihen müſſen. Gegen was habt Ihr ge⸗ fündigt oder gegen wen?“ „Gegen jede Schicklichkeit, Sire. Ich vergaß, Eurer Majeſtät einen ziemlich wichtigen Umſtand mit⸗ zutheilen.“ „Welchen?“ Colbert bebte; er glaubte, es würde eine Anzeige gemacht werden, ſein Benehmen ſei entlarvt wor⸗ den. Ein Wort von Fouquet, ein ausgeſprochener Be⸗ weis, und vor der jugendlichen Rechtſchaffenheit Lud⸗ wigs XIV. verſchwand die ganze Gunſt, in der Colbert ſtand. Dieſer zitterte daher, ein ſo kühner Streich könnte ſein ganzes Gerüſte umſtüͤrzen, und der Streich war wirklich ſo ſchön zu ſpielen, daß Aramis, der ſchöne Spieler, ihn nicht verfehlt hätte. 1 „Sire,“ ſprach Fouquet mit ganz ungezwungener Miene,„da Ihr mir zu verzeihen die Güte gehabt habt, ſo wird mir mein Geſtändniß ganz leicht: dieſen Morgen habe ich eine von meinen Stellen verkauft.“ „Eine von Euren Stellen!“ rief der König, „welche denn?“ Colbert wurde leichenbleich. „Diejenige, welche mir eine große Robe und eine ſtrenge Miene gab: die Stelle des Generalanwalts.“ Der König ſtieß unwillkührlich einen Schrei aus und ſchaute Colbert an. Schweiß auf der Stirne, fühlte ſich dieſer einer Ohnmacht nahe. „An wen habt Ihr dieſe Stelle verkauft, Herr Fouquet?“ fragte der Koͤnig. Colbert hielt ſich am Simswerk des Kamins an. „An einen Rath vom Parlament, Sire, Namens Vanel.“ „Vanel?“ „Es iſt ein Freund des Herrn Intendanten Col⸗ bert,“ fügte Fouquet bei, der dieſe Worte mit einer unnachahmlichen Gleichgültigkeit, mit einem Ausdruck 132 von Vergeſſenheit und Unwiſſenheit fallen ließ, den der Maler, der Schauſpieler und der Dichter mit dem Pin⸗ ſel, der Geberde oder der Feder wiederzugeben verzich⸗ ten müſſen. Dann, nachdem er geendigt, nachdem er Colbert unter dem Gewicht dieſer Ueberlegenheit niedergeſchmet⸗ tert hatte, verbeugte ſich der Oberintendant abermals vor dem König und ging, halb gerächt durch das Er⸗ ſtaunen des Fuͤrſten und durch die Demüthigung des Günſtlings, hinaus. „Iſt es denn möglich?“ ſagte der König zu ſich ſelbſt, als Fouquet verſchwunden war.„Er hat ſeine Stelle verkauft?“ „Ja, Sire!“ erwiederte Colbert mit Abſicht. „Er iſt verrückt!“ rief der König. Colbert ſagte diesmal nichts; er hatte den Ge⸗ danken des Gebieters halb durchſchaut. Dieſer Gedanke rächte ihn auch. Mit ſeinem Haß hatte ſich eine Eifer⸗ ſucht verbunden; zu ſeinem Plan, Verderben zu berei⸗ ten, hatte ſich eine Drohung von Ungnade geſellt. Fortan, das fühlte Colbert, würden zwiſchen Lud⸗ wig XIV. und ihm die feindſeligen Ideen keine Hinder⸗ niſſe mehr finden, und der erſte Fehler von Fouquet, der zum Vorwand dienen könnte, würde der Beſtrafung von Nahem vorangehen. Fouquet hatte ſeine Waffe fallen laſſen. Haß und Eiferſucht hatten ſie aufgehoben. Colbert, wurde vom König zum Feſte in Vaux eingeladen; er verbeugte ſich wie ein Menſch, der ſeiner ſicher, er nahm an wie ein Menſch, der ver⸗ bindet. Der König war bei dem Namen Saint⸗Aignan auf der Liſte, als der Huiſſier den Grafen von Saint⸗ Aignan meldete. Colbert zog ſich beſcheiden bei der Ankunft des 1 koniglichen Kupplers zurück. —ͦ— ——ſ&— S o 0 C¶ B8 B2Q—, 8 XVI. Liebes nebenbuhler. Saint⸗Aignan hatte Ludwig XIV. kaum zwei Stun⸗ den vorher verlaſſen. Wenn aber Ludwig XIV. in die⸗ ſer erſten Inbrunſt ſeiner Liebe la Valliére nicht ſah, ſo mußte er von ihr ſprechen. Die einzige Perſon nun, mit der er von ihr ſprechen konnte, war Saint⸗Aignan. Saint⸗Aignan war ihm folglich unentbehrlich. „Ah Ihr ſeid es, Graf,“ rief er, doppelt erfreut, weil er Saint⸗Aignan ſah und Colbert nicht mehr ſah, denn das verdrießliche Geſicht des letzteren machte ihn ſtets traurig.„Deſto beſſer, es freut mich, Euch zu ſehen; Ihr werdet die Fahrt mitmachen.“ Feh Die Fahrt, Sire?“ fragte Saint⸗Aignan.„Welche ahrt?“ „Diejenige, welche wir machen werden, um das Feſt zu genießen, das uns der Herr Oberintendant in Vaux gibt. Ah! Saint⸗Aignan, Du wirſt endlich ein Feſt ſehen, ein königliches Feſt, gegen das unſere Un⸗ terhaltungen in Fontainebleau Puppenſpiele ſind.“ „In Vaur! der Oberintendant gibt Eurer Maje⸗ ſtät ein Feſt? und zwar in Vaur, nicht wahr?“ „Mehr nicht! ich finde es reizend, daß Du den Hochmüthigen ſpielſt! Weißt Du, daß man, wenn man erfährt, Herr Fouquet empfange mich Sonntag über acht Tage in Vaux, ſich erwürgen wird, um zu dieſem Feſt eingeladen zu werden? Ich wiederhole Dir alſo, Saint⸗Aignan, Du wirſt die Fahrt mitmachen.“ „Ja, wenn ich bis dahin nicht eine längere und minder angenehme mache.“ „Welche?“ „Die nach dem Styr, Sire,“ * 134 „Bah!“ rief Ludwig XIV. lachend. „Nein, im Ernſte, Sire. Ich bin dahin eingela⸗ den, und zwar auf eine Art, daß ich wahrlich nicht weiß, wie ich mich benehmen ſoll, um es auszu⸗ ſchlagen.“ „Ich verſtehe Dich nicht, mein Lieber. Ich weiß, daß Du in poetiſcher Begeiſterung biſt, ſei aber bemüht, nicht ſchwülſtig zu werden.“ „Wohl alſo, wenn Eure Majeſtät mich anzuhören die Gnade hat, ſo werde ich den Geiſt meines Königs nicht länger auf die Folter ſpannen.“ „Sprich.“ „Kennt der König den Herrn Baron du Vallon?“ „Bei Gott! ja, ein guter Diener vom König, mei⸗ nem Vater, und meiner Treuel ein ſchöner Tiſchgenoſſe, denn Du meinſt den, welcher mit uns in Fontainebleau geſpeiſt hat?“ „Ganz richtig. Doch Eure Majeſtät hat vergeſſen, ſeinen Eigenſchaften beizufügen: ein liebenswürdiger Um⸗ „Hol ho!“ „Lacht nicht, Sire, ich ſage nichts, was unter der Wahrheit wäre.“ „Und Du ſagſt, er wolle Dich umbringen laſſen?“ „Das iſt für den Augenblick der Gedanke dieſes wuͤrdigen Herrn.“ „Sei unbeſorgt, ich vertheidige Dich, wenn er Unrecht hat.“ „Ahl es gibt ein wenn?“ „Allerdings. Sprich, antworte, als ob es ſich um einen Andern handelte, mein lieber Saint⸗Aignan; hat er Recht oder hat er Unrecht?“ 1 „Euer Majeſtät ſoll darüber urtheilen.“ „Was haſt Du ihm gethan?“ 135 „Ohl ihm nichts; doch es ſcheint, ich habe einem von ſeinen Freunden etwas gethan.“ „Das iſt das Gleiche; und ſein Freund, iſt es einer von den vier Berühmten?“ „Nein, es iſt nur der Sohn von einem von den vier Berühmten.“ „Sage, was haſt Du dieſem Sohn gethan?“ z„Ich habe Einem ihm ſeine Geliebte wegnehmen ge⸗ olfen.“ „Und Du geſtehſt das?“ „Ich muß es wohl geſtehen, da es wahr iſt.“ „Dann haſt Du Unrecht.“ „Ahl ich habe Unrecht?“ „Und bei meiner Treue! wenn er Dich toͤdtet..“ „Nun 2“ „Wird er Recht haben.“ „Ahl ſo urtheilt Ihr, Sire?“ „Findeſt Du die Methode ſchlecht?“ „Ich finde ſie raſch.“ „Eine gute und raſche Juſtiz,“ ſagte mein Ahnherr Heinrich IV.“ „Dann unterzeichne der König geſchwinde die Be⸗ gnadigung meines Gegners, der mich bei den Minimes erwartet.“ „Sage mir ſeinen Namen und gib mir ein Per⸗ gament.“ „Sire, es liegt ein Pergament auf dem Tiſch Eurer Majeſtät, und was ſeinen Namen betrifft...“ „Was ſeinen Namen betrifft?“ „Es iſt der Vicomte von Bragelonne, Sire.“ „Der Vicomte von Bragelonne!“ rief der König, vom Lachen zu einem tiefen Erſtaunen übergehend. Dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen und den Schweiß, der von ſeiner Stirne lief, abgewiſcht hatte, murmelte er: 1 „ Bragelonne! Bragelonne!“ „Nicht mehr, Sire?“ ſagte Saint⸗Aignan. 136 „Bragelonne, der Bräutigam von...“ „Ohl mein Gott! ja, Bragelonne, der Bräuti⸗ gam von“. „Er war doch in London!“ „Ja, aber ich kann Euch dafür ſtehen, daß er nicht mehr dort iſt, Sire.“ „Er iſt in Paris?“ „Das heißt er iſt bei den Minimes, wo er mich erwartet, wie ich Eurer Majeſtät zu ſagen die Chre gehabt habe.“ „Und er weiß Alles?“ „Und noch viele andere Dinge! Wenn der König das Billet ſehen will, das er mir hat zukommen laſſen 27 Hier zog Saint⸗Aignan das uns bekannte Billet aus der Taſche. „Sobald Eure Majeſtät geleſen hat, werde ich ihr ſagen, wie es mir zugekommen iſt.“ Der Koͤnig las mit großer Aufregung und fragte alsbald: „Nun? „Nun! Eure Majeſtät kennt ein Pwiſes eiſelirtes Schloß, das eine gewiſſe Thüre von Ebenholz ſchließt, die ein gewiſſes Zimmer von einem blau und weißen Heiligthum trennt.“ „Gewiß, das Boudoir von Louiſe.“ „Ja, Sire. Nun denn! in dieſem Schloß habe ich das Billet gefunden. Wer hat es hinein geſteckt? Bragelonne oder der Teufel. Da aber das Billet nach Ambra und nicht nach Schwefel riecht, ſo ſchließe ich, daß es nicht der Teufel, ſondern Herr von Bragelonne ſein müſſe. Ludwig neigte das Haupt und ſchien in traurige Gedanken verſunken. Vielleicht durchdrang in dieſem Augenblick etwas wie ein Gewiſſensbiß ſein Herz. „Oh!“ ſagte er,„das Geheimniß iſt entdeckt.“ „Sire, ich will mein Möglichſtes thun, daß dieſes Geheimniß in der Bruſt ſtirbt, die es in ſich ſchließt,“ ſagte Saint⸗Aignan ganz mit ſpaniſcher Herzha tigkeit. ☛ 2.32 137 Und er machte eine Bewegung, um auf die Thüre zuzugehen, doch der König hielt ihn zurück.“ „Wohin geht Ihr?“ fragte er. „Dahin, wo man mich erwartet.“ „Wozu 2“ „Vermuthlich, um mich zu ſchlagen.“ „Euch ſchlagen!“ rief der König.„Einen Augen⸗ blick Geduld, wenn's beliebt, Herr Graf.“ Saint⸗Aignan ſchüttelte den Kopf wie ein Kind, das wiederſpänſtig wird, wenn man es abhalten will, ſich in einen Brunnen zu werfen, oder mit einem Meſſer zu ſpielen. „Aber, Sire..“ ſagte er. „Vor Allem bin ich nicht aufgeklärt.“ „Oh! was dieſen Punkt betrifft, ſo frage Eure Majeſtät, und ich werde das Licht machen.“ „Wer ſagt Dir, Herr von Bragelonne ſei in das fragliche Zimmer eingedrungen?“ „Das Billet, das ich im Schloß gefunden, wie ich Eurer Majeſtät zu bemerken die Ehre gehabt habe.“ „Wer ſagt Dir, er habe es hineingeſteckt?“ „Welcher Andere, als er, hätte es gewagt, einen ſolchen Auftrag zu übernehmen?“ „Wie iſt er hineingekommen?“ „Oh! das iſt ſehr ernſt, in Betracht, daß alle Thüren geſchloſſen waren, und mein Lackei Basque die Schlüſſel in ſeiner Taſche hatte.“ „Man wird Deinen Lackei beſtochen haben.“ „Unmöglich, Sire.“ „Warum unmöglich?“ „Weil, wenn man ihn beſtochen hätte, man den armen Jungen, deſſen man noch ſpäter bedürfen koͤnnte, nicht dadurch, daß man ſo klar gezeigt, man habe ſich ſeiner bedient, zu Grunde gerichtet haben würde.“ „Das iſt richtig. Nun bliebe nur noch eine Ver⸗ muthung.“—. Die drei Musketiere. Bragelonne. vill. 10 138 „Laßt hoͤren, Sire, ob dieſe Vermuthung dieſelbe iſt, wie die, welche ſich meinem Geiſte dargeboten hat.“ „Er wird auf der Treppe hereingekommen ſein.“ „Ach! Sire, das kommt mir mehr als wahrſchein⸗ lich vor.“ „Dazu braucht es aber, daß Jemand das Geheim⸗ niß verkauft hat.“ „Verkauft oder geſchenkt.“ „Warum dieſe Unterſcheidung 2 „Weil gewiſſe Perſonen, inſofern ſie über dem Preiſe eines Verraths ſtehen, ſchenken und nicht ver⸗ kaufen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Oh! Sire, Eure Majeſtät hat einen zu ſcharfen Geiſt, um mir nicht durch Errathen die Verlegenheit des Nennens zu erſparen.“ „Du haſt Recht: Madame.“ „Ah!“ machte Saint⸗Aignan. „Madame, die ſich über den Auszug beunruhigt hat.“ 3„Madame, die die Schlüſſel zu den Zimmern ihrer Fräulein beſitzt und mächtig genug iſt, um zu entdecken, was Niemand außer Euch, Sire, und ihr entdecken würde.“ „Und Du glaubſt, meine Schwägerin habe einen Bund mit Bragelonne gemacht?“ „Ahl Sire..“ „Und ſie habe ihn von allen dieſen Umſtänden un⸗ terrichtet?“ „Noch mehr vielleicht.“ „Noch mehr?“ „ Vielleicht ihn ſogar begleitet.“ „Wohin? Hinab zu Dir?“ „Hatet Ihr das für unmöglich, Sire?“ „Höret! Der König weiß, ob Madame die Wohl⸗ gerüche liebt.“ 6*½ 3 —— Aͤ— N—+———— Ode XS8A ☛☚—b— + 6* 139 „Ja, das iſt eine Gewohnheit, die ſie von meiner Mutter angenommen hat.“ „Eiſenkraut beſonders...“ „Iſt ihr Lieblingsgeruch.“ „Wohl! meine Wohnung iſt von Eiſenkraut durch⸗ duftet.“ Der König wurde nachdenkend. „Aber,“ ſagte er, nachdem er einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen,„warum ſollte Madame die Partei von Bra⸗ gelonne gegen mich ergreifen?“ Während er dieſe Worte ſprach, worauf Saint⸗ Aignan leicht hätte erwiedern können: Weibereiferſucht, ſondirte der König ſeinen Freund bis im Grunde ſeines Herzens, um zu ſehen, ob er das Geheimniß ſeines Liebeshandels mit ſeiner Schwägerin durchdrungen habe. Saint⸗Aignan war aber kein mittelmäßiger Höfling; er ſetzte ſich nicht leichtſinnig bei Entdeckung von Fa⸗ miliengeheimniſſen Gefahren aus; er war zu ſehr Freund der Muſen, um nicht oft an den armen Ovidius Naſo zu denken, deſſen Augen ſo viel Thränen vergoſſen, um das Verbrechen zu buͤßen, man weiß nicht was im Hauſe von Auguſtus geſehen zu haben. Er ging daher geſchickt an dem Geheimniß von Madame hin. Da er aber einen Beweis von Scharffinn dadurch gegeben hatte, daß er geäußert, Madame ſei mit Bragelonne in ſeine Wohnung gekommen, ſo mußte er den Wucher dieſer Eitelkeit bezahlen und auf die Frage:„Warum iſt Madame mit Bragelonne gegen mich?“ geradezu antworten. „Warum?“ erwiederte Saint⸗Aignan.„Eure Ma⸗ jeſtät vergißt alſo, daß der Graf von Guiche der innige Freund des Vicomte von Bragelonne iſt?“ „Ich ſehe den Zuſammenhang nicht,“ verſetzte der König. „Ah! verzeiht, Sire; ich glaubte der Graf von Guiche wäre ein großer Freund von Madame.“ 140 „Das iſt richtig; es iſt nicht mehr nöthig, zu ſu⸗ chen; der Streich iſt von dorther gekommen.“ „Und iſt der König nicht der Anſicht, daß man, um ihn zu pariren, einen andern führen muß?“ 4 3 „Ja, aber nicht von der Art, wie man ſie im 1 Walde von Vincennes führt.“ „Eure Majeſtät vergißt, daß ich Edelmann bin„ und daß man mich herausgefordert hat.“ „Das geht Dich nichts an.“ „Aber mich erwartet man bei den Minimes ſeit einer Stunde, Sire, mich, der ich im Streite begriffen und entehrt bin, gehe ich nicht dahin, wo man mich erwartet.“ „Die erſte Ehre eines Edelmanns iſt der Gehor⸗ ſam gegen ſeinen König.“ 1 „Sire...“ „Ich befehle, daß Du bleibſt.“ „Sire..“ „Gehorche.“ „Wie es Eurer Majeſtät beliebt.“ „Ueberdies will ich mir Licht in dieſer ganzen An⸗ gelegenheit verſchaffen, ich will wiſſen, wie man meiner geſpottet hat und frech genug geweſen iſt, in das Hei⸗ ligthum meiner Zuneigungen einzudringen. Nicht Du biſt es, Saint⸗Aignan, der diejenigen, welche dies ge⸗ than, beſtrafen muß, denn es iſt nicht Deine Ehre, was ſie angegriffen, ſondern die meinige.“ „Ich flehe Eure Majeſtät an, mit ihrem Zorn nicht Herrn von Bragelonne niederzuſchmettern, der bei dieſer ganzen Sache der Klugheit ermangelt haben mag, ſich aber nicht gegen die Loyalität verfehlt hat.“ „Genugl ich werde ſelbſt im heftigſten Zorn den Theil des Gerechten und den des Ungerechten zu machen wiſſen. Nicht ein Wort hievon, zu Madame beſonders.“ „Was ſoll ich aber Herrn von Bragelonne gegen⸗ über thun? er wird mich ſuchen, und...“ — — 141 „Vor heute Abend habe ich mit ihm geſprochen oder mit ihm ſprechen laſſen.“ „Sire, ich flehe Euch noch einmal an, habt Nach⸗ ſicht.“ „Ich bin lange genug nachſichtig geweſen, Graf,“ erwiederte Ludwig XIV. die Stirne faltend;„es iſt Zeit, daß ich gewiſſen Perſonen zeige, daß ich der Herr in meinem Hauſe bin.“ Der König hatte kaum dieſe Worte geſprochen, welche andeuteten, daß ſich mit dem neuen Groll die Erinnerung an einen alten vermiſchte, als der Huiſſier auf der Schwelle des Cabinets erſchien. „Was gibt es?“ fragte der König,„warum kommt man, wenn ich nicht gerufen habe?“ „Sire,“ antwortete der Huiſſier,„Eure Majeſtät hat mir einmal für allemal befohlen, den Herrn Grafen de la Fore durchzulaſſen, ſo oft er mit Eurer Majeſtät zu ſprechen hätte.“ „Nun?“. „Der Herr Graf de la Fére wartet im Vorgemach.“ Der Koͤnig und Saint⸗Aignan wechſelten bei dieſen Worten einen Blick, in dem mehr Unruhe, als Erſtau⸗ nen lag. Der Koͤnig zögerte einen Augenblick, doch alsbald faßte er einen Entſchluß und ſagte zu Saint⸗ Aignan: „Gehe, ſuche Louiſe auf, unterrichte ſie von dem, was gegen uns angezettelt wird; laſſe ſie nicht in Un⸗ wiſſenheit darüber, daß Madame ihre Verfolgungen wieder anfängt, und daß ſie Leute ins Feld geſtellt hat, welche beſſer neutral geblieben wären. „eérſchrickt Louiſe,“ fuhr der Koͤnig fort,„ſo beru⸗ hige ſie, ſage ihr, die Liebe des Königs ſei ein un⸗ durchdringlicher Schild. Wenn ſie, was ich gern be⸗ zweifle, ſchon Alles wüßte, oder wenn ſie ihrerſeits einen Angriff erlitten hätte, ſo ſage ihr, Saint⸗Aignan,“ fügte der König ganz bebend vor Zorn und Fieber bei, „ſage ihr, daß ich ſie diesmal, ſtatt ſie zu vertheidigen, —— 14²2 rächen werde, und zwar mit einer Strenge, daß fortan Niemand die Augen bis zu ihr zu erheben wagen ſoll.“ „Iſt das Alles, Sire?“ „Das iſt Alles. Gehe geſchwinde und bleibe ge⸗ treu, Du, der Du inmitten dieſer Hölle lebſt, ohne, wie ich, die Hoffnung auf das Paradies zu haben.“ Saint⸗Aignan erſchöpfte ſich in Ergebenheits⸗ betheurungen, nahm die Hand des Königs, küßte ſie und ging ſtrahlend weg. Der Koͤnig faßte ſich raſch, um dem Grafen de la Fore ein gutes Geſicht zu machen. XVII. König und Adel. Ludwig faßte ſich bald, um Herrn de la Foͤre ein gutes Geſicht zu machen. Er ſah vorher, der Graf komme nicht aus Zufall. Er fühlte unbeſtimmt die Wichtigkeit dieſes Beſuches, aber einem Mann von dem Verdienſte von Athos, einem ſo ausgezeichneten Geiſt ſollte der erſte Anblick nichts Unangenehmes, nichts Ungeordnetes bieten. 6 Als ſich der junge Koönig verſichert, daß er dem Anſchein nach ruhig, gab er den Huiſſiers Befehl, den Grafen einzuführen. Nach einigen Minuten trat Athos, im Galakleid, mit den Orden geſchmuckt, die er allein am franzöſſi⸗ ſchen Hofe zu tragen das Recht hatte, mit ſo ernſter, ſo feierlicher Miene ein, daß der Koͤnig mit dem erſten — — 14³3 Blick beurtheilen konnte, ob er ſich in ſeinen Ahnungen getäuſcht oder nicht getäuſcht. Ludwig ging dem Grafen einen Schritt entgegen, und er reichte ihm lächelnd eine Hand, auf die ſich Athos voll Ehrfurcht neigte. „Herr Graf de la Fore.“ ſprach raſch der König, „Ihr ſeid ſo ſelten bei mir, daß es ein großes Glück iſt, Euch hier zu ſehen.“ Athos verbeugte ſich und erwiederte: „Gern möchte ich das Glück haben, ſtets bei Eurer Majeſtät zu ſein.“ Dieſe Antwort, in dieſem Ton gegeben, bedeutete offenbar: 1 „Ich möchte gerne einer von den Räthen des Kö⸗ nigs ſein, um ihm Fehler zu erſparen.“ 4 Der König fühlte das und ſprach, entſchloſſen, vor dieſem Mann den Vortheil der Ruhe mit dem Vortheil des Rangs zu bewahren: „Ich ſehe, Ihr habt mir etwas zu ſagen.“ „Ich hätte mir ſonſt nicht erlaubt, vor Eurer Ma⸗ jeſtät zu erſcheinen.“ „Sprecht geſchwinde, mein Herr, es drängt mich, Euch zu befriedigen.“ Der König ſetzte ſich. „Ich bin überzeugt, daß mir Eure Majeſtät jede Befriedigung gewähren wird,“ erwiederte Athos mit leicht bewegtem Ton. „Ah!“ ſagte der König mit einem gewiſſen Hoch⸗ mot„„es iſt eine Klage, was Ihr hier vorbringen ollt. „Es wäre nur eine Klage, wenn Eure Majeſtät.. doch wollt mich entſchuldigen, Sire, ich werde die An⸗ gelegenheit bei ihrem Anfang aufnehmen.“ „ Ich warte.“ „Der König erinnert ſich, daß ich zur Zeit der Abreiſe von Herrn von Buckingham die Ehre gehabt habe, mit ihm zu ſprechen.“ 144 „Ja, ungefähr um dieſe Zeit.. Ja, ich erinnere mich... Nur habe ich den Gegenſtand der Unterre⸗ dung... vergeſſen.“ Athos bebte. „Ich werde die Ehre haben, dieſen Gegenſtand Eurer Majeſtät ins Gedächtniß zurückzurufen. Es han⸗ delte ſich um eine Bitte, die ich Eurer Majeſtät in Betreff der Heirath vortrug, die Herr von Bragelonne mit Fräulein de la Vallière eingehen wollte.“ „Hier ſind wir,“ dachte der König.„Ich erinnere mich,“ ſagte er laut. „Damals,“ fuhr Athos fort,„damals war der Kö⸗ nig ſo gut und ſo großmüthig gegen mich und Herrn von Bragelonne, daß mir keines von den Worten, die Seine Majeſtät geſprochen, aus dem Gedächtniß ge⸗ kommen iſt.“ „Und..“ verſetzte der König. „Und der König, den ich um Fräulein de la Val⸗ liore für Herrn von Bragelonne bat, ſchlug es mir ab.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Ludwig trocken. „Wobei er anführte, die Braut habe keinen Stand in der Welt,“ fügte Athos raſch bei. Ludwig bezwang ſich, um ruhig zu hören. „Sie habe wenig Vermögen,“ ſagte Athos. Der König verſenkte ſich in ſeinen Lehnſtuhl. „Wenig Geburt.“ Neue Ungeduld des Königs. 3„Und wenig Schönheit,“ ſprach Athos unbarm⸗ erzig. 1 Dieſer letzte Pfeil ins Herz des Liebenden gedrückt machte dieſen maßlos aufwallen. „Mein Herr, Ihr habt ein ſehr gutes Gedächtniß,“ ſagte er. „Das iſt immer bei mir der Fall, wenn mir die ſo große Ehre einer Unterredung mit dem König zu Theil geworden,“ erwiederte der Graf, ohne unruhig zu werden. 4 145 „Gut, ich habe dies Alles geſagt.“ „Und ich war Eurer Majeſtät ſehr dankbar, Sire, weil dieſe Worte eine für Herrn von Bragelonne äußerſt ehrenvolle Theilnahme beurkundeten.“ „Ihr erinnert Euch auch, daß Ihr eine große Abneigung gegen dieſe Heirath hattet,“ ſprach der König, indem er einen beſondern Nachdruck auf ſeine Worte legte. „Das iſt wahr, Sire.“ „Und daß Ihr die Bitte wider Willen ſtelltet.“ „Ja, Eure Majeſtät.“ „Ich erinnere mich auch, denn ich habe ein Ge⸗ dachtniß, das beinahe eben ſo gut iſt, als das Eurige, ich erinnere mich, ſage ich, daß Ihr die Worte ge⸗ ſprochen habt:„„Ich glaube nicht an die Liebe von Fräulein de la Vallière für Herrn von Bragelonne.““ Iſt dies wahr?“ Athos fühlte den Streich. Er wich nicht zurück und erwiederte: „Sire, ich habe Eure Majeſtät ſchon um Ver⸗ zeihung gebeten, aber es gibt gewiſſe Dinge bei dieſer Unterredung, die nur bei der Entwickelung verſtändlich ſein werden.“ „Die Entwickelung alſo.“ „Eure Majeſtät ſagte damals, ſie verſchiebe die Heirath zum Beſten von Herrn von Bragelonne.“ Der König ſchwieg. „Heute iſt Herr von Bragelonne ſo unglücklich, daß er es nicht läng er verſchieben kann, ſich eine Lo⸗ ſung von Eurer Majeſtät zu erbitten.“ Der Köonig erbleichte. Athos ſchaute ihn feſt an. „Und was... erbittet ſich...Herr von Bra⸗ gelonne?“ fragte zögernd der König. „ Durchaus das, was ich mir vom Koͤnig bei der letzten Unterredung erbat, die Einwilligung Eurer Ma⸗ jeſtät zu ſeiner Heirath.“ 53 4 Der König ſchwieg. — ͤ— 3 1— 146 „Die auf die Hinderniſſe bezüglichen Fragen ſind für uns beſeitigt,“ fuhr Athos fort.„Ohne Vermö⸗ gen, ohne Geburt, ohne Schönheit, iſt Fräulein de la Vallière nichtsdeſtoweniger die einzige ſchöne Partie der Welt für Herrn von Bragelonne, da er dieſes Maͤdchen liebt.“ Der König preßte ſeine Hände aneinander. „Der König zögert?“ fragte der Graf, ohne etwas ben ſeiner Feſtigkeit oder von ſeiner Höflichkeit zu ver⸗ eren. „Ich zögere nicht.. ich ſchlage es ab,“ erwie⸗ derte Ludwig. Athos ſammelte ſich einen Augenblick, dann ſprach er mit ſanftem Ton: „Ich habe die Ehre gehabt, dem König zu be⸗ merken, kein Hinderniß widerſetze ſich der Neigung von Herrn von Bragelonne, und ſein Entſchluß ſcheine unabänderlich.“ „Mein Wille iſt dagegen, und das iſt, glaube ich, ein Hinderniß.“ „Sasebedetendſe von allen,“ ſprach Athos. „Ah. 3 „Es ſei uns nur erlaubt, Eure Majeſtät in De⸗ muth um den Grund dieſer Verſagung zu bitten.“ „Der Grund!.. Eine Frage?“ rief der Koönig. „Eine Bitte, Sire.“ Der König ſtützte ſich mit beiden Fäuſten auf den Tiſch und ſprach mit gedrängter Stimme: „Ihr habt die Gewohnheit des Hofes verloren, Herr Graf de la Fore. Bei Hofe befragt man den König nicht.“ „Das iſt wahr, Sire; doch wenn man nicht be⸗ fragt, ſo nimmt man an.“ 3 „Man nimmt an? Was will dies beſagen?“ „Sire, die Annahme des Unterthanen ſchließt bei⸗ nahe immer den Mangel an Offenherzigkeit des Koͤnigs in ſich.. ———ͤ——— ——:/:j 147 „Mein Herr!“ „Und den Mangel an Vertrauen des Unterthanen,“ fuhr Athos unerſchrocken fort. „Ich glaube, daß Ihr Euch verſeht,“ entgegnete der König, unwillkührlich zum Zorn hingeriſſen. „Sire, ich bin genöthigt, anderswo das zu ſuchen, was ich in Eurer Majeſtät zu finden glaubte. Statt eine Antwort von Euch zu bekommen, bin ich genöthigt, mir ſelbſt eine zu machen.“ 1 Der Koͤnig ſtand auf und ſprach: 1„Ich habe Euch die Zeit gegeben, die ich frei e.“ Das war ein Abſchied. „Sire,“ erwiederte der Graf,„ich hatte nicht die Zeit, dem Koͤnig zu ſagen, was ich ihm ſagen wollte, und ich ſehe den König ſo ſelten, daß ich die Gelegen⸗ heit ergreifen muß.“ „Ihr waret bei der Annahme; Ihr werdet zu den Beleidigungen übergehen.“ „Ohl Sire, den Koͤnig beleidigen!.. Ich 2.. Nie!.. Ich habe mein ganzes Leben behauptet, die Köͤnige ſtehen über den anderen Menſchen, nicht nur durch den Rang und die Macht, ſondern durch den Adel des Herzens und den Werth des Geiſtes. Ich werde mir nie den Glauben beibringen, mein König, derje⸗ nige, welcher mir ein Wort geſagt, verberge mit die⸗ ſem Worte einen Hintergedanken.“ „Was wollt Ihr damit ſagen? Welchen Hinter⸗ gedanken?“ „Ich erkläre mich,“ erwiederte Athos mit kaltem Tone.„Hatte Eure Majeſtät, wenn ſie Fräͤulein de la Vallidre Herrn von Bragelonne verweigerte, etwas Anderes im Auge, als das Glück und das Vermögen des Vicomte...“ digt„Ihr ſeht wohl, mein Herr, daß Ihr mich belei⸗ ig. „Wollte Eure Majeſtäͤt, indem ſie einen Aufſchub ha vom Vicomte forderte, nur den Bräutigam von Fräulein de la Vallière entfernen.“ „Mein Herr! mein Herr!“ „Das habe ich überall ſagen hören, Sire. Ueberall ſpricht man von der Liebe des Koͤnigs für Fräulein de la Vallidre.“ Der König zerriß ſeine Handſchuhe, in die er, um Faſſung zu behaupten, ſeit einigen Minuten biß. „Wehe!“ rief er,„wehe denen, die ſich in meine Angelegenheiten miſchen! Ich habe einen Entſchluß gefaßt! ich werde alle dieſe Hinderniſſe brechen.“ „Welche Hinderniſſe?“ fragte Athos. Der König hielt kurz inne, wie ein fortſtürmendes Pferd, dem das Gebiß, ſich in ſeinem Maule umdre⸗ hend, den Gaumen zerreißt. „Ich liebe Fräulein de la Vallidre!“ ſagte er plötzlich, mit eben ſo viel Adel, als Heftigkeit. „Aber das hindert Eure Majeſtät nicht, Herrn von Bragelonne mit Fränulein de la Vallidère zu verheira⸗ then,“ ſagte Athos.„Das Opfer iſt eines Königs würdig; es iſt verdient von Herrn von Bragelonne, der ſchon Dienſte geleiſtet hat und für einen wackeren Mann gelten kann. Auf ſeine Liebe verzichtend, gibt daher der König einen Beweis zugleich von ſeiner Großmuth, von ſeiner Dankbarkeit und von ſeiner guten Politik.“ „Fräulein de la Vallière liebt Herrn von Brage⸗ lonne nicht,“ ſprach der König mit dumpfem Tone. „Der König weiß es?“ fragte Athos mit einem tiefen Blick. „ Ich weiß es.“ „Seit Kurzem alſo; denn hätte es der König bei meiner erſten Bitte gewußt, ſo würde er ſich die Mühe genommen haben, es mir zu ſagen.“— „Seit Kurzem.“ Athos ſchwieg einen Augenblick. 1 „Dann begreife ich nicht, daß der König Herr 2 S—O—,VS= S=S-=—S— — — A—9—õ 2à— ei 149 von Bragelonne nach London geſchickt hat,“ ſagte er. „Dieſe Verbannung ſetzt mit Recht alle diejenigen, welche die Ehre des Koönigs lieben, in Erſtaunen.“ „Wer ſpricht von der Ehre des Königs, Herr Graf de la Foͤre?“ 1 „Die Ehre des Koͤnigs, Sire, beſteht aus der Ehre ſeines ganzen Adels. Wenn der König einen von ſei⸗ nen Edelleuten beleidigt, das heißt, wenn er ihm ein Stück von ſeiner Ehre nimmt, ſo wird ihm ſelbſt, dem König, dieſer Theil der Ehre geraubt.“ „Herr de la Fore!“ „Sire, Ihr habt Herrn von Bragelonne nach Lon⸗ don geſchickt, ehe Ihr der Liebhaber von Fräulein de la Vallière waret, oder ſeitdem Ihr ihr Liebhaber ſeid.“ Aufgebracht, beſonders weil er ſich beherrſcht fühlte, wollte es der König verſuchen, Athos durch eine Ge⸗ berde zu entlaſſen. „Sire, ich werde Euch Alles ſagen,“ ſprach Athos, „ich werde nur befriedigt durch Eure Majeſtät oder durch mich ſelbſt von hinnen gehen: befriedigt, wenn Ihr mir bewieſen, daß Ihr Recht habt, befriedigt, wenn ich Euch bewieſen, daß Ihr Unrecht habt. Ohl Ihr werdet mich anhören, Sire. Ich bin alt und halte an Allem dem, was es wahrhaft Großes und wahrhaft 4 Starkes in Eurem Königreiche gibt. Ich bin ein Edel. mann, der ſein Blut für Euch und Euren Vater ver⸗ goſſen hat, ohne je etwas von Euch oder Eurem Vater zu verlangen. Ich habe Niemand in dieſer Welt Un⸗ recht zugefügt, und ich habe Könige verpflichtet! Ihr werdet mich anhören. Ich komme, um von Euch Rechenſchaft über die Ehre von einem von Euren Die⸗ nern zu fordern, den Ihr durch eine Lüge hintergangen oder durch eine Schwäche verrathen habt. Ich weiß, daß dieſe Worte Eure Majeſtät erzürnen, aber die That⸗ ſachen tödten uns Andere. Ich weiß, daß Ihr Euch befinnt, welche Strafe Ihr über meine Offenherzigkeit verhaͤngen ſollt, aber ich weiß auch, welche Strafe 4 150 über Euch zu verhängen ich Gott bitten werde„ wenn ich ihm Euren Meineid und das Unglück meines Sohnes erzähle.“ 1 Der König ging, die Hand in der Bruſt, den Kopf ſteif, das Auge flammend, mit großen Schritten auf und ab. „Mein Herr!“ rief er plötzlich,„wäre ich für Euch der König, ſo wäret Ihr ſchon beſtraft; aber ich bin nur ein Menſch, und ich habe das Recht, auf Erden diejenigen zu lieben, welche mich lieben,— ein ſo ſel⸗ tenes Glück!“ 2 „Ihr habt dieſes Glück nicht mehr als König, denn als Menſch, Sire, oder wenn Ihr es redlich nehmen wolltet, mußtet Ihr Herrn von Bragelonne in Kennt⸗ niß ſetzen, ſtatt ihn zu verbannen.“ „Ich glaube wahrhaftig, ich ſtreite!“ ſprach Lud⸗ wig mit jener Majeſtät, die nur er allein in einem ſo merkwürdigen Grade im Blick und in der Stimme zu finden wußte.— 3 „Ich hoffte, Ihr würdet mir antworten,“ ſagte der raf. 5 „Ihr werdet meine Antwort bald erfahren, mein Herr!“ a0 br kennt meinen Gedanken,“ erwiederte der Graf. 3 „ Ihr habt vergeſſen, daß Ihr mit dem König ſprachet, mein Herr! Das iſt ein Verbrechen!“ „Ihr habt vergeſſen, daß Ihr das Leben von zwei Menſchen brachet. Das iſt eine Todſünde, Sire!“ „Entfernt Euch nun!“ „Nicht ehe ich Euch geſagt habe: Sohn von Ludwig XIII., Ihr beginnt Eure Regierung ſchlecht, denn Ihr beginnt ſte mit der Entführung und der Un⸗ redlichkeit! Mein Geſchlecht und ich, wir ſind gegen Euch aller der Zuneigung und aller der Ehrfurcht ent⸗ bunden, die ich meinen Sohn in der Gruft von Saint⸗ Denis in Gegenwart der Ueberreſte Eurer edlen Ahnen 151 habe ſchwören laſſen. Ihr ſeid unſer Feind geworden, Sire, und wir haben es fortan nur noch mit Gott als unſerem einzigen Herrn zu thun. Gebt hierauf Obacht.“ „Ihr droht?“ „Ohl nein,“ ſprach Athos traurig,„ich habe eben ſo wenig Prahlerei, als Furcht im Herzen. Gott, von dem ich Euch ſage, Sire, hört mich reden; er weiß, daß ich für die Unverſehrheit, für die Chre Eurer Krone noch gegenwärtig Alles vergießen würde, was mir an Blut zwanzig Jahre des Bürgerkriegs und des aus⸗ wärtigen Kriegs gelaſſen haben. Ich kann Euch alſo verſichern, daß ich den König eben ſo wenig bedrohe, als ich den Menſchen bedrohe; aber ich ſage Euch: Ihr verliert zwei Diener, weil Ihr den Glauben im Herzen des Vaters und die Liebe im Herzen des Sohnes ge⸗ toͤdtet habt. Der Eine glaubt nicht mehr an das kön g⸗ liche Wort, der Andere glaubt nicht mehr an die Red⸗ lichkeit der Männer, an die Reinheit der Frauen. Der Eine iſt todt für die Ehrfurcht und der Andere für den Gehorſam! Gott befohlen!“ 18 Nachdem er ſo geſprochen, zerbrach Athos ſeine Degen auf ſeinem Knie, legte langſam die zwei Stücke davon auf den Boden, verbeugte ſich vor dem König, der vor Wuth und Scham erſtickte, und verließ das Cabinet. Auf ſeinen Tiſch niedergeſunken, brauchte Ludwig einige Minuten, um Faſſung zu erringen, dann erhob er ſich plötzlich, läutete heftig und rief den erſchrocke⸗ nen Dienern zu: „Man hole Herrn d'Artagnan.“ XVIII. Folge des Sturmes. Ohne Zweifel haben unſere Leſer ſich ſchon gefragt, wie ſich Athos ſo zur rechten Zeit beim König einge⸗ funden, er von dem ſie ſeit langer Zeit nicht hatten ſprechen hören. Da wir uns als Romanendichter hauptſächlich die Aufgabe ſtellten, die Ereigniſſe mit einer beinahe unſeligen Logik mit einander zu verketten, ſo hielten wir uns bereit, zu antworten, und wir antworten auf dieſe Frage. Getreu ſeiner Pflicht als Streitordner, war Por⸗ thos, nachdem er das Palais⸗Royal verlaſſen, Rasul zu den Minimes des Waldes von Vincennes gefolgt und hatte ihm in ihren geringſten Einzelheiten ſeine Unterredung mit Saint⸗Aignan erzählt. Er endigte mit der Behauptung, die Sendung des Königs an ſei⸗ nen Günſtling würde wahrſcheinlich nur eine augen⸗ blickliche Verzögerung herbeiführen, und Saint⸗Aignan würde ſich, wenn er vom König wegginge, beeilen, dem Ruf zu folgen, der von Raoul an ihn ergangen. Aber minder gläubig als ſein alter Freund, ſchloß Raoul aus der Erzählung von Porthos, wenn Saint⸗ Aignan zum König ginge, würde er dieſem Alles er⸗ zählen, und wenn Saint⸗Aignan dem König Alles er⸗ zaͤhlte, würde der König Saint⸗Aignan verbieten, ſich auf den Kampfplatz zu begeben. In Folge dieſer Be⸗ trachtung ließ er Porthos den Ort in dem ſehr un⸗ wahrſcheinlichen Fall bewachen, daß Saint⸗Aignan käme; er forderte ſogar Porthos auf, nicht mehr, als eine oder anderthalb Stunden auf der Wieſe zu blei⸗ ben, Dem widerſetzte ſich Porthos förmlich, er ſtellte R SBUSAm 153 ſich im Gegentheil bei den Minimes feſt, als wollte er hier Wurzel faſſen, ließ Raoul verſprechen, von ſeinem Vater aus in ſeine, Raouls, Wohnung zurückzukommen, damit der Lackei von Porthos wüßte, wo er ihn finden könnte, wenn Saint⸗Aignan beim Rendez⸗vous erſcheinen würde. Bragelonne verließ Vincennes und begab ſich ge⸗ raden Weges zu Athos, der ſich ſeit zwei Tagen in Pa⸗ ris befand. Der Graf war ſchon durch eien Brief von d'Ar⸗ tagnan benachrichtigt. Raoul kam alſo im Ueberfluß zu ſeinem Vater, der ihm, nachdem er ihm die Hand gereicht und ihn umarmt hatte, durch ein Zeichen bedeutete, er möge ſich ſetzen. „Ich weiß, daß Ihr zu mir kommt, wie man zu einem Freunde kommt, Vicomte, wenn man weint oder Vofin man leidet; ſagt mir, welche Urſache Euch hierher ührt.“ Der junge Mann verbeugte ſi ſich und begann ſeine Erzählung. Mehr als einmal im Laufe dieſer Erzäh⸗ lung hemmten die Thränen ſeine Stimme und ein in ſeiner Kehle zuſammengepreßtes Schluchzen unterbrach ſeine Rede. Er vollendete indeſſen. Athos wußte ohne Zweifel ſchon, woran er ſich zu halten hatte, da ihm, wie geſagt, d'Artagnan geſchrie⸗ ben, weil ihm aber daran lag, bis zum Ende die Ruhe und die Heiterkeit zu bewahren, welche die beinahe über⸗ menſchliche Seite ſeines Charakters bildeten, ſo erwie⸗ derte er: „Raoul, ich glaube nichts von dem, was man ſagt; ich glaube nichts von dem, was Ihr fürchtet, nicht als ob nicht ſchon glaubwürdige Perſonen von dieſem Aben⸗ teuer mit mir geſprochen hätten, ſondern weil ich es in meiner Seele und in meinem Gewiſſen für unmög⸗ lich halte, daß der König einen Edelmann beſchimoft Die drei Musketiere. Bragelonne. VIlI. 154 hat. Ich verbürge mich alſo für den König und will Euch den Beweis von dem bringen, was ich ſage.“ Wie ein Trunkener zwiſchen dem, was er mit ſei⸗ nen eigenen Augen geſehen und ſeinem unſtörbaren Glauben an den Mann, der nie gelogen, ſchwankend, verbeugte ſich Raoul und antwortete nur: „Geht alſo, Herr Graf, ich werde warten.“ Und er ſetzte ſich und verbarg den Kopf in ſeinen beiden Händen. Athos kleidete ſich an und ging weg. Beim König that er, was wir unſeren Leſern erzählt, die ihn haben bei Seiner Majeſtät eintreten und von dort ſich wieder entfernen ſehen. Als er wieder nach Hauſe kam, hatte Raoul, bleich und düſter, ſeine verzweifelte Stellung noch nicht ver⸗ laſſen. Doch bei dem Geräuſch der Thüren, die ſich öffneten, bei dem Geräuſch der Tritte ſeines Vaters, die ſich ihm näherten, erhob der junge Mann das Haupt. Athos war bleich, ernſt; er übergab ſeinen Hut und ſeinen Mantel dem Lackei, ſchickte ihn mit einer Geberde weg und ſetzte ſich zu Raoul. „Nun! mein Herr,“ fragte der junge Mann, trau⸗ rig von oben nach unten den Kopf ſchüttelnd,„ſeid Ihr nun wohl überzeugt?“. „Ich bin es, Raoul: der König liebt Fräulein de la Vallière.“ 4 „Er geſteht es alſo?“ rief Raoul. „Ganz und gar.“ „Und ſie?“ „Ich habe ſie nicht geſehen.“ „Nein, aber der König hat von ihr mit Euch ge⸗ ſprochen, was ſagt er von ihr?“ 8 „Er ſagt, ſie liebe ihn.“ 4 „Oh! Ihr ſeht! Ihr ſeht!“ rief der junge Mann. Und er machte eine Geberde der Verzweiflung. „Raoul,“ ſprach der Graf,„glaubt mir, ich habe dem Koͤnig Alles geſagt, was Ihr ſelbſt ihm hättet 5 155 ſagen können, und ich meine, ich habe es ihm in an⸗ ſtändigen, aber feſten Ausdrücken geſagt.“ „Und was habt Ihr ihm geſagt, mein Herr 2, „Ich habe ihm geſagt, Raoul, Alles ſei zwiſchen ihm und uns zu Ende; Ihr würdet nichts mehr für ſeinen Dienſt ſein; ich habe geſagt, ich ſelbſt würde entfernt bleiben. Nun brauche ich nur noch Eines zu wiſſen.“ „Was, mein Herr?“ „Ob Ihr Euren Entſchluß gefaßt habt.“ „Meinen Entſchluß? In welcher Hinſicht?“ „In Beziehung auf die Liebe und... „Vollendet, mein Herr.“ „Und die Rache, denn ich befürchte, Ihr gedenkt Euch zu rächen.“ „Oh! mein Herr, die Liebe... eines Tages viel⸗ leicht, ſpäter wird es mir gelingen, ſie aus meinem Herzen zu reißen. Ich rechne hierauf mit der Hülfe Got⸗ tes und Eurer weiſen Ermahnungen. Die Rache, ſie war mir nur unter der Herrſchaft eines ſchlimmen Gedan⸗ ken eingefallen, denn an dem wahren Schuldigen konnte ich mich nicht rächen; ich verzichtete daher auf die Rache.“ „Ihr gedenkt alſo nicht mehr Streit mit Herrn von Saint⸗Aignan zu ſuchen?“. „Nein, mein Herr. Eine Ausforderung iſt geſche⸗ hen; nimmt ſie Herr von Saint⸗Aignan an, ſo werde ich ſie behaupten. Nimmt er ſie nicht an, ſo ſtehe ich davon ab.“. „Und la Vallière?“ „Der Herr Graf konnte nicht im Ernſte denken, ich würde mich an einem Weibe rächen erwiederte Raoul mit einem ſo traurigen Lächeln, daß es eine Thräne an den Rand der Augenlieder dieſes Mannes zog, der ſich ſo oft zu ſeinen Schmerzen und zu denen der An⸗ dern herabgeneigt hatte. Er reichte Raoul die Hand. Raoul ergriff ſie raſch und fragte: 156 „Herr Graf, Ihr ſeid alſo feſt überzeugt, daß das Uebel unheilbar iſt?" Athos ſchüttelte den Kopf und murmelte: „Armes Kind!“ „„Ihr denkt, ich hoffe noch, und Ihr beklagt mich,“ ſagte Raoul.„Ohl ſeht Ihr, es koſtet mich eine un⸗ ſägliche Anſtrengung, diejenige, welche ich ſo ſehr ge⸗ liebt, zu verachten, wie ich dies ſoll. Oh! warum habe ich nicht auch irgend ein Unrecht gegen ſie, ich wäre glücklich und würde ihr verzeihen.“ Athos ſchaute ſeinen Sohn traurig an. Die paar Worte, welche Raoul geſprochen, ſchienen aus ſeinem eigenen Herzen hervorgegangen zu ſein. In dieſem Augenblick meldete der Lackei Herrn d'Artagnan. Dieſer Name klang auf eine ganz verſchiedene Weiſe in den Ohren von Athos und in denen von Raoul. Der Musketier erſchien mit einem unbeſtimmten Lächeln auf den Lippen. Athos trat auf ſeinen Freund mit einem Geſichtsausdrucke zu, der Bragelonne nicht entging. D'Artagnan antwortete Athos durch ein ein⸗ faches Blinzeln mit dem Auge, dann näherte er ſich Raoul, nahm ihn bei der Hand und ſprach, indem er ſich zugleich an den Vater und an den Sohn wandte: „Nun! wir tröſten das Kind, wie es ſcheint.“ „Und, ſtets gut, kommt Ihr, um mich bei die ſer ſchwierigen Aufgabe zu unterſtützen,“ ſagte Athos. Und er drückte zwiſchen ſeinen beiden Händen die Hand von d'Artagnan. Naoul glaubte zu bemerken, dieſer Druck habe einen beſonderen Sinn abgeſehen von dem der Worte. „Ja,“ erwiederte der Musketier, indem er ſich mit der Hand, die ihm Athos frei ließ, am Schnurrbart kratzte,„ja, ich komme auch.“ 4 „Seid willkommen, Herr Cheyalier, nicht wegen „ as 157 des Troſtes, den Ihr bringt, ſondern um Eurer ſelbſt willen. Ich bin getröſtet,“ ſagte Raoul. Und er ſuchte zu lächeln, doch ſein Lächeln war trauriger, als irgend eine von den Thränen, welche d'Artagnan je hatte vergießen ſehen. „Dann iſt es gut,“ verſetzte d'Artagnan. „Nur,“ ſprach Raoul,„nur ſeid Ihr gekommen, als mir der Herr Graf die Einzelheiten ſeiner Unter⸗ redung mit dem König mittheilen wollte. Nicht wahr, Ihr erlaubt, daß der Herr Graf fortfährt?“ Und die Augen des jungen Mannes ſchienen bis im Grunde des Herzens von d'Artagnan leſen zu wollen. „Seiner Unterredung mit dem König?“ verſetzte der Musketier mit einem ſo natürlichen Ton, daß man unmöglich ſein Erſtaunen bezweifeln konnte. 4 „Ihr habt alſo den König geſehen, Athos 26 Lächelnd erwiederte Athos: „Ja, ich habe ihn geſehen.“ „Ahl wahrhaftig, Ihr wußtet nicht, daß der Graf Seine Majeſtät geſehen?“ fragte Raoul halb beruhigt. „Meiner Treue, durchaus nicht.“ „Dann bin ich ruhiger,“ ſagte Raoul. „Ruhiger, worüber?“ fragte Athos⸗ „Mein Herr,“ ſprach Raoul,„verzeiht mir, doch da ich die Freundſchaft, die Ihr für mich zu hegen mir die Chre erweiſt, kenne, ſo befürchtete ich, Ihr hättet ein wenig lebhaft Seiner Majeſtät meinen Schmerz und Eure Entrüſtung ausgedrückt, und der König. „Und der König?“ wiederholte d'Artagnan;„voll⸗ endet, Raoul.“ „Entſchuldigt mich, Herr d'Artagnan. Einen Au⸗ genblick, ich muß es geſtehen, hatte ich bange, Ihr kämet hieher nicht als Herr d'Artagnan, ſondern als Kapitän der Musketiere.“ „Ihr ſeid verrückt, mein armer Raoul,“ rief d'Ar⸗ tagnan, in ein Gelächter ausbrechend, bei dem ein 158 ſcharfer Beobachter vielleicht mehr Offenherzigkeit ge⸗ wünſcht hätte. „Deſto beſſer,“ ſagte Raoul.. „Ja, verrückt, und wißt Ihr, was ich Euch rathe?“ „Sprecht, mein Herr, da der Rath von Euch kommt, ſo muß er gut ſein.“ „Nun wohl, ich rathe Euch, nach Eurer Reiſe, nach Eurem Beſuche bei Herrn von Guiche, nach Eurem Beſuche bei Madame, nach Eurem Beſuche bei Porthos, nach Eurem Ritt nach Vincennes, ich rathe Euch, ein wenig auszuruhen; legt Euch nieder, ſchlaft zwölf Stunden, und bei Eurem Erwachen reitet mir ein gutes Pferd müde.“ Und er zog ihn zu ſich und umarmte ihn, wie er es mit ſeinem eigenen Kinde gethan hätte. Athos that dasſelbe, nur war der Kuß ſichtbar zärtlicher und der Druck noch ſtärker bei dem Vater, als bei dem Freunde. Dceer junge Mann ſchaute noch einmal dieſe zwei Männer an und ſuchte ſie mit allen Kräften ſeines Verſtandes zu durchdringen. Aber ſein Blick ſtumpfte ſich an der lachenden Phyſiognomie des Musketiers und an dem ruhigen und ſanften Geſichte des Grafen de la Fere ab. „Und wohin geht Ihr?“ fragte der Letztere, als er ſah, daß ſich Raoul wegzugehen anſchickte. „Nach Hauſe,“ antwortete dieſer mit ſeinem mil⸗ den, traurigen Ton. „Dort wird man Euch alſo finden, Vicomte, wenn man Euch etwas zu ſagen hat?“ „Ja, mein Herr. Seht Ihr vorher, daß Ihr mir etwas zu ſagen habt?“ „Was weiß ich!“ erwiederte Athos. „Ja, tröſtliche Nachrichten mitzutheilen,“ ſprach d'Artagnan, während er Raoul ſanft nach der Thüre ſchob. Als Raoul dieſe Heiterkeit in jeder Geberde der beiden Freunde bemerkte, ging er aus der Wohnung 159 des Grafen weg und nahm nichts mit ſich, als das einzige Gefühl ſeines eigenen Schmerzes. „Gott ſei gelobt!“ ſagte er;„ich darf alſo nur noch an mich denken.“ Und er hüllte ſich ſo in ſeinen Mantel, daß er vor den Vorübergehenden ſein betrübtes Geſicht ver⸗ barg, und trat aus dem Hauſe, um ſich nach ſeiner eigenen Wohnung zu begeben, wie er es Porthos ver⸗ ſprochen hatte. Die zwei Freunde hatten den jungen Mann mit jei gleichen Gefühle des Mitleids ſich entfernen ehen. Nur drückte es jeder auf eine andere Weiſe aus. „Armer Raoul!“ ſagte Athos, indem er einen Seufzer entſtrömen ließ. „Armer Raoul!“ ſagte d'Artagnan die Achſeln zuckend. 8 XIX. * Was Kaoul errathen hatte. Als Raoul unter den zwei Ausrufungen, die ihm folgten, weggegangen war, befanden ſich Athos und d'Artagnan einander gegenüber allein. Athos nahm ſogleich die eifrige Miene wieder an, die er bei der Ankunft von d'Artagnan hatte. „Nun, mein Freund, was habt Ihr mir zu ver⸗ kündigen?“ fragte er. „Ich?“ erwiederte d'Artagnan. „Allerdings Ihr. Man ſieht Euch nicht ſo ohne Urſache.“ 160 Athos lächelte. „Ho! ho!“ rief d'Artagnan. „Ich will es Euch leicht machen, lieber Freund. Nicht wahr, der König iſt wüthend?“ 3 „Ich muß Euch geſtehen, daß er nicht zufrieden iſt.“ „Und Ihr kommt...“ „In ſeinem Auftrag, ja.“ „Um mch zu verhaften?“ „Ihr habt es getroffen, theurer Freund.“ r „Ich erwartete es. Vorwärts!“ „Ho! ho! was Teufels! wie haſtig ſeid Ihr!“ „Ich befürchte, Euch in Verzug zu bringen,“ ver⸗ n ſetzte Athos lächelnd. „Ich habe Zeit. Seit Ihr nicht begierig, zu er⸗ fahren, wie ſich die Dinge zwiſchen dem König und t mir ereignet haben?“ 3„Wenn es Euch gefällig iſt, mir das zu erzählen, 5 ſo werde ich mit Vergnügen hören,“ ſprach Athos. Und er wies d'Artagnan einen großen Lehnſtuhl, h in dem ſich dieſer bequem ausſtreckte. de „Seht Ihr,“ ſagte d'Artagnan,„ich muß es mir behaglich machen, weil die Erzählung ziemlich inte⸗ te reſſant iſt.“ „Ich höre.“ ſc „Wohl! vor Allem ließ mich der König rufen.“ „Nach meinem Abgang?“ 8 „Ihr ſtieget die letzten Stufen der Treppe hinab, wie mir die Musketiere geſagt haben. Ich kam. Mein C Freund, er war nicht roth, ſondern veilchenblau. Ich wußte noch nicht, was vorgefallen war. Nur ſah ich ve auf dem Boden einen in zwei Stücke zerbrochenen Degen.“ „Kapitän d'Artagnan!““ rief der König, als er mich erblickte. „„Sire!““ erwiederte ich. 2 „„So eben geht Herr de la Fore von mir, der ein Unverſchämter iſt.““ d. 161 „„Ein Unverſchämter!““ rief ich mit einer ſolchen Betonung, daß der König raſch inne hielt. „„Kapitän d'Artagnan,““ fuhr dann der König, die Zähne an einander preſſend, fort,„„Ihr werdet mich anhören und mir gehorchen!““ „„Das iſt meine Pflicht, Sire.““ v„„Ich wollte dieſem Herrn, für den ich einige gute Erinnerungen bewahre, die Schmach, ihn bei mir verhaften zu laſſen, erſparen.““ „„Ahl ah!““ ſagte ich ruhig. „„Aber,““ ſprach er,„„Ihr werdet einen Wagen nehmen!“ „Ich machte eine Bewegung. „„Wenn es Euch widerſtrebt, ihn ſelbſt zu verhaf⸗ ten, ſchickt mir meinen Käpitän der Garden.““. „Sire,““, erwiederte ich,„„es bedarf nicht des Kapitäns der Garden, da ich den Dienſt habe.““ „Ich wollte Euch nicht mißfällig ſein, denn Ihr habt mir immer gut gedient, Herr d'Artagnan,““ ſprach der König voll Güte. „„Ihr ſeid mir nicht mißfällig, Sire,““ antwor⸗ tete ich.„Ich habe den Dienſt, das iſt das Ganze.““ „„Aber mir ſcheint, der Graf iſt Euer Freund,““ ſagte der König erſtaunt. „„Wäre er mein Vater, Sire, ſo hätte ich nichts⸗ deſtoweniger den Dienſt.““ „Der König ſchaute mich an, er ſah, daß mein Geſicht unempfindlich, und ſchien zufrieden. „„Ihr werdet alſo den Herrn Grafen de la Foͤre verhaften?““ fragte er.. „„Allerdings, Sire, wenn Ihr den Befehl gebt.“" „„Wohll ich gebe Euch den Befehl.““ „Ich verbeugte mich. „„Wo iſt der Graf, Sire?“ „„Ihr werdet ihn ſuchen.““ „„ und ihn verhaften, wo er auch ſein mag.“*ℳ 3 „„Ja. Trachtet indeſſen danach, daß er ſich zu 162 Hauſe befindet. Sollte er auf ſeine Güter zurückkeh⸗ ren, ſo verlaßt Paris und nehmt ihn unter Weges.““ „Ich verbeugte mich, und da ich auf meinem Platze blieb, fragte der König: „„Nun!“³ „„Ich warte. Sire.““ „„Worauf 2„ „„Auf den unterzeichneten Befehl.““ „Das ſchien den König zu ärgern.“ „Es war in der That ein neuer Autoritätsſtreich zu thun; er ſollte den Willkührakt wiederholen, wenn lobe überhaupt von einer Willkühr die Rede ſein ann. „Er nahm langſam und in übler Laune die Feder und ſchrieb:„„Befehl für den Herrn Chevalier d'Ar⸗ tagnan, Kapitän Lieutenant meiner Musketiere, den Herrn Grafen de la Fore, wo er ihn finden mag, zu verhaften.““ Dann wandte er ſich gegen mich um. „Ich wartete, ohne eine Miene zu verziehen. Ohne Zweifel glaubte er eine verhöhnende Prahlerei in meiner Ruhe zu ſehen, denn er unterzeichnete raſch; übergab mir den Befehl und rief:„„Geht!““ „Ich gehorchte, und hier bin ich.“ Athos drückte ſeinem Freunde die Hand und ſagte: „Laßt uns gehen.“ „Oh!“ entgegnete d'Artagnan.„Ihr habt wohl einige kleine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, ehe Ihr Eure Wohnung nur ſo verlaßt.“ „Ich? keines Wegs.“ „Wie?“ „Mein Gott! nein. Ihr wißt, d'Artagnan, ich war im⸗ mer ein einfacher Wanderer aufErden, bereit, auf den Befehl meines Königs an das Ende der Welt zu gehen, bereit, dieſe Welt mit der andern auf Beſehl meines Königs zu vertauſchen. Was braucht ein Menſch, der benach⸗ richtigt iſt? einen Mantelſack oder einen Sarg. Ich —,,——-——— 163 bin heute wie immer bereit, theurer Freund. Führt mich alſo weg.“ „Aber Bragelonne?“ „Ich habe ihn in den Grundſätzen, die ich mir ſelbſt gemacht, erzogen, und Ihr ſeht, daß er, als er Euch erblickte, auf der Stelle die Urſache errieth, die Euch hierher führte. Wir haben ihn einen Augenblick von der Fährte abgebracht, doch ſeid unbeſorgt, er iſt hinreichend darauf gefaßt, daß ich mir die Ungnade zugezogen, um nicht zu ſehr darüber zu erſchrecken. Gehen wir.“ „Gehen wir,“ ſprach d'Artagnan ruhig. „Mein Freund,“ ſagte der Graf,„da ich meinen Degen beim König zerbrochen und ihm die Stücke vor die Füße geworfen habe, ſo überhebt mich dies, glaube ich, der Mühe, ihn Euch zu übergeben.“ „Ihr habt Recht, und was Teufels ſoll ich über⸗ dies mit Eurem Degen machen?“ „Geht man vor Euch oder hinter Euch?“ fragte Athos lachend. „Man geht an meinem Arme,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan. Er nahm den Arm des Grafen de la Fore, um mit ihm die Treppe hinabzugehen. So kamen ſie auf den Ruheplatz. Grimaud, den ſie im Vorzimmer getroffen, ſchaute dieſe Scene mit unruhiger Miene an. Er kannte das Leben zu genau, um nicht zu vermuthen, es ſtecke et⸗ was Verborgenes hierunter. „Ah! Du biſt es, mein lieber Grimaud?“ fragte Athos.„Wir wollen...“— 3 „Eine Spazierfahrt in meinem Wagen machen,“ unterbrach d Artagnan mit einer freundſchaftlichen Kopf⸗ bewegung. Grimaud dankte d'Artagnan durch eine Grimaſſe, die offenbar ein Lächeln zu ſein beabſichtigte, und be⸗ gleitete die zwei Freunde bis an den Kutſchenſchlag. —— 2 164 Athos ſtieg zuerſt ein: d'Artagnan folgte ihm, ohne et⸗ was zum Kutſcher geſagt zu haben. Ganz einfach und ohne eine andere Demonſtration, erregte dieſe Abfahrt kein Aufſehen in der Nachbarſchaft. Als ver Wagen die Ouais erreicht hatte, ſagte Athos: „Ihr führt mich nach der Baſtille, wie ich ſehe?“ „Ich?“ verſetzte d'Artagnan:„ich führe Euch, wo⸗ hin Ihr wollt, und nicht anderswohin.“ „Wie ſo?“ ſagte der Graf erſtaunt. „Ihr begreift bei Gott! wohl, mein lieber Graf, daß ich den Auftrag nur übernomnen habe, damit Ihr es nach Eurer Phantaſte einrichten könnt. Ihr erwar⸗ tet nicht, daß ich Euch nur ſo brutal, ohne alle Ueber⸗ legung einſperrten laſſe. Hätte ich dies nicht vorherge⸗ ſehen, ſo würde ich den Herrn Kapitän der Garden ha⸗ ben machen laſſen.“ „Somit...“ fragte Athos. „Somit, ich wiederhole es Euch, gehen wir, wo⸗ hin Ihr wollt.“ „Theurer Freund, daran erkenne ich Euch,“ ſprach Athos. „Eil mir ſcheint, das iſt ganz einfach. Der Kut⸗ ſcher wird Euch an die Barrière du Cours⸗la⸗Reine führen; dort findet Ihr ein Pferd, das ich bereit zu halten befohlen habe; mit dieſem Pferde macht Ihr drei Poſten in einem Zuge, und ich werde bemüht ſein, nicht eher zum König zurückzukehren, um ihm zu ſagen, daß Ihr abgereiſt, als in dem Augenblick, wo es un⸗ möglich iſt, Euch einzuholen. Waͤhrend dieſer Zeit er⸗ reicht ihr das Havre, vom Havre England, wo Ihr das ſchöne Haus findet, das mir mein Freund Herr Monk geſchenkt hat, abgeſehen von der Gaſtfreundſchaft, die Euch König Karl unfehlbar bieten wird. Nun! was ſagt Ihr zu dieſem Plane?“ Athos ſchüttelte den Kopf und erwiederte Mchelns: „Führt mich in die Baſtille.“ „Schlimnes Kopf! bedenkt doch.“ 165 „Was?“ „Daß Ihr nicht mehr zwanzig Jahre alt ſeid. Glaubt mir, mein Freund, ich ſpreche nach meiner innigen Ueber⸗ zeugung. Ein Gefängniß iſt tödtlich für Leute von un⸗ ſerem Alter. Nein, nein, ich werde es nicht dulden, daß Ihr im Gefängniſſe ſchmachtet. Es ſchwindelt mir, wenn ich nur daran denke.“ „Freund,“ entgegnete Athos,„Gott hat mich zum Glück ſo ſtark von Körper, als von Geiſt gemacht. Glaubt mir, ich werde ſtark ſein bis zu meinem letzten Seufzer.“ „Das iſt keine Stärke, mein Freund, das iſt Wahnſinn.“ „Nein, d'Artagnan, es iſt hohe Vernunft. Glaubt nicht, daß ich entfernt mit Euch über die Frage ſtreite, ob Ihr Euch zu Grunde richten würdet, wenn Ihr mich rettetet. Ich hätte gethan, was Ihr thut, hätte ich die Flucht zu meiner Verfügung gehabt. Ich würde alſo von Euch das angenommen haben, was Ihr un⸗ zweifelhaft unter ähnlichen Umſtänden von mir ange⸗ nommen hättet. Nein, ich kenne Euch zu genau, um dieſen Gegenſtand nur obenhin zu berühren.“ „Oh! wenn Ihr mich gewähren ließet, wie würde ich den König Euch nachlaufen machen!“ „Er iſt der König, theurer Freund.“ „Ohl das iſt mir gleich, und obſchon er der Kö⸗ nig iſt, würde ich ihm doch geradezu antworten:„„Sire, kerkert Alles ein, verbannt, tödtet Alles in Frankreich und in Europa; befehlt mir, zu verhaften und zu er⸗ dolchen, wen Ihr wollt, und wäre es Euer Herr Bruder; rührt aber nie einen von den vier Musketie⸗ ren an, oder Mordioux!“4“ „Lieber Freund,“ erwiederte Athos ruhig,„ich möchte Euch gern von Einem überzeugen, nämlich davon, daß ich verhaftet zu werden wünſche; es iſt mir über Alles an einer Verhaftung gelegen.“ 166 — D'Artagnan machte eine Bewegung mit den Schul⸗ ern. „Was wollt Ihr?“ fuhr Athos fort,„es iſt ſo; ließet Ihr mich gehen, ſo käme ich von ſelbſt zurück und ſtellte mich als Gefangener. Ich will dieſem jungen Mann, den der Glanz ſeiner Krone ſchwindelig macht, beweiſen, er ſei der erſte der Menſchen nur unter der Bedingung, daß er zugleich der großmüthigſte und wei⸗ ſeſte derſelben. Er beſtraft mich, er kerkert mich ein, er martert mich, gut! Er treibt Mißbrauch mit ſeiner Gewalt, und ich will ihn erfahren laſſen, was ein Ge⸗ wiſſensbiß iſt, bis Gott ihn lehrt, was eine Züchtigung iſt.“ „Mein Freund,“ ſprach d'Artagnan,„ich weiß zu ſehr, daß es, wenn Ihr nein geſagt habt, nein iſt. Ich dringe nicht länger in Euch. Wollt Ihr in die Baſtille gehen?“ „Ich will es.“ „Gehen wir dahin!... Nach der Baſtille!“ rief d'Artagnan dem Kutſcher zu. Und er warf ſich in den Wagen zurück und kaute an ſeinem Schnurrbart mit einer Heftigkeit, welche für Athos einen gefaßten oder in der Geburt begriffenen Entſchluß bezeichnete. Es herrſchte ein Stillſchweigen in dem Wagen, der fortwährend rollte, jedoch nicht ſchneller, nicht langſa⸗ mer. Athos nahm den Musketier bei der Hand und fragte: 1 „Ihr ſeid nicht ärgerlich über mich, d'Artagnan?“ „Ich 2 ei! bei Gott, nein! Was Ihr aus Hel⸗ denmuth thut, hätte ich aus Halsſtarrigkeit gethan.“ „Doch nicht wahr, Ihr ſeid wohl der Anſicht, Gott werde mich rächen, d'Artagnan?“ „Und ich kenne auf Erden Leute, die Gott unter⸗ ſtützen werden.“ &&& XX. Urei Diſchgenoſſen, die ſich wundern, daß ſie mit einander zu Nacht ſpeiſen. Der Wagen kam vor das erſte Thor der Baſtille. Eine Schildwache hielt ihn an, doch d'Artagnan hatte nur ein Wort zu ſagen, um Einlaß zu erlangen. Während man dem bedeckten Wege folgte, der nach dem Hofe des Gouvernement führte, rief d'Artagnan, deſſen Luchsauge Alles, ſelbſt durch die Wände, ſah, plötzlich: 4 blice was ſehe ich?“ „Gut!“ ſagte Athos ruhig,„was ſeht Ihr, mein Freund?“ „Schaut doch dorthin.“ „In den Hof?“ „Ja, geſchwinde, beeilt Euch.“ „Nun! ein Wagen.“ „Wohl!“ „Ein armer Gefangener, wie ich, den man bringt.“ „Das wäre zu ſpaßhaft!“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Schaut eiligſt, wer derjenige iſt, welcher aus dem Wagen ſteigt.“ In dieſem Augenblick hielt eine zweite Schildwache d'Artagnan an. Die Förmlichkeiten wurden abgethan. Athos konnte auf hundert Schritte den Mann ſehen, den ihm ſein Freund bezeichnet hatte. Dieſer Mann ſtieg wirklich gerade vor der Thüre des Gouvernement aus dem Wagen. „Nunl fragte d'Artagnan,„Ihr ſeht ihn?“ „Ja, es iſt ein Mann in grauem Kleide.“ „Was ſagt Ihr dazu?“ 88. 168 „Ich weiß es nicht, es iſt, wie ich Euch ſage, ein Mann in grauem Kleide, der aus dem Wagen ſteigt.“ „Athos, ich würde wetten, daß er es iſt.“ „Wer, er?“ „Aramis.“ „Aramis, verhaftet? unmöglich!“ „Ich ſage nicht, er ſei verhaftet, da wir ihn allein in ſeinem Wagen ſehen.“ „Was macht er denn hier?“ „Ohl er kennt Baiſemeaur, den Gouverneur,“ er⸗ wiederte der Musketier mit hinterhältiſchem Tone.„Mei⸗ ner Treue! wir kommen zu rechter Zeit.“ „Wozu?“ „Um zu ſehen.“ „Dieſes Zuſammentreffen iſt mir unangenehm; Aramis, wenn er mich ſieht, wird er ſich ärgern, ein⸗ mal, daß er mich ſieht, und dann, daß er geſehen wird.“ „Gut geurtheilt.“ „Leider gibt es kein Mittel dagegen: trifft man Einen in der Baſtille, ſo iſt es unmöglich, ihn zu ver⸗ meiden, wollte man auch zurückweichen.“ „Ich habe meinen Gedanken, Athos; wir müſſen Aramis den Aerger von dem Ihr ſprecht, erſparen.“ „Wie dies?“ „Wie ich Euch ſagen werde, oder, um mich beſſer zu erklären, laßt mich die Sache auf meine Weiſe er⸗ zählen, ich empfehle Euch nicht, zu lügen, denn das wäre Euch unmöglich.“ „Nun alſo?“ „Ich werde für zwei lügen; bei der Natur und der Gewohnheit des Gascogners iſt dies ſo leicht!“ . Athos lächelte. Der Wagen hielt an, wo der, den wir bezeichnet, angehalten hatte, nämlich vor der Schwelle des Gouvernement. 3 3 „Das iſt abgemacht,“ ſagte d'Artagnan leiſe zu ſeinem Freunde. 4 nn 169 Athos willigte durch eine Geberde ein. Sie ſtie⸗ gen die Treppe hinauf. Wundert man ſich über die Leichtigkeit, mit der ſie in die Baſtille hereingekommen waren, ſo wird man ſich erinnern, daß beim erſten Ein⸗ gang, das heißt bei der ſchwierigſten Stelle, d'Artag⸗ nan geſagt hatte, er bringe einen Staatsgefangenen. Bei der dritten Thüre im Gegentheil, als er einmal völlig herein war, ſagte er nur zu der Schildwache: „Zu Herrn von Baiſemeaux.“ Und Beide gingen vorbei. Bald waren ſie im Speiſeſaal des Gouverneur, wo das erſte Geſicht, das d'Artagnan in die Augen ſiel, das von Aramis war, der neben Baiſemeaux ſaß und auf die Ankunft eines guten Mahles wartete, deſſen Geruch die ganze Woh⸗ nung durchdampfte. 4 Spielte d'Artagnan den Erſtaunten, ſo ſpielte ihn Aramis nicht; er bebte, als er ſeine zwei Freunde ſah, und die Erſchütterung war bei ihm ſichtbar. Athos und d'Artagnan machten indeſſen ihre Kom⸗ plimente, und erſtaunt, beſtürzt, über die Gegenwart dieſer drei Gäſte, begann Baiſemeaur tauſend Schwen⸗ kungen um ſie. „Ah!“ ſagte Aramis,„durch welchen Zufall...“ „Das fragen wir Euch...“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan. „Stellen wir uns Alle als Gefangene?“ rief Ara⸗ mis Heiterkeit heuchelnd.. „Ei! ei!“ verſetzte d'Artagnan,„die Wände riechen allerdings teufelmäßig nach dem Gefängniß. Herr Baiſemeaur, Ihr wißt, daß Ihr mich vor einiger Zeit zum Mittageſſen eingeladen habt.“ „Ich?“ rief Baiſemeaur. „Ah! man ſollte wahrhaftig glauben, Ihr fallet aus den Wolken. Ihr erinnert Euch nicht?“ Baiſemeaux erbleichte, erröthete, ſchaute Aramis an, der ihn anſchaute, und ſtammelte am Ende: Die drei Musketiere. Bragelonne vinl. 12 170 „Gewiß... ich bin entzückt... aber auf Ehre ... ich kann mich nicht... Ahl mein elendes Ge⸗ dächtniß!“ „Ei! ich habe Unrecht,“ ſagte d'Artagnan, wie ein Menſch, der ſich ärgert. 1 „Unrecht! worin?“ „Darin, daß ich mich erinnere, wie es ſcheint.“ Baiſemeaur ſtürzte auf ihn zu und rief: „Seid nicht ungehalten, lieber Kapitän! ich bin der ärmſte Kopf des Königreichs. Führt mich von meinen Tauben und aus meinem Taubenſchlag weg, und ich bin nicht ſo viel werth, als ein Soldat von ſechs Wochen.“ „Doch Ihr erinnert Euch nun?“ fragte d'Artagnan mit Nachdruck. „Ja, ja,“ erwiederte zögernd der Gouverneur,„ich erinnere mich.“ „Es war beim König, Ihr erzähltet mir, ich weiß nicht was für, Geſchichten über Eure Rechnungen mit den Herren Louvidres und Tremblay.“ „Ahl ja, ja.“ „Und über die Güte von Herrn d'Herblay für Euch.“ „Ah!l“ rief Aramis, dem Gouverneur ins Weiße der Augen ſchauend,„Ihr ſagtet, Ihr hättet kein Ge⸗ dächtniß, Herr von Baiſemeaux!“ Dieſer unterbrach den Musketier. „Wie denn! es iſt ſo; Ihr habt Recht. Es iſt mir, als wäre ich noch dort. Ich bitte tauſend Mil⸗ lionenmal um Verzeihung. Doch merkt Euch wohl, lieber Herr d'Artagnan, zu dieſer Stunde wie in ande⸗ ren, gebeten oder nicht gebeten, ſeid Ihr der Herr in meinem Hauſe, Ihr und Herr d'Herblay, Euer Freund,“ ſagte er ſich gegen Aramis wendend,„und dieſer Herr,“ fügte er, Athos grüßend, bei. 1 „Ich dachte mir dies Alles, und darum kam ich,“ erwiederte d'Artagnan.„Da ich dieſen Abend im Palais⸗ Royal nichts zu thun habe, ſo wollte ich Eure Haus⸗ 1 ¹ 8— 171 Ehre mannskoſt verſuchen, als ich unter Weges den Herrn Ge⸗ Grafen traf.“ 3 Athos verbeugte ſich. ein„Der Herr Graf, der eben von Seiner Maje⸗ ſtät kam, übergab mir einen Befehl, der ſchleunigen Vollzug heiſcht. Ich war in der Nähe von hier und 4 wollte meinen Gang fortſetzen, und wäre es nur, um Euch die Hand zu drücken und Euch dieſen Herrn vor⸗ bin zuſtellen, von dem Ihr ſo vortheilhaft beim König von ſprachet,... an demſelben Abend, wo...“ heg,„Sehr gutl ſehr gut! nicht wahr, der Herr Graf von de la Foͤre?“ „Ganz richtig.“ nan„Der Herr Graf iſt willkommen.“ 1„Und er wird mit Euch Beiden ſpeiſen, nicht wahr? ich indeß ich, ein armer Leithund, meinem Dienſt nach⸗ 3 laufe. Ihr ſeid glückliche Sterbliche!“ fügte er mit eiß einem Seufzer bei, wie ihn nur Porthos hätte aus⸗ mit ſtoßen können. „Ihr geht alſo weg?“ fragten Aramis und Bai⸗. ſemeaux in einem und demſelben freudigen Gefühl des .ℳ Erſtaunens. iße D'Artagnan faßte dieſe Nuance auf und ant⸗ he⸗ wortete: „Ich laſſe Euch ſtatt meiner einen edlen und guten iſt Und er klopfte ſanft Athos auf die Schulter, der il⸗ auch erſtaunte und ſich nicht enthalten konnte, ihm dies hl, yr ein wenig kundzugeben, eine Nuance, die nur von Ara⸗ be⸗ mis allein aufgefaßt wurde, denn Baiſemeaux war nicht in von der Stärke der drei Freunde. 5 ,„Wie! wir verlieren Euch?“ ſprach der gute Gou⸗ , verneur. „ Ich bitte Euch um eine oder um anderthalb Stun⸗ den, Zum Nachtiſch komme ich zurück.“ „Ohl! wir werden warten,“ ſagte Baiſemeaux. „Ihr würdet mir damit keinen Gefallen thun.“ 172 „Ihr kommt zurück?“ fragte Athos mit einer Miene des Zweifels. „Sicherlich,“ erwiederte d'Artagnan, indem er ihm vertraulich die Hand drückte; und er fügte leiſe bei: „Wartet auf mich, Athos, ſeid heiter, und ſprecht um Gotteswillen nicht von den Angelegenheiten.“ Ein neuer Druck der Hand beſtärkte Athos in der Berbiidüihrel verſchwiegen und undurchdringlich zu ein. Baiſemeaux geleitete d'Artagnan bis zur Thüre zurück. Aramis bemächtigte ſich unter vielen Liebkoſungen der Perſon von Athos, entſchloſſen, dieſen ſprechen zu machen; Athos beſaß aber alle Tugenden in ihrem höch⸗ ſten Grad. Erforderte es die Nothwendigkeit, ſo wäre er der erſte Redner der Welt geweſen, unter andern Umſtänden wäre er eher geſtorben, als daß er eine Sylbe geſprochen hätte. Dieſe drei Herren⸗ ſetzten ſich alſo zehn Minuten nach dem Abgang von d'Artagnan an einen guten, brei⸗ ten, mit dem weſenhafteſten gaſtronomiſchen Luxus ver⸗ ſehenen Tiſch. Die ſchweren Tafelſtücke, die Conſerven, die wechſelreichſten Weine erſchienen nach und nach auf dieſem auf des Königs Koſten beſtellten Tiſch, an deſſen Ausgabenrechnung Herr Colbert leicht zwei Drittel zu erſparen gewußt hätte, ohne irgend Jemand in der Baſtille abmagern zu laſſen. Baiſemeaux war der Einzige, der entſchloſſen aß und trank. Aramis ſchlug nichts aus und nippte von Allem; Athos berührte nach der Suppe und den drei Zwiſchengerichten nichts mehr. Das Geſpräch war das, was es beidrei in Laune und Plänen einander ſo entgegengeſetzte Männern ſein mußte. Aramis fragte ſich unabläßig, in Folge von wel⸗ chen ſeltſamen Umſtänden Athos ſich bei Baiſemeaurx fände, während d'Artagnan nicht mehr da wäre, und —-——— 8— — —— —,— —— 173 warum d'Artagnan ſich nicht mehr hier befände, indeß Athos geblieben. Athos durchhöhlte die ganze Tiefe des Geiſtes von Aramis, der von Liſten und Intri⸗ guen lebte; er ſchaute ſeinen Mann wohl an und wit⸗ terte, daß er mit einem wichtigen Plan beſchäftigt war. Dann concentrirte er ſich auch in ſeine eigenen Intereſſen, und fragte ſich, warum d'Artagnan aus der Baſtille ſo ſonderbar ſchnell weggegangen ſei und hier einen ſo ſchlecht eingeführten und ebenſo ſchlecht eingeſperrten Gefangenen zurückgelaſſen habe. Doch wir werden nicht bei dieſen Perſonen mit un⸗ ſerer Prüfung verweilen. Wir überlaſſen ſie ſich ſelbſt vor den Trümmern von Kapaunen, Feldhühnern und — das freigebige Meſſer von Baiſemeaur verſtümmelten Fiſchen. Derjenige, welchen wir verfolgen werden, iſt dAr⸗ tagnan, der wieder in den Wagen ſtieg, welcher ihn gebracht hatte, und dem Kutſcher zurief: „Zum Köͤnig, was die Pferde laufen können!“ XXI. Was im Kouvre während des Mahles in der Baſtille vorfiel. Herr von Saint⸗Aignan hatte ſeinen Auftrag bei la Vallière beſorgt, wie man in den vorhergehenden Kapiteln geſehen, aber wie groß auch ſeine Beredſam⸗ keit war, er überzeugte ſie nicht, ſie habe im König einen hinreichend gewichtigen Beſchützer, und ſie brauche Niemand in der Welt, wenn der König für ſie ſei. * . 174 Bei dem erſten Wort, das der Vertraute über die Entdeckung des vielerwähnten Geheimniſſes ſprach, ſtieß Louiſe, in Thräffen zerfließend, laute Schreie aus, und überließ ſich ganz ihrem Schmerz, den der König nicht verbindlich gefunden haben würde, hätte er aus einer Ecke des Zimmers Zeuge davon ſein können. Saint⸗ Aignan, der Botſchafter, wurde aufgebracht, als wäre er der Gebieter geweſen, und kehrte zum König zurück, um ihm zu melden, was er geſehen und gehört. Hier finden wir ihn in Gegenwart von Ludwig, der noch viel mehr aufgeregt. „Aber,“ ſagte der König zu ſeinem Höfling, nach⸗ dem dieſer ſeine Erzählung beendigt,„was hat ſie be⸗ ſchloſſen? werde ich ſie wenigſtens vor dem Abendbrod ſehen? wird ſie kommen oder muß ich zu ihr gehen?“ „Sire, ich glaube, daß Eure Majeſtät, wenn ſie das Fräulein zu ſehen wünſcht, nicht nur die erſte Schritte thun, ſondern den ganzen Weg machen muß.“ „Nichts von mir? Dieſer Bragelonne liegt ihr alſo ſehr am Herzen!“ murmelte Ludwig XIV. durch die Zähne. 3 3 „Oh! Sire, das iſt nicht möglich, denn Euch liebt Fräulein de la Vallière, und zwar auf das In⸗ nigſte. Doch Ihr wißt, Herr von Bragelonne gehört zu jener ernſten Race, welche die römiſchen Helden ſpielt.“ Der Koͤnig lächelte ſchwach; er wußte, woran er ſich zu halten hatte. Athos ging eben von ihm weg. „Was Fräulein de la Vallière betrifft,“ fuhr Saint⸗Aignan fort,„ſo iſt ſte bei Madame Witwe, das heißt, in der Steifheit und Strenge aufgezogen worden. Die zwei Verlobten haben ſich dort kalt Schwüre vor dem Mond und den Sternen gethan, und ſeht Ihr, Sire, heute, um das zu brechen, das iſt der Teufel!“ Saint⸗Aignan glaubte den König abermals lachen zu machen; doch der König ging im Gegentheil vom einfachen Lächeln zum völligen Ernſt über. Er fühlte * 8,—,—= 2 — 175 ſchon das, was der Graf ihm zu bereiten d'Artagnan verſprochen hatte— Gewiſſensbiſſe. Er bedachte, dieſe jungen Leute haben ſich wirklich geliebt und Bündniß geſchworen, eines von ihnen habe Wort gehalten, und das andere ſei zu redlich, um nicht darüber, daß es meineidig geworden, zu ſeufzen. Und mit dem Gewiſſensbiß ſtachelte die Eiferſucht gewaltig das Herz des Koͤnigs. Er ſprach kein Wort mehr, und ſtatt zu ſeiner Mutter, oder zur Königin, oder zu Madame zu gehen, um ſich ein wenig zu erhei⸗ tern und die Damen lachen zu machen, wie er ſelbſt ſagte, verſenkte er ſich in den großen Lehnſtuhl, worin Ludwig NIll., ſein erhabener Vater, ſich ſo oft mit Baradas und Cing⸗Mars ſo viele Tage und Jahre hindurch gelangweilt hatte. Saint⸗Aignan begriff, der König ſei in dieſem Augenblick nicht leicht zu unterhalten. Er wagte das letzte Mittel und ſprach den Namen Louiſe aus; der König ſchaute empor. „Was wird Eure Majeſtät heute Abend machen? ſoll ich Fräulein de la Vallidre benachrichtigen?“ „Eil mir ſcheint, ſie iſt benachrichtigt,“ erwiederte der König. „Wird man ſpazierenfahren?“ „Man iſt ſchon gefahren.“ „Nun! Sire?“ „ Nun! Saint⸗Aignan, träumen wir, träumen wir jeder ſeinerſeits; hat Fräulein de la Vallière das gehörig beklagt, was ſie beklagt(der Gewiſſensbiß wirkte), ſo mird ſie wohl ſo gut ſein, uns Nachricht von ſich zu geben.“ „Oh! Sire, köoͤnnt Ihr ſo dieſes treu ergebene Herz verkennen?“ Der König ſtand roth vor Aerger auf; die Eifer⸗ ſucht biß auch an. Saint⸗Aignan fand die Lage allmälig ſchwierig, als der Thürvorhang aufgehoben wurde. Der König / 176 Musketiere aufrecht und ſtumm im Thürrahmen. „Herr d'Artagnan?“ rief er,„ah!.. Nun 2“ D'Artagnan ſchaute Saint⸗Aignan an. Die Augen des Königs nahmen dieſelbe Richtung, wie die ſeines Kapitäns. Dieſe Blicke wären klar für Jedermann ge⸗ weſen, um ſo viel mehr waren ſie es für Saint⸗Aig⸗ nan. Der Höfling verbeugte ſich und ging hinaus. Der König und d'Artagnan waren allein. „Iſt es geſchehen?“ fragte der König. „Ja, Sire,“ antwortete der Kapitän der Muske⸗ tiere mit ernſtem Ton,„es iſt geſchehen!“ Der Koͤnig fand kein Wort zu ſagen. Der Stolz gebot ihm jedoch, nicht hiebei zu bleiben. Wenn ein König eine Entſchließung gefaßt hat, ſelbſt eine unge⸗ rechte, ſo muß er allen denjenigen, welche ſte ihn haben faſſen ſehen, und beſonders ſich ſelbſt beweiſen, daß er Recht gehabt hat, dieſelbe zu faſſen. Es gibt hiefür ein gutes Mittel, ein beinahe unfehlbares Mittel, das, dem Opfer Unrecht aufzubürden. on Mazarin und Anna von Oeſterreich erzogen, kannte Ludwig ſein Königshandwerk beſſer, als es je ein Fürſt gekannt hat. Er ſuchte es auch bei dieſer Gelegenheit zu beweiſen. Nachdem er einen Augen⸗ blick geſchwiegen und ganz leiſe die Betrachtungen an⸗ geſtellt hatte, die wir laut angeſtellt, fragte er nach⸗ läſſig: „Was hat der Graf geſagt?“ „Nichts, Sire.“ 3 „Er hat ſich doch wohl nicht verhaften laſſen, ohne etwas zu ſagen?“ „Er ſagte, er habe erwartet, man werde ihn ver⸗ haften, Sire.“ Der König erhob ſtolz das Haupt und ſprach: 177 „Ich denke, der Herr Graf de la Fore hat ſeine Rebellenrolle nicht fortgeſetzt.“ „Vor Allem, Sire, was nennt Ihr einen Rebel⸗ len?“ fragte ruhig der Musketier.„Ein Rebell iſt in den Augen des Königs der Mann, der ſich nicht nur in die Baſtille ſtecken läßt, ſondern auch denjenigen widerſteht, welche ihn nicht dahin führen wollen.“ „Die ihn nicht dahin führen wollen!“ rief der König.„Was höre ich da, Kapitän? ſeid Ihr ver⸗ rückt 2“ „Ich glaube nicht, Sire.“ „Ihr ſprecht von Leuten, die Herrn de la Fore nicht verhaften wollten?“ „Ja, Sire.“ „Und wer find dieſe Leute 24 „Offenbar diejenigen, welche Eure Majeſtät damit beauftragt hatte.“ „Ich hatte ja Euch damit beauftragt,“ rief der König. „Ja, Sire, mich.“ „Und Ihr ſagt, trotz meines Befehles habet Ihr die Abſicht gehabt, den Mann, der mich beleidigt, nicht zu verhaften?“ „Ja, Sire, das war ganz und gar meine Abſicht.“ „Hol ho!“ „Ich machte ihm ſogar den Vorſchlag, ein Pferd zu beſteigen, das ich bei der Barridre de la Conference bereit halten ließ.“. „Und in welcher Abſicht ließet Ihr dieſes Pferd bereit halten?2 „Sire, damit der Graf de la Fère das Havre und von da England erreichen könnte.“ 3 „Ihr verriethet mich alſo, mein Herr?“ rief der König funkelnd vor unbändigem Stolz. „Allerdings.“ Auf ein Wort, in dieſem Ton ausgeſprochen, war 178 nichts zu erwiedern. Der König fühlte einen ſo hef⸗ tigen Widerſtand, daß er ganz erſtaunte. „Ihr hattet wenigſtens einen Grund, Herr d'Ar⸗ tagnan, als Ihr ſo handeltet?“ fragte der König mit Majeſtät. „Ich habe immer einen Grund, Sire.“ „Es iſt wenigſtens der Grund der Freundſchaft nicht der einzige, den Ihr geltend machen könntet, der einzige, der Euch zu entſchuldigen vermöchte, denn ich habe es Euch in dieſem Kapitel ſehr bequem gemacht.“ „Mir, Sire?“ „Habe ich es Euch nicht freigeſtellt, den Grafen zu verhaften oder nicht zu verhaften?“ „Ja, Sire, aber...— „Was aber?“ unterbrach der König ungeduldig. „Aber indem Ihr mir ſagtet, wenn ich ihn nicht verhaftete, ſo würde ihn Euer Kapitän der Garden verhaften.“ „Machte ich Euch die Sache nicht leicht, ſobald ich Euch keinen Zwang anthat?“ „Mir, ja, Sire. Doch meinem Freunde, nein.“ „Nein?“ „Gewiß, da mein Freund durch mich oder den Kapitän der Garden immerhin verhaftet wurde.“ „Und das iſt Eure Ergebenheit, mein Herr! eine Ergebenheit, die ein Urtheil fällt, die wählt! Ihr ſeid kein Soldat, mein Herr!“. „Ich erwarte, daß mir Eure Majeſtät ſagt, was ich bin.“ „Ihr ſeid ein Frondeur.“ „Alſo ſeitdem es keine Fronde mehr gibt, Sire..“ „Doch wenn das, was Ihr ſagt, wahr iſt..“ „Was ich ſage, iſt immer wahr.“ ¹ „Sprecht, was wollt Ihr hier?“ 1 „Dem König melden, Sire, daß Herr de la Fore⸗ in der Baſtille iſt.“ 4 „Das iſt nicht Euer Fehler, wie es ſcheint.“ —— ᷣ—, „Allerdings, Sire, aber er iſt doch dort, und da er dort iſt, ſo muß es Eure Majeſtät nothwendig wiſſen.“ „Ahl Herr d'Artagnan, Ihr trotzt Eurem König!“ „Sire...“ „Herr d'Artagnan, ich ſage Euch, daß Ihr meine Geduld mißbraucht.“ „Im Gegentheil, Sire.“ „Wie, im Gegentheil?“ „Ich will mich auch verhaften laſſen.“ „Euch verhaften laſſen!“ „Gewiß. Mein Freund wird ſich dort langweilen, und ich mache Eurer Majeſtät den Vorſchlag, mir zu geſtatten, daß ich ihm Geſellſchaft leiſte. Eure Maje⸗ ſtät ſpreche ein Wort, und ich verhafte mich ſelbſt, ich bedarf hiezu des Kapitäns der Garden nicht, dafür ſſehe ich Euch.“ Der König ſtürzte auf einen Tiſch zu und ergriff eine Feder, um den Befehl zur Einſperrung von d'Ar⸗ tagnan zu erlaſſen. „Gebt wohl Acht, daß dies für immer iſt, mein Herr,“ rief er mit drohendem Ton. „Ich rechne darauf,“ erwiederte der Musketier, „denn wenn Ihr dieſen ſchönen Streich einmal gemacht habt, ſo werdet Ihr es nicht mehr wagen, mir ins Ge⸗ ſicht zu ſchauen.“ Der König warf ſeine Feder voll Heftigkeit weg und rief: 4 „Geht! geht.“ 8 „Ohl nein, Sire, wenn es Eurer Majeſtät beliebt.“ „Wie, nein?“ „Sire, ich kam, um ſanft mit dem König zu ſpre⸗ chen; der König iſt hitzig geworden, das iſt ein Unglück; darum werde ich aber nicht minder dem König ſagen, was ich ihm zu ſagen habe.“ „Eure Entlaſſung, mein Herr!“ rief der König, „Eure Entlaſſung!“ 4 „Sire, Ihr wißt, daß mir an meiner Entlaſſung 180 nichts gelegen iſt, denn an dem Tage, wo Eure Maje⸗ ſtät König Karl die Millionen verweigerte, die ihm mein Freund Athos gegeben hat, bat ich den König um meine Entlaſſung.“ „Nunl! ſo macht geſchwinde.“ „Nein, Sire, denn es handelt ſich hier nicht um meine Entlaſſung. Eure Majeſtät nahm die Feder, um mich nach der Baſtille zu ſchicken; warum geht ſie von ihrem Beſchluß ab?“ „D'Artagnan! Gascognerkopf! Wer iſt hier der. König? Ihr oder ich?“ „Leider Ihr, Sire.“ „Wie, leider?“ „Ja, Sire, denn wenn ich es wäre...“ „Wenn Ihr es wäret, nicht wahr, ſo würdet Ihr die Rebellion von Herrn d'Artagnan billigen?“ „Ja, gewiß.“ „Wahrhaftig!“ rief der König, die Achſeln zuckend. „Und ich würde zu meinem Kapitän der Musketiere⸗ ſagen,“ fuhr d'Artagnan fort,„ich würde ihm ſagen, indem ich ihn mit menſchlichen Augen und nicht mit ent⸗ flammten Kohlen anſchaute, ich würde ihm ſagen:„„Herr d'Artagnan, ich habe vergeſſen, daß ich König bin. Ich bin von meinem Throne herabgeſtiegen, um einen Edel⸗ mann verletzen.“ „Mein Herr!“ rief der König,„glaubt Ihr, ſeine Unverſchämtheit überbieten heiße Euren Freund ent⸗ ſchuldigen!“ „Ohl Sire, ich werde noch viel weiter gehen, als er,“ ſprach d'Artagnan,„und dies iſt dann Euer Feh⸗ ler. Ich ſage Euch das, was er, der Mann jeglichen Zartgefühls, Euch nicht geſagt hat; ich ſage Euch: Sire, Ihr habt ſeinen Sohn geopfert, und er verthei⸗ digte ſeinen Sohn; Ihr habt ihn ſelbſt geopfert; er, ſprach zu Euch im Namen der Ehre, der Tugend und der Religion. Ihr habt ihn zurückgeſtoßen, fortgejagt, eingekerkert. Ich werde härter ſein als er, Sire, und ſage Euch: Sire, wählet! wollt Ihr Freunde oder Knechte? Soldaten oder Bücklingſchneider? große Män⸗ ner oder Hanswurſte? wollt Ihr, daß man Euch diene oder daß man vor Euch krieche? wollt Ihr, daß man Euch liebe oder daß man Furcht vor Euch habe? Zieht Ihr die Niedrigkeit, die Intrigue, die Feigheit vor, ohl ſo ſagt es, Sire; wir werden abgehen, wir, die wir allein geblieben ſind; ich ſage mehr, wir, die einzigen Muſter der Tapferkeit von einſt, wir, die wir ſchon in der Nachwelt großen Männern gedient, und dieſe viel⸗ leicht an Muth und Verdienſt übertroffen haben. Waͤh⸗ let, Sire, und beeilt Euch. Was Euch an vornehmen Herren übrig bleibt, behaltet es; Ihr werdet immerhin noch Höflinge genug haben. Beeilt Euch und ſchickt mich mit meinem Freunde in die Baſtille, denn wenn Ihr den Grafen de la Fore, das heißt, die ſanfteſte und edelſte Stimme der Chre nicht zu hören vermocht habt, wenn Ihr d'Artagnan, das heißt, die offenherzigſte und rauhſte Stimme der Aufrichtigkeit, nicht zu hören wißt, ſo ſeid Ihr ein ſchlechter König, und werdet morgen ein armer König ſein. Die ſchlechten Könige aber verab⸗ ſcheut man; die armen Könige jagt man weg. Das hatte ich Euch zu ſagen; Sire, Ihr hattet Unrecht, mich ſo weit zu treiben.“ Der König warf ſich kalt und leichenbleich auf ſei⸗ nen Stuhl zurück; hätte der Blitz zu ſeinen Füßen eingeſchlagen, er wäre offenbar nicht ſo ſehr erſtaunt geweſen, und man hätte glauben ſollen, der Athem ſei ihm ausgegangen, und er werde verſcheiden. Dieſe rauhe Stimme der Aufrichtigkeit, wie es d'Artagnan nannte, hatte wie eine Klinge ſein Herz durchdrungen. D'Artagnan hatte Alles geſagt, was er zu ſagen hatte. Er begriff den Zorn des Königs, zog ſeinen Degen, näherte ſich ehrfurchtsvoll Ludwig XIV. und legte ihn auf den Tiſch. DDooch mit einer wüthenden Geberde ſtieß der König 182 den Degen ſo zurück, daß er auf den Boden fiel und vor die Füße von d'Artagnan rollte. So ſehr der Musketier auch Herr über ſich war, ſo erbleichte er doch und ſprach bebend vor Entrüſtung: „Ein König kann ſeine Ungnade auf ſeinen Sol⸗ daten werfen; er kann ihn verbannen, er kann ihn zum Tod verurtheilenz aber wäre er auch bundertmal Köͤnig, ſo hat er doch nie das Recht, ihn, ſeinen Degen ent⸗ ehrend, zu beſchimpfen. Sire, ein Koöͤnig von Frank⸗ reich hat nie mit Verachtung den Degen eines Mannes wie ich zurückgeſtoßen. Dieſer befleckte Degen, bedenkt das wohl, Sire, hat fortan keine andere Scheide, als mein Herz oder das Eurige. Ich wähle das meine, Sire, dankt hiefür Gott und meiner Geduld.“ Nach dieſen Worten ſtürzte er ſi und rief: „Mein Blut falle auf Euer Haupt, Sire.“ Doch mit einer Bewegung, noch ſchneller als die des Musketiers, eilte der König Starr, bleich und noch bebend, ließ ihn d ohne ihm zu helfen, bis zum Ende machen. ann kehrte Ludwig gerührt zum Tiſche zurück, nahm die Feder, ſchrieb ein paar Zeilen, unterzeichnete und ſtreckte die Hand gegen d'Artagnan aus. „Was bedeutet dieſes Papier, Sire?“ fragte der apitän. 3 „Es iſt der Befehl für Herrn d'Artagnan, den Herrn Grafen de la Fore auf der Stelle in Freiheit zu ſetzen.“ D'Artagnan ergriff die königliche Hand und küßte ſte; dann legte er das Papier zuſammen, ſteckte es in ſein Koller und ging ab. 1 Weder der Koͤnig, noch der Kapitän hatten eine Sylbe mehr geſprochen. Artagnan, — ͦ S oͤ— 102 —»———2e —— — „O menſchliches Herz, Compaß der Könige,“ mur⸗ melte Ludwig, als er allein war,„wann werde ich in deinen Falten wie in den Blättern eines Buches zu leſen verſtehen? Nein, ich bin kein ſchlechter König, nein, ich bin kein armer König; doch ich bin noch ein Kind.“ XXII. Der ehrliche Grimand. D'Artagnan hatte Herrn von Baiſemeaur beim Nachtiſch zurückzuſein verſprochen; d'Artagnan hielt Wort. Man war bei den feinen Weinen und den Li⸗ queurs, mit welchen bewunderungswürdig ausgeſtattet zu ſein der Keller des Gouverneur der Baſtille im Rufe ſtand, als die Sporen des Kapitäns der Muske⸗ tiere im Gange erklirrten und er ſelbſt auf der Schwelle erſchien. Athos und Aramis hatten ſich mit der größten Vorſichtigkeit benommen, und ſo war es keinem von Bei⸗ den gelungen, den Andern zu durchdringen. Man hatte zu Nacht geſpeiſt, viel von der Baſtille, von der letzten Reiſe nach Fontainebleau und von dem Feſte geſprochen, das Herr Fouquet in Vaux geben ſollte. Man war mit den Allgemeinheiten verſchwenderiſch geweſen, und Niemand, außer Baiſemeaur, hatte die beſonderen Dinge berührt. 4. D Artagnan ſiel, noch bleich und aufgeregt von ſeiner Unterredung mit dem König, mitten in das Ge⸗ ſpräch. Baiſemeaux beeilte ſich, einen Stuhl herbeizu⸗ rücken. D'Artagnan nahm ein volles Glas an und leerte 184 es. Athos und Aramis bemerkten Beide die Aufregung von d'Artagnan. Baiſemeaur aber ſah nichts, als den Kapitän der Musketiere Seiner Majeſtät, dem er alle Ehre anzuthun ſich bemühte. Beim König Zutritt ha⸗ ben hieß auf die rückſichtsvollſte Zuvorkommenheit des Gouverneur Anſpruch machen können. Nur konnte Aramis, obgleich er dieſe Aufregung wahrgenommen hatte, die Urſache davon nicht errathen. Athos allein glaubte ſie ergründet zu haben. Für ihn bedeuteten die Rückkehr von d'Artagnan und beſonders die Verſtörtheit des unempfindlichen Mannes:„„Ich habe den König um etwas gebeten, was er mir abgeſchlagen.““ Ueber⸗ zeugt, er habe die Wahrheit getroffen, lächelte Athos, ſtand vom Tiſche auf und machte d'Artagnan ein Zei⸗ chen, als wollte er ihn daran erinnern, ſie hätten etwas Anderes zu thun, als zuſammen zu Nacht zu ſpeiſen. D'Artagnan begriff und antwortete durch ein an⸗ deres Zeichen. Als Aramis und Baiſemeaur dieſen ſtummen Dialog ſahen, befragten ſie ſich mit dem Blick. Athos glaubte, es ſei an ihm, die Erklärung von dem, was vorgehe, zu geben, und ſprach mit einem Lächeln: „Die Wahrheit, meine Freunde, iſt, daß Ihr, Ara⸗ mis, mit einem Staatsverbrecher, und Ihr, Herr von Baiſemeaur, mit Eurem Gefangenen zu Nacht geſpeiſt habt.“ Baiſemeaur war eitel auf ſeine Feſtung. Je mehr er Gefangene hatte, deſto glücklicher fühlte er ſich, abge⸗ ſehen vom Nutzen; je höher ſeine Gefangenen ſtanden, deſto ſtolzer war er auch. Aramis nahm ein den Umſtänden angemeſſenes Ge⸗ ſicht an und erwiederte: „Ahl mein theurer Athos, verzeiht mir, aber ich vermuthete beinahe das, was geſchieht. Nicht wahr, eine Beſchimpfung Eures Raoul und der la Vallisre?“ „Ach!“ machte Baiſemeaux. Baiſemeaux gab einen Ausruf des Erſtaunens und beinahe der Freude von ſich. Dieſer liebe Herr von — 8 2 28 70 α½õ— nS ☛ 0 ₰8 „Und,“ fuhr Aramis fort,„Ihr als vornehmer Mann habt, vergeſſend, daß es nur noch Höflinge gibt, den König aufgeſucht und ihm ſeine Handlung vorge⸗ halten!“ „Ihr habt errathen, mein Freund.“ „Somit,“ ſagte Baiſemeaux zitternd, daß er ſo vertraulich mit einem Mann zu Nacht geſpeiſt, der beim König in Ungnade gefallen,„ſomit, Herr Graf...“ „Somit, mein lieber Gouverneur,“ ſprach Athos, „wird mein Freund, Herr d'Artagnan, Euch das Papier mittheilen, das aus der Oeffnung ſeines Kollers her⸗ vorſteht und ſicherlich kein anderes iſt, als mein Ein⸗ ſperrungsbefehl.“ Baiſemeaur ſtreckte die Hand mit dem geſchmeidigen Weſen der Gewohnheit aus. 4 D'Artagnan zog wirklich zwei Papiere aus ſeiner Bruſt und reichte eines dem Gouverneur. Baiſemeaux entfaltete das Papier und las halblaut und ſich unter⸗ brechend, während er Athos über das Papier anſchaute: „„Befehl in meinem Schloſſe Baſtille.““ Sehr gut!„„In meinem Schloſſe Baſtille den...Herrn Gra⸗ fen de la Fore gefangen zu halten.““ Ohl mein Herr, welch eine ſchmerzliche Ehre iſt es für mich, Euch zu beſitzen!“ „Ihr werdet einen geduldigen Gefangenen an mir haben,“ erwiederte Athos mit ſeiner milden, ruhigen Stimme:. „Und einen Gefangenen, der nicht einen Monat bei Euch bleiben wird,“ ſagte Aramis, während Baiſemeaux, den Befehl in der Hand, in ſein Gefangenenregiſter den königlichen Willen eintrug.. „Nicht einen Tag, oder vielmehr nicht eine Nacht,“ ſprach d'Artagnan, indem er den zweiten Befehl des Königs vorwies;„denn, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaux, Ihr müßt nun auch dieſen Befehl, den Grafen ſogleich in Freiheit zu ſetzen, einſchreiben.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. Vnl. 13 186 „Ah!“ rief Aramis,„Ihr erſpart mir ein Geſchäft, d'Artagnan.“ Und er drückte auf eine bezeichnende Weiſe zugleich dem Musketier und Athos die Hand. „Wie!“ rief der Letztere,„der König gibt mir die Freiheit?“ „Leſet, lieber Freund,“ ſagte d'Artagnan. Athos nahm den Befehl und las. „Es iſt wahr,“ ſprach er. „Solltet Ihr ärgerlich darüber ſein?“ fragte d'Ar⸗ tagnan. „Oh! nein, im Gegentheil. Ich grolle dem König nicht, und das größte Uebel, das man den Königen wünſchen kann, iſt, daß ſie eine Ungerechtigkeit begehen. Doch nicht wahr, Ihr habt eine Unannehmlichkeit ge⸗ habt? Geſteht es, theurer Freund.“ „Ich? durchaus nicht,“ erwiederte lachend der Mus⸗ ketier.„Der König thut Alles, was ich will.“ Aramis ſchaute d'Artagnan an und ſah wohl, daß er log. Baiſemeauxr aber ſchaute nichts an, als d'Ar⸗ tagnan, ſo ſehr war er von tiefer Bewunderung für dieſen Mann ergriffen, der den König thun machte, was er wollte. „Und der König verbannt Athos?“ fragte Aramis. „Nein, nicht gerade; der König hat ſich nicht ein⸗ mal hierüber erklärt,“ antwortete d'Artagnan,„doch ich glaube, daß der Graf nichts Beſſeres zu thun hat, wenn er nicht etwa einen beſonderen Werth darauf legt, dem König zu danken...“ „Wahrhaftig, nein,“ ſagte Athos lächelnd. „Nun wohl!l ich glaube, daß der Graf nichts Beſ⸗ ſeres zu thun hat, als ſich nach ſeinem Schloſſe zurück⸗ zuziehen. Sprecht übrigens, mein lieber Athos, for⸗ dert; iſt die eine Reſidenz Guch angenehmer, als die andere, ſo mache ich mich anheiſchig, das für Euch zu erlangen.“ „Nein, ich danke,“ erwiederte Athos;„nichts kann mir angenehmer ſein, mein Freund, als in meine Ein⸗ 3 A* 4 ft, nde 187 ſamkeit, unter meine großen Bäume, an das Ufer der Loire zurückzukehren. Iſt Gott der höchſte Arzt der Seelenleiden, ſo iſt die Natur das ſouveraine Heilmit⸗ tel.. Ich bin nun alſo frei, mein Herr?“ fuhr Athos, ſich an Baiſemeaux wendend, fort. „Ja, Herr Graf, ich glaube es, ich hoffe es we⸗ nigſtens,“ ſprach der Gouverneur, indem er die Papiere um und um drehte,„wenn nicht etwa Herr d'Artagnan einen dritten Befehl hat.“ „Nein, lieber Herr von Baiſemeaur, nein,“ ſagte der Musketier.„Ihr müßt Euch an den zweiten hal⸗ ten und dabei ſtehen bleiben.“ 34 „Ahl Herr Graſ,“ ſprach Baiſemeaux, ſich an Athos wendend.„Ihr wißt nicht, was Ihr verliert! Ich hätte Euch auf dreißig Livres geſetzt, wie die Generale, was ſage ich, auf fünfzig Livres wie die Prinzen, und, Ihr hättet alle Abende geſpeiſt, wie heute Abend.“ „Erlaubt mir, mein Herr, daß ich meine Mittel⸗ mäßigkeit vorziehe,“ erwiederte Athos; dann wandte er ſich gegen d'Artagnan um und ſprach: „Laßt uns gehen, mein Freund.“ „Laßt uns gehen,“ wiederholte d'Artagnan. „Wird mir die Freude zu Theil werden, Euch als Gefährten zu beſitzen?“ fragte Athos. „Nur bis zum Thore, Theuerſter,“ antwortete d'Ar⸗ tagnan;„ſodann ſage ich⸗ Euch, was ich zum König geſagt: Ich habe den Dienſt.“ „und Ihr, mein lieber Aramis,“ ſagte Athos lä⸗ chelnd,„begleitet Ihr mich? La Fote liegt auf dem Wege nach Vannes.“ „Ich, mein lieber Freund,“ antwortete der Prälat, „ich habe dieſen Abend eine Zuſammenkunft in Paris und vermöchte mich nicht zu entfernen, ohne daß ge⸗ wichtige Intereſſen darunter leiden würden.“ „Dann erlaubt, mein theurer Freund, daß ich Euch umarme und ſcheide,“ ſprach Athos.„Mein lieber Herr von Baiſemeauxr, großen Dank für Euren guten Willen, 188 und beſonders für die Probe, die Ihr mir von der Hausmannskoſt der Baſtille gegeben habt.“ Und nachdem er Aramis umarmt, und Herrn von Baiſemeaux die Hand gedrückt hatte, nachdem ihm Beide eine glückliche Reiſe gewünſcht, entfernte ſich Athos mit d'Artagnan. Während die Scene im Palais Royal ihre Ent⸗ wickelung in der Baſtille fand, ſagen wir, was im Hauſe von Athos und bei Bragelonne vorging. Grimaud hatte, wie wir geſehen, ſeinen Herrn nach Paris begleitet. Er war, wie wir erwähnt, beim Abgang von Athos zugegen geweſen; er hatte d'Ar⸗ tagnan auf ſeinen Schnurrbart beißen, ſeinen Herrn in den Wagen ſteigen ſehen, und die eine und die andere Phyſiognomie befragt, und er kannte Beide ſeit hinrei⸗ chend langer Zeit, um durch die Maske der Unempfind⸗ lichkeit begriffen zu haben, daß große Ereigniſſe vor⸗ gingen. Sobald Athos ſich entfernt hatte, dachte er nach. Da erinnerte er ſich der ſeltſamen Art, wie Athos von ihm Abſchied genommen, und der für jeden Andern als ihn unmerklichen Verlegenheit dieſes Herrn mit den ſo kla⸗ ren Ideen, mit dem ſo geraden Willen. Er wußte, daß Athos nichts mit ſich genommen, als was er auf dem Leibe trug, und dennoch glaubte er zu ſehen, Athos gehe nicht nur auf eine Stunde, nicht einmal nur auf einen Tag weg. Es lag eine lange Abweſenheit in der Art und Weiſe, wie Athos, Grimaud verlaſſend, das Wort Lebewohl ausgeſprochen hatte. Dies Alles kehrte in ſeinen Geiſt zurück mit allen ſeinen Gefühlen tiefer Zuneigung für Athos, mit allem jenem Widerwillen gegen die Leere und die Einſam⸗ keit, der ſtets die Einbildungskraft der Leute, welche lieben, beſchäftigt; dies Alles, ſagen wir, machte den ehrlichen Grimaud ſehr traurig und beſonders ſehr un⸗ ruhig. Ohne ſich von dem, was er ſeit dem Abgang ſeines Gebieters that, Rechenſchaft zu geben, irrke er 4* NRNNNRNdo u ö—8ö——G— ——— in der ganzen Wohnung umher, ſo zu ſagen, die Spu⸗ ren ſeines Herrn ſuchend, ähnlich in dieſer Hinſicht,— Alles, was gut iſt, gleicht ſich,— ähnlich dem Hunde, der wegen der Abweſenheit ſeines Herrn nicht beſorgt, aber verdrießlich iſt. Nur, da Grimaud mit dem Inſtinete des Thieres die Vernunft des Menſchen verband, war Grimaud zugleich verdrießlich und beſorgt. Als er kein Anzeichen fand, das ihn zu leiten ver⸗ mochte, als er nichts ſah, nichts entdeckte, was ſeinen Zweifeln ein Ziel ſteckte, fing Grimaud an auszuſinnen, was geſchehen ſein könnte. Die Einbildungskraft iſt aber die Hülfsquelle oder vielmehr die Marter guter Herzen. Es kommt in der That nie vor, daß ein gutes Herz ſich ſeinen Freund glücklich oder froh vorſtellt. Nie flößt die Taube, welche wandert, der Taube, die zu Hauſe geblieben, etwas Anderes ein, als Angſt. Grimaud ging daher von der Unruhe zu der Angſt über. Er wiederholte ſich in Gedanken noch einmal Alles, was vorgefallen war: den Brief von d'Artag⸗ nan an Athos, einen Brief, in deſſen Folge Athos ſo betrübt geſchienen hatte; dann den Beſuch von Raoul bei Athos, einen Beſuch, in deſſen Folge Athos ſeinen Orden und ſein Galakleid verlangt; ſodann die Er⸗ klärung zwiſchen dem Vater und Sohn, eine Erklärung, in deren Folge Athos Raoul ſo traurig umarmt, wonach Raoul ſo traurig nach Hauſe gegangen war; endlich die Ankunft von d'Artagnan, der auf ſeinen Schnurr⸗ bart gebiſſen, eine Ankunft, in deren Folge der Herr Graf de la Foére mit d'Artagnan in den Wagen ge⸗ ſtiegen. Dies Alles bildete ein Drama in fünf Akten, das ſehr theilbar, beſonders für einen Analyſten von der Stärke von Grimaud. Grimaud nahm vor Allem ſeine Zuflucht zu den großen Mitteln; er ſuchte in dem von ſeinem Herrn zurückgelaſſenen Rock den Brief von Herrn d'Artagnan. Dieſer Brief fand ſich noch darin und enthielt Folgendes: „Raoul iſt bei mir geweſen und hat mich um Aus⸗ 190 kunft über das Benehmen von Fräulein de la Vallière während des Aufenthalts unſeres jungen Freundes in London gebeten, Ich bin ein armer Musketier⸗Kapitän, dem die Ohren alle Tage von Kaſernen⸗ und Gaſſen⸗ witzen wehe thun. Hätte ich Raoul geſagt, was ich zu wiſſen glaubte, ſo wäre der arme Junge darüber geſtorben; doch ich, der ich im Dienſte des Königs bin, kann die Angelegenheiten des Königs nicht erzählen. Sagt es Euch das Herz, ſo ſchreitet zu! Die Sache geht Euch mehr an als mich und beinahe eben ſo viel als Raoul.“ Grimaud riß ſich ein halbes Pfötchen Haare aus. Er hätte mehr gethan, wäre reichlicher Haar bei ihm vorhanden geweſen. „Das iſt der Knoten des Räthſels,“ ſagte er.„Das Mädchen hat dumme Streiche gemacht. Was man von ihr und dem König ſagt, iſt wahr. Unſer junger Herr iſt betrogen. Er muß es wiſſen. Der Herr Graf de la Fore iſt zum König gegangen und hat ihm ſein Be⸗ nehmen vorgehalten. Und dann hat der König Herrn d'Artagnan abgeſchickt, um die Sache in Ordnung zu bringen. Ah! mein Gott!“ fuhr Grimand fort,„der Herr Graf iſt ohne ſeinen Degen zurückgekehrt.“ Dieſe Entdeckung machte den Schweiß auf die Stirne des braven Mannes ſteigen. Er hielt ſich nicht länger bei Vermuthungen auf, drückte ſeinen Hut auf den Kopf und lief nach der Wohnung von Raoul. Nach dem Abgang von Louiſe, auf deren Erſchei⸗ nung wir ſpäter zurückkommen werden, bezähmte Raoul ſeinen Schmerz, wenn nicht ſeine Liebe; und genöthigt vorwärts zu ſchauen auf den gefahrvollen Weg, auf dem ihn die Tollheit und die Rebellion fortzogen, ſah er mit dem erſten Blick ſeinen Vater im Kampf mit dem königlichen Widerſtand, da ſich Athos zuerſt zu dieſem Widerſtand dargeboten. 5 In dieſem Augenblick ganz ſympathetiſcher Hell⸗ ſichtigkeit, erinnerte ſich der unglückliche junge Nann der geheimnißvollen Zeichen von Athos, des unerwar⸗ —j44——— — G —— G— u —— 191 teten Beſuchs von d'Artagnan, und die Folge dieſes ganzen Streites zwiſchen einem Fürſten und einem Unterthanen erſchien vor ſeinen erſchrockenen Augen. Im Dienſt, das heißt an ſeinen Poſten gefeſſelt, kam d'Artagnan ſicherlich nicht zu Athos, nur um ſich das Vergnügen zu machen, Athos zu ſehen. Er kam, um ihm etwas zu ſagen. Dieſes Etwas war unter ſo mißlichen Cunjuncturen ein Unglück oder eine Gefahr. Raoul bebte, daß er ſelbſtſüchtig geweſen, daß er ſei⸗ nen Vater um ſeiner Liebe willen vergeſſen, daß er die Träumerei oder den Genuß der Verzweiflung geſucht, während es ſich vielleicht darum handelte, den dräuen⸗ den, gegen Athos gerichteten Angriff zurückzuſchlagen. Dieſes Gefühl machte, daß er aufſprang. Er gür⸗ tete ſeinen Degen um und lief zuerſt nach der Poh⸗ nung ſeines Vaters. Unter Weges ſtieß er auf Gri⸗ maud, der, vom entgegengeſetzten Pol ausgegangen, mit gleichem Eifer ſeine Nachforſchungen verfolgte⸗ Dieſe zwei Männer umſchloſſen ſich; ſie waren Beide auf demſelben Punkte der von ihrer Einbildungskraft beſchriebenen Parabel. 3 „Grimaud!“ rief Raoul. „Herr Raoul!“ rief Grimaud. „Der Herr Graf beſindet ſich wohl.“ „Du haſt ihn geſehen?“ „Nein; wo iſt er?“ „Ich ſuche ihn.“ „Und Herr d'Artagnan?“ „Hat ſich mit ihm entfernt.“ „Wann?“ „Zehn Minuten nach Eurem Abgang.“ „Wie haben ſie ſich entfernt? „Im Wagen.“ 3 „Wohin gehen ſie?“ „Ich weiß es nicht.“ 7 „Hat mein Vater Geld mitgenommen 2 „Nein.“ 192 d„Einen Degen?“ „Nein.“ „Grimaud!“ „Herr Raoul.“ „Meiner Anſicht nach iſt Herr d'Artagnan gekom⸗ men, um..“ „Nicht wahr, um den Herrn Grafen zu ver⸗ haften?“ „Ja, Grimaud.“ „Ich hätte darauf geſchworen.“ „Welchen Weg haben ſie genommen?“ „Den über die Quais.“ „Nach der Baſtille?“ „Ohl mein Gott, ja.“ „Geſchwinde, laufen wir.“ „Ja, laufen wir.“ „Aber wohin?“ ſagte plötzlich Raoul ganz nieder⸗ geſchlagen.. „Gehen wir zu Herrn d'Artagnan, wir werden vielleicht etwas erfahren.“ „Nein; hat man ſich bei meinem Vater vor mir verborgen, ſo wird man ſich überall verbergen. Gehen wir zu O mein Gott! ich bin heute ganz toll, mein guter Grimaud.“ „Was denn?“ „Ich habe Herrn du Vallon vergeſſen.“ „Herrn Porthos?“ „Ja, der immer noch auf mich wartet! Ah! ich ſagte es Dir, ich bin toll!“ „Der auf Euch wartet, wo dies?2“ „Bei den Minimes in Vincennes.“ 3 „Ahl mein Gott! das iſt zum Glück in der Rich⸗ tung der Baſtille.“ 4 „Gehen wir geſchwinde.“ „Herr, ich will die Pferde ſatteln laſſen.“ 3 „Ja, mein Freund, gehe.“ 3 — 193 XXllII. Worin Porthos überzeugt iſt, ohne begriffen zu haben. Getreu allen Geſetzen des alten Ritterthums, hatte ſich der würdige Porthos vorgenommen, bis Sonnen⸗ untergang auf Herrn von Saint⸗Aignan zu warten. Und da Saint⸗Aignan nicht kommen ſollte, da Raoul vergaß, ſeinen Secundanten zu benachrichtigen, da die Schildwache ſehr lang und peinlich zu werden anfing, ſo ließ ſich Porthos durch einen Thorwächter ein paar Flaſchen guten Wein und ein Viertel Fleiſch holen, um wenigſtens die Zerſtreuung zu haben, von Zeit zu Zeit einen Pfropf zu ziehen und einen Biſſen zu eſſen. Er war bei den letzten Extremitäten, das heißt bei den letzten Krümchen angelangt, da ſprengte Raoul, in Be⸗ gleitung von Grimaud, Beide mit verhängten Zügeln, herbei. Als Porthos auf dem Wege dieſe zwei ſo haſtigen Reiter ſah, bezweifelte er nicht mehr, es wären ſeine Leute; er erhob ſich ſogleich von dem Grasboden, auf den er ſich niedergelaſſen hatte, fing an ſeinen Knieen 8 ſeinen Fauſtgelenken die Steife zu benehmen und prach:. „Das iſt es, wenn man ſchöne Gewohnheiten hat. Der Burſche iſt am Ende doch noch gekommen. Hätte ich mich entfernt, ſo fand er Niemand und wäre im Vortheil.“ Dann ſtützte er ſich mit einer martialiſchen Hal⸗ tung auf eine Hüfte und ließ durch eine mächtige Wen⸗ dung der Lenden ſeine gewölbte, rieſige Geſtalt ſich hervorheben. Doch ſtatt Saint⸗Aignan, ſah er nur Raoul, der ihm unter verzweifelten Geberden zurief: 194 „Ahl lieber Freund! ahl verzeiht! ahl wie ungluͤcklich bin ich!“ „Raoul!“ erwiederte Porthos ganz erſtaunt. „Ihr ſeid mir böſe!“ rief Raoul, während er Por⸗ thos umarmte. „Ich! und worüber?“ „Daß ich Euch ſo vergeſſen. Doch ſeht Ihr, ich habe den Kopf verloren!“ „Ah! bah!“ „Wenn Ihr wüßtet, mein Freund!.“ „Ihr habt ihn getödtet?“ „Wen?“ „Saint⸗Aignan.“ „Ah! es handelt ſich wohl um Saint⸗Aignan.“ „Was gibt es denn?“ „Der Herr Graf de la Fore muß zu dieſer Stunde verhaftet ſein.“ Porthos machte eine Bewegung, die eine Mauer umgeworfen hätte. „Verhaftet... Durch wen?“ „Durch Herrn d'Artagnan.“ „Das iſt unmöglich,“ entgegnetete Porthos. Porthos wandte ſich gegen Grimaud wie ein Menſch um, der einer zweiten Beſtätigung bedarf. Grimaud machte ein Zeichen mit dem Kopf. „Und wohin hat man ihn geführt?“ fragte Porthos. „Wahrſcheinlich in die Baſtille.“ „Was bringt Euch auf dieſen Glauben?“ „Unter Weges befragten wir Leute, die den Wagen haben vorüberfahren ſehen, und noch andere, die ihn ſogar in die Baſtille hineinfahren ſahen.“ „Ho! ho!“ murmelte Porthos. Und er machte zwei Schritte. „Was habt Ihr im Sinne?“ fragte Raoul. 3 „Ich? nichts. Nur darf Athos nicht in der Ba⸗ ſtille bleiben.“ Raoul näherte ſich dem würdigen Porthos. ———— — 19⁵ „Wißt Ihr, daß die Verhaftung auf Befehl des Königs geſchehen iſt?“ Porthos ſchaute den jungen Mann an, als wollte er zu ihm ſagen:„Was kümmere ich mich darum?“ Dieſe ſtumme Sprache erſchien Raoul ſo beredt, daß er nicht mehr forderte. Er ſtieg zu Pferde. Unter⸗ ſtützt von Grimand hatte Porthos ſchon dasſelbe gethan. „Entwerfen wir unſern Plan,“ ſagte Raoul. „Ja,“ ſprach Porthos,„unſern Plan, das iſt es, entwerfen wir ihn.“ Raoul ſtieß einen tiefen Seufzer aus und hielt plötzlich inne. „Was habt Ihr?“ fragte Porthos.„Eine Schwäche?“ „Nein, die Ohnmacht! Bilden wir uns ein, zu Drei die Baſtille nehmen zu können?“ 1 „Ah!l wenn d'Artagnan da wäre, dann ſagte ich nicht nein,“ erwiederte Porthos. „Raoul wurde von Bewunderung ergriffen beim Anblick dieſes, gerade durch ſeine ungeheure Naivetät, heldenmüthigen Vertrauens. Es waren hier die be⸗ rühmten Maͤnner, die, zu drei bis vier, Heere angriffen und Schlöſſer ſtürmten! Dieſe Männer, die den Tod erſchreckt hatten und die, ein ganzes in Trümmern lie⸗ gendes Jahrhundert überlebend, noch ſtärker waren, als die Kräftigſten unter den jungen. „Mein Herr,“ ſagte er zu Porthos,„Ihr habt einen Gedanken in mir rege gemacht: wir müſſen ſchlech⸗ terdings Herrn d'Artagnan ſehen.“ 4 „Ganz gewiß.“ „Er muß nach Hauſe zurückgekehrt ſein, nachdem er meinen Vater in die Baſtille geführt hat; gehen wir zu ihm.“ „Erkundigen wir uns zuvor in der Baſtille,“ ſagte Grimaud, der wenig, aber gut ſprach. Sie beeilten ſich in der That, vor die Baſtille zu kommen. Einer von den Zufällen, wie ſie Gott den Leuten von großem Willen gibt, machte, daß Grimand 196 plöͤtzlich den Wagen erblickte, der ſich um das Thor der Zugbrücke wandte. Es war dies in dem Augen⸗ blick, wo d'Artagnan, wie man geſehen, vom König zurückkam. Vergebens ſpornte Raoul ſein Pferd, um den Wa⸗ gen zu erreichen und zu ſehen, was für Perſonen darin wären. Die Pferde hatten ſchon jenſeits des großen Thores, das ſich wieder ſchloß, ein Schildwache ſtehender Garde dem Pferde von Raoul mit der Muskete auf die Naſe ſtieß. Raoul drehte um, glücklich, daß er wußte, was er von der Anweſenheit dieſer Carroſſe, in der ſein Vater geſeſſen, zu halten hatte. „Wir haben ihn,“ ſagte Grimaud. „Wenn wir ein wenig warten, können wir über⸗ zeugt ſein, daß er herauskommt, nicht wahr, mein Freund?“ 4 „Wenn d'Artagnan nicht auch Gefangener iſt,“ bemerkte Porthos,„in dieſem Fall wäre Alles verloren.“ Raoul antwortete nichts. Alles war zuläſſig. Er gab Grimaud den Rath, die Pferde in die kleine Rue Jean⸗Beauſire zu führen, um weniger Verdacht zu erregen, und er ſelbſt lauerte mit ſeinem durchdringen⸗ den Blick auf das Herauskommen von d'Artagnan oder das des Wagens. Das war das Beſte, was er thun konnte. Es waren in der That nicht zwanzig Minuten abgelaufen, als ſich die Thüre wieder öffnete und der Wagen er⸗ ſchien. Eine Blendung verhinderte Raoul, zu erkennen, was für Perſonen den Wagen einnahmen. Grimaud ſchwur, er habe zwei Perſonen geſehen, und ſein Herr ſei eine von beiden geweſen. Porthos ſchaute ab⸗ wechſelnd Raoul und Grimaud an, in der Hofſnung, ihre Gedanken zu begreifen. 3 „Es iſt unleugbar,“ ſprach Grimaud,„daß, wenn der Herr Graf in dieſem Wagen fährt, man ihn in Freiheit ſetzt oder in ein anderes Gefängniß bringt,“ ——— 0 4 197 „Wir werden es aus dem Wege erſehen, den er nimmt,“ ſagte Porthos. „Setzt man ihn in Freiheit, ſo wird man ihn nach Hauſe führen,“ ſprach Grimaud. „Das iſt wahr,“ bemerkte Porthos. „Der Wagen nimmt nicht dieſen Weg,“ ſagte Raoul. Die Pferde waren wirklich im Faubourg Saint⸗ Antoine verſchwunden. „Eilen wir,“ ſprach Porthos,„wir greifen den Wagen auf der Straße an und ſagen Athos, er möge fliehen.“ „Rebellion!“ murmelte Raoul. 4 Porthos warf Raoul einen zweiten Blick, ein wür⸗ diges Seitenſtück des erſten, zu. Raoul erwiederte ihn nur dadurch, daß er ſeinem Pferde die Seiten preßte. Wenige Augenblicke nachher hatten die drei Reiter den Wagen wieder eingeholt, und ſie folgten ihm ſo nahe, daß der Athem der Pferde den Kutſchenkaſten befeuchtete. D'Artagnan, deſſen Sinne beſtändig wachten, hörte den Trab der Pferde. Es war dies in dem Augen⸗ blick, wo Raoul zu Porthos ſagte, er möge am Wagen vorbeireiten, um zu ſehen, wer die Perſon, welche Athos begleitete. Porthos gehorchte, er konnte jedoch nichts ſehen; die Schirmleder waren niedergelaſſen. Raoul wurde von Zorn und Ungeduld ergriffen. Er hatte das geheimnißvolle Weſen der Gefährten von Athos wahrgenommen und entſchloß ſich zum Aeußerſten. Auf der andern Seite hatte d'Artagnan Porthos vollkommen erkannt; er hatte unter den Schirmledern durch auch Raoul erkannt und den Erfolg ſeiner Beob⸗ achtung Athos mitgetheilt. Sie wollten ſehen, ob Por⸗ thos und Raoul die Dinge bis zum letzten Grade trei⸗ ben würden. Dies fehlte nicht; die Piſtolen in der Fauſt ſtürzte 198 Raoul auf das erſte Pferd der Carroſſe zu und befahl dem Kutſcher, zu halten. Porthos packte den Kutſcher und hob ihn von ſeinem Bock herab. Grimaud hielt ſchon den Kutſchenſchlag feſt. Raoul öffnete ſeine Arme und rief: „Herr Graf! Herr Graf!“ „Ahl Ihr ſeid es, Raoul?“ ſagte Athos freude⸗ trunken. 5 „Nicht übel!“ fügte d'Artagnan mit einem Ge⸗ lächter bei. Und Beide umarmten den jungen Mann und Por⸗ thos, die ſich ihrer bemächtigt hatten. „Mein braver Porthos, vortrefflicher Freund!“ rief Athos;„immer Ihr!“ „Er hat noch ſeine zwanzig Jahre,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan.„Bravo, Porthos!“ „Teufel!“ erwiederte Porthos, etwas verwirrt, „wir glaubten, man verhafte Euch!“ „Während es ſich nur um eine Spazierfahrt im Wa⸗ gen von Herrn d'Artagnan handelte,“ ſagte Athos. „Wir folgten Euch von der Baſtille an,“ ſprach Raoul mit einem Tone des Vorwurfs und des Arg⸗ wohnes. 3 „Wo wir mit dem guten Herrn Baiſemeaux zu Nacht ſpeiſten. Ihr erinnert Euch des Herrn Baiſe⸗ meaux, Porthos?“ „Bei Gott! ſehr gut!“ „Und wir haben dort Aramis geſehen.“ „In der Baſtille?“ S „Beim Abendbrod.“ 1 1 „Ah!“ rief Porthos athmend. 3 1„Er hat uns tauſend ſchöne Dinge für Euch ge⸗ agt.“ 4 3 9„Ich danke.“ 3 „Wohin fäͤhrt der Herr Graf?“ fragte Grimand, den ſein Herr ſchon durch ein Lächeln belohnt hatte, ——Q——Qÿ————ꝛlꝛOſ— 199 „Wir wollen nach Blois, nach Hauſe.“ „Wie ſo? geraden Weges?“ ſagte Raoul. „Ganz geraden Weges.“ „Ohne Gepäcke?“ „Ohl mein Gott! Raoul wäre von d'Artagnan beauftragt worden, mir das meinige zu ſchicken oder es mir zu bringen, wenn er zu mir kommt, falls er wirklich kommt.“ „Wenn ihn nichts mehr in Paris zurückhält,“ ſprach d'Artagnan mit einem Blick feſt und einſchneidend wie der Stahl, ſchmerzlich wie er, denn er öffnete wieder die Wunden des jungen Mannes,„wenn ihn nichts mehr zurückhält, wird er wohl daran thun, Euch zu folgen, Athos.“ „Es hält mich nichts mehr in Paris zurück,“ er⸗ wiederte Raoul. „Dann brechen wir auf,“ ſagte Athos raſch. „Und Herr d'Artagnan?“ „Ahl ich begleite nur Athos bis an die Barridre und kehre mit Porthos zurück.“ „Sehr gut!“ rief dieſer. „Kommt mein, Sohn,“ fügte der Graf bei. Und er ſchlang ſanft den Arm um den Hals von Raoul, um ihn in den Wagen zu ziehen, und küßte ihn abermals. „Grimaud!“ fuhr der Graf fort.„Du kehrſt ſachte nach Paris mit Deinem Pferd und dem von Herrn du Vallon zurück, denn Raoul und ich, wir ſteigen hier zu Pferde und laſſen den Wagen dieſen beiden Herren, um nach Paris zurückzufahren; in meiner Wohnung nimmſt Du meine Kleider und meine Briefe und expedirſt das Ganze zu uns.“ „Aber,“ bemerkte Raoul, der den Grafen ſprechen zu machen ſuchte,„wenn Ihr nach Paris zurückkommt, findet Ihr weder Wäſche, noch Effecten mehr; das wird unbequem ſein.“ „Ich denke, ich werde ſehr lange nicht mehr nach Paris zuruͤckkehren. Raoul, unſer letzter Aufenthalt 200 dort hat mich nicht ermuthigt, ferner daſelbſt zu ver⸗ weilen.“ Haon neigte das Haupt und ſprach kein Wort mehr. Athos ſtieg aus dem Wagen und ſchwang ſich auf das Pferd, das Porthos gebracht hatte, und das über den Tauſch ſehr glücklich zu ſein ſchien. Man hatte ſich umarmt, die Hände gedrückt und tauſendfach ewige Freundſchaft bezeigt. Porthos ver⸗ ſprach, einen Monat bei Athos bei ſeiner erſten Muße zuzubringen. D'Artagnan verſprach, ſeinen erſten Ur⸗ laub zu benützen, dann umarmte er Raoul zum letzten Mal und ſagte nur noch: „Mein Kind, ich werde Dir ſchreiben.“ Es lag Alles in dieſen Worten von d'Artagnan, der nie ſchrieb. Raoul war bis zu Thränen gerührt. Er entriß ſich den Händen des Musketiers und ritt weg. D'Artagnan ſtieg zu Porthos in den Wagen. „Nun! mein lieber Freund,“ ſagte er,„das iſt ein Tag!“ „Ja, ja,“ erwiederte Porthos. „Ihr müßt kreuzlahm ſein.“ „Nicht zu ſehr. Ich werde mich indeſſen frühzei⸗ tig zu Bette legen, um morgen bereit zu ſein.* „Warum dies?“ 3 „Bei Gott! um zu beendigen, was ich angefangen habe.“ 4 4„Ihr macht mich beben, mein Freund; ich ſehe Euch ganz unwirſch. Was Teuſels habt Ihr angefan⸗ gen, das nicht beendigt iſt?“ „Höret: Raoul hat ſich nicht geſchlagen. Alſo muß ich mich ſchlagen.“ „Mit wem?... mit dem König?“. „Wiel mit dem König?“ ſagte Porthos ver⸗ wundert.„2 „Ja wohl, großes Kind, mit dem König!a — gen ſehe an⸗ nuß ver⸗ „Ich verſichere Euch, mit Herrn von Saint⸗ Aignan.“ „Das wollte ich ſagen. Schlagt Ihr Euch mit dieſem Cavalier, ſo zieht Ihr den Degen gegen den König.“ „Ah!“ verſetzte Porthos, die Augen weit aufreißend, „ſeid Ihr deſſen ſicher?“ „Bei Gott!“ „Nun? wie läßt ſich dann das abmachen?“ „Wir wollen bemüht ſein, gut zu Nacht zu ſpeiſen, Porthos. Der Tiſch des Kapitäns der Musketiere iſt angenehm. Ihr werdet den braven Saint⸗Aignan ſehen und auf ſeine Geſundheit trinken.“ „Ich!“ rief Porthos mit einer Geberde des Ab⸗ ſcheus. „Wie!“ verſetzte d'Artagnan,„Ihr weigert Euch, auf die Geſundheit des Königs zu⸗ trinken?“ „Aber ich ſpreche nicht vom König, ich ſpreche von Herrn von Saint⸗Aignan.“ „Wenn ich Euch wiederhole, daß dies dasſelbe iſt.“ „Ahl dann iſt es gut,“ ſprach Porthos beſtegt. „Ihr begreift, nicht wahr“ „Nein, doch gleichviel,“ rief Porthos. „ Ja, gleichviel,“ erwiederte d'Artagnan.„Laßt uns zu Nacht ſpeiſen, Porthos.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. VIII. ——*——. ——j— XXIV. Die Geſellſchaft von Herrn von Daiſemeaus. Man hat nicht vergeſſen, daß d'Artagnan und der Graf de la Fore, als ſie ſich aus der Baſtille entfern⸗ ten, Aramis unter vier Augen mit Baiſemeaur zurück⸗ ließen. Baiſemeaux bemerkte entfernt nicht, als ſeine zwei Tiſchgenoſſen weggegangen waren, daß das Geſpräch durch ihre Abweſenheit litt. Er glaubte, der Wein vom Deſſert und der der Baſtille ſeien vortrefflich; er glaubte, ſagen wir, der Wein vom Deſſeert ſei ein hinreichendes Reizmittel, um einen rechtſchaffnen Mann zum Sprechen zu bringen. Er kannte Seine Herrlichkeit ſchlecht, denn ſie war nie unddrchoriincher, als gerade beim Nachtiſch. Aber Seine Herrlichkeit kannte vortrefflich Herrn von Baiſemeaur, und ſie rechnete, um ihn ſprechen zu machen, auf das Mittel, das dieſer als wirkſam betrachtete. Ohne ſcheinbar zu erlahmen, erlahmte die Conver⸗ ſation doch in Wirklichkeit; denn Baiſemeaux ſprach nicht nur beinahe allein, ſondern er ſprach ſogar nur von dem ſeltſamen Ereigniß der Einkerkerung von Athos, worauf der ſo raſche Befehl, ihn in Freiheit zu ſetzen, gefolgt war. Baiſemeaur hatte indeſſen nicht überſehen, daß die beiden Befehle, der Einkerkerungsbefehl und der Freilaſ⸗ ſungsbefehl, von der Hand des Königs waren. Der König ließ ſich aber nur unter bedeutenden Umſtänden herbei, ſolche Befehle zu ſchreiben. Dies Alles war ſehr intereſſant und beſonders ſehr dunkel für Baiſe⸗ meaux; da dies Alles aber ſehr klar für Aramis war, ſo legte der letztere dieſem Ereigniß nicht dasſelbe Ge⸗ wiiccht bei, das ihm der gute Gouverneur beilegte. 203 Ueberdies bemühte ſich Aramis nicht um nichts, und er hatte Herrn von Baiſemeaur noch nicht geſagt, aus welcher Urſache er ſich bemüht. In dem Angenblick, wo Baiſemeaur in ſeiner ſtärk⸗ ſten Diſſertation begriffen war, unterbrach ihn Aramis plötzlich mit der Frage: „Sagt mir, mein lieber Herr von Baiſemeaur, habt Ihr in der Baſtille nie andere Zerſtreuungen, als die, welchen ich während der paar Beſuche beigewohnt, die ich Euch zu machen die Ehre hatte?“ Die Anrede war ſo unerwartet, daß der Gouver⸗ neur wie eine Wetterfahne, welche plötzlich einen dem des Windes entgegengeſetzten Impuls erhält, ganz be⸗ täubt davon blieb, „Zerſtreuungen?“ erwiederte er,„ich habe beſtän⸗ dig, Monſeigneur.“ 4 „Ahl ſchön. Und dieſe Zerſtreuungen?“ „Sind von jeder Art.“ „Beſuche ohne Zweifel?“ „Beſuche, nein. Die Beſuche ſind nicht gewöhn⸗ lich in der Baſtille.“ „Wiel die Beſuche ſind ſelten?“ „Sehr ſelten.“ „Selbſt von Seiten Eurer Geſellſchaft?“ „Was nennt Ihr meine Geſellſchaft?.. Meine Gefangenen?“ „Oh! nein. Eure Gefangenen!.. Ich weiß, daß Ihr ihnen Beſuch macht, und daß ſie nicht Euch machen. Unter Eurer Geſellſchaft, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaux, verſtehe ich die Geſellſchaft, zu der Ihr gehört.“ Baiſemeaux ſchaute Aramis ſtarr an; denn da das, was er einen Augenblick vermuthet hatte, unmög⸗ lich war, ſprach er: „DSOhl ich habe gegenwärtig ſehr wenig Geſell⸗ ſchaft. Im Allgemeinen, wenn ich es Euch geſtehen ſoll, mein lieber Herr d'Herblay, kommt der Aufenthalt in der Baſtille den Weltmännern zurückſtoßend und ver⸗ drießlich vor. Was die Damen betrifft, ſo gelangen ſie nie ohne eine gewiſſe Angſt, die ich nur mit der größten Mühe zu beſchwichtigen vermag, bis zu mir. Warum ſollten ſie nicht auch wirklich ein wenig zittern, die armen Frauen, wenn ſie dieſe traurigen Thürme ſehen und denken, ſie ſeien von Gefangenen bewohnt, bie... Und je mehr ſich die Augen von Baiſemeaux auf das Geſicht von Aramis hefteten, deſto mehr verwickelte ſich die Zunge des guten Gouverneur ſo daß ſie am völlig erlahmte. „Nein, Ihr verſteht mich nicht, mein lieber Herr von Baiſemeaux,“ ſagte Aramis,„Ihr verſteht mich nicht. Ich meine nicht die Geſellſchaft im Allgemeinen, ich ſpreche von einer beſonderen Geſellſchaft, bei der⸗ Ihr affiliirt ſeid. Baiſemeaux ließ beinahe das Glas voll Muscat fallen, das er an ſeine Lippen ſetzen wollte. „Affiliirt!“ rief er,„affiliirt!“ „Allerdings affiliirt,“ wiederholte Aramis mit der größten Kaltblütigkeit.„Seid Ihr denn nicht Mitglied einer geheimen Geſellſchaft, mein lieber Herr von Baiſemeaux?“ „Geheim?“„. „Geheim oder myſteriös.“ „Oh! Herr d'Herblay.“ „Vertheidigt Euch nicht.“ „Glaubt mir doch...“ „Ich glaube, was ich weiß.“ „Ich ſchwöre Euch.“ „Höret mich, mein lieber Herr von Baiſemeaux; ich ſage ja; Ihr ſagt nein; der Eine von uns Beiden bohandiet nothwendig das Wahre, der Andere unver⸗ meidlich das Falſche.“ „Nun? 82 men.“ „Nun! wir werden ſogleich zur Erkenntniß om⸗ on 20⁵5 „Sprecht,“ ſagte Baiſemeaur,„ſprecht.“ „Leert doch Euer Glas Muscat, lieber Herr von Bai⸗ ſemeaux. Was Teufel! Ihr ſeht ganz beſtürzt aus.“ „Nein, nein, nicht im Geringſten.“ „Trinkt doch.“ Baiſemeaur trank, aber er ſchluckte ſchief. „Nun,“ ſprach Aramis,„gehört Ihr, ſagte ich, nicht zu einer geheimen Geſellſchaft, zu einer myſteri⸗ öſen, wenn Ihr wollt, das Beiwort thut nichts zur Sache, gehört Ihr, ſage ich, nicht zu einer Geſellſchaft, wie die, welche ich bezeichnen will, wohl! ſo werdet Ihr nicht ein Wort von dem begreifen, was ich Euch zu ſagen im Begriff bin; das iſt das Ganze.“ „Ohl ſeid zum Voraus überzeugt, daß ich nichts begreifen werde.“ 3 „Vortrefflich.“ „Verſucht es, laßt hören.“ „Das werde ich thun. Seid Ihr dagegen eines von den Mitgliedern dieſer Geſellſchaft, ſo werdet Ihr mir ſogleich ja oder nein antworten.“ „Stellt die Frage,“ fuhr Baiſemeaur zitternd fort. „Denn Ihr werdet zugeben, mein lieber Herr von Baiſemeaux,“ ſprach Aramis mit derſelben Unem⸗ pfindlichkeit,„es iſt unleugbar, daß man nicht zu einer Geſellſchaft gehören kann, es iſt unleugbar, daß man nicht die Vortheile genießen kann, welche die Geſellſchaft den Affiltirten bringt, ohne ſelbſt zu einigen Dienſtleiſtungen verbunden zu ſein.“ „In der That,“ ſtammelte Baiſemeaur,„das ließe ſich begreifen, wenn...“ „Wohl denn!“ fuhr Aramis fort,„es gibt bei der Geſellſchaft, von der ich ſprach, und zu der Ihr, wie es ſcheint, nicht gehört...“ „Erlaubt, ich wollte übrigens nicht ſchlechterdings agen..“ 1 „ s gibt eine Verpflichtung, welche von allen dem 206 Orden affiliirten Gouverneurs und Kapitänen von Fe⸗ ſtungen übernommen worden iſt.“ 3 Baiſemeaux erbleichte. „Dieſe Verpflichtung,“ fuhr Aramis mit feſter Stimme fort,„vernehmt ſie.“ Baiſemeaux ſtand, von einer unſäglichen Bangig⸗ keit ergriffen, auf. „Laßt hören, lieber Herr d'Herblay, laßt hören,“ ſagte er. Aramis ſprach nun oder recitirte vielmehr folgen⸗ den Paragraphen mit demſelben Ton, als ob er aus einem Buche geleſen hätte: 1 „Genannter Feſtungs⸗Kapitän oder Gouverneur wird, wenn es nöthig iſt und auf das Verlangen des Gefangenen, einen dem Orden affiliirten Beichtvater einlaſſen.“ Er hielt inne. Baiſemeaux war peinlich anzu⸗ ſchauen, ſo bleich ſah er aus, ſo gewaltig zitterte er. „Iſt dies der Text der Verpflichtung?“ fragte Ara⸗ mis ruhig. „Monſeigneur,“ ſtammelte Baiſemeaux. „Ahl gut, ich glaube, Ihr fangt an zu begreifen.“ „Monſeigneur,“ rief Baiſemeaux,„treibt nicht ſo Euer Spiel mit meinem armen Geiſt; ich fühle mich ſehr gering gegen Euch, habt Ihr das boshafte Ver⸗ langen, mir die kleinen Geheimniſſe meiner Verwal⸗ tung zu entlocken.“ „Oh! nein, Ihr täuſcht Euch, lieber Herr von Baiſemeaur, ich will nichts von den kleinen Geheim⸗ niſſen Eurer Verwaltung, wohl aber von denen Eures Gewiſſens.“ „Gut, es ſei! meines Gewiſſens, lieber d'Herblay.. Doch nehmt ein wenig Rückſicht auf meine Lage, die keine gewöhnliche iſt.“ 3 „Sie iſt keine gewöhnliche,“ fuhr der unbeugſame Aramis fort,„wenn Ihr nämlich in dieſer Geſellſchaft aufgenommen ſeid; aber ſie iſt eine ganz natürliche, ——— Ge 8 A ——— 207 ſeid Ihr, frei von jeder Verbindlichkeit, nur dem Kö⸗ nige verantwortlich.“ „Wohl, mein Herr, nein, ich gehorche nur dem Kö⸗ nig. Guter Gott! wem ſoll denn ein franzöſiſcher Edelmann gehorchen, wenn nicht dem König?“ Aramis rührte ſich nicht; aber mit ſeiner ſo weichen Stimme ſprach er: „Es iſt ſehr ſüß für einen franzöſiſchen Edelmann, für einen Prälaten Frankreichs einen Mann von Eurem Ver⸗ dienſt, mein lieber Herr von Baiſemeaur, ſich ſo gut ausdrü⸗ cken zu hören und, nachdem er Euch gehört, nur Euch zu glauben.“ „Habt Ihr gezweifelt, mein Herr?“ „Ich? ohl nein.“ „Ihr zweifelt alſo nicht mehr?“ „Mein Herr,“ antwortete Aramis mit ernſtem Ton, hich zweifle nicht, daß ein Mann, wie Ihr, den Ge⸗ bietern, die er ſich ſelbſt gegeben, treu dient.“ „Den Gebietern!“ rief Baiſemeaux. „Ich habe geſagt, den Gebietern.“ „Herr d'Herblay, nicht wahr, Ihr ſcherzt aber⸗ mals 2 „Ja, ich begreife, die Lage iſt ſchwieriger, wenn man mehrere Herren, als wenn man nur einen einzigen hat; doch dieſe Schwierigkeit kommt von Euch, lieber Herr von Baiſemeaux, und ich bin nicht; die Urſache davon.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte der arme Gou⸗ verneur, verlegener als je,„doch was macht Ihr? Ihr ſteht auf?“ „Allerdings.“ „Ihr geht?“ „Ich gehe, ja.“ 4 „Aber wie fremd ſeid Ihr doch gegen mich, Mon⸗ ſeigneur!“ 3 „ Ich, fremd, woraus ſeht Ihr das?“ ..⸗ —— 208 „Sagt, habt Ihr denn geſchworen, mich auf die Folter zu ſpannen?“ „Nein, ich waͤre darüber in Verzweiflung.“ „So bleibt.“ „Ich kann nicht.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich nichts mehr hier zu thun und im Ge⸗ gentheil anderswo Pflichten habe.“ „Pflichten, ſo ſpät?“ 1 „Ja, begreift doch, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaux, man hat mir da, woher ich komme, geſagt: „„Genannter Gouverneur oder Kapitän wird, wenn es nöthig iſt, auf das Verlangen des Gefangenen, einen dem Orden affiliirten Beichtvater einlaſſen.““ Ich bin gekommen, Ihr wißt nicht, was ich meine; ich kehre zurück und ſage den Leuten, ſie werden ſich getäuſcht haben und ſollen mich anderswohin ſchicken.“ „Wie! Ihr ſeid?“ rief Baiſemeaux, indem er Ara⸗ mis beinahe mit Schrecken anſchaute. 3 „Der dem Orden affiliirte Beichtvater,“ antwortete Aramis, ohne den Ton zu verändern. Doch ſo weich auch dieſe Worte geſprochen wur⸗ den, ſie machten auf den armen Gouverneur die Wir⸗ kung eines Donnerſchlags. Baiſemeaur wurde leichen⸗ bleich, und es kam ihm vor, als wären die ſchönen Augen von Aramis zwei feurige Klingen, die ſich bis in die Tiefe ſeines Herzens tauchten. „Der Beichtvater?“ murmelte er,„Ihr, Monſeig⸗ neur, der Beichtvater des Ordens!“ 1 „Ja, ich; doch wir haben nichts mit einander zu verhandeln, da Ihr nicht affiliirt ſeid.“ „Monſeigneur...“ 5 4 „Und ich begreife, daß Ihr, da Ihr nicht afſiliirt ſeid, Euch weigert, die Befehle zu befolgen.“ „Monſeigneur, ich flehe Euch an, habt die Gnade, mich zu hören.“ 8 1 „Warum?“ ie 209 „Monſeigneur, ich ſage nicht, ich gehöre nicht zum Orden.“ „Ahl ahl“ „Ich ſage nicht, ich weigere mich, zu gehorchen.“ „Was indeſſen vorgegangen, gleicht ungemein dem Widerſtand, Herr von Baiſemeaux.“ „Ohl nein, Monſeigneur, nein; ich wollte mich nur verſichern...“ „Worüber verſichern?“ fragte Aramis mit einer Miene erhabener Verachtung. „Ueber nichts, Monſeigneur.“ Baiſemeaur dämpfte die Stimme, verbeugte ſich vor dem Prälaten und ſprach: „Ich bin jeder Zeit und überall zur Verfügung meiner Gebieter, aber...“ 4 „Sehr gut, ſo liebe ich Euch mehr, mein Herr.“ Aramis nahm wieder ſeinen Stuhl und reichte ſein Glas Baiſemaur, der es nicht zu füllen vermochte, ſo ſehr zitterte ſeine Hand. 3 „Ihr ſagtet: aber,“ fuhr Aramis fort. „Aber,“ ſprach der arme Mann,„da ich nicht zu⸗ voor unterrichtet war, ſo erwartete ich entfernt nicht...“ „Sagt nicht das Evangelium:„„Wachet, denn der Augenblick iſt nur Gott bekannt?““ Sagen die Vor⸗ ſchriften des Ordens nicht:„„Wachet, denn was ich will, das müßt Ihr immer wollen!““ Und aus wel⸗ chem Grunde erwartetet Ihr den Beichtvater nicht, Herr von Baiſemeaux?“. „Weil es in dieſem Augenblick keine kranke Ge⸗ fangene in der Baſtille gibt, Monſeigneur.“ Aramis zuckte die Achſeln. „Was wißt Ihr davon?“ „Mir ſcheint...“ „Herr von Baiſemaux,“ ſprach Aramis, indem er ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurückwarf,„hier iſt Euer Be⸗ dienter, der mit Euch ſprechen will.“ 3 210 In dieſem Augenblick erſchien wirklich der Be⸗ diente von Baiſemeaux auf der Thürſchwelle. „Was gibt es?“ fragte Baiſemeaur lebhaft. „Herr Gouverneur, man bringt Euch den Bericht des Arztes.“ Aramis ſchaute Herrn von Baiſemeaux mit ſeinem klaren, ſtcheren Auge an. „Nun, ſo laßt den Boten eintreten,“ ſagte er. Der Bote trat ein, verbeugte ſich und übergab den Bericht. Baiſemeaux warf einen Blick darauf, erhob dann den Kopf und ſprach voll Erſtaunen: „Der zweite Bertaudidre iſt krank.“ „Was ſagtet Ihr denn, mein lieber Herr von Baiſemeaux? alle Welt befinde ſich wohl in Eurem Hauſe?“ verſetzte Aramis mit nachläßigem Tone. Und er trank einen Schluck Muscat, ohne mit dem Auge von Baiſemeaux zu laſſen. Dann, nachdem er dem Boten ein Zeichen gemacht und dieſer weggegangen war, ſprach der Gouverneur beſtaͤndig zitternd: „Ich glaube, es heißt in dem Paragraph:„„Auf das Verlangen des Gefangenen.““ „Ja, ſo heißt es,“ antwortete Aramis;„aber ſeht doch, was man will, lieber Herr von Baiſemeaux.“ Es ſtreckte in der That ein Sergent ſeinen Kopf durch die etwas geöffnete Thüre. „Was gibt es wieder?“ rief Baiſemeaux.„Kann man mir denn nicht zehn Minuten Ruhe laſſen!“ „Herr Gouverneur,“ erwiederte der Sergent,„der Kranke der zweiten Bertaudidre hat ſeinen Schließer beauftragt, einen Beichtvater zu verlangen.“ Baiſemeaux wäre beinahe rückwärts gefallen. Aramis verſchmähte es, ihn aufzuheben, wie er es verſchmäht hatte, ihn zu erſchrecken. „Was ſoll ich antworten?“ fragte Baiſemeaur. „Was Ihr wollt,“ erwiederte Aramis, der ſich die 211 Lippen knipp;„das iſt Eure Sache; ich bin nicht Gouverneur der Baſtille. „Sagt,“ rief Baiſemeaur raſch,„ſagt dem Gefange⸗ nen, er werde bekommen, was er verlangt.“ Der Sergent trat ab. „Oh! Monſeigneur, Monſeigneur,“ murmelte Bai⸗ ſemeaux,„wie hätte ich vermuthet!.. wie hätte ich vor⸗ hergeſehen!“ „Wer ſagte Euch, Ihr ſollet vermuthen? wer bat Euch, vorherzuſehen?“ erwiederte Aramis verächtlich. „Der Orden vermuthet, der Orden weiß, der Orden ſieht vorher. Genügt das nicht?“ „Was befehlt Ihr?“ fügte Baiſemeaur bei. „Ich? nichts. Ich bin nur ein armer Prieſter, ein einfacher Beichtvater. Befehlt Ihr mir, den Kuan⸗ ken zu beſuchen?“ „Oh! Monſeigneur, ich befehle Euch nicht, ich bitte Euch.“ 3 „Es iſt gut. So führet mich.“ Seit der ſeltſamen Verwandlung von Aramis in einen Beichtvater des Ordens war Baiſemeaux nicht mehr derſelbe Menſch. Bis dahin war Aramis für den würdigen Gou⸗ verneur ein Prälat geweſen, dem er Achtung, ein Freund, dem er Dankbarkeit ſchuldig; aber von der Offenbarung an, die alle ſeine Ideen niedergeſtürzt, war er ein Untergeordneter und Aramis ein Haupt. Er zündete ſelbſt eine Laterne an, rief einen Soleßer⸗ wandte ſich dann gegen Aramis um und agte: „Ich bin zu den Befehlen von Monſeigneur.“ Aramis begnügte ſich, ein Zeichen mit dem Kopf zu machen, das beſagen wollte:„Es iſt gut!“ und ein Zeichen mit der Hand, das beſagen wollte:„Geht vor⸗ nnn. Baiſemeaur ſetzte ſich in Marſch. Aramis folgte ihm. Es war eine ſchöne ſternenhelle Nacht; die Tritte . 24² der drei Männer erſchollen auf den geplatteten Terraſſen, und das Geklirre der am Gürtel des Schließers hängen⸗ den Schlüſſel ſtieg bis zu den Stockwerken der Thürme empor, als wollte es die Gefangenen daran erinnern, die Freiheit ſei außer ihrem Bereiche. Man hätte glauben ſollen, die Veränderung, die bei Baiſemeaux vorgegangen, habe ſich auch auf den Schließer erſtreckt. Dieſer Menſch, derſelbe, der ſich beim erſten Beſuch von Aramis ſo neugierig und frag⸗ ſüchtig gezeigt, war nicht nur ſtumm, ſondern auch un⸗ empfindlich geworden. Er ſenkte den Kopf und ſchien bange zu haben, er könnte die Ohren öffnen. So kam man zum Fuß der Bertaudisre, deren zwei Stockwerke ſtillſchweigend und mit einer gewiſſen Langſamkeit erſtiegen wurden, denn Baiſemeaur war, obgleich er gehorchte, doch weit entfernt, hiebei mit großem Eifer zu Werke zu gehen. Endlich gelangte man zu der Thüre; der Schlie⸗ ßer hatte nicht nöthig, den Schlüſſel zu ſuchen, denn er hielt ihn ſchon bereit. Die Thüre öffnete ſich. Baiſemeaur ſchickte ſich an, zu dem Gefangenen hinein zu gehen, doch er blieb auf der Schwelle ſtehen. „Es ſteht nicht geſchrieben, der Gouverneur werde die Beichte des Gefangenen hören,“ ſprach Ara⸗ mis. 3 Baiſemeaur verbeugte ſich und ließ Aramis vor⸗ beigehen; dieſer nahm die Laterne aus den Händen des Schließers und trat ein; dann machte er mit einer Geberde ein Zeichen, daß man die Thüre hinter ihm ſchließe. Einen Augenblick ſtand er ſtille und horchte mit geſpanntem Ohr, ob Baiſemeaux und der Schließer ſich entfernten; dann, als er ſich durch das Abnehmen des Geräuſches überzeugt hatte, daß ſie den Thurm ver⸗ laſſen, ſtellte er die Laterne auf den Tiſch und ſchaute umher. Auf einem Bett von grüner Sarſche, das im Gan⸗ 1 218 zen den andern Betten der Baſtille ähnlich, nur daß es neuer war, ruhte unter weiten, halbgeſchloſſenen Vorhängen der junge Mann, bei dem wir ſchon ein⸗ mal Aramis eingeführt haben. Nach dem Gebrauche des Gefängniſſes war der Gefangene ohne Licht. Zur Stunde der Feierglocke hatte er ſeine Kerze auslöſchen müſſen. Man ſieht, wie ſehr der Gefangene begünſtigt war, da er ſich des ſeltenen Vorrechtes, bis zum Augenblick der Feierglocke Licht zu behalten, erfreute. Bei dieſem Bett lagen auf einem ledernen Lehn⸗ ſtuhl mit gedrehten Füßen Kleider von merkwürdiger Friſche. Ein kleiner Tiſch, ohne Federn, ohne Tinte, ohne Papier, ohne Bücher, ſtand traurig und verlaſſen am Fenſter. Mehrere noch volle Teller bezeugten, daß der Gefangene ſein letztes Mahl kaum berührt atte. Aramis ſah den jungen Mann, das Geſicht halb verborgen unter ſeinen beiden Armen, auf dem Bett ausgeſtreckt. Die Ankunft des Beſuches bewog ihn nicht, ſeine Lage zu verändern; er wartete oder ſchlief. Aramis zündete die Kerze mit Hülfe der Laterne an, ſchob ſachte den Lehnſtuhl zurück und näherte ſich dem Bett mit einer ſichtbaren Miſchung von Theil⸗ nahme und Ehrfurcht. Der junge Menſch erhob den Kopf. „Was will man von mir?“ fragte er. „Habt Ihr nicht einen Beichtvater gewünſcht?“ antwortete Aramis. „Ja. 4 „Weil Ihr krank ſeid?“ „Ja. 4 „Sehr krank.“ Der junge Mann heftete durchdringende Augen auf Aramis und ſprach: „Ich danke Euch.“ 214 Dann, nachdem er einige Sekunden geſchwiegen, fuhr er fort: „Ich habe Euch ſchon geſehen.“ Aramis verbeugte ſich. Ohne Zweifel war die Forſchung, die der Gefangene angeſtellt,— dieſe Offenba⸗ rung eines kalten, liſtigen und beherrſchenden Charak⸗ ters, der ſich als entſchiedenes Gepräge in der Phy⸗ ſtognomie des Biſchofs von Vannes herausſtellte,— we⸗ nig beruhigend in der Lage des jungen Mannes, denn er fügte bei: „Es geht beſſer bei mir.“ „Somit?“ fragte Aramis. „Somit, da es beſſer geht, habe ich nicht mehr daſſelbe Bedürfniß eines Beichtvaters, wie mir ſcheint.“ „Nicht einmal des Bußkleides, das Euch der Zet⸗ tel verkündigte, den Ihr in Eurem Brode gefunden habt ²“ Der junge Mann bebte, doch ehe er geantwortet oder geleugnet hatte, fuhr Aramis fort: „Nicht einmal des Geiſtlichen, aus deſſen Munde Ihr eine wichtige Offenbarung zu erwarten habt?“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſprach der junge Mann, auf ſein Kopfkiſſen zurückſinkend,„dann iſt es etwas An⸗ deres.. ich höre.“ Aramis ſchaute ihn nun noch aufmerkſamer an und war erſtaunt über dieſe Miene einfacher, ungezwunge⸗ ner Majeſtät, die man nie erlangt, hat ſie Gott nicht in das Blut oder in das Herz gelegt. „Setzt Euch, mein Herr,“ ſagte der Gefangene. Aramis verbeugte ſich und gehorchte. „Wie befindet Ihr Euch in der Baſtille,“ fragte der Biſchof. „Sehr wohl.“ „Ihr leidet nicht?“ „Nein.“ 4 3 4 „Ihr bedauert nichts?“ 8 „Nein,“ 4— N*† 8 NWTNR R „Nicht einmal den Mangel an Freiheit?“ „Was nennt Ihr Freiheit, mein Herr?“ fragte der Gefangene mit dem Ausdrucke eines Menſchen, der ſich zu einem Kampfe anſchickt. „Ich nenne die Freiheit die Blumen, die Luft, das Licht, die Sterne, das Glück, dahin zu laufen, wohin Euch Eure nervigen zwanzigjährigen Beine tragen.“ Der junge Mann lächelte; es wäre ſchwer zu ſa⸗ gen geweſen, ob dies Folge von Reſignation oder von Verachtung. „Schaut,“ ſagte er,„ich habe hier in dieſer japa⸗ neſiſchen Vaſe zwei Roſen, zwei ſchöne Roſen, welche geſtern Abend als Knoſpen im Garten des Gouver⸗ neur gepflückt worden ſind; ſie haben dieſen Morgen unter meinen Augen ihren rothen Kelch erſchloſſen; mit jeder Falte ihrer Blätter öffneten ſie den Schatz ihres Wohlgeruches; mein ganzes Zimmer iſt davon bal⸗ ſamiſch durchduftet. Dieſe zwei Roſen, ſeht ſie: ſie ſind ſchön unter den Roſen und die Roſen ſind die ſchönſten Blumen. Warum ſoll ich mir alſo andere Blumen wünſchen, da ich die ſchönſten von allen habe?“ Aramis ſchaute den jungen Mann mit Erſtaunen an. „Sind die Blumen die Freiheit,“ fuhr der junge Mann ſchwermüthig fort,„ſo habe ich die Freiheit, da ich Blumen beſitze.“ „Ohl doch die Luft?“ rief Aramis;„die für das Leben ſo nothwendige Luft?“. „ Wohll, mein Herr, tretet näher zum Fenſter, es iſt offen,“ ſprach der Gefangene.„Zwiſchen dem Him⸗ mel und der Erde rollt der Wind ſeine Wirbel von Eis, von Feuer, von lauen Dünſten oder ſanften Lüften. Umſpielt von dort die Luft mein Geſicht, wenn ich auf dieſen Stuhl ſteige, mich auf die Lehne ſetze und den Arm um die Gitterſtange ſchlinge, die mich hält, ſo iſt mir, als ſchwämme ich im leeren Raume.“ Die Stirne von Aramis verdüſterte ſich immer mehr, während der junge Mann ſo ſprach. „Das Licht?“ fuhr dieſer fort;„ich habe etwas Beſſeres, als das Licht, ich habe die Sonne, einen Freund, der mich jeden Tag ohne die Erlaubniß des Gouverneur, ohne die Begleitung des Kerkermeiſters beſucht. Sie kommt durch das Fenſter herein, ſie zeich⸗ net in meinem Zimmer ein großes langes Viereck, das von dieſem Fenſter ausgeht und am Vorhang meines Bettes bis zu den Franſen fortläuft. Dieſes lichtvolle Viereck wächſt von zehn Uhr bis Mittag und nimmt von ein Uhr bis drei Uhr ab, langſam ab, als bedau⸗ erte es, mich zu verlaſſen, während es ſich beeilt, zu mir zu kommen. Verſchwindet der letzte Strahl der Sonne, ſo habe ich ihre Gegenwart fünf Stunden ge⸗ noſſen. Iſt das nicht genügend? Man hat mir ge⸗ ſagt, es gebe Unglückliche, welche Steinbrüche ausgra⸗ ben, Leute, die in Bergwerken arbeiten und die die Sonne nie ſehen.“ Aramis wiſchte ſich die Stirne ab. „Was die Sterne betrifft, die ſo milde anzuſchauen ſind,“ fuhr der junge Mann fort,„ſie gleichen ſich alle, ab⸗ geſehen vom Glanz und der Größe. Ich bin begün⸗ ſtigt, denn wäre dieſe Kerze nicht von Euch angezündet worden, ſo hättet Ihr den ſchönen Stern ſehen konnen, den ich von meinem Bette aus vor Eurem Eintritt ſah, und deſſen Strahlen meine Augen liebkoſten.“ Aramis neigte das Haupt: er fühlte ſich unterge⸗ ſunken unter die bittere Woge der unſeligen Philoſophie, welche die Religion der Gefangenſchaft iſt. „Dies, was die Blumen, die Luft, das Licht und die Sterne betrifft,“ ſprach der junge Mann mit derſelben Ruhe.„Es bleibt der Spaziergang. Gehe ich nicht den ganzen Tag ſpazieren, im Garten des Gouverneur, wenn es ſchön Wetter iſt, hier, wenn es regnet, in der Kühle, wenn es heiß, in der Wärme „ wenn es kalt iſt, mit Hülfe dieſes Kamins im Winter? 247 8 Ah! glaubt mir, mein Herr,“ fügte der Gefangene mit einem Ausdruck bei, der nicht ganz von einer ge⸗ wiſſen Bitterkeit frei war,„die Menſchen haben für mich Alles gethan, was ein Menſch hoffen, was ein Menſch wünſchen kann.“ „Die Menſchen? es mag ſein,“ ſprach Aramis das Haupt erhebend;„doch mir ſcheint, Ihr vergeßt Gott.“ „Ich habe in der That Gott vergeſſen,“ erwiederte der Gefangene, ohne bewegt zu werden;„aber warum ſagt Ihr mir das? wozu nützt es, mit den Gefangenen von Gott zu reden?“ Aramis ſchaute dem ſeltſamen jungen Mann, der die Reſignation eines Märtyrers mit dem Lächeln eines Atheiſten hatte, ins Geſicht und murmelte dann: „Iſt Gott nicht in jedem Ding?“ „Sagt am Ende jedes Dings,“ antwortete der Gefangene mit feſtem Ton. „Gut,“ ſprach Aramis,„doch kehren wir zu dem Punkt zurück, von dem wir ausgegangen ſind.“ „Das iſt mir ganz lieb.“ „Ich bin Euer Beichtiger.“ „Ja.“ „Wohl, als mein Beichtkind ſeid Ihr mir die Wahr⸗ heit ſchuldig.“ „Ich verlange nichts Anderes, als ſie Euch zu ſagen.“ „Jeder Gefangene hat das Verbrechen begangen, das ihn ins Gefängniß gebracht. Welches Verbrechen habt Ihr begangen?“ „Ihr habt mich das ſchon gefragt, als Ihr mich das erſte Mal beſuchtet.“. „ und Ihr habt die Antwort zu vermeiden geſucht, wie heute.“ „Warum denkt Ihr, ich werde heute antworten?“ „Weil ich heute Euer Beichtvater bin.“ „Wollt Ihr, daß ich Euch das Verbrechen ſage, Die drei Musketiere. Bragelonne. VIII. 15 das ich begangen, ſo ſagt mir, was ein Verbrechen iſt. Denn da ich nichts in mir weiß, das mir Vor⸗ würfe macht, ſo ſage ich, ich ſei kein Verbrecher.“ Großen, nicht allein, weil man Verbrechen begangen, ſondern auch, weil man weiß, daß Verbrechen began⸗ gen worden ſind.“ ſamkeit. Mann,„aber ich denke zuweilen und ſage mir in ſol⸗ chen Augenblicken...“ weder ein Narr, oder ich erriethe ſehr viele Dinge.“ den traurig; ich fühle den Verdruß, der mich erfaßt; ich wünſche...“— Verlangen nach Dingen ertappen laſſen, die ich nicht habe, ich, der ich ſo zufrieden mit Dem bin, was ich habe.“ „ „Man iſt zuweilen Verbrecher in den Augen der Der Gefangene horchte mit der größten Aufmerk⸗ ———— „Ja,“ ſagte er, nachdem er einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen;„ja, ich begreife; ja, Ihr habt Recht, mein Herr; es könnte wohl ſein, daß Verbrecher in den Augen der Großen wäre.“ ich auf dieſe Art ein „Ahl Ihr wißt alſo etwas?“ ſagte Aramis, im Glauben, er habe nicht die Blöße, ſondern die Fügung des Panzers erſchaut. „Nein, ich weiß nichts,“ antwortete der junge „Was ſagt Ihr Euch?“ „Wenn ich mehr denken wollte, ſo würde ich ent⸗ „Nun! und dann?“ fragte Aramis ungeduldig. „Dann halte ich inne.“ „Ihr haltet inne?“ 5 „Ja, mein Kopf iſt ſchwer, meine Gedanken wer⸗ „Was?“ „Ich weiß es nicht; denn ich will mich nicht beim „Ihr fürchtet den Tod?“ fragte Aramis mit einer leichten Bangigkeit.. d „Ja,“ antwortete lächelnd der junge Mann. Aramis fühlte die Kälte dieſes Lächelns und bebte. er e. 219 „Oh! da Ihr vor dem Tod Angſt habt, ſo wißt Ihr mehr, als Ihr ſagt,“ rief er. „Doch Ihr, der Ihr mich nach Euch verlangen heißt, der Ihr, da ich nach Euch verlangt habe, hier eintretet und mir eine Welt von Offenbarungen ver⸗ ſprecht, wie kommt es, daß Ihr nun ſchweigt, und daß ich ſpreche? Da wir jeder eine Maske tragen, ſo be⸗ halten wir ſie entweder Beide, oder legen wir ſie mit einander ab.“ Aramis fühlte zugleich die Stärke und die Richtig⸗ keit dieſes Einwurfs. „Ich habe nicht mit einem gewöhnlichen Menſchen zu thun,“ dachte er.„Wir wollen ſehen.“ „Habt Ihr Ehrgeiz?“ ſagte er laut, ohne den Gefangenen auf dieſen Uebergang vorbereitet zu haben. „Was iſt das, Ehrgeiz?“ fragte der junge Mann. „Das iſt ein Gefüͤhl, das den Menſchen antreibt, mehr zu wünſchen, als er hat,“ antwortete Aramis. „Ich habe geſagt, ich ſei zufrieden, mein Herr; doch es iſt möglich, daß ich mich täuſche. Ich weiß nicht, was Chrgeiz iſt, doch es iſt möglich, daß ich habe. Oeffnet mir den Geiſt, das iſt mir ganz lieb.“ „Ein Ehrgeiziger iſt der, welcher über ſeinen Stand hinaus begehrt.“ „Ich begehre nichts über meinen Stand hinaus,“ ſprach der junge Mann mit einer Sicherheit, die den Biſchof von Vannes abermals beben machte. Er ſchwieg. Sah man aber die glühenden Augen, die gefaltete Stirne, die nachdenkende Haltung des Gefan⸗ genen, ſo fühlte man wohl, daß er etwas Anderes, als Stillſchweigen erwartete. Dieſes Stillſchweigen brach Aramis. d „Ihr habt mich belogen, als ich Euch das erſte Mal beſuchte,“ ſagte er. „Belogen?“ rief der junge Mann, ſich auf ſeinem Bette aufrichtend, mit einem ſolchen Ausdruck in der 220 Stimme, mit einem ſolchen Blitz in den Augen, daß Aramis unwillkührlich zurückwich. „Ich will ſagen,“ verſetzte Aramis, indem er ſich verbeugte,„Ihr habt mir verborgen, was Ihr von Eurer Kindheit wißt.“ „Die Geheimniſſe eines Menſchen gehören ihm, mein Herr, und nicht dem Erſten dem Beſten.“ „Es iſt wahr,“ ſprach Aramis, der ſich tiefer, als das erſte Mal verbeugte,„es iſt wahr, verzeiht, doch heute bin ich für Euch noch der Erſte der Beſte. Ich flehe Euch an, antwortet, Monſeigneur.“ Dieſer Titel verſetzte den Gefangenen in eine kleine Unruhe; er ſchien indeſſen nicht erſtaunt, daß man ihm denſelben gab. „Ich kenne Euch nicht, mein Herr,“ ſagte er. „Oh! wenn ich es wagte, wurde ich Eure Hand nehmen und ſie küſſen.“ Der junge Mann machte eine Bewegung, als wollte er Aramis die Hand geben, aber der Blitz, der aus ſeinem Auge hervorgeſprungen, erloſch am Rande ſei⸗ nes eides, und ſeine Hand zog ſich kalt und mißtrauiſch zurück. 3 „Einem Gefangenen die Hand küſſen!“ ſprach er; „wozu ſoll das nützen?“ „Warum ſagtet Ihr mir, Ihr befändet Euch hier wohl?“ fragte Aramis.„Warum ſagtet Ihr mir, Ihr liebtet nichts? Warum endlich verhindert Ihr mich, indem Ihr ſo ſprecht, meinerſeits offenherzig zu ſein?“ Derſelbe Blitz erſchien zum dritten Mal in den Augen des jungen Mannes, aber wie die zwei erſten Male erloſch er, ohne etwas herbeizuführen. „Ihr mißtraut mir,“ ſagte Aramis. „Warum, mein Herr?“ „Ohl aus einem ganz einfachen Grunde: wißt Ihr, was Ihr wiſſen müßt, ſo müßt Ihr Jedermann mißtrauen.“. 1 — Ton 221 „Dann wundert Euch nicht, daß ich mißtraue, da Ihr mich im Verdacht habt, ich wiſſe, was ich nicht weiß.“ Aramis war von Bewunderung erfüllt für dieſen energiſchen Widerſtand. „Oh! Ihr bringt mich in Verzweiflung, Monſeig⸗ neur,“ rief er, indem er mit der Fauſt auf den Lehn⸗ ſtuhl ſchlug. „Und ich, ich verſtehe Euch nicht, mein Herr.“ „Wohl! ſo ſucht mich zu verſtehen.“ Der Gefangene ſchaute Aramis feſt an. „Zuweilen,“ fuhr dieſer fort,„zuweilen ſcheint mir, ich habe den Mann vor den Augen, den ich ſuche... und dann...“ „Und dann... verſchwindet dieſer Mann, nicht wahr?“ ſagte lächelnd der Gefangene.„Deſto beſſer.“ Aramis ſtand auf und ſprach: 4 „Ich habe entſchieden ſeinem Menſchen nichts zu ſagen, der mir in dem Grade mißtraut, wie Ihr es thut.“ „Und ich,“ erwiederte der Gefangene in demſelben Ton,„und ich habe dem Manne nichts zu ſagen, der nicht begreifen will, daß ein Gefangener Allem miß⸗ trauen muß.“ „Selbſt ſeinen alten Freunden? Ohl das iſt zu viel. Klugheit, Monſeigneur.“ „Meinen alten Freunden? Ihr gehöret zu meinen alten Freunden, mein Herr?“ „Sprecht, erinnert Ihr Euch nicht mehr, einſt in dem Dorfe, wo Eure erſte Kindheit verlief...“ „Wißt Ihr den Namen dieſes Dorfes?“ fragte der Gefangene. „Noiſy⸗le⸗Sec,“ antwortete Aramis mit feſtem e. „Fahret fort,“ ſagte der junge Mann, ohne daß ſein Geſicht zugeſtand oder leugnete. „Höret, Monſeigneur, wollt Ihr dieſes Spiel durch⸗ aus fortſetzen, ſo bleiben wir hiebei ſtehen. Es iſt wahr⸗ ich komme, um Euch viele Dinge zu ſagen; doch Ihr müßt mir zeigen, daß Ihr Eurerſeits dieſe Dinge ken⸗ nen zu lernen wünſchet. Geſteht zu, daß ich, bevor ich geſprocheu, bevor ich die ſo wichtigen Dinge erklärt, ein wenig Beiſtand, wenn nicht Offenherzigkeit, ein wenig Sym⸗ pathie, wenn nicht Vertrauen noͤthig gehabt hätte. Ihr aber haltet Euch verſchloſſen in einer vorgeblichen Unwiſſenheit, die mich lähmt. Oh! nicht wegen deſſen, was Ihr glaubt, denn ſo unwiſſend Ihr auch ſein möget, ſo gleichgültig Ihr auch zu ſein Euch ſtellt, Ihr ſeid darum nicht minder, was Ihr ſeid, Monſeigneur, und nichts, nichts, höͤret Ihr wohl, wird machen, daß Ihr es nicht ſeid.“ „Ich verſpreche, Euch ohne Ungeduld anzuhören,“ antwortete der Gefangene.„Nur ſcheint mir, ich ſei berechtigt, Euch die Frage zu wiederholen, die ich ſchon einmal an Euch gemacht habe: Wer ſeid Ihr?“ „Erinnert Ihr Euch, vor fünfzehn bis achtzehn Jahren in Noiſy⸗le⸗Sec einen Reiter geſehen zu haben, der mit einer Dame kam, welche gewoͤhnlich in ſchwarze Seide, mit feuerfarbenen Bäͤndern in den Haaren, ge⸗ kleidet war?“ „Ja, ich fragte einmal nach dem Namen dieſes Reiters, und man ſagte mir, er heiße Chevalirr d'Her⸗ blay. Ich wunderte mich, daß dieſer Abbé ſo kriege⸗ riſch ausſah, und man antwortete mir, man dürfe ſich nicht hierüber wundern, in Betracht, daß es ein Mus⸗ ketier von König Ludwig XlIll. ſei.“ „Wohl,“ ſprach Aramis, dieſer ehemalige Muske⸗ tier, dann Abbé, ferner Biſchof von Vannes, heute Euer Beichtvater, das bin ich.“ „Ich weiß es. Ich erkannte Euch.“ „Nun! Monſeigneur, wenn Ihr das wißt, ſo muß ch etwas beifügen, was Ihr nicht wißt: würde die Anweſenheit hier dieſes Musketiers, dieſes Abbe, dieſes Biſchofs, dieſes Beichtvaters dem König heute Abend be⸗ kannt, ſo ſähe morgen derjenige, welcher Alles gewagt hat, um zu Euch zu kommen, das Beides Henkers in der Tiefe ——n:y,—: ni —; — 223 eines Kerkers glänzen, der finſterer und verborgener, als es der Eurige iſt.“ Während der junge Mann dieſe feſt betonten Worte hörte, erhob er ſich auf ſeinem Bett und tauchte mehr und mehr gierige Blicke in die Augen von Aramis. Der Erfolg dieſer Forſchung war, daß der Gefan⸗ gene einiges Vertrauen zu faſſen ſchien. „Ja,“ murmelte er,„ja, ich erinnere mich voll⸗ kommen. Die Frau, von der Ihr ſprecht, kam einmal mit Euch, und zwei andere Male mit der Frau...ℳℳ Er hielt inne. „Mit der Frau, die Euch alle Monate beſuchte, nicht wahr, Monſeigneur?“ „Ja.“ „Wißt Ihr, wer dieſe Dame war?“ Ein Blitz ſchien im Begriff, aus dem Auge des Gefangenen hervorzuſpringen. „Ich weiß, daß es eine Dame von Hofe war,“ ſagte er. „Erinnert Ihr Euch dieſer Dame genau?“ „Ohl meine Erinnerungen können in dieſer Bin⸗ ſicht nicht ſehr verworren ſein,“ ſprach der junge Ge⸗ ſangene;„ich habe einmal dieſe Dame mit einem Mann von ungefähr fünf und vierzig Jahren geſehen; ich habe einmal dieſe Dame mit Euch und mit der Dame im ſchwarzen Kleid und mit den feuerfarbenen Bändern geſehen. Ich habe ſie zweimal ſeitdem mit derſelben Perſon geſehen. Dieſe vier Perſonen mit meinem Erzieher undder alten Perronnette, mein Schließer und der Gouverneur ſind die einzigen Perſonen, mit denen ich je geſprochen, und in der That beinahe die einzigen, die ich je geſehen.“ „Ihr waret alſo im Gefängniß?“ 1 „Bin ich hier im Gefängniß, ſo war ich dort be⸗ ziehungsweiſe frei, obgleich meine Freiheit ſehr be⸗ ſchränkt: ein Haus, aus dem ich nicht herauskam, ein großer Garten, umgeben von Mauern, die ich nicht überſteigen konnte: das war meine Wohnſtätte. Ihr kennt ſte, da Ihr dort geweſen ſeid. Gewohnt, inner⸗ halb der Grenzen dieſer Mauern und dieſes Hauſes zu wohnen, verlangte ich übrigens nie danach, hinaus zu kommen. Ihr begreift daher, mein Herr, da ich nichts von dieſer Welt geſehen, ſo kann ich auch nichts wünſchen, und wenn Ihr mir etwas erzählt, ſo werdet Ihr genöthigt ſein, mir Alles zu erklären.“ „Das werde ich thun, Monſeigneur, denn es iſt meine Pflicht,“ ſprach Aramis ſich verbeugend. „Wohl! ſo fangt damit an, daß Ihr mir ſagt, wer mein Erzieher war.“ „Ein guter Edelmann, Monſeigneur, ein redlicher Edelmann beſonders, ein Lehrer zugleich für Euren Leib und Eure Seele. Habt Ihr Euch je über ihn zu be⸗ klagen gehabt?“ „Ohl nein, mein Herr, ganz im Gegentheil; doch dieſer Edelmann ſagte mir oft, mein Vater und meine Mutter ſeien todt; log er oder ſprach er die Wahrheit?“ „Er war genöͤthigt, die Befehle zu befolgen, die man ihm gegeben.“ 1 „Alſo log er?“ „In einem Punkt. Euer Vater iſt todt.“ „Und meine Mutter?“ „Sie iſt todt für Euch. „Abe für die Anderen lebt ſie, nicht wahr?“ „Ja.“ „Und ich(der junge Mann ſchaute Aramis an) ich bin verdammt, in der Dunkelheit eines Gefäng⸗ niſſes zu leben?“ „Ach! ich glaube.“ „Und dies, weil meine Gegenwart in der Welt ein großes Geheimniß enthüllen wuͤrde?“ „Ein großes Geheimniß, ja.“ „Um ein Kind, wie ich es war, in die Baſtille einzuſperren, muß mein Feind ſehr mächtig ſein?“ „Er iſt es.“ 4 ———— 225 „Maͤchtiger, als meine Mutter alſo 8* „Warum? „Weil meine Mutter mich beſchützt hätte.“ Aramis zögerte. „Mächtiger, als Euer Vater, ja, Monſeigneur.“ „Daß meine Amme und der Edelmann entführt worden ſind und daß man mich von ihnen getrennt hat, war ich alſo oder waren ſie eine ſehr große efahr für meinen Feind?“ „Ja, eine Gefahr, von der ſich Euer Feind dadurch befreit hat, daß er den Edelmann und die Amme ver⸗ ſchwinden ließ,“ antwortete Aramis ruhig. 3 „Verſchwinden?“ fragte der Gefangene.„Auf welche Art ſind ſie verſchwunden?“ „Auf die ſicherſte Art,“ erwiederte Aramis;„ſie ſind geſtorben.“ 1 Der junge Mann erbleichte leicht und ſtrich mit einer zitternden Hand über ſein Geſicht. „An Gift?“ fragte er. „An Gift.“ Der Gefangene dachte einen Augenblick nach. „Mein Feind muß ſehr grauſam oder ſehr durch die Nothwendigkeit gezwungen geweſen ſein, daß dieſe zwei unſchuldigen Geſchöpfe, meine einzigen Stützen, an demſelben Tag ermordet worden ſind, denn dieſer würdige Edelmann und dieſe brave Frau haben nie Jemand etwas zu Leide gethan.“ „Die Nothwendigkeit iſt hart in Eurer Zuſammen⸗ ſtellung. Es iſt auch eine Nothwendigkeit, was mich, zu meinem großen Bedauern, veranlaßt, Euch zu ſagen, daß ſie ermordet worden ſind.“ „Oh! Ihr theilt mir nichts Neues mit,“ ſagte der Gefangene, die Stirne faltend. „Wie ſo?“ „Ich vermuthete es.“ „Warum?“ „Ich will es Euch ſagen,“ In dieſem Augenblick näherte ſich der junge Mann, der ſich auf ſeine beiden Ellenbogen ſtützte, dem Ge⸗ ſichte von Aramis mit einem ſolchen Ausdruck von Würde, Verleugnung und Herausforderung ſogar, daß der Biſchof die Electricität der Begeiſterung aus ſeinem verwelkten Herzen in verzehrenden Funken zu ſeinem ſtahlharten Schädel aufſteigen fühlte. „Sprecht, Monſeigneur. Ich habe ſchon geſagt, daß ich mein Leben ausſetze, indem ich mit Euch rede. So wenig mein Leben ſein mag, ich flehe Euch an, es als Löſegeld des Eurigen anzunehmen.“ „Wohl!“ ſagte der junge Mann,„höret, warum ich ahnete, man habe meine Amme und meinen Erzieher getödtet...“ „Euren Erzieher, den Ihr Euren Vater nanntet?“ „Ja, den ich meinen Vater nannte, waͤhrend ich aber wohl wußte, daß ich nicht ſein Sohn.“ 3 „Was ließ Euch dies annehmen?“ „Ebenſo wie Ihr zu ehrerbietig für einen Freund ſeid, war er zu ehrerbietig für einen Vater.“ „Ich,“ ſagte Aramis,„ich habe nicht die Abſicht, mich zu verſtellen.“ Der junge Mann machte ein Zeichen mit dem Kopf und fuhr fort: „Ohne Zweifel war ich nicht beſtimmt, ewig einge⸗ ſperrt zu bleiben, und was mich dies, jetzt beſonders, glauben macht, iſt die Sorgfalt, mit der man mich zu einem moͤglichſt vollkommenen Cavalier heranzubilden bemüht war. Der erwähnte Edelmann lehrte mich Alles, was er ſelbſt wußte: Mathematik, ein wenig Geometrie, Aſtronomie, Fechten, Reiten. Jeden Mor⸗ gen übte ich mich in den Waffen in einem Saale im Erdgeſchoß, jeden Morgen ritt ich auch im Garten. Wohl! eines Morgens, es war im Sommer, denn es herrſchte eine drückende Hitze, war ich in dem genann⸗ ten Saal entſchlafen. Abgeſehen von dem ehrerbietigen Benehmen meines Hofmeiſters, hatte mich nichts bis 227 dahin belehrt oder Verdacht bei mir erregt. Ich lebte wie die Kinder, wie die Vögel, wie die Pflanzen von der Luft und der Sonne; ich zählte fünfzehn Jahre.“ „Das iſt alſo acht Jahre her?“ „Ja, ungefähr; ich habe das Maaß der Zeit ver⸗ loren.“ „Verzeiht... was ſagte Euch Euer Lehrer, um Euch zur Arbeit anzuſpornen?“ „Er ſagte, ein Menſch müſſe ſich auf Erden ein Glück zu gründen ſuchen, das Gott ihm bei ſeiner Geburt verweigert habe; er fügte bei, eine arme Waiſe, könne ich nur auf mich zählen, und Niemand außer ihm würde ſich je für mich intereſſiren. Ich war alſo in dem untern Saal, ermüdet durch meine Lection im Fechten, ent⸗ ſchlafen. Mein Erzieher befand ſich in ſeinem Zimmer im erſten Stock, gerade über mir. Plötzlich höre ich etwas wie einen kurzen Schrei von meinem Erzieher ausſtoßen. Dann rief er:„„Perronnette! Perronnette!““ Es war meine Ammo, der er rief.“ „Ja, ich weiß,“ ſagte Aramis,„fahret fort, fahret fort, Monſeigneur.“ „Ohne Zweifel war ſie im Garten, denn mein Erzieher ſtieg haſtig die Treppe hinab. Ich ſtand auf, beſorgt, ihn zu ſehen. Er öffnete die Thüre, die vom Vorhaus in den Garten führte, und rief beſtändig: „„Perronnette! Perronnette!““ Die Fenſter des unte⸗ ren Saales gingen auf den Hof; die Läden dieſer Fen⸗ ſter waren geſchloſſen; aber durch einen Spalt des La⸗ den ſah ich meinen Hofmeiſter ſich einem weiten Brun⸗ nen nähern, der beinahe unter den Fenſtern ſeines Ar⸗ beitscabinets lag. Er neigte ſich über das ſteinerne Geländer, ſchaute in den Brunnen und ſtieß unter ge⸗ waltigen Geberden des Schreckens einen neuen Schrei aus. Von der Stelle, wo ich war, konnte ich nicht 83 ſehen, ſondern auch hören. Ich ſah alſo; ich hoͤrte a 9.“ „Ich bitte Euch, fahret fort, Monſeigneur,“ ſagte Aramis. „Frau Perronnette lief auf das Geſchrei meines Hofmeiſters raſch herbei. Er ging ihr entgegen, nahm ſie beim Arm und zog ſie ungeſtüm an das Geländer, neigte ſich dann mit ihr in den Brunnen und ſagte: „„Schaut, ſchaut, welch ein Unglück!““„Beruhigt Euch doch,““ erwiederte Frau Perronnette,„„was gibt es denn 2⸗„„Dieſer Brief,““ rief mein Hofmeiſter, „nſeht Ihr dieſen Brief?““ und er ſtreckte die Hand gegen die Tiefe des Brunnen aus.„„Welcher Brief?“„ fragte die Amme.„„Der Brief, den Ihr da unten ſeht: es iſt der letzte Brief der Königin!““. „Bei dieſem Worte bebte ich. Mein Erzieher, der⸗ jenige, welcher für meinen Vater galt, derjenige, welcher mir unabläßig Beſcheidenheit und Demuth anempfahl, ſtand im Briefwechſel mit der Königin! „„Der letzte Brief der Königin!““ rief Perronnette, ohne daß ſie uͤber etwas Anderes erſtaunt zu ſein ſchien, als darüber, daß ſie den Brief im Grunde des Brun⸗ nen ſah:„„eil wie iſt er denn dahin gekommen?““ „„Durch einen Zufall, Frau Perronnette, durch einen ſeltſamen Zufall. Ich gehe in mein Zimmer zurück, öffne die Thüre, das Fenſter ſteht auch offen, es ent⸗ ſteht ein Luftzug, ich ſehe ein Papier entfliegen, ich erkenne, daß dieſes Papier der Brief der Königin iſt, ich laufe ans Fenſter, ſtoße einen Schrei aus, das Papier ſchwebt einen Augenblick in der Luft und fällt dann in den Brunnen.““„„Nun!““ verſetzte Frau Perronnette,„„wenn der Brief in den Brunnen gefallen iſt, ſo iſt es, als wäre er verbrannt, und da die Königin ſelbſt alle ihre Briefe verbrennt, ſo oft ſie kommt...““ „So oft ſie kommt! die Frau, welche alle Monate kam, war alſo die Königin,“ unterbrach ſich der Gefangene. „Ja,“ machte Aramis mit dem Kopf. 3 „„Allerdings, allerdings,““ fuhr der alte Edele mann fort,„„doch dieſer Brief enthielt Inſtructionen, 229 Wie ſoll ich es machen, um ſie zu befolgen?“„„Schreibt geſchwinde an die Königin, erzählt ihr die Sache, wie ſte vorgefallen iſt, und die Königin wird Euch einen zweiten Brief für den letzten ſchreiben.““„„Ohl die Königin wird nicht an dieſen Zufall glauben,““ ſagte der gute Mann den Kopf ſchüttelnd,„„ſie wird denken, ich habe den Brief, ſtatt ihr denſelben wie die anderen zurückzugeben, behalten wollen, um mir eine Waffe daraus zu machen. Sie iſt ſo mißtrauiſch und Herr von Mazarin ſo... Dieſer Teufel von éinem Italiener iſt im Stande, uns beim erſten Verdacht vergiften zu laſſen!““ Aramis lächelte und machte eine unmerkliche Be⸗ wegung mit dem Kopf. „„Ihr wißt, Frau Perronnette, Beide ſind ſo arg⸗ woöͤhniſch in Beziehung auf Philipp.““ „Philipp iſt der Name, den man mir gab,“ unter⸗ brach ſich der Gefangene. „„Dann darf man nicht zoͤgern,““ ſprach Frau Perronnette,„„man muß Jemand in den Brunnen hinabſteigen laſſen.““„„Ja, daß der, welcher das Pa⸗ pier zuruͤckbringt, es beim Heraufſteigen lieſt.““„„Neh⸗ men wir aus dem Dorf eine Perſon, die nicht leſen kann; ſo werdet Ihr ruhig ſein.““„„Gut! wird aber derjenige, welcher hinabſteigt, nicht die Wichtigkeit eines Papieres errathen, für das man das Leben eines Men⸗ ſchen wagt? Doch Ihr habt mir einen Gedanken ein⸗ gegeben, Frau Perronnette, ja, es wird Jemand in den wnnne hinabſteigen, und dieſer Jemand werde ich ein.““ „Ueber dieſes Vorhaben fing jedoch Frau Perron⸗ nette dergeſtalt an zu ſchreien, weinend flehte ſie den alten Edelmann ſo inſtändig an, daß er ihr verſprach, er wolle eine Leiter aufſuchen, welche groß genug, daß man in den Brunnen hinabſteigen könne, während ſie nach dem Pachthofe laufe, um einen entſchloſſenen Bur⸗ ſchen aufzuſuchen, dem man glauben mache, es ſei ein 230 Juwel in den Brunnen gefallen, dieſes Juwel ſei in Papier eingewickelt, und da das Papier, bemerkte mein Erzieher, im Waſſer auseinander gehe, ſo werde er ſich nicht darüber wundern, daß man nichts, als den offenen Brief finde.“ „„Der Brief hat vielleicht ſchon Zeit gehabt, ſich zu verwiſchen,““ ſagte Frau Perronnette.„„Gleichviel, wenn wir ihn nur bekommen. Geben wir den Brief der Königin zurück, ſo wird ſie ſehen, daß wir ſie nicht verrathen, und folglich werden wir, da wir kein Miß⸗ trauen bei Herrn von Mazarin erregen, nichts von die⸗ ſem zu befürchten haben.““ „Als dieſer Entſchluß gefaßt war, trennten ſie ſich. Ich zog den Laden zu, und da ich ſah, daß mein Er⸗ zieher in das Haus zurückzukehren ſich anſchickte, warf ich mich auf meine Polſter mit einem Geſumme im Kopf, das durch Alles, was ich gehört, verurſacht wor⸗ den war. „Mein Erzieher öffnete ein wenig die Thüre einige Secunden, nachdem ich mich auf meine Polſter geworfen hatte, und da er glaubte, ich ſei eingeſchlafen, ſo machte er ſie ſachte wieder zu. „Kaum war dies geſchehen, als ich aufſtand; ich horchte und vernahm das Geräuſch von Tritten, die ſich entfernten. Da kehrte ich zu meinem Laden zurück und ſah meinen Erzieher und Frau Perronnette ausgehen. „Ich war allein im Hauſe. „Sie hatten nicht ſobald die Thüre geſchloſſen, als ich, ohne mir die Mühe zu machen, durch das Vorhaus zuſdgehen, aus dem Fenſter ſprang und auf den Brunnen zulief. 7 „Dann neigte ich mich ebenfalls, wie ſich mein Erzieher geneigt hatte. „Etwas Weißliches, Leuchtendes zitterte in den ſchwankenden Kreiſen des grünlichen Waſſers. Dieſer glänzende Gegenſtand blendete mich und lockte mich anz meine Augen waren ſtarr, ich keuchte; der Brunnen 231 zog mich ein mit ſeinem weiten Mund und ſeinem eiſt⸗ gen Athem; es kam mir vor, als laͤſe ich im Grunde des Waſſers feurige Buchſtaben, auf das Papier ge⸗ ſchrieben, das die Königin berührt hatte. „Ohne zu wiſſen, was ich that, und belebt von einer von jenen inſtinktartigen Bewegungen, die den Menſchen auf unheilvolle Abhänge fortſtoßen, rollte ich das Ende des Ziehſeils vom Balken ab und ließ den Eimer bis ungefähr auf drei Fuß Tiefe in das Waſſer hängen, wobei ich mir ſehr wehe that, um das koſtbare Papier nicht zu verrücken, das ſeine weißliche Farbe gegen eine grünliche Tinte zu vertauſchen anfing, ein Beweis, daß es unterſank; dann glitt ich, ein Stück efentei⸗ Leinwand in der Hand, in den Abgrund inab. 1 „Als ich mich über dieſer dunklen Waſſerlache hängen ſah, als ich den Himmel über meinem Kopf abnehmen ſah, da bemächtigte ſich meiner die Kälte, der Schwindel ergriff mich und machte meine Haare ſich ſträuben; aber mein Wille beherrſchte Alles, Angſt und Unbehagen. Ich erreichte das Waſſer und tauchte raſch nieder, wobei ich mich mit einer Hand zurückhielt, wäh⸗ rend ich die andere ausſtreckte und das koſtbare Papier ergriff, das zwiſchen meinen Fingern entzwei riß. „Ich verbarg die zwei Stücke in meinem Rock und kletterte, indem ich mir mit den Füßen an der Wand des Brunnen half und mich mit meinen Händen an⸗ hing, behende und in Eile zum Geländer hinauf, das ich, als ich es berührte, mit dem Waſſer benetzte, wel⸗ ches vom ganzen unteren Theil meines Leibes herab⸗ rieſelte. 1 „Sobald ich mit meiner Beute außerhalb des Brun⸗ nen war, lief ich in die Sonne, und ich erreichte den Hintergrund des Gartens, wo eine Art von Wäͤldchen war. Dahin wollte ich mich flüchten. „Als ich den Fuß in mein Verſteck ſetzte, klang die ———— 232 Glocke, welche ertönte, wenn die große Thüre geöffnet wurde. Mein Erzieher kam nach Hauſe. Es war Zeit. „Ich berechnete, daß mir zehn Minuten blieben, ehe er mich erreichte, wenn er errieth, wo ich war und geraden Weges zu mir kam; zwanzig Minuten, wenn er mich zu ſuchen ſich bemühte. „Das war genug, um den koſtbaren Brief zu leſen, deſſen zwei Bruchſtücke ich raſch an einander hielt. Die Buchſtaben ſingen an ſich zu verwiſchen; deſſen unge⸗ achtet gelang es mir, den Brief zu entziffern.“ „Und was habt Ihr geleſen, Monſeigneur?“ fragte Aramis lebhaft intereſſirt. „Genug Dinge, mein Herr, um zu glauben, der 3 Diener ſei ein Edelmann, und Perronnette, ohne gerade eine vornehme Dame zu ſein, doch mehr als eine Magd, endlich daß ich einiger Maßen von hoher Geburt, da mich die Königin Anna von Oeſterreich und der erſte Miniſter Mazarin ſo angelegentlich empfahlen. „Und was geſchah?“ fragte Aramis. „Es geſchah,“ antwortete der junge Mann,„daß der von meinem Erzieher herbeigerufene Arbeiter nichts in dem Brunnen fand, nachdem er ihn in allen Richtun⸗ gen durchwühlt hatte; mein Erzieher bemerkte, daß das ſteinerne Geländer ganz naß war; ich hatte mich nicht ſo gut getrocknet, daß Frau Perronnette nicht wahr⸗ nahm, meine Kleider ſeien ganz feucht; mich ſelbſt end⸗ lich ergriff ein heftiges Fieber, verurſacht durch die Kälte des Waſſers und die Aufregung in Folge meiner Ent⸗ deckung, und mit dieſem Fieber verband ſich ein Deli⸗ rium, in welchem ich Alles erzählte, ſo daß mein Hof⸗ meiſter, durch meine eigenen Geſtändniſſe geleitet, unter meinem Kopfkiſſen die zwei Bruchſtücke des von der Königin geſchriebenen Briefes fand.“ „Ahl“ rief Aramis,„nun verſtehe ich.“ „Von da an iſt Alles Vermuthung. Der arme Edelmann und die arme Frau wagten es ohne Zweifel. nicht, das, was vorgefallen, geheim zu halten, ſchrieben =— —— 233 Alles der Königin und ſchickten ihr den zerriſſenen Brief zurück.“ „Wonach Ihr feſtgenommen und in die Baſtille ge⸗ führt wurdet,“ ſagte Aramis. „Ihr ſeht es.“ „Dun verſchwanden Eure zwei Diener?“ ch 44 2 „Beſchäftigen wir uns nicht mit den Todten und ſehen wir, was man mit dem Lebenden thun kann. Ihr habt mir geſagt, Ihr ſeid ergeben?“ „Und ich wiederhole es Euch.“ „Ihr kümmert Euch nichts um die Freiheit?“ „Ich habe das geſagt.“ „Ohne Ehrgeiz, ohne Bedauern, ohne Gedanken?“ Der junge Mann antwortete nicht. „Nun!“ fragte Aramis,„Ihr ſchweigt?“ 4 „Ich glaube, daß ich ſchon genug geſprochen, und daß die Reihe nun an Euch iſt,“ antwortete der Ge⸗ fangene.„Ich bin müde.“ „Ich werde Euch gehorchen,“ ſprach Aramis. Aramis ſammelte ſich und eine Färbung tiefer Feierlichkeit verbreitete ſich über ſeinem ganzen Antlitz. Man fühlte, daß er zu dem wichtigen Theile der Rolle gekommen war, die er in dem Gefängniß zu ſpielen be⸗ abſichtigt hatte „Eine erſte Frage,“ ſagte er. „Welche? ſprecht.“ „Nicht wahr, in dem Hauſe, das Ihr bewohntet, gab es keine Spiegel?“ 3 „Was für ein Wort iſt das und was bedeutet es? Ich kenne es nicht.“ „Man verſteht unter Spiegel ein Geräthe, das die Gegenſtände zurückſtrahlt, das zum Beiſpiel erlauht, daß man die Züge ſeines eigenen Geſichts in einem be⸗ reiteten Glaſe ſieht, wie Ihr die meinigen mit bloßem Auge ſeht.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. VIl. 16 3 4 234 „Nein, es gab in dem Hauſe keinen Spiegel,“ antwortete der junge Mann. Aramis ſchaute umher und ſprach dann: „Es iſt auch keiner hier; man hat hier dieſelben Vorſichtsmaßregeln genommen wie dort.“ „In welcher Abſicht?“ „Ihr werdet es ſogleich erfahren. Verzeiht nun, Ihr ſagtet mir, man habe Euch Mathematik, Aſtrono⸗ mie, Fechten, Reiten gelehrt, Ihr ſprachet aber nicht von der Geſchichte?“ „Zuweilen erzählte mir mein Erzieher die Groß⸗ thaten vom heiligen Ludwig, von König Franz I., von König Heinrich IV.“ „War dies Alles?“ „Ungefähr Alles.“ „Wohl, ich ſehe, das iſt abermals Berechnung: wie man Euch die Spiegel entzogen hatte, die das Gegenwärtige wiederſcheinen, ſo hat man Euch in Un⸗ wiſſenheit in der Geſchichte gelaſſen, welche die Ver⸗ Fangenbeſt wiederſcheint. Seit Eurer Einkerkerung nd Euch die Bücher verſagt geweſen, ſo daß Ihr viele Thatſachen nicht kennt, mit deren Hülfe Ihr das ein⸗ geſtürzte Gebäude Eurer Erinnerungen oder Intereſſen wiedererrichten könntet.“ „Das iſt wahr,“ ſprach der junge Mann. „Höret; ich will Euch mit wenigen Worten ſagen, was in Frankreich ſeit drei und zwanzig oder vier und zwanzig Jahren, das heißt ſeit dem wahrſcheinlichen Datum Eurer Geburt, ſeit dem Augenblicke, der Euch intereſſirt, vorgefallen iſt.“ „Sprecht,“ ſagte der junge Mann. 4 1 Und er nahm wieder ſeine ernſte, geſammelte Hal⸗ ung an. „Wißt Ihr, wer der Sohn von Heinrich IV. war?“ „Ich weiß wenigſtens, wer ſein Nachfolger war.“ „Woher wißt Ihr dies?“ „Durch ein Geldſtück mit dem Jahre 1610, das 23⁵ Heinrich IV. vorſtellte; durch ein Geldſtück mit dem Jahre 1612 mit dem Bildniſſe von Ludwig XIII. Da nur zwei Jahre zwiſchen dieſen zwei Geldſtücken lagen, ſo nahm ich an, Ludwig XIII. müßte der Nachfolger von Heinrich IV. ſein.“ 3 „Ihr wißt alſor, daß der letzte regierende Koͤnig Ludwig XIII. war?“ 1 „Ich weiß es,“ antwortete der junge Mann leicht erröthend. „Nun wohl! das war ein Fürſt voll guter Ge⸗ danken, voll großartiger Entwürfe, deren Ausführung immer wieder durch das Unglück der Zeiten und durch die Kämpfe verſchoben wurden, die ſein Miniſter Riche⸗ lieu gegen den hohen Adel Frankreichs zu beſtehen hatte. Er perſönlich(ich ſpreche von Ludwig XIII.) war ſchwa⸗ chen Charakters. Er ſtarb noch jung und traurig.“ „Ich weiß das.“ „Lange war er von der Sorge um ſeine Nachkom⸗ menſchaft in Anſpruch genommen. Das iſt eine ſchmerz⸗ liche Sorge für die Fuͤrſten, für die es ein Bedürfniß, auf der Erde mehr als ein Andenken zurückzulaſſen, auf daß ihr Geiſt fortlebe, auf daß ihr Werk fortgehe.“ „Iſt König Ludwig XIII. ohne Kinder geſtorben?“ fragte lächelnd der Gefangene. „Nein, aber er entbehrte lange des Glückes, zu haben; nein, aber lange glaubte er, er würde ganz ſterben, und dieſer Gedanke verſenkte ihn in eine tiefe Verzweiflung, als plötzlich ſeine Frau, Anna von Oeſterreich...“ Der Gefangene bebte. „Mußtet Ihr, daß die Frau von Ludwig XIII. Anna von Oeſterreich hieß?“ ſagte Aramis. „Fahret fort,“ ſprach der Gefangene, ohne zu ant⸗ worten. „Als plötzlich,“ fuhr Aramis fort,„die Königin Anna von Oeſterreich verkündigte, ſie ſei in andern Umſtänden. Die Freude war groß bei dieſer Nachricht, 236 und alle Wünſche waren auf eine glückliche Entbindung gerichtet. Endlich am 5. September 1638 gebar ſie einen Sohn.“ Hier ſchaute Aramis den Gefangenen an und glaubte zu bemerken, er erbleiche. „Ihr werdet,“ ſprach Aramis,„Ihr werdet eine Erzählung hoͤren, die wenige Leute zu dieſer Stunde zu geben im Stande find, denn dieſe Erzählung iſt ein Geheimniß, das man mit den Todten geſtorben oder im Abgrund der Beichte begraben waͤhnt.“ „Und Ihr werdet mir dieſes Geheimniß ſagen?“ verſetzte der junge Mann. „Oh!“ erwiederte Aramis mit einem Ausdruck, in dem man ſich nicht täuſchen konnte,„ich glaube nichts zu wagen, wenn ich dieſes Geheimniß einem Gefange⸗ nen anvertraue, der kein Verlangen hat, aus der Ba⸗ ſtille herauszukommen.“ „Ich höre, mein Herr.“ „Die Königin gebar alſo einen Sohn. Als aber der ganze Hof bei dieſer Kunde Freudenſchreie von ſich gegeben hatte, als der König den Neugeborenen ſeinem Volk und ſeinem Adel gezeigt und ſich, um dieſes glück⸗ liche Ereigniß zu feiern, heiter an die Tafel geſetzt hatte, da wurde die Königin, die allein in ihrem Zimmer ge⸗ „ blieben war, zum zweiten Male von Geburtsſchmerzen ergriffen und gebar einen zweiten Sohn.“ „Oh!“ verſetzte der Gefangene, eine größere Be⸗ lehrtheit verrathend, als die, welch er ſcheinbar hatte, „ich glaubte, Monſieur ſei erſt...“ Aramis hob den Finger auf und ſprach: „Wartet und laßt mich fortfahren.“ Der Gefangene gab einen Seufzer der Ungeduld von ſich und wartete. „Ja,“ ſprach Aramis,„die Königin hatte einen zweiten Sohn, den Frau Perronnette, die Hebamme, in ihren Armen empfing.“ „Frau Perronnette!“ murmelte der junge Mann. — —— 4 237 „Man lief ſogleich in den Saal, wo der Koͤnig ſpeiſte, und unterrichtete ihn leiſe von dem, was vor⸗ ging; er ſtand von der Tafel auf und eilte herbei. Diesmal war es aber nicht mehr Heiterkeit, was ſein Geſicht ausdrückte, es war ein Gefühl, das dem Schre⸗ cken glich. Die Zwillingsſöhne verwandelten in Bitter⸗ keit die Freude, die ihm die Geburt eines einzigen Soh⸗ nes bereitet hatte, in Betracht, daß(was ich Euch nun ſagen werde, wißt Ihr ohne Zweifel nicht), in Betracht, daß in Frankreich der Aelteſte von den Söhnen nach dem Vater regiert.“ „Ich weiß das.“ „Und daß die Aerzte und die Rechtsgelehrten be⸗ haupten, man habe Grund, zu zweifeln, ob der Sohn, der zuerſt aus dem Schooße ſeiner Mutter hervorgehe, der ältere durch das Geſetz Gottes und der Natur ſei.“ Der Gefangene gab einen unterdrückten Seuffßer von ſich und wurde weißer, als das Leintuch, unter dem er ſich verbarg. 4 „Ihr begreift nun, daß der Koͤnig, der ſich mit ſo großer Freude in einem Erben hatte fortleben ſehen, in Verzweiflung bei dem Gedanken ſein mußte, er habe nun zwei, und derjenige, welcher ſo eben geboren worden, und der unbekannt war, werde vielleicht dem Andern, der zwei Stunden zuvor geboren und zwei Stunden zu⸗ vor anerkannt worden, dieſes Altersvorrecht ſtreitig machen. Dieſer zweite Sohn konnte eines Tags, indem er ſich mit den Launen oder den Intereſſen einer Partei waff⸗ nete, Uneinigkeit und Krieg im Königreich ausſtreuen, und eben dadurch die Dynaſtie zerſtören, die er hätte befeſtigen müſſen.“ 1 „Oh! ich begreife, ich begreife,“ murmelte der junge Mann. „Wohl!“ fuhr Aramis fort,„das iſt es, was man berichtet, das iſt es, was man verſichert; das iſt es, warum einer von den beiden Soͤhnen von Anna von Oeſterreich unwürdig getrennt von ſeinem Bruder, un⸗ 238 würdig auf die Seite gebracht und zur tiefſten Dunkel⸗ heit verurtheilt, das iſt es, warum dieſer zweite Sohn verſchwunden iſt, und zwar ſo gut verſchwunden iſt, daß Niemand heute in Frankreich weiß, daß er gelebt hat, ſeine Mutter ausgenommen.“ „Ja, ſeine Mutter, die ihn verlaſſen,“ rief der Ge⸗ fangene mit dem Ausdruck der Verzweiflung. „Ausgenommen,“ fuhr Aramis fort,„die Dame im ſchwarzen Kleide und mit den feuerfarbenen Bändern, und endlich ausgenommen...“ „Euch ausgenommen, nicht wahr? Euch, der Ihr mir dies Alles erzählt, der Ihr in meiner Seele die Neugierde, den Haß, den Ehrgeiz und, wer weiß, viel⸗ leicht den Durſt nach Rache erregt habt; Euch ausge⸗ nommen, mein Herr, der Ihr, wenn Ihr der Mann ſeid, den ich erwarte, der Mann, den mir das Billet verſpricht, bei Euch haben müßt..“ „Was?“ fragte Aramis. „Ein Portrait von König Ludwig XIV., der in dieſem Augenblick auf dem Throne von Frankreich re⸗ giert.“ „Hier iſt das Portrait,“ erwiederte der Biſchof. Und er reichte dem Gefangenen ein ausgezeichnetes Email, worauf Ludwig XIV. ſtolz, ſchön und ſo zu ſagen lebendig erſchien. Der Gefangene ergriff mit Begierde das Portrait und heftete ſeine Augen auf daſſelbe, als hätte er es verſchlingen wollen. „Und nun, Monſeigneur,“ ſagte Aramis,„hier iſt ein Spiegel.“ Aramis ließ dem Gefangenen Zeit, ſeine Ideen wieder zu verknüpfen. „So hoch! ſo hoch!“ murmelte der junge Mann, das Portrait von Ludwig XIV. und ſein eigenes im Spiegel erſcheinendes Bild mit dem Blicke verſchlingend. „Was denkt Ihr davon?“ fragte Aramis. el⸗ en, el⸗ ge⸗ nn let re⸗ 239 „Ich denke, daß ich verloren bin, daß mir der Kö⸗ nig nie verzeihen wird,“ antwortete der Gefangene. „Und ich frage mich,“ fügte der Biſchof, indem er auf den Gefangenen einen von Bedeutung glänzenden Blick heftete, bei,„ich frage mich, welcher von Beiden der König ſei, derjenige, welchen dieſes Portrait dar⸗ ſtellt, oder der, welchen der Spiegel wiederſtrahlt.“ „Der Koͤnig, mein Herr, iſt derjenige, welcher auf dem Throne ſitzt,“ erwiederte traurig der junge Mann, pes iſt derjenige, welcher ſich nicht im Gefängniß be⸗ findet und im Gegentheil die Andern hineinbringen läßt. Das Köͤnigthum iſt die Macht, und Ihr ſeht wohl, daß ich ohnmächtig bin.“ „Monſeigneur,“ ſprach Aramis mit einer Ehrfurcht, die er bis jetzt noch nicht bezeigt hatte,„der König, gebt wohl hierauf Acht, wird, ſobald Ihr wollt, derje⸗ nige ſein, der, wenn er das Gefängniß verläßt, ſich auf dem Throne zu halten weiß, auf den ihn Freunde ſetzen werden.“ „Mein Herr, führet mich nicht in Verſuchung,“ entgegnete der Gefangene mit Bitterkeit. „Monſeigneur, werdet nicht ſchwach,“ ſprach Ara⸗ mis mit beharrlicher Kraft.„Ich habe alle Beweiſe CEurer Geburt gebracht; zieht ſie zu Rathe, beweiſet Euch ſelbſt, daß Ihr ein Koͤnigsſohn ſeid, und dann laſſet uns handeln.“ „Nein, nein, es iſt unmöglich.“ „Wofern es nicht,“ verſetzte Aramis ironiſch,„wo⸗ fern es nicht im Geſchicke Eures Geſchlechtes liegt, daß die vom Throne ausgeſchloſſenen Prinzen lauter Prin⸗ zen ohne Werth und ohne Ehre ſind, wie Herr Gaſton von Orleans, Euer Oheim, der zehnmal gegen König Ludwig XIII., ſeinen Bruder, conſpirirte.“ „Mein Oheim Gaſton von Orleans conſpirirte ge⸗ gen ſeinen Bruder!“ rief der Prinz erſchrocken;„er conſpirirte, um ihn zu entthronen?“ „Ja, Monſeigneur, aus keinem andern Grunde.“ 240 „Was ſagt Ihr mir da, mein Herr?“ „Die Wahrheit.“ „Und er hatte Freunde, die ihm... ergeben?“ „Wie ich Euch.“ „Nun! was that er? er ſcheiterte.“ „Er ſcheiterte, doch immer durch ſeine Schuld, und nicht, um ſein Leben, denn das Leben des Bruders des Königs iſt heilig, unverletzlich, ſondern um ſeine Frei⸗ heit zu erkaufen, opferte Euer Oheim das Leben aller ſeiner Freunde hinter einander. Er iſt auch heute die Schmach der Geſchichte und die Verwünſchung von hun⸗ dert edlen Familien dieſes Königreichs.“ „Ich begreife, mein Herr, und durch Schwäche oder durch Verrath tödtete mein Oheim ſeine Freunde?“ „Durch Schwäche, was bei den Fürſten immer ein Verrath iſt.“ „Kann man nicht auch durch Unwiſſenheit, durch Unfähigkeit ſcheitern? Glaubt Ihr denn, es ſei einem armen Gefangenen, wie mir, der ich nicht nur entfernt vom Hofe, ſondern entfernt von der Welt erzogen wor⸗ den bin, moͤglich, diejenigen von ſeinen Freunden zu unterſtützen, die ihm zu dienen verſuchen würden?“ Und als Aramis antworten wollte, rief der junge Mann plötzlich mit einer Heftigkeit, welche die Stärke des Blutes verrieth: „Wir ſprechen hier von Freunden! aber durch wel⸗ chen Zufall ſollte ich Freunde haben, ich, den Niemand kennt, und der ich, um mir zu machen, weder Freiheit, noch Geld, noch Macht habe!“ „ Mir ſcheint, ich habe die Ehre gehabt, mich Eurer Königlichen Hoheit anzubieten.“ „Ohl! nennt mich nicht ſo, mein Herr, mir ſcheint, das iſt ein Hohn oder eine Barbarei. Laßt mich nicht an etwas Anderes denken, als an die Mauern des Ge⸗ fängniſſes, das mich einſchließt; laßt mich meine Skla⸗ verei und meine Dunkelheit lieben oder wenigſtens er⸗ tragen.“ 241 „Monſeigneur! Monſeigneur! wenn Ihr mir noch einmal dieſe muthloſen Worte wiederholt, wenn Ihr, nachdem Ihr den Beweis Eurer Geburt gehabt, arm an Geiſt, Athem und Willen bleibt, ſo nehme ich Euren Wunſch an, ich verſchwinde, ich verzichte darauf, dem Herrn zu dienen, dem ich ſo eifrig und glühend mein Leben und meine Unterſtützung zu widmen beabſichtigte.“ „Mein Herr!“ rief der Prinz,„wäre es nicht, ehe Ihr mir Alles ſagtet, was Ihr geſagt, beſſer geweſen, wenn Ihr überlegt hättet, daß Ihr mir das Herz auf immer gebrochen?“ „So wollte ich es machen, Monſeigneur.“ „Mein Herr, mußtet Ihr, um mir von Größe, von Macht, von Königthum ſogar zu ſprechen, ein Gefäng⸗ niß wählen? Ihr wollt mich an den Glanz glauben machen, und wir verbergen uns in der Nacht; Ihr prei⸗ ſet mir den Ruhm, und wir erſticken unſere Worte unter den Vorhängen dieſes elenden Bettes; Ihr laßt mich in der Ferne eine Allmacht erſchauen, und ich höre den Tritt des Kerkermeiſters in der Flur, dieſen Tritt, der Euch mehr als mich zittern macht. Soll ich etwas weniger ungläubig ſein, ſo bringt mich aus der Baſtille heraus; gebt meiner Lunge Luft, meinen Füßen Spo⸗ ren, meinem Arm ein Schwert, und wir werden an⸗ fangen, uns zu verſtändigen.“ „Es iſt meine Abſicht, Euch dies Alles und mehr noch zu geben. Doch es fragt ſich: wollt Ihr es, Monſeigneur?“. „Höret mich weiter, mein Herr,“ unterbrach der Prinz.„Ich weiß, daß Wachen in jeder Gallerie, Rie⸗ gel an jeder Thüre, Kanonen und Soldaten bei jeder Barrière ſind. Womit werdet Ihr die Wachen beſiegen, die Kanonen vernageln? Womit werdet Ihr die Rie⸗ gel und die Barridren zerbrechen?“ „Monſeigneur, wie iſt Euch das Billet zugekommen, das Ihr geleſen und das Euch meine Erſcheinung ver⸗ kündigte?“ 242 „Man beſticht einen Schließer für ein Billet.“ „Beſticht man einen Schließer, ſo kann man auch zehn beſtechen.“ „Wohll ich gebe zu, daß es möglich iſt, einen ar⸗ men Teufel von einem Gefangenen aus der Baſtille herauszubringen, gut zu verbergen, daß ihn die Leute des Königs nicht wieder erwiſchen, möglich auch, dieſen Unglücklichen auf entſprechende Weiſe in einem unbe⸗ kannten Aſyl zu nähren...“ „Monſeigneur!“ verſetzte Aramis lächelnd. „Ich gebe zu, daß der, welcher dies für mich thäte, ſchon mehr als ein Menſch wäre; da Ihr aber ſagt, ich ſei ein Prinz, ein Bruder des Königs, wie werdet Ihr mir den Rang und die Stärke geben, die mir meine Mutter und mein Bruder entzogen haben,? Wie werdet Ihr mich, da ich ein Leben der Kämpfe und der Ge⸗ häſſigkeiten hinbringen ſoll, zum Sieger in dieſen Käm⸗ pfen und unverwundbar für meine Feinde machen? Ah! mein Herr, bedenkt doch: werft mich morgen in eine finſtere Höhle, in die Tiefe eines Gebirges; bereitet mir die Freude, daß ich in Freiheit das Geräuſch des Fluſſes und der Ebene hören, in Freiheit die Sonne am Azurhimmel oder die vom Sturm gepeitſchten Wol⸗ ken ſehen kann, das iſt genug. Verſprecht mir nicht mehr, denn Ihr könnt mir in der That nicht mehr ge⸗ ben, und es wäre ein Verbrechen, mich zu täuſchen, da Ihr Euch meinen Freund nennt.“ Aramis höorte beſtändig ſlillſchweigend zu. „Monſeigneur,“ ſagte er, nachdem er einen Augen⸗ blick nachgedacht hatte,„ich bewundere den ſo richtigen und feſten Sinn, der Euch dieſe Worte dictirt; ich bin glücklich, meinen König errathen zu haben.“ „Abermals! ah!l habt Mitleid!“ rief der Prinz, indem er ſeine eiſtgen Hände an ſeine mit glühendem Schweiß bedeckte Stirne preßte,„gönnt mir meine Ruhe,, ich habe nicht nöthig, König zu ſein, um der glücklichſte der Menſchen zu ſein.“ — — 243 „Und ich, Monſeigneur, ich habe noͤthig, daß Ihr ein König für das Glück der Menſchheit ſeid.“ „Ah!“ verſetzte der Prinz mit einem neuen durch dieſes Wort erregten Mißtrauen;„ah! was hat denn die Menſchheit meinem Bruder vorzuwerfen?“ „Ich vergaß, zu ſagen, Monſeigneur, daß Ihr, wenn Ihr Euch durch mich leiten zu laſſen die Gnade haben wollt und der mächtigſte Fürſt der Erde zu werden ein⸗ willigt, den Intereſſen aller Freunde gedient haben werdet, die ich dem Erfolge unſerer Sache widme, und dieſe Freunde ſind zahlreich.“ „Zahlreich 2 „Noch weniger, als mächtig.“ „Erklärt Euch.“ „Unmöglich; ich werde mich, das ſchwöre ich vor Gott, der mich hört, an dem Tage erklären, wo ich Euch auf dem Throne von Frankreich ſitzen ſehe.“ „Aber mein Bruder?“ „Ihr werdet über ſein Schickſal gebieten. Beklagt Ihr ihn?“ „Ihn, der mich in einem Kerker ſterben läßt?“ „Nein, ich beklage ihn nicht.“ „Gut! gut!“ „Er konnte ſelbſt in dieſes Gefängniß kommen, mich bei der Hand nehmen und zu mir ſagen:„„Gott hat uns geſchaffen, daß wir uns lieben, nicht daß wir uns bekämpfen. Ich komme zu Euch. Ein rohes Vor⸗ urtheil verdammte Euch, in der Dunkelheit, fern von allen Menſchen, aller Freuden beraubt zu ſterben. Ich will Euch neben mir ſitzen laſſenz ich will Euch das Schweyt unſeres Vaters an die Seite hängen. Wer⸗ det Ihr dieſe Nähe benützen, um mich zu erſticken oder mir Gewalt anzuthun? Werdet Ihr dieſes Schwert gebrauchen, um mein Blut zu vergießen?““„Oh! nein,““ hätte ich ihm geantwortet;„„ich betrachte Euch als meinen Retter und werde Euch als meinen Herrn ehren. Ihr gebt mir viel mehr, als mir Gott gegeben. 244 Durch Euch habe ich die Freiheit, durch Euch habe ich das Recht, zu lieben und auf dieſer Welt geliebt zu ſein.“" „Und Ihr haͤttet Wort gehalten, Monſeigneur?“ „Ohl! bei meinem Leben!“ „Während nun..“ „Während nun, da ich Schuldige zu beſtrafen „Auf welche Art, Monſeigneur?“. „Was ſagtet Ihr von der Aehnlichkeit, die mir Gott mit meinem Bruder gegeben?“ „Ich ſage, in dieſer Aehnlichkeit liege ein Finger⸗ zeig der Vorſehung, den der Koöͤnig nicht hätte müſſen aus der Acht laſſen; ich ſage, Eure Mutter habe ein Verbrechen dadurch begangen, daß ſie verſchieden dem Glücke und dem Vermögen nach diejenigen gemacht, welche die Natur ſo ähnlich in ihrem Schooße geſchaffen, und ich ſchließe, daß die Strafe nichts Anderes ſein muß, als die Wiederherſtellung des Gleichgewichts.“ „Dies bedeutet..“ 1 „Daß, wenn ich Euch je Euren Platz auf dem Throne Eures Bruders gebe, Euer Bruder den Euri⸗ gen in Eurem Gefängniß einnehmen wird.“ „Ach! man leidet ſehr im Gefängniß! beſonders wenn man ſo lange aus dem Becher des Lebens ge⸗ trunken hat.“ „Es wird Eurer Königlichen Hoheit ſtets frei ſtehen, zu thun, was ſie will, ſie wird, wenn es ihr gut dünkt, verzeihen, nachdem ſie beſtraft hat.“ „Gut. Und wißt Ihr nun Eines, mein Herr?“ „Sprecht, mein Prinz.“ „Daß ich nur noch etwas von Euch außer der Baſtille anhören werde.“ „Ich war im Begriff, Eurer Königlichen Hoheit zu ſagen, ich werde nur noch einmal die Ehre haben, ie zu ſehen.4 „Wann dies?“ habe — 245 „An dem Tage, wo mein Fürſt aus dieſen ſchwar⸗ zen Mauern hervorgehen wird.“ „Gott höre Euch! Wie werdet Ihr mich benach⸗ richten?“ 3 „Dadurch, daß ich Euch hier abhole.“ „Ihr ſelbſt?“ „Mein Prinz, verlaſſet dieſe Stube nur mit mir, oder wenn man Euch in meiner Abweſenheit Zwang mthut⸗ ſo erinnert Euch, daß dies nicht von mir her⸗ rührt.“ „Alſo kein Wort mit irgend Jemand, wenn nicht mit Euch?“ „Wenn nicht mit mir.“ Aramis verbeugte ſich tief; der Prinz reichte ihm die Hand und ſprach mit einem Ton, der aus dem Her⸗ zen hervorkam: 3 „Mein Herr, ich habe Euch ein letztes Wort zu ſagen. Habt Ihr Euch an mich gewendet, um mich ins Verderben zu bringen, ſeid Ihr nur ein Werkzeug in den Händen meiner Feinde geweſen, entſpringt aus unſerer Unterredung, in der Ihr mein Herz erforſcht habt, für mich etwas Schlimmeres, als die Gefangen⸗ ſchaft, das heißt der Tod, nun! ſo ſeid geſegnet, denn Ihr habt meine Leiden geendigt, und auf die ſieberhaf⸗ ten Qualen, von denen ich ſeit acht Tagen verzehrt werde, die Ruhe folgen gemacht.“ „Monſeigneur, wartet, um mich zu beurtheilen.“ „Ich habe geſagt, ich ſegne Euch und verzeihe Euch. Seid Ihr im Gegentheil gekommen, um mir den Platz zu geben, den mir Gott in der Sonne des Glückes und des Ruhmes beſtimmt hatte, kann ich durch Eure Hülfe im Andenken der Menſchen leben und mei⸗ nem Geſchlechte durch einige Großthaten oder durch einige meinen Völkern geleiſtete Dienſte Ehre machen, erhebe ich mich vom unterſten Rang, wo ich hinſchmachte, zum Gipfel der Ehre, unterſtützt durch Eure edle Hand, dann GEuch, den ich ſegne und dem ich danke, die Hälfte 246 meiner Macht und meines Ruhmes! Ihr werdet noch zu wenig belohnt ſein, Euer Theil wird unvollſtändig ſein, denn nie wird es mir gelingen, mit Euch all das Glück zu theilen, das Ihr mir gegeben.“ „Monſeigneur!“ ſagte Aramis, bewegt von der Bläſſe und dem Erguß des jungen Mannes,„der Adel Eures Her⸗ zens erfüllt mich mit Freude und Bewunderung. Es iſt nicht an Euch, mir zu danken, es iſt an den Völkern, die Ihr glücklich machen, es iſt an Euren Nachkom⸗ men ſein, die Ihr verherrlichen werdet. Ja, ich werde Euch mehr als das Leben gegeben haben, ich werde Euch die Unſterblichkeit geben.“ Der junge Mann reichte Aramis die Hand, dieſer kniete nieder und küßte ſie.. „Ah!“ rief der Prinz mit einer reizenden Beſchei⸗ denheit. „Es iſt das die erſte Huldigung, unſerem zukünf⸗ tigen König dargebracht,“ ſprach Aramis.„Sehe ich Euch wieder, ſo ſage ich: Guten Morgen, Sire!“ „Bis dahin,“ rief der Prinz, indem er ſeine weißen, abgemagerten Finger an ſein Herz drückte,„bis dahin keine Träume, keine Stöße meinem Leben mehr, es würde zerbrechen! Oh! mein Herr, wie klein iſt mein Gefängniß und wie niedrig ſind dieſe Fenſter! wie eng ſind dieſe Thüren! Wie konnten ſo viel Stolz, ſo viel Glanz, ſo viel Glückſeligkeit hier hereinkommen und hier aus⸗ halten!“ „Eure Königliche Hoheit macht mich ſtolz, da ſie behauptet, ich habe ihr dies Alles gebracht,“ ſagte Aramis. Er klopfte ſogleich an die Thüre. Der Schließer öffnete mit Baiſemeaux, der, von Unruhe und Furcht verzehrt, unwillkührlich an der Stu⸗ benthüre zu horchen anfing. 3 Zum Glück hatte weder der eine, noch der andere⸗ von den Redenden die Stimme, ſelbſt bei den Ergüſſen der Leidenſchaft, zu dämpfen zu vergeſſen, 247 „Welch eine Beichte!“ ſagte der Gouverneur, in⸗ dem er zu lachen verſuchte;„ſollte man je glauben, ein Eingeſperrter, ein beinahe todter Menſch habe ſo zahlreiche und ſo lange Sünden begangen!“ Aramis ſchwieg. Es drängte ihn, aus der Baſtille hinaus zu kommen, wo das Geheimniß, das auf ihm laſtete, das Gewicht der Mauern verdoppelte. Als ſie wieder bei Baiſemeaux waren, ſagte Aramis: „Sprechen wir von Geſchäften, mein lieber Gou⸗ verneur.“ „Ach!“ ſeufzte Baiſemeaur. „Ihr habt von mir einen Schein für hundert und fünfzig tauſend Livres zu verlangen,“ ſprach Aramis. „Und das erſte Drittel der Summe zu bezahlen,“ fügte abermals ſeufzend der Gouverneur bei. „Hier iſt Eure Quittung,“ ſprach Aramis. 8 „Und hier das Geld,“ erwiederte Baiſemeaux mit einem dreifachen Seufzer. „Der Orden hat mir nur geſagt, ich ſoll eine Quittung für fünfzig tauſend Livres geben, er hat mich nicht beauftragt, Geld in Empfang zu nehmen. Gott befohlen, Herr Gouverneur,“ ſprach Aramis. Und er entfernte ſich und ließ Baiſemeaux gleich⸗ ſam erſtickt durch das Erſtaunen und die Freude über dieſes ſo großartig durch den außerordentlichen Beicht⸗ vater der Baſtille gemachte koͤnigliche Geſchenk zurück. 4 1 — 3— — 3—