3472 Leihbibliothek 3 von.. Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für dauchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——ͦ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„— 7, 3„„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sehadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer tun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — 3 ₰ Der Graf von Bragelonne oder: Zehn Jahre nachher. Alexandre Dumas. Aus dem Franzoſiſchen 5 von Dr. Auguſt Zoller. Zweite Fortſetzung der„drei Musketiere.“ Fünfundzwanzigſtes bis achtundzwanzigſtes Bändchen. £ Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. 1. Das Abendbrod des Königs. Der Konig hatte ſich mittlerweile zu Tiſche ge⸗ ſetzt und das nicht ſehr zahlreiche Gefolge der Einge⸗ ladenen des Tags hatte an ſeiner Seite, nach der ge⸗ woͤhnlichen Geberde, welche ſitzen hieß, Platz ge⸗ nommen. Schon zu dieſer Zeit, obgleich die Etiquette noch nicht geordnet war, wie ſie es ſpäter wurde, hatte der franzöſiſche Hof mit den alten Ueberlieferungen von Gemüthlichkeit und patriarchaliſcher Leutſeligkeit gebro⸗ chen, wie man ſie noch unter Heinrich III. fand, und der argwöhniſche Geiſt von Ludwig XIII. hatte ſie allmälig ausgetilgt, um ſie durch prunkhafte, groß⸗ artige Gebräuche zu erſetzen, die er nicht erreichen zu können in Verzweiflung war. Der König ſpeiste alſo an einer kleinen, abgeſon⸗ derten Tafel, welche, wie das Bureau eines Praͤſiden⸗ ten, die benachbarten Tafeln beherrſchte; eine kleine Tafel haben wir geſagt, wir müſſen indeſſen ſogleich be⸗ merken, daß dieſe kleine Tafel die größte von allen war. Es war überdies diejenige, auf welcher man eine reichliche Zahl von verſchiedenartigen Gerichten, Fiſche, Wildbret, zahmes Fleiſch, Früchte, Gemüſe und Con⸗ ſerven aufhäufte. Jung und kraͤftig, ein großer Jäger, allen ge⸗ Die drei Musketiere, Bragelonne. Vll. 1 waltigen Leibesübungen zugethan, hatte der König überdies jene allen Bourbonen gemeinſchaftliche natür⸗ liche Wärme des Blutes, welches raſch die Verdauung bewerkſtelligt und den Appetit erneuert. Ludwig XIV. war ein furchtbarer Tiſchgenoſſe; er liebte es, ſeine Köche zu kritiſtren, doch wenn er ihnen Ehre widerfahren ließ, ſo war dieſe Ehre rieſig. Der König fing damit an, daß er mehrere Sup⸗ pen entweder zuſammen, in einer Art von Macedoin oder abgeſondert aß. Er vermiſchte oder trennte viel⸗ Mehe jede von dieſen Suppen durch ein Glas alten ein. Er aß raſch und ziemlich gierig. Porthos, der Anfangs aus Reſpekt auf einen El⸗ lenbogenſtoß von d'Artagnan gewartet hatte, wandte ſich, als er den König ſo zugreifen ſah, gegen den Musketier um und ſagte mit halber Stimme: „Mir ſcheint, man kann anfangen, Seine Majeſtät ermuthigt. Seht doch.“ „Der Koͤnig ſpeist,“ erwiederte d'Artagnan,„doch er ſpricht zu gleicher Zeit; richtet es ſo ein, daß er Euch, ſollte er Euch zufällig anreden, nicht mit vollem Munde trifft, das wäre mißfällig.“ „ Dann iſt das Beſte, nicht zu ſpeiſen,“ ſagte Por⸗ thos.„Ich habe jedoch Hunger, das muß ich geſtehen, und es riecht hier Alles ſo köſtlich, daß man immer mehr Appetit bekommt.“ 5 „Laßt es Euch nicht einfallen, nicht zu eſſen, Ihr würdet den König ärgern. Seine Majeſtät pflegt zu ſagen, derjenige arbeite gut, welcher gut ſpeiſe, und er ſieht es nicht gern, wenn man an ſeiner Tafel aſtet.“ fiß„Wie ſoll man es aber vermeiden, den Mund voll zu haben, wenn man ißt?“ „Ihr habt nur einfach die Aufgabe, zu verſchlin⸗ gen, wenn Euch der König die Ehre erweist, das Wort an Euch zu richten.“ „Sehr gut.“ 8. Und von dieſem Augenblick ſpeiste Porthos mit einem artigen Enthuſiasmus. Der König ſchlug von Zeit zu Zeit die Augen zu der Gruppe auf, und ſchätzte als Kenner die Anlagen ſeines Gaſtes. „Herr du Vallon!“ ſagte er. Porthos war bei einem Salmis von Haſen und verſchluckte ein halbes Rückenſtück davon. So ausgeſprochen machte ihn ſein Namen beben, und mit einem kräftigen Zug des Schlundes verſchlang er Alles, was er im Munde hatte. „Sire,“ erwiederte Porthos mit erſtickter, aber doch hinreichend verſtändlicher Stimme. „Man gebe Herr du Vallon dieſe Hammelsfilets,“ ſagte der Koͤnig;„liebt Ihr das junge Fleiſch, Herr du Vallon?“ 8 „Sire, iche liebe Alles,“ antwortete Porthos. d'Artagnan bließ ihm aber ein:„Alles, was mir Euer Majeſtät ſchickt.“ Porthos wiederholte:„Alles, was mir Euer Ma⸗ jeſtät ſchickt.“ Der Koͤnig machte mit dem Kopf ein Zeichen der Befriedigung. „Man ißt gut, wenn man gut arbeitet,“ ſagte der König ganz entzückt, ſich gegenüber von einem Eſſer von der Stärke von Porthos zu ſehen. Porthos empfing die Platten mit Lammfleiſch und ließ einen Theil davon auf ſeinen Teller gleiten. „Nun?“ fragte der König. „Vortrefflich 1“ erwiederte Porthos ruhig. „Hat man eben ſo zarte Lämmer in Eurer Pro⸗ vinz, Herr du Vallon?“ fuhr der König fort. „Sire,“ erwiederte Porthos,„ich glaube, daß in meiner Provinz, wie überall, das, was es Beſtes gibt, dem König zukommt, ſodann aber eſſe ich das Lamm⸗ ſleiſch nicht, wie es Euer Majeſtät ißt.“ ℳ ———— S 4 „Ah!l ah! wie eßt Ihr es denn?“ „Gewöhnlich laſſe ich mir ein ganzes Lamm zu⸗ richten.“. „Ein ganzes?“ „Ja, Sire.“ „Auf welche Art?“ „Mein Koch, der Burſche, iſt ein Deutſcher, Sire, mein Koch füllt das Lamm mit Würſtchen, die er von Straßburg, mit Kalbfleiſchklöschen, die er von Troyes, mit Lerchen, die er von Pithiviers kommen läßt; ich weiß nicht, durch welche Mittel er das Lamm ausbeint, wie er es mit einem Stück Geflügel machen würde, wobei er ihm die Haut läßt, was eine braune Kruſte um das Thier macht; wenn man es ſodann in ſchöne Schnitten zerſchneidet, wie man es bei einer ungeheuren Wurſt thäte, läuft ein ganz roſenfarbiger Saft heraus, der zugleich angenehm für das Auge und köſtlich für den Gaumen iſt.“ Hiebei ließ Porthos die Zunge ſchnalzen. Der König riß die Augen vor Entzücken weit auf, und ſagte, während er zugleich gedämpfte Faſanen in Angriff nahm: 4 „ Herr du Vallon, das iſt eine Speiſe, nach der es mich gelüſten würde. Wie, das ganze Lamm?“ „ Das ganze, ja, Sire.“ 1 „Gebt doch dieſe Faſanen Herrn du Vallon, ich ſehe, daß er ein Liebhaber iſt.“ Der Befehl wurde vollzogen. Dann kam Ludwig XIV. wieder auf das Lamm zurück und fragte: 1 „Und das iſt nicht zu fett?“ „Nein, Sire, das Fett fällt zu gleicher Zeit mit dem Saft und ſchwimmt oben auf; mein Vorſchneider ſchöpft es ſodann mit einem ſilbernen Löffel b, den ich eigens dazu habe machen laſſen.“ „Und Ihr wohnt?“ fragte der König. „In Pierrefonds.“ d u⸗ — 5 „In Pierrefonds; wo iſt das, Herr du Vallon, in der Gegend von Belle⸗Jsle?“ „Ohl nein, Sire, Pierrefonds liegt im Soiſſonnais.“ „Ich glaubte, Ihr ſpraͤchet mir von dieſen Ham⸗ meln wegen der ſalzigen Wieſen.“ „Nein, Sire, meine Wieſen ſind nicht ſalzig, aber darum nicht weniger werth.“ Der Koͤnig ging zu den Zwiſchengerüchten über, jedoch ohne Porthos aus dem Blick zu verlieren, der nach Kräften zu arbeiten fortfuhr. „Ihr habt einen ſchönen Appetit, Herr du Val⸗ lon,“ ſagte der König,„und Ihr ſeid ein guter Tiſch⸗ genoſſe.“ „Ah! meiner Treu, Sire, wenn Euer Majeſtät je nach Pierrefonds käme, wir würden wohl unſern Ham⸗ mel zu zwei verſpeiſen, denn es fehlt Euch auch nicht an Appetit.“ d'Artagnan gab Porthos unter dem Tiſch einen guten Stoß mit dem Fuß. Porthos erröthete, und fuhr dann, um ſich zu verbeſſern, fort: „Im glücklichen Alter Eurer Majeſtät war ich bei den Musketieren, und Keiner konnte mich ſättigen. Euer Majeſtät hat einen ſchönen Appetit, wie ich zu ſehen die Ehre hatte, aber ſte wählt mit zu viel De⸗ licateſſe, um ein großer Eſſer genannt zu werden.“ Der König ſchien entzückt von der Artigkeit ſeines Gegners. „Werdet Ihr von dieſen Cremes koſten?“ ſagte er zu Porthos. „Sire, Euer Majeſtät behandelt mich zu gut, als daß ich ihr nicht die volle Wahrheit ſagen ſollte.“ „Sprecht, Herr du Vallon, ſprecht.“ „Nun wohl! was das Zuckerwerk betrifft, ſo kenne ich nur das Gebackene, und dieſes muß noch ſehr „ compact 1 dieſer Schaum ſchwillt mir den Ma⸗ * gen auf, und nimmt einen Platz ein, der mir zu koſt⸗ bar dünkt, um ihn ſo ſchlecht auszufüllen.“ „Ah! meine Herren!“ ſprach der König, auf Por⸗ thos deutend,„das iſt ein wahres Muſter der Gaſtro⸗ nomie. So ſpeiſten unſere Väter, welche ſo gut zu ſpeiſen wußten, während wir picken.“ Und indem er dieſe Worte ſprach, nahm er einen Teller mit Geflügelbruſtfleiſch, vermiſcht mit Schinken. 3 Porthos griff ſeinerſeits eine Schüſſel mit jungen Feldhühnern und Rallen an. Der Mundſchenk fuͤllte freudig das Glas Seiner Majeſtät. „Gebt Herrn du Vallon von meinem Wein,“ ſagte der König. 2 7De war eine der größten Ehren der königlichen afel. D'Artagnan preßte ſeinem Freunde das Knie und flüſterte ihm zu: „Könnt Ihr nur die Hälfte von dem Wildſchweins⸗ kopf verſchlingen, den ich dort ſehe, ſo ſeid Ihr meines Erachtens in einem Jahr Herzog und Pair.“ „ Ich werde mich ſogleich daran machen,“ erwie⸗ derte Porthos phlegmatiſch. Die Reihe kam wirklich bald an den Wildſchweinslopf, denn der König fand ein Vergnügen daran, dieſen ſchö⸗ nen Gaſt anzuſtacheln; er ließ Porthos kein Gericht zukommen, ohne zuvor davon gekoſtet zu haben, er koſtete alſo von dem Schweinskopf. Porthos zeigte ſich als ein wackerer Kämpe: ſtatt die Hälfte davon zu eſſen, wie d'Artagnan geſagt hatte, aß er drei Viertel. Der Koͤnig ſagte mit halber Stimme: „Ein Cavalier, der alle Tage ſo gut und mit ſo kräftigem Appetit ißt, muß nothwendig der ehrlichſte Mann meines Reiches ſein.“. „Höret Ihr?“ ſagte d'Artagnan ſeinem Freund ins Ohr. den Garaus machte. Das Abendmahl war beendigt. 7 „Ja, ich glaube, ich ſtehe ein wenig in Gunſt,“ er⸗ wiederte Porthos, ſich auf ſeinem Stuhle wiegend. „Und Ihr habt guten Wind.“ „Ja! jal ja!“ Der König und Porthos fuhren fort, ſo zu eſſen, zur großen Zufriedenheit der Gäſte, von denen einige, aus Nacheiferung ihnen zu folgen verſuchten, aber ſie mußten unter Weges verzichten. Der König erröthete, und die Reaction des Blu⸗ tes in ſeinem Geſäß verkündigte den Anfang der Fülle⸗ Statt heiter zu werden, wie alle Trinker, verdü⸗ ſterte ſich Ludwig XIV. nun und wurde ſchweigſam. Porthos wurde im Gegentheil munter und ge⸗ ſprächig. Der Fuß von d'Artagnan mußte ihn wiederholt an dieſen beſondern Umſtand erinnern. Das Deſſert erſchien. Der König dachte nicht mehr an Porthos, er rich⸗ tete ſeinen Blick nach der Eingangsthüre, und man hoͤrte ihn von Zeit zu fragen, warum Herr von Saint⸗Aignan ſo lange ausbleibe. Endlich in dem Augenblick, wo Seine Majeſtät einen Topf mit eingemachten Pflaumen unter einem großen Seufzer vollends leerte, erſchien Herr von Saint⸗Aignan. 8 Die Augen des Königs, welche allmälig erloſchen waren, glänzten ſogleich. Der Graf ging auf die Tafel des Königs zu, und als er ſich ihm näherte, ſtand Ludwig XIV. auf. Alle Gäſte erhoben ſich, ſelbſt Porthos, der einem Mandelgebäcke, das in zwei Kinnbacken eines Kroko⸗ dills aneinander zu kleben im Stande geweſen wäre, —— —xIx———õõõmõmm—õ—MN ll. Nach dem Abendbrod. Der König nahm Saint⸗Aignan beim Arm und ging in das anſtoßende Zimmer. „Warum habt Ihr gezögert, Graf?“ fragte der König. 8„Ich holte die Antwort,“ erwiederte der Graf. „Sie brauchte alſo lange, um das, was ich ihr ſchrieb, zu beantworten.“ „Sire, Eure Majeſiät hatte die Gnade, Verſe zu machen, Fräulein de la Vallière wollte den König mit derſelben Münze, das heißt mit Gold bezahlen. „Verſe, Saint⸗Aignan! rief der König,„gib, gib.“ Ludwig erbrach das Siegel eines Brieſchens, das Verſe enthält welche, die Geſchichte hat ſie uns aufbewahrt, der Abſicht nach beſſer ſind, als hinſichtlich der Abfaſſung. So wie ſie waren, bezauberten ſie indeſſen den Koͤ⸗ nig, und er gab Freude durch unzweideutige Entzü⸗ ckungen kund; doch das allgemeine Stillſchweigen machte den König, der in Betreff des Wohlanſtandes ſo kitze⸗ lig, darauf aufmerkſam, ſeine Freude könnte Stoff zu Auslegungen geben. 1 Er wandte ſich um, ſteckte das Billet ein, machte dann einen Schritt, der ihn auf die Thürſchwelle zu ſeinen Gäſten zurückführte und ſprach: „Herr du Vallon, ich habe Euch mit lebhaftem Vergnügen geſehen und werde Euch mit neuem Ver⸗ gnügen wiederſehen.“ Porthos verbeugte ſich wie es der Koloß von Rhodus gethan hätte, und ging rückwärts hinaus. „ Herr d'Artagnan,“ fuhr der König fort,„Ih werdet in der Gallerie auf meine Befehle warten, ich Sai la 2 bekal ſie u und 2 —¼ 1 zu 9 bin Euch verbunden, daß Ihr mich mit Herrn du Val⸗ lon bekannt gemacht habt. „Meine Herren, ich kehre morgen wegen der Ab⸗ reiſe der Botſchafter von Spanien und Holland nach Paris zurück. „Morgen alſo.“ Der Saal leerte ſich alsbald. Der König nahm Saint⸗Aignan beim Arm und ließ ihn die Verſe von la Vallière leſen. „Wie findeſt Du ſie?“ fragte er. „Sire, reizend.“ „Sie entzücken mich in der That, und wenn ſie bekannt würden...⸗ „Ah! die Dichter müßten eiferſüchtig werden, doch ſie werden ſie nicht kennen lernen.“ „Habt Ihr ihr die meinigen gegeben?“ „Ohl ſie hat ſie verſchlungen!“ „Ich befürchte, ſie waren ſchwach.“ „Fräulein de la Vallière hat das nicht geſagt.“ „Ihr glaubt, ſie habe ſie nach ihrem Geſchmacke gefunden?“ „Ich bin feſt davon überzeugt.“ „Dann müßte ich antworten.“ „Ah! Sire... ſogleich nach dem Abendbrod... Eure Majeſtät wird das angreifen!“ „Ich glaube, Ihr habt Recht; das Studium nach dem Mahl iſt ſchädlich.“ „Die Arbeit des Dichtens beſonders; und dann wird wohl in dieſem Augenblick eine Beängſtigung bei Fräulein de la Vallière ſtattfinden.“ „Welche Beängſtigung?“ „Ah! Sire, wie bei allen dieſen Damen.“ „Weshalb?“ „Wegen des Unfalls, der dem armen Guiche wi⸗ derfahren.“ „ Ahl mein Gott! es iſt Guiche ein Unglück wi⸗ derfahren,?“ Die drei Musketiere. Bragelonne vn. 2 5 ——— 10 „Ja, Sire; es iſt ihm eine ganze Hand wegge⸗ riſſen, er hat ein Loch in der Bruſt, er ſtirbt.“ 4 „Guter Gott! und wer hat Euch das geſagt?“ „Manicamp hat ihn ſo eben zu einem Arzt in Fontainebleau zurückgebracht, und das Gerücht hat hier ſich verbreitet...“ „Zurückgebracht! armer Guiche! Und wie iſt ihm dies begegnet?“ „Ahl Sire, das iſt es eben, wie iſt ihm das be⸗ gegnet?“ „Ihr ſagt mir das mit einer ganz ſeltſamen Miene, Saint⸗Aignan, nennt mir die einzelnen Umſtände. Was ſagt er?“ „Er ſagt nichts, Sire, doch die Andern.“ „Welche Andere?“ „Diejenigen, welche ihn gebracht haben, Sire.“ „Wer ſind dieſe?“ „Ich weiß es nicht, Sire, doch Herr von Mani⸗ camp weiß es, Herr von Manicamp iſt einer ſeiner Freunde.“ „Wie Jedermann.“ „Ah! nein, Ihr täuſcht Euch, Sire, es iſt nicht gerade Jedermann ein Freund von Herrn von Guiche.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Soll ich mich erklären, Sire?“ „Allerdings.“ „Wohl! ich glaube, ich habe von einem Streit zwiſchen zwei Cavalieren ſprechen hören.“ „Wann?“ „Heute Abend, vor den Nachtmahl Eurer Majeſtät.“ „Das beweiſt nichts. Ich habe ſo ſtrenge Ver⸗ ordnungen in Beziehung auf das Duell erlaſſen, daß ich denke, es wird Keiner dagegen handeln.“ „Gott bewahre mich auch, daß ich Jemand ent⸗ ſchuldige,“ rief Saint⸗Aignan.„Eure Majeſtät hat mir zu ſprechen befohlen, und ich ſpreche.“ du⸗ Kei 4 Ann 11 e⸗„So erzählt mir, wie der Graf verwundet wor⸗ gge⸗ den iſt?“ 29„Sire, man ſagt, auf dem Anſtand.“ t in„Dieſen Abend? hat„Dieſen Abend.“— )„Eine Hand weggeriſſen, ein Loch in der Bruſt! ihm Wer war mit Herrn von Guiche auf dem Anſiand?“ „Ich weiß es nicht, Sire„doch Herr von Mani⸗ be⸗ camp muß Alles wiſſen.“ „Ihr verbergt mir etwas, Saint⸗Aignan.“ iene,„Nichts, Sire, nichts.“ Was„So erklärt mir den Vorfall; iſt eine Muskete zerſprungen?“ „Vielleicht wohl. Doch ich bedenke, nein, Sire, denn man hat bei Guiche ſeine noch geladene Piſtole gefunden.“ ire.⸗„Seine Piſtole! mir ſcheint, man geht nicht mit re. der Piſtole auf den Anſtand.“ Nani⸗„Sire, man fügt bei, ſein Pferd ſei getödtet wor⸗ ſeiner den, und der Leichnam des Pferdes liege noch in der Lichtung.“ „Sein Pferd! Guiche geht zu Pferde auf den An⸗ icht ſtand! Saint⸗Aignan, ich begreife nichts von dem, was Mlih Ihr mir da ſagt. Wo iſt die Sache vorgefallen?“ iche.„Im Bois⸗Rochin, auf dem Rondel.“— „Gut. Rufet Herrn d'Artagnan.“ 3 Saint⸗Aignan gehorchte. Der Musketier trat ein. Streit„Herr d'Artagnan,“ ſprach der König,„Ihr geht 2 durch die kleine Thiere der Privattreppe hinaus.“ „Ja, Sire.“ ſtät.”„Ihr ſteigt zu Pferde.“ Ver⸗„Ja, Sire.“ 3 4 daß„Ihr reitet nach dem Rondel des Bois⸗Rochin. Kennt Ihr den Ort?“ ent⸗„Sire, ich habe mich zweimal dort geſchlagen.“ t mir„Wie!“ rief der König ganz beſtürzt über dieſe Antwort. 3„Sire, unter den Edicten des Herrn Cardinal⸗ von Richelieu,“ erwiederte d'Artagnan mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Phlegma. „Das iſt etwas Anderes, mein Herr! Ihr werdet Euch alſo dahin begeben und die Oertlichkeit genau unterſuchen. Es iſt ein Mann dort verwundet worden, und Ihr werdet ein todtes Pferd finden. Ihr ſagt mir ſodann, was Ihr von dieſem Ereigniß denkt.“ „Sehr wohl, Sire.“ „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Eure eigene Meinung und nicht die von Anderen haben will.“ „Ihr werdet ſie in einer Stunde haben, Sire. „Ich verbiete Euch, mit irgend Jemand, wer es auch ſein mag, zu reden.“ 3„Den ausgenommen, welcher mir eine Laterne geben wird,“ ſagte d'Artagnan. „Ja, gewiß⸗“ verſetzte der König lachend über dieſe Freiheit, die er nur bei ſeinem Kapitän der Musketiere duldete. D'Artagnan entfernte ſich auf der kleinen Treppe. „Man rufe mir meinen Arzt,“ ſagte Ludwig. Nach zehn Minuten kam der Arzt ganz athemlos an. „Mein Herr,“ ſprach der Koͤnig,„Ihr begebt Euch mit Herrn von Saint⸗Aignan dahin, wohin er Euch führen wird, und erſtattet mir Bericht über den Zuſtand des Kranken, den Ihr in dem Hauſe, wohin ich Euch zu gehen bitte, ſehen werdet.“ Der Arzt gehorchte ohne eine Bemerkung, wie man zu jener Zeit Ludwig XIV. zu gehorchen anfing, und ging, Saint⸗Aignan voranſchreitend, weg. „Ihr, Saint⸗Aignan, ſchickt mir Manicamp, ehe der Arzt mit ihm ſprechen konnte.“ Saint⸗Aignan ging ebenfalls hinaus. Forſe Still im S 3 allein Seilen unglei ganze Oberfläche des Rondels zu durchlaufe 13 IlI. Wie d'Artagnan die Sendung vollzog, mit der ihn der König beauftragt hatte. Während der König dieſe letzten Anordnungen traf, um zur Wahrheit zu gelangen, lief d'Artagnan, ohne eine Secunde zu verlieren, nach dem Stall, nahm die Laterne vom Haken, ſattelte ſelbſt ſein Pferd und wandte ſich nach dem von Seiner Majeſtät bezeichneten Orte. Er hatte ſeinem Verſprechen gemäß weder Jemand geſehen, noch getroffen; er war ſogar in der Gewiſſen⸗ haftigkeit ſo weit gegangen, daß er, was er zu thun hatte, wie geſagt, ohne die Vermittelung der Stall⸗ knechte that. D’ Artagnan gehöͤrte zu den Menſchen, welche eine Ehre darin ſuchen, in ſchwierigen Augenblicken ihren eigenen Werth zu verdoppeln. In einem Galopp von fünf Minuten war er im Gehölze; er band ſein Pferd an den erſten, den beſten Baum an und drang zu Fuß bis zur Lichtung vor.: a begann er, ſeine Laterne in der Hand, die n; er ging in, er ging her, er maß, unterſuchte, und nach einer korſchung von einer halben Stunde nahm er in der Stille wieder ſein Pferd und kehrte nachdenkend und Ludwig erwartete ihn in ſeinem Cabinet; er war allein und zeichnete mit einem Bleiſtift auf ein Papier Zeilen, welche d'Artagnan mit dem erſten Blick als ungleich und ſehr durchſtrichen erkannte. Err ſchloß daraus, es müßten Verſe ſein. Der Koͤnig ſchaute empor und erblickte d'Artagnan. „Nun, mein Herr,“ ſagte er,„bringt Ihr mir Nachrichten?“ „Ja, Sire.“ „Was habt Ihr geſehen?“ „Folgendes iſt das Wahrſcheinliche, Sire.“ „Es war eine Gewißheit, was ich von Euch ver⸗ langte.“ 4 „‚Ich werde ihr ſo viel als möglich nahe kommen; das Wetter war bequem für Nachforſchungen in der Art, wie ich ſie gemacht habe; es regnete dieſen Abend und die Wege waren durchnäßt.“ 4„Zur Sache, Herr d'Artagnan.“ „Sire, Eure Majeſtät ſagte mir, es liege ein todtes Pferd auf der Lichtung des Bois Rochin; ich fing alſo damit an, daß ich die Wege unterſuchte.— „Ich ſage Wege, inſofern man zu dem Mittelpunkt der Lichtung auf vier Wegen gelangt. „Derjenige, welchem ich gefolgt war, zeigte allein friſche Spuren. Zwei Pferde waren neben einander darauf gegangen: ihre acht Füße waren ſehr deutlich in der Thonerde bezeichnet. „Der eine von den Reitern hatte mehr Eile als der andere. Die Tritte des einen Roſſes ſind ſtets eine halbe Pferdslänge vor denen des andern.“ ſie zu zwei gekommen mir ver⸗ nen; der bend odtes alſo zunkt ellein ander utlich s der eine nmen ieben, mpfes r eine ränkte it dem 15 Fuße auf der Erde, was beweiſt, daß er, ganz in das Hören vertieft, ihm die Zügel überließ.“ „Dann fand ein Kampf ſtatt?“ „Ohne Widerſpruch.“ „Fahret fort; Ihr ſeid ein geſchickter Beobachter.“ „Der eine von den Reitern blieb am Platz, der, welcher horchte. Der andere durchritt die Lichtung und ſtellte ſich Anfangs ſeinem Feinde gegenüber auf. Dann durchritt derjenige, welcher am Platz geblieben war, im Galopp das Rondel bis auf zwei Drittel ſei⸗ ner Länge, im Glauben, er reite auf ſeinen Gegner zu, doch dieſer war dem Umkreis des Waldes gefolgt.“ „Nicht wahr, Ihr wißt die Namen nicht?“ „Durchaus nicht. Nur ritt derjenige, welcher dem Umkreiſe des Waldes folgte, einen Rappen.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Einige Haare vom Schweif ſind an den Brom⸗ beerſträuchen hängen geblieben, mit denen der Rand des Grabens beſetzt iſt.“ „Fahret fort.“ 3 „Was das andere Pferd betrifft, ſo hatte ich keine Mühe, ſein Signalement zu entwerfen, da es todt auf der Wahlſtatt geblieben iſt.“ „Und woran iſt dieſes Pferd geſtorben?“ „An einer Kugel, die ihm den Schlaf durch⸗ bohrt hat.“ „War es eine Piſtolenkugel oder eine Flintenkugel?“ „Eine Piſtolenkugel, Sire. Die Wunde des Pfer⸗ des hat mir übrigens die Taktik desjenigen, welcher es getödtet, bezeichnet. Er war dem Umkreiſe des Waldes gefolgt, um ſeinen Gegner in der Flanke zu haben. Ich verfolgte ſeine Tritte auf dem Raſen.“ „Die Tritte des Rappen?“ „Ja, Sire.“ 5 „Weiter, Herr d'Artagnan.“ „Nun, da Eure Majeſtät die Stellung der beiden „ 16 Gegner ſieht, muß ich den feſtſtehenden Reiter verlaſſen, um zu dem galoppirenden Reiter überzugehen. „Thut das.“ 1 „Das Pferd des Reiters, der chargirte, wurde plöͤtzlich getödtet.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Der Reiter hatte nicht Zeit, abzuſteigen, und ſtürzte mit dem Pferde. Ich ſah die Spur ſeines Beines, das er mit großer Anſtrengung unter dem Pferde vorzog. Von dem Gewichte des Thieres bedrückt, durchwühlte der Sporn die Erde.“ „Gut. Und was that er, als er aufgeſtanden war?“* „Er ging gerade auf ſeinen Gegner los.“ „Der immer noch am Saume des Waldes ſtille hielt?“ „Ja, Sire. Dann, als er in ein ſchönes Bereich gekommen war, blieb er feſt ſtehen,— ſeine Abſätze ſind der eine neben dem andern eingedrückt,— er ſchoß und fehlte ſeinen Gegner.“ —„Woher wißt Ihr, daß er gefehlt hat?“ „Ich fand den Hut von einer Kugel durchlöchert.“ „Ahl ein Beweis,“ rief der König. „Ein ungenügender, Sire,“ antwortete d'Artagnan kalt;„es iſt ein Hut ohne Buchſtaben, ohne Wappen; eine rothe Feder, wie an allen Hüten; ſelbſt die Treſſe hat nichts Beſonderes.“ „Hat der Mann mit dem durchlöcherten Hut ſeinen zweiten Schuß abgefeuert?“ „Oh! Sire, ſeine zwei Schüſſe waren ſchon abge⸗ feuert.“ „Wie habt Ihr dies erfahren?“ „Ich habe die Pfröpfe der Piſtole gefunden.“ „Und was iſt aus der Kugel geworden, welche nicht getödtet?“ „Sie hat die Hutfeder von dem durchſchnitten, an 4 17 welchen ſie gerichtet war, und eine kleine Birke auf der andern Seite der Lichtung zerſchmettert. „Dann war der Mann mit dem Rappen entwaffnet, während ſein Gegner einen Schuß abzufeuern hatte. „Sire, während der des Pferdes verluſtige Reiter wieder aufſtand, lud der Andere ſein Gewehr abermals. Nur war er ſehr unruhig beim Wiederladen, denn ſeine Hand zitterte.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Die Hälfte der Ladung iſt zu Boden gefallen, und er warf den Ladſtock weg und nahm ſich nicht einmal Zeit, ihn wieder an die Piſtole zu ſtecken.“ „Herr d'Artagnan, was Ihr mir da ſagt, iſt wun⸗ derbar.“ „Es iſt eine Beobachtung, Sire, und der geringſte Recognoscirreiter würde daſſelbe thun.“ „Man ſieht die Scene, wenn man Euch nur hört.“ „Ich habe ſie in der That mit wenigen Verände⸗ rungen in meinem Geiſte wiederaufgebaut.“ „Kommen wir nun zum demontirten Reiter. Ihr ſagtet, er ſei auf ſeinen Gegner zugegangen, während dieſer ſeine Piſtole wieder geladen habe.“ „Ja, doch in dem Augenblicke, wo er ſelbſt zielte, ſchoß der Andere.“ „Oh!“ machte der König;„und der Schuß?“ „Der Schuß war furchtbar, Sire; der demontirte Reiter fiel auf das Geſicht, nachdem er drei unſichere Schritte gemacht hatte.“ „Wo war er getroffen?“ „An zwei Stellen; einmal an der rechten Hand, ſodann an der Bruſt.“ „Wie könnt Ihr denn das errathen?“ fragte der König voll Bewunderung. „Ohl das iſt ſehr eeinfach, der Kolben der Piſtole war ganz mit Blu eerzogen, und man ſah daran die Spur der Kugel mit Stücken eines zerbrochenen Ringes. 18 Dem Verwundeten ſind alſo wahrſcheinlich der Ring⸗ finger und der kleine Finger weggeriſſen worden.“ „So viel, was die Hand betrifft, das gebe ich zu. Doch die Bruſt?“ „Sire, es fanden ſich da zwei Blutlachen zwei und einen halben Fuß von einander entfernt. Bei einer von dieſen Lachen war das Gras mit der zuckenden Hand ausgerauft worden; bei der andern war das Gras nur durch die Schwere des Körpers niedergedrückt.“ „Armer Guiche!“ rief der König. „Ah! es war Herr von Guiche,“ ſagte ruhig der Musketier;„ich vermuthete es, wagte es aber nicht, Eurer Majeſtät etwas davon zu ſagen.“ „Und wie vermuthetet Ihr es?“ „Ich erkannte das Wappen von Guiche auf den Holftern des todten Pferdes.“ „Und Ihr glaubt, daß er ſchwer verwundet iſt?“ „Sehr ſchwer, denn er ſiel ſogleich und blieb lange auf demſelben Platz. Er konnte jedoch gehen und hat ſich, während er ging, auf zwei Freunde geſtützt.“ „Ihr ſeid ihm alſo begegnet?“ „Nein, aber ich habe die Tritte von drei Männern erkannt. Der Mann auf der Rechten und der auf der Linken gingen leicht, doch der in der Mitte hatte einen ſchwerfälligen Tritt; überdies begleiteten die Blutſpuren dieſen Tritt.“ „Nun, mein Herr, da Ihr den Kampf ſo wohl geſehen habt, da Euch kein einziger Umſtand entgangen iſt, ſagt mir ein paar Worte über den Gegner von Herrn von Guiche.“ „Sire, ich kenne ihn nicht.“ 8 3 „Ihr, der Ihr doch ſo gut ſeht?“ 5 „Ja, Sire,“ ſprach d'Artagnan,„ich ſehe Alles, doch ich ſage nicht Alles, was ich ſehe, und da der arme Teufel entkommen iſt, ſo e e mir Eure Maje⸗ ſtät, ihr zu bemerken, daß ich ihn nicht anzeigen werde.“ 4 — ſol ne 19 „Derjenige, welcher ſich duellirt, iſt aber ein Straf⸗ barer, mein Herr.“ „Nicht für mich, Sire,“ erwiederte d'Artagnan mit kaltem Tone. „Mein Herr, wißt Ihr wohl, was Ihr ſprecht?“ rief der König. „Vollkommen, Sire; doch in meinen Augen, Sire, iſt ein Mann, der ſich gut ſchlägt, ein braver Mann. Das iſt meine Anſicht; Ihr könnt eine andere haben; ganz natürlich, Ihr ſeid der Gebieter.“ „Herr d'Artagnan, ich habe befohlen...“ D Artagnan unterbrach den Koöͤnig mit einer ehr⸗ erbietigen Geberde und erwiederte: „Ihr habt mir befohlen, Nachforſchungen über einen Zweikampf anzuſtellen, Sire; ich habe es gethan und Euch Bericht erſtattet. Befehlt Ihr mir, den Gegner von Herrn von Guiche zu verhaften, ſo werde ich ge⸗ horchen; befehlt mir aber nicht, ihn anzuzeigen, denn diesmal würde ich nicht gehorchen.“ „Nun! ſo verhaftet ihn.“ „Nennt mir denſelben, Sire.“ Ludwig ſtampfte mit dem Fuß. Dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, ſprach er: „Ihr habtzehnmal, zwanzigmal, hundertmal Recht.“ „Das iſt meine Anſicht, Sire, und ich bin glück⸗ lich, daß es zugleich auch die Eurer Majeſtät iſt.“ „Noch ein Wort... Wer hat Guiche Hülfe ge⸗ leiſtet 2“ „Ich weiß es nicht.“ „Ihr ſprachet aber von zwei Männern. Es war alſo ein Zeuge dabei?“ „Es war kein Zeuge dabei... Mehr noch. ſobald Herr von Guiche gefallen war, entfloh lein Geg⸗ ner, ohne ihm nur zutfernt beizuſtehen. 4 „Der Elende! „Ohl Sire, das iſt die Folge Eurer Edicte. Man 4 „Das dachte Herr von Richelien und ſagte Herr von — ——— 20 hat ſich gut geſchlagen, man iſt einem erſten Tod ent⸗ kommen, man will auch einem zweiten entgehen. Teu⸗ fel!.. man erinnert ſich des Herrn von Bauteville.“ He „Und dann wird man feige.“ „Nein, man wird klug.“ 3 „Er iſt alſo entflohen?“ nic „Ja, und zwar ſo geſchwinde, als ihn ſein Pferd tragen konnte.“ „In welcher Richtung?“— kan „In der des Schloſſes.“ von „Hernach 2“ ben „Hernach kamen, wie ich Eurer Majeſtät zu ſagen die Ehre hatte, zwei Männer zu Fuß und nahmen Herrn da von Guiche mit.“ „Welchen Beweis habt Ihr, daß dieſe zwei Män⸗ ner nach dem Zweikampf gekommen ſind?“ Sai „Ah! einen klaren Beweis; in dem Augenblick des Zweikampfs hatte der Regen aufgehört, der Boden hatte aber nicht Zeit gehabt, ihn einzuſchlucken, und war feucht geblieben. Die Tritte drückten ſich ein, doch nach dem Zweikampf, während der Zeit, wo Herr von Guiche ohnmächtig war, befeſtigte ſich die Erde wieder und die Tritte hinterließen weniger tiefe Spuren.“ Der König ſchlug zum Zeichen der Bewunderung ſeine Hände aneinander und rief: 3 3 „ Herr d'Artagnan, Ihr ſeid in der That der ge⸗ 3 wandteſte Mann meines Königreichs.“ Mazarin.“ „Nun haben wir nur noch zu ſehen, ob Euer Scharffinn ſich nicht getäuſcht hat.“ 4 „Oh, Sire, der Menſch irrt ſich, errare humanumg Cur est,“ ſagte philoſophiſch der Musketier.“ „Ihr gehört alſo nicht zur gſchen Herr d'Ar⸗ tagnan, denn ich glaube, Ihr irrt ch nie.“ üene Majeſtät ſagte, wir wuͤrden ſehen.“ „Ja.“ 21 ent⸗„Wie dies, wenn es Euch beliebt?" Teu⸗„Ich habe nach Herrn von Manicamp geſchickt, und lle.“ Herr von Manicamp wird kommen.“ „Und Manicamp weiß das Geheimniß?“ „Guiche hat keine Geheimniſſe für Herrn von Mae⸗ nicamp.“ ferd D Artagnan ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Ich wiederhole, es wohnte Niemand dem Zwei⸗ kampf bei, und wenn Herr von Manicamp nicht einer von den zwei Männern iſt, die ihn zurückgebracht ha⸗ en... gen„Stille,“ ſagte der König,„er kommt ebenz bleibt errn da und höret zu.“ 3 „Sehr wohl, Sire,“ ſprach der Musketier. kän⸗ In derſelben Minute erſchienen Manicamp und Saint⸗Aignan auf der Thürſchwelle. des— atte ucht dem— iche und ingg IV. ge⸗ Der Anſtand. err Der Köͤnig machte dem Musketier, der Andere Saint⸗ ner Aignan ein Zeichen. 5 Das Zeichen war gebieteriſch und bedeutete:„Bei 1s Curem Leben, ſchweigt.“ D'Artagnan zog ſich wie ein Soldat in eine Ecke des Cabinets zurück. Saint⸗Aignan als ein Günſtling ſtützte ſich auf die Lehne des Fauteuil von Ludwig XIV.— Das rechte Bein vor, ein Lächeln auf den Lippen, ——— 22 die Hände weiß und anmuthig, machte Manicamp ſeine Verbeugung vor dem König. Der König nickte zur Erwiederung mit dem Kopf und ſprach: „Guten Abend, Herr von Manicamp.“ „Euer Majeſtät hat mir die Ehre erwieſen, mich zu ſich rufen zu laſſen,“ verſetzte Manicamp. „Ja, um von Euch alle Umſtände des Unfalls zu erfahren, der Herrn von Guiche betroffen hat.“ „Oh! Sire, das iſt ſchmerzlich.“ „Ihr waret dabei.“ „Nicht gerade, Sire.“ „Aber Ihr kamet auf den Schauplatz des Unfalls einige Angenilit, nachdem ſich dieſer ereignet hatte.“ „So iſt es, ja, Sire, ungefähr eine halbe Stunde nachher.“ „Und wo hat die Sache ſtattgefunden? 20 „Ich glaube, Sire, man nennt den Ort das Ron⸗ del des Bois Rochin.“ „Ja, es iſt ein Sammelplatz für die Jagd.“ „So iſt es, Sire.“ 4 3„Nun denn! ſo erzählt mir, was Ihr von den um⸗ ſtänden dieſes Unglücks wißt, Herr von Manicamp, er⸗ zählt es mir.“ „Euer Majeſtät iſt vielleicht ſchon unterrichtet, und ich müßte hefürchten, ſie durch Wiederholungen zu er⸗ müden.“ „Nein, befürchtet das nicht.“ Manicamp ſchaute ringsumher, er ſah nur d'Ar⸗ tagnan, der am Täfelwerk lehnte, d'Artagnan ruhig, wohlwollend, gutherzig, und Saint⸗Aignan, mit dem er gekommen war, und der ſich beſtändig mit einem gleich freundlichen Geſicht auf das Fauteuil des enn ſtützte. 3 Er entſchloß ſich alſo, zu ſprechen. 4 „Es iſt Eurer Majeſtät nicht unbekannt, daß die nfälle auf der Jagd eiwas Gewöhnliches ſind,“ ſegte m ſeine Kopf mich lls zu nfalls jatte.“ Stunde 8 Ron⸗ n Um⸗ p, er⸗ t, und zu er⸗ d'Ar⸗ ruhig⸗ t dem einem tönigs aß die gte er⸗ 1 23 „Auf der Jagd?“ „Ja, Sire, ich will ſagen auf dem Anſtand.“ „Ah! ah!“ rief der Koͤnig,„auf dem Anſtand hat ſich der Unfall ereignet?“ „Ja, Sire,“ verſetzte Manicamp;„wußte das Euer Majeſtät nicht?“ „So ungefähr,“ erwiederte raſch der König, denn es widerſtrebte ihm ſtets, zu lügen;„Ihr ſagt alſo, auf dem Anſtand habe ſich der Unfall ereignet?“ „Ahl ja, leider, Sire.“. Der König machte eine Pauſe und fragte dann: „Auf dem Anſtand, auf welches Thier?“ „Auf Wildſchwein, Sire.“ „Was ſiel denn Guiche ein, daß er nur ſo allein auf den Anſtand auf Wildſchwein ging! das iſt eine Uebung für einen Landmann und hoͤchſtens gut für denjenigen, welcher nicht wie der Marſchall von Grammont Hunde und Piqueurs hat, um edelmänniſch zu jagen.“ Manicamp beugte die Schultern und erwiederte ſpruchreich:— „Die Jugend iſt verwegen.“ „Fahret fort,“ ſagte der König. „So viel iſt gewiß,“ fuhr Manicamp fort, der ſich nicht in Gefahr bringen wollte, und ein Wort nach dem andern ſetzte, wie es mit ſeinen Füßen ein Arbei⸗ ter in den Salzſümpfen am Meere thut,„ſo viel iſt gewiß, Sire, daß der arme Guiche ganz allein auf den Anſtand ging.“ „Ganz allein, in der That! ein herrlicher Jäger! Herr von Guiche weiß alſo nicht, daß das Wildſchwein auf der Stelle zurückkehrt?“ „Das iſt gerade geſchehen, Sire.“ „Er hatte alſo Kenntniß von dem Thiere?“ „Ja, Sire. Bauern hatten es in ihren Kartoffeln geſehen.“ „Und was für ein Thier war es?“ 138 —ſͤſͤͤſͤſͤſͤ—— 24 „Ein zweijähriger Keiler.“ „Man hätte mich benachrichtigen müſſen, Guiche es habe Selbſtmordsgedanken; denn ich habe ihn jagen ſehen, er iſt ein vortrefflicher Jäger. Wenn er auf ein Ke Thier ſchießt, das in die Enge getrieben iſt und den ver Hunden Stand hält, geht er mit aller Vorſicht zu Werke und ſchießt mit dem Karabiner, und diesmal bietet er ſag dem Keiler mit einfachen Piſtolen Trotz.“ auf Manicamp bebte. 1 hen „Luxuspiſtolen, was Teufels! vortrefflich, um ſich damit mit einem Menſchen und nicht mit einem Wild⸗ ſchwein zu ſchlagen!“ keit „Sire, es gibt Dinge, die ſich nicht gut erklären laſſen.“ „Ihr habt Recht, und das Ereigniß, das uns be⸗ ſchäftigt, iſt eines von dieſen Dingen. Fahret fort.“ Während dieſer Unterredung ſah Saint⸗Aignan, der Manicamp vielleicht durch ein Zeichen ermahnt hätte, cam er möge ſich nicht in Reden verfangen, fortwährend den eeharrlichen Blick des Königs auf ſich gezielt. Es war alſo zwiſchen ihm und Manicamp jede wiß mmunication unmöglich. halt Auf dem Weg angetrieben, den er eingeſchlagen, fuhr daher Manicamp fort, ſich immer tiefer in das ſollt Garn zu verſenken. ggläu „Sire,“ ſagte er,„die Sache hat ſich wahrſchein⸗ lich auf folgende Weiſe ereignet: Guiche wartete auf des den Keiler.“ „Zu Pferd oder zu Fuß?“ fragte der König. „Zu Pferd. Er ſchoß auf das Thier, fehlte es.“ ſei c „Der Ungeſchickte!“ 3 aaufg „Das Thier brach auf ihn los.“ „Und das Pferd wurde getödtet.“ „Ahl Eure Majeſtät weiß das.“ 3 „Man hat mir geſagt, es ſei ein todtes Pferd auf von dem Kreuzweg des Bois⸗Rochin gefunden worden, und ein? ich nahm an, es ſei das Pferd von Guiche geweſen. huiche jagen if ein den Werke tet er n ſich Wild⸗ klären s be⸗ tt.“ gnan, hätte, nd den jede lagen, n das ſchein⸗ te auf 4 25 „Es war dieſes in der That.“ „So viel, was das Pferd betrifft; doch wie ging es mit Guiche?“ „Sobald Guiche auf dem Boden lag, fiel ihn der Keiler an, und er wurde an der Hand und an der Bruſt verwundet.“ „Das iſt ein furchtbares Unglück, doch ich muß ſagen, Guiche iſt ſelbſt daran Schuld. Wie kann man auf ein ſolches Thier mit Piſtolen auf den Anſtand ge⸗ hen? er hatte alſo die Fabel von Adonis vergeſſen!“ Manicamp kratzte ſich hinter dem Ohr. 1„Es iſt wahr,“ ſagte er,„eine große Unvorſichtig⸗ eit.“ „Wie erklärt Ihr Euch das, Herr von Manicamp?“ „Sire, was geſchrieben ſteht, ſteht geſchrieben.“ „Ah! Ihr ſeid Fataliſt!“ 3 Manicamp fühlte ſich ſehr unbehaglich. „Ich bin über Euch aufgebracht, Herr von Mani⸗ camp,“ fuhr der König fort. „Ueber mich, Sire?“ „Ja. Wiel Ihr ſeid der Freund von Guiche, Ihr wißt, daß er zu ſolchen Tollheiten geneigt iſt, und Ihr haltet ihn nicht davon ab!“ Manicamp wußte nicht, was er denken und thun ſollte; der Ton des Königs war nicht gerade der eines gläubigen Menſchen. Andererſeits hatte dieſer Ton weder die Strenge des Drama, noch die Dringlichkeit des Verhörs. Es lag mehr Spott, als Drohung darin. „Und Ihr ſagt alſo,“ fuhr der König fort,„es ſei allerdings das Pferd von Guiche, was man todt aufgefunden?“ „Oh! mein Gott, ja.“ „Wundert Euch das nicht?“ „Nein, Sire. Bei der letzten Jagd wurde Herrn von Saint⸗Maure, Eure Majeſtät erinnert ſich deſſen, ein Pferd unter dem Leib auf dieſelbe Art getödtet.“ 3 Die drei Muketiere, Bragelonne vll. ————— 26 „Ja, doch es war ihm der Bauch aufgeſchlitzt.“ „Allerdings, Sire.“ „Wäre dem Pferde von Guiche der Bauch aufge⸗ ſchlitzt worden, wie dem von Herrn von Saint⸗Maure⸗ ſo würde ich mich, bei Gott! nicht darüber wundern.“ Manicamp riß die Augen weit auf. „Was mich aber in Erſtaunen ſetzt,“ ſagte der König,„iſt der Umſtand, daß dem Pferde von Guiche nicht der Bauch aufgeſchlitzt, ſondern der Kopf zerſchmet⸗ tert worden iſt.“ Manicamp wurde ſehr unruhig. „Täuſche ich mich,“ fragte der König,„wurde das Pferd von Guiche nicht an den Schlaf getroffen? Ge⸗ ſteht, Herr von Manicamp, daß dies eine ſeltſame Er⸗— ſcheinung iſt.“ „Sire, Ihr wißt, das Pferd iſt ein ſehr verſtändi⸗ ges Thier, es wird ſich zu vertheidigen geſucht haben.“ „Ein Pferd vertheidigt ſich aber mit den Hinter⸗ füßen, und nicht mit dem Kopf.“ „Dann wird das erſchrockene Pferd niedergeſtürzt ſein, und der Keiler, Ihr begreift, Sire, der Keiler...“ „Ja, ich begreife, was das Pferd betrifft; doch wie iſt es mit dem Reiter?“ „Nun, das iſt ganz einfach; der Keiler iſt vom Pferd zum Reiter zurückgekehrt und hat, wie ich Eurer Majeſtät zu bemerken mich beehrte, Guiche die Hand in dem Augenblick zerſchmettert, wo er ſeinen zweiten Schuß auf ihn abfeuern wollte; ſodann durchlöcherte er ihm mit einem Rüſſelſchlag die Bruſt.“ 3 „Das iſt in der That äußerſt wahrſcheinlich, Hert Aig: an d von Manicamp; Ihr habt Unrecht, Eurer Beredſamke zu mißtrauen, denn Ihr erzählt vortrefflich.“ 4 „Der König iſt ſehr gut,“ ſagte Manicamp, indem er ſich äußerſt verlegen verbeugte. 1 3 e „Nur werde ich von heute an meinen Cdelleuten verbieten, auf den Anſtand zu gehen. Teufel! es wäre eben ſo gut, wenn man ihnen das Duell erlauben würde.“ 6 der blean 27 t. 4 Manicamp bebte und machte eine Bewegung, um ſich zurückzuziehen. aufge⸗„Der König iſt befriedigt?“ ſagte er. Laure,„Entzückt; doch entfernt Euch noch nicht, Herr von dern.“ Manicamp, ich habe noch mit Euch zu thun.“ „Ahl ah!“ dachte d'Artagnan,„abermals Einer, 2 der der nicht von unſerer Stärke iſt.“ Zuiche Und er gab einen Seufzer von ſich, welcher bedeuten hmet⸗ mochte: „Oh! die Maͤnner von unſerer Stärke, wo ſind fie nun?“ In dieſem Augenblick hob ein Huiſſier den Thür⸗ Ge⸗ vorhang auf und meldete den Arzt des Königs. e Er⸗„Ah!“ rief Ludwig,„hier kommt gerade Herr Valot, der Herrn von Guiche beſucht hat. Wir werden tändi⸗ Nachricht von dem Verwundeten erhalten.“ aben.“ Manicamp fühlte ſich unbehaglicher als je. inter⸗„Auf dieſe Art werden wir wenigſtens klar in der OSeache ſehen,“ fügte der König bei. ſtürzt Und er ſchaute d'Artagnan an, der keine Miene 3 ind verzog. V. Der Arzt. Herr Valot trat ein. Die Scenirung war dieſelbe: der König ſaß, Saint⸗ Aignan ſtützte ſich auf ſein Fauteuil, d'Artagnan war an die Wand angelehnt, Manicamp ſtand. 3„Nun, Herr Valot, habt Ihr mir gehorcht?“ fragte der König. wäre„Mit allem Eifer, Sire.“ ae blea ör habt Euch zu Eurem Collegen in Fontaine⸗ 8 eneben 28 „Ja, Sire.“ „Und Ihr fandet dort Herrn von Guiche?“ „Ja, Sire.“ „In welchem Zuſtand? ſagt es frei heraus.“ „In einem ſehr kläglichen Zuſtand, Sire.“ „Der Keiler hat ihn aber nicht verſchlungen?“ „Wen verſchlungen?“ „Herrn von Guiche.“ „Welcher Keiler?“ „Der Keiler, der ihn verwundet.“ 5 „Herr von Guiche iſt von einem Keiler verwundet worden?“ 1 „Man ſagt es wenigſtens.“ „Eher von einem Wildſchützen... „Wie, von einem Wildſchützen 2* „Ein eiferſüchtiger Ehemann, ein mißhandelter Lieb⸗ haber wird, um ſich zu rächen, auf ihn geſchoſſen haben.“ „Was ſprecht Ihr denn da, Herr Valot! die Wun⸗ den vom Herrn von Guiche rühren nicht vom Gewerfe eines Wildſchweines her?“ 3 „Die Wunden von Herrn von Guiche rühren von einer 2 Piſtolenkugel her, die ihm den Ringfinger und den klei⸗ nen Finger der rechten Hand zerſchmettert hat, wonach ſie in die Intercoſtalmuskeln der Bruſt gegangen iſt.“ „Eine Kugel! Ibr wißt gewiß, daß Herr von Guiche durch eine Kugel verwundet worden iſt?“ „Bei meiner Treue, ſo gewiß als ich da bin,“ er⸗ wiederte Valot. und er reichte dem König eine halb abgeplattete Kugel.. Der König ſchaute ſie an, ohne ſie zu berühren. „Er hatte das in der Bruſt, der arme Junge? fragte er. „Nicht ganz. Die Kugel drang nicht ein, ſie plat⸗ tete ſich ab, wie Ihr ſeht, entweder am Bügel der Pi⸗ ſtole, oder auf der rechten Seite des Bruſtbeins.“ „Guter Gott!“ ſprach der König ernſtem 38 25 det 29 Ton,„Ihr ſagtet mir nichts von dem Allem, Herr von Manicamp.“ „Sire...“ „Was ſoll dieſe ganze Erfindung von Wildſchwein, nächtlicher Jagd, Anſtand bedeuten? Sprecht, ſprecht.“ „Oh! Sire...“ „Mir ſcheint, Ihr habt Recht,“ ſagte der König ſich gegen ſeinen Kapitän der Musketiere umwendend, „es hat ein Zweikampf ſtattgefunden.“— Der König beſaß mehr als jeder Andere die den Großen gegebene Fähigkeit, die Untergeordneten bloszu⸗ ſtellen und zu trennen. Manicamp warf dem Musketier einen Blick voll von Vorwürfen zu. D'Artagnan begriff dieſen Blick und wollte nicht unter der Laſt der Anſchuldigung verharren. Er machte einen Schritt und ſprach:. „Sire, Eure Majeſtät hat mir befohlen, den Kreuz⸗ weg des Bois Rochin zu unterſuchen und ihr nach meinem Dafürhalten zu ſagen, was dort vorgefallen. Ich habe ihr meine Beobachtungen mitgetheilt, doch ohne Jemand anzuzeigen. Seine Majeſtät hat ſelbſt zuerſt den Herrn Grafen von Guiche genannt.“ „Gut! gut! mein Herr,“ ſagte der Konig hoch⸗ müthig;„Ihr habt Eure Pflicht gethan, und ich bin mit Euch zufrieden, das muß Euch genügen. Aber Ihr, Herr von Manicamp, Ihr habt die Eurige nicht gethan, denn Ihr habt mich belogen.“ „Belogen, Sire! Das Wort iſt hart.“ „Findet ein anderes.“ „Sire, ich werde nicht ſuchen. Ich habe ſchon das Unglück gehabt, Seiner Majeſtät zu mißfallen, und ich halte es für das Beſte, in Demuth die Vorwürfe hin⸗ zunehman, die ſie mir zu machen für geeignet erachten wird.“ „ Ihr habt Recht, mein Herr, man mißfällt mir immer, wenn man mir die Wahrheit verbirgt.“ * ——— 30 „Man iſt zuweilen unwiſſend, Sire.“ „Lüget nicht mehr, oder ich verdopple die Strafe.“ Manicamp erbleichte und verbeugte ſich. D'Artagnan machte noch einen Schritt vorwärts, entſchloſſen, ins Mittel zu treten, wenn der immer mehr zunehmende Zorn des Königs gewiſſe Grenzen erreichen würde. 3 „Mein Herr,“ fuhr der Koͤnig fort,„Ihr ſeht, daß es vergeblich iſt, die Sache länger zu leugnen. Herr von Guiche hat ſich geſchlagen.“ „Ich ſage nicht nein, Sire, und Cure Majeſtät wäre großmuthig geweſen, wenn ſie einen Edelmann nicht zur Lüge gezwungen hätte.“ „Gezwungen! Wer zwang Euch?“ „Sire, Herr von Guiche iſt mein Freund. Eure Majeſtät hat die Duelle bei Todesſtrafe verboten. Eine Lüge rettet meinen Freund. Ich lüge.“ „Gut,“ murmelte d'Artagnan,„Mordiour!l das iſt ein hübſcher Junge!“ „Mein Herr,“ verſetzte der König,„ſtatt zu lügen, hättet Ihr ihn ſich zu ſchlagen abhalten ſollen.“ „Oh! Sire, Eure Majeſtät, der vollendetſte Edel⸗ mann Frankreichs weiß wohl, daß wir Leute vom Schwert Herrn von Bouteville nie für entehrt gehalten haben, weil er auf der Gréve geſtorben iſt. Seinen Feind vermeiden iſt es, was entehrt, und nicht den Henker treffen.“ „Wohl!“ ſprach Ludwig XIV.,„ich will Euch ein Mittel öffnen, Alles wieder gut zu machen.“ „Wenn es zu denjenigen gehört, welche ſich für einen Edelmann geziemen, ſo werde ich es mit Eifer ergreifen, Sire.“ „Nennt mir den Namen des Gegners von Herrn von Guiche.“ „Hol hol“ murmelte d'Artagnan,„wollen wir 1 Ludwig XIII. fortſetzen?“ gen, del⸗ vom ilten inen den ein für Eifer derrn wir 31 „Sire!“ rief Manicamp in einem Ton des Vor⸗ wurfs. „Ihr wollt ihn nicht nennen, wie es ſcheint?2“ ſagte der König. „Sire, ich kenne ihn nicht.“ „Bravo!“ murmelte d'Artagnan. „Herr von Manicamp, übergebt Euren Degen dem Kapitän.“ Manicamp verbeugte ſich anmuthig, machte lächelnd ſeinen Degen los und reichte ihn dem Musketier. Doch Saint⸗Aignan trat raſch zwiſchen d'Artagnan und Manicamp und ſprach: „Sire, mit der Erlaubniß Eurer Majeſtät.“ „Thut es,“ ſagte der König, vielleicht erfreut, daß ſich Jemand zwiſchen ihn und den Zorn ſtellte, von dem er ſich hatte hinreißen laſſen. „Manicamp, Ihr ſeid ein Braver, und der König wird Euer Benehmen zu ſchätzen wiſſen; aber ſeinen Freunden zu gut dienen wollen, heißt ihnen ſchaden. Manicamp, Ihr wißt den Namen, den Seine Majeſtät von Euch verlangt.“. „Es iſt wahr, ich weiß ihn.“ „Dann werdet Ihr ihn ſagen?“ „Wenn ich ihn hätte ſagen ſollen, ſo wäre es ſchon geſchehen.“ „ So werde ich ihn ſagen, ich, der ich nicht bei dieſer Biederkeit intereſſirt bin.“ „Ihr, Ihr ſeid frei. Doch mir ſcheint...“ „„Ohl genug des Edelmuths; ich laſſe Euch nicht ſo in die Baſtille gehen. Sprecht, oder ich werde ſprechen.“ Manicamp war ein Mann von Geiſt, und begriff, daß er genug gethan hatte, um eine gute Meinung von ſich zu geben; es handelte ſich nur noch darum, aus⸗ zuharren und ſich zugleich die Gnade des Königs wie⸗ der zu erlangen. „Sprecht, mein Herr,“ ſagte er zu Saint⸗Aignan. — ſͤͤ 32 „Ich habe für meine Rechnung Alles gethan, was mir 3 mein Gewiſſen zu thun vorſchrieb, und mein Gewiſſen n mußte ſehr laut gebieten, da es die Befehle Seiner d Majeſtät überwogen hat,“ fügte er ſich gegen den König wendend bei;„doch ich hoffe, Seine Majeſtät wird mir g verzeihen, wenn ſie erfährt, daß ich die Ehre einer Dame zu wahren hatte.“ m „Einer Dame?“ fragte der König unruhig. 2 „Ja, Sire.“ „Eine Dame war die Urſache dieſes Zweikampfs?“ d' Manicamp verbeugte ſich. Der König ſtand auf, näherte ſich Manicamp und ſprach: K „Iſt die Perſon von Bedeutung, ſo werde ich mich m. nicht beklagen, daß Ihr zuruͤckhaltend geweſen ſeid, im Gegentheil.“ T „Sire, Alles, was das Haus des Königs oder das vo ſeines Bruders berührt, iſt in meinen Augen von Be⸗ un deutung.“ „Das Haus meines Bruders?“ wiederholte der König mit einem gewiſſen Zögern.„Die Urſache dieſes Zweikampfes iſt eine Dame vom Hauſe meines Bruders?“ „Ja, von Madame.“— „Ah! von Madame.“ „Ja, Sire.“ „Dieſe Dame alſo?“ „Iſt eines von den Ehrenfräulein vom Hauſe Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Herzogin von Orleans.“ „Für das ſich Herr von Guiche geſchlagen hat, ſagt Ihr?“ u „Ja, und diesmal lüge ich nicht.“ 3 Ludwig machte eine Bewegung voll Unruhe und ſprach, indem er ſich zu den Zuſchauern dieſer Scene umwandte: 1 er l „Meine Herren, wollt Euch einen Augenblick ent⸗ 1 zuri fernen, ich muß nothwendig mit Herrn von Manicamp allein bleiben. Ich weiß, daß er mir koſtbare Dinge Ihrer 1s.“ hat, und beene ent⸗ ramp dinge 33 zu ſeiner Rechtfertigung zu ſagen hat und daß er dies nicht vor Zeugen thun will. Hängt Euren Degen wie⸗ der an, Herr von Manicamp.“ Manicamp hing ſeinen Degen wieder aus Wehr⸗ gehenk. „Der Burſche iſt offenbar voll Geiſtesgegenwart,“ murmelte der Musketier, indem er Saint⸗Aignan beim Arm nahm und ſich mit ihm entfernte. „Er wird ſich herausziehen,“ flüſterte der letztere d'Artagnan in'’s Ohr. „Und zwar mit Ehren, Graf.“ Manicamp richtete an Saint⸗Aaignan und an den Kapitän einen Blick des Dankes, der vom König unbe⸗ merkt vorüberging. „Ah! ah!“ ſagte d'Artagnan, während er über die Thürſchwelle ſchritt,„ich hatte eine ſchlechte Meinung von der neuen Generation. Nun, ich täuſchte mich, und dieſe jungen Leute haben etwas Gutes.“ Valot ging dem Günſtling und dem Kapitän voran. Der Koͤnig und Manicamp blieben allein im Cabinet. VI. Miorin d'Artagnan erkennt, daß er ſich getäuſcht, und daß Manicamp es war, der Recht hatte. Der König verſicherte ſich durch ſich ſelbſt, indem er bis zur Thüre ging, daß Niemand horchte, kam dann zurück, ſtellte ſich haſtig vor Manicaup und ſprach: „Nun, da wir allein find, erklärt Euch, mein Herr.“ ——— 8 34 „Mit der größten Offenherzigkeit,“ erwiederte der junge Mann. „Und vor Allem wißt, daß mir nichts ſo ſehr am Herzen liegt, als die Ehre der Damen.“ „Gerade deshalb ſchonte ich Euer Zartgeſühl, Sire.“ „Ja, ich begreife nun Alles. Ihr ſagt alſo, es handle ſich um ein Ehrenfräulein meiner Schwägerin, und die fragliche Perſon, der Gegner von Guiche, der Mann, den Ihr nicht nennen wollt...“ „Den Euch aber Herr von Saint⸗Aignan nennen wird, Sire.“ „Ihr ſagt, dieſer Mann habe Jemand vom Hauſe von Madame beleidigt?“ „Fräulein de la Valliére, ja, Sire.“ „Ah!“ machte der Koͤnig, als ob er dieſes erwartet hätte und als hätte ihm dennoch dieſer Schlag das Herz ſermmi„ahl Fräulein de la Vallidre hat man be⸗ leidigt?“ „Ich ſage nicht gerade, man habe ſie beleidigt.“ „Was denn?“ „Ich ſage, man habe in unziemlichen Ausdrücken von ihr geſprochen.“ 4 „In unziemlichen Ausdrücken von Fräulein de la Vallière, und Ihr weigert Euch, mir zu ſagen, wer der Freche war?“ 3 „Sire, ich glaubte, es ſei dies eine abgethane Sache, und Eure Majeſtät habe darauf verzichtet, aus mir einen Denuncianten zu machen.“ „Cs iſt richtig, Ihr habt Recht,“ ſagte der König ſich mäßigend;„ich werde immerhin noch frühe genug den, Aanen desjenigen erfahren, welchen ich beſtrafen muß.“ 4 Manicamp ſah wohl, daß die Frage umgekehrt wer Der König aber gewahrte, daß er ſich ein wenig weit hatte fortziehen laſſen. Er verbeſſerte ſich auch und fuhr fort: „Und ich werde nicht allein ſtrafen, weil es Fräulein rade la T Guie nicht Herz vertr hat, ſtellt nehm ten a von e der r am Sire.“ , es gerin, , der ennen Hauſe vartet Herz n be⸗ t. 44 rücken de la er der thane „aus König genug rafen war. wenig 35 de la Valliöre betrifft, obgleich ich ſie beſonders ſchäͤtze, ſondern weil der Gegenſtand des Streites eine Frau iſt. Ich verlange, daß man an meinem Hofe die Frauen ehre und nicht ſich ſtreite.“ Manicamp verbeugte ſich. „Sprecht nun, Herr vom Manicamp, was ſagte man von Fräulein de la Valliére?“ „Erräth Eure Majeſtät nicht?“ „Ich?“ „Eure Majeſtät weiß wohl, welche Art von Scherzen junge Leute ſich erlauben können.“ „Man ſagte vermuthlich, ſie liebe irgend Einen,“ verſetzte der König. „Das iſt es gerade, was Guiche behauptete.“ „Und deßhalb hat er ſich geſchlagen?“ „Ja, Sire, aus dieſer einzigen Ürſache.“ Der König erröthete. „Und Ihr wißt nicht mehr?“ fragte er. „Ueber welches Kapitel?“ „Ueber das ſehr intereſſante Kapitel, das Ihr ge⸗ rade erzählt.“ „Und was ſoll ich wiſſen, Sire?“ „Eil zum Beiſpiel den Namen des Mannes, den la Vallidre liebt, und den zu lieben der Gegner von Guiche das Recht ſtreitig machte.“ „Sire, ich weiß nichts, ich habe nichts gehört, nichts erlauert; aber ich halte Guiche für ein großes erz, und wenn er ſich für den Augenblick zum Stell⸗ vertreter des Beſchützers von la Vallidre aufgeworfen hat, ſo geſchah es, weil dieſer Beſchützer zu hoch ge⸗ ſtellt war, um ſelbſt ihre Vertheidigung zu über⸗ nehmen.“ Dieſe Worte waren mehr als durchſichtig; ſie mach⸗ ten auch den König erröthen, doch diesmal vor Freude. Er klopfte Manicamp auf die Schulter und ſprach: „Ihr ſeid nicht nur ein geiſtreicher Junge, Herr von Manicamp, ſondern auch ein wackerer Edelmann, 36 und in Herrn von Guiche finde ich einen Paladin gang nach meinem Geſchmack; Ihr werdet es ihm bezeigen, nicht wahr?“ „Sire, Eure Majeſtät verzeiht mir alſo?“ „Ganz und gar.“ „Und ich bin frei?“ Der König lächelte und reichte Manicamp die Hand. Manicamp ergriff dieſe Hand und küßte ſie. „Und dann erzählt Ihr vortrefflich,“ fügte der König bei. „Ich, Sire?“ „Ihr habt mir eine vortreffliche Erzählung über den Unfall gemacht, der Herrn von Guiche begegnet iſt. Ich ſehe den Keiler aus dem Gehölz hervorkom⸗ men, ich ſehe das Pferd ſtürzen, ich ſehe das Thier vom Pferd auf den Reiter zugehen. Ihr erzählt nicht, mein Herr, Ihr malt.“ „Sire, ich glaube, Eure Majeſtät hat die Gnade meiner zu ſpotten.“ „Im Gegentheil,“ ſprach Ludwig XIV. ernſthaft „ich ſpotte ſo wenig, Herr von Manicamp, daß es mein Wille iſt, daß Ihr Jedermann dieſes Abenteuer erzählet. „Das Abenteuer vom Anſtand?“ „Ja, ſo, wie Ihr es mir erzählt habt, ohne ei einziges Wort daran zu ändern. Ihr verſteht?? „Vollkommen, Sire.“ „Und Ihr werdet es erzählen?“ „Ohne eine Minute zu verlieren.“ „Wohl denn! ruft nun ſelbſt Herrn d'Artagna zuruck; ich hoffe, daß Ihr nicht mehr bange habt.“ „Oh! Sire, ſo bald ich der Gnade meines Köuſg ſicher bin, fürchte ich nichts mehr.“ „Rufet alſo,“ ſprach der König. Manicamp öffnete die Thüre. 3 „Meine Herren,“ ſagte er,„der Koöͤnig ruft Gu⸗ 9 D'Artagnan, Saint⸗Aignan und Valot kamen win der herein. zurü rung digt Aigr ſagte raſch men der dertn Eure Ludn man ziehu laſſen Vern 4 dieſer geſeh 1 ſagt. n ganmg zeigen, Hand. gzte der g über egegnet vorkom⸗ er vom t, mein Gnade nſthaft 28 mein ählet. hne enn . 37 „Meine Herren,“ ſprach der König, vich laſſe Euch zurückrufen, um Euch zu ſagen, daß mich die Erklä⸗ rung von Herrn von Manicamp vollkommen befrie⸗ digt hat.“ D'Artagnan warf Valot einerſeits und Saint⸗ Aignan andererſeits einen Blick zu, welcher bedeutete: „Nun, was ſagte ich Euch?“ Der Koͤnig zog Manicamp gegen die Thüre und ſagte leiſe zu ihm: „Herr von Guiche pflege ſich, und er geneſe beſonders raſch, ich will mich beeilen, ihm im Namen aller Da⸗ men zu danken, hauptſächlich aber fange er nie wie⸗ der an.“ „Und müßte er hundertmal ſterben, er wird hun⸗ dertmal wiederanfangen, wenn es ſich um die Ehre Eurer Majeſtät handelt.“ Dies war unmittelbar. Doch wie geſagt, König Ludwig XIV. liebte den Weihrauch und war, wenn man ihn nur ſtreute, nicht ſehr anſpruchsvoll in Be⸗ ziehung auf die Qualität. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte er, Manicamp ent⸗ laſſend,„ich werde Guiche ſelbſt beſuchen und ihn zur Vernunft bringen.“ Manicamp ging rückwärts ſchreitend hinaus. „Da wandte ſich der König gegen die drei Zuſchauer dieſer Scene um und ſprach: „Herr d'Artagnan?“ „Sire.“ „Sagt mir doch, wie es kommt, daß Ihr ſo trübe geſehen, Ihr, der Ihr ſonſt ſo gute Augen habt?“ „Ich ſehe trübe, Sire?“ „Allerdings.“ „Das muß ſicherlich ſo ſein, da es Euee Majeſtät ſagt. Doch worin trübe, wenn es Euch beliebt?⸗. 8 Beziehung auf das Ereigniß in Bois⸗Rochin.“ 1,. ah!“ „Gewiß: Ihr habt die Spuren von zwei Pferden ———— 38 geſehen, Ihr habt die Tritte von zwei Menſchen erkannt, Ihr habt die einzelnen Umſtände eines Zweikampfes entdeckt. Nichts von dem Allem hat beſtanden; reine Täuſchung!“ „Ah!l ah!“ machte d“Artagnan abermals. „So mit den Fußtritten des Pferdes, ſo mit den Anzeichen des Kampfes. Ein Kampf von Guiche gegen einen Keiler, nichts Anderes, nur währte der Kampf lange und war furchtbar, wie es ſcheint.“ „Ahl ah!“ fuhr d'Artagnan fort. „Und wenn ich bedenke, daß ich einem ſolchen Irr⸗ thum einen Augenblick Glauben geſchenkt habe! Ihr ſprachet aber mit ſo großer Sicherheit.“ „In der That, ich muß eine Blendung gehabt haben,“ ſagte d'Artagnan mit einer heiteren Laune, die den König entzückte. „Ihr gebt es alſo zu?“ „Bei Gott! Sire, ob ich es zugebe!“ „So, daß Ihr die Sache nun anſeht?...“ „Ich ſehe ſie nun ganz anders an, als vor einer halben Stunde.“ „Und Ihr ſchreibt dieſe Verſchiedenheit in Eurer Anſicht welchem Umſtande zu?“ „Einem ganz einfachen: vor einer halben Stunde kam ich vom Bois⸗Rochin zurück, wo ich, um mir zu leuchten, nur eine abſcheuliche Stalllaterne hatte.“ „Während zu dieſer Stunde?“ „Während ich zu dieſer Stunde alle Lichter Eures Cabinets habe und überdies die zwei Augen des Königs, welche leuchten wie Sonnen.“ Der König lachte und Saint⸗Aignan ebenfalls. „Es iſt wie bei Herrn Valöt,“ ſagte d'Artagnan, das Wort dem König vom Munde nehmend; per hat ſich eingebildet, daß nicht nur Herr von Guiche von einer Kugel verwundet worden, ſondern daß er ihm auch eine Kugel aus der Bruſt gezogen...“ 4 „Meiner Treue, ich geſtehe...“ ſtammelte⸗Valot. — 39 „Nicht wahr, Ihr habt das geglaubt?“ verſetzte d'Artagnan. „Das heißt,“ erwiederte Valot,„ich habe es nicht nur geglaubt, ſondern ich würde ſogar noch zu dieſer Stunde darauf ſchwören.“ „Nun wohl, mein lieber Doctor, Ihr habt das geträumt.“ „Ich habe getraͤumt?“. „Die Wunde von Herrn von Guiche, Traum! die Kugel, Traum! Glaubt mir auch, ſprecht nicht mehr davon.“ „Gut geſagt,“ rief der König.„Der Rath, den Euch d'Artagnan gibt, iſt gut. Sprecht mit Niemand mehr von Eurem Traume, Herr Valot, und Ihr werdet es nicht bereuen, ſo wahr ich ein Edelmann bin. Guten Abend, meine Herren. Ohl es iſt eine traurige Sache um einen Anſtand auf Wildſchwein!“ „Eine traurige Sache um einen Anſtand auf Wild⸗ ſchwein!“ wiederholte d'Artagnan mit voller Stimme. Und er wiederholte dieſes Wort durch alle Zim⸗ mer, durch die er kam, und verließ dann das Schloß mit Valot. „Nun, da wir allein ſind,“ ſagte der König zu Saint⸗Aignan,„wie heißt der Gegner von Guiche?“ Saint⸗Aignan ſchaute den König an. „Ohl zögere nicht,“ ſprach Ludwig,„Du weißt wohl, daß ich verzeihen muß.“ „Wardes,“ antwortete Saint⸗Aignan. „Gut,“ ſagte der König. Während er dann raſch in das anſtoßende Zimmer 1 ging, fügte er bei: „Verzeihen iſt nicht vergeſſen.“ 40 18 VI. Wie es erſprießlich iſt, zwei Faiten an ſeinem Bogen zu haben. Manicamp verließ die königlichen Gemächer ganz glücklich, daß ihm ſein Verfahren ſo wohl gelungen, als er ſich da er unten an die Treppe kam und au einem Thürvorhang vorüberging, plötzlich an einem Aermel ziehen fühlte. Er wandte ſich um und erkannte Montalais, die ihn ſo auf dem Wege erwartete und geheimnißvoll, den Körper vorgebeugt und die Stimme gedämpft, zu ihm ſagte:— „Mein Herr, ich bitte Euch, kommt geſchwinde.“ „Wohin, mein Fräulein?“ fragte Manicamp. 3 „Ein wahrer Cavalier hätte nicht dieſe Frage an mich gerichtet, er wäre mir gefolgt, ohne irgend einer Erklärung zu bedürfen.“ „ Wohl, mein Fräulein, ich bin bereit, mich als wahrer Cavalier zu benehmen.“ „Nein, es iſt zu ſpät, und es gebührt Euch nicht das Verdienſt davon. Wir gehen zu Madame, kommt.“ „Ah! ah!“ verſetzte Manicamp.„Gehen wir zu Madame.“ Und er folgte Montalais, welche leicht wie Gala⸗ tea vor ihm herlief. 3 „Diesmal,“ ſagte Manicamp, während er ſeiner Führerin folgte, zu ſich ſelbſt,„diesmal glaube ich nicht, daß die Jagdgeſchichten gut angebracht wären. Wir wer⸗ den es indeſſen verſuchen, und im Falle der Noth, mei⸗ ner Trew', im Falle der Noth finden wir etwas Anderes.“ Montalais lief fortwährend. 3 inem ganz igen, d an inem , die „den ihm ide.“ e an einer hals nicht imt.“ ir zu Gala⸗ 41 „Wie ermüdend iſt es doch, zugleich ſeinen Geiſt und ſeine Beine nöthig zu haben,“ dachte Manicamp. Endlich kam man an Ort und Stelle. Madame hatte ihre Nachttoilette beendigt; ſie war in einem zierlichen Nachtkleid, doch man begriff, daß ſie dieſe Toilette gemacht hatte, ehe ſie die Gemüthsbewegungen erleiden mußte, von denen ſie heimgeſucht worden. Sie wartete mit ſichtbarer Ungeduld., Montalais und Manicamp fanden ſie auch an der Thüre ſtehend. Beim Geräuſch ihrer Tritte kam ihnen Madame entgegen. „Ah!l ah!“ ſagte ſie,„endlich.“ „Hier iſt Herr Manicamp,“ erwiederte Montalais. Manicamp verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. Madame hieß Montalais durch ein Zeichen ſich entfernen. Das Mädchen gehorchte. Madame folgte Montalais ſtillſchweigend, bis ſich die Thüre hinter ihr geſchloſſen hatte, dann wandte ſie ſich gegen Manicamp um und fragte: „Was gibt es denn und was ſagt man mir, Herr von Manicamp, es iſt „Ja, Madame, le Herr von Guiche.“ „Ja, Herr von Gutche,“ wiederholte die Prinzeſſtn. „Ich hatte es in der That ſagen hören, doch es wurde mir nicht beſtätigt. Herrn von Guiche iſt alſo wirk⸗ lich dieſes Unglück widerfahren?“ „Ihm ſelbſt, Madame.“ 3 „Wißt Ihr wohl, Herr von Manicamp, daß die Pialie dem König verhaßt ſind?“ fragte raſch die Prin⸗ zeſſin. 3 8 Allerdings, doch ein Zweikampf mit einem wilden Thier iſt dem Gerichtszwange Seiner Majeſtät nicht unterworfen.“ 3 „Ah! Ihr wollt mir wohl nicht die Beleidigung anthun, zu wähnen, ich werde dieſer, ich weiß nicht aus welcher Die drei Musketiere. Bragelonne. VII. 4 nand im Schloß verwundet?“ —““ 42 Urſache, verbreiteten Fabel, welche behauptet, Herr von Guiche ſei durch ein Wildſchwein verwundet worden, Glauben ſchenken! Nein, nein, mein Herr, die Wahr⸗ heit iſt bekannt, und abgeſehen von den Unannehnlich⸗ keiten ſeiner Wunden läuft Herr von Guiche in dieſem Augenblick Gefahr, ſeiner Freiheit verluſtig zu werden.“ „Ah! Madame, ich weiß es wohl, doch was iſt hiebei zu thun?“ „Habt Ihr Seine Majeſtät geſehen?“ „Ja, Madame.“ „Was habt Ihr dem König geſagt?“ „Ich habe ihm erzählt, wie Herr von Guiche auf dem Anſtand geweſen, wie ein Keiler aus dem Bois⸗ gen den Schützen zurückgekehrt ſei, ſein Pferd getödtet und ihn ſelbſt ſchwer verwundet habe.“ „und der König hat dies Alles geglaubt?“ „Vollkommen.“ 1 „Ah! Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, Herr von Ma⸗ nieamp, Ihr ſetzt mich ungen in Erſtaunen!“ Dann ging Madame i mmer auf und ab und warf von Zeit zu Zeit eine en Blick auf Manicamp, der unempfindlich und ohne ſich zu rühren an dem Platze blieb, den er ſich bei ſeinem Eintritt gewählt hatte.. Endlich ſtand ſie ſtille und fragte: dieſer Verwundung eine andere Urſache?“ zu fenn dieſe Frage an Eure Königliche Hoheit richten darf?“ „Ihr fragt mich das, Ihr, der innige Freund, der Vertraute von Herrn von Guiche?“ „Ahl Madame, der innige Freund, ja, der Ve traute, nein; Guiche iſt einer von den Menſchen, wel Geheimniſſe haben können, die ſogar ſicherlich habe Rochin hervorgekommen, wie Herr von Guiche auf ihn geſchoſſen, und wie endlich das Thier wüthend ge⸗ „Man gibt doch hier allgemein und einſtimmig „Und welche Urſache, wenn ich, ohne unbeſcheiden von den, lich⸗ leſem den.“ und ramp, dem wählt mmig heiden ichten 43 die es aber nicht ſagen. Guiche iſt verſchwiegen, Madame.“ „Nun denn,“ ſagte die Prinzeſſin ärgerlich, „ſo werde ich das Vergnügen haben, Euch die Ge⸗ heimniſſe mitzutheilen, welche Guiche in ſich verſchließt, denn der König könnte Euch zum zweiten Mal befra⸗ gen, und wenn Ihr ihm bei dieſem zweiten Mal das⸗ ſelbe Mährchen machtet, wie das erſte Mal, ſo dürfte er ſich nicht damit begnügen.“ „Madame, ich glaube, Cure Hoheit iſt in einem Irrthum in Beziehung auf den König begriffen. Seine Majeſtät war ſehr zufrieden mit mir, das ſchwöre ich Euch.“ „So erlaubt mir, Euch zu ſagen, Herr von Ma⸗ nicamp, daß dies Eines beweiſt, nämlich, daß Seine Majeſtät ſehr leicht zu befriedigen iſt.“ „Ich glaube, Eure Hoheit hat Unrecht, bei dieſer Meinung zu beharren. Seine Majeſtät iſt dafür be⸗ kannt, daß ſie ſich nun nit guten Gründen bezahlen läßt.“ „ und Ihr wähnt wiſſe Euch Dank für Eure dienſtfertige Lüge, wen rgen erfährt, Herr von Guiche habe für Herr ragelonne, ſeinen Freund, einen Streit gehabt, dey in ein Duell ausgeartet ſei?“ „Einen Streit für Herrn von Bragelonne?“ ver⸗ ſetzte Manicamp mit der naivſten Miene der Welt, „was beehrt mich denn da Eure Hoheit, mir zu ſagen?“ „Soll man ſich darüber wundern 2 Herr von Guiche, iſt empfindlich, reizbar, er erzürnt ſich leicht.“ „Ich halte im Gegentheil Herrn von Guiche für ſehr geduldig, Madame, und bin der Ueberzeugung, daß er nie anders, als bei den gerechteſten Motiven empfindlich und reizbar geweſen iſt.“ „Iſt die Freundſchaft kein gerechtes Motiv?“ „ Ah! gewiß, Madame, und beſonders für ein Herz wie das ſeinige.“ 2 44⁴ „Nun, Herr von Guiche iſt ein Freund von Herrn von Bragelonne, Ihr werdet das nicht leugnen.“ „Ein ſehr großer Freund.“ „Wohl, Herr von Guiche hat die Partie von Herrn von Bragelonne genommen, und da Herr von Bragelonne abweſend war und ſich nicht ſchlagen konnte, ſo hat er ſich für ihn geſchlagen.“ 4 Manicamp lächelte und machte zwei bis drei Be⸗ wegungen mit dem Kopf und mit den Schultern, welche bedeuteten: „Ei! wenn Ihr es durchaus wollt...“ „Aber ſprecht doch!“ rief die Prinzeſſin ungeduldig. „Ich 2⸗ „Allerdings; Ihr ſeid offenbar nicht meiner Mei⸗ nung, und Ihr habt etwas zu ſagen.“ „Ich habe nur Eines zu ſagen.“ „Sagt es.“ „Daß ich nicht ein Wort von dem verſtehe, was Ihr mir zu erzählen die Gnade habt.“ „Wie! Ihr verſteht nicht ein Wort von dem Streit von Herrn von Guiche mit Hefrn von Wardes?“ rief die Prinzeſſin beinahe zorniga Manicamp ſchwieg. 1 „Ein Streit, entſtanden aus einem mehr oder min⸗ der boshaften und mehr oder minder gegründeten Wort über die Tugend einer gewiſſen Dame,“ fuhr die Prin⸗ zeſſin fort.“ „Ahl einer gewiſſen Dame, das iſt etwas Anderes,“ erwiederte Manieamp. „Ihr fangt an zu begreifen, nicht wahr?“ „Eure Hoheit wird mich entſchuldigen, aber ich wage es nicht...“ „Ihr wagt es nicht,“ ſagte Madame außer ſich, „nun ſo wartet, ich werde es wagen.“ „Madamel Madame!“ rief Manicamp, als ob er erſchrocken wäre,„gebt wohl Acht auf das, was Ihr ſprechen werdet.“ rrn voon einander entfernt. Ihr erweiſt mir 45 „Ah! es ſcheint, wenn ich ein Mann wäre, wür⸗ det Ihr Euch mit mir ſchlagen, trotz der Edicte Seiner Majeſtät, wie ſich Herr von Guiche mit Herrn von Wardes geſchlagen hat, und zwar für die Tugend von Fräulein de la Vallière.“ „Von Fräulein de la Vallidère!“ rief Manicamp, der plötzlich einen Sprung machte, als hätte er nicht auf hundert Meilen erwartet, er werde dieſen Namen ausſprechen hören. „Was habt Ihr denn, daß Ihr ſo ſpringt, Herr von Manicamp?“ ſagte Madame mit Ironie;„ſolltet Ihr ſo unverſchämt ſein, an dieſer Tugend zu zweiſeln?“ „Es handelt ſich bei dem Allem nicht im Mindeſten um die Tugend von Fräulein de la Valliéère, Madame.“ „Wiel während ſich zwei Männer auf Leben und Tod geſchoſſen haben, ſagt Ihr, ſie habe nichts mit dem Allem zu thun und es ſei nicht von ihr die Rede? Ah! ich hielt Euch nicht für einen ſo guten Höfling, Herr von Manicamp.“ „Verzeiht, verzeiht, Madame, wir find ſehr weit er en die Ehre, eine Sprache mit mir zu ſprechen, und ich ſpreche eine andere, wie es ſcheint.“ 4 „Wie beliebt?“ „Verzeiht, ich glaubte zu verſtehen, Eure Hoheit wolle nur ſagen, Herr von Guiche und Herr von War⸗ des haben ſich für Fräulein de la Vallidre geſchlagen?“ „Ja, wohl.“ „Für Fraͤulein de la Vallière, nicht wahr?“ wie⸗ derholte Manicamp. „Ei! mein Gott, ich ſage nicht, Herr von Guiche bekümmere ſich perſönlich um Fräulein de la Valliére, ſh ſoge nur, er bekümmere ſich durch Procuration m ſte. „Durch Procuration?“ „Ohl ſpielt doch nicht immer den Erſchrockenen! 46 Weiß man nicht hier, daß Herr von Bragelonne mit Fräulein de la Vallière verlobt iſt, und daß er, als er in der Sendung, mit der ihn der König nach London be⸗ traut, abreiſte, ſeinen Freund, Herrn von Guiche beauf⸗ tragt hat, über dieſer intereſſanten Perſon zu wachen?“ „Ah! ich ſage nichts mehr, Eure Hoheit iſt unter⸗ richtet.“ „Durchaus nicht, das muß ich Euch bemerken.“ Manicamp lachte, eine Handlung, welche die Prin⸗ zeſſin, die, wie man weiß, nicht von einer ſehr aus⸗ dauernden Laune war, beinahe außer ſich gebracht hätte. „Madame,“ ſprach der discrete Manicamp, indem er ſich vor der Prinzeffin verbeugte,„begraben wir dieſe ganze Geſchichte, welche nie ſehr aufgeklärt ſein wird.“ „Ohl was das betrifft, da iſt nichts mehr zu thun, und die Aufklärungen ſind vollſtändig. Der König wird erfahren, daß Herr von Guiche für die kleine Aben⸗ teurerin, die ſich das Anſehen einer vornehmen Dame — gibt, Partei genommen hat; er wird erfahren, daß Herr von Guiche, von Herrn Herrn von Wardes, der ſich an dem goldenen Apfel vergreifen wollte, die erforderliche Zurechtweiſung ge⸗ geben hat. CEs iſt Euch aber nicht unbekannt, Herr von Manicamp, Euch, der Ihr alle Dinge ſo gut wißt, daß es den König nach dem herrlichen Schatz gelüſtet, und er wird Herrn von Guiche velleicht ſchlechten Dank dafür wiſſen, daß er ſich zum Vertheidiger dieſes Schatzes aufgeworfen. Seid Ihr uun hinlänglich unterrichtet, oder braucht Ihr noch ein anderes Dafürhalten, ſprecht, verlangt?“ „Nein, Madame, nein, ich will nichts mehr wiſſen.“ „Erfahret jedoch, denn Ihr müßt das wiſſen, Hert von Manicamp, erfahret, daß die Entrüſtung des Königs furchtbare Folgen haben wird. Bei Fürſten von einem von Bragelonne zu ſeinem gewöhnlichen Hüter des Gartens der Heſperiden beſtellt, +⁸+½— —₰ mit 8 er be⸗ auf⸗ 2n?“ nter⸗ * 44 Brin⸗ aus⸗ Fätte. ndem wir ſein thun, wird Aben⸗ Dame daß einem ſtellt, Apfel g ge⸗. Herr wißt, lüſtet, Dank 47 Charakter wie der des Koͤnigs iſt der Liebeszorn ein Orkan.“ „Den Ihr beſchwichtigen werdet.“ „Ich!“ rief die Prinzeſſin mit einer Geberde ſchar⸗ fer Ironie,„ich, und warum?“— „Weil Ihr die Ungerechtigkeiten nicht liebet, Ma⸗ dame.“ „Und es wäre Eurer Anſicht nach eine Ungerechtig⸗ keit, den König abzuhalten, ſeine Liebesangelegenheiten zu betreiben?“ „Ihr werdet für Herrn von Guiche vermitteln.“ „Ohl diesmal ſeid Ihr wahnwitzig,“ ſagte die Prinzeſſin mit einer Miene voll Hochmuth. „Im Gegentheil, Madame, ich bin vollkommen bei Verſtand, und ich wiederhole, Ihr werdet Herrn von Guiche beim König vertheidigen.“ „Ich!“ „Ja, Ihr.“ „Und warum dies?“ „Weil die Sache von Herrn von Guiche die Eurige iſt, Madame,“ erwiederte leiſe, aber voll Feuer Mani⸗ camp, deſſen Augen ſich entzündet hatten. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich ſage, Madame, ich wundere mich, daß Eure Hoheit nicht in dem Namen von la Vallière in Betreff der von Herrn von Guiche für den abweſenden Herrn von Bragelonne übernommenen Vertheidigung einen Vor⸗ wand errathen hat.“ „Einen Vorwand?“ „Ja.“ „Einen Vorwand wofür?“ ſtammelte die Prinzeſſin, welche die Blicke von Manicamp unterrichtet hatten. „Madame,“ erwiederte der junge Mann,„ich denke, ich habe nun genug geſagt, um Eure Hoheit dahin zu vermögen, daß ſie nicht vor dem König den armen Guiche anſchuldige, auf den alle von einer gewiſſen der 7 Eurigen ſehr entgegengeſetzten Partei ausgeſpieene Feind⸗ ſeligkeiten fallen werden.“ „Ihr wollt, wie mir ſcheint, im Gegentheil ſagen, daß alle diejenigen, welche Fräulein de la Vallidre nicht lieben, und ſogar einige von denjenigen, welche ſie lieben, dem Grafen grollen werden.“ 4 „Oh! Madame, treibt Ihr die Hartnäckigkeit ſo weit, und werdet Ihr den Worten eines ergebenen Freundes kein Gehör ſchenken? Muß ich mich der Ge⸗ fahr ausſetzen, Euch zu mißfallen, muß ich Euch gegen meinen Willen die Perſon nennen, welche die wahre Urſache des Streites war?“ „Die Perſon,“ ſagte Madame erröthend. „Muß ich Euch,“ fuhr Manicamp fort,„muß ich Euch den armen Guiche aufgebracht, wüthend, außer ſich über alle die Gerüchte zeigen, welche über dieſe Perſon im Umlauf ſind; muß ich Euch, wenn Ihr ſie hartnäckig nicht erkennt, und wenn mich der Reſpect fortwährend abhält, ſie zu nennen, an die Scenen von Monſieur mit Mylord von Buckingham, an die Inſinuationen er⸗ innern, die man ſich hinſichtlich der Verbannung des Herzogs erlaubt; muß ich ſie Euch ſchildern, die Be mühungen des Grafen, dieſer Perſon, für die er allei lebt, für die er allein athmet, zu gefallen, ſte zu beo⸗ bachten, zu beſchützen! Nun denn!l ich werde es thun, und wenn ich Euch an dies Alles erinnert habe, ſo be⸗ greift Ihr vielleicht, daß der Graf, deſſen Geduld zu Ende, ſeit langer Zeit ven Wardes geneckt, beim erſten anſtößigen Wort, das dieſer über die fragliche Perſon ausgeſprochen haben mag, Feuer gefangen und Rache geſchnaubt hat.“ Die Prinzeſſin verbarg ihr Geſicht in ihren Häͤn⸗ den und rief: 3 „Mein Herr! mein Herr! wißt Ihr wohl, wa Ihr da ſagt und wem Ihr es ſagt?“ „Dann, Madame,“ fuhr Manicamp fort, als hätt er die Ausrufungen der Prinzeſſin nicht gehört,„dand ——,————————— I b 49 werdet Ihr Euch über nichts mehr wundern, weder über den Eifer des Grafen, dieſen Streit zu ſnchen, noch über die wunderbare Geſchicklichkeit, mit der er denſelben auf ein Euren Intereſſen fremdes Terrain übertragen hat. Hiebei zeichnet ſich die Sache beſonders durch die Gewandtheit und die Kaltblütigkeit aus, womit man zu Werke gegangen, und wenn die Perſon, für die der Graf ſich geſchlagen und ſein Blut vergoſſen hat, wirk⸗ lich dem armen Verwundeten einigen Dank ſchuldig iſt, ſo iſt ſie es nicht für das Blut, das er verloren, oder für den Schmerz, den er ausgeſtanden, ſondern für ſein Benehmen in Beziehung auf eine Ehre, die ihm koſtbarer als die ſeinige.“ „Oh!“ rief Madame, als wäre ſie allein,„ohl ſollte es wirklich meinetwegen geſchehen ſein?⸗ Manicamp konnte athmen; er hatte muthig die Zeit der Ruhe errungen: er athmete. Madame blieb ihrerſeits eine Zeit lang in eine ſchmerz⸗ liche Träumerei verſunken. Man errteth ihre Aufregung am haſtigen Wogen ihres Buſens, am Schmachten ihrer Augen und daran, daß ſie häufig ihre Hand an ihr Herz preßte. Doch bei ihr war die Gefallſucht keine leere Leiden⸗ ſchaft, es war im Gegentheil ein Feuer, das Nahrung ſuchte und ſie fand. „ Somit wird Herr von Guiche zwei Perſonen zu⸗ gleich verbunden haben,“ ſagte die Prinzeſſin,„denn Herr von Bragelonne iſt dem Grafen auch einen großen Dank ſchuldig, einen um ſo größeren, als Fräulein de la Vallière überall und immer dafür angeſehen werden wird, daß ſie von dieſem edelmüthigen Ritter vertheidigt worden ſei.“ Manicamp begriff, daß ein Ueberreſt von Zweifel im Herzen der Prinzeſſin blieb, und ſein Geiſt erhitzte ſich durch den Widerſtand. 3 „Ein ſchöner Dienſt, in der That, den er Fräulein de la Vallisre geleiſtet!“ ſagte er,„ein ſchöner Dienſt, 50 den er Herrn von Bragelonne geleiſtet hat! Das Duell hat ein Aufſehen erregt, das la Vallière halb entehrt, ein Aufſehen, das ſie nothwendig mit dem Vicomte ent⸗ zweit. Daraus geht hervor, daß der Piſtolenſchuß von Herrn von Wardes drei Reſultate ſtatt eines hat: er tödtet die Ehre einer Frau, die Ehre eines Mannes und hat oielleicht zu gleicher Zeit einen der beſten Cdel⸗ leute Frankreichs auf den Tod verwundet! Ohl Ma⸗ dame, Eure Logik iſt ſehr kalt; ſie verdammt ſtets und ſpricht nie frei.“ Die letzten Worte ſchoſſen den letzten Zweifel Breſche, der nicht im Herzen, ſondern im Geiſte von Madame geblieben. Es war weder mehr eine Prinzeſſin mit ihren Bedenklichkeiten, noch eine Frau mit ihren arg⸗ wöhniſchen Rückzügen; es war ein Herz, das die ſchmerz⸗ liche Kälte einer Wunde gefühlt hatte. „Auf den Tod verwundet,“ murmelte ſie mit einer keuchenden Stimme,„ohl Herr von Manicamp, habt Ihr nicht geſagt, auf den Tod verwundet?“ Manicnmp autwortete nur mit einem tiefen Seufzer. „Ihr ſagt alſo, der Graf ſei gefährlich verwundet?“ fuhr die Prinzeſſin fort. „Ei, Madame, es iſt ihm eine Hand zerſchmettert worden und er hat eine Kugel in der Bruſt.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief die Prinzeſſin mit der Aufregung des Fiebers,„das iſt gräßlich, Herr von Manicamp, eine Hand zerſchmettert, ſagt Ihr, eine Kugel in der Bruſt, mein Gott! und es iſt dieſer Feige! es iſt dieſer Elende! es iſt dieſer Mörder Wardes, der 65 gethan hat! Der Himmel iſt offenbar nicht ge⸗ recht 7. Manicamp ſchien einer heftigen Gemütsbewegung zu unterliegen. Er hatte in der That viel Energie bei dem letzten Theil ſeiner Vertheidigungsrede entwickelt. Madame aber war nicht mehr im Stande, die Con⸗ venienzen zu berechnen; ſprach bei ihr etwas Zorn oder Sympathie, ſo hielt nichts mehr den Erguß zurück. 7 =28A&— 51 Madame naͤherte ſich Manicamp, der auf einen Stuhl geſunken war, als wäre der Schmerz eine mächtige Entſchuldigung für die Verletzung der Geſetze der Etiquette. „Mein Herr,“ ſprach ſie, indem ſie ſeine Hand er⸗ griff,„ſeid offenherzig.“ Manicamp erhob das Haupt. „Schwebt Herr von Guiche in Todesgefahr?“ „Doppelt, Madame,“ erwiederte er,„einmal wegen des Blutfluſſes, der ſich erklärt hat, da eine Arterie der Hand verletzt worden iſt, ſodann wegen der Wunde an der Bruſt, welche, der Arzt befürchtet es we⸗ nigſtens, ein weſentliches Organ verletzt haben dürfte.“ „Er kann alſo ſterben!“ „Sterben, ja, Madame, und zwar ohne den Troſt, zu wiſſen, Ihr habet ſeine aufopfernde Ergebenheit ken⸗ nen gelernt.“ „Ihr werdet es ihm ſagen.“ „Ich!“ „Ja, ſeid Ihr nicht ſein Freund?“ „Ich? ohl nein, Madame, ich werde Herrn von Guiche, wenn der Unglückliche noch im Stande iſt, mich zu hören, nur ſagen, was ich geſehen habe, nämlich Eure Grauſamkeit gegen ihn.“ „Oh! mein Herr, Ihr begeht dieſe Barbarei nicht!“ „Doch, Madame, ich werde die Wahrheit ſagen, denn die Natur iſt am Ende mächtig bei einem jungen Mann von ſeinem Alter. Die Aerzte ſind geſchickt, und wenn zufällig der arme Graf ſeine Wunde überleben würde, ſo moͤchte ich nicht, daß er der Gefahr ausge⸗ ſetzt bliebe, an der Wunde des Herzens zu ſterben, nach⸗ dem er denen des Leibes entgangen.“ 4 Nach dieſen Worten erhob ſich Manicamp und ſchien mit tiefer Ehrerbietung Abſchied nehmen zu wollen. „Mein Herr,“ ſprach Madame, indem ſte ihn mit einer beinahe flehenden Miene zurückhielt,„Ihr werdet wenigſtens die Güte haben, mir zu ſagen, in welchem ——— Zuſtand ſich der Kranke befindet, wer der Arzt iſt, der ihn behandelt.“ „Sein Zuſtand iſt ſehr ſchlimm, Madame, der Arzt, der ihn pflegt, iſt der Leibarzt Seiner Majeſtät, Herr Valot. Dieſer wird von dem Collegen unterſtützt, zu dem man Herrn von Guiche gebracht hat.“ „Wie! er iſt nicht im Schloß?“ rief Madame. „Ach! Madame, es ſtand ſo ſchlecht mit dem ar⸗ men Jungen, daß er nicht bis hierher geführt werden konnte.“. „Gebt mir die Adreſſe, mein Herr,“ ſagte lebhaft die Prinzeſſin,„ich werde mich nach ihm erkundigen laſſen.“ „Rue du Feurre, ein Haus von Backſtein mit weißen Läden. Der Name des Arztes iſt auf der Thüre angeſchrieben.“ „Ihr kehret zu dem Verwundeten zurück, Herr von Manicamp?“ 8 „Ja, Madame.“ „Dann müßt Ihr mir wohl einen Gefallen thun.“ „Ich ſtehe Eurer Hoheit zu Befehl.“ 3 „Thut, was Ihr thun wolltet, kehret zu Herrn von Guiche zurück, entfernt alle Anweſenden, wollt Euch ſelbſt entfernen.“ „Madame..“ „Verlieren wir keine Zeit in unnützen Erklärungen. Sehet hierin nichts Anderes, als was ſich darin findet, fraget nichts Anderes, als was ich Euch ſage. Ich werde eine von meinen Frauen, zwei vielleicht, der vor⸗ gerückten Stunde wegen, abſchicken; ich moͤchte nicht, daß ſie Euch ſähen, oder offenherziger geſprochen, ich möchte nicht, daß Ihr ſie ſähet: das ſind Bedenklichkeiten, die Ihr begreifen müßt, Ihr beſonders, Herr von Manicamp, der Ihr Alles errathet.“ „Oh!l Madame, vollkommen, ich kann ſogar etwas Beſſeres thun; ich werde vor Euren Bötinſen herge⸗ hen; das wird zugleich ein Mittel ſein, ihnen ſicher den Weg zu bezeichnen und ſie zu beſchützen, ſollten ſie hin den zufällig und gegen alle Wahrſcheinlichkeit eines Schutzes bedürfen.“ „Und dann werden ſie durch dieſes Mittel haupt⸗ ſächlich ohne alle Schwierigkeit hineinkommen, nicht wahr?“ „Gewiß, Madame, denn vorangehend werde ich dieſe Schwierigkeiten beſeitigen, wollte der Zufall, daß ſie beſtünden.“ „Nun, ſo geht, geht, Herr von Manicamp, und wartet unten an der Treppe.“ „Ich gehe, Madame.“ „Wartet.“ 5 Manicamp blieb ſtehen. „Höret Ihr den Tritt von Frauen die Treppe hinab, ſo geht hinaus und folgt, ohne Euch umzuwen⸗ den, dem Weg, der zu dem armen Grafen führt.“ „Wenn aber zufällig zwei andere Perſonen herab⸗ gingen und ich täuſchte mich?“ „Man wird dreimal leiſe in die Hände klatſchen.“ „Wohl, Madame.“ 3 „Geht, geht.“ Manicamp wandte ſich um, verbeugte ſich zum letz⸗ ten Mal und ging, Freude im Herzen, hinaus. Er wußte wohl, daß die Gegenwart von Madame der beſte Bal⸗ ſam war, der ſich bei den Wunden des Kranken anwen⸗ den ließ. Es war keine Viertelſtunde abgelaufen, als das Ge⸗ räuſch einer Thüre, die man öffnete und vorſichtig wie⸗ der ſchloß, an ſein Ohr drang; dann hörte er die leichten, am Geländer hinabgleitenden Tritte, dann das dreima⸗ lige Klatſchen mit den Händen, das heißt das verabredete Zeichen. 5 Er ging ſogleich hinaus und wanderte, ſeinem Worte getreu ohne den Kopf umzudrehen, durch die Sraßen von Fontainebleau nach der Wohnung des rztes. 3 54 VII. Herr Malicorne, Archivar des Königreichs Frankreich. Zwei Frauen, in ihre Mäntel gehüllt und das Geſicht bedeckt mit einer Halbmaske von ſchwarzem Sam⸗ met, folgten ſchüchtern den Schritten von Manicamp. Im erſten Stock, hinter den rothen Damaſtvorhän⸗ gen, glänzte der ſanfte Schimmer einer Lampe, welche auf einem Tiſche ſtand. Am andern Ende deſſelben Zimmers, in einem Bette mit gedrehten Säulen, geſchloſſen mit Vorhängen denen ähnlich, welche das Feuer der Lampe dämpften, ruhte Guiche, den Kopf erhöht durch ein doppeltes Kiſ⸗ ſen, die Augen in einen dichten Nebel getaucht; lange, ſchwarze, gelockte, auf dem Bett umher zerſtreute Haare ſchmückten in ihrer Unordnung die trockenen, bleichen Schläfe des jungen Mannes. Man fühlte, daß das Fieber der Hauptgaſt dieſes Zimmers war. 3 Guiche traͤumte. Sein Geiſt verfolgte durch die Finſterniß einen von jenen Träumen des Deliriums, wie ſie Gott auf dem Wege des Todes denjenigen ſchickt, welche in das fremde Weltall der Ewigkeit fallen ſollen. Zwei bis drei Flecken noch flüßigen Blutes waren auf dem Boden ſichtbar. 3 Manicamp ſtieg haſtig die Stufen hinauf, hielt erſt auf der Schwelle an, öffnete ſachte die Thüre, ſtreckte den Kopf in das Zimmer, näherte ſich, als er ſah, daß Alles ruhig war, dem großen ledernen Lehn⸗ ſtuhl, einem Muſtermeuble aus der Zeit der Regierung von Heinrich IV., in dem die Krankenwärterin natür⸗ 3 55 lich eingeſchlafen war, weckte ſte und bat ſie, in die an ſtoßende Stube zu gehen. Hierauf blieb er eine Zeit lang vor dem Beite ſte⸗ „ hen und fragte ſich, ob er Guiche aufwecken ſollte, um ihm die gute Kunde mitzutheilen. chs Als er ſodann hinter dem Thürvorhang das Rau⸗ ) ſchen der ſeidenen Kleider und den keuchenden Athem ſei⸗ ner Reiſegefährtinnen zu hören anfing, als er ſchon dieſen ungeduldigen Vorhang ſich erheben ſah, ver⸗ das ſchwand er längs dem Bett und folgte der Krankenwär⸗ am⸗ terin in die anſtoßende Stube. 3 In demſelben Augenblick, wo er verſchwand, wurde an⸗ die Draperie vollends aufgehoben, und die beiden Frauen älche traten in das Zimmer ein, das er gerade verlaſſen hatte. 3„Ddiejenige, welche zuerſt eingetreten war, machte nem ihrer Gefährtin eine gebieteriſche Geberde, die ſie an igen einen Schäͤmel bei der Thüre feſſelte. flen, Dann ging ſie entſchloſſen auf das Bett zu, ließ Kiſ⸗ die Vorhänge auf der eiſernen Stange gleiten und warf nge die flatternden Falten hinter das Kopfkiſſen zurück. acde Sie ſah nun das bleiche Antlitz des Grafen: ſie ſchen ſah ſeine rechte Hand umhüllt mit einer Leinwand von blendender Weiſe auf der geſteppten Bettdecke mit dunk⸗ eeſes lem Laubwerk, mit welchen dieſes Schmerzenslager 1 überdeckt war, ſich hervorheben. z die Sie erbleichte, als ſie einen Blutstropfen erſchaute, ums, der ſich auf der Leinwand ausbreitete. hickt, Die weiße Bruſt des jungen Mannes war entblößt, ellen. als hätte ihn die Kühle der Nacht beim Athmen unter⸗ waten ſtützen müſſen. Ein kleiner Streifen hielt den Verband der Wunde feſt, die ein bläulicher Kreis ausgetre⸗ hielt tenen Blutes umzog. hüre, Ein tieſer Seufzer entſtrömte dem Munde der jun⸗ ts er gen Frau. Sie lehnte ſich an die Bettſäule an und ehn⸗ betrachtete durch die Löcher ihrer Maske dieſes ſchmerz⸗ rrung liche Schauſpiel. atüt Nauher, ſcharfer Athem drang wie das Röcheln des Todes durch die geſchloſſenen Zähne des Grafen hervor. wundeten. Dieſe Hand brannte wie eine glühende Kohle. Doch in dem Augenblick, wo ſich die eiſige Hand der Dame darauf legte, war die Wirkung dieſer Kälte ſo groß, daß Guiche die Augen öffnete und ſcharf ſchauend in das Leben zurückzukehren ſuchte. Das Erſte, was er erblickte, war das Geſpenſt, das ſich bei der Säule ſeines Bettes erhob. Bei dieſem Anblick erweiterten ſich ſeine Augen, doch ohne daß der Verſtand darin ſeinen reinen Funken entzündete. Da machte die Dame ihrer Gefährtin, welche bei der Thüre geblieben war, ein Zeichen; ohne Zweifel hatte dieſe ihre Lection gelernt, denn mit klarer Beto⸗ nung und ohne irgend ein Zögern ſprack ſie die Worte: „Herr Graf, Ihre Königliche Hoheit Madame wollte wiſſen, wie Ihr die Schmerzen Eurer Wunde ertrüget, und Euch zugleich durch meinen Mund bezeigen, wie ſehr ſie es bedaure, Euch leiden ſehen zu müſſen.“ Bei dem Worte: Madame, machte Guiche eine Bewegung; er hatte die Perſon noch nicht bemerkt, der dieſe Stimme gehörte. 3 Er wandte ſich natürlich gegen den Punkt, von dem dieſe Stimme kam. Da ihn aber die eiſige Hand nicht verlaſſen hatte, ſo ſchaute er wieder das unbewegliche Geſpenſt an. „Sprecht Ihr zu mir, Madame,“ ſagte er mit geſchwächter Stimme,„oder iſt noch eine andere Per⸗ ſon bei Euch im Zimmer?“ „Ja,“ antwortete, den Kopf ſenkend, mit beinahe unverſtändlicher Stimme das Geſpenſt. „Wohl,“ verſetzte der Verwundete mit großer An⸗ ſtrengung,„meinen Dank. Sagt Madame, ich beklage Die verlarvte Dame nahm die linke Hand des Ver⸗ — — — 57 es nicht mehr, ſterben zu müſſen, da ſie ſich meiner erinnere.“ Bei dem Worte: ſterben, von einem Sterhenden ausgeſprochen, konnte ſich die verlarvte Dame der Thrä⸗ nen nicht mehr erwehren, die unter ihrer Maske herab⸗ liefen und auf ihren Wangen an der Stelle erſchienen, wo die Maske ſie zu bedecken aufhörte. Wäre Guiche Herr ſeiner Sinne geweſen, ſo hätte er ſie in glänzenden Perlen rollen und auf ſein Bett herabfallen ſehen. Die Dame, welche vergaß, daß ſie eine Larve hatte, fuhr mit der Hand an ihre Augen, um ſie zu trocknen, und riß, als ſie unter der Hand den kalten Sammet fand, zornig die Maske ab und warf ſie auf den Boden. Bei dieſer unerwarteten Erſcheinung, die für ihn aus einer Wolke hervorzukommen ſchien, gab Guiche einen Schrei von ſich und ſtreckte die Arme aus. Doch jedes Wort erſtarb auf ſeinen Lippen, wie jede Kraft in ſeinen Adern. Seine rechte Hand, die dem Impuls des Willens gefolgt war, ohne den Grad der Mächtigkeit zu berech⸗ nen, ſeine rechte Hand ſiel auf das Bett zurück, und alsbald wurde die ſo weiße Leinwand von einem brei⸗ teren Flecken geröthet. Und während dieſer Zeit bedeckten ſich die Augen des jungen Mannes und ſchloßen ſich, als hätte er ſo eben mit dem unbeſiegbaren Engel des Todes in den Kampf zu treten angefangen. Dann nach einigen unwillkührlichen Zuckungen lag der Kopf wieder unbeweglich auf dem Kiſſen. Er war nur von bleich bleifarbig geworden. Die Dame bekam bange; doch diesmal wurde ge⸗ gen die Gewohnheit die Angſt anziehend. Sie neigte ſich zu dem jungen Mann herab, ver⸗ zehrte mit ihrem Hauch dieſes kalte, entfärbte Antlitz, das ſie beinahe berührte, drückte dann einen raſchen Die drei Musketiere. Bragelonne. VI. 5 Kuß auf die linke Hand von Guiche, der, wie von einem elektriſchen Schlag geſchüttelt, auf eine Sekunde er⸗ wachte, die Augen weit, aber ohne Geiſt, aufriß und dann wieder in eine tiefe Ohnmacht zurückfiel. „Fort,“ ſagte ſie zu ihrer Gefährtin,„wir koͤnnen nicht länger hier verweilen, ich würde eine Thorheit be⸗ ehen.“ 4„Madamel Madame! Eure Hoheit vergißt ihre Larve,“ verſetzte die wachſame Gefährtin. „Hebet ſie auf,“ erwiederte ihre Gebieterin und ſchlüpfte ganz verwirrt die Treppe hinab. Und da die Hausthüre offen geblieben war, ſo eilten die zwei leichten Vögel durch dieſe Oeffnung hinaus und erreichten raſchen Laufes den Palaſt. 5 Die eine von den beiden Damen ſtieg bis in die Gemächer von Madame hinauf, wo ſie verſchwand. Die andere ging in die Wohnung der Chrenfräu⸗ lein, das heißt in das Entreſol. In ihrem Zimmer angelangt, ſetzte ſie ſich an einen Tiſch und ſchrieb, ohne daß ſie ſich Zeit ließ, zu ath⸗ men, folgendes Billet: „Dieſen Abend hat Madame Herrn von Guiche beſucht. „Alles geht gut auf dieſer Seite. „Arbeitet Eurerſeits und verbrennt beſonders dieſes Papier.“ Dann legte ſie den Brief in einer langen Form zu⸗ ſammen, verließ vorſichtig ihr Zimmer und durchſchritt einen Corridor, der zur Wohnung der Cdelleute von Monſtieur führte. 3 Hier blieb ſie vor einer Thüre ſtehen, unter der ſie, nachdem ſie zweimal geklopft hatte, das Papier durchſteckte, wonach ſie entfloh. Sobald ſie wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war, machte ſie jede Spur ihres Ausgangs und des Billet⸗ ſchreibens verſchwinden. Mitten unter den Forſchungen, die ſte in dem von⸗ —— — ———h 212— — D— „ 59 em uns genannten Zweck anſtellte, erblickte ſie auf dem Tiſch er⸗ die Maske von Madame, die ſie mitgenommen, aber Ma⸗ und dame zuzuſtellen vergeſſen hatte. „„Hol hol vergeſſen wir nicht, morgen zu thun, was nen wir heute zu thun vergeſſen haben.“ be⸗ 3 Und ſie nahm die Maske an ihren Sammetwange und ſchaute, da ſie ihren Daumen feucht werden fühlte, ihre dieſen Daumen an. Er war nicht nur feucht, ſondern geröthet. und Die Maske war auf einen von der von uns er⸗ 1 wähnten Blutflecken auf dem Boden gefallen, und von dem lten ſchwarzen Aeußeren, das zufällig mit ihm in Berührung aus 3 gekommen, war das Blut in das Innere übergegangen und hatte den weißen Batiſt gefärbt. die„Hol ho!“ ſagte Montalais, denn unſere Leſer haben ſie ohne Zweifel ſchon an allen Manoeuvres erkannt, äu⸗ die wir beſchrieben,„ho! hol ich werde ihr dieſe Maske nicht zurückgeben, ſie iſt nun zu koſtbar.“ inen* Und ſie ſtand auf und lief an ein Kiſtchen von ath⸗ Ahorn, das mehrere Toilette⸗ und Parfumerie⸗Gegen⸗ ſtände enthielt. iiche„Nein,“ ſagte ſie,„nicht hier, ein ſolches Depot gehört nicht zu denjenigen, welche man dem Ungefähr überläßt.“. 4 eſes Nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fügte ſie mit einem Lächeln, das nur ihr eigenthümlich, bei: zu⸗„Schöne Larve, mit dem Blute dieſes braven Rit⸗ hritt ters befleckt, du ſollſt im Magazin der Wunder mit den von Briefen von la Vallidre, mit denen von Raoul, mit der ganzen verliebten Sammlung endlich vereinigt werden, der welche dereinſt die Geſchichte von Frankreich und die pier„ Geſchichte des Königthums bilden wird. 4 „Du wirſt zu Herrn Malicorne gehen,“ fuhr die Tolle war, lachend fort, während ſie ſich zu entkleiden anfing,„zu illet⸗ dem würdigen Herrn Malicorne,“ ſprach ſie, ihr Licht 1 auslöͤſchend,„der nur Aufſeher der Zimmer von Mon⸗ von⸗ ſfieur zu ſein glaubt, und den ich zum Archivar und Häuſer Frankreichs mache. 4 „Er beklage ſich nur noch, dieſer wunderliche Ma⸗ licorne!“ Und ſie zog die Vorhänge zu und entſchlief. VIII. Die RKeiſe. Am andern Morgen, an dem für die Abreiſe be⸗ ſtimmten Tag, kam der König auf den Schlag eilf Uhr mit den Königinnen und Madame die große Treppe herab, um in den mit ſechs ungeduldigen Roſſen be⸗ ſpannten Wagen zu ſteigen. Der ganze Hof wartete in Reiſekleidern im Hufei⸗ ſen, und ſie bot ein glänzendes Schauſpiel, dieſe Menge von geſattelten Pferden, von beſpannten Carroſſen, von Männern und Frauen, umgeben von ihren Officianten, Bedienten und Pagen. Der König ſtieg mit den beiden Königinnen in den Wagen. Madame that daſſelbe mit Monſieur. Die Ehrenfräulein ahmten dieſes Beiſpiel nach und nahmen zu zwei und zwei in den für ſie beſtimmen Wagen Platz. Der Wagen des Koͤnigs fuhr an der Spitze, hier⸗ auf kam der von Madame, dann folgten die anderen nach der Etiquette. Das Wetter war warm; ein leichter Luftzug, den man am Morgen für ſtark genug halten konnte, um —— Hiſtoriographen des Hauſes Bourbon und der beſten — —— ——=—— en * N be⸗ ihr ppe be⸗ fei⸗ ige von en, den und nen ier⸗ ren den um 61 die Atmoſphäre zu erfriſchen, war bald von der unter den Wolken verborgenen Sonne durchglüht und drang nur noch durch den heißen, vom Boden ſich erhebenden Dampf als ein brennender Wind, der einen feinen Staub auffegte und die Reiſenden, die es an Ort und Stelle zu kommen drängte, ins Geſicht ſchlug. 1 Madane war die Erſte, die ſich über die Hitze be⸗ agte. Monſieur antwortete ihr dadurch, daß er ſich in den Wagen zurückwarf wie ein Menſch, der ohnmächtig werden ſoll, und begoß ſich mit Salzen und Riechwaſ⸗ ſern, während er tiefe Seufzer ausſtieß. Da ſagte Madame mit ihrer liebenswürdigſten Miene zu ihm: „In der That, mein Herr, ich glaubte, Ihr waͤret artig genug, mir bei dieſer Hitze meinen Wagen allein zu überlaſſen und den Weg zu Pferde zurückzulegen.“ „Zu Pferde!“ rief der Prinz mit einem Ausdruck des Schreckens, aus dem zu erſehen, wie er entfernt nicht dieſem Anſinnen beizuſtimmen gedachte;„zu Pferde! Das fällt Euch nicht ein, Madame, meine ganze Haut würde bei der Berührung dieſes Feuerwindes in Stücke gehen.“ Lachend erwiederte Madame: „Ihr könnt meinen Sonnenſchirm nehmen.“ „Welche Mühe würde es mir machen, ihn zu hal⸗ ten!“ ſagte Monſieur mit der größten Kaltblütigkeit. „Ueberdies habe ich kein Pferd.“ „Wie! kein Pferd?“ entgegnete die Prinzeſſin, welche, wenn ſie nicht das Alleinſein gewann, doch we⸗ nigſtens im Eigenſinn ſiegte;„kein Pferd! Ihr irrt Euch, denn ich ſehe dort Euren Lieblingsbraunen.“ „Meinen Braunen!“ rief der Prinz, indem er gegen den Kutſchenſchlag eine Bewegung auszuführen ſuchte, die ihm aber ſo beſchwerlich wurde, daß er ſie nur zur Häͤlfte ausführte und eiligſt wieder ſeine Unbeweglich⸗ keit annahm, „Ja,“ ſagte Madame,„Euer Pferd von Herrn von Malicorne an der Hand geführt.“ 4 „Armes Thier! verſetzte der Prinz,„wie warm muß es haben!“ Bei dieſen Worten ſchloß er die Augen einem Ver⸗ ſcheidenden ähnlich. Madame ſtreckte ſich ihrerſeits träge in der andern Ecke der Kutſche aus und ſchloß auch die Augen, nicht um zu ſchlafen, ſondern um ganz nach ihrem Wohlge⸗ gefallen zu träumen.. Der König, der auf dem Vorderſitz des Wagens ſaß, deſſen Rückſitz er den zwei Königinnen eingeräumt hatte, wurde von jenem lebhaften Verdruß unruhiger Liebender ergriffen, welche beſtändig, ohne je dieſen glühenden Durſt zu ſtillen, nach dem Anblick des ge⸗ liebten Gegenſtandes verlangen und ſich dann halb zu⸗ frieden entfernen, ohne zu bemerken, daß ſie einen noch viel glühenderen Durſt angehäuft haben. Aber der König, der, wie geſagt, an der Spitze fuhr, konnte von ſeinem Platze aus die Wagen der Da⸗ men und Chrenfräulein, die zuletzt kamen, nicht er⸗ ſchauen. 4 Dabei mußte er alle Frageſtellungen der jungen Königin beantworten, welche, ganz glücklich, ihren theuren Gatten zu beſitzen, wie ſie, die königliche Etiquette vergeſſend, ſagte, ihn mit ihrer ganzen Liebe umſchloß und mit allen ihren Aufmerkſamkeiten gleich⸗ ſam knebelte, aus Furcht, man könnte ihr ihn nehmen, oder es könnte ihm die Luſt kommen, ſie zu verlaſſen. Anna von Oeſterreich, welche nichts beſchäftigte, als die Stiche, die ſie von Zeit zu Zeit im Buſen fühlte, behauptete eine heitere Miene und verlängerte, obgleich ſte die Ungeduld errieth, boshafter Weiſe ſeine Folter dadurch, daß ſie das Geſpräch unerwartet immer in dem Augenblick wieder aufnahm, wo der König, in ſein In⸗ neres zurückgefallen, hier ſeiner geheimen Liebe nachzu⸗ hängen anfing.. rn ht e⸗ ns nt er en e⸗ u⸗ ch tze a⸗ er⸗ gen ren che ebe —,—— 63 Dies Alles, kleine Bemühungen und Aufmerkſam⸗ keiten von Seiten der Königin, Hartnäckigkeit von Anna von Oeſterreich, erſchien am Ende dem König ſo uner⸗ träglich, daß er den Bewegungen ſeines Herzens nicht mehr zu gebieten wußte. Er beklagte ſich zuerſt über die Hitze, und dies war eine gute Einleitung zu anderen Klagen. Doch es geſchah mit Geſchicklichkeit, damit Maria Thereſia ſeine Abſicht nicht errathe. Sie nahm das, was der König ſagte, buchſtäblich und fächelte den König mit ihren Straußenfedern. Als aber die Hitze vorüber war, beklagte ſich der Köͤnig über Krämpfe und Ungeduld in den Beinen, und da der Wagen eben anhielt, um die Pferde zu wechſeln, fragte die Königin: „Wollt Ihr, daß ich mit Euch ausſteige? ich habe auch unruhige Beine. Wir machen einige Schritte zu Fuß, dann holen uns die Wagen ein und wir nehmen wieder unſere Plätze.“ Der König faltete die Stirne; es iſt eine harte Prüfung, der ihren Ungetreuen die eiferſüchtige Frau unterwirft, welche, obgleich von der Eiferſucht verfolgt, Macht genug über ſich hat, um keinen Vorwand zum 3 Zorn zu geben. Nichtsdeſtoweniger konnte es der König nicht aus⸗ ſchlagen: er willigte alſo ein, ſtieg aus, gab der Königin den Arm und machte mit ihr mehrere Schritte, indeß man die Pferde wechſelte.— Während er ging, warf er einen neidiſchen Blick auf die Höflinge, die das Glück hatten, die Reiſe zu Pferde zu machen.— Die Königin bemerkte bald, daß der Spaziergang dem Köͤnig eben ſo wenig gefiel, als die Reiſe im Wagen. 3 Der König führte ſie bis zum Fußtritt, ſtieg aber nicht wieder mit ihr ein. Er machte drei Schritte rück⸗ ————— 64 wärts und ſuchte in der Reihe der Wagen den zu er⸗ kennen, welcher ihn ſo lebhaft intereſſirte. Am Schlag des ſechsten erſchien das weiße Geſicht von la Vallière. Als der König, unbeweglich an ſeinem Platze, ſich in Träumereien verlor, ohne zu ſehen, daß Alles bereit war und daß man nur noch auf ihn wartete, hörte er drei Schritte vor ſich eine Stimme, welche ehrfurchts⸗ voll eine Frage an ihn richtete. Es war Herr von Malicorne, ganz im Coſtume eines Stallmeiſters, unter ſeinem linken Arm den Zaum von zwei Pferden haltend. „Verlangt Eure Majeſtät ein Pferd 2“ ſagte er. „Ein Pferd? hättet Ihr eines von meinen Pfer⸗ den 2“ fragte der König, der Malicorne, mit deſſen Ge⸗ ſicht er noch nicht bekannt war, zu erkennen ſuchte. „Sire,“ erwiederte Malicorne,„ich habe wenigſtens ein Pferd, das Eurer Majeſtät zu Gebot ſteht.“ Bei dieſen Worten deutete Malicorne auf den Brau⸗ nen von Monſieur, auf den Madame aufmerkſam ge⸗ macht hatte. 3 Das Thier war herrlich und königlich geſchirrt. „Das iſt aber keines von meinen Pferden!“ ſagte der König. „Es iſt ein Pferd aus den Ställen Seiner Köonig⸗ lichen Hoheit. Doch S. K. H. reitet nicht, wenn es ſo warm iſt.“. Der König antwortete nicht, näherte ſich aber raſch dem Pferde, das die Erde mit dem Fuß aus⸗ ſcharrte. Malicorne machte eine Bewegung, um ihm den Steigbügel zu halten: er war ſchon im Sattel. Durch dieſen glücklichen Zufall wieder heiter ge⸗ worden, ritt der König ganz lächelnd an den Wagen der Königinnen, die auf ihn warteten, und ſagte trotz der erſchrockenen Miene von Maria Thereſia: „Ah! meiner Treue, ich habe dieſes Pferd gefun⸗ 4. 4 den, und benütze es. Auf Wiederſehen, meine Damen!“ 6 —,—— 8 65 Hierauf verbeugte er ſich anmuthig auf den gerun⸗ deten Hals ſeines Pferdes und verſchwand in einer Sekunde. Anna von Oeſterreich neigte ſich heraus, um ihm mit den Augen zu folgen. Er ritt nicht ſehr weit, denn als er zum ſechsten Wagen gelangte, hielt er ſein Pferd an und nahm ſeinen Hut ab. Er grüßte la Vallière, die bei ſeinem Anblick einen kleinen Schrei des Erſtaunens ausſtieß, während ſie zugleich vor Freude erröthete. Montalais, die die andere Ecke des Wagens ein⸗ nahm, verneigte ſich tief vor dem König. Dann gab ſie ſich, als eine Frau von Geiſt, den Anſchein, als wäre ſie ſehr mit der Landſchaft beſchäf⸗ tigt und zog ſich in die Ecke links zurück. Das Geſpräch von Ludwig XIV. und la Vallière fing wie alle Geſpräche von Liebenden mit beredten 4 licken und einigen des Sinnes entbehrenden Worten an. Der König erklärte, wie er in ſeinem Wagen ſo warm gehabt habe, daß ihm ein Pferd als eine Wohl⸗ that erſchienen ſei. „Und,“ fügte er bei,„der Wohlthäter iſt ein ganz verſtändiger Mann, denn er hat mich errathen. Nun bleibt mir ein Wunſch, der, zu wiſſen, wer der Cavalier iſt, der ſeinem König ſo geſchickt gedient und ihn ſeinem grauſamen Verdruß entzogen hat.“ Bei dieſem Geſpräch, von dem ſie ſchon bei den erſten Worten erweckt worden war, hatte ſich Monta⸗ lais genähert und es ſo eingerichtet, daß ihr der Blick des Königs bei den letzten Worten ſeines Satzes be⸗ gegnete. So kam es, daß ſie, da der König fragend eben ſo ſehr ſie, als la Valliére anſchaute, glauben durfte, die Frage ſei an ſie gerichtet, und ſie konnte folglich antworten. 5 Sie antwortete auch: „Sire, das Pferd, das Euer Majeſtät reitet, iſt —————õ eines von den Pferden von Monſieur, das ein Cavalier Seiner Königlichen Hoheit an der Hand führte.“ 1 „Und wie heißt dieſer Cavalier, wenn's beliebt, d mein Fräulein?“ „Herr von Malicorne, Sire.“ 1 6 Der Name brachte ſeine gewöhnliche Wirkung h hervor. b 3 „Malicorne,“ wiederholte der König lächelnd. Und ſie bezeichnete in der That unſern Malicorne, der mit einer glückſeligen Miene am Wagen links ga⸗ loppirte und wohl wußte, daß in dieſem Augenblick de von ihm die Rede war, aber ſich nicht mehr auf n)eem Sattel rührte, als ein Taubſtummer. * „Ja, es iſt dieſer Reiter,“ ſagte der König,„ich w erinnere mich des Geſichtes und werde mich des Na⸗ mens erinnern.“ ſch Und er ſchaute la Vallidre zärtlich an. au Aure hatte nichts mehr zu thun; ſie hatte den Namen von Malicorne fallen laſſe; der Boden war ve gut; man brauchte nur noch den Namen zu treiben Sö und das Ereigniß ſeine Früchte tragen zu laſſen. K eir Dem zu Folge warf ſie ſich in ihre Ecke zurück, mit dem Recht, Herrn von Malicorne ſo viel angenehme Zeichen zu machen, als ſie wollte; da Herr von Ma⸗ licorne das Glück gehabt hatte, dem König zu ge⸗ fallen. 1 Montalais ließ es, wie man wohl begreift, nicht daran fehlen. Und Malicorne ſackte mit ſeinem feinen Ohr und mit ſeinem duckmäuſeriſchen Auge die Worte ein; „Alles geht gut.“. Das Ganze begleitet von einer Pantomime, die den Anſchein eines Kuſſes hatte. „Ah! mein Fräulein,“ ſagte endlich der Konig zu la Vallière,„die Freiheit des Landlebens wird nun aufhören. Euer Dienſt bei Madame wird ſtrenger ſein, und wir werden uns nicht mehr ſehen.“ Louiſe erwiederte: 67 r„Eure Majeſtät liebt Madame zu ſehr, um nicht häufig zu ihr zu kommen, und wenn Eure Majeſtät t. 8 durch das Zimmer geht... „Ah!“ entgegnete der Koͤnig, mit einer zaͤrtlichen Stimme, die er ſtufenweiſe dämpfte,„ſich erblicken g heißt nicht ſich ſehen, und dennoch ſcheint es, dies ſei genug für Euch.“ . Louiſe antwortete nichts, ein Seufzer ſchwoll ihr „ Herz an, aber ſie unterdrückte dieſen Seufzer. ⸗„Ihr habt eine große Macht über Euch,“ ſagte f der König. n La Vallidre lächelte ſchwermüthig. „Wendet dieſe Stärke zum Lieben an, und ich werde Gott danken, daß er ſie Euch verliehen hat.“ 3 ⸗ La Vallièére beobachtete daſſelbe Stillſchweigen, 8 lhürs aber ein mit Liebe beladenes Auge zum König auf. 4 n 4 Dann, als wäre er durch dieſen glühenden Blick r verzehrt worden, fuhr Ludwig mit der Hand über ſeine n EStirne, preßte ſein Pferd mit den Knieen und ließ es ein paar Schritte vorwärts machen. 4 k, Rückwärts gelehnt, das Auge halb geſchloſſen, be⸗ e deckte ſie mit ihrem Blick den ſchönen Reiter, deſſen ⸗ Federn im Winde wogten; ſie liebte ſeine anmuthig ⸗ gerundeten Arme, ſein feines, nerviges, an die Flan⸗ ken des Pferdes angeſchloſſenes Bein, dieſen gerunde⸗ ;t ten Schnitt des Proſils, das ſchöne gelockte Haare her⸗ n vorhoben, die zuweilen zurückflogen, um ein roſiges, reizendes Ohr zu entblößen. Kurz, es liebte, das arme Kind, und berauſchte le 1 ſich in ſeiner Liebe. 4. Nach einem Augenblick kam der König zu ihr zu⸗ rück und ſagte:* „Ohl Ihr ſeht alſo nicht, daß mir Cuer Still⸗ ſchweige das Herz durchbohrt; oh! mein Fräulein, wie unbarmherzig müßt Ihr ſein, wenn Ihr zu einemn— Bruch entſchloſſen... alsdann halte ich Euch für 68 veränderlich.. und, und.. ich fürchte die tiefe Liebe, die mich für Euch erfaßt.“ „Oh! Sire, Ihr täuſcht Euch,“ erwiederte la Vallière,„wenn ich lieben werde, ſo wird es für mein ganzes Leben ſein.“ „Wenn Ihr lieben werdet!“ rief der König mit ſchmerzlichem Tone:„wie, Ihr liebet alſo nicht?“ Sie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Seht Ihr, ſeht Ihr, ich habe Recht, Euch an⸗ zuklagen,“ ſagte der König;„ſeht Ihr, daß Ihr ver⸗ änderlich, launenhaft, coquette vielleicht ſeid! Oh! mein Gott! mein Gott!“ „Oh! nein,“ entgegnete ſie,„beruhigt Euch, 4 Sire, nein! nein! nein!“ „So verſprecht mir alſo, daß Ihr ſtets dieſelbe für mich ſein werdet!“ „Oh!l ſtets, Sire.“ „Daß Ihr keine von den Härten haben werdet, die das Herz brechen, keine von den plötzlichen Ver⸗ änderungen, die mir den Tod geben würden.“ „Nein, oh! nein.“ „Nun wohl! ſo höret; ich liebe die Verſprechun⸗ gen, ich liebe es, unter die Garantie des Eides, das heißt, unter den Schutz Gottes Alles zu ſtellen, was mein Herz und mein Liebe intereſſirt. Verſprecht mir, oder vielmehr ſchwöret mir, daß wenn in dieſem Leben das wir zu beginnen im Begriff ſind, einem Leben voller Opfer, Geheimniſſe, Schmerzen, einem Leben voll widriger Zufälle und Mißverſtändniſſe ſchwöret, daß wenn wir uns getäuſcht, wenn wir uns falſch ver⸗ ſtanden, wenn wir uns ein Unrecht angethan haben, und das iſt ein Verbrechen in der Liebe, Louiſe!..“ 3 Sie bebte bis in die Tiefe ihrer Seele; es war das erſte Mal, daß ſie ihren Namen ſo von ihrem kö⸗ niglichen Geliebten ausgeſprochen hörte. Ludwig aber zog den Handſchuh ab, ſtreckte die Hand bis in den Wagen aus und fuhr fort: —— —- „Schwöret, daß wir bei alle keiten nie, wenn einmal das ein fern, nie die Nacht über einem laſſen, ohne daß ein Beſuch oder wenigſtens eine Bot⸗ ſchaft des Einen von uns dem Andern Troſt und Ruhe bringt.“ La Vallière nahm in ihre beiden kalten Hände die glü⸗ hende Hand ihres Geliebten und drückte ſie ſanft, bis eine Bewegung des über die Umdrehung und die Nähe des Rades erſchrockenen Pferdes ſie dieſem Glück entriß. Sie hatte geſchworen.. „Kehret zurück, Sire,“ ſagte ſte,„kehret zu den Königinnen zurück, ich fühle dort einen Sturm, einen Sturm, der mein Herz bedroht.“ Ludwig gehorchte, grüßte Montalais und galoppirte weg, um den Wagen der Königinnen wiedereinzuholen. Im Vorrüberreiten ſah er den Wagen von Mon⸗ ſteur, welcher ſchlief. Madame ſchlief nicht. Sie ſagte zum König, als er an ihr vorbeikam: „Welch ein ſchönes Pferd, Sire! Iſt es nicht ein Pferd von Monſieur?“ 3 ie Königin aber ſprach nur die Worte: „Iſt Euch beſſer, theurer Sire? n unſern Streitig⸗ ee von dem andern Zwiſt vorübergehen Trinmfeminat. Sobald der König in Paris war, begab er ſich ¼ in den Rath und arbeitete einen Theil des Tags. Die junge Königin blieb in ihren Gemächern mit der Kö⸗ nigin Mutter und zerfloß in Thränen, nachdem ſie vom König Abſchied genommen. 3 „Ahl meine Mutter,“ ſagte ſie,„der König liebt mich nicht mehr. Mein Gott! was ſoll aus mir werden!”“ „Ein Gatte liebt ſtets eine Frau, wie Ihr ſeid,“ erwiederte Anna von Oeſterreich.. 4 „Der Augenblick kann kommen, meine Mutter, wo er eine andere lieben wird.“ „Was nennt Ihr lieben?“ 1 „Ohl immer an Jemand denken, immer dieſe Perſon aufſuchen.“ 3 „Habt Ihr bemerkt, daß der König dergleiche Dinge thut?“ fragte Anna von Oeſterreich.. „Nein, Madame,“ erwiederte zögernd die junge Königin.. „Ihr ſeht wohl, Maria.“ „Und dennoch müßt Ihr geſtehen, meine Mutter, daß der König mich vernachläßigt.“ „Der König, meine Tochter, gehört ſeinem gan⸗ zen Reich.“ „Und gerade darum gehört er mir nicht. Darum werde ich mich, wie dies bei ſo vielen Königinnen der Fall geweſen iſt, verlaſſen, vergeſſen ſehen, wäh⸗ rend die Liebe, der Ruhm und die Ehre den Anderen zufallen. Ohl meine Mutter, der Köͤnig iſt ſo ſchön, wie Viele werden ihm ſagen, daß ſie ihn lieben, wie rden ihn lieben müſſen!“ 5 IX.„ „Es iſt ſelten, daß die Frauen einen Menſchen im König lieben. Sollte dies aber geſchehen,— was ich bezweifle,— ſo wünſchet eher, Maria, daß dieſe Frauen Euren Gemahl wirklich lieben. Einmal iſt die ergebene Liebe der Geliebten ein Element raſcher Auf⸗ löͤſung für die Liebe des Liebhabers; ſodann verliert die Geliebte dadurch, daß ſie innig liebt, jede Herr⸗ ſich 3 ſchaft über den Liebhaber, von dem ſie weder Macht, — 1 noch Reichthum, ſondern nur Liebe begehrt. Wünſcht Die alſo, daß der König nur kärglich, und daß ſeine Ge⸗ Rõ liebte viel liebe.“ dom 4 2„Oh! meine Mutter, welche Macht hat eine tiefe Liebe! iebt 3„Und Ihr ſagt, Ihr ſeid verlaſſen?“ nl,„Es iſt wahr, es iſt wahr, ich rede unvernünf⸗ id/ tig... Es gibt jedoch eine Marter, meine Mutter, der ich nicht zu widerſtehen vermöchte.“ wo„Welche?“. „„Die einer glücklichen Wahl des Königs, die einer Haushaltung, die er ſich neben der unſerigen machen dieſe würde, die einer Familie, welche er bei einer anderen Frau fände. Ah! wenn ich je Kinder vom König chen ſiähe, ich würde ſterben!“ „Maria! Maria!“ erwiederte die Königin⸗Mutter inge mit einem Lächeln und ſie nahm die junge Königin bei der Hand,„erinnert Euch deſſen, was ich Euch ſa⸗ gen werde, und es gereiche Euch beſtändig zum Troſt: tter, der König kann keinen Dauphin ohne Euch haben, und Ihr könnt einen haben ohne ihn.“ ei dieſen Worten, die ſie mit einem ausdrucks⸗ m vollen Gelächter begleitete, verließ die Konigin⸗Mutter aru ihre Schwiegertochter, um Madame entgegen zu gehen, nnen; dere 1 in Ankunft im großen Kabinet ein age gemeldet wäh⸗ hatte. 1 Page g deren Madame hatte ſich keine Zeit genommen, ſich aus⸗ choͤn, zukleiden; ſie erſchien mit einer von den bewegten Phy⸗ ſiognomien, die einen Plan enthüllen, deſſen Ausfüh⸗ rung beſchäftigt und deſſen Reſultat beunruhigt. „Ich wollte ſehen, ob Eure Majeſtäten von unſerer kleinen Reiſe etwas angegriffen ſeien,“ ſagte ſie. 3 „Durchaus nicht,“ erwiederte die Königin⸗Mutter. „Ein wenig,“ antwortete Maria Thereſta. „Ich, meine Damen, habe beſonders unter einer Befürchtung gelitten.“ „Unter welcher Befürchtung?“ fragte Anna von Oeſterreich. 3 „Daß es den König angreifen müſſe, ſo zu reiten.“ „Ah!l das thut dem König wohl!“ „Und ich habe es ihm ſelbſt gerathen,“ ſagte Anna von Oeſterreich erbleichend. Madame erwiederte nichts hierauf; doch es ſtand jenes Lächeln, das nur ihr eigenthümlich war, auf ihren Lippen, ohne auf die übrigen Theile des Geſichts über⸗ zugehen; dann aber wechſelte ſie bald die Richtung des Geſprächs und ſagte: „Wir finden Paris wieder ganz dem Paris ähn⸗ lich, das wir verlaſſen haben; immer Intriguen, immer Komplotte, immer Coquetterien.“ „Intriguen... was für Intriguen?“ fragte die Königin⸗Mutter. „Man ſpricht viel von Herrn Fouquet und von Madame Pleſſis⸗Bellière.“ „Die ſich ſo bei Numero zehntauſend einſchreibt?“ verſetzte die Königin⸗Mutter.„Doch die Komplotte, wenn's beliebt?“ „Wir haben, wie es ſcheint, Zwiſtigkeiten mit HKolland.“ 1.— „Monſieur erzählte mir die Geſchichte von den Münzen.“ „Ah!“ rief Madame,„Münzen in Holland ſchlagen, worauf man eine Wolke über die Sonne der —x— rei Fr⸗ nal ſein 73 Königs hinziehen ſieht... Ihr habt Unrecht, dies Kom⸗ plott zu nennen...“ „DOhl es iſt ſo verächtlich, daß es der König ſicher⸗ lich verachten wird,“ erwiederte die Königin-Mutter. „Doch was ſagtet Ihr von Coquetterien? Meintet Ihr Frau von Olonne?“ „Nein, nein, ich werde näher bei uns ſuchen.“ „Casa de Usted,“ raunte die Königin⸗Mutter, ohne die Lippen zu bewegen, ihrer Schwiegertochter in’s Ohr. Madame höoͤrte nicht und fuhr fort: „Die entſetzliche Neuigkeit iſt Euch bekannt?“ „Ohl ja, die Verwundung von Herrn von Guiche.“ „Und Ihr ſchreibt ſie, wie alle Welt, einem Unfall auf der Jagd zu?“ „Ja,“ erwiederten die beiden Königinnen, diesmal intereffirt. Madame trat näher zu ihnen und ſagte leiſe: „Ein Duell!“ „Ah!“ rief mit ſtrengem Tone Anna von Oeſter⸗ reich, in deren Ohren das, ſeitdem ſie regierte, in Frankreich geächte Wort Duell ſchlecht klang. „Cin beklagenswerthes Duell, das Monſieur bei⸗ nahe zwei von ſeinen beſten Freunden, den König zwei ſeiner beſten Diener gekoſtet hätte.“ „Warum dieſes Duell?“ fragte die junge Köni⸗ gin, von einem geheimen Inſtinet belebt. „Coquetterien,“ wiederholte Madame triumphirend, „dieſe Herren haben ſich über die Tugend einer Dame geſtritten. Der Eine fand, Pallas ſei wenig im Ver⸗ gleich mit ihr. Der Andere behauptet, dieſe Dame ahme Venus nach, wie ſie Mars anlockt; und ſo ſchlugen ſich die Herrn, meiner Treue, wie Hektor und Achilles.“ „Venus, wie ſie Mars anlockt,“ ſagte die junge Königin, ohne daß ſie die Allegorie zu ergründen wagte, leiſe zu ſich ſelbſt. „Wer iſt dieſe Dame?“ fragte Anna von Oeſter⸗ Die drei Musketiere, Bragelonne vn. 6 reich gerade heraus.„Ich glaube, Ihr habt geſagt eine Ehrendame?“ „Habe ich das geſagt?“ verſetzte Madame. „Ja. Ich glaubte ſogar, Euch ſie nennen zu hören.“ „Wißt Ihr, daß eine Frau dieſer Art ein Un⸗ glück für ein königliches Haus iſt?“ 8 4 „Es iſt Fräulein de la Vallière,“ ſagte die Kö⸗ nigin⸗Mutter. „Mein Gott, ja, die kleine Häßliche!“ M „Ich glaubte, ſie wäre mit einem Edelmann ver⸗ lobt, der wohl weder Herr von Guiche, noch Herr von Wardes iſt.“ 3 „Es iſt möglich, Madame.“ 1. Die junge Königin nahm eine Stickerei und machte ſie mit einer geheuchelten Ruhe, die das Zittern ihrer Finger Lügen ſtrafte, auseinander. „Was ſprachet Ihr von Venus und von Mars,“ fuhr die Königin⸗Mutter fort,„gibt es einen Mars?“ „Sie rühmt ſich deſſen.“ „Ihr habt geſagt, ſie rühme ſich deſſen?“ „Das war die Ürſache des Zweikampfes.“ „Und Herr von Guiche hat die Sache von Mars vertheidigt?“ „Gewiß, als guter Diener.“— „Als guter Diener!“ rief die junge Königin, die jede Zurückhaltung vergaß, um ihrer Eiferſucht den Lauf zu laſſen;„Diener von wem?“ „Da Mars,“ erwiederte Madame,„nur auf Ko⸗ ſten dieſer Venus vertheidigt werden konnte, ſo behaup⸗ tete Herr von Guiche die vollkommene Unſchuld von Mars und beſtätigte ohne Zweifel, daß Venus prahle.“ 3 „Und Herr von Wardes?“ ſagte Anna von Oeſter⸗ mähre. verbreitete wohl das Gerücht, Venus habe echt?“ „Ah! Herr von Wardes!“ dachte Madame,„Ihr 1 S — ½ — — 75 ſollt mir die Wunde theuer bezahlen, die Ihr dem edel⸗ ſten der Männer beigebracht habt.“ Und ſie fing an Herrn von Wardes mit aller mög⸗ lichen Erbitterung anzuklagen, und bezahlte ſo die Schuld des Verwundeten und die ihrige mit der Gewiß⸗ beſt, daß ſie ihrem Feind den Ruin für die Zukunft ereite. Sie ſagte ſo viel, daß Manicamp, wäre er anwe⸗ ſend geweſen, es bedauert hätte, ſeinem Freund ſo gut gedient zu haben, weil der Untergang des unglücklichen Feindes daraus entſprang. „In dem Allem ſehe ich nur eine Peſt, die in die⸗ ſer la Vallidre zu finden iſt,“ ſprach Anna von Oeſterreich. Die junge Königin nahm ihre Arbeit mit völliger Ruhe wieder auf. Madame horchte. „Iſt das nicht Eure Anſicht?“ ſagte Anna von Oeſterreich.„Sucht Ihr die Urſache dieſes Streites und des Duells nicht in ihr?“ Madame antwortete mit einer Geberde, welche weder eine Bejahung, noch eine Verneinung war. „Ich begreife dann nicht ganz, was Ihr mir in Beziehung auf die Gefahr der Coquetterie geſagt habt?“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Madame raſch,„wäre die junge Perſon nicht coquette geweſen, ſo hätte ſich Mars nichts um ſie bekümmert.“ Das Wort Mars führte eine flüchtige Röthe auf die Wangen der jungen Königin zurück, ſie ſetzte aber nichtsdeſtoweniger ihre angefangene Arbeit fort. „Man ſoll nicht ſo an meinem Hofe die Männer gegen einander bewaffnen,“ ſprach phlegmatiſch Anna von Oeſterreich.„Dieſe Sitten waren vielleicht nütz⸗ lich in einer Zeit, wo der getheilte Adel keinen ande⸗ ren Vereinigungspunkt beſaß, als die Galanterie. Da hatten die Frauen, welche allein regierten, das Privi⸗ legium, den Muth der Edelleute durch häufige Verſuche zu unterhalten. Doch heute gibt es in Frankreich, 76 Gott ſei Dank! nur einen Gebieter. Dieſem Gebieter iſt man die Zuſammenwirkung jeder Stärke und jedes Geiſtes ſchuldig. Ich werde es nicht dulden, daß man meinem Sohn einen ſeiner Diener raubt.“ Sie wandte ſich an die junge Königin und fragte: „Was wollen wir dieſer la Valliére thun?“ „La Vallière?“ verſetzte die Königin, Erſtaunen heuchelnd,„ich kenne den Namen nicht.“ Und dieſe Antwort wurde mit jenem eiſigen Lä⸗ cheln begleitet, das nur einem königlichen Mund gut anſteht. Madame war ſelbſt eine große Fürſtin, groß durch den Geiſt, die Geburt und den Stolz. Das Gewicht dieſer Antwort drückte ſie aber nieder und ſie mußte einen Augenblick warten, um ſich zu erholen. „Es iſt eines von meinen Ehrenfräulein,“ erwie⸗ derte ſie mit einer Verbeugung. 8 „Dann iſt es Eure Sache, meine Schwägerin, und nicht die unſere,“ ſagte Maria Thereſia mit dem⸗ ſelben Ton. 4 „Verzeiht,“ ſprach Anna von Oeſterreich,„es iſt auch die meinige. Und ich begreife,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich mit einem Blick des Einverſtändniſſes an Madame wandte,„ich begreife, warum mir Ma⸗ dame geſagt hat, was ſie ſo eben geſagt.“ 3 „Alles was GEuch entfließt, Madame, kommt aus dem Munde der Weisheit. „Man ſchickt das Maädchen in ſeine Heimath zurück und weiſt ihm eine Penſion an,“ ſagte Maria Thereſia mit ſanftem Ton. „Auf meine Caſſette!“ rief Madame lebhaft. „Nein, nein, meine Damen,“ unterbrach ſie Anna von Oeſterreich,„ich bitte, kein Aufſehen, der König liebt es nicht, daß man ſchlecht von Damen ſprechen macht. Dies Alles ſoll, mit Ihrem Gutheißen, in der Familie abgemacht werden. bis zu ihrem Stuhl kommen. „Madame, Ihr werdet die Gefälligkeit haben, das Mädchen hierher rufen zu laſſen. 4 „Ihr, meine Tochter, werdet ſo gut ſein, einen Augenblick in Eure Zimmer zu gehen.“. Die Bitten der alten Königin waren Befehle. Maria Thereſta ſtand auf, um in ihr Gemach zurück⸗ zukehren, und Madame, um la Vallidre durch einen Pagen rufen zu laſſen. X. Ein erſter Streit. La Vallidre trat bei der Koͤnigin⸗Mutter ein, ohne entfernt zu vermuthen, daß ein gefährliches Com⸗ plott gegen ſie angezettelt worden war. Sie glaubte, es handle ſich um den Dienſt, und nie war die Königin ſchlimm gegen ſie bei einem ſol⸗ chen Verhältniß geweſen. Da ſie überdies nicht un⸗ mittelbar dem Gebot von Anna von Oeſterreich unter⸗ worfen war, ſo konnte ſte nur dienſtliche Beziehungen zu ihr haben, denen ſich mit aller Willfährigkeit hinzugeben ſie ſich aus eigener Gefälligkeit und aus Achtung vor dem Nang der erhabenen Fürſtin zur Pflicht machte. Sie ging daher auf die Königin⸗Mutter mit dem freundlichen, ſanftenLächeln zu, das ihre Hauptſchönheit ildete. Da ſie nicht nahe genug hinzutrat, ſo bedeutete ihr Anna von Deſterreich, durch ein Zeichen, ſie möge Da trat Madame wieder ein, ſetzte ſich mit einer vollkommen ruhigen Miene zu ihrer Schwiegermutter und nahm die von Maria Thereſia angefangene Ar⸗ beit auf. La Valliére bemerkte, ſtatt auf der Stelle den Befehl zu erhalten, den ſie erwartete, dieſe Vorgänge und befragte neugierig, wenn nicht mit Beſorgniß, das Geſicht der zwei Fürſtinnen. Anna dachte nach. Madame behauplete eine geheuchelte Gleichgültig⸗ it⸗ welche die am mindeſten Furchtſamen beunruhigt ätte. „Mein Fräulein,“ ſagte plötzlich die Königin⸗ Mutter, ohne daß es ihr einſiel, ihren ſpaniſchen Ac⸗ cent zu mildern(was ſie zu thun nie verfehlte, wenn ſie nicht zornig war),„kommt ein wenig, daß wir über Euch ſprechen, da alle Welt von Euch ſpricht.“ „Von mir?“ rief la Valliére erbleichend.& „Stellt Euch, als wäre Euch dies unbekannt, meine Schöne! Wißt Ihr das Duell von Herrn von Guiche und Herrn von Wardes?“ „Mein Gott! Madame, das Gerücht iſt geſtern zu mir gelangt,“ erwiederte la Vallière die Hände faltend. „Und Ihr habt dieſes Gerücht nicht zuvor ſchon ge⸗ ahnet?“ „Warum ſollte ich es geahnet haben?“ „Weil ſich zwei Männer nie ohne Grund ſchlagen, und weil Ihr die Gründe der Erbitterung der beiden Gegner kennen mußtet.“ „Ich weiß durchaus nichts.“. „Das beharrliche Leugnen iſt ein etwas alltägliches Vertheidigungsſyſtem, und Ihr, die Ihr ein Schöngeiſt ſeid, mein Fräulein, müßt die Alltäglichkeiten fliehen. Etwas Anderes!“ 3 „Mein Gott! Eure Majeſtät erſchräckt mich mit dieſer eiſigen Miene. Sollte ich das Unglück gehabt haben, bei ihr in Ungnade zu fallen?“ — —— — 79 Madame lachte. La Vallière ſchaute ſie mit er⸗ ſtaunter Miene an. 8 Anna erwiederte: „Bei mir in Ungnade!.. Bei mir in Ungnade fallen! Das kann Euch nicht in den Kopf kommen; ich muß an die Leute denken, wenn ſie bei mir in Ungnade fallen ſollen. Ich denke nur an Euch, weil man ein wenig zu viel von Euch ſpricht, und ich liebe es nicht, daß man von den Fräulein meines Hofes ſpricht.“ „Eure Majeſtät erweiſt mir die Ehre, es mir zu ſagen,“ verſetzte la Vallidre erſchrocken;„doch ich be⸗ greife nicht, in welcher Hinſicht man ſich mit mir be⸗ ſchäftigen kann.“ „Ich werde es Euch alſo eröffnen: Herr von Guiche ſoll Euch zu vertheidigen gehabt haben.“ „Mich!“ „Euch ſelbſt. Er iſt ein Ritter, und die Abenteue⸗ rinnen lieben es, daß die Ritter Lanzen für ſie brechen.“ „Ich, ich haſſe die Kampfplätze, dann haſſe ich be⸗ ſonders die Abenteurer und... zieht Euren Nutzen daraus.“ La Valliere beugte ſich zu den Füßen der Königin, die ihr den Rücken zuwandte. Sie ſtreckte die Haͤnde gegen Madame aus, und dieſe lachte ihr ins Geſicht. Ein Gefühl des Stolzes erhob ſie wieder. „Meine Damen,“ ſagte ſte,„ich habe gefragt, was mein Verbrechen ſei; Eure Majeſtät muß es mir ſagen, und ich habe bemerkt, daß Eure Majeſtät mich verur⸗ theilt, ohne mich zur Rechtfertigung zugelaſſen zu haben.“ „Ei!“ rief Anna von Oeſterreich,„ſeht doch die ſchönen Phraſen, Madame, ſeht doch die ſchoͤnen Ge⸗ fühle; es iſt eine Infantin, dieſes Mädchen, es iſt eine der Aspirantinnen des großen Cyrus... es iſt ein Brunnen der Zärtlichkeiten und heldenmäßiger Phraſen. Man ſieht wohl, meine Schönſte, daß wir unſern Geiſt im Umgang mit gekrönten Häuptern unterhalten.“ La Vallière fühlte ſich im Herzen verwundet; ſie wurde nicht mehr bleich, ſondern weiß wie eine Lilie, und ihre ganze Stärke verließ ſie. „Ich wollte Euch ſagen,“ ſprach die Königin ver⸗ ächtlich,„wenn Ihr fortfahret, ſolche Gefühle zu näh⸗ ren, werdet Ihr uns Frauen dergeſtalt demüthigen, daß 1 wir uns ſchämen müſſen, bei Euch zu ſiguriren. Werdet einfach, mein Fräulein... Ahl was ſagte man mir 3 doch? ah! ich glaube, Ihr ſeid verlobt.“ 1 La Vallière preßte ihr Herz zuſammen, das ein neuer Schmerz zerriſſen hatte. „Antwortet doch, wenn man mit Euch ſpricht!“ „Ja, Madame.“ „Mit einem Edelmann?“ „Ja, Madame.“ „Sein Name?“ 3 „Der Herr Vieomte von Bragelonne.“ 8 „Wißt Ihr, daß dies ein ſehr glückliches Loos für 4 Euch iſt, mein Fräulein, und daß Ihr, ohne Vermögen, 7 ohne Stellung... ohne große perſönliche Vorzuͤge, den Himmel, der Euch eine ſolche Zukunft gewährt, preiſen müßtet“? LLa Vallidre erwiederte nichts. „Wo iſt er, dieſer Vicomte von Bragelonne?“ fuhr die Königin fort. „In England, wo ihm das Gerücht von den glück⸗ lichen Abenteuern des Fräuleins unfehlbar zukommen wird,“ ſagte Madame. „O Himmel!“ murmelte la Vallidre ganz verwirrt. „Wohl, mein Fräulein,“ ſagte Anna von Oeſten⸗ reich,„man wird dieſen jungen Mann zurückkommen laſſen und Euch mit ihm irgendwohin erpediren. Seid Ihr anderer Anſicht,— die Mädchen haben oft bizarre Pläne,— ſo vertraut Euch mir an, ich werde Euch auf den guten Weg bringen, ich habe dies für Mäd⸗ chen gethan, welche nicht ſo viel werth waren, als Ihr.“ La Valliére hörte nicht mehr. Die unbarmherzige Königin fuhr fort: α— N — 81 „Ich ſchicke Euch allein irgendwohin, wo Ihr reiflich überlegen werdet. Die Ueberzeugung beſänftigt die Hitze des Bluts, ſie verzehrt alle Täuſchungen der Jugend. Ich denke, Ihr habt mich verſtanden.“ 3„Madame, Madame!“ „Nicht ein Wort!“ .„Madameo, ich bin unſchuldig an Allem dem, was . Eure Majeſtät mir unterſtellen kann. Madame, ſeht meine Verzweiflung. Ich liebe, ich achte Eure Majeſtät ſo ſehr.“ .„Es wäre beſſer, Ihr würdet mich nicht achten,“ erwiederte die Königin mit einer kalten Ironie.„Es wäre beſſer, Ihr wäret nicht unſchuldig. Bildet Ihr Euch zufällig ein, ich würde mich hiemit begnügen, wenn Ihr den Fehler begangen hättet?“. „Oh! Madame, Ihr tödtet mich!“ 4„Keine Komödie, wenn's beliebt, oder ich über⸗ 6 nehme die Entwickelung. Geht in Euer Zimmer zurück, 4 meine Lection möge Euch von Nutzen ſein.“ 4.„Madame,“ ſagte la Vallière zur Herzogin von Orleans, deren Hände ſie ergriff,„bittet fuͤr mich, Ihr, „Ich,“ erwiederte dieſe mit einer verletzenden Freude, 5„ich, gut?.. Ah! mein Fraͤulein, das fällt Euch ent⸗ fernt nicht ein.“ 3 uUnd ſie ſtieß ungeſtüäm die Hand des Mädchens zurück. Statt zu unterliegen, wie es die zwei Fürſtinnen nach ihrer Bläſſe und ihren Thränen erwarten konnten, gewann aber la Vallière plötzlich ihre Ruhe und ihre Würde wieder; ſie machte eine tiefe Verbeugung und ging hinaus. „Nun!“ ſagte Anna von Oeſterreich zu Madame, „glaubt Ihr, daß ſie wieder anfangen wird?“ „Ich mißtraue ſanften, geduldigen Charakteren,“ er⸗ wiederte Madame.„Nichts iſt muthiger, als ein ge⸗ —— 82 duldiges Herz; nichts iſt ſeiner ſelbſt ſicherer, als ein ſanfter Geiſt.“ „Ich ſtehe Euch dafür, daß ſie ſich mehr als ein⸗ mal bedenken wird, ehe ſie den Gott Mars anſchaut.“ „Wenn ſie ſich nicht etwa ſeines Schildes bedient,“ entgegnete Madame. Ein ſtolzer Blick der Koͤnigin⸗Mutter erwiederte dieſen Einwurf, dem es nicht an Feinheit gebrach, und, ihres Sieges faſt ſicher, ſuchten die zwei Damen Maria Thereſia wieder auf, die ſie, ihre Ungeduld verbergend, erwartete. Es war halb ſieben Uhr Abends und der König hatte ſo eben ſein Veſperbrod eingenommen; er verlor keine Zeit, ſobald das Mahl beendigt und die Geſchäfte abgethan waren, ergriff er Saint⸗Aignan beim Arm und befahl ihm, ihn nach der Wohnung von la Val⸗ lidre zu führen.. Der Höfling gab einen gewaltigen Ausruf von ſich. „Nun! was denn?“ verſetzte der König,„das iſt eine Gewohnheit, welche angenommen werden ſoll, und um eine Gewohnheit anzunehmen, muß man mit irgend einer Handlung den Anfang machen.“ „ Aber, Sire, die Wohnung der Fräulein hier iſt eine Laterne: Jedermann ſieht die Hineingehenden und die Herauskommenden. Mir ſcheint, daß ein Vorwand ... der, zum Beiſpiel..“ „Sprecht.“ „Wenn Eure Majeſtät warten wollte, bis Madame in ihren Gemächern wäre.“. 1 „Keine Vorwände, kein Warten mehr!.. Genug der Widerwärtigkeiten, genug der Geheimniſſe! Ich ſehe nicht ein, in welcher Hinſicht der König von Frankreich ſich entehrt, wenn er ſich mit einem Mädchen von Geiſt unterhält. Trotz dem, der Arges davon denkt 1) „Sire, Sire, Eure Majeſtät wird mir ein Ueber⸗ maß von Eifer verzeihen?“ „Sprich.“. 83 „Und die Königin?“ 3 „Es iſt wahr! es iſt wahr! die Königin ſoll ſtets reſpectirt bleiben. Nun wohl! heute Abend werde ich noch zu Fräulein de la Vallidre gehen, und iſt dieſer Tag vorüber, ſo nehme ich alle Vorwände, die Du willſt. Morgen wollen wir ſuchen, heute Abend habe ich keine Zeit mehr.“ Saint⸗Aignan erwiederte nichts mehr; er ging dem König voran die Treppe hinab und durchſchritt die Hoͤfe mit einer Scheu, welche die ausgezeichnete Ehre, dem König als Stütze zu dienen, nicht zu überwinden vermochte. Saint⸗Aignan wollte ſich nämlich im Geiſte der zwei Königinnen und in dem von Madame vollkommen rein erhalten; er wollte auch nicht Fraͤulein de la Val⸗ lisre mißfallen, und um ſo viele ſchoͤne Dinge zu thun, Die Fenſter der jungen Königin, die der Königin⸗ Mutter, ſelbſt die von Madame gingen aber auf den Hof der Fräulein. Den Koͤnig führend geſehen werden Fürſtinnen, mit drei Frauen von einem Anſehen brechen, das nicht zu beſeitigen durch den ſchwachen Köder des Credits einer Geliebten. Der unglückliche Saint⸗Aignan, der ſo viel Muth beſaß, um la Vallièdre unter den Baumgruppen und im Park von Fontainebleau zu beſchützen, fühlte ſich nicht ſo muthig beim hellen Licht; er fand tauſend Mängel an dem Mädchen und brannte vor Begierde, ſie dem König mitzutheilen. 1 Doch ſeine Marter fand ein Ende. Die Höfe wur⸗ den durchſchritten. Nicht ein Vorhang erhob ſich, nicht ein Fenſter öffnete ſich. Der König ging raſch, einmal wegen ſeiner Ungeduld, ſodann wegen der langen Beine von Saint⸗Aignan, der ihm voranſchritt. An der Thüre wollte ſich Saint⸗Aignan aus dem Staube machen. Der König hielt ihn zurück, Es war dies eine Zartheit, der der Höfling gern nicht theilhaftig geworden wäre. Er mußte Ludwig zu la Vallidre folgen. Bei der Ankunft des Monarchen trocknete dieſe voll⸗ ends ihre Augen. Sie that es ſo haſtig, daß es der König bemerkte. Er befragte ſie wie ein theilnehmender Liebhaber; er drang in ſie. „Ich habe nichts, Sire,“ erwiederte ſie. „Ihr weintet aber?“ „Oh! nein, Sire.“ „Schaut, Saint⸗Aignan, täuſche ich mich?“ Saint⸗Aignan mußte antworten, er war jedoch ſehr in Verlegenheit. „Ihr habt rothe Augen, mein Fräulein,“ ſagte der König. „Der Staub vom Wege, Sire.“ „ Nein! nein! Ihr habt die Miene der Zufriedenheit nicht, die Euch ſo ſchön und ſo anziehend macht. Ihr ſchaut mich nicht an.“ „Sire!“ „Was ſage ich! Ihr vermeidet meine Blicke.“ * Sie wandte ſich in der That ab. „Aber, in der Himmels Namen, was iſt es denn?“ fragte Ludwig, deſſen Blut kochte. „ Nichts, abermals nichts, und ich bin bereit, Eurer Majeſtät zu zeigen, daß mein Geiſt ſo frei iſt, als ſie es wünſchen mag.“ „Euer Geiſt frei, während ich Euch in Allem, ſelbſt in Eurer Geberde verlegen ſehe! Sollte man Euch geärgert, verletzt haben?“ „Nein, nein, Sire.“ „Oh! das müßtet Ihr mir erklären,“ verſetzte der junge Fürſt mit funkelnden Augen. „Niemand, Sire, Niemand hat mich beleidigt.“ „So nehmt die träumeriſche Heiterkeit oder die freundliche Melancholie wieder an, die ich dieſen Mor⸗ gen an Euch liebte; oh! ich bitte, ich bitte.“ „Ja, Sire, ja.“ 2 Der König ſtampfte mit dem Fuß und rief: „Eine ſolche Veränderung iſt doch unerklärlich.“ Und er ſchaute Saint⸗Aignan an, der ſowohl das düſtere Brüten von la Vallieère, als die Ungeduld des Königs bemerkte. Ludwig mochte immerhin bitten, er mochte immer⸗ hin auf Mittel ſinnen, dieſe unſelige Stimmung zu be⸗ kämpfen, das Mädchen war gelähmt, ſelbſt der Anblick des Todes hätte es nicht aus ſeiner Erſtarrung erweckt. Der König ſah in dem verneinenden Benehmen von la Vallière ein unerfreuliches Geheimniß und blickte mit einer argwöhniſchen Miene umher. Fs war gerade in dem Zimmer von la Vallidre ein Portrait in Miniature von Athos. Der König ſah dieſes Portrait, das Bragelonne 83 ungemein glich, denn es war in der Jugend des Gra⸗ fen gemacht worden. Er heftete drohende Blicke auf das Gemälde. In dem Zuſtand der Beklommenheit, in dem ſie ſich befand, und überdies auf hundert Meilen von dem Ge⸗ danken an das Portrait entfernt, konnte la Vallisre nicht errathen, was den König auf eine ſo bedrohliche Weiſe in Anſpruch nahm. und dennoch hatte ſich Ludwig in eine furchtbare rinnerung verſetzt, die ſeinen Geiſt mehr als einmal beſchäftigt, welche aber immer wieder daraus von ihm entfernt worden par. Er erinnerke ſich des innigen Verhältniſſes der zwei jungen Leute ſeit ihrer Geb ert. Er erinnerte ſich des Verlöbniſſes, das eine Folge 5 davon geweſen war— Er erinnerte ſich, daß ihn 2 hos um die Hand von la Vallière für Raoul gebeten hatte. „ Er bildete ſich ein, bei ihrer Rückkehr nach Paris —-—— 86 habe la Vallisre gewiſſe Nachrichten von London ge⸗ funden, und dieſe Nachrichten ſeien ein Gegengewicht gegen den Einfluß geweſen, den er auf ſie zu gewinnen vermocht. Sogleich fühlte er ſich von der wilden Bremſe, die man die Eiferſucht nennt, in die Schläfe geſtochen. Er befragte abermals mit Bitterkeit. La Vallidre konnte nicht antworten; ſie mußte Al⸗ les ſagen, ſie mußte die Königin anklagen, ſie mußte Madame anklagen. Sie hatte einen offenen Kampf mit zwei großen und mächtigen Fuͤrſtinnen zu beſtehen. Es dünkte ihr Anfangs, wenn ſie nichts thäte, um dem König das, was in ihr vorging, zu verbergen, ſo müßte der König in ihrem Herzen durch ihr Still⸗ ſchweigen leſen. Wenn er wirklich liebte, müßte er Alles begreifen, Alles errathen. Was wäre denn die Sympathie, wenn nicht die göttliche Flamme, welche das Herz aufklären und die wahrhaft Liebenden des Wortes überheben müßte. Sie ſchwieg alſo und beſchränkte ſich darauf, daß ſie ſeufzte weinte und ihr Geſicht in ihren Händen verbarg. Dieſe Seufzer, dieſe Thränen, welche Ludwig XIV. Anfangs gerührt, dann erſchreckt hatten, erzürnten ihn nun. Er konnte die Widerſetzung nicht ertragen, eben ſo wenig die der Seufzer und Thränen, als irgend eine andere. Alle ſeine Worte wurden ſcharf, bitter, dringend, angreifend. 2 Es war dies n neuer Schmerz den Schmerzen des Maädchens beigefügt. — Sie ſchöpfte aus dem, was ſie als eine Ungerech⸗ tigkeit von Seiten ihres Geliebten betrachtete, die Kraft, nicht nur den andern Schmerzen, ſondern auch dieſem zu widerſtehen. 1 Der König fing an, unmittelbar anzuſchuldigen. La Vallidre machte nicht einmal einen Verſuch, ſich 54 zu vertheidigen: ſie ertrug alle dieſe Anſchuldigungen, ohne anders, als durch ein Schütteln des Kopfes zu antworten, ohne etwas Anderes von ſich zu geben, als die zwei Worte, welche tief betrübten Herzen entſtrö⸗ men: Uebrigens fühlte er ſich von Saint⸗Aignan unter⸗ ſtützt. Saint⸗Aignan ſah, wie geſagt, den Sturm an⸗ ſchwellen, er wußte nicht, in welchem Grad Ludwig XIV. Liebe empfinden konnte, er Tage die Höfe zu durchſchreiten, um ſeinem erhabenen Gefährten zu la Vallidre zu folgen. Er machte drei Schritte, um wegzugehen, und kam wieder zurück. La Vallidre hatte nicht einmal er porgeſchaut, ob⸗ gleich das Geräuſch der Schritte ſie hätte darauf auf⸗ merkſam machen müſſen, daß ihr Geliebter ſich entferne. v i Er blieb einen Augenblick mit gekreuzten Armen on ihr ſtehen und ſagte: „Ich frage Euch zum letzten Mal, mein Fräulein, wollt Ihr ſprechen? Wollt Ihr dieſer Veränderung, dieſem Wankelmuth, dieſer Laune eine Urſache geben?“ —„Mein Gottl was ſoll ich Euch ſagen, Sire?“ erwiederte la Vallidre,„Ihr ſeht wohl, Sire, daß ich n dieſem Augenblick niedergebeugt bin; Ihr ſeht wohl, daß ich weder den Willen, noch den Gedanken, noch das Wort habe.“ „Iſt es denn ſo ſchwer, die Wahrheit zu ſagen? In weniger Worten, als Ihr geſprochen, hättet Ihr ſie geſagt.“ „Die Wahrheit, worüber?“ „Ueber Alles.“ Die Wahrheit ſtieg in der That vom Herzen auf die Lippen von la Vallidre. Ihre Arme machten eine Bewegung, um ſich zu öffnen, doch ihr Mund blieb ſtumm, ihre Arme ſanken wieder hinab. Das arme Kind . war noch nicht unglücklich genug geweſen, um eine ſolche Offenbarung zu wagen. „Ich weiß nichts,“ ſtammelte ſie. „Ohl das iſt mehr als Coquetterie!“ rief der Kö⸗ nig;„es iſt mehr als Laune, es iſt Verrath!“ Und diesmal ſtürzte er, ohne daß ihn etwas auf⸗ hielt, ohne daß ihn das Zerren ſeines Herzens zum Um⸗ kehren bewegen konnte, mit einer verzweifelten Geberde aus dem Zimmer. hen zu können, folgte ihm. Ludwig XIV. blieb erſt auf der Treppe ſtehen und klammerte ſich am Geländer au. „Siehſt Du?“ ſagte er,„bin ich nicht ſchändlich hintergangen worden 2 „Wie ſo, Sire?“ fragte der Günſtling. Saint⸗Aignan, dem nichts lieber war, als wegge⸗ „Guiche hat ſich für den Vicomte von Bragelonne 19 ** geſchlagen, Und dieſer Bragelonne.. * 4 * Die drei Musketiere. Bragelonne VI. 7. 3 89 „Nun?“ „Sie liebt ihn immer noch. Und wahrhaftig, Saint⸗ Aignan, ich würde vor Scham ſterben, wenn mir in drei Tagen noch ein Atom von dieſer Liebe im Herzen bliebe.“ Nach dieſen Worten ſetzte Ludwig ſeinen Lauf zu ſeinen Gemächern fort. „Ah! ich ſagte es wohl Eurer Majeſtät,“ verſetzte Saint⸗Aignan, der dem Koͤnig fortwährend folgte und dabei ſchüchtern nach allen Fenſtern ſpähte. 1 fil der war es beim Abgang nicht wie bei der An⸗ unft. Ein Vorhang wurde aufgehoben; hinter dieſem Vorhang ſaß Madame, Madame hatte den König aus der Wohnung der Chrenfräulein herauskommen ſehen. Sie ſtand auf, ſobald der Köͤnig vorüber war, ver⸗ ließ haſtig ihr Gemach und ſtieg zu zwei und zwei die Stufen der Treppe hinauf, die zu dem Zimmer führten, aus dem der Koͤnig herausgekommen war. XI. Verzweiflung. Nach dem Abgang des Königs hatte ſich la Val⸗ lidre mit ausgeſtreckten Armen erhoben, als wollte ſie ihm folgen, ihn zurückhalten; dann als die Thüren hin⸗ ter ihm geſchloſſen waren, als ſich das Geräuſch ſeiner Tritte in der Ferne verloren hatte, beſaß ſie nur noch 2 90 Kraft genug, um zu den Füßen ihres Crueifixes nie⸗ derzufallen. Hier blieb ſie niedergeſchmettert, gelähmt, von ih⸗ rem Schmerz erſtickt, von einem Schmerz, den ſie übri⸗ gens nur inſtinktartig und durch die Empfindung begriff. Mitten unter dieſem Aufruhr ihrer Gedanken, hörte la Vallière die Thüre wieder öffnen. Sie wandte ſich um, im Glauben, der König kehre zurück. Sie täuſchte ſich, es war Madame. Was war ihr an Madame gelegen! Sie ſiel wieder, den Kopf auf ihr Betpult, nieder. Es war Madame, aufgeregt, gereizt, drohend. Doch welche Bedeutung hatte dies für ſie! „Mein Fräulein,“ ſprach die Prinzeſſin, indem ſie vor la Vallidre ſtehen blieb,„ich gebe zu, es iſt ſehr ſchön, niederzuknieen, zu beten, Religion zu ſpielen; aber ſo unterwürfig Ihr auch gegen den König des Himmels ſeid, ſo geziemt es ſich doch auch, daß Ihr ein wenig den Willen der Fürſten der Erde thut.“ La Vallière hob zum Zeichen der Ehrerbietung den Kopf empor. „Es iſt Euch ſo eben etwas empfohlen worden, wie mir ſcheint!“ fuhr Madame fort. Das zugleich ſtarre und irre Auge von la Val⸗ liere zeigte ihre Unwiſſenheit und daß ſie vergeſſen. 46„Die Königin hat Euch eingeſchärft, Ihr ſollet Euch genugſam in Acht nehmen, daß Niemand ſchlimme Gerüchte über Euch verbreiten könne.“ Der Blick von la Vallière wurde fragend. „Nun,“ ſagte Madame,„es iſt Einer, deſſen Ge⸗ genwart eine Anſchuldigung iſt, von Euch weggegan⸗ gen 4 La Vallidre blieb ſumm. Geblüt iſt, darf kein ſchlechtes Beiſpiel geben; Ihr wä⸗ ret die Urſache dieſes ſchlechten Beiſpieles. Ich erkläre Euch alſo, mein Fräulein, in Abweſenheit von jedem 2 „Mein Haus, welches das der erſten Prinzeſſin von 91 Zeugen, denn ich will Euch nicht demüthigen, ich er⸗ kläre Euch, daß es Euch von dieſem Augenblick an frei ſteht, abzureiſen, und daß Ihr zu Eurer Frau Mut⸗ ter in Blois zurückkehren könnt.“ La Vallioͤre konnte nicht tiefer fallen; la Vallière konnte nicht mehr leiden, als ſie gelitten hatte. Ihre Haltung änderte ſich nicht; ihre Hände blie⸗ ben auf ihrem Schooße gefaltet, wie die der göttlichen Magdalena. „Ihr habt mich gehört?“ ſagte Madame. Ein einfacher Schauer, der den ganzen Leib von la Vallière durchlief, antwortete für ſie. Als das Opfer kein anderes Zeichen des Daſeins von ſich gab, entfernte ſich Madame. . uf ihr ſchwebendes Herz, auf ihr gewiſſermaßen in ihren Adern ſtockendes Blut, fühlte la Vallidre all⸗ gegen ihre Feinde wirbeln ſah. ie hörte in ihren betäubten Ohren zugleich dro⸗ Sie verſetzte ſich wieder auf die Straße von Fon⸗ tainebleau, ſie ſah den König zu Pferde am Schlage 92 ihres Wagens; er ſagte ihr, daß er ſie liebe, er for⸗ 1 1 derte Liebe von ihr, er ließ ſie ſchwören und ſchwur, 1 3 es ſollte nie ein Abend über einem Zwiſt vorübergehen, A ohne daß ein Beſuch, ein Brief die Ruhe der Nacht Y an die Stelle der Unruhe des Abends ſetze. Der König hatte dies erſonnen, er hatte es ſchwören laſſen, er fie hatte es geſchworen. Der König konnte alſo unmöglich w. dem Verſprechen, das er ſelbſt gefordert, untreu werden, war der König nicht ein Deſpot, der die Liebe befahl, ha wie er den Gehorſam befahl, war der König nicht ein 3t Gleichgültiger, für den das erſte Hinderniß genügte, um ale ihn auf dem Wege aufzuhalten. lir Der König, dieſer ſanfte Beſchützer, der mit einem Wort, mit einem einzigen Wort allen ihren Leiden ein ſch Ende machen konnte, der König verband ſich alſo mit der ihren Verfolgern. i Ahl ſein Zorn konnte nicht fortwähren; nun, da wi er allein, mußte er Alles das leiden, was ſie ſelbſt liit. pee Aber er! er war nicht gekettet wie ſie; er konnte han-⸗ Bo deln, ſich bewegen, kommen; ſie, ſie konnte nichts thun, Fr als warten. keſe Und ſie wartete, die Arme, mit ihrer ganzen Seele, denn der Koͤnig mußte nothwendig kommen. wer Es war kaum halb eilf Uhr. daß Er mußte kommen, oder ſchreiben, oder ihr ein wü⸗ freundliches Wort durch Saint⸗Aignan ſagen laſſen. nich Kam er, ohl wie wollte ſie ihm entgegenſtürzen, wie wollte ſie die Zartheit zurückſtoßen, die ſie nun üͤbel des angebracht fand! wie wollte ſie ihm ſagen:„Nicht ich bin es, die Euch nicht liebt; ſie ſind es, die nicht wol⸗ len, daß ich Euch liebe.“ 4 Und dann, indem ſie darüber nachdachte und je mehr der ſie darüber nachdachte, fand ſie Ludwig minder ſchuldig. Er wußte in der That nichts von Allem. Was hatte er verg über die Hartnäckigkeit, mit der ſte das Stillſchweigen beobachtet, denken müſſen? Ungeduldig, reizbar, wie bar man den König kannte, war es außerordentlich, daß er. Ger 5 8 —. 2 8 93 uur ſo lange ſeine Kaltblütigkeit bewahrt hatte. Ohl ſie hätte ohne Zweifel nicht ſo gehandelt; ſie hätte Alles begriffen, Alles errathen. Doch ſie war ein armes Mädchen und nicht eine große Königin. Oh! wenn er käme, wenn er käme!.wie würde ſie ihm Alles, was er ſie hatte leiden laſſen, verzeihen; wie würde ſie ihn mehr lieben, weil ſie gelitten! Und ihr gegen die Thüre vorgeſtreckter Kopf, ihre halb geöffneten Lippen, Gott verzeihe ihr dieſe profane Idee, warteten auf den Kuß, den der König am Morgen, als er das Wort Lebe ausſprach, ſo wonniglich deſtil⸗ lirt hatte. Kam der König nicht, ſo würde er wenigſtens ſchreiben; dies war die zweite Chance, minder ſüß, min⸗ der beglückend, als die andere, die aber eben ſo viel Liebe, nur eine furchtſamere Liebe beweiſen würde. Oh! wie würden ſie den Brief verſchlingen, wie würde ſie ſich beeilen, darauf zu antworten; wie würde ſie, wenn der Bote abgegangen, das beſeligende Papier, das ihr Ruhe, Freudigkeit und Glück bringen müßte, küſſen, wieder⸗ leſen, an ihr Herz drücken. Kam der König nicht, ſchrieb er nicht, ſo war es wenigſtens unmöglich, daß er nicht Saint⸗Aignan ſchickte, daß nicht Saint⸗Aignan von ſelbſt kam. Einem Dritten würde ſie Alles ſagen; die königliche Majeſtät wäre nicht da, um ihr das Wort auf den Lippen in Eis zu verwandeln, und dann könnte kein Zweifeb im Herzen des Königs übrig bleiben.. Herz und Blick, Materie und Geiſt, Alles war alſo bei la Vallère im Warten begriffen. Sie ſagte ſich, ſie habe noch eine Stunde Hoffnung, der König koͤnne bis um Mitternacht kommen, ſchreiben oder ſchicken, erſt um Mitternacht wäre alles Warten vergeblich, jede Hoffnung verloren.“ So lange noch einiges Geräuſch im Palaſte hör⸗ bar war, glaubte die Arme, ſie ſei die Urſache dieſes Geräuſches; ſo lange Leute im Hofe gingen, wähnte 94 fe⸗ dieſe Leute ſeien Boten des Königs, die zu ihr ämen. 3 Es ſchlug eilf Uhr, dann ein Viertel auf zwölf Uhr, dann halb zwoͤlf Uhr. Die Minuten verliefen langſam in dieſer Bangig⸗ keit und dennoch flohen ſie noch zu ſchnell. Es ſchlug drei Viertel. Mitternacht! Mitternacht! die letzte, die äußerſte Hoffnung folgte ſodann. Mit dem letzten Glockenſchlage erloſch das letzte Licht, mit dem letzten Lichte die letzte Hoffnung. So hatte ſie der König ſelbſt getäuſcht; er log dem Schwure, den er an demſelben Tag geleiſtet; zwölf Stunden zwiſchen dem Schwur und dem Meineid! dies hieß die Illuſion nicht lange bewahrt haben! Der König liebte alſo nicht nur nicht, ſondern er verachtete ſogar diejenige, welche alle Welt niedertrat; er verachtete ſie dergeſtalt, daß er ſie der Schande einer Austreibung preisgab, die einer ſchimpflichen Verur⸗ theilung gleichkam, und doch war er es, er, der König, war die erſte Urſache dieſer Schmach. Ein bitteres Lächeln, das einzige Symptom des Zorns, das während dieſes langen Kampfes über das engeliſche Geſicht des Opfers zog, erſchien auf ihren Lippen. Was blieb in der That für ſie auf der Erde nach dem König? Nichts. Nur Gott blieb im Himmel. Sie dachte an Gott.— „Mein Gott,“ ſprach ſie,„ſchreibe mir ſelbſt vor, was ich zu thun habe. Von Dir erwarte ich Alles, von Dir muß ich Alles erwarten.“ Und ſie ſchaute ihr Crucifir, deſſen Füße ſie küßte, voll Liebe an. „Das iſt ein Herr,“ ſagte ſie,„der nie diejenigen 7 5 vor, Ues, 95 verläßt und vergißt, die ihn nicht verlaſſen und ver⸗ geſſen; dieſem allein muß man ſich opfern.“ Dann, wenn Jemand ſeinen Blick in ihr Zimmer hätte tauchen können, wäre ſichtbar geweſen, daß die arme Verzweifelte einen Entſchluß faßte, einen äußer⸗ ſten Plan in ihrem Geiſte feſtſtellte, die große Jacobs⸗ leiter emporſtieg, welche die Seele von der Erde zum Himmel führt. Und als ihre Kniee nicht mehr die Kraft hat⸗ ten, ſie zu tragen, ſank ſie allmälig auf die Stufen ihres Betpultes nieder, und den Kopf an das Holz des Kreuzes angelehnt, das Auge ſtarr, den Athem keuchend, ſpähte ſie an den Scheiben nach dem erſten Schimmer des Tages. Zwei Uhr Morgens fand ſie in dieſer Irrung des Geiſtes oder vielmehr in dieſer Ertaſe. Sie gehörte ſchon nicht mehr ſich. Als ſie die violette Färbung des Morgens auf die Dächer des Palaſtes herabſteigen und die Umriſſe des elfenbeinernen Chriſtus, den ſie umfangen hielt, un⸗ beſtimmt hervorheben ſah, ſtand ſie mit einer gewiſſen Stärke auf, küßte die Füße des göttlichen Märtyrers, ging die Treppe ihres Zimmers hinab und hüllte ſich, während ſie hinabging, in eine Mantille, Sie kam an die Pforte gerade in dem Augenblick, wo eine Runde von Musketieren die Flügel öffnete, um den erſten Poſten der Schweizer einzulaſſen. Dann ſchlüpfte ſie hinter die Leute von der Wache und erreichte die Straße, ehe es dem Führer der Patrouille nur einſiel, ſich zu fragen, wer wohl die junge Frau ſei, die ſo am Morgen aus dem Palaſte wegſchleiche. 96 XII. Die Flucht. La Vallière ging hinter der Patrouille hinaus. Die Patrouille wandte ſich rechts durch die Rue Saint⸗Honoré, maſchinenmäßig ſchlug la Vallisre den Weg links ein.. Ihr Entſchluß war gefaßt, ihr Plan feſtgeſtellt, ſie wollte ſich zu den Carmeliterinnen von Chaillot be⸗ geben, deren Superiorin hinſichtlich der Strenge in einem Rufe ſtand, der die Weltlichen des Hofes beben machte. La Vallière hatte Paris nie geſehen, ſie war nie zu Fuße ausgegangen, ſie hätte den Weg ſelbſt nicht in einer ruhigeren Verfaſſung des Geiſtes gefuͤnden. Dies erklärt, warum ſie die Rue Saint⸗Honoré hinaufging, ſtatt hinabzugehen. Sie war nur darauf bedacht, ſich eiligſt vom Pa⸗ lais Royal zu entfernen, und ſie entfernte ſich auch. Sie hatte ſagen höoͤren, Chaillot ſehe nach der Seine, und ſie wandte ſich daher gegen die Seine. Sie wählte die Rue du Coq, und da ſie den Louvre nicht durchſchreiten konnte, zog ſie ſich gegen die Kirche Saint⸗Germain l'Auxerois, wobei ſie längs dem Platze hinging, auf dem Perrault ſeitdem ſeine Colonnade erbaut hat. 3 Bald erreichte ſie die Quais. Ihr Gang war raſch und unruhig. Kaum fühlte ſie die Schwäche, welche von Zeit zu Zeit, indem ſie ſte zu hinken zwang, an die Verrenkung errinnerte, die ihr in ihrer Kindheit zugeſtoßen war. Zu einer andern Stunde des Tages würde ihre Haltung bei den am Mindeſten hellſehenden Leuten Arg⸗ 97 wohn erregt, die Blicke der am Mindeſten Neugierigen augezogen haben. Doch um halb drei Uhr Morgens ſind die Straßen von Paris ganz oder beinahe verödet, und es finden ſich hier höchſtens arbeitſame Handwerksleute, welche ihr tägliches Brod verdienen wollen, oder gefährliche Müßig⸗ gänger, die nach einer Nacht der Aufregung und der Schwelgerei nach ihrer Wohnung zurückkehren. Nue Für die Erſteren fängt der Tag an, für die An⸗ den deren geht der Tag zu Ende. La Vallidre hatte bange vor allen dieſen Geſichtern, ellt, auf denen ſie ihre Unbekanntſchaft mit den Pariſer Ge⸗ be⸗ prägen das Gepräge der Redlichkeit nicht von dem des in Synismus unterſcheiden ließ. Für ſie war das Elend eben ein Schreckbild, und alle die Leute, denen ſie begegnete, ſcienen Elende zu ſein. nie Ihr Anzug, noch der des vorhergehenden Tages, in war ausgezeichnet, ſelbſt in ſeiner Vernachläßigung; dies denn es war derſelbe, in dem ſie ſich zur Königin⸗Mutter ing, begeben hatte; unter ihrer Mantille, die ſie etwas zu⸗ rückgeſchlagen, daß ſie den Weg beſſer ſehen konnte, Pa⸗ ſprachen überdies ihre Bläſſe und ihre ſchönen Augen eine dieſen Menſchen aus dem Volk unbekannte Sprache, der und ohne es zu wiſſen, flehte die arme Flüchtige die Brutalität der Einen, das Mitleid der Andern an. den„La Vallière ging ſo in einem Zuge, keuchend, ha⸗ gen ſtig, bis zur Höhe der Place de Grdve. ngs Von Zeit zu Zeit blieb ſte ſtehen, drückte die Hand eine an ihr Herz, lehnte ſich an ein Haus an, ſchöpfte wie⸗ der Athen und ſetzte dann ihren Lauf raſcher als zuvor ort. hlte Auf der Place de Gréve angelangt, ſah ſich la ſie Vallière von einer Gruppe von drei ſchlecht gekleideten, die ſchwankenden, weinſchweren Männern, die aus einem im Hafen angebundenen Schiff herauskamen, angehalten. ihre Dieſe ſes Schiff war mit Weinen belade n, und man 98 vone bemerken, daß ſie der Waare Ehre angethan atten. Sie beſangen ihre bacchiſchen Thaten aus drei ver⸗ ſchiedenen Tonarten, als ſie am Ende der Treppe, die nach dem Quai führte, plötzlich dem Fortſchreiten des Mädchens ein Hinderniß entgegenſtellten. La Vallière blieb ſtehen, Sie machten ihrerſeits beim Anblick dieſer Frau in Hofkleidern ebenfalls einen Halt, faßten ſich gleich⸗ zeitig in Uebereinſtimmig bei den Händen, umgaben la Vallidre und ſangen: „Du, die Du Dich langweilſt alleine, „Komm, komm und kache mit uns.“ La Vallisre begriff, daß dieſe Menſchen ſie mein⸗ ten und ſie am Vorübergehen verhindern wollten; ſie machte mehrere Verſuche, zu entfliehen, doch vergebens. Ihre Beine wichen, ſie ſah ein, daß ſie fallen würde, und ſtieß einen Angſtſchrei aus. Doch in demſelben Augenblick öffnete ſich der Kreis, der ſie umgab, unter der Wirkung eines mächtigen Druckes. Der Eine von den rohen Burſchen wurde links niedergeworfen, der Andere rollte rechts bis an den Rand des Waſſers, der Dritte ſchwankte auf ſeinen Beinen. Ein Officier von den Musketieren ſtand, die Stirne gefaltet, die Drohung auf dem Mund, die Hand erho⸗ ben, um der Drohung eine weitere Folge zu geben, vor dem Mädchen. Die Trunkenen machten ſich aus dem Staube beim Anblick der Uluiform und beſonders vor dem Beweiſe von Stärke, liefert hatte. lein de la Vallisre!“ een ihnen derjenige, welcher ſie trug, ge⸗ „Mordioux!“ rief der Officier,„das iſt ja Fräu⸗ Betäͤubt von dem, was vorgefallen, erſtaunt, ih — ren Namen ausſprechen zu hören, ſchlug la Vallière die Augen auf und erkannte d'Artagnan. „Ja, mein Herr, ich bin es, ich bin es,“ ſagte ſie⸗ Und zu gleicher Zeit hielt ſie ſich an ſeinem Arm. „Nicht wahr, Ihr werdet mich beſchützen, Herr d'Artagnan?“ fügte ſte mit flehender Stimme bei. „Gewiß werde ich Euch beſchützen; doch mein Gott, wohin geht Ihr zu dieſer Stunde?2“ „Ich gehe nach Chaillot.“ „Ihr geht nach Chaillot durch die Rapèe? Ihr wendet ihm wahrhaftig den Rücken zu, mein Fräulein.“ „Dann ſeid ſo gut, mein Herr, mich auf den rech⸗ bn Weg zu bringen und mich einige Schritte zu ge⸗ eiten.“ „Ahl gerne.“ „Doch wie kommt es, daß ich Euch hier finde? Durch welche Gnade des Himmels ſeid Ihr nahe ge⸗ nug, um mir Beiſtand zu gewähren? Mir ſcheint in der That, daß ich träume, mir ſcheint, daß ich ver⸗ rückt geworden!“ „Ich war da, weil ich auf der Place de Grove ein Haus habe, zum Bilde Unſerer Lieben Frau beſchildet; ich zog geſtern den Miethzins ein und brachte daſelbſt die Nacht zu. Ich wünſchte auch frühzeitig im Palaſte zu ſein, um dort meine Poſten zu inſpiciren.“ „Ich danke,“ ſagte la Vallidre. „Ja, das iſt es, was ich machte,“ ſprach d'Artag⸗ nan.„Doch ſie,“ dachte er,„was machte ſie, und warum geht ſie zu einer ſolchen Stunde nach Chaillot?⸗ Und er bot ihr ſeinen Arm. La Vallidère nahm ihn und fing an haſtig zu gehen. Dieſe Haſt verbarg eine große Schwäche, d'Artag⸗ nan fühlte es, er ſagte la Valliére, ſie möge ausru⸗ hen; f ſchlug es aus. 1. „Ihr wißt ohne Zweifel nicht, wo Chaillot liegt?“ fragte d'Artagnan. „Ich weiß es nicht.“ — 100 „Es iſt weit entfernt.“ „Gleichviel.“ „Wenigſtens eine Meile.“ „Ich werde dieſe Meile zurücklegen.“ D'Artagnan machte keine Einwendung mehr; er kannte ſchon am Ton die wirklichen Entſchlüſſe. Der Musketier trug la Vallière mehr, als daß er ſie begleitete.. Endlich erblickten ſie die Höhen. „In welches Haus begebt Ihr Euch, mein Fräu⸗ lein?“ fragte d'Artagnan. „Zu den Carmeliterinnen.“ „Zu den Carmeliterinnen?“ wiederholte d'Artag⸗ nan erſtaunt. „Ja, und da Gott Euch zu mir geſandt hat, um mich auf meinem Wege zu unterſtützen, empfangt mei⸗ nen Dank und mein Lebewohl.“ „Zu den Carmeliterinnen? Euer Lebewohl? Ihr tretet alſo in den Orden ein?“ rief d'Artagnan. „Ja, mein Herr.“ „Ihr! 1 1“ Es lag in dieſem Ihr, das wir mit drei Ausru⸗ fungszeichen begleitet haben, um es ſo gewichtig als möglich zu machen, ein ganzes Gedicht; es rief in la Vallière ihre alten Erinnerungen an Blois und zugleich ihre neuen Erinnerungen an Fontainebleau zurück... Er ſagte:„Ihr, die Ihr ſo glücklich mit Raoul ſein konntet, Ihr, die Ihr ſo mächtig mit Ludwig ſein könntet, Ihr wollt in den Orden eintreten!“ „Ja, mein Herr,“ antwortete ſie,„ich werde die Magd des Herrn, ich verzichte auf dieſe ganze Welt.“ „Täuſcht Ihr Euch nicht in Euerem Beruf, täuſcht Ihr Euch nicht im Willen Gottes?“ „Nein, denn Gott hat es geſtattet, daß ich Euch traf. Ohne Euch unterlag ich ſicherlich der An⸗ ſtrengung, und da Gott Euch auf meinen Weg ſandte, ſo war es ſein Wille, daß ich das Ziel erreiche.“ ———— „Ah!“ verſetzte d'Artagnan zweifelnd,„das kommt mir ein wenig ſpitzfindig vor.“ „Wie dem ſein mag,“ ſprach das Mädchen,„Ihr ſeid nun über meinen Schritt und meinen Entſchluß unterrichtet. Ich habe Euch nur noch um eine letzte Gunſt zu bitten, während ich Euch zugleich meinen herzlichen Dank ſage.“ „Sprecht, mein Fräulein.“ „Der König weiß nichts von meiner Flucht aus dem Palais⸗Royal.“ D Artagnan machte eine Bewegung. „Der Köoͤnig weiß nichts von dem, was ich zu thun beabſichtige,“ fuhr la Valliére fort. „Der König weiß nichts davon!“ rief d'Artagnan. „Aber, mein Fräulein, nehmt Euch in Acht; Ihr be⸗ rechnet das Gewicht Eurer Handlung nicht. Niemand darf etwas thun, was der König nicht weiß, beſonders nicht die Perſonen des Hofes.“ „Ich bin nicht mehr am Hofe, mein Herr.“ D'Artagnan ſchaute das Mäadchen mit wachſendem Erſtaunen an. „Ah! ſeid unbeſorgt,“ fuhr la Vallière fort.„Al⸗ les iſt erwogen, und wäre das auch nicht der Fall, o würde es doch nun für mich zu ſpät ſein, von mei⸗ nem Entſchluß abzugehen.“ 3„Run denn, mein Fräulein, ſagt, was wünſcht r?“ „Mein Herr, bei dem Mitleid, das man dem Un⸗ glück ſchuldig iſt, bei der Großmuth Eurer Seele, bei Eurem adeligen Wort flehe ich Euch an, mir einen Schwur zu leiſten!“ „Einen Schwur?“ „Ja!“ „Welchen?“ „Schwöort mir, daß Ihr dem Koͤnig nicht ſagen werdet, Ihr habet mich geſehen, und ich ſei bei den Carmeliterinnen.“ 1 102 D'Artagnan ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Ich werde das nicht ſchwören.“ „Warum nicht?“ „Weil ich den König kenne, weil ich Euch kenne, weil ich mich ſelbſt kenne, weil ich das ganze Menſchen⸗ geſchlecht kenne... Nein, ich werde das nicht ſchwören!“ „Nun!“ rief la Vallière mit einer Energie, der man ſie nicht hätte fähig halten ſollen,„nun denn, ſtatt der Segnungen, mit denen ich Euch bis an das Ende meiner Tage überſtrömt hätte, ſeid verflucht! denn Ihr macht mich zum elendeſten von allen Ge⸗ ſchöpfen!“. Wir haben geſagt, d'Artagnan ſei mit den Tönen, die aus dem Herzen kommen, vertraut geweſen, er konnte dieſen nicht widerſtehen. Er ſah die Entſtellung ihrer Züge; er ſah das Zittern ihrer Glieder; er ſah dieſen zarten, ſchwächlichen Körper, durch den heftigen Anfall erſchüttert, ſchwankenz er hegriff, daß ein Widerſtand ſie tödten würde. „Es ſoll alſo geſchehen, wie Ihr wollt.“ ſprach er. „Seid ruhig, mein Fräulein, ich werde dem König nichts ſagen.“. „Oh! Dank! Dank!“ rief la Vallidre,„Ihr ſeid der edelmüthigſte der Menſchen!“ Und in ihrem freudigen Entzücken ergriff ſte die Hände von d'Artagnan und drückte ſie in den ihrigen. Dieſer fühlte ſich gerührt und ſagte zu ſich ſelbſt: „Mordioux! das iſt Eine, welche da anfängt, wo die Anderen endigen; das iſt rührend.“ La Vallière, die im Augenblick des Parorismus ihres Schmerzes auf einen Stein niedergeſunken war, ſtand nun auf und ging auf das Kloſter der Carmeli⸗ terinnen zu, das man im zunehmenden Licht ſich erheben ſah. D'Artagnan folgte ihr von fern. Die Thüre des Sprachzimmers war halb offen; ſie ſchlüpfte hinein wie ein blaſſer Schatten, dankte. und verſchwand aus ſeinen Augen. aufbewahren und hoffen, ſte werde den Stoff nicht ver⸗ brennen. Das Geheimniß nicht zu bewahren, wenn man es zu bewahren geſchworen hat, iſt die Sache eines ehrloſen Menſchen... Gewöhnlich kommen mir die gu⸗ ten Gedanken im Laufen; doch diesmal muß ich, wenn mich nicht Alles täuſcht, ſtark laufen, um die Löſung dieſer Geſchichte zu finden. „Wohin laufen? „Meiner Treue, am Ende nach der Seite von Paris. Das iſt die gute Seite. „Nun, laufen wir geſchwinde! „Doch, um geſchwinde zu laufen, ſind vier Beine beſſer a ls zwei. Leider habe ich für den Augenblick nur meine zwei Beine. „Ein Pferd, wie ich im Theater in hörte, meine Krone für ein Pferd. „Wenn ich bedenke, das wird mich nicht gerade ſo biel koſten. „Ich habe einen Poſten von Musketieren an der Barrière de la Conference, und ich brauche, werde ich zehn finden.“ Kraft dieſes mit ſeiner gewöhnlichen Raſchheit ge⸗ faßten Entſchluſſes ſtieg d'Artagnan eilig die Höhen hinab, erreichte den Poſten, nahm hier den beſten Ren⸗ ner, den er finden konnte, und war in zehn Minuten im Palaſt. London ſagen Es ſchlug fünf Uhr im Glockenthurm des Palais⸗ Noyal. D'Artagnan erkundigte ſich nach dem König. Der Koͤnig hatte ſich, nachdem er mit Herrn Col⸗ d'Artagnan mit einem einzigen Zeichen mit der Hand bert gearbeitet, zu ſeiner gewöhnlichen Stunde zu Bette gelegt und ſchlief noch aller Wahrſcheinlichkeit nach. „Ah!l“ ſagte d'Artagnan,„ſie ſprach wahr; der König weiß nichts von Allem; wenn er nur die Hälfte von dem, was vorgefallen, wüßte, ſo ginge zu dieſer Stunde im Palais⸗Royal Alles drunter und drüber.“ XIII. Wie Ludwig ſeinerſeits die Zeit von halb eilf Uhr bis um Mittternacht zugebracht hatte. Als Ludwig das Gemach der Ehrenfräulein ver⸗ ließ, fand er in ſeinem Cabinet Colbert, der auf ihn wartete, um ſeine Befehle für die Ceremonie am an⸗ dern Tag einzuholen. Es handelte ſich, wie wir erwähnt, um den Em⸗ pfang von holländiſchen und ſpaniſchen Geſandten. Ludwig XIV. hatte gewichtige Gründe der Unzu⸗ friedenheit gegen Holland. Die Generalſtaaten hatten ſchon wiederholt in ihren Beziehungen zu Frankreich krumme Wege genommen, und ohne ſich um einen Bruch zu bekümmern, vernachläßigten ſie abermals das Bündniß mit dem allerchriſtlichſten König, um allerlei Intriguen mit Spanien anzuſpinnen. Ludwig XIV. fand bei ſeiner Thronbeſteigung, das heißt bei dem Tod von Mazarin dieſe politiſche Frage gleichſam angelegt. Sie war ſchwierig zu loͤſen für einen jungen Mann, doch da damals die ganze Nation im Köoͤnig — 10⁵ beſtand, ſo fand ſich der Körper bereit, Alles auszu⸗ führen, was der Kopf beſchloß. Ein wenig Zorn, die Reaction eines jungen und lebhaften Blutes im Gehirn genügte, um eine alte politiſche Linie zu verändern und ein neues Syſtem zu ſchaffen. ſich darauf, daß ſie unter ſich die Staatsſtreiche anord⸗ A, neten, deren ihre Souverains bedürfen konnten. den, einen Lärm zu machen, nachdem er ſo lange an ſich gehalten. Als Colbert den König eintreten ſah, beurtheilte er mit einem Blick die Lage der Dinge und begriff die Sobald der Gebieter fragte, was am andern Tag zu thun ſei, fing Colbert mit der Aeußerung an, er finde es ſonderbar, daß Seine Majeſtät nicht von Herrn Fou⸗ quet auf das Laufende geſetzt worden ſei.— „Herr Fouquet kennt die ganze Angelegenheit von Holland,“ ſagte er;„er empfängt die Correſpondenzen unmittelbar.“ Gewohnt, Colbert Herrn Fouquet anfallen zu hören, ließ der König dieſen Hieb vorübergehen, ohne etwas zu erwiedern; er hörte nur. Colbert ſah, welche Wirkung er hervorbrachte, be⸗ eilte ſich, umzudrehen und ſagte nur, Fouquet ſei in⸗ deſſen nicht ſo ſchuldig, als es von vorn herein ſcheine, in Betracht, daß er in dieſem Augenblick ſehr in An⸗ pruch genommen werde. 3 Der Koͤnig erhob den Kopf und fragte: „Wie iſt er denn in Anſpruch genommen?“ Die drei Musketiere, Bragelonne. Vn, 8 3„Sire, die Menſchen ſind nur Menſchen, und Herr Fouquet hat ſeine Fehler bei ſeinen guten Eigenſchaften.“ „Ahl Fehler, wer hat nicht Fehler, Herr Col⸗ 2 74 bert?... „Eure Majeſtät hat wohl auch,“ erwiederte kühner Weiſe Colbert, der eine ſchwere Batterie in einen leich⸗ ten Tadel zu ſchleudern wußte, wie der Pfeil, der die Luft trotz ſeines Gewichtes mit Hülfe von ſchwachen Federn, die ihn halten, durchſchneidet. Der Konig lächelte. „Welchen Fehler hat denn Herr Fouquet?“ ſagte er. „Immer denſelben, er ſoll verliebt ſein.“ „Verliebt! in wen?“ „Ich weiß nicht genau, ich miſche mich wenig in Dinge der Galanterie.“ „Ihr müßt es doch wiſſen, da Ihr der Sache er⸗ wähnt.“ 3 „Was „Einen Namen.“ „Welchen?“ „Ich erinnere mich nicht mehr.“ „Sagt es immerhin.“ 3 „Ich glaube, es iſt der von einem der Ehrenfräulein von Madame.“ 4. Der König bebte. 1 „Ihr wißt mehr, als Ihr ſagen wollt, Herr Col⸗ bert,“ murmelte er. „Ah! Sire, ich verſichere Euch, daß dies nicht der Fall iſt. .„Man kennt ſie doch, die Ehrenfräulein von Ma⸗ dame, und wenn man Euch ihre Namen ſagt, werdet Ihr vielleicht den finden, welchen Ihr ſucht.“ „Nein, Sire.“ „Verſucht es.“ 3 „Es waͤre vergeblich, Sire. Handelt es ſich um den Namen von compromittirten Damen, ſo iſt mein „Ich habe ausſprechen hören...“ 1 er. 107 Gedächtniß eine eiſerne Kiſte, deren Schlüſſel ich ver⸗ loren habe.“ Eine Wolke zog durch den Geiſt und über die Stirne des Königs hin; dann, da er Herr ſeiner ſelbſt ſcheinen wollte, ſagte er, den Kopf ſchüttelnd: „Gut; wir wollen von der holländiſchen Sache ſprechen.“ „Vor Allem: um welche Stunde will Eure Maje⸗ ät die Geſandten empfangen?“ „Frühzeitig.“ „Um olf Uhr?“ „Das iſt zu ſpät... Um neun Uhr.“ „Das iſt zu früh.“ „Bei Freunden iſt dies von keiner Bedeutung; bei Freunden thut man, was man will; bei Feinden aber kann nichts beſſer ſein, als wenn ſie ſich verletzt fühlen. muß geſtehen, es wäre mir nicht unangenehm, mit allen dieſen Sumpfvögeln, die mich mit ihrem Geſchrei ermüden, ein Ende zu machen.“ „Sire, es ſoll geſchehen, wie Eure Majeſtät will.. 4 Um neun Uhr alſo Ich werde Befehle dem ge⸗ mäß geben. Iſt die Audienz feierlich?“ „Nein. Ich will mich mit ihnen erklären, und nicht die Dinge begiften, wie es in Gegenwart von vie⸗ len Leuten immer geſchieht; zu gleicher Zeit aber will ich ſie in's Klare ſetzen, daß ich nicht wieder anzufan⸗ gen habe.“ „Eure Majeſtät wird die Perſonen bezeichnen, welche dem Empfang beiwohnen ſollen.“ „ Ich werde die Liſte machen... Sprechen wir von dieſen Geſandten: was wollen ſie?“ „ Mit Spanien verbündet, gewinnen ſie nichts; mit Frankreich verbündet, verlieren ſie viel.“ „Wie ſo?“ „Mit Spanien verbunden, ſehen ſie ſich von den Beſitzungen ihres Bundesgenoſſen begrenzt und be⸗ ſchützt; ſte können dort nicht anbeißen, obgleich ſie Luſt 108 dazu haben. Von Antwerpen nach Rotterdam iſt es auf der Maaß und der Schelde nur ein Schritt. Wollen ſie in den ſpaniſchen Kuchen beißen, ſo könnt Ihr, der Schwiegerſohn des Königs von Spanien, in zwei Ta⸗ gen mit der Reiterei nach Brüſſel kommen. Es han⸗ delt ſich alſo darum, ſich mit Euch zu entzweien und Spanien bei Euch verdächtig genug zu machen, daß Ihr Euch nicht in ſeine Angelegenheiten miſchet.“ „Demnach,“ ſagte der König,„demnach iſt es viel einfacher, ein ſolides Bündniß mit mir zu ſchließen, bei dem ich etwas gewinnen würde, während ſie Alles da⸗ bei gewinnen.“ „ Nicht, wenn ſie zufällig Euch zum Angrenzer be⸗ kämen, denn Eure Majeſtät iſt kein bequemer Nachbar; jung, glühend, kriegeriſch, kann der König von Frank⸗ reich Holland harte Streiche beibringen, beſonders wenn er ihm näher kommt.“ 4 „Ich verſtehe vollkommen, Herr Colbert, und das iſt gut erläutert; doch der Schluß, wenn's beliebt?“ „Den Entſcheidungen Eurer Majeſtät gebricht es nie an Weisheit.“ „Was werden mir die Geſandten ſagen?“ „Sie werden Eurer Majeſtät ſagen, ſte wünſchen ungemein das Bündniß mit ihr, und das wird eine Lüge ſein; ſie werden den Spaniern ſagen, die drei Mächte müſſen ſich gegen die Wohlfahrt von England verbinden, und das wird auch eine Lüge ſein, denn der natürliche Verbündete Eurer Majeſtät iſt heute Eng⸗ land, das Schiffe hat, wenn Ihr keine habt; es iſt Eng⸗ land, das die Macht der Holländer in Indien aufwiegen kann; es iſt endlich England, ein monarchiſches Land, wo Eure Majeſtät verwandtſchaftliche Verbindungen hat!“ „Gut, aber was würdet Ihr antworten?“ „Ich würde mit einer Mäßigung ſonder Gleichen antworten, Holland ſei nicht vollkommen geſtimmt für 3 den König von Frankreich. Die Symptome des öffent⸗ lichen Geiſtes ſeien beunruhigend fuͤr Eure Majeſtätz 34 ſei I ni . 109 es ſeien gewiſſe Münzen mit beleidigenden Deviſen ge⸗ ſchlagen worden.“ „Beleidigend für mich!“ rief der erxaltirte junge König. „Oh! nein, Sire, nein; ich habe mich geirrt, be⸗ leidigend iſt nicht das richtige Wort. Ich wollte ſagen, über die Maßen ſchmeichelhaft für die Holländer.“ „Ohl wenn dem ſo iſt, was liegt mir an der Hoffart der Holländer!“ ſagte der Koͤnig ſeufzend. „Eure Majeſtät hat tauſendmal Recht. Doch es iſt, der König weiß dies beſſer als ich, nie ein Uebel in der Politik, ungerecht zu ſein, um eine Einraͤumung zu erlangen. Beklagt ſich Eure Majeſtät empſindlich üͤber die Holländer, ſo wird ſie ihnen nur um ſo an⸗ ſehnlicher erſcheinen.“ „Was iſt das mit den Münzen?“ fragte Ludwig; „denn wenn ich davon ſpreche, ſo muß ich doch wiſſen, was ich zu ſagen habe.“ „Meiner Treue! Sire, ich weiß es nicht genau... irgend eine übertriebene Deviſe... Das iſt der Sinn... Die Worte thun nichts zur Sache.“ „Gut, ich ſpreche das Wort Münze aus, und ſie werden es verſtehen, wenn ſie wollen.“ „Ohl ſie werden verſtehen. Eure Majeſtät kann auch ein paar Worte von gewiſſen Pamphleten, die im Umlauf ſind, einſchlüpfen laſſen.“ „Nie. Die Pamphlete beſchmutzen diejenigen, welche dfr ſchreiben, viel mehr, als die, gegen welche man ſie reibt. Herr Colbert, ich danke Euch. Ihr koͤnnt Euch entfernen.“ 4 44 3 „Sire.. „Gott befohlen. Vergeßt nicht die Stunde, und ſeid da.“ „Sirel ich erwarte die Liſte von Eurer Majeſtät.“ „Es iſt wahr.“ 3 Der König fing an zu träumen; er dachte gar aicht mehr an dieſe Liſte. Es ſchlug halb zwoͤlf Uhr. 1¹10 Man ſah im Antlitz des Fürſten den furchtbaren Kampf des Stolzes. Die politiſche Unterredung hatte viel Zorn bei Lud⸗ wig getilgt, und das bleiche entſtellte Geſicht von la Vallidre ſprach zu ſeiner Einbildungskraft eine ganz andere Sprache, als die holländiſchen Münzen und die bataviſchen Pamphlete. Er verweilte zehn Minuten bei der Frage an ſich ſelbſt, ob er zu la Ballière zurückkehren oder nicht zu⸗ rückkehren ſollte; als aber Colbert ehrerbietig an die Liſte mahnte, erröthete der König, daß er an die Liebe dachte, während die Staatsangelegenheiten geboten. Er dictirte alſo: „Die Königin Mutter. „Die Königin. „Madame. „Frau von Motteville. „Fräulein von Chatillon. „Frau von Navailles.“ Und von Männern: „Monſieur. „Der Herr Prinz. „Herr von Grammont. „Herr von Manicamp. „Herr von Saint⸗Aignan. „Und die Officianten vom Dienſt.“ „Die Miniſter?“ fragte Colbert. „Das verſteht ſich von ſelbſt, und die Secretäre.“ „Sire, ich werde Alles anordnen: die Befehle ſol⸗ len morgen vollzogen ſein.“ 2„Saget heute,“ erwiederte Ludwig mit traurigem Tone. Es ſchlug Mitternacht. Dies war die Stunde, wo die arme la Vallisre vor Kummer und Schmerzen verging. Die Bedienung des Königs trat zu ſeinem Schl fengehen ein. Die Koͤnigin wartete ſeit einer Stunder 1 er in das weite und undurch Der König begab ſich mit einem Seufzer zu ihr, doch während er ſeufzte, wünſchte er ſich Glück zu ſei⸗ nem Muth. Er ſpendete ſich Beifall, daß er feſt ſei in der Liebe, wie in der Politik. 31 XIV. Die Geſandten. D'Artagnan hatte beinahe Alles erfahren, was wir mitgetheilt, denn er zählte zu ſeinen Freunden alle nützliche Leute des Hauſes, willfährige Diener, welche ſtolz darauf waren, vom Capitän der Musketiere ge⸗ grüßt zu werden, denn der Kapitän war eine Macht; dann, abgeſehen vom Ehrgeiz, ſtolz darauf, daß ſie bei einem ſo tapferen Mann, wie d'Artagnan, etwas galten. D Artagnan ließ ſich ſo jeden Morgen von Allem unterrichten, was er am Tage vorher nicht ſelbſt hatte ſehen oder in Erfahrung bringen können, da er kein Ubi⸗ quiſt war, dergeſtalt, daß er aus dem, was er jeden Tag ſelbſt geſehen, und aus dem, was er durch Andere er⸗ ahren, ein Bündel machte, das er, wenn das Bedürf⸗ niß eintrat, aufknüpfte, um die Waffe daraus zu neh⸗ men, die er gerade für nothwendig erachtete. So leiſteten d'Artagnan ſeine zwei Augen denſelben Dienſt, wie Argus ſeine hundert. Politiſche Geheimniſſe, Gaſſengeheimniſſe, Worte, die den Höflingen beim Ausgang aus dem Vorzimmer entſchlüpft, Alles wußte d'Artagnan, und Alles ſchloß dringliche Grab ſeines Ge⸗ dächtniſſes neben ſo theuer erkaufte und ſo treu be⸗ wahrte königliche Geheimniſſe. Er wußte alſo die Zuſammenkunft mit Colbert; er wußte den Empfang, der am Morgen den Geſandten gewährt werden, daß dabei von den Münzen die Rede ſein ſollte; und während er das Geſpräch aus den paar Worten, die zu ihm gelangt, wieder aufbaute, begab er ſich an ſeinen Poſten in den Gemächern, um in dem Audenblit, wo der König erwachen würde, anweſend zu ein. Der König erwachte ſehr frühzeitig, was bewies, daß er ſeinerſeits auch ſchlecht geſchlafen hatte. Gegen ſteben Uhr öffnete er ſachte ſeine Thüre. D'Artagnan war auf ſeinem Poſten. Seine Majeſtät ſah bleich aus und ſchien angegrif⸗ fen; überdies war ſeine Toilette nicht vollendet. „Laßt Herrn von Saint⸗Aignan rufen,“ ſagte der König. Saint⸗Aignan erwartete ohne Zweifel, man würde ihn rufen, denn als man zu ihm kam, war er ganz angekleidet. Saint⸗Aignan beeilte ſich, zu gehorchen, und begab ſich zum König.. Einen Augenblick nachher entfernte ſich der König mit Saint⸗Aignan; der König ging voraus. DArtagnan ſtand an einem Fenſter, das nach den Höfen ging, er brauchte ſich alſo nicht von der Stelle zu bewegen, um dem König mit den Augen zu folgen. Es war, als hätte er zum Voraus errathen, wohin der König gehen würde. Der König ging zu den Ehrenfräulein, Darüber wunderte ſich d'Artagnan nicht. Er ver⸗ muthete, obgleich la Vallidre ihm nichts geſagt hatte, der König habe ein Unrecht wieder gut zu machen. Saint⸗Aignan folgte ihm wie am Tage vorher, jedoch etwas weniger unruhig, etwas weniger ängſtlich, denn er hoffte, um ſieben Uhr Morgens werden nur er * N verlor er ſie nicht aus dem nur bei großen Veranlaſſun berechnete er zum Voraus den ganzen Sturm von Ge⸗ ſchrei und Zornausbrüchen, der ſich bei der Rückkehr erheben ſollte. und der König unter den erhabenen Gaͤſten des Schloſ ſes wach ſein. 8 D. Artagnan ſtand ſorglos und ruhig am Fenſter. Man hätte geſchworen, er ſähe nichts und er wüßte durchaus nicht, wer die Abenteurer, die, in ihre Mäͤntel gehüllt, den Hof durchſchritten. Wäahrend aber d'Artagnan dieſes Ausſehen hatte, Blick, und während er leiſe ketiere pfiff, deſſen er ſich gen erinnerte, errieth und den alten Marſch der Mus Der König, als er bei la Vallière eintrat und das Zimmer leer, das Bett unberührt fand, fing wirk⸗ lich an zu erſchrecken und rief Montalais. Montalais lief herbei, doch ihr Erſtaunen war dem des Köͤnigs gleich. Alles, was ſie dem König ſagen konnte, war, daß ſie la Vallidre einen Theil der Nacht habe weinen hoͤ⸗ ren, doch da ſie gewußt, daß der König da geweſen, ſo habe ſie es nicht gewagt, ſich nach der Urſache zu erkundigen. „Aber wohin glaubt Ihr denn, daß ſie gegangen?“ fragte der König. „ „Sire,“ erwiederte Montalais,„Louiſe iſt eine ſehr empfindſame Perſon, und oft habe ich ſie bei Ta⸗ gesanbruch aufſtehen und in den Garten gehen ſehen; vielleicht iſt ſie dieſen Morgen dort. Die Sache kam dem König wahrſcheinlich vor, und er ging ſogleich hinab, um nach dem Flüchtling zu forſchen. O Artagnan ſah ihn bleich und in lebhaftem Ge⸗ ſpraͤch mit ſeinem Begleiter erſcheinen. Er wandte ſich nach den Gärten. Saint⸗Aignan folgte ihm ganz athemlos. 3 Artagnan rührte ſich nicht von ſeinem Fenſter; e. er pfiff beſtändig und hatte den Anſchein, als ſähe er nichts, während er Alles ſah. „Ahl ah!“ ſagte er, als der König verſchwunden war,„die Leidenſchaft Seiner Majeſtät iſt ſtärker, als ich glaubte; er thut da, wie mir ſcheint, Dinge, die er für Fräulein von Mancini nicht gethan hätte.“ Der König kam nach einer Viertelſtunde zurück; er hatte überall geſucht und war außer Athem. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er nichts gefunden. Saint⸗Aignan folgte ihm; er fächelte ſich mit ſei⸗ nem Hut und erkundigte ſich bei den erſten den beſten Dienern, bei Allen, denen er begegnete. Manicamp fand ſich auf ſeinem Wege. Manicamp kam in kleinen Märſchen von Fontainebleau; wozu An⸗ dere ſechs Stunden gebraucht, dazu hatte er oier⸗ und zwanzig gebraucht. „Habt Ihr Fräulein de la Vallidre geſehen?“ fragte Saint⸗Aignan. Worauf Manicamp, ſtets träumeriſch und zerſtreut, im Glauben, man ſpreche von Guiche, erwiederte: „Ich danke, es geht dem Grafen beſſer.“ Und er ging weiter bis zum Vorzimmer, wo er d'Artagnan traf, den er um Erläuterung über die be⸗ ſtürzte Miene bat, die er am König wahrzunehmen ge⸗ glaubt hatte. 4 D' Artagnan antwortete ihm, er habe ſich getäuſcht, der König ſei im Gegentheil von einer tollen Heiterkeit. Mittlerweile ſchlug es acht Uhr. Der König nahm gewöhnlich um dieſe Zeit ſein Frühſtück. Es war im Coder der Etiquette feſtgeſtellt, der 4 König habe immer um acht Uhr Hunger. Er ließ auf einem Tiſchchen in ſeinem Schlafzim⸗ mer auftragen und aß hurtig. Saint⸗Aignan, von dem er ſich nicht trennen wollte hielt ihm die Serviette. Dann fertigte er einige militäriſche Audienzen ab — — 115 Während dieſer Audienzen ſchickte er Saint⸗Aignan auf Entdeckungen aus. Immer beſorgt, immer ängſtlich, immer auf die Rückkehr von Saint⸗Aignan lauernd, der alle ſeine Leute hatte ins Feld rücken laſſen und ſelbſt darein gerückt war, erreichte der König neun Uhr. Auf den Schlag neun Uhr begab er ſich in ſein großes Cabinet. Die Geſandten traten auch auf den erſten Schlag von neun Uhr ein. Auf den letzten Schlag erſchienen die Königinnen und Madame. Die Geſandten waren drei für Holland, zwei für Spanien. Der König warf einen Blick auf ſie und grüßte. In dieſem Augenblick trat auch Saint⸗Aignan ein. Es war dies für den König ein viel wichtigerer Eintritt, als der der Geſandten, wie groß auch ihre Zahl und von welchem Lande ſie kommen mochten. Der König machte auch vor Allem Saint⸗Aignan ein fragendes Zeichen, worauf dieſer durch eine entſchie⸗ dene Verneinung antwortete. Der König hätte beinahe allen Muth verloren, da aber die Königinnen, die Großen des Reiches und die Geſandten die Augen auf ihn richteten ſo ſtrengte er ſich gewaltig an und lud die letzteren ein, zu ſprechen. Hierauf hielt einer von den ſpaniſchen Abgeordne⸗ ten eine lange Rede, in der er die Vortheile des ſpa⸗ niſchen Bündniſſes anpries. er König unterbrach ihn mit den Worten: „Mein Herr, ich hoffe, daß das, was für Frank⸗ reich gut iſt, für Spanien ſehr gut ſein muß.“ Dieſes Wort und beſonders die peremptoriſche Weiſe, in der es ausgeſprochen wurde, machten die Geſandten erbleichen und die zwei Königinnen erröthen, die ſich, beide Spanierinnen, in ihrem Verwandtſchafts⸗ und Nationalitätsſtolz durch die Antwort verletzt fuͤhlten. ——— 116 Der holländiſche Geſandte nahm ebenfalls das Wort und beklagte ſich über vorgefaßte Anſichten, die der König gegen die Regierung ſeines Landes offenbare. Der König unterbrach ihn: „Mein Herr, es iſt ſonderbar, daß Ihr Euch be⸗ klagt, während ich Grund habe, mich zu beklagen, und es, wie Ihr ſeht, doch nicht thue.“ „Euch beklagen, Sire?“ fragte der Holländer, „über welche Verletzung?“ Der König lächelte voll Bitterkeit und ſprach: „Werdet Ihr mich zufällig tadeln, daß ich einen Unwillen gegen eine Regierung hege, welche öffentliche Beleidiger autoriſirt und beſchützt?“ „Sire!“ „Ich ſage Euch,“ fuhr der König fort, der ſich viel mehr durch ſeinen eigenen Aerger, als durch die politiſche Frage aufreizte,„ich ſage Euch, daß Holland ein Land der Zuflucht für Jeden iſt, der mich haßt, und beſonders für Jeden, der mich beleidigt!“ „Ahl Sire!..“ „Ah! Beweiſe, nicht wahr? Nun wohl! man wird leicht Beweiſe haben. Woher entſtehen die unverſchäm⸗ ten Pamphlete, die mich als einen Monarchen ohne Würde und Anſehen darſtellen? Eure Preſſen ſeufzen darunter. Wenn ich meine Secretäre da hätte, würde ich Euch die Titel der Werke mit den Namen der Drucker nennen.“. „Sire,“ erwiederte der Geſandte,„ein Pamphlet kann nicht das Werk einer Nation ſein. Entſpricht es der Billigkeit, daß ein großer König, wie Euer Maje⸗ ſtät, ein großes Volk für das Verbrechen einiger Wahn⸗ ſinnigen, welche Hungers ſterben, verantwortlich macht?“ „Gut; ich gebe Euch das zu, mein Herr. Aber wenn die Münze von Amſterdam Medaillen zu meiner Schmach ſchlägt, iſt das auch das Verbrechen einiger Wahnſinnigen?“ 5 „Medaillen!“ ſtammelte der Geſandte. ——’= ——P— 117. „Medaillen!“ wiederholte der Koͤnig, Colbert an⸗ ſchauend. „Eure Majeſtät mußte ſehr ſicher ſein...“ ſtam⸗ melte der Holländer. Der König ſchaute beſtändig Colbert an; doch Col⸗ bert ſah aus, als begriffe er nicht, und ſchwieg trotz der Aufforderung des Königs. Da näherte ſich d'Artagnan, zog aus ſeiner Taſche eine Münze, reichte ſie dem König und ſprach: „Das iſt die Münze, die Eure Majeſtät ſucht.“ Der Koͤnig nahm ſie. Da konnte er mit dem Auge, das, ſeitdem er wirk⸗ lich Gebieter, nur geſchwebt hatte, da konnte er, ſagen wir, ein freches Bild Holland darſtellend, das wie Joſua die Sonne ſtille ſtehen machte, mit dem Spruche ſehen: In conspectu meo stetit sol. „Bei meinem Anblick ſtand die Sonne ſtill!“ rief der wüthende König.„Ah! Ihr werdet hoffentlich nicht mehr leugnen!* „Und die Sonne iſt dieſe,“ ſagte d'Artagnan. Und er bezeichnete auf allen Feldern des Cabinets die Sonne, das vielfältige und glänzende Emblem, das überall ſeine ſtolze Deviſe: Nec pluribus impar. ausbreitete. Genährt durch die Stiche ſeines inneren Schmer⸗ zes, bedurfte der Zorn des Köͤnigs nicht dieſe Aufre⸗ gung, um Alles zu verſchlingen. Man ſah in ſeinen zugen die Gluth eines heftigen Kampfes, der dem Ausbruche nahe war. Ein Blick von Colbert feſſelte den Sturm. Der Geſandte wagte Entſchuldigungen. Er ſagte, aus der Eitelkeit der Völker laſſe ſich keine Folgerung ableiten. Holland ſei ſtolz darauf, daß es mit ſo geringen Mitteln ſeinen Rang als große Nation ſelbſt gegen große Könige behauptet, und wenn ein wenig Rauch ſeine Landsleute berauſcht habe, ſo 2 f —— 118. werde der Koͤnig gebeten, dieſe Trunkenheit zu entſchul⸗ digen.“ Der König ſchien zu ſuchen. Er ſchaute Colbert an, der unempfindlich blieb. Dann d'Artagnan.* D'Artagnan zuckte die Achſeln. Dieſe Bewegung war eine aufgezogene Schleuße, durch die ſich der ſo lange zurückgehaltene Zorn des Königs entfeſſelte. Jeder beobachtete ein düſteres Stillſchweigen, da Keiner wußte, wie weit dieſer Zorn Ludwig fortreißen würde. Der zweite Geſandte benützte das Stillſchweigen, 1 um ſeine Entſchuldigungen zu beginnen. Während er ſprach und der König, allmälig wieder in ſeine perſönliche Träumerei verſunken, auf dieſe Stimme voll Bangigkeit horchte, wie ein zerſtreuter Menſch auf das Gemurmel eines Waſſerfalls horcht, näherte ſich „'Artagnan, der zu ſeiner Linken Saint⸗Aignan hatte, dieſem und ſprach mit einer Stimme, die er vollkom⸗ n men berechnete, daß ſie das Ohr des Königs treffen mußte: 1„Habt Ihr die Kunde vernommen, Graf?“ „Welche Kunde?“ m „Die Kunde von la Valliére?“ Der König bebte und machte unwillkührlich einen Schritt gegen die zwei Redenden. ir „Was iſt denn la Valliére geſchehen?“ fragte Saint⸗Aignan mit einem Tone, den man ſich leicht einbilden kann. „Ahl die Arme!“ erwiederte d'Artagnan,„ſie iſt in ein Kloſter getreten... „In ein Kloſter!“ rief Saint⸗Aignan. ſie „In ein Kloſter!“ rief der König mitten unter der Rede des Geſandten.— Dann faßte er ſich wieder unter der Herrſchaft der Etiquette, horchte aber fortwährend. 5 „In welches Kloſter?“ 119 „In das Kloſter der Carmeliterinnen in Chaillot.“ „Woher des Teufels wißt Ihr das?“ „Von ihr ſelbſt.“ „Ihr habt ſie geſehen?“ „Ich habe ſte zu den Carmeliterinnen geführt.“ Dem König entging nicht ein Wort. „Aber warun dieſe Flucht?“ fragte Saint⸗Aignan. „Weil das arme Mädchen geſtern vom Hofe weg⸗ gejagt worden iſt,“ erwiederte d'Artagnan. Er hatte nicht ſobald dieſes Wort von ſich gege⸗ ben, als der König eine Geberde voll Hoheit machte und zu dem Geſandten ſprach: „Genug, mein Herr, genug.“ Dann trat er auf Saint⸗Aignan zu und rief: „Wer ſagt, la Vallidre ſei in das Kloſter ge⸗ gangen?“ „Herr d'Artagnan,“ antwortete der Günſtling. „Iſt das, was Ihr ſagt, wahr?“ fragte der Kö⸗ nig den Musketier. „Wahr wie die Wahrheit.“ Der König ballte die Fäuſte und erbleichte. „Ihr habt noch etwas beigefügt, Herr d'Artag⸗ nan?“ ſagte er. „Ich weiß es nicht mehr, Sire.“ „Ihr habt beigefügt, la Vallidre ſei vom Hofe weggejagt worden.“ „Ja, Sire.“ „Iſt dies abermals wahr?“ „Erkundigt Euch, Sire.“ „Durch wen?“ „Ah!“ machte d'Artagnan, wie ein Menſch, der ſich verwirft. Der König ſprang auf und ließ Geſandte, Mini⸗ ſter, Höflinge und Politik bei Seite, Die Koͤnigin⸗Mutter erhob ſich ebenfalls; ſie hatte Alles gehört, oder das, was ſie nicht gehört, errathen. DOhnmächtig vor Zorn und Angſt, verſuchte es Madame wie die Königin⸗Mutter aufzuſtehen, aber ſie fiel wieder auf ihr Fauteuil nieder, das ſie durch eine inſtinctartige Bewegung rückwärts rollen machte. „Meine Herren,“ ſprach der König,„die Audienz iſt zu Ende; ich werde meine Antwort oder vielmehr meinen Willen Spanien und Holland zu wiſſen thun.“ Und mit einer gebieteriſchen Geberde entließ er die Geſandten.— „Nehmt Euch in Acht, mein Sohn,“ ſagte die Kö⸗ nigin⸗Mutter“ voll Entrüſtung,„nehmt Euch in Acht, Ihr ſeid nicht recht Herr über Euch.“ 4 „Ah! Madame,“ brüllte der junge Löwe mit einer furchtbaren Geberde,„wenn ich nicht Herr über mich bin, ſo werde ich es doch, dafür ſtehe ich Euch, über diejenigen ſein, welche mich verletzen; kommt mit mir, Herr d'Artagnan, kommt.“ 4 Und er verließ den Saal unter demErſtaunen und Schrecken Aller... Der König ſtieg die Treppe hinab und ſchickte ſich an, den Hof zu durchſchreiten. „Sire,“ ſagte d'Artagnan,„Cure Majeſtät irrt ſich im Wege.“ 4 „Nein, ich gehe nach den Ställen.“ „Unnöthig, Sire, ich habe Pferde für Cure Mä⸗ jeſtät bereit.“ Der König antwortete ſeinem Diener nur durch einen Blick, doch dieſer Blick verſprach mehr, als der Ehrgeiz von drei d'Artagnan zu hoffen gewagt hätte. hatte, ſtand doch d'Artagnan am 3 Ddie drei Musketiere. Bragelonne. Vll. XV. Chaillot. Obgleich man ſie nicht gerufen, folgten doch Ma⸗ nicamp und Malicorne dem König und d'Artagnan. Das waren zwei ſehr verſtändige Menſchen; nur kam Malicorne oft zu frühe aus Ehrgeiz; Manicamp kam oft zu ſpät aus Trägheit. Diesmal kamen ſie zu rechter Zeit. Fünf Pferde ſtanden bereit. Zwei benützten der König und dArtagnan; zwei Manicamp und Mali⸗ corne; das fünfte ritt ein Page vom Stall. Die ganze Cavalcade eentfernte ſich im Galopp. D'Artagnan hatte wirklich die Pferde ſelbſt ausge⸗ wählt, wahre Pferde für ängſtlich beſorgte Liebende, Pferde, welche nicht liefen, ſondern flogen. Zehn Minuten nach dem Abgang kam die Caval⸗ ad⸗ unter der Form eines Staubwirbels in Chail⸗ ot an. Der König warf ſich buchſtäblich von ſeinem Pferde. Aber ſo raſch er dieſes Manoeuvre vollführt ügel ſeines Roſſes. Der Koͤnig machte dem Musketier ein Zeichen des Huntes und ſchleuderte dem Pagen die Zügel an den rm. Er ſtürzte in das Vorhaus, ſtieß heftig die Thüre auf und trat in das Sprachzimmer ein. Manicamp, Malicorne und der Page blieben au⸗ ßen; d'Artagnan folgte ihm. Als der König in das Sprachzimmer eintrat, war der erſte Gegenſtand, der ihm in's Auge fiel, Louiſe, 9 nicht auf den Knieen, ſondern liegend am Fuße eines großen ſteinernen Crueifires. 4 La Valliére war auf den feuchten Platten ausge⸗ ſtreckt und kaum ſichtbar in der Dunkelheit dieſes Saa⸗ les, der das Tageslicht nur durch ein ſchmales, ver⸗ gittertes und ganz von Schlingpflanzen bedecktes Gitter empfing Sie war allein, leblos, kalt wie der Stein, auf dem ihr Körper ruhte. Als er ſie erblickte, glaubte der König, ſie wäre jodt, und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, der d'Ar⸗ tagnan herbeilaufen machte. Der König hatte ſchon einen Arm um ihren Leib geſchlungen. D'Artagnan half dem Koͤnig die arme Frau aufheben, welche ſchon die Erſtarrung des Todes ergriffen hatte. Der König nahm ſie ganz in ſeine Arme, erwärmte mit ſeinen Küſſen ihre Hände und ihre eiskalten Schläfe. D'Artagnan hing ſich an die Glocke des Thurmes. Da liefen die Schweſtern Carmeliterinnen herbei. Die frommen Jungfrauen ſtießen Schreie des Aer⸗ gerniſſes beim Anblick dieſer Männer aus, welche ein weibliches Weſen in ihren Armen hielten. 3 Die Superiorin lief auch herbei. Doch eine weltlichere Frau, als die übrigen Frauen des Kloſters, trotz ihrer Strenge, erkannte ſie mit dem erſten Blick den König an der Ehrfurcht, die ihm die Anweſenden bezeigten, ſo wie an der gebieteriſchen Miene, mit der er die ganze Gemeinde niederſchmetterte. Beim Anblick des Königs zog ſie ſich in ihr Zim⸗ mer zurück, was ein Mittel war, ihre Würde nicht zu gefährden. Aber ſie ſchickte durch die Nonnen alle Arten von Königin von Ungarn⸗Waſſer, herzſtärkenden Tränken, Meliſſengeiſt u. ſ. w. und befahl überdies, die Thü zu ſchließen. Es war die höͤchſte Zeit: der Schmerz des Königs wurde geräuſchvoll und verzweifelt. Der König ſchien entſchloſſen, ſeinen Arzt rufen zu 2⸗„ laſſen, als la Vallidre ins Leben zurückkehrte. 1 Das Erſte, was ſie erblickte, ſobald ſie die Augen r⸗ wieder eröffnete, war der König zu ihren Füßen. Ohne er Zweifel erkannte ſie ihn nicht; denn ſie gab einen ſchmerz⸗ — lichen Seufzer von ſich. uf Ludwig bedeckte ſie mit einem gierigen Blick. Endlich hefteten ſich ihre umherirrenden Augen auf den König. r⸗ Sie erkannte ihn und machte einen ſchwachen Ver⸗ ſuch, ſich ſeinen Armen zu entreißen. 4 ib„Wie!“ murmelte ſie,„das Opfer iſt alſo noch au nicht vollbracht?“ en„Ohl nein, nein,“ rief der König,„es wird nicht vollbracht werden, das ſchwöre ich Euch!“ ite Sie erhob ſich ſchwach und ganz gelähmt, wie ffe. † ſie war. es.„Es muß ſein,“ ſprach ſie,„es muß ſein, haltet t. mich nicht zurück.“ 3 er⸗„Ich ſoll es geſtatten, daß Ihr Euch opfert, ich!“ ein rief Ludwig.„Nie! nie!“ „Da iſt es gut, wegzugehen,“ murmelte d'Artag⸗ nan.„Sobald ſie zu ſprechen anfangen, wollen wir uen ihnen die Ohren erſparen.“ dem D'Artagnan entfernte ſich, die zwei Liebenden blie⸗ die ben allein. hen„Sire,“ fuhr la Vallidre fort,„ich flehe Euch an, rte. kein Wort mehr; zertrümmert nicht die einzige Zukunft, im⸗ aauf die ich hoffe, das heißt mein Seelenheil, nicht Eure zu ganze Zukunft, das heißt Euren Ruhm, einer Laune wegen.“ 4 „Eine Laune!“ rief der König. „Oh! Sire, nun ſehe ich klar in Eurem Herzen.“ „Ihr, Louiſe? „Oh! ja, ich.“ „Erklärt Euch.“ „Eine unbegreifliche, unvernünftige Hinreißung kann Euch für den Augenblick als eine genügende Ent⸗ . ſchuldigung erſcheinen, aber Ihr habt Pflichten, die mit 5 Eurer Liebe für ein armes Mädchen unverträglich ſind. Vergeßt mich!“. „Ich Euch vergeſſen!“ „Es iſt ſchon geſchehen!“ „Eher ſterben.“ „Sire, Ihr könnt diejenige nicht lieben, welche Ihr ſo grauſam, wie Ihr es gethan, heute Nacht zu tödten eingewilligt habt.“ „Was ſagt Ihr mir da? Erklärt Euch.“ „Sprecht, was habt Ihr geſtern von mir verlangt? daß ich Euch liebe. Was habt Ihr mir im Austauſch verſprochen? nie eine Nacht vorübergehen zu laſſen, ohne mir eine Verſöhnung anzubieten, wenn Ihr erzürnt 1 gegen mich geweſen.“ „Ohl verzeiht, verzeiht, Louiſel ich war wahnſinnig vor Eiferſucht.“ „Sire, die Eiferſucht iſt ein ſchlechter Gedanke, der wieder entſteht, wie der Lolch, wenn man ihn abge⸗ ſchnitten hat; Ihr werdet abermals eiferſüchtig ſein und 4 mich vollends tödten. Seid ſo mitleidig, mich ſterben r zu laſſen.“ 5 d „Noch ein Wort wie dieſes, mein Fräulein, und G Ihr ſeht mich zu Euren Füßen verſcheiden.“ d „Nein, nein, Sire, ich weiß beſſer als Ihr, was L ich werth bin. Glaubt mir, und Ihr werdet Cuch nicht t um einer Unglücklichen willen, welche alle Welt ver⸗ n achtet, verderben.“ „Oh! nennt mir diejenigen, welche Ihr anſchuldigt,. nennt mir ſie.“ 3“ „Ich habe mich über Niemand zu beklagen, Sire⸗ ich ſchuldige nur mich an. Gott befohlen, Sire, Ihr gefährdet Eure Würde, wenn Ihr ſo mit mir ſprecht.“ „Nehmt Euch in Acht, indem Ihr ſo zu m 125 g ſprecht, gebt Ihr mich der Verzweiflung preis, nehmt ⸗ CEuch in Acht!“ t„„Ohl Sire, Sire, laßt mich mit Gott, ich flehe b. Euch an.“ 5. „Ich werde Euch ſelbſt Gott entreißen.“. „Zuvor aber,“ rief das arme Kind,„zuvor entreißt 1 mich den unbändigen Feinden, die ſich an meinem Leben und an meiner Ehre vergreifen wollen. Habt Ihr Kraft r genug, um mich zu lieben, ſo habet auch Macht genug, n um mich zu beſchützen; doch nein, diejenige, welche Ihr liebt, beleidigt man, verhöhnt man, jagt man fort.“ Und durch ihren Schmerz gezwungen, anzuklagen, 2 rang das harmloſe Kind unter heftigem Schluchzen ch die Hände. n,„Man hat Euch fortgejagt!“ rief der König;„das nt iſt das zweite Mal, daß ich dieſes Wort höre.“ .„Schmachvoll, Sire. Ihr ſeht wohl, ich habe kei⸗ ig 4 nen andern Beſchützer mehr, als Gott, keinen andern Troſt mehr, als das Gebet, keine andere Zufluchtsſtätte, ke,. als das Kloſter.“ e⸗„Ihr werdet meinen Palaſt, Ihr werdet meinen nd Hof haben. Oh! befürchtet nichts mehr; diejenigen, en welche Euch geſtern fortgejagt haben, werden morgen vor Euch zittern; was ſage ich, morgen? vor einer nd Stunde ſchon habe ich geſcholten, gedroht. Ich kann den Blitz losbrechen laſſen, den ich noch zurückhalte. as Louiſe! Louiſe! Ihr ſollt grauſam gerächt werden. Blu⸗ cht tige Thränen ſollen Eure Zähren bezahlen. Nennt mir er⸗ nur Eure Feinde.“— 4„Nie! nie!“ 4 .„Wie ſoll ich ſie dann ſchlagen?“ „Sire, diejenigen, welche Ihr ſchlagen müßtet, wür⸗ den Eure Hand zurückweichen machen.“ .„Ohl Ihr kennt mich nicht!“ 8 ſich.„Eher, als ich zurückwiche, würde ich mein 3 Königreich verbrennen und meine Familie verfluchen. aa, ich würde ſogar dieſen Arm ſchlagen, wäre rief Ludwig außer Arm feig genug, nicht Alles zu vernichten, was ſich zum Feind des ſanfteſten der Geſchöpfe gemacht hat.“ Indem er dieſe Worte ſprach, ſchlug Ludwig wirk⸗ lich heftig mit der Fauſt an den eiſernen Verſchlag, der ein dumpfes Gemurmel von ſich gab. La Vallidre erſchrak. Der Zorn dieſes allmächtigen jungen Mannes hatte etwas Eindrucksvolles, Unheil⸗ ſchwangeres, weil er wie der des Sturmes toͤbtlich ſein konnte.. Sie, deren Schmerz nicht ſeines Gleichen zu haben glaubte, wurde beſiegt durch dieſen Schmerz, der in Drohung und Heftigkeit ausbrach. „Sire,“ ſprach ſie,„zum letzten Mal flehe ich Euch an, entfernt Euch; ſchon hat mich die Stille dieſes ein⸗ ſamen Ortes geſtärkt, ich fühle mich ruhiger unter der Hand Gottes; Gott iſt ein Beſchützer, vor dem alle kleine menſchliche Bosheiten fallen. Sire, noch einmal, laßt mich mit Gott.“ 4 „Nun denn!“ rief Ludwig,„ſaget offenherzig, daß Ihr mich nie geliebt habt, ſaget, daß meine Demuth, daß meine Reue Eurem Stolze ſchmeicheln, daß Ihr Euch aber nicht über meinen Schmerz betrübt. Saget, der König von Frankreich ſei für Euch nicht mehr ein Geliebter, deſſen Zärtltchkeit Euer Glück machen konnte, ſondern ein Deſpot, deſſen Laune auch die letzte Fiber der Empfindlichkeit in Euren Herzen zerriſſen habe. Saget nicht, Ihr ſuchet Gott, ſaget, Ihr fliehet den König. Nein, Gott iſt nicht mitſchuldig an unbeugſa⸗ men Entſchlüſſen; Gott läßt die Buße und die Reue zu; er verzeiht, er will, daß man liebe.“ Louiſe krümmte ſich vor Schmerz, als ſie dieſe Worte hoͤrte, welche die Flamme bis in die Tiefe ihrer Adern ſtrömen machten. „Ihr habt alſo nicht gehört?“ ſagte ſie. „Was 2 „Ihr habt nicht gehört, daß ich fortgejagt, verachtet rächtlich bin? 127 „Ich werde Euch zur Geachtetſten, zur Angebetet⸗ een, zur Beneidetſten meines Hofes machen.“ „Beweiſet mir, daß Ihr nicht aufgehört habt, mich zu lieben.“ „Wie?“ „Flieht mich.“ 5. „Ich werde es Euch dadurch beweiſen, daß ich Euch nicht mehr verlaſſe.“ „Glaubt Ihr denn, ich werde das dulden, Sire? glaubt Ihr, ich werde Euch Eunrer ganzen Familie den Krieg erklären laſſen? glaubt Ihr, ich werde Euch mei⸗ netnehen Mutter, Frau und Schwägerin zurückſtoßen aſſen?“ 3 „Ahl endlich habt Ihr ſte genannt, ſie ſind es, die das Böſe gethan! Beim allmächtigen Gott, ich werde ſie beſtrafen!“ „Und darum erſchreckt mich die Zukunft, darum weiſe ich Alles zurück, darum will ich nicht, daß Ihr mich rächet. Mein Gott, genug der Thränen, genug der Schmerzen, genug der Klagen! Ohl nie werde ich irgend Jemand Klagen, Thränen oder Schmerzen koſten. Ich habe zu viel geſeufzt, geweint und gelitten.“ „Und meine Thränen, meine Schmerzen, meine Klagen, zählt Ihr ſie für nichts?“ „Sprecht nicht ſo mit mir, Sire, in des Himmels Namen! in des Himmels Namen, ſprecht nicht ſo mit mir. Ich bedarf meines ganzen Muthes, um das Opfer zu vollbringen.“ „Louiſe! Louiſe! ich flehe Dich an! gebiete, beſiehl, räche Dich oder verzeih', aber verlaſſe mich nicht.“ „Achl wir müſſen uns trennen, Sire.“ „Du liebſt mich alſo nicht?“ „Ohl Gott weiß es.“ „Lüge! Lüge!“ 4 „Oh! wenn ich Euch nicht liebte, Sire, ließe ich Kuh gewähren, ließe ich mich hinreißen; ich nähme im Austauſch für die Beleidigung, die man mir zugefügt, den ſüßen Triumph des Stolzes an, den Ihr mir bietet, wahrend ich, Ihr ſeht es wohl, nicht einmal die ſüße Entſchädigung Eurer Liebe will, Eurer Liebe, die doch mein Leben iſt, da ich ſterben wollte, weil ich glaubte, Ihr liebet mich nicht mehr.“ „Nun wohl! ja, ja, ich weiß es jetzt, ich erkenne es zu dieſer Stunde, Ihr ſeid die frommſte, die ver⸗ ehrungswürdigſte der Frauen. Niemand iſt ſo wie Ihr nicht nur meiner Liebe und meiner Achtung, ſon⸗ dern auch der Achtung und Liebe Aller würdig. Keine wird auch ſo geliebt ſein, wie Ihr, Louiſe! Keine wird die Herrſchaft über mich haben, wie Ihr ſie habt. Ja, ich ſchwöre es Euch, ich würde in dieſem Augenblick die Welt wie Glas zerbrechen, wäre mir die Welt hin⸗ derlich. Ihr befehlt mir, mich zu beruhigen, zu ver⸗ zeihen; es ſei, ich werde mich beruhigen. Ihr wollt durch die Sanftmuth, durch die Milde regieren, ich werde ſanft und milde ſein. Schreibt mir nur mein Beneh⸗ men vor, ich werde gehorchen.“ 4 „Mein Gott, was bin ich denn, ich armes Mädchen, um einem König wie Ihr eine Sylbe zu dictiren!“ „Ihr ſeid mein Leben und meine Seele. Regiert die Seele nicht den Körper?“ „Ohl Ihr liebet mich alſo, mein theurer Sire?“ „Auf den Knieen, mit gefalteten Händen, mit allen Kräften, die Gott in mich gelegt hat. Ich liebe Euch genug, um Euch mein Leben zu geben, wenn Ihr ein Wort ſagt.“ „Ihr liebt mich?“ „Ohl ja.“ „Dann habe ich nichts mehr auf der Welt zu wünſchen. Eure Hand, Sire, und ſagen wir uns Lebe⸗ wohl. Ich habe in dieſem Leben alles Glück gehabt, das mir beſchieden.“ „Ohl nein, Dein Gluͤck iſt nicht geſtern, es iſt heute, es iſt morgen, es iſt immer. Dir die Zukunft, Dir Alles, was mir gehoͤrt. Nicht mehr dieſe Tren⸗ — — nungsgedanken, nicht mehr dieſe finſtere Verzweiflung; die Liebe iſt unſer Gott, ſie iſt das Bedürfniß unſerer Seelen. Du wirſt für mich leben, wie ich für Dich leben werde.“ Nachdem der König ſo geſprochen, warf er ſich vor ihr nieder und küßte ihre Kniee mit unausſprechlichen Entzückungen der Freude und der Dankbarkeit. „Oh! Sire, Sire, dies Alles iſt ein Traum!“ „Warum ein Traum?“ „Weil ich nicht an den Hof zurückkehren kann. Verbannt, wie Euch wiederſehen? Iſt es nicht beſſer, in das Kloſter zu gehen, um hier im Balſam Eurer Liebe die letzten Ergüſſe Eures Herzens und Euer letz⸗ tes Geſtändniß zu begraben?“ „Verbannt, Ihr?“ rief Ludwig XIV.;„und wer verbannt denn, wenn ich zurückrufe?“ „Ohl Sire, Etwas, was über den Königen regiert: die Welt und die Meinung; bedenkt wohl, Ihr könnt eine fortgejagte Frau nicht lieben; diejenige, welche Eure Mutter mit einem Vervdacht befleckt, diejenige, welche Eure Schwäaͤgerin mit einer Strafe gebrandmarkt hat, iſt Eurer unwürdig.“ „Unwürdig, diejenige, welche mir gehört?⸗ „Ja, gerade das iſt es, Sire: von dem Augenblick, wo ſie Euch gehört, iſt Eure Geliebte unwürdig.“ „Ahl Ihr habt Recht, Louiſe, und alle dieſe Zarthei⸗ ten ſind in Euch. Wohl! Ihr werdet nicht verbannt ſein.“ „Ohl man ſieht, Ihr habt Madame nicht gehört.“ „Ich werde an meine Mutter appelliren.“ „Oh! Ihr habt Eure Mutter nicht geſehen.“ „Sie auch? arme Louiſe! die ganze Welt iſt alſo gegen Euch?“ „Ja, ja, arme Louiſe, die ſich ſchon unter dem Sturme beugte, als Ihr kamet, als Ihr ſie vollends brachet.“ „Ohl verzeiht.“ 8 „Ihr werdet alſo weder die Eine, noch die Andere erweichen, das Uebel iſt ohne Gegenmittel, denn nie geſtatte ich Euch die Heftigkeit oder die Gewaltan⸗ wendung.“ L „Wohl! ouiſe, um Euch zu beweiſen, wie ſehr ich Euch liebe, werde ich Eines thun, ich werde Ma⸗ dame aufſuchen.“ „Ihr 2 „Ich werde ſie bewegen, Ihren Spruch zurückzu⸗ nehmen, ich werde ſie zwingen.“ „Zwingen! oh! nein, nein!“ „Es iſt wahr, ich werde ſie erweichen.“ Louiſe ſchüttelte den Kopf. „Ich werde bitten, wenn es ſein muß,“ ſagte Lud⸗ wig.„Werdet Ihr hienach an meine Liebe glauben?“ Louiſe ſchaute empor. „Ohl nie für mich; demüthigt Euch, nie; laßt mich vielmehr ſterben.“ Louiſe dachte nach, ihre Züge nahmen eine düſtere Färbung an. „Ich werde eben ſo viel leiden, als Ihr gelitten habt,“ ſprach der König;„das wird meine Sühnung in Euren Augen ſein. Auf, mein Fräulein, laſſen wir dieſe kleinlichen Erwägungen; ſeien wir groß wie unſer Schmerz, ſeien wir ſtark wie unſere Liebe.“ Und indem er dieſe Worte ſprach, nahm er ſie in ſeine Arme und bildete ihr einen Gürtel mit ſeinen Händen. „Mein einziges Gut, mein Leben, folge mir!“ rief er. Sie machte einen letzten Verſuch, in dem ſie nicht mehr ihren ganzen Willen, ihr Wille war ſchon beſiegt, ſondern alle ihre Kräfte zuſammendrängte. 1 „Nein!“ erwiederte ſie ſchwach,„nein! nein! ich würde vor Scham ſterben.“ „Nein, Ihr werdet als Königin zurückkehren! Nie⸗ ——, mand weiß, daß Ihr Euch entfernt habt.. d'Artagnan allein.“ n.„Er hat mich alſo verrathen; er auch?“ hr„Wie ſo?“ 3„Er ſchwur mir...“ a⸗„Ich ſchwur, nichts dem König zu ſagen,“ erwie⸗ derte d'Artagnan, der ſeinen ſchlauen Kopf durch die — etwas geöffnete Thüre ſtreckte;„ich habe meinen Schwur u⸗ gehalten, denn ich ſprach nur mit Herrn von Saint⸗ Aignan, und es iſt nicht mein Fehler, wenn der König gehört hat, nicht wahr, Sire?“ „Es iſt wahr, verzeiht ihm,“ ſagte der König. La Vallidre lächelte und reichte dem Musketier ihre d⸗ zarte, weiße Hand. 2„Herr d'Artagnan,“ ſprach der König entzückt, „laßt einen Wagen für das Fräulein holen.“ ßt„Sire,“ antwortete der Kapitän,„der Wagen 8 wartet.“ 1 re„Ohl ich habe da das Muſter von allen Dienern,“ rief der König. en„Du haſt Dir Zeit genommen, dies zu bemerken,“ ng murmelte d'Artagnan, obgleich ihm das Lob ſchmeichelte. dr La Vallière war beſtegt; nach einigem Zögern ließ ſer ſr ſich machtlos von ihrem königlichen Geliebten fort⸗ . ühren. in Doch an der Thüre des Sprachzimmers, in dem en Augenblick, wo ſie es verlaſſen ſollte, entriß ſie ſich den „ Armen des Königs, kehrte zu dem ſteinernen Crueiſix —. zurück, küßte es und ſprach: „Mein Gott! Du haſt mich zu Dir gezogen, mein ht Gott! Du haſt mich zurückgeſtoßen, doch Deine Gnade gt, ſſt ohne Grenzen. Nur vergiß, wenn ich zurückkomme, dͤaß ich mich entfernt habe, denn wenn ich zu Dir ich zurückkomme, ſo geſchieht es, um Dich nicht mehr zu verlaſſen.“ Der Koöͤnig ſchluchzte. D Artagnan wiſchte eine Thräne ab. Ludwig führte die junge Frau weg, hob ſie in den Wagen und ließ d'Artagnan neben ſie ſitzen. 3 Er ſelbſt aber ſchwang ſich zu Pferde, ſprengte nach dem Palais⸗Royal und ließ Madame ſogleich bei ſeiner Ankunft wiſſen, daß ſie ihm eine kurze Audienz zu bewilligen habe. XVI. Bei Madame. Aus der Art und Weiſe, wie der König die Ge⸗ ſandten entlaſſen hatte, erriethen auch die am mindeſten Hellſehenden einen Krieg. Wenig vertraut mit der geheimen Chronik, ver⸗ dolmetſchten die Geſandten ſelbſt gegen ſich das be⸗ rühmte Wort:„Wenn ich nicht Herr über mich bin, ſo werde ich es doch über diejenigen ſein, welche mich beleidigen.“ Zum Glück für das Geſchick Frankreichs und Hol⸗ lands folgte Colbert den Geſandten, um ihnen einige Erläuterungen zu geben; die Königin aber und Ma⸗ dame, die von dem, was in ihren Häuſern vorging, genau unterrichtet waren, verließen, als ſie dieſes Wort voller Drohungen gehört, mit viel Angſt und Aer⸗ ger das Cabinet. Madame beſonders fühlte, der königliche Zorn würde auf ſte fallen, und da ſie beherzt und über die Maßen hochmüthig war, begab ſie ſich, ſtatt Beiſtand bei der 4 Königin Mutter zu ſuchen, in ihre Gemächer, wenn 4 nicht ohne Beſorgniß, doch wenigſtens ohne die Abſicht, den Kampf zu vermeiden.. 3 herauf. 133 Von Zeit zu Zeit ſchickte Anna von Oeſterreich Boten ab, um ſich erkundigen zu laſſen, ob der König Zurückgekehrt. Das Stillſchweigen, das man im Schloß über dieſe Angelegenheit beobachtete, und das Verſchwinden von Louiſe waren die Weiſſagungen einer Anzahl von un⸗ glücklichen Ereigniſſen fuͤr jeden, der den ſtolzen und reizbaren Charakter des Königs kannte. In dem Augenblick, wo die beredte Montalais mit aller möglichen oratoriſchen Behutſamkeit Schlüſſe machte und Madame die Duldſamkeit unter der Wohlthat der Gegenſeitigkeit empfahl, erſchien Herr Malicorne bei Madame, um im Namen des Königs von dieſer Prin⸗ zeſſin eine Audienz zu verlangen. Der würdige Freund von Montalais trug auf ſei⸗ nem Geſicht alle Zeichen der lebhafteſten Aufregung. Man konnte ſich unmöglich hierin täuſchen; die vom König verlangte Zuſammenkunft mußte eines von den intereſſanteſten Kapiteln der Geſchichte des Herzens der Könige und der Menſchen ſein. Madame wurde beunruhigt durch die Erſcheinung des Königs; ſie erwartete ihn nicht ſo bald; ſie war beſonders nicht auf einen unmittelbaren Schritt von Ludwig gefaßt. Seedeanen die den Krieg ſo gut mittelbar füh⸗ ren, ſind immer weniger ſtark und weniger gewandt, wenn es ſich darum handelt, eine Schlacht von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht anzunehmen. Madame, haben wir geſagt, gehörte nicht zu den⸗ jenigen, welche zurückweichen, ſte hatte den Fehler oder die entgegengeſetzte Eigenſchaft. Sie übertrieb die Beherztheit; die durch Malicorne überbrachte Depeche machte auf ſie die Wirkung der Trompete, welche zum Beginn der Feindſeligkeiten bläſt. Stolz hob ſie den Handſchuh auf. Nach fünf Minuten ſtieg der König die Treppe ———— Er war roth vom raſchen Reiten. Seine beſtaub⸗ ten, in Unordnung gebrachten Kleider contraſtirten der⸗ geſtalt mit der ſo friſchen und ſo pünktlichen Toilette von Madame, daß ſie unter ihrer Schminke erbleichte. Ludwig machte keinen Eingang; er ſetzte ſich. Mon⸗ talais verſchwand. Madame ſetzte ſich dem König gegenüber. „Meine Schweſter,“ ſagte Ludwig,„Ihr wißt, daß Fräulein de la Vallière dieſen Morgen aus ihrer Wohnung entflohen iſt, und daß ſie ihren Schmerz, ihre Verzweiflung in ein Kloſter getragen hat.“ Die Stimme des Königs war ſeltſam bewegt, als er dieſe Worte ſprach. „Eure Majeſtät unterrichtet mich hievon,“ erwie⸗ derte Madame. „Ich glaubte, Ihr hättet es dieſen Morgen beim Empfang der Geſandten erfahren.“ 3„Durch Eure Aufregung; ja, Sire, ich habe er⸗ rathen, es gehe etwas Außerordentliches vor, doch ohne es mir genau erklären zu können.“ Der, Konig der offenherzig war, ſchoß gerade nach dem Ziele ab. „Meine Schwägerin,“ ſagte er,„warum habt Ihr Fräulein de la Vallière weggeſchickt?“ „Weil mir ihr Dienſt mißſiel,“ erwiederte Madame mit trockenem Ton. Der König wurde purpurroth und ſeine Augen häuften ein Feuer an, das Madame bei all ihrem Muth kaum auszuhalten vermochte. Ludwig bewältigte ſich jedoch und ſprach: „Meine Schweſter, eine gute Frau, wie Ihr, braucht einen ſtärkeren Grund, um nicht nur ein junges Mäd⸗ chen wegzujagen, ſondern auch nebſt dieſer die ganze Familie des Mädchens zu entehren. Ihr wißt, daß die Stadt die Augen auf das Benehmen der Frauen des Hofes offen hält. Ein Ehrenfräulein wegſchicken heißt dieſem ein Verbrechen, einen Fehler wenigſtens zuſchrei⸗ „ er⸗ tte du⸗ rer hre ie⸗ eim er⸗ hne ach Ihr ame „ gen uth ucht äd⸗ inze die des eißt rei⸗ 8 von Fräulein de la Vallière?“ ich ſie wieder nehme?“ ben. Was iſt aber das Verbrechen, was iſt der Fehler „Da Ihr Euch zum Beſchützer von Fräulein de la Valliére macht,“ antwortete Madame kalt,„ſo will ich Euch Erklärungen geben, die ich Niemand zu geben berechtigt wäre.“ „Nicht einmal dem König!“ rief Ludwig mit einer Geberde des Zorns. „Ihr habt mich Eure Schweſter genannt und ich bin in meinem Hauſe.“ „Gleich viel,“ verſetzte der junge Monarch, der ſich ſchämte, daß er ſich hatte hinreißen laſſen,„Ihr könnt ſagen, Madame, und Niemand in meinem Reiche linn ſagen, er ſei berechtigt, ſich nicht vor mir zu er⸗ ären.“ „Da Ihr es ſo nehmt,“ ſprach Madame mit einem finſteren Zorn,„ſo habe ich mich nur vor Eurer Ma⸗ jeſtät zu verbeugen und zu ſchweigen.“ „Nein, keine Zweideutigkeiten!“ „Durch die Protection, die Eure Majeſtät Fräu⸗ lein de la Vallidre angedeihen läßt, wird mir Achtung auferlegt.“ „Keine Zweideutigkeiten, ſage ich Euch: Ihr wißt wohl, daß ich als Haupt des franzöſiſchen Adels Allen Rechenſchaft über die Ehre der Familien ſchuldig bin, möget Ihr nun la Vallidre oder irgend eine Andere wegjagen.“ Ein Achſelzucken von Madame. „Oder irgend eine Andere, ich wiederhole es,“ fuhr der König fort,„und da Ihr dieſe Perſon, indem Ihr ſo handelt, entehrt, ſo fordere ich von Euch eine Er⸗ mäeuyg, um den Spruch zu beſtätigen oder zu bekäm⸗ en.. „Meinen Spruch bekämpfen!“ rief Madame voll Hochmuth,„wie! wenn ich aus meinem Hauſe eine von meinen Dienerinnen weggejagt habe, verlangt Ihr, daß Der König ſchwieg. „Das wäre nicht mehr Uebermaß von Gewalt, das wäre Ungebührlichkeit.“ „Madame!“ „Ohl ich würde mich in meiner Eigenſchaft als Frau gegen einen würdeloſen Mißbrauch empören, ich waͤre nicht mehr eine Prinzeſſin Eures Geblüts, eine Königstochter, ich wäre das letzte der Geſchöpfe, ich wäre geringer, als die weggeſchickte Magd.“ Der König ſprang auf vor Wuth. „Es iſt kein Herz, was in Curer Bruſt ſchlägt; wenn Ihr ſo gegen mich handelt, laßt mich mit derſel⸗ ben Strenge handeln.“ Eine verirrte Kugel trifft zuweilen in der Schlacht. Dieſes Wort, das der König nicht mit Abſicht ſagte, traf Madame und erſchütterte ſie einen Augenblick; ſie konnte früher oder ſpäter Repreſſalien befürchten.“ „Nun, Sire, ſo erklärt Euch,“ ſagte ſie. „Ich frage Euch, Madame, was Fraulein de la Vallidre gegen Euch gethan hat 24 Sie iſt die gewandteſte Intriguenmacherin, die ich kenne; ſie hat gemacht, daß ſich zwei Freunde geſchla⸗ gen; ſie hat in ſo ſchmählichen Ausdrücken von ſich ſprechen gemacht, daß der ganze Hof nur beim Nen⸗ nen ihres Namens die Stirne faltet.“ „Sie! ſie!“ rief der König. „Unter dieſer ſo ſanften und ſo heuchleriſchen Hülle verbirgt iteeinen Geiſt voll Schlauheit und Schwärze.“ „Sie „Ihr könnt Euch in ihr tänſchen, Sire, doch ich, ich kenne ſie, ſie iſt im Stande, die beſten Verwandten und die vertrauteſten Freunde zum Kriege außzureizen. Seht, was ſie ſchon an Zwiſtigkeiten unter uns ausge⸗ ſtreut hat!“ 4 „Ich betheure Euch..! „Sire, prüfet wohl, was ich Euch ſage: wir leb⸗ ten im beſten Einvernehmen und durch ihre Berichte⸗ durch ihre künſtlichen Klagen hat ſie gegen mich mißſtimmt.“ „Ich ſchwore, daß nie ein bitteres Wort über ihre Lippen gekommen iſt; ich ſchwöre, daß ſie mich, ſelbſt bei meinen Aufwallungen, Niemand bedrohen ließ; ich ſchwöre, daß Ihr keine ergebenere, ehrfurchtsvollere Freundin habt!“ „Freundin!“ verſetzte Madame mit einem Ausdruck tiefer Verachtung. „Nehmt Euch in Acht, Madame, Ihr vergeßt, daß Ihr mich begriffen habt, und daß ſich von dieſem Au⸗ genblick Alles gleich ſtellt. Fräulein de la Vallière wird ſein, was ich will, daß ſie ſein ſoll, und morgen, wenn es mir genehm iſt, wird ſie bereit ſein, ſich auf einen Thron zu ſetzen.“ „Sie wird wenigſtens nicht darauf geboren ſein, und Ihr könnt nur etwas für die Zukunft und nichts für die Vergangenheit thun.“ „Madame, ich war gegen Euch voll Gefälligkeit und Artigkeit; macht nicht, daß ich mich erinnere, daß ich der Gebieter bin.“ „Sire, Ihr habt mir das ſchon zweimal geſagt, und ich hatte die Ehre, Euch zu bemerken, daß ich mich verbeuge.“ „Wollt Ihr mir alſo bewilligen, daß Fräulein de la Vallière zu Euch zurückkehrt?“ „Wozu, Sire, da Ihr dem Fräulein einen Thron zu ſchenken habt? Ich bin zu wenig, um eine ſolch⸗ Macht zu begünſtigen.“ „Laßt dieſen verächtlichen, boshaften Geiſt; bewil ligt mir ihre Begnadigung.“ „Nie!“ „Ihr ſtachelt mich zum Kriege in meiner Fami⸗ lie an.“ Fuchte habe auch meine Famillie, zu der ich mich flü. en werde.“ Die drei Musketieré. Bragelonne. vn. 10 4„Iſt das eine Drohung, und vergeßt Ihr Euch in dieſem Grade? Glaubt Ihr, daß, wenn Ihr es bis zur Beleidigung triebet, Eure Verwandten Euch unter⸗ ſtützen würden?“ „Ich hoffe, daß Ihr mich zu nichts zwingen wer⸗ det, was meines Ranges unwürdig wäre.“ „Ich hoffte, Ihr würdet Euch unſerer Freundſchaft erinnern, Ihr würdet mich als Bruder behandeln.“ Madame ſchwieg einen Augenblick. „Eurer Majeſtät eine Ungerechtigkeit verweigern heißt nicht Euch nicht mehr als Bruder erkennen.“ „Eine Ungerechtigkeit!“ „Ohl Sire, wenn ich der ganzen Welt das Be⸗ nehmen von la Vallière offenbarte, wenn die Königin⸗ nen wüßten...“ „Ohl Henriette, laßt Euer Herz ſprechen; erin⸗ nert Euch, daß Ihr mich geliebt habt, erinnert Euch, daß das Herz der menſchlichen Weſen ebenſo barmherzig ſein ſoll, als das Herz des höchſten Gebieters. Seid nicht unbeugſam gegen die Anderen, verzeiht la Val⸗ lière.“ „Ich kann nicht; ſie hat mich beleidigt.“ „Aber ich, ich!“ „Sire, für Euch würde ich Alles thun, dies aus⸗ genommen.“ „Ihr rathet mir alſo die Verzweiflung, Ihr ver⸗ weiſt mich auf das letzte Mittel der ſchwachen Leute; Ihr rathet mir den Zorn und den Lärmen.“. „Sire, ich rathe Euch die Vernunft.“ „Die Vernunft... Meine Schweſter, ich habe keine Vernunft mehr.“„ „Sire, ſeid huldreich!“ Mal, daß ich Euch anflehe; meine Schweſter, ich hoffe nur noch auf Euch.“ 1„Ohl Sire, Ihr weinet!“— „Vor Wuth, ja, vor Demüthigung. Ich! der Kö⸗ „Meine Schweſter, ſeid mitleidig, es iſt das erſte — ern 1139 nig ſoll genöthigt ſein, ſich bis zu Bitten zu erniedri⸗ gen! Mein ganzes Leben werde ich dieſen Augenblick verabſcheuen! Meine Schweſter, Ihr habt mich in einer ekunde mehr Schlimmes erdulden laſſen, als ich in den härteſten Bedrängniſſen dieſes Lebens vorhergeſe⸗ hen.“ Hienach ſtand der König auf und lie ß ſeinen Thrä⸗ nen, welche wirklich Thränen der Wuth u f. nd der Scham hrt, denn die beſten Frauen haben kein Mitleid im Stolz, aber ſie befürchtete, dieſe Thränen könnten Alles mit ſich fortreißen, was Menſch⸗ liches im Herzen des Königs war. ſagte ſie,„und da Ihr meine g tieht, obgleich die mei⸗ nige öffentlich iſt und die Eurige nur mich zum Zeugen König gehorchen.“ „Nein, nein, Henriette!“ rief Ludwig ganz entzückt vor Dankbarkeit,„Ihr werdet dem Bruder nachgege⸗ ben haben.“ „Ich habe keinen Bruder me „Wollt Ihr mein ganzes Königreich zum Dank?“ „Wie liebt Ihr!.. wenn Ihr liebt!“ Ludwig antwortete nicht. Er hatte die Hand von Nadame ergriffen und bedeckte ſie mit Küſſen. „Ihr werdet alſo die Arme wieder aufnehmen,“ ſagte er,„Ihr werdet ihr verzeihen, Ihr werdet die Sanftheit, die Redlichkeit ihres Herzens anerkennen 1 „Ich werde ſie in meinem Hauſe behalten.“ „Nein, Ihr werdet Ihr Eure Freundſchaft wieder ſchenken, liebe Henriette.“ 3 „Ich habe ſie nie geliebt.“ „Nun wohl, nicht wahr Henriette, aus Liebe für mich werdet Ihr ſie gut behandeln?“ „Ich werde ſie wie ein Euch angehöriges Mädchen hr, da ich gehorche.“ behandeln!“ Der König erhob ſich. Durch dieſes ihr unſeliger Weiſe entſchlüpfte Wort hatte ſie das ganze Verdienſt ihres Opfers zerſtört. Der König war ihr nichts mehr ſchuldig. Geſchworen, auf den Tod getroffen, erwiederte er: „Ich danke, Madame, ich werde mich ewig des Dienſtes erinnern, den Ihr mir geleiſtet.“ Und er verbeugte ſich mit geheuchelter Ceremonie und nahm Abſchied. Als er vor einem Spiegel vorüberging, ſah er ſeine rothen Augen und ſtampfte mit dem Fuß. Doch es war zu ſpät. Malicorne und d'Artagnan, die an der Thüre ſtanden, hatten ſeine Augen geſehen. „Der König hat geweint,“ dachte Malicorne. D'Artagnan näherte ſich ihm ehrfurchtsvoll und ſagte leiſe: „Sire, Ihr müßt die kleine Treppe wählen, um in Eure Gemächer zurückzukehren.“ „Warum?“ „Weil der Staub von der Straße Spuren auf Eurem Geſicht zurückgelaſſen hat. Geht, Sire, geht.“ „Mordioux!“ dachte er, als der König wie ein Kind nachgegeben hatte,„es mögen ſich die Leute hü⸗ ten, die diejenige weinen machen werden, welche den König weinen gemacht hat.“ — 141 XVII. Das Taſchentuch von Fräulein de la Valliere. Madame war nicht boshaft: ſie war nur auf⸗ brauſend. Der König war nicht unklug: liebt. Kaum hatten Beide den Vertrag abgeſchloſſen, der auf die Zurückberufung von la Vallièr ch Bei 4 er war nur ver⸗ adame, die den Aerger des Kö te nigs ſeit der Scene der Bitten fühlte, woll la Vallioͤre nicht ohne zu kämpfen freigeben. ie ſtreute alſo Schwierigkeiten unter die Schritte des Königs. Um die Gegenwart ſeiner Geliebten zu erlangen, war der König in der T hat genöthigt, ſeiner Schwa⸗ gerin den Hof zu machen. Von dieſem Plan ging die ganze P. dame aus. Da ſie Jemand zu ihrer linterſtützung gewählt hatte, und da dieſer Jemand Monta ſe ſi König immer eingeſchloſſen, olitik von Ma⸗ gen ſo viel Anmuth, ſo es dadurch verdunkelt wurde. 3 ontalais folgte ihr nach. Bald wurde ſie auch dem König unerträglich. 4 Das wan es, was ſie erwartete, 142 Da trieb ſie Malicorne ins Gefecht; dieſer fand Gelegenheit, dem König zu ſagen, es ſei bei Hofe eine ſehr unglückliche Perſon. 3 Der König fragte, wer dieſe Perſon ſei. Malicorne nannte Fräulein von Montalais. Hierauf erklaͤrte der König, es ſei wohl gethan, wenn eine Perſon, die Anderen Gleiches anthue, vom Unglück heimgeſucht werde. Malicorne erwiederte, ihre Befehle. Der König öffnete die Augen; er bemerkte, daß Madame, ſobald der König erſchien, ebenfalls erſchien; daß ſie bis nach dem Abgang des Königs in den Cor⸗ ridors war; daß ſie ihn zurückgeleitete, aus Furcht, er könnte in den Vorzimmern mit einem von den Ehren⸗ fräulein ſprechen. Eines Abends ging ſie ſogar weiter. Der König ſaß mitten unter den Damen und hielt in ſeiner Hand, unter ſeinen Manchetten, ein Billet, das er in die Hände von la Vallière wollte gleiten laſſen. 4 Madame errieth dieſe Abſicht und dieſes Billet. Es hielt ſehr ſchwer, den König zu verhindern, dahin zu gehen, wohin es ihm zu gehen gut dünkte. Man mußte ihn jedoch verhindern, zu la Vallidre zu gehen, ihr guten Morgen zu ſagen und das Billet auf ihren Schooß, hinter ihren Fächer und in ihr Taſchentuch fallen zu laſſen. Der König, der auch beobachtete, vermuthete, man ſtelle ihm eine Falle.— Er ſtand auf und ſetzte ſeinen Stuhl, ohne daß es den Anſchein einer beſonderen Abſichtlichkeit hatte, neben Fräulein von Montalais habe Fräulein von Chatillon, mit der er ſchäkerte. Man machte Reime er ging zu Montalais, dann zu Fräulein Charente, über Fräulein von Chatillon; von Tonnay⸗ Aà—*——— 143 Durch dieſes Manoeuvre kam er vor la Vallisre zu ſitzen, die er völlig maskirte. Madame ſtellte ſich ungemein beſchäftigt; ſie ver⸗ beſſerte eine Blumenzeichnung auf einer Stickereilein⸗ wand. Der König zeigte la Vallière das Ende des weißen Billets, und dieſe ſtreckte ihr Taſchentuch mit einem Blick aus, welcher beſagen wollte: Legt das Billet hinein. Dann, da der König ſein Taſchentuch auf ſeinen Stuhl gelegt hatte, war er geſchickt genug, es auf den oden zu werfen. Da ließ la Vallieère ihr eigenes Sacktuch auf den Stuhl gleiten. Der König nahm es, ohne daß es den Anſchein hatte, als thäte er etwas, ſteckte das Billet hinein und legte das Taſchentuch wieder auf den Stuhl. Es blieb la Vallière gerade Zeit genug, die Hand auszuſtrecken, um das Taſchentuch mit ſeinem koſtbaren Inhalt zu ergreifen. Madame hatte aber Alles geſehen. Sie ſagte zu Chatillon: „Chatillon, hebt doch gefälligſt das Taſchentuch des oͤnigs vom Boden auf.“ Das Mädchen gehorchte haſtig, der König wandte wurde unruhig, man ſah das andere Taſchentuch auf dem Stuhl. „Ah! verzeiht, Eure Majeſtät hat zwei Taſchen⸗ Und der König war genöthigt, das Taſchentuch von la Vallière mit dem ſeinigen einzuſtecken. Er gewann dadurch dieſes Andenken an die Geliebte. La Vallière aber verlor dadurch eine Strophe, die den König zehn Stunden gekoſtet hatte, und die vielleicht ſo viel als ein lang ees Gedicht werth war. Daher der Zorn des Königs und die Verzweiflung von la Vallizre.“ * Es ließ ſich dies unmöglich beſchreiben. Da geſchah aber ein unglaubliches Ereigniß. Als der König wegging, um in ſeine Gemächer zurückzukehren, fand ſich Malicorne, man weiß wie d benachrichtigt, im Vorzimmer. 1 Die Vorzimmer des Palais⸗Royal ſind natürlich dunkel und am Abend— man ging nicht ſehr ceremonids bei Madame zu Werke,— waren ſie ſchlecht beleuchtet. 1 Der König liebte dieſes geringe Licht. Es iſt eine allgemeine Regel, daß der Liebende, bei dem Herz und Geiſt beſtändig blitzen, das Licht nicht anderswo, als in ſeinem Geiſt und in ſeinem Herzen liebt. Das Vorzimmer war alſo dunkel; ein einziger Page trug den Leuchter vor Seiner Majeſtät. Der König ging langſamen Schrittes und ver⸗ ſchlang ſeinen Zorn. Malicorne ging ſehr nahe am König vorbei, ſtieß 1 ihn beinahe und bat dann auf das Demüthigſte um Verzeihung; aber ſehr übler Laune, behandelte der Kö⸗ f nig Malicorne äußerſt ſchlecht, und dieſer machte ſich geräuſchlos aus dem Staube. Ludwig legte ſich nieder; er hatte an dieſem Tag einen kleinen Streit mit der Königin gehabt, und am an⸗ dern Morgen, in dem Augenblick, wo er in ſein Cabinet ging, regte ſich in ihm der Wunſch, das Taſchentuch e von la Vallière zu küſſen. Er rief ſeinen Kammerdiener und ſagte zu ihm: 3 „Bringt mir das Kleid, das ich geſtern getragen habe, hütet Euch aber wohl, etwas von dem, was es 5 enthalten dürfte, anzurühren.“ Der Befehl wurde vollzogen, der König ſuchte. 1 ſelbſt in der Taſche ſeines Kleides. Er fand nur ein Sacktuch darin, das ſeinige; das von la Vallière war verſchwunden. Während er ſich in Vermuthungen verlor, wurde ihm ein Brief von la Vallière gebracht. Er war in d folgenden Worten abgefaßt: 145 „Wie liebenswürdig iſt es von Euch, theurer Herr, daß Ihr mir dieſe ſchönen Verſe geſchickt habt; wie geiſtreich und beharrlich iſt Eure Liebe! wie ſolitet Ihr nicht geliebt werden!“ „Was bedeutet das?“ dachte der König,„es waltet ein Irrthum ob.“— Zum Kammerdiener aber ſagte er: „Sucht wohl ein Sacktuch, das in meiner Taſche ſein mußte; und wenn Ihr es nicht findet, und wenn Ihr es berührt habt...“ Er beſann ſich eines Beſſeren. Eine Staatsange⸗ legenheit aus dem Verluſt eines Taſchentuches machen hieß eine ganze Chronik eröffnen, deshalb fügte er bei: „Ich hatte in dieſem Taſchentuch eine wichtige Note, welche in die Falten geſchlüpft iſt.“ „Aber, Sire,“ entgegnete der Kammerdiener,„Eure Majeſtät hatte nur ein Taſchentuch und hier iſt es.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte der König, die Zähne fletſchend,„es iſt wahr. Oh! Armuth, wie beneide ich dich! glücklich der, welcher die Sacktücher und die Billets ſelbſt aus ſeiner Taſche herausnimmt.“ Er las den Brief von la Vallière noch einmal und ſuchte in ſeinem Geiſt, durch welches Mittel das kleine Gedicht an ſeine Adreſſe gelangt ſein könnte. Es war eine Nachſchrift bei dem Brief. „Ich ſchicke Euch durch Euren Boten die Antwort zurück, die der Sendung ſo wenig würdig iſt.“ „Ahl gut, ich werde etwas erfahren,“ ſagte der König voll Freude. 3 „Wer hat mir dieſes Billet gebracht?“ fragte er. „Herr Malicorne,“ erwiederte ſchüchtern der Kam⸗ merdiener. 4 „Er trete ein.“ Malicorne trat ein. „Ihr kommt von Fräulein de la Valliére?“ fragte der König mit einem Seufzer. „Ja, Sire.“, 146 „Und Ihr habt Fräulein de la Vallière etwas von mir gebracht?“ „Ich, Sire?“ „Ja, Ihr.“ „Nein, Sire, nein.“ „Fräulein de la Vallière ſagt es ganz beſtimmt.“ „Ohl Sire, Fräulein de la Vallière täuſcht ſich.“ Der König faltete die Stirne und ſprach: „Was für ein Spiel iſt das? erklärt Euch; warum nennt Euch Fräulein de la Valliore meinen Boten? was habt Ihr dieſer Dame gebracht? ſprecht geſchwinde, mein Herr...“ „Sire, ich habe Fräulein de la Vallidre ein Taſchen⸗ tuch gebracht, und nicht mehr.“ „Ein Taſchentuch... Was für ein Taſchentuch?“ „Sire, in dem Augenblick, wo ich zu meinem Schmerz an die geheiligte Perſon Curer Majeſtät ſtieß... ein Unglück, das ich mein ganzes Leben beklagen werde, beſonders nach der Unzufriedenheit, die Ihr mir be⸗ zeigtet... blieb ich unbeweglich vor Verzweiflung. Sire... Eure Majeſtät war zu fern, um meine Ent⸗ ſchuldigungen zu hören, und ich ſah auf dem Boden etwas Weißes.“ „Ah!“ machte der König. „Ich bückte mich, es war ein Taſchentuch. Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, dadurch, daß ich an Eure Majeſtät geſtoßen, habe ich dazu geholfen, daß dieſes Sacktuch aus ihrer Taſche gefallen; indem ich es aber ehrerbietig befühlte, bemerkte ich einen Schrift⸗ zug, den ich anſchaute: es war der Schriftzug von Fräu⸗ lein de la Vallière; ich nahm an, dieſes Fräulein habe ſein Taſchentuch fallen laſſen; ich beeilte mich, es ihm bei ſeinem Abgang einzuhändigen, und dies iſt Alles, was ich Fräulein de la Vallière übergeben habe... ich flehe Eure Majeſtät an, es mir zu glauben.“ Malicorne war ſo naiv, ſo troſtlos, ſo demüthig, daß ihn der König mit außerordentlicher Freude anhörte. on 147 Er wußte ihm Dank für dieſen Zufall, als hätte er ihm den größten Dienſt geleiſtet, und ſprach: „Es iſt dies ſchon das zweite Mal, daß ich auf eine ſo glückliche Weiſe mit Euch zuſammentreffe; Ihr könnt auf mich rechnen.“ „Wahrheit aber iſt, daß Malicorne ganz einfach das Sacktuch aus der Taſche des Königs ſo artig ge⸗ ſtohlen hatte, als es nur einer der Straßendiebe der guten Stadt Paris zu thun im Stande geweſen wäre. XVIII. Worin von Gärtnern, von Leitern und von Ehren⸗ kräulein die Rede iſt. Leider konnten die Wunder nicht immer fortdauern, mehaend die ſchlechte Laune von Madame unverändert ieb. Nach acht Tagen war es beim König ſo weit ge⸗ kommen, daß er la Vallière nicht mehr anzuſchauen vermochte, ohne daß ein argwöhniſcher Blick dem ſeinigen begegnete. War eine Promenade vorgeſchlagen, ſo fand ſich Madame, um es zu vermeiden, daß ſich die Scene mit der Königseiche oder mit dem Regen erneuerte, mit Un⸗ päßlichkeiten bei der Hand: in Folge dieſer Unpäßlich⸗ keiten verließ ſie ihre Gemächer nicht, und ihre Ehren⸗ fräulein blieben zu Hauſe. An einen nächtlichen Beſuch durfte man nicht den⸗ ken, das war unmöglich. 148 1 Schon in den erſten Tagen hatte der König in dieſer Hinſicht eine ſchmerzliche Niederlage erlitten. Wie in Fontaineblean nahm er nämlich Saint⸗ Ma Aignan mit ſich und wollte ſich zu la Vallière begeben. F wer Aber er fand nur Fräulein von Tonnay⸗Charente, welche dergeſtalt: Feuer! und Diebe! ſchrie, daß eine ganze eit Legion von Kammerfrauen und Auſfſehern herbeilief, und daß Saint⸗Aignan, der allein blieb, um die Ehre wöl ſeines entflohenen Gebieters zu retten, ſich einer ſcharfen Strafpredigt von Seiten der Königin Mutter und von die Madame ausſetzte. Am andern Tag erhielt er überdies zwei Ausforde: man rungen von der Familie Mortemart. 3 Der König mußte hiebei vermitteln. gefä Dieſes Verſehen rührte davon her, daß Madame ſtehe plötzlich eine Veränderung der Wohnungen ihrer Ehren⸗ fräulein befohlen hatte, und daß la Vallière und Mon⸗ talais im Zimmer ihrer Gebieterin ſelbſt zu ſchlafen 6— berufen worden waren. dem Nichts war alſo mehr möglich, nicht einmal Briefe: unter den Augen eines ſo grimmigen Argus, wie Ma⸗ dame, ſchreiben hieß ſich den größten Gefahren preis⸗ geben. eine Man kann ſich denken, in welchen Zuſtand beſtän⸗ vom diger Gereiztheit und wachſenden Zornes alle dieſe Nadelſtiche den Löwen verſetzten. Der König löſte ſich das Blut dadurch auf, daß ihm er auf Mittel ſann, und da er ſich weder Malicorne, noch d'Artagnan eröffnete, ſo fanden ſich die Mittel nican nicht. 5 Malicorne ſchleuderte noch da und dort einige be⸗„ herzte Blitze, um den König zu einem vollen Verlrauen 4 zu ermuthigen. geſtiet War es aber Scham, war es Mißtrauen, der Kö⸗ einen nig biß zuerſt an, ließ aber bald die Angel wieder lein fahren. ſonen. So zum Beiſpiel, als der König eines Abends 6 4 149 durch den Garten ſchritt und traurig nach den Fenſtern von Madame ſchaute, ſtieß Malicorne an eine Leiter unter einer Einfaſſung von Buchsbaum und ſagte zu 1 vF Manicamp, der mit ihm hinter dem König ging und weder an etwas geſtoßen, noch etwas geſehen hatte:. „Habt Ihr nicht geſehen, daß ich mich an eine Leiter geſtoßen und beinahe gefallen wäre?“ „Nein,“ erwiederte Malicorne, zerſtreut wie ge⸗ wöhnlich.„Doch Ihr ſeid nicht gefallen, wie es ſcheint.“ „Gleichviel! es iſt darum nicht minder gefährlich, die Leiter ſo herum ſtehen zu laſſen.“ „Ja, man kann ſich beſchädigen, beſonders, wenn man zerſtreut iſt.“ „Das iſt es nicht; ich will damit ſagen, es ſei gefährlich, die Leitern beim Fenſter der Ehrendamen ſtehen zu laſſen.“ Ludwig bebte unmerklich. „Wie ſo?“ fragte Manicamp. „Sprecht lauter,“ flüſterte ihm Malicorne zu, in⸗ em er ihn an den Arm ſtieß. „Wie ſo?“ wiederholte Manicamp lauter. Der König horchte. „Seht,“ ſagte Malicorne,„das iſt zum Beiſpiel eine Leiter, welche neunzehn Fuß hat, gerade die Höhe vom Karnieß der Fenſter.“ Manicamp verſank in Träume, ſtatt zu antworten. .„Fragt mich doch, von welchen Fenſtern,“ flüſterte ihm Malicorne zu. „Welche Fenſter meint Ihr denn? fragte ihn Ma⸗ nieamp laut. 3 „Die von Madame.“ „Ah 1 „Ohl ich ſage nicht, man ſei je bei Madame ein⸗ lein la Vallisre und Montalais, zwei hübſche Per⸗ ſonen.“. 4 „Durch einen einfachen Verſchlag?“ fragte Ma⸗ nicamp. „Seht Ihr dort das ziemlich ſcharfe Licht aus den Gemächern von Madame? ſeht Ihr jene zwei Fenſter?“ 44 — Ja. „Und das Fenſter, neben den andern, das minder He ſcharf erleuchtet iſt, ſeht Ihr es 2“ ha „Sehr gut.“ „Es iſt das der Ehrenfräulein. Ah! es iſt warm, Fräulein de la Vallidre öffnet gerade ihr Fenſter; ah! Ge ein kühner Liebhaber könnte ihr allerlei Dinge ſagen, ter wenn er eine Ahnung von dieſer neunzehn Fuß hohen Leiter hätte, die gerade bis zum Karnieß reicht.“ Lei „Aber ſie iſt nicht allein, wie Ihr geſagt habt, ſie iſt mit Fräulein von Montalais zuſammen 1⸗ „Fräulein von Montalais zählt nicht, es iſt eine Freundin von ihr aus der Kinderzeit, ihr ganz ergeben, ein wahrer Brunnen, in den man alle Geheimniſſe werfen kann, die man verlieren will.“ 1 Nicht ein Wort von dieſer Unterredung entging dem König. der Malicorne bemerkte ſogar, daß der König lang⸗ ſamer ging, um ihm Zeit zu laſſen, zu endigen. Als man an die Thüre kam, entließ er auch Jeder⸗ mann, Malicorne ausgenommen. Darüber wunderte ſich Niemand, man wußte, daß der der Koͤnig verliebt war, und hatte ihn im Verdacht, er mache Verſe im Mondſchein. Fu Obgleich es an dieſem Abend keinen Mondſchein gab, ſo konnte der König doch nichtsdeſtoweniger Verſe zu machen haben. fü Alle entfernten ſich. Dann wandte ſich der König gegen Malicorne um, au der ehrerbietig darauf wartete, daß Ludwig ihn anrede. w. 3„Was ſprachet Ihr denn vorhin von Leitern, Herr he Malieorne?“ ſagte er „Ich, Sire, ich ſprach von Leitern...“ 3 0 glleauben, daß die Leiter neunzehn Fuß hat.“ Hiebei ſchlug Malicorne die Augen zum Himmel auf, als wollte er ſeine entflogenen Worte wieder er⸗ haſchen. „Ja, von einer neunzehn Fuß hohen Leiter.“ „Ahl ja, Sire, es iſt wahr; doch ich ſprach mit 9 Herrn von Manicamp und würde geſchwiegen haben, hätte ich gewußt, Eure Majeſtät köoͤnnte mich höͤren.“ „Und warum hättet Ihr geſchwiegen?“ „Weil ich nicht hätte wollen Anlaß geben, daß der Gärtner, der arme Teufel, der ſie ſtehen ließ, geſchol⸗ ten würde.“ „Seid unbeſorgt... Sagt, was iſt es mit dieſer Leiter?“ 1 „Will ſie Eure Majeſtät ſehen?“ ff „Jal⸗ „Nichts kann leichter ſein: dort iſt ſie.“ „Bei dem Buchsgehäge?“ „Ganz richtig.“ „Zeigt ſie mir.“* Malicorne kehrte um und führte den König zu der Leiter. „Hier iſt ſie, Sire,“ ſagte er. „Zieht ſie ein wenig herbei.“ Malicorne legte die Leiter in die Allee. Der König ging der Länge nach in der Richtung der Leiter. „Hm!“ ſagte er...„Ihr meint, ſie ſei neunzehn Fuß lang?“ „Ja, Sire.“ „Neunzehn Fuß, das iſt viel; ich halte ſie nicht für ſo lang.“ „Man ſieht ſo ſchlecht, Sire. Wenn die Leiter aufrecht an einem Baum oder einer Mauer ſtünde, würde man beſſer ſehen, inſofern die Vergleichung viel helfen müßte.“— „Ohl gleichviel, Herr Malicorne, ich kann kaum „Ich weiß, wie ſicher der Blick Eurer Majeſtät iſt, und dennoch würde ich wetten.“ Der König ſchüttelte den Kopf. „Es gibt ein untrügliches Mittel, zu ergründen,“ ſagte Malicorne. „Welches?“ „Jedermann weiß, Sire, daß das Erdgeſchoß des Palaſtes achtzehn Fuß hoch iſt!“ „Richtig, man kann es wiſſen.“ „Wohl, Sire, ſtellte man die Leiter an die Mauer ſo könnte man den Schluß ziehen.“„ 3 „Es iſt wahr.“ Malicorne hob die Leiter wie eine Feder auf und ſtellte ſie an die Mauer. Er wählte, oder vielmehr der Zufall wählte das Fenſter vom Cabinet von la Valllére, um den Ver⸗ ſuch zu machen. Die Leiter kam gerade bis zur Kante des Karnießes, ſo daß ein auf der vorletzten Sproſſe ſtehender Mann, ein Mann von mittlerem Wuchſe, wie der König, zum Beiſpiel, ſich leicht mit den Bewohnern oder vielmehr mit den Bewohnerinnen des Zimmers in Verbindung ſetzen konnte. Kaum ſtand die Leiter, da gab der Koͤnig die Komö⸗ die, die er ſpielte, raſch auf und fing an die Sproſſen hinaufzuklettern, während Malicorne die Leiter hielt. Kaum hatte er aber die gelegt, als eine Patrouill erſchien und gerade auf die Leiter zuging. die Wahrheit Hälfte ſeiner Luftreiſe zurück⸗ e von Schweizern im Garten Der König ſtieg haſtig herab und verbarg ſich in einem Gebüſche. Malicorne begriff, daß er ſich opfern mußte. Ver⸗ barg er ſich ebenfalls, ſo würde man ſuchen, bis man ihn oder den König, oder vielleicht gar Beide Beſſer, er würde allein gefunden. Dem zu Folge verbarg ſich Malicorne ſo unge⸗ ſchickt, daß er allein feſtgenommen wurde. fände. 3* t 153 Sobald er verhaftet war, wurde Malicorne nach dem Poſten geführt; ſobald er auf dem Poſten war, nannte er ſich; ſobald er ſich genannt hatte, erkannte man ihn.. Mittlerweile erreichte der König von Gebüſch zu Gebüſch ſchleichend, ſehr gedemüthigt und beſonders ſehr ärgerlich, die kleine Thüre ſeiner Wohnung. Der König war um ſo ärgerlicher, als der Lärm der Verhaftung la Valliére und Montalais an ihr Fenſter gezogen hatte und Madame ſelbſt an dem ihri⸗ gen zwiſchen zwei Kerzen mit der Frage, was es gebe, erſchienen war. Während dieſer Zeit berief ſich Malicorne auf d'Artagnan. D'Artagnan eilte auf den Ruf von Ma⸗ licorne herbei. Doch vergebens verſuchte er es, ihm ſeine Gründe begreiflich zu machen, vergebens begriff ſie d'Artagnan, vergebens verliehen dieſe zwei ſo feinen und erfindungs⸗ reichen Geiſter dem Abenteuer eine Wenduyg; es gab für Malicorne kein anderes Mittel, als dafür angeſehen zu werden, daß er bei Fräulein von Montalais habe einſteigen wollen, wie Herr von Saint⸗Aignan dafür galt, daß er die Thüre von Fräulein von Tonnay⸗Cha⸗ rente habe ſprengen wollen. Madame war unbeugſam aus dem doppelten Grund, daß, wenn Herr Malicorne wirklich nächtlicher Weile bei ihr durch das Fenſter und mit Hülfe einer Leiter habe einſteigen wollen, dies von Seiten von Malicorne Aufefüaner Verſuch ſei, und daß man ihn beſtrafen müſſe... Und aus dem weiteren Grund, daß, wenn Malicorne, ſtatt in ſeinem Namen zu handeln, als Vermittler zwiſchen la Valliére und einer andern Perſon gehandelt habe, die ſie nicht nennen wollte, ſein Verbrechen nur größer ſei, da die Leidenſchaft, welche Alles entſchul⸗ dige, nicht vorhanden, um ihn zu entſchuldigen. Die drei Musketiere. Bragelonne. VII. 11 1 daher ein gewaltiges Geſchrei und ließ Malicorne aus dem Hauſe von Monſieur wegja⸗ gen, licorne und Montalais ſie durch den Beſuch von Herrn von Guiche und durch viele andere ebenſo delicate Stellen in ihren Klauen hielten. Montalais war wüthend und wollte ſich ſogleich rächen. Malicorne bewies ihr, die Unterſtützung des Königs wiege alle Ungnade auf den König zu leiden. Malicorne hatte Recht. Obgleich ſie Weib war, und zwar eher zehnmal, als einmal, brachte er Montalais zu ſeiner Anſicht herüber. 4 Dann trug der König, was wir ſogleich zu bemer⸗ ken haben, zu den Tröſtungen bei. Zuerſt ließ er Malicorne fünfzig tauſend Livres als Entſchädigung fur ſeine verlorene Stelle ausbezahlen. Dann ſtellte er ihn, glücklich ſich ſo an Madame für Alles zu rächen, was ſie ihn und la Vallière hatte 3 ausſtehen laſſen, in ſeinem eigenen Hauſe an. 6 Da er aber Malicorne nicht mehr hatte, um ihm ſeine Sacktücher zu ſtehlen und um ihm ſeine Leitern 3 zu meſſen, ſo ſah ſich der arme Verliebte entblößt. Keine Hoffnung mehr, ſich la Vallidre je zu nähern, ſo lange ſie im Palais Royal bliebe. Alle Würden und alle Summen der Welt konnten hiebei nicht vermitteln. Zum Glück wachte Malicorne. Er richtete es ſo gut ein, daß er Montalais be⸗ egnete. Allerdings arbeitete Montalais mit ihren beſten Kräften dahin, daß ſie Malicorne begegnete. Was macht Ihr bei Nacht bei Madame 2“ fragte er das Mädchen. „Bei Nacht ſchlafe ich.“ „Wie, Ihr ſchlafet?“ „Allerdings.“ ſehr ſchlimm, zu ſchlafen; es geziemt 1 ——— „Es iſt aber „ F — ———————— ——‧nſ.——— 15⁵ ſich nicht, daß ein Mädchen mit einem Schmerz, wie Ihr ihn empfindet, ſchläft.“ „Welchen Schmerz empfinde ich denn?“ „Seid Ihr nicht in Verzweiflung über meine Ab⸗ weſenheit?“ „Nein, da Ihr fünfzigtauſend Livres und eine Stelle beim König erhalten habt.“ „Gleichviel, Ihr ſeid ſehr betrübt, weil Ihr mich nicht mehr ſeht, wie Ihr mich früher geſehen habt; Ihr ſeid in Verzweiflung darüber, daß ich das Vertrauen von Madame verloren; ſprecht, iſt dies wahr?“ „Oh! ſehr wahr.“ „Nun wohl! dieſer Kummer hindert Euch, bei Nacht zu ſchlafen, und dann ſchluchzt Ihr, dann ſeufzt Ihr, und dann ſchnäutzt Ihr Euch geräuſchvoll, und zwar zehnmal in einer Minute.“ „Mein lieber Malicorne, Madame duldet nicht das geringſte Geräuſch bei ſich.“ „Ich weiß, bei Gott! wohl, daß ſie nichts ertragen kann; ſie wird ſich auch beeilen, wenn ſie einen ſo tiefen Schmerz wahrnimmt, Euch vor ihre Thüre zu ſetzen.“ „Ich verſtehe.“ 4 „Das iſt ein Glück.“„ 4 „Was wird aber dann geſchehen?“ „Es wird geſchehen, daß la Vallière, wenn ſie ſich von Euch getrennt ſieht, in der Nacht ſolche Seufzer und Klagen ausſtößt, daß ſie für zwei zur Verzweiflung gereichen wird.“. „Dann bringt man ſie in ein anderes Zimmer.“ „Ganz richtig.“ „Ja, aber in welches?“ „In welches?“ „Nun, ſeid Ihr in Verlegenheit, mein Herr von den Erfindungen.“ „Keines Wegs; welches Zimmer es auch ſein mag, es wird immerhin beſſer ſein, als das von Madame. 4 „Das iſt wahr.“ 1„ 4 mir ein wenig heute Nacht „Nun denn! ſo fangt Eure Jeremiaden an.“ Ich werde nicht verfehlen, dies zu thun.“ „Und unterrichtet mir la Vallidère.“ „Seid unbeſorgt, ſie weint genug leiſe.“ „Wohl! ſie weine laut,“ ſprach Malicorne. Und ſie trennten ſich. / XIX. Worin von Zimmerarbrit die RKede iſt, und einige Mittheilungen über die Art, mie man die Trep- pen durchhöhlt, gegeben werden. Der Montalais ertheilte Rath wurde la Vallièren weiſe erkannte und nach eini⸗ mitgetheilt, die ihn als Schüchternheit als von ihrer gem, mehr von ihrer Kälte herrührendem, Widerſtand ihn in Ausführung zu bringen beſchloß. Die Geſchichte der zwei weinenden und mit ihrem Klagegeſchrei das Schlafzimmer von Madame erfüllen⸗ den Frauen war das Meiſterwerk von Malicorne. Da nichts ſo wahr iſt, als das Unwahrſcheinliche, nichts ſo natürlich, als das Romanhafte, ſo gelang dieſes Mährchen aus Tauſend und eine Madame. Sie entfernte zuerſt Montalais. Drei Tage oder vielmehr drei Nächte, nachdem ſie Montalais entfernt hatte, Vallidre. „ Nacht vollkommen bei 4 entfernte ſie ſodann la —— — bre ni⸗ rer zu rem len⸗ iche, eſes bei hdem n la Man Manſarden lagen. gab der letzteren ein Zimmer in den kleinen „ welche über den Gemächern von Madame Zu größerer Sicherheit ließ Frau von Noallles, welche von den früheren Verſuchen Seiner Majeſtät hatte ſprechen hören, die Fenſter der Zimmer und die Decken der Kamine vergittern. Es war alſo in jeder Hinſicht die Ehre von Fräu⸗ lein de la Vallière geſichert, deren Zimmer mehr einem Käfig, als irgend etwas Anderem glich. 4 Fräulein de la Vallière, wenn ſie zu Hauſe war, und ſie war dies oft, denn Madame benützte ihre Dienſte nur ſelten, ſeitdem ſie ſie unter dem Blicke von Frau von Noailles wußte, Fräulein de la Vallière hatte alſo keine andere Zerſtreuung, als durch die Gitter ihres Fenſters zu ſchauen. Eines Morgens aber, als ſie wie gewoͤhnlich hin⸗ ausſchaute, erblickte ſie Malicorne an einem dem ihrigen parallelen Fenſter. Er hielt in der Hand ein Zimmermannsſenkblei, lorgnirte die Gebaäͤude und addirte algebriſche Formen auf Papier. Auf dieſe Art glich er einem von den Ingenieurs, die von der Ecke eines Laufgrabens aus die Winkel einer Baſtei oder die Höhe der Mauern einer Feſtung aufnehmen. La Vallidre erkannte Malicorne und grüßte ihn. Malicorne erwiederte dies mit einer tiefen Ver⸗ bengung und verſchwand vom Fenſter. Sie wunderte ſich über dieſe, dem ſtets gleichmäßi⸗ gen Charakter von Malicorne durchaus nicht eigenthüm⸗ liche, Kälte, aber ſie erinnerte ſich, daß der arme Junge ſeine Stelle ihretwegen verloren hatte und daß er nicht vortrefflich gegen ſie geſtimmt ſein müßte, da ſte aller 8 Wahrſcheinlichkeit nach nie in der Lage ſein würde, ihm zu erſetzen, was er verloren. Sie wußte Beleidigungen zu verzeihen, um ſo viel mehr das Unglück zu bemitleiden. . La Vallidre hätte Montalais um Rath gefragt, wäre Montalais da geweſen; Montalais war aber ab⸗ weſend. Zu dieſer Stunde pflegte Montalais ihren Brief⸗ wechſel zu beſorgen. Plötzlich ſah la Vallidre einen aus dem Fenſter, an dem Malicorne erſchienen, geſchleuderten Gegenſtand den Raum durchfliegen, durch ihr Gitter eindringen und auf ihren Boden fallen. f den Gegenſtand zu und Sie ging neugierig au hob ihn auf. Es war eine von den Spulen, auf die man die Seide aufwickelt. Nur war ſtatt der Seide ein Papierchen um die Spule gerollt. La Vallidre entrollte es und las: „Mein Fräulein, „Ich bin ſehr begierig, zwei Dinge zu erfahren. „Erſtens, ob der Boden Eures Zimmers von Holz oder von Backſtein iſt.. „Zweitens, in welcher Entfernung Euer Bett vom Fenſter ſteht. daß ich Euch beläſtige, und wollt mir auf demſelben T der Euch meinen as heißt auf dem Wege der Spule. u werfen, wie ich die Spule in das Eurige een habe, was für Euch ls für mich, ſeid einfach ſo gefällig, „Entſchuldigt. Wege antworten, Brief gebracht hat, d „Nur, ſtatt ſie in mein Zimmer z geworf ſchwieriger wäre a ſie fallen zu laſſen. 3 mein Fräulein, daß ich bin Cuer Glaubt beſonders, d ehrfurchtsvoller Diener „Malicorne.“ 11 ganz ergebenſter un „Schreibt die Antwort gütigſt au „ f denſelben Brief.“ „Ohl der arme Junge,“ rief la Vallière,„er muß ein Narr geworden ſein!“. Und ſie richtete auf ihren Correſpondenten, den man im Halbſchatten des Zimmers gewahrte, einen Blick voll innigen Mitleids. Malicorne begriff und ſchüttelte den Kopf, als wollte er entgegnen: „Nein, nein, ſeid unbeſorgt, ich bin kein Narr.“ Sie lächelte mit einer Miene des Zweifels. „Nein, nein,“ erwiederte er mit der Geberde,„der Kopf iſt gut.“ Und er deutete auf ſeinen Kopf. Dann bewegte er die Hand wie ein Menſch, der raſch ſchreibt, und bezeichnete mit einer Art von Bitte: „Auf, ſchreibet!“ La Vallière ſah nichts Unziemliches darin, wenn ſte thun würde, was Malicorne von ihr forderte, und ſollte er auch ein Narr ſein; ſie nahm einen Bleiſtift und ſchrieb: 3 *⁴ „Holz.“ Dann zählte ſie zehn Schritte vom Fenſter bis zu ihrem Bett und ſchrieb abermals: „Zehn Schritte.“ Nachdem ſie dies gethan, ſchaute ſte nach Malicorne, der ſie grüßte und ihr durch ein Zeichen bedeutete, er gehe hinab. La Vallière begriff, daß es geſchah, um die Spule in Empfang zu nehmen. Sie näͤherte ſich dem Fenſter und ließ ſte nach der Unterweifung von Malicorne fallen. Die Rolle lief noch auf den Platten fort, als Ma⸗ licorne herauseilte, ſie erreichte, aufhob, ſie ſchälte, wie es ein Affe mit einer Nuß thut, und ſodann nach der 5 Wohnung von Saint⸗Aignan lief. Saint⸗Aignan hatte ſich ſeine Wohnung ſo nahe als möglich beim König gewählt oder vielmehr ausge⸗ 160 beten, jenen Pflanzen ähnlich, welche die Strahlen der Sonne ſuchen, um ſich fruchtbarer zu entwickeln. Seine Wohnung beſtand in zwei Zimmern in dem Corps de logis, das Ludwig XIV. inne hatte. Saint⸗Aignan war ſtolz auf dieſe Nachbarſchaft, die ihm einen leichten Zugang zum König und dabei die Gunſt einiger unerwarteten Begegnungen gewährte. Er beſchäftigte ſich in dem Augenblick, von dem wir ſprechen, damit, daß er dieſe zwei Zimmer pracht⸗ voll tapeziren ließ, denn er rechnete auf die Ehre eini⸗ ger Beſuche von Seiten des Königs, da Seine Maje⸗ ſtät, ſeitdem ſie die Leidenſchaft für la Vallière gefaßt, Saint⸗Aignan zum Vertrauten gewählt hatte und ſeiner weder bei Tag, noch bei Nacht mehr entbehren konnte. Malicorne ließ ſich beim Grafen einführen und ſtieß auf keine Schwierigkeit, weil er beim König wohl gelitten war und der Credit des Einen immer eine Lock⸗ ſpeiſe für den Andern iſt.. Saint⸗Aignan fragte ſeinen Beſuch, ob er mit einer Neuigkeit bereichert ſei. „Mit einer großen,“ erwiederte dieſer. „Ahl ah!“ verſetzte Saint⸗Aignan neugierig wie ein Günſtling,„laßt ſie hören.“ „Fräulein de la Vallidre iſt ausgezogen.“ „Wie ſo?“ rief Saint⸗Aignan die Augen weit auf⸗ reißend. „Jd. „Sie wohnte bei Madame?“ „Ganz richtig. Doch Madame hat ſich über die Nachbarſchaft geärgert und ſie in einem Zimmer ein⸗ quartiert, das gerade über Eurer zukünftigen Wohnung liegt.“ „Wie, dort oben?“ rief Saint⸗Aignan voll Er⸗ ſtaunen, indem er mit dem Finger das obere Stockwerk bezeichnete. „Nein,“ erwiederte Malicorne,„dort unten.“ 2 ☛ * —- ——=—— 164 Und er deutete auf das gegenüberliegende Haupt⸗ gebäude. „Warum ſagt Ihr denn, ihr Zimmer ſei über meiner Wohnung?“ „Weil ich uͤberzeugt bin, daß Eure Wohnung ganz natürlich unter dem Zimmer von la Vallisre ſein muß.“ Saint⸗Aignan ſandte bei dieſen Worten an die Adreſſe des armen Malicorne einen von den Blicken ab, wie dieſem la Vallière eine Stunde zuvor ſchon einen zu⸗ geſchickt hatte. Er glaubte nämlich, Malicorne ſei ein Narr. „Mein Herr,“ ſprach Malicorne,„ich werde Euren Gedanken beantworten.“ „Wie, meinen Gedanken...“ „Allerdings, Ihr habt, wie mir ſcheint, nicht voll⸗ kommen begriffen, was ich Euch ſagen wollte.“ „Ich geſtehe es.“ „Wohl, es iſt Euch nicht unbekannt, daß unter den CEhrenfräulein von Madame die Cavaliere des Königs und von Monſteur wohnen. „Ja, denn Manicamp, Wardes und Andere wohnen dort.“ „Ganz richtig. Nun wohll mein Herr, bewundert die Seltſamkeit des Zuſammentreffens: die zwei für Herrn von Guiche beſtimmten Zimmer ſind gerade die zwei Zimmer, die unter denen liegen, welche Fräulein von Montalais und Fräulein de la Vallière inne haben.“ „Weiter!“ „Weiter?.. Dieſe beiden Zimmer ſind gerade frei, da Herr von Guiche verwundet in Fontainebleau krank liegt.“ 1 3 „Ich ſchwöre Euch, mein lieber Herr, daß ich nicht errathe.“ „Ah! wenn ich das Glück hätte, mich Saint⸗Ai⸗ gnan zu nennen, würde ich ſogleich errathen.“ „ Und was würdet Ihr thun?“ „Ich würde auf der Stelle die Zimmer, die ich hier 162 welche Herr von Guiche bewohnt.“. „ ¹“ rief Saint⸗Aignan mit Verach⸗ tung,„den erſten Chrenpoſten aufgeben, die Nachbarſchaft von Geblüt, den des Königs, ein nur den Herzogen und den Pairs eingeräumtes Vorrecht!.. Mein lieber Herr von Malicorne, erlaubt mir, Euch zu ſagen, daß Ihr ein Narr ſeid.“ Mein Herr,“ erwiederte der junge Mann mit ernſtem Ton,„Ihr begeht zwei Irrthümer... Ich heiße einfach Malicorne und bin kein Narr.“ Dann zog er ein Papier aus der Taſche und ſprach:. „Höret Folgendes, werde. à „Ich höre.“ „Ihr wißt, daß Madame la Valliére bewacht, wie Argus die ⸗Nymphe Jo.“ „Ich weiß es.“ „Ihr wißt, daß der König die Gefangene ſprechen wollte, aber vergebens, und daß es weder Euch, noch mir gelungen iſt, ihm dieſes Glück zu verſchaffen.“ „Ihr wißt beſonders etwas, mein armer Malicorne.“ „Was denkt Ihr, daß demjenigen zufallen würde, deſſen Einbildungskraft die zwei Liebenden einander zu nähern wüßte?“ „Oh! der König würde ſein auf etwas Geringes beſchränken.” „Herr von Saint⸗Aignan?“ 1/ wonach ich Euch dieſes zeigen e Dankbarkeit nicht „Weiter!“ „Wäret Ihr nicht begierig, die königliche Dankbar⸗ keit ein wenig zu befühlen?“ 7 3 ignan, neine Gunſt „Gewiß,“ erwiederte Saint⸗Aignan von meinem Herrn, wenn ich meine Pflicht gethan hätte, müßte mir koſtbar ſein.“ Dann ſchaut dieſes Papier an, Herr Graf.“ „„ „Was für ein Papier iſt das? Ein Plan.“ — —— ——— ie ☚‿ ein einfacher Holzboden iſt.“ 163 „Der von den zwei Zimmern von Herrn von Guiche, welche aller Wahrſcheinlichkeit nach die Euri⸗ gen werden.“ „Ohl nein, was auch geſchehen mag.“ „Warum nicht?“ „Weil nach meinen Zimmern zu viele Cavaliere, denen ich ſie ganz gewiß nicht abtreten werde, ein Ge⸗ lüſte hegen; ſo Herr von Roquelaure, Herr de la Ferté, Herr Dangeau.“. „Dann verlaſſe ich Euch, Herr Graf, und biete einem von dieſen Herren den Plan, den ich Euch vor⸗ legte, nebſt den damit verbundenen Vortheilen an.“ „Aber warum behaltet Ihr dieſe nicht für Euch?“ fragte Saint⸗Aignan mißtrauiſch. „Weil mir der Koönig nie die Ehre erweiſen wird, ſichtbar zu mir zu kommen, während er gewiß ganz vortrefflich zu einem von dieſen Herren geht.“ „Wie! der König würde zu einem von dieſen Her⸗ ren gehen?“„ „Bei Gott! ob er gehen wird! zehnmal für ein⸗ mal. Wie! Ihr fragt mich, ob der König in eine Wohnung gehen werde, die ihn Fräulein de la Vallière näher bringt?“ „Eine ſchöne Annäherung... mit einem ganzen Stockwerk dazwiſchen.“ Malicorne wickelte das kleine Papier von der Spule ab und ſprach: „Herr Graf, ich bitte Euch, bemerkt wohl, daß der Boden des Zimmers von Fräulein de la Vallière ——— „ Nun?“ „Nun! Ihr nehmt einen Zimmermann, der bei Euch eingeſchloſſen, ohne zu wiſſen, wohin man ihn geführt, Eure Decke und folglich zugleich den Boden von Fräulein de la Vallisre öffnet.“ „Ah! mein Gott!“ rief Saint⸗Aignan wie ge⸗ blendet. „Wie beliebt?“ verſetzte Malicorne. „Ich ſage, das ſei eine ſehr verwegene Idee, mein Herr.“ „Sie wird dem König weniger armſelig vorkom⸗ men, das verſichere ich Euch.“ „Die Verliebten denken nicht an die Gefahr.“ „Welche Gefahr befürchtet Ihr, Herr Graf?“ „Ein ſolches Durchhöhlen macht einen furchtbaren Lärmen: das ganze Schloß wird davon ertönen.“ „Oh! Herr Graf, ich bin feſt überzeugt, daß der Arbeiter, den ich Euch bezeichnen werde, nicht den ge⸗ ringſten Lärmen macht. Er wird ein Viereck von ſechs Fuß mit einer mit Werg umwickelten Säge heraus ar⸗ beiten, und Keiner, ſelbſt von den nächſten Nachbarn, wird bemerken, daß er arbeitet.“ 2„Ahl mein lieber Malicorne, Ihr betäubt mich, Ihr macht mich ganz verwirrt.“ „Ich fahre fort,“ erwiederte Malicorne ruhig;„in dem Zimmer, deſſen Decke Ihr durchhöhlt habt... Ihr hört wohl, nicht wahr?“ a 44 „Errichtet Ihr eine Treppe, welche entweder Fräu⸗ lein de la Vallidre zu Euch hinabzuſteigen, oder dem König zu Fräulein hinaufzuſteigen geſtattet.“ „Aber man wird dieſe Treppe ſehen 2“ 1 „Nein, ſte wird von Euch durch eine Scheidewand verborgen, auf der Ihr eine Tapete der ähnlich aus⸗ breitet, mit welcher die übrige Wohnung ausgeſchlagen iſt; bei Fräulein de la Valliére verſchwindet ſie unter einer Fallthüre, die der Boden ſelbſt ſein und ſi Bett öffnen wird.“.. „Wahrhaftig!“ rief Saint⸗Aignan, deſſen Augen zu funkeln anfingen. „Herr zu laſſen, kommen, in dem eine ſolche Treppe eingeriY glaube, daß Herr Dangeau ch unter ihrem Graf, ich brauche Euch nun nicht zugeſtehen 1 der König werde häufig in das Zimmer chtet iſt. Ich beſonders von meiner Ider 165 betroffen ſein wird, und ich will ſie ihm auseinander⸗ ſetzen.“ „Ahl lieber Herr Malicorne,“ rief Saint⸗Aignan, „Ihr vergeßt, daß Ihr mit mir zuerſt geſprochen habt, und daß mir folglich die Prioritätsrechte zukommen.“ „Ihr wollt alſo den Vorzug haben?“ „Ob ich ihn haben will? ich glaube wohl!“ „Herr von Saint⸗Aignan, was ich Euch da gebe, iſt allerdings ein Ordensband bei der nächſten Beför⸗ derung, und vielleicht ſogar ein gutes Herzogthum.“ „Wenigſtens,“ erwiederte Saint⸗Aignan roth vor Freude,„wenigſtens iſt es eine Gelegenheit, dem König zu zeigen, daß er nicht Unrecht hat, wenn er mich zu⸗ weilen ſeinen Freund nennt, eine Gelegenheit, die ich Euch zu verdanken haben werde.“ „Ihr werdet es nicht ein wenig vergeſſen?“ ſagte Malicorne lächelnd. „Ich werde deſſen rühmlich gedenken, mein Herr.“ „Ich, mein Herr, bin nicht der Freund des Königs, aber ſein Diener.“ „Ja, und wenn Ihr denkt, in dieſer Treppe ſtecke für mich ein blaues Ordensband, ſo denke ich, daß für Euch ein Adelsdiplom darin ſein wird.“ Malicorne verbeugte ſich. „Es handelt ſich alſo nur noch darum, auszuzie⸗ hen,“ ſagte Saint⸗Aignan. 2 „ Ich ſehe nicht ein, daß ſich der König widerſetzen ſollte: bittet ihn um Erlaubniß.“ „Ich laufe auf der Stelle zu ihm.“ „Und ich will mir den Arbeiter verſchaſfen, deſſen Ihr bedürft.“ „Wann werde ich ihn haben?“ „Dieſen Abend.“ „Vergeßt die Vorſichtsmaßregeln nicht.“ „Ich bringe ihn mit verbundenen Augen. 7, vlirn ich, ich ſchicke Euch einen von meinen Wagen.“ 4 Ohne Wappen.“ ivree, das 3„Mit einem von meinen Lackeien ohne L. iſt abgemacht.“ „Sehr gut, Herr Graf!“ „Aber la Vallière?“ „Nun?“ „Was wird ſie ſagen, wenn ſie dieſe Operation ſieht?“ „Ich verſichere Euch, daß ſie das ungemein in⸗ tereſſiren wird.“ „Ich glaube es wohl.“ „Ich bin ſogar überzeugt, daß, wenn der König nicht ſo kühn iſt, zu ihr hinaufzuſteigen, ſie ſo neugie⸗ rig ſein wird, zu ihm herabzuſteigen.“ „Hoffen wir,“ ſagte Saint⸗Aignan⸗ „Ja, hoffen wir,“ wiederholte Maliſorne. „So gehe ich zum König.“. „Daran thut Ihr ſehr wohl.“ „Um welche Stunde bekomme nen Arbeiter?“ „Um acht Uhr.“ 4 „Und wie viel Zeit meint Ihr, daß er brauche, um ſein Viereck auszuſägen?“ „Ungefähr zwei Stunden; nur wird er nachher Zeit brauchen, um das zu vollenden, was man die Ver⸗ bindungen nennt. Eine Nacht und einen Theil des morgigen Tages; mit der Treppe muß man zwei Tage rechnen.“ 4 „wei Tage, das iſt ſehr lange.“ „Ohl wenn man es übernimmt, eine Thüre am ich heute Abend mei⸗ Paradies zu öffnen, ſo muß dieſe Thüre wenigſtens an⸗ 4 . ſtändig ſein „Ihr habt Recht; auf baldiges Wiederſehen, lie⸗ Abend wird bei ber Herr Malicorne⸗ Uebermorgen mir Alles zum Auszug bereit ſein.“ — XX. Die Spazierfahrt bei Fackeln. Entzückt über das, was er gehört, entzückt über das, was er in der Ferne erſchaute, lief Saint⸗Aignan nach den Zimmern von Guiche. Er, der eine Viertelſtunde vorher ſeine beiden Zimmer nicht um eine Million abgetreten hätte, war nun, würde man es von ihm verlangt haben, bereit, mit einer Million die zwei ſeligen Zimmer zu bezahlen, nach denen er jetzt begehrte. Doch man machte keine ſolche Forderungen an ihn. Herr von Guiche wußte noch nicht, wo er wohnen ſollte, und war überdies noch immer zu leidend, um ſich um ſeine Wohnung zu bekümmern. Saint⸗Aignan hatte alſo die zwei Zimmer von Guiche. Herr Dangellu bekam die zwei Zimmer von Saint⸗ Aignan gegen ein Geſchenk von ſechstauſend Livres an den Intendanten des Grafen und glaubte ein goldenes Geſchäft gemacht zu haben.* Die beiden Zimmer von Dangeau beſtimmte man zur zukünftigen Wohnung von Guiche. Alles, ohne daß wir mit Sicherheit behaupten können, bei dem allgemeinen Auszug werden es dieſe. zwei Zimmer ſein, welche Guiche dereinſt bewohne. Eine Stunde, nachdem er dieſen Beſchluß gefaßt hatte, war Saint⸗Aignan im Beſitz der erwähnten zwei Zimmer. Zehn Minuten, nachdem Saint⸗Aignan von dieſen zwei Zimmern Beſitz ergriffen hatte, trat Mali⸗ corne bei Saint⸗Aignan in Begleitung von Tapezie⸗ rern ein. Mittlerweile verlangte der König nach Saint⸗Aig⸗ nan; man lief zu Saint⸗Aignan und fand Dangeau. Dangeau ſchickte zu Guiche, und man fand endlich Saint⸗Aignan. Doch dadurch entſtand ein Verzug, ſo daß der König ſchon zwei bis drei Bewegungen der Ungeduld Jd gemacht hatte, als Saint⸗Aignan ganz athemlos bei me ſeinem Herrn erſchien. 4 „Du verläſſeſt mich alſo auch, Du!“ ſagte der no König mit jenem kläglichen Ton, mit dem wohl Cäſar um achtzehn hundert Jahre früher ſein tu quoque geſpro⸗ ſa chen hatte. „Sire,“ erwiederte Saint⸗Aignan,„ich verlaſſe den König nicht, ganz im Gegentheil, ich beſchäftige au mich nur mit meinem Auszug.“. „Mit welchem Auszug? Ich glaubte Dein Auszug wäre ſchon ſeit drei Tagen beendigt?“ „Ja, Sire. Doch ich fühle mich unbehaglich da, die wo ich bin, und ziehe in das untere Gebäude gegen⸗ über.“ „Sagte ich Dir nicht, Du verlaſſeſt mich auch!“ rief der König.„Ob! das überſchreitet alle Grenzen. Ich hatte nur eine Frau, um die ſich mein Herz be⸗ kümmerte, und meine ganze Familie verbindet ſich, um 3 ſie mir zu entreißen. Ich hatte einen Freund, dem ich W meine Sorgen und Leiden anvertraute und der mir die Laſt derſelben tragen half.. dieſer Freund iſt meiner Klagen müde und verläßt mich, ohne mich nur um da Erlaubniß zu fragen.“ Saint⸗Aignan lachte. Der König errieth, es ſtecke ein Geheimniß unter dieſem Mangel an Chrerbietung. „Was gibt es?“ rief der König voll Hoffnung. „Sire, der Freund, den der König verleumdet, wi 169 es verſuchen, dem König das Glück zurückzugeben, das er verloren hat.“ „Du willſt machen, daß ich la Vallière ſehe?“ „Sire, ich ſtehe noch nicht dafür, aber...“ „Aber?“ „Aber ich hoffe es.“ „Ohl wie? wie? ſage mir das, Saint⸗Aignan. Ich will Deinen Plan kennen, ich will Dich dabei mit meiner ganzen Macht unterſtützen.“ „Sire,“ erwiederte Saint⸗Aignan,„ich weiß ſelbſt noch nicht, welches Verfahren ich einſchlagen werde, um zu dieſem Ziele zu gelangen, ich habe aber alle Ur⸗ ſache, zu glauben, daß ſchon morgen...“ „Morgen, ſagſt Du?“ „Ja, Sire.“ 9 „Ohl welches Glück! Doch, warum ziehſt Du aus 2a 4 „Um Euch beſſer zu dienen.“ „Und in welcher Hinſicht kannſt Du mir beſſer dienen, wenn Du ausgezogen biſt?“ „Wißt Ihr, wo die beiden Zimmer liegen, die man für den Grafen von Guiche beſtimmte?“ †„Ja.“ „Dann wißt Ihr, wohin ich ziehe.“ „Allerdings; doch dadurch erfahre ich nicht mehr.“ Wie! Ihr begreift nicht, Sire, daß über dieſer Wohnang zwei Zimmer ſind?“ 4 „Welche?“ 4 „Das eine iſt das von Fräulein von Montalais, das andere...“ 3 Aignan.“ „Das andere iſt das von la Vallidre, Saint⸗ „Wohl, Sire.“— 4 „Oh! Saint⸗Aignan, es iſt wahr, ja, es iſt wahr! Saint⸗Aignan, das iſt ein glücklicher Gedanke, ein Freundesgedanke, ein poetiſcher Gedanke; indem Du 1 12 1 Die drei Musketiere. Bragelonne Vll. mich ihr näherſt, während das Weltall mich von ihr trennt, haſt Du für mich einen höhern Werth, als Py⸗ lades für Oreſtes, als Patroklus für Achilles.“ „Sire,“ erwiederte Saint⸗Aignan lächelnd,„ich be⸗ zweifle, ob Eure Majeſtät, wenn ſie meine Pläne in ihrer ganzen Ausdehnung kennete, fortführe, mir ſo pomphafte Betitelungen zu geben. Ah! Sire, ich kenne trivialere, die gewiſſe Puritaner des Hofes unfehlbar auf mich anwenden werden, wenn ſie erfahren, was ich für Eure Majeſtät zu thun gedenke.“ „Saint⸗Aignan, ich ſterbe vor Ungeduld; Saint⸗ Aignan, ich verſchmachte; Saint⸗Aignan, ich werde nie bis morgen warten... Morgen!... morgen, das iſt eine Ewigkeit.“ „Sire, Ihr werdet Euch, wenn es Euch beliebt, ſogleich von hier wegbegeben und dieſe Ungeduld durch eine gute Spazierfahrt zerſtreuen.“— „Mit Dir, gut; wir plaudern von Deinen Plänen, wir ſprechen von ihr.“ „Nein, Sire, ich bleibe.“ „Mit wem ſoll ich denn ausfahren?“ „Mit den Damen.“ „Ah! meiner Treue, nein, Saint⸗Aignan.“ „Es muß ſein, Sire.“ „Nein! nein! tauſendmal nein. Nein, ich werde mich nicht mehr der furchtbaren Marter ausſetzen, zwei Schritte von ihr zu ſein, ſie zu ſehen, ihr Kleid im Vorübergehen zu ſtreifen und nichts zu ihr zu ſagen. Nein, ich verzichte auf dieſe Oual, die Du für ein Glück hältſt, während es nur eine Marter iſt, die meine Augen verſengt, meine Hände verzehrt, mein Herz zer⸗ malmt; ſie ſehen in Gegenwart von allen dieſen Frem⸗ den und ihr nicht ſagen, ich liebe ſie, indeß mein ganzes Leben ihr dieſe Liebe offenbart und mich vor Allen ver⸗ räth, nein, ich habe mir ſelbſt geſchworen, ich werde dies nicht mehr thun, und ich halte meinen Schwur.. „Sire, höret mich doch!“ 171 „Ich höre nichts, Saint⸗Aignan.“ „Dann fahre ich fort: es iſt dringend nothwendig, Sire, begreift wohl, dringend, äußerſt dringend, daß Madame und ihre Ehrenfräulein zwei Stunden aus Eurem Hauſe abweſend ſind.“ „Du bringſt mich ganz in Verwirrung, Saint⸗ Aignan.“. „Es iſt hart für mich, meinem König zu befehlen, doch unter den obwaltenden Umſtänden befehle ich, Sire: ich brauche eine Jagd, oder eine Spazierfahrt.“ „Aber dieſe Spazierfahrt, dieſe Jagd wäre eine Laune, eine Bizarrerie. Indem ich eine ſolche Ungeduld an den Tag lege, enthülle ich vor einem ganzen Hof ein Herz, das nicht mehr ſich ſelbſt gehört. Sagt man nicht ſchon zu ſehr, es träume mir von der Eroberung der Welt, zuvor müſſe ich aber damit anfangen, daß ich die Eroberung von mir ſelbſt mache.“ 1„Diejenige, welche dies ſagen, ſind Freche und Meuterer; doch wer ſie auch ſein mögen, wenn es Eure Majeſtät vorzieht, ſich anzuhören, ſo habe ich nichts mehr zu bemerken. Dann wird der morgige Tag auf unab⸗ ſehbare Epochen hinausgeſchoben.“ „Saint⸗Aignan, ich fahre dieſen Abend mit Fackeln nach Saint⸗Germain, ich bleibe dort über Nacht, früh⸗ ſtücke und werde gegen drei Uhr wieder in Paris ſein. Iſt es ſo gut?“ „Vortrefflich.“ „Gegen acht Uhr gehe ich ab.“ „Eure Majeſtät hat die Minute errathen.“ „Und Du willſt mir nichts ſagen?“ „Ich kann Euch nichts ſagen, die Induſtrie iſt von einiger Bedeutung auf dieſer Welt, der Zufall ſpielt aber dabei eine ſo große Rolle, daß ich ihm ſtets den ſchmalſten Theil einzuräumen pflege, feſt überzeugt, er werde es ſo einzurichten wiſſen, daß er den breiteſten eeinnehme.“.— 4*„Nun denn, ich überlaſſe mich ganz Dir.“ 172 „Und Ihr habt Recht.“ So getröſtet, begab ſich der König geraden Wegs be zu Madame, wo er die beabſichtigte Spazierfahrt an⸗ ge kündigte. be⸗ Madame glaubte ſogleich in dieſer improviſirten— Partie ein Komplott des Königs zu ſehen, um ſich mit la ihr Vallidre entweder unter Weges, begünſtigt von der Dun⸗ kelheit, oder auf eine andere Weiſe zu unterhalten, aber th ſie hutete ſich wohl, ihrem Schwager etwas kundzuge⸗ ben, und nahm die Einladung mit einem Lächeln auf au den Lippen an. da Sie gab ganz laut Befehle, daß ihre Ehrenfräulein lic ihr folgen ſollen, wobei ſie ſich vorbehielt, am Abend Th zu thun, was ihr am Geeignetſten ſchiene, um der Liebe faf des Königs in den Weg zu treten.. Dann aber, als ſie allein war und als der arme bri Verliebte glauben konnte, Fräulein de la Vallière würde an der Spazierfahrt Theil nehmen, in dem Augenblick daf vielleicht, wo er ſich in Gedanken an dem traurigen Glück verfolgter Liebhaber weidete, das darin beſteht, bal daß man durch den Anblick allein alle Freuden des ver⸗ ſagten Beſitzes verwirklicht, in dieſem Augenblick ſagte das Madame, welche mitten unter ihren Ehrenfräulein ſtand: pla „Ich werde heute an zwei Fräulein genug haben, ein Fräulein von Tonnay⸗Charente und Fräulein von Mon⸗ auf talais.“ gin La Vallidre hatte den Streich vorhergeſehen und war folglich darauf gefaßt: die Verfolgung hatte ſie Me ſtark gemacht; ſie gewährte Madame nicht die Freude, auf ihrem Geſicht den Eindruck des Schlages zu ſehen, ohn den ſie in ihrem Herzen empfing. 3 Sie lächelte im Gegentheil mit jener unbeſchreib⸗ die lichen Sanftheit, die ihrem Antlitz einen engeliſchen 3 Charakter verlieh, und fragte: zu „Ich bin alſo heute Abend frei, Madame?“ „Ja, allerdings.“ St „Ich werde dies benützen, um dieſe Stickerei zu 173 beſchleunigen, die Ihre Hoheit zu bemerken die Güte gehabt hat, und die ich ihr zum Voraus anzubieten mich beehrte.“ Und ſie verneigte ſich ehrerbietig und begab ſich in ihr Zimmer. Die Fräulein von Montalais und Tonnay⸗Charente thaten daſſelbe. Das Gerücht von der Spazierfahrt ging mit ihnen aus dem Zimmer von Madame und verbreitete ſtch durch das ganze Schloß. Zehn Minuten nachher kannte Ma⸗ licorne den Beſchluß von Madame und ſchob unter der Thüre von Montalais ein in folgenden Worten abge⸗ faßtes Billet durch. „La Vallidre muß die Nacht bei Madame zu⸗ bringen.“ Montalais fing der Verabredung gemäß damit an, daß ſie das Billet verbrannte, dann überlegte ſie. Montalais war ein Mädchen von Mitteln und hatte bald ihren Plan feſtgeſtellt. Zur Zeit, wo ſie ſich zu Madame begeben ſollte, das heißt gegen fünf Uhr, lief ſie heftig uͤber den Gras⸗ platz des Hofes, ſtieß, als ſie bis auf zehn Schritte zu einer Gruppe von Officieren gelangt war, einen Schrei aus, fiel anmuthig auf ein Knie, erhob ſich wieder und ging weiter, jedoch hinkend. Die Cavaliere liefen herbei, um ſie zu unterſtützen. Montalais hatte ſich verrenkt. Ihrer Pflicht getreu wollte ſie nichtsdeſtoweniger ohne Aufenthalt zu Madame hinaufſteigen. „Was gibt es und warum hinkt Ihr?“ fragte dieſe.„Ich hielt Euch für la Vallidre.“ Montalais erzählte, wie ſie laufend, um ſchneller zu kommen, den Fuß verdreht habe. Madame ſchien ſie zu beklagen und wollte auf der Stelle einen Wundarzt rufen laſſen.— Montalais aber verſicherte, der Unfall ſei von keiner Bedeutung, und ſagte: 3 174 „Madame, ich bedaure nur, meinen Dienſt nicht verſehen zu können, und ich hätte Fräulein de la Val⸗ lière gebeten, mich bei Eurer Hoheit zu erſetzen...“ Madame faltete die Stirne. „Doch ich habe nichts gethan,“ fuhr Montalais fort. „Und warum habt Ihr nichts gethan?“ fragte Madame. „Weil die arme la Vallière ſo glücklich zu ſein ſchien, daß ſie einen Abend und eine Nacht ihre Frei⸗ heit habe, daß ich nicht in mir den Muth fühlte, ſie an meiner Stelle den Dienſt verſehen zu laſſen.“ 3 „Wiel ſie iſt in dieſem Grade freudig?“ ſagte Ma⸗ dame von dieſen Worten betroffen. „Sie iſt ganz toll: ſie ſang, während ſie ſonſt ſo ſchwermüthig iſt. Uebrigens weiß Eure Hoheit, daß ſie die Welt haßt und daß ihr Charakter ein Körnchen Menſchenſcheu enthält.“ „Hol ho!“ dachte Madame,„dieſe große Heiterkeit kommt mir nicht natürlich vor.“ „Sie hat ſchon ihre Vorbereitungen getroffen, um unter vier Augen mit einem von ihren geliebten Büchern in ihrem Zimmer zu ſpeiſen,“ fuhr Montalais fort. „Und dann hat Eure Hoheit noch ſechs andere Fräu⸗ lein, die ſich ſehr glücklich ſchätzen werden, ſie begleiten zu dürfen; ich habe auch Fräulein de la Vallière nicht einmal einen Vorſchlag gemacht.“ Madame ſchwieg. „Habe ich wohl daran gethan?“ ſagte Montalais mit einer leichten Bangigkeit des Herzens, als ſie ſah, daß es ihr mit dieſer Kriegsliſt, auf die ſie ſo völlig gerechnet hatte, daß ſie nicht einmal auf eine andere zu ſinnen für nöthig erachtet, ſo ſchlecht gelang. „Billigt Madame mein Benehmen 24 fuhr ſie fort. Madame dachte, der König könnte wohl in der Nacht Saint⸗Germain verlaſſen und, da man nur ſechs Stunden von Paris nach Saint⸗Germain rechnet, in einer Stunde in Paris ſein. „ 175 „Sagt mir,“ ſprach ſie,„la Vallidre wird Euch wohl, da ſie Euch verwundet wußte, ihre Geſellſchaft angeboten haben?“ „Ohl ſie weiß noch nichts von meinem Unfall; aber wenn er ihr auch bekannt wäre, ſo würde ich ſie doch um nichts bitten, was ſie in ihren Plänen ſtören könnte. Ich glaube, ſie will heute Abend allein die Luſt⸗ partie des verſtorbenen Königs verwirklichen, wenn er zu Herrn von Saint⸗Mars ſagte:„„Langweilen wir uns, Herr von Saint⸗Mars, langweilen wir uns gut.““ Madame war überzeugt, es ſei ein Liebesgeheimniß unter dieſem Durſt nach Einſamkeit verborgen. Dieſes Ge⸗ heimniß müſſe die nächtliche Rückkehr von Ludwig ſein. Es ließ ſich nicht mehr bezweifeln: la Vallière war von dieſer Rückkehr unterrichtet, daher die Freude, im Palais Royal bleiben zu dürfen. Das war ein ganzer, zum Voraus entworfener Plan. „Ich werde mich nicht von ihnen bethören laſſen,“ ſagte Madame. f Und ſie faßte einen entſcheidenden Entſchluß und prach:. „Fräͤulein von Montalais, wollt Enre Freundin Fräulein de la Vallidre in Kenntniß ſetzen, ich ſei in Verzweiflung, ihre Einſamkeitspläne ſtoͤren zu mü⸗ ßen, doch ſtatt ſich allein zu langweilen, wie ſie es wünſchen dürfte, wird ſie ſich mit uns in Saint⸗Ger⸗ main langweilen.“ „Oh! arme la Vallière,“ ſagte Montalais mit einer wehmüthigen Miene, aber voll Freudigkeit im Herzen.„Ohl Madame, gäbe es kein Mittel, daß Eure Hoheit?“... „Genug,“ rief Madame,„ich ziehe die Geſellſchaft von Fräulein Lebeaume Leblanc allen anderen Geſell⸗ ſchaften vor. Geht, ſchickt ſte mir, und pflegt Euer ein.“ Montalais ließ ſich den Befehl nicht wiederholen, G — o 176 ſte kehrte in ihr Zimmer zurück, ſchrieb ihre Antwort an Malicorne und ſteckte ſie unter den Teppich. „Man wird gehen,“ ſagte die Antwort. Eine Spartanerin hätte nicht lakoniſcher geſchrieben. „Auf dieſe Art bewache ich ſie unter Weges,“ dachte Madame; vin der Nacht ſchläft ſie bei mir, und Seine Majeſtät müßte ſehr geſchickt ſein, wenn ſie ein einzi⸗ ges Wort mit Fräulein de la Vallière wechſelte.“ La Vallièdre empfing den Befehl, abzugehen, mit derſelben gleichgültigen Sanftmuth, mit der ſie den Be⸗ fehl, zu bleiben aufgenommen hatte. Nur empfand ſie in ihrem Innern eine lebhafte Freude, und ſie betrachtete dieſe Aenderung des Ent⸗ ſchluſſes der Prinzeſſin als einen Troſt, den ihr die Vorſehung ſende. Weniger ſcharfſichtig, als Madame, ſetzte ſie Alles auf Rechnung des Zufalls. Während ſich Alle, mit Ausnahme der in Ungnade Befindlichen, der Kranken und der Leute, welche Verren⸗ kungen hatten, nach Saint⸗Germain wandten, ließ Ma⸗ licorne ſeinen Arbeiter in einen Wagen von Herrn von Saint⸗Aignan ſteigen und führte ihn in das mit der Wohnung von la Vallière correſpondirende Zimmer. Angelockt durch die glänzende Belohnung, die man ihm verſprochen, ging der Arbeiter ſogleich ans Werk. Da man von den Ingenieurs des königlichen Hau⸗ ſes die vortrefflichſten Werkzeuge hatte holen laſſen, unter Anderem eine von den Sägen mit dem unbeſieg⸗ baren Biß, welche im Waſſer die eiſenharten eichenen Bohlen durchſchneiden, ſo ging die Arbeit raſch von Stat⸗ ten, und ein viereckiges Stück vom Plafond, das man zwi⸗ ſchen zwei Balken gewäͤhlt, fiel in die Arme von Saint⸗ Aignan, von Malicorne, vom Arbeiter und von einem vertrauten Diener, einer Perſon, welche auf die Welt gekommen war, um Alles zu ſehen, Alles zu hören, und nichts zu wiederholen. Nur wurde in Folge eines neuen von Malicorne „ 177 angegebenen Planes die Oeffnung in der Ecke ange⸗ bracht. Man höre warum. 2 Da kein Ankleidecabinet bei dem Zimmer von la Vallière war, ſo bat ſie am Morgen um einen großen Windſchirm, der einen Verſchlag erſetzen ſollte, was ihr auch gewährt wurde.. Dieſer Windſchirm war genügend, die Oeffnung zu verdecken, welche übrigens auch durch alle mögliche Kunſtwerke der Tiſchlerei verborgen worden wäre. Sobald das Loch gemacht war, ſchlüpfte der Ar⸗ beiter zwiſchen den Balken durch und befand ſich im Zimmer von la Vallière. Hier angelangt, durchſägte er den Boden viereckig und verfertigte mit eben den Blättern des Bodens eine Fallthüre, die ſich ſo vollkommen in die Oeffnung ein⸗ paßte, daß das geübteſte Auge hier nicht mehr, als die nothwendigen Zwiſchenräume einer Bodenlöthung ſehen onnte. Malicorne hatte für Alles vorhergeſehen. Ein Hand⸗ griff und zwei Scharniere, die man zum Voraus ge⸗ kauft, wurden an dem Holzblatt angebracht. Eine von den kleinen Wendeltreppen, wie man in den Halbgeſchoßen zu benützen anfing, wurde von dem erfinderiſchen Malicorne angekauft und mit zwei tauſend 44 Livres bezahlt. Sie war höher, als es noͤthig, doch der Zimmer⸗ mann nahm einige Stufen weg, und ſie entſprach ganz genau dem gegebenen Maß. Beſtimmt, eine ſo erhabene Laſt zu tragen, wurde dieſe Treppe mittelſt zweier Klammern an der Wand angehakt. Die Baſe befeſtigte man im Boden des Grafen durch zwei angeſchraubte Pflöcke, und nun hätten der König und ſein ganzer Hof dieſe Treppe ohne irgend eine Furcht hinauf und herabſteigen können. Jeder Hammer ſchlug auf ein mit Werg gefülltes 178 Polſterchen, jede Säge griff den Stiel mit Wolle um⸗ wickelt, die Klinge mit Oel eingeſchmiert an. L Ueberdieß machte man die lärmendere Arbeit in der Nacht und am Morgen, das heißt während der Abwe⸗ ſenheit von la Vallière und Madame. Als der Hof gegen zwei Uhr nach dem Palais⸗ Royal zurückkehrte, ging la Vallidre in ihr Zimmer A hinauf. Alles war an ſeinem Platze und nicht das„S geringſte Theilchen Sägemehl, nicht der kleinſte Hobel⸗ ſpan zeugte von der Verletzung des Domicils. vo Nur hatte Saint⸗Aignan, der mit allen ſeinen S Kräften bei der Arbeit mitzuhelfen bemüht geweſen war, ſeine Finger aufgeritzt und ſein Hemd zerriſſen und viel bei Schweiß im Dienſte des Königs vergoſſen. Das Innere ſeiner Hände war beſonders ganz mit Blaſen überzogen. Dieſe Blaſen kamen davon her, daß er Malicorne die Leiter gehalten hatte. Er hatte ferner eines nach dem andern die fünf Stücke von der Treppe herbeigebracht, von denen jedes aus zwei Stufen beſtand. 3 Kurz, wir können wohl ſagen, wenn ihn der Kö⸗ ind nig ſo eifrig bei der Arbeit geſehen hätte, er würde nig ihm ewige Dankbarkeit geſchworen haben. ihr Der Arbeiter hatte, wie es Malicorne, der Mann der genauen Meſſungen vorhergeſehen, ſeine Operatio⸗ nen gerade in vier und zwanzig Stunden beendigt. Er erhielt vier und zwanzig Louis d'or und entfernte ſich von Freude erfüllt, es war dies ſo viel, als er ge⸗ wöhnlich in ſechs Monaten verdiente. Niemand hatte auch nur den geringſten ne an in Beziehung auf das, was unter der Wohnung von Fräulein de la Vallière vorgegangen war. Doch am Abend des zweiten Tages, in der Mi⸗ nute, wo la Vallidre den Cerele von Madame verließ und in ihre Wohnung zurückkehrt, erſcholl ein leichtes Krachen im Hintergrunde des Zimmers. „ 179 um⸗ Erſtaunt ſchaute ſie nach der Stelle, woher der Lärmen kam, das Krachen wiederholte ſich. der„Wer iſt da?“ fragte ſie mit ängſtlichem Ton. we⸗„Ich,“ antwortete die ſo wohl bekannte Stimme des Königs. ais⸗„Ihr?.. Ihr?“ rief das Mädchen, das ſich einen mer Augenblick von einem Traume beherrſcht glaubte... das„Aber wo denn?.. Ihr, Sire, Ihr?“ bbel⸗„Hier,“ antwortete der Köͤnig, indem er eines von den Blättern des Windſchirms aufthat und wie ein inen Schatten im Hintergrunde des Zimmers erſchien. war, La Vallisre ſtieß keinen Schrei aus und ſank ganz viel bebend in einen Lehnſtuhl. Der König ging ehrerbietig auf ſte zu. mit —— orne dr XXI. uui V Die Erſcheinung. ni⸗ La Vallière erholte ſich raſch von ihrem Erſtaunen; D⸗ indem er ſich ſo ehrerbietig benahm, flößte ihr der Kö⸗ bürde nig durch ſeine Gegenwart mehr Vertrauen ein, als er ihr durch ſeine Erſcheinung geraubt hatte. Nann a er aber ſah, daß das, was la Vallière haupt⸗ rativ⸗ ſächlich beunruhigte, die Art und Weiſe war, wie er . bei ihr eingedrungen, ſo erklärte er ihr das Syſtem fernte der durch den Windſchirm verborgenen Treppe und wehrte r ge⸗ beſonders von ſich ab, daß er eine übernatürliche Er⸗ ſcheinung ſei. nun„Ohl Sire „“ ſagte la Vallidre, ihren blonden Kopf mit, einem reizenden Lächeln ſchüttelnd,„gegenwärtig „ ſoder abweſend, erſcheint Ihr meinem Geiſte nicht we⸗ Mi⸗ niger in einem Augenblick, als in dem andern.“ erließ 4„Was wollt Ihr damit fagen, Louiſe?“ ichtes„Oh! Ihr wißt das wohl, Sire: daß es keinen uugenblick gebe, wo das arme Mädchen, deſſen Geheim⸗ g von —-— 180 niß Ihr in Fontainebleau erlauſcht, und das Ihr vom Fuße des Kreuzes zurückgeholt, nicht an Euch denke.“ „Louiſe, Ihr erfüllt mich mit Freude und Glück.“ La Vallidre lächelte traurig und fuhr fort: „Aber, Sire, habt Ihr auch bedacht, daß Eure ſinnreiche Erfindung von keinem Nutzen für uns ſein dürfte?“ „ und warum dies? ſprecht, ich warte.“ „ Weil dieſes Zimmer, das ich bewohne, nicht vor Nachſpürungen geſchützt iſt; Madame kann zufällig hier⸗ her kommen; jede Minute des Tags kommen meine Ge⸗ fährtinnen; meine Thüre von innen verſchließen heißt mich eben ſo klar anzeigen, als wenn ich darauf ſchriebe ien Tretet nicht ein, der König iſt hier! Und ſogar in die⸗ ſem Augenblick, Sire, ſteht kein Hinderniß dem ent⸗ gegen, daß ſich die Thüre öffnet und Eure Majeſtät bei mir überraſcht wird.“ „Dann würde man mich wirklich für ein Geſpenſt halten,“ erwiederte der König lachend,„denn Niemand kann ſagen, wie ich hier hereingekommen bin. Nur die Geſpenſter dringen durch die Mauern und die Stu⸗ bendecken.“ „Oh! Sire, welch ein Abenteuer! bedenkt es wohl, welch ein Aergerniß! nie würde etwas Aehnliches über die Ehrenfräulein, dieſe armen Geſchöpfe, welche die Bosheit doch ſelten verſchont, geſagt worden ſein.“ „Und Ihr ſchließet aus dem Allem, meine liebe Louiſe? ſprecht, erklärt Euch.“ 3 „Daß Ihr, ach! verzeiht mir, es iſt ein hartes Wort.“ Ludwig rief lächelnd: „Frei heraus.“ „Daß Eure Majeſtät auf Treppen, liſtige Unterneh mungen und Ueberraſchungen verzichten muß, denn be⸗ größer, als das Glück, ſich hier zu ſehen.“ „Nun wohl, Louiſe,“ ſprach der König voll Lisbe⸗ denkt, wohl, Sire, das Uebel, ertappt zu werden, wär.. „f me einem von Liebe beladenen Blick. „ſtatt dieſe Treppe, auf der ich heraufſteige, wegzuneh⸗ men, gibt es ein anderes Mittel, an das Ihr nicht gedacht habt.* „Abermals... ein Mittel...“ „Ohl Ihr liebt mich nicht, wie ich Euch liebe, Louiſe, da ich erfinderiſcher bin, als Ihr.“ Sie ſchaute ihn an, Ludwig reichte ihr die Hand, die ſie ſanft drückte. „Ihr ſagt,“ fuhr der König fort,„ich werde, wenn ich hierher komme, wo Jedermann nach Belieben eintreten könne, überraſcht werden.“ „Sire, ſelbſt in dem Augenblick, wo Ihr ſprecht, zittere ich.“, X.„Wohl; aber Ihr würdet nicht überraſcht, wenn Ihr die Treppe hinabſtieget, um in die unteren Zim⸗ mer zu kommen.“ „Sire, Sire, was ſagt Ihr da?“ rief la Vallisre ganz erſchrocken. „Ihr verſteht mich ſchlecht, Louiſe, da Ihr Euch bei meinem erſten Wort ſo ſehr erzürnt; wißt Ihr vor Allem, wem dieſe Zimmer gehören.“ „Dem Herrn Grafen von Guiche.“ „Nein, Herrn von Saint⸗Aignan.“ „Wahrhaftig!“ rief la Vallidre. Und dieſes Wort, das dem freudigen Gemüth des Mädchens entſchlüpfte, machte einen Blitz ſüßer Weiſ⸗ ſagung im entzückten Herzen des Königs glänzen. „Ja, Saint⸗Aignan, unſerem Freund,“ ſagte er. „Aber, Sire, ich kann eben ſo wenig zu Herrn von Saint⸗Aignan, als zum Herrn Grafen von Guiche ge⸗ hen,“ entgegnete der wieder Weib gewordene Engel.“ „Warum konnt Ihr das nicht, Louiſe?“ „Unmöglich! unmöglich!“ „Mir ſcheint, daß man unter der Obhut des Kö⸗ nigs Alles kann.“ „Unter der Obhut des Königs?“ verſetzte ſie mit 182 „Ohl nicht wahr, Ihr glaubt an mein Wort?4 „Ich glaube daran, wenn Ihr nicht anweſend ſeid; doch wenn Ihr anweſend ſeid, wenn ich Euch ſehe, wenn Ihr mit mir ſprecht, glaube ich an nichts mehr.“ „Mein Gott! was braucht es, um Euch zu be⸗ ruhigen?“ „Ich weiß, es iſt wenig ehrerbietig, ſo am König zu zweifeln; doch Ihr ſeid für mich nicht der König.“ „Oh! Gott ſei es gedankt, ich hoffe es wohl; Ihr ſeht, wie ich ſuche. Höret: wird Euch die Gegenwart eines Dritten beruhigen?“ „Die Gegenwart von Saint⸗Aignan, ja.“ „In der That, Louiſe, Ihr durchbohrt mir das Herz mit ſolchem Argwohn.“„ La Vallidre antwortete nicht, ſie ſchaute nur Lud⸗ wig mit jenem klaren Blick an, der bis in den Grund der Herzen drang, und ſagte leiſe zu ſich ſelbſt: „Ach! ach! nicht Euch mißtraue ich, nicht gegen Euch iſt mein Argwohn gerichtet.“ „Ich willige alſo ein,“ ſagte der König ſeufzend, „und Herr von Saint⸗Aignan, der das glückliche Vor⸗ recht hat, Euch zu beruhigen, wird ſtets bei unſeren Unterredungen gegenwärtig ſein, das verſpreche ich Euch.“ „Wahrhaftig, Sire?“ „Bei meinem Ehrenwort als Edelmann, und Ihr Eurerſeits...“ „Wartet, ohl das iſt noch nicht Alles.“ „Noch etwas, Louiſe?“ „Ohl gewiß, werdet nicht ſo ſchnell müde, denn wir ſind noch nicht am Ende, Sire.“ „Nun, ſo durchbohrt mir vollends das Herz.“ „Ihr begreift, daß dieſe Unterredungen ſelbſt bei Herrn von Saint⸗Aignan ein vernünftiges Motis haben müſſen.“ 4 „Ein vernünftiges Motiv?“ verſetzte der König im Tone ſanften Vorwurfs. „Allerdings... Bedenkt doch, Sire.“ „Oh! Ihr habt alle Zartheiten, und, glaubt mir, es iſt mein einziges Verlangen, Euch in dieſem Punkte gleich zu kommen. Wohl! Louiſe, es ſoll geſchehen, wie Ihr es wünſcht. Unſere Unterredungen ſollen einen ver⸗ nünftigen Gegenſtand haben, und dieſer Gegenſtand iſt ſchon von mir gefunden.“ „Somit, Sire,“ ſagte la Vallidre lächelnd. „Schon morgen, wenn Ihr wollt...“ „Morgen?“ „Wollt Ihr damit ſagen, das ſei zu ſpät?“ rief der König, indem er die glühende Hand von la Val⸗ lisre zwiſchen ſeinen Händen drückte. 3 In dieſem Augenblick vernahm man Tritte in der lur. „Sire, Sire,“ rief la Vallidre,„es naht Jemand, es kommt Jemand, hoͤrt Ihr? Sire, Sire, ich bitte Euch inſtändig, flieht.“ Der König machte nur einen Sprung von ſeinem Stuhl hinter den Windſchirm. Es war Zeit; als der König eines von den Blät⸗ tern an ſich zog, wurde der Knopf der Thüre gedreht, und Montalais erſchien auf der Schwelle. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie ganz natürlich und ohne alle Umſtände eintrat. Die Schlaue wußte wohl, daß leiſe an dieſe Thüre klopfen, ſtatt ſie aufzuſtoßen, la Vallière ein unhöfli⸗ ches Mißtrauen kundgeben hieß. Sie trat alſo ein und wandte nach einem ra⸗ ſchen Blick, der ihr zwei Stühle ſehr nahe an einander zeigte, ſo viel Zeit an, um die Thüre, welche, Gott weiß warum, widerſpänſtig war, wieder zu ſchließen, daß der König alle Muße hatte, um die Falle aufzuheben und zu Saint⸗Aignan hinabzuſteigen. Ein für jedes Ohr, das minder fein, als das ihrige, unmerkliches Geräuſch benachrichtigte Montalais vom Verſchwinden des Fürſten; dann gelang es ihr, die wi⸗ derſpänſtige Thüre zu ſchließen, und ſie trat auf la Vallière zu. „Laßt uns mit einander reden, und zwar ernſthaft, wenn es Euch genehm iſt, Louiſe,“ ſagte Montalais. Ganz von ihrer inneren Aufregung in Anſpruch genommen, hörte la Vallidre nicht ohne einen gewiſſen Schrecken dieſes ernſthaft, auf das Montalais abſicht⸗ lich einen Nachdruck gelegt hatte. „Mein Gott! meine liebe Aure, was gibt es denn wieder?“ murmelte ſie. „Meine theure Freundin, Madame muthmaßt Alles.“ „Was, Alles?“ „Haben wir nöthig, uns zu erklären, und begreifſt Du nicht, was ich ſagen will? Du mußteſt das Schwanken von Madame ſeit einigen Tagen wahrneh⸗ men; Du mußteſt ſehen, wie ſte Dich zu ſich genommen und dann entlaſſen, und dann wieder zu ſich genommen hat.“ „Das iſt in der That ſeltſam; doch ich bin an ſolche Sonderbarkeiten gewöhnt.“ „Warte doch. Du haſt ſodann bemerkt, daß Dir Madame, nachdem ſie Dich zuvor von der Spazierfahrt ausgeſchloſſen, geſtern Befehl gegeben hat, dieſer Fahrt beizuwohnen.“ „Ich habe es allerdings bemerkt.“ „Nun wohl, es ſcheint, daß Madame jetzt hinrei⸗ chend unterrichtet iſt, denn ſie ging gerade auf das Ziel u, da ſie in Frankreich nichts mehr dem Strome ent⸗ gegenzuſetzen hatte, der alle Hinderniſſe bricht; Du weißt, wen ich mit dem Strome meine?“ La Vallidre verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Ich meine damit,“ ſuhr Montalais unbarmherzig fort,„ich meine damit den Strom, der die Thüren der Carmeliterinnen von Chaillot geſprengt und alle Vor⸗ urtheile des Hofes ſowohl in Pontinellee als in Paris u, niedergeworfen hat.““ „Ach! ach!“ ſeufzte la Vallidre, ſtets verſchleiert dur roll nich gibt ſtüt die abg wel ſem Eng dieſe Cab fehl bis köni nach vor ein Han⸗ weiß wege Die 185⁵ dutih ihre Finger, zwiſchen denen die Thränen herab⸗ rollten. „Oh! betrübe Dich nicht ſo, während Du noch nicht bei der Hälfte Deiner Leiden angelangt biſt.“ „Mein Gott!“ rief das Mädchen voll Angſt, was gibt es denn noch?“ „Hoͤre, wie ſich die Sache verhält: aller Unter⸗ ſtützung in Frankreich baar, denn ſte hat nach und nach⸗ die zwei Koͤniginnen, Monſieur und den ganzen Hof abgenutzt, erinnerte ſich Madame einer gewiſſen Perſon, welche angeblich Rechte auf Dich hat.“ La Vallière wurde weiß wie ein Wachsbild. „Dieſe Perſon,“ fuhr Montalais fort,„iſt in die⸗ ſem Augenblick nicht in Paris.“ „Ohl mein Gott!“ murmelte Louiſe. „Dieſe Perſon iſt, wenn ich mich nicht täuſche, in England.“ „Ja, ja,“ ſeufzte la Vallidre halb ohnmächtig. „Nicht wahr, am Hoſe von Karl II. befindet ſich dieſe Perſon?“ „Ja.“ „Nun wohl! dieſen Abend iſt ein Brief aus dem abinet von Madame für Saint James mit dem Be⸗ fehl für den Courrier abgegangen, ohne Aufenthalt bis Hampton⸗Court zu eilen, was, wie es ſcheint, ein königliches Haus zwölf Meilen von London iſt.“ „Ja, weiter.“ 1 „Da nun Madame regelmäßig alle vierzehn Tage nach London ſchreibt und der gewöhnliche Courrier erſt vor drei Tagen abgefertigt worden iſt, ſo dachte ich, nur ein gewichtiger Umſtand könne ihr die Feder in die Henß drücken. Madame iſt faul im Schreiben, wie Du ei. 2 „Oh 1 ja. 9 „Es ſagt mir etwas, dieſer Brief ſei alſo Deinet⸗ wegen geſchrieben worden.“. Die drei Musketiere, Bragelonne VII, 13 186 „Meinetwegen,“ wiederholte das unglückliche Mäd⸗ chen mit der Gelehrigkeit eines Automaten. „Und ich, die ich den Brief, bevor er verſiegelt war, auf dem Schreibtiſch von Madame geſehen habe, glaubte darin zu leſen...“ „Was glaubteſt Du zu leſen?“ „Vielleicht habe ich mich getäuſcht.“ „Sage es doch.“ „Den Namen Bragelonne.“ La Vallidre erhob ſich von der ſchmerzlichſten Auf⸗ regung ergriffen und ſprach unter heftigem Schluchzen: „Montalais, ſchon ſind alle die lachenden Träume der Jugend und Unſchuld entflohen. Ich habe weder Dir, noch irgend Jemand mehr etwas zu verbergen. Mein Leben iſt entblößt und öffnet ſich wie ein Buch, in dem alle Welt, vom König an bis zu dem nächſten beſten Vorübergehenden, leſen kann. Aure, meine theure Aure, was iſt zu thun, was ſoll aus mir werden?“ Maontalais trat naͤher zu ihr und ſagte: „Gehe mit Dir ſelbſt zu Rathe.“ „Nun wohll ich liebe Herrn von Bragelonne nicht; wenn ich ſage, ich liebe ihn nicht, verſtehe mich wohl, ich liebe ihn wie die zärtlichſte Schweſter einen guten Bruder lieben kann, das iſt es aber nicht, was er von mir fordert, das iſt es nicht, was ich ihm verſprochen habe.“ „Du liebſt den König, und das iſt eine hinreichend gute Entſchuldigung.“ „Ja, ich liebe den König,“ murmelte das Mädchen mit dumpfem Tone,„und ich habe das Recht, dieſe Worte auszuſprechen, theuer genug bezahlt. Doch ſage, Montalais, was vermagſt Du für mich in der Lage, in der ich mich befinde?“ 5 „Drücke Sich klarer aus.“ „Was ſoll ich Dir ſagen?“. „Alſo nichts Beſonderes, nichts Genaueres ⁵ „Nein,“ erwiederte la Vallière erſtaunt. von 187 „Gut, Du verlangſt alſo nur einen einfachen Rath von mir?“ „Ja.“¹ „In Beziehung auf Herrn Raoul?“ „Nichts Anderes.“ „Das iſt eine delicate Sache.“ „Nein, das iſt keine delicate Sache. Soll ich ihn heirathen, um ihm das Verſprchen zu halten, das ich ihm geleiſtet? Soll ich fortwährend auf den König hören?“ „Weißt Du wohl, daß Du mich in eine ſchwierige Lage veſetzeſt?“ ſagte Montalais lächelnd;„Du fragſt mich, ob Du Raoul heirathen ſollſt, Raoul, deſſen Freundin ich bin, und dem ich eine tödtliche Widerwär⸗ tigkeit bereite, wenn ich mich gegen ihn erkläre. Du ſprichſt dann davon, ob Du den König nicht mehr an⸗ hören ſollſt, den König, deſſen Unterthanin ich bin, und den ich beleidigen würde, riethe ich Dir auf eine ge⸗ wiſſe Weiſe; oh! Louiſe, Louiſe, Du behandelſt eine große Schwierigkeit als eine gewichtloſe Sache.“ „Du haſt mich nicht verſtanden, Aure,“ erwiederte la Vallidre, verletzt durch den leicht ſpöttiſchen Ton, den Montalais angenommen hatte;„ſpreche ich von einer Verheirathung mit Bragelonne, ſo geſchieht es, weil ich ihn heirathen kann, ohne ihm ein Mißvergnügen zu be⸗ reiten; aus demſelben Grunde aber, wenn ich den König anhöre, muß ich ihn zum Uſurpator eines allerdings ſehr mittelmäßigen Gutes machen, dem aber die Liebe einen gewiſſen Anſchein von Werth verleiht. Was ich alſo von Dir verlange, iſt, daß Du mir ein Mittel an⸗ geben mögeſt, mich auf eine ehrenhafte Weiſe auf der einen oder auf der andern Seite loszumachen, oder ich frage Dich vielmehr, auf welcher Seite ich mich am Chrenhafteſten losmachen kann.“ „Meine liebe Louiſe,“ erwiederte Montalais, nach⸗ dem ſie eine Zeit lang geſchwiegen,„ich bin nicht einer von den ſieben Weiſen Griechenlands, und ich habe keine 188 völlig unveränderliche Regeln des Benehmens; dagegen beſitze ich einige Erfahrung, und ich kann wohl ſagen, daß nie eine Frau einen Rath von der Art, wie Du ihn forderſt, von mir verlangt hat, ohne ſehr in Ver⸗ legenheit zu ſein. Du haſt aber ein feierliches Verſpre⸗ chen geleiſtet, Du haſt Ehre; wenn Du alſo in Verlegen⸗ heit biſt, weil Du eine Verbindlichkeit übernommen haſt, ſo iſt es nicht der Rath einer Fremden,— Alles iſt fremd für ein Herz voll Liebe,— es iſt nicht mein Rath, was Dich der Verlegenheit entziehen wird. Ich werde Dir alſo keinen geben, um ſo mehr, als ich an Deiner Stelle nach dem Rath noch mehr in Verlegen⸗ heit wäre, als vorher. Ich kann nicht mehr thun, als Dir wiederholen, was ich Dir ſchon geſagt habe: ſoll ich Dir beiſtehen?“ „Ohl ja.“ „Wohl! das iſt Alles. Sage mir, worin ich Dir beiſtehen ſoll? ſage mir, für wen und gegen wen? auf dieſe Art werden wir keine Unbeſonnenheit begehen.“ „Vor Allem ſage Du mir,“ ſprach la Vallidre, ihrer Gefährtin die Hand drückend,„für wen oder gegen wen erklärſt Du Dich?“ biſt.“ 8 „Biſt Du nicht die Vertraute von Madame?“ „Ein Grund mehr, um Dir nützlich zu ſein; wüßte ich nichts von dieſer Seite, ſo könnte ich Dir nicht bei⸗ ſtehen, und Du würdeſt folglich aus meiner Bekannt⸗ ſchaft keinen Nutzen ziehen. Die Freundſchaften leben von ſolchen gegenſeitigen Beneſizien.“ „Daraus geht hervor, daß Du zu gleicher Zeit die Freundin von Madame bleiben wirſt.“ „Gewiß. Beklagſt Du Dich hierüber?“ „Nein!“ erwiederte la Vallière träumeriſch, denn dieſe derbe Offenherzigkeit kam ihr vor wie eine Beleig⸗ digung der Frau, wie ein Unrecht der Freundin an gethan. „Für Dich, wenn Du wahrhaft meine Freundin gegen agen, 2 Du Ver⸗ eſpre⸗ egen⸗ nmen Alles mein Ich ch an egen⸗ „als ſoll Dir 2 auf 1. 4 liere, oder indin üüßte bei⸗ annt⸗ leben t die denn eelei⸗ an⸗ 4 „Gut,“ ſagte Montalais,„denn ſonſt uSeen dn ſehr albern. 4 „Du wirſt mir alſo dienen?“ 3 „Mit ganzer Ergebenheit, beſonders, wenn Du mir ebenfalls dienſt.“ „Man ſollte glauben, Du kenneſt mein Herz nicht,“ verſetzte la Vallidre, indem ſie Montalais mit großen, erſtaunten Augen anſchaute. „Ah! meine liebe Louiſe, das kommt davon her, daß wir uns, ſeitdem wir bei Hofe ſind, ſehr verändert haben.“ „Wie ſo?“ „Das iſt ganz einfach, warſt Du die zweite Köni⸗ gin von Frankreich dort in Blois?“ La Vallière neigte das Haupt und fing an zu weinen. Montalais ſchaute ſie auf eine unbeſchreibliche Weiſe an und man hörte ſie die Worte murmeln; 4 „Armes Mädchen!“ 2. Dann ſich beſinnend, ſprach ſi ſie: „Armer König!“ 4 Sie küßte Louiſe auf die Stirne und kehrte in ihre Wohnung zurück, wo ſie Malicorne erwartete. XXII. Das Portrait. folgen ſich die Anfälle in immer kürzeren Friſten, ſohald das Uebel ſeinen Anfang genomm hat. Bei der Krankheit„ die man die Liebe nennt,, 190 Später entfernen ſich die Anfälle in demſelben Maße von einander, in dem die Heilung eintritt. Nachdem dies als Axiom im Allgemeinen und als Kopf des Kapitels insbeſondere feſtgeſtellt iſt, fahren wir in unſerer Erzählung fort. Am folgenden Tag, den der König für die erſte Unterredung bei Saint⸗Aignan beſtimmt hatte, fand la Vallière, als ſie ihren Windſchirm öffnete, ein von der Hand des Königs geſchriebenes Billet. Dieſes Billet war vom untern Stock in den obern durch den Spalt des Bodens gelangt. Keine indiscrete Hand, kein neugieriger Blick konnte dahin dringen, wohin dieſes Papier drang. Es war dies einer von den Gedanken von Mali⸗ corne. Da er ſah, wie ſehr Saint⸗Aignan durch ſeine Wohnung dem König nützlich werden ſollte, ſo wollte er nicht, daß der Höfling auch noch als Bote unent⸗ behrlich werde, und ſo glaubte er ſich dieſen Poſten aus eigener Machtvollkommenheit vorbehalten zu müſſen. La Vallidre las voll Gierde dieſes Billet, das ihr zwei Uhr Nachmittags als den Augenblick des Rendez⸗ vous beſtimmte und das Mittel, die Bodenplatte auf⸗ zuheben, angab, 1 „Macht Euch ſchön,“ fügte die Nachſchrift des Brieſchens bei. Dieſe letzten Worte ſetzten la Vallière in Erſtau⸗ nen, beruhigten ſie aber auch zugleich. Die Stunde kam langſam heran, trat aber doch am Ende ein. So pünktlich als die Prieſterin Hero, hob la Val⸗ lière die Fallthüre beim letzten Schlage von zwei Uhr auf, und ſie fand auf den erſten Stufen den Konig, der achtungsvoll auf ſie wartete, um ihr die Hand zu geben. Dieſe zarte Ehrerbietung rührte ſie merklich. Unten an der Treppe fanden die zwei Liebenden den Grafen, der mit einem Lächeln ung einer Verbeu⸗ lben als hren erſte d la der bern crete ohin kali⸗ ſeine ollte nent⸗ oſten ſſen. ihr ndez⸗ auf⸗ b 191 gung vom beſten Geſchmack la Vallière für die Chre dankte, die ihm von ihr zu Theil werde. Dann wandte er ſich an den König und ſprach: „Sire, unſer Mann iſt eingetroffen.“ La Vallière ſchaute den König beſorgt an. „Mein Fräulein,“ ſagte Ludwig,„wenn ich Euch gebeten habe, mir die Ehre zu erweiſen, hier herabzu⸗ kommen, ſo iſt dies aus Intereſſe geſchehen. Ich habe einen vortrefflichen Maler berufen, der die Aehnlich⸗ keiten vollkommen auffaßt, und ich wünſche, Ihr möget ihm erlauben, Euch zu malen. Das Portrait wird üb⸗ rigens, wenn Ihr es durchaus verlangt, bei Euch bleiben.“ La Vallidère erröthete. „Ihr ſeht,“ fuhr der König fort,„wir werden nicht mehr nur zu drei ſein, wir ſind nun zu vier. Eil mein Gott! ſobald wir nicht allein ſind, mögen wir zu ſo Vielen ſein, als Ihr wollt.“ La Vallière drückte ſanft mit ihren Fingerſpitzen die Hand ihres koöniglichen Geliebten. „Gehen wir in das nächſte Zimmer, wenn es Euer Majeſtät beliebt,“ ſagte Saint⸗Aignan. Er öffnete die Thüre und ließ ſeine Gäſte ein⸗ treten. Der König ging hinter la Vallière und verſchlang mit den Augen ihren perlmutterweißen Hals, auf dem ſich die gedrängten kraußen Ringeln ihrer filbernen Haare entrollten. La Vallière trug ein Kleid von ſchwerem Seiden⸗ ſtoff von perlgrauer Farbe mit roſa Glanz, ein Ge⸗ ſchmeide von Gagath hob die Weiße ihrer Haut noch mehr hervor; ihre feinen durchſichtigen Hände zerknit⸗ terten einen Strauß von Stiefmütterchen, bengaliſchen Roſen und Rebwinden mit dem zart ausgeſchnittenen Blätterwerk, worüber ſich wie ein Becher, um Wohl⸗ gerüche auszugießen, eine Harlemer Tulpe mit grauen und erhob, eine ſeltene Gattung, . 192 die den Gärtner fünf Jahre Combinationen und den Koͤnig fünftauſend Livres gekoſtet hatte. Dieſen Strauß hatte der König la Vallière bei der Begrüßung in die Hand gegeben. In dem Zimmer, deſſen Thüre Saint⸗Aignan ge⸗ öffnet hatte, ſtand ein junger Mann in einem leichten Sammetrock, mit ſchönen ſchwarzen Augen und langen braunen Haaren. Es war der Maler. Seine Leinwand war zube⸗ reitet, ſeine Palette gemacht. Er verbeugte ſich vor Fräulein de la Vallidère mit jener ernſten Neugierde des Künſtlers, der ſein Modell ſtudiert, grüßte den König auf eine discrete Weiſe, als erkennete er ihn nicht, und folglich, als ob er einen andern Cavalier grüßte. Dann führte er la Vallière bis zu dem für ſie beſtimmten Stuhl und lud ſie ein, ſich niederzuſetzen. Za Vallidre nahm eine anmuthige Haltung an; ihre Hände ſpielten mit dem Strauß, ihre Beine waren auf Polſtern ausgeſtreckt, und damit ihre Blicke nichts Unbeſtimmtes oder Gezwungenes hätten, bat ſie der Maler, ſich eine Beſchäftigung zu wählen. Da ſetzte ſich Ludwig lächelnd auf die Polſter zu den Füßen ſeiner Geliebten. 8 So daß ſie, rückwärts geneigt, an das Fauteuil angelehnt, ihre Blumen in der Hand, und er, die Au⸗ gen zu ihr aufgeſchlagen und ſie mit dem Blicke ver⸗ ſchlingend, eine reizende Gruppe bildeten, die der Maler einige Minuten lang mit großer Befriedigung be⸗ trachtete. 8 Der Maler ſkizzirte raſch, dann ſah man vom grauen Grund das weiche, ppoetiſche Geſicht mit den ſanften Augen, mit den roſigen Wangen umrahmt von Haaren von reinem Silber hervortreten. Die beiden Liebenden ſprachen indeſſen wenig und ſchauten ſich nur viel an; ihre Augen wurden zuweilen ſo ſchmachtend, daß ſich der Maler genöthigt ſah, ſeine ſchlug, erhob ſich la Vallidre und machte dem König geſicherte Aehnlichkeit. „Ihr ſeid ſehr furchtſam, Louiſe.“ 5 IFhr mir ſelbſt ſagen werdet, 193. Arbeit zu unterbrechen, um nicht eine Erycine ſtatt einer La Vallière darzuſtellen. Da trat Saint⸗Aignan ins Mittel; er recitirte Verſe oder er gab eines von den Geſchichtchen zum Beſten, bir Patru ſie erzählte, wie Tallemant des Reaur ſie ſo gut ſchrieb. Dann war la Vallière auch wohl müde, und man ruhte aus. Sogleich dienten eine Platte von chineſiſchem Por⸗ zellan, beladen mit den ſchönſten Früchten, die man hatte finden können, und der Keres, der ſeine Topaſe im eiſe⸗ lirten Silber deſtillirte, als Beigaben zu dem Gemälde, deſſen ephemerſtes Bild der Maler nur zeichnen ſollte. Ludwig berauſchte ſich in der Liebe, la Vallière im Glück, Saint⸗Aignan im Ehrgeiz. Al Der Maler componirte ſich Erinnerungen für ſein er. So vergingen zwei Stunden; als es vier Uh ein Zeichen. Ludwig ſtand auf, trat näher zu dem Gemälde und ſagte dem Künſtler einige ſchmeichelhafte Komplimente. Saint⸗Aignan rühmte die, wie er behauptete, ſchon Lca Vallisre dankte erröthend dem Maler und ging in das anſtoßende Zimmer, wohin ihr der König folgte, nachdem er Saint⸗Aignan gerufen hatte.. „Morgen, nicht wahr?“ ſagte er zu la Vallisre. „ Aber, Sire, bedenkt Ihr auch, daß man ſicherlich zu mir kommen und mich nicht finden wird? 1 „Nun? „Wie wird es mir dann ergehen?“ „Wenn Madame nach mir verlangen würde?“ „Ohl ſoll denn nicht endlich ei i um Euch nicht mehr zu verlaſſe 194 „An dieſem Tage, Sire, wäre ich eine Wahnſin⸗ nige und Ihr müßtet mir nicht glauben...“ „Morgen, Louiſe.“ La Vallière ſtieß einen Seufzer aus und erwie⸗ derte ohne Kraft gegen das königliche Verlangen: .„Da Ihr es wollt, Sire, morgen.“ Nach dieſen Worten ſtieg ſie leicht die Stufen hinauf und verſchwand aus den Augen ihres Geliebten. „„Nun, Sire?“ fragte Saint⸗Aignan, als ſie weg⸗ gegangen war. „Saint⸗Aignan, geſtern hielt ich mich für den glücklichſten Menſchen.“ „Sollte ſich Eure Majeſtät zufällig heute für den unglücklichſten halten?“ verſetzte Saint⸗Aignan lächelnd. „Nein, doch dieſe Liebe iſt ein unauslöſchlicher Durſt, vergebens trinke ich, vergebens verſchlucke ich die Waſſertropfen, die Dein Erfindungsgeiſt mir verſchafft; je mehr ich trinke, deſto mehr habe ich Durſt.“ „Sire, das iſt ein wenig Euer Fehler, und Eure Meſoſet hat ſich die Lage der Dinge gemacht, wie ſie i 41 3„Du haſt Recht.“ „In dieſem Fall, Sire, beſteht das einzige Mittel, glücklich zu ſein, darin, daß man ſich für befriedigt hält und wartet.“ „Warten! kennſt Du dieſes Wort: warten?“ „Ruhe, Sire, verzweifelt nicht. Ich habe ſchon geſucht und werde fortwährend ſuchen. 2 Der König ſchüttelte mit einer troſtloſen Miene den Kopf. „Wie, Sire, Ihr ſeid ſchon nicht mehr zufrieden?“ „Ohl doch, mein lieber Saint⸗ Aignan, aber finde, mein Gott! finde.“ „Sire, ich mache mich nur verbindlich, zu ſuchen, das iſt Alles, was ich thun kann.“ 3 s Portrait noch einmal hen 1 ben, dem ich unten begegnete?“ jeſtät unzufrieden geweſen iſt.“ da er das Original nicht mehr ſehen konnte. Er be⸗ zeichnete dem Maler einige Aenderungen und ging weg Hinter ihm entließ Saint⸗Aignan den Kunſtler. Staffelei, Farben und Maler waren nicht ſobald verſchwunden, als Malicorne ſeinen Kopf zwiſchen den Thürvorhängen zeigte. Saint⸗Aignan empfing ihn mit offenen Armen, jedoch mit einer gewiſſen Traurigkeit. Die Wolke, die über die königliche Sonne gezogen war, verſchleierte nun den getreuen Satelliten. Malicorne ſah mit dem erſten Blick den über dem Geſichte von Saint⸗Aignan ausgebreiteten Flor. „Ah! Herr Graf, wie ſchwarz ſeid Ihr!“ rief er. „Bei meiner Treue, ich habe auch Urſache dazu, mein lieber Herr Malicorne; ſolltet Ihr wohl glauben, daß der König nicht zufrieden iſt?“ „Nicht zufrieden mit ſeiner Treppe?“ „Ohl nein, im Gegentheil, die Treppe hat ihm ſehr gefallen.“ „Alſo hat die Ausſchmückung der Zimmer ſeinem Geſchmack nicht entſprochen?“ „Ohl was das betrifft, daran hat er nicht ein⸗ mal gedacht. Nein, was dem König mißſiel...“ „Ich will es Euch ſagen, Herr Graf: daß er zu vier bei einem Liebesrendezvous geweſen iſt. Wie, Ihr habt das nicht errathen?“ „Wie hätte ich es errathen ſollen, mein lieber Herr Malicorne, da ich nur buchſtäblich die Inſtructionen des Königs befolgte?“ „Seine Majeſtät wollte Euch in der That mit al⸗ ler Gewalt bei ſich haben?“ „Entſchieden.“ „Und Seine Majeſtät wollte auch den Maler ha⸗ „ Ausdrücklich verlangt, Herr Malicorne.“ „Dann begreife ich bei Gott wohl, daß Seine 196 „Unzufrieden darüber, daß man ſeinen Befehlen pünktlich gehorcht hat? Ich verſtehe Euch nicht.“ Malicorne kratzte ſich hinter dem Ohr und fragte rie dann: „In welcher Stunde ſagte Euch der König, daß er M zu Euch kommen werde?“ „Um zwei Uhr.“ enn „Und Ihr erwartet ihn in Eurer Wohnung?“ der „Von halb zwei Uhr an.“ „Ah! wahrhaftig 2 ſein „Teufel! das wäre ſchön geweſen, wenn ich mich unpünktlich vor dem König gezeigt hätte.“ Malicorne konnte ſich trotz der Achtung, die er für Saint⸗Aignan hegte, nicht enthalten, die Achſeln zu zucken. ſag 1„Und der Maler,“ ſagte er,„verlangte ihn der den König auch auf zwei Uhr?“ mic „Nein, doch ich hatte ihn ſeit Mittag hier bei mir, Ihr begreift, es iſt beſſer, wenn ein Maler zwei Stun⸗ den wartet, als wenn ein Koͤnig eine Minute wartet.“ zu Malicorne lachte ſtille. „Mein lieber Herr Malicorne,“ ſagte Saint⸗Aignan „lachet weniger über mich und ſprecht mehr.“ ſa „Ihr begehrt es?“ riſß „Ich bitte Euch inſtändig darum.“ 8 „Nun denn, Herr Graf, wollt Ihr, daß der König ein wenig zufriedener ſein möge, ſobald er wieder kommt. „Er kommt morgen.“ „Wollt Ihr, daß der König morgen ein wenig zu⸗ friedener ſein möge?“ „Ventre⸗ſaint gris! wie ſein Ahnherr ſagte, ob ich es will! ich glaube wohl.“ 1 —„Gut, morgen in dem Augenblick, wo der König kommt, habt auswärts zu thun, doch in einer Sache, i nicht verſchieben läßt, in einer unerlägkichen ache. . riſſen zu ſich ſelbſt. „Ho! ho!“ „Zwanzig Minuten lang.“ „Den Koͤnig zwanzig Minuten lang allein laſſen!“ rief Saint⸗Aignan erſchrocken. „Ohl ſo nehmt an, ich habe nichts geſagt,“ ſprach Malicorne, während er ſich nach der Thüre zurückzog. „Im Gegentheil, mein lieber Herr Malicorne, voll endet, ich fange an zu begreifen.... Und der Maler, der Maler?“ ſe„Der Maler ſoll eine halbe Stunde im Verzug ein.“ „Eine halbe Stunde, Ihr glaubt?“ „Ja, ich glaube.“. f tPMein lieber Herr, ich werde es machen, wie Ihr ag. „Und ich denke, Ihr werdet Euch gut dabei befin⸗ den; erlaubt Ihr mir, morgen zu Euch zu kommen und mich ein wenig zu erkundigen?“ 1 „Gewiß.“ 4 „Ich habe die Ehre, Euer achtungsvollſter Diener zu ſein, Herr von Saint⸗Aignan.“ Hienach ging Malicorne rückwärts hinaus. „Dieſer Junge hat offenbar mehr Geiſt als ich,“ ſagte Saint⸗Aignan durch ſeine Ueberzeugung fortge⸗ XXIlII. Hampton Court. Die Eröffnung, die wir Mantalais am Ende un⸗ ſeres vorletzten Kapitels la Vallière machen ſahen, führt uns ganz natürlich zum Haupthelden dieſer Geſchichte, einem armen, unter dem Hauche der Laune eines Kö⸗ nigs umherirrenden Ritter zurück. Will der Leſer die Gewogenheit haben, uns zu fol⸗ gen, ſo ziehen wir mit ihm über die Meerenge, die ſtürmiſcher, als der Euripus, über die Meerenge, welche Calais von Dover trennt, wir durchwandern die grüne pflanzenreiche Landſchaft mit den tauſend Bächen, die Charing, Maidſtone und zehn andere Städte, von de⸗ nen die eine immer maleriſcher, als die andere, umgür⸗ tet, und kommen endlich nach London.. Von da laufen wir, wie Leithunde, die eine Fährte verfolgen, wenn wir erkannt haben, daß Raoul einen erſten Aufenthalt in White⸗Hall, einen zweiten in Saint James gemacht, wenn wir erfahren, daß er von Monk empfangen und in die beſten Geſellſchaften des Hofes von Karl II. eingeführt worden iſt, laufen wir ihm bis zu einem der Sommerhäuſer von Karl II., in der Nähe der Stadt Kingston, bis Hampton Court nach, das die Themſe beſpült. 3 Der Fluß iſt hier noch nicht die ſtolze Bahn, welche jeden Tag eine halbe Million Reiſende führt und ihre Waſſer ſo ſchwarz wie die des Cocytus mit den Wor ten:„Auch ich bin das Meer,“ peinigt. Nein, es iſt nur ein ſanfter grüner Fluß mit moo ſigem Geſtein, in dem ſich Weiden und Buchen ſpiege während da und dort eine Barke von dürrem Holz un⸗ un⸗ ihrt hte, Kö⸗ fol⸗ die elche rüne die de⸗ gür⸗ ihrte inen haint Nonk dofes ihm der nach, elche ihre Wor⸗ moo⸗ geln, un⸗ ——— 199 ter ſeinen Rohren in einer Bucht umgeben von Erlen, unter denen Mäuſeöhrchen blühen, ſchlummert. Die Landſchaft dehnt ſich ruhig und reich in der Umgebung aus; das Backſteingebäude durchdringt mit ſeinen Kaminen mit dem blauen Rauch einen dichten Panzer von grünen Stechpalmen. Die fetten weißen Schafe widerkauen mit geſchloſ⸗ ſenen Augen im Schatten der kleinen unterſetzten Eſpen, und da und dort läuft der Taucherkönig mit den Sei⸗ ten von Gold und Smaragd wie eine magiſche Kugel auf der Oberfläche des Waſſers hin und ſtreift vermeſ⸗ ſener Weiſe die Leine des Fiſchers, der, auf ſeinem Kahne ſitzend, auf die Schleihe und die Alſe lauert. Ueber dieſem aus dunklem Schatten und ſanftem Licht zuſammengeſetzten Paradies erhebt ſich das Her⸗ renhaus Hampton Court, von Volſey gebaut, ein Wohn⸗ ort, den der ſtolze Cardinal ſelbſt für einen König wünſchenswerth geſchaffen hatte, und den er als ängſt⸗ licher Höfling ſeinem Herrn zu ſchenken genöthigt war, denn Heinrich VIII. hatte ſchon beim Anblick des neuen Schloſſes allein vor Neid und Gierde die Stirne gefaltet. Hampton Court mit den Backſteinmauern, mit den großen Fenſtern, mit den ſchönen eiſernen Gittern, Hamp⸗ ton Court mit ſeinen tauſend Thürmchen, ſeinen biza⸗ ren Glocken, ſeinen ſtillen Spazierplätzen und ſeinen Brunnen im Inneren, die denen der Alhambra ähnlich, Hampton Court iſt die Wiege der Roſen, des Jasmin und der Rebwinden. Es iſt die Freude der Augen und des Geruches; es iſt die reizendſte Einfaſſung jenes Liebesbildes, das Karl II. unter den wollüſtigen Ge⸗ mälden von Tizian, von Perdenone, von Van Dyck entrollte, er, der in ſeiner Gallerie das Portrait von Karl l., dem Märtyrer⸗König, und auf ſeinem Täfel⸗ werk die Löcher der puritaniſchen Kugeln hatte, die von den Soldaten von Cromwell am 24. Auguſt 1648, am Tage, da ſie Karl l. als Gefangenen nach Hampton Court führten, abgefeuert worden waren. 200 Hier war es, wo dieſer beſtändig vom Vergnügen trunkene König ſeinen Hof hielt, dieſer König, ein Dich⸗ ter durch das Verlangen, dieſer Unglückliche von einſt, der ſich durch einen Tag der Wolluſt jede früher in Kummer und Elend abgelaufene Minute bezahlte. Es war nicht der weiche Raſen von Hampton Court, ſo weich, daß man auf Sammet zu treten glaubte, es war nicht das Gevierte von blätterreichen Blumen, das den Fuß jedes Baumes umgibt und den zwanzig Fuß hohen Roſenſtöcken, die unter dem freien Himmel wie Feuergarben blühen, ein Bett macht; es waren nicht die großen Linden, deren Zweige wie die der Weiden bis zum Boden fallen und jede Liebe und jede Träu⸗ merei unter ihrem Schatten oder vielmehr unter ihrem Haupthaar verſchleiern, es war dies Alles nicht, was Kterl Il. an ſeinem ſchönen Palaſte Hampton Court iebte. Vielleicht war es das reizende Gewäſſer mit ſeiner rothen, dem caſpiſchen Meere ähnlichen Färbung, das ungeheure von einem friſchen Winde gerunzelte Gewäſ⸗ ſer, dieſes Gewäſſer tapezirt mit Kreſſe, weißen Waſ⸗ ſerlilien und kräftigen Gewächszwiebeln, die ſich erſchlie⸗ ßen, um wie im Ei den Keim von röthlichem Golde im Grunde der milchfarbigen Hülle ſehen zu laſſen, dieſes geheimnißvolle Gewäſſer voll Gemurmel, auf dem die ſchwarzen Schwäne ſchwimmen, und die gieri⸗ gen Entchen, ſchwächliche Thiere mit dem ſeidenen Flaum, welche die grüne Mücke auf den Schwerteln und den Froſch in ſeinen Mooswinkeln verfolgen. 4 Es waren vielleicht die ungeheuren Stechpalmen mit dem zweifarbigen Blätterwerk, die lachenden uber die Kanäle geſprengten Brücken, die Hirſchkühe, die in den endloſen Alleen ſchreien, und die Bachſtelzen, die in den Einfaſſungen von Buchs und Klee trippeln und flattern. Denn dies Alles ſindet ſich in Hampton Court, dabei noch die Spaliere von weißen Roſen, die ſich am igen ‚Dich⸗ einſt, r in ourt, „ es das Fuß wie nicht eiden räu⸗ hrem was ourt einer das wäſ⸗ Waſ⸗ hlie⸗ Bolde iſſen, auf jeri⸗ aum, bden lmen über ie in die und purt, h am ————— 201. hohen Gitterwerk hinaufranken, um ihren wohlriechen⸗ den Schnee auf den Boden herabfallen zu laſſen; es finden ſich ferner im erſten Park die alten Maulbeer⸗ feigenbäume, die ihre Füße in einer poetiſchen, üppi⸗ gen Vermooſung baden. Nein, was Karl II. bei Hampton Court liebte, waren die reizenden Schatten, die des Nachmittags über ſeine Terraſſen hinliefen, wenn er ihre Schönheiten, wie Ludwig XIV. in ſeinem Cabinet, durch einen der geiſt⸗ reichen Pinſel ſeiner Zeit hatte malen laſſen, Pinſel, welche auf der Leinwand einen ſo viel Liebe ſchleu⸗ dernd Augen entſprungenen Strahl zu befeſtigen wußten. An dem Tag, wo wir nach Hampton Court kom⸗ men, iſt der Himmel beinahe ſo klar und mild, als ein Tag in Frankreich; die Luft iſt von einer feuchten Lau⸗ heit; die Geranien, die ungeheuren wohlriechenden Erb⸗ ſen, die milden Jasmine und die Heliotrope ſtrömen, zu Tauſenden in das Blumenbeet geworfen, ihre berau⸗ ſchenden Arome aus. Es iſt ein Uhr. Von der Jagd zurückgekehrt, hat der König zu Mittag geſpeiſt, der Herzogin von Caſtle⸗ maine, der erklärten Geliebten, einen Beſuch gemacht, und nach dieſem Beweiſe von Treue kann er ſich nach Belieben Untreuen bis zum Abend erlauben. Der ganze Hof tollt und liebt. Es iſt dies die Zeit, wo die Damen von den Cavalieren ihr Gefühl auf dieſem oder jenem, mehr oder minder reizendem Fuß, je nachdem er mit einem Strumpf von roſenfar⸗ biger Seide oder mit einem Strumpf von grüner Seide bekleidet iſt, verlangen. Es iſt die Zeit, wo Karl II. erklärt, es gebe kein Heil für eine Frau ohne den grünen ſeidenen Strumpf, weil ihn Miß Lucy Stewart von dieſer Farbe trägt. ährend der König ſeine Bevorzugungen zu offen⸗ baren ſucht, werden wir in der Buchenallee der Terraſſe gegenüber eine junge Dame in einem Kleide von ernſter Die drei Musketiere. Bragelonne. Vll. 14 202 Farbe mit einer andern in einem Kleide von lila und dunkelblauer Farbe gehen ſehen. Sie wandelten über den Raſen hin, in deſſen Mite ſich ein ſchöner Brunnen mit Sirenen von Bronze er⸗ hob, und ſchritten plaudernd auf die Terraſſe zu, an der von der backſteinernen Umfriedung mehrere Cabi⸗ nete in den Park vortraten; da dieſe Cabinete meiſtens beſetzt waren, ſo gingen die jungen Frauen vorüber: die eine erroͤthete, die andere träumte.. Endlich kamen ſie an das Ende dieſer Terraſſe, welche die ganze Themſe beherrſchte, und ſetzten ſich, als ſie ein kühles Obdach fanden, neben einander. „Wohin gehen wir, Stewart?“ ſagte die jüngere von den beiden Frauen zu ihrer Gefährtin. .„Meine liebe Graffton, wir gehen, wie Du wohl ſiehſt, Wohin Du uns führſt.“ ch 44 „Allerdings Du: an das Ende des Palaſtes nach der Bank, wo der junge Franzoſe wartet und ſeufzt.“ „Neinl nein!“ rief Miß Mary Graffton,„ich gehe nicht dorthin.“ „Warum nicht?“ „Kehren wir um, Stewart.“ „Gehen wir im Gegentheil weiter und erklären wir uns.“— „Worüber?“ „Darüber, daß der Vicomte von Bragelonne bei allen Promenaden iſt, die Du machſt, wie Du bei allen Promenaden biſt, die er macht.“ „Und daraus ſchließeſt Du, er liebe mich, oder ich liebe ihn?“ „Warum nicht, er iſt ein reizender Cavalier; ich hoffe, es hört uns Niemand,“ ſagte Miß Lucy Steward⸗ die ſich mit einem Lächeln umwandte, das andeutete, ihre Beſorgniß ſei nicht gerade groß. „Nein! nein!“ erwiederte Mary,„der König iſt mit bin Fra dief frag ſchn Ste kenn Nier lonn Kön Poli nug keine Ernf niß XIV Maj ben einen den. mach und Mitte er⸗ „ an Cabi⸗ iſtens über: raſſe, „ als ngere wohl nach ufzt.“ gehe lären e bei allen er ich ward, utete, g if den Ihr liebt. Ich bitte Euch, behandelt ihn gut und macht, daß er England lieb gewinnt.““ mit Herrn von Buckingham in ſeinem eirunden Ca⸗ binete.“ „Ahl was Herrn von Buckingham betrifft, Mary.“ „Nun?“ „Mir ſcheint, er hat ſich ſeit ſeiner Rückkehr von Frankreich zu Deinem Ritter erklärt; wie ſteht es in dieſer Hinſicht um Dein Herz?“ Miß Graffton zuckte die Achſeln. „Gut! gutl ich werde das den ſchönen Bragelonne fragen,“ ſagte Steward lachend,„ſuchen wir ihn ge⸗ ſchwinde auf.“ „Warum das?“ „Ich habe mit ihm zu ſprechen.“ „Noch nicht; zuvor ein Wort: ſage mir, Du, Stewart, die Du die kleinen Geheimniſſe des Königs kennſt?“ „Du glau bſt das 2 „Ah! Du mußt ſie wohl kennen, oder es wird ſie Niemand kennen; ſage mir, warum Herr von Brage⸗ lonne in England iſt, und was er hier macht?“ „Was jeder von ſeinem König an einen andern König abgeſandter Edelmann macht.“ „Gut; doch im Ernſte geſprochen, obgleich die Politik nicht unſere Stärke iſt, ſo wiſſen wir doch ge⸗ nug davon, um einzuſehen, daß Herr von Bragelonne keine wirkliche Sendung hier hat.“ „Höoͤre,“ ſprach Steward mit einem erkünſtelten Ernſt,„Dir zu Liebe will ich wohl ein Staatsgeheim⸗ niß verrathen. Soll ich Dir das von König Lms ig XIV. Herrn von Bragelonne eingehändigte und an Seine ; ich Majeſtät König Karl II. gerichtete Beglaubigungsſchrei⸗ ben vorſagen?“ „Ja, gewiß.“ „So vernimm:„„Mein Bruder, ich ſchicke Euch einen Edelmann meines Hofes, den Sohn von Einem, „Das ſtand darin?“ gelo „Genau... oder wenigſtens das Gleichbedeu⸗ Erlo tende. Ich ſtehe nicht für die Form, wohl aber füur Min den Inhalt.“— emmi „Nun! was haſt Du daraus entnommen, oder was 1 entnimmt vielmehr der König daraus?“ „Daß Seine franzöſiſche Majeſtät ihre Gründe zu n hatte, Herrn von Bragelonne zu entfernen und ihn... wart anderswo als in Frankreich zu verheirathen.“ „So, daß kraft dieſes Briefes?“ lache „König Karl II., wie Du weißt, Herrn von Bra⸗ ſie p gelonne glänzend und freundſchaftlich aufgenommen, ihm das ſchönſte Zimmer von White⸗Hall gegeben hat, mit und da Du die koſtbarſte Perſon ſeines Hofes biſt, eiger in Betracht, daß Du ſein Herz ausgeſchlagen... einen Ahl erröthe nicht. Er wollte Dir Geſchmack für die Fran- auf zoſen beibringen und ihm dieſes ſchöne Geſchenk machen. ſollte Darum hat er Dich, die Erbin von dreimal hundert erröt tauſend Pfund, Dich, die zukünftige Herzogin, Dich, zen f die Schöne, die Gute, allen Promenaden beigeſellt, an ſchlur denen Herr von Bragelonne Antheil nahm. Kurz, zu, es war ein Komplott, eine Art von Verſchwörung. träu Sieh', ob Du Feuer daran legen willſt, ich übergebe Dir die Lunte.“ leicht Miß Mary lächelte mit dem ihr eigenthümlichen Raon Ausdruck, nahm ihre Gefährtin beim Arm und ſagte: und — Danke dem König.“ G 1/ „ Ja, ja, doch nimm Dich in Acht, Herr von Bu⸗ eſc ckingham iſt eiferſüchtig,“ verſetzte ſie. ton, Dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, als Herr von Buckingham aus einem von den Pavillons der verpf Terraſſe heraus kam und ſich lächelnd den beiden Frauen— näherte. keit „Ihr täuſcht Euch, Miß Lucy,“ ſagte er,„nein, ich bin nicht eiferſüchtig, und zum Beweiſe mag dienen, um 6 Miß Mary, daß dort derjenige ſitzt, welcher die Urſache glauk . meiner Eiferſucht ſein müßte, der Vicomte von Bra⸗ gelonne. Er träumt dort ganz allein, der arme Junge. u Erlaubt, daß ich ihm Eure holde Geſellſchaft auf einige für Minuten überlaſſe, in Betracht, daß ich nothwendig einige Minuten mit Miß Lucy Stewart ſprechen muß. Hiebei verbeugte er ſich gegen Lucy und fügte bei: . 6„Werdet Ihr mir die Ehre erweiſen, meine Hand üünde zu nehmen, um den König zu begrüßen, der uns er⸗ 1... wartet?“ Nach dieſen Worten nahm Buckingham, beſtändig lachend, die Hand von Miß Lucy Stewart und führte Bra⸗ ſie weg.. imen, Marie Graffton, die nun allein, blieb, den Kop hat, mit jener anmuthigen, den jungen Engländerinnen biſt eigenthümlichen Weichheit auf die Schulter geneigt. einen Augenblick unbeweglich; ſie heftete ihre Augen Fran⸗ auf Raoul, ſchien aber unentſchloſſen, was ſie thun ichen. ſollte. Endlich, nachdem ihre Wangen, abwechſelnd ndert erröthend und erbleichend, den Kampf der in ihrem Her⸗ Dich, zen ſtattfand, geoffenbart hatten, faßte ſte einen Ent⸗ t, an ſchluß und ging ziemlich feſten Schrittes auf die Bank Kurz, zu, auf der Raoul ſaß und, wie man geſagt hatte, rung. träumte. rgebe Das Geräuſch der Tritte von Miß Mary, ſo . leicht es auch auf dem grünen Raſen war, erweckte lichen Raoul, er wandte den Kopf um, erblickte das Mädchen agte: und ging der Gefaͤhrtin entgegen, die ſein glückliches Geſchick zu ihm führte. was Bu⸗„Man ſchickt mich zu Euch,“ ſagte Mary Graff⸗ ton,„nehmt Ihr mich an?“ de„Und wem bin ich für ein ſolches Glück zu Dank verpflichtet, mein Fräulein?“ fragte Raoul. „Herrn von Buckingham,“ erwiederte Mary, Heiter⸗ keit heuchelnd. 4„Herrn von Buckingham, der ſich ſo leidenſchaftlich tenen, um Eure koſtbare Geſellſchaft bewirbt? Darf ich Euch rſache glauben, mein räulein?“ Bra⸗ F 8 rauen „ nein, „Ihr ſeht, mein Herr, es conſpirirt Alles in der 206 That dahin, daß wir den beſten oder vielmehr den li ſten Theil unſeres Tages mit einander zubringen. Ge⸗ ſtern war es der König, der den Befehl gab, daß man Euch an der Tafel neben mich ſetze. Heute iſt es Herr von Buckingham, der mich bittet, mich zu Euch auf dieſe Bank zu ſetzen.“ „Und er entfernt ſich, um mir den Platz frei zu laſſen?“ fragte Raoul verlegen. „Schaut, dort bei der Biegung der Allee ver⸗ ſchwindet er eben mit Miß Stewart. Hat man ſolche Gefälligkeiten in Frankreich, Herr Vicomte?“ „Mein Fräulein, ich kann Euch nicht genau ſagen, was man in Frankreich thut, denn ich bin kaum Fran⸗ zoſe. Ich habe in verſchiedenen Ländern und beinahe immer als Soldat gelebt; ich brachte viel Zeit im Felde zu und bin ein Wilder.“ „Nicht wahr, Ihr gefallt Euch nicht in England?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Raoul zerſtreut, indem er einen Geufzer ausſtieß. „Wiel Ihr wißt es nicht?“ „Verzeiht,“ erwiederte Raoul den Kopf ſchüttelnd und ſeine Gedanken ſammelnd.„Verzeiht, ich hörte nicht. „Oh!“ verſetzte das Mädchen ebenfalls ſeufzend, „wie Unrecht hat der Herzog von Buckingham gehabt, mich hieher zu ſchicken!“ „Unrecht!“ rief Raoul.„Ihr habt Recht, meine Geſellſchaft iſt verdrießlich, und Ihr langweilt Euch mit mir. Herr von Buckingham hat Unrecht gehabt, Euch zu mir zu ſchicken.“ „Gerade,“ ſprach das Mädchen mit ernſtem, vibri⸗ rendem Ton,„gerade, weil ich mich nicht mit Euch langweile, hat Herr von Buckingham Unrecht gehabt, mich zu Euch zu ſchicken.“ Raoul erröthete ebenfalls. „Aber,“ ſagte er,„warum ſchickt Euch Herr von 207 Buckingham zu mir und warum kommt Ihr ſelbſt 2 Herr von Buckingham liebt Euch, und Ihr laßt...“ „Nein,“ erwiederte Mary,„Herr von Buckingham liebt mich nicht, da er die Frau Herzogin von Orleans liebt, und ich, was mich betrifft, ich hege keine Liebe für den Herzog.“ Raoul ſchaute die junge Frau mit Erſtaunen an. Sie aber fragte ihn: „Seid Ihr der Freund von Herrn von Buckingham?“ „Der Herr Herzog erweiſt mir die Ehre, mich ſeinen Teen zu nennen, ſeitdem wir uns in Frankreich ge⸗ ehen.“ „Ihr ſeid alſo einfache Bekannte?“ „Nein, denn Herr von Buckingham iſt der innige Freund eines Edelmanns, den ich wie meinen Bruder iebe.“ „Des Herrn Grafen von Guiche?“ „Ja, mein Fräulein.“ „Der die Frau Herzogin von Orleans liebt.“ „Oh! was ſagt Ihr da!“ „Und der von ihr geliebt wird,“ fuhr die junge Frau ruhig fort. Raoul neigte das Haupt; ſeufzend ſprach Miß Graffton. „Sie ſind ſehr glücklich... Höret, verlaßt mich, Herr von Bragelonne; denn Herr von Buckingham hat Euch einen ärgerlichen Auftrag gegeben, indem er mich Euch als Geſellſchafterin auf dem Spaziergang anbot. Euer Herz iſt anderswo, und Ihr gönnt mir kaum das Almoſen Eures Geiſtes. Geſteht es, geſteht es... Es wäre ſchlimm von Euch, Vicomte, wenn Ihr es nicht geſtehen würdet.“ „Mein Frällein, ich geſtehe es.“ S ie ſchaute ihn an. Er war ſo einfach und ſo ſchön, ſein Auge hatte ſo viel Durchſichtigkeit, ſo viel ſanfte Freimüthigkeit. und Entſchloſſenheit, daß es einer ſo ausgezeichneten Frau, 208 wie es Mary war, nicht einfallen konnte, der junge Mann ſei ein Unhöflicher oder ein Alberner. Sie ſah nur, er liebe eine andere Frau als ſie in der ganzen Aufrichtigkeit ſeines Herzens. „Ja, ich begreife,“ ſagte ſie,„Ihr liebet in Frank⸗ reich.“ Raoul verbeugte ſich. „Kennt der Herzog dieſe Liebe?“ „Niemand kennt ſie,“ antwortete Raoul. „Und warum ſagt Ihr es mir?“ „Mein Fräulein...“ „Auf, ſprecht 19 „Ich kann nicht.“ „So muß ich denn der Erklärung entgegenkommen; ſeid, ich liebe den Herzog nicht, weil Ihr ſeht, daß ich Euch vielleicht geliebt hätte, weil Ihr ein Edel⸗ mann voll Gemüth und Zartgefühl, und weil Ihr ſtatt, und waͤre es auch nur um Euch einen Augenblick zu zerſtreuen, ſtatt eine Hand zu nehmen, die man der Eu⸗ rigen näherte, ſtatt meinem Mund zuzulächeln, der Euch lächelte, es vorzoget, Ihr, der Ihr jung ſeid, mir, die ich ſchön bin, zu ſagen: „„Ich liebe in Frankreich,““ „Wohl, ich danke Euch, Herr von Bragelonne, Ihr ſeid ein edler Mann und ich liebe Euch um ſo mehr... in Freundſchaft. Sprechen wir nun nicht mehr von mir, ſprechen wir von Euch. Vergeßt, daß Miß Graffton mit Euch von ſich geſprochen hat; ſagt mir, warum Ihr traurig ſeid, warum Ihr es ſeit eini⸗ gen Tagen noch mehr ſeid.“— Raoul war bis in die Tiefe ſeines Herzens bewegt bei dem ſanften, traurigen Ton dieſer Stimme und chen kam ihm abermals zu Hülfe und ſprach: Ihr wollt mir nichts ſagen, weil Ihr nun überzeugt konnte kein Wort der Erwiederung finden; das Mäd⸗ „Beklagt mich. Meine Mutter war Franzöſin. Ich kann alſo ſagen, daß ich dem Blute und dem Gemüthe nach Franzöſin bin. Doch über dieſer Gluth ſchweben inge ſie ank⸗ lüthe veben 209 beſtändig die Nebel und die Traurigkeit Englands. Zu⸗ weilen mache ich goldene Träume von zauberhaften Glückſeligkeiten, plötzlich aber kommt der Nebel, dehnt ſich über meinem Traum aus und vertilgt ihn. Auch diesmal iſt es ſo geweſen. Verzeiht, genug hierüber; gebt mir Eure Hand und theilt Euren Kummer einer Freundin mit.“ „Ihr ſeid Franzöſin, ſagt Ihr, dem Blute und dem Gemüthe nach?“ „Ja, ich wiederhole es, nicht nur war meine Mutter eine Franzöſin, ſondern ich wurde auch in Paris erzo⸗ gen, da mein Vater, als Freund von Karl I., während des Prozeſſes des Fürſten und ſo lange der Protector lebte, ſich als Verbannter in Frankreich aufhielt; bei der Thronbeſteigung von Karl II. kehrte mein Vater nach England zurück, um ſogleich darauf zu ſterben, der arme Vater! Da machte mich König Karl zur Her⸗ zogin und vervollſtändigte mein Erbgut.“ „Habt Ihr noch einen Verwandten in Frankreich?“ fragte Raoul mit tiefer Theilnahme. 3 „Ich habe eine Schweſter, welche ſieben oder acht Jahre älter als ich; ſie hat ſich in Frankreich ver⸗ heirathet und iſt ſchon Witwe, ſie heißt Frau von Bellièdre.“ 3 3 Raoul machte eine Bewegung. „Kennt Ihr ſie?“ „Ich habe dieſen Namen nennen hören.“ „Sie liebt auch, und ihre letzten Briefe ſagen mir, ſie ſei glücklich, folglich wird ſie geliebt. Ich, Herr von Bragelonne, habe die Hälfte ihrer Seele, aber ich habe nicht die Hälfte ihres Gluckes. Doch ſprechen wir von Euch. Wen liebt Ihr in Frankreich?“ „Ein Mädchen ſanft und weiß wie eine Lilie.“ „Warum ſeid Ihr aber traurig, wenn ſie Euch liebt v* 6 „Man hat mir geſagt, ſie liebe mich nicht mehr.“ „Ihr glaubt es hoffentlich nicht?“* 210 „Derjenige, welcher mir ſchrieb, hat ſeinen Brief nicht unterzeichnet.“ „Eine anonyme Angeberei. Oh! das iſt ein Ver⸗ rath!“ rief Miß Graffton. „Nehmt,“ ſagte Raoul, indem er dem Mädchen ein Billet reichte, das er hundertmal geleſen hatte. Mary Graffton nahm das Billet und las: „„Vicomte, Ihr habt Recht, Euch dort mit den ſchönen Damen von Karl II. zu beluſtigen; denn am Hofe von Ludwig XIV. belagert man Euch im Schloſſe Eurer Liebe. Bleibt alſo für immer in London, armer Vicomte, oder kommt raſch nach Paris zurück.““ „Keine Unterſchrift,“ ſagte Miß Mary. „Ihr glaubt alſo nicht 2 2 „Ja, doch hier iſt ein zweiter Brief.“ „Von wem?“ „Von Herrn von Guiche.“ „Ohl das iſt etwas Anderes. Und dieſer Brief ſagt Euch?“ „Leſet. „„Mein Freund, ich bin verwundet, krank. Kommt zurück, Raoul, kommt zurück.““ Guiche.“ „Und was gedenkt Ihr zu thun?“ fragte das Mäd⸗ chen mit beklommenem Herzen. „Als ich dieſen Brief empfing, war es meine Ab⸗ ſicht, ſogleich vom König Abſchied zu nehmen.“ „Wann habt Ihr den Brief erhalten?“ „Vorgeſtern.“ „Er iſt von Fontainebleau datirt.“ „Nicht wahr, das iſt ſeltſam? der Hof befindet ſich in Paris. Nun, ich wäre abgereiſt. Als ich aber mit dem König hievon ſprach, lachte er und ſagte zu mir: „„Mein Herr Botſchafter, wie kommt es, daß Ihr ab⸗ reiſen wollt? Ruft Euch Euer Herr zurück?““ Ich er⸗ röthete und verlor die Faſſung, denn der König hat mich wirklich hieher geſchickt und ich habe keinen Be⸗ fehl zur Rückkehr erhalten.“ Mary faltete nachdenkend die Stirne. „Und Ihr bleibt?“ fragte ſie. „Ich muß, mein Fräulein.“ „Und diejenige, welche Ihr liebt?“ „Nun?“ „Schreibt ſie Euch?“ „Nie.“ „Nie! Ahl ſie liebt Euch alſo nicht?“ „Sie hat mir wenigſtens ſeit meiner Abreiſe nicht geſchrieben.“ „Schrieb ſie Euch früher?“ „Zuweilen. Ohl ich hoffe, ſie wird ein Hinderniß gehabt haben.“ „Stille, da kommt der Herzog.“ 3 Buckingham erſchien wirklich, allein und lächelnd am Ende der Allee; er kam langſam und reichte den zwei Sprechenden die Hände. „Habt Ihr Euch verſtändigt?“ fragte er. „Worüber?“ ſagte Miß Mary. „Ueber das, was Euch, theure Mary, glücklich und Raoul minder unglücklich machen kann.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Mylord,“ ſagte Raoul. „Soll ich Euch mein Gefühl vor dieſem Herrn ausſpechen?“ fragte Buckingham lächelnd. „Wollt Ihr damit ſagen,“ erwiederte das Mädchen voll Stolz,„wollt Ihr damit ſagen, ich ſei geneigt ge⸗ weſen, Herrn von Bragelonne zu lieben, ſo iſt dies un⸗ nöthig, denn ich habe es ihm ſelbſt geſagt.“ Buckingham dachte nach und ſprach, ohne aus der Faſſung zu kommen, wie ſie es erwartete: „Weil ich Euch als einen zarten Geiſt und beſon⸗ ders als ein redliches Gemüth kenne, ließ ich Euch bei Herrn von Bragelonne, deſſen krankes Herz unter den Händen eines Arztes, wie Ihr ſeid, geneſen kann.“ „Aber Mylord, ehe Ihr mir vom Herzen von Herrn 212 von Bragelonne ſprachet, ſprachet Ihr mir von dem Eurigen. Soll ich zwei Herzen zugleich heilen?“ „Es iſt wahr, Miß Mary, Ihr laßt mir die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, daß ich bald eine unnütze Ver⸗ d folgung aufgegeben habe, da ich erkannte, daß meine t Wunden unheilbar.“ 3 Mary ſammelte ſich einen Augenblick und ſprach. dann: „Mylord, Herr von Bragelonne iſt glücklich. Er liebt, man liebt ihn; er bedarf alſo keines Arztes meiner Art.“ 3 „Herr von Bragelonne ſteht am Vorabend einer ſchweren Krankheit,“ entgegnete Buckingham,„und es iſt mehr als je Bedürfniß für ihn, daß man ſein Herz pflege.“ „Erklärt Euch, Mylord!“ ſagte Raout lebhaft. „Nein, nein, allmälig will ich mich erklären, doch wenn Ihr es wünſcht, werde ich Miß Mary ſagen, was g Ihr nicht hören könnt.“ 1 „Mylord, Ihr ſpannt mich auf die Folter, Mylord, 8 Ihr wißt etwas.“ K „Ich weiß, daß Miß Mary Graffton der reizendſte Gegenſtand iſt, den ein krankes Herz auf ſeinem Wege 9 finden kann.“ ſe „Mylord, ich habe Euch ſchon einmal geſagt, der Vicomte von Bragelonne liebe anderswo,“ verſetzte 7 das Mädchen. 4 „Er hat Unrecht.“ g „Ihr wißt es alſo, Herr Herzog, Ihr wißt, daß 4 ich Unrecht habe?“ „Jg. „Aber wen liebt er denn?“ rief Miß Mary. „Er liebt eine ſeiner unwürdige Frau,“ erwiederte Buckingham mit dem Phlegma, das ein Engländer allein in ſeinem Herzen und in ſeinem Kopfe ſchöpft. Miß Mary Graffton ſtieß einen Schrei aus, der nicht minder, als die von Buckingham ausgeſprochenen Worte, die Wangen von Bragelonne vor Beſtürzung er⸗ 3 bleichen und ſeinen Körper vor Schrecken beben machte. „Herzog,“ rief er,„Ihr habt Worte geſprochen, deren Erklärung ich ohne eine Secunde Verzug in Pa⸗ ris ſuchen will.“ „Ihr werdet bleiben,“ ſagte Buckingham. „Ich 1 „Ja, Ihr.“ „Und warum dies?“ 5 „Weil Ihr nicht das Recht habt, abzureiſen und man nicht den Dienſt eines Königs füͤr den einer Frau verläßt, und wäre ſie auch würdig, geliebt zu werden, wie es Mary Graffton iſt.“ „Unterrichtet mich alſo.“ „Das will ich wohl. Doch werdet Ihr bleiben?“ „Ja, wenn Ihr offenherzig mit mir ſprecht?“ Buckingham war ohne Zweifel im Begriff, zu ſa⸗ gen, nicht wie ſich Alles verhielt, ſondern was er Al⸗ les wußte, als ein Lackei des Königs am Ende der Terraſſe erſchien und auf das Cabinet zuging, wo der König mit Miß Lucy Stewart war. Dieſer Menſch ſchritt einem beſtaubten Courrier voran, der erſt vor einigen Augenblicken abgeſtiegen zu ſein ſchien. 5 „Der Courrier von Frankreich! der Courrier von Madame!“ rief Raoul, als er die Livree der Herzogin erkannte. Der Diener und der Courrier ließen dem König Meldung machen, während der Herzog und Miß Graff⸗ ton einen Blick des Einverſtändniſſes wechſelten. 214 XXIV. Der Courrier von Madame. Karl II. war eben im Zuge, Miß Stewart zu be⸗ weiſen, daß er ſich nur mit ihr beſchäftige; er verſprach ihr dem zu Folge eine Liebe der ähnlich, wie ſie ſein Ahnherr Heinrich IV. für Gabriele gehabt hatte. Zu ſeinem Unglück benützte Karl II. hiezu einen ſchlimmen Tag, einen Tag, an dem es ſich Miß Ste⸗ wart in den Kopf geſetzt hatte, ihn eiferſüchtig zu machen. Statt ſich durch ſein Verſprechen erweichen zu laſ⸗ ſen, wie er es erwartet hatte, brach ſie auch in ein Gelächter aus. 4 „Ohl Sire, Sire,“ rief ſie unter dem Gelächter, „hätte ich das Unglück, von Euch einen Beweis dieſer Liebe zu verlangen, wie leicht wäre es, zu ſehen, daß Ihr lügt.“ „Hoͤret,“ erwiederte Karl,„Ihr kennt meine Car⸗ tons von Raphael; Ihr wißt, welchen Werth ich dar⸗ auf lege; die Welt beneidet mich darum, das wißt Ihr auch. Mein Vater ließ ſie durch Van Dyck an⸗ kaufen. Soll ich ſie noch heute in Eure Wohnung tra⸗ gen laſſen?“, „Ohl nein,“ rief das Mädchen,„hütet Euch wohl, Sire, ich wohne zu enge, um ſolche Gäſte zu beherber⸗ en.“¹ 3„Dann ſchenke ich Euch Hampton Court, um die Cartons unterzubringen.“ „Seid minder freigebig, Sire, und liebet länger, das iſt Alles, was ich von Euch fordere.“ nug?“ „Ihr lacht, Sire.“ 1 „Ich werde Euch immer lieben; iſt das nicht ge⸗ 215 „Soll ich denn weinen?“ 8 „Nein, aber ich moͤchte Euch gern ein wenig ſchwer⸗ müthiger ſehen.“ „Gott bewahre mich, meine Schöne, ich bin es lange genug geweſen, vierzehn Jahre der Verbannung, der Armuth, des Elends; mir ſchien das eine abbezahlte Schuld zu ſein, und dann macht die Traurigkeit häß⸗ ich.“ „Nicht doch, ſeht den jungen Franzoſen an.“ „Ohl der Vicomte von Bragelonne! Ihr alſo auch! Gott verdamme mich! ſie werden ſich alle hinter⸗ einander wahnſinnig in ihn verlieben! Er hat übrigens Urſache, ſchwermüthig zu ſein!”“— „Warum dies?“ „Ohl ja wohl, ich muß Euch am Ende die Staats⸗ geheimniſſe offenbaren.“ „Ihr müßt, wenn ich will, da Ihr Euch bereit erklärt habt, Alles zu thun, was mir beliebt.“ „Wohl denn! er iſt verdrießlich über ſeine Hei⸗ math. Seid Ihr zufrieden?“ „Er iſt verdrießlich?“ „Ja, ein Beweis, daß er ein Einfaltspinſel iſt.“ „Wie! ein Einfaltspinſel?“ „Allerdings! Begreift Ihr das? Ich erlaube ihm, Miß Mary Graffton zu lieben, und er iſt verdrießlich.“ „Gut! es ſcheint, wäret Ihr nicht von Miß Lucy Stewart geliebt, ſo würdet Ihr Euch dadurch tröſten, daß Ihr Miß Mary Graftton liebtet.“ „Ich ſage das nicht; vor Allem wißt Ihr wohl, daß Mary Graffton mich nicht liebt; man tröſtet ſich aber über eine verlorene Liebe nur durch eine gefundene Liebe. Doch ich wiederhole, es handelt ſich nicht um mich, ſondern um dieſen jungen Mann. Sollte man nicht glauben, diejenige, welche er verläßt, ſei eine He⸗ lena, wohl verſtanden, eine Helena von Paris?“ „Er verläßt alſo Jemand?“ 4 „ Das heißt, man verläßt ihn.“ 216 „Armer Jungel im Ganzen, ſchlimm von ihm.“ „Warum ſchlimm?“ „Ja; warum geht er?“ „Glaubt Ihr, er gehe freiwillig?“ „Er iſt alſo gezwungen?“ „Meine liebe Stewart, er hat Paris auf Befehl verlaſſen.“ „Auf weſſen Befehl?“ „Rathet.“ „Auf Befehl des Königs?“ „Ganz richtig.“ „Ah! Ihr öffnet mir die Augen.“ „Sagt wenigſtens nichts.... „Ihr wißt wohl, daß ich hinſichtlich der Verſchwie⸗ genheit den Werth eines Mannes habe. Der König ſchickt ihn alſo weg?“ „Ja.⸗ X* „Und während ſeiner Abweſenheit nimmt er ihm ſeine Geliebte?“ „Ja. Und begreift, ſtatt dem König zu danken, jammert das arme Kind!“ „Dem König dafür danken, daß er ihm ſeine Ge⸗ liebte ſtiehlt! Oh! Sire, was Ihr da ſagt, iſt nicht galant gegen die Frauen im Allgemeinen und gegen die Geliebtinnen insbeſondere.“ 4 „Ei! ſeht Ihr das denn nicht ein! Wäre dieje⸗ nige, welche ihm der König raubt, eine Miß Graffton oder eine Miß Stewart, ſo würde ich ſeine Anſicht thei⸗ len und ihn nicht einmal verzweiflungsvoll genug ſin⸗ den, aber es iſt ein kleines, mageres, hinkendes Mäd⸗ chen... Zum Teufel mit der Treue! wie man in Frankreich ſagt, die Reiche um der Armen willen, die Liebende um der Betrügenden willen ausſchlagen, hat man das je geſehen?“ „Glaubt Ihr, Mary hege im Ernſte das Verlan⸗ gen, dem Vicomte zu gefallen, Sire?“ „Ja, ich glaube es.“ — efehl jwie⸗ dönig ihm nken, Ge⸗ nicht gegen dieje⸗ affton thei⸗ 3 fin⸗ Mäd⸗ in in iillen, agen, erlan⸗ „Wohl! der Vicomte wird ſich an England ge⸗ wöhnen. Mary hat einen guten Kopf, und wenn ſie will, will ſie feſt.“ „Meine liebe Miß Stewart, wenn ſich der Vicomte in unſerem Lande acelimatiſirt, ſo iſt dies noch nicht lange her; erſt vorgeſtern hat er mich um die Erlaub⸗ niß gebeten, es verlaſſen zu dürfen.“ „Und Ihr habt ſie ihm verweigert?“ „Ich glaube wohl, dem König, meinem Schwager, iſt zu viel an ſeiner Abweſenheit gelegen, und ich ſetze meine Eitelkeit darein, daß er hier bleibt; man ſoll nicht ſagen, ich habe dieſem jungen Mann vergebens die edelſte und ſüßeſte Lockſpeiſe Englands vorgeſetzt.“ „Ihr ſeid zu artig, Sire,“ erwiederte Miß Ste⸗ wart mit einer reizenden Mundverziehung. „Ich zähle Miß Stewart nicht,“ entgegnete der König,„das iſt ein königlicher Köder, und da ich meine Hand nach ihm ausgeſtreckt habe, ſo wird hoffentlich kein Anderer darnach trachten; ich ſage alſo, ich werde nicht vergebens mit dieſem jungen Mann geliebäugelt ha⸗ ben: er wird hier bleiben und ſich bei uns verheirathen, oder Gott ſoll mich verdammen!“. „Und ich hoffe, daß er, iſt er einmal verheirathet, ſtatt Eurer Majeſtät zu grollen, dankbar ſein wird, denn alle Welt beeifert ſich, ihm zu gefallen, ſelbſt Herr von Buckingham, der, was ins Unglaubliche geht, vor ihm zuruͤcktritt.“ „Und ſelbſt Miß Stewart, die ihn einen reizenden avalier nennt.“ „Höret, Sire, Ihr habt mir Miß Graffton genug geprieſen, laßt mir Herrn von Bragelonne ein wenig hingehen. Doch ſaget, Sire, Ihr ſeid ſeit einiger Zeit von einer Güte, die mich in Erſtaunen ſetzt, Ihr denkt an die Abweſenden, Ihr verzeiht Beleidigungen, Ihr ſeid beinahe vollkommen. Welchem Umſtand habe ich dies zuzuſchreiben?“. Ddie drei Musketiere. Bragelonne. Vll. 15 218 Lachend erwiederte Karl II.: „Dem, daß Ihr Euch lieben laßt.“ „Ohl das muß eine andere Urſache haben.“ „Ich verbinde meinen Schwager Ludwig XIV.“ „Gebt mir noch eine andere an.“ „Wohl denn! der wahre Beweggrund iſt, daß Herr von Buckingham mir dieſen jungen Mann empfohlen und zu mir geſagt hat: „„Sire, ich fange an zu Gunſten von Herrn von Dens Kone auf Miß Graffton zu verzichten, macht es wie ich.““ „Ohl der Herzog iſt in der That ein würdiger Edelmann.“ „Ah! ja wohl, erhitzt Euch nun den Kopf für Buckingham. Es ſcheint, Ihr wollt mir heute die Ver⸗ dammniß bringen?“ In dieſem Augenblick kratzte man an der Thüre. „Wer erlaubt ſich, uns zu ſtören?“ rief Karl voll Ungeduld. 8 „In der That, Sire,“ ſagte Stewart,„das iſt Ei⸗ ner, der ſich die größte Abgeſchmacktheit erlaubt, 4 und um Euch dafür zu beſtrafen.. Sie ging an die Thüre und öffnete ſie. „Ah! es iſt ein Bote von Frankreich,“ rief Miß Stewart. 4 „Ein Bote von Fraß reich, von meiner Schweſter vielleicht,“ verſetzte Karl. „Ja, Sire, ein außerordentlicher Bote,“ antwor⸗ tete der Huiſſter. „Tretet ein, tretet ein,“ ſprach Karl. Der Courrier trat ein. „Ihr habt einen Brief von der Frau Herzogin von Orleans?“ fragte der König. 4 „Ja Sire,“ antwortete der Courrier,„und zwar einen ſo dringenden, daß ich nur ſechs und zwanzig Stunden gebraucht habe, um ihn Eurer Majeſtät zu überbringen, und dabei habe ich noch drei Viertelſtun⸗ den in Calais verloren.“ „Man wird für Euren Eifer erkenntlich ſein,“ ſagte der König. Und er öffnete den Brief.— Dann ſchlug er ein ſchallendes Gelächter auf und rief: „In der That, nun iſt mir die Sache ganz unbe⸗ greiflich.“ 3 Und er las den Brief zum zweiten Mal. Miß Stewart nahm zum Schein eine Haltung voll Beſcheidenheit an und bezwang ihre glühende Neugierde. „Francis, ſagte der König zu ſeinem Diener,„man reiche dieſem braven Burſchen Erfriſchungen und laſſe ihn ſchlafen gehen, und morgen beim Erwachen finde er an ſeinem Bette ein Säckchen mit fünfzig Pfund.“ „Sire..“ 5 „Gehe, mein Freund, gehe: meine Schweſter hatte Recht, Dir Eile zu empfehlen, die Sache iſt dringend.“ Und er lachte ſtarker als je. Der Bote, der Kammerdiener und ſelbſt Miß Ste⸗ wart wußten nicht, welche Haltung ſie beobachten ſollten.. „Oh!“ rief der König, indem er ſich in ſeinem Lehnſtuhl zurückwarf,„und wenn ich bedenke, daß Du. wie viel Pferde zu Tode geritten haſt?“ „Zwei.“ „Zwei Pferde, um dieſe Nachricht zu überbringen! Es iſt gut, gehe, mein Freund, gehe.“ Der Courrier ging mit dem Kammerdiener ab. König Karl II. trat an das Fenſter, öffnete es, neigte ſich hinaus und rief:„Herzog, Herzog Bucking⸗ ham, mein lieber Buckingham, kommt.. 3 Der Herzog lief eiligſt herbei; als er aber die Thurſchwelle erreicht hatte und Miß Stewart erblickte, zögerte er, einzutreten. „Komm doch und mache die Thüre zu, Herzog.“ 220 Der Herzog gehorchte und näherte ſich lächelnd dem König, als er dieſen in ſo heiterer Laune ſah. „Nun, mein lieber Herzog, wie weit biſt Du mit Deinem Franzoſen?“ „Ahl ich bin in Beziehung auf ihn in der reinſten Verzweiflung, Sire.“ „Und warum?“ „Meit bie anbetungswürdige Miß Graffton ihn heirathen will und er nicht will.“ „Dieſer Franzoſe iſt alſo ein Böotier!“ rief Miß Stewart:„er ſage ja oder nein, und damit ſei es zu Ende.“ „Miß Stewart,“ erwiederte Buckingham mit ernſtem Tone,„Ihr wißt oder Ihr müßt wiſſen, daß Herr von Bragelonne anderswo liebt.“ „Dann. kann nichts einfacher ſein,“ ſprach der Kö⸗ nig Miß Stewart zu Hülfe kommend:„er ſage nein.“ „Ohl ich bewies ihm, er habe Unrecht, nicht ja zu ſagen.“ „Du haſt ihm alſo geſtanden, ſeine la Vallisre betrüge ihn?“. „Meiner Treue, ja, geradezu.“ „Und was hat er gethan?“ „Er hat einen Sprung gemacht, als wollte er über den Kanal ſetzen.“. „Ah!“ ſagte Miß Stewart,„er hat doch etwas gethan; das iſt ein Glück.“ „Aber ich habe ihn zurückgehalten,“ fuhr Bucking⸗ ham fort:„ich habe ihn mit Miß Mary in den Kampf geſtellt, und ich hoffe nun, daß er nicht abreiſen wird, wie es ſeinen Aeußerungen nach ſeine Abſicht war.“ „Er gab die Abſicht zu reiſen kund!“ rief der König. und er wird bleiben.“ „Einen Augenblick zweifelte ich, ob irgend eine menſchliche Macht im Stande wäre, ihn zurückzuhalten, doch die Augen von Miß Mary ſind auf ihn gerichtet, „Hierin täuſcheſt Du Dich, Buckingham,“ ſagte der König abermals geräuſchvoll lachend,„dieſer Unglück⸗ liche iſt prädeſtinirt.“ „Prädeſtinirt, wozu?“ „Betrogen zu werden, was im Ganzen nichts iſt, wenn man aber ihn ſieht, viel iſt.“ „In der Entfernung und mit Hülfe von Miß Graffton wird der Schlag parirt werden e „Keines Wegs, hier werden weder die Entfernung, noch Miß Graffton ins Mittel treten. Bragelonne reiſt in einer Stunde nach Paris ab.“ Buckingham bebte. Miß Stewart riß die Augen weit auf. „Aber, Sire, Eure Majeſtät weiß wohl, daß dies unmöglich iſt,“ ſagte der Herzog.“ „Das heißt, mein lieber Herzog, es iſt nur un⸗ möglich, daß das Gegentheil geſchieht.“ „Sire, denkt Euch, daß dieſer junge Mann ein Löwe iſt.“ „Ich glaube es nicht, Villiers.“ „Daß ſein Zorn furchtbar.“ 4 „Ich ziehe das nicht in Abrede, mein Freund.“ „Wenn er ſein Unglück von Nahem ſieht, wehe dem Urheber dieſes Unglücks!⸗ „Es mag ſein; doch was ſoll ich thun?“ „Und wäre es der König, ich ſtünde niſht für ihn!“ rief Buckingham. 1 „Ohl der König hat Musketiere, um ihn zu be⸗ wachen,“ entgegnete Karl mit ruhigem Tone:„ich weiß das, ich, der ich in Blois antichambrirt habe. Er hat Herrn d'Artagnan, Teufel! das iſt ein Wächter! Siehſt Du, ich würde mir zwanzig Zörne, wie die von Deinem Bragelonne, gefallen laſſen, hätte ich vier Wächter wie Herrn d'Artagnan.“ „Oh!l Eure Majeſtät, die ſo gut iſt, überlege doch,“ ſagte Buckingham.. „Hier,“ ſagte Karl II., indem er dem Herzog den* 222 Brief reichte,„lies und antworte Du ſelbſt. Was würdeſt Du an meiner Stelle thun?“ Buckingham nahm langſam den Brief von Madame und las vor Aufregung zitternd folgende Worte: „Euch zu Liebe, mir zu Liebe, für die Ehre und das Heil Aller ſchickt Herrn von Bragelonne ſogleich nach Frankreich zurück. „ure ergebene Schweſter „Henriette.“ „Was ſagſt Du dazu, Villiers?“ „Meiner Treue, ich ſage nichts,“ erwiederte der Herzog ganz erſtaunt.. „Würdeſt Du mir etwa rathen, meiner Schweſter nicht zu gehorchen, während ſie mit ſolcher Dringlichkeit zu mir ſpricht?“ „Oh! nein Sire, doch...“ „Du haſt die Nachſchrift nicht geleſen, Villiers, ſie ſteht unter dem Bug und iſt mir Anfangs ſelbſt entgangen, lies.“ Der Herzog hob wirklich einen Bug auf, der dieſe Zeile verbarg. „Tauſend freundliche Grüße an diejenigen, welche mich lieben.“ Die erbleichende Stirne des Herzogs beugte ſich auf den Brief; das Blatt zitterte in ſeinen Fingern, als ob ſich das Papier in dickes Blei verwandelt ätte. 3 Der König wartete einen Augenblick und ſprach dann, als er ſah, daß Buckingham ſtumm blieb: „Er verfolge alſo ſein Geſchick, wie wir das un⸗ ſerige verfolgen; jeder erduldet ſeine Leidenſchaft auf dieſer Welt, ich habe die meinige gehabt, ich habe die der Meinigen gehabt und ein doppeltes Kreuz getragen! Zum Teufel nun mit den Sorgen! Villiers, hole mir dieſen Cavalier!“ Der Herzog öffnete die Gitterthüre des Cabinets, 223 Was zeigte dem König Raoul und Mary, die neben einander gingen, und ſprach:. dame„Ohl Sire, welche Grauſamkeit gegen die arme Miß Grafſton!“ und„Vorwärts, rufe,“ ſagte Karl II., indem er ſeine leich ſchwarzen Brauen zuſammenzog,„es iſt alſo alle Welt hier ſentimental? Ah! gut, nun trocknet ſich Miß Ste⸗ wart die Augen. Verdammter Franzoſe!“ Der Herzog rief Raoul, nahm die Hand von Miß Graffton und führte ſie vor das Cabinet des Königs. der„Herr von Bragelonne,“ ſagte Karl II.,„batet Ihr mich nicht vorgeſtern um Erlaubniß, nach Paris veſter zurückkehren zu dürfen?“ chkeit„Ja, Sire,“ antwortete Raoul, den dieſer Eingang ſogleich ganz betäubte. „Wohl, mein lieber Vicomte, ich habe es Euch, liers, glaube ich, abgeſchlagen?“ ſelbſt„Ja, Sire.“ „Und Ihr ſeid mir darum böͤſe geweſen?“ dieſe„Nein, Sire, denn Eure Majeſtät ſchlug es mir gewiß aus trefflichen Gründen ab; Eure Majeſtät iſt elche zu weiſe und zu gut, um nicht Alles, was ſie thut, wohl zu thun.“ ſich„Ich gab Euch, glaube ich, als Grund an, der gern, Koönig von Frankreich habe Euch nicht zurückgerufen.“ ndelt„Ja, Sire, Ihr antwortetet mir das in der That.“ 3„Wohl! ich habe nachgedacht, Herr von Brage⸗ prach lonne; hat Euch der König wirklich die Rückkehr nicht feſt beſtimmt, ſo hat er mir doch empfohlen, Euch den un⸗ Aufenthalt in England angenehm zu machen; wenn t auf Ihr mich nun abreiſen zu duͤrfen batet, ſo geſchah dies, e die weil Euch der Aufenthalt in England nicht angenehm igen! war.“. 1 mir„Ich habe das nicht geſagt, Sire.“ „Nein, doch Euer Geſuch bezeichnete wenigſtens, nets, dn anderer Aufenthalt wäre Euch angenehmer, als ieſer.“ 224 In dieſem Augenblick wandte ſich Raoul nach der Thüre um, an deren Einfaſſung Miß Graffton bleich Gr und entſtellt ſich anlehnte. Fre Ihr Arm ruhte auf dem Arm von Buckingham. ihn „Ihr antwortet nicht,“ fuhr Karl fort,„das und franzöſiſche Sprüchwort iſt beſtimmt: Wer nichts ſagt, ger gibt zu. Wohl denn, Herr von Bragelonne, ich ſehe mel mich im Stande, Euch zufrieden zu ſtellen; Ihr könnt, lieb wenn Ihr wollt, nach Frankreich abrelſen, ich bevoll⸗ nick mächtige Euch hiezu.“ ſteh „Sire!“ rief Raoul. „Oh!“ ſeufzte Mary, den Arm von Buckingham preſſend. „Ihr könnt dieſen Abend in Dover ſein,“ fuhr ob der König fort,„die Fluth ſteigt Morgens um zwei zur! Uhr.“ Raoul ſtammelte ganz erſtaunt ein paar Worte, was welche die Mitte zwiſchen dem Dank und der Entſchul⸗ mit digung hielten. unn „Ich ſage Euch alſo Lebewohl, Herr von Bra⸗ geb gelonne, und wünſche Euch jegliche Wohlfahrt,“ ſprach mei der König aufſtehend:„Ihr werdet mir das Vergnügen der bereiten, zum Andenken an mich dieſen Diamant zu behalten, den ich zu einem Brautſchmuck beſtimmte.“ dru Miß Graffton ſchien einer Ohnmacht nahe. 3 Raoul empfing den Diamant; indem er ihn in Empfang nahm, fühlte er ſeine Kniee zittern. ſche Er richtete einige Dankſagungen an den König, anb ein paar Worte an Miß Stewart und ſuchte Bucking den ham, um ſich von ihm zu verabſchieden. 3 Der Koͤnig benützte dieſen Augenblick, um zu verſchwinden. wäl Racoul fand den Herzog damit beſchäftigt, daß er Ha den Muth von Miß Graffton zu heben ſuchte. „Mein Fräulein, ich flehe Euch an, heißt ihn ſie bleiben,“ flüſterte Buckingham. ann 225⁵ „Ich ſage ihm, er möge abreiſen,“ erwiederte Miß Graffton, ſich wiederbelebend;„ich gehöre nicht zu den Frauen, die mehr Stolz, als Herz haben; liebt man ihn in Frankreich, ſo kehre er nach Frankreich zurück und ſegne mich, mich, die ich ihm ſein Glück zu ſuchen gerathen haben werde. Liebt man ihn dagegen nicht mehr, ſo komme er wieder zu uns, ich werde ihn noch lieben, und ſein Unglück wird ihn in meinen Augen nicht erniedrigt haben. Im Wappen meines Hauſes ſteht, was Gott in mein Herz gegraben hat: Habenti parum, egenti omnia. „Den Reichen wenig, den Armen Alles.“ „Mein Freund,“ ſagte Buckingham,„ich bezweifle, ob Ihr dort den Erſatz für das findet, was Ihr hier zurücklaßt.“ „Ich glaube oder ich hoffe wenigſtens, daß das, was ich liebe, meiner würdig iſt,“ erwiederte Raoul mit düſterer Miene;„iſt es aber wahr, daß ich eine unwürdige Liebe hege, wie Ihr mir zu verſtehen zu geben verſuchtet, Herr Herzog, ſo werde ich ſie aus meinem Herzen reißen, und müßte ich mein Herz mit der Liebe ausreißen.“ Mary Graffton ſchlug die Augen mit einem Aus⸗ druck unausſprechlichen Mitleids zu ihm auf. Raoul lächelte traurig und ſprach: „Mein Fräulein, der Diamant, den mir der König ſchenkt, war für Euch beſtimmt, laßt mir ihn Euch anbieten: heirathe ich in Frankreich, ſo ſchickt mir denſelben zurück, heirathe ich nicht, ſo behaltet ihn.“ Und er verbeugte ſich und ging weg. „Was will er damit ſagen?“ dachte Buckingham, während Raoul Miß Mary ehrfurchtsvoll die eiſige Hand drückte. Miß Mary begriff den Blick, den Buckingham auf ſie heftete. „Wenn es ein Brautring wäre, würde ich ihn annehmen?“ ſagte ſie. 226 „Ihr ſtellt es ihm aber doch frei, zu Euch zuruͤck⸗ zukehren?“ „Oh!l Herzog,“ rief Mary ſchluchzend,„eine Frau wie ich wird nie zum Troſte für einen Mann wie er genommen.“ „Ihr denkt alſo, er werde nicht zurückkommen?“ „Niemals,“ antwortete Miß Graffton mit erſtickter Stimme. „Nun wohl! ich ſage Euch, daß er dort ſein Glück zerſtört, ſeine Braut verloren... ſeine Ehre ſogar angetaſtet finden wird. Was wird ihm bleiben, was Eure Liebe aufwiegt? Ohl ſprecht, Mary, Ihr, die Ihr Euch ſelbſt kennt?“ Miß Graffton legte ihre weiße Hand auf den Arm von Buckingham, und während Raoul durch die Linden⸗ allee mit einer ſchwindelartigen Schnelligkeit entfloh, ſprach ſie mit ſterbender Stimme den Vers aus Ro⸗ meo und Julie: 3„Nur Eile rettet mich, Verzug iſt ſichrer Tod.“ Als ſie das letzte Wort geſprochen, war Raoul entflohen. Miß Graffton kehrte bleicher und ſchweigſamer als ein Schatten nach Hauſe zurück. Buckingham benützte den Courrier, der den Brief an den König gebracht hatte, um an Madame und an den Grafen von Guiche zu ſchreiben. Der König hatte die Wahrheit geſagt. Um zwei Uhr war die Fluth hoch und Raoul ſchiffte ſich nach Frankreich ein. 3 227 1 XXV. Saint-Aignan befolgt den Rath von Malicorne. Der König überwachte das Portrait von la Vallière mit einem Eifer, der eben ſo wohl vom Verlangen, es ähnlich zu ſehen, als von der Abſicht, dieſes Portrait lange dauern zu machen, herrührte. Man mußte ihn ſehen, wie er dem Pinſel folgte, auf die Vollendung eines Entwurfes oder das Reſultat einer Färbung wartete und dem Maler verſchiedene Ab⸗ änderungen anrieth, zu denen derſelbe mit ehrfurchts⸗ voller Gelehrigkeit einwilligte. Hatte der Maler nach dem Rathe von Malicorne ein wenig gezögert, hatte ſich Saint⸗Aignan eine kleine Abweſenheit gemacht, dann mußte man es ſehen, was aber Niemand ſah, dieſes ausdrucksvolle Still⸗ ſchweigen, das in einem Seufzer zwei Seelen einigte, welche ſehr geneigt, ſich zu verſtehen, und ſehr ſehnſüchtig nach Ruhe und Meditation. Dann vergingen die Minuten wie durch Zauber; der König näherte ſich ſeiner Geliebten und verſengte ſie durch das Feuer ſeines Blickes, durch die Berührung ſeines Athems. Wurde ein Geräuſch im Vorzimmer hörbar, kam der Maler, kehrte Saint⸗Aignan unter Entſchuldigungen Zurück, ſo fing der König an zu ſprechen, la Vallidre antwortete ihm haſtig, und ihre Augen ſagten Saint⸗ Aignan, ſie haben während ſeiner Abweſenheit ein Jahr⸗ hundert gelebt.. Mit einem Wort, Malicorne, dieſer Philoſoph, ohne 228 es zu wollen, hatte dem König den Hunger im Ueberfluß und das Verlan⸗ nach der Gewißheit des Beſitzes zu geben gewußt. s Was la Vallière befürchtete, geſchah nicht. Niemand errieth, daß ſie am Tage zwei bis drei Stunden ihr Zimmer verlicß. Sie gab eine unregel⸗ mäßige Geſundheit vor. Diejenigen, welche ſich bei ihr einfanden, klopften an, ehe ſie eintraten. Malicorne, der Mann der geiſtreichen Erfindungen, hatte einen aku⸗ ſtiſchen Mechanismus erſonnen, durch welchen la Val⸗ lière in der Wohnung von Saint⸗Aignan von den Be⸗ ſuchen benachrichtigt wurde, die man ihr in dem Zimmer, das ſie bewohnte, machen wollte. Ohne auszugehen, ohne Vertraute zu haben, kehrte ſie in ihre Wohnung zurück und führte die Leute durch eine Erſcheinung irre, welche vielleicht etwas verſpätet, aber nichtsdeſtoweniger ſiegreich jeden Argwohn der ein⸗ gefleiſchteſten Skeptiker bekämpfte. Malicorne erkundigte ſich am folgenden Tag bei Saint⸗Aignan, und Saint⸗Aignan war genöthigt, zuzu⸗ geſtehen, die Viertelſtunde Freiheit habe den Köoͤnig in die heiterſte Laune verſetzt. „Man wird die Doſis verdoppeln müſſen, doch un⸗ merklich,„ſagte Malicorne,„wartet, bis man es wünſcht.“ Man wünſchte es ſo ſehr, daß eines Abends, am vierten Tag, in dem Augenblick, wo ſich der Maler heimlich aus dem Staube machte, ohne daß Saint⸗Aig⸗ nan zurückgekehrt war, dieſer, als er endlich kam, auf dem Geſichte von la Valliére einen Schatten von Aerger er⸗ blickte, den ſie nicht hatte verbergen können. Der König war weniger geheimnißvoll, er offenbarte ſeinen Verdruß durch eine ſehr bezeichnende Bewegung der Schultern. La Vallière erröthete dann. „Gut!“ rief Saint⸗Aignan in ſeinem Innern, „Herr Malicorne wird heute Abend entzückt ſein.“ Malicorne war in der That am Abend entzückt. „Fräulein de la Vallidre hoffte offenbar, Ihr wür⸗ det ſagt wen dign ſicht meit mit des ich: umk oder zu! Kön Gef lidre Mor Ru⸗ Sit ſcho hob Tre⸗ er f klag fluß 3 zu drei gel⸗ ihr rne, aku⸗ Bal⸗ Be⸗ ner, hrte urch ätet, ein⸗ bei 229 det wenigſtens noch zehn Minuten länger ausbleiben,“ ſagte er zum Grafen. „Und der Koͤnig hoffte eine halbe Stunde.“ „Ihr wäret ein ſchlehter Diener des Königs, wenn Ihr Seiner Majeſtät dieſe halbe Stunde Befrie⸗ digung verweigertet.“ 4 „Aber der Maler!“ entgegnete Saint⸗Aignan. „Das übernehme ich, nur laßt mich mit den Ge⸗ ſichtern und den Umſtänden zu Rathe gehen, das ſind meine magiſchen Operationen, und wenn die Zauberer mit dem Aſtrolabium die Höhe der Sonne, des Mon⸗ des und ihrer Conſtellationen aufnehmen, ſo beſchränke ich mich darauf, daß ich beobachte, ob die Augen ſchwarz umkreiſt ſind, oder ob der Mund den converen Bogen oder den concaven beſchreibt.“ „Beobachtet alſo.“ „Seid unbeſorgt.“ Der verſchmitzte Malicorne hatte wirklich alle Muße, zu beobachten. Denn an demſelben Abend ging der König mit den Königinnen zu Madame, machte ein ſo verdrießliches Geſicht, ſtieß ſo ſchwere Seufzer aus, ſchaute la Val⸗ lière mit ſo ſterbenden Augen an, daß Malicorne zu Montalais ſagte:- „Morgen.“ Und er ſuchte den Maler in ſeinem Hauſe in der Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul auf und bat ihn, die Sitzung um zwei Tage zu verſchieben. Saint⸗Aignan war nicht zu Hauſe, als la Vallisre, ſchon mit dem untern Stock vertraut, den Boden auf⸗ hob und hinabſtieg.. Der Koͤnig erwartete ſie wie gewöhnlich auf der Treppe und hielt einen Strauß in ſeiner Hand. Als er ſie ſah, ſchloß er ſie in ſeine Arme. La Vallière ſchaute ganz bewegt umher und be⸗ klagte ſich, als ſte Niemand erblickte als den König. Sie ſetzten ſich. 230 Bei den Polſtern liegend, auf denen ſie ruhte, den Kopf auf den Schooß ſeiner Geliebten geneigt, ſo gleich⸗ ſam in ein Aſyl verſetzt, aus dem man ihn nicht ver⸗ treiben konnte, ſchaute Ludwig la Vallière an, und aks wäre der Augenblick gekommen, wo nichts ſich mehr zwiſchen dieſe zwei Seelen zu ſtellen vermöchte, ver⸗ ſchlang ſie ihn nun mit den Blicken. Da löſte ſich aus ihren ſo ſanften, ſo reinen Augen eine beſtändig ſprühende Flamme, deren Strahlen das Herz ihres königlichen Geliebten ſuchten, um es einmal zu erwärmen und dann zu verzehren. Entzückt durch die Berührung der zitternden Kniee, bebend vor Glück, wenn ſich die Hand von Louiſe auf ſeine Haare ſenkte, erſtarrte der König in dieſer Selig⸗ keit und erwartete immer, den Maler eintreten zu ſehen. In dieſer ſchmerzlichen Vorausſicht ſtrengte er ſich zuweilen an, der Verführung zu entfliehen, die in ſeine Adern eindrang; er rief den Schlaf des Herzens und der Sinne an, er ſtieß die bereite Wirklichkeit zurück, um dem Schatten nachzulaufen. 8 Doch die Thüre öffnete ſich weder für Saint⸗Aig⸗ nan, noch für den Maler, die Vorhänge kniſterten nicht einmal. Ein dumpfes, geheimnißvolles Stillſchweigen der Wolluſt betäubte ſelbſt die Vögel in ihrem vergol⸗ deten Bauer. Beſiegt wandte der König den Kopf um und drückte ſeinen glühenden Mund in die vereinigten Hände von la Vallidre, ſie verlor die Vernunft und preßte auf die Lippen ihres Geliebten ihre beiden krampfhaften Hände. Ludwig ſank ſchwankend auf die Kniee, und da la Vallière ihren Kopf nicht verrückt hatte, ſo fand ſich die Stirne des Königs auf dem Niveau der Lippen der jungen Frau, die in ihrer Entzückung mit einem flüch⸗ tigen, ſterbenden Kuß die duftenden Haare ſtreifte, die ihre Wangen liebkoſten. Der Koͤnig nahm ſie in ſeine Arme, und ohne daß 82 fie widerſtand tauſchten ſie jenen erſten Kuß, den glü⸗ henden Kuß, der Bie Liebe zum Wahnſinn ſteigert. Weder der Maler, noch Saint⸗Aignan kamen an dieſem Tage. Eine Art von ſchwerer und zugleich ſüßer Trunken⸗ heit, die die Sinne erfriſcht und wie ein langſames Gift den Schlaf in den Adern kreiſen läßt, den ungreif⸗ baren wie das glückliche Leben hinziehenden Schlaf, fiel einer Wolke ähnlich zwiſchen das vergangene Leben und das zukünftige Leben der beiden Liebenden. Im Schooße dieſes traumvollen Schlafes beun⸗ ruhigte ein anhaltendes Geräuſch zuerſt la Vallidre, doch ohne ſie ganz zu erwecken. Da dieſes Geräuſch aber fortwährte, da es ſich be⸗ greiflich machte, da es die arme, von der Täuſchung trunkene junge Frau an die Wirklichkeit erinnerte, ſo erhob ſie ſich ganz erſchrocken, ſchön in ihrer Ver⸗ wirrung, und ſagte: „Es erwartet mich Jemand da oben! Ludwig! Lud⸗ wig, höret Ihr nicht?“ „Ei! ſeht Ihr nicht diejenige, auf welche ich nun warte?“ verſetzte der König voll Zärtlichkeit,„nun mögen die Anderen auch auf Euch warten.“ Doch ſie ſchüttelte ſanft den Kopf und ſprach, wäh⸗ rend zwei ſchwere Thränen ihren Augen eutſtürzten: „Verborgenes Glück, verborgene Macht... mein Stolz muß ſchweigen wie mein Herz.“ Der Lärmen fing wieder an. „Ich höre die Stimme von Montalais,“ ſagte ſte. Und ſie ſtieg haſtig die Treppe hinauf. Der König ging mit ihr hinauf, denn er konnte ſich nicht entſchließen, ſie zu verlaſſen, und bedeckte ihre Hände und den Saum ihres Kleides mit Küſſen. „ Ja, ja,“ wiederholte la Vallidre, als ihr halber Leib ſchon durch die Fallthüre durchgegangen war,„ja, die Stimme von Montalais ruft, es muß etwas Wich⸗ tiges vorgefallen ſein.“— 232 „Geht, theure Geliebte, und kommt raſch zurück,“ ſagte der König. „Oh! heute nicht, Gott befohlen, Sire.“ Und ſie bückte ſich noch einmal, um ihren Geliebten zu küſſen, dann entfloh fie. Montalais wartete wirklich ganz aufgeregt, ganz bleich. „Geſchwinde, geſchwinde,“ ſagte ſie,„er kommt herauf.“ „Wer, wer kommt herauf?“ „Er. Ich ſah es vorher.“ „Aber wer denn? Du machſt mich ſterben!“ „Raoul!“ murmelte Montalais.“ „Ja, ja,“ rief eine freudige Stimme auf den letzten Stufen der großen Treppe. La Vallidre ſtieß einen furchtbarrn Schrei aus und ſtürzte rückwärts. „Hier bin ich, hier bin ich!“ rief Raoul herbeilau⸗ fend.„Ohl ich wußte wohl, daß Ihr mich noch liebet!“ La Vallidre machte eine Geberde des Schreckens, dann eine Geberde der Verwünſchung; ſie ſtrengte ſich an, zu ſprechen, und konnte nur ein Wort artikuliren. „Nein! nein!“ ſagte ſie. Und ſie fiel in die Arme von Montalais und murmelte: „Kommt mir nicht nahe.ℳ Montalais winkte Raoul, der, wie verſteinert auf der Schwelle, nicht einmal einen Schritt mehr in das Zimmer zu machen ſuchte. 3 Dann warf ſie ihre Blicke nach der Seite des Wind⸗ ſchirms und ſagte:— „Ohl die Unvorſichtige, die Fallthüre iſt noch nicht geſchloſſen!“ Und ſie ging in die Ecke des Zimmers, um zuerſt den Windſchirm und dann hinter dem Windſchirm die Fallthüre zuzumachen. Doch aus dieſer Fallthüre ſtürzte der Koͤnig hervor, der zu die Kni in ſehe räuſ die Kör Ecke dach Grè wir bela Pla Jea es ick,“ bten ganz nmt zten und lau⸗ et!“ eens, ſich en. die auf das zind⸗ nicht nerſt die vor, der den Schrei von la Vallidre gehoͤrt hatte und ihr zu Hülfe eilte. Er kniete vor ihr nieder und beſtürmte Montalais, die den Kopf zu verlieren anfing, mit Fragen. Doch in dem Augenblick, wo der König auf die Kniee ſiel, hörte man einen Schmerzensſchrei und Tritte in der Flur. Der König wollte weglaufen, um zu ſehen, wer den Schrei ausgeſtoßen, von wem das Ge⸗ räuſch der Tritte herrühre. Montalais ſuchte ihn abzuhalten, doch vergebens. Der König verließ la Vallidre und ging auf die Thüre zu; aber Raoul war ſchon fern, ſo daß der König nur eine Art von Schatten ſah, der ſich um die Ecke des Corridor wandte. XXVI. Zwei alte Freunde. Während Jeder bei Hofe an ſeine Angelegenheiten dachte, begab ſich ein Mann geheimnißvoll hinter der Grève⸗Platz in ein Haus, das wir ſchon kennen, weil wir es an einem Tag des Aufruhres von d'Artagnan belagert geſehen haben. Dieſes Haus hatte ſeinen Haupteingang auf der Place⸗Baudoyer. Ziemlich groß, von Gärten umgeben, in der Rue Saint⸗ Jean von den Buden der Kleinſchmiede umgürtet, die es mit ernſten Blicken hüteten, war es in dieſen drei⸗ fachen Wall von Steinen, von Lärmen und von Grün, Ddie drei Musketiere. Bragelonne. VII. 16 234 wie eine einbalſamirte Mumie in ihrem dreifachen Ka⸗ ſten, eingeſchloſſen. Der Mann, von dem wir ſprechen, ging mit ſiche⸗ rem Schritt, obgleich er nicht mehr von der erſten Jugend war. Sah man ſeinen mauerfarbigen Mantel und ſeinen langen Degen, der dieſen Mantel aufhob, ſo konnte Niemand den Abenteuerſucher mißkennen, und beobachtete man den aufwärts gebogenen Schnurrbart, die feine, glatte Haut, die unter dem Sombrero er⸗ ſchien, ſo konnte man nicht umhin, zu glauben, die Abenteuer müſſen galanter Natur ſein. Der Cavalier war kaum in das Haus eingetreten, als es acht Uhr auf Saint⸗Gervais ſchlug. Und zehn Minuten nachher klopfte eine Dame, be⸗ gleitet von einem bewaffneten Lackei, an derſelben Thüre, die ihr alsbald eine alte Zofe öffnete. Dieſe Dame hob, als ſie eintrat, ihren Schleier auf. Es war keine Schönheit mehr, aber es war noch eine Frau; ſie war nicht mehr jung, aber ſie war noch behende und rüſtig. Sie verbarg unter einer reichen, geſchmackvollen Toilette ein Alter, dem Ninon de BEnclos allein lächelnd Trotz geboten hätte. Kaum war ſie im Vorhaus, als der Cavalier, deſſen Züge wir ſkizzirt haben, auf ſie zuging und ihr die Hand reichte. „Theure Herzogin, guten Morgen,“ ſagte er. „Guten Morgen, mein lieber Aramis,“ erwiederte die Herzogin. Er führte ſie in einen zierlichen, hübſch ausgeſtat⸗ teten Salon, deſſen hohe Fenſter die durch die ſchwarzen Gipfel einiger Tannen etwas gemilderten letzten Strah⸗ len des Tages mit Purpur übergoßen. Beide ſetzten ſich neben einander. Weder das Eine, noch das Andere, hatte den Ge⸗ danken, Licht zu verlangen, und ſo begruben ſie ſich in den Schatten, als hätten ſie ſich gegenſeitig in die Vergeſſenheit begraben wollen. he⸗ ten itel ob, und art, er⸗ die ten, be⸗ äre, auf. eine noch hen, de lier, ihr erte ſtat⸗ rzen rah⸗ Ge⸗ h in die „Chevalier,“ ſagte die Herzogin,„Ihr habt ſeit unſerer Zuſammenkunft in Fontainebleau kein Lebens⸗ zeichen mehr von Euch gegeben, und ich geſtehe, daß Eure Anweſenheit am Tage, da der Franciscaner ſtarb, ich geſtehe, daß Eure Einweihung in gewiſſe Geheim⸗ niſſe mich im höchſten Maße in Erſtaunen geſetzt haben.“ „Ich kann Euch meine Gegenwart erklären, ich kann Euch meine Einweihung erklären,“ erwiederte Aramis. „Vor Allem ſprechen wir ein wenig von uns,“ ſagte lebhaft die Herzogin.„Wir find nun ſeit langer Zeit gute Freunde.“ „Ja, Madame, und wenn es Gott gefällt, werden wir es, wenn nicht lange, doch wenigſtens immer ſein.“ f„Das iſt gewiß, Chevalier, und mein Beſuch zeugt hiefür.“ „Wir haben jetzt, Frau Herzogin, nicht mehr die⸗ ſelben Intereſſen wie früher,“ ſprach Aramis lächelnd ohne Furcht in dieſem Halbſchatten, denn man konnte hier nicht errathen, ſein Lächeln ſei minder angenehm und minder friſch, als einſt. „Heute, Chevalier, haben wir andere Intereſſen.. Jedes Alter bringt die ſeinigen; und da wir uns heute, wenn wir plaudern, eben ſo gut begreifen, wie wir es einſt thaten, ohne zu ſprechen, ſo plaudern wir, wenn Ihr wollt.“ „Herzogin, ich bin zu Euren Befehlen. Ah!l ver⸗ zeiht, wie habt Ihr denn meine Adreſſe gefunden? Und warum habt Ihr ſie aufgeſucht?“ „Warum? Ich habe es Euch geſagt: die Neu⸗ gierde. Ich wollte wiſſen, was Euer Verhältniß zu dem Franciscaner geweſen, mit dem ich zu thun hatte, und der auf eine ſo ſeltſame Weiſe geſtorben iſt. Ihr wißt, daß wir bei unſerer Zuſammenkunft in Fontai⸗ nebleau, am Fuße des kurz zuvor erſt geſchloſſeneu Grabes, beide ſo bewegt waren, daß wir einander nichts anvertrauen konnten.“— 236 „Ja, Madame.“ „Wohl, ich hatte Euch nicht ſobald verlaſſen, als ich es bereute. Ich war ſtets wißbegierig; nicht wahr, es iſt Euch bekannt, daß Frau von Longueville ein we⸗ nig iſt wie ich?“ „Ich weiß das nicht,“ erwiederte Aramis discereter Weiſe. „Ich erinnerete mich alſo, daß wir auf jenem Fried⸗ hof nichts geſagt hatten, weder Ihr etwas von Eurem Verhältniß zu dem Franciscaner, deſſen Beerdigung Ihr überwachtet, noch ich etwas von dem, was ich für ihn war. Dies Alles ſchien mir unwürdig zweier Freunde wie wir, und ich ſuchte die Gelegenheit, mich Euch zu nähern, um Euch einen Beweis zu geben, daß ich Euer Eigenthum bin, und daß Marie Michon, die arme Todte, auf Erden einen Schatten voll Ge⸗ dächtniß zurückgelaſſen hat.“ Aramis neigte ſich auf die Hand der Herzogin und hauchte einen galanten Kuß darauf. „Es muß Euch Mühe gemacht haben, mich aufzu⸗ finden?“ ſagte er. „Ja,“ erwiederte ſie, ärgerlich, zu dem zurückge⸗ führt zu werden, was Aramis erfahren wollte;„aber ich wußte, daß Ihr ein Freund von Herrn Fouquet und ſuchte bei dieſem. 4 „Freund!“ rief der Chevalier.„Ah! Ihr ſagt zu viel, Madame. Ein armer Prieſter begünſtigt durch den großmüthigen Protector, ein Herz voll Dankbarkeit und Treue, das iſt Alles, was ich für Herrn Fouquet bin.“ „Er hat Euch zum Biſchof gemacht.“ „Ja, Herzogin.“ „Schoͤner Musketier, das iſt Euer Rückzug.“ „Wie für Dich die politiſche Intrigue,“ dachte Aramis. Laut fügte er bei:„Ihr erkundigtet Euch alſo bei Herrn Fouquet?“ 3 „Das ging leicht. Ihr waret in Fontainebleau bei i Reiſ Isle weiß ange zurü dem wiſſe iſt ir kann Docd mich nan, von der hend ſchic alle Kan bei ihm geweſen, Ihr hattet, glaube ich, eine kleine Reiſe nach Eurer Diözeſe Belle⸗Isle⸗en⸗Mer gemacht.“ „Nein, Madame, nein, meine Dioͤzeſe iſt Vannes.“ „Das wollte ich ſagen. Ich glaubte nur, Belle⸗ Isle⸗en⸗Mer...“ „Iſt nur ein Haus von Herrn Fouquet.“ „Ahl man ſagte mir, Belle⸗Isle ſei befeſtigt; ich weiß aber, daß Ihr ein Kriegsmann ſeid, mein Freund.“ „Ich habe Alles verlernt, ſeitdem ich der Kirche angehöre,“ entgegnete Aramis gereizt. „Genug... Ich erfuhr alſo, Ihr ſeid von Vannes zurückgekehrt, und ſchickte zu einem unſerer Freunde, dem Herrn Grafen de la Fore.“ „Ah!“ machte Aramis. „Er iſt verſchwiegen und ließ mir antworten, er wiſſe Eure Adreſſe nicht.“ „Stets Athos,“ dachte der Biſchof:„was gut iſt, iſt immer gut.“ „Ihr wißt nun, daß ich mich hier nicht zeigen kann, und daß die Königin immer etwas gegen mich hat.“ „Ja wohl, und ich wundere mich darüber.“ „Ah! das rührt von allerlei Gründen her... Doch gehen wir darüber weg... Ich bin genöthigt, mich zu verbergen; zum Glück begegnete ich d'Artag⸗ nan, einem von Euren ehemaligen Freunden, nicht wahr?“ „Einer von meinen gegenwärtigen Freunden.“ „Er gab mir Auskunft, er ſchickte mich zu Herrn von Baiſemeaur, dem Gouverneur der Baſtille.“ Aramis bebte, und ſeinen Augen entſtrömte in der Dunkelheit eine Flamme, die er vor ſeiner hellſe⸗ henden Freundin nicht verbergen konnte. „Herr von Baiſemeaux,“ ſagte er,„und warum ſchickte Euch d'Artagnan zu Herrn von Baiſemeaux?“ „Ahl’ ich weiß es nicht.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Biſchof, lalle ſeine geiſtigen Kräfte zuſammenraffend, um den Kampf würdig auszuhalten. 5 238 „Herr von Baiſemeaur war Euch verbunden, wie mir Herr d'Artagnan ſagte.“ „Das iſt wahr.“ „Und man weiß immer die Adreſſe eines Gläubi⸗ gers wie die eines Schuldners.“ „Das iſt abermals wahr. Und Baiſemeaux nannte Euch?“ „Saint⸗Mandé, wohin ich Euch einen Brief ſandte.“ „Ich habe ihn hier, und er iſt mir koſtbar, denn ich verdanke ihm das Vergnügen, Euch zu ſehen.“ Zufrieden, auf dieſe Art ohne Unglück über alle Schwierigkeiten dieſer zarten Auseinanderſetzung hin⸗ weggeſtreift zu ſein, athmete die Herzogin. Aramis athmete nicht. „Wir waren bei Eurem Beſuche bei Baiſemeaux,“ ſagte er. „Nein,“ entgegnete ſie lachend,„weiter.“ „Alſo bei Eurem Groll gegen die Königin⸗Mutter?“ „Noch weiter, noch weiter: wir ſind bei den Be⸗ ziehungen...“ Aramis raſch ab;„nun wohl, ich höre Euch voll Auf⸗ merkſamkeit.“ „Das iſt einfach,“ erwiederte die Herzogin, ihren Entſchluß faſſend. Ihr wißt, daß ich mit Herrn von Laicques lebe?“ „Ja, Madame.“— „Ein Quaſigatte?“ 8 „Man ſagt es.“ „In Brüſſel.“ „Ja. „Ihr wißt, daß meine Kinder zu Grunde gerichtet und geplündert worden ſind?“ „Ah! welch ein Jammer, Herzogin!“ zu leben, und beſonders, nicht zu vegetiren.“ „Das begreift ſich.“ „Die Ihr zu dem Franciscaner hattet,“ ſchnitt „Es iſt ſchändlich; ich mußte auf Mittel ſinnen, ichtet unen, 239 „Ich hatte Gehäſſigkeiten auszubeuten, Freund⸗ ſchaften zu dienen; ich hatte kein Anſehen, keine Be⸗ ſchützer mehr.“ „Ihr, die Ihr ſo viele Leute begünſtigt habt!“ ſagte Aramis mit mildem Tone. „Das iſt immer ſo, Chevalier. Ich ſah in dieſer Zeit den König von Spanien.“— „Ah!l“ „Der einen Jeſuiten⸗General ernannt hatte, wie es der Brauch iſt.“ „Ahl das iſt der Brauch?“ „Wißt Ihr es nicht?“ „Verzeiht, ich war zerſtreut.“ „Ihr müßt das in der That wiſſen, Ihr, der Ihr in einem ſo vertraulichen Verhältniß zu dem Fran⸗ ciscaner ſtandet.“ „Zu dem Jeſuiten⸗General, wollt Ihr ſagen.“ „Ganz richtig. Ich ſah alſo den Koͤnig von Spa⸗ nien. Er war wohlwollend gegen mich, konnte aber nicht viel für mich thun. Er empfahl mich indeſſen, mich und Laieques in Flandern und ließ mir eine Penſion auf die Fonds des Ordens ausſetzen.“ „Des Ordens der Jeſuiten?“ „Ja. Der General, das heißt der Franeiseaner wurde zu mir geſchickt.“ „Sehr gut.“ „Und da ich, damit die Sache in Ordnung ge⸗ bracht werden konnte, nach den Statuten des Ordens dafür angeſehen werden mußte, daß ich Dienſte leiſte.. Ihr wißt, daß dies die Regel iſt.“ „Ich wußte das nicht.“ 2 Frau von Chevreuſe hielt inne, um Aramis anzu⸗ ſchauen, aber es war finſtere Nacht. „Nun! das iſt die Regel,“ fuhr ſie fort.„Ich mußte alſo das Anſehen haben, als wäre ich von einigem Nutzen. Ich erklärte mich bereit, für den Orden zu reiſen, und man reihte mich unter die reiſenden Affi⸗ lijrten ein. Ihr begreift, daß dies ein Schein und eine Förmlichkeit war.“ „Vortrefflich.“ „So bezog ich meine ganz anſtändige Penſion.“ „Mein Gott, Herzogin, was Ihr mir da ſagt, iſt ein Dolchſtich für mich. Ihr genöthigt, eine Penſton von den Jeſuiten zu empfangen?“ „Nein, Chevalier, von Spanien.“. „Ohl abgeſehen vom Gewiſſensfall, Herzogin, müßt Ihr mir zugeſtehen, daß dies daſſelbe iſt.“ „Nein, nein, nicht ganz.“ „Aber von dem ſchönen Vermögen bleibt doch wohl „Es bleibt mir Dampierre, das iſt Alles.“ „Das iſt immer noch ſehr ſchön.“ „Ja, aber Dampierre mit Schulden, mit Hypo⸗ theken belaſtet, Dampierre ein wenig ruinirt wie die Eigenthümerin.“ „Und die Königin⸗Mutter ſieht dies Alles mit trockenem Auge an?“ verſetzte Aramis mit einem neu⸗ gierigen Blick, der jedoch nur der Finſterniß begegnete. „Ja, ſie hat Alles vergeſſen.“ „Ihr habt es, wie mir ſcheint, verſucht, wieder in Gnade zu kommen?“ „Ja, aber durch eine namenloſe Seltſamkeit erbt der kleine König die Antipathie, die ſein theurer Vater gegen meine Perſon hatte. Ahl Ihr werdet mir ſagen, ich ſei wohl eine von den Frauen, die man haſſe, leider gehöre ich nicht mehr zu denen, die man liebt.“ „Theure Herzogin, ich bitte, kommen wir geſchwinde auf das, was Euch hierher führt, denn ich glaube, daß 1 wir einander nützlich ſein können.“ „Ich dachte das auch. Ich kam alſo in einer dop⸗ pelten Abſicht nach Fontainebleau. Einmal wurde ich von dem Euch bekannten Franciscaner dahin berufen. ... Ahl ſagt mir, woher kanntet Ihr ihn? denn ich 241 habe Euch meine Geſchichte erzählt, und Ihr habt mir die Eurige nicht erzählt.“* „Ich war auf eine ſehr natürliche Weiſe mit ihm bekannt. Ich habe mit ihm Theologie in Parma ſtu⸗ dirt; wir waren Freunde geworden, doch bald hatten uns die Angelegenheiten, bald die Reiſen, bald der Krieg von einander getrennt.“ „Ihr wußtet, daß er Jeſuiten⸗General war?“ „Ich vermuthete es.“ „Doch durch welchen ſonderbaren Zufall kamet Ihr auch in den Gaſthof, wo ſich die reiſenden Affiliirten verſammelten?“ „Oh!“ erwiederte Aramis mit ruhigem Tone,„das iſt allerdings ein reiner Zufall. Ich begab mich zu Herrn Fouquet nach Fontainebleau, um eine Audienz beim König zu erhalten. Ich kam vorüber, ich war unbekannt; ich ſah am Wege den armen Sterbenden, ich erkannte ihn. Das Uebrige wißt Ihr, er verſchied in meinen Armen.“ „Ja, doch indem er Euch im Himmel und auf Erden eine ſo große Macht hinterließ, daß Ihr in ſei⸗ nem Namen unumſchränkte Befehle gabet.“ „Er ertheilte mir wirklich einige Aufträge.“ „Und für mich?“ „Ich habe es Euch geſagt. Die Ausbezahlung einer Summe von 12,000 Livres. Ich glaube Euch die nöthige Unterſchrift, um ſie zu beziehen, gegeben zu haben, Habt Ihr ſie nicht in Empfang genommen?“ „Doch, doch! Ahl mein lieber Prälat, Ihr er⸗ theilt Befehle mit einem ſo geheimnißvollen Weſen und mit einer ſo erhabenen Majeſtät, wie man mir geſagt hat, daß man Euch allgemein für den Nachfolger des verſtorbenen Hauptes hielt.“ Aramis erröthete vor Ungeduld. Die Herzogin fuhr fort: 2 „Ich habe mich hierüber beim König von Spanien erkundigt und er gab mir Aufklärung über meinen 242 Zweifel in dieſer Hinſicht. Jeder Jeſuiten⸗General iſt nach den Statuten des Ordens bei ſeiner Ernennung Spanier und muß dies ſein. Ihr ſeid nicht Spanier und der König von Spanien hat Euch nicht ernannt.“ Aramis erwiederte nur die Worte: „Ihr ſeht wohl, daß Ihr Euch irrtet, Herzogin, da Euch der König von Spanien dies geſagt hat.“ „Ja, lieber Aramis, doch ich dachte noch etwas Anderes.“ „Was denn?“ „Ihr wißt, daß ich ein wenig an Alles denke.“ „Ohl ja, Herzogin.“ „Ihr könnt Spaniſch?“ „Jeder Franzoſe, der ſeine Fronde gemacht hat, kann Spaniſch.“ „Ihr habt in Flandern gelebt?“ „Drei Jahre.“ „Ihr ſeid in Madrid geweſen?“ „Fünfzehn Monate.“ „Ihr ſeid alſo im Stande, in Spanien naturaliſirt zu werden, wann Ihr wollt.“ 3 „Glaubt Ihr?“ verſetzte Aramis mit einer Treu⸗ herzigkeit, durch die ſich die Herzogin täuſchen ließ. „Allerdings. Zwei Jahre Aufenthalt und Kennt⸗ niß der Sprache ſind unerläßliche Vorſchrift. Ihr habt ree und ein halbes Jahr... fünfzehn Monate zu viel.“. „Worauf zielt Ihr damit ab, liebe Freundin?„ „Hierauf: ich ſtehe gut mit dem König von Spa⸗ nien.“ „Ich ſtehe nicht ſchlecht mit ihm,“ dachte Aramis. „Soll ich von ihm für Euch die Verlgſſenſchaft 1 des Franciscaners verlangen?“ 8 „Ohl Herzogin!“ „Ihr habt ſie vielleicht?“ „Nein, bei meinem Wort.“ 8 1„Wohl! ich kann Euch einen Dienſt leiſten.“ * v. „Warum habt Ihr ihn nicht Herrn von Laicques geleiſtet, Herzogin. Das iſt ein Mann voll Talent, den Ihr liebt.“ 4 „Ja, gewiß; aber es hat ſich nicht geſchickt. Antwortet mir jedoch, Laieques oder nicht Laieques, wollt Ihr?“ „Herzogin nein, ich danke.“ Sie ſchwieg. „Er iſt ernannt,“ dachte ſie. „Wenn Ihr mich ſo zurückweiſt, ermuthigt Ihr mich nicht, etwas von Euch für mich zu fordern,“ ſprach Frau von Chevreuſe. „Oh! fordert immerhin.“ „Fordern!.. Ich kann es nicht, wenn Ihr nicht die Macht habt, zu bewilligen.“ „Fordert, ſo wenig ich auch vermag.“ „Ohl eine runde Summe.“ 4 „Das iſt ſchlimm... Ihr wißt, daß ich nicht reich bin.“ 3 „Ihr, nein, aber der Orden. Wäret Ihr General geweſen...“ „Ihr wißt, daß ich nicht General bin.“ „Dann habt Ihr einen Freund, der reich ſein muß: Herr Fouquet?“ „Herr Fouquet! Madame, er iſt mehr als zur Hälfte zu Grunde gerichtet.“ 1 „Man ſagte es und ich wollte es nicht glauben.“ „Warum nicht, Herzogin?“ „Weil ich vom Cardinal Mazarin einige Briefe habe, nämlich Laicques hat ſie, welche ſeltſame Rech⸗ nungen begründen.“ „ für Rechnungen?“ „Ueber verkaufte Renten, gemachte Anlehen, ich erinnere mich nicht mehr genau. Immerhin ſtellte ſich heraus, daß der Unterintendant nach den von Mazarin unterzeichneten Briefen etliche und dreißig Millionen 2 3 8. „* aus den Staatskaſſen bezogen hätte. Der Fall iſt wichtig.“ Aramis drückte ſich die Nägel in ſeine Hand. „Wie!“ ſagte er,„Ihr beſitzt ſolche Briefe und Ihr habt ſie Herrn Fouguet nicht mitgetheilt?“ „Ah!“ erwiederte die Herzogin,„dergleichen Dinge behält man ſich in Reſerve. Kommt der Tag des Be⸗ dürfniſſes, ſo zieht man ſie aus dem Schrank.“ „Und der Tag des Bedürfniſſes iſt gekommen?“ fragte Aramis. „Ja, mein Theurer.“ „Und Ihr wollt die Briefe Herrn Fouquet zeigen?“ „Ich will lieber mit Euch davon ſprechen.“ „Ihr müßt ſehr nothwendig Geld brauchen, arme Freundin, daß Ihr an dergleichen Dinge denkt, Ihr, die Ihr die Proſa von Herrn von Mazarin ſo gering ſchätztet.“ .„Ich brauche in der That Geld.“ „ und dann,“ fuhr Aramis mit kaltem Tone fort, „und dann muß es Euch ſelbſt ſchmerzlich geweſen ſein, zu dieſem Mittel greifen zu ſollen. Es iſt grauſam.“ „Oh! wenn ich das Schlimme und nicht das Gute hätte thun wollen,“ entgegnete Frau von Chevreuſe, „ſo würde ich ſtatt von dem Ordens⸗General, oder von Herrn Fouquet die fünfmal hunderttauſend Livres zu verlangen, die ich brauche..“ „Fünfmal hunderttauſend Livres?“ „Nicht mehr. Findet Ihr das viel? Es iſt we⸗ nigſtens ſo viel erforderlich, um Dampierre wiederher⸗ 3 zuſtellen.“ 4 „Ja, Madame.“ „Ich ſage alſo, ſtatt dieſe Summe auf die ge⸗ 1 nannte Art zu verlangen, würde ich meine alte Freun⸗ din die Königin⸗Mutter aufgeſucht haben; die Briefe ihres Gatten, des Signor Mazarini hätten mir zur Einführung gedient; ich hätte die Bagatelle von ihr gefordert und zu ihr geſagt:„„Madame, ich wünſchte . e. die Ehre zu haben, Euch in Dampierre zu empfangen; erlaubt mir, Dampierre in Stand zu ſetzen.“ Aramis erwiederte nicht ein Wort. „Nun,“ ſagte die Herzogin,„woran denkt Ihr?“ „Ich mache Additionen.“. „Und Herr Fouquet Subtractionen. Ich verſuche es, zu multipliciren. Was für ſchöne Rechner ſind wir, wie könnten wir uns verſtändigen!“. „Wollt Ihr mir erlauben, zu überlegen?“ „Nein, bei einer ſolchen Eröffnung unter Leuten, wie wir ſind, muß man ja oder nein antworten, und zwar auf der Stelle.“ 1 „Das iſt eine Falle,“ dachte der Biſchof,„eine ſolche Frau kann unmöglich bei Anna von Oeſterreich Gehör finden.“ „Nun?“ fragte die Herzogin. „Madame, es würde mich ſehr wundern, wenn Herr Fouquet zu dieſer Stunde über fünfmal hunderttauſend Livres zu verfügen vermöchte.“ „Sprechen wir alſo nicht mehr davon, Dampierre 3 wird reſtaurirt werden, wie es eben geht.“ „Ohl ich denke, Ihr ſeid nicht in dieſem Grade in Verlegenheit.“ „Nein, ich bin nie in Verlegenheit.“ „Und die Königin wird gewiß für Euch das thun, was der Herr Oberintendant nicht thun kann,“ fuhr Aramis fort. „Oh! ja wohl... Sagt mir, Ihr wollt vielleicht nicht, daß ich ſelbſt mit Herrn Fouquet von dieſen Brie⸗ ffeen ſpreche?“ 1„Ihr werdet in dieſer Hinſicht thun, was Euch be⸗ liebt, Herzogin; doch Herr Fouquet fuͤhlt ſich ſchuldig oder er fühlt ſich nicht ſchuldig; iſt er es, ſo kenne ich ihn als ſtolz genug, um es nicht zuzugeſtehen; iſt er es nicht, ſo wird er dieſe Drohung ſehr üͤbel aufnehmen.“ „Ihr urtheilt immer wie ein Engel,“ ſprach die Herzogin.— Und ſie erhob ſich. „Ihr wollt alſo Herrn Fouquet der Koönigin an⸗ zeigen,“ ſagte Aramis. „Anzeigen 1. oh! das abſcheuliche Wort! Ich werde nicht anzeigen, mein theurer Freund; Ihr kennt die Politik zu gut, um nicht zu wiſſen, wie man die Dinge vollführt, ich werde nur einfach gegen Herrn Fouquet Partei ergreifen.“ „Wie billig!“ „Und in einem Partsifriag iſt eine Waffe eine Waffe.“ „Allerdings.“ 1 „Bin ich einmal mit der Königin wieder verſöhnt, ſo kann ich gefährlich ſein.“ „Das iſt richtig, Herzogin.“ „Ich werde davon Gebrauch machen, mein theurer Freund.“. „Es iſt Euch nicht unbekannt, daß Herr Fouquet auf das Beſte mit dem König von Spanien ſteht, Her⸗ zogin?“ Ohl ich vermuthe es.“ „Führt Ihr einen Parteikrieg, wie Ihr ſagt, ſo wird Herr Fouquet einen andern gegen Euch führen.“ „Ah! was wollt Ihr?“ „Nicht wahr, das wird auch ſein Recht ſein?“ „Gewiß.“ „Und da er gut mit Spanien ſteht, ſo wird er ſich eine Waffe aus dieſer Freundſchaft machen.“ „Damit wollt Ihr ſagen, er werde auch gut mit dem Jeſuiten⸗General ſtehen, mein lieber Aramis?“ „Das kann ſo kommen, Herzogin.“ „Und man werde mir dann die Penſion entziehen, die ich von dorther genieße?“ „Ich befürchte es.“ „Mann wird ſich tröſten. Ei! mein Lieber, nach Richelieu, nach der Fronde, nach der Verbannung, was hat Frau von Chevreuſe da noch zu befürchten?“ b ſteckte, wo er ein Stilett verborgen hatte. zigtauſend Livres.“ „Ach! ich weiß es wohl!“ „Mehr noch, wenn man Parteikrieg führt, ſchlägt man, wie Euch nicht unbekannt iſt, auf die Freunde des Feindes.“ „Ahl Ihr meint, man werde über den armen Laic⸗ ques herfallen.“ „Das iſt beinahe unvermeidlich, Herzogin.“ „Ohl er bezieht nur zwölftauſend Livres Penſion.“ „Ja, aber der König von Spanien hat Gewicht, von Herrn Fouquet berathen, kann er Herrn Laicques in irgend eine Feſtung einſperren laſſen.“ „Ich befürchte das nicht ſehr, mein guter Freund, weil ich es nach einer Ausſöhnung mit Anna von Oeſterreich dahin bringen werde, daß Frankreich die Freilaſſung von Laieques verlangt.“ „Das iſt wahr. Dann werdet Ihr etwas Anderes zu befürchten haben.“ 1 „Was denn?“ fragte die Herzogin Erſtaunen und Schrecken heuchelnd. „Ihr werdet wiſſen und wißt, daß man, einmal beim Orden affiliirt, nicht mehr ohne Schwierigkeiten herauskommt. Die Geheimniſſe, die man ergründen konnte, ſind ungeſund, ſie tragen den Keim des Unglücks für Jeden, der ſie offenbart, in ſich.“ Die Herzogin dachte einen Augenblick nach. „Das iſt ernſter,“ ſagte ſie,„ich werde hierauf be⸗ dacht ſein.“ Und trotz der tiefen Dunkelheit fühlte Aramis einen Blick ſo brennend wie glühendes Eiſen aus den Augen ſeiner Freunden hervorzucken, um in ſein Herz einzu⸗ dringen. „Recapituliren wir,“ ſagte Aramis, der nun auf ſeiner Hut war und ſeine Hand unter ſein Wamms „Die Penſion beträgt, wie Ihr wißt, acht und vier⸗ 248 „Wohl, recapituliren wir: gute Rechnungen machen gute Freunde.“ 8 „Die Entziehung Eurer Penſion..“ „Acht und vierzigtauſend Livres, und die von Laic⸗ aues zwoͤlf, thut ſechzigtauſend Livres, nicht wahr, das iſt es, was Ihr wollt?“ „Ganz richtig, und ich ſuche das Gegengewicht, das Ihr hiefür findet.“ „Fünfmal hundert tauſend Livres, die ich von der Königin bekommen werde.“ „Oder die Ihr nicht bekommen werdet.“ „Ich kenne das Mittel, ſie zu bekommen,“ entgeg⸗ nete unbeſonnener Weiſe die Herzogin. Dieſe Worte machten den Chevalier die Ohren ſpitzen. Von dieſem Fehler ſeiner Gegnerin an war ſein Geiſt ſo ſehr auf der Hut, daß er immer Nutzen zog und ſie folglich den Vortheil verlor. 3„Ich nehme an, Ihr bekommet das Geld,“ ſagte er, „Ihr werdet dabei das Doppelte verlieren, indem Ihr hundert tauſend Franken Penſion zu beziehen habt ſtatt ſechzigtauſend, und dies zehn Jahre lang.“ „Nein, denn ich werde dieſe Verminderung meines Einkommens nur während der Dauer des Miniſteriums von Herrn Fouquet zu erdulden haben: dieſe Dauer ſchlage ich aber auf zwei Monate an.“ „ Ah!l“ machte Aramis. „Ich bin offenherzig, wie Ihr ſeht.“— „ Ich danke Euch, Herzogin, doch Ihr hättet Un⸗ recht, wolltet Ihr annehmen, wenn Herr Fouquet in Ungnade gefallen, werde der Befehl, Euch Eure Pen⸗ ſion zu bezahlen, erneuert werden.“ G „Ich kenne das Mittel, den Befehl auszuwirken, wie ich das Mittel kenne, die Königin Mutter contribuiren zu machen.“ „Euch zu ſtreichen. Cuch der Sieg! Euch der Triumph! Ich bitte Euch, ſeid milde! Blaſet, Trompeter!”“ * „Dann ſind wir Alle gezwungen, die Flagge vor „Wie iſt es möglich,“ erwiederte die Herzogin, ohne auf die Ironie Achtung zu geben,„wie iſt es möglich, daß Ihr vor fünfmal hundert tauſend Livres zu⸗ aic⸗ rückweichet, während es ſich darum handelt, Euch, ich will das ſagen, Eurem Freunde, verzeiht, Eurem Beſchützer eine . Unannehnlichkeit zu erſparen, wie die, welche einen Par⸗ icht, teikrieg veranlaßt?“ „Herzogin, ich will Euch erklären, warum: weil der nach den fünfmal hundert tauſend Livres Herr Laicques ſeinen Theil verlangen wird, der ſich dann auch wohl auf fünfmal hundert tauſend Livres belaufen muß, nicht geg⸗ wahr? weil nach dem Theil von Herrn Laicques und dem Eurigen der Theil von Euren Kindern, von Euren Ar⸗ hren men, von aller Welt kommen wird, und weil Briefe, war ſo ſehr ſie auch compromittiren möͤgen, nicht drei bis tzen vier Millionen werth ſind. Wahrhaftiger Gott, Her⸗ zogin, die Neſtelſtifte der Königin von Frankreich waren zer, mehr werth, als die von Mazarin unterzeichneten Fetzen, und dennoch koſteten ſie, um ſie zu erobern, nicht den ſtatt vierten Theil von dem, was Ihr für Euch verlangt.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr, doch der Kaufmann ines ſchlägt ſeine Waare nach ſeinem Belieben an. Es iſt ums die Sache des Käufers, ſie zu erwerben oder ſie zurück⸗ auer zuweiſen.“ „Höret, Herzogin, ſoll ich Euch ſagen, warum ich Eure Briefe nicht kaufen werde?“ „Sprecht.“ lin„ure Briefe von Mazarin find falſch.“ t in eht doch.“ Ben⸗„Allerdings, denn es wäre zum Mindeſten ſeltſam, daß Ihr, die Ihr mit der Königin durch Mazarin entzweit, liren mit dem letzteren einen vertrauten Verkehr unterhalten hliättet; das röche nach Leidenſchaft, nach Späherei, nach vor. genug, ich will das Wort nicht ſagen.“. nph!„Sagt es immerhin.“ „Nach Gefälligkeit.“ Die drei Musketiere. Bragelonne VI. 17 250 „Dies Alles iſt wahr; doch nicht minder wahr iſt das, was ſich in dem Briefe findet.“ „Herzogin, ich ſchwöre Euch, daß Ihr das nicht bei der Königin benützen könnt.“ „Ohl doch, ich kann Alles bei der Königin be⸗ nützen.“ „Gut,“ dachte Aramis;„ſinge doch, Specht, ziſche doch, Schlange.“ Die Herzogin hatte aber genug geſprochen; ſie machte zwei Schritte gegen die Thüre. Aramis bewahrte ihr noch eine Unannehmlichkeit... die Verwünſchung, die der Sklave hinter dem Wagen des Triumphators hören läßt. Er läutete. Es erſchienen Kerzen im Salon. Da ſtand der Biſchof in einem Kreiſe von Lichtern, die auf das entſtellte Geſicht der Herzogin glänzten. Aramis heftete einen langen ironiſchen Blick auf dieſe bleichen, vertrockneten Wangen, auf dieſe Augen, aus denen der Funke unter kahlen Lidern hervorſprang, auf dieſen Mund, deſſen Lippen geſchwärzte, ſpärliche Zähne ſorgfältig verſchloßen.. Er gab ſich Mühe, ſeinem reinen, nervigen Bein, ſeinem leuchtenden, ſtolzen Kopf eine anmuthige Haltung zu geben; er lächelte, um Zähne erſcheinen zu laſſen, die im Lichte noch einen gewiſſen Glanz hatten. Die gealterte Coquette begriff den galanten Spötter; ſie ſtand gerade vor einem großen Spiegel, wo ihre ganze, ſo ängſtlich verborgene Hinfälligkeit klar und deutlich durch den Contraſt hervortrat. Ohne Aramis, der ſich geſchmeidig und liebens⸗ würdig wie der Musketier von einſt verbeugte, nur zu grüßen, ging ſie dann mit ſchwankendem und durch die Haſt ungelenkem Schritt weg⸗ Aramis glitt wie ein Zephir über den Boden hin, um ſie bis zur Thüre zu führen. 4 Frau von Chevreuſe machte ihrem großen Lackei, ——, —— S—c⸗ SE 2 -S n—&— 48 25⁵1¹ der den Mousqueton wieder aufnahm, ein Zeichen, und ſie verließ dieſes Haus, wo zwei ſo zärtliche Freunde fcfnict verſtändigt hatten, weil ſie ſich zu gut be⸗ griffen. XXVII. Worin man ſieht, daß ein Handel, der ſich nicht mit dem Einen abſchließen läßt, mit dem Andern abgeſchloſſen werden kann. Aramis hatte richtig errathen, kaum aus dem Hauſe der Place Baudoyer weggegangen, ließ ſich die Frau Herzogin von Chevreuſe in ihre Wohnung führen. Sie befürchtete ohne Zweifel, man würde ihr fol⸗ gen, und ſuchte ſo ihrem Gange ein unſchuldiges Anſehen zu geben; doch ſie war nicht ſobald in ihrem Hotel und ſicher, daß ihr Niemand folgte, um ſie zu beunruhigen, als ſie die Gartenthüre öffnen ließ, die auf eine andere Straße führte, und ſich nach der Rue Croix⸗des⸗Petits⸗ Ghamds begab, wo Herr Colbert wohnte. ir haben geſagt, es ſei Abend geworden, wir hät⸗ ten ſagen müſſen, es ſei Nacht, finſtere Nacht gewor⸗ den; zu ſeiner Ruhe zurückgekehrt, verbarg Paris in ſeinem nachſichtigen Schatten die edle Herzogin, die ihre Intrigue ſpielte, und die einfache Bürgersfrau, die ſich bei einem Abendbrod in der Stadt verſpätet hatte und am Arm eines Liebhabers den längſten Weg nahm, um in die eheliche Wohnung zurückzukehren. Frau von Chevreuſe war zu ſehr an die nächtliche Politik gewöhnt, 3” zu wiſſen, daß ein Miniſter ———-—— 2 252 ſich nie in ſeinem Hauſe vor den jungen und ſchönen br Damen, die den Staub der Bureaux fürchten, und vor u1 den alten ſehr unterrichteten Damen, die vor dem in⸗ ſie discreten Echo der Miniſterien bange haben, verbirgt. ſp . Ein Bedienter empfing die Herzogin unter dem be 8 Säulengang, und, verſchweigen wir es nicht, er empfing E. ſie ziemlich ſchlecht. Dieſer Menſch erklärte ihr ſogar, nachdem er ihr Geſicht geſehen, zu einer ſolchen Stunde pl und bei einem ſolchen Alter ſtöre man Herrn Colbert R nicht bei ſeiner letzten Arbeit. Doch ohne ärgerlich zu werden, ſchrieb Frau von du Chevreuſe auf ein Blatt ihres Taſchenbuchs ihren Na⸗ ge men, einen lärmenden Namen, der ſo oft unangenehm 11 in den Ohren von Ludwig XIII. und dem alten Cardi⸗ de nal geklungen hatte. F. Sie ſchrieb dieſen Namen mit der großen plumpen 3 Schrift der vornehmen Herren jener Zeit, legte das Papier auf eine ihr eigenthümliche Weiſe zuſammen Y 6 und übergab es dem Bedienten, ohne ein Wort beizu⸗ ¹ ffügen, doch mit einer ſo gebieteriſchen Miene, daß dieſer un Burſche, gewohnt, ſeine Leute zu wittern, die Prinzeſſin roch, den Kopf beugte und zu Herrn Colbert lief. S Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Miniſter einen zu kleinen Schrei ausſtieß, als er das Papier öffnete, und daß der Diener, den dieſer Schrei hinreichend unterrich⸗ d. tete, welche Rückſicht er auf den geheimnißvollen Be⸗ 3 n zu nehmen habe, eiligſt zu der Herzogin zurück⸗ ehrte. Sie ſtieg ziemlich ſchwerfällig den erſten Stock w 1 des ſchönen neuen Hauſes hinauf, raſtete einen Augen⸗ blick auf dem Ruheplatz, um nicht athemlos einzutre⸗ ten, und erſchien vor Herrn Colbert, der ſelbſt die in Flügel ſeiner Thüre offen hielt. 1 Die Herzogin blieb auf der Schwelle ſtehen, um ſo den, mit welchem ſie es zu thun hatte, wohl anzu⸗ di ſchauen. i Der runde, ſchwere, nis ai die großen Augen⸗ „ 25³ brauen, die widerwärtige Miene dieſes durch eine Platt⸗ mütze, wie ſie die Prieſter tragen, niedergedrückten Ge⸗ ſichtes, kurz das Geſammtweſen von Herrn Colbert ver⸗ ſprach der Herzogin von Anfang wenig Schwierigkeiten bei den Unterhandlungen, aber auch wenig Intereſſe bei Erörterung der Artikel. Denn es hatte nicht den Anſchein, als wäre dieſe plumpe Natur empfindlich für die Reize einer raffinirten Rache oder eines verletzten Ehrgeizes. Als aber die Herzogin mehr von Nahem die kleinen, durchdringenden ſchwarzen Augen, die der Länge nach gehende Falte der gewölbten ernſten Stirne, das un⸗ merkliche Zuſammenziehen dieſer Lippen ſah, auf denen der große Haufe Gutmüthigkeit erblickte, da veränderte Frau von Chevreuſe ihre Anſicht und konnte ſich ſagen: Ich habe meinen Mann gefunden. 4 „Was verſchafft mir die Chre Eures Beſuches, Madame?“ fragte der Intendant der Finanzen. „Der Umſtand, daß ich Eurer bedarf, mein Herr, und daß Ihr meiner bedürft,“ antwortete die Herzogin. „Ich ſchätze mich glücklich, den erſten Theil Cures Satzes vernommen zu haben, Madame, was aber den zweiten betrifft...“ 3 3 Frau von Chevreuſe ſetzte ſich in das Fauteuil, das ihr Colbert vorſchob. „Herr Colbert, Ihr ſeid Intendant der Finanzen?“ „Ja, Madame.“ „Und Ihr trachtet darnach, Oberintendant zu werden?“ „Madame!“ „Leugnet es nicht; es würde unſere Unterredung in die Länge ziehen, und das iſt unnöthig.“ „Madame, ſo ſehr ich auch voll guten Willens, ſogar voll Artigkeit gegen eine Dame von Eurem Ver⸗ dienſte bin, ſo wird mich doch nichts geſtehen machen, ich ſuche meinen Oberen von ſeiner Stelle zu vertreiben.“ „Ich habe scg Vertreiben geſprochen, Herr 254 Colbert. Sollte ich zufällig dieſes Wort geſagt haben? Das Wort erſetzen iſt weniger angreifend und gram⸗ matiſch ſchicklicher, wie Herr von Voiture ſagte. Ich behaupte alſo, Ihr ſtrebet darnach, Herrn Fouquet zu, erſetzen.“ „Madame, das Glück von Herrn Fouquet ge⸗ hört zu denjenigen, welche widerſtehen; der Herr Oberin⸗ tendant ſpielt in dieſem Jahrhundert die Rolle des Koloſſen von Rhodus: die Schiffe fahren unter ihm hin und ſtürzen ihn nicht nieder.“ „Ich hätte mich genau dieſer Vergleichung be⸗ dient. Ja, Herr Fouquet ſpielt die Rolle des Koloſſen von Rhodus; doch ich erinnere mich, Herrn Conrart— ein Akademiker, glaube ich— erzählen gehört zu ha⸗ ben, als der Koloß gefallen, habe ein Kaufmann, der ihn niederwerfen ließ— ein einfacher Kaufmann, Herr Colbert,— vier hundert Kameele mit den Trümmern bpeladen. Ein Kaufmann! das iſt doch bedeutend weni⸗ ger ſtark, als ein Intendant der Finanzen.“ „Madame, ich kann Euch verſichern, daß ich Herrn Fouquet nie niederwerfen werde.“ „Wohl, mein Herr Colbert, da Ihr hartnäckig Empfindſamkeit gegen mich ſpielt, als ob Ihr nicht wüßtet, daß ich Frau von Chevreuſe heiße, und daß ich alt bin, das heißt, daß Ihr es mit einer Frau zu thun habt, die mit Herrn von Richelieu Politik getrie⸗ ben und keine Zeit zu verlieren hat; da Ihr, ſage ich, dieſe Unklugheit begeht, ſo will ich verſtändigere Leute aufſuchen, die es mehr drängt, Glück zu machen.“ „Worin, Madame, worin?“ „Ihr gebt mir einen armſeligen Begriff von den Unterhandlungen, wie ſie heutigen Tages betrieben werden, mein Herr. Ich ſchwöre Euch, daß, wenn zu meiner Zeit eine Frau Herrn von Cinq⸗Mars aufge⸗ ſucht hätte, der doch kein großer Geiſt war, ich ſchwoͤre Euch, daß, wenn ſie ihm über den Cardinal geſagt hätte, was ich Euch über Herrn F et geſagt habe, Herr * „ 2 1A NN 8NI=N 18 8 255⁵ von Eing⸗Mars zu dieſer Stunde das Eiſen ſchon in's Feuer geſteckt haben würde.“ 1 „Oh! Madame, habt ein wenig Nachſicht.“ „Ihr willigt alſo ein, Herrn Fouquet zu erſetzen?“ „Wenn der Konig Herrn Fouguet entläßt, ja, gewiß.“ „Abermals ein Wort zu viel; es iſt klar, daß Ihr, wenn Ihr Herrn Fouquet noch nicht fortjagen gemacht habt, das nicht habt machen können. Ich wäre auch nur ein albernes Thier, wenn ich zu Euch käme, ohne Euch zu bringen, was Euch fehlt.“ „Ich bin troſtlos, hiebei beharren zu müſſen, Ma⸗ dame,“ erwiederte Colbert nach einem Stillſchweigen, das der Herzogin die ganze Tiefe ſeiner Verſtellung zu ſondiren geſtattete,„aber ich muß Euch bemerken, daß ſich ſeit ſechs Jahren Anzeigen auf Anzeigen gegen Herrn Fougnet folgen, ohne daß je die Lage von Herrn Fouquet verrückt worden iſt.“ „Alles hat ſeine Zeit, Herr Colbert; diejenigen, welche dieſe Anzeigen machten, hießen nicht Frau von Chevreuſe, und ſie hatten keine Beweiſe von gleichem Werthe, wie ſechs Briefe von Herrn von Mazarin, die das Vergehen, um das es ſich handelt, begründen.“ „Das Vergehen!“ „Das Verbrechen, wenn Ihr lieber wollt.* „Ein Verbrechen! von Herrn Fouquet begangen?“ „Nichts Anderes! Ah! es iſt ſeltſam, ich ſehe Euch, der Ihr ein ſo kaltes und nichts beſagendes Ge⸗ ſicht habt, ganz erleuchtet.“ „Ein Verbrechen!“ „Ich bin entzückt, daß dies einige Wirkung auf Euch hervorbringt,“ 4 „Ohl dieſes Wort ſchließt ſo viel Dinge in ſich, Madame.“ „s ſchließt das Patent eines Oberintendanten der Finanzen für Euch, und die Verbannung oder Mie Baſtille für Herrn Fouquet in ſich.“ 25⁵6 „Verzeiht, Frau Herzogin, es iſt beinahe unmög⸗ lich, daß Herr Fouquet verbannt, eingekerkert wird, in Ungnade fällt!“ „Oh! ich weiß, was ich ſage,“ erwiederte Frau von Chevreuſe mit kaltem Tone.„Ich lebe nicht ſo weit von Paris entfernt, daß ich nicht wüßte, was vorgeht. Der König liebt Herrn Fouquet nicht, und er wird Herrn Fouquet gern zu Grunde richten, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt.“ „Die Gelegenheit muß gut ſein.“ „Ziemlich gut. Es iſt auch eine Gelegenheit, die ich zu fünfmal hunderttauſend Livres anſchlage.“ „Wie ſo?“ „Ich will damit ſagen: da ich dieſe Gelegenheit in meinen Händen habe, ſo werde ich ſte in die Euri⸗ gen nur für eine Gegenleiſtung von fünfmal hundert⸗ kauſend Livres übergehen laſſen.“ „Sehr gut, Madame, ich begreife. Da Ihr aber einen Preis für den Verkauf feſtſtellt, ſo laßt den zu verkaufenden Werth ſehen.“ „Ohl eine Kleinigkeit. Sechs Briefe, wie ich Euch geſagt, von Herrn von Mazarin; eigenhändige Briefe, welche ſicherlich nicht zu theuer wären, wenn ſie auf eine unverwerfliche Weiſe herausſtellten, Herr Fouquet habe bedeutende Summen vom königlichen Schatz unter⸗ ſchlagen, um ſie ſich zuzueignen.“ „Auf eine unverwerfliche Weiſe, Madame?“ ſagte Colbert, deſſen Augen vor Freude glänzten. „Unverwerflich; wollt Ihr die Briefe leſen?“ „Von Herzen gern! die Abſchriften, wohlverſtanden.“ „Wohlverſtanden, ja.“ Die Frau Herzogin zog aus ihrem Buſen ein kleines, durch den ſammetenen Schnürleib geplattetes Bündel und ſprach: „Leſet.“. Colbert warf ſich gierig auf dieſe Papiere und las ſie. 4 da du no ein tes — 257 „Vortrefflich!“ rief er.. „Nicht wahr, das iſt ziemlich klar?“ „Ja, Madame, ja, Herr Mazarin hätte Herrn Fouquet Geld übergeben, und dieſer hätte es behalten, aber was für Geld?“. „Ah! was für Geld! wenn wir mit einander unterhandeln, füge ich dieſen ſechs Briefen einen ſieben⸗ ten bei, der Euch die letzte Auskunft geben wird.“ Colbert dachte nach. „Und die Originalien der Briefe?“ „Eine unnöthige Frage. Das iſt, als fragte ich Euch, Herr Colbert, ob die Geldſäcke, die Ihr mir ge⸗ ben werdet, leer oder voll ſeien.“ „Sehr gut, Madame.“ „Iſt dies abgeſchloſſen?“ „Nein.“ „Es gibt ein Ding, an das wir beide nicht ge⸗ dacht haben.“ „Nennt es mir.“ „Herr Fouquet kann bei dieſer Gelegenheit nur durch ihan Prozeß zu Grunde gerichtet werden.“ „Ja.“ „Durch ein öffentliches Aergerniß.“ „Ja. Nun?“ „Man kann ihm weder den Prozeß anhängen, noch das Aergerniß bereiten.“ „Warum nicht?“ „Weil er Generalanwalt beim Parlament iſt; weil Alles in Frankreich, Adminiſtration, Armee, Juſtiz, Handel durch eine Kette von Wohlwollen, die man Corpsgeiſt nennt, mit einander in Verbindung ſteht. So wird es das Parlament nie dulden, daß ſein Chef vor ein Tribunal geſchleppt wird. Nie wird man ihn verurtheilen, ſollte er durch einen königlichen Macht⸗ ſpruch vor das Gericht geſtellt werden.“ 258 „Ah! meiner Treue, Herr Colbert, das geht mich nichts an.“ „Ich weiß es, doch das geht mich an, und dies vermindert den Werth deſſen, was Ihr mir bringt. Wozu kann mir der Beweis eines Verbrechens ohne die Möglichkeit einer Verurtheilung nützen?“ „Nur verdächtigt, wird Herr Fouquet ſeine Stelle als Oberintendant verlieren.“ „Das iſt etwas Großes,“ rief Colbert, deſſen dü⸗ ſtere Züge plötzlich in einem leuchtenden Ausdruck von Haß und Nache erglänzten. „Ah! ah! Herr Colbert,“ ſagte die Herzogin,„ich wußte nicht, daß Ihr ſo empfänglich für Eindrücke ſeid. Gut, ſehr gut. Da Ihr mehr braucht, als ich habe, ſo wollen wir nichts mehr ſprechen.“ „Im Gegentheil, Madame, ſprechen wir immer⸗ hin. Nun, da Eure Werthe geſunken ſind, vermindert auch Eure Anſprüche.“ „Ihr handelt?“ „Das iſt eine Nothwendigkeit für Jeden, der red⸗ lich bezahlen will.“ „Wie viel bietet Ihr?“ „Zweimal hunderttauſend Livres.“ Die Herzogin lachte ihm in's Geſicht. Dann ſagte ſie plötzlich: „Wartet.“ „Ihr willigt ein?“ „Noch nicht. Ich habe eine andere Combination.“ „Sprecht.“ 3 „Ihr gebt mir dreimal hunderttauſend Livres.“ „Nein! nein!“ „Oh! Ihr könnt es thun oder bleiben laſſen... und dann iſt das nicht Alles.“ „Noch mehr? Ihr werdet unmöglich, Frau Her⸗ zogin“ ich von GEuch verlange.“ 4 „Weniger, als Ihr glaubt, es iſt nicht Geld, was —— 259 „Was denn?“ „Ein Dienſt; Ihr wißt, daß ich die Königin ſtets zärtlich geliebt habe.“ „Nun!“ „Ich will eine Zuſammenkunſt mit Ihrer Maje⸗ ſtät haben!“ „Mit der Königin?“ „Ja, Herr Colbert, mit der Königin, die aller⸗ dings nicht mehr meine Freundin iſt, und zwar ſeit geraumer Zeit, die es aber wieder werden kann, wenn man Gelegenheit dazu bietet.“ „Ihre Majeſtät empfängt Niemand mehr, Ma⸗ dame. Sie leidet ſehr. Ihr wißt nicht, daß die An⸗ fälle ihres Uebels ſich häufiger wiederholen.“ „Gerade darum wünſche ich eine Zuſammenkunft mit Ihrer Majeſtät zu erhalten. Stellt Euch vor, daß wir in Flandern viele dergleichen Krankheiten haben.“ „Krebſe! eine gräßliche, unheilbare Krankheit!“ „Glaubt das nicht, Herr Colbert. Der flämiſche Bauer iſt ein wenig Naturmenſch. Er hat nicht ge⸗ rade eine Frau, er hat ein Weibchen.“ „Nun, Madame?“ „Nun, Herr Colbert, während er ſeine Pfeife raucht, arbeitet die Frau; ſie ſchöpft Waſſer aus dem Brunnen, ſie belaſtet das Maulthier oder den Eſel, ſie beladet ſich ſelbſt. Da ſie ſich wenig ſchont, ſo ſtößt ſte da und dort an, häufig wird ſie ſogar geſchlagen. Ein Krebs kommt von einer Quetſchung.“ „Das iſt wahr.“ „Die Flamänderinnen ſterben deshalb nicht. Leiden ſie ſehr, ſo ſuchen ſie das Heilmittel auf. Und die Beguinen von Brügge ſind bewunderungswürdige Aerzte für alle Krankheiten. Sie haben koſtbare Waſſer, ört⸗ liche und ſpeeifiſche Heilmittel, ſie geben den Kranken ein Fläſchchen und eine Kerze, ziehen Vortheil aus der Geiſtlichkeit, und dienen Gott durch die Ausbeutung ihres doppelten Handels. Ich werde alſo der Königin das 260 Waſſer des Beguinenkloſters von Brügge bringen. Ihre Majeſtät wird geneſen und ſo viele Kerzen verbrennen, als es ihr gut dünkt. Ihr ſeht, Herr Colbert, daß mich verhindern, die Königin zu ſehen, beinahe das Verbrechen des Königsmords iſt.“ „Frau Herzogin, Ihr ſeid eine Dame von zu viel Geiſt, Ihr bringt mich ganz in Verwirrung; ich ſehe indeſſen, daß dieſer großen Liebe für die Königin noch ein kleines perſönliches Intereſſe zu Grunde liegt.“ „Gebe ich mir Mühe, es zu verbergen, Herr Col⸗ bert? Ihr habt, glaube ich, geſagt, ein kleines perſön⸗ liches Intereſſe? Erfahrt, daß es ein großes iſt, und ich werde es Euch beweiſen, indem ich mich zuſammen⸗ faſſe. Verſchafft Ihr mir Eintritt bei Ihrer Majeſtät, ſo begnüge ich mich mit den beanſpruchten dreimal hundert tauſend Livres; wenn nicht, ſo behalte ich meine Briefe, gebt Ihr mir nicht auf der Stelle fünfmal hundert tauſend Livres.“ Nach dieſem entſcheidenden Worte ſtand die alte Herzogin auf und ließ Herrn Colbert in einer unange⸗ nehmen Verlegenheit. Noch einmal handeln war unmöglich geworden, nicht mehr handeln hieß zu viel verlieren. „Madame,“ ſprach er,„ich werde das Vergnügen haben, Euch dreimgl hundert tauſend Livres zu bezahlen.“ „Oh!“ machteé die Herzogin. „Doch wie werde ich die ächten Briefe bekommen?“ „Auf die einfachſte Weiſe, mein lieber Herr Col⸗ bert. wem vertraut Ihr?“ Der ernſte Finanzmann lachte in der Stille, ſo daß ſeine dicken, ſchwarzen Brauen wie zwei Fledermaus⸗ flügel auf den tiefen Linien ſeiner gelben Stirne hinauf und herab ſtiegen.) 4 „Niemand,“ ſagte er. „Oh! Ihr werdet wohl eine Ausnahme für Euch machen, Herr Colbert.“ „Wie ſo, Frau Herzegin?“ „ ——— — —— promittirt werden.“ 261 „Ich will damit ſagen, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wolltet, mit mir an den Ort zu kommen, wo die Briefe ſind, ſo würden ſie Euch ſelbſt übergeben, und Ihr könntet ihre Aechtheit unterſuchen und be⸗ wahrheiten.“ „Das iſt richtig.“ „Ihr würdet Euch mit den dreimal hunderttauſend Livres verſehen, weil ich auch Niemand vertraue.“ Der Herr Intendant Colbert erröthete bis an die Augenbrauen. Er war, wie alle in der Rechenkunſt ausgezeichnete Menſchen, von einer unverſchämten und mathematiſchen Redlichkeit. „Ich werde die verſprochene Summe in zwei An⸗ weiſungen auf meine Kaſſe mitnehmen, Madame,“ ſagte er.„Genügt Euch das?“ „Warum ſind es nicht zwei Millionen, Eure Kaſ⸗ ſenanweiſungen, Herr Colbert? Ich werde alſo die Ehre haben, Euch den Weg zu zeigen.“ „Erlaubt Ihr, daß ich meine Pferde anſpannen laſſe?“ „Ich habe einen Wagen unten, mein Herr. ⸗ Colbert huſtete wie ein unentſchloſſener Menſch. Er dachte einen Augenblick, der Vorſchlag der Herzogin ſei eine Falle, man warte vielleicht vor der Thüre, die Dame, deren Geheimniß ſo eben an Colbert um dreimal hundert tauſend Livres verkauft worden, müſſe dieſes Geheimniß Fouquet um dieſelbe Summe ange⸗ tragen haben! Als er lange zögerte, ſchaute ihm die Herzogin in die Augen und fragte: „Ihr zieht Euren Wagen vor?“ „Ich geſtehe es.“ „Ihr bildet Euch ein, ich führe Euch in eine Falle.“ „Frau Herzogin, Ihr habt einen muthwilligen Charakter, und ich, der ich mit einem ziemlich ernſten Charakter bekleidet bin, kann durch einen Scherz eom⸗ ——— 262 „Ja, Ihr habt Angſt; nun ſo nehmt Euren Wa⸗ gen und ſo viele Bediente, als Ihr wollt; nur bedenkt, was wir Beide thun, wiſſen wir allein; was ein Drit⸗ ter geſehen hat, theilen wir dem ganzen Weltall mit. Mir iſt im Ganzen nichts daran gelegen; mein Wagen wird dem Eurigen folgen, und ich halte mich dadurch befriedigt, daß ich in Euren Wagen ſteige, um mich zu der Königin zu begeben.“ „Zu der Königin?“ „Habt Ihr es ſchon vergeſſen? Wiel eine Klauſel von ſolcher Wichtigkeit für mich iſt Euch entgangen? Mein Gott! wie wenig war das für Euch! Wenn ich das gewußt hätte, ich würde das Doppelte verlangt haben.“ „Ich habe es mir überlegt, Frau Herzogin, ich werde Euch nicht begleiten.“ „Wahrhaftig!.. Warum nicht?“ „Weil ich ein grenzenloſes Zutrauen zu Euch habe.“ „Ihr ſeid zu gütig! Aber wie nehme ich die drei⸗ mal hundert tauſend Livres in Empfang? „Hier ſind ſie.“ Der Intendant kritzelte ein paar Worte auf ein Papier, das er der Herzogin übergab. „Ihr ſeid bezahlt,“ ſagte er. „Der Zug iſt ſchön, Herr Colbert, und ich werde Euch dafür belohnen.“ 4 Bei dieſen Worten lachte Frau von Chevreuſe. Das Gelächter der Herzogin war ein finſteres Ge⸗ murmel; jeder Menſch, der die Jugend, den Glauben, die Liebe, das Leben in ſeinem Herzen ſchlagen fühlt, zieht Thränen dieſem kläglichen Gelächter vor. Die Herzogin öffnete den Leib ihres Rockes und zog aus ihrem gerötheten Buſen ein kleines Bündel mit einem feuerfarbigen Band umwickelter Papiere. Die Häkchen hatten unter dem plumpen Druck ihrer nervigen Hände nachgegeben. Durch das Herauszerren 2 SS SS 263 und die Reibung der Papiere verſchoben, erſchien die Haut ſchamlos vor den Augen des Intendanten, den dieſe ſeltſamen Präliminarien ſehr in Verlegenheit brachten. Die Herzogin lachte fortwährend. „Hier,“ ſagte ſie,„hier ſind die ächten Briefe von Herrn Mazarin. Ihr habt ſie, und äberdies hat ſich die Herzogin von Chevreuſe vor Euch entkleidet, als wäret Ihr geweſen.. ich will Euch keine Namen ſagen, die Euch ſtolz machen oder zur Eiferſucht reizen würden. Nun, Herr Colbert,“ fügte ſie bei, während ſie raſch den Leib ihres Kleides zuhäkelte,„Euer Glück iſt voll⸗ endet, führt mich zur Königin.“ „Nein, Madame. Wenn Ihr abermals bei Eurer Majeſtät in Ungnade fallen würdet, und es würde im Palais⸗Royal ruchbar, ich habe Euch eingeführt, die Königin verziehe es mir in ihrem Leben nicht mehr. Nein. Ich habe im Palaſt mir ergebene Leute, dieſe werden Euch einführen, ohne daß ich mich gefährde.“ „Wie es Euch beliebt, wenn ich nur Eintritt erhalte.“ 4 „Wie nennt Ihr die Nonnen von Brügge, die die Krankheiten heilen?“ „Beguinen.“ „Ihr ſeid eine Beguine.“ „Gut; aber ich werde wieder aufhören müſſen, es zu ſein.“ „Das iſt Eure Sache.“ 4 „Verzeiht! verzeiht! ich will nicht der Gefahr ausgeſetzt ſein, daß man mir den Eintritt verweigert.“ „ SDas iſt abermals Eure Sache, Madame. Ich werde dem erſten Kammerdiener des Cavaliers vom Dienſte bei Ihrer Majeſtät befehlen, eine Beguine ein⸗ zulaſſen, welche ein werkſames Mittel bringe, um die Schmerzen Ihrer Majeſtät zu lindern. Ihr habt mei⸗ nen Brief bei Euch. Ihr übernehmt das Mittel und 264 1 die Erklärungen. Ich geſtehe die Beguine zu, ich leugne Frau von Chevreuſe ab.“ 1 „Es mag ſo ſein.“ „Hier iſt der Einführungsbrief, Madame.“