XN ü — — 4 . * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. „:„„ 1.„...„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Monſieur hatte die Prinzeſſin in der ſchönſten Laune der Welt verlaſſen, und da er am Tag ſehr ermüdet worden war, ſo kehrte er in ſeine Wohnung zurück und ließ Jeden die Nacht nach ſeinem Belieben beſchließen. Wieder in ſeiner Wohnung, nahm der Prinz ſeine Nachttoilette mit einer Sorgfalt vor, die ſich noch in ſeinem Paroxismus der Freude verdoppelte. 3 Er ſang auch, während der ganzen Arbeit ſeiner Kammerdiener, die Hauptmelodie des Ballets, das die Muſtkanten geſpielt und der König getanzt hatten. Dann rief er ſeine Schneider, ließ ſich ſeine Kleider für den andern Tag zeigen, und da er ſehr mit ihnen urrieden war, ſo theilte er einige Gnadengeſchenke unter ſie aus. Endlich, da der Chevalier von Lorraine, der ihn hatte zurückkehren ſehen, ebenfalls zurückkehrte, über⸗ häufte er ihn mit Freundſchaftsbezeugungen. Der Chevalier, nachdem er ſich vor dem Prin⸗ zen verbeugt hatte, ſchwieg einen Augenblick, wie ein Anführer vom Tirailleurs, der ſtudirt, um zu wiſſen, auf welcher Seite das Feuer beginnen werde; dann, indem er ſich zu entſchließen ſchien, ſagte er: „ Habt Ihr einen ſeltſamen Umſtand bemerkt, Mon⸗ ſeigneur?⸗ „Nein, welchen?“ Die drei Musketiere. Bragelonne. VI. „Den ſchlimmen Empfang, der ſcheinbar Herr von Guiche von Sr. Majeſtät zu Theil wurde.“ „Scheinbar?“ „Ja, gewiß, denn in Wirklichkeit hat er ihm ſeine Gunſt wieder zugewendet.“ „Ich habe das nicht geſehen,“ ſagte der Prinz. „Wie! Ihr habt nicht geſehen, daß er ihn, ſtatt ihn wieder in ſeine Verbannung zu ſchicken, wie dieß natürlich war, in ſeinem ſonderbaren Widerſtand beſtä⸗ tigt hat, indem er ihm ſeinen Platz im Ballet einzu⸗ nehmen geſtattete.“ „Und ihr findet, der König habe Unrecht gehabt?“ „Seid Ihr nicht meiner Anſicht, Prinz?“ „Nicht ganz, mein lieber Chevalier, und ich billige es, daß der König nicht gegen einen Unglücklichen ge⸗ tobt hat, der mehr Narr als böswillig iſt.“ „Meiner Treue,“ ſagte der Chevalier, nich meiner⸗ ſeits geſtehe, daß dieſe Großmuth mich im höchſten Grad in Erſtaunen ſetzt.“ „Und warum dieß?“ fragte Philipp. „Weil ich den König für eiferſüchtig gehalten hätte,“ erwiederte boshaft der Chevalier. Seit einigen Augenblicken fühlte Monſieur etwas Aufreizendes ſich unter den Worten ſeines Günſtlings rüh⸗ ren; ſein letztes Wort entzündete das Pulver. „Eiferſuͤchtig!“ rief der Prinz, veiferſüchtig! was ſoll dieſes Wort bedeuten? eiferſüchtig, auf was, wenn's beliebt, 1äſähwen Der Chevalier bemerkte, daß er eines von den boshaften Worten, wie er ſie zuweilen machte, hatte entſchlüpfen laſſen. Er ſuchte es alſo wieder zu er⸗ haſchen, ſo lange es noch im Bereiche ſeiner Hand war. „Eiferſüchtig auf ſeine Autorität,“ antwortete er mit einer geheuchelten Naivetät,„worauf ſoll denn ein König eiferſüchtig ſein?“ „Ohl“ machte Monſieur,„ſehr gut.“ „Sollte Eure Königliche Hoheit die Begnadigung — 3 des lieben Grafen von Guiche verlangt haben?“ fuhr der Chevalier forrt. „Meiner Treue, nein! Guiche iſt ein Junge von Geiſt und Muth, aber er iſt leichtfertig gegen Madame geweſen, und ich will ihm weder wohl noch übel.“. Der Chevalier war im Begriff, Gift über Guiche zu ergießen, wie er über den König zu ergießen ver⸗ ſucht hatte, aber er glaubte zu bemerken, daß das Wet⸗ ter auf Nachſicht oder ſogar auf Gleichgültigkeit ſtand, und daß er, um die Frage zu erhellen, dem Gatten die Lampe gerade unter die Naſe zu halten genöthigt ſei. Mit dieſem Spiel brennt man zuweilen die An⸗ dern, ſehr häufig brennt man aber auch ſich ſelbſt. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte er in ſeinem Zim⸗ mer,„ich werde auf Wardes warten; er wird in einem Tag mehr thun, als ich in einem Monat, denn ich glaube, Gott verzeihe mir! oder vielmehr, Gott ver⸗ zeihe ihm! er iſt noch eiferſüchtiger als ich. „Und dann iſt es nicht Wardes, was ich nothwen⸗ dig haben muß, ſondern ein Ereigniß, und in dem Allem ſehe ich keines.“ „Daß Guiche zurückgekommen iſt, während man ihn weggejagt hat, iſt allerdings ſehr ernſt; doch jeder Ernſt verſchwindet, wenn man bedenkt, daß Guiche in dem Augenblick zurückkam, wo Madame ſich nichts mehr um ihn bekümmerte.“ „Madame bekümmerte ſich in der That um den König, das iſt klar.“ „ Aber abgeſehen davon, daß meine Zähne nicht in den König zu beißen vermöchten, und dieß zu thun auch nicht nöhig haben, wird ſich Madame nicht länger mit dem König beſchäftigen können, wenn ſich der König, wie man ſagt, nicht mehr um Madame be⸗ kümmert.“— „Aus Allem dem geht hervor, daß wir ruhig blei⸗ — ben und die Ankunft einer neuen Laune abwarten müſſen; dieſe wird uͤber das Reſultat entſcheiden.“ und hienach ſtreckte ſich der Chevalier in dem Lehn⸗ ſtuhl aus, in dem ihm Moſineur ſich in ſeiner Gegen⸗ wart zu ſetzen erlaubte, und da er keine Bosheiten mehr zu ſagen hatte, ſo fand es ſich, daß der Chevalier von Lorraine keinen Geiſt mehr hatte. Zum Glück hatte Monſteur, wie geſagt, Vorrath an guter Laune, und er hatte ſogar für zwei bis zu dem Augenblick, wo er Kammerdiener und Hausoffizianten entließ und in ſein Schlafzimmer ging. Während er ſich zurückzog, beauftragte er den Chevalier, Madame ſeine Komplimente zu machen und ihr zu ſagen, der Mond ſei friſch, Monſteur, der für ſeine Zähne befürchte, werde den Reſt der Nacht nicht mehr in den Park hinabgehen. Der Chevalier trat gerade in dem Augenblick bei Madame ein, wo dieſe in ihre Gemächer zurückkehrte. Er entledigte ſich ſeines Auftrags als getreuer Bote und bemerkte ſogleich die Gleichgültigkeit, die Un⸗ ruhe ſogar, mit der Madame die Mittheilung ihres Gemahls aufnahm. Das ſchien ihm eine Neuigkeit in ſich zu ſchließen. Wäre Madame mit dieſer ſeltſamen Miene aus ihrer Wohnung weggegangen, ſo würde er ihr gefolgt ſein. Doch Madame kehrte zurück, es war alſo nichts zu machen. Er pirouettirte auf ſeinen Abſätzen wie ein müßiger Reiher, befragte die Luft, die Erde, das Waſſer, ſchüttelte den Kopf und nahm maſchinenmäßig ſeine Richtung uach dem Blumenbeete. Er hatte nicht hundert Schritte gemacht, als ihm zwei junge Leute begegneten, die ſich am Arm hielten, den Kopf geſenkt, einhergingen, und die kleinen Kieſel⸗ ſteine, die ſich vor ihnen fanden, fortſtießen, eine un⸗ beſtimmte Beluſtigung, mit der ſie ihre Gedanken be⸗ gleiteten. Es waren die Herren von Guiche und Bragelonne. —* — u 2 5 Ihr Anblick brachte auf den Chevalier von Lor⸗ raine, wie immer, die Wirkung eines inſtinetartigen Widerwillens hervor. Er machte nichtsdeſtoweniger eine tiefe Verbeugung vor ihnen, die ihm mit Zinſen erwiedert wurde. Dann, als er ſah, daß der Park ſich entvölkerte, daß die Beleuchtung allmälig erloſch, daß der Morgen⸗ wind zu wehen anfing, drehte er ſich links und kehrte durch den kleinen Hof in das Schloß zurück. Sie zielten rechts und ſetzten ihren Gang nach dem großen Park fort. In dem Augenblick, wo der Chevalier die kleine Treppe hinaufſtieg, die zu dem Geheimeingang führte, ſah er eine Frau, gefolgt von einer andern Frau, unter der Arcade erſcheinen, welche den Durchgang vom klei⸗ nen in den großen Hof gewährte. Dieſe zwei Frauen beſchleunigten ihren Marſch, den das Rauſchen ihrer ſeidenen Kleider in der ſchon finſteren Nacht verrieth. Die Form der Mantille, die zierliche Taille, der geheimnißvolle und zugleich ſtolze Gang, was Alles die zwei Frauen und beſonders diejenige, welche voranſchritt, auszeichnete, fielen dem Chevalier auf. „Das ſind zwei Frauen, die ich ſicherlich kenne,“* ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er auf der letzten Stufe der kleinen Irrtreppe ſtehen blieb. Dann, als er ſich mit ſeinem Spürhundsinſtinet an⸗ ſchickte, ihnen zu folgen, hielt ihn einer von ſeinen Lackeien, der ihm ſeit einigen Augenblicken nachlief, zu⸗ rück und ſagte: „Gnädiger Herr, der Courier iſt angekommen.“ „Gut, Gut,“ erwiederte der Chevalier,„wir haben Zeit, morgen.“ „Es ſind preſſante Briefe, die der Herr Chevalier vielleicht gern leſen wird.“ 3 „Ah!“ machte der Chevalier,„und woher kom⸗ men ſie?“ 5 1 „Einer kommt von England, der andere von Ca⸗ lais, der letztere kommt mit Eſtafette und ſcheint ſehr wichtig zu ſein.“ „Von Calais! CEi! wer Teufels ſchreibt mir von Calais?“ „Ich glaubte die Handſchrift Eures Freundes, des Herrn Grafen von Wardes zu erkennen.“— „Ohl dann gehe ich hinauf,“ rief der Chevalier, der ſogleich ſein Spähereivorhaben vergaß. Und er ging in der That hinauf, während die zwei unbekannten Damen am Ende des Hofes, dem entgegen⸗ geſetzt, durch welchen ſie eingetreten waren, verſchwanden. Dieſen wollen wir folgen, während wir den Che⸗ walier ganz ſeiner Correſpondenz überlaſſen. Als ſie zur Allee kamen, hielt die erſte ein wenig athemlos an, ſchlug vorſichtig ihren Schleier zurück und fragte: „Sind wir noch weit von dem Baum entfernt?“ „Ohl ja, Madame, wenigſtens noch fünfhundert Schritte; doch Madame bleibe ein wenig ſtille ſtehen, ſie könnte nicht lange ſo haſtig gehen.“ „Ihr habt Recht,“ ſprach die Prinzeſſin, denn ſie war es. Und ſie lehnte ſich an einen Banm an. Nachdem ſie einen Augenblick Athem geholt hatte, fuhr ſie fort: „Sprecht, mein Fräulein, verbergt mir nichts, ſagt mir die volle Wahrheit.“ „Oh! Madame, nun ſeid Ihr ſchon ſtreng,“ erwie⸗ das Mädchen mit bewegter Stimme. „Nein, meine liebe Athenais, beruhigt Euch, denn ich bin Euch durchaus nicht böſe. Das ſind im Ganzen nicht meine Angelegenheiten. Ihr ſeid unruhig über das, was Ihr unter dieſer Eiche geſagt haben mochtet; Ihr befürchtet, den König verletzt zu haben, und ich will Euch beruhigen, indem ich mich durch mich ſelbſt verſichere, ob Ihr gehört werden konntet.“ — — --nAn—— Marſch 7 „Ohl ja, Madame, der König war ſo nahe bei uns.“ „Aber Ihr ſprachet nicht ſo laut, daß ſich nicht einige Worte verlieren konnten?“ „Madame, wir glaubten uns ganz allein.“ „Und Ihr waret zu drei?“ „Ja: La Vallière, Montalais und ich.“ „Somit habt Ihr, Ihr perſonlich, leichtſinnig vom König geſprochen?“ „Ich befürchte es. Aber nicht wahr, Eure Hoheit würde in dieſem Fall die Gnade haben, mich mit Seiner Majeſtät auszuſöhnen?“ „Wenn es Noth thut, verſpreche ich es Euch. Doch es iſt, wie geſagt, beſſer, dem Schlimmen nicht entgegen zu gehen, und ſich wohl zu verſichern, ob das Schlimme auch wirklich geſchehen iſt. Es iſt dunkle Nacht und noch dunkeler unter den Bäumen. Ihr werdet vom König nicht erkannt worden ſein. Ihn zuerſt ſprechend in Kenntniß ſetzen, hieße Euch ſelbſt anzeigen.“ „Oh! Madame, Madame, wenn man Fräulein de la Vallière erkannt hat, ſo wird man mich auch erkannt haben. Uebrigens hat mir Herr von Saint⸗Aignan kei⸗ nen Zweifel in dieſer Hinſicht gelaſſen.“ „Ihr ſagtet alſo für den König ſehr unartige Dinge?“ „Keineswegs, Madame. Eine Andere ſagte ſehr artige Dinge, und da werden meine Worte einen Con⸗ traſt mit den ihrigen gebildet haben.“ „Die Montalais iſt ſo toll,“ rief Madame. „Ohl nicht Montalais, Montalais hat nichts ge⸗ ſagt. Es war La Vallière.“ Madame bebte, als hätte. ſie, es noch nicht ganz genau gewußt. „Oh! nein, nein,“ ſagte ſie,„der König wird nichts gehoͤrt haben. Ueberdies werden wir die Probe machen, für die wir ausgegangen ſind. Zeigt mir die Eiche.“ Nach dieſen Worlen ſetzte ſich Madame wieder in „Wißt Ihr, wo ſie iſt?“ fuhr ſie fort. „Ach! ja, Madame.“ „Und Ihr werdet ſie wieder ſinden?“ „Ich finde ſie mit geſchloſſenen Augen.“ „Das iſt vortrefflich. Ihr ſetzt Euch auf die Bank, wo Ihr waret, auf die Bank, wo La Vallière war, und Ihr ſprecht in demſelben Ton und in demſelben Sinn; ich verberge mich im Gebüſch, und wenn man hört, ſo ſage ich es Euch.“ „Ja, Madame.“ „Es folgt daraus, daß Ihr wirklich laut genug ge⸗ ſprochen habt, um vom König gehört worden zu ſein, nun denn...“ Athenais ſchien voll Angſt das Ende des ange⸗ fangenen Satzes zu erwarten. „Nun!“ ſagte Madame mit einer ohne Zweifel durch den raſchen e erſtickten Stimme,„nun, ich werde Euch vertheidit. 4 Und Madame verdoppelte ihre Schritte. Plötzlich blieb ſie ſtehen und rief: „Es kommt mir ein Gedanke!“ „Sicherlich ein guter Gedanke,“ erwiederte Fräu⸗ lein von Tonnay⸗Charente. „Montalais muß eben ſo in Verlegenheit geweſen ſein, als Ihr Beide, Ihr, Athenais und La Vallidre.“ „Weniger, denn ſie iſt weniger compromittirt, da ſie weniger geſagt hat.“ „Gleich viel, ſie wird Euch wohl durch eine kleine Lüge unterſtützen.“— „Oh! beſonders, wann ſie weiß, daß Madame ſich für mich zu intereſſiren die Gnade hat.“ 1 „Gutl ich habe, glaube ich, gefunden, was wir brauchen, mein Kind!?“?“ „Welch ein Glück!“ „Ihr ſagt, Ihr habet alle drei die Gegenwart des Königs hinter dieſem Baum oder hinter dieſem Gebüſch, ich errinnere mich nicht mehr, ſo wie die von Herr von Saint⸗Aignan ganz gut gewußt.“ AN „Ja, Madame.“ 3 „Denn verhehlt es Euch nicht, Athenais, Saint⸗ Aignan zieht Vortheil aus ein paar ſehr ſchmeichelhaften Worten, die Ihr geſprochen haben ſollt.“ „Ei! Madame,“ rief Athenais,„Ihr ſeht wohl, daß man hört, da Herr von Saint⸗Aignan gehört hat." Madame hatte etwas Unüberlegtes geſagt, ſie biß ſich auf die Lippen. „Ohl Ihr wißt wohl, wie Saint⸗Aignan iſt!“ ſprach ſie,„die Gunſt des Königs macht ihn verrückt und er ſchwatzt ungereimtes Zeug; oft erfindet er ſogar. Hie⸗ von iſt indeſſen nicht die Rede. Hat der König gehört oder nicht gehört? das iſt die Frage.“ 3 „Nun ja, Madame, er hat gehört!“ rief Athenais in Verzweiflung. „Dann thut, was ich ſagte, behauptet dreiſt, Ihr habet alle Drei, wohlverſtanden alle Drei, denn zweifelt man bei der Einen, ſo wird man auch bei der Andern zweifeln, behauptet, ſage ich: Ihr habet die Gegenwart des Königs und des Herrn von Saint⸗Aignan gewußt und habet Euch auf Koſten der Horcher beluſtigen wollen.“ „Ohl Madame, auf Koſten des Königs; nie wer⸗ den wir es wagen, dies zu ſagen.“ „Scherz, reiner Scherz, unſchuldiger Spott, wohl erlaubt für Frauen, welche Männer überraſchen wollen. Auf dieſe Art erklärt ſich Alles. Was Montalais von Malicorne geſagt hat, Scherz; was Ihr von Herrn von Saint⸗Aignan geſagt habt, Scherz; was la Vallisre ſagen mochte. „Und was ſie gern wieder zurückhaben möchte..“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ 3 „Ohl dafür ſtehe ich.“ „Nun wohl, ein Grund mehr, Alles Scherz. Herr von Malicorne wird ſich nicht zu ärgern haben. Herr von Saint⸗Aignan wird verblüfft ſein oder über ſich lachen, ſtatt über Euch zu lachen. Der Koͤnig endlich 10 wird für eine ſeines Ranges unwürdige Neugierde be⸗ ſtraft ſein. Man lache ein wenig bei dieſer Gelegenheit über den König, und ich glaube nicht, daß er ſich dar⸗ über beklagt.“ „Ahl Madame, Ihr ſeid in der That ein Engel der Güte und des Geiſtes.“ „s iſt mein Intereſſe.“ „Wie ſo?“ „Ihr fragt, wie es mein Intereſſe ſein koͤnne, mei⸗ nen Ehrenfräulein Spöttereien, Unannehmlichkeiten, Ver⸗ leumdungen vielleicht zu erſparen! Ach! Ihr wißt es, mein Kind, der Hof hat keine Nachſicht für ſolche kleine Sünden. Aber nun gehen wir ſchon lange... ſind wir denn nicht bald an Ort und Stelle?“ „Noch fünfzig bis ſechzig Schritte. Wenden wir uns links, Madame, wenn es Euch beliebt?“ „Ihr ſeid alſo der Montalais ſicher?“ fragte Madame. „ h! ja.“ „Sie wird Alles thun, was Ihr wollt.“ „Alles! Sie wird entzückt ſein.“ „Was La Vallidre betrifft...“ ſagte die Prinzeſſin. „Ohl bei ihr wird es ſchwieriger ſein, Madame, es widerſtrebt ihr zu lügen.“ „Wenn ſie aber ihr Intereſſe dabei findet?“ „Ich befürchte, daß dies durchaus nichts in ihren Ideen ändert.“ „Ja, ja!“ ſprach Madame,„man hat mich ſchon hievon in Kenntniß geſetzt; es iſt eine ſehr fromme Perſon, einer von den Zieraffen, die Gott voran⸗ ſtellen, um ſich hinter ihm zu verbergen. Doch da ſie nicht lügen will, ſo wird, inſofern ſie ſich dem Geſpötte des ganzen Hofes ausſetzt, inſofern ſie den Koͤnig durch ein eben ſo lächerliches als unanſtändiges Geſtändniß herausgefordert hat, ſo wird Fräulein Lebaume Leblane de la Vallisre es gut ſinden, daß ich ſie in ihre Heimath zurückſchicke, damit ſie dort in Touraine oder im Blai⸗ — HK nu 1. 2, 11 ſois, ich weiß nicht, ganz nach ihrem Belieben Senti⸗ mentalität und Schäferei treiben kann.“ Dieſe Worte wurden mit einer Heftigkeit und ſo⸗ gar mit einer Härte geſprochen, welche Fräulein von Tonnay⸗Charente erſchreckten. In Folge hievon gelobte ſie ſich für ihre Perſon ſo viel nothig wäre, zu lügen. In dieſer Verfaſſung gelangten Madame und ihre Gefährtin in die Gegend der Koͤnigseiche. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Athenais. „Wir werden wohl ſehen, ob man hört,“ erwiederte Madame. „St!“ machte das Mädchen, indem es Madame mit einer die Etiquette ſehr wenig berückſichtigenden Schnelligkeit zurückhielt. Madame blieb ſtehen. „Seht Ihr, daß man hört?“ ſagte Athenais. „Wie ſo?“ „Horcht.“ Madame hielt den Athem an ſich und man hörte in der That folgende Worte, von einer ſanften trauri⸗ gen Stimme ausgeſprochen, durch die Luft ſchweben: „’Ohl ich ſage Dir, Vicomte, ich ſage Dir, daß ich ſie wahnſinnig liebe; ich ſage Dir, daß ich ſie zum Sterben liebe.“ Bei dieſer Stimme bebte Madame und unter ihrem Schleier beleuchtete ein freudiger Strahl ihr Antlitz. Ssie hielt ihre Gefährtin ebenfalls zurück und führte ſie mit leichtem Gang zwanzig Schritke rück⸗ wärts, das heißt, außer den Bereich der Stimme. „Bleibt da, meine liebe Athenais, Niemand ſoll uns ertappen,“ ſagte ſie.„Ich denke, es iſt bei dieſem Geſpräch von Euch die Rede.“ „Von mir, Madame?“ „Ja, von Euch... oder vielmehr von Eurem Aben⸗ teuer. Ich will horchen; zu zwei würden wir entdeckt. Sucht Montalais auf und erwartet mich mit ihr am Saume des Gehölzes.“ Dann, als Athenais zögerte, ſagte Madame mit einem Tone, der keine Einwendung zuließ: „Geht! geht!“ 3 Sie nahm daher ihre rauſchenden Röcke zuſammen und kehrte auf einem Fußpfad, der das Gehöoͤlz durch⸗ ſchnitt, nach dem Luſtgarten zurück. 3 Madame aber kauerte ſich in das Gebüſch und lehnte ſich an einen rieſigen Kaſtanienbaum an, von dem einer ſeiner Stämme in der Höhe eines Sitzes ab⸗ gehauen worden war. Voll Furcht und Bangigkeit ſprach ſie zu ſich ſelbſt: „Nun dann, da man hier hoͤrt, ſo wollen wir er⸗ lauſchen, was zu Herrn von Bragelonne der andere verliebte Mann ſagt, den man Herrn von Guiche nennt.“ II. Worin Madame den Beweis erlangt, daß man, menn man horcht, hören kann, was geſprochen wird. Es herrſchte einen Augenblick tiefe Stille, als ſchwiegen alle die geheimnißvollen Geräuſche, um zu⸗ gleich mit Madame auf dieſes jugendliche Liebesgeſtänd⸗: niß zu horchen. Es war an Raoul, zu ſprechen.— 4 Er ſtützte ſich träge auf den Stummel der großen Eiche und antwortete mit ſeiner ſanften, harmoniſchen Stimme:. „Ach! mein lieber Guiche, das iſt ein großes Unglück.“. „Ohl ja,“ rief dieſer,„ein ſehr großes.“ 13 „Ihr höret mich nicht, Guiche, oder vielmehr, Ihr verſteht mich nicht. Ich ſage, es ſei ein großes Un⸗ glück für Euch, nicht, daß Ihr liebet, ſondern daß Ihr Eure Liebe nicht zu verbergen wiſſet.“ „Wie ſo?“ rief Guiche. „Ja, Ihr bemerkt Eins nicht, daß ihr jetzt nicht mehr allein Eurem einzigen Freund, das heißt, einem Menſchen, der ſich eher tödten ließe, als daß er Euer Geheimniß verrathen würde, Euere Liebe geſteht, ſon⸗ dern dem Erſten dem Beſten.“ „Dem Erſten dem Beſten,“ rief Guiche,„ſeid Ihr verrückt, Bragelonne, daß Ihr mir ſolche Dinge ſagt!“ „Es iſt ſo.“ „Unmöglich! Wie und auf welche Art ſollte ich in dieſem Grad ſchwatzhaft geworden ſein?“ „Ich will damit ſagen, mein Freund, daß Cure Augen, Eure Geberden, Euer Seußzen wider Euren Willen ſprechen; daß jede übertriebene Leidenſchaft den Menſchen aus ſich hinausreißt. Dann gehöͤrt dieſer Menſch nicht mehr ſich an; er iſt einer Verrücktheit preisgegeben, die ihn ſein Leiden den Bäumen, den Pferden, der Luft zu erzählen veranlaßt, ſobald er kein vernünftiges Weſen mehr im Bereiche ſeiner Stimme hat. Erinnert Euch aber, mein Freund, daß beinahe immer Einer da iſt, der ganz beſonders die Dinge hört, welche nicht gehört werden ſollen.“ Guiche ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Höret,“ fuhr Bragelonne fort,„in dieſem Augen⸗ blick thut Ihr mir leid; ſeit Eurer Rückkehr habt Ihr mir hundertmal und auf hundert verſchiedene Weiſen Euere Liebe für ſie erzählt, und es wäre doch, hättet Ihr nichts erzählt, Eure Rückkehr allein ſchon eine furchtbare Indiscretion geweſen. Hieraus mache ich folgenden Schluß: wenn Ihr Euch nicht beſſer in Obacht nehmt, als Ihr es thut, ſo wird früher oder ſpäter ein Tag kommen, der eine Exploſion herbeiführt. Wer wird Euch dann retten? ſprecht, antwortet mir? 14 Wer wird ſie ſelbſt retten? Denn ſo unſchuldig ſie an Eurer Liebe ſein mag, ſo wird ſie doch in den Händen ihrer Feinde eine Anklage gegen ſie ſein.“ „Ach! mein Gott!“ murmelte Guiche. Und ein tiefer Seufzer begleitete ſeine Worte. „Das heißt nicht antworten, Guiche.“ „Doch.“ „Nun, was antwortet Ihr?“ „Ich antworte, daß ich an jenem Tag nicht mehr todt ſein werde, als ich es heute bin.“ „Ich begreife nicht.“ „Ja, ſo viele Umwechſelungen haben mich abge⸗ nutzt. Heute bin ich kein denkendes, handelndes Weſen mehr; heute bin ich nicht mehr ſo viel werth, als ein Mann, ſo mittelmäßig er auch ſein mag; ſtehſt Du, heute ſind meine letzten Kräfte erloſchen, meine letzten Entſchlüſſe erlahmt und ich verzichte auf den Kampf. Iſt man im Felde, wie wir es miteinander gewe⸗ ſen ſind, und bricht allein auf, um zu ſcharmützeln, trifft man zuweilen eine Abtheilung von fünf bis ſechs Fouragirern, und obgleich allein, vertheidigt man ſich doch; dann kommen ſechs Andere hinzu, man ergrimmt und hält aus; kommen aber noch ſechs, acht, zehn in die Quere, ſo gibt man ſeinem Pferde die Sporen, wenn man noch ein Pferd hat, oder man läßt ſich auch tödten, um nicht zu fliehen. Nun! ſo weit bin ich; ich habe Anfangs gegen mich ſelbſt gekämpft; dann gegen Buckingham, nun iſt der König gekommen, ich werde nicht gegen den Koöͤnig kämpfen, ſelbſt nicht, ich ſage es Dir ſogleich, wenn ſich der König zurückzöge, und ebenſo wenig gegen den Charakter dieſer Frau allein. Ohl ich täuſche mich nicht, einmal in den Dienſt dieſer Liebe getreten, werde ich mich darin tödten laſſen.“ „Nicht ihr mußt Du Vorwürfe machen, ſondern Dir,“ erwiederte Raoul. „Warum dies?“ 4 „Wie, Du kennſt die Prinzeſſin! ein wenig leicht⸗ an en 15 ſinnig, fehr verliebt in Neuigkeiten, ſehr empfänglich für das Lob, und ſollte es von einem Blinden oder einem Kinde kommen, und Du fängſt dergeſtalt Feuer, daß Du Dich ſelbſt verzehrſt. Schaue die Frau an, liebe ſie, denn Keiner, deſſen Herz nicht anderswo ge⸗ fangen iſt, kann ſte anſehen, ohne ſie zu lieben. Doch, während Du ſie liebſt, achte in ihr zuerſt den Rang ihres Gemahls, ſodann ihn ſelbſt, und endlich Deine eigene Sicherheit.“ „Ich danke, Raoul.“ „Wofür?“ „Dafür, daß Du mich, weil Du mich durch dieſe Frau leiden ſiehſt, tröſteſt, dafür, daß Du mir von ihr alles Gute ſagſt, was Du von ihr denkſt, und vielleicht ſogar, was Du nicht von ihr denkſt.“ „Ohl Du täuſcheſt Dich, Guiche, was ich denke, ſage ich nicht immer, doch dann ſage ich nichts; wenn ich aber ſpreche, weiß ich weder zu heucheln, noch zu hintergehen, und wer mich hört, kann mir glauben.“ Den Hals vorgeſtreckt, das Ohr gierig, das Auge erweitert und in der Dunkelheit zu ſehen bemüht, athmete Madame mittlerweile den geringſten Hauch ein, der durch die Zweige ſtrich. „Oh! ich kenne ſie beſſer, als Du!“ rief Guiche. „Sie iſt nicht leichtſinnig, ſie iſt frivol; ſie iſt nicht in Neuigkeiten verliebt, ſie iſt ohne Gedächtniß, und ohne Treu und Glauben; ſie iſt nicht ganz einfach empfäng⸗ lich für das Lob, ſondern ſie iſt auf eine abgefeimte und grauſame Weiſe coquette. Tödtlich coquette! Oh! ja, ich weiß es. Glaube mir, Bragelonne, ich leide alle Qualen der Hölle; muthig, leidenſchaftlich die Ge⸗ fahr liebend, finde ich eine Gefahr, welche größer iſt, als meine Stärke und mein Muth. Doch ſiehſt Du, Raoul, ich behalte mir einen Sieg vor, der ſie viele Thränen koſten wird.“ Raoul ſchaute ſeinen Freund an, und als dieſer, beinahe erſtickt durch die Aufregung, ſeinen Kopf gegen die Eiche zurückwarf, fragte er: „Einen Sieg? Und welchen?“ „Welchen?“ „Ja.“ 1 „Eines Tages werde ich auf ſie zutreten und zu ihr ſprechen:„„Ich war jung, ich liebte bis zum Wahnſinn, hatte aber Achtung genug, um Euch zu Füßen zu fallen und für die Sirene im Staub zu bleiben, hätten mich Eure Blicke nicht bis zu Eurer Hand erhoben. Ich glaubte Eure Blicke zu begreifen, ſtand auf, und dann habt Ihr mich, ohne daß ich Euch etwas Anderes ge⸗ than, als daß ich Euch, wenn es möglich, noch mehr liebte, mit heiterem Herzen durch eine Laune niederge⸗ ſchmettert, Weib ohne Gemüth, Weib ohne Treue, Weib ohne Liebe. Obgleich Prinzeſſin von königlichem Ge⸗ blüt, ſeid Ihr doch nicht würdig der Liebe eines red⸗ lichen Mannes; und ich verhänge die Todesſtrafe über mich dafür, daß ich Euch zu ſehr geliebt, und ſterbe, Euch haſſend.““ „Oh l“ rief Raoul erſchrocken über den Ausdruck tiefer Wahrheit, der die Worte des jungen Mannes durchdrang,„oh! ich ſagte Dir wohl, Guiche, Du ſeiſt wahnſinnig.“ „Ja, ja,“ rief Guiche, ſeine Gedanken verfolgend, „da wir keine Kriege mehr hier haben, ſo werde ich dorthin ziehen, nach dem Norden, ich werde Dienſte beim Reich nehmen, und irgend ein Ungar, ein Kroate, ein Türke wird mir die Wohlthat einer Kugel ange⸗ deihen laſſen.“ Guiche vollendete nicht, oder vielmehr, als er eben endigte, machte ihn ein Geräuſch beben, das Raoul ſo⸗ gleich auf die Beine brachte. Guiche aber blieb, ganz von ſeinen Worten und Gedanken in Anſpruch genommen, den Kopf zwiſchen ſeine Hände zuſammengedrückt, ſitzen. Das Gebüſch öffnete ſich, und eine Frau erſchien, 17 bleich, in Verwirrung vor den zwei jungen Leuten. Mit einer Hand ſchob ſie die Zweige, die ihr das Ge⸗ ſicht gepeitſcht hätten, auseinander, mit der andern ſchlug ſie die Kapuze des kleinen Mantels, der ihre Schultern bedeckte, zurück. An dieſem feuchten und zugleich flammenden Auge, an dieſem königlichen Gang, an der Höhe ihrer ſouve⸗ rainen Geberde, und mehr noch als an dem Allem, am Schlagen ſeines Herzens erkannte Guiche Madame; er ſtieß einen Schrei aus und zog ſeine Hände von ſeinen Schläfen vor ſeine Augen. Zitternd, aus der Faſſung gebracht, drehte Raoul ſeinen Hut hin und her, und ſtammelte einige unbe⸗ ſtimmte Formeln von CEhrerbietung. „Herr von Bragelonne,“ ſprach die Prinzeſſin, „ich bitte, habt die Gute, nachzuſehen, ob meine Frauen nicht irgendwo dort in den Alleen ſind; und Ihr, Herr Graf, bleibt; ich bin müde, Ihr werdet mir Euren Arm geben.“ Wäre der Blitz zu den Füßen des unglücklichen Mannes niedergefallen, es hätte ihn weniger erſchreckt, als dieſes kalte und ſtrenge Wort. Nichtsdeſtoweniger, da er, wie geſagt, muthig war, da er im Grunde ſeines Herzens alle ſeine Ent⸗ ſchlüſſe gefaßt hatte, erhob ſich Guiche, und richtete an ragelonne, als er ſein Zoͤgern ſah, einen Blick voll Reſtgnation und innigen Dankes. Statt Madame ſogleich zu antworten, machte er ſogar einen Schritt gegen den Vicomte, reichte ihm die and, welche die Prinzeſſin von ihm verlangt hatte, und drückte die redliche Hand ſeines Freundes mit einem Seufzer, in welchem er der Freundſchaft Alles zu geben ſchien, was an Leben in der Tiefe ſeines Herzens übrig war. Madame wartete, ſie, die Stolze, welche nicht zu warten wußte, Madame wartete, bis dieſes ſtumme Ge⸗ ſpräch beendigt war.. Die drei Musketierg, Bragelonne VI. 2 ſchwebend, und ſiel, als Raoul weggegangen war, ohne Zorn, aber nicht ohne Erſchütterung in die von Guiche. Ihre Hand, ihre königliche Hand blieb in der Luft Sie waren allein mitten in dem finſteren, ſchweig⸗ ſamen Wald, und man hörte nur noch die Tritte von Raoul, der ſich haſtig auf dem beſchatteten Fußpfade entfernte. Ueber ihren Häuptern breitete ſich das dichte duf⸗ deſſen Riſſe man da und dort einen Stern glänzen ſah. Madame zog Guiche ſanft hundert Schritte von dem indiscreten Baum fort, der an dieſem Abend ſo viele Dinge gehört und hatte hören laſſen, und führte ihn zu einer nahen Lichtung, die auf eine gewiſſe Ent⸗ fernung umher zu ſehen erlaubte. „Ich führe Euch hieher,“ ſprach ſie tief erbebend, „weil man dort, wo wir waren, jedes Wort hört.“ —— „Man hörte jedes Wort, ſagt Ihr, Madame?“ er⸗ 6 wiederte maſchinenmäßig der junge Mann. „Ja.“ „Was meint Ihr damit?“ „Ich meine damit, daß ich alle Eure Worte ge⸗ hört habe.“ „Oh! mein Gott! mein Gott! das fehlte mir nur noch,“ ſtammelte Guiche. Und er neigte das Haupt, wie es der ermüdete Schwimmer unter der Welle thut, die ihn verſchlingt. „Ihr beurtheilt mich alſo ſo, wie Ihr geſagt habt,“ ſprach ſie. Guiche erbleichte, wandte den Kopf ab und ant⸗ wortete nicht; er fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. „Das iſt ſehr gut,“ fuhr die Prinzeſſin mit einem Stimmton voll Milde fort,„ich liebe mehr dieſe Offen⸗ herzigkeit, die mich verletzen muß, als eine Schmeichelei⸗ die mich hintergehen würde. Es ſei! Eurer Anſicht nach, Herr von Guiche, bin ich alſo coquette und ver⸗ ächtlich?“ 4 4 tende Gewölbe vom Blätterwerk des Waldes aus, durch* „— 19 „Verächtlich,“ rief der junge Mann,„veraͤchtlich, Ihr, ohl ich habe das ſicherlich nicht geſagt; ich konnte das, was es Koſtbarſtes für mich auf der Welt gibt, nicht etwas Verächtliches nennen; nein, nein, ich habe das nicht geſagt.“ „Eine Frau, die einen Mann, verzehrt von dem Feuer, das ſie entzündet, ſterben ſteht, und dieſes Feuer nicht löſcht, iſt meiner Anſicht nach eine verächtliche Frau.“ „Ohl was iſt Euch an dem gelegen, was ich ge⸗ ſagt habe? Mein Gott! was bin ich gegen Euch! und warum ſolltet Ihr Euch darum bekümmern, ob ich exi⸗ ſtire oder nicht exiſtire!“ „Herr von Guiche, Ihr ſeid ein Mann, wie ich ein Weib bin, und da ich Euch kenne, wie ich Euch kenne, ſo will ich Euch nicht dem Sterben preisgeben; ich wechſele mit Euch Benehmen und Charakter. Ich werde nicht offenherzig, das bin ich immer, ſondern wahr ſein. Ich ſlehe Euch alſo an, Herr von Guiche, liebt mich nicht mehr und vergeßt ganz und gar, daß ih. Euch je ein Wort oder einen Blick zugewendet habe.“ Guiche wandte ſich um, bedeckte Madame gleichſam mit einem leidenſchaftlichen Blick und erwiederte: „Ihr, Ihr entſchuldigt Euch, Ihr fleht mich an?“ „Ja, allerdings, weil ich das Boöͤſe gethan habe, muß ich es wieder gut machen. Alſo, Herr Graf, wir ſind dahin übereingekommen: Ihr vergebt mir meine Leichtfertigkeit, meine Coquetterieen... Unterbrecht mich nicht... Ich vergebe Euch, daß Ihr geſagt, ich ſei leichtfertig, coquette, etwas Schlimmeres vielleicht noch, und Ihr verzichtet auf Eure Todesgedanken und bewahret Eurer Familie, dem König und den Damen einen Cavalier, den Jedermann achtet und den Viele lieben.“ Madame ſprach dieſes letzte Wort mit einem ſol⸗ chen Ausdruck von Offenherzigkeit und von Zärtlichkeit 20 ſogar, daß das Herz des jungen Mannes aus ſeiner Bruſt hervorzuſpringen bereit ſchien. 3 „Oh! Madame, Madame,“ ſtammelte er. „Höret mich an,“ fuhr ſie fort,„habt Ihr auf mich verzichtet, einmal durch die Nothwendigkeit, ſodann um meiner Bitte zu entſprechen, ſo werdet Ihr mich beſſer beurtheilen, und Ihr werdet, deſſen bin ich ſicher, an die Stelle dieſer Liebe,— verzeiht mir, dieſer Toll⸗ heit— eine aufrichtige Liebe treten laſſen, die Ihr mir dann anbietet und die ich, das ſchwoͤre ich Euch, herzlich annehme.“ Schweiß auf der Stirne, den Tod im Herzen, Schauer in den Adern, biß ſich Guiche auf die Lippen, ſtampfte mit dem Fuß und verſchlang mit einem Wort alle ſeine Schmerzen. „Madame,“ ſagte er,„was Ihr mir da anbietet, iſt unmöglich, und ich nehme einen ſolchen Handel nicht an.“ „Wie!“ rief Madame,„Ihr ſchlagt meine Freund⸗ ſchaft aus?“ „Nein, nein, keine Freundſchaft, Madame, ich will eher vor Liebe ſterben, als aus Freundſchaft leben.“ „Herr Graf.“ „Oh! Madame,“ rief Guiche,„ich habe jenen äußerſten Augenblick erreicht, wo es keine andere Rück⸗ ſicht, keine andere Ehrerbietuug mehr gibt, als die Rückſicht und die Ehrerbietung eines redlichen Mannes gegen eine angebetete Frau. Jagt mich fort, verflucht mich, zeigt mich an, Ihr werdet gerecht ſein; ich habe mich über Euch beklagt, doch ich habe mich nur ſo bitter beklagt, weil ich Euch liebe; ich ſagte Euch, ich würde ſterben, ich werde ſterben; lebe ich, ſo werdet Ihr mich vergeſſen; den Todten werdet Ihr nicht ver⸗ geſſen, deſſen bin ich ſicher.“ Und ſie, welche ganz träumeriſch und eben ſo be⸗ wegt, als der junge Mann, daſtand, wandte einen Mo⸗ 21— ment den Kopf ab, wie er ihn einen Augenblick zuvor ſelbſt abgewandt hatte. Dann nach kurzem Stillſchweigen fragte ſie: „Ihr liebt mich alſo ſehr?“ „Ohl wahnſinnig. Dergeſtalt, daß ich darob ſterbe, wie Ihr ſagtet. Dergeſtalt, daß ich darob ſterbe, ſei aßdaß Ihr mich fortjaget, ſei es, daß Ihr mich noch anhöret.“ „Dann iſt es ein Uebel ohne Hoffnung,“ ſprach ſie mit einer freudigen Miene,„ein Uebel, das man mit beſänftigenden Mitteln behandeln muß... Gebt mir Eure Hand... Sie iſt eiskalt.“ Guiche kniete nieder und drückte ſeinen Mund nicht auf eine, ſondern auf die beiden brennenden Hände von Madame. „Liebt mich alſo, da es nicht anders ſein kann,“ ſprach die Prinzeſſin. Und ſie drückte ihm beinahe unmerklich die Finger und hob ihn ſo auf, halb wie es eine Königin, halb wie es eine Liebende gethan hätte. Guiche ſchauerte am ganzen Leib. Madame fühlte dieſen Schauer durch die Adern des jungen Mannes laufen und ſah ein, daß dieſer ſie wahrhaft liebe. „Euern Arm, Graf, wir wollen zurückkehren,“ ſagte ſie. „Ah! Madame,“ erwiederte Guiche ſchwankend, geblendet, eine Flammenwolke vor den Augen.„Ah! Ihr habt ein drittes Mittel gefunden, mich zu tödten.“ „Zum Glück iſt es das längſte, nicht wahr?“ ſprach ſie. Und ſie zog ihn zu den Alleen fort. III. Die Correſpondenz von Aramis. Während die Angelegenheiten von Guiche, ſo völlig⸗ beigelegt, ohne daß er die Urſache der Beſſerung er⸗ rathen konnte, die unerwartete Wendung nahmen, die wir ſie haben nehmen ſehen, hatte ſich Raoul, der die Aufforderung von Madame begriffen, entfernt, um dieſe Erklärung, deren Reſultate er entfernt nicht ahnen konnte, nicht zu ſtören, und war zu den im Blumen⸗ garten zerſtreuten Damen zurückgekehrt. Wäͤhrend dieſer Zeit las der Chevalier von Lor⸗ raine, der in ſein Zimmer hinaufgegangen war, mit Erſtaunen den Brief von Wardes, der ihm erzählte, oder vielmehr durch die Hand ſeines Kammerdieners, den Degenſtich, den er in Calais bekommen, und alle Einzelheiten dieſes Abenteuers erzählen ließ, mit der Aufforderung, Guiche und Monſteur das mitzutheilen, was jedem von ihnen bei dieſem Ereigniß beſonders— unangenehm ſein duͤrfte. Wardes legte einen beſondern Werth darauf, dem Chevalier die Heftigkeit der Liebe von Buckingham für Madame darzuthun und er endigte ſeinen Brief damit, daß er ſagte, er glaube, dieſe Liebe werde erwiedert. Beim Leſen des letzten Paragraphen zuckte der Che⸗ valier die Achſeln; Wardes war in der That noch ſehr be weit zurück, wie man hat ſehen können. Wardes war erſt bei Buckingham. 4 Der Chevalier warf über ſeine Schulter den Brief auf einen nahen Tiſch und ſagte mit verächtlichem Ton: „In der That, das iſt unglaublich; der arme War⸗ des iſt doch ein Burſche von Geiſt, aber wahrhaftig, ————-—·»- ie ie en nit 23 das ſcheint er hier nicht zu ſein, ſo ſchnell verdummt man in der Provinz. Der Teufel hole dieſen Einfalts⸗ pinſel, der mir wichtige Dinge hätte ſchreiben ſollen und mir nur Albernheiten ſchreibt. Statt dieſes arm⸗ ſeligen, nichts bedeutenden Briefs würde ich dort in den Alleen eine gute Intrigue gefunden haben, welche eine Frau compromittirte, einem Mann vielleicht einen Degenſtich eingetragen und Monſteur drei Tage lang beluſtigt hätten.“ Er ſchaute auf ſeine Uhr und fuhr dann fort: „Nun iſt es zu ſpät. Ein Uhr Morgens, es muß Jedermann zum König zurückgekehrt ſein, wo man die Nacht vollends zubringt; ahl das iſt eine verlorene Fährte, und ohne einen beſonderen Glücksfall...“ Und während er dieſe Worte ſprach, näherte ſich der Chevalier, als wollte er ſein gutes Geſtirn herbei⸗ rufen, verdrießlich dem Fenſter, das auf einen ziemlich einſamen Theil des Gartens ging. Sogleich und als wäre ein böſer Genius zu ſeinen Dienſten geweſen, erblickte er, in Geſellſchaft eines Mannes nach dem Schloſſe zurückkehrend, eine ſeidene Mantille von dunkler Farbe, und erkannte die Tournüre, die ihm eine halbe Stunde zuvor aufgefallen war. „Eil mein Gott!“ dachte er, in die Hände klat⸗ ſchend,„Gott verdamme mich! wie unſer Freund Bu⸗ ckingham ſagt, da iſt mein Geheimniß!“ Und er ſprang raſch die Stufen herab, in der Hoff⸗ nung, rechtzeitig im Hof anzukommen, um die Frau in der Mantille und ihren Gefährten zu erkennen. Als er aber an die Thüre des kleinen Hofes kam, ſtieß er beinahe mit Madame zuſammen, deren ſtrah⸗ lendes Geſicht voll reizender Offenbarungen unter dieſer Mantille erſchien, die ſie beſchützte, ohne ſie zu ver⸗ bergen. Leider war Madame allein. Der Chevalier begriff, daß, als er ſie vor nicht 24 fünf Minuten mit einem Cavalier geſehen, dieſer Ca⸗ valier nicht ſehr ferne ſein mußte. Deshalb nahm er ſich kaum die Zeit, die Prinzeſ⸗ ſin zu grüßen, während er ſich indeſſen auf die Seite ſtellte, um ſie vorübergehen zu laſſen; denn nachdem ſie einige Schritte mit der Raſchheit einer Frau ge⸗ macht, welche erkannt zu werden befürchtet, als ferner der Chevalier ſah, daß ſie zu ſehr mit ſich ſelbſt be⸗ ſchäftigt war, um ſich um ihn zu bekümmern, eilte er in den Garten, ſchaute nach allen Seiten und umfaßte mit ſeinen Blicken ſo viel Horizont, als er nur immer konnte. Er kam zu rechter Zeit an. Der Cavalier, welcher Madame begleitet hatte, war noch im Bereiche des Ge⸗ ſichts; nun ging er raſch auf einen Flügel des Schloſſes zu, hinter welchem er zu verſchwinden im Begriff war. Es war keine Minute zu verlieren, der Chevalier eilte ihm nach, entſchloſſen, langſamer zu gehen, wenn er dem Unbekannten nahe wäre, aber wie ſchnell er auch lief, der Unbekannte hatte ſich vor ihm um den Seitenweg gewendet. Es war indeſſen klar, daß, da der Unbekannte nun ſachte, nachdenkend und den Kopf gebeugt unter dem Gewicht des Kummers oder des Glückes ging, der Che⸗ valier ihn, ſobald er ſich um die Ecke gedreht, wäre er nicht durch eine Thüre eingetreten, unfehlbar einholen Dies würde gewiß geſchehen ſein, wäre der Che⸗ würde. valier nicht in dem Augenblick, wo er um die Ecke ging, auf zwei Perſonen geſtoßen, die ſich in entgegen⸗ geſetzter Richtung um dieſelbe drehten. Der Chevalier war ganz bereit, dieſen zwei Aer⸗ 1 gerlichen ſchlimm mitzuſpielen, als er aufſchreiend den Herrn Oberintendanten erkannte. Fouquet war begleitet von einer Perſon, bie e Ghebiſier zum erſten Mal ſah. 25 Dieſe Perſon war ſeine Seine Herrlichkeit der Bi⸗ ſchof von Vannes. Zurückgehalten durch die Gewichtigkeit des Mannes und gezwungen durch den Wohlanſtand, da ſich zu ent⸗ ſchuldigen, wo er Entſchuldigungen zu empfangen er⸗ wartete, machte der Chevalier einen Schritt rückwärts; und da Fouquet, wenn nicht die Freundſchaft, doch wenigſtens die Achtung von aller Welt genoß, da der Koͤnig ſelbſt, obgleich er mehr ſein Feind, als ſein Freund war, Herrn Fouquet als einen anſehnlichen Mann behandelte, ſo that der Chevalier, was der König ſelbſt gethan hätte, er grüßte Herrn Fouquet, der ſeinen Gruß mit einer freundlichen Höflichkeit er⸗ wiederte, da er ſah, daß dieſer Cavalier ihn aus Un⸗ achtſamkeit und durchaus aus keiner böſen Abſicht ge⸗ ſtoßen hatte. Dann beinahe ſo gleich, als er den Chevalier von Lorraine erſchaut hatte, machte er ihm ein paar Kom⸗ plimente, die dieſer ebenfalls zu erwiedern genöthigt war. So kurz dies Geſpräch war, ſo ſah doch der Che⸗ valier von Lorraine zu ſeinem tödtlichen Mißvergnügen ſeinen Unbekannten abnehmen und allmälig im Schatten verſchwinden. Der Chevalier ergab ſich darein, und kam, ſo bald er ſich einmal ergeben hatte, gänzlich auf Fouquet zurück. „Ah! mein Herr,“ ſagte er,„Ihr kommt ſehr ſpät an. Man war hier ſehribeſorgt über Eure Ab⸗ weſenheit, und ich habe gehört, wie ſich Monſteur dar⸗ über wunderte, daß Ihr, während Ihr vom König eingeladen waret, nicht eingetroffen ſeid.“ „Es war mir unmöglich, mein Herr, und ſo bald ich mich frei machen konnte, begab ich mich hierher.“ „Paris iſt ruhig?“ „Vollkommen. Paris hat ſeine letzte Steuer ſehr gut aufgenommen.“ „Ahl ich begreife, Ihr wolltet Euch von dieſem guten Willen überzeugen, ehe Ihr an unſern Feſten Theil nahmet.“ „Ich komme nichts deſto weniger etwas ſpät. Ich wende mich daher an Euch, mein Herr, und frage Euch, ob der König außerhalb oder im Schloß iſt, ob ich ihn dieſen Abend ſehen kann, oder ob ich bis mor⸗ gen warten muß.“. „Wir haben den König ſeit ungefähr einer halben Stunde aus dem Geſicht verloren,“ antwortete der Chevalier. 1— „Er wird vielleicht bei Madame ſein?“ fragte Fouquet.. „Bei Madame, ich glaube nicht, denn ich habe ſo eben Madame begegnet, welche auf der kleinen Treppe nach Hauſe kehrte, und wenn der Cavalier, den Ihr vorhin gekreuzt habt, nicht der König in Perſon war...“ Und der Chevalier wartete, in der Hoffnung, er würde den Namen von dem, welchen er verfolgt, er⸗ fahren.. Doch Fouquet, hatte er nun Guiche erkannt oder nicht erkannt, antwortete nur: „Nein, mein Herr, er war es nicht.“ Den Chevalier grüßte er zierlich; doch als er, während er grüßte, zum letzten Mal umhergeſchaut und Herrn Colbert mitten in einer Gruppe erblickt hatte, ſagte er zum Oberintendanten: 4 „Ahl mein Herr, dort unter den Bäumen iſt 5 Einer, der Euch beſſer unterrichten wird, als ich.“ „Wer?“ fragte Fouquet, deſſen ſchwaches Geſicht die Finſterniß nicht durchdrang. „Herr Colbert,“ antwortete der Chevalier. „Ah! ſehr gut. Der Mann, der dort mit den Leuten, welche Fackeln tragen, ſpricht, iſt Herr Colbert.“ „Er gibt ſeine Befehle für morgen, den Menſchen, welche die Illuminationen zu beſorgen haben.“ „Ich danke, mein Herr!“ ſagte Herr Fouquet. 4 27 Und er machte eine Bewegung mit dem Kopf, welche bedeutete, er habe Alles erfahren, was er zu wiſſen wünſchte. Der Chevalier, der gerade im Gegentheil nichts erfahren hatte, entfernte ſich nach einer tiefen Ver⸗ eugung. Kaum hatte er ſich entfernt, als Fouquet, die Stirne faltend, in eine tiefe Träumerei verſank. Aramis ſchaute ihn einen Augenblick mit einer Art von Mitleid, voll Traurigkeit an. „Nun!“ ſagte er,„Ihr ſeid ſchon bei dem Namen dieſes Menſchen allein bewegt. Vorhin triumphirend und freudig, werdet Ihr düſter beim Anblick dieſes ge⸗ ringfügigen Geſpenſtes. Sprecht, Herr, glaubt Ihr an Euer Glück?“ „Nein!“ antwortete Fouquet traurig. „Und warum dies?“ „Weil ich in dieſem Augenblick zu glücklich bin,“ erwiederte er mit zitternder Stimme.— „Ahl mein lieber d'Herblay, Ihr, der ſo gelehrt ſeid, müßt die Geſchichte eines gewiſſen Tyrannen von Samos kennen. Was kann ich in das Meer werfen, um das zukünftige Unglück zu entwaffnen! Oh! ich wiederhole Euch, mein Freund, ich bin zu glücklich! ſo glücklich, daß ich mir nichts mehr über dem, was ich habe, wünſche. Ich bin ſo hoch geſtiegen... Ihr kennt meinen Wahlſpruch: quo non ascendens. Ich bin ſo hoch geſtiegen, daß ich nur noch herabzuſteigen habe. Es iſt mir alſo nicht möglich, an den Fortgang kinran hlüites zu glauben, das ſchon mehr, als menſch⸗ ich iſt.“ Aramis läͤchelte, indem er auf Fouquet ſein ſo feines und einſchmeichelndes Auge heftete, und ſprach: „Kennte ich Euer Glück, ſo würde ich vielleicht Eure Ungunſt befürchten; doch Ihr beurtheilt mich als wahrer Freund, das heißt, Ihr findet mich gut für das Ungluͤck, nicht wahr? Ich weiß, das iſt ſchon unge⸗ heuer; doch in der That, ich habe wohl das Recht, von Euch zu verlangen, daß Ihr mir von Zeit zu Zeit die glücklichen Dinge mittheilt, die Euch begegnen, und an denen ich, wie Ihr wißt, mehr als an denen, die mir ſelbſt begegnen, Antheil nehmen würde.“ „Mein lieber Prälat,“ erwiederte Fouquet lachend, „meine Geheimniſſe ſind zu profan, als daß ich ſie einem Biſchof, ſo weltlich er auch ſein mag, anver⸗ trauen ſollte.“ „Bahl in der Beichte.“ „Ohl ich würde zu ſehr erroͤthen, wenn Ihr mein Beichtiger wäret.“ Hiebei ſeufzte Fouquet. Aramis ſchaute ihn abermals ohne eine andere Kundgebung ſeines Gedankens, als ſein ſtummes Lä⸗ cheln an. „Ah!“ ſagte er,„die Verſchwiegenheit iſt eine große Tugend.“ „Stille!“ ſprach Fouquet.„Das giftige Thier hat mich erkannt und nähert ſich uns.“ „Colbert.“ „Ja; entfernt Euch, mein lieber d'Herblay, dieſer Knauſer ſoll uns nicht beiſammen ſehen, er würde eine Abneigung gegen Euch faſſen.“ Aramis drückte ihm die Hand und erwiederte: „Wozu bedarf ich ſeiner Freundſchaft? ſeid Ihr nicht da?“ „Ja, aber ich werde vielleicht nicht immer da ſein,“ entgegnete Fouquet ſchwermüthig. „An dieſem Tage, wenn er je kommt,“ verſetzte Aramis ruhig,„werden wir der Freundſchaft von Herrn Colbert zu entbehren oder ſeinem Widerwillen zu trotzen wiſſen. Doch ſagt mir, lieber Herr Colbert.... Doch ſagt mir, mein lieber Herr Fouquet, ſtatt mit dieſem Knauſer zu ſprechen, wie Ihr ihn zu nennen ihm die Ehre erweiſt, ein Geſpräch, deſſen Nutzen ich nicht ein⸗ cht, Zeit und die end, ſie ver⸗ nein dere Lä⸗ eine hat ieſer eine Ihr ein,“ ſetzte errn otzen Doch eſem die ein⸗ 29 ſehe, begebt Ihr Euch nicht, wenn nicht zum Koͤnig, doch wenigſtens zu Madame.“ „Zu Madame!“ erwiederte der Oberintendant, zer⸗ ſtreut durch ſeine Erinnerungen.„Ja, allerdings, zu Madame.“ „Ihr erinnert Euch,“ fuhr Aramis fort,„daß man Euch mitgetheilt hat, wie hoch Madame ſeit ein paar Tagen in der Gunſt ſteht. Ich glaube, es entſpricht Eurer Politik und unſern Plänen, daß Ihr beſtändig den Freundinnen Seiner Majeſtät den Hof macht. Das iſt das Mittel, dem wachſenden Anſehen von Herrn Col⸗ bert das Gegengewicht zu halten. Begebt Euch alſo ſo bald als moͤglich zu Madame und lenkt uns dieſe Verbündete zu.“ „Seid Ihr denn ſicher, daß der König wirklich auf ſie in dieſem Augenblick ſeine Augen geheftet hat?“ „Hätte ſich der Wind gedreht, ſo wäre dies erſt ſeit dieſem Morgen geſchehen. Ihr wißt, daß ich meine Polizei habe.“ „Gut, ich gehe auf der Stelle, und ich habe auf jeden Fall mein Mittel, um mich einzuführen: das iſt ein herrliches Paar antiker in Diamanten gefaßter Ca⸗ meen.“ „Ich habe es geſehen, es gibt nichts Reicheres und Köoniglicheres.“ Sie wurden in dieſem Augenblick durch einen Lackei, der einen Courier herbeiführte, unterbrochen. „Für den Herrn Oberintendanten,“ ſagte laut der Courier, indem er Fouquet einen Brief reichte. „Für Monſeigneur den Biſchof von Vannes,“ ſprach leiſe der Lackei, der Aramis einen Brief übergab. Und da der Lackei eine Fackel trug, ſo ſtellte er ſich zwiſchen den Oberintendanten und den Biſchof, da⸗ mit Beide zu gleicher Zeit leſen konnten. Beim Anblick der feinen und gedrängten Schrift des Umſchlags bebte Herr Fouquet vor Freude. Nur diejenigen, welche lieben oder geliebt haben, werden ſeine Unruhe von Anfang, ſein Glück hernach begreifen. Er entſiegelte raſch den Brief, der nur folgende Worte enthielt: „Es iſt eine Stunde, daß ich Dich verlaſſen, ein Jahrhundert, daß ich Dir geſagt habe, ich liebe Dich.“ Dies war Alles. Frau von Bellière hatte in der That Fouquet vor einer Stunde verlaſſen, nachdem ſie zwei Tage bei ihm zugebracht, und aus Furcht, die Erinnerung an ſie könnte ſich zu lange von dem Herzen fern halten, nach dem ſie ſich ſehnte, ſchickte ſie ihm den Courier, der dieſes wichtige Sendſchreiben überbringen mußte. Fouquet küßte den Brief und bezahlte ihn mit einer Hand voll Gold. Aramis las, wie geſagt, ſeinerſeits, doch mit mehr Ruhe und Ueberlegung, folgendes Billet: „Der König iſt dieſen Abend von einem ſeltſamen Schlag berührt worden; eine Frau liebt ihn. Er hat durch einen Zufall, indem er horchte, das Geſpräch derſelben mit ihren Gefährtinnen erfahren. So gibt ſich der König ganz dieſer neuen Laune hin. Die Er⸗ wähnte iſt Fräulein de la Valliére, und von einer zu mittelmäßigen Schoͤnheit, als daß dieſe Laune eine zu große Leidenſchaft werden ſollte. „Gebet Acht auf Fräulein de la Vallidre.“ Nicht ein Wort von Madame. Aramis faltete langſam das Billet zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche. Fouquet ſchluͤrfte immer noch die Wohlgerüche ſei⸗ nes Briefes. „Monſeigneur,“ ſagte Aramis, Fouquet am Arm 3 berührend. „Was?“ fragte dieſer. „Es kommt mir ein Gedanke. Kennt Ihr ein kleines Mädchen, das man La Vallidre nennt?“ „Wahrlich nein.“. rden fen. ende ein ch.“ vor ihm ſie nach der mit nehr men hat räch gibt Er⸗ iner eine und ſei⸗ Arm ein 31 „Sucht wohl.“ „Ahl ja, ich glaube eines von den Ehrenfräulein von Madame?“ „Das muß es ſein.“ „Nun? hernach?“ „Nun! Dieſem kleinen Mädchen müßt Ihr heute Abend einen Beſuch machen.“ „Bahl und warum?“ „Mehr noch, dieſem kleinen Mädchen müßt Ihr Eure Cameen geben.“ „Geht doch!“ „Ihr wißt, daß ich ein Mann von gutem Rath in." „Doch dieſes unvorhergeſehene...“ „Das iſt meine Sache. Geſchwinde der kleinen La Vallière einen ordnungsgemäßen Hof gemacht. Ich verbürge mich bei Frau von Bellidre, daß es ein ganz politiſcher Hof iſt.“ „Was ſagt Ihr da, mein Freund?“ rief Fouquet, „welchen Namen habt Ihr da ausgeſprochen?“ „Einen Namen, der Euch beweiſen muß, Herr Oberintendant, daß ich, ſehr gut unterrichtet über Euch, auch über die Andern gut unterrichtet ſein kann. Macht der kleinen La Vallidre den Hof.“ „Ich mache den Hof, wem Ihr wollt,“ erwiederte Fouquet, das Paradies im Herzen. „Ahl ahl ſteigt wieder auf die Erde herab, Rei⸗ ſender im ſiebenten Himmel,“ ſagte Aramis,„ſeht, hier iſt Herr Colbert. Ohl er hat rekrutirt, während wir laſen; er iſt umringt, man ſpendet ihm Lob, man wüuſcht ihm Glück, er iſt offenbar eine Macht.“ Colbert kam in der That, escortirt von Allem, was an Höflingen in den Gärten übrig war, heran, und Jeder machte ihm über die Anordnung des Feſtes Landümente, die ſeinem Hochmuth ungemein ſchmei⸗ elten. „Wenn la Fontaine da wäre,“ ſagte Fauquet lä⸗ 8 chelnd,„welche ſchöne Gelegenheit wäre es für ihn, die Fabel von ſeinem Froſch zu recitiren, der ſich ſo dick machen will, als ein Ochs.“ Colbert kam in einen vom Licht blendenden Kreis, Fouquet erwartete ihn unempfindlich und leicht höhniſch. Colbert lächelte ihn an, er hatte ſeinen Feind ſchon ſeit einer Viertelſtunde geſehen und näherte ſich ihm mit einer Schlangenwindung. Das Lächeln von Colbert weiſſagte eine Feind⸗ ſeligkeit. „Ho! ho!“ ſagte Aramis leiſe zum Oberintendan⸗ ten,„der Schuft wird abermals einige Millionen von Euch verlangen, um ſein Feuerwerk und ſeine farbigen Gläſer zu bezahlen.“ Colbert grüßte zuerſt mit einer Miene, die er ehr⸗ erbietig zu machen ſich anſtrengte. Fouquet rührte kaum den Kopf. 3 „Nun! Monſeigneur,“ fragte Colbert,„was ſagen Eure Augen? haben wir guten Geſchmack gehabt 27 „Einen vortrefflichen Geſchmack,“ antwortete Fou⸗ quet, ohne daß man in ſeinen Worten den geringſten Spott bemerken konnte. 3 „Oh!“ erwiederte Colbert höhniſch,„Ihr ſeid ſehr nachſichtig. Wir ſind arm, wir Leute des Königs, und Fontainebleau iſt kein Ort, der ſich mit Vaur verglei⸗ chen läßt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach phlegmatiſch Fouquet, der alle Schaufpieler dieſer Scene beherrſchte. „Was wollt Ihr, Monſeigneur?“ fuhr Colbert fort,„wir haben es nach unſern kleinen Mitteln ein⸗ gerichtet.“ 3 Fouquet machte eine Geberde der Beiſtimmung. „Aber,“ ſprach Colbert,„es wäre Eurer Herrlich⸗ keit würdig, Seiner Majeſtät ein Feſt in Euren wun⸗ dervollen Gärten zu bieten... in dieſen Gärten, die Euch ſechzig Millionen gekoſtet haben.“ 6 un rend F 33 „Zwei und ſiebenzig,“ ſagte Fouquet. „Ein Grund mehr. Das wäre wahrhaft prächtig.“ „Glaubt Ihr, mein Herr, Seine Majeſtät würde ſich herablaſſen, meine Einladung anzunehmen?“ fragte Fouquet. „Ohl ich zweifle nicht daran, und ich verbürge mich ſogar dafür!“ rief Colbert lebhaft. „Das iſt ſehr liebenswürdig von Euch,“ ſagte Fou⸗ quet.„Ich kann alſo darauf zählen?“ „Ja, ja, gewiß.“ „Dann werde ich mich berathen,“ ſprach Fouquet. „Nehmt es an, nehmt es an,“ ſagte Aramis leiſe und raſch. „Ihr werdet Euch berathen,“ wiederholte Colbert. „Ja,“ antwortete Fouquet,„um zu erfahren, an welchen Tag ich dem König meine Einladung machen ann.“ „Ohl ſchon heute Abend, Monſeigneur, ſchon heute Abend.“ „Angenommen,“ ſagte der Oberintendant.„Ich möchte Euch gern einladen, meine Herren, doch Ihr wißt, daß überall, wohin der König geht, der König zu Hauſe iſt; es iſt alſo Eure Sache, Euch von Seiner Majeſtät einladen zu laſſen.“ Es entſtand ein freudiger Lärmen in der Menge. Fouquet grüßte und ging ab. „Elender Hochmuthsnarr!“ ſagte Colbert,„Du nimmſt an, und Du weißt, daß Dich das zehn Millio⸗ nen koſtet.“ „Ihr habt mich zu Grunde gerichtet,“ flüſterte Fouquet Aramis zu. „Ich habe Euch gerettet,“ entgegnete dieſer, wäh⸗ vuquet die Stufen der Freitreppe hinaufſtieg und den König fragen ließ, ob er noch ſichtbar wäre. — 8 * Die drei Musketiere. Bragelonne, vI. 3 34 d 8 . G IV. d * 5 A Der Commis von Ordnung. A Der König, den es drängte, mit ſich allein zu ſein⸗ um zu ſtudiren, was in ſeinem eigenen Herzen vorging, vo hatte ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen, wo ihn Herr von Saint⸗Aignan nach ſeinem Geſpräche mit F Madame aufſuchte. Wir haben dieſes Geſpräch mitgetheilt. Stolz auf ſeine doppelte Wichtigkeit und fühlend, daß er ſeit zwei Stunden der Vertraute des Königs 5 geworden war, ſing der Günſtling an, ſo ehrfurchtsvoll Bu er war, die Angelegenheiten des Hofes ein wenig laut ſei⸗ zu behandeln, und von dem Punkte aus, auf den er 3 ſich geſtellt, oder auf den ihn vielmehr der Zufall ge⸗ ns ſtelit hatte, ſah er nur Liebe und Blumengewinde um ſie ſich her. 1 nn Die Liebe des Königs für Madame, die von Ma⸗ dame für den König, die von Guiche für Madame, die der la Vallidre für den König, die von Malicorne für 6 Montalais, die von Fräulein von Tonnay⸗Charente für 4 ihn, Saint⸗Aignan, war das nicht mehr, als es brauchte, ſoll um einem Höfling den Kopf zu verdrehen? 1oll Saint⸗Aignan war aber das Muſter der vergange⸗ nen, gegenwärtigen und zukünftigen Höflinge. gut Saint⸗Aignan zeigte ſich übrigens als ſo guter Er⸗ jiz zähler und ſo feiner Schätzer, daß der König mit allen Nen Zeichen der Theilnahme zuhörte; beſonders als er von 4 der leidenſchaftlichen Art erzählte, mit der ihn Madame ich im Geſprache über die Angelegenheiten von Fräulein daß de la Vallière befragt hatte. Hatte der Koönig für Madame Henriette ih mehr von dem gefühlt, was er empfunden hatte, ſein, ing, ihn mit end, nigs voll laut n er ge⸗ um Ma⸗ die für für chte, nge⸗ Er⸗ allen von ame lein ichts lag 3⁵ doch in dem Eifer von Madame, ſich dieſe Auskunft geben zu laſſen, eine Befriedigung der Eitelkeit, welche dem Konig nicht entging. Er fühlte alſo dieſe Befriedigung, doch dies war Alles und ſein Herz war nicht einen Augenblick darüber beunruhigt, was Madame über dieſes Abenteuer denken oder nicht denken dürfte. Nun fragte der König, nachdem Saint⸗Aignan geendigt hatte, während er ſich zu ſeiner Nachttoilette vorbereitete: „Nicht wahr, Saint⸗Aignan, Du weißt nun, was Fräulein de la Vallière iſt?“ „Nicht nur, was ſie iſt, ſondern was ſie ſein wird.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß ſie Alles iſt, was eine rrau zu ſein wünſchen kann; das heißt, geliebt von Eurer Majeſtät; ich will damit ſagen, ſie werde Alles ſein, was Eure Majeſtät will, daß ſie ſein ſoll.“ „Das iſt es nicht, was ich Dich frage. Ich will weder wiſſen, was fie heute iſt, noch was ſie morgen ſein wird... das geht nur mich an... ſondern was ſie geſtern war. Wiederhole mir alſo, was man von ihr ſagt.“ a ſagt, ſie ſei vernünftig.“ „Oh!“ machte der Köni lächelnd,„das iſt ein Gerüccht.” g läch„ ſt „So ſelten bei Hofe, Sire, daß man es glauben ſollte, wenn es verbreitet wird.“ „Du haſt vielleicht Necht, mein Lieber.. und von guter Geburt?“ „Eine vortreffliche Tochter des Marquis de la Val⸗ lihre und Enkelin des vortrefflichen Herrn von Saint⸗ emy.“ „Ahl ja, des Oberhofmeiſters meiner Tante.. ich entſinne mich deſſen und ich erinnere mich nun auch, daß ich ſie im Vorübergehen in Blois geſehen habe.. ie wurde den Königinnen vorgeſtellt. Ich habe mir ——— 36 ſogar vorzuwerfen, daß ich ihr damals nicht die ganze Aufmerkſamkeit ſchenkte, die ſie verdiente.“ „Oh! Sire, ich verlaſſe mich auf Eure Majeſtät, daß ſie die verlorene Zeit wieder einbringen wird.“ „Und es geht alſo das Gerücht, ſagt Ihr, ſie habe keinen Geliebten?“ „In jedem Fall glaube ich nicht, daß Eure Maie⸗ 4 ſtät ſehr über die Nebenbuhlerſchaft erſchrecken wird.“ äußerſt ernſten Ausdruck. „Wie beliebt, Sire.“ 1 f „Warte doch,“ rief plötzlich der König mit einem b 2 „Ich erinnere mich.“ 3 „Ah. „Wenn ſie keinen Geliebten hat, ſo hat ſie doch 4 einen Bräutigam.“ „Einen Bräutigam?“ ri „Wie, Du weißt das nicht, Graf?“ K „Nein!“— „Du, der Mann der Neuigkeiten.“ et „Eure Majeſtät wird mich entſchuldigen. Und der König kennt dieſen Bräutigam?“ „Bei Gott! ſein Vater hat mich gebeten, den Ver⸗ trag zu unterzeichen, es iſt. Der König war ohne Zweifel im Begriff, den Na⸗ Vo men des Vicomte von Bragelonne auszuſprechen, als er 3n plötzlich die Stirne faltete und inne hielt. „Es iſt...“ wiederholte Saint⸗Aignan. „Ich erinnere mich nicht mehr,“ antwortete Lud⸗ wig XIV., der eine Bewegung nur mit Mühe zu ver⸗ Wo bergen ſuchte. 3 „Darf ich Eurer Majeſtät auf die Spur helfen?“ Fo⸗ fragte der Graf von Saint⸗Aignan. fehl „Nein, denn ich weiß ſelbſt nicht mehr, von wem doch ich ſprechen wollte, nein, wahrhaftig, ich erinnere mich einꝛ nur unbeſtimmt, daß eines von den Ehrenfräulein hei⸗ rathen ſollte, voch der Name entgeht mir.“ 4 wem mich hei⸗ 37 „War es Fräulein von Tonnay⸗Charente, die er heirathen ſollte?“ fragte Saint⸗Aignan. „Vielleicht.“ „Dann war der Bräutigam Herr von Monteſpan; doch Fräulein von Tonnay⸗Charente hat nicht ſo dar⸗ Imer geſprochen, daß es etwaige Bewerber abſchrecken ollte.“ „Kurz,“ ſagte der König,„ich weiß nichts, oder beinahe nichts über Fräulein de la Vallidre. Saint⸗ Aignan, ich beauftrage Dich, Erkundigung über ſie ein⸗ zuziehen.“ „Ja, Sire.. und wann werde ich die Ehre haben, Eure Majeſtät wiederzuſehen?“ „Sobald Du Auskunft haſt.“ „Ich werde ſie bald haben, wenn es mit den Nach⸗ richten ſo raſch geht, als bei meinem Verlangen, den⸗ Köͤnig wiederzuſehen.“ „Gut geſprochen! Oh! ſage mir, hat Madame etwas gegen das arme Mädchen geaͤußert?“ „Nichts, Sire.“ „Madame hat ſich nicht geärgert?“ „Ich weiß es nicht, ſie hat nur immer gelacht.“ „Sehr gut... doch ich höre Geräuſch in den orzimmern, wie mir ſcheint, man wird mir ohne Zweifel einen Courier melden.“ „In der That, Sire.“ „Erkundige Dich, Saint⸗Aignan.“ Der Graf lief an die Thüre und ſprach einige Worte mit dem Huiſſier. „Sire,“ ſagte er, als er zurückkam,„es iſt Herr Fouquet, der ſo eben, wie er behauptet, auf einen Be⸗ fehl des Koͤnigs hier erſcheint. Er hat ſich eingefunden, doch der vorgerückten Stunde wegen beſteht er nicht einmal auf einer Audienz, und er begnügt ſich damit, daß er ſeine Gegenwart conſtatirt.“. „Herr Fouquet! Ich habe ihm um drei Uhr ge⸗ ſchrieben und ihn eingeladen, am andern Morgen in —,——— Fontainebleau zu ſein; er kommt um zwei Uhr nach Fontainebleau. Das nenne ich Eifer!“ rief der König ſtrahlend, da er ſah, wie gut man ihm gehorchte. „Nun! Herr Fouauet ſoll im Gegentheil ſeine Audienz 1 haben. Ich habe ihn berufen und werde ihn empfangen. Man führe ihn ein.“ „Du, Graf, lege Dich auf Nachforſchung und komme morgen.“. Der König druͤckte einen Finger auf ſeine Lippen, und Saint⸗Aignan entfernte ſich, Freude im Herzen, und gab dem Huiſſier Befehl, Herrn Fouquet einzuführen. f Fouquet trat in das Gemach des Königs ein. g Ludwig XIV. ſtand auf, um ihn zu empfangen. „Guten Abend, Herr Fouquet,“ ſagte er mit einem k liebenswürdigen Lächeln.„Ich freue mich über Eure u Pünktlichkeit; mein Bote mußte ſehr ſpät zu Euch kommen?“ 3 4 „Um neun Uhr, Abends, Sire.“ „Ihr habt in dieſen Tagen viel gearbeitet, Herr 2 Fouquet, denn man verſichert mich, Ihr habet ſeit drei d bis vier Tagen Euer Cabinet in Saint⸗Mandé nicht d verlaſſen.“ 3u „Ich hielt mich in der That drei Tage lang einge⸗ ſchloſſen,“ erwiederte Fouquet, ſich verbeugend. „Wißt Ihr, Herr Fouquet, daß ich Euch viel zu ſagen habe?“ fuhr der König mit ſeiner freundlichſten Miene fort. „Eure Majeſtät iſt allzugnädig, und da ſie ſo huld⸗ reich iſt, erlaubt ſie mir, ſie an das Verſprechen einer h. Aunudienz, das ſie mir gegeben, zu erinnern.“ K „Ah! ja, nicht wahr, Einer von der Kirche, der mir Dank abſtatten zu müſſen glaubt?“ n „Ganz richtig, Sire. Die Stunde iſt vielleicht ſchlecht gewählt, doch die Zeit von demjenigen, welchen ich bringe, iſt koſtbar, und da Fontainebleau auf d Wege ſeiner Diöces liegt...“ 8 „Wer iſt es?“. 3 nach nig hte. ienz gen. nme pen, zen, ren. ein. nem Fure Fuch Herr drei nicht nge⸗ el zu hſten zuld⸗ einer „der leicht elchen dem 39 „Der letzte Biſchof von Vannes, den Eure Majeſtät auf meine Empfehlung vor drei Monaten zu inveſtiren die Gnade gehabt hat.“ „Es iſt möglich,“ ſagte der König, der ohne zu leſen, unterzeichnet hatte,„und er iſt hier?“ „Ja, Sire; Vannes iſt eine wichtige Diöces: die Kirchkinder dieſes Geiſtlichen bedürfen ſeines göttlichen Wortes; es ſind Wilde, die man durch den ünterricht beſtändig abſchleifen muß, und Herr d'Herblay hat nicht ſeines Gleichen für ſolche Miſſionen.“ „Herr d'Herblay!“ ſagte der König, der im Grunde ſeiner Erinnerungen ſuchte, als ob dieſer Name, wenn auch vor langer Zeit gehört, ihm nicht unbekannt wäre. „Oh!“ ſprach Fouquet lebhaft,„Eure Majeſtät kennt dieſen dunklen Namen von einem Ihrer getreuſten und koſtbarſten Diener nicht.“ „Nein, ich geſtehe es... Und er will wieder ab⸗ reiſen?“ „Er hat heute Briefe bekommen, die vielleicht ſeine Abreiſe nothwendig machen, ſo daß er, ehe er ſich auf den Weg nach dem verlorenen Land begibt, das man die Bretagne nennt, Eurer Majeſtät ſeine Ehrerbietung zu bezeigen wünſcht.“ „Und er wartet?“ „Er iſt hier, Sire.“ „Laßt ihn eintreten.“ Fouquet machte dem Huiſſier ein Zeichen. Die Thüre wurde geöffnet und Aramis trat ein. Der König ließ ihn ſein Kompliment ſagen und heftete einen langen Blick auf dieſe Phyſiognomie, die Keiner vergeſſen konnte, wenn er ſie einmal geſehen hatte. „Vannes!“ ſagte er,„Ihr ſeid Biſchof von Van⸗ nes, mein Herr?“ „Ja⸗ Sire!“ „Vannes liegt in der Bretagne?“ Aramis verbeugte ſich. „Beim Meere.“ Aramis verbeugte ſich. „Einige Meilen von Belle⸗Isle.“ „Ja, Sire, ſechs Meilen, glaube ich,“ antwortete Aramis. „Sechs Meilen, das iſt ein Schritt,“ ſagte Lud⸗ wig XIV. „Nicht für uns arme Bretagner, Sire, ſechs Mei⸗ len ſind im Gegentheil eine Entfernung, wenn es Land⸗ meilen, eine Unermeßlichkeit, wenn es Seemeilen ſind. Ich habe die Ehre gehabt, dem König zu ſagen, man zählt ſechs Seemeilen vom Ufer nach Belle⸗Isle.“ „Herr Fouquet ſoll ein ſehr ſchönes Haus dort haben?“ fragte der König. 1 „Ja, man ſagt es,“ antwortete Aramis, indem er Fouquet ruhig anſchaute. „Wie, man ſagt es,“ rief der König. „Ja, Sire.“ 3 mich.“ „Was, Sire.“ 3 „Wie, Ihr habt, an der Spitze Eurer Kirchſpiele, einen Mann, einen Herrn d'Herblay, und Ihr habt ihm Belle⸗Isle noch nicht gezeigt?“ „Oh! Sire,“ erwiederte der Biſchof, ohne Fouquet Zeit zu einer Antwort zu laſſen,„wir armen bretagni⸗ ſchen Prälaten bleiben gern in unſerem Wohnort.“ 4 „Herr von Vannes!“ ſagte der König,„ich werde Herrn Fouquet für ſeine Nachläſſigkeit beſtrafen.“ „Und wie das, Sire?“ „Ich verſetze Euch.“ Fouquet biß ſich auf die Lippe, Aramis lächelte. „Wie viel trägt Vannes ein?“ fuhr der König fort. „Sechstauſend Livres, Sire,“ antwortete Aramis. 3 „Ah, mein Gott! ſo wenig; doch Ihr habt Ver⸗ mögen, Herr von Vannes?“ „Ich habe nichts, Sire, Herr Fouquet bezahlt mir aber zwölfhundert Livres jährlich für ſeinen Kirchenſtuhl.“ „In der That, Herr Fouquet, Eines wündert ſprecht, ſpreche ich von Euch, Herr F 41 „Ahl Herr d'Herblay,“ ich verſpreche Euch etwas Beſſeres.“ „Sire.. „Ich werde an Euch denken.“ Aramis verbeugte ſich. er König grüßte ihn beinahe ehrfurchtsvoll, was übrigens ſeine Gewohnheit bei den Frauen und den Geiſtlichen war. Aramis begriff, daß ſeine Audienz beendigt war; er nahm Abſchied mit einer äußerſt einfachen Phraſe, mit einer wahren L „Das iſt ein merkwürdiges Geſicht,“ ſagte der Kö⸗ nig, der i i ſehen konnte, und ſogar gewiſſermaßen, als er ihn nicht mehr ſah. „Sire,“ antwortete Fouquet,„wenn dieſer Biſchof gründlich unterrichtet wä re, ſo würde kein Prälat mehr als er die erſte Auszeichnung verdienen.“ „Er iſt nicht gelehrt?“ „Er hat das Meßgewand ver⸗ tauſcht, und zwar ein wenig ſpaͤt. Doch gleich viel, erlaubt mir, Eure Majeſtät, zu geeigneter Zeit wieder von Herrn von Vannes zu ſprechen...“ „Ich bitte Euch darum. Doch ehe Ihr von ihm ouquet.“ „Von mir, Sire.“ „Ja, ich habe Euch tauſend Komplimente zu machen.“ .„Ich vermöchte es Eurer Majeſtät nicht auszu⸗ drücken, welche Freude ſie mir gewährt.“ „Ja, Herr Fouquet. Ja, ich hatte Vorurtheile ge⸗ gen Euch.⸗ „Dann war ich ſe „Doch ſie ſind ver merkt?“ „Doch, Sire; aber ich erwartete mit Reſignation Tag der Wahrheit Wt hr unglücklich, Sire.“ gangen. Habt Ihr es nicht be⸗ den 1„ und es ſcheint, dieſer Tag iſt gekommen,“. 42 „Ahl Ihr wußtet, daß Ihr bei mir in Ungnade waret?“ „Ach! ja, Sire.“ „Und wißt Ihr auch, warum?“ „Vollkommen, der König hielt mich für einen Ver⸗ ſchleuderer.“ „Ohl nein.“ „Oder vielmehr für einen mittelmäßigen Verwal⸗ ter. Kurz, Eure Majeſtät glaubten, da die Völker kein Geld haben, ſo habe der König auch keines.“ „Ja, ich glaubte das, doch ich bin enttäuſcht.“ Fouquet verbeugte ſich. „Und keine Rebellionen, keine Klagen.“ „Und Geld,“ ſagte Fouquet. „Es iſt wahr, daß Ihr im letzten Monat für mich verſchwendet habt.“ „Ich habe noch, nicht allein für alle Bedürfniſſe,— ſondern auch für alle Launen Eurer Majeſtät.“ „Gott ſei Dank!“ ſprach der König mit ernſtem Tone,„ich werde Euch nicht auf die Probe ſtellen, mein Herr. Ich will in zwei Monaten nichts mehr von Euch. verlangen.“ „Ich werde dieß benützen, um dem König fünf bis ſechs Millionen anzuhäufen, die ihm für den Fall eines Krieges als erſte Fonds dienen ſollen.“ „Fünf bis ſechs Millionen!“ „Wohl verſtanden, nur für ſeine Haustruppen.“ „Ihr glaubt alſo an den Krieg, Herr Fouquet?“ „Ich glaube, daß, wenn Gott dem Adler einen Schnabel und Klauen gegeben hat, dieß geſchehen iſt, damit er ſich derſelben bediene, um ſeine Königswürde zu zeigen.“ Der König erröthete vor Vergnügen. „Wir haben in dieſen Tagen viel ausgegeben, mein 3 Herr.. werdet Ihr mir nicht grollen?“ 3 „Sire, Eure Majeſtät hat noch zwanzig Jahre —₰ α☛ 1 ade ——— 43 Jugend, und eine Milliarde während dieſer zwanzig Jahre auszugeben.“ „Eine Milliarde, das iſt viel, Herr Fouquet,“ ſagte der König. „Ich werde ſparen, Sire. Ueberdieß hat Eure Majeſtät an Herrn Colbert und an mir zwei koſtbare Männer. Der Eine wird ſie ihr Geld ausgeben ma⸗ chen, und das bin ich, vorausgeſetzt, daß meine Dienſte ihr immer genehm ſind, und der andere wird ihr das Geld erſparen, und das iſt Herr Colbert.“ „Herr Colbert?“ verſetzte der König erſtaunt. „Allerdings, Sire, Herr Colbert rechnet vortrefflich.“ Bei dieſem Lob, dem Feind vom Feinde ſelbſt ge⸗ ſpendet, fühlte ſich der König von Vertrauen und Be⸗ wunderung durchdrungen. Es lag wirklich weder im Blick noch in der Stimme von Fouquet etwas, was einen Buchſtaben von den orten zerſtörte, die er geſprochen, er ſpendete nicht ein Lob, um das Recht zu haben, zwei Vorwürfe anzu⸗ bringen. Der König ſah dieß ein und ſprach, vor ſo viel Großmuth oder Geiſt die Waffen ſtreckend: „Ihr lobt Herrn Colbert?“⸗ „Ja, Sire, ich lobe ihn, denn abgeſehen davon, daß er ein Mann von Verdienſt iſt, halte ich ihn den Intereſſen Eurer Majeſtät ſehr ergeben.“ „Glaubt Ihr dieß, weil er oft Euren Abſichten widerſtrebt hat?“ fragte der König lächelnd. „Allerdings, Sire.“ „Erklärt mir das?“ „Das iſt ganz einfach. Ich bin ein Mann, den man braucht, um das Geld eingehen zu machen; er iſt ein Mann, den man braucht, um es am Weggehen zu verhindern.“ „Ah! Herr Oberintendant, was Teufels! Ihr wer⸗ det mir wohl etwas ſagen, was dieſe ganze gute Mei⸗ nung berichtigt?“ 44 „In adminiſtrativer Hinſicht, Sire?“ „Ja.“ „Nicht das Geringſte, Sire.“ „Wahrhaftig.“ „Auf Ehre, ich kenne in Frankreich keinen beſſeren Commis, als Herrn Colbert.“ „Wort Commis hatte im Jahr 1664 nicht die etwas untergeordnete Bedeutung, die man ihm heut zu Tage gibt; doch indem es durch den Mund von Herrn Fouquet ging, den der König Herr Oberintendant ge⸗ nannt hatte, nahm es etwas Geringfügiges, Kleines an, was Fouqguet vortrefflich an ſeinen Platz und Col⸗ bert an den ſeinigen ſtellte. „Nun!“ ſagte Ludwig XIV.,„er iſt es jedoch, der, ſo ökonomiſch er auch ſein mag, meine Feſte in Fontainebleau angeordnet hat, und ich verſichere Euch, Herr Fouquet, daß er mein Geld durchaus nicht am Weggehen verhinderte.“ Fouquet verbeugte ſich, doch ohne zu antworten. „Iſt das nicht Eure Meinung?“ fragte der König. „Sire,“ antwortete Fouquet,„ich finde, daß Herr Colbert die Dinge mit unendlich viel Ordnung gemacht hat, und in dieſer Hinſicht alles Lob Eurer Majeſtät verdient.“ 2 Das Wort Ordnung bildete das Seitenſlück zu dem Wort Commis. Keine Organiſation hatte mehr als die des Königs die lebhafte Empfindbarkeit, die Feinheit des Taktes, welche den Schatten der Eindruͤcke vor den Eindrücken ſelbſt aufgreift und durchdringt. Ludwig XIV. begriff, daß der Commis für Fou⸗ quet zu viel Ordnung gehabt hatte, das heißt, daß die ſo glänzenden Feſte von Fontainebleau noch glänzender hätten ſein können.* Der König fühlte, dem zu Folge, daß Jemand ſeinen Unterhaltungen etwas vorwerfen konnte; er hatte ein wenig von dem Aerger jenes Provinzbewohners, der mit den herrlichſten Kleidern ſeiner Garderobe geſchmückt in Paris ankommt, wo ihn der Elegant zu ſehr oder zu wenig anſchaut.. Dieſer Theil des ſo nüchternen, aber ſo feinen Ge⸗ ſprächs von Fouquet verlieh dem König noch mehr Ach⸗ tung für den Charakter des Menſchen und di Fähig⸗ keit des Miniſters. Fouquet nahm um zwei Uhr Abſchied und der önig legte ſich etwas unruhig, etwas verwirrt über die verſchleierte Lektüre, die er bekommen, zu Bette; und zwei gute Viertelſtunden wurden von ihm dazu an⸗ gewandt, daß er ſich der Stickereien, der Tapeten, der Gerichte bei den Imbiſſen, der Architekturen bei den Triumphbögen, der Einrichtung der Illuminationen und Feuerwerke, wie dieß Alles durch die Ordnung des Commis Colbert veranſtaltet worden, erinnerte. Das Reſultat hievon war, daß der König, indem er Alles durchging, was ſeit acht Tagen geſchehen, einige Mackel an ſeinen Feſten fand. Fouquet aber hatte, durch ſeine Höflichkeit, durch ſeine Freundlichkeit, durch ſeine Großmuth Colbert tiefer verletzt, als es dieſem je gelungen war, Fouquet durch ſeine Argliſt, durch ſeine Bosheit, durch ſeinen beharr⸗ lichen Haß zu verletzen. V. Fantainebleau um zwei Uhr Moargens. Saint⸗Aignon hatte das Gemach des Königs, wie geſagt, in dem Augenblick verlaſſen, wo der Oberinten⸗ dant eintrat. 4 40 Sajint⸗Aignan war mit einer dringenden Sendung beauftragt. Es war ein ſeltener Mann, der Mann, den wir als Freund des Königs eingeführt, einer von jenen koſt⸗ baren Höflingen, deren Wachſamkeit und Pünktlichkeit des Beſtrebens von dieſer Zeit an jeden vergangenen oder zukünftigen Günſtling in den Schatten ſtellten, und der durch ſeine Genauigkeit die Servilität von Dangeau aufwog. Dangeau war auch nicht der Günſtling, ſondern der Willfährige des Königs. Herr von Saint⸗Aignan orientirte ſich alſo. Er dachte, die erſte Auskunft, die er erhalten könnte, müßte ihm von Guiche zukommen. Er lief alſo Guiche nach. Guiche, den wir am Flügel des Schloſſes haben verſchwinden ſehen, und der ganz den Anſchein hatte, als kehrte er nach ſeiner Wohnung zurück, war nicht zurückgekehrt. Saint⸗Aignan begann ſeine Nachforſchungen nach Guiche. Nachdem er ſich gut gedreht, lavirt und geſucht hatte, erblickte Saint⸗Aignan etwas wie eine menſchliche Geſtalt an einem Baume angelehnt. Dieſe Geſtalt hatte die Unbeweglichkeit einer Bild⸗ ſäule und ſchien ſehr beſchäftigt, nach einem Fenſter zu ſchauen, obgleich die Vorhänge dieſes Fenſters hermetiſch geſchloſſen waren.. Da dieſes Fenſter das von Madame war, ſo dachte Saint⸗Aignan, die Geſtalt müſſe die von Guiche ſein. Er näherte ſich ſachte und ſah, daß er ſich nicht ge⸗ täuſcht. Guiche hatte aus ſeiner Unterredung mit Madame eine ſolche Laſt von Glück mitgenommen, daß ſeine ganze Seelenſtärke nicht genügte, um ſie zu tragen. Saint⸗Aignan wußte ſeinerſeits, daß Guiche An⸗ lheil bei der Einführung der la Vallière bei Madame 4 . 6 47 gehabt habe; ein Höfling weiß Alles und erinnert ſich aller Umſtände. Nur hatte er nie gewußt, unter wel⸗ chem Titel und unter welchen Bedingungen Guiche der la Vallière ſeine Protektion bewilligt. Da es aber, wenn man viel fragt, ſelten iſt, daß man nicht ein wenig erfährt, ſo hoffte Saint⸗Aignan genugnzu erfah⸗ ren, wenn er Guiche mit aller Zartheit, und zugleich mit aller Dringlichkeit, der er fähig war, befragen würde. Der Plan von Saint⸗Aignan war folgender: Wäre die Auskunft gut, ſo wollte er dem König mit vollem Erguß ſagen, er habe eine Perle in die Hände bekommen, und das Privileginm fordern, dieſe Perle in die königliche Krone einfügen zu dürfen. Wäre die Auskunft ſchlecht, was im Ganzen mög⸗ lich, ſo gedachte er zu unterſuchen, in welchem Grad der Koͤnig Werth auf die La Vallière lege, und den Rechenſchaftsbericht ſo lenken, daß das Mädchen ver⸗ trieben würde, um ſich ein Verdienſt aus dieſer Ver⸗ treibung bei allen Frauen zu machen, welche nach dem Herzen des Koͤnigs ſtreben dürften, bei Madame anzu⸗ fangen und mit der Königin zu endigen. Sollte ſich der König hartnäckig in ſeinem Ver⸗ langen zeigen, ſo wollte er ſeine ſchlimmen Noten ver⸗ hehlen, der la Valliére zu wiſſen thun, dieſe ſchlimmen Noten wohnen, ohne Ausnahme, in einem geheimen Schubfach ſeines Gedächtniſſes, ſo Edelmuth vor den Augen der Unglücklichen auskramen und ſie beſtändig durch die Dankbarkeit und die Furcht ſchwebend er⸗ halten, wodurch er ſich eine Freundin bei Hofe ſchaffen würde, welche wie eine Genoſſin intereſſirt wäre, das Glück ihres Genoſſen zu machen, indeß ſie zugleich ihr eigenes machte. Was den Tag betraf, an dem die Bombe der Ver⸗ gangenheit platzen ſollte, angenommen, ſie werde über⸗ haupt je platzen, ſo verſprach ſich Saint⸗Aignan, alle Vorſichtsmaßregeln getroffen zu haben, und beim König den Unwiſſenden zu ſpielen. Bei der La Vallidre würde er auch an dieſem Tag eine herrliche Rolle des Edelmuths haben. Mit allen dieſen Ideen, welche in einer halben Stunde beim Feuer der Begehrlichkeit auskochen, ging Saint⸗Aignan, der beſte Sohn der Welt, wie La Fon⸗ taine geſagt hätte, feſt entſchloſſen, Guiche ſprechen zu machen, das heißt, ihn in ſeinem Glück zu ſtören. 3 Ein Glück, von dem Saint⸗Aignan übrigens nichts wußte. Es war ein Uhr Morgens, als Saint⸗Aignan Guiche unbeweglich, an einen Baumſtamm angelehnt, und die Augen auf das erleuchtete Fenſter geheftet, erblickte. Ein Uhr Morgens, das heißt die ſüßeſte Stunde der Nacht, die, welche die Maler mit Myrthen und Mohn bekränzen, die Stunde mit den matten Augen, mit dem zitternden Herzen, mit dem ſchweren Kopf, ſ die auf den vergangenen Tag einen Blick des Bedauerns wirft, einen verliebten Blick an den neuen Tag richtet. Für Guiche war es die Morgenröthe eines unaus⸗ n ſprechlichen Glückes: er hätte dem Bettler, der ſich auf ſeinen Weg geſtellt, einen Schatz gegeben, um es zu erlangen, daß er ihn nicht in ſeinen Träumen ſtre. Gerade in dieſem Augenblick geſchah es, daß ihm m Saint⸗Aignan, ſchlecht berathen,— die Selbſtſucht„ räth immer ſchlecht— in dem Augenblick auf die Schul⸗ A ter klopfte, wo er ein Wort oder vielmehr einen Namen C murmelte. 4 zi „Oh!“ rief er,„ich ſuchte Euch.“ „Mich?“ fragte Guiche bebend. 4 1r „Ja, und ich finde Euch träumend im Mondſchein. Solltet Ihr zufällig von der Krankheit der Poeſte be⸗ fallen ſein und Verſe machen, mein lieber Graf?“ ng Der junge Mann zwang ſein Geſicht, zu lächeln, während tauſend und aber tauſend Widerſpruͤche gegen Saint⸗Aignan in der Tiefe ſeines Herzens murrten. 4 Tag lben ging Fon⸗ n zu 8 gens nan ihnt, ftet, unde und gen, kopf, erns tet. aus⸗ auf 3 zu ihm ucht hul⸗ men * 49 „Vielleicht,“ ſagte er.„Doch welcher glückliche ufall..“ „Ohl das beweiſt mir, daß Ihr mich ſchlecht ver⸗ ſtanden habt.“ „Wie ſo?“ 4 „Ja, ich fing damit an, daß ich ſagte, ich ſuche Euch.“ „Ihr ſuchtet mich?“ „Ja, und ich erwiſchte Euch.“ „Ich bitte, wobei?“ „Beim Beſingen von Philis.“ 1 „Es iſt wahr, ich leugne es nicht,“ erwiederte Guiche lachend;„ja ich beſinge Philis.“ „Dazu habt Ihr ein Recht erlangt.“ 71 5 „Ja, Ihr. Ihr, der unerſchrockene Beſchützer jeder ſchönen und geiſtreichen Frau.“ „Was Teufels erzählt Ihr mir da?“ „Anerkannte Wahrheiten, ich weiß es wohl. Doch wartet, ich bin verliebt.“ „Ihr?“ „Ja.“ „Deſto beſſer, lieber Graf. Kommt und mir das.“ „ Und, vielleicht etwas zu Aignan könnte das erleuchtete Guiche den Grafen beim Arm erzählt ſpät befürchtend, Saint⸗ Fenſter bemerken, nahm und ſuchte ihn fortzu⸗ „Oh!“ ſagte dieſer widerſtehend,“ führt mich nicht zu jenem ſchwarzen Gehölze, es iſt zu feucht dort. Bleiben wir im Monde, wenn es Euch beliebt.“ nd während er dem Druck des Armes von Guiche nachgab, blieb er unter d en Blumenbeeten, welche in der Nähe des Schloſſes lagen. „Nun denn,“ ſprach Guiche, der ſich in ſein Schick⸗ Die drei Mnsketiere. Bragelonne VI. 4 ſal ergab,„führt mich, wohin Ihr wollt und verlangt von mir, was Euch angenehm ſein dürfte.“ „Man kann nicht artiger ſein,“ erwiederte Saint⸗ Aignan. Dann, nachdem er eine Sekunde geſchwiegen, fuhr er fort: „Lieber Graf, ich moͤchte gern, daß Ihr mir ein paar Worte über eine gewiſſe Perſon ſagtet, die Ihr begünſtigt habt.“ „Und die Ihr liebt.“ „Ich ſage weder ja, noch nein, mein Liebſter. Ihr begreift, daß man ſein Herz nicht ſo mit dem Verluſt des Fonds anlegt, und daß man zuvor ſeine Sicherheits⸗ maßregeln nehmen muß.“ „Ihr habt Recht,“ ſprach Guiche mit einem Seuf⸗ zer,„es iſt etwas Koſtbares um ein Herz.“ „Um das meinige beſonders, denn es iſt ſehr zart, und ich gebe es Euch, wie es iſt.“ „Oh! Ihr ſeid bekannt, Graf. Doch was weiter?“ „Höret, es handelt ſich ganz einfach um Fräulein von Tonnay⸗Charente.“ d „Ohl mein lieber Saint⸗Aignan... ich denke, G Ihr werdet verrückt.“ p „Warum denn?“ 3 A „Ich habe Fräulein von Tonnay⸗Charente nie be⸗ ſe günſtigt.“ ſe „Bah 1 „Nie!“ ei „Habt Ihr nicht Fräulein von Tonnay⸗Charente zu Madame gebracht?“ 3 55 „Fräulein von Tonnay⸗Charente, und Ihr müßt ſch das beſſer wiſſen, als irgend Jemand, mein lieber ge Graf, iſt von hinreichend gutem Haus, daß man na fra ihr verlangt, um ſo mehr, daß man ſie zuläßt.“ ſiich „Ihr ſpottet meiner.“ 9. r „Nein, bei meiner Ehre, ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt/,. * — —— 51 „Ihr habt alſo keinen Antheil an ihrer Zulaſ⸗ ng?“ „Nein.“ „Ihr kennt ſie nicht?“ „Ich habe ſie zum erſten Mal am Tage der Vor⸗ günſtigt habe, da ich ſie nicht kenne, ſo vermöchte ich Euch über ſie nicht die Aufklärungen zu geben, die hr zu haben wünſcht.“ Hiebei machte Guiche eine Bewegung„ um ſeinen Gegenredner zu verlaſſen. „Ohl ohl“ ſagte Saint⸗Aignan, heinen Augenblich eduld, mein Lieber; Ihr entkommt mir nicht ſo.“ „Verzeiht, doch mir ſchien, es ſei die Stunde, um nach Hauſe zurückzukehren.“ „Ihr waret aber nicht auf dem Weg nach Hauſe, als ich Euch, nicht traf, ſondern fand.“ „Mein lieber Graf, ſobald Ihr mir etwas zu ſagen habt, ſtelle ich mich zu Eurer Verfügung.“. „Oh! Ihr thut wohl daran, bei Gott! was li an einer halben Stunde mehr od Spitzen werden nicht mehr und ni ſu chweigens find.“ „Oh! das liebe Kind, ich halte es für rein einen Kriſtall.“ „Ihr erfüllt mich mit Freude. „wie fräͤulein verſehen habt. Man hat ſo tiches Lied über dieſe Lie 5²2 „Nein, doch ſingt es mir, ich werde ſeine Bekannt⸗ ſchaft machen.“ „Ich vermöchte Euch nicht zu ſagen, wie es an⸗ fängt, doch ich erinnere mich, wie es endigt.“ „Gut, das iſt ſſhon etwas.“ „Der Ehrenfräulein Lieferant! „Iſt Guiche wie männiglich bekannt.“ „Der Gedanke iſt ſchwach und der Reim armſelig.“ „Ohl was wollt Ihr, mein Lieber, es iſt weder von Racine, noch von Molièére, ſondern von La Feuil⸗ leon, und ein vornehmer Herr kann nicht reimen, wie ein gemeiner Bürgersmann.“ „Es iſt in der That ärgerlich, daß Ihr Euch nur des Schluſſes entſinnt.“ „Wartet, wartet, es fällt mir nun auch der An⸗ fang des zweiten Couplet ein.“ „Ich hoͤre...“ „Das Vogelhaus gefällt hat er, „Montalais und...⸗ „Bei Gott! und La Vallièére!“ rief Guiche unge⸗ duldig, beſonders weil er nicht wußte, worauf Saint⸗ Aignan abzielte. „Ja, ja, ſo iſt es, La Vallière... Ihr habt den Reim gefunden.“ „Meiner Treue! ein ſchoͤner Fund.“ „Montalais und La Vallière, ſo iſt es. Das ſind zwei kleine Mädchen, die ihr protegirt habt,“ ſagte Saint⸗Aignan. Und er fing an zu lachen. „Ihr findet alſo in dem Liede Fräulein von Ton⸗ nay⸗Charente nicht?“ fragte Guiche. „Nein.. „Ihr ſeid alſo zufrieden.“ 8 „Allerdings, doch ich finde Montalais,“ erwiederte Saint⸗Aignan, immer lachend. „Oh! Ihr werdet ſie überall ſinden. Es iſt ein ſehr rühriges Fräulein.“ 3 2 8 und um einen Platz für Malicorne auſe von Monſteur. Ich ſuchte darum nach, Ihr wißt, ich habe eine Schwäche für den drolligen Ma⸗ nicamp.“ „Und Ihr erhieltet es? „Für Montalais, ja; für Malicorne, ja oder nein; er iſt bis jetzt nur geduldet; und das iſt Alles, was Ihr wiſſen wollt.“ „CEs iſt noch der Reim übrig.“ „Welcher Reim?“ „Der Reim, de „La Valliére.“ „Ja.“ Und Saint⸗Aignan fing ſein Gelaͤchter wieder an, das Guiche ſo ſehr reizte. „Nun wohl,“ ſprach der Letztere,„es iſt wahr, ich habe ſie in die Dienſte von Mada n Ihr gefunden habt.“ niche mit ſeiner kälte⸗ ücklich machen, aamen ſcherzt. Fräulein alliore iſt eine vollkommen vernünftige erſon.“— „Vollkommen vernünftig?“ „Ja.“ „Ihr ken ut alſo das neue Gerü zt nicht 24 rie Saint⸗Aignan. c 3 „Nein, und Ihr werdet n erweiſen, wenn Ihr dieſes Gerücht für Euch und für diejenigen behaltet, welche es in Umlauf bringen.“ 6 „Ah! bah, Ihr nehmt die Sache ſo ernſt? nir ſogar einen Gefallen 8 54 „Ja, Fräulein de la Vallière ner Freunde geliebt.“ Saint⸗Aignan bebte. „Hal hal“ machte er. „Ja, Graf,“ fuhr Guiche fort.„Ihr begreift folglich, Ihr, der artigſte Mann von Frankreich, daß ich meinen Freund nicht eine lächerliche Stellung machen laſſen kann.“ „Oh! vortrefflich!“ rief Saint⸗Aignan. Und er nagte ſich an den Fingern, halb aus Aer⸗ halb wegen getäuſchter Neugierde. Guiche grüßte ihn artig. „Ihr jagt mich fort?“ ſagte Saint⸗Aignan, der vor Begierde, den Namen des Freundes zu erfahren, wird von einem mei⸗ ger, ſtarb. „Ich jage Euch nicht fort, Theuerſter: Ich voll⸗ ende meine Verſe an Philis.“ „Und dieſe Verſe...* „Sind ein Quatrieme. Nicht wahr, Ihr ſeht ein, ein Quatrieme iſt etwas Heiliges.“ „Meiner Treue, ja.“ „Und da ich von vier Verſen, aus denen er natür⸗ lich beſteht, noch drei Verſe und einen Halbvers zu machen habe, ſo, brauche ich meinen ganzen Kopf. „Das begreift ſich. Gute Nacht, Graf.“ „Gute Nacht.“ „Ahl ſagt...“ „Was? „Habt Ihr Leichtigkeit?“ „Ungeheuer.“— „Dann werdet Ihr Eure drei und einen halben Vers morgen früh beendigt haben.“ „Ich hoffe es.“ „Gut, morgen alſo.“ „Morgen; gute Nacht.“ Saint⸗Aignan war genöthigt, die Entlaſſung an⸗ -S— ben an⸗ 55 zunehmen; er nahm ſte an und verſchwand hinter den Hagenbuchen. Das Geſpräch hatte Guiche und Saint⸗Aignan ziemlich weit vom Schloß fortgezogen. Saint⸗Aignan befand ſich, als ihn Guiche verließ, an den Grenzen des Parkes, an der Stelle, wo die Officiantenwohnungen anfangen, und wo hinter großen ruppen von Acacien und Kaſtanienbäumen, die ihre Blüthenbüſchel unter Haufen von Rebwänden und Jung⸗ fernreben kreuzten, die Scheidemauer zwiſchen den Ge⸗ hölzen und dem Hof der Geſindewohnung ſich erhebt. Als Saint⸗Aignan allein war, ſchlug er den Weg nach dieſen Gebäuden ein; Guiche entfernte ſich in umgekehrter Richtung. Der Eine kam alſo nach den Blumenbeeten zurück, während der Andere zu den und rieſigem Hagedorn, die Füße auf einem weichen, im Schatten verborgenen, durch das Moos gedämpften fahren hatte, trotz des geiſtreichen Umwegs, den er ge⸗ macht, um bis zu ihr zu gelangen. Plötzlich drang ein Gezwitſcher von menſchlichen Stimmen an ſein Ohr. Es war nur Geflüſter, wie weibliche Klagen, vermiſcht mit Ermahnungen, dann wieder kurzes Gelächter, halb unterdrückte Ausrufun⸗ gen des Erſtaunens; Alles aber übertönte die weib⸗ liche Stimme. Saint⸗Aignan blieb ſtehen, um zu lauſchen; er er⸗ kannte zu ſeinem größten Erſtaunen, daß die Stimmen nicht vom Boden, ſondern vom Gipfel der Bäume kommen. Er ſchaute empor, indem er unter die Allee ſchlüpfte, und erblickte am Kamm der Mauer eine Frau, welche auf einer Leiter ſaß und durch Geberden und Worte eine lebhafte Verbindung mit einem Mann unterhielt, der auf einem Baume hockte, ohne daß man mehr als den Kopf von ihm ſah, denn der Leib war im Schatten eines Kaſtanienbaumes verborgen. Die Frau war dieſſeits der Mauer, der Mann jenſeits. VI. Das Labyrinth. Saint⸗Aignan ſuchte nun Erkundigungen einzu⸗ ziehen, und fand ein Abenteuer. Das war Glück. Begierig, zu erfahren, warum und beſonders wor⸗ über dieſer Mann und dieſe Frau zu einer ſolchen Stunde und in einer ſo ſeltſamen Lage mit einander ſprachen, machte ſich Saint⸗Aignan ganz klein und kam beinahe nnter die Stangen der Leiter. Dann nahm er ſeine Maßregeln, um ſo bequem als möglich zu ſein, lehnte ſich an einen Baum an und horchte. Er hörte folgenden Dialog. Die Frau ſprach: 3 „In der That, Herr Manicamp,“ ſagte ſie mit einer Stimme, welche mitten unter den Vorwürfen, die ſie von ſich gab, einen ſeltſamen Ausdruck von Coquet⸗ terie behielt, Ihr ſeid von der allergefährlichſten In⸗ discretion. Wir können nicht lange plaudern, ohne er⸗ tappt zu werden.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ unterbrach ſie der Mann mit dem ruhigſten, phlegmatiſchſten Ton. 3 „Und was wird man dann ſagen? Ohl wenn te, he ne er en ten nn 57 mich Jemand ſehen würde, ich erkläre Euch, ich ſtuͤrbe vor Scham.“.. „Ohl das wäre eine große Kinderei, der ich Euch nicht fähig halte.“ 4 hnbhante es mir noch gefallen laſſen, wenn Et⸗ was zwiſchen uns vorginge, aber ſich umſonſt Eintrag thun, in der That, ich bin ſehr dumm. Gute Nacht, Herr Manicamp.“ „Gut, ich kenne den Mann; nun will ich die Frau ſehen,“ ſagte Saint⸗Aignan, indem er an den Stangen „Montalais,“ dachte Saint⸗Aignan,„nun alſo dieſer— Malicorn von und nicht Manicamp.“ Bei dieſem Rufe ihres Gegenredners hielt Monta⸗ lais mitten im Herabſteigen an. Man ſah nun den unglücklichen Manicamp um ein Geſchoß in ſeinem Kaſtanienbaum herabklettern, ſei es, um ſich einen Vortheil zu verſchaffen, ſei es, um die Ermüdung durch ſeine ſchlimme Lage zu verhüten. „Höret mich an,“ ſprach er;„ich hoffe, Ihr wißt wohl, daß ich keine ſchlechte Abſicht habe.“ „Allerdings. Aber warum denn dieſer Brief, den Ihr mir ſchreibt, um meine Dankbarkeit anzuſtacheln 2 arum das Rendezvous, das Ihr zu ſolch einer Stunde und an einem ſolchen Ort von mir verlangt?“ „Ich habe Eure Dankbarkeit angeſpornt, indem ich Euch daran erinnerte, daß ich Euch zu Madame ge⸗ bracht habe, weil ich, von dem Wunſche nach der Zu⸗ ſammenkunft beſeelt, die Ihr mir zu bewilligen die üte gehabt habt, um ſie zu erlangen, das Mittel 58 anwandte, das mir das ſicherſte zu ſein ſchien. Warum ich nun ſie zu einer ſolchen Stunde und an einem ſol⸗ chen Ort erbat? weil mir die Stunde verſchwiegen und der Ort einſam vorkamen. Ich habe Euch nämlich um Dinge zu erſuchen, welche zugleich Verſchwiegen⸗ heit und Einſamkeit heiſchen.“ „Herr Manicamp!“ „In allen Ehren, liebes Fräulein.“ „Herr Manicamp, ich glaube, es wäre ſchicklicher, wenn ich mich entfernte.“ „Höret mich an, oder ich ſpringe von meinem Neſt in das Eurige, denn es iſt gerade hier in dieſem Augen⸗ blick ein Aſt des Kaſtanienbaums, der mich beengt und zu Exceſſen herausfordert. Ahmet dieſen Aſt nicht nach und hört mich an.“ „Ich höre Euch an, ich willige ein, doch ſeid kurz, denn wenn Ihr einen Aſt habt, der Euch heraus⸗ fordert, ſo habe ich eine dreieckige Leiter, die in meine Fußſohlen eindringt. Meine Schuhe ſind untergraben, das ſage ich Euch zum Voraus.“ „Thut mir die Freundſchaft und gebt mir Eure Hand, mein Fräulein.“ „Und warum?“ „Gebt ſie mir immerhin.“ „Hier iſt meine Hand; doch was macht Ihr denn?“ „Ich ziehe Euch herauf.“ „In welcher Abſicht? Ihr wollt hoffentlich nicht, daß ich zu Euch in Euren Baum komme?“ „Nein, doch ich wünſche, daß Ihr Euch auf die Mauer ſetzet; hier, gut! Der r Platz iſt breit und ſchön, und ich gäbe viel, wenn Ihr mir erlauben wolltet, daß ich mich an Eure Seite ſetze.“ „Nein, Ihr ſeid gut, da wo Ihr ſeid; man würde uns ſehen.“ „Glaubt Ihr?“ fragte Manicamp mit einſchmei⸗ chelndem Ton. „ Ich bin deſſen ſicher.“ arn um ſol⸗ und lich en⸗ her, 59 „Gut, ich bleibe auf meinem Kaſtanienbaum, ob⸗ ſchon ich hier äußerſt ſchlimm bin.“ „Herr Manicamp! Herr Manicamp! wir entfernen uns von der Sache.“ „Das iſt wahr.“ „Ihr habt mir geſchrieben?“ „Sehr gut.“ „Doch, warum habt Ihr mir geſchrieben.“ t Euch vor, daß heute um zwei Uhr Guiche abgereiſt iſt.“ „Weiter? 2„ „Da ich ihn wegreiten ſah, folgte ich ihm, wie dies meine Gewohnheit iſt.“ „Ich ſehe es wohl, da Ihr hier ſeid.“ „Wartet doch, nicht wahr. Ihr wißt, daß dieſer arme Guiche bis an den Hals in Ungnade war?“ „ ch ja.“ „Es war alſo im höchſten Grad unklug von ihm, in Fontainebleau diejenigen aufzuſuchen, welche ihn i diejenigen, „Guiche iſt halsſtarrig wie ein Verliebter; er hörte auf keine von meinen Vorſtellungen. Ich bat ihn, ich flehte ihn an, er wollte nichts hören.“ „Ah! Teufel!“ „Es iſt Nacht,“ erwiederte Montalais lachend; „fahren wir fort, Herr Manicamp.“ „Guiche ritt alſo in aller Eile weg, und ich folgte ihm, doch im Schritt. Ihr begreift, ſich mit einem aſſer werfen, iſt die Sache eeines Dummkopfs oder eines Wahnfinnigen. Ich ließ 60 alſo Guiche vorausgaloppiren und ritt mit einer weiſen Langſamkeit nach, überzeugt, wie ich war, der Unglück⸗ liche würde nicht empfangen werden, oder wenn er es würde, ſo werde er bei dem erſten Anſchnauzen um⸗ kehren, und ich werde ihn noch ſchneller zurückkommen ſehen, als er weggegangen, ohne daß ich weiter ent⸗ fernt geweſen, als Ris oder Melun, und Ihr werdet zugeben, das war noch zu viel, elf Meilen hin und elf zurück.“ Montalais zuckte die Achſeln. „Lacht, ſo lange es Euch beliebt, mein Fräulein, doch wenn Ihr, ſtatt breit auf der Platte einer Mauer zu ſitzen, Euch rittlings auf dieſem Aſt befändet, ſo wäret Ihr ein Auguſtus, Ihr würdet dennoch trachten, hinabzuſteigen.“ „Ein wenig Geduld, mein lieber Herr Manicamp, ein Augenblick iſt bald vorbei. Ihr ſagtet alſo, Ihr ſeid über Ris und Melun hinausgekommen?“ „ Ja, ich bin über Ris und Melun hinausgekom⸗ men, und ritt immer weiter, ſehr erſtaunt, ihn nicht zurückkehren zu ſehen, endlich bin ich in Fontainebleau, ich erkundige mich, ich forſche überall nach Guiche. Niemand hat ihn geſehen, Niemand hat ihn in der Stadt geſprochen. Er iſt im geſtreckten Galopp ange⸗ kommen, er iſt in das Schloß eingetreten und dann verſchwunden. Mit acht Uhr Abends bin ich in Fon⸗ tainebleau, ich frage alle Echos nach Guiche, kein Guiche. Ich ſterbe vor Unruhe, ihr begreift, daß ich mich nicht, ſelbſt in das Schloß eintretend, wie es mein unkluger Freund gethan, in den Rachen des Wolfes geſtuͤrzt habe; ich ging gerade auf die Offi⸗ ciantenwohnungen zu und ſandte Euch einen Brief nun, mein Fraäulein, entreißt mich, um des Himmels Namen, meiner Angſt.“ 3 „Das wird nicht ſchwierig ſein, mein lieber Heit Manicamp. Euer Freund Guiche iſt vortrefflich auf⸗ genommen worden.“— 64 „Bah!“ „Der König hat ihm viel Ehre angethan.“ „Der Köͤnig, der ihn verbannt hatte!“ „Madame hat ihm zugelächelt; Monſteur ſcheint ihn mehr als zuvor zu lieben.“ „Ahl ahl“ rief Manicamp,„das erklärt mir, warum er und wo er geblieben iſt. Er hat nicht von mir geſprochen?“ „Er hat nicht ein Wort geſagt.“ „Das iſt ſchlimm von ihm. Was macht er in dieſem Augenblick?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſchläft er, oder wenn er nicht ſchläft, träumt er.“ „Und was hat man den ganzen Abend gemacht?“ „Man hat getanzt.“ „Das berühmte Ballet. Wie iſt Guiche geweſen?“ „Herrlich.“ „Der liebe Freund. Verzeiht, mein Fräulein, doch ich muß nun von mir zu Euch übergehen.“ „Wie ſo 2“ „Ihr begreift, ich kann nicht fordern, daß man mir das Thor des Schloſſes zu dieſer Stunde öffnet, und was das Schlafen auf dieſem Aſt betrifft, ſo moͤchte ich dies wohl, doch ich erkläre die Sache als unmoͤglich für jedes andere Thier, als einen Papagei.“ „Doch ich, Herr Manicamp, ich kann nicht nur ſo einen Mann uber eine Mauer einführen.“ „Zwei, mein Fräulein,“ ſagte eine Stimme, aber mit ſo ſchüchternem Tone, daß man begriff, ihr Eigen⸗ thümer fühle die ganze Ungeziemlichkeit einer ſolchen Lage heraus. „Großer Gott!“ rief Montalais, die mit ihrem Blick bis an den Fuß des Kaſtanienbaums zu tauchen ſuchte;„wer ſpricht mit mir?“ „Ich, mein Fräulein.“ „Wer denn?“ „Malicorne, Euer ergebenſter Diener,“ 62 Und während er dieſe Worte ſprach, ſchwang ſich Malicorne vom Boden auf die erſten Aeſte, und von den erſten Aeſten auf die Höhe der Mauer. „Herr Malicorne! Gottes Güte! Ihr ſeid Beide l raſend.“ v „Wie befindet Ihr Euch, mein Fräulein?“ fragte Malicorne mit großer Höſlichkeit. „Der fehlte noch,“ rief Montalais in Verzweiflung. v „Ohl mein Fräulein,“ fluͤſterte Malicorne, ich flehe k Euch an, ſeid nicht ſo hart.“ d „Oh! mein Fräulein,“ ſprach Manicamp,„wir r ſind Eure Freunde, und man kann nicht den Tod ſeiner Freunde wünſchen. Uns aber da laſſen, wo wir ſind, ri hieß uns zum Tod verurtheilen.“ „Eil“ entgegnete Montalais,„Herr Malicorne iſt kräftig, und er wird nicht daran ſterben, daß er eine Nacht unter freiem Himmel zugebracht hat.“ G ..— „Mein Fräulein.“) vie „Das wird eine gerechte Strafe für ſeinen unüber⸗ la legten Streich ſein.“ 8 3 .„Gut! Malicorne vergleiche ſich mit Euch, wie ſa er will: ich gehe hinüber,“ ſprach Manicamp. 2as Und er bog den berüchtigten Zweig zurück, gegen den er ſo bittere Klagen ausgeſtoßen hatte, und es ge⸗ unt lang ihm am Ende, mit Hülfe ſeiner Hände und ſeiner Füße, ſich neben Montalais zu ſetzen. Montalais wollte Manicamp zurückſtoßen, Mani⸗ camp ſuchte ſich zu halten. Dieſer Streit, der einige an Secunden dauerte, hatte ſeine maleriſche Seite, eine Seite, bei der das Auge von Saint⸗Aignan ſicherlich Guß ſeine Rechnung fand. Doch Manicamp trug den Sieg davon, Meiſter 3h der Leiter, ſetzte er ſeinen Fuß darauf und bot dann Jhr ſeiner Feindin artig die Hand. 1 Mittlerweile quartierte ſich Malicorne in dem Kaſta⸗ nienbaum auf dem Platz ein, den Manicamp inne ge⸗ 63 habt hatte, wobei er ſich in ſeinem Geiſte verſprach, ihm auf den nachzufolgen, den er nun einnahm. anicamp und Montalais ſtiegen einige Sproſſen herab, Manicamp dringend, Montalais lachend und ſich vertheidigend. Man höorte nun die flehende Stimme von Malicorne. „Mein Fräulein,“ ſagte Malicorne,„ich bitte Euch, verlaßt mich nicht. Meine Stellung iſt falſch, und ich kann nicht ohne einen Unfall allein auf die andere Seite der Mauer kommen; Manicamp mag ſeine Kleider zer⸗ reißen immerhin: er hat die von Guiche, aber ich werde nicht einmal die von Manicamp haben, weil ſie zer⸗ riſſen ſein werden.“ „Meiner Anſicht nach,“ ſprach Manicamp, ohne ſich um die Lamentationen von Malicorne zu beküm⸗ mern,„meiner Anſicht nach iſt es das Beſte, wenn ich Guiche auf der Stelle aufſuche. Später vermoͤchte ich vielleicht nicht mehr zu ihm zu gelangen.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ erwiederte Monta⸗ lais;„geht alſo, Herr Manieamp.“ „Tauſend Dank. Auf Wiederſehen, mein Fraͤulein,“ ſagte Manicamp, waͤhrend er zu Boden ſprang,„man kann nicht liebenswürdiger ſein, als Ihr.“ „Herr von Manieamp, Eure Dienerin, ich will mich nun des Herrn Malicorne entledigen.“ kalicorne ſtieß einen Seufzer aus. „Geht, geht,“ fuhr Montalais fort. Manicamp machte ein paar Schritte, kehrte dann an den Fuß der Leiter zurück und fragte: „Ah! mein räulein, wo geht man u Herrn von Guiche d F geh zu H » Ah! es iſt wahr.. Das iſt ganz einfach Ihr folgt den Hagenbuchen.“ „Ohl ſehr gut.“ „Ihr kommt zu dem grünen Kreuzweg.“ „Gut.“ „Ihr findet dort vier Alleen.“ 4⸗ „Vortrefflich.“ „Ihr wählt eine.“ „Welche?“ „Die rechts.“ 1 „Die rechts?“ „Nein, die links.“ „Ohl Teufel.“ „Nein, nein, wartet doch.“ „Ihr ſcheint mir nicht recht ſicher zu ſein. Ich bitte, ruft Euer Gedächtniß zu Hülfe, mein Fräulein.“ „Die mittlere.“ „Es ſind vier.“ d „Es iſt wahr. Ich weiß nur, daß von den vieren 1 eine gerade zu Madame führt, dieſe kenne ich.“ „Aber, nicht wahr, Herr von Guiche iſt nicht bei n Madame?“ „Gott ſei Dank, nein.“ te „Die, welche zu Madame führt, iſt mir alſo un⸗ ei nütz, und ich wünſchte ſie gegen die zu vertauſchen, d. welche zu Herrn von Guiche führt.“ 3 6 „Ja, gewiß, dieſe kenne ich auch; aber mir ſcheint es unmöglich, ſie von hier aus zu bezeichnen.“ „Nun, mein Fräulein, nehmen wir an, ich habe 6 a dieſe ſelige Allee geſunden.“ „Dann ſeid Ihr an Ort und Stelle.“ n ſo „Gut.“ „Ihr braucht nur noch das Labyrinth zu durch⸗ 84 u ſchreiten.“ *„Nicht mehr als das! Teufel! Es gibt hier alſo ha 1 ein Labyrinth.“. „Ja, ein ziemlich verwickeltes; ſelbſt bei Tage ver⸗ irrt man ſich zuweilen. Das ſind Wendungen und Eu Wege ohne Ende; man muß zuerſt viel Wendungen mem rechts machen, dann zwei links, dann eine Wendung..„ ſind es eine oder zwei Wendungen, wartet doch; komm ein, Ihr endlich aus dem Labyrinth heraus, ſo findet Ih dine Allee von Maulbeerfeigenbäumen, und dieſe Alle d 65 von Maulbeerfeigenbäumen führt Euch ganz gerade zu dem Pavillon, den Herr von Guiche bewohnt.“ „Mein Fraäulein,“ ſprach Manicamp,„das iſt eine bewunderungswürdige Weiſung, und ich begreife nicht, daß ich mich von ihr geleitet, ſogleich verirre. Dem zu Folge habe ich Euch um einen kleinen Dienſt zu bitten.“ „Sprecht.“ „Wollt Ihr mir Euren Arm reichen und mich ſelbſt eiten, wie eine zweite... wie eine zweite... Ich hatte doch meine Mythologie gut inne, mein Fräulein, die Gewichtigkeit der Ereigniſſe hat ſie mich vergeſſen laſſen; kommt, ich bitte Euch.“ „Und mich,“ rief Malicorne,„und mich verläßt man alſo?“ „Ihr werdet Euer Gewiſſen für Euch haben,“ ent⸗ gegnete Manicamp auf eine ſpruchreiche Art. „Unmöglich, mein Herr, unmöglich.“ „Dann laßt mich Malicorne herabſteigen helfen; das iſt ein ſehr verſtäͤndiger Junge, der viel Witterung hat; er wird mich führen, und wenn wir uns verirren, ſo verirren wir uns zu zwei und retten einander. Be⸗ gegnet man uns zu zwei, ſo werden wir nach etwas ausſehen; während ich allein das Ausſehen eines Lieb⸗ habers oder eines Diebes haben werde. Kommt, Ma⸗ „Herr Malicorne,“ rief Montalais,„ich verbiete uch, Euern Baum zu verlaſſen, und zwar bei Strafe Malieorne hatte ſchon nach dem Kamm der Mauer einen Fuß ausgeſtreckt, den er traurig zurückzog. „Stille!“ ſagte Manicamp leiſe. Die drei Musketiere. Bragelonne. vI. 5 „Was gibt es 20 fragte Montalais. „Ich hoͤre Tritte.“ „Ohl mein Gott!“ Die vermutheten Tritte wurden wirklich ein deut⸗ liches Geräuſch; das Blätterwerk öffnete ſich und Saint⸗ Aignan erſchien, das Auge lachend und die Hand vor ſich hinaushaltend, wobei er Jeden in der Stellung überraſchte, in der er gerade war: nämlich Malicorne auf ſeinem Baum und den Hals vorgeſtreckt, Monta⸗ lais auf ihrer Sproſſe und an die Leiter angelehnt, Manicamp auf der Erde und den Fuß voran, bereit, ſich auf den Weg zu begeben. „Eil guten Abend, Manicamp,“ ſprach der Graf; „ſeid willkommen, lieber Freund, Ihr fehltet uns heute Abend, und man fragte nach Euch, Fräulein von Mon⸗ talais. Euer ergebenſter Diener.“ Montalais erröthete. „Oh! mein Gott,“ ſtammelte ſie, indem ſie ihren Kopf in ihren Händen verbarg. „Mein Fräulein,“ ſagte Saint⸗Aignan,„beruhigt Euch. Ich kenne Eure ganze Unſchuld und werde mich dafür verbürgen. Manicamp, folgt mir, Hagenbuchen, Kreuzweg und Labyrinth kennen mich. Ich werde Eure Ariadne ſein. Wie? Nun iſt Eure Mythologie wieder gefunden.“ „Das iſt meiner Treue wahr, Graf, ich danke.“ „Aber bei derſelben Gelegenheit nehmt auch Herrn von Malicorne mit, Graf,“ ſagte Montalais. „Nein, nein,“ entgegnete Malicorne;„Herr Mani⸗ camp hat mit Euch geplaudert, ſo lange er wollte; nun iſt die Reihe an mir, wenn es Euch beliebt, ich habe Euch meinerſeits eine Menge von Dingen zu ſagen, die unſere Zukunft betreffen?“ „Ihr hört,“ ſagte der Graf lachend,„bleibt bei 1¹ ihm, mein Fräulein. Wißt Ihr auch, daß dieſe Nacht die Nacht der Geheimniſſe iſt.“ Und der Graf nahm den Arm von Manicamp und — 67 führte ihn raſch in der Richtung des Weges fort, den Montalais ſo gut kannte Und ſo ſchlecht bezeichnete. Montalais folgte ihnen mit den Augen, ſo lange ſie dieſelben ſehen konnte, VII. Wie Malicorne aus dem Gaſthaus zum Schönen Pfauen ausquartirt wurde. „Waͤhrend Montalais mit den Augen dem Grafen und Manicamp folgte, benützte Malicorne die Zerſtreuung des Mädchens, um ſich eine erträglichere Stellung zu machen. 8 Als ſich Montalais umwandte, ſiel ihr der Unter⸗ ſchied, der ſich in der Stellung von Malicorne gebildet hatte, ſogleich in die Augen. Malicorne ſaß wie eein Affe, das er Mauer, die Füße auf der erſten Sproſſe. Wilde Reben und Jelän ſo fehlte ihr nichts, daß e für eine vollkommene Dryade halten konnte. „»„Nun,“ ſagte ſie, indem ſie eine Sproſſe hinauf⸗ ſtieg,„macht Ihr mich unglücklich, verfolgt Ihr mich genug, Ihr T „Jch,“ rief Malicorne,„ich ein Tyrann?“ .„a, Ihr bringt mich unabläßig in Verlegenheit, Herr Malieorne, Ihr ſeid ein Ungeheuer der Bosheit.“ ————— „Ich 2 „Sprecht, was hattet Ihr in Fontainebleau zu thun? iſt Euer Wohnort nicht in Orleans 2“ „Was ich hier zu thun habe, fragt Ihr? ich habe Euch zu ſehen.“ „Oh! eine ſchöne Nothwendigkeit.“ „Nicht für Euch vielleicht, mein Fräulein, aber ficherlich für mich. Was meinen Wohnort anbelangt, mein Fräulein, ſo wißt Ihr wohl, daß ich ihn verlaſſen und daß ich in Zukunft keinen andern Wohnort mehr habe, als den, welchen Ihr ſelbſt habt. Da nun aber Euer Wohnort für den Augenblick Fontainebleau iſt, ſo bin ich nach Fontainebleau gekommen.“ Montalais zuckte mit den Achſeln. „Nicht wahr, Ihr wolltet mich ſehen?“ „Allerdings.“ „Nun denn, Ihr habt mich geſehen, Ihr ſeid zu⸗ frieden, geht.“ „Ohl nein,“ erwiederte Malicorne. „Wie! oh! nein.“ „Ich bin nicht allein gekommen, um Euch zu ſehen; ich bin auch gekommen, um mit Euch zu reden.“ „Wohl! wir werden ſpäter und an einem andern Ort mit einander reden.“ „Später! Gott weiß, ob ich Euch ſpäter, an einem andern Ort treffen werde! Nie werden wir einen gün⸗ ſtigeren finden, als dieſen.“ „Aber ich kann dieſen Abend nicht, ich kann in dieſem Augenblick nicht.“ „Warum?“ „Weil in dieſer Nacht tauſend Dinge vorgefal⸗ len find.“ „Gut, meine Sache wird tauſend und eine machen.“ „Nein, nein, Fräulein von Tonnay ⸗Charente er⸗ wartet mich wegen einer Mittheilung von hoher Wich⸗ tigkeit.“ „Schon lange 2“ „ 69 „Wenigſtens ſeit einer Stunde.“ „Dann wird ſie noch einige Stunden mehr warten,“ ſagte Malicorne ruhig. „Herr Malicorne, Ihr vergeßt Euch.“ „Das heißt, Ihr vergeßt mich, und ich werde un⸗ geduldig über die Rolle, die Ihr mich hier ſpielen laßt; der Teufel! mein Fräulein, ſeid acht Uhr ſchweife ich unter Euch allen umher, ohne daß Ihr Euch ein einzi⸗ ges Mal herbeigelaſſen habt, zu bemerken, daß ſch da war.“ „Ihr ſchweift ſeit acht Uhr hier umher?“ „Wie ein Wehrwolf! hier gebrannt durch das Feuerwerk, was mir zwei Perrücken verſengt hat, dort ertränkt unter den Bachweiden durch die Feuchtigkeit des Abends oder den Dunſt der Springquellen, ſtets hungrig, ſtets lendenlahm, mit der Perſpective einer auer oder einer Erſteigung. Bei Gott! mein Fräulein, das iſt kein Loos für ein Geſchöpf, das weder ein Eich⸗ hörnchen, noch ein Salamander, noch eine Fiſchotter iſt; da Ihr aber die Unmenſchlichkeit ſo weit treibt, daß Ihr mich wollt meine Stellung als Menſch ver⸗ geſſen machen, ſo pflanze ich ſie gerade auf. Alle Ge⸗ witter! Menſch bin ich, und Menſch werde ich bleiben, bis auf höheren Befehl!“ „Nun denn! ſprecht, was wünſcht Ihr, was wollt Ihr, was verlangt Ihr?“ fragte Montalais unter⸗ würfig. „Werdet Ihr mir nicht am Ende ſagen, Ihr habet nicht gewußt, daß ich in Fontainebleau war?“ 1 7 2 „Seid offenherzig.“ „Ich vermuthete es.“ „und ſeid acht Tagen konntet Ihr mich nicht we⸗ nigſtens einmal täglich ſehen?“ „Ich war beſtändig verhindert, Herr Malicorne.“ parifari!“ n„Fragt die Fräulein, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.“ „Ich verlange nie eine Erklärung über die Dinge, die ich beſſer weiß, als irgend Jemand.“ 6„Beruhigt Euch, Herr Malicorne, es wird ſich än⸗ ern. „Das muß wohl geſchehen.“ „Ihr wißt, daß man, ob man Euch ſieht oder nicht ſteht, an Euch denkt,“ ſagte ſie, mit ihrer unſchul⸗ digen Miene. „Ahl man denkt an mich... „Bei meinem Ehrenwort.“ „Und nichts Neues?“ „Worüber?“ „Ueber meine Anſtellung im Hauſe von Monſieur 16 „Ohl mein lieber Herr Malicorne, in den letzten Tagen konnte man Monſieur nicht um etwas angehen.“ „Und jetzt?“ „Jetzt iſt es beſſer: ſeit geſtern iſt er nicht mehr eiferſüchtig.“ „Bahl Und wie iſt die Eiferſucht vergange „Es hat eine Ablenkung ſtattgefunden.“ „Erzählt mir das.“ „Man hat das Gerücht verbreitet, der König habe die Augen auf eine andere Frau geworfen, und dadurch wurde Monſieur ſogleich beruhigt.“ „Und wer hat dieſes Gerücht verbreitet?“ Montalais dämpfte die Stimme und erwiederte: u 72 9 —.— „Unter uns geſagt, ich glaube, der König und Madame verſtehen ſich.“ „Ahl ah!“ machte Malicorne,„das war das einzige Mittel. Aber Herr von Guiche, der arme Seufzende?“ „Ohl der iſt ganz ausquartirt.“ „Hat man ſich geſchrieben?“ 3 „Mein Gott, nein, ich habe ſeit acht Tagen weder die Einen noch die Andern eine Feder in der Hand hal⸗ jen ſehen.“ 71 „Wie ſteht Ihr mit Madame?“ „Auf das Beſte.“ „Und mit dem König?“ „Der König lächelt mir zu, wenn ich vorübergehe.“ „Gutl ſagt nun, welcher Frau haben die zwei Lie⸗ benden ihr Auge zugewendet, daß ſie ihnen als Wind⸗ ſchirm diene.“ „Der La Vallière.“ „Ohl ohl armes Mädchen! aber man müßte das verhindern, mein Herz.“ „Warum?“ „Weil Herr Raoul von Bragelonne ſie und ſich tödten wird, wenn er einen Verdacht bekommt.“ „Raoul! der gute Raoul! Ihr glaubt?“ „Die Frauen haben die Anmaßung, ſie verſtehen ſich auf die Leidenſchaften,“ ſagte Malicorne,„und die Frauen verſtehen nicht einmal ſelbſt das zu leſen, was ſte in ihren eigenen Augen und in ihrem eigenen Her⸗ zen denken. Nun denn, ich ſage Euch, ich, daß Herr von Bragelonne La Vallidre dergeſtalt liebt, daß er, wenn ſie Miene macht, ihn zu hintergehen, ſich oder ſie tödten wird.“ „Der Konig iſt da, um ſie zu beſchützen.“ „Der Koͤnig!“ rief Malicorne. „Allerdings.“ „Und Raoul wird den König tödten wie eine Ratte.“ „Gottes Güte! Ihr werdet verrückt, Herr Mali⸗ corne.“ „Nein, was ich Guch ſage, iſt im Gegentheil der größte Ernſt, mein Herr, und was mich betrifft, ſo weiß ich Eines.“ „Was?“ „Daß ich Raoul ganz ſachte von dem Scherz un⸗ terrichten werde.“ „Stille, Unglücklicher!“ ſagte Montalals, während ſie eine Sproſſe weiter hinauf ſtieg, um ſich Malicorne 7² nooch mehr zu nähern,„thut den Mund nicht auf gegen den reinen Bragelonne.“ „Warum dieß?“ „Weil Ihr noch nichts wißt.“ „Was gibt es denn?“ „Dieſen Abend(es hört uns doch Niemand?)“ „Nein.“ „Dieſen Abend unter der Königseiche ſprach La Val⸗ liere ganz laut und ganz naiv folgende Worte:„„Ich begreife nicht, daß man, wenn man den König geſehen hat, je einen andern Mann lieben kann.““ Malicorne fuhr von ſeiner Mauer auf. „Ohl mein Gott,“ rief er,„die Unglückliche hat das geſagt?“ „Wort für Wort.“ „Und ſie denkt es?“ „La Vallière denkt immer das, was ſie ſagt.“ „Ohl das ſchreit nach Rache! Die Weiber ſind Schlangen!“ „Beruhigt Euch, mein lieber Malicorne, beruhigt Euch.“ „Nein; ſchneiden wir das Uebel im Gegentheil an der Wurzel ab. Benachrichtigen wir Raoul... es iſt Zeit.“ „Ungeſchickter, es iſt im Gegentheil nicht mehr Zeit,“ erwiederte Montalais. „Warum?“ „Das Wort der La Vallisre.“ „Ja.““ 4 „Dieſes Wort über den König.“ „Nun?“ 5 „Es iſt an ſeine Adreſſe gelangt.“ „Der König kennt es? Es iſt dem König hinter⸗ bracht worden?“ „Der König hat es gehört.“ „Ohime! wie der Herr Carbinal ſagte.“ — 73 „Der König war gerade im Gebüſch zunächſt der Königseiche verborgen.“ 4 „Daraus geht hervor,“ ſagte Malicorne,„daß fortan der Plan des Königs und von Madame auf Röll⸗ chen gehen wird, wobel er über den Leib des armen Bragelonne hinfährt.“ „Ihr habt es geſagt.“ „Das iſt gräßlich.“ „So iſt es.“ „Meiner Treue,“ ſprach Malicorne, nachdem er eine Minute, die er dem Nachdenken widmete, geſchwie⸗ gen hatte,„zwiſchen eine dicke Eiche und einen großen König ſtellen wir unſere Perſon nicht, wir würden zer⸗ malmt, mein Herz.“ „Das iſt es, was ich Euch ſagen wollte.“ „Denken wir an uns.“ „Das dachte ich auch.“ „Oeffnet alſo Eure ſchönen Augen.“ „Und Ihr Eure großen Ohren.“ „Nähert Euren kleinen Mund zu einem guten kräftigen Kuß.“ „Hier,“ erwiederte Montalais, welche ſogleich in klingender Münze bezahlte. „Nun alſo... Herr von Guiche liebt Madame; La Valliére liebt den König; der König liebt Madame und La Vallière; Monſteur liebt Niemand, als ſich ſelbſt. Unter allen dieſen Liebesverhältniſſen würde ein Dummkopf ſein Glück machen, um ſo mehr Leute von Verſtand, wie wir.“ 8 „Ihr kommt abermals mit Euren Träumen.“ „Das heißt, mit meinen Wirklichkeiten... Laßt uch von mir leiten, mein Liebchen, nicht wahr, Ihr habt Tu bis jetzt nicht zu ſchlecht dabei befunden?⸗ „Nein. 8 „Wohl!l die Vergangenheit bürgt Euch für die Zukunft... nun, da hier Jeder an ſich denkt, denken wir an uns.“ 8 74 „Das iſt nur zu richtig.“ „Doch an uns allein.“ „Gut.“ „Trutz⸗ und Schutzbündniß.“ „Ich bin bereit, es zu beſchwören.“ „Streckt die Hand aus; ſo iſt es recht: Alles für Malicorne!“ „Alles für Malicorne!“ „Alles für Montalais!“ erwiederte Malicorne, eben⸗ falls die Hand ausſtreckend. „Was muß ich nun thun?“ „Die Ohren und Augen unabläͤſſig offen haben, Waffen gegen die Anderen anhäufen, nie ſolche mit ſich führen laſſen, welche gegen uns ſelbſt dienen könnten.“ „Einverſtanden.“ „Beſchloſſen.“ „Beſchworen. Und nun, da der Vertrag gemacht iſt, gute Nacht.“ „Wie! gute Nacht!“ „Allerdings. Kehrt in Euer Gaſthaus zurück.“ „In mein Gaſthaus?“ 3 „Ja. Wohnt Ihr nicht im ſchönen Pfauen?“ „Montalais, Montalais, Ihr ſeht wohl, daß Euch meine Anweſenheit in Fontainebleau bekannt war.“ „Was beweist das? Daß man ſich mit Euch über Eure Bendienſe beſchäftigt, Undankbare.“ „Hm 4 „Kehrt alſo in den ſchönen Pfauen zurück.“ „Nun, das iſt gerade...“ „Was?“ 3 „Das iſt unmöglich geworden.“ „Habt Ihr nicht ein Zimmer?“ „Ja, aber ich habe es nicht mehr.“ „Ihr habt es nicht mehr? und wer hat es Euch genommen?“ „Wartet. Vorhin kehrte ich, nachdem ich Euch ſortwährend nachgelaufen war, nach dem Gaſthaus ür uch aus ————O— 75 zurück... da erblickte ich eine Tragbahre, auf der vier Bauern einen kranken Mönch trugen.“ „Einen Mönch?“— „Ja, einen alten Franziskaner, mit grauem Bart. Während ich dieſen kranken Mönch anſchaue, trägt man ihn in das Gaſthaus hinein. Man läßt ihn die Treppe hinaufſteigen, ich folge ihnen, und da ich oben auf die Treppe komme, bemerke ich, daß man ihn in mein Zim⸗ mer bringt.“ 8 „In Euer Zimmer!“ „Ja, in mein eigenes Zimmer. Ich glaube, es ſei ein Irrthum, ich frage den Wirth, der Wirth ant⸗ wortet mir, das von mir ſeit acht Tagen gemiethete Zimmer ſei für den neunten von dem Franciskaner ge⸗ miethet.“ „Hal ha!“ „So rief ich gerade auch. Ich that ſogar noch mehr, ich ärgerte mich, ging wieder hinaus und wandte mich an den Franciskaner ſelbſt. Ich wollte ihm die Unziemlichkeit ſeines Benehmens vorhalten, doch dieſer Moͤnch, obgleich er ſterbend zu ſein ſchien, erhob ſich auf ſeinen Ellenbogen, heftete zwei flammende Augen auf mich und rief mit einer Stimme, welche vortreff⸗ lich einen Cavallerie⸗Angriff kommandirt hätte: „„Werft mir dieſen Burſchen vor dir Thüre.““ „Was auf der Stelle vom Wirth und von den vier Trägern ausgeführt wurde, welche mich etwas ſchneller, als es ſchicklich war, die Treppe hinabſteigen machten. So, mein Herz, kam es, daß ich keine Lager⸗ ſtätte mehr habe.“ „Aber was iſt denn dieſer Franciskaner?“ fragte Montalais. Es iſt alſo ein General?“ „Ganz richtig, mir ſcheint, es iſt dies der Ditel, den ihm einer von den Traͤgern, der leiſe mit ihm ſprach, gegeben hat.“ 3 „Somit alſo..“ „Somit habe ich kein Zimmer, kein Gaſthaus, kein 76 Lager mehr, und ich bin eben ſo entſchloſſen, als es vorhin mein Freund Manicamp war, nicht im Freien zu ſchlafen.“ „Was iſt da zu thun?“ rief Montalais. „Das frage ich Euch!“ ſagte Malicorne. „Nichts kann einfacher ſein,“ ſprach eine dritte Stimme. Montalais und Malicorne ſtießen gleichzeitig einen Schrei aus. Saint⸗Aignan erſchien. „Lieber Herr Malicorne,“ ſagte Saint⸗Aignan,„ein glücklicher Zufall führt mich hierher zurück, um Euch der Verlegenheit zu entziehen. Kommt, ich biete Euch ein Zimmer bei mir an, und dieſes, das ſchwöre ich Euch, wird Euch kein Franciskaner rauben. Was Euch betrifft, mein theures Fräulein, beruhigt Euch, ich habe ſchon das Geheimniß von Fräulein de la Vallière, das von Fräulein von Tonnay⸗Charente; Ihr habt nun die Güte gehabt, mir das Eurige anzuvertrauen, mei⸗ nen Dank hiefür: ich werde eben ſo gut drei, als eines bewahren.“ Malicorne und Montalais ſchauten ſich an, wie zwei Schüler, die man beim Obſtſtehlen ertappt hat; da aber Malicorne am Ende einen großen Vortheil in dem Anerbieten von Saint⸗Aignan erblickte, ſo machte Montalais ein Zeichen der Reſignation, das dieſe ihm erwiederte. Dann ſtieg Malicorne Sproſſe für Sproſſe die Leiter hinab, wobei er auf jeder Stufe auf ein Mittel ſann, Brocken für Brocken Saint⸗Aignan Alles zu ent⸗ reißen, was er von dem großen Geheimniß wiſſen dürfte. Montalais war ſchon leicht wie ein Hirſch weg⸗ geeilt und weder Kreuzweg noch Labyrinth vermochte ſie zu täuſchen. Saint⸗Aignan aber führte Malicorne wirklich nach ſeiner Wohnung; er ſagte ihm tauſend Artigkeiten, 4* N ☛ -380—-B— S 77 denn er war entzückt, unter ſeiner Hand zwei Menſchen zu haben, welche, vorausgeſetzt, Guiche bliebe ſtumm, ihn noch viel beſſer über die CEhrenfräulein unterrichten würden. VIII. Was wirklich im Gaſthaus zum Schönen Prauen vorgekallen war. 3 Geben wir unſern Leſern vor Allem einige Einzel⸗ heiten über den Gaſthof zum ſchönen Pfauen, und gehen wir dann zum Signalement der Reiſenden über, die denſelben bewohnten. Das Gaſthaus zum Schönen Pfauen verdankte, wie jedes Gaſthaus, ſeinen Namen ſeinem Schilde. Dieſes Schild ſtellte einen Pfauen vor, der ein Rad ſchlägt. Nur hatte, nach dem Beiſpiel einiger Maler, die der Schlange, welche Eva verführt, das Geſicht eines hübſchen Knaben gegeben haben, der Maler des Schil⸗ des dem Schönen Pfauen ein Frauengeſicht gegeben. Ddieſes Gaſthaus, ein lebendiges Epigramm gegen jene Hälfte des Menſchengeſchlechts, welche den Reiz des Lebens bildet, wie Herr Legouvé ſagt, erhob ſich in Fontainebleau, in der erſten Seitenſtraße links, die, wenn man von Paris herkommt, die große Arterie durchſchneidet, welche für ſich allein die ganze Stadt Fontainebleau bildet. Ddie Seitenſtraße hieß damals Rue de Lyon, ohne 8. Zwei eifel, weil ſie ſich geographiſch, in der Richtung der zweiten Hauptſtadt des Königreichs erſtreckte. * 78 Dieſe Straße beſtand aus zwei von Bürgern be⸗ wohnten Häuſern, welche durch zwei große, mit Hecken eingefaßten Gärten von einander getrennt waren. Dem Anſchein nach hätte man glauben ſollen, es wären drei Häuſer in der Straße; erklären wir, wie es trotz dieſes Anſcheines nur zwei waren. Das Gaſthaus zum ſchönen Pfauen hatte die Hauptfacade nach der Landſtraße, aber rückwärts nach der Rue de Lyon, enthielt zwei Flügel, getrennt durch Höfe, große Wohnungen, geeignet, alle Reiſende aufzu⸗ nehmen, kamen ſie zu Fuß, zu Pferd, oder im Wagen an, und nicht nur Zimmer und Tiſch zu liefern, ſondern auch Promenade und Einſamkeit für die reichſten Höf⸗ linge, wenn ſie ſich nach einer Niederlage bei Hofe mit ſich ſelbſt einzuſchließen wünſchen, um die Schmach zu verſchlucken oder auf Rache zu ſinnen. Von den Fenſtern dieſer Hintergebäude erblickten die Reiſenden einmal die Straße, mit ihrem zwiſchen dem Pflaſter wachſenden Gras. Sodann die ſchönen Hecken von Flieder und Weiß⸗ dorn, welche zwiſchen zwei grüne blühende Arme die bürgerlichen Häuſer einſchloßen, von denen wir ge⸗ ſprochen. Ferner, in den Zwiſchenräumen dieſer Häuſer, welche den Hintergrund des Gemäldes bildeten und ſich wie ein unüberſteigbarer Horizont hervorhoben, eine Linie von buſchreichen, üppigen Bäumen, die erſten Schildwachen des großen Waldes, der ſich vor Fontaine⸗ bleau entrollt. Man konnte alſo, wenn man ein Zimmer hatte, das eine Ecke bildete, durch die Landſtraße nach Paris an dem Anblick und dem Geräuſche der Vorübergehen⸗ den und der Feſte und durch die Rue de Lyon an dem Anblick und der Ruhe des Landes Theil nehmen. „Abgeſehen davon, daß man im Nothfall in dem Augenblick, wo man an das große Thor an der Pariſer Straße klopfte, durch die kleine Thüre der Rue de —QOᷓ́ᷓ́ᷓ́ 8Su ᷣ +½— N —OO—Q.Q₰ÖOZ—Ṽ— 79 Lyon entwiſchen und längs den Gärten der bürger⸗ lichen Häuſer hinlaufend, die erſten Baumgruppen des Waldes erreichen konnte. 1 Malieorne, der zuerſt, wie man ſich erinnert, gegen uns des Gaſthauſes zum Schönen Pfauen erwähnte, um ſeine Vertreibung zu beklagen, Malicorne hatte, mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, Monta⸗ lais entfernt nicht Alles über dieſes ſeltſame Gaſthaus mitgetheilt. Wir wollen es verſuchen, die ärgerliche Lücke zu füllen, welche Malicorne gelaſſen hat. Malicorne vergaß zum Beiſpiel zu ſagen, auf welche Art er in das Gaſthaus zum Schönen Pfauen gekommen war. 1 Dabei hatte er, abgeſehen von dem Franciscaner, von dem er ein Wort geſprochen, keine Erläuterung über die Reiſenden gegeben, die das Haus bewohnten. Die Art, wie ſie hineingekommen, die Art, wie ſie darin lebten, die Schwierigkeit, die es für jede andere Perſon, als die privilegirten Reiſenden, hatte, Eintritt in das Gaſthaus ohne das Looſungswort zu erhalten, und ohne gewiſſe vorbereitende Maßregeln darin zu wohnen, mußten doch Malicorne aufgefallen ſein, und waren ihm auch, dafür wollen wir bürgen, aufgefallen. Aber, wie geſagt, Malicorne war perſönlich in An⸗ ſpruch genommen, was ihn verhinderte, mancherlei Dinge zu ſehen. Alle Wohnungen des Gaſthofes zum Schönen Pfauen hatten in der That beſtändig im Hauſe verwei⸗ lende Fremde von einem ſehr ruhigen Gewerbe inne— Träger einnehmender Geſichter, von denen Malicorne keiner bekannt war. Alle dieſe Reiſende waren im Gaſthof angekommen, ſeitdem er ſelbſt angekommen; Jeder war mit einer Art von Looſungswort eingetreten, was Anfangs die Aufmerkſamkeit von Malicorne erregte, doch er erkun⸗ digte ſich mittelbar, und erfuhr, der Wirth gebe als 80 Grund dieſer Wachſamkeit an, daß die Stadt, voll von vornehmen Herren, wie ſie es war, auch geſchickte Spitz⸗ buben enthalten müſſe. Es heiſchte alſo der Ruf eines ehrlichen Hauſes, wie das zum Schönen Pfauen, die Reiſenden nicht be⸗ ſtehlen zu laſſen. Malicorne fragte ſich auch, wenn er in ſich ging, und ſeine Lage im Gaſthof zum Schönen Pfauen ſon⸗ dirte, warum man ihm Eintritt in das Haus gewährt, während er, ſeitdem er hereingekommen, ſo viele hatte von der Thüre weiſen ſehen. Er fragte ſich beſonders, warum Manicamp, der ſeiner Anſicht nach ein von aller Welt verehrter Herr ſein mußte, warum Manicamp, der vor ſeiner Ankunft ſein Roß hatte im Schönen Pfauen wollen freſſen laſ⸗ ſen, ſammt dieſem Roß mit einem höchſt unfreundlichen nescio vos abgewieſen worden war. Das war alſo ein Problem für Malicorne, das er übrigens, beſchäftigt mit Intriguen der Liebe und des Ehrgeizes, wie er war, zu ergründen durchaus nicht ſich anſtrengte. 3 Hätte er es gewollt, ſo wollen wir, trotz des Ver⸗ ſtandes, den wir ihm zuerkennen, nicht behaupten, daß es ihm gelungen wäre. Einige Worte werden dem Leſer beweiſen, daß man nicht weniger gebraucht hätte, als einen Oedipus in Perſon, um dieſes Räthſel zu löſen. Seit acht Tagen hatten ſich in dieſem Gaſthaus ſteben Reiſende eingefunden, die alle am andern Tag, nachdem Malicorne ſein Augenmerk auf den Schönen Pfauen geworfen, angekommen waren. Dieſe Perſonen, welche ſämmtlich mit beträchtlichem Gefolge erſchienen, waren: n Erſtens, ein Brigadier vom deutſchen Heer, ſein Schreiber, ſein Arzt, drei Lackeien und ſieben Pferde. Dieſer Brigadier hieß Graf von Woſtput. Eiin ſpaniſcher Cardinal, mit zwei Neffen, zwei — 31 —— 81 Geheimſchreibern, einem Officianten ſeines Hauſes und zwoͤlf Pferden. Dieſer Cardinal hieß Monſignor Herrebin. Ein reicher Kaufmann aus Bremen mit ſeinem Lackei und zwei Pferden. Dieſer Kaufmann hieß Herr Banſtek. Ein venetianiſcher Senator mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter, beide von vollkommener Schönheit. Dieſer Senator hieß Signor Marini. Ein Laird aus Schottland mit ſieben Gebirgern von ſeinem Clac, alle zu Fuß. Der Laird hieß Mac Cumnor. Ein Oeſterreicher aus Wien, ohne Titel und Wap⸗ pen, der in einem Wagen ankam; er hatte viel vom Prieſter und wenig vom Soldaten. Man nannte ihn Rath. Endlich eine vlämiſche Dame mit einem Lackei, einer Kammerfrau und einem Geſellſchaftsfräulein. Vorneh⸗ mes Weſen, große Pferde. Man nannte ſie die vlämiſche Dame. Alle dieſe Reiſenden kamen, wie geſagt, an einem Tag an, und dennoch verurſachte ihre Ankunft keine Verlegenheit im Hauſe, keine Verſperrung auf der Straße, da ihre Wohnungen zum Voraus auf das Verlangen ihrer Couriere oder ihrer Geheimſchreiber, welche am Tag zuvor oder am Morgen eintrafen, be⸗ zeichnet worden waren. Malicorne, der einen Tag vor ihnen ankam, und auf einem magern, mit einem dünnen Mantelſack be⸗ ladenen Pferd reiste, kündigte ſich im Gaſthof zum Schönen Pfauen als den Freund eines vornehmen Herrn an, der die Feſte zu ſehen wünſche, und eben⸗ falls bald eintreffen müſſe. Der Wirth lächelte bei dieſen Worten, als kennte er ganz genau entweder Malicorne, oder den vorneh⸗ men Herrn, ſeinen Freund, und ſagte zu ihm: Die drei Musketiere, Bragelonne, Vl. 6 „Waäͤhlet, mein Herr, die Wohnung, die Euch ge⸗ nehm iſt, da ihr zuerſt ankommt.“ Und das mit der bei Wirthen ſo bezeichnenden Unterwürfigkeit, welche beſagen will: Seid unbeſorgt, 2* mein Herr, man weiß, mit wem man es zu thun hat, und wird Euch demgemäß behandeln. Dieſe Worte und die Geberde, von der ſie begleitet waren, kamen Malicorne freundlich, aber durchaus nicht klar vor. Da er aber nicht viel ausgeben wollte, und ein kleines Zimmer verlangend gerade wegen ſeiner ge⸗ ringen Bedeutung zurückgewieſen worden wäre, ſo be⸗ eilte er ſich, die Worte des Gaſtgebers im Fluge auf⸗ zufaſſen und ihn mit ſeiner eigenen Feinheit zu be⸗ thören. Lächelnd wie ein Menſch, für den man durchaus nur thut, was man thun ſoll, erwiederte er: V „Mein lieber Wirth, ich werde die beſte und hei⸗ terſte Wohnung nehmen.“ „Mit Stallungen?“ „Mit Stallungen.“ „Für welchen Tag 2 „Für ſogleich, wenn es möglich iſt.“ „Vortrefflich.“ 3 „Nur,“ fügte Malicorne raſch bei,„nur werde ich die große Wohnung nicht ſogleich einnehmen.“ „Gut!“ ſagte der Wirth, mit einer Miene des Einverſtändniſſes. 3 „Gewiſſe Gründe, die Ihr ſpäter begreifen werdet, nöthigen mich, für meine Rechnung nur dieſes kleine Zimmer zu wählen.“ 3 „Jn, ja, ja.“ 1 4 „Mein Freund, wenn er ankommt, wird die große„ Wohnung nehmen, und natürlich, da die große Woh⸗ nung für ihn, wird er die Sache ſogleich in Ordnung bringen.“ 4 „Sehr gut, ſehr gut, es war ſo verabredet,“ ver⸗ ſetzte der Wirth.—— 3 N NAn‚u—— N 8³ „Es war ſo verabredet?“ „Wort für Wort.“ 4 „Das iſt ſeltſam,“ murmelte Malicorne.„Ihr verſteht alſo?“ „Ja.“ K „Weiter braucht es nicht. Nun, da Ihr verſteht... denn Ihr verſteht wohl, nicht wahr?“ „Vollkommen.“ „So werdet Ihr mich in mein Zimmer führen.“ Der Wirth zum Schönen Pfauen ging, Malicorne, ſeine Mütze in der Hand, voran⸗— Malicorne quartirte ſich in ſeinem Zimmer ein und wohnte darin ganz erſtaunt, als er den Wirth, fo oft er hinauf oder hinabſtieg, ihm mit den Augen auf eine Art zublinzeln ſah, welche das beſte Einverſtänd⸗ niß zwiſchen zwei Correſpondenten bezeichnet.. „Dahinter ſteckt ein Mißverſtändniß,“ ſagte Mali⸗ corne zu ſich ſelbſt,„doch mittlerweile, bis es ſich auf⸗ klärt, will ich Nutzen daraus ziehen, und das iſt das Beſte, was ich thun kann.“ Und von ſeinem Zimmer aus warf er ſich wie ein Jagdhund auf die Fährte der Neuigkeiten und Sehens⸗ würdigkeiten des Hofes, wobei er ſich hier roͤſten und dort ertränken ließ, wie er zu Montalais ſagte. Beim Anblick von allen dieſen Menſchen, von allen dieſen Equipagen, von all dieſem Gepränge dachte Mali⸗ corne, indem er ſich die Hände rieb, einen Tag ver⸗ fehlend, würde er kein Neſt gefunden haben, um bei der Heimkehr von ſeinen Forſchungen auszuruhen. Nachdem ſich alle Fremde feſtgeſetzt hatten, trat der Wirth in ſein Zimmer und ſagte mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Freundlichkeit: „Mein lieber Herr, Ihr habt noch die große Woh⸗ nung im dritten Flügel, Ihr wißt das.“ „Allerdings weiß ich es.“ „ Und es iſt ein wahres Geſchenk, was ich Euch damit mache,“ 5 „Meinen Dank.“ „Und wenn Euer Freund kommt?“ „Nun?“ „Wird er zufrieden ſein, wenn er nicht ſehr wun⸗ derlicher Natur iſt.“ „Verzeiht! wollt Ihr mir erlauben, daß ich Euch ein paar Worte über meinen Freund ſage.“ „Sprecht immerhin, Ihr ſeid der Herr.“ „Er ſollte kommen, wie Ihr wißt.“ „Und er ſoll immer noch kommen.“ „Er könnte anderer Anſicht geworden ſein.“ „Nein.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ „Ich bin meiner Sache gewiß.“ „Falls Ihr einen Zweifel hättet...“ „Nun?“ „Ich möchte nicht dafür ſtehen, daß er kommt.“ „Er hat es Euch aber doch geſagt...“ „Wohl hat er es mir geſagt, doch Ihr wißt, der Menſch denkt, Gott lenkt, verba volant, scripta ma- nent.“ „Was will das beſagen?“ „Die Worte entfliegen, das Geſchriebene bleibt; und da er mir nicht geſchrieben, da er es mir nur ge⸗ ſagt hat, ſo bevollmächtige ich Euch, ohne Euch jedoch aufzufordern. Ihr fühlt, das iſt eine kitzeliche Sache.“ „Wozu bevollmächtigt Ihr mich?“ „Seine Wohnung zu vermiethen, wenn Ihr einen guten Preis dafür bekommen könnt.“ „Ich?“ „Ja, Ihr.“.. „Nein, mein Herr, nie werde ich dergleichen thun. Er hat Euch nicht geſchrieben?“ „Nein.“ „Er hat mir geſchrieben.“ „Ah l“ „Ja.“ —,; 85⁵ „Und in welchen Ausdrücken? Laßt ſehen, ob der Brief mit ſeinen Worten übereinſtimmt.“ „So lautet ungefähr der Text:„„An den Herrn Inhaber des Gaſthauſes zum Schöͤnen Pfauen.. „„Ihr müßt von der Zuſammenkunft unterrichtet ſein, zu der ſich einige Perſonen von Bedeutung in Eurem Gaſthof beſchieden haben. Ich gehöre zu der Geſellſchaft, die ſich in Fontainebleau verſammelt. Be⸗ haltet ein kleines Zimmer für einen Freund, der vor oder nach mir ankommen wird...“a „Nicht wahr, dieſer Freund ſeid Ihr?“ unterbrach ſich der Wirth zum Schönen Pfauen. Malicorne verbeugte ſich beſcheiden. Der Wirth fuhr fort. „„Und eine große Wohnung für mich. Die große Wohnung geht mich an, doch ich wünſche, daß der Preis des Zimmers mäßig ſei, da daſſelbe für einen armen Teufel beſtimmt iſt.““ 1 „Nicht wahr, das ſeid gleichfalls Ihr?“ „Ja, gewiß,“ antwortete Malicorne. 3 „So ſind wir einverſtanden; Euer Freund bezahlt den Preis für ſeine Wohnung, und Ihr den für die Eurige.“ „Ich will lebendig gerädert werden, wenn ich etwas von dem, was mir begegnet, verſtehe!“ ſagte Malicorne zu ſich ſelbſt. Dann ſprach er laut: „Und Ihr ſeid mit dem Namen zufrieden ge⸗ weſen?“ „Mit welchem Namen?“ „Mit dem, der den Brief ſchließt.“ „Ich wollte ihn von Euch erfragen.“ „Wie? der Brief war nicht unterzeichnet?“ „Nein,“ antwortete der Wirth, indem er ſeine ugen ganz geheimnißvoll und neugierig verdrehte. „Gut,“ ſagte Malicorne, die geheimnißvolle Ge⸗ berde nachahmend,„wenn er nicht genannt iſt „Nun?“ „Er muß ſeine Gründe hiefür haben.“ „Allerdings.“ „Und ich, ſein Freund, ich, ſein Vertrauter, werde ſein Incognito nicht verrathen.“ „Das iſt richtig,“ ſprach der Wirth;„ich dringe auch nicht in Euch.“ „Ich weiß dieſes Zartgefühl zu ſchätzen. Was mich betrifft, ſo iſt mein Zimmer beſonders zu berechnen. Wir müſſen uns hierüber verſtändigen.“ „Mein Herr, das iſt Alles abgemacht.“ „Ihr wißt, gute Rechnungen machen gute Freunde. Rechnen wir alſo.“ „Das hat keine Eile.“ „Rechnen wir immerhin. Zimmer, Koſt für mich, Platz an der Krippe und Futter für mein Pferd. Wie viel für den Tag?“ „Vier Livres, mein Herr.“ „Das macht alſo zwölf Livres für die drei abge⸗ laufenen Tage.“ „Zwölf Livres, ja, mein Herr.“ „Hier ſind Eure zwölf Livres.“ „Ah! mein Herr, wozu ſogleich bezahlen?“ „Weil,“ erwiederte, die Stimme dämpfend, Mali⸗ corne, der wieder zum Geheimnißvollen ſeine Zuflucht nahm, da er ſah, daß das Geheimnißvolle günſtig wirkte,„weil, wenn man plötzlich abzureiſen, ſich aus dem Staub zu machen hätte, die Rechnung abgethan wäre. 3 „Ihr habt Recht, mein Herr.“ „Ich bin alſo zu Hauſe.“ „Ihr ſeid zu Hauſe.“ „Wohl dann! Ich wünſche Euch einen gu⸗ ten Tag.“ Der Wirth entfernte ſich. Als Malicorne allein war, machte er ſich folgende Schlußkette:. —— ——,.— — — 87 „Nur Herr von Guiche und Manicamp ſind im Stande, an meinen Wirth geſchrieben zu haben: Herr von Guiche, weil er ſich eine Wohnung außerhalb des Hofs für den Fall des Gelingens oder Mißlingens vor⸗ behalten will; Manicamp, weil er mit dieſer Commiſ⸗ ſion wird beauftragt worden ſein. „Herr von Guiche oder Manicamp wird oſo ſo gedacht haben: die große Wohnung, um auf eine an⸗ ſtändige Weiſe eine dicht verſchleierte Dame zu empfan⸗ gen, mit Vorbehalt für genannte Dame eines doppelten Ausgangs auf eine beinahe öde und nach dem Wald ausmündende Straße. „Das Zimmer, um zeitweiſe entweder Manicamp, den Vertrauten von Herrn von Guiche und wachſamen Hüter der Thüre, oder Herrn von Guiche ſelbſt zu be⸗ herbergen, der zu größerer Sicherheit zugleich die Rolle des Herrn und die des Vertrauten ſpielt. „Aber die Zuſammenkunft, welche ſtattfinden ſoll, und wirklich im Gaſthaus ſtattfindet. „Das ſind ohne Zweifel Leute, welche dem König vorgeſtellt werden ſollen? „Doch der arme Teufel, für den mein Zimmer be⸗ ſtimmt iſt? „Eine Liſt, um Guiche oder Manicamp beſſer zu verbergen. „Verhält es ſich ſo, wie dies wahrſcheinlich, ſo iſt es nur ein halbes Uebel. Zwiſchen Manicamp und Herrn von Guiche gibt es keinen Streit, und zwiſchen Manicamp und Malicorne machen ſich die Dinge mit der Börſe ab.“ Seitdem er dieſe Schlußkette gemacht, ſchlief Mali⸗ corne auf beiden Ohren, und er ließ die ſieben Frem⸗ den die ſieben Wohnungen des Gaſthofes einnehmen und in allen Richtungen darin umherziehen. Wenn ihn nichts bei Hofe beunruhigte, wenn er ſeiner Ercurſionen und Inquiſitionen müde war, müde, auch Billets zu ſchreiben, welche er an ihre Adreſſe zu bringen nie Gelegenheit fand, dann kehrte er in ſein Zimmerchen zurück und beſchäftigte ſich, auf ſeinen mit Capucinerblumen und Nelken verzierten Balkon gelehnt, mit den fremden Reiſenden, für welche Fontainebleau Weder Lichter, noch Freuden, noch Feſte zu haben ſchien. Das dauerte ſo fort bis zum ſiebenten Tag, welchen Tag wir des Breiteren ſammt ſeiner Nacht in den vor⸗ hergehenden Kapiteln geſchildert haben. In dieſer Nacht, gegen ein Uhr Morgens, genoß Malicorne, an ſeinem Fenſter ſtehend, der Kühle, als Manicamp, die Naſe im Wind, mit beſorgter, ärger⸗ licher Miene zu Pferde erſchien. 3 „Gut!“ ſagte Malicorne, der ihn mit dem erſten Blick erkannte, zu ſich ſelbſt,„das iſt mein Mann, der ſeine Wohnung, das heißt mein Zimmer in Anſpruch nehmen wird.“ Und er rief Manicamp. Manicamp ſchaute empor und erkannte Malicorne ebenfalls. „Ah! bei Gott!“ ſagte dieſer, deſſen Geſicht ſich ſogleich aufheiterte,„ſeid willkommen, Malicorne. Ich ſchweife in Fontainebleau umher und ſuche drei Dinge, die ich nicht finden kann: Guiche, ein Zimmer und einen Stall.“ „Was Herrn von Guiche betrifft, ſo kann ich Euch weder gute, noch ſchlimme Nachrichten von ihm geben, denn ich habe ihn nicht geſehen; was aber ein Zimmer und utn Stall anbelangt, ſo iſt dies etwas Anderes.“ „Es iſt Beides hier beſtellt worden.“ „Beſtellt, und durch wen?“ „Durch Euch, wie mir ſcheint.“ „Durch mich?“— „Habt Ihr denn nicht eine Wohnung beſtellt?“ „Durchaus nicht.“ „Habt Ihr es beſtellt, mein Herr?“ „Nein.“ 1„Ein Zimmer,“ ſtotterte Manicamp. „Dann gibt es kein Zimmer.“ ſtellt.“ „Ein Zimmer oder eine Wohnung? „Alles, was Ihr wollt.“ „Durch einen Brief?“ fragte der Wirth. bejahendes Zeichen. dem das Zögern von Manicamp Verdacht erregte. nach ſeinem Freunde zu Hülfe zu kommen. er das Geſpräch hören konnte. mir zu beſtellen?“ wiederholte der Wirth. mit ſanftem, indem er den Wirth an der Schulter berührte. In dieſem Augenblick erſchien der Wirth auf ſeiner chwelle. „Wenn dem ſo iſt, ſo habe ich ein Zimmer be⸗ Malicorne machte Manicamp mit dem Kopf ein „Ci! gewiß durch einen Brief,“ erwiederte Mani⸗ camp.„Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten?“ „Von welchem Tag datirt?“ fragte der Wirth, bei 8 Manicamp kratzte ſich hinter dem Ohr und ſchaute ach dem Fenſter von Malicorne; Malicorne hatte aber ſein Fenſter verlaſſen und ſtieg die Treppe herab, um Gerade in dieſem Augenblick erſchien ein Reiſender, in einen ſpaniſchen Mantel gehüllt, im Vorhof, ſo, daß „Ich frage Euch, unter welchem Datum Ihr mir den Brief geſchrieben habet, um eine Wohnung bei „Unter dem Datum des letzten Mittwoch,“ ſagte höflichem Ton der geheimnißvolle Fremde, Manicamp wich zurück, und Malicorne, der auf 8 Schwelle erſchien, kratzte ſich ebenfalls hinter dem r. Der Wirth begrüßte den Ankömmling wie ein Menſch, der ſeinen wahren Reiſenden erkennt. „Mein Herr,“ ſprach er höͤflich,„Eure Wo wie Eure Stallungen ſind für Euch bereit. Nur...“ Er ſchaute umher und fragte dann: „Eure Pferde?“ „Meine Pferde werden kommen oder nicht kommen. Nicht wahr, das geht Euch wenig an, wenn ich Euch nur bezahle, was beſtellt worden iſt.“ Der Wirth verbeugte ſich noch tiefer. „Ihr habt überdies das kleine Zimmer, das ich von Euch verlangt, für mich aufbewahrt?“ „Oh! weh!“ machte Malicorne, der ſich zu ver⸗ bergen ſuchte. „Mein Herr, Euer Freund hat es ſeit acht Tagen inne,“ erwiederte der Wirth. Und dabei deutete er auf Malicorne, der ſich ſo klein als möglich machte. Der Reiſende zog ſeinen Mantel bis an ſeine Naſe herauf, warf einen raſchen Blick auf Malicorne und entgegnete: „Dieſer Herr iſt nicht mein Freund.“ Der Wirth machte einen Sprung. 5 „Ich kenne den Herrn nicht,“ fuhr der Fremde fort. „Wie!“ rief der Wirth, indem er ſich an Malicorne wandte,„wie! Ihr ſeid nicht der Freund dieſes Herrn!“ „Was iſt Euch daran gelegen, wenn man Euch nur bezahlt?“ ſprach Malicorne, majeſtätiſch den Frem⸗ den parodirend. „Es iſt mir ſehr viel daran gelegen,“ antwortete der Wirth, der zu bemerken anfing, es habe eine Unter⸗ ſchiebung der Perſon ſtattgefunden,„es iſt mir ſo viel daran gelegen, daß ich Euch bitte, mein Zerr, das zum Voraus und zwar von einem Andern als Euch beſtellten Zimmer zu räumen.“ 11 „Aber dieſer Herr braucht nicht zugleich ein Zim⸗. mer im erſten Stock und eine Wohnung im zweiten,“ entgegnete Malicorne.„Nimmt der Herr das Zimmer, ſo nehme ich die Wohnung; waͤhlt der Herr die Woh⸗ nung, ſo behalte ich das Zimmer.“ „Ich bin in Verzweiflung,“ ſagte der Reiſende 3 n. ch 91 mit ſeiner ſanften Stimme,„aber ich brauche zugleich das Zimmer und die Wohnung.“ „Für wen denn?“ „Die Wohnung für mich.“ „Gut, doch das Zimmer?“ „Schaut,“ ſagte der Reiſende. Und er ſtreckte die Hand nach einem Häuflein Menſchen aus, das herbeikam. Malicorne folgte mit dem Blick der angegebenen Richtung und ſah auf einer Tragbahre den Franciscaner, deſſen Einquartierung in ſein Zimmer er Montalais mit einigen von ihm beigefügten Umſtänden erzählt hatte. Das Reſultat der Ankunft des unbekannten Reiſen⸗ den und des Franciscaners war die Austreibung von Malicorne, der ohne alle Rückſicht außerhalb des Gaſt⸗ hofs zum ſchönen Pfauen vom Wirth und den Bauern, die dem Franciscaner als Träger dienten, zurückgehal⸗ ten wurde. Man hat den Leſer mit den Folgen dieſer Austrei⸗ bung, mit dem Geſpräch von Manicamp mit Monta⸗ lais, welche Manicamp geſchickter als Malicorne auf⸗ zufinden gewußt hatte, um von ihr Kunde über Guiche zu erhalten, ferner mit der Unterredung von Montalais und Malicorne, und endlich mit dem doppelten Ein⸗ quartirungsbillet bekannt gemacht, das der Graf von Saint⸗Aignan Manicamp und Malicorne lieferte. Es bleibt uns noch übrig, unſern Leſern mitzu⸗ theilen, wer der Reiſende mit dem Mantel, der urſprüng⸗ liche Miethsmann der doppelten Wohnung, von der Malicorne einen Theil inne gehabt, und der eben ſo geheimnißvolle Franciscaner waren, deſſen Ankunft in Verbindung mit der des Reiſenden im Mantel zum Un⸗ glück die Combinationen der zwei Freunde ſtörte. 9² IX. Ein Jeluit vom eilkten Jahr. Und um den Leſer nicht ſchmachten zu laſſen, be⸗ eilen wir uns, die erſte Frage zu beantworten. Der Reiſende, der den Mantel bis zur Naſe herauf⸗ gezogen hatte, war Aramis, der, nachdem er Fouquet verlaſſen und aus einem Mantelſack eine vollſtändige Cavalierskleidung genommen, aus dem Schloſſe weg⸗ gegangen war und ſich nach dem Gaſthof zum Schönen Pfauen begeben hatte, wo er, wie es der Wirth geſagt, durch einen Brief vor ſieben Tagen eine Wohnung und ein Zimmer beſtellt. Sobald Malicorne und Manicamp vertrieben wa⸗ ren, näherte ſich Aramis dem Franciscaner und fragte ihn, ob er die Wohnung oder das Zimmer vorziehe. Der Franziscaner erkundigte ſich, wo die eine und das andere liege. Man antwortete ihm, das Zimmer liege im erſten, die Wohnung im zweiten Stock. „Alſo das Zimmer,“ ſagte er. Aramis drang nicht weiter in ihn und ſprach mit völliger Unterwürſigkeit zum Wirth: „Das Zimmer.“ 3 Dann verbeugte er ſich ehrfurchtsvoll und ging in die Wohnung. Der Franciscaner wurde ſogleich in das Zimmer gebracht. 4 * Mußte ſie nicht Erſtaunen erregen, dieſe Ehrfurcht eines Prälaten vor einem einfachen Moͤnch, und zwar vor einem Mönch von einem Bettlerorden, dem man ſo, ohne daß er es nur verlangte, ein Zimmer gab, um das ſich ſo viele Reiſende bewarben. 93 Wie war ſodann die unerwartete Ankunft von Aramis im Gaſthaus zum Schönen Pfauen zu erklären, von ihm, der, da er mit Fouquet ins Schloß gekom⸗ men, auch mit dieſem im Schloß wohnen konnte? Der Franciscaner ließ ſich die Treppe hinauftra⸗ gen, ohne eine Klage von ſich zu geben, obgleich man ſah, daß ſein Leiden groß war, und daß bei jedem An⸗ ſtoßen der Tragbahre an die Wand oder an das Trep⸗ pengeländer, er durch ſeinen ganzen Körper eine furcht⸗ bare Erſchütterung erlitt.. Als er endlich das Zimmer erreicht hatte, ſagte er zu den Trägern: „Helft mir in dieſen Lehnſtuhl.“ Die Träger ſtellten die Tragbahre auf den Boden, hoben den Kranken ſo ſanft, als es ihnen möglich war, auf, und legten ihn in den von ihm bezeichneten Lehn⸗ ſtuhl, der oben am Bett ſtand. „Nun laßt mir den Wirth heraufkommen,“ fügte er mit einer großen Milde der Worte und der Ge⸗ berde bei. Sie gehorchten. Fünf Minuten nachher erſchien der Wirth zum Schönen Pfauen auf der Thürſchwelle. der Wirth ſchaute den Franciscaner ganz erſtaunt an. eer Franciscaner machte mit ſeinem Daumen auf Ahra ſbeſondere Art das Zeichen des Kreuzes über ſeiner u. — Der Wirth erwiederte dieß dadurch, daß er daſſelbe Zeichen auf ſeiner linken Schulter machte. „Ja, es iſt wahr,“ ſagte er,„man erwartet Euch, mein Vater; doch wir hofften, Ihr würdet in einem beſſeren Zuſtand ankommen.“ Und als die Bauern voll Verwunderung den ſo ſtolzen Wirth anſchauten, der plötzlich in Gegenwart eines armen Mönches ſo ehrerbietig geworden, zog der Franciscaner aus ſeiner langen Taſche ein paar Gold⸗ ſtücke und zeigte ſie ihnen. „Hier,“ ſagte er,„hier iſt etwas für die Pflege, die man mir wird angedeihen laſſen. Beruhigt Euch alſo und ſeid ohne Furcht, weil ich hier bleibe. Meine Geſellſchaft, für die ich reiſe, will nicht, daß ich bettle; nun, da die Mühe, die Ihr Euch mit mir gegeben, auch eine Belohnung verdient, empfangt dieſe zwei Louis d'or und entfernt Euch im Frieden.“ Die Bauern wollten nicht annehmen; der Wirth nahm die zwei Louis d'or aus der Hand des Moͤnches und legte ſie in die eines Bauern. Seine vier Träger entfernten ſich, indem ſie die Augen weiter als je aufriſſen. Nachdem die Thüre wieder geſchloſſen war und während der Wirth ehrfurchtsvoll an dieſer Thüre ſtehen blieb, ſammelte ſich der Franciscaner einen Augenblick. Dann fuhr er über ſeine gelbe, vom Fieber trocke⸗ nen Stirne hin, und rieb ſich mit ſeinen gekrümmten Fingern zitternd die gräulichen Locken ſeines Bartes. Die große, durch die Krankheit und die Aufregung— ausgehöhlten Augen ſchienen im unbeſtimmten Raume einen ſchmerzlichen, unbeugſamen Gedanken zu verfolgen. „Was für Aerzte habt Ihr in Fontainebleau?“ fragte er endlich. „Wir haben drei, mein Vater.“ „Wie heißen ſie?“ „Einmal Liguet.“ „Sodann.“ 9„Ein Carmeliter⸗Bruder, genannt Bruder Hubert.“ h,„Ferner?“ m„Ferner ein Weltlicher, Namens Griſart.“ ſo„Ah! Griſart,“ murmelte der Mönch.„Ruft mir t geſchwinde Herrn Griſart.“ 3 Der Wirth machte eine Bewegung eifrigen Ge⸗ r horſams. 5„Ohl ſagt, was für Prieſter ſind hier in der Nähe?“ 8,„Was für Prieſter?“ ch„Ja, von welchem Orden?“ he„Es gibt Jeſuiten, Auguſtiner und Franciscaner; e; aber, mein Vater, die Jeſuiten ſind am nächſten von n, hier. Ich werde alſo einen Beichtiger von den Jeſuiten ei rufen, nicht wahr?“ tj„Ja, geht.“ . Der Wirth ging ab. Man erräth, daß an den zwiſchen ihnen ausge⸗ tauſchten Grüßen der Wirth und der Kranke ſich als ie Affiliirte der furchtbaren Geſellſchaft Jeſu erkannt haben. Sobald der Franciscaner allein war, zog er aus nd ſeiner Taſche ein Bündel Papiere, von denen er einige en mit nßflicher Aufmerkſamkeit durchging. Die Gewalt c. ddees Uebels beſiegte indeſſen ſeinen Muth; ſeine Augen e⸗ verdrehten ſich, ein kalter Schweiß floß von ſeiner en Stirne, und er ſank, beinahe ohnmächtig, den Kopf zurück, die Arme von beiden Seiten des Lehnſtuhles ng herabhängend, zuſammen.. ne war ſeit fünf Minuten ohne alle Bewegung, n. als der Wirth in Begleitung des Arztes erſchien, dem „er kaum Zeit gelaſſen, ſich anzukleiden. Das Geraͤuſch ihres Eintritts, der Luftſtrom, den das Oeffnen der Thüre verurſachte, erweckten wieder die Sinne des Kranken. Er ergriff heftig ſeine zer⸗ ſtreuten Papiere und ſeine lange fleiſchloſe Hand ver⸗ barg ſie unter den Polſtern des Lehnſtuhls.. 4 Der Wirth ging wieder hinaus und ließ den Kran⸗ ken und den Arzt beiſammen. „Nun,“ ſprach der Franciscaner zum Doktor,„tretet näher, Herr Griſart, denn es iſt keine Zeit zu verlieren; fühlt, unterſucht, urtheilt und laßt Euren Spruch hören.“ „Euer Wirth verſichert mich, ich habe die Ehre, einen Affiliirten zu behandeln;“ erwiederte der Arzt. „Einen Affiliirten, ja,“ antwortete der Francis⸗ caner.„Sagt mir doch die Wahrheit; ich fühle mich ſehr unwohl; mir ſcheint, ich werde ſterben.“ Der Arzt nahm die Hand des Moöͤnches und be⸗ fühlte ihm den Pus „Hal ha!“ ſagte er,„ein gefährliches Fieber.“ „Was nennt Ihr ein gefährliches Fieber?“ fragte der Mönch mit einem gebieteriſchen Blick. „Einem Affiliirten des erſten oder des zweiten Jah⸗ res würde ich ſagen, heilbares Fieber,“ antwortete der Arzt, indem er den Franziscaner mit den Augen befragte. „Aber wie?“ ſagte der Franziscaner. Der Arzt zögerte. „Schaut mein graues Haar und meine gedanken⸗ ſchwere Stirne an,“ fuhr er fort,„ſchaut die Runzeln an, nach denen ich meine Prüfungen zaͤhle, ich bin ein Jeſuit vom elften Jahr, Herr Griſart.“ Der Arzt bebte.. Ein Jeſuit vom eilften Jahr war wirklich einer von den in alle Geheimniſſe des Ordens eingeweihten Männern, einer von den Männern, für welche die Wiſſenſchaft keine Geheimniſſe, die Geſellſchaft kein Schwanken, der zeitliche Gehorſam keine Bande mehr hat. „Ich befinde mich alſo vor einem Meiſter?“ ſprach Griſart, ehrfurchtsvoll ſich verbeugend. „Ja, handelt dem gemäß.“ „Und Ihr wollt wiſſen..“ „Meine wahre Lage.“ „Nun wohl, es iſt eine Hirnentzündung, die den höͤchſten Grad der Intenſität erreicht hat,“ — 4 1 5 ☚— „Nicht wahr, es iſt alſo keine Hoffnung mehr?“ fragte der Franciscaner mit kurzem Ton. „Ich ſage das nicht,“ antwortete der Doktor; doch in Betracht der Störung des Gehirns, des kurzen Athems, der Haſtigkeit des Pulſes, und der Gluth des furchtbaren Fiebers, das Euch verzehrt. 7. „Und das mich dreimal ſeit dieſem Morgen nieder⸗ geworfen hat.“. „Ich nenne es auch furchtbar. Warum ſeid Ihr aber nicht aüf dem Wege zurückgeblieben.“ „Ich urde hier erwartet und mußte ankommen.“ „Undviſolltet Ihr ſterben.“ 1 „Uad ſollte ich ſterben.“ „Wohll in Betracht aller dieſer Symptome, ſage ich, daß die Lage beinahe eine v Der Franciscaner lächelte auf eine ſeltſame Weiſe⸗ „Was Ihr mir da ſagt, iſt viellei das, was man einem Affiliirten ſchuldig iſt, ſelbſt einem vom elften Jahr; für das aber, was man mir ſchuldig iſt, Herr Griſart, iſt es zu wenig, und ich habe das echt, mehr zu verlangen. Seid noch wahrer, ſeid offenherzig, als handelte es ſich darum, zu Gott zu ſprechen. Ueberdieß habe ich ſchon einen Beichtiger rufen laſſen.“ „Ohl ich hoffe, doch.. ſtammelte der Arzt. „Antwortet,“ ſprach der Kranke, indem er ihm mit einer Geberde voll Würde einen goldenen Ring zeigte, deſſen Kaſten nach innen gedreht geweſen und auf dem das repräͤſentative Zeichen der Geſellſchaft Jeſu eingravirt war. 3 Griſart ſtieß einen Schrei aus. „Der General!“ rief er. „ Stille!“ ſprach der Franciscaner,„Ihr begreift, daß es Eure Aufgabe iſt, wahr zu ſein.“ 5 „Hoher Herr, ruft den Beichtiger,“ murmelte Gri⸗ ſart,„denn in Die drei Musketiere. Bragelonne. VI 3 zwei Stunden, bei der eſen Verdop⸗ 98 pelung, wird Euch das Delirium erfaſſen, und Ihr geht zur Kriſe über.“ „Gut,“ ſagte der Kranke, deſſen Stirne ſich einen Augenblick faltete,„ich habe alſo zwei Stunden.“ „Ja, beſonders wenn Ihr den Trank zu Euch nehmt, den ich Euch ſchicken will.“ „Und er wird mir zwei Stunden geben?“ „Zwei Stunden.“ „Ich werde ihn nehmen, und wäre es Gift, denn dieſe zwei Stunden ſind nothwendig nicht allein für mich, ſondern für den Ruhm des Ordens.“ „Ohl welcher Verluſt!“ ſagte der Atzt,„welch eine Kataſtrophe für uns!“ „Es iſt der Verluſt eines Menſchen, nicht mehr,“ erwiederte der Franciscaner,„und Gott wird dafür ſor⸗ gen, daß der arme Mönch, der Euch verläßt, einen würdigen Nachfolger findet. Gott befohlen, Herr Gri⸗ ſart; es iſt ſchon eine Vergünſtigung des Herrn, daß ich Euch gefunden. Ein Arzt, der nicht bei unſerer heiligen Congregation affiliirt geweſen wäre, hätte mich auch über meinen Zuſtand in Unwiſſenheit gelaſſen, und auf fernere Tage des Daſeins hoffend, hätte ich nicht die nothwendigen Maßregeln nehmen können. Ihr ſeid ein Gelehrter, Herr Griſart, das macht uns allen Ehre; es wäre mir widrig geweſen, einen von den Unſerigen in ſeiner Kunſt mittelmäßig zu ſehen. Lebet wohl, Meiſter Griſart und ſchicket mir bald Euren herzſtär⸗ kenden Trank.“ „Segnet mich wenigſtens, hoher Herr.“ „Mit dem Geiſt, ja.. geht... mit dem Geiſt, ſage ich Euch. Animo, Meiſter Griſart, viribus impossibile.“ Und er ſank abermals, beinahe ohnmächtig, in ſei⸗ nen Stuhl zurück. Meiſter Griſart ſchwankte, ob er ihm eine augen⸗ blickliche Hülfe leiſten, oder weglaufen ſollte, um ihm 3 — 5 gebieteriſches Zeichen und ſprach: den verſprochenen Trank zu bereiten. Ohne Zweifel entſchied er ſich für den Trank, denn er eilte aus dem Zimmer und verſchwand auf der Treppe. 8 * 4 Das Staatsgeheimniß. Einige Augenblicke nach dem Abgang des Doktor Griſart kam der Beichtiger. Kaum hatte er die Thürſchwelle überſchritten, als der Franciscaner ſeinen tiefen Blick auf ihn heftete. 1 Dann ſchüttelte er ſein bleiches Haupt und mur⸗ melte:. „Das iſt ein armſeliger Geiſt, und ich hoffe, Gott wird mir verzeihen, wenn ich ohne den Beiſtand dieſer lebendigen Schwachheit ſterbe.“ Der Beichtiger ſchaute ſeinerſeits mit Erſtaunen, beinahe mit Angſt den Sterbenden an. Nie hatte er ſo glühende Augen in der Stunde, wo ſie ſich ſchließen, ſo furchtbaren Blick in der Stunde, wo ſie verlöſchen ſollten, geſehen. Der Franciscaner machte mit der Hand ein raſches, „Setzt Euch hierher, mein Vater, und höret mich an.“ Der Jeſuit⸗Beichtiger, ein guter Prieſter, ein un⸗ ſchuldiger Eingeweihter, der von den Geheimniſſen des Ordens nichts geſehen hatte, als gerade die Einweihung, gehorchte der höheren Würde des Bußfertigen. „Cs find in dieſem Gaſthauſe mehrere Perſonen,“ fuhr der Franeiscaner fort. „Aber ich glaubte einer Beichte wegen gekommen zu ſein,“ entgegnete der Jeſuit.„Iſt es eine Beichte, was Ihr mir da macht?“ „Warum dieſe Frage?“ volle7un zu wiſſen, ob ich Eure Worte geheim halten o 24 „Meine Worte ſind Ausdrücke der Beichte; ich ver⸗ traue ſie Eurer Pflicht als Beichtiger.“ „Sehr gut,“ ſagte der Prieſter, indem er ſich in den Lehnſtuhl ſetzte, den der Franciscaner mit großer Mühe verlaſſen hatte, um ſich auf dem Bett auszu⸗ ſtrecken. Der Franciscaner fuhr fort: „Es befinden ſich, wie ich Euch ſagte, mehrere Perſonen in dieſem Gaſthaus.“ „Ich habe davon gehört.“ „Dieſe Perſonen ſind acht der Zahl nach.“ Der Jeſuit machte ein Zeichen, daß er verſtehe. „Die erſte, mit der ich ſprechen will, iſt ein Deut⸗ ſcher aus Wien und heißt Baron von Woſtpur. Ihr werdet mir das Vergnügen machen, ihn aufzuſuchen und ihm zu ſagen, derjenige, welchen er erwartet, ſei angekommen.“ Der Beichtiger ſchaute den Franciscaner ganz er⸗ ſtaunt an; die Beichte kam ihm ſonderbar vor. „Gehorcht,“ ſprach der Franciscaner mit dem un⸗ widerſtehlichen Ton des Befehls. Völlig unterjocht, ſtand der gute Jeſuit auf und verließ das Zimmer.. Sobald der Jeſuit weggegangen war, nahm der Franziskaner die Papiere wieder, die eine Fieberkriſe ihn ſchon einmal wegzulegen genöthigt hatte. „Der Baron von Woſtpur! Gut!“ ſagte er:„ehr⸗ geizig, einfältig, beſchränkt.“ ſie unter ſein Kopfkiſſen. Er faltete die Papiere wieder zuſammen und legte — ——— ——— — Raſche Schritte wurden am Ende der Hausflur örbar. 3 Der Beichtiger kehrte zurück, gefolgt vom Baron von Woſtpur, welcher den Kopf ſo hoch einherſchritt, als handelte es ſich darum, die Stubendecke mit ſeiner Hutfeder zu durchbohren. 4 Beim Anblick des Franciscaners mit dem düſteren Blick und dieſer Einfachheit des Zimmers fragte der Deutſche auch: „Wer ruft mich?“ „Ich,“ antwortete der Franciscaner. Dann wandte er ſich an den Beichtiger und ſprach: „Guter Vater, laßt uns einen Augenblick allein; wenn dieſer Herr weggeht, kommt zurück.“ Der Jeſuit entfernte ſich und benützte ohne Zweifel dieſe momentane Verbannung aus dem Zimmer ſeines terbenden, um von dem Wirth einige Aufklärung über dieſen ſeltſamen Beichtenden zu verlangen, der ſeinen eichtiger behandelt, wie man ſeinen Kammerdiener be⸗ handelt. Der Baron näherte ſich dem Bett und wollte ſpre⸗ chen, aber der Franciscaner hieß ihn mit einem Zeichen der Hand ſchweigen. „Die Augenblicke ſind koſtbar,“ ſagte haſtig der Mönch.„Nicht wahr, Ihr ſeid zu Bewerbung hierher gekommen?“ „Ja, mein Vater.“ „Ihr hofft, zum General gewählt zu werden?“ „Ich hoffe es.“ „Ihr wißt, unter welchen Bedingungen allein man zu dieſem hohen Grad gelangen kann, der einen Men⸗ ſchen zum Herrn der Könige und den Fürſten gleich macht?“ „Wer ſeid Ihr, daß Ihr mich dieſem Verhör un⸗ terwerft?“ fragte der Baron. 3 „Ich bin derjenige, welchen Ihr erwartet.“ „Der Generalwaͤhler?“ 10⁰² „Ich bin der Erwählte.“ „Ihr ſeid...— „Der Franciscaner ließ ihm nicht Zeit, zu vollen⸗ den; er ſtreckte ſeine abgemagerte Hand aus; an dieſer Hand glänzte der Ring des Generalats. Der Baron wich vor Erſtaunen zurück; dann aber verbeugte er ſich bald mit tiefer Ehrfurcht.. „Wie!“ rief er,„Ihr hier, hoher Herr, Ihr in dieſer dürftigen Stube, Ihr auf dieſem elenden Bett, Ihr ſucht und wählt den zukünftigen General, das heißt Euern Nachfolger?“ „Kümmert Euch nicht um das, mein Herr, erfüllt geſchwinde die Hauptbedingung, die Bedingung, dem Orden ein Geheimniß von ſolcher Wichtigkeit zu liefern, daß einer der größten Höfe Europas durch Eure Ver⸗ mittelung dem Orden auf immer lehenbar wird. Nun! habt Ihr dieſes Geheimniß, wie Ihr es in Eurem an den großen Rath gerichteten Geſuch zu haben ver⸗ ſprochen?“ „Hoher Herr...“— „Gehen wir der Ordnung nach zu Werke. Ihr ſeid wohl der Baron von Woſtpur?“ „Ja, hoher Herr.“ „Dieſer Brief iſt von Euch.“ Der Jeſuitengeneral zog ein Papier aus ſeinem Bündel und reichte es dem Baron. Der Baron warf einen Blick darauf und antwortete mit einem bejahenden Zeichen: „Ja, hoher Herr, dieſer Brief iſt von mir.“ „Und Ihr könnt mir die von dem Geheimſchreiber des großen Raths gegebene Antwort zeigen.“ 3 „Hier iſt ſie, hoher Herr.“ Der Baron reichte dem Franziskaner einen Brief mit der einfachen Adreſſe: „ An Seine Excellenz, den Baron von Woſtpur.“ Und nur folgenden Satz enthaltend:. * 103 „Vom 15. bis zum 22. Mai in Fontainebleau im Gaſthaus zum ſchönen Pfauen.“ A. M. D. G.*) en⸗ 4„Gut,“ ſagte der Franziskaner,„das iſt in Ord⸗ ſer nung.. ſprecht nun.“ „Ich habe ein Armeecorps von fünfzig tauſend ber Mann; alle Offiziere ſind gewonnen. Ich lagere an . der Donau und kann in vier Tagen den Kaiſer, der, in wie Ihr wißt, den Fortſchritten unſeres Ordens ent⸗ ett, gegen iſt, vom Throne ſtürzen und denjenigen von den ißt Prinzen ſeiner Familie an ſeine Stelle ſetzen, welchen der Orden immer bezeichnen wird.“ illt Der Franciscaner hörte, ohne ein Lebenszeichen em von ſich zu geben. rn,„Das iſt Alles?“ fragte er. ſer⸗„Es liegt eine europäiſche Revolution in meinem un! Plau,“ ſagte der Baron.. an„Es iſt gut, Herr von Woſtpur, Ihr werdet die er⸗ Antwort erhalten; kehrt in Eure Wohnung zurück und ſeid in einer Viertelſtunde abgereist.“ Der Baron entfernte ſich rückwärts gehend und ſo Ihr unterwürfig, als ob er von dem Kaiſer Abſchied ge⸗ nommen, den er verrathen wollte. „Das iſt kein Geheimniß,“ murmelte der Francis⸗ caner,„das iſt ein Komplott.“ nem„lleberdieß,“ fügte er, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, bei,„überdieß hängt die Zukunft Europas tete heute nicht mehr von dem Hauſe Oeſterreich ab.“ Und mit einem Rothſtift, den er in der Hand hielt, ſtrich er den Namen des Baron von Woſtpur von der Liſte.⸗ ber„Nun zum Cardinal,“ ſagte er,„von Seiten Spa⸗ niens müſſen wir etwas Wichtigeres bekommen.“ Hierauf ſchlug er die Augen auf und erblickte den— rief Beichtiger, der, botmäßig wie ein Schüler, auf ſeine . Befehle wartete. 4 65 * ²) Ad majorem Dei gloriam. „Ahl ah!“ ſagte er, als er dieſe Botmäßigkeit wahrnahm,„Ihr habt mit dem Wirth geſprochen.“ „Ja, hoher Herr, und mit dem Arzt.“ „Mit Griſart?“ „Ja. 44 „Er iſt alſo hier.“ „Er wartet mit dem verſprochenen Trank.“ „Gut! wenn ich ſeiner bedarf, werde ich ihn rufen; nicht wahr, Ihr begreift nun, wie wichtig meine Beichte iſt?“ „Ja, hoher Herr.“ „So holt mir den ſpaniſchen Cardinal Herebia. Beeilt Euch; nun werdet Ihr dießmal, da Ihr wißt, um was es ſich handelt, bei mir bleiben, denn ich fühle Schwächen.“ „Soll ich den Arzt rufen 6 „Noch nicht, noch nicht... nur den ſpaniſchen Cardinal.. geht.“ Fünf Minuten nachher trat der Cardinal, bleich und unruhig, in das kleine Zimmer ein. „Ich erfahre, hoher Herr...“ ſtammelte er. „Zur Sache,“ ſprach der Franciscaner mit einer matten Stimme. Und er zeigte dem Cardinal einen Brief, den dieſer an den großen Rath geſchrieben. „Iſt das Eure Schrift?“ fragte er. „Ja, aber... „Und Eure Berufung.“ Der Cardinal zögerte zu antworten. Sein Purpur empörte ſich gegen den ungeſchlachten Ton des armen Franciscaners. Der Sterbende ſtreckte ſeine Hand aus und zeigte*† den Ring. Der Ring brachte ſeine Wirkung hervor. „Geſchwinde, geſchwinde, das Geheimniß!“ ſagte der Franciscaner, der ſich auf ſeinen Beichtiger ſtützte. „Coram isti 2⁰ fragte der Cardinal unruhig. 1 , er r „Sprecht Spaniſch,“ erwiederte der Franciscaner, mit der größten Aufmerkſamkeit horchend. „Ihr wißt,“ ſagte der Cardinal, der die Unter⸗ redung in eaſtilianiſcher Sprache fortſetzte:„Ihr wißt, daß die Bedingung der Heirath der Infantin mit dem Koͤnig von Frankreich eine völlige Verzichtleiſtung auf die Rechte der genannten Infantin iſt, wie auch vom König Ludwig auf jede Apanage der Krone Spanien.“ Der Franciscaner machte ein bejahendes Zeichen. „Hieraus geht hervor,“ fuhr der Cardinal fort, daß der Frieden und die Allianz zwiſchen den zwei Kö⸗ nigreichen von der Beobachtung dieſer Klauſel des Ver⸗ trags abhängen.“ Daſſelbe Zeichen des Franciscaners. „Nicht nur Spanien und Frankreich, ſondern auch ganz Europa würden durch die Treuloſigkeit von einer der Parteien erſchüttert,“ ſagte der Cardinal. Neue Kopfbewegung des Kranken. 55„Daraus folgt,“ ſprach der Redner,„daß derjenige, welcher die Ereigniſſe vorherſehen und als gewiß das geben koͤnnte, was immer nur eine Wolke im Geiſt des Menſchen iſt, nämlich die Idee des zukünftigen Guten oder Böſen, die Welt vor einer ungeheuern Kataſtrophe bewahren oder zum Nutzen des Ordens das im Gehirn desjenigen, welcher es vorbereitet, errathene Geheimniß wenden würde.“ 2 „Pronto! pronto!“ murmelte der Franciscaner, der erbleichte und ſich auf den Beichtiger neigte. Der Cardinal näherte ſich dem Ohr des Francis⸗ caners und ſprach: „Nun denn, hoher Herr, ich weiß, daß der König von Frankreich beſchloſſen hat, daß beim erſten Vor⸗ wand, einem Tod, zum Beiſpiel, ſei es der des Königs von Spanien, ſei es der eines Bruders der Infantin, Frankreich, mit den Waffen in der Hand, die Erbſchaft in Anſpruch nehmen ſoll und ich habe völlig vorbereitet 106 den für dieſe Gelegenheit von Ludwig XIV. feſtgeſtellten lan.“ 3„Der Plan?“ fragte der Franciscaner. „Hier iſt er.“ „Bon welcher Hand iſt er geſchrieben?“ „Von der meinigen.“ „Habt Ihr mir nichts mehr zu ſagen?“ „Ich glaube viel geſagt zu haben, hoher Herr,“ antwortete der Cardinal. „Es iſt wahr, Ihr habt dem Orden einen großen Dienſt geleiſtet. Doch wie habt Ihr Euch die Einzeln⸗ heiten verſchafft, mit deren Hülfe Ihr dieſen Plan auf⸗ gebaut?“ „Ich habe in meinem Sold niedrige Diener des Königs von Frankreich, und von dieſen erhalte ich alle vom Kamin verſchonte Papiere, von denen man einen unangenehmen Gebrauch machen könnte.“ „Das iſt geiſtreich;“ murmelte der Franciscaner, indem er zu lächeln ſuchte;„Herr Cardinal, Ihr wer⸗ det in einer Viertelſtunde aus dieſem Gaſthof abreiſen; die Antwort ſoll Euch zukommen, geht.“ Der Cardinal entfernte ſich. „Ruft mir Griſart, und holt den Venetianer Ma⸗ rini,“ ſagte der Kranke. Während der Beichtiger gehorchte, machte der Fran⸗ .ciscaner, ſtatt den Namen des Cardinals zu durchſtrei⸗ chen, wie er es mit dem des Barons gethan hatte, ein Kreuz neben dieſen Namen. Dann fiel er, erſchöpft durch die Anſtrengung, auf ſein Bett zurück und murmelte den Namen von Griſart. Als er wieder zu ſich kam, hatte er die Hälfte von einem Trank getrunken, deſſen Reſt in einem Glaſe blieb, und er wurde vom Arzt unterſtützt, während der Venetianer und der Beichtiger an der Thüre ſtanden. Der Venetianer hatte dieſelben Förmlichkeiten durch⸗ zumachen, wie ſeine beiden Mitbewerber; er zögerte wie ſie beim Anblick der zwei Fremden und enthüllte, 8 —e — — 107 beruhigt durch den Befehl des Cardinals, daß der Papſt, erſchrocken, über die Macht des Ordens auf eine allgemeine Vertreibung der Jeſuiten bedacht ſei, und die Höfe Europas bearbeite, um ihre Huͤlfe zu erlangen. Er bezeichnete die Beihelfer des Papſtes, ſeine Thaͤtig⸗ keitsmittel, und nannte den Ort im Archipel, wohin durch einen Handſtreich zwei Cardinäle, Adepten vom elften Jahre und folglich hohe Häupter, mit zweiund⸗ dreißig von den Hauptaffiliirten von Rom deportirt wer⸗ den ſollten. Der Franciscaner dankte dem Signor Marini. Die Anzeige des päpſtlichen Planes war kein kleiner Dienſt, der Geſellſchaft geleiſtet. Wonach der Venetianer den Befehl erhielt, in einer Viertelſtunde abzureiſen. Und er ging ſtrahlend weg, als hätte er ſchon den Ring, die Inſignien des Ober⸗ befehls der Geſellſchaft. Während er ſich aber entfernte, murmelte der Franciscaner auf ſeinem Bett: „Alle dieſe Leute ſind Spionen oder Sbirren, nicht einer iſt General; alle haben ein Complott entdeckt, nicht einer ein Geheimniß. Nicht mit dem Ruin, mit dem Krieg, mit der Gewalt, muß die Geſellſchaft Jeſu herrſchen, ſondern mit dem geheimnißvollen Einfluß, den eine moraliſche Ueberlegenheit verleiht. Nein, der Mann iſt nicht gefunden, und zum groößten Unglück ſchlägt mich Gott und ich ſterbe. Oh! ſoll die Geſell⸗ ſchaft mit mir in Ermangelung einer Stütze fallen? ſoll der Tod, den ich erwarte, mit mir die Zukunft des Ordens verſchlingen? Dieſe Zukunft, welche zehn Jahre meines Lebens verewigt hätte, denn ſie öffnet ſich ſtrah⸗ lend und glänzend, dieſe Zukunft, mit der Regierung des neuen Königs.“. Dieſe Worte halb gedacht, halb ausgeſprochen, hörte der gute Jeſuit mit Schrecken, wie man die aus⸗ ſchweifenden Reden eines Fieberkranken hört, während Griſart, ein erhabener Geiſt, ſie wie Offenbarungen einer unbekannten Welt verſchlang, zu der ſein Blick ſich tauchte, ohne daß ſie ſeine Hand erreichen konnte. Plötzlich erhob ſich der Franciscaner und ſprach: „Machen wir ein Ende... der Tod erfaßt mich. Oh! vorhin ſtarb ich ruhig... ich hoffte... nun falle ich in Verzweiflung, wenn nicht in denjenigen, welche noch übrig ſind... Griſart, Griſart, macht, daß ich noch eine Stunde lebe!“ Griſart näherte ſich dem Kranken und ließ ihn einige Tropfen ſchlucken, nicht von dem Trank, der im Glaſe war, ſondern vom Inhalt eines Fläſchchens, das er bei ſich trug. „Ruft den Schotten!“ ſagte der Franciscaner; „ruft den Kaufmann aus Bremen! Ruft! ruft! Jeſus! ich ſterbe! Jeſus! ich erſticke!“ Der Beichtiger eilte weg, um Hülfe zu holen, als hätte es eine Macht gegeben, welche die Hand des To⸗ des, die ſich auf den Sterbenden niederlegte, aufzuheben im Stande geweſen wäre; doch auf der Thürſchwelle traf er Aramis, der einen Finger auf den Lippen, wie die Statne von Harpokrates, dem Gott des Schweigens, ihn mit dem Blick bis in den Hintergrund des Zimmers zurückwies.. Der Arzt und der Beichtiger thaten jedoch, nach⸗ dem ſie ſich mit den Augen berathen, einen Schritt, um Aramis zu entfernen. Doch mit zwei Kreuzeszeichen, die er jedes auf eine andere Art machte, feſſelte Ara⸗ mis Beide an ihren Platz. „Ein Haupt,“ murmelten Beide. Aramis ſchritt langſam in dem Zimmer vor, wo der Sterbende gegen die erſten Angriffe des Todes kämpfte. Der Franciscaner aber, brachte nun das Elixir ſeine Wirkung hervor, oder verlieh ihm die Erſcheinung von Aramis Kräfte, machte eine Bewegung und richtete ſich, das Auge glühend, den Mund halb geöffnet, die Haare feucht vom Schweiß, in ſeinem Bette auf. * 109 Aramis fühlte, daß die Luft in dieſem Zimmer er⸗ ſtickend war; alle Fenſter waren geſchloſſen; Feuer brannte im Kamin; zwei Kerzen von gelbem Wachs verbreiteten ſich ſchmelzend auf meſſignen Leuchtern und erwärmten noch mehr die Athmoſphäre mit ihrem dicken unſt. Aramis öffnete das Fenſter, heftete auf den Ster⸗ benden einen Blick voll Verſtand und Chrfurcht, und prach: „Hoher Herr, ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich ſo komme, ohne daß Ihr mich gerufen habt, doch Euer Zuſtand erſchreckt mich, und ich dachte, Ihr koͤnn⸗ tet todt ſein, ehe Ihr mich geſehen, denn ich komme erſt als der Sechste auf Eurer Liſte.“ Derr Sterbende bebte und ſchaute ſeine Liſte an. „Ihr ſeid alſo derjenige, welchen man früher Ara⸗ mis und ſodann den Chevalier d'Herblay nannte. Ihr ſeid alſo der Biſchof von Vannes?" „Ja, hoher Herr.“ „Ich kenne Euch, ich habe Euch geſehen.“ „Beim letzten Jubiläum haben wir uns beim heili⸗ gen Vater zuſammengefunden.“ 8 „Ohl ja, es iſt wahr, ich erinnere mich; und Ihr ſtellt Euch in die Reihe?“ „Hoher Herr, ich habe ſagen hören, es ſei für den Orden Bedürfniß, in den Beſitz eines großen Staats⸗ geheimniſſes zu gelangen, und da ich weiß, daß Ihr aus Beſcheidenheit zum Voraus auf Eure Funktionen zu Gunſten desjenigen verzichtet habt, der dieſes Ge⸗ heimniß bringen würde, ſo ſchrieb ich, ich ſei bereit zu concurriren, da ich allein ein Geheimniß beſitze, das ich für wichtig halte.“ .„Sprecht,“ erwiederte der Franciscuner,„ich bin bereit, Euch zuzuhören, und die Wichtigkeit dieſes Ge⸗ heimniſſes zu beurtheilen.“ „oher Herr, ein Geheimniß von dem Werth des⸗ jenigen, welches ich Euch anzuvertrauen die Ehre haben werde, ſpricht ſich nicht mit dem Wort aus. Jeder Gedanke, der einmal über den Rand des Geiſtes ge⸗ gangen iſt und ſich durch irgend eine Kundgebung ver⸗ breitet hat, gehört nicht einmal mehr demjenigen, der ihn erzeugt. Das Wort kann von einem aufmerkſamen und feindſeligen Ohr aufgefaßt werden; man darf es alſo nicht auf den Zufall ausſtreuen, denn ſonſt heißt das Geheimniß kein Geheimniß mehr.“ 1 „Wie gedenkt Ihr mir denn Euer Geheimniß mit⸗ zutheilen?“ fragte der Franciscaner. Aramis hieß mit einem Zeichen einer Hand den Arzt und den Beichtiger ſich entfernen, und reichte mit der andern dem Franciscaner ein Papier, das ein dop⸗ pelter Umſchlag bedeckte. „Und die Schrift?“ fragte der Franciscaner,„ſprecht, iſt ſie nicht noch gefährlicher, als das Wort? „Nein, hoher Herr,“ antwortete Aramis,„denn Ihr findet in dieſem Umſchlag Charaktere, die Ihr und ich allein verſtehen können.“. Der Franciscaner ſchaute Aramis mit immer mehr wachſendem Erſtaunen an. 4 „Es iſt die Chiffre,“ fuhr Aramis fort,„die Ihr im Jahr 5665 hattet, und die Euer Schreiber allein, Juan Jujan, wenn er wieder auf die Welt käme, zu dechiffriren vermöchte.“ „Ihr kanntet alſo dieſe Chiffre?“ „Ich hatte ſie ihm gegeben.“ Und mit einer Grazie voll Ehrfurcht ſich verbeu⸗ gend, ſchritt Aramis auf die Thüre zu, als ob er hin⸗ ausgehen wollte. 3 Doch eine Geberde des Franciscaners, begleitet von einem Ruf, hielt ihn zurück. „Jeſus!“ ſagte er,„ecce homo!“ Dann, nachdem er das Papier noch einmal ge⸗ leſen, rief er: „Kommt, geſchwinde, kommt!“ Aramis näherte ſich dem Franciscaner mit dem⸗ —yꝛ — σ— 111 ſelben ruhigen Geſicht und derſelben ehrfurchtsvollen Miene. 5 Der Franciscaner verbrannte mit ausgeſtrecktem Arm an einer Kerze das Papier, das ihm Aramis zu⸗ geſtellt hatte. 1* Dann nahm er Aramis bei der Hand, zog ihn zu ſich und fragte: 3 „Wie und durch wen habt Ihr ein ſolches Ge⸗ heimniß erfahren können?“ „Durch Frau von Chevreuſe, die intime Freundin, die Vertraute der Königin.“ „Und Frau von Chevreuſe...“ „Sie iſt todt.“ 8 „Und Andere, Andere wußten...“ „Nur ein Mann und eine Frau aus dem Volk.“ „Wer waren dieſe?“ „Diejenigen, welche ihn aufgezogen.“ „Was iſt aus ihnen geworden?2“ „Auch todt... dieſes Geheimniß brennt wie das Feuer.“ „Und Ihr ſeid am Leben geblieben?“ „Kein Menſch weiß, daß ich es kenne...“ „Seit wie lange ſeid Ihr im Beſitz dieſes Geheim⸗ niſſes?“ „Seit fünfzehn Jahren.“ „Und Ihr habt es bewahrt?“ „Ich wollte leben.“ „Und ihr gebt es dem Orden ohne ehrgeiziges Trachten, ohne Gegendienſt.“ „Ich gebe es dem Orden in ehrgeiziger Abſicht, kein Gegendienſt,“ ſprach Aramis,„denn wenn Ihr am Leben bleibt, hoher Herr, werdet Ihr nun, da Ihr mich kennt, aus mir machen, was ich ſein kann, was ich ſein muß.“ „Und da ich ſterbe,“ rief der Franciscaner,„ſo mache ich aus Dir meinen Nachfolger... Nimm... 142 Und er riß den Ring von ſeiner Hand und ſteckte ihn an den Finger von Aramis. Dann wandte er ſich an die zwei Zuſchauer dieſer Scene und ſprach: 3 „Seid Zeugen und bezeugt bei Gelegenheit, daß ich krank am Koͤrper, aber geſund am Geiſt, frei und freiwillig, dieſen Ring, das Zeichen der Allmacht, Mon⸗ ſeigneur d' Herblay, Biſchof von Vannes übergeben, den ich zu meinem Nachfolger ernenne, und vor dem ich, ein demüthiger Sünder, bereit vor Gott zu erſcheinen, mich als der Erſte verbeuge, um Allen das Beiſpiel zu geben.“ 8 Und der Franciscaner verbeugte ſich wirklich, wäh⸗ end der Jeſuit und der Arzt auf die Knie ſielen. Aramis, während er bleicher wurde, als der Ster⸗ bende ſelbſt, heftete ſeinen Blick auf alle Mitglieder dieſer Scene. Der befriedigte Chrgeiz floß mit ſeinem Blut nach ſeinem Herzen. „Beeilen wir uns,“ ſagte der Franciscaner;„was ich hier zu thun hatte, drängt mich, verzehrt mich. Ich werde es nie erreichen.“ „Ich werde es thun,“ ſprach Aramis. „Es iſt gut,“ ſagte der Franciscaner. Dann ſich an den Jeſuiten und an den Arzt wendend: „Laßt uns allein.“ Beide gehorchten. „Mit dieſem Zeichen,“ ſprach er,„ſeid Ihr der Mann, deſſen es bedarf, um die Erde umzuwälzen, mit dieſem Zeichen werdet Ihr niederſtürzen, mit dieſem Zeichen werdet Ihr aufbauen: In hoc signo vinces.“ Aramis. Franciscaner zurück. „Der Papſt hat gegen den Orden conſpirirt,“ ſagte der Franciscaner,„der. Papſt muß ſterben.“ „Er wird ſterben,“ erwiederte Aramis ruhig. 3 „Sihließt die Thuͤre,“ ſagte der Franeiscaner zu Aramis ſchob die Riegel vor und kehrte zu dem 4 2—.— b 113 „Man iſt ſiebenmal hunderttauſend Livres einem Kaufmann in Bremen, Namens Donſtett, ſchuldig, der hierher gekommen iſt, um die Garantie meiner Unter⸗ ſchrift zu holen.“ „Er wird bezahlt werden,“ ſagte Aramis. „Sieben Maltheſer Ritter, deren Namen Ihr hier findet, haben durch die Schwatzhaftigkeit eines Afſiltir⸗ ten vom elften Jahr die drei Geheimniſſe Lerföhren; man muß wiſſen, was dieſe Menſchen mit dem ßeheimniß gemacht haben, ſich deſſelben wieder bemaächtigen und es vertilgen.“ G „Es ſoll geſchehen.“. „Drei gefährliche Affiliirte müſſen nach Thibet ge⸗⸗ ſchickt werden, um dort zu ſterben; ſie ſind verurtheilt, hier ſind ihre Namen“ „Ich werde den Spruch vollziehen laſſen.“ „Dann iſt eine Dame in Antwerpen, eine Groß⸗ nichte von Ravaillac; ſie hat gewiſſe Papiere, welche den Orden in ihren Händen compromittiren. Es wird der Familie ſeit einundfünfzig Jahren eine Penſion von hunderttauſend Livres bezahlt... die Penſton iſt drückend, der Orden iſt nicht reich. Die Papiere für eine Geld⸗ ſumme, einmal gegeben, abkaufen oder im Fall der Weige⸗ rung die Penſton, ohne ſich zu gefährden, unterdrücken.“ „Ich werde hiefür ſorgen.“ „Ein Schiff, das von Lima kam, mußte in der vorigen Woche im Hafen von Liſſabon einlaufen; es iſt ſcheinbar mit Chocolade, in Wirklichkeit mit Gold befrachtet. Jede Goldſtange iſt unter einer Lage Cho⸗ colade verborgen. Dieſes Schiff gehört dem Orden, und iſt ſiebenzehn Millionen Livres werth. Ihr werdet es reclamiren laſſen. Hier find die Ladungsbriefe.“ 3 „In welchen Hafen ſoll ich es kommen laſſen?“ „Nach Bayonne.“ „Treten keine widrigen Winde ein, ſo wird es binnen drei Wochen dort ſein. Iſt dies Alles?“ Die drei Musketiere. Bragelonne Vl. 3 8 114 Der Franciscaner machte mit dem Kopf ein be⸗ jahendes Zeichen, denn er konnte nicht mehr ſprechen, das Blut beſtrömte ſeine Kehle und ſeinen Kopf und ſchoß aus dem Mund, aus den Naſenlöchern, aus den Augen hervor. Der Unglückliche hatte nur noch Zeit, Aramis die Hand zu drücken, und ſiel ganz krampfhaft zuſammengezogen von ſeinem Bett auf den Boden. Aramis legte ihm ſeine Hand aufs Herz; das Herz hatte zu ſchlagen aufgehört. Indem er ſich bückte, bemerkte er, daß ein Bruch⸗ ſtück von dem Paviere, das er dem Franciscaner über⸗ geben, den Flammen entgangen war. Er hob es auf und verbrannte es bis auf das letzte Atom. Dann ſich des Arztes und des Beichtigers erinnernd, ſagte er zu dem letzteren: „Euer Beichtender iſt bei Gott; es bedarf für ihn nur noch der Gebete und der Todtenbeſtattung. Be⸗ reitet Alles für ein einfaches Begräbniß, und ſo, wie es ſich für einen armen Moͤnch geziemt. Geht.“ Der Jeſuit ging hinaus. Dann ſich gegen den Arzt umwendend, deſſen blei⸗ ches, ängſtliches Geſicht er wahrnahm, ſagte er leiſe: „Herr Griſart, leert dieſes Glas aus und reinigt es; es iſt darin noch zu viel von dem übrig, was Euch der große Rath darein zu thun befohlen hat.“ Betäubt, gelähmt, vernichtet, wäre Griſart beinahe rücklings niedergeſtürzt. Aramis zuckte die Achſeln als Zeichen des Mit⸗ leids, nahm das Glas und goß den Inhalt in die Aſche des Kamins. Dann entfernte er ſich mit den Papieren des* 4 Todten. 4 —,& do F. XI. Sendung. Am andern Tag oder vielmehr an demſelben Tag, denn die von uns erzählten Ereigniſſe nahmen ihr Ende erſt um drei Uhr Morgens vor dem Frühſtück, und da der König ſich mit den zwei Königinnen nach der Meſſe begab, da Monſiteur mit dem Chevalier von Lor⸗ raine und einigen andern Günſtlingen zu Pferde ſtieg, lichkeit nicht ausgehen wollten, ſah man, oder ſah man Montalais, La Vallière nach ſich zie⸗ Das Wetter war trübe, ein glühender Wind beugte die Blumen und Geſträuche; der brennende Staub äumen auf. Montalais, die auf dem ganzen Marſch die Func⸗ tionen eines geſchickten Kundſchafters verſehen hatte, wandte ſich ſofort um, um ſich zu verſichern, daß kein Menſch horchte oder „Ohl Sott ſei Dank, wir ſind ganz allein. Seit geſtern ſpionirt hier alle Welt, und bildet einen Kreis um uns, als ob wir peſtkrank wären.“ La Vallidre ließ den Kopf finken und ſtieß einen Seufzer aus. 5. 1 116 2 „Das iſt unerhört,“ fuhr Montalais fort,„von Herrn Malicorne bis auf Herrn von Saint⸗Aignan will Jedermann unſer Geheimniß erhaſchen. Sprich, Louiſe, erinnern wir uns ein wenig, damit ich weiß,* an wen wir uns zu halten haben.“ La Vallière ſchlug ihre ſchönen Augen ſo rein und ſo tief wie das Azur eines Frühlingshimmels zu ihrer Gefährtin auf und erwiederte: „Und ich, ich frage Dich, warum wir zu Madame berufen worden ſind, warum wir bei ihr geſchlafen haben, ſtatt wie gewöhnlich in unſerem Zimmer zu ſchlafen; warum Du ſpät nach Hauſe zurückgekehrt biſt und woher die Ueberwachungsmaßregeln rühren, die man dieſen Morgen in Beziehung auf uns getroffen hat.“ „Meine liebe Louiſe, Du erwiederſt meine Frage durch eine Frage, oder vielmehr durch zehn Fragen, was nicht antworten heißt, und da dies Dinge von geringerer Bedeutung ſind, ſo kannſt Du warten. Was„ ich dich frage, denn Alles wird hievon ausgehen, iſt, ob ein Geheimniß obwaltet, oder ob keines obwaltet.“ 4„Ich weiß nicht, ob ein Geheimniß obwaltet,“ ſagte La Vallière,„aber was ich meines Theils weiß, iſt, daß eine Unklugheit ſtattgefunden hat; ſeit meinem. albernen Wort und meiner noch viel alberneren Ohn⸗ ie macht von geſtern, macht Jeder hier ſeine Commentare über uns.“ F „Sprich für Dich,“ ſagte Montalais lachend,„für w Dich und Tonnay⸗Charente, die Ihr jede geſtern Eure ſa Erklärungen den Wolken gemacht habt, Erklärungen, welche leider aufgefangen worden ſind.“ 3 — SͤE SSr La Vallière neigte das Haupt. ko „3n de That, Du beugſt mich nieder,“ ſprach ſie.* 4 „J u 3 „Ja, dieſe Scherze tödten mich.“ ſch „oͤre, hoͤre, Louiſe. Das ſind keine Scherze... es kann im Gegentheil nichts ernſter ſein. Ich habe Dich nicht aus dem Schloß fortgezogen, ich habe nicht die Meſſe verſaͤumt, geſchützt, wie Madame, eine Migräne, welche Madame eben ſo wenig hatte, als ich; ich habe endlich nicht zehnmal mehr Diplomatie entwickelt, als Herr Colbert von Herrn von Mazarin geerbt und Herrn Fouquet gegenüber zur Anwendung gebracht hat, um Dir meine Schmerzen zu erzählen, einzig und allein zu dem Ende, daß Du, wenn wir allein ſind, wenn uns Niemand hört, die Feine gegen mich ſpielſt. Nein, nein, glaube mir, wenn ich Dich befrage, geſchieht es nicht bloß aus Neugierde, ſondern weil die Lage der Dinge wirklich kritiſch iſt. Man weiß, was Du geſtern geſagt haſt, man ſchwatzt über dieſen Gegenſtand. Jeder ſchmückt die Sache, ſo gut er kann, mit den Blumen ſeiner Phantaſie aus; Du haſt dieſe Nacht die Ehre gehabt, und haſt noch dieſen Morgen die Ehre, meine Liebe, den ganzen Hof zu beſchäftigen, und die Zahl der zärtlichen und geiſtreichen Dinge, die man Dir in den Mund legt, würden Fräulein von Scudery und ihren Bruder vor Aerger berſten machen, wenn ſie ihnen ge⸗ treulich berichtet würden.. „CEi! meine gute Montalais,“ erwiederte das arme Kind,„Du weißt beſſer, als irgend Jemand, was ich geſagt habe, da ich es in Deiner Gegenwart ſagte.“ „Ja, ich weiß es. Mein Gott! das iſt nicht die Frage. Ich habe nicht ein Wort von dem vergeſſen, was Du geſprochen; doch dachteſt Du auch, was Du ſagteſt?“ Louiſe wurde unruhig. „Abermals Fragen!“ rief ſie;„mein Gott! wie kommt es, daß, während ich Alles in der Welt gäbe, um zu vergeſſen, was ich geſagt habe, Jeder ſich ver⸗ ſchwoͤrt, um mich daran zu erinnern. Ohl es iſt ab⸗ ſcheulich 12. „Was denn?“ „Eine Freundin zu haben, die mich verſchonen mußte, die mir rathen, mich durch ihre Hülfe retten könnte, und mich umbringt, ermordet!“ „La! lal ſteh, nachdem Du zu wenig geſprochen, ſprichſt Du nun zu viel. Niemand denkt daran, Dich umzubringen, nicht einmal, Dir Dein Geheimniß zu ſtehlen; man will es freiwillig und auf keine andere Art bekommen; denn es handelt ſich nicht allein um Deine Angelegenheiten, ſondern auch um die unſerigen; und Tonnay⸗Charente würde es Dir ſagen, wie ich, wenn ſie da wäre: denn geſtern Abend bat ſie mich um eine Unterredung in unſerem Zimmer, und ich begab mich dahin nach den Manicamp'ſchen und Malicorn⸗ ſchen Unterredungen; da erfahre ich bei meiner aller⸗ dings etwas verſpäteten Rückkehr, Madame habe die Ehrenfräulein ſequeſtrirt, und wir ſchlafen bei ihr, ſtatt in unſerer Wohnung zu ſchlafen. Madame hat aber die Chrenfräulein ſequeſtrirt, damit ihnen keine Zeit bleibe, ſich zu erinnern und mit einander zu bereden, und dieſen Morgen hat ſie ſich mit Tonnay⸗Charente in derſelben Abſicht eingeſchloſſen. Sage mir nun, meine liebe Freundin, wie weit wir auf Dich rechnen können, wenn wir Dir ſagen werden, wie weit Du auf uns rechnen kannſt.“. „Ich verſtehe die Frage nicht ganz, die Du an mich richteſt,“ erwiederte Louiſe ſehr aufgeregt. „Hm! Du ſtiehſt mir im Gegentheil aus, als ob Du ſie ſehr gut verſtändeſt. Doch ich will meine Fra⸗ gen genauer ſtellen, damit Dir nicht das Mittel der geringſten Ausflucht bleibt. Höre mich alſo:. „Liebſt Du Herrn von Bragelonne? Iſt das nicht klar?“ Bei dieſer Frage, welche wie das erſte Wurfge⸗ ſchoß einer Belagerungsarmee in einen belagerten Platz fiel, machte Louiſe eine Bewegung und rief: 3 „Ob ich Raoul liebe! meinen Freund aus der Kindheit, meinen Bruder!“ „Nein! nein! Da entſchhüpfft Du mir ahermals,— * * ——ö —„ 119 Herrn Vicomte von Bragelonne, Deinen Bräutigam, liebeſt?“ 4 „Oh! mein Gott! meine Liebe, welche Strenge im Wort!“ „Keine Gnade... ich bin nicht mehr, nicht we⸗ niger ſtreng, als gewöhnlich; ich richte eine Frage an Dich, antworte auf dieſe Frage.“ „Gewiß,“ erwiederte Louiſe mit erſtickter Stimme, „Du ſprichſt nicht als Freundin mit mir, doch ich werde Dir als aufrichtige Freundin antworten.“ „Wohl! ich habe ein Herz voll Skrupel und lä⸗ cherlichen Stolzes in Beziehung auf Alles das, was eine Frau geheim halten ſoll, und nie hat Jemand in „Ich weiß es wohl, wenn ich darin geleſen hätte, ſo würde ich Dich nicht befragen, ich würde einfach zu Du haſt das Glück, der ein artiger Junge und eine vortheilhafte Partie für ein Mädchen ohne Vermögen iſt. Herr de la Foͤre wird ſeinem Sohn ſo etwa fünfzehntauſend Livres Rente hinterlaſſen. Du wirſt alſo als Frau dieſes Sohnes dereinſt fünfzehn⸗ tauſend Livres Einkommen haben; das iſt vortrefflich. Gehe alſo weder rechts, noch links, gehe vielmehr gerade auf Herrn von Bragelonne, das heißt, auf den Altar zu, an den er Dich führen ſoll. Hernach, nun! Her⸗ nach wirſt Du, je nach ſeinem Charakter, emancipirt oder klavin ſein, Du wirſt nämlich das Recht haben, alle Albernheiten zu begehen, welche zu freie oder zu ſehr s iſt es, meine liebe Louiſe, was ich vor Allem ſagen würde, wenn ich im Grund Deines Herzens geleſen hätte.“ „Und ich würde Dir dafür danken,“ ſtammelte Louiſe,„obgleich mir der Rath nicht ganz gut ſcheint.“ „Warte, warte... Sogleich, nachdem ich ihn Dir gegeben, würde ich beifügen: Louiſe, es iſt gefährlich ganze Tage, den Kopf auf die Bücher geſenkt, die Hände träg, die Augen umherirrend, zuzubringen; es iſt gefährlich, die düſteren Alleen zu ſuchen und nicht mehr zu lächeln bei den Unterhaltungen, welche alle Herzen junger Mädchen erſchließen. Es iſt gefährlich, Louiſe, mit der Fußſpitze, wie Du es auf dem Sand gethan, Buchſtaben zu ſchreiben, die Du immerhin ver⸗ wiſchen magſt, ſie werden dennoch unter der Ferſe er⸗ ſcheinen, beſonders wenn dieſe Buchſtaben mehr einem Lals einem B gleichen; es iſt unendlich gefährlich, ſich tau⸗ ſend bizarre Phantaſteen, Früchte der Einſamkeit und der Migräne, in den Kopf zu ſetzen; dieſe Phantaſieen höhlen die Wangen eines armen Mädchens aus, wäh⸗ rend ſie zugleich ſein Gehirn austrocknen: ſo daß man bei ſolchen Gelegenheiten nicht ſelten die angenehmſte Perſon der Welt die verdrießlichſte, die geiſtreichſte Perſon die albernſte werden ſieht.“ „Ich danke, meine liebe Freundin,“ erwiederte La Vallière mit ſanftem Ton,„es liegt in Deinem Cha⸗ rakter, daß Du ſo mit mir ſprichſt, und ich danke Dir, daß Du Deinem Charakter gemäß redeſt.“ „Spreche ich ſo für die hohlen Träume? Nimm von meinen Worten, was Du davon nehmen zu müſſen glaubſt. Höre, es fällt mir da ein Mährchen von einem melancholiſchen Mädchen ein.. Herr Danzenu hat mir das einſt erklärt, Melancholie iſt aus zwei griechi⸗ ſchen Wörtern zuſammengeſetzt, von denen eines ſchwarz und das andere Galle bedeutet. Ich träumte alſo von dieſer jungen Perſon, welche an ſchwarzer Galle ſtarb, weil ſie ſich eingebildet, der Prinz, der König oder der Kaiſer... meiner Treue, gleichviel wer, bete ſie an, während der Prinz, der König oder der Kaiſer, wie Du willſt, ſichtbar anderswo liebte, und was ſon⸗ derbar iſt, und was ſtie nicht bemerkte, indeß es Jeder⸗ mann um ſie her bemerkte, ſie nur zum Liebesdeckman⸗ 2A2————— 121 tel nahm. Nicht wahr, Du lachſt, wie ich, über dieſe arme Närrin?“* „Ich lache,“ ſtammelte Louiſe, bleich wie eine Todte, „ja, gewiß lache ich.“ „Und Du haſt Recht, denn die Sache iſt beluſti⸗ gend. Die Geſchichte, oder das Mährchen, wie Du willſt, hat mir gefallen, deßhalb habe ich es im Kopf behalten und erzähle es Dir. Du kannſt Dir denken, meine liebe Lonuiſe, welche Verheerungen in Deinem Gehirne eine Melancholie dieſer Art anrichten würde. Ich, was mich betrifft, habe beſchloſſen, Dir die Sache zu erzählen; denn wenn die Sache einer von uns be⸗ gegnen würde, ſo müßte ſie ſehr von folgender Wahr⸗ heit überzeugt ſein: Heute iſt es ein Koͤder, morgen wird es ein Hohn; übermorgen wird es der Tod ſein.* La Vallière bebte und erbleichte, wenn es mög⸗ lich, noch mehr. „Kümmert ſich ein König um uns,“ fuhr Monta⸗ lais fort,„ſo läßt er es uns wohl ſehen, und ſind. wir das Gut, nachdem er begehrt, ſo weiß er ſich ſein Gut zu verſchaffen. Du ſiehſt alſo, meine liebe Louiſe, unter ſolchen Umſtänden müſſen zwei junge Mädchen, wenn ſie einer ſolchen Gefahr preisgegeben ſind, ſich jegliches Vertrauen ſchenken, damit die nicht melancholiſchen Her⸗ zen die überwachen, welche es werden können.“ „Stille! ſtille!“ rief La Valliére,„man kommt.“ „Man kommt in der That,“ ſagte Montalais, doch wer kann kommen? es iſt alle Welt mit dem Kö⸗ nig in der Meſſe oder mit Monſieur im Bad.“ Am Ende der Allee erblickten die Mädchen alsbald unter der grünen Arcade den anmuthigen Gang und die reiche Statur eines jungen Mannes, der, ſeinen Dehen unter dem Arm, den Mantel darüber, ganz ge⸗ i efelt und geſpornt, ſie von fern mit einem ſanften Lächeln grüßte. 4 „Raoul!“ rief Montalais. „Herr von Bragelonne,“ murmelte Louiſe. „Hier kommt ein ganz natürlicher Ritter für un⸗ ſern Streit,“ ſagte Montalais. „Oh! Montalais! Montalais! habe Mitleid,“ rief 3 La Valliére,„ſei nicht unerbittlich, nachdem Du grau⸗ 4 ſam geweſen.“ Mit der ganzen Glut eines Gebetes ausgeſprochen, verwiſchten dieſe Worte, auf dem Geſicht, wenn nicht im Herzen von Montalais jede Spur von Ironie. „Oh! nun ſeid Ihr ſchön, wie Adonis, Herr von Bragelonne, und ganz bewaffnet und geſtiefelt wie er,“ rief ſie Raoul zu. „Meinen tauſendfachen Reſpeet, mein Fräulein,“ erwiederte Raoul, indem er ſich verbeugte. „Doch warum dieſe Stiefel?“ fuhr Montalais fort, indeß La Vallière, während ſie Raoul mit einem Er⸗ ſtaunen, dem ihrer Freundin ähnlich, anſchaute, doch ein Stillſchweigen beobachtete. „Warum?* fragte Raoul. —„Ja, das möoͤchte ich wiſſen,“ erwiederte Mon⸗ talais. „Weil ich abreiſe,“ ſprach Bragelonne, Louiſe an⸗ ſchauend. 4 La Vallière fühlte ſich von einem abergläubiſchen Schrecken erfaßt und wankte. „Ihr reiſt ab, Raoul!“ rief ſie,„und wohin geht Ihr?“ „Meine liebe Louiſe,“ antwortete der junge Mann mit der ihm natürlichen Freundlichkeit,„ich gehe nach England.“ „Und was wollt Ihr in England machen?“ „Der König ſchickt mich dahin.“ „Der König!“ riefen gleichzeitig Louiſe und Aure, welche unwillkürlich einen Blick wechſelten, um ſich ein⸗ ander an die ſo eben unterbrochene Unterredung zu er⸗ innern. Dieſen Blick faßte Raoul auf, aber er konnte ihn nicht begreifen. 18 * 2 123 Er ſchrieb ihn daher ganz natürlich der Theil⸗ nahme zu, welche die zwei Mädchen für ihn hegten. „Seine Majeſtät,“ ſagte er,„hat die Gnade ge⸗ habt, ſich zu erinnern, daß der Herr Graf de la Fobe von König Karl II. wohl gelitten iſt. Dieſen Morgen beim Abgang zur Meſſe machte mir der König, als er mich auf ſeinem Wege ſah, ein Zeichen mit dem Kopf. Ich näherte mich Ihm.„„Herr von Bragelonne,““ ſagte er zu mir,„„Ihr werdet zu Herr Fouquet gehen, der von mir Briefe für den Koͤnig von Großbrittanien erhal⸗ ten hat; dieſe Briefe werdet Ihr überbringen.““ „Ich verbeugte mich.“ „„Ah!“u fügte er bei,„nehe Ihr abreiſet, werdet Ihr wohl die Aufträge von Madame an den König, ihren Bruder, übernehmen.““ „Mein Gott!“ flüſterte Louiſe, zugleich ganz zit⸗ ternd und ganz nachdenkend. „So ſchnell! Man beſiehlt Euch, ſo ſchnell abzu⸗ reiſen,“ ſagte Montalais, wie gelähmt durch dieſes ſeltſame Ereigniß. „Um denjenigen, welche man achtet, gut zu ge⸗ horchen, muß man raſch gehorchen,“ erwiederte Raoul. „Zehn Minuten, nachdem ich den Befehl erhalten, war ich bereit. Benachrichtigt, ſchreibt Madame den Brief, mit dem ich. von ihr beauftragt zu werden die Ehre habe. Mittlerweile, da ich von Fräulein Tonnay⸗Cha⸗ rente erfahren, Ihr müſſet bei dieſen Baumgruppen ſein, ging ich hieher, und ich finde Euch Beide.“ „Und Beide ziemlich leidend, wie Ihr ſeht,“ ſagte Montalais, um Louiſe zu Hülfe zu kommen, deren Ge⸗ ſicht ſich ſichtbar veränderte. „Leidend?“ wiederholte Raoul, indem er mit einer zärtlichen Neugierde Louiſe de la Valliére die Hand drückte.„Ohl in der That, Cure Hand iſt eiskalt.“ „Es iſt nichts.“. „Nicht wahr, Louiſe, dieſe Kälte geht nicht bis zum Herzen?“ fragte der junge Mann mit einem zar⸗ ten Lächeln. Louiſe erhob raſch das Haupt, als wäͤre dieſe Frage durch einen Verdacht eingegeben oder durch einen Gewiſſensbiß hervorgerufen worden. „Oh! Ihr wißt,“ ſprach ſie mit einer gewiſſen Anſtrengung,„nie werde ich kalt gegen einen Freund, wie Ihr, ſein, Herr von Bragelonne.“ „Ich danke, Louiſe. Ich kenne Euer Herz und Eure Seele, und weiß, daß man nicht nach der Berüh⸗ rung der Hand eine Zärtlichkeit wie die Eurige beur⸗ theilt. Louiſe, es iſt Euch bekannt, wie ſehr ich Euch liebe, mit welchem Vertrauen ich Euch mein Leben ge⸗ geben habe; Ihr werdet mir alſo verzeihen, wenn ich ein wenig als Kind mit Euch ſpreche.“ „Sprecht, Herr Raoul,“ ſagte Louiſe ganz bebend, „ich höre Euch.“ „Ich kann mich nicht von Euch entfernen, indem ich eine, allerdings alberne Qual, die mir aber dennoch mein Innerſtes zerreißt, mit mir fortnehme.“ „Ihr entfernt Euch alſo auf lange Zeit?“ fragte La Vallière mit gepreßter Stimme, während Montalais den Kopf abwandte. „Nein, und ich werde wahrſcheinlich nicht vierzehn Tage abweſend ſein.“ La Vallidre drückte eine Hand auf ihr Herz, das dem Brechen nahe war. „Es iſt ſeltſam,“ fuhr Raoul, das Mädchen ſchwer⸗ müthig anſchauend, fort; noft habe ich Euch verlaſſen, um zu gefahrvollem Zuſammentreffen zu gehen. Ich entfernte mich damals heiter, das Herz frei, den Geiſt ganz berauſcht von zukünftigen Freuden, von zukünfti⸗ gen Hoffnungen, und es handelte ſich damals für mich darum, den Kugeln der Spanier oder den ſchweren Hellebarden der Wallonen zu trotzen, heute gehe ich ohne irgend eine Gefahr, ohne irgend eine Unruhe, um auf dem leichteſten Weg der Welt eine ſchoͤne Beloh⸗ 125 nung zu holen, die mir dieſe Gnade des Königs ver⸗ ſpricht... ich werde vielleicht Euch erobern, denn welche koſtbarere Gunſt, als Euch, könnte mir der König bewilligen! Nun denn! Louiſe, ich weiß in der That nicht, wie das kommt, aber dieſe ganze Zukunft, dieſes ganze Glück entflieht vor meinen Augen, wie leerer Rauch, wie ein chimäriſcher Traum, und ich habe hier im Grunde meines Herzens einen großen Kummer, eine unausſprechliche Niedergeſchlagenheit, etwas Dü⸗ ſteres, Traͤges, Todtes, wie ein Leichnam. Oh! ich weiß wohl, warum, Louiſe; weil ich Euch nie ſo ſehr geliebt habe, als in dieſem Augenblick. Oh! mein Gott“ mein Gott!“ Bei dieſem letzten Ausruf, der aus einem gebro⸗ chenen Herzen hervorkam, zerfloß Louiſe in Thränen und warf ſich in die Arme von Montalais. Dieſe, welche jedoch nicht zu den Weichſten gehörte, fühlte ihre Augen feucht werden und ihr Herz ſich in einem eiſernen Ring zuſammenpreſſen. Raoul ſah die Thränen ſeiner Braut. Sein Blick drang nicht, ſuchte nicht über ihre Thränen hinauszu⸗ dringen. Er beugte ein Knie vor ihr und küßte ihr zärtlich die Hand. „Steht auf! ſteht auf!“ ſagte Montalais, ſelbſt dem Weinen nahe,„Athenais kommt zu uns.“ Raoul wiſchte ſein Knie mit der Kehrſeite ſeines Aermels ab, lächelte noch einmal Louiſe zu, die ihn nicht einmal anſchaute, und wandte ſich, nachdem er Montalais innig die Hand gedrückt, um, um Fraͤulein von Tonnay⸗Charente zu begrüßen, deren ſeidenes Kleid bun uͤber den Sand der Allee hinſtreifen zu hören anfing. 3„Hat Madame iheen Brief beendigt?“ fragte er, als das Mädchen im Bereich ſeiner Stimme war. „Ja, Herr Vicomte, der Brief iſt beendigt, geſie⸗ gelt, und Ihre Königliche Hoheit erwartet Euch.“ Bei dieſem Wort nahm ſich Raoul kaum die Zeit, 3 — ——— —— 126 Athenais zu grüßen; er warf einen letzten Blick auf Louiſe, machte Montalais ein letztes Zeichen, und ent⸗ fernte ſich in der Richtung des Schloſſes. „Doch während er ſich entfernte, wandte er ſich noch einmal um. Am Ende der großen Allee mochte er ſich immer⸗ hin umdrehen, er ſah nichts mehr. Ddie drei Mädchen hatten ihn ihrerſeits mit ſehr verſchiedenartigen Gefühlen verſchwinden ſehen. „Endlich,“ ſagte Athenais, die zuerſt das Still⸗ ſchweigen brach,„endlich ſind wir allein, und haben volle Freiheit, über die große geſtrige Angelegenheit zu plaudern, und uns über das Benehmen zu verſtän⸗ digen, das wir befolgen müſſen. Wenn Ihr mir aber Aufmerkſamkeit ſchenken wollt,“ fuhr ſie fort, während ſte nach allen Seiten ſchaute,„ſo will ich Euch ſo kurz als möglich unſere Pflicht erklären, was ich darunter verſtehe, und wenn Ihr mich nicht mit einem Wort be⸗ greift, den Willen von Madame.“ Und Fräulein von Tonnay⸗Charente legte einen Nachdruck auf dieſe letzten Worte, daß ihren Freundin⸗ nen kein Zweifel über den offiziellen Charakter blieb, mit dem ſie bekleidet war. „Den Willen von Madame?“ riefen zu gleicher Zeit Montalais und Louiſe. „Ultimatum!“ erwiederte Fräulein von Tonnay⸗ Charente diplomatiſch. „Aber, mein Gott, Fräulein,“ flüſterte La Val⸗ liere,„Madame weiß alſo...“ 3 „Madame weiß mehr, als wir geſagt haben,“ artikulirte Athenais ganz ſcharf.„Halten wir uns alſo gut, meine Fräulein.“ „Ohl! ja,“ ſagte Montalais.„Ich höre auch mit allen meinen Ohren. Sprich, enais.“ „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Louiſe ganz zitternd,„werde ich dieſen grauſamen Abend über⸗ leben?“ 127 „Ohl erſchreckt nicht ſo ſehr,“ ſagte Athenais, „wir haben das Gegenmittel.“ 1 Und ſie ſetzte ſich mitten zwiſchen ihre zwei Ge⸗ fährtinnen, nahm von jeder derſelben eine Hand, her⸗ einigte ſie in ihren Händen und begann: Ueber dem Geflüſter ihrer erſten Worte hätte man den Lärmen eines Pferdes hören können, das auf dem Pflaſter der Landſtraße, außerhalb dem Gitter des Schloſſes, da hingaloppirte. 8 XII. Glüchlich wie ein Prinz. In dem Augenblick, wo er ins Schloß zurückkehren wollte, begegnete Raoul Guiche. Doch ehe er mit Raoul zuſammengetroffen, war Guiche Manicamp begegnet, der Malicorne begeg⸗ net war. Wie war Malicorne mit Manicamp zuſammenge⸗ troffen? Nichts kann einfacher ſein; dieſer hatte ihn bei ſeiner Rückkehr von der Meſſe erwartet, in der er mit Herrn von Saint⸗Aignan geweſen war. „Vereinigt, hatten ſie ſich über dieſen erfreulichen Umſtand Glück gewünſcht, und Manicamp hatte die Gelegenheit benützt, um ſeinen Freund zu fragen, ob nicht einige Thaler im Grunde ſeiner Taſche geblieben ſeien. Ohne ſich über die Frage zu wundern, die er viel⸗ leicht erwartet, erwiederte dieſer, jede Taſche, aus der man beſtändig ſchöpfe, ohne je etwas hineinzulegen, gleiche den Brunnen, welche auch im Winter Waſſer liefern, die aber von den Gärtnern am Ende im Som⸗ mer erſchöpft werden; ſeine Taſche habe gewiß Tiefe, und es ſei ein Vergnügen, in Zeiten des Ueberfluſſes daraus zu ſchöpfen, nun ſei aber leider durch den Miß⸗ brauch völlige Trockenheit herbeigeführt worden. Worauf Manicamp ganz träumeriſch antwortete: „Das iſt richtig.“ „Es würde ſich alſo darum handeln, ſie wieder zu 1 füllen,“ fügte Malicorne bei. „Allerdings, doch wie?“ „Nichts kann leichter ſein, mein lieber Herr Ma⸗ nicamp.“ „Gut! ſprecht.“ 3 „Ein Dienſt bei Monſieur, und die Taſche iſt voll.“ „Dieſen Dienſt habt Ihr.“ „Das heißt, ich habe den Titel.“ 6 „Nun?“ „Ja, aber der Titel ohne den Dienſt, iſt die Börſe 1 ohne das Geld.“ ¹ „Das iſt richtig,“ erwiederte Manicamp zum zwei⸗ 1 ten Mal. 3 „Verfolgen wir alſo den Dienſt,“ fuhr der Titel⸗ mann fort. 4 „Theurer, Theuerſter,“ ſprach Manicamp,„ein 3 Dienſt bei Monſieur iſt eine der groͤßten Schwierig⸗ S keiten unſerer Lage.“ 3. „Ho! ho!“ „Gewiß, wir können in dieſem Augenblick nichts 8 von Monſieur verlangen.“ „Warum denn?“ 3 4 „Weil wir kalt mit ihm ſtehen.“ 5 „Das iſt einfältig,“ ſagte Malicorne gerade heraus. G „Bah! können wir, offenherzig geſprochen, Mon ſieur gefallen, wenn wir Madame den Hof machen?“ „Gerade, wenn wir Madame den Hof machen und. 129 ſer uns geſchickt benehmen, müſſen wir von Monſieur an⸗ m⸗ gebetet werden.“— fe,„Hm!“ 5 ſes„Oder wir ſind Dummköpfe, beeilt Euch alſo, iß⸗ Herr von Manicamp, Ihr, der Ihr ein großer Politiker ſeid, Herrn von Guiche mit Seiner Königlichen Hoheit zu verſöhnen.“ „Sagt, was hat Euch Herr von Saint⸗Aignan zu mitgetheilt, Euch, Malicorne?. „Mir, nichts; er hat mich nur befragt.“ „Nun, er war weniger zurückhaltend gegen mich.“ g.„Er hat Euch mitgetheilt?“ „Der König ſei wahnſinnig in Fräulein de la Valliére verliebt.“ L.“„Das wußten wir, bei Gott!“ erwiederte Mali⸗ 5 corne ironiſch,„Jedermann ſchreit es laut genug, daß es Alle wiſſen können, doch ich bitte, macht es mittler⸗ weile, wie ich Euch rathe, ſprecht mit Herrn von Guiche, rſe und ſucht ihn zu bewegen, daß er einen Schritt bei Monſieur thut. Was Teufels! er iſt das Seiner Kö⸗ ei⸗ niglichen Hoheit wohl ſchuldig.“ „Zu dieſem Ende müßte man Guiche ſehen.“ tel⸗„Mir ſcheint, das iſt keine große Schwierigkeit; thut, um ihn zu ſehen, was ich gethan habe, um Euch ein zu ſehen; wartet auf ihn, Ihr wißt, daß er von Natur ig⸗ Spaziergänger iſt.“ 3 „Ja, aber wo geht er ſpazieren?“ „Eine ſchöne Frage, bei meiner Treue! Nicht hts wahr, er iſt in Madame verliebt?“ „Man ſagt es.“ „Nun, er geht in der Gegend der Gemächer von Madame ſpazieren.“ „Ah! mein lieber Herr Malicorne, Ihr täuſchtet Euch nicht, da kommt er.“ „Und warum ſoll ich mich täuſchen! Sprecht, habt JIhr bemerkt, daß dies meine Gewohnheit iſt? Man 1 Musketiere. Bragelonne VI, 9 13⁰ muß ſich immer nur verſtändigen. Sagt, Ihr braucht Geld?“ „Oh!“ machte Manicamp mit kläglichem Ton. „Ich, ich brauche meine Stelle, Malicorne be⸗ komme die Stelle, und Manicamp wird Geld haben.“ „Nun, ſo ſeid ruhig. Ich will mein Beſtes thun.“ „Thut es.“ Guiche kam herbei, Malicorne entfernte ſich, Ma⸗ nicamp trat auf Guiche zu. Der Graf war träumeriſch und düſter. „Sagt mir, welchen Reim ſucht Ihr, mein lieber Graf?“ ſprach Manicamp. „Ich habe einen vortrefflichen als Seitenſtück zu dem Eurigen.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf, und nahm, da er einen Freund erkannte, ſeinen Arm. „Mein lieber Manicamp,“ ſagte er,„ich ſuche etwas Anderes, als einen Reim.“ „Was ſucht Ihr?“ „Und Ihr werdet mir finden helfen, was ich ſuche,“ fuhr der Graf fort,„Ihr, der Ihr ein Träger ſeid, das heißt ein ſinnreicher Geiſt.“ „Ich halte meinen ſinnreichen Geiſt bereit, mein lieber Graf.“ „Höret, wie ſich die Sache verhält. Ich will mich einem Haus nähern, wo ich zu thun habe.“ „Dann müßt Ihr nach der Seite dieſes Hauſes berus?“ 3 „Nein, nicht mehr, doch eben ſo ſehr.“ „Hat er drei Rachen, wie dieſer verzweifelte Wäch⸗ ter der Hölle? Oh! zuckt nicht die Achſeln, mein lieber Graf; ich mache dieſe Frage aus gutem Grund, in Betracht, daß die Dichter behaupten, um Herrn Cerbe⸗ † rus zu beſänftigen, müſſe man einen Kuchen mitbrin⸗ gen: Ich kann, der ich die Sache von der proſaiſchen Seite, das heißt von der Wirklichkeit anſehe, ſagen: Ein Kuchen iſt ſehr wenig für drei Rachen. Hat Euer Eiferſüchtiger drei Rachen, ſo verlangt drei Kuchen.“ „Manicamp, Rathſchläge wie dieſer, werde ich bei Herrn von Beautru ſuchen.“ „Um beſſern zu bekommen, Herr Graf, werdet Ihr eine Formel wählen, die ſchärfer iſt, als die, welche Sörf wie vorgelegt,“ ſagte Manicamp mit komiſchem rnſt. „Ah! wenn Raoul da wäre, er würde mich ver⸗ ſtehen.“ „Ich glaube es, beſonders wenn Ihr zu ihm ſag⸗ tet:„„Ich wünſche ſehr, Madame von Nahem zu ſehen, aber ich fürchte Mon ſieur, der eiferſüchtig iſt.““ „Manicamp!“ rief der Graf zornig, indem er den Spötter unter ſeinem Blick niederzuſchmettern ſuchte. Doch der Spötter ſchien ſich nicht im Geringſten bewegt zu fühlen. „Was gibt es denn, mein lieber Graf?“ fragte anicamp. „Wie? ſo blasphemirt Ihr die heiligſten Namen,“ rief Guiche. „Welche Namen?“ „Monſieur! Madame! die erſten Namen des Kö⸗ nigreichs.“ „Mein lieber Graf, Ihr täuſcht Euch ganz ſonder⸗ bar, und ich habe Euch nicht die erſten Namen des Koöͤnigreichs genannt. Ich antwortete Euch in Bezie⸗ hung auf einen eiferſüchtigen Ehemann, den Ihr mir nicht nanntet, der aber nothwendig eine Frau haben muß. Ich antwortete Euch, ſage ich: „Um Madame zu nähern, nähert Euch Mon⸗ ſieur.“⸗ Graf,„iſt es das, was Du geſagt haſt?a „Schlechter Spaßmacher,“ verſetzte lächelnd der „Nichts and eres.“ „Gut alſo.“ „Soll es ſich nun,“ fuhr Manicamp fort,„ſoll es ſich nun um die Frau Herzogin... oder um den Herrn Herzog.. handeln, gut, dann ſage ich Euch: Nähern wir uns dem Hauſe, welches es auch ſein mag; 6 denn das iſt eine Taktik, die in keinem Fall Eurer Liebe nachtheilig ſein kann.“ 5 —„Ah! Manicamp, einen Vorwand, finde mir einen guten Vorwand.“. „Einen Vorwand, bei Gott! hundert Vorwände, tauſend Vorwände! Wenn Malicorne da wäre, er hätte d Euch ſchon fünfzigtauſend vortreffliche Vorwände ge⸗ 8 funden.“ ſ nicamp?“ fragte Guiche, mit d „Wer iſt das, Ma den Augen blinzelnd, wie ein Menſch, der ſucht;„mir u ſcheint, ich kenne dieſen Namen.“ „Ob Ihr ihn kennt! ich glaube wohl; Ihr ſeid ſ ſeinem Vater dreißigtauſend Thaler ſchuldig.“ „Ah! ja, es iſt der würdige Burſche von Orleans.“ „Dem Ihr eine Stelle bei Monſieur verſprochen habt; ich meine nicht den eiferſüchtigen Ehemann, ich meine den Andern.“. „Nun denn! da Dein Freund Malicorne ſo viel Geiſt hat, ſo finde er mir ein Mittel, von Monſieur angebetet zu werden, ſo finde er mir ein Mittel, um Frieden mit ihm zu machen.“ —„Gut, ich werde mit ihm darüber ſprechen.“ „Aber wer kommt denn da 9* „Es iſt der Bicomte von Bragelonne.“ „Raoul! ja, in der That,“ ſagte Guiche. fo Und er ging raſch dem jungen Mann entgegen ⸗ „Ihr ſeid es, mein lieber Raoul!“ rief er. 4 „Ja, ich ſuchte Euch, um von Euch Abſchied zu nehmen, theurer Freund!“ erwiederte Raoul, dem Gra⸗ fi fen die Hand drückend.„Guten Morgen, Herr Mani⸗ camp!“ „Wie! Du verreiſeſt, Vicomte?“ „Ja... ich verreiſe... Sendung des Königs.“ „Wohin gehſt Du?“. „Ich gehe nach London. Auf der Stelle begebe ich mich zu Madame; ſie muß mir einen Brief für Seine Majeſtät König Karl II. zuſtellen.“ 6 „Du wirſt ſie allein finden, denn Monſieur iſt weggeritten.“ „Wohin?“ „Nach dem Bade.“ „Dann, mein lieber Freund, übernimm es Du, der zu den Cavalieren von Monſteur gehört, mich bei ihm zu entſchuldigen. Ich hätte auf ihn gewartet, um ſeine Befehle in Empfang zu nehmen, waͤre mir nicht der Wunſch, daß ich ſchnell abreiſe, von Herrn Fouquet und von Seiten Seiner Majeſtät kund gegeben worden.“ Manicamp ſtieß Guiche mit dem Ellenbogen und ſagte leiſe: „Das iſt der Vorwand.“ Was?“ „Die Entſchuldigung von Herrn von Bragelonne.”“ „Ein ſchwacher Vorwand,“ erwiederte Guiche. „Ein vortrefflicher, wenn Monſieur Euch nicht deadif„ ein ſchlechter, wie jeder andere, wenn er Euch grollt. „Ihr habt Recht, Manicamp, ein Vorwand, wel⸗ cher es auch ſein mag, iſt Alles, was ich brauche. Alſo glückliche Reiſe, Raoul.“ 5 Hienach umarmten ſich die beiden Freunde. Fünf Minuten ſpäter trat Raoul, gemaͤß der Auf⸗ forderung von Montalais bei Madame ein. „Madame ſaß noch an dem Tiſch, worauf ſie den Brief geſchrieben. Vor ihr brannte die roſenfarbige achskerze, die ihr zum Siegeln gedient. Nur hatte ſte in ihrer Zerſtreutheit, denn Madame ſchien ſehr zer⸗ ſtreut, das Licht auszublaſen vergeſſen. Raoul wurde erwartet, man meldete ihn, ſobald er erſchien. Bragelonne war die Eleganz ſelbſt; man konnte ihn unmoͤglich ein Mal ſehen, ohne ſich ſtets ſeiner zu erinnern; und Madame hatte ihn nicht blos ein Mal geſehen, ſondern er war auch, wie man ſich entſinnen wird, einer der Erſten geweſen, der ihr entgegengekom⸗ men, und hatte ſie von Havre nach Paris begleitet. Madame hatte alſo ein vortreffliches Andenken an Bragelonne bewahrt. „ Ah!“ ſagte ſie,„Ihr hier, mein Herr, Ihr ſollt meinen Bruder ſehen, der ſehr glücklich ſein wird, dem Sohn einen Theil der Schuld der Dankbarkeit zu be⸗ zahlen, die er gegen den Vater eingegangen hat.“ Der Graf de la Fore, Madame, iſt für das, was er für den König zu thun das Glück gehabt, reichlich durch die Güte belohnt worden, die ihm der König zu Theil werden ließ und ich bin auf dem Wege, ihm die Verſicherung der Ehrfurcht, der Ergebenheit und der Dankbarkeit des Vaters und des Sohnes zu üͤber⸗ bringen.“ „Kennt Ihr meinen Bruder, Herr Bicomte?“ „Nein, Euer Hoheit; das Glück haben werde, Seine Majeſtät zu ſehen.“ „Ihr habt nicht nöthig, bei ihm empfohlen zu werden. Doch ſolltet Ihr an Eurem perſönlichen Werth zweifeln, ſo nehmt mich keck zu Eurer Bürgin, ich werde Euch nicht Lügen ſtrafen.“ „Ohl Eure Hoheit iſt zu gut.“ „Nein, Herr von Bragelonne, daß wir die habe Euer äu den ungeheuren Tollheiten rer Rechten un ren der Welt, Herr von ich erinnere mich, chen wir von Cuch. Geht Ihr nach England, um don es iſt das erſte Mal, daß ich Reiſe miteinander gemacht haben, und ich ßerſt vernünftiges Benehmen mitten unter wahrgenommen, welche zu Eu⸗ d zu Eurer Linken, die zwei größten Nar⸗ Guiche und Herr von Brage⸗ lonne machten. Doch ſprechen wir nicht von ihnen, ſpre⸗ eine Anſtellung zu ſuchen? Entſchuldigt meine Frage: ſie geſchieht nicht aus Neugierde, ſondern es iſt der Wunſch, Euch zu etwas nützlich zu ſein, der ſte mir dictirt.“ „Nein, Madame; ich gehe nur nach England, um eine Sendung zu vollziehen, die Seine Majeſtät mir anzuvertrauen die Gnade gehabt hat.“ „Und Ihr gedenkt nach Frankreich zurückzukehren?“ „Sobald dieſe Sendung vollbracht iſt, wenn mir Seine Majeſtät, König Karl II., nicht andere Be⸗ fehle gibt.“ „Er wird wenigſtens, davon bin ich überzeugt, die Bitte an Euch richten, Ihr möget ſo lange, als möglich, bei ihm bleiben.“ „Dann, da ich nicht im Stande ſein werde, es auszuſchlagen, bitte ich Eure Königliche Hoheit zum Voraus, den König von Frankreich daran errinnern zu wollen, daß er fern von ſich einen ſeiner ergebenſten Unterthanen hat.“. „Nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht, wenn er Euch zurückruft, ſeinen Befehl als einen Mißbrauch der Gewalt betrachtet.Ä“ „Ich verſtehe nicht, Madame.“ „Ich weiß, der franzöſiſche Hof iſt unvergleichlich, doch wir haben auch einige hübſche Frauen am Hof von England.“ Raoul lächelte. „Oh!“ rief Madame,„das iſt ein Lächeln, das nichts Gutes für meine Landsmänninnen weiſſagt. Das iſt, als ob Ihr zu ihnen ſprächet, Herr von Brage⸗ lonne:„„Ich komme zu Euch, aber ich laſſe mein Herz jenſeits des Kanals.““ War es nicht das, was Euer Lächeln bedeutete?“ „Eure Hoheit hat die Gabe, in der tiefſten Tiefe der Seele zu leſen: ſie wird daher begreifen, warum nun jeder verlängerte Aufenthalt am Hofe von Eng⸗ land ein Schmerz für mich wäre.“ „Und ich brauche nicht zu fragen, obrein ſo bra⸗ ver Cavalier ſich der Erwiederung erfreut.“ „Madame, ich bin mit derjenigen, welche ich liebe, aufgezogen worden, und ich glaube, daß ſie für mich dieſelben Gefühle hegt, die ich für ſie habe.“ „Nun! ſo reiſt geſchwinde, Herr von Bragelonne, kommt ſchnell zurück, und bei Eurer Rückkehr werden wir zwei Glückliche ſehen, denn ich hoffe, es ſteht Eurem Glück kein Hinderniß entgegen.“ „Ein großes, Madame.“ „Bahl und welches?“ „Der Wille des Königs.“ .„Der Wille des Königs... Der König wider⸗ ſetzt ſich Eurer Heirath?“ „Oder er verſchiebt ſie wenigſtens. Ich habe den König durch den Grafen de la Foͤre um ſeine Einwil⸗ ligung bitten laſſen, und ohne ſie ganz zu verweigern, hat er entſchieden erklärt, daß ich zu warten habe.“ „Iſt denn die Perſon, die Ihr liebt, Eurer un⸗ würdig?“ „Sie iſt würdig der Liebe eines Königs, Madame.“ „Ich meine: Vielleicht iſt ſte nicht von einem dem Eurigen gleichen Adel.“ „Sie iſt von vortrefflicher Familie.“ „Jung, ſchön 2“ „Siebenzehn Jahre, und für mich ſchön zum Ent⸗ zücken.“. „Iſt ſie in der Provinz oder in Paris? „Sie iſt in Fontainebleau, Madame.“ „Bei Hofe?“ ¹ „Ja.“¹ „Ich kenne ſie 2“ —— „Sie hat die Ehre, zum Hauſe Eurer Koͤniglichen Hoheit zu gehoͤren.“ nicht etwa ihr Name ein Geheimniß iſt.“ 1„Ihr Name?“ fragte die Prinzeſſin ängſtlich,„wenn nicht etwa,“ fügte ſie, raſch ſich faſſend, bei,„wenn N nt⸗ — hen enn enn 137 „Nein, Madame, meine Liebe iſt ſo rein, daß ich für Niemand ein Geheimniß daraus zu machen habe, am wenigſten alſo für Eure Hoheit, die ſo außerordent⸗ lich gut gegen mich iſt: Fräulein Louiſe de la Val⸗ lidre.“ Madame konnte einen Ausruf nicht unterdrücken, in dem mehr als Erſtaunen lag.— „Ah!“ ſagte ſie,„La Vallièdre, diejenige... welche geſtern,“ ſie hielt inne,„ſich, glaube ich, un⸗ wohl befunden hat,“ fuhr ſie fort. „Ja, Madame; ich habe den Unfall erfahren, der ihr erſt dieſen Morgen begegnet iſt.“ „Und Ihr habt ſie geſehen, ehe Ihr hierher ge⸗ kommen?“ „Ich hatte die Ehre, von ihr Abſchied zu nehmen.“ „Und Ihr ſagt,“ fuhr Madame fort, indem ſie ſich gegen ſich ſelbſt anſtrengte,„Ihr ſagt, der König habe Eure Heirath mit dieſem Kind vertagt?“ „Ja, Madame, vertagt.“ „Hat er einen Grund für dieſe Vertagung ange⸗ geben?“ „Keinen.“ 4 „Iſt es lange, daß ihm der Graf vdn Beagelunne dieſe Bitte vorgetragen?“ 5 „Mehr als ein Monat.“ „Das iſt ſeltſam,“ murmelte die Prinzeſſin. Und etwas wie eine Wolke zog über ihre Augen hin. „Ein Monat,“ wiederholte ſie. „Ungefähr.“ „Ihr habt Recht, Herr Vicomte,“ ſprach die Prin⸗ zeſſin mit einem Lächeln, in welchem Bragelonne eini⸗ gen Zwang hätte wahrnehmen konnen,„mein Bruder darf Euch nicht zu lange dort behalten; reiſet alſo raſch ab, und in dem erſten Brief, den ich nach Eng⸗ land ſchreibe, werde ich Euch im Namen des Koͤnigs zurückfordern.“ 138 3 Hienach erhob ſich Madame, um Bragelonne den Brief einzuhändigen⸗ Bragelonne begriff, daß ſeine Audienz zu Ende war; er nahm den Brief, verbeugte ſich vor der Prin⸗ zeſſin und ging ab. „Ein Monat,“ murmelte die Prinzeſſin,„wäre ich in dieſem Grad blind geweſen, und ſollte er ſie ſeit einem Monat lieben?“ Und da Madame nichts zu thun hatte, ſo fing ſie den Brief an ihren Bruder an, deſſen Nachſchrift Bragelonne zurückfordern ſollte. Der Graf von Guiche hatte, wie wir geſehen, den dringenden Aufforderungen von Manicamp nachgegeben und ſich von ihm bis zu den Stallungen fortziehen laſſen, wo ſie ihre Pferde zu ſatteln befahlen; hienach ritten ſie durch die kleine Allee, die wir dem Leſer ſchon be⸗ ſchrieben, Monſieur entgegen, der, aus dem Bade kom⸗ mend, einen Frauenſchleier auf dem Geſicht, damit die ſchon heiße Sonne ſeinen Teint nicht ſchwärzte, ganz friſch nach dem Schloß zurückkehrte. 1 Monſieur hatte gerade einen von jenen Momenten, guter Laune, die ihm zuweilen die Bewunderung ſeiner eigenen Schönheit einflößte. Er war im Stande ge⸗ weſen, im Waſſer die Weiße ſeines Körpers mit der des Körpers ſeiner Höflinge zu vergleichen, und bei der Sorgfalt, die ſeine Koͤnigliche Hoheit auf ſich ver⸗ wandte, hatte Niemand, ſelbſt nicht einmal der Cheva⸗ lier von Lorraine die Concurrenz aushalten können. Monſieur hatte dabei mit einem gewiſſen günſtigen Erfolg geſchwommen und es hielten alle Nerven, in einem vernünftigen Maß durch die heilſame Eintauchung in das friſche Waſſer angeſpannt, ſeinen Körper und ſeinen Geiſt in einem glücklichen Gleichgewicht. Beim Anblick von Guiche, der ihm im kurzen Ga⸗ 4 lopp auf einem herrlichen Schimmel entgegenritt, konnte 8* ——— ◻ 8 R R +—— S8.8A8 S 2 7 NN — 5 S 139 „ ſich auch der Prinz eines freudigen Ausrufs nicht er⸗ wehren.—.. „Mir ſcheint, die Sache geht gut,“ ſagte Mani⸗ camp, der das Wohlwollen auf dem Geſicht Seiner Koniglichen Hoheit zu leſen glaubte. „Ah! guten Morgen, Guiche, guten Morgen, ar⸗ mer Guiche!“ rief der Prinz. „Heil, Monſeigneur!“ erwiederte Guiche, ermu⸗ thigt durch den Stimmton von Philipp,„Geſundheit, Freuden, Glück und Wohlfahrt Eurer Hoheit.“ 3 „Sei willkommen, Guiche, reite an meine Rechte, doch halte Dein Pferd im Zaum, denn ich will im Schritt unter dieſen friſchen Gewölben zurückkehren.“ „Zu Euren Befehlen, Monſieur,“ antwortete Guiche. Und er wandte ſich nach der Rechten des Prinzen, wie er hiezu aufgefordert worden war. 3 „Sprich, mein lieber Guiche,“ ſagte der Prinz, gib mir ein wenig Kunde von dem Guiche, den ich einſt gekannt, und der meiner Frau den Hof macht.“ Guiche erröthete bis ins Weiße ſeiner Augen, während Monſieur in ein ſchallendes Gelächter aus⸗ brach, als hätte er den geiſtreichſten Scherz der Welt gemacht.“— Die paar Bevorzugten, welche Monſieur umgaben, glaubten ihm nachahmen zu müſſen, obgleich ſie ſeine Worte nicht gehört hatten, und ein ſchallendes Geläch⸗ ter, das beim Erſten anfing, durchzog das ganze Ge⸗ folge und höoͤrte erſt beim Letzten auf. Obgleich erröthend, beobachtete doch Guiche eine gute Haltung: Manicamp ſchaute ihn an. „Ahl Monſeigneur,“ erwiederte Guiche,„ſeid mild⸗ herzig gegen einen Unglücklichen; opfert mich nicht dem Herrn Chevalier von Lorraine „Wie ſo?“* „Wenn er hört, daß Ihr mich verſpottet, ſo wird 3 Eure Hoheit überbieten, und mich auch unbarm⸗ verſpotten.“ „Ueber Deine Liebe, über die Prinzeſſin?“ „Oh! Monſeigneur, Gnade!“ „Geſtehe, Guiche, daß Du nach der Prinzeſſin ge⸗ liebäugelt haſt.“ „Nie werde ich dergleichen geſtehen, Monſeigneur.“ „Aus Reſpekt vor mir. Wohll ich entbinde Dich des Reſpekts, Guiche, geſtehe, ob es ſich um Fräu⸗ lein von Chalais oder um Fräulein de la Vallisre handelte.“ Dann ſich unterbrechend: „Ah! gut, ich ſpiele mit einem zweiſchneidigen Schwert. Ich ſchlage auf Dich und ſchlage auf meinen Bruder, Chalais und La Vallière, Deine Braut und ſeine Zukünftige.“ „In der That, Monſeigneur,“ ſagte Guiche,„Ihr ſeid heute von einer bewundernswürdigen Laune.“ „Meiner Treue, ja, ich fühle mich wohl, und dann macht mir Dein Anblick Vergnügen.“ „Ich danke, Köͤnigliche Hoheit.“ „Du warſt mir alſo böſe?“ „ch, Monſeigneur?“ „a. „Mein Gott, worüber denn?“ „Darüber, daß ich Deine Sarabanden und ſpani⸗ ſchen Lanje unterbrochen habe.“ „Oh! Eure Hoheit...“ „Leugne nicht. Du biſt an jenem Tag mit wü⸗ thenden Augen von der Prinzeſſin weggegangen, das hat Dir Unglück gebracht, mein Lieher, und Du haſt geſtern das Ballet auf eine klägliche Art getanzt⸗ Schmolle nicht, Guiche, das ſchadet Dir, inſofern Du eine Bärenmiene annimmſt: hat Dich die Prinzeſſin geſtern wohl angeſchaut, ſo bin ich einer Sache ſtcher.“ „Und was iſt das? Eure Hoheit erſchreckt mich.“ „Sie wird Dich ganz und gar verleugnet haben.“ Und der Prinz lachte abermals aufs Schoͤnſte. * 141 4 „Der Rang macht offenbar nichts, und ſie ſind Alle gleich,“ dachte Manicamp. 3 Der Prinz fuhr fort:. „Nun biſt Du zurückgekehrt; es iſt Hoffnung vor⸗ handen, daß der Chevalier wieder liebenswürdig wird.“ „Wie ſo, Monſeigneur, durch welches Wunder kann ich dieſen Einfluß auf Herrn von Lorraine haben!“ „Das iſt ganz einfach; er iſt eiferſüchtig auf Dich. „Ah bah! wahrhaftig?“ „Wie ich Dir ſage.“ 3„Er erweiſt mir zu viel Ehre.“ 3 4„Du begreifſt, wenn Du da biſt, ſchmeichelt er 3 mir; haſt Du Dich entfernt, ſo martert er mich. Und dann weißt Du nicht, welcher Gedanke mir gekom⸗ men iſt.“ „Ich kann es nicht errathen, Monſeigneur.“ „Nun denn! als Du verbannt warſt, denn Du biſt verbannt geweſen, mein armer Guiche...“ „Bei Gott, Monſeigneur, an wem liegt die Schuld?“ ſagte Guiche, der zum Schein eine mürriſche Miene annahm. „Oh! an mir ſicherlich nicht,“ erwiederte Seine Königliche Hoheit.„Bei meinem Fürſtenwort, ich habe vom König Deine Verbannung nicht verlangt.“ „Nicht Ihr, Monſeigneur, ich weiß es wohl, 2—³— ⸗ aber... „Aber Madame; oh! was das betrifft, ſo ſage ⸗ ich nicht nein. Was Teufels haſt Du denn Madame 8 gethan?“ „In der That, Monſeigneur.. „Die Frauen haben ihre kleinen Grollereien, das u*iſſt mir nicht unbekannt, und die meinige iſt nicht frei von dieſer Verkehrtheit. Doch wenn ſie Dich hat ver⸗ bannen laſſen, ſo bin ich Dir nicht böſe.“ „Dann, Monſeigneur, bin ich nur halb unglück⸗ 4 lich,“ ſprach Guiche. Manicamp, der hinter Guiche kam, und nicht ein Wort von dem verlor, was der Prinz ſagte, bog die Schultern bis auf den Hals ſeines Pferdes, um das elächter zu verbergen, das er nicht unterdrücken konnte. „Uebrigens hat Deine Verbannung ein Vorhaben in meinem Kopf entſtehen gemacht.“ „Gut.“ „Als der Chevalier, da er Dich nicht mehr hier ſah und allein zu regieren ſicher war, mich übel be⸗ handelte, und ich wahrnahm, daß meine Frau, im Ge⸗ genſatz zu dieſem boshaften Burſchen, ſo liebenswürdig und ſo gut gegen mich iſt, der ich ſie vernachläßigte, da hatte ich den Gedanken, aus mir einen Muſterehe⸗ mann, eine Rarität, eine Curioſität des Hofes zu ma⸗„ chen; ich hatte die Idee, meine Frau zu lieben.“ Guiche ſchaute den Prinzen mit einer Miene des Erſtaunens an, die nichts Geheucheltes hatte. „Oh!“ ſtammelte Guiche ganz zitternd:„dieſe Idee iſt Euch nicht im Ernſte gekommen, Monſeigneur.“ „Doch, doch! Ich habe Bermöͤgen, das mir mein Bruder im Augenblick ſeiner Verheirathung gegeben; ſie hat Geld, und zwar viel, da ſie zugleich von ihrem Bruder und von ihrem Schwager, von England und von Frankreich bezieht. Nun! wir würden den Hof verlaſſen haben. Ich hätte mich nach dem Schloſſe Villers Cotterets zurückgezogen, das zu meinen Apa⸗ nagen gehört und mitten in einem Wald liegt, in dem wir uns den Liebeständeleien an denſelben Orten hin⸗ gegeben hätten, wo ſie mein Großvater Heinrich IV. mit der ſchönen Gabriele trieb. Was ſagſt Du zu dieſem Gedanken, Guiche?“— Ohl! das iſt, um beben zu machen,“ erwiederte Guiche, der wirklich bebte. „Ahl ich ſehe, Du würdeſt zum zweiten Mal ver⸗ „Ich würde Dich daher nicht mit mir nehmen, banni zu werden nicht ertragen.“ „Ich, Monſeigneur?“ wie ich es Anfangs im Sinne hatte.“ der,“ rief der Prinz. 143 „Wie, mit Euch, Monſeigneur?4 „Ja, wenn mir zufällig wieder der Gedanke komm dem Hofe den Rücken zuzukehren.“ 13 „Ohl Monſeigneur, darauf ſoll es nicht ankom⸗ men, ich folge Eurer Hoheit bis ans Ende de Welt.4 „Wie ungeſchickt ſeid Ihr!“ brummelte Mani⸗ camp, indem er ſein Pferd gegen Guiche antrieb, daß er ihn beinahe aus dem Sattel hob.. Dann, indem er an ihm vorbeiritt, als wäre er nicht mehr Meiſter ſeines Roſſes, flüſterte er ihm zu: „Bedenkt doch, was Ihr ſprecht.“ „Abgemacht alſo,“ ſagte der Prinz,„da Du mir ſo ergeben biſt, nehme ich Dich mit.“. „Wohin Ihr wollt,“ erwiederte Guiche freudig, „wohin Ihr wollt, auf der Stelle. Seid Ihr bereit?“ Und er ließ lachend ſein Pferd zwei Sprünge machen. „inen Augenblick Geduld,“ ſagte der Prinz,„rei⸗ ten wir durch das Schloß.“ „Warum?“ „Um meine Frau mitzunehmen.“ „Wie?“ fragte Guiche. „Allerdings, da ich Dir ſage, es ſei ein eheliches Liebesproject, muß ich wohl meine Frau mitnehmen.“ „Dann bin ich in Verzweiflung, Monſeigneur, kein Guiche für Euch.“ „Bah!“ „Ja. Warum nehmt Ihr Madame mit?“ „Höre, weil ich bemerke, daß ich ſie liebe.“ Guiche erbleichte leicht, ſuchte ſich jedoch in ſeiner ſcheinbaren Heiterkeit zu behaupten, und erwiederte: „Wenn Ihr Madame liebt, Monſeigneur, ſo muß Euch dieſe Liebe genügen, und Ihr bedürft Eurer Freunde nicht mehr.“ „Nicht übel, nicht übel,“ murmelte Manicamp. „Ahl Deine Angſt vor Madame erfaßt Dich wie⸗ 144 „Höret doch, Monſeigneur, ich bin hiefür bezahlt „. eine Frau, die mich hat verbannen laſſen!“ „Ah! mein Gott, was für einen abſcheulichen Cha⸗ rakter haſt Du, Guiche! wie unverſöhnlich biſt Du?“ 8„Ich möchte Euch in einem ſolchen Falle ſehen, Monſeigneur!“ 1 „Offenbar haſt Du aus dieſem Grunde geſtern ſo ſchlecht getanzt. Du wollteſt Dich dadurch rächen, daß Du Madame falſche Figuren machen ließeſt; oh! „Guiche, das iſt armſelig und ich werde es Madame ſagen.“ .„Oh! Ihr könnt Ihr Alles ſagen, was Ihr wollt, Monſeigneur. Ihre Hoheit wird mich nicht mehr haſ⸗ 3 ſen, als ſie es thut.“ G „Bah! Du übertreibſt, wegen der vierzehn Tage gezwungenen Landlebens, die ſte Dir auferlegt hat.“ „Monſeigneur, vierzehn Tage ſind vierzehn Tage, und wenn man ſie damit hinbringt, daß man ſich lange weilt, ſind vierzehn Tage eine Ewigkeit.“ „Du härſ ihr alſo nicht verzeihen?“ 4 „Nie 3 „Oh! Guiche, ſei ein guter Junge, ich will Dei⸗ f nen Frieden mit ihr ſchließen. Du wirſt erkennen, wenn Du ſie häufig beſuchſt, daß ſie ohne alle Bos⸗ heit und voll Geiſt iſt.“ „Monſeigneur...“ „Du wirſt ſehen, daß ſie wie eine Prinzeſſin zu empfangen und wie eine Bürgersfrau zu lachen weiß; Du wirſt ſehen, wie ſie, wenn ſie will, macht, daß die d Stunden wie Minuten vergehen. Guiche, mein Freund, h Du mußt anderer Anſicht uͤber meine Frau werden.“ „Ah!“ ſagte Manicamp zu ſich ſelbſt,„das iſt 7 entſchieden ein Ehemann, dem der Name ſeiner Frau Unglück bringen wird, und der ſelige Koͤnig Candaule war ein wahrer Tiger gegen Monſeigneur.“ 8 „Kurz,“ fügte der Prinz bei,„Du wirſt anderer Anſicht über meine Frau werden, dafür bürge ich Dir. hatte einen Auftrag an Eure Königliche Hoheit.“ . 140 145 ihr Herz.“ „Monſeigneur...“ „Keinen Widerſtand, Guiche, oder wir entzweien uns,“ ſagte der Prinz. „Da er es einmal will, ſtellt ihn doch zufrieden,“ flüſterte Manicamp Guiche ins Ohr. „Monſeigneur, ich werde gehorchen,“ ſprach der Graf. „Und um anzufangen,“ ſagte der Prinz,„man ſpielt dieſen Abend bei Madame, Du ſpeiſeſt mit mir zu Mittag, und ich führe Dich dann zu ihr.“ 4 „Oh! was das betrifft, Monſeigneur, ſo werdet Ihr mir erlauben, zu widerſtehen,“ entgegnete Guiche. „Abermals! das iſt Rebellion.“ „Madame hat mich geſtern vor aller Welt zu als ich zu ihr ſprach; es kann gut ſein, wenn man keine Eitelkeit hat, abe r zu wenig iſt zu wenig, wie man zu ſagen pflegt.“ „Graf, nach dem Mittagsmahl kleideſt Du Dich in Deiner Wohnung an, und holſt mich dann ab, ich erwarte Dich.“ „Da es Eure Hoheit durchaus beſiehlt.. „Durchaus.“ . „Er wird nicht loslaſſen,“ ſagte Manicamp,„und dergleichen Dinge gehören zu denjenigen, welche am hartnäckigſten an den Köpfen der Chemänner feſthalten. Oh! warum hat Herr Molière dieſen nicht gehört, er hätte ihn in Verſe gebracht.“ So plaudernd kehrten der Prinz und ſein Hof in die friſcheſten Gemächer des Schloſſes zurück. „Ahl“ ſagte Guiche auf der Thürſchwelle,„ich Die drei Musketiere. Bragelonne, VI. 3 Nur muß ich Dir den Weg zeigen. Sie iſt keine all⸗ tägliche Perſon, und nicht Jeder, der will, gewinnt 146 3 „Wie lautet dieſer Auftrag.“ „Herr von Bragelonne iſt mit einem Befehl des Königs nach London abgereiſt, und hat mich erſucht, Manſeigneur ſeine ganze Achtung zu bezeigen.“ „ Gut, eine glückliche Reiſe dem Vicomte, den ich ungemein liebe. Auf, kleide Dich an, Guiche, und komm zu uns zurück. Und wenn Du nicht zurück⸗ kommſt...“ „Was wird dann geſchehen, Monſeigneur?“ „Ich laſſe Dich in die Baſtille werfen.“ „Ah!“ ſagte Guiche lachend,„Seine Königliche Hoheit, Monſieur, iſt offenbar das Gegentheil von Ih⸗ rer Königlichen Hoheit. Madame läßt mich verbannen, weil ſie mich nicht genug liebt, Monſieur läßt mich einſperren, weil er mich zu ſehr liebt. Ich danke Mon⸗ ſieur, ich danke Madame.“ „Gut, gut,“ ſagte der Prinz,„Du biſt ein reizen⸗ der Junge und weißt wohl, daß ich Deiner nicht ent⸗ behren kann. Komm raſch zurück.“ 4 „Wohl, doch es gefällt mir, meinerſeits auch Co⸗ quetterie zu treiben, Monſeigneur.“ „Bah.“ „Ich kehre auch nur unter einer Bedingung zu Eurer Hoheit zurück.“ „Unter welcher?“ „Ich habe den Freund von einem meiner Freunde zu verpflichten.“. „Er heißt?“ „Malicorne.“ „Ein abſcheulicher Name.“ „Der aber ſehr gut geführt wird.“ „Es mag ſein. Nun 2* „Ich bin Herrn Malicorne einen Platz bei Euch ſchuldig, Monſeigneur.“ 4 „Einen Platz bei was?“. bi 1ehend einen Platz, eine Oberauſſicht zum Bei⸗ piel.“ 4 147 „Wahrlich, das trifft ſich gut.. ich habe geſte den Oberaufſeher der Gemächer entlaſſen.“ 8„Gut, Oberaufſeher der Gemächer. Wa t., zu thun?“ 4 „Nichts, wenn nicht etwa aufzupaſſen und richten.“ 1 „Innere Polizei?“ 4 „Ganz richtig.“ „Ohl wie gut das ſich für Malicorne eignet,“ wagte Manicamp zu bemerken. „Ihr kennt denjenigen, um welchen es ſich han⸗ he delt?“ fragte der Prinz. h⸗„Ganz genau, Monſeigneur. Er iſt mein Freund.“ n,„Und Eure Meinung iſt?“ ich„Monſeigneur wird nie einen Oberaufſeher der n⸗ Gemächer dieſem ähnlich gehabt haben.“ „Wie viel trägt der Dienſt?“ fragte der Graf den en⸗ Prinzen. nt⸗„Ich weiß es nicht; man hat mir nur immer ge⸗ . ſagt, er laſſe ſich nicht hoch genug bezahlen, wenn er Lo⸗ gut beſetzt ſei.“ „Was nennt Ihr gut beſetzt?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt, wenn der Angeſtellte zu ein Mann von Geiſt iſt.“ „Dann glaube ich, daß Monſeigneur zufrieden ſein wird, denn Malicorne hat Geiſt wie ein Teufel.“ „Gut, der Dienſt wird mich in dieſem Fall viel koſten,“ erwiederte lachend der Prinz.„Du machſt mir da ein wahres Geſchenk, Graf.“ „Ich glaube es, Monſeigneur.“ „Nun denn! ſo verkündige Deinem Herrn Mel⸗ corne.. „Malicorne, Monſeigneur.“ kuch„Ich werde mich nie an dieſen Namen gewöhnen.“ „Ihr ſagt wohl Manicamp, Monſeigneur.“ .„Oh! ich würde auch wohl Malicorne ſagen. Die Bei Gewohnheit müßte mich unterſtützen.“ 35 nde 8 Euer A 148 „Ah 1 Monſeigneur, ich verſpreche Euch, daß Inſpector der Gemächer ſich nicht ärgern wird, er hat den glücklichſten Charakter, den man finden kann.. MRun denn! ſo verkündigt ihm ſeine Ernennung, Guiche... Doch wartet...“ „Was, Monſeigneur?“ „Ich will ihn vorher ſehen. Iſt er ſo häßlich, wie ſein Freund, ſo nehme ich meine Zuſage zurück.“ „Monſeigneur kennt ihn.“ 271 „Allerdings, Monſeigneur hat ihn ſchon im Pa⸗ lais⸗Royal geſehen... und ich habe ihn ſogar ſelbſt Eurer Königlichen Hoheit vorgeſtellt.“ „Ahl ſehr gut, ich erinnere mich... Teufel! das iſt ein reizender Junge.“ „Ich wußte wohl, daß Monſeigneur ihn hatte be⸗ merken müſſen.“ „Ja, ja, ja! Siehſt Du, Guiche, weder meine Frau, noch ich ſollen Häßlichkeiten vor den Augen haben. Meine Frau wird zu Ehrenfräulein nur hübſche Mädchen, ich zu Cavalieren nur wohl geformte Edel⸗ leute nehmen. Auf dieſe Art ſiehſt Du, Guiche, wenn ich Kinder zeuge, werden ſie von einer guten Inſpira⸗ tion ſein, und wenn meine Frau zeugt, wird ſie ſchöne Muſter geſehen haben.“ „Das iſt vortrefflich geſchloſſen, Monſeigneur,“ ſagte Manicamp, der mit dem Auge und der Stimme zugleich billigte. Was Guiche betrifft, ſo fand er den Schluß ohne Zweifel nicht ſo glücklich, denn er ſtimmte nur mit der Geberde, und auch die Geberde behielt noch einen mar⸗ kirten Charakter der Unentſchiedenheit. Manicamp theilte die gute Kunde, die er vernom⸗ men, Malicorne mit. 3 Guiche machte, ſcheinbar wider ſeinen Willen, ſeine Hoftoilette. ——— N Abends bereit. Singend, lachend und ſich im Spiegel beſch⸗ end erreichte Monſieur die Stunde des Mittagsmahle einer Verfaſſung, welche das Sprüchwort: „Glücklich wie ein Prinz!“ gerechtfertigt hätte. XI. Geſchichte einer Dryade und einer Tayade. Jedermann hatte im Schloſſe den Imbiß einge⸗ nommen und war ſodann zur Hoftollette geſchritten. Der Imbiß fand gewoͤhnlich um fünf Uhr ſtatt. Setzen wir eine Stunde für den Imbiß und zwei für die Toilette. Jedermann war alſo gegen acht Uhr Um acht Uhr fing man auch an, ſich bei Madame einzufinden. Denn, wie geſagt, Madame empfing an dieſem Abend.— Und bei den Abendunterhaltungen von Madame hütete ſich Jeder zu fehlen, denn dieſe Unterhaltungen fanden mit all dem Zauber ſtatt, den die Königin, dieſe fromme und vortreffliche Prinzeſſin, ihren Geſell⸗ ſchaften zu verleihen nicht im Stande geweſen war. Leider iſt es einer von den Nachtheilen der Güte, we⸗ niger zu beläͤſtigen, als ein boshafter Geiſt. Und dennoch, beeilen wir uns„ dies zu bemerken, war boshafter Geiſt nicht ein Epitheton, das ſich auf* Madame anwenden ließ. 1 Dieſe Cliſe⸗Natur enthielt zuviel Edelmuth, zu Fehler nicht einmal dem König hingehen. 3 Monſieur, und 3 15⁰ 8 viel hochherzige Regungen und erhabene Reflexionen, daß man ſie eine böſe Natur nennen konnte. Aber Madame hatte die Gabe des Widerſtands, eine ſo oft für den, welcher ſie beſitzt, unſelige Gabe, denn er zerbricht, wo ein Anderer ſich getragen hätte; eine Folge hievon war, daß ſich die Streiche und Stiche nicht auf ihr abſtumpften, wie auf dem wattir⸗ ten Gewiſſen von Marie Thereſe. Ihr Herz prallte bei jedem Angriff wieder auf, und, jenen Stößen beim Ringelſpiel ähnlich, gab Ma⸗ dame, wenn man ſie nicht ſo traf, daß ſie betäubt wurde, dem Unklugen, wer es auch ſein mochte, der gegen ſie zu ſtreiten wagte, Stoß für Stoß zurück. War dies Bösartigkeit? war es ganz einfach Schalkheit? Unſeres Erachtens find die reichen und mächtigen Naturen dieienigen, welche, dem Baum der Wiſſenſchaft ühnlich, zugleich das Gute und Böſe her⸗ vorbringen, ein doppelter, beſtändig blühender, beſtändig fruchtbarer Zweig, deſſen gute Frucht diejenigen zu unterſcheiden wiſſen, welche Hunger haben, bei dem, weil ſie ſchlecht gegeſſen, die Unnutzen und die Schma⸗ rotzer ſterben, was kein Uebel iſt. Madamo, in deren Geiſt der Plan, zweite oder vielleicht ſogar erſte Königin zu ſein, ſehr feſtſtand, machte ihr Haus angenehm durch die Converſation, durch die Begegnun⸗ gen, durch die vollkommene Freiheit, ſein Wort anzu⸗ bringen, die ſie Jedem ließ, unter der Bedingung in⸗ deſſen, daß das Wort nützlich oder hübſch war. Und, ſollte man es glauben, gerade aus dieſem Grund ſprach man vielleicht weniger bei Madame, als anderswo. Madame haßte die Schwätzer und rächte ſich grau⸗ ſam an ihnen. Sie ließ ſie ſprechen. Sie haßte auch die Anmaßung und ließ dieſen Es war dies die Krankheit von m, a⸗ us un⸗ zu⸗ in⸗ ſen und 151 Madame hatte die ungeheure Aufgabe, ihn zu heilen, unternommen. Dichter, Männer von Geiſt, ſchöne Frauen, Alles empfing ſie übrigens als erhabene Gebieterin ihrer Sklaven; träumeriſch genug inmitten dieſes muthwilli⸗ gen Treibens, um den Dichterträumer zu machen, ſtark genug durch ihre Reize, um ſelbſt unter den Schönſten zu glänzen; geiſtreich genug, daß die Merkwürdigſten ſte mit Vergnügen anhöͤrten. Man begreift, welche Welt Unterhaltungen, wie ſie bei der Prinzeſſin gegeben wurden, anziehen mußten; die Jugend ſtrömte herbei. Wenn der König jung iſt, iſt Alles jung. Man ſah auch die alten Damen, ſtarke Köpfe der Regentſchaft oder der vorhergehenden Regierung, ſchmol⸗ len; aber man antwortete auf ihr Schmollen dadurch, daß man über dieſe ehrwürdigen Damen lachte, welche den Geiſt des Regierens ſo weit getrieben, daß ſie Ab⸗ theilungen von Soldaten im Krieg der Feinde eom⸗ mandirten, um, wie Madame ſagte, nicht ganz die Herr⸗ ſchaft über die Soldaten zu verlieren. Auf den Schlag acht Uhr trat Ihre Königliche Hoheit in den großen Salon ein und traf mehrere Höflinge, welche ſchon ſeit zehn Minuten warteten. Unter allen dieſen Vorläufern der genannten Stunde ſuchte ſie denjenigen, von welchem ſie glaubte, er müſſe zuerſt von Allen gekommen ſein, aber ſte fand ihn nicht. Doch beinahe in demſelben Augenblick, wo ſie dieſe Forſchung endigte, meldete man Monſieur. Monſieur war glänzend anzuſchauen. Alle Edel⸗ ſteine des Cardinals Mazarin, wohlverſtanden diejeni⸗ gen, welche der Cardinal zu hinterlaſſen nicht umhin konnte; alle Edelſteine der Königin Mutter, ſogar einige ſeiner Frau trug Monſieur an dieſem Tag. Monſieur ſtrahlte auch wie eine Sonne. Hinter ihm, mit langſamem Schritt und mit einer vortrefflich geſpielten ſalbungsreichen Miene kam Guiche 1 7 1⁵5²2 in einem mit Silber geſtickten und mit blauen Bändern verzierten Kleid von perlgrauem Sammt.. Guiche trug überdies Mechelner Spitzen, welche in ihrer Art ſo ſchoͤn waren, als die Edelſteine von Mon⸗ ſieur in der ihrigen. 8 Seine Hutfeder war roth, Madame hatte mehrere Farben. Sie liebte das Rothe bei den Tapeten, das Graue bei den Kleidern, das Blaue bei den Blumen. So gekleidet, war Herr von Guiche von einer Schönheit, die Jedermann bemerken konnte. Eine ge⸗ wiſſe intereſſante Bläſſe, ein gewiſſes Schmachten der Augen, mattweiße Hände unter großen Spitzen, den Mund melancholiſch... man durfte in der That Herrn von Guiche nur ſehen, um zu verſtehen, daß wenige Männer am franzöſiſchen Hof ihm an Werth gleich kamen. Eine Folge hievon war, daß Monſieur, der die Anmaßung hatte, einen Stern zu verdunkeln, hätte ſich ein Stern mit ihm in Parallele geſtellt, im Gegentheil voöllig in aller Phantaſte, welche allerdings ſehr ſchweig⸗ ſame, aber auch auf ihr Urtheil ſehr ſtolze Richter find, verdunkelt wurde. Madame hatte Guiche flüchtig angeſchaut, aber ſo flüchtig auch dieſer Blick war, ſo brachte er doch eine reizende Röthe auf ihre Stirne. Madame hatte in der That Guiche ſo ſchoͤn und elegant gefunden, daß ſie beinahe die königliche Erobe⸗ rung nicht mehr beklagte, von der ſie fühlte, daß ſie ihr zu entgehen im Begriff war. 1 3 Ihr Herz ließ alſo unwillkührlich all ihr Blut nach ihren Wangen zurückfließen. Manſieur nahm nun ſeine ſtoͤrriſche Miene an und näherte ſich ihr. Er hatte die Röthe der Prinzeſſin nicht bemerkt, oder wenn er ſie bemerkt, war er weit entfernt, ſie der wahren Urſache zuzuſchreihen. „Madame,“ ſprach er, ſeiner Frau die Hand küſ⸗ 92.& 8 —— in Augen und der Schultern reichte Madame ihre ſchöne, und daß Madame ihre Hand nicht zu raſch zu denn der Herzog fügte bei: 153 ſend,„es iſt hier ein in Ungnade Gefallener, ein un⸗ glücklicher Verbannter, den ich Euch zu empfehlen über⸗ nommen habe. Ueberſeht nicht, daß er zu meinen beſten Freunden gehoͤrt, und daß Euer Empfang mich ungemein berühren wird.“ „Wer iſt der Verbannte? Wer iſt der in Ungnade Gefallene?“ fragte Madame, indem ſie umherſchaute, ebn. mehr bei dem Grafen, als bei den Andern zu ver⸗ weilen.. Dies war der Augenblick, um ſeinen Schützling vorzuſchieben. Der Prinz trat zurück und ließ Guiche vorbei, der mit einer ziemlich verdrießlichen Miene auf Madame zuſchritt und ſich vor ihr verbeugte. 1 „Wie?“ ſagte Madame, als ob ſie vom lebhafte⸗ ſten Erſtaunen ergriffen würde,„Herr von Guiche iſt der in Ungnade Gefallene, der Verbannte?“ „Ahl Ihr glaubt wohl!“ verſetzte der Prinz. „Eil man ſieht nur ihn hier,“ ſagte Madame. Pri„Ah! Madame, Ihr ſeid ungerecht,“ ſprach der rinz. ch 2 „Allerdings. Auf, verzeiht dieſem armen Jungen.“ „Ihm verzeihen, was? Was habe ich denn Herrn von Guiche zu verzeihen?“ „Ja, erkläre Dich, Guiche; was ſoll man Dir verzeihen?“ „Ah! Ihre Köͤnigliche Hoheit weiß es wohl,“ er⸗ wiederte der Graf heuchleriſch. „Gebt ihm Eure Hand, Madame,“ ſagte Philipp. „Wenn Euch das Vergnügen macht...“ Und mit einer unbeſchreiblichen Bewegung der duftende Hand dem jungen Manne, der ſeine Lippes darauf drückte. 1 Es iſt anzunehmen, daß er ſie lange darauf de „Guiche iſt nicht boshaft, Madame, und er wird Cuch ſicherlich nicht beißen.“ Dieſes Wort, das nicht ſehr witzig war, nahm man in der Gallerie zum Vorwand, um übermäßig zu lachen.. Die Lage der Dinge war allerdings bemerkens⸗ werth, und einige gute Seelen hatten ſie bemerkt. Monſteur weidete ſich noch an der Wirkung ſeines Wortes, als man den König meldete. In dieſem Moment war der Anblick des Salon derjenige, welchen wir zu ſchildern verſuchen wollen. Im Mittelpunkt, vor dem mit Blumen beladenen Kamin, befand ſich Madame mit ihren Ehrenfräulein, welche zwei Flügel bildeten, an deren Linie die Schmet⸗ terlinge des Hofes flatterten. Andere Gruppen nahmen die Fenſtervertiefungen ein und faßten in ihren bezüglichen Plätzen die Worte auf, welche aus der Hauptgruppe hervorkamen. Aus einer dieſer Gruppen, welche am naäͤchſten beim Kamin, flammte Malicorne, der auf der Stelle von Guiche und Manicamp zum Poſten des Oberauf⸗ ſehers der Gemächer erhoben worden war, Malicorne, deſſen Officiantenkleid beinahe ſeit zwei Monaten bereit lag, in ſeiner Vergoldung, und ſtrahlte auf Montalais, die äußerſte Linke von Madame, mit allem Feuer ſeiner Augen und mit dem ganzen Reſler ſeines Sammets. Madame plauderte mit Fräulein von Chatillon und Fräulein von Croqui, ihren beiden Nachbarinnen, und ſandte ein paar Worte Monſieur zu, der ſogleich verſchwand, ſobald man gemeldet: „Der König.“ Fräulein de la Vallière war, wie Montalais, auf 1 der Linken von Madame, das heißt die Vorletzte der Linie; auf ihrer Rechten hatte man Fräulein von Tonnay⸗Charente geſtellt. Sie befand ſich alſo in der Lage jener Truppencorps, deren Schwäche man muth⸗ — 155“ ird maßt, und die man zwiſchen zwei erprobte Kräfte ellt..“ hm ſ So gedeckt von ihren zwei Gefährtinnen, verbarg zu La Vallière, war ſie nun betrübt über die Abreiſe von Raoul, oder war ſie noch bewegt von den neuerdings ns⸗ vorgefallenen Ereigniſſen, welche ihren Namen in der Welt der Höflinge ſehr bekannt zu machen anfingen, nes verbarg La Valliere, ſagen wir, hinter einen Fächer ihre etwas geroͤtheten Augen und ſchien eine große lon Aufmerkſamkeit den Worten zu ſchenken, die ihr Mon⸗ . talais und Athenais abwechſelnd in das eine und in nen das andere Ohr flüſterten. ein, Als der Name des Königs erſcholl, entſtand eine ꝛet⸗ große Bewegung im Salon. Madame, als die Herrin des Hauſes, ſtand auf, gen um den königlichen Gaſt zu empfangen; doch während ſie aufſtand, ſo ſehr ſie auch in Anſpruch genommen ſein mußte, warf ſie einen Blick auf ihre Rechte, und dieſer Blick, den der anmaßende Guiche als an ſeine elle Apdreſſe abgeſandt erklärte, heftete ſich, Andem er im Kreiſe umherlief, auf la Valliére, deren lebhafte Röthe —2 2 = rne, und Aufregung ſie hatte bemerken können. reit 1 Der König trat mitten in die Gruppe, welche ais, durch eine Bewegung, die ſich natürlich vom Umkreiſe iner aus bewerkſtelligte, eine allgemeine geworden war. „. Alle Stirnen ſenkten ſich vor Seiner Majeſtät. llon Die Frauen beugten ſich, wie ſchwache, aber herrliche nen, Lilien vor König Aquilo. eich Seine Majeſtät hatte an dieſem Abend nichts He⸗ roiſches, wir moͤchten ſogar ſagen, nichts Königliches, wenn nicht ſeine Jugend und ſeine Schoͤnheit. auf„Ein gewiſſes Ausſehen lebhafter Freude und gute der Stimmung erweckte jedes Gehirn, und Jeder verſprach von ſich einen reizenden Abend, ſchon da er das Verlangen Seiner Majezät, ſich bei Madame zu beluſtigen, wahr⸗ nahm. Konnte Jemand durch ſeine Freude und durch ſeine 156 gute Laune dem König das Gleichgewicht halten, ſo th 27 war es Herr von Saint⸗Aignan, roſenfarbig, was ſei⸗ 5 nen Anzug, ſein Geſicht und ſeine Bänder betraf, roſen⸗ farbig beſonders hinſichtlich ſeiner Ideen, und Saint⸗ de Aignan hatte an dieſem Abend viele Ideen. Was allen dieſen Ideen, die in ſeinem lachenden Geiſte keimten, eine neue Blüthe verliehen hatte, war Ge der Umſtand, daß er bemerkte, Fräulein von Tonnay⸗ Charente ſei, wie er, roſenfarbig gekleidet. Wir moͤchten indeſſen nicht behaupten, der verſchmitzte Hoͤfling habe nicht zum Voraus gewußt, die ſchöne Athenais werde ſo gekleidet ſein. Er verſtand zu gut die Kunſt, einen ihr Schneider oder eine Kammerfrau uͤber die Plaͤne ihrer wi Gebieterin ſchwatzen zu machen. wo Er ſandte eben ſo viele mörderiſche Blicke an Fräu⸗ mit lein Athenais ab, als er Bandknoten an den Bein⸗ kleidern und am Wamms hatte, das heißt, er ſchoß me eine wüthende Menge ab. daf Nachdem der König Madame ſein Kompliment ge⸗ Ein macht und Madame ſich zu ſetzen aufgefordert worden zier war, bildete ſich alsbald der Kreis. Ludwig erkundigte ſich bei Monſieur nach dem Bad; Ich er erzählte, während er die Damen anſchaute, Dichter beſchäftigen ſich damit, die galante Beluſtigung der nöt Bäder von Valvins in Verſe zu bringen, und einer pro derſelben beſonders, Herr Loret, ſcheine Geſtänduiſſe an von einer Waſſernymphe erhalten zu haben, ſo viel die Wahrheit enthalten ſeine Reime. 4 es Mehr als eine Dame glaubte erroͤthen zu müſſen. bre Ludwig benützte dieſen Augenblick, um nach Ge⸗ fallen zu betrachten; Montalais allein erröthete nicht Atl genug, um den König nicht anzuſchauen und ſie ſah her ihn mit dem Blick Fräulein de la Vallière verſchlingen. dur Das kühne Ehrenfräulein, das man die Montalais nannte, zwang den König, die Augen niederzuſchlagen und ſchützte ſo Louiſe de la Vallière vor einem ſympa⸗ dißkt „ ſo ſei⸗ Fſen⸗ nint⸗ nden war nay⸗ hten jabe erde inen hrer käu⸗ ein⸗ hoß ge⸗ den ad; öter der ner iſſe viel en. Ge⸗ icht ſah en. ais gen Ha⸗ 157 thetiſchen Feuer, das ihr viellelcht durch dieſen Blick zugeſtrömt wäͤre. Ludwig wurde von Madame in Anſpruch genom⸗ men, die ihn mit Fragen überhäufte, und Niemand in der Welt wußte ſo gut zu fragen, wie ſie. Er aber ſuchte die Converſation allgemein zu machen, und damit ihm das gelinge, verdoppelte er Geiſt und Galanterie. Madame wollte Komplimente; ſie beſchloß, ſolche um jeden Preis zu entreißen, und ſie ſagte, indem ſie ſich an den König wandte: 3 „Sire, Eure Majeſtät, die Alles weiß, was in ihrem Reiche vorgeht, muß zum Voraus die Verſe wiſſen, welche ihrem Loret von jener Nymphe erzählt worden find; will uns Eure Majeſtät dieſelben wohl mittheilen?“ „Madame,“ erwiederte der Köͤnig mit vollkom⸗ mener Anmuth,„ich wage es nicht... Es iſt gewiß, daß es für Euch perſönlich nicht ergöͤtzlich wäre, gewiſſe Einzelheiten anzuhören, aber Saint⸗Aignan erzählt ziemlich gut und behält die Verſe vortrefflich im Ge⸗ dächtniß; wenn er ſie nicht behält, improviſirt er ſie. Ich bezeichne ihn Euch als verſtärkten Dichter.“ So in die Scene geſetzt, war Saint⸗Aignan ge⸗ nöthigt, ſich ſo wenig als möglich unvortheilhaft zu produciren. Zum Unglück für Madame dachte er nur an ſeine Privatangelegenheiten, nämlich ſtatt Madame die Komplimente zu ſpenden, auf die ſie hoffte, ließ er es ſich einfallen, ſich ſelbſt ein wenig mit ſeinem Glück breit zu machen. Er warf einen hundertſten Blick auf die ſchöne Athenais, welche fortwährend ihre Theorie vom vor⸗ hergehenden Tag in Anwendung brachte, das heißt, ſich durchaus nicht herbeiließ, ihren Anbeter anzuſchauen. „Sire,“ ſagte er,„Eure Majeſtät wird mir ohne Zweifel verzeihen, daß ich die von der Nymphe Loret diktirten Verſe zu wenig im Gedächtniß behalten habe; woo aber der König nichts behalten hat, was hätte ich, ein armer Gebrechlicher, thun können?“ di . Madame nahm dieſe Ausflucht des Höflings durch⸗ ei aus nicht gnädig auf. D „Ah! Madame,“ fügte Saint⸗Aignan bei,„es han⸗ G „ delt ſich heut zu Tage nicht mehr darum, was die Süß⸗ wmaſſernymphen ſagen. In der That, man wäre ver⸗ ſch ſucht, zu glauben, es gehe nichts Intereſſantes mehr in we den flüſſigen Reichen vor. Auf der Erde, Madame, ke begeben ſich die großen Ereigniſſe. Ah! auf der Erde, ih Madame, ſind es Erzählungen voll...“ D „Gut!“ verſetzte Madame,„und was geht denn S auf der Erde vor?“ „Das muß man die Dryaden fragen,“ erwiederte ve der Graf;„die Dryaden bewohnen die Bäume, wie we Eure Königliche Hoheit weiß.“ Tr „Ich weiß ſogar, daß ſie von Natur ſchwatzhaft M ſind, Herr von Saint⸗Aignan.“ ni „Das iſt wahr, Madame; aber wenn ſie neue vo ſchöne Dinge berichten, ſo hätte man Unrecht, ſie der de Schwatzhaftigkeit zu beſchuldigen.“ 3 ſei „Sie berichten alſo ſchoͤne Dinge?“ fragte mit ob gleichgültigem Ton die Prinzeſſin.„In der That, Herr von Saint⸗Aignan, Ihr erregt meine Neugierde, und vo wenn ich der König wäre, ſo würde ich Euch auf der un Stelle auffordern, uns die ſchönen Dinge zu erzählen, ihr welche die Damen Dryaden ſagen, weil Ihr allein hier ihre Sprache zu kennen ſcheint. 8 an „Ohl was das betrifft, Madame, ich ſtehe Eurer N Hoheit zu Befehl,“ erwiederte raſch der Graf. El „Er verſteht die Sprache der Dryaden?“ ſagte ga Monſteur.„Wie glücklich iſt doch dieſer Saint⸗Aignan.“ D „Wie das Franzöſiſche, Monſeigneur.“ w⸗ „Erzählt alſo,“ rief Madame. die Der König fühlte ſich verlegen; es unterlag keinem Zweifel, ſein Vertrauter würde ihn in eine ſchwierige tig Sache verwickeln. 4 6 159 Er fühlte dies an der allgemeinen Aufmerkſamkeit, die durch den Eingang von Saint⸗Aignan und die eigenthümliche Haltung von Madame erregt wurde. Die Discreteſten ſchienen bereit, jedes Wort, das der Graf hervorbringen würde, zu verſchlingen. Man huſtete, man näherte ſich einander, man ſchaute aus dem Augenwinkel gewiſſe Ehrendamen an, welche, um anſtändiger oder vielmehr mit mehr Feſtig⸗ keit, dieſen forſchenden, gewichtigen Blick zu ertragen, ihre Fächer zurecht richteten, und ſich die Haltung eines Duelliſten gaben, der gegen das Feuer ſeines Feindes Stand halten ſoll. In jener Zeit war man ſo ſehr an geiſtreiche Con⸗ verſationen und kitzliche Erzählungen gewöhnt, daß da, wo ein ganzer Salon in unſerer Zeit Scandal, Eelat, Tragödie riechen würde, die Geſellſchaft im Salon von Madame es ſich bequem machte, um nicht ein Wort, nicht eine Geberde von der zu ihren Gunſten von Herrn von Saint⸗Aignan abgefaßten Komödie zu verlieren, deren Entwicklung, wie auch der Styl und die Intrigue ſein mochte, vollkommen hinſichtlich der Ruhe und Be⸗ obachtung ſein mußten. Der Graf war als ein abgeſchliffener Mann und vortrefflicher Erzähler bekannt. Er begann alſo muthig unter einem tiefen und folglich für jeden Andern als ihn furchtbaren Stillſchweigen: „Madame, der Konig erlaubt, daß ich mich zuerſt an Eure Königliche Hoheit wende, weil ſie ſich für die Neugierigſte des Reiches erklärt; ich werde alſo die Chre haben, Eurer Hoheit zu ſagen, daß die Dryade ganz beſonders in hohlen Eichen wohnt, und da die Dryaden ſchöne mythologiſche Geſchöpfe ſind, ſo be⸗ wohnen ſie ſehr ſchöne Bäume, das heißt die dickſten, die ſie finden können.“ „Bei dieſem Eingang, der unter einem durchſich⸗ tigen Schleier an die bekannte Geſchichte bei der Kö⸗ nigseiche erinnerte, welche am letzten Abend eine ſo 160 roße Rolle geſpielt hatte, klopften ſo viele Herzen vor 3 Neend oder Bangigkeit, daß, wenn Saint⸗Aignan nicht die gute, klangreiche Stimme gehabt hätte, dieſes Klopfen der Herzen über ſeiner Stimme gehört worden wäre. „Es muß Dryaden in Fontainebleau geben, denn ich habe in meinem Leben keine ſchöneren Eichen ge⸗ ſehen, als im königlichen Park,“ ſprach die Prinzeſſin mit ruhigem Ton. 4 Und indem ſie dies ſagte, ſandte ſie an die Adreſſe von Guiche einen Blick, über den ſich dieſer nicht wie über den vorhergehenden beklagen konnte, welcher, er⸗ wähnter Maßen, eine gewiſſe Nuance von einer für ein ſo liebendes Herz ſehr peinlichen Unbeſtimmtheit be⸗ halten hatte. „Ganz richtig, von Fontainebleau wollte ich zu Eurer Hoheit reden,“ ſagte Saint⸗Aignan,„denn die Dryade, deren Erzählung uns beſchäftigt, bewohnt den Park des Schloſſes Seiner Majeſtät.“ 1 Die Sache war angeſponnen, die Handlung be⸗ gann: Zuhörer und Erzähler, Niemand konnte mehr zurückweichen..„. „Hören wir,“ ſagte Madame,„denn die Geſchichte ſieht mir aus, als hätte ſie nicht nur den Reiz einer nationalen Erzählung, ſondern auch den einer ganz gleichzeitigen Chronik.“ 3 „Ich muß mit dem Anfang beginnen,“ ſprach der Graf.„Es wohnen in Fontainebleau in einer Hütte von ſchönem Ausſehen Schäfer.“ 3 „Der Eine iſt der Schäfer Tiocis, dem durch Erb. ſchaft von ſeinen Eltern die reichſten Grundſtücke ge⸗ hoͤren.“ „Tiocis iſt jung und ſchöͤn, und ſeine Eigenſchaften machen aus ihm den erſten Schäfer der Gegend. Man kann alſo kühn ſagen, es ſei der König.“ 3 Ein leiſes Gemurmel des Beifalls ermuthigte den Erzähler, und dieſer fuhr alſo fort: 5 3 16¹1 „Seine Kraft kommt ſeinem Muthe gleich, Nie⸗ mand hat mehr Gewandtheit bei der Jagd auf wilde Thiere, Niemand mehr Weisheit im Rathe. Tummelt er ein Pferd auf den ſchönen Ebenen ſeines Erbgutes, führt er bei den Spielen der Geſchicklichkeit und der Stärke die Schäfer an, die ihm gehorchen, ſo ſollte man glauben, es ſei Gott Mars, der auf den Ebenen von Thracien ſeine Lanze ſchwinge, oder beſſer Apollo, der Gott des Tags, wenn er mit ſeinen entflammten Pfeilen auf die Erde ſtrahlt.“ Jeder begreift, daß dieſes allegoriſche Portrait des Koͤnigs nicht der ſchlechteſte Eingang war, den der Er⸗ zähler hatte wählen können. Er verfehlte auch ſeine Wirkung weder auf die verſammelte Geſellſchaft, welche, aus Vergnügen oder aus Pflicht, auf das Geräuſch⸗ vollſte Beifall klaſchte, noch auf den König ſelbſt, dem das Lob ſehr geſiel, wenn es delikat, und nicht immer mißfiel, ſogar wenn es ein wenig übertrieben war. Saint⸗Aignan fuhr fort: „Meine Damen, nicht allein bei den Spielen des Ruhmes hat ſich Tiocis den Ruf erworben, der ihn- zum König der Schäfer macht.“ „Der Schäfer von Fontainebleau,“ ſagte der Koͤnig, Madame zulaͤchelnd. „Ohl“ rief Madame,„Fontainebleau iſt vom Dich⸗ terr willkührlich gewählt worden; ich ſage: der Schäfer der ganzen Welt.“ Der König vergaß ſeine Rolle als paſſiver Zuhörer und verbeugte ſich. Saint⸗Aignan aber fuhr unter einem ſchmeichel⸗ haften Gemurmel fort: „Bei den Schoͤnen beſonders offenbart ſich das Verdienſt dieſes Königs der Schäfer am Klarſten. Es iſt ein Schäfer von feinem Geiſt und reinem Herzen; er weiß eine Artigkeit mit einer Anmuth zu ſagen, welche unwiderſtehlich entzückt, er weiß mit einer Dis⸗ Die drei Musketiere, Bragelonne, Vi. 11 162 cretion zu lieben, die ſeinen liebenswürdigen und glück⸗ lichen Eroberungen das beneidenswertheſte Loos verheißt. Nie ein Aufſehen, nie ein Vergeſſen. Wer Tiocis ge⸗ ſehen und gehört hat, muß ihn lieben; wer ihn liebt und von ihm geliebt wird, hat das Glück gefunden.“ 1 Saint⸗Aignan machte eine Pauſe; er weidete ſich an dem Vergnügen der Komplimente, und dieſes Por⸗ trait, ſo gar keck und ſchwülſtig es auch war, hatte Gnade vor gewiſſen Ohren gefunden, beſonders bei denjenigen, für welche die Verdienſte des Schäfers durchaus nicht übertrieben ſchienen. Madame forderte den Erzähler auf, fortzufahren: „Tiocis,“ ſagte der Graf,„hatte einen treuen Ge⸗ fährten, oder vielmehr einen ergebenen Diener Namens ... Amyntas.“ „Ahl gebt uns nun das Portrait von Amyntas,“ rief die Prinzeſſin boshafter Weiſe:„Ihr ſeid ein ſo guter Maler, Herr von Saint⸗Aignan.“ „Madame.“ „Ohl Graf von Saint⸗Aignan, ich bitte Euch, opfert dieſen armen Amyntas nicht auf! ich würde es Euch nie vergeben.“ „Madame, Amyntas iſt von einer zu untergeord⸗ neten Stellung, beſonders gegen Tiocis, als daß ſeiner Ehre die Ehre einer Parallele zu Theil werden könnte. Es iſt mit gewiſſen Freunden, wie mit jenen Dienern des Alterthums, welche ſich lebendig zu den Füßen ihres Herrn begraben ließen. Zu den Füßen von Tiocis, da iſt der Platz von Auyna er verlangt keinen an⸗ dern; und wenn zuweilen die ochherrlichen Helden... „Der hochherrliche Schäfer, wollt Ihr ſagen,“ ſagte Madame, die ſich den Anſchein gab, als wollte ſie Saint⸗Aignan verbeſſern. „Eure Hoheit hat Recht! ich täuſchte mich,“ er⸗ wiederte der Höfling;„ich ſage, wenn der Schäfer Tiocis ſich zuweilen herablaſſe, Amyntas ſeinen Freund zu nennen und ihm ſein Herz zu eröffnen, ſo ſei dies 163 eine unvergleichliche Huld, auf die dieſer einen Werth lege, wie auf die höchſte Glückſeligkeit.“ 4 „Dies Alles,“ unterbrach ihn Madame,„begründet die unbeſchränkte Ergebenheit von Amyntas für Tiocis, gibt uns aber nicht das Portrait von Amyntas. Graf⸗ ſchmeichelt ihm nicht, wenn Ihr wollt; aber malt ihn uns, ich will das Portrait von Amyntas haben.“— Nachdem er ſich tief vor der Schwägerin Seiner Majeſt verbeugt hatte, ergab ſich Saint⸗Aignan und prach: „Amyntas iſt ein wenig älter als Tiocis; er iſt kein von der Natur ganz ungnädig behandelter Schäfer, man ſagt ſogar, die Muſen haben ihm bei ſeiner Geburt wohlwollend zugelächelt, wie Hebe der Jugend zulächelt. Er hat nicht den Ehrgeiz, zu glänzen, er hat den, ge⸗ liebt zu werden, und er wäre deſſen vielleicht nicht unwürdig, wenn man ihn kennen würde.“ Verſtärkt durch einen mörderiſchen Blick, wurde dieſer letzte Paragraph ganz an Fräulein von Tonngy⸗ Charente abgeſandt, die den Anfall, ohne ſich zu rüh⸗ ren, aushielt. Doch die Beſcheidenheit und die Gewandtheit der Anſpielung hatten eine gute Wirkung hervorgebracht; Amyntas ſammelte die Früchte davon in lauten Bei⸗ fallsäußerungen, der Kopf von Tiocis ſelbſt gab das Signal dazu durch eine Beipflichtung voll Wohl⸗ wollen. Saint⸗Aignan fuhr fort: „Tiocis und Amyntas gingen nun eines Abends in Wald ſpazieren und ſpulichen über ihren Liebeskummer. Bemerkt wohl, meine Damen, daß dies ſchon die Er⸗ zählung der Dryape iſt; hätte man ſonſt erfahren können, was Tiocis und Amyntas, die zwei Verſchwie⸗ genſten von allen Schäfern der Erde, ſagten? Sie be⸗ gaben ſich nach der buſchreichſten Stelle des Waldes, um ſich abzuſondern und ſich freier ihre Leiden anzu⸗ 164 vertrauen, als plötzlich ein Geräuſch von Stimmen ihre Ohren traf. „Ahl ahl“ machte ein Zuhörer des Erzählers. „Das wird äußerſt intereſſant.“ Aehnlich dem aufmerkſamen General, der ſeine Armee inſpicirt, richtete hier Madame mit einem Blick Montalais und Tonnay⸗Charente auf, welche der An⸗ ſtrengung beinahe erlagen. „Dieſe harmoniſchen Stimmen,“ ſprach Saint⸗ Aignan,„waren die von einigen Schäferinnen, welche auch die Kühle der Schatten hatten genießen wollen, und, da ſie den verborgenen, beinahe unzugänglichen Ort kannten, ſich hier verſammelt hatten, um einige Ideen über die Schäferei zu beſprechen.“ Ein ungeheures Gelächter, durch dieſen Satz von Saint⸗Aignan hervorgerufen, ein unmerkliches Lächeln des Köonigs, der Tonnay⸗Charente anſchaute, das waren die Reſultate des Ausfalls. „Die Dryade verſichert,“ fuhr Saint⸗Aignan fort, „die Schäferinnen ſeien zu drei geweſen und zwar alle drei jung und ſchön.“ „Ihre Namen?“ fragte Madame. „Ihre Namen!“ erwiederte Saint⸗Aignan, der ſich gegen dieſe Indiscretion bäumte. „Allerdings. Ihr habt Eure Schäfer Tiocis und Amyntas genannt; nennt Eure Schäferinnen auf irgend eine Art.“ „Ohl Madamo, ich bin kein Erfinder, ich erzählte unter dem Diktat der Dryade.“ „Wie nannte Eure Dryade dieſe Schäferinnen? Das iſt in der That ein ſehr widerſpenſtiges Gedächt⸗ niß! Dieſe Dryade war alſo mit der Goͤttin Mnemo⸗ ſyne entzweit.“ „Madame, dieſe Schäferinnen. Vergeßt nicht, daß Namen von Frauen offenbaren ein Verbrechen iſt. „Von dem eine Frau Euch freiſpricht, Graf, unter 16⁵ der Bedingung, daß Ihr uns die Namen der Schä⸗ ferinnen nennt.“ „Sie heißen Philis, Amaryllis und Galathe.“ „Ah! gut, ſie haben durch das Wartenlaſſen nicht verloren,“ ſagte Madame,„das ſind drei reizende Na⸗ men. Nun die Portraits?“ Saint⸗Aignan machte abermals eine Bewegung. „Oh! ich bitte Euch, gehen wir der Ordnung nach zu Werke, Graf,“ ſprach Madame,„nicht wahr, Sire, wir müſſen das Portrait der Schäferinnen haben?“ Der König, der dieſes beharrliche Auffordern er⸗ wartete und eine unbeſtimmte Unruhe zu fühlen anfing, glaubte ein ſo gefährliches Verhör nicht anſtacheln zu müſſen. Er dachte übrigens, Saint⸗Aignan würde bei ſeinen Portraits Gelegenheit finden, einige zarte Züge einſchlüpfen zu laſſen, welche die Ohren benützen wür⸗ den, die Seine Majeſtät zu reizen im Intereſſe hatte. In dieſer Hoffnung, mit dieſer Furcht geſtattete Ludwig Herrn von Saint⸗Aignan, das Portrait der Schäfe⸗ rinnen Philis, Amaryllis und Galathe zu entwerfen. „Gut, es ſei!“ ſprach Saint⸗Aignan, wie ein Menſch, der ſeinen Entſchluß faßt; und er begann, in⸗ dem er einen herausfordernden Blick auf Montalais warf, ungefähr, wie es bei einem Contrefechten ein Fechtmeiſter thut, der einen ſeiner würdigen Neben⸗ buhler ſich auszulegen auffordert. „Philis iſt weder braun noch blond, weder groß noch klein, weder kalt noch überſpannt; ſie iſt, obgleich eine Schäferin, geiſtreich wie eine Prinzeſſin, und ge⸗ fallſüchtig wie ein Dämon.“ „Ihr Geſicht iſt vortrefflich. Alles, was ihr Ge⸗ ſicht umfaßt, begehrt ihr Herz. Sie iſt wie ein Vogel, der, beſtändig zwitſchernd, bald den Raſen ſtreift, bald einem Schmetterling nachflatternd ſich emporſchwingt, bald ſich auf den höchſten Aſt eines Baumes ſetzt, und 166 von da alle Vogelfaͤnger herausfordert, daß ſie ihn entweder fangen, oder in ihre Netze fallen machen.“ Das Portrait war ſo ähnlich, daß Aller Blicke ſich auf Montalais richteten, welche, das Auge aufgeweckt, die Naſe im Wind auf Herrn von Saint⸗Aignan horchte, als ob von einer ihr gänzlich fremden Perſon die Rede waͤre. „Iſt das Alles, Herr von Saint⸗Aignan?“ fragte die Prinzeſſin. „Oh! Eure Hoheit, das Portrait iſt nun ſkizzirt, und es wären viele Dinge zu ſagen. Aber ich be⸗ fuͤrchte, die Geduld Eurer Hoheit zu ermüden oder die Beſcheidenheit der Schäferin zu verletzen, und gehe daher auf ihre Gefährtin Amaryllis über.“ „Gut,“ ſprach Madame,„geht auf Amaryllis über, Herr von Saint⸗Aignan, wir folgen Euch.“ „Amaryllis iſt die Aelteſte von den Dreien„ und dennoch,“ fügte Saint⸗Aignan raſch bei,„und dennoch erreicht dieſes hohe Alter nicht zwanzig Jahre.“ Die Stirne von Fräulein von Tonnay⸗Charente, die ſich beim Beginne dieſer Erzäͤhlung gefaltet hatte, entfaltete ſich wieder mit einem leichten Lächeln. „Sie iſt groß und beſitzt ungeheure Haare, die ſie nach der Weiſe der Statuen Griechenlands knüpft; ihr Gang iſt majeſtätiſch und ihre Geberde ſtolz: ſie hat auch vielmehr das Ausſehen einer Göttin, als einer einfachen Sterblichen, und unter den Göttinnen iſt die⸗ jenige, welcher ſie am meiſten gleicht, Diana, die Jä⸗ gerin, nur mit dem Unterſchied, daß die grauſame Schäferin, die einſt Cupido, während er in einem Roſengebüſch ſchlief, den Liebesköcher geſtohlen, ſtatt ihre Pfeile auf die Gäſte des Waldes zu richten, ſie unbarmherzigh auf alle die armen Schäfer abſendet, welche im Bereiche ihres Bogens und ihrer Augen vor⸗ überkommen.“ „Ohl die boshafte Schäferin,“ rief Madame,„wird ſie ſich nicht eines Tages mit einem der Pfeile ver⸗ ——ðMAA d¼ 167 wunden, die ſie ſo unbarmherzig nach rechts und links abſendet?“ 3 „Das iſt die Hoffnung aller Schäfer im Allge⸗ meinen,“ antwortete Saint⸗Aignan. „Und die von Amyntas insbeſondere, nicht wahr?“ ſagte Madame. „Der ſchöne Amyntas iſt ſo ſchüchtern,“ erwiederte Saint⸗Aignan mit der beſcheidenſten Miene, die er an⸗ zunehmen im Stande war,„daß, wenn er dieſe Hoff⸗ nung hegt, nie ein Menſch etwas davon erfahren hat, denn er verbirgt ſie in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens.“ Ein äußerſt ſchmeichelhaftes Gemurmel wurde die⸗ ſem Glaubensbekenntniß des Erzählers in Beziehung auf den Schäfer zu Theil. „Und Galathe,“ fragte Madame,„ich bin ſehr be⸗ gierig, eine ſo geſchickte Hand das Portrait, wo Virgil es gelaſſen hat, aufnehmen und vor unſern Augen voll⸗ enden zu ſehen.“ „Madame,“ erwiederte Saint⸗Aignan,„gegen den großen Virgilius Maro iſt Euer unterthäniger Diener nur ein ſehr armer Dichter. Durch Euern Befehl er⸗ muthigt, werde ich jedoch mein Möglichſtes thun.“ „Wir hören,“ ſagte Madame. Saint⸗Aignan ſtreckte den Fuß, die Hand und die Lippen vor und ſprach: „Weiß wie die Milch, golden wie die Aehren ſtrömt ſie in die Luft die Wohlgerüche ihres blonden Haares aus. Dann fragt man ſich, ob es nicht jene ſchöne Europa ſei, welche Jupiter Liebe einflößte, als ſie mit ihren Gefährtinnen auf den blüthenreichen Binſen ſpielte.“ „Aus ihren Augen, die ſo blau find, wie das Azur des Himmels in den ſchönſten Sommurtagen, fällt eine ſanfte Flamme, die Träumerei nährt ſie, die Liebe gibt ſie aus. Wenn ſie die Stirne faltet, oder ihr Haupt zur Erde neigt, verſchleiert ſich die Sonne, zum Zeichen der Trauer.“ 168 „Wenn ſte lächelt, nimmt im Gegentheil die ganze Natur ihre Freude wieder auf, und, einen Augenblick ſtumm, beginnen die Vögel ihre Lieder wieder im Schoße der Bäume.“ „Dieſe beſonders,“ ſprach Saint⸗Aignan, um zu endigen,„dieſe beſonders iſt der Anbetung der Welt würdig, und wenn ſie je ihr Herz verſchenkt, glücklich der Sterbliche, aus dem ihre jungfräuliche Liebe einen Gott zu machen ſich herbeilaſſen wird.“ Indem Madame, wie alle Andern, auf dieſes Por⸗ trait horchte, beſchränkte ſie ſich darauf, daß ſie ihre Billigung bei den poetiſchſten Stellen durch ein Nicken mit dem Kopf bezeichnete, aber es ließ ſich unmöglich ſagen, ob dieſe Zeichen der Beipflichtung dem Talent des Erzählers oder der Aehnlichkeit bes Portraits ge⸗ ſpendet wurden. Dadurch, daß Madame nicht offen Beifall zollte, kam es, daß Niemand zu klatſchen ſich erlaubte, nicht einmal Monſteur, der im Grunde ſeines Herzens fand, Saint⸗Aignan lege ein zu großes Gewicht auf die Por⸗ traits der Schäferinnen, nachdem er etwas raſch über die Portraits der Schaͤfer weggegangen. Die Verſammlung ſchien daher eiskalt. Saint⸗Aignan, der ſeine Rhetorik und ſeinen Pin⸗ ſel erſchöpft hatte, um das Portrait von Galathe aus⸗ umalen, und der nach der günſtigen Aufnahme, der ch die anderen Stücke zu erfreuen gehabt, für das letzte einen Beifallsſturm zu hören erwartete,— Saint⸗ Aignan war noch eiſiger, als der König und die ganze Geſellſchaft. 4 4 Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, der von Madame mit der Frage unterbrochen wurde: „Nun, Sire, was ſagt Euer Majeſtät zu dieſen drei Portraits?“ 4 Der König wollte Saint⸗Aignan, ohne ſich eine Blöße zu geben, zu Hülfe kommen, und erwiederte: „Meiner Anſicht nach iſt Amaryllis ſchön.“ 169 „Ich, ich liebe Philis mehr,“ ſagte Monſteur, „es iſt ein gutes Mädchen, oder vielmehr ein guter Junge von einer Nymphe.“ Jeder lachte. Diesmal wurden die Blicke ſo unmittelbar, daß Montalais die Röthe in veilchenblauen Flammen ſich zu Geſicht ſteigen fühlte. „Dieſe Schäferinnen ſagten ſich alſo?“ fragte Ma⸗ dame. Aber in ſeiner Citelkeit verletzt, war Saint⸗Aignan nicht im Stande, einen Angriff von friſchen, ausge⸗ ruhten Truppen auszuhalten. „Madame,“ ſprach er,„dieſe Schäferinnen ge⸗ ſtanden ſich gegenſeitig ihre kleinen Neigungen.“ „Auf, auf, Herr von Saint⸗Aignan, Ihr ſeid im Strom ſchäferlicher Poeſie,“ ſagte Madame mit einem liebenswürdigen Lächeln, das dem Erzähler „wieder etwas Stärke verlieh. „Sie ſagten ſich, die Liebe ſei eine Gefahr, doch die Abweſenheit der Liebe ſei der Tod des Herzens.“ „Und ſomit ſchloßen ſie?“ fragte Madame. „Somit ſchloßen ſie, man müſſe lieben!“ „Sehr gut! Stellten ſie dabei Bedingungen?“ „Die Bedingung, zu wählen,“ antwortete Saint⸗ Aignan.„Ich muß ſogar beifügen— die Dryade ſpricht— daß eine von den Schäferinnen, Amaryllis, glaube ich, ſich förmlich dem widerſetzte, daß man liebe, und dennoch vertheidigte ſie ſich nicht zu ſehr dagegen, daß ſie habe bis zu ihrem Herzen das Bild eines ge⸗ wiſſen Schäfers dringen laſſen.“ „Amyntas oder Tiocis?“ „Amyntas, Madame,“ erwiederte Saint⸗Aignan beſcheiden.„Aber ſogleich entgegnete Galathe, die ſanfte Galathe mit den grünlichblauen Augen, weder Amyntas, noch Alpheſibeus, noch Titycus, noch irgend einer der ſchönſten Schäfer der Gegend könne mit Tio⸗ eis verglichen werden, Tiocis verdunkle alle Männer, 170 wie die Eiche durch ihre Größe alle Bäume, die Lilie alle Blumen verdunkle. Sie entwarf ſogar von Tiocis ein ſolches Portrait, daß ſich Tiocis, der ihr zuhorchte, trotz ſeiner Größe wahrhaft geſchmeichelt fühlen mußte. So waren Tiocis und Amyntas von Philis und Ga⸗ lathe ausgezeichnet worden. So wurde das Geheimniß der zwei Herzen unter dem Schatten der Nacht und im Geheim des Waldes enthüllt.“ „ Dies iſt es, Madame, was mir die Dryade er⸗ hat, ſie, die Alles weiß, was in der Höhlung der Eichen und im Buſchwerk des Graſes vorgeht; ſte, die ddie Liebſchaften der Vögel kennt, die da weiß, was ihre Geſänge beſagen wollen; ſie endlich, die die Sprache des Windes in den Zweigen und das Geſumme der Kä⸗ fer von Gold oder Smaragd im Kelch der wilden Blu⸗ men verſteht; ſie hat es mir wieder geſagt und ich wiederhole es.“ „Und nun ſeid Ihr zu Ende, nicht wahr, Herr von Saint⸗Aignan?“ fragte Madame mit einem Lächeln, das den König beben machte. 1 „Ich bin zu Ende, ja, Madame,“ antwortete Saint⸗ Aignan,„und glücklich, wenn ich Eurer Königlichen Hoheit eine Zerſtreuung von einigen Augenblicken habe bereiten können.“ „Zu kurze Augenblicke,“ ſagte Madame,„denn Ihr habt Alles, was Ihr wißt, vortrefflich erzählt; doch, mein lieber Herr von Saint⸗Aignan, Ihr habt das Unglück gehabt, Euch nur bei einer einzigen Dryade zu erkundigen, nicht wahr?“ 4 4 „ Ja, Madame, ich geſtehe es, nur bei einer ein⸗ zigen.“— „Daraus geht hervor, daß Ihr an einer kleinen, unſcheinbaren Najade vorübergegangen ſeid, die noch ganz andere Dinge wußte, als Eure Dryade, mein lieber Graf.“ „Eine Najade,“ wiederholten mehrere Stimmen, 171 welche zu vermuthen anfingen, es werde die Geſchichte eine Fortſetzung haben. ¹ „Allerdings, neben der Eiche, von der Ihr ſprecht und die, wenigſtens wie ich glaube, die Königseiche ge⸗ nannt wird, nicht wahr, Herr von Saint⸗Aignan?“ Saint⸗Aignan und der König ſchauten ſich an. „Ja, Madame,“ antwortete Saint⸗Aignan. „Nun denn! es iſt dort eine hübſche kleine Quelle, welche, inmitten von Mäuſeöhrchen und Maßliebem über die Kieſelſteine hin murmelt.“ „Ich glaube, Madame hat Recht,“ ſagte der Kö⸗ nig, der immer voll Bangigkeit an den Lippen ſeiner Schwäͤgerin hing. „Oh! ich ſtehe Euch dafür,“ rief Madame,„und zum Beweiſe dient, daß die Najade, welche dieſe Quelle beherrſcht, mich auf dem Wege angehalten hat, mich, die ich mit Euch ſpreche.“ „Bah!“ machte Saint⸗Aignan. „Ja,“ fuhr die Prinzeſſin fort,„und zwar, um mir eine Menge von Dingen mitzutheilen, die Herr von Saint⸗Aignan in ſeiner Erzählung nicht vorge⸗ bracht hat.“ „Oh! erzählt das ſelbſt,“ rief Monſieur,„Ihr er⸗ zählt auf eine ſo reizende Weiſe.“ Die Prinzeſſin verbeugte ſich vor dem ehelichen Kompliment. „Ich werde nicht die Poeſte und das Talent des Grafen haben, um alle Einzelnheiten gehörig hervor⸗ zuheben.“ „Man wird Euch nicht mit geringerem Intereſſe zuhoͤren,“ ſagte der König, der zum Voraus etwas Feindſeliges in der Erzählung ſeiner Schwägerin fühlte. „Ich ſpreche übrigens im Namen der armen klei⸗ nen Najade, welche wohl die reizendſte Halbgöttin iſt, die ich je gefunden,“ fuhr Madame fort.„Sie lachte aber dergeſtalt während ihrer Erzählung, daß ich Euch kraft des mediciniſchen Arioms; das Lachen iſt an⸗ ſteckend, um Erlaubniß bitte, ſelbſt ein wenig lachen zu dürfen, wenn ich mich ihrer Worte erinnere.“ Der Koͤnig und Saint⸗Aignan, die auf vielen Ge⸗ ſichtern einen Anfang von Heiterkeit, der ähnlich, welche Madame verkündigte, ſich verbreiten ſahen, ſchauten ſich am Ende einander an, und fragten ſich mit dem Blick, ob hierunter nicht eine kleine Verſchwörung ſtecke. Madame war aber feſt entſchloſſen, das Meſſer in ader Wunde um und umzudrehen; ſie fuhr auch mit ihrer Miene naiver Unſchuld, das heißt, mit der gefährlich⸗ ſten aller ihrer Mienen fort: „Ich ging alſo dort durch; und da ich unter mei⸗ nen Fichten viele friſch erſchloſſene Blumen fand, ſo unterliegt es keinem Zweifel, daß Philis und Amaryl⸗ lus und alle Eure Schaferinnen von mir auf demſel⸗ ben Weg gegangen waren.“— Der König biß ſich auf die Lippen: die Erzählung wurde immer bedrohlicher. „Meine kleine Najade girrte ihr Liedchen am Bette ihres Bächleins; als ich ſah, daß ſie ſich, indem ſie den untern Theil meines Kleides berührte, mir nähern woollte, ſiel es mir nicht ein, ſie ſchlimm zu empfangen und dies um ſo mehr, als im Ganzen eine Göttin, mag ſie auch nur zweiten Rangs ſein, immer mehr werth iſt, als eine ſterbliche Prinzeſſin. Ich redete die Najade an, und ſie ſagte mir Folgendes, indem ſie in ein Gelächter ausbrach: 4 „„Stellt Euch vor, Prinzeſſin.““ Ihr begreiſt, Sire, die Najade ſpricht.“. Der König machte ein bejahendes Zeichen. Ma⸗ dame fuhr fort: „„Stellt Euch vor, Prinzeſfin, daß die Ufer mei⸗ nes Baches vorhin Zeugen eines äußerſt beluſtigenden Schauſpiels geweſen ſind. Zwei neugierige Schäfer, neugierig bis zur Indiscretion, haben ſich auf eine er⸗ götzliche Weiſe durch drei Nymphen oder drei Schäfe⸗ rinnen myſtificiren laſſen.““ Ich bitte Euch um Ver⸗ 4 chen Ge⸗ lche uten dem ecke. r in hrer lich⸗ mei⸗ „ ſo tryl⸗ nſel⸗ lung Zette ſie hern ngen ttin, nehr edete n ſie reift, Ma⸗ mei⸗ nden äfer, 1 er⸗ äfe⸗ Ver⸗ 173 eihung, ich weiß nicht mehr, ob ſie Nymphen oder Schafteinnen geſagt hat. Doch gleichviel, nicht wahr? Weiter alſo.“ 8 Bei dieſem Eingang erröthete der König ſichtbar, und Saint⸗Aignan, der ganz die Faſſung verlor, fing an, die Augen auf das Allerängſtlichſte zu verdrehen. „„Die zwei Schäfer,““ fuhr meine kleine Najade immer lachend fort,„„folgten der Spur der drei Fräu⸗ lein,““ nein, ich will ſagen, der drei Nymphen, ver⸗ zeiht, ich täuſche mich, der drei Schäferinnen. Das iſt nicht immer vernünftig, und es kann diejenigen be⸗ läſtigen, welchen man folgt. Ich appellire an alle dieſe Damen, und nicht eine von den anweſenden wird mich Lügen ſtrafen, deſſen bin ich gewiß.“ Sehr in Angſt uber das, was nun kommen ſollte, ſtimmte der König mit der Geberde bei. „„Aber,““ fuhr die Najade fort,„„die Schäferin⸗ nen hatten Tiocis und Amyntas in das Gehöͤlze ſchlei⸗ chen ſehen; und mit Hülfe des Mondes hatten ſie die⸗ ſelben durch die Baumgruppen erkannt.““ Ohl Ihr lacht,“ unterbrach ſich Madame.„Wartet, wartet, Ihr ſeid noch nicht beim Ende.“ Der Koͤnig erbleichte, Saint⸗Aignan wiſchte ſich ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne ab. Es war in den Gruppen der Frauen ein kleines unterdrücktes Gelächter, verſtohlenes Geflüſter be⸗ merkbar. „„Die Schäferinnen,““ ſagte ich,„„als ſie die In⸗ discretion der Schäfer wahrnahmen, ſetzten ſich an den Fuß der Königseiche, und als ſie fuͤhlten, daß ihre un⸗ beſcheidenen Horcher ihre Stellung ſo genommen hat⸗ ten, daß ſie kein Wort von dem verloren, was geſagt werden würde, richteten ſie an dieſelben auf das Aller⸗ unſchuldigſte der Welt eine entflammende Erklärung, deren Ausdrücke die aller Menſchen, und ſelbſt den ſentimentalſten Schäferu natürliche Eitelkeit ſüß wie Honigſtrahlen für die zwei Zuhoͤrer erſcheinen ließ.“ℳ 174 Bei dieſen Worten, welche die Verſammlung nicht ohne zu lachen anhören konnte, ließ der König einen Blitz aus ſeinen Augen hervorſpringen. Ja Saint⸗Aignan aber ſenkte ſeinen Kopf auf ſeine kei Bruſt. Und unter einem bitteren Gelächter ſeinen Aer⸗ die ger verbergend, ſagte der König, indem er ſich in ſei⸗ Ar ner ganzen Höhe aufrichtete: ge „Ahl das iſt bei meinem Wort ein ganz reizender 15 Scherz, und von Euch, Madame, auf eine nicht minder 8 reizende Weiſe erzählt; aber habt Ihr denn auch wirk⸗ lai lich die Sprache der Najaden verſtanden?“ 6„Der Graf behauptet wohl, er habe die der Drya⸗ tal den verſtanden,“ antwortete Madame lebhaft. „Allerdings,“ ſprach der König,„doch Ihr wißt, es iſt eine Schwäche des Grafen, daß er auf die Ara⸗ nie 8 4 demie abzielt; zu dieſem Behufe hat er alle Arten von Dingen gelernt, die Ihr zum Glück nicht wißt, und moͤglicher Weiſe könnte die Sprache der Waſſernymphe au zu der Zahl der Dinge gehören, die Ihr nicht ſtudirt Be habt.“ „Ihr begreift, Sire,“ erwiederte Madame,„bei iſt ſolchen Umſtänden verläßt man ſich nicht auf ſich allein. riſ Das Ohr eines Weibes iſt nichts Unfehlbares, ſagt ia der heilige Auguſtin; ich wollte mich auch durch andere 1 Anſichten, als die meinige, erleuchten, und da meine be Najade, die in ihrer Eigenſchaft als Göttin Polyglot⸗ un tin iſt... ſagt man nicht ſo, Herr von Saint⸗Aignan?“ „Ja, Madame,“ antwortete Saint⸗Aignan, aus d der Faſſung gebracht. „Und da meine Najade, die in ihrer Eigenſchaft als Göttin Polyglottin iſt, Anfangs Engliſch mit mir de ſprach, ſo befürchtete ich, wie Ihr ſagt, ſchlecht ver⸗ fal ſtanden zu haben, ließ die Fräulein von Tonnay⸗Cha⸗ Eoë rente, Montalais und La Vallière kommen, und bat En meine Najade, nun in franzöſiſcher Sprache die Erzäh⸗ 5 zu wiederholen, die ſie mir ſchon Engliſch gemacht Gh e.“ 5 icht nen eine ler⸗ ſei⸗ nder nder irk⸗ ya⸗ ißt, lea⸗ von und phe dirt „bei lein. ſagt dere eine lot⸗ n 2ℳ aus haft mir ver⸗ Lha⸗ bat zäh⸗ acht 175 „Und ſie that es?“ fragte der König. „Ohl es iſt die gefälligſte Gottheit, die eriſtirt. Ja, Sire, ſie wiederholte die Erzählung. Somit bleibt kein Zweifel mehr. Nicht wahr, meine Fräulein,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie ſich nach der Linken ihrer Armee wandte,„nicht wahr, die Najade hat ganz ſo geſprochen, wie ich erzähle, und ich habe mich auf keine Art gegen die Wahrheit verfehlt. Philis?.... Verzeiht, ich täuſche mich, Fräulein Aure von Monta⸗ lais, iſt es ſo?“ „Oh!l ganz und gar, Madame,“ antwortete Mon⸗ talais mit völlig feſtem Ton. „Es iſt ſo, Fräulein von Tonnay⸗Charente?“ „Die reine Wahrheit,“ antwortete Athenais mit nicht minder feſter, aber weniger verſtändlicher Stimme. „Und Ihr, La Vallière?“ fragte Madame. Die Arme fühlte den glühenden Blick des Königs auf ſich gerichtet; ſie wagte es nicht, zu leugnen, ſie wagte es nicht, zu lügen, und ſenkte den Kopf zum Zeichen der Beiſtimmung. Nun erhob ſich ihr Kopf nicht wieder, halb ver⸗ eiſt, wie ſie war, durch eine Kälte, die noch ſchmerz⸗ licher, als die des Todes. Dieſe dreifache Zeugſchaft ſchlug den König nie⸗ der. Was Saint⸗Aignan betrifft, ſo machte er nicht einmal einen Verſuch, ſeine Verzweiflung zu verbergen, und er ſtammelte, ohne zu wiſſen, was er ſagte: „Ein vortrefflicher Scherz! gut geſpielt! meine Damen Schäferinnen.“ „Eine gerechte Strafe für die Neugierde,“ ſprach der König mit heiſerer Stimme. Oh! wem würde es nach der Beſtrafung von Tiocis und Amyntas ein⸗ fallen, erlauſchen zu wollen, was in den Herzen der Schäferinnen vorgeht? Mir ſicherlich nicht... und Euch, meine Herren?“ „Mir auch nicht! mir auch nicht!“ wiederholte im Chor die Gruppe der Höflinge, 176 Madame triumphirte über dieſen Verdruß des Kö⸗ nigs; ſie ergötzte ſich ungemein, denn ſie glaubte, ihre Erzählung ſei die Entwicklung von Allem geweſen, oder ſie müßte dies ſein. Monſieur aber, der über dieſe doppelte Erzählung gelacht hatte, ohne etwas davon zu verſtehen, wandte ſich an Guiche und ſprach: „Nun! Graf, Du ſagſt nichts, Du findeſt alſo nichts zu ſagen? Sollteſt Du zufällig die Herren Tio⸗ cis und Amyntas beklagen?“ „Ich beklage ſie von ganzer Seele,“ antwortete Guiche;„denn, in der That, die Liebe iſt eine ſo ſüße Chimäre, daß ſie verlieren, obgleich es eine Chimäre iſt, mehr als das Leben verlieren heißt. Wenn alſo dieſe beiden Schäfer geliebt zu ſein geglaubt haben, wenn ſie ſich glücklich gefühlt, und ſtatt dieſes Glückes nicht nur die Leere finden, die dem Tode gleichkommt, ſon⸗ dern auch eine Verſpottung der Liebe, die ſo viel iſt, als ein hunderttauſendfacher Tod... Nun, ich ſage, Tiocis und Amyntas ſind die zwei unglücklichſten Men⸗ ſchen, die ich kenne.“ „Und ihr habt Recht, Herr von Guiche,“ ſprach der König,„denn der Tod iſt am Ende ſehr hart für ein wenig Neugierde.“ „Damit iſt alſo geſagt, die Geſchichte meiner Neu⸗ gierde habe dem König mißfallen?“ fragte Madame naiv. „Oh! Madame, Ihr täuſcht Euch,“ antwortete Ludwig, indem er die Hand der Prinzeſſin nahm,„Eure Neugierde hat mir um ſo mehr gefallen, als ſie wahr⸗ hafter geweſen iſt, und als Ihre Erzählung durch un⸗ verwerfliche Zeugniſſe unterſtützt wird.“ Dieſe Worte ſielen auf la Vallidre mit einem Blick, den Keiner, von Sokrates bis auf Montaigne, vollkom⸗ men zu definiren vermocht hätte. Dieſe Worte und dieſer Blick lähmten vollends 3 das unglückliche Mädchen, das, auf die Schultern von 5—4 2 dieſen ſo ſtürmiſchen Abgang, dieſes ſo verſt 177 Montalais geſtützt, das Bewußtſein verloren zu haben ſchien. Der König ſtand auf, ohne dieſen Vorfall zu be⸗ merken, auf den übrigens Niemand Achtung gab, und gegen ſeine Gewohnheit, denn er blieb in der Regel bis ſehr ſpät bei Madame, nahm er Abſchied, um in ſeine Gemächer zurückzukehren. 3 Saint⸗Aignan folgte ihm, ebenſo verzweiflungs⸗ voll bei ſeinem Abgange, als er ſich freudig bei ſeinem Eintritt gezeigt hatte. Weniger empfänglich für Gemüthsbewegungen, als la Vallière, erſchrack Fräulein Tonnay⸗Charente kaum und wurde durchaus nicht ohnmächtig. Der letzte Blick von Saint⸗Aignan war indeſſen bedeutend majeſtätiſcher geweſen, als der letzte Blick des Königs. XII. Königliche Pfycholagie. Der König kehrte mit raſchen Schritten nach ſeinen Gemächern zurück. „Ludwig der XIV. ging vielleicht ſo ſchnell, um nicht zu wanken. Er ließ etwas wie die Spur einer geheimnißvollen Trauer hinter ſich. Ddie Heiterkeit, die Jeder in ſeiner Haltung bei ſeiner Ankunft wahrgenommen, und über die ſich Jeder gefreut, Niemand hatte ſie vielleicht ergründet; aber 1 örte Geſicht Die drei Musketiere. Bragelonne. Vi. 12 178 begriff Jeder, oder glaubte es wenigſtens leicht zu be⸗ greifen. Die Leichtfertigkeit von Madame, ihre für einen argwöhniſchen Charakter etwas rohen Scherze, die al⸗ lerdings zu vertrauliche Zuſammenſtellung dieſes Königs mit einem gewöhnlichen Menſchen, dies waren die Gründe, die ſich die Verſammlung für den heftigen und unerwarteten Abgang des Königs angab. Sonſt hellſichtiger, ſah Madame hierin Anſangs nichts Anderes. Es war für ſie genug, eine kleine Eitelkeitsfolter demjenigen auferlegt zu haben, der, ſo raſch eingegangener Verbindlichkeiten vergeſſend, es als ſeine Aufgabe zu betrachten ſchien, die edelſten und erhabenſten Sachen zu erobern und zu verachten. In der Lage, in der ſich die Dinge befanden, war es nicht ohne eine gewiſſe Bedeutung für Madame, dem König zu zeigen, welch ein Unterſchied es ſei, wenn man hohen Ortes liebe, oder wenn man Liebes⸗ händel betreibe, wie ein Junker aus der Provinz. 3 Bei einer ſolchen großen Liebe, die ihr König⸗ thum und ihre Allmacht fühlte und gleichſam ihre Etiquette und ihre Oſtentation hat, vergab ein König nicht nur ſeiner Würde nichts, ſondern er fand ſogar Ruhe, Sicherheit, Geheimniß und allgemeine Achtung. In der Erniedrigung zu gemeinen Liebſchaften, traf er ſelbſt bei ſeinen geringſten Unterthanen Gloſſen und Spott; er verlor ſeinen Charakter als unfehlbar und unverletzlich. In die Region des kleinen menſch⸗ lichen Elends hinabſteigend unterzog er ſich den arm⸗ ſeligen Stürmen deſſelben. 4 Mit einem Wort aus dem Gott⸗König einen ein⸗ fachen Sterblichen machen, indem man ihn am Herzen oder vielmehr ſogar im Geſicht berührte wie den letzten ſeiner Unterthanen, hieß einen furchtbaren Schlag dem Stolz dieſes edlen Blutes beibringen: man unterwarf und feſſelte Ludwig mehr noch durch die Eitelkeit, als durch die Liebe. Madame hatte ihre Rache weiſe be⸗ rechnet; ſie hatte ſich auch gerächt, wie man geſehen. — 8&—,— 1 179 Man glaube jedoch nicht, Madame habe die ſchreck⸗ lichen Leidenſchaften der Heldinnen des Mittelalters ge⸗ habt und die Dinge unter ihrem düſteren Anblick an⸗ geſehen; jung, anmuthig, geiſtreich, gefallſüchtig, ver⸗ liebt, mehr aus Phantaſie, durch die Einbildung skraft oder aus Ehrgeiz, weihte Madame im Gegentheil jene Epoche leichter vorübergehender Vergnügungen ein, welche die hundert und zwanzig Jahre bezeichnete, die zwiſchen der Mitte des ſiebenzehnten Jahrhunderts und drei Vierteln des achtzehnten vergingen. Madame ſah nun die Dinge oder glaubte ſie we⸗ nigſtens unter ihrem wahren Geſichtspunkte zu ſehen; ſie wußte, daß der König, ihr erhabener Schwager, zuerſt über die demüthige la Vallièére gelacht hatte, und daß es nach ſeinen Gewohnheiten nicht wahrſcheinlich war, er würde je die Perſon anbeten, über die er„ wenn auch nur einen Augenblick, hatte ſpotten können. War nicht überdieß die Eitelkeit da, dieſer flü⸗ ſternde Dämon, der eine ſo große Rolle in der drama⸗ tiſchen Koͤmoͤdie ſpielt, die man das Leben einer Frau nennt; ſagte nicht die Eitelkeit ganz laut, ganz leiſe, mit halber Stimme, in allen möglichen Tonarten, ſie eine Prinzeſſin, jung, ſchön, reich, könne nicht mit der armen la Vallisre verglichen werden, die zwar allerdings ebenſo jung als ſie, aber viel weniger hübſch und ganz arm? Und darüber darf man ſich bei Ma⸗ dame nicht wundern: man weiß, die größten Charak⸗ tere ſind diejenigen, die ſich am meiſten in der Ver⸗ gleichung ſchmeicheln, die ſie von ſich mit Anderen, von Anderen mit ſich anſtellen. Man wird vielleicht fragen, was Madame mit die⸗ ſem ſo geſchickt combinirten Angriff wollte? Warum ſo viele Kräfte entwickelt wurden, wenn es ſich nicht darum handelte, den König im Ernſt aus einem ganz neuen Herzen zu vertreiben, in dem er ſich einzuquar⸗ tieren gedachte? hatte Madame nöthig, la Vallisre eine 180 ſolche Wichtigkeit zu geben, weil ſie Mabeme nicht fürchtete? Nein, Madame fürchtete la Vallière nicht, aus dem Geſichtspunkt eines Geſchichtſchreibers, der die Dinge weiß und die Zukunft oder vielmehr die Ver⸗ gangenheit ſieht; Madame war auch keine Prophetin oder Sybille; Madame konnte eben ſo wenig, als eine Andere, in dem furchtbaren, unſeligen Buch der Zu⸗ kunft leſen, welches in ſeinen geheimen Blättern die ernſteſten Ereigniſſe bewahrt. Nein, Madame wollte den König ganz einfach da⸗ für beſtrafen, daß er gegen ſie eine ganz weibliche Geheimnißkrämerei getrieben hatte; ſie wollte ihm ganz klar beweiſen, daß, wenn er von dieſer Art von An⸗ griffswaffen Gebrauch mache, ſie, eine Frau von Geiſt und Geſchlecht, ſicherlich im Arſenal ihrer Einbildungs⸗ kraft, ſelbſt gegen die Streiche eines Königs ſtichhal⸗ tige, Waffen finden würde. Auch wollte ſie ihm beweiſen, daß es bei ſolchen Kriegen keine Könige mehr gibt, oder wenigſtens, daß die Könige, für ihre eigene Rechnung kämpfend, wie gewöhnliche Menſchen, ihre Krone beim erſten Schlag fallen ſehen können; daß endlich, wenn er, ganz von vorne herein, bei ſeinem Anblick allein, von allen Frauen ſeines Hofes angebetet zu werden gehofft habe, dieß eine vermeſſene, verletzende, menſchliche Anmaßung bei gewiſſen Frauen von höherer Stellung, als die anderen wäre, und daß die gerade auf das zu hohe und zu ſtolze königliche Haupt fallende Lection wirkſam ſein würde. Dieß waren ſicherlich die Reſlerionen von Madame in Beziehung auf den König. Das Ereigniß ſelbſt kam nicht in Betracht. Man ſieht auch, daß ſie auf den Geiſt ihrer Ehren⸗ fräulein hingewirkt und in allen ihren Einzelheiten die Komödie vorbereitet hatte, die geſpielt worden war. Der König war ganz davon betaͤubt. Seit er Herrn ——— ders, wenn die Frauen 181 von Mazarin entkommen, ſah er ſich zum erſten Mal als Menſch behandelt. Eine ſolche Strenge von Seiten ſeiner Unterthanen hätte ihm Stoff zum Widerſtand geliefert. Die Kräfte wachſen im Streit. ¹ ber Frauen angreifen, von ihnen angegriffen werden, von kleinen Provinzmädchen, welche ausdrück⸗ lich hiezu von Blois gekommen, hintergangen worden ſein, dieß war das höchſte Maß der Schmach für einen jungen König, der voll von der Eitelkeit, die ihm zu⸗ gleich ſeine perſönliche Vorzüge und ſeine königliche Gewalt einflößten. Nichts zu machen, weder Vorwürfe, noch Verban⸗ nung, noch Schmollen. Schmollen, damit hätte man geſtanden, man ſei von einer ſpitzigen Waffe, von der Waffe der Lächerlich⸗ keit getroffen worden. Frauen ſchmollen! Welche Demüthigung! beſon⸗ den Spott zur Rache haben. Ohl wenn ſtatt Frauen die ganze Verantwortlich⸗ keit zu überlaſſen, ein Hoͤfling ſich in dieſe Intrigue gemiſcht hätte, mit welcher Freude würde Ludwig XIV. dieſe Gelegenheit ergriffen haben, um die Baſtille zu benützen. Aber auch der königliche Zorn blieb, durch das Raiſonnement zurückgeſtoßen, ſtille ſtehen. 8 Eine Armee, Gefängniſſe, eine beinahe göttliche Macht beſitzen und dieſe ganze Allmacht in den Dienſt eines elenden Grolls ſtellen, war nicht nur eines Kö⸗ nigs, ſondern ſelbſt eines Menſchen unwürdig.— Es ſich alſo ganz einfach darum, ſtill⸗ ſchweigend die Schmach zu verſchlucken, und mit ſeinem Geſichte dieſelbe Zahmheit, dieſelbe Leutſeligkeit zur Es handelte ſich darum, Madame als Freundin zu behandeln. Als Freundin? Warum nicht, 182 Entweder war Madame die Anſtifterin des Ereig⸗ niſſes, oder hatte ſie das Ereigniß paſſiv gefunden. War ſie die Anſtifterin geweſen, ſo erſchien dieß ſehr keck von ihr; war dies aber nicht ihre natürliche Rolle? Wer hatte ſie in den ſüßeſten Augenblicken des Honigmondes aufgeſucht, um eine Liebesſprache mit ihr zu ſprechen? Wer hatte ſich erdreiſtet, die Chancen des Ehebruchs, ja ſogar der Blutſchande zu berechnen? wer hatte hinter ſeiner königlichen Allmacht verſchanzt, zu der jungen Frau geſagt: ſeid ohne Furcht, liebt den König von Frankreich, er ſteht über Allen, und eine Geberde ſeines mit dem Scepter bewaffneten Armes wird Euch gegen Männiglich, ſelbſt gegen Eure Ge⸗ wiſſensbiſſe beſchützen! Die junge Frau hatte dem königlichen Worte gehorcht oder vielmehr dieſer beſtechenden Stimme nachgegeben, und nun, da ſie das moraliſche. Opfer ihrer Chre ge⸗ bracht, ſah ſie ſich für dieſes Opfer durch eine Untreue belohnt, die um ſo demüthigender, als ſie zur Urſache eine Frau hatte, die bei Weitem geringer, als diejenige, welche ſich von Anfang geliebt geglaubt. War alſo Madame die Anſtifterin der Rache ge⸗ weſen, ſo hatte Madame Recht gehabt.— War ſie dagegen bei dieſem ganzen Ereigniß paſſiv geblieben, welchen Grund hatte der König, ihr zu grollen? Mußte ſie oder konnte ſie vielmehr den Erguß einiger Provinzzungen hemmen? mußte ſie durch ein Uebermaß ſchlecht verſtandenen Eifers die Impertinenz von drei kleinen Mädchen auf die Gefahr, ſie giftig zu machen, zurückdrängen? Alle dieſe Betrachtungen waren eben ſo viele em⸗ pfindliche Stiche für den Stolz des Königs; nachdem er aber alle dieſe Beſchwerden in ſeinem Geiſte recht durchgangen hatte, wunderte ſich Ludwig, nach ab⸗ geſchloſſener Reflexion, das heißt, nachdem die Wunde 183 verbunden, daß er andere dumpfe, unerträgliche, unbe⸗ kannte Schmerzen fühlte. Uud was er ſich ſelbſt nicht zu geſtehen wagte, war, daß die ſtechenden Berührungen ihren Sitz im Herzen hatten. Der Geſchichtſchreiber muß auch den Leſern geſtehen, wie es der König ſich ſelbſt geſtand, er hatte ſich das Herz durch die naive Erklärung von la Vallidre kitzeln laſſen; er hatte an reine Liebe, an Liebe für den Menſchen, an eine Liebe frei von jedem Intereſſe geglauht; und ſeine Seele, jünger und beſonders naiver, als ſie es vermuthete, war dieſer anderen Seele entgegenge⸗ ſhrnagen, die ſich ihm durch ihren Aufflug verrathen atte. Die ungewöhnlichſte Sache in der ſehr zuſammengeſetz⸗ ten Geſchichte der Liebe iſt die doppelte Einimpfung der Liebe in zwei Herzen; es gibt eben ſo wenig Gleich⸗ zeitigkeit, als Gleichheit; der eine Theil liebt beinahe immer vor dem andern, wie der eine am Ende nach dem andern liebt. Der elektriſche Strom bildet ſich auch nach Maß⸗ gabe der Intenſttät der erſten Liebe, die ſich entzündet. Je mehr Fräulein de la Vallière Liebe gezeigt, deſto mehr hatte der König davon empfunden. ſett Und das war gerade, was den Köoͤnig in Erſtaunen. etzte. Denn es war für ihn ganz erwieſen, daß kein ſympathetiſcher Strom ſein Herz hatte hinreißen können, da dieſes Geſtändniß nicht Liebe, da dieſes Geſtändniß nur eine dem König und dem Menſchen angethane Be⸗ leidigung, da es endlich, und dieſes Wort brannte wie ein gluͤhendes Eiſen, da es endlich eine Myſtification war. So hatte dieſes kleine Mädchen, dem man, ſtreng genommen, Alles abſprechen konnte, Schoͤnheit, Geburt, Geiſt, ſo hatte dieſes Mädchen, von Madame ſelbſt ge⸗ rade wegen ſeiner Demuth gewählt, nicht nur den 184 König herausgefordert, ſondern ſogar den Köͤnig ver⸗ achtet, das heißt einen Menſchen verachtet, der, wie ein Sultan Aſiens, nur mit den Augen zu ſuchen, die Hand auszuſtrecken, das Schnupftuch fallen zu laſſen brauchte. Und vom Tage vorher an war er dergeſtalt mit dieſer Kleinen beſchäftigt geweſen, daß er nur noch an ſte gedacht, von ihr geträumt; ſeit dem Tage vorher hatte ſich ſeine Einbildungskraft daran ergötzt, daß ſie ihr Bild mit allen Reizen, die ſie nicht beſaß, geſchmückt; er, den ſo viele Angelegenheiten in Anſpruch nahmen, den ſo viele Frauen riefen, hatte endlich ſeit dem vor⸗ hergehenden Tage alle Minuten ſeines Lebens, alle Schläge ſeines Herzens dieſer einzigen Träumerei ge⸗ widmet. Dies war in der That zu wenig oder zu viel. Und die Entrüſtung des Koöͤnigs ließ dieſen alle Dinge vergeſſen, unter Anderem, daß Saint⸗Aignan da war: die Entrüſtung des Königs machte ſich in den heftigſten Verwünſchungen Luft. Saint⸗Aignan war allerdings in eine Ecke gekau⸗ ert und ſah von hier aus den Sturm vorüberziehen. Sein Verdruß kam ihm erbärmlich vor gegen den königlichen Zorn. 1 Er verglich mit ſeiner kleinen Eitelkeit dieſen un⸗ geheuren Stolz des beleidigten Königs, und da er das Herz der Könige im Allgemeinen und das der mächti⸗ gen ins Beſondere kannte, ſo fragte er ſich, ob nicht dieſes noch im leeren Raum hängende Gewicht der Wuth bald auf ihn herabfallen würde, gerade weil Andere ſchuldig und er unſchuldig. Der König hielt in der That plötzlich in ſeinem un⸗ gemäßigten Gang inne, heftete einen zornigen Bli auf Saint⸗Aignan und rief: „Und Du, Saint⸗Aignan!“ Saint⸗Aignan machte eine Bewegung, welche be⸗ deutete:„Nun, Sire.“ 3 185 „Ja nicht wahr, Du biſt eben ſo einfältig geweſen als ich.“ „Sire,“ ſtammelte Saint⸗Aignan. „Du haſt Dich von dieſem plumpen Scherz fangen laſſen.“ 4 „Sire,“ antwortete Saint⸗Aignan, deſſen Glieder ein Schauer zu ſchütteln anfing,„Eure Majeſtät wolle nicht in Zorn gerathen: die Frauen ſind, wie ſie wohl. weiß, unvollkommene, für das Schlimme geſchaffene Geſchöpfe. Das Gute von ihnen verlangen, heißt alſo das Unmögliche von ihnen fordern.“ Der König, der einen großen Reſpect vor ſich ſelbſt hatte und über ſeine Leidenſchaften die Herrſchaft zu gewinnen anſing, die er ſein ganzes Leben hindurch über ſie behielt, der König fühlte, daß er ſich um die Achtung Anderer brachte, wenn er eine ſo große Hef⸗ tigkeit bei einem ſo geringfügigen Gegenſtand offenbarte. „Nein,“ ſagte er raſch,„nein, Du täuſcheſt Dich, Saint⸗Aignan; ich gerathe nicht in Zorn; ich bewun⸗ dere nur, daß wir mit ſo viel Geſchicklichkeit und Keck⸗ heit von dieſen kleinen Mädchen betrogen worden ſind. Ich bewundere beſonders, daß wir, während wir uns erkundigen konnten, die Thorheit begangen haben, uns auf unſer eigenes Herz zu verlaſſen.“ „Oh! das Herz. Sire, das Herz iſt ein Organ, das man nothwendig auf ſeine phyſiſchen Functionen beſchränken, und aller ſeiner moraliſchen Functionen entſetzen muß. Ich geſtehe meines Theils, daß ich, als ich das Herz Eurer Majeſtät ſo ſehr mit dieſen Kleinen beſchäftigt ſah...“. „Beſchäftigt? ich... mein Herz beſchäftigt... mein Geiſt vielleicht, was aber mein Herz betrifft, dieſes ar. 4 Ludwig bemerkte abermals, daß er, um eine Leere zu bedecken, eine andere zu entblößen im Begriffe war. „Uebrigens habe ich dieſem Kinde nichts vorzuwer⸗ 186 fen,“ fügte er bei.„Ich wußte wohl, daß die Kleine einen Andern liebte.“— „Den Vicomte von Bragelonne, ja. Ich hatte Eure Majeſtät davon in Kenntniß geſetzt.“ „Allerdings. Doch Du warſt nicht der Erſte. Der Graf de la Fore begehrte von mir die Hand von Fräu⸗ lein de la Vallière für ſeinen Sohn. Nun denn, bei ſeiner Rückkehr aus England werde ich ſie mit einander vermählen, da ſie ſich lieben.“. „Darin erkenne ich wahrhaftig den ganzen Edel⸗ muth des Königs.“ „Höre, Saint⸗Aignan, glaube mir, wir wollen uns nicht mehr um dergleichen Dinge bekümmern,“ ſagte Ludwig. „Ja, verdauen wir die Schmach,“ erwiederte der Hoͤfling. „Uebrigens wird das leicht ſein,“ verſetzte der König einen Seufzer modulirend. „Und um anzufangen, werde ich...“ ſagte Saint⸗ Aignan. „Nun.“ „Ich werde ein Epigramm auf das Trio machen. Ich nenne das Najade und Dryade, und das wird Ma⸗ dame Vergnügen machen.“ 3 „Thue das, Saint⸗Aignan, thue das,“ murmelte der König.„Du lieſeſt mir Deine Verſe vor, das wird mich zerſtreuen. Oh! gleichviel, gleichviel, Saint⸗Aig⸗ nan,“ fügte der König wie ein Menſch bei, der müh⸗ ſam athmet,„dieſer Streich erfordert eine übermenſchliche Kraft, um würdig ausgehalten zu werden.“ Und als der König ſo endigte, wobei er ſich das Anſehen engeliſchſter Geduld gab, kratzte einer von den Bedienten vom Dienſt an der Thüre des Zimmers. Saint⸗Aignan trat aus Ehrfurcht auf die Seite.⸗ „Herein,“ rief der König. 1 Der Diener öffnete halb die Thüre. „Was will man?“ fragte der König. 187 Der Diener zeigte einen in Form eines Dreiecks zuſammengelegten Brief und erwiederte: „Für Seine Majeſtät?“ „Von wem?“ „Ich weiß es nicht, er iſt mir von einem der Offi⸗ ziere vom Dienſt übergeben worden.“ Der König machte ein Zeichen; der Diener brachte ihm das Billet. Der König näherte ſich den Kerzen, öffnete das Billet, las die Unterſchrift, und ließ einen Schrei ent⸗ ſchlüpfen. Saint⸗Aignan war ehrfurchtsvoll genug, um nicht zu ſchauen; aber ohne zu ſchauen, ſah er und höͤrte er. Er lief herbei. Der König entließ den Bedienten mit einer Geberde. 16—9 mein Gott!“ ſagte der König, während er las. „Befindet ſich Eure Majeſtät unwohl?“ fragte Saint⸗Aignan, die Arme ausſtreckend. „Nein, nein, Saint⸗Aignan, lies.“ Und er reichte ihm das Billet. Ddie Augen von Saint⸗Aignan richteten ſich auf die Unterſchrift. „La Vallière!“ rief er.„Ahl Sire!“ „Lies! lies!“ Saint⸗Aignan las. „Sire, verzeiht die Zudringlichkeit, verzeiht mir be⸗ ſonders den Verſtoß gegen die Förmlichkeiten, der dieſen Brief begleitet: ein Billet ſcheint mir dringender, als eine Depeche; ich erlaube mir daher, ein Billet an Eure Majeſtät zu ſchreiben.“ „Ich kehre gelähmt von der Anſtrengung und dem Schmerz in mein Zimmer zurück, Sire, und ich flehe Cure Majeſtät um die Gnade einer Audienz an, in der ich meinem Koͤnig die Wahrheit werde ſagen können“ „Louiſe de la Vallidre.“ — ——= „Nun?“ fragte der Köͤnig, während er den Brief wieder aus den Händen von Saint⸗Aignan nahm, der von dem, was er geleſen, ganz verblüfft war. „Nun?“ wiederholte Saint⸗Aignan. „Was denkſt Du hievon?“ „Ich weiß es nicht.“ „Sprich doch.“ „Sire, die Kleine hat wohl den Donner rollen hören und Furcht bekommen.“ „Furcht, wovor?“ fragte der König hochherzig. „Ah! Sire, Eure Majeſtät hat tauſend Gründe, dem Urheber oder vielmehr den Urhebern eines ſo bos⸗ haften Scherzes zu grollen, und im ſchlimmen Sinn geöffnet, iſt das Gedächtniß Eurer Majeſtät eine ewige Drohung für die Unvorſichtige.“ „Saint⸗Aignan, ich ſehe nicht wie Ihr.“ „Der König muß beſſer ſehen, als ich.“ „Wohl, ich ſehe in dieſen Zeilen Schmerz, Zwang, und nun, da ich mich gewiſſer Einzelnheiten der Scene krinnere, die dieſen Abend bei Madame vorgefallen iſt... urz..“ 3 der Koͤnig vollendete nicht. „Kurz,“ ſprach Saint⸗Aignan,„Eure Majeſtät wird die Audienz geben, das iſt das Klarſte von Allem.“ „Ich werde etwas Beſſeres thun, Saint⸗Aignan.“ „Was werdet Ihr thun, Sire.“ „Nimm Deinen Mantel.“ „Aber, Sire.“ „Du weißt, wo das Zimmer der Ehrenfräulein von Madame iſt?“. 3„Gewiß.“ „Du weißt ein Mittel, dahin zu gelangen?“ „Oh! was das betrifft, nein.“ 3 „Du mußt aber Jemand dort kennen?“ „Ohl Eure Majeſtät iſt die Quelle aller guten Gedanken.“ 3 „Du kennſt Jemand?“ on 189 „Ja.“ „Sprich, wen kennſt Du?“ 3 „Ich kenne einen gewiſſen jungen Mann, der auf das Beſte mit einem gewiſſen Fräulein ſteht.“ „Ehrenfräulein?“ „Ja, Ehrenfräulein, Sire.“ „Mit Tonnay⸗Charente?“ fragte der König lachend. „Leider, nein, mit Montalais.“ „Er heißt?“ „Malicorne.“ „Gut... Und Du kannſt auf ihn zählen?“ „Ich glaube es, Sire a.. Er muß wohl einen Schlüſſel haben... Und wenn er einen neuen hat, ſo wird er, da ich ihm einen Dienſt geleiſtet habe... mir denſelben überlaſſen.“ „Vortrefflich! Laßt uns gehen.“ „ Ich bin zu den Befehlen Eurer Majeſtät.“ Der König warf ſeinen eigenen Mantel auf die Schultern von Saint⸗Aignan und verlangte von dieſem den ſeinigen. Dann gingen Beide nach dem Vorhaus. XIII. Was weder Najade, noch Dryade vorhergeſehen. „Saint⸗Aignan blieb am Fuße der Treppe ſtehen, welche in den Entreſols zu den Ehrenfräulein, im erſten Stock zu Madame führte. Von hier aus ließ er durch einen Bedienten, der vorüberkam, Malicorne, welcher ſich noch bei Monſteur pefand, benachrichtigen. 190 Nach zehn Minuten erſchien Malicorne, die Naſe im Wind und im Schatten witternd. 4 Der König wich in den dunkelſten Theil des Vor⸗ hauſes zurück. Saint⸗Aignan trat im Gegentheil vor. Doch bei den erſten Worten, mit denen er ſeinen Wunſch ausſprach, wich Malicorne auch geradezu zurück. „Hal ha!“ ſagte er,„Ihr verlangt von mir, in das Zimmer der Ehrenfräulein eingeführt zu werden?“ „Ja.“ „Ihr begreift, daß ich dergleichen nicht thun kann, ohne zu wiſſen, in welcher⸗Abſicht Ihr es wünſcht.“ „Lieber Herr Malicorne, es iſt mir leider unmög⸗ lich, irgend eine Erklärung zu geben: Ihr müßt mir alſo vertrauen wie einem Freund, der Euch aus einer Verlegenheit gezogen hat, und Euch bittet, ihn heute aus einer zu ziehen.“ „Aber ich, mein Herr, ich ſage Euch, was ich wollte, ich wollte nicht unter freiem Himmel ſchlafen, und jeder ehrliche Menſch kann einen ſolchen Wunſch geſtehen, während Ihr nichts geſteht.“ „Glaubt mir, mein lieber Herr Malicorne, wenn es mir erlaubt wäre, mich zu erklären, würde ich mich erklären.“ „Dann, mein lieber Herr, iſt es mir unmöglich, Euch zu erlauben, bei Fräulein von Montalais einzu⸗ treten.“ „Warum?“ „Ihr wißt es beſſer, als irgend Jemand, da Ihr mich auf einer Mauer ertappt habt, als ich Fräulein von Montalais den Hof machte; es wäre aber, das müßt Ihr zugeſtehen, zu gefällig von mir, wenn ich der ich ihr den Hof mache, die Thüre ihres Zimmers öffnen würde.“ 3 „Eil wer ſagt Euch, daß ich Euch ihretwegen um den Schlüſſel bitte?“ 1 „Wegen weſſen denn ſonſt?“ * 6 191 „Sie wohnt nicht allein, wie mir ſcheint.“. „Allerdings nicht, ſie wohnt mit Fräulein de la Vallisre zuſammen.“ 1 „Ja, doch Ihr habt in Wirklichkeit eben ſo wenig mit Fräulein de la Vallisre zu thun, als mit Monta⸗ lais, und es gibt nur zwei Menſchen, denen ich den Schlüſſel geben würde: Herr von Bragelonne, wenn er mich darum bäte, dem König, wenn er es mir beföhle.¹ „Nun denn! ſo gebt mir den Schlüſſel, mein Herr, ich⸗befehle es Euch,“ ſprach, der König, indem er aus der Dunkelheit hervortrat und ſeinen Mantel öffnete. „Fräulein von Montalais wird zu Euch herabgehen, während wir zu Fräulein de la Vallidre hinaufſteigen; wir haben in der That nur mit ihr allein zu thun.“ „Der König!“ rief Malicorne. Und er bückte ſich bis zu den Knieen des Königs. „Ja, der König,“ ſagte Ludwig lächelnd,„der König, der Euch eben ſo viel Dank für Euren Widerſtand als für Eure Capitulationen weiß.“ „Sire, zu Euren Befehlen,“ erwiederte Malicorne, auf die Treppe deutend. „Laßt Fräulein von Montalais herabgehen und ſagt ihr kein Wort von meinem Beſuch,“ ſprach der König. Malicorne verbeugte ſich zum Zeichen des Gehor⸗ ſams und ſtieg hinauf. Doch nach einer kurzen Ueberlegung folgte ihm der König, und dieß mit einer ſolchen Geſchwindigkeit, daß er, obgleich Malicorne die halbe Treppe voraus hatte, zu gleicher Zeit mit ihm vor das Zimmer kam. Er ſah nun durch die hinter Malicorne ein wenig offen gebliebene Thüre La Vallisre ganz in einem Lehn⸗ ſtuhl zurückgebogen, und in der andern Ecke Montalais, die im Nachtgewand vor einem großen Spiegel ſtehend ihre Haare kämmte und mit Malicorne parlamentirte. Der König öͤffnete ungeſtüm die Thüre und trat ein. Montalais ſtieß bei dem Geräuſch, das die Thüre 19² 8 machte, einen Schrei aus, und entfloh, als ſie den König zerkannte. Bei dieſem Anblick erhob ſich La Vallière wie eine galvaniſirte Todte und ſiel dann wieder in ihren Lehnſtuhl zurück.* Der König ging langſam auf ſie zu. „Ihr wünſcht eine Audienz, mein Fräulein,“ ſagte er mit kaltem Tone,„ich bin bereit, Euch anzuhören, ſprecht.“ Getreu ſeiner Rolle als Tauber, Stummer und Blinder hatte ſich Saint⸗Aignan in einen Winkel der Thüre auf einen Schemel geſetzt, den ihm der Zufall verſchaffte. Verborgen unter der Tapete, die als Thürvorhang diente, hörte er ſo, ohne geſehen zu werden, indem er ſich in die Rolle des guten Hundes fügte, welcher war⸗ tet und wacht, ohne je den Herrn zu beläſtigen. Von einem tiefen Schrecken beim Anblick des auf⸗ gebrachten Königs ergriffen, erhob ſich La Vallière zum zweiten Mal, blieb in einer demüthigen, flehenden Stellung und ſtammelte: „Sire, verzeiht mir.“: „Ei! mein Fräulein, was ſoll ich Euch verzeihen? fragte Ludwig XIV. N. „Sire, ich habe einen großen Fehler begangen, mehr als einen großen Fehler, ein großes Verbrechen.“ „Ihr 24 „Sire, ich habe Eure Majeſtät beleidigt.“ „Nicht im Geringſten,“ erwiederte Ludwig XIV. „Sire, ich flehe Euch an, behauptet mir gegen⸗ über nicht dieſen furchtbaren Ernſt, der den gerechten Zorn des Koͤnigs offenbart. Ich fühle, daß ich Euch beleidigt habe, Sire; aber ich muß Eurer Majeſtät er⸗ klären, wie ich Euch nicht mit meinem vollen Willen beleidigt habe.“ „Sagt mir vor Allem, worin ſolltet Ihr mich be⸗ leidigt haben? ich ſehe es nicht. Etwa durch einen 193 Mädchenſcherz, durch einen ſehr unſchuldigen Scherz? Ihr habt über einen leichtgläubigen jungen Mann ge⸗ ſpottet: das iſt ganz natürlich; jede andere Frau hätte an Eurer Stelle gethan, was Ihr gethan habt.“ „Oh! Eure Majeſtät drückt mich mit dieſen Worten zu Boden.“ „Warum?ℳ „Weil der Scherz, wenn er von mir gekommen, nicht unſchuldig geweſen wäre.“ „Mein Fräulein, iſt das Alles, was Ihr mir zu ſagen hattet, indem Ihr mich um eine Audienz batet?“ fragte der König. Und er machte einen Schritt rückwärts. Da machte La Vallière, deren Augen vom Feuer der Thränen vertrocknet, ihrerſeits einen Schritt gegen den König und ſprach mit ſtockender Stimme: „Eure Majeſtät hat Alles gehört.“ „Alles, was?“ „Alles, was von mir bei der Königseiche geſagt worden iſt.“ „Ich habe nicht ein Wort davon verloren, mein 74 Fräulein.“ „Und Eure Majeſtät konnte, nachdem ſie mich ge⸗ hört, einen Augenblick der Anſicht ſein, ich habe ihre Leichtgläubigkeit mißbraucht?“ „Ja, Leichtgläubigkeit, das iſt es, Ihr habt das rechte Wort geſagt.“—. „Und Eure Majeſtät hat nicht geahnt, ein armes Mädchen wie ich könne zuweilen genöthigt ſein, ſich dem Willen von Andern zu unterziehen?“ „Verzeiht, ich werde nie begreifen, daß diejenige, deren Willen ſich ſo frei unter der Königseiche auszu⸗ drücken ſchien, den Willen eines Andern einen ſolchen Einfluß auf ſich ausuͤben laſſen könnte. „Oh! doch die Drohung, Sire.“ Die drei Musketiere. Bragelonne VI. 13 „Die Drohung? wer bedrohte Euch? wer wagte es, Euch zu drohen?“ 2„Diejenigen, welche das Recht haben, es zu thun, ire.“ „Ich erkenne Niemand das Recht der Drohung in meinem Reiche zu.“ „Verzeiht, Sire, es gibt bei Eurer Majeſtät ſelbſt Perſonen, welche hoch genug geſtellt ſind, um berech⸗ tigt zu ſein, oder ſich berechtigt zu glauben, eine junge Perſon ohne Zukunft, ohne Vermoͤgen, die nichts hat, als ihren Ruf, zu Grunde zu richten.“ „Und wie ſie zu Grunde richten?“ „Indem ſie ihr den Verluſt dieſes Rufes durch ein ſchmähliches Fortjagen zuziehen.“ „Ohl mein Fräulein,“ ſprach der König mit einer tiefen Bitterkeit,„ich liebe ungemein die Leute, die ihre Unſchuld darthun, ohne Andere anzuſchuldigen.“ „Sire 14 „Ja, und ich geſtehe, es iſt mir peinlich, zu ſehen, daß eine leichte Rechtfertigung, wie die Eurige ſein könnte, ſich vor mir in ein Gewebe von Vorwürfen und Bezüchtigungen verwickelt.“ „Denen Ihr alſo keinen Glauben ſchenkt?“ rief La Valliére. Der König ſchwieg. unf 6851 ſagt es doch!“ ſprach La Valliere voll Hef⸗ igkeit. „Ich bereue, es Euch geſtehen zu müſſen,“ erwie⸗ derte der König, indem er ſich mit einer kalten Ge⸗ berde verbeugte. 4 Das Madchen gab einen tiefen Ausruf von ſich, und ſchlug dabei ihre Hände an einander. 1 „Ihr glaubt mir alſo nicht?“ fragte Louiſe. Der König antwortete nicht. Die Züge der La Vallière veränderten ſich bei die⸗ ſem Stillſchweigen.“ „Ihr nehmt alſo an,“ ſagte ſie,„Ihr nehmt an 195 ich habe das lächerliche, das ſchändliche Komplott, ſo mit Eurer Majeſtäͤt unverſchämt Spott zu treiben, an⸗ gezettelt?“ 3 „Ei! mein Gott, das iſt weder lächerlich noch ſchändlich,“ entgegnete der König,„es iſt ſogar nicht einmal ein Komplott, ſondern nur ein mehr oder minder ſcherzhafter Spott.“. „Oh!“ murmelte das Mädchen in Verzweiflung, „der Köͤnig glaubt mir nicht, der König will mir nicht glauben.“ „Nein, ich will Euch nicht glauben.“ „Mein Gott! mein Gott!“ „Hoͤret: was kann in der That natürlicher ſein? Der Koöͤnig folgt mir, behorcht mich, belauert mich; der König will ſich vielleicht auf meine Koſten beluſti⸗ gen, beluſtigen wir uns auf ſeine Koſten, und da der önig ein Mann von Herz iſt, faſſen wir ihn beim Herz.“ La Valliére unterdrückte ein Schluchzen und ver⸗ barg ihren Kopf in ihren Händen. Der Koͤnig fuhr unbarmherzig fort; er rächte ſich an dem armen Opfer für Alles, was er gelitten hatte. „Nehmen wir die Fabel an, ich liebe ihn und habe ihn ausgezeichnet. Der König iſt ſo naiv und ſo ſtolz, daß er mir glauben wird, und dann, dann erzählen wir dieſe Naivetäͤt des Königs und lachen darüber.“ „Ah!“ rief La Vallière,„dies zu denken iſt ent⸗ ſetzlich.“ „Und das iſt noch nicht Alles,“ fuhr der König fort,„nimmt dieſer ſtolze Fürſt den Scherz im Ernſt, iſt er ſo unklug, darüber öffentlich etwas wie Freude zu bezeugen, nun! dann ſoll er vor dem ganzen Hof gedemüthigt werden, das wird eines Tages eine rei⸗ zende Erzaͤhlung ſein, die ich meinem Geliebten mache; es wird ein Theil der Mitgift ſein, die ich meinem Mann bringe, dieſes Abenteuer eines von einem bos⸗ haften Madchen verſpotteten Koͤnigs.“ . —— „Sire!“ rief La Vallisre wie im Wahnfſinn,„ich flehe Euch an, nicht ein Wort mehr; Ihr ſeht alſo nicht, daß Ihr mich tödtet?“ „Oh! ein Scherz, eine Spötterei,“ murmelte der König, der indeſſen in Unruhe zu gerathen anfing. 3 La Vallière fiel auf die Knie, und das ſo hart, daß ihre Knie auf dem Boden tönten. Dann ſprach ſie, die Hände faltend: h „Sire, ich ziehe die Schande dem Verrath vor.“ 1 „Was macht Ihr?“ fragte der König, ohne ſich d zu bewegen, um das Mädchen aufzuheben. „Sire, wenn ich Euch meine Ehre und meine Ver⸗ nunft geopfert habe, werdet Ihr vielleicht an meine h Redlichkeit glauben. Was Euch bei Madame und von bo Madame erzählt wurde, iſt eine Lüge; was ich unter der großen Eiche geſagt habe...“ ho „Nun?“ D „Dies war allein die Wahrheit.“ 1 3 „Mein Fräulein!“ rief der König. an „Sire!“ rief la Vallisre, fortgeriſſen von der Heftig⸗ keit ihrer Empfindungen,„Sire, müßte ich vor Scham auf dieſem Platze ſterben, wo meine Knie eingewurzelt auf find, ich würde es Euch wiederholen, bis meine Stimme S bricht: ich habe geſagt, ich liebte Euch... nun wohl, 3 ich liebe Euch.“ 5 „Ihr 22 en „Ich liebe Euch ſeit dem Tage, wo ich Euch ge⸗ T ſehen, ſeit in Blois, wo ich ſchmachtete, Cuer könig⸗ hr licher Blick leuchtend und belebend auf mich gefallen ſe iſt; ich liebe Euch, Sire. Ich weiß, es iſt ein Ver⸗ fäb⸗ brechen der Majeſtätsbeleidigung, daß ein armes Mäd⸗ uigi chen, wie ich, ſeinen König liebt und es ihm ſagt. bei Beſtraft mich für dieſe Frechheit, verachtet mich wegen 3 dieſer Unverſchämtheit; ſagt aber nie, glaubt aber nie, ich habe Eurer geſpottet, ich habe Euch verrathen. Ich bin von einem dem Koͤnigthum getreuen Blut, Sire; ₰ im Gegentheil, leben, Ludwig, der Euch ein ganzes Der König erbleichte wirklich ſichtbar. „Mein Fräulein, mein fuhr Saint⸗Aignan fort; Euch an, e der König übel befände, wär Arzt zu rufen. Ahl welche Verle Fraulein, liebes Fräulein, ſtrengt Euch an, geſchwind Es war ſchwierig, mehr Beredſamkeit zu ent als es Saint⸗Aignan that; und Wirkſameres, als di Valliéère auf. Der König war vor ihr auf die flache Hand j für die Hände das ſind, für das Geſicht iſt. Sie kam zu ſich, und flüſterte mit einem ſt „Oh! Sire, Euer s iſt Zeit; bedenkt doch Eines: wenn ſich Fräulein, kommt zu Euch,“ „ich bitte Euch, ich flehe e ich genöthigt, ſeinen genheit, mein Gott! kommt geſchwinde zu Euch, e, geſchwinde.“ wickeln, doch etwas Energiſcheres eſe Beredſamkeit, weckte äa ihr niedergekniet und drückte ene glühenden Küſſe, welche was das Küſſen der Lippen ( 1 öffnete ſchmachtend die Augen erbenden Blick: 6 Majeſtät hat mir alſo ver⸗ d f ziehen 24 Der König antwortete nicht, er war noch zu bewegt. 3 Saint⸗Aignan glaubte ſich abermals entfernen zu u müſſen... Er hatte di La Vallidre ſtand auf. „Und nun, Sire,“ mich, ich hoffe es wenigſtens, Majeſtät gere e Flamme errathen, die aus den Augen Seiner Majeſtät hervorſprang. n ſagte ſie muthig,„nun da ich n in den Augen Eurer chtfertigt habe, erlaubt mir, daß ich mich u Kloſter zurückziehe. Ich werde meinen König 2 in ein mein ganzes Leben lang liebend, der mir einen ſterben.“ „Nein!“ erwiederte der Kön Gott ſegnend, aber Ludwig liebend de ſegnen, und dort meinen Gott Tag des Glücks bereitet hat, 8 i Ihr ier ig,„Ihr werdet hier k Daſein der Glüch 4 1 e . ſeligkeit bereiten wird, Ludwig, der Euch liebt, Ludwig, der Euch das ſchwört.“ „Oh! Sire, Sire.“ Und auf dieſen Zweifel von La Vallière wurden die Küſſe des Königs ſo glühend, daß es Saint⸗Aignan für ſeine Pflicht hielt, auf die andere Seite der Tapete zu gehen. 1 Aber dieſe Küſſe, die ſie im erſten Augenblick zu⸗ rückzuweiſen nicht die Kraft gehabt hatte, fingen an das Mädchen zu brennen. „Ohl Sire,“ rief ſie,„macht nicht, daß ich es bereue, ſo redlich geweſen zu ſein, denn das hieße mir beweiſen, Eure Majeſtät verachte mich noch.“ „Mein Fräulein,“ ſprach plötzlich der König, voll Chrfurcht zurückweichend,„ich liebe und ehre nichts in der Welt mehr, als Euch, und nichts an meinem Hofe, das ſchwöre ich bei Gott, ſoll ſo geſchätzt ſein, als Ihr es fortan ſein werdet; ich bitte Euch daher um Ver⸗ hihung wegen meiner Heftigkeit, ſie rührte von einem Uebermaß von Liebe her; aber ich kann Euch beweiſen, daß ich noch mehr lieben werde, indem ich Euch ſo ſehr achte, als Ihr es nur immer wünſchen könnt.“ Dann verbeugte er ſich vor ihr, nahm ihre Hand und fügte bei: „Mein Fräulein, wollt Ihr mir die Chre erweiſen, mir den Kuß zu geſtatten, den ich auf Eure Hand niederlege?“ Und die Lippe des Königs legte ſich ehrfurchtsvoll und leicht auf die ſchauernde Hand des Mädchens. „Fortan,“ ſprach Ludwig, indem er ſich erhob und La Vallidre mit ſeinem Blick bedeckte,„fortan ſeid Ihr unter meinem Schutz. Sprecht mit Niemand von dem Boͤſen, das ich Euch zugefügt habe, verzeiht den An⸗ ern das, was ſie Euch haben thun können. In Zu⸗ kunft werdet Ihr ſo hoch über dieſen Menſchen ſtehen, daß ſie, weit entfernt, Euch Furcht einzuftößen, nicht einmal Euer Mitleid erregen werden.“ 2 * Und er verbeugte ſich mit einer religiöſen Geberde, als ginge er aus einem Tempel weg. Dann rief er Saint⸗Aignan, der ſich ihm ganz demüthig näherte, und ſprach: „Graf, ich hoffe, das Fräulein wird wohl die Ge⸗ wogenheit haben, Euch ein wenig Freundſchaft zu be⸗ willigen, in Erwiederung der Freundſchaft, die ich ihr auf immer gewidmet habe.“ Saint⸗Aignan beugte das Knie vor La Valliéère und flüſterte: „Welch eine Freude für mich, wenn das Fräul in mir eine ſolche Ehre zu Theil werden ließe 1¹ „Ich will Euch Euere Gefährtinnen ſchicken, ſagte der König.„Lebet wohl, mein Fräulein, oder vielmehr auf Wiederſehen: habt die Güte, mich nicht ganz in Eurem Gebet zu vergeſſen.“ 4 „Ohl Sire,“ rief La Vallière,„ſeid unbeſorgt: Ihr ſeid mit Gott in meinem Herzen.“ Dieſes letzte Wort berauſchte den König, der, gan freudig, Saint⸗Aignan mit ſich die Stufen hinabzo Madame hatte dieſe Entwicklung nicht vorherge⸗ ſehen: weder Najade noch Dryade hatten davon ge⸗ ſprochen. XIV. Der neue Jeſuitengeneral. Während La Valliére und der Koöͤnig in ihrem erſten Geſtändniß allen Kummer der Vergangenhe alles Glück der Gegenwart, alle Hoffnungen auf Zukunft vermengten, beſprach ſich Fouquet, der n 201 Hauſe, das heißt nach der ihm im Schloſſe angewieſee⸗ nen Wohnung zurückgekehrt war, mit Aramis gerade über Alles das, was der Köoͤnig in dieſem Augenblick vernachläßigte. „Ihr ſagt mir,“ fing Fouquet an, als ſein Gaſt in einem Fauteuil Platz genommen und er ſelbſt ſich an ſeine Seite geſetzt hatte,„Ihr ſagt mir, wie weit wir nun mit der Angelegenheit von Belle⸗Isle ſind, und ob Ihr eine Nachricht darüber erhalten habt.“ „Herr Oberintendant,“ antwortete Aramis,„Alles geht auf dieſer Seite, wie wir es wünſchen; die Koſten find berichtigt und nichts iſt von unſeren Plänen ruch⸗ bar geworden.“ „Aber die Garniſonen, die der König dahin legen wollte?“ „Ich habe dieſen Morgen die Nachricht erhalten, e ſeien vor vierzehn Tagen daſelbſt angekommen.“ Und man hat ſie aufgenommen?“ „Vortrefflich.“ „Was iſt aber aus der alten Garniſon geworden?“ „Sie iſt in Sarzenu gelandet, und man hat ſie ſogleich nach Quimpre geführt.“ „Und die neuen Garniſonstruppen?“ „Gehören zu dieſer Stunde ung.“ „Ihr ſeid deſſen, was Ihr ſagt, ſicher, Herr d'Herblay?“ „Sicher, und Ihr ſollt überdies ſehen, wie ſich die Dinge geſtaltet haben.“ 8 „Von allen Garniſonen iſt jedoch, wie Ihr wißt, Belle⸗Isle gerade die ſchlechteſte.“ „Ich weiß das und handle dem gemäß; kein Raum, keine Verbindungsmittel, keine Weiber, kein Spiel; heute aber,“ fügte Aramis mit jenem Lächeln bei, das nur ihm eigenthümlich war,„heute iſt es ein Elend, zu ſehen, wie ſehr ſich die jungen Leute zu be⸗ luſtigen ſuchen und wie ſehr ſie ſich folglich dem zu⸗ neigen, der die Beluſtigungen bezahlt.“ 20² 6 „Sie beluſtigen ſich alſo in Belle⸗Isle?“ „Beluſtigen ſie ſich durch die Gnade des Königs, ſo werden ſie den König lieben, langweilen ſie ſi aber durch den König und beluſtigen ſich mit Hülfe von 2. Herrn Fouquet, ſo werden ſie Herrn Fouquet lieben.“ 6 3„Und Ihr habt meinen Intendanten benachrichtigt,. „Nein, man hat ſie acht Tage lang nach ihrem Gefallen ſich langweilen laſſen, nach acht Tagen aber haben ſie ſich beſchwert, mit der Behauptung, die letzten Offiziere hätten ſich beſſer unterhalten, als ſie. Man antwortete ihnen hierauf, die früheren Offiziere haben ſich aus Herrn Fouquet einen Freund zu machen ge⸗.2 wußt, und Herr Fouquet, der ſie als Freunde erkannt, ſei ihnen ſo gewogen geweſen, daß er ſie nicht habe auf ſeinen Gütern ſich langweilen laſſen. „Darüber dachten ſie nach. „Sogleich aber fügte der Intendant bei, ohne den Befehlen von Herrn Fouquet vorzugreifen, kenne er ſeinen Freund genugſam, um zu wiſſen, daß er an je⸗ im Dienſte des Königs Antheil nehme, leich er die Neuangekommenen nicht als er für die h „Vortrefflich, und hienach folgte wohl die That auf die Verſprechungen; Ihr wißt, ich wünſche, daß man nie in meinem Namen verſpreche, ohne zu halten.“ „Hienach hat man unſere zwei Korſaren und Cure Pferde zu Verfügung der Officiere geſtellt; man hat ihnen die Schlüſſel zum Hauptgebäude gegeben, ſo daß ſie Jagdpartien und Spazierfahrten mit dem machen, was ſie an Damen auf Belle⸗Isle fanden, und was ſie in der Umgegend rekrutiren konnten, ohne daß es die Seekrankheit fürchtete.“. „Nicht wahr, Eure Herrlichkeit, es findet ſich eine große Anzahl in Sarpeau und in Vannes.“ 203 949 15 auf der ganzen Kiſte,“ antwortete Aramis ruhig. „Was nun die Soldaten betrifft.“ „Alles iſt relativ, wie Ihr begreift; für die Solda⸗ ten Wein, vortreffliche Lebensmittel, hoher Sold.. „Sehr gut; ſomit?..“. „Somit können wir auf dieſe Garniſon zählen, welche ſchon beſſer iſt, als die andere.“ „Gut.“ „Hieraus geht hervor, daß, wenn es Gottes Wille iſt, daß man die Garniſonstruppen nur alle zwei Mo⸗ nate erneuert, nach Verlauf von drei Jahren die ganze Armee dort geweſen iſt, wonach wir ſtatt ein Regiment für uns zu haben, fünfzig tauſend Mann haben wer⸗ den.“ „Ja, ich wußte wohl, Keiner ſei ſo wie Ihr, ein koſtbarer, unbezahlbarer Freund, aber,“ fügte Fouquet lachend bei,„bei dem Allem vergeſſen wir unſern Freund Du Vallon; was iſt aus ihm in den drei Monaten ge⸗ worden, die ich in Saint⸗Mandé zugebracht habe? ich geſtehe, ich habe Alles vergeſſen.“ „Ohl ich vergeſſe ihn nicht,“ erwiederte Aramis. „Porthos iſt in Saint⸗Mandèé eingeſchmiert an allen Gliedern, wohl gepflegt mit Speiſen, verſorgt mit Wei⸗ nen; ich habe ihm die Promenade im Park geſtattet, eine Promenade, die Ihr für Euch allein vorbehalten; er macht davon Gebrauch. Er fängt wieder an zu ge⸗ hen, er übt ſeine Kraft dadurch, daß er junge Ulmen biegt und alte Eichen zerſplittern macht, wie es Milon von Kroton that, und da es keine Löwen im Parke gibt, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß wir ihn unverſehrt wieder finden werden. Unſer Porthos iſt ein Bennon.“ „Ja, doch mittlerweile wird er ſich langweilen.“ „Ohl nie.“ Er wird die Leute ausfragen.“ „Er ſieht Niemand.“ 3 „Aber er erwartet oder hofft doch am Ende Etwas?“ * „Ich h eines Morgen „Welche?“* 3 „Die, dem König vorgeſtellt zu werden.“ „Ah! ſo! in welcher Eigenſchaft.“ „Als Ingenieur von Belle⸗Isle.“ „Es iſt wahr.“ „Iſt es möglich?“ „Gewiß. Wäre es nun nicht nothig, daß er nach Belle⸗Isle zurückkehrte?“ „Unerläßlich; n auch ſobald als mög⸗ lich dahin zurückzuſ Anſehen; es iſt ein Mann, deſſen Schwäche d'Artagnan, Athos und ich allein kennen. nie. Vor den Ofſicieren, wird er die Wirkung eines Paladins aus der Zeit der Kreuzzüge hervorbringen. Er wird den Generalſtab berauſchen, ohne ſi. berauſchen und für Jedermann ein wunderung und Sympathie ſein; käme es dann, daß wir eine iſt eine lebendige Ordre und man wird i gehen müſſen, wohin er es haben will.“ „Schickt ihn alſo zurück.“. „Das iſt auch meine Abſicht, doch erſt in einigen Tagen; dein ich muß Euch etwas ſagen.“ „ a 2 7 „Ich mißtraue d'Artagnan. tainebleau, wie Ihr bemerken konntet, und d'Artagnan iſt nie ungeſucht. abweſend oder müßig. Nun, da meine Angelegenheiten im Reinen ſind, will ich auch zu er⸗ welche Geſchäfte d'Artagnan betreibt.“ fahren ſuchen, „Eure Angelegenheiten ſeien im Reinen, ſagt Ihr?“. „Ja.“ „Dann ſeid Ihr ſehr glücklich, un daſſelbe ſagen können.“. „Ich bofe Ihr ſeid nicht mehr in Sorge.“ „Hm abe ihm eine Hoffnung gegeben, die wir sverwirklichen werden? Und darauf lebt er.“ immer dahin in Befehl vollziehen zu laſſen hätten, Porthos Er iſt nicht in Fon⸗ d ich moͤchte wohl — —⏑:;§⏑:——— deres.“ 205. „Der König empfängt Euch vortrefflich.“ „Ja.“ „Und Colbert läßt Euch in Ruhe!“ „Ungefähr.“ „In dieſem Fall,“ ſprach Aramis mit jener Ver⸗ kettung der Ideen, die ſeine Stärke war,„in dieſem Fall können wir an das denken, was ich Cuch geſtern in Beziehung auf die Kleine ſagte.“ „Welche Kleine meint Ihr 7, „Ihr habt es ſchon vergeſſen?“ „Ja.“ 1. „La Valliére.“ „Ah! ganz richtig.“ 8. „Widerſtrebt es Euch, dieſes Mädchen zu gewin⸗ nen?“ „Nur in einer Rückſicht.“ „In welcher?“— „Daß das Herz anderswo intereſſirt iſt, und, daß ich durchaus nichts für dieſes Kind fühle.“ „Ohl oh,“ rief Aramis,„durch das Herz beſchäfe tigt, habt Ihr geſagt.“. „Ja. „Teufel! da müßt Ihr auf Eurer Hut ſein.“ „Warum?“ „Weil es furchtbar wäre, durch das Herz beſchäf⸗ tigt zu ſein, während man ſo ſehr, wie Ihr, des Ko⸗ pfes bedarf.“ „Ihr habt Recht. Ihr ſeht auch, daß ich auf Curen erſten Ruf Alles verlaſſen habe. Doch kommen wir auf die Kleine zurück. Welchen Nutzen erſeht Ihr darin, daß ich mich mit ihr beſchäftige?“ „Höret. Der König ſoll, wenigſtens wie man glaubt, alle Laune für die Kleine haben.“ „Und Ihr, der Ihr Alles wißt, wißt etwas An⸗ ch weiß nur, daß der König ſehr raſch gewech⸗ ſelt h t; daß der König vorgeſtern ganz Feuer für Ma⸗ . 206 dame war, daß ſich Monſieur ſchon vor einigen Tagen bei der Königin⸗ Mutter über dieſes Feuer beklagt hat; daß es eheliche Zwiſtigkeiten und mütterliches Gezänk gegeben.“ „Woher wißt Ihr das Alles?“ „Ich weiß es einmal.“ „Nun!“ „In Folge dieſer Zwiſtigkeiten und dieſes Gezaͤnks hat der König kein Wort mehr an Ihre Königliche Ho⸗ heit gerichtet, ihr nicht mehr die geringſte Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt.“ „Hernach.“ „Hernach hat er ſich mit Fräulein de la Valliere beſchäftigt. Fräulein de la Vallière iſt Ehrenfräulein von Madame. Wißt Ihr was man in der Liebe einen Chaperon nennt.“ & 44 Ja. „Nun denn, Fräulein de la Vallière iſt der Cha⸗ peron*) von Madame. Benützt dieſe Stellung. Ihr bedürft deſſen nicht, doch die verletzte Eitelkeit wird die Eroberung erleichtern. Die Kleine wird das Geheimniß des Königs und von Madame haben. Ihr wißt nicht, was ein verſtändiger Mann mit einem Geheimniß macht.“ „Doch wie hiezu gelangen?“. „Ihr fragt mich das?“ „Allerdings. Ich werde keine Zeit haben, mich mit ihr zu beſchäftigen.“ „Sie iſt arm, ſie iſt demüthig, Ihr ſchafft ihr eine Lage, und mag ſie den König als Geliebte unterjochen, mag ſie ſich ihm nur als Vertraute nähern, Ihr wer⸗ det immerhin eine neue Anhängerin haben.“ .„Es iſt gut,“ ſprach Fouquet.„Was in Beziehung auf die Kleine thun?“ *) Chaperon nennt man eine Perſon, welche ein junges Frauenzimmer des Anſtandes wegen begleitet. Na e Deckmantel woh dem Sinne von Aramis aber wär der paſſendſte Ausdruck. werden wir „Was thatet Ihr, wenn Ihr nach einer Frau be⸗ gehrtet, Herr Oberintendant?“ „Ich ſchrieb ihr, ich machte ihr meine Liebesbetheu⸗ rungen, fügte meine Dienſtanerbietungen bei und un⸗ terzeichnete Fouquet.“ „Und Keine widerſtand.“ „Eine Einzige. Doch vor vier Tagen hat ſie nach⸗ gegeben, wie die Anderen.“ „Wollt Ihr Euch die Mühe geben, zu ſchreiben?“ ſagte Aramis, indem er Fouguet eine Feder reichte. Fouquet nahm ſie und ſprach: „Diktirt. Mein Kopf iſt ſo ſehr anderwärts in Anſpruch genommen, daß ich nicht zwei Zeilen abzufaſ⸗ ſen vermöchte.“ „Gut. Schreibt,“ erwiederte Aramis. Und er dik⸗ tirte. „„Mein Fräulein, ich habe Euch geſehen, und Ihr werdet Euch nicht darüber wundern, daß ich Euch ſchön gefunden. „Doch Ihr könnt, in Ermangelung einer Eurer würdigen Lage bei Hofe nur vegetiren. „„Die Liebe eines ehrlichen Mannes könnte, falls Ihr einigen Ehrgeiz beſäßet, Eurem Geiſt und Euren Reizen zur Unterſtützung dienen. „„Ich lege meine Liebe zu Euren Füßen; da aber eine Liebe, ſo demüthig und discret ſie auch ſein mag, den Gegenſtand ihrer Verehrung gefährden kann, ſo iſt es nicht paſſend, daß eine Perſon von Euren Vor⸗ zügen ſich ohne ein Reſultat für ihre Zukunft der Ge⸗ fahr bloßſtellt. „Wollt Ihr meine Liebe erwiedern, ſo wird ſie Euch ihre Dankbarkeit dadurch beweiſen, daß ſie Euch für immer frei und unabhängig macht.““ Nach dem er geſchrieben, ſchaute Fouquet Ara⸗ mis an. „Unterzeichnet,“ ſagte dieſer. „Iſt das nothwendig?“ „Eure Unterſchrift unter dieſen Zeilen iſt eine Mil⸗ lion werth; Ihr vergeßt das, mein lieber Oberinten⸗ dant.“ Fouquet unterzeichnete. „Durch wen wollt Ihr nun den Brief abſchicken?“ fragte Aramis. „Durch einen vortrefflichen Diener.“ „Auf den Ihr Euch verlaſſen koͤnnt 2, „Es iſt mein gewöhnlicher Geheimbote.“ „Sehr gut.“ „Vielleicht ſpielen wir auf dieſer Seite ein durch⸗ aus nicht ſchwerfälliges Spiel.“ „Warum?“ 3 „Wenn das, was Ihr von den Gefä Kleinen gegen den König und ſo wird ihr der ſchen mag.“ „Der König hat alſo Geld?“ fragte Aramis. „Ich muß es wohl glauben, verlangt.“ „Ohl ſeid unbeſorgt, er wird wieder verlangen.“ „Mehr noch, ich glau dem Feſte in Vaux ſprechen.“ „Nun „Er hat nicht davon geſprochen.“ „Er wird ſprechen.“ „Ohl Ihr haltet den König für ſehr grauſam, mein lieber d'Herblay.“ „Ihn nicht.“ „Er iſt jung, folglich iſt er gut.“ „Er iſt jung, folglich iſt er ſchaftlich, und Herr Colbert hält ſeine Leidenſchaften in ſeiner gemeinen Hand.“ „Ihr ſeht wohl, daß Ihr ihn fürchtet.“ „Ich leugne es nicht.“. „Dann bin ich verloren.“ „Wie ſo?“ lligkeiten der 9 Madame ſagt, wahr iſt⸗ König alles Geld geben, was ſie wün⸗ da er keines mehr bte, er würde mit mir von ſchwach oder leiden⸗ ſeine Schwäͤche oder tr „ r 8n „Ich war beim König nur durch das Geld ſtark.“ „Hernach?“ „Und ich bin zu Grunde gerichtet.“ „Nein.“ „Wie, nein? Kennt Ihr meine Angelegenheiten beſſer, als ich?“. 4„Vielleicht.“ „Und wenn er dieſes Feſt verlangt?“ „So gebt Ihr es.“ „Aber das Geld?“ „Hat es Euch je daran gefehlt?“ „Oh! wenn Ihr wüßtet, um welchen Preis ich das letzte verſchafft habe!“ „Das nächſte wird Euch nichts koſten.“ „Wer wird es mir geben?“ „Ich.“ „Ar werdet mir ſechs Millionen geben?“ „Ja.“ „Ihr, ſechs Millionen?“ „Zehn, wenn es ſein muß.“ „In der That, mein lieber d'Herblay, Euer Ver⸗ inauen veriijt t mich mehr, als der Zorn des Königs.“ „Bah!“ „Wer ſeid Ihr denn?“ „Ihr kennt mich, wie mir ſcheint.“ „Ich irre mich... was wollt Ihr alſo?“ „Ich will auf dem Thron von Frankreich einen Köͤnig, der Herrn Fouquet ergeben iſt, und Herr Fou⸗ quet ſoll mir ergeben ſein.“ „Oh!“ rief Fouquet,„was das Euch Angehören betrifft, ich gehoͤre wohl Euch; aber glaubt mir, lieber d'Herblay, Ihr macht Euch eine Illuſton.“ 4„Worin?“ „Nie wird der König mir ergeben ſein.“ „Ich habe Euch, wie mir ſcheint, nicht geſagt, der König würde Euch ergeben ſein.“ Die drei Muketiere, Bragelonne VI. 1 14 mi 210 „Im Gegentheil, Ihr habt das geſagt.“. „Ich habe nicht geſagt, der König, ſondern ein⸗ „Iſt das nicht ganz dasſelbe?“ „Im Gegentheil, es iſt ſein großer Unterſchied.“ „Ich verſtehe nicht.“ 3 „Ihr werdet verſtehen: Nehmt an, es ſei ein an⸗ derer Mann Koͤnig, als Ludwig XIV.“ „Ein anderer Mann?“ „Ja, der ganz von Euch abhänge.“ „Unmöglich.“ „Selbſt ſein Thron.“ „Ohl Ihr ſeid verrückt. Es gibt keinen andern Mann, der ſich auf den Thron von Frankreich ſetzen kann, als Ludwig XIV. Ich ſehe keinen, keinen Ein⸗ zigen.“ „Ich ſehe Einen.“ 3 „Wenn nicht etwa Monſieur,“ verſetzte Fouquet, indem er Aramis unruhig anſchaute.„Aber Mon⸗ ſieur...“ „Ich meine nicht Monſieur.“ „Wie ſoll aber ein König, der nicht von Geſchlecht iſt, wie ſoll ein Prinz, der kein Recht hat...“ „Mein König, oder vielmehr Euer Koͤnig, ſeid unbeſorgt, wird Euch Alles ſein, was er ſein ſoll.“ „Nehmt Euch in Acht, nehmt Euch in Acht, Herr v'Herblay; Ihr macht mich ſchauern, ſchwindeln.“ Aramis erwiederte lächelnd: 1 „Ihr habt den Schauer und den Schwindel um geringe Koſten.“. „Oh! ich wiederhole Euch, Ihr erſchreckt mich.“ Aramis lächelte. „Ihr lacht?“ fragte Fouquet. „Iſt der Tag gekommen, ich; nur muß ich jetzt allein lachen.“ König „Erklärt Euch doch.“ „Seid unbeſorgt, wenn der Tag gekommen iſt, & ſo werdet Ihr lachen wie 5 † — u—— t, † 1⸗ werde ich mich erklären. Ihr ſeid eben ſo wenig Pe⸗ trus, als ich Jeſus bin, und dennoch ſpreche ich zu Euch: Kleingläubiger, warum zweifelſt Du?“ „Ei! mein Gott, ich zweiſle, ich zweiſle, weil ich nicht ſehe.“. „Dann ſeid Ihr blind; ich behandle Euch nicht mehr als heiligen Petrus, ſondern als heiligen Paulus und ſage zu Euch: „Es wird der Tag kommen, wo ſich Deine Augen öffnen.“ „Ohl wie gerne möchte ich glauben,“ rief Fouquet. „Ihr glaubt nicht, Ihr, den ich zehnmal durch den Abgrund geführt habe, in dem Ihr allein verſunken wäret. Ihr glaubt nicht, Ihr, der Ihr vom General⸗ anwalt zum Rang des Intendanten, vom Rang des In⸗ tendanten zu dem des erſten Miniſters emporgeſtiegen ſeid, und von dem des erſten Miniſters zu dem des Maire vom Palaſt übergehen werdet. Doch nein,“ ſagte er mit ſeinem vorigen Lächeln,„nein Ihr könnt nicht ſehen, und folglich könnt Ihr es nicht glauben.“ Hienach ſtand Aramis auf, um ſich zu entfernen. „Ein letztes Wort,“ ſagte Fouquet.„Ihr habt nie ſo mit mir geſprochen. Ihr habt Euch nie ſo ver⸗ trauensvoll oder vielmehr ſo verwegen gezeigt.“ „Weil man, um laut zu ſprechen, eine freie Stimme haben muß.“ „Ihr habt ſie alſo?“ „Ja.“ „Seit kurzer Zeit?“ „Seit geſtern.“ „”Oh! Herr d'Herblay, Ihr treibt die Sicherheit bis zur Keckheit.“ „Weil man keck ſein kann, wenn man mächtig iſt.“ „Ihr ſeid alſo mächtig?“ „Ich habe Euch zehn Millionen angeboten, ich biete ſie Euch noch einmal an.“ „Hoͤret, hoͤret! Ihr habt vom Sturz von Köͤnigen, von ihrer Entſetzung durch andere Könige geſprochen... Gott erzeihe mir. Doch das iſt es, was Ihr, wenn ich nicht verrücht bin, vorhin ſagtet.“ „Ihr ſeid nicht verrückt, ich habe das wirklich ſo 5 eben geſagt.“ .„Und warum habt Ihr es geſagt?“* „Weil man ſo von umgeſtürzten Thronen und von geſchaffenen Königen ſprechen kann, wenn man ſelbſt über den Königen und Thronen... dieſer Welt ſteht.“ „Ihr ſeid alſo allmächtig?“ rief Fouquet. „Ich habe es Euch ſchon geſagt und wiederhole es,“ antwortete Aramis, das Auge glänzend, die Lippe bebend. Fouquet warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurück und ließ ſeinen Kopf in ſeine Hände ſinken. Aramis ſchaute ihn einen Augenblick an, wie es der Engel des menſchlichen Geſchickes bei einem ein⸗ fachen Sterblichen gethan hätte. Dann ſprach er: 1 „Gott befohlen, ſchlafet ruhig und ſchickt Euren 1 Brief an die La Vallisre. Morgen, nicht wahr, ſehen 1 wir uns?“ „Ja, morgen,“ erwiederte Fouquet, den Kopf ſchüt- L 0 d — etelnd, wie ein Menſch, der wieder zu ſich kommt.„Doch, wo werden wir uns ſehen?“ „Bei der Promenade des Königs, wenn Ihr wollt.“ „Sehr gut.“ Und ſie trennten ſich. —— 6 3 der Zuſtand des Himmels habe mit dem Allem nichts XV. Der Sturm. Am andern Morgen erhob ſich der Tag düſter und trübe; und da Jeder wußte, daß im Programm des Kö⸗ nigs die Promenade beſtimmt war, ſo richtete ſich der Blick von Jedem, als er die Augen öffnete, nach dem Himmel. Oben auf den Bäumen war ein dichter, heißer Dunſt gelagert, der kaum die Kraft gehabt hatte, ſich dreißig Fuß über die Erde unter den Strahlen der Sonne zu erheben, die man nur durch den Schleier einer ſchweren Wolke erſchaute. An dieſem Mor kein Thau. Die Raſen waren trocken, die Blumen welk geblieben. Die Vögel ſangen mit mehr Zurückhaltung, als gewöhnlich, in dem Blät⸗ terwerk, das ſo unbeweglich, als ob es todt wäre. Das ſeltſame, verworrene, lebensvolle Gemurmel, das durch die Sonne zu entſtehen und zu beſtehen ſcheint, dieſes Athemholen der Natur, das unabläſſig inmitten von allem andern Geräuſch ſpricht, ließ ſich nicht hören: das Stillſchweigen war nie ſo groß geweſen. Dieſe Traurigkeit der Natur fiel dem König in die Augen, als er, nachdem er aufgeſtanden, ans Fen⸗ ſter trat. 1 Da aber alle Befehle für die Promenade gegeben, da alle Vorbereitungen getroffen waren, da, was noch viel wichtiger und eine noch viel entſcheidendere Urſache, Ludwig auf dieſe Promenade rechnete, welche den Ver⸗ ſprechungen ſeiner Einbildungskraft und, wir dürfen ſogar ſchon ſagen, den Bedürfniſſen ſeines Herzens Ge⸗ nüge leiſten ſollte, ſo beſtimmte der König ohne Zögern, 214 zu ſchaffen, die Promenade ſei beſchloſſen und werde ſtattfinden, wie das Wetter auch ſein moͤge. Es gibt übrigens in gewiſſen, vom Himmel bevor⸗ zugten irdiſchen Reichen, Stunden, wo man glauben ſollte, der Wille der irdiſchen Könige habe ſeinen Ein⸗ fluß auf den göttlichen Willen. Auguſt hatte Virgil, um ihm zu ſagen: Nocte placet tota redeunt specta- cula mane, Ludwig XIV. hatte Boileau, der ihm etwas ganz Anderes ſagen, und Gott, der ſich beinahe ſo ge⸗ fällig gegen ihn zeigen ſollte, als es Jupiter gegen Auguſt geweſen war. Ludwig hörte wie gewöoͤhnlich die Meſſe, aber man muß geſtehen, etwas von der Gegenwart des Schöpfers abgezogen durch die Erinnerung an das Geſchöpf. Er beſchäftigte ſich während des Gottesdienſtes damit, daß er mehr als einmal die Zahl der Minuten, ſodann die Seeunden berechnete, die ihn von dem ſeligen Augen⸗ blicke trennten, wo die Promena beginnen ſollte, das heißt von dem Augenblick, w Madame mit ihren Chrenfräulein aufbrechen würde. Es verſteht ſich indeſſen von ſelbſt, daß kein Menſch im Schloß etwas von der Zuſammenkunft wußte, welche am Tage vorher zwiſchen La Vallidre und dem König ſtattgefunden hatte. Montalais hätte es vielleicht mit ihrer gewoͤhnlichen Schwatzhaftigkeit verbreitet; Monta⸗ lais wurde aber bei dieſer Sache durch Malicorne ge⸗ beſſert, der ihr das Vorhängſchloß des gemeinſchaftlichen Intereſſes an die Lippen gelegt hatte. r ſo glücklich, daß er Madame ihre kleine Bosheit am vorhergehenden Tag verziehen oder beinahe verziehen hatte. Er hatte ſich in der That mehr dazu Glück zu wunſchen, als dar⸗ über zu beklagen. Ohne dieſe Bosheit empfing er den Brief der La Vallidre nicht; ohne dieſen Brief gab er keine Audienz und ohne die Audienz blieb er in der Un⸗ entſchiedenheit. Sein Herz war daher von zu —.— 215 ſeligkeit durchſtrömt, als daß der Groll darin Stand halten konnte, für den Augenblick wenigſtens. Statt die Stirne zu falten, wenn er ſeine Schwä⸗ gerin erblicken würde, nahm ſich Ludwig daher vor, ſie noch freundſchaftlicher und liebreicher als gewöhnlich zu empfangen. Dies geſchah jedoch unter einer Bedingung, unter der Bedingung, daß ſie frühzeitig bereit wäre. Das ſind die Dinge, an die Ludwig in der Meſſe dachte, und die ihn während des heiligen Amtes dieje⸗ nigen vergeſſen ließen, an welche er in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als allerchriſtlichſter König und als älteſter Sohn der Kirche hätte denken müſſen. Gott iſt jedoch ſo gut gegen die jungen Irrthümer, Alles, was Liebe iſt, ſelbſt ſtrafbare Liebe findet ſo leicht Gnade in ſeinen väterlichen Blicken, daß Ludwig, als er aus der Meſſe wegging und ſeine Augen zum Him⸗ mel aufſchlug, eine Ecke von jenem Azurteppich ſehen konnte, auf den der Guß des Herrn tritt. Er kehrte nach hem Schloß zurück, und da die Pro⸗ menade erſt auf die Mittagsſtunde angeſagt und es kaum zehn Uhr war, ſo fing er an voll Eifer mit Lyonne und Colbert zu arbeiten. Als iedoch Ludwig während der Arbeit vom Tiſch nach dem Fenſter ging, in Betracht, daß dieſes Fenſter die Ausſicht nach dem Pavillon von Madame bot, ſo konnte er unten Herrn Fouguet ſehen, auf den ſeit der Gunſt, die ihm am vorhergehenden Tag zu Theil ge⸗ worden, die Höflinge mehr Gewicht legten als je, und der mit einer ganz freundlichen und glücklichen Miene herbeikam, um dem König ſeine Huldigung darzubringen. Inſtinctartig wandte ſich der König, als er Fou⸗ quet ſah, gegen Colbert um. Colbert lächelte und ſchien ſelbſt voll Heiterkeit und Freundlichkeit. Dieſes Glück hatte ihn erfaßt, ſeitdem einer von ſeinen Schreibern eingetreten war und ihm ein Portefeuille übergeben hatte, das Colbert, ohne es zu öffnen, in die weite Taſche ſeiner Hoſe geſteckt. Da aber immer etwas Finſteres im Grunde der . Freude von Colbert lag, ſo entſchied ſich Ludwig bei der Wahl zwiſchen dem Lächeln von Beiden für das von Fouquet.. Er bedeutete dem Oberintendanten durch ein Zei⸗ chen, er möge heraufkommen, drehte ſich dann gegen Lyonne und Colbert um und ſagte: „Vollendet dieſe Arbeit, legt ſte auf mein Bureau, ich werde ſie mit ausgeruhtem Kopf ſehen.“ Dann ging er hinaus. Auf das Zeichen des Königs ſtieg Fouquet eiligſt herauf. Aramis, der den Oberintendanten begleitete, wandte ſich ernſt in der Gruppe der Höflinge um und verlor ſich, ohne daß ihn der König nur bemerkt hatte. Der König und Fouquet begegneten ſich oben auf der Treppe.. 1 „Sire,“ ſprach Fouquet, als er den freundlichen Empfang wahrnahm, der ihm König zu Theil wurde,„Sire, ſeit einigen Tagen überſtrömt mich Eure Majeſtät mit ihrer Huld. Es iſt nicht mehr ein junger König, es iſt ein junger Gott, der über Frankreich Penhehts der Gott der Freude, des Glücks und der liebe.“ Der König erröthete. Wenn auch ſchmeichelhaft, ſo war doch das Kompliment nichts deſtoweniger etwas unmittelbar. Der Konig führte Fouquet in einen kleinen Salon, der ſein Arbeitscabinet von ſeinem Schlafzimmer trennte. „Wißt Ihr wohl, warum ich Euch rufe?“ fragte der König, während er ſich ſo auf den Rand vom Fen⸗ ſter ſetzte, daß er nichts von dem verlöre, was in den Gartenbeeten vorfallen würde, auf die der zweite Ein⸗ gang des Pavillon von Madame führte. * „Nein, Sire, doch es muß etwas Glückliches ſein, 217 davon bin ich nach dem huldreichen Lächein Eurer Ma⸗ jeſtät überzeugt.“ 3 „Oh! Ihr muthmaßt.“ „Nein, Sire, ich ſchaue und ſehe.“ „Dann täuſcht Ihr Euch.“ „Ich? Sire.“ „Denn ich rufe Euch im Gegentheil, um Euch aus⸗ zuzanken.“ „Mich, Sire?“ „Ja, und zwar in allem Ernſte.“ „Eure Majeſtät erſchreckt mich... und dennoch warte ich in vollem Vertrauen zu ihrer Güte und Ge⸗ rechtigkeit.“ „Was ſagt man mir, Herr Fouquet, Ihr bereitet ein großes Feſt in Vaux?“ Fouquet lächelte wie ein Kranker beim erſten Schauer eines vergeſſenen Fiebers, das gerade wiederkehrt. „Und Ihr ladet mich nicht ein?“ fuhr der König fort. „Sire,“ erwiederte Fouquet,„ich dachte nicht an dieſes Feſt, und erſt geſtern Abend hat einer meiner Freunde(Fouquet legte einen beſondern Nachdruck auf dieſe Worte) die Güte gehabt, mich daran zu er⸗ innern. „Ich habe Euch aber geſtern Abend geſehen, und Ihr ſagtet mir nichts davon, Herr Fouquet.“ „Sire, wie konnte ich hoffen, Eure Majeſtät dürfte aus den hohen Regionen, in denen ſie lebt, ſo weit herabſteigen, daß ſie meine Wohnung mit ihrer könig⸗ lichen Gegenwart beehren würde?“ „Eine Entſchuldigung, lbeee Fouquet, Ihr habt mir nichts von Eurem Feſte geſagt.“ „Ich wiederhole, 13 fagte dem König von dieſem Feſte nichts, einmal weil nichts in Beziehung auf das⸗ ſelbe entſchieden war, und dann, weil ich eine abſchlä⸗ gige Antwort befürchtete.“ „Und was ließ Guch dieſe abſchlägige Antwort be⸗ 218 fürchten, Herr Fouquet? Nehmt Euch in Acht, ich bin entſchloſſen, Guch auf's Aeußerſte zu treiben.“ „Sire, mein inniges Verlangen, den König meine Cinladung annehmen zu ſehen...“ uet, ich ſehe, wir können „Nun denn! Herr Fouq uns ganz leicht verſtändigen. Ihr habt den Wunſch, mich zu Curem Feſte einzuladen, i dahin zu gehen; ladet mich ein u „Wie! Eure Majeſtät würde die Gnade haben, an⸗ 2“ ſagte der Oberintendant. ein Herr,“ erwiederte der König ch thue mehr⸗ als annehmen, und ich glaube, ich lade mich ſelbſt ein.“ „Eure Majeſtät überſchüttet mich mit Ehre und Freude,“ rief Fouquet;„doch ich bin genöthigt, zu wie⸗ derholen, was Herr de la Vieuville zu Eurem Groß⸗ vater Heinrich IV. ſagte: „Domine non sum dignus.“ „Meine Antwort hierauf iſt, daß ich, wenn Ihr ein Feſt gebt, eingeladen oder nicht eingeladen kommen werde.“ „Oh! Dank, Dank, mein Koͤnig!u ſprach Fouquet, das Haupt unter dieſer Gnade erhebend, die in ſeinem Geiſt ſein Ruin war.„Wie hat es aber Eure Maje⸗ ſtät erfahren?“ „Durch das öffentliche Gerücht, das Wunder von Euch und Wunder von Eurem Haus erzählt. Wird es Euch ſtolz machen, Herr Fouquet, daß der König auf Euch eiferſüchtig iſt?“ „Das muß mich zum glücklichſten Menſchen der zunehmen „In der That, me Welt machen, Sire, weil ich an dem Tag, wo der König auf Vaux eiferſüchtig ſein wird, meinem König eiwas ſeiner Würdiges anzubieten haben werde.“ „Nun wohl, trefft Anſtalten zu Eurem Feſt und 3 öffnet beide Flügel der Thüren Eures Hauſes.“ „Und Ihr, Sire, beſtimmt den Tag.“ „Von heute in einem Monat,“ . „Nichts, Herr Oberintendant, wenn nicht, Euch bis dahin, ſo viel als es Euch möglich ſein wird, bei mir zu haben.“ „Sire, ich werde die Ehre haben, bei der Prome⸗ nade Eurer Majeſtät zu ſein.“ 3 „Sehr gut; ich gehe in der That, Herr Fouguet, und jene Diener dort begeben ſich gerade auf den Sam⸗ melplatz.“ Bei dieſen Worten zog ſich der Köͤnig mit dem ganzen Feuer nicht eines jungen Menſchen, ſondern eines verliebten jungen Menſchen vom Fenſter zurück, um ſeine Handſchuhe und ſeinen Stock zu nehmen, den ihm ſein Kammerdiener reichte. Man hörte außen das Stampfen der Pferde und das Rollen der Räder auf dem Sande des Hofes. Der König ging hinab. In dem Augenblick, wo er auf der Freitreppe erſchien, blieb Jedermann ſtehen. Der König ſchritt gerade auf die junge Königin zu. Immer an der Krankheit leidend, von der ſie befallen war, wollte die Königin Mutter ihre Gemächer nicht verlaſſen. Maria Thereſia ſtieg mit Madame in den Wagen und fragte den König, in welcher Richtung die Prome⸗ nade ſtattfinden ſollte. Der König, der La Vallière, die noch ganz bleich war von den Ereigniſſen des vorhergehenden Abends, mit drei von ihren Gefährtinnen in eine Caleche hatte ſteigen ſehen, antwortete, er gebe keiner Richtung den Vorzug, und es werde überall gut ſein, wo ſie wären. Die Königin ließ nun den Piqueurs Befehl geben, ſich gegen Apremont zu wenden. Die Piqueurs ritten voran. Der König ſtieg zu Pferde und folgte einige Mi⸗ nuten dem Wagen der Köonigin und von Madame in der Nähe des Kutſchenſchlags⸗ 152 Das Wetter hatte ſich ziemlich aufgehellt, eine Art von ſtaubigem Schleier, einer beſchmutzten Gaze ähnlich, breitete ſich indeſſen auf der ganzen Oberfläche des Himmels aus; die Sonne ließ glimmerartige Atome in ihrem Strahlenkreiſe glänzen. Es war zum Erſticken heiß. Da aber der König auf den Zuſtand des Himmels nicht zu merken ſchien, ſo ſchien ſich Niemand darum u bekümmern, und die Promenade nahm nach den Be⸗ fehlen der Koͤnigin ihren Fortgang gegen Apremont. Die Truppe der Höflinge war geräuſchvoll und freudig, man ſah, daß Jeder die bitteren Discuſſionen vom vorhergehenden Tage zu vergeſſen und die Anderen vergeſſen zu machen ſuchte. Madame beſonders war entzückend. Madame ſah den König an ihrem Kutſchenſchlage, und da ſie nicht annehmen konnte, er ſei der Königin wegen da, ſo hoffte ſie, ihr Prinz ſei zu ihr zurückge⸗ kehrt. Nachdem man aber ungefähr eine Viertelsmeile auf der Landſtraße zurückgelegt hatte, grüßte der König ihigen Lächeln und ließ den Wagen der mit einem anmut Königin vorbeifahren, dann den der erſten Ehrendamen, dann alle andere, welche, als ſie den König ſtille halten ſahen, ebenfalls anhalten wollten. Doch der König hieß ſie durch ein Zeichen mit der Hand weiter fahren. Als der Wagen von La Valllere kam, näherte ſich ihm der König. Der König grüßte die Damen und ſchickte ſich an, dem Wagen der Ehrenfräulein von Madame zu folgen, wie er dem von Madame gefolgt war, als ploͤtzlich die Reihe der Wagen anhielt. Beunruhigt durch die Entfernung des Koͤnigs, hatte ohne Zweifel Madame hiezu Befehl gegeben. b Man erinnert ſich, daß die Richtung der Promt⸗ 8 nade ihr überlaſſen worden war. Der Koͤnig ließ ſie fragen, was ſie damit wünſche, daß ſie die Wagen anhalten laſſe. „Zu Fuß zu gehen,“ autwortete ſie. Vermuthlich hoffte ſie, der König, der dem Wagen der Ehrenfräulein zu Pferde folgte, würde ſich ſcheuen, den Ehrenfräulein ſelbſt zu folgen. Man war mitten im Wald. Die Promenade kündigte ſich in der That ſchön an, ſchön beſonders für Träumer oder Liebende. Drei herrliche, lange, ſchattige Alleen gingen von dem Kreuzweg aus, wo man Halt gemacht hatte. Grün von Moos, ausgezackt von Blätterwerk, hatten dieſe Alleen jede einen kleinen Horizont von einem Fuß Himmel, den man unter der Verſchlingung der Bäume erſchaute; dies war der Anblick der Oertlichkeit. Im Hintergrunde dieſer Alleen liefen mit deutlichen Zeichen der Angſt erſchrockene Rehe hin und her, welche, nachdem ſie einen Augenblick mitten auf dem Wege ſtille gehalten und den Kopf emporgeſtreckt hatten, wie Pfeile entflohen und mit einem Sprung in das Dickicht zurückkehrten, wo ſie verſchwanden, während man von Zeit zu Zeit ein philoſophiſches Kaninchen erblickte, das auf ſeinem Hintertheil hockend ſich mit den Vorderläufen an der Schnauze kratzte und die Luft befragte, um zu erkennen, ob allen den Leuten, welche herbeikamen und es ſo in ſeinen Meditationen, in ſeinem Mahle oder in ſeiner Liebe ſtörten, nicht ein Hund mit verdrehten Bei⸗ en folgte oder ob ſie nicht ein Gewehr unter dem Arm rügen. Die ganze Geſellſchaft war indeſſen aus dem Wagen geſtiegen, als ſie die Königin hatte ausſteigen ſehen. Maria Thereſia nahm eine von ihren Ehrendamen beim Arm und ging, nachdem ſie einen ſchiefen Blick auf den König geworfen, der gar nicht wahrzunehmen ſcchien, daß er nur im Geringſten der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit der Königin ſei, auf dem erſten Fuß⸗ pfad, der ſich vor ihr öffnete, in den Wald hinein.. Zwei Piqueurs ſchritten Ihrer Majeſtät mit Stöͤcken voran, deren ſie ſich bedienten, um die Zweige aufzu⸗ heben, oder die Brombeerſträuche, die den Weg ver⸗ ſperren konnten, auf die Seite zu ſchieben. Als Madame ausſtieg, fand ſie an ihrer Seite Herrn von Guiche, der ſich vor ihr verbeugte und ſich zu ihrer Verfügung ſtellte. Entzückt von ſeinem Bade zwei Tage vorher, hatte Monſieur erklärt, er gebe dem Fluſſe den Vorzug, und war, nachdem er Guiche entlaſſen, mit dem Chevalier von Lorraine und Manicamp im Schloß zurückgeblieben. Es fand ſich in ihm nicht mehr ein Schatten von Eiferſucht. Man hatte ihn daher vergebens im Zuge geſucht; da aber Monſieur ein ſehr perſönlicher Prinz war, der gewöhnlich nur wenig zum allgemeinen Vergnügen bei⸗ trug, ſo war ſeine Abweſenheit mehr ein Gegenſtand der Zufriedenheit, als des Bedauerns geweſen. 1 Jedermann hatte das von der Königin und von Madame gegebene Beiſpiel befolgt und ſeine Bequem⸗ lichkeit ngch dem Zufall oder nach ſeinem Geſchmack geſucht. Der König war, wie geſagt, bei La Vallière ge⸗ blieben, und er hatte dieſer, da er in dem Augenbli vom Pferde ſtieg, wo man den Wagenſchlag öffnete, die Hand geboten. Sogleich entfernten ſich Montalais und Tonnay⸗ Charente, die Eine aus Berechnung, die Andere aus Discretion. Nur fand zwiſchen Beiden der Unterſchied ſtatt, daß die Eine ſich mit dem Wunſch entfernte, dem König angenehm zu ſein, die Andere mit dem, dem Koͤnig un⸗ angenehm zu ſei n. Während der letzten halben Stunde hatte auch das Wetter ſeine Verfügungen getroffen; wie durch einen heißen Wind angetrieben, hatte ſich dieſer ganze Schleier im Waſſer zuſammengeballt, und rückte dann wieder, 223 durch eine entgegengeſetzte Strömung zurückgeworfen, 1 langſam, ſchwerfällig heran. Man fühlte den Sturm herannahen; da ihn aber der König nicht ſah, ſo glaubte ſich Niemand berechtigt, ihn zu ſehen. Die Promenade wurde alſo fortgeſetzt; einige ängſt⸗ liche Geiſter ſchlugen indeſſen von Zeit zu Zeit die Augen zum Himmel auf. Noch Furchtſamere gingen auf und ab, ohne ſich von den Wagen zu entfernen, in denen ſie für den Fall eines Sturmes Schutz zu ſuchen gedachten. Aber der größte Theil der Geſellſchaft folgte dem König, als man ihn muthig mit La Vallidre in den Wald eindringen ſah. Sobald dies der König gewahrte, nahm er La Val⸗ liore bei der Hand und führte ſie in eine Seitenallee, wohin ihm diesmal⸗Niemand zu folgen wagte. XVI. Der Regen. 8 In demſelben Augenblick und in der Richtung, die der König und La Vallidre genommen hatten, ſtatt der Allee zu folgen, nur daß ſie außer dem Wald gingen, ſchritten zwei Männer ſehr unbeſorgt um den Zuſtand des Himmels einher. Sie hielten ihre Köpfe geſenkt, wie Leute, welche i ernſte Intereſſen denken. Sie hatten weder Guiche, noch Madame, noch den König, noch La Vallisre geſehen.. 224 Plötzlich zog etwas durch die Luft wie ein Flam⸗ menſchub, gefolgt von einem dumpfen, entfernten Murren. „Oh!“ ſagte der Eine, das Haupt erhebend,„der Sturm kommt. Kehren wir zu den Wagen zurück, mein lieber d'Herblay.“ 3 Aramis ſchlug die Augen auf und befragte das Wetter. „Oh!“ rief er,„es hat noch keine Eile.“ Dann die Unterredung fortſetzend, wo er ſie ohne Zweifel gelaſſen hatte, ſprach er: „Ihr ſagt alſo, der Brief, den wir geſtern Abend geſchrieben, müſſe zu dieſer Stunde an ſeine Beſtimmung gelangt ſein.“ „Ich ſage, es ſei dies gewiß.“ „Durch wen habt Ihr ihn überbringen laſſen?“ „Durch meinen Geheimboten, wie ich Euch zu be⸗ merken die Ehre hatte.“ „Hat er Antwort gebracht?“ „Ich habe ihn nicht wieder geſehen; ohne Zweifel war die Kleine im Dienſt bei Madame, oder ſie kleidete ſich in ihrem Zimmer an, ſie wird ihn haben warten laſſen. Es kam die Stunde der Abfahrt und wir ſind wegge⸗ fahren. Ich kann folglich nicht wiſſen, was dort vor⸗ gegangen iſt.“ „Ihr habt den König vor dem Abgang geſehen?“ „Ja. „Wie habt Ihr ihn gefunden?“ „Vortrefflich... oder ſchändlich, je nachdem er mmehr oder weniger Heuchler geweſen iſt.“ „Und das Feſt?“ „Wird in einem Monat ſtattfinden.“ „Er hat ſich dazu eingelaben?“ „Mit einer Dringlichkeit, in der ich Colbert kannte.“ „Das iſt gut.“ „Hat Euch die Nacht Eure Illuſionen nicht be⸗ nommen?“ 5 en 225 „Worüber?“ „Ueber die Unterſtützung, die Ihr bei dieſem Um⸗ ſtand gewähren könnt?“ „Nein, ich habe die Nacht mit Schreiben zuge⸗ bracht, und alle Befehle ſind gegeben.“ „Das Feſt wird mehrere Millionen koſten, verhehlt Euch das nicht.“ 3 „Ich werde für ſechs ſorgen, haltet Eurerſeits für jeden Fall zwei bis drei bereit.“ „Ihr ſeid ein wunderbarer Mann, mein lieber d'Herblay.“ Aramis lächelte. „Aber,“ fragte Fouquet, mit einem Ueberreſt von Beſorgniß,„warum habt Ihr, da Ihr ſo in den Mil⸗ lionen wühlt, Baiſemeaux vor einigen Tagen nicht aus Eurer Taſche die fünfzig tauſend Franken gegeben?“ „Weil ich vor einigen Tagen arm war wie Hiob.“ „Und heute?“ „Heute bin ich reicher als der König.“ „Sehr gut,“ ſagte Fouquet,„ich verſtehe mich auf den Menſchen, und weiß, daß Ihr unfähig ſeid, mir Euer Wort nicht zu halten; ich will Euch Euer Ge⸗ heimniß nicht entreißen: ſprechen wir nicht mehr davon.“ In dieſem Augenblick vernahm man ein dumpfes Rollen, das plötzlich in einem Donnerſchlag losbrach. Ino! ho!“ machte Fouquet, vich ſagte es Euch woh. „Nun, ſo laßt uns zu den Wagen zurückkehren,“ erwiederte Aramis. 3 „Wir werden nicht mehr Zeit haben, es fängt ſchon an zu regnen.“ In der That, als ob der Himmel geöffnet wäre, ließ ein Guß von großen Tropfen plötzlich den Dom des Waldes ertönen.. 4„Oh!“ entgegnete Aramis,„wir haben Zeit, die Wagen zu erreichen, ehe das Blätterwerk überſtrömt iſt.“ „ ie drei Musketiere. Bragelonne. VI. 15 226 „Beſſer wäre es, wenn wir uns in irgend eine Grotte zurückziehen koͤnnten.“ 4 „Ja, aber wo gibt es eine Grotte 2“ fragte Aramis. „Ich kenne eine zehn Schritte von hier,“ erwie⸗ derte Fouquet lächelnd. Dann, indem er ſich umſchaute, fügte er bei: „In, ſo iſt es.“ 8 „Wie glücklich ſeid Ihr, daß Ihr ein ſo gutes Ge⸗ dächtniß beſitzt,“ ſagte Aramis ebenfalls lächelnd;„be⸗ fürchtet Ihr aber nicht, Euer Kutſcher, wenn er uns nicht wieder erſcheinen ſieht, könnte glauben, wir haben einen andern Rückweg genommen, und den Wagen des Hofes folgen?“ „Ohl es iſt keine Gefahr,“ erwiederte Fouquet, „wenn ich meinen Kutſcher und meinen Wagen an einem Orte aufſtelle, ſo kann ihn nur ein ausdrücklicher Be⸗ fehl des Königs bewegen, ſeinen Poſten zu verlaſſen, und überdies ſcheint es mir, daß wir nicht die Einzigen ſind, die ſo weit vorgerückt. Ich hoͤre Tritte und ein Geräuſch von Stimmen.“ 8 Während Fouguet dieſe Worte ſprach, wandte er ſich um, und öffnete mit ſeinem Stock eine Maſſe von Blaͤttern, die ihm den Weg verbarg. Der Blick von Aramis drang zugleich mit dem ſei⸗ nigen durch die Oeffnung. „Eine Frau!“ ſagte Aramis. „Ein Mann!“ ſagte Fouquet. „La Vallidre!“ „Der König!“ „Ohl ho!“ ſagte Aramis,„ſollte der König Eure Höhle auch kennen? Darüber würde ich mich nicht wundern; er ſcheint mir einen ziemlich geregelten Ver⸗ kehr mit den Nymphen von Fontainebleau zu unter⸗ halten.“ 3 4 3„Gleichviel,“ verſetzte Fouquet,„gehen wir immer hiin zur Grotte; kennt er ſie nicht, ſo werden wir ſehen, was geſchieht, kennt er ſie, ſo gehen wir, da ſie — — Oeffnungen hat, während er durch die eine eintritt durch die andere hinaus.“ 3 „Iſt ſie fern von hier?“ fragte Aramis,„der Regen ſickert ſchon durch.“* 3 „Wir ſind an Ort und Stelle.“ 5 Fouquet ſchob einige Zweige auf die Seite, und man konnte eine Felsaushoͤhlung erblicken, welche Heide⸗ kraut, Epheu und aufgehäufte Eicheln voͤllig verbargen. Fouquet zeigte den Weg. Aramis folgte ihm. In dem Augenblick, wo ſie in die Grotte eintreten wollten, wandte ſich Aramis um. „Ho! ho!, ſagte er,„ſie kommen gerade in das Gehölze herein und wenden ſich nach dieſer Seite.“ „Nun wohll treten wir ihnen den Platz ab,“ ſprach Fouquet lächelnd, indem er Aramis am Mantel zog; „ich glaube aber nicht, daß der König meine Grotte erkennt.“ „Sie ſuchen in der That,“ erwiederte Aramis, „doch nur einen dichten belaubten Baum.“ Aramis täuſchte ſich nicht, der König ſchaute in die Luft, und nicht um ſich her. Er hielt den Arm der La Vallidre unter dem ſei⸗ nigen, er hielt ſeine Hand auf der ihrigen. a Vallisre fing an, auf dem feuchten Gras, aus⸗ zuglitſchen. Ludwig ſpähte mit noch mehr Aufmerkſamkeit um⸗ her, und führte, als er eine ungeheure dick belaubte Eiche erblickte, La Vallidre unter das Obdach dieſer Eiche. Die Arme ſchaute ſich um, ſie ſchien zugleich zu wünſchen und zu befürchten, daß man ihr folge. Der König ließ ſie an den Stamm des Baumes anlehnen, deſſen weiter Umkreis beſchützt durch das dichte lätterwerk ſo trocken war, als ob nicht in dieſem Augenblick der Regen in Strömen herabfiele.. CEr ſelbſt ſtand mit entlößtem Haupte vor ihr. Nach einem Augenblick ſickerten einige Tropfen 228 durch die Zweige des Baumes und ſielen auf die Stirne des Königs, der nicht darauf achtete. „Oh! Sire,“ murmelte La Vallisre, indem ſie nach dem Hut des Königs griff. Doch der König verbeugte ſich und weigerte ſich hartnäckig, ſich zu bedecken. „Jetzt oder nie habt Ihr Anlaß, Euren Platz an⸗ zubieten,“ flüſtere Fouquet Aramis ins Ohr. „Jetzt oder nie haben wir Anlaß zu horchen, und kein Wort von dem zu verlieren, was ſie ſprechen,“ er⸗ wiederte Aramis ebenfalls leiſe. Sie ſchwiegen wirklich Beide, und die Stimme des Königs konnte bis zu ihnen dringen. „Ohl mein Gott, mein Fräulein,“ ſaget der König, „ich ſehe oder ich errathe vielmehr Eure Angſt; glaubt mir, daß ich es aufrichtig bedaure, Euch von der übrigen Geſellſchaft getrennt zu haben, und zwar, um Euch an einen Ort zu führen, wo Ihr unter dem Regen leiden werdet. Ihr ſeid ſchon durchnäßt, Ihr friert vielleicht.“ „Nein, Sire.“ „Ihr zittert aber doch.“ „Sire, es iſt die Furcht, man könnte meine Abwe⸗ ſenheit in dem Augenblick, wo ſicherlich ſchon Alle wie⸗ der verſammelt ſind, ſchlecht auslegen.“ „Ich würde Euch den Vorſchlag machen, zu den Wagen zurückzukehren, mein Fraͤulein, doch ſchaut und horcht, und ſagt mir, ob es möglich iſt, in dieſem Augen⸗ blick den geringſten Gang zu verſuchen.“ Der Donner rollte in der That und der Regen fiel in Strömen herab. „Ueberdies iſt keine Auslegung zu Eurem Nachtheil möglich,“ fuhr der König fort.„Seid Ihr nicht beim Köonig von Frankreich, das heißt beim erſten Edelmann des Reiches?“—— „Gewiß, Sire, und das iſt ein großes Glück für mich,“ erwiederte La Vallière;„ich fürchte auch die Deutung nicht für mich.“ „Für wen denn?“ —— ————— Fade, daß Ihr an meinem Hofe nicht auf de „Für Euch, Sire.“ „Für mich, mein Fräulein!“ verſetzte der Köͤnig läͤchelnd. 1 „Hat denn Eure Majeſtät ſchon vergeſſen, was geſtern bei Ihrer Koͤniglichen Hoheit vorgefallen iſt?“ mir vielmehr, mich deſſe noch einmal zu danken, Brief, als...“ „Sire,“ ſagte La Vallière,„das Waſſer fällt herab, und Eure Majeſtät bleibt barhäuptig.“ „Ich bitte, bekümmern wir uns nur um Euch, mein Fraͤulein. „Ohl ich,“ verſetzte La Vallisre lächelnd,„ich bin eine Bäurin, gewohnt, auf den Wieſen an der Loire und in den Gaͤrten von Blois Wetter auch ſein mag. Und was meinen fügte ſie, ihr einfaches Mouſſelinkleid anſchauend, bei⸗ „Eure Majeſtät ſteht, daß da nicht viel gefährdet iſt.“ und nichts der Toilette zu verdanken habt. nicht gefallſüchtig, und das iſt für mich eine große Eigenſchaft.“ „Sire, macht mich nicht beſſer, als ich bin und ſagt nur: Ihr koͤnnt nicht gefallſüchtig ſein.“ „Warum dieß?“ „Hml weil ich nicht reich bin.“ „Damit geſteht Ihr, daß Ihr die ſchoͤnen Dinge liebet!“ rief der König lebhaft. 6 „Sire, ich finde nur die Dinge ſchön, die ich er⸗ langen kann. Alles, was für mich zu hoch iſt.. „Iſt Eu gleichgültig.“ „Nein, iſt mir fremd, als ob es mi „Und ich, mein Fräulein,“ ſagte der Köni ſeid, auf dem Ihr ſein ſolltet. Man hat mir ſicherlich nicht genug von den Dienſten Eurer Familie geſagt. Der Wohlſtand Eures Hauſes iſt von Eurem Oheim grauſam vernachläßigt worden.“ „Ohl nein, Sire, Seine Hoheit, Monſeigneur, der Herzog von Orleans, iſt ſtets ſehr gut gegen Herrn von Saint⸗Remy, meinen Stiefvater, geweſen. Die Dienſte waren geringfügig, und man kann wohl ſagen, daß wir nach unſeren Werken belohnt worden ſind. Es hat nicht Jedermann das Glück, Gelegenheiten zu finden, ſeinem Köoͤnig mit Auszeichnung zu dienen. Allerdings zweifle ich nicht, daß, wenn ſich ſolche Gelegenheiten gefunden hätten, das Herz meiner Familie eben ſo groß geweſen waͤre, als ihr Verlangen; doch wir haben dieſes Glück nicht gehabt.“ „Nun wohl! mein Fräulein, es iſt die Sache des Königs, den Zufall zu verbeſſern, und mit Freuden übernehme ich es, auf das Schnellſte in Beziehung auf Euch das Unrecht des Glücks gut zu machen.“ „Nein, Sire, nein!“ rief La Vallière lebhaft,„Ihr werdet gefälligſt die Dinge in dem Zuſtande laſſen, in dem ſie ſind.“ „Wie, mein Fräͤulein, Ihr ſchlagt aus, was ich für Guch thun muß, thun will?“ 3r⸗ 3833 „Man hat Alles gethan, was ich wünſchte, Sire, als man mir das Glück bewilligte, zu dem Hauſe von Madame zu gehoͤren.“ „Wenn Ihr es für Euch ausſchlagt, ſo nehmt es wenigſtens für die Eurigen an.“ „Sire, Eure ſo großmüthige Intention blendet und erſchreckt mich, denn wenn Ihr das thätet, was Eure Güte zu thun Euch antreibt, ſo würde Eure Majeſtät uns Mörder und ſich Feinde machen. Laßt mich in meiner Mittelmäͤßigkeit, Sire; laßt allen Gefühlen, die mich bewegen können, die freudige Zartheit, daß kein Eigennutz obgewaltet.“ 4 „Ahl das iſt eine bewunderungswürdige Sprache rief der König. 11. —,— finden, ſo bittet ſie den Himmel mit Thränen, ihr ſeinen 231 „Es iſt wahr, und er muß nicht daran gewoöhnt ſein,“ flüſterte Aramis Fouquet ins Ohr. „Wenn ſie aber eine ſolche Antwort auf mein Billet gibt?“ ſagte Fouquet. 2* „Gut!“ erwiederte Aramis,„urtheilen wir nicht zum Voraus und warten wir das Ende ab.“ „Und dann, mein lieber Herr d'Herblay,“ ſprach der Oberintendant, nicht ſehr geneigt, an alle die Ge⸗ fühle zu glauben, welche La Vallière ausgedrückt hatte; „ja es iſt häufig eine geſchickte Berechnung, bei den Königen uneigennützig zu ſcheinen.“ „Das dachte ich in dieſer Minute,“ erwiederte Aramis.„Horchen wir.“ Der König näherte ſich La Vallisre, und da das Waſſer immer durch das Blätterwerk der Eiche herab⸗ ſikerte, hielt er ſeinen Hut über den Kopf des Mädchens. La Vallière ſchlug ihre ſchönen blauen Augen zu dem königlichen Hut auf, der ſie beſchirmte, ſchüttelte den Kopf und gab einen Seufzer von ſich. „Ohl mein Gott,“ ſagte der König,„welcher traurige Gedanke kann bis zu Eurem Herzen gelangen,. während ich ihm einen Wall aus dem meinigen mache?“ „Sire, ich will es Euch ſagen. Ich hatte dieſe für ein Mädchen von meinem Alter ſo ſchwer zu verhan⸗ delnde Frage ſchon ergriffen, aber Eure Majeſtät hat mir Stillſchweigen auferlegt. Sire, Eure Majeſtät ge⸗ hört nicht ſich. Sire, Eure Majeſtät iſt verheirathet; jedes Gefühl, das Eure Majeſtät von der Königin ent⸗ fernen und bewegen würde, ſich mit mir zu beſchäftigen, wird für die Königin eine Quelle tiefen Kummers ſein.“ Der König wollte La Vallière unterbrechen, ſie fuhr aber mit einer flehenden Geberde fort: „Die Königin liebt Eure Majeſtät mit einer Zärt⸗ lichkeit, die ſich begreifen läßt; die Königin folgt Eurer Majeſtät auf jedem Schritt, der ſie von ihr entfernt. Da ſie das Glück gehabt hat, einen ſolchen Gatten zu Beſitz zu erhalten, und ſie iſt eiferſüchtig auf die ge⸗ ringſte Bewegung Cures Herzens.“ Der Koͤnig wollte abermals ſprechen, doch auch dießmal wagte es La Vallière, ihn zurückzuhalten. „Wäre es nicht,“ ſagte ſie,„wäre es nicht eine ſtrafbare Handlung, wenn Eure Majeſtät, da ſie eine ſo warme und edle Zuneigung wahrnehmen muß, der Königin Anlaß zur Eiferſucht geben würde? Ohl! ver⸗ zeiht mir dieſes Wort, Sire. Ah! mein Gott! ich weiß wohl, es iſt unmöglich, oder es müßte vielmehr unmög⸗ lich ſein, daß die größte Königin der Welt auf ein armes Mädchen, wie ich, eiferſüchtig würde. Doch ſie iſt Weib, dieſe Königin, und wie das eines einfachen Weibes kann ſich ihr Herz dem Argwohn öffnen, den die Bos⸗ heit mit Gift ſchwängern würde. In des Himmels Namen, Sire, beſchäftigt Euch nicht mit mir, ich ver⸗ diene es nicht.“ „Oh! mein Fräulein,“ rief der König,„Ihr be⸗ denkt alſo nicht, daß Ihr, ſo ſprechend, wie Ihr es thut, meine Werthſchätzung in Bewunderung verwandelt!“ „Sire, Ihr nehmt meine Worte für das, was ſie nicht ſind; Ihr haltet mich für beſſer, als ich bin; Ihr macht mich größer, als mich Gott gemacht hat. Gnade für mich, Sire, denn wenn ich nicht wüßte, daß der König der edelmüthigſte Mann ſeines Reiches iſt, ſo würde ich glauben, der König wolle meiner ſpotten.“ „Ohl dergleichen befürchtet Ihr nicht, deſſen bin ich ſicher!“ rief Ludwig. „Sire, ich wäre genöthigt, es zu glauben, wenn der König eine ſolche Sprache mit mir zu ſprechen fort⸗ führe.“ „Ich bin alſo ein ſehr unglücklicher Fürſt,“ ſagte der König mit einer Traurigkeit, die nichts Geheucheltes hatte,„der unglücklichſte Fürſt der Chriſtenheit, da ich nicht einmal die Macht habe, meinen Worten Glauben vor der Perſon zu verſchaffen, die ich am meiſten in u liére, betrachteten. Ihr?* 233 der Welt liebe, und die mir das Herz dadurch bricht, daß ſie an meine Liebe zu glauben ſich weigert.“ „Oh! Sire,“ erwiederte La Vallisre, indem ſie den Koͤnig, der ſich ihr immer mehr genähert hatte, ſanft zurückſchob,„ich glaube, der Sturm legt ſich und der Regen hört auf.“. In dem Augenblick aber, wo die Arme, um ihrem Herzen zu entfliehen, das ohne Zweifel zu ſehr mit dem des Königs. übereinſtimmte, dieſe Worte ſprach, über⸗ nahm es der Sturm, ſie Lügen zu ſtrafen; ein bläu⸗ licher Blitz beleuchtete den Wald mit einem phantaſti⸗ ſchen Reflex, und ein Donnerſchlag, einer Artillerieſalve ähnlich, brach über dem Haupt der beiden jungen Leute los, als hätte die Höhe der Eiche, die ſie beſchirmte, den Donner hervorgerufen. Das Mädchen konnte ſich eines Angſtſchreis nicht erwehren. Der Koͤnig zog ſie mit einer Hand an ſein Herz und ſtreckte die andere über ihren Kopf aus, als wollte er ſie vor dem Blitz ſchützen. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, in dem dieſe Gruppe, reizend, wie Alles was jung iſt, unbeweglich blieb, während Fouquet und Aramis ſie nicht minder unbeweglich, als der König und La Val⸗ „Ohl Sire, Sire,“ murmelte e Palliare,„höret Und ſie ließ ihren Kopf iff ihre Schultern fallen. „Ja,“ antwortete Ludwig,„Ihr ſeht wohl, daß der Sturm nicht vorübergeht.“ „Sire, das iſt eine Verkündigung.“ Der Koͤnig lächelte. 1 „Sire, es iſt die Stimme Gottes, welche droht.“ „Wohl,“ ſprach der Konig,„ich nehme dieſen Don⸗ nerſchlag wirklich als eine Verkündigung und ſogar als eine Drohung an, wenn er ſich von jetzt in fünf Mi⸗ nuten mit derſelben Gewalt und Heftigkeit wiederholt; 234 geſchieht dieß aber nicht, ſo erlaubt mir zu denken, der Sturm ſei der Sturm und nichts Anderes.“ Und zu gleicher Zeit erhob der König das Haupt, als wollte er den Himmel befragen. Doch als wäre der Himmel der Genoſſe von Lud⸗ wig geweſen, während der fünf Minuten Stille, die auf die Exploſion folgte, welche die Liebende erſchreckt hatte, ließ ſich kein neuer Roller vernehmen, und als der Don⸗ ner abermals hallte, ſo geſchah es, indem er ſich auf eine ſichtbare Weiſe entfernte und als hätte der Sturm während dieſer fünf Minuten in die Flucht geſchlagen, vom Winde gepeitſcht, weite Räume durchlaufen. „Nun! Louiſe,“ ſagte der König laut,„werdet Ihr mich noch einmal mit dem Zorn des Himmels bedrohen, werdet Ihr, da Ihr aus dem Gewitter ein Vorgefühl machen wolltet, daran zweifeln, daß es wenigſtens kein Vorgefühl von Unglück iſt?“ Das Mädchen ſchaute empor; das Waſſer hatte mittlerweile das Blättergewölbe durchdrungen und rieſelte auf das Geſicht des Konigs. Ohl Sire, Sire!“ rief ſie mit einem Ausdruck unwiderſtehlicher Angſt, der den König im höͤchſten Grad bewegte.. „Bleibt der König meinetwegen ſo barhäuptig und dem Regen ausgeſetzt,“ fügte ſie bei;„aber wer bin i denn?“ „Ihr ſeid, wie Ihr ſeht, die Gottheit, die den Sturm verjagt hat, die Göttin, zurückbringt.“. Ein den Wald durchdringender Sonnenſtrahl ließ wirklich wie eben ſo viele Diamanten die Regentropfen herabfallen, welche auf den Blättern rollten. „Sire,“ ſagte La Vallidre, beinahe beſiegt, aber eine äußerſte Anſtrengung verſuchend,„Sire zum die das ſchoͤne Wetter letzten Mal ſlehe ich Euch an, denkt an die Schmerzen, die Ihre Majeſtät meinetwegen auszuſtehen haben wird Mein Gott! in dieſem Augenblick ſucht man Euch, ruft 23⁵ man Euch. Die Königin muß unruhig, beſorgt ſein, und Madame, ohl Madame,“ rief das Madchen mit einem Gefühl, das dem Schrecken glich. Dieſer Name brachte eine gewiſſe Wirkung auf den König hervor; er bebte und ließ La Vallière los, die er bis jetzt umfangen gehalten hatte. Dann ging er auf den Weg zu, um hinauszuſchauen und kam beinahe ſorglich zurück. „Madame, habt Ihr geſagt?“ ſprach der König. „Ja, Madame; Madame, die auch eiferſüchtig iſt,“ antwortete La Vallière mit einem tiefen Ausdruck.“ Und ihre ſo ſchüchternen, ſo keuſch flüchtigen Au⸗ gen wagten es, eine Sekunde die Augen des Königs zu befragen. „Madame,“ verſetzte der König, der eine innere Bewegung zu überwinden ſich anſtrengte,„Madame hat, wie mir ſcheint, keinen Grund, auf mich eiferſüch⸗ tig zu ſein, Madame hat kein Recht...!“. „Ach!“ murmelte La Vallidre. „»Mein Fräulein,“ ſprach der König beinahe im Tone des Vorwurfs,„ſolltet Ihr zu denjenigen gehö⸗ ren, welche denken, die Schweſter habe ein Recht auf den Bruder, eiferſüchtig zu ſein?“ „Sire, es geziemt ſich nicht für mich, die Geheim⸗ niſſe Eurer Majeſtät zu ergründen.“ „Oh! Ihr glaubt das, wie die Andern,“ rief der König. „Ich glaube, daß Madame eiferſüchtig iſt, ja, Sire,“ antwortete La Valliére mit feſter Stimme. „Mein Gott!“ fragte der König beſorgt,„ſolltet Ihr das in ihren Benehmen gegen Euch bemerkt ha⸗ ben? Iſt Madame gegen Euch auf eine ſchlimme Weiſe verfahren, die Ihr der Eiferſucht zuſchreiben könnt?“ „Keines Wegs, Sire, ich bin ſo wenig.. Stärke. „Ohl wenn es ſo wäre,“ rief Ludwig mit ſeltener „Sire,“ unterbrach ihn das Mädchen,„es regnet nicht mehr; man kommt, ich glaube, man kommt.“ und jede Etiquette vergeſſend, nahm ſie den König beim Arm. „Nun denn, mein Fräulein,“ erwiederte der König, „laſſen wir die Leute kommen; wer ſollte es wagen, chlimm zu finden, daß ich Fräulein de la Valliére Geſellſchaft geleiſtet habe.“ „Habet Mitleid, Sire; ohl man wird es ſeltſam ſinden, daß Ihr ſo durchnäßt ſeid, daß Ihr Euch für mich aufgeopfert habt!“ „Ich habe nur meine Pflicht als Edelmann gethan,“ ſagte Ludwig,„und wehe dem, der die ſeinige verletzen wuͤrde, indem er das Benehmen ſeines Königs tadelte.“ In dieſem Augenblick ſah man wirklich in der Allee einige eifrige und neugierige Köpfe erſcheinen, welche zu ſuchen, und als ſie den Koͤnig und la Valliére er⸗ blickt, was ſie ſuchten gefunden zu haben ſchienen. Es waren die Abgeſandten der Koͤnigin und von Ma dame; ſie nahmen den Hut in die Hand, zum Zeichen, daß ſie keine Majeſtät geſehen. Ludwig verließ aber, ſo groß auch die Verwirrung der la Vallisre war, ſeine ehrfurchtsvolle und zugleich zarte Stellung nicht. Denn als alle Höflinge in der Allee verſammelt waren, als Jedermann das Zeichen der Chrerbietung hatte ſehen koͤnnen, welches er la Vallière dadurch ge⸗ geben, daß er mit entblößtem Haupt während des Sturms vor ihr ſtehen geblieben war, bot er ihr den Arm und führte ſie zu der Gruppe zurück, die ihn erwartete, er⸗ wiederte die Verbeugung, die Jeder vor ihm machte, mit dem Kopf und geleitete ſie, beſtändig den Hut in der Hand, bis zu ihrem Wagen. Und da es— ein letzter Abſchied des entfliehenden Sturms— fortwährend regnete, ſo empfingen die an⸗ deren Damen, welche die Ehrfurcht vor dem Köͤnig in den Wagen zu ſteigen abgehalten hatte, ohne Kapuze und Mantel dieſen Regen, vor dem der König mit ſei⸗ nem Hut, ſo gut, als er vermochte, die demüthigſte von ihnen ſchützte. Die Königin und Madame mußten wie die Anderen dieſe übertriebene Höflichkeit des Königs ſehen; Madame verlor hierüber ſo ſehr die Faſſung, daß ſie die Köni⸗ gin mit dem Ellbogen ſtieß und zu ihr ſagte: „Schaut, ſchaut doch!“ Die Königin ſchloß die Augen, als wäre ſie vom Schwindel befallen worden. Sie hielt ihre Hand vor's Geſicht und ſtieg in den Wagen. Madame ſtieg nach ihr ein. Der Koͤnig ſetzte ſich wieder zu Pferde, und kehrte, ohne irgend einem Kutſchenſchlag den Vorzug zu gön⸗ nen, die Zügel auf dem Halſe ſeines Pferdes, träume⸗ riſch und ganz in Gedanken verſunken, nach Fontai⸗ nebleau zurück. 3 Als ſich die Menge entfernt hatte, als ſie das Geräuſch der Pferde und der Wagen, das nach und nach erloſch, gehört hatten, als ſie ſicher waren, daß ſie Niemand mehr ſehen könnte, traten Aramis und Fouquet aus ihrer Grotte hervor. 4 Dann ſchritten Beide ſtillſchweigend auf die Allee zu. Aramis tauchte ſeinen Blick nicht nur in den gan⸗ zen ausgedehnten Raum, der ſich vor ihm und hinter ihm entrollte, ſondern auch in das Dickicht des Waldes. „Herr Fouquet,“ ſagte er, als er ſich verſichert hatte, daß Alles verlaſſen war,„Ihr müßt um jeden Preis den Brief an La Vallière wieder bekommen.“ „Das wird leicht ſein, wenn ihn der Bote nicht übergeben hat,“ erwiederte Fouquet. „Es muß in jedem Fall möglich ſein, verſteht Ihr?“ „Ja, nicht wahr, der König liebt dieſes Mädchen?“ „Sehr, und noch ſchlimmer iſt, daß dieſes Mädchen ſeinerſeits den Koͤnig leidenſchaftlich liebt.“ „Damit wollt Ihr ſagen, daß wir unſere Taktik ändern, nicht wahr?“ 8* * 238 „Allerdings, Ihr habt keine Zeit zu verlieren, Ihr müßt La Vallière aufſuchen, und ohne mehr daran zu denken, ihr Liebhaber zu ſein, was unmoͤglich iſt, Euch für ihren theuerſten Freund und ergebenſten Diener er⸗ klären.“ „Das werde ich thun, und zwar ohne Widerwil⸗ len,“ ſagte Fouquet,„dieſes Kind ſcheint mir voll Ge⸗ müth zu ſein.“ „Oder voll Gewandtheit,“ erwiederte Aramis,„doch dann iſt ein Grund mehr vorhanden.“. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fügte er noch bei: „Wenn mich nicht Alles täuſcht, wird dieſes Mäd⸗ chen die große Leidenſchaft des Königs ſein.“ „Steigen wir wieder in den Wagen, und was die Pferde laufen können, bis zum Schloß.“ XVII. Tobie. Zwei Stunden, nachdem der Wagen des Oberin⸗ tendanten auf Befehl von Aramis abgegangen war und Beide nach Fontainebleau mit der Schnelligkeit der Wolken geführt hatte, welche unter dem letzten Hauche des Sturmes am Himmel hinliefen, befand ſich La Val⸗ liere in ihrem Zimmer, in einem einfachen Hauskleide und nahm auf einem Marmortiſchchen ihren Imbiß voll⸗ ends zu ſich. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und ein Kammer⸗ S. V V N N 7 diener meldete ihr, Herr Fouquet bitte um Erlaubniß. ihr ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Sie ließ ſich das zweimal wiederholen; die Arme kannte Herrn Fouquet nur dem Namen nach, und ver⸗ mochte nicht zu errathen, was ſie mit einem Oberin⸗ tendanten der Finanzen gemein haben koͤnnte. Da er indeſſen im Auftrag des Königs kommen konnte, was nach der von uns mitgetheilten Unterre⸗ dung wohl möglich war, ſo warf ſie einen Blick auf ihren Spiegel, verlängerte noch ihre langen Haarlocken und gab Befehl, ihn einzuführen. La Vallière vermochte ſich indeſſen einer gewiſſen unruhe nicht zu erwehren. Der Beſuch des Oberinten⸗ danten war kein gewöhnliches Ereigniß im Leben einer Frau von Hofe. So berühmt durch ſeine Großmuth, durch ſeine Galanterie und ſeine Zartheit bei den Frauen hatte Fouquet mehr Einladungen erhalten, als er Au⸗ dienzen verlangt. In vielen Häuſern hatte die Gegenwart des Ober⸗ intendanten Glück bedeutet. In vielen Herzen hatte ſie Liebe bedeutet. Fouquet trat ehrerbietig bei La Vallière ein, er erſchien mit jener Anmuth, die der unterſcheidende Cha⸗ rakter der hervorragenden Männer dieſes Jahrhunderts war, und die ſich heut zu Tage nicht mehr begreift, nicht mehr in den Portraits der Epoche, wo der Ma⸗ ler ſie ins Leben zu rufen verſucht hat. 8 La Vallière erwiederte den ceremoniöſen Gruß von Fouquet durch eine Koſtſchülerin⸗Verneigung und bezeichnete ihm einen Stuhl. Fouquet verbeugte ſich aber und ſprach: „Mein Fraͤulein, ich werde mich nicht eher ſetzen, als bis Ihr mir verziehen habt.“ „Ich?“ fragte La Vallidre. „Ja, Ihr.“ 5 4 „Mein Gott, was ſollte ich Euch verzeihen?“ Fouquet heftete ſeinen durchdringenden Blick auf das Mädchen und glaubte, auf ſeinem Geſichte nichts wahrzunehmen, als das naivſte Erſtaunen. „Ich ſehe, mein Fräulein,“ ſagte er,„Ihr habt ebenſoviel Großmuth, als Geiſt, und ich leſe in Curen Augen die Verzeihung, um die ich nachſuchte. Doch es genügt mir die Verzeihung der Lippen nicht, das muß ich Euch bemerken, ich bedarf auch der Verzeihung des Herzens und des Geiſtes.“ „Bei meinem Wort, ich ſchwöre Euch, mein Herr, daß ich Euch nicht verſtehe.“ „Das iſt abermals eine Zartheit, die mich entzückt, und ich ſehe, Ihr wollt nicht, daß ich vor Guch erröthe.“ „Erröthen! erröthen vor mir! ſagt doch, worüber ſolltet Ihr erröthen?“ „Sollte ich mich täuſchen, ſollte ich ſo glücklich ſein, daß Euch mein Benehmen gegen Euch nicht ver⸗ letzt hätte?“ La Vallisre zuckte die Achſeln und erwiederte: „Mein Herr, Ihr ſprecht offenbar in Räthſeln⸗ und ich bin, wie es ſcheint, zu unwiſſend, um Euch zu begreifen.“ „Gut, ich werde nicht länger hierauf beſtehen. Nur ſagt mir, ich flehe Euch an, daß ich auf Eure volle Vergebung rechnen kann.“ „Mein Herr,“ ſprach La Valliére mit einer gewiſ⸗ ſen Ungeduld,“ ich kann Euch nur eine Antwort ge⸗ ben, und ich hoffe, daß ſie Euch befriedigen wird. Wenn ich wüßte, welches Unrecht Ihr gegen mich begangen, ſo würde ich es Euch vergeben. Um ſo mehr müßt Ihr begreifen, daß ich, da ich Euer Unrecht nicht kenne...“ Fouquet kniff ſich die Lippen, wie es Aramis ge⸗ than hätte, und ſagte: „Somit darf ich, ungeachtet deſſen, was geſchehen iſt, hoffen, daß wir in gutem Einvernehmen bleiben werden, und daß Ihr die Gnade für mich haben wer⸗ det, an meine ehrfurchtsvolle Freundſchaft zu glauben.“ La Vallière meinte, ſie fange an zu begreifen. 241 „Oh!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ich hätte nicht gee glaubt, daß Fouquet ſo gierig wäre, ſich um die Hülfs⸗ quellen einer ſo neuen Gunſt zu bewerben.“ Dann ſprach ſie laut:“ b„Eure Freundſchaft, mein Herr! Ihr bietet mir Eure Freundſchaft an, doch das iſt in der That für mich zu viel Ehre.“ 8 3„Ich weiß, mein Fräulein,“ erwiederte Fouquet, die Freundſchaft des Herrn kann glänzender und wün⸗ 6 ſchenswerther erſcheinen, als die des Dienenden, doch ich ſehe Euch dafür, daß die letztere ebenſo ergeben, ebenſo 3 treu und völlig uneigennützig ſein wird.“ r La Vallière verbeugte ſich: es lag wirklich viel Aeberzeugung und wahre Ergebenheit im Ton des In⸗ tendanten. . Sie reichte ihm auch die Hand und ſprach: „Ich glaube Euch.“ Fouquet nahm raſch die Hand, die ihm das Mäd⸗ 8 chen bot und fügte bei: 1„Nicht wahr, dann werdet Ihr keine Schwierigkeit mmaachen, mir den unglücklichen Brief zurückzugeben?“ 3„Welchen Brief?“ fragte La Vallidre. 1 7 le. Fouquet befragte ſie, wie er es ſchon gethan, mit der Allmacht ſeines Blickes.. ⸗ Dieſelbe Naivetät der Phyſignomie, dieſelbe Un⸗ 6⸗, ſchuld des Geſichts.. :aun„Ah! mein Fräulein,“ ſagte er nach dieſem Läug⸗ f nen,„ich muß geſtehen, daß Euer Syſtem das zarteſte hr der Welt iſt, und ich wäre ſelbſt kein ehrlicher Mann, „ wenn ich etwas von einer ſo edelmüthigen Frau, wie 5 Ihr, befurchtete.” „Wahrhaftig, Herr Fouquet,“ erwiederte La Val⸗ Sre,„zu meinem tiefen Bedauern bin ich genöthigt, zu wiederholen, daß ich durchaus nichts von Euren Vorten verſtehe.“ Die drei Musketiere. Bragelonne VI. 16 *. brennen.“ mir da?“”“ 242 „Ihr habt alſo bei Eurer Ehre keinen Brief von mir erhalten, mein Fräulein.“ „Bei meiner Ehre, keinen,“ antwortete La Vallière mit feſtem Ton. „Es iſt genug, das genügt mir, mein Fräulein, erlaubt, daß ich Euch die Verſicherung meiner ganzen Werthſchätzung und Hochachtung wiederhole.“ Hienach verbeugte er ſich, ging hinaus, um Aramis aufzuſuchen, der ihn in ſeiner Wohnung erwartete, und überließ es La Vallière, ſich zu fragen, ob der Oberin⸗ tendant ein Narr geworden. „Nun!“ ſagte Aramis, der Fouquet mit Ungeduld erwartete;„ſeid Ihr mit der Favoritin zufrieden?“ „Entzückt,“ antwortete Fouquet,„es iſt eine Frau voll Geiſt und Herz.“ „Sie iſt nicht aufgebracht?“ „Weit entfernt, ſie hat nicht einmal das Ausſehen, als ob ſie verſtände.“ „Was verſtände?“ „Daß ich ihr geſchrieben.“ 4 „Sie muß aber doch wohl verſtanden haben, um Euch den Brief zurückzugeben, denn ich nehme an, ſie hat Euch denſelben zurückgegeben?“ „Durchaus nicht.“ „Ihr habt Euch doch wenigſtens verſichert, daß ſie ihn verbrannt?“ „Mein lieber Herr d'Herblay, ſchon eine Stunde lang ſpiele ich mit unterbrochenen Reden, und ich fange an, dieſes Spieles ſatt zu werden, ſo beluſtigend es auch ſein mag. Begreift mich alſo wohl: die Kleine hat ſich den Anſchein gegeben, als verſtünde ſie nicht, was ich ihr ſagte; ſie läugnete, irgend einen Brief empfangen zu haben; da ſie alſo den Empfang durchaus läugnete, ſo konnte ſie den Brief weder zurückgeben, noch ihn ve⸗ — „Ho! ho!“ rief Aramis unruhig,„was ſagt 3 — 243 „Ich ſage Euch, daß ſie mir auf ihre großen geſchworen, ſie habe keinen Brief erhalten.“ „Oh! das iſt zu ſtark. Und Ihr ſeid ni gedrungen?“ „Im Gegentheil, ich bin in ſie gedrungen, und zwar bis zur Unverſchämtheit.“ „Und ſie hat fortwährend gelängnet?“ „Fortwährend.“ „Sie hat ſich nicht einen Augenblick Lügen ge⸗ ſtraft? 2 „Nicht einen Augenblick.“ „So habt Ihr alſo unſern Brief in ihren Händen gelaſſen, mein Lieber?“ „Ich mußte, bei Gott! wohl.“ „Oh! das iſt ein großer Fehler.“ „Was des Teufels hättet Ihr an meiner Stelle gethan.“ „Man konnte ſie allerdings nicht nöthigen; doch das iſt beunruhigend, ein ſolcher Brief darf nicht gegen uns bleiben.“ „Ohl das Mädchen iſt edelmüthig.“ „Wäre ſie es wirklich, ſo würde ſie Euch Euren Brief zurückgegeben haben.“ c ſage Euch, ſte iſt edelmüthig, ich habe ihre Augen geſehen, und ich verſtehe mich darauf.“ „Ihr glaubt alſo, man könne ihr vertrauen.“ „Ohl von ganzem Herzen.“ „Ich glaube, daß wir uns täuſchen. 4 8 „Wie ſo?“ 3 „Ich glaube, daß ſie wirklich, wie ce Euch geſagt, keinen Brief erhalten hat.“ 4 „Wie, keinen Brief erhalten?“ „Nein.“,“ „Solltet Ihr annehmen...“ 8 „Ich nehme an, daß aus irgend einem uns unbe⸗ kannten Beweggrund Euer Mann den Brief niaht über⸗ geben hat.“ 25 Fouquet ſchlug auf eine Glocke. Ein Bedienter erſchien. „Laßt Tobie kommen,“ ſagte Fouquet. Nach einem Augenblick erſchien ein Menſch mit unruhigem Auge, feinem Mund, kurzen Armen und ge⸗ wölbtem Rücken. Aramis heftete ſein durchdringendes Auge auf ihn. „Wollt Ihr mir erlauben, ihn zu befragen!“ ſagte Aramis. „Thut es,“ erwiederte Fouquet. Aramis machte eine Bewegung, um den Lackei an⸗ zureden, doch er hielt inne. „Nein,“ ſprach er, per würde ſehen, daß wir zu viel Gewicht auf ſeine Antwort legen; befragt ihn ſelbſt, ich will mich ſtellen, als ſchriebe ich.“ Aramis ſetzte ſich wirklich an einen Tiſch und wandte den Rücken dem Geheimboten zu, von dem er jeden Blick und jede Geberde in einem parallelen Spiegel be⸗ obachtete. „Komm hierher, Tobie,“ ſagte Fouquet. Der Lackei näherte ſich mit ziemlich feſtem Schritt. „Wie haſt Du meinen Auftrag beſorgt?“ fragte Fouquet. „Wie gewoͤhnlich, Monſeigneur,“ antwortete der Diener. 4 „Nun, ſo ſprich.“ „Ich habe mich bei Fräulein de la Vallidre, die in der Meſſe war, eingeſchlichen und das Billet auf ihre Toilette gelegt. War dies nicht Euer Geheiß?“ „Gewiß, und das iſt Alles?“ „Alles, Monſeigneur.“ „Niemand war da?“ „Niemand.“. „Haſt Du Dich verſteckt, wie ich Dir ſagte?“ „Jg. „Und ſie iſt zurückgekehrt?“ „Ja, nach zehn Minnten.“. 4 5 245 8 „Und es konnte Niemand den Brief nehmen?“ 1„Niemand, denn es iſt Niemand hineingekommen.“ 11„Von Außen, aber von Innen?“ „Von dem Orte aus, wo ich verborgen war, konnte ich bis in den Hintergrund des Zimmers ſehen.“ „Höre,“ ſprach Fouquet, den Lackei feſt anſchauend, ief ſeine Beſtimmung verfehlt hat, ſo iſt ein Irrthum begangen worden, ſo wirſt Du ihn mit Deinem Kopf bezahlen.“ Tobie bebte, faßte ſich aber ſogleich wieder und antwortete: „Monſeigneur, ich habe den Brief auf die genannte Stelle gelegt, und ich verlange nur eine Viertelſtunde⸗ um Euch zu beweiſen, daß er in den Händen von Fräu⸗ lein de la Vallidre iſt, oder um Euch den Brief ſelbſt zurückzubringen.“ 1 Aramis beobachtete den Lackei auf das Aufmerk⸗ † ſamſte. 6 Fouquet war leicht in ſeinem Vertrauen; zwanzig Jahre hatte ihn dieſer Menſch gut bedient. 4 „Gehe,“ ſagte er,„es iſt gut; doch bringe mir den Beweis, von dem Du ſprichſt.“ Der Lackei entfernte ſich. 3 „Nun! was denkt Ihr hievon?“ fragte Fouquet Aramis. 4 „Ich denke, daß Ihr Euch durch irgend ein Mittel der Wahrheit verſichern müßt. Ich denke, daß der Brief zu La Vallidre gelangt oder nicht gelangt iſt, daß im erſten Fall La Vallière Euch den Brief zurückgeben 5 oder die Befriedigung gewähren muß, denſelben in Eurer Gegenwart zu verbrennen, daß wir im zweiten 4 den Brief wieder bekommen müſſen, und ſollte er uns eine Million koſten. Sprecht, iſt das nicht auch Eure 3 Anſicht?“ „Ja, doch, mein lieber Biſchof, ich glaube, daß Ihr die Lage der Dinge übertreibt.“ „Ohl Ihr Blinder, der Ihr ſeid!“ murmelte Aramis. .. 4 2* „La Vallidre, die wir für einen Schlaukopf von erſter Stärke halten, iſt ganz einfach eine Coquette, 4 welche denkt, ich werde ihr den Hof machen, weil ich ihr ihn ſchon gemacht habe, und nun, da ſie die Be⸗ ſtätigung der Liebe des Königs erhalten hat, mich mit dem Brief am Gängelband zu halten hofft. Das iſt natürlich.“ Aramis ſchüttelte den Kopf. „Das iſt nicht Eure Anſicht!“ ſagte Fouquet. „Sie iſt nicht coquette,“ erwiederte Aramis. „Laßt mich Euch ſagen..“ „Ohl ich verſtehe mich auf coquette Frauen.“ „Mein Freund! mein Freund!“ „Es ſei lange her, daß ich Studien gemacht habe, wollt Ihr ſagen. Oh! die Weiber ändern ſich nicht.“ „Ja, aber die Männer ändern ſich, und Ihr ſeid heute argwöhniſcher als einſt.“ Dann fügte Fouquet lachend bei: 55 „Sprecht, findet Ihr die Bedingung annehmbar, A wenn La Vallière mich zu einem Drittel und der König zu zwei Drittel lieben will?“ Aramis ſtand ungeduldig auf und erwiederte: „La Vallière hat nie einen Andern geliebt, und wird nie einen Andern lieben, als den König.“ „Was würdet Ihr aber thun?“ „Fragt mich eher, was ich gethan hätte.“ „Nun wohl!l was hättet Ihr gethan?“ „Vor Allem hätte ich dieſen Menſchen nicht weg⸗ gehen laſſen.“ „Tobie?“. „Ja, Tobie; das iſt ein Verräther.“— Oh!“ 8 11. .„Ich bin deſſen ſicher; ich hätte ihn nicht weggehen laſſen, ohne daß er mir die Wahrheit geſtanden.“ „Es iſt noch Zeit.“. „Wie ſo?“ „Rufen wir ihn zurück, und befragt ihn ſelbſt.“ „Es ſei.“ „Doch ich verſichere Euch, daß die Sache ſehr un⸗ 5 nütz iſt. Ich habe ihn ſeit zwanzig Jahren, er hat mir nie die geringſte Verwirrung gemacht... und das war doch leicht,“ fügte Fouquet lachend bei.. „Ruft ihn immerhin zurück. Ich habe dieſes Ge⸗ ſicht, wie mir ſcheint, heute Morgen in einer tiefen Unterredung mit einem von den Leuten von Herrn Col⸗ bert begriffen geſehen.“ „Wo dies?“ „Vor den Ställen.“ „Bah! alle meine Leute nehmen eine feindſelige Stellung gegen die dieſes Knauſers ein.“ „Ich habe ihn geſehen, ſage ich Euch, und ſein Geſicht, das mir unbekannt ſein mußte, als er vorhin hier eintrat, iſt mir unangenehm aufgefallen.“ „Warum habt Ihr nichts geſagt, während er hier 87 war?“ „Weil ich in dieſer Minute erſt klar in meinen Erinnerungen ſehe.“ „Hol ho! Ihr erſchreckt mich,“ rief Fouquet. Und er ſchlug auf das Glöckchen. „Wenn es nur nicht ſchon zu ſpät iſt,“ ſagte Aramis. Fouquet ſchlug zum zweiten Mal. Der gewoͤhnliche Kammerdiener erſchien. „Tobie,“ ſagte Fouquet,„ſchickt Tobie!“. Der Kammerdiener machte die Thüre zu. „Ihr gebt mir Vollmacht, nicht wahr?“ „Ganz und gar.“ „Ich darf alle Mittel anwenden, um die Wahrheit zu erfahren?“ „Alle.“ 8 „Selbſt die Einſchüchterung.“ 4„Ich mache Euch zum Staatsanwalt an meiner Stelle.“ Man wartete zehn Minuten, doch vergebens. * 248 Foouquet wurde ungeduldig und ſchlug wieder auf das Glöckchen. „Tobie!“ rief er. „Monſeigneur, man ſucht ihn,“ antwortete der Diener. „Er kann nicht weit ſein, ich habe ihn mit keiner Sendung beauftragt.“ „Ich werde nachſehen, Monſeigneur.“ Der Kammerdiener machte wieder die Thüre zu. Aramis ging mittlerweile ungeduldig, aber ſchweig⸗ ſam im Cabinet auf und ab.. Man wartete noch zehn Minuten. Fouquet läutete ſo, daß eine ganze Todtenſtadt dar⸗ über hätte aufwachen müſſen. Der Kammerdiener trat zitternd genug ein, um an eine ſchlimme Kunde glauben zu machen. „Monſeigneur täuſcht ſich,“ ſagte er, ehe ihn Fou⸗ quet befragte.„Monſeigneur wird Tobie einen Befehl gegeben haben, denn er iſt im Stall geweſen, um das beſte Pferd von Monſeigneur zu nehmen, und er hat es ſelbſt geſattelt.“ „Nun.“ „Er iſt weggeritten.“ „Weggeritten?“ rief Fouquet.„Man jage ihm nach, man hole ihn ein!“ „La! la!“ ſagte Aramis, indem er ihn bei der Hand nahm,„nun iſt das Uebel geſchehen.“ 3 „Das Uebel iſt geſchehen?“ „Allerdings; ich war davon überzeugt. Erregen wir nun kein Aufſehen; berechnen wir das Reſultat des Streichs und pariren wir ihn, wenn wir können.“ „Im Ganzen iſt das Uebel nicht groß,“ bemerkte Fouquet. „Ihr findet das?“ „Allerdings. Es iſt wohl einem Mann erlaubt, ein Liebesbillet an eine Frau zu ſchreiben.“ ———— ———— 249 „Einem Mann, ja; einem Unterthan, nein; beſon⸗ ders wenn dieſe Frau diejenige iſt, welche den König liebt?“ „Eil mein Freund, der König liebte vor acht Tagen La Vallidre nicht; er liebte ſie geſtern nicht, und der Brief iſt von geſtern: ich konnte die Liebe des Königs nicht ahnen, wenn die Liebe des Königs noch nicht be⸗ ſtand.“ „Es mag ſein,“ erwiederte Aramis,„doch der Brief hat leider kein Datum; das iſt es, was mich heute hauptſächlich quält. Oh! wenn er nur von geſtern da⸗ tirt wäre, dann hätte ich keinen Schatten von Beſorg⸗ niß für Euch.“ Fouquet zuckte die Achſeln. „Bin ich denn unter Vormundſchaft,“ ſagte er, „und iſt der König von meinem Gehirn und meinem Fleiſch?“ „Ihr habt Recht, geben wir den Dingen nicht mehr Gewicht, als ihnen gebührt; überdies... Nein! wwenn man uns bedroht, ſo haben wir Vertheidigungs⸗ mittel.“ P „Ohl bedroht!“ rief Fouquet,„Ihr rechnet dieſen Ameiſenbiß wohl nicht unter die Zahl der Drohungen, die mein Leben und mein Vermögen gefährden können.“ „Eil bedenkt doch, Herr Fouquet, der Biß einer Ameiſe kann einen Rieſen tödten, wenn die Ameiſe giftig iſt.“ 6 „Doch die Allmacht, von der Ihr ſprachet, iſt ſie ſchon verſchwunden 2“ „Ich bin allmächtig, wohl, aber ich bin nicht un⸗ ſterblich.“ 3 „Höret, Tobie auffinden, wäre, wie mir ſcheint, das Dringendſte. Seid Ihr nicht dieſer Meinung?“ „Ohl was das betrifft, Ihr werdet ihn⸗ nicht auf⸗ lpene und wenn er Euch koſtbar war, legt Trauer um ihn an.“ 250 „Er muß doch irgendwo in der Welt ſein,“ ſagte Fouquet. „Ihr habt Recht, laßt mich machen,“ erwiederte Aramis. XVIII. Die vier Chancen von Madame. Die Königin Anna hatte die junge Königin bitten laſſen, ihr einen Beſuch zu machen. Seit einiger Zeit leidend und von der Höhe ihrer Schönheit, von der Höhe ihrer Jugend mit der raſchen Abnahme herabſinkend, die den Verfall der Frauen, welche viel gekämpft, bezeichnet, ſah Anna von Oeſter⸗ reich mit dem körperlichen Uebel den Schmerz ſich ver⸗ binden, nur als eine lebendige Erinnerung unter den jungen Schönheiten, unter den jungen Geiſtern und Mächten ihres Hofes zu zählen. Die Mahnungen und Berichte ihres Arztes, die ihres Spiegels kränkten ſie viel weniger ſchmerzlich als die unerbittlichen Verkündigungen der Geſellſchaft der Höflinge, welche den Schiffsratten ähnlich den Raum verlaſſen, wo durch die vom Alter herrührenden Beſchä⸗ digungen das Waſſer eindringen wird. Anna von Oeſterreich fühlte ſich nicht befriedigt durch die Stunden, die ihr älteſter Sohn ihr ſchenkte. Der Koͤnig, ein guter Sohn, mehr noch des An⸗ ſcheins wegen, als aus wirklicher Zuneigung, brachte bei ſeiner Mutter Anfangs eine Stunde Morgeus und und eine Abends zu; ſeitdem er aber Staatsgeſchäfte — — + — 4 übernommen, war der Beſuch am Morgen wie der am Abend auf eine halbe Stunde beſchränkt worden; dann hatte der Morgenbeſuch allmälig ganz aufgehört. Man ſah ſich in der Meſſe; ſogar der Abendbeſuch wurde durch eine Zuſammenkunft beim König in Ge⸗ ſellſchaft oder bei Madame erſetzt, wohin die Königin aus Rückſicht für ihre zwei Söhne kam. Daraus ging das ungeheure Anſehen hervor, das Madame beim Hofe erlangt hatte, und das aus ihrem Haus den wahren königlichen Vereinigungspunkt machte. Anna von Oeſterreich entging das nicht. Im Gefühl ihres Leidens und eben durch dieſes Leiden häuſig zur Zurückgezogenheit verurtheilt, war ſie troſtlos, da ſie vorher ſah, ihre meiſten Tage und Abende würden einſam, unnütz, verzweiflungsvoll ver⸗ gehen. Sie erinnerte ſich zu ihrem Schrecken der Verein⸗ zelung, in der ſie einſt der Cardinal von Richelieu gelaſſen hatte,.. unſelige, unerträgliche Abende, während welcher ſte jedoch, um ſich zu troͤſten, die Jugend, die Schönheit hatte, die ſtets von der Hoffnung begleitet werden. Da entwarf ſie den Plan, den Hof zu ſich zu ver⸗ ſetzen und Madame mit ihrem glänzenden Gefolge in den düſteren, ſchon traurigen Aufenthaltsort herüber⸗. zuziehen, wo die Witwe eines Königs von Frankreich die Mutter eines Königs von Frankreich, die beſtändig in Thränen zerfließende Frau eines Königs von Frank⸗ reich, über ihre frühe Witwenſchaft zu tröſten ge⸗ nöthigt war. Anna dachte nach..— Sdiie hatte viel in ihrem Leben intriguirt. In ihrer ſchönen Zeit, als ihr junger Kopf ſtets glückliche Pläne erſann, hatte ſie bei ſich, um ihren Ehrgeiz und ihre Liebe zu ſtacheln, eine Freundin, die noch glühender und ehrgeiziger als ſie ſelbſt, eine Freundin, die ſie geliebt, was etwas Seltenes bei Hofe, und die durch niedrige Rückſichten von ihr entfernt worden war. F 2⁵² Wer konnte ſich aber ſeit vielen Jahren, mit Aus⸗ nahme von Frau von Motteville, mit Ausnahme der Molena, dieſer ſpaniſchen Amme ihrer Vertrauten als Landsmännin und Weib, wer konnte ſich ſchmeicheln, der Koͤnigin einen guten Rath gegeben zu haben? Wer unter allen dieſen jungen Köpfen konnte ihr auch die Vergangenheit, durch die ſie allein lebte, ins Gedächtniß zurückrufen? Anna von Oeſterreich erinnerte ſich an Frau von Chevreuſe, welche Anfangs mehr durch ihren eigenen Willen als durch den des Königs verbannt, ſpäter in der Verbannung als Frau eines unbekannten Edelmanns geſtorben war. Sie fragte ſich, was ihr Frau von Chevreuſe einſt in einem ähnlichen Fall bei ihren gemeinſchaftlichen ver⸗ wickelten Intriguen gerathen haben würde, und nach einer ernſten Ueberlegung kam es ihr vor, als antwor⸗ tete ihr dieſe verſchmitzte, erfahrungsreiche, ſcharffinnige Frau mit ihrem ironiſchen Tone: „Alle dieſe kleinen jungen, Leute ſind arm und hab⸗ ſüchtig. Sie brauchen Gold und Einkünfte, um ihre Weranügungen zu beſtreiten, faßt ſie alle beim In⸗ tereſſe.“ 5 Anna von Oeſterreich genehmigte dieſen Plan. Ihre Börſe war gut geſpickt; ſie hatte über eine beträchtliche, von Mazarin für ſie aufgehäufte und an ſicherem Ort aufbewahrte Summe zu verfügen. Sie beſaß ferner die ſchönſten Edelſteine von Frank⸗ reich, von ſolcher Größe, daß ſie den König ſeufzen machten, ſo oft er ſie ſah, weil die Perlen ſeiner Krone gegen dieſe nur Hirſenkoͤrner waren. Anna von Oeſterreich hatte weder Schönheit noch Reize mehr zu ihrer Verfügung. Sie machte ſich reich, und als Köder für diejenigen, welche zu ihr kämen, mußten ihr dienen, um ihr Anſehen zu erhalten, ent⸗ weder gute Goldthaler im Spiele zu gewinnen oder Schenkungen an Tagen heiterer Laune geſchickt gemacht, 2 Berührung mit Armen, wie der der Königin, gekommen. ——— 25³3 oder heimgefallene Renten, die ſie dem Koönig durch Nachſuchen entriß.. Vor Allem verſuchte ſie dieſes Mittel bei Madame, deren Beſitz ihr der koſtbarſte von allen war. Trotz des unerſchütterlichen Vertrauens zu ihrem Geiſt und ihrer Jugend, ging Madame blindlings in das Garn, das vor ihr geöffnet war. Allmälig durch Geſchenke und Abtretungen berei⸗ chert, fand ſie Geſchmack an dieſen anticipirten Erb⸗ ſchaften. Anna von Oeſterreich wandte daſſelbe Mittel bei Monſieur und beim Konig ſelbſt an. Sie führte bei ſich die Lotterien ein. An dem Tag, zu dem wir gelangt ſind, handelte es ſich um einen Mitternachtsſchmaus bei der Koͤnigin Mutter, und dieſe Fürſtin ließ in der Lotterie zwei ſehr ſchöne Armſpangen in Brillanten und von ausgezeich⸗ neter Arbeit ausſpielen. Die Medaillons waren antike Cameen vom größten Werth, als Ertrag ſtellten die Diamanten keine ſehr bedeutende Summe dar, aber die Originalität, die Sel⸗ tenheit der Arbeit waren ſo groß, daß man bei Hofe dieſe Bracelets nicht nur zu beſitzen, ſondern an den Armen der Koͤnigin zu ſehen wünſchte, und daß es an den Tagen, wo ſie dieſelben trug, eine Gunſt war, zu ihrer Bewunderung dadurch, daß man Anna von Oeſter⸗ reich die Hände küſſen durfte, zugelaſſen zu werden. Die Höflinge hatten ſogar in dieſer Hinſicht nach den verſchiedenartigſten Galanterien ſich zu dem Satz entſchieden, es hätte ſich kein Preis für die Armſpangen beſtimmen laſſen, wären ſie nicht unglücklicher Weiſe in Dieſes Kompliment hatte die Ehre gehabt, in alle mögliche Sprachen Europas überſetzt zu werden, mehrere tauſend lateiniſche und franzöſiſche Diſticha waren über dieſen Stoff im Umlauf. 3. Der Tag, an welchem ſich Anna von Oeſterreich 254 zu der Lotterie entſchloß, war ein entſcheidender Mo⸗ ment; der König war ſeit zwei Tagen nicht mehr zu ihr gekommen. Madame ſchmollte noch wegen der großen Scene der Najaden und Dryaden. Der König ſchmollte nicht mehr, aber eine all⸗ mächtige Zerſtreuung erhob ihn über die Stürme und Vergnügungen des Hofes. Anna von Oeſterreich unternahm ihre Diverſion dadurch, daß ſie ihre Lotterie in ihren Gemächern für den folgenden Abend ankündigte. Sie kam zu dieſem Ende mit der jungen Königin zuſammen, von der ſie ſich, wie geſagt, am Morgen einen Beſuch erbat. 3 „Meine Tochter,“ ſprach ſie,„ich theile Euch eine gute Kunde mit; der König hat mir die zärtlichſten Dinge von Euch geſagt. Der König iſt jung und leicht abzulenken; doch ſo lange Ihr Euch in meiner Nähe haltet, wird er es nicht wagen, ſich von Euch zu ent⸗ fernen, der er überdies in einer ſehr lebhaften Zärtlich⸗ keit zugethan iſt. Dieſen Abend iſt Lotterie bei mir: werdet Ihr dazu kommen?“ „Man hat mir geſagt,“ erwiederte die junge Kö⸗ nigin mit einer Art von ſchüchternem Vorwurf,„man hat mir geſagt, Eure Majeſtät laſſe in der Lotterie ihre ſchoͤnen Armſpangen ausſpielen, welche von einer ſolchen Seltenheit ſind, daß wir ſie nicht hätten ſollen aus der Geſchmeidekammer der Krone herauskommen laſſen, und wäre es nur, weil ſie Euch gehört.“ Meine Tochter,“ entgegnete Anna von Oeſterreich, die den ganzen Gedanken der jungen Königin errieth, und ſie darüber, daß ſie dieſes Geſchenk nicht erhalten, tröſten wollte,„ich mußte Madame für immer zu mir heranziehen!“ 3 „Madame,“ ſtammelte die junge Königin erroͤthend. „Allerdings; wollt Ihr nicht lieber bei Euch eine 255 Nebenbuhlerin haben, um ſie zu überwachen und zu be⸗ herrſchen, als den König, beſtändig geneigt, den Hof zu machen und ſich machen zu laſſen, bei Ihr wiſſen? Die Lotterie iſt das Reizmittel, deſſen ich mich zu dieſem Behuf bediene; tadelt Ihr mich deßhalb?“ „Ohl nein!“ rief Maria Thereſia, mit jenem kin⸗ diſchen Weſen der ſpaniſchen Freude in die Hände klatſchend. 4 4„Und Ihr bedauert es nicht mehr, meine Liebe, daß ich Euch dieſe Armſpangen nicht geſchenkt habe, wie es Anfangs meine Abſicht war?“ „Oh! nein! ohl nein! meine gute Mutter!“ „Nun wohl!l meine liebe Tochter, macht Euch ſehr ſchön, und unſer Mitternachtsſchmaus ſoll glänzend ſein; je heiterer Ihr ſeid, deſto reizender werdet Ihr erſchei⸗ nen, und Ihr verdunkelt dann alle Frauen durch Euren Glanz, ſo wie durch Euren Rang.“ Maria Thereſia ging begeiſtert weg. Eine Stunde ſpaͤter empfing Anna von Oeſterreich Madame bei ſich, überhäufte ſie mit Liebkoſungen und ſprach zu ihr: „Gute Kunde! der König iſt entzückt über meine Lotterie.“ „Ich,“ erwiederte Madame,„ich bin nicht ſo ſehr entzückt; ſchöne Bracelets, wie dieſe, an den Armen von einer andern Frau, als von Euch, meiner Königin oder mir ſehen, daran kann ich mich nicht gewöhnen.“ „Bahl bah!“ ſagte Anna von Oeſterreich, die un⸗ ter einem Lächeln einen heftigen Schmerz, den fie ge⸗ rade empfunden, zu verbergen ſuchte,„empört Euch nicht, junge Frau, und nehmt die Dinge nicht ſogleich auf das Schlimmſte.“ „Ah! Madame, das Schickſal iſt blind... und Ihr habt, wie man mir ſagt, zwei hundert Billets.“ 3„Gerade ſo viele. Aber es iſt Euch nicht unbe⸗ kannt, daß nur ein Gewinnloos da iſt?“ 2⁵6 „Allerdings. Wem wird es zufallen? könnt Ihr es ſagen?“ rief Madame in Verzweiflung. „Ihr erinnert mich daran, daß ich heute Nacht ge⸗ träumt habe. Ahl meeine Träume ſind gut... ich ſchlafe ſo wenig.“ „Was träumtet Ihr?.. Ihr leidet?“ „Nein,“ erwiederte die Königin, mit bewunderungs⸗ würdiger Beharrlichkeit, einem neuen Stechen in ihrer Bruſt trotzend.„Ich träumte alſo, der König habe die Armſpangen gewonnen.“ „Der Koönig!“ „Ihr wollt mich fragen, was der König mit den Armſpangen thun könne?“ „Es iſt wahr.“ „Ihr werdet indeſſen beifügen, es wäre ein großes Glück, wenn der König gewänne, denn wenn er die Bracelets bekäme, waͤre er genöthigt, ſie Jemand zu ſchenken.“ „Euch ſie zurückzugeben, zum Beiſpiel.“ „Dann würde ich ſie ſogleich verſchenken; denn Ihr könnt nicht denken, ich lege dieſe Bracelets in die Lot⸗ terie, weil ich in der Klemme,“ ſagte die Königin lachend. „Es geſchieht, um ſie zu ſchenken, ohne Eiferſucht zu erregen. Doch wenn mich der Zufall nicht der Ver⸗ legenheit entziehen wollte, nun ſo würde ich den Zufall verbeſſern... ich weiß wohl, wem ich die Armſpan⸗ gen böte.“ Dieſe Worte wurden von einem ſo ausdrucksvollen Lächeln begleitet, daß es Madame mit einem Handkuß des Dankes bezahlen mußte. „Aber,“ füͤgte Anna von Oeſterreich bei,„wißt Ihr nicht auch eben ſo gut als ich, daß der König, wenn er ſie gewänne, mir die Armſpangen nicht zurückgeben würde?“ „Er würde ſie alſo der Königin ſchenken?“ 1 „Rein. Aus demſelben Grund, aus dem er ſie mir nicht zurückgäbe, in Betracht, daß ich, haͤtte ich ſie der Königin ſchenken wollen, ſeiner hiezu nicht bedurft hätte. —,—-— — en 257 Madame warf einen Seitenblick auf die Armſpan⸗ gen, die auf einem naheſtehenden Spiegeltiſchchen in ihrem Etui funkelten.. „Wie ſchön ſind ſie!“ ſagte ſte lächelnd.„Eil ver⸗ geſſen wir denn aber nicht, daß der Traum Eurer Ma⸗ jeſtät nur ein Traum iſt?“ „Es würde mich ſehr wundern, wenn mein Traum mich trügte,“ entgegnete Anna von Oeſterreich;„das be⸗ gegnet mir ſelten.“ „Ihr köͤnnt alſo Prophetin ſein?“ „Ich habe Euch geſagt, meine Tochter, daß ich beinahe nie träume; aber es findet hier ein ſo ſeltſames Zuſammentreffen dieſes Traumes mit meinen Ideen ſtatt! er fügt ſich ſo gut zu meinen Combinationen!“ „Welche Combinationen meint Ihr?“ 8 „Die, zum Beiſpiel, daß Ihr die Armſpangen ge⸗ winnen werdet.“ „Dann wird es nicht der König ſein?“ „Oh!“ verſetzte Anna von Oeſterreich,„es iſt nicht ſo weit von des Königs Herz bis zum Eurigen... bis zu Euch, der Ihr ſeine geliebte Schwägerin ſeid. Es iſt nicht ſo weit, ſage ich, daß man behaupten könnte, der Traum ſei lügenhaft. Seht Ihr die ſchönen Chancen; zählt ſie wohl.“ „Ich zähle ſie.“ 4 „Zuerſt die des Traums. Gewinnt der König, ſo gibt er ſicherlich Euch die Armſpangen.“ „Das nehme ich als eine an.“ „Wenn Ihr ſie gewinnt, ſo habt Ihr ſie.” „Natürlich, das iſt abermals zuläſſig.“* „Wenn Monſieur ſie gewänne?“ „Ah!“ entgegnete Madame, geräuſchvoll lachend, ver würde ſie dem Chevalier von Lorraine ſchenken.“ Anna von Oeſterrreich lachte wie ihre Schwieger⸗ tochter, das heißt ſo treuherzig, daß ſich ihr Schmerz Die drei Musketiere. Bragelonne VI. 17 2 4 ————-—-— 25⁵8 wieder einſtellte und ſie mitten unter dieſem Anfall von Heiterkeit erbleichen machte. „Was habt Ihr?“ fragte Madame erſchrocken. „Nichts, nichts, Seitenſtechen... ich habe zu ſehr gelacht... Wir waren bei der vierten Chance.“ „Ohl dieſe ſehe ich nicht.“ „Verzeiht, ich habe mich von den Gewinnenden nicht ausgeſchloſſen, und wenn ich gewinne, ſeid Ihr meiner ſicher.“ 3„Meinen Dank!“ rief Madame. „Ich hoffe, Ihr ſeid ſomit begünſtigt, und der Traum fängt nun an, die ſoliden Umriſſe der Wirklich⸗ keit anzunehmen.“ „Ihr gebt mir in der That Hoffnung und Ver⸗ trauen,“ ſagte Madame,„und ſo gewonnen, werden mir die Armſpangen hundertmal koſtbarer ſein.“ „Dieſen Abend alſo.“ „Dieſen Abend.“ Hienach trennten ſich die zwei Prinzeſſinnen. Anna von Oeſterreich, nachdem ſie ihre Schwieger⸗ tochter verlaſſen, ſagte zu ſich ſelbſt, indem ſie die Arm⸗ ſpangen anſchaute: 1 „Sie ſind in der That ſehr koſtbar, da ich durch ſie heute Abend zugleich mir ein Herz gewonnen und ein Geheimniß errathen haben werde.“ Dann, indem ſie ſich gegen ihren verödeten Alkoven umwandte, ſprach ſie in den leeren Raum: „Hätteſt Du ſo geſpielt, meine arme Chevreuſe?... Nicht wahr, ja!“ Und wie ein Wohlgeruch von einſt kehrten ihre ganze Jugend, ihre ganze tolle Einbildungskraft, ihr ganzes Glück mit dem Echo dieſer Anrufung zu ihr zurück. b— — f XXI. Die Lotterie. Am Abend um acht Uhr war alle Welt bei der Koͤnigin Mutter verſammelt. 1 Im großen Ceremonienkleid, ſchön durch die Ueber⸗ reſte ihrer Schönheit und durch alle die Hülfsmittel, welche die Coquetterie in geſchickte Hände legen kann, verbarg die Koͤnigin Mutter, oder ſuchte ſie vielmehr vor dieſer Menge von Höflingen, die ſie umgaben und bewunderten— in Folge der von uns im vorhergehen⸗ den Kapitel bezeichneten Combinationen— die ſchon ſichtbaren Verheerungen des Leidens zu verbergen, dem ſte einige Jahre ſpäter unterliegen ſollte. Madame, beinahe eben ſo coquette als Anna von Oeſterreich, die Königin einfach und natürlich, wie im⸗ mer, ſaßen an ihrer Seite und machten ſich ihr Wohl⸗ wollen ſtreitig. In einem Armeecorps vereinigt, um mit mehr Kraft und demgemäß mit mehr Erfolg den boshaften Scherzen zu widerſtehen, die ſich die jungen Leute über ſie er⸗ laubten, gewährten ſich die Ehrendamen, wie es ein in Carré aufgeſtelltes Bataillon thut, die gegenſeitige Un⸗ terſttzung einer guten Wache und eines guten Gegen⸗ ſchlags. Gewandt in dieſem Plänklerkrieg, beſchützte Mon⸗ talais die ganze Linie durch das Lauffeuer, das ſie auf den Feind richtete. 8 In Verzweiflung über die durch ihre Hartnäckigkeit verletzende Strenge von Fräulein von Tonnay⸗Charente, ſuchte Saint⸗Aignan dieſer den Rücken zuzuwenden, aber beſiegt durch den unwiderſtehlichen Glanz der zwei großen Augen der Schönen, weihte er immer wieder ſeine Nie⸗ —-y—õ 260 derlage durch neue Unterwerfungen ein, welche Fräu⸗ lein von Tonnay⸗Charente durch neue Ungebührlichkeiten zu erwiedern nicht verfehlte. 8 Saint⸗Aignan wußte nicht mehr, welchen Heiligen er anrufen ſollte. La Vallière hatte nicht einen Hof, ſondern Anfänge von Höoͤflingen. In der Hoffnung, die Augen von Athenais durch dieſes Manoeuvre auf ſich zu ziehen, grüßte Saint⸗Aignan la Vallière mit einer Chrfurcht, welche einige verſpätete Geiſter glauben machte, er wolle Athenais durch Louiſe im Gleichgewicht halten. Doch dies waren Leute, welche die Regenſcene we⸗ der geſehen, noch von ihr hatten erzählen hören. Nur, da die Mehrzahl ſchon unterrichtet, und zwar gut un⸗ terrichtet war, hatte die Gunſt, der ſie ſich erklärter Weiſe erfreute, die Gewandteſten, wie die Albernſten vom Hofe zu ihr gezogen. Die Erſten, weil ſie die Einen wie Montaigne ſagten:„Was weiß ich?“ Die Anderen, weil ſie wie Rabelais ſagten:„Viel⸗ leicht!“ Die Mehrzahl war jenen gefolgt, wie bei den Jagden nur fünf bis ſechs geſchickte Leithunde dem Geruch des Thieres folgen, während der Reſt der Meute nur dem Geruch der Leithunde folgt. Die Prinzeſſinnen und die Königin prieſen die Toilleten ihrer Hoffräulein und Chrendamen, ſo wie die der anderen Damen, und ſie geruhten zu vergeſſen, daß ſie Koͤniginnen, um ſich zu erinnern, daß ſie Wei⸗ ber waren. Das heißt, ſie zerfleiſchten unbarmherzig alles Frauenzimmer. Die Blicke der beiden Prinzeſſinnen fielen gleich⸗ zeitig auf la Vallière, welche, wie geſagt, in dieſem Moment ſtark umgeben war. Madame war ohne Nitleid. F Ohr der Königin Mutter neigte,„wenn das Schickſal gerecht wäͤre, müßte es die arme kleine la Valliére begünſtigen.“ „Das iſt nicht möglich,“ erwiederte lächelnd die Königin Mutter. „Warum nicht?“ „Es ſind nur zwei hundert Billets, ſo daß nicht Jedermann in der Liſte aufgenommen werden konnte.“ „Sie iſt alſo nicht dabei?“ „Nein.“ „Wie Schade! ſie hatte die Armſpangen gewinnen und ſie verkaufen können.“ „Sie verkaufen!“ rief die Königin. „Ja, das hätte eine Mitgift fuͤr ſie gegeben, und ſte wäre nicht genöthigt geweſen, ſich ohne Ausſtattung zu verheirathen, was ihr wahrſcheinlich geſchehen wird.“ „Ahl bahl arme Kleine!“ ſagte die Koͤnigin Mut⸗ ter,„hat ſie nicht Kleider?“ 3 Dieſe Worte ſprach ſte wie eine Frau, welche nie hatte erfahren können, was die Mittelmäßigkeit iſt. „Ohl ſeht doch, ich glaube, Gott verzeihe mir, ſie hat dieſen Abend denſelben Rock an, den ſie heute Morgen bei der Promenade hatte, ſie wird ihn haben anbehalten können, weil der König ſie vor dem Regen zu ſchützen beſorgt geweſen.“ In dem Augenblick, wo Madame dieſe Worte ſprach, trat der König ein. Die Prinzeſſinnen hatten vielleicht ſeine Ankunft nicht bemerkt, ſo ſehr waren ſie mit Läſtern beſchäftigt, aber Madame ſah ploͤtzlich la Vallidre, welche der Gal⸗ lerie gegenüber ſtand, unruhig werden und ein paar Worte zu den Höflingen ſagen, die ſie umgaben; die Höflinge traten ſogleich auf die Seite. Dieſe Bewegung lenkte die Augen von Madame nach der Thüre. In demſelben Moment meldete der Kapitän der Garden den önig. 5 „Wahrhaftig,“ ſagte ſie, indem ſie ſich an das Bei dieſer Verkündigung ſchlug la Vallidre ihre Augen, die ſie bis jetzt auf die Gallerie geheftet gehabt hatte, plötzlich nieder. Der König trat ein. Er war mit geſchmackvoller Pracht gekleidet und plauderte mit Monſteur und dem Herzog von Roque⸗ laure, welche, Monſieur zu ſeiner Rechten, der Herzog von Roquelaure zu ſeiner Linken gingen. Der König ſchritt zuerſt auf die Königinnen zu und grüßte ſie mit anmuthiger Ehrerbietung. Er nahm die Hand ſeiner Mutter, küßte ſie, ſagte Madame einige Artigkeiten über die Eleganz ihres Anzugs und fing an die Runde in der Gefellſchaft zu machen. La Vallière wurde begrüßt wie die Andern, nicht mehr nicht weniger, als die Anderen. Dann kam ſeine Majeſtät zu ihrer Mutter und zu ihrer Gemahlin zurück. Als die Höflinge ſahen, daß der König nur eine Alltagsphraſe an das Mädchen gerichtet, dem er am Morgen ſo ſehr gehuldigt hatte, zogen ſie auf der Stelle einen Schluß aus dieſer Kälte. Sie ſchloßen, der König habe eine Laune gehabt, dieſe Laune ſei aber ſchon wieder verſchwunden. Man hätte jedoch Eines bemerken können: daß ſich bei la Vallière unter der Zahl der Höflinge Fou⸗ quet befand, deſſen ehrerbietige Artigkeit dem Mädchen unter den verſchiedenen Gemüthsbewegungen, von de⸗ nen es ſichtbar ergriffen war, als Stützpunkt diente. Herr Fouquet ſchickte ſich übrigens an, vertrauli⸗ cher mit Fräulein de la Vallière zu reden, als ſich Herr Colbert näherte, der, nachdem er ſich vor Fou⸗ quet nach allen Regeln ehrfurchtsvoller Hoͤflichkeit ver⸗ beugt hatte, ſich bei la Vallidère feſtzuſtellen entſchloſſen ſchien, um ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Fouquet verließ ſogleich den Platz. Dieſes ganze Verfahren wurde mit den Augen von 263 Montalais und Malicorne verſchlungen, die ſich ein⸗ ander ihre Beobachtungen zuſandten.. Guiche, der in einer Fenſtervertiefung ſtand, ſah nur Madame. Da aber Madame ihren Blick häufig auf la Vallière heftete, ſo richteten ſich die Augen von Guiche, geleitet von denen von Madame, auch von Zeit zu Zeit auf das Mädchen. La Vallieère fühlte inſtinctartig, wie ſich das Gewicht aller dieſer Blicke, von denen die Einen mit Intereſſe, die Andern mit Neid beladen, auf ſie herab⸗ ſenkte. Sie hatte, um dieſes Leiden auszugleichen weder ein Wort der Theilnahme von Seiten ihrer Gefährtinnen, noch einen Blick der Liebe vom König. Es vermöchte auch Niemand auszudrücken, was das arme Kind litt. Die Königin Mutter ließ nun das Tiſchchen her⸗ beibringen, worauf die Lotteriezetiel, zwei hundert an der Zahl waren, und erſuchte Frau von Motteville die Liſte der Auserwählten zu leſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe Liſte nach den Geſetzen der Etiquette abgefaßt war: zuerſt kam der König, dann die Königin Mutter, dann die Kö⸗ nigin, dann Monſieur, dann Madame und ſo fort. Die Herzen bebten bei dieſer Leſung. Es waren wohl drei hundert Eingeladene bei der Königin. Jedes fragte ſich, ob ſein Name unter der Zahl der bevor⸗ zugten Namen glänzen würde. Der König horchte ſo aufmerkſam als die Anderen. Als der letzte Name ausgeſprochen war, ſah er, daß man la Vallière nicht in das Verzeichniß aufge⸗ nommen. Jedermann konnte übrigens dieſe Auslaſſung be⸗ merken. Der König erröthete, wie wenn er von einem Aerger ergriffen wurde. Sanft und ergeben, offenbarte la Vallidre nichts. So lange die Verleſung dauerte, hatte der Konig ———;——— kein Auge von ihr abgewendet; la Valliére erweiterte ſich gleichſam unter dieſem glücklichen Einfluß, den ſie um ſich her ſtrahlen fühlte, denn ſie war zu freudig und zu rein, als daß ein anderer Gedanke, als die Liebe in ihren Geiſt und in ihr Herz eindringen konnte. Der König belohnte durch die Dauer ſeiner Auf⸗ merkſamkeit dieſe rührende Verleugnung und zeigte ſo ſeiner Geliebten, er verſtehe die Ausdehnung und Zart heit davon. Als die Liſte geſchloſſen war, überließen ſich alle Geſichter der vergeſſenen oder übergangenen Frauen dem Verdruß. Malicorne war auch unter der Zahl der Männer⸗ vergeſſen, und ſeine Grimaſſe ſagte Montalais, die man ebenfalls vergeſſen, ganz klar: „Werden wir uns mit dem Glück nicht ſo beneh⸗ men, daß dieſes uns nicht vergißt?“ „Ohl gewiß!“ erwiederte das verſtändige Lächeln von Montalais. 3 Die Zettel wurden an Jeden nach ſeiner Nummer vertheilt.. Der König erhielt den ſeinigen zuerſt, dann die Königin Mutter, dann Monſieur, dann die Königin und Madame und ſo fort. Hierauf öffnete Anna von Oeſterreich einen leder⸗ nen Beutel, in welchem zwei hundert Nummern in Kugeln von Perlmutter eingravirt, enthalten waren und reichte den Beutel offen dem jüngſten von ihren Ehrenfräulein, damit es eine Kugel herausziehe. Die Erwartung unter dieſen langſamen Vorbe⸗ reitungen war mehr die der Habgier, als der Neugierde. Saint⸗Aignan neigte ſich an das Ohr von Fräu⸗ lein von Tonnay⸗Charente und ſagte: „Da wir jedes eine Nummer haben mein Fräulein, ſo wollen wir unſere Chancen verbinden, Euch die Armſpangen, wenn ich gewinne; mir, wenn Ihr ge⸗ winnt, einen einzigen Blick von Euren ſchönen Augen.“ 265 „Nein,“ entgegnete Athenais,„Euch die Armſpan⸗ gen, wenn Ihr ſie gewinnt. Jeder für ſich.“ „Ihr ſeid unbarmherzig,“ erwiederte Saint⸗Aignan, und ich beſtrafe Euch mit einem Verſe: „Allzu ſtrenge widerſtrebſt Du, „Schöne Iris, meinen Wünſchen...“ „Stille,“ ſagte Athenais,„Ihr verhindert mich, die gewinnende Nummer zu hören.“ „Nummer Eins,“ rief das Mädchen, das die perl⸗ mutterne Kugel aus dem ledernen Sack gezogen hatte. „Der Koͤnig!“ rief die Königin⸗Mutter. „Der König hat gewonnen!“ wiederholte freudig die Königin. „Ohl der König! Euer Traum!“ ſagte Madame ganz froh Anna von Oeſterreich ins Ohr. Der König allein gab keine Freude kund. Er dankte Fortuna für das, was ſie für ihn that, nur dadurch, daß er dem Maͤdchen zunickte, das man zum Mandatar der raſchen Göttin gewählt hatte. Dann, als er aus den Händen von Anna von Oeſterreich unter dem Gemurmel der Gierde der gan⸗ zen Verſammlung das Etui empfing, das die Armſpan⸗ gen enthielt, fragte er:. „Sie find alſo wirklich ſchön, dieſe Armſpangen?“ „Schaut ſie an und urtheilt ſelbſt.“ Der König ſchaute ſie an. „Ja,“ ſagte er,„und das iſt in der That ein bewunderungswürdiges Medaillon. Welche vollendete Arbeit.“ „Welche vollendete Arbeit!“ wiederholte Madame. Die Königin Maria Thereſta ſah leicht und mit dem erſten Blick, der König würde ihr die Armſpangen nicht anbieten, da es ihm aber auch entfernt nicht ein⸗ zufallen ſchien, ſie Madame anbieten zu wollen, ſo hielt ſie ſich für befriedigt, oder wenigſtens beinahe für befriedigt. Der König ſetzte ſich. Die Vertrauteſten unter den Höflingen kamen nach und nach herbei, um von Nahem das Wunder anzu⸗ ſtaunen, das bald mit Erlaubniß des Königs von Hand zu Hand ging. Alle Kenner oder Nichtkenner gaben ſodann Aus⸗ rufungen des Erſtaunens von ſich und überhäuften den König mit Glückwünſchen. Es war in der That für Jedermann etwas zu be⸗ wundernz die Brillanten für dieſe, die Gravirung für jene. Die Damen gaben ſichtbar ihre Ungeduld darüber kund, daß ſie die Cavaliere ſich des Schatzes bemäͤch⸗ tigen ſehen mußten. „Meine Herren, meine Herren,“ rief der König, dem nichts entging,„man ſollte in der That glauben, Ihr traget Armſpangen wie die Sabiner; gebt ſie doch ein wenig den Damen, die ſich meiner Anſicht nach mit Recht rühmen koͤnnen, ſie verſtehen ſich beſſer darauf als Ihr.“ Dieſe Worte ſchienen Madame der Anfang einer Entſcheidung zu ſein, die ſie erwartete. Sie ſchöpfte den beſeligenden Glauben auch aus den Augen der Königin Mutter. Der Höͤfling, der ſie eben beſchaute, als der Kö⸗ nig dieſe Bemerkung mitten unter die allgemeine Auf⸗ regung warf, beeilte ſich, die Bracelets in den Händen der Konigin Maria Thereſia niederzulegen, welche, da ſie, die arme Frau wohl wußte, daß ſie nicht für ſie beſtimmt waren, ſie kaum anſchaute und ſogleich Ma⸗ dame reichte. Dieſe, und mehr noch als ſie, Monſteur, ſchenkte den Armſpangen einen langen Blick der Ueberzeugung. Dann bot ſie die Juwelen den Damen, ihren Nachba⸗ rinnen, und dabei ſprach ſte das einzige Wort, aber mit einem Ausdruck, der einen langen Satz aufwog. „Herrlich!“ Die Damen, welche die Armſpangen aus den Hän⸗ 267 den von Madame empfangen hatten, nahmen ſich die ihnen zukommende Zeit, um ſie zu beſchauen, und ließen ſie dann gegen rechts umhergehen. 3 Mittlerweile unterhielt ſich der König ruhig mit Guiche und Fouquet. 3 Er ließ mehr ſprechen, als daß er hörte. Gewohnt an gewiſſe Wendungen der Sätze, nahm ſein Ohr, wie das aller Menſchen, die über andere Men⸗ ſchen eine unbeſtreitbare Ueberlegenheit ausüben, von den da und dort ausgeſtreuten Reden nur das unerläß⸗ liche Wort auf, das eine Erwiederung verdiente. Seine Aufmerkſamkeit war anderswo. Sie ſchweifte mit ſeinen Augen umher. Fräulein von Tonnay⸗Chaxente war die letzte von den für die Looszettel eingeſchriebenen Damen, und als ob ſie ihren Rang nach der Einzeichnung in der Liſte genommen hätte, kamen nach ihr nur Monta⸗ lais und La Vallidre. Als die Bracelets in die Hände der zwei letzteren ge⸗ langten, ſchien man ſich nicht mehr darum zu bekümmern. Die Geringfügigkeit der Hände, die für den Augen⸗ blick dieſe Juwelen hielten, benahm ihnen ihre ganze Bedeutung. Was indeſſen Montalais nicht abhielt, vor Freude, Luſt und Gierde, mehr noch beim Anblick der ſchönen Steine, als der herrlichen Arbeit zu beben. Hätte man Montalais die Wahl zwiſchen dem Geld⸗ werth und der künſtleriſchen Schönheit überlaſſen, ſie würde offenbar ohne Zögern die Diamanten den Ca⸗ meen vorgezogen haben. Es koſtete ſie auch viel Mühe, die Armſpangen ih⸗ „rer Gefährtin La Valliére zu reichen. La Vallière heftete auf die Juwelen einen beinahe gleichgültigen Blick. „SOhl wie reich ſind dieſe Armſpangen, ohl wie herrlich ſind ſie!“ rief Montalaſs,„und Du biſt nicht 268 darüber entzückt, Louiſe? Biſt Du denn wirklich gar nicht Weib?“ „Doch,“ erwiederte das Mädchen mit einem Aus⸗ druck anbetungswürdiger Schwermuth.„Aber warum das wünſchen, was uns nicht gehören kann?4 Den Kopf vorwärts geneigt, horchte der König auf das, was das Mädchen ſagen würde. Kaum hatte der Klang dieſer Stimme ſein Ohr berührt, als er ganz ſtrahlend aufſtand, den ganzen Kreis durchſchnitt, um von ſeinem Platze aus zu La Vallière zu gehen, und zu dieſer ſagte: „Mein Fraäulein, Ihr täuſcht Euch, Ihr ſeid Weib und jedes Weib hat ein Recht auf Frauenjuwelen.“ „Oh! Sire,“ erwiederte La Vallière,„Euer Ma⸗ lct will alſo durchaus nicht an meine Beſcheidenheit glauben?“ „Ich glaube, daß Ihr alle Tugenden beſitzet, die Offenherzigkeit wie die anderen; ich beſchwöre Euch daher, offenherzig zu ſagen, was Ihr von dieſen Arm⸗ ſpangen denkt.“ „Ich denke, ſie ſeien ſo ſchön, daß ſie nur einer Königin angeboten werden können.“. „Es entzückt mich, daß dieß Eure Meinung iſt, mein Fraͤulein; die Armſpangen gehören Euch, und der Koöͤnig bittet Euch, ſie anzunehmen.“ Und als mit einer Bewegung, die dem Schrecken glich, La Vallisre raſch das Etui gegen den König ausſtreckte, ſchob es der Koͤnig ſachte mit ſeiner Hand in die Hand von La Vallidre zurück. Eine Stille des Erſtaunens, trauriger als eine To⸗ desſtille, herrſchte in der Verſammlung. Und man hatte doch auf der Seite der Königinnen weder gehört, was er geſagt, noch begriffen, was er gethan. Eine barmherzige Freundin übernahm es, die Kunde zu verbreiten. Es war Tonnay⸗Charente, welche Madame durch ein Zeichen zu ſich gerufen hatte. 269 „Oh! mein Gott!“ rief Tonnay⸗Charente,„wie glücklich iſt dieſe La Vallière! der Koͤnig hat ihr ſo eben die Armſpangen geſchenkt!“ Und man biß ſich mit ſolcher Gewalt auf die Lip⸗ 4 den daß das Blut auf der Oberfläche der Haut er⸗ ien. Die junge Königin ſchaute abwechſelnd La Vallidre und Madame an und lachte. 1 Anna von Oeſterreich ſtützte ihr Kinn auf ihre ſchöne weiße Hand, und blieb lange von einem Arg⸗ wohn, der ihr den Geiſt zermarterte, und von einem grauſamen Schmerz erfaßt, der ihr das Herz zernagte. Guiche, als er Madame erbleichen ſah, errieth, was ſie erbleichen machte, verließ heftig die Geſellſchaft und verſchwand. Malicorne koynte ſich nun bis zu Montalais ſchlei⸗ chen, und flüſterte ihr, unterſtützt von dem allgemeinen . 4 Geräuſch der Geſpräche, in's Ohr: 9„Laure, Du haſt unſer Glück und unſere Zukunft in Deiner Nähe.“ „Ja,“ antwortete dieſe. Und ſie küßte auf das Zärtlichſte La Vallière, die ſie innerlich zu erdroſſeln verſucht war. XX. Malaga. Während dieſes langen, heftigen Kampfes der Hof⸗ ambitionen gegen Liebesneigungen, war eine von un⸗ ſern Perſonen, die vielleicht am wenigſten zu vernach⸗ 4 läſſigen, vergeſſen, ſehr vergeſſen, ſehr unglücklich. 270 In der That, d'Artagnan, d'Artagnan, denn wir müſſen ihn bei ſeinem Namen nennen, damit man ſich erinnert, daß er exiſtirt hat, d'Artagnan hatte durchaus nichts in dieſer glänzenden und leichtfertigen Welt zu thun. Nachdem er dem König zwei Tage lang in Fon⸗ tainebleau gefolgt war und alle die Schäferſpiele und alle die komiſch heroiſchen Tonanſtimmungen ſeines Für⸗ ſten angeſchaut hatte, fühlte der Musketier, daß dieß nicht genügte, um ſein Leben auszufüllen. Alle Augenblicke von Leuten angeredet, die ihn fragten: „Wie findet Ihr, daß mir dieſes Kleid ſteht, Herr d'Aartagnan?“ Antwortete er ihnen mit ſpöttiſchem Ton: SIch finde, daß Ihr ſo gut gekleidet ſeid, als der ſchönſte Affe von St. Lorenz⸗Markt.“ Das war ein Compliment, wie es d'Artagnan machte, wenn er kein anderes machen wollte: wohl oder übel mußte man ſich alſo damit begnügen. Und wenn man ihn fragte: „Herr d'Artagnan, wie kleidet Ihr Euch heute Abend?“ So antwortete er: „Ich werde mich entkleiden.“ Was auch die Damen lachen machte. Nachdem der Musketier zwei Tage ſo hingebracht und geſehen hatte, daß nichts Ernſtes hiebei vorging, daß der König Paris, St. Mandé und Bell⸗IJsle ganz vergeſſen oder wenigſtens vergeſſen zu haben ſchien. Daß Herr Colbert von Lämpchen und Kunſtfeuer⸗ werk traͤumte. Daß die Damen wenigſtens für einen Monat Lie⸗ besblicke einzunehmen und auszutheilen hatten. Da bat d'Aartagnan den König um einen Urlaub in Familienangelegenheiten. 1. In dem Augenblick, wo d'Artagnan dieſe Bitte an —.— 64 4 dürſt meiner nicht; überdieß wüßte mich Eure Majeſtät niger exotiſchen, aber durchdringenderen Geruch des Straßenkoths ſieigt zu der Naſe des Musketiers empor. 271 den König richtete, wollte ſich Ludwig XIV. vom Tanze ermüdet, zu Bette legen. „Ihr wollt mich verlaſſen, Herr d'Artagnan?“ fragte der König mit erſtaunter Miene. Ludwig XIV. begriff nie, daß man ſich von ihm trennte, wenn man ſich der ausgezeichneten Ehre, bei ihm zu verweilen, erfreuen konnte. 1 „Sire!“ erwiederte d'Artagnan,„ich verlaſſe Euch, weil ich Euch unnütz bin. Ah! wenn ich Euch die Ba⸗ laneirſtange halten könnte, während Ihr tanzet, dann wäre es etwas Anderes.“ „Aber mein Leben, Herr d'Artagnan,“ entgegnete der König mit ernſtem Tone,„man tanzt ohne Balan⸗ cirſtange?“ „Ah!“ rief der Musketier, der in ſeiner unempfind⸗ lichen Ironie fortfuhr,„das wußte ich nicht!“— „hr habt mich alſo nicht kanzen ſehen?“ ſtagte der König. „Ja, aber ich dachte, das käme immer ſtärker und ſtärker. Ich habe mich getäuſcht; ein Grund mehr, daß ich mich entferne. Sire, ich wiederhole, Ihr be⸗ zu ſinden, wenn ſie mich nöthig hätten.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Koͤnig. Und er bewilligte den Urlaub. Wir werden alſo d'Artagnan nicht in Fontainebleau ſuchen, denn das wäre vergeblich, ſondern wir werden ihn mit Erlaubniß in der Rue des Lombards, im gol⸗ denen Moͤrſer bei unſerem ehrwärdigen Freund Plan⸗ chet wieder finden. Es iſt acht Uhr Abends, das Wetter warm; ein ezäges Fenſter iſt offen, das eines Zimmers vom En⸗ reſol. Der Duft von Specereien, vermiſcht mit dem we⸗ Auf einem ungeheuren Stuhl mit flacher Lehne liegend, die Füße nicht ausgeſtreckt, ſondern auf einem Schämel ruhend, bildet d'Artagnan den ſtumpfſten Win⸗ kel, den man ſehen kann. Seine Arme ſind über ſeinem Kopf gekreuzt, ſein Kopf iſt auf die linke Schulter geneigt, wie der von Alexander dem Großen. Das ſo feine und gewöhnlich ſo bewegliche Auge iſt ſtarr, beinahe verſchleiert und hat zum unveränder⸗ lichen Ziel den kleinen Winkel des Himmels genommen, den man hinter dem Riß der Kamine erblickt; es iſt gerade ſo viel Blau da, als man brauchte, um ein Stück an die Linſen⸗ und Bohnenſäcke zu ſetzen, welche die Hauptausſtellung des Ladens im Erdgeſchoße bilden. So ausgeſtreckt, ſo in ſeiner transfenſteralen Be⸗ leuchtung hinſtarrend, iſt d'Artagnan nicht mehr ein Kriegsmann, nicht mehr ein Offizier des Palaſtes, ſon⸗ dern ein zwiſchen dem Mittagsbrod und dem Abend⸗ eſſen, zwiſchen dem Abendeſſen und dem Nachtlager ver⸗ dumpfender Bürgersmann; eines von jenen wackeren verknöcherten Gehirnen, welche nicht mehr Platz für einen einzigen Gedanken haben, mit ſolcher Wildheit wacht die Materie an den Pforten der Intelligenz und beaufſichtigt die Schmuggelei, welche durch Einführung ihea Sypmtoms von Idee in den Schädel ſtattfinden önnte. Wir haben geſagt, es ſei Nacht geweſen, die Lä⸗ den erleuchteten ſich, während ſich die Fenſter der obe⸗ ren Wohnungen ſchloſſen; eine Patrouille Soldaten von der Schaarwache ließ das regelmäßige Geräuſch ihrer Tritte vernehmen. »'Artagnan fuhr fort, nichts zu hoͤren und nichts zu ſehen, als den blauen Winkel ſeines Himmels. Zwei Schritte von ihm, gänzlich im Schatten, auf einem Maisſack liegend, den Bauch auf dem Sack, beide Arme unter ſeinem Kinn, ſchaute Planchet d'Ar⸗ tagnan zu, wie er dachte, träumte oder mit offenen Augen ſchlief. 12 —6-— N 273 Die Beobachtung dauerte ſchon geraume Zeit. Planchet fing damit an, daß er:„hm! hm!“ machte. 3 d'Artagnan rührte ſich nicht. Planchet ſah nun, er müſſe zu einem wirkſameren Mittel ſeine Zuflucht nehmen; nach reiflicher Erwägung fand er als Geiſtreichſtes unter den gegebenen Umſtän⸗ den, daß er ſich von ſeinem Sack auf den Boden rollen ließ, und gegen ſich ſelbſt das Wort murmelte: „Dummkopf!“ Aber wie groß auch das durch den Fall von Plan⸗ chet veranlaßte Geräuſch ſein mochte, d'Artagnan, der in ſeinem Leben ganz andere Geräuſche gehört hatte, ſchien nicht das„Aindfte Gewicht darauf zu legen. Ueberdies verſchlang ein mit Steinen beladener Karren, der aus der Rue Saint⸗Médéric hervorkam, in dem Geräuſch ſeiner Räder den Lärmen vom Fall von Planchet. 3 Planchet glaubte jedoch d'Artagnan, als Zeichen ſtillſchweigender Billigung, unmerklich bei dem Worte Dummkopf lächeln zu ſehen. Was ihn zu der Frage ermuthigte: „Schlaft Ihr, Herr d'Artagnan?“ „Nein, Planchet, ich ſchlafe nicht einmal,“ ant⸗ wortete der Musketier. .„Ich bin in Verzweiflung, daß ich das Wort nicht einmal gehört habe.“ „Iſt dieſes Wort nicht richtig?“ „Doch! Herr d'Artagnan.“ „Nein?“ 3 „Dieſes Wort betrübt mich.“ „Enthülle mir Deinen Kummer, Planchet.“ „Wenn Ihr ſagt, Ihr ſchlafet nicht einmal, ſo iſt es, als ob Ihr ſagtet, Ihr habet nicht einmal den Troſt, zu ſchlafen. Oder beſſer, es iſt vielmehr, als ob Ihr 1 mir ſagtet: Planchet, ich langweile mich zum Sterben.“ Die drei Muskettere. Bragelonne. Vi. 18 “ 274 „Planchet, Du weißt, daß ich mich nie langweile.“ „Ausgenommen heute, geſtern und vorgeſtern.“ „Bah!“ „Herr d'Artagnan, es ſind nun acht Tage, daß Ihr von Fontainebleau zurückgekommen, es ſind acht Tage, daß Ihr weder mehr Eure Befehle zu geben, noch Eure Compagnie manveuvriren zu laſſen habt. Der Lärmen der Musketen, der Trommeln und das ganze Königthum fehlt Euch... ich, der ich ſelbſt die Muskete getragen, begreife das.“ „Planchet, ich verſichere Dich, daß ich mich nicht im Geringſten langweile,“ entgegnete d'Artagnan. „Warum liegt Ihr denn wie ein Todter da?“ „Mein Freund Planchet, es fand ſich bei der Be⸗ lagerung von la Rochelle, als ich dort war, als Du dort warſt, als wir dort waren, ein Araber, den man wegen ſeiner Art, wie er die Feldſchlangen richtete, be⸗ ſonders rühmte. Es war ein Junge von Geiſt, ob⸗ gleich er eine ſeltſame Farbe hatte, die Farbe von Dei⸗ nen Oliven. Nun alſo! dieſer Araber, wenn er gegeſſen oder gearbeitet hatte, legte ſich nieder, wie ich in dieſem Augenblick liege, und rauchte, ich weiß nicht was für Zauberkräuter aus einem großen Rohr mit einer Bernſteinſpitze, und wenn ihm einer von den Führern, der gerade vorüber kam, den Vorwurf machte, er ſchlafe beſtändig, ſo antwortete er ruhig: Beſſer ſitzend, als ſtehend, liegend, als ſitzend, todt, als liegend.“ 3 1 „Es war ein finſterer Araber, ſowohl, was ſeine Farbe, als was ſeine Sprüche betrifft,“ ſagte Planchet, „ich erinnere mich ſeiner ganz wohl. Er zählte die Köpfe der Proteſtanten mit großer Zufriedenheit ,. „ Ganz richtig, und er balſamirte ſie ein, wenn es der Mühe werth war. 4„ „a, und wenn er an dieſer Einbalſamirung mit aallen ſeinen Kräutern und allen ſeinen Pflanzen ar⸗ peitete, ſah er aus wie ein Korbmacher, der Koͤrbe flicht 275 „Ja, Planchet, ja, ſo iſt es.“ 1 „Ohl ich habe auch Gedächtniß.“. „Ich bezweifle es nicht; doch was ſagſt Du zu ſeiner Sentenz.“ „Nun, Herr, es iſt in der That beſſer zu ſitzen, als zu ſtehen, das läßt ſich nicht leugnen, beſonders wenn man unter gewiſſen Umſtänden ermüdet iſt(hie⸗ bei lächelte Planchet ſchelmiſch); es iſt beſſer zu liegen, als zu ſitzen; was aber den letzten Punkt betrifft, es ſei beſſer todt, als liegend, ſo erkläre ich es für ein⸗ fältig; ich gebe unſtreitig dem Bett den Vorzug, und wenn Ihr nicht meiner Anſicht ſeid, ſo kommt dies nur davon her, daß Ihr Euch, wie ich zu bemerken die Ehre gehabt habe, zum Sterben langweilt.“ „Planchet, Du kennſt Herrn Lafontaine?“ „Den Apotheker an der Ecke der Rue Saint⸗ Médéric?“ „Nein, den Fabeldichter.“ „Ah! Meiſter Robe.“ „Ganz richtig, nun, ich bin wie ſein Haſe.“ „Er hat alſo auch einen Haſen?“ „Er hat alle Sorten von Thieren.“ „Was thut ſein Haſe?“ „Er träumt.“ „Ah! Ah!“ „Planchet, ich bin wie der Haſe von Herrn Lafon⸗ taine, ich träume.“ „Ihr träumt?“ fragte Planchet ängſtlich. „Ja, Deine Wohnung iſt traurig genug, um zur Medirntion anzutreiben, das wirſt Du hoffentlich zu⸗ geben.“ „Ihr habt aber auf die Straße geſehen.“ „Bei Gott! das iſt wohl ergötzlich.“ „Es iſt nicht minder wahr, gnädiger Herr, das Ihr Euch, wenn Ihr hinten wohnen würdet, noch neßr 3 langweiltet, nein, ich will ſagen, daß Ihr noch me träumtet.“. 276 „Meiner Treue, ich weiß es nicht, Planchet.“ „Wenn Eure Träumereien nur von der Art der⸗ jenigen wären, die Euch zu der Reſtauration von Karl II. gebracht hat,“ ſagte Planchet. Und dabei ließ er ein kleines bezeichnendes Gelächter hören. „Ah! Planchet, mein Freund, Du wirſt ehrgeizig!“ rief d'Artagnan. „Gibt es nicht noch einen andern König wieder einzuſetzen, einen andern Monk in eine Kiſte zu ſperren 20 „Nein, mein lieber Planchet, alle Könige ſind auf ihren Thronen, weniger vielleicht, als ich auf die⸗ ſem Stuhle bin, aber ſie ſind es nun einmal...“ Hiebei ſtieß d'Artagnan einen Seufzer aus. „Herr d'Artagnan, Ihr macht mir Schmerz,“ ſagte Planchet. „Du biſt ſehr gut, Planchet.“ „Gott verzeihe mir, ich habe einen Verdacht.“ „Welchen?“ „Herr d'Artagnan, Ihr magert ab.“ „Oh!“ rief d'Artagnan, indem er auf ſeine Bruſt ſchlug, die wie ein leerer Panzer klang,„das iſt un⸗ möglich, Planchet.“ „Ohl ſeht Ihr„“ verſetzte Planchet mit innigem Tone,„wenn Ihr bei mir abmagertet.“ „Nun?“ „Ich würde ein Unglück anrichten.“ „Ahl gut.“ „Ja.“ „Laß hören, was würdeſt Du thun?“ „Ich würde denjenigen aufſuchen, der an Eurem Kummer Schuld iſt.“ „Ich habe alſo einen Kummer?“ „Ihr habt einen.“ „Nein, Planchet, nein.“ „Ich ſage Euch, ja... Ihr habt einen Kummer, und Ihr magert ab.“ „Ich magere ab, biſt Du deſſen ſicher ² —— n⸗ em „Ihr habt es geſagt, ſo wahr ich Planchet heiße 4 „Augenſcheinlich... Malaga! wenn Ihr noch mehr abmagert, nehme ich meinen Raufdegen, gehe ge⸗ radezu zu Herrn d'Herblay und bringe ihn um.“ „Wie!“ rief d'Artagnan, von ſeinem Stuhle auf⸗ ſpringend,„was ſagſt Du da, Planchet? und was macht der Name d'Herblay in Deiner Specerei?“ „Gut, gut! ärgert Euch, wenn Ihr wollt, ſchmäht mich, wenn Ihr wollt, aber bei Gott! ich weiß, was ich weiß.“ d'Artagnan hatte ſich während dieſes zweiten Aus⸗ falls von Planchet ſo geſtellt, daß er keinen von ſeinen Blicken verlor; das heißt, er ſaß, ſeine beiden Hände auf ſeine Kniee geſtützt, den Hals gegen den würdigen Specereihändler vorgeſtreckt. 4 „Erkläre Dich,“ ſprach er,„ſage mir, wie Du eine Blasphemie dieſer Art haſt vorbringen können? Herr d'Herblay, Dein ehemaliger Chef, mein Freund, ein Mann der Kirche, ein Musketier, der Biſchof geworden ... gegen ihn würdeſt Du Dein Schwert erheben?“ „Ich würde mein Schwert gegen meinen Vater erheben, wenn ich Euch in dieſem Zuſtand ſehe.“ „Herr d'Herblay, ein Edelmann.“ „Mir iſt es gleichgültig, daß er ein Edelmann iſt. Er macht, daß Ihr ſchwarz träumt, das weiß ich. Und dadurch, daß man ſchwarz träumt, magert man ab, Malaga! Herr d'Artagnan ſoll nicht magerer von hier weg gehen, als er gekommen iſt.“ „Warum macht er, daß ich ſchwarz träume. Er⸗ kläre Dich, erkläre Dich.“ „h Naht ſchon drei Nächte das Alpdrücken.“ „Ja, und bei Eurem Alpdrücken wiederholt Ihr: „„Aramis! verſchloſſener Aramis!““ „Ich habe das geſagt,“ verſetzte d'Artagnan un⸗ ruhig. 278 „Nun, und hernach? Du kennſt das Spruͤchwort, mein Freund: Träume lügen.“ „Nein; denn ſo oft Ihr ſeit drei Tagen ausge⸗ gangen ſeid, habt Ihr bei der Rückkehr unfehlbar gefragt: „Haſt Du Herrn d'Herblay geſehen?““ „Oder wohl auch: „„Haſt Du für mich Briefe von Herrn d'Herblay erhalten 20„ „Mir ſcheint, es iſt ganz natürlich, daß ich mich für dieſen lieben Freund intereſſire.“ „Einverſtanden, doch nicht dergeſtalt, um darüber abzunehmen.“ 4 „Planchet, ich werde wieder fett werden, darauf gebe ich Dir mein Chrenwort.“ „Gut, das nehme ich an, denn ich weiß, daß es heilig iſt, wenn Ihr Euer Ehrenwort gebt.“ „Ich werde nicht mehr von Aramis träumen.“ „Sehr gut.“ „Ich werde Dich nicht mehr nach Briefen von Aramis fragen.“ „Vortrefflich.“ „Doch Du ſollſt mir Eines erklären.“ „Sprecht, gnädiger Herr.“ „Ich bin Beobachter.“ „Ich weiß es wohl.“ „Und Du haſt vorhin einen ſeltſamen Schwur aus⸗ geſprochen.“ a. „Der nicht Deine Gewohnheit iſt.“ „Malaga! meint Ihr.“ „Ganz richtig.“ 1„Das iſt mein Schwur, ſeitdem ich Specereihänd⸗ ler bin.“ „Richtig, es iſt der Name von getrockneten Trauben.“ „Es iſt mein Schwur der Wildheit... wenn ich Wehen ſollen. mehr.“ z,Sr kannte dieſen Schwur von Dir nicht.“ 5„Allerdings, gnädiger Herr, man hat ihn mir ge⸗ geben.“ Während Planchet dieſe Worte ſprach, blinzelte er mit einer höchſt ſchlauen Miene, welche die ganze Auf⸗ merkſamkeit von d'Artagnan erregte. „Hal ha!“ machte dieſer. Planchet wiederholte:„ha! hal“ „Eil ei! Herr Planchet.“ „Ahl ich bin nicht wie Ihr, ich bringe mein Leben nicht mit Träumen zu.“ „Du haſt Unrecht.“ „Ich will ſagen, nicht damit, daß ich mich lang⸗ weeile, wir haben nur kurze Zeit zu leben, warum ſie nicht benützen!“ „Du biſt epikuräiſcher Philoſoph, wie es ſcheint, Planchet.“ „Warum nicht? Die Hand iſt gut, man ſchreibt und wiegt Zucker und Gewürze, der Fuß iſt ſicher, man tanzt und geht ſpazieren; der Magen hat Zähne, man verſchlingt und verzehrt; das Herz iſt nicht zu ſehr zu⸗ ſammengeſchrumpft. Nun, gnädiger Herr?“ „Nun, was, Planchet?“ „Ahl ſo iſt es!...“ ſagte der Spezereihändler, indem er ſich die Hände rieb. D'Artagnan kreuzte ein Bein über das andere und ſprach: „Planchet, mein Freund, Du machſt mich ganz ver⸗ blüfft vor Erſtaunen.“ 4 „Warum?“ 1 „Weil Du Dich mir unter einem ganz neuen Lichte Im höchſten Grade geſchmeichelt, rieb ſich Plan⸗ chet fortwährend die Hände, daß die Haut hätte ab⸗ zeigſt 8 einmal Malaga geſagt habe, ſo bin ich kein Menſch 97 280 * „Ah!“ ſagte er,„weil ich nur ein dummes Thier bin, glaubt Ihr, ich ſei ein Schwachkopf!“ „Gut, Planchet, das iſt ein Satz.“ „Folgt wohl meinen Gedanken, gnädiger Herr. Ich ſagte mir, ohne Vergnügen gibt es kein Glück auf Er⸗ den. Oder ſetzen wir ſtatt Vergnügen, denn das Ver⸗ gnügen iſt nichts ſo Gewoͤhnliches, wenigſtens ohne Tröſtungen!“ „Und Du tröſteſt Dich?“ „Gewiß.“ „Erkläre mir Deine Art, Dich zu tröſten.“ „Ich nehme einen Schild, um die Langweile zu bekämpfen. Ich regle meine Geduldszeit, und gerade am Abend vor dem Tag, an dem ich mich, wie ich fühle, langweilen ſoll, beluſtige ich mich.“ „Das iſt nicht ſchwierig?“ „Nein.“ „Und Du haſt dies ganz allein gefunden?“ „Ganz allein.“ „Das iſt wunderbar.“ „Was ſagt Ihr dazu?“ „ Ich ſage, Deine Philoſophie habe nicht ihres Glei⸗ chen auf der Welt.“ „Nun, denn! ſo beſolgt mein Beiſpiel.“ „Es iſt lockend.“ „Macht es wie ich.“ „Das würde ich ſehr gerne thun, aber es ſind nicht alle Seelen von demſelben Schlag, und ich würde mich vielleicht, wenn ich mich beluſtigen müßte, wie Du, gräßlich langweilen.“ 9 „Bah! verſucht es einmal.“ „Sprich, was machſt Du?“ „Habt Ihr bemerkt, daß ich mich entferne?“ „Ja.“ „Auf eine gewiſſe Weiſe.“ „Periodiſch.“ „So iſt es, meiner Treue, Ihr habt es bemerki . —— f - JZ B= g wie „Mein lieber Planchet, Du begreifſt, wenn man ſich beinahe alle Tage ſieht und es entfernt ſich der Eine, ſo fehlt er dem Andern. Fehle ich Dir nicht, wenn ich im Felde bin?“. „Ungeheuer.“ 1„Da wir hierüber einverſtanden ſind, fahren wir ort.“ „Und um welche Zeit entferne ich mich?“ „Am 15. und 30. jedes Monats.“ „Und ich bleibe auswärts!“ „Bald zwei, bald drei, bald vier Tage.“ „Was glaubt Ihr, daß ich mache?“ „Einnahmen.“ „Und wenn ich zurückkam, fandet Ihr mein Ge⸗ ſicht?“ 5. „Sehr zufrieden.“ „Ihr ſeht, Ihr ſagt es ſelbſt, ſtets zufrieden. Und welchem Umſtand ſchriebet Ihr dieſe Zufriedenheit zu?“ „Dem, daß Deine Handelſchaft gut gehe; dem, daß Deine Einkünfte an Reis, gedörrten Pflaumen, gebacke⸗ nen Birnen, Farinzucker und Syrup vortrefflich gehen. Du biſt ſtets ſehr pittoresken Charakters geweſen, Plan⸗ chet; ich wunderte mich auch nicht einen Augenblick, daß Du Dich für den Specereihandel entſchieden haſt, was eines der wechſelreichſten und dem Charakter nach ſüße⸗ ſten Geſchäfte iſt, in ſo fern man in beinahe lauter natürlichen und wohlriechenden Dingen zu arbeiten hat.“ „Gut geſprochen, gnädiger Herr; aber wie ſehr irrt Ihr Euch. „Wie, ich irre mich?“— „Wenn Ihr glaubt, ich gehe ſo alle vierzehn Tage auf Einnahmen oder Einkäufe aus. Oh! ohl Herr d'Artagnan. Wie Teufels habt Ihr dergleichen glauben können? Oh! ohl ohl“ Hiebei lachte Planchet auf eine Weiſe, daß er d'Artagnan die beleidigendſten Zweifel über ſeinen eige⸗ nen Verſtand einſlößte. 282 „Ich geſtehe, daß ich nicht auf der Hoͤhe der ſchar⸗ fen Einſicht bin. a „Gnädiger Herr, das iſt wahr.“ „Wie, das iſt wahr?“ „Es muß wohl wahr ſein, da Ih bemerkt auch, daß Ihr hiedurch in meine verliert.“ „Ohl das iſt ein Glück!“ „Nein, Ihr ſeid ein Mann von Genie; und wenn es ſich um den Krieg, um Taktik, um Handſtreiche, um Ueberfälle handelt, ohl da ſind die Könige ſehr wenig gegen Euch! Doch was die Ruhe des Gemüths, die Pflege des Koͤrpers, das Zuckerwerk des Lebens, betrifft, wenn man ſo ſagen darf, da ſprecht mir nicht von den Krämern von Genie, ſie ſind ihre eigenen Henker.“ „Guter Planchet,“ ſagte v'Artagnan, funkelnd von Neugierde,„Du intereſſirſt mich im höchſten Grad.“ „Nicht wahr, Ihr langweilt Euch ſchon weniger als vorhin?“ „Ich langweilte mich nicht; doch ſeitdem Du ſprichſt⸗ beluſtige ich mich mehr.“ „Ohl das iſt ein guter Anfang! Ich werde Euch heilen, dafür ſtehe ich. 9 „Das ſoll mir ſehr lieb ſein.“ „Soll ich es verſuchen?“ „Auf der Stelle.“— „Gut! Habt Ihr Pferde hier?“ „Ja, zehn, zwanzig, dreißig.“ „Ich brauche nicht ſo viel: nur zwei.“ „Sie ſtehen zu Deiner Verfügung, Planchet.“ führe Euch fort.“ r es ſagt; aber m Geiſte nicht „Wohin?“ „Ahl Ihr fragt mich zu viel.“ da⸗ 283 „Du wirſt mir aber zugeſtehen, daß es für mich wichtig iſt, zu erfahren, wohin ich gehe.“ „Liebt Ihr das Land?“ „Mittelmäßig, Planchet.“ „Ihr liebt alſo die Stadt?“ 1 „Je nachdem.“ „Nun wohl! ich führe Euch nach einem Ort, der halb Stadt halb Land.“ „Gut.“ „An einen Ort, wo Ihr Euch beluſtigen werdet, davon bin ich feſt überzeugt.“ „Vortrefflich!“ „Und ohl Wunder! An einen Ort, von dem Ihr zeriee wunni weil Ihr Euch dort gelangweilt habt.“ / 1 „Zum Sterben.“ „Du gehſt alſo nach Fontainebleau?“ „Ganz richtig, nach Fontainebleau.“ „Du gehſt nach Fontainebleau?“ „ a.“ „Guter Gott! und was willſt Du in Fontainebleau machen?“ Planchet antwortete d'Artagnan mit einem Blinzeln der Augen voll Bosheit. „Du haſt ein Gut dort, Schurke!“ „Ohl eine Erbärmlichkeit, ein Neſt.“ „Ich nehme Dich beim Wort.“ „Das iſt ſehr ſchön, bei meiner Ehre!“ „Ich gehe auf das Landgut von Planchet!“ rief d'Artagnan. „Wann Ihr wollt!“ „Haben wir nicht geſagt morgen?“ „Morgen, es ſei; überdieß iſt Morgen der vier⸗ zehnte, der Vorabend des Tages, wo ich mich zu lang⸗ weilen befürchte; es iſt alſo abgemacht?⸗ „Abgemacht.“ „Ihr leiht mir eines von Euren Pferden!“ 284 „Das beſte.“ „Nein, ich ziehe das ſanfteſte vor; ich bin, wie Ihr wißt, nie ein vortrefflicher Reiter geweſen, und beim Specereihandel bin ich noch eingeroſtet, und dann...“. „Und dann, was?“ „Und dann will ich mich nicht ermüden,“ fügte Planchet mit einem neuen Blinzeln bei. „Warum nicht?“ fragte d'Artagnan. „Weil ich mich nicht mehr beluſtigen würde,“ er⸗ wiederte Planchet. Hienach ſtand er von ſeinem Maisſack auf, reckte ſich und ließ alle ſeine Knochen eeiinen nach dem andern mit einer gewiſſen Harmonie krachen. „Planchet! Planchet!“ rief d'Artagnan, vich erkläre, daß es auf der Erde keinen Sybariten gibt, der ſich mit Dir vergleichen läßt. Ah, Planchet, man ſieht wohl⸗ daß wir noch keinen Scheffel Salz mit einander gegeſſen haben.“ 2— „Weil ich Dich noch nicht kenne, und weil ich ent⸗ ſchieden wieder das glaube, was ich einen Augenblick von Dir an dem Tag dachte, wo Du in Boulogne Lübin, den Diener von Herrn von Wardes erwürgt, oder we⸗ nigſtens beinahe eerwürgt haſt; Planchet, ich glaube nämlich, daß Du ein Menſch von Mitteln biſt.“ Planchet lachte voll Geckenhaftigkeit, wünſchte dem Musketier eine gute Nacht und ging in ſeine Hinter⸗ bude hinab, die ihm als Schlafzimmer diente. 3 D'Artagnan nahm wieder ſeine erſte Lage in ſei⸗ nem Stuhl, und einen Augenblick entrunzelt, wurde ſeine Stirne nachdenkender als je. Er hatte die Tollheiten und Träume von Planchet ſchon vergeſſen. 3 „Ja,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er den Faden der Gedanken wieder aufnahm, welche durch das ange, nehme Geſpräch, das wir dem Publikum mitgetheilt 75 285⁵ haben, unterbrochen worden waren;„ja Alles faßt ſich ie darin zuſammen, daß wir erfahren: nd 1. Was Baiſemeaux mit Aramis zu thun hatte. nd 2. Warum Aramis mir keine Antwort gibt. 3. Wo Porthos iſt. 4* Unter dieſen drei Punkten liegt das Geheimndß. gte„Da uns aber,“ fuhr d'Artagnan fort,„da uns unſere Freunde nichts geſtehen, ſo müſſen wir unſere Zuflucht zu unſerem armen Verſtand nehmen. Man er⸗ thut das, was man kann, Mordioux! oder Malagal! wie Planchet ſagt.“ ckte ern äre, mit ohl, XXI. eſſen Der Brief von Herrn von Baiſemeau. ent⸗ blick Seinem Plane getreu, machte d'Artagnan ſchon am ibin, andern Morgen Herrn von Baiſemeaux einen Beſuch. nes Es war Reinigungstag in der Baſtille; die Kano⸗ aube nen wurden gebürſtet, geputzt, die Treppen abgeſcharrt, Schließer ſchienen beſchäftigt, ſogar ihre Schlüſſel zu dem poliren. Die Soldaten der Garniſon gingen aber in den Soöfen auf und ab, unter dem Vorwand, ſie ſeien rein⸗ n ſei⸗ lich genug. ſeine Der Commandant Baiſemeaur empfing d'Artagnan auf das Artigſte, beobachtete aber gegen ihn eine ſo ge⸗ anchet ſchloſſene Zurückhaltung, daß alle Schlauheit von d'Ar⸗ tagnan nicht eine Sylbe aus ihm herauszubringen ver⸗ mochte. — Je mehr er ſich in den Schranken hielt, deſto mehr etheilt wuchs das Mißtrauen von d'Artagnan. 286 Der Musketier glaubte zu bemerken, der Comman⸗ dant handle kraft einer ihm neuerdings ertheilten Er⸗ mahnung. Baiſemeaur war im Palais Royal gegen d'Artag⸗ nan nicht der kalte unerforſchliche Mann geweſen, den : dieſer am Baiſemeaux der Baſtille fand. Als d'Artagnan über die ſo dringenden Geldange⸗ legenheiten ſprechen wollte, die Baiſemeaur Aramis aufzuſuchen veranlaßt hatte, und ihn unerachtet aller widrigen Umſtände an jenem Abend geſprächig machten, ſchützte Baiſemeaux Befehle vor, die er im Gefängniß ſelbſt zu geben habe und ließ d'Artagnan ſo lange mit Worten unnütz die Zeit verlieren, daß unſer Musketier, überzeugt, er würde kein Wort mehr von ihm erhalten, die Baſtille verließ, ehe Baiſemeaux von ſeiner In⸗ ſpection zurückgekehrt war. Aber d'Artagnan hatte einen Verdacht, und war einmal der Verdacht erregt, ſo ſchlief der Geiſt von d'Artagnan nicht mehr. Er war bei den Menſchen, was bei den vierfüßigen Thieren die Katze iſt, das Emblem zugleich der Unruhe und Ungeduld. Eine unruhige Katze b Platz, als eine Seidenflocke, der Luft ſchaukelt. Eine lauernde Katze iſt todt vor ihrem Beobach⸗ tungspoſten, und weder Hunger noch Durſt vermögen ſie ihrer Meditation zu entziehen. D'Artagnan, der vor Ungeduld brannte, ſchüttelte plötzlich dieſes Gefühl wie einen zu ſchweren Mantel ab. Er ſagte ſich, die Sache, die man ihm verberge, ſei gerade diejenige, welche er nothwendig wiſſen müſſe. Dem zu Folge überlegte er ſich, Baiſemeaur würde Aramis unfehlbar in Kenntniß ſetzen laſſen, weil er Aramis einen Auftrag gegeben habe. Was auch ge⸗ ſchah 5 * Baiſemeaur hatte kau leibt eben ſo wenig am 1 die ſich bei jedem Hauche h m die materielle Zeit gehabt, 287 aus dem Gefängniß zurückzukommen, als ſich d'Artag⸗ nan bei der Rue du Petit⸗Muſé ſo in den Hinterhalt legte, daß er alle ſehen konnte, welche aus der Baſtille herauskamen. Nach einer Stunde Aufenthalt vor der goldenen Egge unter dem Wetterdach, wo man den Schalten genoß, ſah d'Artagnan einen Soldaten von der Wache heraus⸗ kommen. Das war das beſte Anzeichen, das er wünſchen konnte. Jeder Wächter und jeder Schließer hat ſeine Ausgangstage und ſogar Stunden in der Baſtille; da Alle gebunden ſind, weder Frauen noch Wohnungen im Schloß zu haben; ſie können alſo herausgehen, ohne Neugierde zu erregen. Ein caſernirter Soldat aber war auf vierundzwan⸗ zig Stunden, wenn er die Wache hatte, eingeſchloſſen, das wußte man, und d'Artagnan wußte es beſſer, als irgend Jemand. Dieſer Soldat konnte alſo zur Dienſt⸗ zeit nur wegen eines ausdrücklichen und dringenden Befehls herausgehen. Der Soldat kam, wie geſagt, aus der Baſtille heraus, und zwar langſam, langſam wie ein glücklicher Sterblicher, dem ſtatt eines Schilderns vor einer alber⸗ nen Wachtſtube oder auf einer nicht minder langweiligen Baſtei die Wonne einer Freiheit, verbunden mit einem Spaziergang— zwei Vergnügungen ſtatt eines Dien⸗ ſtes— zu Theil geworden. Er wandte ſich, Luft nnd Sonne einſchlürfend und die Frauen betrachtend, nach dem Faubourg Saint⸗Antoine. D'Artagnan folgte ihm von fern. Er hatte ſeine Gedanken in dieſer Hinſicht noch nicht feſtgeſtellt. „Ich muß vor Allem das Geſicht dieſes Burſchen ſehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Ein geſehener Menſch iſt ein beurtheilter Menſch.“ 3 D'Artagnan verdoppelte ſeine Schritte, und, was nicht ſehr ſchwierig war, überholte den Soldaten. Er ſah nicht nur ſein Geſicht, das ziemlich ver⸗ 288 ſtändig und entſchloſſen, ſondern er ſah auch ſeine Naſe, welche ein wenig roth war. „Der Burſche liebt den Branntwein,“ dachte er. Zu gleicher Zeit, als er die rothe Naſe ſah, er⸗ blickte er im Gürtel des Soldaten ein weißes Papier. „Gut! er hat einen Brief,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt. Die einzige Schwierigkeit war, den Brief zu be⸗ kommen. Ein Soldat fühlt ſich aber zu ſehr erfreut, von Herrn von Baiſameaur als Eſtafette gewählt zu werden, und verkauft folglich die Botſchaft nicht. Während ſich d'Artagnan den Kopf zerbrach, ging der Soldat immer weiter im Faubourg Saint⸗Antoine. „Er geht ſicherlich nach Saint⸗Mandé, und ich werde nicht erfahren, was der Brief enthält,“ ſagte der Musketier zu ſich ſelbſt. Das war um wahnſinnig zu werden. „Wenn ich in Uniform wäre,“ fügte er bei, „würde ich den Burſchen feſtnehmen laſſen, und den Brief mit ihm. Der erſte Wachtpoſten würde mir Hülfe leiſten. Doch, ich will des Teufels ſein, wenn ich meinen Namen wegen einer ſolchen Sache nenne. Gebe ich ihm zu trinken, ſo wird er mißtrauen, und dann wird er mich berauſcht machen. Mordiour! ich habe keinen Geiſt mehr, und es iſt um mich geſchehen. Den Unglücklichen angreifen, ihn vom Leder ziehen machen, ihn wegen ſeines Briefes tödten!... ut, wenn es ſich um einen Brief einer Königin an einen —,— — Lord oder um einen Brief eines Cardinals an eine Kö⸗ nigin handelt. Aber mein Gott! was für unſelige In⸗ triguen müſſen es ſein, die Intriguen der Herren Ara⸗ mis und Fouguet mit Herrn Colbert! Hiefür das Leben eines Menſchen, oh! nein! nicht einmal zehn Thaler 4 Als er ſo philoſophirte und dabei ſeine Nägel mit ſeinem Schnurrbart ſpeiste, erblickte er eine kleine Gruppe von Bogenſchützen und einen Commiſſär, — 289 Dieſe Leute ſchleppten einen Mann von ſchönem Ausſehen fort, der ſich kräftig ſträubte. Die Bogenſchützen hatten ihm die Kleider zerriſſen und behandelten ihn mit roher Gewalt. Er verlangte, daß man ihn mit Rückſicht führe, und behauptete, er ſei Edelmann und Soldat.— Er ſah unſern Soldaten auf der Straße gehen, und rief: „Soldat, herbei!“ Der Soldat ging mit demſelben Schritt auf den⸗ jenigen zu, welcher ihm rief, und die Menge folgte ihnen. Da kam d'Artagnan ein Gedanke. Das war der erſte; man wird ſehen, daß er nicht ſchlecht war. Während der Edelmann dem Soldaten erzählte, er ſei in einem Haus als Dieb feſtgenommen worden, in⸗ deß er nur als Liebhaber dort geweſen, und der Sol⸗ dat ihn beklagte und ihm Tröſtungen und Rathſchläge mit dem Ernſt ertheilte, den der franzöſiſche Soldat in den Dienſt ſeiner Eitelkeit und ſeines Corpsgeiſtes ſtellt, ſchlüpfte d'Artagnan hinter den von der Menge bedraͤng⸗ ten Soldaten, und zog ihm geradezu und raſch das Papier aus ſeinem Gürtel. Da in dieſem Augenblick der zerriſſene Edelmann an dem Soldaten zerrte, und der Commiſſär an dem Edelmann zerrte, ſo konnte d'Artagnan den Raub ohne das geringſte Ungemach vollbringen. Er ſtellte ſich zehn Schritte weit entfernt hinter den Pfeiler eines Hauſes, und las die Adreſſe. „An Herrn du Vallon, bei Herrn Fonquet, in Saint⸗Mandé.“ „Gut,“ ſagte er.. Und er entſiegelte, ohne zu zerreißen; dann zog er das viereckig zuſammengelegte Papier heraus, das nur folgende Worte enthielt:— 4 Die drei Musketiere. Bragelonne. VI. 19 8& „Lieber Herr du Vallon, wollt Herrn d'Herblay ſagen laſſen, er ſei in die Baſtille gekommen und habe efragt. 3 Euer ergebener von Baiſemeaur.“ „Gut! gut!“ rief d'Artagnan,„das iſt ganz klar und durchſichtig. Porthos iſt deſſen ſicher, was er wiſſen wollte. Mordioux,“ dachte der Musketier,„der arme Teufel von einem Soldaten, den dieſer wüthende Duckmäuſer Baiſemeaur meine Entwendung theuer wird bezahlen laſſen! Was wird man ihm thun, wenn er ohne dieſen Brief zurücklommt? Ich brauchte im Ganzen dieſen Brief nicht; wenn das Ci geleert iſt, wozu die Schale?“ D'Artagnan ſah, daß der Commiſſär und die Bo⸗ genſchützen den Soldaten überzeugt hatten und ihren Gefangenen fortführten. Dieſer blieb von der Menge umgeben und ſetzte ſeine Klaglieder fort. 3 D'Artagnan trat in die Mitte von Allen, ließ den Brief fallen, ohne daß es Jemand ſahl und entfernte ſich wieder raſch. Der Soldat ging ſeines Wegs weiter gegen Saint⸗Mandé, und dachte viel an den Edelmann, der ſeine Protection angerufen hatte. Plötzlich dachte er auch ein wenig an ſeinen Brief, blickte nach ſeinem Gürtel und ſah dieſen beraubt. Sein Schreckensſchrei machte d'Artagnan Vergnügen. Der arme Soldat ſchaute voll Angſt umher, und er⸗ blickte endlich zwanzig Schritte hinter ſich den ſeligen Um⸗ ſchlag. Er ſtürzte ſich darauf wie ein Falke auf eine Beute. Der Umſchlag war zwar ein wenig ſtaubig, ein wenig zerknittert, doch der Brief war wieder gefunden. D'Artagnan ſah, daß das zerbrochene Siegel den Soldaten ungemein beſchäftigte. Der brave Mann tröͤſtete ſich indeſſen am Ende und ſteckte das Papier wieder in ſeinen Gürtel. „Fort,“ ſagte d'Artagnan,„ich habe nun Zeit, gehe V . l☛ 291 mir voran. Es ſcheint, daß Aramis nicht in Paris iſt, da Baiſemeaux an Porthos ſchreibt. Der gute Porthos, welche Freude, ihn wiederzuſehen... und mit ihm zu plaudern!“ ſagte der Gascogner. Und er regelte ſeinen Schritt nach dem des Sol⸗ daten mit dem Vorſatz, eine Viertelſtunde nach ihm bei Herrn Fouquet einzutreffen. XXII. Worin der Leſer mit Vergnügen ſehen mird, daß Porthos nichts von ſeiner Stärke verloren hat. D'Artagnan hatte ſeiner Gewohnheit gemäß be⸗ rechnet, daß jede Stunde ſechzig Minuten, und jede Minnte ſechzig Sekunden werth iſt. In Folge dieſer vollkommen genauen Berechnung von Minuten und Sekunden kam er vor der Thüre des Oberintendanten in demſelben Augenblick an, wo der Soldat mit leerem Gürtel heraustrat. D'Artagnan erſchien bei der Thüre, die ein reicher mit Stickereien und Galonen überzogener Hausmeiſter für ihn halb offen ließ. D'Artagnan wäre gern eingetreten, ohne ſich zu nennen, doch das war nicht möglich. Er nannte ſich. Trotz dieſer Nachgiebigkeit, welche jede Schwierig⸗ keit heben mußte, d'Artagnan dachte dies weuigſtens, zögerte der Hausmeiſter; als aber der Titel: Kapitän der Garden des Königs, zum zweiten Mal wiederholt wurde, hoͤrte der Hausmeiſter auf, den Weg, ohns iihn ganz zu oͤffnen, völlig zu verſperren. D'Artagnan begriff, daß ein furchtbarer Befehl ge⸗ geben worden war. Er entſchloß ſich alſo zu lügen, was ihn indeſſen nicht zu viel Anſtrengung koſtete, wenn er jenſeits der Lüge das Heil des Staates oder ſogar nur ganz einfach ſein perſönliches Intereſſe erblickte. — Er fügte den ſchon von ihm gegebenen Erklärungen bei, der Soldat, der ſo eben Herrn du Vallon einen Brief überbracht, ſei nichts Anderes, als ſein Bote ge⸗ weſen, und mit dieſem Brief habe er ſeine Ankunft zu verkündigen bezweckt. Von da an videerſetzte ſich Niemand mehr dem Eintritt von d'Artagnan, und er trat ein. Ein Diener wollte ihn begleiten, doch er erwiederte, man brauche ſich nicht dieſe Mühe mit ihm zu machen, inſofern er ganz genau wiſſe, wo ſich Herr du Vallon aufhalte. Einem ſo vollkommen unterrichteten Mann war nichts zu entgegnen. Man ließ d'Artagnan gewähren. Freitreppen, Salons, Gärten, Alles mußte die Revue vor dem Musketier paſſiren. Er ging eine Vier⸗ telſtunde in dieſem königlichen Hauſe umher, das eben ſo viel Wunder als Meubels, eben ſo viel Diener als Säulen und Thüren zaählte. 3 „Dieſes Haus hat offenbar keine anderen Grenzen, als die Grenzen der Erde,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Sollte es Porthos eingefallen ſein, nach Pierrefonds zurückzukeh⸗ ren, ohne von Herrn Fouquet wegzugehen.“ Endlich kam er in einen abgelegenen Theil des Schloſſes, der von einer Mauer von Quaderſteinen um⸗ geben war, worauf ſich fette Pflanzen gleichſam rieſelnd von Blumen ſo dick und feſt wie Früchte hinzogen. In beſtimmten Entfernungen von einander erhoben ſich auf der Ringmauer Statuen in züchtigen oder ge⸗ heimnißvollen Stellungen. Es waren Veſtalinnen, ver⸗ borgen unter dem Peplum mit großen Falten, behende 293 Wächter in ihre marmorne Schleier eingehüllt, und mit ihren flüchtigen Blicken den Palaſt beobachtend. Ein Hermes, den Finger auf dem Mund, eine Iris mit ausgebreiteten Flügeln, eine Nacht ganz mit Mohn begoſſen, beherrſchte die Gärten und die Gebäude, die man hinter den Bäumen erblickte; alle dieſe Statuen ſtellten ſich im Proſil auf den hohen Cypreſſen dar, welche ihre ſchwarzen Gipfel zum Himmel aufſchoßen. Um dieſe Cypreſſen hatten ſich hundertjährige Ro⸗ ſenſtöcke gerollt, welche ihre mit Blüthen beladene Ringe an jede Gabel der Aeſte hingen und auf die unteren Zweige, ſo wie auf die Statuen balſamiſch duftende Blumen regnen ließen. Dieſe Zauberwerke erſchienen dem Musketier als die höͤchſte Anſtrengung des menſchlichen Geiſtes. Er war in einer geiſtigen Verfaſſung, um Verſe zu machen. Der Gedanke, daß Porthos ein ſolches Eden bewohne, gab ihm von Porthos einen höhern Begriff, ſo wahr iſt es, daß die erhabenſten Geiſter nicht von dem Ein⸗ fluß der Umgebung frei find. D' Artagnan fand die Thüre, an der Thüre eine Art von Feder, die er entdeckte und ſpielen ließ. Die Thüre öffnete ſich. D' Artagnan trat ein, ſchloß die Thüre wieder, und gelangte in einen in Rundung gebauten Pavillon, in dem man kein anderes Geräuſch hörte, als das der Cascaden und der ſingenden Vögel. An der Thüre des Pavillon traf er einen Lackei. „Nicht wahr, hier wohnt der Herr Baron du Val⸗ lon!“ fragte er ohne Zögern. „Ja, Herr,“ antwortete der Lackei. „Meldet ihm, der Herr Chevalier d'Artagnan, Ka⸗ pitain der Musketiere des Königs erwarte ihn.“ D'Artagnan wurde in einen Salon eingeführt. Er hatte nicht lange zu warten: ein ihm wohlbe⸗ kannter Tritt erſchütterte den Boden des anſtoßenden Saals, eine Thüre öffnete ſich oder wurde vielmehr ein⸗ ——— 294 gedrückt, und Porthos warf ſich in die Arme ſeines Freundes mit einer Art von Verlegenheit, die ihm nicht ſchlecht ſtayd. „Ihr hier?“ rief er. „Und Ihr?“ erwiederte d'Artagnan.„Oh! Duck⸗ mäuſer.“ „Ja,“ ſagte Porthos auf eine verlegene Weiſe lä⸗ chelnd,„ja, Ihr findet mich bei Herrn Fouquet, und darüber wundert Ihr Euch ein wenig, nicht wahr?“ „Nein; warum ſolltet Ihr nicht zu den Freunden von Herrn Fouquet gehören? Herr Fouquet hat viele Freunde, beſonders unter den Männern von Geiſt.“ Porthos war ſo beſcheiden, das Compliment nicht für ſich zu nehmen. „Dann habt Ihr mich auch in Belle⸗Isle geſehen,“ fügte er bei.. 1 „Ein Grund mehr, daß ich glauben mußte, Ihr gehöret zu den Freunden von Herrn Fouquet.“ „Ich kenne ihn allerdings,“ ſagte Porthos, mit einer gewiſſen Verlegenheit.. „Ah! mein Freund, welche Schuld tragt Ihr ge⸗ gen mich!“ rief d'Artagnan. „Warum denn!“ 3 „Wie! Ihr vollführt ein ſo bewunderungswürdiges Werk, wie die Befeſtigung von Belle⸗Isle und Ihr ſetzt mich nicht davon in Kenntniß?“ Porthos erröthete. „Mehr noch,“ fuhr d'Artagnan fort;„Ihr ſaht mich dort; Ihr wißt, daß ich im Dienſt des Koͤnigs bin, und Ihr errathet nicht, daß der König, begierig zu erfahren, wer der verdienſtvolle Mann, der ein Werk vollbringt, von dem man ihm ſo wunderbare Dinge erzählt, Ihr errathet nicht, daß mich der König abge⸗ ſandt hat, um Erkundigung einzuziehen, wer dieſer Mann ſei?“ „Wie l- der Köoͤnig hat Euch abgeſchickt, um in Er⸗ 3 fahrung zu bringen..“ G B 86„Bei Gott! doch ſprechen wir nicht mehr hievon.“ ht„Alle Wetter!“ rief Porthos,„ſprechen wir im Gegentheil davon; der Koͤnig wußte nicht, daß man Belle⸗Isle befeſtigte?“ ck⸗„Ah! weiß der König nicht Alles?“. 4„Aber er wußte nicht, wer es befeſtigt?“ a⸗„Nein; nur vermuthete er, nach dem, was man ud ihm von den Arbeiten geſagt, es müſſe ein ausgezeich⸗ neter Kriegsmann ſein.“ K8 en„Teufell wenn ich das gewußt hätte,“ rief Porthos. ele ſoh Nicht wahr, Ihr waͤret nicht aus Vannes ent⸗ flohen?“. cht„Nein; was habt Ihr geſagt, als Ihr mich nicht mmaehr fandet?“ n,“„Mein Lieber, ich habe nachgedacht.“ „Ah! ja, Ihr denkt nach; und wozu führte es hr CEuch, daß Ihr nachdachtet?“ „Daß ich die ganze Wahrheit errieth.“ mit„Ah! Ihr habt errathen 2“ 4„Ja.“ 3„Und was habt Ihr errathen? ſprecht,“ ſagte Por⸗ ge⸗ 1 thos, indem er es ſich in einem Lehnſtuhl bequem machte, und das Ausſehen eines Sphinr annahm.“ ges„Ich habe vor Allem errathen, daß Ihr Belle⸗ zhr Igle befeſtigtet.“ „Ahl das war nicht ſchwierig, Ihr habt mich bei der Arbeit geſehen.“ 8 aßt„Wartet doch; ich habe noch etwas Anderes erra⸗ igs then: daß Ihr Belle⸗Isle auf Befehl von Herrn Fou⸗ rig quet befeſtigtet.“ „Das iſt wahr.“ „Das iſt noch nicht Alles. Bin ich einmal im Zuge des Errathens, ſo bleibe ich nicht auf dem Wege ſtehen.“ „Der liebe d'Artagnan.“. 3 ch habe errathen, daß Herr. Fouquet dieſe Bee 1 feſtigung ganz geheim halten wollte.“ 2 96 „Es war dieß in der That, wie ich glaube, ſeine Abſicht.“ „Ja, aber wißt Ihr, warum er die Sache geheim halten wollte?“ „Verdammt! damit man es nicht erfahre!“ „Einmal. Aber dieſer Wunſch ging von dem Ge⸗ danken einer Galanterie aus.“ „Ich habe wirklich ſagen hören, Herr Fouquel ſei ſehr galant.“ „Von dem Gedanken einer Galanterie gegen den König.“ „Jal ſo.“ „Das ſetzt Euch in Erſtaunen?“ „Ja. „Ihr wußtet das nicht?“ „Nein.“ „Wohl! ich weiß es.“ „Ihr ſeid alſo ein Zauberer.“ „Durchaus nicht.“ „Woher wißt Ihr es denn?“ „Ahl durch ein ganz einfaches Mittel: ich habe es Herrn Fouquet dem König ſelbſt ſagen hören.“ „Was ihm ſagen?“ 3 5 „Daß er Belle⸗Isle für ihn habe befeſtigen laſſen, und daß er ihm ein Geſchenk damit mache.“ „Ah! Ihr habt das Herrn Fouquet dem König ſagen hören?“ „Buchſtäblich: Er fügte ſogar bei:„„Belle⸗Jsle iſt von einem, mir befreundeten Ingenieur befeſtigt worden, von einem Mann von großem Verdienſt, den ich dem König vorſtellen zu dürfen um Erlaubniß bit⸗ ten werde.““ „„Sein Name!““ fragte der König. „„Der Baron du Vallon,““ erwiederte Herr Fouquet. „„Es iſt gut,““ ſprach der König,„„Ihr werdet ihn mir vorſtellen.““ 4 „Der König ſprach das?“ fragte Porthos. m ſa ine eim Ge⸗ ſei den abe ſen, nig gZsle tigt den bit⸗ uet. rdet 297 „So wahr ich d'Artagnan heiße.“ „Jal ſo,“ rief Porthos:„Aber warum hat man mich denn nicht vorgeſtellt?“ tedat man Euch nichts von dieſer Vorſtellung ge⸗ ag 2“. 8. „Doch. Aber ich warte immer darauf.“ „Seid unbeſorgt, ſie wird kommen.“ „Hm! hm!“ brummte Porthos. D' Artagnan ſtellte ſich, als höorte er dieß nicht, wechſelte das Geſpräch und fragte: „Mir ſcheint, Ihr bewohnt einen ſehr einſamen Ort, mein lieber Freund!“ „Ich habe die Abgeſchiedenheit ſtets geliebt. Ich bin ſchwermüthig,“ antwortete Porthos mit einem Seuf⸗ zen. „Eil das iſt ſeltſam, ich bemerkte das nicht.“ „Es iſt der Fall, ſeitdem ich mich den Studien hingegeben habe,“ erwiederte Porthos mit einer ſorgen⸗ vollen Miene. „Die Arbeiten des Geiſtes haben aber hoffentlich der Geſundheit des Körpers nicht geſchadet.“ „Ohl keines Wegs.“ „Es ſteht immer noch gut mit den Kräften.“ „Zu gut, mein Freund, zu gut.“ „Ich höͤrte aber ſagen, in den erſten Tagen Eurer Ankunft..“. „Ja, nicht wahr, ich habe mich nicht mehr rühren können?“ „Wie!“ verſetzte d'Artagnan lächelnd,„und wa⸗ rum konntet Ihr Euch nicht mehr rühren 2. Porthos begriff, daß er eine Dummheit geſagt hatte und wollte ſich verbeſſern. 4 „Ja, ich kam von Belle⸗Isle auf ſchlechten Pfer⸗ den hierher und das hat mich ermüdet,“ ſagte er. „Das wundert mich nicht, mich, der ich hinter CEuch kam und ſieben bis acht auf der Straße zu Tode geritten fand.“ 4 —ÿoöm⁰⁶o‧⁶u²m 298 „Seht Ihr, ich bin ſchwer.“ „Ihr waret ſomit gerädert!“. „Das Fett iſt wie geſchmolzen, und das hat mich krank gemacht.“ „Ohl armer Porthos!.. Und Aramis, wie hat er ſich bei dem Allem gegen Euch benommen?“ „Sehr gut... Er hat mich durch den Leibarzt von Herrn Fouquet pflegen laſſen. Doch ſtellt Euch vor, nach Verlauf von acht Tagen athmete ich nicht mehr.“ „Wie ſo?“ euf„Das Zimmer war zu klein, ich abſorbirte zu viel uft.“ „Wahrhaftig.“ „Wenigſtens, wie man mir geſagt hat... Und man brachte mich in eine andere Wohnung.“ „Wo Ihr dann athmetet?“ „Freier, ja; doch keine Leibesübung, nichts zu thun. Der Arzt behauptete, ich dürfe mich nicht rühren; ich fühlte mich im Gegentheil ſtärker, als je. Das gab zu einem ernſten Unfall Anlaß.“ 3 „Zu einem Unfall?“ „Stellt Euch vor, lieber Freund, daß ich mich ge⸗ gen die Verordnungen dieſes Dummkopfs von einem Arzt empörte, und auszugehen beſchloß, ob ihm das nun genehm oder nicht genehm ſein mochte. Dem zu Folge befahl ich dem Lackei, der mich bediente, mir meine Kleider zu bringen.“. „Ihr waret alſo ganz nackt, mein armer Porthos?“ „Nein, ich hatte im Gegentheil einen herrlichen Schlafrock; der Lackei gehorchte; ich zog alſo meine Kleider an, die mir zu weit geworden waren; wie ſelt⸗ ſam! meine Kleider waren zu weit geworden!“ „Ja, ich höre wohl.“ „Und meine Stiefel zu eng.“ „Eure Füße waren noch geſchwollen.“ „Ah! Ihr habt es errathen.“ 299 „Und das iſt der Unfall, von dem Ihr ſprechen wollt?“ „Ahl ja wohl, Ich ſtellte nicht dieſelbe Betrach⸗ tung an, wie Ihr. Ich ſagte nur: da meine Füße zehn⸗ mal in meine Stiefel hineingekommen ſind, ſo iſt kein Grund vorhanden, daß ſie nicht auch das elfte mal hinein kommen ſollten.“ „Mein lieber Porthos, erlaubt mir, Euch zu be⸗ merken, daß Ihr dießmal Euch gegen die Logik verfehlt habt.“ „Kurz, ich ſtand vor einer Scheidewand und ſuchte meinen rechten Stiefel anzuziehen; ich zog mit den Händen, ich ſtieß mit dem Kniebug, und machte uner⸗ hörte Anſtrengungen, als plötzlich die zwei Ohren mei⸗ nes Stiefels in meinen Händen blieben und mein Fuß wie ein Katapult losfuhr.“ „Katapult! Wie ſtark ſeid Ihr doch in der Forti⸗ fication, mein lieber Porthos.“ „Mein Fuß fuhr alſo wie ein Katapult los, und traf die Scheidewand, die er einſtieß. Mein Freund, ich glaubte, ich habe wie Simſon den Tempel zerſtoͤrt. Was plötzlich an Gemälden, Porzellanen, Blumenvaſen, Tazetene Bougangſkangtn herabſiel, iſt unerhört.“ „Ho! ho!“ „Abgeſehen davon, daß auf der andern Seite der cherdewund eine mit Porzellanen beladene Etagére and. „Die Ihr umwarfet.“ „Die ich an das andere Ende des andern Zimmers ſchleuderte.“ Porthos lachte. „Das iſt in der That, wie Ihr ſagt, unerhört,“ rief d'Artagnan. Und er lachte wie Porthos. Sogleich lachte Porthos noch ſtärker, als d'Ar⸗ agnan. „Ich zerbrach,“ ſagte Porthos, von dieſer zuneh⸗ 5 „ 3⁰⁰0 menden Heiterkeit im Fluß ſeiner Rede gehemmt,„ich iſt zerbrach für mehr als drei tauſend Franken Porzel⸗ lane, oh! oh! oh!“ ge „Gut.“ al „Ich zertrümmerte für mehr als viertauſend Fran⸗ au ken Spiegel, oh! oh! oh!“ K „Vortrefflich.“ un . „Einen Luſtre nicht zu rechnen, der mir gerade auf den Kopf fiel und in tauſend Stücke zerſchellte.“ „Auf den Kopf?“ verſetzte d'Artagnan, der ſich es die Seite hielt. be⸗ „Voll.“ ha „Das hat Euch den Kopf zerbrochen.“ „Nein, ich ſage Euch, im Gegentheil, der Luſtre atl ſei zerbrochen, denn er war von Glas.“ der „Ahl er war von Glas.“ 3 „Von venetianiſchem Glas; eine Curioſität, ein Ar Stück, das nicht ſeines Gleichen hatte, ein Stück, das etyx zweihundert Pfund wog.“ „Und Euch auf den Kopf fiel.“ pro „Auf... den. Kopf... Stellt Euch eine ganz vergoldete, ganz incruſtirte Kriſtallkugel vor, unten Parfumerien, welche brannten, oben Schnäbel, welche Flammen auswarfen, wenn ſie entzündet waren.“ „Wohl verſtanden, ſie waren das nicht.“ „Nein, ich wäre in Brand geſteckt worden.“ „Und Ihr wurdet nur platt geſchlagen.“ me „Nein.“ 6 „Wie! nein?“ „Nein, der Luſtre iſt mir auf den Schädel gefallen. me Wir haben da, wie es ſcheint, oben auf dem Kopf nur äußerſt ſolide Kräfte.“ len „Wer hat Euch das geſagt, Porthos 7“ W „Der Arzt. Eine Art von Dom, der Notre⸗Dame in Paris tragen würde.“ 1 Zah! „Ja, es ſcheint, unſer Schädel iſt ſo beſchaffen. ¹ „ich zel⸗ „Sprecht für Euch, lieber Freund, Euer Schädel iſt ſo beſchaffen, und nicht der der andern Leute.“) „Das iſt möglich,“ erwiederte Porthos mit einer gewiſſen Selbſtgefälligkeit,„gewiß aber iſt, daß es, als der Luſtre auf den Dom herabfiel, den wir oben auf dem Kopf haben, einen Lärmen machte, als ob eine Kanone losgefeuert würde, der Kriſtall war zerbrochen und ich ſiel ganz überſtrömt nieder.“ „Von Blut, armer Porthos!“ „Von Parfumerien, welche wie feine Liqueurs rochen, es war vortrefflich, aber es roch zu gut; ich war wie betäubt von dieſem guten Geruch; nicht wahr, Ihr habt dies zuweilen erfahren, d'Artagnan?“ „Ja, wenn ich den Duft von Maiblümchen ein⸗ athmete; Ihr wurdet alſo ſomit von dem Schlag nie⸗ dergeworfen, und vom Geruch betäubt?“ 8 „Was aber ganz eigenthümlich hiebei iſt, und der Arzt hat mich bei ſeiner Ehre verſichert, er habe nie etwas Aehnliches geſehen...“ „Ihr bekamet doch wenigſtens eine Beule?“ unter⸗ brach ihn d'Artagnan. „Ich bekam fünf.“ „Warum fünf?“.„ „Wartet, der Luſtre hatte an ſeiner innern Extre⸗ mität fünf ſehr ſpitzige vergoldete Zierrathen.“ „Oh! wehe!“ „Dieſe fuͤnf vergoldeten Zierrathen drangen in meine Haare, die ich ſehr dicht trage, wie Ihr ſeht.“ „Zum Glück.“ „Und drückten ſich in meine Haut ein. Aber be⸗ merkt wohl die Seltſamkeit, dergleichen Dinge begegnen nur mir; ſtatt Höhlungen zu machen, machten ſie Beu⸗ len; der Arzt konnte mir das nie auf eine befriedigende Weiſe erklären.“ 3 „Nun wohl! ich will es GEuch erklären.“ „Damit thut Ihr mir einen Gefallen,“ erwiederte Porthos, mit den Augen blinzelnd, was bei ihm das — 302 Merkmal einer bis auf den höchſten Grund geſteigerten Aufmerkſamkeit war. „Seitdem Ihr Euer Gehirn in hohen Studien, in wichtigen Berechnungen arbeiten laßt, hat der Kopf Nutzen davon gezogen, ſo daß Ihr jetzt einen Kopf habt, der zu voll von Wiſſenſchaft iſt.“ „Ihr glaubt?“ „Ich bin deſſen ſicher. Daraus geht hervor, daß⸗ ſtatt nichts Fremdes in das Innere des Kopfes ein⸗ dringen zu laſſen, Euer Knochengehäuſe, das ſchon zu voll iſt, die Oeffnungen, die ſich bilden, benützt, um die Ueberfülle entſtrömen zu laſſen.“ „Ah!l“ machte Porthos, dem dieſe Auslegung kla⸗ rer vorkam, als die des Arztes. „Die durch die fünf Zierrathen des Luſtre verur⸗ ſachten fünf Hervorragungen waren ſicherlich nur wiſ⸗ ſenſchaftliche Anhäufungen, durch die Gewalt der Dinge nach außen geleitet.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Porthos,„und zum Beweiſe dient, daß es mir mehr wehe außen thut, als innen. Ich muß Euch ſogar geſtehen, wenn ich meinen Hut auf meinen Kopf ſetzte, und ihn mit der Fauſt mit jener anmuthigen Energie hineindrückte, die wir adeli⸗ gen Kriegsleute beſitzen, fühlte ich außerordentliche Schmerzen, war mein Fauſtſchlag nicht ganz genau abgemeſſen.“ „Porthos, ich glaube Euch.“ „Nun,“ ſagte der Rieſe,„als Herr Fouquet die geringe Solidität des Hauſes ſah, entſchloß er ſich auch, mir eine andere Wohnung zu geben. Dem zu Folge verſetzte man mich hieher.“ „Nicht wahr, das iſt der Park, den man ſich vor⸗ behalten?“ 3 „Ja. ⸗ „Der der Rendezvous? der, welcher in der ge⸗ heimnißvollen Geſchichte des Oberintendanten ſo be⸗ rühmt iſt,“ 4 303 „Ich weiß es nicht: ich habe weder Rendezvous, noch geheimnißvolle Geſchichten, aber man erlaubt mir, hier meine Muskeln zu üben, und ich benütze die Er⸗ laubniß dadurch, daß ich die Bäume entwurzle.“ „Warum thut Ihr das.“ „Um meine Hand gelenk zu erhalten, und um die Vogelneſter auszunehmen, ich finde das bequemer, als hinaufzuſteigen.“ „Ihr ſeid ſchäferlich, wie Tiocis, mein lieber Porthos.“ „Ja, ich liebe die kleinen Eier; ich liebe ſie un⸗ endlich mehr, als die großen. Ihr habt keinen Begriff, wie delicat ein Pfannkuchen von vier bis fünfhundert Eiern von Grünlingen, Buchfinken, Staaren, Amſeln und Droſſeln iſt.“ „Vier bis fünfhundert Eier, das iſt ja unge⸗ heuer!“ „Ohl das hat in einer Salatſchüſſel Platz,“ ent⸗ gegnete Porthos. 1 d'Artagnan bewunderte fünf Minuten lang Por⸗ thos, als ſehe er ihn zum erſten Mal. Porthos dehnte ſich freudig unter dem Blicke ſei⸗ nes Freundes aus.. 6 3 So blieben ſie einige Augenblicke, d'Artagnan an⸗ ſchauend, Porthos ſich ausdehnend.. d'Artagnan ſuchte offenbar dem Geſpräch eine neue Wendung zu geben. „Ihr beluſtigt Euch ungemein hier, Porthos?“ fragte er endlich, ohne Zweifel, nachdem er gefunden, was er ſuchte. „Nicht immer.“. „Ich begreife das: was werdet Ihr aber thun, wenn Ihr Euch zu ſehr langweilt?“ „Oh! ich bin nicht auf lange hier, Axamis wartet nur, bis meine letzte Beule verſchwunden iſt, um mich dem König vorzuſtellen, der, wie man mir geſagt hat, die Beulen nicht leiden mag.“ 304 „Aramis iſt alſo immer noch in Paris?“ 4 „Er iſt in Fontainebleau.“ „Allein?“ „Mit Herrn Fouquet.“ „Sehr gut. Aber wißt Ihr etwas?“ „Nein, ſagt es mir, und ich werde es wiſſen.“ „Ich glaube, Aramis vergißt Euch.“ „Ihr glaubt?“ „Seht Ihr, dort lacht man, tanzt man, ſchmauſt man, man läßt die Weine von Herrn von Mazarin ſpringen. Wißt Ihr, daß dort alle Abend ein Ballet ſtattfindet?“ „Teufel! Teufel!“ 5 „Ich erkläre Euch alſo, daß Euer lieber Aramis Euch vergißt.“ „Das köͤnnte wohl ſein, und ich habe es auch zu⸗ weilen gedacht.“— „Wenn er Euch nicht gar verräth, der Duck⸗ mäuſer.“ 1 4 „Ah!*. „Ihr wißt, Aramis iſt ein ſchlauer Fuchs.“ „Ja, aber mich verrathen...“ „Hört, vor Allem ſequeſtrirt er Euch.“ „Wie, er ſequeſtrirt mich? ich bin ſequeſtrirt?“ „Bei Gott!“ „Ich möchte wohl, daß Ihr mir das bewieſet.“ „Nichts kann leichter ſein. Geht Ihr aus?“ „Nie.“ „Reitet Ihr?“ 0 4 „Nie. „Läßt man Eure Freunde zu Euch gelangen ³“ Nie.“ 77 „Nun wohl! mein Lieber, nie ausgehen, nie rei⸗ ten, nie ſeine Freunde ſehen, heißt man ſegueſtrirt ſein.“ fra im „Und warum ſollte mich Aramis ſequeſtriren 2u fragte Porthos. 3 „Seid wahr, Porthos.“ „Wie das Gold.“ „Geſteht, daß Aramis den Plan zur Befeſtigung von Belle⸗Isle gemacht hat.“ Porthos erröthete. 4 „Ja,“ ſagte er,„doch das iſt Alles, was er ge⸗ macht hat.“ „Ganz richtig, und das iſt meiner Anſicht nach nichts Großes.“ „Der meinigen nach auch.“ „Gut, ich bin entzückt, daß wir derſelben Anſicht ind.“ vEr iſt ſogar nie nach Belle⸗Isle gekommen.“ „Nicht wahr.“ „Ich ging nach Vannes, wie Ihr ſehen konntet.“ „Sagt, wie ich geſehen habe. Nun! das iſt ge⸗ rade die Sache, mein lieber Porthos. Aramis, der nur die Pläne gemacht, möchte gern für den Ingenieur gelten; während Ihr Stein für Stein, die Mauer, die Citadelle, die Baſteien errichtet habt, möchte er Euch gern auf den Rang des Werkmeiſters verweiſen.“ „Des Werkmeiſters, das heißt des Maurers?“ „Des Maurers, ſo iſt es.“ „Des Kalkeinrührers.“ „Ganz richtig.“ „Des Handlangers?“ „Ihr habt es.“. „;o! ho! mein lieber Aramis, Ihr haltet Euch immer noch für fünfundzwanzigjährig, wie es ſcheint!“ „Das iſt noch nicht Alles, er hält Euch für einen ünfziger.“ 1 73c, häit⸗ ihn wohl bei der Arbeit ſehen mögen.“ „Ja.— „Ein Burſche, der die Gicht hat.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. VI. 306 „Ja. „Den Gries.“ J 71 „Ja. „Dem drei Zähne fehlen.“ „Vier.“ „Wäͤhrend ich... ſchaut.“ Hier that Porthos ſeine dicken Lippen auseinander und zeigte zwei Reihen Zähne, etwas minder weiß, als der Schnee, aber ſo glatt, ſo hart und geſund, als das Elfenbein. „Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, Porthos, wel chen Werth der König auf die Zähne legt,“ ſagte d'Artagnan.„Die Eurigen beſtimmen mich; ich werde Euch dem König vorſtellen.“ „Ihr 24 „Warum nicht? Glaubt Ihr, ich ſtehe ſchlechter bei Hofe, als Aramis.“ „Ohl nein.“ „Glaubt Ihr, ich habe die geringſte Anmaßung, hinſichtlich der Befeſtigung von Belle⸗Isle.“ „Ohl gewiß nicht.“. „Es kann mich alſo Euer Intereſſe allein handeln machen.“ „Ich bezweifle das nicht.“ 4 „Nun denn! ich bin der vertraute Freund des Kö⸗ nigs, und zum Beweiſe mag dienen, daß, wenn ihm etwas Unangenehmes zu ſagen iſt, ich das übernehme.“ „Aber, mein lieber Freund, wenn Ihr mich vor⸗ ſtellt— „Nun?“ „Aramis wird böſe werden.“ „Gegen mich?“ „Nein, gegen mich.“. 5 „Bah!l ob er Euch vorſtellt, oder ich Euch vor⸗ ſtelle, wenn Ihr nur vorgeſtellt werdet, das iſt das Gleiche.“ 1 1. „Man müßte mir Kleider machen laſſen.“ 3 307 „Die Eurigen ſind glänzend.“ 3 „Ohl diejenigen, welche ich beſtellt hatte, waren viel ſchöner.“ „Nehmt Euch in Acht, der Koͤnig liebt die Ein⸗ fachheit.“— „Dann werde ich einfach ſein. Doch was wird Herr Fouquet ſagen, wenn er erfährt, daß ich wegge⸗ gangen bin?“ „Seid Ihr Gefangener auf Ehrenwort?“ „Nein, nicht ganz. Aber ich habe ihm verſprochen, mich nicht zu entfernen, ohne ihn davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Wartet, wir werden hierauf zurückkommen. Habt Ihr etwas hier zu thun?“. „Ich, nichts, wenigſtens nichts ſehr Wichtiges.“ „Ihr ſeid auch nicht der Vermittler von Aramis in einer ſehr bedeutenden Angelegenheit?“ „Meiner Treue, nein.“ „Was ich Euch ſage, Ihr begreift das, ſage ich Euch aus Theilnahme für Euch. Ich nehme zum Bei⸗ ſpiel an, Ihr ſeid beauftragt, Aramis Briefe, Bot⸗ ſchaften zu ſchicken.“ „Ah! Briefe! ja. Ich ſchicke ihm gewiſſe Briefe.“ „Wohin?“ 3 „Nach Fontainebleau.“ 8 Ihr habt ſolche Briefe?“ er. 2. „Laßt mich ſprechen. Ihr habt ſolche Briefe?“ „Ich habe ſo eben einen erhalten.“ „Einen intereſſanten?“ „Ich denke,“ „ hr leſt ſie alſo nicht?“ „ SIch bin nicht neugierig.“ Bei dieſen Worten zog Porthos aus ſeiner Taſche den Brief des Soldaten, den Porthos nicht geleſen, den aber d'Artagnan geleſen hatte. „ 308 „Wißt Ihr, was Ihr thun müßt?“ ſagte d'Ar⸗ tagnan. ei Gott! was ich immer thue, ihn abſchicken.“ „Nein.“. „Wie, ihn behalten?“. 3 „Nein. Hat man Euch nicht geſagt, dieſer Brief ſei wichtig?“ „Sehr wichtig.“ „Wohl, Ihr müßt ihn ſelbſt nach Fontaineblean Fo bringen.“ nif „Zu Aramis? ha „Ja. ¹ 3 1 „Gut.“ 1 ſie Und da der König dort iſt...“— ſp „ So werdet Ihr das benützen...“ 9 „Ich werde das benützen, um Euch dem Koͤnig vor⸗ do zuſtellen.“ 6 „Ah! Teufel! d'Artagnan, Ihr allein ſeid im Stande, ſolche Auskunftsmittel zu finden.“ 8 „Statt alſo unſerm Freund mehr oder minder treue Boten abzuſenden, bringen wir ſelbſt ihm den Brief.“ 4 fean dachte ich gar nicht, und es iſt doch ſo ein a. 1 1 1 „Deßhalb iſt es dringend, daß wir ſogleich auf⸗ brechen, mein lieber Porthos.“ „In der That, je eher wir abgehen, deſto weniger wird die Depeche Verzug erleiden.“ „Porthos, Ihr urtheilt ſtets mächtig, und es wird bei Euch die Einbildungskraft von der Logik unterſtützt. „Ihr findet das!“ „Es iſt dies das Reſultat ſolider Studien. Doch d kommnt, uun. Ver d29 „Aber mein Verſprechen gegen Herrn Fous uet?¹4 „Aberin gegen Herrn Fouguet 1y „Saint⸗Mandeé nicht zu verlaſſen, ohne ihn davoſt in Kenntniß zu ſetzen.“ „Ah! mein lieber Porthos, wie jung ſeid Ihr!“ 309 Ar⸗„Wie ſo!“ „Nicht wahr, Ihr kommt in Fontainebleau an?“ 1.7„Ja. d„Ihr findet dort Herrn Fouquet?“ „Ja⸗ Brief„Beim König wahrſcheinlich 2⸗ „Beim König,“ wiederholte Porthos majeſtätiſch. „Und Ihr redet ihn an und ſagt zu ihm:„„Herr leau Fouquet, ich gebe mir die Ehre, Euch davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen, daß ich Saint⸗Mandé ſo eben verlaſſen habe.““ „Und wenn er mich in Fontainebleau beim Koͤnig ſieht, wird Herr Fouquet nicht ſagen können, ich lüge,“ ſprach Porthos mit derſelben Majeſtät. „Ich öffnete eben den Mnnd, um dies zu ſagen, vor⸗ doch Ihr kommt mir in Allem zuvor. Oh! Porthos, welche glückliche Natur ſeid Ihr; das Alter hat keinen „ im Einfluß auf Euch gehabt.“ „Nicht zu viel.“ treue„Somit iſt Alles abgemacht.“ ef.“„Ich glaube, ja.“* ch 3'„Ihr habt keine Bedenklichkeiten mehr.“ „Ich glaube, nein.“ 3 auf⸗„Ich nehme Euch alſo mit.“ „Vortrefflich, ich will meine Pferde ſatteln laſſen.“ niger„Ihr habt Pferde hier?“— „Fünf.“.. wird„Die Ihr von Pierrefonds kommen ließet.“ ützt.„Die mir Herr Fouquet geſchenkt hat.“ „Mein lieber Porthos, wir brauchen keine fünf Doch Pferde zu zwei; überdies habe ich ſchon drei in Paris, das würde fünf machen, und das wäre zu viel.“ et? 1.„Das wäre nicht zu viel, wenn ich meine Leute 55 hier hätte; aber ich habe ſie leider nicht.“ davon„Ihr ſehnt Euch nach Euren Leuten!“ „Nach Mousqueton, Mousqueton fehlt mir.. hr!“ 3 „Vortreffliches Herz; doch glaubt mir, laßt Cure Pferde hier, wie Ihr Mousqueton dort gelaſſen habt.“ „Warum dies?“. „Weil ſpäter...“ „Nun?“ T „Später wird es vielleicht gut ſein, wenn Euch Herr Fouquet gar nichts geſchenkt hat.“ 5 „Ich verſtehe nicht.“ 72 if nicht nöthig, daß Ihr verſteht.“ „Doch... „Ich werde Euch das ſpäter erklären, Porthos.“ „Ich wette, das iſt Politik.“ „Von der feinſten Art.“ Porthos ſenkte den Kopf bei dem Worte Politik; nach einem Augenblick ſprach er aber: „Ich muß Euch geſtehen, d'Artagnan, daß ich nicht Porthos bin.“ 4 „Ich weiß es, bei Gott! wohl.“— „Ohl Niemand weiß das, Ihr ſagtet es mir ſelbſt, Ihr, der Brave der Braven.“ „Was ſagte ich Euch, Porthos?“ „Man habe ſeine Tage. Ihr ſagtet es mir und ich habe es erfahren. Man hat ſeine Tage, wo es einem weniger Vergnügen bereitet, als an anderen, Musketenſchüſſe und Degenſtiche zu empfangen.“”“ „Das iſt mein Gedanke.“ „Das iſt auch der meinige, obſchon ich kaum im Schuſſe und Stiche welche zu tödten glaube.“— „Teufel! Ihr habt doch getoͤdtet.“ „Ja, aber ich bin nie getödtet worden.“ „Der Grund iſt gut.“ 6 „Ich glaube alſo, daß ich nie durch eine Degen⸗ klinge oder durch eine Flintenkugel ſterben werde.“ „Ihr fürchtet Euch vor nichts? Ahl vor dem Waſſer vielleicht.“ „Nein, ich ſchwimme wie eine Fiſchotter.“ „Vor dem viertägigen Fieber vielleicht?“ — —— ½ 5 re 4 . — 311 „Ich habe es nie gehabt und glaube nicht, daß ich es je haben werde; doch ich muß Eines geſtehen... Hiebei dämpfte Porthos die Stimme. „Was?“ fragte d'Artagnan, der ſogleich auch den Ton von Porthos annahm. „Ich geſtehe, daß ich eine furchtbare Angſt vor der Politik habe.“ „Ahl bah!“ rief d'Artagnan. „Nur gemach!“ ſprach Porthos mit einer Stentor⸗ ſtimme.„Ich habe Seine Eminenz den Herrn Cardinal von Richelieu und Seine Eminenz den Herrn Cardinal von Mazarin geſehen; der Eine hatte eine rothe Politik, der Andere eine ſchwarze. Ich war nie mit der einen viel zufriedener, als mit der andern: die erſte hat Herrn von Marillae, Herrn von Thou, Herrn von Cinq⸗Mars, Herrn Chalais, Herrn Bouteville, Herrn von Mont⸗ morency dem Beil überliefert; durch die andere ſind eine Menge Frondeurs zerfetzt worden, wobei wir wa⸗ ren, mein Lieber.“. „Wobei wir im Gegentheil nicht waren,“ ſagte d'Artagnan. 3 „Ohl doch! denn wenn ich für den Cardinal vom Leder zog, ſchlug ich für den König.“ „Theurer Porthos!“ „Ich vollende.“ „Thut das.“ „Meine Furcht vor der Politik iſt alſo ſo groß, daß ich, wenn Politik hierunter ſteckt, lieber nach Pierrefonds zurückkehren will.“ „Ihr hättet Recht, wenn es ſo wäre, aber bei mir, lieber Porthos, nie Politik, das iſt klar; Ihr habt an der Befeſtigung von Belle⸗Isle gearbeitet; der Kö⸗ nig wollte den Namen des geſchickten Ingenieur erfah⸗ ren, der dieſe Arbeiten vollführt hat; Ihr ſeid ſchüch⸗ tern wie alle Männer von wahrem Verdienſt; Aramis will Euch vielleicht unter den Scheffel ſtellen; ich aber 31² erkläre Euch, ich hebe Euch hervor; der König belohnt Euch, und das iſt meine ganze Politik.“ „Das iſt die meinige, bei Gott!“ rief Porthos, d'Artagnan die Hand reichend. D'Artagnan kannte aber die Hand von Porthos; er wußte, daß eine gewöhnliche Hand, einmal zwiſchen den fünf Fingern des Barons eingeſperrt, nicht mehr ohne Quetſchung herauskam. Er reichte daher ſeinem Freunde nicht die Hand, ſondern die Fauſt. Porthos bemerkte dies nicht einmal. Hienach verließen Beide Saint⸗Mandé. Die Wächter ziſchelten wohl ein wenig und brumm⸗ ien ſich Worte ins Ohr, die d'Artagnan verſtand, aber Porthos begreiflich zu machen ſich wohl hütete. „Unſer Freund war nichts Anderes als Gefangener von Aramis,“ ſagte er.„Wir wollen ſehen, was daraus entſteht, daß ich dieſen Verſchwörer in Freiheit ſetze.“ XXIII. Die RKatte und der Käſe. D'Artagnan und Porthos kamen zu Fuß zurück, wie d'Artagnan nach Saint⸗Mandé gegangen war. Als d'Artagnan, der zuerſt in die Bude zum Gol⸗ deuen Mörſer eintrat, Planchet angekündigt hatte, Herr du Vallon ſei einer von den privilegirten Reiſenden, als Porthos bei ſeinem Eintritt mit ſeiner Hutfeder die am Wetterdach aufgehängten hölzernen Lichter hatte 1 klappern gemacht, da ſtörte etwas wie eine ſchmerzliche ——O⏑—Bꝛ—::·——— r Z ück„ Gol⸗ Herr nden, die —:—B—O:˖:—:BO:ñꝛÖ—-— 313 Ahnung die Freude, die ſich Planchet für den andern Tag verſprach. Aber unſer Specereihändler war ein Goldherz, eine koſtbare Reliquie aus einer guten Zeit, die für die⸗ jenigen, welche alt werden, ſtets iſt und geweſen iſt die Zeit ihrer Jugend, und für die, welche jung ſind, das Alter ihrer Ahnen. Trotz dieſes eben ſo ſchnell bewältigten als ge⸗ fühlten inneren Bebens, empfing Planchet daher Por⸗ thos mit einer Ehrfurcht, vermiſcht mit zarter Herz⸗ lichkeit. Anfangs etwas ſteif in Folge der damals zwiſchen einem Baron und einem Gewürzkrämer beſtehenden ge⸗ ſellſchaftlichen Entfernung, wurde Porthos am Ende herablaſſender, freundlicher, als er bei Planchet ſo viel guten Willen und Zuvorkommenheit wahrnahm. Er war beſonders empfänglich für die Freiheit, die ihm gegönnt oder vielmehr angeboten war, ſeine großen Hände in die Kiſten mit getrockneten und eingemachten Früchten, in die Säcke mit Mandeln und Haſelnüſſen, in die Schubladen voll Zuckerwerk zu tauchen. Trotz der Einladung von Planchet, in das Entreſol hinaufzuſteigen, wählte Porthos auch zu ſeinem Lieb⸗ lingsaufenthaltsort während des Abends, den er bei Planchet zuzubringen hatte, die Bude, wo ſeine Finger immer fanden, was ſeine Naſe gerochen hatte. Die ſchönen Feigen aus der Provence, die Haſel⸗ nüſſe vom Foret, die Pflaumen aus der Touraine, wur⸗ den für Porthos der Gegenſtand einer Zerſtreuung, die er fünf Minuten lang ohne Unterbrechung genoß. Unter ſeinen Zähnen wurden wie unter Mühlſtei⸗ nen die Nüſſe zermalmt, deren Ueberreſte auf dem Bo⸗ den umherlagen und unter den Sohlen der Umher⸗ gehenden krachten; Porthos beerte mit einem Druck die reichen getrockneten Muskatellertrauben mit dem violet⸗ ten Dufte ab, von denen ſo ein halbes Pfund mit einem Zug von ſeinem Mund in ſeinen Magen überging. In einer Ecke des Magazins hatten ſich die Laden⸗ diener voll Angſt niedergekauert und ſchauten einander an, ohne daß ſie zu ſprechen wagten. Sie kannten Porthos nicht, ſie hatten ihn nie ge⸗ ſehen. Das Geſchlecht dieſer Titanen, welche die letzten Panzer von Hugo Capet, von Philipp Auguſt und von Franz I. getragen hatten, fing an zu verſchwinden. ieß nicht der Wehr⸗ äre, der in ſeinem Magen das ganze Megazin von Planchet untergehen laſſen würde. Während er ſo knackte, kaute, zermalmte, knaupelte, ſaugte und verſchlang, ſagte Porthos von Zeit zu Zeit zu dem Gewürzkrämer: „Ihr habt da ein hübſches Geſchäft, Freund Planchet.“ „Er wird bald keines mehr haben, wenn es ſo lte der erſte Ladendiener, der nach der ſſen Nachfolger werden ſollte. Und er näherte ſich in ſeiner Verzweiflung Por⸗ thos, der den ganzen R Er hoffte, von der Hinterbude in den Laden führte. Porthos würde aufſtehen, und dieſe Bewegung würde ihn von ſeinen Verſchlingungsideen abbringen. „Was wünſcht Ihr, mein Freund?“ fragte Por⸗ thos mit leutſeliger Miene. 3 „Ich wünſchte hier durchzugehen, mein Herr, wenn es Euch nicht zu ſehr beläſtigte.“ 3 „Das iſt nicht mehr als billig un durchaus nicht,“ erwiederte Porthos. Und zu gleicher Zeit nahm er den Ladendiener beim Gürtel, hob ihn vom Boden auf und ſtellte ihn ſan auf die andere Seite. Alles, indem er fortwährend mit derſelben leutſeli⸗ gen Miene lächelte. Die Beine erlahmten dem erſchrockenen Ladendiener⸗ d beläſtigt mich „ —₰ — 315 als ihn Porthos auf den Boden ſtellte, ſo daß er mit dem Hintertheil auf Pantoffelholz fiel. Da er jedoch ſah, wie ſanftmüthig dieſer Rieſe war, ſo wagte er die Bemerkung: „Ah! Herr, nehmt Euch in Acht.“ „Wovor mein Freund?“ fragte Porthos. „Ihr werdet Euch Feuer in den Leib bringen.“ „Wie ſo, mein guter Freund?“ 5„Das ſind lauter erhitzende Nahrungsmittel, mein err.“ „Die Trauben, die Haſelnüſſe, die Mandeln.“ „Ja, doch wenn die Mandeln, die Haſelnüſſe, die Trauben erhitzen.. „Das iſt unbeſtreitbar.“ „So kühlt der Honig ab,“ ſprach Porthos. Und er ſtreckte die Hand nach einem offenen Fäß⸗ chen Honig aus, in dem der Spatel lag, mit welchem man die Kunden bedient, und verſchlang ein halbes Pfund. „Mein Freund,“ ſagte Porthos,„ich bitte Euch nun um Waſſer.“ „In einem Eimer?“ fragte naiver Weiſe der La⸗ dendiener. „Nein, in einer Flaſche, eine Flaſche wird genügen,“ antwortete Porthos treuherzig. Und er hielt die Flaſche an ſeinen Mund, wie es ein Horniſt mit ſeinem Horn thut, und leerte ſie auf einen Zug. „HKlanchet bebte in allen Gefühlen, welche mit den Fbern des Eigenthums und der Eitelkeit correſpon⸗ iren. „Doch ein würdiger Vertreter der antiken Gaſt⸗ freundſchaft, gab er ſich den Anſchein, als ſpräche er ſehr aufmerkſam mit d'Artagnan, und wiederholte die⸗ ſem unabläſſig: „Ah! Herr, welche Freude! ahl Herr, welches Glück!“ „Um welche Stunde werden wir zu Nacht ſpeiſen?“ fragte Porthos.„Ich habe Appetit, Planchet.“ Der erſte Ladendiener faltete die Hände. 8 Die zwei anderen verkrochen ſich unter die Laden⸗ tiſche, aus Furcht, Porihos könnte friſches Fleiſch riechen. „Wir nehmen hier nur ein leichtes Veſperbrod zu uns, und ſpeiſen zu Nacht, ſobald wir auf dem Land⸗ ſitze von Planchet ſind,“ erwiederte d'Artagnan. „Ah! wir gehen nach Eurem Landſitze Planchet? deſto beſſer,“ ſagte Porthos. „Ihr ſeid allzu gütig, Herr Baron.“ Die Worte Herr Baron brachten eine große Wirkung auf die Ladendiener hervor, welche einen Mann vom höchſten Rang in einem Appetit dieſer Art er⸗ blickten. Dieſer Titel beruhigte ſie übrigens. Sie hatten nie ſagen hören, man habe einen Wehrwolf Herr Ba⸗ ron genannt. „Ich werde einige Biscuits auf den Weg mitneh⸗ men,“ ſagte Porthos mit gleichgültigem Tone. Und ſo ſprechend leerte er einen ganzen mit Anis⸗ biscuits gefüllten Pocal in die weite Taſche ſeines Wammſes. 4 „Meine Bude iſt gerettet,“ rief Planchek.. „Ja, wie der Käſe,“ verſetzte der erſte Ladendiener⸗ men war, ſo daß wir nur noch die Kruſte davon fanden. Planchet ſchaute ſeine Bude an, und fand beim Anblick deſſen, was dem Zahne von Porthos entgangen war, die Vergleichung übertrieben. 3 Der erſte Ladendiener gewahrte, was in den Augen ſeines Herrn vorging, und ſagte zu dieſem: „Aufgeſchaut bei der Rückkehr.“ „Welcher Käſe?“ „Der holländiſche Käſe, in den ein Ratte gekom⸗ „Ihr habt Früchte in Eurem Hauſe?“ fragte Por⸗ ᷣ᷑ = ee n — — A S—eS — 317 thos, während er in das Entreſol hinaufſtieg, wo, wie man gemeldet, der Imbiß aufgetragen war. „Leider!“ dachte der Gewürzkrämer, indem er an d'Artagnan einen flehenden Blick richtete, den dieſer halb verſtand. Nach dem Imbiß begab man ſich auf den Weg. Es war ſpät, als die drei Reiter, welche gegen ſechs Uhr von Paris abgegangen waren, auf dem Pflaſter von Fontainebleau ankamen. 1 Man hatte den Weg heiter zurückgelegt. Porthos fand Geſchmack an der Geſellſchaft von Planchet, weil er ihm viel Ehrfurcht bezeigte und mit ihm voll Liebe von ſeinen Wieſen, von ſeinen Waldungen und ſeinen Kaninchengehägen ſprach. 1 Porthos hatte den Geſchmack und den Stolz dest Gutsbeſitzers. Als d'Artagnan ſeine zwei Gefährten in ein Ge⸗ ſpräch vertieft ſah, wählte er die niedere Seite der Straße, ließ den Zügel auf dem Halſe ſeines Pferdes hängen und trennte ſich ſo von der ganzen Welt, wie⸗ von Porthos und Planchet. 4 Der Mond glitt ſachte durch das bläuliche Blätter⸗ werk des Waldes. Die Düfte der Wiesgründe ſtiegen balſamiſch zu den Nüſtern der Roſſe empor, welche unter großen Freudenſprüngen ſchnaubten. Porthos und Planchet unterhielten ſich über Land⸗ wirthſchaft. Planchet geſtand Porthos, in ſeinem reiferen Lebens⸗ tter habe er wirklich die Landwirthſchaft über dem Handel vernachläßigt, da aber ſeine Kindheit in der Pieardie unter den Luzernen, die ihm bis an die Kniee gereicht, und unter den grünen Obſtbäumen mit den rothen Aepfeln vergangen, ſo habe er ſich geſchworen, ſobald er ſein Glück gemacht, zu der Natur zurückzu⸗ kehren und ſeine Tage ſo zu beſchließen, wie er ſie an⸗ gefangen, nämlich ſo nahe als moͤglich bei der Erde, zu der alle Menſchen gehen. 318 „Ei! ei!“ ſagte Porthos,„dann iſt Euer Rückzug nicht mehr fern.“ „Wie ſo?“ „Ihr ſcheint mir im Begriff, ein kleines Glück zu machen. „Ja wohl,“ erwiederte Planchet,„man rührt ſich.“ „Sprecht, wie viel erzielt Ihr, und bei welcher Summe gedenkt Ihr Cuch zurückzuziehen?“ „Herr Baron,“ ſagte Planchet, ohne die Frage zu beantworten, ſo intereſſant ſie auch war,„Eines iſt mir peinlich.“ „Was?“ fragte Porthos, indem er umſchaute, als wollte er das Eine ſuchen, was Planchet beunruhigte, um ihn davon zu befreien. „Früher nanntet Ihr mich kurzweg Planchet, und Ihr hättet zu mir geſagt:„„Wie viel erzielſt Du, Planchet, und bei welcher Summe gedenkſt Du Dich zurückzuziehen?“ „Gewiß, gewiß, früher hätte ich das geſagt,“ er⸗ wiederte der ehrliche Porthos mit einer Verlegenheit voll Zartgefühl,„doch früher...“ „Früher war ich der Lackei von Herrn d'Artagnan, nicht wahr, das wolltet Ihr ſagen 2“ „Nun denn! wenn ich nicht mehr ganz und gar ſein Lackei bin, ſo bin ich doch noch ſein Diener, und ſeit jener Zeit..“ „Nun! Planchet.“ „Seit jener Zeit habe ich die Ehre gehabt, ſein Aſſocié zu ſein.“ „Ho! Ho!“ rief Porthos.„Wie! d'Artagnan hat ſich auf den Specereihandel gelegt?“ „Nein, nein,“ ſprach d'Artagnan, den dieſe Worte ſeiner Träumerei entzogen und der ſeinen Geiſt in das Geſpräch mit der Gewandtheit und der Raſchheit ver⸗ ſetzte, durch die ſich jede Operation ſeines Geiſtes und ſeines Körpers auszeichnete,„nicht d'Artagnan hat ſich 2 auf den Specereihandel gelegt, ſondern Planchet hat ſich der Politik ergeben.“ „Ja,“ ſagte Planchet zugleich mit Stolz und Be⸗ friedigung,„wir haben eine kleine Operation mit einan⸗ der gemacht, die mir hunderttauſend Livres und Herrn d'Artagnan zweimal hunderttauſend eingetragen.“ „Hol ho!“ rief Porthos voll Bewunderung. „Herr Baron,“ fuhr der Gewürzkrämer fort,„ich bitte Euch ſomit, mich, wie in der Vergangenheit Plan⸗ chet zu nennen und fortwährend zu dutzen. Ihr könnt nicht glauben, welches Vergnügen mir das bereiten wird. „Ich will es, wenn dem ſo iſt, mein lieber Plan⸗ chet,“ erwiederte Porthos.. Und da ſich Planchet in ſeiner Nähe befand, ſo hob er die Hand auf, um ihm zum Zeichen herzlicher Freundſchaft auf die Schulter zu klopfen. Doch eine providentielle Bewegung ſeines Pferdes lenkte die Geberde des Reiters ſo, daß ſeine Hand auf das Kreuz des Roſſes von Planchet ſiel. Das Thier bog die Lenden. D. Artagnan ſing an zu lachen und laut zu denken. „Nimm Dich in Acht, Planchet,“ ſagte er,„denn wenn Dich Porthos zu ſehr liebt, ſtreichelt er Dich, und wenn er Dich ſtreichelt, ſchlägt er Dich wieder; ſiehſt Du, Porthos iſt ſtets ſehr ſtark geweſen.“ „Oh!'“ entgegnete Planchet,„Mosqueton iſt nicht todt, und der Herr Baron liebt ihn doch ſehr.“ „Gewiß,“ verſetzte Porthos mit einem Seußzer, der gleichzeitig die drei Pferde ſich bäumen machte,„ich ſagte d'Artagnan noch dieſen Morgen, wie ſehr ich ſeine Abweſenheit beklage; doch ſprich, Planchet..“ 3 „Meinen Dank, Herr Baron, meinen Dank.“ 3 „Braver Junge!... Wie viel Morgen Park haſt „Park.“ Du „Ja. Wir rechnen die Wieſen nachher, Waldungen.“ „Wo dies, Herr Baron?“ „Bei Deinem Schloß.“ „Herr Baron, ich habe weder Schloß, noch Park, g noch Wieſen, noch Waldungen.“ „Was haſt Du denn, und warum nennſt Du das einen Landſitz?“ „Ich habe nicht geſagt, ein Landſitz, ſondern ein einfaches Abſteigequartier,“ erwiederte Planchet etwas gedemüthigt. „Ah! ahl ich begreife, Du biſt zurückha „Nein, Herr Baron, ich ſage die volle ich habe nur zwei Zimmer für Freunde.“ „Aber wo gehen denn Deine Freunde ſp „Einmal im Wald des Konigs, der ſehr „Der Wald iſt allerdings ſehr ſchön, ſchöͤn wie mein Wald im Berry.“ dann die ltend.“ Wahrheit; azieren?“ ſchoͤn iſt.“ beinahe ſo ch Planchet riß die Augen weit auf und ſtammelte: je „Ihr habt einen Wald in der Art von dem von Fontainebleau, Herr Baron?“ „Ja, ich habe ſogar zwei doch der im Berry iſt ſch mein Lieblingswald.“ „Warum dies?“ fragte Planchet mit Miene. „Weil ich das Ende davon nicht kenne er voll von Wildſchützen iſt.“ „Und wie kann Euch der Ueberfluß an Wildſchützen eir dieſen Wald ſo angenehm machen?“ „Weil ſie mein Wildpret jagen, und jage, was in Friedenszeiten für mich im Bild des Krieges iſt.“ holdſeliger , und weil weil ich ſie S Kleinen ein Man war ſo weit im Geſpraͤche, als Planchet, die Pf Naſe erhebend, die erſten Häuſer von Fontainebleau er⸗ Se blickte, die ſich kräftig vom Himmel abhob über der ungeſtalten Maſſe des Schloſſes ſp en, während itzige Dächer ð 321 emporragten, deren Schieferplatten im Monde wie die Schuppen eines ungeheuren Fiſches glänzten. „Meine Herren,“ ſprach Planchet,„ich habe die Ehre, Euch zu melden, daß wir in Fontainebleau an⸗ gekommen ſind.“ XXIV. Der Landſitz von Planchet. Die Reiter erhoben die Köpfe und ſahen, daß Plan⸗ ſochet genau die Wahrheit ſprach. Zehn Minuten ſpäter waren ſie in der Rue de Lyon jenſeits des Gaſthauſes zum ſchönen Pfauen. 3 Eine große Hecke von blätterreichem Hollunder, Weißdorn und Hopfen bildete eine undurchdringliche, ſchwarze Umfriedung, hinter der ſich ein weißes Haus mit breitem Ziegeldach erhob. Zwei von den Fenſtern dieſes Hauſes gingen auf die Straße. Alle beide waren dunkel. 4 gpiſchen den beiden war der Eingang, über dem ein Wetterdach, das auf viereckigen Pfeilern ruhte. Man gelangte zu dieſer Thüre auf einer hohen Schwelle. Planchet ſtieg ab, als wollte er an dieſe Thüre klopfen; doch er beſann ſich eines Andern, nahm ſein Pferd beim Zügel und ging noch ungefähr dreißig Schritte. Seine zwei Gefährten folgten ihm.. Dann kam er vor ein Gitterthor, das ſi die Ein⸗ Die drei Musketiere, Bragelonne, VI 322 fahrt der Karren beſtimmt ſein mochte und etwa dreißig Schritte entfernter lag, hob die Klinke, den einzigen Verſchluß dieſer Thüre, auf und ſtieß einen von den Flügeln zurück. Er trat zuerſt ein und zog ſein Pferd in ein Höf⸗ chen, umgeben von Dünger, deſſen guter Geruch einen ganz nahen Stall verrieth. „Es riecht gut,“ ſprach Porthos geräuſchvoll, wäh⸗ rend er ebenfalls abſtieg,„und es iſt mir in der That derade⸗ als wäre ich in meinen Viehſtällen in Pierre⸗ onds.“ „Ich habe nur eine Kuh,“ erwiederte Planchet raſch und beſcheiden. „Und ich habe dreißig,“ ſagte Porthos,„oder ich weiß vielmehr die Zahl meiner Kühe nicht.“ Sobald die zwei Reiter herein waren, ſchloß Plan⸗ chet das Thor wieder hinter ihnen. D'Artagnan, der mit ſeiner gewöhnlichen Leichtig⸗ keit abgeſtiegen war, athmete mitklerweile die gute Luft ein und riß, heiter wie ein Pariſer, der Grün ſieht, mit einer Hand ein Zweigchen Geißblatt, mit der andern eine Hageroſe ab. Porthos hatte die Hand an Erbſen gelegt, die ſich an den Stangen heraufrankten, und aß oder kaute viel⸗ mehr Hülſen und Fruͤchte. Planchet war ſogleich bemüht, in ſeinem Schoppen einen alten Bauern zu wecken, der auf Moos, bedeckt mit einem Leinwandkittel, ſchlief. Als dieſer Bauer Planchet erkannte, nannte er ihn „Herr,“ zur großen Befriedigung des Gewürzkrämers. „Bindet die Pferde an die Raufe, und gebt ihnen eine gute Ration Futter,“ ſagte Planchet. „Ohl ja wohl, die ſchönen Thiere!“ rief der Bauer; „ſie ſollen zum Zerplatzen bekommen.“ „Sachtel ſachte, Freund!“ entgegnete d'Artagnan; „Ceufell wie raſch! Hafer und ein Bund Stroh, mehr „ n icht.“ 323 „Und reines Waſſer für mein Thier, denn es hat ſehr warm, wie mir ſcheint,“ ſagte Porthos. „Ohl ſeid unbeſorgt meine Herren,“ erwiederte Planchet,„der Vater Celeſtin iſt ein alter Gensdarme von Iroy; er kennt den Stall; kommt in das Haus, kommt.“ Und er führte die zwei Freunde durch einen be⸗ deckten Gang, der einen Küchengarten und ein kleines Kleefeld durchſchnitt und endlich nach einem Gärtchen ausmündete, hinter dem ſich das Haus erhob, deſſen Hauptfagade auf der Seite der Straße man ſchon ge⸗ ſehen hatte. Als man näher kam, konnte man durch zwei Fen⸗ ſter im Erdgeſchoß, welche Zugang zu der Stube ge⸗ währten, das Innere des Landſitzes von Planchet er⸗ ſchauen. „ Sanft erhellt durch eine auf dem Tiſche ſtehende Lampe erſchien dieſe Stube im Hintergrund des Gar⸗ tens als das Bild der Ruhe, der Behaglichkeit und des Glücks. Ueberall, wo der Lichtflimmer vom brennenden Mit⸗ telpunkt aus auf ein altes Fayencegeſchirr, auf ein von Sauberkeit glänzendes Geräthe, auf eine an der Wand hängende Waffe ſiel, fand die reine Helle einen warmen Reflex und der Feuertropfen fiel auf einen dem Auge angenehmen Gegenſtand. Dieſe Lampe, welche das Zimmer erhellte, während das Blätterwerk der Jasmin und der Oſterluzien von den Fenſterrahmen herabſiel, beleuchtete glänzend ein ſchneeweißes Damaſttiſchtuch. Zwei Gedecke lagen auf dieſem Tiſchtuch. In dem rautenweis geſchliffenen Kriſtall einer langen Flaſche funkelte der Wein in Rubinen und in einem großen blauen Fayencekrug mit ſilbernem Deckel war ein ſchäu⸗ mender Cider enthalten.. In der Nähe des Tiſches, in einem Stuhl mit reiter Lehne ſchlummerte eine Frau von etwa dreißig „ Jahren mit einem von Geſundheit und Friſche ſtrotzen⸗ den Geſicht. 5 Und auf dem Schooße dieſes friſchen Geſchöpfes ließ eine große rothe Katze, die ihren Körper knäuel⸗ artig auf ihren Pfoten zuſammengezogen hatte, das charakteriſtiſche Schnarchen hören, das in den kätziſchen Sitten bedeutet: Ich bin vollkommen glücklich. Die zwei Freunde blieben ganz verwundert über dieſe Ueberraſchung vor dem Fenſter ſtehen. Als Planchet ihr Erſtaunen ſah, ergriff ihn eine ſanfte Freude. „Ohl Planchet, Du Schelm,“ rief d'Artagnan,„ich begreife Deine Abweſenheiten.“ „Hol ho! das iſt ſehr weiße Leinewand!“ ſprach Porthos mit einer Donnerſtimme. Beim Geräuſch dieſer Stimme entfloh die Katze, die Haushälterin fuhr aus dem Schlafe auf, und Plan⸗ chet, der eine liebreiche Miene annahm, führte die zwei Gefährten in die Stube, wo der Tiſch gedeckt war. „Meine Liebe,“ ſprach er,„erlaubt mir, Euch den Herrn Chevalier d'Artagnan, meinen Beſchützer, vorzu⸗ ſtellen.“ D'Artagnan nahm die Hand der Frau als ein Mann von Hofe und mit denſelben ritterlichen Manie⸗ ren, als hätte er die von Madame genommen. „Der Herr Baron du Vallon de Bracieux de Pier⸗ refonds,“ fuͤgte Planchet bei. Porthos machte eine Verbeugung, mit der ſich Anna von Oeſterreich, wäre ſie auch noch ſo anſpruchsvoll geweſen, zufrieden erklärt haben würde. Dann kam die Reihe an Planchet. Er küßte die Frau ganz treuherzig, nachdem er jedoch zuvor ein Zeichen gemacht hatte, mit dem er d'Artagnan und Porthos um Erlaubniß zu bitten ſchien. Eine Erlaubniß, D'Artagnan machte Planchet ſein Kompliment, die ihm natürlich ertheilt wurde. —, 8—— e— 325 „Das iſt ein Mann, der ſein Leben einzurichten weiß,“ ſagte er. „Gnädiger Herr,“ erwiederte Planchet lachend, „das Leben iſt ein Kapital, das der Menſch ſo ſinnreich als möglich anlegen muß. 4 „Und Du ziehſt große Intereſſen daraus,“ rief Porthos wie ein Donner lachend. Planchet wandte ſich wieder an ſeine Haushälterin, und ſagte zu ihr: „Meine liebe Freundin, Ihr ſeht da die zwei Maͤnner, die einen Theil meines Daſeins geleitet. Ich habe ſte Euch Beide oft genannt.⸗ „Und noch zwei Andere,“ ſprach die Frau, mit einem ſcharfen, flämiſchen Accent. „Madame iſt Holländerin?“ fragte d'Artagnan. Porthos kräuſelte ſeinen Schnurrbart, was d'Artag⸗ nan bemerkte, dem gar nichts entging. „Ich bin aus Antwerpen,“ erwiederte die Frau. „Und ſie heißt Frau Gechter,“ ſagte Planchet. „Doch Ihr nennt Madame nicht ſo,“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan. „Warum nicht?“ fragte Planchet. „Weil das ſie alt machen hieße, ſo oft Ihr ſie ſo nennen würdet.“ „Nein, ich nenne ſie Trüchen.“ „Ein reizender Name!“ rief Porthos. „Trüchen,“ ſprach Planchet,„iſt aus Flandern mit ihrer Tugend und zweitauſend Gulden zu mir gekommen. Sie entfloh einem widerwärtigen Mann, der ſie ſchlug. Als Picardier habe ich ſtets die Frauen aus Artois ge⸗ liebt. Von Artois nach Flandern iſt es nur ein Schritt, ſie kam weinend zu ihrem Pathen, meinem Vorgänger in der Rue des Lombards und legte dann ihre zweitauſend Thaler bei mir an, die ich ihr ſo umgetrieben habe, daß ſte ihr zweitauſend tragen.“ „Bravo, Planchet.“ 326 „Sie iſt frei, ſie iſt reich, ſie hat eine Kuh, ſie be⸗ fehligt eine Magd und den Vater Celeſtin, ſie ſpinnt mir alle meine Hemden, ſie ſtrickt mir alle meine Win⸗ terſtrümpfe, ſte ſieht mich nur alle vierzehn Tage, und iſt ſo gut, ſich glücklich zu fühlen.“ „Glücklich bin ich in der That,“ ſagte Trüchen mit Hingebung. Porthos kräuſelte die andere Hemisphäre ſeines Schnurrbarts. „Teufel! Teufel!“ dachte d'Artagnan,„ſollte Por⸗ thos Abſichten haben?“ Mittlerweile hatte Trüchen, die wohl begriff, von was die Rede war, ihre Koͤchin aufgemuntert, zwei Ge⸗ decke beigefügt und die Tafel mit jenen ausgeſuchten Gerichten beladen, welche aus einem Abendbrod ein Mahl und aus einem Mahl einen Schmaus machen. Friſche Butter, geſalzenes Rindfleiſch, Sardellen und Thun, der ganze Specereiladen von Planchet. Hühner, Gemüſe, Salat, Teichfiſche, Flußfiſche, Wildpret aus dem Wald, Alles, was die Provinz zu bieten vermag. Sodann kam Planchet aus dem Keller beladen mit zehn Flaſchen zurück, deren Glas unter einer dicken Lage von grauem Staub verſchwand. Dieſer Anblick erquickte das Herz von Porthos. „Ich habe Hunger,“ ſagte er. Und er ſetzte ſich mit einem mörderifchen Blick neben Frau Trüchen. D Artagnan ſetzte ſich auf die andere Seite. Planchet nahm ſeinen Platz freudig und beſcheide ihr gegenüber. „Wundert Euch nicht, wenn Trüchen während des Abendbrods den Tiſch oft verläßt,“ ſagte er;„fie beauf⸗ ſichtigt Euer Schlafzimmer.“. Die Haushälterin machte wirklich zahlreiche Gänge und man hörte im erſten Stock die Bettgeſtelle krachen und die Röllchen ächzen. 3 leuchten. Während dieſer Zeit aßen und tranken die drei Männer, Porthos beſonders. Sie waren wunderbar anzuſchauen. Die zehn Flaſchen waren zehn Schatten, als Trü⸗ chen mit dem Käſe herabkam. D'Artagnan hatte ſeine ganze Würde behauptet. Porthos hatte dagegen einen Theil der ſeinigen verloren. Man ſang Kriegslieder und recitirte Verſe. D'Artagnan rieth eine neue Reiſe in den Keller, und da Planchet nicht mit der ganzen Regelmäßigkeit eines geſchickten Infanteriſten marſchirte, ſo machte der Kapitän der Musketiere den Vorſchlag, ihn zu begleiten. Sie gingen ab, Lieder trällernd, daß die flämiſchen Teufel Angſt bekommen hätten. Trüchen blieb bei Porthos am Tiſche ſitzen. Während die zwei Weinkenner hinter dem Knüttel⸗ holz auswählten, hörte man das ſonore Geräuſch, das zwei Lippen auf einer Wange hervorbringen, wenn ſie eine Lücke machen. „Porthos wird ſich bei La Rochelle geglaubt haben,“ dachte d'Artagnan. Sie ſtiegen wieder mit Flaſchen beladen herauf. Planchet ſah nicht mehr, ſo ſehr ſang er D'Artagnan, der ſtets ſah, bemerkte, wie die linke Wange von Trüchen röther war als die rechte. Porthos aber lächelte nach links Trüchen an und kräuſelte mit ſeinen beiden Händen zugleich die zwei Seiten ſeines Schnurrbarts. Trüchen lächelte auch dem ſtattlichen Edelmann zu. Der perlende Anjouwein machte aus den drei Män⸗ nern zuerſt drei Teufel, dann drei Balken. DArtagnan hatte nur noch die Kraft, eine Kerze zu nehmen, und Planchet ſeine eigene Treppe hinaufzu⸗ Planchet zog Porthos nach chen, ebenfalls ſehr luſtig, ſchob. 328 DArtagnan war es, der die Stuben fand und die Betten entdeckte. Porthos ſank, von ſeinem Freunde, dem Musketier, ausgekleidet, in das ſeinige nieder. D'Artagnan warf ſich auf das ſeinige und rief: „Ich hatte doch geſchworen, dieſen gelben Wein, der nach Flintenſtein riecht, nicht mehr zu berühren. Pfui! wenn die Musketiere ihren Kapitän in einem ſolchen Zuſtand ſehen würden.“ Und er zog die Bettvorhänge zu und fügte bei: „Zum Gluͤck werden ſie mich nicht ſehen.“ Planchet wurde von Trüchen in die Arme genom⸗ mnele die ihn entkleidete und Vorhänge und Thüren oß. „Das Landleben iſt ergötzlich,“ ſprach Porthos, in⸗ dem er die Beine ſo ausſtreckte, daß ſie durch das Bett⸗ geſtell drangen, was einen ungeheuern Einſturz veran⸗ laßte, auf den Niemand Achtung gab, ſo ſehr beluſtigte man ſich in dem Landſitz von Planchet. Um zwei Uhr nach Mitternacht ſchnarchte Jeder⸗ mann.. XXV. Was man von dem Hauſe von Planchet aus ſieht. Der andere Morgen fand die drei Freunde in tie⸗ fem Schlaf. Trüchen hatte die Läden als eine Frau geſchloſſen, welche für beſchwerte Augen den erſten Beſuch der auf⸗ gehenden Sonne befürchtet. CEs war auch ſinſtere Nacht unter den Vorhängen ———ſ—— nan,„die Ausſicht entzückt mich vor Allem; ich habe von Porthos und unter dem Baldachin von Planchet, als d'Artagnan, der vor den Andern von einem durch die Fenſter eindringenden unbeſcheidenen Sonnenſtrahl aufgeweckt wurde, aus dem Bette ſprang, als wollte er der Erſte beim Sturme ſein. 5 Er nahm vor Allem die Stube von Porthos, die zunächſt bei der ſeinigen, in Angriff. Dieſer würdige Porthos ſchlief, wie ein Donner rollt; er breitete ſtolz in der Finſterniß ſeinen rieſigen Rumpf aus, und ſeine Fauſt hing angeſchwollen auf den Fußteppich herab. D Artagnan weckte Porthos auf, der ſich ganz artig die Augen ausrieb. Mittlerweile kleidete ſich Planchet an und empfing an den Thüren ihrer Stube die noch vom Tage vorher wankenden Freunde. 3 Obgleich es noch frühe, ſo war doch ſchon das ganze Haus auf den Beinen. Die Köchin metzelte un⸗ barmherzig im Geflügelhof, und der Vater Celeſtin pflückte Kirſchen im Garten. Porthos reichte ganz munter Planchet eine Hand, und d'Artagnan bat um Erlaubniß, Frau Trüchen um⸗ armen zu dürfen. Dieſe, welche keinen Groll gegen die Beſiegten hegte, näherte ſich Porthos, dem dieſelbe Gunſt bewilligt wurde.— Porthos umarmte Frau Trüchen mit einem ſchweren Seufzer. Da nahm Planchet die zwei Freunde bei der Hand und ſprach: 3 „Ich will Euch mein Haus zeigen; geſtern Abend ſind wir wie in einen Backofen hier hereingekommen und konnten nichts ſehen; aber bei Tag gewinnt Alles ein andern Anblick, und Ihr werdet zufrieden ſein.“ „Beginnen wir mit der Ausſicht!“ ſagte d'Artag⸗ 330 ſtets königliche Häuſer bewohnt, und die Fürſten wiſſen ihre Geſichtspunkte nicht zu ſchlecht zu wählen.“ „Ich,“ verſetzte Porthos,„ich habe immer auf die Ausſicht gehalten. In meinem Schloſſe Pierrefonds habe ich vier Alleen dnrchſchlagen laſſen, welche nach einer wechſelreichen Perſpective ausmünden.“ „Ihr ſollt meine Perſpective ſehen,“ erwiederte Planchet. Und er führte ſeine zwei Gäſte vor ein Fenſter. „Ahl ja, das iſt die Rue de Lyon,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan. „Ja. Ich habe zwei Fenſter hier, eine unbedeu⸗ dente Ausſicht; man erſchaut jenes ſtets geräuſchvolle Wirthshaus, eine unangenehme Nachbarſchaft. Ich hatte vier Fenſter hier, behielt aber nur zwei.“ „Gehen wir weiter,“ ſagte d'Artagnan. Sie kehrten in eine Hausflur zurück, die nach den Stuben führte, und Planchet ſtieß die Läden auf. „Halt! Halt!“ rief Porthos,„was iſt das dort?“ „Der Wald,“ erwiederte Planchet.„Es iſt der Horizont, beſtändig eine dichte Linie, im Frühjahr gelb⸗ lich, im Sommer grün, im Herbſt roth und im Winter weiß.“ 4 „Sehr gut. Doch das iſt ein Vorhang, der ſehr fern zu ſehen hindert.“ „Ja,“ ſagte Planchet;„doch man ſieht von hier bis dort.“ „Ohl die großen Felder!“ rief Porthos.„Ah! was bemerke ich.. Kreuze, Steine!“ „Das iſt der Friedhof,“ ſagte d'Artagnan. „Ganz richtig,“ ſprach Planchet,„ich verſichere Euch, daß dies ſehr intereſſant iſt; es vergeht kein Tag, ohne daß man Jemand beerdigt. Fontaineblau iſt ziemlich ſtark. Bald ſind es weiß gekleidete junge Mädchen mit Bauern, bald Schöppen oder reiche Bürger mit den Cantoren und Kirchendienern, zuweilen auch Officianten vom Hofſtaat des Königs.“ 3 lle tte 331 „Ich liebe das nicht,“ ſagte Porthos. „Das iſt nicht ſehr beluſtigend,“ bemerkte d'Ar⸗ tagnan. „Ich verſichere Euch, daß dies fromme Gedanken rege gemacht,“ erwiederte Planchet. „Ah! ich leugne das nicht.“ „Wir müſſen eines Tags ſterben,“ fuhr Planchet fort;„es gibt irgendwo eine Marxime, die ich behalten habe; ſie lautet alſo: der Gedanke an den Tod iſt ein heilſamer Gedanke.“ 5„Ich behaupte nicht das Gegentheil,“ ſprach Por⸗ os. „Aber,“ entgegnete d'Artagnan,„es iſt auch ein heilſamer Gedanke, der Gedanke an grüne Bäume, an Blumen, an Bäche, an blaue Horizonte, an unüberſeh⸗ bare Ebenen...“ „Wenn ich ſie hätte, würde ich ſie nicht zurückwei⸗ ſen,“ verſetzte Planchet;„da ich aber nur dieſen kleinen, ebenfalls blühenden, moosreichen, ſchattigen und roſigen Friedhof habe, ſo begnüge ich mich damit und denke an die Leute der Stadt, die zum Beiſpiel in der Rue des Lombards wohnen, und täglich zweitauſend Karren rollen und hundert und fünfzigtauſend Perſonen im Koth patſchen hoͤren.“ „ Doch lebendige,“ ſagte Porthos,„lebendige.“ „Darum erquickt es mich gerade ein wenig, Todte zu ſehen,“ entgegnete Planchet ſchüchtern. „Dieſer verteufelte Planchet,“ rief d'Artagnan,„er har geboren, um Dichter, wie um Gewürzkrämer zu ein.“ „Herr,“ erwiederte Planchet,„ich war einer von jenen ehrlichen Menſchenteigen, welche Gott gemacht hat, um ſich für eine gewiſſe Zeit zu beleben, und um alle Dinge gut zu finden, die ihren Aufenthalt auf Erden begleiten.“. D'Artagnan ſetzte ſich nun zum Fenſter und träumte hier, denn die Philoſophie von Planchet war ihm ſehr ſolid vorgekommen. „Bei Gott!“ rief Porthos,„man gibt uns gerade das Schauſpiel. Höre ich denn nicht ein wenig ſingen?“ „Oh! das iſt eine Beerdigung letzten Rangs,“ ſagte Planchet mit verächtlichem Tone.„Es iſt da nur der Prieſter, der das Amt zu halten hat, der Meßner und der Chorknabe. Ihr ſeht, meine Herren, der Ver⸗ ſtorbene oder die Verſtorbene war kein Fürſt oder keine Fürſtin.“ „Nein, Niemand folgt dem Sarge.“ „Doch,“ verſetzte Porthos,„ich ſehe einen Mann.“ „Ja, es iſt wahr, ein Mann in einen Mantel ein⸗ gehüllt,“ ſprach d'Artagnan. „Es lohnt ſich nicht der Mühe, geſehen zu werden,“ ſagte Planchet. „Das intereſſirt mich!“ erwiederte lebhaft d'Ar⸗ tagnan, der ſich mit dem Ellenbogen auf das Fenſter⸗ geſimſe ſtützte. „Ahl! ah! Ihr beißt an!“ rief Planchet freudig; „das iſt gerade wie bei mir, in den erſten Tagen war ich traurig, daß ich fortwährend Kreuzeszeichen machen ſollte und die Geſänge drangen mir wie Nägel in das Gehirn ein; ſeitdem wiege ich mich in den Geſängen, und ich habe noch nie ſo ſchöne Vöͤgel geſehen, als die des Friedhofs.“ „Ich beluſtige mich nicht dabei, und will lieber hinabgehen,“ ſagte Porthos. Planchet machte nun einen Sprung und bot Por⸗ thos ſeine Hand, um ihn in den Garten zu führen. „Wie! Ihr bleibt da?“ fragte Porthos d'Artagnan, indem er ſich umwandte. „Ja, mein Freund, ich werde Euch nachfolgen.“ „Ohl Herr d'Artagnan hat nicht Unrecht, ſagte Planchet;„beſtattet man ſchon?“ „Noch nicht.“ „Ahl ja, der Todtengräber wartet, bis die Stricke „ 333 um den Sarg geknüpft ſind. Sieh dal es tritt eine r Frau am andern Ende des Friedhofs ein.“ de„Ja, ja, lieber Planchet;“ ſprach d'Artagnan raſch; .„doch laß mich, laß mich, ich fange an, in heilſame 4 Betrachtungen einzugehen, ſtöre mich nicht.“ ar Planchet entfernte ſich, d'Artagnan verſchlang mit er den Augen hinter dem halbverſchloſſenen Laden, was r⸗ gegenüber vorging. ne Die zwei Träger der Leiche hatten die Tragbänder von ihrem Sarg losgemacht und ließen ihre Bürde in die Grube ſinken. Einige Schritte davon lehnte ſich der Mann im n⸗ Mantel, der einzige Zuſchauer der düſteren Scene, an eine Cypreſſe an und entzog gänzlich ſein Geſicht ſowohl den Todtengräbern, als den Prieſtern; der Leichnam des Verſtorbenen war in fünf Minuten begraben. lr⸗ Sobald das Grab gefüllt war, wandten ſich die er⸗ Prieſter um, der Todtengräber ſagte ein paar Worte zu ihnen und ging hinter denſelben ab. g; Der Mann im Mantel grüßte ſie im Vorübergehen dar und legte ein Geldſtück in diß Hand des Todtengraͤbers. den„Mordioux!“ murmelte d'Artagnan,„dieſer Menſch as dort iſt Aramis.“ en, Aramis blieb in der That allein, wenigſtens auf die dieſer Seite, denn kaum hatte er den Kopf umgewendet, als der Tritt einer Frau und das Streifen eines Klei⸗ ber 4 des auf dem Wege in ſeiner Nähe hörbar wurden. Er drehte ſich ſogleich um, nahm ſeinen Hut mit or⸗ der ganzen Ehrerbietung eines Höflings ab und führte die Dame unter ein Dach von Kaſtanienbäumen und an, Linden, die ein prunkvolles Grab beſchatteten. „Ah! ahl“ ſagte d'Artagnan,„der Biſchof von Vannes gibt Rendezvous! das iſt immer noch der buh⸗ igte lende Abbé in Noiſy⸗le⸗Sec.“ „Ja,“ fügte der Musketier lachend bei,„doch auf einem Friedhof iſt es ein frommes Rendezvous.“ icke Die Unterredung dauerte eine volle halbe Stunde. 334 D'Artagnan konnte das Geſicht der Dame nicht ſehen, denn ſie wandte ihm den Rücken zu, doch er nahm an der Steifheit der beiden Sprechenden, an der Sym⸗ metrie ihrer Geberden, an der abgemeſſenen, ungeheuer⸗ lichen Weiſe, mit der ſie ſich Blicke zum Angriff oder zur Vertheidigung zuſandten, vollkommen wahr, daß man nicht von Liebe ſprach. Nach dem Schluſſe der Unterredung ſtand die Dame auf, und nun war ſie es, die ſich tief vor Aramis verbeugte. „Ho! ho!“ ſagte d'Artagnan,„das endigt wie ein Liebesrendezvous! Der Cavalier kniet am Anfang nie⸗ der; die Dame iſt hernach bezähmt, und nun fleht ſie. Wer iſt dieſe Dame? ich gäbe einen Nagel, wenn ich ſie ſehen koöͤnnte.“ Doch das war unmsglich: Aramis ging zuerſt weg, die Dame vertiefte ſich in ihre Kopfbedeckung und ent⸗ fernte ſich nachher. D'Artagnan hielt es nicht mehr aus; er lief an das Fenſter nach der Rue de Lyon. Aramis war ſo eben in den Gaſthof eingetreten. Die Dame nahm ihren Weg in verkehrter Rich⸗ tung. Sie wollte ſich wahrſcheinlich zu einer Equipage mit zwei Handpferden und einem Wagen, den man am Saume des Waldes ſah, begeben. Sie ging langſam, mit vorgebeugtem Kopf und in eine tiefe Träumerei verſunken. „Mordioux! Mordioux! ich muß dieſe Frau kennen lernen,“ ſagte der Musketier. Und ohne ſich weiter zu beſinnen, folgte er ihr ſchleunigſt nach. Unter Weges fragte er ſich, durch welches Mittel er ſie zwingen würde, den Schleier aufzuheben. „Sie iſt nicht jung,“ ſagte er;„es iſt eine Frau von der vornehmen Welt. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich dieſe Tournure nicht kenne.“ Durch ſein haſtiges Laufen brachten ſeine Sporen und Stiefel auf dem beſchlagenen Boden der Straße ein ſeltſames Geklirr und Geklapper hervor, und in Folge hievon widerfuhr ihm ein Glück, auf das er nicht rechnete. Dieſes Geräuſch beunruhigte die Dame, ſie glaubte, man folge ihr oder verfolge ſie, was der Wahrheit ent⸗ ſprach, und ſie wandte ſich um. D'Artagnan ſprang, als hätte er eine Ladung Vogeldunſt in die Lenden bekommen. Dann machte er eine hakenförmige Wendung und murmelte: „Frau von Chevreuſe.“ D'Artagnan wollte nicht nach Hauſe zurückkehren, ohne Alles zu wiſſen. Er erſuchte den Vater Celeſtin, ſich beim Todten⸗ gräber zu erkundigen, wer der Verſtorbene geweſen, den man am Morgen beerdigt habe. 1 „Ein armer Franciscaner⸗Bettler, der auf dieſer Welt nicht einmal einen Hund hatte, um ihn zu lieben und zu ſeiner letzten Ruheſtätte zu begleiten,“ antwortete der Todtengräber. „Wäre dies ſo, ſo hätte Aramis nicht ſeiner Be⸗ ſtattung beigewohnt,“ dachte d'Artagnan;„der Herr Biſchof von Vannes iſt kein Hund, was die Ergebenheit betrifft; in Beziehung auf die feine Witterung, das iſt etwas Anderes.“ XXVI. Wie ſich Porthos, Trüchen und Planchet mit Hülfe von d'Artagnan alle als Freunde verließen. Man ſpeiſte tüchtig im Hauſe von Planchet. Porthos zerbrach eine Leiter und zwei Kirſchbäume, plünderte die Himbeerſträuche, konnte aber nicht zu den Ee berten gelangen, wegen ſeines Degengehenkes, wie er ſagte. Trüchen, die ſchon mit Porthos vertraut geworden war, meinte: „Es iſt nicht das Degengehenke, ſondern der Bauch.“ Außer ſich vor Freude küßte Porthos Trüchen, und dieſe pflückte ihre Hand voll Erdbeeren und ließ ihn aus ihrer Hand eſſen. D'Artagnan, der mittlerweile herbei kam, ſchalt Porthos wegen ſeiner Trägheit aus 4 und beklagte Planchet ganz leiſe. Porthos frühſtückte gut; als er damit zu Ende war, ſagte er, Trüchen anſchauend: „Ich würde mir hier gefallen.“ Trüchen lächelte. Zwang. Da ſprach d'Artagnan zu Porthos: „Mein Freund, die Genüſſe von Capua dürfen Euch den wahren Zweck unſerer Reiſe nach Fontaine⸗ bleau nicht vergeſſen laſſen.“ „Meine Vorſtellung beim König?“ „Ganz richtig. Ich will einen Gang in der Stadt machen, um Vorkehrungen hiezu zu treffen. Ich bitte, geht nicht von hier weg.“ „SOhl nein!“ xief Porthos. „ Planchet that dasſelbe, doch nicht ohne ein wenig fe ne, den vie den 9.7 ind ihn eile nus 4 nde nig fen ne⸗ adt tte, Planchet ſchaute d'Artagnan ängſtlich an und fragte ihn: „Werdet Ihr lange abweſend ſein?“ „Nein, mein Freund, und ſchon dieſen Abend be⸗ freie ich Dich von zwei für Dich ein wenig läſtigen Gäſten.“ „Ah! Herr Chevalier! Ihr könnt das ſagen...“ „Siehſt Du, Dein Herz iſt vortrefflich, aber Dein Haus iſt klein. Wer nur zwei Morgen hat, kann einen König bei ſich aufnehmen und glücklich machen. Doch Du biſt nicht als vornehmer Herr geboren.“ „Herr Porthos auch nicht,“ murmelte Planchet. „Er iſt es geworden, mein Lieber; er iſt Grund⸗ herr von hunderttauſend Livres Rente ſeit zwanzig Jahren und ſeit fünfzig Jahren iſt er Gebieter von zwei Fäuſten und von einem Rückgrat, die nie Neben⸗ buhler in dem ſchönen Lande Frankreich gehabt haben. Porthos iſt ein ſehr vornehmer Herr, im Vergleich mit Dir, und.. und ich ſage Dir nicht mehr. Ich weiß, daß Du verſtändig biſt.“ „Nein! nein! ich bitte, erklärt Euch.“ „Schau Deinen geplünderten Obſtgarten, Deine leere Speiſekammer, Dein zerbrochenes Gaſtbett, Dei⸗ nen trockengelegten Keller an, ſchau Frau Trüchen an.“ „Ohl mein Gott!“ rief Planchet. —„Porthos, ſiehſt Du, iſt Herr von dreißig Dörfern, welche drei hundert aufgeweckte Vaſallinnen enthalten, und Porthos iſt ein ſehr hübſcher Mann!“ „Oh! mein Gott!“ wiederholte Planchet. „Frau Trüchen iſt eine vortreffliche Perſon,“ fuhr d'Artagnan fort,„bewahre ſie für Dich, hörſt ul“ Und er klopfte ihm auf die Schulter. In dieſem Augenblick erſchaute der Gewürzkrämer Portzos und Trüchen in der Entfernung unter einer aube.. 3 Trüchen machte Porthos mit einer ganz flämiſchen Die drei Musketiere. Bragelonne VI. 22 338 Anmuth Ohrgehänge aus Zwillingskirſchen und Porthos lachte verliebt wie Simſon von Dalilah. Planchet drückte d'Artagnan die Hand und lief nach der Laube. Laſſen wir Porthos die Gerechtigkeit wider⸗ fahren, daß ihn das nicht ſtörte. Ohne Zweifel glaubte er nicht ſchlimm zu handeln. Trüchen ließ ſich ebenfalls nicht ſtoͤren, worüber Planchet mißvergnügt wurde; doch er hatte genug ſchöne Welt in ſeiner Bude geſehen, um bei einer Unannehm⸗ lichkeit gute Miene zu machen. Planchet nahm Porthos beim Arm und machte ihm den Vorſchlag, nach den Pferden zu ſchauen. Porthos ſagte, er ſei müde. Planchet ſchlug dem Baron du Vallon vor, von einem Nußliqueur zu koſten, den er ſelbſt gemacht und der nicht ſeines Gleichen habe. Der Baron nahm dieß an. So wußte Planchet den ganzen Tag ſeinen Freund zu beſchäftigen. Er opferte ſeinen Speiſeſchrank ſeiner Eigenliebe. 8 D-Artagnan kam nach zwei Stunden zurück. „Alles iſt angeordnet,“ ſagte er;„ich habe Seine Majeſtät einen Augenblick bei der Abfahrt zur Jagd geſehen: der König erwartet uns dieſen Abend.“ „Der König erwartet mich!“ rief Porthos, indem er ſich hoch aufrichtete. Und man muß geſtehen, denn des Menſchen Herz iſt eine bewegliche Welle, von die⸗ ſem Augenblick ſchaute Porthos Frau Trüchen nicht mehr mit der rührenden Freundlichkeit an, die das Herz der Antwerpnerin erweicht hatte. Planchet fachte nach Kräften dieſe ehrgeizige Stim⸗ mung an. Er erzählte abermals oder durchging viel⸗ mehr alle Herrlichkeiten der vorhergehenden Regierung: die Schlachten, die Belagerungen, die Feierlichkeiten. Er ſprach vom Luxus der Engländer, von den Eroberun⸗ gen, welche die drei braven Gefährten gemacht, von 339 denen d'Artagnan am Anfang der Geringſte, am End das Haupt geworden. S Er verſetzte Porthos in Begeiſterung, indem er ihm die entſchwundene Jugend zeigte; er rühmte, ſo viel er konnte, die Keuſchheit dieſes vornehmen Herrn und ſeine religiöſe Achtung für die Freundſchaft; er war beredt, er war gewandt. Er entzückte Porthos, machte Trüchen zittern und d'Artagnan träumen. Um ſechs Uhr befahl der Musketier, die Pferde be⸗ reit zu halten, und hieß Porthos ſich ankleiden. Er dankte Planchet für ſeine Gaſtfreundſchaft und ließ ein paar Worte über ſeine Anſtellung bei Hofe fallen, die ſich für ihn finden dürfte, was Planchet ſo⸗ gleich im Geiſte von Trüchen erhöhte, wo der ſo gute, ſo edelmüthige, ſo ergebene arme Gewürzkrämer ſeit der Erſcheinung der zwei vornehmen Herren und der Ver⸗ gleichung mit dieſen etwas geſunken war. Denn die Frauen ſind ſo beſchaffen: fie trachten nach dem, was ſie nicht haben, ſie verachten das, wo⸗ nach ſie trachteten, wenn ſie es haben. Nach dem er ſeinen Freund Planchet dieſen Dienſt geleiſtet hatte, ſagte d'Artagnan ganz leiſe zu Porthos: „Mein Freund, Ihr habt einen ziemlich hübſchen Ring an Eurem Finger.“ „Drei hundert Piſtolen,“ erwiederte Porthos. „Frau Trüchen wird ein viel beſſeres Andenken an Euch bewahren, wenn Ihr ihr dieſen Ring überlaßt.“ Porthos zögerte. 1 „Ihr findet ihn nicht ſchön genug?“ fuhr d'Artagnan fort.„Ich verſtehe Euch, ein vornehmer Herr, wie Ihr, wohnt nicht bei einem ehemaligen Diener, ohne die Gaſtfreundſchaft reichlich zu bezahlen; doch glaubt mir, Planchet hat ein ſo gutes Herz, daß er nicht bemerken wird, Eure Einkünfte belaufen ſich auf hundert taufſen lvres.⸗ 3 „Ich habe große Luſt,“ erwiederte Porthos, der ſſich bei dieſer Rede aufblähte,„ich habe große Luſt, 340 Frau Trüchen meine kleine Meierei Bracieux zu ſchen⸗ ken: dann iſt auch ein Ring am Finger, zwoͤlf Mor⸗ gen.. „Es iſt zu viel, mein lieber Porthos, zu viel für den Augenblick...Behaltet das für ſpäter.“ Er zog ihm den Diamant vom Finger, näherte ſich Trüchen und ſprach: „Madame, der Herr Baron weiß nicht, wie er Euch bitten ſoll, ihm zu Liebe dieſen kleinen Ring an⸗ zunehmen. Herr du Vallon iſt einer von den großmü⸗ thigſten und discreteſten Menſchen, die ich kenne. Er wollte Euch eine Meierei anbieten, die er in Bracieux beſitzt; doch ich habe ihm davon abgerathen.“ „Oh!“ rief Trüchen, die den Diamant mit ihren Blicken verſchlang. „Herr Baron!“ rief Planchet gerührt. „Mein guter Freund!“ ſtammelte Porthos entzückt, daß ihn d'Artagnan ſo gut verdolmetſcht. Alle dieſe ſich kreuzenden Ausrufungen gaben eine pathetiſche Entwickelung dem Tag, der ſich auf eine groteske Weiſe endigen konnte. Doch d'Artagnan war da, und überall, wo d'Ar⸗ tagnan befehligte, hatten die Dinge nur nach ſeinem Geſchmack und ſeinem Wunſche ein Ende genommen. Man umarmte ſich. Durch die Großmuth des Ba⸗ rons ſich ſelbſt zurückgegeben, fühlte ſich Trüchen an ihrem Platz und bot nun eine ſchüchterne, erröthende Stirne dem vornehmen Herrn, mit dem ſie ſich am Abend vorher ſo vertraulich gemacht. Planchet ſelbſt war von Demuth erfüllt. Einmal im Fluſſe der Großmuth, hätte Porthos gern ſeine Taſchen in die Hände der Köchin und Cele⸗ ſtins geleert. Doch d'Artagnan hielt ihn zurück und ſagte: „Das iſt meine Sache.... Und er ſchenkte eine Piſtole der Frau und zwei dem Mann. 2 wei 341 Da kamen Segnungen, die das Herz von Harpag⸗ gon erquickt und ihn zum Verſchwender gemacht hätten. D'Artagnan ließ ſich von Planchet bis zum Schloß geleiten und führte Porthos in ſeine Kapitänswohnung, zu der er gelangte, ohne von denjenigen, welchen er zu begegnen befürchtete, geſehen worden zu ſein. XXVII. Die Vorſtellung von Poarthos. An demſelben Abend gab der König einem Bot⸗ lloſter der vereinigten Provinzen Audienz im großen alon. 4 Die Audienz dauerte eine Viertelſtunde. Hienach empfing er diejenigen, welche nur vorge⸗ ſtellt wurden, und einige Damen, die zuerſt kamen. In einer Ecke des Salon, hinter der Säule, un⸗ terhielten ſich Porthos und d'Artagnan und warteten, bis die Reihe an ſie kam. „Wißt Ihr die Neuigkeit?“ ſagte der Musketier zu ſeinem Freund. „Nein.“ „Nun, ſo ſchaut ſie an.“ Porthos erhob ſich auf den Fußſpitzen und ſah Herrn Fouquet im Ceremonienkleid, der Aramis zum König führte.— 8 „Aramis!“ ſagte Porthos. „Durch Herrn Fouquet dem Koͤnig vorgeſtellt.“ „Ah!“ machte Porthos. 4 4 342 „Weil er Belle⸗Isle befeſtigt,“ fuhr d'Artagnan „Und ich?“ „Ihr ſeid, wie ich Euch zu ſagen die Ehre gehabt, der gute Porthos, die Güte des guten Gottes; man bit⸗ tet Euch, Saint⸗Mandé ein wenig zu hüten. „Ah!l“ wiederholte Porthos. „Doch zum Glück bin ich da, und ſogleich wird die Reihe an mich kommen,“ ſagte d'Artagnan. In dieſem Augenblick wandte ſich Fouquet an den König und ſprach: 5 „Sire, ich habe eine Gnade von Eurer Majeſtät zu erbitten. Herr d'Herblay iſt nicht ehrgeizig, doch er weiß, daß er nützlich ſein kann. Cuer Majeſtät be⸗ darf eines Agenten in Rom und zwar eines mächtigen; wi können einen Cardinalshut für Herrn d'Herblay aben.“ Der König machte eine Bewegung. „Ich bitte Eure Majeſtät nicht oft,“ ſagte Fouquet. „Das iſt ein Fall,“ antwortete der König, der ſeine Zögerungen immer ſo überſetzte. Bei dieſem Wort war nichts zu erwiedern. Fouquet und Aramis ſchauten ſich an. Der König fuhr fort: „Herr d'Herblay kann uns auch in Frankreich die⸗ nen: ein Erzbisthum zum Beiſpiel.“ „Sire,“ ſagte Fouquet, mit der ihm eigenthüm⸗ lichen Anmuth,„Cure Majeſtät überſtrömt Herrn d'Her⸗ blay mit ihrer Gnade: das Erzbisthum kann in der Huld des Königs die Vervollſtändigung des Huts ſein, das Eine ſchließt das Andere nicht aus.“ Der König bewunderte die Geiſtesgegenwart und lächelte. „D'Artagnan hätte nicht beſſer geantwortet,“ ſagte er. Er hatte nicht ſobald dieſes Wort geſprochen, als d'Artagnan vortrat und fragte:. „Eure Majeſtaͤt ruft mich!“ fort „ 1 343 Aramis und Fouquet machten einen Schritt, um ſich zu entfernen.* „Erlaubt, Sire,“ ſagte lebhaft d'Artagnan, der Porthos demaskirte,„erlaubt, daß ich Euer Majeſtät den Herrn Baron du Vallon, einen der brayſten Edel⸗ leute Frankreichs, vorſtelle.“ Aramis erbleichte beim Anblick von Porthos; Fou⸗ quet zog ſeine Hände unter ſeinen Manchetten krampf⸗ haft zuſammen.. O'Artagnan lächelte Beiden zu, während ſich Por⸗ thos⸗ ſichtbar bewegt, vor der königlichen Majeſtät ver⸗ eugte. „Porthos hier!“ flüſterte Fouquet Aramis ins Ohr. „St! das iſt ein Verrath,“ erwiederte dieſer. „Sire!“ ſprach d'Artagnan,„ich ſollte Herrn du Vallon ſchon vor ſechs Jahren Eurer Majeſtät vorge⸗ ſtellt haben, doch gewiſſe Menſchen gleichen den Ster⸗ nen: ſie gehen nicht ohne das Gefolge ihrer Freunde, das Siebengeſtirn trennt ſich nicht, deßhalb habe ich, um Euch Herrn du Vallon vorzuſtellen, den Augenblick gewählt, wo Ihr an ſeiner Seite Herrn d'Herblay ſehen würdet.“ Aramis hätte beinahe die Faſſung verloren. Doch er ſchaute d'Artagnan mit einer ſtolzen Miene an, als nähme er die Herausforderung auf, die ihm dieſer zu⸗ zuſchleudern ſchien.. 4 „ Ah! dieſe Herren ſind gute Freunde,“ ſagte der önig. „Vortreffliche Freunde, Sire, und der Eine ſteht für den Andern. Fragt Herrn von Vannes, wie Belle⸗ Isle, befeſtigt worden iſt.“ Fouguet entfernte ſich einen Schritt. „Belle⸗Isle iſt von dieſem Herrn befeſtigt worden,“ erwiederte Aramis mit kaltem Tone. 1 Und er deutete auf Porthos, der ſich zum zweiten Mal verbeugte.. Ludwig bewunderte und mißtraute. 344 „Ja,“ ſagte d'Artagnan,„doch fragt den Herrn Baron, wer ihm bei dieſen Arbeiten geholfen hat.“ „Aramis,“ antwortete Porthos offenherzig. Und er bezeichnete den Biſchof. „Was Teufels ſoll dieß Alles bedeuten, und welche Entwickelung wird dieſe Komödie haben,“ dachte der Biſchof. „Wie!“ ſagte der König,„der Herr Cardinal... ich will ſagen der Biſchof... heißt Aramis.“ „Kriegsname,“ erwiederte d'Artagnan. „Freundſchaftsname,“ ſprach Aramis. „Keine Beſcheidenheit,“ rief d'Artagnan:„unter dieſem Prieſter, Sire, verbirgt der glänzendſte Officier, den unerſchrockenſten Edelmann, den gelehrteſten Theolo⸗ gen Eures Königreichs.“ Ludwig erhob das Haupt. 3 „Und ein Ingenieur!“ ſprach der König, die da⸗ mals wirklich herrliche Phyſiognomie von Aramis be⸗ wundernd. 3 „Ingenieur bei Gelegenheit,“ ſagte dieſer. „Mein Gefährte bei den Musketiern,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan voll Wärme,„der Mann, der mehr als hundert⸗ mal den Miniſter Eures Vaters mit ſeinen Rathſchlägen unterſtützt hat... Herr d'Herblay, mit einem Wort, der mit Herrn du Vallon, mir und dem Grafen de la Fodre, den Eure Majeſtät kennt, die Guadrille bildete, von der Mehrere unter dem ſeligen König und wäh⸗ rend der Minderjährigkeit ſprachen.“ „Und der Belle⸗Isle befeſtigt hat,“ wiederholte der König mit einem tiefen Ausdruck. Aramis trat vor und ſprach: „Um dem Sohne zu dienen, wie ich dem Vater gedient habe.“ D'Artagnan ſchaute Aramis feſt an, während er dieſe Worte ſprach. Er gewahrte ſo viel wahre Chr⸗ furcht, ſo viel warme Ergebenheit, ſo viel unbeſtreitbare 345 Ueberzeugung, daß er, d'Artagnan, der ewige Zweifler, er, der Unfehlbare, dadurch gefangen wurde. „Man hat keinen ſolchen Ton, wenn man lügt,“ ſagte er.. Ludwig war durchdrungen und ſprach zu Fouquet, der voll Angſt auf das Reſultat dieſer Prüfung war⸗ tete: „Wenn es ſich ſo verhält, bewillige ich den Car⸗ dinalshut: Herr d'Herblay, ich gebe Euch mein Wort für die erſte Promotion. Dankt Herrn Fouquet.“ Dieſe Worte wurden von Colbert gehört, dem ſie das Herz zerriſſen. Er verließ haſtig den Saal. „Ihr, Herr du Vallon, bittat... Ich liebe es, die Diener meines Vaters zu belohnen.“ „Sire,“ erwiederte Porthos. Doch er vermochte nicht weiter zu ſprechen. „Sire,“ rief d'Artagnan,„dieſer würdige Cavalier iſt durch die Majeſtät Eurer Perſon ganz verblüfft, er, der den Blick und das Feuer von tauſend Feinden kühn ausgehalten hat; aber ich weiß, was er denkt, und ich, der ich mehr daran gewöoͤhnt bin, die Sonne anzuſchauen, will Euch ſeinen Gedanken ſagen. Er braucht nichts, er wünſcht nichts, als das Glück, Eure Majeſtät eine Viertelſtunde lang anſehen zu dürfen.“ „Ihr ſpeiſt heute Abend mit mir,“ ſagte der Kö⸗ nig, der Porthos mit einem anmuthigen Lächeln zu⸗ winkte. Porthos wurde carmoiſinroth vor Freude und Stolz. Der Köoͤnig entließ ihn und d'Artagnan ſchob ihn aus dem Saal, nachdem er ihn umarmt hatte. 3 „Setzt Cuch an der Tafel neben mich,“ ſagte ihm Porthos ins Ohr. „Ja, mein Freund.“. „Aramis iſt mir böſe, nicht wahr?“ „Aramis hat Euch nie ſo ſehr geliebt. Bedenkt doch, daß ich ihm den Cardinalshut verſchafft habe.“ —— 4 346 4 „Es iſt wahr. Doch ſagt mir, liebt es der Kö⸗ nig, daß man viel an ſeiner Tafel ißt?“ „Das heißt ihm ſchmeicheln, denn er beſitzt einen königlichen Appetit.“ „Ihr entzückt mich!“ rief Porthos. XXVIII. Erklärungen. Aramis hatte geſchickt eine Wendung gemacht, um zu d'Artagnan und Porthos zu gelangen. Er kam zu dem letzteren hinter der Säule und ſagte, indem er ihm die Hand drückte: 1 „Ihr ſeid aus meinem Gefängniß entwichen.“ „Scheltet ihn nicht,“ erwiederte d'Artagnan,„ich bin es, der ihm den Schlüſſel zum freien Feld gegeben hat, mein lieber Aramis.“ 5 „Ah! mein Freund,“ verſetzte Aramis, Porthos anſchauend,„ſolltet Ihr mit weniger Geduld gewartet haben?“ 1 d' Artagnan kam Porthos, der ſchon keuchte, zu Hülfe und ſagte: „Oh! Ihr Leute von der Kirche, Ihr ſeid große Politiker. Wir Leute vom Schwert, wir gehen gerade auf das Ziel los. Höret, wie ſich die Sache verhält. Ich hatte den lieben Baiſemeaurx beſucht.“ Aramis ſpitzte die Ohren.— „Ah lu rief Porthos,„Ihr erinnert mich daran, dah ich einen Brief für Euch, Aramis, von Baiſemeaux abe. 3 247 Dr kind er reichte dem Biſchof den uns bekannten rief. Aramis bat um Erlaubniß, ihn leſen zu dürfen, und las ihn, ohne daß d'Artagnan einen Augenblick der dieſen Umſtand in Verlegenheit geſetzt zu ſein chien. Aramis beobachtete übrigens ſelbſt eine ſo gute Haltung, daß ihn d'Artagnan mehr als je bewunderte. Nachdem der Brief geleſen war, ſteckte ihn Aramis mit vollkommen ruhiger Miene in ſeine Taſche. 3 „Ihr ſagtet alſo, lieber Kapitän?“ fragte er. „Ich ſagte,“ fuhr der Musketier fort,„ich habe Baiſemeaux im Dienſt beſucht.“ „Im Dienſt?“”“ „Ja. Und wir ſprachen natürlich von Euch und unſeren guten Freunden. Ich muß geſtehen, daß mich Baiſemeaur kalt empfing. Ich nahm Abſchied. Als ich zurückkam, redete mich ein Soldat an und ſagte zu mir(er erkannte mich ohne Zweifel trotz meines Civil⸗ anzugs):„„Kapitän, wollt Ihr die Güte haben, mir den Namen zu leſen, der auf dieſem Umſchlag geſchrie⸗ ben iſt.““ „Und ich las: An Herrn Du Valon in Saint⸗ Mandé bei Herrn Fouquet.“— „„Ah!““ ſagte ich zu mir ſelbſt,„„Porthos iſt nicht nach Pierrefonds oder nach Belle⸗Isle zurückge⸗ kehrt, wie ich dachte; Porthos iſt in Saint⸗Mandé bei Herrn Fouquet, Herr Fouquet iſt nicht in Saint⸗ Mandé; Porthos iſt alſo allein, oder mit Aramis; wir wollen Porthos beſuchen.““.. „Und ich beſuchte Porthos.“ „Sehr gut,“ verſetzte Aramis träumeriſch. „Ihr erzähltet mir das nicht,“ ſagte Porthos. „Ich hatte nicht Zeit, mein Freund.“ 8 „Und Ihr nahmet Porthos mit nach Fontainebleau?“ „Zu Planchet.“— .„Planchet wohnt in Fontainebleau?“ fragte Aramis. 348 „Ja, nahe beim Friedhof,“ erwiederte Porthos unbeſonnener Weiſe. „Wie, beim Friedhof?“ verſetzte Aramis argwöhniſch. „Ah, gut,“ dachte der Musketier,„benützen wir den Wirrwarr.“ „Ja, beim Friedhof,“ ſagte Porthos,„Planchet iſt gewiß ein vortrefflicher Burſche, der ausgezeichnetes Zuckerwerk macht, aber er hat Fenſter, die auf den Friedhof gehen. Das iſt betrübend. So haben wir dieſen Morgen...“ „Dieſen Morgen?“ ſagte Aramis immer unruhiger. Aramis wandte den Sprechenden den Rücken zu und trommelte am Fenſter die Melodie von einem Marſch. „So haben wir dieſen Morgen einen Chriſten be⸗ erdigen ſehen.“ „Ah! ah!“ „Das macht traurig! Ich würde nicht in einem Hauſe leben, wo man fortwährend Todte ſieht. D'Artag⸗ nan ſcheint dies im Gegentheil zu lieben.“ „Ah! d'Artagnan hat geſehen.“ „Er hat nicht geſehen, ſondern mit den Augen verſchlungen.“ Aramis bebte und wandte ſich um, um den Mus⸗ ketier anzuſchauen, doch dieſer war ſchon in ein Geſpräch mit Saint⸗Aignan vertieft. Aramis fuhr fort, Porthos zu befragen; als er ſodann der Rieſencitrone allen Saft ausgepreßt hatte, warf er die Schale weg. Er kehrte zu d'Artagnan zurück, klopfte ihm, nach⸗ dem Saint⸗Aignan weggegangen war, auf die Schulter und ſagte: „Freund.“ „Lieber Freund,“ erwiederte d'Artagnan. „Wir Andern ſpeiſen nicht mit dem Koͤnig zu Nacht.“ „Doch, ich ſpeiſe mit ihm.“ 41 zu 349 „Könnt Ihr zehn Minuten mit mir plaudern?“ „Zwanzig! So viel Zeit vergeht, bis ſich der Kö⸗ nig zu Tiſche ſetzt.“ „Wo wollen wir ſprechen?“ „Hier auf dieſen Bänken; wenn der König weg⸗ gegangen iſt, kann man ſich ſetzen, und der Saal iſt leer.“ „Setzen wir uns.“ Sie ſetzten ſich. Aramis nahm d'Artagnan bei der Hand und ſprach: „Geſteht ein, Freund, daß Ihr Porthos aufgefor⸗ dert habt, mir ein wenig zu mißtrauen.“ „Ich geſtehe es, doch nicht, wie Ihr meint. Ich ſah, daß ſich Porthos zum Sterben langweilte, und ich wollte, indem ich ihn dem König vorſtellte, für ihn und für Euch thun, was Ihr nie thun würdet.“ „Was?“ „Ich wollte Euer Lob ausſprechen.“ „Ihr habt es edelmüthig gethan, und ich danke „Und ich habe Euch dem Hut genähert, der zu⸗ rückwich.“ „Ah! ich geſtehe es,“ ſagte Aramis mit einem ſeltſamen Lächeln,„Ihr ſeid in der That ein einziger Mann, um das Glück Eurer Freunde zu machen.“ „Ihr ſeht alſo, daß ich nur gehandelt habe, um das von Porthos zu machen.“ „Ja! ich übernahm das, doch Euer Arm iſt län⸗ ger, als der von uns.“ Nun war die Reihe zu lächeln an d'Artagnan. „Sprecht,“ ſagte Aramis,„wir ſind uns Wahrheit ſchuldig: liebt Ihr mich immer noch, mein theurer d'Artagnan?“ „Immer wie einſt,“ antwortete d'Artagnan, ohne ſich zu ſehr durch dieſe Antwort zu compromittiren. „Dann meinen Dank, und volle Offenherzigkeit: Ihr kamet für den König nach Belle⸗Jsle... Euch 350 „Bei Gott!“ „Ihr wolltet uns alſo das Vergnügen rauben, Belle⸗Isle dem König ganz befeſtigt anzubieten.“ „Nein, mein Freund, um Euch das Vergnügen zu rauben, hätte ich vor Allem von Eurer Abſicht unter⸗ richtet ſein müſſen.“ „Ihr kamet nach Belle⸗Isle, ohne etwas zu wiſſen?“ „Von Euch? oh! ja wohl. Wie Teufels ſoll ich mir einbilden, Aramis ſei dergeſtalt Ingenieur gewor⸗ den, daß er wie Polybius oder Archimedes zu befeſti⸗ gen verſtehe.“ 3 „Das iſt wahr. Doch Ihr vermuthetet mich dort?“ „Ohl ja.“ „Und Porthos auch?“ „Theuerſter, ich vermuthete nicht, Aramis ſei In⸗ genieur. Ich konnte nicht errathen, Porthos ſei es ge⸗ worden. Ein Lateiner ſagt: Man bildet ſich zum Red⸗ ner, man wird als Dichter geboren. Niemals aber iſt geſagt worden: Man wird als Porthos geboren, und bildet ſich zum Ingenieur.“ 4 „Ihr habt immer einen reizenden Witz,“ verſetzte Aramis mit kaltem Tone.„Doch ich fahre fort.“ „Fahret fort.“. 1 „Als Ihr unſer Geheimniß hattet, beeiltet Ihr Euch, es dem König mitzutheilen.“ „Ich eilte um ſo mehr, mein Freund, als ich Euch noch ſtärker eilen ſah. Wenn ein zweihundertundacht⸗ undfünfzig Pfund ſchwerer Mann, wie Porthos, mit Poſtpferden rennt, wenn ein gichtiſcher, verzeiht, Ihr habt mir das geſagt, wenn ein gichtiſcher Prälat viele Meilen mit Sturmesgeſchwindigkeit zurücklegt, ſo nehme ich an, daß dieſe zwei Freunde, welche mich nicht in Kenntniß ſetzen wollten, nur Dinge von der höchſten Wichtigkeit in ihren Folgen zu verbergen haben, und meiner Treu, ich jage, ich jage ſo geſchwinde, als es mir lau mir mie kän 351 i. meine Magerkeit und der Mangel an Gicht er⸗ lauben.“ 4 „Theurer Freund, habt Ihr nicht bedacht, daß Ihr mir und Porthos einen traurigen Dienſt leiſten konntet.“ „Ich dachte das wohl, aber Ihr und Porthos ließet mich in Belle⸗Isle eine traurige Rolle ſpielen.“ 6 „Verzeiht mir.“ „Entſchuldigt mich.“ „Somit wißt Ihr nun Alles,“ fuhr Aramis fort. „Meiner Treue, nein.“ „Ihr wußtet, daß ich Herrn Fouquet in Kenntniß ſeben laſſen mußte, damit er Euch beim König zuvor⸗ äme.“ „Das iſt dunkel.“ 4 „Nein. Herr Fouquet hat Feinde, das müßt Ihr anerkennen.“ 4 „Ohl ja.“ „Einen beſonders.“ „Einen gefährlichen.“ „Einen Todfeind. Nun denn, um den Einfluß dieſes Feindes zu bekämpfen, mußte Herr Fouquet vor dem Koöͤnig einen Beweis von großer Ergebenheit und von großen Opfern ablegen. Er hat den König da⸗ durch überraſcht, daß er ihm Belle⸗Isle angeboten. Kamet Ihr zuerſt in Paris an, ſo war die Ueberraſchung zerſtört... Wir hatten das Anſehen, als wichen wir der Furcht.“. „Ich begreife.“ „Das iſt das ganze Geheimniß,“ ſprach Aramis zufrieden, den Musketier überzeugt zu haben. „Nur,“ erwiederte dieſer,„nur wäre es einfacher geweſen,, mich in Belle⸗Isle beiſeit zu nehmen und zu ſagen:„„Lieber Freund, wir befeſtigen Belle⸗Isle⸗en⸗ Mer, um es dem Koͤnig anzubieten... Erweiſet uns die Gefälligkeit, uns zu ſagen, für wen Ihr handelt. Seid Ihr der Freund von Herrn Colbert oder der von Fouquet?““ Ich hätte vielleicht nichts geantwortet; 3⁵² würdet Ihr aber beigefügt haben:„„Seid Ihr mein Freund?““ ſo hätte ich geſagt,„„Ja.““ Aramis ſenkte den Kopf. D'Artagnan fuhr fort. „Auf dieſe Art paralyſirtet Ihr mich und ich hätte dem König geſagt:„„Sire, Herr Fouquet befeſtigt Belle⸗Isle und zwar ſehr gut; doch der Herr Gouver⸗ neur von Belle⸗Isle hat mich mit einem Worte für Eure Majeſtät beauftragt.““ Oder auch:„„Das iſt ein Verkauf von Herrn Fouquet zu ſeinem Nutzen.““ Ich ſpielte nicht eine alberne Rolle: Ihr hattet Eure Ueberraſchung, und Ihr brauchtet nicht zu ſchielen in⸗ dem Ihr uns anſchautet.“ „Während Ihr heute ganz als Freund von Herrn Colbert gehandelt habt; Ihr ſeid alſo ſein Freund?“ „Meiner Treue, nein!“ rief der Kapitän.„Herrn Colbert iſt ein Knauſer, und ich haſſe ihn, wie ich Ma⸗ zarin haßte, doch ohne ihn zu fürchten.“ „Nun wohll ich,“ ſprach Aramis,„ich liebe Herrn Fouquet und gehöre ihm an. Ihr kennt meine Lage. Ich habe kein Vermögen... Herr Fouquet hat mir Pfründen, ein Bisthum verſchafft; Herr Fouquet hat mich wie ein gefälliger Mann verpflichtet, und ich er⸗ innere mich genugſam der Welt, um ein gutes Benehmen zu ſchätzen. Herr Fouquet hat alſo mein Herz gewon⸗ nen und ich habe mich in ſeinen Dienſt geſtellt.“ „Vortrefflich. Ihr habt da einen guten Herrn.“ Aramis kniff ſich die Lippen. „Ich glaube, den beſten von allen, die man haben könnte.“ Hier entſtand eine Pauſe. D'Artagnan hütete ſich wohl, ſie zu unterbrechen. „Ihr wißt ohne Zweifel von Porthos, wie er mit dem Allem vermengt worden iſt.“ „Nein,“ erwiederte d'Artagnan,„ich bin allerdings neugierig, doch ich beläſtige meinen Freund nie mit Fragen, wenn er mir ſein wahres Geheimniß verbergen Sdi will.“ zu ich tho ſuch heit mãä Tag war Als lieb Bef ſitzt Tief Ihr unte will zog ſitzen muf „Ich will es Euch ſagen.“ „Bemüht Euch nicht, wenn mich die Mittheilung zu etwas verpflichtet.“ „Ohl ſeid unbeſorgt; Porthos iſt der Mann, den ich am meiſten geliebt, weil er einfach und gut; Por⸗ thos iſt ein redlicher Kopf. Seitdem ich Biſchof bin, ſuche ich die einfachen Naturen auf, die mich die Wahr⸗ heit lieben, die Intrigue haſſen machen.“ D'Artagnan ſtreichelte ſich den Schnurrbart. „Ich habe Porthos geſehen und aufgeſucht; er war mäßig, ſeine Anweſenheit erinnerte mich an die ſchönen Tage von einſt, ohne mich aufzufordern, in der Gegen⸗ wart böſe zu thun. Ich rief Porthos nach Vannes. Als Herr Fouquet, der mich liebte, erfuhr, Porthos liebe mich, verſprach er ihm den Orden bei der erſten Befoͤrderung.. Das iſt das ganze Geheimniß.“ „Ich werde es nicht mißbrauchen.“ „Ich weiß es wohl, theurer Freund; Niemand be⸗ ſitzt mehr wahre Ehre, als Ihr.“ „ch ſchmeichle mir deſſen, Aramis.“ un... Und der Prälat ſchaute ſeinem Freund bis in die Tiefe der Seele. 3 „Nun aber ſprechen wir von uns, für uns; wollt Ihr einer der Freunde von Herrn Fouquet werden.... unterbrecht mich nicht, ehe Ihr wißt, was dies beſagen will.". „Ich höre.“ 2 „Wollt Ihr Marſchall von Frankreich, Pair, Her⸗ ſes werden und ein Herzogthum von einer Million be⸗ itzen 2⸗„9h 3 „Aber, mein Freund,“ erwiederte d'Artagnan,„was muß ich thun, um dies Alles zu erlangen?“ „Der Mann von Herrn Fouquet ſein.“ „ Ich bin der Mann des Koͤnigs, mein Freund.“ „Ich denke, nicht ausſchließlich.“ Die drei Musketiere. Bragelonne VI, ——— * 8 1 354 „Ah! d'Artagnan iſt nur Einer.“ „Als ein großes Herz, wie Ihr ſeid, habt Ihr, denke ich, Ehrgeiz.“ „Ja wohl.“ „Nun?“. „Ich wünſche Marſchall von Frankreich zu ſein; doch der König wird mich zum Marſchall, Pair, Herzog machen; der König wird mir dies Alles geben.“ Aramis heftete ſeinen klaren Blick auf d'Artagnan. „Iſt der König nicht der Herr?“ ſagte d'Artagnan. „Niemand beſtreitet das; doch Ludwig XIII. war auch der Herr.“ „Ohl mein lieber Freund, zwiſchen Richelieu und Ludwig XIII. gab es keinen d'Artagnan,“ ſprach ruhig der Musketier. „Um den König gibt es viele Steine des Anſtoßes,“ entgegnete Aramis. „Nicht für die Könige.“ 4 „Gewiß, doch...“ 2 „Höret, Aramis, ich ſehe, daß alle Welt an ſich, und Niemand an dieſen kleinen Prinzen denkt; ich werde mich unterſtützen, indem ich ihn unterſtütze.“ „Und der Undank?“ „Die Schwachen fürchten ſich davor.“ „Ihr ſeid Eurer ſehr ſicher?“ „Ich glaube, ja.“ „Aber der König kann Eurer nicht mehr bedürfen?“ „Im Gegentheil, ich glaube, daß er meiner mehr als je bedürfen wird... und dann, mein Freund, wenn man einen neuen Condé feſtnehmen müßte, wer würde ihn feſtnehmen... dieſer, dieſer allein,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan.. 1 Und er ſchlug an ſeinen Degen. 1 „Ihr habt Recht,“ erwiederte Aramis erbleichend⸗ 55 19,: er ſtand auf und drückte ſeinem Freunde die and. 2 der Kapitän der Musketiere;„Ihr erlaubt.“ 355. „Das iſt der letzte Ruf zum Abendbrod,“ ſprach Aramis ſchlang ſeinen Arm um den des Musketi und rief:. „Ein Freund wie Ihr, iſt der ſchönſte Juwel de königlichen Krone.“ 4 Dann trennten ſie ſich. „Ich ſagte es wohl, es gebe etwas,“ dachte v'Ar⸗ tagnan.. „Man muß ſich beeilen, Feuer ans Pulver zu legen, d'Artagnan hat die Lunte gerochen,“ dachte Aramis. XXIX. Madame und Guiche. Wir haben geſehen, wie der Graf von Guiche den Saal an dem Tag verließ, wo Ludwig XIV. mit ſo viel Galanterie La Vallidre die in der Lotterie gewon⸗ nenen Armſpangen anbot.. Der Graf, deſſen Geiſt tauſendfacher Argwohn und tauſendfache Beunruhigung verzehrten, ging einige Zeit vor dem Palaſt auf und ab. Dann ſah man ihn auf der Terraſſe auf das Her⸗ auskommen von Madame lauern. Es verging eine ſtarke halbe Stunde. In dieſem Augenblick allein konnte der Graf keine ſehr beluſti⸗ genden Gedanken haben. 3 3 Er zog ſeine Tabletten aus der Taſche und ent⸗ ſchloß ſich nach langem Zögern Folgendes zu ſchreiben: „Madame, ich ſlehe Euch an, mir eine kurze Unter⸗ beunruhigen, die der tiefen Achtung nicht fremd iſt, mit der ich u. ſ. w.“ Er unterzeichnete dieſe ſeltſame Bittſchrift, die er in Form eines Liebesbillets zuſammenlegte, als er aus dem Schloß mehrere Frauen, ſodann mehrere Män⸗ ner, kurz beinahe die ganze Geſellſchaft der Königin herauskommen ſah. Er ſah La Vallière ſelbſt, ſodann Montalais, die mit Malicorne plauderte. Er ſah Alle, bis auf den letzten der Gäſte, die kurz zuvor noch das Cabinet der Königin Mutter be⸗ völkerten. Madame war noch nicht vorübergekommen, ſie mußte jedoch dieſen Hof durchſchreiten, um in ihre Wohnung zurückzukehren, und von der Teraſſe aus ſchaute Guiche in den Hof hinab.. Endlich ſah er Madame mit zwei Pagen, welche Fackeln trugen, heraustreten. Sie ging raſch und rief, als ſie vor ihre Thüre kam: „Pagen, man erkundige ſich nach Herrn von Guiche. Er muß mir über einen Auftrag Bericht machen. Wenn er frei iſt, bitte man ihn, zu mir zu kommen.“ Guiche blieb ſtumm und in ſeinem Schatten ver⸗ borgen; ſobald aber Madame in ihre Wohnung einge⸗ treten war, eilte er die Stufen der Terraſſe hinab; er nahm die gleichgültigſte Miene an, um ſich von den Mazen treſfn zu laſſen, die ſchon nach ſeiner Wohnung iefen. „Ah! Madame läßt mich ſuchen?“ ſagte er ganz bewegt zu ſich ſelbſt. 1 Und er drückte ſein unnützes Billet zuſammen. „Graf,“ ſprach einer von den Pagen, als er ihn „Was gibt es, meine Herren?“ erblickte,„wir ſind glücklich, Euch zu treffen.“ „Ein Befehl von Madame.,..“ redung zu bewilligen. Laßt Euch nicht durch dieſe Bitte „Ein Befehl von Madame?“ rief Guiche mit er⸗ ſtaunter Miene. „Ja, Graf. Ihre königliche Hoheit verlangt nach Euch; Ihr ſollt ihr, wie ſie uns ſagt, Bericht über einen Auftrag erſtatten. Seid Ihr frei?“ „Ich bin ganz zu den Befehlen Ihrer Königlichen Hoheit.“* „Wollt uns folgen.“ Als Guiche zur Prinzeſſin hinauf kam, fand er ſie bleich und bewegt. An der Thuüre ſtand Montalais etwas unruhig über das, was im Geiſte ihrer Gebieterin vorging. Guiche erſchien. „Ah! Ihr ſeid es, Herr von Guiche,“ ſagte Ma⸗ dame.„Ich bitte, tretet ein... Fräulein von Mon⸗ talais, Euer Dienſt iſt zu Ende.“ Noch mehr beunruhigt, verbeugte ſich Montalais und ging hinaus. 3 Madame und Guiche blieben allein. 3 Der Graf fand ſich ganz im Vortheil: Madame hatte ihn zu einem Rendezvous rufen laſſen. Aber wie war es dem Grafen möglich, dieſen Vortheil zu be⸗ nützen? Madame war eine ſo phantaſtiſche Perſon! der Charakter Ihrer Königlichen Hoheit war ein ſo beweg⸗ licher Charakter!. Sie ließ es wohl ſehen, denn plötzlich das Ge⸗ ſpräch beginnend, ſprach ſie: „Nun! habt Ihr mir nichts zu ſagen?“ Er glaubte, ſie habe ſeinen Gedanken errathen, er glaubte, die Liebenden ſind ſo beſchaffen, ſie ſind leicht⸗ gläubig und blind, wie die Dichter und die Propheten — er glaubte, ſie kenne ſeinen Wunſch, ſie zu ſehen, und den Grund dieſes Wunſches. „Ja wohl, Madame, und ich finde das ſehr ſelt⸗ ſam,“ erwiederte er. „Nicht wahr, die Sache mit den Armſpangen!“ rief ſte lebhaft.. 8 358 „Ja, Madame.“ „Ihr haltet den König für verliebt, ſprecht.“ Guiche ſchaute ſie lange an; ſie ſchlug die Augen unter dieſem Blick nieder, der bis ins Herz ging. „Ich glaube, der König kann die Abſicht gehabt haben, Jemand hier zu quälen,“ ſagte er;„der König würde ſich nicht ſo eifrig zeigen, wie er es iſt; er würde es nicht wagen, mit heiterem Herzen ein ſonſt unantaſtbares Mädchen übler Nachrede auszuſetzen. „Ohl die Unverſchämte!“ rief die Prinzeſſin. „Ich kann Eure Köͤnigliche Hoheit verſichern, daß Fräulein de la Vallière von einem Mann geliebt wird, den man achten muf, denn es iſt ein wackerer Mann,“ ſprach Guiche mit ehrerbietiger Feſtigkeit. „Oh! Bragelonne vielleicht.“ „Mein Freund, ja, Madame.“ „Nun, wenn er Euer Freund wäre, was liegt dem König daran?“ Der König weiß, daß Bragelonne mit Fräulein de la Vallière verlobt iſt, und da Bragelonne dem Kö⸗ nig brav gedient hat, ſo wird der Koͤnig kein unwie⸗ derbringliches Unglück verurſachen. Madame ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf, das einen ſchmerzlichen Eindruck auf Guiche machte. „Ich wiederhole Euch, Madame, ich glaube nicht, daß der König, in La Vallière verliebt iſt, und zum Beweiſe, daß ich es nicht glauben mag, diene, daß ich Euch fragen wollte, weſſen Eitelkeit der König bei dieſem Umſtand zu ſtacheln ſuchen könne. Ihr, die Ihr den ganzen Hof kennt, werdet mir um ſo leichter fin⸗ den helfen, als, wie man überall ſagt, Eure Koͤnigliche Hoheit auf ſehr vertraulichem Fuß mit dem König ſteht.“ Madame biß ſich auf die Lippen und lenkte das Geſpräch in Ermangelung von guten Gründen ab. „Beweiſet mir,“ ſagte ſie, indem ſie auf Guiche einen von den Blicken heſtete, in welche die ganze Seele 2 359 überzugehen ſcheint,„beweiſet mir, er mich zu befragen ſuchtet, mich, die ich Euch gerufen habe.“ Guiche nahm mit ernſter Miene aus ſeinen Tablet⸗ ten das, was er geſchrieben hatte, und zeigte es. „Sympathie,“ ſagte ſie. „Ja,“ ſprach der Graf mit unüberwindlicher Zärt⸗ lichkeit,„ja, Sympathie; doch ich habe Euch erklärt, wie und warum ich Euch ſuchte; Ihr, Madame, habt mir noch zu ſagen, warum Ihr mich zu Euch beriefet.“ „Es iſt wahr.“ Und ſie zögerte. „Oh! dieſe Armſpangen werden machen, daß ich den Kopf verliere,“ rief ſie plötzlich. „Ihr erwartetet, der König werde ſie Euch anbie⸗ ten,“ verſetzte Guiche. „Warum nicht?“ „Hatte der König nicht vor Euch, Madame, von Euch, ſeiner Schwägerin, die Königin?“ „Hatte er nicht vor La Vallière mich?“ rief die tief verletzte Prinzeſſin,„hatte er. nicht den ganzen Hof?“ „Madame,“ erwiederte ehrfurchtsvoll der Graf,„ich verſichere Euch, wenn man Euch ſo ſprechen hörte, wenn man Eure rothen Augen, und, Gott verzeihe mir, die Thräne ſähe, die zu Euren Wimpern aufſteigt... oh! ja, Jedermann würde ſagen, Eure Königliche Hoheit ſei eiferſüchtig.“ „Eiferſüchtig!“ rief die Prinzeſſin mit ſtolzem Tone, „eiferſüchtig auf La Vallière!“ Sie erwartete, Guiche würde ſich unter ihrer hoch⸗ müthigen Geberde und unter ihrem ſtolzen Tone beugen. „Ciferſüchtig auf La Vallière, ja, Madame,“ wie⸗ derholte er muthig. „Ich glaube, mein Herr, Ihr erlaubt Euch, mich zu beleidigen.“ „Ich glaube es nicht,“ erwiederte der Graf imre 4 1 360 bewegt, aber entſchloſſen, dieſen ungeſtümen Zorn zu bändigen. „Entfernt Euch,“ rief die Prinzeſſin, ganz außer ſich, ſo ſehr verwandelte ſie die Kaltblutigkeit und die ſtumme Ehrerbietung von Guiche in Wuth und Galle. Guiche wich einen Schritt zurück, verbeugte ſich langſam, erhob ſich wieder, weiß wie ſeine Manchetten und ſprach mit einer leichtbebenden Stimme; „Es war nicht der Mühe werth, daß ich mich ſo ſehr beeiferte, um mich dieſer ungerechten Ungnade aus⸗ zuſetzen.“ Und er wandte ihr ohne Haſt den Rücken zu. Doch kaum hatte er fünf Schritte gemacht, als ihm Madame wie eine Tigerin nachſtürzte, ihn beim Aermel faßte, umdrehte, und zitternd vor Wuth ausrief: „Was Ihr da von Ehrfurcht heuchelt, iſt beleidi⸗ gender, als die Beleidigung. Auf, beleidigt mich, aber ſprecht wenigſtens.“ „Und Ihr, Madame,“ ſagte der Graf, indem er ſachte den Degen zog,„durchbohrt mir das Herz, laßt mich aber nicht am kleinen Feuer ſterben.“ Nach dem Blicke, den er auf ſie heftete, einem Blick voll Liebe, Entſchloſſenheit, Verzweiflung ſogar, begriff ſie, daß ein ſcheinbar ſo ruhiger Mann ſich den Degen in die Bruſt ſtoßen würde, fügte ſie noch ein Wort bei. Sie entriß das Eiſen ſeinen Händen, preßte ſeinen Arm mit einem Wahnſinn, der fur Zärtlichkeit gelten konnte, und ſprach. „Graf, ſchonet mich. Ihr ſeht, daß ich leide, und habt kein Mitleid.“ Die Thränen, die letzte Kriſe dieſes Anfalls, über⸗ wältigten ihre Stimme. Guiche, als er ſie weinen ſah, nahm ſie in ſeine Arme und trug ſie bis zu ihrem Lehnſtuhl; noch einen Augenblick, und ſie erſtickte. „Warum,“ flüſterte er auf ſeinen Knieen,„warum geſteht Ihr mir Euren Kummer nicht? Liebt Ihr Ei⸗ 361 nen? ſagt es mir. Ich werde darüber ſterben, doch erſt nach dem ich Euch erleichtert, getröſtet, ſogar ge⸗ dient habe.“ *„Oh! Ihr liebt mich alſo?“ erwiederte ſie beſiegt. „Ich liebe Euch in dieſem Grade... ja, Ma⸗ dame.“. Sie reichte ihm ihre beiden Hände, und flüſterte ſo leiſe, daß es Niemand hätte hören können: „Ich liebe in der That.“ Er hörte es. „Den König?“ fragte er. Sie ſchüttelte ſanft den Kopf und ihr Lächeln war wie jene Lichtungen der Wolken, in denen man nach dem Sturm das Paradies ſich öffnen zu ſehen glaubt. „Aber es gibt andere Leidenſchaften in einem gut geborenen Herzen,“ fügte ſie bei.„Die Liebe iſt die Poeſie; doch das Leben von dieſem Herz iſt der Stolz. Graf, ich bin auf dem Thron geboren, ich bin ſtolz und eiferſüchtig auf meinen Rang. Warum läßt der König Unwürdiges ſich ihm nähern?“ „Abermals,“ verſetzte der Graf,„Ihr mißhandelt das arme Mädchen, das die Frau meines Freundes ſein wird.“ „Seid Ihr einfältig genug, dieß zu glauben?“ „Wenn ich es nicht glaubte, ſo wäre Bragelonne morgen davon in Kenntniß geſetzt,“ erwiederte Guiche ganz bleich.„Ja, wenn ich dächte, die arme La Val⸗ lière habe die Schwüre vergeſſen, die ſie Raoul gelei⸗ ſtet... Doch nein, es wäre eine Schändlichkeit, das Geheimniß einer Frau zu verrathen; es wäre ein Ver⸗ brechen, die Ruhe eines Freundes zu ſtören.“ „Ihr glaubt, die Unwiſſenheit ſei ein Glück,“ rief die Prinzeſſin mit einem wilden Gelächter. „Ich glaube es,“ erwiederte er. „Beweiſet! beweiſet doch,“ rief ſie lebhaft. „Das iſt leicht, Madame; man hat am ganzen Hof geſagt, der König liebe Euch und Ihr liebet den König.“ 3 „Nun!“ verſetzte ſie mühſam athmend. „Nehmet nun an, Raoul, mein Freund, wäre zu mir gekommen und hätte zu mir geſagt:„„Ja, der Kö⸗ nig liebt Madame; ja, der König hat das Herz von Madame gerührt;““ ich würde Raoul vielleicht getödtet haben.“ „Herr von Bragelonne müßte Beweiſe gehabt ha⸗ ben, um ſo zu Euch zu ſprechen,“ entgegnete die Prin⸗ zeſſin mit der Hartnäckigkeit der Frauen, die ſich für unüberwindlich halten. „Immerhin bleibt es eine Wahrheit,“ erwiederte Guiche ſeufzend,„daß ich, da ich nicht in Kenntniß ge⸗ ſetzt worden bin, auch nichts ergründet habe, und daß meine Unwiſſenheit mir heute das Leben gerettet hat.“ „Ihr werdet die Selbſtſucht und die Kälte ſo weit treiben, daß Ihr dieſen unglücklichen jungen Mann La Vallière fortwährend lieben laßt.“ „Ja, Madame, bis zu dem Tage, wo ſich mir La Vallidre als ſchuldig geoffenbart hat.“ „Doch die Armſpangen!“ 8„Ei! Madame, was hätte ich ſagen können, da Ihr ſie vom Koönig zu erhalten erwartetet?“ Der Beweisgrund war kräftig; die Prinzeſſin wurde dadurch niedergeſchmettert, und von dieſem Au⸗ genblick an erhob ſie ſich nicht mehr. Da ſie aber eine Seele voll Adel, einen von In⸗ telligenz glühenden Geiſt beſaß, ſo begriff ſie die ganze Zartheit von Guiche. 4 Sie las klar in ſeinem Herzen, er hege den Ver⸗ dacht gegen den König, dieſer liebe La Vallière, und woolle ſich des gemeinen Auskunftsmittels nicht bedienen, 3 das darin beſteht, daß man einen Nebenbuhler im Geiſte einer Frau zu Grunde richtet, indem man ihr die Ver⸗ ſicherung, die Gewißheit gibt, dieſer Nebenbuhler mache einer andern Frau den Hof. „ * 363 Sie errieth, er habe La Vallidre im Verdacht, und um ihr Zeit zu laſſen, ſie zu bekehren, um ſie nicht auf immer zu verderben, behalte er ſich einen unmittelbaren Schritt oder einige ſchärfere Beobachtungen vor. 8 Sie las mit einem Wort ſo viel wahre Größe, ſo viel Edelmuth in dem Herzen deſſen, der ſie liebte, daß ſie das ihrige bei der Berührung einer ſo reinen Flamme ſich entzünden fühlte. Guiche, indem er trotz der Furcht, zu mißfallen, ein Mann des Gewiſſens und der Ergebenheit blieb, vergrößerte ſich zum Stande eines Helden und drückte ſie zum Stande eines eiferſüchtigen und armſeligen Wei⸗ bes herab.* 4 Sie liebte ihn ſo zärtlich, daß ſie ſich nicht ent⸗ halten konnte, ihm einen Beweis davon zu geben. „Das ſind viele verlorene Worte,“ ſagte ſie, den Grafen bei der Hand nehmend.„Verdacht, Unruhe, Mißtrauen, Schmerzen, ich glaube, wir haben alle dieſe Namen ausgeſprochen.“ „Ach! ja, Madame.“ „Streicht ſie aus Eurem Herzen, wie ich ſie aus dem meinigen verjage. Graf, mag dieſe La Vallidre den König lieben oder nicht lieben, mag der König La Vallière lieben oder nicht lieben,— machen wir von dieſem Augenblick an eine Unterſcheidung in un⸗ ſeren zwei Rollen. Ihr reißt die Augen weit auf; ich wette, daß Ihr mich nicht verſteht.“ „Ihr ſeid ſo lebhaft, daß ich immer Euch zu miß⸗ fallen zittere.“ „Seht, wie er zittert! der ſchöne Aengſtliche!“ rief ſie mit einer reizenden Heiterkeit.„Ja, mein Herr, ich habe zwei Rollen zu ſpielen.— Ich bin die Schwägerin des Königs, der Koͤnigin, ſeiner Frau. Muß ich mich „ unter dieſem Titel nicht mit den Intriguen der Ehe be⸗ * ſchäftigen? Eure Meinung?“ „So wenig als möglich, Madame.“ *. „Einverſtanden, doch das iſt eine Frage der Würde; ſodann bin ich die Frau von Monſieur.“ Guiche ſeußzte. „ Was Euch ermahnen muß, daß Ihr immer mit e tiefſten Ehrfurcht mit mir ſprecht,“ fügte ſie zärt⸗ bei. „Oh!“ rief er, indem er zu ihren Füßen fiel, die er küßte wie die einer Gottheit. „Wahrhaftig,“ flüſterte die Prinzeſſin,„ich glaube, ich habe noch eine andere Rolle. Ich vergaß ſie.“ „Welche? welche?“ „Ich bin Weib,“ ſprach ſie noch leiſer.„Ich liebe!“ Er erhob ſich. Sie öffnete ihm ihre Arme, ihre Lippen beruhrten ſich. Es erſcholl ein Tritt hinter der Tapete. Monta⸗ lais klopfte. „Was gibt es, mein Fräulein?“ fragte Madame. „Man ſucht Herrn von Guiche,“ antwortete Mon⸗ talais, welche noch Zeit hatte, die ganze Unordnung der Darſteller dieſer vier Rollen zu ſehen, denn Guiche hatte auch beſtändig beldenmuthigt die ſeinige geſpielt. XXX. Montalais und M aliegrne. Montalais hatte Recht; überall gerufen, war Herr von Guiche durch die Vervielfältigung der Angelegen⸗ heiten ſehr dem ausgeſetzt, daß er Niemand antwortete. Spo groß aber iſt die Stärke ſchwacher Lagen, daß Madame trotz ihres verwundeten Stolzes, trotz ihres „ 8 365 inneren Zorns wenigſtens für den Augenblick Montalais, die das quaſikönigliche Gebot, das ſie entfernt, ſo ver⸗ meſſen verletzt hatte, keinen Vorwurf machen konnte. ₰ Guiche verlor auch den Kopf, oder vielmehr, ſage wir es gerade heraus, Guiche hatte den Kopf vor der Ankunft von Montalais verloren; denn kaum hatte er die Stimme des Mädchens gehört, als er, ohne von Madame Abſchied zu nehmen, wie es die einfachſte Höf⸗ lichkeit, ſelbſt unter Gleichgeſtellten, heiſchte, das Herz brennend, den Kopf toll, entfloh und die Prinzeſſin, die ihm mit einer Geberde Lebewohl ſagte, eine Hand aufge⸗ hoben zurückließ. 3 Guiche konnte nämlich ſagen, wie Cherubin hun⸗ dert Jahre ſpäter ſagt, er trage auf ſeinen Lippen Glück für eine Ewigkeit fort. Montalais fand alſo die zwei Liebenden ſehr in Unordnung. Es war Unordnung bei dem, welcher ent⸗ floh, Unordnung bei der, welche blieb. Das Mädchen murmelte auch, indem es fragend umherſchaute: „Ich glaube, dießmal weiß ich ſo viel, als die neu⸗ gierigſte Frau zu erfahren wünſchen kann.“ Madame gerieth dergeſtalt in Verlegenheit über dieſen forſchenden Blick, daß ſie, als hätte ſie das Bei⸗ ſeit von Montalais gehört, nicht ein Wort zu dem Chrenfräulein ſagte und die Augen niederſchlagend in ihr Zimmer zurückkehrte. Als Montalais dieß ſah, horchte ſie. Da hörte ſie Madame die Riegel des Zimmers ſchließen. Von dieſem Augenblick begriff ſie, ſie habe ihre Nacht für ſich; ſte machte gegen die Thüre, die man geſchloſſen, eine ziemlich unehrerbietige Geberde, welche ſagen wollte:„Gute Nacht, Prinzeſſin,“ und ging hinab, um Malicorne wieder aufzuſuchen, der für den Moment ſehr damit beſchäftigt war, daß er mit dem Auge einem ——— 366 . ganz beſtaubten Courier folgte, welcher vom Grafen voon Guiche herauskam. Montalais ſah ein, daß Malicorne ein Werk von Dedeutung vollbrachte; ſie ließ ihn die Augen ſpannen, den Hals ausſtrecken, und als Malicorne hievon zu ſei⸗ ner natürlichen Stellung zurückgekehrt war, klopfte ſie ihm nur auf die Schulter und ſagte: „Nun! was gibt es Neues?“ „Herr von Guiche liebt Madame,“ antwortete Maliecorne. „Gute Kunde! Ich weiß etwas Friſcheres.“ „Und was wißt Ihr?“ „Daß Madame Herrn von Guiche liebt.“ „Das Eine war die Folge vom Andern.“ „Nicht immer, mein ſchoͤner Herr.“ „Wäͤre dieſes Axiom etwa an mich gerichtet?“ „Die anweſenden Perſonen ſind immer ausge⸗ nommen.“ „Ich danke,“ ſagte Malicorne.„Und auf der an⸗ dern Seite?“ fuhr er fragend fort. „Der König wollte dieſen Abend nach der Lotterie Fräͤulein de la Vallière beſuchen.“ „Nunl er hat ſie beſucht?“ „Nein.“ „Wiel nein?“ „Die Thuͤre war verſchloſſen.“ „Somit...“ „Somit iſt der Koͤnig ganz beſchämt, wie ein ein⸗ facher Dieb, der ſeine Werkzeuge vergeſſen, zurück⸗ gekehrt.“ 3„Gut.“ „Und auf der dritten Seite?“ fragte Montalais. „Der Courier, der bei Herrn von Guiche ange⸗ kommen, iſt von Herrn von Bragelonne abgeſchickt.“ „Gut!“ rief Montalais in die Hände klatſchend. „Warum gut?“ die —————— 367 „Weil das Beſchäftigung gibt. Wenn wir uns jetzt langweilten, müßten wir Unglück haben.“ „Es iſt von Belang, daß man ſich in das Geſchäft theilt, damit keine Verwirrung entſteht,“ ſprach Ma⸗ licorne. „Nichts kann einfacher ſein,“ erwiederte Montalais. „Drei ein wenig wohl im Feuer erhaltene, wohl gelei⸗ tete Intriguen geben, eine in die andere gerechnet und gering angeſchlagen, drei Billets im Tag.“ „Oh!“ rief Malicorne, die Achſeln zuckend,„was fällt Euch ein, meine Liebe! Drei Billets im Tag, das iſt gut für bürgerliche Gefühle. Ein Musketier im Dienſt, ein kleines Mädchen im Kloſter, wechſeln täglich ihr Billet oben von der Leiter herab oder durch das in der Mauer gemachte Loch. Ein Billet enthält die ganze Poeſite dieſer armen Herzchen. Aber bei uns Oh! wir wenig kennt Ihr die königliche Zärtlichkeit, meine iebe.“ „Vorwärts, macht den Schluß,“ ſagte Montalais ungeduldig.„Man kann kommen.“ „Den Schluß machen! Ich bin erſt bei der Er⸗ zaͤhlung und habe noch drei Punkte.“ „Er wird mich wahrhaftig mit ſeinem flämiſchen Phlegma ſterben machen,“ rief Montalais. „Und Ihr werdet mit Eurer italieniſchen Lebhaf⸗ tigkeit machen, daß ich den Kopf verliere. Ich ſagte Euch alſo, unſere Verliebte werden ſich Bände ſchrei⸗ ben. Doch worauf zielt Ihr ab?“ „Darauf, daß keine von unſeren Damen die Briefe, die ſie empfangen wird, aufbewahren kann.“ „Allerdings.“ 8 „Daß es Herr von Guiche auch nicht wagen wird, die ſeinigen aufzubewahren.“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Wohl denn! ich werde dieß Alles aufbewahren.“ „Gerade das iſt unmoͤglich,“ ſagte Malieorne. „Und warum?“— 368 „Weil Ihr nicht zu Hauſe ſeid, weil Ihr ein Zim⸗ mer gemeinſchaftlich mit La Vallière habt, weil man ſehr gern Ausſuchungen in dem Zimmer eines Ehren⸗ fräuleins vornimmt, weil ich die Königin, welche eifer⸗ ſüchtig wie eine Spanierin, die Königin Mutter, welche eiferſuͤchtig wie zwei Spanierinnen, und Madame, welche eiferſüchtig wie zehn Spanierinnen, ungemein fürchte.“ „Ihr vergeßt Jemand.“ „Wen?“ „Monſieur.“ .„Ich ſprach nur von den Frauen. Beziffern wir alſo Monſieur Nro. 1.“ „Guiche.“ „Nro. 2. Der Graf von Bragelonne.“ „Nro. 3. Und der König? der König?“ „Nro. 4. Gewiß, der König, der nicht nur eiſer⸗ ſüchtiger, ſondern auch mächtiger als alle Welt ſein wird. Ah! meine Liebe.“ „Nun?“ „In welches Weſpenneſt habt Ihr Euch geſteckt!“ lin Roch nicht tief genug, wenn Ihr mir folgen wollt.“ „Sicherlich werde ich Euch folgen. Doch...“ „Doch... „Ich glaube, es wäre geſcheiter, umzukehren, ſo lange es noch Zeit iſt.“ „Und ich glaube im Gegeniheil, daß es das Klügſte iſt, wenn wir uns mit dem erſten Schlag an die Spitze von allen dieſen Intriguen ſtellen.“ „Ihr werdet hiezu nicht genügen.“ „Mit Euch würde ich zehn leiten. Seht Ihr, das iſt mein Element. Ich war geſchaffen, um bei Hofe zu leben, wie der Salamander geſchaffen iſt, um in den Flammen zu leben.“ 6 „Eure Verſicherung beruhigt mich nicht im Gering⸗ ſten, meine Theuerſte. Ich habe ſehr gelehrte Gelehrte ſagen hören, einmal, es gäbe keine Salamander. Und dant gebr gen wiſſ ten Aur geht zwei ſtan zuſt mit vor ben 369 dann, gäbe es, ſo wären ſie vollkommen geröſtet und gebraten, wenn ſie aus dem Feuer herauskämen.“ „Eure Gelehrten können in ſalamanderiſchen Din⸗ gen ſehr gelehrt ſein, aber ſie ſind ſicherlich ſehr un⸗ wiſſend in dem, was die Weiber betrifft. Eure Gelehr⸗ ten werden Euch auch nicht ſagen, was ich Euch ſage: Aure von Montalais iſt berufen, ehe ein Monat ver⸗ geht, der erſte Diplomat des franzöſiſchen Hofes zu ſein.“ „Es ſei, doch unter der Bedingung, daß ich der zweite bin.“ 8 1 3 „Abgemacht; Trutz⸗ und Schutzbuͤndniß, wohl ver⸗ ſtanden.“ „Nur mißtraut den Briefen.“ „Ich werde ſie Euch zuſtellen, wie man ſie mir zuſtellt.“ „Was werden wir dem König von Madame ſagen?“ „Madame liebe den König immer noch.“ „Was werden wir Madame vom König ſagen?“ „Sie hätte das größte Unrecht, wenn ſie ihn nicht mit Schonung behandeln würde.“ „Was werden wir La Vallidère von Madame ſagen?“ „Alles, was wir wollen, La Vallidère gehört uns.“ „Uns?“. „Doppelt.“ „Wie ſo?“ „Einmal durch den Vicomte von Bragelonne.“ „Erklärt Euch.“. „Ihr vergeßt hoffentlich nicht, daß der Vicomte von Bragelonne viele Briefe an La Vallidre geſchrie⸗ ben hat?“ „Ich vergeſſe nichts.“ „Dieſe Briefe empfing ich, und ich verberge ſie 7 „Und folglich habt Ihr ſie?“ „Immer.“ „Wo? hier?“ 1. Die drei Musketiere. Bragelonne ᷣ 1. 24 au 370 „Ohl nein. Ich habe ſie in Blois, in dem Euch bekannten Zimmerchen.“ „Theures Zimmerchen, Liebeszimmerchen, Vorzim⸗ mer des Palaſtes, den ich Euch eines Tages werde er⸗ bauen laſſen. Doch verzeiht, Ihr ſagt, alle dieſe Briefe ſeien in dem kleinen Zimmer s“ 77 „Jad. „Habt Ihr ſie nicht in einer Lade aufbewahrt?“ „Allerdings, in derſelben Lade, in der ich die Briefe aufbewahrte, die ich von Euch empfing, und in die ich die meinigen legte, wenn Euch Eure Geſchäfte oder Eure Vergnügungen abhielten, zum Rendezvous zu kommen.“ „Ah! ſehr gut!“ rief Malicorne. „Warum dieſe Freude?“ „Weil ich die Möglichkeit ſehe, dieſen Briefen nicht nach Blois nachzulaufen.“. „Ich habe ſie hier.“ „Ihr habt die Lade mitgebracht?“ „Sie war mir theuer, weil ſie von Euch kam.“ „Seid wenigſtens behutſam damit, die Lade ent⸗ hält Originalien, welche ſpäter einen großen Werth haben werden.“ 3 „Ich weiß es wohl, und darum lache ich, und zwar aus vollem Herzen.“ „Nun ein letztes Wort.“ „Warum denn ein letztes?“ „Brauchen wir Hülfstruppen?“ „Keine. „Bedienten, Dienerinnen?“ „Schlimmer, Abſcheulicher! Ihr gebt die Briefe, Ihr empfangt ſie. Oh! keinen Stolz, ſonſt müſſen Herr Malicorne und Fräulein Aure, da ſie ihre Ge⸗ ſchäfte nicht ſelbſt betreiben, ſich entſchließen, ſie von andern betrieben zu ſehen.“ „Ihr habt Recht, doch was geht bei Herrn von Guiche vor?“ uch im⸗ er⸗ iefe 24ʃ die din äfte ous nicht 71 ent⸗ Zerth und riefe, rüſſen Ge⸗ e von von 371 „Nichts, er öffnet ſein Fenſter.“ „Verſchwinden wir.“ Beide verſchwanden wirklich; die Verſchwörung war abgeſchloſſen.— Das Fenſter, das man geöffnet, war in der That das des Grafen von Guiche.* t Doch nicht nur, wie die Unwiſſenden hätten glauben können, um den Schatten von Madame durch ihre Vor⸗ hänge zu erſchauen, ſtellte er ſich an das Fenſter, denn ſeine Beklommenheit war nicht ganz verliebter Natur. Er hatte, wie geſagt, einen Courier erhalten. Dieſer Courier war ihm von Bragelonne zugeſchickt worden. Bragelonne hatte ihm geſchrieben. 1 Er hatte den Brief, der einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, geleſen, und wieder geleſen. „Seltſam! ſeltſam!“ murmelte er.„Durch welche mächtige Mittel zieht das Geſchick die Menſchen zu ihrem Ziele fort?“ Und er verließ das Fenſter, um ſich dem Licht zu nähern, und las zum dritten Mal dieſen Brief, deſſen Zeilen zugleich ſeinen Geiſt und ſeine Augen ver⸗ ſengten: „Calais. „Mein lieber Graf! „Ich habe in Calais Herrn von Wardes gefunden, der in einem Zweikampf mit Herrn von Buckingham ſchwer verwundet worden war.. „Herr von Wardes iſt, wie Ihr wißt, ein muthi⸗ ger Mann, aber gehäſſig und boshaft. 5 „Er ſprach mit mir von Euch, dem ſein Herz, wie er ſagt, ſehr zugethan iſt; von Madame, die er ſchön und liebenswürdig findet. „Er hat Eure Liebe für die bewußte Perſon er⸗ rathen. „Er ſprach auch von einer Perſon, die ich liebe, und bezeigte mir die lebhafteſte Theilnahme, indem er mich beklagte, Alles mit Dunkelheiten, die mich Anfangs 372 ſehr erſchracken, die ich aber am Ende für das Reſultat ſeiner geheimnißvollen Gewohnheiten hielt. „Höret, wie ſich die Sache verhält. „Er hätte Briefe vom Hofe erhalten. Ihr be⸗ greift, daß dies nur von Herrn von Lorraine geweſen ſein kann.. 46. † „Man unterhält ſich,“ ſagen dieſe Nachrich⸗ ten,„von einer Veränderung, welche in den Neigungen des Königs vorgegangen ſein oll. „Ihr wißt, wen das betrifft. „Ferner ſagen dieſe Nachrichten, man ſpreche von einem Ehrenfräulein, das zu übler Nach⸗ rede Anlaß gebe. „Dieſe unbeſtimmten Phraſen ließen mich nicht ſchlafen. Ich habe ſeit geſtern beklagt, daß mein ge⸗ rader und trotz einer gewiſſen Hartnäckigkeit, ſchwacher Charakter mich ohne Gegenantwort auf dieſe Inſinua⸗ tionen ließ. 3„Mit einem Wort, Herr von Wardes reiſte nach Paris ab, ich verzögerte ſeine Abreiſe nicht durch Er⸗ flärungen, und dann kam es mir, ich muß es geſtehen, hart vor, einen Mann, deſſen Wunden kaum geſchloſſen ſind, in ein peinliches Verhör zu nehmen. „Kurz, er iſt in kleinen Tagereiſen abgegangen, abgegangen, um, wie er ſagt, dem ſeltſamen Schauſpiel beizuwohnen, das der Hof unfehlbar in kurzer Zeit bieten müſſe. „Er fügte dieſen Worten gewiſſe Glückwünſche, ſodann gewiſſe Beileidsbezeigungen bei. Ich habe die einen ebenſowenig, als die anderen begriffen. Ich war betäubt durch meine Gedanken und durch ein Miß⸗ trauen gegen dieſen Menſchen, ein Mißtrauen, das ich, Ihr wißt es beſſer, als irgend Jemand, nie habe über⸗ winden können. „Als er aber abgereiſt war, öffnete ſich mein Geiſt. —,—/ꝗ-—,— 273 „Es iſt nicht möglich, daß ein Charakter, wie der von Wardes, nicht ein wenig von ſeiner Bosheit in den Beſprechungen, die wir mit einander pflogen, hat mit einlaufen laſſen.’ „Es iſt nicht möglich, daß nicht in allen den ge⸗ heimnißvollen Worten, die mir Herr von Wardes ge⸗ ſagt hat, nicht ein geheimnißvoller Sinn liegt, den ich auf mich oder die Euch bekannte Perſon in Anwendung bringen kann. „Genöthigt, ſchleunig abzureiſen, um dem König zu gehorchen, hatte ich nicht die Idee, Herrn von War⸗ des nachzulaufen, um Erklärungen über das, was er mit Abſicht verſchwiegen, zu erhalten, aber ich ſende meinen Eilboten an Euch ab, und ſchreibe Euch dieſen Brief, der Euch alle meine Zweifel auseinanderſetzen wird. „Ihr, das bin ich; ich habe gedacht, handelt Ihr. „Herr von Wardes wird binnen Kurzem ankom⸗ men; erfahret, was er ſagen wollte, wenn Ihr es nicht ſchon wißt. „Herr von Wardes behauptet übrigens, Herr von Buckingham habe Paris, von Madame mit Gunſtbe⸗ zeigungen überſtrömt, verlaſſen; das iſt eine Sache, bei der ich ſogleich nach dem Degen gegriffen hätte, glaubte ich mich nicht in der Nothwendigkeit, den Dienſt des Königs jedem Streit vorgehen zu laſſen. 6„Verbrennt dieſen Brief, den Euch Olivain über⸗ giebt. „Man ſagt, Olivain ſei die Sicherheit ſelbſt. „Wollt mich, ich bitte Euch, Herr Graf, bei Fräu⸗ lein de la Vallidre, der ich ehrfurchtsvoll die Haͤnde küſſe, ins Andenken zurückrufen. „Euch umarme ich. „Vicomte von Bragelonne.“ „N. S. Sollte ſich etwas Wichtiges ereignen,— man muß für Alles vorherſehen, theurer Freund,— ſo ſchickt mir einen Eilboten mit dem einzigen Wort: 374 h werde ſechsunddreißig Stunden Briefes in Paris ſein.“ te, legte den Brief zum dritten Mal zuſammen, und ſteckte ihn, ſtatt ihn zu verbrennen, wie ihm Bragelonne empfohlen, in ſeine Taſche. Es war für ihn Bedürfniß, dieſen Brief zu leſen, und abermals zu leſen. „Welche Unruhe und zugleich welches Vertrauen,“ murmelte der Graf;„die ganze Seele von Raoul liegt in dieſem Briefe.“ „Er vergißt den Grafen de la Fore und ſpricht darin von Louiſe.“ „Er warnt mich für mich, und fleht mich für ſich an.“ „Ah!“ fuhr Guiche mit einer drohenden Geberde fort,„Ihr miſcht Euch in meine Angelegenheiten, Herr voon Wardes, wohl! ich werde mich mit den Eurigen poeſchäftigen.“ *„Was Dich betrifft, mein armer Naoul, Dein Herz vertraut mir ein Gut an, ſei unbeſorgt, ich wache darüber.“ Als dieſes Verſprechen geleiſtet war, ließ Guiche Malicorne bitten, ohne Verzug, wenn es möglich wäre, zu ihm zu kommen. Malicorne entſprach der Einladung mit einem Eifer, der das erſte Reſultat ſeiner Unterredung mit Montalais war. Je mehr Guiche, der ſich bedeckt glaubte, Mali⸗ 4„„Kommt 4 nach Empfang⸗ corne ausfragte, deſto mehr errieth dieſer, der im. Schatten arbeitete, den Fragenden. 3 Daraus erfolgte, daß nach einem Geſpräch von einer Viertelſtunde, in welchem Guiche die ganze Wahr⸗ heit über La Vallière und den König zu entdecken glaubte, er durchaus nichts, als das erfuhr, was er mit ſeinen eigenen Augen geſehen hatte, während Ma⸗ licorne erfuhr oder errieth, wie man will, daß Naoul „ =,=S Sen den Schatz der Heſperiden bewachen würde. Malicorne willigte ein, der Drache zu ſein. Guiche glaubte Alles für ſeinen Freund gethan zu haben und bekümmerte ſich nur noch um ſich ſelbſt. Man kündigte auf den andern Abend die Rückkehr von Wardes und ſeine erſte Erſcheinung beim König an. Nach ſeiner Aufwartung ſollte ſich der Wiederge⸗ neſende bei Monſieur einfinden. Guiche ging vor der Stunde zu Monſieur. 2 XXXI. Wie Herr von Wardes bei Hofe aufgenammen. wurde. Herr von Wardes wurde von Monſieur mit der Huld aufgenommen, welche die Erfriſchung des Geiſtes jedem leichten Charakter für die Neuigkeit, die gerade ankommt, räth. Herr von Wardes, den man ſeit einem Monat nicht geſehen, war in der That neue Frucht. Ihn lieb⸗ koſen war einmal eine Untreue, an den Alten begangen, und Untreue hat immer ihren Reiz; es war ſodann eine Genugthuung, die man ihm zu geben hatte. Monſieur behandelte ihn alſo äußerſt gnädig. Der Herr Chevalier von Lorraine, der dieſen Ne⸗ benbuhler ſehr fürchtete, aber dieſe zweite, in jeder Hinſicht der ſeinigen ähnliche Natur(abgeſehen von Muth, den ſie überdies beſaß) achtete, der Herr Cheva⸗ in der Entfernung Mißtrauen hegte, und daß Guiche —— 3 ——x—xxxꝛn — —— — 376 lier von Lorraine hatte für Wardes noch ſüßere Lieb⸗ koſungen, als Monſieur. Guiche war da, wie wir erwähnt, hielt ſich aber ein wenig beiſeit, und wartete geduldig, bis alle dieſe Umarmungen beendigt waren. Während er mit Anderen und ſogar mit Monſieur ſprach, hatte Wardes Herrn von Guiche nicht aus dem Blick verloren; ſein Inſtinkt ſagte ihm, er ſei ſeinet⸗ wegen da. Er ging auch auf Guiche zu, ſobald er mit den Anderen zu Ende war. Beide wechſelten die artigſten Komplimente, wo⸗ nach Wardes zu Monſieur und den anderen Edelleuten zurückkehrte. Mitten unter allen dieſen Glückwünſchen zu einer guten Rückkehr meldete man Madame. Madame hatte die Ankunft von Wardes erfahren. Sie wußte alle einzelnen Umſtände von ſeiner Reiſe und von ſeinem Duell mit Buckingham. Es war ihr nicht unangenehm, bei den eerſten Worten anweſend zu ſein, die von demjenigen, welchen ſie als ihren Feind kannte, geſprochen werden ſollten. Sie hatte zwei bis drei Damen bei ſich. Wardes verbeugte ſich auf das Anmuthigſte vor Madame und verkündigte ſogleich, um die Feindſelig⸗ keiten zu beginnen, er ſei bereit, Nachrichten von Herrn von Buckingham ſeinen Freunden zu geben. Dies war eine unmittelbare Antwort auf die Kälte, mit der ihn Madame empfangen hatte. Der Angriff war lebhaft. Madame fühlte den Schlag, ohne daß es ſchien, als hätte ſie ihn empfangen. Sie warf raſch ihre Blicke auf Monſieur und Guiche. Monſieur erröthete, Guiche erbleichte. Bei Madame allein ging keine Veränderung in ihrem Geſicht vor; nun, da ſie begriff, welche Wider⸗ wärtigkeiten dieſer Feind ihr bei den zwei Perſonen, 5 6 377 die ihn hoͤrten, bereiten konnte, neigte ſie ſich lächelnd auf die Seite des Reiſenden. Der Reiſende ſprach von etwas Anderem. Madame war muthig, unvorſichtig ſogar; jeder Rückzug warf ſie vorwärts. Nach der erſten Bangigkeit des Herzens kehrte ſie ins Feuer zurück. „Habt Ihr viel durch Eure Wunden gelitten, Herr von Wardes?“ fragte ſie;„denn es iſt uns zu Ohren gekommen, Ihr habt das Unglück gehabt, verwundet zu werden.“ Nun war die Reihe an Wardes, zu beben; er biß ſich auf die Lippen und erwiederte: „Nein, beinahe nichts, Madame.“ „Aber bei dieſer furchtbaren Hitze...“ Troſt. „Ohl deſto beſſer!.. Welchen?“ „Den, zu wiſſen, daß mein Gegner mehr litt als ich.“ „Ohl er iſt ſchwerer verwundet worden, als Ihr? ich wußte das nicht,“ ſagte die Prinzeſſin mit voͤlliger Unempfindlichkeit. „O! Madame, Ihr täuſcht Euch, oder Ihr gebt Euch vielmehr den Anſchein, als täuſchtet Ihr Euch in meinen Worten. Ich ſage nicht, ſein Körper habe mehr gelitten als der meinige, ſondern ſein Herz war getroffen.“ Guiche begriff, worauf der Streit abzielte; er wagte es, Madame ein Zeichen zu machen: durch dieſes Zeichen flehte er ſie an, die Partie aufzugeben. Doch ohne Guiche zu antworten, ohne daß es ſchien, als ſähe ſie ihn, fragte ſie, beſtändig lächelnd: „Wie! Herr von Buckingham war alſo ins Herz getroffen worden? Ich glaubte bis jetzt, eine Wunde im Herzen ließe ſich nicht heilen.“ „Ah! Madame,“ erwiederte Wardes mit freundli⸗ chem Ton,„die Frauen glauben dies alle, und das gibt ihnen über uns die Ueberlegenheit des Vertrauens.“ „Mein Herzchen, Ihr verſteht ſchlecht,“ ſprach der — „Die Seeluft iſt friſch, und dann hatte ich einen —õ—— 5 ——— 378 Prinz ungeduldig.„Herr von Wardes will ſagen, der Herzog von Buckingham ſei im Herzen durch etwas Anderes als einen Degen getroffen worden.“ „Ahl gut! gut!“ rief Madame.„Ahl das iſt ein Scherz von Herrn von Wardes, ſehr gut. Nur moͤchte ich wiſſen, ob ſich Herr von Buckingham an dieſem Scherz ergötzen würde. Es iſt in der That ſehr Schade, daß er nicht hier iſt, Herr von Wardes.“ Ein Blitz zuckte in den Augen des jungen Mannes. „Oh!“ ſagte er, die Zähne an einander preſſend, „es wäre mir auch lieb.“ Guiche rührte ſich nicht. Madame ſchien zu erwarten, daß er ihr zu Hülfe käme. Monſieur zögerte. Der Chevalier von Lorraine trat vor und nahm das Wort. „Madame,“ ſprach er,„Herr von Wardes weiß We We wohl, daß für einen Buckingham im Herzen getroffen werden, nichts Neues iſt, und was er geſagt, hat man ſchon geſehen.“ „Statt eines Verbündeten zwei Feinde,“ murmelte Madame,„zwei vereinigte, erbitterte Feinde.“ Und ſie wechſelte das Geſpräch. Das Geſpräch wechſeln, iſt bekanntlich ein Recht der Fürſten, das die Etiquette zu achten beſtehlt. Der Reſt der Unterhaltung war alſo gemäßigt; die Hauptſchauſpieler hatten ihre Rollen beendigt. Madame zog ſich frühzeitig zurück, und Monſieur, den ſie befragen wollte, reichte ihr die Hand. Der Chevalier von Lorraine befürchtete zu ſehr, 28 könnte ſich ein gutes Einvernehmen zwiſchen den zwei Gatten gründen, um ſie ruhig beiſammen zu laſſen. Er ging nach dem Gemach von Monſieur, um ihn bei ſeiner Rückkehr zu überfallen, und mit drei Worten alle guten Eindrücke zu zerſtören, welche Madame in ſeinem Herzen hätte ausſäen können. „ viele reder Kope ſchaf freit Ver Waz dort ſehe Zei hal ihr das 379 Guiche machte einen Schritt gegen Wardes, den viele Leute umgaben. Er bezeichnete ihm ſo den Wunſch, mit ihm zu reden. Wardes machte mit den Augen und mit dem Kopf ein Zeichen, daß er ihn verſtehe. Dieſes Zeichen hatte für die Fremden nur Freund⸗ ſchaftliches. Dann konnte ſich Guiche umwenden und warten. Er wartete nicht lange. Von den Sprechenden be⸗ freit, näherte ſich Wardes Guiche, und nach einer neuen Verbeugung gingen beide neben einander. „Ihr habt eine gute Rückkehr gehabt, mein lieber Wanrdes,“ ſagte der Graf. „Eine vortreffliche, wie Ihr ſeht.“ „Und Ihr ſeid immer heiteren Geiſtes?“ „Mehr als je.“ „Das iſt ein großes Glück.“ „Was wollt Ihr; es iſt Alles ſo ſpaßhaft in der Welt, es iſt Alles ſo grotesk um uns her.“ „Ihr habt Recht.“ „Ah! Ihr ſeid alſo meiner Meinung?“ 3 653* wohl! Und Ihr bringt keine Nachrichten von ort 2 „Meiner Treue, nein! Ich ſuche hier...“ „Verzeiht. Ihr habt doch Menſchen in Calais ge⸗ ſhene einen unſerer Freunde, und zwar vor nicht langer eit?“ „Leute... einen unſerer Freunde 24 „Ihr habt ein kurzes Gedächtniß.“ „Ahl es iſt wahr, Bragelonne.“ „Ganz richtig.“ „Der ſich in einem Auftrag zu Koͤnig Karl begab.“ „So iſt es. Nun! hat er Cuch nicht geſagt oder habt Ihr ihm nicht geſagt?“ 3 „ Ich muß geſtehen, ich weiß nicht genau, was ich ihm geſagt habe; doch was ich ihm nicht geſagt habe, das weiß ich.“ 380 Herr von Wardes war die Feinheit ſelbſt. Er fühlte vollkommen an der Haltung von Guiche, einer Haltung voll Kälte und Würde, das Geſpräch würde eine ſchlimme Wendung nehmen. Er beſchloß, ſich dem Geſpräch hinzugeben und auf ſeiner Hut zu ſein. „Was iſt das, wenn es Euch beliebt, was Ihr ihm nicht geſagt habt?“ fragte Guiche. „Nun denn! das was La Vallière betrifft.“ „La Vallidre... Was iſt das, und was iſt die ſo ſeltſame Sache, die Ihr dort wußtet, während Bra⸗ gelonne, der hier war, ſie nicht wußte?“ „Fragt Ihr mich das im Ernſte?“ „In vollem Ernſte.“ „Wie, Ihr ein Mann bei Hofe, ein Mann, der bei Madame lebt, Ihr, der Tiſchgenoſſe des Hauſes, Ihr, der Freund von Monſieur, Ihr, der Günſtling un⸗ ſerer ſchönen Prinzeſſin.“ Erröthend vor Zorn, fragte Guiche: „Von welcher Prinzeſſin ſprecht Ihr?“ „Ich kenne nur eine, mein Lieber. Ich ſpreche von Madame. Sagt, habt Ihr noch eine andere Prin⸗ zeſſin bei Hofe?“ Guiche war im Begriff, loszuſchlagen, doch er ſah die Finte. Ein Streit war zwiſchen den zwei jungen Leuten dem Ausbruche nahe. Wardes wollte nur den Streit im Namen von Madame, während ihn Guiche nur im Namen von La Vallidre annahm. Es war von dieſem Augenblick an ein ganzes Fintenſpiel, das ſo lange dauern ſollte, bis der eine von ihnen getroffen war. Guiche gewann wieder ſeine ganze Kaltblütigkeit und ſprach: „Mein lieber Wardes, bei dem Allem iſt nicht ent⸗ fernt von Madame die Rede, ſondern von dem, was Ihr ſo eben ſagtet.“ „Und was ſagte ich?“ „ „Ihr habt Bragelonne gewiſſe Dinge verborgen.“ 381 „Die ihr eben ſo gutwißt, als ich,“ erwiederte Wardes. „Auf Ehre, nein.“ „Geht doch.“ 8 „Wenn Ihr ſie mir ſagt, werde ich ſie wiſſen; ſonſt nicht, das ſchwöre ich Euch.“ „Wie! ich komme ſechzig Meilen weit her; Ihr habt Euch nicht von der Stelle gerührt. Ihr habt mit Euren Augen geſehen, was mir das Gerücht dorthin brachte. Und ich höre Euch im Ernſte zu mir ſagen, Ihr wiſſet nicht. Oh! Graf, Ihr ſeid nicht liebreich.“ „Das wird ſein, wie es Euch beliebt; doch ich wie⸗ derhole Euch, ich weiß nichts.“ „Ihr ſpielt den Diskreten, das iſt klug.“ „Ihr werdet mir alſo eben ſo wenig etwas ſagen, als Bragelonne.“ „Ihr ſpielt den Tauben. Ich bin feſt überzeugt, Madame wäre nicht ſo ſehr Herrin über ſich, wie Ihr.“ „Hal doppelter Heuchler,“ murmelte Guiche,„nun biſt Du wieder auf Deinem Terrain.“ „Nun wohl!“ fuhr Wardes fort,„da es uns ſo ſchwer iſt, uns über La Vallidre und Bragelonne zu verſtändigen, plaudern wir über Eure perſönlichen An⸗ gelegenheiten.“ „Ich habe aber keine perſönliche Angelegenheiten. Ich denke, Ihr habt zu Bragelonne nichts über uns ge⸗ ſagt, was Ihr mir nicht wiederholen könntet?“ „Nein. Doch Ihr begreift, Guiche, daß ich, ſo ſehr ich unwiſſend über gewiſſe Dinge, eben ſo ſehr in Beziehung auf andere beſchlagen bin. Wenn es ſich zum Beiſpiel darum handelte, Euch über die Verhältniſſe und Verbindungen von Buckingham in Paris zu unterhalten, ſo könnte ich Euch, da ich die ganze Reiſe mit dem Herzog gemacht habe, die intereſſanteſten Dinge ſagen. Soll ich ſie Euch ſagen?“ Guiche fuhr mit der Hand über ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne und erwiederte: Nein, hundertmal nein, ich bin nicht neugierig bei 382 den Dingen, die mich nichts angehen. Herr von Bucking⸗ ham iſt für mich nur ein einfacher Bekannter, während Raoul ein vertrauter Freund von mir iſt. Ich bin alſo nicht neugierig, zu erfahren, was ſich mit Herrn von Buckingham begeben hat, während ich jedes Intereſſe habe, zu wiſſen, was Raoul begegnet iſt.“ „In Paris?“ „Ja, in Paris oder in Boulogne. Ihr begreift, ich bin anweſend; tritt ein Ereigniß ein, ſo bin ich da, um ihm die Stirne zu bieten. Doch Raoul iſt abwe⸗ ſend und hat nur mich, um ihn zu vertreten; die An⸗ gelegenheiten von Raoul gehen alſo den meinigen voran.“ „Raoul wird aber zurückkommen.“ „Nach ſeiner Sendung,— mittlerweile, das begreift Ihr, dürfen keine ſchlimme Gerüchte über ihn im Um⸗ lauf ſein, ohne daß ich ſie unterſuche.“ „Um ſo mehr, als er einige Zeit in London bleiben wird,“ verſetzte Wardes hohnlächelnd. „Ihr glaubt?“ fragte Guiche naiv. „Bei Gott! glaubt Ihr, man ſchicke einen Geſandten nach London, damit er nur hin⸗ und herreiſe!.. Nein, man hat ihn nach London geſchickt, damit er dort bleibt.“ „Ah! Graf,“ ſagte Guiche, indem er mit Gewalt die Hand von Wardes ergriff,„das iſt ein für Brage⸗ lonne ſehr ärgerlicher Verdacht, der vortrefflich das rechtfertigt, was er mir von Boulogne geſchrieben hat.“ Wardes wurde wieder kalt, die Liebe zum Spotten hatte ihn angeſtachelt, und er hatte ſich durch ſeine Un⸗ klugheit eine Blöße gegeben. „Nun, ſo ſagt, was hat er geſchrieben?“ „Ihr habet ihm einige treuloſe Inſinuationen ge⸗— gen La Vallière zugeflüſtert, und es habe geſchienen, als lachtet Ihr über ſein großes Vertrauen zu dieſem Mädchen.“ „Ja, ja, ich habe das Alles gethan, und war be⸗ reit, indem ich dieß that, den Vicomte von Bragelonne mir ſagen zu hören, was ein Mann einem andern Mann 4 —— 383 ſagt, wenn dieſer ihn unzufrieden gemacht hat. So, zum Beiſpiel, wenn ich einen Streit mit Cuch ſuchte, würde ich Euch ſagen, Madame, nachdem ſie Herrn von Buckingham ausgezeichnet, gelte in dieſem Augenblick dafür, daß ſie den ſchönen Herzog nur zu Curen Gun⸗ ſten weggeſchickt habe.“ „Ohl das würde mich nicht im Geringſten verletzen, lieber Wardes,“ ſagte Guiche lächelnd, trotz des Schauers, der ſeine Adern wie eine Feuereinſpritzung durchlief. „Teufel! eine ſolche Gunſt, das iſt Honig.“ „Einverſtanden, doch wenn ich durchaus einen Streit mit Euch haben wollte, ſo würde ich Euch lügen zu ſtrafen ſuchen und von einem gewiſſen Bosquet, wo Ihr Euch mit dieſer erhabenen Prinzeſſin zuſammenge⸗ funden, von gewiſſen Kniebeugungen, von einem gewiſſen Handkuß ſprechen, und Ihr, der Ihr ein verſchwiegener, lebhafter und wunderlicher Mann ſeid...“ „Nein, ich ſchwöre Euch,“ unterbrach ihn Guiche mit einem Lächeln auf den Lippen, obgleich er glaubte, er müſſe ſterben;„nein, ich ſchwöre Euch, das würde mich nicht berühren, ich würde Euch nicht lügen ſtrafen; ſeht, Theuerſter, ich bin nun einmal ſo, bei den Din⸗ gen, die mich betreffen, bin ich von Eis. Ahl das iſt ganz etwas Anderes, wenn es ſich um einen abweſen⸗ den Freund handelt, um einen Freund, der uns bei ſei⸗ ner Abreiſe ſeine Intereſſen anvertraut hat; ohl für dieſen Freund, ſeht Ihr, Wardes, bin ich ganz Feuer!“ „Ich verſtehe Euch, Herr von Guiche; doch Ihr möget ſagen, was Ihr wollt, es kann in dieſem Augen⸗ blick zwiſchen uns weder von Bragelonne, noch von dem bedeutungsloſen Mädchen die Rede ſein, das man La Vallidre nennt.“ In dieſem Augenblick durchſchritten einige junge Leute von Hof den Salon und waren, da ſie ſchon die Worte gehört, welche geſprochen worden, auch im Stande, diejenigen zu hören, welche noch folgen ſollten. Wardes gewahrte dieß und fuhr laut fort: 384 „Ohl wenn La Vallidre eine Coquette wäre, wie Madame, deren, ich will es wohl glauben, unſchuldige Lockungen zuerſt gemacht haben, daß Herr von Bucking⸗ ham nach England zurückgeſchickt wurde, ſodann daß man Euch verbannte, denn Ihr habt Euch am Ende von dieſen Lockungen fangen laſſen, nicht wahr, meine Herren?“ Die Cavaliere näherten ſich, Saint⸗Aignan an der Spitze, Manicamp hernach. „Ei! mein Lieber, was wollt Ihr?“ verſetzte Guiche lachend,„ich bin ein Geck, alle Welt weiß das. Ich habe einen Scherz im Ernſte genommen und dadurch gemacht, daß ich verbannt wurde. Doch ich habe mei⸗ nen Irrthum eingeſehen, ich habe meine Citelkeit zu den Füßen des Berechtigten niedergebeugt und meine Zurückberufung erlangt, indem ich öffentliche Abbitte that und mir ſelbſt mich von dieſem Fehler zu heilen gelobte, und Ihr ſeht, ich bin ſo gut davon geheilt, daß ich nun über das lache, was mir vor vier Tagen das Herz brach. Doch er, Raoul, liebt, er wird geliebt, er lacht nicht über Gerüchte, die ſein Glück ſtören kön⸗ nen, über Gerüchte, zu deren Dolmetſcher Ihr Euch gemacht habt, während Ihr doch, wie ich, wie dieſe Herren, wie Jedermann wußtet, daß dieſe Gerüchte nur eine Verleumdung waren!“ „Eine Verleumdung!“ rief Wardes wüthend, ſich durch die Kaltblütigkeit von Guiche in die Falle ge⸗ trieben zu ſehen. „Ja, eine Verl umdung. Hier iſt ſein Brief, wo⸗ rin er mir ſchreibt, Ihr habet ſchlimm von Fräulein de la Vallidre geſprochen, und worin er mich fragt, ob das, was Ihr von dem Mädchen geſagt, wahr ſei. Soll ich dieſe Herren zu Richtern machen, Wardes?“ Und mit der größten Kaltblütigkeit las Guiche ganz laut den Abſatz des Briefes vor, der La Vallière betraf. „Und nun,“ fuhr Guiche fort,„nun iſt es für mich erwieſen, daß Ihr die Ruhe des lieben Bragelonne verletzen wolltet, und daß Eure Reden boshaft waren.“ Wardes ſchaute umher, um zu wiſſen, ob er irgendwo auf Unterſtützung zu hoffen hätte; doch bei dem Gedanken, daß Wardes unmittelbar oder mittelbar diejenige beleidigt habe, welche das Idol des Tages war, ſchüttelte jeder den Kopf und Wardes ſah nur Männer, bereit, ihm Unrecht zu geben. „Meine Herren,“ ſprach Guiche, der inſtinktartig das allgemeine Gefühl errieth,„unſere Erörterung mit Herrn von Wardes betrifft einen Gegenſtand von ſo zarter Natur, daß es von Gewicht iſt, daß Niemand mehr davon hoͤrt, als Ihr davon gehört habt. Ich bitte Euch daher, bewacht die Thüren und laßt uns unſer Geſpräch unter uns vollenden, wie es ſich unter zwei Edelleuten geziemt, von denen der eine den andern lügen geſtraft hat.“ „Meine Herren! meine Herren!“ riefen die An⸗ weſenden. „Findet Ihr, daß ich Unrecht gehabt habe, Fräu⸗ lein de la Vallière zu vertheidigen?“ ſagte Guiche. „In dieſem Fall unterziehe ich mich der Verurtheilung und nehme die verletzenden Worte zurück, die ich gegen Herrn von Wardes habe ausſprechen können.“ „Teufel!“ ſagte Saint⸗Aignan.„Nein! nein!.. Fräulein de la Vallidre iſt ein Engel!“ „Die Tugend, die Reinheit in Perſon,“ rief Mani⸗ camp.. „Ihr ſeht, Herr von Wardes,“ ſprach Guiche,„ich bin nicht der Einzige, der die Vertheidigung dieſes armen Kindes übernimmt. Meine Herren, zum zweiten Male flehe ich Euch an, uns allein zu laſſen. Ihr ſeht, man kann unmöglich ruhiger ſein, als wir es ſind.“ Die Höflinge entfernten ſich gerne; die einen gin⸗ gen an eine Thüre, die andern an die andere. Die zwei jungen Leute blieben allein. Die drei Musketitre. Bragelonne. VI. „Gut geſpielt,“ ſagte Wardes zum Grafen. „Nicht wahr?“ erwiederte dieſer. .„Was wollt Ihr, ich bin in der Provinz einge⸗ roſtet, mein Theurer, während mich das, was Ihr an Selbſtbeherrſchung gewonnen habt, verwirrt; man er⸗ langt immer etwas in der Geſellſchaft der Frauen, empfangt alſo alle meine Complimente.“ „Ich empfange ſie.“ „Und ich werde ſie an Madame zurückwenden.“ „Oh! nun, mein lieber Herr von Wardes, ſprechen wir ſo laut, als es Guch beliebt.“ „Fordert mich nicht heraus.“ „Ich fordere Euch heraus. Ihr ſeid als ein bos⸗ hafter Menſch bekannt; wenn Ihr das thut, werdet Ihr für einen Feigen gelten, und Monſieur wird Euch heute Abend an ſeine Fenſterſtange hängen laſſen.“ „Ich bin geſchlagen.“ „Ja, aber nicht ſo ſehr, als es ſich gebührt.“ „Ich ſehe, es wäre Euch nicht leid, wenn Ihr mich ganz und gar auf das Haupt ſchlagen würdet.“ „Noch mehr.“ „Teufel, Graf, für den Augenblick ſeid Ihr übel daran; nach der, die ich geſpielt, kann mir eine andere Partie nicht zuſagen; ich habe zu viel Blut in Boulogne ver⸗ loren; bei der geringſten Anſtrengung würden ſich meine Wunden wieder öffnen, und Ihr hättet in der That bei mir einen zu leichten Handel.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Guiche,„und dennoch habt Ihr bei Eurer Ankunft Euer ſchönes Ausſehen und Fure guten Arme zur Schau geſtellt.“ „Ja, die Arme gehen allerdings noch, aber die Beine ſind ſchwach, und dann habe ich ſeit dem ver⸗ teufelten Duell kein Rappier mehr in der Hand gehabt, und Ihr, dafür ſtehe ich, Ihr fechtet alle Tage, um Euren kleinen Hinterhalt zu einem guten Ende zu führen.“ —— „Bei meiner Ehre,“ erwiederte Guiche,„ſeit einem halben Jahre habe ich mich nicht mehr geübt.“ „Nein, ſeht, Graf, Alles wohl überlegt, werde ich mich nicht ſchlagen, wenigſtens nicht mit Euch. Ich werde auf Bragelonne warten, da Ihr mir ſagt, Brage⸗ lonne ſei böſe auf mich.“ „Ohl nein, Ihr werdet nicht auf Bragelonne war⸗ ten,“ rief Guiche außer ſich,„denn Ihr habt es geſagt, Bragelonne kann lange nicht zurückkommen und mittler⸗ weile wird Euer ſchlimmer Geiſt ſein Werk vollbringen.“ „Ich werde jedoch eine Entſchuldigung haben. Nehmt Euch in Acht.“ „Ich gebe Euch acht Tage zu Curer völligen Wie⸗ derherſtellung.“ „Das iſt ſchon beſſer. In acht Tagen werden wir ſehen.“ „Ja, ja, ich begreife, in acht Tagen kann man ſeinem Feinde entkommen. Nein, nein, nicht einen.“ „Ihr ſeid verrückt, mein Herr,“ ſagte Wardes, in⸗ dem er einen Schritt rückwärts machte. „Und Ihr ſeid ein Elender, wenn Ihr Euch nicht freiwillig ſchlagt.“ „Nun?“ „Ich zeige es dem König an, daß Ihr Euch geweigert, Euch zu ſchlagen, nachdem ihr La Vallière beſchimpft.“ „Ah!“ verſetzte Wardes,„Ihr ſeid gefährlich ver⸗ rätheriſch, mein redlicher Herr.“ „Nichts kann gefährlicher ſein, als die Falſchheit desjenigen, welcher immer den Rechtſchaffenen ſpielt.“ „Gebt mir meine Beine wieder, oder laßt Euch Alles Blut abzapfen, um die Chancen gleich zu machen.“ „Nein, ich habe etwas Beſſeres.“ „Sprecht.“. „ Wir ſetzen uns beide zu Pferde und wechſeln drei Piſtolenſchüſſe. Ihr ſeid ein vortrefflicher Schütze. Ich habe Euch Schwalben mit der Kugel im Galopp ſchießen ſehen. Leugnet es nicht, ich habe es geſehen.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht, und ſo iſt es möge⸗ lich, daß ich Euch tödte.“ „Ihr würdet mir in der That einen Dienſt leiſten.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Iſt das abgemacht!“ „Eure Hand.“ „Hier habt Ihr ſie... Unter einer Bedingung jedoch.“ „Nennt ſie.“ „Ihr ſchwört mir, nichts dem Koͤnig zu ſagen oder ſagen zu laſſen?“ „Nichts, ich ſchwöre es Euch.“ „Ich will mein Pferd holen.“ „Und ich das meinige.“ „Wohin reiten wir?“ Orf„Nach der Ebene, ich weiß einen vortrefflichen r.* „Reiten wir mit einander?“ „Warum nicht?“ Und beide gingen nach den Ställen, wobei ſie un⸗ ter den ſanft erleuchteten Fenſtern von Madame vor⸗ überkamen; ein Schatten erhob ſich hinter den Spitzen⸗ vorhängen. 4 „Ah!“ ſagte Wardes lächelnd,„das iſt eine Frau welche nicht vermuthet, daß wir für ſie in den Tod gehen.“ en XXXII. Der Bweikampf. Wardes wählte ſein Pferd und Guiche das ſeinige. Dann ſattelte es jeder mit einem Sattel, woran Halfter. Wardes hatte keine Piſtolen. Guiche hatte zwei Paare. Er holte ſie in ſeiner Wohnung, und überließ Wardes die Wahl. Wardes wählte diejenigen, deren er ſich zwanzig⸗ mal bedient hatte, dieſelben, mit denen ihn Guiche hatte Schwalben im Flug ſchießen ſehen. „Ihr werdet Euch nicht wundern, daß ich alle Vor⸗ ſicht gebrauche,“ ſagte er.„Eure Waffen ſind Euch bekannt. Ich mache folglich nur die Chancen gleich.“ „Dieſe Bemerkung war überflüſſig, Ihr ſeid in Eurem Recht,“ erwiederte Guiche. 8 „Nun bitte ich Euch mir zu Pferde ſteigen helfen zu weülen, denn das hat bei mir noch eine gewiſſe Schwie⸗ rigkeit.“ „Dann hätte man es zu Fuß abmachen ſollen.“ „Nein, einmal im Sattel, ſtelle ich meinen Mann.“ „Gut, ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Hienach half Guiche Herrn von Wardes zu Pferde ſteigen. „In unſerem Eifer, nur zu vertilgen, haben wir Eines nicht berückſichtigt,“ fuhr der junge Mann fort. „Was?“ „Daß es Nacht iſt, und daß wir uns im Finſtern tappend tödten müſſen.“ „Immerhin, es wird daſſelbe Reſultat ſein.“ „Wir müſſen zu doch auf einen andern Umſtand Acht haben.“ „Auf welchen?“ „Auf den, daß ehrliche Leute ſich nicht ohne Ge⸗ fährten ſchlagen.“ „Oh!“ rief Guiche,„Ihr wünſcht eben ſo ſehr als ich, die Dinge gut zu machen.“ „Ja: aber man ſoll nicht ſagen können, Ihr habet mich ermordet, ebenſo wenig, als ich, falls ich Euch tödten würde, eines Verbrechens beſchuldigt ſein will.“ „Hat man dergleichen von Eurem Duell mit Bu⸗ kingham geſagt,“ verſetzte Guiche;„es hat doch unter denſelben Bedingungen ſtattgefunden, unter denen das unſere ſtattfinden ſoll.“ „Ahl es war noch Tag, und wir ſtanden bis an die Schenkel im Waſſer; überdieß waren viele Zuſchauer am Ufer verſammelt und ſahen uns zu.“ Guiche dachte einen Augenblick nach; doch der Ge⸗ danke, der ſchon einmal in ſeinem Geiſte aufgetaucht, befeſtigte ſich darin, der Gedanke nämlich, Wardes wolle Zeugen haben, um das Geſpräch wieder auf Madame zu bringen, und dem Zweikampf eine neue Wendung zu geben. Er erwiederte alſo nichts, und als ihn Wardes zum letzten Mal mit dem Blick befragte, antwortete er ihm durch ein Zeichen mit dem Kopf, das beſagen wollte, es wäre das Beſte, ſo wie es ſtünde, fortzumachen. Die zwei Gegner begaben ſich dem zu Folge auf den Weg, und ritten aus dem Schloß durch das Thor weg, das uns bekannt iſt, weil wir nahe bei demſelben Montalais und Malicorne geſehen. Die Nacht hatte, als wollte ſie die Hitze des Ta⸗ ges bekämpfen, alle ihre Wolken angehäuft und trieb ſie ſchweigſam und ſchwerfällig vom Weſten nach dem Oſten. Dieſer Dom ohne Lichtungen und ſcheinbare Blitzſtrahle laſtete mit ſeinem ganzen Gewicht auf der Erde und fing an, ſich unter den Anſtrengungen des Windes zu durchlöchern wie ein ungeheuer vom Tä⸗ felwerk abgeriſſener Vorhang. Die Waſſertropfen fielen lau und breit auf die 2 Erde, wo ſie den Staub in rollende Kügelchen zuſam⸗ menballten. Hecken, die den Sturm einathmeten, durſtige Blu⸗ men, zerzauste Bäume ſtrömten zu gleicher Zeit tau⸗ ſend aromatiſche Gerüche aus, welche dem Gehirn die ſüßen Erinnerungen, die Ideen von Jugend, ewigem Leben, Glück und Liebe zuführte. „Die Erde riecht gut,“ ſagte Wardes,„es iſt eine Coquetterie von ihr, um uns zu ſich herabzuziehen.“ „Ah!“ erwiederte Guiche, ges ſind mir mehrere Gedanken gekommen, und ich will ſie Euch unterwerfen.“ „Bezüglich?“ „Bezüglich unſeres Zweikampfs.“ „Es iſt in der That, wie mir ſcheint, Zeit, daß wir uns damit beſchäftigen.“ „Wird es ein gewöhnlicher Zweikampf und geord⸗ net nach dem Gebrauche ſein?“ „Wie iſt Euer Gebrauch?“ „Wir ſteigen auf einer guten Ebene ab, wir bin⸗ den unſere Pferde an den erſten, den beſten Gegenſtand an, wir treten ohne Waffen zuſammen, dann entfernen wir uns jeder hundert und fünfzig Schritte, um auf einander loszugehen.“ „Gut, ſo tödtete ich den armen Follivant.“ „Verzeiht, Ihr vergeßt einen Umſtand.“ „Welchen?“. „Bei Eurem Duell mit Follivant, ginget Ihr zu Fuß, den Degen in den Zähnen und die Piſtole in der Fauſt auf einander zu.“ „Das iſt wahr.“ „Diesmal, da ich nicht gehen kann, Ihr geſteht es ſelbſt, ſteigen wir im Gegentheil wieder zu Pferde, ſpren⸗ ze gegeneinander vor und der Erſte, der ſchießen will, ießt.“ „Das dünkt mir das Beſte zu ſein, doch es iſt Nacht; man muß mehr verlorene Schüſſe zählen, als es bei Tag gäbe.“ „Gut! Jeder hat drei Schüſſe! die zwei, welche ſchon geladen ſind und einen des Wiederladens.“ „Vortrefflich! Wo wird unſer Duell ſtattfinden?“ „Gebt Ihr einem Ort den Vorzug?⸗ „Nein.“ „Ihr ſeht das kleine Gehoͤlze, das ſich vor uns ausdehnt?“ 4 „Bois de Rochers? Allerdings.“ „Ihr kennt es?“ „Genau!“ „Ihr wißt alſo, daß es eine Lichtung in ſeinem Mittelpunkt hat!“ „Ja.“ „Reiten wir nach dieſer Lichtung.“ „Gut.“ „Es iſt eine Art von natürlichem Kampfplatz mit allen möglichen Wegen, Abwegen, Fußpfaden, Gräben, Waldungen, Alleen; wir werden vortrefflich dort ſein." „Sehr gut. Ich glaube, wir ſind an Ort und Stelle.“ „Ja, ſeht den ſchönen Raum in der Rundung. Das Wenige von Helle, was von den Sternen herab⸗ fällt, wie Corneille ſagt, drängt ſich auf dieſen Platz zuſammen; die natürlichen Grenzen ſind der Wald, der ihn mit ſeinen Schranken umkreist.“ „Wohll thut, wie Ihr ſagt.“ „Stellen wir die Bedingungen vollends feſt.“ „Höret die meinigen: habt Ihr etwas dagegen, ſo ſagt Ihr es.“ „Ich höre.“ „Die Tödtung des Pferdes verbindet ſeinen Herrn, zu Fuß zu fechten?“ „Das iſt nicht zu beſtreiten, da wir keine Pferde zum Wechſeln haben.“. „Verbindet aber den Gegner nicht, von ſeinem Pferde abzuſteigen.“ —— „Es ſteht dem Gegner frei, zu handeln wie es ihm gut dünkt.“ „Sind die Gegner einmal vereinigt, ſo können ſie ſich nicht mehr trennen, und müſſen folglich die Piſtole auf der Bruſt auf einander ſchießen.“ „Angenommen.“. „Drei Schüſſe ohne Wehr, nicht wahr?“ „Ich glaube, das iſt genügend. Hier habt Ihr Pulver und Kugeln für Eure Piſtolen; meßt drei La⸗ dungen, nehmt drei Kugeln; ich werde daſſelbe thun; dann zerſtreuen wir den Reſt des Pulvers und werfen die übrigen Kugeln weg.“ „Und wir ſchwören auf Chriſtus, nicht wahr,“ fügte Wardes bei,„daß wir weder Pulver, noch Kugeln mehr bei uns haben?“ „Abgemacht, ich ſchwöre.“ Guiche ſtreckte die Hand zum Himmel empor. Wardes ahmte ihn nach. „Und nun, mein lieber Graf,“ ſprach Wardes,„er⸗ laubt mir, Euch zu ſagen, daß ich mich durch nichts bethoͤren laſſe: Ihr ſeid der Geliebte von Madame, oder werdet es ſein. Ich habe das Geheimniß ergründet, Ihr befürchtet, ich könnte es ruchbar machen; Ihr wollt mich tödten, um Euch das Stillſchweigen zu ſichern, das iſt ganz einfach, an Eurer Stelle würde ich daſ⸗ ſelbe thun.“ Guiche neigte das Haupt. „Nur,“ fuhr Wardes triumphirend fort,„nur ſagt mir, war es wohl der Gedanke, mir auch die ſchlimme Angelegenheit von Bragelonne auf den Nacken zu wer⸗ fen; nehmt Euch in Acht, mein lieber Freund, wenn man das Wildſchwein in die Enge treibt, macht man es wüthend; wenn man den Fuchs hetzt, verleiht man ihm die Wildheit des Naguars. Daraus geht hervor, daß ich mich, von Euch auf das Aeußerſte getrieben, bis auf den Tod vertheidige.“ „Das iſt Euer Recht.“ 394 „Ja, doch nehmt Euch in Acht, ich werde viel Bö⸗ ſes thun; ſo, um anzufangen, errathet Ihr wohl, nicht wahr, daß ich nicht die Dummheit begangen habe, mein Geheimniß oder vielmehr Euer Geheimniß in meinem Herzen zu verſchließen. Ein Freund, ein geiſtreicher Freund, den Ihr kennt, iſt Mitwiſſer meines Geheim⸗ niſſes; verſteht alſo wohl, daß, wenn Ihr mich tödtet, mein Tod nicht viel genützt haben wird, während da⸗ gegen, wenn ich Euch tödte,— Teufel! Ihr begreift wohl, Alles iſt möglich.“ Guiche ſchauerte. „Wenn ich Euch tödte,“ fuhr Wardes fort,„wer⸗ det Ihr Madame zwei Feinde angehängt haben, wel⸗ cher einer immer beſſer als der andere auf ihren Ruin arbeiten werden.“ „Oh! mein Herr„“ rief Guiche wüthend,„rechnet nicht ſo auf meinen Tod; von dieſen zwei Feinden werde ich den einen ſogleich und den andern bei der erſten Gelegenheit tödten.“ Wardes antwortete nun durch ein dergeſtalt teuf⸗ liſches Gelächter, daß ein Abergläubiſcher darüber er⸗ ſchrocken wäre. Guiche war jedoch nicht in dieſem Grad für Ein⸗ drücke empfänglich. „Ich glaube, Alles iſt geordnet, Herr von War⸗ des,“ ſagte er,„nehmt alſo Euren Abſtand, wenn Ihr nicht lieber wollt, daß ich dieß thue.“ „Nein,“ erwiederte Wardes,„ich bin entzückt, Euch eine Mühe zu erſparen.“ Und er ſetzte ſein Pferd in Galopp, durcheilte die Lichtung in ihrer ganzen Ausdehnung und nahm ſeinen Poſten an dem Punkte vom Umkreiſe des Kreuzwegs, der dem gegenüber lag, wo Guiche Halt gemacht hatte. Guiche blieb unbeweglich. Auf eine Entfernung von ungefähr hundert Schrit⸗ ten waren die Gegner, verloren im dichten Schatten — —,— O S8 B 12 ᷣ + A— N——— N —2 N AN 395 der Ulmen und Kaſtanienbäume, völlig unſichtbar für einander. Eine Minute verging unter dem tiefſten Still⸗ ſchweigen. Nach Verlauf dieſer Minute hörte jeder im Schooße des Schattens, wo er verborgen war, das doppelte Knacken des Hahns, der in der Batterie tönte. Die gewohnliche Taktik befolgend, ſetzte Guiche ſein Pferd in Galopp, überzeugt, er würde eine dop⸗ pelte Garantie der Sicherheit in der Wellenbewegung und in der Geſchwindigkeit des Laufes finden. Dieſer Lauf wandte ſich in gerader Linie nach dem Wuntt den ſeiner Meinung nach ſein Gegner einnehmen mußte. Auf der Hälfte des Wegs hoffte er Wardes zu be⸗ gegnen; er täuſchte ſich. Er ritt weiter, in der Vorausſetzung, Wardes er⸗ warte ihn unbeweglich. Als er aber zwei Drittel der Lichtung durchſchritten hatte, ſah er plötzlich den Kreuzweg ſich beleuchten, und eine Kugel ſchnitt pfeifend die Feder ab, die ſich auf ſeinem Hute rundete. Beinahe zu gleicher Zeit, und als hätte das Feuer des erſten Schuſſes nur dazu gedient, dem zweiten zu leuchten, erſcholl ein zweiter Schuß, und eine zweite Kugel durchbohrte den Kopf des Pferdes von Guiche ein wenig unter dem Ohr. Das Pferd ſtürzte nieder. Guiche wurde von dem größten Erſtaunen ergriffen, da dieſe zwei Schüſſe in einer der, in welcher er es erwartete, ganz entgegengeſetzten Richtung kamen; als ein. Mann von großer Kaltblütigkeit, berechnete er ſeinen Fall indeß nicht ſo gut, daß nicht das Ende ſeines Stiefels unter dem Pferde feſtgehalten wurde. Zum Glück machte das Pferd in ſeinem Todeskampf eine Bewegung und Guiche konnte ſein minder gepreßtes Bein frei machen. —— Guiche ſtand auf und befühlte ſich: er war nicht verwundet. In dem Augenblick, wo er ſein Pferd wanken ge⸗ fühlt, hatte er die zwei Piſtolen in die Halfter geſteckt, aus Furcht, der Sturz könnte einen von den zwei Schüſſen und ſogar beide losgehen machen, was ihn unnütz ent⸗ waffnet hätte. Sobald er ſtand, nahm er ſeine Piſtolen wieder aus den Halftern, und ging auf die Stelle zu, wo er beim Schein der Flamme Wardes hatte erſcheinen ſehen. Guiche hatte ſich ſogleich Rechenſchaft von ſeinem Manoeuvre gegeben, das höchſt einfach war. Statt auf Guiche zuzureiten oder an ſeinem Platze zu bleiben und ihn hier zu erwarten, war Wardes un⸗ gefähr fünfzehn Schritte dem Schattenkreis gefolgt, der ihn dem Blick ſeines Gegners entzog, und in dem Augen⸗ blick, wo ihm dieſer in ſeinem Laufe die Seite bot, hatte er von ſeinem Platze aus, bequem zielend und unterſtützt, ſtatt gehindert durch den Galopp des Pfer⸗ des, geſchoſſen. 1 Man hat geſehen, daß die erſte Kugel, trotz der Finſterniß, auf kaum einen Zoll vom Kopf von Guiche vorübergeflogen war. Wardes war ſeines Schuſſes ſo ſicher, daß er Guiche fallen zu ſehen geglaubt hatte. Sein Erſtaunen war baget groß, als der Reiter im Gegentheil im Sattel ieb. Er beeilte ſich, zum zweiten Mal zu ſchießen, machte eine Wendung mit der Hand und töoͤdtete das Thier. Dies war eine glückliche Ungeſchicklichkeit, wenn Guiche unter dem Pferde feſtgehalten blieb. Ehe er ſich losmachen konnte, lud Wardes ſeinen dritten Schuß, und Guiche war ſeiner Gnade anheimgegeben. Guiche ſtand aber ganz im Gegentheil und hatte drei Schüſſe abzufeuern. Guiche begriff die Lage der Dinge... Es han⸗ delte ſich darum, Wardes an Geſchwindigkeit zu⸗ „ vorzukommen. Er lief, um ihn zu erreichen, ehe er ſeine Piſtole geladen hätte. Wardes ſah ihn wie einen Sturm herbeikommen. Die Kugel war in ihrer Größe ſehr genau und wider⸗ ſtand dem Ladeſtock. Schlecht laden hieß ſich der Ge⸗ fahr ausſetzen, den letzten Schutz zu verlieren. Gut laden hieß ſeine Zeit verlieren oder vielmehr das Leben verlieren. Er ließ ſein Pferd einen Seitenſprung machen. Guiche drehte ſich auf dem Abſatz um, und in dem Augenblick, wo das Pferd niederfiel, ging der Schuß los und riß Wardes den Hut vom Kopf. Wardes begriff, daß er einen Augenblick für ſich hatir er benützte ihn, um ſeine Piſtole vollends zu aden. Als Guiche ſah, daß ſein Gegner nicht fiel, warf er die erſte Piſtole, die ihm unnütz geworden, weg, und ging, die zweite erhebend, auf Wardes zu. Doch beim dritten Schritt, den er machte, faßte ihn Wardes unter dem Marſchiren und der Schuß ging los. Ein Brüllen des Zorns antwortete hierauf; der Arm des Grafen zog ſich krampfhaft zuſammen und ſank dann nieder. Die Piſtole fiel. Wardes ſah den Grafen ſich bücken, die Piſtole mit der linken Hand aufheben und einen neuen Schritt gegen ihn machen. Der Augenblick war entſcheidend. „Ich bin verloren,“ murmelte Wardes,„er iſt nicht tödtlich verwundet.“ Doch in dem Moment, wo Guiche ſeine Piſtole gegen Wardes erhob, beugten ſich der Kopf, die Schul⸗ tern und die Kniee des Grafen zu gleicher Zeit. Er ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus und rollte zu den Füßen des Pferdes von Wardes. „Vorwärts,“ murmelte dieſer. ———j— 8— 398 Und raffte die Zügel zuſammen und gab ſeinem Pferde beide Sporen. Das Pferd ſetzte über den trägen Körper und trug Wardes nach dem Schloſſe fort. Hier angekommen, hielt Wardes eine Viertelſtunde mit ſich Rath. In ſeiner Ungeduld, das Schlachtfeld zu verlaſſen, hatte er es verſäumt, ſich zu verſichern, ob Guiche todt ſei. Eine doppelte Hypotheſe bot ſich dem Geiſt von Wardes. Entweder war Guiche getödtet oder nur verwundet. Sollte er, wenn Guiche getödtet, ſo ſeinen Leich⸗ nam den Wölfen überlaſſen? eine unnütze Grauſamkeit, da Guiche, wenn er getoͤdtet, ſicherlich nicht mehr ſpre⸗ chen würde. 4 War Guiche nicht getödtet, warum ſich dadurch, daß er ihm keine Hülfe brächte, für einen der Groß⸗ muth unfähigen Wilden anſehen laſſen? Dieſe letzte Betrachtung trug den Sieg davon. Wardes erkundigte ſich nach Manicamp. Er erfuhr, Manicamp habe ſich nach Guiche er⸗ kundigt, und ſei, da er nicht gewußt, wo er ihn treffen ſollte, zu Bette gegangen. Wardes weckte den Schläfer und erzählte ihm den Vorfall, den Manicamp, ohne ein Wort zu ſagen, aber mit einem Ausdruck wachſender Energie, der man ſeine Phyſiognomie hätte unfähig glauben ſollen, anhörte. Erſt als Wardes geendigt hatte, ſprach Manicamp das einzige Wort:„Vorwärts.“ Unter Weges erhitzte ſich die Phantaſie von Mani⸗ camp, und je länger ihm Wardes von den Abenteuern erzählte, deſto mehr verdüſterte er ſich. Als Wardes geendigt hatte, fragte er: „Ihr haltet ihn alſo für todt?“ „Ach! ja.“ —— — „Und Ihr habt Guch nur ſo ohne Zeugen ge⸗ ſchlagen?20 „Er hat es ſo gewollt.“ „Das iſt ſonderbar.“ „Wie, das iſt ſonderbar?“ das ſieht dem Charakter von Guiche ſehr wenig ähnlich.“ „Ich denke, Ihr zweifelt nicht an meinem Wort?“ „Ehl eh!“ „Ihr zweifelt daran?“ „Ein wenig. Doch ich werde noch viel mehr daran zweifeln, das ſage ich Euch zum Voraus, wenn ich den armen Jungen todt ſehe.“ „Herr Manicamp!“ „Herr von Wardes!“ „Mir ſcheint, Ihr beleidigt mich.“ „Wie es Euch beliebt. Was wollt Ihr, ich bin den Leuten nie ſehr hold geweſen, welche kommen und zu einem ſagen:„„Ich habe den und den Herrn in einem Winkel getöͤdtet, das iſt ein ſehr großes Unglück. Aber ich habe ihn redlich getöodet.“ Es iſt ſehr ſinſter für dieſes Nebenwort Herr von Wardes.“ „Stille, wir ſind an Ort und Stelle.“ Man fing wirklich an, die kleine Lichtung und im leeren Raum die unbewegliche Maſſe des todten Pfer⸗ des zu erblicken. Rechts von dem Pferd, auf dem ſchwarzen Gras, lag, das Geſicht der Erde zugekehrt, der arme Graf in ſeinem Blute gebadet. Er war auf derſelben Stelle geblieben und ſchien nicht einmal eine Bewegung gemacht zu haben. 1 Manicamp warf ſich auf die Kniee, hob den Grafen auf und fand ihn kalt und von Blut benetzt. Er ließ ihn wieder niederfallen. Dann ſtreckte er ſich bei ihm aus und ſuchte, bis er die Piſtole von Guiche gefunden hatte. 4 „Zum Henker!“ ſagte er ſodann, waͤhrend er bleich ““— — wie ein Geſpenſt und die Piſtole in der Fauſt aufſtand, „zum Henker! Ihr täuſchtet Euch nicht, er iſt todt!“ „Todt?“ wiederholte Wardes. „Ja, und ſeine Piſtole iſt geladen,“ fügte Mani⸗ camp, mit dem Finger die Zündpfanne unterſuchend, bei. „Sagte ich Euch nicht, ich habe ihn im Gehen ge⸗ faßt, und ich habe in dem Augenblick, wo er auf mich gezielt, geſchoſſen?“ „Seid Ihr ſicher, daß Ihr Euch mit ihm geſchla⸗ gen habt, Herr von Wardes? ich, ich muß es geſtehen, befürchte, Ihr habt ihn ermordet. Ohl ſchreit nicht! Ihr habt Eure drei Schüſſe abgefeuert und ſeine Pi⸗ ſtole iſt geladen! Ihr habt ſein Pferd getödtet, und er, Guiche, einer der beſten Schützen Frankreichs, hat weder Euch, noch Euer Pferd getroffen! Höret, Herr von Wardes, es iſt ein Unglück für Euch, daß Ihr mich hierher geführt habt; all dieſes Blut iſt mir zu Kopf geſtiegen; ich bin ein wenig trunken, und glaube bei meiner Ehre, ich werde Euch, da ſich die Gelegenheit bietet, die Hirnſchale zerſchmettern. Herr von Wardes, empfehlt Eure Seele Gott!“ „Herr Manicamp, Ihr bedenkt nicht...“ „Doch im Gegentheil, ich bedenke zu viel.“ „Ihr würdet mich ermorden?. bl„Ohne Gewiſſensbiſſe, wenigſtens für den Augen⸗ i. „Seid Ihr ein Edelmann?“ „Man iſt Page geweſen, und hat folglich ſeine Proben abgelegt.“ „Laßt mich mein Leben vertheidigen.“ „Gut, damit Ihr mir thätet, was Ihr dem armen Guiche gethan habt.“ Nach dieſen Worten hob Manicamp ſein Piſtole auf und hielt ſie, den Arm geſpannt und die Stirne gefaltet, in der Hohe der Bruſt von Wardes feſt. Da vernahm man unter dieſem gräßlichen Still⸗ ine nen tole rne till⸗ ſchweigen eines Augenblicks, der Wardes wie ein Jahr⸗ hundert vorkam, einen Seufzer. „Oh!“ rief Wardes,„er lebt, er lebt! zu Hülfe, Herr von Guiche, man will mich ermorden 1“ Manicamp wich zurück, und man ſah zwiſchen den zwei jungen Leuten den Grafen ſich mühſam auf eine Hand erheben. Manicamp warf die Piſtole zehn Schritte von ſich und lief, einen Freudenſchrei ausſtoßend, auf ſeinen Freund zu. Wardes wiſchte ſeine von eiſigem Schweiß über⸗ goſſene Stirne ab und murmelte: „Es war Zeit.“ „Was habt Ihr und auf welche Art ſeid Ihr ver⸗ wundet?“ fragte Manicamp Guiche.. Guiche zeigte ſeine verſtümmelte Hand und ſeine blutige Bruſt. „Graf,“ rief Wardes,„man beſchuldigt mich, ich habe Euch ermordet; ich beſchwöre Euch, ſprecht, ſagt, daß ich redlich gekämpft habe.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der Verwundete,„Herr von Wardes hat redlich gekämpft, und Jeder, der das Ge⸗ gentheil ſagt, würde ſich einen Feind aus mir machen.“ „Ei, mein Herr,“ ſagte Manicamp,„helft mir zu⸗ erſt dieſen armen Jungen wegſchaffen, und hernach werde ich Euch jede beliebige Genugthuung geben, oder wenn Ihr zu ſehr Eile habt, thun wir etwas Beſſe⸗ res; verbinden wir den Grafen hier mit Eurem Sack⸗ tuch und dem meinigen, und da zwei Kugeln heraus⸗ zuziehen ſind, ziehen wir ſie heraus.“ „Ich danke,“ erwiederte Wardes,„zweimal in einer Stunde habe ich den Tod zu nahe geſehen: es iſt etwas ſehr Häßliches um den Tod und ich ziehe Eure Ent⸗ ſchuldigungen vor.“. 3 Manicamp lachte, und Guiche auch, trotz ſeiner Schmerzen. Die drei Musketiere, Bragelonne. VI. 26 er erklärte, er fühle ſich ſtark genug, um allein zu gehen. Die Kugel hatte ihm den Ringſinger und den kleinen Finger zerſchmettert und war dann an einer Rippe abgeglitſcht, ohne in die Bruſt einzudringen. Es war alſo mehr der Schmerz, als die ſchwere Ver⸗ wundung, was Guiche niedergeworfen hatte. Schulter durch, Wardes einen Arm unter der andern, und ſo führten ſie ihn nach Fontainebleau zu dem Vorgängers von Aramis, geſehen. 40² Die zwei jungen Leute wollten ihn tragen, doch Manicamp ſchlang ihm einen Arm unter einer den wir am Sterbelager des Franciscaners, des