8—, thek Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — JLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vſanamhane und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ — wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. di 2 Mk.— Pf. e 3 2 3 4 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ lben von mir geliehen, anth däfür dafür zu ſtehen haben. ——— ſ 9 1 1* — ————— fand ndelte viſchen keen ſie * rückte, e. Er 5 8 m Geiſt Garni⸗ Labinet us nicht * Der Graf von Bragelonne oder: Zehn Jahre nachher. Alexandre Dumas. — Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zweite Fortſetzung der„drei Musketiere.“ Fünfzehntes bis achtzehntes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. ſſer. fer, faud end. ts zwiſchen fenneten ſie gen. L 8 drückte, Leute. Er Nihrem Geiſt einer Garni⸗ ahm. des Cabinet ihm. e a nicht il? Es geht ——— Eine Menge Degenſtiche in's Waſſer. Als ſich Raoul zu Herrn von Guiche begab, fand er dieſen mit Wardes und Manicamp plaudernd. Seit dem Abenteuer mit der Schranke behandelte Wardes Raoul als Fremden. Man hätte glauben ſollen, es waͤre nichts zwiſchen ihnen vorgefallen, nur ſahen ſie aus, als kenneten ſie ſich nicht.. Raoul trat ein, Guiche kam ihm entgegen. „Naoul warf, während er Guiche die Hand drückte, einen raſchen Blick auf die beiden jungen Leute. Er hoffte in ihrem Geſichte zu leſen, was in in ihrem Geiſt vorging. 4 Wardes war kalt und unerforſchlich. Manicamp ſchien in die Betrachtung einer Garni⸗ tur verſunken, die ihn ganz in Anſpruch nahm. Guiche führte Raoul in ein anſtoßendes Cabinet und hieß ihn niederſitzen. „Wie gut Du ausſiehſt!“ ſagte er zu ihm. „Das iſt ſonderbar, denn ich bin durchaus nicht freudig geſtimmt,“ erwiederte Raoul. „Gerade wie ich, nicht wahr, Raoul? Es geht ſchlecht mit der Liebe.“ Die drei Musketiere, Bragelonne, v. 1 „Bei Dir deſto beſſer, Graf; die ſchlimmſte Nach⸗ richt, das heißt diejenige, welche mich am meiſten be⸗ trüben könnte, wäre eine gute Nachricht.“ „Ohl dann betrübe Dich nicht, denn ich bin nicht nur ſehr unglücklich, ſondern ich ſehe auch glückliche Leute um mich her.“ „Das verſtehe ich nicht,“ erwiederte Raoul;„er⸗ kläre Dich, mein Freund, erkläre Dich.“ „Du ſollſt es begreifen; vergebens bekämpfte ich das Gefühl, das Du haſt in mir entſtehen, in mir wachſen, ſich meiner bemächtigen ſehen; ich habe zu⸗ gleich alle Deine Rathſchläge und meine ganze Stärke zu Hülfe gerufen; ich habe das Unglück, in das ich mich verſenkte, wohl erwogen; ich habe es ſondirt und weiß, daß es ein Abgrund iſt, doch gleichviel, ich werde meinen Weg verfolgen.“ „Wahnſinniger, Du kannſt nicht einen Schritt mehr thun, ohne heute Deinen Ruin, morgen Deinen Tod zu wollen.“ „Es komme, was da will!“ „Guiche!“ „Alles iſt von mir überlegt worden, höre mich.“ „Oh! Du glaubſt, es werde Dir gelingen, Du glaubſt, Madame werde Dich lieben.“ „Raoul, ich glaube nichts, ich hoffe, weil die Hoff⸗ nen im Menſchen liegt und er bis zum Grabe darin ebt.“=. „Ich will annehmen, Du erlangſt das Glück, auf das Du hoffſt, doch Du biſt dann noch ſicherer verloren, als wenn Du es nicht erlangſt.“. „Raoul, ich flehe Dich an, nnterbrich mich nicht; Du wirſt mich nicht überzeugen, denn ich ſage Dir zum Voraus, ich will nicht üͤberzeugt ſein; ich bin ſo weit gegangen, daß ich nicht mehr zurückweichen kann; ich habe ſo ſehr gelitten, daß mir der Tod als eine Wohlthat erſcheinen würde. Ich bin nicht mehr allein —*△ ihm ein Billet geſchickt.“ 3 verliebt bis zum Wahnſinn, ich bin eiferſüchtig bis zur Wuth.“ Raoul ſchlug mit einem Gefühle, das dem Zorn glich, ſeine Hände aneinander. „Gut,“ ſagte er. „Gut oder ſchlecht, gleichviel. Höre, was ich von Dir fordere, von Dir, meinem Freund, meinem Bruder. Seit drei Tagen lebt Madame in der Trunkenheit der Feſte. Am erſten Tag wagte, ich es nicht, ſie anzu⸗ ſchauen; ich haßte ſie, weil ſie nicht ſo unglücklich, als ich. Am andern Tag konnte ich ſie nicht mehr aus dem Blick verlieren, und ſie ihrerſeits,— ja, ich glaubte es wenigſtens zu bemerken, Raoul— ſie ſchaute mich, wenn nicht mit einigem Mitleid, doch mit einiger Milde an. Aber zwiſchen ihre Blicke und die meinigen hat ſich ein Schatten geſtellt; das Lächeln eines Andern ruft immer ihr Lächeln hervor. Neben ihrem Pferd galoppirt ewig ein Pferd, das nicht das meinige iſt; an ihr Ohr klingt unabläſſig eine liebkoſende Stimme, die nicht meine Stimme iſt. Raoul, ſeit drei Tagen ſteht mein Kopf in Flammen und Feuer durchſtroͤmt meine Adern. Dieſer Schatten, ich muß ihn verjagen; dieſes Lächeln, ich muß es vertilgen; dieſe Stimms, ich muß ſie erſticken.“ „Du willſt Monſieur tödten?“ rief Raoul. „Eil nein. Ich bin nicht eiferſüchtig auf Mon⸗ ſteur; ich bin nicht eiferſüchtig auf den Mann; ich bin eiferſüchtig auf den Liebhaber.“ 3 „Auf den Liebhaber 24 3 „Haſt Du ihn denn hier nicht wahrgenommen, Du, der Du dort ſo hellſehend warſt?“ 3 „Du biſt eiferſüchtig auf Her on Buckingham?“ „Zum Sterben.“. „Abermals.“ „Oh!l diesmal wird die Sache leicht zwiſchen uns zu ordnen ſein, ich bin ihm zuvorgekommen und habe „Ah! Du haſt ihm geſchrieben, Du!“ „Woher weißt Du es?“ „Ich weiß es, weil er es mir mitgetheilt hat. Sieh,“ erwiederte Raoul. Und er reichte Guiche den Brief, den er beinahe zu gleicher Zeit mit dem ſeinigen empfangen hatte. 3 Guiche las gierig. „Dus iſt die Handlungsweiſe eines braven und beſonders muthigen Mannes,“ ſagte er. „Ja, gewiß der Herzog iſt ein biederer und muthi⸗ ger Mann; ich brauche Dich nicht zu fragen, ob Du ihm in eben ſo guten Ausdrücken geſchrieben haſt.“ „Ich werde Dir meinen Brief zeigen, wenn⸗ Du ihn in meinem Namen beſuchſt.“ 1 „Das iſt beinahe unmöglich.“ „Was?“ 1 „Daß ich ihn beſuche.“ „Warum?“ 3 „SDer Herzog zieht mich zu Rathe, und Du thuſt das auch.“ „Ohl ich denke, Du wirſt mir den Vorzug geben. Höre, was ich Dich Seiner Herrlichkeit zu ſagen bitte... Es iſt ganz einfach... An einem von dieſen Tagen, heute, morgen, übermorgen, an welchem Tag es ihm angenehm iſt, will ich ihn in Vincennes treffen.“ „Ueberlege.“ „Ich glaubte Dir ſchon geſagt zu haben, es ſei Alles von mir überlegt worden.“— „Der Herzog iſt ein Fremder; er hat eine Sen⸗ dung, die ihn unverletzlich macht. Vincennes iſt ganz nahe bei der Baſtille.“ „Die Folgen ſind meine Sache.⸗ „Doch der chen Grund ſoll ich ihm angeben?“ „Sei unbeſorgt, er wird Dich nicht nach einem Grund fragen. Der Herzog muß meiner eben ſo müde ſein, als ich ſeiner uͤberdrüſſig bin, der Herzog muß nd dieſes Zuſammentreffens? Wel⸗ ᷣ mich eben ſo ſehr haſſen, als ich ihn haſſe. Ich erſuche Dich alſo, gehe zum Herzog, und wenn ich ihn bitten muß, meinen Vorſchlag anzunehmen, ſo werde ich ihn bitten.“ „Das iſt unnöthig... Der Herzog hat mir ge⸗ ſchrieben, er wolle mich ſprechen. Er iſt zum Spiel beim König. Gehen wir Beide dahin. Ich nehme ihn in die Gallerie. Du bleibſt, beiſeit... Zwei Worte werden genügen.“ „Es iſt gut, ich will Wardes mitnehmen, der mir zum Anhalte dienen ſoll.“ „Warum nicht Manicamp? Wardes wird uns im⸗ merhin wieder treffen, wenn wir ihn auch hier laſſen.“ „Ja, das iſt wahr.“ „Er weiß nichts?“ „Oh! durchaus nichts. Ihr ſteht alſo immer noch kalt mit einander?“ „Hat er Dir nichts erzählt?“ „Nein.“ „Ich liebe dieſen Menſchen nicht, und da ich ihn nie geliebt habe, ſo entſpringt aus dieſer Antipathie, daß ich heute nicht kälter gegen ihn bin, als ich es ge⸗ ſtern war.“ „Laß uns nun gehen.“ Alle Vier gingen hinab. Der Wagen von Guiche wartete vor der Thüxe und führte ſie nach dem Palais Royal.— 5 Unter Weges ſchmiedete ſich Raoul ein Thema. Dar er allein in die zwei Geheimniſſe eingeweiht war, ſo verzweifelte er nicht, eine Beilegung zwiſchen den beiden Partien herbeizuführen. Er wußte, daß er auf Buckingham Einfluß hatte, und kannte ſein Anſehen bei Guiche: die Dinge kamen ihm durchaus nicht ſo verz ifelt vor. Als Raoul in die von Aichtern ſtrahlende Gallerie kam, wo ſich die ſchönſten und vornehmſten Frauen des Hofes wie Geſtirne in ihrer Flammenatmoſphäre be⸗ K wegten, konnte er nicht umhin, einen Augenblick Guiche zu vergeſſen, um Louiſe anzuſchauen, die mitten unter ihren Gefährtinnen, wie eine bezauberte Taube, mit ihren Augen den ganz von Gold und Diamanten ſchim⸗ mernden königlichen Kreis verſchlang. Die Männer ſtanden, der König allein ſaß. Raoul erblickte Buckingham. Er war zehn Schritte von Monſieur in einer Gruppe von Engländern und Franzoſen, welche die Vor⸗ nehmheit ſeiner Perſon und die unvergleichliche Pracht ſeiner Kleider bewunderten. Einige von den alten Höflingen erinnerten ſich, ſeinen Vater geſehen zu haben, und dieſe Erinnerung that dem Sohn keinen Eintrag. ſprach ganz laut mit ihm über Belle⸗Isle. „Ich kann ihn in dieſem Augenblick nicht anreden,“ 1 ſagte Raoul. „Warte und wähle Deine Gelegenheit, doch mache Alles zur Stunde ab, denn ich brenne.“ 1 „Halt, hier iſt unſer Retter,“ ſagte Raoul, als er d'Artagnan erblickte, der, prächtig in ſeinem neuen Kleid als Kapitän der Musketiere, ſo eben einen Erobererein⸗ zug in die Gallerie gehalten hatte. Und er wandte ſich gegen d'Artagnan. „Der ⸗Graf de la Foͤre ſuchte Euch, Cheyalier,“ ſagte Raoul. 3 „Ja,“ von ihm.“ „Ich glaubte zu begreifen, Ihr müßtet einen Theil der Nacht mit einander zubringen.“ 2 „Wir haben uns wieder zuſammenbeſchieden.“ Während er ſo Raoul antwortete, ſchweiften die Blicke von d'Artagnan nach rechts und links und ſuch⸗ ten in der Menge irgend Jemand oder in den Gemä⸗ chern irgend Etwas. 3 . 7 erwiederte d'Artagnan,„ich komme gerade 3 † 4 3 Buckingham plauderte mit Fouquet. Fouquet 5 „ f — tagnan. 7 m 8 Plötzlich wurde ſein Auge ſtarr wie das des Adlers, der ſeine Beute erſchaut. Raoul folgte der Richtung dieſes Blickes. Er ſah, daß Guiche und d'Artagnan ſich grüßten; aber er konnte nicht unterſcheiden, auf wen das ſo ſtolze und ſo neugierige Auge des Kapitäns geheftet war. „Herr Chevalier,“ ſagte Raoul,„Ihr allein könnt mir einen Dienſt leiſten.“ „Welchen, mein lieber Vicomte 2. „Es handelt ſich darum, Herrn von Buckingham zu belaͤſtigen, dem ich ein paar Worte zu ſagen habe; und da Herr von Buckingham mit Herrn Fouquet ſpricht, ſo ſeht Ihr wohl ein, daß ich mich nicht mitten in das Geſpräch werfen kann.“ „Ah! ahl Herr Fouquet, er iſt da 2“ fragte d'Ar⸗ „Seht, dort iſt er." „Meiner Treue, ja. Und Du glaubſt, ich habe mehr Recht, als Du?“ „Ihr ſeid ein angeſehenerer und bedeutenderer Mann.“ „Ah! es iſt wahr, ich bin Kapitän der Musketiere; man hatte mir dieſen Grad ſchon ſo lange verſprochen, und ich habe ihn erſt ſo kurz, daß ich immer meine Würde vergeſſe.“ „Nicht wahr, Ihr leiſtet mir dieſen Dienſt?“ „Teufel, Herr Fouquet!“ „Habt Ihr etwas gegen ihn?“ „Nein, er dürfte eher etwas gegen mich haben, doch da früher oder ſpäter.. 4 „ Seht, ich glaube, er ſchaut Euch an; oder ſollte es wohl...* „Nein, nein, Du irrſt Dich nicht, mir erweiſt er dieſe Ehre.“. „Dann iſt der Augenblick günſtig.“ „Du glaubſt?“— „Ich bitte Euch, geht.“ „Ich gehe.“ Guiche verlor Raoul nicht aus dem Blick; Raoul bedeutete ihm durch ein Zeichen, Alles ſei angeordnet. D'Artagnan ging gerade auf die Gruppe zu und grüßte Herrn Fouquet wie die Andern höflich. „Guten Morgen, Herr d'Artagnan. Wir ſprachen von Belle⸗Isle⸗en⸗Mer,“ ſagte Fouquet mit jener Welt⸗ gewandtheit und jener Wiſſenſchaft des Blicks, welche gut zu erlernen ein halbes Leben erfordern, und wozu gewiſſe Leute trotz ihres Studiums nie gelangen. „Ah! ahl von Belle⸗Isle⸗en⸗Meer,“ erwiederte d'Artagnan.„Ich glaube, das gehört Euch?“ „Herr Fouquet ſagt mir ſo eben, er habe es dem König geſchenkt,“ ſprach Buckingham.„Ihr Diener, Herr d'Artagnan.“ „Kennt Ihr Belle⸗Isle, Chevalier?“ fragte Fou⸗ quet den Musketier. „Ich bin ein einziges Mal dort geweſen, mein Herr,“ antwortete d'Artagnan als ein Mann von Geiſt und Beherztheit. „Seid Ihr lange dort geblieben?“ „Kaum einen Tag.“ „Und Ihr habt dort geſehen?“ „Alles, was man an einem Tag ſehen kann.“ „Für Euren Blick, mein Herr, iſt ein Tag viel.“ D'Artagnan verbeugte ſich. Während dieſer Zeit machte Raoul Buckingham ein Zeichen.,.. „Herr Oberintendant,“ ſprach Buckingham,„ich laſſe Euch den Kapitän, der ſich beſſer als ich auf Baſteien, Escarpen und Contre⸗escarpen verſteht, und will zu 4 einem Freund gehen, der mir ein Zeichen macht. Ihr begreift...“ Buckingham trennte ſich in der That von der Gruppe und ging auf Raoul zu, wobei er jedoch. einen Augenblick bei dem Tiſche ſtehen blieb, wo Ma⸗ S 9 dame, die Königin Mutter, der König und die Koͤnigin ſpielten.. „Auf, Raoul,“ ſagte Buckingham,„hier iſt er, feſt und geſchwinde.“ Buckingham, nachdem er Madame ein Kompliment gemacht hatte, ging weiter zu Raoul. Raoul kam ihm entgegen. Guiche blieb an ſeinem Platz. Er folgte mit den Augen. Die Bewegung war ſo combinirt, daß das Zuſam⸗. mentreffen der zwei jungen Leute in dem leer gebliebe⸗ nen Raume zwiſchen der Gruppe des Spiels und der Gallerie ſtattfand, in der einige ernſte Edelleute auf und abgingen, welche von Zeit zu Zeit, um zu plaudern, ſtehen blieben. In dem Augenblick aber, wo die zwei Linien ſich vereinigen ſollten, wurden ſie durch eine dritte gebrochen. Es war Monſieur, der auf den Herzog von Bucking⸗ ham zuſchritt. Monſieur hatte auf ſeinen roſenfarbigen und pom⸗ madirten Lippen ſein freundlichſtes Lächeln. „Eil mein Gott!“ ſagte er mit einer einnehmenden Artigkeit,„was habe ich ſo eben hören müſſen, mein lieber Herzog?“ Buckingham wandte ſich um, er hatte Monſteur nicht geſehen und nur ſeine Stimme gehört. Er bebte unwillkührlich. Eine leichte Bläſſe über⸗ zog ſeine Wangen.. „Monſeigneur,“ fragte er,„was hat man⸗Eurer Hoheit geſagt, was dieſes große Erſtaunen bei ihr zu verurſachen ſcheint.?“ „Etwas, was mich in Verzweiflung bringt,“ erwie⸗ derte der Prinz,„etwas, was eine Trauer für den gan⸗ zen Hof ſein wird.“ .„Ahl Euere Hoheit iſt zu gut, denn ich ſehe, daß ſie von meiner Abreiſe ſpricht.“ „Ganz richtig.“ „Ach! Monſeigneur, da ich kaum ſeit fünf bis ſechs 4 2* Tagen in Paris bin, ſo kann meine Abreiſe nur für mich eine Trauer ſein.“ 4 Guiche hörte dieſes Wort von dem Platze aus, wo er ſtehen geblieben war, und bebte ebenfalls. „Seine Abreiſe!“ murmelte er.„Was ſagt er denn?" 1 Philipp fuhr mit derſelben liebreichen Miene fort: „Daß Euch der König von Großbritannien zurück⸗ beruft, begreife ich; man weiß, daß Seine Majeſtät, Karl II., der ſich auf Cdelleute verſteht, Eurer nicht entbehreu kann. Daß wir Euch aber ohne Bedauern verlieren würden, das ließe ſich nicht begreifen; em⸗ pfangt alſo den Ausdruck meines Bedauerns.“ „Monſeigneur,“ erwiederte Buckingham,„ich glaube, wenn ich den franzöſiſchen Hof verlaſſe.. 39 „So geſchieht es, weil man Euch zurückberuft, ich ſehe das ein; glaubt Ihr aber, mein Wunſch habe einiges Gewicht beim König, ſo erbiete ich mich, Seine Majeſtät König Karl II. zu bitten, Euch noch einige Zeit bei uns zu laſſen.“ „ Ihr überhäuft mich mit Artigkeit, Monſeigneur, aber ich habe ſtrengen Befehl erhalten. Mein Aufent⸗ halt in Frankreich war beſchränkt, und ich, habe ihn auf die Gefahr, meinem allergnädigſten Souverain zu mißfallen, verlängert. Heute erſt erinnere ich mich, daß ich ſeit vier Tagen abgereiſt ſein ſollte.“ „Ah!“ machte Monſtieur. „Ja,“ fügte Buckingham bei, indem er die Stimme ſo erhob, daß er von den Prinzeſſinnen gehört werden konnte,„doch ich gleiche jenem Mann im Orient, der auf mehrere Tage närriſch darüber wurde, daß er einen ſchönen Traum gehabt hatte, an einem ſchönen Morgen aber geheilt, das heißt vernünftig erwachte. Der Hof von Frankreich hat Berauſchungen, welche jenem Traume gleichen mögen, Monſeigneur, doch man erwacht endlich und reiſt ab. Ich vermöchte meinen Aufenthalt nicht zu 4 — 11 8 verlängern, wie Eure Hoheit es von mir zu 8 Gnade hat.“„ „Und wann reiſt Ihr ab?“ fragte Philipp mit einer ſorglichen Miene. „Morgen, Monſeigneur... Meine Equipagen ſind ſchon ſeit drei Tagen bereit.“ Der Herzog von Orleans machte eine Bewegung mit dem, Kopf, welche bedeutete: „Da es ein feſter Entſchluß iſt, Herzog, ſo läßt ſich nichts dagegen ſagen.“ Buckingham erhob die Augen zu den Königinnen; ſein Blick begegnete dem von Anna von Oeſterreich, die ihm dankte und ihm durch eine Geberde Beifall ſpendete.. Buckingham erwiederte dieſe Geberde dadurch, daß er unter einem Lächeln die Beklemmung ſeines Herzens verbarg. 4* Monſeigneur entfernte ſich auf dem Wege, auf dem er gekommen war. Zu gleicher Zeit aber kam Guiche von der entge⸗ gengeſetzten Seite heran. Raoul befürchtete, der ungeduldige junge Mann wolle ſeinen Vorſchlag ſelbſt machen, und warf ſich ihm entgegen. „Nein, nein, Raoul, nun iſt Alles unnöthig,“ ſprach Guiche, indem er dem Herzog beide Hände reichte und ihn hinter eine Säule zog. „Oh! Herzog! Herzog!“ ſagte Guiche,„verzeiht mir, was ich Euch geſchrieben habe; ich war ein Narr. Gebt mir meinen Brief zurück.“ 1 „Es iſt wahr,“ erwiederte der junge Herzog mit einem ſchwermüthigen Lächeln.„Ihr könnt mir nicht mehr grollen.“ „Ohl Herzog, Herzog, entſchuldigt mich!... Meine Freundſchaft, meine ewige Freundſchaft...“ „In der That, warum ſolltet Ihr mir böſe ſein, 2 3 6.hen ich ſie verlaſſe, ſobald ich ſie nicht mehr ſehen werde.“ Raoul hörte dieſe Worte, er begriff, ſeine Gegen⸗ wart wäre fortan zwiſchen den zwei jungen Leuten, die ſich nur befreundete Worte zu ſagen hatten, unnöthig, und wich ein paar Schritte zurück. Dieſe Bewegung brachte ihn in die Nähe von Wardes. Wardes ſprachemit dem Chevalier von Lorraine von der Abreiſe von Buckingham. „Ein vernünftiger Ruckzug!“ ſagte er. „Warum?“. wWel er dem lieben Herzog einen Degenſtich er⸗ part.“ 3 4 und Beide lachten. Hierüber entrüſtet wandte ſich Raoul die Stirne gefaltet, das Blut in den Schläfen, die Lippen verächt⸗ lich um. Der Chevalier von Lorraine drehte ſich auf ſeinen Abſätzen; Wardes blieb feſt und wartete. „Mein Herr,“ ſprach Raoul zu Wardes,„Ihr werdet es Euch alſo nicht abgewöhnen, die Abweſenden zu beleidigen: geſtern war es Herr d'Artagnan, heute iſt es Herr von Buckingham.“ „Herr,“ erwiederte Wardes,„Ihr wißt wohl, daß ich auch zuweilen die Anweſenden beleidige.“ Wardes berührte Raoul; ihre Schultern ſtützten ſich an einander, ihre Geſichter neigten ſich gegen einander, als wollten ſie ſich gegenſeitig mit dem Feuer ihres Hauches und ihres Zornes entzünden. Man fühlte, daß der Eine auf dem Gipfel ſeines Haſſes, der Andere am Ende ſeiner Geduld war. Plötzlich hörten ſie eine liebreiche, höfliche Stimme, welche hinter ihnen ſagte: 3 „Ich glaube, man hat mich genannt.“ Sie wandten ſich um, es war d'Artagnan, der mit 88 das iſt wenig. Ihr werdet un, noch einige finden?“ 13 freundlichem Auge und lächelndem Mund ſeine S6d 3 die Schulter von Wardes legte.““ Raoul trat einen Schritt zurück, um dem Musketier Platz zu machen. 4 Wardes bebte am ganzen Leib, rührte ſich aber nicht. Immer lächelnd, nahm d'Artagnan den Platz ein, den ihm Raoul überließ. „Ich danke, mein lieber Raggte“ ſagte er.„Herr von Wardes, ich habe mit Euch zu ſprechen. Entfernt Euch nicht, Raoul; alle Welt kann hören, was ich Herrn⸗ von Wardes zu ſagen habe.. 8. Dann verſchwand ſein Lächeln, und ſein Blick wurde kalt und ſpitzig wie eine ſtählerne Klinge. „Ich bin zu Euren Beſehlen, mein Herr,“ ſagtg Wardes. „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„ſeit langer Zeit ſuchte ich eine Gelegenheit, mit Euch zu plaudern; heute erſt habe ich ſie gefunden. Was den Ort betrifft, ſo iſt er ſchlecht gewählt, das gebe ich zu; doch wenn Ihr Euch zu mir bemühen wollt: meine Wohnung iſt gerade an der Treppe, welche nach der Gallerie aus⸗ mündet.“ „Ich folge Euch, mein Herr,“ antwortete Wardes. „Seid Ihr allein hier?“ „Nein, ich habe die Herren Manicamp und von Guiche, zwei von meinen Freunden.“ 1 „Gut,“ ſprach d'Artagnan,„doch zwei Perſonen, „Gewiß ¹“ erwiederte der junge Mann, der nicht wußte, worauf d'Artagnan abzielte.„So viel Ihr wollt.“ .„Freunde?“ „Ja, mein Herr.“ Gute Freunde?“ „Allerdings.“ 4„Nun, ſo verſeht Euch damit, ich bitte Euch darum. Und Ihr, Raoul, kommt... Bringt auch Herrn von 14 utche; bringt Herrn von Buckingham, wenn es Euch beliebt.“ „Ohl mein Gott, Herr, wie viel Lärmen!“ ſagte Wardes, der zu lächeln ſuchte. Der Kapitän, machte mit der Hand ein kleines Zeichen, um ihm Geduld zu empfehlen. „Ich bin ſtets ruhig,“ ſagte Wardes. „Ich erwarte Euch alſo,“ ſprach d'Artagnan. „Erwartet mich.“ „Auf Wiederſehen.“ Nach dieſem Wort wandte ſich der Kapitän der Musketiere nach ſeiner Wohnung. II. Fortſetzung einer Menge von Degenſtichen in's Maſſer. Das Zimmer von d'Artagnan war nicht verlaſſen: der Graf de la Fore wartete in einer Fenſtervertiefung itzend. Piss„Nun?4 fragte er d'Artagnan, als er ihn zurück⸗ kehren ſah. „Nun!“ antwortete dieſer,„Herr Hon Wardes will mir die Ehre erweiſens mir einen leinen Beſuch zu machen, und zwar in Geſellſchaft von einigen von ſeinen und von unſeren Freunden.“ Es erſchienen wirklich hinter dem Musketier Wardes 3 und Manicamp. Guiche und Buckingham folgten ihnen ſehr erſtaunt, da ſie nicht wußten, was man von ihnen wollte. Raoul kam mit einigen Edelleuten. Sein Blick— ſchweifte bei ſeinem Eintritt auf allen Theilen des Zim⸗ 9. 2 lichkeit, der er fähig war. ſchuldigung beſtimmt auszuſprechen.“ 15 mers umher. Er gewahrte den Grafen und ſtellte ſich neben ihn.. D'Artagnan empfing ſeine Beſuche mit aller Höf⸗ Er hatte ſein ruhiges, artiges Geſicht behalten. Alle Anweſenden waren Leute von Diſtinction, die einen Poſten bei Hofe einnahmen. Dann, nachdem er ſich bei Jedem, daß er ihn be⸗ müht, entſchuldigt hatte, wandte er ſich gegen Wardes um, der, trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung, es nicht ver⸗ hindern konnte, daß ſeine Phyſiognomie Verwunderung gemiſcht mit Beſorgniß ausdruückte. „Mein Herr,“ ſprach er„nun, da wir außerhalb des Palaſts des Königs ſind, nun, da wir laut reden können, ohne den Anſtand zu verletzen, will ich Euch kundgeben, warum ich mir die Freiheit genommen habe, Euch zu bitten, zu mir zu kommen und zugleich dieſe Herren hierher zu rufen. „Ich habe durch den Herrn Grafen de la⸗Fore, meinen Freund, erfahren, welche beleidigende Gerüchte über mich von Euch ausgeſtreut worden ſind; Ihr habt mir geſagt, Ihr haltet mich für Euren Todfeind, in Betracht, daß ich der Eures Vaters geweſen ſei.“ „Das iſt wahr, mein Herr, ich habe das geſagt,“ erwiederte Wardes, deſſen Bläſſe ſich mit einer leichten Flamme färbte. „Ihr beſchuldigt mich alſo eines Verbrechens, eines Fehlers oder einer Feigheit. Ich bitte Euch, Eure Be⸗ „Vor Zeugen, mein Herr! 1 4 „Ja, gewiß, vor Zeugen, und Ihr ſeht, daß ich erfahrene in Dingen der Ehre gewählt habe.“ „Ihr würdigt die Zartheit meines Benehmens nicht, mein Herr. Es iſt wahr, ich habe Euch beſchuldigt, aber ich habe das Geheimniß der Anklage für mich behalten. Ich bin in keine Einzelheit eingegangen, ich habe mich damit begnügt, daß ich meinen Haß vor 1 32 16 Perſonen ausſprach, für die es beinahe eine Pflicht war, Euch damit bekannt zu machen. Ihr habt meiner Dis⸗ cretion keine Rechnung getragen, obgleich mein Still⸗ ſchweigen in Eurem Intereſſe lag. Darin erkenne ich Eure gewöhnliche Klugheit nicht, Herr d'Artagnan.“ D'Artagnan biß ſich auf das Ende ſeines Schnurr⸗ barts und erwiederte: „Mein Herr, ich habe ſchon die Ehre gehabt, Euch zu bitten, Ihr möget die Beſchwerden, die Ihr gegen mich habt, deutlich und unumwunden ausſprechen.“ „Ganz laut?“ „Bei Gott!“ „Ich werde alſo ſprechen.“ „SSprecht, mein Herr,“ ſagte d'Artagnan ſich ver⸗ heugend,„wir hören Euch alle.“ „Nun wohl, mein Herr, es handelt ſich nicht um ein Unrecht gegen mich, ſondern um ein Unrecht gegen meinen Vater.“ „Ihr habt das ſchon geſagt.“ „Ja, aber es gibt gewiſſe Dinge, die man nur mit Zögern zur Sprache bringt.“ 6 „Wenn dieſes Zögern wirklich beſteht, ſo bitte ich Euch, es zu überwinden.“ „Selbſt, falls es eine ſchmähliche Handlung beträfe?“ „In jedem Fall.“ Die Zeugen dieſer Scene fingen an ſich mit einer ggeewiſſen Unruhe anzuſchauen. Sie beruhigten ſich indeſſen wieder, als ſte ſahen, daß das Geſicht von d'Artagnan durchaus keine Aufregung offenbarte. Wardes ſchwieg.. „Sprecht, mein Herr,“ ſagte der Musketier.„Ihr ſeht wohl, daß Ihr uns warten laßt.“.. 4 Mun! ſo hört. Mein Vater liebte eine Frau, eine edle Frau; dieſe Frau liebte meinen Vater..“.. D Artagnan wechſelte einen Blick mit Athos. Wardes fuhr fort: 1 „Herr d'Artagnan fing die Briefe auf, die ein —— 17 Rendezvous bezeichneten, nahm unter einer Verkleidung die Stelle desjenigen ein, welchen man erwartete, und mißbrauchte die Dunkelheit.“ „Das iſt wahr,“ ſagte d'Artagnan.. Ein leichtes Gemurmel machte ſich unter den An⸗ weſenden höoͤrbar. „Ja, ich habe dieſe ſchlimme Handlung begangen. Da Ihr ſo unparteiiſch ſeid, mein Herr, ſo hättet Ihr ſogar beifügen müſſen, ich ſei zur Zeit, wo das Ereigniß, deſſen Ihr mich beſchuldigt, vorfiel, noch nicht ein und zwanzig Jahre alt geweſen.“ „Die Handlung iſt darum nicht minder ſchmählich,“ entgegnete Wardes;„und das Alter der Vernunft genügt für einen Edelmann, um keine Unzartheit zu begehen.“ Es entſtand abermals ein Gemurmel, doch ein Gemurmel der Verwunderung und beinahe des Zweifels. „In der That, es war ein ſchmählicher, hinterli⸗ ſtiger Streich,“ ſagte dArtagnan,„und ich habe nicht gewartet, bis mir Herr von Wardes denſelben vorgewor⸗ fen, um mir ihn ſelbſt, und zwar ſehr bitter zum Vorwurf zu machen. Ich bin durch das Alter redlicher und be⸗ ſonders vernünftiger geworden, und ich habe dieſes Un⸗ recht durch langes Bedauern geſühnt. Doch ich appellire an Euch, meine Herren, dies geſchah im Jahre 1626, und das war eine Zeit,— zum Glück für Euch wißt Ihr das nur durch die Ueberlieferung— und das war eine Zeit, wo man ſich in der Liebe nicht ſkrupulös benahm, wo die Gewiſſen nicht wie heut zu Tage den Honig und die Myrrhe diſtillirten. Wir waren junge Soldaten, ſtets ſchlagend, ſtets geſchlagen, beſtändig den Degen aus der Scheide, oder wenigſtens halb gezogen; immer zwiſchen zwei Todten; der Krieg machte uns hart, und der Cardinal machte uns eilfertig. Kurz ich habe bereut, und ich bereue noch, Herr von Wardes.“ „Ja, mein Herr, ich begreife das, denn die Hand⸗ lung ließ die Reue zu, doch Ihr haht darum nich Die drei Musketiere. Bragelonne. V. 2 3 minder den Untergang einer Frau verurſacht. Nieder⸗ gebeugt durch ihre Schmach, floh diejenige, von welcher Ihr ſprecht, verließ Frankreich, und man hat nie mehr erfahren, was aus ihr geworden iſt.“ „Oh!“ entgegnete der Graf de la Fdre, indem er die Arme gegen Herr von Wardes mit einem finſteren Lächeln ausſtreckte,„doch, mein Herr, man hat ſie ge⸗ ſehen, und es gibt ſogar hier Perſonen, die fie, da ſie von ihr ſprechen hörten, an dem Portrait, das ich von ihr geben will, zu erkennen vermögen. „Es war eine Frau von fünfundzwanzig Jahren, mager, bleich und blond; ſie hatte ſich in England verheirathet.“ 4 „Verheirathet!“ rief Wardes. „Ah! Ihr wißt nicht, daß ſie verheirathet war? Ihr ſeht, wir ſind beſſer unterrichtet, als Ihr, Herr von Wardes. Iſt es Euch bekannt, daß man ſie ge⸗ wöhnlich Mylady nannte, ohne irgend einen Namen dieſer Standesbezeichnung beizufügen?“ „Ja, mein Herr, ich weiß das.“ „Mein Gott!“ murmelte Buckingham:. „Nun wohll dieſe Frau, welche von England kam, kehrte nach England zurück, nachdem ſie dreimal den Tod von Herrn d'Artagnan conſpirirt hatte. Das war Gerechtigkeit, nicht wahr? Es mag ſein: Herr d'Ar⸗ tagnan hatte ſie beleidigt. Aber nicht mehr Gerechtigkeit war es, daß dieſe Frau in England durch ihre Ver⸗ führungskünſte einen jungen Mann eroberte, der im Dienſte von Lord Winter ſtand und Felton hieß. Ihr erbleicht, Mylord von Buckingham; Eure Augen ent⸗ zünden ſich zugleich vor Zorn und Schmerz. So vollendet die Erzählung, Mylord, und ſagt Herrn von Wardes, wer die Frau war, die dem Mörder Eures Vaters das Meſſer in die Hand gab.“ Eiin Schrei drang aus Aller Mund hervor. Der junge Herzog fuhr mit einem Sacktuch über ſeine von Schweiß uͤbergoſſene Stirne,. 8 ———— 19 Es trat ein tiefes Stillſchweigen unter allen An⸗ weſenden ein. „Ihr ſeht, Herr von Wardes,“ ſagte d'Artagnan, auf den dieſe Erzählung einen um ſo großeren Eindruck machte, als ſeine eigenen Erinnerungen ſich mit den Worten von Athos vermiſchten,„Ihr ſeht, daß mein Verbrechen nicht die Urſache des Verluſts einer Seele geweſen iſt, und daß dieſe Seele ganz und gar vor meiner Reue verloren war. Das iſt alſo wohl ein Akt des Gewiſ⸗ ſens. Nun aber, da dies feſtgeſtellt, Herr von Wardes, habe ich Euch in Demuth um Verzeihung wegen der ſchmählichen Handlung zu bitten, wie ich gewiß Euren Vater darum gebeten haben würde, wenn er noch am Leben, und wenn ich ihn bei meiner Rückkehr nach Frank⸗ reich nach dem Tod von Karl I. getroffen hätte.“ „Aber das iſt zu viel, Herr d'Artagnan!“ riefen lebhaft mehrere Stimmen. „Nein, meine Herren,“ erwiederte der Kapitän. „Herr von Wardes, ich hoffe, es iſt nun Alles zwiſchen uns beendigt, und es wird Euch nicht mehr einfallen, ſchlecht von mir zu ſprechen. Nicht wahr, es iſt eine bereinigte Sache?“ Herr von Wardes verbeugte ſich, einige Worte ſtammelnd. „Ich hoffe auch,“ fuhr d'Artagnan fort, indem er ſich dem jungen Mann nährete,„ich hoffe auch, Ihr werdet nicht mehr ſchlimm von irgend Jemand ſprechen, wie dies Eure dtgen icih wahnhen iſt: denn Ihr, ein ſo gewiſſenhafter, ein ſo Puritaniſcher Mann, wie Ihr ſeid, Ihr, der Ihr eine Jugendlapperei einem alten Soldaten nach dreißig Jahren vorwerft, Ihr, der Ihr dieſe Gewiſſensreinheit aufſteckt, uͤbernehmt Eurerſeits die ſtillſchweigende Verpflichtung, nichts gegen das Ge⸗ wiſſen und die Ehre zu thun. Höret nun wohl, was ich Euch noch zu ſagen habe, Herr von Wardes: hütet Euch wohl, daß nicht eine Geſchichte, bei der Euer Name figurirt, mir zu Ohren kommt.“. 20 „Mein Herr,“ entgegnete Wardes,„es iſt unnoͤthig, daß Ihr mir um nichts droht.“ „Ohl ich bin noch nicht zu Ende, Herr von War⸗ des,“ ſagte d'Artagnan,„und Ihr ſeid verurtheilt, mich noch anzuhören.“ 3 Der Kreis näherte ſich neugierig. „Ihr ſprachet vorhin von der Ehre einer Frau und von der Ehre Eures Vaters. Ihr geſielet uns, indem Ihr ſo ſprachet; denn es iſt ein ſuͤßer Gedanke, daß dieſes Gefühl der Zartheit und Redlichkeit, das, wie es ſcheint, nicht in unſerer Seele lebte, in der Seele unſerer Kinder lebt, und es iſt endlich ſchön, einen jungen Mann in dem Alter, wo man gewöhnlich den Dieb der Ehre der Frauen macht, dieſe achten und vertheidigen zu ſehen.“ 1 Wardes preßte die Lippen zuſammen und ſchloß die Fänſte, offenbar ſehr unruhig, zu erfahren, wie dieſe Rede, deren Eingang ſich ſo ſchlimm ankündigte, endi⸗—* gen würde. „Wie kommt es denn,“ fuhr d'Artagnan fort,„wie kommt es denn, daß Ihr Euch erlaubt habt, dem Herrn Vicomte von Bragelonne zu ſagen, er kenne ſeine Mutter nicht?“ Die Augen von Raoul funkelten. „Oh!“ rief er vorſtürzend,„Herr Chevalier! Herr Chevalier! das iſt eine Angelegenheit, die mich perſön⸗ lich betrifft.“ 3 3 Wardes lächelte boahaſtße Seiagnan ſchob Rao lit dem Arme zurück und rach:. ſe„Unterbrecht mich nicht, junger Mann.“ Und Wardes mit dem Blick beherrſchend fuhr er fort: „Ich behandle hier eine Frage, die ſich nicht durch das Schwert löſen läßt. Ich behandle ſie vor Ehren⸗ männern, die alle mehr als einmal zum Degen gegriffen haben. Ich habe ſie abſichtlich ausgewählt. Dieſe Herren wiſſen aber nun, daß jedes Geheimniß, für das man 2 21 ſich ſchlägt, ein Geheimniß zu ſein aufhört. Ich wie⸗ derhole alſo meine Frage an Herrn von Wardes. Zu welchem Ende habt Ihr dieſen jungen Mann beleidigt, indem Ihr zugleich ſeinen Vater und ſeine Mutter be⸗ leidigtet?“ „Mir ſcheint,“ erwiederte Wardes,„die Worte ſind frei, wenn man ſich anbietet, ſie durch alle Mittel zu behaupten, die zur Verfügung eines wackern Mannes ſtehen.“ „Oh! mein Herr, ſagt mir, welche Mittel ſind es, mit deren Hülfe ein wackerer Mann ein boshaftes Wort zu behaupten vermag? Durch den Degen, nicht wahr? Ihr entbehrt nicht nur der Logik, wenn Ihr das ſagt, ſondern auch der Religion und der Ehre; Ihr gebt das Leben mehrerer Menſchen preis, von dem Eurigen nicht zu reden, das mir ſehr gefährdet zu ſein ſcheint. Jede Mode geht aber vorüber, mein Herr, und die Mode der Duelle iſt vorübergegangen, abgeſehen von den Edieten Seiner Majeſtät, die den Zweikampf verbieten. Um alſo folgerecht bei Euren ritterlichen Ideen zu ſein, werdet Ihr Euch bei Herrn Raoul von Bragelonne entſchuldigen, Ihr werdet ihm ſagen, Ihr bedauert, ein leichtſtnniges Wort geſprochen zu haben; der Adel ſeines Geſchlechts ſei ihm nicht nur ins Herz, ſondern auch in alle Handlungen ſeines Lebens geſchrieben, Ihr werdet das thun, wie ich es ſo eben gethan habe, ich, ein alter Kapitän, vor Eurem Flaumbart.“ „Und wenn ich es nicht thue?“ fragte Wardes. „Nun, ſo wird geſchehen...“ „Was Ihr zu verhindern glaubt,“ ſagte Wardes lachend,„es wird geſchehen, daß Eure Verſöhnungslogik auf eine Verletzung der Verbote des Königs ausläuft.“ „Wie, mein Herr,“ entgegnete d'Artagnan ruhig, „Ihr ſeid in einem Irrthum begriffen.“ „Was wird denn geſchehen?“ 3 „Ich werde mich zum König begeben, mit dem ich ſehr gut ſtehe, zum Koͤnig, dem ich einige Dienſte, die ·. ſich von einer Zeit datiren, wo Ihr noch nicht geboren waret, zu leiſten das Glück hatte, zum König, der mir auf meine Bitte ein Blankett für Herrn Baiſemeaur von Montlezun, den Gouverneur den Baſtille, geſchickt hat, und dem König werde ich ſagen: „„Sire, ein Menſch hat feiger Weiſe Herrn von Bragelonne in der Perſon ſeiner Mutter beleidigt. Ich habe den Namen vieſes Menſchen in den Geheimbrief geſchrieben, den Ihr mir zu geben die Gnade hattet, ſo daß Herr von Wardes auf drei Jahre in der Baſtille iſt.„„ Hiebei zog d'Artagnan aus ſeiner Taſche den vom König unterzeichneten Brief und reichte ihn Wardes. Dann, als er ſah, daß der junge Mann nicht überzeugt war und ſeine Rede für eine leere Drohung hielt, zuckte er die Achſeln und wandte ſich kalt nach dem Tiſch, worauf ein Schreibzeug mit einer Feder, deren Länge den Topographen Porthos erſchreckt hätte. Da erkannte Wardes die Drohung als äußerſt ernſt. Die Baſtille war zu jener Zeit etwas Furchtbares. Er machte einen Schritt gegen Raoul und ſagte mit beinahe unverſtändlicher Stimme: „Mein Herr, ich drücke gegen Euch die Entſchul⸗ digung aus, die mir ſo eben Herr d'Artagnan dictirt hat, und die ich auszudrücken gezwungen bin.“ „Geduld, Geduld, mein Herr,“ erwiederte der Mus⸗ ketier mit der größten Ruhe,„Ihr täuſcht Euch in den Worten. Ich habe nicht geſagt: Und die ich auszu⸗ drücken gezwungen bin; ich habe geſagt: Und die mein Gewiſſen gegen Euch Si dfü an mich bewegt. Glaubt mir, dieſes Work iſt viel mehr werth, als das andere; es wird um ſo mehr werth ſein, als es der wahre Ausſpruch Eurer Gefühle iſt.“ „Ich unterzeichne alſo,“ ſagte Wardes.„Doch in der That, meine Herren, Ihr müßt geſtehen, ein Degen⸗ ſtich durch den Leib, wie man ſie ſich früher gab, war beſſer als eine ſolche Tyrannei.“ 23 „Nein, mein Herr,“ erwiederte Buckingham,„denn der Degenſtich, wenn Ihr ihn empfangt, bezeichnet nicht, ob Ihr Recht oder Unrecht habt; er bezeichnet nur, daß Ihr mehr oder minder ungeſchickt ſeid.“ „Mein Herr!“ rief Wardes. „Ohl Ihr ſeid im Begriffe, etwas Böſes zu ſagen,“ unterbrach ihn d'Artagnan, Wardes das Wort abſchnei⸗ dend,„und ich leiſte Euch einen Dienſt, wenn ich Euch nicht weiter reden laſſe.“ „Iſt das Alles?“ fragte Wardes. „Durchaus Alles,“ antwortete d'Artagnan,„und dieſe Herren und ich ſind mit Euch zufrieden.“ „Glaubt mir, mein Herr,“ ſagte Wardes,„Eure Verſöhnungen ſind nicht glücklich.“ „Und warum nicht?“ „Weil wir uns, Herr von Bragelonne und ich, darauf wollte ich wetten, feindſeliger, als je, gegen ein⸗ ander geſinnt, trennen.“ „Ihr taͤuſcht Euch, mein Herr, was mich betrifft,“ erwiederte Raoul,„ich behalte nicht das kleinſte Atom von Galle gegen Euch im Herzen.“ Dieſer letzte Streich ſchlug Wardes nieder. Er ſchaute wie ein irrſinniger Menſch umher. D'Artagnan grüßte anmuthig die Edelleute, die der Erklärung beigewohnt hatten, und Jeder entfernte ſich, indem er ihm die Hand reichte. Nicht eine Hand ſtreckte ſich gegen Wardes aus. „Oh!“ rief der junge Mann, der wieder in die Wuth verfiel, die ſein Herz verzehrte,„oh! werde ich denn Niemand finden, an dem ich mich rächen kann!“ „Doch, mein Herr, denn ich bin da,“ ſagte ihm eine ganz mit Drohungen beladene Stimme ins Ohr. Wardes wandte ſich um und ſah den Herzog von Buckingham, der ohne Zweifel in dieſer Abſicht geblieben war und ſich ihm näherte. „Ihr, mein Herr!“ rief Wardes. „Ja, ich, ich bin kein Unterthan des Königs von Frankreich, ich bleibe nicht auf dieſem Gebiet, da ich nach England abreiſe; ich habe auch Verzweiflung und Wuth angehäuft, und es iſt für mich, wie für Euch, ein Bedürfniß, mich an Jemand zu rächen. Ich billige ſehr die Grundſätze von Herrn d'Artagnan, aber ich fühle mich nicht veranlaßt, ſie auf Euch anzuwenden. Ich bin Engländer und ſchlage Euch vor, was Ihr vergebens Andern vorgeſchlagen habt.“ „Herr Herzog!“ „Auf, Herr von Wardes, da Ihr ſo gewaltig zornig ſeid, nehmt mich zur Zielſcheibe. Ich werde in vier und dreißig Stunden in Calais ſein. Kommtmit mir, der Weg wird uns mit einander weniger langweilig erſcheinen, als wenn wir getrennt wären. Wir ziehen dort den Degen auf dem Sand, den die Fluth bedeckt, und der ſechs Stunden das Gebiet Frankreich, in ſechs anderen Stunden aber das Gebiet Gottes iſt.“ 1„Gut,“ erwiederte Wardes,„ich nehme es an.“ „Bei Gott! Herr von Wardes,“ ſprach der Herzog, „wenn Ihr mich tödtet, leiſtet Ihr mir einen ausge⸗ zeichneten Dienſt.“ „Herzog, ich werde thun, was ich kann, um Euch angenehm zu ſein.“ „Es iſt alſo abgemacht, ich nehme Euch mit.“ „Ich werde zu Euren Befehlen ſein; um mich zu beſänftigen, bedurfte ich einer guten Gefahr, einer To⸗ desgefahr.“ „Nun, ſo glaube ich, daß Ihr Eure Sache gefunden habt. Euer Diener, Herr von Wardes; morgen früh wird Euch mein Kammerdiener genau die Stunde meines Aufbruchs ſagen; wir reiſen mit einander als zwei gute Freunde. Ich fahre gewoͤhnlich als ein Menſch, der Cile at. „Gott befohlen.“ Buckingham grüßte Wardes und kehrte zum König zurück. Wardes verließ das Palais⸗Royal ganz außer ſich 25 und ſchlug raſch den Weg nach dem Hauſe ein, das er bewohnte. III. Baiſemeaux von Kontlezun. Nach der etwas harten Lection, die ſie Herrn von Wardes gegeben, ſtiegen Athos und d'Artagnan mit einander die Treppe hinab, welche in den Hof des Palais⸗Royal führte. „Seht Ihr,“ ſagte Athos zu d'Artagnan,„früher oder ſpäter kann Raoul dem Duell mit Wardes nicht entgehen. Wardes iſt eben ſo muthig, als er boshaft iſt.⁷ „Ich kenne dieſe Burſche,“ erwiederte d'Artagnan; „ich habe es mit dem Vater zu thun gehabt. Ich er⸗ kläre Euch, und in jener Zeit hatte ich gute Muskeln und eine rohe Sicherheit, ich erkläre Euch, ſage ich, daß der Vater ſchlimm mit mir verfahren iſt. Man wußte indeſſen ſchon, wie ich vom Leder zog. Oh! mein Freund, heut zu Tage macht man keine ſolche Angriffe mehr; ich hatte eine Hand, die nicht einen Augenblick am Platz bleiben konnte, eine Hand von Queckſilber, Athos, Ihr wißt das, Ihr habt mich beim Werke ge⸗ ſehen. Es war nicht mehr ein einfaches Stück Stahl, es war eine Schlange, welche alle Formen und Längen annahm, damit es ihr gelänge, ihren Kopf, das heißt ihren Biß auf eine geeignete Weiſe anzubringen; ich gab mir ſechs Fuß, dann drei, dann preßte ich meinen Gegner Leib an Leib, dann warf ich mich auf zehn Fuß hinaus. Keine menſchliche Kraft war im Stande, dieſem wilden Hinreißen zu widerſtehen. Nun wohl! Wardes der Vater, mit ſeinem Racemuth, mit ſeinem beißigen Muth beſchäftigte mich lange, und ich erinnere mich, daß meine Finger beim Ausgang des Kampfes ermüdet waren.“ „Ich ſagte es Euch wohl,“ verſetzte Athos,„der Sohn wird Raoul fortwährend aufſuchen und ihn am Ende treffen, denn man findet Raoul leicht, wenn man ihn ſucht.“— „Einverſtanden, mein Freund, doch Raoul rechnet gut; er grollt Wardes nicht, wie er geſagt hat: er wird warken, bis er herausgefordert wird, dann iſt ſeine Stellung gut. Der König kann nicht ärgerlich werden; überdies werden wir erfahren, welches Mittel anzuwenden iſt, um den Koͤnig zu beſchwichtigen. Doch warum dieſe Befürchtungen, dieſe Beſorgniſſe bei Euch, der Ihr Euch nicht ſo leicht beunruhigen laßt?“ „Hört: Alles beunruhigt mich. Raoul ſoll morgen den König ſehen, der ihm ſeinen Willen in Beziehung auf eine gewiſſe Heirath ausſprechen wird. Raoul wird ſich erzürnen, wie ein Verliebter, was er iſt, und iſt er einmal in ſeiner üblen Laune und trifft Wardes, ſo wird die Bombe zerplatzen.“ „Wir werden das Jerplatzen verhindern, lieber Freund.“ „Ich nicht, denn ich will nach Blois zurückkehren. Alle dieſe geſchminkte Hofeleganz, alle Reſe Intriguen ekeln mich an. Ich bin kein junger Mann mehr, um die Aermlichkeiten von heute mitzumachen. Ich habe in dem großen Buche Gottes viele Dinge geleſen, welche zu ſchön und zu umfangreich ſind, um mich mit Intereſſe mit den kleinen Phraſen beſchäftigen zu kön⸗ nen, die ſich dieſe Menſchen zuflüſtern, wenn ſie ſich betrügen wollen. Mit einem Wort, ich langweile mich in Paris überall, wo ich Euch nicht habe, und da ich Euch nicht immer haben kann, ſo will ich nach Blois Zurückkehren.“ 8 „ 27 „Ohl wie Unrecht habt Ihr, Athos, daß Ihr Eurem Urſprung und der Beſtimmung Eurer Seele lügt. Die Leute von Eurem Schlag ſind gemacht, um bis zum letzten Tag in der Fülle ihrer Fähigkeiten fortzuſchreiten. Seht hier meinen alten Degen von la Rochelle, dieſe ſpaniſche Klinge; ſie diente dreißig Jahre gleich voll⸗ kommen. An einem Wintertag ſiel ſie auf den Mar⸗ mor des Louvre und zerbrach. Man hat mir ein Jagdmeſſer daraus gemacht, das noch hundert Jahre dauern wird. Ihr, Athos, mit Eurer Rechtſchaffen⸗ heit, mit Eurer Offenherzigkeit, mit Eurem kalten Muth und Eurer ſoliden Bildung ſeid der Mann, den man braucht, um die Könige zu belehren und zu lenken. Bleibt hier: Herr Fouquet wird nicht ſo lange währen, als meine ſpaniſche Klinge.“ „Geht doch,“ erwiederte Athos lächelnd,„das iſt mein d'Artagnan, der, nachdem er mich zum Himmel erhoben, eine Art von Gott aus mir gemacht hat, mich aus dem Olymp herabwirft und auf der Erde abplattet. Ich habe einen höheren Ehrgeiz. Miniſter ſein, Slkave ſein, laßt das! Bin ich nicht größer? ich bin nichts. Ich erinnere mich, daß Ihr mich den großen Athos nanntet. Ohl ich fordere Euch auf, mir dieſes Epithe⸗ ton zu beſtätigen, wenn ich Miniſter wäre. Nein, nein, ich gebe mich nicht ſo preis.“ „Dann ſprechen wir nicht mehr davon; ſagt Euch von Allem Ps, ſelbſt von der Verbruderung.“ 3 11551 theurer Freund, was Ihr da ſprecht, iſt faſt art.“ D'Artagnan drückte Athos lebhaft die Hand und „Nein, nein, ſagt Euch ohne Furcht los. Raoul kann Eurer entbehren, ich bin in Paris.“ „Nun wohl! dann werde ich nach Blois zurückkehren. Dieſen Abend nehmt Ihr von mir Abſchied; morgen bei Tagesanbruch ſteige ich zu Pferde.“ „Ihr koͤnnt nicht allein nach Eurem Hotel zurück⸗ rief: gehen; warum habt Ihr Grimaud nicht mitge⸗ bracht?“ „Mein Freund, Grimaud ſchläft, er geht frühzeitig zu Bette. Mein armer Alter wird leicht müde. Er iſt mit mir von Blois gekommen und ich habe ihn ge⸗ nöthigt, das Haus zu hüten. Denn, wenn er in einem Zuge, die vierzig Meilen zurückreiten müßte, die uns von Blois trennen, er würde darüber ſterben, ohne ſich zu beklagen. Aber ich halte auch große Stücke auf 8 meinen Grimaud.“ „Ich will Euch einen Musketier geben, der Euch die Fackel tragen ſoll. Holla! Ihr Leute!“ rief d'Artagnan. Und er neigte ſich über das vergoldete Geländer. Es erſchienen ſieben bis acht Musketierköpfe. „Ein Freiwilliger, um den Herrn Grafen de la Fore zu geleiten,“ ſagte d'Artagnan. „Ich danke für Euren Eifer, meine Herren,“ ſprach Athos;„doch ich werde keinen von dieſen Edelleuten ſo bemühen.“ „Ich würde wohl den Herrn geleiten, wenn ich nicht mit Herrn d'Artagnan zu ſprechen hätte,“ ſagte Einer. „Wer iſt da?“ fragte d'Artagnan im Halbſchatten ſuchend. „Ich, mein lieber Herr d'Artagnan.“ „Gott verzeihe mir, wenn das nicht die Stimme von Baiſemeaux iſt.“ 4 „Ich bin es, Herr.“ „Ei! mein lieber Baiſemeaux, was macht Ihr da im Hof?“ „Ich erwarte Eure Befehle, mein lieber Herr d'Artagnan.“ „Ohl ich Unglücklicher!“ dachte d'Artagnan. Dann erwiederte er:„Es iſt wahr, Ihr ſeid wegen einer Ver⸗ haftung benachrichtigt worden, doch daß Ihr ſelbſt kommt, ſtatt einen Stallmeiſter zu ſchicken!“ — unter dieſem Licht.“ 29 „Ich bin gekommen, weil ich mit Euch zu ſprechen habe?“ „Und Ihr habt es mir nicht melden laſſen 2ℳ 1„Ich wartete,“ erwiederte Herr Baiſemeaur ſchüch⸗ ern. „Ich verlaſſe Euch, Gott befohlen, d'Artagnan,“ ſagte Athos zu ſeinem Freund. „Nicht eher, als bis ich Euch Herrn Baiſemeaux von Montlezun, den Gouverneur des Schloſſes der Ba⸗ ſtille, vorgeſtellt habe.“ Baiſemeaux verbeugte ſich, Athos ebenfalls. „Doch Ihr müßt Euch kennen,“ fügte d'Artagnan bei. „Ich entſinne mich des Herrn unbeſtimmt,“ ſagte Athos.. „Ihr wißt wohl, mein lieber Baiſemeaux, jener Garde des Königs, mit dem wir einſt unter dem Car⸗ dinal ſo gute Partien machten.“ „Ich erinnere mich vollkommen,“ ſprach Athos freundlich Abſchied nehmend. „Der Herr Graf de la Fore, der den Kriegsnamen Athos hatte,“ ſagte d'Artagnan Baiſemeaux ins Ohr. „Ja, ja, ein wackerer, beherzter Mann, einer von den vier Berühmten,“ ſprach Baiſemeaux. „Ganz richtig. Nun laßt uns reden, mein lieber Baiſemeaux.“ „Wenn es Guch gefällig iſt!“ „Vor Allem, was die Verhaftung betrifft, ſo iſt das auf Befehl abgemacht. Der König verzichtet darauf, die fragliche Perſon verhaften zu laſſen.“ „ Ahl deſto ſchlimmer,“ bemerkte Baiſemeaux mit einem Seufzer. „Wie, deſto ſchlimmer!“ rief d'Artagnan lachend. „ Allerdings,“ erwiederte der Gouverneur der Ba⸗ ſtille,„meine Gefangenen ſind meine Einkünfte.“ „Ohl es iſt wahr. Ich betrachtete die Sache nicht „Keine Befehle alſo?“ ——— 30 Baiſemeaur ſeufzte abermals. „Ihr habt eine ſchöne Stellung,“ ſagte er,„Kapitän⸗ Lieutenant der Musketiere. „Ja, das iſt ziemlich gut. Doch ich ſehe nicht ein, um was Ihr mich zu beneiden habt, Gouverneur der Baſtille, was das erſte Schloß von Frankreich iſt.“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte Baiſemeaux traurig. „Mordiour! Ihr ſagt das wie ein Büßender! Ich werde mein Einkommen gegen das Eurige vertauſchen, wenn Ihr wollt?“ 4 „Sprechen wir nicht vom Einkommen, wenn Ihr mir nicht die Seele zerſchneiden wollt.“ „Aber Ihr ſchaut rechts und links, als befürchtetet Ihr verhaftet zu werden, Ihr, der Ihr diejenigen, welche man verhaftet, bewacht.“ „Ich gewahre, daß man uns ſieht und hört, und daß es klüger wäre, auf die Seite zu gehen, um zu ſprechen, wenn Ihr mir dieſe Gunſt bewilligen wolltet.“ „Baiſemeaur! Baiſemeaux! Ihr vergeßt, daß wir Bekannte von fünfunddreißig Jahren her ſind. Nehmt alſo keine ſo zerknirſchte Miene bei mir an. Thut Euch keinen Zwang an. Ich verſpeiſe die Gonverneurs der Baſtille nicht roh.“ „Gefiele es dem Himmel 1⸗ „Kommt in den Hof; wir gehen Arm in Arm; der Mond ſcheint herrlich, und längs der Eichen, unter“ den Bäumen erzählt mir Eure traurige Geſchichte. Kommt.“ 8 Er zog den betrübten Gouverneur in den Hof, nahm ihn beim Arm, und ſagte mit ſeiner derben Ver⸗ traulichkeit: „Auf, zieht vom Leder, Baiſemeaux, was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Das wird ſehr lang ſein.“ 4 „Ihr wollt alſo lieber jammern und wehklagen: das wird meiner Anſicht nach noch viel länger dauern. ———ͦ—᷑—Y———— 31 Ich wette, daß daß Ihr Euch 50,000 Livres mit Euren Baſtille⸗Tauben macht.“ „Wenn das wäre, lieber Herr d'Artagnan!“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, Baiſemeaux, ſchaut Euch doch an, mein Lieber, Ihr ſpielt den Zerknirſchten, Mordiour! ich will Euch vor einen Spiegel führen. Ihr werdet darin ſehen, daß Ihr fett, blühend, groß und rund ſeid wie ein Käſe, daß Ihr Augen habt wie glühende Kohlen, und daß Ihr, ohne die abſcheuliche Falte, die Ihr Euch in die Stirne grabt, nicht fünfzig Jahre alt ſcheinen würdet. Ihr ſeid aber ſechzig, wie?“ „Das iſt Alles wahr.“ „Bei Gott! ich weiß wohl, daß es wahr iſt, ſo wahr als die 50,000 Livres Einkommen.“ Baiſemeaux ſtampfte mit dem Fuß. „Gut, gut,“ ſagte d'Artagnan,„ich will Euch nicht Cure Rechnung machen, Ihr waret Kapitän der Leib⸗ wachen von Herrn von Mazarin, 12,000 Livres jähr⸗ lich; Ihr habt ſie zwölf Jahre bezogen, das thut 144,000 Livres.“ „12,000 Livres! Seid Ihr verrückt!“ rief Baiſe⸗ meaux.„Der alte Knauſer hat nie mehr gegeben, als 6000, und die Ausgaben, die mit der Stelle verbunden waren, beliefen ſich auf 6,500. Herr von Colbert, der mir die andern 6,000 Livres hatte beſchneiden laſſen, war ſo gnädig, mir 50 Piſtolen als Gratification zu „bewilligen, ſo daß ich ohne das kleine Lehen von Mont⸗ lezun, das 1200 Livres abwirft, nicht hätte meinen Aufwand beſtreiten können.“ „Wir wollen das zugeben... doch gehen wir zu den 50,000 Livres der Baſtille über. Da habt Ihr doann doch wohl Koſt und Wohnung, Ihr bezieht 6,000 Libvres Beſoldung.“ „Gut.“ „Ein Jahr in das andere fünfzig Gefangene mü die einen in die andern gerechnet, Euch 1000 Li einbringen.“ ſſen, kes „Ich leugne es nicht.“ „Das macht doch wohl fünfzig tauſend Livres jährlich; Ihr habt dieſen Poſten drei Jahre inne und folglich hundert und fünfzig tauſend Livres bezogen.“ „Ihr vergeßt einen Umſtand, Herr d'Artagnan.“ „Welchen ²“ „Daß Ihr die Kapitänsſtelle aus den Händen des Königs empfangen habt.“ „Ich weiß es wohl.“ „Während ich die eines Gouverneur von den Herren Tremblay und Louvière erhalten habe.“ „Ganz richtig, und Tremblay war kein Mann, der Euch ſeinen Platz umſonſt überließ.“ „Oh! Louvière eben ſo wenig. Kurz ich habe Tremblay für ſeinen Theil fünf und ſiebenzig tauſend Livres gegeben.“ „Hübſch!.. und Louvière?“ „Eben ſo viel.“ „Sogleich?“ „Nein, das war unmoglich. Der König oder vielmehr Herr von Mazarin wollte nicht den Anſchein haben, als ſetzte er dieſe zwei von der Barricade abſtammenden Burſche ab; er duldete es alſo, daß ſie, um ſich zurück⸗ zuziehen, löwenhafte Bedingungen machten.“. „Was für Bedingungen?“ „Schauert!.. drei Jahre des Einkommens als Weinkauf.“ 3 „Teufel! ſomit ſind die hundert und fünfzig tauſend Livres in ihre Hände übergegangen.“ „Ganz richtig.“ 8 „Und außer dem?“ „Eine Summe von fünfzig tauſend Thalern oder fünfzehn tauſend Piſtolen, wie Euch beliebt, in drei Zahlungen.“ „Das iſt übermäßig.“ Es iſt noch nicht Alles.“ Ihr ſagt!“ der rei 33 „Ermangele ich, eine von den Bedingungen zu er⸗ füllen, ſo treten dieſe Herren wieder in ihre Stelle ein. Man hat das den König unterzeichnen laſſen.“ „D iße ungeheuer! das iſt unglaublich!“ „Es iſt ſo.“ „Ich beklage Euch, mein armer Baiſemeaux. Aber warum, des Teufels! hat Euch denn Herr von Mazarin dieſe angebliche Gunſt bewilligt? Es wäre viel einfa⸗ cher geweſen, ſie Euch zu verweigern.“ „Oh! ja! doch die Hände waren ihm gebunden durch meinen Protector.“ „Euer Protector! wer iſt das?“ „Bei Gott! einer von Euren Freunden, Herr d'Herblay.“ „Herr d'Herblay, Aramis?“ „Aramis, ganz richtig, er wahr vortrefflich gegen 01 ich. „Wortreftlich! daß er Euch auf dieſe Art behan⸗ delte 2“ „Höret doch! ich wollte den Dienſt des Cardinals verlaſſen. Herr d'Herblay ſprach für mich mit Louvi⸗ dres und Tremblay; ſie weigerten ſich; ich hatte Luſt zu dem Platz, denn ich weiß, was er eintragen kann; ich theilte Herrn d'Herblay meinen Kummer mit; er erbot ſich, für mich für jede Zahlung gut zu ſtehen.“ „Bah! Aramis, Ihr ſetzt mich in Erſtaunen. Ara⸗ mis bürgt für Euch?“ „Als galanter Mann erlangte er die Unterzeich⸗ nung; Tremblay und Louvières legten ihre Stelle nie⸗ der; ich habe jedes Jahr an einen von dieſen zwei Herren 25,000 Livres bezahlen laſſen; jedes Jahr am 31ſten Mai kommt Herr d'Herblay ſelbſt in die Baſtille und bringt mir 5000 Piſtolen, um ſie unter meine Krokodille zu vertheilen.“ „Alſo ſeid Ihr Aramis 150,000 Livres ſchuldig?“ „Das iſt gerade meine Verzweiflung, ich bin ihm nur 100,000 ſchuldig.“ Die drei⸗Musketiere. Bragelonne v. 3 34 „Ich verſtehe Euch nicht ganz.“ „Eil gewiß, er iſt nur zwei Jahre gekommen. Heute aber haben wir den 31ſten Mai, ohne daß er eingetroffen, und morgen um Mittag iſt die Verfallzeit. Und wenn ich morgen nicht bezahlt habe, können dieſe Herren nach den Bedingungen des Vertrags den Kauf ungültig machen; ich werde meiner Stelle beraubt, habe drei Jahre gearbeitet, und 250,000 Livres um nichts ge⸗ geben, mein lieber Herr d'Artagnan, durchaus um nichts.“ „Das iſt ſeltſam,“ murmelte d'Artagnan. „Begreift Ihr nun, daß ich eine Falte auf der Stirne haben kann?“ „Ohl ja. „Begreift Ihr, daß ich trotz dieſer Rundung eines Käſe und dieſer Friſche eines Franzapfels dahin gelangt bin, daß ich befürchte, ich werde weder einen Käſe, noch einen Franzapfel mehr zu eſſen und nur noch zwei Augen zum Weinen haben.“ „Das iſt troſtlos.“ ¹ „Ich bin daher zu Euch gekommen, Herr d'Artagnan denn ihr allein koͤnnt mich aus der Klemme zieheu.“ „Wie das? „Ihr kennt den Abbéè d'Herblay?“ „Bei Gott!“ „Ihr wißt, daß er geheimnißvoll iſt?“ „Ohl ja.“ „Ihr könnt mir die Adreſſe ſeiner Pfarre geben, denn ich habe in Noiſy⸗le⸗See geſucht und er iſt nicht mehr dort.“ „Bei Gott! er iſt Biſchof von Vannes.“ „Pannes, in der Bretagne?“ „Ja.“¹ Der kleine Mann raufte ſich die Haare aus. „Ach!“ ſagte er,„wie ſoll ich von jetzt bis morgen Mittag nach Vannes kommen? Ich bin ein verlorener Mann.“ are Verzweiflung thut mir wehe!“ — n, ht en ger —— 3⁵ „Vannes! Vannes!“ rief Baiſemeaux. „Höret doch, ein Biſchof hält ſich nicht immer an ſeinem Sitz auf; Monſeigneur d'Herblay könnte nicht ſo fern ſein, als Ihr befürchtet.“ „Oh! ſagt mir ſeine Adreſſe.“ „Ich weiß ſie nicht, mein Freund.“ „Ich bin entſchieden verloren!... Ich will mich dem König zu Füßen werfen.“ „Aber, Baiſemeaux, Ihr ſetzt mich in Erſtaunen; warum habt Ihr, da die Baſtille fünfzigtauſend Livres tragen kann, die Schraube nicht ſo angetrieben, daß ſie hunderttauſend eintrug?“ „Weil ich ein ehrlicher Mann bin, Herr d'Artagnan, ud weil ich meine Gefangenen wie Potentaten beköſtigt habe.“ „Dabei habt Ihr es weit gebracht, Ihr gebt Euch eine gute Indigeſtion mit Eurer ſchoͤnen Beköſtigung und ſterbt mir hier elendiglich bis morgen Mittag.“ „Grauſamer! er hat das Herz, zu lachen.“ „Nein, ich bedaure Euch. Laßt hören, Baiſemeaux, habt Ihr ein Ehrenwort?“ „Ohl Kapitän.“ „Nun ſo gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr gegen Rienand Uherdes was ich ſagen werde, den Mund aufthut.“ „Niel nie!“ „Wollt Ihr des Aramis habhaft werden?“ „Um jeden Preis.“ „Nun, ſo ſucht Herrn Fouquet auf.“ „Welche Beziehung...“ ni albern ſeid Ihr!.. Wo iſt Bannes ee „Vannes iſt in der Diözeſe von Belle⸗Isle oder elle⸗Isle iſt in der Diözeſe von Vannes. Belle⸗Isle gehört Herrn Fouquet: Herr Fouquet hat Herrn d'Her⸗ blay zu dieſem Bisthum ernennen laſſen.“ „Ihr oͤffnet mir die Augen und gebt mir das Leben wieder.“ mit ihm von den Wechſelfällen ſeiner Reiſe. 36 „Deſto beſſer. Sagt alſo ganz einfach Herrn Fou⸗ nſchet Herrn d'Herblay zu ſprechen.“ „Cs iſt wahr! es iſt wahr!“ rief Baiſemeaux ganz t. „Und,“ ſprach d'Artagnan indem er ihn mit einem ſtrengen Blick zurückhielt,„das Ehrenwort?“ „Ohl heilig!“ rief der kleine Mann, der ſich zum Weglaufen anſchickte. „Wohin geht Ihr?“ „Zu Herrn Fouquet“ „Nein, Herr Fouguet iſt beim Spiel des Königs. Geht morgen frühzeitig zu Herrn Fouquet, das iſt Alles, was Ihr thun könnt. ¹ „Ich werde gehen; meinen Dank.“ „Viel Gluͤck.“ „Ich danke.“ 3 „Das iſt eine drollige Geſchichte,“ murmelte d'Ar⸗ tagnan, der, nachdem er Baiſemeaux verlaſſen hatte, langſam wieder ſeine Treppe hinaufſtieg.„Was des Teufels für ein Intereſſe kann Aramis haben, Baiſe⸗ meaur ſich ſo zu verbinden?.. hm! wir werden das früher oder ſpäͤter erfahren.“ —;— IV. Beim Künig. Fouquet wohnte, wie d'Artagnan geſagt hatte, dem Spiel des Königs bei. 4 Es war als hätte die Abreiſe von Buckingham Bal⸗ ſam auf alle am Tag zuvor geſchworene Herzen gegoſſen. Monſteur machte ſtrahlend ſeiner Mutter tauſend zärtliche Zeichen. Der Graf von Guiche konnte ſich nicht von Bucking⸗ ham trennen, und während er ſpielte, unterhielt er ſich 4 37 Traͤumeriſch und liebreich, wie ein Mann von Ge⸗ müth, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat, horchte Bucking⸗ ham auf den Grafen und richtete zuweilen an Madame einen Blick des Bedauerns und troſtloſer Zärtlichkeit. Im Schooße ihrer Berauſchung theilte die Prinzeſſin ihre Gedanken zwiſchen dem König, der mit ihr ſpielte, Monſieur, der ſie ſanft über beträchtliche Gewinnſte verſpot⸗ tete, und Guiche, der eine überſtrömende Freude kundgab. Mit Buckingham beſchäftigte ſie ſich leichthin; für ſte war dieſer Flüchtling, dieſer Verbannte eine Erin⸗ nerung, und kein Mann mehr. Die leichtfinnigen Herzen ſind ſo beſchaffen, ganz der Gegenwart ſich hingebend, brechen ſie mit Allem, was ſie in ihren kleinen Berechnungen ſelbſtſüchtiger Wohlfahrt ſtören kann. Madame hätte ſich zu den Artigkeiten, zu dem Lächeln, zu den Seufzern des gegenwärtigen Bucking⸗ ham bequemt; aber von fern ſeufzen, lächeln, nieder⸗ knieen, wozu ſollte das nützen? Der Wind der Meerenge, der die gewichtigen Schiffe entführt, wohin fegt er die Seufzer? Weiß man das 20 Der Herzog verbarg ſich dieſe Veränderung nicht, und ſein Herz war dadurch tödtlich verletzt. Eine zarte, ſtolze und für dieſe Zuneigung em⸗ pfängliche Natur, verfluchte er den Tag, wo die Leiden⸗ ſchaft in ſein Herz eingedrungen war. Die Blicke, die er Madame zuſandte, erkalteten allmälig unter dem eiſtigen Hauch ſeines Geiſtes. Er konnte noch nicht verachten, aber er war ſtark genug, um dem ſtürmiſchen Geſchrei ſeines Herzens Stillſchweigen aufzuerlegen. In demſelben Grade, in welchem Madame dieſe eränderung errieth, verdoppelte ſie ihre Thätigkeit, um das Strahlen wieder zuerlangen, das ihr entſtrömte; ihr Anfangs ſchüchterner, unentſchiedener Geiſt trat in glän⸗ zenden Ausbrüchen an das Tageslicht; ſie mußte um jeden Preis über Allem, über dem Koͤnig ſogar bemerkt werden. Sie war es. Die Königinnen, trotz ihrer Würde, der König, trotz der Ehrfurcht der Etiquette, wurden verdunkelt. Steif und gezwungen von Anfang an, vermenſch⸗ lichten ſich die Königinnen und lachten. Madame Hen⸗ riette, die Königin Mutter, war geblendet von dem Glanz, der durch den Geiſt der Enkelin von Heinrich IV. auf ihr Geſchlecht zurückfiel. Der König, ſo eiferſüchtig als junger Mann, ſo eiferſüchtig auf alle Ueberlegenheiten, die ihn umgaben, konnte nicht umhin, die Waffen zu ſtrecken vor dieſem franzöſiſchen Ungeſtüm, deſſen Energie der engliſche Hu⸗ mor noch erhöhte. Er wurde wie ein Kind von dieſer ſtrahlenden Schönheit ergriffen, die der Geiſt erweckte. Die Augen von Madame ſchleuderten Blitze. Die Heiterkeit entſtrömte ihren Purpurlippen, wie die Ueber⸗ redung den Lippen des alten Griechen Neſtor. Um die Königinnen und den König gruppirt, be⸗ merkte der ganze Hof, dieſem Zauber unterworfen, zum erſten Mal, daß man vor dem größten König der Welt lachen konnte, wie Leute, die würdig ſind, die artigſten und geiſtreichſten der Erde genannt zu werden. Madame hatte von dieſem Abend an einen Sueceß, fähig, Jeden zu betäuben, der ſeinen Urſprung nicht in den erhabenen Regionen genommen hätte, die man einen Thron nennt, und die vor ſolchen Schwindeln, trotz ihrer Höhe, geſchützt ſind. V Von dieſem Augenblick an betrachtete Ludwig XIV. Madame als eine Perſon. Buckingham betrachtete ſie als eine Coquette, welche die grauſamſten Martern verdiente. Guiche betrachtete ſie als eine Gottheit. Die Höflinge als ein Geſtirn, deſſen Licht ein Herd für jede Gunſt, für jede Macht werden müßte. Aber Ludwig XIV. hatte ſich einige Jahre früher nicht einmal herbeigelaſſen, dieſem häßlichen Frauen⸗ zimmer für ein Ballet die Hand zu reicheu. ——— ☛—8 8 39 Aber Buckingham hatte dieſe Coquette auf beiden Knieen angebetet. Aber Guiche hatte dieſe Gottheit als ein Weib angeſehen. Aber die Höflinge hatten es nicht gewagt, dieſem Geſtirn im Vorübergehen Beifall zu ſpenden, aus Furcht, dem König zu mißfallen, dem dieſes Geſtirn früher miß⸗ fallen hatte. Das iſt es, was an dieſem merkwürdigen Abend beim Spiel des Königs vorging. Die junge Königin, obgleich Spanterin und Nichte von Anna von Oeſterreich, liebte den König und wußte ſich nicht zu verſtellen. 4 Anna von Oeſterreich, eine Beobachterin wie jede Frau und gebieteriſch wie jede Königin, fühlte die Macht von Madame und verbeugte ſich ſogleich vor ihr. Was die junge Königin beſtimmte, die Sitzung aufzuheben und in ihre Gemächer zurückzukehren. Der Koͤnig merkte kaum auf dieſen Abgang, trotz der geheuchelten Zeichen der Unpäßlichkeit, welche den⸗ ſelben begleiteten. Stark durch die Geſetze der Etiquette, die er in ſeinem Haus als Element jedes Verhältniſſes einzuführen anfing, rührte ſich Ludwig XIV. kaum; er bot Madame die Hand, ohne Monſieur, ſeinen Bruder, anzuſchauen, und führte die junge Prinzeſſin bis an die Thüre ihrer Wohnung. Man bemerkte, daß S. M. auf der Thürſchwelle, frei von allem Zwang oder wenigſtens durch die Lage geſichert, einen ungeheuren Seufzer entſchlüpfen ließ. Die Frauen, denn ſie bemerken Alles, Fräulein von Montalais zum Beiſpiel, verfehlten nicht, zu ihren Ge⸗ fährtinnen zu ſagen:.. „Der König hat geſeufzt...Madame hat geſeufzt.“ Das entſprach der Wahrheit. Madame hatte geräuſchlos, aber mit einem für die — 4— Ruhe des Königs noch viel gefährlicheren Aecompagne⸗ ment geſeufzt. Madame hatte ihre ſchönen ſchwarzen Augen ſchlie⸗ ßend geſeufzt, und dann hatte ſie dieſelben wieder geöffnet und ganz beladen mit einer unſäglichen Traurigkeit zum König aufgeſchlagen, deſſen Antlitz ſich in dieſem Au⸗ 3 genblick ſichtbar bepurpurte. Aus dieſer Röthe, aus dieſen ausgetauſchten Seuf⸗ zern und aus dieſer ganzen königlichen Bewegung ging hervor, daß Montalais eine Indiscretion begangen hatte, und daß durch dieſe Indiscretion ihre Gefährtin ange⸗ riffen worden war, denn, ohne Zweifel minder ſcharf⸗ chtig, als ihre Freundin, erbleichte Fräulein de la BValliere, als der Koͤnig erröthete, und als ſie ihr Dienſt zu Madame rief, trat ſie ganz zitternd ein, ohne daß es ihr einſiel, Handſchuhe zu nehmen, wie es das Ceremoniel vorſchrieb. Allerdings konnte dieſes Provinzmädchen zur Ent⸗ ſchuldigung die Unruhe vorſchützen, in die es die könig⸗ liche Majeſtät verſetzte. Ganz mit dem Schließen der Thüre beſchäftigt, heftete Fräulein de la Vallière in der That die Augen auf den König, der rückwärts ging. Der Köͤnig kehrte in den Spielſaal zurück; er wollte mit verſchiedenen Perſonen ſprechen, aber man konnte wohl ſehen, daß ſein Geiſt nicht ſehr gegenwärtig war. Er irrte ſich bei mehreren Rechnungen, was verſchiedene Herren benützten, welche dieſe Gewohnheiten ſeit Ma⸗ zarin, ſchlimmen Andenkens, aber guter Arithmetik, bei⸗ behalten hatten. So raffte Manicamp, ein äußerſt zerſtreuter Menſch, der Leſer täuſche ſich nicht, Manicamp, der ehrlichſte Mann der Welt, raffte ſo ganz einfach zwanzig tauſend Livres zuſammen, welche auf dem Tiſch herumfuhren, und auf deren Eigenthum Niemand rechtliche Anſprüche zu haben ſchien. So überließ Herr von Wardes, deſſen Kopf durch die Angelegenheiten des Abends etwas in Verwirrun 4 41 gerathen war, ſechzig Doppellouisd'or, die er Herrn von Buckingham abgewonnen hatte, der wie ſein Vater unfähig war, ſich die Hände mit irgend einer Münze zu beſchmutzen, dem Leuchter, als ob dieſer lebendig wäre. Der König erlangte erſt wieder ein wenig Auf⸗ merkſamkeit in dem Augenblick, wo Herr Colbert, der ſeit einiger Zeit auf ihn lauerte, ſich ihm näherte, und, zwar allerdings ehrfurchtsvoll, dabei aber auf eine dringliche Weiſe einen von ſeinen Rathſchlägen in das noch ſummende Ohr Seiner Majeſtät niederlegte. Dem Rath ſchenkte Ludwig eine neue Aufmerkſam⸗ keit; er ſchaute alsbald im Saale umher und fragte: „Iſt Herr Fouquet nicht mehr da?“. „Doch, doch,“ erwiederte die Stimme des Oberin⸗ tendanten, der mit Buckingham beſchäftigt war. Und er kam herbei. Der König ging ihm mit einer äußerſt freundlichen und leutſeligen Miene entgegen und ſagte: „Verzeiht, Herr Oberintendant, wenn ich Euch in Eurem Geſpräche ſtöre; doch ich nehme Euch überall in Anſpruch, wo ich Eurer bedarf.“ „Meine Dienſte gehören ſtets dem König,“ antwor⸗ tete Fouquet. „Und beſonders Eure Kaſſe,“ ſprach Ludwig mit einem falſchen Lächeln. „Meine Kaſſe noch mehr, als das Uebrige,“ erwie⸗ derte Fouquet kalt. „Hört, wie ſich die Sache verhält, mein Herr: ich will ein Feſt in Fontainebleau geben. Vierzehn Tage offanes Haus. Ich brauche eine Summe von...“ Er ſchaute Colbert ſchief an. Fouquet wartete, ohne unruhig zu werden. „Von...“ ſagte er. „Von vier Millionen,“ ſprach der König, das grau⸗ ſame Lächeln von Colbert erwiedernd. „Vier Millionen,“ wiederholte Fouquet ſich tief verbeugend. und ſeine Naͤgel drangen in ſeine Bruſt ein und gruben eine tiefe Furche, ohne daß die Heiterkeit ſeines Geſichts einen Augenblick geſtört war. „Ja, mein Herr,“ ſagte der König. „Wann, Sire?“— „Wählt Eure Zeit... Das heißt, meine... ſo bald als möglich.“ „Ich brauche Zeit.“ „Zeit!“ rief Colbert triumphirend. „Die erforderliche Zeit, um die Thaler zu zählen,“ erwiederte Fouquet mit einer majeſtätiſchen Verachtung. Man kann nur eine Million im Tag aus der Kaſſe neh⸗ men und wägen, mein Herr.“ „Vier Tage alſo,“ ſagte Colbert. „Oh!“ ſprach Fouqguet, ſich an den König wendend, „meine Commis thun Wunder für den Dienſt Seiner Majeſtät. Die Summe wird in drei Tagen bereit ſein.“ Colbert erbleichte. Der König ſchaute ihn erſtaunt an. 3 Fouquet zog ſich ohne Großthuerei, ohne Schwäche zurück und lächelte dabei zahlreichen Freunden zu, in deren Blick er eine wahre Freundſchaft, eine bis zum MNiitleid gehende Theilnahme las. Man durfte Fouquet nicht nach dem Lächeln beur⸗ theilen, Fouquet hatte in Wirklichkeit den Tod im Herzen. Einige Tropfen Blut befleckten unter ſeinem Rock das ueGevene das ſeine Bruſt bedeckte. Der Rock verbarg das Blut, das Lächeln die Wuth. Aus der Art, wie er in ſeinen Wagen ſtieg, ant⸗ nahmen ſeine Leute, daß der Herr nicht heiterer Laune. Eine Folge davon, daß ſie ihn ſo gut verſtanden, war, daß die Befehle mit jener Pünktlichkeit des Ma⸗ noeuvrirens vollzogen wurden, die man auf einem Kriegsſchiffe trifft, das während des Sturms von einem erzürnten Kapitän befehligt wird.— Der Wagen rollte nicht, er flog. — 43 Fouquet hatte kaum Zeit, ſich wäͤhrend der Fahrt zu ſammeln. Bei ſeiner Ankunft ging er zu Aramis hinauf. Aramis hatte ſich noch nicht zu Bette gelegt. Porthos hatte ganz behaglich eine gebratene Ham⸗ melskeule, zwei Faſanen und einen Berg von Krebſen geſpeiſt; dann hatte er ſich den Leib nach der Weiſe der antiken Kämpfer mit wohlriechendem Oel einſalben laſſen; nachdem dies geſchehen war, hatte man ihn müfſen in Flanell wickeln und ins Bett tragen. Aramis war, wie geſagt, noch nicht zu Bette ge⸗ gangen. Bequem in einen Schlafrock gehüllt, ſchrieb er Briefe auf Briefe mit jener ſo feinen und gedrängten Schrift, von der eine Seite einen Viertelsband enthält. Die Thure wurde haſtig geöffnet; der Oberinten⸗ dant erſchien bleich, bewegt, ſorgenvoll. Aramis erhob den Kopf und ſprach: „Guten Abend, lieber Wirth.“ Und ſein beobachtender Blick errieth dieſe ganze Traurigkeit, dieſe ganze Störung des Gemüths. „Schönes Spiel beim König?“ fragte Aramis, um das Geſpräch zu beginnen. Fouquet ſetzte ſich und wies dem Lackei, der ihm folgte, durch eine Geberde die Thüre. Dann, als der Lackei weggegangen war, antwor⸗ tete er: „Sehr ſchön.“* Und Aramis, deſſen Auge den Oberintendanten nicht verließ, ſah ihn ſich mit einer ſieberhaften Unge⸗ duld auf den Kiſſen ausſtrecken. „Ihr habt wie immer verloren?“ fragte Aramis, mit der Feder in der Hand. „Mehr als immer,“ erwiederte Fouguet. „Aber man weiß, daß Ihr den Verluſt gut er⸗ tragt.“ 4 „Zuweilen.“ „Oh! Herr Fouquet, ein ſchlechter Spieler!“ „Es gibt Spiele und Spiele, Herr d'Herblay.“ „Wie viel habt Ihr verloren, Monſeigneur?“ fragte Aramis mit einer gewiſſen Beſorgniß. Fouquet ſammelte ſich einen Augenblick, um ſeiner Stimme die gehörige Ruhe zu verleihen; dann antwor⸗ tete er ohne irgend eine Bewegung: „Dieſer Abend koſtet mich vier Millionen.“ Und ein bitteres Lachen verlor ſich auf dem letzten Vibriren ſeiner Worte. Aramis war nicht auf eine ſolche Zahl gefaßt; er ließ ſeine Feder fallen und rief: „Vier Millionen! Ihr habt vier Millionen ver⸗ ſpielt! Unmöglich!“. „Herr Colbert hielt meine Karte,“ antwortete der Oberintendant mit demſelben finſteren Gelächter. „Ahl ich begreife nun. Alſo eine neue Geldforde⸗ rung?“ „Ja, mein Freund.“ „Vom König?“ „Von ſeinem eigenen Mund. Es iſt nicht möglich, einen Menſchen mit einem ſchöneren Lächeln niederzu⸗ ſchmettern.“ „Teufel!“ „Was denkt Ihr hievon?“ BBei Gottl ich denke, daß man Euch zu Grunde richten will: das iſt klar.“ „Das iſt alſo Eure Anſicht?“ „Gewiß. Darüber dürft Ihr Euch indeſſen nicht wundern, da wir es vorhergeſehen haben.“ „Es mag ſein; doch auf vier Millionen war ich nicht gefaßt.“ „Die Summe iſt allerdings ſchwer; aber vier Millionen bringen am Ende einen Menſchen nicht um, das darf man wohl ſagen, beſonders wenn dieſer Menſch Herr Fouquet heißt.“ „Wenn Ihr den Vorrath der Kaſſe kennen würdet, mein lieber d'Herblay, ſo wäret Ihr weniger ruhig.“ 45 „Und Ihr habt verſprochen?“ „Was ſollte ich machen?“ „Es iſt wahr.“ „An dem Tag, an welchem ich verweigere, wird Colbert die Mittel finden; wo, das weiß ich nicht, doch er wird ſie finden, und ich bin verloren!“ „Unzweifelhaft. Und in wie viel Tagen habt Ihr die vier Millionen verſprochen?“ „In drei Tagen... Der Koönig ſcheint großm Eile zu haben.“ 1 „ ‚In drei Tagen!“. „Oh! mein Freund, wenn man bedenkt, daß, als ich vorhin durch die Straße kam, die Leute riefen: Hier fährt der reiche Herr Fouquet! Ja, lieber d'Herblay, das iſt, um den Kopf zu verlieren!“. „Oh! nein, Monſeigneur, halt, halt! Die Sache iſt nicht der Mühe werth,“ ſagte Aramis phlegmatiſch, während er Sand auf den Brief ſtreute, den er ge⸗ ſchrieben. „Ein Mittel alſo! ein Mittel für dieſes Uebel, für welches es gar kein Mittel gibt.“ „Es gibt nur eines... Bezahlt.“ „Aber ich habe kaum dieſe Summe. Alles muß erſchopft ſein; man hat Belle⸗Isle bezahlt; man hat die Penſion bezahlt; das Geld iſt ſeit der Unterſuchung der Steuerpächter rar. Angenommen, man bezahle diesmal, wie wird man das andere Mal bezahlen 2... Denn glaubt mir, wir ſind noch nicht zu Ende! Wenn die Könige einmal Geld gekoſtet haben, ſo iſt es wie bei den Tigern, welche Fleiſch gekoſtet, ſie verſchlingen! Eines Tages werde ich wohl ſagen müſſen: Unmöglich, Sire! Nun, an dieſem Tag bin ich verloren.“ 3 Aramis zuckte leicht die Achſeln und erwiederte: „Ein Mann in Eurer Stellung iſt nur verloren, woenn er es ſein will.“ „Ein Mann, in welcher Stellung er auch ſein mag, kann nicht gegen einen König kämpfen.“ „Bah! in meiner Jugend habe ich wohl gegen den Cardinal von Richelieu gekämpft, der König von Frankreich war und dabei Cardinal.“ „Habe ich Heere, Truppen, Schätze? Ich habe nicht einmal Belle⸗Isle!“ „Bah! die Noth iſt die Mutter, der Erfindung, wenn Ihr Alles verloren glaubt. „Nun?“ „Wird man etwas Unerwartetes finden, das Alles rettet.“ „Und wer wird dieſes wunderbare Etwas ent⸗ decken?“ „Ihr.“ „Ich! Ich nehme meinen Abſchied als Erfinder.“ „Ich alſo.“ „Gut. Dann ſchreitet aber ohne Verzug zum Werke.“ „Shl⸗ wir haben wohl Zeit.“ „Ihr bringt mich um mit Eurem Phlegma, d'Her⸗ blay,“ ſagte der Oberintendant, indem er mit ſeinem Sacktuch uͤber ſeine Stirne fuhr. „Erinnert Ihr Euch deſſen nicht, was ich Euch eines Tags ſagte?“ „Was ſagtet Ihr mir?“ 85 1 „Ihr brauchet Euch nicht zu beuneuligen, wenn Ihr Muth habet. Habt Ihr?“ „Ich glaube wohl.“ 3 „Beunruhigt Euch alſo nicht.“ „Albgemacht, im äußerſten Augenblick kommt Ahe mir zu Hülfe, d'Herblay?“ 7 3„Ich werde Euch damit nur zurückgeben, was ich Euch ſchuldig bin, Monſeigneur.“ „Es iſt das Handwerk der Finanzleute, den Bedürf⸗ niſſen der Männer, wie Ihr ſeid, d'Herblay, entgegen⸗ zukommen.“ „Iſt die Zuvorkommenheit das Handwerk der Fi⸗ nanzleute, ſo iſt die Bruderliebe die Tugend der Geiſt 47 lichen. Nur diesmal noch ergebt Euch. Ihr ſteht noch 5 niedrig genug. Im letzten Augenblick werden wir ehen.“ 3 „Dann werden wir binnen Kurzem ſehen.“ „Es ſei. Nun aber erlaubt mir, Euch zu ſagen, ich bedaure es perſönlich ſehr, daß das Geld bei Euch ſo dünn iſt.“ „Warum?“ „Weil ich Euch darum erſuchen wollte.“ „Für Euch?“ „Für mich oder für die Meinigen, für die Meinigen oder für die Unſerigen.“ „Welche Summe?“ „Oh! ſeid unbeſorgt; eine runde Summe, es iſt wahr, aber keine ungeheure.“ 2* „Nennt die Zahl.“ „Fünfzig tauſend Livres.“ „Eine Erbärmlichkeit!“ „Wirklich!“ „Allerdings, man hat immer fünfzig tauſend Liv⸗ res. Ohl warum begnügt ſich dieſer Schuft, den man Colbert nennt, nicht wie Ihr; ich würde mich weniger kümmern, als ich es thue? Und wann braucht Ihr dieſe Summe?“ „Morgen früh.“ „Gut, und...“ „Ahl es iſt wahr; Ihr fragt nach der Beſtim⸗ mung?“ „Nein, Chevalier, nein, ich bedarf keiner Erklärung.“ „Doch, es iſt moörgen der 1. Juni.“ „Nun?“ 3 „Der Verfalltag von einer unſerer Verbindlich⸗ keiten.“ „Wir haben alſo Verbindlichkeiten?“ „Gewiß, wir bezahlen morgen unſer letztes Drittel.“ „Welches Drittel?“ 3 Baiſemeaux.“ „Baiſemeaux! Wer iſt das?“ „Der Gouverneur der Baſtille.“ „Ah! ja, es iſt wahr. Ihr laßt mich hundert und fünfzigtauſend Livres für Baiſemeaux bezahlen.“ „Ja wohl!“ „Doch aus welcher Veranlaſſung?“ „Aus Veranlaſſung der Stelle, die er gekauft hat, oder die wir vielmehr Louvières und Tremblay abge⸗ kauft haben.“ „Dies alles iſt in meinem Geiſte ſehr unbeſtimmt.“ „Ich begreife das, Ihr habt ſo viele Geſchäfte. Ich glaube indeſſen, daß Ihr keine wichtigere Angele⸗ genheit habt, als dieſe.“ „Dann ſagt mir, warum wir dieſe Stelle gekauft haben.“ „Um ihm nützlich zu ſein.“ „Ah!“ „Einmal ihm, und dann uns.“ „Wie, uns! Ihr ſcherzt.“ „Monſeigneur, es gibt Zeiten, wo ein Gouverneur der Baſtille eine ſehr ſchöne Bekanntſchaft iſt.“ „Ich habe das Glück, Euch nicht zu verſtehen, d'Herblay.“ „Monſeigneur, wir haben unſern Dichtey, unſern Ingenieur, unſern Architekten, unſern Muſiker, unſern Drucker, unſern Maler, wir brauchen unſern Gouverneur der Baſtille.“. „Ah! Ihr glaubt?“ „Monſeigneur, machen wir uns keine Illuſionen; wir ſind ſehr der Gefahr ausgeſetzt, in die Baſtille wandern zu müſſen... Lieber Herr Fouquet,“ fügte der Prälat bei, indem er unter ſeinen bleichen Lippen Zähne zeigte, welche immer noch die ſchönen, dreißig Jahre früher von Marie Michon angebeteten Zähne waren. „Von den hundert und fünfzig tauſend Franken für 49 „Und Ihr glaubt, hundert und fünfzig tauſend Livres ſeien hiefür nicht zu viel, d'Herblay. Ich ver⸗ fihere Euch, daß ihr Eure Geld gewöhnlich beſſer an⸗ egt.“ „Es wird ein Tag kommen, wo Ihr Euren Irr⸗ thum erkennen werdet.“ „Mein lieber d'Herblay, an dem Tag, wo man in die Baſtille eintriit, wird man nicht mehr durch die Vergangenheit begünſtigt.“ „Doch, wenn die unterſchriebenen Obligationen ganz in Ordnung ſind; und dann glaubt mir, dieſer vortreffliche Baiſemeaux hat kein Höflingsherz! Ich bin feſt überzeugt, daß er mir eine Dankbarkeit für dieſes Geld bewahren wird, abgeſehen davon, daß ich, wie ge⸗ ſagt, die Unterſchriften behalte.“ „Was für eine verteufelte Geſchichte! Wucher bei einer Sache der Wohlthätigkeit!“— „Monſeigneur, miſcht Euch nicht in dieſe Sache; findet Wucher ſtatt, ſo treibe ich ihn allein; nur ziehen wir Beide den Nutzen daraus.“ „Welche Intrigue, d'Herblay!“ „Ich leugne es nicht.“ „Und Baiſemeaux dabei Genoſſe!“ „Warum nicht? man hat ſchlimmere. Ich kann alſo morgen auf die fünftauſend Piſtolen zählen?“ „Wollt Ihr ſie heute Abend?“ „Das wäre noch beſſer, denn ich will mich früh⸗ zeitig auf den Weg begeben; der arme Baiſemeaux, der nicht weiß, was aus mir geworden iſt, ſitzt auf glühen⸗ den Kohlen.“ „Ihr ſollt die Summe in einer Stunde haben. Oh! d'Herblay, das Intereſſe von Euren hundert und fünfzig tauſend Livres wird nie meine vier Million be⸗ zahlen,“ ſagte Fouquet aufſtehend. „Warum nicht, Monſeigneur?“ „Gute Nacht, ich habe vor Schlafengehen mit den Commis zu thun.“ 3 Die drei Musketiere, Bragelonne V. 4 „Gute Nacht, Monſeigneur.“ „D'Herblay, Ihr wunſcht mir das Unmsgliche.“ „Ich bekomme dieſen Abend meine fünfzigtauſend Livres 20 3 „Ja.¹ „Nun, ſo ſchlaft auf beiden Ohren, das ſage ich Euch. Gute Nacht, Monſeigneur.“ „. Trotz dieſer Verſicherung und des Tons, mit dem ſie gegeben wurde, ging Fouquet den Kopf ſchüttelnd und einen Seufzer ausſtoßend weg. Die kleinen Rechnungen von Herrn Baiſemeaux von Montlezun. Es ſchlug ſieben Uhr in Saint⸗Paul, als Aramis in bürgerlicher Tracht, das heißt in grünes Tuch ge⸗ kleidet und ohne eine andere Auszeichnung, als eine Art von Jagdmeſſer an der Seite, an der Rue du Petit⸗Mure vorbeikam und der Rue des Tournelles ge⸗ genüber, vor dem Thore des Schloſſes der Baſtille an⸗ hielt. 4 3 Zwei Schildwachen ſtanden an dieſem Thor. Sie machten keine Schwierigkeiten, Aramis zuzu⸗ laſſen, der, wie er war, einritt, und wieſen ihn mit der Geberde durch eine lange, auf beiden Seiten mit Ge⸗ bänden beſetzte Paſſage. Dieſe Paſſage fi . des Platzes begann. tte bis zur Zugbrücke, das heißt bis zum wahren Eingang. 4 Die Zugbrücke war niedergel ſſen und der Dienſt 51 Die Schildwache von der erſten Wachtſtube hielt Aramis an und fragte ihn mit ziemlich barſchem Ton, welche Urſache ihn hieher führe. Aramis erklärte mit ſeiner gewöͤhnlichen Höflichkeit die Urſache, die ihn hieher führe, ſei der Wunſch, Herrn e Baiſemeaur von Montlezun zu ſprechen. Die erſte Wache rief eine zweite, welche in einem 8 inneren Schilderhauſe ſtand. Dieſe hielt den Kopf an ihre Luke und ſchaute Aramis ſehr aufmerkſam an. Aramis wiederholte den Ausdruck ſeines Wunſches. Die Schildwache rief alsbald einen Unterofficier, der in einem geräumigen Hofgauf und abging und, als er gehört hatte, um was es ſich handelte, weglief, um einen Officier vom Stab des Gonderneut zu holen. Der letztere, als er das Verlangen von Aramis vernommen hatte, bat ihn, einige Augenblicke zu warten, machie ein paar Schritte und kehrte zurück, um ihn nach ſeinem Namen zu fragen. „Ich kann ihn Euch nicht ſagen, mein Herr,“ ant⸗ wortete Aramis;„erfahret nur, daß ich dem Herrn Gouverneur Dinge von ſo großer Wichtigkeit mitzu⸗ theilen habe, daß Herr von Baiſemeaur entzückt ſein wird, mich zu ſehen, dafür ſtehe ich. Mehr noch, wenn Ihr ihm geſagt habt, es ſei die Perſon, die er am 1. Juni erwarte, ſo bin ich überzeugt, daß er ſelbſt her⸗ beilaufen wird.“ Der Officier konnte es nicht in ſeinen Geiſt brin⸗ gen, ein ſo wichtiger Mann, wie der Herr Gouverneur, werde ſich wegen eines ſo unbedeutenden Menſchen be⸗ mühen, wie dieſer kleine Bürger zu Pferde zu ſein ſchien. „Das trifft ſich ganz vortrefflich, mein Herr, der Herr Gouverneur ſchickte ſich an, auszufahren, und Ihr ſeht ſeinen Wagen im Hof am Gouvernement angeſpannt; er hat alſo nicht noͤthig, Euc entgegenzu⸗ kommen, doch er wird Euch im Vorüberfahren ſehen.“ Aramis machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Beipflichtung; er wollte keinen zu hohen Begriff von ſich geben und wartete geduldig und ſtillſchweigend, auf den Sattelbogen ſeines Pferdes vorgebeugt. Es waren kaum zehn Minuten abgelaufen, als man den Wagen des Gouverneur erſchüttert werden ſah. Er näherte ſich der Thüre, der Gouverneur kam heraus und ſtieg in den Wagen, der ſich zur Abfahrt anſchickte. Dann fand dieſelbe Ceremonie bei dem Gebieter des Hauſes, wie bei einem verdächtigen Fremden ſtatt; die Wache vom Schilderhaus ſchritt in dem Augenblick vor, wo der Wagen unter dem Gewölbe durchfahren wollte, und der Gouverneur öffnete den Schlag, um zuerſt dem Befehl zu gehorchen. Auf dieſe Art konnte ſich die Wache überzeugen, daß Niemand durch Betrug aus der Baſtille hinauskam. Der Wagen rollte unter das Gewölbe. Doch in dem Augenblick, wo man das Gitter öff⸗ nete, näherte ſich der Officier der zum zweiten Mal an⸗ gehaltenen Carroſſe und ſagte dem Gouverneur ein paar Worte. Sogleich ſtreckte der Gouverneur den Kopf aus dem Schlage und erblickte Aramis zu Pferde am Ende der Zugbrücke. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſtieg oder ſprang vielmehr aus ſeinem Wagen, lief auf Aramis zu, faßte ihn bei den Händen und machte ihm tauſend Entſchuldi⸗ gungen. Es fehlte nicht viel, daß er ihn geküßt hätte. „Was hat man doch durchzumachen, um in die Ba⸗ ſtille zu kommen, Herr Gouverneur! Iſt es ebenſo bei denjenigen, welche man wider ihren Willen dahin ſchickt, wie bei denjenigen, welche freiwillig kommen?“ „Verzeiht! verzeiht! Ah! Monſeigneur, wie freut es mich, Eure Herrlichkeit zu ſehen.“ St! Ueberlegt doch, mein lieber Herr von Baiſe⸗ meaux. Was ſollte man denken, wenn man einen Bi⸗ ſchof in einem ſolchen Aufzug ſehen würde!“ „Ohl ich bitte um Entſchuldigung, verzeiht, ich 5³ bedachte das nicht... Das Pferd dieſes Herrn in den Stall!“ rief Baiſemeaur. „Teufel! nein, nein,“ ſagte Aramis. „Warum dies?⸗ „Weil fünftauſend Piſtolen im Mantelſack find.“ Das Geſicht des Gouverneur wurde ſo ſtrahlend, daß die Gefangenen, würden ſie es geſehen haben, hätten glauben können, es komme ein Prinz von Geblüt bei ihm an. „Ja, ja, Ihr habt Recht, das Pferd ins Gouver⸗ nement. Mein lieber Herr d'Herblay, wollen wir wieder in den Wagen ſteigen, um bis zu mir zu fahren?“ „In den Wagen ſteigen, um durch einen Hof zu gelangen? Herr Gouverneur, haltet Ihr mich für ſo veid Nein, nein, zu Fuße, Herr Gouverneur, zu uße.“ Baiſemeauxr bot ſeinen Arm als Stütze an, doch der Prälat machte keinen Gebrauch davon. So kamen ſie zum Gouvernement, während ſich Baiſemeaux die Hände rieb und aus dem Augenwinkel nach dem Pferde ſchielte, indeß Aramis die ſchwarzen, kahlen Mauern betrachtete. Ein ziemlich großartiges Vorhaus und eine gerade Treppe von weißen Steinen führten in die Gemächer von Baiſemeaur. Dieſer durchſchritt das Vorzimmer, den Speiſeſaal, wo man das Friühſtück zurichtete, öffnete eine kleine Geheimthüre und ſchloß ſich mit ſeinem Gaſt in ein großes Cabinet ein, deſſen Fenſter ſich ſchräge nach den Höfen und Ställen offneten. Baiſemeaur quartierte den Prälaten mit jener un⸗ terwürſigen Höflichkeit ein, deren Geheimniß nur gut⸗ müthige oder dankbare Menſchen kennen.— Armſtuhl, Kiſſen unter die Füße, rollender Tiſch, um die Hand darauf zu ſtützen, Alles bereitete der Gouverneur ſelbſt. 4 Er ſetzte auch mit einer religiöſen Sorge auf den Tiſch den Goldſack, den einer von ſeinen Soldaten mit nicht geringerer Ehrfurcht heraufgeſchleppt hatte, als ein Prieſter das heilige Sacrament trägt. Der Soldat ging hinaus, Baiſemeaur ſchloß hinter ihm die Thüre, zog einen Vorhang vom Fenſter und ſchaute Aramis in die Augen, um zu ſehen, ob ihm nichts fehle. „Nun! Monſeigneur,“ ſagte er, ohne ſich zu ſetzen, „Ihr ſeid alſo fortwährend der getreuſte der Männer von Wort?“ „In Geſchäften, mein lieber Herr Baiſemeaur, iſt die Pünktlichkeit keine Tugend, ſondern eine einfache icht.. Pſ Gi ja, in Geſchäften, das begreife ich, aber das iſt kein Geſchäft, was Ihr mit mir macht, Monſeigneur, es iſt ein Dienſt, den Ihr mir leiſtet“ „Stille doch, lieber Herr von Baiſemeaur, geſteht, daß Ihr trotz dieſer Pünktlichkeit nicht ganz ohne Be⸗ ſorgniß geweſen ſeid.“ „Ueber Eure Geſundheit, ja, gewiß,“ ſtammelte Baiſemeaux. „Ich wollte geſtern kommen, doch ich konnte nicht, ich war zu müde,“ fuhr Aramis fort. Baiſemeaur beeilte ſich, noch ein weiteres Kiſſen ſeinem Gaſt unter die Lenden zu ſchieben. „Aber,“ ſagte Aramis,„ich nahm mir vor, Euch heute frühzeitig zu beſuchen.. „Ihr ſeid vortrefflich, Monſeigneur.“ „Und es war gut, daß ich mich beeilte, wie mir ſcheint.“ „Wie ſo?“ „Ja, Ihr wolltet eben ausfahren.“ Baiſemeaur erröthete. „In der That, ich wollte ausfahren,“ ſagte er. „Dann habe ich Euch geſtoͤrt?“ Die Verlegenheit von Baiſemeaur wurde ſichtbar. 3 „Ich bin Euch zur Laſt,“ fuhr Aramis fort, indem 5⁵ er ſeinen einſchneidenden Blick auf den armen Gouver⸗ neur heftete.„Wenn ich das gewußt hätte, ſo wäre ich nicht gekommen.“ „Ohl Monſeigneur, wie könnt Ihr glauben, Ihr ſeid mir je zur Laſt?“ „Geſteht, daß Ihr Geld ſuchen wolltet 2 „Nein,“ ſtammelte Baiſemeaur,„nein, ich ſchwöre Euch; ich wollte...“ 5 „Fährt der Herr Gouverneur immer noch zu Herrn Fouquet?“ rief von unten die Stimme des Major. Baiſemeaux lief wie ein Verrückter ans Fenſter und antwortete in Verzweiflung: „Nein! nein! wer Teufels ſpricht denn von Herrn Fouquet? iſt man betrunken da unten? warum ſtört man mich, wenn ich Geſchäfte habe?“ „Ihr wolltet zu Herrn Fouquet,“ ſagte Aramis: „zum Abbé oder zum Oberintendanten 24 Baiſemeaur hatte gute Luſt, zu lügen, aber er beſaß nicht den Muth dazu und erwiederte: „Zum Oberintendanten.“ „Ihr ſeht alſo wohl, daß Ihr Geld nöthig hattet, de ehr zu demjenigen gehen wolltet, welcher ſolches g.“ „Nein, nein.“ „Ahl ah! Ihr mißtraut mir.“ „Mein lieber Herr, einzig und allein, weil ich den Ort nicht wußte, wo Ihr wohnt.“ „Oh! Ihr hättet Geld von Herrn Fouquet bekom⸗ men, mein lieber Herr von Baiſemeaux, das iſt ein Mann, der eine offene Hand hat.“ 8 „Ich ſchwoͤre Euch, daß ich es nie gewagt hätte, mir von Herrn Fouquet Geld zu erbitten. Ich wollte ihn nur um Eunre Adreſſe bitten. „Meine Adreſſe bei Fouquet!“ rief Aramis unwill⸗ kührlich die Augen aufreißend. „Ja,“ ſagte Baiſemeaur, beunruhigt durch den Blick von Aramis,„ja, allerdings bei Herrn Fouquet.“ —e 1 —.— 8 ——— „Dabei iſt nichts Schlimmes, lieber Herr von Bai⸗ ſemeaux; nur frage ich mich, warum Ihr meine Adreſſe bei Herrn Fouquet ſucht?“.— „Ahl weil Herr Fouquet Belle⸗Isle beſitzt...“ „Nun?“ „Belle⸗Jsle, was zu der Diözeſe von Vannes ge⸗ hört, und inſofern Ihr Biſchof von Vannes ſeid...“ „Mein lieber Herr von Baiſemeaur, da Ihr wußtet, daß ich Biſchof von Vannes bin, ſo brauchtet Ihr meine Adreſſe nicht von Herrn Fouquet zu verlangen.“ „Sagt mir, mein Herr,“ ſprach Baiſemeaur in Verzweiflung,„habe ich eine Inconſequenz begangen? In dieſem Fall bitte ich Euch um Verzeihung.“ „Geht doch! Worin könntet Ihr denn eine Incon⸗ ſequenz begangen haben?“ fragte Aramis ruhig. Und während er ſein Geſicht wieder erheiterte und dem Gouverneur zulächelte, fragte Aramis ſich ſelbſt, wie es komme, daß Baiſemeaur, der ſeine Adreſſe nicht kenne, doch wiſſe, daß Vannes ſeine Reſidenz ſei. „Ich werde mir hierüber Licht verſchaſſen,“ ſagte er zu ſich. Dann fügte Aramis laut bei: „Sprecht, mein lieber Gouverneur, wollen wir unſere kleinen Rechnungen machen?“ „Zu Euren Befehlen, Monſeigneur... doch ſagt mir zuvor, Monſeigneur...“ 3 Was? „Werdet Ihr mir nicht die Ehre erweiſen, mit mir wie gewöhnlich zu frühſtücken?“. 4 „Sehr gern.“ „Schön!"“. Baiſemeaux ſchlug dreimal auf ein Gloͤckchen. „Was bedeutet das?“ fragte Aramis. „Daß ich Jemand beim Frühſtück habe, und daß man ſich darnach richten ſoll.“. „Ahl Teufel! Und Ihr ſchlagt dreimal! Wißt Ihr, * — „— 57 mein lieber Gouverneur, daß Ihr ausſeht, als machtet Ihr mit mir Umſtände?“ „Oh! ja wohl! Uebrigens iſt es das Wenigſte, daß ich Euch ſo gut als möglich empfange.“ „Warum denn?“ „Es gibt keinen Fürſten, der für mich gethan hätte, was Ihr für mich gethan habt.“ „Abermals.“ „Nein, nein.“. „Sprechen wir von etwas Anderem. Oder viel⸗ mehr, ſagt mir: macht Ihr Eunre kleinen Geſchaäͤfte in der Baſtille?“ 1„Ja.“ „Der Gefangene gibt alſo?“ „Nicht ſu viel.“ „Teufel!“ 1„Herr von Mazarin war nicht ſtreng genug.“ 4„Ahl ja, Ihr brauchtet eine argwohniſche Regie⸗ rung, unſern alten Cardinal.“ „Ja, unter ihm ging es gut. Der Bruder Seiner grauen Eminenz hat dabei ſein Glück gemacht.“ 1„Glaubt mir,“ ſprach Aramis, indem er ſich Bai⸗ ſemeaur näherte,„ein junger König iſt ſo viel werth, als ein alter Cardinal. Die Jugend hat ihr Mißtrauen, ihren Zorn, ihre Leidenſchaften, wenn das Alter ſeinen Haß, ſeine Vorſicht, ſeine Befürchtungen hat. Habt Ihr Eure drei Jahre Nutzen an Louvières und Trem⸗ blay bezahlt?“ 1 „Ohl mein Gott, ja.“— „Somit brauchen wir ihnen nichts mehr zu geben, als die fünfzig tauſend Livres, die ich Euch bringe? „Ja." „Keine Erſparniſſe alſo?“ 2 „Ohl Monſeigneur, ich ſchwöre Euch, daß ich, . indem ich dieſen Herren von meiner Seite fünfzigtauſend r Livres gebe, Alles gebe, was ich gewinne. Das ſagte hiich erſt geſtern Abend Herrn d'Artagnan.“ „Ah!“ rief Aramis, deſſen Augen glänzten, aber ſogleich wieder erloſchen,„ah! Ihr habt Herrn d'Ar⸗ tagnan geſtern geſehen? Und wie befindet ſich dieſer theure Freund?“ „Vortrefflich.“ „Und was ſagtet Ihr ihm, Herr von Baiſemeaux?“ „Ich ſagte ihm,“ antwortete der Gouverneur, ohne ſeine Unbeſonnenheit zu bemerken,„ich ſagte ihm, ich beköſtige meine Gefangenen zu gut.“ „Wie viel habt Ihr?“ fragte Aramis gleichgültig⸗ „Sechzig.“ „Eil ei! das iſt eine runde Zahl.“ „Ahl Monſeigneur, früher gab es Jahre von zwei hundert.“ „Nun, ein Minimum von ſechzig, darüber darf man ſich nicht zu ſehr heklagen.“ „Allerdings nicht, denn jedem Andern, als mir, müßte jeder hundert und fünfzig Piſtolen eintragen.“ 4„Hundert und fünfzig Piſtolen!“ „Rechnet nun: für einen Prinzen von Geblüt, zum Beiſpiel, habe ich fünfzig Livres täglich.“ „Nur habt Ihr keinen Prinzen von Geblüt, we⸗ nigſtens wie ich glaube,“ entgegnete Aramis mit einem leichten Zittern in der Stimme. „Nein, Gott ſei Dank! das heißt, leider nein.“ „Wie, leider?“ „Allerdings, mein Platz wäre verbeſſert.“ „Das iſt wahr.“ 5 „Ich habe alſo für einen Prinzen von Geblüt fünfzig Franken.“ „Ig. „Für einen Marſchall von Frankreich ſechs und dreißig Livres.“. „Doch, nicht wahr, Ihr habt in dieſem Augenblick eben ſo wenig einen Marſchall von Frankreich, als einen Prinzen von Geblüt?“ 4 „Ach! nein, es iſt wahr; für die Generallieutenants 59 und die Brigadiers werden vier und zwanzig Livres täglich bezahlt, und ich habe zwei.“ „Ah! ah!“ „Nach dieſen kommen die Räthe beim Parlament, die mir fünfzehn Livres eintragen.“ „Und wie viel habt Ihr ſolche?“ „Vier 24 „Ich wußte nicht, daß die Räthe ſo einträglich find „Ja, aber von fünfzehn Livres ſinke ich ſogleich auf zehn.“ „Auf zehn?“ „Ja, für einen gewöhnlichen Richter, für einen Geiſtlichen zehn. Solche habe ich ſieben.“ „Und Ihr habt ſieben? Ein gutes Geſchäft.“ „Nein, ein ſchlechtes!“ „Warum?“ 3 4 „Wie, ſoll ich nicht dieſe armen Teufel, welche doch am Ende etwas ſind, behandeln, wie ich einen Rath beim Parlament behandle?“ „ In der That, Ihr habt Recht, ich ſehe keinen Unterſchied von fünf Livres zwiſchen ihnen.“ 3„Ihr begreift, wenn ich einen ſchönen Fiſch habe, ſo bezahle ich immer vier bis fünf Livres dafür; kaufe ich ein gutes Huhn, ſo koſtet es mich anderthalb Livres. Ich maͤſte viele Zöglinge des Geflügelhofs, aber ich muß das Korn kaufen, und Ihr könnt Euch nicht vor⸗ ſtellen, welches Heer von Ratten wir hier haben.“ „ Nun, warum ſtellt Ihr ihnen nicht ein halbes Dutzend Katzen entgegen?“ „Ja wohl, Katzen, ſie freſſen ſie; ich bin genöthigt geweſen, darauf zu verzichten; urtheilt, wie ſie mein Korn behandelten! Ich muß Dachshunde halten, die ich aus England kommen laſſe, um die Ratten zu er⸗ wurgen. Die Hunde haben einen ſtarken Appetik; ſie eſſen eben ſo viel, als ein Gefangener vom fünften Rang, abgeſehen davon, daß ſie mir zuweilen meine Kaninchen und meine Hühner erwürgen.“ 3 Hörte Aramis oder hörte er nicht? Niemand hätte es ſagen köͤnnen: ſeine niedergeſchlagenen Augen bezeich⸗ neten den aufmerkſamen Mann, ſeine unruhige Hand bezeichnete den abſorbirten Menſchen. Aramis ſann nach. „Ich ſagte Euch alſo,“ fuhr Baiſemeaux fort,„ein leidliches Huhn koſte anderhalb Livres und ein guter Fiſch vier bis fünf Livres. Man macht drei Mahlzeiten in der Baſtille, die Gefangenen eſſen fortwährend, da ſie nichts zu thun haben; ein Mann von zehn Livres koſtet mich ſieben Livres und zehn Sous.“ „Ihr ſagtet mir, Ihr behandelt die von zehn Liv⸗ res, wie die von ſünfzehn?“ „Ja, gewiß.“ „Sehr gut! Ihr gewinnt alſo ſieben Livres und zehn Sous mit denen von fünfzehn Livres?“ „Man muß wohl ausgleichen,“ antwortete Baiſe⸗ meaux, der ſah, daß er ſich hatte erwiſchen laſſen. „Ihr habt Recht, lieber Gouverneur; doch iſt bei Euch kein Gefangener unter zehn Sous? „Ah! doch: wir haben den Bürgersmann und den Advocaten.“ „Gutl wie hoch taxirt?“ „Zu fünf Livres.“ „Und was eſſen dieſe?“ „Bei Gott! Ihr begreift, daß man ihnen nicht jeden Tag einen Sohlfiſch oder ein gemäſtetes Huhn gibt, und auch nicht ſpaniſchen Wein bei jeder Mahl⸗ zeit; aber ſie ſehen immerhin dreimal in der Woche ein gutes Gericht bei ihrem Mittageſſen.“ „Das iſt Philanthropie, mein lieber Gouverneur, und Ihr müßt Euch zu Grunde richten.“ 8 „Nein. Verſteht mich recht. Wenn der von fünf⸗ zehn Livres ſein Huhn nicht ganz gegeſſen oder der von zehn einen guten Ueberreſt gelaſſen hat, ſo ſchicke ich 8 61 es dem von fünf Livres, und das iſt ein Schmaus für den armen Teufel. Was wollt Ihr? man muß mild⸗ herzig ſein.“ „Und was habt Ihr ungefähr von den fünf Livres?“ „Dreißig Sous.“ „Ahl Ihr ſeid ein redlicher Mann, Baiſemeaux.“ „Ich danke.“ „Nein, wahrhaftig, ich erkläre es.“ „Ich danke, Monſeigneur. Doch ich glaube, Ihr habt Recht. Wißt Ihr, für wen ich leide?“ „Nein.“ 3 „Nun wohl, für die kleinen Bürger und für die Schreiber von Notaren, die nur zu drei Livres tarxirt find. Dieſe ſehen nicht oft Rheinſalmen und Störe aus dem Kanal.“ „Gut! Laſſen die von fünf Livres nicht zufällig etwas übrig?“ „Oh! Monſeigneur, glaubt nicht, ich ſei in die⸗ ſem Grad ein Knauſer, ich mache den kleinen Bürger und den Schreiber unendlich glücklich, indem ich ihm einen Flügel von einem Feldhuhn, Rehbraten, eine Schnitte Trüffelpaſtete gebe, Gerichte, die er nur im Traume geſehen hat; nun, das ſind Ueberreſte der Herren von vier und zwanzig Livres; er ißt und trinkt; beim Nachtiſch ruft er: Es lebe der König! und ſegnet die Baſtille; mit zwei Flaſchen Champagner, der mich auf fünf Sous kommt, mache ich ihn jeden Sonntag betrunken. Ohl dieſe Leute ſegnen mich, und ſie be⸗ klagen es, wenn ſie das Gefängniß verlaſſen. Wißt Ihr, was ich bemerkt habe?“ 3 „Wahrhaftig, nein.“ „Nun wohl!l ich habe bemerkt... Wißt Ihr, daß das eine Ehre für mein Haus iſt? Nun wohl, dich habe bemerkt, daß gewiſſe freigelaſſene Gefangene ſich alsbald wieder einſperren ließen. Warum dies, wenn nicht, um meiner Küche theilhaftig zu ſein? O! das iſt buchſtäblich wahr.“. Aramis lächelte mit einer zweifelhaften Miene. „r, lächelt?“ „33 ſage Euch, daß wir Namen haben, die drei⸗ mal im Verlauf von zwei Jahren in das Regiſter ein⸗ getragen worden ſind.“ „Ds müßte ich ſehen, um es zu glauben.“ „Ohl man kann es Euch zeigen, obgleich es ver⸗ boten iſt, Fremden die Regiſter mitzutheilen. Aber Ihr, Monſeigneur, wenn Euch daran gelegen iſt, die Sache mit eigenen Augen zu ſehen... „Ich muß geſtehen, ich wäre entzückt darüber.“ „Gut, es ſei.“ Baiſemeaur ging auf einen Schrank zu und zog ein großes Regiſter heraus. „Sehte zum Beiſpiel,“ ſagte er. „Martinier, Januar 1659.— Martinier, Juni 1660.— Martinier, März 1661, Pamphlete, Mazari⸗ naden u. ſ. w. Ihr begreift, daß das nur ein Vor⸗ wand iſt: man wurde wegen Mazarinaden nicht in die Baſtille geſteckt; der Gevatter zeigte ſich ſelbſt an, daß man ihn einſteckte. Und in welcher Abſicht? In der Abſicht, wieder von meiner Küche um drei Livres zu ſpeiſen.“ „Um drei Livres! der Unglückliche!“ „Ja, Monſei gneur; der Dichter iſt im letzten Grad, Küche des Kleinbürgers und des Schreibers; aber ich ſagte Euch, gerade ihnen bereite ich Ueberraſchungen. 4 Maſchinenmäßig wandte Aramis die Blätter des Regiſters um und fuhr fort zu leſen, ohne daß er ſich nur für die Namen, die er las, zu intereſſiren ſchien. „Im Jahr 1660, ſeht Ihr,“ ſagte Baiſemeaux, „achtzig Gefangene; im Jahr 1659 achtzig.“ „Ah, Seldon!“ rief Aramis; nich kenne dieſen Namen, wie mir ſcheint. Sagtet Ihr mir nicht von einem jungen Mann...“ 63 „Ja, ja! ein armer Teufel von einem Studenten. ... Wie nennt Ihr doch zwei lateiniſche Verſe, die zuſammen gehören?“ „Ein Diſtichon.“ „Ja, ſo iſt es.“ „Der Unglückliche! für ein Diſtichon!“ „Peſt! nicht ſo raſch! Wißt Ihr, daß er dieſes Diſtichon gegen die Jeſuiten gemacht hat?“ 3 „Gleichviel, die Strafe ſcheint mir ſehr ſtreng.“ „Beklagt ihn nicht; im vorigen Jahr ſchienet Ihr Euch für ihn zu intereſſiren.“ „Allerdings.“ 3 „Nun wohl! da Euer Intereſſe hier allmächtig iſt, ſo behandle ich ihn ſeit jenem Tag wie einen von fünfzehn Livres.“ „Alſo wie dieſen,“ ſprach Aramis, der fortwährend geblättert und nun bei einem von den Namen ange⸗ halten hatte, welche auf den von Martinier folgten. „Gerade wie dieſen.“ 4 „Iſt dieſer Marchiali ein Italiener?“ fragte Ara⸗ mis mit der Fingerſpitze auf den Namen deutend, der ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatte.. „ St!“ machte Baiſemeaur.* „ Wie, ſt!“ ſagte Aramis, während er unwillkührlich ſeine weiße Hand krampfhaft zuſammenzog. „Ich glaubte, ich hätte ſchon mit Euch von dieſem Marchiali geſprochen.“ „Nein, es iſt das erſte Mal, daß ich ſeinen Namen nennen höre.“ „Das iſt möglich, ich habe wohl von ihm geſpro⸗ chen, ohne ihn Euch zu nennen.“— „Iſt es ein alter Sünder?“ fragte Aramis, indem er zu lächeln ſuchte. 3. „Nein, er iſt im Gegentheil noch ſehr jung.“ „Ahl ahl ſein Verbrechen iſt alſo ſehr groß 2 „Unverzeihlich!“ 4 „Er hat gemordet?“ 1 „Bah!“ „Brand geſtiftet?“ „Bah!“ „Verleumdet?“ „Eil nein. Es iſt derjenige, welcher...“ Und Baiſemeaux näherte ſich dem Ohr von Aramis und machte aus ſeinen beiden Händen ein Hoͤrrohr. „Es iſt derjenige, welcher ſich erlaubt, zu gleichen dem...“ „Ah! ja, ja,“ ſagte Aramis.„Ich weiß es in der That, Ihr habt ſchon im vorigen Jahr davon geſpro⸗ Gen rler 8 Verbrechen kam mir ſo leicht vor!“ „Leicht!“ „Oder vielmehr ſo unwillkührlich.“ „Monſeigneur, man bekommt eine ſolche Aehnlich⸗ keit nicht unwillkührlich.“ „Nun, ich hatte ihn vergeſſen, das iſt die Sache. Doch höret, mein lieber Wirth,“ ſagte Aramis das Re⸗ giſter ſchließend,„ich glaube, man ruft uns.“ Baiſemeaur nahm das Regiſter, ſchob es raſch wieder in den Schrank, ſchloß dieſen und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. „Iſt es Euch nun gefällig, mit mir zu frühſtücken, Monſeigneur?“ fragte er;„denn Ihr täuſcht Guch nicht, man ruft uns zum Frühſtück.“ „Wie Euch beliebt, mein lieber Gouverneur.“ Und ſie gingen in das Speiſezimmer. 65 V. Das Frühſtüch von Herrn von Baiſemeaux. Aramis war gewöhnlich äußerſt mäßig, doch dies⸗ mal that er, während er indeſſen beim Wein ſich ſehr behutſam benahm, dem Frühſtuck von Baiſemeaux, das vortrefflich war, alle Ehre an. Dieſer belebte ſich ſeinerſeits mit einer tollen Hei⸗ terkeit; der Anblick der funftauſend Piſtolen, nach denen er von Zeit zu Zeit die Augen wandte, dehnte ſein Herz aus. Er ſchaute zuweilen Aramts mit einer ſanften Rührung an. Aramis warf ſich in ſeinem Stuhl zurück und nippte ein paar Tropfen Wein, die er als Kenner koſtete. „Man ſage mir wieder Schlimmes von der Koſt in der Baſtille,“ ſprach er mit den Augen blinzelnd; „glücklich ſnd die Gefangenen, die täglich nur eine halbe Flaſche von dieſem Burgunder bekommen.“ „Alle zu fünfzehn Franken trinken davon,“ erwie⸗ derte Baiſemeaux.„Das iſt ein ſehr alter Volnay.“ „Unſer armer Schuler, unſer armer Seldon be⸗ kommt alſo von dieſem Wein?“ „Nein, nein!“ „Ich glaubte, ich hätte Euch ſagen horen, er ſei zu fünfzehn Livres taxirt?“— „Ci! niemals! Ein Menſch, der Diſtriete macht.. Wie nennt Ihr das?ℳ— „Diſticha.“ 2 „Zu funfzehn Livres! Geht doch: ſein Nachbar iſt zu fünfzehn Livres?“ 5. „Sein Nachbar?“ „Ja.“— „Welcher?“ 3 1 „Der Andere, der zweite Bertaudière,“ Dis drei Musketiere. Bragelonne V. „Mein lieber Gouverneur, entſchuldigt mich, Ihr ſprecht eine Sprache, für die man einen gewiſſen Unter⸗ richt erhalten haben muß.“ „Es iſt wahr, verzeiht; zweiter Bertaudiere heißt derjenige, welcher im zweiten Stock des la Bertaudidre⸗ Thurmes wohnt.“ 8 „Bertaudidre iſt alſo der Name von einem der Thürme der Baſtille? Ich hörte in der That ſagen, jeder Thurm habe ſeinen Namen. Und wo iſt dieſer Thurm?“ „Kommt und ſeht,“ ſagte Baiſemeaux, indem er nach dem Fenſter ging.„Cs iſt jener Thurm links, der zweite.“ „Sehr gut. Ah! dort iſt der Gefangene zu fünf⸗ zehn Livres?“ a 44 „Sa. „und ſeit wie lange iſt er dort?“ „Ungefähr ſeit ſieben bis acht Jahren.“ „ Wie, ungefähr, Ihr wißt alſo Eure Data nicht ſicher ½˙. 3„Das war nicht zu meiner Zeit, mein lieber Herr d'Herblay.“ 3 4 „Aber Louvière und Tremblay hätten Euch unter⸗ richten müſſen, wie mir ſcheint.“ „Ohl mein lieber Herr... Verzeiht, verzeiht, Monſeigneur.“ „Laßt das... Ihr ſagtet?“ 3 „Ich ſagte, die Geheimniſſe der Baſtille werden nicht mit den Schlüſſeln des Gouvernement übergeben.“ „Ahl dieſer Gefangene iſt alſo ein Geheimniß, ein Staatsgeheimniß?“ „Ohl ein Staatsgeheimniß, nein, ich glaube nicht; es iſt ein Geheimniß wie Alles, was in der Baſtille vor ſich geht.“ „Sehr gut; doch warum ſprecht Ihr freier von Seldon, als von 3 67 „A vom zweiten Bertaudière.“ 5 a.“ 4. „Weil meines Erachtens das Verbrechen eines Menſchen, der ein Diſtichon gemacht, minder groß iſt, als das eines Menſchen, der Aehnlichkeit hat mit...“ „Ja, ja, ich begreife; doch die Gefangenwärter...“ „Nun! die Gefangenwärter?“ „Sie ſprechen mit den Gefangenen?“ „Ja wohl!“— „So müſſen ihnen Eure Gefangenen ſagen, daß ſte nicht ſchuldig ſeien.“. „Sie ſagen ihnen nichts als dieſes, das iſt die all⸗ gemeine Formel, es iſt das univerſelle Lied.“ „Ja, aber wie iſt es mit der Aehnlichkeit, von der Ihr ſo eben ſprachet?“ „Nun?“ „Kann ſie Euren Gefangenwärtern nicht auffallen?“ „Ohl mein lieber Herr d'Herblay, man muß ein Mann von Hofe ſein, wie Ihr, um ſich um alle dieſe Einzelheiten zu bekümmern.“ „Ihr habt tauſendmal Recht, mein lieber Herr von Bai⸗ ſemeaur. Ich bitte, noch einen Tropfen von dieſem Volnay.“ „Nicht einen Tropfen, ein Glas.“ „Nein, nein. Ihr feid Musketier geblieben bis an die Nagelſpitzen, während ich Biſchof gewordeu bin. Ein Tropfen für mich, ein Glas für Euch.“ 5* „Es ſei.“ 8 Aramis und der Gouverneur ſtießen mit den Glä⸗ ſern an und tranken. 1 „Und dann,“ ſprach Aramis, indem er ſeinen glän⸗ zenden Blick auf den durch ſeine Hand bis zur Höhe ſeines Auges erhobenen fluͤſſtgen Rubin heftete, als wollte er mit allen Sinnen zugleich genießen,„und dann, was Ihr eine Aehnlichkeit nennt, würde ein An⸗ derer vielleicht gar nicht bemerken.“— „Ohl doch, jeder Andere, der die Perſon kennen würde, welcher er gleicht.“ „Mein lieber Herr von Baiſemeaux, ich glaube, das iſt ganz einfach ein Spiel Eures Geiſtes.“ „Nein, bei meinem Wort!“ „Höret,“ fuhr Aramis fort:„ich habe bei vielen Leuten eine Aehnlichkeit mit dem wahrgenommen, den Ihr nanntet, aber aus Ehrfurcht ſprach man nicht davon.“ „Allerdings, weil es Aehnlichkeiten und Aehnlich⸗ keiten gibt; dieſe iſt auffallend, und wenn Ihr ihn ſehen würdet..“ „Nun?“ 4 „Müßtet Ihr es ſelbſt zugeſtehen.“ „Wenn ich ihn ſehen würde,“ erwiederte Aramis mit einer ganz ungezwungenen Miene,„aber ich werde ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht ſehen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich mich, wenn ich nur den Fuß in eine von den verdammten Kammern ſetzte, auf immer be⸗ graben glauben würde.“ „Eil die Wohnung iſt gut.“ „Nein, nein.“ „Wie, nein, nein?“ „Ich glaube Euch nicht auf Euer Wort.“ „Erlaubt, erlaubt, ſprecht nicht ſchlimm von der zweiten la Bertaudiere. Teufel! das iſt eine gute Stube und äußerſt angenehm meublirt, denn ſte hat einen Tep⸗ pich.“ „Was Ihr mir ſagt!“ 3 „Ja! ja! der Junge iſt nicht unglücklich geweſen, man hat ihm die beſte Wohnung der Baſtille einge⸗ räumt; das nenne ich Glück.“ „Geht doch,“ erwiederte Aramis kalt,„Ihr werdet mich, nie glauben machen, es gebe gute Stuben in der Baſtille; und was Eure Teppiche betrifft...“ 4„Was meine Teppiche betrifft?“ 4 „Sie beſtehen nur in Eurer Phantaſis; ich ſehe„ gpinnen, Ratten, Kroͤten ſogar.“ 1 „Kröten!“ 69 „In den Kerkern.“ „Ahl in den Kerkern, ich leugne das nicht. „Seid Ihr der Mann, Euch durch Eure eigenen Augen zu überzeugen?“ fragte Baiſemeaur, der ſich all⸗ mählig hinreißen ließ. „Nein! ohl um Gottes willen, nein!“ „Selbſt nicht, um Euch Gewißheit über die Aehnlich⸗ keit zu verſchaffen, die Ihr leugnet, wie die Teppiche?“ „Ein Geſpenſt, ein Schatten, ein unglücklicher Sterbender?“ 1 „Nein, nein! Ein Burſche, dem es ſo wohl iſt, als dem Fiſch im Waſſer.“ „Traurig, verdrießlich.“. „Keines Wegs, ausgelaſſen. Geht mit mir.“ „Unmöglich!“ „Kommt.“. „Wohin denn?“ „Wir wollen einen Gang durch die Baſtille machen.“ „Warum?“ 3. „Ihr ſollt ſehen, Ihr ſollt durch Euch ſelbſt, mit Euren eigenen Augen ſehen.“ 4 „Und die Vorſchriften?“ „Daran iſt nichts gelegen. Es iſt heute der Aus⸗ gangstag von meinem Maſor, der Lieutenant hat die Runde auf den Baſteien; wir ſind Herren hier.“ „Nein, mein lieber Gouverneur, ſchon der Gedanke an das Geräuſch der Riegel, die wir ziehen müßten, macht mich ſchauern.“. „Geht doch!“ 8 „Ihr dürftet mich nur in einer dritten oder vierten Bertaudisre vergeſſen... Ahl..“ „Ihr ſcherzt.“ „Nein, ich ſpreche im Ernſte.“ „Ihr ſchlagt eine einzige Gelegenheit aus. Wiß Ihr, daß, um die Begünſtigung zu erlangen, die iſ Cuch umſonſt antrage, gewiſſe Prinzen von Geblüt bis fünzig tauſend Livres geboten haben?“ — 3 —— 70 „Es iſt alſo offenbar ſehr intereſſant?“ „Die verbotene Frucht, Monſeigneur! die verbotene Frucht, Ihr, der Ihr zur Kirche gehört, müßt das wiſſen.“ „Nein, hätte ich eine Neugierde, ſo wäre es in Be⸗ treff des Schülers mit dem Diſtichon.“ „Nun! ſo ſehen wir dieſen; er bewohnt gerade die dritte Bertaudidre.“ „Warum ſagt Ihr gerade?“ „Weil ich, wenn ich eine Neugierde hätte, in Be⸗ treff der ſchönen mit einem Teppich belegten Stube und ihres Bewohners neugierig wäre.“ „ Bahl Meubles, das iſt etwas Alltägliches; ein unbedeutendes Geſicht hat kein Intereſſe.“ „Einer zu fünfzehn Livres, das iſt immer intereſſant.“ „Eil eben hierüber vergaß ich Euch zu befragen. Warum für dieſen fünfzehn Livres und für den armen Seldon nur drei?“ 3 „Ah! ſeht, dieſe Unterſcheidung iſt eine herrliche Sache, mein lieber Herr, und hier offenbart ſich die Güte des Königs.“ „Des Königs! des Königs!“ „Des Cardinals, will ich ſagen:„„Dieſer Unglück⸗ liche,““ dachte Herr von Mazarin,„„dieſer Unglückliche iſt dazu beſtimmt, immer im Kerker zu bleiben.“ „Warum?“ „Verdammt! mir ſcheint, ſein Verbrechen iſt ewig, und die Strafe muß es folglich auch ſein.“ „Ewig?“ „Allerdings, hat er nicht das Glück, die Pocken zu bekommen, Ihr begreift, und ſelbſt dieſe Chance iſt für ihn ſchwierig, denn man hat keine ſchlechte Luft in der Baſtille.“ „Cuer Raiſonnement iſt äußerſt geiſtreich, mein lieber Herr von Baiſemeaur.“ 3 3„Nicht wahr?“ „Ihr wolltet alſo ſagen, da dieſer Unglückliche ohne Unterlaß und ohne Ende leiden müſſe...“ „Leiden, das habe ich nicht geſagt, Monſeigneur, Einer zu fünfzehn Livres leidet nicht.“ 4 „Wenigſtens das Gefängniß leiden.“ „Gewiß, das iſt ein Mißgeſchick, doch dieſes Leiden mildert man ihm.. Ihr werdet zugeben, daß der Burſche nicht auf die Welt gekommen war, um alle die guten Dinge zu eſſen, die Ihr eßt. Bei Gott! Ihr ſollt das ſehen: wir haben hier dieſe unberührte Pa⸗ ſtete, dieſe Krebſe, von denen wir kaum gekoſtet, Krebſe aus der Marne ſo groß wie Languſten. Nun wohl! dies Alles wird ſeinen Weg zur zweiten Bertaudière nehmen, mit einer Flaſche von dem Volnay, den Ihr ſo gut findet. Wenn Ihr es geſehen, werdet Ihr hoffentlich nicht mehr zweifeln.“ 3 „Nein, mein lieber Gouverneur, nein; bei dem Allem denkt Ihr aber nur an die glücklichen fünfzehn iores und vergeßt den armen Seldon, meinen Schütz⸗ ing.“ „Gut! Euch zu Liebe ſoll er einen Feſttag haben; er ſoll Zuckerbrod und Conſituren mit dieſem Fläſchchen Porto bekommen.“ „Ihr ſeid ein wackerer Mann, Baiſemeaur, ich habe es Euch ſchon geſagt und wiederhole es.“ „Gehen wir,“ ſprach der Gonverneur, der halb durch den Wein, halb durch die Lobeserhebungen von Aramis betäubt war. 3 „„Erinnert Euch, daß ich das thue, um Euch ge⸗ fällig zu ſein,“ ſagte der Prälat. „Oh! wenn wir zurückkehren, werdet Ihr mir 8 danken.“ „Gehen wir alſo.“ 1 „Wartet, daß ich den Schließer benachrichtige.“ Baiſemeaux läutete zweimal, es erſchien ein Mann. „Ich gehe in die Thürme!“ rief der Gouverneur. „Keine Wachen, keine Trommeln, kurz kein Geräuſch.“ „Ließe ich meinen Mantel nicht hier,“ ſagte Ara⸗ mis Furcht heuchelnd,„ich würde in der That glauben, ich ginge für meine eigene Rechnung ins Gefängniß.“ Der Schließer ſchritt dem Gouverneur voran; Aramis hielt ſich zur Rechten; einige im Hof zerſtreute Soldaten ſtellten ſich ſteif wie Pfähle auf, als dei Gouverneur vorüberkam. Baiſemeaur ließ ſeinen Gaſt über mehrere Stufen ſchreiten, welche zu einer Art von Eſplanade fuͤhrten; von da an kam man zur Zugbrücke, auf der die Schild⸗ wachen den Gouverneur empfingen. „Mein Herr,“ ſagte nun der Gouverneur, indem er ſich gegen Aramis umwandte und ſo ſprach, daß die Schildwachen keines von ſeinen Worten verloren,„mein Herr, nicht wahr, Ihr habt ein gutes Gedächtniß 2 „Warum?“ fragte Aramis. „Fur Eure Pläne und Eure Maße, denn Ihr wißt, daß es ſelbſt nicht einmal den Baumeiſtern erlaubt iſt, zu den Perſonen mit Papier, Federn oder Bleiſtift ein⸗ zutreten.“ „Gut!“ ſagte Aramis zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, ich bin ein Baumeiſter. Iſt das nicht abermals ein Scherz von Hexrn d'Artagnan, der mich als Ingenieur in Belle⸗ Isle kſehen hat?“ Dann ſprach er laut: „Seid unbeſorgt, Herr Gouverneur; bei unſerem Stand ſind der Blick und das Gedächtniß hinreichend.“ Baiſemeaux verzog keine Miene: die Wachen hielten Aramis für das, was er zu ſein ſchien. „Nun wohll gehen wir zuerſt nach der Bertaudidre,“ ſagte Baiſemeaux immer mit der Abſicht, von den Wachen gehört zu werden. „Gehen wir,“ antwortete Aramis. Dann ſich an den Schließer wendend, ſprach Baiſe⸗ meaux: „Du wirſt das benützen, um zu Nro 2 die Lecker⸗ Biſen zu tragen, die ich Dir bezeichnet habe.“ 73 „Der Nro 3, lieber Herr von Baiſemeaux, Ihr vergeßt immer den Nro 3.“ „Es iſt wahr.“ 8 Sie ſtiegen hinauf. 8 Was an Riegeln, Schlöſſern und Gittern für dieſen einzigen Hof vorhanden war, hätte für die Sicherheit einer ganzen Stadt genügt. Aramis war weder ein Träumer, noch ein empfind⸗ ſamer Menſch: er hatte in ſeiner Jugend Verſe gemacht, doch er war trockenen Herzens, wie jeder Mann von fünf und fünfzig Jahren, der die Weiber viel geliebt hat, oder viel von ihnen geliebt worden iſt. Als er aber den Fuß auf die ausgetretenen ſteinernen Stufen ſetzte, über welche ſo viele Unglückliche geſchritten waren, als er ſich von der Atmoſphäre dieſer düſteren, thränenfeuchten Gewölbe umgeben fühlte, da war er ohne Zweifel gerührt, denn ſeine Stirne ſenkte ſich, denn ſeine Augen wurden trübe, und er folgte Baiſe⸗ meaux, ohne ein Wort mit ihm zu ſprechen.* VII. Der Zweite von der Bertaudidre. Im zweiten Stock, war es Müdigkeit, war es Auf⸗ regung, fehlte dem Beſuche der Athem. Er lehnte ſich an die Wand an. 4 „Wollte Ihr bei dieſem anfangen?“ fragte Baiſe⸗ meaur;„dann gehen wir von Einem zum Andern; gleichviel, wie mir ſcheint, ob wir vom zweiten zum dritten hinauf, oder vom dritten zum zweiten herabſteigen. —— 5*. ———— Es ſind überdies auch einige Reparaturen in dieſem Zimmer vorzunehmen,“ fügte er eiligſt bei, in der Abſicht, vom Schließer gehört zu werden, der ſich im Bereiche der Stimme befand. „Nein! nein!“ rief Aramis;„weiter hinauf, weiter hinauf, Herr Gouverneur, wenn es Euch beliebt; oben iſt das Dringendere.“ 3 Sie gingen weiter. „Verlangt die Schlüſſel vom Gefangenwärter,“ flüſterte Aramis. „Gern.“ Baiſemeaux nahm die Schlüſſel und öffnete ſelbſt die Thüre der dritten Stube. Der Schließer trat zuerſt ein und ſtellte auf einen Tiſch den Proviant, den der Gouverneur ſeine Leckerbiſſen nannte. Dann ging er hinaus. Der Gefangene hatte ſich nicht gerührt. Da trat Baiſemeaux ebenfalls ein, während Aramis auf der Schwelle ſtehen blieb. Von hier ſah er einen jungen Menſchen, einen Knaben von achtzehn Jahren, der bei dem ungewohnten Geräuſch den Kopf erhob, von ſeinem Bett herabſprang, als er den Gouverneur erblickte, und die Hände faltend: „Meine Mutter! meine Mutter!“ zu rufen anfing. Der Ton dieſes jungen Menſchen enthielt ſo viel Schmerz, daß Aramis unwillkührlich ſchauerte. „Mein lieber Gaſt!“ ſagte Baiſemeaux zu ihm, indem er zu lächeln ſuchte,„ich bringe Euch zugleich eine Zerſtreuung und ein Ertra, die Zerſtreuung für den Geiſt, das Extra für den Körper. Dieſer Herr wird Maße bei Euch nehmen, und hier ſind Confituren für Euren Nachtiſch.“ „Oh! Herr! Herr!“ erwiederte der junge Menſch, „laßt mich ein Jahr lang allein, nährt mich ein Jahr lang mit Waſſer und Brod, aber ſagt mir, ich werde am Ende eines Jahres von hier wegkommen, ſagt mir, 1* 1 1* 75⁵ ich werde am Ende eines Jahres meine Mutter wieder⸗ ſehen.“ 4 „Mein lieber Freund,“ ſprach Baiſemeaux,„ich habe Euch ſelbſt ſagen hören, Eure Mutter ſei ſehr arm, Ihr habet ſchlecht bei ihr gewohnt, während hier, Teufel!“ „Waͤre ſie arm, mein Herr, ſo wäre das ein Grund mehr, ihr die Stütze zurückzugeben; ſchlecht bei ihr ge⸗ wohnt! ohl mein Herr, man wohnt immer gut, wenn man frei iſt.“ „Nun, Ihr ſagt, Ihr habet nichts Anderes ge⸗ macht, als das ungluͤckliche Diſtichon?“ „Und zwar ohne Abſicht, ohne irgend eine Abſicht, das ſchwoͤre ich Euch; ich las den Martial, als mir der Gedanke kam; oh! Herr, man ſtrafe mich, man haue mir die Hand ab, mit der ich es geſchrieben habe, ich werde mit der andern arbeiten, aber man gebe mich meiner Mutter zurück.“ „Mein Kind,“ erwiederte der Gouverneur,„Ihr wißt, daß das nicht von mir abhängt; ich kann nur Eure Ration vermehren, Euch ein Gläschen Porto geben un ein Zuckerbrod zwiſchen zwei Tellern zukommen laſſen.“ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ ſchrie der junge Menſch. Und er warf ſich rückwärts und wälzte ſich auf dem Boden. Außer Stands, dieſe Scene länger zu ertragen, zog ſich Aramis bis auf den Ruheplatz zurück. „Der Unglückliche!“ murmelte er leiſe. „Ohl ja, mein Herr,“ ſagte der Schließer,„er iſt ſehr unglücklich, doch daran ſind ſeine Eltern Schuld.“ „Wie ſo?“ „Allerdings... Warum ließ man ihn Lateiniſch lernen? Seht Ihr, zu viel wiſſen iſt ſchädlich. Ich kann weder leſen, noch ſchreiben: ich bin auch nicht im Gefangniß.“ 3 Aramis ſchaute dieſen Menſchen an, der Gefangen⸗ —-ʒ· Als Baiſemeaur ſah, wie wenig Wirkung ſeine 3 Rathſchläge und ſein Porto machten, ging er ganz un⸗ ruhig hinaus. „Nun! und die Thüre! die Thüre!“ ſagte der Schließer.„Ihr vergeßt, die Thüre wieder zu ſchließen.“ 5„Es iſt wahr,“ ſprach Baiſemeaux,„halt, halt, hier ſind die Schlüſſel.“ „Ich werde um die Begnadigung dieſes Kindes anſuchen,“ ſagte Aramis. „Und wenn Ihr ſie nicht erlangt,“ fügte der Gou⸗ verneur bei,„ſo bittet wenigſtens, daß man ihn auf zehn Livres ſetzt; dabei werden wir Beide gewinnen.“ „Wenn der Andere auch nach ſeiner Mutter ver⸗ langt,“ bemerkte Aramis,„ſo will ich lieber gar nicht zu ihm hinein... ich nehme mein Maß von außen.“ „Oh! oh!“ rief der Gefangenwärter,„habt nicht bange, Herr Baumeiſter, dieſer iſt ſanft wie ein Lamm; um nach ſeiner Mutter zu rufen, müßte er ſprechen, und er ſpricht nie.“ 2„So treten wir ein,“ verſetzte Aramis mit dumpfem one. „Oh! Herr,“ ſagte der Schließer,„Ihr ſeid Bau⸗ in iſer der Gefängniſſe?“ „Ja.“ „Und Ihr ſeid nicht mehr hieran gewöhnt? das iſt zum Erſtaunen.“ Aramis ſah, daß er, um keinen Verdacht zu erre⸗ gen, alle ſeine Kräfte zuſammenraffen mußte. Baiſemeaux hatte die Schluͤſſel, er öffnete die Thüre. „Bleibt außen und erwartet uns unten an der Stiege,“ ſagte er zum Schließer. Der Schließer gehorchte und entfernte ſich. Baiſemeaux ging zuerſt hinein und öffnete ſelbſt die zweite Thüre. Da ſah man in dem Lichtgevierte, das durch das wärter in der Baſtille ſein nicht im Gefängniß ſein ieß. 8 vergitterte Fenſter eindrang, einen ſchönen jungen Mann von kleinem Wuchs mit langen Haaren und einem ſchon wachſenden Bart; er ſaß auf einem Schämel, den El⸗ lenbogen auf einem Fauteuil, auf das er den ganzen Oberleib lehnte. 3 3 Sein auf dem Bette liegendes Kleid war von feinem ſchwarzen Sammet, und er athmete die friſche Luft, die ſich in ſeine Bruſt durch ein Hemd vom allerſchönſten Batiſt verſenkt hatte. Als der Gouverneur eintrat, drehte der junge Mann mit einer ganz nachläßigen Bewegung den Kopf um, und da er Baiſemeaux erkannte, ſtand er auf und grüßte öflich. Sobald ſich aber ſeine Augen auf Aramis richteten, der im Schatten geblieben war, ſchauerte dieſer; er er⸗ bleichte, und ſein Hut, den er in der Hand hielt, ent⸗ ſchlüpfte ihm, als hätten ſich alle ſeine Muskeln zugleich abgeſpannt. Baiſemeaux, der an die Gegenwart ſeines Gefangenen gewohnt war, ſchien während dieſer Zeit keines von den Gefühlen zu theilen, welche Aramis bewegten; er breitete auf dem Tiſch ſeine Paſtete und ſeine Krebſe aus, wie es nur ein eifriger Diener hätte thun knnen. So beſchäftigt, bemerkte er die Unruhe ſeines Gaſtes nicht. Als er aber damit zu Ende war, wandte er ſich an den jungen Gefangenen und ſagte: „Ihr ſeht gut aus, es geht gut bei Euch.“ „Sehr gut, mein Herr, ich danke,“ antwortete der junge Mann. Dieſe Stimme hätte Aramis beinahe zu Boden geworfen. Unwillkührlich machte er, die Augen weit aufgeriſſen, die Lippen zitternd, einen Schritt vorwärts. Seine Bewegung war ſo ſichtbar, daß ſie Baiſe⸗ meaux nicht entgehen konnte, ſo ſehr er auch beſchäftigt ſein mochte. „Hier iſt ein Baumeiſter, der Curen Kamin unter⸗ ſuchen ſoll,“ ſagte Baiſemeaux;„raucht er?“ „Nie, mein Herr.“ „Ihr ſagtet, man koͤnne im Gefängniß nicht glück⸗ lich ſein,“ ſprach der Gouverneur, ſich die Hände reibend; „hier ſeht Ihr aber einen Gefangenen, der es iſt. Ich hoffe, Ihr beklagt Euch nicht?“ „Nie.“ „Jhr langmeit Euch nicht?“ fragte Aramis. „Nie „Nun⸗ ſagte Baiſemeaux ganz leiſe,„hatte ich Recht?“ „Ohl mein lieber Gouverneur, man muß ſich wohl in die Nothwendigkeit fügen. Iſt es erlaubt, Fragen an ihn zu ſtellen?“ „So viel Ihr wollt.“ „Nun! ſo macht mir das Vergnügen, ihn zu fragen, ob er wiſſe, warum er hier iſt.“ „Dieſer Herr beauftragt mich, Euch zu fragen, ob Ihr die Urſache Eurer Gefangenſchaft kennet?“ ſagte Baiſemeaux. „Nein, mein Herr, ich kenne ſie nicht,“ antwortete der junge Mann ganz einfach. „Das iſt unmöglich!“ rief Aramis unwillkührlich fortgeriſſen;„wüßtet Ihr die Urſache Eurer Gefangenſchaft nicht, ſo wäret Ihr wüthend.“ „Ich war es während der erſten Tage.“ „Warum ſeid Ihr es nicht mehr?“ „Weil ich überlegt habe.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Aramis. „Nicht wahr, das iſt erſtaunlich?“ ſprach der Gou⸗ verneur. „Und was habt Ihr überlegt,“ fragte Aramis, „darf man es wiſſen, mein Herr?7 „Ich habe mir überlegt, daß mich Gott, da ich kein Verbrechen begangen habe, nicht ſtrafen koͤnne.“ „Aber was iſt denn das Gefängniß, wenn nicht eine Strafe?“ erwiederte Aramis. „Ach! ich weiß es nicht und kann Euch nur ſagen, 79 daß es ganz das Gegentheil von dem iſt, was ich vor ſieben Jahren hatte.“ „Wenn man Cuch hört, wenn man Eure Reſigna⸗ tion ſieht, iſt man verſucht, zu glauben, Ihr liebet das Gefängniß.“ „Ich ertrage es.“ „In der Gewißheit, eines Tags frei zu werden.“ „Ich habe keine Gewißheit, mein Herr, nur Hoff⸗ nung, und, ich geſtehe es, dieſe Hoffnung verliert ſich jeden Tag mehr.“ „Warum ſolltet Ihr aber nicht frei werden, da Ihr es ſchon geweſen ſeid?“ „Das iſt gerade der Grund, der mich abhält, die Freiheit zu erwarten,“ antwortete der junge Mann; „warum würde man mich eingeſperrt haben, hätte man beabſichtigt, mich ſpäter wieder freizulaſſen?“ „Wie alt ſeid Ihr?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wie heißt Ihr?“ 4 „Ich habe den Namen, den man mir gab, vergeſſen.“ „Eure Eltern?“ „Ich habe ſie nie gekannt.“ „Aber diejenigen, welche Euch erzogen?“ „Nannten mich nicht ihren Sohn.“ „Liebtet Ihr Jemand, ehe Ihr hierher kamet?“ „Ich liebte meine Amme und meine Blumen.“ „Iſt das Alles?“ „Ich liebte auch meinen Bedienten.“ „Es thut Euch leid um Eure Amme und um dieſen Bedienten?“ „Ich habe viel geweint, als ſie ſtarben.“ „Sind ſie geſtorben, ſeitdem Ihr hier ſeid, oder ehe Ihr hier waret?“ 8 „Sie find am Vorabend des Tages geſtorben, an welchem man mich wegführte.“ „Beide zu gleicher Zeit?“ „Beide zu gleicher Zeit.“ „Und wie hat man Euch weggebracht?“ „Ein Mann ſuchte mich auf, ließ mich in einen Wagen ſteigen, der mit Schlöſſern geſchloſſen war, und führte mich hierher.“ „Würdet Ihr dieſen Mann wiedererkennen?“ „Er hatte eine Larve.“ „Iſt dieſe Geſchichte nicht außerordentlich?“ fragte Baiſemeaux leiſe Aramis. Aramis konnte kaum athmen. „Ja, außerordentlich,“ murmelte er. „Doch noch außerordentlicher iſt, daß er mir nie ſo viel geſagt hat, als er Euch ſagt.“ „Vielleicht kommt dies davon her, daß Ihr ihn nie befragt habt.“ „Das iſt möglich,“ erwiederte Baiſemeaux„ich bin nicht neugierig. Uebrigens ſeht Ihr die Stube: iſt ſie nicht ſchön?“ „Sehr ſchön.“ „Ein Teppich..“ „Herrlich.“ „Ich wette, er hatte keinen ähnlichen, ehe er hier⸗ her kam.“ „Ich glaube es,“ ſprach Aramis. Dann wandte er ſich wieder an den jungen Mann und fragte dieſen: „Erinnert Ihr Euch nicht, je einmal einen Beſuch von einem Fremden oder einer Fremden gehabt zu aben?“. „Ohl doch, dreimal von einer Frau, welche jedes Mal in einem Wagen vor dem Thor anhielt und be⸗ deckt von einem Schleier eintrat, den ſie nur aufhob, wenn wir eingeſchloſſen und allein waren.“ „Ihr erinnert Euch dieſer Frau?“ „Ja.“ „Was ſagte ſie Euch?“ Der junge Mann läͤchelte traurig. 6 8¹ „Sie fragte mich, was Ihr mich fragt, ob ich glücklich ſei oder ob ich mich langweile. 3 „Und wenn ſie kam oder wegging?“ „Schloß ſie mich in ihre Arme, drückte ſie mich an ihr Herz, küßte ſie mich.“ „Ihr erinnert Euch ihrer?⸗ „Vortrefflich.“ 4734 frage, ob Ihr Euch ihrer Geſichtszuge erin⸗ nert?“ „Ja.“ „Ihr würdet ſie alſo wiedererkennen, wenn ſie der Zufall vor Euch oder Euch zu ihr führte?“ „Ohl gewiß!“ Ein Blitz flüchtiger Freude zuckte in dem Geſicht von Aramis. In dieſem Augenblick hörte Baiſemeaur den Scließer heraufkommen. * „Wollen wir weggehen?“ ſagte er raſch zu Aramig. Aramis wußte wahrſcheinlich Alles, was er wiſſen wollte. „Wann es Euch beliebt,“ antwortete er. Der junge Mann ſah, daß ſie ſich anſchickten, weg⸗ zugehen, und grüßte ſie höflich. Baiſemeaux erwiederte dies durch ein einfaches Nicken mit dem Kopf. Aramis, der ohne Zweifel durch das Unglück ehr⸗ furchtsvoll geworden war, machte eine tiefe Verbeugung vor dem Gefangenen. „Nun!“ fragte Baiſemeaux auf der Treppe,„was ſagt Ihr zu dem Allem?“ „Ich habe das Geheimniß entdeckt, mein lieber Gouverneur.“ „Bah! Und was für ein Geheimniß iſt das?“ „Es iſt ein Mord in dieſem Hauſe begangen worden.“ „Geht doch!“ „Begreift Ihr, daß der Bediente und die Amme an einem Tage geſtorben ſind 2 Die drei Musketiere. Bragelonne, v. 6 8 „Nun 2 „Gift.“ „Ohl! ohl“ „Was ſagt Ihr dazu? „Daß das wohl wahr ſein könnte.“ Wie! dieſer junge Menſch wäre ein Mörder?“ „Ei! wer ſagt Euch das? Wie ſoll das arme Kind ein Mörder ſein?“ „Das behauptete ich auch.“ „Das Verbrechen iſt in ſeinem Hauſe begangen worden, und das genügt; vielleicht hat er die Ver⸗ brecher geſehen, und man befürchtet, er könnte ſprechen.“ „Keufel wenn ich das wüßte...“ „Nun?“ „Ich würde meine Wachſamkeit verdoppeln.“ „Oh! er ſieht nicht aus, als hätte er Luſt, zu entweichen.“ „Ohl Ihr kennt die Gefangenen nicht.“ „Hat er Bücher?“ „Nie; es iſt durchaus verboten, ihm zu geben⸗ „Durchaus?“ „Eigenhändig von Herrn von Mazarin.“ „Und Ihr habt dieſe Note?“ „Ja, Monſeigneur; wollt Ihr ſie ſehen, wenn Ihr zurückkommt, um Euren Mantel zu holen?“ „Sehr gern, ich habe eine große Freude an Au⸗ tographen.“ „Dieſes iſt von einer herrlichen Schrift und hat nur einen Durchſtrich.“ „Ah! ahl und warum dieſer Durchſtrich?“ „Wegen einer Zahl.“ „Wegen einer Zahl?“ „Ja. Anfangs ſtand: Koſtgeld zu 50 Preg.„4 „Alſo wie bei den Prinzen von Geblüt?“ und einen 1 vor den 5 beigeſetzt. „Aber Ihr begreift, der Cardinal wird geſehen haben, daß er ſich irrte; er hat die Nulle durchſtrichen Doch in Betreff.. „Was? 1 11 „Ihr ſprecht nicht von der Aehnlichkeit?“ „Mein lieber Herr von Baiſemeaux, ich ſpreche aus einem einfachen Grunde nicht davon: weil ſie nicht beſteht.“ „Ohl oh!“ 1„Und wenn ſie beſteht, ſo beſteht ſie nur in Eurer Einbildungskraft, und wenn ſie auch anderswo beſtünde, ſo glaube ich doch, Ihr würdet beſſer daran thun, nicht davon zu ſprechen.“ „Wahrhaftig?“ „König Ludwig XIV., Ihr begreift, er würde einen tödtlichen Haß auf Euch werfen, wenn er erführe, Ihr traget dazu bei, das Gerücht zu verbreiten, einer ſeiner Unterthanen habe die Frechheit, ihm zu gleichen.“ „Es iſt wahr, es iſt wahr,“ ſagte Baiſemeaux ganz u erſchrocken,„doch ich habe von dieſer Sache nur mit Euch geſprochen, und auf Eure Verſchwiegenheit darf 1„ ich wohl zählen, Monſeigneur.“ 4 3 „Oh! ſeid unbeſorgt.“ 3„Wollt Ihr die Note ſehen?“ fragte Baiſemeaur. „Allerdings.“ So plaudernd kamen ſie zurück; Baiſemeaux zog aus einem Schrank ein beſonderes Regiſter, das dem 3 — NK— r ähnlich, welches er Aramis ſchon gezeigt hatte, aber mit einem Schloß verſehen war.... Der Schlüſſel, der dieſes Schloß öffnete, gehörte zu dem kleinen Bund, den Baiſemeaux beſtändig bei ſich trug. 3 t Er legte das Buch auf den Tiſch, öffnete es bei 8 dem Buchſtaben M und zeigte Aramis dieſe Note bei der Colonne der Bemerkungen. „Nie Bücher, Wäſche von der größten Feinheit, 3 ausgeſuchte Kleider; keine Spaziergänge, keine Veränderung des Gefangenwärters, keine Communicationen. 4 „Muſtkaliſche Inſtrumente; bede Freiheit in Bezie⸗ hung auf das Wohlbehagen; 15 Liyres für die Koſt: ich Euch nicht geſagt, der arme Seldon intereſſire mich 2 Herr von Baiſemeaur kann fordern, wenn die 15 Livres nicht genügen.“ „Ah! ja wohl,“ ſagte Baiſemeaux,„das fällt mir ein: ich werde fordern.“ Aramis ſchloß das Buch wieder.— „Ja,“ ſagte er,„es iſt die Hand von Herrn von Mazarin; ich erkenne ſeine Schrift. Nun, mein lieber Gouverneur,“ fuhr er fort, als ob dieſe letzte Mitthei⸗ lung ſein Intereſſe erſchöpft hätte,„nun wollen wir zu unſern kleinen Geſchäften übergehen.“ 5 lba hen Termin ſoll ich nehmen? beſtimmt es e 8* 2 5 „Nehmt gar keinen Termin; ſtellt mir einen ein⸗ fachen Schein von hundert und fünfzig tauſend Livres aus.“ „Zahlbar?“ „Nach meinem Willen; doch Ihr begreift, ich werde nur wollen, wenn Ihr ſelbſt wollt.“ „Ohl ich bin ganz ruhig,“ erwiederte Baiſemeaux 3 lächelnd;„doch ich habe Euch ſchon zwei Scheine gegeben.“ „Ihr ſeht auch, daß ich ſie zerreiße,“ ſagte Aramis. Und er zeigte dem Gouverneur die zwei Scheine und zerriß ſie in der That. Durch ein ſolches Zeichen des Vertrauens beſiegt, unterſchrieb Baiſemeaux ohne Zögern einen Schuldſchein von hundert und fünfzigtauſend Livres, rückzahlbar nach dem Willen des Prälaten. 3 Aramis, der der Feder über die Schulter des 3 Gouverneur gefolgt war, ſteckte den Schein in die Taſche, ohne daß er das Ausſehen hatte, als läſe er ihn, was Baiſemeaux vollkommen beruhigte. „Ihr werdet mir nun nicht grollen, wenn ich Euch einen Gefangenen entführe?4 ſagte Aramis. „Wie ſo?“ „Ja, indem ich ſeine Begnadigung erlange. Habe „Ah! es iſt wahr. Nun wohl! das iſt Eure Sache, handelt nach Eurem Gutdünken; ich weiß, daß Ihr einen langen Arm und eine ſtarke Hand habt.“ 3 „Gott befohlen!“ ſprach Aramis. Und er entfernte ſich, die Segnungen des Gouver⸗ neurs mit ſich nehmend.. VIII. Die zwei Freundinnen. Zu derſelben Zeit, wo Herr von Baiſemeaux Aramis die Gefangenen der Baſtille zeigte, hielt ein Wagen vor der Thüre von Frau von Bellière an und ſetzte zu dieſer noch frühen Stunde auf der Freitreppe eine junge Frau ab, deren Kopf in Seide gehüllt war. Als man Madame Vanel bei Frau von Bellière meldete, war dieſe in das Leſen eines Briefes verſunken, den ſte haſtig verbarg. Sie hatte kaum ihre Morgentoilette beendigt, und ihre Zofen waren noch im anſtoßenden Zimmer. Sobald ſte Marguerite Vanel herbeikommen hörte, lief ihr Frau von Bellière entgegen. Sie glaubte in den Augen ihrer Freundin einen Glanz wahrzunehmen, welcher nicht der der Geſundheit oder der Freude war. Marguerite umarmte ſie, drückte ihr die Hände und ließ ihr kaum Zeit, zu ſprechen. „Meine Liebe,“ ſagte ſie,„Du vergiſſeſt mich alſo? Du gibſt Dich alſo ganz und gar den Vergnügungen des Hofes hin?“ „Ich habe nicht einmal die Hochzeitfeſtlichkeiten geſehen.“ „Was machſt Du denn?“ . gehen.“ „Ich ſtreffe Vorkehrungen, um nach Belliore zu „Nach Bellière? 24 „Ja. 44 „Eine Landbewohnerin alſo? Ich ſehe Dich gern in dieſer Stimmung. Doch Du biſt bleich.“ „Nein, ich befinde mich zum Entzücken wohl.“ „Deſto beſſer, ich war beſorgt. Du weißt nicht, was man mir ſagte.“ „Man ſagt ſo Vieles!“ „Oh!: dieſes iſt außerordentlich.“ „Wie Du Dein Auditorium ſchmachten zu laſſen weißt, Marguerite!“ „Höre: ich befürchte, Dich zu ärgern.“ „Ohl nie. Du bewunderſt ſelbſt meinen gleich⸗ mäßigen Humor.“ „Nun wohl! man ſagt, daß... Ah! wahrhaftig, ich kann Dir das nie geſtehen.“ „So ſprechen wir nicht mehr davon,“ erwiederte Frau von Bellière, welche eine Bosheit unter dieſem Eingang errieth, aber ſich dennoch von Neugierde ver⸗ zehrt fühlte. „Nun denn, meine liebe Marquiſe, man ſagt, ſeit einiger Zeit bedaureſt Du den Verluſt von Herrn von Bellière, dem armen Mann, viel weniger.“ „Das iſt ein böſes Gerücht, Marguerite, ich beklage den Verluſt meines Gatten und werde ihn immer be⸗ klagen. Doch er iſt nun zwei Jahre todt, ich bin erſt zwanzig Jahre alt, und der Schmerz über ſein Hinſcheiden darf nicht alle Handlungen, alle Gedanken meines Lebens peherrſchen. Würde ich es ſagen, ſo würdeſt Du, Mar⸗ guerite, Du die vorzugsweiſe Frau, es nicht glanben.“ „Warum nicht? Du haſt ein ſo zärtliches Herz!“ entgegnete boshaft Madame Vanel. wenn Dein Herz verwundet war.“ „Du haſt auch ein ſolches, und ich habe nicht ge⸗ ſehen, daß Du Dich vom Kummer niederbeugen ließeſt, Dieſe Worte waren eine unmittelbare Anſpielung auf den Bruch von Marguerite mit dem Oberintendan⸗ ten. Sie waren auch ein verſchleierter, aber ebenfalls un⸗ mittelbarer Vorwurf für das Herz der jungen Frau. Als hätte ſie nur dieſes Signal erwartet, um ihreu Pfeil abzuſchießen, rief Marguerite: „Nun wohl, Eliſe, man ſagt, Du ſeiſt verliebt.“ Und fie verſchlang mit dem Blick Frau von Bel⸗ lière, die ſich des Erroͤthens nicht erwehren konnte. „Man läßt es nie daran fehlen, daß man die Frauen verleumdet,“ erwiederte die Marquiſe, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen hatte. „Oh! man verleumdet Dich nicht, Eliſe.“ „Wie! man ſagt, ich ſei verliebt, und man ver⸗ leumdet mich nicht?“ „Einmal, wenn es wahr iſt, iſt es nicht Verleum⸗ dung, ſondern nur Nachrede. Sodann, denn Du läſſeſt mich nicht vollenden, ſodann ſagt das Publikum nicht, Du gebeſt Dich dieſer Liebe hin. Es ſchildert Dich im Gegentheil als eine tugendhaft Liebende, Du ſeiſt mit Zähnen und Klauen bewaffnet und ſchließeſt Dich in Deinem Hauſe wie in einer Feſtung ein, und zwar in einer Feſtung, welche noch viel weniger zu erobern, als die der Danae, obgleich die der Dange von Erz gemacht war. „Du haſt Witz, Marguerite,“ ſagte Frau von Bel⸗ lière zitternd... „Du haſt mir ſtets geſchmeichelt, Eliſe. Kurz, man nennt Dich unbeſtechbar und unzugänglich... Aber wovon träumſt Du, während ich mit Dir ſpreche?“ „Ich?“ „Ja, Du biſt ganz roth und ganz ſtumm.“ „ Ich ſuche,“ antwortete die Marquiſe, ihre ſchoͤnen, glanzenden Augen mit einem Anfang von Zorn auf⸗ ſchlagend,„ich ſuche, worauf Du, der Du in der My⸗ khologie ſo gelehrt biſt, anſpielen konnteſt, indem Du nmich mit Danae verglichſt.“ *— 88 „„Ah! ah!“ rief Marguerite lachend,„Du ſuchſt 82 „Ja; erinnerſt Du Dich nicht, daß wir im Kloſter, wenn wir arithmetiſche Probleme löſen ſollten... Ah ah! das iſt auch gelehrt, was ich Dir da ſagen will... Erinnerſt Du Dich nicht, daß wenn eines von den Gliedern gegeben war, wir das andere finden mußten?“ „Suche alſo, ſuche.“ „Aber ich errathe nicht, was Du meinſt.“ „Es kann doch nichts einfacher ſein.“ „Nicht wahr, Du behaupteſt, ich ſei verliebt?“ „Man hat es mir geſagt.“ „Nun denn! man ſagt nicht, ich ſei in etwas Ab⸗ ſtraetes verliebt. Bei dieſem ganzen Gerücht iſt wohl ein Name.“ 5 „Gewiß, es iſt ein Name dabel.“ „Man darf nicht ſtaunen, daß ich dieſen Namen ſuchen muß, da Du ihn mir nicht ſagſt.“ „Meine liebe Marquiſe, als ich Dich erroͤthen ſah, glaubte ich, Du würdeſt nicht lange ſuchen.“ „Dein Wort Danae hat mich in Verwunderung da „Das heißt, der Jupiter von Dange verwandelte ſich für dieſe in einen Goldregen.“ „Mein Geliebter alſo... derjenige, welchen Du 4 mir gibſt?“ „Ohl verzeih', ich bin Deine Freundin und gebe Dir Niemand.“ „Es mag ſein, aber die Feinde?“ „Soll ich Dir den Namen ſagen?“ „Du läſſeſt mich ſchon ſeit einer halben Stunde darauf warten.“ „Du ſollſt ihn hören. Erzürne Dich nicht, es iſt ein mächtiger Mann.“ 3 „Gut!“ geſetzt. Nicht wahr, wer Dange ſagt, ſagt Goldregen?“ Die Marquiſe drückte ſich ihre zugeſpitzten Nägel — 89 in die Hände wie der Patient bei Annäherung des Eiſens. 3 „Es iſt ein ſehr reicher Mann,“ fuhr Marguerite fort,„der reichſte vielleicht. Kurz es iſt.. Die Marquiſe ſchloß einen Moment die Augen. „Es iſt der Herzog von Buckingham,“ ſagte Mar⸗ guerite und ſchlug ein lautes Gelächter auf. 4 Die Hinterliſt war mit einer unglaublichen Schlau⸗ heit berechnet worden. Dieſer Name, der fälſchlicher Weiſe auf den Platz des Namens fiel, den die Marquiſe erwartete, machte auf die arme Frau die Wirkung jener ſchlecht geſchliffenen Beile, welche die Herren von Cha⸗ lais und von Thou auf ihren Blutgerüſten zerhackten, ohne ſie zu tödten. Sie erholte ſich jedoch und erwiederte: „Ich hatte Recht, wenn ich Dich eine Frau von Witz nannte, Du haſt mir einen angenehmen Augenblick bereitet. Der Spaß iſt reizend. Ich habe Herrn von Buckingham nie geſehen.“ „Nie?“ ſagte Marguerite, ihr Gelächter bezwingend. „Ich habe keinen Schritt aus dem Hauſe gethan, ſeitdem der Herzog in Paris iſt.“. „Oh!“ entgegnete Madame Vanel, während ſie ihren widerſpänſtigen Fuß nach einem Papier ausſtreckte, das beim Fenſter auf dem Teppich zitterte,„man kann ſich nicht ſehen, aber man ſchreibt ſich.“ Die Marquiſe bebte. Das Papier war der Umſchlag des Briefes, den ſie bei der Ankunft ihrer Freundin las. Dieſer Umſchlag war mit dem Wappen des Oberintendanten geſiegelt. Indem ſie auf ihren Sofa zurückwich, ließ Frau von Bellière auf das Papier die dicken Falten ihres weiten ſeidenen Kleides rollen und verbarg es ſo. p„ Höre, Marguerite,“ ſprach ſie dann,„biſt Du, um mir alle dieſe Tollheiten zu ſagen, ſo frühzeitig ge⸗ kommen?“ „Nein, ich bin einmal gekommen, um Dich zu 90 ſehen, und dann um Dich an unſere ſo ſüßen und ſo guten alten Gewohnheiten zu erinnern. Du weißt, als wir in Vincennes ſpazieren gingen und unter einer Eiche, in einem Gebüſch über diejenigen plauderten, welche wir liebten, und die uns liebten.“ „Du ſchlägſt mir eine Promenade vor?“ bei„Ich habe meinen Wagen und drei Stunden Frei⸗ heit.“ „Ich bin nicht angekleidet, Marguerite, und... wenn Du willſt, daß wir plaudern, ohne in das Wäld⸗ chen von Vincennes zu fahren, ſo finden wir im Garten dieſes Hauſes einen ſchönen Baum, buſchige Hagenbuchen, einen mit Maßlieben beſtreuten Raſen und alle die Veilchen, die man von hier aus riecht.“ „Meine liebe Marquiſe, ich bedaure, daß Du es mir abſchlägſt. Es war für mich ein Bedürfniß, mein Herz in das Deinige zu ergießen.“ 3 „Ich wiederhole Dir, Marguerite, mein Herz ge⸗ hört Dir eben ſo wohl in dieſem Zimmer, eben ſo wohl hier in der Nähe, unter der Linde in meinem Garten, als dort unter einer Eiche im Wald.“ h ei. ertess eee „Für mich iſt dies nicht daſſelbe... Indem ich mich Vincennes näherte, näherte ich meine Seufzer dem Ziele, nach dem ſie ſeit einigen Tagen gerichtet ſind.“ Die Marquiſe erhob plötzlich den Kopf. „Nicht wahr, Du wunderſt Dich, daß ich noch an Saint⸗Mandé denke?“ „An Saint⸗Mandé!“ rief Frau von Bellidre. Und die Blicke der zwei Frauen kreuzten ſich wie zwei unruhige Schwerter beim erſten Beginnen des Kampfes, „Du, die Du ſy ſtolz biſt!“ ſagte die Marquiſe mit Verachtung. 3 „Ich, die ich ſo ſtolz,“ erwiederte Madame Vanel. „Ich bin ſo gemacht... Ich verzeihe das Vergeſſen nicht, ich ertrage die Untreue nicht. Wenn ich verlaſſe und man weint, ſo bin ich verſucht, abermals zu lieben; 7 91 aber wenn man mich verläßt und ſpottet, ſo liebe ich bis zum Wahnſinn.“ Frau von Bellidre machte eine unwillkührliche Be⸗ wegung. „Sie iſt eiferſüchtig,“ ſagte Marguerite zu ſich ſelbſt. „So biſt Du alſo,“ fuhr die Marquiſe fort,„ſo biſt Du bis zum Wahnſinn in Herrn von Buckingham verliebt... nein, ich täuſche mich... in Herrn Fouquet.“ Marguerite fühlte den Streich und all ihr Blut floß nach ihrem Herzen. „Und Du wollteſt nach Vincennes fahren, nach Saint⸗Mandé ſogar?“. „Ich weiß nicht, was ich wollte, Du hätteſt mir vielleicht gerathen.“ „Worin?“ „Du haſt es oft gethan.“ 3 „Bei dieſer Gelegenheit wäre es ſicherlich nicht ge⸗ ſchehen, denn ich, ich verzeihe nicht wie Du. Ich liebe weniger vielleicht, hat man aber mein Herz verletzt, ſo iſt es für immer vorbei.“ „Aber Herr Fouquet hat Dich nicht verletzt,“ ent⸗ gegnete Marguerite Vanel mit einer jungfräulichen Naivetät.“ „Du begreifſt vollkommen, was ich Dir ſagen will... Herr Fouquet hat mich nicht verletzt; er iſt mir weder durch Gunſtbezeigungen, noch durch Beleidigungen be⸗ kannt, doch Du haſt Dich über ihn zu beklagen. Du biſt meine Freundin, ich würde Dir alſo nicht rathen, wie Du es haben wollteſt.“. „Ahl Du muthmaßeſt.“ „Die Seufzer, von denen Du ſprachſt, ſind mehr als Anzeichen.“ „Ah! Du beugſt mich nieder,“ ſagte plötzlich die junge Frau, welche alle ihre Kräfte zuſammenraffte, wie der Streiter, der den letzten Streich zu thun ſich anſchickt;„Du bringſt mir meine ſchlimmen Leidenſchaften 8 92 und meine Schwächen in Anſchlag. Was ich an reinen und edlen Gefühlen beſitze, davon ſprichſt Du nicht. Wenn ich mich in dieſem Augenblick zu dem Herrn Oberintendanten hingezogen fühle, wenn ich ſogar einen Schritt zu ihm thue, was, ich geſtehe es Dir, wahr⸗ ſcheinlich iſt, ſo iſt es der Fall, weil mich das Schickſal von Herrn Fouquet tief berührt, weil er meiner Anſicht nach einer der unglücklichſten Menſchen iſt, die man finden kann.“ „Ah!“ rief die Marquiſe, indem ſie eine Hand auf ihr Herz drückte,„es gibt alſo etwas Neues?⸗ ODu weißt es noch nicht?“ „Ich weiß nichts,“ antwortete die Marquiſe, mit jenem Beben der Angſt, das den Gedanken und das Wort, das ſogar das Leben ſtocken macht. „Meine Liebe, einmal iſt die ganze Liebe⸗ des Königs Herrn Fouquet entzogen worden, um auf Herrn Colbert überzugehen.“ „Ja, man ſagt das.“ „Das iſt ganz einfach, ſeit der Entdeckung des Complottes mit Belle⸗Isle.“. „Man hat mich verſichert, die Entdeckung der Be⸗ feſtigung ſei zu Ehren von Fouquet ausgefallen.“ 3 Marguerite fing an auf eine ſo grauſame Weiſe zu lachen, daß ihr Frau von Bellidère in dieſem Augen⸗ blick mit Freuden einen Dolch ins Herz geſtoßen hätte. „Meine Liebe,“ fuhr Marguerite fort,„es handelt ſich nicht mehr um die Ehre von Herrn Fouquet, es handelt ſich um ſeine Rettung. Ehe drei Tage vergehen, iſt der Oberintendant völlig zu Grunde gerichtet.“ „Oh!“ entgegnete die Marquiſe, ebenfalls lachend, „das heißt ein wenig raſch gehen.“ „Ich habe geſagt, drei Tage, weil ich mich gerne mit einer Hoffnung hintergehe. Sicherlich aber wird die Kataſtrophe nicht vier und zwanzig Stunden aus⸗ bleiben.“ „Und warum?“ 93 „Aus dem allereinfachſten Grund: Herr Fouquet hat kein Geld mehr.“ „Bei den Finanzen, meine liebe Marguerite, hat heute derjenige kein Geld mehr, welchem morgen Mil⸗ lionen zuſtrömen.“ „Das konnte für Herrn Fouquet ſo ſein, als er noch zwei reiche und gewandte Freunde hatte, die das Geld für ihn anhäuften und aus allen Kaſſen hervor⸗ kommen machten; doch dieſe Freunde ſind todt.“ „Die Thaler ſterben nicht, Marguerite; ſie ſind verborgen, man ſucht ſie und findet ſie.“ „Du ſiehſt Alles weiß und roſenfarbig, deſto beſſer für Dich. Es iſt ſehr ärgerlich, daß Du nicht die Ege⸗ ria von Herrn Fouquet biſt, Du würdeſt ihm die Quelle anzeigen, aus der er die Millionen ſchöpfen könnte, die der König geſtern von ihm verlangt hat.“ „Millionen!“ rief die Maraniſe erſchrocken. „Vier... das iſt eine gerade Zahl.“ „Schändlich!“ murmelte Frau von Bellière, ge⸗ martert durch dieſe rohe Freude. 1 „Herr Fouquet hat wohl vier Millionen,“ erwie⸗ derte ſie muthig. „Hat er diejenigen, welche der König heute von ihm verlangt, ſo wird er vielleicht die nicht haben, die er König in einem Monat von ihm verlangen wird.“ „Der König wird noch mehr Geld von ihm ver⸗ langen?“. „Allerdings, und darum ſage ich Dir, daß der zuin von Herrn Fouquet unausbleiblich iſt. Aus Stolz wird er Geld liefern, und wenn er keines mehr hat, wird er fallen.“ „Das iſt wahr,“ ſprach die Marquiſe ſchauernd; „der Plan iſt ſehr... Doch ſage mir, haßt denn Col⸗ bert Herrn Fouquet in dieſem Grade?“ „Ich glaube, daß er ihn nicht liebt... Dieſer Herr Colbert iſt aber ein mächtiger Mann; er gewinnt, 94 wenn man ihn von Nahem ſieht: rieſenhafte Gedanken, Willen, Discretion; er wird es weit bringen.“ „Er wird Oberintendant werden?“ „ Das iſt wahrſcheinlich. Deshalb, meine gute 1 Marquiſe, fühlte ich mich bewegt zu Gunſten dieſees unglücklichen Mannes, der mich geliebt, ſogar angebetet hat; deshalb, als ich ihn ſo unglücklich ſah, verzieh ich ihm ſeine Untreue... die er bereut, wie ich zu glau⸗ 3 ben Urſache habe; deshalb wäre ich nicht abgeneigt ge⸗ weſen, ihm einen Troſt, einen guten Rath zu bringen: er hätte meinen Schritt begriffen und mir dafür Dank gewußt. Siehſt Du, es iſt ſüß, geliebt zu werden. Die Männer ſchätzen die Liebe ungemein, wenn ſie nicht mehr durch die Macht geblendet ſind.“ Betäubt, niedergeſchmettert durch dieſe furchtbaren, mit der Richtigkeit und Pünktlichkeit eines Kanonen⸗ ſchuſſes berechneten Angriffe, wußte die Marquiſe nicht mehr, was ſie antworten, nicht mehr, was ſte denken ſollte. Die Stimme der Falſchen hatte die liebevollſten Betonungen angenommen; ſie ſprach wie ein Weib und verbarg die Inſtinkte eines Panthers. 1 „Nun,“ ſagte Frau von Bellière, welche unbe⸗ ſtimmt hoffte, Marguerite werde aufhören, den beſteg⸗ ten Feind niederzuſchlagen,„nun, warum ſuchſt Du den Herrn Fouquet nicht auf?“ 8 „Marquiſe, Du haſt mich entſchieden zum Nach⸗ denken gebracht. Nein, es wäre unſchicklich, wenn ich den erſten Schritt thäte. Herr Fouquet liebt mich ohne Zweifel, aber er iſt zu ſtolz. Ich kann mich einem Schimpf nicht ausſetzen. Ueberdies muß ich meinen Mann ſchonen. Du ſagſt mir nichts? Ahl ich rde Herrn Colbert darüber um Rath fragen.“ 3 Sie ſtand lächelnd auf, als wollte ſte Abſchi nehmen. Die Marquiſe hatte nicht die Kraft, ſie nach⸗ zuahmen. Marguerite machte einige Schritt, um ſi 3. 95⁵ länger an dem demüthigenden Schmerz zu weiden, in den ihre Nebenbuhlerin verſunken war; dann ſagte ſie plötzlich: „Du geleiteſt mich nicht?“ Die Marqguiſe erhob ſich bleich und kalt, ohne ſich mehr um den Umſchlag zu bekümmern, der ſie am An⸗ fang des Geſprächs ſo ſehr beunruhigt hatte und den nun ihr erſter Schritt entblößt ließ. Dann öffnete ſie die Thüre ihres Betzimmers und ſchloß ſich darin ein, ohne nur einmal den Kopf nach Marguerite Vanel umzudrehen. Marguerite ſprach oder ſtammelte vielmehr ein haan Worte, welche Frau von Belliére nicht mehr örte. Sobald aber die Marquiſe verſchwunden war, konnte ſie dem Verlangen, ſich zu verſichern, ob ihr Verdacht gegründet, nicht widerſtehen; ſie ſtreckte ſich aus wie ein Panther und ergriff den Umſchlag. „Ah!“ ſagte ſite mit den Zähnen knirſchend,„es war kin Brief von Herrn Fouquet, was ſie las, als ich am.“* Und ſie ſtürzte aus dem Zimmer. Wäͤhrend dieſer Zeit fühlte die Marquiſe, welche hinter den Wall ihrer Thüre gelangt war, alle ihre Kräfte erſchöpft; einen Augenblick blieb ſie ſtarr, bleich und unbeweglich; dann wankte ſie wie eine Bildſäule, die der Sturmwind auf ihrer Baſis erſchüttert, und fiel leblos auf den Boden nieder. Der Laͤrmen des Falles erſcholl zu gleicher Zeit, als das Rollen des Wagens von Marguerite, der aus dem Hotel wegfuhr, ertöͤnte. IX. Das Silberzeug von Frau von Bellidre. Der Schlag war nun um ſo ſchmerzlicher geweſen, als er unerwartet kam; ſobald ſie ſich aber ein wenig erholt hatte, dachte ſie über die Ereigniſſe nach, ſo wie ſie ſich ankündigten. Dann nahm ſte, und ſollte ihr Leben abermals auf 4 dem Wege in Stücke gehen, die Linie der Ideen wieder auf, die ſie ihre unverſöhnliche Feindin hatte ver⸗ folgen laſſen. Verräthereien, Fallen, ſchwarze Drohungen unter dem Anſchein des öffentlichen Intereſſe verſchleiert, dies in Beziehung auf Colbert. Gehäſſige Freude in Beziehung auf einen nahe be⸗ vorſtehenden Fall, unabläſſige Bemühungen, um dieſes Ziel zu erreichen, Verführungen, nicht minder ſtrafbar, als das Verbrechen ſelbſt, dies war es, was Marguerite ins Werk ſetzte. Die hakenförmigen Atome von Descartes ſiegten; mit dem Mann ohne Gemüth hatte ſich die Frau ohne 4 Herz verbunden. Die Marquiſe ſah mehr noch mit Traurigkeit, als mit Entrüſtung, daß der König an einem Komplott Theil nahm, daß er die Falſchheit von dem ſchon alten Ludwig XIII. und den Geiz von Mazarin offenbarte, als dieſer noch nicht Zeit gehabt hatte, ſich mit franzö⸗ ſiſchem Gold vollzuſtopfen. Bald aber gewann der Geiſt dieſer muthigen Frau wieder ſeine ganze Energie und hörte auf, bei den re⸗ trograden Betrachtungen des Mitleids zu verweilen. Die Marquiſe gehörte nicht zu denjenigen, welche weinen, wenn man handeln ſoll, und ſich damit beluſtigen — 4 97 daß ſie ein Unglück beklagen, das ſie zu erleichtern vermögen. Sie ſtützte ungefähr zehn Minuten lang ihre Stirne auf ihre eiſigen Hände, erhob dann das Haupt und läutete ihren Kammerfrauen mit feſter Hand und mit einer Geberde voll Thatkraft. Ihr Entſchluß war gefaßt. „Iſt Alles zu meiner Abreiſe vorbereitet?“ fragte ſte eine von ihren Frauen, welche eintraten. „Ja, Frau Marquiſe, doch man dachte, die Frau Marquiſe würde nicht vor drei Stunden nach Belliéres aufbrechen.“ „Was ich an Schmuck und Werthen habe, iſt ein⸗ gepackt?“ „Ja, Madame, aber wir pflegen dies in Paris zu laſſen. Die Frau Marquiſe nimmt gewöhnlich ihre Juwelen nicht auf das Land mit.“ 8 „Und dies Alles iſt geordnet, ſagt Ihr 2 „Im Cabinet der Frau Marquiſe.“ „Und die Goldſchmiedsarbeiten?“ „In den Kiſten.“ „Und das Silberzeug?“ „In dem großen eichenen Schranf.“ Die Marquiſe ſchwieg; dann ſprach ſie mit ruhiger Stimme: „Man laſſe meinen Goldſchmied kommen.“* Die Kammerfrauen verſchwanden, um den Befehl zu vollziehen. Die Marquiſe war indeſſen in ihr Cabinet einge⸗ treten und betrachtete ihre Etuis mit der großten Sorgfalt. Niie hatte ſie dieſen Reichthümern, die den Stolz einer Frau bilden, eine ſolche Aufmerkſamkeit geſchenkt; ſtets hatte ſie ihre Schmuckſachen nur betrachtet, um ſte nach ihrer Faſſung oder ihrer Farbe auszuwählen. Heute bewunderte fie die Größe der Rubine und das Die drei Musketiere. Bragelonne v. 1 98 Waſſer der Diamanten; ſie war troſtlos über einen Fehler, einen Flecken; ſie fand das Gold zu ſchwach und die Steine erbärmlich. Der Goldſchmied überraſchte ſie bei dieſer Be⸗ ſchäftigung, als er ankam. 1 „Herr Faucheux,“ ſagte ſie,„Ihr habt mir, glaube ich, meine Goldſchmiedsarbeiten geliefert?“ „Ja, Frau Marquiſe.“ „Ich weiß nicht mehr, auf wie hoch ſich die Rech⸗ nung belief.“ „Die neuen oder diejenigen, welche Euch Herr von Bellières bei der Hochzeit gab, Frau Marquiſe, denn ich habe beide geliefert?“ „Nun, zuerſt die neuen?“ „Madame, die Waſſerkannen, die Becher und die Platten mit ihrem Etuis, der Tafelaufſatz, die Baſſins für Confituren und die Handfäffer haben die Frau Marquiſe ſechzig tauſend Livres gekoſtet.“ „„Mein Gott, nur ſo viel?“ „Madame fand meine Rechnung ſehr hoch.“ „Es iſt wahr! es iſt wahr! ich erinnere mich, daß in der That die Arbeit theuer war, nicht ſo 2„— „Ja, Madame, Gravirungen, Ciſeluren, neue Formen.“ 3 „Wie hoch beläuft ſich die Arbeit bei dem Preis? Zögert nicht.“ 5„Ein Drittel vom Werth, Frau Marquiſe... er....7 „Wir haben noch den andern Service, den alten, dieſer iſt von meinem Gemahl.“ „Oh! Madame, daran iſt weniger Arbeit, als bei dem, von welchem ich rede. Er hat dreißig tauſend Livres inneren Werth.“ „Siebenzig tauſend,“ murmelte die Marquiſe. „Aber, Herr Faucheux, es iſt noch das Silberzeug von meiner Mutter vorhanden; Ihr wißt, all das Maſſive, 99 von dem ich mich des Andenkens wegen nicht trennen wollte.“ 2 „Ah! Madame, das iſt eine herrliche Hülfsquelle für Leute, denen es, wie der Frau Marquiſe, nicht frei ſtände, ihr Silbergeſchirr zu behalten. Damals arbei⸗ tete man nicht ſo leicht, wie heut zu Tage. Man ar⸗ beitete in den Silberſtangen. Doch dieſes Geſchirr iſt nicht mehr präſentabel, es wiegt aber...“ „Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte. Wie viel wiegt es?“ „Fünfzig tauſend Livres, wenigſtens. Ich ſpreche nicht von den zwei ungeheuren Prachtgefäſſen vom Schenktiſch, die allein fünf tauſend Livres Silber wie⸗ gen, das macht zehn tauſend Franken für beide.“ „Hundert und dreißig tauſend,“ murmelte die Marquiſe.„Ihr ſeid hinſichtlich dieſer Zahlen ſicher, Herr Faucheux?“ 1* „Gewiß. Uebrigens iſt das nicht ſchwer abzuwägen.“ „Die Quantitäten ſind in meinen Büchern einge⸗ ſchrieben.“ „Oh! Ihr ſeid eine Dame von Ordnung, Frau Marquiſe.“ „Gehen wir zu etwas Anderem über,“ ſagte Frau von Bellières, und ſie öffnete ein Etui. 5 „Ich erkenne dieſe Smaragde,“ ſagte der Juwe⸗ lenhändler,„ich ſelbſt habe ſie faſſen laſſen; es ſind die ſchoͤnſten des Hofes; das heißt nein: die ſchönſten beſitzt Frau von Chatillon, ſie hat ſie von Herrn von Guiche bekommen; doch die Eurigen, Madame, ſind die zweiten.“ 3 „Ihr Werth?“ „Mit der Faſſung?“ „Nein; denkt, man wolle ſie verkaufen.“ „Ich weiß wohl, wer ſie kaufen würde!“ rief Herr Faucheux. „Das iſt es gerade, was ich Euch frage. Man⸗ würde ſie alſo kaufen?“ 8 “ „Man würde Euch alle Eure Gdelſteine abkaufen, Madame; man weiß, daß Ihr den ſchönſten Schmuck von Paris habt. Ihr gehört nicht zu den Frauen, welche wechſeln; wenn Ihr kauft, ſo iſt es etwas Schönes; wenn Ihr beſitzt, ſo behaltet Ihr.“ „Man würde alſo für dieſe Smaragde bezahlen?“ „Hundert und dreißig tauſend Livres.“ Die Marquiſe ſchrieb in ihre Tabletten die vom Goldſchmied genannte Zahl. „Dieſes Halsband von Rubinen?“ ſagte ſie. „Balaß⸗Rubine?“ „Seht.“ „Sie ſind ſchön, ſie ſind herrlich. Ich wußte nicht, daß Ihr dieſe Steine hattet, Madame.“ „Schätzt ſie.“ „Zweimal hundert tauſend Livres. Der in der Mitte iſt allein hundert tauſend werth.“ „Ja, ja, das dachte ich“ ſprach die Marquiſe. „Die Diamanten, die Diamanten, oh! ich habe viele Ringe, Ketten, Gehänge, Spangen, Agraffen, Neſtel⸗ fiifte! Schätzt, Herr Faucheurx, ſchätzt.“ . Der Goldſchmied nahm ſeine Loupe, ſeine Wagen, wog, beſchaute und addirte ganz leiſe. „Das ſind Steine, die Madame vierzig tauſend Livres Einkünfte koſten,“ ſagte er. Livres?“ „So ungefähr.“ „Das dachte ich. Doch die Faſſungen ſind beſon⸗ ders.“ „Wie immer, Frau Marquiſe. Und wenn ich be⸗ rufen wäre, um zu kaufen oder zu verkaufen, ſo würde ich mich für meinen Nutzen mit dem Gold dieſer Faſ⸗ ſungen allein begnügen; ich hätte noch gute fuͤnf und zwanzig tauſend Livres.“ 3„Das iſt hübſch?“ „Ja, Madame, ſehr hübſch.“ „Ihr ſchätzt ſie alſo auf achtmal hundert tauſend 101 „Nehmt Ihr den Nutzen an, unter der Bedingung, die Steine zu baarem Geld zu machen?“ „Aber, Madame,“ rief der Goldſchmied ganz er⸗ ſchrocken,„ich denke, Ihr verkauft Eure Steine nicht?“ „Stille, Herr Faucheux, kümmert Euch nicht um das, gebt mir nur Antwort. Ihr ſeid ein ehrlicher Mann, Lieferant meines Hauſes ſeit dreißig Jahren, Ihr habt meinen Vater und meine Mutter gekannt, die Euer Vater und Eure Mutter bedienten. Ich rede wie mit einem Freunde; nehmt Ihr die Faſſungen gegen eine Baarſumme, die Ihr in meine Hände bezahlt?“ „Achtmal hundert tauſend Livres! das iſt unge⸗ heuer!“ „Ich weiß es. Unmöglich zu finden?“ „Ohl nein.“ „Nun denn?“ 1 „Aber, Frau Marquiſe, bedenkt doch, welches Auf⸗ ſehen in der Welt der Verkauf Curer Edelſteinen machen müßte.“ „Niemand würde es erfahren Ihr laßt mir eben ſo viel falſchen, dem ächten ähnlichen Schmuck machen. Keine Einwendung: ich will es. Verkauft im Einzelnen, verkauft nur die Steine.“ „Das iſt leicht...Monſieur ſucht Juwelen, un⸗ gefaßte Steine für die Toilette von Madame. Es findet Concurrenz ſtatt. Leicht werde ich für ſechsmal hundert tauſend bei Monſieur anbringen. Ich bin feſt überzeugt, daß Eure Steine die ſchönſten ſind.“ 4 „Wann dies?“ „Binnen drei Tagen.“„ „Wohl denn! den Reſt verkauft Ihr an Privat⸗ leute. Für jetzt ſetzt mir einen Kaufsvertrag auf... Zahlung binnen vier Tagen.“ „Frau Marquiſe, ich beſchwöre Euch, bedenkt... Ihr verliert hundert tauſend Livres, wenn Ihr mit ſolcher Eile zu Werke geht.“ „Ich werde zweimal hundert tauſend verlieren, — ſchmied. cheux,“ ſagte ſie. wenn es ſein muß. Ich will, daß Alles dieſen Abend abgemacht iſt. Nehmt Ihr den Vorſchlag an?“ „Ich nehme ihn an, Frau Marquiſe, und verhehle nicht, daß ich fünf tauſend Piſtolen dabei gewinne.“ 25 „Deſto beſſer. Wie werde ich das Geld bekommen?“ „In Gold oder in Billets von der Banque von Lyon, zahlbar bei Herrn Colbert.“ „Einverſtanden,“ ſagte die Marquiſe lebhaft;„kehrt nach Hauſe zurück und bringt mir raſch die Summen in Billets. Hört Ihr?“ „Ja, Madame; doch ich bitte...“ „Kein Wort mehr, Herr Faucheur. Ahl ich vergaß das Silberzeug... für wie viel habe ich?“ „Für fünfzig tauſend Livres.“ „Das iſt eine Million,“ ſagte die Marquiſe zu ſich ſelbſt.„Herr Faucheux, Ihr werdet auch Gold⸗ und Silbergeſchirr mitnehmen. Ich ſchütze eine Umſchmel⸗„ zung nach Modellen vor, die mehr meinem Geſchmack entſprechen. Schmelzt ein, ſage ich, und erſetzt mir... auf der Stelle den Werth in Gold.“ „Gut, Frau Marquiſe.“ „Ihr packt dieſes Gold in eine Kiſte; laßt es von einem Eurer Commis begleiten, ohne daß meine Leute es ſehen, wird mich dieſer Commis in einem Wagen erwarten.“ „In dem von Madame Faucheur 2, fragte der Gold⸗ „Wenn Ihr wollt, werde ich ihn bei Euch abholen.“ „Ja, Frau Marquiſe.“ „Nehmt drei von meinen Leuten, um das Silber⸗ zeug in Euer Haus zu tragen.“ „Ja, Madame.“ Die Marquiſe läutete. Den Fourgon zur Verfügung von Herrn Fau⸗ Der Goldſchmied verbeugie ſich und trat abz beſahl dabei aber, daß man den Fourgon ihm nachſchicke, un 103 äußerte, die Marquiſe laſſe ihr Taſelgeſchirr einſchmelzen, um neueres zu bekom men. Drei Stunden nachher begab ſich die Marquiſe zu Herrn Faucheux und empfing von ihm achtmalhundert tauſend Livres in Billets von der Banque von Lyon und zwei⸗ malhundert und fünfzigtauſend Livres in Gold, die in einer Kiſte enthalten waren, welche ein Commis nur mit Mühe bis zum Wagen von Madame Faucheux trug. Denn Madame Faucheux beſaß eine Kutſche. Tochter eines Präſidenten der Rechnungskammer, hatte ſie ihrem Mann, ver Zunftmeiſter der Goldſchmiede war, dreißig tauſend Thaler mitgebracht. Dieſe dreißig tauſend Thaler hatten in zwanzig Jahren Früchte getragen. Der Gold⸗ ſchmied war Millionär und beſcheiden. Er hatte einen ehrwürdigen Wagen, fabricirt im Jahr 1648, zehn Jahre nach der Geburt des Königs, angekauft. Dieſer Wagen oder vielmehr dieſes rollende Haus bildete einen Gegenſtand der Bewunderung vom ganzen Quartier; er war mit allegoriſchen Gemälden und mit Wolken, beſät mit goldenen und ſilbernen Sternen, bedeckt. 1 In dieſe etwas groteske Equipage ſetzte ſich die edle Frau, dem Commis gegenüber, der aus Furcht, das Kleid der Marquiſe zu ſtreifen, ſeine Kniee zurückzog. Derſelbe Commis ſagte zu dem Kutſcher, der ſtolz darauf war, eine Marquiſe zu führen: „Straße nach Saint⸗Mandé.“ 2* 1 4 X. Die Mitgift. Die Pferde von Herrn Faucheux waren ehrliche Pferde vom Perche mit dicken Knieen und etwas an⸗ geſchwollenen Beinen. Wie der Wagen datirten ſie aus der erſten Hälfte des Jahrhunderts. 3 104 Sie liefen alſo nicht wie die engliſchen Pferde von Herrn Fouquet. Sie brauchten zwei Stunden bis Saint⸗Mandé. Man darf wohl ſagen, daß ſie majeſtätiſch mar⸗ ſchirten. Die Majeſtät ſchließt die Bewegung aus. Die Marquiſe hielt vor einer ihr wohlbekannten Thüre an, obgleich ſie dieſelbe nur einmal, und zwar, wie man ſich erinnert, unter Umſtänden, die nicht minder vein a. als die, welche ſie jetzt dahin führten, geſehen atte. Sie zog aus ihrer Taſche einen Schlüſſel, ſteckte ihn mit ihrer kleinen Hand in das Schloß, drückte die Thüre auf, welche ohne Geräuſch wich, und gab dem Commis Befehl, das Kiſtchen in den erſten Stock hin⸗ aufzutragen. Aber das Kiſtchen war ſo ſchwer, daß der Commis ſich densthigt ſah, ſich vom Kutſcher helfen zu laſſen. Das Kiſtchen wurde in dem kleinen Cabinet, in dem Vorzimmer oder vielmehr Boudoir niedergeſtellt, das an den Salon ſtieß, wo wir Herrn Fouquet zu den Füßen der Marquiſe geſehen haben. Frau von Belliéres ſpendete dem Kutſcher einen Louis d'or, dem Commis ein reizendes Lächeln und kentließ Beide. Hinter ihnen ſchloß ſie die Thüre und wartete ſo allein und verſchanzt. Kein Diener erſchien im Zimmer. Doch Alles war vorbereitet, als ob ein J unſicht⸗ barer Genius die Bedürfniſſe und Wünſche des Gaſtes oder vielmehr der Gäſtin, welche erwartet wurde, erra⸗ then hätte. Das Feuer zugerichtet, die Kerzen auf den Kande⸗ labern, die Erfriſchungen auf der Etagére, die Bücher Vaſen. auf den Tiſchen, die feiſih Blumen in den japaneſiſchen 4 3 8 4 105 8 Man hätte glauben ſollen, es waͤre ein bezanbertes aus. Die Marquiſe zündete die Kandelaber an, athmete den Duft der Blumen ein, ſetzte ſich und verſank bald in eine tiefe Träumerei. Doch dieſe ganz ſchwermüthige Träumerei war mit einer gewiſſen Süßigkeit erfüllt.— Sie ſah vor ſich einen Schatz in dieſem Zimmer ausgebreitet. Eine Million, die ſie von ihrem Vermögen abgeriſſen hatte, wie die Schnitterin eine Kornblume aus ihrem Kranze reißt. Sie ſchmiedete ſich die ſüßeſten Träume. Sie dachte beſonders und vor Allem an ein Mit⸗ tel, das Geld Herrn Fouquet zu laſſen, ohne daß er wiſſen könnte, woher die Gabe käme. Dieſes Mittel war dasjenige, welches auf eine natürliche Weiſe ſich zuerſt ihrem Geiſte darbot.. Aber obgleich ihr die Sache, während ſie darüber nachdachte, ſchwierig vorgekommen war, verzweifelte ſie doch nicht, ihr Ziel zu erreichen. Sie wollte läuten, um Herrn Fouquet herbeizu⸗ rufen, und dann glücklicher entfliehen, als wenn ſie, kait eine Million zu geben, ſelbſt eine Million gefunden ätte. Seitdem ſie aber hierher gekommen war, ſeitdem ſie dieſes Boudoir geſehen, das ſo zierlich, als hätte eine Kammerfrau den Staub bis auf das letzte Atom weggewiſcht, als ſie dieſen Salon geſehen, der ſo wohl⸗ gehalten, daß man hätte glauben können, ſie habe die Feen, die ihn bewohnten, daraus vertrieben, fragte ſie ſich, ob nicht ſchon die Blicke von denjenigen, welche ſie verjagt, Feen, Genien, Kobolde oder menſchliche Geſchöpfe, ſte erkannt haben. Dann würde Fouquet Alles erfahren; was er nicht erfahren würde, müßte er errathen; Fouquet würde ſich weigern, als Geſchenk das anzunehmen, was er vielleicht unter dem Titel eines Anlehens angenommen hätte, 106 und ſo geleitet würde das Unternehmen den Zweck, wie das Reſultat verfehlen. Der letzte Schritt mußte alſo, um zu gelingen, ernſtlich gethan werden. Der Oberintendant mußte die ganze Schwierigkeit ſeiner Lage einſehen, um ſich der großmüthigen Laune einer Frau zu unterwerfen; es bedurfte endlich, um ihn zu überzeugen, des ganzen Zaubers einer beredten Freundſchaft und, wenn dies nicht genügte, der ganzen Berauſchung einer glühenden Liebe, die nichts von ihrem unbegrenzten Verlangen, zu über⸗ zeugen, abwendig machen könnte. War der Oberintendant nicht wirklich als ein Mann voll Zartgefühl und Würde bekannt? Würde er ſich mit der Verlaſſenſchaft eines Weibes beladen? Nein, er würde kämpfen; und wenn eine Stimme in der Welt ‚ſeinen Widerſtand beſiegen konnte, ſo war es die Stimme der Frau, die er liebte. Nur durchzog ein anderer Zweifel, ein grauſamer Zweifel mit dem Schmerz und der ſcharfen Kälte eines Dolches das Herz der Marquiſe.— Liebte er?— 5 Würde ſich dieſer leichte Geiſt, dieſes flüchtige Herz entſchließen, einen Augenblick ſtille zu halten, und wäre es auch, um einen Engel anzuſchauen? War es nicht bei Fouquet trotz ſeines Genies, trotz ſeiner Redlichkeit wie bei jenen Eroberern, welche Thränen auf dem Schlachtfeld vergießen, wenn ſie den Sieg davon getragen haben?. „Nun wohl, hierüber muß ich mir Aufklärung ver⸗ ſchaffen, hieruͤber muß ich urtheilen,“ ſagte die Marquiſe. „Wer weiß, ob dieſes ſo ſehr begehrte Herz nicht ein gewöhnliches Herz voll Legirung iſt, wer weiß, ob es ſich, wenn ich den Probirſtein anwende, nicht findet, daß dieſer Geiſt ein trivialer, ein niedriger iſt. 6 „Ahl ah!“ rief ſie,„das iſt zu viel Zweifel, zu viel Zöͤgern... der Beweis! der Beweis!“ Sie ſchaute nach der Pendeluhr. „ 1 —„ 107 „Sieben Uhr... er muß angekommen ſein, es iſt die Stunde der Unterſchriften. Auf!“ Und ſie erhob ſich, ging auf den Spiegel zu, in dem ſie ſich mit dem energiſchen Lächeln der aufopfern⸗ den Hingebung anlächelte, ließ die Feder ſpielen und zog den Knopf der Glocke. Dann wie zum Voraus erſchöpft durch den Kampf, den ſie beginnen wollte, kniete ſie ganz verwirrt vor einem großen Lehnſtuhl nieder, auf dem ſich ihr Kopf in ihren zitternden Händen begrub. Nach zehn Minuten hörte ſie die Feder der Thuͤre knirſchen. 3 Die Thüre drehte ſich auf ihren unſichtbaren Angeln. Fouquet erſchien. Er war bleich und gebeugt unter dem Gewicht eines bitteren Gedanken. Er lief nicht herbei, er kam nur. Was ſein Inneres ſo ſehr beſchäftigte, mußte maächtig ſein, daß dieſer Mann des Vergnügens, für den das Vergnügen Alles war, ſo langſam auf einen ſolchen Ruf erſchien. In der That, fruchtbar an ſchmerzlichen Träumen, hatte die Nacht ſein gewöhnlich ſo edel ſorgloſes Geſicht abgemagert, um ſeine Augen ſchwarzblaue Ringe ge⸗ zogen. Er war immer noch ſchön, immer noch edel, und der ſchwermüthige Ausdruck ſeines Mundes, ein beim Mann ſo ſeltener Ausdruck, verlieh ſeiner Phyſtognomie einen neuen Charakter, der ſie verjüngte. Schwarz gekleidet, die Bruſt aufgeſchwollen von⸗ Spitzen, die ſeine unruhige Hand verwüſtet hatte, blieb der Oberintendant, das Auge voll Träumerei, auf der Schwelle des Zimmers ſtehen, wo er ſo oft das erwar⸗ tete Glück aufgeſucht. Dieſe düſtere Sanftheit, dieſe lächelnde Traurigkeit, welche die Stelle der Begeiſterung der Freude einnahmen, machten auf Frau von Bellières, die ihn von fern an⸗ ſchaute, einen unbeſchreiblichen Eindruck. Das Auge einer Frau weiß den ganzen Stolz oder das ganze Leiden in den Zügen des Mannes zu leſen, den ſie liebt; man ſollte glauben, in Betracht ihrer Schwäche habe Gott den Frauen mehr bewilligen wollen, als er andern Geſchöpfen bewilligt. Sie können ihre Gefühle vor dem Mann verbergen; der Mann kann die ſeinigen nicht verbergen. Die Marqguiſe errieth mit einem Blick das ganze Unglück des Oberintendanten. Sie errieth eine ſchlaflos zugebrachte Nacht. Einen Tag in Täuſchungen hingebracht. 3 Fortan war ſie ſtark, ſite fühlte, daß ſie Fouquet über Alles liebte. Sie ſtand auf, näherte ſich ihm und ſprach: 3 „Ihr habt mir dieſen Morgen geſchrieben, Ihr fanget an mich zu vergeſſen, und ich, die Ihr nicht wiedergeſehen, habe wohl aufgehört, 8 zu denken. Ich komme, um Euch Lügen zu ſtrafen, mein Herr, 8 dies um ſo ſicherer, als ich in Euren Augen Eines leſe.“. „Was 2“ fragte Fouquet erſtaunt. „„Daß Ihr mich nie ſo ſehr geliebt habt, als zu dieſer Stunde, und wie Ihr aus meinem Schritte erſehen müßt, daß ich Euch nicht vergeſſen habe.“ „Oh! Ihr, Marquiſe,“ erwiederte Fouquet, deſſen edles Antlitz ein Blitz der Freude einen Augenblick er⸗ leuchtete,„Ihr ſeid ein Engel, und die Menſchen ſind nicht berechtigt, an Euch zu zweifeln! Sie haben alſo nur ſich zu demüthigen und um Gnade zu bitten.“ „Es ſei Euch Gnade bewilligt.“ Fouquet wollte ſich auf die Kniee werfen. „Nein,“ ſprach ſie,„ſetzt Euch an meine Seite. whln nnn durchzieht ein ſchlimmer Gedanke Euren ei f1 „Woran ſeht Ihr das, Madame?“ N — Gu 2 — 109 „An Eurem Lächeln, das Eure ganze Phyſiogno⸗ mie verdorben hat. Sprecht, woran denkt Ihr? Sagt es offenherzig, keine Geheimniſſe unter Freunden!“ „Nun wohl, Madame, ſo ſagt mir, warum drei bis vier Monate dieſe Strenge?“ „Dieſe Strenge?“ „Ja, habt Ihr mir nicht verboten, Euch zu be⸗ ſuchen?“ „Ah! mein Freund,“ erwiederte Frau von Bel lières mit einem tiefen Seufzer,„weil Euer Beſuch in meinem Hauſe ein großes Unglück für Euch verurſacht hat, weil man mein Haus überwacht, weil dieſelben Augen, die Euch geſehen haben, Euch abermals ſehen könnten, weil ich es weniger gefährlich für Euch finde, wenn ich hierher komme, als wenn Ihr zu mir kommt, weil ich Euch endlich unglücklich genug finde, um nicht Euer Unglück noch vermehren zu wollen.“ Fouquet bebte. 4 3 Dieſe Worte mahnten ihn an die Sorgen der Oberintendanz, ihn, der ſich einige Minuten nur an die Hoffnungen des Liebenden erinnerte. „Unglücklich, ich?“ ſagte er, indem er zu lächeln ſuchte;„in der That, Madame, Ihr würdet mich das mit Eurer Traurigkeit glauben machen. Werden denn die ſchoͤnen Augen nur zu mir aufgeſchlagen, um mich 85 zu beklagen? ohl ich erwarte von ihnen ein anderes Gefühl. 4* „Ich bin nicht traurig, mein Herr, ſchaut in dieſen Spiegel, Ihr ſeid es.“ 8 „Marquiſe, es iſt wahr, ich bin ein wenig bleich, doch das rührt vom Uebermaß der Arbeit her; der König hat geſtern Geld von mir verlangt.“ „Ja, vier Millionen, ich weiß es.“ „Ihr wißt es!“ rief Fouquet erſtaunt.„Und wo⸗ her wißt Ihr es? erſt beim Spiel, nach dem Abgang der Königinnen und in Gegenwart einer einzigen Per⸗ ſon hat der König...“ 8 1¹0 „Ihr ſeht, daß ich es weiß, das genügt, nicht wahr? Fahrt alſo fort, mein Freund: das Geld, das 1 der König von Euch verlangt hat?“ 8 „Ihr begreift, Marquiſe, man mußte es ſich ver⸗ ſchaffen, dann zählen, dann einregiſtriren laſſen, und das dauert lange. Seit dem Tode von Herrn Mazarin iſt der Dienſt der Finanzen ein wenig anſtrengend und beſchwerlich. Meine Verwaltung iſt überbürdet, deshalb habe ich dieſe Nacht gewacht.“ Ihr habt alſo die Summe?“ fragte unruhig die Marquiſe. „Marquiſe,“ erwiederte Fouquet heiter,„es wäre ſchön anzuſchauen, wenn der Oberintendant der Finanzen nicht armſelige vier Millionen in ſeiner Kaſſe hätte.“ „Ja, ich glaube, daß Ihr ſie habt, oder daß Ihr ſie haben werdet.“ 4 „ Wie, daß ich ſie haben werde?“ „Es iſt wohl nicht lange her, daß man zwei von Euch verlangt hat.“ „Mir ſcheint es im Gegentheil ein Jahrhundert zu ſein, Marquiſe; doch ſprechen wir nicht mehr von Geld, wenn es Euch beliebt.“ 3 „Im Gegentheil, ſprechen wir davon, mein Freund.“ „Oh 14 4 „Hört. ic bin nun deshalb gekommen.“ „Aber was meint Ihr denn damit?“ fragte der ausdrückten. „Mein Herr, die Oberintendanz iſt eine unwider⸗ rufliche Stelle.“ „Marquiſe!“ herzig.“ mit mir wie ein Commanditär.“. „Das iſt einfach: ich will Geld bei Euch anlegen, und wünſche natürlich zu wiſſen, ob Ihr ſicher ſeid.“ „Marquiſe, Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, Ihr ſprecht Oberintendant, deſſen Augen eine unruhige Neugierde „Ihr ſeht, daß ich Euch antworte, und zwar offen⸗ —— 111 „In der That, Madame, ich bin ganz verwirrt, und weiß nicht mehr, worauf Ihr abzielt.“ „Im Ernſte geſprochen, mein lieber Herr Fouquet, ich habe einige Fonds, die mich in Verlegenheit ſetzen. Ich bin müde, Güter zu kaufen, und möchte gern einen Freund mit dem Umtreiben meines Geldes beauf⸗ tragen.“ „Das hat aber wohl keine Eile?“ „Im Gegentheil, es hat große Eile.“ 4 „Nun wohl, wir werden ſpäter davon ſprechen.“ „Nein, nicht ſpäter, denn mein Geld iſt hier.“ Die Marquiſe zeigte dem Oberintendanten das Kiſtchen, öffnete es, und ließ ihn ein Bündel Billets und eine Maſſe Gold ſehen. 3 Fouquet war zugleich mit Frau von Bellières auf⸗ geſtanden. Er blieb einen Augenblick nachdenkend, dann wich er plötzlich zurück, erbleichte und ſank, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend, auf einen Stuhl. „Oh! Maxquiſe! Marquiſe!“ murmelte er. „Nun!“⸗ 8 2 „Welche Meinung habt Ihr denn von mir, daß Ihr mir ein ſolches Anerbieten macht?“ „Von Euch?“ „Allerdings.“ „Aber was denkt Ihr denn ſelbſt?“ „Dieſes Geld, Ihr bringt es mir für mich; Ihr bringt es mir, weil Ihr wißt, daß ich in Verlegenheit bin. Oh! leugnet es nicht. Ich errathe. Kenne ich nicht Euer Herz?“ 4 „Nun, wenn Ihr mein Herz kennt, ſo ſeht Ihr, daß es mein Herz iſt, was ich Euch biete.“ „Ich habe alſo errathen!“ rief Fouquet.„Oh! Madame, ich habe Euch wahrhaftig nicht das Recht gegeben, mich ſo zu beleidigen.“ „Euch beleidigen!“ rief Frau von Bellières erblei⸗ chend.„Seltſames, menſchliches Zartgefühl! Ihr liebt mich, wie Ihr mir geſagt habt? Ihr habt im Namen dieſer Liebe meinen Ruf, meine Ehre von mir verlangt? Und wenn ich Euch mein Geld anbiete, ſchlagt Ihr es aus?“ „Marquiſe, Marquiſe, es ſtand Euch frei, das zu behalten, was Ihr Euren Ruf, Eure Ehre nennt. Laßt mir die Freiheit, meine Chre zu bewahren. Ueberlaßt es mir, mich zu Grunde zu richten, laßt mich unter der Bürde des Haſſes, der mich umgibt, unter der Bürde der Fehler, die ich begangen habe, unter der Bürde meiner Gewiſſensbiſſe ſogar erliegen; aber in des Himmels Namen, Marquiſe, ſchmettert mich nicht unter dieſem letzten Schlag nieder.“ t Vorin hat es Euch an Geiſt gefehlt, Herr Fou⸗ quet.“ 4 „Es iſt möglich, Madame.“ „Und nun fehlt es Euch an Herz.“ Fouquet preßte mit ſeiner krampfhaften Hand ſeine keuchende Bruſt zuſammen und ſprach: „Ueberhäuft mich mit Vorwürfen, ich weiß nichts zu erwiedern.“ „Ich hatte Euch meine Freundſchaft angeboten, Herr Fouquet.“ „Ja, Madame, doch Ihr habt Euch hierauf be⸗ ſchränkt.“ 3 1 „Iſt das, was ich thue, das Benehmen einer Freundin?“ „Gewiß.“. „Und Ihr ſchlagt dieſen Beweis meiner Freund⸗ ſchaft aus?“ „Ich ſchlage ihn aus.“ „Schaut mich an, Herr Fouquet.“ Die Augen der Marquiſe funkelten. „Ich biete Euch meine Liebe an.“ „Ohl Madame!“ rief Fouquet. „Ich liebe Euch ſeit langer Zeit, hört Ihr? die Frauen haben wie die Männer ihr falſches Zartgefühl. d —— . 113 Seit langer Zeit liebe ich Euch, aber ich wollte es Euch nicht ſagen.“ „Oh!“ machte Fouquet die Hände faltend. „Nun! ich ſage es Euch. Ihr habt mich auf den Knieen um dieſe Liebe gebeten, ich habe ſie Euch ver⸗⸗ weigert; ich war blind, wie Ihr es vorhin waret. Meine Liebe, ich biete ſie Euch.“ „Ja, Eure Liebe, doch nur Eure Liebe.“ „Meine Liebe, meine Perſon, mein Leben... Alles, Alles, Alles!“ „Oh! mein Gott!“ rief Fouquet geblendet. „Wollt Ihr meine Liebe?“ „Oh! Ihr beugt mich unter der Laſt meines Glückes nieder.“ „Sprecht, ſprecht, werdet Ihr glücklich ſein, wenn ich Euch gehöre, ganz Euch?“ „Das iſt die höchſte Glückſeligkeit!“ „Dann nehmt mich. Wenn ich Euch aber ein Vorurtheil opfere, ſo opfert mir eine Bedenklichkeit.“ „Madame, führt mich nicht in Verſuchung.“ „Mein Freund, mein Freund, weiſet mich nicht zurück.“ „Gebt wohl Acht, was Ihr mir anbietet.“ „Fouquet, ein Wort... Nein... und ich öffne dieſe Thüre.“ Sie deutete auf die, welche nach der Straße führte. „Und Ihr werdet mich nicht mehr ſehen. Ein an⸗ deres Wort... Ja, und ich folge Euch, wohin Ihr wollt, mit geſchloſſenen Augen, wehrlos, ohne Weige⸗ rung, ohne Gewiſſensbiſſe.“ „Eliſe... Eliſe... Aber dieſes Kiſtchen...“ „Iſt meine Mitgift.“ „Iſt Euer Ruin!“ rief Fouquet, das Gold und die Papiere umſtoßend;„hier liegt eine Million.“ „Ganz richtig... meine Edelſteine, die mich Die drei Musketiere. Bragelonne, v. 8 114 nichts mehr nützen werden, wenn Ihr mich liebt, wie ich Euch liebe.“ „Ohl das iſt zu viel! das iſt zu viel!“ rief Fou⸗ quet;„ich gebe nach, ich gebe nach, und wäre es nur, um eine ſolche Hingebung zu ſegnen. Ich nehme die Mitgift an.“ „Und hier iſt das Weib,“ ſprach die Marquiſe. Und ſie warf ſich in ſeine Arme. XI. Der Grund Gottes. Waäͤhrend dieſer Zeit reiſten Buckingham und War⸗ des als gute Gefährten und in vollkommener Eintracht von Paris nach Calais. Buckingham hatte ſeine Abſchiedsbeſuche beſchleu⸗ nigt und die Mehrzahl derſelben kurz abgemacht. Die Beſuche bei Monſieur und Madame, bei der jungen Koͤnigin und der Königin Witwe waren col⸗ lectiv geweſen. Eine Vorſicht der Königin Mutter, die ihm den Schmerz erſparte, noch mit Monſieur allein zu ſprechen, der ihm die Gefahr erſparte, Madame wiederzuſehen. Buckingham umarmte Guiche und Raoul; er ver⸗ ſicherte den Erſten ſeiner ganzen Werthſchätzung, den Zweiten einer beſtändigen Freundſchaft, beſtimmt, alle. Hinderniſſe zu beſiegen und ſich weder durch die Ent⸗ fernung, noch durch die Zeit erſchüttern zu laſſen. Die Fourgons waren vorausgegangen; er reiſte am Abend im Wagen mit ſeinen Leibdienern ab. Ganz bedrückt, daß er ſo gleichſam im Schlepptau von dieſem Engländer fortgeführt werden ſollte, hatte Wardes in ſeinem ſcharfen Geiſt alle Mittel geſucht, um dieſer Kette zu entgehen, aber keines kam ihm z1 — NU A 115 Hülfe, und er war genöͤthigt, die Strafe für ſeinen ſchlimmen Geiſt und ſein hämiſches Weſen zu erleiden. Diejenigen, welchen er ſich als geiſtreichen Leuten hätte eröffnen können, würden ihn wegen der Ueber⸗ legenheit des Herzogs verſpottet haben. Die Anderen, ſchwerfällige, aber verſtändige Geiſter, hätten ihm die Edicte des Königs, die das Duell ver⸗ boten, angeführt.. Wieder Andere endlich, und dieſe waren die zahl⸗ reichſten, die ihm aus chriſtlicher Nächſtenliebe oder aus nationaler Eitelkeit Beiſtand geleiſtet hätten, wollten ſich doch nicht einer Ungnade ausſetzen und dürften höchſtens die Miniſter von einer Abreiſe benachrichtigt haben, die in eine Metzelei ausarten konnte. Dadurch erfolgte, daß Wardes, Alles wohl erwo⸗ gen, ſeinen Mantelſack ſchnürte, zwei Pferde nahm, und gefolgt von einem einzigen Lackei nach der Barrière ritt, wo ihn Buckingham abholen ſollte. Der Herzog empfing ſeinen Gegner, als wäre er der liebenswürdigſte Bekannte, machte Platz, um ihn ſitzen zu laſſen, bot ihm Zuckerwerk und breiteie ſeinen Mantel von Zobelpelz, der auf dem Vorderſitze lag, über ihm aus. Dann plauderte man: Vom Hof, ohne von Madame zu ſprechen; 8 Von Monſieur, ohne von ſeiner Ehe zu ſprechen; Vom Koͤnig, ohne von ſeiner Schwägerin zu ſprechen; Von der Königin Mutter, ohne von ihrer Schwie⸗ gertochter zu ſprechen; Vom König von England, ohne von ſeiner Schwe⸗ ſter zu ſprechen; Von dem Herzenszuſtand von jedem von den Rei⸗ ſenden, ohne einen geſährlichen Namen zu nennen. Die Fahrt, welche in kleinen Tagereiſen gemacht wurde, war auch reizend. Buckingham, ein wahrer Franzoſe dem Geiſt und — der Erziehung nach, war entzückt, ſeinen Gefährten ſo gut gewählt zu haben. Gute Mahle, nur mit dem Ende der Zähne be⸗ rührt, Probiren von Pferden auf den Wieſen, welche die Straße durchſchnitt, Haſenjagden, denn Bucking⸗ ham hatte ſeine Windhunde bei ſich, das war die Ver⸗ wendung der Zeit. Buckingham glich ein wenig dem ſchönen Seine⸗ fluß, der in ſeinen verliebten Krümmungen Frankreich tauſendmal umarmt, ehe er ſich entſchließt, in den Ocean auszumünden.— Indem er aber Frankreich verließ, war es haupt⸗ ſächlich die neue Franzöſin, die er nach Paris gebracht, was Buckingham beklagte; er hatte nicht einen Ge⸗ danken, der nicht eine Erinnerung und folglich ein Be⸗ dauern war. Wenn er ſich zuweilen, trotz ſeiner Selbſtbeherr⸗ ſchung, in ſeine Gedanken verſenkte, überließ ihn auch Wardes ganz ſeinen Träumereien. Dieſes Zartgefühl würde Buckingham ſicherlich ge⸗ rührt und ſeine Stimmung in Beziehung auf Wardes geändert haben, hätte dieſer, während er ſchwieg, ein minder boshaftes Auge und ein minder falſches Lächeln gehabt. Aber der Haß aus Inſtinct iſt unbeugſam; nichts löſcht ihn; ein wenig Aſche bedeckt ihn zuweilen, doch Die Pferde waren eingeſchifft worden, man hißte ſie von der Barke auf das Verdeck des Schiffes in Kör⸗ ben, die man beſonders hiezu gemacht und ſo ausgefüt⸗ tert hatte, daß ihre Glieder, ſelbſt bei den heftigſten Kriſen des Schreckens oder der Ungeduld, die weiche Stütze der Wände nicht verließen, und daß ihre Haare nicht einmal aufgeſtrichen wurden. Acht von dieſen Körben füllten neben einander ge⸗ ſtellt den Raum. Man weiß, daß während der kurzen Fahrten die zitternden Pferde nichts freſſen und in Ge⸗ genwart des beſten Futters, nach dem ſie auf dem Lande ſehr lüſtern geweſen wären, beben. Allmälich wurde die ganze Equipage des Herzogs an Bord der YNacht gebracht; dann kamen ſeine Leute zurück und meldeten, Alles ſei bereit, und wenn er ſich mit dem franzöſiſchen Herrn einſchiffen wolle, ſo warte man nur noch auf ſie. Denn Niemand vermuthete, der franzöſiſche Edel⸗ mann könnte mit Mylord Herzog etwas Anderes abzu⸗ machen haben, als Freundſchaftsrechnungen. Buckingham ließ dem Patron der Yacht antworten, er habe ſich bereit zu halten, da aber das Wetter ſchön ſei, da der Tag einen herrlichen Sonnenuntergang ver⸗ ſpreche, ſo gedenke er ſich erſt in der Nacht einzuſchiffen und den Abend zu einem Spaziergang auf dem Geſtade zu benützen. Ueberdies, fügte er bei, da er ſich in vortrefflicher Geſellſchaft befinde, ſo dränge es ihn nicht im Mindeſten, ſich einzuſchiffen. Indem er dies ſagte, zeigte er den Leuten, die ihn umgaben, das prachtvolle Schauſpiel des am Horizont mit Purpur übergoſſenen Himmels und eines Amphi⸗ theaters von flockenartigen Wolken, die von der Sonnen⸗ ſcheibe zum Zenith aufſtiegen und dabei die Formen einer Kette von Bergen mit auf einander gehäuften Gipfeln annahmen. Dieſes ganze Amphitheater war an ſeine Baſe mit einer Art von blutigem Giſcht gefärbt, der in Tinten von Opal und Perlmutter verſchmolz, je mehr der Blick von der Baſe zu der Höhe aufſtieg. Das Meer färbte ſich ſeinerſeits mit demſelben Reflexr und auf jedem Gipfel einer blauen Welle tanzte ein leuchtender Punkt wie ein dem Widerſchein einer Lampe ausgeſetzter Rubin. Ein warmer Abend, ſalzige Düfte, den träumeriſchen Phantaſien ſo lieb, ein kräftiger, in harmoniſchen Stößen wehender Oſtwind, dann in der Ferne die Yacht mit ihrem ſchwarzen Proſil, mit ihrem durchbrochenen Takel⸗ werk auf dem purpurrothen Grunde des Himmels und da und dort am Horizont lateiniſche Segel, gebückt un⸗ ter dem Azur wie der Flügel einer Meve, wenn ſie niedertaucht. Dieſes Schauſpiel war in der That wohl werth, daß man es bewunderte. Die Menge der Neugierigen folgte den goldbetreß⸗ ten Bedienten, unter denen ſie, als ſie den Intendanten und den Secretaire ſah, den Herrn und ſeinen Freund zu ſehen glaubte. Was Buckingham betrifft, der einfach in ein Wamms von grauem Atlaß und einen Ueberwurf von veilchenblauem Sammet gekleidet war, den Hut auf den Augen hatte und weder Orden, noch Stickereien trug, ſo wurde er ebenſo wenig bemerkt, als Wardes, der ſchwarz wie ein Anwalt angethan. Die Leute des Herzogs hatten den Befehl, eine Barke am Hafendamm bereit zu halten und das Ein⸗ ſchiffen ihres Herrn zu überwachen, ohne jedoch zu ihm zu kommen, ehe er oder ſein Freund rufen würde. „Was ſie auch ſehen möchten,“ fügte er bei, in⸗ dem er auf dieſe Worte einen ſolchen Nachdruck legte, daß ſie begriffen wurden. Nachdem er ein paar Schritte auf dem Sand ge⸗ 8 than hatte, ſagte Buckingham zu Wardes: „Mein Herr, ich glaube, daß wir von einander Abſchied nehmen müſſen. Ihr ſeht, die See ſteigt; in — N — 119 zehn Minuten wird ſie den Sand, auf dem wir gehen, dergeſtalt durchnäßt haben, daß wir außer Stand ſind, den Boden zu fühlen.“ „Mylord, ich bin zu Euren Befehlen, doch...ℳ „Doch wir ſind noch auf dem Grund des Königs, nicht wahr?“ „Ja. „Nun, ſo kommt; es iſt dort, wie Ihr ſeht, eine Art von Inſel, umgeben von einer kreisförmigen Lache. Die Lache nimmt zu und die Inſel verſchwindet von Minute zu Minute immer mehr. Dieſe Inſel gehört wohl Gott, denn ſie liegt zwiſchen zwei Meeren und de nis hat ſie nicht auf ſeinen Karten. Seht Ihr ſie 44 „Ich ſehe ſie. Wir können ſie jetzt kaum erreichen, ohne uns die Füße zu benetzen.“ „Ja, aber bemerkt wohl, daß ſie einen ziemlich hohen Punkt bildet, und daß das Meer auf jeder Seite ſteigt, ohne ihren Gipfel zu erreichen. Daraus geht hervor, daß wir auf dieſem kleinen Theater vortrefflich ſein werden. Was haltet Ihr davon?“ „Ich werde überall gut ſein, wo mein Degen die CEhre haben wird, dem Eurigen zu begegnen, Mylord.“ „Vorwärts alſo! Ich bin in Verzweiflung, daß ich Euch die Füße naß mache, Herr von Wardes, doch es iſt, wie ich glaube, nothwendig, damit Ihr dem König ſagen könnt:„„Sire, ich habe mich nicht auf dem Boden Eure Majeſtät geſchlagen.““ Das iſt zwar ein wenig ſpitzfindig, aber von Port Royal an ſchwimmt Ihr in den Spitzfindigkeiten. Ohl beklagen wir uns nicht, das gibt Euch einen reizenden Witz, der nicht Euch Anderen gehört. Wenn es Euch genehm iſt, wollen wir uns beeilen, Herr von Wardes, denn ſeht, das Meer ſteigt und die Nacht kommt.“ „Wenn ich nicht raſcher marſchirte, ſo geſchah es nur, um nicht vor Eurer Herrlichkeit zu gehen. Seid Ihr noch trockenen Fußes, Herr Herzog? 4.. 120 „Ja, bis jetzt. Schaut doch dorthin; meine Burſche haben bange, uns ertrinken zu ſehen, und kreu⸗ zen mit dem Nachen. Seht doch, wie ſie auf der Spitze der Wellen tanzen! Das iſt vortrefflich, doch ich be⸗ käme darüber die Seekrankheit. Wollt Ihr mir wohl erlauben, ihnen den Rücken zuzuwenden?“ „Ihr werdet bemerken, daß Ihr, indem Ihr ihnen den Rücken zuwendet, die Sonne im Geſichte habt, Mylord?“ „Ohl ſie iſt zu dieſer Stunde ſehr ſchwach und wird bald verſchwunden ſein; kümmert GEuch alſo nicht darum.“ „Wie Ihr wollt, Mylord; was ich darüber ſagte, ſagte ich aus Zartgefühl.“ „Ich weiß es, Herr von Wardes, und ſchätze Eure Bemerkung. Wollen wir unſere Wämmſer ablegen 20 „Beſtimmt, Mylord.“ „Es iſt bequemer.“ „Dann bin ich ganz bereit.“ „Sagt mir ohne Umſtände, Herr von Wardes, ob Ihr Euch auf dem durchnäßten Sande übel fühlt, oder ob Ihr Euch noch ein wenig zu ſehr auf franzöſiſchem Gebiete glaubt? Wir werden uns in England oder auf meiner YNacht ſchlagen.“ „Wir ſind hier ſehr gut, Mylord; nur muß ich die Ehre haben, Euch zu bemerken, daß uns, da die See ſteigt, kaum noch die erforderliche Zeit bleibt.“ Buckingham machte ein Zeichen der Beipflichtung, zog ſein Wamms aus und warf es auf den Sand. Wardes that daſſelbe. Weiß wie zwei Geſpenſter für diejenigen, welche ſie vom Geſtade aus ſahen, hoben ſich die zwei Körper von dem blaurothen Schatten ab, der vom Himmel herabſtieg. „Meiner Treue, Herr Herzog, wir können kaum ausfallen,“ ſagte Wardes.„Fühlt Ihr, wie unſere Füße im Sande feſthalten?“ 488 Arme,. „Ich bin bis an den Knöchel eingefunken, abge⸗ ſehen davon, daß uns nun das Waſſer erreicht,“ er⸗ wiederte Buckingham. 8 „Es hat mich ſchon erreicht. Wann Ihr wollt, Herr Herzog.“ Wardes nahm den Degen in die Hand. Der Herzog ahmte ihn nach. „Herr von Wardes,“ ſagte nun Buckingham,„noch ein letztes Wort, wenn es Euch beliebt... Ich ſchlage mich mit Euch, weil ich Euch nicht liebe, weil Ihr mir das Herz zerriſſen habt, indem Ihr über eine ge⸗ wiſſe Leidenſchaft ſpottetet, die ich hege, die ich in die⸗ ſem Augenblick zugeſtehe und für welche zu ſterben ich ſehr glücklich ſein werde. Ihr ſeid ein boshafter Menſch, Herr von Wardes, und ich will Allem aufbieten, um Euch zu tödten, denn ich fühle es, wenn Ihr nicht heute durch meine Hand ſterbt, ſo werdet Ihr in Zu⸗ kunft meinen Freunden viel Böſes zufügen. Das iſt es, was ich Euch zu ſagen hatte,“ fügte Buckingham bei. Und er verbeugte ſich. „Und ich, Mylord, habe Euch hierauf zu ant⸗ worten: „Ich haßte Euch nicht; doch nun, da Ihr mich er⸗ rathen habt, haſſe ich Euch, und ich werde Alles, was in meinen Kräften liegt, thun, um Euch zu töͤdten.“ Und Wardes verbeugte ſich vor Buckingham. In demſelben Augenblicke kreuzten ſich die Eiſen; zwei Blitze verbanden ſich in der Nacht. Die Degen ſuchten ſich, erriethen ſich, berührten ſich. Beide waren geſchickte Fechter. Die erſten Aus⸗ fälle hatten keinen Erfolg. Die Nacht war raſch vorgerückt und ſo dunkel, daß man ſich inſtinktartig angriff und vertheidigte. Plötzlich fühlte Wardes ſein Eiſen feſtgehalten; er hatte Buckingham in die Schulter geſtochen. Der Degen des Herzogs ſenkte ſich mit ſeinem 122 „Oh!“ machte er. „Getroffen, nicht wahr, Mylord?“ fragte Wardes zurückweichend. 4 „ Ja, mein Herr, doch leicht.“ „Ihr habt indeſſen das Lager verlaſſen.“ „Das iſt die erſte Wirkung der Kälte des Eiſens, doch ich ſtehe wieder. Fangen wir wieder an, wenn es Euch beliebt, mein Herr.“ Und mit einem unheimlichen Klirren von der Klinge abweichend, zerriß der Herzog dem Marquis die Bruſt. „Auch getroffen,“ ſagte er. „Nein,“ erwiederte Wardes, der feſt auf ſeinem Platze blieb. „Verzeiht, doch da ich Euer Hemd ganz roth ſah..“ ſagte Buckingham. „Alſo nun Euch!“ rief Wardes wüthend. Und weit ausfallend durchſtieß er Buckingham den Vorderarm. Der Degen ging zwiſchen den zwei Kno⸗ chen durch. Buckingham fühlte ſeinen rechten Arm gelähmt, ſtreckte den linken Arm vor, ergriff ſeinen Degen, der eben ſeiner trägen Hand entfallen wollte, und durch⸗ Heh, erdes, ehe er ſich wieder ausgelegt hatte, die ruſt. Wardes wankte, ſeine Kniee bogen ſich, er ließ ſeinen noch im Arm des Herzogs ſteckenden Degen aus der Hand und fiel in das Waſſer, das ſich von einem Reflex röthete, der ächter war, als derjenige, welchen ihm die Wolken zuſandten. Wardes war nicht todt, er fühlte die furchtbare Gefahr, von der er bedroht wurde: die See ſtieg. Der Herzog fühlte die Gefahr auch. Mit einer gewaltigen Anſtrengung und einem Schmerzensſchrei riß er das in ſeinem Arm gebliebene Eiſen heraus, wandte ſich dann gegen Wardes um und fragte: „Seid Ihr todt?“ „Nein,“ erwider te Wardes mit einer von dem Blut, 123 das aus ſeiner Lunge in ſeine Kehle aufſtieg, erſtickten Stimme,„doch es fehlt wenig.“ 4 „Nun, was iſt zu thun? Sprecht, köoͤnnt Ihr gehen?“— d Wardes erhob ſich auf ein Knie. 32 „Unmöglich,“ ſagte er. Dann wieder niederfallend: „Ruft Eure Leute, oder ich ertrinke. A „Holla! Barke, raſch herbeigefahren!“ Die Barke ſtrengte ihre Ruder gewaltig an. Doch das Meer ſtieg raſcher, als die Barke ging. Buckingham ſah, daß Wardes nahe daran war, von einer Welle bedeckt zu werden; aus ſeinem geſunden und unverwundeten linken Arme machte er ihm einen Gürtel und hob ihn auf. Die Welle ſtieg bis an ſeinen halben Leib, konnte ihn aber nicht erſchüttern. Der Herzog ging nach dem Lande zu. Doch kaum hatte er zehn Schritte gemacht, als eine zweite Welle, welche viel höher, viel bedrohlicher, viel wüthender als die erſte, herbeilief, ihn in der Höhe der Bruſt traf, niederwarf, begrub. Dann, da ſie die Stromung wieder forttrug, ließ ſie einen Augenblick den Herzog und Wardes entblößt auf dem Sande liegen. Wardes war ohnmächtig. In dieſem Augenblick warfen ſich vier Matroſen des Herzogs, die die Gefahr begriffen, in das Meer und waren in einer Sekunde bei Buckingham. Ihr Schrecken war groß, als ſie ihren Gebieter ſich mit Blut bedecken ſahen, während das Waſſer, von dem er durchnäßt, gegen ſeine Kniee und ſeine Füße herablief.. 3 Sie wollten ihn wegtragen. „Nein! nein!“ ſagte er,„an's Land, den Marquis an's Land!“ geſehen hatte. „Laßt ihn ſterben! Laßt den Franzoſen ſterben,“ riefen mit dumpfem Tone die Engländer. „Elende Burſche!“ rief der Herzog, indem er ſich mit einer ſtolzen Geberde, die ſie mit Blut beſprengte, erhob,„gehorcht, Herrn von Wardes an's Land, Herrn von Wardes vor Allem in Sicherheit gebracht, oder ich laſſe Euch henken.“ Die Barke war mittlerweile herangekommen. Der Secretaire und der Intendant ſprangen ebenfalls ins Waſſer und näherten ſich dem Marquis. Er gab kein Lebenszeichen mehr von ſich. „Ich empfehle Euch dieſen Mann bei Eurem Kopf,“ ſagte der Herzog.„Herrn von Wardes an's Ufer.“ Man nahm ihn und trug ihn auf den trockenen Sand, wohin das Meer nie ſtieg. Einige Neugierige und fünf bis ſechs Fiſcher hatten ſich, herbeigelockt durch das ſeltene Schauſpiel von zwei Mähnnern, die ſich bis an die Kniee im Waſſer ſchlu⸗ gen, auf dem Ufer aufgeſtellt. Als die Fiſcher eine Gruppe von Menſchen, die einen Verwundeten trugen, auf ſich zukommen ſahen, traten ſie auch bis an das halbe Bein ins Meer. Die Engländer übergaben ihnen den Verwundeten in der Sekunde, wo dieſer die Augen zu öffnen begann. Das Salzwaſſer der See und der feine Sand wa⸗ ren in ſeine Wunden eingedrungen und verurſachten ihm unbeſchreibliche Schmerzen. Der Secretaire des Herzogs zog aus ſeiner Taſche eine volle Börſe, übergab ſie dem, welcher ihm der Be⸗ deutendſte von den Anweſenden zu ſein ſchien, und ſagte: „Von meinem Herrn Mylord Herzog von Bucking⸗ ham, daß man dem Herrn Marquis von Wardes alle erdenkliche Pflege angedeihen laſſe.“. 3 Und er kehrte gefolgt von den Seinigen zu dem Nachen zurück, zudem ſich Buckingham nur mit Mühe geſchleppt, doch erſt nachdem er Wardes außer Gefahr Die See ging ſchon hoch, die geſtickten Kleider und die ſeidenen Gürtel waren durchnäßt. Viele Hüte wur⸗ den von den Wellen fortgeriſſen. 1 Die Kleider von Mylord Herzog und die von War⸗ des hatte die Fluth nach dem Ufer getragen. Man hüllte Wardes in das Kleid des Herzogs, das man für das ſeinige hielt, und trug ihn auf den Armen in die Stadt. XII. Dreikache Liebe. Seit der Abreiſe von Buckingham bildete ſich Guiche ein, die Erde gehöre ihm ohne Theilung. Monſieur, der nicht mehr den geringſten Grund zur Eiferſucht hatte und überdies ganz unter dem Ein⸗ fluß des Chevalier von Lorraine ſtand, bewilligte in ſei⸗ nem Hauſe ſo viel Freiheit, als nur die Anſpruchsvoll⸗ ſten wünſchen konnten. Der König, der Geſchmack an der Geſellſchaft von „Madame gefunden hatte, erſann Vergnügen auf Ver⸗ gnügen, um den Aufenthalt in Paris heiter zu machen, ſo daß kein Tag ohne ein Feſt im Palais Royal oder ohne einen Empfang bei Monſieur verging. Der König ließ Fontainebleau einrichten, um hier den Hof zu empfangen, und Jedermann war bemüht, bei der Reiſe zu ſein. Madame führte das geſchäftigſte Leben. Ihre Stimme, ihre Feder ſtanden nie ſtille. Die Geſpräche mit Guiche gewannen allmälig das Intereſſe, in welchem man die Vorſpiele von großen Leidenſchaften nicht veiennen kann.. Wenn die Augen bei einer Erörterung über die Farbe von Stoffen ſchmachten, wenn man eine Stunde 126 damit zubringt, daß man die Verdienſte und den Wohl⸗ geruch eines Kräuterſäckchens oder einer Blume analy⸗ ſirt, ſo gibt es bei dieſer Art von Converſation Worte, welche Jedermann hören kann, aber es gibt auch Ge⸗ berden und Seufzer, die nicht Jedermann ſehen kann. Wenn Madame viel mit Herrn von Guiche geplau⸗ dert hatte, ſo plauderte ſie mit dem König, der ſie regelmäßig jeden Tag beſuchte. Man ſpielte, man machte Verſe, man wählte Deviſen und Embleme; dieſer Früh⸗ ling war nicht allein der Frühling der Natur, es war die Jugend eines ganzen Volkes, deſſen Kopf dieſer Hof bildete. Der Konig war jung, ſchön, galanter als irgend Jemand. Er liebte in verliebter Weiſe alle Frauen, ſelbſt die Königin, ſeine Gemahlin. Nur war der große König der Schüchternſte oder der Zurückhaltendſte ſeines Reiches, ſo lange er ſich nicht ſelbſt ſeine Gefühle geſtanden hatte Dieſe Schüchternheit hielt ihn in den Schranken einfacher Höflichkeit, und keine Frau konnte ſich rüh⸗ men, den Vorzug vor einer andern zu haben. Es ließ ſich ahnen, der Tag, wo er ſich erklären würde, wäre die Morgenröthe einer neuen Souveräne⸗ tät, doch er erklärte ſich nicht. Herr von Guiche benützte dies, um der Koͤnig des ganzen verliebten Hofs zu ſein. Man hatte geſagt, er ſtehe ſehr gut mit Fräulein von Montalais, man hatte behauptet, er ſei ein eif⸗ riger Liebhaber von Fräulein von Chatillon; nun war er nicht einmal mehr höflich gegen eine Frau des Hofes. Er hatte nur Augen und Ohren für eine Einzige. Er nahm auch unmerklich ſeinen Platz bei Monſieur ein, der ihn liebte und ſo viel als moͤglich in ſeinem Hauſe hielt.. Von Natur leuteſcheu, entfernte er ſich zu ſehr vor der Ankunft von Madame; ſobald ader Madame ange⸗ kommen war, entfernte er ſich nicht mehr genug. 127 Was von aller Welt, am meiſten aber vom böſen Genius des Hauſes, vom Chevalier von Lorraine be⸗ merkt wurde, dem Monſieur eine lebhafte Zuneigung bezeigte, weil er ſelbſt bei ſeinen Bosheiten einen luſti⸗ gen Humor hatte, und weil es ihm nie an einem Ge⸗ danken, wie die Zeit anzuwenden, fehlte. Als der Chevalier von Lorraine ſah, daß Guiche an ſeine Stelle zu treten drohte, nahm er ſeine Zuflucht zu einem großen Mittel. Er verſchwand und ließ Mon⸗ ſieur ſehr in Verlegenheit. 3 Am erſten Tag ſeines Verſchwindens ſuchte ihn Monſieur beinahe nicht, denn Guiche war da, und mit Ausnahme ſeiner Unterredungen mit Madame widmete dieſer muthig die Stunden des Tags und der Nacht dem Prinzen. Als aber Monſieur am zweiten Tag Niemand bei der Hand fand, fragte er, wo der Chevalier wäre. Man antwortete ihm, man wiſſe es nicht. Guiche, nachdem er den Morgen mit der Auswahl von Stickereien und Franſen mit Madame zugebracht hatte, kam, um den Prinzen zu tröſten. Doch nach dem Mittagsmahl waren noch Tulpen und Amethyſte zu ſchätzen und Guiche kehrte in das Cabinet von Ma⸗ dame zurück. Monſieur blieb allein, es war die Stunde ſeiner Toilette, er fühlte ſich den Unglücklichſten der Menſchen und fragte abermals, ob man keine Nachricht vom Che⸗ valier habe. 4 „ Niemand weiß, wo der Chevalier zu finden iſt,“ war die Antwort, die man dem Prinzen gab. „Da Monſieur nicht wußte, wohin er ſeine Lang⸗ weile tragen ſollte, ſo ging er im Schlafrock und frifirt zu Madame. Es war großer Cerele von Leuten, die in allen Ecken lachten und ziſchelten; hier eine Gruppe von Frauen um einen Mann und unterdrücktes Gelächter; dort Manicamp und Malicorne von Montalais, Fräux lein von Tonnay⸗Charente und zwei andern Lacherinnen angefallen. Ferner Madame auf Polſtern ſitzend, und Guiche eine Handvoll Perlen und Edelſteine verſtreuend, unter denen der zarte, weiße Finger der Prinzeſſin diejenigen bezeichnete, welche ihr am meiſten gefielen. In einer andern Ecke ein Zitherſpieler, der ſpaniſche Seguidellas ſang, in welche Madame verliebt war, ſeitdem ſie ſolche die junge Königin mit einer gewiſſen Schwermuth hatte ſingen hören; nur trällerte das, was die Spanierin mit Thränen in den Augen geſungen hatte, die Engländerin mit einem Lächeln, das ihre Perlmutterzähne ſehen ließ. So bevölkert, bot dieſes Cabinet das lachendſte Bild der Welt. Monſieur war bei ſeinem Eintritt betroffen, als er ſo viele Leute ohne ihn ſich vergnügen ſah. Er war ſo eiferſüchtig, daß er ſich nicht erwehren konnte, wie ein Kind zu ſagen: „Wie! Ihr beluſtigt Euch hier, und ich langweile mich ganz allein!“ Seine Stimme war wie ein Donnerſchlag, der das Gezwitſcher der Vögel im Blätterwerk. unterbricht, und es trat eine tiefe Stille ein. Guiche ſtand einen Augenblick unbeweglich. Malicorne machte ſich hinter dem Rücken von Mon⸗ talais klein. Manicamp richtete ſich auf und nahm ſeine große Ceremonienmiene an. Der Guitarrero ſteckte ſeine Zither unter einen Tiſch und zog den Teppich darüber, um ſie vor den Augen des Prinzen zu verbergen. Madame allein rührte ſich nicht; ſie lächelte ihrem Gemahl zu und erwiederte: „Iſt das nicht die Stunde Ihrer Toilette?e „Und ſie wählte man, um ſich zu beluſtigen 14 brummelte der Prinz⸗ ¼ 4 3 4 129 Dieſes unglückliche Wort war das Signal zur Flucht, die Frauen entflohen wie eine Schaar erſchrocke⸗ ner Vogel; der Zitherſpieler verſchwand wie ein Schat⸗ ten; ſtets beſchützt durch Montalais, die ihren Rock aus⸗ breitete, ſchlüpfte Malicorne hinter eine Tapete, Manicamp kam Guiche zu Hülfe, der natürlich bei Madame blieb, und Beide hielten muthig den Angriff mit der Prin⸗ zeſſin aus. 8 Der Graf war zu glücklich, um dem Gemahl zu grollen; aber Monſteur war böſe auf Madame. Er brauchte ein Motiv zum Streiten; er ſuchte es und der haſtige Abgang dieſer vor ſeiner Ankunft ſo luſtigen und durch ſeine Gegenwart nun ſo ſehr beun⸗ ruhigten Menge bot ihm einen Vorwand. „Warum ergreift man die Flucht bei meinem An⸗ blick?“ ſagte er mit hochmüthigem Ton. Madame erwiederte, ſo oft der Herr erſcheine, halte ſich die Familie aus Ehrfurcht entfernt. Und indem ſie dies ſagte, machte ſie ein ſo heiteres, ſo drolliges Geſicht, daß Guiche und Mani⸗ eamp nicht an ſich halten konnten. Sie brachen in ein Gelächter aus, Madame ahmte ſie nach, dieſer Anfall ſteckte Monſieur an, der ſich ſetzen mußte, weil er lachend zu viel von ſeiner Gravität verlor. Endlich hörte er auf, aber ſein Zorn hatte ſich vermehrt. Er war noch wüthender darüber, daß er ſich dem Gelächter überlaſſen, als daß er die Andern hatte lachen ſehen.— Er ſchaute Manicamp mit großen Augen an, da er es nicht wagte, dem Grafen von Guiche ſeinen Zorn zu zeigen. Doch auf ein Zeichen, das er mit zu heftigem Aer⸗ ger machte, gingen Manicamp und Guiche hinaus. Madame, welche allein geblieben war, raffte traurig ihre Perlen zuſammen, lachte gar nicht mehr und ſprach nooch viel weniger. „Es freut mich ſehr, zu ſehen, daß man mich bei Die drei Musketiere. Bragelonne. V. 9 130 Euch wie einen Fremden behandelt, Madame,“ ſagte der Herzog. Und er verließ den Salon ganz außer ſich. Auf ſeinem Wege traf er Montalais, welche im Vorzimmer wachte. „Es iſt ſchön, einen kommen zu ſehen, doch vor der Thüre,“ ſagte er.. „Ich begreife nicht recht, was Eure Hoheit mir zu ſagen mich beehrt,“ erwiederte ſie. „Ich ſage, mein Fräulein, daß wenn Ihr mit ein⸗ ander im Gemach von Madame lacht, derjenige unwill⸗ kommen iſt, der nicht außen bleibt.“ „Eure Köͤnigliche Hoheit denkt und ſpricht ohne Zweifel nicht ſo für ſich?“ „Im Gegentheil, mein Fräulein, für mich ſpreche ich, für mich denke ich. Ich habe ſicherlich keinen Grund, mir zu dem Empfang, der mir hier zu Theil wird, Glück zu wünſchen. Wiel an einem Tag, wo bei Ma⸗ dame, bei mir Muſik und Geſellſchaft iſt, an einem Tag, wo ich mich ebenfalls ein wenig zu beluſtigen gedenke, entfernt man ſich! Hatte man denn Angſt, mich zu ſehen, daß Jedermann die Flucht ergriff, als man mich ſah?.. Man treibt alſo Schlimmes... wenn ich abweſend bin?“ „Aber, Monſeigneur, man thut heute nichts Ande⸗ res, als man alle Tage thut,“ entgegnete Montalais. „Wie! man lacht alle Tage ſo? „Ja, Monſeigneur.“ 4 „Alle Tage ſind Gruppen, wie die, welche ich ge⸗ ſehen habe?“ „Ganz dieſelben, Monſeigneur.“ „Und alle Tage kratzt man auf der Geige?“ „Monſeigneur, heute iſt es die Zither; doch wenn wir keine Zither haben, ſo haben wir Geigen und Flö⸗ ten; die Frauen langweilen ſich ohne Muſik.“ „Teufel! und die Männer?“ „Welche Männer?“ „Herr von Guiche, Herr von Manicamp und die Anderen, Herr...“ — 22=ͤ ——— 131 „Alle vom Hauſe Eurer königlichen Hoheit.“ „Ja, ja, Ihr habt Recht, mein Fräulein,“ ſprach der Prinz.. 3 Und er kehrte in ſeine Gemächer zurück; er war ganz träumeriſch und ſtürzte ſich in den tiefſten von ſeinen Lehnſtühlen, ohne ſich im Spiegel zu beſchauen. „Wo kann der Chevalier ſein?“ ſagte er. Es war ein Diener in der Nähe des Prinzen. Seine Frage wurde gehört. „Man weiß es nicht, Monſeigneur.“ „Abermals dieſe Antwort!... Den Erſten, der mir wieder erwiedert:„„Ich weiß es nicht,““ jage ich fort.“ Bei dieſem Wort entfloh Jedermann aus dem Ge⸗ mache von Monſieur, wie man aus dem von Madame entflohen war.— Da gerieth der Prinz in einen unbeſchreiblichen Zorn. Er ſtieß mit dem Fuß an ein Chiffonnier, das in dreißig Stücken auf den Boden rollte. 3 Dann ging er mit der größten Kaltblütigkeit nach den Gallerien und warf eine Vaſe von Email, ein Waſſer⸗ becken von Porphyr und einen Kandelaber von Bronze auf einander. Das Ganze machte einen furchtbaren Lärmen. Alle Welt erſchien an den Thüren. „Was will Monſeigneur?“ wagte der Kapitän der Leibwachen ſchüchtern zu fragen. „Ich mache mir Muſik,“ erwiederte der Prinz mit den Zähnen knirſchend. Der Kapitän der Leibwachen ließ den Arzt Seiner Königlichen Hoheit holen. Doch vor dem Arzt kam Malicorne und meldete dem Prinzen: „Monſeigneur, der Herr Chevalier von Lorraine folgt mir.“— 1 3 G Der Herzog ſchaute Malicorne an und lächelte. Der Chevalier trat in der That ein. 3 132 XIII. Die Eiferlucht von Herrn von Lorraine. Der Herzog ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er den Chevalier von Lorraine erblickte. „Oh! das iſt ein Glück,“ ſprach er;„durch welchen Zufall ſteht man Euch? Waret Ihr denn nicht ver⸗ ſchwunden, wie die Sage ging?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Eine Laune?“ „Eine Laune? ich Launen haben bei Eurer Hoheit! Die Ehrfurcht...“ „Laß die Ehrfurcht, gegen die Du Dich alle Tage verfehlſt. Ich ſpreche Dich davon frei. Warum biſt Du weggegangen? Erkläre Dich.“ „Weil ich Monſeigneur völlig unnütz war. Mon⸗ ſeigneur hat unterhaltendere Leute bei ſich, als ich es je ſein werde. Ich fühle mich nicht ſtark genug, um zu kämpfen, und habe mich zurückgezogen.“ „Dieſe Zurückhaltung hat keinen Sinn. Wer ſind die Leute, gegen die Du nicht kämpfen willſt? Guiche?“ „Ich nenne Niemand.“ „Das iſt einfältig! Guiche beengt Dich.“ „Ich ſage das nicht, Monſeigneur; heißt mich nicht ſprechen; Ihr wißt wohl, daß Guiche zu unſeren guten Freunden gehört.“ „Wer denn?“. „Ich bitte, Monſeigneur, laſſen wir das, ich flehe Euch an.“ Der Chevalier wußte wohl, daß man die Neugierde reizt, wie den Durſt, wenn man das Getränke oder die Erklärung entfernt hält. 3 133 biſetlein, ich will wiſſen, warum Du verſchwunden 1 2 „Nun, ſo will ich es Euch ſagen; nehmt es aber nicht übel auf.“ „Sprich.“ „Ich bemerkte, daß ich läſtig war.“ „Wem?“ 5 „Madame.“ „Wie ſo?“ fragte der Herzog erſtaunt. „Das iſt ganz einfach: Madame iſt vielleicht eifer⸗ ſüchtig auf die Zuneigung, die Ihr mir zu gewähren die Gnade habt.“ „Sie bezeigt Dir das?“ „Monſeigneur, Madame ſpricht nie ein Wort mit mir, beſonders ſeit einer gewiſſen Zeit.“ „Seit wann 2 „Seitdem Herr von Guiche ihr mehr gefallen hat, als ich, empfängt ſie ihn zu jeder Stunde.“ Der Herzog erröthete. „Zu jeder Stunde? Was für ein Wort iſt das?“ ſprach er mit ſtrengem Tone. „Ihr ſeht wohl, Monſeigneur, daß ich Euch ſchon mißfallen habe; ich war davon überzeugt.“ „Ihr mißfallt mir nicht, aber Ihr ſagt mir die Dinge etwas lebhaft. In welcher Hinſicht zieht Ma⸗ dame Guiche Euch vor?“ „Ich werde nichts mehr ſagen,“ erwiederte der Chevalier mit einer ceremoniellen Verbeugung. „Im Gegentheil, ich will, daß Ihr ſprechet; habt ihr Euch deshalb zuruͤckgezogen, ſo ſeid Ihr alſo ſehr eiferſüchtig?“ „Man muß eiferſüchtig ſein, wenn man liebt, Monſeigneur: iſt Eure Hoheit nicht eiferſüchtig auf Madame? würde Eure Hoheit, wenn ſie immer Jemand bei Madame ſähe und zwar Einen, den man günſtig behandelte, nicht Verdacht ſchöpfen? Man liebt ſeine Freunde wie ſeine Liebſchaften. Eure Hoheit hat mir 134 zuweilen die hohe Ehre erwieſen, mich ihren Freund zu nennen.“ „Ja, ja, doch da iſt abermals ein zweideutiges Waat⸗ Chevalier, Ihr habt eine unglückliche Geſprächs⸗ orm.“ „Welches Wort, Monſeigneur?“ „Ihr habt geſagt, günſtig behandelt. Was verſteht Ihr unter dem günſtig?“ „Etwas ganz Einfaches, Monſeigneur,“ antwortete der Chevalier mit großer Treuherzigkeit.„So, zum Beiſpiel, wenn ein Gatte ſeine Frau vorzugsweiſe dieſen oder jenen Mann zu ſich rufen ſieht; wenn ſich dieſer Mann beſtändig oben an ihrem Bett oder am Schlag ihres Wagens ſindet; wenn es immer ein Plätzchen für den Fuß dieſes Mannes im Umkreis der Röcke der Frau gibt; wenn die Leute ſich außer den Aufforde⸗ rungen zur Converſation begegnen; wenn der Strauß von dieſer die Farbe der Blumen von jenem hat; wenn die Muſiken im Gemach, die Abendbrode in dem Platz hinter dem Bett ſtatthaben; wenn bei dem Ein⸗ tritt des Mannes Alles bei der Frau ſchweigt; wenn der Mann plötzlich zum beſtändigſten Gefährten, zum zärtlichſten Menſchen denjenigen hat, welcher acht Tage zuvor am wenigſten ihm zu gehören ſchien... dann.“ „Vollende.“ „Dann, ſage ich, iſt man vielleicht eiferſüchtig, doch alle dieſe Einzelheiten ſind nicht am Platze und es handelt ſich nicht um dieſes bei unſerem Geſpräch.“ Der Herzog kämpfte offenbar in ſeinem Innern, endlich aber ſprach er: „Ihr ſagt mir nicht, warum Ihr Euch neulich ent⸗ fernt habt, Ihr ſagtet nur, aus Furcht, läſtig zu ſein, und fügtet ſogar bei, Ihr habet bei Madame eine Nei⸗ gung zu häuſigem Umgang mit Guiche wahrgenommen.“ „Ah! Monſeigneur, das habe ich nicht geſagt.“ „Doch!“ — — — — ha 135 „Wenn ich es ſagte, ſo ſah ich darin nur Unſchul⸗ diges.“ „Kurz, Ihr habt etwas geſehen?, „Monſeigneur bringt mich in Verlegenheit.“ „Was liegt daran? ſprecht. Wenn Ihr die Wahr⸗ heit ſagt, warum dann verlegen ſein?“ „Ich ſage immer die Wahrheit, Hoheit, aber ich zögere auch immer, wenn ich wiederholen ſoll, was die Anderen ſagen.“ „Ah! Ihr wiederholt! Es ſcheint alſo, daß man geſagt hat.“ „Ich geſtehe, daß man mit mir davon geſprochen t. 4 „Wer?“ Der Chevalier nahm eine beinahe zornige Miene an und erwiederte: „Monſeigneur, Ihr unterwerft mich einem peinli⸗ chen Verhör, Ihr behandelt mich wie einen Ange⸗ klagten auf dem Schemelchen... und die Gerüchte, welche im Vorübergehen das Ohr eines Edelmanns ſtreifen, verweilen nicht darin. Eure Hoheit will, daß ich das Gerücht zu der Höhe eines Ereigniſſes erhebe.“ „Nun,“ rief der Herzog ärgerlich,„es iſt eine entſchiedene Thatſache, daß Ihr Euch wegen dieſes Ge⸗ rüchtes zurückgezogen habt.“ „Ich muß die Wahrheit ſagen: man hat mir von den beſtändigen Aufwartungen und Beſtrebungen von Guiche bei Madame geſprochen, nichts Anderes; ich wiederhole, ein unſchuldiges und mehr noch ein erlaubtes Vergnügen. Doch, Monſeigneur, ſeid nicht ungerecht und treibt die Dinge nicht bis zum Uebermaß. Das geht Euch nichts an.“ „Es geht mich nichts an, daß man von den Be⸗ ſtrebungen von Guiche bei Madame ſpricht...“ „Nein, Monſeigneur, nein, und was ich Euch ſage, wurde ich Guiche ſelbſt ſagen, in ſo ſchönem Lichte be⸗ trachte ich den Hof, den er Madame macht; ich würde 8* 136 es auch ihr ſagen. Nur, begreift Ihr, was ich be⸗ fürchte? Ich befürchte für einen Eiferſüchtigen auf die Gunſt zu gelten, während ich nur ein Eiferſüchtiger auf die Freundſchaft bin. Ich kenne Eure Schwäͤche, ich weiß, daß Ihr, wenn Ihr liebt, ausſchließlich ſeid. Ihr liebt aber Madame, und wer ſollte ſie auch nicht lieben! Folgt wohl dem Kreis, zu dem ich Euch führe. Madame hat unter Euren Freunden den ſchönſten und reizendſten vorgezogen: ſte wird in Beziehung auf dieſen einen ſolchen Einfluß auf Euch ausüben, daß Ihr die Anderen vernachlaͤßigen werdet. Eine Verachtung von Euch wäre mein Tod... es iſt ſchon genug, daß ich die von Madame ertragen muß. Monſeigneur, ich habe alſo den Entſchluß gefaßt, den Platz dem Günſt⸗ ling abzutreten, den ich um ſein Glück beneide, während ich wahre Freundſchaft und aufrichtige Bewunde⸗ rung für ihn hege. Sprecht, habt Ihr etwas gegen dieſe Schlußkette einzuwenden? Iſt es nicht die eines galanten Mannes? Iſt es nicht das Benehmen eines wackeren Freundes? Antwortet mir wenigſtens, Ihr, der Ihr mich mit ſo hartem Tone befragt habt.“ Der Herzog hatte ſich niedergeſetzt, er hielt ſeinen Kopf mit beiden Händen und zerzauſte ſeine Friſur. Nach einem Stillſchweigen, das lange genug währte, daß der Chevalier die ganze Wirkung ſeiner redneriſchen Combinationen ſchätzen konnte, ſtand Mon⸗ ſeigneur auf und ſagte: „Sprich und ſei offenherzig.“ „Wie immer.“ 1 „Gut. Du weißt, daß wir ſchon etwas in Betreff des extravaganten Buckingham bemerkt haben.“ „Oh! Monſeigneur, ſchuldigt Madame nicht an, oder ich nehme Abſchied von Euch. Wie! Ihr geht zu dieſen Syſtemen über? wie! Ihr hegt Verdacht?“ 8 „Nein, nein, Chevalier, ich habe keinen Verdacht gegen Madame... Aber am Ende ſehe ich... ver⸗ gleiche ich.“ 8 4 ——— — — 137 8 „Buckingham war ein Mann.“ „Ein Mann, über den Du mir die Augen voll⸗ kommen geöffnet haſt.“ 4 „Nein, nein,“ entgegnete lebhaft der Chevalier, „ich habe Euch die Augen nicht geöffnet: Guiche. Ah! wir wollen nicht verwechſeln.“ Und er lachte mit je⸗ nem ſchrillen Gelächter, das dem Ziſchen der Schlange gleicht.. „Ja, in der That, ja. Du ſagteſt ein paar Worte, doch Guiche zeigte ſich am Eiferſüchtigſten.“ „Ich glaube wohl,“ fuhr der Chevalier mit dem⸗ ſelhen Ton fort;„er kämpfte für den Heerd und den ltar.“ „Wie beliebt?“ fragte der Herzog empört über dieſen treuloſen Scherz. „Allerdings iſt Herr von Guiche nicht der erſte „Edelmann Eures Hauſes.“ „Nun,“ ſagte der Herzog etwas ruhiger,„dieſe Leeidenſchaft von Buckingham war bemerkt worden?“ „Gewiß.“ „Sagt man, die von Guiche ſei ebenſo ſehr be⸗ merkt worden?“ „Aber, Monſeigneur, Ihr fallt wieder zurück, man ſagt nicht, Herr von Guiche habe eine Leiden⸗ ſchaft.“ „Gut! gut!“ „Ihr ſeht, Monſeigneur, es wäre beſſer, tauſend⸗ mal beſſer geweſen, mich in meiner Zurückgezogenheit zu laſſen, als Euch mit meinen Skrupeln einen Ver⸗ dacht zu ſchmieden, den Madame als ein Verbrechen betrachten wird, und dabei hat ſie Recht.“ „Was würdeſt Du thun?“ „Etwas Vernünftiges.“ „Was?“— „Ich würde der Geſellſchaft dieſer neuen Epiku⸗ räer nicht die geringſte Aufmerkſamkeit mehr ſchenken, und auf dieſe Art würden die Gerüchte aufhören.“ 138 „Ich werde ſehen, mich berathen.“ „Ohl Ihr habt Zeit, die Gefahr iſt nicht groß, und dann handelt es ſich weder um Gefahr, noch um Leidenſchaft; es handelt ſich darum, daß ich Eure Freundſchaft für mich ſich ſchwächen zu ſehen befürch⸗ tete. Sobald Ihr mir ſie mit einer ſo liebreichen Entſchiedenheit zurückgebt, habe ich keinen andern Ge⸗ danken mehr.“ Der Herzog ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen: „Wenn Du keinen Gedanken mehr haſt, ſo habe ich doch einen.“ Doch die Stunde zum Mittagsmahl war gekom⸗ men; Monſieur ließ Madame benachrichtigen. Es kam die Antwort, Madame könne der großen Tafel nicht beiwohnen, und werde in ihrem Gemache ſpeiſen. „Das iſt nicht meine Schuld,“ ſagte der Herzog; „als ich dieſen Morgen mitten unter ihre Muſiker fiel, ſpielte ich den Eiferſüchtigen und man ſchmollt mir.“ „Wir werden allein ſpeiſen,“ ſagte der Chevalier mit kihen Seufzer;„ich bedaure, daß Guiche nicht da iſt.“ „Oh! Guiche wird nicht lange ſchmollen, er iſt eine gutherzige Natur.“ „Monſeigneur,“ ſagte plötzlich der Chevalier,„es kommt mir ein guter Gedanke: ich konnte vorhin Eure Hoheit erbittern und Verdacht gegen Guiche erregen. Es geziemt ſich, daß ich der Vermittler bin. Ich will den Grafen aufſuchen und hierherbringen.“ „Ah! Chevalier, Du biſt eine gute Seele.“ „Ihr ſagt das, als ob Ihr darüber erſtaunt wäret.“* „Ah! Du biſt nicht alle Tage zärtlich.“ „Es mag ſein, doch Ihr müßt zugeſtehen, ich weiß ein Unrecht, das ich begangen habe, wieder gut zu machen.“ „Ich geſtehe es.“ 139 „Eure Hoheit wird mir wohl die Gnade erweiſen, einige Augenblicke hier zu warten.“ „Gern, gehe. Ich werde meine Kleider für Fontainebleau anprobiren.“ Sobald der Chevalier weggegangen war, rief er ſeine Leute mit großer Sorgfalt, als ob er ihnen ver⸗ ſchiedene Befehle zu geben hätte. Alle gingen in verſchiedenen Richtungen ab. Doch er hielt ſeinen Kammerdiener zurück und ſagte zu ihm: „Erkundige Dich, und zwar ſogleich, ob Herr von Guiche bei Madame iſt. Sprich, wie willſt Du das erfahren?“ „Das iſt leicht, Herr Chevalier; ich frage Mali⸗ corne, der es von Fräulein von Montalais erfahren wird. Ich muß indeſſen bemerken, daß die Frage vergeblich ſein wird, denn alle Leute des Herrn Grafen ſind ab⸗ dehengen⸗ und der Herr mußte wohl mit ihnen ab⸗ gehen.“ „Erkundige Dich nichtsdeſtoweniger.“ Es waren kaum zehn Minuten abgelaufen, als der Kammerdiener zurückkehrte. Er führte geheimnißvoll ſeinen Herrn auf eine Dienſttreppe und ließ ihn in ein kleines Zimmer eintreten, deſſen Fenſter auf den Gar⸗ ten ging. „Was gibt es?“ fragte der Chevalier;„warum ſo große Vorſicht?“ 3 „Schaut, Herr,“ ſagte der Kammerdiener. „Was 2 A „Schaut dort unter dem Kaſtanienbaum.“ „Gut.. Ahl mein Gott!l ich ſehe Manicamp, der unten wartet: worauf wartet er?“. „Ihr werdet es finden, wenn Ihr Geduld haben wollt.,. Ah! ſeht Ihr nun?“ „Ich ſehe einen, zwei, vier Muſikanten mit ihren Inſtrumenten, und hinter ihnen, ſie antreibend, Guiche in Perſon. Aber was macht er denn da?“ „Er wartet darauf, daß man ihm die kleine Thuͤre zur Treppe der Ehrendame öffnet, auf dieſer wird er zu Madame hinaufgehen, wo man während des Mit⸗ tagsmahls eine neue Muſik hören läßt.“ „Was Du da ſagſt, iſt herrlich.“ „Nicht wahr?“ „Herr Malicorne hat Dir das geſagt?“ „Er ſelbſt.“ „Er liebt Dich alſo?“ „Er liebt Monſieur.“ „Warum?“ „Weil er zum Hauſe von Monſieur gehören will.“ „Bei Gott! er wird dazu gehören. Wie viel hat er hiefür gegeben?“ 9„Das Geheimniß, das ich an Euch verkaufe, err.“ 8 „Ich bezahle Dir hundert Piſtolen dafür. Nimm.“ „Meinen Dank..Seht Ihr, die kleine Thüre öffnet ſich, eine Frau läßt die Muſtkanten eintreten.“ „Das iſt die Montalais.“ 5 „Ahl ruft dieſen Namen nicht laut... wer Mon⸗ talais ſagt, ſagt Malicorne. Wenn Ihr Euch mit dem Einen entzweit, ſteht Ihr ſchlecht mit der Andern.“ „Gut, ich habe nichts geſehen.“ „Und ich nichts empfangen,“ ſprach der Kammer⸗ diener, während er die Börſe forttrug. Der Chevalier, der nun die Gewißheit hatte, daß Guiche eingetreten war, kehrte zu Monſieur zurück, den er glänzend gekleidet und ſtrahlend vor Freude wie vor Schönheit fand. „Monſeigneur,“ rief er,„man ſagt, der König nehme die Sonne zum Sinnbild; wahrhaftig, Euch würde dieſes Sinnbild zukommen!“ „Und Guiche?“ „Unfindbar. Er iſt entflohen, verdunſtet. Euer Ueberfall an dieſem Morgen hat ihn erſchreckt. Man hat ihn nicht zu Hauſe gefunden.“ „Bahl dieſes zerſprungene Gehirn war im Stande, 141 die Poſt zu nehmen, um ſich auf ſeine Guter zu be⸗ geben. Armer Junge, ich werde ihn zuruckrufen. Laßt uns ſpeiſen.“ „Monſeigneur, es iſt heute der Tag der Gedanken, ich habe abermals einen.“ „Sprich.“ „Monſeigneur, Madame ſchmollt mit Euch, und ſie hat Recht. Ihr ſeid ihr eine Genugthuung ſchul⸗ dig: ſpeiſt mit ihr zu Mittag.“— „Ohl das wäre das Benehmen eines ſchwachen Ehemanns.“ „Nein, eines guten Ehemanns. Die Prinzeſſin langweilt ſich; ſte wird auf ihren Teller weinen, ſie wird rothe Augen haben. Ein Mann, der die Augen ſeiner Frau röthet, macht ſich verhaßt. Geht, Mon⸗ ſeigneur, geht!’“ „Nein, meine Tafel iſt hier beſtellt.“ „Oh! Monſeigneur, wir werden ſehr traurig ſein; der Gedanke, daß Madame allein iſt, wird mein Herz bedrücken. Ihr, ſo grimmig Ihr auch ſein wollt, wer⸗ det doch ſpeiſen. Nehmt mich mit zum Mittagsmahl von Madame, das wird eine reizende Ueberraſchung ſein. Ihr hattet dieſen Morgen Unrecht.“ „Vielleicht wohl.“ „Es gibt kein vielleicht... das iſt eine Thatſache.“ „Chevalier, Chevalier! Du räthſt mir ſchlecht.“ „Ich rathe Euch gut. Ihr erſcheint mit Euren Vorzügen: Euer violetbraunes, mit Gold geſticktes Kleid ſteht Euch göttlich. Madame wird noch mehr durch den Mann ſelbſt als durch die äußern Vorzüge unterjocht ſein. Auf, Monſeigneur!“ „Du beſtimmſt mich, laß uns gehen.“ Der Herzog verließ mit dem Chevalier ſeine Woh⸗ nung und wandte ſich nach der von Madame. Der Chevalier flüſterte ſeinem Kammerdiener ins „Leute vor die kleine Thüre! Daß Niemand dort entwiſchen kann! Laufe.“ 142 und er gelangte hinter dem Herzog in die Vor⸗ zimmer von Madame. Die Huiſſiers wollten melden. „Niemand rühre ſich,“ ſagte der Chevalier,„Mon⸗ ſeigneur will eine Ueberraſchung bereiten.“ XIV. Monſteur iſt eikerſüchtig auf Guiche. Monſieur trat ungeſtüm ein, wie die Leute, die eine gute Abſicht haben und ein Vergnügen zu machen glauben, oder wie diejenigen, welche ein Geheimniß, den traurigen Heimfall der Eiferſüchtigen, zu erhaſchen lauben. 3 Berauſcht von den erſten Takten der Muſtk, tanzte Madame wie eine Wahnfinnige und ließ ihr angefan⸗ genes Mittageſſen ſtehen. ihr Tänzer war Herr von Guiche, die Arme in der Luft, die Augen halb geſchloſſen, das Knie auf der Erde, wie jene ſpaniſchen Tänzer mit dem wollüſtigen Blick und der liebkoſenden Geberde. Die Prinzeſſin drehte ſich um ihn mit demſelben Lächeln und derſelben herausfordernden Verführung. Montalais bewunderte; La Vallière, die in einer Ecke ſaß, ſchaute ganz träumeriſch zu. Es läßt ſich die Wirkung nicht ſchildern, welche auf dieſe glücklichen Leute die Gegenwart von Monſieur hervorbrachte. Es wäre auch ebenſo unmöglich, die Wirkung zu beſchreiben, die auf Philipp der Anblick diefer glücklichen Leute hervorbrachte. 3 Der Graf von Guiche hatte nicht die Kraft, ſich zu erheben, Madame blieb mitten in ihrem Pas und ihrer Stellung, ohne ein Wort ausſprechen zu können. Der Chevalier von Lorraine, der ſich an das Thür⸗ gefimſe anlehnte, lächelte wie ein in die naivſte Bewun⸗ derung verſunkener Menſch. — ——— 143 Die Blicke des Prinzen, das krampfhafte Zittern ſeiner Hände und Beine waren das erſte Symptom, das die Anweſenden mit Schrecken ergriff. Ein tiefes Still⸗ ſchweigen folgte auf das Geräuſch des Tanzes. Der Chevalier von Lorraine benützte dieſen Zwi⸗ ſchenraum, um Madame und Guiche ehrfurchtsvoll zu be⸗ grüßen, wobei er ſich den Anſchein gab, als vermengte er ſie in ſeinen Verbeugungen wie die zwei Gebieter des Hauſes. Monſteur trat näher hinzu und ſprach mit rauher Stimme: „Ich bin entzückt... ich kam hieher im Glauben, Euch krank und traurig zu finden, und ſehe, daß Ihr Euch neuen Vergnügungen hingebt; in der That, das ſt ein Glück! Mein Haus iſt das luſtigſte des Welt⸗ alls.“ Dann ſich an Guiche wendend: „Graf, ich wußte nicht, daß Ihr ein ſo wackerer Tänzer ſeid.“ Hienach kehrte er abermals zu ſeiner Frau zurück und ſprach mit einer Bitterkeit, die ſeinen Zorn ver⸗ arg: „Seid beſſer gegen mich, ladet mich ein, ſo oft man ſich bei Euch beluſtigt. Ich bin ein ſehr verlaſ⸗ ſener Prinz.“ Guiche hatte ſeine ganze Sicherheit und den na⸗ kürlichen Stolz wieder erlangt, der ihm ſo gut ſtand, und ſprach:— „Monſeigneur weiß wohl, daß mein ganzes Leben ſeinem Dienſte geweiht iſt; handelt es ſich darum, es hinzugeben, ſo bin ich bereit; heute handelt es ſich nur daru, bei den Tönen der Muſik zu tanzen, und ich anze.“ 3 „Und Ihr habt Recht,“ erwiederte kalt der Prinz. „Und dann, Madame,“ fuhr er fort,„Ihr bemerkt nicht, daß Eure Damen mir meine Freuude entführen: Herr von Guiche gehoͤrt nicht Euch, Madame, ſondern 144 mir. Wollt Ihr ohne mich zu Mittag ſpeiſen, ſo habt Ihr Eure Damen. Speiſe ich allein, ſo habe ich meine Cavaliere; beraubt mich nicht gänzlich.“ Madame fühlte den Vorwurf und die Lection. Die Röthe ſtieg ihr plötzlich bis zu den Augen und ſie entgegnete: „Monſieur, als ich an den Hof von Frankreich kam, wußte ich nicht, daß die Prinzeſſinnen von mei⸗ nem Rang wie die Frauen in der Türkei betrachtet werden. Ich wußte nicht, daß es verboten war, Män⸗ ner zu ſehen; doch da dies Euer Wille iſt, ſo werde ich mich danach richten; thut Euch keinen Zwang an, wenn Ihr meine Fenſter vergittern laſſen wollt.“ Dieſe Entgegnung, welche Montalais und Guiche lachen machte, brachte in das Herz des Prinzen den Zorn zurück, von dem ein guter Theil in ſeinen Worten verdunſtet war. „Sehr gut,“ ſagte er mit gedrängtem Ton,„ſo reſpectirt man mich in meinem Hauſe!“ „Monſeigneur! Monſeigneur!“ flüſterte der Che⸗ valier Monſteur ſo ins Ohr, daß Jedermann bemerkte, er mäßige. „Kommt!“ ſagte der Herzog ſtatt jeder Antwort, indem er ihn fortzog und mit einer ungeſtümen Be⸗ wegung, auf die Gefahr, Madame zu ſtoßen, pirouettirte. Der Chevalier folgte ſeinem Gebieter bis in ſeine Wohnung, wo ſich der Prinz nicht ſo bald niedergeſett hatte, als er ſeiner Wuth freien Lauf ließ. Der Chevalier ſchlug die Augen zum Himmel auf, faltete die Hände und ſprach kein Wort.— „Deine Anſicht!“ rief Monſieur. „Worüber, Hoheit?“ „Ueber Alles, was hier vorgeht.“ „Ah! Monſeigneur, das iſt recht.“ „Das iſt abſcheulich! das Leben kann nicht ſo fort⸗ gehen!“ „Seht, welch ein Unglück!“ ſprach der Chevalier, 4 145 „wir hofften Ruhe nach der Abreiſe von dieſem ver⸗ rückten Buckingham zu haben!“ „Und nun iſt es noch ſchlimmer!“ „Das ſage ich nicht, Monſeigneur!“ „Ja, aber ich ſage es, denn Buckingham hätte es nie gewagt, den vierten Theil von dem zu thun, was wir geſehen.“ „Was denn?“ 8 „Sich verbergen, um zu tanzen, eine Unpaͤßlichkeit vorſchützen, um unter vier Augen zu ſpeiſen!“ „Ohl Hoheit, nein, nein!“ „Doch! doch!“ rief der Prinz, der ſich, wie die eigenſinnigen Kinder, ſelbſt immer mehr aufregte,„aber ich werde es nicht länger ertragen, man ſoll erfahren, was vorgeht!“ 3 „Monſieur! ein Aufſehen!...“ „Bei Gott! ſoll ich mir Zwang anthun, während man ſich mir gegenüber ſo wenig Zwang anthut! Er⸗ warte mich, Chevalier, erwarte mich!“ Der Prinz verſchwand im anſtoßenden Zimmer und erkundigte ſich beim Huiſſter, ob die Königin Mutter aus der Kapelle zurückgekommen ſei. Anna von Oeſterreich war glücklich; der an den Herd ihrer Familie zurückgekehrte Friede, ein ganzes Volk entzückt durch die Gegenwart eines jungen, für die großen Dinge gut geſtimmten Fürſten, die Staats⸗ einkünfte vermehrt, der äußere Friede geſichert, Alles weiſſagte ihr eine ruhige Zukunft. Sie ertappte ſich zuweilen bei der Erinnerung an den armen jungen Mann, den ſie als Witwe empfan⸗ gen und als Schwiegermutter vertrieben hatte. Ein Seußzer vollendete den Gedanken. Plötzlich trat der Herzog von Orleans bei ihr ein. „Meine Mutter!“ rief er, raſch die Thürvorhänge ſchließend,„die Dinge koͤnnen nicht ſo fortbeſtehen.“ Die drei Musketiere. Bragelonne V. 40 7 146 Anna von Oeſterreich ſchlug ihre ſchönen Augen zu ihm auf und fragte mit einer unſtörbaren Sanftmuth: „Welche Dinge meint Ihr?“ „Ich ſpreche von Madame!“ „Von Euxer Frau?“ 1 „Ja, meine Mutter.“ „Ich wette, daß ihr dieſer verrückte Buckingham einen Abſchiedsbrief geſchrieben hat.“ Oh! ja wohl! meine Mutter: handelt es ſich um Buckingham?“ „Um was ſonſt? denn dieſer arme Junge war wohl mit Unrecht ein Zielpunkt Eurer Eiferſucht, und ich glaubte..“ „Meine Mutter, Madame hat Herrn von Bucking⸗⸗ ham ſchon erſetzt.“. „Philipp! was ſagt Ihr! Ihr ſprecht da leichte ſinnige Worte.“ „Nein, nein, Madame hat es ſo ſehr gethan, daß ich abermals eiferſüchtig bin.“ „Und auf wen, guter Gott?“ „Wie! Ihr habt nicht bemerkt?“* „Nein.“ 4— „Ihr habt nicht bemerkt, daß Herr von Guiche immer bei ihr, beſtändig um ſie iſt?“ 4 Die Königin ſchlug ihre Hände an einander und ſing an zu lachen. 3 „Philipp,“ ſagte ſie,„es iſt kein Fehler, was Ihr habt, ſondern eine Krankheit.“ „ Fehler oder Krankheit, Madame, ich leide.“ „ Und Ihr verlangt, daß man ein Uebel heile, das nur in Eurer Phantaſie beſteht! Man ſoll billigen, daß Ihr eiferſüchtig ſeid, während kein Grund zu Curer Eiferſucht vorhanden iſt?“ „Ahl nun fangt Ihr abermals bei Dieſem an, was Ihr bei dem Andern ſagtet.“ „Weil Ihr, was Ihr bei dem Andern thatet, nun 147 bei Dieſem wieder anfangt,“ antwortete trocken die Königin.— Der Prinz verbeugte ſich etwas gereizt und ſprach: „Werdet Ihr glauben, wenn ich Thatſachen an⸗ führe?“ „Mein Sohn, bei allem Andern, als bei der Eifer⸗ ſucht, würde ich Euch ohne Anführung von Thatſachen Slauben doch bei der Eiferſucht verſpreche ich Euch nichts.“ „Dann iſt es, als ob Eure Majeſtät mich ſchweigen hieße und mir zum Voraus Unrecht geben würde.“ „Keines Wegs; Ihr ſeid mein Sohn, und ich bin Euch alle Nachſicht einer Mutter ſchuldig.“ „Ohl ſprecht Euren Gedanken aus: Ihr ſeid mir alle Nachſicht ſchuldig, die ein Narr verdient.“ „llebertreibt nicht, Philipp, und hütet Euch, mir Eure Frau als einen entarteten Geiſt darzuſtellen.“ „Aber die Thatſachen...“ „Ich höre.“ 5 „Dieſen Morgen um zehn Uhr machte man Muſik bei Madame.“ „Das iſt etwas Unſchuldiges.“ 3 „Herr von Guiche ſprach allein mit ihr Ahl! ich vergeſſe, Euch zu ſagen, daß er ſte ſeit acht Tagen eben ſo wenig verläßt, als ihr Schatten.“ „Mein Freund, wenn ſie etwas Boöſes thäten, ſo würden ſie ſich verbergen.“ „Gut!“ rief der Herzog,„hier erwartete ich Euch. Behaltet wohl, was Ihr geſagt habt. Dieſen Morgen, ſage ich, überraſchte ich ſie und bezeigte lebhaft meine Unzufriedenheit.“ „Seid überzeugt, daß dies genügen wird, es iſt vielleicht ſogar ein wenig zu ſtark. Dieſe jungen Frauen ſind mißtrauiſch. Ihnen das Böſe, das ſte nicht gethan aben, vorwerfen, heißt zuweilen ihnen ſagen, ſie könn⸗ ten es thun,“ „Wohl, wohl, wartet. Behaltet auch das, wgs Ihr nun geſagt habt, Madame. Die Lection von die⸗ ſem Morgen hätte genügen müſſen, und wenn ſie Boͤſes thäten, ſo würden ſie ſich verbergen.“ „Ich habe das geſagt.“ „Da ich nun vorhin die Lebhaftigkeit von dieſem Morgen bereute und wußte, Guiche ſchmolle in ſeinem Haus, ſo ging ich zu Madame. Errathet, was ich dort fand. Andere Muſiker, Tänze, und Guiche, man ver⸗ barg ihn dort.“ Anna von Oeſterreich faltete die Stirne. „Das iſt unklug,“ ſprach ſie.„Was ſagte Madame?“ „Nichts.“ „Und Guiche?“ „Ebenſo..Doch, doch! er ſtammelte ein paar Unverſchämtheiten.“ „Was ſchließt Ihr daraus, Philipp?“ „Daß man mich hinterging, daß Buckingham nur ein Vorwand war, und daß der wahre Schuldige Guiche iſt.“ Anna zuckte die Achſeln. „Weiter?“ „Guiche ſoll mein Haus verlaſſen wie Buckingham, und ich werde das vom König verlangen, wenn nicht...“ „Wenn nicht?“ „Wenn Ihr, Madame, die Ihr ſo geiſtreich und gut ſeid, die Sache nicht ſelbſt beſorgt.“ „Ich werde das nicht thun.“ „Wie, meine Mutter!“ „Hört, Philipp, ich bin nicht alle Tage geſtimmt, den Leuten ſchlechte Komplimente zu machen; ich habe Anſehen bei der Jugend, aber ich dürfte es nicht miß⸗ brauchen, ohne es zu verlieren; überdies beweiſt mir nichts, daß Guiche ſchuldig iſt.“ „Er hat mir mißfallen.“ „Das iſt Eure Sache.“ „Gut, ich weiß, was ich thun werde,“ ſprach der Prinz ungeſtüm. d 149 Anna ſchaute ihn ruhig an und fragte: „Und was werdet Ihr thun 2“ „Ich laſſe ihn in meinem Baſſin ertränken, ſobald ich ihn wieder in meinem Hauſe finde.“ Nachdem er dieſe Grauſamkeit herausgeſchleudert hatte, erwartete der Prinz, ſie würde die Wirkung des Schreckens hervorbringen. Die Königin blieb unem⸗ pfindlich und erwiederte: „Thut es.“ Philipp war ſchwach wie ein Weib und fing an zu heulen. „Man verräth mich, Niemand liebt mich, meine Mutter geht auch zu meinen Feinden über.“. „Eure Mutter ſieht weiter als Ihr, und ſie hat keine Luſt, Euch zu rathen, da Ihr ſie nicht hören wollt.“ „Ich werde zum König gehen.“ „Ich war im Begriff, Euch das vorzuſchlagen. Ich erwarte Seine Majeſtät hier, es iſt die Stunde ihres Beſuches; erklärt Euch.“ 3 Sie hatte nicht geendigt, als Philipp die Thüre des Vorzimmers geräuſchvoll öffnen hörte: Die Angſt erfaßte ihn. Man erkannte den Tritt des Königs, deſſen Sohlen auf dem Teppich krachten. Der Herzog entfloh durch eine kleine Thüre und überließ die Koͤnigin ſich ſelbſt. Anna von Oeſterreich lachte, und ſie lachte noch, als der König eintrat. Er kam, um ſich liebevoll nach der ſchon wanken⸗ den Geſundheit der Königin Mutter zu erkundigen und ihr zugleich mitzutheilen, alle Vorbereitungen zu der Reiſe nach Fontainebleau ſeien beendigt. Als er ſie lachen ſah, fühlte er ſeine Unruhe ſich vermindern und befragte ſie ſelbſt lachend. Anna von Oeſterreich nahm ſeine Hand und ſagte mit heiterem Tone: „Wißt Ihr, daß ich ſtolz darauf bin, eine Spanierin zu ſein?“. „ —— 150 „Warum, Madame?“ „Weil die Spanierinnen wenigſtens mehr werth. ſind, als die Engländerinnen.“ „Erklärt Euch.“ „Seitdem Ihr verheirathet ſeid, habt Ihr der Königin nicht einen einzigen Vorwurf zu machen gehabt.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Und Ihr ſeid ſchon ſeit einiger Zeit verheirathet. Euer Bruder dagegen iſt erſt ſeit vierzehn Tagen ver⸗ heirathet.“ „Nun?“ „Und er beklagt ſich zum zweiten Mal über Ma⸗ dame.“ „Wiel abermals Buckingham.“ „Nein, ein Anderer.“ „Wer?“ „Guiche.“ „Oh! Madame iſt alſo eine Coquette?“ „Ich befürchte es.“ „Mein armer Bruder!“ ſagte der Koͤnig lachend. „Ihr entſchuldigt die Coquetterie, wie es ſcheint?“ „Bei Madame, ja... Madame iſt im Grunde nicht coquette.“ 3 „Es mag ſein, doch Euer Bruder wird darüber den Kopf verlieren.“ 8„Was verlangt er?“ „Er will Guiche ertränken laſſen.“ „Das iſt heftig.“ „Lacht nicht, er iſt außer ſich... Sinnt auf Mittel.“. „Um Guiche zu retten, gern.“ „Ohl wenn Euer Bruder Euch höͤrte, er würde gegen Euch conſpiriren, wie es Euer Oheim, Monſieur, gegen den König, Euren Vater, machte.“— „Nein, Philipp liebt mich zu ſehr und ich liebe ihn ebenfalls zu ſehr, wir werden als gute Freunde leben. Was iſt der kurze Inhalt der Forderung?“ 151 „Daß Ihr Madame verhindert, coquette zu ſein, und Guiche, liebenswürdig zu ſein.“ „Nicht mehr!.. mein Bruder macht ſich einen hohen Begriff von der königlichen Gewalt... Eine Frau beſſern!.. Das mag noch bei einem Mann gehen!“ „Wie werdet Ihr es machen?“ „Mit einem Wort zu Guiche geſprochen, der ein Junge von Geiſt iſt, überzeuge ich ihn.“ „Aber Madame...“ „Das iſt ſchwieriger; ein Wort wird nicht genügen; ich werde eine Homilie abfaſſen, ich werde predigen.“ „Es hat Eile.“ „Oh! ich werde alle mögliche Eile anwenden. Wir haben dieſen Nachmittag Balletprobe.“ „Werdet Ihr tanzend predigen?“ „Ja, Madame.“ „Ihr verſprecht, zu bekehren.“— „Ich werde die Ketzerei durch die Ueberzeugung oder durch das Feuer vertilgen.“ „Gut, gut! Vermengt mich nicht mit Allem dem, Madame würde es mir in ihrem Leben nicht verzeihen. nd als Schwiegermutter muß ich mit meiner Schnur ſeben.“ .„Madame, der König wird Alles auf ſich nehmen. Doch wenn ich es mir überlege..* 4 „Was?“ „Es wäre vielleicht beſſer, wenn ich Madame in ihren Gemächern aufſuchen würde.“ 3 „Das iſt ein wenig feierlich.“ „Ja, doch die Feierlichkeit ſteht den Predigern nicht übel, und dann würde die Geige vom Ballet die Hälfte meiner Beweisſätze aufzehren. Ueberdies handelt es ſich darum, meinen Bruder von einer Gewaltthat abzuhalten. Ein wenig Vorſicht dünkt mich zweckdien⸗ licher. Iſt Madame zu Hauſe?“ „Ich glaube.“ „Ich bitte, die Auseinanderſetzung der Beſchwerden?“ 9 „Mit zwei Worten: beſtändig Muſik... unabe läßige Huldigung von Guiche, Verdacht der Geheim⸗ thuerei und des Komplotts.“ „Beweiſe?“ „Keine.“. „Gut, ich begebe mich zu Madame.“ Und der König betrachtete in den Spiegeln ſeine Toilette, welche reich war, und ſein Geſicht, das glänzte wie ſeine Diamanten. „Man entfernt wohl Monſieur ein wenig,“ ſagte er. „Ohl Feuer und Waſſer fliehen ſich nicht mit größerer Erbitterung.“ „Das genügt. Meine Mutter, ich küſſe Euch die Hände, die ſchönſten Hände Frankreichs.“ „Macht, daß es Euch gelingt, Sire. Seid der Friedensſtifter in dieſer Ehe.“ „Ich bediene mich keines Botſchafters,“ erwiederte Ludwig.„Damit ſage ich Euch, daß es mir gelingen wird.“ Und er ging lachend hinaus und ſtäubte ſich den ganzen Weg entlang ſorgfältig ab. 4 XV. Der Vermittler. Als der König bei Madame erſchien, fingen alle Höflinge, welche die Kunde von einer ehelichen Scene in den Gemächern umher zerſtreut hatte, im Ernſte an unruhig zu werden. Es bildete ſich auf dieſer Seite ein Sturm, deſſen Elemente der Chevalier von Lorraine, inmitten der Gruppen, mit Freuden analyſirte, wobei er die ſchwäch⸗ — 15³ ſten verſtärkte und, ſeinen ſchlimmen Abſichten gemäß, die ſtärkſten ſo ſteuerte, daß ſie die möglichſt böſen Wirkungen hervorbringen mußten. Die Gegenwart des Königs gab, wie Anna von Oeſterreich vorher bemerkt hatte, dem Ereigniß einen feierlichen Charakter. Im Jahr 1662 war die Unzufriedenheit von Mon⸗ ſieur gegen Madame und die Vermittelung des Königs in den Privatangelegenheiten von Monſieur keine Sache von geringer Bedeutung. Auch ſah man die Kühnſten, die den Grafen von Guiche umgaben, ſchon im erſten Augenblick ſich von ihm mit einer Art von Angſt entfernen, und der Graf ſelbſt zog ſich, von dem allgemeinen paniſchen Schrecken angeſteckt, allein in ſeine Wohnung zurück. Der König trat, wie er dies immer zu thun pflegte, mit einer Verbeugung bei Madame ein... Die CEhren⸗ damen waren in Reihe und Glied auf ſeinem Wege, in der Gallerie, aufgeſtellt. So beſchäftigt Seine Majeſtät auch war, ſo warf ſie doch einen Blick auf dieſe zwei Reihen reizender junger Frauen, welche beſcheiden die Augen niederſchlugen. Alle errötheten, weil ſie den Blick des Königs auf ſich fühlten. Eine Einzige, deren Haare ſich in ſeide⸗ nen Locken auf die ſchönſte Haut der Welt herabrollten, eeine Einzige war bleich und vermochte ſich kaum zu halten, trotz der Ellenbogenſtöße ihrer Gefährtin. Dies war La Vallière, welche Montalais ſo unter⸗ ſtützte, indem ſie ihr leiſe den Muth einzuflößen ſuchte, mit dem ſie ſelbſt ſo reichlich verſehen war. Der Köͤnig wandte ſich unwillkürlich um. Alle Stirnen, die ſich ſchon wieder erhoben hatten, ſenkten ſich abermals; doch der blonde Kopf allein blieb unbe⸗ weeglich, als häͤtte er Alles erſchöpft, was ihm an Kraft und Verſtand blieb.. Als Ludwig bei Madame eintrat, fand er ſeine Schwägerin halb liegend auf den Kiſſen und Polſtern 15⁴ ihres Cabinets. Sie erhob ſich, machte eine tiefe Ver⸗ beugung und ſtammelte einige Dankſagungen über die Ehre, die ihr zu Theil wurde. Dann ſetzte ſie ſich wieder, überwältigt von einer Schwäche, welche ohne Zweifel geheuchelt war, denn ein reizendes Colorit belebte ihre Wangen, und ihre noch von einigen kurz zuvor vergoſſenen Thränen ge⸗ rötheten Augen hatten nur um ſo mehr Feuer. Als der König ſaß und mit jener Sicherheit der Beobachtung, die ihn charakteriſirte, die Unordnung im Zimmer und die nicht minder große Verlegenheit im Geſichte von Madame bemerkt hatte, nahm er eine hei⸗ tere Miene an. „Meine Schwägerin,“ ſagte er,„zu welcher Stunde beliebt es Euch, daß wir das Ballet heute probiren?“ Madame ſchüttelte langſam und mattihren reizen⸗ den Kopf und erwiederte: „Oh! Sire, wollt mich wegen dieſer Probe ent⸗ ſchuldigen; ich war im Begriff, Eure Majeſtät benach⸗ richtigen zu laſſen, daß ich heute nicht im Stande wäre.“ 3 3. „Wie,“ verſetzte der König mit einem gemäßigten Erſtaunen,„wie, meine Schwägerin, ſolltet Ihr un⸗ päßlich ſein 20 „Ja, Sire.“ „Dann will ich Eure Aerzte rufen laſſen.“ „Nein, denn die Aerzte vermögen nichts bei mei⸗ nem Leiden.“ „ Ihr erſchreckt mich.“ „Sire, ich will Eure Majeſtät um Erlaubniß bitten, nach England zurückkehren zu dürfen.“ „Nach England! nach England!“ 8 Der König machte eine Bewegung. „Sagt Ihr auch wohl, was Ihr ſagen wollt, Madame?“ „Ich ſage es ungern, Sire,“ erwiederte die Enkelin von Heinreich IV. entſchloſſen, und ſie ließ ihre ſchönen — —— ———Q—Q—V—O—ꝭ—ÿ—x’˖:˖ — —— — ſchwarzen Augen funkeln.„Ja, ich bedaure es, daß ich Eurer Majeſtät Bekenntniſſe dieſer Art machen muß; aber ich fühle mich zu unglücklich am Hofe Eurer Ma⸗ jeſtät und will zu meiner Familie zurückkehren.“ „Madame! Madame!“ Und der König rückte näher zu ihr. „Hoͤret mich, Sire!“ fuhr die junge Frau fort, die allmälig über den König die Gewalt erlangte, die ihr ihre Schönheit und ihre nervöſe Natur verliehen, „ich bin gewohnt, zu leiden. Noch jung wurde ich ge⸗ demüthigt, verachtet.. Ohl ſtraft mich nicht Lügen,“ ſagte ſie mit einem Lächeln. Der König erröthete. „Da konnte ich glauben, Gott habe mich hiefür geboren werden laſſen. Ich war die Tochter eines mäch⸗ tigen Königs; doch da er das Leben in meinem Vater geſchlagen hatte, konnte er wohl in mir die Hoffart ſchlagen. Ich habe viel gelitten, ich habe meine Mutter leiden gemacht, aber ich habe geſchworen, ſollte mir Gott eine unabhängige Lage verleihen, und wäre es die einer Arbeiterin aus dem Volke, die ihr Brod mit ihren Händen verdienen muß, ſo werde ich nicht die ge⸗ ringſte Demüthigung mehr ertragen. „Dieſer Tag iſt gekommen, ich habe das meinem Rang, meiner Geburt gebührende Vermögen wieder er⸗ langt; ich bin bis auf die Stufen des Thrones empor⸗ geſtiegen; indem ich mich mit einem franzöſiſchen Prinzen verband, glaubte ich in ihm einen Verwandten, einen Freund, einen Gleichen zu finden, aber ich bemerke, daß ich nur einen Gebieter gefunden habe, und empöre mich, Sire... Meine Mutter ſoll nichts erfahren... Ihr, den ich verehre und... liebe...“ Der König bebte; keine Stimme hatte ſo ſein Ohr gekitzelt..— „Ihr, ſage ich, der Ihr Alles wißt, Sire, da Ihr hieher kommt, Ihr werdet mich vielleicht begreifen. Wäret Ihr nicht gekommen, ſo würde ich zu Euch ge⸗ gangen ſein. Die Erlaubniß, frei wegziehen zu können, das iſt es, was ich haben will. Eurem Zartgefühl, Euch dem vorzugsweiſen Mann ſtelle ich es anheim, mich zu entlaſten und zu rechtfertigen.“ „Meine Schwägerin! meine Schwägerin!“ ſtam⸗ melte der König, unterjocht durch dieſen ſcharfen An⸗ griff,„habt Ihr die ungeheure Schwierigkeit Eures Vorhabens auch wohl überlegt?“ 3 „Sire, ich uberlege nicht, ich fühle. Angegriffen, weiſe ich den Angriff ans Inſtinct zurück; das iſt das Ganze.“ „Aber ſprecht, was hat man Euch denn gethan?“ Die Prinzeſſin hatte, wie man ſieht, durch das den Frauen eigenthümliche Manveuvre jeden Vorwurf ver⸗ mieden und einen noch viel ſchwereren gebildet; von der Angeklagten wurde ſie Anklägerin. Das iſt ein untrüg⸗ liches Zeichen der Straffälligkeit; doch aus dieſem offenbaren Uebel wiſſen die Frauen, ſelbſt die unge⸗ ſchickteſten, ſtets Nutzen zu ziehen, um zu ſiegen. Der König bemerkte nicht, daß er zu ihr gekommen war, um ſie zu fragen: „Was habt Ihr meinem Bruder gethan?“ Und daß er ſich darauf beſchränkte, ihr zu ſagen: „Was hat man Cuch gethan?“ „Was man mir gethan hat?“ erwiederte Madame, „ol man muß Weib ſein, um das zu begreifen, Sire, man hat mich weinen gemacht.“ Und mit einem Finger, der an Feinheit und perlmutterartiger Weiße nicht ſei⸗ nes Gleichen hatte, deutete ſie auf glänzende, in Flüſſig⸗ keit gebadeten Augen und ſing wieder an zu weinen. „Meine Schwägerin, ich flehe Euch an„“ ſprach der König, indem er noch mehr vorrückte, um eine Hand von ihr zu nehmen, die ſie ihm feucht und zit⸗ ternd überließ. „Sire, man hat mich vor Allem der Gegenwart eines Freundes von meinem Bruder beraubt. Mylord für mich ein angenehmer Herzog von Buckingham war ———᷑—᷑—᷑—L˖ꝭ—ęQ—CQꝭ—/OC ⸗ ·— * 157 heiterer Gaſt, ein Landsmann, der meine Gewohnheiten kannte, ich möchte beinahe ſagen ein Gefährte, ſo viel haben wir Tage mit unſeren anderen Freunden auf meinem ſchönen Waſſer in Saint James zugebracht.“ „Aber, meine Schwägerin, Villiers war in Euch verliebt?“ „Vorwand!“ ſprach ſie ganz ernſt,„was thut es, daß Herr von Buckingham in mich verliebt oder nicht verliebt war. Iſt denn ein verliebter Menſch für mich gefährlich? Ah! Sire, es genügt nicht, daß man von einem Mann geliebt wird!“ Und ſie lächelte ſo zärtlich, ſo fein, daß der König ſein Herz in ſeiner Bruſt ſchlagen fühlte. „Wenn aber mein Bruder eiferſüchtig war?“ ſagte der König. „ Ich gebe es zu... das iſt ein Grund und man hat Herrn von Buckingham fortgejagt.“ „Fortgejagt!.. ohl nein!“ „Vertrieben, verabſchiedet, entlaſſen, wenn Ihr lie⸗ ber wollt, Sire; einer der erſten Edelleute Europas hat ſich genöthigt geſehen, den Hof des Königs von Frankreich, den Hof von Ludwig XIV. wie ein Bauer wegen eines Blickes, wegen eines Straußes zu verlaſſen. Das iſt des galanteſten Hofes unwürdig... Verzeiht, Sire, ich vergaß, daß ich ſo ſprechend mich an Eurer ſouverainen Gewalt vergriff.“ „Meiner Treue, nein, Schwägerin, ich habe Herrn von Buckingham nicht entlaſſen. Er geſiel mir ungemein.“ bef„Nicht Ihr?“ rief Madame geſchickt,„ah! deſto eſſer!“ Und ſie betonte das Wort deſto beſſer ſo, als hätte ſte ſtatt dieſes Wortes deſto ſchlimmer geſagt⸗ CEs trat ein Stillſchweigen von einigen Minuten ein, dann fuhr ſie fort: 1 „Herr von Buckingham iſt abgereiſt... Ich weiß nun warum und durch wen vertrieben... Ich glaubte die Ruhe wieder erlangt zu haben Durchaus nicht... Nun ſindet Monſteur einen andern Vorwand, nun...“ „Nun zeigt ſich ein Anderer,“ ſagte der König hei⸗ ter.„Und das iſt natürlich; Ihr ſeid ſchön, Madame, man wird Euch immer lieben.“ „So werde ich die Einſamkeit um mich her bewir⸗ ken!“ rief die Prinzeſſin.„Ohl das iſt es, was man will, das iſt es, was man mir bereitet; doch nein, ich ziehe es vor, nach London zurückzukehren. Dort kennt man mich, dort ſchätzt man mich... Ich werde meine Freunde haben, ohne daß man es wagt, ſie meine Lieb⸗ haber zu nennen... Pfui! das iſt ein unwürdiger Verdacht! und dies von Seiten eines Edelmanns. Ohl Monſieur hat Alles in meinem Geiſte verloren, ſeitdem er ſich nur als den Tyrannen einer Frau geoffenbart.“ „Lal la! Mein Bruder hat keine andere Schuld, als daß er Euch liebt.“— „Mich lieben! Monſieur mich lieben! Ahl Sire...“ Und ſie ſchlug ein lautes Gelächter auf. „Monſieur wird nie eine Frau lieben,“ ſagte ſie; „Monſieur liebt zu ſehr ſich ſelbſt; nein, zu meinem Unglück. Monſieur gehört zu der ſchlimmſten Art der Eiferſüchtigen: eiferſüchtig ohne Liebe.“ 4 „Geſteht jedoch,“ ſprach der Koͤnig, der ſich in die⸗ ſer wechſelreichen, glühenden Unterredung zu beleben anfing,„geſteht, daß Guiche Euch liebt.“ „Ah! Sire, ich weiß nichts davon.“ „Ihr müßt es wiſſen. Ein Menſch, der liebt, ver⸗ räth ſich.“ „Herr von Guiche hat ſich nicht verrathen.“ „Meine Schwägerin, Ihr vertheidigt Herrn von Guiche.“ 3 „Ich? ahl! was denkt Ihr! Oh!l Sire, es fehlte mir zu meinem Unglück nichts mehr, als ein Verdacht von Euch.“ 1. „Nein, Madame, nein,“ erwiederte lebhaft der Kö⸗ 4 159 nig.„Betrübt Euch nicht. Ohl Ihr weint. Ich be⸗ ſchwöre Euch, beruhigt Euch.“ Sie weinte jedoch, und ſchwere Thränen floßen auf ihre Hände. Der König nahm eine von ihren Händen und trank eine von ihren Thränen. 4 Sie ſchaute ihn ſo traurig und ſo zärtlich an, daß er im Herz getroffen war. 3 „Ihr fühlt nichts für Guiche?“ fragte er unruhi⸗ ger, als es ſich für ſeine Vermittlerrolle geziemte. „Nichts, gar nichts.“ „Dann kann ich meinen Bruder beruhigen.“ „Oh! Sire, nichts wird ihn beruhigen. Glaubt alſo nicht, daß er eiferſüchtig iſt. Monſieur hat ſchlimme Rathſchläge erhalten, und Monſieur iſt von einem un⸗ ruhigen Charakter.“ 5 „Man kann das ſein, wenn es ſich um Euch handelt.“ Madame ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Der König machte es wie ſie. Er hielt beſtändig ihre Hand in der ſeinigen. Dieſes Stillſchweigen von einer Minute dauerte ein Jahrhundert. Madame zog ſachte ihre Hand zurück. Sie war nun ihres Sieges ſicher, das Schlachtfeld gehörte ihr. „Monſieur beklagt ſich, Ihr ziehet ſeiner Unterhal⸗ tung, ſeiner Geſellſchaft abgeſonderte Geſellſchaften vor,“ ſagte ſchüchtern der König. 4 „Sire, Monſieur bringt ſein Leben damit zu, daß er ſein Geſicht in einem Spiegel beſchaut und Bosheiten gegen die Frauen mit dem Chevalier von Lorraine ausheckt.“ „Ohl Ihr geht ein wenig weit.“ „Ich ſage, was Ihr beobachten wollt, und Ihr werdet ſehen, Sire, ob ich Recht habe.. „Ich werde beobachten. Doch welche Genngthuung ſoll mittlerweile meinem Bruder zu Theil werden?“ „Meine Abreiſe.“ „Ihr wiederholt dieſes Wort!“ rief unkluger Weiſe der König, als wäre in zehn Minuten eine ſolche Ver⸗ änderung bewerkſtelligt worden, daß ſich alle Ideen von Madame umgekehrt hätten. „Sire, ich kann hier nicht mehr glücklich ſein,“ ſagte ſie.„Herr von Guiche iſt Monſieur läſtig. Wird er ihn auch abzureiſen nöthigen 2 1 „Wenn es ſein muß, warum nicht?“ erwiederte Ludwig XIV. lächelnd. „Nun wohl! auch Herrn von Guiche.... deſſen Verluſt ich übrigens beklagen werde, das ſage ich Euch zum Voraus, Sire.“ „Ahl Ihr beklagt ihn?“ 3 „Allerdings; er iſt liebenswürdig, er hat Freund⸗ ſchaft für mich, er zerſtreut mich.“ 8 .„Ohl wenn Monſtieur Euch hörte!“ rief der König gereizt.„Wißt Ihr, daß ich es nicht übernehmen würde, Euch zu verſöhnen, und daß ich es nicht einmal ver⸗ ſuchen werde.“ „Sire, könnt Ihr zur Stunde Monſieur abhalten, auf den Erſten den Beſten eiferſüchtig zu ſein? Ich weiß wohl, daß Herr von Guiche nicht der Erſte der Beſte iſt.“ „Ich wiederhole Euch, daß ich als guter Bruder Herrn von Guiche haſſen werde.“ „Ohl Sire,“ erwiederte Madame,„ich beſchwoͤre Euch, nehmt weder die Sympathien, noch den Haß von Monſieur an. Bleibt der Köͤnig, das wird für Euch und alle Welt beſſer ſein.“ „Ihr ſeid eine anbetungswürdige Spötterin, Ma⸗ dame, und ich begreife, daß ſogar diejenigen, welche Ihr verſpottet, Euch anbeten.“ „Und darum verbindet Ihr, den ich für meinen Vertheidiger gehalten hätte, Euch mit denjenigen, welche mich verfolgen,“ ſagte Madame. „Ich, Euer Verfolger! Gott behüte mich!“ tend fort. „Was verlangt Ihr? „So gewährt mir meine Bitte,“ fuhr ſie ſchmach⸗ A 161 8 „Nach England zurückzukehren.“ „Oh! das nie, nie!“ rief Ludwig XIV. „Ich bin alſo Gefangene.“. „In Frankreich, ja.“ 3 „Was ſoll ich dann thun?“ „Ich will es Euch ſagen, meine Schwägerin.“ „Ich höre Euere Majeſtät als demüthige Magd.“ „Statt Euch ein wenig inconſequenter Vertraulich⸗ keit zu überlaſſen, ſtatt uns durch Eure Abſonderung zu beunruhigen, zeigt Euch uns immer, verlaßt uns nicht, laßt uns in Familie leben. Herr von Guiche iſt aller⸗ dings liebenswürdig; wenn wir am Ende aber auch nicht ſeinen Geiſt haben...“. „Ohl Sire, Ihr wißt wohl, daß Ihr den Beſchei⸗ denen ſpielt.“. „Nein, ich ſchwöre Euch. Man kann König ſein und ſelbſt fühlen, daß man weniger Chance hat, zu ge⸗ fallen, als dieſer oder jener Edelmann.“ 3 „Ich ſchwöre, daß Ihr nicht ein Wort von dem glaubt, was Ihr da ſagt, Sire.“ Der König ſchaute Madame zärtlich an und er⸗ wiederte: „Wollt Ihr mir Eines verſprechen?“ „Was?“ „Daß Ihr nicht mehr in Eurem Kabinet mit Frem⸗ den die Zeit verliert, die Ihr uns ſchuldig ſeid. Wollen wir gegen den gemeinſchaftlichen Feind ein Trutz⸗ und Schutzbündniß ſchließen?“ „Ein Bündniß mit Euch, Sire?“ „Warum nicht? Seid Ihr nicht eine Macht?“ „Aber Ihr, Sire, ſeid Ihr ein getreuer Verbün⸗ deter?24 „Ihr werdet es ſehen, Madame.“ „Und von welchem Tage ſoll dieſes Bündniß da⸗ tiren?“ „Von heute.“ 3 Die drei Musketiere. Bragelonne V. 44 ich nicht eine einzige Sache beſiege.“ 162 „Ich werde den Vertrag abfaſſen.“ „Sehr gut!“ 4 „Und Ihr unterzeichnet ihn.“ „Blind.“ „Dann, Sire, verſpreche ich Euch Wunder... ſ Ihr ſeid das Geſtirn des Hofes, wenn Ihr erſcheint...B „Nun? „Wird Alles glänzen.“ „Oh! Madame, Madame,“ ſagte Ludwig XIV. „Ihr wißt wohl, daß jedes Licht von Euch kommt, und daß wenn ich die Sonne zur Deviſe nehme, dieß nur ein Sinnbild iſt.“ „Sire, Ihr ſchmeichelt Euren Verbündeten, die Ihr hintergehen wollt,“ rief Madame, den König mit ihren eigenſinnigen Fingern bedrohend. „Wie, Ihr glaubt, ich hintergehe Euch, während ich Euch meiner Zuneigung verſichere?“ 74 „Ja. „Und was macht Euch zweifeln?“ „Eine Sache.“ „Eine einzige?“ „Ja. „Welche? Ich werde ſehr unglücklich ſein, wenn „Dieſe Sache iſt nicht in Eurer Macht, Sire, nicht einmal in der Macht Gottes.“ „Und was iſt es? 3 „Die Vergangenheit. „Madame, ich begreife nicht,“ erwiederte der Kö⸗ nig, gerade weil er nur zu gut begriffen hatte. Die Prinzeſſin faßte ſeine Hand und ſprach: „Sire, ich habe das Unglück gehabt, Euch ſo lange zu mißfallen, daß ich beinahe berechtigt bin, mich heute zu fragen, wie Ihr mich habt zur Schwägerin anneh⸗ 3 men können.“ „Mir mißfallen! Ihr habet mir nie mißfallen.“ „Ohl läugnet es nicht.“ —-—— an ht „Erlaubt.“ „Nein, ich erinnere mich.“ „Unſer Bündniß datirt von heute,“ rief der König mit einer Wärme, welche nicht geheuchelt war;„Ihr erinnert Euch alſo der Vergangenheit nicht? Ich auch nicht; doch ich erinnere mich der Gegenwart. Ich habe ſie vor Augen, hier iſt ſie, ſchaut.“ Und er fuührte die Prinzeſſin vor einen Spiegel, worin ſie ſich erröthend und ſchön ſah, daß ein Heiliger hätte unterliegen müſſen. „Gleichviel,“ murmelte ſie,„das wird kein ſehr kräftiges Bündniß ſein.“ „Soll ich ſchwören?“ fragte der König, berauſcht durch die wollüſtige Wendung, die das ganze Geſpräch genom⸗ men hatte. „Ohl ich ſchlage einen guten Eid nicht aus,“ ſagte Madame.„Das iſt immerhin ein Anſchein von Sicherheit.“ Der König kniete auf eine Flieſe nieder und nahm die Hand von Madame. Mit einem Lächeln, das ein Maler nicht wieder⸗ geben würde, und das ein Dichter ſich nicht einzubilden vermöchte, reichte ſie ihm ihre beiden Hände, in denen er ſeine brennende Stirne verbarg. Weder das Eine, noch das Andere konnte ein Wort finden. Der König fühlte, daß Madame ihre Hände zurück⸗ zog und dabei ſeine Wangen ſtreifte. Er erhob ſich ſogleich und verließ das Gemach. Die Höflinge bemerkten ſeine Röthe und ſchloßen daraus, die Scene ſei ſtürmiſch geweſen. Doch der Chevalier von Lorraine ſagte raſch: „Ohl nein, meine Herren, beruhigt Euch. Wenn Se. Majeſtät zornig iſt, ſieht ſie blaß aus.“ XVI. Die Küthe. Der, König verließ Madame in einem aufgeregten Zuſtand, den er ſich kaum ſelbſt erklären konnte. Es iſt in der That unmöglich, das geheime Spiel der ſeltſamen Sympathien zu erklären, die ſich plötzlich und ohne Urſache entzünden, nach vielen in der größten Ruhe, in der großten Gleichgültigkeit zweier ſich zu lieben beſtimmten Herzen zugebrachten Jahren. Warum hatte Ludwig Madame früher verachtet, beinahe gehaßt? Warum fand er jetzt dieſelbe Frau ſo ſchön, ſo wünſchenswerth, und warum beſchäftigte er ſich nicht nur mit ihr, ſondern war von ihr einge⸗ nommen? Warum hatte Madame, deren Augen und Geiſt von einer andern Seite erſtrebt wurden, ſeit acht Tagen für den König jenen Anſchein von Gunſt, der an die vollkommenſte Vertraulichkeit glauben läßt? Man darf nicht denken, Ludwig habe ſich einen Verführungsplan erdacht. Das Band, das Madame mit ſeinem Bruder vereinigte, war oder ſchien ihm wenig⸗ ſtens eine unüberſteigbare Schranke; er war ſogar noch zu fern von dieſer Schranke, um zu bemerken, daß ſie beſtand. Doch auf dem Abhang der Leidenſchaften, an denen ſich das Herz ergötzt, zu denen uns die Jugend hintreibt, kann Niemand ſagen, wo er ſtille ſtehen werde, nicht einmal derjenige, welcher zum Voraus alle Chancen des Erfolges oder der Niederlage berechnet hat. Was Madame betrifft, ſo wird man leicht ihre Neigung für den König erklaͤren: ſie war noch jung, coquette und leidenſchaftlich darauf bedacht, Bewunderug einzuflößen. Es war eine von jenen Naturen mit ſtürmiſchen Sprüngen, die auf einem Theater über glühende Koh⸗ len laufen würde, um den Zuſchauern ein Beifallsgeſchrei zu entreißen. ———— R ⏑ᷣ⏑ᷣ— — 3 465 Man durfte ſich alſo nicht wundern, daß die Prin⸗ zeſſin, mit Beobachtung der Progreſſion, nachdem ſie von Buckingham, ſodann von Guiche angebetet worden war, der den Vorzug vor Buckingham hatte, und war es auch nur durch das große, von den Frauen ſo wohl gefchätzte Verdienſt, durch die Neuheit, man durfte ſich nicht wundern, ſagen wir, daß die Prinzeſſin ihren Ehr⸗ geiz ſo weit ſteigerte, daß ſte vom König bewundert ſein wollte, der nicht nur der Erſte des Königreichs, ſondern auch einer der Schönſten und Geiſtreichſten war⸗ Was die plötzliche Leidenſchaſt von Ludwig für ſeine Schwägerin betrifft, ſo würde die Phyſiologie die⸗ ſelbe durch Alltagsredensarten und die Natur durch eine von ihren geheimnißvollen Verwandtſchaften erklären. Madame hatte die ſchönſten ſchwarzen Augen, Ludwig die ſchönſten blauen Augen der Welt. Madame war heiter und ergußreich, Ludwig ſchwermüthig und ver⸗ ſchwiegen; berufen, ſich zum erſten Mal auf dem Ge⸗ biete eines Intereſſes und einer gemeinſchaftlichen Neu⸗ gierde zu begegnen, hatten ſich dieſe zwei entgegengeſetz⸗ ten Naturen durch die Berührung ihrer gegenſeitigen Rauhheiten entflammt. Als Ludwig wieder in ſein Gemach zurückgekehrt war, bemerkte er, Madame ſei die verführeriſchſte Frau der Welt.. Madame, die allein geblieben, dachte, ganz freudig, ſie habe auf den König einen lebhaften Eindruck her⸗ vorgebracht.— Doch dieſes Gefühl mußte bei ihr paſſiv ſein, wäh⸗ rend es bei dem König unfehlbar mit der ganzen Hef⸗ tigkeit wirken mußte, die dem entflammbaren Geiſte eines jungen Mannes natürlich iſt, und zwar eines jun⸗ gen Mannes, der nur zu wollen braucht, um ſeinen Willen vollzogen zu ſehen. Der Koͤnig kündigte vor Allem Monſteur an, Alles ſei beigelegt; Madame habe die größte Achtung, die aufrichtigſte Zuneigung für ihn, es ſei aber ein ſiolzet, man ſorgfältig ſchonen müſſe. Monſieur erwiederte mit dem ſauerſüßen er gewöhnlich gegen ſeinen Bruder annahm, ſich die Empfindlichkeiten einer Frau nicht, ſieur, dieſes Recht unbeſtreitbar zu. wies, das er an ſeiner Schwägerin nahm: „doch ich denke, nicht über dem meinigen.“ mehr zu ſagen.“ „mein Bruder, das, was ich ſage, an Vertrauen beklagt, und i ſogar argwöhniſcher Charakter, deſſen Empfindlichkeiten tragen ſie einem Tadel bloß ſtelle, und wenn das Recht habe, verletzt zu ſein, ſo käme ihm, Darauf antwortete der König mit ziemlich lebhaf⸗ tem Ton, mit einem Ton, der das ganze Intereſſe be⸗ „Madame ſteht, Gott ſei Dankl über dem Tadel.“ „Der Andern, ja, ich gebe es zu,“ ſagte Monſieur, *„Nun wohl,“ ſprach der König,„Euch, me der, ſage ich, daß Madame Euern Tadel nicht verdient. Ja, es iſt allerdings eine ſehr ſeltſame und ſehr zerſtreute junge Frau, aber ſie iſt zugleich mit den b fühlen ausgeſtattet. Der engliſche Charakter wird in Frankreich nicht immer wohl begriffen, mein B und die Freiheit der engliſchen Sitten ſetzt zuweilen diejenigen in Erſtaunen, welche nicht wiſſen, wie ſehr dieſe Freiheit durch die Unſchuld geadelt wird.“ „Ah!“ ſagte Monſieur immer mehr gereizt, Eure Majeſtät meine Frau, die ich anklage, frei iſt meine Frau nicht mehr ſchuldig und ich h „Mein Bruder,“ erwiederte lebhaft der König, der die Stimme des Gewiſſens ganz leiſe ſeinem Herzen zuflüſtern fühlte, Monſieur habe nicht ganz Ur echt, und beſonders, was ich thue, geſchieht für Euer Glück. Es iſt mir zu Ohren gekommen, Ihr habet Euch über einen Mangel oder Rückſicht von Seiten von Madame ch wollte nicht, daß Eure Unruhe länger fortwähre. Es gehört zu meinen Pflichten, Euer Haus überwache, wie das des Geringſten von 167 meinen Unterthanen. Ich habe alſo mit dem größten Vergnügen geſehen, daß Eure Beſorgniſſe durchaus nicht begründet waren.“ 5 „Und,“ fuhr Monſieur mit fragendem Ton fort, indem er ſeine Augen auf ſeinen Bruder heftete,„und das, was Eure Majeſtät in Beziehung auf Madame erkannt hat, und ich neige mich vor Eurer königlichen Weisheit, habt Ihr auch in Beziehung auf diejenigen bewahrheitet, welche die Urſache des Aergerniſſes, über das ich mich beklage, geweſen ſind?“ „Ihr habt Recht, mein Bruder; ich werde darauf bedacht ſein,“ ſagte der König. Dieſe Worte enthielten zugleich einen Befehl und einen Troſt. Der Prinz begriff das und entfernte ſich. Ludwig aber ſuchte ſeine Mutter auf: er fühlte, daß er einer vollſtändigern Abſolution bedurfte, als die, welche er von ſeinem Bruder erhalten hatte. Anna von Oeſterreich hatte bei Herrn von Guiche nicht dieſelben Urſachen der Nachſicht, die ſie bei Bucking⸗ ham gehabt hatte. Sie ſah bei den erſten Worten, daß Ludwig nicht geneigt war, ſtreng zu ſein, ſie war es:— Das war eine von den gewöhnlichen Liſten der guten Königin, um die Wahrheit zu erfahren. Ludwig hatte aber in dieſer Hinſicht ſchon ſeine Lehre durchgemacht: beinahe ſeit einem Jahr war er König. Während dieſes Jahres hatte er Zeit gehabt, die Verſtellung zu erlernen. Indem er auf Anna von Oeſterreich horchte, um ſie ihren ganzen Gedanken entwickeln zu laſſen, indem er nur mit dem Blick und der Geberde billigte, über⸗ zeugte er ſich aus gewiſſen tiefen Blicken, aus gewiſſen geſchickten Inſinuationen, daß die in Dingen der Galan⸗ terie ſo ſcharfſichtige Königin, ſeine Schwäche für Ma⸗ dame, wenn nicht errathen, doch wenigſtens gemuth⸗ maßt habe.. Von allen ſeinen Unterſtützungen mußte Anna⸗ 8 168 Oeſterreich die gewichtigſte ſein; von allen ſeinen Fein⸗ den wäre Anna von Oeſterreich die gefährlichſte geweſen. Ludwig veränderte alſo ſein Manoeuvre. Er belaſtete Madame, ſprach Monſieur frei und hörte das an, was ſeine Mutter von Guiche ſagte, wie er angehört, was ſie von Buckingham geſagt hatte. Dann, als er ſah, daß ſie einen vollſtändigen Sieg ber ihn davon getragen zu haben glaubte, verließ er ſie. Der ganze Hof, das heißt alle Günſtlinge und Vertraute, und es waren ihrer viele, kamen am Abend zur Probe vom Ballet zuſammen. Dieſer Zwiſchenraum war für den armen Guiche durch einige Beſuche ausgefüllt, die er erhalten hatte. Unter der Zahl dieſer Beſuche fand ſich einer, den er beinahe mit dem gleichen Gefühl erhoffte und fürchtete. Es war der des Chepalier von Lorraine. Gegen drei Uhr Naxhmittags trat der Chevalier von Lorraine bei Guiche ein. Seein Ausſehen war äußerſt beruhigend. „Monſieur,“ ſagte er zu Guiche,„war von einer reizenden Laune, und man hätte nicht glauben ſollen, es ſei die geringſte Wolke über den ehelichen Himmel hingegangen.“ 3 „Uebrigens hatte Monſieur ſo wenig Unwillen!“ Seit ſehr langer Zeit hatte der Chevalier von LCoorraine bei Hofe die Behauptung aufgeſtellt, von den zwei Söhnen von Ludwig XIII. ſei Monſteur derjenige, welcher den väterlichen Charakter, den wankelmüthigen, den unentſchloſſenen Charakter angenommen, gut in plötzlichen Aufwallungen, ſchlimm im Grunde und ſicher⸗ lich nichts für ſeine Freunde. 88. Er hatte beſonders Guiche dadurch wieder belebt, daß er ihm bewies, Madame werde binnen Kurzem da⸗ in gelangen, daß ſie ihren Gemahl lenke, und dem zu —*8*ᷣ 169 Folge werde Monſieur derjenige Beherrſcher, welchem es gelinge, Madame zu beherrſchen. Worauf Guiche, voll Mißtrauen und Geiſtesgegen⸗ wart, erwiederte: „Ja, Chevalier; doch ich halte Madame für ſehr gefährlich.“ 6 „In welcher Hinſicht?“ „In der, daß ſie geſehen hat, Monſieur ſei von einem für die Frauen nicht ſehr leidenſchaftlichen Cha⸗ rakter.“ 3 „Das iſt wahr,“ ſagte lachend der Chevalier von Lorraine.. „Und dann. „Nun?“ „Nun! Madame wählt den Erſten, den Beſten, um den Gegenſtand ihrer Bevorzugung aus ihm zu machen, um ihren Gemahl durch die Eiferſucht zurückzu⸗ führen.“ „Tief! tief!“ rief der Chevalier. „Wahr!“ ſagte Guiche. Weder der Eine, noch der Andere ſprach ſeine Ge⸗ danken aus. 4 In dem Augenblick, wo er ſo den Charakter von Madame angriff, bat ſie Guiche aus dem Grunde ſeines Herzens um Verzeihung. 3 Während der Chevalier den Blick von Guiche be⸗ wunderte, führte er ihn mit geſchloſſenen Augen zu dem Abgrund.. Guiche befragte ihn nunmehr unmittelbar über die durch die Scene am Morgen hervorgebrachte Wirkung und über die noch ernſtere durch die Scene vom Mit⸗ tagsmahl hervorgebrachte Wirkung. „Ich habe Euch ſchon erzählt, daß man darüber lachte, und zwar Monſieur zu allererſt,“ antwortete der Chevalier von Lorraine. „Man hat mir jedoch von einem Beſuche des Kö⸗ nigs bei Madame geſagt?“ bemerkte Guiche.„. 170 „Ganz richtig; Madame war die Einzige, welche nicht lachte, und der Koͤnig ging zu ihr, um ſte lachen zu machen.“ „Somit... „Somit hat ſich nichts an der Anordnung des Tages geändert.“ „Und man probirt heute Abend das Ballet?“ „Gewiß.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ „Ganz ſicher.“ Als die zwei jungen Leute in ihrem Gefpräch ſo weit waren, trat Raoul mit ſorgenvoller Stirne ein. Sobald er ihn erblickte, ſtand der Chevalier, der gegen ihn, wie gegen jeden edlen Charakter, einen ge⸗ heimen Haß hegte, auf. „Ihr rathet mir alſo?...“ fragte Guiche den Chevalier. 1 „Ich rathe Euch, ruhig zu ſchlafen, mein lieber Graf.“ „Und ich, Guiche,“ ſagte Raoul,„ich werde Euch einen ganz entgegengeſetzten Rath geben 4 „Welchen, Freund?“ 3 „Den, zu Pferde zu ſitzen und nach einem von Euren Gütern zu reiſen; dort angelangt, werdet Ihr, wenn Ihr den Rath des Chevalier befolgen wollt, ſo lange und ſo ruhig ſchlafen, als es Euch angenehm ſein dürfte.“ „ Wie, abreiſen!“ rief der Chevalier, der den Erſtau⸗ ten ſpielte.„Und warum ſollte Guiche abreiſen?“ „Weil, und Ihr müßt das wiſſen, Ihr beſonders, weil ſchon Jedermann von einer Scene ſpricht, welche zwiſchen Monſieur und Guiche vorgefallen ſein ſoll.“ Guiche erbleichte. „Durchaus nicht,“ erwiederte der Chevalier,„durch⸗ aus nicht, Ihr ſeid ſchlecht unterrichtet, Herr von Bra⸗ gelonne.“ „Ich bin im Gegentheil ſehr gut unterrichtet, mein 171 Herr,“ ſagte Raoul,“ und der Rath, den ich Guiche gebe, iſt ein Freundesrath.“ Während dieſes Streites ſchaute Guiche, etwas verblüfft, bald den Einen, bald den Andern von ſeinen Rathgebern an. Er fühlte in ſeinem Innern, daß ſich ein für ſein übriges Leben wichtiges Spiel in dieſem Augenblick ſpielte. „Nicht wahr,“ ſagte der Chevalier, den Grafen ſelbſt anrufend,„nicht wahr, Guiche, die Scene iſt nicht ſo ſtürmiſch geweſen, als der Herr Vicomte von Bra⸗ gelonne, der übrigens nicht dabei geweſen iſt, zu glauben ſcheint?“ „Mein Herr,“ entgegnete Raoul,„ſtürmiſch oder nicht ſtürmiſch, es iſt nicht gerade die Scene ſelbſt, wo⸗ von ich ſpreche, ſondern ich meine die Folgen, die ſie haben kann. Ich weiß, daß Monſieur gedroht, ich weiß⸗ daß Madame geweint hat.“ „Madame hat geweint,“ rief die Hände faltend Guiche unvorſichtiger Weiſe. „Ahl ah!“ ſagte lachend der Chevalier,„das iſt ein Umſtand, von dem ich nichts wußte, Ihr ſeid ent⸗ ſchieden beſſer unterrichtet, Herr von Bragelonne.“ „Gerade weil ich beſſer unterrichtet bin, als Ihr, Chevalier, dringe ich darauf, daß Guiche ſich entfernt.“ „Nein, nein, ich bedaure, Euch widerſprechen zu müſſen, Herr Vicomte, doch dieſe Abreiſe iſt unnöthig.“ „Sie iſt dringend.“ „Sprecht, warum ſollte er ſich entfernen?“ „Der König! der König!“ „Der Koͤnig?“ rief Guiche. „Ja, ſage ich Dir, der König nimmt ſich der Sache an.“ „Bah!“ ſprach der Chevalier,„der König liebt Guiche und beſonders ſeinen Vater; bedenkt, daß es, habe etwas Tadelnswerthes gethan.“ wenn der Graf verreiſen würde, geſtehen hieße, er 172 „Wie ſo 2“ „Allerdings, wenn man flieht, iſt man ſtrafbar oder man hat Furcht.“ „Oder man ſchmollt, wie ein mit Unrecht ange⸗ klagter Menſch,“ ſprach Bragelonne.„Geben wir ſeiner Abreiſe den Charakter des Schmollens, nichts kann leichter ſein: wir ſagen, wir haben Beide Alles gethan, um ihn zurückzuhalten, und Ihr wenigſtens werdet nicht lügen. Auf! auf! Guiche, Ihr ſeid unſchuldig, und als einen Unſchuldigen mußte Euch die heutige Scene verletzen. Reeiſſet, Guiche, reiſet!“ „Nein, Guiche, bleibt,“ rief der Chevalier;„bleibt, gerade, wie Herr von Bragelonne ſagte, weil Ihr un⸗ ſchuldig ſeid; verzeiht noch einmal, Vicomte, ich bin einer der Eurigen ganz entgegengeſetzten Anſicht.“ „Das ſteht Euch frei; aber bemerkt wohl, daß die Verbannung, die ſich Guiche auferlegt, eine Verbannung von kurzer Dauer ſein wird. Er kann ſie aufhören laſſen, wann er will, und aus einer freiwilligen Ver⸗ bannung zurückkehrend, wird er das Lächeln auf jedem Mund finden, während im Gegentheil eine ſchlechte Laune des Königs einen Sturm herbeiführen kann, deſſen Ziel Niemand vorherzuſehen vermöchte.“ Der Chevalier lächelte. „Das iſt es, bei Gott! gerade, was ich will,“ murmelte er leiſe für ſich ſelbſt. Und zu gleicher Zeit zuckte er die Achſeln. Dieſe Bewegung entging dem Grafen nicht; er hatte bange, wenn er den Hof verließe, würde es ſchei⸗ nen, als gäbe er der Furcht nach. „Nein, nein,“ rief er,„es iſt entſchieden, ich bleibe, Bragelonne.“ „Ich bin ein Prophet,“ ſagte Raoul traurig.„Wehe Dir, Guiche, wehe!“ „Ich bin auch ein Prophet, doch kein Unglücks⸗ prophet... im Gegentheil, Graf, und ich ſage Euch, bleibt, bleibt.“ 173 „Das Ballet wird alſo probirt?“ fragte Guiche. „Ihr ſeid deſſen ſicher?“ „Vollkommen ſicher?“ „Nun wohl, Du ſiehſt, Raoul,“ ſagte Guiche, der zu lächeln ſich anſtrengte,„Du ſiehſt, es iſt kein ſehr finſterer und zu inneren Kriegen gerüſteter Hof, ein Hof, wo man mit ſolcher Beharrlichkeit tanzt... Das mußt Du geſtehen, Raoul.“. Raoul ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Ich habe nichts mehr zu ſagen.“ Neugierig zu erfahren, aus welcher Quelle Raoul ſeine Nachrichten geſchöpft hatte, deren Richtigkeit er in ſeinem Inneren anerkennen mußte, fragte der Chevalier: „Ihr nennt Euch gut unterrichtet, Herr Vicomte, wie ſolltet Ihr es beſſer ſein, als ich, der ich zu den Vertrauten des Prinzen gehöre?“ „Mein Herr,“ erwiederte Raoul,„vor einer ſolchen Erklärung verbeuge ich mich. Ja, ich erkenne es an, Ihr müßt vollkommen unterrichtet ſein, und da ein Mann von CEhre unfähig iſt, etwas Anderes zu ſagen, als das, was er weiß, anders zu ſprechen, als er denkt, ſo ſchweige ich, ſo bekenne ich mich beſtegt und über⸗ laſſe Euch das Schlachtfeld.“ Und wie ein Menſch, der nichts Anderes zu wün⸗ ſchen ſcheint, als die Ruhe, verſenkte ſich Raoul wirklich in einen großen Lehnſtuhl, während der Graf ſeine Leute rief, um ſich ankleiden zu laſſen. Der Chevalier fühlte, daß die Stunde verlief und wünſchte wegzugehen; aber er befürchtete zugleich, wenn Raoul mit Guiche allein wäre, würde er ihn zu einem andern Entſchluß bewegen. Er bediente ſich deßhalb ſeines letzten Hülfsmittels und ſagte: „Madame wird glänzend ſein; ſie probirt heute ihr Coſtume als Pomona.“ „Ahl es iſt wahr!“ rief der Graf. „Ja, ja,“ fuhr der Chevalier fort,„ſie hat zu die⸗ 174 ſem Behuf ihre Befehle gegeben. Ihr wißt, Herr von Bragelonne, daß der König den Frühling macht.“ „Das wird herrlich ſein,“ ſagte Guiche,„und dieſer Grund iſt beſſer, als alle, die Ihr mir für mein Blei⸗ ben angegeben habt. Da ich den Herbſt mache und den Pas mit Madame tanze, ſo kann ich ohne einen Befehl des Königs nicht gehen, in Betracht, daß meine Abreiſe das Ballet in Verwirrung bringen würde.“ „Und ich,“ ſagte der Chevalier,„ich mache einen einfachen Egypan; ich bin allerdings ein ſchlechter Tänzer und habe ein übel geformtes Bein. Meine Herren, auf Wiederſehen. Vergeßt das Fruchtkörbchen nicht, das Ihr Pomona bieten müßt, Graf.“ „Ohl ſeid unbeſorgt, ich werde nichts vergeſſen,“ rief Guiche entzückt. „Ohl ich bin nun ſicher, daß er nicht abreiſen wird,“ murmelte der Chevalier, während er hinausging. Als der Chevalier weggegangen war, verſuchte es Raoul nicht einmal, ſeinem Freund zu widerrathen; er fühlte, daß es verlorene Mühe geweſen wäre. „Graf,“ ſagte er nun mit ſeiner traurigen, melo⸗ diſchen Stimme,„Graf, Ihr vertieft Euch in eine furcht⸗ bare Leidenſchaft; ich kenne Euch; Ihr ſeid in Allem ertrem; diejenige, welche Ihr liebt, iſt es auch. Nun, ich will einen Augenblick annehmen, es komme dazu daß ſie Euch liebe...“ „Ohl nie! nie!“ rief Guiche. „Warum ſagt Ihr nie?“ „Weil das ein großes Unglück für uns Beide wäre.“ „Dann, mein lieber Freund, erlaubt mir, daß ich Euch, ſtatt Euch für einen Unklugen anzuſehen, für einen Narren halte.“ „Warum?“ „Sprecht offenherzig, ſeid Ihr ſicher, daß Ihr nichts von der begehrt, welche Ihr liebt 24 „Oh! ja, ſehr ſicher.“ „Dann liebt ſie von fern!“ 175 „Wie, von fern?“ 3 „Allerdings, was liegt Euch an der Gegenwart oder Abweſenheit, da Ihr nichts von ihr begehrt? Liebt ein Portrait, liebt eine Erinnerung.“ „Raoul!“ 4 „Liebt einen Schatten, eine Illuſion, eine Chimäre, liebt die Liebe, indem Ihr auf Euer Ideal einen Namen ſetzt. Ahl Ihr wendet den Kopf um; Eure Diener kommen. Ich ſage nichts mehr. Im Glück wie im Unglück zählt auf mich, Guiche.“ „Bei Gott! ob ich auf Euch zähle!“ „Nun wohl! das iſt Alles, was ich Euch zu ſagen hatte. Macht Euch ſchön, Guiche, macht Euch ſehr ſchön. Gott befohlen!“ „Ihr kommt nicht zur Balletprobe?“ „Nein, ich habe einen Beſuch in der Stadt zu ma⸗ chen. Umarmt mich, Guiche. Guten Tag.“ Die Verſammlung fand beim König ſtatt. Die Königinnen zuerſt, dann Madame, einige aus⸗ erwählte Ehrendamen, viele ebenfalls auserwählte Höf⸗ linge präludirten bei den Tanzübungen durch Geſpräche, wie man ſie in jener Zeit zu machen wußte. Keine von den eingeladenen Damen hatte das Feſt⸗ coſtume angezogen, wie es der Chevalier von Lorraine vorhergeſagt; aber man plauderte viel von den pracht⸗ vollen und ſinnreichen Gewändern, welche verſchiedene Maler für das Ballet der Halbgötter gezeichnet hatten. So nannte man die Koönige und die Königinnen, deren Pantheon Fontainebleau ſein ſollte. „Monſteur erſchien mit der Zeichnung in der Hand, die ſeine Perſon vorſtellte; ſeine Stirne war noch etwas ſorgenvoll; die Art, wie er die junge Königin und ſeine Mutter begrüßte, war äußerſt höflich und freundlich. Er begrüßte Madame beinahe cavaliermäßig und pirouet⸗ tirte auf den Ferſen. Dieſe Geberde und dieſe Kälte wur⸗ den bemerkt. Herr von Guiche entſchädigte Madame durch einen Blick voll Flammen, und, Madame, es iſt nicht zu leug⸗ nen, erwiederte dies die Augenlieder aufſchlagend mit Wucher. Guiche war wirklich nie ſo ſchön geweſen, der Blick von Madame hatte gewiſſermaßen das Geſicht des Sohnes vom Marſchall von Grammont erleuchtet. Die Schwägerin des Königs fühlte einen Sturm über ihrem Haupte brauſen, ſie fühlte auch, daß ſie im Vexlauf dieſes an zukünftigen Ereigniſſen ſo fruchtbaren Tags, gegen den, welcher ſie mit ſo viel Feuer und Leiden⸗ ſchaft liebte, eine ungerechtigkeit, wenn nicht gar einen ſchweren Verrath begangen hatte. Es ſchien ihr der Augenblick gekommen, dem armen Opfer dieſer Ungerechtigkeit vom Morgen Genugthuung zu geben. Das Herz von Madame ſprach und es ſprach im Namen von Guiche. Der Graf wurde aufrichtig beklagt, der Graf trug alſo den Sieg über Alle davon. Es war nicht mehr von Monſieur, vom König, vom Herzog von Buckingham die Rede. Guiche herrſchte in dieſem Augenblick ohne Theilung. Monſteur war indeſſen auch ſehr ſchön; doch man konnte ihn unmöglich mit Guiche vergleichen. Man weiß es und alle Frauen ſagen es, es findet immer ein ungeheurer Unterſchied zwiſchen der Schönheit des Geliebten und der eines Gatten ſtatt. Nach des Prinzen höflicher und freundlicher Be⸗ grüßung der jungen Königin und ſeiner Mutter, nach dem oberflächlichen und cavaliermäßigen Gruß, den er an Madame gerichtet, was von allen Höflingen bemerkt worden war, verliehen alle Motive in dieſer Geſellſchaft dem Liebhaber den Vorzug vor dem Gemahl. 5. Monſieur war ein zu ſehr vornehmer Herr, um dieſen Umſtand zu bemerken. Es gibt nichts ſo Wirk⸗ ſames, als die feſtgeſtellte Idee der Superiorität, um die Inferiorität desjenigen zu ſichern, welcher dieſe Meinung von ſich hegt.. Der König kam. Jedermann ſuchte die Ereigniſſe 177 in dem Blick, der die Welt in Bewegung zu ſetzen an⸗ fing, wie die Augenbraune Jupiters. Ludwig hatte nichts von der Traurigkeit ſeines Bruders: er ſtrahlte. Nachdem er die Mehrzahl der Zeichnungen, die man ihm von allen Seiten zeigte, angeſchaut hatte, gab er ſeinen Rath oder ſeinen Tadel und machte Gluͤckliche oder Unglückliche mit einem einzigen Wort. Plötzlich bemerkte ſein Auge, das Madame ſchief zulächelte, die ſtumme Correſpondenz zwiſchen der Prin⸗ zeſſin und dem Grafen. Die Lippe des Königs zog ſich zuſammen, und als ſie ſich wieder öffnete, um einige Alltagsphraſen durchzulaſſen, ſagte er, auf die Königin zuſchreitend: „Meine Damen, ich erhalte die Nachricht, daß Alles in Fontainebleau meinen Befehlen gemäß vorbereitet iſt.“ Ein Gemurmel der Zufriedenheit kam aus den Gruppen hervor. Der König las in allen Geſichtern den glühenden Wunſch, eine Einladung zu den Feſten zu erhalten. „Ich werde ſchon morgen abreiſen,“ fügte er bei. Tiefes Stillſchweigen der Verſammlung. Das Lächeln erleuchtete alle Phyſiognomien. Das von Monſieur allein behauptete ſeinen Charakter ſchlechter aune. Da ſah man nach und nach vor dem König und den Damen die Herren vorübergehen, die ſich beeilten, Seiner Majeſtät für die große Ehre der Einladung zu an ten.— Als die Reihe an Guiche war, ſagte der foniß: „Ah! mein Herr, ich hatte Euch nicht geſehen er Graf verbeugte ſich Madame erbleichte. Guiche wollte den Mund öffnen, um eine Dank⸗ ſagung auszuſprechen. GGleich,“ ſagte der König,„es iſt die Zeit der zweiten Ausſaat. Ich bin überzeugt, daß Eure Päch⸗ Die drei Musketiere, Pragelonne, V. 12 —— 178 ter in der Normandie Euch mit Vergnügen ſehen werden.“ Und er wandte dem Unglücklichen nach dieſem un⸗ geſchlachten Ueberfall den Rücken zu. 3Nun war es an Guiche, zu erbleichen, er machte zwei Schritte gegen den König, und ſtammelte, indem er vergaß, daß man nie mit Seiner Majeſtät ſpricht, ohne gefragt zu werden: „Ich habe vielleicht ſchlecht verſtanden.“ Der König wandte den Kopf um, ſchaute den Grafen mit dem kalten ſtarren Blick an, der ſich wie ein unbiegſames Schwert in das Herz der in Ungnade Gefallenen taucht, und wiederholte langſam, indem er ein Wort nach dem andern von ſeinen Lippen fallen ließ: „Ich habe geſagt, Eure Güter.“ Ein kalter Schweiß ſtieg dem Grafen auf die Stirne, ſeine Hände öffneten ſich und ließen den Hut fallen, den er zwiſchen ſeinen zitternden Fingern hielt. Ludwig ſuchte den Blick ſeiner Mutter, als wollte er ihr zeigen, daß er der Herr ſei. Er ſuchte den Blick ſeines Bruders, als wollte er ihn fragen, ob dieſe Rache ſeinem Geſchmack entſpreche. Endlich heftete er ſeine Augen auf Madame. Die Prinzeſſin lächelte und plauderte mit Frau von Noailles.. Sie hatte nichts gehört, oder ſich vielmehr ge⸗ ſtellt, als höͤrte ſie nichts. Der Chevalier von Lorraine ſchaute auch mit einer von jenen feindſeligen Starrheiten, die dem Menſchen die Macht des Hebels zu geben ſcheinen, wenn er das Firdeeniß aufhebt, ausreißt und in die Ferne ſpringen macht. 4 Herr von Guiche blieb allein im Kabinet des K⸗ nigs; es hatte ſich Jedermann zerſtreut; vor den Augen des Unglücklichen tanzten Schatten. Ploͤtzlich entriß er ſich der ſtarren Verzweiflun 1 die ihn beherrſchte, und lief ſpornſtreichs in ſeine Woh⸗ ’ 4 5 1 u 1 8 Se 8S * 179 nung, wo ihn Raoul ſtandhaft in ſeinen düſtern Ahnun⸗ 4 gen erwartete.. „Nun!“ murmelte dieſer, als er ſeinen Freund baarhäuptig, das Auge ſtier, ſchwankenden Gangs ein⸗ treten ſah. 3 „Ja, es iſt wahr, ja!“ 3 Mehr konnte Guiche nicht ſagen. Er ſiel erſchoͤpft auf die Polſter. 139. „Und ſie?“ fragte Raoul. 8 „Sie!“ rief der Unglückliche, eine vom Zorn krampf⸗ baſt ſuſammengezogene Hand zum Himmel erhebend, ie 74 „Was ſagte ſie?“ „Sie ſagt, ihr Kleid ſtehe ihr gut.“ „Was macht ſie?“ „Sie lacht!“. 4 Und ein Anfall eines furchtbaren Gelächters machte alle Nerven des unglücklichen Verbannten ſpringen. Bald ſiel er rückwärts: er war vernichtet. XVII. Pontainebleau. Alle die in ſeinen herrlichen Gärten vereinigten Zauberwerke machten aus Fontainebleau ſeit vier Ta⸗ gen einen Ort der Wonne. 1 Herr Colbert vervielfältigte fich... Am Morgen Berechnung der Ausgaben der Nacht; am Tage Pro⸗ gramme, Proben, Anmerkungen, Bezahlungen. 4 Herr Colbert hatte vier Millionen ſemmenge⸗ racht und vertheilte ſie mit einer weiſen Oekonomie. ECr erſchrack über die Koſten, welche die Mytho⸗ logie veranlaßt... Jeder Sylvan, jede Najade foſtete 180 nicht weniger als hundert Livres täglich. Das Coſtume kam auf dreihundert Livres zu ſtehen. 4 Was an Pulver und Schwefel in Feuerwerk ver⸗ brannt wurde, belief ſich jede Nacht auf hunderttauſend Livres. Dabei fanden am Ufer des Teiches Beleuch⸗ tungen für dreißigtauſend Livres den Abend ſtatt. Dieſe Feſte hatten herrlich geſchienen. Colbert war außer ſich vor Freude. Err ſah jeden Augenblick Madame und den König zu Jagden ausfahren, oder phantaſtiſche Perſonen em⸗ pfangen, Feierlichkeiten, die man ſeit vierzehn Tagen improvifirte, und die den Geiſt von Madame und die Freigebigkeit des Königs glänzen ließen. Denn Madame, die Heldin des Feſtes, beantwor⸗ tete die Reden dieſer Deputationen von unbekannten Völkern, Gneamanthen, Scythen, Hyperboreern, Kau⸗ kaſtern, Patagonen, die aus der Erde hervorzukommen ſchienen, um ihr Glück zu wünſchen, und jedem Reprä⸗ ſentanten dieſer Völkerſchaften gab der Koͤnig einen Dia⸗ mant oder ein Meuble von Werth. 3 Dann verglichen die Abgeordneten in mehr oder minder grotesken Verſen den König mit der Sonne, Madame mit Phöbe, ihrer Schweſter, und man ſprach von den Königinnen und von Monſteur nicht mehr anders, als wenn der König Madame Henriette von England und nicht Maria Thereſia von Oeſterreich ge⸗ heirathet hätte. Sich an den Händen haltend, ſich unmerklich die Finger drückend, trank das glückliche Paar in langen Zügen den ſüßen Trank der Schmeichelei, deſſen Werth die Jugend, die Schönheit, die Macht und die Liebe erhöhen. Jedermann erſtaunte in Fontainebleau über den wiuſtuß, den Madame ſo raſch auf den König erlangt hatte. „ * 8* 4 Jedermann ſagte ſich leiſe, Madame ſei in der d That die Königin. 1 den, — Und der König verkündigte dieſe ſeltſame Wahr⸗ heit durch jeden ſeiner Gedanken, durch jedes ſeiner Worte, durch jeden ſeiner Blicke. 22 Er ſchöpfte ſeinen Willen, er ſuchte ſeine Eingebun⸗ gen in den Augen der Königin, und er berauſchte ſich in ſeiner Freude, wenn Madame zu lächeln ſich her⸗ abließ. Madame berauſchte ſich in ihrer Macht, da ſie alle Welt zu ihren Füßen ſah. Sie konnte es ſelbſt nicht ſagen; aber ſie wußte, daß ſie keinen Wunſch mehr bildete, daß ſie ſich voll⸗ kommen glücklich fand. Aus allen dieſen Verſetzungen, deren Quelle der königliche Wille, entſprang, daß Monſteur, ſtatt die zweite Perſon des Reiches, die dritte geworden war. Dies war noch viel ſchlimmer, als zur Zeit, wo Guiche ſeine Zither bei Madame klingen ließ. Damals hatte Monſieur wenigſtens die Befriedigung, dem Angſt zu machen, welcher ihn beläſtigte. Doch ſeit dem Abgang des durch ſein Bündniß mit dem König vertriebenen Feindes hatte Monſieur ein noch viel ſchwereres Joch, als zuvor auf den Schultern. Jeden Abend kam Madame abgemattet zurück. Das Pferd, die Bäder in der Seine, die Mittags⸗ mahle unter dem Blätterwerk, die Schauſpiele, die Bälle am großen Kanal, die Concerte, das wäre hin⸗ reichend geweſen, nicht nur, um eine ſchwächliche Frau, ſondern auch um den ſtärkſten Schweizer des Schloſſes zu tödten. Es iſt wahr, daß in Beziehung auf Bälle, Con⸗ certe, Promenaden eine Frau viel kräftiger iſt, als das ſtärkſte Kind der dreizehn Kantone. 3 Aber ſo ausgedehnt auch die Kräfte einer Frau ſein mögen, ſo haben ſie doch ein Ziel und knnen nicht lange gegen eine ſolche Lebensweiſe aushalten. Was Monſieur betrifft, ſo hatte er nicht einmal . 182 die Befriedigung, Madame ihr Königthum am Abend ablegen zu ſehen. 1 3 Am Abend wohnte Madame im köͤniglichen Pa⸗ villon mit der jungen Königin und der Koͤnigin Mutter. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Herr Cheva⸗ lier von Lorraine Monſteur nicht verließ und ſeinen Tropfen Galle auf jede Wunde goß, die er erhielt. Eine Folge hievon war, daß Monſieur, der ſich Anfangs ganz heiter und ganz vergnügt ſeit der Ab⸗ reiſe von Guiche gefunden hatte, vom Tage nach dem Einzug des Hofes in Fontainebleau wieder in Schwer⸗ muth verſank. Eines Tages aber geſchah es, daß Monſieur, der frühe aufgeſtanden war, und noch mehr Sorgfalt, als gewöhnlich, auf ſeine Toilette verwendet hatte, daß Monſieur, ſagen wir, der von nichts für den Tag ge⸗ hört hatte, den Plan faßte, ſeinen Hof zu verſammeln, und Madame zum Abendbrod nach Moret zu führen, wo er ein ſchönes Landhaus beſaß. Er ging nach dem Pavillon der Königin, trat ein und war ſehr erſtaunt, als er Niemand vom könig⸗ lichen Dienſt fand. 3 Eine Thüre öffnete ſich links nach der Wohnung von Madame, eine rechts nach der der jungen Königin. 3 Monſieur erfuhr bei ſeiner Frau von einer Aus⸗ geberin, welche hier arbeitete, es ſei Jedermann um elf Uhr weggefahren, um ſich in der Seine zu baden, man habe ein großes Feſt aus dieſer Partie gemacht, alle Calechen ſeien vor den Thüren des Parks aufge⸗ ſtellt worden, und die Abfahrt habe vor mehr als einer Stunde ſtattgefunden. „Gut,“ ſagte Monſteur, vein glücklicher Gedanke; es iſt eine drückende Hitze, ich werde mich mit Ver⸗ 3 gnügen baden.“ Und er rief ſeinen Leuten... Niemand kam Er rief bei Madame. Alles hatte ſich ent Er ging in die Remiſen hinab. Ein Stallknecht ſagte ihm, es ſeien weder Calechen, noch Caroſſen mehr da.. Dann befahl er zwei Pferde zu ſatteln, eines für ihn, eines für ſeinen Kammerdiener. Deerr Stallknecht antwortete höflich, es ſeien keine Pferde mehr vorhanden. Bleich vor Zorn ſtieg Monſieur wieder zu den Königinnen hinauf. Er ging bis in das Betzimmer von Maria Thereſta. Von dem Betzimmer aus erblickte er durch eine etwas geöffnete Tapetenthüre ſeine junge Schwägerin, welche vor der Königin Mutter kniete und ganz in Thränen zu zerfließen ſchien. Er war weder geſehen noch gehört worden. Sachte näherte er ſich der Oeffnung und horchte; das Schauſpiel dieſes Schmerzes reizte ſeine Neugierde. Die junge Königin weinte nicht nur, ſondern ſie beklagte ſich. „Ja,“ ſprach ſie,„der König vernachläßigt mich, der König beſchäftigt ſich nur noch mit Vergnügungen, und zwar mit Vergnügungen, an denen ich nicht Theil nehme.“ „Geduld, Geduld, meine Tochter,“ erwiederte Anna von Oeſterreich ſpaniſch. Dann fügte ſie, abermals ſpaniſch, Rathſchläge bei, welche Monſieur nicht verſtand. Die Königin antwortete darauf durch Anklagen, gemiſcht mit Seufzern und Thränen, wobei Monſteur oft das Wort banos unterſchied, das Maria Thereſta mit dem Unwillen des Zorns ausſprach. 4 „Die Bäder,“ ſagte Monſieur zu ſich ſelbſt,„die Bäder! Es ſcheint, daß ſie über die Bäder aufge⸗ bracht iſt.“ Und er ſuchte die Theilchen von Sätzen, die er and, zuſammenzuſtellen. In jedem Fall war es ihm lieb, zu errathen, daß die Königin ſich bitter beklagte, und daß Anna von 8* Oeſterreich, wenn ſie Maria Thereſia nicht wirklich tröſtete, doch ſie wenigſtens zu tröſten ſuchte. Monſieur befürchtete, er könnte an der Thüre hor⸗ chend ertappt werden, und entſchloß ſich, zu huſten. Die zwei Königinnen wandten ſich bei dem Ge⸗ räuſch um. 4 Monſteur trat ein. Als ſie den Prinzen erblickte, ſtand die junge Kö⸗ nigin haſtig auf und wiſchte ſich die Thränen ab. Monſteur hatte zu vien Weltkenntniß, um zu fra⸗ gen, und war zu ſehr an Höflichkeit gewöhnt, um ſtill zu bleiben. Er verbeugte ſich. Die Königin Mutter lächelte ihm freundlich zu und ſprach: 4 „Was wollt Ihr, mein Sohn?“ „Ich... nichts...“ ſtammelte Monſteur,„ich „Wen?“ „Meine Mutter, ich ſuchte Madame.“ „Madame iſt in den Bädern.“ „Und der König?“ ſagte Monſteur mit einem Tone, der die Königin zittern machte. „Der Koͤnig auch und der ganze Hof,“ erwiederte Maria Thereſta. „Außer Euch, Madame,“ ſagte Monſieur. „Ohl ich,“ entgegnete die junge Königin,„ich bin der Schrecken von allen denjenigen, welche ſich be⸗ luſtigen.“ „und ich auch, wie es ſcheint,“ rief Monſteur. Anna von Oeſterreich machte ihrer Schwiegertoch⸗ ter ein ſtummes Zeichen und dieſe entfernte ſich in Thränen zerfließend. Monſieur faltete die Stirne und ſprach: „Das iſt ein trauriges Haus... Was denkt Ihr davon, meine Mutter?“ „Ohl.. nein.. nein. Jedermann ſucht hier ſein Vergnügen.“ „Das iſt es, bei Gott! gerade, was alle diejenigen traurig macht, denen dieſes Vergnügen beſchwerlich iſt.“ „Wie Ihr das ſagt, mein lieber Philipp.“ „Bei meiner Treue! meine Mutter, ich ſage es, wie ich es denke.“ „Erklärt Euch, was gibt es?“ „Fragt meine Schwägerin, die Euch ſo eben ihren Verdruß klagt.“ „Ihren Verdruß... wie...“ „Ja, ich habe gehorcht; aus Zufall, ich geſtehe es, doch ich habe gehorcht. Nunl ich hörte meine Schwä⸗ gerin nur zu deutlich ſich über die vielen Bäder von Madame beklagen.“ „Ah! Tollheit!..“ „Nein, nein, wenn man weint, iſt man nicht immer toll. Banos, ſagte die Koͤnigin, heißt das nicht Bäder?“ „Ich wiederhole Euch, mein Sohn, daß Eure Schwägerin von einer kindiſchen Eiferſucht iſt.“ „In dieſem Fall, Madame, klage ich mich an, daß ich denſelben Fehler begangen habe, wie ſie.“ „Ihr auch, mein Sohn?4 „Jeryſeid auch eiferſchtig auf dieſe Bader? „Ihr ſeid auch eiferſüchtig auf dieſe Bäder?“ „Bei Gott!“ 3 3 1„Oh!“. „Wie! der König badet ſich mit meiner Frau und 1 nimmt die Königin nicht mit! Wie! Madame badet ſich mit dem König, und erweist mir nicht die Ehreg mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Und Ihr verlangt, daß meine Schwägerin zufrieden, Ihr verlangt, daß ich zufrieden ſei?“. „Aber, mein lieber Philipp,“ entgegnete Anna von Oeſterreich.„Ihr übertreibt es, Ihr habt Herrn von Buckingham fortjagen, Ihr habt Herrn von Guiche verbannen laſſen; wollt Ihr nun nicht den Koͤnig von Fontainebleau wegſchicken?“ 186 „Ohl das maße ich mir nicht an; aber ich kann mich wohl entfernen und ich werde mich entfernen.“ „Eiferſüchtig auf den König! eiferſüchtig auf Euren Bruder!“ „Eiferfüchtig auf meinen Bruder! auf den König! ja, Madame, eiferſüchtig! eiferſüchtig! eiferſüchtig!“ „Meiner Treue, mein Herr,“ rief Anna von Oeſter⸗ reich, Zorn und Entrüſtung heuchelnd,„ich fange an zu glauben, daß Ihr ein Narr und ein geſchworener Feind meiner Ruhe ſeid, und überlaſſe Euch den Platz, da ich keine Wehr gegen ſolche Einbildungen habe.“ Sie ſagte es, hob die Sitzung auf und ließ Mon⸗ ſieur dem wüthendſten Grimm preisgegeben. Monſieur blieb einen Augenblick ganz betäubt; dann kam er wieder zu ſich, raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, ging abermals in den Stall hinab, ſuchte den Stall⸗ knecht auf, verlangte von ihm wieder einen Wagen, ein Pferd, und auf ſeine doppelte Antwort, daß es weder einen Wagen, noch ein Pferd mehr gebe, entriß Mon⸗ ſieur den Händen eines Stalljungen eine Gabelſtütze und fing an, den armen Teufel rings im Hofe umher mit gewaltigen Prügeln, trotz ſeines Geſchreis und ſei⸗ nen Entſchuldigungen, zu verfolgen; athemlos, von Schweiß triefend, an allen Gliedern zitternd, ſtieg er hienach wieder in ſeine Wohnung hinauf, zerſchmetterte ſeine ſchönſten Porzellane, legte ſich endlich geſtiefelt und geſpornt in ſein Bett und ſchrie um Hülfe! XVIII. Das Dad. 3 In Valvins unter den undurchdringlichen Gewölben von hluͤhenden Bachweiden und von Thraͤnenweiden, die ihre grünen Häupter neigten und die Enden ihres Blätter⸗ werks in die blaue Woge tauchten, diente eine lange, flache Barke mit Leitern, welche durch blaue Vorhänge bedeckt waren, als Zufluchtsſtätte für die badenden Dia⸗ nen, auf welche bei ihrem Austritt aus dem Waſſer zwanzig mit Federbüſchen geſchmückte Acteons lauerten, welche glühend und voll Lüſternheit auf dem mooſigen, duftenden Ufer des Fluſſes galoppirten. Aber Diana, ſelbſt die ſchamhafte Diana, war, in die lange Chlonayde gekleidet, minder keuſch, minder un⸗ durchdringlich, als Madame, jung und ſchön, wie die Göttin. Denn trotz der feinen, weißen Tunica der Jägerin ſah man ihr rundes, weißes Knie, trotz des klirrenden Köchers erblickte man ihre braunen Schultern; während ein langer, hundertfach gerollter Schleier Ma⸗ dame umhüllte, wenn ſie ſich den Armen ihrer Frauen überließ, und ſich für die unbeſcheidenſten, wie für die durchdringendſten Blicke unzugänglich machte. Stieg ſie wieder die Treppe hinauf, ſo hielten die gegenwärtigen Dichter, und alle waren Dichter, wenn es ſich um Madame handelte, hielten die zwanzig galop⸗ pirenden Dichter an und riefen einſtimmig, es ſeien keine Waſſertropfen, ſondern Perlen, was von dem Kör⸗ per von Madame falle und ſich in dem glücklichen Strom verliere. 1 Der König, der Mittelpunkt dieſer Poeſien und Huldigungen, befahl den Vergrößerern, deren Begeiſte⸗ rung nicht verſiegt wäre, Stillſchweigen und wandte ſein Pferd um, aus Furcht, ſelbſt unter den ſeidenen Vorhängen, die Beſcheidenheit der Fran und die Würde der Prinzeſſin zu verletzen. Es entſtand daher eine große Leere auf der Scene und ein tiefes Stillſchweigen in der Barke. Aus den Bewegungen, aus dem Spiel der Falten, aus den Wo⸗ gungen der Vorhänge, errieth man das Hin⸗ und Her⸗ gehen der für ihren Dienſt geſchäftigen Frauen. 3 Der König horchte auf die Worte ſeiner Cavaliere aber wenn man ihn anſchaute, konnte man ſich entneh⸗ men, daß ſeine Aufmerkſamkeit nicht bei ihren Reden war. In der That, kaum hatte das Geräuſch des Glei⸗ tens der Ringe auf den Vorhangſtangen verkündigt, Madame ſei angekleidet und die Göttin werde bald er⸗ ſcheinen, als ſich der König auf der Stelle umwandte, ſo nahe als möglich zum Ufer ſprengte und allen den⸗ jenigen, welche ihr Dienſt oder ihr Vergnügen zu Ma⸗ dame berief, ein Signal gab. Man ſah die Pagen, ihre Handpferde führend, her⸗ beieilen; man ſah die Calechen, welche bedeckt unter den Zweigen geblieben waren, zu denſelben vorrücken, dann die Wolke von Dienern, Trägern, Frauen, die, während des Bads der Gebieter abſeits ihre Bemerkungen, ihre Kritiken, ihre Verhandlungen über Intereſſen ausgetauſcht hatten, ein flüchtiges Journal jener Zeit, deſſen ſich Keiner er⸗ innert, nicht einmal die Wellen, die Spiegel der Per⸗ ſonen, die Echos der Reden; die Wellen, die Gott ſelbſt in die Unermeßlichkeit geſtürzt, wie er die Schauſpieler in die Ewigkeit geſtürzt hat. Dieſe ganze auf den Ufern des Fluſſes zuſammen⸗ geſchaarte Welt, abgeſehen von einer Menge von Bauern, die durch das Verlangen, den König und die Prinzeſſin zu ſehen, herbeigezogen wurden, dieſe ganze Welt war acht bis zehn Minuten lang der verworrenſte, ange⸗ nehmſte Durcheinander, den man ſich denken konnte. Der König ſtieg ab, alle Höflinge ahmten ihm nach; er bot ſeine Hand Madame, deren prächtiges Reitkleid ihre zierliche Taille enthüllte, die ſich unter ihren Gewand von feiner, ſilbergeſtickten Wolle her⸗ vorhob. Noch feucht und dunkler als Gagath, benetzten ihre Haare ihren ſo weißen und ſo reinen Hals. Die Freude und die Geſundheit glänzte aus ihren ſchönen Augen, ſie war geſtärkt und athmete unter dem ge⸗ ſtickten Sonnenſchirme, den ihr ein Page trug, mit langen Zügen die Luft ein.. 4 189 Nichts Anmuthigeres, nichts Zarteres, nichts Poe⸗ tiſcheres, als dieſe zwei in den roſigen Schatten des Sonnenſchirms getauchten Geſichter.. Der König, deſſen weiße Zähne in einem beſtändigen Lächeln glänz⸗ ten; Madame, deren ſchwarze Augen wie zwei Karfunkel in dem glimmerartigen Reflex der ſchimmernden Seide ſtrahlten. Als Madame zu ihrem Pferde kam, einem pracht⸗ vollen andaluſiſchen Zelter, von einem fleckenloſen Weiß, etwas ſchwerfällig vielleicht, aber mit dem feinen, ver⸗ ſtändigen Kopf, in welchem man die Miſchung des ara⸗ biſchen Blutes ſo glücklich verbunden mit dem ſpaniſchen Blut fand, und mit dem langen die Erde fegenden Schweif, nahm ſie der König, da ſich die Prinzeſſin träge machte, um den Steigbügel zu erreichen, ſo in ſeine Arme, daß ſich der Arm von Madame wie ein Feuerkreis um den Hals des Köonigs ſchlang. Ludwig ſtreifte, indem er ſich zurückzog, unwillkür⸗ lich mit ſeinen Lippen dieſen Arm, der ſich nicht ent⸗ fernte; dann, nachdem die Prinzeſſin ihrem königlichen Stallmeiſter gedankt hatte, war die ganze Welt in einem Augenblick im Sattel. 4 Der König und Madame ritten auf der Seite, um die Calechen und die Piqueurs vorüberzulaſſen. „Vom Joch der Etiquette befreit, ließen viele Ca⸗ valiere ihren Pferden die Zügel ſchießen, und ſprengten den Wagen nach, welche die Ehrenfräulein, friſch wie eben ſo viele Orcaden um Diana, entführten, und lachend, ſcherzend, brauſend entflogen die Wirbel. Der König und Madame hielten ihre Pferde im Schritt. Hinter Seiner Majeſtät und der Prinzeſſin, ſeiner Schwägerin, aber in einer ehrfurchtsvollen Entfernung folgten die Höflinge ernſt oder begierig, im Bereiche und unter den Blicken des Königs zu bleiben; ſie be⸗ wältigten ihre ungeduldigen Pferde, regelten ihren Gang nach dem der Roſſe des Koͤnigs und von Ma⸗ 1 ——— 190 dame, und überließen ſich Allem, was an Süßigkeit und Annehmlichkeit der Umgang mit Leuten von Geiſt bietet, die mit dem artigſten Ton tauſend grauſame Anſchwärzungen auf Rechnung ihres Nebenmenſchen preisgeben. Bei dem kleinen erſtickten Lachen, bei dem plötzli⸗ chen Zurückhalten dieſer ſardoniſchen Heiterkeit, wurde Monſtieur, dieſer arme Abweſende, nicht geſchont. Aber man hatte Mitleid, man ſeufzte über das Schickſal von Guiche, und man muß geſtehen, das Mit⸗ leid war nicht übel augebracht. Der König und Madame, welche bis jetzt ihre Pferde nicht in Athem geſetzt und hundertmal Alles wiederholt hatten, was ihnen die Höflinge in den Mund brachten, die ſie ſprechen machten, ſchlugen nun den kurzen Jagdgalopp an und man hörte unter dem Ge⸗ wichte dieſer Reiterei die tiefen Alleen des Waldes er⸗ ſchallen. Auf die Unterhaltungen mit leiſer Stimme, auf die Geſpräche in Form von vertraulichen Mittheilungen, auf die auf eine geheimnißvolle Weiſe ausgetauſchten Worte, folgten geräuſchvolle Ausbrüche; die Heiterkeit verbreitete ſich von den Piqueurs an bis zu den Prinzen. Jedermann lachte und ſchrie. Man ſah die Elſtern und die Hehren mit ihrem Gekrächze unter den wogenden Gewölben der Eichen entfliehen, der Kuckuck unterbrach ſeine eintönige Klage in der Tiefe des Waldes, die Finken und die Meiſen entflogen in Schaaren, während die Hirſche und die Rehe erſchrocken in den Gebüſchen umherſprangen. Dieſer die Freude, den Laͤrmen und das Licht auf ihrem Wege verbreitenden Menge, ging gleichſam ihr eigener Wiederhall nach dem Schloſſe voran. Der König und Madame ritten von allen Seiten durch den einſtimmigen Zuruf des Volkes begrüßt in die Stadt ein. Madame beeilte ſich, Monſieur aufzuſuchen. Sie 191 begriff inſtinctartig, daß er zu lange außerhalb dieſer Freude geblieben war. Der Koöͤnig begab ſich zu den Königinnen, er wußte, daß er ihnen, einer beſonders, eine Entſchädigung für ſeine lange Abweſenheit ſchuldig war. Madame wurde jedoch nicht bei Monſteur empfan⸗ gen. Mau antwortete ihr, er ſchlafe. 1 Statt Maria Thereſia, lächelnd wie immer zu tref⸗ fen, fand der König in der Gallerie Anna von Oeſter⸗ reich, die auf ſeine Ankunft wartete, ihm entgegen ging, ihn bei der Hand nahm und in ihr Gemach fuͤhrte. Was ſie ſich ſagten, oder was vielmehr die Köni⸗ gin Mutter zu Ludwig XIV. ſagte, Niemand hat es je erfahren, aber man hätte es gewiß aus dem ärger⸗ lichen Geſicht des Königs nach dem Ausgang dieſer Unterredung errathen können. Wir aber, deren Geſchäft es iſt, auszulegen, ſo wie dem Leſer unſere Auslegung mitzutheilen, wir würden uns gegen unſere eigene Pflicht verfehlen, wenn wir ihn über das Reſultat dieſer Zuſammenkunft in Unwiſſen⸗ heit ließen. 4 Err wird es, wir hoffen dies wenigſtens, hinreichend in dem folgenden Kapitel entwickelt finden. XIX. Die Schmetterlingsjagd. Alz der Konig in ſeine Gemächer zurückkehrte, um einige Befehle zu geben und ſeine Gedanken ruhen zu laſſen, fand er auf ſeinem Ankleidetiſch ein Billetchen, deſſen Handſchrift verſtellt zu ſein ſchien. Er öffnete es und las: 5 „Kommt geſchwinde, ich habe Euch tauſend Dinge uu ſagen.“ 192 Der König und Madame hatten ſich nicht lange genug verlaſſen, daß dieſe tauſend Dinge die Folge von den dreitauſend ſein konnten, die man ſich auf dem— Wege geſagt, der Valvins von Fontainebleau trennt. Das Verwirrte, Haſtige des Billets gaben dem König auch viel zu denken. Er beſchäftigte ſich ein wenig mit ſeiner Toilette und ging dann weg, um Madame einen Beſuch abzu⸗ ſtatten. 1 Die Prinzeſſin war, da ſie nicht den Anſchein haben wollte, als erwartete ſie ihn, mit allen ihren Damen in die Gärten hinabgegangen.. Als der König erfuhr, Madame habe ihre Gee⸗ mächer verlaſſen, um ſich auf die Promenade zu be⸗ geben, ſammelte er alle Cavaliere, die er unter der Hand finden konnte, und forderte ſie auf, ihm in ide Gärten zu folgen. 1 Madame jagte Schmetterlinge auf einer großen, mit Heliotropen und Pfriemenkraut eingefaßten Wieſee. Sie ſchaute den unerſchrockenſten und jüngſten von ihren Damen zu und wartete, den Rücken nach den Hagenbuchen gewendet, ſehr ungeduldig auf die An⸗ kunft des Königs, dem ſie dieſes Rendezvous be⸗ zeichnet hatte. Das Krachen mehrerer Tritte auf dem Sand ver⸗ anlaßte ſte, ſich umzudrehen. Ludwig erſchien mit ent: blößtem Haupt; er hatte mit dem Stock ein kleines Nachtpfauenauge niedergeſchlagen, das Herr von Saint⸗ Aignon ganz betrübt aus dem Graſe aufhob. „Ihr ſeht, Madame,“ ſagte der König,„ich jage auch für Euch.“. und er näherte ſich und ſprach, indem er ſich zu den Edelleuten umwandte, die ſein Gefolge bildeten: „Meine Herren, bringet jeder von Euch eben ſo viel dieſen Damen.“ 3 Das hieß alle Welt entlaſſen. Man ſah nun ein ſeltſames Schauſpiel; die alten 8— — 85* NN e NANR 3 193 Höflinge, die feiſten Herren, liefen den Schmetterlingen nach, verloren dabei ihre Hüte und griffen mit aufge⸗ hobenem Stock Myrthen und Pfriemenkraut an, wie es die Spanier gethan hätten. Der König bot Madame die Hand und wählte mit ihr als Mittelpunkt der Beobachtungen eine mit einem Dachwerk von Moos bedeckte Bank, eine Art von Hütte, angelegt von dem ſchüchtern Genie eines Gärtners, den das Pittoreske und die Phantaſie im ſtrengen Styl der Gärtnerei jener Zeit eingeweiht hatte. Dieſes mit Kapucinern und rankenden Roſenſträuchen verzierte Dach erhob ſich über einer Bank ohne Lehne, ſo daß die mitten auf der Wieſe vereinzelten Zuſchauer überallhin ſehen und von allen Seiten geſehen wurden, aber nicht gehört werden konnten, ohne ſelbſt diejenigen zu er⸗ ſchauen, welche ſich ihnen genähert hätten, um zu hören. Von dieſem Sitze aus, auf dem die beiden Intereſ⸗ ſirten Platz nahmen, machte der König den Jüngern ein Zeichen der Ermuthigung; dann, als verhandelte er mit Madame über den von einer goldenen Nadel durchſtochenen und an ſeinen Hut befeſtigten Schmetter⸗ ling, ſprach er: „Sind wir hier nicht gut, um zu plaudern?“ „Ja, Sire, denn ich mußte nothwendig von Euch allein gehört und von Jedermann geſehen werden.“ „Und ich auch,“ ſagte Ludwig. „Mein Billet hat Euch in Erſtaunen geſetzt?“ „Erſchreckt. Doch was ich Euch zu ſagen habe, iſt viel wichtiger.“ 3 „dOh! nein. Wißt Ihr, daß Monſteur ſeine Thüre für mich verſchloſſen hat?“ „Für Euch! Und warum?“ „Errathet Ihr es nicht?“ „Ahl Madame, dann haben wir uns beide daſſelbe zu ſagen.“. „Was iſt Euch denn begegnet?“ Die drei Musketiere. Bragelonne. V. 18.— 194 „Wollt Ihr, daß ich anfange.“ „Ja, denn ich habe Alles geſagt.“ „Alſo iſt es an mir. Wißt, daß ich bei meiner Ankunft meine Mutter fand, die mich in ihre Wohnung führte.“ „Oh! die Königin Mutter!“ rief Madame ängſt⸗ AMi...„SDas iſt ernſt.“ „Ich glaube es wohl. Hört, was ſie zu mir ſagte.. Vor Allem erlaubt mir eine Vorbemerkung.“ „Immer zu, Sire. „Hat Monſtieur je mit Euch von mir geſprochen?“ „Oft.“ „Hat Monſieur von ſeiner Eiferſucht geſprochen?“ „Noch öfter.“ „In Beziehung auf mich?“ „Nein, in Beziehung auf. „Ja, ich weiß es, ualit heam auf Guiche.. „Ganz richtige „Wohl denn! Madame, nun läßt es ſich Monſieur nfallen, auf mich eiferſüchtig zu ſein.“ „Seht doch!“ erwiederte die Prinzeſſin boshaft lächelnd. „Mir ſcheint aber, wir haben nie Anlaß gegeben.. „Nie! ich wenigſtens... Doch wie habt Ihr 5 Eiferſucht von Monſteur erfahren 2 „Meine Mutter hat mir mitgetheilt, Monſteur ſei wie ein Wüthender zu ihr gekommen und habe tauſend 3 Klagen gegen Euch ausgeſtoßen... Verzeiht mir „Sprecht, ſprecht...“ „Ueber Eure Coquetterie. Es ſcheint, daß ſich Monſieur auch mit der Ungerechtigkeit befaßt.“ „Ihr ſeid ſehr gut, Sire.“ „Meine Mutter beruhigte ihn, aber er behauptete, man beruhige ihn zu oft und er wolle nicht mehr be⸗ 4 ruhigt ſein.“ „Hätte er nicht beſſer Daran gethan, ſich gar nicht zu beunruhigen?“ „ e, t 195 „Das habe ich auch geſagt.“ „Geſteht, Sire, daß die Welt ſehr böſe iſt. Wie, ein Schwager, eine Schwägerin können nicht mit ein⸗ ander plaudern, ſich in der Geſellſchaft einander ge⸗ fallen, ohne Anlaß zu Commentaren, zu Verdächtigungen zu geben? Denn wir thun nichts Schlimmes, Sire, wir haben durchaus keine Luſt, etwas Schlimmes zu thun.“ Und ſie ſchaute den König mit jenem ſtolzen, her⸗ ausfordernden Auge an, das die Flamme des Verlangens bei den Kälteſten und Vernünftigſten entzündet. „Nein, das iſt wahr,“ ſagte Ludwig. „Wißt Ihr, daß ich, wenn das ſo fortginge, ge⸗ nöthigt wäre, Lärmen zu machen. Beurtheilt unſer Benehmen: iſt es der Ordnung gemäß, oder iſt es nicht ſo?“ „Oft allein, denn wir finden ein Gefallen an den⸗ ſelben Dingen, konnten wir uns zu dem Schlimmſten ver⸗ irren,— haben wir es gethan?... Für mich ſeid Ihr ein Bruder, nicht mehr.“ Derr König faltete die Stirne. Sie fuhr fort: „Eure Hand, die mir oft begegnet, veranlaßt bei mir nicht jenes Beben, jene Erſchütterung, welche Lie⸗ bende, zum Beiſpiel...“ 3 „SOhl genug, genug, ich beſchwöre Euch,“ ſagte der König auf die Folter geſpannt.„Ihr ſeid unbarm⸗ herzig und bereitet mir den Tod.“ „Wie denn?“. „Nun, Ihr ſagt mir ganz klar, Ihr empfindet 1 nichts in meiner Nähe.“ „Oh! Sire... das ſage ich nicht... meine Zu⸗ neigung...“ „Henriette... genug.. ich bitte Euch noch ein⸗ mal... wenn Ihr glaubt, ich ſei von Marmor wie Ihr, ſo täuſcht Ihr Euch.“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Es iſt gut,“ ſeufzte der König, die Augen nieder⸗ 196 ſchlagend.„Alſo unſer Zuſammentreffen, unſer Hände⸗ drücken... unſere ausgetauſchten Blice Verzeiht, verzeiht... ja, Ihr habt Recht, und ich weiß, was Ihr ſagen wollt.“ Er verbarg ſein Haupt in ſeinen Händen. „Nehmt Euch in Acht, Sire,“ ſagte Madame raſch, „ Herr von Saint⸗Aingnon ſchaut Euch an.“ „Es iſt wahr!“ rief Ludwig wüthend,„nie ein Schatten von Freiheit, nie Aufrichtigkeit in den Ver⸗ hältniſſen und gegenſeitigen Beziehungen... Man glaubt einen guten Freund zu finden, und hat nur einen Spion... eine Freundin, und hat nur eine Schweſter.“ Madame ſchwieg und ſchlug die Augen nieder. „Monſieur iſt eiferſüchtig!“ murmelte ſie mit einem Ton, deſſen Süßigkeit und Zauber nichts wiederzugeben vermöchte. „Oh! Ihr habt Recht,“ rief plötzlich der König. „Ihr ſeht wohl,“ ſagte ſie, indem ſie der König anſchaute, um ihm das Herz zu verſengen,„Ihr ſeid frei, Euch beargwohnt man nicht; man vergiftet nicht jede Freude Eures Hauſes.“ Ahl Ihr wißt noch nicht, daß die Koͤnigin eifer⸗ ſüchtig iſt. 85 „Maria Thereſia!“. „Bis zum Wahnſinn. Die Eiferſucht von Mon⸗ ſeur iſt aus der ihrigen entſtanden; ſie weinte, ſie be⸗ klagte ſich bei meiner Mutter, ſie machte uns die Bade⸗ varthien zum Vorwurf, welche für mich ſo ſüß ſind.“ „Für mich,“ bezeichnete das Auge der Prinzeſſin. „Monſieur horchte und erlauerte plötzlich das Wort banos, das die Königin voll Bitterkeit ausſprach; das gab ihm Aufklärung, er trat außer ſich ein, miſchte ſich in das Geſpräch und haderte mit meiner Mutter ſo heftig, daß ſie ſeine Gegenwart fliehen mußte... Ihr habt es nun mit einem eiferſüchtigen Mann zu thun, und ich ſehe vor mir beſtändig, unerbittlich das Geſpenſt NNnu. —— —O—* im Grunde des Meeres erblickt. 197 der Eiferſucht mit aufgeſchwollenen Augen, abgemager⸗ ten Wangen und finſterem Munde ſich erheben.“ „Armer König,“ flüſterte Madame. Und ſie ließ ihre Hand über die des Königs hinſtreifen. Er hielt dieſe Hand zurück, und um ſie zu drücken, ohne Verdacht bei den Zuſchauern zu erwecken, welche nach den Schmetterlingen nicht ſo gut haſchten, daß ſie nicht auch nach Neuigkeiten gehaſcht hätten und ein Geheimniß in der Unterhaltung des Koͤnigs mit Ma⸗ dame zu ergaffen bemüht geweſen wären, näherte Ludwig ſeiner Schwägerin den verſcheidenden Schmetter⸗ ling, und beide neigten ſich, als wollten ſie die tauſend Augen ſeiner Flügel oder die Körner ihres Goldſtaubes ählen. 3 zii Nun ſprach weder das Eine noch das Andere; ihre Haare berührten ſich, ihr Athem vermengte ſich, ihre Hände brannten in einander. 3 So vergingen fünf Minuten. XX. Was man auk der Schmetterlingsjagd fängt. „Die zwei jungen Leute blieben einen Augenblic mit geſenktem Kopfe unter den doppelten Gedanken ent⸗ ſtehender Liebe, die ſo viele Bläthen in zwanzig⸗ jährigen Phantaſien treibt. Madame Henriette ſchaute Ludwig von der Seite an. Es war eine von den gut organiſirten Naturen, die zugleich in ſich ſelbſt und in die Andern zu ſchauen wiſſen. Sie erblickte die Liebe im Grunde des Herzens von Ludwig, wie ein geſchickter Taucher eine Perle 4 198 Sie ſah ein, daß Ludwig im Zögern, wenn nicht im Zweifel begriffen war, und daß man dieſes träge oder ſchüchterne Herz vorwärts treiben müßte. „Alſo...“ ſprach ſie fragend, indem ſie zu glei⸗ ccher Zeit das Stillſchweigen unterbrach. „Was wollt Ihr ſagen,“ fragte Ludwig, nachdem er einen Augenblick gewartet hatte. „Ich will ſagen, daß ich auf den Entſchluß zurück⸗ kommen muß, den ich gefaßt hatte.“— „Auf welchen?“ „Auf den, welchen ich Eurer Majeſtät unterwarf.“ „Wann dieß?“: „An dem Tag, wo wir uns über die Eiferſucht von Monſieur erklärten.“ „Was ſagtet Ihr mir denn an jenem Tag?“ fragte Ludwig unruhig. „Erinnert Ihr Euch nicht mehr, Sire?“ „Ach! wenn es abermals ein Unglück iſt, ſo werde ich mich deſſelben immer noch früh genng erinnern!“ „Ohl es iſt nur für mich ein Unglück, Sire,“ ant⸗ wortete Madame Henriette;„doch es iſt ein nothwen⸗ diges Unglück.“ „Mein Gott!“ „Und ich werde mich demſelben unterziehen.“ „Sprecht doch, welches Unglück iſt das?“ „Die Abweſenheit.“. „Ohl abermals dieſer abſcheuliche Entſchluß!“ „Sire, glaubt mir, daß ich ihn nicht gefaßt habe, ohne heftig mit mir zu kämpfen... Sire, glaubt mir, ich muß nach England zurückkehren.“ „Ohl nie, nie, ich werde nicht geſtatten, daß Ihr Frankreich verlaßt!“ rief der König. „Und dennoch,“ ſprach Madame, eine milde, traurige Feſtigkeit heuchelnd,„und dennoch, Sire, iſt nichts drin⸗ gender; und mehr noch, ich bin überzeugt, daß dieß der Wille Eurer Mutter iſt.“ „Der Wille?“ rief der Koͤnig.„So! ſol liebe 199 Schwaͤgerin, Ihr habt da ein ſeltſames Wort vor mir ausgeſprochen!“ „Nun,“ erwiederte lächelnd Madame Henriette, „ſeid Ihr nicht glücklich, Euch dem Willen einer guten Mutter zu unterziehen?“ „Genug, ich beſchwöre Euch; Ihr zerreißt mir das Herz., 4 „Allerdings, Ihr ſprecht von dieſer Abreiſe mit einer Ruhe..“ „Ich bin nicht geboren, um glücklich zu ſein,“ antwortete ſchwermüthig die Prinzeſſin,„und ich habe ganz jung mich daran gewöhnt, meinen theuerſten Ge⸗ dn Verhältniſſe und Hinderniſſe entgegentreten zu ehen. „Sprecht Ihr die Wahrheit? und Euere Abreiſe miede einem Gedanken widerſtreben, der Euch theuer i „Antwortete ich Euch ja, nicht wahr, Sire, ſo würdet Ihr Euer Uebel ſchon in Geduld hinnehmen?“ „Grauſame!“ „Nehmt Euch in Acht, Sire, man nähert ſich Der König ſchaute umher. „Nein,“ ſagte er. Dann zu Madame zurückkehrend: „Sprecht, Henriette, ſtatt die Eiferſucht von Monſteur durch eine Abreiſe zu bekämpfen, die mich tödten würde..“ 1 Henriette zuckte leicht die Achſeln, wie eine Frau, welche zweifelt. „Ja, die mich tödten würde,“ wiederholte Ludwig. „Statt auf dieſer Abreiſe zu beſtehen.. ſollte Eure Einbildungskraft oder Euer Herz vielmehr Euch nichts Anderes eingeben?“ 4 „Mein Gottl was ſoll mir mein Herz eingeben?“ 200 „Aber ſagt doch, wie beweist man Einem, daß er Unrecht hat, eiferſüchtig zu ſein?“ 4 „Vor Allem, Sire, dadurch, daß man ihm keinen Anlaß zur Eiferſucht gibt, das heißt, daß man nur ihn liebt.“ „Ohl ich erwartete etwas Beſſeres.“ „Was erwartetet Ihr denn?“ „Ibr würdet ganz einfach antworten, man be⸗ ruhige die Eiferſüchtigen dadurch, daß man die Zu⸗ neigung verhehle, die man für den Gegenſtand ihrer Eiferſucht hegt.“ „Verhehlen iſt ſchwierig, Sire.“ „Durch die beſiegten Schwierigkeiten gelangt man jedoch zu jeglichem Glück. Ich, was mich betrifft, ſchwöre Euch, daß ich einen Eiferſüchtigen, wenn es ſein muß, Lügen ſtrafen werde, indem ich mich ſtelle, als behandelte ich Euch wie alle andere Frauen.“ „Ein ſchlechtes Mittel, ein ſchwaches Mittel,“ iigegnete die junge Frau, ihren reizenden Kopf ſchüt⸗ telnd. „Ihr findet Alles ſchlocht, theuere Henriette,“ ſprach Ludwig unzufrieden.„Ihr zerſtöret Alles, was ich vorſchlage. Jetzt alſo etwas Anderes an der Stelle. Sucht... Ich habe großes Vertrauen zu den Er⸗ findungen der Frauen. Erfindet Eurerſeits.“ „Gut, ich finde Folgendes. Höret Ihr wohl, Sire?“ 83 „ hr fragt das? Ihr ſprecht über mein Leben oder über meinen Tod? und Ihr fragt mich, ob ich höre!“ „Nun wohl, ich urtheile nach mir ſelbſt. Han⸗ delt es ſich darum, mich auf eine andere Fährte, hin⸗ ſichtlich der Abſichten meines Gemahls auf eine an⸗ dere Frau zu bringen, ſo würde mich Eins mehr als Alles beruhigen.“. „Was denn?“ N N 201 „Einmal, wenn ich ſehen würde, er beſchäftige ſich nicht mit dieſer Frau.“ „Gut. Das iſt es gerade, was ich ſo eben ſagte.“ „Es mag ſein. Doch um völlig beruhigt zu ſein, möchte ich noch ſehen, daß er ſich mit einer Anderen beſchäftige.“ „Ah! ich verſtehe Euch,“ erwiederte Ludwig lä⸗ chelnd.„Aber ſagt, liebe Henriette...“ „Was?“ „Wenn das Mittel geiſtreich iſt, ſo iſt es doch nicht gutthätig.“ „Warum?“ „Indem Ihr die Furcht vor der Wunde im Geiſte des Eiferſüchtigen heilt, bringt Ihr ihm eine andere im Herzen bei. Er hat die Furcht nicht mehr, das iſt wahr, aber er hat das Uebel, was mir noch viel ſchlim⸗ mer ſcheint.“ 3 „Einverſtanden, aber er überraſcht, er vermuthet wenigſtens nicht den wahren Feind, er ſchadet der Liebe nicht; er concentrirt alle ſeine Kräfte auf der Seite, wo ſeine Kräfte Nichts und Niemand Eintrag thun werden. Mit einem Wort, Sire, mein Syſtem, das ich Euch zu meinem Erſtaunen bekämpfen ſehe, ich ge⸗ ſtehe es, iſt allerdings nachtheilig für die Eiferſüch⸗ tigen, aber wohlthätig für die Liebenden. Ich frage Euch aber, Sire, ſind nicht, Euch vielleicht ausge⸗ nommen, der Ihr nie daran gedacht habt, Eiferſüch⸗ tige zu beklagen? ſchwermüthige Thoren immer ſo un⸗ glücklich ohne Gegenſtand, als mit Gegenſtand? nehmt den Gegenſtand weg und Ihr werdet ihre Betrübniß doch nicht zerſtören. Dieſe Krankheit liegt in der Ein⸗ bildung, und iſt, wie alle eingebildeten Krankheiten, unheilbar. Ahl theuerſter Sire, ich erinnere mich in dieſer Hinſicht eines Lehrſpruchs von meinem armen Arzte Dawley, einem gelehrten und geiſtreichen Dok⸗ cor, den ich ohne meinen Bruder, der ſeiner nicht ent⸗ dere kann, nun bei mir hätte.„„Leidet Ihr an 202 zwei Beſchwerden,“n ſagte er zu mir,„„ſo wählt die⸗ jenige, welche Euch am wenigſten beläſtigt, ich laſſe Euch dieſe, denn, bei Gott! dieſe iſt mir äußerſt nütz⸗ lich, daß es mir gelingt, die andere bei Euch zu ver⸗ tilgen!u² „Gut geſagt, gut geurtheilt, theuere Henriette,“ ſprach der König lächelnd. „Ohl wir haben geſchickte Leute in London, Sire.“ „Und dieſe geſchickten Leute bilden anbetungswür⸗ dige, Zoglinge; dieſen Daley, Dawley, wie nennt Ihr ihn 2 „Dawley!“ „Ich ſetze ihm von morgen an für ſeinen Lehr⸗ ſpruch eine Penſton aus; Ihr, Henriette, ich bitte Euch, fangt an, das kleinſte von Euren Uebeln zu wählen. Ihr antwortet nicht, Ihr lächelt, ich errathe: das kleinſte von Euren Uebeln, nicht wahr, iſt Euer Auf⸗ enthalt in Frankreich? Ich laſſe Euch dieſes Uebel; um mit der Kur des Andern zu beginnen, will ich heute noch einen Gegenſtand der Ableitung für die Eiferſüch⸗ tigen jedes Geſchlechtes ſuchen, die uns verfolgen.“ „St! Dießmal kommt man in der That.“ uUnd ſie bückte ſich, um ein Sinngrün auf dem Raſen zu pflücken. Man kam in der That, denn plötzlich ſtürzte von der Höhe des Hügels eine Menge von jungen Frauen Eras⸗ denen die Cavaliere folgten; die Urſache dieſes inbruchs war eine herrliche Sphinx mit Vorderflügeln, dem Gefieder der Nachteule, mit Unterflügeln, den Roſenblättern ähnlich. Dieſe herrliche Beute war in das Garn von Fräu⸗ lein von Tonnay⸗Charente gefallen, welche ſie mit Stolz ihren Nebenbuhlerinnen zeigte, die nicht minder gut zu ſuchen wußten, als ſie. Die Königin der Jagd ließ ſich ungefähr zwanzig Schritte vor der Bank nieder, auf der Ludwig und Ma⸗ dame Henriette ſaßen, lehnte ſich an eine herrliche von 203 Epheu umrankte Eiche an und ſteckte den Schmetterling 1 mit einer Nadel auf ihr langes Rohr. — Fräulein von Tonnay⸗Charente war ſehr ſchön; die Männer ließen deßhalb die anderen Frauen im Stich, um ſich, unter dem Vorwand, ihr ein Kompliment über ihre Geſchicklichkeit zu machen, in einen Kreis um ſie zu drängen. I Der König und die Prinzeſſin betrachteten ver⸗ edrießlich dieſe Scene, wie die Zuſchauer von einem an⸗ dern Alter die Spiele der kleinen Kinder betrachten. „Man beluſtigt ſich dort,“ ſagte der Konig. „Ungemein, Sire; ich habe immer bemerkt, daß man ſich da beluſtigte, wo die Jugend und die Schön⸗ heit waren.“ „Was haltet Ihr von Fräulein von Tonnay⸗Cha⸗ rente, Henriette?“ fragte der König. „Ich ſage, ſie iſt ein wenig blond,“ erwiederte Madame, mit einem Schlage den einzigen Fehler auf⸗ greifend, den man der beinahe vollkommenen Schönheit der zukünftigen Frau von Monteſpan vorwerfen konnte. „Es mag ſein, ein wenig blond, aber deſſen un⸗ geachtet ſchön, wie mir ſcheint.“ 5 3 33 das Eure Anſicht, Sire?“ 8 a.“ „Wohl, dann iſt es auch die meinige.“ „Und man huldigt ihr, wie Ihr ſeht.“ „Ohl ja, die Liebhaber umflattern ſte. Wenn w auf Liebhaber ſtatt auf Schmetterlinge jagten, welch einen ſchönen Fang würden wir um ſie her machen!u. „Sprecht, Henriette, was würde man ſagen, wenn ſich der König unter alle dieſe Liebhaber miſchen und ſeinen Blick nach jener Seite fallen ließe? Wäre man dort wohl immer noch eiferſüchtig?“ 5„Oh! Sire, Fraͤulein von Tonnay⸗Charente iſt ein ſehr wirkſames Gegenmittel,“ erwiederte Madame mit einem Seufzer;„es iſt wahr, ſie würde den Eiferſüch⸗ tigen heilen, aber eine Eiferſüchtige machen.“ 3 „Henriette! Henriette!“ rief Ludwig,„Ihr erfüllt mein Herz mit Freude! Ja, ja, Ihr habt Recht, Fräulein von Tonnay⸗Charente iſt zu ſchön, um als Mantel zu dienen.“ „Ein Königsmantel,“ erwiederte Madame Hen⸗ riette lächelnd,„ein Königsmantel muß ſchön ſein.“ „Rathet Ihr mir das?“ fragte Ludwig. „Oh! was ſoll ich Euch ſagen, Sire, wenn nicht, daß einen ſolchen Rath geben, Waffen gegen mich geben hieße? Es wäre Wahnſinn oder Stolz, Euch zu ra⸗ then, Ihr ſollet zur Heldin einer falſchen Liebe eine Frau wählen, die ſchöner iſt, als diejenige, für welche Ihr eine wahre Liebe zu fühlen behauptet.“ Der König ſuchte die Hand von Madame mit der Hand, die Augen mit den Augen, dann ſtammelte er ein paar ſo zärtliche, zugleich aber ſo leiſe geſprochene Worte, daß der Geſchichtſchreiber, der Alles hören ſoll, dieſelben nicht hörte. Hierauf ſprach er laut: „Wohl denn! ſucht mir ſelbſt diejenige, welche un⸗ ſern Eiferſüchtigen heilen ſoll; dieſer werde ich alle meine Aufmerkſamkeiten, alle Zeit widmen, die ich den Geſchäften ſtehle; dieſer die Blume, die ich für Euch pflücke, die zärtlichſten Gedanken, die Ihr in mir ent⸗ ſtehen macht; dieſer den Blick, den ich nicht an Euch zu richten wagen werde, und der Euch aus Eurer Sorg⸗ loſigkeit aufwecken ſollte. Aber wählt ſie gut, aus Furcht, daß ich mich nicht, indem ich ſie anzuſchauen ſuche, indem ich an ſie denken will, indem ich ihr die von meinen Fingern abgelöſ'te Roſe biete, durch Euch beſiegt fühle, und daß nicht das Auge, die Hand, die Lippen auf der Stelle zu Euch zurückkehren, und ſollte das ganze Weltall mein Geheimniß errathen.“ Während dieſe Worte aus dem Munde des Königs wie ein Liebesfaden hervorkamen, erröthete, zitterte Madame, glücklich, ſtolz, berauſcht; ſte fand keine Ant⸗ wort, ihr Hochmuth und ihr Durſt nach Huldigungen waren befriedigt. „Ich werde wählen,“ erwiederte ſie, ihre ſchönen Augen aufſchlagend,„doch nicht ſo, wie Ihr mich bit⸗ tet, denn all der Weihrauch, den Ihr auf dem Altare einer andern Göttin verbrennen wollt, ohl Sire, ich bin auch eiferſüchtig darauf, und ich will, daß er mir zukomme, und will nicht, daß ſich ein Atom davon auf dem Wege verliere. Mit Eurer königlichen Erlaubniß, Sire, werde ich alſo wählen, was mir am wenigſten Euch zu zerſtreuen fähig ſcheint, und mein Bild in Eurem Herzen unberührt laſſen wird.“ „Zum Glück iſt Euer Hof nicht ſchlecht zuſammen⸗ geſetzt,“ ſagte der König,„ſonſt würde ich beben ob der Drohung, die Ihr mir macht; wir haben in dieſer Hinſicht unſere Vorſichtsmaßregeln getroffen, und es wäre ſchwierig, um Euch her, wie um mich ein ärger⸗ liches Geſicht zu finden.“ Während der König ſo ſprach, ſtand Madame auf, durchlief mit den Augen die ganze Wieſe, rief dann, nach einer genauen und ſchweigſamen Prüfung, den König zu ſich und ſagte: 4 4 „Sire, ſeht Ihr auf dem Abhange des Hügels bei dem Schneeballengebüſche jene ſchöne Nachzüglerin, welche, den Kopf geſenkt, die Arme hängend, allein geht, 3 und in den Blumen ſucht, die ſie mit ihren Füßen zer⸗ tritt, wie es diejenigen thun, welche ihre Gedanken verloren haben?“. 4 „Fräulein de la Vallière,“ antwortete der König. „Ja. 4 4 „Obl⸗ „Sagt ſie Euch nicht zu, Sire?“ „Schaut doch das arme Kind an... ſie iſt ma⸗ ger, beinahe fleiſchlos.“ 8 „Gutl bin ich fett?“ „ Aber ſie iſt zum Sterben traurig.“ „Das wird einen Contraſt mit mir bilden, die man zu großer Heiterkeit beſchuldigt.“ „Aber ſie hinkt.“ „Glaubt Ihr?“. „Gewiß. Seht, ſie hat Jedermann an ſich vor⸗ übergehen laſſen, aus Furcht, ihr Mißgeſchick könnte bemerkt werden.“ „Nun wohll ſie wird minder ſchnell laufen, als Daphne, und ſomit Apollo nicht entfliehen können.“ „Henriette! Henriette!“ ſagte der König verdrieß⸗ lich,„Ihr habt mir gerade die mangelhafteſte von Eu⸗ ren Chrenfräulein ausgeſucht.“ „Ja, aber merkt wohl, es iſt eines von meinen Ehrenfräulein.“ „Allerdings. Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß Ihr, um dieſe neue Gottheit zu beſuchen, nicht umhin könnt, zu mir zu kommen, und daß Ihr, da die Schicklichkeit Eurer Flamme verbietet, Eure Göttin unter vier Augen zu unterhalten, genöthigt ſein werdet, ſie in meinem Kreiſe zu ſehen, mit mir zu ſprechen, indem Ihr mit ihr ſprecht. Ich will endlich damit ſagen, daß die Eifer⸗ ſüchtigen Unrecht haben werden, wenn ſie glauben, Ihr kommet meinetwegen zu mir, da Ihr dem Fräulein de la Vallière zu Liebe kommt.“ „Ihr, die hinkt.“ „Unbedeutend.“ „Die nie den Mund öffnet.“ „Die aber, wenn ſie ihn öffnet, herrliche Zähne e 1. 44 tg„Die als Modell für Oſteologen dienen kann.“ „Eure Gunſt wird ſie fett machen.“ „Henriette!“ „Ihr habt mich gebieten laſſen.“ 4 ja.“ „Nun denn! es iſt meine Wahl; ich ſchreibe ſie SGuc vor; unterzieht Euch.“ 3 e 207 „Ohl ich werde eine der Furien aushalten, wenn Ihr ſie mir auferlegt.“ „La Vallière iſt ſanft wie ein Lamm; befürchtet nicht, daß ſie Euch je widerſpricht, wenn Ihr ihr ſagt, Ihr liebet ſie.“— Und Madame lachte. „Ohl nicht wahr, Ihr habt nicht bange, daß ich ihr zu viel ſage?“ „Das war in meinem Recht.“ „Es ſei.“ 5 „Es iſt alſo ein abgeſchloſſener Vertrag?“ „Unterzeichnet.“ „Ihr werdet mir Eure brüderliche Freundſchaft, den beſtändigen Umgang des Bruders, die Gebieterin eines Königs erhalten, nicht wahr?“ „Ich werde Euch ein Herz erhalten, das ſchon die Gewohnheit hat, nur auf Euern Befehl zu ſchlagen.“ „Nun, ſeht Ihr die Zukunft auf dieſe Art ge⸗ ſichert?“ „Ich hoffe es.“ „Wird Eure Mutter aufhören, mich als eine Fein⸗ din zu betrachten?“ 2. „Ja.“ 8 3 „Wird Maria Thereſia aufhören, ſpaniſch vor Monſieur zu ſprechen, der einen Haß gegen Unterre⸗ dungen in fremden Sprachen hat, weil er immer glaubt, man mißhandle ihn darin?“ „Ach! hat er Unrecht?“ murmelte der König zärtlich. 4 3 „Und zum Schluſſe,“ ſagte die Prinzeſſtn,„wird man den Koͤnig abermals beſchuldigen, er denke an un⸗ geſetzliche Zuneigungen, während wir nichts für ein⸗ ander vermögen, wenn wir nicht von jedem Hinterge⸗ danken freie Sympathien hegen... 8 „Ja, ja,“ ſtammelte der König.„Doch man wird etwas ganz Anderes ſagen.“ 4 2 208 „Und was wird man ſagen? Wir ſollen alſo nie Ruhe bekommen?“ „Man wird ſagen,“ fuhr der König fort,„ich habe einen ſehr ſchlechten Geſchmack, doch welches Ge⸗ wicht hat meine Eitelkeit Eurer Ruhe gegenüber?“ „Meiner Ehre und der unſerer Familie, wollt Ihr ſagen, Sire. Uebrigens glaubt mir, erzürnt Euch nicht ſo raſch gegen La Valliére; es iſt wahr, ſte hinkt, doch es fehlt Ihr nicht an einem gewiſſen geſunden Ver⸗ ſtand. Und dann verwandelt ſich Alles in Gold, was der König berührt.“ „Nun, Madame, ſeid von Einem überzeugt, da⸗ von, daß ich Euch abermals dankbar bin; Ihr könn⸗ tet mich Euren Aufenthalt in Frankreich theurer bezah⸗ len laſſen.“ „Sire, man kommt zu uns.“ „Nun. „Ein letztes Wort.“ „Sprecht.“ „Ihr ſeid klug und weiſe, Sire, hier aber müßt Ihr Eunre ganze Klugheit, Eure ganze Weisheit zu Hülfe rufen.“ „Ah!“ ſagte Ludwig lachend,„ich fange ſchon heute Abend an, meine Rolle zu ſpielen, und Ihr werdet ſehen, ob ich das Talent habe, Schäfer darzuſtellen. Nach dem Gouter haben wir große Promenade im Walde, dann haben wir Abendbrod und Ballet um zehn Uhr.“ „Ich weiß es wohl.“ „Meine Flamme aber wird dieſen Abend höher lodern, als das Kunſtfeuerwerk, heller glänzen, als die Lämpchen von unſerem Freunde Colbert; das ſoll der⸗ geſtalt ſtrahlen, daß es den Königinnen und Monſteur die Augen verſengt.“ Acht„Rehmt Euch in Acht, Sire, nehmt Euch in „Eil mein Gott, was habe ich denn gethan?“ —+——„— ——,——————— — ..„ͤ...ͤ..GʒG-ö-ö8.öʒö...—.· 209 „Ich muß meine Komplimente von vorhin zurück⸗ nehmen... Ihr klug! Ihr weiſe! habe ich geſagt... Ihr fangt aber mit abſcheulichen Thorheiten an. Ent⸗ zündet ſich eine Leidenſchaft ſo, wie eine Fackel, in ei⸗ ner Sekunde? fällt ein König ohne alle Vorbereitung einem Mädchen wie der La Vallière zu Füßen?“ „Ohl Henriette! Henriette! Henriette! hier faſſe ich Euch!... Wir haben den Feldzug noch nicht ein⸗ mal begonnen, und Ihr plündert mich.“ „Nein, ſondern ich rufe Euch zu geſunden Ideen zurück. Zündet ſtufenweiſe Eine Flamme an, ſtatt ſie ſo plötzlich auflodern zu laſſen. Jupiter donnert und läßt den Blitz leuchten, ehe er die Paläſte in Brand ſteckt. Jedes Ding hat ſein Vorſpiel. Wenn Ihr Euch ſo erhitzt, ſo wird Euch Niemand für verliebt halten, Jedermann wird glauben, Ihr ſeid verrückt, wenn man Euch nicht gar erräth. Die Leute ſind oft weniger dumm, als ſie ausſehen.“ Der König mußte zugeſtehen, daß Madame ein Engel an Wiſſen und ein Teufel an Geiſt war. Er verbeugte ſich und ſprach: „Gut, ich werde meinen Angriffsplan beendigen. Die Generale, mein Vetter Condé zum Beiſpiel, er⸗ bleichen auf ihren ſtrategiſchen Karten, ehe ſie einen einzigen von den Bauern*) in Bewegung ſetzen, die man Armeecorps nennt ich will einen ganzen Angriffs⸗ plan entwerfen. Ihr wißt, daß le Tendre in alle Arten von Bezirken unterabgetheilt iſt. Nun wohl! ich werde im Dorfe Petit⸗Soins, im Flecken Billets⸗Doux anhalten, ehe ich die Straße nach Viſible⸗Amour einſchlage.— Ihr wißt, der Weg iſt ganz vorgezeichnet, und das arme Fräulein von *) In der Bedeutung des Schachbretts genommen. Im Franzöſiſchen heißt es pions, was Bauern auf dem Schachbrett und Steine im Damenſpiel bedeutet. Die drei Musfetiere, Bragelonne V.. 14 210 . Seudery würde mir⸗nicht verzeihen, wenn ich über die Etagen wegeilte*).“ „So ſind wir wieder im guten Geleiſe. Beliebt es Euch nun, daß wir uns trennen?“ „Ach! es muß ſein; denn ſeht, man trennt uns.“* „Ohl ja,“ ſagte Madame Henriette;„man bringt uns in der That den Sphinx von Fräulein von Tou⸗ nay Charente, mit dem bei den Oberſtjägermeiſtern üb⸗ lichen Hörnerklang.“ „ Wohlverſtanden, dieſen Abend während der Pro⸗ menade ſchleiche ich mich in den Wald, und wenn ich dann Fräulein de la Valliére ohne Euch ſinde..“ „Ich werde ſie entfernen. Das iſt meine Sorge.“ „Sehr gut! Ich rede ſie mitten unter ihren Ge⸗ fährtinnen an, und ſchieße den erſten Pfeil auf ſie ab.“ „Seid geſchickt,“ ſagte Madame lachend,„fehlt das Herz nicht.“ 4 Und die Prinzeſſin nahm Abſchied vom König, um der freudigen Truppe entgegen zu gehen, welche unter vielen Ceremonien und Iaogfanaron, angeſtimmt von Aller Mund, herbeikam. XXI. Das Ballet: die Jahreszeiten. Nach dem Imbiß, der gegen fünf Uhr ſtatthatte, kehrte der König in ſein Kabinet zurück, wo ihn die Schneider erwarteten. *) Wir glaubten die franzöſiſchen Ausdrücke beibehalten zu müſſen, weil dieſes Wortſpiel, ins Deutſche über⸗ tragen, ſchleppend wird, le Tendre, Provinz⸗Zärtlichkeit. Peits-Soins, Kleine Aufmerkſamkeiten Rüleis-Doux, Liebes⸗ billets, Visible-Amour, Sichtbare Liebe. D. Ueb. 211 Es handelte ſich darum, das berühmte Kleid des Frühlings zu probiren, das die Zeichner und Orna⸗ mentiſten des Hofes ſo viel Aufwand an Phantaſie, ſo viel Anſtrengung des Geiſtes gekoſtet hatte. Was das Ballet ſelbſt betrifft, ſo war Jedermann mit ſeinem Pas vertraut ns Ste figuriren. Der König hatte beſchloſſen, einen Gegenſtand der Ueber⸗ raſchung daraus zu machen. Er war auch kaum mit ſeiner Konferenz zu Ende und wieder in ſeinen Gemächern, als er ſeine zwei Ce⸗ remonienmeiſter Villeroy und Saint⸗Aignon rufen ließ. Beide antworteten ihm, man warte nur auf ſeinen Befehl, man ſei bereit anzufangen, aber daß er dieſen Befehl geben könne, bedürfe es des ſchönen Wetters und einer günſtigen Nacht. Der König öffnete ſein Fenſter, der Goldſtaub des Abends ſiel vom Horizont durch die Riſſe des Gehölzes herab; ſchon trat der Mond weiß wie der Schnee am Himmel hervor. 8 Nicht eine Falte auf der Oberfläche des grünen Gewäſſers, ſelbſt die Schwäne ſchienen, auf ihren ge⸗ ſchloſſenen Flügeln, wie Schiffe am Anker ruhend, ſich behaglich von den Strömen der Luft, von der Friſche des Waſſers und der Stille eines herrlichen Abends durchdringen zu laſſen. Als der König alle dieſe Dinge geſehen, dieſes prachtvolle Gemälde bewundert hatte, gab er den Be⸗ fehl, den die Herren von Villeroy und von Saint⸗ Aignon verlangten. Damit dieſer Befehl königlich ausgeführt würde, war eine letzte Frage unerläßlich; Ludwig ſtellte ſie an ſeine zei Cavaliere. ie Frage hatte drei Worte: „Habt Ihr Geld?“. „Nein,“ antwortete Saint⸗Aignon,„wir haben uns mit Herrn Colbert verſtändigt.“ „Ah! ſehr gut,“ 212 „Ja, Sire— und Herr Colbert hat geſagt, er werde bei Eurer Majeſtät ſein, ſo bald ſie die Abſicht äußere, die Feſte ausführen zu laſſen, von denen ſie das Programm gegeben.“ 3 „Er käme alſo.“ Als hätte Galberf au den Thüren gehorcht, um ſich von dem Geſpräch in Kenntniß zu ſetzen, trat er ein, ſo bald der König ſeinen Namen vor den beiden Höflingen genannt hatte. 3„Ah! ſehr gut, Herr Colbert,“ ſagte Seine Ma⸗ jeſtät.„An Eure Poſten, Ihr Herren!“ Saint⸗Aignon und Villeroy verbeugten ſich und traten ab. Der König ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl beim Fen⸗ ſter und ſagte:— „Ich tanze dieſen Abend ein Ballet, Herr Col⸗ bert.“ „Dann bezahle ich morgen die Rechnungen, Sire.“ „Wie ſo 24 3 „Ich habe den Lieferanten und Handwerksleuten verſprochen, am Tage nachher, nachdem das Ballet ſtattgefunden, ihre Rechnungen zu bezahlen.“ .—„Es ſei, Herr Colbert, Ihr habt verſprochen, be⸗ ahlt.“ 4„Sehr wohl, Sire; doch um zu bezahlen, braucht man, wie Herr von Lesdiguiséres ſagte, Geld.“ 24„Wie! ſind die von Herrn Fouquet verſprochenen vier Millionen nicht abgeliefert worden? Ich vergaß, von Euch Rechenſchaft darüber zu verlangen.“ „Sire, Sie waren zur genannten Stunde bei Eu⸗ rer Majeſtät.“ „Nun?“. „Nun, Sire, die farbigen Gläſer, die Feuer⸗ werke, die Muſiken und die Küchen haben die vier Millionen in acht Tagen aufgezehrt.“ „Gänzlich?“ „Bis auf den letzten Sou. So oft Eure Maje⸗ N N ſtät die Ufer des großen Kanals zu beleuchten befahl, wurde ſo viel Oel verbrannt, als Waſſer in den Baſ⸗ ſins iſt.“ „Gut, gut, Herr Colbert. Ihr habt alſo kein Geld mehr?“ „Oh! ich habe keines mehr, doch Herr Fouquet Und es verbreitete ſich über das Geſicht von Col⸗ bert ein unheilvoller Schimmer. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Ludwig. „Sire, wir haben Herrn Fouguet ſchon ſechs Mil⸗ 3 lionen geben laſſen. Er hat ſie zu freundlich geliefert, als daß er nicht, wenn es nöthig wäre, noch mehr geben ſollte. Nöthig iſt es heute. Er muß ſich alſo herbeilaſſen.“ Der König faltete die Stirne und ſprach, den Na⸗ men des Finanzmannes ſtark betonend: „Herr Colbert, ſo verſtehe ich es nicht; ich will nicht gegen einen meiner Diener Erpreſſungsmittel an⸗ wenden, die ihn beengen und beläſtigen und ſeins Dienſt hemmen.“ Colbert erbleichte. 5 „Vor einiger Zeit ſprach aber Eure Majeſtät dieſe Sprache nicht,“ ſagte er,„zum Beiſpiel, als die Na⸗— richten von Belle⸗Isle ankamen.“ „Ihr habt Recht, Herr Colbert.“ „Seitdem hat ſi ſich jedoch nichts geäͤndert, im Ge⸗ gentheil. 5„In meinem Geiſte hat ſich Alles geändert, mein err.“ „Wie dies, Sire? Eure Majeſtät glaubt nicht mehr an die Verſuche?“ „Meine Angelegenheiten gehen nur mich an, Herr Unterintendant und ich habe Euch ſchon geſagt, aß hat. ich ſie ſelbſt abmache.“ . Dann ſehe i, daß ich das Unglück gehabt habe, bei Eurer Majeſtät in Ungnade zu fallen,“ ſprach Col⸗ bert zitternd vor Wuth und Angſt. „Keines Wegs, Ihr ſeid mir im Gegentheil ſehr angenehm.“— „Ei! Sire,“ erwiederte der Miniſter mit jenem ſo geſchickt geheuchelten ungeſchlachten Weſen, wenn es ſich darum handelte, der Eitelkeit von Ludwig zu ſchmei⸗ cheln,„welchen Werth hat es, Euer Majeſtät ange⸗ nehm zu ſein, wenn man ihr nicht nützlich iſt?“ „Ich will Eure Dienſte für eine beſſere Gelegenheit aufbewahren, und glaubt mir, ſie werden darum nur um ſo mehr werth ſein.“ „Es iſt alſo der Plan Eurer Majeſtät bei dieſer Sache?...“ „Ihr braucht Geld, Herr Colbert?“ „Siebenmal hunderttauſend Livres, Sire.“ 1 „Ihr nehmt ſie aus meinem Privatſchatz.“ Colbert verbeugte ſich. 4 „Und,“ fügte Ludwig bei,„da es ſchwierig ſcheint, daß Ihr trotz Eurer Sparſamkeit mit einer ſo geringen Summe die Ausgaben beſtreitet, die ich machen will, ſo werde ich Euch einen Schein von drei Millionen unterzeichnen. Der König nahm eine Feder und unterzeichnete ſogleich. Dann übergab er das Papier Colbert und ſagte: „Seid unbeſorgt, Herr Colbert, der Plan, den ich adoptirt habe, iſt ein königlicher Plan.“ Und nach dieſen Worten, die er mit der ganzen Majeſtät ſprach, die der junge Prinz unter gewiſſen Umſtänden anzunehmen wußte, entließ er Colbert, um den Schneidern Audienz zu geben. Der vom König gegebene Befehl war in ganz Fontainebleau bekannt; man wußte ſchon, daß der Konig ſein Kleid anprobirte und daß das Ballet am Abend getanzt werden ſollte. Dieſe Kunde lief mit der Geſchwindigkeit des Blitzes 215“ umher und entzündete auf ihrem Wege alle Coguetterken, 3— alle Wünſche, alle ehrgeizigen Beſtrebungen. Auf der Stelle wurde Alles, was eine Nadel zu halten, Alles, was, wie Molidre ſagt, ein Wamms von einer Hoſe zu unterſcheiden wußte, herbeigerufen, um den Elegans und Damen als Hülfsmacht zu dienen. Der König hatte ſeine Toilette um neun Uhr be⸗ endigt; er erſchien in ſeiner offenen und mit Blättern und Blumen geſchmückten Caroſſe.. Die Königinnen hatten auf einer prächtigen am Ufer des Teichs in einem Theater von wunderbarer Zierlichkeit errichteten Eſtrade Platz genommen. Um fünf Uhr hatten die Zimmerleute alle Stücke zur eingelegten Arbeit dieſes Theaters zuſammengeſetzt. Die Tapeziere hatten ihre Tapeten aufgeſpannt, ihre Sitze geordnet, und wie auf das Signal eines Jauberſtabs hatten tauſend Arme, ſich gegenſeitig un⸗ terſtützend, ſtatt ſich zu hindern und zu beengen, das Gebäude an dieſem Ort beim Klang von Muſiken er⸗ richtet, während ſchon die Feuerwerker das Theater und das Ufer des Teiches mit einer unberechenbaren Anzahl von Kerzen beleuchteten. Da der Himmel ſich beſtirnte und keine Wolke hatte, da man nicht einen Hauch der Luft in den großen Bäumen hörte, als fügte ſich die Nacht in die Phan⸗ taſte des Prinzen, ſo hatte man den Hintergrund des Theaters offen gelaſſen. So erblickte man hinter den erſten Plänen der Decoration als Hintergrund den von Sternen rieſelnden ſchönen Himmel, die Waſſerfläche entzündet von Feuern, die ſich darin ſpiegelten, und die bläuliche Silhouette der großen Maſſen von Bäumen mit den gerundeten Gipfeln. Als der König erſchien, war der ganze Saal voll, und bot eine Gruppe funkelnd vor Gold und Edelge⸗ ſtein, in der der erſte Blick keine Phyſignomie unter⸗ ſcheiden konnte.* Allmälig, wenn ſich der Blick an ſo viel Glanz 216 gewöhnt, erſchienen die ſeltenſten Schönheiten, wie am Abendhimmel die Geſtirne, einer nach dem andern, für denjenigen, welcher die Augen geſchloſſen hat und ſie wieder öffnet. Das Theater ſtellte ein Luſtwäldchen vor; einige Faune hüfpten, ihre geſpaltenen Füße aufhebend, da und dort umher; eine Dryade kam zum Vorſchein Und reizte ſie zur Verfolgung an; Andere verbanden ſich mit ihr, um ſie zu vertheidigen und man ſtritt ſich tanzend. Plötzlich ſollten, um Ordnung und Frieden wieder herzuſtellen, der Frühling und ſein ganzer Hof erſcheinen. Die Elemente, untergeordnete Mächte der Mytho⸗ logie mit ihren Attributen, ſtürzten auf der Spur ihres huldreichen Gebieters nach. Die Jahreszeiten, Verbündete des Frühlings, kamen an ſeiner Seite, um eine Quadrille zu bilden, die, auf mehr oder minder ſchmeichelhafte Worte, den Tanz in Angriff nahm. Die Muſik, Hautbois, Flöten und Vio⸗ len, malte die ländlichen Vergnügungen. Jetzt trat der König unter einem Beifallsdonner ein. Er war in eine Tunique gekleidet, die, ſtatt ſie zu beſchweren, ſeine ſchlanke, wohl geformte Taille ent⸗ feſſelte. Sein Bein, eines der zierlichſten des Hofes, erſchien vortheilhaft, in einem Strumpf von fleiſchfar⸗ biger Seide, ſo feiner und ſo durchſichtiger Seide, daß man das Fleiſch ſelbſt zu ſehen glaubte. Die reizendſten Schuhe von helllila Atlaß, mit Mäſchchen von Blumen und Blättern umſchloßen ſeinen kleinen Fuß. Die Büſte ſtand im Einklang mit dieſer Baſe; ſchöne wogende Haare, eine friſche Miene, erhöht durch den Glanz ſchöner blauer Augen, welche ſanft die Herzen durchbrannten, ein Mund mit Appetit erregenden Lippen, der ſich huldvoll öffnete, um zu lächeln, dies war der aller Liebesgötter genannt hätte. 4 Fürſt, den man mit Recht an dieſem Abend den König — N Uu;,,— — ͤ— 217 Er hatte in ſeinem Weſen etwas von der leichten Majeſtät eines Gottes. Er tanzte nicht, er ſchwebte. Dieſe Erſcheinung machte alſo den glänzendſten Ein⸗ druck. Plötzlich erblickte man den Grafen von Saint⸗ Aignon, der ſich dem König und Madame zu nähern ſuchte. Die Prinzeſſin, bekleidet mit einer langen Robe, durchſichtig und leicht, wie das Gewebe der geſchickten Frauen von Mecheln, das Knie zuweilen unter den Falten der Tunique hervortretend, ihren kleinen Fuß mit Seide bekleidet, ſchritt ſtrahlend mit ihrem Gefolge von Bacchantinnen einher, und berührte ſchon den Platz, der ihr zum Tanzen bezeichnet war. Der Beifallsſturm dauerte ſo lange, daß der Graf alle Muße hatte, den König, der auf einer Spitze ſtehen geblieben war, zu erreichen. „Was gibt es, Saint⸗Aignon?“ fragte der König. „Mein Gott! Sire,“ erwiederte der Höfling gan ling ganz bleich,„Cure Majeſtaͤt hat nicht an den Pas der Fruͤchte gedacht.“ „Doch, er iſt geſtrichen.“ „Nein, Sire, Eure Majeſtät hat keinen Befehl hiezu gegeben und die Muſik hat ihn beibehalten.“ „Das iſt ärgerlich,“ murmelte der König.„Dieſer Pas läßt ſich nicht ausführen, da Herr von Guiche ab⸗ weſend iſt. Er muß wegbleiben.“ „Oh! Sire, eine Viertelſtunde Muſik ohne Tänze, das wird kalt ſein, um das Ballet zu tödten.“ „Aber, Graf, dann...“ „Ohl Sire, darin liegt das große Unglück nicht; denn im Ganzen würde das Orcheſter im Nothfall ſo gut als möglich abkürzen, aber...“ „Was aber?“?— „Herr von Guiche iſt hier.“ SHier!“ rief der König, die Stirne faltend,„hier?.. ſeid Ihr deſſen ſicher?“ „Ganz für das Ballet gekleidet, Sire.“ 218 Der König fühlte, daß ihm die Röthe ins Ge⸗ ſicht ſtieg. „Ihr werdet Euch getäuſcht haben,“ ſagte er. „So wenig, Sire, daß Eure Majeſtät nur rechts ſchauen darf, der Graf wartet.“ Ludwig wandte ſich raſch nach dieſer Seite, und zu ſeiner Rechten, ſtrahlend vor Schönheit unter ſeinem Gewande des Herbſtes, wartete Guiche, daß der König ihn anſchaute, um das Wort an ihn zu richten. Das Erſtaunen des Königs, das von Monſteur, der ſich unruhig in ſeiner Loge hin⸗ und herbewegte, das Geflüſter, das Schwanken der Köpfe im Saal, die ſeltſame Beſtürzung von Madame beim Anblick ihres Partners zu ſchildern, iſt eine Aufgabe, die wir Ge⸗ ſchickteren überlaſſen. Der König ſchaute den Grafen mit offenem Mund an. ieſe näherte ſich ihm ehrfurchtsvoll gebückt und prach: 4„Sire, der demüthigſte Unterthan Eurer Majeſtät, kommt, um ihr an dieſem Tag Dienſt zu thun, wie er es an Schlachttagen gethan hat. Der König würde, wenn der Pas der Früchte wegbliebe, die ſchönſte Scene ſeines Ballets verlieren. Ich wollte nicht, daß ein ſol⸗ cher Schaden von mir für die Schönheit, die Geſchick⸗ lichkeit und die Anmuth des Königs herrührte, und verließ meine Pächter, um meinem Fürſten zu Hulfe zu kommen.“ Jedes von dieſen Worten ſiel, abgemeſſen, harmo⸗ niſch beredt in das Ohr von Ludwig XIV. Die Schmei⸗ chelei geſtel ihm eben ſo ſehr, als ihn der Muth in Erſtaunen ſetzte. Er beſchränkte ſich darauf, daß er er⸗ wiederte: „Ich habe Euch nicht zurückkommen heißen, Graf.“ „Allerdings, Sire, aber Eure Majeſtät hieß mich auch nicht bleiben.“ Der König fühlte, daß die Zeit verlief. Verlängerte ſich die Scene, ſo konnte ſie Alles in Verwirrung 21¹9 bringen. Ein einziger Schatten auf dieſem Gemälde verdarb es ohne Rettungsmittel. 3 Des Königs Herz war überdies voll guter Ge⸗ danken; er hatte aus den ſo beredten Augen von Ma⸗ dame eine neue Eingebung geſchöpft. 8 Der Blick von Henriette hatte ihm geſagt: „Da man auf Eunch eiferſüchtig iſt, ſo theilt den Argwohn; wer zwei Nebenbuhlern mißtraut, mißtraut keinem.“ Mit dieſer geſchickten Diverſion trug Madame den Sieg davon. Der König lächelte Guiche zu. Guiche begriff kein Wort von der ſtummen Sprache von Madame. Er ſah nur, daß ſie ſich ſtellte, als ſchaute ſie ihn nicht an. Die Begnadigung, die er er⸗ langt, ſchrieb er dem Herzen der Prinzeſſin zu. Der König wußte dafür Jedermann Dank. Monſteur allein begriff nicht. Das Ballet begann, es war glänzend. 3 Als die Violinen durch ihren Aufſchwung die er⸗ hobenen Tänzer entführten, als die naive Pantomime jener Zeit, noch naiver, als das ſehr mittelmäßige Spiel der hohen Hiſtrionen ſeinen Culminationspunkt des Triumphes erreicht hatte, brach der Saal beinahe unter dem Beifallsſturm ein. Guiche glänzte wie eine Sonne, aber wie eine Höflingsſonne, die ſich in die zweite Rolle fügt. Den Succeeß verachtend, für den ihm Madame keine Erkenntlichkeit zeigte, dachte er nur daran, muthig die ſichtbare Bevorzugung der Prinzeſſin wieder zu erlangen. Sie ſchenkte ihm nicht einen einzigen Blick. Nach und nach verloſchen ſeine ganze Freude, ſein ganzer Glanz im Schmerz und in der Unruhe, ſo daß ſeine Beine ſchlaff, ſeine Arme träge, ſein Kopf dumm wurden. Von dieſem Augenblick an war der König i der erſte Tänzer der Quadrille. Er warf einen Seitenblick auf ſeine beſtegten Ne⸗ benbuhler. Guiche war nicht einmal mehr Höfling; er tanzte ſchlecht ohne Schmeichelei; bald tanzte er gar nicht mehr. Der König und Madame triumphirten. XXII. Die Nymphen des Parkes von Fontainebleau. Der König verharrte einen Augenblick im Genuſſe ſeines Triumphes, der, wie geſagt, ſo vollſtändig, als möglich, war. Dann wandte er ſich gegen Madame, um ſte ſeinerſeits auch ein wenig zu bewundern. 2 Die jungen Leute lieben vielleicht mit mehr Leb⸗ haftigkeit, mit mehr Gluth, mit mehr Leidenſchaft, als die Menſchen von einem reifen Alter; aber es ſind zu⸗ gleich bei ihnen alle andere Gefühle nach Maßgabe ihrer Jugend und ihrer Kraft entwickelt, ſo daß da in ihnen die Eitelkeit beinahe immer das Aequivalent der Liebe iſt, letzteres Gefühl, bekämpft durch die Geſetze des Gleichgewichts, nie den Grad der Vollkommenheit erlangt, den es bei Männern und Frauen von dreißig bis fünfunddreißig Jahren erreicht. Ludwig dachte gern an Madame, doch erſt nachdem er ſehr an ſich gedacht hatte, und Madame dachte viel an ſich ſelbſt, vielleicht ohne im mindeſten an den König zu denken. Und das Opfer dieſer Liebe und Citelkeit der könig⸗ lichen Perſonen war Guiche. Es konnte auch Jedermann zugleich die Aufregung die Niedergeſchlagenheit des armen Cavaliers wahr⸗ 221 nehmen, und dieſe Niedergeſchlagenheit beſonders wurde um ſo mehr bemerkbar, als man nicht gewohnt war, ſeine Arme fallen, ſeinen Kopf ſchwer werden, ſeine Augen ihre Flamme verlieren zu ſehen. Man pfle nicht beſorgt für ihn zu ſein, wenn es ſich um eine Frage des Geſchmacks und der Eleganz handelte. Die Niederlage von Guiche wurde auch von der Mehrzahl ſeiner Gewandtheit als Höfling zugeſchrieben. Doch Andere— die hellſehenden Augen finden ſich bei Hofe— Andere bemerken auch ſeine Bläſſe und Abgeſpanntheit, eine Bläſſe und Abgeſpanntheit, die er weder heucheln noch verbergen konnte, und ſie ſchlo⸗ ßen mit Recht daraus, Guiche ſpiele keine Komödie der Schmeichelei. Dieſe Leiden, dieſe Siege, dieſe Commentare um⸗ hüllten, vermengten, verloren ſich im Lärmen des Bei⸗ fallsſturms. Als aber die Königinnen ihre Zufriedenheit, die Zu⸗ ſchauer ihren Enthuſtasmus bezeigt hatten, als der König in ſeine Loge gegangen war, um ſein Coſtüme zu wech⸗ ſeln, während Monſieur, ſeiner Gewohnhelt gemäß als Frau gekleidet, ebenfalls tanzte, näherte ſich Guiche, der wieder ein wenig zu ſich gekommen war, Madame, welche, im Hintergrunde des Theaters ſitzend, auf den zweiten Auftritt wartete, und ſich mitten unter der Menge eine Einſamkeit gemacht hatte, als dächte ſie zum Vor⸗ aus über ihre oregraphiſchen Effekte nach. Man begreift, daß ſie, ganz in dieſes ernſte Nach⸗ ſinnen verſunken, nicht ſah, oder ſich ſtellte, als ſähe ſie nicht, was um ſie her vorging. Zwei von ihren Ehrenfräuleins, welche als Hama⸗ dryaden gekleidet waren, wichen, als ſie bemerkten, daß Guiche ſich näherte, aus Achtung zurück. 3 2 Guiche ſchritt alſo mitten unter dem Kreiſe heran und verbeugte ſich vor ihrer Königlichen Hoheit. Aber ihre Königliche Hoheit, hatte ſie nun die B 1 e —OB————— „* 222 grüßung bemerkt oder nicht bemerkt, wandte nicht ein⸗ mal den Kopf um. Ein Schauer durchlief die Adern des Unglücklichen; eine ſolche völlige Gleichgültigkeit erwartete er nicht; er, der nichts geſehen, er, der nichts erfahren hatte und folg⸗ lich nichts errathen konnte.. Als er ſah, daß ſein Gruß keine Erwiederung er⸗ hielt, trat er einen Schritt näher, und ſprach mit einer Stimme, die er, jedoch vergebens, ruhig zu machen ſich anſtrengte: „Ich habe die Ehre, Madame, meinen unterthänig⸗ ſten Reſpekt zu bezeigen.“ Diesmal ließ ſich Ihre Koͤnigliche Hoheit herab, ihre ſchmachtenden Augen gegen den Grafen zu wenden. „Ahl Herr von Guiche,“ ſagte ſie,„Ihr ſeid es? Guten Tag.“ Und ſie drehte ſich wieder um. Die Geduld wäre dem Grafen beinahe ausge⸗ gangen. Doch er fuhr fort:. „Eure Koͤnigliche Hoheit tanzte vorhin zum Ent⸗ zücken.“ „ Ihr findet das,“ ſagte Madame mit gleichgülti⸗ gem Ton. 4 „Ja, die Perſon iſt ganz diejenige, welche ſich für den Charakter Ihrer Königlichen Hoheit eignet.“ Madame wandte ſich ganz um und fragte, als ſte Guiche mit ſeinem klaren, ſtarren Auge erblickte: „Wie ſo 2 „Allerdings.“ „Erklärt Euch.“. „Ihr ſtellt eine ſchone, hochmüthige und flüchtige Gottheit vox.“ „Ihr ſprecht von Pomona, Herr Graf?“ „Ich ſpreche von der Goͤttin, welche Eure König⸗ liche Hoheit vorſtellt.“ Madame drückte einen Augenblick die Lippen zuſam⸗ men und erwiederte dann: „Aber Ihr, mein Herr, ſeid Ihr nicht auch ein vollkommener Tänzer?“ „Ohl ich, Madame, ich gehöre zu denjenigen, die man nicht auszeichnet, und die man vergißt, wenn man ſie zufällig ausgezeichnet hat.“ 3 Nach dieſen Worten, die er mit einem von jenen Seufzern begleitete, welche die letzten Fiebern des Seins beben machen, verbeugte ſich der Graf, das Herz voll Beklommenheit, den Kopf in Flammen, das Auge irrend, und zog ſich hinter das Gebüſch von Leinwand zurück. 4 Madame zuckte, ſtatt jeder Antwort, leicht die Achſeln. Und da ſich ihre Ehrendamen, wie wir geſagt, aus Diskretion während des Geſprächs zurückgezogen hatten, ſo rief ſie Madame mit dem Blick zu ſich. 3 Es waren die Fräulein von Tonnay Charente und Montalais. Auf das Zeichen von Madame näherten ſich Beide vooll Eifer. „Habt Ihr gehört, meine Fräͤulein?“ fragte die Prinzeſſin. „Was, Madame?“ „Was der Herr Graf von Guiche geſagt hat?“ „Es iſt in der That merkwürdig,“ fuhr die Prin⸗ zeſſin mit dem Ausdruck des Mitleids fort,„wie hat doch die Verbannung den Geiſt des armen Herrn von Guiche ermüdet?“ Und noch lauter, als befürchtete ſie, der Unglück⸗ liche könnte ein Wort verlieren, fuhr ſie fort: „Zuerſt hat er ſchlecht getanzt und hernach nur Armſeligkeiten geſprochen.“ Dann ſtand ſie auf trällerte die Melodie, auf die ſie tanzen ſollte. 3 Guiche hatte Alles gehört, der Pfeil drang in die tiefſte Tiefe ſeines Herzens und zerriß es. 3 Auf die Gefahr, die ganze Ordnung des Feſtes durch ſeinen Trotz zu ſtoren, entfloh er, ſein ſchönes Gewand des Herbſtes in Fetzen zerreißend, und auf ſei⸗ nem Wege die Weinblätter, die Maulbeeren, die Man⸗ delblätter und alle die künſtlichen Attribute ſeiner Gott⸗ heit ausſtreuend. Eine Viertelſtunde ſpäter war er auf dem Theater zurück. Doch es läßt ſich leicht begreifen, nur eine mächtige Anſtrengung der Vernunft gegen die Thorheit, oder— das Herz iſt ſo beſchaffen, oder die Unmöglich⸗ keit, kürzer von der entfernt zu bleiben, die ihm das Herz brach, konnte ihn zurückführen. Madame vollendete ihren Pas. Sie ſah ihn, ſchaute ihn aber nicht an, und er drehte ihr, grimmig, wüthend, ſeinerſeits den Rücken zu, als ſie, geleitet von ihren Nymphen und gefolgt von hundert Schmeichlern, an ihm vorüberkam. Mittlerweile ſaß am andern Ende des Theaters beim Teich eine Frau, die Augen ſtarr auf eines der Fenſter des Theaters geheftet. Aus dieſem Fenſter kamen Lichtwogen hervor. Dieſes Fenſter war das der königlichen Loge. Als Guiche das Theater verließ und die Luft ſuchte, der er ſo ſehr bedurfte, kam er an dieſer Frau vorüber und grüßte ſie. Sie, als ſie den jungen Mann erblickte, ſtand auf, wie eine Frau, welche inmitten von Ideen über⸗ raſcht wird, die ſie ſo gern vor ſich ſelbſt verbergen moͤchte. Guiche erkannte ſie und blieb ſtehen. „Guten Abend, mein Fräulein,“ ſagte er lebhaft, „Guten Abend, Herr Graf.“ 3 „Ahl Fräulein de la Vallière,“ fuhr Guiche fort, wie glücklich bin ich, daß ich Euch treffe.“ 2 „Und mich macht dieſer Zufall auch ſehr glücklich, Herr Graf,“ ſagte ſie, während ſie eine Bewegung machte, um ſich zu entfernen. „SOh! nein! nein! verlaßt mich nicht,“ ſagte 225 Guiche, die Hand nach ihr ausſtreckend;„denn Ihr würdet die guten Worte, die Ihr ſo eben geſprochen, Lügen ſtrafen. Bleibt, ich bitte Euch; es iſt der ſchönſte Abend der Welt. Ihr flieht das Geräuſch! Ihr liebt es, in Eurer Geſellſchaft allein zu ſein! Ja, ich be⸗ greife das; alle Frauen, welche Gemüth haben, ſind ſo. Nie wird man eine Frau in dem Wirbel aller die⸗ ſer lärmenden Beluſtigungen ſich langweilen ſehen! Oh! mein Fräulein! mein Fräulein!“ „Aber, was habt Ihr denn, Herr Graf?“ fragte La Vallière mit einer gewiſſen Angſt;„Ihr ſcheint ſo aufgeregt.“ „Ich? Nein, nein.“ —„Dann erlaubt mir, Herr von Guiche, Euch hier den Dank zu ſagen, denn ich bei der nächſten Gelegen⸗ heit gegen Euch auszuſprechen im Sinne hatte. Ich weiß, ich habe es Eurer Protektion zu verdanken, daß ich unter die Ehrenfräulein von Madame aufgenommen worden bin.“. „Ah! ja, wahrhaftig, ich erinnere mich und wünſche mir Glück dazu, mein Fräulein. Liebt Ihr Einen?“ „Ich!“. „Ohl verzeiht, ich weiß nicht, was ich ſpreche; ich bitte tauſendmal um Verzeihung; Madame hatte 4 Recht; dieſe ungeſchlachte Verbannung hat meinen 8* Geiſt völlig in Verwirrung gebracht.“ „Aber der König hat Euch gut aufgenommen, wie mir ſcheint, Herr Graf.“ „Findet Ihr... gut aufgenommen... vielleicht a .. 1 „Allerdings, gut aufgenommen, denn Ihr kommt ne Erlaubniß von ihm zurück.“ „Es iſt wahr, und ich glaube, daß Ihr Recht bt, mein Fräulein. Doch, habt Ihr den Herrn Vi⸗ te von Bragelonne nicht hier geſehen?“ drei Musketiere. Bragelonne. V. 15 La Vallièôre bebte bei dieſem Namen. „Warum dieſe Frage 2“ ſagte ſie. „Oh! mein Gott, ſollte ich Euch abermals ver⸗ letzen? 22 rief Guiche;„dann bin ich ſehr unglücklich, ſehr zu beklagen.“ „Ja, ſehr unglücklich, ſehr zu beklagen, Herr von Guiche. denn Ihr ſcheint entſetzlich zu leiden.“ * Nacht, über den günſtigen Erfolg des Abends zurück, Oh! mein Fräulein, warum habe ich nicht eine ergebene Schweſter, eine wahre Freundin!“ „Ihr habt Freunde, Herr Graf, und der Herr Vicomte von Bragelonne, von dem Ihr ſo eben ſpra⸗ chet, gehört, wie mir ſcheint, zu Euren Freunden. 4 „Ja, ja, in der That, er iſt einer meiner Freunde. Gott befohlen, mein Fraͤulein, empfangt meinen gan⸗ zen Reſpekt.“ Und er entfloh wie ein Wahnſinniger längs dem Teich. Sein ſchwarzer Schatten glitt wachſend unter den glänzenden Eibenbäumen hin. .— La Vallière ſchaute ihm eine Zeit lang mitleidig na „Ohl! ja, ja,“ ſagte ſie,„er leidet, und ich fange an, zu begreifen, warum.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als ihre Gefährtinnen, die Fräulein von Montalais und von 3 Tonnay⸗ Charente, herbeiliefen. Sie hatten ihren Dienſt beendigt, ihre Nymphen⸗ kleider abgelegt, und kehrten freudig über die ſchöne um ihre Freundin aufzuſ chen. „Wie, ſchon,“ ſagte ſie.„Wir glaubten, zuerſt as vm Ort, wo wir uns auſammenbeſchieden⸗ einzu⸗ reffen.“ „Sch bin ſeit einer giereliunde hier/e erwiederte 1 La Vallière. „ Hat Euch der vag nicht elefigt?* 4 3„Mein. 4 k6 * Pert. Ahl der ſchöne Spaziergang! ohl die ſchoͤne Frei⸗ 227 „Und das ganze Schauſpiel?“ „Ebenſowenig. Was das Schauſpiel betrifft, ſo liebe ich viel mehr das dieſer dunklen Gehölze, in deren Hintergrund da und dort ein Licht glänzt, das wie ein rotzes Auge, bald offen, bald geſchloſſen, vorüber⸗ zieht.“ 4 „Sie iſt eine Dichterin, dieſe La Vallière,“ ſagte Tonnay⸗Charente. 8 „Das heißt, unerträglich,“ bemerkte Montalais. „So oft es ſich darum handelt, zu lachen oder ſich mit etwas zu beluſtigen, weint ſie; ſo oft es ſich für uns andere Frauen darum handelt, über verlorene und verletzte Eitelkeit, über effektloſen Putz zu weinen, lacht La Vallidre.“ „Ohl ich, was mich betrifft,“ ſagte Fräulein von Tonnay⸗Charente,„ich kann nicht von einem ſolchen Charakter ſein. Ich bin Frau und zwar Frau, wie man es nicht iſt; wer mich liebt, ſchmeichelt mir, wer mir ſchmeichelt, gefällt mir durch ſeine Schmeichelei, und wer mir gefällt...“ „Nun, Du vollendeſt nicht,“ ſagte Montalais. „Das iſt zu ſchwierig,“ erwiederte Fräulein von Tonnay⸗Charente, ein ſchallendes Gelächter aufſchla⸗ ggend.„Vollende für mich, Du, die Du ſo viel Geiſt haſt.“ „Und Ihr, Louiſe,“ ſagte Montalais,„gefällt man Euch?“ 1 „Das geht Niemand etwas an,“ erwiederte La Vallière, während ſie von der Moosbank aufſtand, auf der ſie, ſo lange das Ballet gedauert hatte, ausgeſtreckt geblieben war.„Nun, meine Fräulein, wir haben den Plan gefaßt, uns dieſe ganze Nacht ohne Aufſeher und Escorte zu beluſtigen. Wir ſind zu drei, wir haben Gefallen an einander, das Wetter iſt herrlich, ſchaut dort, ſeht den Mond, der ſachte am Himmel aufſteigt und die Gipfel der Kaſtanienbäume und Eichen verſil⸗ „& 228 heit, das zarte Gras des Waldes! Die ſchöne Gunſt, die mir Eure Freundſchaft erzeigt; nehmen wir uns am Arm und gehen wir unter die großen Bäume; ſie ſitzen jetzt Alle bei der Tafel und ſind beſchäftigt, ſich für eine Prunkpromenade zu ſchmücken; man ſattelt die Pferde, man ſpannt die Wagen an, die Maulthiere der Königin oder die vier weißen Stuten von Madame. Wir erreichen raſch einen Ort, wo kein Auge uns er⸗ räth, wo Niemand auf unſerer Spur folgt. Ihr er⸗ innert Euch, Montalais, der Gehölze von Charerny und Chambord, der Pappelbäume ohne Ende von Blois. Wir haben dort viele Hoffnungen ausgetauſcht.“ „Auch viele Bekenntniſſe.“ , d.“ „Ich,“ ſprach Fräulein von Tonnay⸗Charente, „ich danke Euch viel; doch nehmt Euch in Acht...“ „Sie ſagt unſer,“ bemerkte Montalais,„ſo daß, was Fräulein von Tonnay⸗Charente denkt, Athenais allein weiß.“ „Stille!“ rief Fräulein de La Vallisre,„ich höre Schritte, welche von jener Seite kommen.“ „Geſchwinde! geſchwinde! in die Schilfrohre,“ ſagte Montalais,„bückt Euch, Athenais, Ihr ſeid ſo groß.“ Fräulein von Tonnay⸗Charente bückte ſich merklich. Beinahe in demſelben Augenblick ſah man zwei Cavaliere herbeikommen, welche, den Kopf geſenkt, die Arme verſchlungen, auf dem feinen Sand der mit dem Ufer parallelen Allee gingen. Die Frauen machten ſich klein, unbemerkbar. „Es iſt Herr von Guiche,“ ſagte Montalais Fräu⸗ lein von Tonnay⸗Charente ins Ohr. „Es iſt Herr von Bragelonne,“ ſagte dieſe der la Valliére ins Ohr. Die zwei jungen Leute kamen mit belebter Stimme ſprechend, immer näher. „Hier war ſie ſo eben,“ ſagte der Graf,„häͤtte ich — A ſie nur geſehen, ſo würde ich ſagen, es ſei eine Erſchei⸗ nung geweſen, aber ich habe mit ihr geſprochen.“ „Ihr ſeid alſo Eurer Sache ſicher.“ „Ja, doch ich habe ihr vielleicht bange gemacht.“ „Wie ſo?“ „Ei! mein Gott, ich war noch verrückt über das Bewußte und ſo wird ſie meine Reden nicht begriffen und Angſt bekommen haben.“ „Ah!“ ſagte Bragelonne,„ſeid unbeſorgt, mein Freund. Sie iſt gut, und wird Euch entſchuldigen; ſie hat Geiſt, und wird Euch begreifen.“ „Ja. Aber wenn ſie begriffen, nur zu gut begrif⸗ „Und wenn ſie ſpricht.“ „Oh! Ihr kennt Louiſe nicht, Graf,“ ſprach Raoul. „Louiſe hat alle Tugenden, und nicht einen einzigen Fehler.“ 3 Und die jungen Leute gingen vorbei, und wie ſie ſich entfernten, verloren ſich ihre Stimmen allmälig. „Wie, la Vallière,“ fragte Fräulein von Tonnay⸗ Charente,„der Herr Vicomte von Bragelonne hat, von Euch ſprechend, Louiſe geſagt? Wie kommt das?“ „Wir ſind mit einander erzogen worden und kann⸗ ten uns ſchon als Kinder,“ antwortete Fräulein de la Vallière. „und dann iſt Herr von Bragelonne Dein Bräu⸗ tigam, das weiß Jedermann.“. „Oh! ich wußte es nicht. Iſt es wahr, mein Fräulein?“. 5 „Das heißt,“ erwiederte Louiſe erröthend,„das heißt, Herr von Bragelonne hat mir die Ehre erwie⸗ ſen, mich um meine Hand zu bitten... Aber... „es aber 84 8 „Aber es ſcheint, der König...“ „Nun?“ 3 „Der Koͤnig will ſeine Einwilligung zu dieſer Hei⸗ rath nicht geben.“ „Eil warum der König? und was iſt der König?“ rief Aure mit Unwillen;„hat denn der König das Recht, ſich in ſolche Dinge zu miſchen? Die Pouli⸗ tique iſt die Poulitique, wie Herr von Mazarin ſagte, aber die Liebe iſt die Liebe. Wenn Du alſo Herrn von Bragelonne liebſt, und er Dich liebt, hei⸗ rathet Euch. Ich gebe Euch meine Einwilligung.“ Athenais lachte. „Oh! ich ſpreche im Ernſte,“ ſagte Montalais, „und ich denke, meine Meinung iſt in dieſer Sache ſo viel werth, als die des Königs. Nicht wahr, Louiſe?“ „Ahl die Herren find vorübergegangen,“ ſagte Louiſe;„benützen wir die Einſamkeit, um über die Wieſe zu gehen und uns in den Wald zu werfen.“ „Um ſo mehr,“ verſetzte Athenais,„als Lichter vom Schloſſe und vom Theater ausgehen, die mir einer hohen Geſellſchaft vorangetragen zu werden ſcheinen.“ „Laßt uns laufen,“ ſagten alle Drei. Und anmuthig die langen Falten ihrer ſeidenen Kleider aufhebend, durchſchritten ſie leicht den Raum, der ſich zwiſchen dem Teich und dem ſchattigſten Theil des Pardes erſtreckte. Montalais behende wie eine Hirſchkuh, Athenais glühend wie eine junge Wölfin, ſprangen im trockenen Gras, und ein verwegener Acteon hätte zuweilen im Halbſchatten ihr reines, kühnes Bein ſich unter dem dichten Umriß ihrer atlaſſenen Röcke hervorheben ſehen. Zarter und ſchamhafter ließ la Valière ihre Roͤcke flattern; auch durch die Schwäche ihres Beines aufge⸗ halten, bat ſie bald um Gnade, und dadurch, daß ſie zurückblieb, nöthigte ſie ihre Gefährtinnen, auf ſie zu warten. In dieſem Augenblick ſtieg ein in einem Graben. voll junger Weidenſchößlinge verborgener junger Mann 2 8 * — ſchoͤne Gabriele d'Eſtrées gehört hatte. 231 raſch auf die Böſchung dieſes Grabens herauf und lief in der Richtung des Schloſſes weg. Die drei Frauen erreichten ihrerſeits den Saum des Parkes, deſſen Alleen ihnen ſämmtlich bekannt waren. Große blühende Hecken erhoben ſich um die Grä⸗ ben; geſchloſſene Schranken beſchützten auf dieſer Seite den Spaziergänger gegen den Einbruch der Pferde und Calechen. Man höͤrte in der That in der Ferne auf dem feſten Boden der Wege die Caroſſen der Königinnen und von Madame rollen. Mehrere Cavaliere folgten ihnen mit dem durch die cadenzirten Verſe von Virgil ſo gut nachgeahmten Geräuſch.. Einige Muſiken antworteten auf das Geräuſch, und wenn die Harmonieen aufhörten, ſandte die Nach⸗ tigall, eine Säͤngerin voll Stolz, der Geſellſchaft, die ſie unter den Schatten verſammelt fühlte, die verflochten⸗ ſten, die lieblichſten und die geſcheiteſten Lieder zu. In der Nähe der Sängerin glänzten im ſchwarzen Grund der großen Bäume die Augen einer für den Ge⸗ ſang empfindlichen Nachteule. 4 So daß dieſes Feſt des ganzen Hofes auch zugleich das Feſt der geheimnißvollen Gäſte des Waldes war; denn ſicherlich lauſchte die Hirſchkuh in ihrem Gebüſch, der Faſan auf ſeinem Zweig, der Fuchs in ſeinem Bau. Man errieth das Leben dieſer ganzen nächtlichen und unſichtbaren Bevölkerung, aus den ungeſtümen Be⸗ wegungen, welche plötzlich in den Blättern vorgingen. Dann ſtießen die Nymphen des Waldes einen klei⸗ nen Schrei aus; ſogleich aber wieder beruhigt, lachten ſte und ſetzten ihren Marſch fort. Und ſie kamen ſo zu der Königseiche„einem ehr⸗ würdigen Ueberreſt von einer Eiche, die in ihrer Ju⸗ gend die Seufzer von Heinrich II. für die ſchöne Diana, von Poitiers, und ſpäter die von Heinrich IV. für die 232 Unter dieſer Eiche hatten die Gärtner das Moos und den Raſen ſo aufgehäuft, daß wie auf einem Rund⸗ ſitze die müden Glieder des Königs beſſer auszuruhen im Stande geweſen waren. 8 Der Stamm des Baumes bildete eine knorrige, aber für vier Perſonen hinreichend breite Lehne. Unter den Aeſten, welche ſchräge gegen den Stamm zuliefen, verloren ſich die Stimmen zum Himmel durch⸗ ſickernd. XXIII. Was unter der Königseiche geſprochen murde. Es lag in der Milde der Luft, in der Stille des Blätterwerks eine ſtumme Aufforderung für dieſe jun⸗ gen Frauen, ſogleich das muthwillige Geſpräch in ein ernſteres zu verwandeln. Diejenige, deren Charakter der heiterſte war, Mon⸗ talais, neigte ſich zuerſt hiezu. Sie fing mit einem ſchweren Seufzer an und ſprach dann: „Welche Freude, uns hier frei, allein und berech⸗ tigt zu fühlen, offenherzig, beſonders gegen uns ſelbſt, zu ſein.“ „Ja,“ ſagte Fräulein von Tonnay⸗Charente,„denn der Hof, ſo glänzend er iſt, verbirgt immer eine Lüge unter den Falten des Sammets, oder unter dem Feuer der Diamanten.“ 4„Ich,“ entgegnete la Vallière,„ich lüge nie; wenn ich nicht die Wahrheit ſagen kann, ſchweige ich.“ „Ihr werdet nicht lange in Gunſt ſein, meine Liebe,“ verſetzte Montalais;„es iſt hier nicht wie in Blois, wo wir der alten Madame allen unſern Aerger und alle unſere Begierden mittheilten. Madame hatte 233 ihre Tage, wo ſie ſich jung geweſen zu ſein erinnerte. Jeder, der an ſolchen Tagen mit Madame ſprach, fand eine aufrichtige Freundin an ihr. Madame erzählte uns ihre Liebſchaft mit Monſieur und wir erzählten ihr ſeine Liebſchaften mit Andern, oder wenigſtens die Ge⸗ rüchte, die man über ſeine Galanterieen in Umlauf ge⸗ bracht hatte. Arme Frau, ſo unſchuldig! ſie lachte dar⸗ über, und wir auch; wo iſt ſie nun?“ 3 „Ah! Montalais, luſtige Montalais,“ rief la Val⸗ lière,„nun ſeufzeſt Du abermals; das Gehöͤlz inſpirirt Dich und Du biſt dieſen Abend beinahe vernünftig.“ „Meine Fräulein,“ ſagte Athenais,„Ihr müßt den Verluſt der Annehmlichkeiten des Hofes von Blois nicht ſo ſehr bedauern, daß Ihr Euch bei uns nicht glücklich findet. Ein Hof iſt der Ort, wohin die Männer und die Frauen kommen, um über Dinge zu plaudern, welche die Mütter und Vormünder, die Beichtväter beſonders mit aller Strenge verbieten. Bei Hofe ſagt man ſich Dinge unter dem Privilegium des Königs und der Kö⸗ niginnen; iſt das nicht angenehm?“ „Oh! Athenais,“ rief Louiſe erröthend. „Athenais iſt heute Abend offenherzig, benützen wir es,“Y ſprach Montalais. „Ja, benützen wir es, denn man würde mir heute Waun die tiefſten Geheimniſſe meines Herzens ent⸗ reißen.“ „Ahl wenn Herr von Monteſpan da wäre,“ ſagte Montalais. 8 „Ihr glaubt, ich liebe Herrn von Monteſpan?“ flü⸗ ſterte das ſchöne Mädchen. „Ich denke, er iſt ſchön.“ „Ja, und das iſt kein geringer Vorzug in meinen Augen.“ 5 „Ihr ſeht wohl.“ 3 „Ich ſage noch mehr, er iſt von allen Männern, welche man hier ſieht, der ſchönſte und der... 234 „Was hörte man dort?“ fragte la Vallière, indem ſie eine haſtige Bewegung auf der Moosbank machte. „Ein Hirſch, der durch die Zweige flieht.“ „Ich fürchte mich nur vor den Maͤnnern,“ ſagte Athenais. „Wenn ſie nicht Herrn von Monteſpan gleichen.“ „Endiget dieſe Spötterei, Herr von Monteſpan hat Aufmerkſamkeiten gegen mich, doch das verpflichtet zu nichts. Haben wir nicht Herrn von Guiche hier, der ſo aufmerkſam gegen Madame iſt.“ „Armer, armer Junge!“ ſeufzte la Vallière. „Warum arm? Madame iſt, denke ich, ſchön und vornehm genug.“ La Vallière ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf und erwiederte: „Wenn man liebt, ſo iſt es weder die ſchöne, noch die vornehme Dame; meine theuren Freundinnen, wenn man liebt, müſſen es das Herz und die Augen allein des geliebten Gegenſtands ſein.“ Montalais lachte laut auf. „Herz, Augen, ohl Zuckerwerk,“ ſagte ſie. „Ich ſpreche für mich,“ erwiederte la Vallière. „Edle Gefühle!“ ſprach Athenais mit einer Pro⸗ tectorsmiene, aber mit einer kalten Miene. „Habt Ihr ſie nicht, mein Fräulein?“ fragte Louiſe. „Vollkommen, mein Fraulein; doch ich fahre fort: wie kann man einen Menſchen beklagen, der einer Frau wie Madame ſeine Huldigungen darbringt? Findet ein Mißverhältniß ſtatt, ſo iſt es auf Seiten des Grafen.“ „Ohl nein, nein,“ rief Montalais,„es iſt auf Seiten von Madame.“ „Erklärt Euch.“ „Ich erkläre mich. Madame hat nicht einmal das Verlangen, zu erfahren, was Liebe iſt. Sie ſpielt mit dieſem Gefühl, wie die Kinder mit dem Feuerwerk, von dem ein Funke einen Palaſt in Brand ſtecken würde. —e 23⁵ Das glänzt, mehr braucht es nicht. Gold, Freude, Liebe, das iſt das Gewebe, aus dem ihr Leben beſtehen ſoll. Herr von Guiche wird dieſe erhabene Dame lie⸗ ben; ſie wird ihn nicht lieben.“ Athenais brach in ein verächtliches Gelächter aus. „Liebt man?“ ſagte ſie;„wo ſind Eure edlen Ge⸗ fühle von vorhin? Liegt die Tugend einer Frau nicht in der muthigen Verweigerung jeder Liebesintrique mit Conſequenz? Eine gut organifirte und mit einem edlen Herzen begabte Frau muß die Männer anſchauen, ſich lieben, ſogar anbeten laſſen und höͤchſtens einmal in ihrem Leben ſagen: halt! mir ſcheint, ich wäre nicht geweſen, was ich bin; ich hätte dieſen weniger gehaßt, als die Anderen.“ „Oh!“ rief la Vallière, die Hände faltend,„das iſt es, was Ihr Herrn von Monteſpan verſprecht.?“ „Eil ſicherlich, ihm, wie jedem Andern. Wiel ich habe Euch geſagt, ich erkenne an, daß er eine gewiſſe Superiorität beſitze, und das ſollte nicht genügen Meine Liebe, man iſt Weib, das heißt Köͤnigin, die ganze Zeit, die uns die Natur giebt, dieſes Koͤnigreich inne zu haben, nämlich vom fünfzehnten bis zum fünf⸗ unddreißigſten Jahr; es ſteht einem hernach frei, Herz zu beſitzen, wenn man nur noch das beſitzt.“ „ Ho! ho!“ murmelte la Vallidre. 4 „Vortrefflich!“ rief Montalais.„Das iſt ein Mei⸗ ſterweib. Athenais, Ihr werdet es weit bringen.“ 3 „Billigt Ihr nicht, was ich geſagt habe?“ „Oh!l mit Hand und Fuß,“ erwiederte die Spoͤtterin. „Nicht wahr, Ihr ſcherzt, Montalais?“ ſagte Louiſe. „ Nein, nein, ich billige Alles, was Athenais ge⸗ ſagt hat; nur...“ „Nur, was?“ 2 „Nun, ich kann es nicht in Thätigkeit ſetzen. Ich habe die vollſtändigſten Grundſätze; ich mache nur Ent⸗ ſchließungen, gegen welche die Projekte des Nathruders „ und die des Königs von Spanien Kinderſpiele ſind; kommt dann der Tag der Ausführung, nichts.“ „Ihr werdet ſchwach;“ ſprach Athenais verächtlich. „Schändlich.“ „Unglückliche Natur!“ ſagte Athenais.„Doch Ihr wählt wenigſtens.“ „Meiner Treue... meiner Treue, nein. Das Schickſal gefällt ſich darin, mir in allem entgegenzutre⸗ ten, ich träume von Kaiſern und finde...“ „Aure! Aure!“ rief la Vallidre,„habt Mitleid, opfert nicht dem Vergnügen, ein Wort zu ſagen, die⸗ jenigen, welche Euch mit einer ſo treuergebenen Zunei⸗ gung lieben.“ „Oh! darum kümmere ich mich wenig; die⸗ jenigen, welche mich lieben, ſind glücklich genug, daß ich ſie nicht fortjage, meine Theure. Schlimm für mich, wenn ich eine Schwäche habe, doch ſchlimm für ſie, wenn ich mich dafür an ihnen räche. Meiner Treue, ich räche mich.“ 1 „Aure!“ „Ihr habt Recht,“ ſagte Athenais,„und Ihr wer⸗ det vielleicht zu demſelben Ziel gelangen. Das heißt man koquette ſein, ſeht Ihr, mein Fräulein. Die Män⸗ ner, die in vielen Dingen Dummköpfe ſind, ſind es be⸗ ſonders darin, daß ſie unter dem Wort Coquetterie den Stolz einer Frau und ihre Veränderlichkeit vermengen. Ich begegne den Bewerbern hart, doch ohne das ge⸗ ringſte Beſtreben, ſie zurückzuhalten. Die Männer ſagen, ich ſei koquette, weil ſie ſo eitel ſind, zu glauben, ich begehre nach ihnen. Andere Frauen, Montalais zum Beiſpiel, haben ſich durch Schmeicheleien zieren laſſen; ſie wären verloren durch die herrliche Feder des Inſtinkts, die ſie antreibt, ploͤtzlich zu wechſeln und denjenigen zu beſtrafen, deſſen Huldigung ſie kurz zuvor noch an⸗ nahmen.“ „Eine herrliche Abhandlung.“ ſagte Montalais mit dem Tone eines Weinkenners, der ſich ergötzt. 4 — 237 „Eine abſcheuliche!“ murmelte Louiſe. Fräulein von Tonnay⸗Charente fuhr aber fort: „Durch dieſe Coquetterie, denn das iſt die wahre Coquetterie, magert der vor einer Stunde noch vom Stolz aufgeblaſene Liebhaber um die ganze Geſchwulſt ſeiner Eitelkeit ab. Er nahm ſchon eine Siegermiene an, nun weicht er zurück. Er wollte uns protegiren, und wirft ſich nun abermals nieder. Eine Folge hie⸗ von iſt, daß wir, ſtatt einen eiferſüchtigen, läſtigen, nicht von der Stelle weichenden Mann zu haben, einen⸗ beſtändig zitternden, beſtändig begehrlichen, beſtändig unterwürfigen Geliebten haben, und zwar aus dem ein⸗ fachen Grund, weil er eine ſtets neue Geliebte findet. Dieß, ſeid davon überzeugt, meine Fräulein, dieß iſt die Coquetterie. Hiemit iſt man Königin unter den Frauen, wenn man nicht von Gott die ſo koſtbare Fähig⸗ keit erhalten hat, ſein Herz und ſeinen Geiſt im Zaum zu halten.“ „Oh! wie geſchickt ſeid Ihr,“ rief Montalais,„und wie gut begreift Ihr die Pflicht der Frauen!“ „Ich bereite mir ein beſonderes Glück,“ ſagte Athe⸗ nais mit Beſcheidenheit,„ich vertheidige mich wie alle ſchwache Thiere gegen die Unterdrückung der Stärkeren.“ „La Vallière ſagt kein Wort. Billigt ſie unſere Denkungsart nicht?“ 3 1 „Ich, ich verſtehe nicht,“ antwortete Louiſe.„Ihr ſprecht wie Weſen, welche nicht berufen wären, auf die⸗ ſer Erde zu leben.“ 2 „Sie iſt ſchön, Eure Erde!“ ſagte Montalais. „Eine Erde,“ ſprach Athenais,„wo der Mann die Frau beweihraucht, um ſie betäubt fallen zu machen, wo er ſie beſchimpft, wenn ſie gefallen iſt.“ „Wer ſpricht von Fallen!“ rief Louiſe. „Ah! das iſt eine neue Theorie, meine Theure; nennt mir, wenn es Euch beliebt, Euer Mittel, um nicht beſtegt zu werden, wenn Ihr Euch durch die Liebe habt hinreißen laſſen?“ — „Oh!“ rief das Mädchen, ihre ſchoͤnen feuchten Augen zum dunkeln Himmel aufſchlagend,„ohl wenn Ihr wüßtet, was ein Herz iſt, ſo würde ich Euch er⸗ klären und Euch überzeugen; ein liebendes Herz iſt ſtär⸗ ker, als Eure ganze Coquetterie und mehr als Euer ganzer Stolz. Nie wird eine Frau geliebt, ich glaube es, und Gott hört mich, nie liebt ein Mann mit Ver⸗ götterung, wenn er ſich nicht geliebt fühlt. Ueberlaßt es den Greiſen der Komödie, ſich von Coquetten ange⸗ betet zu glauben. Der junge Mann verſteht ſich darauf, er täuſcht ſich nicht; hat er für die Coquette ein Ver⸗ langen, eine Begierde, eine Wuth, Ihr ſeht, ich laſſe Euch ein freies, weites Feld, kann ihn mit einem Wort die Coquetterie verrückt machen, ſo macht ſie ihn doch nie wahrhaft verliebt.— 4 „Die Liebe, ſeht Ihr, was ich darunter verſtehe, iſt ein unabläſſiges, unbeſchränktes Opfer; aber es iſt nicht ein Opfer von einem einzigen der beiden vereinig⸗ ten Theile. Es iſt die völlige Verläugnung zweier) Seelen, die ſich in eine verſchmelzen wollen. Wenn ich je liebe, ſo werde ich meinen Geliebten anflehen, mich frei und rein zu laſſen; ich werde ihm ſagen, was er ſicherlich begreift, meine Seele werde zerriſſen durch die Weigerung, die ich thue, und erl er, der mich liebt, wird, die ſchmerzliche Größe meines Opfers fühlend, ſich ergeben, wie ich, er wird mich verſchonen, er wird mich nicht fallen zu machen ſuchen, um mich zu belei⸗ digen, wenn ich gefallen bin, wie Ihr vorhin gegen die Liebe ſchmähend, wie ich ſie verſtehe, ſagtet. So liebe ich.“ „Sagt nun, mein Geliebter werde mich verachten, ich fordere ihn dazu heraus, wenn er nicht der gemeinſte Menſch iſt, und mein Herz bürgt mir dafür, daß ich ſolche Leute nicht wählen werde. Mein Blick wird ihm ſeine Opfer bezahlen und ihm Tugenden auferlegen, die er nie zu haben geglaubt hätte.“. 3 4 α☛ O—D—————— 239 „Aber Louiſe,“ rief Montalais,„Ihr ſagt uns das und übt es nicht aus.“ „Was meint Ihr damit?“ „Ihr werdet von Raoul von Bragelonne angebetet, 4 auf beiden Knieen geliebt. Der arme Junge iſt ein Opfer Eurer Liebe, wie er eines wäre, mehr ſogar, als er eines meiner Coquetterie oder des Stolzes von Athe⸗ nais wäre.“ „Das iſt ganz einfach eine Unterabtheilung der Coquetterie, und das Fräulein übt ſie, wie ich ſehe, ohne es zu vermuthen.“ „Oh!“ machte la Vallidre. „Ja, das nennt man Inſtinkt, vollkommene Empfind⸗ ſamkeit, Auserkohrenheit der Gefühle, beſtändige Kund⸗ gebung leidenſchaftlicher Regungen, die nie zu einem Ziele kommen. Oh! das iſt auch ſehr geſchickt und ſehr wirkſam. Ich hätte nun, da ich darüber nachdenke, — dieſe Taktik meinem Stolz, um die Maͤnner zu bekäm⸗ pfen, vorgezogen, weil ſie den Vortheil bietet, zuweilen an die Ueberzeugung glauben zu machen; von nun an aber erkläre ich ſie, ohne meine Beurtheilung gänzlich zuzugeben, für vortrefflicher, als die einfache Coquetterie voon Montalais.“ b Die beiden Mädchen lachten. LZa Vallisre allein ſchwieg und ſchüttelte den Kopf. Dann nach einem Augenblick ſprach ſie: „Sagtet Ihr mir den vierten Theil von dem, was Ihr mir geſagt, vor einem Mann, oder wäre ich nur überzeugt, daß Ihr es denkt, ſo würde ich vor Scham und Schmerz auf dieſer Stelle ſterben.“ 4 „Nun! ſterbt, zarte Kleine,“ erwiederte Fräulein voon Tonnay⸗Charente,„denn wenn es keine Männer hier gibt, ſo gibt es wenigſtens zwei Euch befreundete Frauen, die Euch für überwieſen erklären, daß Ihr eine Coquette aus Inſtinkt, eine naive Coquette ſeid, und 4 das iſt die gefährlichſte Gattung von Coquetten, die es auf der Welt gibt,“ „Oh! meine Fräulein!“ rief la Vallière erroͤthend und dem Weinen nahe. Die zwei Gefährtinen brachen abermals auf ihre Koſten in ein Gelächter aus. „Nun! ich werde mich bei Bragelonne erkundigen.“ „Bei Bragelonne?“ fragte Athenais. „Ja wohl! bei dem großen Burſchen, der ſo muthig iſt wie Cäſar, ſo fein und geiſtreich wie Herr Fouquet, bei dem armen Jungen, der ſeit zwölf Jahren Dich kennt, Dich liebt, und der dennoch, wenn man Dir glauben darf, nie Deine Fingerſpitzen geküßt hat.“ „Erklärt uns dieſe Grauſamkeit, Ihr, die Frau von Gemüth,“ ſprach Athenais zu la Valliére. „Ich werde ſie durch ein Wort erklären: die Tu⸗ gend. Solltet Ihr zufällig die Tugend leugnen?“ „Höre, Louiſe, lüge nicht,“ rief Aure, indem ſie Louiſe bei der Hand nahm. „Was ſoll ich Euch denn ſagen?“ verſetzte la Val⸗ lière. „Was Ihr wollt. Doch was Ihr auch ſagen mö⸗ get, ich beharre bei meiner Meinung über Euch. Co⸗ quette aus Inſtinkt, naive Coquette, das heißt, ich wie⸗ derhole es, die gefährlichſte von allen Coquetten.“ „Oh! nein, nein, ich bitte, glaubt das nicht.“ „Wie, zwoͤlf Jahre völliger Strenge?“ 3 „Ohl vor zwolf Jahren war ich fünf alt. Die Hingebung eines Kindes kann dem Mädchen nicht auf⸗ gerechnet werden.“ „Nun wohl! Ihr ſeid ſtebenzehn, drei Jahre ſtatt zwölf. Seit drei Jahren ſeid Ihr beſtändig und völlig grauſam geweſen, während Ihr gegen Euch die ſtum⸗ men Schatten von Blois hattet, die Rendezvous, wo man die Sterne zählt, die nächtlichen Sitzungen unter den Platanen, jene zwanzig Jahre, die zu Euern vier⸗ zehn Jahren ſprachen, das Feuer ſeiner Augen, das zu Euch ſelbſt ſprach?“ „Wohl! wohl! aber es iſt dennoch ſo.“ 241 „Unmöglich!“ 3 „Aber, mein Gott! warum denn unmöglich?“ „Sage uns glaubliche Dinge, meine Liebe, und wir werden Dir glauben.“ „Nehmt doch Eines an.“ „Vollendet, oder wir werden mehr annehmen, als Ihr wollt.“ „Nehmen wir an, daß ich zu lieben glaubte und nicht liebe.“ „Wie! Du liebſt nicht?“ „Was wollt Ihr? bin ich anders geweſen, als es die Anderen ſind, wenn ſie lieben, ſo iſt dieß der Fall, weil ich nicht liebe, weil meine Stunde noch nicht ge⸗ kommen iſt.“ „Louiſe! Louiſe!“ rief Montalais,„nimm Dich in Acht, ich will Dir Dein Wort von vorhin zurückgeben. Raoul iſt nicht da, beuge ihn in ſeiner Abweſenheit nicht nieder; ſei mitleidig, und wenn Du, die Sache von Nahem betrachtend, denkſt, Du liebeſt ihn nicht, ſo ſage es ihm ſelbſt. Armer Junge!“ 8 Und ſie lachte wieder. 3 „Das Fräulein beklagte vorhin Herrn von Guiche,“ ſagte Athenais;„könnte man nicht die Erklärung dieſer Gleichgültigkeit gegen den Einen in dieſem Mitleid für den Andern finden?“ „ Drückt mich nieder,“ erwiederte la Vallidre trau⸗ rig,„drückt mich nieder, meine Fräulein, da Ihr mich nicht begreift.“— „Ohl ohl“ ſagte Montalais,„Niedergeſchlagenheit, Kummer, Thränen! Wir ſcherzen, Louiſe, und ſind nicht, das verſichere ich Dich, ganz und gar die Unge⸗ heuer, für die Du uns hältſt; ſchau Athenais, die ſtolze, an, wie man ſie nennt, es iſt wahr, ſie liebt Herrn von Monteſpan nicht, aber ſie wäre in Verzweiflung, wenn Herr von Monteſpan ſie nicht liebte... Schau mich an, ich lache über Herrn von Malicorne, aber die⸗ Die drei Musketiere. Bragelonne. V. 16 ſer arme Malicorne, über den ich lache, weiß wohl, wann er meine Hand an ſeine Lippen führen darf... und dann zählt die Aelteſte von uns nicht zwanzig Jahre... welche Zukunft!“ „Wie toll ſeid Ihr!“ murmelte Louiſe. „Es iſt wahr,“ ſagte Montalais,„und Du allein haſt Worte der Weisheit geſprochen.“ „Gewiß.“ „Zugeſtanden,“ verſetzte Athenais.„Ihr liebt alſo den armen Herrn von Bragelonne entſchieden nicht?“ „Vielleicht!“ ſagte Montalais;„ſie iſt hierin noch nicht ganz ſicher. Aber in jedem Fall höre, Athenais: wenn Herr von Bragelonne frei wird, ſo gebe ich Dir einen Rath als Freundin.“ „Welchen?“ „Ihn wohl anzuſchauen, ehe Du Dich für Herrn von Monteſpan entſcheideſt.“ „Ohl wie Ihr es ſo nehmt, meine Liebe. Herr von Bragelonne iſt nicht der Einzige, den man mit Ver⸗ gnügen anſchaut. Oh! Herr von Guiche zum Beiſpiel hat auch ſeinen Werth.“ „Er hat dieſen Abend nicht geglänzt,“ ſagte Mon⸗ talais,„und ich weiß aus guter Quelle, vaß ihn Ma⸗ dame abſcheulich gefunden hat.“ „Aber Herr von Saint⸗Aignan, er hat geglänzt und ich bin feſt überzeugt, mehr als Eine von denjeni⸗ gen, die ihn haben tanzen ſehen, werden ihn nicht ſo bald vergeſſen.“ „Warum richtet Ihr dieſe Frage an mich; ich habe ihn nicht geſehen, ich kenne ihn nicht.“ „Ihr habt Herrn von Saint⸗Aignan nicht geſehen? Ihr kennt ihn nicht?“ „Nein.“ „Ahl ah! heuchelt nicht dieſe Tugend, die noch viel ungeſchlachter iſt, als unſer Stolz; nicht wahr, Ihr habt Augen?“ 8 „Vortreffliche.“ 8— denn Ihr ſeht fern, ſehr fern. Ach! der König gehört 243 „Dann habt Ihr alle unſere Tänzer heute Abend geſehen.“ „Ja, ungefähr.“ 4 „Das iſt ein für ſte etwas ungebührliches Un⸗ gefähr.“ „Ich gebe es Euch für das, was es iſt.“ „Nun dann, welchem von allen den Cavalieren, die Ihr ungefähr geſehen habt, gebt Ihr den Vorzug?“ „Ja,“ ſagte Montalais,„ja, Herrn von Saint⸗ Aignan, Herrn von Guiche, Herrn von...“ „Ich gebe Niemand den Vorzug, mein Fräulein, ich finde ſie Alle gleich gut.“ „In dieſer glänzenden Verſammlung, unter dieſem Hof, dem erſten der Welt, hat Euch Niemand gefallen?“ „Ich ſage das nicht.“ „Sprecht, theilt uns Euer Ideal mit.“ „Es iſt kein Ideal.“ „Es beſteht alſo?“ „In der That, meine Fräulein,“ rief la Vallière, aufs Aeußerſte getrieben,„ich begreife das nicht. Wie, Ihr habt wie ich ein Herz, Ihr habt wie ich Augen, und Ihr ſprecht von Herrn von Guiche, von Herrn von Saint⸗Aignan, von Herrn... was weiß ich, während der König da war?“ Dieſe Worte haſtig von einer unruhigen, glühen⸗ den Stimme herausgeworfen, veranlaßten auf beiden Seiten von Louiſe einen Ausruf, vor dem ſie bange bekam. „Der König,“ riefen zugleich Montalais und Athenais. La Valliére ließ ihren Kopf in ihre beiden Hände ſinken. 1 „Ohl ja, der König! der König!“ murmelte ſie; hndte dht denn je etwas dem König Aehnliches ge⸗ ſehen?“ 4 „Ihr hattet Recht, mein Fräulein, als Ihr Euch vorhin vortrefflicher Augen rühmtet, mein Fräulein, 244 nicht zu denjenigen, auf welche unſere arme Augen ſich zu heften berechtigt ſind.“ „Ohl es iſt wahr, es iſt wahr,“ rief la Vallidre, pes iſt unſeren Augen nicht vergönnt, der Sonne ins Antlitz zu ſchauen; aber ich werde ſchauen, und ſollte ich darüber blind werden.“ In dieſem Augenblick, und als würde es durch die Worte veranlaßt, die dem Munde von la Vallière ent⸗ ſchlüpft waren, ertönte ein Geräuſch von Blättern und von ſeidenem Anſtreifen hinter dem benachbarten Gebüſch. Die Mädchen ſtanden erſchrocken auf. Sie ſahen deutlich die Blätter ſich bewegen, doch ohne den Gegen⸗ ſtand zu erblicken, der ſie in Bewegung ſetzte. „Oh! ein Wolf, ein Wildſchwein!“ rief Monta⸗ lais,„fliehen wir, meine Fräulein, fliehen wir.“ Und die Mädchen erhoben ſich, von einem unbe⸗ ſchreiblichen Schrecken erfaßt, entflohen durch die nächſte Allee, die ſich ihnen bot, und hielten erſt am Saume des Gehölzes an. Außer Athem, auf einander geſtützt, gegenſeitig ihre Herzen ſchlagen fühlend, ſuchten ſie hier ſich zu erholen, doch es gelang ihnen erſt nach einigen Augenblicken. Endlich, Kes ſie Lichter auf den Seiten des Schloſ⸗ ſes erblickten, entſchloſſen ſie ſich, auf dieſe Lichter zu⸗ zugehen. 3 La Vallière war erſchöpft vor Müdigkeit. Aure und Athenais unterſtützten ſie. .„Oh! wir ſind noch glücklich davongekommen,“ ſagte Montalais. „Meine Fräulein! meine Fräulein!“ ſprach la Vallière;„ich befürchte ſehr, es iſt etwas Schlimme⸗ res, als ein Wolf. Ich meines Theils ſage, wie ich denke, ich wäre lieber Gefahr gelaufen, lebendig von einem wilden Thiere gefreſſen zu werden, als behorcht und gehört worden zu ſein. Oh! ich Närrin! Wie konnte ich ſolche Dinge denken, ſagen!“ Und hierüber ſenkte ſich ihre Stirne, wie das —— —yÿ —— 245 Haupt eines Schilfrohrs; ſie fühlte ihre Beine ſich beu⸗ gen, alle ihre Kräfte verließen ſie, und ſie glitt leblos aus den Armen ihrer Gefährtinnen auf den Raſen der Allee. XXIV. Die Unruhe des Königs. Laſſen wir die arme la Vallière halb ohnmächtig unter ihren beiden Gefährtinnen, und kehren wir in die Gegend der Königseiche zurück. Die drei Maͤdchen hatten entfliehend nicht zwanzig Schritte gemacht, als ſich das Geräuſch, das ſte ſo ſehr erſchreckt, im Blätterwerk verdoppelte. Die Geſtalt hob ſich deutlicher hervor, ſie ſchob die Zweige des Gebüſches auf die Seite, erſchien am Saume des Waldes, und brach, als ſie den Plaßgleer ſah, in ein ſchallendes Gelächter aus. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß dieſe Geſtalt die eines jungen und ſchönen Cavaliers war, der ſo⸗ gleich einem andern ein Zeichen machte, welcher auch erſchien. 5 „Nun, Sire,“ ſprach die zweite Geſtalt, ſchüchtern vorſchreitend,„ſollten Eure Majeſtät unſeren jungen Verliebten Angſt gemacht haben?“ „Ei! mein Gott,“ ſagte der Koͤnig,„Du kannſt Dich ganz frei zeigen, Saint⸗Aignan.“ „ Aber, Sire, nehmt Euch in Acht, man wird Euch erkennen.“ „Ich ſage Dir, daß ſie entflohen ſind.“ „Das iſt ein glückliches Zuſammentreffen„ Sire, und wenn ich Eurer Majeſtät einen Rath geben dürfte, ſo müßten wir ſie verfolgen.“ „„ „Sie ſind ſchon fern.“ 3 „Bah! ſie ließen ſich leicht einholen, beſonders, wenn ſie wiſſen, wer diejenigen ſind, welche ſie ver⸗ folgen.“ „Wie dies, Herr Geck.“ „Ahl es iſt Eine dabei, die mich nach ihrem Ge⸗ ſchmack gefunden, und eine Andere, die Euch mit der Sonne verglichen hat.“ „Ein Grund mehr, daß wir verborgen bleiben, Saint⸗Aignan. Die Sonne zeigt ſich nicht bei Nacht.“ „Bei meiner Treue, Sire, Eure Majeſtät iſt nicht neugierig. An Ihrer Stelle möchte ich gerne wiſſen, wer die zwei Nymphen, die zwei Dryaden, die zwei Hamadryaden ſind, die eine ſo gute Meinung von uns haben.“ „Ohl ich werde ſie wohl erkennen, ohne ihnen nach⸗ zulaufen, dafür ſtehe ich Dir.“ „Und wie dies?“ „Bei Gott! an der Stimme. Sie ſind von Hofe, und die, welche von mir ſprach, hatte eine reizende Stimme.“ „Oh! Eure Majeſtät läßt die Schmeichelei einen Einfluß auf ſich ausüben.“ „Man wird nicht ſagen, das ſei das Mittel, wel⸗ ches Du anwerndeſt.“ „Ohl verzeiht, Sire, ich bin ein Einfaltspinſel.“ „Komm und laß uns ſuchen, wo ich Dir geſagt habe.“ 3 „Und die Leidenſchaft, die Ihr eingeſtanden habt, iſt ſie ſchon vergeſſen?“ „Oh! nein. Wie ſollte man Augen, wie die von Fräulein de la Valliére, vergeſſen.“ „S”Oh! die Andere hat eine reizende Stimme.“ „Welche?“— „ Die, welche die Sonne liebt.“ „Herr von Saint⸗Aignan!“ „Verzeiht, Sire.“ 247 „Uebrigens bin ich nicht ärgerlich darüber, daß Du glaubſt, ich liebe ebenſo ſehr die ſanfte Stimme, als die ſchönen Augen. Ich kenne Dich, Du biſt ein ab⸗ ſcheulicher Schwätzer, und morgen werde ich das Zu⸗ trauen bezahlen, das ich zu Dir gehabt habe.“ „Wie ſo?“ „Ich ſage, morgen wird Jedermann erfahren, daß ich Ideen auf die kleine la Vallidre gehabt habe; doch nimm Dich in Acht, Saint⸗Aignan, ich habe mein Ge⸗ heimniß nur Dir anvertraut, und wenn eine einzige Perſon davon ſpricht, ſo weiß ich, wer mein Geheim⸗ niß verrathen hat.“* „Oh! welche Hitze, Sire.“ „Nein, doch Du begreifſt, ich will das arme Mäd⸗ chen nicht compromittiren.“ „Sire, ſeid unbeſorgt.“ „Du verſprichſt mir?“ „Sire, ich verpfände Euch mein Wort.“ „Gut;“ dachte der König, in ſeinem Innern la⸗ chend,„morgen wird Jedermann erfahren, daß ich heute Nacht der la Valliére nachgelaufen bin.“ Dann, indem er ſich zu orientiren ſuchte, ſagte er? „Ohl wir find verloren.“ „Ohl es iſt nicht ſo gefährlich.“ „Wohin geht dieſer Abhang?“ „Zum großen Rundpunkt, Sire.“ „Wohin wir uns begaben, als wir die weiblichen Stimmen hörten?“ „ Ja, Sire, und das Ende des Geſprächs, wo ich die Ehre hatte, meinen Namen neben dem Namen Eurer Majeſtät nennen zu hoͤren.“ „Du kommſt ſehr oft hierauf zurück, Saint⸗Aignan.“ „Eure Majeſtät verzeihe mir, aber ich bin entzückt, zu erfahren, daß eine Frau ſich mit mir beſchäftigt, ohne daß ich es weiß, und ohne daß ich etwas hiefür gethan hatte. Eure Majeſtät begreift dieſe Befriedigung ——ꝑꝛ—— nicht, ſie, deren Rang und Verdienſt die Aufmerkſamkeit erregen und zur Liebe nöthigen.“ „Nein, Saint⸗Aignan, Du magſt mir glauben, wenn Du willſt,“ ſprach der König, indem er ſich ver⸗ traulich auf den Arm von Saint⸗Aignan ſtützte und den Weg einſchlug, von dem er glaubte, er müßte nach dem Schloſſe führen,„dieſes naive Geſtändniß, dieſe ganz uneigennützige Bevorzugung einer Frau, die viel⸗ leicht nie meine Augen auf ſich ziehen wird... mit einem Wort, das Geheimniß dieſes Abenteuers reizt mich, und in der That, wenn ich nicht ſo ſehr mit der la Vallière beſchäftigt wäre...“ „Oh!l das halte Eure Majeſtät nicht zurück, ſie hat Zeit vor ſich.“ „Wie ſo?“ „Man nennt la Vallidre ſehr ſtreng.“ „Du reizeſt mich, Saint⸗Aignan, und es drängt mich, ſie wiederzuſinden. Vorwärts, vorwärts!“ Der König log; nichts drängte ihn, im Gegentheil, weniger, doch er hatte eine Rolle zu ſpielen. Und er fing an, raſch zu marſchiren. Saint⸗Aig⸗ nan folgte ihm, eine leichte Entfernung beobachtend. Plötzlich blieb der König ſtehen und der Höfling aahmte ihm nach. 4„Saint⸗Aignan,“ ſagte Ludwig,„hörſt Du nicht Seufzer?“ „Ich?“ „Ja, horche.“ „In der That, und ſogar Schreie, wie mir ſcheint.“ „Es iſt auf jener Seite,“ ſprach der König, eine Richtung bezeichnend. 1 „Man ſollte glauben, man vernehme das Weinen, das Schluchzen einer Frau,“ ſagte Herr von Saint⸗ Aignan. „Laufen wir.“ Und der König und der Günſtling liefen auf einem kleinen Querweg nach dem Raſen. . Je weiter ſie vorſchritten, deſto deutlicher wurden die Schreie. 1 „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ riefen zwei Stimmen. Die zwei jungen Leute verdoppelten ihre Geſchwin⸗ digkeit. 3 3 Wie ſie immer näher kamen, wnrden die Seufzer zu Schreien. „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ riefen zwei Stimmen. Und dieſe Schreie verdoppelten abermals die Schnel⸗ ligkeit des Laufes von Ludwig und ſeinem Günſtling. Plötzlich erblickten ſie am Rande eines Grabens unter Weiden mit zerzauſeten Zweigen eine Frau auf den Knieen, welche eine andere ohnmächtige Frau hielt. Ein paar Schritte davon rief eine dritte mitten auf dem Weg um Hülfe. Als ſie die zwei Herren erblickte, deren Eigenſchaft ſte nicht kannte, verdoppelten ſich die Schreie der Frau, welche um Hülfe rief.— Der König lief ſeinem Gefährten voran, ſprang über den Graben, und befand ſich bei der Gruppe in dem Augenblick, wo von dem Ende der Allee, welche nach dem Schloſſe zulief, ein Dutzend Perſonen erſchie⸗ nen, herbeigezogen durch dieſelben Schreie, welche den Koͤnig und Herrn von Saint⸗Aignan hierher führten. „Was gibt es denn, meine Fräulein?“ fragte Ludwig. 3.— „Der König!“ rief Fräulein von Montalais, die in ihrem Erſtaunen den Kopf von la Vallidre losließ, welche völlig auf den Raſen zurückfiel. 3 „Ja, der Koͤnig. Doch das iſt kein Grund, daß Ihr Eure Gefaͤhrtin loslaßt. Wer iſt es denn?“ „Fräulein de la Valliére. Sie iſt ohnmächtig.“ „Oh! mein Gott!“ rief der König,„armes Kind. Geſchwinde, geſchwinde einen Wundarzt.“ Doch mit welchem Eifer der König auch dieſe Worte ſprach, ſo hatte er ſich doch nicht ſo gut bewacht, daß ſie nicht, wie die Geberde, die dieſelben begleitete, 4 ein wenig kalt Herrn von Saint⸗Aignan vorkommen mußten, der das Geſtändniß dieſer großen Liebe, die den König ergriffen, empfangen hatte. „Saint⸗Aignan,“ fuhr der König fort,„ich bitte Euch, wacht über Fräulein de la Vallière. Ruft einen Wundarzt. Ich laufe und benachrichtige Madame von dem Unfall, der ihrem Ehrenfräulein zugeſtoßen iſt.“ Während Herr von Saint⸗Aignan ſich damit be⸗ ſchäftigte, daß er Fräulein de la Vallière nach dem Schloſſe bringen ließ, lief der König voran, ſelig, dieſe Gelegenheit zu finden, ſich Madame zu nähern und mit ihr unter einem Scheinvorwand ſprechen zu können. Es kam zum Glück ein Wagen vorüber; man ließ den Kutſcher halten, und als die Perſonen, die darin ſaßen, den Unfall erfuhren, beeilten ſie ſich, Fräͤulein de la Vallière den Platz abzutreten. Der durch die raſche Fahrt veranlaßte Luftſtrom rief die Kranke bald zum Daſein zurück. Im Schloſſe angelangt, konnte ſie, obgleich noch ſehr ſchwach, aus dem Wagen ausſteigen, und mit Hülfe von Athenais und Montalais erreichte ſie das Innere der Gemächer.— Man ließ ſie in ein an die Salons des Erdge⸗ ſchoßes anſtoßendes Zimmer ſitzen. Dann, da dieſer Unfall keinen großen Eindruck auf die Spazierenden gemacht hatte, wurde die Pro⸗ menade fortgeſetzt. 3 Mittllerweile fand der Koͤnig Madame unter einer rautenförmigen Baumgruppe; er ſetzte ſich zu ihr und ſein Fuß ſuchte ſachte den der Prinzeſſin unter dem Stuhl von dieſer. 5 „Nehmt Euch in Acht,“ ſagte Henriette leiſe. „Ihr erſcheint nicht als ein gleichgültiger Menſch.“ „Ah!“ antwortete Ludwig XIV. mit demſelben Ton,„ich befürchte ſehr, wir haben einen Vertrag ge⸗ ſchloſſen, der unſere Kraͤfte überſteigt.“ 251 Dann ſprach er laut: „Ihr kennt den Unfall?“ „Welchen Unfall?“ „Oh! mein Gott! als ich Euch ſah, vergaß ich, daß ich ausdrücklich gekommen war, um ihn Euch zu erzählen. Er beruͤhrt mich jedoch ſehr ſchmerzlich; eine von Euren Ehrenfräulein, die arme la Vallière, iſt in Ohnmacht gefallen.“ „Ah! armes Kind!“ ſagte ruhig die Prinzeſſin; „und aus welcher Veranlaſſung?“ Dann ganz leiſe: „Aber Ihr bedenkt nicht, Sire, Ihr wollt an eine Leidenſchaft für dieſes Mädchen glauben machen, und Ihr bleibt hier, während es dort ſtirbt.“ „Ah! Madame, Madame,“ erwiederte ſeufzend der König,„wie viel beſſer ſeid Ihr in Eurer Stelle, als ich, und wie denkt Ihr an Alles.“ Und er ſtand auf und ſprach ſo laut, daß es Je⸗ dermann hörte: „Madame, erlaubt, daß ich Euch verlaſſe; meine Unruhe iſt groß, und ich will mich ſelbſt verſichern, ob die nöthige Sorge und Pflege angewendet worden.“ Und der König ging weg, um ſich abermals zur la Vallière zu begeben, waͤhrend alle Anweſenden ůber das Wort des Königs: „Meine Unruhe iſt droß, 4 Commentare machten. 3 ——õ aaa XXV. Das Geheimniß des Königs. Unterwegs begegnete Ludwig dem Grafen von Saint⸗Aignan.. „Nun, Saint⸗Aignan,“ fragte er auf eine affek⸗ tirte Weiſe,„wie befindet ſich die Kranke?“ „Sire,“ ſtammelte Saint⸗Aignan,„ich geſtehe zu meiner Schande, daß ich es nicht weiß.“ „Wie, Ihr wißt es nicht!“ rief der König, der ſich den Anſchein gab, als nähme er dieſen Mangel an Nunſicht für den Gegenſtand ſeiner Vorliebe ſehr ernſt. „Sire, ich bitte um Verzeihung; ich habe eine von unſeren drei Schwätzerinnen getroffen und geſtehe, daß mich das zerſtreute.“ „Ahl Ihr habt gefunden?“ fragte der König leb⸗ haft. „Diejenige, welche ſo vortheilhaft von mir zu ſprechen die Gewogenheit hatte, und da ich die mei⸗ nige gefunden, ſo ſuchte ich die Eurige, als ich Eurer Majeſtät zu begegnen ſo glücklich war.“ „s iſt gut, doch vor Allem Fräulein de la Val⸗ lière,“ ſagte der König ſeiner Rolle getreu. „Ohl das iſt nun eine ſchöne Intereſſante,“ er⸗ wiederte Saint⸗Aignan,„und welch' ein Lurus war ihre Ohnmacht, da ſich Eure Majeſtät ſchon vorher mit ihr beſchäftigte.“ „Und der Name Eurer Schönen, Saint⸗Aignan, iſt es ein Geheimniß?“— „Sire, es ſollte ein Geheimniß ſein, und zwar ein großes; aber Eure Majeſtät weiß wohl, daß es für ſie keine Geheimniſſe gibt.“ 253 „Ihr Name alſo?“ „Fräulein von Tonnay⸗Charente.“ „Sie iſt ſchön 24. „Ausnehmend, ja, Sire, und ich habe die Stimme erkannt, welche ſo zärtlich meinen Namen nannte. Da redete ich ſie an, befragte ſie, ſo weit ich es unter der Menge thun konnte, und ſie ſagte mir, ohne etwas zu vermuthen, ſie ſei vorhin mit zwei Freundinnen bei der Königseiche geweſen, als ſie die Erſcheinung 9 Wolfes oder eines Räubers zur Flucht veranlaßt abe.“ „Aber der Name dieſer zwei Freundinnen?“ „Sire,“ ſprach Saint⸗Aignan,„Eure Majeſtät laſſe mich in die Baſtille bringen.“ „Warum?“ „Weil ich ein Egoiſt und ein Dumnmkopf bin. Miein Erſtaunen über eine ſolche Eroberung und eine 4 ſo glückliche Entdeckung war ſo groß, daß ich dabei ſtehen blieb. Uebrigens glaubte ich nicht, daß Eure Majeſtät, beſchäftigt, wie ſie war, mit Fräulein de la Vallière, einen großen Werth auf das lege, was ſie gehört; dann verließ mich auch Fräulein von Tonnay⸗ Charente haſtig, um zu Fräͤulein ae la Vallière zurück⸗ zukehren.“ „Nun, wir wollen hoffen, daß mich der Zufall eben ſo begünſtigt, wie Dich. Komm, Saint⸗Aignan.“ „Mein König Veſer d t ich ſehe, er will 4 keiner Eroberung geſtatten, daß ſie ihm entſchlüpfe. Ich verſpreche Eurer Majeſtät, daß ich gewiſſenhaft ſuchen 4 will, und von einer der drei Grazien wird man den Namen der andern und durch den Namen das Geheim⸗ niß erfahren.“ „Oh!l ich brauche auch nicht mehr, als ihre Stimme zu hoͤren, um ſie zu erkennen. Doch laſſen wir das, führe mich zu Fräulein de la Vallière,“ ſprach der König. 4 4 „Ahäe dachte Saint⸗Aignan, ndas iſt in der That eine Leidenſchaft, die ins Auge fällt; und für dieſes kleine Mädchen, das iſt außerordentlich... ich hätte es nie geglaubt.“ Und während er ſo dachte, zeigte er dem König den Saal, in den man la Vallièͤre geführt hatte und Ludwig trat ein. Saint⸗Aignan folgte ihm. In einem Saale des Erdgeſchoßes, bei einem gro⸗ ßen Fenſter, das auf die Blumenbeete ging, athmete la Vallière, in einem weiten Fauteuil ſitzend, mit lan⸗ gen Zügen die balſamiſche Nachtluft ein. Von ihrer gelockerten Bruſt fielen die Spitzen zer⸗ knittert unter den Locken ihrer ſchönen auf ihren Schul⸗ tern zerſtreuten Haare. Das Auge ſchmachtend, mit ſchlecht gelöſchtem Feuer beladen, in ſchwere Thränen getaucht, lebte ſie nur noch wie jene ſchönen Viſionen unſerer Träume, welche ganz bleich und ganz poetiſch vor den geſchloſ⸗ ſenen Augen des Schläfers vorüberziehen, indem ſie ihre Flügel öffnen, ohne ſie zu bewegen, ihre Lippen, ohne einen Ton hören zu laſſen. Dieſe perlmutterartige Bläſſe von la Vallidre hatte einen Reiz, den nichts wiederzugeben vermöchte; das Leiden des Geiſtes und des Körpers hatte dieſer ſanften Phyſiognomie eine Harmonie edlen Schmerzes verlie⸗ hen; die völlige Schlaffheit ihrer Arme und ihrer Büſte machte ſie mehr einer Hingeſchiedenen, als einer Leben⸗ digen ähnlich; ſie ſchien weder das Geflüſter ihrer Ge⸗ fährtinnen, noch das entfernte Geräuſch, das ſich aus der Umgegend erhob, zu hören. Sie unterhielt ſich mit ſich ſelbſt und ihre ſchönen, langen, zarten Hände bebten von Zeit zu Zeit, wie bei der Berührung von unſichtbarem Druck. 4 Der König trat ein, ohne daß ſie ſeine Ankunft wahrnahm, ſo ſehr war ſie in ihre Träumerei ver⸗ ſunken.. Er ſah von ferne dieſes anbetungswürdige Geſicht, 25⁵⁵ auf das der Mond das reine Licht ſeiner ſilbernen Lampe warf. „Mein Gott!“ rief er mit einem unwillkührlichen Schrecken,„ſie iſt todt!“ „Nein, nein, Sire,“ erwiederte Montalais leiſe, „es geht im Gegentheil beſſer. Nicht wahr, Louiſe, es geht beſſer bei Dir?“ La Vallièére antwortete nicht. 4 „Louiſe,“ fuhr Montalais fort,„es iſt der König, ber die Gnade hat, über Deine Geſundheit beſorgt zu ein.“ „Der König!“ rief Louiſe, die ſich plötzlich auf⸗ richtete, als wäre eine Flammenquelle von den Ertre⸗ mitäten zu ihrem Herzen aufgeſtiegen;„der König iſt über meine Geſundheit beſorgt?“ „Ja,“ antwortete Montalais. „Der Koͤnig iſt alſo hier?“ fragte la Valliére, ohne daß ſie umherzuſchauen wagte. „Dieſe Stimme!l dieſe Stimme!“ ſagte der König lebhaft Saint⸗Aignan ins Ohr.— 3„Ja wohl,“ erwiederte Saint⸗Aignan,„es iſt die in die Sonne Verliebte.“ „St!“ machte der König. 4. Dann näherte er ſich la Valliére und ſprach: „Ihr ſeid unpäßlich, mein Fräulein? Ich habe Euch ſogar vorhin im Park ohnmächtig geſehen. Wie hat Euch das befallen?“. „Sire,“ ſtammelte das arme Kind zitternd und farblos,„ich vermöchte es in der That nicht zu ſagen.“ „Ihr ſeid zu viel gegangen, und es iſt vielleicht die Müdigkeit...“ „Nein,“ ſagte Montalais raſch, für ihre Freundin antwortend,„es kann nicht die Müdigkeit ſein, denn wir haben einen Theil der Nacht unter der Königseiche ſitzend zugebracht.“ „Unter der Königseiche?“ verſetzte Ludwig bebend. „Ich täuſchte mich nicht, es iſt ſo.“ Und er richtete an den Grafen einen Blick des Einverſtändniſſes. „Ahl ja, unter der Königseiche mit Fräulein von Tounay⸗Charente,“ ſagte Saint⸗Aignan. „Woher wißt Ihr das?“ fragte Montalais. „Ich weiß es auf eine ſehr einfache Weiſe: Fräu⸗ lein von Tonnay⸗Charente hat es mir geſagt.“ „Dann mußte ſie Euch auch die Urſache der Ohn⸗ macht von la Vallidre mittheilen.“ „Sie ſprach von einem Wolf oder von einem Räu⸗ ber, ich weiß nicht mehr genau.“ La Vallidère horchte, die Augen ſtarr, die Bruſt keuchend, als hätte ſie durch eine Verdoppelung der Erkenntniß einen Theil der Wahrheit geahnt. Ludwig hielt dieſe Haltung und dieſe Aufregung für die Folge eines ſchlecht getilgten Schreckens. „Seid unbeſorgt, mein Fräulein,“ ſagte er mit einem Anfang von einer Gemüthsbewegung, die er nicht zu verleugnen vermochte,„der Wolf, der Euch ſo Angſt gemacht hat, war ganz einfach ein Wolf mit zwei Füßen.“ „Es war ein Mann! es war ein Mann!“ rief Louiſe;„ein Mann behorchte uns dort!“ „Nun, mein Fräulein, welches große Unglück ſeht Ihr darin, daß man Euch behorcht hat? Solltet Ihr Eurer Anſicht nach Dinge geſagt haben, die nicht gehört werden durften?“ La Vallière ſchlug Ihre Hände aneinander und drückte ſie dann an ihre Stirne, deren Röthe ſie ſo zu verbergen ſuchte. „Oh!“ fraͤgte ſie,„in des Himmels Namen, wer war denn verborgen, wer hat denn gehört?“ Der König näherte ſich ihr, um eine von ihren Händen zu ergreifen, bückte ſich mit einer ſanften Ehr⸗ erbietung zu ihr herab und antwortete: 3 4 „Ich war es.. ſollte ich Euch zufällig bange machen?“ 4 257 La Vallièére ſtieß einen gewaltigen Schrei aus, zum zweiten Mal verließen ſie ihre Kräfte, und kalt, ſeufzend, in Verzweiflung erſtarrte ſte in ihrem Lehn⸗ uhl. ch Zeit, den Arm auszuſtrecken, geſtützt wurde. König ſtehend, unbeweglich r Exinnerung an ihr Geſpräch lliere, dachten die Fräulein von Tonnay⸗ und Montalais nicht einmal daran, ihrer Hülfe zu leiſten; es hielt ſte die Gegenwart des Königs zurück, der den Leib von la Vallière um⸗ ſchlungen hatte. „Ihr habt gehoͤrt, Sire,“ flüſterte Athenais. 4 Doch der König antwortete nicht, er hatte ſeine Augen auf die halbgeſchloſſenen Augen von la Valliore geheftet und hielt ihre hängende Hand in ſeiner Hand. „Bei Gott!“ ſagte Saint⸗Aignan, der ſeinerſeits auf eine Ohnmacht von Fräulein von Tonnay⸗Charente hoffte, und die Arme geöffnet auf ſie zuſchritt,„wir haben kein Wort verloren.“ 3 Aber die ſtolze Athenals war nicht die Frau, Yum ſo ohnmächtig zu werden, ſie ſchlenderte Saint⸗Aignan 1 einen furchtbaren Blick zu und entfloh.. Muthiger als Athenais, näherte ſich Montalais Louiſe und empfing ſie aus den Händen des Königs, der ſchon den Kopf verlor, da er n Geſicht von den duftenden Haaren der Sterbenden überfluthet fühlte. „So iſt es gut,“ ſagte Saint⸗Aignan,„das iſt ein Abenteuer, und bin ich nicht der Erſte, der es erzählt, ſo habe ich Unglück.“ Der König trat, die Stimme zitternd, die Hand wüthend, nahe auf ihn zu und ſprach: 8 „Graf, nicht ein Wort.“ 3 Der arme König vergaß, daß er eine Stunde zu⸗ vor demſelben Mann dieſelbe Ermahnung gegeben hatte, Die drei Musketiere. Bragelonne v. 17 . * 2⁵58⁸ doch mit einem ganz entgegengeſetzten Wunſch, mit dem, daß dieſer Mann indiseret ſein möchte. Dieſe Ermahnung war auch gerade ſo überflüſſtg, als die erſte. Eine halbe Stunde nachher wußte ganz Fontaine⸗ bleau, daß Fräulein de la Vallière unter der Königs⸗ eiche ein Geſpräch mit Montalais und Tonnay⸗Charente gepflogen hatte, und daß ſie bei dieſem Geſpräch ihre Liebe für den König geſtanden. Man wußte auch, daß der König, nachdem er die ganze Beſorgniß kundgegeben, die ihm der Zuſtand von Fräulein de la Vallidre eingeflößt, erbleicht war und gezittert hatte, als er die ſchöne Ohnmächtige in ſei⸗ nen Armen empfing, ſo daß es beim ganzen Hofe feſt⸗ ſtand, es habe ſich das größte Ereigniß der Epoche enthüllt: Seine Majeſtät liebe Fräulein de la Vallidre und Monſieur könne folglich ruhig ſchlafen. ECben ſo erſtaunt, als die Anderen, über dieſen plötzlichen Umſchlag, beeilte ſich auch die Königin⸗ Mutter, dies der jungen Königin und Philipp von Or⸗ leans zu erklären. Nur operirte ſie auf eine verſchiedene Weiſe bei Behandlung dieſer beiden Intereſſen. Zu ihrer Schwiegertochter ſagte fie: 3„Seht, Thereſe, ob Ihr nicht ſehr Unrecht hattet, den König anzuſchuldigen: man gibt ihm heute eine neue Geliebte: warnm ſollte dieſe mehr wahr ſein, als die von geſtern, und warum die von geſtern mehr, als die von heute?“ Und zu Monſteur ſprach ſie, nachdem ſie ihm das Abenteuer unter der Königseiche erzählt hatte: „Seid Ihr albern in Eurer Eiferſucht, mein lieber Philipp? Es iſt erwieſen, daß der König den Kopf frr die kleine la Vallldre verliert. Sprecht nicht da⸗ von mit Eurer Frau: die Königin würde es ſogleich erfahren.“ zum Glück gereichen und wäre es nur der La Val 259 Dieſe letzte Ermahnung hatte ihren unmittelbaren iderprall. Wontt et Erheitert, triumphirend, ſuchte der König ſeine Frau auf, und da es noch nicht Mitternacht war, und das Feſt bis zwei Uhr Morgens dauern ſollte, bot er ihr ſeine Hand für die Promenade. Nach einigen Schritten aber war das Erſte, was er that, daß er ſeiner Mutter ungehorſam wurde. „Sagt der Königin wenigſtens nicht Alles, was man vom König erzählt,“ flüſterte er geheimnißvoll. „Und was erzählt man ſich?“ fragte Madame. 4 „Daß mein Bruder plötzlich von einer ſeltſamnen Leidenſchaft ergriffen worden iſt.“ 4 „Für wen?“— „Für die kleine la Vallière.“ lach Es war Nacht, Madame konnte nach Belieben achen. 1 „Ah!“ ſagte ſte,„und ſeit wann iſt dies der Fall?“. „Seit einigen Tagen, wie es ſcheint. Aber es war nur Rauch, und erſt heute Abend hat ſich die Flamme enthüllt.“ „Der König hat einen guten Geſchmack,“ ſprach Madame,„meines Dafürhaltens iſt die Kleine reizend.) „Ihr ſpottet, wie es ſcheint, meine Theuerſter.. „Ich! Und warum?“ „In jedem Fall wird dieſe Leidenſchaft Bena lière.“ „Ah!“ entgegnete die Prinzeſſin,„Ihr ſprecht, als hättet Ihr im Grunde des Herzens meines Ehrenfräu⸗ leins geleſen. Wer ſagt Euch, ſie laſſe ſich herbei, die Leidenſchaft des Köͤnigs zu erwiedern??. „Und wer ſagt Euch, ſie werde ſie nicht erwiedern?“ „Sie liebt den Vicomte von Bragelonne.“ „Ah! Ihr glaubt?“ 4 „Sie iſt ſogar ſeine Braut.“— „Sie war es.“ 4 4 8 260 . 8 „Wie ſo?“ 1 .„Als man den König um Erlaubniß bat, die Che ſchließen zu dürfen, verweigerte er die Erlaubniß.“ „Er verweigerte ſie!“ „Obgleich dem Grafen de la Foͤre ſelbſt, den der 3 König, wie Ihr wißt, mit einer großen Achtung wegen der Rolle beehrt, die er bei der Wiedererhebung Eures Bruders und bei einigen vor langer Zeit vorgefallenen Ereigniſſen geſpielt hat.“ 4„Nun, die armen Verliebten werden warten, bis 3 es dem König anderer Anſicht zu werden gefällt: ſie ind jung, ſie haben Zeit.“ „Ahl mein Herz!“ ſprach Philipp ebenfalls la⸗ chend,„ich ſehe, daß Ihr das Schönſte von der Ge⸗ ſchichte nicht wißt.“ 4 „Nein.“ „Was den Koͤnig am tiefſten berührt hat.“ „Der König iſt tief berührt worden?“— „Im Herzen.“. „Sprecht geſchwinde, von was?“ „Von einem äußerſt romanhaften Abenteuer.“ „Ihr wißt, wie ſehr ich ſolche Abenteuer liebe, und laßt mich warten!“ ſagte die Prinzeſſin ungeduldig. „Nun alſo...“ Monſieur machte eine Pauſe. „Ich höre.“ „Unter der Königseiche... Ihr wißt, wo die Königseiche iſt?“ 8„Gleichviel, unter der Königseiche, ſagt Ihr?“ „Fräulein de la Vallisre, die ſich mit zwei Freun⸗— dinnen allein glaubte, geſtand dieſen ihre Leidenſchaft 3 für den König.“ „Oh!l“ machte Madame mit einem Anfang von Unruhe...„ihre Leidenſchaft für den Koͤnig 27 „Ja. 4 „ Wann dieß?“. „Vor einer Stunde.“ 261 Madame bebte. „Und dieſe Leidenſchaft kannte Niemand?“ „Niemand.“ E„Nicht einmal Seine Majeſtät?“ —„Nicht einmal Seine Majeſtät. Die kleine Perſon bewahrte ihr Geheimniß in ihrem Innerſten, als pläͤtz⸗ lich dieſes Geheimniß ſtärker wurde als ſie, zind ihr entſchlüpfte.“— „Und woher wißt Ihr dieſe Albernheit?“ „Wie die ganze Welt.“ „Von wem weiß ſie die ganze Welt? „Von la Valliére ſelbſt, die ihre Liebe Montalais und Tonnay⸗Charente, ihren Gefährtinnen, geſtand.“ Madame hielt inne und ließ mit einer ungeſtümen Bewegung die Hand ihres Gemahls los. „Vor einer Stunde machte ſie dieſes Geſtändniß?“ „Ungefähr.“ 1 —„Und der König hat Kenntniß hievon bekommen?“ „Darin liegt gerade das Romanhafte der Sache: der König war mit Saint⸗Aignan hinter der Königs⸗ eiche und hörte das ganze intereſſante Geſpräch, ohne ein einziges Wort davon zu verlieren.“ Madame fühlte ſich von einem Schlag ins Herz getroffen. „ Aber ich habe den König ſeltdem geſehen und er hat mir nicht ein Wort von dem geſagt,“ entgegnete ſie unbeſonnener Weiſe. „Ah! ja wohl,“ rief Monſieur naiv, wie ein Che⸗ mann, der triumphirt,„er hütete ſich, ſelbſt mit Euch — davon zu ſprechen, da er Jedermann verbot, Euch etwas davon mitzutheilen.“. 3„Wie beliebt?“ rief Madame gereizt. „Ich ſage, man habe Euch die Sache verhei lichen wollen.“ 8 2 „Und warum ſollte man ſie vor mir verbergen?“ 4„Aus Furcht, Eure Freundſchaft könnte Euch hin⸗ reißen, der jungen Königin etwas davon zu entdecken.“ 262 Madame neigte das Haupt, ſie war auf den Tod verwundet. neh Dann hatte ſie keine Ruhe mehr, bis ſie den König getroffen. Da ein König natürlich der Letzte des Reichs iſt, der weiß, was man von ihm ſagt, da ein Liebender der Einzige iſt, der nicht weiß, was man von ſeiner Ge⸗ liebten ſagt, ſo kam der König, als er Madame erblickte, die ihn ſuchte, ihr ein wenig unruhig, aber immer voll Eifer und Freundlichkeit entgegen. 1 1 Madame wartete, daß er zuerſt von la Vallière ſpreche. 1 Denn als man von ihr ſprach, fragte ſie: „Und die Kleine?“ „Welche Kleine?“ verſetzte der König. ſei in Ohnmacht gefallen?“ „ Sie befindet ſich immer noch ſchlecht,“ erwiederte der König, die größte Gleichgültigkeit heuchelnd. „ Das wird aber dem Gerücht Eintrag thun, das Ihr verbreiten ſolltet, Sire?“ „Welchem Gerücht?“ „Daß Ihr Euch mit ihr beſchäftigt.“ „Ohl ich hoffe, es wird ſich daſſelbe verbreiten,“ antwortete der König zerſtreut. Mazdame wartete noch; ſie wollte wiſſen, ob der Köoͤnig mit ihr von dem Abenteuer bei der Königseiche ſprechen würde. Doch der Koͤnig ſagte kein Wort. Madame öffnete ihrerſeits den Mund nicht über das Abenteuer, ſo daß der König von ihr Abſchied nahm, ohne ihr das geringſte Geſtändniß gemacht zu haben. Kaum hatte ſie den Konig ſich entfernen ſehen, als ſte Saint⸗Aignan aufſuchte. Saint⸗Aignan ließ ſich im Geleite mit den großen Schiffen gehen. „La Valliére... habt Ihr mir nicht geſagt, ſie leicht finden, er war wie die Gefolgſchiffe, die immer —— 263 Saint⸗Aignan war der Mann, deſſen Madame in der Beſchaffenheit ihres Geiſtes bedurfte. Er ſuchte nur ein Ohr, das etwas würdiger wäre, als die anderen, um in daſſelbe das Ereigniß mit allen ſeinen Einzelheiten zu erzählen. Er verſchonte Madame auch nicht mit einem Wort. Als er geendigt hatte, ſagte Madame: „Geſteht, daß dieß ein reizendes Mährchen iſt.“ „Ein Mährchen, nein; eine Geſchichte, ja.“ „Mährchen oder Geſchichte, geſteht, daß man es Euch geſagt hat, wie Ihr es mir ſagt, und daß Ihr nicht dabei geweſen ſeid.“ „Madame, bei meiner Ehre, ich war dabei.“ „Und Ihr glaubt, dieſe Bekenntniſſe haben Ein⸗ druck auf den König gemacht.“ „Wie die von Fräulein von Tonnay⸗Charente auf mich,“ erwiederte Saint⸗Aignan.„Höret doch, Fräu⸗ lein de la Vallière hat den König mit der Sonne ver⸗ glichen, das iſt ſchmeichelhaft.Ä“ „Der König läßt ſich durch ſolche Schmeicheleien nicht fangen.“ G „Madame, der König iſt wenigſtens eben ſo ſehr Menſch, als Sonne, und ich habe ihn vorhin wohl ge⸗ ſehen, als la Vallière in ſeine Arme ſiel.“ „La Vallière iſt in die Arme des Königs gefallen?“„ „Oh! das war ein äußerſt anmuthiges Bild; ſtellt Euch vor, daß La Vallidre zurückgeſunken war und daß...“ 8 „Nun! was habt Ihr geſehen, ſprecht?“ 8 „Ich habe geſehen, was zehn Perſonen zugleich mit mir geſehen haben, ich habe geſehen, daß der Kö⸗ nig, als la Vallière in ſeine Arme fiel, beinahe ohn⸗ mächtig geworden wäre.“ 3 Madame ſtieß einen kurzen Schrei aus... dieß war das einzige Merkmal ihres dumpfen Zorns. „Ich danke,“ ſagte ſie krampfhaft lachend,„Ihr ſeid ein vortrefflicher Erzähler, Herr von Saint⸗Aignan.“ Und ſie entfloh allein und erſtickend nach dem Schloß. ſſſſſſſſfſſſſſſſſſſſſſſinniſfſſiſſſſſſſnnſſinſnnnſiſm 8 9 10 11 12 13 14 15 16 ſſſſſſſſfſſſſſſſſſſſſſſinniſfſſiſſſſſſſnnſſinſnnnſiſm 8 9 10 11 12 13 14 15 16