— — ——— ——— eibibliwcbes deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: fuͤr ahentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mrr. 50 Pf. 2 Per.— Pf. v 3„=„ 3„=„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre egenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———y Der Graf von Bragelonne oder: Zehn Jahre nachher. Alexandre Dumas. Aus dem Franzöoſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zweite Fortſetzung der„drei Musketiere.“ Elftes bis vierzehntes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. 5 Worin ſich die Anfangs ſehr trüben Gedanken von d'Artagnan aufzuklären anfangen. D'Artagnan ergriff ſogleich die Offenſive. „Nun, da ich Euch Alles geſagt habe, lieber Freund, oder da Ihr vielmehr Alles errathen habt, ſagt mir, was Ihr, mit, Staub und Koth bedeckt, hier macht?“ Porthos wiſchte ſich die Stirne ab, ſchaute ſtolz umher und erwiederte: „Mir ſcheint, Ihr koöͤnnt ſehen, was ich hier mache!“ „Gewiß! gewiß! Ihr hebt Steine auf.“ „Ohl um dieſen Faullenzern zu zeigen, was ein Mann iſt!“ ſagte Porthos mit Verachtung,„doch Ihr begreift...“ 5 „Jal es iſt nicht Euer Gewerbe, Steine aufzu⸗ heben, obgleich es Viele gibt, die ihr Gewerbe daraus⸗ machen und ſie nicht aufheben, wie Ihr. Dies bewog mich, Euch ſo eben zu fragen: Was macht Ihr hier, Baron?“ „Ich ſtudire die Topographie, Chevalier.“ „Ihr ſtudirt die Topographie?“ „Ja; doch Ihr, was macht Ihr unter dieſer bür⸗ gerlichen Kleidung hier?“ D' Artagnan erkannte, es ſei ein Fehler von ihm geweſen, daß er ſich zu einem Erſtaunen habe hinreißen laſſen. Porthos hatte dies benützt, um einen Gegenſchlag durch eine Frage zu thun. Zum Glück war d'Artagnan auf dieſe Frage ge⸗ faßt, und er erwiederte: „Ihr wißt wohl, daß ich ein Bürger bin, und man Die drei Musketiere. Bragelonne. IV. 1 5 3 darf ſich alſo nicht uͤber den Anzug wundern, da er mit der Eigenſchaft im Einklang ſteht.“ „Geht doch, Ihr, ein Musketier!“ „Ihr habt nicht Recht, mein Freund, ich habe mei⸗ nen Abſchied genommen.“. „Bah!“ „Ah! mein Gott, ja!“ „Und Ihr habt den Dienſt verlaſſen?“ „Ich habe quittirt.“ „Ihr habt den König verlaſſen?“ „Ganz und gar.“ Porthos ſtreckte die Arme zum Himmel empor, wie ein Menſch, der eine unerhörte Neuigkeit erfährt. „Oh! das bringt mich ganz in Verwirrung,“ ſagte er. „Es iſt dennoch ſo.“ „Und was vermochte Euch hiezu zu beſtimmen?“ „Der König hat mir mißfallen, Mazarin war mir ſchon ſeit langer Zeit widerwärtig, und ſo warf ich meine Kaſake in die Neſſeln.“ „Aber Mazarin iſt todt.“ 3 „Ich weiß es, bei Gott! wohl, nur war zur Zeit ſeines Todes die Entlaſſung ſchon ſeit zwei Monaten erbeten und angenommen. Da ich ſodann meine Frei⸗ heit hatte, eilte ich nach Pierrefonds, um meinen lieben Porthos zu ſehen. Ich hörte von der glücklichen Ein⸗ theilung ſprechen, die Ihr mit Eurer Zeit getroffen habt, und wollte auf vierzehn Tage die meinige nach der Eurigen eintheilen.“ „Mein Freund, Ihr wißt, daß Euch das Haus nicht nur für vierzehn Tage geöffnet iſt, ſondern für ein Jahr, für zehn Jahre, für das Leben.“ „Ich danke, Porthos.“ „Ah! ſprecht, braucht Ihr nicht Geld?“ fragte Porthos, indem er etliche und fünfzig Louis d'or klingen ließ, die ſeine Hoſentaſche enthielt.„Ihr wißt, daß ich pepeit bin?“ 3 3 „Nein, ich brauche nichts: ich habe meine Erſpar⸗ niſſe bei Planchet angelegt, der mir den Zins daraus bezahlt.“ „Eure Erſparniſſe?“ „Allerdings; warum wollt Ihr, daß ich nicht Er⸗ ſparniſſe gemacht habe, wie ein Anderer, Porthos?“ „Ich! ich will das nicht; im Gegentheil, ich hegte immer den Verdacht, das heißt, Aramis hegte immer den Verdacht, Ihr habet Erſparniſſe. Doch ſeht, ich miſche mich nicht in häusliche Angelegenheiten; aber ich denke, Erſparniſſe eines Musketiers, das kann nicht ſchwer in die Wage fallen?“ „Ihr habt Recht, im Verhältniß zu Euch, der Ihr ein Millionär ſeid, Porthos; aber ich will Euch ſelbſt zum Richter machen. Ich hatte einmal fünfundzwanzig tauſend Livres...“ 3 „Das iſt hübſch,“ ſagte Porthos mit leutſeliger Miene. „Und,“ fuhr d'Artagnan fort,„und ich fügte am 25. des vergangenen Monats zweimal hundert tauſend Livres bei,“ Porthos riß die Augen ſo ungeheuer weit auf, daß dieſe den Musketier zu fragen ſchienen:„Wo des Teu⸗ fels habt Ihr eine ſolche Summe geſtohlen, theurer Freund?“ „Zweimal hunderttauſend Livres!“ rief er endlich. „Ja, die mir mit fünfundzwanzigtauſend, die ich hatte, und mit zwanzigtauſend, die ich bei mir trage, eine Summe von zweimal hundert und fünfzig tauſend Livres voll machen.“ „Aber ſagt, ſagt, woher kommt dieſes Vermögen?“ „Ahl ich werde Euch das ſpäter erzählen, theurer Freund; doch da Ihr mir zuvor ſelbſt viele Dinge mit⸗ zutheilen habt, ſtellen wir meine Erzählung in die ihr gebührende Reihenfolge zurück.“ 3 „Bravo!“ rief Porthos,„wir ſind alſo nun Alle reich; doch was hatte ich Euch denn zu erzählen?“ 4 „Ihr habt mir zu erzählen, wie Aramis ernannt worden iſt...“. „Ah! zum Biſchof von Vannes.“ „So iſt es, zum Biſchof von Vannes. Wißt Ihr, daß dieſer liebe Aramis ſein Glück macht 2“ „Ja, ja, abgeſehen davon, daß es nicht dabei blei⸗ ben wird.“ „Wiel glaubt Ihr, er werde ſich nicht mit den veilchenblauen Strümpfen begnügen, und er müſſe den rothen Hut bekommen?“ „St! das iſt ihm verſprochen.“ „Bah! vom König?“ 4 „Von Einem, der noch mächtiger iſt, als der König.“ „Ah, Teufel! was für unglaubliche Dinge ſagt Ihr mir da, mein Freund!“ „Warum unglaublich? Hat es in Frankreich nicht immer Einen gegeben, der mächtiger war, als der König?“ „Oh! doch, zur Zeit von König Ludwig XIII. war es der Herzog von Richelieu; zur Zeit der Regentſchaft war es der Cardinal Mazarin; zur Zeit von Ludwig XIV. iſt es M.... „Geht doch!“ „Es iſt Herr Fouquet.“ „Gut! Ihr habt ihn mit dem erſten Schlag ge⸗ nannt.“* „Herr Fouquet hat alſo Aramis den Hut ver⸗ ſprochen?“ Porthos nahm eine zurückhaltende Miene an und erwiederte: „Theurer Freund, Gott behüte mich, daß ich mich mit den Angelegenheiten Anderer beſchäftige, und beſon⸗ ders, daß ich Geheimniſſe offenbare, welche zu bewahren in ihrem Intereſſe liegen mag. Wenn Ihr Aramis ſeht, wird er Euch ſagen, was er Euch ſagen zu müſſen glaubt.“ „Ihr habt Recht, Porthos, und Ihr ſeid ein wah⸗ 8 5 res Sicherheitsſchloß. Kommen wir alſo auf Euch nt zurück.“ „Ja,“ ſprach Porthos. „Ihr habt mir geſagt, Ihr wäret hier, um die To⸗ Jr, pographie zu ſtudiren.“ „Richtig.“. ei⸗„Alle Teufel! mein Freund, was für ſchöne Dinge werdet Ihr machen!“ en.„Wie ſo?“ en „Dieſe Feſtungswerke ſind bewunderungswürdig.“ „Iſt das Eure Anſicht?“ „Gewiß. Wahrhaftig, wenn nicht eine ganz regel⸗ 3 mäßige Belagerung ſtattfindet, iſt Belle⸗Isle unein⸗ 5 nehmbar.“ hr. Porthos rieb ſich die Hände, und ſprach: „Das iſt auch meine Meinung.“ cht„Aber wer Teufels hat dieſes Neſt ſo befeſtigt?“ der Porthos warf ſich in die Bruſt. „Habe ich es Euch nicht geſagt?“ ar„Nein.“ 1 aft„Ihr vermuthet es nicht?“ V.„Nein; ich kann Euch nur ſagen, daß es ein Menſch iſt, der alle Syſteme ſtudirt hat und bei dem beſten ſtehen geblieben zu ſein ſcheint.“ „Stille!“ ſagte Porthos,„ſchont meine Beſcheiden⸗ ge⸗ heit, lieber d'Artagnan.“ „Wahrhaftig! ſolltet Ihr es ſein... der... oh!“ er⸗„Ich bitte, mein Freund.“ „Habt Ihr ſie erſonnen, entworfen und mit ein⸗ ind ander verbunden, dieſe Baſteien, dieſe Sägewerke, dieſe . Mittelwälle, dieſe Halbmonde, und bereitet Ihr dieſen ich bedeckten Weg?“ 3 on⸗„Ich bitte Euch.“ ren„ Habt Ihr dieſe Lunette mit ihren einwärts gehen⸗ ht, den und vorſpringenden Winkeln erbaut?, ſen„Stille!“ 3 3„Mein Freund, habt Ihr dieſe Neigung den Wänden ah⸗ Eurer Schießſcharten gegeben, durch die Ihr die Leute, die Eure Kanonen bedienen, ſo wirkſam beſchützt?⸗ „Ei, mein Gott, ja.“ „Oh! Porthos, Porthos, man muß ſich vor Euch verbeugen, man muß Euch bewundern; doch Ihr habt uns ſtets dieſes herrliche Genie verborgen. Ich hoffe, mein Freund, Ihr werdet mir dies Alles im Einzelnen zeigen.“ „Nichts kann leichter ſein. Hier iſt mein Plan.“ „Zeigt.“ Porthos führte d'Artagnan zu dem Stein, der ihm als Tiſch diente und auf dem der Plan ausgebreitet war. Unten an dieſem Plan ſtand mit jener furchtbaren Handſchrift von Porthos, von der wir ſchon zu ſprechen Gelegenheit gehabt haben, geſchrieben: „Statt Euch des Vierecks oder des Rechtecks zu be⸗ dienen, wie man es bis heute gemacht hat, betrachtet Eueren Platz als von einem regelmäßigen Sechseck um⸗ ſchloſſen; denn dieſes Vieleck hat den Vortheil, daß es eine größere Anzahl Winkel bietet, als das Viereck. Jede Seite Eures Sechsecks, deren Länge Ihr nach dem Verhältniß der auf dem Platze aufgenommenen Meſſungen beſtimmt, wird in zwei Theile getheilt, und in dem Halbirungspunkt errichtet Ihr ein Perpendikel gegen den Mittelpunkt des Vielecks, welches in der Länge dem ſechsten Theil einer Seite gleichkommen ſoll. Von den äußerſten Punkten jeder Seiten zieht Ihr Linien, die das Perpendikel ſchneiden. Solche zwei Geraden bilden die Vertheidungslinien.“ „Teufel!“ ſagte d'Artagnan, bei dieſem Punkte der Auseinanderſetzung anhaltend,„das iſt ein völliges Syſtem, Porthos.“ 3 „Ein völliges Syſtem,“ ſprach Porthos.„Wollt Ihr fortfahren?“ „Nein, ich habe genug geleſen; doch wenn Ihr es — 8 7 ſeid, mein lieber Porthos, der die Arbeiten leitet, war⸗ um braucht Ihr Euer Syſtem ſo ſchriftlich aufzuſetzen?“ „Ohl mein Lieber, der Tod!“. „Wiel der Tod?“ „Ja, wir ſind alle ſterblich!“ 3 „Es iſt wahr.. Ihr habt auf Alles eine Ant⸗ wort, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan. Und er legte den Plan auf den Stein nieder. Doch ſo kurze Zeit er auch dieſen Plan in ſeinen Händen gehabt, ſo war d'Artagnan doch im Stande ge⸗ weſen, unter der ungeheuren Handſchrift von Porthos eine viel feinere Schrift zu unterſcheiden, welche ihn an gewiſſe Briefe an Marie Michon erinnerten, die ihm in ſeiner Jugend bekannt geworden. Nur war über dieſe Schrift, die einem minder ſcharfen Auge als dem des Musketiers entgangen ſein dürfte, der Gummi hin und hergefahren. „Bravo, mein Freund, bravo!“ ſagte d'Artagnan. „Und nun wißt Ihr Alles, was Ihr wiſſen wollt, nicht wahr?“ fragte Porthos, ſich aufblähend. „Oh! mein Gott, ja; thut mir jedoch nur noch einen Gefallen, lieber Freund.“ „Sprecht; ich bin hier der Herr.“ „Macht mir das Vergnügen und nennt mir den Herrn, der dort ſpazieren geht.“ „Wo, dort?“ „Hinter den Soldaten.“ „Gefolgt von einem Lackei?“ „Ganz richtig“ „In Geſellſchaft eines ſchwarz gekleideten Burſchen?“ „Vortrefflich!“ „Das iſt Herr Gétard.“ „Wer iſt Herr Gétard, mein Freund?“ „Es iſt der Architekt des Hauſes.“ „Welches Hauſes?“ „Des Hauſes von Herrn Fouquet.“ 8 „Ahl! ah!“ rief d'Artagnan,„Ihr gehört alſo zum Hauſe von Herrn Fouquet, Porthos?“ „Ich, und warum dies?“ verſetzte der Topograph, bis zum oberſten Ende der Ohren erröthend. „Ihr ſagt das Haus, indem Ihr von Belle⸗Isle ſprecht, als ob Ihr vom Schloß Pierrefonds ſprächet.“ Porthos biß ſich auf die Lippen und erwiederte: „Mein Lieber, nicht wahr, Belle⸗Isle gehört Herr Fouquet?“, „Jag. ⸗ „Wie Pierrefonds mir gehört?“ „Gewiß.“ „Ihr ſeid in Pierrefonds geweſen? 2 „Ich ſagte Euch, daß ich erſt vor zwei Monaten dort war.“ „Habt Ihr einen Herrn geſehen, der dort, ein Richt⸗ 3 ſcheit in der Hand, ſpazieren zu gehen pflegt 2 5 „Nein, doch ich hätte ihn ſehen können, wenn er wirklich ſpazieren gegangen wäre.“ „Nun! dieſer Herr iſt Herr Boulingrin.“ „Wer iſt Herr Boulingrin?“ „Das iſt es gerade. Geht dieſer Herr, ein Nicht⸗ ſcheit in der Hand, ſpazieren, und man fragt mich: Wer iſt Herr Boulingrin? ſo antworte ich: Es iſt der Architekt des Hauſes.. Nun! Herr Götard iſt der Boulingrin von Herrn Fouquet, doch er hat nichts mit der Befeſtigung zu ſchaffen, das geht mich allein an, hört Ihr wohl? gar nichts.“ „Ah! Porthos,“ rief d'Artagnan wie ein Beſiegter, der ſeinen Degen übergibt;„ahl mein Freund, Ihr ſeid nicht nur ein herkuliſcher Topograph, ſondern auch ein Dialektiker erſter Stärke.“ „Nicht wahr,“ erwiederte Porthos,„das iſt mäch⸗ tig geſchloſſen 2“ Und er ſchnaufte wie der Meeraal, den värtagnan am Morgen hatte entſchlüpfen laſſen. „Und nun ſagt mir,“ fuhr d'Artagnan fort,„ge⸗ ——— —₰ einwenden. hört der Burſche, der Herrn Getard begleitet, auch zum Hauſe von Herrn Fouquet?“ „Oh!“ erwiederte Porthos mit Verachtung,„das iſt ein Herr Jupenet oder Juporet, eine Art von Dichter.“ 1 „Der ſich hier niedergelaſſen hat?“ „Ich glaube, ja.“ „Ich dachte Herr Fouquet hätte dort Dichter genug, Seudéry, Loret, Peliſſon, La Fontaine. Wenn ich Euch die Wahrheit ſagen ſoll, Porthos, dieſer Dichter macht Euch Schande.“ „Eil mein Freund, davor bewahrt uns der Um⸗ ſtand, daß er nicht als Dichter hier iſt.“ „Als was iſt er denn hier?“ „Als Drucker, und dabei fällt mir ein, daß ich dieſem Schulfuchs ein Wort zu ſagen habe.“ „Sagt es ihm.“ Porthos machte Jupenet ein Zeichen; dieſer hatte d' Artagnan erkannt und offenbarte keine Luſt, ſich zu nähern. Hiedurch wurde ein zweites Zeichen von Porthos veranlaßt. Dieſes Zeichen war ſo gebieteriſch, daß er nun gehorchen mußte.. Er näherte ſich alſo. „Ah!“ ſagte Porthos,„Ihr habt Euch geſtern ausgeſchifft, und ſeid ſchon bei der Arbeit!“ „Wie ſo, Herr Baron?“ fragte Jupenet ganz zitternd. „Eure Preſſe hat die ganze Nacht geſeufzt, mein Herr,“ ſagte Porthos,„und Ihr habt mich zu ſchlafen verhindert, alle Wetter!“ „Gnädiger Herr...“ wollte Jupenet ſchüchtern „Ihr habt noch nichts zu drucken, und dürft alſo, Eure Preſſe noch nicht gehen laſſen. Was habt Ihr denn heute Nacht gedruckt?“ 10 „Gnädiger Herr, ein leichtes Gedicht von meiner Compoſition.“ „Leicht! geht doch, mein Herr! die Preſſe ächzte zum Erbarmen.. Das darf nicht mehr geſchehen, hört Ihr!“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Ihr verſprecht es mir?“ „Ich verſpreche es.“ „Es iſt für diesmal gut, ich will es Euch ver⸗ zeihen. Geht.“. Der Dichter entfernte ſich mit derſelben Demuth, von der er beim Kommen eine Probe abgelegt hatte. „Und nun, da wir dieſem Burſchen den Kopf ge⸗ waſchen, laßt uns frühſtücken,“ ſagte Porthos. „Ja, frühſtücken wir.“ „Nur muß ich Euch bemerken, daß wir nicht über zwei Stunden zu unſerem Mahl haben.“ „Was wollt Ihr! wir werden beſorgt ſein, daß dies genug iſt. Doch warum haben wir nur zwei Stunden?“ „Weil die Fluth um ein Uhr ſteigt, und weil ich mit der Fluth nach Vannes abgehe. Doch da ich mor⸗ gen zurückkomme, lieber Freund, bleibt in meiner Woh⸗ nung, Ihr werdet dort Herr ſein. Ich habe gute Küche, guten Keller.“... „Nein, ich weiß etwas Beſſeres,“ unterbrach ihn d'Artagnan. „Was?“ „Ihr geht nach Vannes, ſagt Ihr?“ „Allerdings.“ „Um Aramis zu ſehen?“ „Ja.“ „Nun, ich kam ausdrücklich von Paris, um Ara⸗ mis zu ſehen!“ 2 „Es iſt wahr.“ „Ich werde mit Euch abreiſen.“ „Gut.“ 4 11 „Nur ſollte ich mit Aramis anfangen und Euch— hernach ſehen. Doch der Menſch denkt, Gott lenkt. Ich werde mit Euch angefangen haben und mit Aramis endigen.“ „Sehr gut!“ „Und wie viel Stunden braucht Ihr von hier nach Vannes?“ „O mein Gott! ſechs Stunden, drei Stunden zur See von hier nach Sarzeau, drei Stunden zu Land von Sarzeau nach Vannes.“ 3 „Wie das bequem iſt! Und Ihr geht oft nach Van⸗ nes, da Ihr ſo nahe beim Bisthum ſeid?“ „Ja, einmal in der Woche. Doch wartet, daß ich meinen Plan mitnehme.“ Porthos hob ſeinen Plan auf, legte ihn ſorgfältig zuſammen und ſteckte ihn in ſeine weite Taſche. „Gut,“ ſagte d'Artagnan beiſeit,„ich glaube, ich weiß nun, wer der wahre Ingenieur iſt, der Belle⸗Isle befeſtigt.“ Zwei Stunden nachher, zur Fluthzeit, gingen Porthos und d'Artagnan nach Sarzeau ab. II. Eine Prazeſſian in Vannes. Ddie Ueberfahrt von Belle⸗Isle nach Sarzeau ging ziemlich raſch vor ſich; man benützte eines von den kleinen Freibeuterſchiffen, von denen d'Artagnan auf ſeiner Reiſe gehört hatte; für die Caperei gebaut und für die Jagd beſtimmt, lagen dieſe Schiffe auf der Rhede von Loemaria, wo eines derſelben mit dem 12 vierten Theil ſeiner Kriegsmannſchaft den Dienſt zwi⸗ ſchen Belle⸗Isle und dem Feſtland verſah. 46 D'Artagnan hatte Gelegenheit, ſich auch diesmal zu überzeugen, daß Porthos, obgleich Ingenieur und Topograph, in die Staatsgeheimniſſe nicht tief einge⸗ weiht war. Seine vollkommene Unwiſſenheit hätte übrigens bei jedem Andern für eine geſcheite Verſtellung gegolten. Aber d'Artagnan kannte zu genau alle Winkel im In⸗ nern von Porthos, um nicht ein Geheimniß zu finden, wenn eines darin geweſen wäre, wie jene ängſtlich ge⸗ ordneten alten Junggeſellen mit geſchloſſenen Augen dieſes oder jenes Buch in den Fächern ihrer Bibliothek, dieſes oder jenes Stück Wäſche in einer Schublade ihrer Commode zu finden wiſſen. Wenn der liſtige d'Artagnan, ſeinen Porthos auf⸗ und abrollend, nichts gefunden hatte, ſo war dies der Fall, weil er in der That nichts enthielt. „Es ſei,“ ſagte d'Artagnan;„ich werde in einer halben Stunde mehr wiſſen, als Porthos in zwei Mo⸗ naten in Belle⸗Isle erfahren hat. Nur, damit ich etwas erfahre, iſt es wichtig, daß Porthos nicht die einzige Kriegsliſt benützt, über die ich ihn verfügen laſſe. Er darf Aramis nicht von meiner Ankunft be⸗ nachrichtigen.“ Alle Sorgen des Musketiers beſchränkten ſich alſo für den Augenblick auf die Ueberwachung von Porthos. Hiebei müſſen wir ſchleunig bemerken: Porthos verdiente gar nicht dieſes Uebermaß von Mißtrauen, denn Porthos dachte durchaus nicht an etwas Böſes. Beim erſten Anblick hatte ihm d'Artagnan vielleicht ein wenig Mißtrauen eingeflößt, ſogleich aber hatte der Musketier wieder in dieſem guten, redlichen Herzen den Platz eingenommen, den er immer darin inne gehabt, und keine Wolke verdüſterte das große Auge von Por⸗ thos, das dieſer von Zeit zu Zeit voll Zirtlichteit auf ſenen Freund heftete. — — 13 Als ſie landeten, fragte Porthos, ob ihn ſeine Pferde erwarteten, und er erblickte ſie wirklich am Kreuze des Wegs, der ſich um Sarzeau wendet und, ohne durch das Städtchen zu laufen, gegen Vannes ausmündet. Dieſe Pferde waren zwei der Zahl nach, eines für Herrn du Vallon, das andere für ſeinen Stallmeiſter. Denn Porthos hatte einen Stallmeiſter, ſeitdem ſich Mousqueton nur noch des Karrens als eines Fort⸗ bewegungsmittels bediente. D'Artagnan erwartete, Porthos würde ſeinen Stallmeiſter auf einem Pferde wegſchicken wollen, um ein anderes holen zu laſſen, und gedachte dieſes Vor⸗ haben zu bekämpfen. Doch nichts von dem, was d'Artagnan vorher annahm, trat ein. Porthos befahl ganz einfach dem Stallmeiſter, abzuſteigen und ſeine Rückkehr in Sarzeau abzuwarten, während d'Artagnan ſein Pferd reiten würde. Was auch geſchah. „Eil Ihr ſeid ein vorſichtiger Mann, mein lieber Porthos,“ ſagte d'Artagnan zu ſeinem Freund, als er auf dem Pferd des Stallmeiſters im Sattel ſaß. „Ja, aber das iſt eine Artigkeit von Aramis. Ich habe meine Equipagen nicht hier, und Aramis hat daher ſeinen Stall zur meiner Verfügung geſtellt.“ „Mordioux! gute Pferde für Pferde eines Biſchofs!“ rief d'Artagnan.„Es iſt wahr, Aramis iſt ein ganz abſonderer Biſchof!“ „Er iſt ein heiliger Mann,“ ſprach Porthos mit einem beinahe näſelnden Ton, während er die Augen zum Himmel aufſchlug. „Er hat ſich alſo ſehr verändert! denn wir kannten ihn als ziemlich weltlich.“— „Die Gnade hat ihn berührt,“ ſprach Porthos. „Bravo!“ rief d'Artagnan,„das verdoppelt mein Verlangen, ihn zu ſehen, dieſen lieben Aramis.“ Und er ſpornte ſein Pferd, das ihn mit neuer Ge⸗ ſchwindigkeit forttrug. E „Leufel!“ ſagte Porthos,„wenn wir ſo reiten, brauchen wir nur eine Stunde ſtatt zwei.“ „Um wie viel zu machen, ſagt Ihr?“ „Vier und eine halbe Meile.“ „Das ginge gut.“ „Ich hätte Euch können auf dem Kanal einſchiffen laſſen; doch zum Teufel mit den Ruderern und den Zugpferden! Die erſten fahren wie die Schildkröten, die zweiten gehen wie die Schnecken, und wenn man ſich einen guten Renner zwiſchen die Beine nehmen kann, ſo iſt das beſſer, als Ruderer oder jedes andere Mittel.“ „Ihr habt Recht, Ihr, Porthos, beſonders, da Ihr immer herrlich zu Pferde ſitzt.“ „Etwas ſchwer, mein Freund, ich habe mich kürz⸗ lich gewogen.“ „Und wie viel wägt Ihr?“ 4 „Drei hundert,“ antwortete Porthos ſtolz. „Bravo!“ „Ihr begreift ſomit, daß man für mich Pferde ausſuchen muß, deren Kreuz gerade und breit iſt, ſonſt reite ich ſie in zwei Stunden zu Tode.“ Ja! nicht wahr, Rieſenpferde.“ „Ihr ſeid ſehr gut, mein Freund,“ erwiederte der Ingenieur mit liebevoller Majeſtät. „In der That, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan, „mir ſcheint, Euer Pferd ſchwitzt ſchon.“ „Verdammt! es iſt heiß. Ah! ahl ſeht Ihr nun Vannes?“— „Ja, ganz genau! Es iſt eine ſchöne Stadt, wie es ſcheint? 4 „Reizend! wenigſtens nach der Anſicht von Aramis; ich, ich finde ſie ſchwarz; doch es ſcheint das Schwarze iſt für den Künſtler ſchön. Das ärgert mich!“ „Warum?“ „Weil ich mein Schloß Pierrefonds, das vom Alter grau war, gerade habe weiß übertünchen laſſen,“ +₰— 15 „Hm!“ machte d'Artagnan,„weiß iſt heiterer.“ „Ja, aber es iſt weniger erhaben, wie mir Aramis geſagt hat. Zum Glück gibt es Leute, die mit Schwarz handeln, und ich werde Pierrefonds ſchwarz anſtreichen laſſen. Wenn grau ſchön iſt, mein Freund, ſo begreift Ihr, daß Schwarz herrlich ſein muß.“ „Das dünkt mir äußerſt logiſch!“ rief d'Artagnan. „Seid Ihr nie in Vannes geweſen, d'Artagnan?“ „Nie.“ „Ihr kennt alſo die Stadt nicht.“ „Nein.“ „Nun denn,“ ſprach Porthos, indem er ſich auf ſeinen Steigbügeln erhob, eine Bewegung, die das Vor⸗ dertheil ſeines Pferdes ſich biegen machte,„ſeht Ihr in der Sonne dort die Thurmſpitze?“. „Gewiß ſehe ich ſie.“ „Das iſt die Kathedrale.“ „Sie heißt?“ 3 „Saint⸗Pierre. Seht Ihr nun dort in der Vor⸗ ſtadt ein anderes Kreuz?“ „Ja wohl.“ „Das iſt Saint⸗Paterne, die Lieblingskirche von Aramis.“ „Ah 14 „Gewiß; man nimmt an, Saint⸗Paterne ſei der erſte Biſchof von Vannes geweſen. Allerdings behauptet Aramis, es ſei dies nicht der Fall, und er iſt ſo gelehrt, daß das wohl ein Para... ein Para..“ „Ein Paradoxon.“ „Ein Paradoron ſein könnte, ganz richtig. Ich danke, ich habe mich verſprochen, es iſt ſo heiß... „Mein Freund,“ ſprach d'Artagnan,„ich bitte Wuch, fahrt in Eurer anziehenden Demonſtration fort. Was iſt das große weiße Gebäude mit den vielen Fenſtern 2 Ahl das iſt das Jeſuiten ⸗Collegium. Ihr habt, bei Gott! eine glückliche Hand. Seht Ihr in der Nähe des Collegiums, ein großes Haus mit Glockenthürmchen 16 und von einem ſchoͤnen gothiſchen Styl, wie der alberne Herr Gétard ſagt?“ „Ja, ich ſehe es. Nun? „Dort wohnt Aramis.“ „Wie! er wohnt nicht im biſchöflichen Palaſt?“ „Nein, der biſchöfliche Palaſt iſt völlig unbewohn⸗ bar. Er liegt überdies in der Stadt und Aramis zieht die Vorſtadt vor. Deshalb iſt er auch, wie ich Euch ſagte, Saint⸗Paterne ſo ſehr zugethan, weil es in der Vorſtadt liegt. Sodann finden ſich in derſelben Vorſtadt ein Mail, ein Ballſpiel und ein Dominicanerhaus... ſeht dort, ſein Glockenthurm erhebt ſich bis zum Himmel.“ „Sehr gut.“ „Dann müßt Ihr wiſſen, die Vorſtadt iſt wie eine abgeſonderte Stadt. Sie hat ihre Mauern, ihre Thürme, ihre Gräben. Das Quai mündet dahin aus, und die Schiffe legen am Quai an. Wenn unſer Corſar nicht zehn Fuß Tiefgang hätte, ſo wären wir mit vollen Segeln bis unter die Fenſter von Aramis gekommen.“ „Porthos, Porthos, mein Freund,“ rief d'Artagnan, „Ihr ſeid ein Brunnen des Wiſſens, eine Quelle tiefer, geiſtreicher Betrachtungen. Porthos, Ihr ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen, Ihr bringt mich in Verwirrung.“ „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Porthos, das Geſpräch mit ſeiner gewöhnlichen Beſcheidenheit ablen⸗ kend. „Und es war Zeit,“ dachte d'Artagnan,„denn das Pferd von Porthos zerſchmilzt wie ein Pferd von Eis.“ Sie ritten beinahe in demſelben Augenblick in die Vorſtadt ein; doch kaum hatten ſie hundert Schritte gemacht, als ſie die Straßen zu ihrem Erſtaunen mit Blumen und Zlätterwerk beſtreut ſahen. Von den Balcons fielen lange weiße, mit Sträußen geſchmückte Tücher herab. 3 Die Straßen waren verlaſſen, man fühlte, daß ſich die Bevölkerung auf einem Punkt verſammelt hatte. Die Jalouſien waren geſchloſſen und die Kühle — Se—=S—— 8SEAd ——.——m —— N 17 drang in die Häuſer unter dem Obdach von Tapeten, welche lange ſchwarze Schatten zwiſchen ihren Vorſprün⸗ gen und den Mauern bildeten. Plötzlich bei der Biegung einer Straße trafen Ge⸗ ſänge an die Ohren der Ankömmlinge. Eine ſonntäg⸗ lich gekleidete Menge erſchien durch die Dämpfe des Weihrauchs, der in bläulichen Flocken zum Himmel emporſtieg, und Wolken von Roſenblättern flatterten bis zu den erſten Stockwerken hinauf. Ueber allen Köpfen erblickte man das Kreuz und die Paniere, die geheiligten Zeichen der Religion. Unter den Kreuzen und den Panieren und wie von dieſen beſchützt ſah man eine ganze Welt von weiß gekleideten, mit Kornblumen bekränzten Mädchen. Auf den beiden Seiten der Straße und den Zug einſchließend gingen die Soldaten der Garniſon, Sträuße in ihren Flintenläufen und auf der Spitze ihrer Lanzen. Das war eine Prozeſſion. Während d'Artagnan und Porthos mit einer äußerſt anſtändigen Inbrunſt, welche eine große Ungeduld, weiter zu kommen, verbarg, zuſchauten, näherte ſich ein pracht⸗ voller Traghimmel, hundert Jeſuiten und hundert Do⸗ minicaner voran und geleitet von zwei Archidiakonen, einem Säckelmeiſter, einem Pönitentiarius und zwölf Stiftsherren. Ein Cantor mit donnernder Stimme, ein Cantor, ſicherlich aus allen Stimmen Frankreichs ausgeleſen, wie man den Tambourmajor der kaiſerlichen Garde aus allen Rieſen des Reiches auslas, ein Cantor und vier andere Cantoren, die nur da zu ſein ſchienen, um ihm als Accompagnement zu dienen, ließen Melodien erſchallen und machten die Scheiben aller Häuſer vibriren. Unter dem Traghimmel erſchien ein bleiches, edles Geſicht mit ſchwarzen Augen, ſchwarzen Haaxen, von ſilbernen Fäden durchmiſcht, mit feinem, bedachtſamem Mund und vorſtehendem, eckigem Kinn. Dieſer Kopf Die drei Musket ere. Bragelonne, IV. 2 voll anmuthreicher Majeſtät war mit der Biſchofsmütze geſchmückt, die ihm außer dem Charakter der Souve⸗ rainetät den ſtrenger Andachtsübung und evangeliſcher Betrachtung verlieh. „Aramis!“ rief unwillkührlich der Musketier, als dieſes ſtolze Geſicht an ihm vorüberkam. Der Prälat bebte. Er ſchien dieſe Stimme gehört zu haben, wie ein wieder erwachender Todter die Stimme des Erlöſers hört. Er ſchlug ſeine großen ſchwarzen Augen auf und richtete ſie, ohne zu zögern, nach dem Ort, von dem der Ausruf gekommen war. Mit einem einzigen Blick ſah er Porthos und d'Ar⸗ tagnan in ſeiner Nähe. D Artagnan hatte ſeinerſeits mit ſeiner Schärfe Alles geſehen, Alles aufgefaßt. Das lebensgroße Por⸗ trait des Prälaten prägte ſich in ſeinem Gedächtniß ein, um nie mehr daraus zu verſchwinden. Eines beſonders war d'Artagnan aufgefallen. Als Aramis ihn erblickte, erröthete er und drängte dann in derſelben Secunde unter ſeinem Augenlid das Feuer des Blickes des Gebieters und die unmerkliche Herzlichkeit des Blickes des Freundes zuſammen. 1lnis richtete offenbar ganz leiſe die Frage an ſich:. „Warum iſt d'Artagnan bei Porthos und was will er in Vannes?“. Aramis begriff Alles, was im Geiſte von d'Artagnan „vorging, als er ſeinen Blick wieder auf ihn richtete und ſah, daß er die Augen nicht niedergeſchlagen hatte. Er kannte die Feinheit ſeines Freundes und ſeinen Verſtand und befürchtete, das Geheimniß ſeiner Röthe und ſeines Erſtaunens errathen zu laſſen. Es war immer noch derſelbe Aramis, der beſtändig ein Geheim⸗ niß zu verbergen hatte. Um mit dem forſchenden Blick zu endigen, den man um jeden Preis ſich ſenken machen mußte, wie ein Ge⸗ 19 neral um jeden Preis das Feuer einer Batterie, die ihn beläſtigt, zum Schweigen bringt, ſtreckte auch Aramis ſeine ſchöne weiße Hand aus, an der der Amethiſt ſeines Hirtenringes funkelte, durchſchnitt die Luft mit dem Zeichen des Kreuzes und ſchmetterte ſo ſeine zwei Freunde durch den Segen nieder. Träumeriſch und zerſtreut, unwillkührlich gottlos, hätte ſich d'Artagnan vielleicht nicht unter dieſem frommen Segen gebückt, aber Porthos, als er dieſe Zerſtreuung wahrnahm, legte ſeinem Gefährten freundſchaftlich die Hand auf den Rücken und drückte ihn gegen den Boden. D'Artagnan beugte ſich und wäre beinahe auf den platten Bauch gefallen. Mittlerweile war Aramis vorübergezogen. D'Artagnan berührte die Erde nur wie Anteus und wandte ſich dann um, nicht weit vom Aerger entfernt. Doch er konnte ſich in der Abſicht des braven Her⸗ eules nicht täuſchen. Es hatte ihn ein Gefühl religiöſen Wohlanſtands angetrieben. Ueberdies vervollſtändigte bei Porthos ſtets das Wort den Gedanken, ſtatt ihn zu verkleiden. „Ah!“ ſagte er,„es iſt ſehr artig von ihm, daß er uns ganz allein einen Segen gegeben hat. Er iſt entſchieden ein frommer und wackerer Mann.“ Weniger überzeugt als Porthos, erwiederte d'Ar⸗ tagnan kein Wort. „Lieber Freund,“ fuhr Porthos fort,„er hat uns erblickt, und ſtatt im einfachen Schritt der Prozeſſion, wie vorhin, weiter zu gehen, ſpudet er ſich. Schaut, wie der Zug ſeine Geſchwindigkeit verdoppelt. Es drängt dieſen lieben Aramis, uns zu ſehen und zu um⸗ armen.“ „Es iſt wahr,“ antwortete d'Artagnan laut. Dann leiſe: „Immerhin hat mich der Fuchs wahrgenommen, und 20 er wird nun Zeit haben, ſich vorzubereiten, wie er mich empfangen ſoll.“ Doch die Prozeſſion war vorübergezogen und der Weg frei. D'Artagnan und Porthos marſchirten gerade nach dem biſchöflichen Palaſt, den eine zahlreiche Mienae umgab, um den Prälaten zurückkehren zu ehen. 4 D⸗Artagnan bemerkte, daß dieſe Menge hauptſächlich aus Bürgern und Militären beſtand. Er erkannte an der Natur ſeiner Anhänger die Ge⸗ wandtheit ſeines Freundes. Aramis war in der That nicht der Mann, der eine unnöthige Popularität ſuchte. Es lag ihm wenig daran, ob ihn die Leute liebten, die ihm zu nichts dienten. Weiber, Kinder, Greiſe, das gewöhnliche Gefolge der geiſtlichen Hivten, waren nicht ſein Gefolge. Zehn Minuten, nachdem die zwei Freunde die Schwelle des biſchöflichen Palaſtes überſchritten hatten, kehrte Aramis wie ein Triumphator nach Hauſe; die Soldaten präſentirten vor ihm das Gewehr, wie vor einem Oberen; die Bürger begrüßten ihn mehr wie einen Freund, wie einen Patron, als wie ein religiöſes aupt. Es fand ſich in Aramis etwas von jenen römiſchen Senatoren, deren Thüren immer von Clienten belagert waren. Unten an der Freitreppe hatte er eine Beſprechung von einer halben Minute mit einem Jeſuiten, der, um leiſe mit ihm zu reden, ſeinen Kopf unter den Trag⸗ himmel ſtreckte. Dann ſchloßen ſich langſam und die Menge verlief ſich, wäh⸗ rend die Geſänge und Gebete noch erſchollen. 4 Es war ein herrlicher Tag, ein Tag voll irdiſcher he Wohlgerüche, vermiſcht mit den Wohlgerüchen des trat er in ſeine Wohnung ein; die Thüren Meeres und der Luft. und Kraft. D'Artagnan fühlte gleichſam die Gegenwart einer unſichtbaren Hand, welche allmächtig dieſe Kraft, dieſe Freude, dieſes Glück geſchaffen und überall dieſe Wohl⸗ gerüche verbreitet hatte. „Oh! oh!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Porthos iſt fett, Aramis aber iſt groß geworden.“ Die Stadt athmete Glück, Freude IlI. Die Größe des Biſchofs von Vannes. Porthos und d'Artagnan waren in den biſchöflichen Palaſt durch eine beſondere, nur den Freunden des Hauſes bekannte Thüre eingetreten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Porthos d'Artagnan zum Führer gedient hatte: der würdige Baron benahm ſich uͤberall ein wenig wie zu Hauſe. War es jedoch ſtillſchweigende Anerkennung der Heiligkeit der Perſon von Aramis und ſeines Charakters, war es Gewohn⸗ heit, das zu achten, was ihm moraliſch imponirte, eine würdige Gewohnheit, welche aus Porthos einen Muſter⸗ ſoldaten und einen vortrefflichen Geiſt gemacht hatte... aus allen dieſen Gründen, ſagen wir, beobachtete Por⸗ thos bei Seiner Herrlichkeit dem Biſchof von Vannes eine gewiſſe Zurückhaltung, welche d'Artagnan ganz von Anfang in ſeinem Benehmen gegen die Bedienten und Hausgenoſſen bemerkte. 3 Dieſe Zurückhaltung ging aber nicht ſo weit, daß er ſich keine Fragen erlaubte. Man erfuhr, Seine Herrlichkeit ſei in ihre Gemächer zurückgekehrt und ſchicke ſich an, im vertrauteren Kreiſe minder majeſtätiſch zu erſcheinen, als er vor ſeinen geiſt⸗ lichen Schafen erſchienen war. Nach einer kleinen Viertelſtunde, welche d'Artag⸗ nan und Porthos damit hinbrachten, daß ſie ſich gegen⸗ ſeitig ins Weiße der Augen ſchauten und ihre Dau⸗ men in den verſchiedenen Evolutionen drehten, welche von Norden nach Süden gehen, öffnete ſich wirklich die Thüre des Saals und man ſah Seine Herrlichkeit in der vollſtändigen kleinen Prälatentracht erſcheinen. Aramis trug den Kopf hoch, wie ein Mann, der zu befehlen gewohnt iſt, die Robe von veilchenblauem Tuch an der Seite aufgeſchürzt und hielt die Fauſt auf der Hüfte. 8. Ueberdies hatte er den feinen Schnurrbart und den Knebelbart aus der Zeit von Ludwig XIII. beibe⸗ halten. Er ſtrömte bei ſeinem Eintritt den Kerien Wohl⸗ geruch aus, der ſich bei den eleganten Männern und den Frauen der vornehmen Welt nie verändert und mit der Perſon verkörpert zu ſein ſcheint, deren natür⸗ liche Ausdünſtung er geworden iſt. Nur hatte diesmal das Parfum etwas von der religiöſen Erhabenheit des Weihrauchs behalten. Es berauſchte nicht, es drang durch; es flößte nicht das Verlangen, ſondern die Ehrfurcht ein. Aramis zögerte nicht einen Augenblick, als er ein⸗ trat; ohne ein Wort zu ſprechen, das, welches es auch ſein mochte, bei einer ſolchen Veranlaſſung kalt geweſen wäre, ging er gerade auf den unter der Tracht von Herrn Agnan ſo gut verkleideten Musketier zu und ſchloß ihn mit einer Zärtlichkeit in ſeine Arme, die der Mißtrauiſchſte nicht der Kälte oder der Abſichtlichtei beſchuldigt haben könnte.. D Artagnan umarmte ihn ſeinerſeits mit glei Eifer. 3 Porthos drückte die zarte Hand von Aramis reiſe eiſt⸗ tag⸗ gen⸗ Dau⸗ elche klich hkeit n. der uem auſt den ibe⸗ ohl⸗ und und tür⸗ der Es das ein⸗ uch eſen von und * der ſeinen plumpen Händen und d'Artagnan bemerkte, daß ihm Seine Herrlichkeit die linke Hand reichte, wahr⸗ ſcheinlich aus Gewohnheit, inſofern Porthos ihm ſchon zehnmal ſeine mit Ringen geſchmückten Finger, das Fleiſch im Schraubſtock ſeiner Fauſt zuſammenpreſſend, gequetſcht haben mußte. Durch den Schmerz gewarnt, mißtraute Aramis und bot ihm nur Fleiſch zu drücken, und nicht mehr Finger am Gold oder an den Facetten eines Diamants zu zerquetſchen. Zwiſchen zwei ÜUmhalſungen ſchaute Aramis d'Ar⸗ tagnan ins Geſicht, bot ihm einen Stuhl und ſetzte ſich in den Schatten, indem er beobachtete, daß das Licht auf das Geſicht ſeines Gegenredners fiel. Dieſes Manoeuvre, mit dem die Diplomaten und die Frauen ſo vertraut ſind, gleicht dem Vortheil des Lagers, den ihrer Gewohnheit gemäß oder nach der Gewohnheit, die ſie annehmen wollen, die Kämpfenden auf dem Platze des Duells ſuchen. D'Artagnan ließ ſich auch durch dieſes Manoeuvre nicht bethören, aber er ſchien es nicht zu bemerken. Er fühlte ſich gefangen; doch gerade, weil er ſich gefangen fühlte, fühlte er ſich zugleich auch auf dem Wege der Entdeckung, und dem alten Condottiere lag wenig daran, ob er ſich ſcheinbar ſchlagen ließ, wenn er nur aus ſeiner vermeintlichen Niederlage die Vortheile des Sieges zog. Aramis begann das Geſpräch. „Ahl theurer Freund, mein guter d'Artagnan!“ ſagte er;„welch ein herrlicher Zufall!“ „Das iſt ein Zufall, mein hochwürdiger Gefährte, den ich Freundſchaft nennen werde,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan.„Ich ſuche Euch, wie ich Euch ſtets ſuchte, ſobald ich Euch ein großes Unternehmen anzubieten oder ein paar freie Stunden zu ſchenken hatte.“ „Ahl wahrhaftig,“ ſagte Aramis, ohne irgend eine Bewegung,„Ihr ſucht mich!“ „Ja wohl, er ſucht Euch, mein lieber Aramis, 24 dies beweiſt, daß er mich in Belle⸗Isle aufgetrieben hat,“ ſprach Porthos.„Nicht wahr, das iſt liebens⸗ würdig?“ „Ah!“ machte Aramis,„gewiß, in Belle⸗Isle...“ „Gut!“ dachte d'Artagnan;„mein Tölpel Porthos hat, ohne daran zu denken, mit einem Schlag die An⸗ griffskanone abgefeuert.“ „In Belle⸗Isle?“ ſagte Aramis,„in dieſem Loch, in dieſer Wüſte! Das iſt in der That liebenswürdig.“ „Und ich habe ihm mitgetheilt, Ihr wäret in Vannes,“ fuhr Porthos mit demſelben Ton fort. D'Artagnan bewaffnete ſeinen Mund mit einer bei⸗ nahe ironiſchen Feinheit und ſagte: „Ich wußte es, doch ich wollte ſehen...“ „Was ſehen?“ „Ob unſere Freundſchaft immer noch ſo feſt halte, ob unſer durch das Alter ganz verknöchertes Herz, wenn wir uns erblicken, auch noch den Freudenſchrei, der die Ankunft eines Freundes begrüßt, entſtrömen laſſe.“ „Nun, Ihr mußtet zufrieden ſein?“ fragte Aramis. „So ſo!“ 3 „Wie dies?“ 1 „S. Porthos ſagte:„„Stille!““ und Ihr...“ „Nun! und ich?“ 8 „Ihr habt mir Euren Segen gegeben.“ „Was wollt Ihr, mein Freund!“ erwiederte Aramis, „hat ein armer Prälat, wie ich, etwas Koſtbareres?“ „Geht doch, lieber Freund!“ „Gewiß.“ 1 „Man behauptet in Paris, das Bisthum Vannes ſei eines der beſten von Frankreich?“ 4 „Ohl Ihr ſprecht von den zeitlichen Gütern!“ ſagte Aramis mit einer ganz ungezwungenen Miene. „Gewiß ſpreche ich hievon... ich lege einen Werth darauf.“ „Dann wollen wir davon reden,“ verſetzte Aramis mit einem Lächeln. ———ñ— .= SS — 25 „Ihr geſteht, daß Ihr einer der reichſten Prälaten von Frankreich ſeid!“ „Mein Lieber, da Ihr meine Rechnungen von mir fordert, ſo ſage ich Euch, daß das Bisthum Vannes zwanzigtauſend Livres einträgt, nicht mehr, nicht we⸗ niger. Es iſt eine Diöces von hundert und ſechzig Kirchſpielen.“ „Das iſt ſehr hübſch,“ ſprach d'Artagnan. „Herrlich!“ rief Porthos. „Aber,“ entgegnete d'Artagnan, Aramis mit der ganzen Scharfe ſeines Blickes beobachtend,„aber Ihr habt Euch nicht für immer hier begraben?“ „Verzeiht. Ich laſſe nur das Wort begraben nicht zu.“ „Mir ſcheint, in dieſer Entfernung von Paris iſt man begraven oder beinahe begraben.“ WMein Freund, ich mache mich alt,“ erwiederte Aramis;„der Lärmen und die Bewegung der Haupt⸗ ſtadt behagen mir nicht mehr. Mit ſieben und fünfzig Jahren muß man die Ruhe und die Meditation ſuchen. Ich habe Beides hier gefunden. Was kann es Schöneres und Ernſteres geben, als dieſe alte Stadt der Armo⸗ riea? Hier, mein lieber d'Artagnan, finde ich gerade das Gegentheil von dem, was ich früher liebte, und das iſt es, was man am Ende des Lebens braucht, welches ſeinem Anfang entgegengeſetzt iſt. Ein wenig von meinem Vergnügen der früheren Tage begrüßt mich von Zeit zu Zeit, ohne mich von der Wohlfahrt meiner Seele abzu⸗ ziehen. Ich bin noch von dieſer Welt, und dennoch nähere ich mich mit jedem Schritt, den ich thue, imm mehr Gott.“ „Beredt, weiſe, diseret, ſeid Ihr ein vollendeter Prälat, Aramis, und ich wünſche Euch Glück.“ „Doch, lieber Freund,“ ſagte Aramis lächelnd,„Ihr ſeid nicht allein gekommen, um mir Complimente zu machen. Sprecht, was führt Euch hierher? Sollte ich ſo glücklich ſein, daß Ihr meiner auf irgend eine Weiſe beduͤrftet?“ „Gott ſei Dank, mein Freund, nein,“ antwortete 26 »'Artagnan,„das iſt durchaus nicht der Fall: ich bin reich und frei.“ „Reich?“. „Ja, reich für mich... nicht für Euch, nicht für Porthos, wohlverſtanden. Ich habe eine Rente von ungefähr fünfzehntauſend Livres.“ Aramis ſchaute ihn ärgwöhniſch an. Er konnte, beſonders da er ihn mit einem ſo demüthigen Aeußern erblickte, nicht glauben, ſein alter Freund habe ein ſolches Glück gemacht. 4. Nun ſah d'Artagnan, die Stunde der Erklärungen ſei gekommen, und erzaͤhlte ſeine Geſchichte in England. Während ſeiner Erzählung ſah er zehnmal die Augen des Prälaten glänzen und ſeine ſpitzig zulau⸗ fenden Finger beben. 8 Bei Porthos aber äußerte ſich nicht Bewunderung für d'Artagnan, ſondern Enthuſiasmus, wahnſinnige Be⸗ deiſterung Als d'Artagnan geendigt hatte, fragte Aramis: „Nun!“ „Nun!“ antwortete d'Artagnan,„Ihr ſeht, daß ich in England Freunde und Grundeigenthum, in Frankreich einen Schatz habe. Wenn Euer Herz nach etwas von dem Meinigen begehrt, ſo biete ich es Euch an.. Deshalb bin ich gekommen. So ſicher auch ſein Blick war, ſo konnte d'Artag⸗ nan doch in dieſem Moment den von Aramis nicht aushalten. Er ließ alſo ſein Auge auf Porthos über⸗ gehen, wie es der Degen thut, der einem mächtigen Druck nachgibt und einen andern Weg ſucht. 5 „Jedenfalls,“ ſagte der Biſchof,„jedenfalls habt Ihr ein ſeltſames Reiſecoſtume gewählt, Freund.“ 1 „Ein abſcheuliches, ich weiß es. Ihr begreift, daß ich weder als Cavalier, noch als vornehmer Herr reiſen wollte. Seitdem ich reich bin, bin ich geizig.“ .„Und Ihr ſagt, Ihr habet Euch nach Belle⸗Jsle begeben?“ fragte Aramis ohne Uebergang, .. 27 „Ja,“ antwortete d'Artagnan,„ich wußte, ich würde Porthos und Euch dort finden.“ „Mich!“ rief Aramis.„Mich! Seit einem Jahr, daß ich hier bin, war ich nicht einmal auf der See.“ „Oh!“ verſetzte d'Artagnan,„ich wußte nicht, daß Ihr ein ſolcher Stubenhocker ſeid.“ „Ahl theurer Freund, ich muß Euch ſagen, ich bin nicht mehr der Mann von früher. Das Reiten iſt mir unbequem, das Meer ermüdet mich, ich bin ein armer leidender Prieſter, ſtets klagend, ſtets brummig und ge⸗ neigt zu Auſteritäten, die mir Vergleiche mit dem Alter, Geſpräche mit dem Tod zu ſein ſcheinen. Ich habe meinen feſten Sitz genommen, mein lieber d'Artagnan.“ „Deſto beſſer, theurer Freund, denn wir werden wahrſcheinlich Nachbarn werden.“ „Bah!“ verſetzte Aramis nicht ohne ein gewiſſes Erſtaunen, das er nicht einmal zu verbergen ſuchte; „Ihr, mein Nachbar?“ „Ei! mein Gott, ja.“ „Wie ſo?“ „Ich will die ſehr einträglichen Salzteiche kaufen, welche zwiſchen Pirrac und Croiſic liegen. Stellt Euch vor: eine Ausbeutung von zwölf Procent reine Rente, nie Unwerthe, nie Nebenkoſten; der getreue und regel⸗ mäßige Ocean bringt alle ſechs Stunden ſein Contin⸗ gent in meine Kaſſe. Ich bin der erſte Pariſer, der eine ſolche Speculation ausgedacht hat. Entdeckt Niemand meinen heimlichen Plan, ich bitte Euch, und binnen Kurzem beſprechen wir das Nähere. Ich bekomme drei Meilen Landes für dreißigtauſend Livres.“ Aramis warf Porthos einen Blick zu, als wollte er ihn fragen, ob dies Alles wahr, ob nicht unter dieſem gleichgültigen Aeußern eine Falle verborgen ſei. Bald aber, als ſchämte er ſich, dieſen dürftigen Beiſtand um Rath befragt zu haben, raffte er alle ſeine Kräfte zu einem neuen Sturm oder zu einer neuen Vertheidigung zuſammen, 3 28 „Man verſichert mich,“ ſagte, er„Ihr habet einen Streit mit dem Hof gehabt, doch Ihr ſeid daraus her⸗ vorgegangen, wie Ihr aus Allem hervorzugehen wißt, mit den Chren des Kriegs.“ „Ich!“ rief der Musketier, indem er in ein ſchal⸗ lendes Gelächter ausbrach, das jedoch nicht genügte, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, denn er konnte bei den Worten von Aramis glauben, dieſer ſei von ſeinem letzten Verhältniß zum König unterrichtet;„ich! ah! erzählt mir das, mein lieber Aramis.“ „Ja, man ſagte mir, mir, einem armen in Heiden und Steppen verlorenen Biſchof, der König habe Euch zum Vertrauten leiner Liebſchaft gewählt.“ „Mit wem?“ „Mit Fräulein von Mancini. 2 D'Artagnan athmete. „Ah!l ich leugne es nicht,“ erwiederte er. „Es ſcheint, der König hat Euch eines Morgens über die Brücke von Blois mitgenommen, um mit ſeiner Schönen zu“ plaudern.“ „ Das iſt wahr. Ah! Ihr wißt das! Aber dann müßt Ihr auch wiſſen, daß ich an demſelben Tag meine Entlaſſung genommen habe.“ 84 „Aufrichtig?⸗ „Ah! mein Freund, äußerſt aufrichtig.“ 5„Ihr ſeid dann zum Grafen de la Fere gegangen?“ „Und zu Porthos?“ „Jg.“ „Geſchah dies, um uns einen einen einfachen Beſuch. zu machen?“ „Rein; ich wußte nicht, daß Ihr gebunden waret, und wollte Euch mit nach England nehmen.“ „Ja, ich verſtehe, und dann habt Ihr, ein wun⸗ derbarer Mann, allein vollfährt, was Ihr uns zu Vier in 31 29 auszuführen vorſchlagen wolltet. Ich vermuthete, Ihr hättet Antheil an dieſer ſchönen Reſtauration, als ich erfuhr, man habe Euch beim Empfang von König Karl geſehen, der mit Euch wie mit einem Prbwnd oder viel⸗ mehr wie mit Einem, dem er zu Dank verpflichtet, ge⸗ ſprochen.“ „Aber wie des Teufels habt Ihr dies Alles er⸗ fahren?“ fragte d'Artagnan, welcher befürchtete, die Nachforſchungen von Aramis erſtrecken ſich weiter, als ihm lieb wäre. „Mein guter d'Artagnan,“ erwiederte Aramis, „meine Freundſchaft gleicht ein wenig der Sorgfalt des Nachtwächters, den wir in dem Thürmchen des Haſen⸗ damms am Ende des Quai haben. Dieſer brave Mann zündet jeden Abend eine Laterne an, um den Barken zu leuchten, welche von der See kommen. Er iſt in ſeinem Schilverhaus verborgen, und die Fiſcher ſehen ihn nicht; aber er folgt ihnen mit Theilnahme; er erräth ſie, er ruft ihnen, er zieht ſie auf den Weg zum Hafen. Ich gleiche jenem Wächter; von Zeit zu Zeit kommen mir einige Nachrichten zu und rufen Alles, was ich liebte, in mein Gedächtniß zurück. Dann folge ich den Freunden von Einſt auf dem ſtürmiſchen Meer der Welt, ich, ein armer Wärter, dem Gott das Obdach eines Schilderhauſes zu geben die Gnade gehabt hat.“ „Und was habe ich nach England gethan?“ fragte d'Artagnan. „Ah! ah.!“ rief Aramis,„Ihr wollt mein Geſicht forciren. Seit Eurer Rückkehr weiß ich nichts mehr, d'Artagnan; meine Augen haben ſich getrübt. Ich be⸗ dauerte, daß Ihr nicht an mich dachtet, und weinte über Eure Vergeßlichkeit. Ich hatte Unrecht. Ich ſehe Euch wieder, und das iſt ein Feſt, ein großes Feſt, das ſchwoͤre ich Euch!“ „Das macht mich unendlich glücklich.“ „Wie befindet ſich Athos?“ fragte Aramis. „Sehr wohl, ich danke,“ 30 „Und unſer junger Mündel?“ „Raoul?“ „Ja.“ „Es ſcheint, er hat die Gewandtheit ſeines Vaters Athos und die Stärke ſeines Vormunds Porthos ge⸗ erbt.“ „Bei welcher Gelegenheit konntet Ihr das beur⸗ theilen?“ „Eil mein Gott, den Tag vor meiner Abreiſe.“ „Wahrhaftig?“. „Ja, es fand eine Hinrichtung auf der Gréve ſtatt und in Folge dieſer Hinrichtung ein Aufruhr. Wir be⸗ fanden uns bei dem Aufruhr und in Folge des Auf⸗ ruhrs mußte man mit dem Degen ſpielen, und bei dieſer Gelegenheit hat er ſich herrlich benommen.“ „Bahl und was hat er gethan?“ fragte Porthos. „Einmal hat er einen Mann aus dem Fenſter ge⸗ worfen, als ob es ein Ballen Baumwolle geweſen wäre.“ 3„Oh! ſehr gut,“ rief Porthos. „Dann hat er vom Leder gezogen und um ſich ge⸗ hauen, wie wir es in unſeren ſchonen Tagen thaten.“ „Und bei welcher Veranlaſſung fand dieſer Aufruhr ſtatt?“ fragte Porthos. D'Artagnan bemerkte in dem Geſichte von Aramis . eine völlige Gleichgültigkeit bei dieſer Frage von Porthos. „Ah!“ ſagte er, indem er Aramis anſchaute,„bei Gelegenheit der zwei Steuerpächter, welche der König das Geraubte wieder herausgeben ließ, ich meine die zwei Freun de von Herrn Fouquet, die man henkte.“ Kaum deutete ein leichtes Runzeln der Stirne des Prälaten an, daß dieſer gehört hatte. „Hohol“ machte Porthos,„und wie hießen die Freunde von Herrn Fouquet?“ 1 „D'Emmeris und Lyodot,“ ſagte vArtagnan. „Kennt Ihr dieſe Namen, Aramis?“. „Nein,“ antwortete mit veraͤchtlichem Ton der 4 31 Prälat;„mir ſcheint, das ſind Namen von Finanz⸗ leuten.“ „Ganz richtig.“ „Ah! Herr Fouquet hat ſeine Freunde hängen laſſen!“ rief Porthos. „Und warum nicht?“ fragte Aramis. „Es kommt mir vor, als ob...“ „Wenn man dieſe Unglücklichen aufgehenkt hat, ſo geſchah es auf Befehl des Königs. Herr Fouquet aber hat, weil er Oberintendant der Finanzen iſt, meiner Anſicht nach nicht das Recht über Leben und Tod.“ *„ Gleichviel,“ brummte Porthos,„an der Stelle von Herrn Fouquet...“ Aramis begriff, daß Porthos auf dem Punkte war, eine Dummheit zu ſagen, und brach daher das Geſpräch kurz ab. „Hört,“ ſagte er,„mein lieber d'Artagnan, es iſt nun genug von Anderen die Rede geweſen, laßt uns ein wenig von uns ſelbſt plaudern.“ „Von mir wißt Ihr Alles, was ich Euch ſagen kann; ſprechen wir im Gegentheil von Euch, lieber Aramis.“ 1„ Ich ſagte Euch, es ſei kein Aramis mehr in mir. „Auch kein Abbé d'Herblay mehr?“ „Auch nicht mehr. Ihr ſeht einen Mann, den Gott an der Hand genommen und auf eine Stellung geführt hat, auf die er weder hoffen durfte noch konnte.“ „Gott?“ fragte d'Artagnan. „I.. „Ei! das iſt ſeltſam, man ſagte mir, es wäre Herr Fouquet.“) „Wer ſagt Euch das?“ verſetzte Aramis, ohne daß er es mit ſeiner ganzen Willenskraft verhindern konnte, daß eine leichte Röthe ſeine Wangen färbte. „Meiner Treue, Bazin.“ „Der Dummkopf!“ 32 „Ich behaupte nicht, er ſei ein Mann von Genie, aber er hat es mir geſagt, und ihm nach wiederhole ich es.“ 1 „Ich habe Herrn Fouquet nie geſehen,“ entgeg⸗ nete Aramis mit einem Blick, der ſo ruhig und rein war, wie der einer Jungfrau, welche nie gelogen. „Eil“ ſagte d'Artagnan,„wenn Ihr ihn geſehen und ſogar kennen gelernt hättet, ſo wäre nichts Schlim⸗ mes därane Herr Fouquet iſt ein ſehr braver Mann.“ „Ein großer Politiker.“ Aramis machte eine gleichgültige Geberde. „Ein allmächtiger Miniſter.“ „Ich hänge nur vom König und vom Papſt ab,“ ſagte Aramis. „Mordioux! hört wohl,“ ſprach d'Artagnan mit dem allernaivſten Ton,„ich ſage Euch das, weil Jedermann hier bei Herrn Fouquet ſchwört. Die Ebene gehört Herrn Fouquet; die Salzteiche, die ich gekauft habe, gehören Herrn Fouquet; die Inſel, auf der Porthos Topograph geworden iſt, gehört Herrn Fouquet; die Garniſon gehört Herrn Fouquet, die Galeeren gehören Herrn Fouquet. Ich geſtehe, daß es mich nicht gewun⸗ dert haben würde, wenn Ihr oder wenn vielmehr Eure Dioces zur Lehensherrlichkeit von Herrn Fouquet ge⸗ hört hätte. Das iſt nur ein anderer Herr als der König, aber eben ſo mächtig als ein König.“ „Gott ſei Dankl ich bin Niemand lehenspflichtig, ich gehöre Niemand und bin ganz nur mir,“ antwortete Aramis, der wäͤhrend dieſes Geſpräches mit dem Auge jede Geberde von d'Artagnan, jeden Blick von Porths verfolgte. Aber d'Artagnan war unſtörbar und Porthos un⸗ beweglich; die geſchickt geführten h⸗ wurden von . einem geſchickten Gegner parirt un iner traf. Nichtsdeſtoweniger fühlte 3 das Ermüdende 33 eines ſolchen Kampfes, und die Ankündigung des Abend⸗ brods wurde von Allen gut aufgenommen. Das Abendbrod veränderte den Lauf des Geſpräches. Ueberdies hatten ſie begriffen, daß, wie Jeder auf ſeiner Hut war, weder der Eine noch der Andere mehr er⸗ fahren würde. Porthos hatte von Allem nichts begriffen. Er hatte ſich unbeweglich gehalten, weil ihm Aramis durch ein Zeichen bedeutet, er möge ſich nicht rühren. Das Abendeſſen war alſo nur ein Abendeſſen für ihn, doch dies war genug für Porthos. Die Mahlzeit ging vortrefflich vorüber. D'Artagnan war von einer blendenden Heiterteit. Aramis übertraf ſich ſelbſt durch ſein ſanft freund⸗ liches Weſen. Porthos aß wie der ſelige Pelops. Man ſprach von Krieg und Finanzen, von Künſten und Liebſchaften. Aramis ſpielte den Erſtaunten bei jedem Wort über Politik, das d'Artagnan vorzubringen wagte. Dieſe lange Reihenfolge von Verwunderungen vermehrte das Mißtrauen von d'Artagnan, wie die ewige Gleich⸗ gültigkeit von d'Artagnan das Mißtrauen von Aramis erregte. Endlich ließ d'Artagnan abſichtlich den Namen Colbert fallen. Er hatte dieſen Streich bis zuletzt auf⸗ geſpart. „Wer iſt das, Colbert?“ „Oh! den Teufel, das iſt ſtark,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt.„Seien wir auf unſerer Hut, Mordioux! ſeien wir auf unſerer Hut.“ Und er gab über Colbert jede Auskunft, welche Aramis wünſchen konnte.— Das Abendbyod oder vielmehr das Geſpräch dehnte ſich bis ein 1 er Norgens zwiſchen d'Artagnan und 3 Aramis aus. Die drei Musketiere. Bragelonne. IV. 3 Auf den Punkt zehn Uhr war Porthos in ſeinem Pehafuiß entſchlummert; und er ſchnarchte wie eine rgel. Um Mitternacht weckte man ihn auf und ſchickte ihn zu Bette. „Hm!“ ſagte er,„mir ſcheint, ich bin eingeſchlafen; 1 es war doch ſehr intereſſant, was Ihr mit einander ſprachet.“ 3 Um ein Uhr führte Aramis d'Artagnan in das für ihn beſtimmte Zimmer, welches das beſte des biſchöf⸗ lichen Palaſtes war. Zwei Diener wurden zu ſeiner Verfügung geſtellt. 8. „Morgen um acht Uhr machen wir, wenn Ihr di wollt, einen Spazierritt mit Porthos,“ ſagte Aramis, als er von d'Artagnan Abſchied nahm. B „Um acht Uhr!“ rief d'Artagnan,„ſo ſpät?“ a „Ihr wißt, daß ich ſteben Stunden Schlaf brauche,““ de 5 antwortete Aramis. G „Ganz richtig.“ g „Gute Nacht, theurer Freund.“ B Und er umarmte den Musketier voll Herzlichkeit. ut D'Artagnan ließ ihn gehen. „Gut,“ ſagte er, als die Thüre hinter Aramis ge⸗ de ſchloſſen war,„um fünf Uhr werde ich auf den Beinen 2 Und nachdem er dieſen Beſchluß gefaßt hatte, legte ſch er ſich auf ſein Ohr. IV. Morin Parthos darüber, daß er mit d'⸗Artagnan gekommen, ärgerlich zu werden anfängt. Kaum hatte d'Artagnan ſeine Kerze ausgelöſcht, als Aramis, der durch ſeine Vorhänge das letzte Flackern des Lichtes bei ſeinem Freunde beobachtete, ſich durch die Hausflur auf den Fußſpitzen zu Porthos ſchlich. Der Rieſe, der ſich anderthalb Stunden zuvor zu Bette begeben hatte, lag behaglich auf den Eiderdunen ausgeſtreckt. Er befand ſich in jener glücklichen Ruhe des erſten Schlafes, welche bei Porthos dem Lärm der Glocken und der Kanonen widerſtand; ſein Kopf ſchwamm gleichſam in jenem ſanften Schaukeln, das an die weiche Bewegung eines Schiffes erinnert. Eine Minute mehr und Porthos träumte. Die Thüre ſeines Zimmers öffnete ſich ſachte unter dem zarten Druck der Hand von Aramis. Der Biſchof näherte ſich dem Schläfer. Ein dichter Teppich dämpfte das Geräuſch ſeiner Tritte; überdies ſchnarchte Porthos dergeſtalt, daß er jeden andern Lärmen übertäubt hätte. f 1 Ieamis legte eine Hand auf ſeine Schulter und agte:. „Auf, mein lieber Porthos, auf!“ Die Stimme von Aramis war ſanft und liebevoll; aber ſie enthielt mehr als eine Aufforderung, ſie ent⸗ hielt einen Befehl. Seine Hand war leicht, aber ſie deutete eine Gefahr an. 3 Porthos hörte die Stimme und fühlte die Hand von Aramis in der Tiefe ſeines Schlafes. Er bebte. „Wer iſt da?“ fragte er mit ſeiner Rieſenſtimme. „Stille! ich bin es,“ ſagte Aramis. „Ihr, lieber Freund? und warum des Teufels weckt Ihr mich?“ „um Euch zu ſagen, daß Ihr abreiſen müßt.“ 1 „Abreiſen?“ „Ja.“ „Wohin?“ „Nach Paris. Porthos ſprang in ſeinem Bett auf, ſiel wieder nieder, und ſchaute dann, aufrecht ſitzend, Aramis mit ſeinen großen Augen ſtarr an. „Nach Paris?“ rief er. „Ja./ „Hundert Meilen?“ „Hundert und vier,“ antwortete der Biſchof. „Ahl mein Gott,“ ſeufzte Porthos, indem er ſich wieder niederlegte, jenen Kindern ähnlich, welche mit ihrer Wäͤrterin ſtreiten, um noch ein paar Stunden Schlaf zu gewinnen. „Dreißig Stunden zu Pferde,“ fügte Aramis ent⸗ ſchloſſen bei.„Ihr wißt, daß es gute Relais ſind.“ Porthos rührte ein Bein, während ihm ein Seufzer entſchlüpfte. 3 „Auf! auf! theurer Freund,“ ſprach der Prälat mit einer gewiſſen Ungeduld in ihn dringend. Porthos zog das andere Bein aus dem Bett und fragte: „Iſt es durchaus nothwendig, daß ich reiſe?“ 2„Höchſt nothwendig.“ Porthos ſtellte ſich auf ſeine Beine und fing an den Boden und die Wände mit ſeinem Bildſäulentritt zu erſchüttern.— „Stille! um Gotteswillen ſtille, mein liebe Porthos!“ ſagte Aramis;„Ihr werdet Jemand au wecken.“ Ahl es iſt wahr,“ erwiederte Porthos mit ei 8 els der 37 Donnerſtimme,„ich vergaß das; doch ſeid unbeſorgt ich werde mich in Acht nehmen.“. Und während er dies ſagte, ließ er einen Gurt, beladen mit ſeinem Schwert, ſeinen Piſtolen und einer Borſe fallen, aus der die Thaler mit einem klangreichen, lang anhaltenden Geränuſch entſchlüpften. Dieſes Geräuſch machte das Blut von Aramis kochen, während es bei Porthos ein ſchallendes Gelächter hervorrief. „ Das iſt ſeltſam!“ ſagte er mit derſelben Stimme wie zuvor. „Leiſer, Porthes, leiſer!“ „Es iſt wahr.“ Und er dämpfte in der That ſeine Stimme um einen halben Ton. „Ich ſagte alſo,“ fuhr Porthos fort,„ich ſagte, es ſei ſeltſam, daß man nie ſo langſam iſt, als wenn man ſich beeilen will, nie ſo gerxäuſchvoll, als wenn man ſtumm zu ſein wünſcht.“ „Ja, das iſt wahr; doch machen wir das Sprüch⸗ wort lügen, Porthos, beeilen wir uns und ſchweigen wir.“ „Ihr ſeht, daß ich mein Möglichſtes thue,“ ant⸗ wortete Porthos, während er ſeine Beinkleider anzog. „Sehr gut.“. „Es ſcheint, das hat Eile?“ „Es hat mehr als Eile, es iſt ſehr ernſt.“ „Hoho!“ „O' Artagnan hat Euch ausgefragt, nicht wahr?⸗ „Mich? 3 „Ja, in Belle⸗Isle?“ „„Nicht im Geringſten.“ „Seid Ihr deſſen ſicher, Porthos?“ „Bei Gott!“ „Das iſt unmöglich. Erinnert Euch wohl.“ „Er fragte mich, was ich treibe, und ich antwor⸗ mehr erinne „Deſto „Wer ſehen?“ „Doch. 7 „Aber Ihr habet wollen.“ „Was es handelt Thore zu Halb gungen. „Hat er nicht zuf kommen. Ich habe meinen d'Artagnan ni 38 tete: Topographie. Ich hätte ihm gern Wort geſagt, deſſen Ihr Eu „Caſtrametation.“ „Das iſt es; doch ich konnte mich d rn.* ein anderes ch neulich bedientet.“ eſſelben nicht beſſer. Was fragte er Euch noch?“ „Wer Herr Gétard ſei.“ „Und noch?“ Herr Jupenet ſei.“ 41 Ah! Teufel!“ ällig Euren Befeſtigungsplan ge⸗ ſeid unbeſorgt, ich hatte Eure Schrift mit Gummi ausgewiſcht, und er konnte unmögli mir eine Anweiſung bei dieſer „Unſer Freund hat gute Augen.“ befürchtet Ihr 2 „Ich befürchte, es iſt Alles entdeckt, ch vermuthen, Arbeit geben Porthos, und ſich darum, einem großen Unglück zuvorzu⸗ ſchließen. Man wird vor verwirrt, halb betäubt, Leuten Befehl gegeben, alle Tagesanbruch cht hinauslaſſen. Cuer Pferd iſt geſattelt; Ihr erreicht die erſte Station; um fünf Uhr am Morgen habt Ihr fünfzehn Meilen zurückgelegt. Nach dieſen Worten kleidete Aram Stück Porthos mit ſo viel Geſchwindigkeit an, als es nur der geſchickteſte Kammerdiener hätte . ließ Porthos mit ſich machen, und er verwickelte ſich ganz in Entſchuldi⸗ Kommt.“ is Stück für thun können. Sobald er bereit war, nahm ihn Aramis bei der Hand und führte ihn hinaus; er ließ ihn den Fuß vor⸗ ſichtig auf jeder Stufe der Treppe auſſetz es, daß er ſich an den Thürrahmen ſtieß⸗ en, verhinderte und drehte ihn er na es cht 39 hin und her, als ob er, Aramis, der Rieſe und Porthos der Zwerg geweſen wäre. Dieſe Seele entzündete dieſe Materie und brachte ſie in Gährung. Es wartete wirklich ein geſatteltes Pferd im Hof. Porthos ſchwang ſich in Sattel. Aramis nahm ſelbſt das Pferd beim Zaum und führte es auf Dünger, der offenbar in der Abſicht, das Geräuſch zu erſticken, im Hof ausgebreitet lag. Er drückte ihm zu gleicher Zeit die Nüſtern zuſammen, da⸗ mit es nicht wieherte. Als ſie das äußere Thor erreichten, zog er Porthos, der wegreiten wollte, ohne nur zu fragen warum, an ſich und ſagte ihm in's Ohr: „Nun, Freund Porthos, in einem Zuge bis Paris; eßt zu Pferde, trinkt zu Pferde, ſchlaft zu Pferde, aber verliert keine Minute.“ „Abgemacht; man wird nicht anhalten.“ „Dieſen Brief Herrn Fouquet um jeden Preis; er muß ihn morgen vor Mittag haben.“ „Er wird ihn haben.“ 4 „Und denkt an Eines, lieber Freund.“ „Woran?“ „Daß Ihr Eurem Patent als Herzog und Pair nachjagt.“ „Hoho!“ rief Porthos, die Augen funkelnd,„dann mache ich es in vierundzwanzig Stunden.“ „Verſucht es.“ 4 „Laßt den Zügel los, und vorwärts, Goliath.“ „Aramis ließ wirklich nicht den Zügel, aber 8e Nüſtern des Pferdes los; Porthos gab ihm beide Sporen⸗ und das wüthende Thier jagte im Galopp avon. So lange er Porthos in der Nacht ſehen konnte, folgte ihm Aramis mit den Augen; dann, als er ihn aus dem Blick verlor, kehrte er in den Hof zurück. Nichts hatte ſich bei d'Artagnan gerührt. 1 40 . Der Bediente, den man als Schildwache an der Thüre aufgeſtellt, hatte kein Licht geſehen, kein Ge⸗ räuſch gehört. Aramis ſchloß wieder ſorgfältig die Thüre, ſchickte den Lackei zu Bette und legte ſich ſelbſt nieder. DArtagnan vermuthete in der That nichts; er glaubte auch Alles gewonnen zu haben, als er am Morgen gegen halb fünf Uhr erwachte. Er lief im Hemd ans Fenſter, um hinaus zu ſchauen. Das Fenſter ging gegen den Hof. Der Tag brach eben an. Der Hof war öde, ſelbſt die Hühner hatten ihre Aufſitzſtange noch nicht verlaſſen. Kein Diener erſchien. Alle Thüren waren geſchloſſen. „Gut, vollkommene Ruhe,“ ſagte d'Artagnan zu ſtch ſelbſt.„Gleichviel, ich bin nun zuerſt vom ganzen Haus erwacht. Kleiden wir uns an, und dann iſt we⸗ nigſtens Eines abgemacht.“ Und er kleideir an. Doch diesmal war er darauf bedacht, dem Coſtume von Herrn Agnan nicht die bürgerliche, beinahe kirch⸗ liche Strenge zu geben, welche ſein Aeußeres zuvor gehabt hatte; indem er ſeine Kleider feſter ſchloß, indem er ſeinen Rock auf eine gewiſſe Weiſe zuknöpfte und ſeinen Filzhut mehr ſchräge aufſetzte, wußte er ſogar ſeiner Perſon ein wenig von der militäriſchen Haltung zu geben, deren Mangel Aramis gewiſſermaßen zurück⸗ geſchreckt hatte. Nachdem er dies gethan, benahm er ſich ohne alle Umſtände gegen ſeinen Wirth, oder gab ſich vielmehr den Anſchein, als benähme er ſich ſo, und trat unver⸗ ſehens in ſein Zimmer ein.. Aramis ſchlief, oder ſtellte ſich, als ſchliefe er. Ein großes Buch lag offen auf ſeinem Nachtpultz. die Kerze brannte noch in dem Leuchter, der auf einem ſilbernen Brett ſtand. Dies war mehr, als es brauchte, ——— 41 um d'Artagnan die Unſchuld der Nacht des Prälaten und ſeine guten Abſichten beim Erwachen zu beweiſen. Der Musketier that ganz genau dem Biſchof, was der Biſchof Porthos gethan hatte. Er klopfte ihm auf die Schulter. Aramis ſtellte ſich offenbar, als ſchliefe er, denn ſtatt plötzlich zu erwachen, ließ er, der einen ſo leichten Schlaf hatte, ſich die Aufforderung wiederholen. „Ah! ah!“ ſagte er, die Arme ausſtreckend,„Ihr ſeid es. Welch eine ſchöne Ueberraſchung! Meiner Treue, der Schlaf ließ mich vergeſſen, daß ich das Glück habe, Euch zu beſitzen. Wie viel Uhr iſt es?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete d'Artagnan ein wenig verlegen.„Noch frühe, glaube ich. Doch Ihr wißt, die verteufelte militäriſche Gewohnheit, mit dem Morgen außzuwachen, beherrſcht mich immer noch.“ „Wollt Ihr zufällig, daß wir uns ſchon in's Freie begeben?“ fragte Aramis.„Mir ſcheint, es iſt noch ſehr frühzeitig.“ „Ganz wie Ihr wollt.“— „Ich glaubte, wir hätten uns verabredet, erſt um acht Uhr zu Pferde zu ſteigen.“ „Das iſt möglich; doch ich hatte ein ſo großes Verlangen, Euch zu ſehen, daß ich mir ſagte: je eher, deſto beſſer.“ „Und meine ſieben Stunden Schlaf?“ verſetzte Aramis;„nehmt Euch in Acht, ich zähle hierauf, und das, was mir daran fehlt, muß ich wieder einbringen.“ „Aber mir ſcheint, Ihr waret früher viel weniger Schläfer, lieber Freund; Ihr hattet raſches Blut und man fand Euch nie im Bett.“ „Und gerade wegen deſſen, was Ihr mir da ſagt, liebe ich es ungemein, darin zu bleiben.“ „Geſteht mir nur, daß Ihr mich nicht, um zu ſchlafen, auf acht Uhr beſchieden habt.“ 14 „ Ich fürchte immer Euren Spott, wenn ich Euch die Wahrheit ſage.“ „Sagt ſie dennoch.“ „Nun wohl, von ſechs bis acht Uhr pflege ich meine Andacht zu verrichten.“. „Eure Andacht?“ „Ja.“ „Ich glaubte nicht, ein Biſchof hätte ſo ſtrenge Uebungen.“ „Ein Biſchof hat dem Anſchein mehr einzuräumen, als ein einfacher Geiſtlicher.“ „Mordioux! Aramis, das iſt ein Wort, das mich mit Eurer Herrlichkeit ausſöhnt. Dem Anſchein,— das iſt ein Musketierwort! Das laſſe ich mir gefallen! Es lebe der Anſchein, Aramis.“ „Statt mir dazu Glück zu wünſchen, verzeiht es mir vielmehr, d'Artagnan. Es iſt ein ſehr weltliches Wort, das mir da entſchlüpfte.“ „Soll ich Euch denn verlaſſen?“ „Ich bedarf der Sammlung theurer Freund.“ „Gut. Ich laſſe Euch allein, aber ich bitte Euch, dem Heiden zu Liebe, den man d'Artagnan nennt, kürze Eure Uebungen ab, mich dürſtet nach Eurer ede.“ „Wohl! d'Artagnan, ich verſpreche Euch, daß in anderthalb Stunden...“ „Anderthalb Stunden Andacht? Ah! mein Freund, nennt mir das Genauſte. Gebt es ſo wohlfeil als nur möglich.“ Lachend erwiederte Aramis: „Immer zum Entzücken, immer jung, immer heiter. Seid Ihr in meine Diöces gekommen, um mich mit der Gnade zu entzweien?“ Ba 171 „Und Ihr wißt wohl, daß ich nie Eurem hinreißen⸗ den Einfluß widerſtanden bin; Ihr werdet mich mein Heil koſten, d'Artagnan.“ 3 D'Artagnan preßte ſeine Lippen zuſammen. „Immer zu,“ ſagte er,„ich nehme die Sünde auf — X mich; macht mir geſchwinde ein einfaches Chriſtenkreuz, verrichtet mir in Eile ein Pater, und laßt uns gehen.“ „St!“ erwiederte Aramis,„wir ſind ſchon nicht mehr allein, und ich höre Fremde heraufkommen.“ „Schickt ſie weg.“— „Unmöglich, ich habe ſie geſtern hierherbeſchieden: es iſt der Vorſtand vom Jeſuitencollegium und der Superior der Dominicaner.“ „Gut, das iſt Euer Generalſtab.“ „Was werdet Ihr thun?“ „Ich will Porthos aufwecken und in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft warten, bis Ihr Eure Conferenzen beendigt habt.“ Aramis rührte ſich nicht, verzog keine Miene, be⸗ ſchleunigte weder ſeine Geberde noch ſein Wort. „Geht,“ ſagte er. D'Artagnan ſchritt auf die Thüre zu. „Hört, Ihr wißt, wo Porthos wohnt?“. „Nein, aber ich will mich erkundigen.“* „Geht durch den Corridor und öffnet die zweite Thüre links.“ „Ich danke! auf Wiederſehen.“ Es waren nicht zehn Minuten verlaufen, als er zurückkehrte. Er fand Aramis zwiſchen dem Superior der Domi⸗ nicaner und dem Vorſtand des Jeſuitencollegiums ſitzend, ganz genau in derſelben Lage, in der er ihn einſt im Wirthshauſe von Crevecoeur gefunden hatte. Dieſe Geſellſchaft ſchreckte den Musketier nicht „Was gibt es?“ fragte Armis ruhig.„Ihr habt mir etwas zu ſagen, wie mir ſcheint, mein lieber Freund.“ „Was es gibt?“ erwiederte d'Artagnan, indem er Armis anſchaute,„Porthos iſt nicht in ſeinem Zimmer.“ „Wie?“ verſetzte Aramis voll Ruhe:„ſeid Ihr deſ⸗ ſen ſicher?“ „Bei Gott! ich komme eben von dort her.“ 44 „Wo mag er denn ſein?“ „Das frage ich Euch.“ 4 „Habt Ihr Euch nicht erkundigt?“ „Doch.“ „Und was hat man Euch geantwortet?“ „Porthos verlaſſe ſehr häufig am Morgen das Haus, ohne Jemand etwas davon zu ſagen, und er werde dies auch wohl gethan haben.“ „Was habt Ihr ſodann gemacht?“ „Ich war im Stall,“ antwortete d'Artagnan mit gleichgültigem Ton. „Zu welchem Ende?“ „Um zu ſehen, ob ſich Porthos zu Pferde wegbe⸗ geben habe?“ „Nun!l es fehlt ein Pferd an der Raufe, das No. 5. Goliath.“ Dieſes ganze Geſpräch war, wie man leicht be⸗ greift, nicht frei von einem gewiſſen gezwungenen We⸗ ſen auf Seiten des Musketiers und einer vollkommenen Freundlichkeit auf Seiten von Aramis. „Ohl ich ſehe, wie das iſt,“ ſagte Aramis, nachdem er einen Augenblick geträumt hatte,„Porthos wird weggeritten ſein, um uns eine Ueberraſchung zu be⸗ 4 reiten.“ 3 „Eine Ueberraſchung?“ „Ja. Der Canal, der von Vannes nach der See geht, iſt ſehr reich an Kriechenten und Becaſſinen; das iſt die Lieblingsjagd von Porthos; er wird uns ein Dutzend für unſer Frühſtück zurückbringen.“ „Ihr glaubt?“ „Ich bin deſſen ſicher. Wohin ſoll er ſonſt gegan⸗ gen ſein? Ich wette, er hat eine Flinte mitgenommen.“ „Das iſt möglich,“ ſprach d'Artagnan. 8 1 „Thut Eines, lieber Freund, ſteigt zu Pferde und reitet ihm nach.“ „Ihr habt Recht, ich gehe.“ N 45 „Soll man Euch begleiten?“ G „Nein, ich danke, Porthos iſt erkenntlich und ich werde mich zuvor erkundigen.“ „Nehmt Ihr eine Buͤchſe mit?“ „Ich danke.“ „Laßt Euch das Pferd ſatteln, das Euch beliebt.“ „Das, welches ich geſtern ritt, als ich von Belle⸗ Isle kam?“ „Gut, betrachtet und benützt das Haus, als ob es das Eurige wäre.“ Aramis läutete und gab Befehl, das Pferd zu ſatteln, das Herr d'Artagnan wählen würde. D'Artagnan folgte dem mit dem Vollzug dieſes Be⸗ fehls beauftragten Diener. Als er an die Thüre kam, trat der Diener auf die Seite, um d'Artagnan vorübergehen zu laſſen. In dieſem Moment begegnete ſein Auge dem Auge ſeines Herrn. Ein Falten der Stirne machte dem ver⸗ ſtändigen Spion, den man d'Artagnan gab, begreiflich, was er zu thun hatte. D Artagnan ſtieg zu Pferde, und Aramis hörte das Schallen der Hufeiſen, welche auf's Pflaſter ſchlugen. Einen Augenblick nachher kehrte der Diener zurück. „Nun?“ fragte der Biſchof. „Monſeigneur, er folgt dem Canal und wendet ſich nach dem Meer,“ antwortete der Diener. „Gut!“ ſagte Aramis. Jeden Argwohn verjagend, ritt d'Artagnan wirk⸗ lich nach dem Ocean, immer in der Hoffnung, auf der Heide oder auf dem ſandigen Geſtade die koloſſale Sil⸗ houette ſeines Freundes Porthos zu erblicken. D Artagnan ſtrengte ſich hartnäckig an, Pferdetritte in jeder Waſſerlache zu erkennen. Zuweilen bildete er ſich ein, er höre den Knall eines Feuergewehrs. Dieſe Illuſion dauerte drei Stunden. Während der zwei erſten Stunden ſuchte er Porthos. 3 1 46 In der dritten kehrte er nach Hauſe zurück. „Wir werden uns gekreuzt haben,“ ſagte er,„und 4 ſinde die zwei Freunde in Erwartung meiner Rück⸗ ehr.“ D'Artagnan täuſchte ſich. Er fand Porthos eben ſo wenig im erzbiſchöflichen Palaſt, als er ihn am Ufer des Canals gefunden hatte. Aramis erwartete ihn oben auf der Treppe mit einer verzweifelten Miene. „Hat man Euch nicht eingeholt, mein lieber d'Ar⸗ tagnan?“ rief er, ſobald er den Musketier von fern erblickte. „Nein. Solltet Ihr mir Jemand nachgeſchickt haben?“ „Ich bin troſtlos, mein lieber Freund, ich bin troſt⸗ los, daß ich Euch ſo habe umherreiten laſſen; doch ge⸗ gen ſieben Uhr kam der Pfarrer von Saint⸗Paterne zu mir; er war du Vallon begegnet, der eben wegging, und da er Niemand im biſchoͤflichen Palaſt hatte wecken wollen, ihn beauftragte, mir zu ſagen, er befürchte, Herr Gétard könnte ihm während ſeiner Abweſenheit einen ſchlimmen Streich ſpielen, und er wolle die Mor⸗ genfluth benützen, um eine Fahrt nach Belle⸗Isle zu machen.“ „Aber ſagt mir, Goliath iſt doch nicht die vier Meilen zur See gegangen, wie mir ſcheint?“ „Es ſind ſechs.“ „Dann noch weniger.“ „Lieber Freund,“ erwiederte der Prälat mit einem ſanften Lächeln,„Goliath befindet ſich auch im Stall, und zwar, dafür ſtehe ich, ſehr zufrieden, daß er Por⸗ thos nicht mehr auf dem Rücken hat.“ 47 Er begann eine Verſtellungsrolle, welche vollkom⸗ men dem Verdacht entſprach, der ſich immer ſchärfer in ſeinem Innern geſtaltete. Der Musketier frühſtückte zwiſchen dem Jeſuiten und Aramis. Er hatte den Dominicaner ſich gegenüber und lächelte auch hauptſächlich dem Dominicaner zu, deſſen gutes, dickes Geſicht ihm ziemlich behagte. Das Mahl dauerte lange und war koſtbar; vor⸗ trefflicher ſpaniſcher Wein, ſchöne Auſtern von Morbi⸗ han, ausgezeichnete Fiſche von der Mündung der Loire, ungeheure Seekrebſe von Paimboeuf und zartes Wild⸗ pret von den Heiden wurden aufgetiſcht. D'Artagnan aß viel und trank wenig. Aramis trank gar nichts, oder trank wenigſtens nur Waſſer. Dann nach dem Frühſtück ſagte d'Artagnan: „Ihr habt mir eine Büchſe angeboten?“ „Ja.“ „Leiht ſie mir.“ „Wollt Ihr auf die Jagd gehen?“ „Das iſt, glaube ich, das Beſte, was ich in Er⸗ wartung von Porthos thun kann.“ „Nehmt die Büchſe, die Euch gefällt, von der Trophee.“ „Kommt Ihr mit mir?“ „Ach! theurer Freund, das wäre ein großes Ver⸗ gnügen für mich, doch die Jagd iſt den Biſchöfen ver⸗ boten.“ „Ah!“ ſagte d'Artagnan,„das wußte ich nicht.“ „leberdies habe ich Geſchäfte bis zum Mittag,“ fuhr Aramis fort. „Ich werde alſo allein gehen?“ „Leider, jal Doch kommt gewiß zum Mittagsbrod zurück.“ „Bei Gott! man ſpeiſt viel zu gut bei Euch, als daß ich nicht zurückkommen ſollte, Hienach verließ d'Artargnan ſeinen Wirth, grüßte 8 48 die Gäſte, nahm ſeine Büchſe, ritt aber, ſtatt zu jagen, geraden Wegs nach dem kleinen Hafen von Vannes. Er ſchaute vergebens, ob man ihm nicht folgte; er ſah Nichts und Niemand. „»Artagnan miethete eine kleine Fiſcherbarke um fünfundzwanzig Livres und fuhr um halb zwölf Uhr ab, überzeugt, man ſei ihm nicht gefolgt. Man war ihm allerdings nicht gefolgt. Nur hatte ein Bruder Jeſuit, der oben im Glockenthurme ſeiner Kirche aufgeſtellt war, vom Morgen an mit Hülfe eines vortrefflichen Augenglaſes nicht einen ſeiner Schritte verloren. Um drei Viertel auf zwoölf Uhr war Aramis be⸗ nachrichtigt, d'Artagnan ſchiffe gen Belle⸗Is le. 3 Die Fahrt von d'Artagnan ging raſch von Stat⸗ ten, ein guter Nord⸗Nord⸗Oſt trieb ſein Schiff auf Belle⸗Isle zu. Je mehr er ſich der Inſel näherte, deſto ſchärfer befragten ſeine Augen die Küſte. Er ſuchte und er⸗ wartete, ſei es auf dem Ufer, ſei es über den Feſtungs⸗ werken, das auffallende Gewand von Porthos und ſeine ungeheure Statur ſich von einem leicht wolkigen Him⸗ mel abheben zu ſehen. 3 D'Artagnan ſuchte vergebens; er landete, ohne et⸗ was geſehen zu haben, und erfuhr vom erſten Soldaten, den er befragte, Herr du Vallon ſei noch nicht von Vannes zurückgekehrt.. Ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, befahl v'Artagnan, ſeine kleine Barke nach Sarzeau zu ſteuern. Man weiß, daß ſich der Wind mit den verſchiede⸗ nen Stunden des Tages drehtz der Wind war von Nord⸗Nord⸗Oſt zu Süd⸗Oſt. übergegangen;. der Mind war alſo beinahe eben ſo günſtig für die Rückkehr nach Sarzeau, als er es für die Fahrt nach Belle⸗Isle ge⸗ weſen. In drei Stunden berührte d'Artagnan das 49 Feſtland; zwei weitere Stunden genügten ihm, um Vannes zu erreichen. Was d'Artagnan trotz der Schnelligkeit, mit der das Schiff ging, während dieſer Ueberfahrt an Aerger und Ungeduld verſchlang, vermöchte allein das Verdeck des Fahrzeugs, auf das er drei Stunden lang mit den Füßen ſtampfte, der Geſchichte zu erzählen. D'Artagnan machte nur einen Sprung vom Quai, wo er landete, bis zum biſchöflichen Palaſt. Er gedachte Aramis durch die Geſchwindigkeit ſei⸗ ner Rückkehr zu erſchrecken; er wollte ihm ſeine Falſch⸗ heit vorwerfen, dies zwar mit Mäßigung, aber nichts⸗ deſtoweniger mit genug Geiſt, um ihn alle Folgen ſeines Benehmens fühlen zu laſſen und ihm einen Theil ſeines Geheimniſſes zu entreißen. Er hoffte endlich mit Hülfe jener Gluth des Aus⸗ orucks, welche bei den Geheimniſſen das iſt, was der Angriff mit dem Bajonett bei Schreckſchanzen iſt, den geheimnißvollen Aramis bis zu irgend einer Manifeſta⸗ tion fortzureißen. Aber er fand im Vorhaus des Palaſtes den Kam⸗ merdiener, der ihm den Weg verſperrte, während er ihn mit einer ganz gottſeligen Miene anlächelte. „Monſeigneur?“ rief d'Artagnan, indem er den ſannmnerdiener mit der Hand auf die Seite zu ſchieben uchte. Einen Augenblick erſchüttert, gewann dieſer bald wieder ſein Gleichgewicht und ſeine feſte Haltung. „Monſeigneur?“ verſetzte er. „Ja, allerdings, erkennſt Du mich nicht, Dumm⸗ kopf?“ „Doch; Ihr ſeid der Herr Chevalier d'Artagnan?“ „So laßt mich vorbei.“ „Unnöthig.“ „Warum unnöthig?“ „Weil Seine Herrlichkeit nicht zu Hauſe iſt.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. IV. 4 50 „Wiel Seine Herrlichkeit iſt nicht zu Hauſe! Wo iſt ſie denn?“ „Abgereiſt.“ „Abgereiſt?“ „Ja. „Wohin?“ „Ich weiß es nicht; aber vielleicht ſagt ſie es dem Herrn Chevalier.“ „Wie? wo dies? auf welche Art?“ „In dieſem Brief, den ſie mir für den Herrn Che⸗ valier übergeben hat.“ Und der Kammerdlener zog einen Brief aus ſeiner Laſche. wil ſo gib doch, Lümmel!“ rief d'Artagnan, und entriß den Brief ſeinen Händen. ,DOhl ja,“ murmelte d'Artagnan bei der erſten Zeile;„ja, ich begreife.“ 8 Und er las mit halber Stimme. „Mein lieber Freund, „Eine äußerſt dringende Angelegenheit ruft mich nach einem der Kirchſpiele meiner Diöces⸗ Ich hoffte Euch vor meinem Abgang zu ſehen; doch ich verliere dieſe Hoffnung, wenn ich bedenke, daß Ihr ohne Zwei⸗ fel zwei bis drei Tage bei unſerem Freund Porthos auf Belle⸗Isle bleiben werdet. „Beluſtigt Euch gut, verſucht es aber nicht, ihm bei Tiſch Stand zu halten; das hätte ich nicht einmal Athos in ſeiner ſchönſten und beſten Zeit gerathen. 84„Gott befohlen, lieber Freund; glaubt mir, ich bedaure es ungemein, daß ich Eure vortreffliche Geſell⸗ ſchaft nicht beſſer und länger benützen konnte.“ „Mardiourl rief»Artagnan, ſich bin beirogent Ahl ich Ochſe, ich Vieh, ich Dummkopf, der ich bin Doch wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Oh! überliſte 51 39 bethört, bethört wie ein Affe, dem man eine leere Nuß ibt.“ 3 Und er verſetzte dem Kammerdiener einen Fauſt⸗ ſchlag auf ſeine lachende Schnauze und ſtürzte aus dem 2 biſchöflichen Palaſte. Furet, ein ſo guter Traber er auch war, entſprach den Umſtänden nicht mehr. D'Artagnan eilte nach der Poſt und wählte ein he⸗/ Pferd, das er durch gute Sporen und eine leichte 4 Hand zu der Einſicht brachte, die Hirſche ſeien nicht die behendeſten Läufer der Welt. ier ind ten V. lich Worin d'Artagnan galappirt, Porthos* ffte. ſchnarcht, und Aramis räth. iere. mf Dreißig bis fünfunddreißig Stunden nach den von uns erzählten Ereigniſſen, als Fouquet ſeiner Gewohn⸗ ihm heit gemäß, nachdem er den Eintritt verboten, in dem mal uns bekannten Cabinet ſeines Hauſes in Saint⸗Mandé arbeitete, fuhr ein mit vier von Schweiß riefenden ich Pferden beſpannter Wagen in größter Eile in den Hof. ſell⸗ Dieſer Wagen wurde ohne Zweiſel erwartet, denn drei bis vier Bedienten ſtürzten an den Schlag und offneten ihn; während Herr Fouquet von ſeinem Schreib⸗ tiſch aufſtand und ſelber an's Fenſter lief, kam mühſam aus dem Wagen ein Mann heraus und ſtieg mit gro⸗ ßer Schwierigkeit, ſich auf die Schultern der Lackeien ſtützend, die drei Stufen des Fußtritts herab. Kaum hatte er ſeinen Namen genannt, als derje⸗ 5² nige, auf deſſen Schultern er ſich nicht ſtützte, nach der Freitreppe eilte und im Vorhauſe verſchwand. Dieſer Menſch wollte ſeinen Herrn benachrichtigen, doch er hatte nicht nöthig an die Thüre zu klopfen. Fouquet ſtand auf der Schwelle. „Seine Herrlichkeit der Biſchof von Vannes,“ ſagte der Lackei. „Gut!“ erwiederte Fouquet. Dann ſich über das Geländer der Treppe beugend, deren erſte Stufen Aramis heraufzuſteigen anfing, rief er: „Ihr, lieber Freund, Ihr, ſo bald?“ „Ja, ich ſelbſt, mein Herr, doch gerädert, gelähmt, wie Ihr ſeht.“ „Ohl armer Freund,“ ſprach Fouquet, während er ihm ſeinen Arm bot, auf den ſich Aramis ſtützte, in⸗ deß die Diener ſich ehrfurchtsvoll entfernten. „Bah!“ verſetzte Aramis,„es iſt nichts, da ich nun hier bin; die Hauptſache war, daß ich ankäme, und ich bin angekommep.“ 3 „ Sprecht geſchwinde,“ ſagte Fouquet, der die Thur des Cabinets hinter ſich und Aramis ſchloß. 4 „Sind wir vollkommen allein?“ 4 „ Ja, vollkommen allein.“ 3 3 „Niemand kann uns behorchen? Niemand kann uns hören.“ „Seid wnteſorgt⸗ 8 / 5 d 3 u Vallon iſt angekommen?“ a 4 „Und Ihr habt meinen Brief erhalten? 3 „Ja; die Sache iſt wichtig, wie es ſcheint, da ſie Eure Gegenwart in Paris in ſeiinem Augenblicke nothe wendig machte, wo Eure Anweſenheit dort ſo dringend war.“. „Ihr habt Recht, äußerſt wichtig.“ 3 3 „Dank, Dank; um was handelt es ſich? Doch X ſehen?“ 53 um Gotteswillen und vor Allem athmet, theurer Freund, Ihr ſeid bleich, um Schauder zu erregen.“ „Ich leide in der That; doch ich bitte, merkt nicht auf mich. Hat Euch Herr du Vallon nichts geſagt, als er Euch ſeinen Brief übergab?“ „Nein, ich hörte einen gewaltigen Lärmen, ich trat an's Fenſter, ich ſah am Fuße der Freitreppe eine Art von marmornem Reiter; ich ging hinab, er reichte mir den Brief und ſein Pferd ſtürzte todt nieder.“ „Aber er?“ „Er iſt mit dem Pferd geſtürzt; man hat ihn auf⸗ gehoben, um ihn in die oberen Gemächer zu tragen; nachdem ich den Brief geleſen, wollte ich hinaufgehen, um weitere Nachrichten von ihm zu erhalten, doch er war ſo feſt eingeſchlafen, daß man ihn unmöglich auf⸗ wecken konnte. Ich bekam Mitleid mit ihm und befahl, ihm die Stiefel auszuziehen und ihn in Ruhe zu laſſen.“ „Gut; doch nun hört, wie ſich die Sache verhält. Nicht wahr, Ihr habt Herrn d'Artagnan in Paris ge⸗ „Gewiß.„ es iſt ein Mann von Geiſt und ſo⸗ gar von Herz, obſchon er mit unſere lieben Freunde Lyodot und d'En eeris hat u bringen laſſen.“ „Ach! ja, weiß es; ich traf in Tours den Eil⸗ boten, der mir den Brief von Gourville und die Depe⸗ chen von Peliſſon brachte. Habt Ihr über dieſ⸗ Ereig⸗ niß wohl nachgedacht, mein Herr?ℳ „Ja.“ „Und Ihr habt begriffen, daß es ein unmittelharer . Angriff auf Eure Souverainetät war.“ .„Glaubt Ihr 2“ „Ohl ja, ich glaube es.“ „Nun, ich geſtehe, dieſer düſtere Gedanke iſt mir auch gekommen.“ „Seid nicht blind, in des Himmels Namen, Mon⸗ rane hört wohl, ich komme anſ dArzagnan zu⸗ rück. — 1——— 54 „Ich höre.“. „Unter welchen Umſtänden habt Ihr ihn geſehen?“ „Er erſchien bei mir, um Geld zu holen.“ „Mit welcher Anweiſung?“ „Mit einer Anweiſung des Königs.“ „Unmittelbar?“ „Von Seiner Majeſtät unterzeichnet.“ „Seht Ihr! Nun wohl, d'Artagnan iſt nach Belle⸗ Isle gekommen; er war verkleidet und gab ſich für einen Verwalter aus, der von ſeinem Herrn beauftragt, Salteiche zu kaufen. D'Artagnan hat aber keinen an⸗ dern Herrn, als den König, er kam folglich als Abge⸗ ſandter des Königs dahin. Er hat Porthos geſehen.“ „Wer iſt Porthos?“— „Verzeiht, ich irre mich, er hat Herrn du Vallon in Belle⸗Isle geſehen und weiß, wie Ihr und ich, daß Belle⸗Isle hefeſtigt iſt.“ „Und Ihr glaubt, der König habe ihn abgeſchickt?“ fragte Fouquet ganz nachdenkend. „Sicherlich.“ 3 „Und d'Artagnan iſt in den Händen des Königs ein gefährliches Werkzeug?“ „Das gefährlichſte von allen. „Ich habe ihn alſo mit dem erſten Blick richtig beurtheilt.“ „Wie ſo?“. 8 „Ich wollte ihn mir verbinden.“ „Wenn Ihr urtheilet, er ſei der tapferſte, der fein⸗ ſte und der gewandteſte Mann Frankreichs, ſo habt Ihr ihn richtig beurtheilt.“ „Man muß ihn um jeden Preis bekommen.“ „D'Artagnan?“ „Iſt das nicht Eure Anſicht?“ „Es iſt meine Anſicht; doch Ihr we i nicht bekommen.“ 4 „Warum?“ 3 „Weil wir die Zeit haben verſtreichen laſſen; er 5⁵ war mit dem Hof entzweit, und man hätte dieſe Zwi⸗ ſtigkeit benützen müſſen; ſeitdem iſt er in England ge⸗ weſen, ſeitdem hat er mächtig zur Reſtauration beige⸗ tragen, ſeitdem hat er ein Vermögen gewonnen, ſeitdem endlich iſt er wieder in den Dienſt des Königs getreten. Wenn er aber wieder in den Dienſt des Königs getreten iſt, ſo iſt dies der Fall, weil man ihm dieſen Dienſt gut bezahlt hat.“ „Wir werden ihn noch beſſer bezahlen.“ „Oh! Monſeigneur, erlaubt, d'Artagnan hat ein Wort, und hat er dieſes Wort einmal verpfändet, ſo bleibt es, wo es iſt..“ „Was ſchließt Ihr hieraus?“ fragte Fouquet un⸗ ruhig. „Daß es für den Augenblick die Hauptaufgabe iſt, einen furchtbaren Schlag zu pariren.“ „Und wie parirt Ihr ihn?“ „Wartet... d'Artagnan wird dem König Rechen⸗ ſchaft über ſeine Sendung ablegen.“ „Oh! wir haben Zeit, hieran zu denken.“ „Wie ſo?“ „Ich nehme an, Ihr habt einen bedeutenden Vor⸗ ſprung vor ihm.“ „Zehn Stunden ungefähr.“ „Nun, in zehn Stunden.. dent Aramis ſchüttelte ſeinen bleichen Kopf und erwie⸗ erte: „Seht jene Wolken, die am Himmel hinlaufen, ſeht die Schwalben, welche die Luft durchſchneiden: d'Artagnan geht ſchneller als die Wolke und der Vo⸗ gel: d'Artagnan iſt der Wind, der ſie fortreißt.“ „Oh! ohl“ „Ich ſage Euch, dieſer Mann iſt etwas Ueber⸗ menſchliches; er iſt von meinem Alter, und ich kenne ihn ſeit fünfunddreißig Jahren.“ „Nun?“ „Hoͤrt meine Berechnung, Monſeigneurz ich habe 6. worfen, häufig auf den Seiten geſchleppt, zuweilen kommt ihm zuoor, lauft in den Louvre, ſeht den König, ehe er d' Artagnan ſieht.“* 56 Herrn du Vallon um zwei Uhr in der Nacht an Euch abgeſchickt; Herr du Vallon hatte acht Stunden vor mir voraus. Wann iſt Herr du Vallon angekommen?“ „Ungefähr vor vier Stunden.“ „Ihr ſeht, ich habe den Weg um vier Stunden* ſchneller zuruckgelegt als er, Porthos aber iſt ein tüch⸗ tiger Reiter und er hat auf der Straße acht Pferde getödtet, deren Leichname ich gefunden. Ich bin fünf⸗ zig Meilen mit der Poſt geritten, doch ich habe die Gicht, Griesbeſchwerden, was weiß ich! ſo daß mich die Strapaze tödtet. Ich mußte in Tours abſteigen; ſeitdem in einer Carroſſe rollend, halb todt, halb umge⸗ — auch auf dem Rücken des Wagens, bin ich hier ange⸗ kommen in vier Stunden weniger als Porthos; doch ſeht Ihr, d'Artagnan wiegt nicht dreihundert Pfund wie Porthos, d'Artagnan hat nicht die Gicht und die Gries wie ich; er iſt kein Reiter, ſondern ein Centaur; d'Ar⸗ tagnan, ſeht Ihr, der nach Velle⸗Isle abgereiſt iſt, als ich nach Paris abreiſte, d'Artagnan wird trotz der zehn Stunden Vorſprung, die ich vor ihm habe, zwei Stun⸗ den nach mir ankommen.“ „Aber die Unfälle?“ „Es gibt keine Unfälle für ihn.“ „Wenn es an Pferden fehlt? „Er wird ſchneller laufen als die Pferde.“ „Guter Gott, welch ein Mann!“* „Ja, es iſt ein Mann, den ich liebe und bewun⸗ dere; ich liebe ihn, weil er gut, groß, redlich iſt; ich bewundere ihn, weil er für mich den Culminations⸗ punkt der menſchlichen Macht darſtellt; doch während ich ihn liebe, während ich ihn bewundere, fürchte ich ihn und bin gegen ihn auf der Hut. Ich faſſe mich kurz: in zwei Stunden wird d'Artagnan hier ſein; „Was ſoll ich dem König ſagen?“ 1 N NA SR8NR=AENNRNNE 57 „Nichts; gebt ihm Belle⸗Isle.“ „Oh! Herr d'Herblay, Herr d'Herblay!“ rief Fou⸗ quet,„wie viele Pläne würden dadurch auf einmal ſcheitern!“ „Nach einem geſcheiterten Plan gibt es immer einen andern, den man zum guten Ziel führen kann; verzweifeln wir nicht, und geht, geht, Herr.“ „Aber die ſo ſorgfältig ausgeleſene Garniſon, der König wird ſie wechſeln laſſen?“ „Dieſe Garniſon, Monſeigneur, gehörte dem König, als ſie nach Belie⸗Isle kam; ſo wird es mit allen Gar⸗ niſonen nach einer vierzehntägigen Beſetzung ſein. Laßt das bewenden, Herr. Seht Ihr etwas Ungeeignetes darin, daß Ihr nach Verlauf eines Jahres ein Heer haben ſollt, ſtatt eines oder zweier Regimenter? Seht 3 Ihr nicht ein, daß Eure Garniſon von heute Euch An⸗- hänger in la Rochelle, in Nantes, in Bordeauxr, in Tonlouſe, überall, wohin man ſie ſchicken mag, machen wird? Geht zum König, geht, die Zeit verſtreicht, und während wir unſere Zeit verlieren, fliegt d'Artagnan wie ein Pfeil auf der Landſtraße.“ 3 „Herr d'Herblay, Ihr wißt, daß jedes Wort von Euch ein Keim iſt, der in meinem Innern zur Frucht wird. Ich gehe in den Louvre.“ „Auf der Stelle, nicht wahr?“ „Ich verlange nur ſo viel Zeit, als ich brauche, um die Kleider zu wechſeln.“ „Erinnert Euch, daß d'Artagnan nichtnöthig hat, durch Saint⸗Mandé zu reiten, ſondern daß er ſich geraden Wegs in den Louvre begeben wird: das ſchneidet eine Stunde von dem Vorſprung ab, der uns bleibt.“ „D'Artagnan kann Alles haben, nur nicht meine engliſchen Pferde; in fünfundzwanzig Minuten bin ich im Louvre.“— Und ohne eine Secunde zu verlieren, gab Fouquet Befehl zur Abfahrt. Aramis hatte nur noch Zeit, ihm u ſagen: 8 58 „Kommt eben ſo ſchnell zurück, als Ihr hinein gefahren ſein werdet, denn ich erwarte Euch voll Un⸗ geduld.“ Fünf Minuten nachher flog der Oberintendant nach aris. Während dieſer Zeit ließ ſich Aramis das Zimmer bezeichnen, wo Porthos ſchlief. Vor der Thüre des Cabinets von Fouquet wurde er von Peliſſon in die Arme geſchloſſen, der ſeine An⸗ kunft erfahren hatte und die Bureaux verließ, um ihn zu ſehen. 1 Aramis nahm mit jener freundſchaftlichen Würde, die er ſich ſo gut zu geben wußte, dieſe eben ſo ehr⸗ erbietigen als eifrigen Liebkoſungen auf; doch plötzlich blieb er auf dem Ruheplatz ſtehen und fragte: „Was höre ich da oben?“ Man hörte in der That ein dumpfes Knurren, dem wie hungerigen Tigers oder eines ungeduldigen Löwen ähnlich. „Nnl das iſt nichts,“ erwiederte Peliſſon lachend. „Aber...“ „Es iſt Herr du Vallon, der ſchnarcht.“ „In der That,“ ſagte Aramis,„nur er iſt im Stande, einen ſolchen Lärmen zu machen. Ihr er⸗ xᷣ laubt, Peliſſon, daß ich mich erkundige, ob ihm nichts fehlt?“ „Und Ihr werdet mir erlauben, daß ich Euch be⸗ gleite.“. „Gewiß!“ Beide traten in das Zimmer. 3 Porthos lag auf einem Bett ausgeſtreckt, das Ge⸗ ſicht mehr violett, als roth, die Augen angeſchwollen, den Mund aufgeſperrt. Das Gebrülle, das aus den tiefen Höhlen ſeiner Bruſt hervorkam, machte die Fenſter⸗ ſcheiben zittern. 4 Seinen geſpannten, mächtig in ſeinem Geſicht vor⸗ ſpringenden Muskeln, ſeinen vom Schweiß klebenden - 59 Haaren, den Wogungen ſeines Kinns konnte man eine gewiſſe Bewunderung nicht verſagen; die bis auf dieſen Grad geſteigerte Stärke iſt beinahe Gottheit. Die herculiſchen Beine und Füße von Porthos hatten anſchwellend ſeine ledernen Stiefel krachen ge⸗ macht; die ganze Kraft ſeines ungeheuren Körpers hatte ſich in eine ſteinerne Strenge und Härte verwandelt. Auf den Befehl von Peliſſon war ein Kammerdiener bemüht, ſeine Stiefel aufzüſchneiden, denn keine Macht der Erde wäre im Stande geweſen, ſie ihm zu ent⸗ reißen. Wie Ankerhaſpel anziehend, hatten es vier Lackeien vergebens verſucht. Es war ihnen nicht einmal gelungen, Porthos aufzuwecken. Man nahm ihm ſeine Stiefel in Streifen ab, und ſeine Beine ſielen wieder auf das Bett; man ſchnitt ihm ſeine übrigen Kleider vom Leib, man trug ihn in ein Bad, man ließ ihn eine Stunde darin; dann hüllte man ihn wieder in weiße Leinwand und legte ihn in ein gewärmtes Bett, Alles unter Anſtrengungen, welche einen Todten geſtört und beläſtigt hätten, die aber Porthos nicht einmal ein Auge öffnen machten und nicht eine Secunde die furchtbare Orgel ſeines Schnar⸗ chens unterbrachen. Aramis, eine trockene, nervige Natur, wollte, mit einem ausgezeichneten Muth bewaffnet, der Strapaze trotzen und mit Gourville und Peliſſon arbeiten, aber er ſiel von dem Stuhl, auf dem er hartnäckig geblieben war, in Ohnmacht. 3 Man hob ihn auf, um ihn in ein anſtoßendes Zim⸗ mer zu tragen, wo ihm die Ruhe des Bettes ungeſäumt die Ruhe des Kopfes verlieh. 60 VI. Worin Herr Fauquet handelt. 31 Fouquet engliſchen Geſpanns nach dem Louvre. ei Der Köͤnig arbeitete mit Colbert. Fr Plötzlich blieb der König nachdenkend. lau Todesurtheile, die er bei ſeiner Thronbeſtei 3 zeichnet hatte, kamen ihm zuweilen ins Gedächtniß. Das waren zwei Trauerflecken, de Augen ſah; es waren zwei Blutfle ſtu ſchloſſenen Augen ſah. Fi „Mein Herr,“ ſagte er lebhaft zum Intendanten, „es kommt mir zuweilen vor, als ob die zwei Männer, I die Ihr habt verurtheilen laſſen, keine ſehr große Ver⸗ m brecher geweſen wären.“ 3„Sire, ſie wurden aus der Herde der Steuerpächter ausgewählt, welche decimirt werden mußte.“ der „Durch wen ausgewählt?“ „Durch die Nothwendigkeit, Sire,“ antwortete Col⸗ bert mit kaltem Ton. „Die Nothwendigkeit! ein großes Wort!“ murmelte fri der junge König. za „Eine große Göttin, Sire.“ ihn „Es waren ſehr ergebene Freunde des Oberinte danten, nicht wahr?“ 3— 7„ Ja, Sire, Freunde, die ihr Leben für Herr tik Fouquet gegeben hätten.“ der „Sie haben es gegeben, mein Herr,“ ſprach de de 3 4 d1 7,url. e u „Es iſt wahr, doch zum Glück vergebens n t ihre Abſicht war.4. 4 2 * „Wie viel hatten dieſe Menſchen Geld vergeudet?“ „Zehn Millionen vielleicht, von denen ihnen ſechs zponfiscirt worden ſind.“ — nten⸗ errn * der 3 „Und das Geld iſt in meinen Kaſſen?“ fragte der önig mit einem gewiſſen Gefühl des Widerwillens. „Es iſt darin, Sire; aber dieſe Confiscation, ob⸗ gleich ſie Herrn Fouquet bedrohte, hat ihn doch nicht getroffen.“ „Was ſchließt Ihr hieraus, Herr Colbert?“ „Daß Herr Fouquet, wenn er gegen Eure Majeſtät eine Truppe von Meuterern angeworben hat, um ſeine Freunde der Hinrichtung zu entreißen, ein ganzes Heer auf die Beine bringen wird, wenn es ſich darum han⸗ del, ihn ſelbſt der Strafe zu entziehen.“ Der König ſchoß auf ſeinen Vertrauten einen von den Blicken, die dem düſteren Feuer eines Gewitter⸗ ſturms gleichen, einen von den Blicken, welche die Finſterniß der tiefſten Gewiſſen beleuchten. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich wundere mich, daß Ihr, wenn Ihr dergleichen über Herrn Fouguet denkt, mir nicht einen Bericht macht.“ „Was für einen Bericht, Sire?“ „Sagt mir vor Allem klar und beſtimmt, was Ihr denkt, Herr Colbert.“ „Worüber?“ „Ueber das Verfahren von Herrn Fouquet.“ „ Ich denke, Sire, daß Herr Fouquet, nicht zu⸗ frieden, Geld an ſich zu ziehen, wie es Herr von Ma⸗ zarin machte, und hiedurch Eure Majeſtät eines Theils ihrer Macht zu berauben, auch alle Freunde des locke⸗ ren Lebens und der Vergnügungen, die Freunde von dem, was die Müßiggänger die Poeſie und die Poli⸗ tiker die Corruption nennen, an ſich ziehen will; ich ddeenke, daß er, die Unterthanen Eurer Majeſtät beſol⸗ ddeend, das königliche Prärogativ ſich anmaßt und in kurzer Friſt, wenn das ſo fortgeht, Eure Majeſtät. unter die Schwachen und Dunkeln verweiſen wird.“ . „Wie betitelt man alle dieſe Anſchläge, Herr Col⸗ bert?“ „Die Anſchläge von Herrn Fouquet? & 41 „Ja. „Man nennt ſie Verbrechen beleidigter Majeſtät.“ „Und was thut man den Leuten, die ſich eines ſolchen Verbrechens ſchuldig machen?“ „Man verhaftet ſte, man fällt ein urtheil über ſie, man beſtraft ſie.“ „Seid Ihr ſicher, daß Herr Fouquet den Gedanken dese edhrechn⸗ gefaßt hat, deſſen Ihr ihn beſchul⸗ dig 2 „Ich behaupte mehr, Sire, es hat bei ihm der Anfang der Vollbringung ſtattgefunden.“ „Wohl, ich komme auf das zurück, was ich ſagte, Colbert.“ „Und was ſagtet Ihr, Sire?“ „Gebt mir einen Rath.“ „Verzeiht Sire, aber ich habe zuvor noch etwas beizufügen.“ „Sprecht.“ „Einen unverwerflichen, greifbaren, materiellen Beweis des Verraths.“ „Welchen?“ „Ich habe erfahren, daß Herr Fouquet Belle⸗Jsle befeſtigen läßt.“ „Ahl wahrhaftig?“ „Ja, Sire.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ „Vollkommen; wißt Ihr, Sire, daß in Belle⸗Isle Soldaten ſind?“ 5 „Meiner Treue, nein; und Ihr?“ „Ich weiß es nicht genau; ich wollte daher Eurer Majeſtät den Vorſchlag machen, Jemand dahin zu' ſchicken.“ „Wen?“ Mich, zum Beiſpiel.“ 1 63 „Was würdet Ihr in Belle⸗Isle thun?“ „Mich erkundigen, ob es wahr iſt, daß Herr Fou⸗ quet, wie die alten Lehensherren, ſeine Mauern mit Zinnen und Schießſcharten verſehen läßt.“ „Und in welcher Abſicht ſollte er dies thun?“ „In der Abſicht, ſich eines Tags gegen ſeinen König zu vertheidigen.“ „Aber wenn dem ſo iſt, Herr Colbert, ſo muß man es ſogleich machen, wie Ihr ſagtet: man muß Herrn Fouquet verhaften.“ „Unmöglich.“ 3 „Ich glaubte Euch ſchon bemerkt zu haben, mein Herr, daß ich dieſes Wort in meinem Dienſt ausmerze.“ „Der Dienſt Eurer Majeſtät kann Herrn Fouquet nicht verhindern, Oberintendant zu ſein.“ „Nun?“ „Und daß er folglich durch dieſes Amt nicht das ganze Parlament für ſich hat, wie er die ganze Armee durch ſeine Freigebigkeit, die ganze Literatur durch ſeine Zuvorkommenheiten, den ganzen Adel durch ſeine Ge⸗ ſchenke an ſich feſſelt.“ „Das heißt alſo, daß ich nichts gegen Herrn Fou⸗ quet vermag?“ „Durchaus nichts, wenigſtens zu dieſer Stunde.“ „Ihr ſeid ein unfruchtbarer Rath, Herr Colbert.“ „Oh! nein, Sire, denn ich werde mich nicht darauf beſchränken, daß ich Eurer Majeſtät die Gefahr zeige.“ „Sprecht alſo! Wo kann man den Koloß unter⸗ graben?“ ſagte der König, mit einer gewiſſen Bitter⸗ keit lachend. „Er iſt durch das Geld groß geworden: tödtet ihn durch das Geld, Sire.“ „Wenn ich ihm ſein Amt entzöge?“ „Ein ſchlechtes Mittel.“ „Ein gutes alſo, ein gutes.“ „Richtet ihn zu Grunde, ſage ich Euch, Sire.“ 3„Wie dies?“ 3 „Es wird Euch nicht an Gelegenheiten fehlen, be⸗ nützt alle Gelegenheiten.“ „Bezeichnet ſie mir.“ „Eine vor Allem. Seine königliche Hoheit Mon⸗ ſieur iſt im Begriff, ſich zu verheirathen; die Hoch⸗ zeit muß prachtvoll werden. Das iſt eine ſchöne Ge⸗ legenheit für Eure Majeſtät, um eine Million von Herrn Fouquet zu verlangen; Herr Fouquet, der zwan⸗ zigtauſend Livres auf ein Mal bezahlt, während er nur fünf ſchuldig iſt, wird leicht dieſe Million ſinden, wenn ſie Eure Majeſtät fordert.“ „Es iſt gut, ich werde das thun,“ ſagte Lud⸗ wig XIV. „Wenn Eure Majeſtät die Anweiſung unterzeichnen will, ſo werde ich ſelbſt das Geld abholen,“ ſprach Colbert. 3 Und er legte ein Papier vor den König und reichte ihm eine Feder. In dieſem Augenblick öffnete der Huiſſier leicht die Thüre und meldete den Oberintendanten. Ludwig erbleichte. Colbert ließ die Feder fallen und trat vom König zurück, über dem er ſeine ſchwarzen Flügel des böſen Engels ausbreitete. 5 Der Oberintendant trat ein wie ein Mann von Hof, dem ein einziger Blick genügt, um die Lage der Dinge zu ſchätzen. Dieſe Lage war nicht beruhigend für Fouguet, wie auch das Bewußtſein ſeiner Stärke ſein mochte. Das kleine ſchwarze, durch den Neid erweiterte Auge von Colbert und das durchſichtige, vom Zorn entflammte Auge von Ludwig XIV. bezeichneten eine dringende Ge⸗ fahr. entfernte Schallen der Tritte einer ſeindlichen Trupp Ddie Höflinge ſind, was das bedrohliche Brauſen des Hofes betrifft, wie die alten Soldaten, welche durch das Rauſchen des Windes und des Blätterwerks das 65 unterſcheiden; ſie können, nachdem ſie gehorcht haben, ungefähr ſagen, wie viel Leute marſchiren, wie viel Gewehre klirren, wie viel Kanonen rollen. Fouquet brauchte alſo nur das Stillſchweigen zu befragen, das bei ſeiner Erſcheinung eingetreten war: er fand es beladen mit bedrohlichen Offenbarungen. Der König ließ ihm alle Zeit, bis in die Mitte des Zimmers zu ſchreiten. Die jugendliche Schüchtern⸗ lickliche Zurückhaltung. Fouquet ergriff kühn die Gelegenheit. „Sire,“ ſprach er,„es drängt mich, Eure Majeſtät „Und warum?“ fragte Ludwig. „Um ihr eine gute Kunde zu melden.“ Abgeſehen von der Größe der Perſon, abgeſehen von der Erhabenheit des Herzens, glich Colbert in vielen Punkten Fouquet. Derſelbe Scharfſinn, dieſelbe Menſchen⸗ kenntniß. Dabei die große Kraft des Zuſammenziehens, welche den Heuchlern, die Zeit zu überlegen und ſich zu ſammeln, um Federkraft zu gewinnen, verleiht. Er errieth, daß Fouquet dem Schlag entgegen aam, den er ihm verſetzen wollte. Seine Augen glänzten. „Welche Kunde? fragte der König. Fouquet legte eine Papierrolle auf den Tiſch und ſprach: „Eure Majeſtät wolle gnädigſt ihre Blicke auf dieſe rbeit werfen.“ Der König öffnete langſam die Rolle und ſagte: „Pläne?“ „Ja, Sire.“ „Und was für Pläne ſind dies?“ „Eine neue Feſtung, Sire.“ „„Ahl ah!“ rief der König,„Ihr beſchäftigt Euch mit Taktik und Strategie, Herr Fouquet?“ „Ich beſchäftige mich mit Allem, was der Regie⸗ rung Eurer Majeſtät erſprießlich ſein kann,“ erwiederte Fouquet. 3 Die drei Musketiere. Bragelonne. IV. 5 66 „Schöne Bilder!“ ſagte der König, die Zeichnung anſchauend. „Eure Majeſtät begreift ohne Zweifel,“ ſprach Fouquet, ſich auf das Papier bückend;„hier iſt die Ringmauer, hier ſind die Forts, hier ſind die Außen⸗ werke.“ „Und was ſehe ich hier, mein Herr?“ ½ „Das Meer.“ „Das Meer rings umher?“ 6 „Ja, Sire.“ „Und was für ein Platz iſt es, deſſen Plan Ihr a mir zeigt?“ „Sire, es iſt Belle⸗Isle⸗en⸗Mer,“ antwortete Fouquet ganz einfach. 4 . Bei dieſem Wort, bei dieſem Namen machte Colbert eine ſo bezeichnende Bewegung, daß der König ſich um⸗ ol wandte, um ihm Zurückhaltung zu gebieten. h Fouquet ſchien ſich nicht im Geringſten um die Bewegung von Colbert und um das Zeichen des Königs„ G zu bekümmern. „Mein Herr,“ fuhr Ludwig fort,„Ihr habt Belle⸗ Isle befeſtigen laſſen?“ ei „Ja, Sire, und ich bringe Eurer Majeſtät die be Bauanſchläge und die Rechnungen,“ erwiederte Fouquet; ſen „ich habe ſechzehnmal hunderttauſend Livres für dieſe th. — 1O2 Operation ausgegeben.— Ei „Warum dies?“ fragte kalt der König, der einen üb Anſtoß in einem gehäſſigen Blick des Intendanten ge⸗ Kü ſchöpft hatte. ſich „In einer leicht begreiflichen Abſicht,“ antwortete„ Fouquet,„Euer Majeſtät ſtand ſehr kalt mit Großbri⸗ tannien.“ 3 des „Ja, aber ſeit der Wiedereinſetzung von Karl II. habe ich ein Bündniß mit England geſchloſſen.“ hie „Vor einem Monat hat dies Eure Majeſtät geſagt; gell aber die Befeſtigung von Belle⸗Isle hat ſchon vor ſechs erm Monaten begonnen.“ 1 67 „Dann iſt fie unnütz geworden.“ „Sire, Feſtungen ſind nie unnütz. Ich hatte Belle⸗ Isle gegen die Herren Monk und Lambert, und alle die Bürgersleute von London, welche die Soldaten ſpielten, befeſtigt. Belle⸗Isle wird ſich vollkommen befeſtigt gegen — die Holländer finden, denen entweder England oder CEure Majeſtät unfehlbar den Krieg erklärt.“ Der Koͤnig ſchwieg abermals und ſchielte nach Colbert. „Belle⸗Isle gehört, glaube ich, Euch, Herr Fou⸗ quet?“ fragte Ludwig nach einiger Zeit. „Nein, Sire.“ „Wem denn?“ „Eurer Majeſtät.“ Colbert wurde von einem Schrecken ergriffen, als ut ſich ein Abgrund unter ſeinen Füßen geöffnet ätte. Ludwig bebte vor Bewunderung, ſei es für das 5 Genie, ſei es für die Ergebenheit von Fouquet. „Erklärt Euch, mein Herr,“ ſagte er. „Nichts kann leichter ſein, Sire. Belle⸗Isle iſt ein Beſitzthum von mir. Ich habe es mit meinem Geld befeſtigt. Doch da ſich nichts in der Welt dem wider⸗ ſetzen kann, daß ein Unterthan ſeinem König ein demü⸗ thiges Geſchenk macht, ſo biete ich Eurer Majeſtät das Eigenthum des Gutes an, deſſen Nutznießung ſie mir überlaſſen wird. Belle⸗Isle, einen Kriegsplatz, muß der König inne haben: Seine Majeſtät kann fortan eine chere Garniſon dort halten.“ 2 Colbert ſank beinahe ganz auf den ſchlüpferigen Boden. Um nicht zu fallen, mußte er ſich an den Säulen des Täfelwerks halten. „Mein Herr,“ ſprach Ludwig XIV.,„Ihr habt hitr große Gewandtheit eines Kriegsmanns an den Tag gelegt. „Sire, die Initiative iſt nicht von mir gekommen,“ erwiederte Fouquet,„viele Officiere haben mich für die * 68 Sache begeiſtert. Auch die Pläne ſind von einem der ausgezeichneten Ingenieurs gemacht worden.“ „Sein Name?“ „Herr du Vallon.“ „Herr du Vallon?“ verſetzte Ludwig;„ich kenne ihn nicht. Es iſt ärgerlich,“ fügte der König bei,„daß ich den Namen der Männer von Talent nicht kenne, die mein Reich ehren.“ Während Ludwig dieſe Worte ſprach, wandte er ſich gegen Colbert um. Dieſer fühlte ſich niedergeſchmettert, der Schweiß lief ihm von der Stirne, kein Wort bot ſich ſeinen Lippen, und er erduldete eine unausſprechliche Folter. „Ihr werdet dieſen Namen behalten,“ ſagte der König. Colbert verbeugte ſich bleicher als ſeine Manchetten von flandriſchen Spitzen. Fouquet fuhr fort: „Die Mauerarbeiten ſind von römiſchem Maſtix; Architekten haben mir ihn nach Ueberlieferungen aus dem Alterthum zuſammengeſetzt.“ „Und die Kanonen?“ fragte Ludwig. „Oh! Sire, das iſt die Sache Eurer Majeſtät, es geziemt ſich nicht für mich, Kanonen bei mir aufzu⸗ ſtellen, ohne daß Eure Majeſtät mir geſagt hat, ſie ſei bei mir auf ihrem Eigenthum.“ Ludwig fing an unentſchieden zu ſchwanken zwiſchen dem Haß, den ihm dieſer mächtige Mann, und dem Mitleid, das ihm der andere niedergeſchlagene Mann einflößten, der ihm wie der Nachdruck des erſten vorkam. a Aber das Bewußtſein ſeiner Pflicht als König trug den Sieg über die Gefühle des Menſchen davon. Er ſtreckte ſeinen Finger auf das Papier aus und ſagte: „Die Ausführung dieſer Pläne muß Euch viel Geld gekoſtet haben?“ 5 5 der langen hatte, war 69 „Ich glaubte die Ehre gehabt zu haben, Eurer Majeſtät die Summe zu nennen.“ „Wiederholt ſie, ich habe es vergeſſen.“ „Sechzehnmal hunderttauſend Livres.“ „Sechzehnmal hunderttauſend Livres! Ihr ſeid ungeheuer reich, Herr Fouquet.“ „Eure Majeſtät iſt reich,“ entgegnete der Ober⸗ intendant,„denn Belle⸗Isle gehört ihr.“ „Ja, ich danke; doch ſo reich ich auch ſein mag, Herr Fouquet..„“ Der König hielt inne. „Nun! Sire?“ fragte der Oberintendant. „Ich ſehe den Augenblick vorher, wo es mir an Geld fehlen wird..“ „Euch, Sire?“ „Ja, mir.“ „Und in welchem Augenblick?“ „Morgen, zum Beiſpiel.“ „Eure Majeſtät erweiſe mir die Ehre, ſich zu er⸗ klären.“ „Mein Bruder heirathet die Schweſter des Koͤnigs von England.“ „Nun! Sire?“ „Ich muß der jungen Prinzeſſin eine der Enkelin von Heinrich IV. würdige Aufnahme bereiten.“ „Das iſt nur zu billig, Sire.“ „Ich brauche alſo Geld.“ „Allerdings.“ „Und ich ſollte..“ Ludwig XIV. zoͤgerte. Die Summe, die er zu ver⸗ gerade die, welche er Karl II. zu verweigern genöthigt geweſen. Er wandte ſich gegen Colbert um, damit dieſer den lag wagte. „Ich ſollte morgen...“ wiederholte er. „Eine Million haben vervollſtändigte dieſer mit können. Fouquet wandte dem Intendanten den Rücken zu, um auf den König zu hören. Er drehte ſich nicht ein⸗ mal um und warkete, bis der König wiederholte oder vielmehr flüſterte: „Eine Million.“ „Oh! Sire,“ erwiederte Fouquet mit Verachtung, „was will Eure Maieſtät mit einer Million machen?“ „Mir ſcheint aber....“ ſtammelte Ludwig XIV. „So viel gibt man bei der Hochzeit des kleinſten deutſchen Prinzen aus.“ „Mein Herr...“ „Eure Majeſtät braucht wenigſtens zwei Millionen. Die Pferde allein werden fünfmal hunderttauſend Livres wegnehmen. Ich werde die Ehre haben, Eurer Majeſtät dieſen Abend ſechzehnmal hunderttauſend Livres zu ſchicken. „Wie!“ rief der Koͤnig, ſechzehnmal hunderttauſend Lißvres 1⸗ „Wartet, Sire,“ erwiederte Fouquet, ohne ſich nur gegen den Intendanten umzudrehen,„ich weiß, daß viermal hundertauſend Livres fehlen. Doch dieſer Herr von der Intendanz(und er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf Colbert, der hinter ihm arbleichte) doch dieſer Herr von der Intendanz... hat in ſeiner Kaſſe neunmal hunderttauſend Livres, die mir ge⸗ ören.“ h Der König ſchaute Colbert an. „Aber..“ ſagte dieſer. „Dieſer Herr,“ fuhr Fouquet immer mittelbar mit Colbert ſprechend fort,„dieſer Herr hat vor acht Tagen ſechzehnmal hundert tauſend Livres empfangen; er hat hundert tauſend Livres an die Garden bezahlt, fünf und ſiebenzig tauſend an die Hoſpitäler, fünf und zwanzig tauſend an die Schweizer, hundert und dreißig ——* brutalem Ton, entzückt, ſeine Genugthuung nehmen zu tauſend für Lebensmittel, tauſend für Waffen, zehn —,— — ⁸ 71 tauſend kleine Ausgaben... ich täuſche mich alſo nicht, wenn ich rechne, daß neunmal hunderttaufend übrig bleiben.“ Dann ſich gegen Colbert umwendend, wie es ein hochmüthiger Vorgeſetzter gegen ſeinen Untergebenen thut, ſagte er: „Seid beſorgt, mein Herr, daß dieſe neunmal hunderttauſend Livres heute Abend Seiner Majeſtät in Gold übergeben werden.“ „Aber das wird zwei Millionen fünfmal hundert⸗ tauſend Livres machen?“ entgegnete der König. „Sire, die fünfmal hunderttauſend Livres Ueber⸗ ſcus find das Taſchengeld für Seine Königliche Ho⸗ eit. „Ihr hoͤrt, Herr Colbert, heute Abend vor acht Uhr,“ wiederholte Fouquet. Nach dieſen Worten verbeugte ſich der Oberinten⸗ dant ehrfurchtsvoll vor dem König und ging rückwärts hinaus, ohne mit einem einzigen Blick den Neidiſchen zu beehren, dem er den Kopf halb geſchoren hatte. Colbert zerriß vor Wuth ſeine flandriſchen Spitzen und biß ſich die Lippen blutig. Fouquet war noch nicht vor der Thüre des Ca⸗ binets, als ein Huiſſter, an ihm vorbeigehend, rief: „Ein Courier aus der Bretagne für Seine Ma⸗ jeſtät.“ „ Herr d'Herblay hatte Recht,“ murmelte Fouquet, die Uhr ziehend:„eine Stunde und fünf und fünfzig Minuten, es war Zeit!“ 72 VII. Worin d“Artaguan endlich ſeines Kapitäns- patents habhaft mird. Der Leſer weiß zum Voraus, wen der Huiſſier meldete, als er den Boten aus der Bretagne meldete. Dieſer Bote ließ ſich leicht erkennen. Es war d'Artagnan, das Kleid voll Staub, das Geſicht in Flammen, die Haare von Schweiß triefend, die Beine ſteif; nur mit Mühe hob er die Füße bis zur Höhe jeder Stufe, auf der ſeine blutigen Sporen klirrten. 7 Er erblickte auf der Schwelle, in dem Augenblick, wo er ſie überſchritt, den Oberintendanten. Fouquet begrüßte mit einem Lächeln denjenigen, welcher ihm eine Stunde füher den Untergang oder den Tod gebracht hätte. D⸗Artagnan fand in ſeiner Seelengüte und in ſeiner unerſchöpflichen körperlichen Stärke Geiſtesgegenwart genug, um ſich des guten Empfangs dieſes Mannes zu erinnern.— Er fühlte auf ſeinen Lippen das Wort, das er ſo oft dem Herzog von Guiſe wiederholt hatte, das Wort: „Flieht!“ Doch dieſes Wort ausſprechen wäre ein Verrath 3 an einer Sache geweſen; dieſes Wort im Cabinet des Königs und in Gegenwart eines Huiſſier ausſprechen hätte ſich freiwillig, ohne Jemand zu retten, in's Ver⸗ derben ſtürzen geheißen. D-Artagnan beſchränkte ſich alſo darauf, daß er Fouquet grüßte, ohne mit ihm zu ſprechen, und ein⸗ trat. In dieſem Augenblick ſchwebte der König zwiſchen dem Erſtaunen, in das ihn die letzten Worte von Fou⸗ quet verſetzt hatten, und dem Vergnügen, das ihm die ückkehr von d'Artagnan bereitete. Ohne ein Höfling zu ſein, hatte d'Artagnan einen eben ſo raſchen und ſicheren Blick, als ob er einer ge⸗ weſen wäre. Er las bei ſeinem Eintritt die verzehrende De⸗ müthigung, welche auf der Stirne von Colbert ausge⸗ drückt war. Er konnte ſogar die Worte hören, die der König zu ihm ſprach: „Ah! Herr Colbert, Ihr hattet alſo neunmal hunderttauſend Livres für die Oberintendanz?“ Halb erſtickt, verbeugte ſich Colbert, ohne zu ant⸗ worten. Dieſe ganze Seene drang alſo in den Geiſt von d'Artagnan durch die Augen und die Ohren zugleich ein. Das erſte Wort von Ludwig XIV. an ſeinen Mus⸗ ketier, als hätte er einen Gegenſatz gegen das, was er ſagte, machen wollen, war ein freundliches„Guten Morgen.“ Sein zweites eine Entlaſſung für Colbert. Der Letztere verließ das Cabinet des Königs leichen⸗ bleich und wankend, während d'Artagnan die Haken ſeines Schnurrbarts in die Höhe wirbelte. „Gern ſehe ich in dieſer Unordnung einen meiner Diener,“ ſprach der König, der den martialiſchen Schmutz an den Kleidern ſeines Abgeſandten bewunderte. „In der That, Sire,“ erwiederte d'Artagnan,„ich hielt meine Gegenwart für ſo dringend im Louvre, daß ich es wagte ſo vor Eurer Majeſtät zu er⸗ ſcheinen.“ 1 2 4 74 „Ihr bringt mir alſo wichtige Neuigkeiten, mein Herr?“ fragte der König lächelnd. „Sire, höoͤrt, wie die Sache ſich verhält mit zwei Worten: Belle⸗Isle iſt befeſtigt, bewunderungswürdig befeſtigt; Belle⸗Isle hat eine doppelte Ringmauer, eine Citadelle, ein vorgerücktes Fort; ſein Hafen enthält drei Freibeuterſchiſſe und ſeine Küſtenbatterien erwarten nur noch die Kanonen.“ „Ich weiß dies Alles, mein Herr,“ erwiederte der König. „Ahl Eure Majeſtät weiß dies Alles!“ verſetzte der Musketier erſtaunt. „Ich habe den Plan der Feſtungswerke von Belle⸗ Isle.“ „Eure Majeſtät hat den Plan?“ „Hier iſt er.“ „In der That, Sire, ſo iſt es, und ich habe dort den ähnlichen geſehen,“ ſprach d'Artagnan. Die Stirne von d'Artagnan verdüſterte ſich, und er fuhr mit einem vorwurfsvollen Ton fort: „Ahl ich begreife, Euere Majeſtät hat mir allein nicht getraut, und ſie hat noch Jemand abgeſchickt.“ „Was iſt daran gelegen, auf welche Art ich er⸗ fahren habe, was ich weiß, wenn ich es nur weiß.“ „Es mag ſein, Sire,“ eerwiederte der Musketier, ohne daß er nur ſeine Unzufriedenheit zu verbergen ſuchte;„doch ich erlaube mir, Eurer Majeſtät zu be⸗ maerken, daß es nicht der Mühe werth war, mich ſo jagen zu laſſen, mich zwanzigmal der Gefahr auszu⸗ ſetzen, meine Knochen zu brechen, um mich bei meiner Ankunft hier mit einer ſolchen Nachricht zu empfangen. Sire, wenn man den Leuten mißtraut, oder wenn man ſie für ungenügend hält, ſo verwendet man ſie nicht.“ Und mit einer ganz militäriſchen Bewegung ſtampfte v»Artagnan mit dem Fuß und machte einen blutigen Staub auf den Boden fallen. „-.— —2- N N ½ — 75 Der König ſchaute ihn an und ergötzte ſich in ſeinem Innern an ſeinem erſten Triumph. „Mein Herr,“ ſagte er nach einem Augenblick, „Belle⸗Isle iſt mir nicht nur bekannt, ſondern es ge⸗ hört ſogar mir.“ „Es iſt gut, es iſt gut, Sire, ich frage nicht mehr,“ erwiederte d'Artagnan.„Meinen Abſchied.“ „Wie! Euren Abſchied?“ 1 „Allerdings. Ich bin zu ſtolz, um das Brod des Königs zu eſſen, ohne es zu verdienen, oder vielmehr, um es ſchlecht zu verdienen. Meinen Abſchied, Sire.“ „Hohol“* „Meinen Abſchied, oder ich nehme ihn.“ „Ihr ärgert Euch, mein Herr?“ „Ich habe wohl Urfache, Mordioux! Ich bleibe zweiunddreißig Stunden im Sattel, ich renne Tag und Nacht, ich verrichte Wunder der Geſchwindigkeit, ich komme ſteif wie ein Gehenkter an, und ein Anderer iſt vor mir angekommen] Oh! ich bin ein Tropf: meinen Abſchied, Sire!“ „Herr d'Artagnan„ ſagte Ludwig XIV., indem er ſeine weiße Hand auf den beſtaubten Arm des Mus⸗ ketiers legte,„was ich Euch ſo eben geſagt habe, wird in keiner Hinſicht dem, was ich Euch verſprochen, Ein⸗ trag thun. Ein Mann, ein Wort.“ Und der junge König ging gerade auf ſeinen Tiſch zu, zog eine Schublade, nahm ein viereckig zuſammenge⸗ legtes Papier heraus und ſprach:. „Hier iſt Euer Patent als Kapitän der Musketiere, hr habt es verdien„Herr d'Artagnan.“ D'Artagnan öffnete raſch das Papier und ſchaute es wiederholt an, denn er konnte ſeinen Augen nicht trauen. „Und dieſes Patent,“ fügte der Koͤnig bei,„es wird Euch nicht nur verliehen für Eure Reiſe nach Belle⸗Isle, ſondern auch für Eure tapfere Dazwiſchen⸗ 76 kunft auf der Gréve. Dort habt Ihr mir in der That ſehr muthig gedient.“ „Ah! ah!“ ſagte d'Artagnan, ohne daß er im Stande war, es durch ſeine Selbſtbeherrſchung zu ver⸗ hindern, daß ihm eine gewiſſe Röthe gegen die Augen ſtieg;„Ihr wißt das auch, Sire?“ Ja, ich weiß es.“ Der König hatte einen durchdringenden Blick und ein unfehlbares Urtheil, wenn es ſich darum handelte, in einem Gewiſſen zu leſen. „Mein Herr,“ ſprach er zu dem Musketier,„Ihr habt etwas zu ſagen, was Ihr nicht ſagt. Auf, ſeid offenherzig, ich habe Euch einmal für allemal bemerkt, Ihr könnet Euch ganz offenherzig gegen mich benehmen.“ „Nun, Sire, ſo geſtehe ich, daß ich lieber zum Kapitän der Musketiere ernannt worden wäre, weil ich an der Spitze meiner Compagnie angegriffen, eine Batterie zum Schweigen gebracht, oder eine Stadt enonnen⸗ als weil ich zwei Unglückliche habe henken laſſen. „Iſt das wirklich wahr, was Ihr mir da ſagt?“ „Warum ſollte mich Eure Majeſtät im Verdacht der Verſtellung haben?“ „Weil Ihr, wenn ich Euch kenne, nicht bereuen könnt, daß Ihr den Degen für mich gezogen habt.“ „Hierin täuſcht Ihr Euch, Sire, und zwar bedeu⸗ tend; ja, ich bereue es, den Degen gezogen zu haben, wegen der Reſultate, welche dieſe Handlung herbeige⸗ führt hat; die armen Leute, die den Tod fanden, Sire, waren weder Eure Feinde, noch die meinigen, und ſie vertheidigten ſich nicht.“ Der König ſchwieg einen Augenblick. „Und Euer Gefährte, Herr d'Artagnan, theilt er Eure Reue?“ „Mein Gefährte?“ 4 „Ja. Mir ſcheint, Ihr waret nicht allein?“ „Allein? Wo dies?“ 77 „Auf der Groͤve.“ „Nein, Sire, nein,“ ſprach d'Artagnan erröthend bei dem Verdacht, der König koöͤnnte denken, er, d'Ar⸗ tagnan, habe ſich allein den Ruhm zueignen wollen, der Raoul gebührte;„nein, Mordioux! und wie Eure Ma⸗ jeſtät ſagt, ich hatte einen Gefährten, und zwar einen guten Gefährten.“ „Einen jungen Mann?“ „Ja, Sire, einen jungen Mann. Doch ich mache Eurer Majeſtät mein Compliment, ſte iſt eben ſo gut auswärts, als im Innern unterrichtet. Herr Colbert erſtattet ohne Zweifel Eurer Majeſlät alle dieſe ſchönen Berichte?“ „Herr Colbert hat mir nur Gutes von Euch ge⸗ ſagt, Herr d'Artagnan, und er wäͤre ſchlimm ange⸗ kommen, wenn er anders geſprochen hätte.“ „Ahl das iſt ein Glück!“ „Doch er ſagt auch viel Gutes von dem jungen Mann.“ 3 „Das iſt nur Gerechtigkeit,“ ſprach der Muske⸗ ier. „Kurz, es ſcheint dieſer junge Mann iſt ein Braver,“ ſagte Ludwig XIV., um das Gefühl, das er für Aerger hielt, zu ſtacheln. „in Braver? Ja, Sire,“ erwiederte d'Artagnan ſeinerſeits entzückt, den König für Raoul zu begeiſtern. „Wißt Ihr ſeinen Namen?“ „Ich denke wohl.“ „Ihr kennt ihn alſo?“. e6„Seit ungefähr fuͤnf und zwanzig Jahren, ja, ire.“ „Er iſt aber kaum fünf und zwanzig Jahre alt!“ rief der Koͤnig. „Nun! Sire, ich kenne ihn ſeit ſeiner Geburt.“ „Ihr gebt mir dieſe Verſicherung?“ „Eure Majeſtät fragt mich mit einem Mißtrauen, in welchem ich einen ganz andern Charakter erkenne, als den Eurigen, Sire. Hat denn Colbert, der Euch ſo gut unterrichtete, vergeſſen, Euch zu ſagen, dieſer junge Mann ſei der Sohn meines vertrauten Freundes?“ „Der Vicomte von Bragelonne?“ „Eil gewiß, Sire, der Vicomte von Bragelonne hat zum Vater den Grafen de la Fore, der ſo mäch⸗ tig die Reſtauration von König Karl II. unterſtützte. Oh! Bragelonne ſtammt von einem Geſchlecht von Tapferen, Sire.“ „Dann iſt er der Sohn des Mannes, der bei mir, oder vielmehr bei Herrn von Mazarin im Auftrag von König Karl II. erſchienen iſt, um uns ſein Bündniß anzubieten.“ „Ganz richtig.“ 39 Pund dieſer Graf de la Fore iſt ein Braver, ſagt r 2“. „Sire, er iſt ein Mann, der öfter den Degen für den König, Euren Vater, gezogen hat, als es Tage in dem geſegneten Leben Curer Majeſtät gibt.“ Nun war es Ludwig XIV., der ſich auf die Lippen biß. „Gut, Herr d'Artagnan! Und der Herr Graf de. la Fére iſt Euer Freund 2. „Seit bald vierzig Jahren, ja, Sire. Eure Ma⸗ jeſtät ſieht, daß ich nicht von geſtern ſpreche.“ „Würde es Euch Freude machen, dieſen jungen Mann zu ſehen, Herr d'Artagnan?“ 3 „Ich wäre entzückt, Sire.“ Der König läutete. Ein Huiſſier erſchien. „Ruft Herrn von Bragelonne,“ ſagte der König. „Ahl ahl er iſt hier?“ fragte d'Artagnan. „Er hat heute die Wache im Louvre mit der Com⸗ pagnie der Edelleute des Herrn Prinzen.“ Der König hatte kaum vollendet, als Raoul er⸗ ſchien und, d'Artagnan erblickend, dieſem auf jene reizende Weiſe zulächelte, welche man nur auf den Lippen der Jugend findet. „Komm, komm,“ ſprach d'Artagnan vertraulich zu Raoul,„der König erlaubt, daß Du mich umarmſt; nur ſage Seiner Majeſtät, Du dankeſt ihr.“ Raoul verbeugte ſich ſo anmuthig, daß Ludwig, dem alle Vorzüge zu gefallen vermochten, wenn man ſich nur damit kein Anſehen den ſeinigen gegenüber geben wollte, dieſe Schönheit, dieſe Kraft und dieſe Beſcheidenheil bewunderte. „Mein Herr,“ ſprach der König, ſich an Raoul wendend,„ich bat den Herrn Prinzen, er möge Euch mir abtreten; ich habe ſeine Antwort erhalten, Ihr ge⸗ hört ſeit dieſem Morgen mir. Der Herr Prinz war ein guter Herr, doch ich hoffe, Ihr verliert nichts bei dem Tauſch.“ „Ja, ja, Naoul, ſei unbeſorgt,“ ſagte d'Artag⸗ nan, der den Charakter von Ludwig errathen hatte und mit ſeiner Eitelkeit innerhalb gewiſſer, Grenzen ſpielte, wohlverſtanden übrigens, indem er ſtets die Schicklichkeit beobachtete und ſchmeichelte, ſelbſt wenn er zu ſpotten ſchien. „Sire,“ ſagte ſodann Bragelonne mit einer ſanften, unendlich holden Stimme und mit jener natürlichen und leichten Redeweiſe, die er von ſeinem Vater hatte, „Sire, ich gehöre Eurer Majeſtät nicht erſt ſeit heute.“ „Ohl ich weiß es,“ rief der König,„Ihr ſprecht von der Expedition auf der Grève; an dieſem Tag waret Ihr in der That mir zugethan, mein Herr.“ „Sire, ich ſpreche auch nicht von dieſem Tag; es ſtünde mir nicht wohl an, an einen ſo geringfügigen Dienſt in Gegenwart eines Mannes wie Herr d'Ar⸗ tagnan zu erinnern; ich meinte einen Umſtand, der Epoche in meinem Leben macht und mich ſchon in einem Alter von ſechzehn Jahren dem Dienſte Eurer Maje⸗ ſtät geweiht hat.“ „Ah! ah!“ ſagte der Koͤnig,„ſprecht, welcher Um⸗ ſtand iſt dies, mein Herr?“ 4 „Hort, Sire. Als ich zu meinem erſten Feldzug 80 aufbrach, um mich zur Armee des Herrn Prinzen zu begeben, geleitete mich der Herr Graf de la Fére bis Saint⸗Denis, wo die Ueberreſte von Ludwig XIII. auf den letzten Stufen der Gruft der Baſilika auf einen Nachfolger warten, den ihm Gott, wie ich hoffe, nicht vor langen Jahren ſchicken wird. Da ließ er mich auf die Aſche unſerer Gebieter ſchwören, dem durch Euch vertretenen, in Euch zu Fleiſch gewordenen Königthum zu dienen in Gedanken, Worten und Werken. „Ich ſchwur; Gott und die Todten haben meinen Schwur empfangen. „Seit zehn Jahren, Sire, habe ich nicht ſo oft, als ich es gewünſcht, Gelegenheit gehabt, meinen Eid zu halten: ich bin ein Soldat Eurer Majeſtät, nichts Anderes, und indem ſie mich zu ſich ruft, wechſ'le ich nicht den Herrn, ſondern nur die Garniſon.“ Raoul ſchwieg und verbeugte ſich. Er hatte geendigt, als Ludwig XIV. immer noch horchte. „Mordioux!“ rief d'Artagnan,„das iſt gut geſagt, nicht wahr, Eure Majeſtät? Ein gutes Geſchlecht, Sire, ein großes Geſchlecht!“ „Ja,“ murmelte der König bewegt, doch ohne daß er die Bewegung in ſeinem Innern offenbaren wollte, denn ſie hatte keine andere Urſache als die Berührung einer im höchſten Maße ariſtokratiſchen Natur.„Ja, mein Herr, Ihr ſprecht die Wahrheit; überall, wo Ihr waret, gehörtet Ihr dem König. Doch indem Ihr die Garniſon wechſelt, werdet Ihr, glaubt mir, ein Eurer würdiges Avancement finden.“ Raoul ſah, daß hiebei das, was ihm der König zu ſagen hatte, endigte. Und mit dem vollkommenen Takt, der dieſe treffliche Natur charakteriſirte, verbeugte er ſich und ging hinaus. 3„Habt Ihr mir noch etwas mitzutheilen?“ fragte der König, als er ſich mit d'Artagnan allein fand. „Ja, Sire, und ich bewahrte dieſe Nachricht bis 2 ——— 81 zuletzt auf, denn ſie iſt betrüblich und wird das euro⸗ päiſche Königthum in Trauer kleiden.“ „Was ſagt Ihr mir?“ „Sire, als ich durch Blois kam, traf ein Wort, Lin trauriges Wort, das Echo des Palaſtes, an mein hr.“ „In der That, Ihr erſchreckt mich, Herr d'Ar⸗ tagnan.“ 3 „Sire, dieſes Wort wurde von einem Piqueur ausgeſprochen, der einen Flor am Arm trug.“ „Mein Oheim Gaſton von Orleans vielleicht?“ „Sire, er hat den letzten Seufzer ausgehaucht.“ „Und ich bin nicht davon unterrichtet!“ rief Lud⸗ wig XlIV., deſſen königliche Empfindlichkeit eine Belei⸗ digung darin ſah, daß er dieſe Knnde noch nicht er⸗ halten hatte. „Oh! ärgert Euch nicht, Sire,“ ſprach d'Artag⸗ nan,„die Couriere von Paris und die Couriere der ganzen Welt reiten nicht wie Euer Diener; der Cou⸗ rier von Blois wird nicht vor zwei Stunden hier ſein, und er reitet gut, dafür ſtehe ich Euch, denn ich habe ihn erſt dieſſeits Orleans eingeholt.“ „Mein Oheim Gaſton,“ murmelte Ludwig, indem er die Hand auf ſeine Stirne drückte und in dieſe drei Worte Alles ſchloß, was an entgegengeſetzten Gefühlen bei dieſem Namen ſein Gedächtniß erweckte. „Ja, ja, Sire, ſo iſt es,“ ſprach philoſophiſch d'Artagnan, den königlichen Gedanken beantwortend, „die Vergangenheit entflieht.“ „Es iſt wahr, mein Herr, es iſt wahr; doch es bleibt uns, Gott ſei Dank! die Zukunft, und wir werden bemüht ſein, ſte nicht zu düſter zu machen.“ „Ich verlaſſe mich in dieſer Hinſicht auf Eure Majeſtät,“ ſprach der Musketier ſich verbeugend,„und nun.. 3 „Ja, Ihr habt Recht, mein Herr, ich vergeſſe die Die drei Musketiere. Bragelonne, WV. 6 hundert Meilen, die Ihr zurückgelegt. Geht, mein Herr, und tragt Sorge für einen der beſten Soldaten, und wenn Ihr ausgeruht habt, ſtellt Euch zu meinen Befehlen.“ „Sire, abweſend oder gegenwärtig bin ich dies immer,“ antwortete d'Artagnan. Und er verbeugte ſich und ging ab. Dann durchſchritt er, als ob er nur von Fontaine⸗ bleau gekommen wäre, raſch den Louvre, um Raoul einzuholen. VIII. Ein Verliebter und eine Geliebte. Während die Kerzen im Schloſſe Blois und um den enſeelten Leib von Gaſton von Orleans, dieſen letz⸗ ten Repräſentanten der Vergangenheit brannten, wäh⸗ rend die Bürger der Stadt ſeine Grabſchrift machten, welche entfernt keine Lobrede war, während die verwit⸗ wete Hoheit, die ſich nicht mehr erinnerte, ihn in ihren jungen Jahren ſo ſehr geliebt zu haben, daß ſie aus dem väterlichen Palaſt entflohen, um ihm zu folgen, zwanzig Schritte von dem Leichenzimmer ihre kleinen„ Berechnungen des Intereſſes anſtellte und ihre kleinen Opfer des Stolzes überdachte, waren andere Leiden⸗ ſchaften des Intereſſes und des Stolzes in allen Theilen des Schloſſes, wohin eine lebendige Seele hatte dringen können, in Bewegung. Weder die Trauertöne der Glocken, noch die Stim⸗ men der Kirchenſänger, noch die Vorbereitungen zur Beerdigung hatten die Macht, zwei Perſonen zu zer⸗ 8³ ſtreuen, die an einem, uns ſchon bekannten, Fenſter des Hofes ſtanden, durch das ein Zimmer beleuchtet wurde, welches zu dem gehörte, was man die kleinen Gemächer nannte. Ein freudiger Sonnenſtrahl, denn die Sonne ſchien ſich ſehr wenig um den Verluſt, den Frankreich erlitten, zu bekümmern, ein Sonnenſtrahl, ſagen wir, fiel auf ſie, die Wohlgerüche den nahen Blumen entlockend, und ſelbſt die Mauern belebend. Dieſe zwei, nicht durch den Tod, ſondern durch das Geſpräch, das die Folge dieſes Todes, ſo ſehr in Anſpruch genommenen Perſonen waren ein Mädchen und ein junger Mann. Der Letz⸗ tere, der ungefähr fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahre alt ſein mochte, bald aufgeweckt, bald verdrießlich ausſah und zu gelegener Zeit zwei von langen Wimpern bedeckte, ungeheure Augen ſpielen ließ, war klein und braun von Haut; er lächelte mit einem ungeheuren, aber wohl ausgerüſteten Mund, und ſein ſpitziges Kinn, das ſich einer Beweglichkeit erfreute, welche die Natur dieſem Theil des Geſichts gewöhnlich nicht bewilligt, verlängerte ſich zuweilen ſehr verliebt gegen das Mädchen, das, leugnen wir es nicht, nicht immer ſo raſch zurückwich, als dies der ſtrenge Wohl⸗ anſtand zu fordern berechtigt war. Das Mädchen, wir kennen es, denn wir haben es ſchon an demſelben Fenſter beim Scheine derſelben Sonne geſehen, das Mädchen bot eine ſeltſame Miſchung von Feinheit und Ueberlegung. Es war retizend, wenn es lachte, ſchön, wenn es ernſt wurde, doch bemerken wir ſogleich, es war viel öfter reizend als ſchön. Dieſe zwei Perſonen ſchienen den Culminations⸗ punkt eines halb ſpöttiſchen, halb ernſten Streites er⸗ reicht zu haben. „Sprecht, Herr Malicorne,“ ſagte das Mädchen, beliebt es Euch endlich, vernünftig mit mir zu reden?“ „Ihr glaubt, das ſei leicht, Fräulein Aure,“ er⸗ 84 wiederte der junge Mann.„Thun, was man will, wenn man nicht thun kann, was man kann.“ „Gut! nun verwickelt er ſich in ſeinen Redens⸗ arten.“ „Ich?* „Ja, Ihr; gebt dieſe Anwaltslogik auf, mein Lieber.“ „Abermals etwas Unmögliches. Schreiber bin ich, Fräulein von Montalais.“ „Fraͤulein bin ich, Herr Malicorne.“ „Ach!l ich weiß es wohl, und Ihr drückt mich durch die Entfernung nieder; ich werde Euch auch nichts mehr ſagen.“ „Nein, ich drücke Euch nicht nieder, ſagt, was Ihr mir zu ſagen habt; ſprecht, ich will es.“ „Nun wohl, ich gehorche Euch.“ „Das iſt wahrhaftig ein Glück!“ „Monſieur iſt todt.“ „Ah! Teufel, welch' eine Neuigkeit! und woher kommt Ihr denn, daß Ihr uns das ſagt.“ „Ich komme von Orleans, mein Fräulein.“ „Und das iſt die einzige Neuigkeit, die Ihr uns bringt?“ „Oh! nein. Ich komme auch, um Euch zu ſagen, daß Madame Henriette binnen Kurzem eintrifft, um den Bruder Seiner Majeſtät zu heirathen.“ „In der That, Malicorne, Ihr ſeid unerträglich mit Euren Neuigkeiten aus dem vorigen Jahrhundert; höͤrt, wenn Ihr auch die ſchlechte Gewohnheit annehmt, zu ſwosten, ſo laſſe ich Euch hinauswerfen.“ 1 „Ja. denn Ihr bringt mich wahrhaftig in Ver⸗ zweiflung.“ 8 „Ruhe, Geduld, mein Fräulein.“ „Ihr wollt Ench ſo geltend machen, doch ich weiß wohl, warum.“ „Sprecht, und ich werde Euch offenherzig antwor⸗ ten, wenn die Sache wahr iſt.“ „Ihr wißt, daß ich Luſt nach einer Anſtellung als Ehrendame habe, die ich von Euch zu verlangen ſo albern war, und Ihr ſchont Euer Anſehen.“ „Ich?“ Malicorne ſenkte ſeine Augenbraunen, faltete die Hände und nahm ſein verdrießliches Geſicht an. „Und welches Anſehen dürfte der arme Schreiber eines Anwalts haben, frage ich Euch?“ „Euer Vater hat nicht umſonſt zwanzigtauſend Liv⸗ res Einkünfte, Herr Malicorne.“ „Ein Provinzvermögen, Fräulein von Montalais.“ „Euer Vater iſt nicht umſonſt in die Geheimniſſe von Monſteur dem Prinzen eingeweiht.“ „Ein Vorzug, der ſich darauf beſchränkt, daß er Seiner Hoheit Geld leiht.“ „Mit einem Wort, Ihr ſeid nicht umſonſt der ver⸗ ſchmitzteſte Burſche der Provinz.“ „Ihr ſchmeichelt mir.“ „Ich?“ „Ja, Ihr.“ „Wie dies?“ „Ich behaupte, ich habe kein Anſehen, und Ihr behauptet, ich habe Anſehen.“ „Und meine Anſtellung 2 „Nun, Eure Anſtellung?“ „Werde ich ſie erhalten oder nicht erhalten?“ „Ihr werdet ſie erhalten.“ „Aber wann?“ „Wann Ihr wollt.“ „Wo iſt ſie denn?“ „In meiner Taſche.“ „Wie! in Eurer Taſche?“ 3 „Ja,“ antwortete Malicorne.“ Und er zog wirklich mit ſeinem duckmaͤuferiſchen 86 Lächeln aus ſeiner Taſche einen Brief, den die Monta⸗ lais an ſich riß und ſogleich voll Begierde las. Während ſie las, klärte ſich ihr Geſicht immer mehr auf. „Malicorne!“ rief ſie, nachdem ſie geleſen hatte, „Ihr ſeid ein guter Junge.“ „Warum dies, mein Fräulein?“ „Weil Ihr Euch hättet die Anſtellung können be⸗ zahlen laſſen, und weil Ihr dies nicht gethan habt.“ Und ſie brach in ein Gelächter aus und glaubte den Schreiber aus der Faſſung zu bringen. Aber Ma⸗ licorne hielt den Angriff muthig aus und erwiederte nur: „Ich verſtehe Euch nicht.“ Nun war die Montalais aus der Faſſung gebracht. „Ich habe Euch meine Gefühle erklärt,“ fuhr Ma⸗ licorne fort,„Ihr habt mir dreimal geſagt, Ihr liebtet mich nicht; Ihr habt mich einmal, ohne zu lachen, ge⸗ küßt, und das iſt Alles, was ich brauche.“ „Alles?“ fragte die ſtolze und gefallſüchtige Mon⸗ talais mit einem Ton, in welchem die beleidigte Eitel⸗ keit vordrang.. „Durchaus Alles, mein Fräulein,“ antwortete Malicorne. „Ah!“ Dieſe Einſylbe deutete ebenſo viel Zorn an, als der junge Mann Dankbarkeit haͤtte erwarten können. Er ſchüttelte ruhig den Kopf und ſprach, ohne ſich darum zu bekümmern, ob dieſe Vertraulichkeit ſeiner Geliebten geſiel oder nicht gefiel: „Hört, Montalais, ſtreiten wir nicht hierüber.“ „Warum?“. „Weil Ihr mich ſeit dem Jahr, daß ich Euch kenne, hundertmal vor die Thüre geworfen hättet, wenn ich Euch nicht gefiele.“ „In der That! Und warum hätte ich Euch aus der Thüre geworfen?“ „Weil ich unverſchämt genug hiezu geweſen bin.“ 87 „Oh! das iſt wahr.“ „Ihr ſeht wohl, daß Ihr genöthigt ſeid, es zu ge⸗ ſtehen.“ „Herr Malicorne!“ „Aergern wir uns nicht; wenn Ihr mich behalten habt, ſo iſt es nicht ohne Urſache geſchehen.“ „Wenigſtens nicht, weil ich Euch liebe!“ rief Mon⸗ talais. „Einverſtanden. Ich ſage Euch ſogar, daß Ihr mich in dieſem Augenblick verwünſcht.“ „Oh! Ihr habt nie ſo wahr geſprochen.“ „Gutl ich, ich verabſcheue Euch.“ „Ahl das nehme ich als eine urkundliche Erklärung.“ „Nehmt es ſo. Ihr findet mich roh und albern; ich ſinde, Ihr habt eine harte Stimme und ein durch den ZJorn entſtelltes Geſicht. In dieſem Augenblick wür⸗ det Ihr Euch eher aus dem Fenſter ſtürzen, als mich das Ende Eures Fingers küſſen laſſen; ich würde mich eher von der Höhe des Glockenthurmes herabſtürzen, als daß ich den Saum Eures Kleides berührte. Doch in fünf Minuten werdet Ihr mich lieben, und ich werde Euch anbeten. Oh! ſo iſt es.“ „Ich zweifle daran.“ „Und ich, ich ſchwöre darauf.“ „Geckl“: „Und dann iſt dies nicht der wahre Grund; Ihr bedürft meiner, Aure, und ich bedarf Eurer. Wenn es Euch gefällig iſt, heiter zu ſein, mache ich Euch lachen; wenn es mir genehm iſt, verliebt zu ſein, ſchaue ich Euch an. Ich habe Euch die Anſtellung als Ehren⸗ dame gegeben, die Ihr wünſchtet; Ihr werdet mir ſo⸗ gleich Lhdas geben, was ich wünſchen werde.“ 3„Ihr! doch in dieſem Augenblick, meine liebe Aure, erkläre ich Euch, daß ich durchaus nichts wünſche; ſeid alſo unbeſorgt.“ „Ihr ſeid ein abſcheulicher Menſch, Malicorne; ich nehmt Ihr mir jede Freude.“ „Gut! es iſt keine Zeit dabei verloren, Ihr freut Euch, wenn ich weggegangen bin.“ 3 „Sprecht alſo...“ „Es ſei, doch zuvor einen Rath.“ „Welchen? „Nehmt wieder Eure ſchöne Laune an; Ihr werdet häßlich, wenn Ihr ſchmollt.“ „ Grober!“ „Gut, ſagen wir uns unſere Wahrheiten, während wir noch daran ſind.“ „Oh! Malicorne! ohl ſchlechtes Herz!“ „Ohl Montalais! oh! Undankbare!“ rief der junge Mann. 2 Und er ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf die Fenſterlehne. Montalais nahm ein Buch und öffnete es. Malicorne richtete ſich auf, bürſtete ſeinen Filzhut mit ſeinem Aermel und glättete ſein ſchwarzes Wamms. Montalais, während ſie ſich den Anſchein gab, als läſe ſie, beobachtete ihn aus einem Augenwinkel. „Gut!“ rief ſie wüthend,„nun nimmt er ſeine ehr⸗ erbietige Miene an. Er wird acht Tage lang ſchmollen.“ „Vierzehn, mein Fräulein,“ erwiederte Malicorne ſich verbeugend. Montalais hob ihre krampfhaft geballte Fauſt gegen ihn auf und rief: „Ungeheuer! Ohl wenn ich ein Mann wäre!“ „Was würdet Ihr thun?“ „Ich würde Dich erwürgen.“ „Ah! ſehr gut,“ ſagte Malicorne;„ich glaube, ich fange an, etwas zu wünſchen.“ 726 „Und was wünſcht Ihr, Herr Dämon? Daß ich meine Seele durch den Zorn in's Verderben bringe??“ Malicorne rollte ehrfurchtsvoll ſeinen Hut zwiſchen ſeinen Fingern hin und her; doch plötzlich ließ er ſei⸗ wollte mich über dieſe Anſtellung freuen, und nun be⸗ —— a— —/—4] — ——;y nen Hut fallen, faßte Aure bei beiden Schultern, nä⸗ herte ſich ihr und drückte auf ihre Lippen zwei Lippen, welche ſehr glühend waren für einen Mann, der ganz gleichgültig zu ſein behauptete. Aure wollte einen Schrei ausſtoßen, aber dieſer Schrei erloſch im Kuß. Nervig und aufgereizt, ſtieß das Mädchen Malicorne an die Wand zurück. „Gut,“ ſagte Malicorne philoſophiſch,„das iſt für ſechs Wochen; Gott befohlen, mein Fräulein, empfangt meinen unterthänigſten Gruß.“ Und er machte drei Schritte, um ſich zu entfernen. „Nein, nein, Ihr werdet nicht von hier weggehen!“ rief Montalais mit dem Fuß ſtampfend;„bleibt, ich be⸗ fehle es Euch!“ „Ihr befehlt es?“ „Ja; bin ich nicht die Herrin?“ „Meiner Seele und meines Geiſtes, ohne allen Zweifel.“ „Meiner Treue! ein ſchönes Eigenthum! Die Seele iſt albern und der Geiſt trocken.“ „Nehmt Euch in Acht, Montalais, ich kenne Euch; Ihr werdet wieder Liebe für Euren Diener faſſen.“ „Nun wohl, ja,“ ſagte ſie, indem ſie ſich mehr mit einer kindiſchen Indolenz, als mit einer wollüſtigen Hingebung an ſeinen Hals hing,„nun wohl, ja, denn ich muß Euch doch am Ende danken.“ „Wofür?“ „Für die Anſtellung; iſt das nicht meine ganze Zu⸗ kunft?“ „Und die meinige.“ Montalais ſchaute ihn an und ſagte: „Es iſt doch abſcheulich, daß man nie errathen kann, ob Ihr im Ernſte ſprecht.“. „Man kann nicht mehr im Ernſte ſprechen; ich war im Begriff, nach Paris zu gehen, Ihr geht dahin, wir gehen dahin.“ „Ihr habt mir alſo aus dieſem Beweggrund allein gedient, Selbſtſüchtiger?“ les„Was wollt Ihr, Aure, ich kann nicht ohne Euch eben. „Wahrhaftig, das iſt wie bei mir; Ihr ſeid jedoch, man muß es geſtehen, ein ſehr ſchlimmer Burſche.“ „Aure, meine liebe Aure, nehmt Euch in Acht! Wenn Ihr wieder in die Beleidigungen verfallt, wißt Ihr wohl, welche Wirkung Ihr bei mir hervorbringt,... ich werde Euch anbeten.“ Und während er dieſe Worte ſprach, zog Malicorne zum zweiten Mal das Mädchen zu ſich heran. In demſelben Augenblick erſcholl ein Tritt auf der Treppe. Die jungen Leute waren ſo nahe beiſammen, daß man ſie einander in den Armen getroffen haben würde, hätte Montalais nicht mit Gewalt Malicorne zurückge⸗ ſtoßen, der mit dem Rücken an die Thüre ſchlug, welche ſich in dieſem Augenblick öffnete. Sogleich ertönte ein gewaltiger Schrei gefolgt von Schmähungen. Es war Frau von Saint⸗Remy, die den Schrei ausſtieß und die Schmähungen von ſich gab. Der un⸗ glückliche Malicorne hatte ſie halb zwiſchen der Wand und der Thüre, die ſie öffnete, zerauetſcht. „Abermals dieſer Taugenichts!“ rief die alte Dame, „immer hier.“ „Ah! gnädige Frau!“ erwiederte Malicorne mit ehrfurchtsvollem Tone,„ich bin ſeit acht langen Tagen nicht hier geweſen.“ 1 1 91 IX. Worin man endlich die wahre Heldin dieſer Geſchichte wiedererſcheinen ſieht. Hinter Frau von Saint⸗Remy kam Fräulein de la Vallière herauf. Sie hoͤrte den Ausbruch des mütterlichen Zornes, und da ſie die Urſache errieth, trat ſie ganz zitternd in das Zimmer ein und erblickte den unglücklichen Ma⸗ licorne, deſſen verzweifelte Haltung jeden kaltblütigen Beobachter gerührt oder beluſtigt haben würde. Er hatte ſich in der That raſch hinter einen großen Stuhl verſchanzt, als wollte er die erſten Stürme von Frau von Saint⸗Remy vermeiden; er hoffte nicht darauf, ſie durch das Wort zu erweichen, denn ſie ſprach lauter als er und ohne Unterbrechung, aber er zählte auf die Beredtſamkeit ſeiner Geberden. Die alte Dame hörte und ſah nichts; Malicorne war ſeit langer Zeit eine ihrer Antipathien. Doch dieſer Zorn war zu groß, um nicht von Ma⸗ licorne auf ſeine Mitſchuldige überzuſtrömen. Die Reihe kam ſogleich an Montalais. „Und Ihr, Mademoiſelle, und Ihr, glaubt Ihr etwa, ich werde nicht ſogleich Madame von dem, was bei einem ihrer Ehrenfräulein vorgeht, in Kenntniß ſetzen?“ „Ohl meine Mutter,“ rief Fräulein de la Valliére, „ich flehe Euch an, verſchont...“ „Schweigt, mein Fräulein, und ſtrengt Euch nicht vergebens an, um für unwürdige Subjecte in's Mittel zu treten; daß ein ehrbares Mädchen, wie Ihr, das ſchlechte Beiſpiel mit anſehen ſoll, iſt ſicherlich ein hin⸗ reichend großes Unglück; daß es aber ein ſolches Mäd⸗ chen durch ſeine Nachſicht begünſtigt, das werde ich nicht dulden.“ „Wahrhaftig,“ rief die Montalais, die ſich endlich T empörte,„ich weiß nicht, unter welchem Vorwand Ihr„ mich ſo behandelt. Ich thue nichts Schlimmes, denke ic ich?* „Und dieſer große Müßiggänger,“ verſetzte Frau fr von Saint⸗Remy, auf Malicorne deutend,„iſt er etwa hier, um Gutes zu thun?“ ch „Er iſt weder des Guten, noch des Schlimmen un wegen hier, gnädige Frau; er kommt ganz einfach, um 7 mich zu beſuchen.“ „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte Frau von Saint⸗ S Remy,„Ihre königliche Hoheit ſoll unterrichtet werden, li und ſie wird das Ürtheil fällen.“ „Jedenfalls,“ erwiederte Montalais,„jedenfalls u ſehe ich gar nicht ein, warum es Herrn Malicorne ver⸗ ſte boten ſein ſollte, eine Abſicht auf mich zu haben, wenn F ſeine Abſicht redlich iſt.“ bo „Eine redliche Abſicht mit einem ſolchen Geſicht!“ at rief Frau von Saint⸗Remy. „Ich danke Euch im Namen meines Geſichtes, ni gnädige Frau,“ ſprach Malicorne. i „Kommt, meine Tochter, kommt,“ fuhr Frau von M Saint⸗Remy fort;„wir wollen Madame melden, daß be es in dem Augenblick, wo ſie einen Gemahl beweint, dr in dem Augenblick, wo wir einen Herrn in dieſem alten wi Schloß Blois, dem Wohnſitz des Schmerzes, beweinen, Leute gibt, die ſich beluſtigen und freuen.“„ 26 „Oh!“ machten mit einer einzigen Bewegung die al zwei Angeklagten. 1 3 „Ein Ehrenfräulein! ein Ehrenfräulein!“ rief die M alte Dame, die Hände zum Himmel erhebend. 3 8e „Nun, darin täuſcht Ihr Euch, gnädige Frau,“ ſprach Montalais außer ſich,„ich bin wenigſtens nicht mehr Ehrenfräulein von Madame.“* 4 41 6 93 „Ihr nehmt Eure Entlaſſung, mein Fräulein? Sehr gut, ich kann einem ſolchen Entſchluß nur meinen Beifall ſpenden, und ich ſpende ihn.“ „Ich nehme nicht meine Entlaſſung, gnädige Frau, ich nehme nur einen andern Dienſt.“ „Bei bürgerlichen Leuten oder beim Civilſtand?“ fragte Frau von Saint⸗Remy mit Verachtung. „Erfahrt, gnädige Frau, daß ich nicht das Mäͤd⸗ chen bin, das bei Bürgerfrauen oder Civiliſtinnen dient, und daß ich, ſtatt an dem elenden Hof, an dem Ihr ve⸗ getirt, an einem beinahe königlichen Hofe leben werde.“ „Ha! hal ein königlicher Hof,“ rief Frau von Saint⸗Remy, die ſich zu lachen anſtrengte;„ein könig⸗ licher Hof, was denkt Ihr davon, meine Tochter?“ Und ſie wandte ſich gegen Fräulein de la Vallière um, welche ſie mit aller Gewalt gegen Montalais auf⸗ ſtacheln wollte, während jene ſtatt dem Antrieb von Frau von Saint⸗Remy zu gehorchen, bald ihre Mutter, bald Montalais mit ihren ſchönen, verſöhnenden Augen anſchaute. „Gnädige Frau,“ erwiederte Montalais,„ich habe nicht geſagt, ein königlicher Hof, weil Madame Hen⸗ riette von England, welche die Frau von S. K. H. Monſieur werden ſoll, keine Koͤnigin iſt. Ich ſagte beinahe königlich, und habe mich damit richtig ausge⸗ brückt, da ſie die Schwägerin des Königs werden wird.“ Wäre der Blitz vom Schloſſe Blois herabgefallen, es hätte Frau von Saint⸗Remy nicht mehr betäubt, als es dieſer letzte Satz von Montalais that. „Was ſprecht Ihr von Ihrer königlichen Hoheit adame Henriette?“ ſtammelte die alte Dame. „Ich ſage, daß ich bei ihr als Ehrenfräulein ein⸗ lrete, das ſage ich.“ „Als Chrenfraͤulein!“ riefen zugleich Frau von Saint⸗Remy in Verzweiflung und Fraͤulein de la Bal⸗ voll Freude, 8 „* „Oh! oh! im Voraus die Hoffnungen zu Namen dieſes dieſer ganzen die komiſchſte Malicorne!“ tent aus ihre ſprach Verzweiflung „Hier iſt das Patent.“ Nun war Alles vorbei. Sobald ſie mit dem Blick das Pergament durchlaufen hatte, faltete die gute Dame die Hände, ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Neid und 94 „Ja, gnädige Frau, als Ehrenfräulein.“ Die alte Dame neigte das Haupt, als wäre der Schlag zu ſtark für ſie geweſen. Doch beinahe in demſelben Augenblick erhob ſie ſich 2 wieder, um ihrer Gegnerin ein letztes Wurfgeſchoß zu⸗ zuſchleudern, und ſagte: es iſt oft von dergleichen Verſprechungen Rede, man ſchmeichelt ſich häufig mit tollen Hoffnungen, und im letzten Augenblick, wenn es ſich darum handelt, dieſe Verſprechungen zu halten, dieſe verwirklichen, iſt man ganz erſtaunt, den großen Credit, auf den man gerechnet hat, in Dunſt zerfließen zu ſehen.“ 5„Ohl gnädige Frau, der Credit meines Beſchützers iſt unbeſtreitbar und ſeine Verſprechungen ſind ſo viel werth als Urkunden.“ „Wäre es vielleicht unbeſcheiden, Euch nach dem ſo mächtigen Beſchützers zu fragen?“ „Ohl mein Gott, nein: es iſt dieſer Herr hier,“ ſagte Montalais, auf Malicorne deutend, der während Scene die unſtörbarſte Kaltblütigkeit und Würde behauptete. „Dieſer Herr,“ rief Frau von Saint⸗Remy mit einem Ausbruch von Heiterkeit,„dieſer Herr iſt Euer Beſchützer! Der Mann, deſſen Credit ſo mächtig iſt, deſſen Verſprechungen Urkunden werth find, iſt Herr & Malicorne verbeugte ſich. 3 Montalais aber zog ſtatt jeder Autwort das Pa⸗ r Taſche, zeigte es der alten Dame und 4 zog ihr Geſicht zuſammen, und ſie war 95 genoͤthigt, ſich zu ſetzen, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Montalais war nicht boshaft genug, um ſich übermäßig ihres Sieges zu freuen und den beſiegten Feind niederzubeugen, beſonders da dieſer Feind die Mutter ihrer Freundin war; ſie benützte ihren Triumph, mißbrauchte ihn aber nicht. Malicorne war minder großmüthig; er nahm eine vornehme Haltung in ſeinem Lehnſtuhl an und ſtreckte ſich mit einer Vertraulichkeit aus, welche ihm zwei Funden früher die Drohung mit dem Stock zugezogen ätte. „Ehrendame der jungen Hoheit!“ wiederholte Frau von Saint⸗Remy, noch ſchlecht überzeugt. „Ja, gnädige Frau, und zwar durch die Protec⸗ tion von Herrn Malicorne.“ „Das iſt unglaublich!“ ſprach die alte Dame, „nicht wahr, Louiſe, das iſt unglaublich?“ Doch Louiſe antwortete nicht; ſie ſenkte den Kopf träumeriſch, beinahe betrübt, und ſeufzte, eine Hand an ihrer ſchönen Stirne. „Sprecht, mein Herr,“ ſagte plötzlich Frau von Saint⸗Remy,„wie haht Ihr es gemacht, um dieſe Stelle zu erhalten?“ „Ich habe ſie verlangt, Madame.“ „Von wem?“ „Von einem meiner Freunde.“ „Und Ihr habt Freunde, welche ſo gut bei Hofe ſtehen, daß ſie Euch ſolche Beweiſe ihres Anſehens geben können?“ „Bei Gott! es ſcheint ſo.“ „Darf man den Namen dieſer Freunde wiſſen?“ „Ich ſagte nicht, ich habe mehrere Freunde, gnä⸗ dige Frau, ich ſprach nur von einem Freund.“ „Und dieſer Freund heißt?“ „Eil gnädige Frau, wie raſch geht Ihr zu Werke! Wenn man einen Freund hat, der ſo mächtig iſt, wie 96 der meinige, ſo ſtellt man ihn nicht an den hellen Tag, damit er einem geſtohlen wird.“ „Ihr habt Recht, mein Herr, daß Ihr den Namen dieſes Freundes verſchweigt, und ich glaube, es würde Euch ſchwer werden, ihn zu nennen.“. „Jedenfalls,“ ſagte Montalais,„wenn der Freund nicht beſteht, beſteht doch das Patent, und das ſchnei⸗ det die Frage kurz ab.“ „Dann begreife ich,“ ſagte Frau von Saint⸗Remy mit dem anmuthigen Lächeln der Katze, welche von ihren Klauen Gebrauch machen will,„als ich vorhin den Herrn bei Euch traf...“ „Nun?“ „Brachte er Euch Euer Patent.“ „Ganz richtig, gnädige Frau, Ihr habt es er⸗ rathen.“— „Aber das iſt dann äußerſt moraliſch!“ „Ich glaube es, gnädige Frau.“ „Und ich hatte, wie es ſcheint, Unrecht, Euch Vor⸗ würfe zu machen, mein Fräulein.“ „Großes Unrecht; doch ich bin ſo ſehr an Eure Vorwürfe gewöhnt, daß ich ſte Euch vergebe.“ „Dann gehen wir, Louiſe, wir haben uns nur noch zu entfernen. Nun!“ „Meine Mutter,“ verſetzte La Vallière bebend⸗ „Ihr ſagt?“⸗. „Du hörteſt nicht, wie es ſcheint, mein Kind?“ „Nein, ich dachte.“ „Woran?“ „An tauſend Dinge.“ 4 „Du biſt mir wenigſtens nicht böſe, Louiſe?“ rief Montalais, ihr die Hand drückend. Und worüber ſollte ich Dir böſe ſein, meine liehe 4 Aure?“ erwiederte das Mädchen mit ſeiner Stimme ſo ſanft wie Muſik. Ei!“ ſagte Frau von Saint⸗Remy,„wenn ſie g⸗ en de nd ei⸗ ny on ßin er⸗ 97 Euch ein wenig boͤſe wäre, armes Kind, ſo hätte ſte nicht ganz Unrecht.“ „Und warum ſollte ſie dies ſein, guter Gott?“ „Mir ſcheint, ſie iſt von eben ſo guter Familie und eben ſo hübſch als Ihr.“ „Meine Mutter!“ rief Louiſe.. „Hundertmal hübſcher, gnädige Frau; von beſſerer Familie, nein; doch das ſagt mir nicht, warum mir Louiſe grollen ſoll.“ „Glaubt Ihr denn, es ſei beluſtigend für ſie, ſich in Blois zu begraben, während Ihr in Paris glänzen werdet?“ „Aber, gnädige Frau, ich halte Louiſe nicht ab, mir nach Paris zu folgen; ich wäre im Gegentheil ſehr glückich, wenn ſie dahin käme.“ „Mir ſcheint, Herr Malicorne, der bei Hofe all⸗ mächtig iſt...“* „Ah! das nützt nichts, gnädige Frau, Jeder für ſich in dieſer armen Welt,“ erwiederte Malicorne. „Malicorne!“ rief Montalais. Dann ſich an das Ohr des jungen Mannes bückend, flüſterte ſie: „Beſchäftigt Frau von Saint⸗Remy entweder da⸗ durch, daß Ihr mit ihr ſtreitet, oder daß Ihr Euch mit ihr verſöhnt; ich muß mit Louiſe ſprechen.“ Und zu gleicher Zeit belohnte ein ſüßer Händedruck Malicorne für ſeinen zukünftigen Gehorſam. Malicorne näherte ſich brummend Frau von Saint⸗ Remy, während Montalais, einen Arm um ihren Hals ſchlingend, zu ihrer Freundin ſprach: „Was haſt Du, laß hören? Iſt es wahr, daß Du. mich nicht mehr lieben ſollteſt, weil ich glänzen würde, wie Deine Mutter ſagt?“ „Ohl nein,“ erwiederte das Mädchen, das kaum ſeine Thränen zu bemeiſtern vermochte,„Dein Glück macht mich im Gegentheil ſehr glücklich.“ Die drei Musketiere, Bragelonne. IV. 7 ſcheint.“ „Glücklich! man ſollte glauben, Du ſeiſt dem Wei⸗ nen nahe.“ „Weint man nicht vor Wonne?“ „Ahl ja, ich begreife; ich gehe nach Paris, und das Wort Paris erinnert Dich an einen gewiſſen Ca⸗ valier... „Aure!“ „An einen gewiſſen Cavalier, der einſt in Blois wohnte und heute in Paris wohnt.“ „Ich weiß in der That nicht, was ich habe, aber ich erſticke.“ „Weine alſo, da Du mir nicht lächeln kannſt.“ Louiſe erhob ihr ſo ſanftes Antlitz, das Thränen, welche eine nach der andern ihren Augen entrollten, wie Diamanten beleuchteten. „Sprich, geſtehe,“ ſagte Montalais. „Was ſoll ich geſtehen?“ „Was Dich weinen macht; man weint nicht ohne Urſache. Ich bin Deine Freundin; Alles, was Du willſt, daß ich thun ſoll, werde ich thun. Malicorne iſt mäch⸗ tiger, als man glaubt! Willſt Du nach Paris kommen?“ „Ach!“ ſeufzte Louiſe.. „Willſt Du nach Paris kommen?“ Louiſe gab einen zweiten Seufzer von ſich. „Du antworteſt nicht.“ „Was ſoll ich antworten?“ „Ja oder nein; das iſt nicht ſchwierig, wie mir „Oh! Du biſt ſehr glücklich, Montalais!“ „Ah! das will beſagen, Du möchteſt gern an meinem Platz ſein.“ Louiſe ſchwieg. 4 „Kleine Halsſtarrige!“ ſagte Montalais;„hat man je Geheimniſſe für eine Freundin geſehen.. Aber ge⸗ ſtehe doch, daß Du gern nach Paris kommen möchteſt, geſtehe, daß Du vor Verlangen, Raoul zu ſehen, ſtirbſt.“ „Ich kann das nicht geſtehen.“ 3 15 * ir an 99 „Und Du haſt Unrecht..“ „Warum?“ „Weil.. ſiehſt Du dieſes Patent?“ „Allerdings ſehe ich es.“ „Ich hätte Dir ein ähnliches verſchafft.“ „Durch wen?“ „Durch Malicorne.“ „Aure, ſprichſt Du die Wahrheit, wäre das mög⸗ lich?“ „Bei Gott! Malicorne iſt da, und was er für mich gethan hat, wird er auch für Dich thun müſſen.“ Malicorne hatte zweimal ſeinen Namen ausſprechen hören; er war entzückt, eine Gelegenheit zu haben, mit Frau von Saint⸗Remy zu endigen, und wandte ſich um: „Was gibt es, mein Fräulein?“ „Kommt, Malicorne,“ ſprach Montalais mit einer gebieteriſchen Geberde. Maalieorne gehorchte. „Ein ähnliches Patent,“ ſagte Montalais. „Wie ſo?“ „Ein Patent dieſem ähnlich, das iſt klar.“ „Aber... „Ich muß es haben.“ „Oho! Ihr müßt es haben!“ „Ja.“ „Es iſt unmöglich, nicht wahr, Herr Malicorne?“ fragte Louiſe mit ihrer ſanften Stimme. lej„Bei Gott! wenn es für Euch iſt, mein Fräu⸗ ein..“ „Für mich, ja, Herr Malicorne, es wäre für mich.“ „Und wenn Fräulein von Montalais zugleich mit Euch darum bittet...“ „Fräulein von Montalais bittet nicht darum, ſie fordert es.“ „Nun, man wird Euch zu gehorchen ſuchen, mein Fraulein.“ „Und Ihr laßt ſie ernennen?“ „ 1⁰⁰„ „Man wird bemüht ſein.“ „Keine ausweichende Antwort. Louiſe de la Val⸗ liere wird Ehrenfräulein von Madame Henriette, ehe acht Tage vergehen.“ „Wie raſch, wie raſch!“— „Ehe acht Tage vergehen, oder...“ „Oder?“ 3 „Ihr nehmt Euer Patent zurück, Herr Malicorne, und ich verlaſſe meine Freundin nicht.“ „Liebe Montalais,“ flüſterte Louiſe. „Es iſt gut, behaltet Euer Patent; Fräulein de la Vallière wird Ehrendame.“ „Iſt das wahr 20 „Es iſt wahr.“ „Ich darf alſo hoffen, nach Paris zu kommen?“ „Zählt darauf.“ „Ohl Herr Malicorne, welche Dankbarkeit!“ rief Louiſe die Hände faltend und vor Freude ſpringend. 3 „Kleine Heuchlerin!“ ſagte Montalais,„verſuche es noch einmal, mich glauben zu machen, Du ſeiſt nicht in Raoul verliebt.“— Louiſe wurde roth wie eine Mairoſe; doch ſtatt zu antworten, umarmte ſie Frau von Saint⸗Remy. „Mutter,“ ſagte ſie zu ihr,„Ihr wißt, daß Perr Malicorne mich will zum Ehrenfräulein ernennen laſſen. „Herr Malicorne iſt ein verkleideter Prinz,“ ſprach die alte Dame,„es ſteht ihm jegliche Macht zu Gebot.“ „Wollt Ihr auch Ehrenfräulein werden?“ fragte Malicorne Frau von Saint⸗Remy.„Wenn ich einmal„ daran bin, iſt es gleich, ob ich die ganze Welt dazu ernennen laſſe.“ Und hienach ging er weg und ließ die arme Dame ganz aus der Faſſung gebracht zurück. „Immer zu,“ murmelte Malicorne, während er d Treppe hinabſtieg,„das wird abermals ein Billet von * 101 tauſend Livres koſten; doch man muß ſich hiezu ent⸗ ſchließen, mein Freund Manicamp thut nichts umſonſt. X. Malicorne und Manicamp. Die Einführung dieſer zwei neuen Perſonen in un⸗ ſere Geſchichte und die geheimnißvolle Verwandtſchaft der Namen und der Gefühle verdienen einige Aufmerk⸗ ſamkeit von Seiten des Geſchichtſchreibers und des Leſers. Wir werden daher in Einzelheiten über Herrn Mali⸗ corne und über Herrn von Manicamp eingehen. Malicorne hatte, wie man weiß, die Reiſe nach Orleans gemacht, um das für Fräulein von Montalais beſtimmte Patent zu holen, deſſen Ankunft einen ſo leb⸗ haften Eindruck im Schloſſe Blois hervorbrachte. In Orleans befand ſich für den Augenblick Herr von Manicamp. Es war eine höchſt ſeltſame Perſon, dieſer Herr von Manicamp; ein Burſche von viel Geiſt, ſtets auf dem Trockenen, ſtets bedürftig, obgleich er nach Belieben aus der Börſe des Herrn Grafen von Guiche, einer der beſtgeſpickten Boͤrſen jener Zeit, ſchöpfte. Der Herr Graf von Guiche hatte nämlich zum Jugendgeſpielen Manicamp, einen armen Landjunker, von den Grammont abſtammend, gehabt. Herr von Manicamp aber hatte ſich mit ſeinem Geiſt eine Rente in der reichen Familie des Marſchalls geſchaffen. Von ſeiner Kindheit an lieh er nämlich mit einer Berechnung, welche weit über ſeinem Alter ſtand, ſeinen Namen und ſeine Gefälligkeit dem Grafen von Guiche 10² für ſeine tollen Streiche. Hatte ſein edler Gefährte eine für die Frau Marſchallin beſtimmte Frucht geſtoh⸗ len, einen Spiegel zerbrochen, einem Hund ein Aug ausgeſchlagen, ſo erklärte ſich Manicamp als des be⸗ gangenen Verbrechens ſchuldig und empfing die Strafe, welche, weil ſie auf den Unſchuldigen ſiel, darum nicht milder war. Doch dieſes Verleugnungsſyſtem wurde ihm bezahlt. Statt mittelmäßige Kleider zu tragen, wie es ihm das väterliche Vermögen zum Geſetz machte, konnte er glän⸗ zend, herrlich erſcheinen, wie ein junger adeliger Herr mit einer Rente von fünfzigtauſend Livres. Nicht als wäre er niedrig von Charakter und ge⸗ ring von Geiſt geweſen; nein, er war Philoſoph, oder er hatte vielmehr die Gleichgültigkeit, die Apathie und die Träumerei, welche beim Menſchen jedes Gefühl der hierarchiſchen Welt entfernen. Sein einziges Dichten und Trachten war, Geld auszugeben. In dieſer Hinſicht aber war der gute Herr von Manicamp ein Abgrund. Drei bis viermal erſchöpfte er regelmäßig im Jahr den Grafen von Guiche, und wenn der Graf völlig er⸗ ſchöpft war, wenn er ſeine Taſchen und ſeine Börſe vor ihm umgekehrt und erklärt hatte, die väterliche Freige⸗ bigkeit brauche wenigſtens vierzehn Tage, um Boͤrſe und Taſchen wieder zu füllen, ſo verlor Manicamp ſeine ganze Thatkraft; er legte ſich nieder, blieb im Bett, aß nicht, und verkaufte ſeine ſchönen Kleider unter dem Vorwand, wenn er liegen bleibe, brauche er ſie nicht mehr.— Während dieſer Daniederlage der Kraft und des Geiſtes füllte ſich die Börſe des Grafen von Guiche wieder, und war ſie einmal voll, ſo überſtrömte ſie in die von Manicamp, der ſich neue Anzüge kaufte, ſich wieder kleidete und daſſelbe Leben führte, wie zuvor. Dieſe Manie, ſeine Kleider um den vierten Theil deſſen, was ſie werth waren, zu verkaufen, hatte un⸗ — Nu — Ak N 8 N ‚zubringen, wir wären jedoch ſehr verlegen, wenn wir 103 ſern Helden in Orleans ziemlich berühmt gemacht; in dieſer Stadt pflegte er nämlich ſeine Pönitenztage zu⸗ ſagen müßten, warum er ſie hier zubrachte. Die Provinzſchwelger, die Stutzer mit ſechshundert Livres im Jahr theilten ſich in die Brocken ſeines Reich⸗ thums. Unter den Bewunderern dieſer glänzenden Toiletten war unſer Freund Malicorne, der Sohn eines Syndicus der Stadt, von dem der Herr Prinz von Condé, ſtets bedürftig wie ein Condé, häufig Geld zu hohen Inter⸗ eſſen entlehnte. Herr Malicorne Sohn führte die väterliche Kaſſe. Damit ſagen wir, daß er ſich in jener Zeit leichter Moral, indem er das Beiſpiel ſeines Vaters nachahmte und kleine Summen auf kurze Zeit und gegen große Intereſſen auslieh, ein Einkommen von achtzehnhundert Livres machte, abgeſehen von den weiteren ſechshundert Livres, welche die Großmuth des Syndicus lieferte, ſo daß Malicorne der König von Orleans war, da er zwei⸗ tauſend vierhundert Livres für Thorheiten aller Art zu verzetteln, zu verthun, zu vergeuden hatte. Aber ganz im Gegenſatz zu Manicamp war Mali⸗ corne furchtbar ehrgeizig. Er liebte aus Ehrgeiz, er verſchwendete aus Ehr⸗ geiz, er hätte ſich aus Ehrgeiz zu Grunde gerichtet. Malicorne war entſchloſſen, um welchen Preis es auch ſein mochte, emporzukommen, und deshalb hatte er ſich, um welchen Preis es auch geſchah, einen Freund und eine Geliebte erworben. Die Geliebte, Fräulein von Montalais, war grauſam gegen ihn hinſichtlich der letzten Gunſtbezeigungen der Liebe; aber ſie war von Adel, und das genügte Malicorne. 3 Der Freund hatte keine Freundſchaft, aber er war der Günſtling des Grafen von Guiche, des Freundes 104 von Monſieur, dem Bruder des Königs, und das ge⸗ nügte Malicorne. Nur, was das Kapital der Auflagen betrifft, koſtete Fräulein von Montalais jährlich: 2 Für Bänder, Handſchuhe und Zuckerwerk tauſend ivres. Manicamp koſtete an dargeliehenem und nie zurück⸗ bezahltem Geld zwölf bis fünfzehnhundert Livres jährlich. Es blieb Malicorne folglich nichts übrig. Ah! doch, wir irren uns, es blieb ihm die väter⸗ liche Kaſſe. Er wundte hiebei ein Verfahren an, über das er das tiefſte Stillſchweigen beobachtete, und das darin „beſtand, daß er ſich ſelbſt aus der Kaſſe des Syndicus eein halbes Dutzend Jahre vorſchoß, wobei er, wohl⸗ verſtanden, ſich ſelbſt ſchwur, das Deſicit zu erſetzen, ſobald ſich die Gelegenheit bieten würde. Die Gelegenheit ſollte die Uebertragung eines ſchönen Amtes in dem Hauſe von Monſieur ſein, wenn Monſteur ſein Haus bei Veranlaſſung ſeiner Heirath einrichten würde. Dieſe Zeit war gekommen, und man ſollte das Haus endlich einrichten. Eine gute Stelle bei einem Prinzen von Geblüt, wenn ſie durch das Anſehen und auf die Empfehlung eines Freundes, wie der Graf von Guiche, verliehen wird, trägt wenigſtens zwölftauſend Livres jährlich ein, und durch die Gewohnheit, welche Malicorne angenommen, ſeine Einkünfte Früchte bringen zu laſſen, erhöhten ſich zwölftauſend Livres auf zwan⸗ zigtauſend. Im Beſitze dieſes Amtes, würde Malicorne ſodann Fräulein von Montalais heirathen; von einer Familie, wo der Adel der Frau auf den Mann überging, würde Fräulein von Montalais nicht nur ausgeſtattet werden, ſondern auch Malicorne adeln. Damit aber Fräulein von Montalais, welche kein —— 1t ——— ... F 105* ⸗ großes ererbtes Vermögen beſaß, anſtändig ausgeſtattet würde, müßte ſie irgend einer hohen Prinzeſſin ange⸗ e hören, welche ebenſo verſchwenderiſch wäre, als die verwitwete Madame geizig war. d Und damit die Frau nicht auf einer Seite wäre, indeß der Mann auf der andern, eine Stellung, welche ⸗ bedeutende Unannehmlichkeiten bietet, beſonders bei Cha⸗ 8 rakteren, wie ſie die zukünftigen Ehegatten hatten, machte Malicorne den Plan, den Mittelpunkt der Vereinigung im Hauſe von Monſteur dem Bruder des Königs feſt⸗ ⸗ 3 zuſtellen. Fräulein von Montalais wäre Ehrenfräulein von r Madame, Herr Malicorne Hausbeamter von Mon⸗ n ſieur. 3 8 Man ſieht, daß der Plan aus einem guten Kopf kam, man ſieht auch, daß er muthig ausgeführt 1, wurde. 4 3 Malicorne bat Manicamp, den Grafen von Guiche 8 um das Patent eines Ehrenfräuleins zu bitten. n Und der Graf bat um dieſes Patent Monſieur, h welcher ohne zu zögern unterzeichnete. Der moraliſche Plan von Malicorne, denn man 6 kann ſich wohl denken, daß die Combinationen eines ſo n thätigen Geiſtes, wie der ſeinige, ſich nicht auf die Ge⸗ d genwart beſchränken, ſondern ſich auf die Zukunft er⸗ n ſtreckten, der moraliſche Plan von Malicorne war fol⸗ d gender:. e Zu Madame Henriette eine ihm ergebene, geiſt⸗ n. reiche, hübſche, junge und intrigante Frau bringen; . durch ſie alle weiblichen Geheimniſſe der jungen Ehe erfahren, während er, Malicorne, und ſein Freund Ma⸗ n nicamp alle männlichen Geheimniſſe der jungen Ge⸗ . meinſchaft durch ſich erfahren würden. 8— Durch dieſe Mittel würde man ein raſches und zu⸗ „— gleich gläͤnzendes Glück erreichen.— . Malicorne war ein garſtiger Name, derjenige, 1 welcher ihn führte, hatte zu viel Geiſt, um ſich dieſe 106 Wahrheit zu verbergen; doch man kaufte ein Gut, und Malicorne von So und So und ſogar Malicorne kurz⸗ weg klang dann ganz adelig im Ohr. Es war nicht unwahrſcheinlich, daß ſich für den Namen Malicorne ein äußerſt ariſtokratiſcher Urſprung finden ließ. Konnte er nicht von einem Gute herkommen, wo ein Stier mit tödtlichen Hörnern ein großes Unglück verurſacht und den Boden mit dem Blute, das er ver⸗ goſſen, getauft hätte?*) Dieſer Plan bot allerdings eine Anzahl von Schwie⸗ rigkeiten; die größte von allen war aber Fräulein von Montalais ſelbſt. Launenhaft, veränderlich, tückiſch, unbeſonnen, aus⸗ gelaſſen, ſpröde, eine mit Klauen bewaffnete Jungfrau, warf ſie zuweilen mit einem Streich ihrer weißen Finger oder mit einem Hauch ihrer lachenden Lippen das Ge⸗ bäude um, zu deſſen Errichtung die Geduld von Mali⸗ corne einen Monat gebraucht hatte. Abgeſehen von der Liebe, war Malicorne glücklich; aber dieſe Liebe, die er zu fühlen ſich nicht beeilen durfte, hatte er ſorgfältig zu verbergen die Stärke, über⸗ zeugt, daß beim geringſten Lockern dieſer Bande, mit denen er ſeinen weiblichen Proteus geknebelt hatte, der Dämon ihn niederwerfen und verhöhnen würde. Er demüthigte ſeine Geliebte durch Geringſchätzung. Brennend vor Begierde, wenn ſie ihm entgegenkam, um ihn zu verſuchen, beſaß er die Kunſt, eiskalt zu ſcheinen, überzeugt, wenn er die Arme öffnete, würde ſie ſeiner ſpottend entfliehen. Montalais glaubte ihrerſeits Malicorne nicht zu lieben, und ſie liebte ihn gerade im Gegentheil. Mali⸗ corne wiederholte ihr ſo oft ſeine Gleichgültigkeitsbe⸗ theurungen, daß ſie am Ende zuweilen daran glaubte, und dann glaubte ſie auch Malicorne zu haſſen. Wollte *) Malicorne: Unglückshorn. — ηέ 2— 107 ſie ihn durch die Coquetterie zurückbringen, ſo machte ſich Malicorne noch mehr coquet, als ſie. Was aber dahin wirkte, daß Montalais an Mali⸗ corne auf eine unauflösliche Weiſe hielt, war der Um⸗ ſtand, daß Malicorne ſtets nach Blois eine Mode, ein Geheimniß, ein Parfum brachte; daß Malicorne nie ein Rendez⸗vous verlangte und ſich im Gegentheil bitten ließ, um die Gunſtbezeigungen anzunehmen, welche zu erlangen er vor Begierde brannte.— Montalais war ihrerſeits nicht karg an Geſchichten. Durch ſie erfuhr Malicorne Alles, was bei der verwit⸗ weten Hoheit vorſiel; und er machte Manicamp Er⸗ zählungen, um ſich darüber zu Tode zu lachen, die dieſer, aus Trägheit ganz gemacht zu Herrn von Guiche brachte, der ſie zu Monſieur trug. So war mit zwei Worten das Gewebe von kleinen Intereſſen und kleinen Verſchwörungen beſchaffen, das Blois mit Orleans und Orleans mit Paris verband, und das nach letzterer Stadt, wo ſie eine ſo große Re⸗ volution zu veranlaſſen beſtimmt war, die arme kleine La Vallière bringen ſollte, die, als ſie ſich ganz freudig im Arm ihrer Mutter umwandte, entfernt nicht vermu⸗ thete, welche ſeltſame Zukunft ihr vorbehalten. Was den guten Malicorne, wir meinen den Herrn Syndicus von Orleans, betrifft, ſo ſah er nicht klarer in der Gegenwart, als die Anderen in der Zukunft, und er vermuthete nicht, wenn er jeden Tag von drei bis fünf Uhr, nach ſeinem Mittageſſen, auf der Place Sainte⸗ Catherine mit ſeinem unter Ludwig XIII. geſchnittenen grauen Nock und ſeinen Tuchſchuhen, worauf dicke Quaſten, ſpazieren ging, daß er es ſei, der all dieſes Gelächter, der alle dieſe heimlichen Küſſe, all dieſes heimliche Gefluſter, all dieſen Bänderkram und alle die hochfahrenden Pläne bezahle, welche eine Kette von fünf und vierzig Meilen vom Schloß von Blois bis zum Palais⸗Royal bildeten. o —— 108 Malicorne reiſte alſo, wie geſagt, ab und ſuchte ſeinen Freund Manicamp auf, der ſich für den Augen⸗ blick in die Stadt Orleans zurückgezogen hatte. Es war dies gerade in der Zeit, wo dieſer junge Herr ſich damit beſchäftigte, daß er das letzte einigermaßen anſtändige Kleid, das ihm blieb, ver⸗ kaufte. 2 Er hatte vierzehn Tage vorher vom Grafen von Guiche hundert Piſtolen erhalten, die einzigen, die ihn in den Stand ſetzen konnten, in's Feld zu ziehen und der engliſchen Prinzeſſin, welche im Hayre eintreffen ſollte, entgegen zu reiſen. Er hatte drei Tage zuvor fünfzig Piſtolen, den Preis für das für Montalais erlangte Patent, von Ma⸗ licorne eingenommen. Und Alles war wieder vergeudet. Da er alſo ſeine Mittel erſchöpft ſah, ſo erwar⸗ tete er nichts mehr, und er beabſichtigte nur noch den Verkauf ſeines ſchönen, ganz geſtickten und mit Poſamenten beſetzten Kleides von Sammet und Tuch, das bei Hof ſo große Bewunderung erregt hatte. Doch um im Stand zu ſein, dieſes Kleid, das letzte, das ihm blieb, wie wir dem Leſer zu geſtehen veranlaßt waren, zu verkaufen, war Manicamp genöthigt, das Bett zu wählen. 3 Kein Feuer mehr, kein Taſchengeld mehr, kein Geld mehr für die Promenade, nichts mehr, als den Schlaf, 6 die Mahle, die Geſellſchaften, die Bälle zu er⸗ etzen. Man hat geſagt: Wer ſchläft, ſpeiſt zu Mittag; aber man hat nicht gefagt: Wer ſchläft, ſpielt, oder: Wer ſchläft, tanzt. In die äußerſte Noth verſetzt, wenigſtens acht Tage lang nicht mehr zu ſpielen oder nicht mehr zu tanzen, war Manicamp alſo ſehr traurig. Er wartete auf einen Wucherer und ſah Malicorne eintreten. Ein Schrei der Herzensangſt entſchlupfte ihm, und 109 er ſagte mit einem Ton, den nichts wiederzugeben ver⸗ möchte: N „Wie! Ihr ſeid es abermals!“ „Gut! Ihr ſeid ſehr artig!“ verſetzte Malicorne. „Ah! ſeht Ihr, ich erwartete Geld, und ſtatt des Geldes kommt Ihr.“ „Und wenn ich Eunch Geld brächte?“ „Ohl dann iſt es etwas Anderes. Seid willkommen, lieber Freund.“ Und er reichte die Hand, nicht der Hand von Ma⸗ licorne, ſondern ſeiner Börſe. 4 Malicorne gab ſich den Anſchein, als täuſchte er ſich hierin, und drückte ihm die Hand. „Und das Geld?“ fragte Manicamp. „Mein theurer Freund, wenn Ihr es haben wollt, verdient es.“ „Was muß ich zu dieſem Ende thun?“ „Es verdienen, bei Gott!“ „und auf welche Art?“ „Ah! das iſt mühſam, ich ſage es Euch zum Voraus.“ 3 „Teufel!“ „Ihr müßt das Bett verlaſſen und auf der Stelle den Herrn Grafen von Guiche aufſuchen.“ „Ich, aufſtehen!“ ſagte Manicamp, während er ſich wollüſtig in ſeinem Bett ſtreckte,„ohl nein.“ „Ihr habt alſo alle Eure Kleider verkauft?“ „Nein, es bleibt mir noch eines, das ſchöͤnſte ſo⸗ gar, doch es wartet auf einen Käufer.“ „Und Hoſen?“ „Mir ſcheint, Ihr ſeht ſie auf dieſem Stuhl. „Nun, da Euch Hoſen und ein Wamms bleiben, zieht das Eine und das Andere an, laßt ein Pferd ſatteln und begebt Euch auf den Weg.“ „Ganz und gar nicht.“ „Warum nicht?“ 110„ „ Alle Teufel! Ihr wißt alſo nicht, daß Herr von Guiche in Etampes iſt?“ E„Nein, ich glaubte, er wäͤre in Paris; Ihr habt ſomit nur fünfzehn Meilen zu machen, ſtatt dreißig.“ „Ihr ſeid zum Entzücken! Wenn ich fünfzehn Meilen„ mit meinem Kleide mache, iſt es nicht mehr benützbar, und ſtatt es um dreißig Piſtolen zu verkaufen, werde ich genöthigt ſein, es um fünfzehn zu geben.“ „Gebt es, für was Ihr wollt, aber ich brauche ein neues Patent für ein Ehrenfräulein.“ „Gut! für wen? Iſt denn die Montalais doppelt?“ „Abſcheulicher Menſch! Ihr ſeid es! Ihr verſchlingt zwei Vermögen: das meinige und das vom Grafen von Guiche“ „Ihr könntet wohl ſagen, das des Herrn Grafen von Guiche und das Eurige. „Ganz richtig, Chre dem Ehre gebührt; doch ich komme auf mein Patent zurück.“ 1 „Und Ihr habt Unrecht.“ „Beweiſt mir das.“ „Mein Freund, es wird nur zwölf Ehrenfräulein für Madame geben; ich habe ſchon für Euch erlangt, was ſich zwoͤlfhundert Frauen ſtreitig machen, und ich mußte hiezu große Diplomatie entwickeln.“ „Ja, ich weiß, daß Ihr heldenmüthig geweſen ſeid, theurer Freund.“ 3 „Man iſt bewandert in den „Wem ſagt Ihr das! Wenn verſpreche ich Euch auch Eines.“ Was? Euch Malicorne I. zu nennen. „Nein, aber Euch zum Oberintendanten meiner Finunden zu machen; doch hierum handelt es ſich nicht.“ „Leider.“ „Es handelt ſich darum, mir eine zweite Anſtellung eines Ehrenfräuleins zu verſchaffen.“ „Mein Freund, und wenn Ihr mir den Himmel Angelegenheiten.“ ich König ſein werde, „„ 111 verſprächet, würde ich mich in dieſem Augenblick nicht in Bewegung ſetzen.“ÄA“ Malicorne ließ die Taſche klingen und erwiederte: „Es ſind hier zwanzig Piſtolen.“ „Mein Gott! was wollt Ihr mit zwanzig Piſtolen machen?“ „Ci!“ ſagte Malicorne ein wenig ärgerlich,„und würde ich ſie nur den fünfhundert beifügen, die Ihr mir ſchon ſchuldig ſeid.“ „Ihr habt Recht,“ ſprach Manicamp, abermals die Hand ausſtreckend,„unter dieſem Geſichtspunkt kann ich ſie annehmen. Gebt.“ „Einen Augenblick Geduld... was Teufels! da⸗ mit iſt nicht Alles abgemacht, daß man die Hand aus⸗ ſtreckt; bekomme ich mein Patent, wenn ich Euch die zwanzig Piſtolen gebe?“ „Allerdings.“ „Bald?“ „Heute.“ „Ohl nehmt Euch in Acht, Herr von Manicamp, Ihr ſeid zu raſch mit Euren Verſprechungen, und ich verlange nicht ſo viel von Euch. Dreißig Meilen an einem Tag, das iſt zu viel, und Ihr würdet Euch da⸗ durch den Tod zuziehen.“ „Um einem Freund gefällig zu ſein, finde ich nichts unmöglich.“ „Ihr ſeid heldenmüthig.“ „Wo ſind die zwanzig Piſtolen?“ 3 „Hier ſind ſie,“ erwiederte Malicorne, indem er ſie zeigte. „Gut.“ 1. „Aber, mein lieber Manicamp, Ihr werdet ſie nur in Poſtpferden aufzehren.“ „Nein, ſeid unbeſorgt.“ „Verzeiht! Fünfzehn Meilen von hier nach Etam⸗ pes.“ „Vierzehn.“ 112 „Es mag ſein; vierzehn Meilen machen ſieben Poſten; zu zwanzig Sous die⸗Poſt ſieben Livres; fieben Courier⸗Livres, vierzehn; eben ſo viel für die Rückkehr, acht und zwanzig; Abendbrod und Nachtlager eben ſo viel; das macht ungefähr ſechzig Livres, die Euch dieſe Gefälligkeit koſten wird.“ 4 1 Manicamp ſtreckte ſich wie eine Schlange in ſeinem Bett aus, heftete ſeine großen Augen auf Malicorne und ſagte: „Ihr habt Recht, ich werde vor morgen nicht zu⸗ rückkommen können.“ Und er nahm die zwanzig Piſtolen. „Sprecht alſo.“ „Da ich erſt morgen zurückkommen kann, ſo haben wir Zeit.“ .„Zeit, was zu thun?“ „Zeit, zu ſpielen.“ „Um was wollt Ihr ſpielen?“ „Um Eure zwanzig Piſtolen, bei Gott!“ „Nein, Ihr gewinnt immer.“ 4 „So wette ich mit Euch darum.“ „Gegen was?“ „Gegen zwanzig andere.“ „Und was wird der Gegenſtand der Wette ſein?“ „Hört. Wir ſagten vierzehn Meilen nach Etampes?“ 4 & „Ja.— „Vierzehn zurück 272 & 74 „Jd. „Folglich acht und zwanzig Meilen.“ „Allerdings.“ „Für dieſe acht und zwanzig Meilen bewilligt Ihr mir wohl vierzehn Stunden?“ „Ich bewillige ſie Euch.“— „Eine Stunde, um den Grafen von Guiche aufzu⸗ ſuchen.“ „Gut.“ —,— 1 den 17 320 1 1 Ihr ifzu⸗ 113 „Und eine, um ihn den Brief von Monſieur ſchrei⸗ ben zu laſſen?“- „Vortrefflich.“ „Sechzehn im Ganzen.“ „Ihr rechnet wie Colbert.“ „Es iſt Mittag.“ „Halb ein Uhr.“ „Ah! Ihr habt eine ſchöne Uhr.“ „Ihr ſagtet,“ ſprach Malicorne, und ſteckte ſeine Uhr wieder in die Hoſentaſche. „Ahl es iſt wahr; ich bot Euch an, zwanzig Pi⸗ ſtolen gegen die zu wetten, welche Ihr mir geliehen habt, daß Ihr den Brief vom Grafen von Guiche be⸗ kommen werdet... binnen. „Binnen?“ „Binnen acht Stunden.“ 2 „Habt Ihr ein geflügeltes Pferd?“ „Das iſt meine Sache. Wettet Ihr immer noch? „Ich ſoll den Brief des Grafen in acht Stunden bekommen?“ „Ja.“ „Unterzeichnet.“ „Ja.“ „In die Hand?“ „Wohll es ſeiz ich wette,“ ſagte Malicorne, neu⸗ gierig, zu erfahren, wie ſein Kleiderverkäufer ſich heraus⸗ ziehen würde. „Iſt das abgemacht?“ „Abgemacht.“ „So gebt mir Feder, Tinte und Papier.“ „Hier.“ „Ah 1 2 Manicamp erhob ſich mit einem Seufzer, ſtützte ſich auf ſeinen linken Ellenbogen und ſchrieb mit ſeiner ſchönſten Handſchrift folgende Zeilen: „„Gut für eine Stelle als Ehrenfräulein von Ma⸗ Die drei Musgueticre. Bragelonne. IV. 8 114„ dame, welche der Herr Graf von Guiche nach Sicht zu erlangen übernehmen wird. „„Von Manicamp.““ Nachdem dieſe mühſame Arbeit vollbracht war,* ſtreckte ſich Manicamp ſeiner ganzen Länge nach wieder aus. 27Nun!“ fragte Malicorne,„was ſoll das bedeu⸗ ten?“ „Das ſoll bedeuten, daß, wenn Ihr Eile habt, den Brief des Grafen von Guiche für Monſieur zu er⸗ halten, meine Wette für mich gewonnen iſt.⸗⸗ „Wie ſo?“ „Das iſt ganz klar, wie mir ſcheint, Ihr nehmt dieſes Papier.“ „Ja.“. 4 „Ihr reiſt an meiner Stelle ab.“ „ „Sor laßt Eure Pferde gehörig laufen.“ „Gut. „In ſechs Stunden ſeid Ihr in Etampes, in ſieben Stunden habt Ihr den Brief des Grafen, und ich habe meine Wette gewonnen, ohne daß ich mich aus meinem Weit. rühre, was mich und wohl auch Euch zufrieden e.** „Manicamp, Ihr ſeid entſchieden ein großer Mann.“. „Ich weiß es wohl.“ „Ich reiſe nach Etampes ab.“ „Ihr reiſt.“* „Ich ſuche den Grafen von Guiche mit dieſer An⸗ weiſung auf.“. „Er gibt Euch eine ähnliche für Monſieur.“ 2* „Ich begebe mich nach Paris.“ 1 „Ihr ſucht Monſieur mit der Anweiſung des Grafen von Guiche auf.“* „Monſieur willigt ein.“ 115 „Auf der Stelle.“ „Ich erhalte mein Patent.“ „Ihr erhaltet es.“ „Ah!“ „Ich hoffe, ich bin artig.“ „Anbetungswürdig.“ „Ich danke.“ „Ihr macht alſo mit dem Grafen von Guiche, was Ihr wollt, mein lieber Manicamp!“ „Alles, das Geld ausgenommen.“ „Teufel! die Ausnahme iſt ärgerlich! Verlangtet Ihr aber, ſtatt Geld von ihm zu verlangen...“ „Was?“ „Etwas Wichtiges!“ „Was nennt Ihr wichtig?“ „Wenn Euch zum Beiſpiel einer von Euren Freun⸗ den um einen Dienſt bäte?“ „So würde ich ihm denſelben nicht leiſten.“ „Selbſtſüchtiger!“ „Oder ich wuͤrde ihn wenigſtens fragen, welchen Dienſt er mir dagegen leiſten werde.“ „Ahl das laſſe ich mir gefallen. Nun! dieſer Freund ſpricht mit Euch.“ „Ihr, Malicorne?“ „SIch.“. „Ah! Ihr ſeid alſo ſehr reich?“ „Ich habe noch fünfzig Piſtolen.“ „Gerade die Summe, die ich brauche. Wo ſind die fünfzig Piſtolen?“ „Hier,“ erwiederte Malicorne, an ſeine Taſche klopfend. „So ſprecht, mein Lieber; was wollt Ihr haben?“ * I Malicorne nahm wieder die Tinte, die Feder und 8 s Papier und reichte Alles Manicamp. „Schreibt,“ ſagte er. „Dictirt.“ „„Gut für eine Stelle im Hauſe von Monſieur. „Hoho!“ machte Manicamp, indem er die Feder in die Höhe hob,„eine Stelle im Hauſe von Monſieur für fünfzig Piſtolen!“* „„Ihr habt ſchlecht gehört, mein Lieber.“ „Wie habt Ihr denn geſagt?“ „Fünfhundert.“.EA „Und die fünfhundert?“. Malicorne zog aus ſeiner Taſche eine Rolle Gold, ſtieß ſie an einem Ende ab und erwiederte: „Hier ſind ſie.“ Manicamp verſchlang die Rolle mit den Augen, diesmal aber hielt ſie Malicorne in der Entfernung. „Ahl was ſagt Ihr dazu? Fünfhundert Piſtolen?“ „Ich ſage, daß Ihr meinen Credit abnutzen wer⸗ det,“ erwiederte Manicamp, während er die Feder wie⸗ der nahm;„dictirt.“— Malicorne fuhr fort: „Die mein Freund der Graf von Guiche von Mon⸗ ſteur für meinen Freund Malicorne erlangen wird.“ 3„Hier,“ ſagte Manicamp.. „Verzeiht, Ihr habt zu unterzeichnen vergeſſen.“ „Ahl es iſt wahr. Die fünfhundert Piſtolen?“ „Hier ſind zweihundert und fünfzig.“ „Und die zweihundert und fünfzig weiteren?“ „Wenn ich meine Stelle habe.“ Manicamp machte eine Grimaſſe und erwiederte: „Dann gebt mir die Empfehlung.“ „Wozu?“ „Um ein Wort beizufügen.“ „Ein Wort?“ „Ja, ein einziges.“ „Welches?“ „Dringend.“ Malicorne gab die Empfehlung zurück; Manicamp fuͤgte das Wort bei. wieder⸗ „Gut!“ ſagte Malicorne und nahm das Papier. Manicamp fing an die Piſtolen zu zählen. „Es fehlen zwanzig,“ ſagte er. „Wie ſo?“ j 1 4 4 Mi⸗ zwanzis⸗ die ich gewonnen habe. —„Wo. „Indem ich mit Euch wettete, Ihr würdet den d Brief des Grafen von Guiche in acht Stunden haben.“* 2„Ganz richtig,“ ſagte Malicorne.. Und er gab ihm die zwanzig Piſtolen. 5 Manicamp nahm das Gold mit vollen Händen und 3 ließ es in Cascaden auf ſein Bett regnen. 2„„Nun,“ murmelte Malicorne, während er ſein Pa⸗ 8 pier trocknen ließ,„das iſt eine Stelle, die von Anfang 8, mehr zu koſten ſcheint, als die erſte, aber...“ Er hielt inne, nahm ebenfalls die Feder und ſchrieb an die Montalais: n⸗ 2„Mein Fräulein, verkündiget Eurer Freundin, ihr Anſtellungspatent werde ihr ohne Verzug zukommen; ich reiſe ab, um es unterzeichnen zu laſſen: ich werde — ſechs und achtzig Meilen aus Liebe für Euch gemacht haben.“ 3 5 Dann mit einem teufliſchen Lächeln in dem unter⸗ brochenen Satz fortfahrend: „Das iſt eine Stelle, die mich von Anfang mehr zu koſten ſcheint, als die erſte; aber... der Nutzen wird, wie ich hoffe, im Verhältniß zur Ausgabe ſtehen ... und Fräulein de la Vallière wird mir mehr ein⸗ tragen, als Fräulein von Montalais, oder... oder » ich will nicht mehr Malicorne heißen. Guten Tag, Manicamp.“ Und er entfernte ſich. — „ XI. Der Hof vom Hotel Grammont. Als Malicorne nach Orleans kam, erfuhr er, der Graf von Guiche ſei nach Paris abgereiſt. Malicorne ruhte zwei Stunden und ſetzte ſeine Reiſe fort. Er kam in der Nacht in Paris an, ſtieg in einem kleinen Gaſthauſe ab, in dem er gewöhnlich bei ſeinen Reiſen nach der Hauptſtadt ſein Quartier nahm, und fand ſich am andern Morgen um acht Uhr im Hotel Grammont ein. 3 Es war Zeit, daß Malicorne ankam. 3 Der Graf von Guiche ſchickte ſich an, von Monſieur Abſchied zu nehmen, ehe er nach dem Havre abging, wo die Elite des franzöſtſchen Adels Madame bei ihrer Ankunft von England einholte. Malicorne nannte den Namen Manicamp und. wurde eingeführt. 3 Der Graf von Guiche war im Hof des Hotel Grammont und beſichtigte ſeine Equipagen, welche Be⸗ reiter und Stallmeiſter an ihm vorüberführen ließen. Der Graf lobte oder tadelte vor ſeinen Handwerks⸗ leuten und ſeinen Dienern die Kleider, die Pferde und die Geſchirre, die man ihm gebracht hatte, als man ihm„ mitten in dieſer wichtigen Beſchäftigung den Namen Manicamp zuwarf. 4 „Manicamp!“ rief er,„er trete ein, er trete ein!“ Und er machte vier Schritte gegen das Hofthor. Malicorne ſchlüpfte durch das halb geoͤffnete Thor herein und ſagte, indem er den Grafen anſchaute, der ſehr erſtaunt war, als er ein unbekanntes Geſicht ſtatt des erwarteten erblickte: der Graf ſelbſt. 119 „Verzeiht, Herr Graf, ich glaube, man hat einen Irrthum begangen: man hat Euch Manicamp ſelbſt ge⸗ meldet und es iſt nur ſein Abgeſandter.“ „Ahl ahl“ machte Guiche, ein wenig abgekühlt, „und Ihr bringt mir?“ „Einen Brief, Herr Graf.“ Malicorne überreichte die erſte Empfehlung und beobachtete das Geſicht des Grafen. Dieſer las und lachte. „Abermals,“ ſagte er,„abermals ein Ehrenfraͤu⸗ lein! Ah! dieſer drollige Manicamp begünſtigt alſo alle Ehrenfräulein von Frankreich!“ Malicorne verbeugte ſich. 6 fen warum kommt er nicht ſelbſt?“ fragte der raf. „Er liegt im Bette.“— „Ah! Teufel! Er hat alſo kein Geld?“ Malicorne zuckte die Achſeln. „Aber was thut er denn mit ſeinem Geld?“ Malicorne machte eine Bewegung, welche beſagen wollte, er wiſſe über dieſen Artikel eben ſo wenig, als 0 „So benütze er ſeinen Credit,“ fuhr Guiche fort. „Ahl ich glaube Eines?“ „Was?“”“ 3 „Manicamp hat nur bei Euch, Herr Graf, Credit.“ „Er wird ſich alſo nicht im Havre einfinden?“ Wieder eine Bewegung von Malicorne. „Das iſt unmöglich, Jedermann wird dort ſein.“ „Herr Graf, ich hoffe, er wird eine ſo ſchöne Ge⸗ legenheit nicht verſäumen.“ „Er müßte ſchon in Paris ſein.“ „Manicamp wird einen kürzeren Weg einſchlagen, um die verlorene Zeit wieder einzuholen.“ „Und wo iſt er?“ „In Orleans.“ „Mein Herr,“ ſagte Guiche ſich verbeugend,„Ihr ſcheint mir ein Mann von gutem Geſchmack zu ſein.“ Malicorne trug das Kleid von Manicamp. Er verbeugte ſich ebenfalls und erwiederte: „Ihr erweiſt mir große Ehre, Herr Graf.“ „Mit wem habe ich das Vergnügen zu ſprechen?“ „Ich heiße Malicorne, Herr Graf.“ „Herr von Malicorne, wie findet Ihr die Holfter von dieſen Piſtolen?“ Malicorne war ein Mann von Geiſt; er begriff die Lage der Dinge. Ueberdies ſtellte ihn das vor ſeinen Namen geſetzte von auf die Höhe von demjenigen, welcher mit ihm ſprach. Er betrachtete die Holfter als Kenner und antwor⸗ tete, ohne zu zögern: „Ein wenig plump, Herr Graf.“ „Ihr ſeht!“ ſprach der Graf zu dem Sattler,„die⸗ ſer Herr, der ein Mann von Geſchmack iſt, findet Eure Holfter plump. Was ſagte ich Euch vorhin?“ Der Sattler entſchuldigte ſich. „Und was haltet Ihr von dieſem Pferd?“ fragte Guiche;„das iſt auch ein Ankauf, den ich gemacht habe.“ „Dem Ausſehen nach ſcheint es mir vortrefflich, doch ich müßte es reiten, um Euch meine Anſicht zu ſagen.“ „Nun, ſo reitet es, Herr von Malicorne, und laßt es einige Male die Schule durchmachen.“ Der Hof des Hotel war in der That ſo beſchaffen, daß er zur Noth als Reitſchule dienen konnte. Ohne verlegen zu werden, nahm Malicorne Stange und Trenſe zuſammen, faßte die Mähne mit der linken Hand, ſtellte ſeinen Fuß in den Steigbügel, ſchwang ſich auf und ſetzte ſich im Sattel feſt. Das erſte Mal ließ er das Pferd die Runde im Hof im Schritt machen.. Das zweite Mal im Trab. Und das dritte Mal im Galopp. —— — 121 Dann hielt er vor dem Grafen an, ſtieg ab und warf die Zügel einem Reitknecht zu. „Nun, was ſagt Ihr dazu, Herr von Malicorne?“ fragte der Graf. „Herr Graf,“ antwortete Malicorne,„dieſes Pferd iſt von mecklenburgiſcher Race. Als ich nachſah, ob das Gebiß gut auf den Stangen aufliege, bemerkte ich, daß es ſieben Jahre alt iſt. Das iſt das geeignete Alter für ein Schlachtroß. Der Vordertheil iſt leicht. Ein Pferd mit plattem Kopf, pflegt man zu ſagen, ermüdet die Hand des Reiters nie. Der Widerriſt iſt ein we⸗ nig nieder. Das Hängen des Kreuzes könnte mich an der Reinheit der deutſchen Race zweifeln laſſen. Es muß engliſches Blut haben. Das Thier iſt gerade auf ſeinem Aplomb; aber es muß im Trab mit den Hinter⸗ eiſen an die Vorderfüße ſtreifen, und es iſt Behutſam⸗ keit beim Beſchlag nothwendig. Es iſt übrigens ge⸗ ſchmeidig und leicht zu behandeln. Bei den Volten und Fußveräͤnderungen habe ich die Huͤlfen fein gefunden.“ „Gut geurtheilt,“ rief der Graf,„Ihr ſeid ein Kenner, Herr von Malicorne!“ Dann den Ankömmling näher beſchauend, ſagte Guiche zu Malicorne: „Ihr habt da ein reizendes Kleid. Ich denke, es kommt nicht aus der Provinz; in Tours oder Orleans arbeitet man nicht in dieſem Geſchmack.“ „Nein, Herr Graf, dieſes Kleid kommt in der That von Paris.“ „Ja, das ſieht man... Doch kehren wir zu un⸗ ſerer Angelegenheit zurück... Manicamp will alſo ein zweites Ehrenfräulein machen?“ „Ihr ſeht, was er Euch ſchreibt, Herr Graf.“ „Wer war die Erſte?“ S Maaliceorne fühlte, wie ihm die Röthe zu Geſicht ſtieg und antwortete haſtig:. l„ECine reizende junge Dame, Fraͤulein von Mon⸗ alais,“ „Ahl ah! Ihr kennt ſie, mein Herr?“ „Ja, es iſt gleichſam meine Braut.“ „Dann iſt es etwas Anderes.. Tauſend Glück⸗ wünſche!“ rief Guiche, auf deſſen Lippen ſchon ein Höf⸗ lingsſcherz ſchwebte, den aber der Titel Braut, wel⸗ chen Malicorne Fräulein von Montalais gab, an die den Frauen ſchuldige Achtung erinnerte. „Und für wen iſt das zweite Patent?“ fragte Guiche.„Für die Braut von Manicamp? Dann be⸗ klage ich ſte. Das arme Mädchen wird einen ſchlimmen Burſchen zum Gatten haben.“.. „Nein, Herr Graf. Das zweite Patent iſt für Fräulein La Baume Le Blanc de la Vallièére.“ „Unbekannt,“ ſagte Guiche. „Unbekannt, ja, Herr Graf,“ ſprach Malicorne lä⸗ chelnd. „Gut! ich werde mit Monſieur ſprechen. Doch ſagt, iſt ſte von Adel?“ „Von ſehr gutem Hauſe. Ehrenfräulein von Ma⸗ dame Witwe.“ „Wollt Ihr mich nun zu Monſieur begleiten?“ „Gern, wenn Ihr mir dieſe Ehre bewilligt.“ „Habt Ihr Euren Wagen?“ „Nein, ich bin zu Pferde gekommen.“ „In dieſem Kleid 20 „Nein, Herr Graf, ich komme von Orleans mit der Poſt und habe mein Reiſekleid mit dieſem gewech⸗ ſelt, um bei Euch erſcheinen zu koͤnnen.“ „Ahl es iſt wahr, Ihr ſagtet mir, Ihr kämet von Orleans.“ Und er ſteckte den Brief, indem er ihn zerknitterte, in ſeine Taſche. 1 „Herr Graf,“ ſprach Malicorne ſchüchtern,„ich glaube, Ihr habi nicht Alles geleſen.“ „Wie, ich habe nicht Alles geleſen?“ „Nein, es waren zwei Billets in demſelben um⸗ ſchlag.“ A „Ahl ahl ſeid Ihr deſſen ſicher?“ „Sehr ſicher.“ Und der Graf öffnete den Umſchlag noch einmal und ſagte:. „Ahl es iſt meiner Treue wahr.“ Dann entfaltete er das Papier, das er nicht geleſen hatte, und ſprach: „Ich vermuthete es, eine andere Empfehlung für eine Stelle bei Monſieur; dieſer Manicamp iſt ein wahrer Abgrund! Ahl der Ruchloſe, er treibt alſo Han⸗ del damit!“ „Nein, Herr Graf, er will ein Geſchenk damit „Mir.“ „Warum ſagtet Ihr mir das nicht ſogleich, mein lieber Herr von Mauvaiſecorne?“ „Malicorne.“ „Ahl verzeiht; das Lateiniſche verwirrt mich. Die verfluchte Gewohnheit der Etymologien! Warum des Teufels läßt man die jungen Leute von Familie Latei⸗ niſch lernen? Mala, mauvaiſe. Ihr begreift, das iſt daſſelbe. Nicht wahr, Ihr verzeiht mir, Herr von Malicorne?“ „Eure Güte rührt mich, Herr Graf, doch das iſt ein Grund, daß ich Ench ſogleich etwas bemerke.“ „Was, mein Herr?“ „Ich bin kein Edelmann: ich habe ein gutes Herz, habe ein wenig Verſtand und heiße Malicorne ſchlecht⸗ weg.“ „Nun wohl!“ ſagte der Graf, indem er das bos⸗ hafte Geſicht des Andern anſchaute,„Ihr macht auf mich die Wirkung eines liebenswürdigen Mannes. Ich liebe Euer Geſicht, Herr Malicorne; Ihr müßt wüthend gute Eigenſchaften beſitzen, daß Ihr dieſem ſelbſtſüchti⸗ gen Manicamp gefallen habt. Sprecht offenherzig, Ihr ſeid ein Heiliger, der auf die Erde herabgeſtiegen.“ „ Warum dies?“ „Alle Wetter! daß er Euch etwas ſchenkt. Habt Ihr nicht geſagt, er wolle Euch ein Geſchenk mit einer Stelle bei Monſieur machen?“ „Verzeiht, Herr Graf, erhalte ich dieſe Stelle, ſo wird er ſie mir nicht geſchenkt haben, ſondern Ihr!“ „Und dann hat er ſie Euch vielleicht nicht ganz umſonſt geſchenkt?“ „Herr Graf!“ „Wartet doch, es gibt einen Malicorne in Orleans. Bei Gott! ſo iſt es! er leiht dem Herrn Prinzen Geld!“ „Ich glaube, das iſt mein Vater.“ „Ahl gut. Der Herr Prinz hat den Vater, und der abſcheuliche Vergeuder Manicamp hat den Sohn. Nehmt Euch in Acht, mein Herr, ich kenne ihn; er wird Euch beim Teufel bis auf die Knochen abnagen.“ „Ich borge nur ohne Intereſſe, Herr Graf!“Y er⸗ wiederte Malicorne lächelnd. „Ich ſagte ja, Ihr ſeid ein Heiliger, oder etwas Aehnliches, Herr Malicorne; Ihr bekommt die Stelle, oder ich will meinen Namen verlieren.“ „Ah! Herr Graf, wie dankbar bin ich Euch!“ rief Malicorne entzückt. „Zum Prinzen alſo, mein lieber Herr Malicorne, gehen wir zum Prinzen.“ Hienach ging Guiche auf die Thüre zu und bedeu⸗ tete Malicorne durch ein Zeichen, er möge ihm folgen. Doch in dem Augenblick, wo ſie über die Schwelle ſchreiten wollten, erſchien auf der andern Seite ein jun⸗ 1 ger Mann. Es war ein Cavalier von vier und zwanzig bis fünf und zwanzig Jahren, mit bleichem Geſicht, dünnen Lippen, glänzenden Augen und braunen Haaren und Augenbraunen. „Ei! guten Morgen,“ ſagte er, während er Guiche raſch gleichſam in das Innere des Hofes zurückſchob. „Ahl Ihr ſeid es, Herr von Wardes, Ihr geſtie⸗ felt und geſpornt und die Reitpeitſche in der Hand.“ 125 „So geziemt es ſich für einen Mann, der nach dem Havre abreiſt. Morgen wird Niemand mehr in Paris ſein.“ 3 Nach dieſen Worten verbeugte ſich der Eintretende ceremoniös vor Malicorne, dem ſein ſchönes Kleid ein fürſtliches Ausſehen verlieh. 8 „Herr Malicorne,“ ſagte Guiche zu ſeinem Freunde. Von Wardes verbeugte ſich abermals. „Sprecht, Wardes,“ fuhr Guiche fort,„ſagt uns, Ihr, der Ihr auf ſolche Dinge lauert, welche Stellen ſind noch bei Hofe oder vielmehr im Hauſe von Monſieur zu vergeben?“ 3 „Im Hauſe von Monſieur,“ erwiederte Wardes, indem er, um zu ſuchen, die Augen zum Himmel auf⸗ ſchlug,„wartet doch, ich glaube die des Oberſtſtall⸗ meiſters.“ „Oh!“ rief Malicorne,„ſprechen wir nicht von ſol⸗ chen Poſten, mein Ehrgeiz geht nicht bis bis zum vier⸗ ten Theil dieſes Rangs.“ Wardes hatte einen mißtrauiſcheren Blick, als Guiche, er errieth Malicorne ſogleich. „Es iſt wahr,“ ſagte er, Malicorne meſſend,„um beſe Stelle einzunehmen, muß man Herzog oder Pair ein.“ „Ich verlange nur eine ſehr beſcheidene Stelle,“ erwiederte Malicorne,„ich bin wenig und überſchätze mich durchaus nicht.“ „Herr Malicorne, den Ihr hier ſeht,“ ſagte Guiche zu Wardes,„iſt ein reizender junger Mann, der nur das Unglück hat, kein Edelmann zu ſein. Doch, Ihr wißt, ich kümmere mich wenig darum, ob man Cdel⸗ mann iſt.“ „Einverſtanden!“ ſprach Herr von Wardes,„aber ich muß Euch nur bemerken, mein lieber Graf, daß man ohne Rang vernünftiger Weiſe nicht auf eine Bedien⸗ ſtung bei Monſieur hoffen kann.“ 8 126 „Es iſt wahr,“ erwiederte der Graf,„die Etiquette iſt ſtreng. Teufel! Teufel! daran dachten wir nicht.“ „Ah! das iſt ein großes Unglück für mich,“ rief Maliidene leicht erbleichend,„ein großes Unglück, Herr ra 44 „Doch es gibt wohl ein Mittel dagegen, wie ich hoffe,“ verſetzte Guiche. „Bei Gott!“ rief Herr von Wardes,„das Mittel iſt gefunden, man macht Euch zum Edelmann, mein lieber Herr. Seine Eminenz der Cardinal Mazarini that nichts Anderes vom Morgen bis zum Abend.“ „Friede! Friede! Wardes,“ ſagte der Graf,„kei⸗ nen ſchlechten Spaß; es geziemt ſich nicht, daß wir unter uns ſo ſcherzen; allerdings läßt ſich der Adel er⸗ kaufen, doch dieſes Unglück iſt groß genug, daß Edel⸗ leute nicht darüber lachen ſollten.“ „Meiner Treue! Du biſt ſehr Puritaner, wie die Engländer ſagen.“ „Der Herr Vicomte von Bragelonne,“ meldete ein Bedienter in den Hof hinein, wie er es in einen Salon gethan hätte. „Ah! lieber Raoul, komm, komm doch. Auch ge⸗ ſtiefelt und geſpornt! Du reiſeſt alſo ebenfalls ab 20 Bragelonne näherte ſich der Gruppe der jungen Männer und grüßte mit der ihm eigenthümlichen ern⸗ ſten, ſanften Miene. Sein Gruß war beſonders an Herrn von Wardes gerichtet, den er nicht kannte, und deſſen Züge, als er Raoul erſcheinen ſah, ſich mit einer beſonderen Kälte bewaffnet hatten. „Mein Freund,“ ſagte er zu Guiche,„ich komme, um Dich um Deine Geſellſchaft zu bitten. Ich denke, wir reiſen nach dem Havre?“. „Ahl das iſt herrlich, das iſt köſtlich! Wir werden eine vortreffliche Reiſe machen! Herr Malicorne, Herr von Bragelonne. Ah! ich ſtelle Dir Herrn von Wardes vor.“ „Die zwei jungen Leute tauſchten eine abgemeſſene ke, en err on ne 127 Begrüßung aus. Dieſe beiden Naturen ſchienen von An⸗ fang an geneigt, ſich gegenſeitig zu bekriegen. Von Wardes war geſchmeidig, fein, gleißneriſch; Raoul ernſt, erhaben, gewandt. „Bringe Wardes und mich in Einklang, Raoul.“ „Worüber?“ „Ueber den Adel.“ „Wer ſoll ſich darauf verſtehen, wenn nicht ein Grammont?“ 2 „Ich verlange von Dir keine Komplimente, ſondern Deine Anſicht.“ „Dann muß ich wenigſtens den Gegenſtand des Streites kennen.“ „Wardes behauptet, man treibe Mißbrauch mit den Titeln; ich behaupte, der Titel ſei für den Menſchen unnöthig.“ „Und Du haſt Recht,“ ſprach Bragelonne mit ru⸗ higem Tone. „Aber ich auch,“ verſetzte Herr von Wardes mit einer gewiſſen Hartnäckigkeit,„ich behaupte auch, daß ich Recht habe.“ „ Was ſagtet Ihr, mein Herr?“ „Ich ſagte, man thue in Frankreich Alles, was nur immer möglich, um die Edelleute zu demüthigen.“ „Wer thut das?“ fragte Raoul. 5 „Der König ſelbſt; er umgibt ſich mit Leuten, welche die Ahnenprobe zu machen nicht im Stande wären.“ 4 „Geht doch,“ rief Guiche,„ich weiß nicht, wo des Teufels Ihr das geſehen habt, Wardes.“ „Ein einziges Beiſpiel,“ ſagte Herr von Wardes. Und er bedeckte Bragelonne ganz mit ſeinem Blick. „Sprich.“ „Weißt Du, wen man zum General Kapitän der Musketiere ernannt hat, eine Stelle, die ſo viel werth iſt, als die Pairie, eine Stelle, die den Vortritt vor den Marſchällen von Frankreich verleiht?“ 3 128 Raoul fing an zu erröthen, denn er ſah, worauf Herr von Wardes abzielte. „Nein; wen hat man dazu ernannt? Es kann je⸗ den Falls noch nicht lange geſchehen ſein, denn vor acht Tagen war die Stelle noch erledigt, ſo daß ſie der Kö⸗ nig Monſieur, der ſie für einen von ſeinen Günſtlingen verlangte, verweigert hat.“ „Nun wohl! mein Lieber, der König hat ſie dem Günſtling von Monſteur verweigert, um ſie dem Cheva⸗ „lier d'Artagnan, einem Junker aus der Gascogne, zu geben, der den Degen dreißig Jahre in den Vorzimmern geſchleppt hat.“ „Verzeiht, mein Herr, daß ich Euch unterbreche,“ ſagte Raouk, indem er Herrn von Wardes einen Bli voll Strenge zuwarf,„mir ſcheint, Ihr kennt denjeni⸗ gen nicht, von welchem Ihr ſprecht.“ „Ich kenne Herrn d'Artagnan nicht! Eil mein Gott, wer kennt ihn denn nicht?“ „Mein Herr,“ entgegnete Raoul mit mehr Ruhe und Kälte,„diejenigen, welche ihn kennen, ſind ver⸗ pflichtet, zu ſagen, daß er, wenn er auch kein ſo guter Edelmann iſt, als der König, was nicht ihm zur La fällt, doch allen Königen der Welt an Muth und Recht⸗ ſchaffenheit gleichkommt. Das iſt meine Meinung, mein Herr, und ich kenne, Gott ſei Dank, Herrn d'Artagnan ſeit meiner Geburt.“ 129 XII. Das Portrait von Madame. Der Streit ſollte bitter werden, das begriff der Graf von Guiche vollkommen.. In dem Blick von Bragelonne lag etwas offenbar Feindſeliges.. 4 In dem von Wardes war etwas wie die Berech⸗ nung eines Angriffs. Ohne ſich von den verſchiedenen Gefühlen, welche ſeine beiden Freunde in Bewegung ſetzten, Rechenſchaft zu geben, beabſichtigte Guiche den Schlag zu pariren, der, wie er fühlte, bald von dem Einen oder dem Andern, oder vielleicht von allen Beiden geführt werden würde. „Meine Herren,“ ſagte er,„wir müſſen uns ver⸗ laſſen, ich muß mich zu Monſteur begeben. Verabreden wir uns.... Du, Wardes, komm mit mir in den Louvre; Du, Raoul, bleibſt der Herr des Hauſes, und da Du der Rath von Allem biſt, was hier geſchieht, ſo wirſt Du einen letzten Blick auf die Vorkehrungen zu meiner Abreiſe werfen.“ Als ein Menſch, der einen Streit weder ſucht, noch fürchtet, machte Raoul mit dem Kopf ein Zeichen der Einwilligung und ſetzte ſich auf eine Bank in der Sonne. „Gut,“ ſprach Guiche,„bleibe hier, Raoul, und laß Dir die Pferde zeigen, die ich gekauft habe, Du wirſt mir Deine Meinung ſagen, denn ich habe ſie nur unter der Bedingung gekauft, daß Du den Handel ra⸗ tiſteireſt. Ah! verzeih, ich vergaß, mich nach dem Be⸗ finden des Herrn Grafen de la Fore zu erkundigen.“ Wäahrend er dieſe Worte ſprach, beobachtete er Die drei Mnskétiere. Bragelonne. W. 9 Herrn von Wardes und ſuchte die Wirkung zu erfor⸗ ſchen, die auf ihn der Name des Vaters von Raoul her⸗ vorbrächte. „Ich danke,“ erwiederte der junge Mann,„der Herr Graf befindet ſich wohl.“ Ein Blick des Haſſes zuckte in den Augen von Wardes. Von Guiche ſchien dieſen düſteren Schimmer nicht zu bemerken; er drückte Raoul die Hand und ſagte zu ihm: 1„Es iſt abgemacht, nicht wahr, Raoul, Du kommſt zu uns in den Hof des Palais⸗Royal?“ Dann hieß er Wardes, der ſich bald auf einem Fuß, bald auf dem anderen wiegte, ihm folgen und ſprach: „Wir gehen, kommt, Herr Malicorne.“ Dieſer Name machte Raoul beben; es kam ihm vor, als hätte er denſelben ſchon einmal ausſprechen hören, doch er konnte ſich nicht erinnern, bei welcher Gelegenheit. Während er, halb träumeriſch, halb aufgebracht durch ſein Geſpräch mit Wardes, ſich zu entſinnen ſuchte, begaben ſich die drei jungen Leute nach dem Palais⸗ Royal, wo Monſieur wohnte. Malicorne begriff zwei Dinge. Einmal, daß die jungen Leute ſich etwas zu ſagen hatten. Sodann, daß er nicht in derſelben Reihe mit ihnen gehen durfte. Er blieb hinten. „Seid Ihr ein Narr?“ ſagte Guiche zu ſeinem Ge⸗ fährten, als ſie einige Schritte außerhalb des Hotel und dies in Gegenwart von Raoul?“ „Nun, und was hernach 2 „Wie, hernach?“ Grammont gemacht hatten,„Ihr greift d'Artagnan an, ³ X 13¹ „Allerdings; iſt es verboten, d'Artagnan anzu⸗ greifen?“ „Ihr wißt aber wohl, daß Herr d'Artagnan den vierten Theil von dem ſo glorreichen und ſo furchtbaren Ganzen gethan hat, was man die Musketiere nennt.“ „Es mag ſein; doch ich ſehe nicht ein, warum mich das abhalten ſoll, Herrn d'Artagnan zu haſſen.“ „Was hat er Euch gethan?“ „Ah! mir nichts.“ „Warum haßt Ihr ihn dann?“ „Fragt den Schatten meines Vaters.“ „In der That, mein lieber von Wardes, Ihr ſetzt mich in Erſtaunen. Herr d'Artagnan iſt keiner von den Menſchen, die eine Feindſchaft hinter ſich laſſen, ohne ihre Rechnung zu bereinigen. Euer Vater war, wie man mir geſagt, ſtets bei der Hand. Es gibt aber keine ſo heftige Feindſchaften, die ſich nicht im Blute eines guten und redlichen Degenſtichs abwaſchen.“ „Was wollt Ihr, lieber Freund? Dieſer Haß be⸗ ſtand zwiſchen meinem Vater und Herrn d'Artagnan; er hat mir, als ich noch ein Kind war, davon erzählt, und es iſt das ein beſonderes Legat, das er mir unter ſeinem Erbe hinterließ.“ „Und dieſer Haß hatte Herrn d'Artagnan allein zum Gegenſtand?“ „Ohl Herr d'Artagnan iſt zu gut mit ſeinen drei Freunden zu einer Maſſe verbunden, als daß die Ueber⸗ fülle nicht auf ſie zurückſpringen ſollte, und glaubt mir, dieſer Haß iſt ſo beſchaffen, daß ſich die Anderen ihrerſeits eintretenden Falls nicht zu beklagen haben werden.“ 3 4 Herr von Guiche hatte die Augen auf Wardes geheftet; er ſchauerte, als er das bleiche Lächeln des jungen Mannes ſah. Etwas wie eine Ahnung machte ſeinen Geiſt beben; er ſagte ſich, die Zeit der gewalti⸗ gen Degenſtiche unter Sdelleuten ſei vorüber, aber der Haß, indem er im Grunde des Herzens austrete, ſtatt 13² ſich nach Außen zu ergießen, ſei nicht minder Haß; das Lächeln ſei oft ſo unheilſchwanger, als die Drohung, und, mitz einem Wort, nach den Vätern, die ſich mit dem Herzen gehaßt und mit dem Arme bekämpft, kä⸗ men die Söhne, die ſich auch mit dem Herzen haſſen, aber nur mit der Intrigue oder dem Verrath bekämpfen . würden. Da es jedoch nicht Raoul war, den er im Verdacht der Intrigue oder des Verraths hatte, ſo bebte der Graf von Guiche für Raoul. Während aber dieſe unheimlichen Gedanken die Stirne von Guiche verdüſterten, war Herr von Wardes wieder völlig Herr ſeiner ſelbſt geworden. „Uebrigens,“ ſagte er,„ubrigens grolle ich Herrn von Bragelonne nicht perſönlich, ich kenne ihn nicht.“ „Jeden Falls vergeßt nicht, Herr von Wardes, daß Raoul mein beſter Freund iſt,“ ſprach Herr von Guiche mit einer gewiſſen Strenge. Von Wardes verbeugte ſich. Das Geſpräch endigte hiebei, obgleich Herr von Guiche alles Mögliche that, um das Geheimniß ſeinem Herzen zu entlocken; Wardes war ohne Zweifel ent⸗ ſchloſſen, nicht mehr zu ſagen, und blieb unerforſchlich. Der Graf von Guiche gedachte ſich mehr Befriedi⸗ gung bei Raoul zu verſchaffen. Mittlerweile kam man in das Palais⸗Royal, das von einer Menge Neugieriger umgeben war. Der Hausſtaat von Monſieur erwartete deſſen Be⸗ fehle, um zu Pferde zu ſteigen und die mit der Einho⸗ lung der jungen Prinzeſſin beauftragten Botſchafter zu geleiten. Dieſes Gepränge von Pferden, Waffen und Livreen glich in jener Zeit, durch den guten Willen der Völ⸗ ker und die Traditionen ehrfurchtsvoller Anhänglichkeit an die Könige, die ungeheuren Ausgaben aus, welche die Steuern decken mußten. Mazarin hatte geſagt: A 4 8—— „Laßt ſie fingen, wenn ſie nur bezahlen.“ Ludwig XIV. ſagte: „Laßt ſie ſehen!“ 3 Der Anblick hatte die Stimme erſetzt: man konnte⸗ noch ſchauen, aber man konnte nicht mehr ſingen. Herr von Guiche ließ Wardes und Malicorne un⸗ ten an der großen Treppe, er aber, der die Gunſt von Monſieur mit dem Chevalier von Lorraine theilte, wel⸗ cher ihm ein freundliches Geſicht machte, ihn jedoch nicht leiden konnte, ging gerade zu Monſieur hinauf. Er fand den jungen Prinzen, der ſich vor dem Spiegel ſchmückte. In einer Ecke des Cabinets lag auf Polſtern aus⸗ geſtreckt der Herr Chevalier von Lorraine; er hatte ſeine langen blonden Haare friſiren laſſen und ſpielte mit denſelben, wie es eine Frau gethan hätte. Der Prinz drehte ſich bei dem Geräuſch der Thüre um und rief, als er den Grafen erblickte: „Ah! Du biſt es, Guiche; komm hierher und ſage mir die Wahrheit.“ „Ja, Monſeigneur, Ihr wißt, daß dies mein Feh⸗ ler iſt.“ „Stelle Dir vor, Guiche, dieſer abſcheuliche Cheva⸗ lier ärgert mich.“ Der Chevalier zuckte die Achſeln. „Wie dies?“ fragte Guiche,„das iſt nicht die Ge⸗ wohnheit des Herrn Chevalier.“ „Er behauptet,“ fuhr der Prinz fort,„Mademoiſelle Henriette ſei ſchöner als Frau, als ich dies als Mann bin.“ „Nehmt Euch in Acht,“ erwiederte Guiche, die Stirne faltend,„Ihr habt Wahrheit von mir verlangt.“ „Ja,“ verſetzte Monſieur, beinahe zitternd. „Nun, ich will ſie Euch ſagen.“ „Beeile Dich nicht,“ rief der Prinz,„Du haſt Zeit, ſchau' mich aufmerkſam an und rufe Madame in Dein Gedächtniß zurück; überdies haſt Du hier ihr Portrait, nimm!“ 134 Und er reichte ihm eine Miniatur von der feinſten Arbeit. Der Graf nahm das Portrait, betrachtete es lange und ſprach ſodann: „Bei meiner Treue, ein anbetungswürdiges Geſicht.4 „Aber ſchau' mich doch auch an, ſchau' mich an,“ rief der Prinz, der die, ganz von dem Portrait in An⸗ ſpruch genommene, Aufmerkſamkeit des Grafen auf ſich zu lenken ſuchte. „Das iſt in der That wunderbar,“ murmelte Guiche. „Sollte man nicht glauben, Du habeſt das kleine Mädchen nie geſehen!“ fuhr Monſieur fort. „Es iſt wahr, Monſeigneur, ich habe die Prinzeſſin geſehen, doch vor fünf Jahren, und es gehen große Veränderungen zwiſchen einem Kind von zwölf Jahren und einer jungen Dame von ſiebenzehn vor.“ „Sprich doch endlich Deine Meinung aus.“ „Meine Meinung iſt, daß der Maler bei dem Por⸗ trait ſehr geſchmeichelt haben muß.“ „Ahl ja wohl, das hat er gewiß gethan,“ ſagte der Prinz triumphirend;„nimm aber an, es ſei nicht geſchmeichelt worden, und ſage mir Deine Meinung.“ „Monſeigneur, Eure Hoheit iſt ſehr glücklich, daß ſie eine ſo reizende Braut hat.“ „Gut, das iſt Deine Anſicht über ſie, doch über mich?“ „Monſeigneur, meine Anſicht iſt, daß Ihr für einen Mann viel zu ſchön ſeid.“ Der Chevalier von Lorraine ſchlug ein lautes Ge⸗ lächter auf. Monſteur begriff, was Alles Strenges für ihn in der Meinung des Grafen von Guiche lag. Er faltete die Stirne und erwiderte: mich „Meine Freunde ſind nicht ſehr wohlwollend gegen * Von Guiche ſchaute abermals das Portrait an, 3 13⁵ nachdem er es aber einige Secunden betrachtet hatte, gab er es mit einer gewiſſen Anſtrengung Monſieur zurück und ſagte: „Monſeigneur, ich mochte entſchieden lieber Eure Hoheit zehnmal, als Madame einmal mehr anſchauen.“ Der Chevalier ſah wohl etwas Geheimnißvolles in dieſen Worten, welche vom Prinzen unbegriffen blieben, denn er rief: „Nunl ſo heirathet doch.“ Monſieur fuhr fort, ſich Schminke aufzulegen; als er damit zu Ende war, ſchaute er abermals das Por⸗ trait an, beſah ſich ſodann im Spiegel und lächelte. Er war ohne Zweifel mit der Vergleichung zu⸗ frieden. „Es iſt übrigens ſehr artig von Dir, daß Du ge⸗ kommen biſt,“ ſagte er zu Guiche,„ich befürchtete, Du dürfteſt abreiſen, ohne von mir Abſchied zu nehmen.“ „Monſeigneur kennt mich zu genau, um zu glau⸗ ben, ich würde eine ſolche Unſchicklichkeit begangen haben.“ „Du haſt wohl etwas von mir zu erbitten, ehe Du Paris verläſſeſt?“ „Eure Hoheit hat richtig errathen, ich habe ihr ein Geſuch vorzutragen.“ „Gutl ſprich.“. Der Chevalier von Lorraine wurde ganz Auge und Ohr; es kam ihm vor, als wäre jede Gnade, die ein Anderer erhielt, ein Diebſtahl, den man an ihm be⸗ gangen. 5 Und als Guiche zögerte, fragte der Prinz: 5 „Verlangſt Du Geld? Das käme vortrefflich, ich bin ſehr reich; der Herr Oberintendant der Finanzen hat mir fünfzig tauſend Piſtolen zuſtellen laſſen.“ 6 ldr3 danke Eurer Hoheit, es handelt ſich nicht um e.44 „Um was handelt es ſich denn?“ „Um ein Patent für ein Chrenfräulein.“ „Teufel, was für einen Protector ſpielſt Du 136 Guiche,“ ſagte der Prinz mit Verachtung,„wirſt Du immer nur von Weibsbildern ſprechen?“ Der Chevalier von Lorraine lächelte: er wußte, daß man Monſieur mißſiel, wenn man Damen protegirte. „Monſeigneur,“ erwiederte der Graf,„ich prote⸗ gire nicht unmittelbar die Perſon, von der ich ſpreche, ſondern einer meiner Freunde.“ „Ahl das iſt etwas Anderes; und wie heißt der Schützling Deines Freundes?“ „ Fräulein La Baume le Blanc de la Vallière, ſchon Ehrenfräulein von Madame Witwe.“ „Pfui! eine Hinkende!“ rief der Chevalier von Lor⸗ raine, indem er ſich auf ſeinem Kiſſen ausſtreckte. „Eine Hinkende?“ wiederholte der Prinz,„Ma⸗ dame ſollte das unter den Augen haben? meiner Treue, das wäre zu gefährlich für ihre Schwangerſchaften. 41 Der Chevalier von Lorraine brach in ein ſchallen⸗ des Gelächter aus. „Herr Chevalier,“ ſagte Guiche,„was Ihr da thut, iſt nicht edelmüthig: ich ſuche um etwas an, und Ihr ſchadet mir.“ „Ahl verzeiht, Herr Graf,“ erwiederte der Cheva⸗ lier, den der Ton beunruhigte, mit welchem der Graf ſeine Worte ausgeſprochen hatte,„es war das nicht meine Abſicht und ich glaube, daß ich das Fräulein mit einer anderen jungen Dame verwechſele.“ „Gewiß, ich verſichere Euch, daß Ihr verwechſelt.“ „Sprich, Guiche, iſt Dir hieran gelegen?“ fragte der Prinz. „Sehr viel, Monſeigneur.“ „Bewilligt alſo, doch verlange kein Patent mehr, es iſt keine Stelle mehr offen.“ „Ah!“ rief der Chevalier,„ſchon Mittag, das iſt die für die Abreiſe beſtimmte Stunde.“ „Ihr jagt mich fort, mein Herr?“ fragte Guiche. „Ohl Graf, wie mißhandelt Ihr mich heute!“ antwortete der Chevalier mit gleißneriſchem Tone. 137 „Um Gottes willen! Graf, um Gottes willen, Che⸗ valier,“ rief Monſieur,„zankt Euch nicht ſo; ſeht Ihr nicht, daß mir das peinlich iſt?“ 3 „Die Unterſchrift?“ fragte Guiche. „Nimm ein Patent aus dieſer Schublade und gib es mir.“ Guiche nahm das bezeichnete Patent mit einer Hand und reichte mit der andern Monſieur eine in die Tinte getauchte Feder. Der Prinz unterzeichnete. 3 „Hier,“ ſagte er, indem er ihm das Papier zurück⸗ gab,„doch das geſchieht unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Du mit dem Chevalier Frieden machſt.“ „Gern,“ erwiederte Guiche. Und er reichte dem Chevalier die Hand mit einer Gleichgültigkeit, die der Verachtung glich. „Geht, Graf,“ ſagte der Chevalier, ohne daß er die Verachtung des Grafen zu bemerken ſchien,„geht und bringt uns eine Prinzeſſin, die nicht zu viel mit ihrem Portrait ſchwatzt.“ „Ja, reiſe ab und beeile Dich... Doch ſage, wen nimmſt Du mit?“ „Bragelonne und von Wardes.“ „Zwei muthige Gefährten.“ „Zu muthig,“ ſagte der Chevalier;„ſeid bemüht, ſie Beide zurückzubringen, Graf.“ 4 „Garſtiges Herz,“ murmelte Guiche;„er wittert das Schlimme überall und vor Allem.“ Dann verbeugte er ſich vor Monſieur und ging ab. Als er unter das Vorhaus kam, hob er das unter⸗ zeichnete Patent in die Luft. Malicorne ſtürzte darauf los und empfing es zit⸗ ternd vor Freude. achdem er es aber empfangen hatte, bemerkte der Graf von Guiche, daß er noch etwas erwartete. „Geduld, mein Herr, Geduld,“ ſagte er zu ſeinem 138 Clienten,„der Herr Chevalier war da, und ich befürch⸗ tete zu ſcheitern, wenn ich mir zu viel auf einmal er⸗ bitten würde. Wartet alſo bis zu meiner Rückkehr.“ „Gott befohlen, Herr Graf, tauſend Dank,“ erwie⸗ derte Malicorne. 3 „Und ſchickt mir Manicamp. Doch ſagt, mein Herr, iſt es wahr, daß Fräulein de la Vallière hinkt?“ In der Secunde, wo er dieſe Worte ſprach, hielt ein Pferd hinter ihm an. Er wandte ſich um und ſah Bragelonne, der ge⸗ rade in den Hof einritt, erbleichen. Der arme Liebhaber hatte gehört. Nicht dasſelbe war bei Malicorne der Fall, der ſich ſchon außer dem Bereiche der Stimme befand. „Warum ſpricht man hier von Louiſe?“ ſagte Raoul zu ſich ſelbſt;„oh! dieſer Wardes, der dort lächelt, ſoll es ſich nie einfallen laſſen, ein Wort von ihr in meiner Gegenwart zu reden.“ „Vorwärts, vorwärts, meine Herren,“ rief der Graf von Guiche. In dieſem Augenblick erſchien der Prinz, deſſen Toilette beendigt war, am Fenſter. Die ganze Escorte begrüßte ihn durch lauten Zu⸗ ruf, und zehn Minuten nachher flatterten Banner, Schärpen und Federn nach der Wellenbewegung des Galoppes der Roſſe. 1 XIII. Im Havre. Der ganze, ſo glänzende, ſo muntere, von ſo ver⸗ ſchiedenen Gefühlen belebte Hof kam vier Tage nach ſeinem Abgange von Paris im Havre an. Es fand dies gegen fünf Uhr Abends ſtatt und man hatte noch keine Nachricht von Madame. Man ſuchte Wohnungen; von da an aber entſtand große Verwirrung unter den Herren, gab es große Händel unter den Lackeien. Mitten unter dieſem gan⸗ zen Gewirre glaubte der Graf von Guiche Manicamp zu erkennen. 3 Er war in der That eingetroffen; doch da ſich Malicorne ſein ſchönſtes Kleid beigelegt, ſo hatte er nur einen mit Silber geſtickten Anzug von veilchenblauem Sammet wiederzukaufen finden können. Guiche erkannte ihn ſowohl an ſeinem Kleid, als an ſeinem Geſicht. Er hatte ſehr oft dieſes Kleid, ſein letztes Mittel, an Manicamp geſehen. Manicamp erſchien vor dem Grafen unter einem Gewölbe von Fackeln, welche die unfern vom Thurme von Franz I. liegende Pforte, durch die man in das Havre gelangt, mehr entzündeten, als beleuchteten. Als der Graf das betrübte Geſicht von Manicamp ſah, konnte er ſich des Lachens nicht erwehren. „Eil mein armer Manicamp,“ ſagte er,„wie veil⸗ chenblau ſiehſt du aus.. Du biſt alſo in Trauer?“ „ Ja, ich bin in Trauer,“ antwortete Manicamp. „um wen oder um was?“ „Um mein verſchwundenes blaues, mit Gold ge⸗ ſticktes Kleid, an deſſen Stelle ich nur dieſes gefunden — habe, und ich mußte noch tüchtig ſparen, um es wieder⸗ zukaufen.“ „Wahrhaftig?“ „Wundere Dich, bei Gott! hieruͤber! Du läſſeſt„ mich ohne Geld.“ „Nun biſt Du hier, und da iſt die Haupiſache. 44 „Auf abſcheulichen Straßen.“ „Wo haſt Du Dich einquartiert?“ „Einquartiert?“ „Ja. u „Ich habe mich nicht einquartiert.“ Von Guiche lachte. „Wo wirſt Du dann wohnen?“ „Wo Du wohnſt.“ „Dann weiß ich es nicht.“ „Wie, Du weißt es nicht?“ „Wie ſoll ich wiſſen, wo ich wohnen werde?“ „D Vat alſo keine Wohnung beſtellt?“ ch? 41 2 „Du oder Monſieur?“ 8 „Wir dachten weder der Eine noch der Andere daran. Das Havre iſt groß, meine ich, und wenn es nur einen Stall für zwoͤlf Pferde und ein anſtändiges 4 Haus in einem guten Quartier gibt...“ „Es gibt ſehr anſtändige Haͤuſer.“ „Nun, dann.. 3 „Aber nicht für uns.“* „Wie, nicht für uns! Für wen denn?“ „Füͤr die Engländer, bei Gott!“ „Für die Engländer?“* „Jo, ſie ſind alle gemiethet.“ „Durch wen?“ „Durch Herrn von Buckingham. 4 „Wie beliebt?“ fragte Guiche, der b i dieſem das Ohr ſpitzte. „Ja wohl, mein Lieber, durch Herrn ham. Seine Herrlichien hat einen Courrier. — 141 ſchickt; dieſer Courrier iſt vor drei Tagen angekommen und hat alle taugliche Wohnungen, die ſich in der Stadt fanden, gemiethet.“ 8„ Sprich, Manicamp, verſtändigen wir uns.“ ſeſt„„Mir ſcheint, was ich Dir ſage, iſt klar.“ „Was Teufels, Herr von Buckingham nimmt doch nicht das ganze Havre ein?“ „Er nimmt es allerdings nicht ein, da er noch nicht gelandet iſt, ſobald er ſich aber ausgeſchifft hat, wird er es einnehmen.“ „Hol ho!⸗ „Man ſieht wohl, daß Du die Engländer nicht kennſt... ſie haben die Wuth, Alles aufzukaufen.“ „Gut, aber ein Menſch, der ein ganzes Haus hat, begnügt ſich damit, und nimmt nicht zwei.“ „Ja, doch zwei Menſchen.“ „Es ſei, zwei Häuſer; vier, ſechs, zehn, wenn Du willſt; es gibt aber hundert Häuſer im Havre.“ „Nun, dann ſind alle hundert gemiethet.“ „Unmoͤglich.“ „Wie hartnäckig Du biſt... wenn ich Dir ſage, ere daß Herr von Buckingham alle Häuſer gemiethet hat, es die das umgeben, wo Ihre Majeſtät die Königin Witwe ges von England und die Prinzeſſin ihre Tochter abſteigen ſollen.“— „Ah! das iſt denn doch ſonderbar!“ rief Herr von Wardes, den Hals ſeines Pferdes ſtreichelnd. „ So iſt es, mein Herr.“ „Ihr ſeid deſſen ſicher, Herr von Manicamp 2“ Während er ſo ſagte, ſchaute Wardes heimlich Herrn von Guiche an, als wollte er ihn befragen, wel⸗ ches Vertrauen man den Worten ſeines Freundes ſchen⸗ ken koͤnnte. Mittlerweile war es Nacht geworden, und die Fackeln, die Pagen, die Lackeien, die Stallmeiſter, die Pferde und die Wagen verſperrten das Thor und den Platz; die Fackeln ſpiegelten ſich in dem Kanal, den die 1 142 1 ſteigende Fluth füllte, indeß man jenſeits des Hafen⸗ u. damms tauſend neugierige Geſichter von Matroſen und n. Bürgern erblickte, welche nichts von dem Schauſpiel zu verlieren ſuchten. Wäͤhrend aller dieſer Zögerungen hielt ſich Brage⸗„ H lonne, als wäre er der ganzen Sache fremd, ein wenig hinter Herrn von Guiche, betrachtete die Spiele des N Lichtes im Waſſer und athmete zugleich mit Wonne den Salzgeruch der Welle ein, welche geräuſchvoll über P die Dünen, die Strandſteine und das Meergras hinrollt ſch und der Luft ſeinen Schaum, dem Raum ſein Toſen S zuſchleudert. de „Aber welchen Grund hat Herr von Buckingham, ſich dieſen Vorrath von Wohnungen zu verſchaffen?“ rief ſer der Graf von Guiche. ni „Ja,“ fragte Herr von Wardes,„welchen Grund hat er?“ „Ohl einen vortrefflichen,“ erwiederte Manicamp. „Kennſt Du ihn?“ ge „Ich glaube ihn zu kennen.“ „So ſprich.“ r „Neige Dich.“ äg „Teufel, das läßt ſich nur leiſe ſagen?“ 8 Bu „Du wirſt es ſelbſt beurtheilen.“ 4 „Gut.“ 8 Herr von Guiche neigte ſich. we „Die Liebe,“ fagte Manicamp. „Ich begreife nicht.“ „Sage, Du begreifeſt noch nicht.“ für „Erkläre Dich.“ Se „Nun wohl! man behauptet als gewiß, Herr Graf, S. K. H. Monſieur werde der unglücklichſte Chemann ſein.“ nig „Wie, der Herzog von Buckingham?“ 3 „Dieſer Name bringt den Prinzen des Hauſes Frankreich Unglück.4 KChe „Der Herzog iſt alſo †““ „Wie man verſichert, in die junge Madame verlieht ris * 143 und möchte gern, daß ſich außer ihm Niemand ihr nähere.“ Guiche erröthete. „Gut, gut, ich danke,“ ſagte er, Manicamp die Hand drückend. Dann richtete er ſich wieder auf und ſprach zu Manicamp: „Um der Liebe Gottes willen, mache, daß dieſer Plan des Herzogs von Buckingham nicht zu franzöͤſi⸗ ſchen Ohren gelangt, Manicamp, oder es werden in der Sonne dieſes Landes Schwerter glänzen, welche vor dem engliſchen Schlag nicht bange haben.“ „Im Ganzen iſt dieſe Liebe für mich nicht bewie⸗ ſen und kann nur ein Mährchen ſein,“ bemerkte Ma⸗ nicamp.. „Nein, es muß eine Wahrheit ſein,“ ſprach der Graf von Guiche. Und unwillkührlich preßten ſich die Zähne des jun⸗ gen Mannes an einander. „Nun! was kümmere ich mich, was kümmerſt Du — Dich am Ende darum, wenn Monſieur iſt, was der ſe⸗ lige König war? Buckingham Vater für die Königin, Buckingham Sohn für die junge Madame,“ „Manicamp! Manicamp!* 3 „Eil was des Teufels, das iſt eine Thatſache, oder wenigſtens eine Sage!“ „Stille!“ ſprach der Graf. 3 „Und warum ſtille?“ ſagte Wardes,„das iſt eine für die franzöſiſche Nation ſehr ehrenvolle Thatſache. Seid Ihr nicht meiner Anſicht, Herr von Bragelonne?“ „Welche Thatſache?“ fragte Raoul zerſtreut. „Daß die Engländer ſo der Schönheit unſerer Kö⸗ niginnen und Prinzeſſinnen huldigen.“ „Verzeiht, ich habe an dem, was man ſpricht, nicht eil genommen und bitte Euch um eine Erklärung.“ „ Hoͤret: Herr von Buckingham Vater mußte nach Pa⸗ ris kommen, daß Seine Majeſtät Konig Ludwig XIII. he⸗ 144 merkte, ſeine Frau ſei eine der ſchönſten Perſonen des franzöſiſchen Hofes; nun muß Herr von Buckingham Sohn durch die Huldigung, die er ihr darbringt, aber⸗ mals die Schönheit einer Prinzeſſin von franzöſiſchem Blut einweihen. Eine überſeeiſche Liebe eingeflößt ha⸗ ben wird fortan ein Schönheitspatent ſein.“ „Mein Herr,“ erwiederte Bragelonne,„ich höre nicht gern über ſolche Materien ſcherzen. Wir Edel⸗ leute ſind die Hüter der Ehre der Königinnen und Prinzeſſinnen. Spotten wir über ſie, was werden dann die Lackeien thun?“ „Ho! ho! mein Herr,“ rief Wardes, der bis über die Ohren erröthete,„wie ſoll ich das nehmen?“ „Nehmt es, wie es Euch beliebt,“ antwortete Bra⸗ gelonne mit kaltem Tone. „Bragelonne, Bragelonne,“ murmelte Guiche. „Herr von Wardes,“ rief Manicamp, als er ſah, daß der junge Mann ſein Pferd gegen Raoul anſprengte. „Meine Herren,“ ſprach Guiche,„gebt nicht vor dem Volke auf der Straße ein ſolches Beiſpiel; Wardes, Ihr habt Unrecht.“ „Unrecht! Worin frage ich Euch?“ „Darin, daß Ihr ſtets Schlimmes von Etwas oder von Jemand ſprecht,“ antwortete Raoul mit ſeiner un⸗ ſtörbaren Kaltblütigkeit. „Seid nachgiebig, Raoul,“ flüſterte Guiche Brage⸗ 5 lonne zu. „Und ſchlagt Euch nicht, ehe Ihr ausgeruht habt,“ rief Manicamp. 3„Auf! auf!“ ſagte Guiche,„vorwärts, meine Her⸗ ren, vorwärts!“ Hienach ſchob er Pferde und Pagen beiſeit und bahnte ſich mitten durch die Menge einen Weg auf den Platz, wohin ihm der ganze Cortege der Franzoſen nachzog. A. Ein großes Thor, das in einen Hof ging, ſtand offen; Guiche ritt in dieſen Hof ein; Bragelonne⸗ 145 Wardes, Manicamp und drei bis vier andere Edelleute folgten ihm. Hier wurde eine Art von Kriegsrath gehalten; man berathſchlagte über das Mittel, das man anwenden ſollte, um die Würde der franzöſiſchen Ambaſſade zu retten. Bragelonne trug darauf an, daß man das Priori⸗ tätsrecht achte. 3 Wardes ſchlug vor, die Stadt zu ſtürmen. Dieſer Vorſchlag kam Manicamp etwas lebhaft vor. Er trug darauf an, daß man zuerſt ſchlafe; das war das Vernünftigſte.— Leider fehlten, um ſeinen Rath zu befolgen, nur zwei Dinge: Ein Haus und Betten. Der Graf von Guiche träumte eine Zeit lang und ſprach dann mit lauter Stimme: „Wer mich liebt, folge mir.“ „Die Leute auch?“ fragte ein Page, der ſich der Gruppe genähert hatte.. „Jedermann,“ rief der ſtürmiſche junge Mann. „Vorwärts, Manicamp, führe uns in das Haus, das Ihre Hoheit Madame bewohnen ſoll.“ Ohne etwas von den Plänen des Grafen zu er⸗ rathen, folgten ihm ſeine Freunde, geleitet von einer Menge Volks, deſſen freudiger Zuruf ein glückliches Vorzeichen für das unbekannte Vorhaben war, das dieſe glühende Jugend ausführte. 3 Der Wind blies geräuſchvoll und toſte in heftigen Stößen vom Hafen herein. 146 XIV. Auf der See. Der Tag brach etwas ruhiger an, obgleich der Wind immer noch wehte. Die Sonne war indeſſen in einem Bett von rothen Wolken aufgegangen, welche die blutigen Strahlen auf dem Kamme ſchwarzer Wolken abſchnitten. Gegen eilf Uhr Morgens wurde ein Schiff ſigna⸗ liſirt: dieſes Schiff kam mit vollen Segeln, zwei an⸗ dere folgten ihm in einer Entfernung von ungefähr ei⸗ nem halben Knoten. Sie kamen wie Pfeile, abgeſchoſſen von einem kräf⸗ tigen Schützen, und die See ging doch ſo hoch, daß die Schnelligkeit ihres Laufes nichts den ſchwankenden Bewegungen benahm, welche die Schiffe bald auf die rechte, bald auf die linke Seite legten. Bald machten die Form der Schiffe und die Farbe der Wimpel die engliſche Flotte kenntlich; voran ſegelte mit der Admiralitätsflagge das Fahrzeug, auf dem ſich die Prinzeſſin befand. Socogleich verbreitete ſich das Gerücht, die Prinzeſſin komme an. Der ganze franzöſiſche Adel eilte an den Hafen; das Volk begab ſich auf die Quais und auf die Damme. 1 Nach zwei Stunden hatten die nachfolgenden Schiffe das Admiralsſchiff eingeholt, und alle drei gingen, da ſie es ohne Zweifel nicht wagten, in die enge Ein⸗ fahrt des Hafens einzulaufen, zwiſchen dem Hayre und der Hève vor Anker. Sobald dieſes Manoeuvre beendigt war, S das Admiralsſchiff Frankreich mit zwölf Kanonenſ üſſe 3 * ste en 147 welche ihm Schuß für Schuß vom Fort Franz I. er⸗ wiedert wurden. Sogleich wurden hundert Barken ausgeſetzt; ſie waren mit reichen Stoffen geſchmückt und beſtimmt, die franzöſiſchen Edelleute bis zu den ankernden Schiffen zu führen. Wenn man ſie aber nun im Hafen gewaltig ſchau⸗ keln ſah, wenn man ſah, wie ſich jenſeits der Dämme die Wellen bis zu Bergen erhoben und ſich am Ufer mit einem furchtbaren Toſen brachen, ſo begriff man, keine von dieſen Barken würde auch nur den vierten Theil der Strecke erreichen, die ſie zu durchlaufen hatte, um, ohne umzuſchlagen, zu den Schiffen zu gelangen. Ein Lootſenſchiff ſchickte ſich jedoch trotz Wind und Meer an, aus dem Hafen auszulaufen, um ſich zur Ver⸗ fügung des engliſchen Admirals zu ſtellen. Herr von Guiche ſuchte unter allen dieſen Barken ein Fahrzeug, das, etwas ſtärker als die andern, ihnen Hoffnung gäbe, die engliſchen Schiffe zu erreichen, als er den Lootſen ſich ſegelfertig machen ſah. „Raoul,“ ſagte er,„findeſt Du nicht, daß es für verſtändige und ſtarke Leute, wie wir ſind, ſchmäͤhlich iſt, vor dieſer rohen Gewalt des Windes und des Waſſers zurückzuweichen?“ „Das iſt die. Betrachtung, die ich gerade leiſe an⸗ ſtellte,“ antwortete Bragelonne. „Nun? wollen wir dieſes Schiff beſteigen und vor⸗ wärts ſegeln? willſt Du, Wardes?“ „Nehmt Euch in Acht, Ihr werdet ertrinken,“ ſagte Manicamp.* „Und zwar um nichts und wieder nichts,“ erwie⸗ derte Wardes,„in Betracht, daß Ihr mit dem widrigen Wind, wie Ihr ihn haben werdet, nie zu den Schiffen kommt.“ „Du weigerſt Dich alſo?“ „Meiner Treue ja; gern würde ich das Leben in einem Kampf gegen Menſchen verlieren,“ ſagte er Brage⸗ 148 lonne ſchief anſchauend,„aber mich mit dem Ruder ge⸗ gen die Wellen zu ſchlagen, dazu habe ich nicht die ge⸗ ringſte Luſt.“ „Und ich,“ ſagte Manicamp,„käme ich auch bis zu den Schiffen, ſo müßte ich doch befürchten, das einzige anſtändige Kleid zu verlieren, das mir noch bleibt; das Salzwaſſer ſpritzt zurück und befleckt.“ „Du weigerſt Dich alſo auch?“ rief Herr von Guiche. „„Ganz und gar, das glaube mir, und zwar eher zweimal als einmal.“ „Aber ſeht doch,“ rief Guiche,„ſieh doch, Mani⸗ camp, ſieh doch, Wardes: dort vom Hintertheil des Ad⸗ miralsſchiffes ſchauen die Prinzeſſinnen nach uns.“ „Ein Grund mehr, um nicht ein lächerliches Bad zu nehmen.“— „Iſt das Dein letztes Wort, Manicamp?“ Ja.“ Iſt das Dein letztes Wort, Wardes?“ „Ja.“ „Dann werde ich allein gehen.“ 3 „Nein,“ rief Raoul,„ich gehe mit Dir, mir ſcheint, das iſt eine abgemachte Sache.“ Frei von jeder Leidenſchaft, dieſes Wagniß kaltblü⸗ tig ermeſſend, ſah Raoul wohl die dräuende Gefahr, 2 2 doch er ließ ſich gerne hinreißen, etwas zu thun, wovor Wardes zurückwich. Das Schiff ſetzte ſich in Bewegung; Guiche rief dem Lootſen. „Holla! Barke,“ ſagte er,„wir brauchen zwei Plätze.“ Und er wickelte fünf bis ſechs Piſtolen in ein Stückchen Papier und warf ſie vom Quai aus in das Fahrzeug. „Es ſcheint, wir haben nicht bange vor dem Salz⸗ waſſer, meine jungen Herren,“ ſagte der Patron. 149 „Wir haben vor nichts bange,“ antwortete der Graf von Guiche. „Dann kommt, meine edlen Herren!“ Der Lootſe näherte ſich dem Ufer, und mit gleicher Leichtigkeit ſprangen die zwei jungen Leute einer nach dem andern in das Schiff. „Auf, Muth, meine Kinder!“ rief Guiche,„es ſind noch zwanzig Piſtolen in dieſer Boͤrſe, erreichen wir das Admiralsſchiff, ſo gehören ſie Euch.“ Sogleich bückten ſich die Ruderer unter ihren Ru⸗ dern, und die Barke ſprang auf der Höhe der Wogen. Jedermann nahm Antheil an der ſo gewagten Fahrt; die Bevölkerung des Havre drängte ſich auf den Ha⸗ fendämmen; es gab keinen Blick, der nicht für die Barke war. Zuweilen blieb das ſchwache Fahrzeug wie aufge⸗ hängt an den ſchäumenden Kämmen, dann glitt es plötz⸗ lich in die Tiefe eines toſenden Abgrundes und ſchien verſunken. Nichtsdeſtoweniger gelangte es nach einem Kampfe von einer Stunde in das Waſſer des Admiralsſchiffes, von dem ſich ſchon zwei Boote, beſtimmt, ihm zu Hülfe zu kommen, losmachten. Auf dem Hintereaſtell des Admiralsſchiffes, beſchützt durch ein Zelt von Sammet und Hermelin, das von mächtigen Schleifen gehalten wurde, ſchauten Madame Henriette Witwe und die junge Madame, die den Ad⸗ miral Grafen von Norfolk bei ſich hatten, nach der bald zum Himmel hinaufgehobenen, bald zur Hölle hinabgeriſſenen Barke, an deren düſterem Segel, wie zwei leuchtende Erſcheinungen, die edlen Geſtalten der zwei franzöſiſchen Edelleute glänzten. Auf die Schanzkleidung geſtützt und in den Strick⸗ wänden hängend, klatſchte die Mannſchaft dem Muthe ſen und der Kraft der Matroſen Beifall. dieſer zwei Unerſchrockenen, der Geſchicklichkeit des Loot⸗ 15⁵0 Bei ihrer Ankunft an Bord wurden ſie mit einem Triumphgeſchrei empfangen. Der Graf von Norfolk, ein ſchöner Mann von ſechs und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, ging ihnen, entgegen. 3 Der Graf von Guiche und Bragelonne ſtiegen leicht die Treppe des Steuerbords hinauf, und geführt von dem Grafen von Norfolk, der wieder ſeinen Platz bei ihnen einnahm, begrüßten ſie die Prinzeſſinnen. Die Ehrerbietung und beſonders eine gewiſſe Furcht, von der er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, hatten bis jetzt den Grafen von Guiche abgehalten, die junge Madame aufmerkſam anzuſchauen.. Dieſe hatte ihn im Gegentheil gleich Anfangs aus⸗ gezeichnet und ihre Mutter gefragt: 1 „Iſt es nicht Monſieur, den wir auf jener Barke erblicken?“ Madame Henriette, die Monſieur beſſer als ihre Tochter kannte, lachte bei dieſem Irrthum ihrer Eitel⸗ keit und erwiederte: „Nein, es iſt nur Herr von Guiche, ſein Liebling.“ Bei dieſer Antwort war die Prinzeſſin genöthigt, das inſtinktartige, durch die Kühnheit des Grafen her⸗ vorgerufene Wohlwollen zu unterdrücken. In dem Augenblick, wo die Prinzeſſin dieſe Frage that, war es, daß Guiche, der endlich die Augen gegen ſie aufzuſchlagen wagte, das Original mit dem Portrait vergleichen konnte. 6 Als er dieſes bleiche Geſicht, dieſe belebten Augen, dieſe bewunderungswürdigen kaſtanienbraunen Haare und dieſe ſo unendlich königliche Geberde ſah, die zugleich zu danken und zu ermuthigen ſchien, wurde er von einer ſo heftigen Gemüthsbewegung ergriffen, daß er ohne Raoul, der ihm ſeinen Arm bot, gewankt hätte. 4 Der erſtaunte Blick ſeines Freundes, die wohl⸗ wollende Geberde der Königin riefen Guiche zu ſich ſelbſt zurück.— doch gegen vier Uhr wird der Wind wahrſcheinlich fal⸗ das Recht dazu, Eine von dieſen Damen gehört leider 151 Mit wenigen Worten erklärte er ſeine Sendung, ſagte er, wie er von Monſieur abgeſchickt worden, und begrüßte er je nach ihrem Rang und ihrem Entgegen⸗ kommen den Admiral und die verſchiedenen engliſchen Herren, die ſich um die Prinzeſſinnen gruppirten. Raoul wurde ebenfalls vorgeſtellt und freundlich empfangen: Jedermann wußte, welchen Antheil der Graf de la Feére an der Reſtauration von König Karl I. genommen hatte, überdies war es auch der Graf gewe⸗ ſen, den man mit der Unterhandlung der Heirath be⸗ auftragt, welche die Enkelin von Heinrich IV. nach Frankreich führte. Raoul ſprach vollkommen Engliſch; er machte ſich zum Dolmetſcher ſeines Freundes bei den jungen engli⸗ ſchen Edelleuten, die mit der franzöſtſchen Sprache nicht vertraut waren. In dieſem Augenblick erſchien ein junger Mann von merkwürdiger Schönheit und von glänzendem Reich⸗ thum in Tracht und Waffen. Er näherte ſich den Prin⸗ zeſſinnen, die mit dem Grafen von Norfolk plauderten, und ſagte mit einer Stimme, die ſeine Ungeduld nur ſchlecht verbarg:. „Auf, meine Damen, wir müſſen an's Land ſteigen.“ Bei dieſer Aufforderung erhob ſich die junge Ma⸗ dame und war im Begriff, die Hand anzunehmen, die ihr der junge Mann mit einer Lebhaftigkeit voll ver⸗ ſchiedener Ausdrücke reichte, als der Admiral zwiſchen ihn und die junge Madame trat und ſagte: „Einen Augenblick Geduld, wenn's beliebt, Mylord Buckingham: das Ausſchiffen iſt für die Frauen zu die⸗ ſer Stunde nicht möglich. Das Meer iſt zu ſtürmiſch; len, man wird ſich alſo erſt am Abend ausſchiffen.“ „Erlaubt, Mylord,“ entgegnete Buckingham mit einer Gereiztheit, die er nicht einmal zu verhehlen ſuchte,„Ihr haltet die Damen zuruck und habt nicht 1⁵² Frankreich, und Ihr ſeht, Frankreich fordert ſie durch die Stimme ſeiner Botſchafter.“ Und er deutete mit der Hand auf Guiche und Raoul, die er zu gleicher Zeit begrüßte. „Ich denke nicht, daß es die Abſicht dieſer Herren iſt, das Leben der Prinzeſſinnen preiszugeben?“ ent⸗ gegnete der Admiral. „Mylord, die Herren ſind trotz des Windes gekom⸗ men, erlaubt mir, zu glauben, daß die Gefahr nicht grö⸗ ßer für die Damen ſein wird, die mit dem Winde gehen.“ „Dieſe Herren ſind ſehr beherzt,“ ſprach der Ad⸗ miral,„Ihr habt geſehen, daß Viele am Hafen waren und es nicht wagten, ihnen zu folgen. Ueberdies hat ſie das Verlangen, ſo bald als möglich Madame und ihrer erhabenen Mutter ihre Huldigung darzubringen, bewo⸗ gen, der heute, ſelbſt für Seeleute, ſehr ſchlimmen See zu trotzen. Doch dieſe Herren, die ich meinem Stab als Beiſpiel vorſtellen werde, dürfen keines für die Da⸗ men ſein.“ Ein verſtohlener Blick von Madame erhaſchte die Röthe, welche die Wangen des Grafen bedeckte. 3 Dieſer Blick entging Buckingham. Er hatte nur Augen, um Norfolk zu überwachen. Offenbar war er eiferſüchtig auf den Admiral und ſchien zu brennen vor Begierde, die Prinzeſſinnen dem beweglichen Boden der Schiffe zu entreißen, auf denen der Admiral König war. „Ich appellire an Madame ſelbſt,“ ſagte Buckingham. — „Und ich, Mylord,“ erwiederte der Admiral,„ich : appellire an mein Gewiſſen und an meine Verantwort⸗ lichkeit. Ich habe verſprochen, Madame geſund und wohlbehalten Frankreich zu übergeben, und werde mein Verſprechen halten.“ „Aber, mein Herr... 4 „Mylord, erlaubt mir, Euch daran zu erinnern, 44 daß ich alteit hier befehle.“.. „Mylor ißt Ihr, was Ihr ſprecht?“ entgegnete Buckingham Voll Stolz. * „Vollkommen, und ich wiederhole, ich befehlige al⸗ lein hier, Mylord, und Alles gehorcht mir: die See, der Wind, die Schiffe und die Menſchen.“ Dieſes Wort war groß und hochherzig ausgeſpro⸗ chen. Raoul beobachtete ſeine Wirkung auf Buckingham. Dieſer bebte am ganzen Leib und hielt ſich an einer von den Stützen des Zeltes, um nicht zu fallen; ſeine Au⸗ gen waren mit Blut unterlaufen, und die Hand, mit der er ſich nicht hielt, fuhr an den Griff ſeines Degens. „Mylord,“ ſprach die Königin,„erlaubt mir, Euch zu ſagen, daß ich in jeder Hinſicht der Meinung des Grafen von Norfolk bin; wäre das Wetter, ſtatt ſich mit Dunſt zu bedecken, wie es in dieſem Augenblick thut, auch vollkommen rein und günſtig, ſo ſind wir doch ei⸗ nige Stunden dem Officier ſchuldig, der uns ſo glück⸗ lich und mit ſo eifriger Fürſorge bis ins Angeſicht der Küſte von Frankreich geführt hat, wo er uns verlaſ⸗ ſen ſoll.“ Statt zu antworten, befragte Buckingham den Blick von Madame. 4 Halb unter den Vorhängen von Sammet und Gold, die ihr ein Obdach gewährten, verborgen, hörte Ma⸗ dame nichts von dieſem Streit, denn ſie war einzig und allein beſchäftigt, den Grafen von Guiche anzuſchauen, der mit Raoul ſprach. 4 3 Das war ein neuer Schlag für Buckingham, denn er glaubte im Blick von Madame Henriette ein tieferes Gefühl, als das der Neugierde zu entdecken. Er zog ſich ganz ſchwankend zurück und ſtieß an den großen Maſt. „Herr von Buckingham hat keinen Seemannsfuß,“ ſagte die Königin Mutter franzöſiſch,„deshalb wünſcht er ohne Zweifel ſo ſehr, auf das Feſtland zu kommen.“ Der junge Mann höoöͤrte dieſe Worte, erbleichte, ließ ſeine Hände entmuthigt an ſeinen Seiten herabfallen, und entfernte ſich, in einem Seufßzer ſeine alte Liebe und ſeinen neuen Haß vermiſchend,.* Ohne ſich weiter um die ſchlechte Laune von Bucking⸗ ham zu bekümmern, führte der Admiral die Prinzeſſin⸗ nen in ein Zimmer, wo das Mittagsmahl mit einer aller Gäſte würdigen Pracht ſervirt war. Der Admiral nahm Platz zur Rechten von Madame und ſetzte den Grafen von Guiche an ihre Linke. Dies war der Platz, den gewöhnlich Buckingham inne hatte. Als er in den Speiſeſaal eintrat, war es auch ein Schmerz für ihn, ſich durch die Etiquette, dieſe zweite Königin, der er Reſpect ſchuldig war, auf einen Rang zurückgewieſen zu ſehen, der niedriger, als der, den er bis dahin inne gehabt hatte. 1 Bleicher vielleicht noch durch ſein Glück, als es ſein Nebenbuhler durch ſeinen Zorn war, ſetzte ſich der Graf von Guiche zitternd zu der Prinzeſſin, deren ſei⸗ denes Kleid, indem es ſeinen Leib ſtreifte, durch ſein ganzes Weſen Schauer von einer ihm bis dahin unbe⸗ kannten Bitterkeit und Wolluſt laufen machte. Nach dem Mahl eilte Buckingham herbei, um der Prinzeſſin die Hand zu reichen. Doch nun war die Reihe an Guiche, dem Herzog eine Lection zu geben. „Mylord,“ ſagte er, nhabt von dieſem Augenblick an die Güte, Euch nicht mehr zwiſchen Ihre Königliche Hoheit und mich zu ſtellen. Von dieſem Augenblick gehört Ihre Königliche Hoheit in der That Frankreich, und es iſt die Hand von Monſieur, dem Bruder des Königs, welche die Hand der Prinzeſſin berührt, wenn mir Ihre Königliche Hoheit die Ehre erweiſt, meine Hand zu berühren.“ 3 Und indem er dieſe Worte ſprach, reichte er ſelbſt ſeine Hand der jungen Madame mit einer ſo ſichtbaren Schüchternheit und zugleich mit einer ſo muthigen Ho⸗ heit, daß die Engländer ein Gemurmel der Bewunderung hören ließen, waͤhrend Buckingham ein Schmerzensſeuf⸗ zer entſchlüͤpfte, den, ſobald der geeignete Augenblick gekommen wäre. Naoul liebte; Raoul begriff Alles. Er heftete auf ſeinen Freund einen von den tiefen Blicken, die nur der Freund allein oder die Mutter als beſchützend oder als bewachend über dem Kind oder über dem Freund, der ſich verirrt, ausbreiten. Gegen zwei Uhr trat endlich die Sonne hervor. Der Wind legte ſich, das Meer wurde glatt wie eine große Kryſtallfläche, der Nebel, der das Geſtade bedeckte, zer⸗ riß wie ein Schleier, der in Fetzen entfliegt. Da erſchienen die lachenden Ufer Frankreichs mit ihren tauſend Häuſern, die ſich von dem Grün der Bäume oder vom Blau des Himmels abhoben. XV. Die Zelte. Der Admiral war, wie man geſehen, entſchloſſen, nicht mehr auf die drohenden Augen und auf das krampf⸗ hafte Aufbrauſen von Buckingham zu achten. Mit dem Abgang von England mußte er ſich in der That nach und nach daran gewöhnt haben. Der Graf von Guiche hatte noch auf keine Weiſe die Gereiztheit, die der junge Lord gegen ihn zu ha⸗ ben ſchien, wahrgenommen, aber er fühl te aus Inſtinct durchaus keine Sympathie für den Günſtling von Karl II. Seit einer größeren Erfahrung und einem kälteren Verſtand ausgerüſtet, beherrſchte die Königin Mutter die ganze Lage, und weil ſie das Gefahrvolle derſelben einſah, hielt ſie ſich bereit, den Knoten zu durchſchnei⸗ Dieſer Augenblick kam. Die Ruhe war überall hergeſtellt, nur nicht im r. Gemüth von Buckingham, und dieſer wiederholte in ſei⸗ ner Ungeduld mit leiſer Stimme der Prinzeſſin: „Madame, Madame, in des Himmels Namen flehe ſc ich Euch an, begeben wir uns ans Land. Seht Ihr 9 nicht, daß mich dieſer geckenhafte Graf von Norfolk mit de ſeiner Fürſorge und Anbetung für Euch umbringt!“ Henriette hörte dieſe Worte; ſie lächelte, und ohne ſich umzudrehen, flüſterte ſie, indem ſie ihrer Stimme te nur jene Biegung ſanften Vorwurfs und ſchmachtender n Impertinenz verlieh, womit die Coquetterie eine Beru⸗ 3 higung zu geben weiß, während es das Ausſehen hat, d. als ſtellte ſte eine Wertheldigung entgegen, flüſterte ſie, A ſagen wir, die Worte: 4 .„Mein lieber Lord, ich habe Euch ſchon geſagt, Ihr u ſeid ein Narr.“ Keiner von dieſen einzelnen umſtänden entging w Raoul; er hatte die Bitte von Buckingham, die Ant⸗ wort der Prinzeſſin gehört; er hatte Buckingham bei f dieſer Antwort einen Schritt rückwärts machen, einen. Seufzer ausſtoßen und mit der Hand über ſeine Stirne g fahren ſehen, und da weder ſeine Augen, noch ſein Herz mit einem Schleier umhüllt waren, ſo begriff er Alles und bebte, indem er den Zuſtand der Dinge und der Geiſter ſchätzte. Endlich gab der Admiral mit einer ſtudirten Lang- ſamkeit den Befehl zur Abfahrt der Boote. Buckingham nahm dieſen Befehl mit einem ſolchen zu Entzuͤcken auf, daß ein Fremder hätte glauben können, di der junge Mann leide an einer Störung des Gehirns. 4 Auf die Stimme des Grafen von Norfolk ſank eine große Barke langſam an der Seite des Admiralsſchiffer herab; ſte konnte zwanzig Ruderer und fünſzehn Paſſa⸗ giere faſſen. Teppiche von Sammet, Decken, worauf das Wap⸗ pen von England geſtickt, Blumenguirlanden, denn in im ei⸗ nit ne er u⸗ MNorfolk loszuſtürzen. 157 jener Zeit cultivirte man gern die Parabeln mitten un⸗ ter den politiſchen Bündniſſen, bildeten die Hauptverzie⸗ rung dieſer wahrhaft königlichen Barke. Kaum war die Barke flott, kaum hatten die Ma⸗ troſen, wie Soldaten mit geſchultertem Gewehr die Ein⸗ ſchiffung der Prinzeſſin erwartend, ihre Ruder erhoben, als Buckingham an die Treppe lief, um ſeinen Platz in dem Fahrzeug einzunehmen. Doch die Königin hielt ihn zurück und ſagte zu ihm: „Mylord, es ſchickt ſich nicht, daß Ihr meine Toch⸗ ter und mich ans Land gehen laßt, ohne daß die Woh⸗ nungen auf eine geziemende Weiſe bereit gehalten werden. Ich bitte Euch daher, Mylord, uns nach dem Havre voranzufahren und darüber zu wachen, daß bei unſerer Ankunft Alles in Ordnung iſt.“ Das war ein neuer Schlag für den Herzog, ein um ſo furchtbarerer Schlag, als er ganz unerwartet kam. Er ſtammelte, erröthete, konnte aber nichts ant⸗ worten. Er hatte geglaubt, er könnte während der Ueber⸗ fahrt in der Nähe von Madame weilen und ſo bis zum letzten die Augenblicke, die ihm vom Glücke gegeben, genießen.. Aber der Befehl war ein ausdrücklicher. Der Admiral, der ihn gehort hatte, rief ſogleich: „Das kleine Boot in See.“ Der Befehl wurde mit einer den Manoeuvres der Kriegsſchiffe eigenthümlichen Raſchheit ausgeführt. Troſtlos richtete Buckingham einen Blick der Ver⸗ zweiflung an die Prinzeſſin, einen Blick des Flehens an die Königin, einen Blick des Zorns an den Admiral. Die Prinzeſſin ſtellte ſich, als ſähe ſie es nicht. Die Köoͤnigin wandte den Kopf ab. Der Admiral lachte. Bei dieſem Lachen war Buckingham im Begriff, S 158 Die Königin Mutter ſtand auf und ſprach voll da Würde: es „Geht, mein Herr.“ en Der junge Herzog hielt inne. te Doch er ſchaute umher und fragte, ganz erſtickt/ durch ſo verſchiedenartige Gemüthsbewegungen, mit ei⸗ K ner letzten Anſtrengung:. „Und Ihr, meine Herren, Ihr Herr von Guiche, ſa Ihr Herr von Bragelonne, begleitet Ihr mich nicht?“ die Von Guiche verbeugte ſich und erwiederte: ge „Ich bin, wie Herr von Bragelonne, zu den Be⸗ fehlen der Koͤnigin.... was ſie uns beftehlt, werden er wir thun.“ 3 ge Und er ſchaute die junge Prinzeſſin an, welche die ſch Augen niederſchlug.. „Verzeiht, Herr von Buckingham,“ ſagte die Köni⸗ ko gin,„Herr von Guiche vertritt hier Monſieur, er muß uns die Honneurs von Frankreich machen, wie Ihr uns in die Honneurs von England gemacht habt; er kann alſo 5l nicht umhin, uns zu begleiten; wir ſind ihm überdies die kleine Gunſtbezeigung dafür ſchuldig, daß er den un Muth gehabt hat, uns bei dieſem ſchlechten Wetter zu beſuchen.“ mi Buckingham öffnete den Mund, als wollte er ant⸗ ni⸗ worten, doch fand er keinen Gedanken oder keine Worte, S um dieſen Gedanken auszudrücken, kein Ton kam über ſeine Lippen, und er wandte ſich wie im Fieberwahn um mi und ſprang vom Schiff in das Boot. din Die Ruderer hatten kaum Zeit, ihn aufzuhalten in und ſich ſelbſt zu halten, denn das Gewicht und der du Gegenſchlag hätte die Barke beinahe umſchlagen gemacht. Mylord iſt offenbar verrückt,“ ſagte der Admiral Ei lant zu Raoul. 1 „Ich befürchte es für Mylord,“ erwiederte Brage⸗ lonne. Während der ganzen Zeit, die das Boot brauchte, um das Land zu erreichen, hörte der Herzog nicht auf, Ul 139 das Admiralsſchiff mit ſeinen Blicken zu bedecken, wie es ein Geiziger machen würde, dem man ſeine Geldkiſte entreißen wollte, eine Mutter, die man von ihrer Toch⸗ ter entfernen würde, um ſie zum Tode zu führen. Doch nichts antwortete auf ſeine Signale, auf ſeine Kundgebungen, auf ſeine kläglichen Stellungen. Buckingham war ſo betaͤubt, daß er auf eine Bank ſank und mit ſeiner Hand in ſeine Haare griff, während die Matroſen ſorglos das Boot über die Wellen hinflie⸗ gen ließen. Bei ſeiner Ankunft war er dergeſtalt ermattet und erſtarrt, daß er, würde er nicht im Hafen den Boten getroffen haben, den er als Quartiermacher vorausge⸗ ſchickt, nicht nach ſeinem Weg zu fragen gewußt hätte. Sobald er in dem für ihn beſtimmten Haus ange⸗ kommen war, ſchloß er ſich wie Achilles in ſeinem Zelt ein. Das Boot, das die Prinzeſſinnen führte, verließ indeſſen den Bord des Admiralsſchiffs in dem Augen⸗ blick, wo Buckingham den Fuß auf's Land ſetzte. Eine Barke folgte voll von Ofſicieren, Höflingen und eifrigen Freunden. Die ganze Bevölkerung vom Havre hatte ſich eiligſt mit Fiſcherkähnen, flachen Barken, oder langen norman⸗ niſchen Penichen eingeſchifft und fuhr dem königlichen Schiff entgegen. Die Kanonen donnerten von den Forts; das Ad⸗ miralsſchiff und die zwei anderen wechſelten Salven, und die Flammenwolken entflogen aus gähnenden Schlünden in weichen Rauchflocken über den Wellen hin und ver⸗ dunſteten ſich ſodann im Azur des Himmels. Die Prinzeſſin ſtieg an den Stufen des Quai aus. Cine freudige Muſik erwartete ſie am Land und beglei⸗ tete jeden ihrer Schritte. Während ſie nach dem Mittelpunkt der Stadt zu⸗ ſchreitend auf den reichen Teppichen und den Blumen, die man geſtreut, hingingen, nahmen Guiche und Raoul, die ſich von den Engländern wegſtahlen, einen andern 160 Weg durch die Stadt und liefen nach dem für die Re⸗ ſidenz von Madame bezeichneten Ort. „Beeilen wir uns,“ ſagte Raoul zu Guiche,„denn wie ich ſeinen Charakter kenne, wird uns Buckingham ein Unheil anrichten, wenn er das Reſultat unſerer ge⸗ ſtrigen Berathung ſieht.“ „Oh!“ erwiederte der Graf,„wir haben da Wardes, der die Feſtigkeit ſelbſt, und Manicamp, der die Freund⸗ lichkeit ſelbſt iſt.“ 3 Herr von Guiche eilte darum nicht minder, und fünf Minuten nachher waren ſie im Angeſicht des Stadthauſes. 4 Was ihnen zuerſt aufſtel, war eine große Menge auf dem Platze verſammelter Leute. „Gut,“ ſagte Guiche,„es ſcheint, unſere Wohnun⸗ gen ſind erbaut.“ Es erhoben ſich in der That vor dem Stadthaus auf dem Platze ſelbſt acht Zelte von der größten Ele⸗ ganz, überragt von den vereinigten Flaggen von Frank⸗ 4 reich und England. Das Stadthaus war von Zelten wie von einem buntſcheckigen Gürtel umgeben, zehn Pagen und zwölf Chevaurlegers, die man den Botſchaftern als Escorte mitgegeben hatte, ſtanden Wache vor dieſen Zelten. Das Schauſpiel war ſeltſam; es hatte etwas Feen⸗ artiges. den reichſten Stoffen bekleidet, die der Graf von Guiche im Hayre hatte finden können, umſchloßen ſie völlig das Stadthaus, das heißt, den Aufenthaltsort der jun gen Prinzeſſin; ſie waren mit einander durch einfache ſeidene Taue verbunden, welche von Schildwachen ge⸗ ſpannt nnd gehütet wurden, ſo daß der Plan Buckingham völlig umgeworfen war, hatte er wirkli den Plan gehabt, für ſich und ſeine Engländer die Zu gänge zum Stadthauſe zu bewahren. Dieſe improvifirten Wohnungen waren in der Nacht 4 erbaut worden. Im Inneren, wie im Aeußeren mit 161 Die einzige Paſſage, welche den Zutritt zu den Stufen des Gebäudes geſtattete und nicht durch dieſe ſeidene Barricade abgeſchloſſen war, wurde von zwei pavillonartigen Zelten bewacht, deren Thüren ſich nach den zwei Seiten dieſes Einganges öffneten. Dieſe zwei Zelte waren die von Guiche und Raoul und mußten in ihrer Abweſenheit beſtändig beſetzt ſein: das von Guiche durch Wardes, das von Bragelonne durch Manicamp. Rings um dieſe zwei Zelte und die andern acht her ſtrahlten hundert Officiere, Edelleute und Pagen von Seide und Gold und ſummten wie die Bienen um ihren Korb. 3 Den Degen an der Hüfte, war dies Alles bereit, auf ein Zeichen von Guiche oder Bragelonne, dieſen zwei Häuptern der Ambaſſade, zu gehorchen. In dem Augenblick, wo die zwei jungen Leute am Ende einer nach dem Platze ausmündenden Straße er⸗ ſchienen, erblickten ſie im Galopp über dieſen Platz hin⸗ ſprengend einen jungen Edelmann von wunderbarer Ele⸗ ganz. Er durchſchnitt die Menge der Neugierigen und ſtieß beim Anblick der improviſirten Bauten einen Schrei des Zorns und der Verzweiflung aus. Es war Buckingham, Buckingham, der ſich aus ſeiner Erſtarrung emporgerafft hatte, um eine blendende Kleidung anzulegen und Madame und die Köͤnigin vor dem Stadthauſe zu erwarten. Doch beim Eingang der Zelte verſperrte man ihm den Weg, und er war genöthigt, anzuhalten. Ganz außer ſich ſchwang Buckingham ſeine Peitſche; zwei Officiere packten ihn beim Arm. Von den zwei Wächtern war nur ein einziger da. Herr von Wardes, der in's Innere des Stadthauſes hinaufgeſtiegen war, überbrachte dahin einige von Herrn voon Guiche ertheilte Befehle. 3 Bei dem Lärmen, den Buckingham machte, erhob SDie drei Musketiere. Bragelonne. IV. 8 114 162 ſich Manicamp, der träge auf den Kiſſen vor einem der Eingangszelte lag, mit ſeiner gewöhnlichen Nachläſſig⸗ keit und erſchien, als er bemerkte, daß der Lärmen fort⸗ dauerte, unter den Vorhängen. „Was gibt es?“ fragte er ganz ſanft,„wer macht all dieſen Lärmen?“ Durch einen Zufall war es in dem Augenblick, wo er zu ſprechen anfing, wisder ſtill geworden, und obgleich ſein Ton weich und gemäßigt, hörte doch Je⸗ dermann ſeine Frage.* 3 Buckingham wandte ſich um und ſchaute dieſen großen, magern Leib und dieſes indolente Geſicht an. Die Perſon unſeres Mannes, der übrigens, wie geſagt, ſehr einfach gekleidet war, flößte wahrſcheinlich 1 Buckinghog keine große Achtung ein, denn er erwiederte verächtlich: 4„Wer ſeid Ihr, mein Herr?“ 3 Manicamp ſtützte ſich auf den Arm eines ungeheu⸗ ren Chevaurleger, der ſo ſolid war, als der Pfeiler ei⸗ den Kathedrale, und antwortete mit demſelben uigen one: „und Ihr, mein Herr 2“ „Ich bin Mylord Herzog von Buckingham. Es ſind von mir alle Häuſer gemiethet worden, die das Stadthaus umgeben, wo ich zu thun habe; da aber dieſe Häuſer von mir gemiethet worden ſtnd, ſo ſie auch mir, und da ich ſie gemiethet, um freien Zu⸗ ang zum Stadthaus zu haben, ſo ſeid Ihr nicht be⸗ rechtigt, mir dieſen Zugang zu verſchließen.“ „Aber, mein Herr, wer hindert Euch, zu paſſiren?“ fragte Manicamp. „Eure Schildwachen.“ Befehl gegeben iſt, nur Fußgänger durchzulaſſen.Ä“ „Niemand, außer mir, hat das Recht, hier Befehle u geben!“ ſagte Buckingham. „Wie ſo, mein Herr?“ fragte Manicamp mit ſein gehören 4 „Weil Ihr zu Pferde paſſiren wollt⸗ und weil der wer Ihr ſeid?“ rief Buckingham außer ſt 163 ſanften Stimme,„habt die Güte, mir dieſes Raͤthſel zu erklären.“ „Weil ich, wie geſagt, alle Häuſer des Platzes ge⸗ miethet habe.“ „Wir wiſſen es wohl, da uns nur der Platz ſelbſt geblieben iſt.“ „Ihr täuſcht Euch, mein Herr, der Platz gehört mir, wie die Haͤuſer.“. „Oh! verzeiht, Ihr ſeid in einem Irrthum begrif⸗ fen, mein Herr. Man ſagt bei uns, das Pflaſter des Koͤnigs, folglich gehört der Platz dem König, inſofern wir aber Botſchafter des Königs ſind, iſt der Platz unſer.“ „Mein Herr, ich habe Euch ſchon einmal gefragt, ſich über die Kaltblütigkeit von Manicamp. „Man nennt mich Manicamp,“ antworftte der junge Mann mit einer liſchen Stimme, ſo ſanft und harmo⸗ niſch war ſie. 1 Buckingham zuckte die Achſeln und ſptach: „Kurz, als ich die Haͤuſer miethete, die das Stadt⸗ haus umgeben, war der Platz frei; dieſe Baracken verſperren mir die Ausſicht, nehmt ſie weg.“ Ein dumpfes, bedrohliches Gemurre durchlief die Menge der Zuhörer. Der Graf von Guiche erſchien in dieſem Augen⸗ blick; er ſchob die Menſchen, die ihn von Buckingham trennten, zurück und kam, gefolgt von Raoul, auf ei⸗ ner Seite an, während Herr von Wardes auf der an⸗ deren eintraf. „Verzeiht, Mylord,“ ſagte er,„habt Ihr eine For⸗ derung zu machen, ſo ſeid ſo gefällig, ſie an mich zu richten, inſofern ich den Plan zu dieſen Bauten gege⸗ ben habe.“ 51 3 „Herr Graf,“ erwiederte Buckingham in einem one unverkennbaren Zorns, obgleich er durch die Ge⸗ genwart eines Standesgenoſſen gemildert wurde,„ich ſage, dieſe Zelte können unmöglich bleiben, wo ſie ſind. 1 „Unmöglich,“ verſetzte Guiche,„und warum?“ „Weil ſie mich beläſtigen.“ Es entſchlüpfte Guiche eine Bewegung der Unge⸗ duld, doch der kalte Blick von Raoul hielt ihn zurück. „Sie müſſen Euch weniger beläſtigen, mein Herr, 7 als uns dieſer Mißbrauch der Priorität, den Ihr Euch erlaubt habt.“ „Ein Mißbrauch?“ „Allerdings. Ihr ſchickt einen Boten hierher, der, ie ganze Stadk des Havre miethet, een zu bekümmern, die Madame für den Vertreter ei⸗ mein Herr Herzog.“ „Der Boden gehört dem erſten Beſitznehmer.“ „In Frankreich nicht, mein Herr.“ „Und warum nicht in Frankreie 39 „Weil dies das Land der Höflichkeit iſt.“ „Was ſoll das heißen?“ rief Buckingham auf eine ſo aufbrauſende Art, daß die Anweſenden, einen unmit⸗ jelbaren Zuſammenſtoß erwartend, zurückwichen. „Das ſoll heißen,“ antwortete der Graf von Guiche erbleichend,„daß ich dieſe Wohnung für mich und meine. Freunde als Aſyl der Botſchafter Frankreichs, als ein⸗ ziges Obdach, das uns Eure Beſchlagnahme in dieſer Stadt ließ, habe erbauen laſſen, und daß ich und die Meinigen in dieſer Wohnung bleiben werden, wenn nicht ein mächtigerer und beſonders ſouveränerer Wille, als der Eurige, mich daraus entfernt.“ „Das heißt, uns nicht abweiſt, palaſte ſagt,“ bemerkte Manieamp mit ſ „Ich kenne Einen, mein Herr, ſein wird⸗ wie Ihr es wünſcht,“ erwiederte und legte die Hand an den Griff ſeines Degens. n dieſem Augenblick und als die Goͤttin der Zwi tracht im Begriff war, die Geiſter entflammend Schwerter gegen die Bruſt von Menſchen zu kehre legte Raoul ſanft ſeine Hand auf die Schulter vott Buckingham und ſagte: „Ein Wort, Mylord.“ „Mein Recht! mein Recht vor Allem!“ rief der ungeſtüme junge Mann. „Gerade über dieſen Punkt werde ich die Ehre haben, mit Euch zu ſprechen,“ antwortete Raoul. „Es ſei, doch keine lange Reden!“ „Eine einzige Frage; Ihr ſeht, man kann nicht kürzer ſein.“ „Sprecht, ich höre.“ „Heirathet Ihr oder heirathet der Herzog von Or⸗ leans die Enkelin von König Heinrich IV. 2 „Wie beliebt?“ fragte Buckingham, indem er ganz beſtürzt zurückwich. „Ich bitte, antwortet mir,“ fuhr Raoul ruhig fort. „Wollt Ihr meiner ſpotten?“ rief Buckingham. „Das iſt immerhin eine Antwort, und ſie genügt mir. Ihr geſteht alſo, daß nicht Ihr die Prinzeſſin von England heirathen werdet?“ „Mir ſcheint, Ihr wißt das wohl, mein Herr.“ „Verzeiht, nach Euerem Benehmen war die Sache nicht klar.“. „Sprecht, was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr?“ Raoul näherte ſich dem Herzog und erwiederte, die Stimme dämpfend: „Ihr gerathet wieder in eine Wuth, die der Eifer⸗ ſucht gleicht, wißt Ihr das, Mylord? Dieſe Eiferſucht in Beziehung auf eine Frau geziemt ſich aber für Kei⸗ nen, der nicht ihr Gatte oder ihr Geliebter iſt; Ihr werdet das, ich bin es überzeugt, noch viel mehr be⸗ greifen, Mylord, wenn dieſe Frau eine Prinzeſſin iſt.“ „Mein Herr,“ rief Buckingham,„beleidigt Ihr Ma⸗ dame Henriette?“ „Nehmt Euch in Acht, Mylord,“ erwiederte Brage⸗ lonne kalt,„Ihr beleidigt ſie. So eben auf dem Admi⸗ ralitätsſchiff habt Ihr die Königin im höchſten Maße 166 aufgebracht und die Geduld des Admirals ermüdet. Ich beobachtete Euch, Mylord, und hielt Euch Anfangs für verrückt, ſeitdem aber habe ich den wahren Charakter dieſer Verrücktheit errathen.“ „Mein Herr!“ 5 „Wartet, ich werde noch ein Wort beifügen. Ich hoffe der Einzige unter den Franzoſen zu ſein, der es errathen hat.“ „Wißt Ihr, mein Herr,“ ſagte Buckingham, zu⸗ gleich vor Zorn und Unruhe zitternd,„wißt Ihr, daß Ihr da eine Sprache führt, die eine Zurechtweiſung heiſcht?“ „Wägt Eure Worte ab, Mylord,“ entgegnete Raoul voll Stolz,„ich bin nicht von einem Blut, deſſen Leb⸗ haftigkeit ſich zurückdkängen läßt, während Ihr im Ge⸗ gentheil einen Race angehört, deren Leidenſchaften gu⸗ ten Franzoſen verdächtig ſind; ich wiederhole Euch alſo zum zweiten Mal, Mylord, nehmt Euch in Acht.“ 4 „Wovor, wenn's beliebt? droht Ihr mir zufällig?“ „Ich bin der Sohn des Grafen de la Fere, Herr von Buckingham, und ich drohe nie, weil ich zuerſt ſchlage. Verſtändigen wir uns alſo, und vernehmt die Warnung, die ich an Euch richte.“ 8 Buckingham ballte die Fäuſte, Raoul aber fuhr fort, als ob er nichts bemerkte. „Bei dem erſten den Wohlanſtand verletzenden Wort, das Ihr Euch gegen Ihre Königliche Hoheit er⸗ laubt... Ohl ſeid geduldig, Herr von Buckingham, ich bin es.“ 3 „Ihr 24 4 „Gewiß... So lange ſich Madame auf engliſchem Boden befand, habe ich geſchwiegen; nun aber, da ſie den Boden Frankreichs berührt hat, da wir ſie im Na⸗ men des Prinzen empfangen haben, werde ich bei der erſten Beleidigung, die Ihr, in Eurer ſeltſamen Zunei⸗ gung, gegen das königliche Haus Frankreich begel von zwei Entſchlüſſen einen faſſen: entweder ich erkl 167 in Gegenwart Aller, von welcher Narrheit Ihr in die⸗ 1 ſem Augenblick befallen ſeid, und mache, daß Ihr ſchmäh⸗ lich nach England zurückgeſchickt werdet, oder ich ſtoße Euch, wenn Ihr das vorzieht, in voller Verſammlung „ einen Dolch in die Kehle. Das zweite Mittel erſcheint mir übrigens als das paſſendere, und ich glaube, daß ich dabei bleiben werde.“ Buckingham war bleicher geworden, als die Woge engliſcher Spitzen, die ſeinen Hals umgab. „Herr von Bragelonne,“ ſagte er, niſt es wirklich ein Edelmann, der mit mir ſpricht?“ „Nur ſpricht dieſer Edelmann mit einem Verrück⸗ ten. Geneſet, Mylord, und er wird eine andere Sprache gegen Euch führen.“ „Ahl Herr von Bragelonne,“ murmelte der Her⸗ zog mit erſtickter Stimme, während er mit der Hand nach ſeinem Halſe griff,„Ihr ſeht wohl, daß ich ſterbe.“ „Mylord,“ erwiederte Raoul mit ſeiner unſtorbaren Kaltblütigkeit,„würde es in dieſem Augenblick geſchehen, ſo müßte ich es in der That als ein großes Glück be⸗ trachten, denn dieſes Ereigniß käme allen Arten von ſchlimmen Reden in Beziehung auf Euch und auf die⸗ jenige von den erhabenen Perſonen zuvor, welche r Eure Zuneigung auf eine ſo wahnſinnige Weiſe com⸗ promittirt.“ 1—„Oh! Ihr habt Recht, Ihr habt Recht,“ ſagte der 4 junge Mann ganz verwirrt,„ja, ja, ſterben! ja, es iſt 9 beſſer, zu ſterben, als zu leiden, was ich in dieſem Augen⸗ blick leide!“. Und er fuhr mit der Hand an einen reizenden Dolch, deſſen Griff ganz mit Sdelſteinen verziert war, und zog ihn halb aus ſeiner Bruſt. Naooul ſtieß ſeine Hand zurück und ſprach: „Nehmt Euch in Acht, mein Herr; wenn Ihr Euch icht tödtet, ſo begeht Ihr eine lächerliche Handlung; todtet Ihr Euch, ſo befleckt Ihr mit Eurem Blute das Hochzeitkleid der Prinzeſſin von England.“ 168 Buckingham blieb eine Minute keuchend. Während dieſer Minute ſah man ſeine Lippen zittern, ſeine Wan⸗ gen beben, ſeine Augen wie im Delirium umherirren. . Plötzlich ſagte er: „Herr von Bragelonne, ich kenne keinen edleren Geiſt, als Euch; Ihr ſeid der würdige Sohn des voll⸗ kommenſten Edelmanns, der auf der Welt lebt: Bewohnt Eure Zelte.“ Und er ſchlang ſeine Arme um den Hals von Raoul. Ganz erſtaunt über dieſe Bewegung, die man bei dem zornigen Beben von einem der Gegner und der ſtrengen Beharrlichkeit des andern kaum erwarten konnte, klatſchte die ganze Verſammlung in die Hände und tau⸗ ſend Vivats und Beifallsrufe ſtiegen freudig zum Him⸗ mel empor. Guiche umarmte Buckingham ebenfalls, zwar mit etwas Widerwillen, doch er umarmte ihn. Dies war das Signal: Engländer und Franzoſen, die ſich bis dahin mit Beſorgniß angeſchaut hatten, fra⸗ terniſirten auf der Stelle. Mittlerweile kam der Zug der Prinzeſſinnen, die ohne Bragelonne zwei Heere im Handgemenge und Blut auf den Blumen gefunden hätten. Alles war beigelegt, als man die erſten Banner erblickte.. b — . XVI. Die Nacht. Die Eintracht war unter den Zelten wieder herge⸗ ſtellt... Engländer und Franzoſen wetteiferten in der Galanterie bei den erhabenen reiſenden Damen und in der Artigkeit unter ſich ſelbſt. Die Engländer ſchickten den Franzoſen Blumen, welche ſie aufgekauft hatten, um die Ankunft der jun⸗ gen Prinzeſſin zu feiern; die Franzoſen luden die Eng⸗ länder zu einem Abendbrod ein, das ſie am andern Tag geben ſollten. Madame erntete alſo auf ihrem Wege einſtimmige Glückwünſche. Durch die Ehrerbietung Aller erſchien ſie wie eine Königin, durch die Anbetung Einiger wie ein Idol. Die Königin Mutter empfing die Franzoſen auf das Freundlichſte. Frankreich war ihre Heimath, und ſie war in England zu unglücklich geweſen, daß Eng⸗ land ſie hätte Frankreich vergeſſen machen können. Sie lehrte daher ihre Töchter durch ihre eigene Liebe die Liebe für ein Land, wo Beide Gaſtfreundſchaft gefunden hatten, und wo ſie das Glück einer glänzenden Zukunft finden ſollten. Als der Einzug vorbei und die Zuſchauer ein we⸗ nig zerſtreut waren, als man nur noch in der Ferne die Fanfaren und das Getoͤſe der Menge vernahm, als die Nacht, mit ihrem geſtirnten Schleier das Meer, den Hafen, die Stadt und das noch von dieſem großen Er⸗ eigniß bewegte Land verhüllend, einbrach, kehrte der Graf von Guiche in ſein Zelt zurück und ſetzte ſich auf einen breiten Schämel mit einem ſo ſchmerzlichen Aus⸗ d „ 170 druck im Geſicht, daß ihm Bragelonne mit dem Blick folgte, bis er ihn ſeufzen gehört hatte; dann näherte er ſich ſeinem Freund... Der Graf ſaß zurückgelehnt, die Schulter an die Wand des Zeltes geſtützt, die Stirne in ſeinen Händen, die Bruſt keuchend und die Kniee unruhig. „Du leideſt, Freund?“ fragte Raoul. „Grauſam.“ „Körperlich, nicht wahr?“ „Ja, körperlich.“ „Der Tag war in der That ermüdend,“ fuhr der junge Mann die Augen auf denjenigen, welchen er be⸗ fragte, geheftet fort. „Ja, und der Schlaf iſt erquickend.“ „Soll ich Dich verlaſſen?“ „Nein, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ „Ich werde Dich nur ſprechen laſſen, wenn ich Dich ſelbſt befragt habe, Guiche.“ „Frage. „Sei aber offenherzig.“ „Wie immer.“ „Weißt Du, warum Buckingham ſo wüthend war?“ „Ich vermuthe es.“ „Nicht wahr, er liebt Madame?“ „Man ſollte wenigſtens darauf ſchwören, wenn man ihn ſieht.“ „Nein, nein, es iſt nicht ſo⸗“ „Ohl diesmal täuſcheſt Du Dich, Raoul, ich habe wohl ſeinen Kummer in ſeinen Augen, in ſeiner Ge⸗ berde, in ſeinem ganzen Weſen wahrgenommen.“ „Du biſt Dichter, lieber Graf, und ſtiehſt überall Poeſie.“ „Ich ſehe überall die Liebe.“ * „Wo ſie nicht iſt.“ „Wo ſie iſt.“ 8 „Sage, Guiche, Du glaubſt, Du täuſcheſt Dich nicht 29 3 e , 1 e * r e⸗ ch 2ℳ an abe He⸗ all — dich, 171 „Ja, ich bin meiner Sache ſicher!“ rief der Graf. „Sprich, Graf,“ fragte Raoul mit einem tiefen Blick,„was macht Dich ſo gallſüchtig?“ „Die Eigenliebe,“ antwortete Guiche zögernd. „Die Eigenliebe, das iſt ein ſehr langes Wort, Guiche.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß Du gewöhnlich weni⸗ ger traurig biſt, als heute Abend.“ „Die Müdigkeit.“ .„Die Müdigkeit?“ „Ja.“ „Höre, lieber Freund, wir haben Feldzüge mit ein⸗ ander gemacht, wir haben uns achtzehn Stunden zu Pferde geſehen, drei Pferde ſielen, von der Müdigkeit gelähmt, Hungers ſterbend, unter uns, und wir lachten noch. Nicht die Ermattung iſt es, was Dich traurig macht, Graf.“ „Dann iſt es der Aerger.“ „Welcher Aerger?“ „Der von heute Abend.“ „Die Tollheit von Lord Buckingham?“ „Allerdings; iſt es für uns Franzoſen, die wir un⸗ ſern Herrn vertreten, nicht ärgerlich, einen Engländer unſerer zukünftigen Gebieterin, der zweiten Dame des Königreichs, den Hof machen zu ſehen?“. „ Ja, Du haſt Recht; doch ich glaube, Lord Bu⸗ ckingham iſt nicht gefährlich.“ „Nein, aber er iſt läſtig. Hat er nicht bei ſeiner Ankunft hier die Engländer und uns beinahe mit ein⸗ ander verfeindet, und würden wir nicht ohne Deine ſo bewunderungswürdige Klugheit, ohne Deine ſo ſel⸗ tene Feſtigkeit mitten in der Stadt den Degen ziehen?“ „Du ſiehſt, er hat ſich geändert.“ „Gewiß; doch gerade davon rührt mein Erſtaunen her. Du ſprachſt leiſe mit ihm; was haſt Du zu ihm geſagt? Du glaubſt, er liebe... ohl eine Leidenſchaft weicht nicht mit dieſer Leichtigkeit; er iſt alſo nicht ver⸗ liebt in ſie!“ Guiche ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo ſelt⸗ ſamen Ton, daß Bragelonne das Haupt erhob. Das edle Antlitz des jungen Mannes drückte eine Unzufriedenheit aus, welche leicht darin zu leſen war. „Was ich ihm geſagt habe, Graf, will ich Dir wiederholen,“ antwortete Raoul,„höre alſo:„„Mein Herr, Ihr ſchaut mit einer begehrlichen Miene, mit ei⸗ ner Miene beleidigender Lüſternheit die Schweſter Eu⸗ res Fürſten an, die nicht mit Euch verlobt, die nicht Eure Geliebte iſt, nicht Eure Geliebte ſein kann; Ihr fügt alſo denjenigen Schmach zu, welche kommen, um eine reine Jungfrau zu holen und zu dem Gatten zu führen.““. „Das haſt Du ihm geſagt?“ „Mit dieſen Worten,... ich bin ſogar weiter ge⸗ gangen.“ Guiche machte eine Bewegung. 1 „Ich habe ihm geſagt:„„Mit welchem Auge wür⸗ det Ihr es anſchauen, wenn Ihr unter uns einen Mann wahrnähmet, der wahnſinnig genug, unredlich genug wäre, um andere Gefühle für eine unſerem Gebieter beſtimmte Prinzeſſin zu hegen, als die der reinſten Ehrfurcht?“ Dieſe Worte waren ſo treffend für Guiche, daß dieſer erbleichte und, von einem plötzlichen Zittern er⸗ griffen, nur maſchinenmäßig Raoul eine Hand reichen konnte, während er ſich mit der andern die Augen und die Stirne bedeckte. 4 „„Aber,““ fuhr Raoul fort, ohne ſich bei dieſer Kundgebung ſeines Freundes aufzuhalten,„„aber die Franzoſen, die man als leichtfertig, ſpöttiſch, unbedat ſam verſchreit, wiſſen, Gott ſei Dank! ein geſundes l theil und eine geſunde Moral bei der Prüfung der F gen des Wohlanſtandes in Anwendung zu bringen. A fahrt nun,““ fügte ich bei,„nerfahrt, Herr von 1 173 ckingham, daß wir franzöſtſchen Edelleute unſeren Kö⸗ nigen ſo dienen, daß wir ihnen unſere Leidenſchaften eben ſo wohl, als unſer Vermögen und unſer Leben opfern, und daß wir, wenn uns der böſe Dämon einen von den ſchlimmen Gedanken eingibt, die das Herz ent⸗ zünden, dieſe Flamme auslöſchen, und müßten wir ſie mit unſerem Blute beſprengen. Auf dieſe Art erhalten wir eine dreifache Ehre: die unſeres Vaterlandes, die unſeres Herrn und die unſere. So handeln wir, Herr von Buckingham; ſo muß jeder Mann von Herz han⸗ deln.““ Und ſo, mein lieber Guiche, habe ich zu Herrn von Buckingham geſprochen, und er hat ſich auch ohne Widerſtand in meine Gründe ergeben.“ Bis dahin unter dem Worte von Raoul gebeugt, erhob ſich Guiche, das Auge ſtolz und die Hand fieber⸗ haft; er ergriff die Hand von Raoul; ſeine Backen⸗ beine, kurz zuvor kalt wie Eis, ſtanden in Flammen. „Und Du haſt gut geſprochen,“ ſagte er mit er⸗ ſtickter Stimme,„und Du biſt ein wackerer Freund, Raoul. Ich danke Dir und bitte Dich nun, mich allein zu laſſen.“. „Du willſt es?⸗ „Ja, ich bedarf der Ruhe. Viele Dinge haben heute meinen Kopf und mein Herz erſchüttert; morgen, wenn Du wieder kommſt, werde ich nicht mehr derſelbe Menſch ſein.“ „Gut, es ſei! ich verlaſſe Dich,“ rief Raoul, indem er ſich zurückzog. Der Graf machte einen Schritt gegen ſeinen Freund und ſchloß ihn herzlich in ſeine Arme. Doch in dieſer freundſchaftlichen Umarmung konnte Raoul den Schauer einer bekämpften mächtigen Leiden⸗ ſchaft erkennen. 3 Ddie Nacht war kühl, beſtirnt, glänzend; nach dem Sturme hatte die Wärme der Sonne überall das Leben, die Freude, die Sicherheit zurückgebracht. Es hatten ſich am Himmel einige lange, ſpitzig zulaufende Wolken 174 gebildet, deren Weiße eine Reihenfolge ſchöner, duxch einen leichten Oſtwind gemäßigtere Tage verkündigte. Von breiten, leuchtenden Strahlen durchſchnitten, bilde⸗ ten die Schatten auf dem Platze vor dem Stadthauſe gleichſam ein rieſiges Moſaik mit ſchwarzen und weißen Platten. Bald entſchlummerte Alles in der Stadt; es blieb ein ſchwaches Licht in dem Zimmer von Madame, das auf den Platz ging, und dieſe ſanfte Helle der gedämpf⸗ ten Lampe erſchien als ein Bild des Schlummers eines Mädchens, deſſen Leben ſich kaum kundgibt, kaum em⸗ pſindlich iſt, deſſen Flamme ſich auch mäßigt, wenn der Körper entſchlummert iſt. Bragelonne trat aus ſeinem Zelt mit dem langſa⸗ men, abgemeſſenen Gang eines Menſchen, der begierig iſt, zu ſehen, und eiferſüchtig, nicht geſehen zu werden. Geſchützt durch die dichten Vorhänge, umfaßte er auch mit einem Blick den ganzen Platz und ſah nach kurzer Zeit, daß ſich die Vorhänge des Zeltes von Guiche leicht öffneten und bewegten. Hinter den Vorhängen wurde Guiche ſichtbar, deſſen Augen, glühend auf den Salon von Madame geheftet, der ſanft durch das innere Licht beleuchtet war, im Schatten glänzten. Dieſer ſanfte Schimmer, der die Scheiben färbte, war der Stern des Grafen. Man ſah bis zu ſeinen Augen das Aufathmen ſeines ganzen Innern emporſtei⸗ gen. Im Schatten verborgen, errieth Raoul alle die leidenſchaftlichen Gedanken, welche zwiſchen dem Zelt des jungen Botſchafters und dem Balcon der Prinzeſſin ein geheimes, magiſches Band von Sympathien knüpf⸗ ten, ein Band gebildet von Gedanken von einem ſo feſten Willen, von einer ſolchen Hartnäckigkeit, daß ſte ſicherlich zu den Liebesträumen flehten, ſie mögen her⸗ abſteigen auf das duftende Lager, das der Graf mit den Augen ſeiner Seele verſchlang. Doch Guiche und Raoul waren nicht die Einzigen, —9 8DSx& N— XW—— — —— 175 welche wachten. Das Fenſter von einem der Häuſer des Platzes ſtand offen: es war dies das Fenſter eines Hauſes, das Buckingham bewohnte. Von dem Lichte, das aus dieſem Fenſter hervor⸗ ſprang, hob ſich die Silhouette des Herzogs kräftig ab; nachläßig auf das geſchnitzte und mit Sammet verzierte Geſimſe gelehnt, ſandte er auch nach dem Balcon ſeine Wünſche und die tollen Viſionen ſeiner Liebe. Bragelonne konnte ſich des Lächelns nicht erwehren. „Das iſt ein armes, betrübtes Herz,“ ſagte er, an Madame denkend. Dann in einem mitleidigen Hinblick auf Monſieur fügte er bei: „Und das iſt ein armer, ſehr bedrohter Gatte; wohl ihm, daß er ein großer Fürſt iſt und eine Armee hat, um ſein Gut zu bewachen.“ Bragelonne beobachtete eine Zeit lang das Beneh⸗ men der beiden Seußzenden, horchte auf das unhöfliche Schnarchen von Manicamp, welcher mit eben ſo großem Stolz ſchnarchte, als hätte er ſein blaues Kleid ſtatt ſeines violetten gehabt, und wandte ſich gegen den Wind, der ihm den entfernten Geſang einer Nachtigall brachte; dann, nachdem er ſeinen Vorrath an Melancholie— auch eine Krankheit der Nacht— eingethan hatte, kehrte er in ſein Zelt zurück und dachte für ſeine eigene Rech⸗ nung, daß vielleicht vier bis ſechs Augen, ſo glänzend wie die von Guiche und Buckingham, nach ſeinem Idol im Schloſſe von Blois ſchmachteten. „Und Fräulein von Montalais iſt keine ganz ſolide Garniſon,“ ſagte er leiſe, während er zugleich laut ſeufzte. ——öſſ ——— — 4 XVII. Vom Hapre nach Paris. Am andern Tage fanden die Feſte mit allem Ge⸗ pränge und mit allem Jubel Statt, wie dies bei den Mitteln des Havre und der Stimmung der Geiſter nur immer möglich war. 3 Wäͤhrend der letzten Stunden, die man hier zu⸗ brachte, hatte man Vorkehrungen zur Abreiſe getroffen. Madame ſtieg, nachdem ſie von der engliſchen Flotte Abſchied genommen und ihre Flagge begrüßend zum letzten Mal ihr Vaterland gegrüßt hatte, inmitten einer glänzenden Escorte in den Wagen. 8 Der Graf von Guiche hoffte, der Herzog von Bu⸗ ckingham würde mit dem Admiral nach England zuxück⸗ kehren, aber es gelang Buckingham, der Koönigin dar⸗ zuthun, es wäre eine Unſchicklichkeit, Madame beinahe allein in Paris ankommen zu laſſen. Sobald der Punkt, daß Buckingham Madame be⸗ gleiten ſollte, feſtgeſtellt war, wählte der junge Herzog einen Hof von Cdelleuten und Officieren, mit der Be⸗ ſtimmung, ſein eigenes Gefolge zu bilden, ſo daß eine ganze Armee, das Gold und die glänzenden Demonſtra⸗ tionen in den Städten und den Dörfern, durch die ſie kam, ausſtreuend, nach Paris marſchirte.. 5 Das Wetter war herrlich. Frankreich iſt ſchoͤn an⸗ zuſchauen, beſonders von der Straße aus, der der Zug folgte. Der Frühling warf ſeine balſamiſchen Blüthen und Blätter vor die Schritte dieſer Jugend. Die ganze Normandie mit ihrer fruchtbaren Vegetation, mit ihren blauen Horizonten, mit ihren ſilbernen Flüſſen ſtellte 2— 177 ſich wie ein Paradies für die neue Schweſter des Kö⸗ nigs dar. Es gab nur Feſte und Berauſchungen auf dem Wege. Guiche und Buckingham vergaßen Alles; Guiche, um die neuen Verſuche des Engländers zurückzudrängen, Buckingham, um in dem Herzen der Prinzeſſin eine leb⸗ haftere Erinnerung an das Vaterland zu erwecken, wor⸗ an ſich das Andenken an glückliche Tage knüpfte. Leider aber konnte der Herzog wahrnehmen, daß ſich das Bild ſeines theuren Englands von Tag zu Tag im Geiſte von Madame immer mehr verwiſchte, je tiefer ſich darin die Liebe für Frankreich einprägte. 3 Er konnte wahrnehmen, daß alle ſeine kleinen Auf⸗ merkſamkeiten keine dankbare Anerkennung hervorriefen, und er mochte immerhin voll Anmuth auf einem der ſtolzeſten, brauſendſten Roſſe des Yorkfhire einherreiten, die Augen der Prinzeſſin verweilten nur zufällig und nebenbei auf ihm. Vergebens verſuchte er es, um einen von den im Raume umherirrenden oder anderswo haftenden Blicken auf ſich zu lenken, die thieriſche Natur Alles hervor⸗ bringen zu laſſen, was ſie an Kraft, Stärke, Zorn und Gewandtheit zu vereinigen vermag; vergebens ſprengte er, ſein Roß mit den feurigen Nüſtern übermäßig auf⸗ ſtachelnd, hin, auf die Gefahr, ſich tauſendmal an den Bäumen zu zerſchellen, in die Gräben, über die Schran⸗ ken oder jähe Bergabhänge hinabzuſtürzen, durch das Geräuſch aufmerkſam gemacht, wandte Madame einen Augenblick den Kopf um und kehrte dann leicht lä⸗ chelnd zu ihren treuen Wächtern Raoul und Guiche zu⸗ zict, welche ruhig an den Schlägen ihres Wagens ritten. Da fühlte ſich Buckingham von allen Qualen der Eiferſucht heimgeſucht; ein unbekannter, unerhörter, brenne Schmerz durchzog ſeine Adern und lagerte ſich in ſeinem Herzen; um zu beweiſen, daß er ſeine Die drei Musketiere. Bragelonne⸗ V. 12 ——— Tollheit einſehe und durch die demüthigſte Unterwür⸗ figkeit das Unrecht ſeiner Unbeſonnenheiten ſühnen wolle, bezähmte er ſein Pferd und nothigte es, ganz triefend von Schweiß ganz weiß von dickem Schaum, bei der Carroſſe unter der Menge der Höflinge an ſeinem Ge⸗ biß zu nagen. Zuweilen erhielt er zum Lohn ein Wort von Ma⸗ dame, und dieſes Wort kam ihm noch wie ein Vor⸗ wurf vor. „Gut, Herr von Buckingham,“ ſagte ſie,„nun ſeid Ihr vernünftig.“ 1 Oder ein Wort von Raoul. „Ihr tödtet Euer Pferd, Herr von Buckingham.“ Buckingham hoͤrte Raoul geduldig an, denn er fühlte inſtinctartig, ohne daß er irgend einen Beweis dafür hatte, daß Raoul Guiche in ſeinen Gefühlen mä⸗ ßigte, und daß ohne Raoul ſchon irgend ein toller Schritt, ſei es von Seiten des Grafen oder von ihm, Buckingham, einen Bruch, ein Aergerniß, eine Verban⸗ nung vielleicht herbeigeführt hätte. Seit dem bekannten Geſpräch, das die zwei jungen Leute vor dem Zelte im Havre gehabt hatten, wobei dem Herzog von Naoul die Unſchicklichkeit ſeiner Kund⸗ gebungen fühlbar gemacht worden war, wurde Bucking⸗ ham unwillkührlich zu Raoul hingezogen. Oft knüpfte er eine Unterredung mit ihm an, und beinahe immer geſchah es, um mit ihm von ſeinem Vater oder von d'Artagnan, ihrem gemeinſchaftlichen Freund, zu ſprechen, für den Buckingham beinahe eben ſo ſehr begeiſtert war, als Raoul. Raoul liebte es beſonders, die Unterhaltung auf dieſen Gegenſtand vor Herrn von Wardes zu bringen, der während der ganzen Reiſe von der Ueberlegenheit von Bragelonne und beſonders von ſeinem Einfluß auf den Geiſt von Guiche verletzt war. Herr von Wardes beſaß das feine, forſchende Auge 3 das jede ſchlimme Natur auszeichnet; er hatte ſogleich † K 8N= die Traurigkeit von Guiche und ſein verliebtes Aufſtre⸗ ben zu der Prinzeſſin bemerkt. 3 Statt dieſen Gegenſtand mit der Zurückhaltung von Raoul zu behandeln, ſtatt auf eine würdige Weiſe, wie der letztere, die Convenienzen und die Pflichten zu beobachten, griff Wardes entſchloſſen die beſtändig tö⸗ nende Saite jugendlicher Kühnheit und ſelbſtſüchtigen Stolzes an. So geſchah es, daß eines Abends, als man in Mantes anhielt, während Guiche und Wardes auf eine Schranke geſtützt mit einander plauderten, während Buckingham und Raoul auf und abgehend mit einander ſprachen und Manicamp den Prinzeſſinnen den Hof machte, die ihn wegen ſeines geſchmeidigen Geiſtes, ſei⸗ ner mildfreundlichen Manieren und ſeines verſöhnlichen Charakters ganz zutraulich behandelten, Wardes zu dem Grafen ſagte: „Bekenne, daß Du ſehr krank biſt und daß Dich Dein Hofmeiſter nicht heilt.“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ erwiederte der Graf. „Das iſt doch leicht zu verſtehen; Du vertrockneſt vor Liebe.“ „Tollheit, Wardes, Tollheit!“ „Ja, ich gebe zu, es wäre eine Tollheit, wenn Madame für Dein Maͤrtyrthum gleichgültig bliebe, aber ſie bemerkt es, dergeſtalt, daß ſie ſich wmrmittirt, ich befürchte in der That, bei unſerer Ankunft in Päris dürfte Dein Hofmeiſter, Herr von Bragelonne, Euch Beide anzeigen.“— .„Wardes! Wardes! abermals ein Angriff auf Bragelonne!“ 3 4„Genug der Kinderei!“ verſetzte mit leiſer Stimme der böſe Genius des Grafen,„Du weißt ſo gut wie ich, was ich Alles ſagen will; Du ſiehſt wohl, daß der lick der Prinzeſſin milder, freundlicher wird, wenn ſie mit Dir ſpricht; Du erkennſt an dem Ton ihrer Stimme, daß ſie die Deinige gern hört; Du fühlſt, daß ſie die nd 180 Verſe verſteht, die Du ihr vorſprichſt, und wirſt nicht leugnen, daß ſie Dir jeden Morgen ſagt, ſie habe ſchlecht geſchlafen?“ „Das iſt wahr, Wardes, es iſt wahr, doch wozu ſagſt Du mir dies Alles?“ „Iſt es nicht wichtig, die Dinge klar zu ſehen?“ „Nein, wenn einen die Dinge, die man ſieht, ver⸗ rückt machen können,“ erwiederte Guiche. Und er wandte ſich voll Unruhe gegen die Prin⸗ zeſſin um, als wollte er, während er die Einflüſterungen von Wardes zurückwies, die Beſtätigung derſelben in ihren Augen leſen. „Ahl ah!“ ſagte Wardes,„ſieh da, ſie ruft Dir, hörſt Du? Benütze die Gelegenheit, der Hofmeiſter iſt nicht da.“ Guiche hielt es nicht mehr länger ags; eine un⸗ piderie hüche Anziehungskraft riß ihn zu der Prinzeſ⸗ ſin hin. 1— Wardes ſchaute ihm lächelnd nach, als er ſich ent⸗ ernte. „Ihr täuſcht Euch, mein Herr,“ ſagte plötzlich Raoul, indem er ſich über die Schranke ſchwang, an welche ſich einen Augenblick vorher die zwei Sprechen⸗ den angelehnt hatten,„der Hofmeiſter iſt da und hört Euch.“ 3 Bei der Stimme von Raoul, den er erkannte, ohne daß er nach ihm umzuſchauen brauchte, zog Wardes halb ſeinen Degen. 5 „Steckt Euren Degen ein,“ ſagte Raoul,„Ihr wißt wohl, daß während der Reiſe, die wir vollbringen, jede Demonſtration dieſer Art unnütz wäre. Steckt Eu⸗ ren Degen wieder ein, haltet aber auch Eure Zunge im Zaum. Warum gießt ihr in das Herz desjenigen, wel chen Ihr Euern Freund nennt, alle Galle, die das Eu rige zernagt? Mich wollt Ihr einen rechtſchaffene Mann, einen Freund meines Vaters und der Meinig haſſen machen; den Grafen wollt Ihr zu einer Lieb — A N rief Wardes. ſehr ſchlechtem Geſchmack zeugt.“ * 181 für eine Frau aufſtacheln, die Euerem Gebieter beſtimmt iſt. In der That, mein Herr, Ihr wäret ein ſchändli⸗ cher Verräther in meinen Augen, würde ich Euch nicht mit mehr Recht als einen Narren betrachten „Mein Herr,“ rief Mardes an 5 mich alſo nicht, als ich Euch einen Hofn Der Ton, den Ihr Euch anmaßt, die Formen, 1 gebraucht, ſind die eines geißelſüchtigen Jeſuiten und nicht eines Edelmanns. Ich bitte Euch, gebt mit gegenüber dieſe Formen und dieſen Ton auf. Ich Herrn d'Artagnan, weil er eine Schändli⸗ meinen Vater begangen hat.“ „Ihr lügt, mein Herr,“ erwiederte Re alt. „Ah! Ihr wollt mich Lügen ſtrafen, mein Herr 14 „Warum nicht, wenn das, was Ihr ſagt, falſch iſt.¹ „Ihr ſtraft mich Lügen und nehmt nicht den Degen in die Hand?“. „Mein Herr, ich habe mir gelobt, Euch nicht eher zu tödten, als bis wir Madame ihrem Gemahl überge⸗ ben haben.“ 8 „Mich tödten! Euer Ruthenbündel tödtet nicht, Herr Schulfuchs!“ „Nein,“ entgegnete Raoul kalt,„doch der D von d'Artagnan tödtet; und ich habe nicht nur dieſen Degen, ſondern er hat mich auch denſelben andhaben gelehrt, und mit dieſem Degen werde ich zu geeigneter Zeit ſeinen von Euch verletzten Namen rächen.“ „Mein Herr,“ rief Wardes,„nehmt Euch in Acht! Wenn Ihr mir nicht auf der Stelle Genugthuung gebt, ſo wird mir jedes Mittel gut ſein, um mich zu raͤchen.* „Ho! ho!“ ſagte Buckingham, der plötzlich auf dem Schauplatz erſchien,„das iſt eine Drohung, die am Mord hinſtreift und folglich für einen Edelmann von 182 „Was ſagt 1 r, Herr Herzog?“ fragte Wardes, ſich umwende „Ich ſag hr habet Worte geſprochen, die in meinen engliſe ren ſchlecht klingen.“ e err,“ rief Wardes außer ſich, r ſprecht, wahr iſt, ſo finde ich we⸗ in Euch einen Mann, der mir nicht durch die een wird. Nehmt alſo meine Worte, wie 44 „wen me ſie, wie ich muß,“ erwiederte Bucking⸗ ihm eigenthümlichen hochmüthigen Ton, bei einem gewoͤhnlichen Geſpräch das, was er eine Herausforderung klingen ließ;„Ihr eleidigt Herrn von Bragelonne, Ihr werdet mir für dieſe Beleidigung Genugthuung geben.“ Wardes warf einen Blick auf Bragelonne, der, ſei⸗ ner Rolle getreu, ſelbſt vor der Herausforderung des Herzogs ruhig und kalt blieb. „Es ſcheint nicht,“ ſagte er,„es ſcheint nicht, daß ich Herrn von Bragelonne beleidige, da Herr von Brage⸗ lonne, der einen Degen an ſeiner Seite hat, ſich nicht s beleidigt betrachtet.“ „Ihr beleidigt aber doch irgend Jemand?“ Ja, ich beleidige Herrn d'Artagnan,“ erwiederte der bemerkt hatte, daß dieſer Name der ein⸗ el war, mit dem er den Zorn von Raoul er⸗ achel ent bin vollkommen Eurer Meinung,“ erwiederte der Engländer, der ſein ganzes Phlegma wiedergefunden hatte,„für den beleidigten Herrn von Bragelonne konnte Herrn d'Artagnan betrifft..“.. icch vernünftiger Weiſe nicht wohl die Partei von Herrn von Bragelonne nehmen, da er da iſt; ſobald es aber + „» b — 183 „Ueberlaßt Ihr mir den Platz, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte Wardes. „Nein, im Gegentheil, ich ziehe vom Leder,“ er⸗ wiederte Buckingham, während er ſeinen Degen aus der Scheide zog,„denn wenn Herr d'Artagnan Euern Vater beleidigt hat, ſo hat er meinem Vater einen gro⸗ ßen Dienſt geleiſtet, oder wenigſtens zu leiſten verſucht.“ Wardes machte eine Bewegung des Erſtaunens. „Herr d'Artagnan,“ fuhr Buckingham fort,„iſt der galanteſte Edelmann, den ich kenne. Ich wäre alſo, da ich ihm perſönlich verpflichtet bin, entzückt, dieſe Verpflichtung an Euch durch einen Degenſtich zu be⸗ zahlen.“ S Zu gleicher Zeit zog Buckingham anmuthig ſeinen Degen, begrüßte Raoul und legte ſich aus. Wardes machte einen Schritt, um den Stahl zu kreuzen. „Ruhig, ruhig, meine Herren!“ ſagte Raoul, in⸗ dem er vortrat und ſeinen entblößten Degen zwiſchen den Kämpfenden ausſtreckte,„dies Alles iſt nicht der Mühe werth, daß man ſich beinahe unter den Augen der Prinzeſſin erwürgt; Herr von Wardes ſagt Schlim⸗ mes von Herrn d'Artagnan, doch er kennt Herrn d'Ar⸗ tagnan nicht einmal.“ Wardes knirſchte mit den Zähnen, ſenkte ſeine Degenſpitze auf das Ende ſeines Stiefels und rief: cht n! ho! Ihr ſagt, ich kenne Herrn d'Artagnan nicht?“ „Oh! nein, Ihr kennt ihn nicht,“ erwiederte Ravul kalt,„Ihr wißt ſogar nicht einmal, wo er iſt.“ „Ich weiß nicht, wo er iſt?“ „Allerdings, es muß ſo ſein, da Ihr in Beziehung auf ihn Streit mit einem Fremden anfangt, ſtatt Herrn d'Artagnan da aufzuſuchen, wo er iſt.“ Wardes erbleichte. 4 „Nun, mein Herr, ich will es Euch ſagen, iſt,“ fuhr Raoul fort,„Herr v'Artagnan iſt i 184 er wohnt im Louvre, wenn er den Dienſt hat, in der Rue des Lombards, wenn er ihn nicht hat; Herr d'Ar⸗ tagnan läßt ſich ganz ſicher in der einen oder der an⸗ dern von dieſen Wohnungen finden; bei all dem Groll, den Ihr gegen Ihn hegt, ſeid Ihr kein muthiger Mann, wenn Ihr ihn nicht aufſucht, damit er Euch die Ge⸗ nugthuung gibt, die Ihr von aller Welt, nur nicht von ihm zu fordern ſcheint.“ Wardes wiſchte ſeine von Schweiß triefende Stirne ab, und Raouk ſprach weiter: „Pfui! Herr von Wardes, es iſt unanſtändig, ein ſolcher Raufer zu ſein, während wir Edicte gegen das Duell haben. Bedenkt wohl, der König würde wegen unſeres Ungehorſams gegen uns aufgebracht werden, be⸗ ſonders in einem ſolchen Augenblick, und der König hätte Recht.“ „Entſchuldigungen,“ murmelte Wardes,„Vor⸗ wände.“ 3 3 „Geht doch!“ verſetzte Raoul,„Ihr ſprecht da un⸗ ewaſchenes Zeug, mein lieber Herr von Wardes; Ihr wißt wohl, daß der Herr Herzog von Buckingham ein tapferer Mann iſt, der das Schwert zehnmal gezogen hat und ſich auch wohl elfmal ſchlagen wird. Was Teufels, er führt einen Namen, der verpflichtet! Was mich betrifft, ſo wißt Ihr wohl, nicht wahr? daß ich mich auch ſchlage. Ich habe mich bei Sens, bei Bleneau, auf den Dünen, vor den Kanonieren, hundert Schritte vor der Linie geſchlagen, während Ihr, beiläufig geſagt, hundert Schritte dahinter waret. Allerdings fanden ſi ch dort viel zu viele Menſchen, als daß man Eure Tapfer⸗ keit hätte ſehen können, und deshalb verbarget Ihr ſie; hier aber wäre es ein Schauſpiel, ein Seandal; Ihr wollt von Euch ſprechen machen, gleichviel auf welche Art... Rechnet nicht auf mich, Herr von Wardes⸗ daß ich Euch bei Eurem Plan unterſtütze; ich werde Euch dieſes Vergnügen nicht gewähren.“ „Das iſt voll Vernunft,“ ſagte Buckingham, ſeinen — — 185⁵ Degen wieder einſteckend,„und ich bitte Euch um Ver⸗ zeihung, Herr von Bragelonne, daß ich mich von einer erſten Bewegung habe hinreißen laſſen.“ Doch im Gegentheil wüthend, machte Herr von Wardes einen Sprung vorwärts und bedrohte mit dem Degen ausfallend Raonl, der nur noch Zeit hatte, eine Quartparade zu erreichen. „Eil mein Herr,“ ſagte Bragelonne ruhig,„nehmt Euch doch in Acht, Ihr werdet mir ein Auge ausſtoßen.“ „Ihr wollt Euch alſo nicht ſchlagen?“ ſchrie Wardes. „Für den Augenblick nicht; doch hört, was ich Euch verſpreche, ſobald wir in Paris angekommen ſind: ich führe Euch zu Herrn d'Artagnan, dem Ihr erzählt, worüber Ihr Euch zu beſchweren habt. Herr d'Arta⸗ gnan wird den König um Erlaubniß bitten, Euch einen Degenſtich beibringen zu dürfen. Der König wird es Euch geſtatten, und wenn Ihr den Degenſtich empfan⸗ gen habt, nun mein lieber Herr von Wardes, ſo wer⸗ det Ihr mit ruhigerem Auge die Vorſchriften des Evan⸗ eln⸗ betrachten, die uns Beleidigungen vergeſſen heißen.“ „Ahl“ rief Wardes wüihend über dieſe Kaltblütig⸗ keit,„man ſieht wohl, daß Ihr halb Baſtard ſeid, Herr von Bragelonne.“ Raoul wurde bleich wie ſein Hemdkragen; ſein Auge ſchleuderte einen Blitz, der Wardes zurückweichen machte. Buckingham ſelbſt war davon geblendet und warf ſich zwiſchen die zwei Gegner, die er auf einander los⸗ ſtürzen zu ſehen erwartete. Herr von Wardes hatte dieſe Beleidigung zur letz⸗ ten aufbewahrt; er preßte krampfhaft ſeinen Degen in ſeiner Fauſt und erwartete den Anfall.— „Ihr habt Recht, mein Herr,“ ſagte Raoul, indem er ſich gewaltig gegen ſich ſelbſt anſtrengte,„ich kenne nur den Namen meines Vaters, doch ich weiß zu gut, wie ſehr der Herr Graf de la Fere ein Mann von red⸗ 186 lichem, ehrenhaftem Charakter iſt, um einen Augenblick zu befürchten, wie Ihr zu ſagen ſcheint, es hafte ein Flecken auf meiner Geburt. Daß ich den Namen meiner Mutter nicht kenne, iſt alſo nur ein Ungluͤck für mich und keine Schmach. Ihr aber ermangelt der Bieder⸗ keit, der Höflichkeit, daß Ihr mir ein Unglück zum Vor⸗ wurf macht. Gleichviel, die Beleidigung beſteht, und diesmal halte ich mich für beleidigt. Es iſt alſo abge⸗ macht, ſobald Ihr Euren Streit mit Herrn d'Artagnan ausgefochten, ſollt Ihr mit mir zu thun haben, wenn es Euch gefällig iſt.“ „Hol hol“ erwiederte Wardes mit einem bittern Lächeln.„Ich bewundere Eure Klugheit, mein Herr, ſo eben verſprachet Ihr mir einen Degenſtich von Herrn d'Artagnan, und nach dieſem ſchon von mir empfange⸗ nen Stich bietet Ihr mir den Eurigen an.“ 3 „Seid unbeſorgt,“ entgegnete Raoul mit dumpfem Zorn,„Herr d'Artagnan iſt ein im Waffenhandwerk ge⸗ ſchickter Mann, und ich werde ihn bitten, daß er für Euch thut, was er für Euern Herrn Vater gethan hat, nämlich daß er Euch nicht ganz tödtet, ſondern mir das Vergnügen läßt, wenn Ihr geheilt ſeid, Euch im Ernſte todt zu ſtechen, denn Ihr ſeid ein ſchlimmes Herz, Herr von Wardes, und man vermoͤchte in der That nicht vorſichtig genug gegen Euch zu ſein.“ „Mein Herr, ſeid unbeſorgt, ich werde gegen Euch ſelbſt Vorſichtsmaßregeln nehmen,“ rief Wardes. 3 „Mein Herr,“ ſprach Buckingham,„erlaubt mir, Eure Worte durch einen Rath zu überſetzen, den ich Herrn von Bragelonne geben werde: Herr von Brage⸗ lonne, tragt einen Panzer.“ Herr von Wardes ballte die Fäuſte und rief: „Ah! ich verſtehe: dieſe Herren warten den Augen⸗ blick ab, wo ſte ihre Vorſichtsmaßregeln getroffen ha⸗ ben werden, um ſich mit mir zu meſſen.“ „Gut, mein Herr,“ ſprach Raoul,„da Ihr durch⸗ aus wollt, endigen wir.“. 2 187 Er that einen Schritt gegen Wardes und ſtreckte ſeinen Degen vor. „Was macht Ihr?“ fragte Buckingham. „Seid ruhig, es wird nicht lange dauern,“ ant⸗ wortete Raoul. Wardes nahm ſeine Stellung; die Degen kreuz⸗ ten ſich. Wardes ſtürzte mit einer ſolchen Haſt auf Raoul los, daß es Buckingham beim erſten Zuſammenſtoßen der Degen klar war, Raoul ſchone ſeinen Gegner. Buckingham wich einen Schritt zurück und ſchaute dem Kampfe zu. Raoul war ruhig, als ſpielte er mit einem Rap⸗ pier, ſtatt mit einem Degen zu ſpielen; er löſte ſeine bis an den Griff gebundene Klinge, zog ſich einen Schritt zurück, parirte mit Gegenſtößen, die drei bis vier Stöße, welche Wardes gegen ihn that, dann auf eine Drohung in Tiefquart, welche Wardes durch den Zirkel parirte, band er deſſen Degen und ſchleuderte ihn zwanzig Schritte über die Schranke hinaus. Hiernach, da Wardes entwaffnet und betäubt ſtehen blieb, ſteckte Raoul ſeinen Degen wieder in die Scheide, packte ſeinen Gegner am Kragen und am Gürtel und warf ihn ebenfalls bebend und brüllend über die Schranke. „Auf Wiederſehen! auf Wiederſehen!“ murmelte Herr von Wardes, während er aufſtand und ſeinen De⸗ gen aufhob. „Ei! bei Gott! ſeit einer Stunde wiederhole ich Euch nichts Anderes,“ ſagte Raoul. Nach dieſen Worten wandte er ſich gegen Bucking⸗ ham um und ſprach: „ Herzog, ich erſuche Euch, nicht ein Wort von Allem, was hier vorgefallen iſt, zu verrathen! ich ſchäme mich, daß ich ſo weit gegangen bin, doch der Zorn hat mich fortgeriſſen.... ich bitte Euch um Verzeihung; vergeßt.“ 188 „ Ah! lieber Vicomte,“ erwiederte der Herzog, dieſe zugleich ſo derbe und ſo redliche Hand drückend,„Ihr werdet mir im Gegentheil erlauben, mich zu erinnern und Eures Heils zu gedenken; dieſer Menſch iſt gefähr⸗ lich, er wird Euch töodten.“ 3„Mein Vater hat zwanzig Jahre unter der Droh⸗ ung eines noch furchtbareren Feindes gelebt und iſt nicht geſtorben. Ich bin von einem Blut, das Gott be⸗ ſchützt, Herr Herzog.“ „Euer Vater hatte gute Freunde, Vicomte.“ „Ja,“ ſeufzte Raoul,„Freunde, wie es keine mehr gibt.“ „Ohl ich bitte Euch, ſagt das nicht in dem Augen⸗ blick, wo ich Euch meine Freundſchaft anbiete.“ Und Buckingham öffnete ſeine Arme Bragelonne, der mit Freuden den ihm angebotenen Bund annahm. „In meiner Familie ſtirbt man für diejenigen, welche man liebt, Ihr wißt das, Herr von Bragelonne,“ fügte Buckingham bei. „Ja, Herzog, ich weiß es,“ antwortete Raoul. XVIII. Mas der Chevalier von Lorraine von Madame dachte. Nichts ſtörte mehr die Sicherheit der Reiſe. Unter einem Vorwand, der kein großes Aufſehen machte, entſchlüpfte Herr von Wardes, um voraus z reiſen. Er nahm Manicamp mit, deſſen gleichmäßiger, träumeriſcher Humor ihm als Balance diente. 3 Es iſt zu bemerken, daß ſtreitſüchtige, unruhige Geiſter ſtets eine Verbindung mit ſanften und ſchüchter⸗ nen Charakteren zu ſchließen finden, als ob die Einen in dieſem Contraſt eine Raſt für ihren Humor, die An⸗ dern eine Wehr für ihre eigene Schwäche ſuchten. Buckingham und Bragelonne, welche Herrn von Guiche in ihre Freundſchaft einweihten, bildeten den ganzen Weg entlang ein Concert von Lobeserhebungen zu Ehren der Prinzeſſin. 3 Nun hatte es Bragelonne dahin gebracht, daß die⸗ ſes Concert in Terzetten gegeben wurde, ſtatt durch Solos, wie dies bei Guiche und ſeinem Nebenbuhler zur gefährlichen Gewohnheit geworden zu ſein ſchien. . Dieſe Harmoniemethode gefiel Madame Henriette, der Königin Mutter, ungemein; ſie entſprach vielleicht nicht eben ſo ſehr dem Geſchmack der Prinzeſſin, welche gefallſüchtig war wie ein Dämon und, ohne Furcht für ihre Tugend, die Gelegenheiten zur Gefahr ſehr liebte. Sie hatte in der That eines von den muthigen, verwegenen Herzen, die ſich in den Extremen des Zart⸗ gefühls gefallen und das Eiſen mit einem gewiſſen Ap⸗ petit nach der Wunde ſuchen. Ihr Lächeln, ihre Blicke, ihre Toiletten, unerſchöpf⸗ liche Wurfgeſchoſſe, regneten auch auf die drei jungen Leute, durchlöcherten ſie, und aus dieſem bodenloſen Ar⸗ ſenal gingen noch Blicke, Kußhände und tauſend an⸗ dere Wonnen hervor, welche in der Ferne die Edelleute vom Gefolge, die Bürger, die Beamten der Städte, durch die man kam, die Pagen, das Volk, die Lackeien treffen ſollten; es war eine allgemeine Verheerung, eine univerſelle Verwüſtung. Als Madame in Paris ankam, hatte ſie unter We⸗ ges hunderttauſend Verliebte gemacht, und ſie brachte u Paris ein halbes Dutzend Nalten und zwei Ver⸗ rüͤckte. 5 1 Raoul allein, der alles Verführeriſche dieſer Dame errieth und, weil er das Herz voll hatte, keinen leeren Raum bot, wo ein Pfeil eindringen konnte, Raoul kam kalt und mißtrauiſch in die Hauptſtadt des Reiches. Auf dem Wege ſprach er zuweilen mit der Köni⸗ gin von England von dem berauſchenden Zauber, den Madame um ſich her verbreitete, und die Mutter, welche durch ſo viele Mißgeſchicke und Täuſchungen erfahren geworden war, antwortete ihm: „Henriette mußte eine Illuſtre ſein, war ſie nun auf dem Thron oder in der Dunkelheit geboren; denn ſie iſt eine Frau von Einbildungskraft, von Laune und Willen.“ Als Vortrab und Courriere hatten Herr von Wardes und Manicamp die Ankunft der Prinzeſſin ver⸗ kündigt. Der Cortege ſah in Nantes eine glänzende Escorte von Reitern und Wagen erſcheinen. Es war Monſteur, der, gefolgt vom Chevalier von Lorraine und ſeinen Günſtlingen, welchen wiederum ein Theil der Haustruppen des Königs folgte, ſeine könig⸗ liche Braut begrüßen wollte. In Saint⸗Germain hatten die Prinzeſſin und ihre Mutter die etwas ſchwerfällige, von der Reiſe ein we⸗ nig angeſtrengte Kutſche gegen eine elegante und reiche, von ſechs weißen, mit Gold geſchirrten Pferden gezo⸗ gene Carroſſe vertauſcht. 4 In dieſem Wagen erſchien wie auf einem Throne unter dem ſeidenen, mit Franſen, von Federn geſchmück⸗ ten Sonnenſchirme die junge und ſchöne Prinzeſſin, de⸗ ren ſtrahlendes Geſicht die roſigen, für ihre perlmutter⸗ artige Haut ſo zarten Reflexe empfing. Als Monſieur zu der Carroſſe kam, war er von dieſem Glanze ſo ergriffen, er bezeigte ſeine Bewunde⸗ rung in ſo beſtimmten Worten, daß der Chevalier von Lorraine in der Gruppe der Höflinge die Achſeln zuckte unnttchuiche und Buckingham ſich im Herzen getroffen ühlten. 5 2 A—— ᷣ ð᷑— XS A N NND 28 — —— 3 zufrieden.“ Nachdem die Artigkeiten ausgetauſcht und die Ce⸗ remonien erfüllt waren, ſchlug der ganze Cortege lang⸗ ſam den Weg nach Paris ein. Die Vorſtellungen hatten auf eine leichte Weiſe ſtattgefunden. Herr von Buckingham war Monſieur mit den anderen engliſchen Edelleuten bezeichnet worden. Monſteur hatte Allen eine ſehr oberflächliche Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt. Unter Weges aber, als er den Herzog ſich mit dem⸗ ſelben Eifer wie gewöhnlich an die Schläge des Wa⸗ gens drängen ſah, fragte er den Chevalier von Lorraine, ſeinen Unzertrennlichen: „Wer iſt dieſer Cavalier?“ „So eben hat man ihn Eurer Hoheit vorgeſtellt,“ antwortete der Chevalier,„es iſt der ſchöne Herzog von Buckingham.“ „ Ahl es iſt wahr.“ 5 „Der Ritter von Madame,“ fügte der Günſtling mit einem Ton und mit einem Nachdruck bei, den nur die Neidiſchen allein den einfachſten Sätzen zu geben vermögen. „Wie? was willſt Du damit ſagen?“ fragte der rinz, immer weiter reitend. „Ich habe geſagt, der Ritter.“ „Madame hat alfo einen Ritter mit Titel?“ „Mir ſcheint, Ihr müßt das bemerken, wie ich; eht nur, wie ſie Beide mit einander lachen und tollen.“ „Alle Drei.“ „Wie, alle Drei?“ „Gewiß, Du ſiehſt wohl, daß Guiche dabei iſt.“ „Allerdings, ich ſehe es,.... Doch was beweiſt das? daß Madame ſtatt eines Ritters zwei hat.“„ „Du begifteſt Alles, Schlange.“ „ch begifte nichts... Ahl welch einen ſchlim⸗ men Geiſt habt Ihr! Man macht Eurer Frau die Honneurs von Frankreich, und Ihr ſeid nicht damit Der Herzog von Orleans fürchtete das ſatyriſche Ueberſprudeln des Chevalier, wenn er es bis zu einer gewiſſen Stärke geſteigert hätte, und brach kurz ab. „Die Prinzeſſin iſt hübſch,“ ſagte er nachläͤſſig, als ob es ſich um eine Fremde handelte. „Ja,“ erwiederte der Chevalier in demſelben Ton. „Du ſagſt dieſes Ja wie ein Nein. Sie hat ſehr ſchöne ſchwarze Augen, wie mir ſcheint.“ „Kleine.“ „Es iſt wahr, aber glänzend. Sie iſt vortheilhaft gewachſen.“. „Der Wuchs iſt ein wenig verdorben, Monſei⸗ gneur.“ „Ich leugne es nicht. Die Miene iſt edel.“ „Aber das Geſicht mager.“ „Die Zähne kommen mir bewunderungswürdig vor.“ „Man ſieht ſie. Der Mund iſt, Gott ſei Dank! ziemlich groß. Ich hatte entſchieden Unrecht, Monſei⸗ gneur, Ihr ſeid viel ſchöner als Eure Frau.“ „Sprich, findeſt Du auch, daß ich ſchöner bin, als Buckingham?“ „Oh ja! und er fühlt es wohl, denn ſeht, er ver⸗ doppelt ſeine Beſtrebungen bei Madame, damit Ihr ihn nicht in den Schatten ſtellt.“ 8 Monſieur machte eine Bewegung der Ungeduld, da er aber ein Lächeln des Triumphes über die Lippen des Chevalier hinſchweben ſah, ſo ſetzte er ſein Pferd wieder in Schritt und ſagte: meine Baſe bekümmern? Kenne ich ſie nicht? Bin ich nicht mit ihr erzogen worden? Habe ich ſie nicht als Kind im Louvre geſehen?“ „Ahl verzeiht, mein Prinz, es iſt eine Veränderung bei ihr vorgegangen,“ erwiederte der Chevalier.„In der Periode, von der Ihr ſprecht, war ſie minder glän⸗ zend und hauptſächlich etwas minder ſtolz,— an jenem Abend beſonders, erinnert Ihr Euch Monſeigneur? wo „Warum ſollte ich mich im Ganzen länger um 193 der König nicht mit ihr tanzen wollte, weil er ſte häß⸗ lich und ſchlecht gekleidet fand.“ Dieſe Worte ließen den Herzog von Orleans die Stirne falten. Es war in der That ſehr wenig ſchmei⸗ chelhaft für ihn, eine Prinzeſſin zu heirathen, aus der ſich der König in ihrer Jugend nicht viel gemacht hatte. Er war vielleicht im Begriff, zu antworten, doch in dieſem Augenblick verließ Guiche den Wagen, um ſich dem Prinzen zu nähern. Er hatte von ferne den Prinzen und den Cheva⸗ lier geſehen, und er ſchien, mit beſorgtem Ohr, die Worte errathen zu wollen, die zwiſchen Monſteur und ſeinem Günſtling ausgetauſcht worden waren. War es Treuloſigkeit, war es Unverſchämtheit, der Letztere nahm ſich nicht die Mühe, ſich zu verſtellen. ſchmack.“ „Ich danke für das Kompliment,“ erwiederte Guiche,„doch aus welcher Veranlaſſung ſagt Ihr mir das?“ „Ah! ich berufe mich auf Seine Hoheit.“ „Allerdings,“ ſprach Monſieur,„Guiche weiß wohl, daß ich ihn für einen vollkommenen Cavalier halte.“ „Nachdem dies feſtgeſtellt iſt, fahre ich fort, Graf: nicht wahr, Ihr ſeid ſeit acht Tagen bei Madame?“ „Ja,“ antwortete Guiche, unwillkührlich erröthend. „Nun, ſo ſagt uns offenherzig, was Ihr von ihrer Perſon denkt.“ „Von ihrer Perſon?“ verſetzte Guiche erſtaunt. 6„Ja, von ihrer Perſon, von ihrem Geiſt, kurz von ihr.. Verblüfft durch dieſe Frage, zoͤgerte Guiche, zu ant⸗ worten. „Auf, Guiche,“ rief der Chevalier lachend,„ſage, was Du denkſt, ſei offenherzig, Monſieur befiehlt es.“ „Ja, ja, ſei offenherzig,“ ſagte der Prinz. Die drei Musketicre. Bragelonne. IV. 13 „Graf!“ ſagte er,„Ihr habt einen guten Ge⸗ 194 Guiche ſtammelte ein paar unverſtändliche Worte. „ Ich weiß wohl, daß dies eine delicate Sache iſt,“ fuhr der Prinz fort,„doch mir kann man am Ende Alles ſagen. Wie findeſt Du ſie?“ Um zu verbergen, was in ihm vorging, nahm Guiche ſeine Zuflucht zu der einzigen Vertheidigung, die in der Macht eines überraſchten Menſchen liegt, er log und erwiederte: „Ich finde Madame weder hübſch, noch häͤßlich, doch eher das Erſtere.“ „Ahl lieber Graf,“ rief der Chevalier,„Ihr, der Ihr bei dem Anblick des Portraits in eine ſo laute Ex⸗ taſe gerathen ſeid 12 Guiche erröthete bis über die Ohren. Zum Glück half ihm ſein etwas lebhaftes Pferd durch einen Seiten⸗ ſprung ſeine Röthe verbergen. „Das Portrait,“ murmelte er, während er ſich wieder näherte,„welches Portrait?“ Der Chevalier hatte ihn nicht mit dem Blick ver⸗ laſſen. „Ja, das Portrait. War denn die Miniature nicht ähnlich?“ „Ich weiß es nicht. Ich habe das Portrait ver⸗ geſſen; es hat ſich in meinem Geiſt verwiſcht.. „Es machte aber doch einen ſo lebhaften Eindruck auf Euch,“ ſagte der Chevalier. „Das iſt möglich.“ 3 „Hat ſie wenigſtens Geiſt?2“ fragte der Herzog. „Ich, glaube, Monſeigneur.“ „Und Herr von Buckingham, hat er Geiſt?“ fragte der Chevalier. „Ich weiß es nicht.“ „Ich bin der Meinung, daß er hat,“ ſprach der Chevalier,„denn er macht Madame lachen, und ſie ſcheint viel Vergnügen an ſeiner Geſellſchaft zu Pnden was einer Frau von Geſellſchaft eines Dummkopfs iſt.“ Geiſt nie begegnet, wenn ſie in 195 „Dann hat er Geiſt,“ ſagte nun der Graf von Guiche, dem plötzlich Raoul zu Hülfe kam, als er ihn dem gefährlichen Chevalier preisgegeben ſah, deſſen er ſich ſo bemächtigte, daß Lorraine das Geſpräch zu ver⸗ ändern genöthigt war. 4 Der Einzug war freudig und glänzend. Um ſeinen Bruder zu ehren, hatte der König Befehl gegeben, die Dinge prachtvoll zu behandeln. Madame und ihre Mutter ſtiegen im Louvre ab, in dem Louvre, wo ſie während der Zeit ihrer Verban⸗ nung auf eine ſo ſchmerzliche Weiſe die Abgeſchieden⸗ heit, die Armuth, die Entbehrungen ausgeſtanden hatten. Dieſer für die unglückliche Tochter von Heinrich IV. ungaſtfreundliche Palaſt, dieſe kahlen Wände, dieſe ein⸗ getretenen Boöden, dieſe mit Spinnengeweben überzoge⸗ nen Decken, dieſe weiten marmornen Kamine, woran die Ecken abgeſtoßen, dieſe kalten Herde, die vom Almo⸗ ſen des Parlaments kaum für ſie erwärmt worden wa⸗ ren, Alles hatte ein anderes Geſicht bekommen. Schimmernde Tapeten, dichte Teppiche, glänzende Platten, friſche Malereien mit breiten goldenen Rahmen; überall Kandelaber, Spiegel, koſtbare Meubles; überall Wachen mit ſtolzer Haltung und wogenden Federbüſchen, ein Volk von Dienern und Höflingen in den Vorzim⸗ mern un auf den Treppen. In dieſen Höfen, wo kurz zuvor noch Gras wuchs, als hätte es der undankbare Mazarin für geeignet er⸗ achtet, den Pariſern zu beweiſen, die Verödung und die Unordnung müſſen mit der Armuth und der Verzweif⸗ lung das Gefolge entkräfteter Monarchien ſein; in die⸗ ſen ungeheuren, ſtummen, troſtloſen Höfen tummelten ſich nun Cavaliere, deren Roſſe aus dem glänzenden Pflaſter Tauſende von Funken ſchlugen. Carroſſen waren mit ſchönen und jungen Frauen bevölkert, welche, um ſie im Vorbeiziehen zu begrüßen, die Tochter jener Tochter von Frankreich erwarteten, die während ihres Witwenſtandes und ihrer Verban⸗ 8* 196 nung zuweilen nicht ein Stückchen Holz für ihren Ka⸗ min, nicht ein Stückchen Brod für ihren Tiſch gefunden hatte, und von den geringſten Dienſtboten des Schloſſes verachtet worden war. Madame Henriette kehrte auch in den Louvre mit einem Herz zurück, das, mehr vom Schmerz und von bitteren Erinnerungen angeſchwollen, als das ihrer Toch⸗ ter, einer veränderlichen, vergeßlichen Natur, von Triumph und Freude erfüllt war. Sie wußte wohl, daß der glänzende Empfang der glücklichen Mutter eeines auf den zweiten Thron Euro⸗ pas wiedereingeſetzten Königs zu Theil wurde, während der ſchlechte Empfang an ſie, die Tochter von Hein⸗ rich IV., die man dafür, daß ſie unglücklich, beſtrafte, gerichtet geweſen war. Nachdem die Prinzeſſinnen von ihren Wohnungen Beſitz ergriffen und ein wenig geruht hatten, nahmen die Männer, die ſich auch von ihrer Anſtrengung er⸗ holt, ihre Gewohnheiten und Arbeiten wieder auf. Bragelonne fing damit an, daß er ſeinen Vater aufſuchte. Athos war wieder nach Blois abgereiſt. Er wollte Herrn d'Artagnan beſuchen. Doch mit der neuen Organiſtrung der Haustrup⸗ pen des Königs beſchäftigt, war d⸗Artagnan unfindbar geworden. Bragelonne ſchlug nun den Weg zu Guiche ein. Aber der Graf hatte mit ſeinen Schneidern und mit Manicamp Berathungen, welche den ganzen Tag in Anſpruch nahmen. 4 Beim Herzog von Buckingham war es noch ſchlimmer. Dieſer kaufte Pferde auf Pferde, Diamanten auf Diamanten. Alles, was Paris an Stickerinnen, Edel⸗ ſteinhändlern und Schneidern enthielt, nahm er in Be⸗ ſchlag. Es war zwiſchen Guiche und ihm ein mehr oder minder hoͤflicher Wettſtreit, für deſſen günſtigen AN n——— 197 Erfolg der Herzog eine Million ausgeben wollte, wäͤh⸗ rend der Marſchall von Grammont Guiche nur ſechzig⸗ tauſend Livres gegeben hatte. 2 „ Buckingham lachte und gab ſeine Million aus. Guiche ſeufzte und hätte ſich ohne die Rathſchläge von Wardes die Haare ausgerauft. „Eine Million!“ wiederholte Guiche alle Tage,„ich werde unterliegen. Warum will mir der Herr Marſchall nicht meinen Antheil an der Erbſchaft herausgeben?“ „Weil Du ihn verzehren würdeſt,“ ſagte Raoul. „Eil was iſt daran gelegen! Wenn ich ſterben ſoll, werde ich ſterben. Dann brauche ich nichts mehr!“ „Welche Nothwendigkeit iſt denn vorhanden, daß Du ſterben ſollſt?“ „Ich will nicht in der Eleganz von einem Englän⸗ der beſiegt ſein.“ „Mein lieber Graf,“ ſprach nun Manicamp,„die Eleganz iſt keine koſtſpielige, ſondern eine ſchwierige Sache.“ „Ja, doch die ſchwierigen Sachen koſten ſehr viel, und ich habe nur ſechszigtauſend Livres.“ „Bei Gott!“ rief Wardes,„Du biſt ſehr in Ver⸗ legenheit; gib ſo viel aus als Buckingham, das iſt nur un Unterſchied von neunmalhundert und vierzigtauſend ivres.“ 7„Wo ſie finden?“ „Mache Schulden.“ „Ich habe ſchon.“ „„Ein Grund mehr.“ Dieſe Rathſchläge ſtachelten Guiche am Ende ſo auf, daß er Thorheiten beging, während Buckingham ſeine Million ausgab.. Als ſich das Gerücht von dieſen Verſchwendungen verbreitete, heiterten ſich die Geſichter von allen Kauf⸗ . leuten von Paris auf, und vom Hotel von Buckingham — bis zum Hotel Grammont träumte man von Wundern. 198 Während dieſer Zeit ruhte Madame aus und Bragelonne ſchrieb an Fräulein de la Valliére. Schon vier Briefe waren aus ſeiner Feder hervor⸗ gegangen, und nicht eine Antwort kam an, als am Morgen der Hochzeitfeier, welche im Palais⸗Royal ſtatt⸗ haben ſollte, Raoul, der eben im Ankleiden begriffen war, einen Diener melden hörte: „Herr von Malicorne.“ „Was will dieſer Malicorne von mir?“ dachte Raoul. „Laßt ihn warten,“ ſagte er zu dem Lackei. „Es iſt ein Herr von Blois,“ erwiederte der Diener. „Ah! laßt ihn eintreten!“ rief Raoul lebhaft. Malicorne trat ein, ſchön wie ein Geſtirn und ei⸗ nen herrlichen Degen an der Seite. Nachdem er ſich ſehr anmuthig verbeugt hatte, ſprach er: 3 „Herr von Bragelonne, ich überbringe Euch tau⸗ ſend Artigkeiten von einer Dame.“ Raoul erröthete. „Von einer Dame,“ ſagte er,„von einer Dame von Blois?“ „Ja, mein Herr, von Fräulein von Montalais.“ „Ahl ich danke; ich erkenne Euch nun wieder. Und was wünſcht Fräulein von Montalais von mir?“ Malicorne zog aus ſeiner Taſche vier Briefe und reichte ſie Raoul.. 4 „Meine Briefe! iſt es möglich!“ ſprach dieſer er⸗ bleichend,„meine Briefe noch geſiegelt!“ „Dieſe Briefe, mein Herr, haben die Perſon, für welche Ihr ſie beſtimmtet, nicht mehr getroffen, und man ſchickt ſie Euch zurück.“ „Fräulein de la Vallisre iſt von Blois abgereiſt 44 rief Raoul. „Vor acht Tagen.“ „Und wohin hat ſie ſich begeben?“ . 199 „Sie muß in Paris ſein.“ „Aber woher weiß man, daß dieſe Briefe von mir kamen?“ „Fräulein von Montalais hat Eure Handſchrift und Euer Siegel erkannt,“ antwortete Malicorne. Raoul erröthete und lächelte. „Das iſt ſehr liebenswürdig von Fräulein Aure,“ ſagte er;„ſie iſt immer gut und freundlich.“ „Immer.“ „Sie hätte mir ſollen eine genaue Auskunft über Fräulein de la Vallière geben. Ich müßte nicht in dem ungeheuren Paris ſuchen.“ Malicorne zog ein anderes Papier aus ſeiner Taſche und erwiederte:. „Ihr werdet vielleicht in dieſem Brief finden, was Ihr zu wiſſen wünſcht.“ Raoul erbrach haſtig das Siegel. Die Schrift war von Fräulein Aure und der Brief enthielt nur fol⸗ gende Worte: „Paris, Palais⸗Royal am Hochzeittag.“ „Was bedeutet das?“ fragte Raoul Malicorne; „Ihr wißt es, mein Herr?“ „Ja, Herr Vicomte.“ „Ich bitte, ſagt es mir.“ „Unmöglich, mein Herr.“ „Warum?“ 3 1 „Weil Fräulein Aure mir verboten hat, es zu agen.“ Raoul ſchaute dieſen ſeltſamen Menſchen an und blieb ſtumm. „Erklärt mir wenigſtens,“ ſprach er, dann,„ob es ein Glück oder ein Unglück für mich iſt.“ 3„Ihr werdet ſehen.“ „Ihr ſeid ſtreng in Eurer Verſchwiegenheit.“ „ Herr Vicomte, ich bitte Euch um eine Gefäl⸗ ligkeit.“ 200 „Im Austauſch für die, welche Ihr mir nicht er⸗ zeigt?“ „Ganz richkig.“ „Sprecht.“ „Es iſt mein lebhafteſter Wunſch, die Ceremonie zu ſehen, und ich habe keine Eintrittskarte, trotz aller Schritte, die ich gethan, um eine zu bekommen. Könnt Ihr mir Eintritt verſchaffen?“ „Gewiß.“ „Thut das für mich, Herr Vicomte, ich flehe Euch an.“ „Ich werde es gern thun, mein Herr, begleitet „Ich bin Euer unterthäniger Diener.“ „Ich glaubte, Ihr wäret ein Freund von Herrn von Manicamp.“ „Ja, mein Herr, doch dieſen Morgen, als ich ihm beim Ankleiden zuſchaute, war ich Schuld, daß eine Flaſche Firniß auf ſein neues Gewand fiel; da ging er mit dem Degen auf mich los und ich mußte ent⸗ fliehen. Deshalb habe ich ihn nicht um eine Karte ge⸗ beten. Er hätte mich umgebracht.“— „Das läßt ſich begreifen,“ ſagte Raoul.„Ich kenne Manicamp und weiß, daß er im Stande iſt, ei⸗ nen Menſchen zu tödten, der unglücklicher Weiſe das Verbrechen begeht, das Ihr Euch in ſeinen Augen vor⸗ zuwerfen habt; doch ich werde das Uebel Euch gegen⸗ über wieder gut machen; ich häkele nur meinen Man⸗ tel ein und bin dann bereit, Euch als Führer zu dienen.“ — X N— 8— NANKN AðRNnä— —— 201 3. XIX. Die Aeberraſchung von Fräulein von Montalais. Die Vermählung von Madame fand im Palais⸗ Royal, in der Kapelle, vor einer Welt ſtreng ausge⸗ wählter Höflinge ſtatt..5 Doch trotz der hohen Gunſt, welche eine Einladung bezeichnete, verſchaffte Raoul, ſeinem Verſprechen getreu⸗ Malicorne, der unendlich begierig war, dieſen Anblick zu genießen, den erwünſchten Eintritt. 2 Als er ſich dieſer Verbindlichkeit entledigt hatte, näherte ſich Raonl dem Grafen von Guiche; im Wider⸗ ſpruch mit ſeiner glänzenden Kleidung, zeigte der Graf ein durch den Schmerz ſo ſehr verſtoͤrtes Geſicht, daß ihm Buckingham allein ſeine übermäßige Bläſſe und Niedergeſchlagenheit ſtreitig machen konnte. „Nimm Dich in Acht, Graf,“ ſagte Raoul, der ganz nahe zu ſeinem Freund trat und ihn in dem Au⸗ genblick, wo der Erzbiſchof die zwei Gatten einſegnete, zu unterſtützen ſich bereit hielt. Man ſah in der That den Prinzen von Condé mit neugierigen Augen dieſe zwei Bilder der Verzweiflung. anſchauen, welche ſtarr wie Karyatiden auf heiden Sei⸗ ten des Schiffes ſtanden. Der Graf bewachte ſich ſorgfältiger. Sobald die Ceremonie vorüber war, begaben ſich der König und die Königin in den großen Salon, wo ſte ſich Madame und ihr Gefolge vorſtellen ließen. Man bemerkte, daß der Koͤnig, der beim Anblick ner Schwäaͤgerin ſehr erſtaunt geſchienen hatte, dieſer die aufrichtigſten Komplimente machte. Man bemerkte ferner, daß die Koͤnigin Mutter ei⸗ 20⁰² nen langen, träumeriſchen Blick auf Buckingham hef⸗ tete, ſich dann gegen Frau von Motteville neigte und zu ihr ſagte:. 4 „Findet Ihr nicht, daß er ſeinem Vater gleicht?“ Man bemerkte endlich, daß Monſieur Jedermann beohachtete und ſehr unzufrieden zu ſein ſchien. Nach dem Empfang der Prinzen und Botſchafter bat Monſteur den König um Erlaubniß, ihm, ſowie Madame die Perſonen ſeines neuen Hauſes vorſtellen zu dürfen. 8 „Wißt Ihr nicht, Vicomte,“ fragte der Herr Prinz leiſe Raoul,„wißt Ihr nicht, ob das Haus von einer Perſon von Geſchmack gebildet worden iſt, und ob wir einige anſtändige Geſichter haben werden?“ „Ich weiß es durchaus nicht, Monſeigneur,“ ant⸗ wortete Raoul. 3 „Ah! Ihr ſpielt den Unwiſſenden.“ „Wie das, Monſeigneur?“ „Ihr ſeid der Freund von Guiche, der zu den Freunden des Prinzen gehört.“ „Das iſt wahr, Monſeigneur; doch da mich die Sache nicht intereſſirte, ſo machte ich hierüber keine Frage an Guiche, und da Guiche nicht befragt wurde, ſo eröffnete er ſich mir nicht.“ 4 „Doch Manicamp?“ 1 „Ich habe allerdings Herrn von Manicamp im Havre und unter Weges geſehen, ich war aber eben ſo wenig fragſam bei ihm, als bei Guiche. Weiß übrigens Herr von Manicamp etwas von dem Allem, er, der nur eine untergeordnete Perſon iſt?“ „Eil mein lieber Vicomte, was fällt Euch ein!“ ſagte der Herzog;„es ſind die untergeordneten Perſonen, welche bei ſolchen Geleg heiten jeglichen Einfluß aus⸗ üben, und zum Beweis hiefür dient, daß beinahe Alles durch die Präſentation vo ſerrn von Manicamp bei Guiche und von Guiche onſteur geſchehen iſt.“ „Nun, Monſeign „das war mir völlig unbe⸗ geſtellt. 203 kannt,“ erwiederte Raoul,„und Eure Hoheit unterrich⸗ ten mich damit von einer Neuigkeit.“ „Ich will Euch wohl glauben, obgleich es unglaub⸗ lich iſt... und überdies werden wir nicht mehr lange zu warten haben: die fliegende Schwadron rückt heran, wie die gute Königin Katharine ſagte. Bei Gott! ſehr hübſche Geſichter!“ Es erſchien wirklich eine Truppe junger Mädchen unter der Anführung von Frau von Navaille im Saal, und zu Ehren von Manicamp, wenn er wirklich an dieſer Wahl den Antheil, den ihm der Prinz von Condé zuſchrieb, genommen hatte, müſſen wir ſagen, es war ein Anblick ganz geeignet, diejenigen zu entzücken, welchf, wie der Herr Prinz, Schätzer aller Arten von Schönheit waren. Eine blonde junge Frau, welche zwanzig oder ein⸗ undzwanzig Jahre alt ſein mochte, und deren große blaue Augen, wenn ſie ſich öffneten, blendende Flammen ſchoßen, ging an der Spitze und wurde zuerſt vor⸗ „Fräulein von Tonnay⸗Charente,“ ſagte zu Mon⸗ ſteur die alte Frau von Navallle. und Monſieur wiederholte, ſich vor Madame ver⸗ beugend: „Fräulein von Tonnay⸗Charente.“ „Ah! ah!“ ſagte der Prinz, ſich zu Raoul umwen⸗ dend,„dieſe kommt mir ziemlich angenehm vor. Das iſt Eine...⸗ „In der That,“ erwiederte Raoul,„ſie iſt hübſch, obgleich ſie ein wenig hochmüthig ausſieht.“ „Bah wir kennen dieſe Mienen, Vicomte; in drei Monaten ird ſie gezähmt ſein; doch ſchaut, da iſt eine andere Schönheit.“ „Ah!“ ſagte Raoul,„ und zwar eine Schönheit, die zu meinen Bekannten gehört.“ „ Fräulein Aure von Montalais,“ ſprach Frau von Navaille, 204 Name und Vorname wurden gewiſſenhaft von Mon⸗ ſieur wiederholt. „Großer Gott!“ rief Raoul, indem er ſeine Augen ganz beſtürzt auf die Eintrittsthüre heftete. „Was gibt es?“ fragte der Herzog,„ſollte es Fräulein Aure von Montalais ſein, wegen der Ihr ein ſolches großer Gott ausſtoßt?“ „Nein, Monſeigneur, nein,“ erwiederte Raoul ganz bleich und zitternd. „Wenn es Fräulein Aure von Montalais nicht iſt, ſo iſt es jene reizende Blonde, die ihr folgt. Meiner Treue, hübſche Augen, ein wenig mager, aber ſie be⸗ ſitzt viele Reize.“ „Fränlein de la Baume le Blanc de la Vallidre,““ ſagte Frau von Navalille. Bei dieſem Namen, der tief im Herzen von Raoul wiederhallte, ſtieg eine Wolke aus ſeiner Bruſt zu ſeinen Augen empor. Er ſah nichts mehr und hörte nichts mehr, ſo daß der Herr Prinz, der in ihm nur noch ein ſtummes Echo ſeiner Spöttereien fand, näher hinzutrat, um die ſchö⸗ nen jungen Mädchen zu betrachten, die ſein erſter Blick ſchon detaillirt hatte. „Louiſe hier, Louiſe Ehrenfräulein von Madame!“ murmelte Raoul. Und ſeine Augen, die ihm nicht mehr genügten, um ſeine Vernunft zu überzeugen, ſchweiften von Luiſe auf Montalais über. 3 Die Letztere hatte indeſſen ſchon ihre entlehnte Schüchternheit abgelegt, eine Schüchternheit, die ihr nur im Augenblick der Vorſtellung und bei den Verbeu⸗ gungen dienen ſollte.. Fräulein von Montalais ſchaute aus ihrem Win⸗ kelchen mit ziemlich viel Dreiſtigkeit alle Anweſende an, und als ſie Raoul fand, ergötzte ſie ſich an dem tiefen Erſtaunen, in das ihre Gegenwart und die ihrer Freun- din den armen Verliebten verſetzt hatte, 1 —— 20⁵ Dieſes muthwillige, ſpöttiſche Auge, das Raoul vermeiden wollte, jedoch unabläſſig wieder befragte, wurde zu einer wahren Qual für ihn. Louiſe aber, war es nun Schüchternheit, oder irgend ein anderer Grund, den ſich Raoul nicht erklären konnte, hielt ihre Augen beſtändig niedergeſchlagen, und furcht⸗ ſam, geblendet, mit ſtockendem Athem, zog ſie ſich, ehbſ für die Ellenbogenſtöße von Montalais unempfindlich, ſo weit als möglich zurück. Dies Alles war für Raoul ein wahres Räthſel, für deſſen Schlüſſel der arme Vicomte viel gegeben hätte. Aber Niemand war da, um ihm das Räthſel zu löſen, nicht einmal Malicorne; denn etwas beängſtigt, als er ſich unter ſo vielen Edelleuten ſah, und erſchro⸗ cken über die ſpöttiſchen Blicke von Montalais, hatte Malicorne einen Kreis beſchrieben und ſich allmälig ei⸗ nige Schritte vom Herrn Prinzen, hinter der Gruppe der Ehrenfräulein, beinahe im Bereiche der Stimme von Fräulein Aure, dieſem Planeten aufgeſtellt, um den er, ein demüthiger Trabant, ſich mit Gewalt zu bewe⸗ gen ſchien. Als Raoul wieder zu ſich kam, glaubte er zu ſei⸗ ner Linken bekannte Stimmen zu erkennen. Es waren in der That Wardes, Guiche und der Chevalier von Lorraine, die mit einander plauderten. Sie plauderten allerdings ſo leiſe, daß man kaum den Hauch ihrer Worte im weiten Saal vernahm. So von ſeinem Platze aus, von der Höhe ſeiner Geſtalt herab, ohne ſich zu bücken oder ſeinen Gegen⸗ redner anzuſchauen, ſprechen war ein Talent, das die Neuangekommenen nicht mit einem Mal in ſeiner gan⸗ zen Erhabenheit erlangen konnten. Es bedurfte eines langen Studiums zu dieſen Plaudereien, welche ohne Blicke, ohne Kopfbewegungen das Geſpräch einer Gruppe von Bildſäulen zu ſein ſchienen. In der That, bei den großen Cereles des Königs 8 206 und der Königin, während Ihre Majeſtäten ſprachen und alle in einem religiöſen Stillſchweigen auf ſie zu horchen ſchienen, fanden ſolche leiſe Plaudereien, wobei die Schmeichelei nicht die vorherrſchende Note war, in großer Anzahl Statt. Raoul aber war einer von den Gewandten in die⸗ ſem ganz aus der Etiquette hervorgangenen Studium, und an der Bewegung der Lippen hatte er oft den Sinn der Worte errathen können. „Wer iſt dieſe Montalais?“ fragte Wardes.„Wer iſt dieſe la Vallière? Was für Provinzvolk iſt das, was da zu uns kommt?“ „Die Montalais,“ erwiederte der Chevalier von Lorraine,„ſie kenne ich; es iſt ein gutes Mädchen, das den Hof beluſtigen wird. La Vallière iſt eine hübſche Hinkende.“ „Pfui!“ verſetzte Herr von Wardes. „Macht nicht pfui, Herr von Wardes; es gibt über die hinkenden Frauen ſehr geiſtreiche und beſonders ſehr charakteriſtiſche Axiome.“. „Meine Herren, meine Herren,“ ſprach Guiche, der Raoul beſorgt anſchaute,„ich bitte, etwas mehr Maß gehalten!“ Doch die Beſorgniß des Grafen war, wenigſtens ſcheinbar, unzeitig. Raoul beobachtete die feſteſte, gleich⸗ gültigſte Haltung, obgleich er nicht ein Wort von dem, was geſprochen wurde, verlor. Er ſchien ein Regiſter über die Frechheiten und Ungezogenheiten der beiden Herausforderer zu führen, um bei Gelegenheit ſeine Rechnung mit ihnen zu ordnen. Wardes errieth ohne Zweifel dieſen Gedanken und fuhr fort: „Wer ſind die Liebhaber von dieſen Fräulein?“ „Von der Montalais?“ fragte der Chevalier. „Ja, zuerſt von der Montalais.“ „Nun wohl! Ihr, ich, Guiche, bei Gott! wer nur immer will!“. d ——-— 2 SS—= ——,— —+₰ nur 207 „Und von der Andern?“ „Von Fräulein de la Vallière?“ „Ja.. „Nehmt Euch in Acht, meine Herren!“ ſagte Guiche, um Wardes die Antwort kurz abzuſchneiden,„nehmt Euch in Acht, Madame hört uns.“ .: Raoul preßte ſeine Hand bis an's Fauſtgelenke in ſeinen Rock und verwüſtete ſeine Bruſt und ſeine Spitzen. Doch gerade die Gierde, die er gegen arme Frauen 5 erheben ſah, bewog ihn, einen ernſten Entſchluß zu aſſen. „Die arme Louiſe,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſie iſt nur in einer ehrenhaften Abſicht und unter einer ehren⸗ haften Protection hieher gekommen; aber ich muß dieſe Abſicht kennen, ich muß wiſſen, wer ſie begünſtigt.“ Und das Manoeuvre von Malicorne nachahmend, wandte er ſich nach der Gruppe der Chrenfräulein. Bald war die Vorſtellung beendigt. Der König, der Madame unabläſſig angeſchaut und bewundert hatte, verließ nun den Empfangsſaal mit den zwei Königinnen. Der Chevalier von Lorraine nahm ſeinen Platz wieder an der Seite von Monſieur ein, und während er ihn begleitete, träufelte er ihm ein paar Tropfen von dem Gift in's Ohr, das er ſeit einer Stunde in der Betrachtung neuer Geſichter und in der Vermuthung, f4 rnten einige Herzen glücklich ſein, geſammelt hatte. Als der König wegging, zog er einen Theil der Anweſenden mit ſich fort, diejenigen aber, die ſich der Unabhängigkeit erfreuten und die Galanterie zu ihrem Geſchäft machten, fingen an, ſich den Damen zu nähern. Der Herr Prinz begrüßte Fräulein von Tonnay⸗ Charente; Buckingham machte Frau von Chalais und Frau von Lafayette den Hof, welche Beide Madame ſchon ausgezeichnet hatte und liebte. Der Graf von Guiche, der Monſteur verließ, ſobald er ſich Madame allein nähern konnte, unterhielt ſich lebhaft mit Frau 208 von Valentinois, ſeiner Schweſter und den Fräulein von Créqui und Chatillon. Unter allen dieſen politiſchen oder Liebesintereſſen wollte ſich Malicorne der Montalais bemächtigen, doch dieſe plauderte viel lieber mit Raoul, und geſchah es nur, um ſich an allen ſeinen Fragen und an all' ſeinem Erſtaunen zu ergötzen. Raoul ging gerade auf Fräulein de la Vallière zu und verbeugte ſich vor ihr mit der größten Ehr⸗ furcht. Als Louiſe dies bemerkte, erröthete, ſtammelte ſie, Montalais aber kam ihr eiligſt zu Hülfe und ſagte: „Nun, Herr Vicomte, wir ſind hier,“ „Ich ſehe Euch wohl,“ erwiederte Raoul lächelnd, „und gerade über Eure Anweſenheit will ich Euch um eine kleine Erklärung bitten.“ Malicorne näherte ſich mit ſeinem reizendſten Lächeln. „Entfernt Euch doch,“ ſagte Montalais,„Ihr ſeid in der That ſehr indiseret.“„ Malicorne biß ſich auf die Lippen und machte zwei Schritte rückwärts, ohne ein Wort zu ſagen. Nur wechſelte ſein Lächeln den Ausdruck und wurde, zuvor treuherzig, nun ſpöttiſch. „Ihr wollt eine Erklärung, Herr Raoul?“ fragte Montalais. „Gewiß, die Sache iſt wohl der Mühe werth, wie mir ſcheint: Fräulein de la Vallière Ehrenfräulein von Madame!“ ₰ „Warum ſollte ſie nicht eben ſo gut Ehrenfräulein ſein, als ich,“ ſagte Montalais. „Empfangt meine Glückwunſche, meine Fräulein,“ ſprach Raoul, der zu bemerken glaubte, man wolle ihm nicht unmittelbar antworten. „Ihr ſagt das mit einer nicht ſehr Glück wün⸗ ſchenden Miene, Herr Vicomte!“ 8„Ich 2 209 „Ja, ich appellire an Louiſe.“ „Herr von Bragelonne denkt vielleicht, dieſer Platz ſei über meinem Stand,“ ſtammelte Louiſe. „Ohl nein, mein Fräulein,“ erwiederte Raoul leb⸗ haft;„Ihr wißt ſehr wohl, daß dies nicht mein Ge⸗ fühl iſt; ich würde mich nicht wundern, wenn Ihr den Platz einer Königin einnähmet, um ſo weniger wundere ich mich bei dieſem. Ich ſtaune nur darüber, daß ich es heute erſt und zwar durch Zufall erfahre.“ „Ahl es iſt wahr,“ ſagte die Montalais mit ihrer gewöhnlichen Unbeſonnenheit,„Du verſtehſt nichts hie⸗ von, und Du kannſt in der That nichts davon verſtehen. Herr von Bragelonne hat Dir vier Briefe geſchrieben, doch Deine Mutter war allein in Blois geblieben; man mußte es vermeiden, daß dieſe Briefe in ihre Hände fielen; ich fing ſie auf und ſchickte ſte an Herrn Raoul zurück, ſo daß er Dich in Blois glaubte, während Du in Paris warſt, und beſonders nicht wußte, daß Du in Deiner Würde geſtiegen biſt.“ „Wie, Du haſt Herrn von Bragelonne nicht be⸗ nachrichtigt, wie ich Dich gebeten?“ rief Louiſe. „Ahl damit er mit ſeiner Strenge käme, daß er Grundſätze ausſpräche, daß er vernichtete, was zu be⸗ wertſtelligen wir ſo viel Mühe gehabt haben! Nein, nein!“ „Ich bin alſo ſehr ſtreng?“ fragte Raoul. „Ueberdies ſagte mir das nicht zu,“ fuhr Monta⸗ lais fort.„Ich wollte nach Paris abreiſen. Ihr wa⸗ ret nicht da, Louiſe weinte heiße Thränen; deutet das, wie Ihr wollt; ich bat meinen Protector, denjenigen, welcher mir mein Patent verſchafft hatte, auch eines für Louiſe zu verlangen; das Patent kam. Louiſe reiſte ab, um ihre Kleider zu beſtellen; ich blieb zurück, weil ich die meinigen hatte; ich empfing Eure Briefe, ſchickte ſie Euch zurück und fügte ein Wort bei, das Cuch eine Ueberraſchung verhieß. Eure Ueberraſchung, Die drei Musketiere, Bragelonne. IV. 14 210 mein lieber Herr, Ihr habt ſie hier; ſie ſcheint mir gut, verlangt nichts Anderes. Auf, Herr Malicorne, es iſt Zeit, daß wir dieſe jungen Leute beiſammen laſſen, ſie haben ſich eine Menge von Dingen zu ſagen, gebt mir Eure Hand; ich hoffe, es iſt eine große Chre, was man Euch erweiſt, Herr Malicorne.“. „Verzeiht, mein Fräulein,“ ſprach Raoul, indem er das tolle Mädchen zurückhielt und ſeinen Worten eine Betonung gab, deren Ernſt einen ſeltſamen Con⸗ traſt mit denen von Montalais bildete,„verzeiht, könnte ich nicht den Namen dieſes Protectors erfahren? Denn wenn man Euch begünſtigt, und zwar mit allen Arten von Gründen(Raoul verbeugte ſich), ſo ſehe ich doch nicht dieſelben Gründe, daß Fräulein de la Vallière begün⸗ ſtigt werden ſollte.“ „Mein Gott, Herr Raoul,“ erwiederte Louiſe naiv, „die Sache iſt ganz einfach, ich ſehe nicht ein, warum ich es Euch nicht ſelbſt ſagen ſollte... Mein Protee⸗ tor— iſt Herr Malicorne.“ Raoul blieb einen Augenblick ganz verblüfft und fragte ſich, ob man ſeiner ſpotte; dann wandte er ſich um, in der Abſicht, Malicorne zu befragen. Doch dieſer war, von Montalais fortgezogen, ſchon fern. Fräulein de la Vallière machte eine Bewegung, um ihrer Freundin zu folgen, Raoul aber hielt ſie mit ſanf⸗ ter Gewalt zurück und ſprach: „Ich bitie Euch, Louiſe, ein Wort.“ „Herr Raoul,“ entgegnete Louiſe erröthend,„wir ſind allein. Es iſt Jedermann weggegangen... Man wird unruhig werden, uns ſuchen.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte der junge Mann lä⸗ chelnd,„wir ſind Beide keine ſo wichtige Perſonen, daß man unſere Abweſenheit bemerken ſollte.“ „Aber mein Dienſt, Herr Raoul?“ „Beruhigt Euch, mein Fräulein, ich kenne die Ge⸗ bräuche des Hofes; Euer Dienſt muß erſt morgen be⸗ — ginnen; es bleiben Euch alſo einige Minuten, waͤhrend t —.„ — m—————— 211 welcher Ihr mir die Aufklärung geben könnt, die ich mir von Euch zu erbitten die Ehre haben werde.“ „Wie ernſt ſeid Ihr, Herr Raoul!“ ſagte Louiſe beſorgt. „Weil die Sache ernſt iſt, mein Fräulein. Wollt Ihr mich anhören?“ „Ich höre Euch, nur muß ich Euch wiederholen, mein Herr, daß wir ſehr allein ſind.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte Raoul. Und er bot ihr die Hand und führte ſie in die an den Empfangſaal anſtoßende Gallerie, von deren Fenſtern aus man den Platz überſchaute. Alles drängte ſich nach dem mittlern Fenſter, das einen äußern Balcon hatte, von dem man die langſa⸗ men Vorbereitungen zur Abreiſe ſehen konnte. Raoul öffnete eines von den Seitenfenſtern und ſagte, hier mit Fräulein de la Valliére allein: „Louiſe, Ihr wißt, daß ich Euch ſeit meiner Kind⸗ heit wie eine Schweſter geliebt habe, und daß Ihr die Vertraute aller meiner Trübſale, die Verwahrerin aller meiner Hoffnungen geweſen ſeid.“ 4 „ Ja,“ erwiederte ſie ſehr leiſe,„ja, Herr Raoul, ich weiß das.“ „Ihr pflegtet mir Eurerſeits dieſelbe Freundſchaft daſſelbe Vertrauen zu bezeigenz warum ſeid Ihr bei dieſem Fall nicht meine Freundin geweſen, warum habt Ihr mir mißtraut?“ La Vallière antwortete nicht. „Ich glaubte, Ihr liebtet mich,“ fuhr Raoul fort, deſſen Stimme immer mehr zitterte,„ich glaubte, Ihr hättet in alle Pläne eingewilligt, die wir gemeinſchaft⸗ lich für unſer Glück zu einer Zeit machten, wo wir noch in den Laubgängen von Cour⸗Chevernay und unter den Pappelbäumen der Allee, die nach Blois führt, ſpazie⸗ ren gingen. Ihr antwortet nicht, Louiſe?“ Er unterbrach ſich. 212 „Sollte das ſo ſein, weil Ihr mich nicht mehr liebt?“ fragte er kaum athmend. „Ich ſage das nicht,“ erwiederte Louiſe ganz leiſe. „Ohl ich bitte Euch, ſagt es mir; ich habe jede Hoffnung meines Lebens auf Euch geſetzt, ich habe Euch auserwählt wegen Eurer milden, einfachen Sitten. Laßt Euch nicht verblenden, Louiſe, nun da Ihr inmitten des Hofes ſeid, wo Alles, was rein iſt, verdorben wird, wo Alles, was jung iſt, raſch altert. Louiſe, verſchließt Eure Ohren, um die Worte nicht zu hören, ſchließt Eure Augen, um die Beiſpiele nicht zu ſehen, ſchließt Eure Lippen, um den verderblichen Hauch nicht einzu⸗ athmen. Sprecht ohne Lüge, ohne Umſchweife. Louiſe, ſoll ich den Worten von Fräulein von Montalais glau⸗ ben? Seid Ihr nach Paris gekommen, Louiſe, weil ich nicht mehr in Blois war?“ La Vallière erröthete und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „SOhl nicht wahr,“ rief Raoul begeiſtert,„ja, des⸗ halb ſeid Ihr gekommen! Ohl ich liebe Euch, wie ich Euch nie geliebt habe. Dank, Luiſe, für dieſe Ergeben⸗ heit; doch ich muß einen Entſchluß faſſen, um Euch vor jeder Beleidigung zu beſchützen, vor jedem Flecken zu bewahren; Louiſe, ein Ehrenfräulein am Hofe einer jungen Prinzeſſin, in dieſen Zeiten der leichten Sitten und der Unbeſtändigkeit in der Liebe, ein Ehrenfräulein iſt in den Mittelpunkt der Angriffe geſtellt, ohne irgend eine Schutzwehr zu haben; dieſe Lage kann mir nicht zuſagen. Ihr müßt verheirathet ſein, um geachtet zu werden.“ 2 „Verheirathet?“ „Ja.* „Mein Gott!“ „ Hier iſt meine Hand, Louiſe, laßt die Eurige dar⸗ ein fallen.“ „Aber Euer Vater?“ „Mein Vater läßt mir die Freiheit.“ A— A ᷣ————— — — 213 „Doch 4 „Ich begreife dieſes Bedenken, Louiſe, und werde meinen Vater befragen.“ „Oh! Herr Raoul, überlegt, wartet.“ „Warten, das iſt unmöglichz überlegen, Louiſe, wenn es ſich um Euch handelt? Das hieße Euch belei⸗ digen; Eure Hand, theure Louiſe, ich bin Herr über meine Perſon, mein Vater wird ja ſagen, das ver⸗ ſpreche ich Euch; Eure Hand, laßt mich nicht ſo war⸗ ten, erwiedert raſch ein Wort, ſonſt werde ich glauben, um Euch auf immer zu ändern, habe ein einziger Schritt in dieſen Palaſt, ein einziger Hauch der Gunſt, ein einziges Lächeln der Königin, ein einziger Blick des Königs genügt.“ Raoul hatte nicht ſo bald dieſe letzten Worte ge⸗ ſprochen, als La Vallière bleich wurde wie der Tod, ohne Zweifel aus Furcht, den jungen Mann ſich exal⸗ tiren zu ſehen. Mit einer Bewegung, raſch wie der Gedanke, warf ſie auch ihre beiden Hände auf die von Raoul. Dann entfloh ſie, ohne eine Sylbe beizufügen, und verſchwand, ohne rückwärts geſchaut zu haben.. Raoul fühlte ſeinen ganzen Leib bei der Berührung 4 dieſer Hand ſchauern. Er empfing den Schauer wie einen durch die Lieb der jungfräulichen Schüchternheit entriſſenen Eid. zu kommen?“ ſagte er. XX. Die Einwilligung von Athos. Raoul ging aus dem Palais⸗Royal mit Ideen weg, welche keinen Verzug in der Ausführung zuließen. Er ſtieg im Hof zu Pferde und ſchlug den Weg nach Blois ein, während mit einer großen Freudigkeit von Seiten der Höflinge und unter großer Troſtloſigkeit von Guiche und Buckingham die Hochzeit von Monſteur und der Prinzeſſin von England ſtattfand. Naoul beeilte ſich und kam in zehn Stunden in Blois an. Er hatte ſeine beſten Argumente unter Weges vor⸗ bereitet. Das Fieber iſt auch ein Argument ohne Gegenrede, und Raoul hatte das Fieber. Athos war in ſeinem Cabinet und fügte einige Zeilen ſeinen Denkwürdigkeiten bei⸗ als Raoul von Gri⸗ aud geführt eintrat. 1 Der hellſehende Edelmann bedurfte nur eines Blickes, 5 um etwas Außerordentliches in der Haltung ſeines Sohe nes zu erkennen.. „Ihr ſcheint mir in einer wichtigen Angelegenheit Und er umarmte Raoul und bezeichnete ihm einen Stuhl. „Ja, Herr,“ antwortete der junge Mann,„und ich bitte Euch, mir die wohlwollende Aufmerkſamkeit zu ſchenken, die Ihr mir ſtets gegönnt habt.“ „Sprecht, Raoul.“ 4 „Hört die Sache ohne allen eines Mannes, wie Ihr ſeid, unwürdigen Eingang: Fräulein de la Vallière ———— 3 im Ganzen von mir?“ 215 iſt in Paris in der Eigenſchaft eines Ehrenfräuleins von Madame; ich bin ſehr mit mir zu Rath gegangen; ich liebe Fraͤulein de la Vallière über Alles, und es ſagt mir nicht zu, ſie an einem Poſten zu laſſen, wo ihr Ruf, ihre Tugend gefährdet ſein können; ich wünſche ſie alſo zu heirathen und komme, um Euch um Cure Einwilligung zu dieſer Heirath zu bitten.“ 8 Athos beobachtete während dieſer Mittheilung ein völliges, zurückhaltendes Stillſchweigen. Raoul hatte ſeine Rede mit einer geheuchelten Kaltblütigkeit begonnen, ließ aber am Ende bei jedem Wort eine ganz unverkennbare Aufregung wahrnehmen. Athos heftete auf Bragelonne einen tiefen, von ei⸗ ner gewiſſen Traurigkeit verſchleierten Blick. „Ihr habt die Sache alſo wohl überlegt?“ fragte er. „Ja, Herr.“ „Mir ſcheint, ich habe Euch mein Gefühl hinſicht⸗ lich dieſer Verbindung ſchon einmal mitgetheilt.“ „Ich weiß es, Herr,“ erwiederte Raoul ganz leiſe, „doch Ihr ſagtet, wenn ich darauf beharre... ℳ „Und Ihr beharrt darauf?“ Raoul ſtammelte ein beinahe unverſtändliches Ja. „Mein Herr,“ fuhr Athos ruhig fort,„Eure Leiden⸗ ſchaft muß ſehr ſtark ſein, da Ihr dieſe Verbindung, trotz meines Widerwillens gegen dieſelbe, fortwährend und entſchieden wünſcht.“ 5 4 Raoul fuhr mit einer zitternden Hand über ſeine Stirne und wiſchte ſo den Schweiß ab, der darauf perlte. Athos ſchaute ihn an, und das Mitleid trat in die Tiefe ſeines Herzens. Er ſtand auf und ſprach: „Es iſt gut, meine perſönlichen Gefühle ſind von keeiner Bedeutung, da es ſich um die Eurigen handelt; JIhr ſucht mich auf, ich gehöre Euch. Was verlangt Ihr 8. „Oh! Herr, vor Allem Eure Nachſicht!“ ſprach Raoul, indem er die Hände von Athos ergriff. „Ihr täuſcht Euch in meinen Gefühlen für Euch, Raoul; es iſt etwas Beſſeres, als das in meinem Her⸗ zen,“ erwiederte der Graf. Raoul küßte die Hand, die er hielt, wie es nur der leidenſchaftlichſte Liebhaber hätte thun können. „Geht, geht,“ ſagte Athos,„ſprecht, Raoul, ich bin bereit, was ſoll ich unterzeichnen 2“ n„Ohl nichts, Herr, nichts; nur wäre es gut, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wolltet, an den König zu ſchreiben und Seine Majeſtät, der ich angehöre, für mich um Erlaubniß zu bitten, Fräulein de la Vallière heirathen zu dürfen.“ „Ihr habt da einen guten Gedanken, Raoul. In der That, nach mir, oder vielmehr vor mir habt Ihr ei⸗ nen Herrn; dieſer Herr iſt der König; Ihr unterwerft Euch freiwillig einer doppelten Prüfung: das iſt redlich.“ „Ohl Herr!“ „Ich werde ſogleich Eure Bitte erfüllen.“ Der Graf näherte ſich dem Fenſter⸗ neigte ſich leicht hinaus und rief: „Grimaud!“ Grimaud ſtreckte ſeinen Kopf aus einer Jasmin⸗ laube hervor, die er ausputzte. 3 „Meine Pferde,“ fuhr der Graf fort. 1 „Was bedeutet dieſer Befehl⸗ Herr?“. 3 „Daß wir in zwei Stunden abreiſen.“ „Wohin?“ „Nach Paris.“ 4„Wohin, nach Paris? Ihr kommt nach Paris, Herr?“ „Iſt der König nicht in Paris?“ „Gewiß.“ „Nun wohl!l müſſen wir denn nicht dahin gehen und habt Ihr den Sinn verloren?“ ———— — 1 ſen mit einander, Raoul. — Widerrede mehr ſtatthabeu konnte. 217 „Aber, Herr,“ erwiederte Raoul beinahe erſchrocken über dieſe väterliche Herablaſſung,„ich will Cuch durch⸗ aus nicht auf dieſe Art ſtören und bemühen, und ein einfacher Brief...“ „Ihr täuſcht Euch über meine Wichtigkeit; es ſchickt ſich ganz und gar nicht, daß ein einfacher Edelmann, wie ich, an ſeinen König ſchreibt. Ich will und muß mit Seiner Majeſtät ſprechen, und werde es thun. Wir rei⸗ „Ohl welche Güte, Herr!“ „Wie iſt Seine Majeſtät nach Eurer Anſicht ge⸗ ſtimmt?“ „Für mich, Herr?“ „Ja. ¹ 2 „Hat ſie Cuch das geſagt?“ „Mit ihrem eigenen Mund.“ „Bei welcher Gelegenheit?⁰ ine Empfehlung von Herrn d'Artagnan, bei einer Affaire auf der Grève, wo ich das Glück hatte, den Degen für Seine Majeſtät zu zie⸗ hen. Ich habe alſo ohne Eitelkeit Grund, zu glauben, daß ich im Geiſte Seiner Majeſtät ziemlich weit vorge⸗ rückt bin.“ „Deſto beſſer.“ „Doch ich beſchwöre Euch,“ fuhr Raoul fort,„be⸗ obachtet nicht gegen mich dieſen Ernſt und dieſe Zu⸗ rückhaltung; laßt es mich nicht bedauern, daß ich auf ein Gefühl gehört habe, das ſtärker iſt, als Alles.“ „Es iſt das zweite Mal, daß Ihr mir das ſagt, Raoul, das war nicht nöthig; Ihr verlangt von mir die Förmlichkeit einer Einwilligung: ich gebe ſte Euch; das iſt abgemacht, ſprechen wir nicht mehr davon, Kommt und ſeht meine neuen Pflanzungen an, Raoul. Der junge Mann wußte, daß, wenn der Gra la Fère einmal ſeinen Willen ausgeſprochen hatte, kein 218 Er neigte das Haupt und folgte ſeinem Vater in den Garten. Athos zeigte ihm langſam die Pfropfreiſer, die Schößlinge, die neu geſetzten Bäume. Dieſe Ruhe brachte Raoul immer mehr aus der Faſſung; die Liebe, die ſein Herz erfüllte, ſchien ihm groß genug, daß ſie die Welt kaum faſſen könnte. War⸗ um blieb das Herz von Athos leer und für dieſen Ein⸗ fluß verſchloſſen? Alle ſeine Kräfte zuſammenraffend rief auch Brage⸗ lonne plötzlich: 1„Herr, Ihr müßt nothwendig einen Grund haben, Fräulein de la Vallière zu verwerfen; ſie iſt ſo gut, ſo ſanft, ſo rein, daß Euer Geiſt, voll erhabener Weis⸗ heit, ſie nach ihrem Werthe ſchätzen müßte. Beſteht zwiſchen Euch und ihrer Familie eine geheime Feind⸗ ſchaft, ein ererbter Haß?“ „Seht, Raoul, das ſchöne Beet von Maiblümchen,“ ſagte Athos,„ſeht, wie ihnen der Schatten und die Feuchtigkeit wohlthun, beſonders der Schatten der Sy⸗ comorenblätter, durch deren Oeffnung die Wärme, aber nicht die Flamme der Sonne durchdringt.“ Raoul blieb ſtehen und biß ſich auf die Lippen; er fühlte das Blut gegen ſeine Schläfe ſtrömen und ſagte muthig: „ Herr, eine Erklärung, ich flehe Euch an. Ihr könnt nicht vergeſſen, daß Euer Sohn ein Mann iſt.“ „Nun,“ antwortete Athos, der ſich mit einer ſtren⸗ gen Geberde aufrichtete,„nun, ſo beweiſt mir, daß Ihr ein Mann ſeid, denn Ihr beweiſt mir nicht, daß Ihr ein Sohn ſeid. Ich bat Euch, den Augenblick zu einer ruhmwürdigen Heirath abzuwarten; ich hätte fuͤr Euch eine Frau aus den erſten Reihen des reichen Adels ge⸗ funden, Ihr ſolltet nach meinem Willen in dem doppel⸗ hen, leuchten können: Ihr habt den Adel des Ge⸗ ſchlechts.“ 1 ten Glanze, den der Ruhm und das Vermögen verlei⸗ 8 3.— 219 „Herr,“ rief Raoul, unwillkührlich fortgeriſſen,„man hat mir eines Tages den Vorwurf gemacht, ich kenne meine Mutter nicht.“ Athos erbleichte, faltete die Stirne wie der erha⸗ 8 bene Gott des Alterthums und fragte majeſtätiſch: „Es verlangt mich, zu erfahren, was Ihr geant⸗ wortet habt, mein Herr?“ „Ohl verzeiht, verzeiht,“ murmelte der junge Mann, aus der Höhe ſeiner Exaltation herabſallend, „Was habt Ihr geantwortet?“ fragte der Graf, mit den Füßen ſtampfend. „Herr, ich hatte den Degen in der Hand; derje⸗ nige, welcher mich beleidigt hatte, legte aus, ich machte ſeinen Degen über eine Paliſſade ſpringen und ſchickte ihn ſelbſt ſeiner Waffe nach.“ „Und warum habt Ihr ihn nicht getödtet?“ „Seine Majeſtät verbietet das Duell, und ich war in jenem Augenblick Abgeſandter Seiner Majeſtät.“ „Gut,“ ſagte Athos,„doch das iſt ein Grund mehr, daß ich den König ſpreche.“ 4 1 3„Was wollt Ihr von ihm verlangen?“ „Die Erlaubniß, den Degen gegen denjenigen, welcher uns dieſe Beleidigung angethan hat, ziehen zu dürfen.“— „Herr, ich habe nicht gehandelt, wie ich handeln ſollte; verzeiht, ich bitte Euch.“ „Wer macht Euch denn einen Vorwurf?“ „Aber die Erlaubniß, die Ihr Euch vom König erbitten wollt?“ 3„Raoul, ich werde Seine Majeſtät bitten, Euren Heeiirathsvertrag zu unterzeichnen.“— 4„Herr... ODoch unter einer Bedingung.“ 1„Bedürft Ihr einer Bedingung mir gegenüber? Befehlt, Herr, und ich werde gehorchen.“ „Unter der Bedingung,“ fuhr Athos fort,„daß Ihr 1 220 mir den Namen desjenigen ſagt, der ſo von.. Eurer Mutter geſprochen hat.“ „Was braucht Ihr denn dieſen Namen zu wiſſen, Herr? Mir iſt die Beleidung angethan worden, und ſo⸗ bald die Erlaubniß von Seiner Majeſtät ertheilt iſt, habe ich die Rache zu vollführen.“ „Sein Name, mein Herr?“ „Ich werde nicht dulden, daß Ihr Euch der Ge⸗ fahr ausſetzt.“ „Ihr haltet mich für einen Don Diegol! Sein Name?“ „Ihr verlangt es?“ „Ich will es.“ „Der Vicomte von Wardes.“ „Ah l“ ſprach Athos ruhig,„es iſt gut, ich kenne ihn; doch unſere Pferde ſind bereit, ſtatt in zwei Stun⸗ den abzureiſen, brechen wir auf der Stelle auf. Zu Pferde, mein Herr, zu Pferde.“ XXI. Monſteur iſt eiferſüchtig auf den Herzug von Buchingham. Während der Herr Graf de la Fere in Begleitung von Raoul nach Paris ritt, war das Palais⸗Royal der Schauplatz einer Scene, welche Molière eine gute Ko⸗ mödie genannt hätte. 1 Es war dies vier Tage nach ſeiner Verheirathung. Nachdem Monſieur in der Eile gefrühſtückt hatte, ging er, das Maul hängend und die Stirne gefaltet, durch ſeine Vorzimmer. 221 Das Mahl war nicht heiter geweſen. Madame hatte ſich in ihrem Gemache ſerviren laſſen. 1Mouſent hatte alſo in kleinem Ausſchuß gefrüh⸗ ückt. Der Chevalier von Lorraine und Manicamp wohn⸗ ten allein dieſem Frühſtück beiß das drei Viertelſtun⸗ den dauerte, ohne daß ein einziges Wort geſprochen wurde.. Weniger in der Vertraulichkeit Seiner Königlichen Hoheit vorgerückt, als der Chevalier von Lorraine, ver⸗ ſuchte Manicamp vergebens in den Augen des Prinzen das zu leſen, was ihm eine ſo verdrießliche Miene gab. Der Chevalier von Lorraine, der nichts zu errathen brauchte, in Betracht, daß er Alles wußte, aß mit je⸗ nem außerordentlichen Appetit, den ihm der Kummer von Andern verlieh, und weidete ſich zugleich am Aerger von Monſteur und an der Unruhe von Manicamp. Er fand ein Vergnügen daran, den ungeduldigen Prinzen, der vor Begierde, die Sitzung aufzuheben, brannte, indem er zu eſſen fortfuhr, bei Tiſche zurückzu⸗ halten. Zuweilen bereute es Monſieur, daß er den Cheva⸗ lier von Lorraine eine ſolche Gewalt über ſich hatte gewinnen laſſen, eine Gewalt, die ihn von jeder Eti quette freiſprach. Monſieur hatte gerade einen ſolchen Augenblick, aber er fürchtete den Chevalier beinahe eben ſo ſehr, als er ihn liebte, und beſchränkte ſich darauf, daß er innerlich wüthete. Himmel auf, dann ſenkte er ſte wieder auf die Paſteten⸗ ſchnitten, die der Chevalier verſchlang, und da er nicht loszubrechen wagte, überließ er ſich einer Pantomime, um die ihn Arlequin beneidet hätte. 4 Endlich konnte es Monſteur nicht länger aushalten, beim Deſſert ſtand er, wie geſagt, ganz zornig auf und * Von Zeit zu Zeit ſchlug Monſieur die Augen zum 3 222 ließ den Chevalier von Lorraine ſein Frühſtück nach ſei⸗ nem Gutdünken vollenden. 4 Als Manicamp Monſieur aufſtehen ſah, erhob er ſich ganz ſteif, ſeine Serviette in der Hand. Monſieur lief mehr, als er ging, nach dem Vor⸗ zimmer und gab dem Huiſſier, den er hier traf, mit leiſer Stimme einen Befehl. Dann kehrte er zurück: ging jedoch, um nicht durch den Speiſeſaal zu kommen, durch ſeine Cabinete, in der Abſicht, ſich zu der Königin Mutter in ihr Betzimmer, wo ſie ſich gewöhnlich aufhielt, zu begeben. Es mochte zehn Uhr Morgens ſein. Anna von Oeſterreich ſchrieb, als Monſieur eintrat. Die Königin Mutter liebte ungemein dieſen Sohn, der ſchön von Antlitz und ſanft von Charakter war. Monſieur war in der That viel zarter und, wenn man will, viel weiblicher als der König. Er hatte ſeine Mutter durch die kleinen weiblichen Empfindeleien gewonnen, die den Frauen immer gefal⸗ len. Anna von Oeſterreich, die ſo ſehr eine Tochter zu bekommen gewünſcht hatte, fand beinahe in dieſem Sohn die Aufmerkſamkeiten, die kleinen Sorgen und Zartheiten eines Kindes von zwölf Jahren. Monſieur verwandte auch die ganze Zeit, die er bei ſeiner Mutter zubrachte, darauf, daß er ihre ſchönen Arme bewunderte, daß er ihr Rathſchläge über ihre Seifen und Teige und Recepte für ihre Eſſenzen gab, worauf ſie einen ſehr großen Werth legte; dann küßte er ihr die Arme und die Augen mit einer reizenden Kindlichkeit, hatte er ihr ſtets ein Zuckerwerk zu bieten, einen neuen Putz zu empfehlen. Anna von Oeſterreich liebte den König oder viel⸗ mehr das Königthum in ihrem älteſten Sohn. Lud⸗ wig XIV. repräſentirte für ſie die göttliche Legitimität. Sie war Königin Mutter beim Koͤnig, ſie war nur Mutter bei Philipp. 223 Und der Letztere wußte, daß von allen Zufluchts⸗ orten der Buſen einer Mutter der ſanfteſte und ſicherſte iſt. Schon als Kind flüchtete er ſich dahin, wenn ſich Stürme zwiſchen ihm und ſeinem Bruder erhoben; oft nach den Zänkereien, die von ſeiner Seite ein Verbre⸗ chen beleidigter Majeſtät bildeten, nach den Kämpfen mit Fäuſten und Nägeln, die der König und ſein un⸗ botmäßiger Unterthan im Hemd auf einem ſtreitigen Bett ausfochten, wobei der Kammerdiener Laporte der einzige Kampfrichter war, ging Philipp, der Sieger, aber über ſeinen Sieg erſchrocken, zu ſeiner Mutter und verlangte von ihr Verſtärkung oder wenigſtens die Zu⸗ ſicherung einer Verzeihung, welche Ludwig XIV. nur ſchwer und in der Entfernung bewilligte. Durch dieſe Gewohnheit friedlicher Vermittlung war es Anna gelungen, alle Streitigkeiten ihrer Soͤhne zu ſchlichten und durch dieſelbe Gelegenheit alle ihre Geheimniſſe zu theilen. Ein wenig eiferſüchtig auf dieſe mütterliche Für⸗ ſorge, die ſich beſonders über ſeinen Bruder verbreitete, fühlte ſich der König gegen Anna von Oeſterreich zu mehr Unterwürfigkeit und Zuvorkommenheit geneigt, als dies in ſeinem Charakter lag. Anna von Oeſterreich hatte dieſes politiſche Syſtem hauptſächlich bei der jungen Königin zur Anwendung gebracht. Sie herrſchte auch beinahe deſpotiſch über die kö⸗ nigliche Haushaltung und errichtete ſchon alle ihre Bat⸗ terien, um mit demſelben Abſolutismus über die ihres jüngern Sohnes zu herrſchen. Anna von Oeſterreich war beinahe ſtolz, wenn ſie ein langes Geſicht, bleiche Wangen und rothe Augen bei ſich erſcheinen ſah, denn ſie begriff, daß es ſich dar⸗ um handelte, dem Schwächeren oder dem Widerſpänſti⸗ geren eine Hülfe zu geben. Sie ſchrieb, ſagen wir, als Monſteur in ihr Bet⸗ ———— ——————— 224 zimmer eintrat, nicht die Augen roth, nicht die Wan⸗ gen bleich, ſondern unruhig, ärgerlich, gereizt. Er küßte zerſtreut ſeiner Mutter die Arme und ſetzte ſich, ehe ſie ihm Erlaubniß dazu gegeben hatte. Bei den am Hofe von Anna von Oeſterreich ge⸗ gründeten Etiquette⸗Gebräuchen war dieſes Vergeſſen des Wohlanſtandes ein Zeichen der geiſtigen Verirrung, beſonders von Seiten Philipps, der ſo gern die Schmei⸗ chelei des Reſpects übte. Wenn er ſich aber ſo offenbar gegen alle dieſe Grundſätze verfehlte, ſo mußte die Urſache hievon ſehr gewichtig ſein. „Was habt Ihr Philipp?“ fragte Anna von Oeſter⸗ reich, ſich gegen ihren Sohn umwendend. „Ah! Madame, Vieles,“ murmelte der Prinz mit einer kläglichen Miene.. „Ihr gleicht in der That einem ſehr geſchäftigen Menſchen,“ ſprach die Königin, während ſie ihre Feder auf das Schreibzeug legte. Philipp faltete die Stirne, antwortete aber nicht. „Bei allen den Dingen, die Euern Geiſt erfüllen, muß ſich doch eines finden, das Euch mehr in Anſpruch nimmt, als die andern,“ fuhr Anna von Oeſterreich fort. „Eines nimmt mich allerdings mehr als die andern in Anſpruch, ja, Madame.“ „Sprecht.“ Philipp öffnete den Mund, um alle Beſchwerden herauszulaſſen, die ſich in ſeinem Geiſte drängten und, um zu entſtrömen, nur einen Ausgang zu erwarten ſchienen.— Doocch plöͤtzlich ſchwieg er, und Alles, was er auf dem Herzen hatte, faßte ſich in einem Seufzer zu⸗ ſammen. „Auf, Philipp, auf, ſeid feſt,“ ſprach die Königin Mutter.„Eine Sache, über die man ſich beklagt, iſt beinahe immer eine Sachen die uns beſchwerlich iſt⸗ nicht wahr?“ 225 „Ich ſage das nicht, Madame.“ „Von wem wollt Ihr ſprechen? Faßt Euch.“ „Was ich zu ſagen habe, Madame, iſt wahrhaftig ſehr discreter Natur.“ „Ahl mein Gott!“ „Allerdings, denn eine Frau...“ „Ah! Ihr wollt von Madame ſprechen?“ fragte die Königin Mutter mit einer lebhaften Regung der Neugierde. „Von Madame?“ „Von Eurer Frau.“ „Ja, ja, ich höre.“ „Nun denn, wenn Ihr von Madame mit mir ſpre⸗ chen wollt, mein Sohn, ſo thut Euch keinen Zwang an. Ich bin Eure Mutter, und Madame iſt für mich nur eine Fremde. Da ſie jedoch meine Schwiegertochter iſt, ſo bezweifelt nicht, daß ich mit Intereſſe, und wäre es auch nur Euch zu Liebe, Alles anhöre, was Ihr mir von ihr ſagen werdet.“ „Sprecht Ihr nur, Madame,“ erwiederte Philipp, „geſteht mir, ob Ihr nicht etwas bemerkt habt.“ „Etwas, Philipp... Ihr habt Worte von erſchre⸗ ckender Unbeſtimmtheit... Etwas... und von wel⸗ cher Art iſt dieſes Etwas?“ „Madame iſt hübſch.“ „Ja wohl.“ „Sie iſt indeſſen keine Schönheit.“ „Nein, doch wenn fie größer wird, kann ſie ſich noch ſehr verſchönern. Ihr habt geſehen, welche Ver⸗ änderungen in einigen Jahren in ihrem Geſicht vorge⸗ gangen ſind. Nun, ſie wird ſich immer mehr entwickeln, denn ſie iſt erſt ſechzehn Jahre alt. Mit fünfzehn Jah⸗ ren war ich auch ſehr mager.“ „Man kann ſie folglich bemerkt haben?“ „Gewiß; man bemerkt eine gewöhnliche Frau, um ſo viel mehr eine Prinzeſſin.“ 1 Die drei Musketiere. Bragelonne. WV. 15 226 „Nicht wahr, Madame, ſie iſt gut erzogen worden?“ „Madame Henriette, ihre Mutter, iſt eine etwas kalte, etwas anſpruchsvolle Frau, aber eine Frau voll ſchöner Gefühle. Die Erziehung der jungen Prinzeſſin kann vernachläſſigt worden ſein, was aber die Grund⸗ ſätze betrifft, ſo glaube ich, daß ſie gut ſind; das war wenigſtens die Meinung über ſte wahrend ihres Auf⸗ enthalts in Frankreich; ſeitdem iſt ſie nach England zurückgekehrt, und ich weiß nicht, was ſich ereignet hat.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß gewiſſe etwas leichte Köpfe unſchwer durch das Glück verkehrt werden.“ „Wohl, Madame, Ihr habt das Wort geſprochen; ich glaube, daß die Prinzeſſin in der That einen etwas leichten Kopf hat.“ „Man muß nicht übertreiben, Philipp; ſie hat Geiſt und eiune gewiſſe Doſe bei einer Frau ſehr natürlicher Coquetterie; aber, mein Sohn, bei den Perſonen von hohem Rang gereicht dieſer Fehler einem Hofe zum Vortheil. Eine etwas coquette Prinzeſſin macht ſich gewöhnlich einen glänzenden Hof; ein Lächeln von ihr ruft überall den Lurus, den Geiſt und den Muth ſogar hervor; der Adel ſchlägt ſich beſſer für einen Fürſten, deſſen Frau ſchön iſt.“ 4 „Großen Dank, Madame,“ ſprach Philipp verdrieß⸗ lich.„Ihr entwerft mir da in Wahrheit ſehr beunru⸗ higende Gemälde, meine Mutter.“ „ In welcher Hinſicht?“ fragte die Koͤnigin Mutter mit einer geheuchelten Naivetät.. „Ihr wißt, Madame,“ antwortete Philipp wehmü⸗ thig,„Ihr wißt, welchen Widerwillen ich hatte, mich zu verheirathen.“ „Ohl diesmal macht Ihr mir bange. Ihr habt alfo eine ernſte Beſchwerde gegen Madame?“ „Ernſt? ich ſage das nicht.“ „Dann legt dieſes verſtorte Geſicht ab. Nehmt Euch in Acht, wenn Ihr Euch in Euern Gemächern +4 A&—— 2— N” — 227 zeigt, wird man Euch für einen ſehr unglücklichen Che⸗ mann halten.“ „Ich bin im Ganzen kein ſehr zufriedener Ehe⸗ mann, und es iſt mir lieb, wenn man es erfährt.“ „Philipp! Philipp!“ „Meiner Treue, Madame, ich erkläre Euch unum⸗ wunden, ich habe das Leben nicht ſo verſtanden, wie man es mir macht.“ „Erklärt Euch.“— „Meine Frau gehort in der That nicht mir; ſie entſchluͤpft mir bei jeder Gelegenheit. Am Morgen ſind es Beſuche, Correſpondenzen, Toiletten; am Abend ſind es Bälle und Concerte.“. „Ihr ſeid eiferſüchtig, Philipp!“ „Ich! Gott bewahre mich! Andern kommt die al⸗ berne Rolle eines eiferſüchtigen Ehemannes zu.... ich bin ärgerlich.“ „Philipp, was Ihr da Eurer Frau vorwerft, ſind lauter unſchuldige Dinge, und ſo lange Ihr nichts Be⸗ deutenderes habt...“ „Höret doch, ohne ſchuldig zu ſein, kann eine Frau beunruhigen; es gibt gewiſſe Bevorzugungen im Um⸗ gang, welche die jungen Frauen zur Schau ſtellen, und dieſe genügen, um die am mindeſten eiferſüchtigen Ehe⸗ männer wüthend zu machen.“ „Ah! nun ſind wir endlich ſo weit, das hat hart gehalten; die Bevorzugungen im Umgang... gut! feit einer Stunde irren wir im Felde umher, und end⸗ lich erſt bringt Ihr die wahre Frage zur Sprache.“ „Nun wohl, ja.“ „Das iſt ernſter. Söllte Madame ein gewiſſes Unrecht gegen Euch haben?“ „Allerdings.“ „Wie! Eure Frau ſollte nach einer viertägigen Ehe irgend Einen Euch vorziehen, mit Einem Umgang pflegen? Nehmt Euch in Acht, Philipp, Ihr übertreibt 228 ihr Unrecht: wenn man gar zu viel beweiſen will, be⸗ weiſt man nichts.“ 8 Erſchrocken über den Ernſt ſeiner Mutter, wollte der Prinz antworten, doch er vermochte nur ein paar unverſtändliche Worte zu ſtammeln. „Ahl nun weicht Ihr zurück,“ ſagte Anna von Oeſterreich,„mir iſt das lieber; es iſt eine Anerkennung Eures Unrechts.“„ „Nein!“ rief Philipp,„nein, ich weiche nicht zu⸗ rück, und ich will es beweiſen. Ich habe geſagt Be⸗ vorzugung, Umgang, nicht wahr? Nun, ſo hört.“ Anna von Oeſterreich ſchickte ſich gefällig an, mit jenem gevatterlichen Vergnügen zu hören, das die beſte Frau, die beſte Mutter, und wäre ſie eine Königin, darin findet, daß ſie ſich in die kleinen Ehezwiſtigkeiten miſchen kann. 3 „Nur ſagt mir Eines!“ ſprach Philipp. „Was 2“ „Sagt mir, warum hat meine Frau einen engli⸗ ſchen Hof behalten?“ Und Philipp kreuzte ſich die Arme und ſchaute ſeine Mutter an, als wäre er überzeugt, ſie würde nichts auf dieſen Vorwurf zu antworten ſinden. „Das iſt ganz einfach,“ antwortete Anna von Oe⸗ ſterreich,„weil die Engländer ihre Landsleute ſind, weil ſie viel Geld ausgegeben haben, um ſie nach Frankreich zu begleiten, und weil es unhöflich, unpolitiſch ſogar wäre, plötzlich einen Adel zu verabſchieden, der ſich ſo ergeben gezeigt und kein Opfer geſcheut hat.“) „Ei!l meine Mutter, in der That, ein ſchoͤnes Opfer, ein garſtiges Land zu verlaſſen, um nach einem ſchoͤnen zu ziehen, wo man mit einem Thaler mehr bewirkt, als anderswo mit vier! Eine ſchöne Ergebenheit, nicht wahr, hundert Meilen zurückzulegen, um eine Frau zu begleiten, in die man verliebt iſt.“ „Verliebt! Philipp, bedenkt Ihr auch, was Ihr ſagt.?“ 84 ——— hr 84 229 „Bei Gott! „Und wer iſt in Madame verliebt?“ „Der ſchöne Herzog von Buckingham. Werdet Ihr mir dieſen nicht auch vertheidigen, meine Mutter?“ Anna von Oeſterreich erröthete und lächelte zugleich. Der Name Buckingham rief ſo ſüße und ſo traurige Erinnerungen bei ihr hervor. „Der Herzog von Buckingham,“ murmelte ſie. „Ja, eines von den Bettchens⸗Schooßkindern, wie mein Großvater Heinrich 1V. ſagte.“ 3 „Die Buckingham ſind redlich und brav,“ erwie⸗ derte muthig Anna von Oeſterreich. „Ahl gut, nun nimmt meine Mutter gegen mich den Liebhaber meiner Frau in Schutz!“ rief Philipp ſo außer ſich, daß ſeine ſchwächliche Natur bis zu Thrä⸗ nen erſchüttert wurde. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief Anna von Oe⸗ ſterveich,„dieſer Ausdruck iſt Eurer nicht würdig. Eure Frau hat keinen Liebhaber, und ſollte ſie einen haben, ſo wäre es nicht Herr von Buckingham; ich wiederhole Euch, die Leute dieſes Geſchlechts ſind redlich und dis⸗ eret; die Gaſtfreundſchaft iſt ihnen heilig.“ „Ei! Madame,“ rief Philipp,„Herr von Bucking⸗ ham iſt ein Engländer, und achten die Engländer ſo gewiſſenhaft das Gut der franzöſiſchen Fürſten?“ 1 Anna von Oeſterreich erroͤthete zum zweiten Mal unter ihrer Haube und drehte ſich um, unter dem Vor⸗ wand, ihre Feder vom Schreibzeug zu nehmen, in der That aber, um ihre Röthe vor den Augen ihres Soh⸗ nes zu verbergen. 7 „Wahrhaftig, Philipp,“ ſagte ſie,„Ihr wißt Worte zu finden, die mich verwirren, und Euer Zorn verblendet Euch, wie er mich erſchreckt; überlegt doch.“ „Madame, ich brauche nicht zu überlegen, ich ſehe.“ „Und was ſeht Ihr?“ „Ich ſehe, daß Herr von Buckingham meine Frau nicht verläßt. Er wagt es, ihr Geſchenke zu machen, 230 ſie wagt es, dieſelben anzunehmen. Geſtern ſprach ſte von einem Säckchen mit Veilchengeruch; unſere franzö⸗ ſiſchen Parfumeurs aber, Ihr wißt das wohl, Madame, da Ihr ſo oft ſolche verlangt habt, ohne bekommen zu können, unſere franzöſiſchen Parfumeurs waren nie im Stande, dieſen Geruch zu finden. Nun wohl, der Her⸗ zog hatte ein Saͤckchen mit Veilchengeruch bei ſich... von ihm kam alſo das meiner Frau.“ „In der That, mein Herr,“ ſprach Anna von Oe⸗ ſterreich,„Ihr baut Pyramiden auf Nadelſpitzen; nehmt Euch in Acht. Ich frage Euch, was iſt Schlimmes da⸗ bei, daß ein Landsmann ſeiner Landsmännin das Recept von einer neuen Eſſenz gibt. Dieſe ſeltſamen Ideen, das ſchwoͤre ich Euch, erinnern mich auf eine ſchmerzliche Weiſe an Euern Vater, der mich oft ungerecht hat lei⸗ den laſſen.“ 4 „Der Vater von Herrn von Buckingham war ohne Zweifel beſcheidener, ehrerbietiger, als der Sohn,“ ſagte Philipp unbeſonnen, ohne zu ſehen, daß er ſeiner Mut⸗ ter verletzend in's Herz griff. Die Königin erbleichte und preßte eine krampfhaft zuſammengezogene Hand an ihre Bruſt, doch bald ſich wieder faſſend ſagte ſie: „Nun, Ihr ſeid in irgend einer Abſicht hierher ge⸗ kommen?“ „Ja.“ „So erklärt Euch.“ „Madame, ich bin gekommen, um mich energiſch zu beklagen und Euch zu erklären, daß ich nichts von Herrn von Buckingham ertragen werde.“ „Ihr werdet nichts ertragen?“ „Nein.“ „Was wollt Ihr thun?“ „Ich werde mich beim König beklagen.“ „Und was ſoll Euch der Koͤnig antworten?“ „Nun wohl,“ ſprach Philipp mit einem Ausdruck ungeſchlachter Feſtigkeit, der einen ſeltſamen Contraſt —— R 54 ——— NS έ 2Q ſch on uck raſt — 231 mit der gewoͤhnlichen Sanftmuth ſeiner Phyſtognomie bildete,„nun wohl, ich werde mir ſelbſt Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Was nennt Ihr Euch ſelbſt Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen?“ fragte Anna von Oeſterreich mit einer gewiſſen Bangigkeit. „Es iſt mein Wille, daß Herr von Buckingham den Hof perläßt, es iſt mein Wille, daß Herr von Buckingham Frankreich verläßt, und ich werde ihm die⸗ ſen meinen Willen kundthun!“ „Ihr werdet gar nichts kundthun, Philipp, denn wenn ihr ſo handeln, wenn Ihr ſo die Gaſtfreundſchaft verletzen würdet, ſo müßte ich gegen Euch die ganze Strenge des Königs anrufen.“ „Ihr droht mir, meine Mutter!“ rief Philipp, ganz in Thränen,„Ihr droht mir, während ich mich beklage!“ „Nein, ich drohe Euch nicht, ich ſetze Eurem Auf⸗ brauſen einen Damm. Ich ſage Euch, daß gegen Herrn von Buckingham oder jeden andern Engländer ein ſtren⸗ ges Mittel ergreifen, daß ſogar ein nicht ſehr höͤfliches Verfahren anwenden äußerſt ſchmerzliche Spaltungen zwi⸗ ſchen Frankreich und England hervorrufen heißt. Wie! ein Prinz, der Bruder des Königs von Frankreich wüßte ſich vor einer politiſchen Nothwendigkeit nicht zu ſtel⸗ len als bemerkte er eine, ſelbſt wirkliche, Beleidigung nicht?“ Philipp machte eine Bewegung. „Ueberdies iſt die Beleidigung weder wahr, noch moöglich,“ fuhr die Köͤnigin fort,„und es handelt ſich nur um eine lächerliche Eiferſucht.“ „Madame, ich weiß, was ich weiß.“ „Und ich, was Ihr wiſſen möget, ermahne Euch zur Geduld.“ „Ich bin nicht geduldig, Madame.“ Die Koͤnigin ſtand voll Steifheit und eiſiger Cere⸗ monie auf und ſprach: 3 3 8 23² „Dann erklärt Euren Willen.“ „Ich habe keinen Willen, Madame, aber ich ſpreche meine Wünſche aus. Wenn ſich Herr von Buckingham nicht ſelbſt aus meinem Hauſe entfernt, ſo werde ich es ihm verbieten.“ „Das iſt eine Frage, worüber wir dem König Vor⸗ trag machen werden,“ ſagte die Königin, das Herz ge⸗ ſchwollen, die Stimme bewegt. „Aber, Madame,“ rief Philipp, indem er ſeine Hände an einander ſchlug,„ſeid meine Mutter und nicht die Königin, da ich als Sohn mit Euch ſpreche; zwiſchen Buckingham und mir iſt es die Sache einer Unterredung von vier Minuten.“ „Gerade dieſe Unterredung verbiete ich,“ ſprach die Königin, die wieder ihre ganze Autorität annahm, „das iſt Eurer nicht würdig.“ „Gut, es ſei, ich unterlaſſe es, aber ich werde mei⸗ nen Willen Madame ankündigen.“ „Oh!“ verſetzte Anna von Oeſterreich mit der Schwermuth der Erinnerung,„tyranniſirt nie eine Frau, mein Sohn; befehlt nie zu laut und zu gebiete⸗ riſch der Eurigen. Eine beſiegte Frau iſt nicht immer eine überzeugte Frau.“ 3 „Was ſoll ich dann thun? Ich werde mich bei mei⸗ ner Umgebung Raths erholen.“ „Ja, Eure henchleriſchen Räthe, Euer Chevalier von Lorraine, Euer Wardes... Ueberlaßt mir die Sorge in dieſer Angelegenheit, Philipp. Nicht wahr, Ihr wünſcht, daß ſich der Herzog entferne?“ „So bald als möglich, Madame.“ „Nun, ſo ſchickt mir den Herzog, mein Sohn; macht ihm ein freundliches Geſicht, bezeigt Niemand etwas, nicht Eurer Frau, nicht dem König. Empfangt keine Rathſchläge. Ach! ich weiß, was eine durch Räthe geſtörte Ehe iſt.“ „Ich werde gehorchen, meine Mutter.“ — — .—— 233 „und Ihr ſollt zufrieden ſein, mein Sohn. Sucht mir den Herzog.“ „Ohl das iſt keine Schwierigkeit.“ „Wo glaubt Ihr, daß er ſein dürfte?“ 1 „Bei Gott! vor der Thüre von Madame, deren Aufſtehen er erwartet.“ „Gut,“ ſprach Anna von Oeſterreich ganz ruhig. „Wollt dem Herzog ſagen, ich bitte ihn, zu mir zu kommen.“ Philipp küßte ſeiner Mutter die Hand und ent⸗ fernte ſich, um Herrn von Buckingham aufzuſuchen. XXII. For ever. Der Einladung der Königin Mutter Folge leiſtend, fand ſich Mylord Buckingham bei dieſer eine halbe Stunde nach dem Abgang des Herzogs von Orleans ein. Als ſein Name vom Huiſſier gemeldet wurde, er⸗ hob ſich die Königin, die ſich, den Kopf in ihren Hän⸗ den, mit den Ellenbogen auf den Tiſch ſtützte, und em⸗ pfing mit einem Lächeln den anmuthigen und ehrfurchts⸗ vollen Gruß, den der Herzog an ſie richtete. Anna von Oeſterreich war noch ſchön. Man weiß, daß bei ihrem ſchon vorgerückten Alter ihre langen aſch⸗ blonden Haare, ihre ſchönen Hände, ihre friſchrothen Lippen noch von Allen, die ſie ſahen, bewundert wurden. In dieſem Augenblick ganz einer Erinnerung hin⸗ gegeben, welche die Vergangenheit in ihrem Herzen wieder aufrührte, war ſie ſo ſchön als in den Tagen ihrer Jugend, als in der Zeit, wo ſich ihr Palaſt öffnete, um jung und leidenſchaftlich den Vater dieſes Bucking⸗ 234 ham, den Unglücklichen zu empfangen, der für ſte ge⸗ lebt hatte, der ihren Namen ausſprechend geſtorben war. Anna von Oeſterreich heftete auf Buckingham ei⸗ nen ſo zärtlichen Blick, daß man darin zugleich das Wohlgefallen einer mütterlichen Zuneigung und etwas Süßer wie die Coquetterie einer Geliebten entdecken onnte. „Eure Majeſtät hat mich zu ſprechen gewünſcht?“ ſagte Buckingham ehrerbietig. „Ja, Herzog,“ antwortete die Königin engliſch. „Wollt Guch ſetzen.“ Die Gunſt, welche Anna von Oeſterreich dem jun⸗ gen Mann angedeihen ließ, die Schmeichelei der Sprache des Landes, der der Herzog ſeit ſeinem Aufenthalt in Frankreich entbehrt hatte, machten einen tiefen Eindruck auf ſein Gemüth. Er errieth auf der Stelle, die Königin habe etwas von ihm zu verlangen. Nachdem ſie die erſten Augenblicke der unüberwind⸗ lichen Beklemmung, die ſie gefühlt, überlaſſen hatte, fuhr die Königin mit ihrer lachenden Miene in franzö⸗ ſiſcher Sprache fort: „Wie findet Ihr Frankreich, mein Herr?“ „Ein ſchoͤnes Land, Madame,“ antwortete der zog. „Hattet Ihr es ſchon geſehen?“ „Schon einmal, ja, Madame.“ „Doch, wie jeder guter Engländer, zieht Ihr Eng⸗ land vor?“ „Ich liebe mein Vaterland mehr, als das Vater⸗ land eines Franzoſen,“ erwiederte der Herzog;„fragt mich aber Eure Majeſtät, welchen von beiden Aufent⸗ haltsorten ich vorziehe, Paris oder London, ſo antworte ich Paris.“ Anna von Oeſterreich bemerkte den Ton voll Wärme, mit welchem dieſe Worte geſprochen worden waren. „Ihr habt, wie man mir ſagt, ſchoͤne Güter in Her 23⁵— Eurer Heimath, Mylord, Ihr bewohnt einen reichen und alten Palaſt?“. „Den Palaſt meines Vaters,“ antwortete Bucking⸗ ham, die Augen niederſchlagend. „Das ſind koſtbare Vorzüge und Andenken,“ ſagte die Königin, indem ſie unwillkührlich Erinnerungen be⸗ rührte, von welchen man ſich nicht gern trennt. „In der That,“ ſprach der Herzog, dem ſchwer⸗ müthigen Einfluß dieſes Eingangs erliegend,„die Leute von Gemüth träumen eben ſo viel durch die Vergan⸗ genheit oder durch die Zukunft, als durch die Gegen⸗ wart.“ „Das iſt wahr,“ ſagte die Königin mit leiſer Stimme.„Und daraus geht hervor, Mylord, daß Ihr, der Ihr ein Mann von Gemüth ſeid.—. Frankreich bald verlaſſen werdet, um Euch in Eure Reichthümer, in Eure Reliquien einzuſchkießen.“ Buckingham erhob das Haupt und ſprach: „Ich glaube nicht, Madame.“ „Wie?“ „Ich denke im Gegentheil, daß ich England ver⸗ laſſen werde, um in Frankreich zu wohnen.“ Nun war es an Anna von Oeſterreich, ihr Erſtau⸗ nen kundzugeben. „Wie,“ ſagte ſie,„ſeid Ihr nicht in Gunſt bei dem neuen König?“ 1 „Im Gegentheil, Madame, Seine Majeſtät beehrt mich mit einem unbegrenzten Wohlwollen.“ „Euer Vermögen kann ſich nicht vermindert haben; man nannte es bedeutend.“ 3 „Mein Vermoͤgen, Madame, iſt nie blühender ge⸗ weſen.“ „Ihr müßt alſo eine geheime Urſache haben.. 274 „Nein, Madame,“ erwiederte Buckingham raſch, „bei dieſem Entſchluß iſt nichts Geheimes. Ich liebe den Aufenthalt in Frankreich, ich liebe einen Hof voll Geſchmack und Artigkeit; ich liebe endlich die ein wenig 236 ernſten Vergnügungen, welche nicht die Vergnügungen airer, Heinalh ſind, während man ſie in Frankreich ndet. Fein lächelnd entgegnete Anna von Oeſterreich: „Die ernſten Vergnügungen! Habt Ihr Euch die⸗ ſen Ernſt auch wohl überlegt, Herr von Buckingham?“ Der Herzog ſtammelte. „Mylord,“ fuhr Anna von Oeſterreich fort,„es gibt kein ernſtes Vergnügen, das einen Mann von Eu⸗ rem Rang abhalten darf...“ „Madame,“ unterbrach ſie der Herzog,„Eure Ma⸗ jeſtät legt ein großes Gewicht auf dieſen Punkt, wie mir ſcheint.“ „Findet Ihr, Herzog?“ „Es iſt, möge meine Aenßerung Eurer Majeſtät nicht mißfallen, es iſt das zweite Mal, daß ſie die Reize Englands auf Koſten der zauberhaften Wonne rühmt, die man fühlt, wenn man in Frankreich lebt.“ Anna von Oeſterreich näherte ſich dem jungen Mann, legte ihre ſchöne Hand auf ſeine Schulter, die bei dieſer Berührung bebte, und ſprach: „Mein Herr, glaubt mir, nichts iſt ſo viel werth, als der Aufenthalt im Heimathlande. Es iſt mir ſehr oft begegnet, daß ich mich nach Spanien zurückſehnte. Ich habe lange gelebt, Mylord, ſehr lange für eine Frau, und ich geſtehe Euch, es iſt kein Jahr vergangen, in dem ich mich nicht nach Spanien ſehnte.“ „Kein Jahr, Madame!“ entgegnete kalt der junge Mann,„nicht eines von den Jahren, wo Ihr Konigin der Schönheit waret, wie Ihr es übrigens noch ſeid.“ „Ohl keine Schmeichelei, Herzog; ich bin eine Frau, die Eure Mutter wäre.“ Sie ſprach dieſe Worte mit einem anmuthreichen, milden Ausdruck, der tief in das Herz von Buckingham eindrang.. „Ja,“ ſagte ſie,„ich wäre Eure Mutter, und dar⸗ um gebe ich Euch einen guten Rath.“ * 237 „Den Rath, nach London zurückzukehren?“ rief er. „Ja, Mylord.“ Der Herzog faltete die Hände mit einer erſchrocke⸗ nen Miene, die ihre Wirkung auf dieſe durch zärtliche Erinnerungen für zärtliche Gefühle geneigte Frau nicht verfehlen konnte. „Es muß ſein,“ fügte ſie bei. „Wie!“ rief er,„man ſagt mir im Ernſte, ich müſſe abreiſen, ich müſſe mich verbannen, ich müſſe mich flüchten?“ „Euch verbannen! habt Ihr geſagt. Ah! Mylord, man ſollte glauben, Frankreich ſei Euer Vaterland.“ „Madaͤme, die Heimath der Liebenden iſt die Hei⸗ math derjenigen, welche ſie lieben.“ „Nicht ein Wort mehr, Mylord,“ ſprach die Koͤni⸗ gin,„Ihr vergeßt, mit wem Ihr redet.“ Buckingham warf ſich auf ſeine Kniee und rief: „Madame, Madame, Ihr ſeid eine Quelle des Geiſtes, der Güte, der Milde: Madame, Ihr ſeid nicht nur die Erſte dieſes Königreichs durch den Rang, Ihr ſeid die Erſte der Welt durch die Eigenſchaften, die Euch göttlich machen; ich habe nichts geſagt, Madame. Habe ich etwas geſagt, worauf Ihr mir ein ſo grauſa⸗ mes Wort erwiedern könntet? Habe ich mich verrathen⸗ Madame?“ „Ihr habt Euch verrathen,“ antwortete die Köni⸗ gin mit leiſer Stimme. 3 „Ich habe nichts geſagt! Ich weiß nichts!“ „Ihr vergeßt, daß Ihr vor einer Frau geſprochen, gedacht habt, und überdies... 4 „Und überdies weiß Niemand, daß Ihr mich hört,“ . unterbrach Buckingham lebhaft die Königin. „Man weiß es im Gegentheil, Herzog, Ihr habt die Febler und die guten Eigenſchaften der Jugend.“ „Man hat mich verrathen! man hat mich ange⸗ geben!“. „Wer dies? 238 „Diejenigen, welche ſchon im Havre mit einer höl⸗ liſchen Scharfſichtigkeit in meinem Herzen wie in einem offenen Buche geleſen hatten.“ „Ich, weiß nicht, wen Ihr meint.“ „Herrn von Bragelonne zum Beiſpiel.“— „Das iſt ein Name, den ich kenne, ohne denjeni⸗ gen zu kennen, welcher ihn führt. Nein, Herr von Bragelonne hat nichts geſagt.“ „Wer denn?.. Oh! Madame, wenn Einer die Kühnheit gehabt hätte, in mir das zu ſehen, was ich ſelbſt nicht ſehen will... 4 4 „Was würdet Ihr thun, Herzog 24 „Es gibt Geheimniſſe, welche diejenigen tödten, die ſie finden.“ „Derjenige, welcher Euer Geheimniß gefunden hat, Ihr Wahnſinniger, iſt noch nicht getödtet; mehr noch, Ihr werdet ihn nicht tödten; er iſt bewaffnet mit allen Rechten, es iſt ein Gatte, es iſt ein Eiferſüchtiger, es iſt der zweite Edelmann Frankreichs, es iſt mein Sohn, der Herzog von Orleans.“ Der Herzog erbleichte. 3 „Wie grauſam ſeid Ihr, Madame!“ ſagte er. „So ſeid Ihr wohl, Buckingham,“ ſprach ſchwer⸗ müthig Anna von Oeſterreich,„Ihr geht durch alle Extreme und kämpft mit den Wolken, während es Euch ſo leicht wäre, mit Euch ſelbſt im Frieden zu bleiben.“ „Wenn wir Krieg führen, ſterben wir auf dem Schlachtfeld,“ erwiederte mit ſanftem Ton der junge Mann, der ſich der ſchmerzlichſten Niedergeſchlagenheit überließ. Anna ging raſch auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und ſagte engliſch mit einem Ungeſtüm, dem Kei⸗ ner hätte widerſtehen können: „Villiers, was verlangt Ihr? Von einer Mutter, daß ſie ihren Sohn opfere, von einer Königin, daß ſie in die Schande ihres Hauſes einwillige! Ihr ſeid ein Kind, denkt nicht daran! Wiel! um Euch eine Thräne ——=— 239 zu erſparen, ſollte ich zwei Verbrechen begehen, Villiers! Ihr ſprecht von den Todten; die Todten waren wenig⸗ ſtens ehrfurchtsvoll und unterwürfig; die Todten ver⸗ beugten ſich vor einem Verbannungsbefehl; ſie nahmer. ihre Verzweiflung wie einen Reichthum in ihren Herzen mit, weil die Verzweiflung von der geliebten Frau kam, weil der Tod, ſo trügeriſch, gleichſam ein Geſchenk, eine Gunſtbezeigung war.“ Die Züge verſtört, die Hände auf dem Herzen, ſtand Buckingham auf und erwiederte: „Ihr habt Recht, Madame, doch diejenigen, von welchen Ihr ſprecht, hatten den Verbannungsbefehl aus einem geliebten Mund erhalten; man jagte ſie nicht fort, man bat ſie, zu gehen, man ſpottete ihrer nicht.“ „Nein, man erinnerte ſich,“ flüſterte Anna von Oeſterreich.„Doch wer ſagt Euch, man jage Euch fort, man verbanne Euch? wer ſagt Euch, man erinnere ſich Curer Ergebenheit nicht? Ich ſpreche für Niemand, Villiers, ich ſpreche für mich, reiſt abl Leiſtet mir die⸗ ſen Dienſt, habt dieſe Güte für mich, daß ich dies auch noch einem Manne Eures Namens zu danken habe.“ „Euch zu Liebe alſo, Madame.“ „Mir allein zu Liebe.“ „Es wird hinter mir kein Mann ſein, der lacht, kein Fürſt, der ſpricht: Ich habe es gewollt!“ „Herzog! höret mich.“ Hier nahm das erhabene Antlitz der alten Königin einen feierlichen Ausdruck an, und ſie fuhr fort: „Ich ſchwöre Euch, daß hier Niemand befiehlt, wenn nicht ich; ich ſchwöre Euch, daß Niemand lachen, ſich rühmen wird, ſondern daß ſich ſogar Niemand ge⸗ gen die Pflicht verfehlen wird, die Cuer Rang aufer⸗ legt. Zählt auf mich, Herzog, wie ich auf Euch gezäͤhlt habe.“ „Ihr erklärt Euch nicht, Madame; ich bin tief verwundet, ich bin in Verzweiflung; der Troſt, ſo voll⸗ 240 kommien und ſüß er auch ſein mag, wird mir nicht ge⸗ nügend erſcheinen.“ „Freund, habt Ihr Eure Mutter gekannt?“ ſagte die Königin mit einem einſchmeichelnden Lächeln. „Ohl ſehr wenig, Madame: aber ich erinnere mich, daß mich dieſe edle Dame mit Küſſen und Thränen be⸗ deckte, wenn ich weinte.“ „Villiers!“ ſprach die Königin, indem ſie ihren Arm um den Hals des jungen Mannes ſchlang,„ich bin eine Mutter für Euch, und glaubt mir, nie wird Jemand meinen Sohn weinen machen.“ „Meinen Dank, Madame,“ erwiederte der junge Mann gerührt und erſchüttert;„ich gewahre, daß in meinem Herzen noch für ein ſüßeres, edleres Gefühl, als für die Liebe Platz war.“ Die Konigin ſchaute ihn an, drückte ihm die Hand und ſprach: „Geht, mein Freund.“ „Wann ſoll ich abreiſen? Befehlt.“ „Wann es Euch geeignet erſcheint, Mylord,“ ant⸗ wortete die Königin:„Ihr reiſt, doch Ihr wahlt Eu⸗ ren Tag. Statt heute abzureiſen, wie Ihr es ohne Zweifel wünſchtet, morgen, wie man es erwartete, reiſt übermorgen Abend ab, nur verkündigt ſchon heute Eu⸗ ren Willen.“ „Meinen Willen!“ murmelte der junge Mann. „Ja, Herzog.“ 8 „Und ich werde nie wieder nach Frankreich kom⸗ men 2“ Anna von Oeſterreich dachte einen Augenblick nach und verſank in den ſchmerzlichen Ernſt dieſes Nach⸗ ſinnens.— „Es wird mir ſüß ſein,“ ſprach ſte,„wenn Ihr an dem Tag kommt, wo ich auf ewig in Saint⸗Denis beim König, meinem Gemahl, ſchlafen gehen werde.“ „Bei ihm, der Euch ſo viel leiden gemacht hat!“ „Der der König von Frankreich war.“ — ——— 5 241 „Madame, Ihr ſeid voll Güte, Ihr ſchreitet in der Wohlfahrt einher, Ihr ſchwimmt in der Freude; lange Jahre ſind Euch verheißen.“— „So werdet Ihr alſo ſpät kommen,“ ſprach die Kö⸗ gin, indem ſie zu lächeln ſuchte. „Ich werde gar nicht kommen, ich, der ich jung bin,“ entgegnete Buckingham traurig. „Ohl Gott ſei Dank...“ „Der Tod, Madame, zählt die Jahre nicht; er iſt unparteiiſch; man ſtirbt, obgleich jung, man lebt, ob⸗ gleich Greis.“ keine düſtere Gedanken; ich will Euch „Herzog, aufheitern. Kommt in zwei Jahren. Ich ſehe in Eu⸗ rem reizenden Antlitz, daß die Ideen, die Euch heute ſo traurig machen, vor ſechs Monaten abgelebte Ideen ſein werden; in der Friſt, die ich Euch bezeichne, wer⸗ den ſie alſo todt und vergeſſen ſein.“. „Ich glaube, daß Ihr mich vorhin beſſer beur⸗ theiltet, Madame, als Ihr ſagtet, über uns vom Hauſe Buckingham habe die Zeit keine Gewalt.“ „Stille! ohl ſtille!“ flüſterte die Königin, indem ſie den Herzog mit einer Zärtlichkeit, die ſie nicht be⸗ waͤltigen konnte, auf die Stirne küßte;„geht, geht, macht mich nicht weich, vergeßt Euch nicht mehr, ich bin die Königin! Ihr ſeid ein Unterthan des Königs von England; König Karl erwartet Euch; Gott be⸗ fohlen, Villiers, lebet wohl, Villiers, farewell!“ „For everl“ erwiederte der junge Mann, und er entfloh, ſeine Thränen verſchluckend. Anna von Oeſterreich drückte ihre Hände an ihre Stirne, ſchaute dann in den Spiegel und murmelte: „Man mag ſagen, wie man will, arme Königin, die Frau iſt immer jung; man iſt immer in irgend ei⸗ nem Winkel des Herzens erſt zwanzig Jahre alt!“ Die drei Musketiere. Bragelonne. V. 16 XXIII. Worin Seine Majeſtät König Ludwig XIV. Fräulein de la Pallidre weder reich, noch hübſch genug für einen Edelmann vom Rang des Vicomte von Bragelonne findet. Raoul und der Graf de la Fore kamen nach Paris am Abend des Tages, wo Buckingham die von uns mitgetheilte Unterredung mit der Königin Mutter ge⸗ habt hatte. 82W Kaum angelangt, ließ ſich der Graf eine Audienz beim König erbitten. Der König hatte einen Theil des Tags damit zu⸗ gebracht, daß er mit Madame und den Damen des Hofs die Lyoner Stoffe betrachtete, mit denen er ſeiner Schwägerin ein Geſchenk machte. Es war ſofort Mit⸗ tagstafel bei Hofe geweſen, hernach Spiel, und der Kö⸗ nig hatte ſeiner Gewohnheit gemäß das Spiel um acht Uhr verlaſſen und war in ſein Cabinet gegangen, um mit Herrn Colbert und Herrn Fouquet zu arbeiten. Raoul war im Vorzimmer in dem Augenblick, wo die beiden Miniſter herauskamen, und der Köoͤnig er⸗ blickte ihn durch die halb geöffnete Thuͤre. „Was will Herr von Bragelonne?“ fragte er. Der junge Mann näherte ſich und erwiederte: „Sire, eine Audienz für den Herrn Grafen de la Fore, der mit dem Wunſche, Eure Majeſtät ſprechen zu dürfen, von Blois ankommt.“— „Ich habe eine Stunde vor dem Spiel und em Schlafengehen,“ ſagte der König.„Iſt Herr de Fere bereit?“ „Der Herr Graf wartet unten auf die Befehle Eu⸗ rer Majeſtät.“ 243 „Er komme herauf.“ Fünf Minuten nachher trat Athos bei Lud⸗ wig XIV. ein. Er wurde vom Herrn mit jenem anmuthigen Wohl⸗ wollen empfangen, das Ludwig, mit einem Takt über ſeinem Alter, vorbehielt, um die Menſchen für ſich zu ge⸗ winnen, welche man nicht durch gewöhnliche Gunſtbezei⸗ gungen erobert. 3 „Graf,“ ſprach der Koͤnig,„laßt mich hoffen, daß Ihr Euch etwas von mir erbitten wollt.“ „Ich verberge das Eurer Majeſtät nicht,“ erwie⸗ hen der Graf,„ich komme in der That als Bitt⸗ eller.“ „Laßt hören,“ ſagte der König mit freudiger Miene. „Es iſt nicht für mich, Sire.“ „Deſto ſchlimmer; doch ich werde für Euren Schütz⸗ ling thun, Graf, was Ihr ausſchlagt, daß ich für Euch thun ſoll.“ „Eure Majeſtät iſt allzu gnädig... Ich komme, um mit dem König für den Vicomte von Bragelonne zu reden.“ „Graf, das iſt, als ob Ihr für Euch ſprächet.“ „Nicht ganz, Sire. Was ich von Euch zu erlan⸗ gen wünſche, kann ich nicht für mich erlangen. Der Vicomte gedenkt zu heirathen.“ „Er iſt noch jung; doch gleichviel... Es iſt ein ausgezeichneter Mann, und ich will eine Frau für ihn finden.“ „„Er hat ſie gefunden, Sire, und ſucht nur die Ein⸗ willigung Eurer Majeſtät.“ „Ah! es handelt ſich nur darum, einen Heiraths⸗ vertrag zu unterzeichnen?“ Athos verbeugte ſich. 5 „Hat er ſich eine Braut gewählt, die einem Stand angehöort, der Euch genehm iſt?“ —. 244 3 b Athos zögerte einen Augenblick und antwortete ann: 4 „Die Braut iſt Fräulein, doch reich iſt ſie nicht.“ 3 „Das iſt ein Uebel, für das wir ein Mittel haben.“ 1 G „Eure Majeſtät erfüllt mich mit Dankbarkeit, ſie 3 wird mir jedoch erlauben, ihr eine Bemerkung zu machen.“ „Macht ſie.“ „Eure Majeſtät ſcheint die Abſicht zu haben, das Mädchen auszuſteuern?“ „Gewiß.“ „Und mein Schritt im Louvre hätte dieſen Erfolg gehabt? Das wäre mir leid, Sire.“ „Kein falſches Zartgefühl, Graf; wie heißt die Braut?“ „Es iſt Fräulein de la Baume le Blanc de la Valliere,“ antwortete Athos kalt. „Ah!“ machte der König, in ſeinem Gedächtniß ſuchend,„ich kenne dieſen Namen; ein Marquis de la Vallidre.“ 3 „Ja, Sire, es iſt ſeine Tochter.“ „Er iſt todt?“ „ Ja, Sire.“ und die Witwe hat ſich wieder an Herrn von Saint⸗Remy, den Oberhofmeiſter von Madame Witwe verheirathet?“ 3 „Eure Majeſtät iſt gut unterrichtet.“ „So iſt es, ſo iſt es!... Mehr noch: die Toch⸗ ter iſt unter die Ehrenfräulein der jungen Madame ein⸗ getreten.“ 3 3„Eure Majeſtät weiß die ganze Geſchichte beſſer als ich.“ 3 Der König dachte abermals nach und ſchaute ver⸗ ſtohlen das ziemlich ſorgenvolle Geſicht von Athos an. „Graf,“ ſagte er,„mir ſcheint, das Fräulein iſt nicht ſehr huͤbſch.“ 8 Ich weiß es nicht genau,“ antwortete Athos. 245 „Ich habe ſie betrachtet ſie hat mich nicht in⸗ tereſſirt.“ „Es iſt eine ſanfte, beſcheidene Miene, aber wenig Schönheit, Sire.“ „Doch ſchöne blonde Haare?“ „Ich glaube, ja.“ 5 „Und ziemlich ſchöne blaue Augen?“ „So iſt es.“ „Was die Schönheit betrifft, iſt die Partie alſo eine gewöhnliche. Gehen wir zum Geld über.“ „Höochſtens fünfzehn bis zwanzigtauſend Livres Mitgift, Sire; aber die Verliebten ſind uneigennützig; ich ſelbſt lege wenig Werth auf das Geld.“ „Auf den Ueberfluß, wollt Ihr ſagen; doch das Nothwendige iſt unerläßlich. Mit fünfzehntauſend Livres Mitgift, ohne Apanagen, kann eine Frau nicht bei Hofe leben. Wir werden ergänzen, ich will das für Brage⸗ lonne thun.“ Athos verbeugte ſich. Se König bemerkte abermals ſeine Kälte und prach: „Gehen wir vom Geld auf den Stand über; Toch⸗ ter des Marquis de la Vallière, das iſt gut; doch wir haben den guten Saint⸗Remy, der das Haus ein we⸗ nig, ich weiß es wohl, durch die Frauen verdirbt, aber immerhin verdirbt, und Ihr, Graf, haltet, glaube ich, viel auf Euer Haus.“ „Ich, Sire, lege auf gar nichts mehr einen Werth, als auf meine Ergebenheit für Eure Majeſtät.“ Der Koͤnig ſchwieg wieder einen Augenblick und ſprach dann:— 4 „Mein Herr, Ihr ſetzt mich ſeit dem Anfang un⸗ ſerer Unterredung ungemein in Erſtaunen. Ihr kommt, um mich um Erlaubniß zu einer Heirath zu bitten, und ſcheint ſehr betrübt, daß Ihr dieſe Bitte thun ſollt. Ohl ich irre mich ſelten, ſo jung ich bin, denn bei dem Einen ſtelle ich meine Freundſchaft in den Dienſt des 246 Verſtandes, bei den Andern wende ich mein Mißtrauen an, das die Scharfſichtigkeit verdoppelt. Ich wieder⸗ hole, Ihr thut dieſe Bitte nicht mit freudigem Herzen.“ „Ja, Sire, das iſt wahr.“ „Dann begreife ich Euch nicht... ſchlagt es ab.“ „Nein, Sire; ich bin Bragelonne mit meiner gan⸗ zen Liebe zugethan... er iſt in Fräulein de la Val⸗ lière verliebt und ſchmiedet ſich Paradieſe für die Zu⸗ kunft. Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche die Illu⸗ ſionen der Jugend zerſtöen wollen. Dieſe Heirath miß⸗ fällt mir, doch ich bitte Eure Majeſtät, auf das Schleu⸗ nigſte ihre Einwilligung dazu zu geben und ſo das Glück von Raoul zu machen.“ „Sprecht, Graf, liebt ſie ihn?“ „Wenn ich Eurer Majeſtät die Wahrheit ſagen ſoll, ſo glaube ich nicht an die Liebe von Fräulein de la Vallière; ſie iſt jung, ſie iſt ein Kind, ſie iſt be⸗ rauſcht; das Vergnügen, den Hof zu ſehen, die Chre, im Dienſte von Madame zu ſein, werden in ihrem Kopfe dem die Waagſchale halten, was ſie an Zärtlich⸗ keit im Herzen haben könnte; es wird alſo eine. Ehe ſein, wie Eure Majeſtät viele am Hofe hat; doch Brage⸗ lonne will es, und ſo geſchehe es denn.“ „Ihr gleicht indeſſen nicht jenen leichten Vätern, hie ſich zu Sklaven ihrer Kinder machen,“ ſagte der önig. 3„Sire, ich habe Willen gegen Böſe, ich habe kei⸗ nen gegen Leute von Gemüth. Raoul leidet, er hat Kummer; gewöhnlich frei, iſt ſein Geiſt ſchwerfällig und düſter geworden; ich will Eure Majeſtät nicht der Dienſte berauben, die er zu leiſten vermag.. 5„Ich verſtehe Euch und verſtehe beſonders Euer erz.“— Dann brauche ich Eurer Majeſtät nicht zu ſagen, daß es meine Abſicht iſt, das Glück dieſer Kinder oder vielmehr dieſes Kindes zu machen.“ d 1 ¹ 1 247 „Und ich will, wie Ihr, das Glück von Herrn von Bragelonne.“— „Sire, ich erwarte nur noch die Unterſchrift Eurer Majeſtät. Raoul wird die Ehre haben, vor Euch zu erſcheinen, und Eure Einwilligung entgegennehmen.“ „Ihr täuſcht Euch, Graf,“ ſprach der König mit feſtem Tone;„ich habe Euch geſagt, ich wolle das Glück des Vicomte, und ich widerſetze mich auch in dieſem Augenblick ſeiner Heirath.“ „Aber, Sire,“ rief Athos,„Eure Majeſtät hat mir verſprochen.. „Nein, Graf, ich habe es Euch nicht verſprochen; denn das widerſtrebt meinen Abſichten.“ „Ich begreife, was Alles die Initiative Eurer Ma⸗ jeſtät Wohlwollendes und Edelmüthiges für mich hat; doch ich nehme mir die Freiheit, Euch daran zu erin⸗ nern, daß ich als Botſchafter zu kommen mich anheiſchig gemacht habe.“ „Ein Botſchafter, Graf, verlangt oft und erhält nicht immer.“ „Ah! Sire, welch ein Schlag für Bragelonne!“ „Ich werde den Schlag geben, ich werde mit dem Vicomte ſprechen.“ „Die Liebe, Sire, iſt eine unwiderſtehliche Kraft.“ „Man widerſteht der Liebe, Graf, das kann ich Euch verſichern.“ „Wenn man die Seele eines Konigs, wenn man Eure Seele hat, Sire.“ „Seid über dieſen Gegenſtand unbeſorgt. Ich habe Abſichten mit Bragelonne; ich ſage nicht, er werde Fräulein de la Vallière nicht heirathen, aber ich will nicht, daß er ſich ſo jung verheirathe, ich will nicht, daß er ſie heirathe, ehe ſie ihr Glück gemacht und er ſeinerſeits meine Huld verdient hat, wie ich ſie ihm angedeihen laſſen werde. Mit einem Wort, Graf, ich will, daß man warte.“ 3 „Sire, ich wiederhole... . 248 „Herr Graf, Ihr ſeid, wie Ihr ſagtet, gekommen, um mich um eine Gnade zu bitten.“ „Ja, gewiß.“ „Nun wohl! bewilligt mir eine und laßt uns nicht mehr hievon ſprechen. Es iſt möglich, daß ich binnen Kurzem einen Krieg führe; ich bedarf freier Edelleute in meiner Umgebung und würde Anſtand nehmen, unter die Kugeln und Kanonen einen verhei⸗ ratheten Mann, einen Familienvater zu ſchicken; ich würde auch für Bragelonne Anſtand nehmen, ohne einen höhern Grund ein unbekanntes Mädchen auszuſtatten, denn das dürfte Eiferſucht unter meinem Adel erregen.“ Athos verbeugte ſich und antwortete nichts. „Iſt das Alles, was Ihr von mir erbitten wolltet?“ fügte Ludwig XIV. bei. „Alles, Sire, und ich nehme Abſchied von Eurer Majeſtät. Doch ſoll ich Raoul in Kenntniß ſetzen?“ „Erſparet Euch dieſe Mühe, erſparet Euch dieſe Widerwärtigkeit. Sagt dem Vicomte, morgen bei mei⸗ nem Lever werde ich mit ihm ſprechen; für heute Abend, Graf, ſeid Ihr bei meinem Spiel.“ „Ich bin in Reiſekleidern, Sire.“ „Es wird, wie ich hoffe, ein Tag kommen, wo Ihr mich nicht verlaßt. Bald, Graf, wird die Monarchie ſo geſtellt ſein, daß ſie allen Männern von Eurem Ver⸗ dienſt eine würdige Gaſtfreundſchaft zu bieten vermag.“ „Sire, wenn ein König groß iſt im Herzen ſeiner Unterthanen, ſo liegt wenig daran, welchen Palaſt er bewohnt, inſofern er in einem Tempel angebetet wird.“ Nachdem Athos ſo geſprochen, verließ er das Ca⸗ binet und ſuchte Raoul wieder auf, der ihn erwartete. „Nun, Herr?“ fragte der junge Mann. „Raoul, der König iſt gut gegen uns; vielleicht und edelmuͤthig gegen unſer Haus.“ „Herr, habt mir eine ſchimme Nachricht mit⸗ zutheilen,“ rief der junge Mann erbleichend. ———-—— nicht in dem Sinn, in dem Ihr glaubt, doch er iſt gut —— 4 4 1——— 8 4* —