Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „. eiß und eſebedingungen. 1 Ofer Bibliothek Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.—. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Wir.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Wat.— Pf. 3* 4 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Erzählung, Die Bosheit des Cardinals ließ dem Botſchafter nicht viele Dinge zu ſagen übrig; doch das Wort: wiedereingeſetzt, war dem König aufgefallen, und ſich an den Grafen wendend, auf den er ſeine Augen ſeit ſeinem Eintritt geheftet hielt, ſprach Ludwig XIV.: „Mein Herr, wollt uns etwas Genaueres über die Lage der Dinge in England mittheilen. Ihr kommt von dieſem Land, Ihr ſeid Franzoſe, und die Orden, die ich auf Eurer Bruſt glänzen ſehe, verkündigen mir einen Mann von Verdienſt, und zugleich einen Mann von Rang.“ „Dieſer Herr,“ ſagte der Cardinal, ſich an die Kö⸗ nigin Mutter wendend,„dieſer Herr iſt ein ehemaliger Diener Eurer Majeſtät, der Herr Graf de la Foͤre.“ Anna von Oeſterreich war vergeßlich wie eine Kö⸗ nigin, deren Leben von Stürmen und ſchönen Tagen gemiſcht. Sie ſchaute Mazarin an, deſſen ſchlimmes Lächeln ihr irgend eine kleine Tücke verhieß. Dann forderte ſie von Athos durch einen andern Blick eine Erklärung. 1 Der Cardinal fuhr fort: „Der Herr war ein Musketier von Treville, im Dienſt des ſeligen Königs... Der Herr kennt voll⸗ kommen England, wohin er mehrere Reiſen zu verſchie⸗ denen Zeiten gemacht hat: er iſt ein Unterthan von ium höchſten Verdienſt.“ Ddieſe Worte waren eine Anſpielung auf alle die Die drei Musketiere. Bragelonne. Il. 1— . „* 2 Erinnerungen, welche Anna von Oeſterreich hervorzu⸗ rufen ſtets zitterte. England war ihr Haß gegen Ri⸗ chelieu, ihre Liebe für Buckingham; ein Musketier von Treville war die ganze Odyſſee der Triumphe, welche das Herz der jungen Frau ſchlagen gemacht, und der Gefahren, die den Thron der jungen Königin halb ent⸗ wurzelt hatten. Dieſe Worte übten eine große Gewalt aus, denn ſie machten ſtumm und aufmerkſam alle die königlichen Perſonen, die mit ſehr verſchiedenartigen Gefühlen die geheimnißvollen Jahre, welche die Jungen nicht erſchaut, welche die Alten für immer verwiſcht geglaubt hatten, wieder auftauchen ſahen. „Sprecht, mein Herr,“ ſagte Ludwig XIV., der ſich zuerſt von der Unruhe, vom Argwohn und den Er⸗ innerungen erholte. „Ja, ſprecht,“ fügte Mazarin bei, dem die kleine Bosheit, welche er an Anna von Oeſterreich verübt, ſeine Energie und ſeine Heiterkeit wieder verliehen. „Sire,“ ſprach der Graf,„eine Art von Wunder hat das ganze Schickſal von König Karl II. geändert. Was die Menſchen bis dahin nicht hatten thun können, beſchloß Gott, zu vollfuͤhren.“ Mazarin huſtete und bewegte ſich unruhig in ſei⸗ nem Bett. „Der König Karl,“ fuhr Athos fort,„hat das Haag nicht mehr als Flüchtling, ſondern als unum⸗ ſchränkter Koͤnig verlaſſen, der nach einer Reiſe, fern von ſeinem Reich, unter allgemeinen Segnungen dahin zurückkehrt.“ „In der That, ein großes Wunder,“ ſagte Ma⸗ zarin,„denn wenn die Nachrichten wahr geweſen ſind, ſo hatte König Karl II., der unter Segnungen zu⸗ rückgekehrt iſt, ſein Land unter Musketenſchüſſen ver⸗ laſſen.“ Der König blieb unempfindlich. JZünger und leichtfertiger, vermochte ſich Philipp * p eines Lächelns nicht zu erwehren, das Mazarin wie ein ſeinem Scherze geſpendeter Beifall ſchmeichelte. „In der That,“ ſprach der König,„es hat ein Wunder obgewaltet; doch Gott, der ſo viel für die Könige thut, Herr Graf, wendet die Hand der Men⸗ ſchen an, um ſeinen Plänen den Sieg zu verleihen. Welchen Menſchen hat Karl II. hauptſächlich ſeine Wiedereinſetzung zu verdanken?“ 8 „Ah!“ unterbrach der Cardinal ohne die geringſte Rückſicht auf die Eitelkeit des Königs,„weiß Eure Ma⸗ jeſtät nicht, daß er ſie Herrn Monk zu verdanken hat?“ „Ich muß es wiſſen,“ erwiederte entſchloſſen Lud⸗ wig XIV.;„doch ich frage den Herrn Botſchaf⸗ 9 nach der Urſache der Veränderung dieſes Herrn onk.“ 7 „Eure Majeſtät berührt hiedurch gerade die Haupt⸗ ſache,“ erwiederte Athos,„denn ohne das Wunder, von dem ich zu ſprechen die Ehre gehabt, wäre Herr Monk ohne Zweifel der unbeſiegbare Feind von König Karl II. geblieben. Gott wollte, daß eine ſeltſame, kühne, ſinnreiche Idee in den Geiſt eines gewiſſen Mannes fiel, während eine ergebene, muthige Idee in den Geiſt eines gewiſſen Andern ſiel. Das Zuſammenwirken dieſer zwei Ideen führte eine ſolche Veränderung in der Lage von Monk herbei, daß er van einem erbitterten Feind ein Freund für den entfernten König wurde.“ „Das iſt gerade der Umſtand, den ich wiſſen wollte, ſagte der König.. Wer ſind die zwei Männer, von denen Ihr ſprecht?“ „Zwei Franzoſen, Sire.“ „In der That, das macht mich glücklich.“ „Und die zwei Ideen?“ rief Mazarin;„ich bin begieriger auf die Ideen, als auf die Menſchen.“ „Ja,“ murmelte der König. „Die zweite, die ergebene, die vernünftige Idee, die minder wichtige Idee, Sire, war, eine Million in Gold, welche Koͤnig Karl I, in Neweaſtle ver⸗ graben hatte, dort zu holen und mit dieſem Gold die Mitwirkung von Monk zu erkaufen.“ „Oho!“ machte Mazarin, wiederbelebt bei dem Wort Million,„aber Neweaſtle war gerade von dieſem Monk beſetzt.“ „Ja, Herr Cardinal, deshalb wagte ich es, die Idee zugleich muthig und ergeben zu nennen. Es war alſo die Aufgabe, wenn Monk die Anerbietungen des Unterhändlers ausſchlug, König Karl II. das Eigen⸗ thum dieſer Million wieder zu verſchaffen, die man der Loyalität von General Monk entreißen mußte... Dies geſchah trotz einiger Schwierigkeiten, der General war loyal und ließ die Million fortnehmen.“ „Mir ſcheint,“ ſagte der König träumeriſch und ſchüchtern,„mir ſcheint, Karl II. hatte während Pinſs Aufenthalts in Paris keine Kenntniß von dieſer illion.“ „Mir ſcheint,“ fügte der Cardinal höhniſch bei, „Seine Majeſtät der König von Großbritannien war voll⸗ kommen vom Vorhandenſein dieſer Million unterrichtet, doch Seine Majeſtät zog zwei Millionen einer einzigen vor.“ „Sire,“ erwiederte Athos mit Feſtigkeit,„Seine Majeſtät König Karl II. war in Frankreich ſo arm, daß er kein Geld mehr hatte, um die Poſt zu neh⸗ men, ſo aller Hoffnungen baar, daß er wiederholt nur an das Sterben dachte. Das Vorhandenſein der Mil⸗ lion in Newcaſtle war ihm ſo unbekannt, daß ohne einen Edelmann, einen Unterthanen Eurer Majeſtät, bei dem dieſe Million moraliſch niedergelegt war, und der das Geheimniß Karl II. offenbarte, dieſer Prinz noch in einer grauſamen Vergeſſenheit vegetiren würde.“ „Gehen wir zu der ſinnreichen, ſeltſamen, kühnen. Idee über,“ ſagte Mazarin, deſſen Scharfſinn einen Schlag ahnte.„Was für eine Idee war dies?“ „Hört... Da Herr Monk allein der Wiederein⸗ etzung des entthronten Koͤnigs ſich entgegenſtellte, ſo kam ein Franzoſe auf den Gedanken, dieſes Hinderniß zu beſeitigen.“ „Ohol dieſer Franzoſe iſt ein Ruchloſer,“ ſprach Mazarin,„und die Idee iſt nicht ſo ſinnreich, daß der Urheber nicht durch einen Spruch des Parlaments auf der Grève aufgeknüpft oder gerädert werden ſollte.“ „Eure Eminenz täuſcht ſich,“ erwiederte Athos mit trockenem Tone,„ich ſagte nicht, der fragliche Franzoſe habe beſchloſſen, Herrn Monk zu ermorden, ſondern nur, ihn zu beſeitigen. Die Worte der franzöſiſchen Sprache haben einen Werth, eine Bedeutung, welche die fran⸗ zöſiſchen Edelleute vollkommen kennen. Ueberdies iſt das eine Kriegsſache, und wenn man den Koͤnigen gegen ihre Feinde dient, ſo hat man das Parlament nicht zu Richtern: man hat Gott zum Richter. Dieſer franzö⸗ ſiſche Edelmann hatte alſo den Gedanken, ſich der Per⸗ ſon von Monk zu bemächtigen, und er führte ſeinen Plan aus.“. Der König belebte ſich bei der Erzählung der küh⸗ nen Thaten. 1 4 Der jüngere Bruder Seiner Majeſtät ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und rief: „Ahl das iſt ſchön!“ „Er entführte Monk?“ ſagte der König;„aber Monk war doch in ſeinem Lager?“ „Und der Edelmann war allein, Sire.“ „Das iſt wunderbar!“ rief Philipp. „In der That wunderbar!“ rief der König. „Gut! nun ſind die zwei kleinen Löwen entfeſſelt,“ murmelte der Cardinal. Und mit einer ärgerlichen Miene, die er nicht zu verbergen ſuchte, ſagte er: 8 „Dieſe Umſtände ſind mir unbekannt; verbürgt Ih Euch für die Aechtheit, mein Herr. 2u „um ſo eher, Herr Cardinal, als ich die Ereigniſſe geſehen habe.“ 5— „Ihr?“ 5 „Ja, Monſeigneur.“ Der Koͤnig näherte ſich unwillkührlich dem Grafen auf einer Seite, während ihn Philipp auf der andern bedrängte. „Weiter, mein Herr, weiter,“ riefen Beide gleich,, zeitig. „Sire, als Monk von dem Franzoſen feſtgenommen war, wurde er zu König Karl II. in's Haag ge⸗ führt... Der König ſchenkte Herrn Monk die Frei⸗ heit und der General gab dankbar dafür Karl II. den Thron von Großbritannien, für welchen ſo viele tapfere Leute ohne Erfolg gekämpft hatten.“ Philipp klatſchte voll Begeiſterung in die Hände. Bedachtſamer wandte ſich Ludwig XIV. an den Grafen de la Fere und fragte: „Iſt dies in allen ſeinen Einzelnheiten wahr?“ „Durchaus wahr, Sire.“ „Einer meiner Edelleute kannte das Geheimniß und hatte es bewahrt?“ 4 „Ja, Sire.“ „Der Name dieſes Edelmanns?“ „Es iſt Euer Diener,“ ſprach Athos ganz einfach. Ein Gemurmel der Bewunderung ſchwoll das Herz von Athos an. Selbſt Mazarin hob die Arme zu ſei⸗ nem Betthimmel auf. „Mein Herr,“ ſagte der Köͤnig,„ich werde bemüht ſein, ein Mittel zu finden, Euch zu belohnen.“ Athos machte eine Bewegung. „Oh! nicht Euch für Eure Redlichkeit zu belohnen; Euch hiefür bezahlen wollen hieße Euch beleidigen; doch 4 ich bin Euch eine Belohnung dafür ſchuldig, daß Ihr* Antheil an der Wiedererhebung meines Bruders Karl II. gehabt habt.“ „Gewiß,“ ſagte Mazarin. „Es iſt dies der Triumph einer guten Sache, der das ganze Haus Frankreich mit Freude erfüllt,“ fügte Anna von Oeſterreich bei.. 1 „Ich fahre fort,“ ſagte Lndwig XIV.„Iſt es auch wahr, daß ein eeiinziger Mann bis zu Monk in ſein Lager gedrungen iſt und ihn entführt hat?“ „Dieſer Mann hatte zehn Gehülfen, die er aus niedrigerem⸗Range ausgewählt.“ „Nicht mehr?“ 8 „Nicht mehr.“ 4 „Und er heißt?“ 6 „Herr d'Artagnan, früher Lieutenant der Musketiere Eurer Majeſtät.“ Anna von Oeſterreich erröthete, Mazarin wurde gelb vor Scham, Ludwig XIV. verdüſterte ſich und ein Schweißtropfen fiel von ſeiner bleichen Stirne. „Was für Männer!“ murmelte er. Und unwillkührlich ſchleuderte er dem Miniſter einen Blick zu, der ihn erſchreckt haben würde, häͤtte Mazarin nicht in dieſem Augenblick ſeinen Kopf unter ſeinem Kiſſen verborgen. „Mein Herr,“ rief der junge Herzog von Anjou, indem er ſeine weiße, frauenartig zarte Hand auf den Arm von Athos legte,„ich bitte Euch, ſagt dieſem braven Mann, Monſieur, der Bruder des Königs, werde morgen vor hundert der beſten Edelleute Frank⸗ reichs auf ſeine Geſundheit trinken.“ Und als der junge Mann dieſe Worte geſprochen, bemerkte er, daß die Begeiſterung eine von ſeinen Man⸗ chetten verſchoben hatte, und war nun nur bemüht, ſie mit der größten Sorgfalt wieder in Ordnung zu bringen. „Sprechen wir von den Angelegenheiten, Sire,“ ſagte Mazarin, der ſich weder begeiſterte, noch Man⸗ chetten hatte. „Ja, mein Herr,“ erwiederte Ludwig XIV.„Be⸗ ginnt Eure Mittheilung, Herr Graf,“ fügte er ſich an Athos wendend bei. Athos begann wirklich und trug feierlich die Hand von Lady Henriette Stuart dem jungen Prinzen, dem Bruder des Königs, an. Die Conferenz dauerte eine Stunde, wonach die Thüren des Gemaches den Höflingen geöffnet wurden, welche ihre Plätze wieder einnahmen, als ob ſie bei keiner Vorkommenheit des Abends ausgeſchloſſen geweſen wären. Athos fand ſich mit Raoul zuſammen, und der Vater und der Sohn konnten ſich nun die Hand drücken. II. Worin Herr von Mazarin Verſchwender wird. Während Mazarin ſich von ſeiner tiefen Unruhe zu erholen ſuchte, wechſelten Athos und Raoul einige Worte in einem Winkel des Zimmers. „Ihr ſeid alſo wieder in Paris, Rooul?“ ſagte der Graf. „Ja, Herr, ſeitdem der Herr Prinz zurückgekehrt iſt.“ „Ich kann mich an dieſem Ort, wo man uns be⸗ obachtet, nicht mit Euch beſprechen, doch ich werde mich ſogleich nach Hauſe begeben und Euch dort erwarten, ſobald es Euer Dienſt geſtattet.“ Naoul verbeugte ſich. Der Herr Prinz kam gerade auf ſie zu. Der Prinz hatte den klaren, tiefen Blick, der die Raubvögel der edlen Art auszeichnet; ſelbſt ſeine Phy⸗ ſtognomie bot mehrere unterſcheidende Züge dieſer Aehn⸗ lichkeit. Man weiß, daß bei dem Prinzen von Condé die Adlernaſe ſpitzig, ſchneidend, von einer leicht zurück⸗ laufenden, mehr hohen als niedrigen Stirne hervortrat, was nach den Worten der Spötter des Hofes, ſelbſt gegen das Genie unbarmherziger Leute, dem Erben der —— N 9 erhabenen Prinzen des Hauſes Condé mehr einen Adler⸗ ſchnabel, als eine menſchliche Naſe verlieh. Dieſer durchdringende Blick, dieſer gebieteriſche Ausdruck des ganzen Geſichtes beunruhigten gewöhnlich diejenigen, an welche der Prinz das Wort richtete, mehr als es die Majeſtät oder die regelmäßige Schönheit des Siegers von Rocroy gethan hätten. Ueberdies ſtieg die Flamme ſo ſchnell in dieſe hervorſpringenden Augen, daß bei dem Herrn Prinzen jede Belebtheit dem Zorn glich. Wegen ſeines Ranges reſpectirte Jedermann bei Hof den Herrn Prinzen, und Viele, welche nur den Menſchen ins Auge faßten, trieben den Reſpect ſogar bis zum Schrecken. Ludwig von Condé ging alſo auf den Grafen de la Féère und auf Raoul mit der offenbaren Abſicht zu, von dem Einen begrüßt zu werden und den Andern an⸗ zureden. Niemand grüßte mit mehr zurückhaltender Anmuth, als der Graf de la Fère. Er verachtete es, in eine Verbeugung alle die Nuancen zu legen, die ein Höfling gewöhnlich nur von einer und derſelben Farbe entlehnt: vom Verlangen, zu gefallen. Athos kannte ſeinen per⸗ ſönlichen Werth und begrüßte einen Prinzen wie einen Menſchen, wobei er durch etwas Sympathetiſches, Un⸗ erklärbares das milderte, was ſeine unbeugſame Hal⸗ tung Verletzendes für den Stolz des höheren Ranges haben konnte. Der Prinz wollte mit Raoul reden. Athos kam ihm zuvor und ſagte: 4 „Wenn der Herr Vicomte von Bragelonne nicht einer der unterthänigſten Diener Eurer Hoheit wäre, ſo würde ich ihn bitten, meinen Namen vor Euch, mein Prinz, auszuſprechen.“ „Ich habe die Ehre, mit dem Herrn Grafen de la Fore zu reden,“ ſagte ſogleich Herr von Condé. „Mein Beſchützer,“ fügte Raoul erröthend bei. „Einer der redlichſten Männer des Königreichs,“ ſprach der Prinz,„einer der erſten Edelleute von Frank⸗ 10 reich, von dem ich ſo viel Gutes habe ſagen hören, daß ich ihn oft unter meine Freunde zählen zu dürfen wünſchte.“ „Eine Ehre, gnädigſter Herr,“ erwiederte Athos, „der ich nur durch meine Achtung und meine Bewun⸗ derung für Eure Hoheit würdig wäre.“ „Herr von Bragelonne iſt ein guter Officier,“ er Prinz,„und man ſieht, daß er in einer Schule geweſen iſt. Ah! He hatten die Generale Soldaten.“ 8„Es iſt wahr, Hoheit, doch heute haben die Sol⸗ daten Generale.“ Dieſes Compliment, das ſo weni Schmeichlers hatte, machte vor Freude ben, den ſchon ganz Europa als ei tete, und der allen Geſchmack ſagte guten rr Graf, in Eurer Zeit „Gnädigſter Herr, ich glaube Euch bemerken zu dürfen, daß ich wohl daran gethan habe, mich aus dem Dienſt zurück zu ziehen,“ eentgegnete Athos lächelnd. „Frankreich und Großbritannien werden fortan wie zwei Schweſtern leben, wenn ich meinen Ahnungen glauben arf.“ „Euren Ahnungen?“ „Hört, Hoheit, was dort gm Tiſch des Herrn Car⸗ dinals geſprochen wird.“ 4 „Beim Spiel?4 „Beim Spiel.. ja, Hoheit.“ Der Cardinal hatte ſich in der That auf einen 11 Ellenbogen erhoben und dem jungen Bruder des Konigs, der ſich ihm ſodann näherte, ein Zeichen gemacht. „Monſeigneur,“ ſagte der Cardinal,„ich bitte Euch, laßt alle dieſe Goldthaler fortnehmen.“ Und er bezeichnete den ungeheuren Haufen gelber glänzender Stücke, welche der Graf von Guiche allmä⸗ lig durch eine äußerſt glückliche Hand vor ihm zuſam⸗ mengebracht hatte. „Mir!“ rief der Herzog von Anjou. „Ja, Monſeigneur, dieſe fünfzigtauſend Thaler ge⸗ höͤren Euch.“ „Ihr ſchenkt ſte mir?“ „Ich habe für Euch geſpielt, Monſeigneur,“ erwie⸗ derte der Cardinal, der immer ſchwächer wurde, als ob die Anſtrengung, Geld zu verſchenken, alle ſeine phyſi⸗ ſchen und moraliſchen Fähigkeiten erſchöpft hätte. „Ohl mein Gott,“ murmelte Philipp ganz betäubt vor Freude,„welch ein ſchöner Tag!“ Und er machte ſelbſt den Rechen mit ſeinen Fin⸗ gern, ſchob einen Theil der Summe in ſeine Taſchen und füllte dieſe,.. doch mehr als das Drittel blieb noch auf dem Tiſch. „Chevalier,“ ſagte Philipp zu ſeinem Günſtling, dem Chevalier von Lorraine,„komm.“ Der Günſtling lief herbei. „Stecke das Uebrige ein,“ ſprach der junge Prinz. Dieſe ſeltſame Scene wurde von allen Anweſenden nur wie ein rührendes Familienfeſt aufgenommen. Der Cardinal gab ſich das Anſehen eines Vaters gegen die Soͤhne von Frankreich, und die zwei jungen Prinzen waren unter ſeinem Flügel groß geworden. Niemand maß, wie man es in unſeren Tagen thun würde, dieſe Freigebigkeit des erſten Miniſters dem Hochmuth oder der Unverſchämtheit zu. Die Höflinge beneideten nur... Der König wandte den Kopf ab. „Nie habe ich ſo viel Geld gehabt,“ ſagte freudig 8 „ der junge Prinz, während er durch das Zimmer ſchritt, um ſich zu ſeinem Wagen zu begeben.„Nein, nie... Wie ſchwer das iſt, fünfzigtauſend Thaler!“ „Aber warum verſchenkt der Herr Cardinal all die⸗ ſes Geld auf einmal?“ fragte ganz leiſe der Herr Prinz den Grafen de la Fere.„Er iſt alſo ſehr krank, dieſer liebe Cardinal?“. „Ja, gnädigſter Herr, ohne Zweifel ſehr krank; er ſieht auch ſchlecht aus, wie Eure Hoheit wahrnehmen kann. „Gewiß... doch daran wird er ſterben, hundert und fünfzigtauſend Livres!... Ohl das iſt nicht zu glauben. Sprecht, Graf, warum dies? findet uns eine Urſache.“ „Gnädigſter Herr, ich bitte geduldet Euch; ſeht, der Herr Herzog von Anjou kommt, mit dem Chevalier von Lorraine plaudernd, hierher; ich würde mich nicht wundern, wenn ſie mir die Mühe, indiscret zu ſein, er⸗ ſparten. Hört, was ſie ſagen.“. Der Chevalier ſagte wirklich halblaut zum Prinzen: „Monſeigneur, es geht nicht mit natürlichen Din⸗ gen zu, daß Herr Mazarin Euch ſo viel Geld ſchenkt... Nehmt Euch in Acht, Ihr laßt Goldſtücke fallen, Mon⸗ ſeigneur. Was will der Cardinal von„ daß er ſo großmüthig iſt?“ 4 „Ich ſagte Euch doch,“ flüſterte Athos dem Herrn Prinzen in's Ohr,„hier kommt die Antwort auf Eure Frage.“ „Sprecht, Monſeigneur,“ wiederholte ungeduldig der Chevalier, der, ſeine Taſche abwägend, den Betrag der Summe, die ihm zurückprallend zugefallen war, verdächtig fand. „Mein lieber Chevalier, ein Hochzeitgeſchenk.“ „Wie, ein Hochzeitgeſchenk!“ „Ah! ja, ich heirathe,“ erwiederte der Herzog von Anjou, ohne zu bemerken, daß er in dieſem Augenblick 113 vor dem Herrn Prinzen und vor Athos vorüberkam, welche ſich Beide tief verbeugten. Der Chevalier ſchleuderte dem jungen Herzog einen ſo ghaſſgen Blick zu, daß der Graf de la Foͤre darob erbebte. „Ihr! Euch heirathen!“ wiederholte er,„ohl das iſt unmöglich; Ihr ſolltet dieſe Thorheit begehen?“ „Bah! ich begehe ſie nicht; man läßt ſie mich be⸗ gehen,“ erwiederte der Herzog von Anjou...„Doch komm geſchwinde und laß uns unſer Geld ausgeben.“ Hienach verſchwand er mit ſeinem Gefährten, la⸗ chend und plaudernd, während alle Stirnen ſich auf ſei⸗ nem Wege beugten. Da ſprach der Herr Prinz leiſe zu Athos: „Das iſt alſo das Geheimniß?“ „Ich habe das nicht geſagt, Monſeigneur.“ „Er heirathet die Schweſter von Karl II?“ „Ich glaube ja.“ Der Prinz dachte einen Augenblick nach, und ſein Auge ſchleuderte einen ſcharfen Blitz. „Ah!“ ſagte er langſam, als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche,„die Schwerter werden abermals an den Nagel gehängt... auf lange Zeit!“ Und er ſeufzte. Alles, was dieſer Seufzer an dumpf erſticktem Ehr⸗ geiz, an erloſchenen Illuſionen, an getäuſchten Hoff⸗ nungen enthielt, nur Athos allein errieth es, denn er allein hatte den Seufzer gehört. Alsbald verabſchiedete ſich der Herr Prinz und der König ging weg. Mit einem Zeichen, das er Bragelonne machte, wie⸗ derholte Athos an dieſen die Einladung, die er am An⸗ fang dieſer Scene gegen ihn ausgeſprochen.— Allmälig leerte ſich das Gemach und Mazarin blieb allein, Leiden preisgegeben, die er nicht einmal zu ver⸗ bergen trachtete. „Bernouin! Bernouin!“ rief er mit gebrochener Stimme. 14 „Was beſiehlt Monſeigneur?“ „Guénaud, man rufe Guénaud,“ ſagte die Emi⸗ nenz,„mir ſcheint, ich ſterbe.“ den Befehl zu geben, und der Piqueur, der forteilte, um den Arzt zu holen, kreuzte den Wagen des Königs in der Rue Saint⸗Honoré. Ill. GnA na u d. Der Befehl des Cardinals war dringend: Guénaud ließ nicht auf ſich warten. Er fand ſeinen Kranken im Bett zurückgeworfen, die Beine aufgeſchwollen, den Magen zuſammengepreßt. Mazarin war von einem heftigen Gichtanfall heimge⸗ ſucht worden. Er litt grauſam und mit der Ungeduld eines Mannes, der nicht an den Widerſtand gewöhnt iſt. Bei der Erſcheinung von Guénaud rief er: „Ahl nun bin ich gerettet.“ Guénaud war ein ſehr gelehrter und ſehr umſich⸗ tiger Mann, der nicht der Kritik von Boileau bedurfte, um Ruf zu erlangen. Stand er einer Krankheit gegen⸗ über, und betraf dieſe auch die Perſon des Königs, ſo zarin nicht, wie es der Miniſter erwartet: Hier iſt der Arzt, fahre hin Krankheit! Er unterſuchte im Gegentheil die an dem Kranken wahrnehmbaren Symptome ſehr ſorgfältig und mit ern⸗ ſter Miene, und gab dann nur ein:„Hoho!“ von ſich. Ganz beſtürzt lief Bernouin in das Cabinet, um ging er ſchonungslos zu Werk. Er antwortete alſo Ma⸗ 15⁵ „Nun, Guénaud? Was für eine Miene nehmt Ihr an 2“ „Ich nehme die Miene an, die man haben muß, wenn man Euer Uebel ſieht, Monſeigneur, ein ſehr ge⸗ fährliches Uebel.“ „Die Gicht... Ohl ja, die Gicht.“ „Mit einer Zuthat von andern Uebeln, Monſeigneur.ℳ Mazarin erhob ſich auf einen Ellenbogen und fragte gleichſam mit dem Blick und der Geberde: „Was ſagt Ihr mir da? Bin ich kranker, als ich glaubte?“ „Monſeigneur,“ ſprach Guénaud, während er ſich an das Bett des Cardinals ſetzte,„Eure Eminenz hat viel in ihrem Leben gearbeitet; Eure Eminenz hat viel elitten.“ 4„Aber ich bin nicht alt, wie mir ſcheint... Der ſelige Herr von Richelieu zählte nur ſiebzehn Monate weniger als ich, als er ſtarb und zwar an einer tödtli⸗ chen Krankheit ſtarb. Ich bin jung, Guénaud, bedenkt das wohl, ich bin kaum zweiundfünfzig Jahre alt.“ „Ah! Monſeigneur, Iht ſeid viel älter... Wie lange hat die Fronde gedauert?“ „Zu welchem Ende fragt Ihr mich das?“ „Zu einer mediciniſchen Berechnung, Monſeigneur.“ „So etwa zehn Jahre...“ „Sehr gut; wollt jedes Jahr der Fronde zu drei Jahren rechnen, das macht dreißig; zwanzig und zwei und fünfzig aber machen zwei und ſiebzig Jahre, und das iſt ein hohes Alter.“ Während er dies ſagte, fühlte er dem Kranken den Puls. Dieſer Puls war ſo voll von unerfreulichen Prognoſtiken, daß der Arzt ſogleich, trotz der Unterbre⸗ chungen des Kranken fortfuhr: „Setzen wir die Jahre der Fronde eines zu vier, ſo habt Ihr zwei und achzig Jahre gelebt.“ Mazarin wurde ſehr bleich und ſagte mit erloſche⸗ ner Stimme: 4 16 „Sprecht Ihr im Ernſt, Guénaud?“ „Ach! ja, Monſeigneur.“ „Ihr nehmt alſo einen Umweg, um mir anzukün⸗ digen, daß ich ſehr krank bin?“ „Meiner Treue, ja, Monſeigneur... bei einem Mann von dem Geiſt, von dem Muth Eurer Eminenz müßte man allerdings keinen Umweg nehmen.“ Der Cardinal athmete ſo ſchwer, daß der un⸗- barmherzige Arzt Mitleid bekam. „Es iſt ein Unterſchied zwiſchen den Krankheiten,“ ſagte Mazarin,„und gewiſſen Krankheiten entkommt man.“ „Ganz richtig, Monſeigneur.“ „Nicht wahr!“ rief Mazarin ganz freudig;„denn wozu würden am Ende die Kraft, die Macht des Wil⸗ lens nützen?... Wozu würde das Genie nützen, Euer Genie, Guénaud? Wozu nitzen endlich die Wiſſen⸗ ſchaft und die Kunſt, wenn der Kranke, der über dies Alles perfngt, ſich nicht aus der Gefahr zu retten ver⸗ ma Guénaud wollte den Mund öffnen, doch Mazarin fuhr fort:. „Bedenkt, daß ich der Vertrauensvollſte von Euren Kunden bin; bedenkt, daß ich Euch blindlings gehorche, und daß folglich...“ „Ich weiß dies Alles,“ ſagte Guénaud. „Ich werde alſo geneſen?“ „Monſeigneur, weder Willenskraft, noch Genie, noch Wiſſenſchaft vermögen dem Uebel zu widerſtehen, das Gott ſendet oder auf die Erde ſchleudert mit der Vollmacht, den Menſchen zu zerſtören und zu tödten. Iſt das Uebel tödtlich, ſo tödtet es, und nichts vermag dagegen...“ „Mein Uebel... iſt. tödtlich?“ fragte Mazarin. „Ja, Monſeigneur.“ Die Eminenz ſank einen Augenblick zuſammen, wie der Unglückliche, den der Sturz einer Säule nieder⸗ 22&— 17 ſchmettert... Aber Herr von Mazarin beſaß eine ſehr weſis geſtählte Seele oder vielmehr einen ſehr ſtarken eiſt. „Guénaud,“ ſagte er, ſich erhebend,„Ihr werdet mir wohl erlauben, von Eurem Urtheil zu appelliren. Ich will die gelehrteſten Männer Europas verſammeln, ich will ſie um Rath fragen, ich will endlich durch die Wirkung irgend eines Mittels leben.“ „Monſeigneur glaubt wohl nicht, ich ſei ſo anma⸗ ßend geweſen, ganz allein ein Urtheil über ein ſo koſt⸗ bares Daſein, wie das Eurige, zu fällen; ich habe ſchon alle guten Aerzte Frankreichs und Europas verſam⸗ melt... es waren ihrer zwölf.“ „Und ſte ſagten?“ „Sie ſagten, Eure Eminenz ſei von einer unheil⸗ baren Krankheit befallen; ich habe die Conſultation un⸗ terzeichnet in meiner Brieftaſche bei mir. Will Eure 4 Eminenz Kenntniß davon nehmen, ſo wird ſie den Na⸗ men von allen den unheilbaren Uebeln ſehen, die wir entdeckt haben. Es findet ſich vor Allem...“ „Nein! nein!“ rief Mazarin, das Papier zurück⸗ 8 ſtoßend.„Nein, Guénaud, ich ergebe mich! ich ergebe mich!“ Hierauf trat ein tiefes Stillſchweigen ein, der Car⸗ dinal ſammelte ſeine Geiſter und Kräfte wieder und ſagte dann: „Es gibt noch etwas Anderes; es gibt die Empy⸗ riker, die Charlatans. In meiner Heimath werfen ſich diejenigen, welche die Aerzte verlaſſen, in die Arme der Quackſalber, von denen ſie zehnmal getödtet, aber hun⸗ dertmal gerettet werden.“ 4 3„Bemerkt Eure Eminenz nicht, daß ich ſeit einem Monat zehnmal die Arzneimittel verändert habe?“ „Ja. Nun?“ „Nun, ich habe fünfzigtauſend Livres ausgegeben, um allen dieſen Burſchen ihre Geheimniſſe abzukaufen: Die drei Musketiere. Bragelonne, IlI. 2 18 die Liſte iſt erſchöpft, meine Boͤrſe auch. Ihr ſeid nicht geheilt, und ohne meine Kunſt wäret Ihr todt.“ „Es iſt vorbei,“ murmelte der Cardinal,„es iſt vorbei.“ Er ſchaute mit einem düſteren Blick auf ſeinen * Reichthümern umher. „Ich werde dies Alles verlaſſen müſſen!“ ſeufzte er.„Ich bin todt, Guénaud, ich bin todt!“ „Oh! noch nicht, Monſeigneur,“ ſagte der Arzt. Mazarin ergriff ſeine Hand und fragte, indem er zwei große, ſtarre Augen auf das unempfindliche Geſicht des Arztes heftete: 3 „In wie viel Zeit?“ „Monſeigneur, man ſagt das nie.“ „Es mag ſein, gewöhnlichen Menſchen, doch mir .. mir, bei dem jede Minute einen Schatz werth iſt; ſage es mir, Guénaud, ſage es mir!“ „Nein, nein, Monſeigneur.“ „Ich will es haben, ich will es haben. Oh! gib mir einen Monat, und für jeden von dieſen dreißig Tagen bezahle ich Dir hunderttauſend Livres.“ „Monſeigneur,“ entgegnete Guénaud mit feſter Stimme,„Gott ſchenkt Euch die Gnadentage und nicht ich. Gott ſchenkt Euch nur vierzehn Tage!“ Der Cardinal ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus, ſiel auf ſein Kopfkiſſen zurück und flüſterte: „Ich danke Euch, Guénaud.“ 6 Der Arzt wollte ſich entfernen; doch der Sterbende erhob ſich noch einmal und ſprach mit flammenden Augen: „Still geſchwiegen, Guénaud, ſtill geſchwiegen!“ „Monſeigneur, ſeit zwei Tagen weiß ich das Ge⸗ heimniß; Ihr ſeht, daß ich es wohl bewahrt habe.“ „Geht, Guénaud, ich werde für Euer Glück Sorge tragen. Geht und heißt Brienne mir einen Commis ſchicken, den man Herrn Colbert nennt.“ 4 19 t t IV. 8 6 colbert. 4 Colbert war nicht fern. Er hatte ſich den ganzen t Abend in einem Corridor aufgehalten, wo er mit Ber⸗ nouin und Brienne plauderte und mit der gewöhnlichen Geſchicklichkeit der Hofleute Commentare zu den Neuig⸗ keiten machte, welche, wie Luftblaſen auf dem Waſſer, auf der Oberfläche jedes Ereigniſſes erſchienen. Es iſt ohne Zweifel Zeit, mit einigen Worten eines der inter⸗ 2 eſſanteſten Portraits dieſes Jahrhunderts zu entwerfen, und es vielleicht mit ſo viel Wahrheit zu zeichnen, als b dies nur Maler jener Zeit thun konnten. Colbert war ein Mann, auf den der Geſchichtſchreiber und der Mo⸗ 9 raliſt ein gleiches Recht haben. Er war dreizehn Jahre älter, als Ludwig XIV., e0 ſein kuͤnftiger Herr. Von mittlerem Wuchſe, eher ma⸗ ger als fett, hatte er ein tiefliegendes Auge, eine ge⸗ . meine Miene und dicke, ſchwarze, ſpärliche Haare, was 5 ihn, wie die Biographen ſeiner Zeit ſagen, frühe die Plattmütze nehmen ließ. Ein Blick voll Strenge, voll Härte ſogar, eine Art von Steifheit, welche für die de Untergeordneten Stolz, für die Höheren eine Affecta⸗ 3 tion ſtrenger Tugend war; ein trotziges Geſicht bei allen Dingen, ſelbſt wenn er ſich allein in ſeinem 4 Spiegel betrachtete... dies war das Aeußere unſeres 3 Mannes. 3 In moraliſcher Hinſicht rühmte man die Tiefe ſei⸗ 12 nes Talents im Rechnungsweſen, ſeinen erſindungsrei⸗ is chen Geiſt, um ſelbſt der Unfruchtbarkeit einen Ertrag 3 abzunöthigen. 20 Colbert hatte den Einfall gehabt, die Gouverneurs der Gränzfeſtungen zu zwingen, die Garniſonen ohne Sold, aus dem, was ſie von den Contributionen bezo⸗ gen, zu ernaͤhren. Eine ſo koſtbare Eigenſchaft gab dem Herrn Cardinal Mazarin den Gedanken, Joubert, ſeinen Intendanten, der kurz zuvor geſtorben war, durch Herrn Colbert zu erſetzen, der die Portionen ſo gut zu benagen wußte. Colbert ſchwang ſich allmälig bei Hofe empor, trotz der Mittelmäßigkeit ſeiner Geburt, denn er war der Sohn eines Mannes, der Wein verkaufte, wie ſein Vater, welcher ſofort mit Tuch und dann mit Seiden⸗ ſtoffen gehandelt hat. Anfangs zum Kaufmann beſtimmt, war Colbert zu⸗ erſt Commis in einem Handelsgeſchäft in Lyon, das er verließ, um in Paris in die Schreibſtube eines Anwalts beim Chatelet, Namens Biterne, einzutreten. So lernte er die Kunſt, eine Rechnung zu ſtellen, und die noch viel koſtbarere Kunſt, eine Rechnung zu verwirren. Die Steifheit von Colbert kam dieſem vortrefflich zu Statten, ſo wahr iſt es, daß das Glück, wenn es eine Laune hat, jenen Frauen des Alterthums gleicht, deren Phantaſie nichts bei dem Phyſiſchen und Mora⸗ liſchen der Dinge und der Menſchen zurückſchreckt. Col⸗ bert, der bei Michel Letellier, Staatsſecretaire im Jahr 1646, durch ſeinen Vetter Colbert, Grundherrn von Saint⸗Ponange, welcher ihn begünſtigte, ein Unterkom⸗ men gefunden hatte, erhielt eines Tages vom Miniſter einen Auftrag an den Cardinal Mazarin. Seine Eminenz der Cardinal erfreute ſich damals noch einer blühenden Geſundheit, und die ſchlimmen Jahre der Fronde hatten für ihn noch nicht dreifach und vierfach gezählt. Er war in Sedan, ſehr tief in eine Hofintrigue verwickelt, wobei Anna von Oeſterreich ſeine Sache verlaſſen zu wollen ſchien. 3 Letellier hielt alle Fäden dieſer Intrigue in ſeinen Händen. 4 ——— SgSU G 21 Er hatte von Anna von Oeſterreich einen für ihn ſehr koſtbaren und für Mazarin ſehr gefährlichen Brief erhalten; doch da er ſchon die doppelte Rolle ſpielte, die ihn ſo gut unterſtützte, und ſtets zwei Feinde nährte, um aus dem einen und aus dem andern Nutzen zu zie⸗ hen, ſei es dadurch, daß er ſte noch mehr entzweite, als ſte es ſchon waren, ſei es, daß er ſie verſöhnte, ſo wollte Michel Letellier Mazarin den Brief von Anna von Oeſterreich ſchicken, damit er Kenntniß davon nähme und ihm dem zu Folge für einen ſo artig geleiſteten Dienſt Dank wuͤßte. Den Brief überſchicken war leicht; ihn nach der Mittheilung wiederzubekommen, darin lag die Schwie⸗ rigkeit. Letellier ſchaute umher, und als er den ſchwar⸗ zen, mageren Commis erblickte, der mit gefalteter Stirne in ſeiner Kanzlei kritzelte, zog er ihn dem beſten Gen⸗ darme zur Ausführung ſeines Planes vor. Colbert ſollte nach Sedan mit dem Befehl abrei⸗ ſen, den Brief Mazarin mitzutheilen und dann Letellier zurückzubringen. 3 Er hörte den Befehl, den man ihm ertheilte, mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit an, ließ ſich den Inhalt zwei⸗ mal wiederholen und erkundigte ſich auf das Genauſte, ob das Zurückbringen ebenſo nothwendig ſei, als das Mittheilen. „Nothwendiger,“ antwortete Letellier. Dann brach er auf, reiſte wie ein Courier, ohne Rückſicht auf ſeinen Körper, und übergab Mazarin zu⸗ erſt ein Schreiben von Letellier, das ihm die Ueberſen⸗ dung des koſtbaren Briefes ankündigte, und dann die⸗ ſen Brief ſelbſt. Mazarin erröthete ſehr, als er den Brief von Anna von Oeſterreich las, lächelte Colbert freundlich zu und entließ ihn. 2 3 „Wann erhalte ich die Antwort, Monſeigneur?“ fragte demüthig der Conrier. „Morgen.“ 22 „Morgen früh?“ „Ja, mein Herr.“ Der Courier verſuchte ſeinen tiefſten Bückling und wandte ſich auf den Abſätzen um. Anm andern Morgen war er ſchon um ſieben Uhr auf ſeinem Poſten. Mazarin ließ ihn bis um zehn Uhr warten. Colbert verzog im Vorzimmer keine Miene; als die Reihe an ihn kam, trat er ein. Mazarin übergab ihm ein verſiegeltes Päckchen; auf dem Umſchlag deſſelben ſtanden die Worte geſchrie⸗ ben:„An Herrn Michel Letellier“ u. ſ. w. 5 Colbert ſchaute das Päckchen mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit an; der Cardinal machte ihm ein freundliches Geſicht und ſchob ihn nach der Thüre. „Und der Brief der Königin Mutter, Monſeig⸗ neur?“ fragte Colbert. „Er iſt beim Uebrigen in dem Päckchen,“ erwie⸗ derte Mazarin. „Ahl ſehr gut,“ ſagte Colbert, und er drückte ſei⸗ nen Hut zwiſchen ſeine Kniee, und ſing an das Päck⸗ chen zu entſiegeln. Mazarin ſtieß einen Schrei aus. Ton. „Ich entſiegle das Paquet, Monſeigneur.“. „Ihr mißtraut mir, Herr Schulfuchs? Hat man je eine ſolche Unverſchämtheit geſehen?“ „Oh! Monſeigneur, werdet nicht aͤrgerlich gegen mich! Gott ſoll mich behüten, daß ich das Wort Eu⸗ rer Eminenz in Zweifel ziehe!“ „Was denn?“ „Die Pünktlichkeit Eurer Kanzlei, Monſeigneur. Was iſt ein Brief? Ein Fetzen. Kann ein Fetzen nicht vergeſſen werden?... Und ſeht, Monſeigneur, ſeht, ob ich Unrecht hatte!... Eure Commis haben den Fetzen vergeſſen: der Brief ſindet ſich nicht in dem Päckchen.“ 2 „Was macht Ihr denn da?“ ſagte er mit grobem — — N R 23 „Ihr ſeid ein frecher Burſche und habt nichts ge⸗ ſehen!“ rief Mazarin zornig;„entfernt Euch, und war⸗ tet auf mein weiteres Belieben!“ Während er dieſe Worte mit einer ganz italieni⸗ ſchen Spitzfindigkeit ſagte, entriß er das Päckchen den Händen von Colbert und kehrte in ſeine inneren Ge⸗ mächer zurück. Doch dieſer Zorn konnte nur ſo lange dauern, bis ein kälteres Urtheil an ſeine Stelle trat. Jeden Morgen, wenn Mazarin die Thüre ſeines Cabinets öffnete, fand er das Geſicht von Colbert als Schildwache im Vorzimmer, und dieſes unangenehme Geſicht bat ihn demüthig, aber beharrlich um den Brief der Königin Mutter. 3 Mazarin konnte nicht dagegen Stand halten und mußte den Brief zurückgeben. Er begleitete dieſe Wie⸗ dererſtattung mit einer ſehr harten Strafpredigt, wäh⸗ rend welcher Colbert ſich nur damit beſchäftigte, daß er das Papier, die Charaktere und die Unterſchrift prü⸗ fend beſchaute, abwog und ſogar beroch, nicht mehr und nicht minder, als hätte er es mit dem letzten Fälſcher des Königreichs zu thun gehabt. Mazarin ließ ihn noch härter an, doch Colbert ging, als er die Gewißheit er⸗ langt hatte, daß es der ächte Brief war, unempfindlich und wie mit Taubheit geſchlagen, weg. Dieſes Beneh⸗ men trug ihm ſpäter den Poſten von Jonbert ein, denn ſtatt einen Groll gegen ihn zu hegen, bewunderte ihn Mazarin und wünſchte eine ſolche Treue für ſich zu ge⸗ winnen.. Man erſieht aus dieſer Geſchichte allein, wie der Geiſt von Colbert beſchaffen war. Allmälig ſich entrol⸗ lend, werden die Ereigniſſe alle Federn dieſes Geiſtes frei arbeiten laſſen. Colbert brauchte nicht lange, um ſich beim Cardi⸗ nal in Gunſt zu bringen: er wurde ihm ſogar unent⸗ behrlich. Der Commis kannte alle ſeine Rechnungen, ohne daß der Cardinal je mit ihm davon ſprach. Die⸗ ☛̈ ſes Geheimniß, das nur ſie Beide theilten, war ein mächtiges Band, und deshalb wollte Mazarin, im Be⸗ griff, vor dem Herrn einer andern Welt zu erſcheinen, den Rath von Colbert benützen, um über das Gut zu verfügen, das er auf dieſer Welt zurückzulaſſen genö⸗ thigt war. Nach dem Beſuche von Guénaud rief er alſo Col⸗ bert zu ſich und ſagte zu ihm: „Laßt uns mit einander ſprechen, Herr Colbert, und zwar ernſthaft, denn ich bin krank, und es könnte ſein, daß ich ſterben würde.“ „Der Menſch iſt ſterblich,“ erwiederte Colbert. „Stets habe ich mich deſſen erinnert, Herr Colbert, und ich habe auch in dieſer Vorausſicht gearbeitet... Ihr wißt, daß ich ein wenig Vermögen geſammelt...“ „Ich weiß es, Monſeigneur.“ „Wie hoch ſchätzt Ihr ungefähr dieſes Vermögen, Herr Colbert?“ „Auf vierzig Millionen, fünfmalhundert und ſech⸗ zigtauſend, zweihundert Livres, neun Sous und acht Deniers,“ antwortete Colbert. Der Cardinal ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und ſchaute Colbert mit Bewunderung an; doch er erlaubte ſich ein Lächeln. „Bekanntes Geld,“ fügte Colbert als Erwiederung auf dieſes Lächeln bei. Der Cardinal zuckte in ſeinem Bette auf und fragte „Was verſteht Ihr hierunter?“ „Ich verſtehe hierunter, daß es außer dieſen vier⸗ zig Millionen, fünfmalhundert und ſechzigtauſend, zwei⸗ hundert Livres, neun Sous und acht Deniers noch drei⸗ zehn weitere Millionen gibt, die man nicht kennt.“ „Uf!“ ſeufzte Mazarin,„welch ein Menſch 42 In dieſem Augenblick erſchien der Kopf von Ber⸗ nouin im Thürrahmen. raſch 1 e 25 „Was gibt es? und warum ſtoͤrt Ihr mich?“ fragte Mazarin.. „Der Pater Theatiner, der Gewiſſensrath Seiner Eminenz, iſt auf dieſen Abend berufen worden, er könnte erſt übermorgen Monſeigneur wieder beſuchen.“ Mazarin ſchaute Colbert an; dieſer nahm ſogleich ſeinen Hut und ſagte: „Ich werde wieder kommen, Monſeigneur.“ Mazarin zögerte.. „Nein, nein,“ rief er,„ich habe ebenſo viel mit Euch, als mit ihm zu thun. Ueberdies ſeid Ihr mein anderer Beichtiger, und was ich dem einen ſage, kann auch der andere hören. Bleibt, Colbert.“ „Aber wird der Gewiſſensrath einwilligen, Mon⸗ ſeigneur, wenn die Pönitenz kein Geheimniß iſt?“ „Kümmert Euch nicht darum, tretet in den Bett⸗ gang.“ 3 „Ich kann außen warten, Monſeigneur.“ „Nein, nein, es iſt beſſer, wenn Ihr die Beichte eines redlichen Mannes hört.“ Colbert verbeugte ſich und trat in den Bettgang. „Führt den Vater Theatiner ein,“ ſprach Mazarin und ſchloß die Vorhänge. V. Beichte eines redlichen Mannes. 8. Der Theatiner trat bedächtig ein, ohne ſich zu ſehr über die geräuſchvolle Bewegung zu wundern, welche die Beſorgniſſe über die Geſundheit des Cardinals im Hauſe veranlaßt hatten. 4 ☛ 26 „Kommt, mein Ehrwürdiger,“ ſprach Mazarin nach einem letzten Blick in den Bettgang,„kommt und er⸗ leichtert mich.“ „Das iſt meine Pflicht, Monſeigneur,“ erwiederte der Theatiner. „Setzt Euch zuerſt bequem, denn ich will mit einer allgemeinen Beichte beginnen; Ihr gebt mir ſodann eine gute Abſolution, und ich werde mich ruhiger fühlen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Ehrwürdige,„Ihr ſeid nicht ſo krank, daß eine allgemeine Beichte noth⸗ wendig wäre, und überdies iſt das zu ſehr ermüdend ... nehmt Euch alſo in Acht.“ „Ihr nehmt an, ſie werde lange währen, mein Ehrwürdiger?“ „Wie ſollte ich glauben, es könnte anders ſein, wenn man ſo vollſtändig gelebt hat, wie Eure Emi⸗ nenz?“ „Ah! das iſt wahr... Ja, die Erzaͤhlung kann lang werden.“ „Die Barmherzigkeit Gottes iſt groß,“ näſelte der Theatiner. 8 „Hört,“ ſprach Mazarin,„ich fange an, ſelbſt dar⸗ über zu erſchrecken, daß ich ſo viele Dinge zugelaſſen habe, welche der Herr mißbilligen dürfte.“ „Nicht wahr?“ ſagte naiv der Theatiner, indem er von der Lampe ſein Geſicht, das ſo fein und ſpitzig war, wie das eines Maulwurfs, entfernte.„Die Sünder ſind ſo: Anfangs vergeßlich und dann bedenklich, wenn es zu ſpät iſt.“ „Die Sünder? ſagt Ihr mir dieſes Wort mit Iro⸗ nie, und um mir alle die Genealogien vorzuwerfen, die ich auf meine Rechnung habe machen laſſen?... ich, eines Fiſchers Sohn?“ 3 8 „Hm!“ machte der Theatiner. „Das iſt eine erſte Sünde, mein Ehrwürdiger, denn ich habe es am Ende geduldet, daß man mich von alten römiſchen Conſuln abſtammen ließ. T. Geganius 27 Macerinus I., Macerinus II. und Proculus Macerinus III., von dem die Chronik von Halvander ſpricht... Die Aehnlichkeit von Macerinus und Mazarin war verfüh⸗ reriſch. Macerinus, ein Verkleinerungswort, bedeutet ein magerer Menſch. Oh! mein Ehrwürdiger, Maza⸗ rin kann heute mager wie Lazarus bedeuten! Seht!“ Und er zeigte ſeine fleiſchloſen Arme und ſeine vom Fieber verzehrten Beine. „Darin, daß Ihr aus einer Fiſcherfamilie ab⸗ ſtammt, ſehe ich nichts für Euch Aergerliches, denn der heilige Peter war auch ein Fiſcher, und wenn Ihr ein Kirchenfürſt ſeid, ſo war er das Oberhaupt der Kirche: gehen wir weiter, wenn es Euch beliebt.“ „Um ſo mehr, als ich mit der Baſtille einen ge⸗ wiſſen Brunet, einen Prieſter von Avignon, be⸗ droht habe, der eine Genealogie von Caſa Maza⸗ rini veröͤffentlichen wollte, welche viel zu wunderbar war...“ „Um wahrſcheinlich zu ſein.“ „Ohl wenn ich in dieſem Sinn gehandelt hätte, mein Ehrwürdiger, wäre ich des Laſters der Hoffart ſchuldig geweſen... und das iſt eine andere Sünde.“ „Es war ein Exceß des Geiſtes, und nie kann man Jemand dergleichen Mißbräͤuche zum Vorwurf machen. Weiter, weiter!“ „Ich war bei der Hoffart... Seht, mein Ehr⸗ warnge⸗ ich will das nach Todſünden abzutheilen uchen.“ „ Ich liebe wohlgeordnete Abtheilungen.“ „Das freut mich. Ihr müßt wiſſen, daß im Jahr 1630. achl das find nun einunddreißig Jahre her!“ „Ihr waret damals neunundzwanzig Jahre, Mon⸗ ſeigneur.“ „Ein brauſendes Alter! Ich ſpielte den Soldaten und ſtürzte mich in Caſale ins Musketenfeuer, um zu geigen, daß ich ſo gut ritt als ein Officier. Es iſt wahr, 28 ich brachte den Spaniern und den Franzoſen den Frie⸗ den, und das ſühnt ein wenig meine Sünde.“ „Ich ſehe nicht die geringſte Sünde darin, daß man zeigt, man verſtehe zu reiten,“ erwiederte der Theatiner;„das iſt eine Sache, welche von vortrefflichem Geſchmack zeugt und unſer Gewand ehrt. In meiner Eigenſchaft als Chriſt billige ich, daß Ihr das Blut⸗ vergießen verhindert habt; als Ordensgeiſtlicher bin ich ſtolz auf den Muth, den ein College von mir an den Tag gelegt.“ 5 3 Mazarin machte eine demüthige Verbeugung mit dem Kopf. „Ja,“ ſagte er,„doch die Folgen!“ „Welche Folgen?...“ „Eil die verdammte Sünde der Hoffart hat end⸗ loſe Wurzeln... Seitdem ich mich ſo zwiſchen zwei Heere geworfen, ſeitdem ich Pulver gerochen und die Linien der Soldaten durchlaufen hatte, ſchaute ich die Generele en wenig mitleidig an.“ „So daß ich ſeit jener Zeit nicht einen einzigen mehr erträglich fand.“— „Es iſt nicht zu leugnen, die Generale, die wir hatten, waren nicht ſtark,“ ſprach der Theatiner. „Oh!“ rief Mazarin,„da war der Herr Prinz, und den habe ich ſehr gequält!“ 3 „Er iſt nicht zu beklagen, er hat genug Ruhm und Vermögen erworben.“) „Es mag ſein, was den Herrn Prinzen betrifft; doch Herr von Beaufort zum Beiſpiel, den ich im Thurm von Vincennes ſo ſehr leiden ließ?“ „Ahl das war ein Rebell und die Sicherheit des Staats heiſchte es, daß Ihr dieſes Opfer brachtet... Gehen wir weiter.“ „Ich glaube, daß ich die Hoffart erſchöpft habe. Und ich komme zu einer andern Sünde, die ich nur mit Furcht qualificiren würde.“ 29 „Nennt ſie immerhin, ich werde ſie qualificiren.“ „Eine ſehr große Sünde, mein Ehrwürdiger.“ „Wir werden ſehen, Monſeigneur.“ „Ihr habt unfehlbar von einem gewiſſen Verhält⸗ niß gehört, in dem ich mit Ihrer Majeſtät der Königin Mutter gelebt haben ſoll... Die Böswilligen...“ „Die Boswilligen, Monſeigneur, ſind Dummköpfe; mußtet Ihr nicht für das Wohl des Staats und im Intereſſe des jungen Königs in gutem Einvernehmen mit der Königin leben? Weiter, weiter...“ „Ich verſichere Euch, daß Ihr mir eine furchtbare Laſt von der Bruſt nehmt,“ ſprach Mazarin. „Das ſind Alles nur Lappereien! ſucht ernſte Dinge.“ „Es hat viel Ehrgeiz obgewaltet, mein Ehrwür⸗ diger.“ 4„So geht es bei großen Sachen, Monſeigneur.“ „Selbſt das Gelüſte nach der Tiara.“ „Papſt ſein heißt der erſte Chriſt ſein... Warum ſolltet Ihr das nicht gewünſcht haben?“ 3 „Man hat gedruckt, ich habe, um dies zu erreichen, Cambray an die Sbanier verkauft.“ „Ihr habt vielleicht ſelbſt Pamphlete gemacht, ohne die Pamphletiſten zu ſehr zu verfolgen.“ „Dann, mein Ehrwürdiger, iſt mein Herz ſehr ſau⸗ ber. Ich fühle nur noch leichte Sünden...“ „Nennt ſie.“ „Das Spiel.“ „Das iſt ein wenig weltlich; doch Ihr waret durch Eure hohe Stellung verpflichtet, ein Haus zu machen.“ „Ich gewann gern.“ 44 „Kein Spieler ſpielt, um zu verlieren.“ „Ich betrog wohl auch ein wenig...“ „Ihr waret auf Euren Vortheil bedacht. Weiter.“ „Mein Ehrwürdiger, nun fühle ich nichts mehr auf meinem Gewiſſen. Gebt mir die Abſolution, und meine Seele kann, wenn ſie Gott zu ſich ruft, ohne Sinderniß zu ſeinem Thron emporſteigen.“ . 30 Der Theatiner rührte weder die Arme, noch die Lippen. „Worauf wartet Ihr, mein Ehrwürdiger?“ ſagte Mazarin. „Ich warte auf das Ende.“ „Das Ende wovon?“ „Von der Beichte, Monſeigneur.“ „Ich habe ſchon geendigt.“ „Ohl nein! Cure Eminenz täuſcht ſich.“ „Nicht daß ich wüßte.“. „Sucht wohl.“ „Ich habe ſo gut als möglich geſucht. „Dann will ich Euer Gedächtniß unterſtützen.“ „Thut das.“ Der Theatiner huſtete wiederholt und ſagte dann: „Ihr ſprecht nicht vom Geiz, was eine andere Todſünde iſt, und auch nicht von den Millionen..“ 1/ „Die, welche Ihr beſitzt.“ „Mein Vater, dieſes Geld gehört mir, warum ſollte ich davon ſprechen?“ Seht, hierin ſind unſere Anſi 4 daß es ein wenig Anderen gehört.“ Mazarin fuhr mit einer kalten Hand über ſeine Stirne, auf der der Schweiß perlte. „Wie ſo?“ ſtammelte er. ger?“ fragte Mazarin, der zu zittern anfing. Welche Millionen meint Ihr, mein Ehrwürdiger?“ „ chten verſchieden. Ihr ſagt, dieſes Geld gehöre Euch, und ich glaube, „Aber was ſchließt Ihr daraus, mein Ehrwuürdi⸗ „Ich kann nicht ſchließen ohne eine Liſte der Gi 31 ter, die Ihr befitzt... Rechnen wir ein wenig, wenn es Euch beliebt: Ihr habt das Bisthum Metz?“ „Ja.“ „Ihr habt die Abteien Saint⸗Clement, Saint⸗Ar⸗ noud und Saint⸗Vincent, Alles in Metz?“ „Ja⸗ℳ „Ihr habt die Abtei Saint⸗Denis, ein ſchönes Gut!“ „Ja, mein Ehrwürdiger.“ 1 „Ihr habt die Abtei Cluny, welche reich iſt!“ „Ich habe ſie.“ „Ihr habt die von Saint⸗Metarde in Soiſſons, hunderttauſend Livres Einkünfte!“ „Ich leugne es nicht.“ „Die von Saint⸗Victor in Marſeille, eine der be⸗ ſten im Süden!“ „Ja, mein Vater.“ „Eine gute Million jährlich. Mit den Einkünften des Cardinalats und des Miniſteriums heißt zwei Mil⸗ lionen jährlich wenig geſagt.“ „Gi!* „In zehn Jahren macht das zwanzig Millionen... und zwanzig Millionen, zu fünf Procent angelegt, geben durch Progreſſion zwanzig weitere Millionen in zehn Jahren.“ „Wie gut könnt Ihr rechnen für einen Theatiner!“ „Seitdem Eure Eminenz unſern Orden im Jahr 1644 in das Kloſter verſetzt hat, das wir bei Saint⸗ Germain⸗des⸗Prés inne haben, führe ich die Rechnun⸗ gen der Geſellſchaft.“ „Und die meinigen, wie ich ſehe, mein Ehrwürdiger.“ „Man muß von Allem ein wenig wiſſen.“ „Nun, ſo macht Euern Schluß.“ „Ich ſchließe daraus, daß Euer Gepäcke ein wenig zu dickleibig iſt, als daß Ihr durch die Pforte des Pa⸗ radieſes eingehen könntet.“ „Ich werde verdammt ſein?“ 4 7 4 4 1 3² „Wenn Ihr nicht zurückgebt, ja.“ Mazarin ſtieß einen kläglichen Schrei aus. „Zurückgeben! aber wem denn, guter Gott?“ „Dem Herrn dieſes Geldes, dem König!“ „Der König hat mir dies Alles geſchenkt!“ „Einen Augenblick Geduld! Der König unterzeich⸗ net die Ordonnanzen nicht!“ Mazarin ging vom Seufzen zum Aechzen über und G ſtammelte: „Die Abſolution!“ „Unmöglich, Monſeigneur,“ erwiederte der Theati⸗ 9 ner,„gebt zurück, gebt zurück!“ „Aber Ihr abſolvirt mich doch von allen Sünden, warum nicht von dieſer?“ „Weil Euch in dieſer Hinſicht abſolviren eine Sünde e wäre, von der mich der König nie abſolviren würde, Monſeigneur,“ antwortete der Ehrwürdige. 4 Hienach verließ der Beichtvater den Bußfertigen mit einer Miene voll Salbung und ging mit demſelben ho Schritt hinaus, mit dem er eingetreten war. 1 „Ohl mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte der Cardinal. ...„Kommt, Colbert; ich bin ſehr krank, mein Freund.“ r de 1 ol VI. u Die Schenkung. 6 — 1 8 i Colbert erſchien wieder unter den Vorhängen. 8 „Habt Ihr gehört?“ ſagte Mazarin. 5 3 „Ach! ja, Monſeigneur.“* „Hat er Recht? Iſt all dieſes Geld ſchlecht er worbenes Gut?. er⸗ 33 „Ein Theatiner, Monſeigneur, iſt ein ſchlechter Richter, was Finanzen betrifft,“ erwiederte mit kaltem Tone Colbert.„Es wäre indeſſen möglich, daß Seine Eminenz nach ihren theologiſchen Anſichten ein gewiſſes Unrecht hat. Es iſt das immer ſo, wenn man ſtirbt.“ „Man hat vor Allem das, zu ſterben, Colbert.“ „Das iſt wahr, Monſeigneur. Gegen wen findet Euch der Theatiner im Unrecht? gegen den König?“ Mazarin zuckte die Achſeln. „Als ob ich nicht ſeinen Staat und ſeine Finanzen gerettet hätte.“ „Das duldet keinen Widerſpruch, Monſeigneur.“ „Nicht wahr? Ich hätte alſo trotz der Anſichten meines Beichtvaters auf eine ſehr rechtmäßige Weiſe einen Lohn verdient?“ „Das unterliegt keinem Zweifel.“ 5 „Und ich könnte ſogar für meine ſo dürftige Fa⸗ milie einen guten Theil von dem, was ich gewonnen habe, oder ſogar Alles behalten?“ „Ich ſehe kein Hinderniß hiegegen, Monſeigneur.“ „Ich war überzeugt, ich würde, mich mit Euch be⸗ rathend, eine weiſe Anſicht vernehmen,“ ſprach Maza⸗ rin ganz freudig. dert Colbert machte ſeine Pedantengrimaſſe und erwie⸗ erte: „Monſeigneur, man müßte indeſſen wohl erwägen, ob das, was der Theatiner geſagt hat, nicht eine Falle iſt.“ „ Nein! eine Falle?... warum? Der Theatiner iſt ein ehrlicher Mann.“ „Er glaubte Eure Eminenz vor den Pforten des Grabes, da Eure Eminenz ihn zu Rath zog... Habe ich ihn nicht zu Euch ſagen hören:„„unterſcheidet das, was Euch der Koönig gegeben hat, von dem, was Ihr Euch ſelbſt gegeben habt...““ Sucht wohl, Monſeigneur, ob er das nicht zu Euch ſagte; das iſt ſo ziemlich ein Theatinerwort.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. 111. 3 — 34 „Es wäͤre möglich.“— „In welchem Fall, Monſeigneur, ich es ſo be⸗ nich trachte, daß es Euch von dem Theatiner zur Pflicht gemacht worden iſt...“ nei „Wiederzuerſtatten?“ rief Mazarin ganz erhitzt. Za „Eil ich ſage nicht nein.“ ich „Alles wiederzuerſtatten! Ihr denkt nicht daran... hal Ihr ſprecht wie der Beichtiger.“ der „Einen Theil wiedererſtatten, nämlich Seiner Ma⸗ bis jeſtät ihren Antheil zuſcheiden, und das kann ſeine Ge⸗ Fo fahren haben, Monſeigneur. Eure Eminenz iſt ein zu Ge gewandter Politiker, um nicht zu wiſſen, daß der König aut zu dieſer Stunde keine hundertundfünfzig tauſend Livres in ſeinen Kaſſen beſitzt.“ die „Das iſt nicht meine Sache,“ entgegnete Mazarin d3n triumphirend,„es iſt die des Herrn Oberintendanten 3 Fouquet, deſſen Rechnungen ich Euch in den letzten kei Monaten insgeſammt zu durchſehen und zu beglaubigen gegeben habe.“ Colbert biß ſich ſchon bei dem Namen Fouquet auß ent die Lippen. „Seine Majeſtät,“ ſagte er durch die Zähne,„hat 3h kein anderes Geld als das, welches ihr Herr Fouquet) aufhaͤuft; Euer Geld, Monſeigneur, wird ein leckeres Futter für ſie ſein.“ N „Kurz, ich bin nicht Oberintendant der Finanzen Ma des Königs; ich habe allerdings meine Börſe, ich würde wohl einige Legate für die Wohlfahrt Seiner Majeſtät machen. aber ich kann meine Familie nicht verkürzen.“ „Ein theilweiſes Legat entehrt Euch und beleidigt 8 den König. Ein Theil, Seiner Majeſtät vermacht, iſt das Geſtaͤndniß, daß Euch dieſer Theil Zweifel einge ſlößt hat, als wäre er nicht rechtmäßig erworben.“ „Herr Colbert!...“ „Ich glaubte, Eure Eminenz erwieſe mir die Ehre, mich um einen Rath zu fragen.“ 3 3⁵ 3„Ja; doch Ihr kennt die Hauptumſtände der Frage „ nicht.“ ſt„Es gibt nichts, was ich nicht wüßte, Monſeig⸗ neur; ſeit zehn Jahren durchgehe ich alle Colonnen von Zahlen, welche in Frankreich gemacht werden, und wenn ich ſie auch nur ſehr mühſam in meinen Kopf genagelt habe, ſo ſtehen ſie nun doch darin ſo feſt, daß ich von der Küche von Herrn Letellier, der ſehr nüchtern iſt, 3 bis zu den kleinen geheimen Freigebigkeiten von Herrn . Fouquet, der ein Verſchwender iſt, Zahl für Zahl alles u Geld herſagen könnte, das von Marſeille bis Cherbourg g ausgegeben wird.“ 6„Ihr möchtet alſo gern, daß ich all mein Geld in die Kaſſen des Königs wärfe!“ rief ironiſch der Car⸗ n dinal, dem zugleich die Gicht mehrere ſchmerzliche Seuf⸗ n zer entriß.„Der König würde mir hierüber ſicherlich n keine Vorwürfe machen, aber er würde, meine Millio⸗ nen verzehrend, über mich ſpotten, und er hätte Recht.“ „Eure Eminenz hat mich nicht verſtanden. Ich habe f entfernt nicht behauptet, der König müßte Euer Geld ausgeben.“— -„Ihr ſagt es ganz klar, wie mir ſcheint, indem 1 Ihr mir rathet, es ihm zu ſchenken.“ 35„Ah!“ erwiederte Colbert,„von ihrem Leiden an⸗ gegriffen, verliert Eure Eminenz den Charakter Seiner n Maeſtat Karin Ludwig XIV. ganz aus dem Blick.“ s„Wie ſo??— 2„Dieſer Charakter gleicht, glaube ich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, dem, welchen Monſeigneur ſo eben dem Theatiner gebeichtet hat.“ „Drückt Euch immerhin aus; das iſt?“ „Die Hoffart. Verzeiht, Monſeigneur, der Stolz, wpollte ich ſagen. Die Könige haben keine Hoffart, denn das iſt eine menſchliche Leidenſchaft.“ „Die Hoffart, ja, Ihr habt Recht; hernach...“ „Nun, Monſeigneur, wenn ich es richtig getroffen 5 36 habe, ſo braucht Eure Eminenz dem König nur all ihr Geld zu ſchenken, und zwar ſogleich zu ſchenken.“ „Aber warum denn?“ fragte Mazarin ſehr be⸗ gierig. „Weil der König nicht das Ganze annehmen wird.“ „Ohl ein junger Menſch, der kein Geld hat und von Ehrgeiz zerfreſſen wird!“ „Es mag ſein.“ „Ein junger Menſch, der meinen Tod wünſcht.“ „Monſeigneur...“ „Um zu erben, ja, Colbert, er wünſcht meinen Tod, um zu erben! Ich Dummkopf! ich würde ihm zuvorkommen!“ 3„Ganz richtig. Wenn die Schenkung in einer ge⸗ wiſſen Form gemacht iſt, wird er ſie ausſchlagen.“ „„Geht doch!“ „Das iſt unleugbar. Ein junger Menſch, der nichts gethan hat, der vor Verlangen, berühmt zu wer⸗ den, allein zu regieren, brennt, wird nichts Gebautes annehmen; er wird ſelbſt bauen wollen. Dieſer Fürſt wird ſich weder mit dem Palais Royal, das ihm Herr von Richelieu vermacht, noch mit dem Palais Mazarin, das Ihr ſo herrlich habt bauen laſſen, noch mit dem von ſeinen Ahnen bewohnten Louvre, noch mit Saint⸗ Germain, wo er geboren worden iſt, begnügen. Alles, was nicht von ihm herrührt, wird er verachten, das ſage ich zum Voraus.“ „Und Ihr verbürgt Euch dafür, daß, wenn ich dem König meine vierzig Millionen ſchenke...“ „Sagt Ihr ihm dabei gewiſſe Dinge, ſo verbürge ich mich dafür, daß er ſie ausſchlägt.“ „Dieſe Dinge... ſind?“ „Ich werde ſie ſchreiben, wenn ſie mir Monſeigneur dietiren will.“ „Doch welcher Vortheil ſoll daraus für mich er⸗ wachſen?“ — „Ein ungeheurer. Niemand kann mehr Eure Emi⸗ 37 nenz des ungerechten Geizes beſchuldigen, den dem glänzendſten Geiſt dieſes Jahrhunderts die Pamphletiſten zum Vorwurf gemacht haben.“ „Du haſt Recht, Colbert, Du haſt Recht; begib Dich in meinem Auftrag zum König und überbringe ihm mein Teſtament. Aber wenn er annehmen würde!“ „Dann blieben Eurer Familie dreizehn Millionen, und das iſt eine hübſche Summe.“ „Doch Du wäreſt dann ein Verräther oder ein Dummkopf.“. „Und ich bin weder das Eine, noch das Andere, Monſeigneur... Ihr ſcheint mir ungemein bange zu haben, der König könnte die Schenkung annehmen... Ohl fürchtet vielmehr, daß er nicht annimmt.“ „Wenn er nicht annimmt, ſiehſt Du, dann will ich ihm meine dreizehn andere Millionen garantiren, ja, ich werde das thun... ja... Doch der Schmerz kommt; es befällt mich wieder eine Schwäche. Colbert, ich bin ſehr krank, ich bin meinem Ende nahe.“ Colbert bebte. Der Cardinal war in der That ſehr krank; er ſchwitzte große Tropfen auf ſeinem Schmerzenslager, und dieſe furchtbare Bläſſe eines von Schweiß triefen⸗ den Geſichtes war ein Schauſpiel, das der verhärtetſte Arzt nicht ohne Mitleid ertragen hätte. Colbert war ohne Zweifel ſehr bewegt, denn er verließ das Zimmer, rief Bernouin zu dem Sterbenden und ging in den Corridor. Mit einem Ausdruck des Nachſinnens, der ſeinen gemeinen Kopf beinahe edel erſcheinen ließ, auf und ab gehend, die Schultern gerundet, den Hals geſpannt, die Lippen leicht geöffnet, um loſe Fetzen unzuſammen⸗ hängender Gedanken herauszulaſſen, machte er ſich Muth zu einem Schritt, den er verſuchen wollte, während, nur durch eine Mauer von ihm getrennt, ſein Herr weder mehr an die Schätze der Erde, noch an die Freu⸗ 38 den des Paradieſes, ſondern einzig und allein an die Schreckniſſe der Hölle denkend, mit Bangigkeiten kämpfte, die ihm klägliche Schreie entriſſen. Indeß die glühenden Servietten, die örtlichen Heil⸗ mittel und Guénaud, den man zum Cardinal zurückbe⸗ rufen hatte, mit wachſender Thätigkeit arbeiteten, ſann Colbert, ſeinen dicken Kopf in beiden Händen haltend, um das Fieber der vom Gehirn erzeugten Pläne zu überwinden, über den Inhalt der Schenkung nach, die er Mazarin in der erſten Stunde der Ruhe, welche ihm ſein Leiden gönnen würde, ſchreiben laſſen wollte. Es ſchien, als ob alle dieſe Schreie des Cardinals und alle dieſe Angriffe des Todes auf den Repräſentanten der Vergangenheit Reizmittel für den Geiſt dieſes Denkers mit den dicken Augenbrauen geweſen wären, der ſich ſchon dem Aufgang der neuen Sonne einer wiedergeborenen Geſellſchaft zuwandte. Colbert kehrte zu Mazarin zurück, als ſich die Ver⸗ nunft wieder bei dem Kranken eingeſtellt hatte, und be⸗ wog ihn, eine folgender Maßen abgefaßte Schenkung zu dietiren: „Im Begriff, vor Gott, dem Herrn der Menſchen, zu erſcheinen, bitte ich den König, der mein Herr auf Erden war, die Güter zurückzunehmen, die mir ſeine Wohlwollen geſchenkt hatte, und die meine Familie in ſo erhabene Hände übergehen zu ſehen glücklich ſein wird. Die Liſte meiner Güter wird ſich, ſie iſt abgefaßt, auf das erſte Verlangen Seiner Majeſtät und beim letzten Seufzer ihres ergebenſten Dieners finden. Jules, Cardinal von Mazarin.“ 3 Der Cardinal terzeichnete ſeufzend; Colbert ver⸗ ſiegelte das Paquet und brachte es ſogleich in den Louvre, wohin der König zurückgekehrt war. Dann ging er wieder nach ſeiner Wohnung, ſich u R 39 die Hände mit dem Vertrauen eines Arbeiters reibend, der ſeinen Tag gut angewendet hat. VII. Wie Anna von Oeſterreich Ludwig XIV. einen Rath gab, und wie Herr Fonquet ihm einen andern gab. Die Nachricht von dem nahe bevorſtehenden Ende des Cardinals verbreitete ſich raſch und zog wenigſtens ebenſo viele Menſchen in den Louvre, als die Kunde von der Verheirathung von Monſteur, dem Bruder des Königs, welche ſchon officiell veröffentlicht worden war. Kaum war Ludwig XIV. in ſeine Gemächer, noch ganz träumeriſch über die Dinge, die er an dieſem Abend geſehen oder gehört hatte, zuruͤckgekehrt, als der Huiſ⸗ ſier meldete, dieſelbe Menge von Höoflingen, die ſich am Morgen zur Aufwartung gedrängt, zeige ſich abermals bei ſeinem Schlafengehen, eine ganz beſondere Auszeich⸗ nung, welche man ſeit der Regierung des Cardinals, äußerſt indiscret in ſeiner Bevorzugung, ohne ſich viel darum zu bekümmern, ob es dem König mißfallen dürfte, dem Miniſter zugeſtanden hatte. Doch der Miniſter war, wie geſagt, von einem ſehr ſchweren Gichtanfall heimgeſucht worden, und die Fluth der Schmeichelei ſtieg gegen den Thron. Die Höflinge haben den wunderbaren Inſtinct, zum Voraus alle Ereigniſſe zu riechen; die Hoflinge beſitzen die oberſte Wiſſenſchaft: ſie ſind Diplomaten, um die großen Entwickelungen ſchwieriger Umſtände 40 aufzuklären, Feldherren, um den Ausgang der Schlachten zu errathen, Aerzte, um die Krankheiten zu heilen. Ludwig XIV., den ſeine Mutter dieſes Ariom wie ſo viele andere gelehrt hatte, begriff, daß Seine Emi⸗ nenz Monſeigneur der Cardinal Mazarin ſehr krank war. Kaum hatte Anna von Oeſterreic die junge Kö⸗ nigin in ihre Gemächer zurückgeführt und ihre Stirne von der Laſt des Ceremonienſchmuckes erleichtert, als ſie ihren Sohn in dem Cabinet aufſuchte, wo er allein, düſter und das Herz geſchworen, gleichſam um ſeinen Willen zu üben, über ſich ſelbſt eine von jenen dumpfen und furchtbaren Stimmungen des Zorns, eines Königs⸗ zorns, ergehen ließ, welche Stimmungen, wenn ſie zum Ausbruch kommen, Ereigniſſe werden und bei Ludwig XIV., in Folge ſeiner wunderbaren Selbſtbeherrſchung, ſo liebreiche Stürme wurden, daß ſein aufbrauſendſter, ſein einziger Zorn, der, welchen Saint⸗Simon mit Ver⸗ wunderung bezeichnet, der bekannte Zorn war, welcher fünfzig Jahre ſpäter wegen eines Verſtecks des Herrn Herzogs du Maine losbrach und zum Reſultat einen Hagel von Stockſtreichen auf den Rücken eines armen Lackeien hatte, der ein Zwieback geſtohlen. Der König war alſo, wie wir geſehen, einer ſchmerzlichen Aufregung preisgegeben, und ſagte zu ſich ſelbſt, indem er ſich in einem Spiegel betrachtete: 4„O König!... Koͤnig dem Namen und nicht der Sache nach! Phantom, leeres Phantom, das du biſt! träge Bildſäule ohne eine andere Macht, als die, eine Begrüßung bei den Höflingen hervorzurufen, wann wirſt du deinen Sammetarm erheben, deine ſeidene Hand ſchließen können? Wann wirſt du, um etwas Anderes zu thun, als zu ſeufzen oder zu lächeln, deine zur albernen Unbeweglichkeit des Marmors einer Gallerie verdammten Lippen öffnen können?“ Dann fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne, trat Luft ſuchend an das Fenſter und ſah unten einige Cavaliere„ welche unter ſich plauderten, und einige 41 ten ſchüchtern neugierige Gruppen. Dieſe Cavaliere waren eine Abtheilung von der Wache; dieſe Gruppe deſtand vie aus den Geſchäftigen vom Volk, aus den Leuten, für ni⸗ die ein König immer eine Curioſttät iſt, wie ein Rhi⸗ noceros, ein Krokodill oder eine Schlange. Er ſchlug ſich mit der flachen Hand vor die Stirne und rief: ils„König von Frankreich! welch ein Titel! Volk von in, Frankreich! welche Maſſe von Geſchöpfen! Und ich ten kehre in meinen Louvre zurück, kaum ausgeſpannt, rau⸗ en chen meine Pferde noch, und ich habe gerade hinrei⸗ s⸗ chend Intereſſe erregt, daß kaum zwanzig Neugierige im mich vorübergehen ſehen... Was ſage ich! Nein, es ig gibt nicht zwanzig Neugierige für den König von Frank⸗ ig, reich. Es gibt nicht einmal zehn Bogenſchützen, um er, über meinem Haus zu wachen: Bogenſchützen, Volk, er⸗ Garden, Alles iſt im Palais Royal. Mein Gott! war⸗ her Wum? Habe ich, der König, nicht das Recht, Euch dies rn zu fragen?“ en„Weil,“ antwortete hierauf eine Stimme, welche en jenſeits des Thürvorhangs vom Cabinet ertönte,„weil im Palais Royal alles Gold, das heißt, alle Macht er desjenigen iſt, welcher regieren will.“ ich Ludwig wandte ſich haſtig um. Die Stimme, welche dieſe Worte ausgeſprochen hatte, war die von Anna eer von Oeſterreich. Der König bebte, ging ſeiner Mutter ſtl entgegen und ſagte: ne„Ich hoffe, Eure Majeſtät hat keine Aufmerkſam⸗ nn keit den leeren Declamationen geſchenkt, zu denen die nd bei den Königen einheimiſche Einſamkeit und Langweile es die glücklichſten Charaktere veranlaſſen.“ ur„Ich habe nur Eines bemerkt, mein Sohn: daß rie Ihr Euch beklagtet.“ „Ich! keines Weges,“ ſprach Ludwig XIV.,„in ie, der That nicht; Ihr täuſcht Euch, Madame.“ ge„Was machtet Ihr denn, Sire?“ ge„Es kam mir vor, als ſtände ich unter der Ruthe allmächtig ſind.“ℳ Mutter mit einem ſchmerzlichen Lächeln bei, das bewies, 2 42 meines Lehrers und hätte einen rhetoriſchen Gegenſtand zu entwickeln.“ „Mein Sohn,“ erwiederte Anna von Oeſterreich, den Kopf ſchüttelnd,„Ihr habt Unrecht, nicht auf mein Wort zu bauen; Ihr habt Unrecht, mir kein Vertrauen zu ſchenken. Es wird ein Tag kommen, ein Tag, der vielleicht nahe iſt, wo Ihr Euch nothwendig werdet des Arioms erinnern müſſen:„„Das Gold iſt die Allmacht, und nur diejenigen allein ſind wahrhaft Köonige, welche „Es iſt aber nicht Eure Abſicht, die Reichen dieſes Jahrhunderts zu ſchmähen?“ verſetzte der König. „Nein,“ antwortete Anna von Oeſterreich raſch, „nein, Sire; diejenigen, welche in dieſem Jahrhundert unter Eurer Regierung reich ſind, ſind es, weil Ihr es ſo habt wollen, und ich hege weder Groll, noch Neid 4 gegen ſie; ſie haben ohne Zweifel Eurer Majeſtät ſo gut gedient, daß ſie ihnen ſich ſelbſt zu belohnen er⸗ laubte. Dies meinte ich mit den Worten, die Ihr mir zum Vorwurf zu machen ſcheint,/,, „Gott behüte mich, Madame, daß ich meiner Mut⸗ ter je etwas zum Vorwurf mache.“ „»Ueberdies,“ fuhr Anna von Oeſterreich fort,„über⸗ dies gibt der Herr die Güter der Erde nur immer für eine gewiſſe Zeit; der Herr hat als auflöſende Mittel für Ehren und Reichthümer das Leiden, die Krankheit, den Tod geſchaffen; und Niemand,“ fügte die Königin daß ſie auf ſich ſelbſt dieſen traurigen Lehrſatz anwandte, „Niemand nimmt ſeine Habe oder ſeine Größe in das Grab mit. Dadurch erfolgt, daß die Jungen die Früchte der für die Alten bereiteten üppigen Ernte einheimſen.“ Ludwig horchte mit wachſender Aufmerkſamkeit auf dieſe von Anna von Oeſterreich, offenbar in einer tröſt⸗ lichen Abſicht, ſtark betonten Worte. „Madame,“ ſagte Ludwig XIV., ſeine Mutter feſt ε8 uS&— 82„Gebt,“ ſprach der K 43 8* anſchauend,„man ſollte in der That glauben, Ihr hät⸗ tet mir etwas mehr zu verkündigen.“ „Ich habe durchaus nichts, mein Sohn; Ihr muß⸗ tet nur dieſen Abend bemerken, daß der Herr Cardinal ſehr krank iſt.“ Ludwig ſchaute ſeins Mutter an: er ſuchte eine Er⸗ ſchütterung ihrer Stimme, einen Schmerz in ihrer Phyſiognomie. Das Geſicht von Anna von Oeſterreich ſchien leicht angegriffen; doch dieſes Leiden hatte einen ganz perſönlichen Charakter. Vielleicht wurde die Ver⸗ änderung durch den Krebs veranlaßt, der ſchon an ihrer Bruſt zu nagen anfing. „Ja, Madame,“ ſagte der König,„ja, Herr von Mazarin iſt ſehr krank.“ „Und es wäre ein großer Verluſt für das Reich, wenn Seine Eminenz von Gott abberufen würde. Iſt meine Meinung nicht auch die Eurige, mein Sohn 24 fragte Anna von Oeſterreich. „Ja, Madame, ja, gewiß, es wäre ein großer Verluſt für das Köoͤnigreich,“ antwortete Ludwig errö⸗ thend;„doch die Gefahr iſt nicht ſo bedeutend, wie mir ſcheint... und überdieg iſt der Herr Cardinal noch jung. Kaum hatte der 85 dieſe Worte geſprochen, als ein Huiſſier den Vorhang ufhob und unter der Thüre ſtehen blieb, wo er, ein Papier in der Hand, wartete, bis ihn der König fr rde. „Was wollt Ihr „Eine Sendung v⸗ wortete der Huiſſter. te der König. en von Mazarin,“ ant⸗ Und er nahm das Papier. Doch in dem Augen⸗ blick, wo er es öffnen wollte, entſtand ein gewaltiger zienen in der Gallerie, in den Vorzimmern, im 0 „Ah! ahl4 ſprach Ludwig XIV., der ohne Zweifel dieſes dreifache Geräuſch erkannte,„was ſagte ich doch, es gebe nur einen König in Frankreich! ich täuſchte mich, es gibt zwei.“ 3 In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Oberintendant der Finanzen, Fouquet, erſchien vor Ludwig XIV. Er war es, der den Lärmen in der Gal⸗ lerie machte; die Lackeien waren es, die den Lärmen in den Vorzimmern machten; die Pferde waren es, die den Lärmen im Hof machten. Dabei hörte man ein anhal⸗ tendes Gemurmel auf ſeinem Wege, das erſt, nachdem er längſt vorübergegangen war, erloſch. Es war dies das Gemurmel, das Ludwig XIV. nicht unter ſeinen Tritten zu hören ſo ſehr bedauerte. „Das iſt nicht gerade ein König, wie Ihr glaubt,“ ſprach Anna von Oeſterreich zu ihrem Sohn; ves iſt nur ein zu reicher Mann.“ Und indem ſie dies ſagte, gab ein bitteres Gefühl den Worten der Königin ihren gehäſſigſten Ausdruck, während die Stirne von Ludwig, der ruhig und ſeiner Herr blieb, von der leiſeſten Falte frei war. Er begrüßte alſo Fouquet ganz ungezwungen mit dem Kopf, indeß er das Papier, das ihm der Huiſſier übergeben, zu entfalten fortfuhr. Fouquet ſah dieſe Bewegung und näherte ſich mit iner zugleich leichten und ehrfurchtsvollen Höflichkeit Anna von Oeſterreich, um dem König volle Freiheit zu laſſen. Ludwig hatte das Papier geöffnet und las dennoch nicht. Er horchte auf Fouquet, der ſeiner Mutter be⸗. wunderungswürdig gedrechſelte Complimente über ihre Hände und ihre Arme machte.“ zelte 8 Das Geſicht von Anna von Oeſterreich entrun ſich und ging beinahe zum Lächeln über. Fouquet bemerkte, daß der König, ſtatt zu leſen, ihn anſchaute und auf ihn horchte; er machte eine halbe Wendung und befand ſich, während er zugleich, ſo zu — K—— 8 2 — 45 ſagen, Anna von Oeſterreich anzugehören fortfuhr, dem Köͤnig gegenüber. „Ihr wißt, Herr Fouquet, daß Seine Eminenz ſehr krank iſt?“ ſprach der König. „Ja, Sire, ich weiß es,“ antwortete Fouquet,„der Cardinal iſt in der That ſehr krank. Ich war auf mei⸗ nem Landgute Vaux, als die Nachricht ſo dringend bei mir eintraf, daß ich Alles verließ.“ „Ihr habt dieſen Abend Vaux verlaſſen, mein Herr?“ „Vor anderthalb Stunden, ja, Eure Maieſtät,“ antwortete Fouquet, indem er auf eine ganz mit Bril⸗ lanten beſetzte Uhr ſchaute. „Anderthalb Stunden,“ ſagte der König, mächtig genug, um ſeinen Zorn zu bemeiſtern, doch nicht, um ſein Erſtaunen zu verbergen. „Ich verſtehe, Sire, Eure Majeſtät zweifelt an meinem Wort, und ſie hat Recht; doch wenn ich ſo raſch gekommen bin, iſt es wahrhaftig ein Wunder. Man ſchickte mir aus England drei Paar Pferde, welche, wie man mich verſicherte, ſehr raſch ſein ſollten; ſie waren von vier zu vier Stunden aufgeſtellt, und ich probirte ſie dieſen Abend. Sie haben in der That den Weg von Vaur nach dem Louvre in anderthalb Stun⸗ den zurückgelegt, und Eure Majeſtät ſieht, daß ich nicht betrogen worden bin.“ 7 Die Königin Mutter lächelte mit einem geheimen eid. Fouquet kam dieſem ſchlimmen Gedanken entgegen und fügte raſch bei: „Solche Pferde, Madame, ſind auch nicht für Un⸗ terthanen, ſondern für Könige gemacht, denn die Kö⸗ nige dürfen nie irgend Jemand, in was es auch ſein mag, nachſtehen.“ 1 Der König erhob das Haupt. „Ihr ſeid aber nicht König, daß ich wüßte, Herr Fouquet,“ ſprach Anna von Oeſterreich. „Madame, die Pferde warten auch nur auf einen 46, Wink Seiner Majeſtät, um in die Ställe des Louvre geführt zu werden; und wenn ich mir dieſelben zu pro⸗ biren erlaubt habe, ſo geſchah es nur in der Furcht, ich dürfte dem König etwas anbieten, was nicht gerade ein Wunder wäre.“ Der König wurde ſehr roth. „Ihr wißt, Herr Fouquet,“ erwiederte die Königin Mutter,„es iſt nicht der Brauch am Hof von Frank⸗ reich, daß ein Unterthan ſeinem König etwas anbietet.“ Ludwig machte eine Bewegung. „Madame,“ entgegnete Fouquet ſehr bewegt,„ich hoffte, meine Liebe für Seine Majeſtät, mein unabläſ⸗ ſiges Verlangen, ihr zu gefallen, würden dieſem Grund der Etiquette als Gegengewicht dienen. Uebrigens war es nicht ein Geſchenk, was ich anzubieten mir erlaubte, ſondern ein Tribut, den ich entrichten wollte.“ „Ich danke, Herr Fouquet,“ ſagte der König mit höflichem Ton,„ich bin Euch erkenntlich für die Ab⸗ ſicht, denn ich liebe in der That die guten Pferde; aber Ihr wißt, daß ich nicht reich bin; Ihr wißt es beſſer, als irgend Jemand, Ihr, mein Oberintendant der Fi⸗ nanzen. Ich kann alſo, ſelbſt wenn ich wollte, ein ſo theures Geſpann nicht kaufen.“ 4 Fouquet ſchleuderte einen Blick voll Stolz der Kö⸗ nigin Mutter zu, welche über die falſche Stellung des Miniſters zu triumyhirgs ſchien und erwiederte: „Der Lurus iſt die Tugend der Könige, Sire; der Luxus macht ſie Gott ähnlich; durch den Luxus ſind ſie mmehr als die anderen Menſchen. Mit dem Luxus nährt und ehrt ein König ſeine Unterthanen. Unter dem ſanften Luxus der Könige entſteht der Luxus der Pri⸗ watleute, eine Quelle der Reichthümer des Volks. Durch die Annahme des Geſchenkes von ſechs uneegeehlichen 5 it der Pferden hätte Seine Majeſtät die Eitelke Züch⸗ ter unſeres Landes, des Limouſin, des Perche, der Nor⸗ mandie, geſtachelt, und ein für Alle nützlicher Wetteifer 8 4 47 wäre daraus entſtanden... doch der König ſchweigt und ich bin folglich verurtheilt.“. 2 Während dieſer Zeit machte Ludwig XIV., um ſich eine Haltung zu geben, das Papier von Mazarin, auf das er noch keinen Blick geworfen hatte, auf und zu. Endlich verweilte ſein Auge darauf, und ſchon bei der erſten Zeile ſtieß er einen leichten Schrei aus. „Was gibt es denn, mein Sohn?“ fragte Anna von Oeſterreich, indem ſie ſich raſch dem König näherte. „Vom Cardinal,“ antwortete der Koöͤnig fortfah⸗ rend..„Ja, ja, das iſt gut von ihm.“ „Geht es ihm denn ſchlimmer?“ „Leſet,“ ſprach der König und gab das Papier ſei⸗ ner Mutter, als dächte er, Anna von Oeſterreich müßte nothwendig leſen, um ſich von einer ſo erſtaunlichen Sache, wie die, welche das Papier enthielt, zu über⸗ zeugen. Anna von Oeſterreich las ebenfalls. Während ſie las, funkelten ihre Augen von einer immer lebhafteren Freude, welche ſie vergebens zu verbergen ſuchte, und di die Blicke von Fouquet anzog. „ Ja, eine förmliche Schenkung,“ ſagte ſie. „Eine Schenkung?“ wiederholte Fouquet. „Ja,“ ſagte der König, dem Oberintendanten der Finanzen beſonders antwortend,„ja, auf dem Punkte, zu ſterben, macht mir der Herr Cardinal eine Schen⸗ kung mit ſeinem ganzen Vermögen.“ „Vierzig Millionen!“ rief die Königin.„Ah! mein Sohn, das iſt ein ſchöner Zug vom Herrn Car⸗ dinal, der vielen böswilligen Gerüchten widerſprechen wird; vierzig Millionen, langſam aufgehäuft, fließen ſo mit einem Schlag in Maſſe in den königlichen Schatz; .. das iſt die Handlungsweiſe eines treuen Untertha⸗ nen und eines wahren Chriſten.“ Und nachdem ſie noch einmal ihre Augen auf die Urkunde geheftet hatte, gab ſie dieſelbe Ludwig XIV. * zurück, den das Ausſprechen dieſer ungeheuren Summe ganz zittern machte. Fouquet war einige Schritte rückwärts gegangen und ſchwieg. Der König reichte ihm das Papier ebenfalls. Der Oberintendant verweilte nur eine Secunde mit ſeinem hoffärtigen Blick darauf. Dann verbeugte 4 er ſich und ſprach: 1 „Ja, Sire, eine Schenkung, wie ich ſehe,“ von Oeſterreich.. „Wie dies, Madame?“ „Durch einen Beſuch beim Cardinal.“ „Aber ich habe Seine Eminenz erſt vor einer Stunde verlaſſen.“ „Dann ſchreibt, Sire.“ Widerſtreben. „mir ſcheint, ein Mann, der ein ſolches Geſchenk ge⸗ macht hat, iſt wohl berechtigt, zu erwarten, daß man ihm mit einiger Eile dankt.“ Dann ſich gegen den Oberintendanten umwendend: „Iſt das nicht Eure Anſicht, Herr Fouquet?“ „Das Geſchenk iſt wohl der Mühe werth, ja, Ma⸗ dame,“ erwiederte der Oberintendant mit einem Adel, welcher dem König nicht entging. ℳ „Nehmt es alſo an und dankt,“ ſprach Anna von Oeſterreich. 1 „Was ſagt Herr Fouquet?“ fragte Ludwig XIV. „Seine Majeſtät will meine Anſicht wiſſen?“ u „Dankt, Sir ℳ Anna von Oeſterreich icht an,“ fuhr Fouquet fort. „Warum nicht?“ fragte Anna von Oeſterreich. „Ihr habt es ſelbſt geſagt, Madame,“ erwiederte „Ihr müßt antworten, mein Sohn,“ rief Anna „Schreiben!“ rief der junge König mit einem „Eil mein Sohn,“ ſagte Anna von Oeſterreich, 49 Fouquet,„weil die Könige von ihren Unterthanen Ge⸗ ſchenke weder annehmen können, noch dürfen.“ Der König blieb ſtumm zwiſchen dieſen zwei ſo ſehr entgegengeſetzten Anſichten. „Aber vierzig Millionen!“ ſagte Anna von Oeſter⸗ reich. „Ich weiß es,“ ſprach Fouquet lachend,„vierzig Millionen ſind eine ſchöne Summe, und eine ſolche Summe koͤnnte ſogar das Gewiſſen eines Königs in Verſuchung führen.“ „Aber, mein Herr,“ entgegnete Anna von Oeſter⸗ reich,„ſtatt den König von der Annahme dieſes Ge⸗ ſchenkes abwendig zu machen, bemerkt lieber Seiner Majeſtät, Ihr, deſſen Amt es iſt, daß dieſe vierzig Mil⸗ lionen ein Vermögen bilden.“ „Gerade, Madame, weil dieſe vierzig Millionen ein Vermögen bilden, ſage ich zum König:„„Sire, es iſt nicht ſchicklich, daß ein König von einem Unterthanen ſechs Pferde von zwanzigtauſend Livres annimmt, es iſt entehrend, daß er ſein Vermögen einem andern Unter⸗ thanen zu verdanken hat, der mehr oder minder ängſt⸗ lich in der Wahl der Materialien war, welche zur Er⸗ bauung dieſes Vermögens beitrugen.““ „Mein Herr, es ſteht Euch nicht an, dem König eine Lection zu geben,“ ſagte Anna von Oeſterreich; „verſchafft ihm eher vierzig Millionen, um die zu er⸗ ſetzen, welche Ihr ihn verlieren macht.“ „Der König wird ſie haben, ſobald er will,“ ſprach der Oberintendant der Finanzen ſich verbeugend. „Ja, indem Ihr ſie vom Volk herauspreßt,“ ſagte Anna von Oeſterreich. 3 „Ci! Madame,“ entgegnete Fouquet,„iſt das Volk nicht auch gepreßt worden als man es die durch dieſe Urkunde geſchenkten vierzig Millionen ſchwitzen ließ? Uebrigens hat mich Seine Majeſtät um meine Anſicht gefragt und ich habe ſie ausgeſprochen; Seine Majeſtät Die drei Musketiere. Bragelonne. Il. 4 50 verlange meine Mitwirkung, und ich werde bemüht ſein, zu wirken.“ 4„Auf, auf, mein Sohn, nehmt das Geſchenk an,“ ſprach Anna von Oeſterreich,„Ihr ſteht über den Deu⸗ tungen und Gerüchten.“ ,„ Weigert Euch, Sire,“ ſagte Fouquet.„So lange ein König lebt, hat er kein anderes Niveau, als ſein Gewiſſen, keinen anderen Richter, als ſeinen Wunſch; doch iſt er todt, ſo hat er die Nachwelt, die ihm Bei⸗ fall ſpendet, oder ihn anklagt.“ „Ich danke, meine Mutter,“ ſprach Ludwig XIV., ſich ehrfurchtsvoll vor der Königin verbeugend;„ich danke, Herr Fouquet,“ ſagte er hoͤflich, den Oberinten⸗ danten entlaſſend. 4 „Nehmt Ihr an?“ fragte abermals Anna von Oeſterreich. „Ich werde es mir überlegen,“ antwortete der Kö⸗ nig und ſchaute dabei Fouquet an. VIII. Todeskampf. An demſelben Tag, wo die Schenkung dem König überſchickt worden war, hatte ſich der Cardinal nach Vincennes bringen laſſen. Der König und der Hof waren ihm gefolgt. Der n dieſer Fackel verbreitete noch Glanz ge m in ſeiner Strahlung Trabant ſeines Miniſters, ging der junge Ludwig XIV., wie man ſieht, bis zum letzten Augenblick in der Rich⸗ alle andere Lichter zu verſchlingen. Als ein getreuer „N———- — 5 51 tung ſeiner Gravitation. Das Uebel hatte ſich nach der Vorherſagung von Guénaud verſchlimmert; es war nicht mehr ein Gichtanfall, ſondern ein Todesanfall. Dann gab es einen Umſtand, der für den mit dem Tode Ringenden ganz beſonders gefahrvoll war: die Angſt, in welche ſein Geiſt die an den König abge⸗ ſandte Schenkung verſetzte, welche Ludwig XIV., nach den Worten von Colbert, dem Cardinal nicht angenom⸗ men zurückſchicken ſollte. Der Cardinal hatte, wie wir geſehen, großes Vertrauen zu den Weiſſagungen ſeines Secretaire; doch die Summe war ſtark, und wie be⸗ deutend auch das Genie von Colbert ſein mochte, ſo dachte doch von Zeit zu Zeit der Cardinal, auch der Theatiner könne ſich taͤuſchen, und es gebe wenigſtens ebenſo viel Chancen, daß er nicht verdammt werde, als vorhanden ſeien, daß Ludwig XIV. ihm ſeine Millionen zuruckſchicke. Je mehr die Schenkung zurückzukehren zögerte, deſto mehr fand überdies Mazarin, vierzig Millionen lohnen ſich ſchon der Mühe, daß man etwas wage, und beſonders etwas ſo Hypothetiſches wie die Seele. In ſeiner Eigenſchaft als Cardinal und erſter Mi⸗ niſter war Mazarin etwas Atheiſt und ganz und gar Materialiſt. So oft die Thüre ſich öffnete, wandte er ſich daher raſch um, im Glauben, ſeine unglückliche Schenkung würde durch dieſe Thüre zurückkehren; doch in ſeiner Hoffnung getäuſcht, legte er ſich mit einem Seufzer wieder nieder, und nahm ſeinen Schmerz um ſo hefti heßnuieder auf, als er ihn einen Angenblick vergeſſe atte. Anna von Oeſterreich war auch dem Cardinal ge⸗ folgt; ihr Herz, obgleich durch das Alter ſelbſtſüchtig geworden, konnte es ſich nicht verſagen, dieſem Ster⸗ benden eine Traurigkeit kundzugeben, die ſie ihm, wie die Einen ſagten, als Frau, wie die Andern ſagten, als Souverainin ſchuldig war. 52 Sie hatte gewiſſermaßen die Geſichtstrauer zum Voraus angelegt, und der ganze Hof trug dieſe mit ihr. Um nicht auf ſeinem Antlitz zu zeigen, was in der Tiefe ſeiner Seele vorging, blieb Ludwig hartnäckig in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, wo ihm ſeine Amme al⸗ lein Geſellſchaft leiſtete; je näher er ſich dem Ziele ſah, wo jeder Zwang für ihn aufhören würde, deſto demü⸗ thiger und geduldiger machte er ſich, deſto mehr zog er ſich, wie alle ſtarken Menſchen, die einen Plan haben, in ſich ſelbſt zurück, um ſich im entſcheidenden Augen⸗ blick mehr Federkraft zu verleihen. Man hatte insgeheim die letzte Oelung dem Car⸗ dinal gegeben, der, getreu ſeiner Gewohnheit, ſich zu verſtellen, gegen den Anſchein und ſelbſt gegen die Wirklichkeit kämpfte und in ſeinem Bett empfing, als wäre er nur von einem vorübergehenden Uebel befal⸗ len worden. Guénaud beobachtete ſeinerſeits das vollkommenſte Stillſchweigen; von allen Seiten mit Fragen bedrängt, antwortete er nichts, wenn nicht:„Seine Eminenz iſt noch voll Jugend und Kraft; doch Gott will, was er will, und wenn er beſchließt, das menſchliche Gebäude ſoll einſtürzen, ſo ſtürzt es auch nothwendig ein.“ Dieſe Worte, die er mit einer Art von Discretion, von Zurückhaltung, und gleichſam vorzugsweiſe aus⸗ ſtreute, wurden von zwei Perſonen mit großem Inter⸗ eſſe erläutert: vom König und vom Cardinal. Tcrpotz der Prophezeiung von Guénaud, hinter⸗ ling ſich Mazarin fortwährend, oder beſſer geſagt, er pielte ſeine Rolle ſo gut, daß die Feinſten, indem ſie ſagten, er hintergehe ſich, bewieſen, daß ſie von ihm bethört waren.. Seit zwei Tagen vom Cardinal entfernt, das Auge ſtarr auf die Schenkung geheftet, die den Cardinal ſo ſtark beſchäftigte, waßte Ludwig nicht genau, woran Mazarin war. Die väterlichen Ueberlieferungen ver⸗ folgend, war Ladwig XIV. bis dahin ſo wenig Kunig — 5³ geweſen, daß, ſo glühend er ſich auch nach dem König⸗ thum ſehnte, ſeine Sehnſucht doch von jener Angſt be⸗ gleitet war, welche das Unbekannte ſtets einflößt. Nach⸗ dem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, den er übrigens Niemand mittheilte, beſchloß er auch, von Mazarin eine Zuſammenkunft zu verlangen. Anna von Oeſterreich, welche beſtändig beim Car⸗ dinal verweilte, hörte zuerſt dieſen Vorſchlag des Kö⸗ nigs, der, als ſie ihn dem Sterbenden eröffnete, dieſen beben machte. 3 In welcher Abſicht verlangte Ludwig XIV. eine Zuſammenkunft? Geſchah es, um zurückzugeben, wie Colbert geſagt hatte? Geſchah es, um nach einer Dankſagung zu behalten, wie Mazarin dachte? Nichts⸗ deſtoweniger zögerte der Sterbende nicht einen Augen⸗ blick, da er fühlte, wie dieſe Ungewißheit ſein Uebel noch verſchlimmerte. „Seine Majeſtät wird ſehr willkommen ſein, ja, ſehr willkommen,“ rief er, indem er Colbert, welcher am Fuße ſeines Bettes ſaß, ein Zeichen machte, das dieſer vollkommen verſtand.„Madame,“ fuhr Mazarin fort,„würde Eure Majeſtät wohl ſo gut ſein, den Kö⸗ nig ſelbſt der Wahrheit deſſen, was ich geſagt habe, zu verſichern?“ 4 Anna von Oeſterreich ſtand auf; es drängte ſie auch, Gewißheit über den Punkt der vierzig Millionen zu erhalten, die der dumpfe Gedanke von Jedermann waren. Sobald Anna von Oeſterreich ſich entfernt hatte, erhob ſich Mazarin mit großer Anſtrengung gegen Col⸗ bert und ſagte: 3 „Nun, Colbert, das waren zwei unglückliche Tage! zwei tödtliche Tage, und Du ſiehſt, es iſt nichts von dort zurückgekehrt.“ 1 „Geduld, Monſeigneur,“ erwiederte Colbert. „Biſt Du ein Narr, Unglücklicher! Du räthſt mir 34 Geduld! Oh! wahrhaftig, Colbert, Du ſpotteſt meiner: ich ſterbe, und Du ſchreiſt mir zu, ich ſoll warten.“ „Monſeigneur,“ entgegnete Colbert mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Kaltblütigkeit,„es iſt unmöglich, daß die Dinge nicht gehen, wie ich geſagt habe. Seine Maje⸗ ſtät kommt, um Euch zu beſuchen, und ſie will Euch ſelbſt die Schenkung zurückbringen.“ „Du glaubſt? Ich bin im Gegentheil ſicher, daß Seine Majeſtät kommt, um mir zu danken.“ Anna von Oeſterreich kehrte in dieſem Augenblick zurück: ſie hatte auf dem Wege zu ihrem Sohne in einem Vorzimmer einen neuen Quackſalber getroffen. Es han⸗ delte ſich um ein Pulver, das den Cardinal retten ſollte. Anna von Oeſterreich brachte eine Probe von dieſem Pulver. 90 Aber das war es nicht, was Mazarin erwartete, er wollte es auch gar nicht anſchauen, und verſicherte, das Leben ſei nicht alle die Mühe werth, die man ſich gebe, um es zu erhalten.. Doch indeß er dieſes philoſophiſche Ariom aus⸗ ſprach, entſchlüpfte ihm ſein ſo lange zurückgehaltenes Geheimniß.„ „Madame,“ ſagte er,„das iſt nicht das Weſent⸗ liche bei der Lage der Dinge. Ich habe dem König ſchon vor zwei Tagen eine kleine Schenkung gemacht; aus Zartgefühl wollte Seine Majeſtät ohne Zweifel bis jetzt nicht darüber ſprechen; doch der Augenblick der Erklärungen iſt gekommen, und ich flehe Eure Majeſtät an, mir zu ſagen, ob der König einige Gedanken über dieſen Gegenſtand hat.“ Anna von Oeſterreich machte eine Bewegung, um zu antworten. Mazarin hielt ſie zurück und ſprach: „Die Wahrheit, Madame, im Namen des Himmels, die Wahrheit! ſchmeichelt nicht einem Sterbenden mit leerer Hoffnung.“ Hier hielt er inne, ein Blick von Colbert ſagte ihm, er ſei im Begriff, einen falſchen Weg einzuſchlagen. ☛ 5⁵ „Ich weiß,“ ſagte Anna von Oeſterreich, indem ſie die Hand des Cardinals ergriff, nich weiß, daß Ihr großmüthig, nicht eine kleine Schenkung, wie Ihr es ſo beſcheiden nennt, ſondern ein prachtvolles Geſchenk gemacht habt. Ich weiß, wie ſchmerzlich es Euch wäre, wenn der König...“ Mazarin horchte, ſo ſterbend er auch war, wie es zehn Lebendige nicht hätten thun können. „Wenn der König?“ wiederholte er. „Wenn der König,“ fuhr Anna von Oeſterreich fort,„nicht mit freudigem Herzen annähme, was Ihr ſo edelmüthig bietet.“ Mazarin ſank auf ſein Kopfkiſſen zurück, wie Pan⸗ talon, nämlich mit der ganzen Verzweiflung des Men⸗ ſchen, der ſich dem Schiffbruch überläßt; doch er behielt immer noch genug Kraft und Geiſtesgegenwart, um Colbert einen von jenen Blicken zuzuwerfen, welche Sonnette, das heißt, lange Gedichte werth ſind. „Nicht wahr,“ fügte die Koͤnigin bei,„Ihr hät⸗ tet die Weigerung des Königs als eine Art von Be⸗ leidigung betrachtet?“ Mazarin wälzte ſeinen Kopf auf dem Kiſſen hin und her, ohne eine Sylbe zu erwiedern. Die Königin täuſchte ſich, oder gab ſich den An⸗ ſchein, als täuſchte ſie ſich über die Bedeutung dieſer Geberde. „Ich habe ihn auch mit gutem Rath unterſtützt,“ fuhr ſie fort,„und da gewiſſe Geiſter, ohne Zweifel eiferſüchtig auf den Ruhm, den Ihr durch dieſe Groß⸗ muth erlangen werdet, dem Köoͤnig zu beweiſen trach teten, er müßte dieſe Schenkung ausſchlagen, ſo kämpfte ich zu Euren Gunſten, und zwar ſo gut, daß Ihr hof⸗ fentlich dieſer Unannehmlichkeit nicht ausgeſetzt ſein werdet.“ 1 „Ah!“ murmelte Mazarin mit verſcheidenden Aus gen,„ah! das iſt ein Dienſt, den ich während der we⸗ 56 nigen Stunden, die mir noch zu leben bleiben, nicht eine Minute vergeſſen werde.“ 5 „Ich muß übrigens ſagen,“ fuhr Anna von Oeſter⸗ reich fort,„ich habe dieſen Dienſt Eurer Eminenz nicht ohne Mühe geleiſtet.“ „Ahl Teufel! ich glaube es wohl. Oh! ohl!“ „Mein Gott! was habt Ihr denn?“ „Ich brenne.“ „Ihr leidet alſo ſehr?“ „Wie ein Verdammter.“ Colbert wäre gern unter den Boden verſchwunden. „Somit,“ ſagte Mazarin,„ſomit denkt alſo Eure Majeſtät, der König(er hielt einige Secunden inne), der König komme hieher, um mir ein wenig zu danken?“ „Ich glaube es...“ ſprach die Koͤnigin. Mazarin ſchmetterte Colbert mit ſeinem letzten Blick nieder. In dieſem Augenblick verkündigten die Huiſſiers den König in den mit Menſchen gefüllten Vorzimmern: dieſe Ankündigung brachte eine geräuſchvolle Bewegung hervor, welche Colbert benützte, um ſich durch die Thüre des Bettgangs wegzuſchleichen. Anna von Oeſterreich erhob ſich und erwartete ihren Sohn ſtehend. Lud⸗ wig XIV. erſchien auf der Schwelle, die Augen auf den Sterbenden geheftet, der ſich nicht einmal mehr die Mühe gab, ſich dieſer Majeſtät zu Liebe, von der er nichts mehr erwarten zu dürfen glaubte, zu rühren. Ein Huiſſier rollte einen Lehnſtuhl vor das Bett. Ludwig grüßte ſeine Mutter, dann den Cardinal, und ſetzte ſich. Die Königin ſetzte ſich ebenfalls. 4 Der König ſchaute zurück; der Huiſſier begriff die⸗ ſen Blick, machte ein Zeichen, und was von Höflingen an den Thürvorhängen geblieben war, entfernte ſich ſogleich.— Mit den Thürvorhängen ſiel das Stillſchweigen in as Gemach zurück. Noch ſehr jung und ſehr ſchüchtern vor demjeni⸗ 57 t gen, welcher ſeit ſeiner Geburt ſein Meiſter geweſen war, achtete der König dieſen noch mehr in der erha⸗ benen Majeſtät des Todes; er wagte es nicht, das Ge⸗ t ſpräch anzuknüpfen, denn er fühlte, jedes Wort müßte * eine Bedeutung nicht nur für die Dinge dieſer Welt, ſondern auch für die der andern haben. Der Cardinal hatte in dieſem Augenblick nur einen Gedanken: ſeine Schenkung. Es war nicht der Schmerz, was ihm die niedergeſchlagene Miene und den düſteren Blick verlieh; es war die Erwartung des Dankes, der 3 aus dem Munde des Koͤnigs kommen und jede Hoff⸗ e nung auf Wiedererſtattung kurz abſchneiden würde. 4 Mazarin brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte: 4„Eure Maſeſtät hat ihren Aufenthalt in Vincen⸗ nes genommen?“ f Ludwig machte ein Zeichen mit dem Kopf. 5 „Das iſt eine Huld, die ſie einem Sterbenden 3. gewährt, dem der Tod dadurch verſüßt wird,“ fuhr„ Mazarin fort. „Ich hoffe,“ erwiederte der König,„ich beſuche 4 nicht einen Sterbenden, ſondern einen der Heilung fä⸗ higen Kranken.“ 3 . Mazarin machte eine Bewegung, welche bedeutete: f„Eure Majeſtät iſt ſehr gut; doch ich weiß mehr r hierüber, als ſie.“) 51 r„Der letzte Beſuch, Sire, der letzte,“ ſagte der . Cardinal. .„Wenn dem ſo wäre, Herr Cardinal,“ ſprach Lud⸗ d wig XIV.,„ſo käme ich, um mich zum letzten Mal bei 5 einem Fuͤhrer Raths zu erholen, dem ich Alles zu v ⸗ danken habe.“ 3 3 Anna von Oeſterreich war Weib: ſie konnte ) ihrer Thränen nicht mehr erwehren. Ludwig zeigte ſelbſt ſehr bewegt, und Mazarin mehr noch, als ſeine n zwei Gäͤſte, doch aus anderen Gründen. Hier trat wieder ein Stillſchweigen ein. Die Königin trocknete 2 1 4 R 7 58 ihre Wangen, und Ludwig gewann mittlerweile wieder Feſtigkeit. „Ich ſagte, ich habe Eurer Eminenz viel zu ver⸗ danken,“ fuhr der König fort. 3 Die Augen des Cardinals verſchlangen Ludwig XIV., denn er fühlte den entſcheidenden Augenblick kommen. „Und,“ ſprach der König,„der Hauptgegenſtand meines Beſuches iſt ein aufrichtiger Dank für den letzten Beweis von Freundſchaft, den Ihr mir zuzuſen⸗ den die Güte hattet.“ Die Wangen des Cardinals wurden hohl, ſeine Lippen öffneten ſich leicht, und der kläglichſte Seufzer, den er je ausgeſtoßen, ſchickte ſich an, aus ſeiner Bruſt hervorzubrechen. „Sire,“ ſprach er,„ich werde meine arme Familie berauben, ich werde alle die Meinigen zu Grunde ge⸗ richtet haben; doch man wird wenigſtens nicht ſagen können, ich habe mich geweigert, meinem König Alles zu opfern.“ Anna von Oeſterreich fing wieder an zu weinen. „Mein lieber Mazarin,“ ſagte der König mit einem ernſteren Tone, als man von ſeiner Jugend hätte er⸗ warten ſollen,„Ihr habt mich ſchlecht verſtanden, wie ich ſehe.“ Mazarin erhob ſich auf ſeinen Ellenbogen. „Es handelt ſich hier nicht darum, Eure theure Familie zu Grunde zu richten oder Eure Diener zu berauben; oh! nein, das wird nicht geſchehen.“ „Ahl er will mir einen Brocken zurückgeben,“ dachte Mazarin,„wir wollen das größt mögliche Stück iehen.“ „Der König wird weich werden und den Groß⸗ nüthigen ſpielen,“ dachte die Königin,„doch wir wol⸗ n nicht zugeben, daß er ſich arm macht; eine ſolche Gelegenheit, Vermögen zu erlangen, wird ſich nie mehr eigen.“— 8 *„Sire,“ ſprach laut der Cardinal,„meine Familie u— iſt ſehr zahlreich, und meine Nichten werden jeder Un⸗ terſtützung beraubt ſein, wenn ich nicht mehr bin...“ „Ohl ſeid unbeſorgt wegen Eurer Familie, lieber Herr Mazarin,“ unterbrach ihn raſch die Königin,„wir werden keine koſtbareren Freunde haben, als Cure Freunde. Eure Nichten werden meine Kinder, die Schweſtern Seiner Majeſtät ſein, und wenn eine Gunſt in Frankreich ausgetheilt wird, ſo ſoll ſte denjenigen zufallen, welche Ihr liebt.“ „Rauch!“ dachte Mazarin, der beſſer als irgend Jemand wußte, wie weit man auf die Verſprechungen der Könige bauen darf. Ludwig las den Gedanken des Sterbenden in ſei⸗ nem Geſicht. „Beruhigt Euch, Herr von Mazarin,“ ſagte er mit einem unter ſeiner Ironie halbtraurigen Lächeln,„die Fräulein von Mancini werden, wenn ſie Euch verlie⸗ ren, ihr koſtbarſtes Gut verlieren; ſie werden aber dar⸗ um nicht minder die reichſten Erbinnen Frankreichs blei⸗ ben, und da Ihr die Güte haben wolltet, mir ihre Mitgift zu ſchenken...“ Der Cardinal keuchte, „So gebe ich ſie ihnen zurück,“ ſprach Ludwig, in⸗ dem er aus ſeiner Bruſt das Pergament zog und gegen das Bett des Cardinals ausſtreckte, das Pergament, das die Schenkung enthielt, welche ſeit zwei Tagen ſo viele Stürme im Innern von Mazarin erregt hatte. „Was ſagte ich Euch?“ murmelte im Bettgang eine Stimme, welche wie ein Hauch vorüberging. „Eure Majeſtät gibt mir meine Schenkung zurück!“ rief Mazarin, ſo ſehr von der Freude ergriffen, daß ſeine Wohlthäterrolle darüber vergaß. „Ja, Herr Cardinal, ja, Madame,“ antworte Ludwig XIV. und zerriß das Pergament, das Mazarin noch nicht zurückzunehmen gewagt hatte.„Ja, ich ver⸗ nichte dieſe Urkunde, welche eine ganze Familie beraub 60 Das Vermöͤgen, das Seine Eminenz in meinem Dienſt erworben hat, iſt ihr Vermögen und nicht das meinige.“ „Aber, Sire,“ rief Anna von Oeſterreich, nbedenkt Eure Majeſtät, daß ſie nicht zehntauſend Thaler in ih⸗ ren Kaſſen hat?“ „Madame,, ich habe meine erſte königliche Handlung vollbracht, und ich hoffe, ſie wird meine Regierung würdig einweihen.“ „Ah! Sire, Ihr habt Recht,“ rief Mazarin,„was Ihr gethan habt, iſt wahrhaft groß, wahrhaft edel⸗ müthig.“ Und er ſchaute, eines nach dem andern, die auf ſei⸗ nem Bett zerſtreuten Stücke der Urkunde an, um ſich zu überzeugen, man habe das Original und nicht eine Abſchrift zerriſſen. Endlich trafen ſeine Augen das Stück, worauf die Unterſchrift ſtand, und er warf ſich ganz ſtrahlend auf ſein Kiſſen zurück. Nicht ſtark genug, um ihr Bedauern zu verbergen, hob Anna von Oeſterreich ihre Augen und ihre Hände zum Himmel empor. „Ah! Sire,“ rief Mazarin,„ah! Sire, wie werdet Ihr geſegnet, wie werdet Ihr von meiner ganzen Fa⸗ milie geliebt ſein! per Baccho, wenn je bei Euch eine Unzufriedenheit durch die Meinigen erregt würde, fal⸗ tet die Stirne, und ich ſteige aus meinem Grabe herauf.“ Dieſe Pantalonade brachte nicht die ganze Wirkung hervor, auf welche Mazarin gerechnet hatte. Ludwig war ſchon zu Betrachtungen von erhabenerer Natur übergegangen, und Anna von Oeſterreich, welche nicht länger, ohne ſich dem Zorn zu überlaſſen, den ſie in hrem Innern kochen fühlte, ſowohl die Großmüthigkeit ihres Sohnes, als die Heuchelei des Cardinals ertragen onnte, ſtand auf und verließ das Zimmer, ohne ſich darum zu bekümmern, daß ſie hiedurch ihren Aerger veerrrieth. Mazarin durchſchaute Alles, und befürchtend, Lud⸗ wig XIV. könnte wieder von ſeinem Entſchluß abgehen, —* — 61 fing er an, um die Geiſter auf einen anderen Weg zu führen, ſo gewaltig zu ſchreien, wie es ſpäter Scapin in jenem herrlichen Scherz thun mußte, den der mür⸗ riſche, verdrießliche Boileau Molière zum Vorwurf ma⸗ chen wollte. Nach und nach wurden indeſſen die Schreie gelin⸗ der, und als Anna von Oeſterreich das Zimmer verlaſ⸗ ſen hatte, hörten ſie ganz auf. „Herr Cardinal,“ ſagte der König,„habt Ihr mir nun etwas zu empfehlen?“ „ Sire,“ antwortete Mazarin,„Ihr ſeid ſchon die Weisheit in Perſon, die Klugheit ſelbſt; was die Groß⸗ muth betrifft, ſo rede ich gar nicht davon, denn was Ihr ſo eben gethan habt, überſteigt Alles, was die großmüthigſten Menſchen des Alterthums und der neue⸗ ren Zeiten gethan haben.“ Der Koͤnig blieb kalt bei dieſem Lob. „Ihr beſchränkt Euch alſo auf Euren Dank, mein Herr, und Eure Erfahrung, welche noch viel bekannter iſt, als meine Weisheit, als meine Klugheit, als meine Großmuth, gibt Euch keinen freundſchaftlichen Rath ein, der mir in Zukunft nützlich ſein dürfte 24 Mazarin dachte einen Augenblick nach und ſprach n: „Ihr habt viel für mich, das heißt für die Meini⸗ gen gethan.“. „Schweigen wir hierüber.“ 4 „Run wohl!“ fuhr der Cardinal fort,„ich will Euch für die vierzig Millionen, die Ihr mir ſo könig⸗ lich überlaßt, einen andern Dienſt leiſten.“ Ludwig XIV. machte eine Bewegung, durch die er andeuten wollte, alle dieſe Schmeicheleien ſeien ihm unangenehm. „Ich will,“ ſagte Mazarin,„ich will Euch einen Rath geben, ja, einen Rath, der koſtbarer iſt, als dieſe vierzig Millionen.“— „Herr Cardinal!“ unterbrach ihn Ludwig XIV. dan 62 „Sire, hört dieſen Rath.“ „Ich höre.“ „Nähert Euch, Sire, denn ich werde ſchwächer... immer näher, Sire, immer näher.“— „Sire,“ ſagte Mazarin ſo leiſe, daß der Hauch ſei⸗ nes Wortes allein, wie eine Ermahnung aus dem Grabe, zu den aufmerkſamen Ohren des Königs gelangte, „Sire, nehmt nie einen erſten Miniſter an.“ Ludwig fuhr erſtaunt zurück. Der Rath war ein Geſtändniß, dieſe aufrichtige Beichte von Mazarin war in der That ein Schatz. Das Vermächtniß des Cardi⸗ nals für den König beſtand nur aus ſieben Worten; doch dieſe ſieben Worte waren, wie Mazarin geſagt hatte, vierzig Millionen werth. Ludwig blieb einen Augenblick wie betäubt. Ma⸗ zurin aber ſchien etwas ganz Natürliches geſagt zu haben. „Habt Ihr nun außer Eurer Familie mir irgend Jemand zu empfehlen, Herr von Mazarin?“ fragte der König. Man vernahm ein leiſes Kratzen an den Vorhängen des Bettganges. Mazarin begriff es. „Ja, ja,“ rief er lebhaft;„ja, Sire, ich empfehle Euch einen verſtändigen Mann, einen redlichen Mann, einen gewandten Mann.“ „Sagt ſeinen Namen, Herr Cardinal.“ „Sein Name iſt Euch beinahe noch unbekannt, Sire, es iſt der von Herrn Colbert, meinem Intendan⸗ ten. Ohl verſucht es mit ihm,“ fügte Mazarin mit ſtarkem Nachdruck bei.„Alles, was er mir vorherge⸗ ſagt hat, iſt in Erfüllung gegangen; er beſitzt Scharf⸗ blick und hat ſich nie in den Dingen, wie in den Men⸗ ſchen getäuſcht. Sire, ich bin Euch viel ſchuldig, aber ich glaube meine Schuld an Euch abzutragen, indem ich Euch Colbert gebe.“ „Es ſei,“ ſagte Ludwig gleichgültig, denn der Name von Colbert war ihm wirklich, wie dies Mazarin be⸗ 63 merkt hatte, völlig unbekannt und er hielt dieſe Begeiſte⸗ rung des Cardinals für das Delirium des Sterbenden. Der Cardinal war auf ſein Kiſſen zurückgefallen. .„Diesmal Gott befohlen, Sire, Gott befohlen,“ murmelte Mazarin...„Ich bin müde und habe noch einen ſauren Weg zu machen, ehe ich mich vor meinen „ neuen Herrn ſtelle. Lebet wohl, Sire.“ 4 2 Der junge König fühlte Thränen in ſeinen Augen. Er neigte ſich zu dem Sterbenden herab, der ſchon halb eine Leiche war, und entfernte ſich dann haſtig. üä IX. er 1 Die erſte Erſcheinung von Colbert. n Die ganze Nacht ging in gemeinſchaftlichen Bangig⸗ keiten für den Sterbenden und für den König hin: der n Sterbende erwartete ſeine Befreiung, der Koͤnig erwar⸗ 6 tete ſeine Freiheit. 1 Ludwig legte ſich nicht zu Bette. Eine Stunde, nachdem er das Zimmer des Cardinals verlaſſen, er⸗ t, fuhr er, daß der Sterbende, der wieder ein wenig zu it Kräften gekommen, ſich hatte ankleiden, ſchminken, käm⸗ 2, men laſſen, und daß er die Botſchafter empfangen 8 wolle. Auguſtus ähnlich, betrachtete er ohne Zweifel nl. die Welt wie ein großes Theater und wollte den letz⸗ eeeu Akt ſeiner Komoͤdie ſelbſt ſpielen.. 83 Anna von Oeſterreich erſchien nicht mehr beim 1 Cardinal; ſie hatte nichts mehr bei ihm zu thun. Die ne Schicklichkeit war ein Vorwand für ihre Abweſenheit; übrigens erkundigte ſich der Cardinal auch gar nicht 64 nach ihr: der Rath, den die Koͤnigin ihrem Sohn ge⸗ geben, war ihm im Gedächtniß geblieben. Gegen Mitternacht, während Mazarin noch ganz geſchminkt war, trat der Todeskampf ein. Er hatte ſein Teſtament noch einmal durchgeſehen, und da dieſes Teſtament der genaue Ausdruck ſeines Willens war, und er befürchtete, ein intereſſtrter Einfluß könnte ſeine Schwäche benützen, um etwas an dieſem Teſtament ändern zu laſſen, ſo hatte er das Loſungswort Colbert gegeben, welcher in dem Corridor, der nach dem Schlaf⸗ zimmer des Cardinals führte, wie die aufmerkſamſte Schildwache auf und ab ging. In ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, ſandte der König alle Stunden ſeine Amme nach der Wohnung von Ma⸗ zarin ab, mit dem Befehl, ihm das Bulletin der Krank⸗ heit des Cardinals zu bringen.. Nachdem er erfahren, Mazarin habe ſich ankleiden ſchminken und kämmen laſſen, und ſodann die Bot⸗ ſchafter empfangen, erfuhr Ludwig, man fange an die Sterbegebete fuͤr den Cardinal zu ſprechen. Um ein Uhr Morgens verſuchte Guénaud das letzte Mittel, das man ein heroiſches Mittel nannte. Es war ein Ueberreſt der alten Gewohnheiten jener wehrhaften Zeit, welche verſchwinden ſollte, um einer andern Zeit, Platz zu machen, daß man glaubte, man köͤnne gegen den Tod einen guten geheimen Stoß aufbewahren. Nachdem Mazarin das Mittel genommen, athmete er zehn Minuten lang. Sogleich gab er Befehl, aller Orten und auf der Stelle das Gerücht von einer glück⸗ lichen Kriſe zu verbreiten. Bei dieſer Kunde fühlte der König, wie ein kalter Schweiß ſeine Stirne befeuchtete; er hatte den Tag der Freiheit erſchaut, und die Skla⸗ verei kam ihm düſterer und minder annehmbar vor, als je. Doch das nächſte Bulletin änderte gänzlich das Angeſicht der Dinge. Mazarin athmete gar nicht mehr⸗ unde folgte nur mit großer Mühe den Gebeten, die 65 der Pfarrer von Saint⸗Nicolas⸗des⸗Champs bei ihm ſprach. Der König ging wieder in großer Aufregung in ſeinem Zimmer umher und durchlas, während er ging, mehrere Papiere, die er aus einer Kapſel genommen hatte, von der er allein den Schlüſſel beſaß. Die Amme kam zum dritten Mal zurück, Herr von Mazarin hatte ein Wortſviel gemacht, und ſeine Flora von Titian wieder zu firniſſen beſohlen. Endlich gegen zwei Uhr Morgens konnte der König der Müdigkeit nicht mehr länger widerſtehen, er ſchlief ſeit vierundzwanzig Stunden nicht. Der in ſeinem Alter ſo gewaltige Schlaf bemächtigte ſich ſeiner und beugte ihn auf eine Stunde nieder. Doch er legte ſich dieſe Stunde nicht zu Bette, ſondern ſchlief in einem Lehnſtuhl. Gegen vier Uhr kehrte die Amme in das Zimmer zurück und weckte ihn auf. „Nun?“ fragte der König. „Nun! mein lieber Sire,“ ſagte die Amme, mit einer Miene des Mitleids die Hände faltend,„nun, er iſt todt.“. Der König erhob ſich mit einem Male und als ob ihn eine Stahlfeder auf ſeine Beine geſchnellt hätte, und rief: 5 „Todt!“ „Ach! ja.“ „Iſt es ſicher?“ „Ja.“ „Officiell?“ „Ja.“* „Iſt es bekannt gemacht?“ „Noch nicht.“ „Aber wer hat Dir geſagt, der Cardinal ſei todt?“ „Herr Colbert. 4 4 „Herr Colbert?“ „Ja.“ 2 Die drei Musketiere. Bragelonne. II. 66 „Und er ſelbſt war deſſen, was er ſagte, ſicher?“ „Er kam eben aus dem Zimmer und hatte einige Minuten lang dem Cardinal einen Spiegel vor die Lippen gehalten.“ „Ah!“ machte der König;„und was hat Herr Col⸗ bert gethan?“ „Nachdem er das Zimmer Seiner Eminenz verlaſſen, iſt er mir gefolgt.“ „Somit iſt er...“ 1 „Hier, mein lieber Sire, und wartet vor Eurer Thüre, ob Ihr ihn zu empfangen geruhen werdet.“ Ludwig lief nach der Thüre, öffnete ſelbſt und er⸗ blickte Colbert, der wartend im Gang ſtand. Der König bebte beim Anblick dieſer ganz ſchwarz gekleideten Bildſäule. Colbert verbeugte ſich in tiefer Ehrfurcht und machte zwei Schritte gegen Seine Majeſtät. Ludwig kehrte in ſein Zimmer zurück und bedeutete Colbert durch ein Zeichen, er möge ihm folgen. Colbert trat ein; Ludwig entließ ſeine Amme, welche bei ihrem Abgang die Thüre ſchloß. Colbert blieb beſcheiden bei der Thüre ſtehen. „Was habt Ihr mir zu melden, mein Herr?° fragte Ludwig, ganz beklommen, daß man ihn ſo bei ſeinem geheimſten Gedanken ertappte, den er nicht ganz zu verbergen im Stande war. „Daß der Herr Cardinal verſchieden iſt, Sire, und daß ich Euch ſein letztes Lebewohl bringe.“ Der König blieb einen Augenblick nachdenkend. Während dieſes Augenblicks ſchaute er Colbert auf⸗ merkſam an; offenbar fiel ihm der letzte Gedanke des Cardinals ein. „Ihr ſeid Herr Colbert?“ fragte er. „Ja, Sire.“ Eminenz ſelbſt geſagt hat?“ 8 „Ja, Sire.“ „Ein treuer Diener Seiner Eminenz, wie mir Seiie ner me 67 her Bewahrer eines Theils ſeiner Geheimniſſe?“ „Aller.“ „Die Freunde und Diener der verſtorbenen Emi⸗ nenz werden mir theuer ſein, mein Herr, und ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihr in meinen Bureaux an⸗ geſtellt werdet.“ Colbert verbeugte ſich. „Ihr ſeid, glaube ich, Finanzmann, mein Herr?“ „Ja, Sire.“ „Und Ihr wurdet vom Herrn Cardinal bei der Verwaltung ſeiner Güter verwendet?“ „Ich habe dieſe Ehre gehabt, Sire.“ „Nicht wahr, Ihr habt nie perſönlich etwas für mein Haus gethan?“ „Verzeiht, Sire; ich habe das Glück gehabt, dem Herrn Cardinal die Idee einer Erſparniß zu geben, welche dreimalhunderttauſend Franken jährlich in die Kaſſen Seiner Majeſtät bringt.“ „Welche Erſparniß,⸗ mein Herr?“ ſragte Ludwig XIV. „Eure Majeſtät weiß, daß die hundert Schweizer filberne Spitzen auf jeder Seite ihrer Bänder haben?“ „Allerdings.“ „Sire, ich habe vorgeſchlagen, an dieſe Bänder Spitzen von falſchem Silber zu ſetzen; das fällt nicht auf, und mit hunderttauſend Thalern ernährt man ein Semeſter lang ein Regiment, oder man bezahlt damit zehntauſend gute Musketen, oder ſie bilden den Werth einer Flüte, welche in See zu gehen bereit iſt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Ludwig XIV., indem er Colbert aufmerkſamer betrachtete;„meiner Treue, das iſt eine gut angebrachte Erſparniß, und es war über⸗ dies lächerlich, daß Soldalten dieſelbe Spitze trugen, wie adelige Herren.“ „Ich fühle mich ſehr glücklich, die Billigung Eurer Majeſtät zu erhalten.“ „War dies das einzige Geſchäft, das Ihr beim Cardinal hattet?“ fragte der König. 68 „Seine Eminenz hatte mich beauftragt, die Rech⸗ nungen der Oberintendanz zu prüfen, Sire.“ „Ah!“ ſagte Ludwig XIV., der eben Colbert ent⸗ laſſen wollte, und dem dieſes Wort auffiel;„ah! Seine Eminenz hatte Euch beauftragt, Herrn Fouquet zu con⸗ troliren. Und der Erfolg dieſer Controle?“ „Iſt, daß ein Deſicit ſtattfindet, Sire; doch wenn Eure Majeſtät mir gnädigſt erlauben wollte...“ „Sprecht, Herr Colbert.“. 1„Ich muß Eurer Majeſtät einige Erläuterungen geben.“ „Keineswegs, mein Herr, Ihr habt dieſe Rechnungen controlirt, nennt mir den Auszug.“ „Das wird leicht ſein, Sire... Alles leer, nir⸗ gends Geld.“ „Nehmt Euch in Acht, mein Herr, Ihr greift auf eine harte Weiſe die Geſchäftsführung von Herrn Fou⸗ quet an, welcher, wie ich habe ſagen hören, ein ge⸗ ſchickter Mann iſt.“ Colbert erröthete und erbleichte, denn er fühlte, daß er von dieſem Augenblick in den Kampf mit einem Mann trat, deſſen Macht beinahe der Macht des ſo eben Verſtorbenen die Wage hielt. „Ja, Sire, ein ſehr geſchickter Mann,“ wiederholte Colbert ſich verbeugend.„Aber wenn Fouquet ein ge⸗ ſchickter Mann iſt und wenn trotz dieſer Geſchicklichkeit das Geld mangelt, an wem liegt der Fehler?“ „Ich klage nicht an, Sire, ich behaupte.“ „Es iſt gut; macht Eure Rechnungen und legt ſie mir vor. Ihr ſagt, es finde ein Deficit ſtatt? Ein Deſicit kann vorübergehend ſein; der Credit kehrt zurück, die Gelder laufen wieder ein.“ Colbert ſchüttelte ſeinen dicken Kopf. feine Einkünfte mehr ſind?“ „Ja, Sire, ſo ſehr.“ „Wie iſt es denn?“ ſagte der König;„ſind die Staatseinkünfte ſo ſehr mit Schulden beladen, daß es d 69 Der König machte eine Bewegung. „Setzt mir das auseinander, Herr Colbert.“ „Eure Majeſtät ſpreche klar ihren Gedanken aus und ſage mir, was ſie erklärt haben will.“ „Ihr habt Recht, Klarheit, nicht wahr?“ „Ja, Sire, Klarheit. Gott iſt hauptſächlich Gott, weil er das Licht gemacht hat.“ „Nun! zum Beiſpiel,“ ſprach Ludwig XIV.,„wenn ich heute, da der Herr Cardinal geſtorbelt iſt und ich nun König bin, Geld haben wollte?“ „Eure Majeſtät würde keines bekommen.“ „Ahl das iſt ſeltſam, mein Herr; wie, mein Ober⸗ intendant, ein geſchickter Mann, Ihr ſagt es ſelbſt, mein Oberintendant würde kein Geld für mich finden?“ „Nein, Sire.“ „Auf dieſes Jahr vielleicht, das begreife ich, doch auf das nächſte?“ „Das nächſte Jahr iſt ebenſo kahl aufgezehrt, als das laufende.“ „Aber das Jahr nachher?“ „Wie das nächſte Jahr.“ „Was ſagt Ihr da, Herr Colbert?⸗ „Ich ſage, daß vier Jahre zum Voraus verpfän⸗ det ſind.“. „Dann macht man ein Anlehen.“ „Man hat ſchon drei gemacht.“ „Ich ſchaffe Stellen, um ſie abtreten zu laſſen, und man caſſirt das Geld der Aemter ein.“ „Unmöglich, Sire, denn man hat Aemter auf Aemter geſchaffen und die 70 Der König faltete die Stirne. „Es mag ſein,“ ſagte er,„ich werde die Anwei⸗ ſungen einziehen, um von den Trägern einen Nachlaß, eine billige Liquidation zu erzielen.“ „Unmöglich, denn die Anweiſungen ſind in Zettel verwandelt worden, welche Zettel man zur Bequemlich⸗ keit der Uebertragung und zur Erleichterung des Ver⸗ „kehrs in ſo viele Theile zerſchnitten hat, daß ſich kaum mehr das Original erkennen läßt.“ Der König ging, immer die Stirne gefaltet, ſehr unruhig im Zimmer auf und ab. „Aber, Herr Colbert,“ fuhr er, plötzlich ſtille ſtehend, fort:„wenn dem ſo wäre, wie Ihr ſagt, ſo wäre ich zu Grunde gerichtet, ehe ich zu regieren angefangen?“ „Ihr ſeid es in der That, Sire,“ erwiederte der unempfindliche Zahlenmann. ſe 2 ber, mein Herr, das Geld muß doch irgendwo ein?“ „Ja, Sire, und um anzufangen, bringe ich Eurer Majeſtät eine Note von Geldern, die der Herr Cardi⸗ nal Mazarin weder in ſeinem Teſtament, noch in einer andern Urkunde aufführen wollte, die er aber mir an⸗ vertraut hat.“ „Euch? ſtät zu übergeben.“ „Wie? außer den vierzig Millionen des Teſta⸗ ments?“ „Ja, Sire.“ „Herr von Mazarin hatte noch andere Fonds?“ Colbert verbeugte ſich. „Dieſer Menſch war alſo ein Abgrund!“ murmelte der König;„Herr Mazarin einerſeits, Herr Fouquet leer ſind.“ Colbert wartete, ohne ſich zu ruͤhren. andererſeils; mehr als hundert Millionen vielleicht für Beide; es wundert mich nicht mehr, daß meine Kaſſen „Ja, Sire, mit dem Auftrag, ſie Eurer Maje⸗ „ 71 „Und die Summe, die Ihr mir bringt, lohnt es ſich der Mühe?“ fragte der König. „Ja, Sire, die Summe iſt ziemlich rund.“ 1ß,„Sie belauft ſich?“ tel 4„Auf dreizehn Millionen Livres, Sire.“ „Dreizehn Millionen!“ rief Ludwig XIV. bebend 5 vor Freude;„Ihr ſagt dreizehn Millionen, Herr 63 Colbert?“ um„Ja, Eure Majeſtät, ich habe geſagt dreizehn 3 hr Millionen.“ hr„Von denen kein Menſch etwas weiß?“ d„Von denen kein Menſch etwas weiß.“ ich„Die in Euren Händen ſind?“ 2 ⁰h.„In meinen Händen, ja, Sire.“ der„Und die ich haben kann?“ „In zwei Stunden. „Aber wo ſind ſie denn?“— o.„Im Keller eines Hauſes, das der Herr Cardinal in der Stadt beſaß und mir durch eine beſondere Clau⸗ rer ſel ſeines Teſtaments zu hinterlaſſen die Güte gehabt hat.“ die„Ihr kennt alſo das Teſtament des Cardinals?“ „Ich habe ein von ſeiner Hand unterzeichnetes an⸗ Duplicat.“ „Ein Duplicat?“ „Ja, Sire, hier iſt es.“ die Colbert zog ganz einfach die Urkunde aus ſeiner Taſche und zeigte ſie dem König. ſta⸗ Der König las den auf die Schenkung des Hauſes bezüglichen Artikel und ſagte dann: „„Aber es iſt hier nur vom Haus die Rede, und nirgends wird des Geldes erwähnt?“ 5 „Verzeiht, Sire, das ſteht in meinem Gewiſſen. elte 1„Und Herr von Mazarin hat ſich auf Euch ve ſuet laſſen?“ 1 „Warum nicht, Sire?“ „Er, der vorzugsweiſe mißtrauiſche Mann!“ 72 „Er war es nicht gegen mich, Sire, wie Eure Majeſtät ſehen kann.“ Der König heftete mit Bewunderung ſeinen Blick auf dieſen gemeinen, aber ausdrucksvollen Kopf. „Ihr ſeid ein ehrlicher Mann, Herr Colbert,“ ſprach der König. „Das iſt keine Tugend, Sire, es iſt eine Pflicht,“ erwiederte Colbert mit kaltem Tone. „Aber gehört dieſes Geld nicht der Familie?“ fuhr Ludwig XIV. fort. „Gehörte dieſes Geld der Familie, ſo wäre es im Teſtament des Cardinals, wie ſein übriges Vermögen, aufgeführt. Gehörte dieſes Geld der Familie, ſo hätte ich, der ich die zu Gunſten Eurer Majeſtät errichtete Schenkungsurkunde abgefaßt habe, die Summe von dreizehn Millionen der von vierzig Millionen beige⸗ fügt, die man Euch ſchon anbot, Sire.“ „Wie!“ rief Ludwig XIV.,„Ihr habt die Schen⸗ kung abgefaßt, Herr Colbert?“ „Ja, Sire.“ 3 „Und der Cardinal liebte Euch?“ fügte der König naiv bei.“ „Ich hatte mich bei Seiner Eminenz dafür ver⸗ bürgt, Eure Majeſtät würde die Schenkung nicht an⸗ nehmen,“ ſagte Colbert mit dem von uns erwähnten ruhigen Ton, der im gewöhnlichen Leben ſogar etwas Feierliches halte. Ludwig fuhr mit der Hand über ſeine Stirne und murmelte ganz leiſe: „Ohl wie jung bin ich, um den Menſchen zu be⸗ fehlen!“ 7 4 Colbert wartete das Ende dieſes inneren Monologs ab und fragte dann: „u welcher Stunde ſoll ich Eurer Majeſtät das Geld ſchicken?“ Niemand erfahre, ich beſitze dieſes Geld.“ „SHeute Nacht um eilf Uhr. Es iſt mein Wunſch, 4 — mn/ RN 73 Colbert antwortete nicht mehr, als wenn gar nichts zu ihm geſagt worden wäre.. „Beſteht dieſe Summe in Stangen oder in ge⸗ prägtem Gold?“ „In geprägtem Gold, Sire.“ Gut.“ „Gut. „Wohin ſoll ich ſie ſchicken?“ „In den Louvre. Meinen Dank, Herr Colbert.“ Colbert verbeugte ſich und ging ab. „Dreizehn Millionen!“ rief Ludwig XIV., als er allein war;„das iſt ein Traum!“ Dann ließ er ſeine Stirne in ſeine Hände fallen, als ob er wirklich ſchliefe. Doch nach einem Augenblick erhob er den Kopf, ſchüttelte ſein ſchönes Haar, ſtand auf, öffnete unge⸗ ſtüm das Fenſter und badete ſeine brennende Stirne in der lebhaften Morgenluft, die ihm den ſcharfen Geruch der Bäume und den ſüßen Duft der Blumen zuführte. Eine glänzende Morgenröthe ging am Horizont auf, und die erſten Strahlen der Sonne übergoßen mit ihrer Flamme die Stirne des jungen Königs. „Dieſe Morgenröthe iſt die meiner Regierung,“ ſprach Ludwig XIV.„Iſt es ein Vorzeichen, das Du mir ſchickſt, allmächtiger Gott?“ X. Der erſte Tag des Königthums von Ludmig XIV. Am Morgen verbreitete ſich die Nachricht vo Tod des Cardinals im Schloß und vom Schloß in der Ste Die Miniſter Fouquet, Lyonne und Letelline ver⸗ ſammelten ſich im Sitzungsſaal, um Rath zu halten. Der König ließ ſie ſogleich zu ſich rufen. „Meine Herren,“ ſagte er,„ſo lange der Herr Cardinal lebte, ließ ich ihn meine Angelegenheiten leiten: aber nun gedenke ich ſelbſt zu regieren. Ihr werdet mir Euren Rath geben, wenn ich ihn von Euch verlange. Geht!“ Die Miniſter ſchauten ſich erſtaunt an. Wenn ſie ein Lächeln verheimlichten, ſo geſchah dies mit großer Anſtrengung, denn ſie wußten, daß der Prinz, der in völliger Unkenntniß der Angelegenheiten aufgezogen worden war, hier eine für ſeine Kräfte viel zu ſchwere Laſt übernahm. Als Fouquet ſich von ſeinen Collegen auf der Treppe verabſchiedete, ſagte er zu ihnen: „Meine Herren, wir haben nun bedeutend weniger Geſchäfte.“ 1 Und er ſtieg ganz freudig in ſeinen Wagen. Die Anderen kehrten ein wenig unruhig über die Wendung, welche die Ereigniſſe nehmen dürften, mit einander nach Paris zurück. Der König begab ſich gegen zehn Uhr zu ſeiner Mutter, mit der er eine geheime Unterredung pflog; dann ſtieg er in einen geſchloſſnen Wagen und fuhr geraden Wegs nach dem Louvre. Hier empfing er viele Menſchen, und er fand ein großes Vergnügen daran, das Zogern Aller und die Neugierde jedes Einzelnen zu beobachten. Am Abend befahl er, die Pforten des Louvre zu ſchließen, mit Ausnahme einer einzigen, welche nach dem Quai ging. Hier ſtellte er als Schildwachen zweihundert Schweizer auf, welche nicht ein Wort Franzöſiſch ſprachen, mit dem Auftrag, Alles einzulaſſen, was ein Faß wäre, und nichts Anderes, und nichts hinauszulaſſen. Auf den Schlag elf Uhr hoͤrte er das Rollen eines „ 75 ſchweren Wagens unter dem Gewölbe, dann eines andern, dann eines dritten, wonach ſich das Gitter wieder mit dumpfem Tone auf ſeinen Angeln drehte und geſchloſſen wurde. Bald kratzte Jemand mit dem Nagel an der Thüre des Cabinets, der König öffnete ſelbſt, und er ſah Col⸗ bert, deſſen erſtes Wort es war: „Das Geld iſt im Keller Eurer Majeſtät.“ 4 Ludwig ging hinab und beſichtigte ſelbſt die Fäſſer mit Gold⸗ und Silberſtücken, welche unter dem Befehl 1 von Colbert vier vertraute Männer in ein Gewoͤlbe gewäͤlzt hatten, deſſen Schlüſſel Colbert am Morgen uͤbergeben worden war. Nachdem er dieſe Revue be⸗ endigt hatte, kehrte Ludwig in ſeine Gemächer zurück, gefolgt von Colbert, der ſeine ſtarre Kälte nicht durch . den geringſten Strahl perſönlicher Zufriedenheit erwärmt . hatte. „Mein Herr,“ ſagte der Koͤnig zu ihm,„was ſoll ich Fuch zum Lohn für dieſe Treue und Redlichkeit geben?“ t„Durchaus nichts, Sire.“ „Wie, nichts! nicht einmal die Gelegenheit, mir zu 5 dienen?“. 3„Wollte mir Eure Majeſtät dieſe Gelegenheit nicht 1 bieten, ſo würde ich ihr darum doch nicht minder dienen. e Es iſt mir unmöglich, nicht der beſte Diener Curer 3 Majeſtät zu ſein.“ ü1B.„Ihr ſollt Intendant der Finanzen ſein, Colbert.“ 5„Aber es gibt einen Oberintendanten, Sire.“ 3„Allerdings.“ „Sire, der Oberintendant iſt der mächtigſte Mann n des Königreichs.“ 4 t„Ah!“ rief Ludwig erröthend,„Ihr glaubt?“ „Er wird mich in acht Tagen zermalmen, Sir denn Eure Majeſtät gibt mir eine Controle, für w die Stärke, unerläßlich iſt. Intendant unter Oberintendanten iſt eine untergeordnete Stellung „— 76 „Ihr wollt Stützen... Ihr verlaßt Euch nicht auf mich!“ „Ich habe die Ehre gehabt, Eurer Majeſtät zu ſagen, zu Lebzeiten von Herrn von Mazarin ſei Herr Fouquet der zweite Mann des Reiches geweſen, nun aber, da der Cardinal todt, iſt Herr Fouquet der erſte geworden.“ 4 „Mein Herr, ich dulde es, daß Ihr mir heute Alles ſagt, doch bedenkt wohl, morgen werde ich es nicht mehr dulden.“ „Dann werde ich Eurer Majeſtät unnütz ſein.“ „Ihr ſeid es ſchon, da Ihr Euch mir dienend zu gefährden glaubt.“ „Ich befürchte nur, außer Standes zu ſein, Euch zu dienen.“ „Was wollt Ihr denn?“ „Eure Majeſtät gebe mir Gehülfen bei der Arbeit der Intendanz.“ 3 „Die Stelle verliert an ihrem Werth.“ „Sie gewinnt an Sicherheit.“ „Wählt Eure Collegen.“ „Die Herren Breteuil, Marin, Hervard.“u „Morgen ſoll die Ordonnanz erſcheinen.“ „Sire, ich danke.“ „Das iſt Alles, was Ihr verlangt?“ „Nein, Sire, noch Etwas.“ „Was?“ „Laßt mich eine Juſtizkammer bilden.“ „Wozu dieſe Juſtizkammer?“ „Um die Finanz⸗ und Domainenpächter zu richten, welche ſeit zehn Jahren Unterſchleif gemacht haben.“ „Was wird man ihnen thun?“ „Man henkt drei, und die Andern werden wieder ausgeben.“ „ ch kann doch meine Regierung nicht mit Hinrich⸗ ngen beginnen.“ —,—— 77 „Im Gegentheil, um ſie nicht mit Todesſtrafen zu beſchließen.“. Der König antwortete nicht. 5 „Eure Majeſtät willigt ein?“ fragte Colbert. „Ich werde es mir überlegen.“ „Es wird zu ſpät ſein, wenn Eure Majeſtät über⸗ legt hat.“ „Warum?“ „Weil wir es mit Leuten zu thun haben, welche ſtärker ſind, als wir, wenn ſie Kunde erhalten.“ „Bildet dieſe Juſtizkammer, mein Herr.“ „Ich werde es thun.“ „Iſt dies Alles?“ „Nein, Sire, noch etwas Wichtiges... welche Rechte verleiht Eure Majeſtät dieſer Intendanz?“ „Ich weiß nicht... es gibt Gebräuche... ein Herkommen.“ „Sire, dieſer Intendanz muß nothwendig das Recht zuſtehen, die Correſpondenz mit England zu leſen.“ „Unmöglich, mein Herr, denn aus dieſer Correſpon⸗ denz wird im Staatsrath ein Auszug gemacht, was der Herr Cardinal ſelbſt beſorgte.“ „Ich glaubte, Eure Majeſtät hätte dieſen Morgen erklärt, ſie würde keinen Rath mehr haben.“ „Ja, ich habe das erklärt.“ 3„Dann wolle Eure Majeſtät ſelbſt und ganz allein ihre Briefe leſen, beſonders die aus England; auf die⸗ ſen Punkt lege ich den größten Werth.“ „Mein Herr, Ihr ſollt dieſe Correſpondenz bekom⸗ men und mir darüber Bericht erſtatten.“ „Was werde ich nun bei den Finanzen zu thun haben, Sire?“ „Alles, was Herr Fouquet nicht thut.“ „Das iſt es, um was ich Eure Majeſtät bitten wollte. Ich danke und gehe ruhig.“ 8 Nach dieſen Worten ging er wirklich ab. Ludwig ſchaute ihm nach. Colbert war noch nicht hundert 78 Schritte vom Louvre entfernt, als der König einen Courier aus England erhielt. Nachdem der König den Umſchlag betrachtet, befühlt hatte, erbrach er ihn haſtig und fand vor Allem einen Brief von Karl II. Der engliſche Fürſt ſchrieb Folgendes an ſeinen königlichen Bruder: „Eure Majeſtät muß ſehr unruhig über die Krank⸗ heit des Herrn Cardinals von Mazarin ſein; doch die überaus große Gefahr kann Euch nur dienen. Der Cardinal iſt von ſeinem Arzt verurtheilt. Ich danke Euch für die huldreiche Antwort, die Ihr mir auf meine Mittheilung, Lady Henriette Stuart, meine Schweſter, betreffend, gegeben habt und in acht Tagen wird die Prinzeſſin mit ihrem Hofſtaat nach Paris abgehen. „Es iſt ſüß für mich, die väterliche Freundſchaft anzuerkennen, die Ihr mir bezeigt habt, und Euch noch mit mehr Recht meinen Bruder zu nennen. Es iſt mir beſonders ſüß, Eurer Majeſtät zu beweiſen, wie viel ich mich mit dem beſchäftige, was ihr angenehm ſein dürfte. Ihr laßt in der Stille Belle⸗Ile⸗en⸗Mer be⸗ feſtigen. Ihr habt Unrecht, nie werden wir mit einander Krieg führen. Dieſe Maßregel beunruhigt mich, be⸗ trubt mich.. Ihr gebt da unnöthig Millionen aus, ſagt das Curen Miniſtern und glaubt, daß meine Po⸗ lizei gut unterrichtet iſt; leiſtet mir eintretenden Falls dieſelben Dienſte, mein Bruder.“. Der König läutetet heftig, und ſein Kammerdiener erſchien. „Herr Colbert geht ſo eben von hier weg und kann nicht fern ſein. Man rufe ihn!“ Der Kammerdiener wollte den Befehl vollziehen, der König hielt ihn zurück. „Nein!“ ſagte er,„nein. Ich ſehe das ganze Ge⸗ webe dieſes Menſchen. Belle⸗Ile gehört Herrn Fouquet; Belle⸗Ile befeſtigt iſt eine Verſchwoͤrung von Herrn — —— — —— 79 Fouquet... Die Entdeckung dieſer Verſchworung iſt der Ruin des Oberintendanten, und dieſe Entdeckung geht aus der Correſpondenz mit England hervor; deshalb wollte Herr Colbert dieſe Correſpondenz haben. „Ohl ich kann nicht meine ganze Stärke auf die⸗ ſen Mann ſetzen; er iſt nur der Kopf, ich brauche den Arm.“ Ludwig ſtieß plötzlich einen Freudenſchrei aus. „Ich hatte einen Lieutenant der Musketiere,“ ſagte er zum Kammerdiener. „Ja, Sire, Herrn d'Artagnan.“ „Er hat für den Augenblick meinen Dienſt verlaſſen.“ „Ja, Sire.“ „Man ſuche ihn mir auf, und morgen bei meinem Lever ſei er hier.“ Der Kammerdiener verbeugte ſich und ging ab. „Dreizehn Millionen in meinem Gewölbe,“ ſagte dann der König;„Colbert wird meine Börſe und d'Artagnan mein Schwert führen: ich bin König!“ XI. Eine Leidenſchaft. Am Tage ſeiner Ankunft kehrte Athos, als er aus dem Palaſt wegging, nach ſeinem Hotel in der Rue Saint⸗Honoré zurück. Er fand hier den Vicomte von Bragelonne, der ihn in ſeinem Zimmer, mit Grimaud plaudernd, erwartete. Es war nichts ſo Leichtes, mit dem alten Diener zu plaudern; nur zwei Menſchen verſtanden dieſes Ge⸗ 80 il Ghrimaud ſelbſt ihn ſprechen zu machen ſuchte, d'Artaguck im Gegentheil, weil er Grimaud plaudern „Einer Expedition wegen?“ fragte Raoul. Grimaud antwortete den Kopf ſenkend:„Ja.“ „Wobei der Herr Graf Gefahren preisgegeben war?“ fragte Raoul.* Grimaund zuckte leicht die Achſeln, als wollte er ſagen: „Nicht zu viel, nicht zu wenig.“ „Aber was für Gefahren?“ fuhr Raoul fort. das Feuer und auf eine Muskete, welche an der Wand hing. „Der Herr Graf hatte dort alſo einen Feind?“ rief Raoul. 1 „Monk,“ antwortete Grimaud. „In der That,“ fuhr Raoul fort,„es iſt ſeltſam, daß mich der Herr Graf beharrlich als einen Neuling betrachtet und nicht an der Ehre oder der Gefahr ſol⸗ cher Händel Theil nehmen läßt.“ 3 Grimaund lächelte. In dieſem Augenblick kehrte Athos zurück. Der Wirth leuchtete ihm die Treppe herauf; Gri⸗ maud erkannte den Tritt ſeines Herrn und lief ihm entgegen, was das Geſpräch kurz abſchnitt. Doch Raoul war einmal im Zuge, auf die Bahn bei beiden Händen und ſagte: 3 thos zund d'Artagnan. Dem Erſteren gelagg Grimaud deutete auf einen Degen, er deutete auf des Fragens geführt, hielt er nicht inne; er nahm mit lebhafter, aber ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit den Grafen ——— 81 „Wie kommt es, mein Herr, daß Ihr eine gefahr⸗ volle Reiſe angetreten habt, ohne mir Lebewohl zu ſagen, ohne von mir die Hülfe meines Degens zu ver⸗ langen, von mir, der ich für Euch eine Stütze ſein ſollte, ſeitdem ich Kraft beſitze, von mir, den Ihr wie einen Mann erzogen habt? Ah! mein Herr, wollt Ihr mich der grauſamen Prüfung ausſetzen, Euch nie wie⸗ derzuſehen?“ „Wer hat Euch denn geſagt, Raoul, meine Reiſe ſei gefahrvoll geweſen?“ entgegnete ihm' der Graf, während er ſeinen Mantel und ſeinen Hut in die Hände von Grimaud niederlegte, welcher ihm den Degen los⸗ geſchnallt hatte. „Ich,“ ſagte Grimaud. „Und warum dies?“ rief Athos mit ſtrengem Tone. Grimaud gerieth in Verlegenheit; Raoul kam ihm zuvor und erwiederte für ihn: 3„Es iſt natürlich, daß mir dieſer gute Grimaud die Wahrheit über das ſagt, was Euch betrifft. Von wem ſolltet Ihr geliebt, unterſtützt werden, wenn nicht von mir?“ Athos erwiederte nichts. Er machte eine freund⸗ liche Geberde, auf welche ſich Grimaud entfernte, und ſetzte ſich dann in einen Lehnſtuhl, während Raoul vor ihm ſtehen blieb. „Immerhin iſt es gewiß,“ fuhr Raoul fort,„daß Eure Reiſe eine Expedition war, und daß Feuer und Schwert Euch bedroht haben.“ „Sprechen wir nicht mehr hievon, Vicomte,“ er⸗ wiederte Athos mit ſanftem Tone;„es iſt wahr, ich bin ſchnell aufgebrochen, doch der Dienſt von König Karl II. heiſchte dieſe plötzliche Abreiſe. Für Eure Un⸗ ruhe danke ich Euch, und ich weiß, daß ich auf Euch zählen kann... Es hat Euch in meiner Abweſenheit an nichts gemangelt, Vicomte?“ „Nein, Herr, ich danke.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. III. 6 ——— 83 große Gemüthsbewegung in mir veranlaßt. Ich erröthe, weil ich bewegt bin, nicht weil ich lüge. 2 „Es iſt mir bekannt, Raoul, daß Ihr nicht lügt.“ „Nein, Herr.“ „Ueberdies, mein Freund, hättet Ihr Unrecht; was ich Euch ſagen wollte...“ „Ich weiß es wohl, Herr; Ihr wolltet mich fragen, ob ich nicht in Blois geweſen ſei.“ „Ganz richtig.“ „Ich bin nicht dahin gegangen; ich habe ſogar G nicht einmal die Perſon geſehen, die ver meint.“ 1 Die Stimme von Raoul zitterte, als er dieſe Worte — 1 ſprach. Athos, der oberſte Richter in allen Dingen des Zartgefühls, fügte ſogleich bei: „Raoul, Ihr antwortet mit einem peinlichen Ge⸗ fühl; Ihr leidet.“ „Sehr, mein Herr; Ihr habt mir verboten, nach Blois zu gehen und Fräulein de la Vallière zu ſehen.“ Hier hielt der junge Mann inne; dieſer ſüße, ſo reizend auszuſprechende Name zerriß ſein Herz, während er ſeine Lippen liebkoſte. „Und ich habe wohl daran gethan, Raoul,“ ſprach r Athos raſch.„Ich war weder ein barbariſcher, noch ein ungerechter Vater; ich achte die wahre Liebe, aber ich denke für Euch an eine Zukunft... an eine uner⸗ meßliche Zukunft.. Eine neue Regierung wird wie eine Morgenröthe glänzen; der Krieg ruft den von rit⸗ terlichem Geiſt erfüllten König. Was dieſer helden⸗ müthige Eifer braucht, iſt eine Schaar von Officieren, die mit Begeiſterung den Streichen entgegenlaufen und, wenn ſie fallen: Es lebe der König! rufen, ſtatt: Gott en befohlen, mein Weib! zu ſchreien. Ihr werdet das be⸗ greifen, Raoul. So roh und hart Euch auch mein Urtheil erſcheinen mag, ſo beſchwöre ich Euch doch, m zu glauben und Eure Blicke von jenen erſten Juge n tagen abzuwenden, wo Ihr die Gewohnheit, zu lie annhunei, von jenen Tagen mit der Sorgloſigkei ——— 84 Su das Herz verweichlichen und es unfähig machen, jene ſtarken, bitteren Getränke zu ertragen, die man den Ruhm und das Mißgeſchick nennt. Ich wiederhole Euch, Raoul, erblickt in meinem Rath einzig und allein das Verlangen, Euch nützlich zu ſein, einzig und allein den— Ehrgeiz, Euch gedeihen zu ſehen. Ich halte Euch für fähig, ein merkwürdiger Mann zu werden; geht allein, Ihr werdet beſſer und raſcher gehen.“ „Ihr habt befohlen, mein Herr, und ich gehorche,“ erwiederte Raoul. „Befohlen!“ rief Athos,„antwortet Ihr mir ſo? Ich habe befohlen! Oh! Ihr verdreht meine Worte, wie Ihr meine Abſichten mißkennt: ich habe nicht be⸗ fohlen, ich habe gebeten.“ Nein, Herr, Ihr habt befohlen,“ entgegnete Raoul hartnäckig..„Doch hättet Ihr auch nur gebeten... Eure Bitte iſt noch wirkſamer, als ein Befehl. Ich habe Fräulein de la Valliéère nicht wiedergeſehen.“— „Aber Ihr leidet! Ihr leidet!“ rief Athos. 4 Raoul antwortete nicht. „Ich finde Euch bleich, ich finde Euch betrübt... Dieſes Gefühl iſt alſo ſehr ſtark?“ „Es iſt eine Leidenſchaft,“ erwiederte Raoul. „Nein... eine Gewohnheit.“ „Herr, Ihr wißt, daß ich viele Reiſen gemacht habe, daß ich zwei Jahre fern von hier geweſen bin... jede Gewohnheit kann ſich, glaube ich, in zwei Jahren löſen... Nun, bei meiner Rückkehr liebte ich, nicht 4 mehr, das iſt unmöglich, aber eben ſo ſehr. Fräulein de la Valliére iſt für mich die vorzugsweiſe Gefährtin; doch Ihr ſeid für mich Gott auf Erden..Euch werde ich Alles opfern.“ 5 „Ihr hättet Unrecht,“ ſagte Athos;„ich habe kein echt mehr auf Euch. Das Alter hat Euch emancipirt, ihr bedürft nicht einmal mehr meiner Einwilligung. 34 igens werde ich, nach Allem, was Ihr mir geſagt, die Einwilligung nicht verweigern. Heirathet alſo Fräu⸗ lein de la Balliére, wenn Ihr wollt.“ 8 Raoul machte eine Bewegung und erwiederte dann plötzlich: „Ihr ſeid ſehr gut, mein Herr, und Eure Erlaub⸗ niß erfüllt mich mit Dankbarkeit; doch ich werde ſie nicht annehmen.“ „Ihr ſchlagt es nun aus!“ „Ja, Herr.“ „Ich bin Ench dafür nicht erkenntlich, Raoul.“ „Aber Ihr habt im Grunde Eures Herzens etwas gegen dieſe Heirath.... Ihr habt ſie mir nicht gewaͤhlt.“ „Das iſt wahr.“ „Dies genügt, daß ich nicht darauf beharre, und ich werde warten.“ „Nehmt Euch in Acht, Raoul, was Ihr ſprecht, iſt ernſt.“ „Ich weiß es wohl, Herr, ich werde warten, ſage ich Euch.“ „Obſchon ich ſterbe?“ fragte Athos ſehr bewegt. „Ohl Herr!“ rief Naoul, mit Thränen in der Stimme,„iſt es möglich, daß Ihr mir ſo das Herz zerreißt, mir, der ich Euch keinen Grund zur Klage gegeben habe?“ „Liebes Kind, es iſt wahr,“ ſagte Athos, indem er heftig die Lippen zuſammenpreßte, um die Erſchüt⸗ terung zu bewältigen, der er bald nicht mehr Meiſter geworden wäre;„ich begreife nur nicht, worauf Ihr warten wollt... Wollt Ihr warten, bis Ihr nicht mehr liebt?" „Ahl was das betrifft, nein; ich werde darauf war⸗ ten, daß Ihr anderer Meinung werdet.“ „Ich will eine Proͤbe machen, Raoul, ich will ſehen, ob Fräulein de la Vallière wartet, wie Ihr.“ „Ich hoffe es, Herr.“ „Aber nehmt Euch in Acht, Raoul; wenn ſie nicht warten würde? Ahl Ihr ſeid ſo jung, ſo vertrauens voll, ſo redlich.. Die Frauen find ſo veränderli „Ihr habt mir nie Böſes von den Frauen geſagt, Herr; Ihr habt Euch nie über ſie zu beklagen gehabt; warum beklagt Ihr Euch über dieſelben gegen mich in Beziehung auf Fräulein de la Valliére.“ 3„Es iſt wahr,“ ſprach Athos, die Augen nieder⸗ ſchlagend,„nie habe ich Euch Böſes von den Frauen geſagt; nie habe ich mich über ſie zu beklagen gehabt; nie hat Fräulein de la Vallière einen Verdacht begründet; aber wenn man vorherſieht, muß man bis zu den Ausnah⸗ men, bis zu den Unwahrſcheinlichkeiten gehen! Wenn Fräu⸗ lein de la Vallière nicht auf Euch warten würde, ſage ich?“ „Wie ſo, Herr?“ 4 „Wenn ſie ihre Blicke nach einer andern Seite wenden würde?“ 8„Nach einem andern Mann, meint Ihr?“ fragte Raoul bleich vor Angſt. „So iſt es.“ „ich würde dieſen Mann toͤdten, und ſo alle Männer, welche Fräulein de la Vallière wählen wollte, bis einer von ihnen mich getödtet, oder bis Fräulein de la Val⸗ liere mir ihr Herz zurückgegeben hätte.“. 4 Athos bebte und ſprach mit dumpfem Ton: „Ich glaubte, Ihr hättet mich ſo eben Euren Gott, Euer Geſetz auf dieſer Welt genannt.“ „Oh!“ verſetzte Raoul zitternd,„würdet Ihr mir das Duell verbieten?“ „Wenn ich es Euch verböte?“ „So würdet Ihr mir zu hoffen verbieten, mein Herr, und Ihr würdet mir folglich nicht zu ſterben verbieten.“ Athos ſchlug die Augen zum Vicomte auf. Er ſprochen, den der düſterſte Blick begleitete. „Genug,“ ſagte Athos nach langem Stillſchweigen, genug über dieſen traurigen Gegenſtand, wobei wir „Nun, mein Herr,“ erwiederte Raoul ganz einfach,— hatte dieſe Worte mit einem düſtern Nachdruck ausge⸗ Beide übertreiben. Lebt von Tag zu Tag, Raoul; thut 4— 4 — 87 Euren Dienſt, liebt Fräulein de la Vallière, mit einem Wort, handelt wie ein Mann, da Ihr das Mannesalter 4 habt; vergeßt nur nicht, daß ich Euch zärtlich liebe, und daß Ihr mich zu lieben behauptet.“. „Ahl Herr Graf,“ rief Raoul, und drückte die Hand von Athos an ſein Herz. „Nun gut, liebes Kind, laßt mich allein, ich bedarf der Ruhe. Doch hört, Herr d'Artagnan iſt mit mir von England zurückgekommen; Ihr ſeid ihm einen Be⸗ ſuch ſchuldig.“ „Ich werde ihm dieſen Beſuch mit großer Freude machen, denn ich liebe Herrn d'Artagnan ſo ſehr!“ „Ihr habt Recht, er iſt ein redlicher Mann und ein braver Cavalier.“ „Der Euch liebt!“ rief Raoul, „Ich bin deſſen ſicher... Wißt Ihr ſeine Adreſſe?“ „Ich finde ihn im Louvre, im Palais Royal, überall, wo der König iſt. Commandirt er nicht die Musketiere?“ „Für den Augenblick nicht, Herr d'Artagnan iſt im Urlaub... er ruht aus... Sucht ihn nicht auf den Poſten von ſeinem Dienſt; Ihr werdet Nachricht von ihm bei einem gewiſſen Herr Planchet bekommen.“ „Bei ſeinem ehemaligen Lackei?“ „Ganz richtig, er iſt Gewürzkrämer geworden.“ A „Ich weiß es; in der Rue des Lombards.“ „Dergleichen, oder Rue des Arcis.“ „Ich werde ihn finden.“ „Ihr ſagt ihm tauſend zärtliche Dinge von mir und bringt ihn vor meiner Abreiſe nach la Fère zu mir zum Mittagsbrod.“ „Ja, Herr.“ „Guten Abend, Raoul.“ „Ah! Herr, ich ſehe einen Orden an Euch„ von dem ich nichts wußte; empfangt meine Glückwünſche.“ „Das goldene Vließ! es iſt wahr... eine Kla per, die nicht einmal mehr einen alten Knaben, wie ich bin, beluſtigt... Guten Abend Raoul.“"“ X. Die Lection von Herrn d'Artagnan. Raoul fand am andern Tag Herrn d'Artagnan nicht, wie er gehofft hatte. Er traf nur Planchet, der eine große Freude äußerte, als er den jungen Mann wiederſah, dem er ein paar kriegeriſche Complimente zu machen wußte, welche nicht ganz nach dem Gewürz⸗ krämer rochen. Als aber Raoul am zweiten Tag von Vincennes mit fünfzig Dragonern zurückkam, die ihm der Herr Prinz anvertraut hatte, erblickte er auf der Place Baudoyer einen Mann, der, die Naſe hoch, ein Haus anſchaute, wie man ein Pferd anſchaut, das man zu kaufen Luſt hat. Dieſer Mann, der einen bürgerlichen, aber wie ein militäriſches Wamms zugeknöpften Rock, einen kleinen Hut auf dem Kopf und einen mit Chagrin verzierten langen Degen an der Seite trug, wandte den Kopf ſo⸗ gleich um, als er den Tritt der Pferde hörte, und ſchaute das Haus nicht mehr an, um die Dragoner zu betrachten. 4 Es war ganz einfach Herr d'Artagnan; d'Artagnan zu Fuß; d'Artagnan die Hände auf dem Rücken, der die Dragoner ein wenig die Revue paſſiren ließ, nach⸗ 4 dem er die Gebäude in Augenſchein genommen hatte.. Kein Mann, kein Neſtel, kein Hufeiſen entging ſeiner Inſpection. Raoul marſchirte an der Seite ſeiner Truppe; d'Artagnan erblickte ihn zuletzt. 4. „Ei!“ machte er,„ei! Mordioux!“ 3 8„Ich täuſche mich nicht,“ rief Raoul und ſp nte ſein Pferd. 4 . — 4— — 89 „Nein, Du täuſcheſt Dich nicht; guten Morgen!“ erwiederte der Musketier. 4 Und Raoul drückte ſeinem alten Freund liebevoll die Hand. „Nimm Dich in Acht,“ ſagte d'Artagnan,„das zweite Pferd der fünften Reihe wird vor dem Pont Marie ein Hufeiſen verlieren; es hat nur noch zwei Nägel am rechten Vorderfuß.“ „Wartet auf mich,“ ſprach Raoul,„ich komme zurück.“ „Du verläſſeſt Deine Abtheilung?“ „Der Cornett kann meine Stelle einnehmen.“ „Du wirſt mit mir zu Mittag ſpeiſen.“ „Sehr gern, Herr d'Artagnan.“ „Dann geſchwinde, ſteige ab oder laß mir ein an⸗ deres Pferd geben.“ „Ich will lieber zu Fuß mit Euch zurückkehren.“ Raoul benachrichtigte ſchleunigſt den Cornett, der ſogleich ſeine Stelle einnahm, gab ſein Pferd einem der Dragoner und ergriff ganz freudig den Arm von Herrn d'Artagnan, der ihm bei allen ſeinen Evolutionen mit der Zufriedenheit eines Kenners zuſchaute. „Und Du kommſt von Vincennes?“ fragte er zuerſt. „Ja, Herr Chevalier.“ „Der Cardinal?“ „Iſt ſehr krank; man ſagt ſogar, er ſei geſtorben.“ „Stehſt Du gut mit Herrn Fouquet?“ fragte d'Artagnan, indem er durch eine verächtliche Bewegung der Achſeln bewies, daß ihn der Tod von Mazarin nicht übermäßig angriff. „Mit Herrn Fouquet?“ verſetzte Raoul.„Ich kenne ihn nicht.“ 9 „Deſto ſchlimmer, deſto ſchlimmer; denn ein neuer König ſucht ſich immer Ergebene zu machen.“ „Oh! der König iſt mir nicht abhold,“ entgegnete der junge Mann. „Ich ſpreche nicht von der Krone,“ ſagte d'Artag⸗ . nan,„ſondern vom König. Der Köͤnig iſt Herr Fou⸗ quet, nun da der Cardinal todt... Du mußt Dich gut mit Herru Fouquet ſtehen, wenn Du nicht Dein ganzes Leben ſchimmeln willſt, wie ich geſchimmelt habe. .. Du haſt allerdings glücklicher Weiſe andere Gönner.“ „Den Herrn Prinzen vor Allem.“ „Abgenützt, abgenützt, mein Freund.“ „Den Herrn Grafen de la Foͤre.“ „Athos! ohl das iſt etwas Anderes; ja, Athos... und wenn Du in England einen guten Weg machen willſt, kannſt Du keine beſſere Adreſſe haben. Ich darf ſogar ohne zu große Eitelkeit behaupten, daß ich ſelbſt einiges Anſehen beim Hof von Karl II. habe. Das iſt ein König, der gefällt mir.“ „Ah!“ machte Raoul mit der naiven Neugierde wohl geborener junger Leute, welche gern die Erfahrung und die Tapferkeit reden hören. f „Ja, ein König, der ſich beluſtigt, es iſt wahr, der aber das Schwert in die Hand zu nehmen und die erſprießlichen Namen zu ſchätzen gewußt hat. Athos ſteht gut mit Karl II. Nimm doart Dienſt, ſage ich Dir, und laß ein wenig dieſe knauſſeriſchen Steuerpächter, welche eben ſo gut mit franzöſtiſchen Händen, als mit italieniſchen Fingern ſtehlen; laß den kleinen weinerli⸗ chen König, der uns eine Regierung von Franz II. geben wird. Kennſt Du die Geſchichte, Raoul?“ „Ja, Herr Chevalier.“ „Du weißt alſo, daß Franz II. immer Ohrenweh hatte?“ „Nein, ich wußte das nicht!“ „Daß Karl IV. immer Kopfweh hatte?“ 4 „Und Heinrich III. immer Bauchweh?“ Raoul lachte. 3 „Nun! mein lieber Freund, Ludwig XIV. mer Herzweh; es iſt kläglich anzuſchauen, w 91 König vom Morgen bis zum Abend ſeußzt und nicht einmal im Tage: Alle Wetter! oder: Stern und Ele⸗ ment! oder irgend ſo etwas, was den Geiſt erweckt, ausruft.“ „Deshalb habt Ihr den Dienſt verlaſſen, Herr?“ fragte Raoul. „Ja. ℳ „Aber Ihr ſelbſt, lieber Herr d'Artagnan, Ihr ſchüttet das Kind mit dem Bade aus; Ihr werdet kein Glück machen.“ „Ohl ich,“ entgegnete d'Artagnan mit leichtem Ton,„ich bin verſorgt. Ich habe einiges Vermögen von Hauſe aus.“ Raoul ſchaute ihn an. Die Armuth von d'Artag⸗ nan war ſprüchwörtlich. Ein Gascogner, überbot er an Dürftigkeit alle Gasconnaden von Frankreich und Na⸗ varra;z Raoul hatte hundertmal Hiob und d'Artagnan nennen hören, wie man die Zwillingsbrüder Romulus und Remus nennt. D'Artagnan gewahrte dieſen Blick der Verwun⸗ derung. 2 „Nun! Dein Vatex wird Dir geſagt haben, daß ich in England geweſen bin?“ „Ja, Herr Chevalier.“ 1 ht zUnd daß ich dort einen glücklichen Fund gemacht abe?“ 8 „Nein, Herr, das wußte ich nicht.“ „Ja, einer meiner guten Freunde, ein ſehr vor⸗ nehmer Herr, der Vicekönig von Schottland und Irland, machte, daß ich eine Erbſchaft auffand.“ „Eine Erbſchaft?“ 3 „Ja, eine ziemlich runde.“ „Somit ſeid Ihr reich?“ „Nun...“ „Empfangt meine aufrichtigen Gluͤckwünſche.“ „Ich danke... Sieh, hier iſt mein Haus.“ „Auf der Gréève?“ 92 „Ja, Du liebſt dieſes Quartier nicht?“ „Im Gegentheil... das Waſſer iſt ſchön anzu ſchauen... Oh! das hübſche, alterthümliche Haus!“ „Das Bild Unſerer Lieben Frau, es iſt eine alte Schenke, die ich ſeit zwei Tagen in ein Haus verwandelt habe.“ „Aber die Schenke iſt immer noch offen?“ „Ja wohl!“ „Und Ihr, wo wohnt Ihr?“ „Ich wohne bei Planchet.?“ „Ihr ſagtet mir aber ſo eben: Sieh, hier iſt mein Haus.“ „Ich ſagte dies, weil es wirklich mein Haus iſt, denn ich habe es gekauft.“ „Ah!“ machte Raoul. „Zehn Procent, mein lieber Raoul; ein vortreff⸗ liches Geſchäft: ich habe das Haus um dreißigtauſend Livres gekauft; es hat einen Garten nach der Rue de la Mortellerie; die Schenke iſt mit dem erſten Stock um tauſend Livres vermiethet; der Speicher im zweiten Stock um fünfhundert Livres.“ „Geht doch!“ 8 „Ganz gewiß.“* „Ein Speicher um fünfhundert Livres? Das iſt ja nicht bewohnbar.“ 8 „Man bewohnt es auch nicht; doch Du ſiehſt, daß dieſer Speicher zwei Fenſter nach dem Platze hat.“ „Ja, Herr.“ „Nun wohl, ſo oft man rädert, hängt, viertheilt, oder verbrennt, werden dieſe Fenſter bis zu zwanzig Piſtolen vermiethet.“ „Oh!“ machte Raoul mit Abſcheu. „Nicht wahr, das iſt ekelhaft?“ ſagte d'Artagnan. „Oh!“ wiederholte Raoul. „Es iſt ekelhaft, aber es iſt ſo... Dieſe Pariſer Maulaffen ſind zuweilen wahre Menſchenfreſſer. Ich begreife nicht, daß Chriſten ſolche Speculationen machen können.“ 1 „Das iſt wahr.“ „Ich, was mich betrifft, verſchlöße, wenn ich dieſes Haus bewohnen würde, an Hinrichtungstagen Alles, bis auf die Schlüſſellöcher; aber ich bewohne es nicht.“ „Und Ihr vermiethet dieſen Speicher um fünfhun⸗ dert Livres?“ 1 „An den rohen Schenkwirth, der ihn wieder in Aftermiethe gibt... Ich ſagte alſo fünfzehnhundert Livres.“ „Das natürliche Intereſſe des Geldes, fünf Procent.“ „Ganz richtig. Es bleiben mir noch das hintere Hauptgebäude, Magazine, Wohnungen und Keller, welche jeden Winter unter Waſſer geſetzt ſind, zweihundert Livres, und der Garten, der ſehr ſchön, ſehr gut ange⸗ pflanzt, ſehr unter den Mauern und dem Schatten des Portals von Saint⸗Gervais⸗Saint⸗Protais verborgen iſt, dreizehnhundert Livres.“. „Dreizehnhundert Livres, oh! das iſt königlich.“ „Hoͤre die Geſchichte: Ich muthmaße, daß irgend ein Canonicus des Kirchſpiels(jeder dieſer Herren iſt ein Kröſus), ich muthmaße alſo, daß ein Canonicus des Kirchſpiels dieſen Garten gemiethet hat, um ſich darin zu erluſtigen. Der Miethsmann hat den Namen Go⸗ dard angegeben... Das iſt ein falſcher Name oder ein wahrer Name; iſt er wahr, ſo iſt es ein Canonicus; iſt er falſch, ſo iſt es ein Unbekannter; wozu ſoll ich das wiſſen? Er bezahlt immer zum Voraus... Ich hatte auch vorhin, als ich Dir begegnete, den Gedanken, ein Haus auf der Place Baudoyer zu kaufen, deſſen Hintertheile ſich mit meinem Garten verbinden ließen und ein herrliches Eigenthum bilden würden. Deine Dragoner haben mich von meinem Gedanken abge⸗ bracht. Doch laß uns den Weg durch die Rue de la Vann erie nehmen, und wir kommen gerade zu Meiſter Planchet.“ 3 94 D'Artagnan beſchleunigte ſeine Schritte, und führte wirklich Raoul zu Planchet in ein Zimmer, das der Specereihändler ſeinem ehemaligen Herrn abgetreten hatte. Planchet war Lßgeganden, doch das Mittagsbrod wurde aufgetragen. Es herrſchte bei dem Specereihändler noch kit lebsref von Regelmäßigkeit, von militäriſcher Pünkt⸗ ichkeit. D Artagnan brachte Raoul wieder auf das Kapitel ſeiner Zukunft. „Dein Vater hält Dich ſtreng,“ ſagte er. „Gerecht, Herr Chevalier.“. „Ohl ich weiß, daß Athos gerecht iſt, aber viel⸗ leicht zähe.“ „Eine königliche Hand, Herr d'Artagnan.“ „Ohne Umſtände, Junge; wenn Du einige Piſtolen brauchſt, ſo iſt der alte Musketier da.“ 8 „Lieber Herr d'Artagnan...“ „Du ſpielſt wohl ein wenig?“ „Nie.“ „Glück bei Frauen alſo?... Du errötheſt... Ohl kleiner Aramis! Mein Lieber, das koſtet noch mehr als das Spiel. Es iſt wahr, daß man ſich ſchlägt, wenn man verloren hat, und das iſt eine Ausgleichung. ... Bahl der kleine weinerliche König läßt die Leute, 5 welche vom Leder ziehen, Strafe bezahlen. Welche Re⸗ gierung, mein armer Raoul, welche Regierung. 8. Wenn man bedenkt, daß man zu meiner Zeit die Mus⸗ ketiere in den Häuſern belagerte, wie Hektor und Pria⸗ mus in der Stadt Troja; und dann weinten die Wei⸗ 4 ber, und dann lachten die Mauern, und fünfhundert Kerle klatſchten in die Hände und riefen: Schlagt todt! ſchlagt todt! wenn es ſich nicht um einen Officier han⸗ delte. Mordioux! Ihr Leute werdet das nicht ſehen. „Ihr urtheilt ſo ſtrenge über den König, Herr d'Artagnan, und Ihr kennt ihn kaum.“ „Ich! hoͤre, Raoul, Tag für Tag, Stun Stunde, merke Dir wohl meine Worte, ſage in 95 voraus, was er thun wird. Iſt der Cardinal todt, ſo wird er weinen; gut: das iſt das, was er am wenigſten Albernes thun kann, beſonders wenn er nicht an eine Thräne denkt.“ „Hernach?“ „Hernach wird er ſich eine Penſion von Herrn Fouquet ausſetzen laſſen, und in Fontainebleau Verſe für irgend eine Mancini machen, der die Königin die Augen ausreißt. Siehſt Du, die Königin iſt eine Spanierin und hat Frau Anna von Oeſterreich zur Schwiegermutter. Ich kenne das... die Spanier⸗ innen aus dem Hauſe Oeſterreich.“ „Hernach?“ „Hernach, wenn er den Schweizern die ſilbernen Borden hat abreißen laſſen, läßt er die Musketiere zu Fuß ſetzen, weil Hafer und Heu für ein Pferd täglich fünf Sous koſten.“ „Ohl ſagt das nicht.“ „Was liegt mir daran, nicht wahr, ich bin nicht mehr Musketier? Mag man zu Pferd oder zu Fuß ſein, mag man eine Spicknadel, einen Bratſpieß, einen Degen, oder gar nichts tragen, mir gleichviel!“ „Lieber Herr d'Artagnan, ich flehe Euch an, ſprecht nicht ſchlimm vom König. Ich bin gleichſam in ſeinem Dienſt, und mein Vater würde es mir ſehr verargen, wenn ich, ſelbſt aus Eurem Mund, für Seine Majeſtät beleidigende Worte angehört hätte.“ „Dein Vater!... Ei! das iſt ein Vertheidiger jeder wurmſtichigen Sache.. Bei Gott! ja, Dein Wete iſt ein Braver, ein Cäſar! aber ein Mann ohne i 4 „Ah! mein guter Chevalier,“ erwiederte Raoul lachend,„Ihr werdet wohl nun auch Böſes von meinem Vater, von dem Mann ſagen, den Ihr den großen Athos nanntet; Ihr ſeid heute in einer ſchlim⸗ men Laune, und der Reichthum macht Euch herb, wie andere Leute die Armuth.“ „Du haſt bei Gott Recht; ich bin ein Wicht und ſchwatze ungereimtes Zeug; ich bin ein unglücklicher alter Kerl, ein durchlöcherter Panzer, ein Stiefel ohne Sohle, ein Sporn ohne Rädchen; doch mache mir das Vergnügen, Raoul, ſprich etwas aus.“ 3 „Was, lieber Herr d'Artagnan?“ Sage: Mazarin war ein Lumpenkerl.“ Er iſt vielleicht todt.“. „Ein Grund mehr; ich ſage war; wenn ich nicht hoffte, er wäre todt, würde ich Dich bitten, zu ſagen: Mazarin iſt ein Lumpenkerl; ſage es, ich bitte Dich, mir zu Liebe.“ „Ich will es wohl.“ „Sprich alſo.“ „Mazarin war ein Lumpenkerl,“ ſagte Raoul, dem Musketier zulaͤchelnd, der ſich beluſtigte, wie in ſeinen ſchönen Tagen. 4 „Einen Augenblick Geduld,“ fuhr der Musketier fort.„Du haſt den erſten Satz ausgeſprochen, nun kommt der Schluß. Wiederhole, Raoul, wiederhole: aber ich werde Mazarin bedauern.“ „Cheyalier!“ „Du kannſt es nicht ſagen... ſo werde ich es zweimal für Dich ſagen.“ „Aber ich werde Mazarin bedauern!“ 2 1/ eines Glaubensbekenntniſſes, als einer von den Laden⸗ dienern des Spezereihändlers eintrat und ſagte: „Hier iſt ein Brief für Herrn d'Artagnan.“ „Ich danke... Laß ſehen!“ rief der Musketier. „Die Handſchrift des Herrn Grafen,“ ſprach Raoul. den rief. „Lieber Freund,“ ſchrieb Athos,„man hat mich im Auftrag des Königs gebeten, Euch ſuchen zu laſſen.“ den Tiſch fallen. Sie lachten noch und ſtritten über dieſe Abfaſſung „Ja, ja,“ ſagte d'Artagnan. Und er entſiegelte „Mich!“ rief d'Artagnan und ließ das Papier auf 8X — 97 Raoul hob es auf und las laut weiter: „Beeilt Euch... Seine Majeſtät fühlt ein großes Bedürfniß, Euch zu ſprechen, und erwartet Euch im Louvre.“ „Mich!“ wiederholte der Musketier. „Hel he!“ ſagte Raoul. „Hoho!“ rief d'Artagnan.„Was ſoll das be⸗ deuten?“ 3 XI. DNaer Künig. Als die erſte Bewegung des Erſtaunens vorüber war, las d'Artagnan noch einmal das Billet von Athos und ſagte dann: „Es iſt ſeltſam, daß mich der Koͤnig rufen läßt.“ „Warum?“ entgegnete Raoul,„glaubt Ihr nicht, der König müſſe den Verluſt eines Dieners, wie Ihr ſeid, bedauern?“ „Hoho!“ rief der Officier lachend,„wie kommt Ihr mir vor, Meiſter Raoul? Wenn der König mei⸗ nen Verluſt bedauert hätte, ſo würde er mich nicht haben gehen laſſen. Nein, nein, ich ſehe darin etwas Beſſeres oder Schlimmeres, wenn Ihr wollt.“ „Schlimmeres! was denn, Herr Ritter?“ „ Du biſt jung, Du biſt vertrauensvoll, Du biſt bewunderungswürdig... Wie gerne möͤcht ich noch ſo ſein, wie Du! Vierundzwanzig Jahre alt, die Stirne glatt, und das Gehirn leer von Allem, wenn nicht Die drei Musketiere, Bragelonne. 111. 7 4 98 von Frauen, von Liebe, oder von guten Abſichten. Ohl Raoul, ſo lange Du nicht das Lächeln der Könige und die Vertraulichkeiten der Königinnen empfangen haſt, ſo lange nicht unter Dir zwei Cardinäle, wovon der eine ein Tiger, der andere ein Fuchs, getödtet worden ſind, ſo lange dies nicht geſchehen iſt.... Doch wozu alle dieſe Albernheiten, wir müſſen uns trennen, Raoul.“ „Wie Ihr mir das ſagt! welche ernſte Miene!“ „Ei! die Sache lohnt ſich wohl der Mühe... Hoͤre mich an, ich habe Dir einen ſchönen Auftrag zu eben.“ b„Ich höre, lieber Herr d'Artagnan.“ „Du wirſt Deinen Vater von meiner Abreiſe in Kenntniß ſetzen.“ 4 „Ihr reiſt ab?“ 7„Bei Gott... Du ſagſt ihm, ich ſei nach Eng⸗ land gegangen, und bewohne mein kleines Luſthaus.“ „Nach England! Ihr!... Und die Befehle des Königs?“ „Du kommſt mir immer naiver vor: Du bildeſt Dir ein, ich werde mich nur ſo in den Louvre begeben und zur Verfügung dieſes gekrönten Wölfleins ſtellen!“ „Wölflein! der König! Aber, Herr Chevalier, Ihr ſeid verrückt.“ „Ich bin im Gegentheil nie ſo vernünftig geweſen: Du weißt alſo nicht, was dieſer würdige Sohn von Ludwig dem Gerechten mit mir wachen will? Mor⸗ diour! das iſt Politik.. Siehſt Du, er will mich ganz einfach in die Baſtille ſtecken laſſen.“ „Aus welchem Grund!“ rief Raoul erſchrocken über das, was er hörte. 3 „Aus dem Grund, daß ich ihm eines Tags in Blois geſagt habe. Ich bin lebhaft geweſen, er erinnert ſich deſſen.“ 5 3 „Was habt Ihr denn geſagt?“ — 99 „Er ſei ein Knauſer, ein Haſenherz, ein Einfalts⸗ vinſel.⸗ „Ah! mein Gott...“ rief Raoul,„iſt es mög⸗ lich 2 daß ſolche Worte aus Eurem Munde gekommen ſind?“ „Ich gebe Dir vielleicht nicht den Buchſtaben mei⸗ ner Rede, aber ich gebe Dir wenigſtens den Sinn derſelben.“ „Der König hätte Euch doch wohl auf der Stelle verhaften laſſen?“ 1 „Durch wen? Ich commandirte die Musketiere, er häͤtte mir müſſen den Befehl geben, mich ins Gefäͤng⸗ niß zu führen, und dazu hätte ich nie eingewilligt,... ich wäre mir ſelbſt widerſtanden... Und dann bin ich nach England gegangen, und ſomit kein d'Artagnan mehr... Heute iſt der Cardinal todt, oder beinahe todt. Man weiß, daß ich in Paris bin, und will mich packen.“ „Der Cardinal war alſo Euer Beſchützer?“ „Der Cardinal kannte mich; er wußte von mir gewiſſe beſondere Umſtände, ich wußte von ihm gewiſſe Umſtände: wir ſchätzten uns gegenſeitig.... Und dann wird er, indem er dem Teufel ſeine Seele überant⸗ wortete, Anna von Oeſterreich gerathen haben, mich an einem ſichern Ort wohnen zu laſſen. Suche alſo Deinen Vater auf, erzäͤhle ihm die Sache, und Gott befohlen!“ „Mein lieber Herr d'Artagnan,“ ſprach Raoul ganz bewegt, als er durch das Fenſter geſchaut hatte, „Ihr könnt nicht einmal mehr fliehen.“ „Warum denn?“ „Weil unten ein Offizier von den Schweizern iſt, der auf Euch wartet.“ „Nun!“ „Nun! er wird Euch verhaften.“ D Artagnan brach in ein homeriſches Geläͤchter aus. 100 „Ohl ich weiß wohl, daß Ihr Widerſtand leiſten, daß Ihr mit ihm kämpfen, daß Ihr Sieger ſein wer⸗ det; aber das iſt Aufruhr, und Ihr ſeid ſelbſt Officier und wißt, was die Disciplin bedeutet.“ „Teufelskind! wie erhaben, wie logiſch das iſt!“ brummte d'Artagnan.. „Nicht wahr, Ihr billigt meine Anſicht?“ „Ja. Statt durch die Straße zu gehen, wo die⸗ fer einfältige Tropf auf mich wartet, mache 9 mich ganz einfach durch das Hinterhaus aus dem ⸗Staub. Ich habe ein Pferd im Stall; es iſt gut; ich reite es zu Tode... meine Mittel erlauben es, und indem ich von Station zu Station ein Pferd zu Tode reite, komme ich in eilf Stunden nach Boulogne; ich weiß den We 3, Sage Deinem Vater nur noch Eines.“ as?“— 3 „Daß das Bewußte mit Ausnahme eines Fünftels 4 bei Planchet angelegt ſei, und daß...“ „Aber, mein lieber Herr d'Artagnan, nehmt Euch in Acht, wenn Ihr flieht, wird man Zweierlei ſagen..“ „Was?“ „Einmal, daß Ihr Angſt gehabt habet.“ „Wer wird das ſagen?“ „Der König zu allererſt.“ „Nun wohl!... er wird die Wahrheit ſagen, denn ich habe Angſt.“ „Sodann, daß Ihr Euch ſchuldig fühltet.“ „Schuldig 2 4 · „Der Verbrechen, die man Euch wird zur Laſt legen wollen.“ 1 „Das iſt abermals wahr... Und dann räthſt Du mir, mich in die Baſtille ſtecken zu laſſen?? „Der Herr Graf de la Fère würde es Euch rathen wie ich.“ „Ich weiß es, bei Gott! wohl,“ ſagte d'Artagnan träumeriſch;„Du haſt Recht, ich werde nicht fliehen. Doch wenn man mich in die Baſtille wirft?“ 101 „Wir bringen Euch wieder heraus,“ ſprach Raoul mit ruhiger Miene. „Mordioux!“ rief d'Artagnan, indem er ſeine Hand ergriff,„Du haſt das auf eine wackere Art geſagt, Raoul; das iſt ganz rein Athos. Nun wohll ich gehe. Vergiß mein letztes Wort nicht.“ „Mit Ausnahme eines Fünftels,“ ſagte Raoul. „Ja. Du biſt ein hübſcher Junge, und Du ſollſt Letzterem noch etwas beifügen.“ „Sprecht.“ „Daß, wenn Ihr mich nicht aus der Baſtille heraus⸗ bringt und ich darin ſterbe.. Oh! man hat das ge⸗ ſehen... Und ich wäre ein abſcheulicher Gefangener, ich, der ich ein leidlicher Menſch war... In dieſem Fall ſchenke ich drei Fünftel Dir, und das vierte deineen Vater.“ „Chevalier!“ „Mordiour! wenn Ihr mir wollt Meſſen leſen laſſen, ſo ſteht es Euch frei.“ Nach dieſen Worten nahm d'Artagnan das Wehr⸗ gehänge vom Haken, gürtete ein Schwert um, ergriff 4 einen Hut, deſſen Feder friſch war, und reichte die Hand Raonl, der ſich bewegt in ſeine Arme warf. Scobald er in der Bude war, ſchaute er die Laden⸗ burſche an, welche die Scene mit einem Stolz, in den ſich Unruhe miſchte, betrachteten; dann tauchte er die Hand in eine Kiſte, wvrin kleine Korinthen, und ging auf den Officier zu, der philoſophiſch vor der Laden⸗ thüre wartete. „Dieſe Züge! Seid Ihr es, Herr von Friediſch,“ rief heiter der Musketier, den Jargon des Schweizers nach⸗ ahmend.„Eil ei! wir verhaften alſo unſere Freunde?“ „Ich bin es,“ erwiederte der Schweizer mit ſeinem harten Accent.„Guten Morgen, Herr d'Artagnan.“ „Soll ich Euch meinen Degen geben? Ich ſage Euch zum Voraus, daß er lang und ſchwer iſt. Laßt ihn mir bis zum Louvre, ich bin ganz dumm, wenn ich — 2— 102 auf der Straße keinen Degen habe, und Ihr wäret noch dummer als ich, wenn Ihr zwei hättet.“ „Der König hat nichts davon geſagt,“ entgegnete der Schweizer;„behaltet alſo Euren Degen.“ „Ei! das iſt ſehr artig vom König. Gehen wir geſchwinde.“ Herr von Friediſch war kein Schwätzer, und d'Ar⸗ tagnan hatte zu viel zu denken, um es zu ſein. Vom Laden von Planchet bis zum Louvre war die Entfernung nicht groß, und man kam in zehn Minuten an Ort und Stelle. Es war Nacht. net Herr von Friediſch wollte durch das Pförtchen ein⸗ reten. „Nein,“ ſagte d'Artagnan,„Ihr würdet dadurch Zeit verlieren: wählt die kleine Treppe.“ Der Schweizer that, was ihm d'Artagnan empfahl, und führte ihn in die Flur des Cabinets von Lud⸗ wig XIV. Hier angelangt, verbeugte er ſich vor ſeinem Ge⸗ fangenen und kehrte, ohne etwas zu ſagen, an ſeinen Poſten zurück. D'Artagnan hatte nicht Zeit gehabt, ſich zu fragen, warum man ihm ſeinen Degen nicht abnehme, als die Thüre des Cabinets ſich öffnete und ein Kammerdiener: „Herr d'Artagnan!“ rief. trat, das Auge weit geöffnet, die Stirne ruhig, den Schnurrbart ſtarr, ein. Der König ſaß an ſeinem Tiſch und ſchrieb. Er ließ ſich nicht ſtoͤren, als der Tritt des Mus⸗ ketiers auf dem Boden erſcholl. Er wandte nicht einmal den Kopf um. D'Artagnan ging bis in die Mitte des Saals und drehte, da er wahrnahm, daß der König ihm gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, und da er zugleich ein⸗ ſah, daß dies Affectation, eine Art von ärgerlichem Ein⸗ gang zu der Erklärung war, die ſich vorbereitete, dem Fürſten den Rücken zu und ſing an mit allen ſeinen Der Musketier nahm ſeine Paradehaltung an, und 3 Augen die Fresken vom Karnieß und die Sprünge am Plafond zu beſchauen. Dieſes Manoeuvre war von einem kleinen ſtill⸗ ſchweigenden Monolog begleitet: „Ah! Du willſt mich demüthigen, Du, den ich ganz klein geſehen habe, Du, den ich wie mein Kind gerettet, Du, dem ich wie einem Gott gedient habe... das heißt umſonſt... Warte, warte, Du wirſt ſehen, was ein Mann vermag, der dem Cardinal, dem wahren Cardinal, das Hugenotten⸗Lied ins Geſicht gepfiffen hat!“ Ludwig XIV. wandte ſich in dieſem Augenblick um und fragte: „Ihr ſeid da, Herr d'Artagnan?“ D'Artagnan ſah die Bewegung, ahmie ſie nach und antwortete: „Zu Befehen, Sire.“ „Gut; wollt warten, bis ich addirt habe.“ D.Artagnan verbeugte ſich, ohne etwas zu erwiedern: „Das iſt ziemlich höflich und ich habe nichts da⸗ gegen zu bemerken,“ dachte er. Ludwig machte ungeſtüm einen Federzug und warf dann ſeine Feder zornig weg. „Gut, ärgere Dich, um in den Zug zu kommen,“ dachte der Musketier,„Du wirſt es mir bequem machen; es iſt auch gut, daß ich damals in Blois mein Herz nicht ganz ausgeleert habe.“ 1 Ludwig ſtand auf und fuhr mit der Hand über die Stirne: dann blieb er vor d'Artagnan ſtehen und ſchaute ihn mit einer zugleich gebieteriſchen und wohlwollenden Miene an. „Nun, was will er denn von mir? er mache ein Ende!“ dachte der Musketier. „Mein Herr,“ ſprach der König,„Ihr wißt vhn⸗ Zweifel, daß der Herr Cardinal geſtorben inte „Ich vermuihe es, Sire.“ 104 b„Ihr wißt folglich, daß ich Herr in meinem Hauſe in.“ „Das iſt nichts, was ſich vom Tod des Cardinals datirt, Sire: man iſt immer Herr in ſeinem Hauſe, wenn man will.“ „Ja, aber Ihr erinnert Euch alles deſſen, was Ihr mir in Blois geſagt habt?“ „Nun ſind wir dabei,“ dachte d'Artagnanz„ich täuſchte mich nicht. Ahl deſto beſſer, das iſt ein Zei⸗ chen, daß ich noch einen ziemlich guten Geruch habe.“ „Ihr antwortet mir nicht,“ ſagte Ludwig. „Sire, ich glaube mich zu erinnern.“ „Ihr glaubt nur?“ „Es iſt ſchon lange her.“ „Wenn Ihr Euch nicht mehr erinnert, ſo will ich Euer Gedächtniß auffriſchen. Ihr habt mir Folgendes gejagt, hört wohl.“ Oh! Sire, ich höre mit allen meinen Ohren, denn das Geſpräch wird wahrſcheinlich eine intereſſante Wen⸗ dung für mich nehmen.“ Ludwig ſchaute den Musketier noch einmal an; dieſer ſtreichelte die Feder ſeines Hutes, dann ſeinen Schnurrbart, und wartete unerſchrocken. Ludwig XIV. fuhr fort: „Ihr habt meinen Dienſt verlaſſen, mein Herr, nachdem Ihr mir die volle Wahrheit geſagt?“ „Ja, Sire.“ „Nämlich, nachdem Ihr mir Alles erklärt, was Ihr über meine Denk⸗ und Handlungsweiſe für wahr hieltet. Das iſt immerhin ein Verdienſt. Ihr finget damit an, ierundde din Jahren, und wäret müde.“ Das habe ich geſagt, Sire.“ „Und Ihr geſtandet ſodann, dieſe Müdigkeit ſei nur ein Vorwand, und die Unzufriedenheit ſei die wirk⸗ liche Urſache. 4 „Ich war in der That unzufrieden; doch dieſe Un⸗ daß Ihr mir ſagtet, Ihr dientet meiner Familie ſeit — 83 — zufriedenheit hat ſich nirgends, daß ich wüßte, verra⸗ then, und wenn ich als ein Mann von Herz laut vor Eurer Majeſtät ſprach, ſo dachte ich nicht einmal einem Andern gegenüber.“ „Entſchuldigt Euch nicht, Herr d'Artagnan, und hört mich weiter an. Als Ihr mir den Vorwurf machtet, Ihr wäret unzufrieden, erhieltet Ihr als Ant⸗ wort ein Verſprechen; ich ſagte Euch:„Wartet!““ Iſt das wahr?“ „Ja, Sire, wahr wie das, was ich Euch ſagte.“ „Ihr antwortetet mir:„„Später? nein. Sogleich, gut!.*.““ Entſchuldigt Euch nicht, ſage ich Euch... das war natürlich; doch Ihr hattet kein Mitleid mit Eurem Fürſten, Herr d'Artagnan.“ „Sire.. Mitleid! mit einem Koͤnig, von Seiten eines armen Soldaten!“ „Ihr verſteht mich nicht; Ihr wißt wohl, daß ich deſſen bedurfte; Ihr wißt, daß ich nicht der Herr war: Ihr wißt, daß ich die Zukunft in Ausſicht hatte; Ihr antwortetet mir aber, als ich von dieſer Zukunft ſprach: „„Meinen Abſchied, auf der Stelle!“ D Artagnan biß ſich auf den Schnurrbart und murmelte: „Das iſt wahr.“ „Ihr habt mir nicht geſchmeichelt, als ich in der Noth war,“ fügte Ludwig XIV. bei. „Sire,“ ſprach d'Artagnan, voll Adel das Haupt erhebend,„wenn ich Eurer Majeſtät nicht geſchmeichelt habe, als ſie arm war, ſo habe ich ſie doch auch nicht verrathen; ich habe mein Blut umſonſt vergoſſen; ich habe wie ein Hund vor der Thüre gewacht, während ich wohl wußte, daß man mir weder Brod noch Knochen zuwerfen würde. Ebenfalls arm, habe ich nichts ver⸗ langt als den Abſchied, von dem Eure Majeſtät ſpricht.“ „Ich weiß, daß Ihr ein braver Mann ſeid. Doch ich war ein junger Menſch, und Ihr mußtet mich ſcho⸗ nen... Was hattet Ihr dem König vorzuwerfen? 106 Daß er Karl II. ohne Beiſtand ließ? Sagen wir mehr, daß er Fräulein von Mancini nicht heirathete?“ Während der König dieſe Worte ſprach, heftete er einen tiefen Blick auf den Musketier. „Ah! ah!“ dachte der Letztere,„er erinnert ſich nicht nur, er erräth.. Teufel!“ „Euer Urtheil,“ fuhr Ludwig XIV. fort,„betraf den Koͤnig und betraf den Menſchen... Aber Herr d'Ar⸗ tagnan, dieſe Schwäche, denn Ihr betrachtet das als eine Schwäche!“ D'Artagnan antwortete nicht. „Ihr warft ſie mir auch in Beziehung auf den ver⸗ ſtorbenen Herrn Cardinal vor; der Herr Cardinal hat, indem er mich aufzog, unterſtützte, allerdings ſich ſelbſt unterſtützt, aber die Wohlthat bleibt am Ende immer eine Wohlthat... und hättet Ihr mich, wenn ich undankbar, ſelbſtſüchtig geweſen wäre, mehr geliebt, hättet Ihr mir eher und beſſer gedient?“ „Sire... „Sprechen wir nicht mehr hievon, mein Herr; es würde bei Euch zu viel Bedauern, bei mir zu viel Pein verurſachen.“ D'Artagnan war nicht überzeugt. Indem der junge Koͤnig gegen ihn einen ſtolzen Ton annahm, beſchleunigte er ſeine Angelegenheiten nicht. „Ihr habt ſeitdem überlegt?“ ſagte Ludwig XIV. „Was, Sire?“ fragte d'Artagnan mit höͤflichem Ton. „Alles, was ich Euch ſagte, mein Herr.“ „Ja, Sire... allerdings.“ „Und Ihr habt nur auf eine Gelegenheit gewartet, um auf Eure Worte zurückzukommen?“ „Sire... „Ihr zögert, wie mir ſcheint... „Ich begreife nicht ganz, was Eure Majeſtät zu ſagen mir die Ehre erweiſt.“.„ Ludwig faltete die Stirne. 3 S2r 107 „Wollt mich entſchuldigen, Sire; ich habe einen beſonders dicken Schädel. Die Dinge dringen nur ſchwer ein; es iſt wahr, wenn ſie einmal eingegangen ſind, bleiben ſie darin.“ „Ja, Ihr ſcheint mir Gedächtniß zu haben.“ „Beinahe ebenſo viel, als Eure Majeſtät.“ „Dann gebt mir ſchnell eine Löſung... Meine Zeit iſt koſtbar... Was macht Ihr, ſeitdem Ihr den Abſchied habt?“ „Mein Glück, Sire.“ „Das Wort iſt hart, Herr d'Artagnan.“ „Eure Majeſtät nimmt es ſicherlich von der ſchlim⸗ men Seite. Ich hege für den König nur die tiefſte Ehrfurcht, und wäre ich unhöflich, was ſich durch mein langes Leben in Feldlagern und in den Kaſernen ent⸗ ſchuldigen läßt, ſo ſteht Eure Majeſtät zu hoch über mir, um ſich durch ein einem Soldaten unſchuldig ent⸗ ſchlüpftes Wort beleidigt zu fühlen.“ „In der That, ich weiß, daß Ihr in England eine glänzende Handlung vollbracht habt, und ich bedaure — daß Ihr Eurem Verſprechen ungetreu geworden eid.“ „Ich?“ rief d'Artagnan. „Allerdings.. Ihr habt mir Euer Wort ver⸗ pfändet, daß Ihr, meinen Dienſt verlaſſend, keinem an⸗ dern Fürſten mehr dienen werdet... Ihr habt aber. für König Karl II. an der wunderbaren Entführung von Herrn Monk gearbeitet.“ „Verzeiht, Sire, für mich.“ „Das iſt Euch gelungen?“ „Wie den Kapitänen des fünfzehnten Jahrhunderts die Handſtreiche und die Abenteuer.“ 8 „Was nennt Ihr ein Gelingen? ein Glück?“ „Hunderttauſend Thaler, Sire, die ich beſitze: das iſt in einer Woche das Dreifache von Allem, was ich in fünfzig Jahren an Geld gehabt habe.“. ————— 108 „Die Summe iſt hübſch... Doch Ihr ſeid, wie ich glaube, ehrgeizig?“ „Sire, der vierte Theil kam mir als ein Schatz vor, und ich ſchwöre Euch, daß ich mein Vermögen nicht zu vermehren gedenke.“ „Ah! Ihr gedenkt müßig zu bleiben?“ „Ja, Sire.“* 5 „Den Degen niederzulegen?“ „Das iſt ſchon geſchehen.“ 4 „Unmöglich, Herr d'Artagnan,“ ſprach Ludwig ent⸗ ſchloſſen. „Aber, Sire... „Nun?“ „Warum?“ „Weil ich nicht will!“ ſagte der junge Fürſt mit ſo ernſtem, ſo gebieteriſchem Ton, daß d'Artagnan eine Bewegung des Erſtaunens, der Unruhe ſogar machte. „Wird mir Eure Majeſtät ein Wort der Erwiede⸗ rung erlauben?“ „ Sprecht.“ „Dieſen Entſchluß faßte ich, als ich noch arm und entblößt war.“ „Es mag ſein. Hernach?“ „Würde mich nun Eure Majeſtät heute, da ich mir durch meine Thätigkeit einen ſichern Wohlſtand erwor⸗ ben habe, meiner Freiheit berauben, ſo würde ſie mich zum Mindeſten verurtheilen, da ich das Meiſte gewon⸗ nen habe.“ „Mein Herr, wer hat Euch erlaubt, meine Abſich⸗ ten zu ergründen und mit mir zu rechnen?“ ſprach Ludwig beinahe mit zornigem Ton;„wer hat Euch ge⸗ ſagt, was ich thun werde, was Ihr ſelber thun werdet?“ „Sire,“ erwiederte ruhig der Musketier,„die Of⸗ fenherzigkeit iſt nach dem, was ich ſehe, nicht mehr auf der Ordnung des Geſprächs, wie an dem Tag, wo wir uns in Blois erklärten.“ 4 „Nein, mein Herr, Alles hat ſich verändert.“ 1— 109 „Ich drücke Eurer Majeſtät hierüber meine aufrich⸗ tigen Glückwünſche aus, aber...“ „Aber Ihr glaubt es nicht.“ „Ich bin kein großer Staatsmann, doch ich habe meinen Blick für die Angelegenheiten; es fehlt mir nicht an Sicherheit; ich ſehe aber die Dinge nicht ganz ſo an, wie Eure Majeſtät. Die Regierung von Mazarin iſt zu Ende, doch die der Finanzmänner beginnt. Sie haben Geld. Eure Majeſtät muß nicht oft haben. Unter der Tatze dieſer hungerigen Wolſe zu leben, iſt hart für ei⸗ anen Mann, der auf Unabhängigkeit rechnet.“ In dieſem Augenblick kratzte Jemand an der Thüre den Pabinsts; der König erhob ſtolz den Kopf und prach: „Verzeiht, Herr d'Artagnan, es iſt Herr Colbert, der mir einen Bericht erſtatten will. Kommt herein, Herr Colbert.“ D'Artagnan trat zurück. Colbert trat mit Papie⸗ ren in der Hand ein und ging auf den König zu. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß der Gascog⸗ ner dieſe Gelegenheit, ſeinen feinen, ſcharfen Blick auf die neue Erſcheinung, die ſich ihm bot, anzuwenden nicht verſäumte. „Man hat die Unterſuchung vorgenommen?“ „Ja, Sire.“ „Und was iſt die Meinung der Unterſuchungs⸗ richter?“ „Daß die Angeſchuldigten die Conſiscation und den Tod verdient haben.“ „Ah! ahl“ machte der Koönig, ohne eine Miene zu verziehen, während er einen ſchiefen Blick auf d'Artag⸗ nan warf. „Und was iſt Eure Anſicht, Herr Colbert?“ fragte der König.. Colbert ſchaute d'Artagnan ebenfalls an. Dieſes beengende Geſicht hielt das Wort auf ſeinen Lippen zurück. Ludwig XIV. begriff es und ſagte: 4₰ 110 „Seid unbeſorgt, es iſt Herr d'Artagnan: erkennt Ihr Herrn d'Artagnan nicht?“ 3 Die zwei Männer betrachteten ſich gegenſeitig; d'Artagnan mit offenem und flammendem Auge, Col⸗ bert mit bedecktem, argwöhniſchem Auge. Die offen⸗ herzige Unerſchrockenheit des Einen mißſiel dem An⸗ dern; die liſtige Bedachtſamkeit des Finanzmanns miß⸗ ſiel dem Soldaten. „ Ahl ahl es iſt der Herr, der den ſchönen Streich in England vollbracht hat,“ ſagte Colbert, und er grüßte d'Artagnan leicht. „Ah! ah!“ ſprach der Gascogner,„es iſt der Herr, der das Silber an den Borten der Schweizer benagt hat... Eine lobenswerthe Sparſamkeit!“— Und er machte eine tiefe Verbeugung. Der Finanzmann hatte den Musketier in Verle⸗ genheit zu bringen geglaubt, aber der Musketier durch⸗ brach gleichſam den Finanzmann. „Herr d'Artagnan,“ ſprach der König, der alle dieſe Nuancen, von denen Mazarin keine einzige ent⸗ gangen wäre, nicht bemerkt hatte,„es iſt von Steuer⸗ pächtern die Rede, welche mich beſtohlen haben; ich laſſe ſte aufhängen und bin im Begriff, ihr Todesurtheil zu unterzeichnen.“ D'Artagnan bebte. „Oh! oh!“ machte er. „Was ſagt Ihr?“ heit„Nichts, Sire, das ſind nicht meine Angelegen⸗ eiten.“ 3 3 Deer König hielt ſchon die Feder in der Hand und näherte ſie dem Papier.- „Sire,“ ſagte mit halber Stimme Colbert,„ich bemerke Eurer Majeſtät, daß, wenn ein Beiſpiel noth⸗ wendig iſt, dieſes Beiſpiel in der Vollſtreckung Schwie⸗ rigkeiten hervorrufen kann.“ „Wie beliebt?“ fragte Ludwig XIV. „Sire,“ antwortete Colbert ruhig,„wverbergt Euch 3 — 111 nicht, daß die Steuerpächter angreifen die Oberinten⸗ danz angreifen heißt. Die zwei Unglücklichen, die zwei Schuldigen ſind ſpecielle Freunde einer mächtigen Per⸗ ſon, und am Tag der Hinrichtung, das iſt nicht zu be⸗ zweifeln, werden ſich Unruhen erheben.“ 2 Ludwig erröthete und wandte ſich gegen d'Artag⸗ nan um, der ſachte an ſeinem Schnurrbart nagte, nicht ohne ein Lächeln des Mitleids für den armen Finanz⸗ mann, ſowie für den Koͤnig, welcher ihn ſo lange an⸗ hörte. Da ergriff Ludwig XIV. die Feder und ſetzte mit einer ſo raſchen Bewegung, daß ihm die Hand zitterte, ſeine zwei Unterſchriften unten an die Papiere, die ihm Colbert übergeben hatte; dann ſchaute er dem Letzteren ins Geſicht und ſagte: „Herr Colbert, wenn Ihr mir von Angelegenhei⸗ ten ſprecht, laßt häufig das Wort Schwierigkeit in Eu⸗ ren Urtheilen und Rathſchlägen aus; das Wort Un⸗ möglichkeit komme aber nie uͤber Eure Lippen.“ Colbert verbeugte ſich ſehr gedemüthigt, daß er dieſe Lection vor dem Musketier erhalten hatte; er war im Begriff, wegzugehen, aber begierig, die erlittene Nie⸗ derlage wieder gut zu machen, wandte er ſich noch ein⸗ mal um und ſprach: 4 „Ich vergaß, Eurer Majeſtät zu melden, daß ſich die Conſiscationen auf fünf Millionen Livres belaufen.“ „Das iſt hübſch,“ dachte d'Artagnan. A5„Somit belaufen ſich meine Kaſſen 2“ fragte der önig. 3 „Auf achtzehn Millionen Livres,“ antwortete Col⸗ bert ſich verbeugend. „Mordioux!“ brummelte d'Artagnan,„das iſt ſchön.“ „Herr Colbert,“ fügte der Koͤnig bei,„ich bitte, geht durch die Gallerie, wo Herr von Lyonne wartet, und ſagt ihm, er möge mir das bringen, was er auf meinen Befehl abgefaßt hat.“ 4** 112 „Auf der Stelle, Sire; Eure Majeſtät bedarf mei⸗ ner dieſen Abend nicht mehr?“ „Nein, mein Herr; guten Tag.“ Colbert ging hinaus. „Kommen wir auf unſere Angelegenheit zurück,“ ſprach Ludwig XIV., als ob nichts vorgefallen wäre; „Ihr ſeht, daß, was das Geld betrifft, ſchon eine be⸗ deutende Veränderung vorgegangen iſt.“ „Wie von Null auf achtzehn,“ erwiederte heiter der Musketier.„Ah! das hätte Eure Majeſtät an dem Tag haben müſſen, wo Seine Majeſtät König Karl II. nach Blois kam. Die zwei Staaten wären heute nicht entzweit, denn ich muß ſagen, auch hierin ſehe ich einen Stein des Anſtoßes.“ „Ah! mein Herr,“ entgegnete Ludwig,„Ihr ſeid vor Allem ungerecht, denn wenn die Vorſehung mir an jenem Tag meinem Bruder eine Million zu geben geſtattet hätte, ſo würdet Ihr meinen Dienſt nicht ver⸗ laſſen und folglich nicht Euer Glück gemacht haben, wie Ihr ſo eben ſagtet... Aber außer dieſem habe ich ein anderes Glück gehabt, und meine Entzweiung mit Großbritannien braucht Euch nicht beſorgt zu machen.“ Ein Kammerdiener unterbrach den König und meldete Herrn von Lyonne. „Tretet ein, mein Herr,“ ſagte der König,„Ihr ſeid pünktlich, und ſo muß ein guter Diener ſein. Laßt Euren Brief an meinen Bruder Karl II. ſehen.“ D'Artagnan ſpitzte die Ohren. „Einen Augenblick Geduld, mein Herr,“ ſagte Ludwig nachläſſig zu dem Gascogner;„ich muß nach London die Einwilligung zur Heirath meines Bruders, des Herzogs von Orleans, mit Lady Henriette Stuart ab⸗ gehen laſſen.“ „Er ſchlägt mich, wie es ſcheint,“ murmelte d'Ar⸗ tagnan, während der König dieſen Brief unterzeichnete und dann Herrn von Lyonne entließ;„doch, meiner Treue, 113 ich geſtehe, je mehr ich geſchlagen werde, deſto zufrie⸗ dener bin ich.“ Der König folgte mit den Augen Herrn von Lyonne, bis die Thüre hinter ihm geſchloſſen war; er machte ſogar drei Schritte, als hätte er ſeinem Miniſter folgen wollen. Doch nach dieſen drei Schritten blieb er ſtehen, ſchwieg einige Augenblicke und kehrte dann zu dem Mus⸗ ketier zurück. 3 „Nun wollen wir raſch ſchließen, mein Herr,“ ſprach Ludwig.„Ihr ſagtet mir damals in Blois, Ihr wäret nicht reich.“ 4 „Ich bin es jetzt, Sire.“ „Ja, aber das geht mich nichts an; Ihr habt Euer Geld, nicht das meinige, das iſt nicht meine Rechnung.“ „Sire, ich weiß nicht, was Eure Majeſtät ſagen will.“ „So ſprecht freiwillig, ſtatt Euch die Worte her⸗ ausziehen zu laſſen. Habt Ihr genug mit zwanzig⸗ tauſend Livres jährlich feſten Gehalt?“ „Aber, Sire...“ rief d'Artagnan, die Augen weit aufreißend. „Habt Ihr genug mit vier Pferden, die man Euch liefert und unterhält, und mit einem Zuſatz von Geldern, die Ihr nach Gelegenheit und Bedürfniß verlangen möget, oder zieht Ihr eine beſtimmte Summe, zum Beiſpiel vierzigtauſend Livres vor? Antwortet.“ „Sire, Eure Majeſtät...“ „Ja, Ihr ſeid erſtaunt, das iſt ganz natürlich, und ich habe es erwartet; antwortet, oder ich muß glauben, Ihr habet nicht mehr jene Raſchheit des Urtheils, die ich ſtets an Euch ſchätzte...“ „Es iſt wahr, Sire, zwanzigtauſend Livres jährlich find eine ſchöne Summe; aber..“ „Kein aber. Ja oder nein, iſt das eine anſtändige Entſchädigung?“ 4 Die drei Musketiere. Bragelonne. U. 8 114 „Ohl gewiß...“ „Ihr ſeid alſo damit zufrieden? Gut! gut! Es iſt übrigens beſſer, Euch die Nebenkoſten beſonders zu be⸗ zahlen; Ihr werdet das mit Colbert abmachen. Gehen wir nun zu etwas Wichtigerem über.“ „Aber, Sire, ich ſagte Eurer Majeſtät...“ „Daß Ihr ausruhen wolltet, ich weiß es wohl; nur antwortete ich Euch, ich wolle nicht... Ich bin der Herr, denke ich?“ „Ja, Sire.“ „Gut alſo. Ihr waret einſt nahe daran, Kapitän der Musketiere zu werden.“ „Ja, Sire. „Wohl, hier iſt Euer Patent unterzeichnet. Ich lege es in die Schublade. An dem Tag, wo Ihr von einer gewiſſen Expedition zurückkommt, die ich Euch an⸗ ertrnü nehmt Ihr dieſes Patent ſelbſt aus der Schub⸗ ade.“ D'Artagnan zögerte noch und hielt ſeinen Kopf geſenkt. „Ah! mein Herr,“ ſprach Ludwig,„wenn man Euch ſteht, ſollte man glauben, Ihr wiſſet nicht, daß der General⸗Kapitän der Musketiere den Vortritt vor den Marſchällen von Frankreich hat.“ „Sire, ich weiß es.“ „Dann ſollte man meinen, Ihr trauet meinem Wort nicht.". Ohl Sire, glaubt nicht ſolche Dinge.“ „Ich wollte Euch beweiſen, daß Ihr, ein ſo guter Diener, einen guten Herrn verloren habt: bin ich ein wenig der Herr, den Ihr braucht?“ „Ich fange an zu denken, ja, Sire.“ „Dann, mein Herr, tretet Ihr wieder in Function. Eure Compagnie iſt ganz desorganifirt ſeit Eurer Ab⸗ reiſe, und die Leute treiben ſich müßig in den Schenken umher, wo man ſich ſchlägt, trotz meiner Ediete und * X 115 8 8 der meines Vaters. Ihr werdet den Dienſt aufs Schnellſte wieder organiſiren.“ „Ja, Sire.“. „Ihr werdet meine Perſon nicht mehr verlaſſen.“ „Gut.“ „Und Ihr werdet mit mir zur Armee marſchiren, wo Ihr um mein Zelt her lagert.“ „Sire,“ ſprach d'Artagnan,„um mir einen ſolchen Dienſt aufzuerlegen, braucht mir Eure Majeſtät nicht anzigtauſend Livres zu geben, die ich nicht ver⸗ diene.“ „Ihr ſollt ein Haus machen, Ihr ſollt Tafel geben, mein Kapitän der Musketiere ſoll eine Perſon von An⸗ ſehen ſein.“ „Und ich,“ ſagte d'Artagnan ungeſtüm,„ich liebe das gefundene Geld nicht! ich will verdientes Geld! Eure Majeſtät gibt mir das Gewerbe eines Müſſig⸗ gängers, das der Erſte der Beſte für viertauſend Livres treiben kann.“ Ludwig XIV. lachte. „Ihr ſeid ein feiner Gascogner, Herr d'Artagnan; Ihr zieht mir mein Geheimniß aus dem Herzen.“ „Bah! Eure Majeſiät hat alſo ein Geheimniß?“ „Ja, mein Herr.“ „Wohl! dann nehme ich die zwanzigtauſend Livres an, denn ich werde das Geheimniß bewahren, und die Verſchwiegenheit hat in dieſen Zeitläuften keinen Preis. Will Eure Majeſtät nun ſprechen?“ 5 „Ihr werdet Euch ſtiefeln, Herr d'Artagnan, und zu Pferde ſteigen.“ „Auf der Stelle?“ „Im Verlauf von zwei Tagen.“ „Gut, Sire, denn ich habe meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, ehe ich aufbreche, beſonders wenn Schläge einzunehmen ſind.“ „Das kann ſich zeigen.“— „Man wird ſie einnehmen, Aber, Sire, Ihr habt 116 zur Habgier, zum Ehrgeiz, Ihr habt zum Herzen von d'Artagnan geſprochen, doch Ihr habt Eines vergeſſen.“ „Was 27 „Ihr habt nicht zur Eitelkeit geſprochen: wann werde ich Ritter der Orden des Königs ſein?“ „Das bekümmert Euch?“ „Ja. Mein Freund Athos iſt ganz buntſcheckig, und das blendet mich.“ 1 —„Ihr ſollt Ritter meiner Orden werden, einen Monat, nachdem Ihr das Patent genommen.“ „Ahl ah!“ ſagte träumeriſch der Officier,„nach der Expedition?“ „Ganz richtig.“ „Wohin ſchickt mich Eure Majeſtät.“ „Kennt Ihr die Bretagne?“ „Nein, Sire.“ „Habt Ihr Freunde dort?“ „In der Bretagne? Meiner Treue, nein.“ „Deſto beſſer. Verſteht Ihr Euch auf das Feſtungs⸗ weſen?⸗ 3 D'Artagnan lächelte. „Ich glaube wohl, Sire.“ „Ihr könnt nämlich eine Feſtung von einer ein⸗ fachen Befeſtigung unterſcheiden, wie man ſie den Schloß⸗ herren, unſeren Vaſallen, geſtattet?“ „Ich unterſcheide ein Fort von einem Wall, wie man einen Panzer von einer Paſtetenkruſte unterſcheidet, Sire. Iſt das genügend?“ „Ja, mein Herr. Ihr werdet alſo abreiſen.“ „Nach der Bretagne?“ „Ia. 4 „Allein?“ „Ganz allein. Ihr könnt nicht einmal einen Lackei mitnehmen... „Darf ich Eure Majeſtaͤt fragen, aus welchem Grund?“. „Weil Ihr ſelbſt wohl daran thun werdet, Euch — S ei 117 ein wenig in einen Bedienten von gutem Haus zu ver⸗ wandeln. Ener Geſicht iſt ſehr bekannt in Frankreich, Herr d'Artagnan.“ „Und dann, Sire?“ „Und dann werdet Ihr in der Bretagne umher⸗ ſpazieren und ſehr ſorgfältig die Feſtungswerke dieſes Landes in Augenſchein nehmen.“ „Die Küſten?“ „Auch die Inſeln.“ „Ah!“ „Ihr fangt mit Belle⸗Ile⸗en⸗Mer an. 3 „Was Herrn Fouquet gehört,“ ſagte d'Artagnan mit ernſtem Tone, indem er ſein verſtändiges Auge zu Ludwig XIV. aufſchlug. „Ich glaube, Ihr habt Recht, mein Herr, Belle⸗ Ile gehört in der That Herrn Fouquet.“. „Eure Majeſtät will alſo wiſſen, ob Belle⸗Ile ein guter Platz iſt?“ „Ja.“ „Ob die Feſtungswerke neu oder alt ſind?“ „Ganz richtig.“. „Ob zufällig die Vaſallen des Herrn Oberinten⸗ danten zahlreich genug ſind, um eine Garniſon zu bilden?“ 6„Ihr habt die Frage ganz genau getroffen, mein err.“ „Und ob man nicht befeſtige, Sire?“ „Ihr werdet horchend und urtheilend in der Bre⸗ tagne umherſpazieren.“ D'Artagnan ſtrich den Schnurrbart und ſprach ganz unumwunden: „Ich bin alſo Spion des Königs?“ „Nein, mein Herr.“ „Verzeiht, Sire, da ich für Rechnung Eurer Majeſtät ſpionire?“ „Ihr geht auf Entdeckung aus, mein Herr. Wenn Ihr das Schwert in der Fauſt an der Spitze Eurer 118 4 Musketiere marſchirtet, um irgend einen Ort, oder die Stellung des Feindes zu recognosciren...“ Bei dieſem Worte zuckte d'Artagnan unmerklich. „Würdet Ihr Euch für einen Spion halten?“ fuhr der König fort. 2 „Nein, nein!“ ſagte d'Artagnan nachdenkend,„die Sache bekommt ein anderes Geſicht, wenn man den Feind recognoscirt... nein, man iſt nur ein Soldat. „Und wenn man Belle⸗Jle befeſtigt?“ fügte er ſogleich bei. „Dann werdet Ihr einen genauen Plan von der Befeſtigung aufnehmen.“ „Wird man mich einlaſſen?“ „Das geht mich nichts an, das iſt Eure Sache. Ihr habt alſo nicht gehört, daß ich Euch einen Zuſatz von zwanzigtauſend Livres jährlich, wenn Ihr wolltet, zuſicherte.“ 3 „Doch, Sire; aber wenn man nicht befeſtigt?“ „Dann kehrt Ihr ruhig, und ohne Euer Pferd zu ermüden, zurück.“ „Sire, ich bin bereit.“ „Ihr fangt morgen damit an, daß Ihr das erſte Vierteljahr von dem Gehalt, den ich Euch ausſetze, bei dem Herrn Oberintendanten erhebt. Kennt Ihr Herrn Fouquet?“ „Sehr wenig, Sire; doch ich bemerke Eurer Ma⸗ jeſtät, daß es nicht ſehr dringend für mich iſt, ihn zu kennen.“— „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, denn er wird das Geld verweigern, das Ihr erheben ſollt.“ „Ah!“ machte d'Artagnan.„Hernach, Sire?“ „Wird das Geld verweigert, ſo holt Ihr es bei Herrn Colbert. Doch ſagt, habt Ihr ein gutes Pferd?“ „Ein vortreffliches, Sire.“ „Wie viel habt Ihr⸗dafür bezahlt?“ „Hundert und fünfzig Piſtolen.“ 119 „Ich kaufe es Euch ab. Hier iſt eine Anweiſung auf zweihundert Piſtolen.“„ „Aber ich brauche mein Pferd, um zu reiſen. „Nun?“ „Nun, Ihr nehmt mir das meinige.“. „Keineswegs; ich gebe es Euch im Gegentheil. Nun, da es mir gehöͤrt und nicht mehr Euch, bin ich ſicher, daß Ihr es nicht ſchonen werdet.“ „Eure Majeſtät hat alſo große Eile?“ „Allerdings.“ „Was zwingt mich dann, zwei Tage zu warten? „Mir bekannte Gründe.“ „Das iſt etwas Anderes. Das Pferd kann die zwei Tage an den acht einholen, die es zu machen hat; und dann gibt es die Poſt.“ „Nein, nein die Poſt gefährdet, Herr d'Artagnan; geht. und vergeßt nicht, daß Ihr mir gehört.“ „Sire, ich habe es nie vergeſſen! Um welche Stunde werde ich übermorgen von Eurer Majeſtät Ab⸗ ſchied nehmen?“ „Wo wohnt Ihr?“ it„Ich muß fortan im Louvre wohnen.“ „Ich will das nicht, Ihr werdet Eure Wohnung in der Stadt behalten, und ich bezahle ſie. Die Ab⸗ reiſe beſtimme ich auf die Nacht, weil Ihr abreiſen müßt, ohne von irgend Jemand geſehen zu werden, oder, wenn man Euch ſieht, ohne daß man weiß, daß Ihr mir gehört... Reinen Mund, mein Herr!“ „Eure Majeſtät verdirbt Alles, was ſie geſagt hat, durch dieſes einzige Wort.“ „Ich fragte Euch, wo Ihr wohnet, denn ich kann Euch nicht immer bei dem Herrn Grafen de la Fore holen laſſen.“— „Ich wohne bei Herrn Planchet, Spezereihändler, mit dem Schild zum goldenen Stößel, in der Rue des Lombards.“ 120 „Geht wenig aus, zeigt Euch noch weniger und erwartet meine Befehle.“. „Ich muß doch das Geld erheben, Sire.“ „Das iſt wahr; doch um zur Oberintendanz zu gehen, wohin ſo viele Menſchen gehen, miſcht Ihr Euch unter die Menge.“ „Es fehlen mir die Anweiſungen, Sire.“ „Hier ſind ſie.“ Der König unterzeichnete. D'Artagnan ſchaute, um ſich zu überzeugen, daß die Sache in Ordnung ſei. „Das iſt Geld,“ ſagte er,„und das Geld wird geleſen oder gezählt.“ „Guten Tag, Herr d'Artagnan,“ fügte der König bei;„ich denke, Ihr habt mich wohl verſtanden?“ „Ich habe verſtanden, daß mich Eure Majeſtät nach Belle⸗Ile ſchickt.“ „Um zu erfahren?“ „Um zu erfahren, wie es mit den Arbeiten von Herrn Fouquet ſteht.“ „Gut, ich nehme an, Ihr werdet gefangen.“ „Ich nehme es nicht an,“ erwiederte kühn der Gascogner. „Ich nehme an, Ihr werdet getödtet,“ fuhr der König fort. „Das iſt nicht wahrſcheinlich, Sire.“ „Im erſten Fall ſprecht Ihr nicht; im zweiten ſpricht kein Papier von Euch.“. D'Artagnan zuckte ohne Umſtände die Achſeln und nahm vom König Abſchied, indem er zu ſich ſelbſt ſagte: Der Regen von England waͤhrt fort! Bleiben wir unter der Traufe.“ 4 ———— Die Häuſer von Herrn Fouquet. Während d'Artagnan, den Kopf vollgepfropft und beſchwert mit Allem dem, was ſich ereignet hatte, zu Planchet zurückkehrte, fiel eine Scene anderer Art vor, welche jedoch dem Geſpräch, das unſer Musketier mit dem König gehabt hatte, nicht fremd war; nur fand dieſes Geſpräch außerhalb Paris in einem Haus ſtatt, das der Oberintendant Fouquet im Dorfe Saint⸗Mandé beſaß. Der Miniſter war in dieſem Landhaus, gefolgt von ſeinem erſten Secretaire angekommen, der ein ungeheu⸗ res Portefeuille trug, das mit Papieren gefüllt war, welche theils unterſucht werden ſollten, theils die Unter⸗ ſchrift erwarteten. Da es fünf Uhr Abends ſein mochte, ſo hatten die Herren zu Mittag geſpeiſt, und man bereitete das Abendbrod für zwanzig untergeordnete Gäſte. Der Oberintendant ſtieg ohne Aufenthalt aus dem Wagen, ſprang über die Thürſchwelle, durchſchritt die Zimmer, erreichte ſein Cabinet, erklärte, er würde ſich einſchließen, um zu arbeiten, und verbot, ihn aus irgend einem Grund, wenn nicht auf Befehl des Königs, zu ſtören. Hiernach ſchloß ſich Fonquet ſogleich ein, und zwei Bedienten wurden als Schildwache vor ſeine Thüre geſtellt. Dann ſchob Fouquet einen Riegel vor, der eine Füllung verrückte, welche den Eingang völlig verſperrte und es verhinderte, daß etwas von dem, was im Cabinet vorging, geſehen oder gehört wurde. Doch gegen alle Wahrſcheinlichkeit geſchah es wohl, daß ſich Fouquet wirklich, um zu arbeiten, ſo 1 3. 122 einſchloß, denn er ging gerade auf ſeinen Schreibtiſch zu, ſetzte ſich daran, oͤffnete das Portefeuille und traf eine Auswahl aus der ungeheuren Maſſe von Papieren, die es enthielt. Es waren noch nicht zehn Minuten vorüber, ſeit⸗ dem er eingetreten und alle die genannten Vorſichts⸗ maßregeln getroffen hatte, als das wiederholte Geräuſch mehrerer kurzer, gleichmäßiger Schläge an ſein Ohr traf und ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen ſchien... Fouquet warf den Kopf zurück, ſpitzte das Ohr und horchte. Die Schläge währten fort. Da erhob ſich der Arbeiter mit einer leichten Bewegung der Ungeduld und ging gerade auf einen Spiegel zu, hinter dem von einer Hand oder durch einen unſichtbaren Mechanismus die Schläge gethan wurden. Es war dies ein großer, in einer Füllung einge⸗ rahmter Spiegel. Drei weitere, durchaus gleiche Spie⸗ gel vervollſtändigten die Symmetrie des Zimmers. Nichts unterſchied jenen von den andern. Ohne allen Zweifel waren die wiederholten kurzen Schläge ein Signal, denn in dem Augenblick, wo ſich Fouquet horchend dem Spiegel näherte, erneuerte ſich dasſelbe Geräuſch, und zwar in demſelben Takt. „Hoho!“ murmelte der Oberintendant erſtaunt, „wer iſt denn dort? Ich erwartete heute Niemand.“ Und wahrſcheinlich um auf das Zeichen zu ant⸗ worten, das man gemacht hatte, zog der Oberinten⸗ dant an einem goldenen Nagel an eben dieſem Spiegel und rüttelte ihn dreimal. Dann kehrte er an ſeinen Platz zurück, ſetzte ſich wieder nieder und rief: „Meiner Treue, man muß warten!“ Und er verſenkte ſich wieder in den vor ihm ent⸗ rollten Ocean von Papieren, und ſchien nur noch an die Arbeit zu denken. Mit einer unglaublichen Raſch⸗ heit, mit einer wunderbaren Hellſichtigkeit entzifferte 123 Fouquet die längſten Papiere, die verwickeltſten Schrif⸗ ten, verbeſſerte, verſah er ſie mit Noten, und dies mit einer Feder, welche wie vom Fieber fortgeriſſen wurde, ſo daß die Arbeit unter ſeinen Fingern ſchmolz und Unterſchriften, Ziffern, Verweiſungen, Abfertigungen ſich vervielfältigten, als ob zehn Secretaire, das heißt hundert Finger und zehn Gehirne functionirt hätten, ſtatt der zehn Finger und des einzigen Geiſtes dieſes Mannes. Nur von Zeit zu Zeit hob Fouquet, in dieſe Ar⸗ beit verſunken, den Kopf in die Höhe, um einen flüch⸗ tigen Blick auf eine Uhr zu werfen, die ihm gegen⸗ überſtand. Fouquet gab ſich nämlich ſeine Aufgabe; war dieſe Aufgabe einmal gegeben, ſo machte er in einer Arbeits ſtunde, was ein Anderer nicht in einem Tag zu voll⸗ bringen vermochte, und ſo war er folglich immer gewiß, wenn er nicht geſtört wurde, in der Friſt, die ſeine verzehrende Thätigkeit feſtgeſtellt hatte, zum Ziel zu kommen. Doch mitten unter dieſer glühenden Arbeit erklangen die kurzen Schläge der hinter dem Spiegel angebrachten kleinen Glocke abermals haſtiger und folg⸗ lich dringender. „Ah! es ſcheint die Dame wird ungeduldig,“ ſagte Fouquet;„ruhig, ruhig... es muß die Gräſin ſein; doch nein, die Grafin iſt auf drei Tage in Rambouillet. Die Präſidentin alſo! ohl die Präſidentin würde ſich nicht ſo anſpruchsvoll geberden; ſie würde demüthig läuten und auf mein Belieben warten. Das Klarſte bei dem Allem iſt, daß ich nicht wiſſen kann, wer es ſein mag, daß ich aber wohl weiß, wer es nicht iſt. „Und da Ihr es nicht ſeid, Marquiſe, da Ihr es nicht ſein könnt, pfui über jede Andere!“ Und er ſetzte ſeine Arbeit fort, trotz der wieder⸗ holten Mahnungen des Glöckchens. Nach einer Vier⸗ telſtunde ſteckte indeſſen die Ungeduld Fouquet ebenfalls an; er verbrannte mehr den Reſt ſeiner Arbeit, als 124 daß er ihn vollendete, ſchob ſeine Papiere wieder in das Portefeuille und warf einen Blick in ſeinen Spie⸗ gel, während die kurzen Schläge haſtiger als je wie⸗ derholt wurden. „Oho!“ ſagte er,„woher dieſes Ungeſtüm? Was iſt geſchehen? Wer iſt die Ariane, die mich mit ſolcher Ungeduld erwartet? Wir wollen ſehen.“ MNun drückte er mit der Fingerſpitze auf den Nagel, der parallel mit dem angebracht war, an welchem er gezogen hatte. Sogleich ſpielte der Spiegel wie der Flügel einer Thüre und entblößte eine ziemlich tiefe Thürverkleidung, in der der Oberintendant wie in einem weiten Kaſten verſchwand. Dann drückte er an einer neuen Feder, welche nicht mehr ein Brett, ſondern einen Mauerblock öffnete, und er ging durch dieſen Einſchnitt hinaus und ließ die Thüre ſich von ſelbſt ſchließen. . Hernach ſtieg Fouquet etliche und zwanzig Stufen hinab, die ſich in einer Wendung unter die Erde ver⸗ tieften, und fand einen langen, unterirdiſchen, geplatteten und durch unmerkliche Schießſcharten erhellten Gang. Die Wände dieſes Ganges waren mit Matten und der Boden mit Teppichen bedeckt. „Ddiieſer unterirdiſche Gang zog ſich unter der Straße hin, welche das Haus von Fouquet vom Park von Bincennes trennte. Am Ende des Ganges war eine Wendeltreppe, der ähnlich, auf welcher Fouquet herab⸗ geſtiegen. Er ſtieg dieſe zweite Treppe hinauf, drückte an einer Feder, welche in einer Thürverkleidung, der ſeines Cabinets ähnlich, angebracht war, und trat in ein durchaus leeres, aber mit der höchſten Eleganz aus⸗ geſtattetes Zimmer. 4 Sobald er hier war, unterſuchte er, ob der Spie⸗ gel ſorgfältig ſchloß, ohne eine Spur zurückzulaſſen, und öffnete dann, ohne Zweifel mit dem Erfund zufrie⸗ den, mit Hülfe eines kleinen Schlüſſels von Vermeil das dreifache Gewinde der Thüre ihm gegenüber. 125 Diesmal that ſich die Thüre nach einem koſtbar meublirten Cabinet auf, worin auf Polſtern eine Frau von außerordentlicher Schönheit ſaß, welche bei dem Geräuſch der Riegel haſtig auf Fouquet zuſtürzte. „Ah! mein Gott!“ rief dieſer, vor Erſtaunen zu⸗ rückweichend:„Frau Marquiſe von Bellières, Ihr, Ihr hier?, 8 „Ja,“ murmelte die Marquiſe,„ja, ich, mein Herr.“ „Marquiſe, theure Marquiſe!“ rief Fouquet, im Begriff, ſich vor ihr niederzuwerfen;„ahl mein Gott! aber wie ſeid Ihr denn hierhergekommen? Und ich, ich habe Euch warten laſſen!“—— „Sehr lange, mein Herr, ohl ja, ſehr lange.“ „Oh! ich fühle mich ſehr glücklich, daß Euch das Warten lange geſchienen hat.“ 3 „Eine Ewigkeit, mein Herr; oh! ich habe mehr als zwanzigmal geläutet; hörtet Ihr es nicht?“ „Marquiſe, Ihr ſeid bleich, Ihr ſeid zitternd.“ „Hörtet Ihr nicht, daß man Euch rief?“ „Ohl! doch, ich hörte es wohl, Frau Marquiſe, aber ich konnte nicht kommen. Wie ſollte ich vermuthen, Ihr wäret es, nach Eurer Strenge, nach Eurer Wei⸗ gerung? Hätte ich das Glück ahnen können, das meiner harrte, glaubet mir, Marquiſe, ich würde Alles im Stich gelaſſen haben, um Euch zu Füßen zu fallen, wie ich es in dieſem Augenblick thue.“— Die Marquiſe ſchaute umher und fragte: „Sind wir auch allein, mein Herr?“ „Oh! ja, Madame, dafür ſtehe ich Euch.“ „In der That,“ ſagte die Marquiſe traurig. „Ihr ſeufzet?“ 1 „Wie viel Geheimniſſe, Vorſichtsmaßregeln,“ ſprach die Marquiſe mit einer leichten Bitterkeit,„und wie ſehr ſieht man, daß Ihr bange habt, Eure Liebe ahnen zu laſſen.“ 3 126 „Würdet Ihr es vorziehen, daß ich ſie zur Schau ſtellte?“ 23 „Ohl nein, Ihr handelt wie ein zartfühlender Mann,“ ſagte die Marquiſe lächelnd. „Stille, Marquiſe, keine Vorwürfe, ich bitte Euch.“ „Vorwürfe, habe ich das Recht, Euch zu machen?“ „Nein, leider nicht; doch ſagt mir, Ihr, die ich ſeit einem Jahr ohne Hoffnung und ohne Erwie⸗ derung liebe..“ „Ihr täuſcht Euch. Ohne Hoffnung, das iſt wahr; doch ohne Erwiederung, nein.“ „Oh! für mich gibt es in der Liebe nur einen Be⸗ weis, und dieſen Beweis erwarte ich noch.“ „Ich komme, um Euch denſelben zu bringen, mein Herr.“ 3 Fouquet wollte die Marquiſe in ſeine Arme ſchließen, doch ſie entzog ſich durch eine Geberde. 5 „Ihr werdet Euch alſo immer täuſchen, mein Herr, und nie von mir das Einzige annehmen, was ich Euch bieten will, die Ergebenheit?“ „Ahl Ihr liebet mich alſo nicht; die Ergebenheit iſt nur eine Tugend; die Liebe iſt eine Leidenſchaft.“ „Höret mich, mein Herr, ich bitte Euch; ohne einen gewichtigen Beweggrund wäre ich nicht hierher zurückgekehrt, das begreift Ihr wohl.“ „‚Am Beweggrund iſt mir wenig gelegen, da Ihr hier ſeid, da ich mit Euch ſpreche, da ich Euch ſehe.“ „Ja, Ihr habt Recht, die Hauptſache iſt, daß ich hier bin, ohne daß mich Jemand geſehen hat, und daß ich mit Euch ſprechen kann.“ Fouquet ſank auf ſeine Kniee und rief: „Sprecht, ſprecht, Marquiſe, ich hoͤre.“ Die Marquiſe ſchaute zu Fouquet herab, und es lag in den Blicken dieſer Frau ein ſeltſamer Ausdruck von Liebe und Schwermuth. „Oh!“ flüſterte ſie endlich, wie möchte ich diejenige ſein, welche das Recht hat, Euch jede Minute zu ſehen, 127 jede Minute mit Euch zu ſprechen! Wie gern möchte ich die Frau ſein, welche über Euch wacht, welche nicht geheimer Federn bedarf, um den Mann, den ſie liebt, zu rufen, wie einen Sylphen erſcheinen zu machen, um ihn eine Stunde anzuſchauen und dann in der Finſter⸗ niß eines Geheimniſſes verſchwinden zu ſehen, das beim Abgang noch viel ſeltſamer iſt, als es bei ſeiner An⸗ kunft war. Oh! das iſt eine ſehr glückliche Frau!“ „Sprecht Ihr zufällig von meiner Frau, Mar⸗ quiſe?“ fragte Fouquet lächelnd. „Ja, ſie meine ich.“. „Nun! beneidet dieſe nicht um ihr Loos, Mar⸗ quiſe; denn von allen Frauen, mit denen ich in Ver⸗ bindung ſtehe, iſt Madame Fouguet diejenige, welche mich am wenigſten ſieht, und welche am wenigſten Zu⸗ trauen zu mir hat.“ „Sie iſt mindeſtens nicht darauf beſchränkt, mein Herr, mit der Hand, wie ich es gethan habe, auf eine Spiegelzierrath zu drücken, um Euch kommen zu machen; Ihr antwortet ihr wenigſtens nicht durch das geheim⸗ nißvolle, erſchreckende Geräuſch einer Glocke, deren Feder ich weiß nicht woher kommt; Ihr habt ihr wenigſtens nicht unter Androhung der Strafe, auf immer das Ver⸗ hältniß mit ihr abgebrochen zu ſehen, verboten, daß ſie das Geheimniß dieſer Verbindungswege zu ergründen ſuche, wie Ihr es denjenigen verbietet, welche vor mir hierhergekommen ſind und nach mir hieherkommen werden.“ „Ahl theure Marquiſe, wie ungerecht ſeid Ihr, und wie wenig wißt Ihr, was Ihr thut, indem Ihr Euch über die Geheimhaltung beſchweret! Nur unter dem Geheimniß kann man ungeſtört lieben, nur durch unge⸗ ſtörte Liebe kann man glücklich ſein. Doch kommen wir auf uns zurück, auf die Ergebenheit, von der Ihr ſprachet, oder täuſchet mich vielmehr, Marquiſe, und laſſet mich glauben, dieſe Ergebenheit ſei Liebe.“ . * 1 „Vorhin,“ erwiederte die Marquiſe, indem ſie über ihre Augen mit der nach den weichſten Conturen des Alterthums geformten Hand fuhr,„vorhin war ich im Begriff, zu ſprechen, meine Gedanken waren klar, ſcharf; doch nun bin ich ganz verblüfft, ganz bennruhigt, ganz zitternd; ich befürchte, Euch eine ſchlimme Nachricht zu bringen.“ 3 „Wenn ich dieſer ſchlimmen Nachricht Eure Gegen⸗ wart zu verdanken habe, Marquiſe, ſo ſei die ſchlimme Nachricht willkommen, oder vielmehr, Marquiſe, da Ihr hier ſeid, da Ihr mir zugeſteht, daß ich Euch nicht ganz gleichgültig bin, laſſen wir dieſe ſchlimme Nach⸗ richt beiſeit und ſprechen wir nur von Euch.“ „Nein, nein, verlangt dieſelbe im Gegentheil von mir, fordert, daß ich ſie Euch ſogleich ſage, daß ich mich durch kein Gefühl abwendig machen laſſe; Fouquet, mein Freund, es iſt von ungeheurem Intereſſe.“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, Marquiſe, ich möchte beinahe ſagen, Ihr macht mir Angſt, Ihr, ſo ernſt, Ihr, ſo nachdenkend, Ihr, die Ihr die Welt, in der wir leben, ſo gut kennet! Es iſt alſo von Bedeutung?“ „Oh!l von großer Bedeutung.“ „Vor Allem, warum ſeid Ihr hiehergekommen?“ „Ihr werdet es ſogleich erfahren; doch zuerſt das Dringendſte.“ „Sprechet, Marquiſe, ſprechet, ich flehe Euch an, habet Mitleid mit meiner Ungeduld.“ „Ihr wiſſet, daß Herr Colbert zum Intendanten der Finanzen ernannt iſt?“* „Bah! Colbert, der kleine Colbert?“ 6 „Ja, Colbert, der kleine Colbert.“ 3 „Das Factotum von Herrn von Mazarin?“ „Ganz richtig.“ 8* „Nun! was ſehet Ihr darin Erſchreckendes, liebe Marquiſe? Der kleine Colbert Intendant, das iſt zum Erſtaunen, ich gebe es zu, doch es iſt nicht furchtbar.. „Glaubet Ihr, der Koͤnig habe ohne gewichtige 129 Beweggründe einen ſolchen Platz demjenigen gegeben, zweſehen Ihr einen kleinen Schulfuchs nennt?“ „Vor Allem, iſt es wirklich wahr, daß ihm der König denſelben gegeben hat?“ „Man ſagt es.“ „Wer ſagt es?“ „Die ganze Welt.“ „Die ganze Welt, das iſt Niemand; führt mir zeand an, der gut unterrichtet ſein kann und es agt 44 „Madame Vanel.“ „Ah! Ihr fangt in der That an, mich zu er⸗ ſchrecken,“ rief Fouquet lachend;„es iſt wahr, wenn Jemand gut unterrichtet ſein muß, ſo iſt es die Perſon, die Ihr mir nennt.“ „Sprecht nicht ſchlimm von der armen Mar⸗ guerite, Herr Fouquet, denn ſie liebt Euch immer noch.“ „Bahl wahrhaftig? Ich dachte, der kleine Colbert, wie Ihr ihn ſo eben nanntet, ſei über dieſe Liebe hin⸗ gegangen und habe einen Tintenfleck oder einen Fett⸗ fleck darauf geworfen.“ „Fouquet! Fouquet! ſo ſeid Ihr gegen diejenigen, welche Ihr aufgebt?“ „Ahl ahl wollt Ihr nicht etwa die Vertheidigung von Madame Vanel übernehmen?“ „Ja, ich werde ſte übernehmen; denn ich wieder⸗ hole Euch, ſte liebt Euch immer noch, und zum Beweis dient, daß ſie Euch rettet.“ „Durch Eure Vermittelung, Marquiſe; das iſt ge⸗ ſchickt von ihr. Kein Engel vermöchte mir angenehmer zu ſein und mich ſicherer zum Ziel zu führen. Doch woher kennt Ihr Marguerite?“ „Es iſt eine Freundin von mir aus dem Kloſter.“ „Und Ihr ſagt, ſie habe Euch mitgetheilt, Herr Colbert ſei zum Intendanten ernannt worden 2„ Die drei Musketiere. Bragelonne. U. 9 130 „Ja.“ 3 „Nun gebt mir Aufklärung, Marquiſe. Herr Colbert ſoll alſo Intendant ſein. In welcher Hinſicht kann ein Intendant, nämlich mein Untergeordneter, mich in den Schatten ſtellen, oder mir Nachtheil bringen, und wäre es auch Herr Colbert?“ „Ihr bedenkt nicht, mein Herr, wie es ſcheint.“ „Was?“ „Daß Herr Colbert Euch haßt.“ „Mich!“ rief Fouquet;„o mein Gott! Marquiſe, die ganze Welt haßt mich, er wie die Anderen.“ „Er mehr als die Anderen.“ „Es mag ſein, er mehr als die Anderen.“ „Er iſt ehrgeizig.“ „Wer iſt es nicht, Marquiſe?“ „Ja; doch ſein Ehrgeiz hat keine Grenzen.“. „Ich ſehe es wohl, da er mein Nachfolger bei Ma⸗ dame Vanel zu werden verſucht.“ „Und da es ihm gelungen iſt; nehmt Euch in Acht."* „Wollt Ihr etwa ſagen, er trachte darnach, vom Intendanten Oberintendant zu werden?“ „Habt Ihr das nicht ſchon befürchtet?“ „ Hoho!“ rief Fouquet,„mein Nachfolger bei Ma⸗ dame Vanel, es mag ſein; doch beim König, das iſt etwas Anderes. Frankreich erkauft ſich nicht ſo leicht, als die Frau eines Rechnungsbeamten.“ „Ei! mein Herr, Alles erkauft ſich, wenn nicht um Geld, doch wenigſtens durch Intrigue.“ „Ihr wißt wohl das Gegentheil, Madame, Ihr, der ich Millionen angeboten habe.“ „Statt dieſer Millionen, Fouquet, hättet Ihr mir eine wahre, einzige, unbegrenzte Liebe bieten müſſen, und ich würde es angenommen haben. Ihr ſeht wohl, daß ſich Alles erkaufen läßt, wenn nicht auf die eine, doch auf die andere Weiſe.“ 3 „Eurer Anſicht nach iſt alſo Herr Fouquet im Be⸗ ſe, g⸗ 131 griff, um eine Oberintendantenſtelle zu feilſchen. Geht, Marquiſe, beruhigt Euch, er iſt nicht reich genug, um ſie zu kaufen.“ „Aber wenn er ſie Euch raubt?“* „Ah! das iſt etwas Anderes. Doch leider muß er, ehe er zu mir, das heißt, zum Hauptwall kommt, die Außenwerke Breſche ſchießen, zerſtören, und ich bin teufel⸗ mäßig gut befeſtigt, Marquiſe.“ „Und das, was Ihr Eure Außenwerke nennt, ſind Eure Creaturen, nicht wahr? es ſind Eure Freunde?“ „Ganz richtig.“ „Und Herr d'Emeris gehört zu Euren Creaturen?“ „Ja. 8 „Herr Lyodot iſt einer Eurer Freunde?“ „Gewiß.“ „Herr von Vanin?“ „Ahl Herr von Vanin, man mache mit ihm, was man will, aber...“ „Aber... „Aber man rühre die Anderen nicht an.“ „Nun! wenn Ihr wollt, daß man die Herren d'Emeris und Lyodot nicht anrühre, ſo iſt es Zeit, daß Ihr Euch wehrt.“ „Wer bedroht ſie?“ „Wollt Ihr mich nun anhören?“ „Immer, Marquiſe.“ „Ohne mich zu unterbrechen?“ „Sprecht.“ „Nun! dieſen Morgen hat mich Marguerite zu ſich gebeten.“ „Ja.“ „Und was wollte ſie von Euch?“„ „„Ich wage es nicht, Herrn Fouquet ſelbſt zu be⸗ ſuchen,““ ſagte ſie zu mir. „Bahl denkt ſie, ich hätte ihr Vorwürfe gemacht? Arme Frau, mein Gott! ſie täuſcht ſich ſehr.“ 5 132 „Begebt Euch zu ihm und ſagt ihm, er moͤge ſich vor Herrn von Colbert hüten.““ „Wiel ſie läßt mich vor ihrem Geliebten warnen!“ „Ich ſagte Euch, ſie liebe Euch immer noch.“ „Hernach, Marquiſe?“ „Herr von Colbert,““ fügte ſie bei,„„iſt vor zwei Stunden bei mir geweſen, um mir mitzutheilen, er wäre Intendant.““ 8„Ich habe Euch ſchon bemerkt, Marquiſe, Herr 4— Colbert würde nur um ſo beſſer unter meiner Hand ein. „Ja, aber das iſt noch nicht Alles; Marguerite ſteht, wie Ihr wißt, in Verbindung mit Madame d'Emeris und Madame Lyodot.“ „Ja.“ „Nun wohl! Herr von Colbert hat ernſte Fragen an ſie über das Vermögen dieſer zwei Herren, ſowie über den Grad der Ergebenheit, die dieſelben für Euch hegen, gerichtet.“„ „Ohl was dieſe Beiden betrifft, für ſie ſtehe ich; man müßte ſie tödten, damit ſie nicht mehr mir gehören würden.“. „Dann, als Madame Vanel, um einen Beſuch zu empfangen, genöthigt war, Herrn Colbert einen Augen⸗ blick zu verlaſſen, und der neue Intendant, der ein Ar⸗ beiter iſt, ſich allein ſah, zog er einen Bleiſtift aus der Taſche, und da Papier auf dem Tiſch lag, fing er an Bemerkungen aufzuzeichnen.“ „Bemerkungen über d'Emeris und Lyodot?“ „Ganz richtig.“ „Ich wäre begierig, zu erfahren, was dieſe Bemer⸗ kungen beſagten.“ 3„Das iſt es gerade, was ich Euch mittheilen w.ℳ „Madame Vanel hat dieſe Noten von Colbert genom⸗ men und überſchickt ſie mir?“ 133 „Nein, aber durch einen Zufall, der einem Wunder gleicht, hat ſie ein Duplicat davon.“ „Wie ſo?“ „Hört. Ich ſagte Euch, Colbert habe Papier auf einem Tiſch gefunden.“ „Ja.“ „Er habe einen Bleiſtift aus ſeiner Taſche ge⸗ zogen.“ „ Ja.“* 1 „Und er habe auf dieſes Papier geſchrieben.“ „Ja. „Dieſer Bleiſtift war von ſehr hartem Blei. Er zeichnete ſchwarz auf dem erſten Blatt und ließ ſeinen Eindruck weiß auf dem zweiten zuruͤck.“ „Hernach?“ „Als Colbert das erſte Blatt zerriß, dachte er nicht an das zweite.“ „Nun?“ „Nun, auf dem zweiten konnte man leſen, was auf dem erſten geſchrieben war: Madame Vanel hat gele⸗ ſen und mich zu ſich rufen laſſen.“ „Ah!“ „Dann, als ſie ſich verſichert hatte, ich ſei eine er⸗ gebene Freundin von Euch, gab ſie mir das Papier und eröffnete mir das Geheimniß dieſes Hauſes.“ „Und dieſes Papier?“ fragte Fouquet, der ein wenig unruhig zu werden ſchien. 4 „Hier iſt es, mein Herr, Aeſet,“ ſprach die Marquiſe. Fouquet las. „„Namen von Steuerpächtern, welche von der Ju⸗ ſtikkammer zu verurtheilen ſind: d'Emeris, Freund von Herrn F.; Lyodot, Freund von Herrn F.; von Va⸗ nin, gl....“ „D'Emeris! Lyodot!“ rief Fouquet, während er noch einmal las. „Freunde von Herrn F....,“ deutete die Mar⸗ quiſe mit dem Finger. „Aber was wollen die Worte beſagen:„„Von der Juſtizkammer zu verurtheilen?““ „Ah!“ rief die Marquiſe,„das iſt klar, wie mir ſhenn Uebrigens ſeid Ihr noch nicht zu Ende, leſet, eſet.“ Fouquet fuhr fort: „„Die zwei erſten zum Tod, der dritte zur Ent⸗ laſſung mit den Herren d'Hautemont und de la Valette, deren Güter nur zu confisciren ſind.““ „Großer Gott!“ rief Fouquet,„zum Tod, zum Tod Lyodot und d'Emeris! Aber ſollte ſie auch die Juſtizkammer zum Tod verurtheilen, ſo wird doch der König ihre Verurtheilung nicht unterzeichnen, und man richtet nicht hin ohne die Unterſchrift des Königs.“ „Der König hat Herrn Colbert zum Intendanten gemacht.“ „Oh!“ rief Fouquet, als ob er unter ſeinen Füßen im Helldunkel einen Abgrund erblickte,„unmöglich! unmöglich! Doch wer hat einen Bleiſtift über die Spuren von dem von Herrn Colbert hinlaufen laſſen?“ „Ich; ich befürchtete, der erſte Zug könnte ver⸗ wiſchen.“ „Oh! ich werde Alles erfahren.“ „Ihr werdet nichts erfahren, mein Herr. Ihr ſchätzt hiezu Euren Feind zu gering.“ „Verzeiht, theure Marquiſe; entſchuldigt mich; ja, Herr von Colbert iſt mein Feind, ich glaube es, ja, Herr von Colbert iſt ein Mann, den man zu fürch⸗ ten hat, ich geſtehe es zu; doch ich habe die Zeit, und da Ihr da ſeid, da Ihr mich Eurer Ergebenheit ver⸗ ſichert habt, da Ihr mich gleichſam Eure Liebe er⸗ ſchauen ließt, da wir allein ſind...“ „ Ich bin gekommen, um Euch zu retten, Herr Fou⸗ quet, und nicht, um mich zu Grunde zu richten,“ ſprach 135 4— die Marquiſe aufſtehend;„nehmt Euch alſo in „Marquiſe... Ihr habt zu ſehr bange, und wenn dieſe Bangigkeit nicht ein Vorwand iſt...“ „Herr Colbert iſt ein tiefes Herz; nehmt Euch in Acht...“ Fouquet richtete ſich auf und fragte: „Und ich?“ „Ah! Ihr, Ihr ſeid nur ein edles Herz, nehmt Euch in Acht...“ „Alſo..“. „Ich habe gethan, was ich thun mußte, auf die Gefahr, meinen Ruf zu verlieren. Lebt wohl.“ 3 „Nicht Lebewohl, auf Wiederſehen.“ 5 „Vielleicht,“ ſprach die Marquiſe. Und ſie reichte Fouqet die Hand zum Kuß, und ging ſo entſchloſſen auf die Thüre zu, daß er es nicht wagte, ihr den Weg zu verſperren. Fouquet aber kehrte, den Kopf geſenkt und eine Wolke auf der Stirne, nach dem unterirdiſchen Gang zurück, den entlang die Metalldrähte liefen, welche von einem Haus mit dem andern in Verbindung ſtanden und nach der Rückſeite der zwei Spiegel die Wünſche und Rufe der beiden Correſpondenten beförderten. XIIILA Yer Abbé Fouquet. Fouaguet beeilte ſich, durch den unterirdiſchen Gang in ſeine Wohnung zurückzukehren und die Feder des 136 Spiegels ſpielen zu laſſen. Kaum war er in ſeinem ei Cabinet, als er an die Thüre klopfen hörte; zu gleicher V Zeit rief eine wohlbekannte Stimme: „Oeffnet, Monſeigneur, ich bitte, öffnet.“ Mit einer raſchen Bewegung brachte Fouquet ein vi wenig Ordnung in Alles, was ſeine Aufregung und ſeine Abweſenheit verrathen konnte; er zerſtreute die ei Papiere auf dem Schreibtiſch, nahm eine Feder in die Hand und fragte durch die Thüre, um noch etwas Zeit ei zu gewinnen:. „Wer ſeid Ihr?“ „Wie! Monſeigneur erkennt mich nicht?“ erwiederte die Stimme. „Doch,“ ſagte in ſeinem Innern Fouquet,„doch, mein Freund, ich erkenne Dich ganz wohl.“ Dann laut: „Seid Ihr nicht Gourville?“ 3 „Ja, Monſeigneur.“ Fouquet ſtand auf, warf einen letzten Blick in einen der Spiegel, ging auf die Thüre zu, zog den Riegel zurück, und Gourville trat ein. „Ahl Monſeigneur, Monſeigneur,“ ſagte er,„welche Grauſamkeit!“ 8 „Warum 2 4 „Seit einer Viertelſtunde flehe ich Euch an, die Thüre zu öffnen, und Ihr antwortet mir nicht ein- mal.“ „Einmal für allemal, Ihr wißt, daß ich nicht ge⸗ ſtört ſein will, wenn ich arbeite, und obgleich Ihr eine Ausnahme macht, Gourville, ſo ſoll doch mein Verbot der Anderen wegen beachtet werden.“ „Monſeigneur, in dieſem Augenblick hätte ich Ver⸗ bote, Thüren, Riegel und Wände, Alles durchbrochen und umgeſtürzt.“ „Ah! ahl es handelt ſich alſo um ein großes Er⸗ eigniß?“ fragte Fouquet. „Ohl! dafür ſtehe ich Euch, Monſeigneur.“ „Und welches Ereigniß iſt dies?“ fragte Fouquet, 1 137 ein wenig bewegt durch die Unruhe ſeines innigſten Vertrauten. „Es gibt eine geheime Inſtizkammer, Monſeigneur.“ „Ich weiß es wohl; doch verſammelt ſie ſich, Gour⸗ ville?“ „Sie verſammelt ſich nicht nur, ſondern ſie hat einen Spruch gefällt, Monſeigneur.“ „Einen Spruch!“ verſetzte der Oberintendant mit einem Beben und einer Bläſſe, die er nicht zu verber⸗ gen vermochte,„einen Spruch! und gegen wen?“ „Gegen zwei von Euren Freunden.“ „Lyodot, d'Emeris, nicht wahr?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Aber wie lautet das Urtheil?“ „Es iſt ein Todesurtheil.“ „Gefällt! Ohl Ihr täuſcht Euch, Gourville, das iſt unmöglich.“ 3 3 „Hier iſt die Abſchrift des Urtheils, das der König noch heute unterzeichnen ſoll, wenn er es nicht ſchon unterzeichnet hat.“ Fouquet griff gierig nach dem Papier, las es, gab es Gourville zurück und ſagte: „Der Konig wird nicht unterzeichnen.“ Gourville ſchüttelte den Kopf. „Monſeigneur, Herr Colbert iſt ein kühner Rath, traut ihm nicht.“ „Abermals /Herr Colbert!“ rief Fouquet;„eil warum quält dieſer Name bei jeder Gelegenheit ſeit zwei Tagen meine Ohren? Das heißt zu viel Gewicht auf ein ſo geringfügiges Subject legen, Gourville. Herr Col⸗ bert erſcheine, und ich werde ihn anſchauen; er erhebe das Haupt, und ich werde ihn niederſchmettern; doch Ihr begreift, ich brauche eine hevorragende Stelle, damit mein Blick darauf hafte, eine Oberfläche, daß ich meinen Fuß darauf ſtelle.“ „Geduld, Monſeigneur, denn Ihr wißt nicht, was Colbert werth iſt... Studirt ihn raſch, es iſt mit die⸗ ſem finſteren Finanzmann wie mit den Meteoren, die das Auge nie vollſtändig vor ihrem unſeligen Einbruch ſieht: wenn man ſie fühlt, iſt man todt.“ „Oh! Gouryille, das iſt zu viel,“ erwiederte Fou⸗ quet lächelnd,„erlaubt mir, mein Freund, nicht ſo leicht zu erſchrecken; ein Meteor, Herr Colbert! bei Gott! wir werden das Meteor wahrnehmen... Gebt Handlungen und nicht Worte. Was hat er gethan?“ „Er hat zwei Galgen beim Scharfrichter von Paris beſtellt,“ antwortete Gourville einfach. Fouquet erhob bas Haupt, ein Blitz zuckte in ſeinen Augen, und er rief: „Seid Ihr deſſen, was Ihr ſagt, ſicher?“ ville und er reichte dem Oberintendanten eine von einem, Fouquet ergebenen, Secretaire des Stadthauſes mitgetheilte Note. „Ja, es iſt wahr,“ murmelte der Miniſter,„das Schaffot wird errichtet... doch der König hat nicht unterzeichnet, Gourville, der König wird nicht unter⸗ zeichnen.“ 8 „Ich werde es bald erfahren.“ „Wie dies?“ „Hier iſt der Beweis, Monſeigneur,“ ſprach Gour⸗ 84 „Wenn der König unterzeichnet hat, ſo werden die Galgen dieſen Abend nach dem Stadthaus abgeſchickt, damit man ſie morgen früh vollends aufſchlägt.“ „Nein, nein!“ rief Fouquet abermals,„Ihr täuſcht Euch und täuſcht mich ebenfalls; vorgeſtern am Mor⸗ gen hat mich Lyodot beſucht; vor drei Tagen habe ich eine Sendung Syrakuſer⸗Wein von dem armen d'Emeris erhalten.“ 3 „Was beweiſt das?“ entgegnete Gourville,„wenn nicht, daß ſich die Juſtizkammer insgeheim verſam⸗ melt, in Abweſenheit der Angeſchuldigten berathen hat, „ 4 „ ₰— ☛ NK 139 und daß der ganze Prozeß beendigt war, als man ſie verhaftete.“ 3 „Sie ſind alſo verhaftet?“ „Allerdings.“ „Aber wo, wann, warum hat man ſie verhaftet?“ „Lyodot geſtern bei Tagesanbruch; d'Emerts vor⸗ geſtern am Abend, als er von ſeiner Geliebten zurück⸗ kehrte; ihr Verſchwinden hatte Niemand beunruhigt; doch plötzlich nahm Colbert die Maske ab und ließ die Sache bekannt machen; man trompetet es in dieſem Augenblick in den Straßen von Paris aus, und in der That, Monſeigneur, außer Euch gibt es Niemand mehr, der das Ereigniß nicht kennt.“ Fouquet ging mit einer immer ſchmerzlicheren Un⸗ ruhe im Zimmer auf und ab. 3 „Wozu entſchließt Ihr Euch, Monſeigneur?“ fragte Gourville. „Wenn dem ſo wäre, ginge ich zum König,“ rief Fouquet;„doch wenn ich mich in den Louvre begebe, will ich den Weg am Stadthaus vorüber nehmen. Iſt der Spruch unterzeichnet, ſo werden wir ſehen.“ Gourpille zuckte die Achſeln. „Ungläubigkeit!“ ſagte er,„du biſt die Peſt aller großen Geiſter.“ „Gourville!“ „Ja,“ fuhr dieſer fort,„und du richteſt ſie zu Grunde, wie die Anſteckung die kräftigſten Geſundheiten tödtet, nämlich in einem Augenblick.“ nu Waßt uns aufbrechen,“ rief Fouquet;„öffnet, Gour⸗ ville. „Merkt wohl,“ entgegnete dieſer,„der Herr Abbé Fouquet iſt da.“ „Ahl mein Bruder,“ ſprach Fouquet mit ärger⸗ lichem Ton,„er iſt da; er weiß alſo irgend eine ſchlimme Nachricht, die er mir zu überbringen, ſeiner Gewohn⸗ heit gemäß, ſich ungemein freut! Teufel! wenn mein Bruder da iſt, ſtehen meine Angelegenheiten ſchlecht, Gourville; warum ſagtet Ihr mir das nicht früher? ich hätte mich keichter überzeugen laſſen.“ „Monſeigneur verleumdet ihn,“ ſagte Gourville- lachend:„wenn er kommt, kommt er nicht in einer Fo ſchlimmen Abſicht.“ 1 „Ah! nun entſchuldigt Ihr ihn,“ rief Fouquet; h „ein Burſche ohne Herz, ohne zuſammenhängende Ge⸗ 1 vanken, ein Verſchwender!“ 8 „Er weiß, daß Ihr reich ſeid.“— „Und trachtet nach meinem Untergang.“ 4 „Nein, aber er trachtet nach Eurer Börſe.“ gi „Genug, genug! Hunderttauſend Thaler monatlich zwei Jahre lang! Beim Teufell ich bin es, der bezahlt, Gourville, und ich kenne meine Summen.“ . Gourville lachte auf eine ſtille, feine Weiſe.⸗ 2 „Ja, Ihr wollt ſagen, der König bezahle,“ entgegnete der Oberintendant;„ahl Gourville, das iſt ein ſchlechter Scherz, und es iſt hier nicht der Ort dazu.“ „Monſeigneur, ärgert Euch nicht.“ „Vorwärts! man ſchicke den Abbé Fouquet weg, denn ich habe keinen Sou.“ Gouryille machte einen Schritt gegen die Thüre. „Er hat mich einen Monat nicht geſehen,“ fuhr Fouquet fort:„warum ſollten nicht zwei Monate ver⸗ gehen, ohne daß er mich ſieht?“ 3 ) „Er bedauert es, daß er in ſchlechter Geſellſchaft 1 lebt, und zieht Euch allen ſeinen Banditen vor,“ ſagte Gourville. „Ich danke für den Vorzug; Ihr macht heute einen ſeltſamen Advokaten, Gourville... den Advokaten des 5* Abbé Fouquet.“ „Eil jede Sache und jeder Menſch hat eine gute Seite, eine nützliche Seite, Monſeigneur.“. „Die Banditen, die der Abbé beſoldet und betrun⸗ ken macht, haben ihre gute Seite? Beweiſt mir das.“4 „Wenn die Umſtände eintreten, Monſeigneur, wer⸗ r 141 det Ihr Euch glücklich fühlen, dieſe Banditen bei der Hand zu haben.“ „Du räthſt mir alſo, mich mit dem Herrn Abbé Fouquet zu verſöhnen 2“ fragte Fouquet ſpöttiſch. „Ich rathe Euch, Monſeigneur, Euch nicht mit hundert bis hundert und zwanzig Galgenſtricken zu ent⸗ zweien, welche, die Spitzen ihrer Raufdegen an einander haltend, einen ſtählernen Cordon bilden würden, der im Stande ware, dreitauſend Mann einzuſchließen.“ Fouquet warf einen tiefen Blick auf Gourville, ging an ihm vorüber und ſagte zu dem Bedienten: „Man führe den Herrn Abbé Fouquet ein.“ Dann ſprach er zu Gourville: „Es iſt gut, Ihr habt Recht, Gourville.“ Zwei Minuten nachher erſchien der Abbé mit großen Verbeugungen auf der Thürſchwelle. Er war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, halb Geiſtlicher, halb Soldat, ein Raufer auf einen Abbé gepfropft; man ſah, daß er keinen Degen an der Seite hatte, aber man fühlte, daß er Piſtolen bei ſich trug. 1 Fouquet grüßte ihn, weniger als älterer Bruder, denn als Miniſter, und ſprach: „Was ſteht zu Euren Dienſten, Herr Abbé?“ „Hoho! wie Ihr mir das ſagt, mein Bruder!“ „Ich ſage Euch das wie ein Mann, der Eile hat, mein Herr.“ Der Abbé ſchaute Gourville boshaft, Fouquet ängſt⸗ lich an, und ſprach: 5 „Ich habe heute Abend Herrn von Bregi drei⸗ hundert Piſtolen zu bezahlen... eine Spielſchuld, eine heilige Schuld.“ 4 „Weiter!“ ſagte Fouquet muthig, denn er wußte, der Abbé Fouquet würde ihn nicht wegen einer ſolchen CErbärmlichkeit beläſtigen. wil„Tauſend meinem Fleiſcher, der nicht mehr liefern 1 i„1 142 „Weiter?“ „Zwölfhundert dem Schneider,“ fuhr der Abbé fort:„der Burſche hat mir ſieben Anzüge von meinen Leuten wegnehmen laſſen, weshalb meine Livreen ge⸗ fährdet ſind und meine Geliebte davon ſpricht, ſie werde meinen Platz durch einen Steuerpächter erſetzen, was demüthigend für die Kirche wäre.“ „Was gibt es weiter?“ fragte Fouquet. „Ihr bemerkt wohl, mein Herr, daß ich nichts für mich verlangt habe,“ ſprach der Abbé demüthig. „Das iſt äußerſt zart, mein Herr,“ erwiederte Fou⸗ quet;„Ihr ſeht auch, daß ich warte.“ „Und ich verlange auch nichts, oh! nein... Doch nicht, als ob ich keinen Mangel hätte, dafür ſtehe ich Euch...“ Der Miniſter dachte einen Augenblick nach und erwiederte dann: 1 „Zwölfhundert Piſtolen dem Schneider... dafür bekommt man, wie mir ſcheint, viele Kleider.“ „Ich unterhalte hundert Leute!“ rief ſtolz der Abbé;„das iſt, glaube ich, eine Laſt.“ „Warum hundert Leute? Seid Ihr ein Richelieu oder ein Mazarin, um hundert Leute zu Eurer Bewa⸗ chung zu haben? Wozu dienen Euch dieſe hundert Leute, ſprecht, ſprecht?“ „Ihr fragt mich das?“ rief der Abbé Fouquet; „ahl wie könnt Ihr an mich die Frage richten, warum ich hundert Leute unterhalte? Ah!“ 3 „Ja, ich ſtelle dieſe Frage an Euch: was macht Ihr mit hundert Leuten, antwortet?“ 3„Undankbarer!“ fuhr der Abbé, ſich immer mehr erhitzend, fort. 4. „Erklärt Euch.“ „Herr Oberintendant, ich brauche nur einen Kam⸗ merdiener, und wenn ich allein wäre, würde ich mich vollends ſelbſt bedienen, doch Ihr, der Ihr ſo viel Feinde habt.. Hundert Mann genügen mir nicht, 143³ Euch zu vertheidigen. Hundert Mann!... ich müßte zehntauſend haben! Ich unterhalte alſo dies Alles, da⸗ mit an den öffentlichen Orten, in den Verſammlungen Keiner die Stimme gegen Euch erhebt; und ohne dieſes, mein Herr, würdet Ihr mit Verwünſchungen belaſtet, auf das Abſcheulichſte verläſtert, würdet Ihr nicht acht Tage währen, nein, nicht acht Tage, hört Ihr wohl!“ „Ah! ich wußte nicht, daß Ihr ein ſolcher Ver⸗ theidiger für mich ſeid, Herr Abbé.“— „Zweifelt Ihr daran?“ rief der Abbé.„Hört alſo, was geſchehen iſt. Geſtern erſt handelte ein Menſch in der Rue de la Huchette um ein Huhn.“ „Nun? in welcher Hinſicht ſchadete das mir, Abbé?“ „Hört. Das Huhn war nicht fett. Der Käufer weigerte ſich, achtzehn Sous dafür zu geben, und ſagte, er könne nicht achtzehn Sous für die Haut eines Huhns bezahlen, von dem Herr Fouquet alles Fett genommen habe.“ „Hernach?“ „Dieſes Wort machte lachen,“ fuhr der Abbé fort, „auf Eure Koſten lachen, Tod und Teufel! Und die Canaille häufte ſich an. Der Lacher fügte bei:„„Gebt mir ein von Herrn Colbert gefüttertes Huhn, das laſſe ich mir gefallen, ich bezahle Euch dafür, was Ihr wollt.“ Von allen Seiten klatſchte man in die Hände. Ihr begreift, ein Aergerniß, das einen Bruder noöthigt, ſein Geſicht zu verbergen.“ Fouquet erröthete. „Und Ihr verbargt es?“ ſagte der Oberintendant. „MNein,“ fuhr der Abbé fort, nich hatte gerade einen von meinen Leuten in der Menge, einen neuen Rekruten, der von der Provinz kommt, einen Herrn Menneville, den ich beſonders liebe. Er durchſchnitt die Menge und ſagte zu dem Lacher.“ „Tauſend Gewitter! ſchlechter Herr Spaßmacher, es gilt einen Stich dem Colbert.“ „Gut, ich halte einen dem Fouquet!“ erwiederte 144 der Lacher. Wonach ſie vor der Bude des Garkochs vom Leder zogen, mit einem Kreis von Neugierigen um ſich und mit fünfhundert Zuſchauern an den Fen⸗ ſtern.“ „Nun?“ fragte Fouquet. „Nun, mein Herr, Menneville ſpießte den Lacher zum großen Erſtaunen der Umſtehenden und ſagte zu dem Garkoch:„„Nehmt dieſen Truthahn, mein Freund, er iſt fetter als Euer Huhn.“„ „Hiefür, mein Herr,“ endigte der Abbé trium⸗ phirend,„hiefür verwende ich meine Einkünfte; ich ſtütze die Ehre der Familie, mein Herr.“ Fouquet ſchaute zu Boden. f„Und ſo habe ich hundert Leute,“ fuhr der Abbé fort.. „Gut,“ ſprach Fouquet,„gebt Eure Rechnung Gourville und bleibt heute Abend hier bei mir.“ „Man ſpeiſt zu Nacht?“ „Man ſpeiſt zu Nacht.“ „Aber die Kaſſe iſt geſchloſſen?ℳ „Gourville wird ſie Euch öffnen. Geht, Herr Abbé, geht.“ Der Abbé machte eine Verbeugung und fragte noch: „Wir ſind alſo nun Freunde?“ „Ja, Freunde. Kommt, Gourville.“ „Ihreentfernt Euch? Ihr ſpeiſt alſo nicht zu Nacht?“ „Seid unbeſorgt, ich werde in einer Stunde hier ſein, Abbé.“ Dann ganz leiſe zu Gourville: „Man ſpanne meine engliſchen Pferde an und fahre am Stadthaus in Paris vorbei.“ 1 Die drei Musketiere. Bragelonne. IlI. 10 Der Wein von Herrn von la Fantaine. Die Wagen brachten ſchon die Gäſte von Fouquet nach Saint⸗Mandé, ſchon erwärmte ſich das ganze Haus von den Zurichtungen zum Abendbrod, als der Oberintendant auf der Straße nach Paris mit ſeinen raſchen Roſſen hineilte und, über die Quais fahrend, um weniger Menſchen auf dem Wege zu finden, das Stadthaus erreichte. Es war drei Viertel auf acht Uhr. Fouquet ſtieg an der Ecke der Rue du Long⸗Pont aus und wandte ſich zu Fuß mit Gourville nach der Grève. An der Wendung des Platzes erblickten ſie einen ſchwarz und veilchenblau gekleideten Mann von gutem Ausſehen, der allein in einen Miethwagen zu ſteigen ſich anſchickte und den Kutſcher nach Vincennes fahren hieß. Er hatte vor ſich einen großen Korb voll von Flaſchen, die er in der Schenke zum Bild Unſerer Lie⸗ ben Frau gekauft. „Eil das iſt Vatel, mein Haushofmeiſter,“ ſagte Fouquet zu Gourville. „Ja, Monſeigneur,“ erwiederte dieſer. „Was hat er im Bilde Unſerer lieben Frau ge⸗ macht?⸗ „Ohne Zweifel Wein gekauft.“ „Wie? man kauft Wein für mich in einer Schenke!“ rief Fouquet.„Mein Keller iſt alſo ſo elend beſtellt!“ Und er ging auf den Haushofmeiſter zu, der ſeinen Wein mit ängſtlicher Sorgfalt im Wagen ordnete. „Hollah! Vatel,“ ſagte er mit gebieteriſcher Stimme. 146 „Nehmt Euch in Acht, Monſeigneur,“ ſprach Gour⸗ ville,„man wird Euch erkennen.“ tel „Gut!... was iſt mir daran gelegen? Vatel!“ Der ſchwarz und veilchenblau gekleidete Mann wandte ſich um. fü Es war ein gutes und ſanftes Geſicht, ohne Aus⸗ P. druck, das Geſicht eines Mathematikers, abgeſehen vom ko Stolz. Ein gewiſſes Feuer glänzte in den Augen die⸗ ke ſes Mannes, ein ziemlich feines Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, doch der Beobachter hätte bald bemerkt, daß dieſes Lächeln auf nichts anwendbar war, daß die⸗ li ſes Feuer nichts erleuchtete. de Vatel lachte wie ein Zerſtreuter, oder beſchäftigte ko ſich wie ein Kind. Beim Ton der Stimme, die ihn rief, wandte er be ſich um. „Ah!“ ſagte er,„Monſeigneur.“ m „Ja, ich. Was Teufels macht Ihr da, Vatel? .... Wein; Ihr kauft Wein in einer Schenke der w Grève; wenn es noch im Tannenzapfen wäre.“ de „Aber, Monſeigneur,“ ſprach Vatel ruhig, nachdem LL er Gourville einen feindſeligen Blick zugeworfen hatte, „in was miſcht man ſich hier?.. Iſt mein Keller la ſchlecht verſehen 2... „Nein, gewiß nicht, Vatel, nein; aber...“ b „Was! aber.. entgegnete Vatel. 3 Gourville berührte den Ellenbogen des Oberin⸗ m tendanten. da „Aergert Euch nicht, Vatel, ich glaubte, mein Ke⸗ ſe ber, Euer Keller, wäre gut genug verſehen, daß man eb ſich der Mühe, ſeine Zuflucht zu dem Bild Unſerer Lie⸗ ze ben Frau zu nehmen, überheben könnte.“ 3 un „Eil mein Herr,“ ſagte Vatel, der mit einer ge⸗ wiſſen Geringſchätzung von Monſeigneur zum Herrn herabſiel,„Euer Keller iſt ſo gut beſtellt, daß gewiſſe Gäſte von Euch, wenn ſie bei Euch zu Mittag ſpeiſen nicht trinken.“ 8 Fouquet ſchaute erſtaunt Gourville und dann Va⸗ tel an. „Was ſagt Ihr da?“. „Ich ſage, Euer Kellermeiſter habe nicht Weine für jeden Geſchmack, und die Herren von la Fontaine, Pelliſſon und Conrart trinken nicht, wenn ſie zu Euch kommen. Was wollt Ihr, dieſe Herren lieben den ſtar⸗ ken Wein nicht.“ „Nun, und dann?“ „Dann habe ich hier einen Joigny⸗Wein, den ſie lieben. Ich weiß, daß ſie einmal in der Woche, um davon zu trinken, in das Bild Unſerer Lieben Frau kommen, und deshalb kaufe ich hier ein.“. Fouquet hatte nichts mehr zu ſagen... er war beinahe bewegt. Vatel hatte ohne Zweifel noch viel zu ſagen, und man ſah wohl, daß er ſich erhitzte. „Das iſt gerade, wie wenn Ihr es mir zum Vor⸗ wurf machen würdet, Monſeigneur, daß ich ſelbſt in der Rue Planche⸗Mibray den Apfelmoſt hole, den Herr Loxet trinkt, wenn er in Euer Haus kommt.“ „Loret trinkt Apfelmoſt bei mir!“ rief Fouquet lachend. „Ja, Herr, und darum ſpeiſt er mit Vergnügen bei Euch.“ „Vatel!“ rief Fouquet, indem er ſeinem Haushof⸗ meiſter die Hand drückte,„Ihr ſeid ein Mann! Ich danke Euch, Vatel, daß Ihr begriffen habt, bei mir ſeien die Herren von la Fontaine, Conrart und Loret ebenſo viel als Herzoge und Pairs, ebenſo viel als Prin⸗ zen, mehr als ich. Vatel, Ihr ſeid ein guter Diener, und ich verdopple Euren Gehalt.“ Vatel dankte nicht einmal; er zuckte die Achſeln und murmelte das erhabene Wort: „Einen Dank dafür erhalten, daß man ſeine Pflicht geethan hat, iſt demüthigend.“ „Er hat Recht,“ ſagte Gourville und lenkte die 148 Aufmerkſamkeit von Fouquet mit einer einzigen Geberde auf einen andern Punkt. Er zeigte ihm in der That einen Wagen von nied⸗ riger Form, gezogen von zwei Pferden, worauf zwei ganz mit Eiſen beſchlagene und durch Ketten aneinan⸗ der gebundene Galgen lagen, während ein Bogenſchütze, der auf der Dicke des Balkens ſaß, wohl oder übel, mit etwas gedemüthigter Miene die Commentare eines Hunderts von Vagabunden aushielt, welche die Be⸗ ſtimmung dieſer Galgen witterten und dieſelben bis zum Stadthaus geleiteten. Fouquet bebte. „Seht Ihr, es iſt entſchieden,“ ſagte Gourville. „Aber es iſt noch nicht geſchehen,“ erwiederte Fouquet. „Ohl täuſcht Euch nicht, Monſeigneur, wenn man ſo Eure Freundſchaft, Euer Mißtrauen eingeſchläfert hat, wenn die Dinge ſo ſtehen, könnt Ihr nichts mehr ändern.“ „Aber ich habe nicht ratificirt.“ „Herr von Lyon than haben.“ 4 „Ich gehe in den Louvre.“ „Ihr werdet nicht dahin gehen.“ „Ihr rathet mir dieſe Feigheit,“ rief Fouquet, „Ihr rathet mir, meine Freunde im Stich zu laſſen, Ihr rathet mir, während ich kämpfen kann, die Waffen, die ich in der Hand habe, von mir zu werfen?“ „Ich rathe Euch nichts von dem Allem, Monſeig⸗ 3 neur; könnt Ihr die Oberintendanz in dieſem Augen⸗ blick aufgeben?“ „Nein.“ „ Nun, wen ſetzen wollte?. 3 „Er wird dies von der Ferne wie von thun.“ 3 „Ja, aber Ihr werdet ihn nie verletzt haben. ne wird es an Eurer Stelle ge⸗ — n aber der König Andere an Eure Stelle oooaaaaſ 149 „Ja, doch ich werde feig geweſen ſein; ich will aber nicht, daß meine Freunde ſterben, und ſie werden nicht ſterben.“ „Dazu iſt es nöthig, daß Ihr in den Louvre geht.“ „Gourville!“ „Nehmt Euch in Acht... Seid Ihr einmal im Louvre, ſo werdet Ihr genöthigt ſein, entweder laut Eure Freunde zu vertheidigen, das heißt ein Glaubens⸗ bekenntniß abzulegen, oder ſie unwiederbringlich aufzu⸗ 44 „Verzeiht mir.... der König wird Euch noth⸗ wendig dieſe Alternative vorſchlagen, oder Ihr werdet ſie ſunden habe.“ „Monſeigneur,“ ſprach Gourville,„Ihr würdet mein Mitleid erregen, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr einer der guten Geiſter dieſer Welt ſeid. Ihr beſitzt hundert und fünfzig Millionen, Ihr ſeid ebenſo viel als der König durch die Stellung, fünfzigmal mehr durch das Geld. Herr Colbert hat nicht einmal den Geiſt gehabt, das Teſtament von Mazarin annehmen zu ma⸗ chen. Wenn man der Reichſte eines Königreichs iſt, und man gibt ſich die Mühe, Geld zu verbrauchen, iſt man, wenn man nicht das thut, was man will, ein armſeliger Menſch. Ich ſage Euch, kehren wir nach Saint⸗Mandé zurück.“ „um Pelliſſon um Rath zu fragen, jaa Nein, Monſeigneur, um Euer Geld zu zaßlen.“ — 150 „Auf!“ ſagte Fouquet, die Augen entflammt;„jal! jal nach Saint⸗Mandé!“ Er ſtieg in ſeinen Wagen, und Gourville mit ihm. Auf der Straße, am Ende des Faubourg Saint? An⸗ toine, trafen ſie das kleine Gefährt von Vatel, der ruhig ſeinen Joigny⸗Wein führte. In vollem Laufe vorüberjagend, erſchreckten die Rappen das ſcheue Pferd des Haushofmeiſters, und die⸗ ſer ſtreckte ganz beſtürzt den Kopf auf dem Schlag und ef: „Habt Acht! habt Acht! meine Flaſchen!“ , Sͤͤ Se S.— 8— —— — ðꝙ XV. Die Gallerie von Saint⸗Mande. Fünfzig Perſonen warteten auf den Oberintendan- ten. Er nahm ſich nicht einmal Zeit, ſich einen Augen⸗ blick ſeinem Kammerdiener anzuvertrauen, und ging un⸗ mittelbar von der Freitreppe in den erſten Salon. 21 n. n-⸗ er ie te⸗ nd 151 kleiner Hof, wie auf der eines Gottes, alle Bewegun⸗ gen ſeiner Seele las, um ſich daraus Regeln für ſein Benehmen zu machen, ſeine Stirne, welche die Ange⸗ legenheiten nie runzelten, war an dieſem Abend blei⸗ cher als gewöhnlich, und mehr als ein Auge bemerkte dieſe Bläſſe. Fouquet ſetzte ſich an den Mittelpunkt der Tafel und präſidirte heiter beim Abendbrod. Er er⸗ zählte la Fontaine die Expedition von Vatel; er erzählte Pelliſſon die Geſchichte von Menneville und dem ma⸗ geren Huhn, ſo daß es der ganze Tiſch hörte, und es entſtand ein Sturm von Gelächter und Spöttereien, der erſt auf eine ernſte, traurige Geberde von Pelliſſon endigte. Der Abbé Fouquet, der nicht wußte, aus welchem Grunde ſein Bruder das Geſpräch auf dieſen Gegen⸗ ſtand gebracht hatte, hörte mit allen ſeinen Ohren und ſuchte auf dem Geſicht von Gourville oder auf dem des Oberintendanten eine Erklärung, die ihm nichts gab. Pelliſſon nahm das Wort und ſagte: „Man ſpricht alſo von Herrn Colbert?“ „Warum nicht,“ erwiederte Herr Fouquet,„war⸗ um nicht, wenn es wahr iſt, daß ihn der König zu ſei⸗ nem Intendanten gemacht hat?“ Kaum hatte Fouquet dieſes Wort mit klar her⸗ vortretender Abſicht ausgeſprochen, als man eine allge⸗ meine Exploſion unter den Gäſten vernahm.“ „Ein Heuchler!“ ſagte der Eine. „Ein Schlucker!“ ſagte der Andere. „Ein Geizhals!“ ſagte der Dritte. Pelliſſon wechſelte einen bedeutungsvollen Blick mit Fouquet und ſprach ſodann: 3 „Meine Herren, wir mißhandeln da wahrhaftig einen Mann, den Keiner von uns kennt. Das iſt weder menſchenfreundlich, noch vernünftig, und dieſer Anſicht, ich bin es feſt überzeugt, iſt auch der Herr Oberinten⸗ dant.“ 6. „Vollkommen,“ ſagte Fouquet.„Laſſen wir die 8 — 15² fetten Hühner von Herrn Colbert, hier iſt heute nur die Rede von den getrüffelten Faſanen von Herrn Vatel.“ Dieſe Worte hielten die düſtere Wolke auf, welche in raſchem Laufe über den Gäſten heranrückte. Gourville belebte ſo gut die Dichter mit dem Joigny⸗ Wein, der Abbé, verſtändig wie ein Menſch, der der Thaler Anderer bedarf, belebte ſo gut die Finanzmän⸗ ner und die Kriegsleute, daß in den Nebeln dieſer Freude und im Lärmen des Geſpräches der Gegenſtand der Unruhe völlig verſchwand. Das Teſtament des Cardinals war der Tert der Unterhaltung beim zweiten Gang und beim Nachtiſch; dann befahl Fouquet die Schalen mit Zuckerwerk und die Fontainen mit Liqueurs in die an den Salon an⸗ ſtoßende Gallerie zu bringen. Er begab ſich dahin an ſeiner Hand eine Frau, Königin an dieſem Abend durch ſeine Bevorzugung, führend. Dann ſpeiſten die Muſikanten zu Nacht, und es be⸗ gannen die Spaziergänge in der Gallerie unter einem milden Frühlingshimmel, in einer von Wohlgerüchen geſchwängerten Luft. Pelliſſon kam auf den Oberintendanten zu und fragte ihn: „Monſeigneur hat einen Kummer?“ „Einen großen,“ antwortete der Miniſter; Euch das von Gouxville erzählen.“ „laßt Pelliſſon erblickte, als er ſich umwandte, la Fon⸗— taine, der ihm auf beide Füße trat. Er mußte einen lateiniſchen Vers anhören, den der Dichter auf Vatel gemacht hatte. La Fontaine ſcandirte dieſen Vers ſeit einer Stunde in allen Ecken und ſuchte eine vortheilhafte Unterkunft für denſelben. Er glaubte Pelliſſon zu halten, ſchlüpfte ihm. Er wandte ſich an Soret, aber dieſer ent⸗ der ein Quatrain 1 153 zu Ehren des Abendbrods und des Wirthes gemacht hatte. La Fontaine wollte vergebens ſeinen Vers anbrin⸗ gen; Soret bemühte ſich vergebens für ſein Quatrain. Er war genöthigt, vor dem Herrn Grafen von Chenoſt zurückzuweichen, deſſen Arm Fouquet genommen. Der Abbé Fouquet fühlte, zerſtreut wie immer, würde der Dichter den zwei Sprechenden folgen, und trat dazwiſchen. La Fontaine klammerte ſich ſogleich an ihn an und recitirte ſeinen Vers. 8 Der Abbé, der das Lateiniſche nicht verſtand, wiegte den Kopf im Takt bei jeder Bewegung, die la Fontaine ſeinem Körper, nach den Wogungen der Daktylen und Spondäen, gab. Während dieſer Zeit erzählte hinter den Baſſins mit Zuckerwerk Fouquet, was vorgefallen, Herrn von Chenoſt, ſeinem Schwiegerſohn. „Indeß wir hier ſprechen, muß man die Unnützen zum Feuerwerk ſchicken,“ ſagte Peliſſon zu Gourville. „Gut,“ erwiederte Gourville. Und er flüſterte Vatel vier Worte zu. Dann ſah man den Letzteren nach dem Garten die Mehrzahl der Stutzer, der Damen und der Schwatzer führen, wo ein koſtbares Feuerwerk für die Liebhaber abgebrannt wurde, während die meiſten Männer in der von dreihundert Wachskerzen erleuchteten Gallerie auf und abgingen. Gourville näherte ſich Fouquet und ſagte: „Monſeigneur, wir ſind alle hier.“ „Alle?“ verſetzte Fouquet. „Ja, zählt.“ Der Oberintendant wandte ſich um und zählte. Es waren acht Perſonen. Pelliſſon und Gourville gingen ſich am Arme hal⸗ tend umher, als ob ſie über unbeſtimmte, leichte Dinge plauderten,. 154 Soret und zwei Officiere ahmten ſie in verkehrter Richtung nach.— Der Abbé Fouquet war allein. Fouquet ging mit Herrn von Chenoſt, als wäre er ganz von dem Geſpräch ſeines Schwiegerſohnes in Anſpruch genommen. „Meine Herren,“ ſagte er,„Niemand erhebe den Kopf im Gehen, Niemand darf den Anſchein haben, als ſchenkte er mir Aufmerkſamkeit; geht weiter, wir ſind allein, hört auf mich.“ Es trat ein tiefes Stillſchweigen ein, nur geſtört durch die entfernten Ausrufungen der freudigen Gäſte, welche in den Gebüſchen Platz nahmen, um die Raketen beſſer zu ſehen.“ Sie boten ein ſeltſames Schauſpiel, dieſe Männer, die in Gruppen, und als wäre Jeder mit Etwas beſonders beſchäftigt, auf⸗ und abgingen, während ſie nur auf das Wort eines Einzigen von ihnen aufmerkſam waren, der ſelbſt nur mit einem Nachbar zu ſprechen ſchien. „Meine Herren,“ ſagte Fouquet,„Ihr habt ohne Zweifel bemerkt, daß dieſen Abend zwei von unſeren Freunden in der Mittwochsverſammlung fehlen.. Um Gottes willen! Abbé, bleibt nicht ſtehen, das iſt nicht noͤthig, um zu hören; ich bitte, geht mit Eurer natür⸗ lichſten Miene, oder, da Ihr das ſchärfſte Geſicht habt, ſtellt Euch an das offene Fenſter und benachrichtigt uns, wenn Jemand gegen die Gallerie kommt, durch Huſten.“. Der Abbé gehorchte. „Ich habe die Abweſenden nicht bemerkt,“ ſagte Pelliſſon, der in dieſem Augenblick Fouquet den Rücken zuwandte und in verkehrter Richtung ging. „Ich,“ ſagte Soret,„ich ſehe Herrn Lyodot nicht, der mir meine Penſion gibt.“ 8 8 „Und ich,“ ſagte der Abbé vom Fenſter aus,„ich ſehe meinen lieben d'Emeris nicht, der mir eilfhundert Livres von unſerem letzten Brelan ſchuldig iſt.“ .. ö ———₰— 155 „Soret,“ fuhr Fouquet fort, der düſter und ge⸗ bückt auf und abſchritt,„Ihr werdet die Penſion von Lyodot nicht mehr beziehen, und Ihr, Abbé, bekommt nie Eure eilfhundert Livres von d'Emeris, denn Beide müſſen ſterben.“ „Sterben!“ rief die Verſammlung, unwillkührlich in ihrem Scheinſpiel durch dieſes furchtbare Wort auf⸗ gehalten. „Beruhigt Euch, meine Herren,“ ſagte Fouguet, „denn man beobachtet uns vielleicht. Ich habe geſagt: Sterben!“ „Sterben!“ wiederholte Pelliſſon,„dieſe Männer, die ich vor nicht ſechs Tagen voll Geſundheit, Heiter⸗ keit und Zukunft geſehen habe. Guter Gott! was iſt der Menſch, daß ihn eine Krankheit mit einem Schlage niederwirft!“ „Es iſt keine Krankheit,“ entgegnete Fouquet. „Alſo gibt es ein Mittel?“ ſagte Soret. „Kein Mittel, die Herren Lyodot und d'Emeris ſtehen am Vorabend ihres letzten Tages.“ „Warum ſterben denn dieſe Herren?“ rief ein Officier.. „Fragt denjenigen, welcher ſie todtet,“ antwortete Fouquet. „Wer tödtet ſie? Man tödtet ſie?“ rief der Chor erſchrocken. „Man thut noch etwas Beſſeres, man henkt ſie!“ murmelte Fouquet mit einer düſteren Stimme, welche wie ein Sterbegeläute in dieſer reichen, ganz von Ge⸗ mälden, Blumen, Sammet und Gold ſchimmernden Gallerie klang.“ Unwillkührlich blieb Jeder ſtehen; der Abbé verließ ſein Fenſter; die erſten Raketen des Feuerwerks fingen an über die Gipfel der Bäume emporzuſteigen. Ein langer Schrei im Garten forderte den Ober⸗ intendanten auf, den Anblick zu genießen. 156 Er näherte ſich dem Fenſter und hinter ihn ſtellten ſich ſeine auf jedes ſeiner Worte aufmerkſamen Freunde. „Meine Herren,“ ſagte er,„auf Veranlaſſung von Herrn Colbert ſind zwei von meinen Freunden verhaftet, verurtheilt worden, und er wird ſie auch hinrichten laſſen: Was geziemt ſich für mich, zu thun 22 „Gottes Tod!“ ſagte der Abbé zuerſt,„Ihr müßt Herrn Colbert ausweiden laſſen!“ „Monſeigneur,“ ſagte Pelliſſon,„Ihr müßt mit Seiner Majeſtät ſprechen.“ „Der König, mein lieber Pelliſſon, hat das Todes⸗ urtheil unterſchrieben.“. „Nun wohll ſagte der Graf von Chenoſt,„die Hin⸗ richtung darf nicht ſtattfinden.“ „Unmöglich, wenn man nicht die Gefangenwärter beſticht,“ entgegnete Pelliſſon. „Oder den Gouverneur,“ bemerkte Fouquet. „Man kann die Gefangenen in dieſer Nacht ent⸗ weichen laſſen.“ „Wer von Euch übernimmt die Unterhandlung 2 „Ich beſorge das Geld,“ ſprach der Abbs. „Ich beſorge die Unterhandlung,“ ſagte Pelliſſon. „Die Unterhandlung und das Geld,“ ſprach Fouquet, „fünfmal hundert tauſend Livres dem Gouverneur der Conciergerie iſt genug; man gibt jedoch eine Million, wenn es ſein muß.“ 8. .„Eine Million!“ rief der Abbé,„für halb ſo viel ſtecke ich die Hälfte von Paris in den Sack.“ „Keine Unordnung,“ ſagte Pelliſſon;„iſt der Gou⸗ verneur gewonnen, ſo entweichen die zwei Gefangenen; ſind ſie vom Proceſſe frei, ſo wiegeln ſie die Feinde von Colbert auf und beweiſen dem König, daß ſeine junge Juſtiz nicht unfehlbar iſt, wie alle Uebertreibungen.“ „Geht alſo nach Paris, Pelliſſon, und bringt die Zwei Opfer zurück,“ ſprach Fouquet;„morgen werden wir ſehen! 157 4 „Gourville, gebt Pelliſſon die fünfmal hundert tauſend Livres.“ 3 „Nehmt Euch in Acht, daß Euch der Wind nicht fortträgt,“ rief der Abbé,„Teufel, welche Verant⸗ wortlichkeit! Laßt mich Euch ein wenig helfen.“ „Stille!“ flüſterte Fouquet,„man naht, ahl das Feuerwerk iſt in der That zauberhaft!“ 3 In dieſem Augenblick fiel ein Funkenregen rieſelnd in die Zweige des nahen Gehölzes. Pelliſſon und Gourville entfernten ſich mit einan⸗ der durch die Thüre der Gallerie; Fouquet ging mit den fünf letzten Verſchworenen in den Garten hinab. XVI. Die Epikuräer. Da Fouquet wirklich oder dem Anſchein nach ſeine ganze Aufmerkſamkeit der glänzenden Beleuchtung, der ſchmachtenden Muſik der Violinen und der Hautbois, den funkelnden Garben des Feuerwerks ſchenkte, welche, den Himmel mit rothgelben Reflexen überſtrömend, hinter den Bäumen. die düſtere Silhouette des Schloß⸗ thurmes von Vincennes hervorhoben, da, ſagen wir, der Oberintendant den Damen und den Dichtern zulächelte, ſo war das Feſt nicht minder heiter, als gewöhnlich, und Vatel, deſſen unruhiger, ſogar eiferſüchtiger Blick dringlich den Blick von Fouquet befragte, zeigte ſich nicht unzufrieden mit der Aufnahme, die der Anordnung des Abends zu Theil wurde. Als das Feuerwerk abgebrannt war, zerſtreute ſich * Gluck.“ 15⁵8 die Geſellſchaft in den Gärten und unter den Säulen⸗ lauben mit jener behaglichen Freiheit, welche ſo viel Vergeſſen der Größe, ſo viel gaſtfreundliche Artigkeit, ſo viel großartige Sorgloſigkeit auf Seiten des Haus⸗ herrn offenbart. Die Dichter verirrten ſich Arm in Arm in den Gebüſchen; einige ſtreckten ſich auf Mooslagern aus, zum . großen Unſtern von Sammet und Friſuren, woran ſich dürres Laub und Halme anhingen. Die Damen höͤrten, in geringer Anzahl, die Lieder der Künſtler und die Verſe der Dichter an; andere horchten auf die Proſa, die ihnen mit viel Kunſt Männer ſagten, welche weder Schauſpieler noch Dichter waren, denen aber die Jugend und die Ungeſtörtheit eine ungewohnte Beredtſamkeit verliehen, die ihnen den Vorzug vor Allem zu verdienen ſchien. „Warum,“ fragte la Fontaine,„warum iſt unſer Meiſter Epikur nicht in den Garten herabgekommen? Nie verließ Epikur ſeine Schüler; der Meiſter hat Unrecht.“ „Mein Herr,“ ſagte Conrart,„Ihr habt ſehr Un⸗ recht, Euch beharrlich mit dem Namen eines Epikuräers zu ſchmücken, wahrlich uns erinnert nichts hier an die Lehre des Philoſophen von Gargettos.“ „Bah!“ verſetzte la Fontaine,„ſteht nicht geſchrie⸗ ben, Epikur habe ſich einen Garten gekauft und darin ruhig mit ſeinen Freunden gelebt?“ „Das iſt wahr.“ „Nun! hat Herr Fouquet nicht einen großen Garten in Saint⸗Mandé gekauft, und leben wir nicht darin äußerſt ruhig mit ihm und unſeren Freunden?“ „Ja, gewiß; doch leider können weder der Garten, noch die Freunde die Aehnlichkeit geben. Worin liegt aber die Aehnlichkeit der Lehre von Herrn Fouquet mit der von Epikur?“ 6 „In dem Satze: Das Vergnügen bildet das 82 159 „Hernach?“ „Ich glaube nicht, daß wir uns unglücklich fühlen, ich wenigſtens nicht. Ein gutes Mahl, Joigny⸗Wein, den man für mich in meiner Lieblingsſchenke zu holen ſo zart geweſen iſt; nicht eine Ungereimtheit bei einem Abendbrod von einer Stunde, trotz der zehn Millionäre und der zwanzig Dichter.“ „Hier halte ich Euch, Ihr ſprachet von Joigny⸗ Wein und einem guten Mahl, beharrt Ihr hiebei?“ „Ich beharre hiebei.“ „Dann erinnert Euch, daß der große Epikur von Brod, Gemüſen und klarem Waſſer lebte und ſeine Schüler leben ließ.“ „Das iſt nicht gewiß,“ entgegnete la Fontaine, „Ihr könntet wohl Epikur mit Pythagoras verwechſeln, mein lieber Conrart.“ „Erinnert Euch auch, daß der alte Philoſoph ein ziemlich ſchlechter Freund der Götter und der Magi⸗ ſtrate war.“ „Ohl das kann ich nicht dulden,“ verſetzte la Fon⸗ taine,„Epikur wie Herr Fouquet.“ „Vergleicht ihn nicht mit dem Herrn Oberinten⸗ danten,“ ſprach Conrart mit bewegter Stimme,„wenn Ihr nicht den Gerüchten, welche über ihn und uns ſchon im Umlauf ſind, Glauben verleihen wollt.“ „Welche Gerüchte?“ „Wir ſeien ſchlechte Franzoſen, lau für den Mo⸗ narchen, taub für das Geſetz.“ „Ich komme alſo auf meinen Text zurück,“ ſprach la Fontaine.„Hoͤrt, Conrart, die Moral von Epikur, den ich übrigens, wenn ich es Euch ſagen ſoll, als eine Mythe betrachte: Alles, was ein wenig ins Alterthum eingegriffen hat, iſt eine Mythe. Jupiter, wenn man es genau betrachten will, iſt das Leben, Alkides iſt die Kraft, die Abſtammung der Wörter ſpricht für mich. Nun wohl, Epikuros iſt die ſanfte Ueberwachung, es iſt der Schutz; 160 wer überwacht aber beſſer den Staat, wer beſchützt beſſer die einzelnen Perſonen, als Herr Fouquet?“ „Ihr ſprecht mir da von Etymologie und nicht von Moral; ich ſage, wir neuen Epikuräer ſeien ärgerliche Bürger.“— „Oh!l“ rief la Fontaine,„wenn wir ärgerliche Bürger werden, ſo geſchieht es nicht dadurch, daß wir die Marimen des Meiſters befolgen. Hört eine ſeiner Hauptaphorismen.“ 1 „Ich höre.“ „Wünſcht gute Häupter.“ „Nun?“ „Nun! was ſagt uns Herr Fouquet alle Tage? „„Wann werden wir regiert ſein?““ Sagt er das? Sprecht, Conrart, ſeid offenherzig.“ „Er ſagt es, es iſt wahr.“ „Nun, das iſt die Lehre von Epikur.“ „Ja, aber das klingt ein wenig meuteriſch.“ „Wie, es iſt meuteriſch, von guten Häuptern re⸗ giert ſein zu wollen?“ ſ„Gewiß, wenn diejenigen, welche regieren, ſchlecht nd.“ „Geduld! ich habe für Alles eine Antwort.“ „Auch für das, was ich ſo eben ſagte?“ „Höort, unterwerft Euch denjenigen, welche ſchlecht regieren... Oh! es ſteht geſchrieben: Kakos poli⸗ teuuſi. Ihr gebt den Text zu?e⸗ „Bei Gott! ich glaube wohl. Wißt Ihr, daß Ihr Griechiſch ſprecht, wie Aeſop, mein lieber la Fon⸗ taine?“ „Iſt das eine Bosheit, mein lieber Conrart?“ „Gott ſoll mich behüten!“ „So kommen wir auf Herrn Fouquet zurück. Was wiederholte er uns alle Tage? Nicht wahr, Folgendes: „„Welch ein Knauſer iſt der Mazarin! welch ein Eſel! welch ein Blutegel! und dennoch muß man dieſem Bur⸗ ſchen gehorchen!““ — 161 „Ich geſtehe, daß er es ſagte, und ſogar vielleicht ein wenig zu ſehr.“ „Wie Epikur, mein Freund, immer wie Epikur; ich wiederhole, wir ſind Cpikuräer, und das iſt ſehr be⸗ luſtigend.“. „Ja, doch ich befürchte, es entſteht neben uns eine Sekte, wie die von Epiktet; Ihr wißt, der Philoſoph von Hieropolis, derjenige, welcher das Brod Lurus, die Gemüſe Verſchwendung und das klare Waſſer Völlerei nannte; der, welcher von ſeinem Meiſter geſchlagen, allerdings ein wenig murrte, aber ohne ſich mehr zu ärgern, ihm zurief;„„Wetten wir, Ihr habt mir das Bein zerbrochen?““ und er gewann die Wette.“ „Dieſer Epiktet war ein einfältiger Burſche.“ „Es mag ſein; doch er könnte wieder in die Mode kommen, indem man nur ſeinen Namen in den von Colbert verwandeln würde.“ „Bah!“ erwiederte la Fontaine,„das iſt unmöglich; Ihr werdet nie Colbert in Epiktet finden.“ 4 „Ihr habt Recht, ich finde darin höchſtens Co⸗ luber.“*) „Ah! Ihr ſeid geſchlagen, Conrart, Ihr nehmt Eure Zuflucht zum Wortſpiel. Herr Arnauld behauptet, ich habe keine Logik.... ich habe mehr als Herr Nicolle.“ „Ja,“ erwiederte Conrart,„Ihr habt Logik, doch Ihr ſeid Janſeniſt.“. Dieſes Wort wurde mit einem ungeheuren Geläch⸗ ter aufgenommen. Allmäͤlig waren die Spaziergänger durch die Ausrufungen der zwei Haberechte zu dem Gebüſch gelockt worden, unter dem ſie ſtritten. Man hatte die ganze Verhandlung mit frommer Aufmerk⸗ ſamkeit angehoͤrt, und ſelbſt Fouquet, der kaum an ſich halten konnte, gab das Beiſpiel der Mäßigung. *) Natter.. Die drei Musketiere. Bragelonne, IIl. 11 162 Doch die Entwickelung der Scene warf ihn über jedes Maß hinaus, und er brach los. Alle Welt brach los, und die zwei Philoſophen wurden mit einſtimmigen Glückwünſchen begrüßt. Man erklärte jedoch la Fontaine zum Sieger wegen Piner tiefen Gelehrſamkeit und ſeiner unwiderſprechlichen ogik. Conrart erhielt die einem unglücklichen Streiter gebührende Entſchädigung; man ſpendete ihm Lob über die Redlichkeit ſeiner Abſichten und die Reinheit ſeines Gewiſſens. In dem Augenblick, wo ſich dieſe Freude durch die lebhafteſten Kundgebungen äußerte, in dem Augenblick, wo die Damen den zwei Gegnern Vorwürfe machten, daß ſie die Frauen nicht in das Syſtem des epikuräi⸗ ſchen Glücks aufgenommen, ſah man Gourville vom andern Ende des Gartens kommen, ſich Fouquet, der mit ſcharfen Blicken nach ihm ſchaute, nähern und ihn durch ſeine Gegenwart allein von der Gruppe trennen. 4 4 Der Oberintendant behielt auf ſeinem Geſicht das Lachen und alle Charaktere der Sorgloſigkeit; kaum aber war er aus dem Blick, als er die Maske abwarf und raſch Gourville fragte: „Nun! wo iſt Pelliſſon? Was macht Pelliſſon?“ „Pelliſſon kommt ſo eben von Paris zurück.“ „Hat er die Gefangenen zurückgebracht?“ „Er konnte nicht einmal den Aufſeher des Gefäng⸗ niſſes ſprechen.“ „Wiel hat er nicht geſagt, er käme auf mein Geheiß?“ „Er hat es geſagt; doch der Aufſeher ließ ant⸗ worten:„„Kommt man auf das Geheiß des Herrn Fouquet, ſo muß man einen Brief von Herrn Fouquet haben.““* 4 „Ohl wenn es ſich nur darum handelt, ihm einen Brief zu geben...“. — 163 „Nie,“ erwiederte Pelliſſon, der ſich an der Ecke des kleines Gehölzes zeigte,„nie, Monſeigneur... Geht ſelbſt und ſprecht in Eurem Namen.“ „Ja, Ihr habt Recht; ich kehre in mein Cabinet zurück, als ob ich arbeiten wollte; laßt die Pferde an⸗ geſpannt, Pelliſſon. Haltet meine Freunde auf, Gour⸗ ville.“ „Noch einen Rath, Monſeigneur,“ ſagte dieſer. „Sprecht, Gourville.“ „Geht nur im letzten Augenblick zum Aufſeher; ein ſolcher Schritt iſt zwar muthig, aber nicht geſchickt. Entſchuldigt mich, Herr Pell iſſon, wenn ich anderer An⸗ ſicht bin, als Ihr; aber glaubt mir, Monſeigneur, ſchickt noch Jemand ab, um mit dieſem Aufſeher, der ein ar⸗ tiger Mann iſt, zu unterhandeln; unterhandelt jedoch nicht ſelbſt.“ 3 „Ich werde mich beſinnen,“ erwieder te Fouquet; „übrigens haben wir die ganze Nacht für uns. „Rechnet nicht zu ſehr auf die Nacht, und hätten wir auch doppelt ſo viel Zeit, als wir haben,“ entgeg⸗ nete Pelliſſon,„es iſt nie ein Fehler, wenn man zu früh kommt.“ „Gott befohlen,“ ſagte der Oberintendant;„kommt mit mir, Pelliſſon.“ Und er entfernte ſich. Die Epikuräer bemerkten nicht, daß das Haupt der Schule verſchwunden war; die Muſik währte aber die ganze Nacht fort. 164 XVII. Eine Viertelſtunde Verzug. Zum zweiten Mal an dieſem Tage außerhalb ſei⸗ nes Hauſes, fühlte ſich Fouquet minder ſchwer und min⸗ der unruhig, als man hätte glauben ſollen. Er wandte ſich gegen Pelliſſon, der mit ernſter Miene in ſeinem Winkel im Wagen über eine gute Be⸗ weisführung gegen die Hitze von Colbert nachdachte. „Mein lieber Pelliſſon,“ ſagte Fouquet,„es iſt ſehr Schade, daß Ihr kein Weib ſeid.“ „Ich glaube im Gegentheil, es iſt ein Glück,“ er⸗ wiederte Pelliſſon,„denn, Monſeigneur, ich bin unge⸗ mein häßlich.“ „Pelliſſon! Pelliſſon!“ rief der Oberintendant,„Ihr wiederholt zu oft, daß Ihr häßlich ſeid, um nicht glau⸗ ben zu machen, es bereite Euch dies viel Kummer.“ „In der That, viel, Monſeigneur; es gibt keinen Menſchen, der unglücklicher iſt, als ich; ich war ſchön, die Blattern haben mich häßlich gemacht; ich bin eines großen Mittels der Verführung beraubt; als Euer erſter, oder beinahe erſter Commis habe ich Eure Intereſſen zu wahren, und wenn ich in dieſem Augenblick hübſch wäre, würde ich Euch einen wichtigen Dienſt leiſten.“ „Welchen?“. „Ich würde zum Aufſeher des Palaſtes gehen und ihn verführen, denn er iſt ein galanter Mann von ver⸗ 3 liebter Natur; dann würde ich unſere zwei Gefangenen wegbringen.“ „Ich hoffe dies wohl ſelbſt noch thun zu können, obſchon ich keine huͤbſche Frau bin,“ ſagte Fouquet. „Einverſtanden, Monſeigneur; doch Ihr werdet Euch bedeutend gefährden⸗“ „Oh!“ rief plötzlich Fouquet mit einer jener ge⸗ heimen Aufwallungen, wie ſie im Herzen das edle Blut der Jugend oder die Erinnerung an eine ſüße Ge⸗ müthsbewegung beſitzen,„ohl ich kenne eine Frau, welche bei dem Gouverneur der Conciergerie die Perſon ſpielen wird, der wir bedürfen.“ „Ich kenne fünfzig, Monſeigneur, fünfzig Trom⸗ peter, welche das Weltall von Eurer Großmuth, von Eurer Aufopferung für Eure Freunde unterrichten und Euch folglich früher oder ſpäter in's Verderben ſtürzen werden.“ „Ich ſpreche nicht von dieſen Frauen, Pelliſſon, ich ſpreche von einem edlen und ſchönen Geſchöpf, das mit dem Geiſte ſeines Geſchlechts den Werth und die Kalt⸗ blütigkeit des unſern verbindet; ich ſpreche von einer Frau, welche ſchön genug iſt, daß ſich die Mauern des Gefängniſſes verbeugen, um ſie zu begrüßen, von einer Frau, welche verſchwiegen genug iſt, daß Niemand ah⸗ nen kann, wer ſie abgeſchickt hat.“ „Ein Schatz,“ ſagte Pelliſſon;„Ihr würdet da dem Herrn Gouverneur der Conciergerie ein herrliches Ge⸗ ſchenk machen. Teufel! Monſeigneur, es könnte ge⸗ ſchehen, daß man ihm den Kopf abſchlüge, doch er hätte dann vor ſeinem Tod ein Liebesglück gehabt, wie es vor ihm nie ein Mann gefunden haben würde.“ „Und ich füge bei,“ ſprach Fouquet,„daß man dem Concierge des Palaſtes nicht den Kopf abſchlagen würde, denn er bekäme von mir meine Pferde, um ſich zu flüch⸗ ten, und fünfmal hundert tauſend Livres, um anſtändig und ehrenhaft in England zu leben; ich füge bei, daß die Frau, meine Freundin, ihm nur die Pferde und das Geld geben würde. Suchen wir dieſe Frau auf, Pelliſſon.“— 4 Der Oberintendant ſtreckte die Hand nach der Schnur . 1 166 von Seite und Gold aus, welche im Innern ſeines Wagens angebracht war. Pelliſſon hielt ihn zurück. „Monſeigneur,“ ſagte er,„Ihr werdet mit Auf⸗ ſuchung dieſer Frau ebenſo viel Zeit verlieren, als Co⸗ lumbus brauchte, um die neue Welt zu finden. Wir haben nur zwei Stunden, um unſern Zweck zu errei⸗ chen; iſt aber einmal der Concierge zu Bette gegangen, wie zu ihm dringen, ohne ein gewaltiges Geräuſch? iſt es einmal Tag geworden, wie unſere Schritte verber⸗ gen? Geht, geht, Monſeigneur, geht ſelbſt und ſucht weder Engel noch Frau.“ „Mein lieber Pelliſſon, wir ſind vor ihrer Thüre.“ „Vor der Thüre des Engels?“ „Ja wohl!“ „Das iſt das Hotel von Frau von Bellière.“ „Stille!“ „Ah! mein Gott!“ rief Pelliſſon. „Was habt Ihr gegen ſie zu ſagen?“ fragte Fouquet. 3 „Leider nichts! und das iſt es, was mich in Ver⸗ zweiflung bringt... Warum kann ich Euch nicht im Gegentheil genug Schlimmes von ihr ſagen, um Euch zu verhindern, zu ihr hinaufzugehen!“ Doch ſchon hatte Fouquet zu halten befohlen; der Wagen war unbeweglich. „Mich verhindern!“ rief Fouquet;„keine Macht der Erde würde mich verhindern, Madame du Pleſſis⸗Bel⸗ liére ein Compliment zu ſagen; wer weiß übrigens, ob wir ihrer nicht bedürfen werden? Geht Ihr mit mir hinauf?“ *„Nein, Monſeigneur, nein.“ 3 „Aber ich will nicht, daß Ihr auf mich wartet, Pelliſſon,“ erwiederte Fouquet mit aufrichtiger Artigkeit. „Ein Grund mehr, Monſeigneur; wenn Ihr wißt, daß Ihr mich warten laßt, werdet Ihr minder lang oben bleiben... Nehmt Euch in Acht! Ihr ſeht einen Wagen im Hof: es iſt Jemand bei ihr!? —— zahl von Beſuchen, die ſie abzuſtatten hal 167 Fouquet neigte ſich gegen den Fußtritt der Car⸗ e „Noch ein Wort,“ rief Pelliſſon;„ich bitte, geht zu dieſer Dame erſt, wenn Ihr von der Conciergerie zurückkommt.“ „Eil fünf Minuten, Pelliſſon,“ erwiederte Fouquet und ſtieg gerade auf die Freitreppe des Hotels aus. Pelliſſon blieb, die Stirne gefaltet, im Hinter⸗ grunde des Wagens. Fouquet ging zur Marquiſe hinauf und ſagte dem Bedienten ſeinen Namen, was einen achtungsvollen Eifer erregte, und dies bewies, daß die Gebieterin des Hauſes ihre Leute daran gewöhnt hatte, dieſen Mann zu ehren und zu lieben. „Der Herr Oberintendant!“ rief die Marquiſe, in⸗ dem ſie Fouquet ſehr bleich entgegenging.„Welche Ehre! welche Ueberraſchung!“ ſagte ſie. Dann ganz leiſe: 3 „ Nehmt Euch in Acht! Marguerite Vanel iſt bei mir.“ „Madame,“ erwiederte Fouquet unruhig,„ich komme in dringenden Angelegenheiten... erlaubt nur ein einziges Wort.“ Und er trat in den Salon ein. Madame Vanel war bleicher, bleifarbiger, als der Neid ſelbſt, aufgeſtanden. Fouquet richtete vergebens eine der artigſten, der friedlichſten Begrüßungen an ſie; ſte antwortete darauf nur mit einem furchtbaren auf die Marquiſe und auf Fouquet geſchleuderten Blick. Dieſer ſpitzige Blick einer eiferſüchtigen Frau iſt ein roſſe Stilett, das die offene Stelle aller Panzer findet; Mar⸗ guerite Vanel verſetzte einen Schlag in das Herz der zwei Vertrauten. Sie machte eine Verbeugung vor ihrer Freundin, eine noch tiefere vor Fouquet, und nahm Abſchied unter dem Voͤrwand einer großen An⸗ ohne daß —————— 168 die Marquiſe, äußerſt verblüfft, ohne daß Fouquet, von einer Unruhe ergriffen, ſie zurückzuhalten ſuchten. Kaum war ſie weggegangen, als Fouquet, der mit der Marquiſe allein blieb, auf ſeine Kniee nieder⸗ ſank, ſtatt irgend ein Wort zu ſagen. „Ich erwartete Euch,“ ſprach die Marquiſe mit einem ſanften Lächeln. „O nein,“ entgegnete er,„Ihr würdet dieſe Frau weggeſchickt haben.“ „Sie iſt erſt vor einer Viertelſtunde hier erſchienen, und ich konnte nicht ahnen, daß ſie dieſen Abend kom⸗ men würde.“ „Ihr liebt mich alſo ein wenig, Marquiſe?“ „Es handelt ſich nicht um dieſes, mein Herr, ſon⸗ dern um Eure Gefahren; wie ſteht es mit Euern An⸗ gelegenheiten?“ „Ich werde noch dieſen Abend meine Freunde den 1 Gefängniſſen des Palaſtes entziehen.“ „Wie dies?“ „Indem ich den Gouverneur erkaufe, verführe.“ „Er gehört zu meinen Freunden; kann ich Euch helfen, ohne Euch zu ſchaden?“ „Oh! Marquiſe, das wäre ein ausgezeichneter Dienſt; doch wie ſoll ich Euch benützen, ohne Euch zu gefährden? Nie aber dürften mein Leben, oder meine Macht, oder meine Freiheit erkauft werden, wenn da⸗ für eine Thräne aus Euern Augen fallen, wenn mein Schmerz Eure Stirne verdunkeln ſollte.“ „Oh! Herr, ſagt mir nicht ſolche Worte, die mich berauſchen; ich bin ſchuldig, daß ich Euch dienen wollte, ohne das Gewicht meines Schrittes zu berechnen. Ich liebe Euch in der That wie eine ergebene Freundin, und als Freundin bin ich Euch dankbar für Euer Zart⸗ gefühl; doch, ach!... nie werdet Ihr inzmir eine Geliebte finden.“ „Marquiſe!...“ rief Fouquet mit verzweiflungs⸗ vollem Tone,„warum nicht?“— 3 rt⸗ ne —— Unglück über Eurem Haupte ſchweben ſah... Ihr be⸗ mich entſchuldigen... Monſeigneur, Ihr ſeid ſeit einer 169 „Weil Ihr zu ſehr geliebt ſeid,“ antwortete ganz leiſe die junge Frau,„weil Ihr es von zu vielen Men⸗ ſchen ſeid, weil der Glanz des Ruhmes und des Glücks meine Augen blendet, während der düſtere Schmerz ſie anzieht, weil endlich ich, die ich Euch in Eurer prun⸗ kenden Herrlichkeit zurückgeſtoßen, die ich Euch kaum anſchaute, als Ihr noch ſchimmertet, mich wie ein ver⸗ irrtes Weib gleichſam in Eure Arme warf, als ich ein greift mich nun, Monſeigneur... Werdet wieder glücklich, damit ich keuſch an Herz und Geiſt werde; Euer Mißgeſchick würde mich zu Grunde richten.“ „Oh! Madame,“ ſprach Fouquet mit einer Er⸗ ſchütterung, die er nie empfunden hatte,„müßte ich auf die letzte Stufe des menſchlichen Elends hinabſinken, ſo werde ich doch von Eurem Munde das Wort hören, das Ihr mir verweigert, und an dieſem Tag, Madame, werdet Ihr Euch in Eurer edlen Selbſtſucht täuſchen; Ihr werdet an dieſem Tag den unglücklichſten der Men⸗ ſchen zu tröſten glauben, während Ihr: Ich liebe Dich! dem Erhabenſten, dem Freudigſten, dem Triumphirend⸗ ſten dieſer Welt geſagt habt!“ Er lag noch zu ihren Füßen, er küßte ihr die Hand, als Pelliſſon haſtig eintrat und voll Aerger rief: „Monſeigneur, Madame!l ich bitte, Madame, wollt halben Stunde hier... Oh! ſchaut mich nicht Beide ſo mit einer Miene des Vorwurfs an... Madame, wer iſt die Dame, welche ſo eben, als Monſeigneur eintrat, von Euch wegging?“ „Madame Vanel,“ antwortete Fouquet. „Ah!“ rief Pelliſſon,„ich war deſſen ſicher.“ „Nun, was denn?“ „Sie iſt ganz bleich in ihren Wagen geſtiegen.“ „Was liegt mir daran?“ verſetzte Fouquet. „Ja, aber es liegt Euch an dem, was ſie zu ihrem Kutſcher geſagt hat.“ „Mein Gott, was denn!“ rief die Marquiſe. „u Herrn Colbert,““ ſprach Pelliſſon mit heiſerer Stimme. „Großer Gott! geht! geht, Monſeigneur!“ ſagte die Marquiſe, indem ſie Fouquet aus dem Salon ſchob, während ihn Pelliſſon an der Hand fortzog. „Oho!“ rief der Oberintendant,„bin ich ein Kind, dem man vor einem Schatten bange macht?“ „Ihr ſeid ein Rieſe, den eine Schlange in die Ferſe zu ſtechen ſucht,“ ſagte die Marquiſe. Pelliſſon zog Fouquet bis zum Wagen fort. „Zum Palaſt! im Galopp!“ rief Pelliſſon dem Kutſcher zu. Die Pferde jagten wie der Blitz fort; kein Hin⸗ derniß hemmte ſie auch nur einen Augenblick in ihrem Lauf. Erſt bei der Arcade Saint⸗Jean, als ſie nach dem Gréve⸗Platz ausmünden wollten, verſperrte eine lange Reihe von Reitern den ſchmalen Weg und hielt den Wagen des Oberintendanten auf. Es war keine Möglichkeit, durch dieſe Barrière zu dringen; man mußte warten, bis die Bogenſchützen der Schaarwache zu Pferde, denn ſie waren es, mit dem ſchweren, raſch nach der Place Baudoyer hinauffahrenden Wagen, den ſie geleiteten, vorübergezogen. Fouquet und Pelliſſon ſchenkten dieſem Ereigniß keine andere Aufmerkſamkeit, als daß ſie die Minute der Zögerung beklagten, die ſie anzuhalten hatten. Sie fuhren fünf Minuten nachher bei dem Concierge des Palaſtes ein. Dieſer Officier ging im erſten Hof auf und ab. Bei dem Namen von Fouquet, den ihm Pelliſſon ins Ohr ſagte, näherte ſich der Gouverneur voll Eifer, den Hut in der Hand und unter vielfältigen Verbeugungen, dem Wagen. „Welch ein Glück für mich, Monſeigneur 19 rief er. 6 1 171 „Ein Wort, Herr Gouverneur. Wollt Ihr die Güte haben, in meinen Wagen zu ſteigen?“ 4 Der Officier ſetzte ſich Fouquet gegenüber in das ſchwere Gefährt. „Mein Herr,“ ſprach Fouquet,„ich habe Euch um einen Dienſt zu bitten.“ „Sprecht, Monſeigneur.“ „Um einen Cuch gefährdenden Dienſt, mein Herr, der Euch aber für immer meine Protection und meine Freundſchaft ſichert.“. „Müßte ich mich für Euch ins Feuer ſtürzen, Mon⸗ ſeigneur, ich würde es thun.“ „Gut,“ ſagte Fouquet,„was ich von Euch ver⸗ lange, iſt einfacher.“ „Wohl, Monſeigneur, um was handelt es ſich?“ „Mich in die Zimmer der Herren Lyodot und d'Emeris zu führen.“ „Will mir Monſeigneur erklären, warum?“ „Ich werde es Euch in ihrer Gegenwart ſagen, während ich Euch zugleich alle Mittel gebe, ihr Ent⸗ weichen zu bemänteln.“ „Eutweichen! Monſeigneur weiß alſo nicht?“ „Was?“ 3 „Die Herren Lyodot und d'Emeris ſind nicht mehr hier.“ „Seit wann?“ rief Fouquet zitternd. „Seit einer Viertelſtunde.“ 4 „Wo ſind ſie denn?“ „In Vincennes, im Thurme.“ „Was hat ſie von hier weggebracht?“ „Ein Befehl des Königs.“ „Wehe!“ rief Fouquet ſich vor die Stirne ſchla⸗ gend.„Wehe!“— Und ohne ein einziges Wort mehr zu dem Gou⸗ verneur zu ſagen, der wieder ausſtieg, warf er ſich, die Verzweiflung im Gemüth, den Tod auf dem Geſicht, in ſeinen Wagen zurück. 4 172 „Nun?“ fragte Pelliſſon voll Angſt. „Nunl unſere Freunde ſind verloren! Colbert bringt ſie nach dem Thurm. Sie ſind es, die wir unter der Arcade Saint⸗Jean gekreuzt haben.“ Wie vom Zlitz getroffen, erwiederte Pelliſſon nichis. Mit einem Vorwurf hätte er ſeinen Herrn ge⸗ tödtet. „Wohin fährt Monſeigneur 2“ fragte der Be⸗ diente. „In mein Haus in Paris; Ihr, Pelliſſon, kehrt nach Saint⸗Mandé zurück und bringt mir binnen einer Stunde den Abbé Fouquet. Geht!“ XVIII. Schlachtplan. Die Nacht war ſchon vorgerückt, als der Abbé Fouquet bei ſeinem Bruder ankam. Gourville hatte ihn begleitet. Bleich durch die zukünftigen Ereigniſſe, glichen dieſe drei Männer weniger drei Mächtigen des Tages, als drei durch einen und denſelben Gedanken einer Gewaltthat vereinigten Ver⸗ ſchwörern. „Fouquet ging lange, das Auge ſtarr auf den Boden geheftet, die Hände an einander reibend, im Zimmer auf und ab. Endlich faßte er unter einem großen Seufzer Muth... 4 Abbé,“ ſagte er,„Ihr ſpracht heute von gewiſſen Leuten, die Ihr unterhaltet.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte der Abbé. „Wer ſind, ſtreng genommen, dieſe Leute?“ Der Abbé zögerte. „Sprecht ohne Furcht, ich drohe nicht, ohne Prah⸗ lerei, ich ſcherze nicht.“ „Da Ihr Wahrheit fordert, ſo hört: ich habe hun⸗ dert und zwanzig Freunde oder Vergnügensgefährten, die ſich mir ergeben haben, wie die Diebe dem Galgen.“ „Und Ihr könnt auf ſie zählen?“ „In Allem.“ „Und Ihr ſeid nicht dabei gefährdet?“ „Ich werde nicht ſelbſt auftreten.“ „Und es ſind entſchloſſene Leute?“ „Sie brennen Paris nieder, wenn ich ihnen ver⸗ ſpreche, daß man ſie nicht dafür verbrennt.“ „Was ich von Euch verlange, Abbé,“ ſprach Fou⸗ quet, den Schweiß abwiſchend, der von ſeinem Geſichte fiel,„iſt, daß Ihr Eure hundert und zwanzig Mann in einem gewiſſen gegebenen Augenblick auf die Leute werft, die ich Euch bezeichnen werde... iſt das möglich?“ „Es iſt nicht das erſte Mal, daß ihnen dergleichen begegnet ſein wird.“ „Gut, doch werden dieſe Banditen.. die gewaffnete Macht angreifen?“ „Das iſt ihre Gewohnheit.“ „Dann verſammelt Eure hundert und zwanzig Mann, Abbé.“ „Gut! wo dies?“ „Auf dem Weg nach Vincennes, morgen auf den Punkt zwei Uhr.“ „Um Lyodot und d'Emeris zu entführen?. Dabei ſind Schläge zu ernten.“ „In großer Zahl. Habt Ihr bange?“ „Nicht für mich, ſondern für Euch.“ „Eure Leute werden alſo wiſſen, was ſie thun?“ „Sie ſind zu verſtäͤndig, um es nicht zu errathen. 174 Ein Miniſter aber, der Meuterei gegen ſeinen König treibt... ſetzt ſich großer Gefahr aus.“ „Was iſt Euch daran gelegen, wenn ich bezahle? ... Falle ich übrigens, ſo fallt Ihr mit mir.“ „Es wäre alſo klüger, mein Herr, keinen Aufruhr anzufangen und den König dieſe kleine Genugthuung nehmen zu laſſen.“ „Bedenkt wohl, Abbé, daß Lyodot und d'Emeris in Vincennes ein Vorſpiel zum Untergang meines Hauſes ſind. Ich wiederhole, werde ich verhaftet, ſo werdet Ihr eingekerkert; bin ich eingekerkert, ſo werdet Ihr verbannt.“ „Mein Herr, ich bin zu Euren Befehlen. Habt Ihr mir zu geben?“ „Ich will, daß morgen die zwei Finanzpächter, die man zu Opfern zu machen ſucht, während es ſo viele unbeſtrafte Verbrecher gibt, der Wuth meiner Feinde entriſſen werden. Nehmt demnach Eure Maßregeln. Iſt es möglich?“ 8 „Es iſt möglich?“ „Nennt mir Euren Plan.“ „Er iſt von einer reichen Einfachheit. Die ge⸗ woöhnliche Wache bei Hinrichtungen beſteht aus zwölf Mann.“ „Es werden morgen hundert ſein.“ „Ich rechne darauf. Ich ſage mehr, es werden zweihundert ſein.“ „Dann habt Ihr nicht genug mit hundert und zwanzig Mann?“ „Verzeiht, mein Herr. In jeder aus hunderttau⸗ ſend Zuſchauern beſtehenden Menge finden ſich zehn⸗ tauſend Banditen oder Beutelſchneider; nur wagen ſie es nicht, die Initiative zu ergreifen.“ „Nun?“ „Es werden morgen auf der Gréve, die ich als Terrain wähle, zehntauſend Helfer für meine hundert und zwanzig Mann ſein. Wird der Angriff von dieſen begonnen, ſo vollenden die Andern das Werk.“ „Gut! doch was macht man auf der Gréve mit den Gefangenen?“ „Hoͤrt: man läßt ſie in irgend ein Haus des Platzes eintreten; hier wäre eine Belagerung nöthig, um ſie herauszuholen... Und noch ein anderer, erhabenerer Gedanke: gewiſſe Häuſer haben zwei Ausgänge, einen nach dem Platz, den andern nach der Rue de la Mor⸗ tellerie, oder de la Vannerie, oder de la Tixeranderie. Sind die Gefangenen durch den einen Eingang hin⸗ eingekommen, ſo gehen ſie durch den andern hinaus.“ „Sagt mir etwas Beſtimmtes.“ „Ich ſuche.“. „und ich,“ rief Fouquet,„ich finde; hört wohl, was mir in dieſem Augenblick einfällt.“ „Ich höoͤre.“ Fouquet machte Gourville ein Zeichen, und dieſer ſchien zu begreifen. „CEiner meiner Freunde leiht mir zuweilen die Schlüſſel eines Hauſes, das er in der Rue Baudoyer vermiethet, und deſſen Gärten ſich hinter einem gewiſſen Hauſe des Groveplatzes ausdehnen.“ 4 „Das iſt es, was wir brauchen,“ ſprach der Abbé. „Welches Haus meint Ihr?“ „Eine ziemlich ſtark beſuchte Schenke, deren Schild das Bild Unſerer Lieben Frau darſtellt.“ „Ich kenne das.“. „Dieſe Schenke hat Fenſter nach dem Platz und einen Ausgang in einen Hof, von dem man in den Garten meines Freundes durch eine Verbindungsthüre gelangen muß.“ „Gut!“ „Tretet durch die Schenke ein, laßt die Gefangenen eintreten und vertheidigt die Thüre, wäͤhrend ſie durch den Garten und über die Place Baudoyer entfliehen.“ 176 „Das iſt wahr. Ihr würdet einen ſo vortrefflichen General geben, als es der Herr Prinz iſt.“ „Habt Ihr begriffen?“ „Vollkommen.“ „Wie viel braucht Ihr, um Eure Banditen mit Wein zu berauſchen und mit Gold zufrieden zu ſtellen 2 „Oh! mein Herr, welch ein Ausdruck! Ohl mein Herr, wenn ſie Euch hören würden! Einige von ihnen ſind ſehr empfindlich.“ „Ich will damit ſagen, daß man ſie dahin bringen unterſcheiden können, denn ich werde morgen gegen den König kämpfen, und wenn ich kämpfe, will ich ſiegen, hört Ihr?“ 3 „Es wird geſchehen, mein Herr.... Gebt mir Eure anderen Gedanken.“ „Das Uebrige iſt Eure Sache.“ „Alſo gebt mir Eure Börſe.“ „Gourville, zahlt dem Abbé hunderttauſend Livres aus.“ „Gut... nicht wahr, wir ſollen nichts ſchonen?“ „Nichts.“ 2 erfährt, verlieren wir den Kopf.“ mein Lieber. Mein Kopf wankt nicht ſo auf meinen Schultern. Sagt, Abbé, iſt es abgemacht?“ „ Abgemacht.“ „Um zwei Uhr morgen?“ geheime Weiſe vorbereitet werden müſſen.“ nicht.“ 3 „Ich werde weder ſeinen Wein, noch ſein Haus . muß, daß ſie den Himmel nicht mehr von der Erde „Monſeigneur,“ ſagte Gourville,„wenn man dies Ei! Gourville,“ erwiederte Fouquet, purpurroth vor Zorn,„Ihr erregt mein Mitleid; ſprecht doch für Euch, „Um Mittag, weil unſere Hülfstruppen auf eine „Das iſt wahr: ſchont den Wein des Schenkwirths ſchonen,“ erwiederte der Abbé höhniſch lächelnd.„Ich — 177 habe meinen Plan, ſage ich Euch, laßt mich denſelben ins Werk ſetzen, und Ihr werdet ſehen.“ „Wo werdet Ihr Euch aufhalten?“ „Ueberall und nirgends.“ „Und wie werde ich Nachricht bekommen?“ „Durch einen Eilboten, deſſen Pferd im Garten Eures Freundes ſtehen muß. Doch ſagt, wie heißt dieſer Freund?“ 1 Fouquet ſchaute abermals Gourville an. Dieſer kam dem Herrn zu Hülfe und ſagte: „Das muß aus mehreren Gründen verſchwiegen bleiben. Das Haus iſt jedoch an dem Bilde Unſerer Lieben Frau von vorne und an einem Garten, dem einzigen des Quartiers, von hinten zu erkennen.“ „Gut, gut. Ich werde meine Soldaten unter⸗ richten.“ „Begleitet ihn, Gourville, und bezahlt ihm das Geld aus,“ ſprach Fouquet.„Einen Augenblick Ge⸗ duld.. wartet, Gourville... Welche Wendung gibt man der Entführung?“ „Eine ganz natürliche, mein Herr... der Auf⸗ ruhr.“ „Der Aufruhr, worüber? Denu wenn das Volk von Paris je geneigt iſt, dem König ſeine Huldigung dar⸗ zubringen, ſo geſchieht dies, wenn er Finanzpächter henken läßt.“ „Ich werde das ordnen,“ ſagte der Abbé. „Ja, aber Ihr werdet es ſchlecht ordnen, und man wird die Sache errathen.“ „Nein, nein, ich habe abermals einen Gedanken.“ „Sprecht.“ „Meine Leute werden Colbert, es lebe Colbert! rufen und ſich auf die Gefangenen werfen, als wollten ſte dieſelben in Stücke hauen und dem Galgen als einer zu milden Strafe, entreißen.“ 8 „Ah! das iſt in der That ein Gedanke 4 ſagte Die drei Musketiere. Bragelonne. 111. 42 178 Gourville.„Teufel! Herr Abbé, welche Einbildungs⸗ kraft!“ „Mein Herr, man iſt der Familie würdig,“ erwie⸗ derte ſtolz der Abbé. „Burſche!“ murmelte Fouquet. Dann fügte er bei: a„Das iſt ſinnreich! macht es ſo, und vergießt kein ut.“ Gourville und der Abbé entfernten ſich ſehr ge⸗ ſchäftig mit einander. Der Oberintendant legte ſich auf Kiſſen nieder, wachte halb über den widrigen Plänen für den andern Tag, träumte halb von Liebe. XIX. Die Schenke zum Dilde Unſerer Lieben Frau. Um zwei Uhr am andern Tag waren fünzigtau⸗ ſend Zuſchauer auf dem Platz um bie zwei Galgen ver⸗ ſammelt, welche man auf der Gréve zwiſchen dem Quai de la Grève und dem Quai Pelletier, unfern von ein⸗ ander an der Bruſtwehr des Fluſſes angelehnt, errichtet hatte,. Am Morgen hatten auch die geſchworenen Aus⸗ rufer der guten Stadt Paris die Quartiere der Cité, beſonders die Hallen und die Vorſtädte durchlaufen, und mit ihren heiſeren, unermüdlichen Stimmen die große Gerechtigkeit verkündigt, welche der König an zwei Pflichtvergeſſenen, an zwei Betrügern, an zwei Volks⸗ aushungerern übe. Und dieſes Volk, deſſen Intereſſe * 1 * au⸗ der⸗ in⸗ ztet us⸗ ité, ind bße vei ks⸗ 1 eſſe 1 179 man mit ſo warmem Eiſer wahrte, verließ, um ſich nicht gegen die ſeinem König ſchuldige Achtung zu ver⸗ fehlen, Buden, Fleiſchbänke, Werkſtätten, in der Abſicht, Ludwig XIV. ein wenig Dankbarkeit zu bezeigen, ge⸗ rade wie es Eingeladene machen dürften, die eine Unhöflichkeit zu begehen befürchten würden, wenn ſie ſich nicht bei demjenigen, welcher ſie geladen, ein⸗ fänden. Nach dem Inhalt des Spruches, den laut und ſchlecht die Ausrufer verlaſen, ſollten zwei Finanzpächter, Geld⸗ wucherer, Verſchleuderer der königlichen Pfennige, Er⸗ preſſer und Fälſcher auf der Grève, ihren Namen an ihre Köpfe gehängt, die Todesſtrafe erleiden. Was dieſe Namen betrifft, ſo erwähnte der Spruch derſelben nicht. Die Neugierde der Pariſer erreichte daher den höchſten Grad, und es erwartete mit fieberhafter Ungeduld, wie geſagt, eine ungeheure Menge die für die Hinrichtung anberaumte Stunde. Es hatte ſich ſchon die Kunde verbreitet, daß die Gefangenen nach dem Schloß von Vincennes gebracht worden ſeien und aus dieſem Ge⸗ fängniß nach der Gréve geführt werden ſollten. Der Foubourg und die Rue Saint⸗Antoine waren auch über⸗ füllt mit Menſchen, denn die Vevölkerung von Paris theilt ſich an dieſen großen Hinrichtungstagen in zwei Kategorien, in diejenigen, welche die Verurtheilten vor⸗ beiziehen ſehen wollen,— dies ſind ſchüchterne, ſanfte Herzen, aber neugierig aus Philoſophie, und in die⸗ jenigen, welche den Verurtheilten ſterben ſehen wollen, — dies ſind nach Aufregungen gierige Herzen. An dieſem Tag entwarf d'Artagnan, nachdem er ſeine letzten Inſtructionen vom König erhalten, und von ſeinen Freunden, die ſich in dieſem Augenblick auf Plan⸗ chet beſchränkten, Abſchied genommen hatte, ſeinen Reiſe⸗ plan, wie es jeder beſchäftigte Menſch machen muß, deſſen Augenblicke gezähit ſind, weil er ihre Bedeutung ennt. . 180 „Die Abreiſe,“ ſagte er,„iſt auf Tagesanbruch, alſo auf drei Uhr Morgens feſtgeſtellt; ich habe daher fünfzehn Stunden vor mir. Rechnen wir daran ab die ſechs Stunden des Schlafs, die mir unerläßlich ſind, ſechs; eine Stunde für das Eſſen, ſieben; eine Stunde für einen Beſuch bei Athos, acht; zwei Stunden für das Unvorhergeſehene. Geſammtſumme, zehn. „Es bleiben mir alſo fünf Stunden. „Eine Stunde, um das Geld zu beziehen, das heißt, um mir das Geld von Herrn Fouquet verweigern zu laſſen; eine andere, um dieſes Geld bei Herrn Colbert zu holen und ſeine Fragen und Grimaſſen in Empfang zu nehmen; eine Stunde, um meine Waffen, meine Kleider in Augenſchein zu nehmen und meine Stiefel ſchmieren zu laſſen.. „Es bleiben mir alſo zwei Stunden. Mordioux! wie reich bin ich!“ Als er ſo ſprach, fühlte d'Artagnan eine ſeltſame Freude, eine jug endliche Freude, einen Duft, aus jenen ſchönen, glücklichen früheren Jahren in ſeinen Kopf fwigen und ihn berauſchen. Und der Musketier fuhr ort: „Während dieſer zwei Stunden erhebe ich meinen Miethzins von dem Bilde Unſerer Lieben Frau. Das wird ergötzlich ſein! Dreihundert und fünfundſiebenzig Livres! Mordioux! das iſt erſtaunlich! Wenn der Arme, der nur einen Livre in ſeiner Taſche hat, einen Livre und zwölf Deniers hätte, ſo wäre dies billig, es wäre vöortrefflich; doch nie kommt ein ſolcher Vortheil dem Armen zu. Der Reiche macht ſich im Gegentheil Ein⸗ künfte mit ſeinem Geld, das er nicht berührt. Das ſind dreihundert und ſiebenzig Livres, die mir vom Himmel zufallen. „Ich werde alſo in das Bild Unſerer Lieben Frau gehen und mit meinem Miethsmann ein Glas ſpaniſchen Wein trinken, das er mir unfehlbar anbietet. —* α 8£Æ☛——— — — G 8K— — 181 „Doch es muß Ordnung ſein, Herr dArtagnan, Ordnung. „Organiſiren wir alſo unſere Zeit und theilen wir die Verwendung derſelben ein. 1. Art. Athos. 2. Art. Das Bild Unſerer Lieben Frau. 3. Art. Herr Fouquet. 4. Art. Herr Colbert. 5. Art. Abendbrod. 6. Art. Kleider, Stiefel, Pferde, Mantelſack. 7. und letzter Art. Der Schlaf.“ In Folge dieſer Anordnung ging d'Artagnan ge⸗ raden Wegs zum Grafen de la Fore, dem er beſcheiden und naio einen Theil ſeines Glückes mittheilte. Athos war ſeit dem vorhergehenden Tage nicht ohne Unruhe in Beziehung auf den Beſuch von d'Ar⸗ tagnan beim König; doch vier Worte genügten ihm als Erläuterung. Athos errieth, daß Ludwig XIV. d'Ar⸗ tagnan mit einer wichtigen Sendung beauftragt hatte, und verſuchte es nicht einmal, ihn das Geheimniß ge⸗ ſtehen zu machen. Er empfahl ihm, ſich zu ſchonen, und bot ſich diseret an, ihn zu begleiten, wenn dies mög⸗ lich wäre. „Theurer Freund,“ erwiederte d'Artagnan, ich reiſe durchaus nicht ab.“— 4 „Wie! Ihr kommt, um von mir Abſchied zu nehmen, und reiſt nicht ab?“ „Ohl doch, doch,“ erwiederte d'Artagnan, ein wenig erröthend,„ich reiſe, um einen Ankauf zu machen.“ „Das iſt etwas Anderes, und ich ändere meine Formel. Statt zu ſagen: Laßt Euch nicht tödten, ſage ich: Laßt Euch nicht betrügen!“ 3 „Mein Freund, ich werde Euch benachrichtigen, wenn ich meine Blicke auf ein beſtimmtes Gut geworfen habe; Ihr werdet dann wohl ſo gefällig ſein, mir einen Rath zu geben.“ 8 182 „Ja, ja,“ ſagte Athos, zu zartfühlend, um ſich die Genugthuung eines Lächelns zu erlauben. Raoul ahmte die väterliche Zurückhaltung nach, D'Artagnan begriff, es wäre zu geheimnißvoll, Freunde unter einem Vorwand zu verlaſſen, ohne ihnen nur den Weg zu nennen, den man nehmen würde. „„Ich habe das Mans gewählt,“ ſagte er zu Athos. „Iſt das ein gutes Land?“ „Ein vortreffliches, mein Freund,“ erwiederte der Graf, ohne ihm bemerklich zu machen, das Mans habe dieſelbe Richtung wie die Touraine, und wenn er zwei Tage warten würde, ſo könnte er die Reiſe mit einem Freunde antreten. Aber verlegener als der Graf, höhlte d'Artagnan bei jeder neuen Erklärung den Moraſt, in den er ſich allmälig verſenkte, tiefer aus. „Ich werde morgen bei Tagesanbruch abreiſen,“ ſagte ex endlich.„Willſt Du bis dahin mit mir kommen, Raoul?“ „Ja, Herr Chevalier,“ erwiederte der junge Mann, „wenn der Herr Graf meiner nicht bedarf.“ „Nein, Naoul, ich habe heute nur Andienz bei Monſieur, dem Bruder des Königs.“ Raoul verlangte von Grimand ſeinen Degen, und dieſer brachte ihn auf der Stelle. „Nun alſo, lebt wohl, theurer Freund,“ ſprach d'Artagnan, indem er ſeine Arme Athos öffnete. Athos hielt ihn lange umſchloſſen, und der Mus⸗ ketier, der ſeine Discretion wohl begriff, flüſterte ihm ins Ohr: 5 „Staatsangelegenheit!“ Was Athos mit einem bezeichnenden Händedruck erwiederte. Dann trennten ſie ſich. Raoul nahm den Arm ſeines alten Freundes, der ihn durch die Rue Saint⸗ Honoré führte. „Ich führe Dich zu denr Goti Plutus,“ ſagte d'Ar⸗ ——* tagnan zu dem jungen Mann;„halte Dich bereit; Du an dem Tage henken läßt, wo ich nothwendig meinen 183 wirſt heute den ganzen Tag Thaler aufhäufen ſehen. Mein Gott, wie bin ich verändert!“ „Oho! da find viele Leute auf der Straße.“ „Iſt heute eine Prozeſſton?“ fragte d'Artagnan einen Müſſiggänger. „Herr, es iſt ein Henken,“ erwiederte der Andere. „Wie! Henken?“ verſetzte d'Artagnan,„auf der Grove?“ „Ja, Her dr.* „Der Teufel ſoll den Schuft holen, der ſich gerade Miethzins erheben muß!“ rief d'Artagnan.„Raoul, haſt Du henken ſehen 2“ „Nie, Herr, Gott ſei Dank 14 „Das iſt die Jugend... Hätteſt Du die Wache im Laufgraben, wie ich ſie hatte, und ein Spion wür⸗ de... Doch ſiehſt Du, verzeih, Raoul, ich ſchwatze unge⸗ reimtes Zeug... Du haſt Recht, es iſt häßlich, henken zu ſehen.... Um welche Stunde wird man henken, wenn's beliebt, mein Herr?“ „Mein Herr,“ erwiederte der Müſſiggänger ehrer⸗ bietig, denn er war entzückt, ein Geſpräch mit zwei Männern vom Schwert anzuknüpfen,„es ſoll um drei Uhr geſchehen.“ 1 „Ohl es iſt erſt halb zwei Uhr, ſtrecken wir die Beine aus, und wir kommen zur rechten Zeit an, um meine dreihundert und fünfundſiebenzig Livres einzuziehen und wieder wegzugehen, ehe der arme Sünder er⸗ ſcheint.“ „Die armen Sünder, mein Herr,“ fuhr der Bürger fort,„denn es ſind ihrer zwei.“ „Mein Herr, ich danke Euch tauſendmal,“ ſprach d'Artagnan, der mit dem Alter eine raffinirte Hoͤflich⸗ keit angenommen hatte. Und er zog Raoul fort, und wandte ſich raſch nach dem Quartier der Grève. 184 Wäre der Musketier nicht ſo ſehr an das Volks⸗ gedränge gewöhnt geweſen, hätte er nicht die unwider⸗ ſtehliche Fauſt beſeſſen, mit der ſich eine ungewöhnliche Geſchmeidigkeit der Schultern verband, ſo würde weder der eine, noch der andere der beiden Wanderer den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht haben. Als ſie die Rue Saint⸗Honoré verließen, durch die ſte gingen, nachdem ſie von Athos Abſchied genommen hatten, folgten ſie dem Quai. „D'Artagnan marſchirte voran: ſein Ellenbogen, ſeine Fauſt, ſeine Schultern bildeten Ecken, die er kunſtreich in die Gruppen einzuſpeideln wußte, um ſie zu ſpalten und wie Stücke Holz auseinanderſpringen zu machen. Oft bediente er ſich auch als einer Verſtärkung des eiſernen Griffes ſeines Degens. Er ſchob ihn zwiſchen zu widerſpänſtige Rippen, ließ ihn in Form eines Hebels oder einer Zange ſpielen, und trennte ſo im geeigneten Augenblick den Mann von ſeiner Frau, den Oheim vom Neffen, den Bruder vom Bruder. Dies Alles ſo na⸗ türlich und mit einem ſo freundlichen Lächeln, daß man hätte eherne Rippen haben müſſen, um nicht um Ver⸗ zeihung zu bitten, wenn das Fauſtgelenke ſein Spiel machte, oder diamantene Herzen, um nicht entzückt zu ſein, wenn ſich das Lächeln auf den Lippen des Mus⸗ ketiers ausbreitete. Seinem Freunde folgend, ſchonte Raoul die Frauen, welche ſeine Schönheit bewunderten, ſchob die Männer zurück, die die Stärke ſeiner Muskeln fühlten, und Beide durchſchnitten mit Hülfe dieſes Manoeuvre die ſehr ge⸗ drängte und ein wenig ſchmutzige Volkswoge. Sie kamen ins Angeſicht der Galgen, und Raoul wandte mit Ekel ſeine Augen ab. D'Artagnan ſah ſie nicht einmal; ſein Haus mit dem gezackten Firſt, mit den Fenſtern voll von Neugierigen, erregte, verſchlang ſogar die ganze Aufmerkſamkeit, der er fähig war. Er erblickte auf dem Platz und um die Häuſer her p.— 185 viele beurlaubte Musketiere, welche die einen mit Frauen, die andern mit Freunden den Augenblick der Ceremonie erwarteten. Ganz ungemein aber freute er ſich, als er ſah, daß ſein Miethsmann, der Schenkwirth, vor Geſchäften nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand. Drei Kellner genügten nicht, um die Trinker zu bedie⸗ nen. Es waren deren in der Bude, in den Zimmern, im Hof ſogar. D' Artagnan machte Raoul auf dieſen Zuſtrom auf⸗ merkſam und fügte bei: „Der Burſche wird keine Entſchuldigung haben, um ſeinen Termin nicht zu bezahlen. Sieh alle dieſe Trinker, Raoul, man ſollte glauben, es wären Leute von guter Geſellſchaft. Mordioux! man findet keinen Platz hier.“ Es gelang indeſſen d'Artagnan, den Patron bei der Ecke ſeiner Schürze zu erwiſchen und ſich ihm zu er⸗ kennen zu geben. „Ahl Herr Chevalier,“ ſagte der Schenkwirth halb außer ſich, vich bitte, einen Augenblick Geduld! ich habe in meinem Hauſe hundert Wüthende, die in meinem Keller das Unterſte zu oberſt kehren! „Im Keller, gut, aber nicht in Curer Kaſſe!“ „Ohl Herr, Eure ſieben und dreißig Piſtolen liegen oben gezählt in meiner Stube, aber in eben dieſer Stube ſind dreißig Geſellen, welche ein Fäßchen Porto leeren, das ich dieſen Morgen für ſie angeſtochen ha⸗ be.. Gonnt mir nur eine Minute, eine einzige Minute!“ „Gut, gut.“ „Ich gehe,“ ſagte Raoul leiſe zu d'Artagnan,„dieſer Jubel iſt gemein!“ „Mein Herr,“ entgegnete d'Artagnan mit ſtrengem Ton,„Ihr werdet mir das Vergnügen machen, hier zu bleiben. Der Soldat muß ſich an alle ſolche Schau⸗ ſpiele gewöhnen. Es gibt im Auge, wenn es jung iſt, Fibern, die man abzuhärten wiſſen muß, und man iſt 186 wahrhaft edel und gut erſt von dem Moment an, wo das Auge hart geworden und das Herz zart geblieben iſt. Willſt Du mich übrigens hier allein laſſen, mein kleiner Raoul? Das wäre ſchlimm von Dir. Siehe, es iſt hier ein Hof, und in dieſem Hof ein Baum; komm in den Schatten, wir werden beſſer athmen, als in dieſer warmen Atmoſphäre vergoſſenen Weins.“ Von dem Orte aus, wo die zwei neuen Gäſte des Bildes Unſerer Lieben Frau Platz nahmen, höͤrten ſie das immer mehr zunehmende Gemurmel der Volkswoge, und verloren weder einen Ruf, noch eine Geberde der Trinker, welche in der Schenke am Tiſche ſaßen, oder in den Zimmern zerſtreut waren. Hätte ſich d'Artagnan als Vorpoſten bei einer Ex⸗ pedition aufſtellen wollen, es könnte ihm nicht beſſer gelungen ſein. Der Baum, unter dem er mit Raoul ſaß, bedeckte Beide mit einem ſchon dichten Blätterwerk. Es war ein unterſetzter Kaſtanienbaum mit herabhängenden Zwei⸗ gen, der ſeinen ſchwarzen Schatten auf einen Tiſch fallen ließ, welcher dergeſtalt zerbrochen war, daß die Trinker ſich deſſelben zu bedienen verzichtet hatten. Wir ſagen, von dieſem Poſten aus habe d'Artagnan Alles geſehen. Er beobachtete das Hin⸗ und Hergehen der Kellner, die Ankunft der neuen Gäſte, den bald freundſchaftlichen, bald feindſeligen Empfang, der ge⸗ wiſſen Ankömmlingen von gewiſſen ſchon Anweſenden zu Theil wurde. Er beobachtete, um die Zeit zu vertreiben, denn die ſieben und dreißig Piſtolen blieben ſehr lange aus.. Raoul machte ihm hierüber eine Bemerkung. „Mein Herr,“ ſagte er,„Ihr treibt Euren Mieths⸗ mann nicht zur Eile an, und ſogleich werden die armen Sünder kommen. Es wird in dieſem Augenblick ein ſolches Gedränge entſtehen, daß wir nicht mehr hin⸗ aus können.“ 3 als eine Verdopplung des Geräuſches. D'Artagnan alle Leute, welche die Schenke enthielt, gingen nach ein⸗ 187 „Du haſt Recht, erwiederte der Musketier.„Hollahl ho! Mordiour, Ihr Leute!“ 3 Doch er mochte immerhin ſchreien und auf die Trümmer des Tiſches ſchlagen, die unter ſeiner Fauſt in Staub zerfielen, Niemand kam. D'Artagnan ſchickte ſich an, den Wirth ſelbſt auf⸗ zuſuchen, um ihn zu einer entſcheidenden Erklärung zu zwingen, als die Thüre des Hofes, in dem er ſich mit Raoul befand, eine Thüre, welche mit dem dahinter liegenden Garten in Verbindung ſtand, ſich auf ihren verroſteten Angeln ächzend öffnete und ein als Reiter gekleideter Mann, das Schwert in der Scheide, aber nicht am Gürtel, aus dem Garten herein kam, den Hof durchſchritt, ohne die Thüre zu ſchließen, und, nachdem er einen ſchiefen Blick auf d'Artagnan und ſeinen Ge⸗ fährten geworfen hatte, ſich nach der Schenke ſelbſt wandte, indem er ſeine Augen, welche die Mauern und die Gewiſſen zu durchdringen ſchienen, überall umher⸗ laufen ließ. „Ah!“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„meine Mieths⸗ leute ſtehen mit einander in Verbindung... Ahl! das iſt abermals ein Neugieriger, der das Henken ſehen will.“ In demſelben Augenblick hörten das Geſchrei und der Lärmen in den oberen Zimmern auf. Die Stille ſetzt unter ſolchen Umſtänden ebenſo ſehr in Erſtaunen, wollte ſehen, was die Urſache dieſes plötzlichen Still⸗ ſchweigens ſei. Er bemerkte, daß der Mann in Reitertracht in die Hauptſtube eingetreten war und die Trinker haran⸗ guirte, welche alle mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit horchten. D'Artagnan hätte vielleicht ſeine Rede ohne das beherr⸗ ſchende Geräuſch der Ausrufungen des Volkes gehört, das ein furchtbares Accompagnement für die Worte des Redners bildete. Doch dieſer war bald zu Ende, und ander in kleinen Gruppen heraus, ſo jedoch, daß noch ſechs im Zimmer zurückblieben. Der Eine von dieſen ſechs, der Mann mit dem Schwert, nahm den Schenk⸗ wirth bei Seite und beſchäftigte ihn mit mehr oder minder ernſten Reden, während die Anderen ein großes Feuer im Kamin anzündeten. Ein ſeltſames Ding bei dem ſchönen Wetter und der Wärme! „Es iſt ſonderbar,“ ſagte d'Artagnan Zu Raoul; „doch ich kenne dieſe Geſichter.“ „Findet Ihr nicht, daß es hier nach Rauch riecht?“ fragte Raoul.„ „Ich finde vielmehr, daß es nach Verſchwörung riecht,“ erwiederte d'Artagnan. Er hatte noch nicht vollendet, als vier von dieſen Menſchen in den Hof hinabgingen und ſich, ſcheinbar ohne eine ſchlimme Abſicht, als Wachen in der Gegend der Verbindungsthüre aufſtellten, wobei ſie in Zwiſchen⸗ räumen auf d'Artagnan Blicke warfen, welche vielerlei bezeichneten. „Mordioux,“ ſagte d'Artagnan leiſe zu Raoul,„hier geht etwas vor. Biſt Du neugierig, Raoul?“ „Je nachdem, Herr Chevalier.“ „Ich bin neugierig wie ein altes Weib. Komm ein wenig nach vorne, wir werden den Anblick des Platzes haben, und es iſt Alles zu wetten, daß wir Intereſſantes ſehen.“ „Aber Ihr wißt, Herr Chevalier, daß ich nicht leidender und gleichgültiger Zuſchauer des Todes von zwei armen Sündern ſein will.“ „Und ich! glaubſt Du, ich ſei ein Wilder? Wir gehen wieder herein, wenn es Zeit iſt, herein zu gehen Komm!“ 8 Sie gingen in das Vordergebäude und ſtellten ſich an das Fenſter, das, was noch ſeltſamer erſcheinen mußte, als das Uebrige, unbeſetzt geblieben war. Statt durch dieſes Fenſter zu ſchauen, unterhielten die zwei letzten Trinker das Feuer. 3 1 Als ſie d'Artagnan und Raoul eintreten ſahen, murmelten ſie: „Ah! Verſtärkung.“ 4 3 D'Artagnan ſtieß Raoul mit dem Ellenbogen und agte: „Ja, meine Braven, Verſtärkung; bei Gott! ein herrliches Feuer.. Was wollt Ihr denn da kochen?“ Die zwei Männer ſchlugen ein luſtiges Gelächter auf und legten, ſtatt zu antworten, Holz zum Feuer. „D'Artagnan konnte nicht müde werden, ihnen zu⸗ zuſchauen.— „Hört,“ ſprach einer von den Heizern,„nicht wahr, man hat Euch zu uns geſchickt, um uns den Augenblick zu ſagen?“ „Allerdings,“ antwortete d'Artagnan, da er wiſſen wollte, woran er ſich zu halten hätte.„Warum wäre ich ſonſt hier, wenn nicht zu dieſem Zweck?“ „Dann ſtellt Euch an's Fenſter, wenn es Euch be⸗ liebt, und beobachtet.“ D'Artagnan laͤchelte in ſeinen Schnurrbart, machte Raoul ein Zeichen und ſtellte ſich willfährig an's Fenſter. XX. Es lebe Colbert! Die Grove bot in dieſem Augenblick ein ſurchtbares Schauſpiel. Durch die Perſpective gleich gemacht, erſtreckten ſich die Köpfe, dicht gedrängt und beweglich, wie die — 2 190 Aehren auf einer großen Ebene, nach der Ferne. Von Zeit zu Zeit machte ein unbekanntes Geräuſch, ein ent⸗ fernter Lärmen die Köpfe ſchwanken und Tauſende von Augen flammen. Zuweilen fanden große Fluthungen ſtatt. Alle dieſe Aehren beugten ſich, wurden Wellen, beweglicher als die des Oceans, rollten von den äußerſten Enden gegen den Mittelpunkt und ſchlugen an die Reihe der Bogen⸗ ſchützen, welche den Galgen umgaben. Dann ſenkten ſich die Stiele der Hellebarden auf den Kopf oder auf die Schultern der verwegenen Stür⸗ mer; zuweilen war es auch das Eiſen ſtatt des Holzes, und in dieſem Fall entſtand ein weiter leerer Kreis um die Wachen, wobei die Ertremitäten ebenfalls den Druck des plötzlichen Zurückfluthens, das ſie gegen die Brü⸗ ſtungen der Seine warf, zu erleiden hatten. Von ſeinem Fenſter herab, wo man den ganzen Platz überſchaute, ſah d'Artagnan mit innerer Zufrie⸗ denheit, daß diejenigen Musketiere und Garden, welche in der Menge eingeſchloſſen waren, ſich durch Schläge mit der Fauſt oder mit dem Schwertknopf Platz zu machen wußten. Er bemerkte ſogar, daß es ihnen mit Hülfe des Corpsgeiſtes, der die Kräfte des Soldaten verdoppelt, gelungen war, ſich in einer Gruppe von ungefähr fünfzig Mann zu vereinigen, und daß, abge⸗ ſehen von einem Dutzend Verirrter, die er dahin und dorthin rollen ſah, der Kern vollſtändig und im Be⸗ reiche der Stimme war. Doch nicht allein die Mus⸗ ketiere und die Garden zogen die Aufmerkſamkeit von d'Artagnan auf ſich. Um die Galgen her und beſon⸗ ders bei den Zugängen der Arcade Saint⸗Jean be⸗ wegte ſich ein geräuſchvoller, zänkiſcher, geſchäftiger Wirbel; kecke Geſichter, entſchloſſene Mienen hoben ſich an verſchiedenen Stellen unter albernen Geſichtern und gleichgültigen Mienen hervor; Zeichen wurden aus⸗ getauſcht, Hände berührten ſich. D'Artagnan bemerkte in den Gruppen, und ſogar in den belebteſten Gruppen —————r 191 das Geſicht des Reiters, den er hatte durch die Ver⸗ bindungsthüre ſeines Gartens eintreten ſehen, und der zuerſt hinaufgegangen war, um die Trinker zu haran⸗ guiren. Dieſer Mann organiſirte Abtheilungen und gab Befehle. 3 „Mordioux!“ rief d'Artagnan,„ich täuſchte mich nicht, ich kenne dieſen Menſchen, es iſt Menneville. Was Teufels macht er hier?“ Ein dumpfes Gemurmel, das ſtufenweiſe immer deutlicher wurde, hemmte ihn in ſeiner Betrachtung und zog ſeine Blicke nach einer andern Seite. Dieſes Gemurmel wurde durch die Ankunft der armen Sünder veranlaßt. Ein ſtarkes Piquet Bogenſchützen marſchirte ihnen voran und erſchien an der Ecke der Arcade. Die ganze Menge ſtieß alsbald Schreie aus und alle dieſe Schreie bildeten ein ungeheures Gebrülle. D'Artagnan ſah Raoul erbleichen und klopfte ihm auf die Schulter. Bei dieſem Gebrülle wandten ſich die Heizer um und fragten, wie weit man wäre. 4 „Die Verurtheilten kommen,“ ſagte d'Artagnan. „Gut,“ erwiederten ſie und belebten immer mehr die Flammen des Kamins. D'Artagnan ſchaute ihnen unruhig zu. Dieſe Leute, welche ein ſolches Feuer ohne allen Nutzen machten, hatten offenbar beſondere Abſichten. Die Verurtheilten erſchienen auf dem Platz. Sie gingen zu Fuß, den Henker voran; fünfzig Bogenſchützen marſchirten zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken. Beide waren ſchwarz gekleidet, bleich, aber entſchloſſen. Sie ſchauten ungeduldig über die Köpfe, indem ſie ſich bei jedem Schritt auf ihren Füßen erhoben. D'Artagnan bemerkte dieſe Bewegung und ſagte: „KPordiour! ſie hahen große Eile, die Galgen zu ſehen.“ NRaoul wich zurück, ohne daß er die Stärke beſaß, 192 das Fenſter ganz zu verlaſſen. Der Schrecken hat auch ſeine Anziehungskraft. „Zum Tod! zum Tod!“ riefen fünfzigtauſend Stimmen. „Ja, zum Tod!“ brüllten hundert Wüthende, als hätte ihnen die große Maſſe das Stichwort gegeben. „Zum Strangl zum Strang!“ rief die Menge; „es lebe der König!“ „Nein! nein! keinen Galgen!“ rief die Mehrzahl; „Es lebe Colbert!“ „Ah!“ murmelte d'Artagnan,„das iſt drollig, ich hätte nicht geglaubt, Herr von Colbert laſſe ſie hängen.“ In dieſem Augenblick fand eine Fluthung ſtatt, welche die Verurtheilten in ihrem Gang aufhielt. Den Leuten mit kecker, entſchloſſener Miene, welche d'Artagnan bemerkte, war es durch Preſſen, Stoßen und Drängen gelungen, ſich beinahe bis zur Reihe der Bogenſchützen vorwärts zu arbeiten. Der Zug ſetzte ſich wieder in Marſch. Plötzlich warfen ſich unter dem Geſchrei; Es lebe k Colbert! die Menſchen; welche d'Artagnan nicht aus dem Geſichte verlor, auf das Geleite, das vergebens zu kämpfen ſuchte. Hinter dieſen Menſchen war die Menge.. Da begann unter dem wüthendſten Lärmen ein gräßliches Getümmel. 3 Nun war es etwas Anderes, als Schreie der Er⸗ wartung oder Freudenſchreie, es waren Schmerzens⸗ reie. Die Hellebarden ſchlugen, die Schwerter durch⸗ bohrten, man feuerte mit Musketen.— Es entſtand ein ſeltſamer Wirbel, unter dem d'Ar⸗ tagnan nichts mehr ſah. ⸗Dann erhob ſich aus dieſem Chaos plöͤtzluh etwas wie eine offenbare Abſicht, wie ein entſchiedener Wille. Ddie Verurtheilten wurden den Händen der Wachen 193 entriſſen, und man ſchleppte ſie nach dem Hauſe zum Bilde Unſerer Lieben Frau. Diejenigen. welche ſie fortſchleppten, riefen:„Es lebe Colbert!“ Das Volk zauderte, denn es wußte nicht, ob es er die Bogenſchützen oder über die Angreifer herfallen ollte. Was das Volk aufhielt, war der Umſtand, daß diejenigen, welche riefen:„Es lebe Colbert!“ zu gleicher Zeit zu ſchreien anfingen:„Keinen Strang! nieder mit dem Galgen! in's Feuer! in's Feuer! verbrennen wir die Diebe! verbrennen wir die Aushungerer!“ Gemeinſchaftlich ausgeſtoßen, wurde dieſer Schrei mit der größten Begeiſterung aufgenommen. Der Pöbel war gekommen, um eine Hinrichtung anzuſehen, und nun bot man ihm Gelegenheit, ſelbſt eine vorzunehmen. Nichts konnte dem Pöbel angenehmer ſein. Er trat auch ſogleich der Partei der Angreifer gegen die Bogen⸗ ſchützen bei und ſchrie mit der Minderzahl, welche durch ihn eine äußerſt compacte Mehrzahl wurde: „Ja, ja, in's Feuer die Diebe! Es lebe Colbert!“ „Mordioux!“ rief d'Artagnan,„mir ſcheint, das wird ernſt.“ Einer von den Männern, die ſich beim Kamin auf⸗ hielten, näherte ſich, ſeinen Brand in der Hand, dem Fenſter. „Ahl ah!“ ſagte er,„es wird warm.“ Dann ſich gegen ſeinen Gefährten umwendend: „Man gibt das Signal!“ Und plötzlich legte er ſeinen Feuerbrand an ein Täfelwerk. Die Schenke zum Bilde Unſerer Lieben Frau war kein ganz neues Haus; es ließ ſich auch nicht lange bitten, um Feuer zu fangen. In einer Secunde krachen die Bohlen und die lamme ſteigt kniſternd empor. 3 Die drei Musketiere. Bragelonne. Ul. 1 13 194 Ein Gebrüll von Außen antwortet auf das Ge⸗ ſchrei, das die Mordbrenner ausſtoßen. D'Artagnan, der nichts geſehen hat, weil er nach dem Platze ſchaut, fühlt zugleich den Rauch, der ihm den Athem verſetzt, und die Flamme, die ihn brennt. „Holla!“ ruft er, ſich umwendend,„das Feuer iſt hier? ſeid Ihr Narren oder Wüthende, Ihr Burſche?“ Die zwei Männer ſchauen ihn mit erſtaunter Miene an und entgegnen: „Wie! iſt das nicht verabredet?“ „Verabredet, daß Ihr mein Haus verbrennt!“ ſchreit d'Artagnan, indem er den Feuerbrand aus den Händen des Mordbrenners reißt und ihm in's Geſicht ſchlägt. Der Zweite will ſeinem Kameraden Hülfe leiſten, doch Raoul packt ihn, hebt ihn auf und wirft ihn durch das Fenſter, während d'Artagnan ſeinen Gefährten die Stufen hinabſchleudert. Raoul, der zuerſt frei iſt, reißt das Täfelwerk ab und wirft es, ganz rauchend, ebenfalls aus dem Fenſter. Mit einem Blick gewahrt d'Artagnan, daß für den Brand nichts mehr zu befürchten iſt, und läuft an's Fenſter. Die Verwirrung hat den höchſten Grad erreicht. Man ſchreit zugleich:„In's Feuer! Schlagt ſie todt! An den Galgen! Auf den Scheiterhaufen!“ Die Gruppe, welche die Verurtheilten den Händen der Bogenſchützen entreißt, nähert ſich dem Haus, das das Ziel zu ſein ſcheint, nach dem man ſie fort⸗ ſchleppt. Menneville iſt an der Spitze der Gruppe und ſchreit lauter als irgend Jemand: 4 3 „In's Feuer! in's Feuer! Cs lebe Colbert!“ „Artagnan fängt an zu begreifen. Man will die Verurtheilten verbrennen, und ſein Haus iſt der Schei⸗ terhaufen, den man ihnen bereitet.— „Haltl“ ſchreit er, den Degen in ver Fauſt und einen Fuß auf dem Fenſter.„Menneville, was wollt Ihr?“ 3 „Herr d'Artagnan,“ erwiedert dieſer,„laßt uns durch, laßt uns durch!“ „In's Feuer! in's Feuer mit den Dieben! Es lebe Colbert!“ ſchreit die Menge. 3 Dieſes Geſchrei bringt d'Artagnan außer ſich. „Mordioux!“ ruft er,„die armen Teufel verbren⸗ nen, die nur zum Strang veurtheilt ſind, das iſt ſchänd⸗ lich!“ Mittlerweile wird die gegen die Wände zurückge⸗ drängte Maſſe der Neugierigen immer dichter und ver⸗ ſchließt den Weg. Menneville und ſeine Leute, welche die Verur⸗ theilten fortſchleppen, ſind nur noch zehn Schritte von der Thüre. Menneville ſtrengt ſeine letzten Kräfte an. „Gebt Raum! gebt Raum!“ ruft er, die Piſtole in der Fauſt. „ Verbrennen wir ſie,“ wiederholt die Menge.„Das Bild Unſerer Lieben Frau iſt in Brand geſteckt... Ver⸗ brennen wir die Diebe!... Verbrennen wir die Aus⸗ hungerer im Bilde Unſerer Lieben Frau!“. Diesmal unterliegt es keinem Zweifel mehr, man will an das Haus von d'Artagnan. D'Artagnan erinnert ſich des alten Rufes, den er immer mit ſo großer Wirkſamkeit von ſich gegeben. „Herbei! Ihr Musketiere!...“ brüllt er mit einer Rieſenſtimme, mit einer von jenen Stimmen, welche den Kanonendonner, das Toſen des Meeres, den Sturm beherrſchen; perbei⸗ Ihr Musketiere!“ Und er hängt ſich mit dem Arm an den Balcon und läßt ſich in die Menge hinabfallen, die alsbald von dem Hauſe zurückweicht, von dem es Menſchen regnet. Raoul iſt beinahe ebenſo raſch auf dem Boden. Beide haben das Schwert in der Hand. Alles, was ſich an Musketieren auf dem Platze fin⸗ 8 3 196 det, hat den Ruf gehört; Alle haben ſich bei dem Ruf umgedreht und d'Artagnan erkannt. „Zum Kapitän! zum Kapitaͤn!“ ſchreien ſie. Und die Menge öoͤffnet ſich vor ihnen, wie vor dem Vordertheil eines Schiffes. In dieſem Augenblick ſtehen d'Artagnan und Men⸗ neville einander gegenüber. „Gebt Raum! gebt Raum!“ ruft Menneville, der ſieht, daß er nur noch den Arm auszuſtrecken hat, um die Thüre zu berühren. „Keinen Schritt weiter!“ erwiedert d'Artagnan. „Hier,“ ſpricht Menneville, und drückt ſeine Pi⸗ ſtole kaum ein paar Spannen von der Bruſt von d'Ar⸗ tagnan los. Doch ehe ſich das Feuerrad gedreht, hat d'Artagnan Menneville die Piſtole mit dem Griff ſeines Degens in die Höhe geſchlagen und ihm mit der Klinge den Leib durchbohrt. „Ich ſagte es Dir wohl, Du ſolleſt Dich ruhig verhalten,“ ſprach d'Artagnan zu Menneville, der ſich— zu ſeinen Füßen wälzte. 3 „Gebt Raum!“ rufen die Gefährten von Menne⸗ ville, Anfangs erſchrocken, bald aber beruhigt, da ſie onhenehmien, daß ſie es nur mit zwei Männern zu thun haben. Doch dieſe zwei Männer ſind zwei hundertarmige Rieſen; der Degen bewegt ſich in ihren Händen wie das flammende Schwert des Erzengels; er durchloͤchert mit der Spitze, ſchlägt mit der Schneide und mit der Fläche. Jeder Schlag wirft ſeinen Mann nieder. 1 „Für den König!“ ruft d'Artagnan bei jedem Mann, den er trifft, d. h. bei jedem, der niederſtürzt. „Für den König ¹“ wiederholt Raoul. Dieſer Ruf wird das Feldgeſchrei der Musketiere, die ſich, durch daſſelbe geleitet, um d'Artagnan ver⸗ ſammeln. Wäͤhrend dieſer Zeit erholen ſich dis Bogen chützen 197 von dem Schrecken, der ſie ergriffen hat, ſie ſtürzen gegen die Angreifer los und ſchlagen und treten, regel⸗ mäßig wie Mühlräder, Alles nieder, was ihnen be⸗ gegnet. 4 Die Menge, welche die Schwerter wieder glänzen und die Bluttropfen in die Luft ſpritzen ſieht, die Menge entflieht und zermalmt ſich ſelbſt. Endlich erſchallt das Geſchrei um Gnade, das Ge⸗ ſchrei der Verzweiflung, das iſt der Abſchied der Be⸗ ſiegten. Die zwei Verurtheilten ſind wieder in die Hände der Bogenſchützen gefallen. D'Artagnan nähert ſich ihnen und ſpricht, da er ſie bleich und ſterbend ſieht: „Tröſtet Euch, Ihr armen Leute, Ihr werdet die Strafe nicht erdulden, mit der Euch dieſe Elenden be⸗ drohen. Der König hat Euch zum Strang verurtheilt. Man wird Euch nur henken. Man hänge ſie auf, und damit iſt es genug.“. Am Bilde Unſerer Lieben Frau iſt Alles vorbei. Man hat das Feuer in Ermangelung von Waſſer mit zwei Tonnen Wein gelöſcht. Die Verſchworenen ſind durch den Garten entflohen. Die Bogenſchützen ſchleppen die Verurtheilten nach dem Galgen fort..... Von dieſem Augenblick an währt die Sache nicht mehr lange. Der Nachrichter iſt nicht beſorgt, nach den Formen der Kunſt zu Werke zu gehen; er beeilt ſich und erpedirt die zwei Unglücklichen in einer Minute. Man drängt ſich indeſſen um d'Artagnan; man beglückwünſcht ihn, man ſchmeichelt ihm. Er trocknet ſeine von Schweiß triefende Stirne, ſein von Blut trie⸗ fendes Schwert ab, und zuckt die Achſeln, da er Men⸗ neville ſich in den letzten Convulſtonen des Todeskam⸗ pfes zu ſeinen Füßen krümmen ſieht. Und während Naoul ſeine Augen mitleidig abwendet, zeigt er den Musketieren die mit ihren traurigen Früchten beladenen Galgen und ſpricht: 198 „Arme Teufel! ich hoffe, ſie ſind mich ſegnend geſtorben, denn ich habe ihnen große Unannehmlichkeiten erſpart.“ Dieſe Worte erreichen Menneville in dem Augen⸗ blick, wo er den letzten Seufzer von ſich zu geben im Begriff iſt. Ein düſteres, höͤhniſches Lächeln ſchwebt über ſeine Lippen. Er will antworten, doch die An⸗ ſtrengung, die er macht, zerreißt vollends ſeinen Lebens⸗ faden, und er verſcheidet. „Oh! dies Alles iſt gräßlich,“ ſpricht Raoul; „gehen wir, Herr Chevalier.“ „Du biſt nicht verwundet?“ fragte d'Artagnan. „Ich danke, nein.“ „Mordiour! Du biſt ein Braver! Das iſt der Kopf des Vaters und der Arm von Porthos. Ah! wenn Porthos hier geweſen wäre, Du hätteſt ſchöne Dinge von ihm ſehen können!“ Dann in der Weiſe einer Erinnerung murmelt d'Artagnan: „Aber wo Teufels kann er ſein, dieſer brave Porthos?“ „Kommt, Chevalier, kommt,“ wiederholt Raoul. „Nur noch eine Minute, mein Freund, daß ich meine ſiebenunddreißig Piſtolen einziehen kann, und ich gehöre Dir. Das Haus wirft einen guten Ertrag ab,“ fügt d'Artagnan, in die Schenke zum Bilde Unſerer Lieben Frau zurückkehrend„ bei; vdoch ſollte es auch minder einträglich ſein, ſo würde ich es doch vorziehen, wenn es in einem andern Quartiere läge.“ XXI. Wie der Ziamant von Herrn d' Emeris in die Hände von d'Artagnan überging. Während dieſe geräuſchvolle und blutige Scene auf der Grove vorſiel, ſteckten mehrere hinter der Ver⸗ bindungsthüre des Gartens verrammelte Männer ihre Degen in die Scheide, halfen einem von ihnen ſein ge⸗ ſatteltes Pferd, das im Garten wartete, beſteigen, und entflohen wie ein Schwarm erſchrockener Vögel in allen Richtungen, die Einen, indem ſie die Mauern erkletter⸗ ten, die Andern, indem ſie mit der ganzen Hitze eines paniſchen Schreckens nach den Thüren ſtürzten. Derjenige, welcher das Pferd beſtieg und es die Sporen mit einer ſolchen Heftigkeit fühlen ließ, daß dieſes Thier beinahe über die Mauer geſetzt hätte, ritt über die Place Baudoyer, jagte wie ein Blitz durch die Menge, warf Alles nieder, was ihm in den Weg kam, und erreichte zehn Minuten nachher die Thüre der Ober⸗ intendanz athemloſer als ſein Roß. Bei dem Schall des Hufſchlags auf dem Pflaſter erſchien der Abbé Fouquet an einem Fenſter des Ho⸗ fes und fragte, ehe der Reiter den Fuß auf die Erde geſetzt hatte: „Nun, Danicamp?“ „Es iſt vorbei!“ antwortete der Reiter. „BVorbei!“ rief der Abbé,„ſie ſind alſo gerettet?° 3 he Rein Herr,“ entgegnete der Reiter,„ſie ſind ge⸗ henkt.“ 3 „Gehenkt!“ wiederholte der Abbé erbleichend. Eine Seitenthüre öffnete ſich plötzlich und Fouquet 200 erſchien im Zimmer, bleich, beſtürzt, die Lippen halb gennen durch einen Schrei des Schmerzes und des Zorns. Er blieb auf der Schwelle ſtehen und horchte auf das, was vom Hofe aus nach dem Fenſter geſagt wurde. „Elende!“ rief der Abbé,„Ihr habt Euch alſo nicht geſchlagen!“ „Wie die Löwen.“ „Sagt wie Feige.“ „Herr!“ „Hundert Kriegsmänner ſind, das Schwert in der Hand, bei einem Ueberfall ſo viel werth, als zehntau⸗ ſend Bogenſchützen. Wo iſt Menneville, dieſer Prahler, dieſer Großſprecher, der ſterben oder als Sieger zurück⸗ kehren ſollte?“ „Herr, er hat ſein Wort gehalten. Er iſt todt.“ „Todt! wer hat ihn getödtet?“ „Ein als Menſch verkleideter Teufel, ein mit zehn flammenden Schwertern bewaffneter Rieſe, ein Wüthen⸗ der, der mit einem einzigen Schlag das Feuer, den Aufruhr gelöſcht und hundert Musketiere aus dem Pfla⸗ ſter der Grève hervorſpringen gemacht hat.“ Fouquet erhob ſeine ganz von Schweiß triefende Stirne und murmelte:. „Oh! Lyodot, d'Emeris! kodt! todt! todt! und ich 1 entehrt!“ Der Abbé wandte ſich um und ſprach, als er ſei⸗ en niedergeſchmetterten, leichenbleichen Bruder er⸗ ickte: „Ruhig! ruhig! das iſt ein Schlag des Schick⸗ ſals, Herr, und Ihr müßt nicht ſo klagen. Da man es nicht zu Stande bringen konnte, ſo wollte Gott...“5 „Schweigt, Abbél ſchweigt!“ rief Fouquet,„Eure Entſchuldigungen ſind Blasphemien. Laßt dieſen Mann heraufkommen und die einzelnen Umſtände des furcht: baren Ereigniſſes erzählen.“ 201 „Aber, mein Bruder...“. „Gehorcht, mein Herr.“ Der Abbé machte ein Zeichen, und eine halbe Mi⸗ nute nachher hörte man die Tritte des Mannes auf der Treppe. Zu gleicher Zeit erſchien hinter Fouquet Gourville, dem Schutzengel des Intendanten ähnlich, und legte einen Finger auf ſeine Lippen, um ihn zu ermahnen, er möge ſich auch unter den Aufwallungen ſeines Schmer⸗ zes in Acht nehmen. Der Miniſter nahm wieder die ganze Heiterkeit an, welche die menſchlichen Kräfte zur Verfügung eines durch den Schmerz halb gebrochenen Herzens laſſen können. 3 Danicamp erſchien. „Macht Eure Meldung,“ ſagte Gouryille. „Herr,“ antwortete der Bote,„wir hatten Befehl erhalten, die Gefangenen zu entführen und während der Entführung: Es lebe Colbert! zu rufen.“ „Um ſie lebendig zu verbrennen, nicht wahr, Abbé?“ unterbrach Gourville. „Ja! ja! man hatte Menneville den Befehl ge⸗ geben. Menneville wußte, was zu thun war, und Menneville iſt todt.“ Dieſe Nachricht ſchien Gourville zu beruhigen, ſtatt ihn zu betrüben.— „Um ſie lebendig zu verbrennen,“ wiederholte der Bote, als bezweifelte er die Aechtheit dieſes Befehls, obgleich es der einzige war, den man ihm gegeben. „Gewiß, um ſie lebendig zu verbrennen,“ ſagte der Abbé mit barſchem Ton. „Einverſtanden, mein Heer, einverſtanden,“ ſprach der Mann, indem er mit den Augen auf dem Geſichte von Gourville und vom Abbé ſuchte, was es Trauriges oder Vortheilhaftes für ihn haben dürfte, wenn er der Wahrheit gemäß erzählen würde. „Sprecht nun,“ ſſagte Gouxville. 202 „Die Gefangenen,“ fuhr Danicamp fort,„ſollten alſo nach der Grève gebracht werden, und das wüthende Volk wollte, daß man ſie verbrenne, ſtatt ſie zu henken.“ fort„Das Volk hatte Recht,“ ſagte der Abbé;„fahrt 3 ort.“ „Aber,“ erzählte der Mann,„in dem Augenblick, wo die Bogenſchützen zurückgedrängt worden waren, wo das Feuer in einem Hauſe des Platzes fing, das als Scheiterhaufen für die Schuldigen zu dienen be⸗ ſtimmt war, warf ein Wüthender, jener Dämon, jener 3 Rieſe, von dem ich ſprach, und der der Eigenthümer des fraglichen Hauſes, wie ich höre, war, unterſtützt von einem jungen Mann, der ihn begleitete, die Leute, welche das Feuer belebten, aus dem Fenſter, rief die Muske⸗ tiere zu Hülfe, die ſich unter der Menge befanden, ſprang ſelbſt aus dem erſten Stock auf den Platz, und ſpielte ſo verzweiflungsvoll mit dem Degen, daß der Sieg den Bogenſchützen wieder verliehen, die Gefangenen uns wieder entriſſen wurden, und daß Menneville den Tod fand. Sobald die Anderen die Verurtheilten wieder ge⸗ nommen hatten, waren ſie in drei Minuten hinge⸗ richtet.“* Fouquet ließ trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung un⸗ willkührlich einen dumpfen Seufzer entſchlüpfen. 4- „ und dieſer Menſch, der Eigenthümer des Hauſes, 1* wie heißt er?“ fragte der Abbé. 4„Ich vermag es Euch nicht zu ſagen, da ich ihn nicht geſehen; mein Poſten war mir im Garten ange⸗ wieſen, und ich blieb an meinem Poſten; man hat mir die Geſchichte nur erzählt. Es wurde mir befohlen, ſobald die Sache vorüber wäre, Euch in aller Eile zu melden, wie ſie geendigt. Nach dem Befehl jagte ich im Galopp fort, und hier bin ich.“) 4 „Sehr gut, mein Herr, wir haben nichts Anderes —— von Euch zu verlangen,“ ſagte der Abbé immer mehr niedergebeugt, je mehr der Augenblick herannahte, wo er mit ſeinem Bruder allein ſein ſollte. 203 „Man hat Euch hezahlt?“ fragte Gourville. „Ich habe eine Abſchlagszahlung erhalten,“ ant⸗ wortete Danicamp. „Hier ſind zwanzig Piſtolen, geht, mein Herr, und vergeßt nicht, wie diesmal ſo immer die wahren Inter⸗ eſſen des Königs zu vertheidigen.“ „Ja, Herr,“ ſprach der Bote. Und er ſteckte das Geld in die Taſche, verbeugte ſich und ging ab. Kaum war er außen, als Fouquet, der unbeweg⸗ lich geblieben, mit raſchem Schritt vortrat und dem Abbé und Gourville gegenüberſtand. Beide öffneten zu gleicher Zeit den Mund, um zu ſprechen. „Keine Entſchuldigungen!“ ſagte Fouquet,„keine Vorwürfe gegen irgend Jemand... waͤre ich nicht ein falſcher Freund geweſen, ſo hätte ich Niemand die Sorge, Lyodot und d'Emeris zu retten, anvertraut. Ich allein bin der Schuldige, mir allein gebühren die Vorwürfe und die Gewiſſensbiſſe. Laßt mich, Abbé.“ „Aber, mein Herr,“ entgegnete dieſer,„Ihr wer⸗ det⸗mich nicht abhalten, daß ich den Elenden ſuchen laſſe, der ſich für den Dienſt von Herrn Colbert in dieſe ſo gut vorbereitete Partie gemiſcht hat; denn wenn es eine gute Politik iſt, ſeine Freunde ſehr zu lieben, ſo iſt offenbar diejenige keine ſchlechte, welche darin be⸗ ſaht⸗,da man ſeine Feinde mit aller Erbitterung ver⸗ olgt.“. „Laßt die Politik ruhen, Abbé, geht, ich bitte Euch, und daß ich bis auf neuen Befehl nicht mehr von Euch ſprechen höre; mir ſcheint, wir bedürfen ungemein des Stillſchweigens und der Umſicht. Ihr habt ein furcht⸗ bares Beiſpiel vor Euch. Keine Repreſſalien, mein Herr, ich verbiete es Euch.“ „Es gibt keine Befehle, die mich verhindern, die Schmach, die man meiner Familie angethan, an dem Schuldigen zu rächen.“. 204 „Und ich,“ rief Fouquet mit jener gebieteriſchen Stimme, bei der man fühlt, daß ſich nichts erwiedern läßt,„und ich erkläre Euch, daß ich Euch, wenn Ihr einen einzigen Gedanken habt, der nicht der entſchiedene Ausdruck meines Willens iſt, zwei Stunden, nachdem dieſer Gedanke ſich kundgegeben, in die Baſtille wer⸗ fen laſſe. Richtet Euch darnach, Abbé.“ Der Abbé verbeugte ſich erröthend. Fouquet hieß Gourville durch ein Zeichen ihm fol⸗ gen, und ſchon wandte er ſich nach ſeinem Cabinet, als der Huiſſier mit lauter Stimme meldete: „Der Herr Chevalier d'Artagnan.“ „Wer iſt das?“ fragte Fouquet mit gleichgültigem Tone Gourville. „Ein ehemaliger Lieutenant der Musketiere Seiner Majeſtät,“ antwortete Gourville mit demſelben Ton. Fouquet nahm ſich nicht einmal die Mühe, nach⸗ zudenken, und ging weiter. „Verzeiht, Monſeigneur!“ ſagte nun Gourrille, „es fällt mir ein, dieſer brave Burſche hat den Dienſt des Königs verlaſſen, und kommt ohne Zweifel, um das Quartal von irgend einer Penſion zu erheben.“ „Zum Teufel! erwiederte Fouquet,„warum wählt er ſeine Zeit ſo ſchlecht!“ „Erlaubt, Monſeigneur, daß ich ihm ein Wort der Weigerung ſage, denn er iſt einer meiner Bekann⸗ ten, und es iſt ein Mann, den man unter den Umſtän⸗ den, in welchen wir uns befinden, lieber zum Freund als zum Feind hat.“ r Antwortet ihm Alles, was Ihr wollt,“ ſagte Fou⸗ quet. 4 „Ei! mein Gott!“ rief der Abbé voll Groll, wie ein Mann der Kirche,„antwortet ihm, es gebe kein Geld, beſonders keines für die Musketiere.“ Doch der Abbé hatte nicht ſobald dieſes unvor⸗ ſichtige Wort von ſich gegeben, als die halbgeöffnete N [O[[.[ſ˖—;— 205⁵ Thüre gänzlich geöffnet wurde und d'Artagnan er⸗ ſchien. „Ei! Herr Fouquet,“ ſagte er,„ich wußte wohl, es gebe kein Geld für die Musketiere. Ich kam auch nicht, um mir geben, ſondern vielmehr um mir ver⸗ weigern zu laſſen. Das iſt geſchehen, ich danke. Ich ſage Euch guten Morgen und hole mir bei Herrn Colbert.“ Und nachdem er ſich leicht verbeugt, ging er wie⸗ der hinaus. „Gourville!“ rief Fouquet,„lauft dieſem Mann nach und bringt ihn mir zurück.“ 3 Gourville gehorchte, und holte d'Artagnan auf der Treppe ein. Als d'Artagnan Tritte hinter ſich hörte, wandte er ſich um und erblickte Gourville. „Mordiour, mein lieber Herr,“ ſagte er,„Ihr Leute von den Finanzen habt ſonderbare Manieren. Ich komme zu Herrn Fouquet, um eine von Seiner Maje⸗ ſtät angewieſene Summe zu erheben, und man empfängt mich wie einen Bettler, der ein Almoſen fordern, oder wie einen Spitzbuben, der Silberzeug ſtehlen will.“ „Aber Ihr habt den Namen von Herrn Colbert ausgeſprochen, lieber Herr d'Artagnan; Ihr habt ge⸗ ſagt, Ihr würdet zu Herrn Colbert gehen?“ „Gewiß gehe ich zu ihm, und wäre es nur, um Ge⸗ nugthuung wegen der Leute zu verlangen, welche unter dem Ruf: Es lebe Colbert! die Häuſer niederbrennen wollen.“ 3 3 Gourville ſpitzte die Ohren. „Oho!“ ſagte er,„Ihr ſpielt auf das an, was auf der Grève vorgefallen iſt.“ „Allerdings.“ „Was liegt Euch an dem, was geſchehen?“ „Wie! Ihr fragt mich, was mir daran liege, oder nicht daran liege, daß Herr Colbert aus meinem Haus einen Scheiterhaufen machen läßt?“ 206 „Euer Haus alſo.... es war Euer Haus, das man niederbrennen wollte?“ „Bei Gott!“ „Die Schenke zum Bilde Unſerer Lieben Frau ge⸗ hört Euch?“ „Seit acht Tagen.“ „Ihr ſeid alſo der brave Kapitän, der muthige Degen, der diejenigen, welche das Haus verbrennen wollten, zerſtreut hat.“ „Mein lieber Herr Gourville, ſetzt Euch an meine Stelle; ich bin Agent der öffentlichen Gewalt und Hauseigenthümer. Als Kapitän habe ich die Pflicht, die Befehle des Königs zu vollziehen. Als Eigenthü⸗ mer habe ich das Intereſſe, daß ich mein Haus nicht niederbrennen laſſe. Ich befolgte alſo zugleich die Ge⸗ ſetze meiner Intereſſen und der Pflicht, indem ich die Herren Lyodot und d'Emeris wieder in die Hände der Bogenſchützen brachte.“ „Ihr habt alſo einen Mann aus dem Fenſter ge⸗ worfen?“ „Ich ſelbſt,“ antwortete d'Artagnan beſcheiden. „Ihr habt Menneville getödtet?“ „Ich habe dieſes Unglück gehabt,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan, indem er ſich verbeugte, wie ein Menſch, den man beglückwünſcht. „Ihr habt es bewirkt, daß die zwei Verurtheilten gehenkt worden ſind?“ „Statt verbrannt zu werden, ja, mein Herr, und ich rühme mich deſſen. Ich habe dieſe armen Teufel gräßlichen Qualen entriſſen. Begreift Ihr, mein lieber Herr Gourville, daß man ſie lebendig verbrennen wollte? Das überſteigt jede Einbildungskraft.“ „Geht, mein lieber Herr d'Artagnan, geht,“ ſagte Gouryille, der Fouquet den Anblick eines Mannes er⸗ ſparen wollte, welcher ihm einen ſo tiefen Schmerz ver unrſacht hatte. — „Nein,“ ſprach Fouquet, der von der Thüre des 8 t as 207 Vorzimmers Alles gehört hatte,„nein, Herr d'Artagnan, kommt im Gegentheil.“ D'Artagnan wiſchte vom Knopf ſeines Degens eine letzte Blutſpur ab, die ihm bei der Unterſuchung ent⸗ gangen war, und kehrte zurück. Nun ſtand er den drei Männern gegenüber, deren drei Geſichter drei ſehr verſchiedenartige Ausdrücke zeig⸗ ten; bei dem Abbé war es der des Zorns, bei Gour⸗ ville der des Erſtaunens, bei Fouquet der der Nieder⸗ geſchlagenheit. „Verzeiht, Herr Miniſter,“ ſagte d'Artagnan,„aber meine Zeit iſt gemeſſen, ich muß zur Intendanz gehen, um mich mit Herrn Colbert zu erklären und mein Ouar⸗ tal zu beziehen.“ „Aber, mein Herr, es iſt hier Geld,“ erwiederte Fouquet. AeArtagnan ſchaute den Oberintendanten erſtaunt an. „Man hat Euch leichthin geantwortet, mein Herr, ich weiß es und habe es gehört; ein Mann von Eurem Verdienſt müßte Jedermann bekannt ſein.“ D'Artagnan verbeugte ſich. „Ihr habt eine Anweiſung 2“9 fragte Fouquet. „Ja, mein Herr.“ „Gebt, ich will ſie Euch ſelbſt ausbezahlen;; kommt.“ Er machte Gourville und dem Abbé ein Zeichen, und dieſe blieben in dem Zimmer, wo ſie waren, in⸗ deß er d'Artagnan in ſein Cabinet führte. Sobald er hier war, ſagte er: „Wie viel habt Ihr gut?“ „Ungefähr fünftauſend Livres.“ „Als rückſtändigen Sold?“ „Als Quartal.“ „Ein Quartal von fünftauſend Livres 1“ rief Fou⸗ gquet, indem er einen tiefen Blick auf den Musketier heftele;„der König gibt Euch alſo jährlich zwanzig⸗ tauſend Livres 14 „Ja, Monſeigneur, zwanzig tauſend Livres; findet Ihr das zu viel?“ „Ich!“ verſetzte Fouquet bitter lächelnd.„Wenn ich mich auf die Menſchen verſtehen würde, wenn ich ſtatt eines leichtſinnigen, inconſequenten, eitlen Geiſtes ein kluger, überlegter Geiſt wäre, mit einem Wort, wenn ich mein Leben wie gewiſſe Leute geordnet hätte, würder Ihr nicht zwanzigtauſend Livres jährlich, ſondern hunderttauſend erhalten, und Ihr gehörtet nicht dem König, ſondern mir.“ D'Artagnan erröthete leicht. Es liegt in der Art und Weiſe, wie man das Lob ſpendet, in der Stimme der Lobenden, in dem wohl⸗ wollenden Ausdruck ein ſo ſüßes Gift, daß der Stärkſte oft davon berauſcht wird. Der Oberintendant ſchloß dieſe Rede, indem er ein Schubfach öffnete und daraus vier Rollen nahm, die er vor d'Artagnan legte. D'Artagnan wog eine und ſagte: „Gold!“ „Das wird Euch am mindeſten beſchweren.“ „Aber dann macht das zwanzigtauſend Livres?“ „Allerdings.“ 4 „Man iſt mir jedoch nur fünftauſend ſchuldig.“ „ Ich will Euch die Mühe, viermal zur Oberinten⸗ danz zu gehen, erſparen.“ „Ihr ſeid allzu gütig.“ „Ich thue, was ich thun ſoll, Herr Chevalier, und ich hoffe, Ihr werdet keinen Groll gegen mich wegen des Empfangs bewahren, der Euch von meinem Bru⸗ der zu Theil geworden. Er iſt ein Menſch von her⸗ bem, launenhaftem Weſen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte d'Artagnan,„glaubt mir, daß mich nichts mehr ärgern könnte, als eine Entſchul⸗ digung von Euch.“ „Ich werde mich auch nicht mehr entſchuldigen und Euch nur noch um eine Gefälligkeit bitten.“ 4 5 e d 2 ——,— 209 „Oh! Herr!“ Fouquet zog von ſeinem Finger einen Diamant ungefähr im Werth von tauſend Piſtolen und ſprach: „Mein Herr, dieſer Stein hier wurde mir von einem Jugendfreund geſchenkt, von einem Mann, dem Ihr einen großen Dienſt geleiſtet habt.“ Die Stimme von Fouguet bebte merklich. „Ich! einen Dienſt!“ verſetzte der Musketier;„ich habe einem Eurer Freunde einen Dienſt geleiſtet!“ „Ihr könnt ihn nicht vergeſſen haben, mein Herr, denn es iſt erſt heute geſchehen.“ „Und dieſer Freund heißt?“ „D'Emeris.“ „Einer von den Verurtheilten?“ „Ja, eines von den Opfern. Nun, Herr d'Artag⸗ nan, ich bitte Euch, für den Dienſt, den Ihr ihm ge⸗ leiſtet, dieſen Diamant annehmen zu wollen. Thut es mir zu Liebe.“ „Monſeigneur...“ 1 „Nehmt es an, ſage ich Euch. Ich habe heute einen Trauertrag, ſpäter werdet Ihr das vielleicht er⸗ fahren; heute habe ich einen Freund verloren, nun! ich verſuche es, einen andern zu finden.“ „Aber, Herr Fouquet...“ 4 „Lebt wohl, Herr d'Artagnan,“ rief Fouquet, das Herz angeſchwollen,„oder vielmehr auf Wiederſehen!“ Und der Miniſter entfernte ſich raſch aus ſeinem Cabinet und ließ in den Händen des Musketiers den Ring und die zwanzig tauſend Livres. „Ho! ho!“ ſagte d'Artagnan nach einem Augen⸗ blick düſteren Nachdenkens..„Wie ſoll ich das be⸗ greifen? Mordioux! wenn ich es begreife, iſt das ein ſehr galanter Mann.. Ich will es mir von Herrn Colbert erklären laſſen!“ 3 Und er ging hinaus. Die drei Musketiere. Bragelonne, Ul. 14 XXlI. Von dem bemerkenswerthen AUnterſchied, den d'⸗Ar⸗ tagnan zwiſchen dem Herru Intendanten und Monſeigneur dem Gberintendanten kand. Herr Colbert wohnte in der Rue Neuve des Petits⸗Champs, in einem Hauſe, das Beautru gehört hatte. Die Beine von d'Artagnan legten den Weg in einer kleinen Viertelſtunde zurück. Als er zu dem neuen Günſtling kam, war der Hof voll von Bogenſchützen und Polizeileuten, welche hier 1 erſchienen, entweder um Glück zu wünſchen, oder um ſich zu entſchuldigen, je nachdem er das Lob oder den Tadel wählen würde. Das Gefühl der Schmeichelei iſt inſtinctartig bei den Leuten von verächtlicher Lebens⸗ ſtellung; ſie haben dieſen Sinn, wie das wilde Thier den des Geruchs oder des Gehörs hat. Dieſe Leute, oder vielmehr ihr Anführer hatte begriffen, man würde Herrn Colbert ein Vergnügen machen, wenn man ihm 3 meldete, auf welche Art ſein Name während des Ge⸗ mmaenges ausgeſprochen worden. D'Artagnan traf gerade in dem Augenblick ein, wo der Anführer der Scharwache ſeinen Bericht er⸗ ſtattete. D'Artagnan blieb bei der Thüre hinter den Bogenſchützen ſtehen.. 3 4 Dieſer Officier nahm Colbert bei Seite, trotz ſeines Widerſtandes und obgleich er ſeine dicken Augenbrauen zuſammenzog. 3 „Mein Herr,“ ſagte er,„falls Ihr wirklich ge⸗ wünſcht hättet, daß das Volk Gerechtigkeit an den zwei ben, — 211 Verräthern übe, wäre es weiſe geweſen, uns davon in Kenntniß zu ſetzen, denn trotz unſeres Schmerzes, Euch zu mißfallen oder Euren Anſichten entgegenzuhandeln, hatten wir am Ende unſern Befehl zu vollziehen.“ „Dreifacher Dummkopf!“ erwiederte Colbert wü⸗ thend, indem er ſeine buſchigen, rabenſchwarzen Haare ſchüttelte,„was erzählt Ihr mir da! Wie! ich ſollte die Idee einer Meuterei gehabt haben! Seid Ihr ein Narr, oder betrunken!“ „Aber, mein Herr, man rief:„„Es lebe Colbert!““ entgegnete der Anführer der Scharwache. „Eine Hand voll Verſchwörer...“ „Nein, nein, eine Volksmaſſe.“ „Oh! wahrhaftig,“ ſagte Colbert mit freudigem Geſicht;„eine Volksmaſſe rief:„„Es lebe Colbert!““ Seid Ihr deſſen, was Ihr mir erzählt, ſicher, mein Herr?“ „Man hatte nur die Ohren zu öffnen, oder viel⸗ mehr zu ſchließen, ſo furchtbar war das Geſchrei.“ „Und Ihr ſagt, es ſei Volk, wahres Volk ge⸗ weſen?“ „Gewiß, Herr; nur hat uns dieſes wahre Volk geſchlagen.“ „Oh! ſehr gut,“ fuhr Colbert, ganz ſich ſeinen Gedanken überlaſſend, fort.„Ihr denkt alſo, das Volk allein habe die Verurtheilten verbrennen wollen?“ „Oh! ja, Herr.“ „Das iſt etwas Anderes... Ihr habt alſo kräf⸗ tig Widerſtand geleiſtet?“ 3 „Drei von unſeren Leuten ſind erſtickt worden.“ „Ihr habt wenigſtens Niemand getödtet?“ „Es ſind einige Meuterer auf dem Platze geblie⸗ darunter einer, der kein gewöhnlicher Menſch war.“. „Wer 29 „Ein gewiſſer Menneville, auf den die Polizei längſt ein wachſames Auge hatte.“ „Menneville!“ rief Colbert,„derjenige, welcher in —-—&& 212 der Rue de la Hucheſſe einen braven Mann, der ein fettes Huhn verlangte, getödtet hat?“ „Ja, Herr, derſelbe.“ „Und dieſer Menneville rief auch: Es lebe Colbert! er auch?“ „Stärker als alle Andere... wie ein Wü⸗ thender.“ Die Stirne von Colbert wurde wolkig und über⸗ zog ſich mit Runzeln. Die Glorie des Ehrgeizes, welche ſein Geſicht beleuchtete, erloſch wie das Feuer der Johanniswürmchen, die man unter dem Gras zer⸗ tritt. „Was ſagtet Ihr denn,“ ſprach der enttäuſchte Intendant,„die Initiative ſei vom Volk gekommen? Menneville war mein Feind, ich hätte ihn henken laſ⸗ ſen, er wußte es wohl; Menneville war im Solde des Abbé Fouquet... die ganze Sache kommt von Fou⸗ quet; weiß man nicht, daß die Verurtheilten ſeine Ju⸗ gendfreunde waren?“ „Das iſt wahr,“ dachte d'Artagnan,„und ich habe nun Aufklärung über meine Zweifel. Ich wiederhole, Herr Fouquet kann ſein, was man will, doch er iſt ein galanter Mann.“ „Und,“ fuhr Colbert fort,„Ihr glaubt ſicher zu ſein, daß Menneville todt iſt?“ D'Artagnan dachte, es ſei dies für ihn der Augen⸗ blick, aufzutreten. 8 „Vollkommen, mein Herr,“ erwiederte er vor⸗ ſchreitend. „Ah! Ihr ſeid es?“ ſagte Colbert. „In Perſon,“ antwortete der Musketier mit ſeinem ungezwungenen Ton;„es ſcheint, Ihr hattet in Menne⸗ ville ein hübſches Feindchen.“. „Nicht ich, mein Herr, hatte einen Feind, ſondern der König.“ „Doppeltes Thier!“ dachte»'Artagnan,„Du ſpielſt den Hochmuthigen und den Heuchler gegen mich.„Nunl!“ 1 * 2 213 ſagte er,„ich bin ſehr glücklich, dem König einen ſo guten Dienſt geleiſtet zu haben; wollt Ihr die Güte haben, es Seiner Majeſtät zu melden, Herr Inten⸗ dant?“ „Welchen Auftrag gebt Ihr mir, und was wollt Ihr, daß ich melden ſoll, mein Herr? Ich bitte, ſprecht deutlich,“ ſagte Colbert mit einer ſcharfen, zum Vor⸗ aus ganz mit Feindſeligkeit geladenen Stimme. „Ich gebe Euch keinen Auftrag,“ entgegnete d'Ar⸗ tagnan mit der Ruhe, welche die Spötter nie verläßt. „Ich dachte nur, es wäre Euch leicht, Seiner Majeſtät zu melden, ich, der ich mich zufällig dort befunden, habe Herrn Menneville ſein Recht angedeihen laſſen und die Dinge wieder in Ordnung gebracht.“ Colbert riß die Augen weit auf und befragte mit dem Blick den Anführer der Scharwache. „Ahl das iſt wahr,“ rief dieſer,„der Herr war unſer Retter.“ „Warum ſagtet Ihr mir nicht, mein Herr, Ihr kommet, um mir das zu erzählen,“ erwiederte Colbert mißgünſtig;„Alles erklärte ſich, und zwar beſſer für Euch, als für jeden Anderen.“ „Ihr irrt Euch, Herr Intendant, ich kam durchaus nicht, um Euch das zu erzählen.“ „Aber das iſt eine Heldenthat, mein Herr.“ „Oh!“ entgegnete der Musketier mit gleichgülti⸗ gem Ton,„die große Gewohnheit ſtumpft den Geiſt ab.“ „Sagt, welchem Umſtand habe ich die Ehre Eures Beſuches zu verdanken?“ „Ganz einfach dem, daß mir der König zu Euch zu gehen befohlen hat.“ „Ah!“ ſprach Colbert, der wieder ſeine entſchiedene Haltung annahm, weil er ſah, daß d'Artagnan ein Papier aus ſeiner Taſche zog,„ah! um Geld von mir zu verlangen.“— „Ganz richtig, mein Herr.“ 2 — . 4 N 214 „Ich bitte, wollt einen Augenblick hier warten, ich expedire die Meldung der Scharwache.“ D'Artagnan drehte ſich ziemlich übermüthig auf ſeinen Abſätzen um, und machte, als er ſich nach dieſer erſten Drehung wieder Colbert gegenüber befand, eine Verbeugung, wie ſie Arlequin hätte machen können; dann nahm er eine zweite Evolution vor und wandte ſich mit ruhigem Schritt nach der Thüre. Colbert ſtaunte über dieſen ckräftigen Widerſtand, an den er nicht gewöhnt war. In der Regel hatten die Kriegsleute, wenn ſie zu ihm kamen, ein ſolches Geldbedürfniß, daß, und hätten ihre Füße im Marmor Wurzel faſſen müſſen, ihre Geduld ſich nicht erſchöpfte. Ging d'Artagnan geraden Wegs zum König? Würde er ſich über einen ſchlechten Empfang beklagen, oder ſeine That erzählen? Das war ein ernſter Stoff zu ernſtem Nachdenken. In jedem Fall war der Augenblick, d'Artagnan wegzuſchicken, ſchlecht gewählt, kam er nun im Auftrag des Koͤnigs, kam er in ſeinem eigenen Auftrag. Der Musketier hatte einen zu großen Dienſt, und zwar vor zu furzer Zeit geleiſtet, als daß er ſchon vergeſſen ſein ſollt 'Colbert dachte auch, es wäre beſſer, allen Hoch⸗ muth abzuſchütteln und d'Artagnan zurückzurufen. „He! Herr d'Artagnan,“ rief Colbert,„wie, Ihr verlaßt mich ſo?“ D'Artagnan wandte ſich um und erwiederte: „Warum nicht? Wir haben, denke ich, nichts mehr mit einander zu thun?“ „Ihr müßt doch wenigſtens Geld erheben, da Ihr eine Anweiſung habt.“ „Nicht im Geringſten, mein lieber Herr Colbert.“ „Aber Ihr habt doch eine Anweiſung? Und wie Ihr einen Degenſtich für den König gebt, wenn man Euch auffordert, ſo bezahle ich, wenn man mir ein Anweiſung präſentirt. Gebt ſie.“ ,0 & 215 „Unnöthig, mein lieber Herr Colbert,“ entgegnete d'Arkagnan, der ſich innerlich über die Verwirrung freute, die er in die Gedanken von Colbert brachte;„die An⸗ weiſung iſt bezahlt.“ „Bezahlt! durch wen?“ „Durch den Oberintendanten.“ Colbert erbleichte. „Erklärt Euch,“ ſagte er mit gepreßter Stimme; „wenn Ihr bezahlt ſeid, warum zeigt Ihr mir das Papier?“ „Folge des Befehls, von dem Ihr ſo eben ſo treu⸗ herzig ſprachet, Herr Colbert; der König befahl mir ein Quartal von der Penſion zu erheben, die er mir gnädigſt ausſetzen will...“. „Bei mir?“ 4 „Nicht gerade. Der König ſagte mir:„„Geht zu Herrn Fouquet; der Oberintendant wird vielleicht kein Geld haben, dann geht zu Herrn Colbert.“« Das Geſicht von Colbert heiterte ſich einen Augen⸗ blick auf; doch es war mit ſeiner unglückſeligen Phy⸗ ſiognomie, wie mit dem ſtürmiſchen Himmel, der bald ſtrahlend, bald düſter wie die Nacht erſcheint, je nach⸗ dem der Blitz glänzt, oder die Wolke vorüberzieht. „Und... es fand ſich Geld beim Oberintendan⸗ ten?“ fragte er.. „Nicht wenig Geld,“ erwiederte d'Artagnan,„ſo muß ich wenigſtens glauben, da Herr Fouquet, ſtatt mir ein Quartal von fünftauſend Livres zu bezahlen...“ „Ein Quartal von fünftauſend Livres,“ rief Col⸗ bert ebenſo verwundert, als es Fouquet geweſen, über den Umfang einer Summe, mit der der Dienſt eines Spoldaten bezahlt werden ſollte;„das würde alſo eine Penſion von zwanzigtauſend Livres machen?“ „ Ganz richtig, Herr Colbert; Teufel! Ihr rechnet wie der ſelige Pythagoras; ja, zwanzigtauſend Livres.“ „Zehnmal der Gehalt eines Intendanten der Fi⸗ 3.—— 5 216 nanzen; ich mache Euch mein Compliment,“ ſagte Col⸗ bert mit einem giftigen Lächeln. „Oh!“ rief d'Artagnan,„der König hat ſich ent⸗ ſchuldigt, daß er mir ſo wenig gebe, und mir verſprochen, es ſpäter gut zu machen, wenn er reich wäre; doch vollenden wir, da ich Eile habe.“. „Ja, und gegen die Erwartung des Königs hat Euch der Oberintendant bezahlt?“ „Wie Ihr Euch gegen die Erwartung des Königs geweigert habt, mich zu bezahlen.“ „Ich habe mich nicht geweigert, mein Herr, ich habe Euch gebeten, zu warten; und Ihr ſagt, Herr Fouquet habe Euch Eure fünftauſend Livres bezahlt?“ „Ja, das hättet Ihr nicht gethan; und er that noch etwas Beſſeres, der liebe Herr Fouquet.“ „Was denn?“ „Er bezahlte mir die Geſammtſumme und ſagte, für den König ſeien die Kaſſen immer voll.“ 3 „Die Geſammtſumme! Herr Fouquet bezahlte Euch zwanzigtauſend Livres, ſtatt fünftauſend?“ „Ja, mein Herr.“ „Und warum dies?“ „Um mir drei Beſuche bei der Kaſſe der Oberin⸗ tendanz zu erſparen; ich habe zwanzigtauſend Livres hier in meiner Taſche, in ſehr ſchönem, ganz neuem Gold. Ihr ſeht alſo, daß ich gehen kann, da ich Eurer durch⸗ aus nicht bedarf und nur der Form wegen hierherge⸗ kommen bin,“ ſprach d'Artagnan. Und er klopfte lachend an ſeine Taſchen und zeigte hiedurch Colbert zweiunddreißig herrliche Zähne, ſo weiß wie Zähne von fünfundzwanzig Jahren, welche in ihrer Sprache zu ſagen ſchienen:„Setzt uns zwei⸗ unddreißig kleine Colbert vor, und wir werden ſie ſehr gern verſpeiſen.“ Die Schlange iſt ebenſo tapfer als der Löwe, der Sperber ebenſo muthig als der Adler, das läßt ſich nicht bezweifeln. Selbſt diejenigen Thiere, welche man feige 217 genannt hat, ſind, wenn es ſich um ihre Vertheidigung handelt, tapfer. Colbert hatte keine Furcht vor den zweiunddreißig Zähnen von d'Artagnan; er ſtemmte ſich an und ſagte plötzlich: „Mein Herr, der Herr Oberintendant war nicht berechtigt, zu thun, was er gethan hat.“ „Was ſagt Ihr?“ verſetzte d'Artagnan. „Ich ſage, daß Eure Anweiſung... Wollt mir Eure Anweiſung zeigen, wenn es Euch beliebt?“ „Sehr gern; hier iſt ſie.“ Colbert nahm das Papier mit einem Eifer, den d'Artagnan nicht ohne Unruhe, und beſonders nicht ohne ein gewiſſes Bedauern, die Anweiſung abgegeben zu haben, bemerkte. „Nun! mein Herr,“ ſagte Colbert,„die königliche Ordonnanz lautet, wie folgt: „„Nach Sicht bezahle man an Herrn d'Artagnan die Summe von fünftauſend Livres, welche ein Quartal der Penſion bildet, die ich ihm ausgeſetzt habe.““ „Das ſteht in der That geſchrieben,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan, Ruhe heuchelnd. 3 „Nun! der König war Euch nur fünftauſend Livres ſchuldig, warum hat man Euch mehr gegeben?“ „Weil man mehr hatte und man mir mehr geben wollte; das geht Niemand etwas an.“ „Es iſt natürlich,“ ſagte Colbert mit einer gewiſſen Selbſtgefälligkeit,„Ihr kennt die Gebräuche des Rech⸗ nungsweſens nicht; doch, mein Herr, wenn Ihr tauſend Livres zu bezahlen habt, was thut Ihr?“ „Ich habe nie tauſend Livres zu bezahlen,“ ant⸗ wortete d'Artagnan. „Wenn Ihr aber,“ rief Colbert zornig,„wenn Ihr aber eine Bezahlung zu leiſten hättet, ſo würdet Ihr nur bezahlen, was Ihr ſchuldig ſeid.“ 3 „Das beweiſt nur Eines: daß Ihr nämlich Eure beſondern Gewohnheiten im Rechnungsgeſchäft habt, während Herr Fouquet die ſeinigen hat.“ 218 „Die meinigen, mein Herr, ſind gut.“ „Ich leugne es nicht.“ „Und Ihr habt erhalten, was man Euch nicht ſchuldig war?“ Das Auge von d'Artagnan ſchleuderte einen Blitz. „Was man mir ſchuldig war, wollt Ihr ſagen, Herr Colbert; denn wenn ich erhalten hätte, was man mir gar nicht ſchuldig war, ſo hätte ich einen Diebſtahl begangen.“ 8 Colbert antwortete auf dieſe Spitzfindigkeit nicht. „Ihr ſeid alſo der Kaſſe fünfzehntauſend Livres ſchuldig,“ ſagte er, von ſeiner eiferſuͤchtigen Hitze fort⸗ geriſſen. „Ihr gebt mir wohl Credit,“ erwiederte d'Artagnan mit ſeiner ungebührlichen Ironie. „Keineswegs, mein Herr.“ „Gut! wie ſo?... Werdet Ihr mir meine drei Rollen wieder abnehmen?“ , Ihr werdet ſie meiner Kaſſe wiedererſetzen.“ „Ich? Ah! Herr Colbert, zählt nicht hierauf.“ „Der Köͤnig braucht ſein Geld, mein Herr.“ „Und ich brauche das Geld des Königs.“ „Es mag ſein; doch Ihr werdet die betreffende Summe wiedererſtatten.“ 4 „Durchaus nicht. Ich habe immer ſagen hören, beim Rechnungsweſen, wie Ihr es nennt, gebe ein guter Kaſſier nie zurück und nehme nie zurück. u „Dann werden wir ſehen, mein Herr, was der König ſagt, dem ich dieſe Quittung zeigen werde, welche beweiſt, daß Herr Fouquet nicht nur bezahlt, was er nicht ſchuldig iſt, ſondern daß er nicht einmal die Quit⸗ tung für das behält, was er bezahlt.“ „Ahl“ rief d'Artagnan,„ich begreife nun, warum Ihr mir dieſes Papier abgenommen habt, Herr Col⸗ ert.“. Colbert begriff nicht ganz, was Alles an Drohung in 219 ſeinem auf eine gewiſſe Weiſe ausgeſprochenen Namen lag. „Ihr werdet den Nutzen ſpäter ſehen,“ erwiederte er, indem er das Papier in ſeinen Fingern in die Höhe ob. 8 3„Oh!“ rief d'Artagnan, der das Papier mit einer raſchen Geberde wieder an ſich riß,„ich verſtehe das vollkommen und brauche zu dieſem Ende nicht zu warten.“ Und er ſteckte das Papier, das er erhaſcht hatte, wieder in die Taſche. „Mein Herr! mein Herr!“ rief Colbert...„dieſe Gewaltthat...“ „Geht doch! darf man auf die Manieren eines Soldaten merken!“ erwiederte der Musketier;„empfangt meinen Handkuß, lieber Herr Colbert!“ Und er lachte dem zukünftigen Miniſter ins Geſicht und ging weg. „Dieſer Mann wird mich anbeten,“ murmelte er; „Schade, daß ich ſeine Geſellſchaft verlaſſen muß.“ XXIII. Philoſophie des Herzens und des Geiſtes. Für einen Mann, der gefährlichere geſehen hatte, war die Stellung von d'Artagnan Colbert gegenüber nur eine komiſche. D'Artagnan verſagte ſich alſo die Freude nicht, auf Koſten des Herrn Intendanten von der Rue Neuve des Petits⸗Champs bis zur Rue des Lombards zu lachen. 3. ] 3 3 E E 220 Das iſt ein langer Weg. D'Artagnan laͤchte alſo lang. 8,gr lachte noch, als er Planchet erblickte, der auch vor der Thüre ſeines Hauſes lachte. Denn ſeit der Rückkehr ſeines Patrons, ſeit dem Empfang der engliſchen Guineen, brachte Planchet den größten Theil ſeines Lebens damit zu, daß er that, was d'Artagnan nur von der Rue Neuve des Petits⸗Champs bis nach der Rue des Lombards gethan hatte. „Ihr kommt alſo, mein lieber Herr?“ ſagte Plan⸗ chet zu d'Artagnan. „Nein, mein Freund,“ erwiederte der Musketier, „ich reiſe ſo ſchnell als möglich ab: nänlich ich ſpeiſe zu Nacht, lege mich zu Bette, ſchlafe fünf Stunden und ſchwinge mich bei Tagesanbruch in Sattel. Hat man meinem Pferd anderthalb Rationen gegeben?“ „Ei! mein lieber Herr, Ihr wißt wohl, daß Euer Pferd der Juwel des Hauſes iſt, daß meine Ladenburſche es den ganzen Tag küſſen und ihm meinen Zucker, meine Haſelnüſſe und meine Zwiebacke zu freſſen geben. Ihr fragt mich, ob es ſeine Ration Hafer bekommen habe? fragt mich vielmehr, ob man ihm nicht zu freſſen gegeben, daß es zehnmal hätte zerberſten ſollen.“ „Gut, Planchet, gut; dann gehe ich zu dem über, was mich betrifft. Das Abendbrod?“ „Es iſt bereit: ein dampfender Braten, weißer Wein, Krebſe und friſche Kirſchen. Das iſt etwas Neues, Herr.“ „Du biſt ein liebenswürdiger Menſch, Planchet; laß uns zu Nacht ſpeiſen, und dann gehe ich zu Bette.“ 2 Während des Abendbrods bemerkte d'Artagnan, daß Planchet ſich häufig die Stirne rieb, als wollte er das Herausgehen eines Gedankens erleichtern, der enge in ſeinem Gehirn eingeſchloſſen. Er ſchaute freundlich dieſen würdigen Genoſſen ſeiner früheren Kreuz⸗ und Quer⸗ — — — 8——— —— 221 züge an, ſtieß mit ſeinem Glas an das Glas von Plan⸗ chet und ſagte: 3 „Laß hören, Freund Planchet, laß hören, was Dich mir mitzutheilen ſo viel Anſtrengung koſtet; Mor⸗ dioux! friſch heraus mit der Sprache.“ „Höort alſo,“ erwiederte Planchet,„Ihr kommt mir vor, als ginget Ihr auf irgend ein Unternehmen aus.“ „Ich ſage nicht nein.“ „Ihr hättet alſo einen neuen Gedanken gehabt?“ „Das iſt möglich, Planchet.“ „Es iſt alſo ein neues Kapital zu wagen? Ich betheilige mich mit fünfzigtauſend Livres bei dem Ge⸗ danken, den Ihr ausbeuten wollt.“ Und während Planchet ſo ſprach, rieb er ſeine Hände an einander mit der Raſchheit, welche eine große Freude veranlaßt. „Planchet, dabei iſt nur ein Unglück,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan. „Welches?“ „Die Idee gehört nicht mir... Ich kann nichts darauf verwenden.“ Dieſe Worte entriſſen dem Herzen von Planchet einen ſchweren Seufzer. Der Geiz iſt ein glühender Rathgeber, er entführt ſeinen Mann, wie Satan Jeſus auf den Berg führte, und wenn er einmal einem Un⸗ glücklichen alle Reiche der Erde gezeigt hat, kann er ſich ruhig niederlegen, da er weiß, daß er ſeinen Gefährten, den Neid, zurückläßt, um das Herz zu packen. Planchet hatte den leicht erworbenen Reichthum gekoſtet und ſollte in ſeinen Wünſchen nicht mehr ſtille ſtehen; doch da er trotz ſeiner Habgier ein gutes Herz war, da er d'Artagnan anbetete, ſo konnte er nicht um⸗ hin, tauſend Ermahnungen gegen ihn auszuſprechen, von denen die eine immer liebevoller war, als die andere.— 3 Es wäre ihm auch gar nicht⸗unangenehm geweſen, —— 222 einen Brocken von dem Geheimniß zu ergattern, das ſein Herr ſo gut verbarg. Liſt, Minen, Rathſchläge und Fallen, Alles war vergeblich; d'Artagnan war zu keiner Vertraulichkeit zu bewegen. So verging der Abend. Nach dem Eſſen beſchäf⸗ tigte d'Artagnan ſein Mantelſack; er machte einen Gang in den Stall, ſtreichelte ſein Pferd und unter⸗ ſuchte ſeine Hufeiſen und ſeine Beine; dann, nachdem er ſein Geld noch einmal gezählt, legte er ſich zu Bette, wo er, da er weder von einer Unruhe, noch von Ge⸗ wiſſensbiſſen heimgeſucht war, fünf Minuten, nachdem er ſeine Lampe ausgeblaſen hatte, die Augenlider ſchloß und ſchlief wie in ſeinem zwanzigſten Jahre. Viele Ereigniſſe hätten ihn jedoch wach halten können. Die Gedanken brauſten in ſeinem Gehirn, die Muthmaßungen überſprudelten, und d'Artagnan liebte es ungemein, die Nativität zu ſtellen; doch mit jenem unſtörbaren Phlegma, das mehr als das Genie für das Glück der Leute der Thätigkeit wirkt, verſchob er jede Ueberlegung auf den andern Tag, aus Furcht, wie er ſich ſelbſt ſagte, er könnte zu dieſer Zeit nicht friſch genug ſein. 8 Der Tag kam. Die Rue des Lombards hatte ihren Antheil an Aurora mit den roſigen Fingern, und d'Ar⸗ tagnan erhob ſich wie das Frühroth. Er weckte Niemand auf, ging die Treppe hinab, ohne eine Stufe krachen zu machen, ohne ein einziges Geſchnarche vom Speicher bis zum Keller zu ſtoren, ſattelte ſein Pferd, verſchloß wieder Stall und Laden, und ritt im Schritt zu ſeiner Expedition in der Bre⸗ tagne weg. 3 Er hatte ſehr Recht gehabt, daß er am Tage vor⸗ her nicht an alle die politiſchen und diplomatiſchen An⸗ gelegenheiten dachte, die ſeinen Geiſt in Anſpruch nahmen, denn am Morgen in der Kühle und in der ſanften Dämmerung fühlte er ſeine Ideen rein und fruchtbar ſich entwickeln. 8 2** ——— u — nͤ=ZO— A —2 KS 223 Vor Allem ritt er vor dem Hauſe von Fouquet vorüber und warf in eine an der Thüre des Oberin⸗ tendanten angebrachte gähnende Lade die Anweiſung, die er am Tage zuvor nur mit großer Mühe den ge⸗ krümmten Fingern des Intendanten zu entreißen ver⸗ mocht hatte. Unter einen Umſchlag mit der Adreſſe von Fou⸗ quet gelegt, war die Anweiſung ſelbſt von Planchet nicht errathen worden, während Planchet, was Ent⸗ räthſelung betrifft, Kalchas oder Apollo gleichkam. D'Artagnan überſchickte alſo Fouquet die Quittung, ohne daß er ſich ſelbſt gefährdete oder ſich fortan Vorwürfe zu machen hatte. Nachdem dieſe bequeme Wiedererſtattung geſchehen war, ſagte er zu ſich: „Nun wollen wir viel Morgenluft, viel Sorgloſig⸗ keit und Geſundheit einſchlürfen; laſſen wir das Pferd Zephyr athmen, das ſeine Flanken aufbläht, als ob es eine Hemiſphäre einziehen müßte, unb bringen wir unſere Combinationen auf eine ſehr vernünftige Weiſe in Ordnung.. 4 „Es iſt Zeit,“ fuhr d'Artagnan fort,„es iſt Zeit, einen Feldzugsplan zu machen, und nach der Methode von Herrn von Turenne, der einen dicken Kopf voll von allen möglichen guten Anſichten hat, geziemt es ſich, ehe man ſeinen Feldzugsplan macht, ein ähnliches Portrait von den feindlichen Generalen zu entwerfen, mit denen man es zu thun hat. „Vor Allem zeigt ſich Herr Fouquet. Wie iſt es mit Herrn Fouquet? „Herr Fouquet,“ antwortete d'Artagnan ſich ſelbſt, „Herr Fouquet iſt ein ſchöner und bei den Frauen be⸗ liebter Mann, ein ſehr artiger bei den Dichtern be⸗ liebter Mann, ein geiſtreicher von den Lumpenkerlen verfluchter Mann. Ich bin weder Frau, noch Dichter, noch Lumpenkerl; ich liebe weder Herrn Fouquet, noch haſſe ich ihn, ich befinde mich alſo ganz und gar in der * —— 22 224 Lage, in der ſich Herr von Turenne befand, als er die Schlacht auf den Dünen gewinnen ſollte. Er haßte die Spanier nicht, aber er ſchlug ſie total. „Nein; Mordioux! es gibt noch ein beſſeres Bei⸗ ſpiel; ich bin in der Lage, in der ſich derſelbe Herr von Turenne befand, als er ſich gegenüber dem Prinzen von Condé in Jargeau, Gien und dem Fouburg Saint⸗ Antoine hatte. Er haßte den Herrn Prinzen allerdings nicht, aber er gehorchte dem König. Der Herr Prinz iſt ein äußerſt angenehmer Mann, doch der König iſt der König; Turenne ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, nannte Condé„mein Vetter,“ und vernichtete ſeine Armee. „Was will nun der König? Das geht mich nichts an. „Was will nun Herr Colbert? Oh! das iſt etwas Anderes. Herr Colbert will Alles, was Herr Fouquet nicht will. „Was will denn Herr Fouquet? Oh! oh! das iſt ernſt. Herr Fouquet will ganz genau Alles, was der König will.“ Nachdem dieſes Selbſtgeſpräch beendigt war, lachte v'Artagnan wieder und ließ ſeine Gerte pfeifen. Er war ſchon weit auf der Landſtraße, machte die Vögel auf den Hecken ſcheu, horchte auf die Louisd'or, welche bei jedem Stoß in ſeiner ledernen Taſche tanzten, und, geſtehen wir es, wenn ſich d'Artagnan in ſolchen Lagen befand, war die Weichheit nicht ſein vorherrſchendes Laſter. Er glich dann Herrn von Turenne, als dieſer die Spanier nicht liebte. Der Musketier konnte ſich indeſſen nicht erwehren, den Frieden des Reiches zu beklagen, den die Streitig⸗ keiten der Großen abermals gefährden ſollten. Er . erinnerte ſich, wie mächtig, unterſtützt und gewaffnet Fouquet war. Er addirte einerſeits die achtzehn Mil⸗ lionen von Ludwig XIV., andererſeits die unendlichen Mittel des Oberintendanten, wog in ſeiner unbeugſamen, durch eine ewige Verachtung der Mittelmäßigkeiten ver⸗ —.————— bürgten Unparteilichkeit den giftigen Groll von Herrn heuaet ab, und ſagte, als er ſeine Rechnung gemacht atte.. 3 „Ah! die Expedition iſt nicht ſehr gefährlich, und es wird mit meiner Reiſe ſein, wie mit dem Stück, in das mich in London Herr Monf geführt hat, und das, dizie ich mich erinnere: Viel Lärmen um nichts, heißt. XXIV. Reiſe. Es war dies das fünfzigſte Mal vielleicht, ſeit dem Tag, wo wir unſere Geſchichte eröffnet, daß dieſer Mann mit dem ehernen Herzen und den ſtählernen Muskeln Haus und Freunde, kurz Alles verließ, um das Glück und den Tod zu ſuchen. Das Eine, nämlich der Tod, war beſtändig vor ihm zurückgewichen, als ob er vor ihm bange gehabt hätte, das Andere, nämlich das Glück, hatte erſt ſeit einem Monat wirklich ein Bündniß mit ihm geſchloſſen. Obgleich er kein großer Philoſoph, noch Epikur oder Sokrates, war, ſo war er doch ein mächtiger Geiſt, der die Erfahrung des Lebens und die Uebung des Ge⸗ dankens für ſich hatte. Man iſt nicht tapfer, man iſt nicht abenteuerlich, man iſt nicht gewandt, wie es d'Ar⸗ ingüan war, ohne zugleich ein wenig träumeriſch zu ein. 8 4 3* Er hatte da und dort einige Brocken von Herrn von la Rochefoucault aufgefangen, und im Vorübergehen Die drei Musketiere. Bragelonne. I1. 15 * 226 in der Geſellſchaft von Athos und Aramis viele Stücke von Cicero und Seneca, überſetzt von ihnen und auf den Gebrauch des gemeinen Lebens angewendet, ge⸗ ſammelt. 4 Die Verachtung des Reichthums, welche unſer Gascogner während der fünf und dreißig erſten Jahre ſeines Lebens als einen Glaubensartikel beobachtet hatte, war lange von ihm als der erſte Artikel des Coder der Tapferkeit betrachtet worden. Art. 1. ſagte er: „Man iſt tapfer, weil man nichts hat. „Man hat nichts, weil man den Reichthum verachtet.“ Mit dieſen Grundſätzen, welche, wie geſagt, die fünf und dreißig erſten Jahre ſeines Lebens geleitet hat⸗ ten, war d'Artagnan auch nicht ſobald reich, als er ſich fragen mußte, ob er, trotz ſeines Reichthums, immer noch tapfer ſei. Hierauf konnte für jeden Andern, als d'Artagnan, das Ereigniß auf der Gréve als Antwort dienen. Viele Gewiſſen hätten ſich damit begnügt, aber d'Artagnan war tapfer genug, um ſich aufrichtig zu fragen, ob er tapfer wäre. Auf die Worte: 1 „Mir ſcheint, ich habe auf der Grove raſch genug vom Leder gezogen und artig genug eingehauen, um meines Muthes ſicher zu ſein,“ erwiederte d'Artagnan ſich ſelbſt: „Alles ſchön, Kapitän; das iſt keine Antwort. Ich war an dieſem Tag tapfer, weil man mir mein Haus verbrannte, und es ſind hundert und ſogar tauſend gegen eins zu wetten, daß, wenn die Herren nicht dieſen unglücklichen Gedanken gehabt hätten, ihr Angriffsplan gelungen, oder daß wenigſtens von mir kein Widerſtand entgegengeſtellt worden wäre. 5 4 „Was wird man nun gegen mich verſuchen? Ich habe in der Bretagne kein Haus zum Verbrennen; ich habe keinen Schatz, den man mir rauben könnte. 227 „Rein, aber ich habe meine Haut, dieſe koſtbare Haut von Herrn d'Artagnan, welche ſo viel werth iſt, als alle Häuſer und Schätze der Welt; dieſe Haut, an der mir überaus viel gelegen iſt, weil ſie im Ganzen den Einband eines Körpers bildet, der ein ſehr war⸗ mes Herz enthält, das ſehr zufrieden iſt, daß es ſchlägt und folglich lebt. 1 „Ich wünſche alſo zu leben und lebe wahrhaftig viel beſſer, viel vollſtändiger, ſeitdem ich reich bin. Wer Teufels ſagte, das Geld verderbe das Leben? Es iſt dem bei meiner Seele nicht ſo; mir ſcheint im Ge⸗ gentheil, daß ich nun ein doppeltes Quantum Luft und Sonne aufzehre. Mordiour! wie wird es ſein, wenn ich dieſes Vermögen verdopple und, ſtatt der Gerte, die ich in der Hand halte, je den Marſchallsſtab trage. „Ich weiß nicht, ob es dann von dieſem Augen⸗ blick an genug Sonne und Luft für mich geben wird. „Das iſt in der That kein Traum; wer Teufels ſoll ſich dem widerſetzen, daß mich der König zum Her⸗ zog und Marſchall macht, wie ſein Vater, der König Ludwig XIII. Albert von Luynes zum Herzog und Con⸗ netable gemacht hat? Bin ich nicht ebenſo tapfer und noch viel verſtändiger, als dieſer Schwachkopf Vitry? „Ahl das wird ſich gerade meinem Avancement wi⸗ derſetzen, ich habe zu viel Geiſt. „Zum Glück, wenn es eine Gerechtigkeit auf dieſer Welt gibt, ſteht Fortuna auf meiner Seite. Sie iſt mir ſicherlich eine Belohnung für das, was ich für Anna von Oeſterreich gethan habe, und eine Entſchä⸗ digung für Alles, was dieſe nicht für mich gethan hat, ſchuldig. 4 „3u dieſer Stunde bin ich gut mit einem König, und zwar mit einem König, der ganz das Ausſehen hat, als wollte er regieren. „Gott erhalte ihn auf dieſem erhabenen Weg! Denn wenn er regieren will, bedarf er meiner, und wenn er meiner bedarf, muß er mir uohl geen was 228 er mir verſprochen hat... Wärme und Licht— ich gehe alſo vergleichungsweiſe, wie ich einſt ging— von Nichts zu Allem. „Nur iſt das Nichts von heute das Alles von einſt; es findet ſich bloß dieſe einzige Veränderung in meinem Leben. „Und nun wollen wir den Theil des Herzens ma⸗ chen, da ich ſo eben von dieſem geſprochen habe. „Doch in der That, ich ſprach nur der Erinnerung wegen davon!“ Und der Gascogner legte die Hand auf ſeine Bruſt, als wollte er wirklich den Platz des Herzens ſuchen. „Ah! Unglücklicher!“ murmelte er, bitter lächelnd. „Ah! armes Geſchöpf, Du hoffteſt einen Augenblick kein erz zu haben, und nun haſt Du eines, verfehlter Höf⸗ ing, der Du biſt, und zwar ein höchſt meuteriſches. „Thörichtes Herz, daß du zu Gunſten von Herrn Fouquet ſprichſt. „Wer iſt dieſer Herr Fouquet, wenn es ſich um den König handelt? Ein Verſchwörer, ein wahrer Ver⸗ ſchwörer, der ſich nicht einmal die Mühe gab, zu ver⸗ bergen, daß er conſpirirt; welche Waffe beſäßeſt Du auch nicht gegen ihn, wenn nicht ſeine Freundlichkeit und ſein Geiſt eine Scheide für dieſe Waffe gemacht hätten! „Empörung mit gewaffneter Hand!... Denn Herr Fouquet hat im Ganzen Empörung mit gewaff⸗ neter Hand getrieben.— „Wenn der König Herrn Fouquet unbeſtimmt im Verdacht dumpfer Meuterei hat, ſo weiß ich, kann ich beweiſen, daß Herr Fouquet das Blllt der Unterthanen des Königs hat fließen laſſen. „Nun, während wir dies Alles wiſſen und es ver⸗ ſchweigen, ſehen wir einmal, was will dieſes Herz mehr, V 229 ſtolen, für ein Lächeln, worin wenigſtens ebenſo viel Bitterkeit, als Wohlwollen lag? Ich rette ihm das Leben. „Ich hoffe nun,“ ſuhr der Musketier fort,„dieſes alberne Herz wird ſchweigen, und dann iſt es völlig quitt mit Herrn Fouquet. „Der König iſt nun meine Sonne, und da alſo mein Herz mit Herrn Fouquet quitt iſt, ſo nehme ſich Jeder in Acht, dem es einfallen ſollte, ſich vor meine Sonne zu ſtellen. Vorwärts für Seine Majeſtät Lud⸗ wig XIV., vorwärts!“ Dieſe Betrachtungen waren die einzigen Hinder⸗ niſſe, welche den Gang von d'Artagnan verzögern konn⸗ ten, denn ſobald er damit zu Ende war, beſchleunigte eer den Marſch ſeines Roſſes. Aber ſo vollkommen auch das Pferd Zephyr ſeitt⸗ mochte, ſo konnte es doch nicht immer gehen. Am andern Tage nach der Abreiſe von Paris wurde es in Chartres bei einem alten Freund zurückgelaſſen, den ſich d'Artagnan aus einem Gaſtwirth der Stadt gemacht hatte. Von dieſem Augenblick ritt der Musketier Poſt⸗ pferde. In Folge dieſer Art von Fortbewegung durchzog er raſch den Raum, welcher Chartres von Chateau⸗ briand trennt. In letzterer Stadt, welche noch weit genug von der Küſte entfernt liegt, daß Niemand errieth, d'Artag⸗ nan begebe ſich nach der See, weit genug von Paris, daß Niemand ahnete, er komme von hierher, verließ der Bote von Seiner Majeſtät Ludwig XIV., den d'Artag⸗ nan ſeine Sonne genannt hatte, ohne zu vermuthen, daß derjenige, welcher noch ein ziemlich armſeliger Stern am Himmel des Königthums war, eines Tags aus die⸗ ſem Geſtirne ſein Emblem machen würde, verließ der Bote von König Ludwig XIN, ſagen r die Poſt und kaufte einen Klepper vom kläglicht usſehen, 230 eines von den Thieren, das ein Reiteroffieier aus Furcht, entehrt zu ſein, zu wählen nie ſich erlauben würde. Abgeſehen von der Haarfarbe, erinnerte d'Artagnan dieſe neue Erwerbung ungemein an das berüchtigte orangenfarbige Roß, mit welchem er, oder auf welchem er vielmehr in die Welt eingetreten war. Es iſt übrigens nicht zu vergeſſen, daß es von dem Augenblick, wo er dieſes neue Roß beſtieg, nicht mehr d'Artagnan war, welcher reiſte, ſondern ein guter Burſche, der einen eiſengrauen Rock und kaſtanienfarbige Bein⸗ kleider trug, und die Mitte zwiſchen dem Prieſter und dem Lackei hielt; was ihn beſonders dem Geiſtlichen näherte, war der Umſtand, daß er auf ſeinen Schädel eine Plattmütze von abgetragenem Sammet und auf. die Plattmütze einen großen ſchwarzen Hut geſetzt hatte; kein Degen mehr, nur ein mittelſt einer Schnur an ſei⸗ nem Vorderarm hängender Stock, dem er als unerwar⸗ teten Beiſtand bei Gelegenheit einen guten, zehn Zoll langen, unter ſeinem Mantel verborgenen Dolch beizu⸗ fügen gedachte. 3 Der in Chateaubriand erkaufte Klepper vervoll⸗ ſtändigte den Unterſchied. Er hieß, oder d'Artagnan nannte ihn vielmehr Furet. „Wenn ich aus Zephyr Furet gemacht habe, ſo Herr Agnan reiſte ohne übertriebene Erſchütterung auf Furet, der einen Paßgang hatte und mit dieſem Paßgang doch ganz munter ſeine zwölf Meilen täglich machte, unterſtützt von vier ſpindeldürren Beinen, deren FSeſtigkeit und Sicherheit d'Artagnan, wohl geübt in der Kunſt, unter dem dicken Pelz, der ſie verbarg, erkannt und zu würdigen gewußt hatte. ——— 0—b—— 231 Unterwegs machte ſich der Reiſende Bemerkungen, ſtudirte er das ernſte, kalte Land, durch das er zog, während er zugleich den glaubwürdigſten Vorwand da⸗ für ſuchte, daß er nach Belle⸗Isle en Mer ging, um Alles zu ſehen, ohne Verdacht zu erregen. Auf dieſe Art konnte er ſich überzeugen, wie die Sache immer wichtiger wurde, je mehr er ſich dem Ziele ſeiner Reiſe näherte. In dieſem abgelegenen Lande, in dem alten Her⸗ zogthum Bretagne, das damals nicht franzöſiſch war, und es noch heute kaum iſt, kannten die Völker den König von Frankreich nicht. Sie kannten ihn nicht nur nicht, ſondern ſie woll⸗ ten ihn nicht kennen. Eine Thatſache, eine einzige, ſchwamm ſichtbar für ſie auf dem Strome der Politik oben an. Ihre ehe⸗ maligen Herzoge regierten nicht mehr, aber das war eine Leere. Nichts mehr. An der Stelle des ſouve⸗ rainen Herzogs regierten unumſchränkt die Grundherren der Gemeinden. Und über dieſen Grundherren Gott, der in der Bretagne nie vergeſſen worden iſt. Unter dieſen Lehensherren von Schlöſſern und Kirch⸗ thürmen war der mächtigſte, der reichſte, und beſonders der populärſte Fouquet, der Grundherr von Belle⸗Isle. Selbſt im Lande, ſelbſt im Angeſicht dieſer geheim⸗ nißvollen Inſel, beſtätigten die Legenden und Ueberlie⸗ ferungen ihre Wunder. Nicht Jeder kam dahin; die Inſel, welche eine Aus⸗ dehnung von ſechs Meilen in der Länge und ſechs in der Breite hatte, war ein herrſchaftliches Eigenthum, welches, da es von dem im Lande ſo ſehr gefürchteten Niuen Retz beſchützt wurde, das Volk lange reſpectirt atte.. 8— Kurz, nachdem dieſe Herrſchaft durch Karl IX. zu einem Marquiſat erhoben worden, war Belle⸗Isle an Herrn Fouquet übergegangen. 23²2 Die Berühmtheit der Inſel ſchrieb ſich nicht von geſtern her; ihr Name, oder vielmehr ihre Bezeichnung ging in das höchſte Alter zurück; die Alten nannten ſie Kalloneſe, zuſammengeſetzt aus zwei Worten, welche ſchöne Inſel bedeuten.. Achtzehnhundert Jahre früher hatte ſie alſo in einem andern Idiom denſelben Namen geführt, den ſie noch führt. Es war daher an und für ſich ſchon etwas, dieſes Eigenthum des Herrn Oberintendanten, außer ſeiner Lage zehn Meilen von der Küſte von Frankreich, welche dasſelbe ſouverain in ſeiner Meereseinſamkeit machte, wie ein majeſtätiſches Schiff, das die Rheden verachten und ſtolz ſeine Anker mitten im Ocean werfen würde. D'Artagnan erfuhr dies Alles, ohne daß er im Geringſten den Anſchein hatte, als erkundigte er ſich: er erfuhr auch, das beſte Mittel, Kundſchaft einzuziehen, wäre, wenn er nach la Roche⸗Bernard, einer ziemlich wich⸗ tigen Stadt an der Mündung der Vilaine, ginge. Vielleicht könnte er ſich dort einſchiffen. Wenn nicht, ſo würde er durch die Salzſümpfe reiten und ſich nach Guérande oder Croiſte begeben, um eine Gelegen⸗ heit zur Ueberfahrt nach Belle⸗Isle abzuwarten. Er hatte übrigens ſeit ſeinem Abgaug von Chateaubriand bemerkt, nichts wäre Furet unter dem Antrieb von Herrn Agnan unmöglich, nichts Herrn Agnan unter der Initiative von Furet. 8 4 Er ſchickte ſich alſo an, eine Kriechente und einen Fladen in einem Wirthshauſe von la Roche⸗Bernard zu Nacht zu ſpeiſen, und ließ aus dem Keller, um dieſe zwei bretagniſchen Gerüchte zu befeuchten, einen Aepfel⸗ moſt holen, den er einzig und allein beim Berühren mit dem Ende der Lippen als noch unendlich mehr bretag⸗ 3 uiſch erkannte. 4 4 — 4 233, XXV. Wie d'Artagnan Bekanntſchaft mit einem Dichter machte, der Buchdrucker gewarden war, damit ſeine Verſe gedruckt würden. Ehe ſich d'Artagnan zu Liſche ſetzte, zog er wie gewöhnlich ſeine Erkundigungen ein; doch es iſt ein Axiom der Neugierde, daß jeder Menſch, der gut und auf eine Frucht tragende Weiſe fragen will, zuerſt ſich den Fragen darbieten muß. 3 D'Artagnan ſuchte alſo im Gaſthauſe von la Roche⸗ Bernard einen nützlichen Frager. Es befanden ſich ge⸗ rade, in dieſem Hauſe zwei Reiſende, welche auch mit den Vorbereitungen zu ihrem Abendbrod oder ſogar mit dem Abendbrod ſelbſt beſchäftigt waren. D'Artagnan hatte im Stall ihre Roſſe und in der Wirthsſtube ihre Reiſegeräthe geſehen. 5. Der Eine reiſte mit einem Lackei, wie eine anſehn- liche Perſon; zwei Stuten aus dem Perche, ſchöne runde Thiere, dienten dem Herrn und dem Diener zum Reiten. Der Andere, ein ziemlich kleiner Kamerad, ein Rei⸗ ſender von magerem Ausſehen, der einen ſtaubigen Ober⸗ rock, abgenutzte Wäſche und mehr durch das Pflaſter, als durch den Steigbügel verdorbene Stiefel trug, kam von Nantes mit einem Karren, gezogen von einem Pferd, das Furet, was die Farbe betrifft, ſo ähnlich war, daß d'Artagnan hundert Meilen hätte machen kön⸗ na. ohne etwas Beſſeres für ein gleiches Geſpann zu nden. 8 alte Stoffe gewickelte Päcke.. Der beſagte Karren enthielt verſchiedene große, in 6 „Dieſer Reiſende,“ „iſt von meinem Schla 234 ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt, g. Er ſteht mir an, er ſagt mir zu, ich muß ihm anſtehen und ihm zuſagen. Herr Ag⸗ nan mit dem grauen Rock und der abgetragenen Platt⸗ mütze iſt nicht unwürdi g, in Geſellſchaft des Herrn mit den alten Stiefeln und dem abgeſchabenen Rock zu Nacht zu ſpeiſen.“ Nachdem er ſo geſprochen, rief d' Artagnan den Wirth und befahl ihm, und ſeinen Aepfelmoſt ſeine Kriechente, ſeinen Fladen in das Zimmer des Herrn mit dem beſcheidenen Aeußeren zu tragen. Er ſelbſt ſtieg, einen Teller in der Hand, die höl⸗ zerne Treppe hinauf, welche nach dieſem Zimmer führte, und klopfte an die Thüre. „Herein!“ rief der D'Artagnan trat, ſeinen Hut in einer und Hand, ein und ſprach: Unbekannte. ſeinen Teller unter dem Arm, ſeinen Leuchter in der andern „Mein Herr, entſchuldigt mich, ich bin, wie Ihr, ein Reiſender, ich kenne Niemand im Gaſthaus und habe die ſchlimme Gewohnheit, mich zu langweilen, wenn ich allein ſpeiſe, ſo daß mir dann mein Mahl ſchlecht vor⸗ kommt und mich nichts nützt. Euer Geſicht, das ich ſoo eben erblickte, als Ihr hinabginget, um Euch Au⸗ ſtern aufmachen zu laſſen, ſagt mir ungemein zu. Da⸗ bei bemerkte ich, daß Ih r ein Pferd ganz dem meinigen ähnlich habt, das der Wirth ohne Zweifel wegen dieſer Aehnlichkeit in ſeinem S tall neben das meinige geſtellt hat, wo ſich Beide in Geſellſchaft äußerſt behaglich zu fühlen ſcheinen. Ich ſehe alſo nicht ein, warum die Herren getrennt ſein ſollten einigt ſind, und bitte eu—‿ 3 4 bra 23⁵ wünſchte nur, mein Geſicht möchte Euch ebenſo anſtän⸗ dig ſein, als mir das Eurige iſt, denn ich empfehle mich Euch in voller Achtung.“ Der Fremde, den d'ulrtagnan zum erſten Male ſah, denn Anfangs hatte er ihn nur von fern erſchaut, der Fremde hatte ſchwarze, glänzende Augen, eine gelbe Geſichtshaut, eine durch die Laſt von fünfzig Jahren etwas gefaltete Stirne, Gutmüthigkeit im Geſammt⸗ weſen der Züge, aber Feinheit im Blick. „Man ſollte glauben,“ dachte d'Artagnan,„man ſollte glauben, dieſer Menſch hätte nie etwas Anderes geübt, als die oberen Theile ſeines Kopfes, das Auge und das Gehirn, und er müſſe ein Mann der Wiſſen⸗ ſchaft ſein; der Mund, die Naſe, das Kinn bezeichnen durchaus nichts.“ „Mein Herr,“ antwortete derjenige, deſſen Geiſt und Perſon man ſp zu ergründen ſuchte,„Ihr erweiſet mir eine große Ehre; nicht als ob ich mich langweilte, ich habe,“ fügte er lächelnd bei,„ich habe eine Geſelle ſchaft, die mich immer zerſtreut, doch gleichviel, ich bin glücklich, Euch zu empfangen.“ 3. Waͤhrend er dieſe Worte ſprach, warf indeſſen der Mann mit den abgetragenen Stiefeln einen unruhigen Blick auf den Tiſch, von dem die Auſtern verſchwun⸗ den waren, und worauf nur noch ein Stück geſalzener Speck blieb. 4 „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan eilig,„der Wirth beſorgt mir eine hübſche gebratene Kriechente und einen herrlichen Fladen.“ D'Artagnan hatte in dem Blick ſeines Gefährten, ſo raſch er auch geweſen, die Furcht vor einem Angriff durch einen Schmarotzer wahrgenommen. Er hatte richtig errathen; bei dieſer Eröffnung ent⸗ runzelten ſich die Züge des Mannes mit dem beſcheide⸗ Aeiiheren, in der That, als ob er nur auf ſeinen t gewartet hätte, erſchien der Wirth ſogleich und te die angekündigten Gerichte. 1 Der Kriechente und dem Fladen war ein Stück ge⸗ röſteter Speck beigefügt; d'Artagnan und ſein Tiſchge⸗ noſſe grüßten ſich, ſetzten ſich einander gegenüber, und theilten wie Brüder den Speck und die anderen Ge⸗ richte. „Mein Herr,“ ſagte d'Artagnan,„geſteht, daß es etwas Herrliches um geſellſchaftliche Vereinigung iſt.“ »Warum?“ fragte der Fremde mit vollem Mund. „Nunl das will ich Euch ſagen,“ antwortete d'Ar⸗ tagnan. 3 Der Fremde gab den Bewegungen ſeines Kinn⸗ backens Waffenſtillſtand, um beſſer zu hören. „Einmal,“ fuhr d'Artagnan fort,„haben wir ſtatt eines Lichtes, das jeder von uns hatte, nunmehr zwei.“ „Das iſt wahr,“ ſprach der Fremde, berührt von der außerordentlichen Richtigkeit dieſer Bemerkung. „Dann ſehe ich, daß Ihr vorzugsweiſe meine Kriech⸗ ente eſſet, während ich vorzugsweiſe Euren Speck ſpeiſe.“ „Das iſt abermals wahr.“ 4 8 „Doch über das Vergnügen, beſſere Beleuchtung zu haben und Dinge nach ſeinem Geſchmack zu ſpeiſen, ſetze ich das Vergnügen der Geſellſchaft.“ „Wahrhaftig, mein Herr, Ihr ſeid fröhlich,“ ſagte der Unbekannte mit freundlichem Ton. „Fröhlich, ja, mein Herr, wie alle diejenigen, welche nichts im Kopf haben. Ohl dem iſt nicht ſo bei Euch,“ fuhr d'Artagnan fort,„und ich ſehe in Euren Augen jegliches Genie.“ 3 6 „Oh! mein Herr...“. „Geſteht mir Eines..“ „Was?“ „Daß Ihr ein Gelehrter ſeid.“ „Meiner Treue, mein Herr...“ „Wie?“ „So ungefähr.“ „Ahl ah”" 1 88 dr dr 237 „Ich bin ein Schriftſteller.“ „Oho!“ rief d'Artagnan entzückt, indem er in ſeine Hände klatſchte.„Ich täuſchte mich alſo nicht, das iſt wunderbar!“ „Mein Herr..“ „Ah!“ fuhr d'Artagnan fort,„ſollte ich das Ver⸗ gnügen haben, dieſe Nacht in Geſellſchaft eines Schrift⸗ ſtellers, eines berühmten Schriftſtellers vielleicht zuzu⸗ bringen?“ „Ohl....“ verſetzte der Unbekannte erröthend, berühmt, mein Herr, berühmt iſt nicht gerade das Wort.“ „Beſcheiden!“ rief d'Artagnan entzückt,„er iſt be⸗ ſcheiden!“ Dann mit dem Charakter einer ungeſtümen Zutrau⸗ lichkeit wieder zu dem Fremden zurückkehrend: „Aber ſagt mir wenigſtens die Namen Eurer Werke, mein Herr, denn Ihr könnt bemerken, daß Ihr mir den Eurigen nicht geſagt habt, und daß ich Euch zu erra⸗ then genöthigt geweſen bin.“ „Ich heiße Jupenet.“ „Ein ſchoͤner Name,“ rief d'Artagnan,„ein ſchöner Name bei meinem Wort, und ich weiß nicht, warum, — verzeiht mir das Verſehen, wenn z eines iſt— ich weiß nicht, warum ich mir einbilde, ich habe dieſen „Namen irgendwo ausſprechen hören.“ „Ich habe Verſe gemacht.“ „Eil man wird mir ſie zu leſen gegeben haben.“ „Ein Trauerſpiel.“ „Ich habe es wohl aufführen ſehen.“ Der Dichter erröthete abermals. „Ich glaube nicht, denn meine Verſe ſind nicht ge⸗ druckt worden.“ „Nun, wie ich Euch ſage, ich werde Euren Namen durch das Trauerſpiel erfahren haben.“ „Ihr täuſcht Euch abermals, denn die Herren Komödi⸗ anten vom Hotel von Burgund wollten nichts davon wiſ⸗ ſen,“ ſagte der Dichter mit jenem Lächeln, heimniß nur gewiſſe ſtolze Charaktere kennen D. Artagnan biß ſich auf die Lippen. deſſen Ge⸗ . 1 „Mein Herr,“ fuhr der Dichter fort,„Ihr ſeht ⸗ alſo, daß Ihr in einem Irrthum über mich begriffen ſeid, und daß Ihr, da Ihr mich durchaus nicht kennt, 1 auch nicht von mir ſprechen hören konntet.“ „Das bringt mich in Verwirrung. Der Name Ju⸗ penet dünkt mir ein ſchöner Name und ganz würdig, ebenſo bekannt zu ſein, als die Namen der Herren Cor⸗ neille, Rotrou oder Garnier. Ich hoffe, mein Herr, Ihr werdet mir ein wenig von Eurer Tragödie vor⸗ ſagen... ſpäter, beim Nachtiſch. Das iſt geröſtete Brodſchnitte in Zucker, Mordiour! Ah! verzeiht, mein Herr, dieſer Schwur entſchlüpft mir zuweilen, weil mein Herr und Meiſter ſich deſſelben zu bedienen pflegt. Ich erlaube mir manchmal, dieſen Schwur zu urſurpiren, der mir von gutem Geſchmack zu zeugen ſcheint. Wohl verſtanden, ich erlaube mir das nur in ſeiner Abweſen⸗ heit, denn Ihr begreift, in ſeiner Gegenwart... Aber 7 2 1 in der That. 3 „Was?“ 8 „Mein Herr, dieſer Aepfelmoſt iſt abſcheulich, ſeid Ihr nicht meiner Meinung? Und dann hat der Krug eine ſo unregelmäßige Form, daß er durchaus nicht auf dem Tiſch hält.“ „Wenn wir etwas darunter legen würden?“ „Allerdings! doch was?“ „Dieſes Meſſer.“ 3 „Und die Kriechente? womit werden wir ſie aufſchnei⸗ den? gedenkt Ihr etwa die Kriechente nicht zu berühren?“ „Doch wohl.“ „Nun alſo..“ 8 8 „Wartet...“ Der Dichter ſuchte in ſeiner Taſche und zog ein kleines viereckiges, ungefähr eine Linie dickes und an⸗ derthalb Zoll langes Stück Zeug hervor, 86 na 12 239 Doch kaum war dieſes Stückchen Zeug an den Tag gekommen, als der Dichter eine Unklugheit begangen zu haben ſchien und eine Bewegung machte, um es wie⸗ der in ſeine Taſche zu ſtecken. D'Artagnan bemerkte es: das war ein Mann, dem nichts entging. Er ſtreckte die Hand nach dem Stückchen Zeug aus und rief: „Ah! es iſt hübſch, was Ihr da habt; kaun man es ſehen?“ „Gewiß,“ antwortete der Dichter, der wohl zu raſch einer erſten Bewegung nachgegeben hatte.„Gewiß kann man es ſehen,“ fügte er mit zufriedener Miene bei; „doch Ihr mögt es immerhin anſchauen, wenn ich Euch nicht ſage, wozu es dient, wißt Ihr es nicht.“ D'Artagnan hatte wie ein Geſtändniß das Zögern des Dichters und ſeinen Eifer, den Guß, den er durch eine erſte Bewegung veranlaßt aus der Taſche gezogen, zu verbergen, aufgegriffen. Sobald ſeine Aufmerkſamkeit über dieſen Punkt zeinmal erweckt war, verſchloß er ſich in eine Umſicht, die ihm bei jeder Veranlaſſung die Ueberlegenheit ver⸗ lieh. Ueberdies hatte er, was auch Herr Jupenet ſagen mochte, bei einfacher Beſchauung den Gegenſtand ſo⸗ gleich erkannt. Es war ein Druckerbuchſtabe. 1„Errathet Ihr, was das iſt?“ fuhr der Dichter ort. „Nein,“ antwortete d'Artagnan,„meiner Treue, nein.“ „Nun, mein Herr, dieſes Stückchen Zeug iſt ein Druckerbuchſtabe.“ „Bahl“. „Ein großer.“ „Ahl ahl ah!“ rief Herr Agnan, die Augen ganz naiv aufreißend. 3 240 „Ja, mein Herr, ein großes J, der erſte Buchſtabe meines Namens.“ „Und das iſt ein Buchſtabe?“ „Ja, mein Herr.“ „Nun, ich will Euch etwas geſtehen.“ „Was?“ „Nein, denn ich würde abermals eine Dummheit ſagen.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete Meiſter Jupenet mit einer Protectorsmiene. „Ich begreife nicht, wenn das ein Buchſtabe iſt, wie man ein Wort machen kann.“ „Ein Wort?“ „Um es zu drucken, ja.“ „Das iſt leicht.“ „Laßt hören.“ „Intereſſirt es Euch?“ „Ungeheuer.“. „Wohl! ich will es Euch erklären. Wartet.“ „Ich warte.“ 4 „Merkt auf.“ „Gut!“ „Schaut wohl.“ „Ich ſchaue.“ D'Artagnan ſchien in der That ganz in ſeine Be⸗ trachtung vertieft. Jupenet zog aus einer Taſche ſieben bis acht an⸗ dere gegoſſene Buchſtaben, aber kleinere.— „Ah! ah!“ machte d'Artagnan. Was?“ „Ihr habt alſo eine ganze Druckerei in Eurer Taſche? Teufel! das iſt in der That intereſſant.“ „Nicht wahr? 8 35 „Mein Gott! wie viel Dinge lernt man doch auf Reiſen.“— 1 „Auf Eure Geſundheit!“ rief Jupenet entzückt, abe heit mit iſt, 241 „Mordioux! auf die Eurige! doch wartet einen Augenblick, nicht mit dieſem Aepfelmoſt. Das iſt ein abſcheuliches Getränke und unwürdig eines Mannes, der ſeinen Durſt an der Hippokrene ſtillt; nicht wahr, ſo nennt Ihr Eure Quelle, Ihr Dichter?“ „Ja, mein Herr, ſo nennen wir in der That unſere Quelle. Das kommt von zwei griechiſchen Wörtern, Hippos, was Pferd bedeutet... und...“ „Mein Herr,“ unterbrach ihn d'Artagnan,„ich will Euch einen Trank zu trinken geben, der von einem ein⸗ zigen Worte herkommt, und darum nicht ſchlechter iſt, von dem Worte Traube; dieſer Aepfelmoſt macht mir übel und ſchwellt mich auf, erlaubt mir, daß ich mich bei unſerem Wirth erkundige, ob er nicht eine gute Flaſche Beaugency hinter den großen Holzſcheitern in ſeinem Speiſekeller hat.“ f Man rief den Wirth, und dieſer kam ſogleich her⸗ auf. „Mein Herr,“ ſagte der Dichter,„nehmt Euch in Acht, wir werden nicht Zeit haben, den Wein zu trin⸗ ken, wenn wir uns nicht ſehr beeilen, denn ich muß die Fluth benützen, um das Schiff zu nehmen.“ „Welches Schiff?“ fragte d'Artagnan. „Das Schiff, das nach Belle⸗Isle geht.“ „Ah! nach Belle⸗Isle,“ rief der Musketier. „Gut!“ „Bah! Ihr habt Zeit genug, mein Herr,“ entgeg⸗ nete der Wirth, indem er den Pfropf aus der Taſche zog;„das Schiff geht erſt in einer Stunde ab.“ „Aber wer wird mich benachrichtigen?“ fragte der Dichter. „Euer Nachbar.“ „Ich kenne ihn nicht.“ „Wenn Ihr ihn weggehen hört, iſt es Zeit, daß Ihr auch geht.“ 3 „Er begibt ſich alſo ebenfalls nach Belle⸗Jsle?“ Die drei Musketiere. Bragelonne, Ull. 16 242 Ja.“ „Der Herr, der einen Lackei hat?“ fragte d'Ar⸗ tagnan. „Der Herr, der einen Lackei hat.“ „Irgend ein Edelmann ohne Zweifel?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wie, Ihr wißt es nicht?“ „Nein. Ich weiß nur, daß er denſelben Wein trinkt, wie Ihr.“ 4 „Teufel! das iſt viel Ehre für uns,“ ſprach d'Artagnan, indem er ſeinem Gefährten zu trinken ein⸗ ſchenkte, während ſich der Wirth entfernte. 4 „Ihr habt alſo nie drucken ſehen?“ fragte der Dichter, zu ſeinem vorherrſchenden Gedanken zurück⸗ kehrend. „Nie.“ „Seht, man nimmt die Buchſtaben, welche das Wort bilden, ſchaut: A b, dann ein e, ein n, und endlich ein d.“ Und er nahm dieſe Buchſtaben mit einer Behen⸗ digkeit und Gewandtheit zuſammen, welche d'Artagnan nicht entgingen. „Abend,“ ſagte er ſodann. „Gut!“ verſetzte d'Artagnan,„nun find die Buch⸗ ſtaben beiſammen; aber wie halten ſie?“ Und er goß ſeinem Gaſt ein zweites Glas Wein ein.— Herr Jupenet lachte wie ein Menſch, der auf Alles eine Antwort hat, und zog dann— immer aus ſeiner Taſche— eine kleine Regel von Metall, beſtehend aus zwei im Winkelmaaß zuſammengefaßten Abtheilungen, worauf er die Charaktere, indem er ſie unter ſeinem linken Daumen hielt, vereinigte und anreihte. „Und wie nennt man dieſe kleine Regel von Eiſen?“ ragte Namen haben.“ d'Artagnan,„denn dies Alles muß am Ende 243 „Das nennt man Winkelhaken,“ antwortete Jupenet. „Mit Hülfe dieſer Regel bildet man die Zeile.“ „Ahl ich behaupte, was ich ſagte, Ihr habt eine Preſſe in Eurer Taſche,“ rief d'Artagnan, mit ſo ein⸗ fältiger Miene lachend, daß ſich der Dichter ganz da⸗ durch bethören ließ. „Nein,“ erwiederte er,„aber ich bin träge im Schreiben, und wenn ich einen Vers in meinem Kopf gemacht habe, componire ich ihn ſodann für die Druckerei. Das iſt eine Verminderung der Arbeit.“ „Mordioux!“ dachte d'Artagnan,„darüber muß man ſich Licht verſchaffen.“ Und unter einem Vorwand, über den der Mus⸗ ketier, ein an Auskunftsmitteln fruchtbarer Mann, durchaus nicht verlegen war, verließ er den Tiſch, ſtieg die Treppe hinab, lief in den Schoppen, unter welchem der Karren ſtand, unterſuchte mit der Spitze ſeines Dolches den Stoff und die Umhüllung von einem der Päcke und fand ihn voll von gegoſſenen Charakteren, denen ähnlich, welche der Dichter⸗Drucker in ſeiner Taſche hatte. „Gut!“ ſagte d'Artagnan,„ich weiß noch nicht, ob Herr Fouquet Belle⸗Isle materiell befeſtigen will, aber hier iſt jedenfalls geiſtige Munition für das Schloß.“— „Reich durch dieſe Entdeckung, kehrte er ſodann zu⸗ rück und ſetzte ſich wieder an den Tiſch. 8 D'Artagnan wußte, was er wiſſen wollte. Nichts⸗ deſtoweniger blieb er ſeinem Tiſchgenoſſen bis zu dem Augenblick gegenüber, wo man im Nebenzimmer das Geräuſch eines Mannes, der ſich zum Aufbruch an⸗ ſchickt, hörte. 3 Spogleich war der Drucker auf den Beinen; er hatte ſchon zuvor Befehl zum Anſpannen ſeines Pferdes gegeben. Der Wagen erwartete ihn vor der Thüre. Der zweite Reiſende ſtieg mit ſeinem Lackei im Hofe 244 D'Artagnan folgte Jupenet bis zum Hafen; er ſchiffte ſeinen kleinen Wagen und ſein Pferd ſogleich ein. Der wohlhabende Reiſende that daſſelbe mit ſeinen zwei Pferden und ſeinem Bedienten. Aber wie viel Geiſt auch d'Artagnan aufwandte, um ſeinen Namen zu erfahren, er war nicht im Stande, dies zu be⸗ wirken. 8— D'Artagnan hatte große Luſt, ſich mit den zwei Paſſagieren einzuſchiffen, doch ein Intereſſe mächtiger als das der Neugiede, das Intereſſe des Erfolges ſeiner Sendung trieb ihn vom Ufer nach dem Gaſthaus zurück. Er kam ſeufzend dahin und legte ſich ſogleich zu Bette, um am andern Tag frühzeitig, mit friſchen Ideen und dem Rath der Nacht bereit zu ſein. XXVI. J'Artagnan ſetzt ſeine Farſchungen fort. Bei Tagesanbruch ſattelte d'Artagnan ſelbſt Furet, der die ganze Nacht hindurch geſchwelgt und ganz allein die Ueberreſte des Futters ſeiner zwei Gefährten ge⸗ freſſen hatte. 5 Der Musketier zog alle Erkundigungen beim Wirth ein, den er ſchlau, mißtrauiſch und mit Leib und Seele Fouquet ergeben fand.— Folge hievon war, daß er, um bei dieſem Mann keinen Verdacht zu erregen, ſeine Fabel in Beziehung auf den wahrſcheinlichen Ankauf einiger Salinen fort⸗ ſetzte — er ein. nen diel nen be⸗ wei ger ner aus zu hen ret, lein ge⸗ irth eele ann ung ort⸗ — Hätte er ſich in la Roche⸗Bernard nach Belle⸗Isle eingeſchifft, ſo würde er ſich dadurch Commentaren aus⸗ geſetzt haben, die man vielleicht ſchon gemacht hatte und ſodann im Schloſſe hinterbrachte. Dabei kam es d'Artagnan ſonderbar vor, daß der Reiſende und ſein Lackei ein Geheimniß für ihn ge⸗ blieben waren, trotz aller Fragen, die er an den Wirth frichiet, der dieſen Reiſenden vollkommen zu kennen chien. Der Musketier ließ ſich alſo Auskunft über die Salinen geben und ſchlug den Weg nach den Salz⸗ teichen ein, wobei er die See zu ſeiner Rechten lio⸗ und nach jener weiten öden Ebene ritt, welche einem Kothmeere gleicht, deſſen Wogungen da und dort Salz⸗ kämme verſilbern. Furet marſchirte vortrefflich mit ſeinen kleinen ner⸗ vigen Beinen auf den einen Fuß breiten Wegen, welche die Salinen trennen. Beruhigt über die Folgen eines Sturzes, der auf ein kaltes Bad auslaufen würde, ließ ihn d'Artagnan gewäͤhren und ſchaute nur am Ho⸗ rizont die drei ſpitzigen Glockenthürme an, welche wie Lanzenſpitzen aus dem Schooße der jedes Grüns ent⸗ behrenden Ebene emporragten. Pirial, der Flecken Batz und Croiſic, drei einan⸗ der ähnliche Ortſchaften, erregten ſeine Aufmerkſamkeit. Wandte ſich der Reiſende um, ſo ſah er auf der andern Seite einen Horizont von drei weiteren Glockenthürmen, Guérand, Poulighen, Saint⸗Joachim, welche in ihrem Umkreis ihm ein Kegelſpiel darſtellten, für das er mit Furet die umherſchweifende Kugel war. Pirial war der erſte kleine Hafen zu ſeiner Rechten. Er begab ſich dahin, den Namen der bedeutendſten Salz⸗ ſieder im Munde. In dem Augenblick, wo er den kleinen Hafen von Pirial erreichte, entfernten ſich daraus fünf große Cha⸗ lands mit Steinen beladen. Es kam d'Artagnan ſeltſam vor, daß Steine aus 8 246 einer Gegend abgingen, wo man keine findet. Er nahm ſeine Zuflucht zu der ganzen Freundlichkeit von Herrn Agnan, um die Leute im Hafen nach der Urſache dieſer Seltſamkeit zu fragen. Ein alter Fiſcher antwortete Herrn Agnan, die Steine kämen weder von Pirial, noch aus den Sümpfen. „Woher kommen ſie denn?“ fragte der Mus⸗ ketier. „Sie kommen von Nantes und Painboeuf.“ „Wohin gehen Sie?“ „Nach Belle⸗Isle.“ „Ahl ah!“ rief d'Artagnan mit demſelben Ton, den er angenommen hatte, um dem Drucker zu ſagen, ſeine Charaktere intereſſiren ihn...„Man arbeitet alſo in Belle⸗Isle?“ „Ja wohl, mein Herr. Alle Jahre läßt Herr Fou⸗ quet die Mauern des Schloſſes ausbeſſern.“ „Es liegt alſo in Trümmern?“ „Es iſt alt.“ „Sehr gut.“. „In der That,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt, „nichts kann natürlicher ſein, und jeder Eigenthümer hat das Recht, ſein Beſitzthum ausbeſſern zu laſſen. Das iſt gerade, als ob man mir ſagen würde, ich be⸗ feſtige das Bild Unſerer Lieben Frau, wenn ich ein⸗ fach genöthigt wäre, eine Ausbeſſerung daran vorneh⸗ men zu laſſen. Wahrhaftig, ich glaube, man hat Seiner Majeſtät falſche Berichte gemacht und ſie könnte wohl Unrecht haben.“ „ Ihr werdet mir zugeſtehen,“ fuhr er ſodann laut gegen den Fiſcher fort, denn ſeine Rolle als mißtraui⸗ ſcher Menſch war ihm durch den Zweck ſeiner Reiſe auferlegt,„Ihr werdet mir zugeſtehen, mein lieber Herr, daß dieſe Steine auf eine ſeltſame Weiſe reiſen.“ „Warum?“ ſagte der Fiſcher.. „Sie kommen von Nankes oder Painboeuf auf der Loire, nicht wahr?“ nahm derrn dieſer die pfen. Nus⸗ 247 „Das geht zu Thal.“ „Es iſt bequem, ich leugne es nicht, doch warum gehen ſie nicht geraden Wegs von Saint⸗Nazaire nach Belle⸗Isle?“ „Eil weil die Chalands keine guten Schiffe ſind und die See ſchlecht halten,“ erwiederte der Fiſcher. „Das iſt kein Grund.“ „Verzeiht, Herr, man ſieht wohl, daß Ihr Euch auf die Schiffahrt nicht verſteht,“ ſagte der Fiſcher nicht ohne eine gewiſſe Verachtung. „Ich bitte Euch, erklärt mir das, mein guter Mann. Mirr ſcheint von Painboeuf nach Pirial kom⸗ men, um von Pirial nach Belle⸗Isle zu gehen, iſt ge⸗ rade als ob man von la Roche⸗Bernand nach Nantes und von Nantes nach Pirial ginge.“ „Zu Waſſer wäͤre dies das Kürzeſte,“ erwiederte unſtörbar der Fiſcher. 3 3 „Aber es findet eine Krümmung ſtatt.“ Der Fiſcher ſchüttelte den Kopf. „Der kürzeſte Weg von einem Punkt zum andern iſt die gerade Linie,“ fuhr d'Artagnan fort. „ Ihr vergeßt die Strömung, mein Herr.“ „Es ſei! ich will die Strömung gelten laſſen.“ „Und den Wind.“ „Ah! gut!“ 1 „Allerdings; die Strömung der Loire treibt bei⸗ nahe die Barken bis Croiſic. Müſſen die Schiffe ein wenig ausgebeſſert werden, oder bedarf die Mannſchaft der Erfriſchung, ſo kommen ſie nach Pirial, indem ſie längs der Küſte hinfahren; von Pirial finden ſie eine andere, umgekehrte Strömung, welche ſie. nach der Inſel Dumet bringt, was zwei und eine halbe Meile entfernt iſt.“ 3 „Einverſtanden.“ 5 „Von da treibt ſie die Strömung der Vilaine nach einer anderen. Inſel, der Inſel Hoedic.“ „Ich will es wohl glauben.“ „Nun, mein Herr, von dieſer Inſel nach Belle⸗ Isle iſt der Weg ganz gerade. Aufwärts und abwärts gebrochen, geht das Meer wie ein Kanal, wie ein Spiegel zwiſchen den zwei Inſeln hin; die Chalands ſchlüpfen darüber weg wie Enten auf der Loire!“ „Gleichviel, das iſt ein langer Weg,“ entgegnete der halsſtarrige Herr Agnan. „Ah!... Herr Fouquet will es ſo!“ ſagte zum Schluß der Fiſcher, der, indem er dieſen ehrwürdigen Namen ausſprach, ſeine wollene Mütze abnahm. Ein Blick von d'Artagnan, ein Blick, lebhaft und eindringend wie eine Degenklinge, fand in dem Herz des Greiſes nur das naive Vertrauen, in ſeinen Zügen nur die Zufriedenheit und die Gleichgültigkeit. Er ſagte: Herr Fouquet will es, wie er geſagt hätte: Gott hat es gewollt! D'Artagnan war an dieſem Ort zu weit vorgerückt; überdies blieb nach dem Abgang der Chalands in Pirial nur noch eine einzige Barke, die des Greiſes, und dieſe ſchien nicht geeignet, ohne viele Vorbereitungen in See zu gehen. D' Artagnan ſchmeichelte auch Furet, der, um einen neuen Beweis von ſeinem liebenswürdigen Charakter zu geben, ſich wieder in Marſch ſetzte, die Füße in den Salzteichen und die Naſe in dem ſehr trockenen Wind, der den Stechginſter und das magere Heidekraut dieſer Gegend beugt. Er kam gegen fünf Uhr nach Croiſic. Wäre d'Artagnan ein Dichter geweſen, ſo hätten ſie ihm ein ſchönes Schauſpiel geboten, dieſe ungeheu⸗ ren Sandflächen von mehr als einer Meile, die das Meer bei der Fluth bedeckt, während ſie bei der Ebbe gräulich, öde, beſtreut mit Polypen und todtem See⸗ gras erſcheinen, indeß weiße Strandſteine wie die Knochen auf einem großen Kirchhof überall umher⸗ liegen. 3 85 Aber der Soldat, der Politiker, der Chrgeizige. SErRSORn 249 hatte nicht einmal mehr den ſüßen Troſt, nach dem Himmel zu ſchauen, um daran eine Hoffnung oder eine Ver⸗ kündigung zu leſen. Der rothe Himmel bedeutet für ſolche Leute Wind und Sturm, die weißen Wolken auf dem Azur ſagen ganz einfach, das Meer werde glatt und ruhig ſein. D'Artagnan fand den Himmel blau, die Abendluft von ſalzigen Wohlgerüchen geſchwängert, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ich werde mich bei der erſten Fluth einſchiffen, und wäre es auf einer Nußſchale.“ In Croiſic wie in Pirial bemerkte er ungeheure Haufen am Strand aufgereihter Steine. Dieſe rieſigen Mauern, welche bei jeder Fluth durch die Transporte, welche man nach Belle⸗Isle bewerkſtelligte, abgetragen wurden, waren in den Augen des Musketiers die Folge und der Beweis von dem, was er in Pirial ſo wohl errathen hatte. War es eine Mauer, welche Herr Fouquet wieder⸗ errichtete? war es eine Feſtung, die er erbaute? Um dies zu erfahren, mußte man es ſehen. D'Artagnan brachte Furet in den Stall, ſpeiſte zu Nacht, legte ſich nieder und ging am andern Morgen bei Tagesanbruch am Hafen, oder vielmehr auf den Strand⸗ ſteinen ſpazieren. Croiſie hat einen Hafen von fünfzig Fuß; er hat eine Klippe, welche einem ungeheuren, von einer Platte emporragenden Butterſtollen gleicht. Auf den Strandſteinen ſtanden drei oder vier Fiſcher, welche über Sardinen und Seekrebſe plauderten. Das Auge belebt von einer treuherzigen Heiterkeit, ein Lächeln auf den Lippen, näherte ſich Herr Agnan den Fiſchern. „Fiſcht man heute?“ fragte er. „Ja, mein Herr,“ ſagte einer von ihnen,„und wir watten auf die Fluth.“ „Wo fiſcht Ihr, meine Freunde?“ . — 250 „An den Küſten.“ „Welches ſind die guten Küſten?“ „Ah! je nachdem; bei den Inſeln zum Beiſpiel.“ find ſehr fern.“ »„Nicht zu ſehr... vier Meilen.“ i iſt eine Reiſe!“ Der Fiſcher lachte Herrn A „Nicht immer.“ „Kurz, das iſt fern... zu fern ſogar; ſonſt hätte ich Euch gebeten, mich an Bord zu nehmen und mir zu zeigen, was ich nie geſehen habe.“ „Was denn?“ „Einen lebendigen Seefiſch.“ „Der Herr iſt aus der Provinz?“ Schiffer. „Ja, ich bin aus Paris.“ 1 Der Bretagner zuckte die Achſeln und fragte dann: „Habt Ihr Herrn Fouquet in Paris geſehen 2 „Oft,“ antwortete Agnan. „Oft?“ riefen die Fiſcher, indem ſie ihren Kreis enger um den Pariſer ſchloſſen. .„Ihr kennt ihn?“ „Ein wenig; er iſt der vertra n.“ ſagte ein ute Freund meines „Ah!“ machten die Fiſcher. „Und,“ fügte d'Artagnan bei ſeine Schlöſſer in Saint⸗Mandé, Hotel in Paris geſehen.“ „Es iſt ſchön?“ „Herrlich.“ „Es iſt nicht ſo ſchön als Belle⸗Isle, Fiſcher. „Bah!“ verſetzte d'Artagnan, indem er in ein ver⸗ ächtliches Gelächter ausbrach, das die Umſtehenden zornig machte. 3 „und ich habe alle in Vaur, ſo wie ſein 4 ſagte ein l. 2 251 „Man ſieht, daß Ihr Belle⸗Isle nicht ge⸗ ſehen habt,“ äußerte der neugierigſte Fiſcher.„Wi Ihr wohl, daß das ſechs Meilen macht, und daß Bäume dabei ſind, wie man keine ähnliche in Nantes auf dem Graben findet.“. „Bäume am Meer!“ rief d'Artagnan,„ich möchte „Das iſt leicht, wir fiſchen bei der Inſel Hoedie, kommt mit uns. Von dieſem Orte werdet Ihr wie ein Paradies die ſchwarzen Bäume von Belle⸗Isle am Himmel ſehen; Ihr werdet die weiße Linie des Schloſſes ſehen, welche wie eine Klinge den Horizont vom Meer abſchneidet.“ „Ohl“ ſagte d'Artagnan,„das muß ſchön ſein. Doch es ſind hundert Glockenthürme beim Schloß von Herrn Fouguet in Vaur. Wißt Ihr das?“ Der Bretagner hob den Kopf mit tiefer Bewun⸗ derung empor, doch er war nicht überzeugt. „Hundert Glockenthürme!“ ſagte er;„gleichviel. Wollt Ihr Belle⸗Isle ſehen?“ „Iſt das möglich?“ fragte Herr Agnan. „Ja, mit der Erlaubniß des Gouverneur.“ „Aber ich kenne den Gouverneur nicht.“ „Da Ihr Herrn Fouquet kennt, ſo ſagt Ihr Euren Namen.“ „Oh! meine Freunde, ich bin kein Edelmann.“ „Jedermann findet in Belle⸗Isle Eingang“ ſagte der Fiſcher in ſeiner kräftigen Sprache,„vorausgeſetzt, daß man nichts Schlimmes gegen Belle⸗Isle oder ſeinen Herrn im Schilde führt.“. Ein leichter Schauer durchlief den Leib des Mus⸗ ketiers. 8 „Das iſt wahr,“ dachte er; dann raſch ſich faſſend, fügte er laut bei: 1 3 würde.“ „Wenn ich ſicher wäre, daß ich nicht ſeekrank „Hierauf!“ erwiederte der Fiſcher, ſtolz auf ſeine bſche Barke mit dem runden Bauch deutend: „Ahl hr beredet mich,“ rief Herr Agnan;„ich will Belle⸗Isle ſehen, doch von fern, denn man wird mich nicht hineinlaſſen.“ „Wir kommen wohl hinein.“ „Ihr! warum? 9 kauf.*. um Fiſche an die Freibeuter zu ver⸗ aufen.“ u verkaufen Fiſche an die Mannſchaft dieſer zwei kleinen Fahrze „Ahl ah!“ zu ſich ſelbſt,„es kommt immer beſſer, eine Buchdrucke rei, Baſteien, Frei⸗ euter!. Herr Fouquet iſt kein mittelmaͤßiger Feind, wie ich gedach s iſt wohl der Mühe t hatte. E werth, ſich zu rühren, um ihn von Nahem zu ſehe 3„Wir fahren um halb ſechs Uh Fiiſſcher mit ernſtem Tone bei. Artagnan ſah wirklich die Fiſcher mittelſt eines Drehbaums ihre Barken, i tt waren, anholen. e See ſtieg, Herr Agnan ließ ſich an Bord hiſſen, i u ſpielen, wo⸗ ffsjungen, die ihn mit ihren igen Augen beobachteten, zu lachen gab. n.“ r ab,“ fügte der ch zwei Stunden war die B wirklich in der offenen See. Die Fiſcher, w ſte fuhren, ihre Arbeit betrieben, bemerkten ni t ihr Paſſagier nicht er⸗ bleicht war, nicht geſeufzt, nicht gelitten hatte, daß trotz n Schwankens der Barke, der keine Hand ie Rich ung gab „ der Neuling ſeine Geiſtesgegenwart und ſeinen Appetit behalten hatte. ne ch N — 25³ Sie fiſchten, und der Fiſchfang ging ziemlich glücklich von Statten. An den Angelleinen, an denen Steuer⸗ krabben als Köͤder befeſtigt waren, biſſen die Sohlen und die Plattfiſche an. Zwei Garne waren ſchon durch Meeraale und Kabeljaue von ungeheurem Gewicht zer⸗ riſſen worden; zwei Muränen zappelten im Todeskampf mit ihren ſchlammigen Leibern im Raum des Schiffes. D'Artagnan brachte ihnen Glück; ſie ſagten es ihm. Der Soldat fand dieſes Geſchäft ſo beluſtigend, daß er ſelbſt Hand an das Werk, nämlich an die Angel⸗ leinen legte, und er jauchzte vor Freude und ſtieß Mor⸗ dioux aus, daß ſeine Musketiere ſelbſt darüber geſtaunt hätten, ſo oft eine Erſchütterung der Angelleine beige⸗ bracht an den Muskeln ſeines Armes riß und die An⸗ wendung ſeiner Kräfte und ſeiner Geſchicklichkeit for⸗ derte. Die Vergnügenspartie ließ ihn die diplomatiſche Sendung vergeſſen. Er war eben beſchäftigt, mit einem ungeheuren Meeraal zu kämpfen, und klammerte ſich mit einer Hand an die Schiffsverkleidung an, um mit der 8 andern den aufgeſperrten Kopf ſeines Gegners herauf⸗ zuziehen, als der Patron zu ihm ſagte: „Nehmt Euch in Acht, daß man uns nicht von Belle⸗Isle aus ſieht.“ Dieſe Worte machten auf d'Artagnan die Wirkung, wie die erſte Kugel, welche an einem Schlachttage pfeift; er ließ den Faden und den Seeaal los, und Beide verſenkten ſich einander nachziehend ins Waſſer. D'Artagnan erblickte in einer Entfernung von höch⸗ ſtens einer halben Meile die bläuliche, ſcharf hervor⸗ tretende Silhouette der Felſen von Belle⸗Isle, beherrſcht von der weißen majeſtätiſchen Linie des Schloſſes. In der Ferne das Land mit Waldungen und grünen Ebenen, auf den Weideplätzen das Vieh. tei Dies feſſelte ſogleich die Aufmerkſamkeit des Mus⸗ etiers. 3— Die Sonne, welche ein Viertel des Himmels er⸗ 5 1 254 reicht hatte, warf goldene Strahlen auf das Meer und ließ einen glänzenden Staub um die Zauberinſel ſchweben. Wegen dieſes blendenden Lichtes ſah man nur die geeb⸗ neten Punkte; jeder Schatten ſtach hart ab und ſtreifte zebraartig mit einem finſteren Bande die leuchtende Fläche des Wiesgrundes oder der Mauern. „Ei! ei!“ ſagte d'Artagnan, beim Anblick dieſer ſchwarzen Felsmaſſen,„das ſind, wie mir ſcheint, Feſtungs⸗ werke, welche keines Ingenieurs bedürfen, um eine Aus⸗ ſchiffung zu verhindern. Wo des Teufels kann man an dieſes Land ſteigen, das Gott ſo gefällig beſchützt at!“ „Dort,“ erwiederte der Patron der Barke, indem er das Segel veränderte und dem Steuerruder einen Druck gab, der das Fahrzeug eine Richtung nach einem hübſchen kleinen, ganz runden und neu mit Zin⸗ nen verſehenen Hafen nehmen ließ. .„Was Teufels ſehe ich da?“ fragte d'Artagnan. „Ihr ſeht Loemaria,“ antwortete der Fiſcher. „Aber dort?“ „Das iſt Bangos.“ „Und ferner?“ „Saujen... dann der Palaſt.“ .„Mordioux! das iſt eine ganze Welt. Ahl ich erblicke Soldaten.“ „Es ſind ſiebzehnhundert Mann auf Belle⸗Isle, mein Herr,“ erwiederte der Fiſcher mit ſtolzem Ton. „Wißt Ihr, daß die geringſte Garniſon aus zweiund⸗ zwanzig Compagnien Infanterie beſteht?“ „Mordioux!“ rief d'Artagnan mit dem Fuße ſtam⸗ pfend,„Seine Majeſtät könnte wohl Recht haben.“ Man landete. 1 u——— 3 2⁵⁵ XXVII. Worin der Leſer ahne Zweifel ehenſo ſehr erſtaunt ſein wird, als es d'Artagnan war, daß er einen alten Bekannten wiederſindet. Es gibt immer bei einem Ausſchiffen, und wäre es das des kleinſten Bootes der ganzen See, eine Unruhe und eine Verwirrung, die dem Geiſte nicht die Frei⸗ heit laſſen, welcher er bedürfte, um mit dem erſten Blick den neuen Ort, der ihm geboten iſt, zu ſtudiren. Die bewegliche Brücke, der geſchäftige Matroſe, das Rauſchen des Waſſers an den Strandſteinen, das Geſchrei und das Gedränge derjenigen, welche am Ufer warten, ſind die vielfachen Einzelnheiten der Empfin⸗ dung, die ſich in einem einfachen Reſultat, im Zögern, zuſammenfaßt. Erſt alſo, nachdem er ans Land geſtiegen und einige Minuten auf dem Ufer verweilt hatte, ſah d'Artagnan am Hafen und beſonders im Innern der Inſel eine Welt von Arbeitern ſich bewegen. 5 Zu ſeinen Füßen erkannte d'Artagnan die fünf Chalands, beladen mit Bruchſteinen, die er aus dem Hafen von Pirial hatte auslaufen ſehen. Die Steine wurden mit Hülfe einer von fünfundzwanzig bis dreißig Bauern gebildeten Kette auf das Ufer gebracht. Die großen Steine wurden auf Karren geladen, die ſie in derſelben Richtung wie die Bruchſteine fort⸗ führten; nämlich gegen Arbeiten, deren Werth und Aus⸗ dehnung d'Artagnan noch nicht zu ſchätzen vermochte. Ueberall herrſchte eine Thätigkeit, der ähnlich, welche Telemach wahrnahm, als er in Salentos landete. 8'Artagnan hatte große Luſt, weiter vorzudringen, — aber er konnte nicht, wenn er nicht Mißtrauen erregen wollte. Er ging alſo nur ganz langſam und allmälig, überſchritt kaum die Linie, welche die Fiſcher auf dem Geſtade bildeten, beobachtete Alles, ſagte nichts, und begegnete allen Vermuthungen, die man aus einer chalen Frage oder einem höflichen Gruß hätte ziehen onnen. Während jedoch ſeine Gefährten ihre Geſchäfte be⸗ trieben, ihre Fiſche anprieſen oder an die Arbeiter und Einwohner der Inſel verkauften, gewann d'Artagnan nach und nach Terrain, und beruhigt durch die geringe Aufmerkſamkeit, die man ihm ſchenkte, fing er an einen verſtändigen und ſicheren Blick auf die Menſchen und Dinge zu werfen, welche vor ſeinen Augen erſchienen. Die erſten Blicke von d'Artagnan trafen auf Terrain⸗ bewegungen, in denen ſich das Auge eines Soldaten nicht täuſchen konnte. Man hatte, damit ſich die Feuer auf der großen Achſe der vom Baſſin gebildeten Ellipſe kreuzten, vor Allem zwei Batterien errichtet, welche offenbar beſtimmt waren, Küſtenſtücke aufzunehmen, denn d'Artagnan ſah die Arbeiter die Plattformen vollenden und den Halb⸗ kreis von Holz bilden, auf dem das Rad ſich drehen muß, um jede Richtung über der Schulterwehr anzu⸗ nehmen. Neben jeder von dieſen Batterien verſahen andere Arbeiter mit Schanzkörben voll von Erde die Verklei⸗ dung einer anderen Batterie. Dieſe hatte Schießſcharten, und ein Aufſeher der Arbeiter rief nach und nach die Leute, welche mit Weiden die Zündwürſte banden, und diejenigen, welche die rautenförmigen und rechtwinkeligen Raſen ausſchnitten, die den Spielraum der Schießſcharten zu bedecken beſtimmt waren. Bei ver Thätigkeit, welche bei dieſen ſchon vorge⸗ rückten Arbeiten entwickelt wurde, konnte man dieſelben gleichſam als vollendet betrachten; ſie waren noch nicht mit Kanonen verſehen, aber die Plattformen hatten — 257 ihre Stückbetten und Ripphölzer; ſorgfältig geſchlagen, hielt dieſe die Erde feſt, und wenn man Artillerie auf der Inſel vorausſetzte, ſo konnte der Hafen in weniger als zwei bis drei Tagen völlig bewaffnet ſein. Was d'Artagnan beſonders wunderte, als er ſeine Blicke von den Küſtenbatterien nach den Feſtungswerken der Stadt richtete, war, daß er wahrnahm, Belle⸗Isle werde durch ein ganz neues Syſtem vertheidigt, von dem er den Grafen de la Fore oft als von einem großen Fortſchritt hatte ſprechen hören, deſſen Anwendung er aber noch nie geſehen. Dieſe Befeſtigung gehörte weder mehr der hollän⸗ diſchen Methode von Marollais, noch der franzöſtſchen Methode des Chevalier Antoine de Ville an, ſondern dem Syſtem von Maneſſon Mallet, einem geſchickten Ingenieur, der vor ungefähr ſechs bis acht Jahren den Dienſt von Portugal verlaſſen hatte, um in franzöſiſche Dienſte zu treten. Die Arbeiten hatten das Merkwürdige, daß ſie ſich, ſtatt ſich außerhalb der Erde zu erheben, wie es die alten Wälle thaten, welche die Stadt vor dem Er⸗ ſteigen mit Sturmleitern zu ſchützen hatten, im Gegen⸗ theil in die Erde vertieften, und daß das, was die Hoͤhe der Mauern bildete, die Tiefe der Gräben war. D'Artagnan brauchte nicht lange, um alle Vorzüge dieſes Syſtems zu erkennen, das den Kanonen keinen wirkſamen Angriffspunkt gönnt. Da die Gräben unter dem Niveau des Meeres waren, ſo konnten ſie überdies durch unterirdiſche Schleuſen überſchwemmt werden.. Die Arbeiten waren, wie geſagt, beinahe voll⸗ endet, und eine Gruppe von Leuten, welche Befehle von einem Mann erhielten, der der Bauaufſeher zu ſein ſchien, beſchäftigte ſich eben mit der Legung der letzten Steine. 4 3 Eine Brücke von Brettern, die man zur größeren Die drei Musketiere. Bragelonne. I. 17 Bequemlichkeit der die Schubkarren führenden Hand⸗ arbeiter über den Graben gemacht hatte, verband das Innere mit dem Aeußeren. D'Artagnan fragte mit einer naiven Neugierde, ob es ihm geſtattet ſei, über die Brücke zu gehen, und man antwortete ihm, kein Befehl widerſetze ſich ſeinem Wunſche. Dem zu Folge ſchritt d'Artagnan über die Brücke und ging auf die Gruppe zu. 3 Dieſe Gruppe wurde beherrſcht von dem ſchon von d'Artagnan wahrgenommenen Mann, der der Ober⸗ ingenieur zu ſein ſchien. Ein Plan war auf einem großen Stein, der den Tiſch bildete, ausgebreitet, und einige Schritte von dieſem Mann arbeitete ein Krahn. Dieſer Ingenieur, der in Betracht ſeiner Bedeutung vor Allem die Aufmerkſamkeit von d'Artagnan erregen mußte, trug einen Rock, der durch ſeine Koſtbarkeit durchaus nicht mit dem Geſchäft, das er trieb, im Ein⸗ klang ſtand, denn dieſes Geſchäft hätte ihn mehr die Kleidung eines Maurermeiſters, als die eines vorneh⸗ men Herrn zu tragen veranlaſſen ſollen. Es war dabei ein Mann von hoher Geſtalt, mit breiten, viereckigen Schultern, mit einem Hut auf dem Kopf, der ganz von einem Federbuſch bedeckt war. Er geſticulirte auf eine äußerſt majeſtätiſche Weiſe und ſchien, denn man ſah ihn nur vom Rücken, die Arbeiter über ihre Trägheit oder ihre Schwäche auszuſchelten. D. Artagnan naͤherte ſich immer mehr. In dieſem Augenblick hörte der Mann mit dem Federbuſch auf zu geſticuliren und beobachtete halb gebückt die Anſtrengungen von ſechs Arbeitern, welche einen Quaderſtein auf die Höhe eines Holzſtückes zu heben verſuchten, das dieſen Stein ſo halten ſollte, daß man das Seil des Krahns um daſſelbe ſchlingen könnte. An einer einzigen Seite des Steins vereinigt, ſtrengten die ſechs Männer alle ihre Kräfte an, um 259 ihn acht bis zehn Zoll von der Erde aufzuheben, wo⸗ bei ſie ſchwitzten und ſchnauften, während ein Siebenter ſich bereit hielt, ſobald er genug Licht hätte, die Walze darunter zu ſchieben, welche ihn halten ſollte. Doch ſchon zweimal war der Stein ihren Händen entſchlüpft, ehe er eine genügende Höhe erreicht hatte, um die Rolle darunter zu bringen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Arbeiter, ſo oft ihnen der Stein entſchlüpfte, einen Sprung rück⸗ wärts machten, um es zu vermeiden, daß ihnen der Stein beim Niederfallen die Füße zerquetſchte. Jedes Mal ſenkte ſich auch dieſer von ihnen ver⸗ laſſene Stein tiefer in die fette Erde ein, was die Operation, mit der die Arbeiter in dieſem Augenblick beſchäftigt waren, immer ſchwieriger machte. Ein dritter Verſuch blieb ohne einen beſſeren Er⸗ folg, aber es entſtand dadurch eine ſtufenweiſe Ent⸗ muthigung. Und es hatte doch, als die ſechs Männer ſich auf den Stein bückten, der Mann mit dem Federbuſch ſelbſt mit einer mächtigen Stimme das Commandowort: Aufl das bei allen ſolchen Kraftmanoeuvres vorherrſcht, ausgerufen. 4 3 4 3 Da richtete er ſich auf und rief: „Ho! hol habe ich es mit Strohmännern zu thun? Ochſenhorn! tretet auf die Seite, und Ihr werdet ſehen, wie man das macht!“ „Peſt! ſollte er ſich etwa erdreiſten, den Felſen aufheben zu wollen? Das wäre doch intereſſant!“ ſagte d'Artagnan. Die vom Ingenieur angerufenen Arbeiter traten mit geſenkten Ohren und den Kopf ſchüttelnd auf die Seite, nux der mit der Walze blieb ſtehen, bereit, ſeinen Dienſt zu verſehen. Der Mann mit dem Federbuſch näherte ſich dem Stein, bückte ſich, ſchob ſeine Hände unter die Fläche, welche auf dem Boden lag, ſtemmte ſeine herkuliſchen SS=S Muskeln an und hob, ohne eine Erſchütterung, ohne einen Stoß, nur mit einer Bewegung, langſam wie die einer Maſchine, den Stein einen Fuß vom Boden auf. Der Arbeiter, der die Walze hielt, benützte dieſes Spiel und ſchob das Holz unter den Stein. „So!“ ſagte der Rieſe, nicht indem er den Stein fallen ließ, ſondern indem er ihn langſam auf ſeine Stütze niederlegte. „Mordioux!“ rief d'Artagnan,„ich kenne nur einen Menſchen, der eines ſolchen Kraftſtücks fähig iſt.“ „Wie?“ machte der Koloß, ſich umwendend. „Porthos!“ murmelte d'Artagnan, von Staunen ergriffen,„Porthos auf Belle⸗Isle!“ Der Mann mit dem Federbuſch heftete ſeinerſeits ſeine Blicke auf den falſchen Verwalter und erkannte ihn trotz ſeiner Verkleidung. „D'Artagnan!“ rief er. Und die Röthe ſtieg ihm ins Geſicht. „St!“ machte er gegen d'Artagnan. „St!“ erwiederte der Musketier. War Porthos einerſeits von d'Artagnan entdeckt worden, ſo war andererſeits d'Artagnan von Porthos entdeckt worden. Das Intereſſe ihres Privatgeheimniſſes hatte bei jedem von ihnen Anfangs die Oberhand. Nichtsdeſtoweniger war die erſte Bewegung dieſer zwei Männer, ſich einander in die Arme zu werfen. Was ſie vor den Anweſenden verbergen wollten, war nicht ihre Freundſchaft, ſondern ihre Namen. Doch nach der Umarmung kam die Ueberlegung. „Warum des Teufels iſt Porthos in Belle⸗Isle und hebt Steine auf?“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt. Nur richtete d'Artagnan dieſe Frage ganz leiſe an ſich. Weniger ſtark in der Diplomatie, als ſein Freund, dachte Porthos ganz laut. 261 „Warum des Teufels ſeid Ihr auf Belle⸗Isle und was macht Ihr hier?“ fragte er d'Artagnan. Dieſer mußte antworten, ohne zu zoögern. Mit einer Antwort gegen Porthos zögern wäre eine doppelte Niederlage geweſen, über die ſich d'Ar⸗ tagnan nie hätte tröſten können. „Bei Gott! mein Freund, ich bin auf Belle⸗Isle, weil Ihr hier ſeid.“ „Ahl bah!“ machte Porthos, ſichtbar verblüfft über dieſen Grund, indem er ſich mit der uns bekann⸗ 34 Klarheit ſeiner Schlußkraft Rechenſchaft zu geben uchte. „Allerdings!“ fuhr d'Artagnan fort, der ſeinem Freund nicht die Zeit, ſich auszukennen, laſſen wollte: „Ich war in Pierrefonds, um Euch zu beſuchen.“ „Wahehaſtig: 24 „Und Ihr habt mich nicht dort getroffen?“ „Nein, ich habe Mouſton getroffen.“ „Er iſt wohl?“ „Alle Hagel!“ „Mouſton hat Euch aber doch nicht geſagt, ich wäre hier?“ „Warnm ſollte er es mir nicht geſagt haben? habe ich zufällig etwas verſchuldet, um das Vertrauen von. Mouſton zu verlieren?“ „Nein, aber er wußte es nicht.“ „Ohl das iſt wenigſtens ein Grund, der nichts Be⸗ leidigendes für meine Eitelkeit hat.“ „Aber wie habt Ihr es gemacht, daß Ihr mich hier aufgefunden? 22 „Ei! mein Lieber, ein vornehmer Herr, wie Ihr, läßt immer eine Spur von ſeinem Durchzug zurück, und ich würde mich für ſehr gering ſchätzen, wenn ich die Spuren meiner Freunde nicht zu verfolgen wüßte.“ Dieſe Erklärung, ſo ſchmeichelhaft ſie auch war, befriedigte Porthos nicht ganz. — — — — — 4 — — — 262 „Ich konnte aber keine Spur hinterlaſſen, da ich verkleidet gekommen bin,“ ſagte Porthos. „Ahl Ihr ſeid verkleidet gekommen?“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan. „Ja.“ „Und wie?“ „Als Müller.“ „Kann ein vornehmer Herr, wie Ihr, Porthos, gemeine Manieren in einem Grade annehmen, daß er die Leute damit täuſcht?“ „Ei! mein Freund, ich ſchwöre Euch, daß Jeder⸗ mann getäuſcht worden iſt, ſo gut habe ich meine Rolle geſpielt.“ „Nicht ſo gut, daß ich Euch nicht nachfolgen konnte und entdeckt habe.“ „Richtig. Wie ſeid Ihr mir nachgefolgt, und wie habt Ihr mich entdeckt?“ „Wartet doch... ich wollte Euch die Sache ge⸗ rade erzählen. Denkt Euch, daß Mouſton..“ „Ah! dieſen Schlingel von einem Mouſton,“ ſagte Porthos, indem er die Triumphbogen zuſammenzog, die ihm als Augenbraunen dienten. „Aber wartet doch, wartet doch... Monſton hat keine Schuld, da er nicht wußte, wo Ihr waret.“ „Allerdings. Deshalb drängt es mich ſo ſehr, zu erfahren und zu begreifen...“ „Oh! wie ungeduldig ſeid Ihr, Porthos!“ „Wenn ich nicht begreife, bin ich furchtbar.“ „Ihr werdet begreifen. Nicht wahr, Aramis hat Euch nach Pierrefonds geſchrieben?“ a 7 „Ja. „Er hat Euch geſchrieben, Ihr ſollet vor der Nacht⸗ gleiche kommen?“ 4 „Das iſt wahr.“ „Nun wohl! alſo...“ ſagte d'Artagnan, in der Hoffnung, dieſer Grund würde Porthos genügen. Porthos ſchien ſich einer gewaltigen Geiſtesarbeit hinzugeben. 3 r⸗„Oh! ja,“ ſagte er,„ich verſtehe. Da Aramis mich vor der Nachtgleiche kommen hieß, ſo begriffet Ihr, daß ich mit ihm zuſammentreffen ſollte. Ihr er⸗ kundigtet Euch, wo Aramis wäre, und ſagtet zu Euch ſelbſt:„„Wo Aramis iſt, wird Porthos ſein.““ Ihr 8, erfuhrtet, Aramis wäre in der Bretagne und ſagtet zu ß Euch:„„Porthos iſt in der Bretagne.““ „Aeußerſt richtig! In der That, Porthos, ich weiß ⸗ nicht, warum Ihr nicht Wahrſager geworden ſeid. Ihr e begreift nun. Als ich nach la Roche⸗Bernard kam, hörte ich von den ſchönen Befeſtigungsarbeiten, die man re in Belle⸗Isle ausführe. Die Erzählung, die man mir . hievon machte, reizte meine Neugierde. Ich ſchiffte mich e auf einem Fiſcherboot ein, ohne entfernt zu wiſſen, Ihr wäret hier. Ich kam an, ſah einen Mann, der einen ⸗ Stein aufhob, den Ajax nicht erſchüttert hätte, und rief: „Nur der Baron von Bracieux iſt eines ſolchen Kraft⸗ e ſtuckes fähig!““ Ihr hörtet mich, Ihr wandtet Euch um, e Ihr erkanntet mich, wir umarmten uns, und, meiner Treue! lieber Freund, wenn Ihr wollt, umarmen wir t uns noch einmal.“ „So erklärt ſich in der That Alles,“ ſagte Porthos. 1 Und er umarmte d'Artagnan mit ſo großer Freund⸗ ſaſ. daß der Musketier auf fünf Minuten den Athem verlor. „Ahl ahl ſtärker als je,“ ſagte d'Artagnan,„und t zum Glück immer in den Armen.* 3 Porthos verbeugte ſich vor d'Artagnan mit einem freundlichen Lächeln. Während der fünf Minuten, in denen vArtagnan wieder zu Athem zu kommen ſuchte, bedachte er, daß er eine ſchwierige Rolle zu ſpielen hatte. Ddie Anfgabe war, immer zu fragen, ohr antworten. Als der Athem Wisderſahrit war zugsplan gemacht. —— — . „ 3 6»⸗ * 7. ſ 4 „ 8 — —