Leihbibliothek ¹ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für pchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————ᷣ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. X — — „ 3„„„ 3„—„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer unn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Graf von Bragelonne oder: V Zehn dahlt nachher. aleemndre Dumas. I Aus dem Franzoöſiſchen Dr. Auguſt Zoller. —— Zweite Fortſetzung der„drei Musketiere.“ Drittes bis ſechstes Bändchen. N Ituttgari. 2. der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. I. Der Geächtete. „ D'Artagnan war noch nicht unten an der Treppe, als der König ſeinem Cavalier rief und zu ihm ſagte: „Ich habe Euch einen Auftrag zu geben, mein Herr.“ „Ich bin zu Eurer Majeſtät Befehlen.“ „So wartet alſo.“ 4 Und der König ſchrieb folgenden Brief, der ihn mehr als einen Seufzer koſtete, obſchon zu gleicher Zeit etwas wie das Gefühl des Triumphes in ſeinen Augen glänzte: „Herr Cardinal, „Mit Hülfe Eurer guten Rathſchläge und beſonders— Königs unwürdige Schwäche zu beſiegen und zu bezäh⸗ men. Ihr habt mein Schickſal zu geſchickt geordnet, zurückhalten ſollen. Ich begriff, daß ich Unrecht hatte, mein Leben von dem Weg, den Ihr ihm vorgezeichnet, abbringen zu wollen. Es wäre unleugbar ein Unglück für Frankreich und für meine Familie geweſen, würde ein Mißverſtändniß zwiſchen mir und meinem Miniſter zum Ausbruch gekommen ſein. „Das wäre jedoch ſicherlich geſchehen, hätte ich Eure Nichte zu meiner Frau gemacht; ich begreiſe das vollkommen und werde mich fortan in keiner Hinſicht Die drei Muskstiere. Bragelonne, U. der Erfüllung meines Geſchickes entgegenſetzen. Ich bin alſo bereit, die Infantin Maria Thereſia zu heirathen, und Ihr köͤnnt ſogleich den Zeitpunkt für die Cröffnung der Unterhandlungen beſtimmen. „Euer wohlgewogener „Ludwig.“ Der König las ſeinen Brief noch einmal und ſie⸗ gelte ihn ſodann ſelbſt. „Dieſen Brief dem Herrn Cardinal,“ ſagte er. Der Cavalier entfernte ſich. An der Thüre von Mazarin traf er Bernouin, der voll Angſt wartete. „Nun?“ fragte der Kammerdiener des Miniſters. „Mein Herr,“ ſagte der Cavalier,„hier iſt ein Brief für Seine Eminenz.“ .„Ein Brief! Ahl, wir warteten darauf nach dem kleinen Ausflug von dieſem Morgen.“ „Ah! Ihr wußtet, daß Seine Majeſtät...“ „In unſerer Eigenſchaft als erſter Miniſter haben wir die amtliche Verpflichtung, Alles zu wiſſen. Und Seeine Majeſtät bittet, fleht, denke ich?“ „, Ich weiß nicht, doch ſie hat oft geſeufzt, während ſie den Brief ſchrieb.“ „ Ja, ja, ja, wir wiſſen, was das beſagen will. Man ſeufzt aus Glück wie aus Kummer, mein Herr.“ „ Der König hatte indeſſen bei ſeiner Rückkehr nicht die Miene eines ſehr glücklichen Menſchen.“ , Ihr werdet nicht gut geſehen haben. Ueberdies habt Ihr den König nur bei ſeiner Rückkehr geſehen, da er von ſeinem Lieutenant der Musketiere allein be⸗ gleitet war. Ich aber, ich hatte das Fernrohr Seiner Eminenz und ich ſchaute, wenn ſie ſich ermüdet fühlt Beide weinten, deſſen bin ich ſicher.“ „Nun! geſchah es auch aus Glück, daß ſie weinten? „Nein, aus Liebe, und ſie ſchwuren ſich tauſent zaͤrtliche Dinge, die der König von ganzer Seele zu * er wäre fähig, ſich über die Pläne Seiner Eminenz halten verlangt. Dieſer Brief aber iſt ein Anfang der Ausführung.“ „Und was denkt Seine Eminenz von dieſer Liebe, welche für Niemand ein Geheimniß iſt?“ Bernouin nahm den Boten von Ludwig am Arm und erwiederte mit halber Stimme, während er mit ihm die Treppe hinaufſtieg: „Im Vertrauen geſagt, Seine Eminenz rechnet auf einen günſtigen Ausgang dieſer Angelegenheit. weiß wohl, daß wir Krieg mit Spanien bekommen werden. Doch bah! der Krieg wird den Adel zufrieden ſtellen. Der Herr Cardinal wird ſeine Nichte königlich, und ſogar mehr als königlich ausſtatten. Es wird Geld, Feſte und Schläge geben; Jedermann wird zu⸗ frieden ſein.“ „Nun!“ ſagte der Cavalier den Kopf ſchüttelnd, „mir kommt dieſer Brief ſehr leicht vor, wenn er dies Alles enthalten ſoll.““ „Freund,“ entgegnete Bernouin,„ich bin deſſen, was ich ſage, ſicher: Herr d'Artagnan hat mir Alles erzählt.“ „Gut! und was hat er geſagt? laßt höͤren.“ „Ich habe ihn angeredet, um mich bei ihm im Auf⸗ trag des Cardinals zu erkundigen, doch wohl verſtan⸗ den, ohne ihm unſere Abſichten zu entdecken, denn Herr d'Artagnan iſt ein feiner Spürhund. 4 „„Mein lieber Herr Bernouin,““ hat er geantwor⸗ tet,„„der Köoͤnig iſt wahnſinnig in Fraͤulein von Man⸗ cini verliebt. Das iſt Alles, was ich Euch ſagen kann.““ „„Wie!““ fragte ich,„ndergeſtalt, daß Ihr glaubt, wegzuſetzen?““ 4 „„Ahl fragt mich nicht, ich glaube, daß der König zu Allem fähig iſt. Er hat einen eiſernen Kopf, und was er will, will er ſehr. Hat er ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt, Fräulein von Mancini zu heirathen, ſo wird er ſie auch heirathen.“““ „Und hienach verließ er mich und ging in den Stall, nahm ein Pferd, ſattelte es ſelbſt, ſchwang ſich darauf und jagte fort, als ob ihn der Teufel holte.“ „Und ſo glaubt Ihr?...“ Musketieren mehr wußte, als er ſagen wollte.“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach folgt er in größter Eile den Verbannten, um alle erſprießlichen Schritte für den günſtigen Erfolg der Liebe des Königs zu thun.“ So plaudernd kamen die zwei Vertrauten vor die Thüre des Cabinets Seiner Eminenz. Der Cardinal hatte die Gicht nicht mehr; er ging voll Angſt in ſei⸗ nem Zimmer auf und ab, horchte auf die Thüren und ſchaute nach den Fenſtern. 1 Bernouin trat ein, gefolgt von dem Cavalier, der vom König Befehl hatte, den Brief Seiner Eminenz eigenhändig zu übergeben.„Mazarin nahm den Brief, dooch ehe er in öffnete, componirte er ſich ein den Um⸗ ſtänden angemeſſenes Lächeln, ein bequemes Mittel, die Gemüthsbewegungen, welcher Art ſie auch ſein mochten, u verbergen. Auf dieſe Weiſe konnte der Eindruck, den der Brief auf ihn hervorbrachte, ſich nicht durch den mindeſten Reflex auf ſeinem Geſichte verrathen. 3„Gut,“ ſagte er, als er den Brief geleſen und noch einmal geleſen hatte,„vortrefflich, mein Herr; meldet dem König, daß ich ihm für ſeinen Gehorſam gegen die Wünſche der Königin Mutter danke, und daß ich Alles thun werde, um ſeinen Willen in Erfüllung zu bringen.“ 3 Der Cavalier ging ab. Kaum war die Thüre ge⸗ ſchloſſen, als der Cardinal, der für Bernouin keine Maske hatte, diejenige abwarf, welcher er ſich einen Augenblick zu Verhüllung ſeiner Phyſiognomie bedient hatte, und mit ſeinem düſterſten Ausdruck zu ſeinem Kammerdiener ſagte: „Ruft mir Herrn von Brienne.“ „Ich glaube, daß der Herr Lieutenant von den kes iſ alſo Eure Anſicht, daß Herr vAArtagnan. 4 Nach fünf Minuten trat der Seeretaire ein. „Mein Herr,“ ſprach Mazarin,„ich habe der Mo⸗ narchie einen großen Dienſt geleiſtet, den größten, den ich ihr vielleicht je geleiſtet. Ihr werdet dieſen Brief, der dies beglaubigt, zu Ihrer Majeſtät der Königin Mutter bringen, und wenn ſie ihn Euch zurückgegeben hat, legt Ihr ihn in den Carton B, der von Doeumen⸗ ten und Acten bezüglich auf meinen Dienſt voll iſt.“ Brienne trat wieder ab, und da dieſer ſo inter⸗ eſſante Brief entſiegelt war, ſo verfehlte er nicht, ihn unter Weges zu leſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Bernouin, der mit aller Welt gut ſtand, nahe genug auf den Secretaire zutrat, um über ſeine Schulter leſen zu können. Die Nachricht verbreitete ſich mit ſolcher Schnelligkeit im Schloß, daß Herr von Mazarin einen Angenblick befürchtete, ſie könnte zu den Ohren der Königin gelangen, ehe Herr von Brienne ihr den Brief von Ludwig XIV. überreicht hätte. Ein paar Minuten nachher waren alle Befehle zum Aufbruch ertheilt und Herr von Condé, der den König bei ſeinem angeblichen Lever begrüßt hatte, ſchrieb in ſeine Tabletten die Stadt Poitiers als Aufenthalts⸗ und Ruheort für Ihre Ma⸗ jeſtäten ein. So entwickelte ſich in einigen Augenblicken eine Intrigue, welche auf eine dumpfe Weiſe alle Diploma⸗ tien Europas beſchäftigt hatte. Sie hatte indeſſen kei⸗ nen andern klaren und ſcharf ſich herausſtellenden Erfolg, als daß ein armer Lieutenant der Musketiere ſeine Stelle und ſeine Anwartſchaft auf erfreulichere Glücks⸗ umſtände verlor, wogegen er aber ſeine Freiheit gewann. Wir werden bald erfahren, wie Herr d'Artagnan dieſe Freiheit benützte. Für jetzt müſſen wir, wenn es uns der Leſer erlauben will, nach dem Gaſt⸗ hauſe zu den Medicis zurückkehren, in welchem ſich ein Fenſter in dem Augenblick öffnete, wo im Schloß die Befehle zur Abreiſe des Königs gegeben wurden. Dieſes Fenſter, das ſich öffnete, war das von einen der Zimmer von Karl. Den Kopf in ſeinen beiden Händen und die Ellenbogen auf einem Tiſch, hatte der unglückliche König die Nacht in Thränen hingebracht, während der alte, ſchwächliche Parry, müde an Körper und Geiſt, in einem Winkel eingeſchlafen war. Er hatte ein ſeltſames Schickſal, dieſer getreue Diener, der bei der zweiten Generation die ſchreckliche Reihenfolge von Unglücksfällen, die auf der erſten gelaſtet, wieder an⸗ fangen ſah. Als Karl II. die neue Niederlage, die er erlitten, wohl überdacht, als er die völlige Vereinzelung begriffen hatte, in die er, da ſeine neuſte Hoffnung abermals entſchwunden, verſunken war, da ergriff ihn ein Schwindel und er ſiel rückwärts in den Lehafluhl, auf deſſen Rand er geſeſſen hatte. Nun aber bekam Gott Mitleid mit dem unglückli⸗ chen Prinzen und ſandte ihm den Schlaf, den unſchul⸗ digen Bruder des Todes. Er weckte ihn erſt um halb ſieben Uhr, als die Sonne bereits in ſein Zimmer ſchien und Parry, unbeweglich, aus Furcht, ihn aufzuwecken, mit tiefem Schmerz die ſchon durch das Wachen ge⸗ rötheten Augen, die ſchon durch das Leiden und die Entbehrungen gebleichten Wangen betrachtete. Endlich erwachte Karl beim Lärmen einiger ſchweren Wagen, welche gegen die Loire hinabfuhren. Erſtand auf, ſchaute umher wie ein Menſch, der Alles vergeſſen hat, erblickte Parry, drückte ihm die Hand und befahl ihm, die Rechnung mit Meiſter Cropole in Ordnung zu bringen. Genöthigt, mit Parry zu rechnen, entledigte ſich Meiſter Cropole dieſes Geſchäftes als ein ehrlicher Mann, was nicht zu leugnen iſt; er machte nur ſeine gewöhnlichen Bemerkungen, nämlich daß die zwei Reiſenden nichts gegeſſen, was ein doppelter Nach⸗ theil für ſein Haus ſei, einmal, weil es demüthigend für ſeine Küche eerſcheinen müſſe, und dann, weil es ihn 6 nöthige, den Preis für ein Mahl zu verlangen, das 4 unbenützt geblieben, darum aber nicht minder verloren 4 2 7 3 2 gehe. Parry wußte nichts hiegegen zu bemerken und bezahlte. „Ich hoffe,“ ſagte der König,„es wird nicht das⸗ ſelbe bei den Pferden der Fall geweſen ſein... Ich er⸗ ſehe aus Eurer Rechnung nicht, daß ſie gefreſſen haben, und es wäre ein Unglück für Reiſende, denen eine lange Reiſe bevorſteht, geſchwächte Pferde zu finden.“ Doch bei dieſem Zweifel nahm Cropole ſeine ma⸗ jeſtätiſche Miene an und eerwiederte, die Krippe der Medicis ſei nicht minder gaſtfreundlich, als ihre Speiſekammer. Der König ſtieg alſo zu Pferde. Sein alter Die⸗ ner that daſſelbe, und Beide ſchlugen den Weg.⸗ nach Paris ein, beinahe ohne daß ſie irgend Jemand in den Straßen und in den Vorſtädten der Stadt begegneten. Für den Prinzen war der Schlag um ſo grauſa⸗ mer, als eine neue Verbannung darin lag. Die Un⸗ glücklichen hängen ſich an die kleinſten Hoffnungen an, wie die Glücklichen an das größte Glück, und wenn ſie den Ort, wo dieſe Hoffnung ihrem Herzen geſchmei⸗ chelt hat, verlaſſen müſſen, fühlen ſie den tödtlichen Kummer, den der Verbannte fühlt, wenn er den Fuß auf das Schiff ſetzt, das ihn in die Verbannung fort⸗ führen ſoll. Das ſchon oft verwundete Herz leidet offen⸗ bar bei dem geringſten Stich; es betrachtet wie ein Gut die augenblickliche Abweſenheit des Uebels, welche nur die Abweſenheit des Schmerzes allein iſt; in das gräßlichſte Unglück hat Gott die Hoffnung geworfen, wie jenen Waſſertropfen, den der böſe Reiche in der Hölle von Lazarus forderte. Einen Augenblick war die Hoffnung von Karl II. mehr als eine flüchtige Freude geweſen. Dies war ſo, als er ſich von ſeinem Bruder Ludwig gut aufgenommen ſah. Da hatte ſie einen Körper angenommen und ſich zur Wirklichkeit geſtaltet; dann aber hatte ploͤtzlich wie⸗ der die Weigerung von Mazarin die ſcheinbare Wirk⸗ lichkeit in den Zuſtand eines Traumes verſenkt. Das ſo bald von Ludwig XIV. zurückgenommene Verſprechen war nur ein Hohn geweſen. Ein Hohn wie ſeine Krone, wie ſein Scepter, wie ſeine Freunde, wie Alles, was ſeine königliche Kindheit umgeben und ſeine ge⸗ ächtete Jugend verlaſſen hatte. Hohn! Alles war Hohn für Karl II. außer der kalten, ſchwarzen Ruhe, die ihm der Tod verſprach. Dies waren die Gedanken des unglücklichen Prin⸗ zen, als er über ſein Roß gebeugt, dem er die Zügel überließ, unter der warmen, milden Sonne des Monats Mai hinritt, in der die finſtere Menſchenfeindlichkeit des Verbannten eine letzte Verſpottung ſeines Schmerzes ſah. II. Remember! Eiin Reiter, der raſch auf der Straße, welche gegen Blois hinaufführte, einherkam, kreuzte die zwei Reiſen⸗ den und lüpfte, ſo große Eile er auch hatte, ſeinen Hut, als er an ihnen vorüberritt. Der König merkte kaum auf dieſen jungen Mann, denn der Reiter, der ſie kreuzte, war ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, der ſich zuweilen: umwandte und freundſchaftliche Zeichen einem andern Mann machte, welcher vor dem Gitter eines ſchönen Hauſes ſtand; die⸗ ſes Haus war weiß und roth, nämlich von Backſtein und Stein, hatte ein Schieferdach und lag links von der Straße, der der Prinz folgte. Dieſer Mann, ein großer, magerer Greis mit wei⸗ ßen Haaren,— wir ſprechen von demjenigen, welcher bei dem Gitter ſtand,— erwiederte die Zeichen, die ihm der jüngere machte, durch Zeichen des Abſchieds ſo zärtlich, als ob es ſein Vater geweſen wäre. Der junge Mann verſchwand am Ende bei der erſten Biegung der mit ſchönen Bäumen beſetzten Straße, und der Greis ſchickte ſich an, in das Haus zurückzukehren, als die zwei Reiſenden, welche bis vor das Gitter gekommen waren, ſeine Aufmerkſamkeit erregten. Der König ritt, wie geſagt, den Kopf geſenkt, die Arme träge, im Schritt etnher und überließ ſich beinahe ganz der Laune ſeines Pferdes, während Parry hinter ihm, um von dem warmen Einfluß der Sonne beſſer durchdrungen zu werden, ſeinen Hut abgenommen hatte und ſeine Blicke rechts und links vom Weg umherſchwei⸗ fen ließ. Seine Augen begegneten denen des Greiſes, der am Gitter lehnte und, als ob er von einem ſeltſa⸗ men Schauſpiel berührt worden wäre, einen Schrei ausſtieß und einen Schritt gegen die zwei Reiſenden machte. Von Parry“ gingen ſeine Augen unmittelbar auf den König über, auf den er ſie einige Secunden lang heftete. Dieſe prüfende Beſchauung, ſo raſch ſie auch war, hatte ſogleich auf eine ſichtbare Weiſe einen Wie⸗ derſchein auf den Zügen des langen Greiſes zur Folge. Denn kaum hatte er den jüngeren von den Reiſenden erkannt, und wir ſagen erkannt, denn nur ein beſtimm⸗ tes, wirkliches Erkennen vermochte einen ſolchen Act zu erklären, kaum, ſagen wir, hatte er den jüngeren von den zwei Reiſenden erkannt, als er zuerſt mit einem ehrfurchtsvollen Erſtaunen die Hände faltete, ſodann ſeinen Hut vom Kopfe nahm und ſich ſo tief verbeugte, daß man hätte glauben ſollen, er wolle niederknieen. Dieſe Kundgebung, ſo zerſtreut, oder vielmehr ſo ſehr der König auch in ſeine Gedanken verſunken war, erregte ſogleich ſeine Aufmerkſamkeit.. Karl hielt ſein Pferd an, wandte ſich gegen Parry. um und ſagte: 1. 10 „Mein Gott! Parry, wer iſt denn dieſer Menſch der mich ſo grüßt? Sollte er mich zufällig kennen?“ Ganz bewegt, ganz bleich, war Parry ſchon auf das Gitter zugeritten. „Ah! Sire,“ ſagte er, indem er plötzlich fünf bis ſeecchs Schritte von dem Greis, welcher wirklich nieder⸗ gekniet war, ſein Pferd anhielt,„Sire, Ihr ſeht mich ganz erſtaunt, denn mir ſcheint, ich erkenne dieſen braven ¹ Mann. Ja wohl! er iſt es. Erlaubt mir Eure Ma⸗ 3 jeſtät, daß ich mit ihm ſpreche?“ „Gewiß.“ „Seid Ihr es denn, Herr Grimaud?“ fragte Parry. 6„Ja, ich bin es,“ erwiederte der lange Greis, in⸗ dem er ſich erhob, jedoch ohne etwas von ſeiner ehrer⸗ bietigen Haltung zu verlieren. „Sire“ ſprach nun Parry,„ich täuſchte mich nicht, dieſer Mann iſt der Diener des Grafen de la Foôre, und der Graf de la Fore iſt, wenn Ihr Euch entſinnt, der würdige Edelmann, von dem ich ſo oft mit Eurer Ma⸗ jeſtät geſprochen habe, daß die Erinnerung an ihn nicht nur in ihrem Geiſte, ſondern auch in ihrem Herzen zu⸗ rückgeblieben ſein muß.“ „Es iſt der, welcher meinem Vater in ſeinen letzten Augenblicken beiſtand?“ fragte Karl. Und er bebte ſichtbar bei dieſer Erinnerung. „Ganz richtig, Sire.“ „Ach! ſeufzte Karl. Dann ſich an Grimaud wendend, deſſen lebhafte, geſcheite Augen, wie es ſchien, in ſeinem Geiſt zu leſen ſuchten, fragte er: „Mein Freund, ſollte Euer Gebieter, der Herr Graf de la Före, in dieſer Gegend wohnen?“ „Dort,“ antwortete Grimaud und bezeichnete mit ſeinem rückwärts ausgeſtreckten Arm das Gitter des weiß und rothen Hauſes. genblick zu Hauſe?⸗ ——— „Und der Herr Graf de la Fore iſt in dieſem Au⸗ 84 11 „Hinten, unter den Kaſtanienbäumen.“ „Parry,“ ſagte der König,„ich will ſie nicht ver⸗ ſäumen, dieſe für mich ſo koſtbare Gelegenheit, dem Edelmann zu danken, dem unſer Haus für ein ſo ſchö⸗ nes Beiſpiel von Ergebenheit und Großmuth verpflichtet iſt. Ich bitte Euch, haltet mein Pferd, Freund.“ Und der König warf den Zügel Grimand zu und trat ganz allein bei Athos wie bei ſeines Gleichen ein. Karl war durch die ſo bündige Erklärung von Grimaud unterrichtet,— hinten unter den Kaſtanienbäumen; er ließ alſo das Haus links und ging gerade auf die be⸗ zeichnete Allee zu. Die Sache war leicht; die Gipfel dieſer ſchon mit Blättern und Blüthen bedeckten Bäume überragten die von allen andern. Als er unter die abwechſelnd beleuchteten und dü⸗ ſteren Rauten kam, welche den Boden dieſer Allee je nach den Launen ihres mehr oder minder belaubten Ge⸗ wölbes verſchiedenartig erſcheinen ließen, erblickte der junge Prinz einen Herrn, der, die Hände auf dem Rü⸗ cken, ſpazieren ging und in eine heitere Träumerei ver⸗ ſunken zu ſein ſchien. Ohne Zweifel hatte er ſich oft wiederholen laſſen, wie dieſer Edelmann war, denn ohne zu zoͤgern, ging Karl II. gerade auf ihn zu. Bei dem Geräuſch ſeiner Tritte erhob der Graf de la Fore das Haupt, und als er ſah, daß ein Unbekannter von edlem Anſtand auf ihn zuſchritt, lüpfte er ſeinen Hut und wartete. Einige Schritte von ihm nahm Karl II. eben⸗ falls ſeinen Hut in die Hand und ſagte, als wollte er die ſtumme Frage des Grafen beantworten: „Herr Graf, ich komme, um eine Pflicht bei Euch zu erfüllen. Seid langer Zeit habe ich Euch den Aus⸗ druck einer tiefen Dankbarkeit zu überbringen. Ich bin Karl II., Sohn von Karl Stuart, der über England regierte und auf dem Schaffot ſtarb.“ Bei dieſem erhabenen Namen fühlte Athos einen Schauer ſeine Adern durchlaufen, und bei dem Anblick des jungen Prinzen, der entblößt vor ihm ſtand und ihm die Hand reichte, trübten zwei Thränen ein paar Secunden lang das durchſichtige Azur ſeiner ſchönen Augen. 30E verbeugte ſich ehrfurchtsvoll; doch der Prinz nahm ihn bei der Hand und ſprach: „Seht, wie unglücklich ich bin, Herr Graf; es be⸗ durfte des Zufalls, um mich in Eure Nähe zu bringen. Ach! müßte ich nicht die Leute, die ich liebe und ehre, bei mir haben, während ich darauf beſchränkt bin, ihre Dienſte in meinem Herzen und ihre Namen in meinem Gedächtniß zu behalten, ſo daß ich ohne Euren Diener, der den meinigen erkannte, vor Eurem Hauſe wie vor dem eines Fremden vorübergeritten wäre.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Athos, der mit der Stimme den erſten Theil der Worte des Prinzen und mit einer Verbeugung den zweiten erwiederte;„es iſt wahr, Cure Majeſtaͤt hat ſehr ſchlimme Tage geſehen.“ „Und die ſchlimmſten werden leider vielleicht kommen!“ ſprach Karl. 4 „Sire, hoffen wir.“ 4. „Graf, Graf!“ fuhr Karl den Kopf ſchüttelnd fort, nich habe bis geſtern Abend gehofft, und zwar wie ein guter Chriſt, das ſchwöre ich Euch.“ Athos ſchaute den König an, als wollte er ihn be⸗ ragen. 3091 die Geſchichte iſt leicht zu erzählen,“ ſagte Karl II.„Geächtet, von Allem entblößt, verachtet, ent⸗ ſchloß ich mich, trotz meines tiefen Widerwillens, das Glück zum letzten Male zu verſuchen. Steht es nicht da oben geſchrieben, für unſere Familie werde alles Glück und alles Unglück ewig von Frankreich kommen! Ihr wißt etwas davon, Ihr, mein Herr, der Ihr einer von den Franzoſen ſeid, die mein unglücklicher Vater am Fuße ſeines Schaffots an ſeinem Todestag fandz nachdem er ſie an den Schlachttagen zu ſeiner Rechten gefunden hatte.“ „Sire,“ erwiederte Athos beſcheiden,„ich war nicht 3 4 4 allein, und meine Gefährten und ich haben unter dieſen Umſtänden nur einfach unſere Pflicht als Edelleute ge⸗ than. Doch Eure Majeſtät wollte mir die Ehre erwei⸗ — ſen, mir zu erzählen...“ V„Es iſt wahr. Ich hatte die Protection... ver⸗ zeiht mein Zögern, doch für einen Stuart, wie Ihr leicht begreifen werdet, Ihr, der Ihr Alles begreift, iſt es hart, das Wort auszuſprechen; ich hatte, ſage ich, die Protection meines Vetters, des Stadhouders von Holland; aber ohne den Dazwiſchentritt oder wenigſtens ohne die Genehmigung von Frankreich will der Stad⸗ houder nicht die Initiative ergreifen. Ich kam alſo, um den König von Frankreich um dieſe Genehmigung zu bitten, die er mir verweigerte.“ „Er hat ſie Euch verweigert, Sire?“ „Ohl nicht er; ich muß meinem Bruder Ludwig jede Gerechtigkeit widerfahren laſſen, nicht er, ſondern Mazarin.“ Athos biß ſich auf die Lippen. „Ihr findet vielleicht, ich hätte auf dieſe Weigerung gefaßt ſein müßen,“ ſagte der König, der die Bewegung bemerkt hatte. „Das war in der That mein Gedanke, Sire,“ er⸗ wiederte ehrfurchtsvoll der Graf;„ich kenne dieſen Ita⸗ liener ſeit langer Zeit.“ „Da beſchloß ich, die Sache bis zum Ende zu trei⸗ 1 ben und ſogleich das letzte Wort meines Verhängniſſes zu erfahren; ich ſagte meinem Bruder Ludwig, um we⸗ der Frankreich, noch Holland zu apromittiren, würde 87 ich das Glück ſelbſt verſuchen, wie ich es ſchon gethan, 3 mit zweihundert Edelleuten, wenn er mir ſie geben, und mit einer Million, wenn er mir ſie leihen wollte.“ „Nun, Sire?“ „Mein Herr, ich fühle in dieſem Augenblick etwas Seltſames, das iſt die Genugthuung der Verzweiflung. — SEs liegt für gewiſſe Seelen, und ich habe nun bemerkt, daß die meinige zu dieſer Zahl gehört, eine wirkliche 14 Genugthuung in der Sicherheit darüber, daß Alles verloren, und daß die Stunde, zu unterliegen, gekom⸗ men iſt.“. „Shl“ rief Athos,„ich hoffe, Eure Majeſtät hat noch nicht die äußerſte Grenze erreicht.“ „Um ſo zu ſprechen, Herr Graf, um es zu verſuchen, die Hoffnung in meinem Herzen wiederzubeleben, müßt Ihr das, was ich Euch ſagte, nicht gut begriffen haben. Ich kam nach Blois, Graf, um von meinem Bruder Ludwig das Almoſen einer Million zu fordern, mit der ich meine Angelegenheiten wieder ins Geleiſe zu brin⸗ gen die Hoffnung hatte, und mein Bruder Ludwig ſchlug⸗ mir meine Bitte ab. Ihr ſeht alſo wohl, daß Alles verloren iſt.“ 8 „Wird mir Eure Majeſtät erlauben, mit einer entgegengeſetzten Anſicht zu antworten?“ „Wie, Graf, Ihr haltet mich für einen ſo gewöhn⸗ lichen Geiſt, daß Ihr glaubt, ich vermöge meine Lage nicht ins Auge zu faſſen?“ „Sire, ich habe immer geſehen, daß in verzweifel⸗ ten Lagen plötzlich die großen Umſchläge des Schickſals zu Tage ausgehen.“ „Ich danke, GrafV; es iſt ſchön, Herzen wie das Eurige zu finden, Herzen, welche ſo ſehr auf Gott und die Monarchie vertrauen, daß ſie nie an einem königli⸗ chen Geſchick verzweifeln, ſo tief es auch geſunken ſein mag. Leider ſind Eure Worte, lieber Graf, wie jene Mittel, die man unfehlbare nennt, während ſie dennoch, da ſie nur bei heilbaren Wunden Hülfe zu leiſten ver⸗ mögen, am Tod ſcheitern. Ich danke Euch für die Be⸗ harrlichkeit, mit der Ihr mich tröſtet; ich danke Euch für Euer treu ergebenes Andenken, aber ich weiß, woran ich mich zu halten habe. Nichts wird mich nunmehr retten. Und hört, mein Freund, ich war ſo ſehr über⸗ zeugt, daß ich den Weg der Berbannung mit meinem alten Diener einſchlug; ich kehre zurück, um meine brennenden Schmerzen in der kleinen Einſiehelei zu ver⸗ 4 . 15 zehren, die man mir in Holland anbietet; dort, glaubt mir, Graf, dort wird Alles bald beendigt ſein, und der Tod wird raſch kommen; er iſt ſo oft von dieſem Leib, den die Seele zernagt, und von dieſer Seele, die zum Himmel aufathmet, herbeigerufen worden.“ „Eure Majeſtät hat eine Mutter, eine Schweſter, Brüder, Eure Majeſtät iſt das Haupt der Familie, ſie muß alſo Gott um ein langes Leben, ſtatt um einen ſchnellen Tod bitten. Eure Majeſtät iſt geächtet, flüchtig, doch ſie hat ihr Recht für ſich, ſie muß nach Kämpfen, nach Gefahren, nach Thätigkeit und nicht nach der Ruhe des Himmels trachten.“ „Graf,“ ſprach Karl II. mit einem Lächeln voll unausſprechlicher Traurigkeit,„hörtet Ihr je ſagen, ein König habe ſein Reich mit einem Diener vom Alter von Parry und mit dreihundert Thalern, die dieſer Diener in ſeiner Börſe trägt, wiedererobert?“ „Nein, Sire, aber ich hörte ſagen, und zwar mehr als einmal, ein entthronter König habe ſein Reich mit einem feſten Willen, mit Beharrlichkeit, mit Freunden und einer gut angewendeten Million Franken wieder gewonnen.. „Ihr habt mich alſo nicht begriffen? Ich habe dieſe Million von meinem Bruder Ludwig verlangt, und ſte iſt mir abgeſchlagen worden.“ „Sire, will mir Eure Majeſtät einige Minuten gewähren und aufmerkſam anhoͤren, was ich ihr zu ſagen habe?“.„ Karl II. ſchaute Athos feſt an und erwiederte: „Gern, mein Herr.“ „Dann werde ich Eurer Majeſtät den Weg weiſen,“ ſagte der Graf und wandte ſich nach dem Haus. Und er führte den König in ſein Cabinet, bat ihn zu ſitzen und ſprach: „Sire, Eure Majeſtät hat mir ſo eben geſagt, bei dem Zuſtand der Dinge in England würde ihr eine Million genügen, um ihr Reich wieder zu erobern.“ „Wenigſtens, um es zu verſuchen und als König zu ſterben, ſollte es mir nicht gelingen.“ „Wohl, Sire, Eure Maͤjeſtät geruhe, nach dem Verſprechen, das ſie mir geleiſtet, anzuhören, was mir zu ſagen bleibt.“ Karl machte mit dem Kopf ein Zeichen der Beiſtim⸗ mung. Athos ging gerade auf die Thüre zu, ſchloß ſie mit dem Riegel, nachdem er hinausgeſchaut hatte, ob Niemand in der Nähe horche, und kam dann zurück. „Sire,“ ſagte er,„Eure Majeſtät hat die Gnade gehabt, ſich zu erinnern, daß ich dem edlen und un⸗ glücklichen König Karl Beiſtand leiſtete, als ihn ſeine Henker von Saint⸗James nach Whitehall führten.“ „Ja, gewiß, ich habe mich deſſen erinnert und werde mich ſtets erinnern.“ „Sire, dieſe Geſchichte iſt traurig für einen Sohn anzuhören, der ſie ſich ohne Zweifel ſchon oft hat er⸗ zählen laſſen; doch ich muß ſie Euer Majeſtät wieder⸗ holen, ohne einen einzigen Umſtand zu übergehen.“ 4„Sprecht, mein Herr.“ „Als der König, Euer Vater, das Schaffot beſtieg, oder vielmehr von ſeinem Zimmer auf das vor ſeinem Fenſter errichtete Schaffot ging, war Alles für ſeine Flucht vorbereitet. Der Henker war entfernt worden, man hatte ein Loch unter ſeiner Wohnung gemacht. Ich ſelbſt endlich befand mich unter dem unſeligen Ge⸗ rüſte und hörte dieſes plötzlich unter ſeinen Tritten krachen.“ „Parry hat mir dieſe furchtbaren Umſtände erzählt, mein Herr.“ Athos verbeugte ſich und ſprach: „Hört, was er Euch nicht erzählen konnte, Sire, denn was folgt, iſt zwiſchen Gott, Eurem Vater und mir vorgefallen, und nie habe ich es irgend einem Men⸗ ſchen, ich habe es nicht einmal meinen theuerſten Freun⸗ den anvertraut.„„Entferne Dich!““ ſprach der König zu dem verlarvten Henker,„„nur für einen Augenblick⸗ 17 ich weiß wohl, daß ich Dir gehöre; vergiß nicht, daß Du erſt, wenn ich das Signal gebe, zu ſchlagen haſt. Ich will frei mein Gebet verrichten.““ „Verzeiht,“ ſagte Karl II. erbleichend,„aber Ihr, der Ihr ſo viele Einzelnheiten von dieſem unſeligen Ereigniß wißt, Einzelnheiten, welche, wie Ihr ſo eben ſagtet, Niemand enthüllt worden ſind, wißt Ihr den Namen dieſes hölliſchen Henkers, dieſes Feigen, der ſein Geſicht verbarg, um ungeſtraft einen König zu er⸗ morden?“ Athos erbleichte leicht. 5 „Seinen Namen?“ ſprach er;„ja, ich weiß ihn, doch ich kann ihn nicht ſagen.“ „Und was iſt aus ihm geworden?... denn Nie⸗ mand in England hat ſein Schickſal erfahren.“ „Er iſt geſtorben.“ „Doch nicht in ſeinem Bett geſtorben, nicht eines ſanften, ruhigen Todes, nicht des Todes ehrlicher Leute,?“ „Er iſt eines gewaltſamen Todes geſtorben... in einer ſchrecklichen Nacht, zwiſchen dem Zorn der Men⸗ ſchen und dem Sturm Gottes. Von einem Dolchſtoße durchbohrt, iſt ſein Leib in die Tiefe des Meeres ge⸗ ſunken. Gott vergebe ſeinem Mörder!“ „So gehen wir weiter,“ ſprach König Karl II., da er ſah, daß der Graf nicht mehr ſagen wollte. „Der König von England, nachdem er, wie ich es erzählt, zu dem verlarvten Henker geſprochen hatte, fügte bei:„„Du wirſt nicht eher ſchlagen, hörſt Du wohl, als bis ich die Arme ausſtrecke und rufe: Re- member.!““ „In der That,“ ſagte Karl mit dumpfem Tone, „ich weiß, daß dies das letzte Wort iſt, welches mein unglücklicher Vater geſprochen hat. Doch in welcher Ab⸗ ſicht, für wen?“ „Für den franzöſiſchen Edelmann, der unter ſeinem Schaſfot ſtand.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. n. 2 „Für Euch alſo, mein Herr?“ „Ja, Sire, und jedes der Worte, das er durch die Bretter des mit einem ſchwarzen Tuch bedeckten Blut⸗ gerüſtes geſagt hat, tönen noch in meinem Ohr. Der König ſetzte alſo ein Knie auf die Erde.„„Graf de la Féère,““ ſagte er,„„ſeid Ihr da?2““„„Ja, Sire,““ antwortete ich. Da neigte ſich der König.“ Ganz zitternd vor Theilnahme, ganz brennend vor Schmerz, neigte ſich auch Karl II. gegen Athos, um eines nach dem andern die Worte aufzufaſſen, welche von den Lippen des Grafen kamen. Sein Kopf ſtreifte den von Athos. „Da neigte ſich der König,“ fuhr der Graf fort. „„Graf de la Feère,““ ſagte er,„nich konnte nicht von Dir gerettet werden, ich ſollte es nicht ſein. Nun aber, und würde ich eine Ruchloſigkeit begehen, ſage ich: Ja, ich habe zu den Menſchen, ich habe zu Gott geſprochen, und ſpreche zuletzt mit Dir. Um eine Sache aufrecht zu halten, die ich für heilig hielt, habe ich den Thron mei⸗ ner Väter verloren und das Erbe meiner Kinder ver⸗ ſchleudert.““. Kuarl II. verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen, und eine brennende Thräne drang durch ſeine weißen, abge⸗ magerten Finger. „„Eine Million in Gold bleibt mir,““ fuhr der König fort.„„Ich habe ſie in den Gewölben des Schloſ⸗ ſes von Newcaſtle in dem Augenblick vergraben, wo ich dieſe Stadt verließ.““ Karl II. erhob das Haupt mit einem Ausdruck ſchmerzlicher Freude, welcher Jedem, der dieſes ungeheure Unglück kannte, ein Schluchzen entriſſen hätte. „Eine Million!“ murmelte er,„oh! Graf!“ „„Du allein weißt, daß dieſes Gold vorhanden iſt; mache Gebrauch davon, wann Du es zum Wohle mei⸗ nes älteſten Sohnes für zeitgemäß hältſt. Und nun, Graf de la Fere, nimm Abſchied von mir.““ „„Gott beſohlen, Sire!““ rief ich. — 19 Karl II. ſtand auf und drückte ſeine glühende Stirne an ein Fenſter. Athos aber fuhr fort:. „Da ſprach der König das an mich gerichtete Wort: Remember... und Ihr ſeht, Sire, daß ich mich erinnert habe.“ Der König konnte ſeiner Erſchütterung nicht wi⸗ derſtehen. Athos ſah, wie ſeine Schultern krampfhaft bebten. Er hörte ein Schluchzen, das die Bruſt des Unglücklichen beinahe zerſprengte, und ſchwieg, ſelbſt niedergedrückt durch die Woge bitterer Erinnerungen, die er über dem königlichen Haupte heraufbeſchworen hatte. Karl II. verließ das Fenſter mit einer heftigen Anſtrengung, verſchlang ſeine Thränen und ſetzte ſich zu Athos. „Sire,“ ſagte dieſer,„bis jetzt glaubte ich die Stunde, dieſes letzte Mittel anzuwenden, wäre noch nicht gekommen; doch die Augen auf England geheftet, fühlte ich, ſte nahe. Morgen wollte ich mich erkundigen, an welchem Ort der Welt Eure Majeſtät ſich befinde, um mich zu ihr zu begeben. Sie kommt zu mir, und ich betrachte dies als ein Zeichen, daß Gott für uns iſt.“ „Mein Herr,“ ſprach Karl, mit einer durch die Er⸗ ſchütterung noch gepreßten Stimme,„Ihr ſeid für mich, was nur ein von Gott geſandter Engel ſein könnte; doch glaubt mir, ſeit zehn Jahren ſind die Bürgerkriege über mein Land hingezogen und haben die Menſchen niedergeworfen und den Boden durchwühlt; wahrſchein⸗ lich iſt in den Eingeweiden meiner Erde nicht mehr Gold geblieben, als Liebe in den Herzen meiner Unter⸗ thanen.“ „Sire, der Ort, wo Seine Majeſtät die Million vergraben hat, iſt mir wohl bekannt, und Niemand, deſ⸗ ſen bin ich ſicher, war im Stand, ihn zu entdecken. Iſt denn das Schloß Neweaſtle völlig eingeſtürzt? Hat man es denn Stein für Stein zerſtört und ſeine Wur⸗ zeln bis auf die letzte Fiber aus dem Boden geriſſen?“ „Nein, es ſteht noch; doch in dieſem Augenblick hält es der General Monk beſetzt, der ſein Quartier darin hat. Der einzige Ort, wo mich eine Hülfe er⸗ wartet, wo ich eine Quelle beſitze, iſt, wie Ihr ſeht, in der Gewalt meiner Feinde.“ „Sire, der General Monk kann den Schatz, von dem ich ſpreche, nicht entdeckt haben.“— „Ja, aber ſoll ich mich Monk ausliefern, um die⸗ ſen Schatz zu erlangen? Oh! Ihr ſeht wohl, Graf, ich muß mit dem Schickſal abſchließen, da es mich im⸗ mer wieder niederreißt, wenn ich mich erhebe. Was ſoll ich mit Parry als meinem einzigen Diener, machen, mit Parry, den Monk ſchon einmal fortgejagt hat? Nein, nein, Graf, unterziehen wir uns dieſem letzten Schlag!“ „Was Eure Majeſtät nicht thun kann, was Parry nicht mehr verſuchen kann, glaubt Ihr, es werde mir gelingen?“ „Ihr, Graf, Ihr würdet gehen!“ 3 „Ja, Sire, wenn es Eurer Majeſtät genehm iſt, werde ich gehen,“ ſagte Athos, ſich vor dem König ver⸗ beugend. „Ihr, der Ihr hier ſo glücklich ſeid, Graf!“ „Ich bin nie glücklich, Sire, ſo lange mir eine Pflicht zu erfüllen bleibt, und der König, Euer Vater, hat mir die hohe Pflicht vermacht, über Eurer Wohl⸗ fahrt zu wachen und ſein Geld auf eine königliche Weiſe zu verwenden. Eure Majeſtät braucht mir alſo nur ein Zeichen zu geben, und ich breche mit ihr auf.“ „Ahl mein Herr,“ ſprach Karl II., der alle könig⸗ liche Etiquette vergaß und Athos um den Hals ſiel, „Ihr beweiſt mir, daß es einen Gott im Himmel gibt, und daß dieſer Gott zuweilen den Unglücklichen, welche⸗ auf dieſer Erde ſeufzen, Boten zuſchickt.“ 3 Tief bewegt durch dieſen Erguß des jungen Man⸗ — N 21 nes, dankte ihm Athos voll Ehrfurcht, näherte ſich dem Fenſter und rief: „Grimaud, meine Pferde!“ „Wie! ſo auf der Stelle!“ ſagte der König;„oh! mein Herr, Ihr ſeid in der That ein wunderbarer Mann.“ 77. „Sire,“ erwiederte Athos,„ich kenne nichts Eili⸗ geres, als den Dienſt Eurer Majeſtät. Ueberdies,“ fügte er lächelnd bei,„überdies iſt dies eine Gewohnheit, die ich längſt im Dienſte der Königin, Eurer Tante, und im Dienſte des Koͤnigs, Eures Vaters, angenommen habe. Warum ſollte ich ſie gerade in der Stunde ver⸗ lieren, wo es ſich um den Dienſt Eurer Majeſtät handelt?“ „Welch ein Mann!“ murmelte der König. Dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, ſprach Karl II.: „Nein, Graf, ich kann Euch ſolchen Entbehrungen nicht ausſetzen, ich habe nichts, um ſolche Dienſte zu be⸗ lohnen.“ „Bah!“ ſag! Athos lachend,„Eure Majeſtät treibt ihren Spott mit mir, ſie hat eine Million. Ah! warum beſitze ich nicht nur die Hälfte dieſer Summe, ich hätte ſchon ein Regiment auf den Beinen. Aber, Gott ſei Dank, es bleiben mir noch einige Rollen Gold und ein paar Familien⸗Diamanten. Eure Majeſtät wird ſich hoffentlich herablaſſen, mit einem ergebenen Diener zu theilen. „Mit einem Freund. Ja, Graf, doch unter der Bedingung, daß dieſer Freund ſpäter mit mir theilen wird.. „Sire,“ ſagte Athos, indem er eine Caſſette öff⸗ nete, aus der er Gold und Juwelen nahm,„ſeht, wir ſind nur zu reich. Zum Glück werden wir unſerer vier gegen die Räuber ſein.“ Die Freude machte das Blut gegen die bleichen Wangen von Karl II. ſtrömen. Er ſah Grimaud, der ſchon für die Reiſe geſtiefelt war, zwei Pferde von Athos vor den Säulengang führen. „Blaiſois, dieſen Brief dem Grafen von Bragelonne. Ich bin für Jedermann nach Paris gegangen. Dir iſt das Haus anvertraut, Blaiſois,“ ſprach Athos. Blaiſois verbeugte ſich, umarmte Grimaud un ſchloß das Gitter.— IlI.* 4 Worin man Aramis ſucht und nur Bazin ſindet. Es waren nicht zwei Stunden ſeit dem Aufbruch des Herrn vom Hauſe abgelaufen, der im Angeſicht von Blaiſois den Weg nach Paris eingeſchlagen hatte, als ein Reiter auf einem guten Schecken vor dem Gitter anhielt und mit einem ſchallenden Halloh! den Stall⸗ knechten rief, welche noch einen Kreis mit den Gärt⸗ nern um Blaiſois, den gewöhnlichen Hiſtoriker des Schloßgeſindes, bildeten. Das ohne Zweifel Meiſter Blaiſois wohlbekannte Halloh! bewog dieſen, den Kopf umzudrehen, und er rief: „Herr d'Artagnan!.. lauft geſchwinde, Ihr Leute, öffnet ihm das Thor.“ Ein Schwarm von acht Burſchen eilte an das Git⸗ ter, und dieſes wurde geöffnet, als ob es von Federn wäre. Und Alle überboten ſich in Höflichkeiten, denn man wußte, welchen Empfang der Gebieter ſeinem Freund zu bereiten pflegte, und für ſolche Bemerkungen braucht man immer nur den Blick des Dieners zu be⸗ fragen. 4 —₰½ 2* 82NA —n e, 23 „Ah!“ fragte mit einem ganz angenehmen Lächeln Herr d'Artagnan, der ſich auf dem Steigbügel wiegte, um zu Boden zu ſpringen,„wo iſt denn der liebe Graf?“ „Eil gnädiger Herr, Ihr habt wahrhaftig Un⸗ glück,“ ſagte Blaiſois,„und als ein Unglück wird es auch der Herr Graf, unſer Gebieter, betrachten, wenn er erfährt, daß Ihr hier angekommen ſeid! Der Herr Graf iſt durch einen reinen Zufall vor nicht zwei Stun⸗ den weggeritten.“— D'Artagnan kümmerte ſich nicht um ſo wenig. „Gut,“ ſagte er,„daß Du immer noch das reinſte Franzöſiſch der Welt ſprichſt; Du wirſt mir Unterricht in der Grammatik und in der ſchönen Sprache geben, wäh⸗ rend ich die Rückkehr Deines Herrn erwarte.“ „Das iſt nicht möglich, gnädiger Herr,“ entgegnete Blaiſois,„Ihr müßtet zu lange warten.“* „Er wird heute nicht zurückkommen?“ „Weder heute, noch morgen, noch übermorgen. Der Herr Graf hat eine Reiſe angetreten.“ Eine Reiſe!“ ſagte d'Artagnan erſtaunt,„Du er⸗ zähltſt mir da eine Fabel.“ „Gnädiger Herr, es iſt die ſtrengſte Wahrheit. Der Herr Graf erwies mir die Ehre, mir das Haus zu empfehlen, und fügte mit ſeinem würdevollen und ſanften Ton bei:„Du ſagſt, ich reiſe nach Paris.““ „Nun gut!“ rief d'Artagnan,„er reitet alſo gen Paris, das iſt Alles, was ich wiſſen wollte; damit hät⸗ teſt Du anfangen ſollen, Einfaltspinſel⸗.. Er hat zwei Stunden voraus?“ „ Ja, gnädiger Herr.“ „Ich werde ihn bald eingeholt haben. Iſt er allein?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Wer iſt denn bei ihm?“ „Ein Edelmann, den ich nicht kenne, ein Greis und Herr Grimaud.“ „Das Alles wird nicht ſo ſchnell laufen als ich, und ich gehe.“ „Will mich der gnädige Herr einen Augenblick an⸗ hören?“ ſagte Blaiſois, indem er ſachte auf die Zügel des Pferdes drückte. „Ja, wenn Du mir keine Phraſen machſt, oder ſie wenigſtens raſch machſt.“ „Nun, gnädiger Herr, das Wort Paris ſcheint mir nur ein Köder zu ſein.“— „Oho!“ rief d'Artagnan ernſthaft,„ein Köder.“ „Ja, gnädiger Herr, und der Herr Graf geht nicht nach Paris, darauf wollte ich ſchwören.“ „Warum glaubſt Du das?“. „Herr Grimaud weiß immer, wohin unſer Herr geht, und er hatte mir verſprochen, ſobald man nach Paris gehen würde, ein wenig Geld mitzunehmen, das ich meiner Frau zukommen laſſe.“ „Ah! Du haſt eine Frau?“ „Ich hatte eine, ſie war aus dieſer Gegend, doch der Herr Graf fand ſie ſchwatzhaft, und ich ſchickte ſie nach Paris; das iſt zuweilen unbequem, in andern Au⸗ genblicken aber ſehr angenehm.“. „Ich verſtehe; doch vollende: Du glaubſt nicht, daß der Graf nach Paris geht?“ „Nein, gnädiger Herr, denn dann hätte Herr Gri⸗ mand ſein Wort gebrochen, er wäre meineidig gewor⸗ den, und das iſt unmöglich.“ „Das iſt unmöglich,“ wiederholte d'Artagnan ganz träumeriſch, weil er völlig überzeugt war.„Ich danke Dir, mein braver Blaiſois.“ Blaiſois verbeugte ſich. 8 „Hoͤre, Du weißt, daß ich nicht neugierig bin... Ich habe durchaus mit Deinem Herrn zu thun... Kannſt Du nicht... Du, der Du ſo gut ſprichſt, mir durch ein ganz kleines Wörtchen begreiflich machen.. Nur eine Sylbe, das Uebrige werde ich errathen.“ „Auf mein Wort, gnädiger Herr, ich könnte das 3 nicht... Ich weiß gar nichts vom Zweck der Reiſe des Herrn Grafen...Was das Horchen an den Thüren 25 betrifft, ſo iſt mir das ungemein zuwider, und überdies iſt es hier verboten.“ 4 „Mein Lieber,“ ſagte d'Artagnan,„das iſt ein ſchlimmer Anfang für mich. Doch gleichviel, Du weißt wenigſtens die Zeit der Rückkehr des Grafen?“ „Eben ſo wenig als das Ziel ſeiner Reiſe.“ „Auf, Blaiſois, auf, ſuche!“ „Der gnädige Herr zweifelt an meiner Aufrichtigkeit! Ah! der gnädige Herr betrübt mich ſehr empfindlich!“ „Der Teufel hole Deine vergoldete Sprache!“ brummte d'Artagnan.„Ein Bauernkerl mit einem ein⸗ zigen Wort iſt mehr werth!.. Gott befohlen!“ „Gnädiger Herr', ich habe die Ehre, Ihnen meinen Reſpect zu bezeigen.“ „Affe!“ ſagte d'Artagnan halblaut.„Der Burſche iſt unerträglich.“ 3 Er ſchaute das Haus noch einmal an, wandte ſein Pferd um, und ritt weiter wie ein Menſch, deſſen Geiſt durch keinen Aerger und durch keine Verlegenheit be⸗ läſtigt wird. 3 Als er am Ende der Mauer und den Nachſchauen⸗ den aus dem Geſicht war, ſprach er heftig aufathmend: „Laß ſehen, iſt Athos zu Hauſe? Nein. Alle dieſe Taugenichtſe, die im Hofe die Arme kreuzten, wären in vollem Schweiß geweſen, wenn ſie der Herr hätte ſehen können. Athos auf der Reiſe?.. Das iſt unbegreiflich. Ah bah! dieſer iſt teufelmäßig geheimnißvoll... Und dann iſt er nicht der Mann, den ich brauchte. Ich be⸗ darf eines ſchlauen, ruhigen Geiſtes. Was ich will, findet ſich in Melun, in einem gewiſſen mir bekannten Pfarrhaus. Fünf und vierzig Lieues, vier und ein hal⸗ ber Tag! Vorwärts, das Wetter iſt ſchön und ich bin frei. Verſchlingen wir den Raum.“ Und er ſetzte ſein Pferd in Trab, nahm die Richtung gegen Paris, und ſtieg am vierten Tag nach ſeinem Wunſch in Melun ab. D'Artagnan pflegte nie einen Menſchen nach dem Weg oder um eine alltägliche Auskunft zu fragen. Bei dergleichen Dingen, wenn nicht ein ſehr weſentlicher Irr⸗ thum zu befürchten war, verließ er ſich auf ſeinen Scharfſinn, der ihn nie trügte, auf eine dreißigjährige Erfahrung, und auf die Gewohnheit, in den Phyſiogno⸗ mien der Häuſer wie in denen der Menſchen zu leſen. In Melun fand er ſogleich das Pfarrhaus, ein reizendes Haus von rothem Backſtein mit Gypsanwurf, mit Jungfernreben, die ſich an den Dachrinnen hinrank⸗ ten, und einem ſteinernen Kreuz. Aus der unteren Stube dieſes Hauſes drang ein Geräuſch oder vielmehr ein Gemiſche von Stimmen hervor, ähnlich dem Ge⸗ zwitſcher der Vögelchen, wenn die Brut unter dem Flaum ausgeſchlüpft iſt. Eine von dieſen Stimmen buchſtabiyte ganz deutlich das Alphabet. Eine fette und zugleich flötenartige Stimme zankte die Schwätzer und corrigirte die Fehler des Leſers. 4. D'Artagnan erkannte dieſe Stimme, und da das Fenſter der unteren Stube offen war, ſo neigte er ſich, noch zu Pferde ſitzend, unter den Zweigen der Weinſtoͤcke und der rothen Ranken der Jungfernreben und rief: 3 „Bazin, mein lieber Bazin, guten Morgen.“ 8 Ein kurzer, dicker Mann mit glattem Geſicht und einem Schädel, der mit einem Kranze kurzgeſchnittener grauer Haare geſchmückt war, was eine Nachahmung der Tonſur bildete, ſtand auf, als er d'Artagnan hörte. Wir hätten nicht ſagen ſollen, ſtand auf, ſondern ſprang auf. Bazin ſprang auf und warf dabei ſeinen niedrigen kleinen Stuhl um, welchen die Kinder mit lebhafteren Schlachten wieder aufzuheben ſuchten, als die Griechen ſchlugen, da ſie den Trojanern den Leich⸗ nam des Patroklos entreißen wollten. Bazin ſprang nicht nur, ſondern er ließ ſogar das Alphabet, das er 4 in der Hand hielt, und die Ruthe fallen. 3 „Ihr!“ fagte er,„Ihr, Herr d'Artagnan!“ „Ja, ich. Wo iſt Aramis... nein, der Herr +8— u88 — 27 Chevalier d'Herblay... nein, ich irre mich abermals, der Herr Generalvicar?“ „Ahl gnädiger Herr,“ antwortete Bazin voll Würde, „Monſeigneur iſt in ſeiner Diöceſe.“ „Wie beliebt?“ fragte d'Artagnan. Bazin wiederholte ſeinen Satz. „Ah! Aramis hat eine Diöceſe?“ „Ja, gnädiger Herr, warum nicht?“ „Er iſt alſo Biſchof?“ „Woher kommt Ihr denn, daß Ihr das nicht wißt?“ verſetzte Bazin ziemlich unehrerbietig. „Mein lieber Bazin, wir Heiden, wir Kriegsleute, wir wiſſen wohl, daß ein Mann Oberſter, oder Chef eines Reiterregiments, oder Marſchall von Frankreich iſt, aber ob Einer Biſchof, Erzbiſchof oder Papſt iſt... der Teufel ſoll mich holen, wenn wir das eher erfahren, als bis drei Viertel der Erde ihren Nutzen daraus gezogen haben!“ „St! ſtl“ ſagte Bazin, die Augen aufreißend,„ver⸗ derbt mir dieſe Kinder nicht, denen ich ſo gute Grund⸗ ſätze einpräge.“ Die Kinder hatten ſich wirklich um d'Artagnan ge⸗ ſtellt, um ſein Pferd, ſein großes Schwert, ſeine Sporen und ſeine martialiſche Miene zu bewundern. Beſonders aber bewunderten ſie ſeine mächtige Stimme, ſo daß, als er ſeinen Schwur ausſprach, die ganze Schule:„Der Teufel ſoll mich holen!“ rief und dabei durch Gelächter, durch Jauchzen und Stampfen mit den Füßen einen Lärmen machte, bei dem ſich der Musketier ganz behag⸗ lich fühlte, während der alte Pädagog darüber den Kopf verlor. „Ruhig, ſtillgeſchwiegen, ungezogene Brut!“ ſagte er...„Ahl. nun, da Ihr gekommen ſeid, Herr d'Ar⸗ tagnan, entſliegen alle meine guten Grundſätze. Mit Euch. reißt wie gewöhnlich die Unordnung wieder ein... Babel iſt wiedergefunden... Ach! die Wüthenden! ah, guter Gott! welch ein Lärmen!“ Und der würdige Bazin theilte rechts und links Püffe aus, welche das Geſchrei, die Natur deſſelben 1 verändernd, mehr als verdoppelten. „Ihr werdet wenigſtens Niemand mehr hier ver⸗ 8 führen, mein Herr!“ ſagte er. „Du glaubſt?“ erwiederte d'Artagnan mit einem Lächeln, bei dem Bazin ein Schauer über die Schul⸗ tern lief. „Er iſt dazu fähig,“ murmelte er. „Wo iſt die Diöceſe Deines Herrn?“ „Monſeigneur René iſt Biſchof von Vanne.“ „Wer hat ihn dazu ernennen laſſen?“ „Der Herr Oberintendant, unſer Nachbar.“ „Wie! Herr Fouquet?“ „Gewiß.“ „Aramis ſteht alſo gut mit ihm?“ „»Monſeigneur predigte alle Sonntage bei dem Herrn Oberintendanten in Vaur; dann jagten ſie mit: einander.“ „Ah!“ 3 „Und Monſeigneur arbeitete oft ſeine Homilien... nein, ich will ſagen ſeine Predigten mit dem Herrn Oberintendanten aus.“ „Bahl dieſer würdige Biſchof predigt alſo in Verſen?“ „Gnädiger Herr, ſcherzt um Gottes willen nicht über religiöſe Dinge!“ 4 8„Gut, Bazin, gut. Somit iſt Aramis in Vanne?“ „In Vanne in der Bretagne.“ „Du biſt ein Duckmäuſer, Bazin, das iſt nicht wahr.“ „Seht ſelbſt nach, die Zimmer des Pfarrhauſes ſind leer.“ „Er hat Recht,“ ſagte d'Artagnan das Haus be⸗ trachtend, das wirklich einſam und verlaſſen ausſah. „Aber Monſeigneur mußte Euch wohl ſeine Be⸗ foͤrderung ſchreiben?“ 3 4 „Wann hat ſie ſtattgefunden?“ 29 „Vor einem Monat.“ „Ah! dann iſt keine Zeit verloren. Aramis kann mich noch nicht nöthig gehabt haben. Aber, Bazin, warum foölgſt Du Deinem Hirten nicht?“ „Gunädiger Herr, ich kann nicht, ich habe Geſchäfte.“ „Dein Alphabet?“ „Und meine Beichtkinder.“ „Wie! Du hörſt Beichte? Du biſt alſo Prieſter.“ .„Es iſt gerade, als ob ich es wäre. Ich habe ſo viel Beruf dazu.“ „Aber die Weihen?“ „Ahl“ ſprach Bazin mit würdevollem Ausdruck, „uun, da Monſeigneur Biſchof iſt, werde ich ſchnell meine Weihen oder wenigſtens meine Diſpenſationen haben.“. Und er rieb ſich die Hände. „Dieſe Leute ſind offenbar nicht auszurotten,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt. Dann ſprach er laut:„Laßt mir auftragen, Bazin.“ „Mit der größten Bereitwilligkeit, gnädiger Herr.“ „Fleiſchbrühe, ein Huhn und eine Flaſche Wein.“ „Es iſt heute Sonnabend, ein Faſttag alſo,“ ent⸗ gegnete Bazin. 3 „Ich habe eine Diſpenſation,“ erwiederte d'Artagnan. Bazin ſchaute ihn mit einer argwöhniſchen Miene an „Ahl Meiſter Scheinheiliger, für wen hältſt Du mich denn?“ rief der Musketier;„wenn Du, der Du der Diener biſt, auf Diſpenſation hoffſt, um ein Ver⸗ brechen zu begehen, ſollte ich, der Freund des Biſchofs, keine Diſpenſation bekommen, um nach dem Belieben und Wunſche meines Magens an Faſttagen Fleiſch zu eſſen? Bazin, ſei liebenswürdiger gegen mich, oder, bei Gott! ich beklage mich beim König, und Du wirſt nie Beichte hören. Du weißt, daß die Ernennung der Bi⸗ ſchöfe dem König zukommt. Ich aber habe das Ohr des Königs und bin der Stärkere.“ Bazin lächelte heuchleriſch. „Ohl wir haben den Herr Oberintendanten für uns, wir,“ ſagte er. „Und Du kümmerſt Dich alſo nichts um den König?“ Bazin antwortete nicht; ſein Lächeln war beredt genug. „Mein Abendbrod,“ ſprach d'Artagnan.„Es geht auf ſieben Uhr.“ Bazin wandte ſich um und befahl dem Aelteſten von ſeinen Schülern, die Köchin zu benachrichtigen. D'Artagnan ſchaute mittlerweile das Pfarrhaus an. „Puh! Monſeigneur hat Seine Hochwürdigkeit hier ſehr ſchlecht quartiert!“ ſagte er mit verächtlichem Tone. „Wir haben das Schloß Vaux!“ entgegnete Bazin. „Das vielleicht ſo viel werth iſt, als der Louvre,“ ſagte d'Artagnan höhnend. „Mehr werth,“ erwiederte Bazin mit der größten Kaltblütigkeit der Welt. „Ah!“ machte d'Artagnan. Der Lieutenant hätte vielleicht den Streit fortgeſetzt und für den Vorzug des Louvre gekämpft, aber er be⸗ merkte, daß ſein Pferd noch an einer Thüre angebun⸗ den war. „Teufel!“ ſagte er,„laß doch für mein Pferd ſor⸗ gen. Dein Herr, der Biſchof, hat kein ſolches in ſeinen Ställen.“— Bazin warf einen ſchiefen Blick auf das Pferd und erwiederte: „Der Herr Oberintendant hat ihm vier aus ſeinem Stalle geſchenkt, und ein einziges von dieſen vieren iſt vier wie das Eurige werth.“ Das Blut ſtieg d'Artagnan ins Geſicht. Die Hand juckte ihn und er ſuchte auf dem Kopf von Bazin die Stelle, wohin ſeine Fauſt fallen ſollte. Doch dieſer Blitz ging vorüber, die Ueberlegung trat wieder ein und d'Artagnan ſagte nur: „Teufel! Teufel! ich habe wohl daran gethan, den Dienſt des Königs zu verlaſſen.„Sprich, würdiger 31 Bazin,“ fügte er bei,„wie viel Musketiere hat der Herr Oberintendant?“ 4 „Mit ſeinem Geld wird er alle Musketiere des Königreichs bekommen,“ erwiederte Bazin, indem er ſein Buch ſchloß und die Kinder mit Ruthenſtreichen verabſchiedete. „Teufel! Teufel!“ ſagte d'Artagnan zum letzten Mal. Und da man ihm meldete, es ſei aufgetragen, folgte er der Köchin, die ihn in das Speiſezimmer führte, wo das Abendbrod ſeiner harrte.. D'Artagnan ſetzte ſich zu Tiſche und griff das Huhn muthig an. „Mir dünkt,“ ſagte d'Artagnan, während er kräftig in das Geflügel biß, das man ihm vorgeſetzt und das man ſichtbar zu mäſten vergeſſen hatte,„mir dünkt, ich habe Unrecht gehabt, nicht ſogleich Dienſt bei dieſem Herrn zu ſuchen. Dieſer Oberintendant iſt, wie es ſcheint, ein mächtiger Herr. In der That, wir wiſſen nichts, wir Leute bei Hof, und die Strahlen der Sonne verhindern uns, die großen Geſtirne zu ſehen, welche auch Sonnen ſind, obſchon ein wenig entfernter von unſerer Erde.“ Da es d'Artagnan zu ſeinem Vergnügen und aus Syſtem ungemein liebte, die Leute über die Dinge, die ihn interefſirten, plaudern zu machen, ſo gab er ſich alle Mühe, Meiſter Bazin zum Sprechen zu bringen; doch das war rein vergebens: außer dem ermüdenden und übertriebenen Lob des Herrn Oberintendanten der Finanzen gab Bazin, der auf ſeiner Hut war, der Neu⸗ gierde von d'Artagnan durchaus nichts preis, als Platt⸗ heiten, weshalb d'Artagnan, hierüber ſchlechter Laune, ſchlafen zu gehen verlangte, ſobald ſein Mahl beendigt war. D'Artagnan wurde von Bazin in ein ziemlich mit⸗ telmäßiges Zimmer geführt, wo er ein ziemlich ſchlech⸗ tes Bett fand. Man ſagte ihm, Aramis habe die Schluͤſſel ſeiner Privatwohnung mitgenommen, und da er wußte, daß Aramis ein Mann von Ordnung war und gewöhnlich viele Dinge in ſeiner Wohnung zu ver⸗ bergen hatte, ſo ſetzte ihn dies durchaus nicht in Er⸗ ſtaunen. Er griff alſo, obſchon es ihm vergleichungs⸗ weiſe noch härter vorkam, das Bett ebenſo muthig an, als er das Huhn angegriffen hatte, und da ſein Schlaf ſo gut war als ſein Appetit, ſo brauchte er kaum mehr Zeit, um zu entſchlummern, als er gebraucht hatte, um den letzten Knochen ſeines Bratens auszuſaugen. Seitdem er bei Niemand mehr im Dienſt ſtand, war es Vorſatz vön d'Artagnan, einen ebenſo harten Schlaf zu haben, als er früher einen leichten gehabt hatte; aber wie redlich und entſchieden er auch die⸗ ſen Vorſatz gefaßt, und wie groß ſein Verlangen war, ihn gewiſſenhaft zu halten, er wurde dennoch mitten in der Nacht durch einen gewaltigen Lärmen von Wagen und berittenen Lackeien aufgeweckt. Eine plötzliche Beleuchtung überſtrömte die Wände ſeines Zimmers; er ſprang im Hemd aus dem Bette und lief ans Fenſter. „Kommt der König zufällig zurück?“ dachte er, ſich die Augen ausreibend;„denn das iſt in der That ein Gefolge, das nur einer königlichen Perſon gehören kann.“ „Es lebe der Herr Oberintendant!“ rief oder ſchrie vielmehr an einem Fenſter des Erdgeſchoſſes eine Stimme, in welcher er die von Bazin erkannte, der, während er ſchrie, mit einer Hand ein Sacktuch ſchwang und in der andern einen großen Leuchter hielt. D'Artagnan ſah nun etwas wie eine glänzende menſchliche Geſtalt ſich aus dem Schlage der Haupt⸗ carroſſe neigen; zu gleicher Zeit ließ ein, ohne Zweifel durch das ſeltſame Ausſehen von Bazin erregtes, langes Gelächter, das aus derſelben Carroſſe hervorkam, wenn man ſo ſagen darf, einen freudigen Streifen auf dem Wege des raſchen Zuges zurück. „Ich hätte wohl ſehen müſſen, daß es nicht der N8N ANE —8 —₰ 33 König iſt,“ ſagte d'Artagnan,„man lacht nicht ſo treu⸗ herzig, wenn der König vorüber kommt.“ „He! Bazin!“ rief er ſeinem Nachbar zu, der ſich zu drei Vierteln mit ſeinem Leibe aus dem Fenſter neigte, um dem Wagen länger folgen zu können. „Hel was iſt das?“ „Es iſt Herr Fouquet,“ antwortete Bazin mit einer Protectorsmiene. „Und alle dieſe Leute?“ „Das iſt der Hof von Herrn Fouquet.“ „Oho! was würde Herr von Mazarin ſagen, wenn er das hörte!“ Und er legte ſich ganz träumeriſch wieder nieder und fragte ſich, wie es komme, daß Aramis ſtets von den Mächtigſten des Reiches protegirt werde. „Sollte er mehr Glück haben als ich, oder ſollte ich dummer ſein als er?— Bah!“ Dies war das Schlußwort, mit welchem d'Artagnan, weiſe geworden, nun jeden Gedanken und jede Periode ſeines Styls endigte. Früher ſagte er: Mordioux, was ein Spornſtreich war, aber nun, da er alt, murmelte er dieſes philoſophiſche Bahl das allen Leidenſchaften als Ziel diente. Die drei Musketiere. Bragelonne. l 3 IV. Worin d'Artagnan Porthos kucht und nur Musqueton ſindet. Als d'Artagnan ſich überzeugt hatte, daß der Herr Generalvicar d'Herblay abweſend, und daß ſein Freund weder in Melun, noch in der Gegend zu finden war, verließ er Bazin ohne Bedauern, ſchaute das prächtige Schloß Vaux, das in jener Herrlichkeit, die ſein Ruin war, zu glänzen anfing, mit einem mürriſchen Geſichte an, kniff ſich die Lippen wie ein mißtrauiſcher, argwöh⸗ niüſcher Menſch, gab ſeinem Schecken die Sporen und agte: 1 „Immerzu, in Pierrefonds werde ich abermals den beſten Menſchen und die beſte Kaſſe finden. Ich Preuche aber nichts Anderes, da ich einen Gedanken ha e.“— 8. Wir wollen den Leſer mit den proſaiſchen Vorfäl⸗ len von d'Artagnan verſchonen, der Pierrefonds am Morgen des dritten Tages erreichte. D'Artagnan kam durch Manteuil⸗le⸗Haudouin und Crépy. Von ferne ſah er das Schloß von Louis von Orleans das, Krondo⸗ mäne geworden, unter der Obhut eines alten Haus⸗ meiſters ſtand. Es war eines von den wunderbaren Herrenhäuſern des Mittelalters mit zwanzig Fuß dicken 1 3 Mauern und hundert Fuß hohen Thürmen. D'Artagnan ritt an ſeinen Mauern hin, maß ſeine 8 Thürme mit den Augen und ſtieg im Thal ab. Aus der Entfernung überſchaute er das Schloß von Porthos, das am Ufer eines großen Teiches lag und ſich an einen herrlichen Wald anlehnte. Es iſt dasſelbe, das wir — ☛ ⁸ N GO 8BE&⏑☛* —— au uAꝗ— w —— 2 35 ſchon unſern Leſern zu beſchreiben die Ehre gehabt ha⸗ ben, und wir beſchränken uns daher darauf, es nur zu bezeichnen. Das Erſte, was d'Artagnan nach den ſchoͤ⸗ nen Bäumen, nach der Maiſonne, welche die grünen Hügel vergoldete, und nach den mit friſchem Laub be⸗ deckten Waldungen erblickte, die ſich gegen Compiègne ausdehnen, war ein großer rollender Kaſten, geſchoben von zwei Lackeien und gezogen von zwei anderen. In dieſem Kaſten befand ſich ein ungeheures grün und gol⸗ denes Ding, das geſchoben und gezogen die lachenden Alleen des Parkes durchmaß. Von fern war dieſes Ding unerklärbar und bedeutete durchaus nichts; betrachtete man es näher, ſo war es ein in grünes, mit Galonen beſetztes Tuch gehülltes Faß; kam man noch näher, ſo erkannte man einen Menſchen, deſſen untere Extremität ſich in dem Kaſten ausbreitete und deſſen Inhalt aus⸗ füllte; am Ende aber war es Mousqueton, Mousqueton weiß von Haaren und roth von Geſicht wie Polichinelle. „Bei Gott!“ rief d'Artagnan,„es iſt der liebe Herr Mouſton.“ „Ah!“ rief der Dicke,„ah! welch ein Glück! welche Freude! es iſt Herr d'Artagnan!... haltet, Ihr Lümmel!“ 3 Dieſe letzten Worte waren an die Lackeien gerichtet, die ihn zogen und ſchoben. Der Kaſten hielt an, und mit einer ganz militäriſchen Pünktlichkeit nahmen die vier Lackeien gleichzeitig ihre galonnirten Hüte ab und ſtellten ſich hinter dem Kaſten auf. „Ahl Herr d'Artagnan,“ ſprach Mousqueton,„warum kann ich nicht Eure⸗Kniee umfaſſen! Aber ich bin, wie Ihr ſeht, unbeholfen geworden.“ „Eil mein lieber Mousqueton, das macht das Alter.“ „Nein, gnädiger Herr, nicht das Alter, ſondern die Gebreſten, der Kummer.“ 8 „Kummer! Ihr, Mousqueton!“ ſagte d'Artagnan, während er rings um den Kaſten ging;„ſeid Ihr ver⸗ 36 rückt, mein lieber Freund? Gott ſei Dank! Ihr befindet Euch wie eine dreihundertjährige Eiche!“ „Ah! die Beine, gnädiger Herr, die Beine!“ ent⸗ gegnete der treue Diener. „Wie, die Beine!“ „Ja, ſie wollen mich nicht mehr tragen.“ „Die undankbaren! Ihr nährt ſie indeſſen gut, wie mir ſcheint, mein lieber Mousqueton.“ „Ach! ja. Sie haben mir in dieſer Hinſicht keinen Vorwurf zu machen,“ erwiederte Mousqueton mit einem Seufzer;„ich habe ſtets für meinen Körper gethan, was ich konnte, denn ich bin nicht ſelbſtſüchtig.“ Und er ſeufzte abermals. „Will Mousqueton auch Baron werden, daß er ſo ſeufzt?“ dachte d'Artagnan. „Mein Gott, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, ſich einer peinlichen Träumerei entreißend,„wie glücklich wird es Monſeigneur machen, daß Ihr an ihn gedacht habt.“ „Der gute Porthos!“ rief d'Artagnan,„ich brenne vor Begierde, ihn zu umarmen!“ „Oh!“ ſprach Mousqueton gerührt,„ich werde es ihm ganz gewiß ſchreiben, gnädiger Herr.. „Wie!“rief d'Artagnan,„Du wirſt es ihm ſchreiben; 24 „Heute noch, ohne Verzug. 4 „Er iſt alſo nicht hier?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Doch er iſt in der Nähe? er iſt nicht fern?4 „Ei! weiß ich es, gnädiger Herr, weiß ich es?“ verſetzte Mousqueton. „Mordioux!“ rief der Musketier, mit dem⸗ Fuß 4 gampfend, yich habe doch Unglück! Porthos, der⸗ Stu⸗ benhocker!“ 3 „Gnädiger Herr, es kann keinen Menſchen geben, der li diebe zu Hauſe iſt, als Monſeigneur..„Sber... 4 as?. „Wenn ein Freund dringt...“ —— 37 „Ein Freund?“ „Ei! allerdings, der würdige Herr d'Herblay.“ „Aramis iſt in Porthos gedrungen?“ „Hoͤrt, wie ſich die Sache verhält, Herr d'Ar⸗ tagnan: Herr d'Herblay ſchrieb an Monſeigneur...“ „Wahrhaftig!“ „Einen Brief, einen ſo dringlichen Brief, gnädiger Herr, daß hier Alles dadurch in Aufruhr gebracht wurde.“ „Erzähle mir das, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan, „doch ſchicke zuvor dieſe Herren ein wenig weg.“ Mousqueton ſtieß ein:„Packt Euch, Ihr Schlin⸗ gel!“ mit einer ſo mächtigen Lunge aus, daß der Hauch ohne die Worte genügt hätte, um die vier Lackeien wie Dunſt verfliegen zu machen. D'Artagnan ſetzte ſich auf die Deichſel des Kaſtens und öffnete ſeine Ohren. „Gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton,„Monſeigneur bekam alſo einen Brief vom Herrn Generalvicar d'Her⸗ blay... vor acht oder neun Tagen: es war am Tag der ländlichen Vergnügungen, ja, an einem Mitt⸗ woch folglich.“ „Wie ſo?“ verſetzte d'Artagnan;„am Tag der ländlichen Vergnügungen?“ „Ja, gnädiger Herr; wir hatten ſo viele Vergnü⸗ gungen in dieſer köſtlichen Gegend, daß wir völlig da⸗ mit überhäuft waren und uns genöthigt ſahen, eine Vertheilung einzuführen.“ „Wie ſehr erkenne ich hierin die Ordnungsliebe von Porthos. Mir wäre dieſer Gedanke nicht gekom⸗ men. Es iſt allerdings wahr, ich bin mit Vergnügun⸗ gen nicht überhäuft.“ „Wir waren es,“ ſagte Mousqueton. „Und wie habt Ihr das eingerichtet 24 fragte d'Artagnan. „Das iſt ein wenig lang, gnädiger Herr.“ „Gleichviel, wir haben Zeit, und dann ſprecht Ihr ſo gut, mein lieber Mousqueton, daß es eine wahre Freude iſt, Euch anzuhoͤren.“ „Es iſt richtig,“ ſprach Mousqueton mit einem Zeichen der Zufriedenheit, welches offenbar davon her⸗ rührte, daß man ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ; „es iſt richtig, ich habe große Fortſchritte in der Ge⸗ ſellſchaft von Monſeigneur gemacht.“ „Mousqueton, ich erwarte die Vertheilung der Vergnügungen und zwar mit Ungeduld; ich will wiſſen, ob ich an einem guten Tag angekommen bin.“ „Oh! Herr d'Artagnan,“ erwiederte Mousqueton ſchwermüthig,„ſeitdem Monſeigneur abgereiſt iſt, ſind alle Vergnügungen entflohen.“ „Nun, mein lieber Mousqueton, ſammelt Eure Er⸗ innerungen.“ „Mit welchem Tag wollen wir anfangen?“ „Fangt mit dem Sonntag an, das iſt der Tag des Herrn.“ „Dai dem Sonntag, Herr d'Artagnan?“ „Ja.“ „Sonntag, religioͤſe Vergnügungen: Monſeigneur geht in die Meſſe, nimmt das geweihte Brod und läßt ſich von ſeinem gewöhnlichen Geiſtlichen Predigten hal⸗ ten und Lehren geben. Das iſt nicht ſehr beluſtigend; doch wir erwarten einen Carmeliter von Paris, der un- ſere Pfarrei verſehen wird, und der ſehr gut ſpricht, wie man verſichert; das wird uns aufwecken, denn der gegenwärtige Pfarrer ſchläfert uns ein. Am Sonntag alſo religiöſes Vergnügen. Am Montag weltliche Ver⸗ gnügungen.“ „Ahl ah!“ ſagte d'Artagnan,„was verſtehſt Du. darunter, Mousqueton? Laß ein wenig hören, wie dieſe weltlichen Vergnügungen beſchaffen ſind.“ „Gnädiger Herr, am Montag gehen wir in Geſell⸗ ſchaft, wir empfangen, wir machen Beſuche; man ſpielt Laute, man tanzt, man macht Reime nach vorgeſchrie⸗ benen Sylben oder verbrennt endlich ein wenig Weih⸗ rauch zu Ehren der Damen.“ „Teufel!“ rief der Musketier, der die ganze Stärke 4 39 ſeiner Beugemuskeln zu Hülfe rufen mußte, um eine ungeheure Luſt zum Lachen zu unterdrücken,„Teufel! das iſt äußerſt galant.“ „Dienſtag, gelehrte Vergnügungen.“ 3 „Ah!l gut!“ ſagte d'Artagnan,„wie ſind dieſe? ſetze mir das ein wenig auseinander, mein lieber Mous⸗ queton.“ „Monſeigneur hat eine Weltkugel gekauft, die ich Euch zeigen werde; ſie füllt den ganzen Umfang des großen Thurmes, mit Ausnahme einer Gallerie, die er über der Kugel hat bauen laſſen; es ſind Bindfaden und Meſſingdrähte da, an welchen man die Sonne und den Mond angehängt hat. Das dreht ſich und iſt ſehr ſchön. Monſeigneur zeigt mir die Meere und die ent⸗ fernten Länder; wir verſprechen uns, nie dahin zu ge⸗ hen. Das iſt voll Intereſſe.“ „Voll Intereſſe, ganz richtig,“ wiederholte d'Ar⸗ tagnan.„Und am Mittwoch?“ „Am Mittwoch ländliche Vergnügungen, wie ich Euch ſchon zu ſagen die Ehre gehabt habe: wir ſchauen die Schafe und Ziegen von Monſeigneur anz wir laſſen die Schäferinnen bei Schallmeien und Sackpfeifen tan⸗ zen, wie in einem Buch geſchrieben iſt, das Monſeigneur in ſeiner Bibliothek beſitzt und das den Titel halt: Schäferinnen. Der Verfaſſer iſt kaum vor einem Monat geſtorben.“ „Herr Racan vielleicht?“ „So iſt es, Herr Racan. Doch das iſt noch nicht Alles. Wir fiſchen mit der Leine in dem kleinen Canal, wonach wir mit Blumen bekränzt zu Mittag ſpeiſen. Dies für den Mittwoch.“ „Teufel!“ ſagte d'Artagnan,„der Mittwoch iſt nicht ſchlecht eingetheilt. Und der Donnerſtag? was kann dem armen Donnerſtag bleiben?“ 3 „Er iſt nicht unglücklich, gnädiger Herr,“ erwie⸗ derte Mousqueton lächelnd.„Am Donnerſtag olympiſche Spiele. Ahl gnädiger Herr, das iſt herrlich! Wir laſſen alle jungen Vaſallen von Monſeigneur kommen; ſte werfen die Scheibe, ſie ringen, ſie kämpfen, ſie hal⸗ ten Wettläufe. Monſeigneur läuft nicht mehr, ich auch nicht. Aber Monſeigneur wirft die Scheibe wie kein Anderer. Und wenn er einen Fauſtſchlag gibt, o welch ein Unglück!“ „Wie, welch ein Unglück?“ „Ja, gnädiger Herr, man iſt genöthigt geweſen, auf den Streithandſchuh Verzicht zu leiſten: er zer⸗ ſchmetterte die Schädel, zerbrach die Kinnbacken, drückte die Bruſt ein. Das iſt ein reizendes Spiel, aber Nie⸗ mand wollte es mehr mit ihm ſpielen.“ „Alſo das Fauſtgelenke...“ „Oh! gnädiger Herr, das iſt ſolider als je. Mon⸗ ſeigneur läßt in den Beinen ein wenig nach, er geſteht es ſelbſt; doch das hat ſich in die Arme geflüchtet.“ „So daß er wie früher Ochſen niederſchlägt?“ „Noch beſſer, Herr d'Artagnan, er drückt Mauern ein. Kürzlich, nachdem er bei einem ſeiner Pächter zu Nacht gegeſſen hatte, Ihr wißt, wie populär und gut Monſeigneur iſt, nach dem Nachteſſen, ſage ich, macht er den Spaß und gibt der Mauer einen Fauſtſchlag. Die Mauer ſtürzt ein, das Dach ſinkt nach und drei Männer und eine alte Frau ſind erſtickt.“ 4 „Guter Gott! Mousqueton, und Dein Herr?“ „Ohl Herr d'Artagnan, ihm wurde nur der Kopf ein wenig geſchunden. Wir machten ihm Umſchläge auf dem wunden Fleiſch mit einem Waſſer, das uns die Nonnen gaben. Doch nichts an der Fauſt.“ „Nichts?“ „Gar nichts, Herr d'Artagnan.“ „Genug mit den olympiſchen Spielen! ſie müſſen zu theuer zu ſtehen kommen, denn die Witwen und die Waiſen..“ 3 „Man gibt ihnen Penſion, gnädiger Herr; ein Zehntel vom Einkommen von Monſeigneur wird dazu verwendet.“ 41 „Gehen wir auf den Freitag über,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan.. „Am Freitag edle und kriegeriſche Vergnügungen. Wir jagen, wir üben uns in den Waffen, wir richten Falken ab, wir reiten Pferde zu. Der Samſtag iſt der Tag der geiſtigen Vergnügungen: wir rüſten unſern Geiſt aus, wir ſchauen die Gemälde und die Statuen von Monſeigneur an; wir ſchreiben ſogar und zeichnen Pläne; wir ſchießen endlich mit den Kanonen von Mon⸗ ſeigneur.“— „Ihr zeichnet Pläne und brennt die Kanonen ab?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Mein Freund,“ ſagte d'Artagnan,„Herr du Vallon beſitzt in der That den ſchärfſten und liebenswürdigſten Geiſt, den ich kenne; doch es gibt eine Art von Ver⸗ gnügungen, die Ihr, wie mir ſcheint, vergeſſen habt.“ „Welche, gnädiger Herr?“ fragte Mousqueton ängſtlich. „Die materiellen Vergnügungen.“ Mousqueton erröthete. „Was verſteht Ihr hierunter, Herr d'Artagnan?“ ſagte er, die Augen niederſchlagend. „Ich verſtehe darunter die Tafel, den guten Wein, den Abend mit dem Kreiſen der Flaſche ausgefüllt.“ „Ah! gnädiger Herr, dieſe Vergnügungen zählen nicht, denn wir treiben ſie alle Tage.“ „Mein braver Mousqueton,“ ſagte d'Artagnan, „verzeih mir, ich war dergeſtalt von Deiner reizenden Erzählung in Anſpruch genommen, daß ich darüber den Hauptpunkt unſeres Geſpräches vergaß, nämlich den, daß ich wiſſen wollte, was der Herr Generalvicar d'Herblay Deinem Herrn geſchrieben haben mochte.“ „Es iſt wahr, Herr d'Artagnan, die Vergnügungen haben uns zerſtreut. Nun, ſo hört, wie die Sache ſich verhält.“ „Ich höre, mein lieber Mouston.“ „Am Mittwoch..“ „Am Tage der ländlichen Vergnügungen?“ „Ja... am Mittwoch kommt ein Brief, er empfängt ihn aus zneinen Händen. Ich hatte die Schrift erkannt.“ „Nun?“ „Monſeigneur lieſt ihn und ruft:„„Geſchwinde, meine Pferde! meine Waffen!“ „Ah! mein Gott!“ ſagte d'Artagnan,„abermals ein Duell?“ F„Nein, gnädiger Herr; der Brief enthielt nur die. Worte:„„Lieber Porthos, begebt Euch auf den Weg, wenn Ihr vor Nachtgleiche ankommen wollt. Ich er⸗ warte Euch.““ „Mordioux!“ murmelte d'Artagnan träumeriſch,„das iſt dringend, wie es ſcheint.“ „Ich glaube wohl... Und ſo reiſte Monſeigneur noch an demſelben Tag mit ſeinem Secretaire ab, um wo möglich zu rechter Zeit einzutreffen.“ „Und er iſt wohl zu rechter Zeit angekommen?“ „Ich hoffe es. Monſeigneur, der, wie Ihr wißt, ſehr rüſtiger Natur iſt, wiederholte unabläßig:„„Don⸗ ner Gottes, was iſt denn das, Nachtgleiche? Teu⸗ fel! das muß gut beritten ſein, wenn es vor mir an⸗ kommen ſoll.““ „Und Du glaubſt, daß Porthos zuerſt eingetroffen iſt?“ fragte d'Artagnan. „Ich bin deſſen ſicher. Nachtgleiche, ſo reich das auch ſein mag, hat gewiß keine Pferde, wie Monſeig⸗ neur.“ D. Artagnan bezwang ſeine Lachluſt, weil ihm die. Kürze des Briefes von Aramis viel zu denken gab. Er 3 folgte Mousqueton, oder vielmehr dem Karren von Mousqueton bis ins Schloß und ſetzte ſich an eine üppig beſtellte Tafel, deren Honneurs man ihm wie einem König machte. Doch er vermochte nicht mehr aus Mousgueton herauszubringen. Der treue Diener weinte nach Herzensluſt und das war Alles. 4 Nachdem d'Artagnan eine Nacht in einem vortreff⸗ 43 lichen Bett zugebracht hatte, träumte er viel über den Sinn des Briefes von Aramis, beunruhigte er ſich über die Beziehungen der Nachtgleiche zu den Angelegenhei⸗ ten von Porthos, und da er nichts begriff, wenn nicht, daß es ſich um ein Liebſchäftchen des Biſchofs handelte, für welches die Tage nothwendig den Nächten gleich ſein müßten, ſo verließ d'Artagnan Pierrefonds, wie er Melun, wie er das Schloß des Grafen de la Fore ver laſſen hatte. Dies geſchah jedoch nicht ohne eine Schwer⸗ muth, welche mit Fug und Recht für eine der düſterſten Launen von d'Artagnan gelten konnte. Den Kopf ge⸗ ſenkt, das Auge ſtier, ließ er ſeine Beine auf beiden Seiten ſeines Pferdes herabhängen und ſagte zu ſich ſelbſt in jener ſchwankenden Träumerei, welche zuwei⸗ len bis zur erhabenſten Beredtſamkeit aufſteigt: „Keine Freunde, keine Zukunft, nichts mehr! Meine Kräfte ſind gebrochen, wie der Bund unſerer vergange⸗ ner Freundſchaft! Oh! das Alter kommt, kalt, uner⸗ bittlich; es hüllt in ſeinen Trauerflor Alles, was in meiner Jugend glänzte, duftete; dann wirft es dieſe ſanfte Bürde auf ſeine Schulter und trägt ſie mit dem Uebrigen in den bodenloſen Abgrund des Todes.“ Ein Schauer ſchnürte dem Gascogner, der gegen alle Unglücksfälle des Lebens ſo ſtark und muthig war, das Herz zuſammen, einige Augenblicke ſchienen ihm die Wolken ſchwarz, kam ihm die Erde ſchlüpfrig und thonig vor, wie die der Friedhöfe. „Wohin gehe ich?...“ fagte er zu ſich ſelbſt; „was will ich machen?... Allein, ganz allein, ohne Familie, ohne Freunde... Bah!“ rief er plötzlich. Und er gab beide Sporen ſeinem Roſſe, das, da es keine Schwermuth in dem kräftigen Hafer von Pierrefonds gefunden hatte, die Erlaubniß benützte, ſeine Heiterkeit durch ein Galopptempo zu zeigen, wel⸗ ches zwei Meilen fortwährte. „Nach Paris!“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt. 44 Und am andern Tag ſtieg er in Paris ab. Er hatte zehn Tage zu dieſer Reiſe gebraucht. V. Was d'Artagnan in Paris machte. 5 5 Der Lieutenant ſtieg vor einem Laden der Rue des Lombards mit dem Schild zum goldenen Morſer ab. Ein Mann von gutem Ausſehen, der eine weiße Schürze trug und ſeinen grauen Schnurrbart mit einer dicken, kräftigen Hand ſtreichelte, ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er den Schecken erblickte. „Herr Chevalier,“ ſagte er,„ah! Ihr ſeid es.“ „Guten Morgen, Planchet,“ erwiederte d'Artagnan, der ſich bückte, um in den Laden einzutreten. „Geſchwinde, herbei, Ihr Leuté,“ rief Planchet, „Einer für das Pferd von Herrn d'Artagnan, Einer für ſein Zimmer, Einer für ſein Abendbrod!“ „Ich danke, Planchet, guten Morgen, meine Kin⸗ der,“ ſagte d'Artagnan zu den eifrigen Ladenburſchen. „Ihr erlaubt, daß ich dieſen Kaffee, dieſen Zucker⸗ ſyrup und dieſe gekochten Weinbeeren beſorge?“ ſagte Planchet,„ſie ſind für die Küche des Herrn Oberinten⸗ danten beſtimmt.“ „Beſorge es immerhin.“ „Es iſt in einem Augenblick geſchehen, dann ſpeiſen wir zu Nacht.“. „Mache, daß wir allein ſpeiſen,“ ſagte d'Artagnan, „ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Planchet ſchaute ſeinen ehemaligen Herrn auf eine bezeichnende Weiſe an. 45 „Oh! ſei unbeſorgt, es iſt nur Angenehmes,“ be⸗ merkte d'Artagnan. „Deſto beſſer! deſto beſſer.“ Und Planchet athmete, während d'Artagnan ſich ganz einfach im Laden auf einen Ballen Pfröpfe ſetzte und ſich die Oertlichkeit betrachtete... Der Laden war gut ausgeſtattet; man athmete den Duft von Ingwer, Zimmt und gemahlenem Pfeffer ein, der d'Artagnan nieſen machte. Glücklich, an der Seite eines ſo berühmten Kriegs⸗ mannes, eines Lieutenants der Musketiere zu ſein, der der Perſon des Königs nahe ſtand, arbeiteten die La⸗ denburſche mit einer Begeiſterung, die an Wahnſinn grenzte, und bedienten die Kunden mit einer verächtli⸗ chen Haſt, welche mehr als einem derſelben auffiel. Planchet ſtrich das Geld ein und machte ſeine Rechnungen, in denen er ſich durch Artigkeiten unter⸗ brach, welche an die Perſon ſeines alten Herrn adreſſirt waren. Planchet bediente ſich gegen ſeine Kunden der kurzen Sprache und der ſtolzen Vertraulichkeit des rei⸗ chen Kaufmanns, der Jedermann bedient, aber Niemand erwartet. D'Artagnan bemerkte dieſes Benehmen mit einem Vergnügen, das wir ſpäter auseinanderſetzen wer⸗ den. Er ſah allmälig die Nacht kommen, und endlich führte ihn Planchet in ein Zimmer des erſten Stocks, wo unter Ballen und Kiſten ein ſehr reinlich gedeckter Tiſch die zwei Gäſte erwartete. D'Artagnan benützte einen Augenblick des Zögerns, um Planchet anzuſchauen, den er ſeit einem Jahr nicht geſehen hatte. Der verſtändige Planchet hatte an Bauch zugenommen, aber ſein Geſicht war nicht aufgedunſen. Sein glänzender Blick ſpielte noch mit Leichtigkeit in ſeinen tiefen Augenhöhlen, und das Fett, das alle cha⸗ rakteriſtiſchen Erhabenheiten des menſchlichen Geſichtes nivellirt, hatte weder ſeine hervorſpringenden Backen⸗ knochen, das Merkmal der Liſt und der Gierde, noch ſein ſpitziges Kinn, das Merkmal der Schlauheit und Be⸗ 46 harrlichkeit, erreicht. Planchet thronte mit eben ſo viel Majeſtät im Speiſezimmer, als im Laden. Er bot ſei⸗ nem ehemaligen Herrn ein einfaches Mahl, aber ein Pariſer Mahl: den Braten, im Ofen des Bäckers fertig gemacht, mit den Gemüſen, den Salat und den Nach⸗ tiſch aus dem Laden ſelbſt genommen. D'Artagnan war ſehr zufrieden, daß der Spezereihändler hinter einem Faſſe eine Flaſche Anjou⸗Wein hervorzog, was während des hander Lebens von d'Artagnan deſſen Lieblingswein geweſen. „Früher, gnädiger Herr,“ ſagte er mit einem treu⸗ herzigen Lächeln,„früher war ich es, der Euren Wein trank, nun ſeid Ihr es, der den meinen trinkt.“ „Und, Gott ſei Dank, Planchet, ich werde ihn, wie ich hoffe, noch lange trinken, denn jetzt bin ich frei.“ „Frei! Ihr habt einen Urlaub, Herr?“ „Einen unbeſchränkten!“ „Ihr verlaßt den Dienſt?“ fragte Planchet erſtaunt. „Ja, ich ruhe aus.“. „Und der König?“ rief Planchet, der nicht glauben konnte, der Koͤnig vermöchte der Dienſte eines Mannes wie d'Artagnan zu entbehren. 3 „Der König wird anderswo ſein Glück ſuchen... Doch wir haben gut zu Nacht geſpeiſt, Du biſt in der Laune guter Einfälle, Du regſt mich an, Dir Mitthei⸗ lungen zu machen, öffne Deine Ohren.“ „Ich öffne.“ Und Planchet öffnete mit einem mehr treuherzigen, als boshaften Lächeln eine Flaſche weißen Wein. „Laß mir nur meinen Verſtand.“ „Ohl wenn Ihr den Kopf verliert, gnädiger Herr...“ „Nun gehört mein Kopf mir, Planchet, und ich gedenke ihn mehr als je zu ſchonen. Sprechen wir zuerſt von den Finanzen... Wie befindet ſich mein Geld 2 „Vortrefflich, Herr. Die zwanzigtauſend Liyres, die ich von Euch erhalten habe, ſind immer noch in meinem —— u— 47 Geſchäft angelegt und tragen neun Procent. Ich gebe Euch ſieben davon und gewinne auf Euch.“ „Und Du biſt immer noch zufrieden 2 „Entzückt... Ihr bringt mir weitere?“ „Etwas Beſſeres... Aber brauchſt Du denn?“ „Ohl nein... Jeder will mir gegenwärtig an⸗ vertrauen... Ich dehne meine Geſchäfte aus.“ „Das war Dein Plan.“ „Ich mache ein wenig Banque.. Ich kaufe Waa⸗ ren von meinen hülfsbedürftigen Zunftgenoſſen, ich leihe denjenigen Geld, welche wegen der Zahlungen, die ſie zu leiſten haben, in Verlegenheit ſind...“ „Ohne Wucher?“ „Ohl Herr, in der vorigen Woche habe ich zwei Duelle hinter dem Boulevard wegen des Wortes ge⸗ habt, das Ihr ſo eben ausgeſprochen.“ „Wie ſo?“ „Ihr werdet das ſogleich verſtehen: es handelt ſich um ein Anlehen. Der Entlehner gibt mir als Unter⸗ pfand Caſſonadzucker, mit der Bedingung, daß ich dieſen verkaufen könnte, wenn die Heimbezahlung innerhalb einer beſtimmten Friſt nicht ſtattfinden würde. Ich leihe ihm tauſend Livres. Er bezahlt nicht; ich verkaufe den Caſſonadzucker um dreizehnhundert Livres. Er erfährt es und verlangt hundert Thaler. Meiner Treue, ich weigere mich, ſie ihm zu geben, unter dem Vorwond, ich könne die Waare nur um neunhundert Livres verkau⸗ fen. Er ſagt mir, ich treibe Wucher. Ich bitte ihn, mir das hinter dem Boulevard zu wiederholen. Es iſt ein ehemaliger Garde, er kommt, und ich renne ihm Euren Degen durch den linken Schenkel.“ „Alle Wetter! was für eine Banque machſt Du!“ „Bei den dreizehn Procent ſchlage ich mich noch obendrein... das iſt mein Charakter.“ „Nimm nur zwoͤlf und nenne den Reſt Prämie und Maklerlohn.“ 48 „Ihr habt Recht, gnädiger Herr. Doch Eure An⸗ gelegenheit?“ „Ah! Planchet, das iſt ſehr lang und ſehr ſchwer zu ſagen.“ „Sagt es immerhin.“ DArtagnan kratzte ſich am Schnurrbart, wie ein Menſch, der über das Geſtändniß, das er machen will, in Verlegenheit iſt, und demjenigen, welchem er es ma⸗ chen ſoll, mißtraut. „ECs iſt eine Anlage?“ „Jdl. „Von ſchönem Ertrag.“ 8 „Von ſehr ſchoͤnem Nutzen: vierhundert Procent, Planchet.“ 3 Planchet ſchlug ſo gewaltig mit der Fauſt auf den 3 zii, daß die Flaſchen aufſprangen, als ob ſie Angſt ätten. hã „Iſt das bei Gott möglich?“ „Ich glaube, es wird mehr ſein,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan,„doch ich ſage lieber weniger.“. „Ah! Teufel!“ rief Planchet näher hinzurückend... „Aber, gnädiger Herr, das iſt prächtigl Kann man viel Geld dabei anlegen?“ „Jeder zwanzigtauſend Livres, Planchet.“ 45„Das iſt Euer ganzes Haben. Auf wie lange?“ „Auf einen Monat.“ „Und das wird uns eintragen?“ 5„Jedem fünfzigtauſend Livres; rechne.“ 3„Das iſt ungeheuer!... Man wird ſich gut ſchla⸗ gen müſſen... um einen ſolchen Preis.“* 5„Ich glaube in der That, daß man ſich nicht ſchlecht wird ſchlagen müſſen,“ erwiederte d'Artagnan mit der⸗ ſelben Ruhe.„Doch diesmal ſind wir zu zwei, und ich übernehme die Streiche für mich allein.“— „Gnädiger Herr, ich werde es nicht dulden.“ „Planchet, Du kannſt nicht dabei ſein, Du müßteſt Ddeeinen Handel verlaſſen.“ 4 —— ———— — N 49 „Das Geſchäft wird nicht in Paris gemacht?“ „Nein.“ „Ahl im Ausland?“ „In England.“ „Land der Speculationen, es iſt wahr,“ ſagte Plan⸗ chet;„ein Land, das ich genau kenne. Ohne neu⸗ gierig zu ſein, erlaube ich mir doch zu fragen, was für eine Art von Geſchäften es iſt?“ „Es iſt eine Reſtauration.“ „Von Denkmalen?“ „Ja, von Baudenkmalen. Wir werden White⸗Hall reſtauriren.“ „Das iſt bedeutend... Und in einem Monat, glaubt Ihr?“ „Ich übernehme es.“ „Es iſt Eure Sache, gnädiger Herr, und ſobald Ihr Euch einmal damit befaßt.“ „Ja, das iſt meine Sache... ich bin ganz unter⸗ richtet... Dennoch frage ich Dich gern um Rath.“ „Viel Ehre... doch ich verſtehe mich ſchlecht auf Architektur.“ „Planchet, Du haſt Unrecht, Du biſt ein vortreff⸗ licher Baumeiſter... eben ſo gut als ich bei dem,. wovon die Rede iſt.“ „Ich danke...“ „Ich geſtehe, ich war verſucht, die Sache den be⸗ wußten Herren anzubieten, aber ſie ſind von ihren Häu⸗ ſern abweſend... Das iſt ärgerlich, ich kenne keine kühnere, geſchicktere...“ „Ah! wie es ſcheint, wird eine Concurrenz eintre⸗ ten und das Unternehmen ſtreitig gemacht werden?“ Ohl.. ja, Planchet, jal..“ „Ich brenne vor Begierde, etwas Näheres zu hören.“ „Gut.. 3 ſchließe zuvor alle Thüren.“ „Ja, gnädiger Herr.“ Und Planchet ſchloß ſich, den Schlüſſel dreimal umdrehend, ein. Die drei Musketiere. Bragelonne. U. 4 „Gut... nun ſetze Dich zu mir.“ Planchet gehorchte. „ DDoch öffne auch das Fenſter, das Geräuſch der Vorübergehenden und der Wagen wird alle diejenigen taub machen, die uns hören könnten.“ Planchet öffnete das Fenſter, wie man es ihn hieß, und die Strömung des Geräuſches, die ſich im Innern fing,— Schreien, Bellen, Räder, Tritte,— betäubte ſelbſt d'Artagnan, wie er es gewünſcht hatte. Da trank 5 ein Glas weißen Wein und fing mit folgenden Wor⸗ en an: „Planchet, ich habe einen Gedanken.“ „Ah! gnädiger Herr, daran erkenne ich Euch,“ ſagte der Specereihändler, ſchnaubend vor Ungeduld. VI. Von der Geſellſchaft, die ſich in der Rue des Lombards, unter dem Schilde zum goldenen Mörſer, zur Ausbeutung des Gedankens von Herrn d'Artagnan bildet. Nach einem Augenblick, in welchem er nicht nur einen Gedanken, ſondern alle ſeine Gedanken zu ſammeln ſchien, fuhr d'Artagnan fort: „Mein lieber Planchet, Du mußt wohl von Sei⸗ ner Majeſtät König Karl I. von England haben ſpre⸗ chen hören?“ „Leider, ju, gnädiger Herr, denn Ihr habt Frank⸗ reich verlaſſen, um ihm Huͤlfe zu leiſten, doch er ſiel ——„— 51 trotz dieſer Hülfe und hätte Euch beinahe in ſeinen Sturz hineingeriſſen.“ „Ganz richtig, ich ſehe, daß Du ein gutes Gedächt⸗ niß haſt, Planchet.“ „Peſt! gnädiger Herr, man müßte ſich wundern, wenn ich dieſes Gedächtniß, ſo ſchlecht es auch wäre, verloren hätte. Hat man Grimaud, der, wie Ihr wißt, nicht beſonders viel erzählt, erzählen hören, wie der Kopf von König Karl gefallen iſt, wie Ihr eine halbe Nacht in einem minirten Schiffe gefahren ſeid und den guten Herrn Mordaunt, einen gewiſſen Dolch mit gol⸗ denem Heft in der Bruſt, habt auf das Waſſer zurück⸗ kommen ſehen, ſo vergißt man dergleichen Dinge nicht.“ „Es gibt doch wohl Menſchen, die ſie vergeſſen, Planchet.“ „Ja, diejenigen, welche ſie nicht geſehen haben oder nie von Grimaud erzählen hörten.“ „Nun, deſto beſſer, da Du Dich aller dieſer Dinge entſinnſt, ſo brauche ich Dich nur an Eines zu erinnern, daran, daß König Karl I. einen Sohn hatte.“ „Er hatte ſogar zwei, ohne Euch Lügen ſtrafen zu wollen, Herr,“ entgegnete Planchet,„denn ich habe den zweiten, den Herrn Herzog von York, eines Tags in Paris geſehen, als er ſich in's Palais⸗Royal begab, und man verſicherte mich damals, es wäre dies der zweite Sohn von König Karl 1. Was den älteſten betrifft, ſo habe ich nur die Ehre, ihn dem Numen nach, nicht aber von Geſicht zu kennen.“ „Das iſt es gerade, worauf wir kommen müſſen, Planchet: nämlich auf den älteſten Sohn, der früher Prinz von Wales hieß und ſich nun Karl II. König von England nennt.“ 3„Koͤnig ohne Königreich, Herr,“ ſprach Planchet mit gewichtiger Miene. 3„Ja, Planchet, und Du kannſt beifügen, ein un⸗ glücklicher Prinz, unglücklicher, als ein in dem elende⸗ den Quartier von Paris verlorener Menſch aus dem Volk. Planchet machte eine Geberde voll jenes alltägli⸗ chen Mitleids, das man den Fremden bewilligt, von denen man denkt, man werde nie mit ihnen in Berüh⸗ rung kommen. Dabei ſah er in dieſer politiſch ſenti⸗ mentalen Operation keinen Handelsgedanken von Herrn. v'Artagnan zum Vorſchein kommen, und ein ſolcher Ge⸗ danke war es hauptſächlich, worauf er wartete. D'Ar⸗ tagnan, der die Dinge und die Menſchen zu begreifen gewohnt war, begriff auch Planchet. „Ich komme zur Sache,“ ſagte er.„Dieſer junge Prinz, dieſer König ohne Königreich, wie Du rich⸗ tig bemerkteſt, hat mich ſehr intereſſirt. Ich, d'Artag⸗ nan, habe ihn bei Mazarin, der ein Knauſer, um Bei⸗ ſtand, bei Ludwig, der ein Kind iſt, um Hülfe flehen ſehen, und mir, der ich mich darauf verſtehe, kam es vor, als ob in dieſem verſtändigen Auge des entſetzten Königs, in dem Adel ſeiner ganzen Perſon, der uͤber all ſeinem Unglück oben ſchwimmen geblieben iſt, Stoff zu einem Mann von Herz und zu einem König läge.“ Planchet billigte ſtillſchweigend: dies Alles gab, wenigſtens in ſeinen Augen, noch keine Aufklärung über die Idee von d'Artagnan. Der Musketier fuhr fort: „Ich habe nun folgendermaßen geurtheilt. Höre wohl, Planchet, denn wir nähern uns dem Schluß.“ „Ich höre.“ „Die Könige ſind nicht ſo dicht auf der Erde ge⸗ ſät, daß ſie die Völker da finden, wo ſte ihrer beduͤr⸗ fen. Dieſer König ohne Königreich aber iſt meiner Anſicht nach ein vorbehaltenes Korn, das in irgend einer Jahreszeit zur Blüthe gelangen muß, vorausge⸗ ſetzt, daß es eine geſchickte, diserete und kräftige Hand, den Boden, den Himmel und den Zeitpunkt auswählend, einſät.“ 4 Planchet billigte immer mit dem Kopf, und dies bewies, daß er immer noch nicht begriff. ————, —O N N AR ᷣ̈ 53 „Armes, kleines Königskorn! ſagte ich zu mir ſelbſt, und in der That, ich war wirklich gerührt, Plan⸗ chet, was mich auf den Gedanken bringt, ich gehe mit einer Dummheit um, und deshalb wollte ich Dich um Rath fragen, mein Freund.“ Planchet erröthete vor Vergnügen und Stolz. „Armes, kleines Königskorn! ich hebe dich auf und will dich in eine gute Erde werfen.“ „Ah! mein Gott,“ rief Planchet, indem er ſeinen alten Herrn ſtarr anſchaute, als zweifelte er an dem Zuſtand ſeiner Vernunft. „Nun, was?“ fragte d'Artagnan,„wasverletzt Dich?“ „Mich, nichts, gnädiger Herr.“ „Du haſt geſagt:„„Ah! mein Gott!“4 „Ihr glaubt?“ „Ich bin deſſen ſicher. Sollteſt Du ſchon begreifen?“ „Ich geſtehe, Herr d'Artagnan, ich habe bange...“ „Zu begreifen?“ „Ja.“ 4 „Zu begreifen, ich wolle Karl II., der keinen Thron mehr aat, wieder den Thron beſteigen machen? Iſt o 44 Planchet ſprang auf eine ganz wunderbare Weiſe von ſeinem Stuhle auf und rief: „Ah! ahl das nennt Ihr alſo eine Reſtauration?“ „Ja, Planchet, nennt man die Sache nicht ſo?“ „Allerdings, allerdings. Aber habt Ihr Euch auch wohl PLeuen 2“ a „Das, was dort iſt.“ 274 „Und was iſt dort, Planchet?“ „Vor Allem, gnädiger Herr, bitte ich Euch um Verzeihung, wenn ich mich in dieſe Dinge miſche, welche nichts mit meinem Handel gemein haben: doch da Ihr mir ein Geſchäft vorſchlagt... denn nicht wahr, Ihr ſchlagt mir ein Geſchäft vor? „Ein herrliches, Planchet.“ „Doch da Ihr mir ein Geſchäft vorſchlagt, ſo habe ich das Recht, zu beſtreiten.“ „Streite, Planchet; aus dem Streite geht das Licht hervor.“ „Nun wohl, da es mir der gnädige Herr erlaubt, ſo ſage ich ihm, daß es dort vor Allem die Parlamente ibt.“ 5„Sodann?“ „Sodann die Armee.“ „Gut. Siehſt Du noch etwas?“ „Hernach die Nation.“ „Iſt das Alles?“ 3 „Die Nation, welche zum Sturz und zur Enthaup⸗ tung des ſeligen Königs, des Vaters von dieſem, ein⸗ gewilligt hat und ſich nicht wird Lügen ſtrafen wollen.“ „Planchet, mein Freund,“ ſprach d'Artagnan,„Du urtheilſt wie ein Käſe! Die Nation... die Nation iſt müde dieſer Herren, welche barbariſche Namen fuͤh⸗ ren und ihr Pſalmen vorſingen. Wenn es einmal ge⸗ ſungen ſein ſoll, mein lieber Planchet, ſo habe ich be⸗ merkt, daß die Nationen lieber ein luſtiges Lied als einen Choral ſingen. Erinnere Dich der Fronde, wie hat man damals geſungen? Und das war die gute Zeit!“ „Nicht zu ſehr, nicht zu ſehr, denn ich wäre bei⸗ nahe gehenkt worden.”⸗ 3 „Aber man hat Dich wirklich gehenkt?“ „Nein.“. 3 „Und unter all dieſen Liedern hat Dein Glück ſei⸗ nen Anfang genommen.“ „Das iſt wahr.“ „Du haſt alſo nichts zu ſagen?“ 1 „Doch! ich komme auf die Armee und die Parla⸗ mente zurück.“ „Ich habe geſagt, ich entlehne zwanzigtauſend Livres 3 188 Su N NNK N — N —— 5⁵ von Herrn Planchet und ich füge zwanzigtauſend Liv res von meiner Seite bei; mit dieſen vierzigtauſend Livres bringe ich eine Armee auf die Beine.“. Planchet faltete die Hände; er ſah, daß d'Artagnan ernſthaft war, und glaubte ganz treuherzig, ſein Herr habe den Verſtand verloren. „Eine Armee!... ah! gnädiger Herr,“ erwiederte er mit ſeinem freundlichſten Lächeln, aus Furcht, dieſen Narren zu reizen und einen Wüthenden aus ihm zu machen.„Eine Armee... von wie viel?“ „Von vierzig Mann,“ antwortete d'Artagnan. „Vierzig gegen vierzigtauſend, das iſt nicht genug. Ich weiß wohl, Ihr ſeid für Euch allein ſo viel werth als tauſend, Herr d'Artagnan; doch wo werdet Ihr neun und dreißig Männer finden, welche Euch an Werth gleichkommen, oder wenn Ihr ſie findet, wer wird Euch das Geld geben, um ſie zu bezahlen?“ „Nicht ſchlecht, Planchet. Ahl Teufel, Du wirſt ein Hofling.“. „Nein, gnädiger Herr, ich ſage, was ich denke, und deshalb ſage ich, daß ich bange habe vor dem erſten regelmäßigen Treffen, das Ihr mit Euren vierzig Mann liefern werdet.“. „Ich werde auch kein regelmäßiges Treffen liefern, mein lieber Planchet,“ erwiederte der Gascogner la⸗ chend.„Wir haben im Alterthum ſehr ſchöne Beiſpiele von klugen Rückzügen und Märſchen, welche darin be⸗ ſtanden, daß man den Feind vermied, ſtatt ihn anzu⸗ greifen. Du mußt das wiſſen, Planchet, Du, der Du die Pariſer an dem Tag befehligteſt, wo ſie ſich hätten gegen die Musketiere ſchlagen ſollen, und der Du die Märſche und Gegenmärſche damals ſo gut zu berechnen wußteſt, daß Du die Place⸗Royale nicht verließeſt.“ Lachend erwiederte Planchet: 8 1 —„Es iſt wahr, wenn ſich Eure vierzig Mann be⸗ ſtändig verbergen, und wenn ſie nicht ungeſchickt ſind, dürfen ſi hoffen, nicht geſchlagen zu werden; doch Ihr habt irgend ein Reſultat im Auge?“ „Ohne allen Zweifel. Vernimm, welches Verfah⸗ ren meiner Anſicht nach anzuwenden iſt, um Seine Ma⸗ jeſtät König Karl II. raſch wieder auf den Thron zu bringen.“ „Gut!“ rief Planchet, ſeine Aufmerkſamkeit ver⸗ doppelnd,„laßt dieſes Verfahren hören. Zuvor ſcheint mir aber, daß wir etwas vergeſſen.“ „Was 2“ „Wir haben die Nation, welche lieber luſtige Lie⸗ der als Pſalmen ſingt, und die Armee, die wir nicht bekämpfen, beiſeit geſtellt; es bleiben jedoch noch die Parlamente, welche nicht ſingen.“ „Und die ſich eben ſo wenig ſchlagen. Wie, Planchet, Du, ein Mann von Verſtand, kümmerſt Dich um einen Haufen ſolcher Schreier und Prahlhänſe? Die Parla⸗ mente kümmern mich nichts.“ „Sobald ſie Euch nichts kümmern, gehen wir dar⸗ über weg, gnädiger Herr.“ „Ja, und kommen wir zum Reſultat. Du erin⸗ nerſt Dich Cromwells, Planchet.“ „Ich habe viel von ihm reden hören, gnädiger Herr.“ „Es war ein gewaltiger Kriegsmann.“ 4 „Und hauptſächlich ein furchtbarer Freſſer.“ „Wie ſo?“ 4 „Ja, er hat mit einem Mal England verſchlungen.“ „Nun, Planchet, wenn Einer am Vorabend des Tages, wo er England verſchlang, Herrn Cromwell verſchlungen hätte?“ „Ahl Herr, es iſt einer der erſten Grundſätze der Mathematik, daß das Enthaltende größer ſein muß, als der Inhalt.“. „„Sehr gut, Planchet! Das iſt gerade unſere An⸗-⸗ gelegenheit.“ „Aber Herr Cromwell iſt todt und ſein Enthalten⸗ des iſt nun das Grab.“ — 57 „Mein lieber Planchet, ich ſehe mit Vergnügen, daß Du nicht nur ein Mathematiker, ſondern auch ein Philoſoph geworden biſt.“ „Gnädiger Herr, bei meinem Specereigeſchäft brauche ich viel gedrucktes Papier und dabei belehre ich mich.“ „Bravol Dann weißt Du alſo,— denn Du haſt die Mathematik und die Philoſophie nicht ohne ein wenig Geſchichte gelernt,— Du weißt, daß nach dem ſo großen Cromwell ein ganz kleiner gekommen iſt.,“ „Ja, der hieß Richard, und er hat es gemacht wie Ihr, Herr d'Artagnan, er hat ſeine Entlaſſung ge⸗ nommen.“ „Gut! ſehr gut! Nach dem Großen, der geſtorben iſt, nach dem Kleinen, der ſeine Entlaſſung genommen hat, kam ein Dritter. Dieſer heißt Herr Monk: das iſt ein ſehr gewandter General, denn er hat ſich nie geſchlagen; es iſt ein ſehr ſtarker Diplomat, denn er ſpricht nie, und ehe er zu einem Menſchen: Guten Morgen! ſagt, denkt er zwölf Stunden nach und ſagt am Ende: Guten Abend! was man dann als ein Wun⸗ der ausſchreit, da es ſich gerade richtig trifft.“ „Ich finde das in der That ſehr ſtark,“ ſprach Planchet;„doch ich kenne einen andern Politiker, der eine große Aehnlichkeit mit dieſem hat.“ „Nicht wahr, Herr von Mazarin?“ „Er ſelbſt.“ „Du haſt Recht, Planchet; nur trachtet Herr von Mazarin nicht nach dem Thron von Frankreich, und das ändert das Ganze, ſiehſt Du? Nun alſo, dieſen Herrn Monk, der England ganz gebraten auf ſei⸗ nem Teller hat und ſchon den Mund aufſperrt, um es zu verſchlingen, dieſen Herrn Monk, der zu den Leuten von Karl II. und zu Karl II. ſelbſt ſagt: Nescio Vos.. ℳ „Ich verſtehe das Engliſche nicht.“ „Ja, aber ich verſtehe es. Nescio vos bedeutet: Ich kenne Euch nicht. Dieſen Herrn Monk, den gewich⸗ tigſten Mann von England, wenn er es verſchlungen haben wird...“— „Nun?“ „Nun, mein Freund, ich gehe hinüber, und mit meinen vierzig Mann entführe ich ihn, packe ich ihn ein und bringe ihn nach Frankreich, wo ſich meinen geblendeten Augen zwei Partien zeigen.“ „Und den meinigen!“ rief Planchet ganz entzückt vor Begeiſterung.„Wir ſperren ihn in einen Käfig und zeigen ihn für Geld.“— „Was Du da gefunden haſt, iſt eine dritte Partie, an die ich nicht dachte.“ S „Findet Ihr ſie gut?“ 3 „Ja, gewiß, doch ich halte die meinigen für beſſer.“ „Laßt die Eurigen hören.“ „1. Ich ſetze ihn auf Loͤſegeld.“ „Auf wie viel?“ „Teufel! ein Burſche dieſer Art iſt wohl hundert⸗ tauſend Thaler werth.“ „Oder?“ „Oder, was noch beſſer iſt, ich überliefere ihn Kö⸗ nig Karl, der, da er weder mehr einen Armeegeneral zu fuͤrchten, noch einen Diplomaten zu überliſten hat, ſich ſelbſt wieder auf den Thron ſetzen und mir, ſobald er darauf ſitzt, die fraglichen hunderttauſend Thaler be⸗ zahlen wird. Das iſt der Gedanke, den ich gehabt habe; was ſagſt Du dazu, Planchet?⸗ „Herrlich, herrlich!“ rief Planchet zitternd vor Auf⸗ regung.„Und wie iſt Euch dieſer Gedanke gekommen?“ „Er iſt mir eines Morgens am Ufer der Loire ge⸗ kommen, während Ludwig XIV., unſer König, Thränen auf der Hand von Fräulein von Mancini vergoß.“ „Gnädiger Herr, ich ſtehe Euch dafür, der Gedanke iſt erhaben. Aber...“ „Ah! es gibt ein aber!“ 8 „Verzeiht. Aber er iſt ein wenig wie die Haut von jenem ſchoͤnen Bären, Ihr wißt, die man verkau⸗ A v 59 fen wollte, welche man jedoch zuvor von dem lebendigen Bären nehmen mußte. Um Herrn Monk zu fangen, wird es nicht ohne einen Kampf abgehen.“ „Allerdings. Doch da ich eine Armee anwerbe..“ „Ja, ja, ich verſtehe, ein Handſtreich. Ohl dann werdet Ihr ſiegen, gnädiger Herr, denn Niemand kommt Euch in ſolchen Treffen gleich.“ „Es iſt wahr, ich habe Glück darin,“ erwiederte »'Artagnan mit ſtolzer Einfachheit;„Du begreifſt, wenn ich hiezu meinen theuren Athos, meinen braven Por⸗ thos und meinen ſchlauen Aramis hätte, ſo wäre die Sache abgemacht; doch ſie ſind verloren, wie es ſcheint, und Niemand weiß, wo man ſie finden ſoll. Ich werde alſo den Schlag allein ausführen. Dänkt Dir nun das Geſchäft gut und die Anlage vortheilhaft?“ „Zu ſehr! zu ſehr!“ „Warum dies?“ „Weil die ſchönen Dinge nie zu Stande kommen.“ „Dieſe Sache iſt unfehlbar, und zum Beweis hie⸗ für dient, daß ich mich ſelbſt dazu verwende. Das wird für Dich ein ziemlich hübſcher Gewinn und für mich ein ziemlich intereſſanter Streich ſein. Man wird ſa⸗ gen:„„So war das Alter don Herrn d'Artagnan. 4 Und ich bekomme einen Platz in den Geſchichten und ſogar in der Geſchichte. Planchet, ich bin lüſtern nach hre. 4 „Gnädiger Herr,“ rief Planchet,„wenn ich be⸗ denke, daß hier bei mir, mitten unter meiner Caſſonade, meinen gedörrten Pflaumen und meinem Zimmt dieſer rieſige Plan zur Reife kommt, ſo iſt es mir, als wäre mein Laden ein Pallaſt.“ „Nimm Dich in Acht, Planchet, nimm Dich in Acht, wenn das Geringſte hievon ruchbar wird, erfolgt die Baſtille für uns Beide; nimm Dich in Acht, Freund, denn wir machen ein Complott. Herr Monk iſt der Reridei: von Herrn von Mazarin, nimm Dich in „Herr, wenn man die Ehre gehabt hat, Guch an⸗ zugehören, ſo weiß man nichts von Furcht, und wenn man ſich des Vortheils erfreut, durch ein gemeinſchaft⸗ liches Intereſſe mit Euch verbunden zu ſein, ſo ſchweigt man.“ V „Sehr gut, das iſt noch mehr Deine Sache, als die meinige, inſofern ich in acht Tagen in England ſein werde.“.. 3„Geht, gnädiger Herr, je eher, deſto beſſer.“ „Das Geld iſt alſo bereit?“ „Morgen ſoll es bereit ſein, morgen werdet Ihr es aus meiner Hand empfangen. Wollt Ihr Gold oder Silber?“ „Gold, das iſt bequemer; doch ſprich, wie werden wir das einrichten?“ „Oh! mein Gott, auf die allereinfachſte Weiſe, Ihr gebt mir nur einen Empfangſchein.“ „Nein, nein,“ entgegnete d'Artagnan,„es muß in allen Dingen Ordnung ſein.“ 3 „Das iſt auch meine Anſicht... doch bei Euch, Herr d'Artagnan...“. „Aber wenn ich dort ſterbe, wenn ich durch eine Musketenkugel getodtet werde, wenn ich zerplatze, weil ich Bier getrunken-habe?“ 8 „Glaubt mir, Herr, in dieſem Fall wäre ich ſo über Euren Tod betrübt, daß ich nicht an das Geld dächte.“ „Ich danke, Planchet, doch das ändert nichts. Wir faſſen, wie zwei Anwaltsſchreiber, einen Vertrag ab, den man einen Geſellſchaftsvertrag nennen könnte.“ „Gern, gnädiger Herr.“ „Ich weiß wohl, daß das ſchwer abzufaſſen iſt, doch wir werden es verſuchen.“. „Verſuchen wir es.“ „Planchet, hole Feder, Tinte und Papier.“ D Artagnan nahm die Feder, tauchte ſie in die Tinte und ſchrieb: — 61 „Zwiſchen Meſſire d'Artagnan, Erlieutenant der Musketiere, gegenwärtig wohnhaft in der Rue Tique⸗ tonne, im Wirthshaus zur Rehziege, „und dem Sieur Planchet, Specereihändler, wohn⸗ haft in der Rue des Lombards, mit dem Schilde zum goldenen Moͤrſer, „Iſt folgender Vertrag abgeſchloſſen worden: „Es bildet ſich eine Geſellſchaft mit dem Kapital von 40,000 Livres zum Behuf der Ausbeutung eines von Herrn d'Artagnan beigebrachten Gedankens. „Der Sieur Planchet, der dieſen Gedanken kennt und in allen Punkten billigt, wird zwanzigtauſend Fran⸗ ken in die Hände von Herrn d'Artagnan bezahlen. „Er wird weder Wiederbezahlung, noch Intereſſe fordern, ehe Herr d'Artagnan von einer Reiſe zurück⸗ kehrt, die er nach England unternimmt.. „Herr d'Artagnan macht ſich ſeinerſeits verbindlich, ebenfalls zwanzigtauſend Livres zu bezahlen und dieſe den zwanzigtauſend Livres beizufügen, die der Sieur Planchet ſchon bezahlt haben wird. „Er wird von genannter Summe von vierzigtau⸗ ſend Livres nach ſeinem Gutdünken Gebrauch machen, wobei er ſich jedoch zu Einem verpflichtet, was hier unten ausgeſprochen werden wird. „An dem Tag, wo Herr d'Artagnan, durch welches Mittel es auch ſein mag, Seine Majeſtät König Karl II. wieder auf den Thron gebracht hat, wird er bezahlen in die Hände von Sieur Planchet die Summe von...“ „Die Summe ves er und fünfzigtauſend Livres,“ ſme Planchet naiv, als er ſah, daß d'Artagnan inne hielt. 1 „Ahl Teufel, wie?“ rief d'Artagnan,„die Thei⸗ un kann nicht zur Hälfte ſtattſinden, das wäre nicht richtig.“ „wWir legen aber jeder die Häͤlfte ein,“ entgegnete Planchet ſchüchtern. „Ja, aber hoͤre die Clauſel, mein lieber Planchet, * und findeſt Du ſie nicht in jeder Hinſicht billig, wenn ſie geſchrieben iſt, nun ſo ſtreichen wir ſie aus.“ Und d'Artagnan ſchrieb: „Da jedoch Herr d'Artagnan zu der Aſſociation außer dem Kapital von zwanzigtauſend Livres ſeine Zeit, ſeinen Gedanken, ſeine Induſtrie und ſeine Haut bei⸗ bringt, Dinge, die er hoch ſchätzt, beſonders das letztere, ſo ſoll Herr d'Artagnan von den dreimal hunderttauſend Livres zweimal hunderttauſend für ſich behalten, wodurch ſein Antheil zwei Drittel bilden wird.“ „Sehr gut!“ rief Planchet. „Iſt das gerecht?“ fragte d'Artagnan. „Vollkommen gerecht.“ „Und Du wirſt mit hunderttauſend Livres zufrie⸗ den ſein?“ „Bei Gott! ich glaube wohl. Hunderttauſend Livres für zwanzigtauſend!“ „Und verſtehſt Du wohl, in einem Monat.“ „Wie, in einem Monat?“ „Ja, ich verlange nicht mehr als einen Monat.“ „Herr d'Artagnan, ich gebe Euch ſechs Wochen,“ ſagte Planchet großmüthig. „Ich danke,“ erwiederte höflich der Musketier. Wonach die zwei Verbündeten die Urkunde noch einmal überlaſen.— „Ganz vollkommen, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet, „der ſelige Herr Coquenard, der erſte Mann der Frau Baronin du Vallon, hätte es nicht beſſer machen koͤnnen.“ „Findeſt Du? Nun! ſo wollen wir unterzeichnen.“ Und Beide unterzeichneten. „Auf dieſe Art werde ich gegen Niemand eine Ver⸗ bindlichkeit haben,“ ſagte d'Artagnan. 3„Aber ich werde eine Verbindlichkeit gegen Euch haben,“ erwiederte Planchet. 3 „Nein, denn ſo zärtlich ich auch an meiner Haut hänge, Planchet, ſo kann ich ſie doch dort laſſen, und * 63 dann verlierſt Du Alles. Wetter! dabei fällt mir die Hauptſache ein, eine unerläßliche Clauſel. Ich ſchreibe: „In dem Fall, daß Herr d'Artagnan bei dem Werke unterliegen würde, wird die Liquidation gemacht ſein, und der Sieur Planchet quittirt dem Schatten von Herrn d'Artagnan für die von ihm in die Kaſſe der genannten Aſſociation eingelegten zwanzigtauſend Livres.“ Bei dieſer letzten Clauſel faltete Planchet die Stirne, als er aber das ſo glänzende Auge, die ſo muskelige Hand, den ſo kräftigen und geſchmeidigen Rückgrath ſeines Aſſocié anſah, da faßte er wieder Muth und fügte ohne Bedauern, ohne Reue ſeiner Unterſchrift noch einen Federzug bei. D'Artagnan that dasſelbe. So wurde der erſte bekannte Geſellſchaftsvertrag abgefaßt; vielleicht iſt man ſeitdem der Form und dem Weſen nach ein wenig davon abgegangen. „Nun aber,“ ſagte Planchet, während er d'Artag⸗ nan ein letztes Glas Wein einſchenkte,„nun aber wol⸗ len wir ſchlafen, mein lieber Herr.“ 3 „Nein,“ erwiederte d'Artagnan,„denn das Schwie⸗ rigſte bleibt noch zu thun und über dieſem Schwierig⸗ ſten will ich träumen.“ „Bah!“ rief Planchet,„ich habe ſo großes Ver⸗ trauen auf Euch, daß ich meine hunderttauſend Livres nicht für neunzigtauſend geben würde.“ „Und der Teufel hole mich, ich glaube, Du hätteſt Recht.“ Hienach nahm d'Artagnan ein Licht, ſtieg in ſein Zimmer hinauf und legte ſich zu Bette. VII. Worin d'Artagnan für das Haus Planchet und Compagnie zu reiſen ſich anſchickt. D'Artagnan träumte ſo gut die ganze Nacht hin⸗ durch, daß ſein Plan ſchon am andern Morgen feſtge⸗ ſtellt war. „So ſoll es ſein!“ ſagte er, indem er ſich in ſei⸗ nem Bett aufſetzte und ſeinen Ellenbogen auf ſein Knie und ſein Knie auf ſeine Hand ſtützte;„ſo ſoll es ſein! Ich ſuche vierzig ſehr ſichere und kräftige Männer unter Leuten aus, die ſich in einer etwas gefährdeten Lebens⸗ lage befinden, aber an die Disciplin gewöhnt ſind. Nichts, wenn ſie nicht zurückkommen, oder die Hälfte ihren Seitenverwandten. Was Koſt und Wohnung be⸗ trifft, ſo geht das die Engländer an, welche Ochſen auf der Weide, Speck im Ständer, Hühner im Geflügelhof und Korn in der Scheune haben. Ich ſtelle mich dem General Monk mit dieſem Corps vor. Er wird mich annehmen. Ich gewinne ſein Vertrauen und mißbrauche es ſo ſchnell als moglich.“ Doch ohne weiter zu gehen, unterbrach ſich d'Ar⸗ tagnan, ſchüttelte den Kopf und fuhr dann wieder fort: „Nein, ich würde es nicht wagen, Athos das zu erzählen: das Mittel iſt alſo nicht ehrenhaft. Ich muß Gewalt brauchen, ich muß es ganz gewiß, ohne daß meine Rechtſchaffenheit dabei in irgend einer Hinſicht im Spiel ſein darf. Mit vierzig Mann durchſtreife ich als Parteigänger das Land. Ja, aber wenn ich nicht vierzigtauſend Engländer treffe, wie Planchet ſagte, ſondern nur ganz einfach vierhundert. Dann werde ich 65 1 geſchlagen, in Betracht, daß ſich unter meinen vierzig Kriegern wenigſtens zehn Glasköpfe finden werden, zehn, die ſich aus Dummheit ſogleich todtſchlagen laſſen. Nein, es iſt in der That unmöglich, vierzig ſichere Leute zu finden; das gibt es nicht. Man muß ſich mit dreißig begnügen. Mit dreißig habe ich das Recht, ein Zuſam⸗ mentreffen mit gewaffneter Hand zu vermeiden,— wegen der kleinen Anzahl meiner Leute, und wenn das Zuſam⸗ mentreffen dennoch ſtattfindet, ſo iſt meine Macht viel ſicherer bei dreißig Mann, als bei vierzig. Ueberdies erſpare ich fünftauſend Franken, nämlich den achten K. meines Kapitals, und das iſt ſchon der Mühe werth. „Abgemacht, ich werde alſo dreißig Mann haben. Ich theile ſie in drei Banden,— wir zerſtreuen uns im Land, mit dem geſchärften Befehl, uns im gegebe⸗ nen Augenblick wieder zu verſammeln; zu zehn und zehn erregen wir, keinen Verdacht und kommen unbe⸗ merkt durch. Ja, ja, dreißig, das iſt eine vortreffliche Zaͤhl. Es ſind drei Zehner, drei, dieſe göttliche Zahl. Und eine Compagnie von dreißig Mann, wenn ſie bei⸗ ſammen iſt, wird immerhin noch etwas Impoſantes haben. „Ohl ich Unglücklicher!“ fuhr d'Artagnan fort, „„ich brauche dreißig Pferde; dadurch kann man ſich zu Grunde richten. Wo Teufels hatte ich den Kopf, daß ich die Pferde vergaß! Man darf nicht daran denken, einen ſolchen Streich ohne Pferde auszuführen. Gut, es ſei, wir wollen dieſes Opfer bringen, aber wir neh⸗ men die Pferde im Lande,— ſie ſind dort nicht ſchlecht. „Doch, alle Wetter! daran dachte ich nicht, zu drei Banden braucht man nothwendig drei Commandanten, und das iſt die Schwierigkeit: einen von drei Comman⸗ danten habe ich ſchon, das bin ich; ja, aber die zwei anderen werden für ſich allein beinahe ſo viel koſten, als die ganze übrige Truppe. Nein, ich müßte offen⸗ Die drei Musketiere. Bragelonne. I. 5 —— 66 bar nur einen Lieutenant haben. In dieſem Fall werde ich dann meine Truppe auf zwanzig Mann beſchränken. Ich weiß wohl, daß zwanzig Mann wenig iſt; da ich aber mit dreißig entſchloſſen war, die Schläge nicht zu ſuchen, ſo werde ich das mit zwanzig noch viel mehr thun. Zwanzig, das iſt eine runde Zahl; das vermin⸗ dert auch die Zahl der Pferde um zehn, was wohl in Betracht zu ziehen iſt... und dann mit einem guten Lieutenant... „Mordioux! wie ſchön ſind doch Geduld und Be⸗ rechnung! Wollte ich mich nicht mit vierzig Mann einſchiffen und nun beſchränke ich mich auf zwanzig mit dem gleichen Erfolg! Zehntauſend Livres Erſparniſſe auf einmal und mehr Sicherheiten, das läßt ſich hören. Jetzt handelt es ſich nur noch darum, dieſen Lieutenant zu finden, finden wir ihn alſo und hernach Das iſt nicht leicht; ich brauche einen braven, wackeren Mann, einen zweiten, wie ich bin. Ja, aber der Lieutenant wird mein Geheimniß beſitzen, und da dieſes Geheimniß eine Million werth iſt und ich meinem Mann nur tau⸗ ſend Livres, hoͤchſtens fünfzehnhundert Livres, bezahle, ſo wird mein Mann das Geheimniß an Monk verkau⸗ fen. Mordiour! keinen Lieutenant. Ueberdies wird die⸗ ſer Mann, und wäre er ſtumm wie ein Schüler von Pythagoras, einen Lieblingsſoldaten bei der Truppe haben, den er zu ſeinem Sergenten macht; der Soldat wird das Geheimniß ergründen, falls jener ehrlich iſt und es nicht verkaufen will. Dann wird der Sergent, minder redlich und minder ehrgeizig, das Ganze für fünfzigtauſend Livres hergeben. Ah! das iſt unmöglich. Der Lieutenant iſt entſchieden unmöglich! Dann aber keine Brüche mehr, ich kann meine Truppe in zwei Theile theilen und auf zwei Punkten zugleich agiren; ohne ein anderes Ich, das... Doch wozu auf zwei Punkten agiren, da wir nur einen Mann zu fangen haben? wozu ſoll ich mein Corps dadurch ſchwächen, daß ich die Rechte hierhin und die Linfe dorthin ſtelle? —— ç228 67 „Ein einziges Corps, Mordiour! ein einziges, und zwar befehligt von d'Artagnan, ahl ſehr gut! Doch zwanzig Mann, die in einer Bande marſchiren, ſind Je⸗ dermann verdächtig; man darf nicht zwanzig Reiter mit einander marſchiren ſehen, ſonſt wird eine Compagnie gegen ſie abgeſchickt, die nach dem Loſungswort fragt und, zeigt man ſich verlegen, es zu geben, Herrn d'Ar⸗ tagnan und ſeine Leute wie Kaninchen niederſchießt. „Ich beſchraͤnke mich alſo auf zehn Mann; auf dieſe Art agire ich einfach und mit, Einheit; ich werde zur Vorſicht genöthigt ſein, was die Hälfte des Gelin⸗ gens bei einer Angelegenheit iſt, wie ich ſie unternehme. Die große Zahl hätte mich vielleicht zu einer Thorheit verleitet. Zehn Pferde zu kaufen oder zu nehmen, iſt keine Schwierigkeit mehr. Oh! ein vortrefflicher Ge⸗ danke, der in alle meine Adern vollkommene Ruhe bringt. Kein Verdacht, kein Loſungswort, keine Gefahr mehr! Zehn Mann ſind Knechte oder Handlungsdiener. Zehn Mann, welche mit Waaren beladene Pferde füh⸗ ren, werden geduldet, überall gut aufgenommen. Zehn Mann reiſen für Rechnung des Hauſes Planchet und Compagnie in Frankreich. Dagegen iſt nichts zu ſagen. Wie Handarbeiter gekleidet, haben dieſe zehn Mann ein gutes Jagdmeſſer, eine gute Muskete auf dem Kreuz des Pferdes und eine gute Piſtole im Holfter. Sie laſſen ſich nie beunruhigen, weil ſie keine ſchlimme Ab⸗ ſichten haben. Sie ſind im Grunde vielleicht ein wenig Schmuggler, doch was thut das? Die Schmuggelei iſt nicht, wie die Vielweiberei, ein Verbrechen, für das man gehenkt wird. Das Schlimmſte, was uns begeg⸗ nen kann, iſt, daß man uns unſere Waaren confiscirt. Was liegt daran, wenn man uns unſere Waaren con⸗ fiscirt! Das iſt in der That ein herrlicher Plan! Nur zehn Mann, zehn Mann, die ich für meinen Dienſt an⸗ werbe; zehn Mann ſo entſchloſſen wie vierzig, die mich wie vier koſten werden, gegen die ich über meinen Plan nicht den Mund öffne, denen ich nur ganz einfach ſage: „„Meine Freunde, es iſt ein Schlag zu thun!““ „Auf dieſe Art müßte der Teufel ſehr ſchlau ſein, ſollte er mir einen von ſeinen Streichen ſpielen. Fünf⸗ zehntauſend Livres erſpart! das iſt herrlich bei zwanzig! Beruhigt und geſtärkt durch ſeine geiſtreiche Berech⸗ nung, blieb d'Artagnan bei dieſem Plan ſtehen und be⸗ ſchloß, nichts mehr daran zu ändern. Er hatte ſchon auf einer Liſte, die ihm ſein nie vertrocknendes Gedächt⸗ niß lieferte, zehn ausgezeichnete Männer aus der Claſſe vom Schickſal mißhandelter oder von den Gerichten be⸗ unruhigter Abenteurer... Hienach ſtand d'Artagnan auf und ging ſogleich auf Forſchung aus, nachdem er Planchet zuvor geſagt hatte, er brauche ihn nicht beim Frühſtück und vielleicht auch nicht beim Mittageſſen zu erwarten. Anderthalb Tage, die er in gewiſſen Winkel⸗ ſchenken von Paris umherlief, genügten ihm für ſeine Ernte, und ohne daß er ſeine Abenteurer ſich mit ein⸗ ander in Verbindung ſetzen ließ, hatte er eine reizende Sammlung von ſchlimmen Geſichtern zuſammengebracht, die ein Franzöſiſch ſprachen, das minder rein war, als das Engliſche, deſſen ſie ſich bedienen ſollten. Es waren meiſtentheils Garden, deren Verdienſt d'Artagnan bei verſchiedenen Gelegenheiten hatte ſchätzen können, Leute, welche die Bollerei, unglückliche Degen⸗ ſtiche, unerwartete Gewinnſte im Spiel oder die ökono⸗ miſchen Reformen von Herrn von Mazarin den Schatten und die Einſamkeit, dieſe zwei großen Tröſter geplagter Seelen, zu ſuchen genöthigt hatten. Sie trugen auf ihrem Geſicht und an ihren Klei⸗ dern die Spuren der Herzensleiden, die ſie ausgeſtan⸗ den. Einige hatten ein zerriſſenes Geſicht, Alle hat⸗ ten zerfetzte Kleider. D'Artagnan half auf das Eifrigſte dieſer brüderlichen Noth durch eine weiſe Vertheilung der Geſellſchaftsthaler ab; er wachte darüber, daß dieſe Thaler zur körperlichen Verſchönerung der Truppe an⸗ gewendet wurden, und beſchied ſeine Rekruten in den — ——— ð ðU— K uu— A 8 69 Norden von Frankreich, zwiſchen Berghes und Saint⸗ Omer. Sechs Tage wurden als unerſtreckliche Friſt gegeben, und d'Artagnan kannte hinreichend den guten Willen, die frohe Laune und die Redlichkeit dieſer Leute, um ſicher zu ſein, es würde nicht Einer beim Appel fehlen. Als dieſe Befehle gegeben waren, als man den Sammelplatz beſtimmt hatte, nahm er von Planchet Abſchied, der ſich bei ihm nach ſeiner Armee erkundigte. D Artagnan hielt es nicht für geeignet, Planchet die Ein⸗ ſchränkung ſeines Perſonals mitzutheilen, denn er be⸗ fürchtete, durch dieſes Geſtändniß das Vertrauen ſeines Aſſocié zu ſchwächen. Planchet freute ſich ungemein, als er hörte, die Armee ſei ganz angeworben, und er ſei eine Art von König auf halbe Rechnung, der von. ſeinem Comptoir⸗Thron aus ein Truppencorps, beſtimmt, gegen das treuloſe Albion, dieſen ewigen Feind aller wahrhaft franzöſiſchen Herzen, Krieg zu führen, beſolde. Planchet bezahlte alſo in ſchönen Doppellouis d'or zwanzigtauſend Livres an d'Artagnan für ſeinen Theil, und weitere zwanzigtauſend Livres, immer in ſchönen Doppellouis d'or für den Theil von d'Artagnan. D'Ar⸗ tagnan legte jede von den beiden Summen in einen Sack und wog jeden Sack mit der Hand. „Dieſes Geld iſt ſehr läſtig, mein lieber Planchet,“ ſagte er,„weißt Du, daß das mehr als dreißig Pfund wiegt?“ „Bah! Euer Pferd trägt das wie eine Feder.“ D'Artagnan ſchüttelte den Kopf. „Sage mir nicht dergleichen Dinge, Planchet: ein Pferd, das außer dem Reiter und dem Mantelſack mit dreißig Pfund belaſtet iſt, ſchwimmt nicht mehr ſo leicht durch einen Fluß, ſetzt nicht mehr ſo leicht über eine Mauer oder über einen Graben, und wenn das Pferd nichts taugt, ſo taugt auch der Reiter nichts. Du weißt das allerdings nicht, Du, der Du Dein ganzes Leben beim Fußyvolk gedient haſt.“ „Wie ſoll man es aber machen, gnädiger Herr?“ fragte Planchet ganz verlegen. „Höre, ich bezahle meine Armee bei der Rückkehr in die Heimath. Behalte meine Hälfte mit zwanzig⸗ tauſend Livres, die Du während dieſer Zeit umtreibſt.“ „Und meine Hälfte?“ „Ich nehme ſie mit.“ „Euer Vertrauen ehrt mich, doch wenn Ihr nicht zurückkommt?“ „Das iſt moͤglich, obgleich nicht ſehr wahrſchein⸗ lich! Doch für den Fall, daß ich nicht zurückkommen würde, Planchet, gib mir eine Feder, daß ich mein Te⸗ ſtament mache.“ D Artagnan nahm eine Feder, Papier und ſchrieb auf ein einfaches Blatt: „Ich, d'Artagnan, beſitze zwanzigtauſend Livres, welche ich mir Sou für Sou in den dreißig Jahren erſpart habe, die ich im Dienſt Seiner Majeſtät des Königs von Frankreich bin. Ich vermache fünftauſend Athos, fünftauſend Porthos, fünftauſend Aramis, damit ſie die⸗ ſelben, in meinem und in ihrem Namen, meinem kleinen Freund Raoul, Vicomte von Bragelonne vermachen. Ich vermache die letzten fünftauſend Planchet, damit er mit weniger Bedauern die andern fünfzehntauſend an meine Freunde ausbezahlt. zal„Zu welchem Ende ich Gegenwärtiges unterzeichnet abe. „D'Artagnan.“ Planchet ſchien ſehr neugierig, zu erfahren, was d'Artagnan geſchrieben hatte. „Hier, lies,“ ſagte der Musketier zu Planchet. Bei den letzten Zeilen traten Planchet die Thränen in die Augen. „Ihr glaubt, ich hätte das Geld nicht ohne dieſes 22 71 gegeben? dann will ich nichts von Euren fünftauſend Livres.“ Lächelnd erwiederte d'Artagnan: „Nimm es an, nimm es an: Du wirſt auf dieſe Art nur fünfzehntauſend ſtatt zwanzig verlieren und nicht verſucht ſein, um nichts zu verlieren, der Unter⸗ ſchrift Deines Herrn und Freundes Schmach anzuthun.“ Wie kannte er doch das Herz der Menſchen und der Specereihändler, dieſer liebe Herr d'Artagnan! Diejenigen, welche den Don Quirote einen Narren nannten, weil er allein mit ſeinem Knappen Sancho auf Eroberung eines Reiches ausging, und diejenigen, welche Sancho einen Narren nannten, weil er mit ſeinem Herrn auf Eroberung eben dieſes Reiches auszog, hät⸗ ten gewiß kein anderes Urtheil über d'Artagnan und Planchet gefällt. Der Erſtere galt jedoch für einen feinen Geiſt un⸗ ter den feinſten Geiſtern des franzöſiſchen Hofes, und der zweite hatte ſich mit Recht den Ruf eines der ſtärk⸗ ſten Köpfe unter den Krämern und Specereihändlern der Rue des Lombards, folglich von Paris, folglich von Frankreich erworben. Betrachtete man aber dieſe Männer nur aus dem Geſichtspunkte, den man für alle Menſchen anwendet, und die Mittel, mit deren Hülfe ſie einen König wieder auf ſeinen Thron zu ſetzen gedachten, nur in Vergleichung zu andern Mitteln, ſo würde ſich das winzigſte Gehirn des Landes, wo die winzigſten Gehirne ſind, gegen die ungeheuerliche Anmaßung des Lieutenants und gegen die Albernheit ſeines Verbündeten empört haben. Zum Glück war d'Artagnan nicht der Mann, der auf die Alfanzereien, die man um ihn her trieb, oder auf die Commentare hörte, die man über ihn machte. Er hatte den Wahlſpruch angenommen:„Thue recht und laß' ſprechen.“ Planchet hatte den angenom⸗ men:„Laß' machen und ſprich nichts.“ Folge hievon war, daß nach der Gewohnheit aller erhabenen — Geiſter dieſe zwei Männer ſich intra pectus ſchmei⸗ chelten, ſie haben Recht gegen alle diejenigen, welche ihnen Unrecht gaben. Um einen Anfang zu machen, brach dArtagnan beim ſchönſten Wetter der Welt auf, ohne Wolken am Himmel, ohne Wolken im Geiſt, freudig und ſtark, ruhig und entſchieden, geſtählt durch ſeine Entſchloſſenheit und folglich eine zehnfache Doſts von jenem mächtigen Flui⸗ dum mit ſich tragend, das die Erſchütterungen der Seele aus den Nerven hervorſpringen machen und das der menſchlichen Maſchine eine Kraft und einen Einfluß verleiht, wovon ſich zukünftige Jahrhunderte aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach mehr arithmetiſch Rechenſchaft geben werden, als wir das heute thun können. Er folgte, wie in vergangenen Zeiten, der an Abenteuern fruchtbaren Straße, die ihn einſt nach Boulogne geführt hatte, und die er zum vierten Male machte. Er konnte beinahe unter Wegs die Spur ſeines Trittes auf dem Pflaſter und die ſeiner Fauſt an den Thüren der Gaſthöfe er⸗ kennen; ſtets thätig und gegenwärtig, weckte ſein Ge⸗ dächtniß jene Jugend wieder auf, welche dreißig Jahre ſpäter weder ſein großes Herz, noch ſein ſtählernes Fauſtgelenke Lügen geſtraft hätten. Welch eine reiche Natur war die Natur dieſes Mannes! er beſaß alle Leidenſchaften, alle Fehler, alle Schwächen, und der ſeinem Verſtande inwohnende Wi⸗ derſpruchsgeiſt verwandelte alle dieſe Unvollkommenhei⸗ ten in entſprechende gute Eigenſchaften. In Folge ſei⸗ ner beſtändig umherſchweifenden Einbildungskraft hatte d'Artagnan Angſt vor einem Schatten, und weil er ſich ſchämte, daß er Angſt hatte, ging er auf dieſen Schat⸗ ten los und wurde über alle Maßen muthig, wenn wirklich eine Gefahr vorhanden war. Alles in ihm war voll Bewegung und deshalb Genuß. Er liebte unge⸗ mein die Geſellſchaft Anderer, langweilte ſich aber nie in der ſeinigen, und mehr als einmal,— hätte man ihn, wenn er allein war, ſtudiren können,— würde man ihn 4 8 ——W 8ᷣ᷑ 8——* 73 haben über die Scherze, die er ſich ſelbſt erzählte, oder über die drolligen Phantaſien lachen ſehen, die er ſich gerade fünf Minuten vor dem Augenblick ſchuf, wo die Langweile kommen mußte. D'Artagnan war vielleicht diesmal nicht ſo heiter, als er es mit der Ausſicht geweſen wäre, einige gute Freunde in Calais ſtatt der zehn ſchlimmen Burſche zu finden, die er dort treffen ſollte; doch die Schwermuth beſchlich ihn nicht mehr als einmal des Tages, und ſo erhielt er ungefähr fünf Beſuche von dieſer finſteren Gottheit, ehe er das Meer in Boulogne erblickte. Doch einmal hier, fühlte ſich d'Artagnan der Thätigkeit nahe, und jedes andere Gefühl, als das des Selbſtvertrauens verſchwand, um nie mehr zurückzukehren. Von Boulogne folgte er der Küſte bis Calais. Calais war der allgemeine Sammelplatz, und in Calais hatte er jedem von ſeinen Rekruten das Gaſt⸗ haus zum Großen Monarchen bezeichnet, wo das Leben nicht theuer war, wo die Matroſen ihre Einkehr hatten, wo die Männer vom Schwert, mit lederner Scheide, wohlverſtanden, Lager, Tiſch, Speiſe und Trank, kurz alle Süßigkeiten des Daſeins um dreißig Sous täglich erhielten. D'Artagnan nahm ſich vor, ſie bei ihrem Vaga⸗ bundenleben zu überraſchen, um nach dem erſten An⸗ ſchein zu beurtheilen, ob er auf ſie als auf gute Kum⸗ pane rechnen könnte. Er kam um halb fünf Uhr Abends in Calais an. VIII. D'Artagnan reiſt für das Haus Planchet und Compagnie.. Das Gaſthaus zum Großen Monarchen lag in einer kleinen, mit dem Hafen parallel laufenden Straße, ohne auf den Hafen ſelbſt zu gehen; einige Gäßchen durchſchnitten, wie die Sproſſen die zwei Parallelen der Leiter durchſchneiden, die zwei großen geraden Linien des Hafens und der Straße. Durch die Gäßchen ge⸗ langte man unverſehens aus dem Hafen in die Straße und von der Straße an den Hafen. D'Artagnan kam zum Hafen, ſchlug den Weg durch eines dieſer Gäßchen ein und gelangte unverſehens vor das Wirthshaus zum Großen Monarchen. Der Augenblick war gut gewählt und konnte d'Ar⸗ tagnan an ſein erſtes Auftreten im Gaſthaus zum Frei⸗ müller in Meung erinnern. Matroſen, welche Würfel geſpielt hatten, waren in Streit gerathen und bedrohten ſich mit der größten Wuth. Der Wirth, die Wirthin und zwei Kellner beobachteten voll Angſt den Kreis dieſer ſchlimmen Spieler, aus deren Mitte der Krieg, mit Meſſern und Beilen, losbrechen zu wollen ſchien. Das Spiel nahm indeſſen ſeinen Fortgang. Eine ſteinerne Bank war von zwei Männern beſetzt, 4 welche ſo vor der Thüre Wache zu halten ſchienen; an vier Tiſchen im Hintergrunde des gemeinſchaftlichen Zimmers ſaßen acht weitere Perſonen. Weder die Män⸗ ner auf der Bank, noch diejenigen an den Tiſchen nah⸗ men an dem Streit oder am Spiel Antheil. D'Ar⸗ ⏑eiᷣ——— NKNAN S — 75 tagnan erkannte ſeine zehn Angeworbenen in dieſen ſo kalten, ſo gleichgültigen Zuſchauern. Der Streit nahm immer mehr zu. Jede Leiden⸗ ſchaft hat, wie das Meer, ihre Fluth und ihre Ebbe. Ein Matroſe, bei dem die Leidenſchaft den Paroxismus erreicht hatte, warf den Tiſch und das Geld um, das darauf lag. Der Tiſch ſiel, das Geld rollte. Auf der Stelle ſtürzte ſich das ganze Perſonal des Wirthshauſes auf die Einſätze, und viele Silberſtücke wurden von Leu⸗ ten aufgerafft, die ſich aus dem Staub machten, wäh⸗ rend ſich die Matroſen balgten. Nur die zwei Männer von der Bank und die acht im Innern ſchienen ſich, obgleich ſte ausſahen, als ob ſie einander ganz fremd wären, das Wort gegeben zu haben, völlig unempfindlich mitten unter dieſem Ge⸗ ſchrei der Wuth und dem Geräuſch des Geldes zu blei⸗ ben. Zwei von ihnen beſchränkten ſich darauf, daß ſie die Kämpfenden, welche bis unter ihren Tiſch kamen, mit dem Fuß zurückſtießen. 3 Zwei Andere gingen eher, als daß ſie an dieſem ganzen Tumult Theil nahmen, mit den Händen in ihren Taſchen hinaus; wieder zwei Andere ſtiegen endlich auf den Tiſch, den ſie inne hatten, wie es, um nicht zu er⸗ trinken, Leute thun, die von einem Steigen des Waſ⸗ ſers überraſcht werden. „ Ah! ah!“ ſagte zu ſich ſelbſt d'Artagnan, dem keiner von den von uns erwähnten Umſtänden entgangen war,„das iſt eine hübſche Sammlung: umſichtig, ruhig, an den Lärmen gewöhnt, gegen Schlägereien unempfind⸗ lich; Teufel! ich habe eine glückliche Hand gehabt.“ Plötzlich wurde ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Punkt des Zimmers gelenkt. Die zwei Männer, welche die Kämpfenden mit dem Fuß zurückgeſtoßen hatten, ſahen ſich von den Matro⸗ ſen, die ſich wieder ausgeſoͤhnt, mit Schmähungen an⸗ gefallen.. Halb trunken vom Zorn und ganz vom Bier, fragte 76 einer von ihnen mit drohendem Tone den kleineren von den zwei Vernünftigen, warum er mit ſeinem Fuß Ge⸗ ſchöpfe des guten Gottes berührt habe, welche keine Hunde ſeien. Und während er dieſe Frage that, ſetzte er, um ihr mehr Nachdruck zu geben, ſeine dicke Fauſt auf die Naſe des Rekruten von Herrn d'Artagnan. Dieſer Menſch erbleichte, ohne daß man zu erken⸗ nen vermochte, ob er aus Angſt oder aus Zorn er⸗ bleichte. Als der Matroſe dies ſah, ſchloß er, es geſchehe aus Angſt, und hob ſeine Fauſt in der ſehr klaren Ab⸗ ſicht auf, ſie auf den Kopf des Fremden zurückfallen zu laſſen. Doch ohne daß man den Bedrohten ſich rühren ſah, verſetzte er dem Matroſen einen ſo gewaltigen Stoß auf den Magen, daß dieſer unter furchtbarem Geſchrei bis an das Ende des Zimmers fortrollte. Durch den Corpsgeiſt raſch wieder vereinigt, fielen in demſelben Augenblick alle Kameraden des Beſiegten über den Sie⸗ ger her. Mit derſelben Kaltblütigkeit, von der er ſchon einen Beweis gegeben, faßte der Letztere, ohne die Unklugheit zu begehen, nach ſeinen Waffen zu greifen, einen Bier⸗ krug mit zinnernem Deckel und ſchlug damit zwei oder drei von den Angreifenden nieder; dann, als er eben der Ueberzahl unterliegen ſollte, begriffen die ſieben andern Schweigſamen in der Stube, die ſich nicht ge⸗ rührt hatten, daß ihre Sache auf dem Spiel war, und eilten ihm zu Hülfe. Zu gleicher Zeit wandten ſich die zwei Gleichgül⸗ tigen an der Thüre mit einem Stirnefalten um, das ganz offenbar ihre Abſicht andeutete, den Feind von hinten zu packen, wenn er nicht von ſeinem Angriff ab⸗ ſtünde. welche eben vorüberkamen und aus Neugierde zu wei in die Stube eindrangen, wurden mit in das Gemenge hineingeriſſen und braun und blau geprügelt. Die Pa⸗ riſer ſchlugen wie Cyelopen, mit einer Einhelligkeit und Der Wirth, ſeine Kellner und zwei Nachtwächter, 77 einer Taktik, welche Zuſchauern Vergnügen machen mußte; endlich gezwungen, vor der Ueberzahl ihren Rückzug zu nehmen, verſchanzten ſie ſich jenſeits des großen Tiſches, den ſie gemeinſchaftlich zu vier aufhoben, während ſich die vier anderen jeder mit einem Geſtell bewaffneten, ſo daß ſie mit einem Streich acht Matroſen niederſchlu⸗ gen, auf deren Kopf ſie ihre ungeheure Schnellbank hatten ſpielen laſſen. Der Boden war alſo ſchon mit Verwundeten be⸗ ſtreut, und der Saal voll Geſchrei und Staub, als d'Artagnan, zufrieden mit dieſer Probe, den Degen in der Hand vortrat und, mit dem Knopf auf Alles ein⸗ ſchlagend, was er an emporgerichteten Köpfen fand, ein kräftiges Hollah! ausſtieß, was dem Streit ſogleich eein Ende machte. Man drängte ſich mit aller Macht woom Mittelpunkt gegen den Umkreis, ſo daß d'Artagnan bald vereinzelt und Alles beherrſchend daſtand. „Was iſt das?“ fragte er ſodann die Verſammlung mit dem majeſtätiſchen Ton von Neptun, als er das quos ego ausſprach. Auf der Stelle und beim erſten Ton, um in der Virgiliſchen Metapher fortzufahren, ſteckten die Rekruten von Herrn d'Artagnan, von denen jeder einzeln ſeinen Gebieter und Herrn erkannte, zugleich ihren Zorn und ihr Klopfen mit den Brettern und ihre Schläge mit den Geſtellen wieder ein. Die Matroſen, als ſie dieſes lange entblößte Schwert, dieſe martialiſche Miene und den behenden Arm ſahen, die ihren Feinden in der Perſon eines Mannes zu Hülfe — kamen, der an das Befehlen gewöhnt zu ſein ſchien, die Matroſen, ſagen wir, hoben ihre Verwundeten und ihre Krüge auf. 4 Die Pariſer wiſchten ihre Stirne ab und verbeug⸗ ten ſich vor ihrem Chef. 5 D'Artagnan wurde mit Complimenten und Glück⸗ 2 wuünſchen vom Wirth zum Großen Monarchen überhäuft. — Er nahm ſie hin wie ein Mann, welcher weiß, daß 4 1 8 78 man ihm nicht zu viel bietet, und erklärte dann, er würde in Erwartung des Abendbrods am Hafen ſpazie⸗ ren gehen. Zugleich nahm Jeder von den Angeworbenen, der den Appel begriff, ſeinen Hut, ſtäubte ſeinen Rock ab und folgte d'Artagnan. „Doch während er umherſchlenderte, während er Alles prüfend anſchaute, hütete ſich d'Artagnan Wohl, ſtille zu ſtehen; er wandte ſich nach der Düne, und erſchrocken, ſich ſo einander auf der Spur zu finden, unruhig, zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken und hinter ſich Ge⸗ fährten zu ſehen, auf welche ſie nicht rechneten, folgten ihm die zehn Männer, indem ſie ſich gegenſeitig wü⸗ thende Blicke zuwarfen. „Erſt in der tiefſten Aushöhlung der niederſten Düne wandte ſich d'Artagnan, lächelnd, als er wahrnahm, daß ſie ſich ſo weit von einander entfernt hielten, gegen ſie um, machte ihnen ein friedliches Zeichen mit der Hand und rief: „Hel he! meine Herren, verſchlingen wir uns nicht; Ihr ſeid gemacht, um mit einander zu leben und Euch in allen Punkten zu verſtehen, und nicht, um ein⸗ ander zu verſchlingen.“ Da höörte alles Zaudern auf, die Männer athmeten, als ob man ſie aus einem Sarg gezogen hätte, und ſchauten einander freundlich an. Nach dieſer Beſchauung richteten ſie ihre Augen auf ihren Führer, der, längſt vertraut mit der großen Kunſt, zu Leuten von dieſem Schlag zu ſprechen, ihnen aus dem Stegreif folgende kleine Rede hielt, die er mit einer gascogniſchen Ener⸗ gie betonte. „Meine Herren, Ihr wißt Alle, wer ich bin. Ich habe Euch angeworben, weil ich Euch als wackere Leute kannte und bei einem glorreichen Unternehmen betheili⸗ gen wollte. Stellt Euch vor, indem Ihr mit mir ar⸗ beitet, arbeitet Ihr für den König. Ich ſage Euch in⸗ 8 deſſen zum Voraus, daß ich mich, wenn Ihr etwas vo ———— 79 dieſer Annahme durchblicken laßt, genöthigt ſehen werde, Euch den Schädel auf die Weiſe zu zerſchmettern, die mir gerade am bequemſten iſt. Es iſt Euch nicht un⸗ bekannt, meine Herren, daß die Staatsgeheimniſſe ge⸗ rade wie ein tödtliches Gift wirken: ſo lange ſich das Gift in ſeiner Büchſe befindet und gut eingeſchloſſen iſt, ſchadet es nicht, aus der Büchſe ködtet es. Tretet nun näher zu mir heran, und Ihr ſollt von dieſem Ge⸗ heimniß erfahren, was ich Euch ſagen kann.“ Alle traten mit einer Bewegung der Neugierde auf ihn zu. vähert Euch,“ fuhr d'Artagnan fort,„und der Vogel, der über unſern Köpfen hinſtreicht, das Kanin⸗ chen, das auf den Dünen ſpielt, der Fiſch, der aus dem Waſſer ſpringt, ſollen uns nicht hören können. Es han⸗ delt ſich darum, in Erfahrung zu bringen und dem Herrn Oberintendanten der Finanzen zu berichten, wie viel die engliſche Schmuggelei den franzöſiſchen Kauf⸗ leuten Eintrag thut. Ich werde überall Eingang ſuchen und Alles ſehen. Wir ſind arme picardiſche Fiſcher, durch einen Sturm auf die Küſte geworfen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir Fiſche verkaufen, gerade wie die ächten Fiſcher. Nur könnte man errathen, wer wir ſind, und uns beunruhigen; wir müſſen alſo ganz nothwendig im Stande ſein, uns zu vertheidigen. Aus dieſem Grunde habe ich Euch als Leute von Geiſt und Muth gewählt. Wir verden ein gutes Leben führen und keine große Gefahr laufen, weil wir einen mächti⸗ gen Beſchützer hinter uns haben, mit deſſen Hülfe keine Verlegenheit möoglich iſt. Eines nur iſt mir ärgerlich; doch ich hoffe, daß Ihr mich nach einer kurzen Erklä⸗ rung aus der Verlegenheit ziehen werdet. Es iſt mir nämlich ärgerlich, daß ich eine Mannſchaft dummer Fi⸗ ſcher mitnehmen ſoll, die uns ganz ungeheuer beläſtigen, beengen wird, während, wenn zufällig Leute unter Euch wären, die das Meer geſehen hätten... „Ohl das iſt keine ſo große Sache!“ ſagte einer von den Rekruten von L'Artagnan,„ich bin drei Jahre lang Gefangener der Seeräuber von Tunis geweſen und kenne die Führung des Schiffes wie ein Admiral.“ „Seht Ihr,“ rief d'Artagnan,„ſeht Ihr, welch eine wunderbare Sache es um den Zufall iſt!“ „Artagnan ſprach dieſe Worte mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck ſcheinbarer Treuherzigkeit. Denn d'Artagnan wußte gunz wohl, daß dieſes Opfer der Seeräuber ein ehemaliger Freibeuter war, und er hatte ihn, gerade weil er dieſen Umſtand wußte, angeworben. D'Artagnan aber ſagte nie mehr, als er zu ſagen nö⸗ thig hatte, um die Leute in Zweifel zu laſſen. Er ließ ſich die Erklärung gefallen und nahm die Wirkung an, ohne daß er ſich um die Urſache zu bekümmern ſchien. „Und ich,“ ſagte ein Zweiter,„ich habe zufällig einen Oheim, der die Arbeiten im Hafen von La Ro⸗ chelle leitet und beaufſichtigt. Schon als Kind habe ich auf den Fahrzeugen geſpielt und ich nehme es, was die Handhabung des Ruders und des Segels betrifft, mit dem erſten dem beſten Matroſen auf.“ Dieſer log kaum mehr als der Andere, er hatte ſechs Jahre auf den Galeeren Seiner Majeſtät in la Ciotat gerudert. G Zwei Andere waren offenherziger, ſie geſtanden ganz einfach, daß ſie auf einem Schiff als Soldaten zur Strafe gedient hatten, und errötheten nicht darüber. D'Artagnan war ſo Chef von zehn Kriegsleuten und vier Matroſen; er hatte zugleich eine Land⸗ und eine Seearmee, was den Stolz von Planchet auf den höch⸗ ſten Grad geſteigert haben müßte, wenn Planchet die⸗ . ſen Umſtand gekannt hätte. Es handelte ſich nur noch um den allgemeinen Verhaltungsbefehl, und d'Artagnan gab dieſen ganz pünkt⸗ 4 lich. Er ſchärfte ſeinen Leuten ein, ſich zum Aufbruch nach dem Haag bereit zu halten, wobei die Einen der Küſte, welche bis Breskens führt, die Anderen der Straße nach Antwerpen folgen ſollten. — — .——,.,—— 81 Mit Berechnung jedes Marſchtages wurden Alle in vierzehn Tagen nach dem Hauptplatze Haag beſchieden. D' Artagnan empfahl ſeinen Leuten, ſich nach ihrem Gutdünken, aus Sympathie, zu zwei und zwei zu paa⸗ ren. Er ſelbſt wählte unter den am wenigſten auffal⸗ lenden Galgengeſichtern zwei Leibwachen, die er ſchon früher kennen gelernt und die keine andere Fehler hat⸗ ten, als daß ſie Spieler und Trunkenbolde waren. Dieſe zwei Menſchen hatten nicht jeden Begriff von Civiliſation verloren, und unter reinlichen Kleidern wür⸗ den ihre Herzen wieder zu ſchlagen angefangen haben. Um keine Eiferſucht zu erregen, ließ d'Artagnan die Anderen vorangehen. Er’ behielt ſeine zwei Bevorzug⸗ ten bei ſich, kleidete ſie in ſeinen eigenen Putz und brach mit ihnen auf. Dieſen, welche er mit einem unbeſchränkten Ver⸗ trauen zu beehren ſchien, machte er ein falſches Ge⸗ ſtändniß, beſtimmt, den Erfolg des Unternehmens zu ſichern. Er geſtand ihnen, es handle ſich nicht darum, zu ſehen, wie viel die engliſche Schmuggelei dem fran⸗ zöſiſchen Handel Eintrag thun könnte, ſondern im Ge⸗ gentheil, wie viel die franzöſiſche Schmuggelei dem engli⸗ ſchen Handel zu ſchaden vermöchte. Dieſe Menſchen ſchie⸗ nen überzeugt, und waren es auch wirklich. D'Artag⸗ nan aber war ſicher, bei ihrer erſten Schwelgerei, wenn ſie vollgetrunken wären, würde Einer von den Beiden das höchſt wichtige Geheimniß der ganzen Bande aus⸗ ſchwatzen. Sein Spiel kam ihm unfehlbar vor. Vierzehn Tage nach Allem dem, was wir in Calais haben vorfallen ſehen, war die ganze Bande im Haag verſammelt. D'Artagnan ſah, daß alle ſeine Leute ſich mit merk⸗ würdigem Scharffinn ſchon in mehr oder minder vom Meer mißhandelte Matroſen verwandelt hatten. D'Artagnan ließ ſie in einer Schenke von Nieuw⸗ kerk⸗Straat ſchlafen, und nahm ſelbſt ſeine Wohnung am großen Canal. Die drei Musketiere. Bragelonne. II. 6 82 Er erfuhr, daß der König von England zu ſeinem Verbündeten, Wilhelm II. von Naſſau, Stadhouder von Holland, zurückgekehrt war. Er erfuhr auch, daß durch die Weigerung von Ludwig XIV. der Schutz, den man ihm bis dahin bewilligt, kälter geworden, und daß er ſich deshalb in ein kleines Haus in Scheveningen, das auf den Dünen am Ufer des Meers, eine Stunde vom Haag entfernt, lag, zurückgezogen hatte. Hier tröſtete ſich, wie man ſagte, der unglückliche Geächtete über ſeine Verbannung damit, daß er mit jener den Prinzen ſeines Geſchlechts eigenthümlichen Schwermuth auf die ungeheure Nordſee hinausſchaute, die ihn von England trennte, wie ſie einſt Maria Stuart von Frankreich getrennt hatte. Hier, hinter einigen ſchönen Bäumen des Waldes von Scheveningen, auf dem feinen Sande, wo das goldene Heidekraut der Dü⸗ nen wächſt, vegetirte Karl II. wie dieſes, unglücklicher als dieſes, denn er lebte das Leben des Geiſtes und hoffte und verzweifelte abwechſelnd. D'Artagnau ritt einmal bis Scheveningen, um deſ⸗ ſen, was man über dieſen Prinzen erzählte, ſicher zu ſein. Er ſah in der That Karl II. nachdenkend und allein durch eine kleine Thüre, welche nach dem Ge⸗ hölze ging, herauskommen und bei Sonnenuntergang am Geſtade ſpazieren gehen, ohne daß er nur die Auf⸗ merkſamkeit der Fiſcher erregte, welche, am Abend zu⸗ rückgekehrt, wie die alten Seeleute des Archipels, ihre Barken auf den Sand des Ufers zogen. D'Artagnan erkannte den König. Er ſah ihn ſeinen düſtern Blick auf die ungeheure Waſſerfläche heften und auf ſeinem bleichen Geſicht die rothen Strahlen der ſchon durch die ſchwarze Linie des Horizonts abgeſchnit⸗ tenen Sonne einſaugen. Dann kehrte Karl II. immer allein, immer langſam und traurig, und ſich damit be⸗ luſtigend, daß er unter ſeinen Tritten den zerreiblichen Sand krachen ließ, in das vereinzelte Haus zurück. Schon an demſelben Abend miethete d'Artagnan 8³ für tauſend Livres eine Fiſcherbarke, welche viertauſend werth war. Er bezahlte dieſe tauſend Livres baar und deponirte die dreitauſend anderen beim Bürgermeiſter. Wonach er, ohne daß man ſie ſah und in finſterer Nacht, die ſechs Mann einſchiffte, welche ſeine Landar⸗ mee bildeten, und beim Eintritt der Fluth, um drei Uhr Morgens, ſtach er in die See, wobei er mit den vier Andern manoeuvrirte und ſich auf das Wiſſen ſeines Ga⸗ leerenſklaven verließ, gerade als ob dieſer der beſte Lootſe des Hafens geweſen wäre. IX. Worin der Autor, wider ſeinen Willen, ein wenig Geſchichte treiben muß. Während die Könige und die Menſchen ſich ſo mit England beſchäftigten, das ſich ganz allein regierte und, man muß es zu ſeinem Lobe ſagen, nie ſo ſchlecht regiert geweſen war, verfolgte ein Mann, auf den Gott ſein Auge gerichtet und ſeinen Finger gelegt hatte, ein Mann vom Schickſal beſtimmt, ſeinen Namen mit glän⸗ zenden Charakteren in das Buch der Geſchichte einzu⸗ ſchreiben, im Angeſichte der Welt ein Werk voll Ge⸗ heimniß und Kühnheit. Er ging, und Niemand wußte, wohin er gehen wollte, obgleich nicht nur England, ſondern auch Frankreich und ganz Europa ihn feſten Schrittes und den Kopf hoch einhergehen ſahen. Alles, was man über dieſen Mann wußte, wollen wir ſagen. Monk hatte ſich für die Freiheit des Rump⸗Par⸗ — — 84 liament erklärt, wie man es nannte, eines Parla⸗ menis, das der General Lambert, Cromwell nachahmend, deſſen Lieutenant er geweſen war, um es ſeinen Willen thun zu laſſen, ſo eng eingeſchloſſen hatte, daß kein Mitglied während der ganzen Blocade hatte heraus⸗ gehen können, und daß nur eines, Peter Wentwort, hineinzukommen im Stande geweſen war. Lambert und Monk, Alles faßte ſich in dieſen zwei Männern zuſammen, von denen der erſte den militäri⸗ ſchen Despotismus, der zweite den reinen Republicanis⸗ mus vertrat. Dieſe zwei Männer waren die zwei ein⸗ zigen politiſchen Repräſentanten der Revolution, in welcher Karl I. zuerſt ſeine Krone und ſodann ſein Haupt verloren hatte. Lambert verleugnete indeſſen ſeine Abſichten nicht; er ſuchte eine ganz militäriſche Regierung zu gründen und ſich zum Haupte dieſer Regierung zu machen. Monk, ein ſtrenger Republicaner, wie die Einen ſagten, wollte das Rump⸗Parliament, dieſe ſicht⸗ bare, obgleich entartete Vertretung der Republik, auf⸗ recht erhalten. Geſchickt herrſchſüchtig, ſagten die An⸗ deren, wollte Monk ſich ganz einfach aus dieſem Par⸗ lament, das er zu begünſtigen ſchien, eine ſolide Stufe bilden, um bis auf den Thron zu ſteigen, den Cromwell leer gemacht, auf den er ſich aber nicht zu ſetzen ge⸗ wagt hatte. So hatten ſich Lambert, der das Parlament ver⸗ folgte, und Monk, der ſich für daſſelbe ausſprach, gegen⸗ ſeitig einander zu Feinden erklärt. Monk und Lambert waren auch von Anfang an darauf bedacht, ſich jeder eine Armee zu bilden; Monk in Schottland, wo die Presbyterianer und Royaliſten, nämlich die Unzufriedenen, waren; Lambert in London, wo ſich, wie immer, die ſtärkſte Oppoſition gegen die Macht fand, die es vor Augen hatte. Monk ſtellte in Schottland den Frieden wieder her, bildete ſich hier ein Heer und machte ſich daraus eine Zufluchtſtätte: das ——ſ — 8⁵ eine bewachte die andere; Monk wußte, daß der vom Herrn für eine große Veränderung bezeichnete Tag noch nicht gekommen war; ſein Schwert ſchien auch in ſeine Scheide genietet zu ſein. Unüberwindlich in ſeinem wilden, gebirgigen Schottland, unumſchränkter General, König eines Heeres von eilftauſend alten Soldaten, die er mehr als einmal zum Siege geführt hatte, eben ſo gut und beſſer über die Angelegenheiten in London un⸗ terrichtet als Lambert, der in der City in Garniſon lag: dies war die Stellung von Monk, als er ſich hundert Meilen von London für das Parlament erklärte. Lam⸗ bert wohnte, wie geſagt, im Gegentheil in der Haupt⸗ ſtadt. Er hatte hier den Mittelpunkt von allen Opera⸗ tionen, und vereinigte hier um ſich her ſowohl alle ſeine Freunde, als das ganze niedrige Volk, das ewig geneigt iſt, die Feinde der beſtehenden Gewalt zu lieben. Es war in London, wo Lambert erfuhr, daß Monk von den Grenzen von Schottland dem Parlament ſeine Unterſtützung angedeihen ließ. Er dachte, es ſei keine Zeit zu verlieren, und die Tweed ſei nicht ſo weit ent⸗ fernt von der Themſe, daß nicht eine Armee einen Schritt von einem Fluß zum andern machen könnte, be⸗ ſonders wenn ſie gut befehligt würde. Er wußte auch, daß die Soldaten in dem Maß, in welchem ſie in Eng⸗ land eindrängen, auf dem Wege einen Schneeball bil⸗ den würden,— das Emblem der Glückskugel, die für den Ehrgeizigen nur eine Stufe iſt, welche ſich unabläßig vergrößert, um ihn zu ſeinem Ziele zu führen. Er ſam⸗ melte alſo ſein ſowohl durch die Zuſammenſetzung, als durch die Zahl furchtbares Heer und eilte Monk ent⸗ gegen, der, einem mitten durch Klippen rudernden Schif⸗ fer ähnlich, in ganz kleinen Tagmärſchen, die Naſe im Wind, auf das Geräuſch horchend und die Luft witternd, die von London kam, vorrückte. Die zwei Armeen erblickten ſich auf der Höhe von Newcaſtle; Lambert, der zuerſt angekommen war, cam⸗ pirte in der Stadt ſelbſt. 5 oo——— E— 86 Immer umſichtig, machte Monk da Halt, wo er war, und nahm ſein Hauptquartier in Coldſtream an der Tweed. Der Anblick von Lambert verbreitete Freude im 1 Heer von Monk, während im Gegentheil der Anblick von Monk Verwirrung in die Armee von Lambert brachte. Es war, als hätten ſich dieſe unerſchrockenen Raufer, die ſo viel Lärmen in den Straßen von London gemacht, in der Hoffnung, mit Niemand zuſammenzutref⸗ fen, auf den Weg begeben, und als ob nun, da ſie ſahen, daß ſie einer Acre⸗ begegneten, und daß dieſe Arm nicht nur eine Fahne, ſondern auch eine Sache und ein Princip vor ihnen aufpflanzte, es war, ſagen wir, als hätten dieſe unerſchrockenen Raufer nun bedacht, daß minder gute Republicaner ſeien, als die Soldaten von Monk, inſofern dieſe das Parlament unterſtützten, wäh⸗ rend Lambert nichts unterſtützte, nicht einmal ſich ſelbſt.„ Hätte aber Monk nachzudenken gehabt, oder hätte er nachgedacht, ſo wäre dies ſehr traurig geweſen, denn die Geſchichte erzählt, und dieſe ſchamhafte Dams lügt bekanntlich nie, man habe am Tage ſeiner Ankunft in Coldſtream vergebens in der ganzen Stadt einen Hammel geſucht. Wäre Monk an der Spitze eines engliſchen Heeres geſtanden, ſo hätte er dieſes ganze Heer deſertiren zu ſehen befürchten müſſen. Doch es iſt bei den Schott⸗ ländern nicht wie bei den Engländern, für welche das Fleiſch ein ganz unerläßliches Bedürfniß iſt; ein armes, nüchternes Volk, leben die Schottländer von etwas Gerſte, welche zwiſchen zwei Steinen zerrieben, mit Brunnenwaſſer eingerührt und auf einem glühenden Sandſtein gebacken wird. War ihre Gerſte ausgetheilt, ſo kümmerten ſich die Schottländer nicht mehr darum, ob es Fleiſch in Cold⸗ ſtream gab oder nicht gab. 4 Nicht ſehr vertraut mit dem Gerſtenkuchen, hatte Monk Hunger, und eben ſo ausgehungert als er, ſchaute ——— 2 ———, 87 ſein Generalſtab ängſtlich nach rechts und links, um zu erfahren, was man zum Abendbrod bereitete. Monk zog Erkundigungen ein; ſeine Vorhut hatte bei ihrer Ankunft die Stadt verlaſſen und die Speiſe⸗ kammern leer gefunden; auf Fleiſcher und Bäcker durfte man in Coldſtream nicht rechnen. Man fand alſo nicht das kleinſte Stückchen Brod für die Taſel des Generals. Als dieſe Berichte, die einen immer ſo wenig be⸗ ruhigend, als die andern, erfolgten, erklärte Monk, da er den Schrecken und die Entmuthigung auf allen Ge⸗ ſichtern ſah, er habe keinen Hunger, überdies würde man am andern Tag eſſen, da Lambert wahrſcheinlich am andern Tag eine Schlacht zu liefern beabſichtigte; würde er hiebei in Neweaſtle überwältigt, ſo muͤßte er ſeinen Proviant preisgeben, wäre er der Sieger, ſo würden die Soldaten von Monk für immer vom Hun⸗ ger befreit. Dieſer Troſt war nur bei einer kleinen Zahl wirk⸗ ſam; doch daran lag Monk wenig, denn Monk war ſehr unumſchränkt unter dem Anſchein der vollkommenſten Sanftheit. Jeder mußte alſo zufrieden ſein oder wenigſtens ſcheinen. Monk, der eben ſo hungerig war, als ſeine“ Leute, aber die größte Gleichgültigkeit in Betreff des fehlenden Hammels heuchelte, ſchnitt ein einen halben Zoll langes Stück Tabak von der Carotte eines Ser⸗ genten ab, der zu ſeinem Gefolge gehörte, und fing an genanntes Stück zu kauen, indem er ſeine Lieutenants verſicherte, der Hunger ſei eine Chimäre, und überdies könne man nie hungern, ſo lange man etwas unter ſeinen Zahn zu legen habe. Dieſer Scherz ſtellte einige von denjenigen zufrie⸗ den, welche dem erſten Schluß, den Monk aus der Nähe von Lambert gezogen, widerſtanden waren; die Zahl der Widerſpänſtigen nahm alſo um eben ſo viele Köpfe ab; die Wache zog auf, die Patrouillen fingen an und der —ÿꝛÿ— 88 General ſetzte ſein frugales Mahl unter einem offenen Zelte fort. Zwiſchen ſeinem Lager und dem ſeines Feindes er⸗ hob ſich eine Abtei, von der heut zu Tage kaum noch einige Trümmer übrig ſind, welche aber damals noch ſtand und die Newcaſtle⸗Abtei genannt wurde. Sie war auf einem weiten Terrain gebaut, das, unabhängig vom Fluß und von der Ebene, beinahe ein von Quellen ge⸗ ſpeiſter und von Regen unterhaltener Sumpf war. Doch mitten unter dieſen mit hohem Gras, Schilfrohr und Binſen bedeckten Waſſerlachen ſah man ſolidere Theile des Bodens ſich erheben, welche einſt den Gemüſegar⸗ ten, den Park, den Luſtgarten und die anderen Zube⸗ höre der Abtei bildeten, einer von jenen großen See⸗ ſpinnen ähnlich, deren Leib rund iſt, während ſich die Füße im Umkreis ausſtrecken. 8 Der Gemüſegarten, einer von den längſten Füßen der Abtei, dehnte ſich bis zum Lager von Monk aus. Leider war man, wie geſagt, in den erſten Tagen des 3 Monats Juni und der, übrigens verlaſſene, Gemüſegar⸗ ten bot wenig Mittel. 3 Monk ließ dieſen Ort bewachen als den am mei⸗ ſten zu Ueberfällen geeigneten. Wohl ſah man jenſeits der Abtei die Feuer des feindlichen Generals. Doch zwiſchen den Feuern und der Abtei floß die Tweed, ihre leuchtenden Schuppen unter den dichten Schatten einiger großen Steineichen entrollend. Monk kannte dieſe Stellung vollkommen, da ihm Neweaſtle und ſeine Umgegend ſchon mehr als einmal als Hauptquartier gedient hatten. Er wußte, daß am Tag ſein Feind ohne Zweifel Blänkler in dieſe Ruine werfen und hier ein Scharmützel ſuchen dürfte, daß er ſich aber in der Nacht wohl hüten würde, gewagter Weiſe hier zu erſcheinen. Er befand ſich alſo in Si⸗ cherheit. Seine Soldaten konnten ihn auch nach dem, was er prunkhafter Weiſe ſein Abendmahl nannte, nämlich n G₰ ̈ᷣ Au N N S 3 89 nachdem er die oben erwähnte Kauübung vorgenommen hatte, wie ſpäter Napoleon am Vorabend der Schlacht von Auſterlitz, auf ſeinem Strohſtuhle ſitzend halb unter dem Schimmer ſeiner Lampe, halb unter dem Strahle des Mondes, der am Himmel aufzugehen anfing, ſchla⸗ fen ſehen. Woraus hervorgeht, daß es ungefähr halb zehn Uhr Abends war. Plötzlich wurde der General dieſem vielleicht ſchein⸗ baren Halbſchlaf von einer Truppe Soldaten entzogen, welche unter einem Freudengeſchrei herbeiliefen und mit den Füßen an die Pfoſten des Zeltes ſchlugen, um Monk aufzuwecken. Es war nicht nöthig, einen ſo gewaltigen Lärmen zu machen. Der General öffnete die Augen. „Nun! meine Kinder, was geht denn vor?“ fragte der General. „General,“ antworteten mehrere Stimmen,„Ge⸗ neral, Ihr werdet zu Nacht eſſen.“ „Ich habe zu Nacht gegeſſen,“ erwiederte dieſer ruhig,„und ich verdaute, wie Ihr ſeht. Doch tretet ein, und ſagt mir, was Euch hierher führt?“ „General, eine gute Kunde!“ „Bahl hat uns Lambert ſagen laſſen, er werde ſich morgen ſchlagen?“ „Nein, aber wir haben eine Barke weggenommen, welche Fiſche in das Lager von Neweaſtle brachte.“ „Und Ihr habt Unrecht gehabt, meine Freunde. Dieſe Herren von London ſind delicat, ſie halten große Stücke auf ihr erſtes Gericht; Ihr verſetzt ſie in ſehr ſchlechte Laune; ſie werden dieſen Abend und morgen unbarmherzig ſein. Die Artigkeit würde verlangen, Herrn Lambert ſeine Fiſche und ſeine Fiſcher zurückzu⸗ ſchicken, wenn nicht...“ Der General dachte einen Augenblick nach. „Sagt mir, wenn's beliebt,“ fuhr er fort,„wer ſind dieſe Fiſcher?““ 4 „Picardiſche Seeleute, welche an der Küſte von Frankreich oder von Holland fiſchten und durch einen Sturm auf die unſrige geworfen worden ſind.“ „Sprechen einige von ihnen unſere Sprache?“ „Der Anführer hat uns ein paar Worte Engliſch geſagt.“ Das Mißtrauen des Generals war rege geworden, während er dieſe Nachrichten erhielt. „Es iſt gut,“ ſagte er.„Ich wünſche dieſe Leute zu ſehen. Führt ſie hierher.“ Sogleich ging ein Officier ab, um ſie zu holen. „Wie viel ſind es?“ fuhr Monk fort,„und was für ein Fahrzeug haben ſie?“ „Es ſind ihrer zehn bis zwölf, mein General, und ſie haben eine Art von Fiſcherbarke von holländiſcher Bauart, wie es uns vorkam.“ „Und Ihr ſagt, ſie haben Fiſche in das Lager von Lambert gebracht?“ „Ja, General, es ſcheint ſogar, ſie haben einen ſehr guten Fang gethan.“ „Gut, wir werden das ſehen,“ ſagte Monk. In demſelben Augenblick kam wirklich der Officier zurück und brachte den Anführer der Fiſcher, einen Mann von ungefähr fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, aber von gutem Ausſehen. Er war von mittlerem Wuchſe und trug einen Rock von grober Wolle und eine bis auf die Augen eingedrückte Mütze; ein Meſſer ſtack in ſeinem Gürtel, und er ging mit dem eigenthümlichen Zögern der Seeleute, welche, da ſie, wegen der Bewe⸗. gung des Schiffes, nie wiſſen, ob ſie ihren Fuß auf den Boden oder in den leeren Raum ſetzen, jedem ihrer Schritte eine ſo feſte Lage geben, als ob es ſich darum handelte, einen Grundpfahl einzurammen. Monk betrachtete lange mit einem feinen, durch⸗ dringenden Blick den Fiſcher, der ihm auf jene halb ſpöttiſche, halb alberne Weiſe der franzöſtſchen Bauern zulächelte. — 8 ———— 91 „Du ſprichſt Engliſch?“ fragte Monk in vortreff⸗ lichem Franzöſiſch. „Ahl ſehr ſchlecht, Mylord,“ antwortete der Fiſcher. Dieſe Antwort wurde mehr mit dem lebhaften, ge⸗ ſtoßenen Accente der Leute jenſeits der Loire, als mit dem etwas ſchleppenden Accent der weſtlichen und nörd⸗ lichen Gegenden Frankreichs gegeben. „Aber Du ſprichſt es doch?“ ſagte Monk, um ndch einmal dieſen Accent zu ſtudiren. „Wir Seeleute,“ erwiederte der Fiſcher,„ſprechen ein wenig alle Sprachen.“ „Du biſt alſo Fiſcher?“ „Für heute, Mylord, Fiſcher und zwar ein ausge⸗ zeichneter Fiſcher. Ich habe einen Bar gefangen, der wenigſtens dreißig Pfund wiegt, und mehr als fünf⸗ zig Seebarben; ich habe auch kleine Merlane, welche gebacken vortrefflich ſchmecken werden.“ „Du kommſt mir vor, als hätteſt Du mehr im Meerbuſen von Gascogne, als im Kanal gefiſcht,“ ſagte Monk lächelnd. „Ich bin in der That aus dem Süden... kann man deshalb nicht ein guter Fiſcher ſein?“ „Doch, und ich kaufe Dir Deinen Fang ab; ſprich nun offenherzig, für wen hatteſt Du ihn beſtimmt?“ „Mylord, ich verberge Euch nicht, daß ich, der Küſte folgend, nach Neweaſtle fahren wollte, als eine Abtheilung Reiter, welche in umgekehrter Richtung auf dem Ufer ritten, meine Barke durch ein Zeichen bis zum Lager von Eurer Herrlichkeit zurückfahren hießen, wobei ſie uns mit einem Musketenfeuer bedrohten, wenn wir uns weigern ſollten. Da ich nicht für den Krieg aus⸗ gerüſtet war, ſo mußte ich gehorchen,“ fügte der Fiſcher lächelnd bei. „und warum wollteſt Du zu Lambert gehen und nicht zu mir?“ .„Mylord, ſoll ich offenherzig ſein? erlaubt es Eure Herrlichkeit?“ 9²2 „Ja, und ich befehle es Dir ſogar im Nothfall.“ „Nun, Mylord, ich wollte zu Herrn Lambert, weil dieſe Herren von der Stadt gut bezahlen, während Ihr Schottländer, Puritaner, Presbyterianer, Convenanter, nni⸗ Aur Euch heißen möget, wenig eßt und gar nichts ezahlt.“ Monk zuckte die Achſeln, ohne ſich jedoch zugleich eines Lächelns erwehren zu können. „Und warum fiſchteſt Du an unſerer Küſte, da Du aus dem Süden biſt?“ „Weil ich ſo dumm geweſen bin, mich in der Pi⸗ cardie zu verheirathen.“ „Ja, aber die Picardie iſt nicht England.“. „Mylord, der Menſch treibt das Schiff in's Meer, aber Gott und der Wind thun das Uebrige und treiben das Schiff, wohin es ihnen beliebt.“ 7 hatteſt alſo nicht die Abſicht, bei uns zu landen?“ „Nie.“ „Und welchen Weg haſt Du gemacht?“ „Wir kamen von Oſtende zurück, wo man ſchon Makrelen geſehen hatte, als uns ein heftiger Südwind abfallen machte; da wir ſahen, daß es vergeblich gewe⸗ ſen wäre, mit ihm zu kämpfen, ſo fuhren wir vor ihm. Wir mußten alſo den Fang, der gut war, um ihn nicht zu verlieren, im nächſten Hafen von England verkaufen; dieſer nächſte Hafen aber war Neweaſtle; es bot ſich uns eine gute Gelegenheit, denn man ſagte uns, es finde ſich Volk im Uebermaß im Lager, Volk im Ueber⸗ maß in der Stadt; das Lager und die Stadt ſeien voll von ſehr reichen und ſehr hungerigen Herren, ſagte man uns abermals, und ſo wandte ich mich nach Neweaſtle.“ „Und wo ſind Deine Gefährten?“ „Ohl ſie ſind an Bord geblieben; es ſind Matro⸗ ſen ohne alle Bildung.“ „Während Du? fragte Monk. „Ohl ich bin viel mit meinem Vater umhergefal ren und weiß, wie man ein Sou, ein Thaler, eine Pi⸗ ↄ—— 93 ſtole, ein Louis d'or und ein Doppellouis d'or in allen Sprachen Europas ſagt: meine Mannſchaft hört auch auf mich wie auf ein Orakel und gehorcht mir wie einem Admiral.“ „Du hatteſt alſo Herrn Lambert als den beſten Kunden gewählt?“. „Ja, gewiß. Sagt, offenherzig, Mylord, hatte ich nich getäuſcht?“ —„Das wirſt Du ſpäter ſehen.“ „In jedem Fall, Mylord, wenn ein Fehler obwal⸗ tet, iſt es meine Schuld, und Ihr dürft deshalb nicht meinen Kameraden böoͤſe ſein.“ a 7Das iſt offenbar ein geſcheiter Burſche!“ dachte onk. Dann nach einigen Minuten, die er dazu anwandte um den Fiſcher geiſtig näher anzuſchauen, fragte er: „Du kommſt von Oſtende, wie Du ſagſt?“ „Ja, Mylord, in gerader Linie.“ „Dann haſt Du wohl von den Angelegenheiten des Tages reden hören, denn ich zweifle nicht daran, daß man ſich in Frankreich und in Holland damit beſchäftigt. Was macht derjenige, welchen man den König von England nennt?“ „Oh! Mylord,“ rief der Fiſcher mit einer geräuſch⸗ vollen und ſchwatzhaften Offenherzigkeit,„das iſt eine glückliche Frage, und Ihr hättet Euch an Niemand beſ⸗ ſer wenden können, als an mich, denn ich kann Euch in der That vortrefflich Antwort geben. Stellt Euch vor, daß ich in Oſtende, wo ich anlegte, um die paar Makrelen zu verkaufen, die wir gefangen hatten, den Exkönig auf den Dünen in Erwartung ſeiner Pferde, die ihn nach dem Haag bringen ſollten, ſpazieren gehen ſah; es iſt ein großer, bleicher Menſch mit ſchwarzen Haaren und einer etwas harten Miene. Er ſieht aus, b er unpäßlich wäre, und ich glaube, die Luft von and wird ihm nicht zuträglich ſein.“ Monk folgte mit großer Aufmerkſamkeit der raſchen, 94 gefärbten und weitſchweifigen Rede des Fiſchers in einer Sprache, die nicht die ſeinige war; zum Glück ſprach er, wie geſagt, das Franzöoͤſiſche mit großer Leichtigkeit. Der Fiſcher gebrauchte ſeinerſeits bald ein franzöſiſches Wort, bald ein engliſches Wort, bald ein Wort, das* gar keiner Sprache anzugehören ſchien und ein gascog⸗ niſches war. Glücklicher Weiſe ſprachen ſeine Augen für ihn, und zwar ſo beredt, daß man zwar ein Wort ſeines Mundes, aber nicht eine einzige Abſicht ſeiner Augen verlieren konnte. Der General ſchien mit ſeiner Prüfung immer mehr zufrieden. „Du mußteſt ſagen hören, dieſer Erkönig, wie Du ihn nennſt, habe ſich in einer Abſicht nach dem Haag gewendet?“ „O ja, gewiß,“ antwortete der Fiſcher,„ich habe das ſagen hören.“ „Und in welcher Abſicht?“ „Immer in derſelben; hat er nicht die ſixe Idee, nach England zurückzukehren?“ „Das iſt wahr,“ ſprach Monk nachdenkend. „Abgeſehen davon,“ fügte der Fiſcher bei,„daß der Stadhouder... Ihr wißt, Mylord, Wilhelm II...“ „Nun?“ „Er wird ihn mit ſeiner ganzen Macht unterſtützen.“ „Ahl Du haſt das ſagen hören?“ „Nein, aber ich glaube es.“ „Du biſt ſtark in der Politik, wie es ſcheint?“ fragte Monk. „Ohl wir Seeleute, Mylord, die wir das Waſſer. und die Luft, das heißt, die zwei beweglichſten Dinge der Welt, zu ſtudiren pflegen, täuſchen uns im Uebri⸗ gen ſelten.“ „Höre,“ ſagte Monk, das Geſpräch veränder „man behauptet, Du werdeſt uns gut ſpeiſen.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, Mylord „Was verlangſt Du für Deinen Fang?“ 9⁵ 3„Ich bin nicht ſo dumm, daß ich einen Preis mache, ) Mylord.“ .„Warum dies?“ „Weil meine Fiſche Euch gehören.“ *„Mit welchem Recht?“ „Mit dem Rechte des Stärkern.“ „Aber es iſt meine Abſicht, ſie Dir zu bezahlen.“ „Das iſt ſehr großmüthig von Euch, Mylord.“ j„Und zwar zu ihrem vollen Werth.“ „Ich verlange nicht viel.“ „Und wie viel verlangſt Du denn?“ „Ich verlange nur, gehen zu dürfen.“ „Wohin? zum General Lambert?“ „Ich!“ rief der Fiſcher,„warum ſollte ich nach Neweaſtle gehen, da ich keine Fiſche mehr habe?“ „In jedem Fall höre mich.“ „Ich höre.“ „Einen Rath...“ „Wie, Mylord will mich bezahlen und mir auch noch einen guten Rath geben? Mylord iſt gar zu gütig 14 Monk ſchaute feſter als je den Fiſcher an, gegen den er immer noch einen gewiſſen Argwohn zu haben ſchien. „Ja, ich will Dich bezahlen und Dir einen Rath geben, denn dieſe zwei Dinge ſtehen im Zuſammenhang. Wenn Du zu General Lambert zurückkehrſt...“ Der Fiſcher machte eine Bewegung mit dem Kopf und mit den Schultern, welche bedeutete: 1„Wenn er darauf beſteht, wollen wir ihm nicht * widerſprechen.“ „Schlage nicht den Weg durch den Sumpf ein,“ fuhr Monk fort,„Du wirſt Geld bei Dir haben, und es ſind im Moor einige Hinterhalte von Schottlän⸗ ern, die ich dahin gelegt habe. Das ſind durchaus icht geſchmeidige Leute, welche die Sprache, die Du ſtt, ſchlecht verſtehen, obgleich ſie mir aus drei chen zuſammengeſetzt zu ſein ſcheint; ſie könnten — 96 Dir wieder abnehmen, was ich Dir gegeben hätte, und 6. in Deine Heimath zurückgekehrt würdeſt Du unfehlbar fi ſagen, der General Monk habe zwei Hände, eine ſchot⸗ tiſche und eine engliſche, und mit der ſchottiſchen Hand nehme er wieder, was er mit der engliſchen gegeben G habe.“ d „Oh! General, ſeid unbeſorgt, ich werde gehen, d wohin Ihr wollt,“ ſagte der Fiſcher mit einer Aengſt: I lichkeit, welche zu ausdrucksvoll war, um nicht über⸗ trieben zu ſein.„Ich verlange nichts Anderes, als hier zu bleiben, wenn Ihr wollt, daß ich hier bleibe.“ „Ich glaube Dir,“ erwiederte Monk mit einem un⸗ r. merklichen Lächeln;„aber ich kann Dich doch nicht un⸗ ter meinem Zelt behalten.“ d „Ich bin nicht ſo anmaßend, dies zu verlangen, l und wünſche nur, Eure Herrlichkeit möchte mir einen Platz anweiſen. Unſeretwegen braucht ſie ſich nicht zu 9 beläſtigen, denn für uns iſt eine Nacht bald vorüber.“ „Dann will ich Dich zu Deiner Barke führen laſſen.“ n „Wie es Eurer Herrlichkeit beliebt. Nur wäre ich n Eurer Herrlichkeit unendlich dankbar, wenn ſie mich b wollte durch einen Zimmermann zurückführen laſſen.“ „Warum dies?“ „Weil die Herren von Eurer Armee, indem ſie meine g Barke am Kabel, das ihre Pferde zogen, den Fluß f hinauffahren ließen, dieſelbe ein wenig an den Felſen ie des Ufers zerriſſen, ſo daß ich wenigſtens zwei Fuß Waſſer in meinem Raum habe.“ ſi „Ein Grund mehr, daß Du Dein Fahrzeug über⸗ C wachſt, wie mir ſcheint.“ „Mylord, ich bin ganz zu Euren Befehlen,“ ſagte 2 der Fiſcher.„Ich will meine Körbe ausladen, wo Ihr wollt; dann werdet Ihr mich bezahlen, wenn es Euch beliebt; Ihr werdet mich zuruckſchicken, wenn es Euch genehm iſt. Ihr ſeht, daß ſich leicht mit mir leben läßt. „Ja, ja, Du biſt ein guter Teufel,“ erwiedert Monk, deſſen forſchender Blick nicht den geringſten .——— 97 und Schatten in dem durchſichtigen Auge des Fiſchers hatte bar finden können.„Hollah! Digby.“ pot⸗ Es erſchien ein Adjutant. and„Ihr werdet dieſen würdigen Burſchen und ſeine ben Gefährten zu den kleinen Zelten der Marketendner vor den Sümpfen führen; auf dieſe Art ſind ſie ganz in en, der Nähe ihrer Barke und brauchen doch nicht dieſe gſt: Nacht im Waſſer zu ſchlafen. Was gibt es, Spithead?“ er⸗ Spithead war der Sergent, von dem Monk ein jier Stück Tabak zum Abendbrod entlehnt hatte. Spithead antwortete, als er in das Zelt des Gene⸗ n⸗ rals eintrat, ohne gerufen zu ſein, auf die Frage von Monk: n⸗„Mylord, ein franzöoſiſcher Cavalier iſt ſo eben bei den Vorpoſten erſchienen und verlangt mit Eurer Herr⸗ en, lichkeit zu ſprechen.“ en Dies wurde, wohl verſtanden, in engliſcher Sprache zu geſagt. . Aber obgleich es in dieſer Sprache geſprochen .4 wurde, machte doch der Fiſcher eine leichte Bewegung, ch welche Monk, mit ſeinem Sergenten beſchäftigt, nicht ch bemerkte. „Und wer iſt dieſer Cavalier?“ fragte Monk. „Mylord,“ antwortete Spithead,„er hat es mir ne geſagt, doch dieſe verteufelten franzöſiſchen Namen ſind 85 fuͤr eine ſchottiſche Kehle ſo ſchwer auszuſprechen, daß en ich es nicht behalten konnte. Uebrigens iſt dieſer Ca⸗ ß valier, wie mir die Wachen geſagt haben, derſelbe, der ſſiich geſtern auf der Etape eingefunden hat und den ⸗ Eure Herrlichkeit nicht empfangen wollte.“ „Es iſt wahr, ich hatte meine Officiere zu einer Berathung verſammelt.“ „Was beſtimmt Mylord in Betreff dieſes Cava⸗ liers?“ „Man führe ihn hierher.“ „ Soll man Vorſichtsmaßregeln nehmen?“ „Welche?“ Die drei Musketiere. Bragelonne. I. 7 7 „Ihm zum Beiſpiel die Augen verbinden?“ „Wozu? Er wird nichts ſehen, als was man nach meinem Willen ſehen ſoll, nämlich daß ich eilftauſend Brave um mich habe, die nichts Anderes verlangen, als ſich zu Ehren des Parlaments, Schottlands und⸗ Englands zu erwürgen.“ „Und dieſer Mann, Mylord?“ ſagte Spithead auf den Fiſcher deutend, der während dieſes Geſprächs un⸗ beweglich wie ein Menſch, welcher ſieht, aber nicht he⸗ greift, ſtehen geblieben war. „Ahl es iſt wahr,“ verſetzte Monk. Dann ſich gegen den Fiſcher umwendend, ſprach er: „Auf Wiederſehen, mein Braver; ich habe ein La⸗ ger für Dich gewählt. Digby, führt ihn. Sei unbeſorgt, man wird Dir Dein Geld ſogleich ſchicken.“ „ Ich danke, Mylord,“ ſagte der Fiſcher. und nachdem er ſich verbeugt hatte, ging er mit Digby ab. 4 Hundert Schritte vom Zelt fand er ſeine Kame⸗ raden wieder, welche unter ſich mit einer Zungenfertig⸗ keit flüſterten, die nicht ganz von Unruhe frei zu ſein ſchien, doch er machte ihnen ein Zeichen, das ſie wohl beruhigte. „Hollah, Ihr Leute!“ rief der Patron,„kommt hierher: Seine Herrlichkeit der General Monk iſt ſo— großmüthig, uns unſere Fiſche zu bezahlen und uns Gaſtfreundſchaft für dieſe Nacht zu gewähren.“ Die Fiſcher ſammelten ſich um ihren Anführer, und geleitet von Digby, begab ſich die kleine Weuppe nach dem ihr angewieſenen Poſten. Während ſie ſo fortwanderten, kamen die Fiſcher in der Dunkelheit an der Wache vorüber, die den fran⸗ zöſiſchen Cavalier zum General Monk führte. 1 Dieſer Cavalier war zu Pferde und in einen we ten Mantel gehüllt, weshalb ihn der Patron nicht ſeh⸗ kounte, ſo groß auch ſeine Neugierde zu ſein ſchie Der Cavalier aber, der nicht wußte, daß er ſo na 99 an Landsleuten vorüberkam, ſchenkte der kleinen Truppe nicht die geringſte Aufmerkſamkeit. Der Adjutant quartierte ſeine Gäſte in einem ziemlich reinlichen Zelte ein, das eine iriſche Marketen⸗ derin verlaſſen mußte, welche die Nacht zubringen konnte, wo ſie mit ihren ſechs Kindern Platz fand. Ein großes Feuer brannte vor dieſem Zelt und warf ſein purpurnes Licht auf die mit Gras bewachſenen Waſſerlachen des Sumpfes, den ein frifcher Abendwind runzelte. Als die Einquartierung geſchehen war, wünſchte der Adjutant den Matroſen eine gute Nacht, indem er ihnen bemerkte, man ſehe von der Schwelle des Zeltes aus die Maſten der Barke, die ſich auf der Tweed ſchaukle, was zum Beweis diene, daß ſie noch nicht untergeſunken ſei. Dieſer Anblick ſchien den Patron der Fiſcher un⸗ endlich zu erfreuen. X. Der Schatz. Der franzoſiſche Edelmann, den Spithead Monk gemeldet hatte, und der ſo gut in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt an dem Fiſcher vorübergeritten war, welcher aus dem Zelt des Generals fünf Minuten, ehe er eintrat, herauskam, der franzöſiſche Edelmann, ſagen wir, zog durch die verſchiedenen Poſten, ohne im Geringſten umherzuſchauen, aus Furcht, indiscret zu ſein. Man führte ihn, dem Befehl gemäß, in das Zelt des Gene⸗ ral Monk. Der Cavalier blieb allein in dem Vorzim⸗ gend von Tours bezeichnete. 100 mer, das vor dem Zelt kam, und wartete hier auf Monk, der, um zu erſcheinen, nur ſo lange zoͤgerte, als er brauchte, um die Meldung ſeiner Leute zu hören und durch die leinene Scheidewand das Geſicht desjenigen zu ſtudiren, welcher um eine Unterredung bat. Ohne Zweifel beſtätigte die Meldung der Leute, welche den franzöſiſchen Cavalier begleitet hatten, die Discretion, mit der er zu Werk gegangen war, denn der erſte Eindruck, den auf den Fremden der Empfang machte, der ihm von Seiten des Generals zu Theil wurde, war viel günſtiger, als er in einem ſolchen Au⸗ genblick und von einem ſo argwöhniſchen Mann erwar⸗ tet hatte. Nichtsdeſtoweniger heftete Monk ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß, als er ſich dem Fremden gegenüber fand, auf dieſen ſeine durchdringenden Blicke, welche der Fremde, ohne in Verlegenheit zu gerathen oder un⸗ ruhig zu werden, aushielt. Nach Verlauf von einigen Secunden bedeutete der General durch eine Geberde der Hand und des Kopfes, daß er warte. „Mylord,“ ſprach der Cavalier in vortrefflichem Engliſch,„ich habe Eure Ehren um eine Unterredung in einer ſehr wichtigen Angelegenheit bitten laſſen.“ „Mein Herr,“ erwiedert⸗ Monk franzöſiſch,„Ihr ſprecht unſere Sprache ſehr rein für einen Sohn des Feſtlands. Ich bitte Euch um Verzeihung, denn ohne Zweifel iſt meine Frage unbeſcheiden, ſprecht Ihr das Franzöſiſche mit derſelben Reinheit?“ 4 „Ihr dürft Euch nicht daruͤber wundern, Mylord, daß ich das Engliſche ziemlich geläufig ſpreche; ich habe in meiner Jugend in England gewohnt und ſeitdem zwei Reiſen in dieſem Land gemacht.“ Dieſe Worte wurden franzöſiſch geſprochen, und hur mit einer Sprachreinheit, welche nicht nur einen Franzoſen, ſondern ſogar einen Franzoſen aus der Ge⸗ „Und in welchem Theil von England habt Ihr. ge⸗ wohnt, mein Herr?“ 4 101 „In meiner Jugend in London, Mylord, ſodann um's Jahr 1635 machte ich eine Vergnügungsreiſe in Schottland; im Jahr 1648 endlich wohnte ich einige Zeit in Neweaſtle und beſonders in dem Kloſter, deſſen Gärten von Eurer Armee beſetzt ſind.“ „Entſchuldigt mich, mein Herr, doch von meiner Seite werdet Ihr dieſe Frage begreifen, nicht wahr?“ „Ich würde mich wundern, Mylord, ſolltet Ihr dieſelbe nicht machen.“ „Sprecht nun, mein Herr, womit kann ich Euch dienlich ſein, und was wünſcht Ihr von mir?“ „Hört, Mylord; doch ſind wir allein?“ „Vollkommen allein, mein Herr, mit Ausnahme des Poſtens, der uns bewacht.“ Als Monk dieſe Worte ſprach, ſchob er die Lein⸗ wand des Zeltes mit der Hand zurück und zeigte dem Cavalier, daß die Schildwache höchſtens zehn Schritte entfernt war, und daß man auf den erſten Ruf in einer Secunde bewaffneten Beiſtand haben konnte. „Wenn es ſo iſt, Mylord,“ ſagte der Fremde mit ſo ruhigem Tone, als ſtünde er ſeit langer Zeit in freundſchaftlicher Verbindung mit Monk,„wenn wir allein ſind, ſo bin ich entſchloſſen, mit Eurer Herr⸗ lichkeit zu ſprechen, da ich weiß, daß Ihr ein redlicher Mann ſeid. Die Mittheilung, die ich Euch zu machen habe, wird Euch übrigens beweiſen, wie hoch ich Euren Werth ſchätze.“ Erſtaunt über dieſe Sprache, welche zwiſchen ihm und dem franzöſiſchen Edelmann wenigſtens die Gleich⸗ heit feſtſtellte, heftete Monk ſein durchdringendes Auge auf den Fremden und ſagte mit einer Ironie, welche nur durch die Biegung der Stimme bemerkbar war, denn es rührte ſich nicht eine Muskel ſeines Geſichtes: „Ich danke Euch, mein Herr; doch ich bitte, ſagt mir vor Allem, wer ſeid Ihr?“ 5 „Ich habe meinen Namen ſchon dem Sergenten genannt, Mylord.“ „Entſchuldigt, er iſt ein Schottländer, und es war ihm ſchwierig, ihn zu behalten.“ 3 „Ich heiße Graf de la Fore,“ ſagte Athos ſich ver⸗ beugend. 1 „Graf de la Feère? verſetzte Monk, in ſeinem Ge⸗ dächtniß ſuchend. Verzeiht, mein Herr, doch mir ſcheint, es iſt nicht das erſte Mal, daß ich dieſen Namen höre. Nehmt Ihr einen Poſten am franzöſiſchen Hofe ein?“ „Keinen. Ich bin ein einfacher Edelmann.“ „Welche Würde?“— „König Karl I. hat mich zum Ritter vom Hoſen⸗ bandorden gemacht, und Anna von Oeſterreich hat mir das Band des heiligen Geiſtordens gegeben. Das ſind meine einzigen Würden, mein Herr.“ „Das Hoſenband! den heiligen Geiſtorden! Ihr ſeid Ritter von dieſen zwei Orden, mein Herr?“ „Ja.“ 3 „Bei welcher Veranlaſſung iſt Euch eine ſolche Gunſt zu Theil geworden?“ G hab„Für Dienſte, die ich Ihren Majeſtäten geleiſtet abe.“ Monk ſchaute voll Erſtaunen dieſen Mann an, der ihm zugleich ſo einfach und ſo groß vorkam. Dann, als hätte er darauf verzichtet, das Geheimniß dieſer Einfachheit und dieſer Größe zu ergründen, über das ihm der Fremde keine andere Auskunft, als die, welche er ſchon erhalten, zu geben geneigt zu ſein ſchien, ſagte er: „Ihr ſeid es wohl, der geſtern bei den Vorpoſten erſchienen iſt?“. und den man zurückgewieſen hat, ja, Mylord.“ „Viele Officiere, mein Herr, geſtatten Niemand den Eintritt in ihr Lager, beſonders am Vorabend einer wahrſcheinlichen Schlacht. Doch ich weiche darin von meinen Collegen ab und liebe es, nichts hinter mir zu laſſen. Jede Warnung iſt mir gut; jede Gefahr wird mir von Gott geſchickt, und ich wäge ſie in meiner Hand 10³ mit der Energie ab, die er mir gegeben hat. Ihr ſeid auch geſtern nur wegen des Raths, den ich eben hielt, zurückgewieſen worden. Hente bin ich frei, ſprecht.“ „Mylord, Ihr habt um ſo beſſer daran gethan, mich zu empfangen, als es ſich weder um die Schlacht, die Ihr dem General Lambert zu liefern im Begriff ſeid, noch um Euer Lager handelt, und zum Beweiſe mag dienen, daß ich, um Eure Leute nicht zu ſehen, den Kopf abgewendet, und um Eure Zelte nicht zu zählen, die Augen geſchloſſen habe. Nein, ich komme, um für mich zu ſprechen, Mylord.“ „Sprecht alſo, mein Herr.“ „So eben,“ fuhr Athos fort,„ſo eben hatte ich die Ehre, Eurer Herrlichkeit zu ſagen, ich habe lange in Neweaſtle gewohnt: es war dies zur Zeit von König Karl 1., und als der ſelige König durch die Schottlän⸗ der Herrn Cromwell ausgeliefert wurde.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Monk mit kaltem Ton. „Ich hatte in jenem Augenblick eine ſtarke Summe in Gold, und aus einer Ahnung vielleicht, wie die Dinge am andern Tage gehen müßten, verbarg ich ſie in dem Hauptkeller des Kloſters von Neweaſtle, in dem Thurm, deſſen Gipfel Ihr von hier aus vom Mond verſilbert ſeht. Mein Schatz iſt alſo dort vergraben worden⸗ und ich komme, um Eure Herrlichkeit zu bitten, Ihr möget mir erlauben, ihn von dort zurückzunehmen, ehe viel⸗ leicht, wenn ſich die Schlacht nach jener Seite zieht, eine Mine oder irgend ein anderes Kriegsſpiel das Ge⸗ bäude zerſtört und mein Gold verzettelt oder ſo ſichtbar macht, daß ſich die Soldaten deſſelben bemächtigen.“ Monk verſtand ſich auf die Menſchen; er ſah auf dem Geſichte von dieſem jede Energie, jede Vernunft, jede mögliche Klugheit. Er konnte alſo nur einem hoch⸗ herzigen Vertrauen die Offenbarung des franzöͤſiſchen Edelmanns zuſchreiben, und er zeigte ſich tief gerührt dadurch. „Mein Herr,“ ſagte er,„Ihr habt Euch in Eurer Meinung über mich in der That nicht getäuſcht. Doch iſt es die Summe werth, daß Ihr Euch einer Gefahr ausſetztet? Glaubt Ihr ſogar, daß ſie noch an dem Ort iſt, wo Ihr ſie gelaſſen habt?“ „Sie iſt noch dort, zweifelt nicht daran.“ „Das iſt eine Frage; doch die andere... Ich fragte Euch, war die Summe ſo ſtark, daß Ihr Euch deshalb ſolchen Gefahren ausſetzen mußtet?“ „Sie iſt wirklich ſtark, ja, Mylord, und es iſt eine Million, die ich in zwei Tonnen eingeſchloſſen habe.“ „Ein Million!“ rief Monk, den diesmal Athos eben⸗ falls feſt und lang anſchaute. Monk bemerkte es; da regte ſich ſein Mißtrauen wieder. „Das iſt ein Menſch,“ ſagte er,„der mir eine Falle ſtellt. Mein Herr,“ fuhr er laut fort,„Ihr möchtet gern dieſe Summe zurücknehmen, ſo viel ich beg eife d/ „Wenn es Euch beliebt, Mylord.“ „Heute?“ „Noch dieſen Abend, und zwar wegen der Uunſtaͤnde⸗ die ich Euch erklärt habe.“. „Aber, mein Herr,“ entgegnete Monk,„der General Lambert iſt ebenſo nahe bei der Abtei, wo Ihr zu thun habt, als ich. Warum habt Ihr Euch nicht an ihn ge⸗ wendet?“ „Mylord, wenn man in vichtigen Verhältniſſen handelt, muß man vor Allem mit ſeinem Inſtinct zu Rathe gehen; der General Lambert flößt mir aber nicht das Vertrauen ein, das Ihr mir einflößt.“ „Es ſei, mein Herr. Ich werde machen, daß Ihr Euer Geld wieder auffindet, wenn es überhaupt noch da iſt, denn es kann am Ende nicht mehr da ſein. Seit 1648 ſind zwölf Jahre abgelaufen und viele Ereigniſſe vorgefallen.“ Monk hob dieſen Punkt hervor, um zu ſehen, ob der franzöſiſche Edelmann den Ausweg ergreifen würde, der ihm geöffnet war, aber Athos verzog keine Miene. 4 105 „Ich verſichere Euch, Mylord,“ erwiederte er ruhig, „ich bin hinſichtlich meiner zwei Tonnen feſt überzeugt, daß ſie weder den Platz, noch den Herrn verändert haben.“ Dieſe Antwort benahm Monk einen Verdacht, gab ihm aber einen andern ein. b Ohne Zweifel war der Franzoſe ein Emiſſär, den man abgeſandt hatte, um den Beſchützer des Par⸗ laments zu einem Fehler zu verleiten; das Gold war nur ein Köder; mit Hülfe dieſes Köders wollte man ohne Zweifel die Habgier des Generals rege machen. Dieſes Gold ſollte gar nicht beſtehen. Es handelte ſich für Monk darum, den franzöſiſchen Cavalier auf einer — Lüge und einer Liſt zu ertappen, und gerade aus der Falle, in der ihn ſeine Feinde fangen wollten, einen Triumph für ſeinen Ruf zu ziehen. Sobald ſich Monk über das, was zu thun war, entſchieden hatte, ſagte er zu Athos: „Mein Herr, Ihr werdet mir ohne Zweifel die Ehre erweiſen, mein Abendbrod mit mir zu theilen?“ —„ Ja, Mylord,“ antwortete Athos ſich verbeugend, „denn Ihr erweiſt mir eine Ehre, der ich mich durch 1 die Neigung, die mich zu Euch hinzieht, würdig fühle.“ 3„Es iſt um ſo freundlicher von Euch, daß Ihr meine Einladung ſo bereitwillig annehmt, als meine Köche durchaus nicht zahlreich und geübt, und als meine Proviantmeiſter dieſen Abend mit leeren Händen zurück⸗ gekommen ſind, ſo daß, wenn ſich nicht ein Fiſcher Eurer Nation in mein Lager verirrt hätte, der General Monk ſich heute ohne Abendbrod niederlegen müßte. Ich habe alſo friſche Fiſche, wie mir der Verkäufer ſagte.“ „Mylord, ich entſpreche hauptſächlich Eurer Einla⸗ dung, um die Ehre zu haben, einige Augenblicke länger . in Eurer Geſellſchaft zuzubringen.“ Nach dieſem Austauſch von Höflichkeiten, in deſſen ſ Verlauf Monk nichts von ſeiner Umſicht verlor, wurde . das Abendbrod, oder das, was deſſen Stelle einnehmen ſollte, auf einen Tiſch von Tannenholz aufgetragen. 106 * Monk bedeutete dem Grafen de la Fere durch ein Zei⸗ chen, er möge ſich an dieſen Tiſch ſetzen, und nahm ihm gegenüber Platz; eine einzige Platte mit geſottenem Fiſch bedeckt entſprach, den zwei erhabenen Gäͤſten ge⸗ boten, mehr ausgehungerten Magen, als ſchwierigen Gaumen.. Während er zu Nacht ſpeiſte, nämlich den mit ſchlechtem Ale beſprengten Fiſch aß, ließ ſich Monk die letzten Ereigniſſe der Fronde, die Ausſöhnung von Herrn von Condé mit dem König, die wahrſcheinliche Ver⸗ mählung Seiner Majeſtät mit der Infantin Maria The⸗ reſia erzählen, doch er vermied, wie es Athos ſelbſt vermied, jede Anſpielung auf die politiſchen Intereſſen, welche in dieſem Augenblick England, Frankreich und Holland einigten, oder vielmehr veruneinigten. Monk überzeugte ſich bei dieſem Geſpräch von einer Sache, die er ſchon bei dem Austauſch der erſten Worte bemerkte, daß er es nämlich mit einem Mann von ho⸗ her Diſtinction zu thun hatte. Dieſer Mann konnte kein Mörder ſein, und es wi⸗ derſtrebte Monk, ihn für einen Spion zu halten, doch an Athos war genug Feinheit und zugleich Feſtigkeit bemerkbar, daß Monk in ihm einen Verſchwörer zu er⸗ kennen glaubte. Als ſie vom Tiſche aufſtanden, fragte Monk: 3 „Ihr glaubt alſo an Euren Schatz, mein Herr?“ „Ja, Mylord.“ „Im Ernſt?“ „In vollem Ernſt.“ „Und Ihr glaubt, Ihr werdet den Platz wieder finden, wo er vergraben iſt?“ „Bei der erſten Einſicht.“ „Wohl, mein Herr,“ ſagte Monk,„aus Neugierde werde ich Euch begleiten. Und ich muß Euch um ſo mehr begleiten, als Ihr die größten Schwierigkeiten finden würdet, wenn Ihr ohne mich oder ohne einen meiner Lieutenants im Lager umhergehen wolltet.“ 4 ) t 107 „General, ich würde es nicht dulden, daß Ihr Euch ſtören ließet, bedürfte ich nicht in der That Eurer Ge⸗ ſellſchaft; doch da ich erkenne, daß dieſe Geſellſchaft nicht nur ehrenvoll, teesgeheverdi für mich iſt, ſo nehme ich Euer Anerbiet m.“ „Wünſcht Ihr, daß wir Leute mitnehmen?“ ſagte Monk. „General, ich glaube, es iſt unnöthig, wenn Ihr es nicht ſelbſt etwa für nothwendig erachtet. Zwei Män⸗ ner und ein Pferd werden genügen, um die zwei Ton⸗ nen auf die Felucke zu ſchaffen, die mich gebracht hat.“ „Aber man wird hacken, graben, die Erde umwüh⸗ len, die Steine ſpalten müſſen, und Ihr gedenkt doch wohl dieſes Geſchäft nicht allein abzumachen?“ „General, man braucht weder zu hacken, noch die Erde zu umwühlen. Der Schatz iſt in der Gruft des Kloſters begraben; unter einem Stein, in welchem ein dicker, eiſerner Ring eingelöthet iſt, öffnet ſich eine kleine Staffel von vier Stufen. Dort ſind die zwei Tonnen, Ende an Ende und mit Gyps übertüncht, ſo daß das Ganze die Form eines Sarges hat. Dabei iſt eine In⸗ ſchrift, die mir zu Erkennung des Steines dienen muß, und da ich in einer Angelegenheit von ſo zarter Natur, bei einer Vertrauensſach kein Geheimniß vor Eurer Herrlichkeit haben will, ſo nenne ich Euch dieſe Inſchrift: „Hic jacet venerabilis Petrus Guilelmus Scott. Canon. Honorab. Conventus novi castelli. Obiit quarta et decima die Febr. ann. dom. CIO10CVIII. „Requiescat in pace.“ Monk verlor kein Wort. Er ſtaunte entweder über die wunderbare Doppelheit dieſes Mannes und über die 1u dei hurtn Weiſe, wie er ſeine Rolle ſpielte, oder über die Treuherzigkeit, über den guten Glauben, wo⸗ mit er ſein Geſuch in einer Lage vorbrachte, wo es ſich um eine Million handelte, die gegen einen Dolchſtoß mitten unter einer Armee gewagt wurde, welche den Raub wie eine Wiedererſtattung betrachtet hätte, „Es iſt gut,“ ſagte er,„ich begleite Euch, und das Abenteuer kommt mir ſo wunderbar vor, daß ich ſelbſt die Fackel tragen will.“ Während er dieſe te ſprach, ſchnallte er ein kurzes Schwert um, ſteckttſer eine Piſtole in ſeinen Gür⸗ tel und entblößte bei dieſer Bewegung, die ſein Wamms ein wenig öffnete, die feinen Ringe eines Panzerhem⸗ des, das beſtimmt war, ihn vor dem erſten Dolchſtoß eines Mörders zu ſchützen. Nachdem er dies gethan, nahm er einen ſchottiſchen Dirk in ſeine linke Hand, wandte ſich gegen Athos um und ſagte: „Seid Ihr bereit, mein Herr? ich bin es.“ Athos nahm im Gegenſatz zu dem, was Monk ge⸗ than, ſeinen Dolch und legte ihn auf den Tiſch, ſchnallte die Kuvpel ſeines Degens los, legte dieſen neben ſeinen Dolch, öffnete ohne Affectation die Agraffen ſeines Wamm⸗ ſes, als wollte er ſein Sacktuch ſuchen, und zeigte unter ſeinem feinen Batiſthemd ſeine bloße, weder durch An⸗ griffs⸗ noch Vertheidigungswaffen geſchützte Bruſt. „Das iſt in der That ein ſeltſamer Mann,“ ſagte Monk,„er iſt völlig unbewehrt; er muß alſo einen Hinterhalt dort gelegt haben.“ „General,“ ſprach Athos, als hätte er den Gedan⸗ ken von Monk errathen,„es iſt Euer Wille, daß wir allein ſeien, ſehr gut; doch ein großer Feldherr muß ſich nie verwegen ausſetzen; es iſt Nacht, der Weg durch das Moor kann Gefahren bieten, laßt Euch be⸗ gleiten.“ „Ihr habt Recht,“ erwiederte Monk. Und er rief: 4 „Digby!“ Der Adjutant erſchien.* 7 „Fünfzig Mann mit dem Degen und der Muskete,“ befahl er. Und er ſchaute Athos an. ſat ich ☛ u ð& A— XNSNA NR f 109 „Das iſt ſehr wenig, wenn eine Gefahr droht,“ ſagte Athos;„es iſt zu viel, wenn keine droht.“ „Ich werde allein gehen,“ ſprach Monk.„Digby, ich brauche Niemand. Komuſpmein Herr.“ XI. Das Moor. Athos und Monk durchſchritten mit einander auf ihrem Wege vom Lager nach der Tweed denjenigen Theil der Gegend, durch welchen Digby die Fiſcher geführt hatte, als ſie von der Tweed nach dem Lager gingen. Der Anblick dieſes Ortes, der Anblick der Veränderun⸗ gen, welche die Menſchen hier bewirkt hatten, war ganz geeignet, den größten Eindruck auf eine ſo zarte und ſo lebhafte Einbildungskraft wie die von Athos hervor⸗ zubringen. Athos ſchaute nur dieſe verwüſteten Orte an; Monk ſchaute nur Athos an, der, die Augen bald zum Himmel aufgeſchlagen, bald auf die Erde gerichtet, ſuchte, dachte, ſeufzte. Digby, den der letzte Befehl des Generals und be⸗ ſonders der Ausdruck, mit dem er gegeben worden, be⸗ unruhigt hatten, folgte den nächtlichen Wanderern un⸗ gefähr zwanzig Schritte; als ſich aber der General umwandte, als ob er darüber, daß man ſeinen Befehlen nicht Folge leiſtete, erſtaunt wäre, begriff der Adjutant, ſein Benehmen müßte unbeſcheiden erſcheinen, und kehrte in ſein Zelt zurück. Er vermuthete, der General wolle incognito in ſei⸗ nem Lager eine von jenen von der Wachſamkeit gebo⸗ tenen Revuen vornehmen, welche jeder erfahrene Feld⸗ herr am Vorabend eines entſcheidenden Treffens vorzu⸗ nehmen nicht verfehlt; er erklärte ſich für dieſen Fall die Gegenwart von 2 wie ſich ein Untergeordneter ſtets Alles erklärt, w on Seiten des oberſten Füh⸗ rers Geheimnißvolles vorgeht. Athos konnte und mußte ſogar in den Augen von Digby ein Spion ſein, deſſen Mittheilungen den General erleuchten ſollten. Nachdem ſie ungefähr zehn Minuten durch die Zelte und Poſten gegangen waren, die ſich in der Umgegend des Hauptquartiers viel näher angeſchloſſen fanden, gelangte Monk mit ſeinem Begleiter auf eine kleine Chauſſee, welche in drei Zweigen auslief. Der links führte nach dem Fluß, der in der Mitte nach der Abtei Newceaſtle am Moor, der rechts durchſchnitt die erſten Linien des Lagers von Monk, nämlich die Linien zu⸗ nächſt bei der Armee von Lambert. Jenſeits des Fluſ⸗ ſes war ein Vorpoſten von dem Heere von Monk, der den Feind überwachte: er beſtand aus hundert und fünßzig Schottländern, welche über die Tweed geſchwom⸗ men waren und fär den Fall eines Angriffs wieder zu⸗ rückſchwimmen und das Lärmzeichen geben ſollten; doch da ſich an dieſem Ort keine Brücke fand und die Sol⸗ daten von Lambert ſich nicht ſo raſch ins Waſſer bega⸗ ben, wie die von Monk, ſo ſchien der letztere auf dieſer Seite nicht viel zu befürchten. Dieſſeits des Fluſſes, etwa fünfhundert Schritte von der alten Abtei, hatten die Fiſcher ihre Wohnſtätte, mitten unter einem wimmelnden Haufen kleiner Zelte, welche die benachbarten Clans, die ihre Weiber und Kinder mit ſich führten, aufgeſchlagen hatten. ergreifenden Anblick; der Halbſchatten adelte jed zelheit, und das Licht, dieſer Schmeichler, der ſt der glatten Seite der Dinge anſchmiegt, hob auf jeder Dieſes ganze Gemenge bot im eeae ſbe verroſteten Muskete den noch unberührten Fleck, auf ——· in⸗ nur 3 4 — N N S dN 111 jedem Leinwandfetzen den weißeſten und am wenigſten beſchmutzten Theil hervor. Monk kam alſo mit Athos, dieſe düſtere Landſchaft durchſchreitend, welche von einem doppelten Schimmer, vom ſilbernen Schimmer des Mondes und vom röthli⸗ chen Schimmer der ſterbenden Wachtfeuer, beleuchtet war, nach dem Scheideweg der drei Chauſſeen. Hier blieb er ſtehen, wandte ſich an ſeinen Gefährten und fragte ihn: „Mein Herr, werdet Ihr Euren Weg erkennen?“ „General, wenn ich mich nicht täuſche, führt der mittlere Weg gerade nach der Abtei.“ „So iſt es; doch wir werden Licht nöthig haben, um in den unterirdiſchen Gewölben ſicher zu gehen.“ Monk wandte ſich um. „Ahl Digby iſt uns gefolgt, wie es ſcheint,“ fügte er bei;„deſto beſſer, er wird uns verſchaffen, was wir brauchen.“ „Ja, General, es iſt in der That dort ein Menſch, der ſeit einiger Zeit hinter uns geht.“ „Digby?“ rief Monk,„Digby? Ich bitte, kommt hierher.“ Doch ſtatt zu gehorchen, machte der Schatten eine Bewegung des Erſtaunens, und ſtatt vorzuſchreiten, zu⸗ rückweichend, bückte er ſich und verſchwand längs dem Hafendamm, indem er ſich nach dem Quartier wandte, das den Fiſchern angewieſen worden war. „Es ſcheint, es war nicht Digby,“ ſagte Monk. . Beide waren mit dem Auge dem Schatten, der auf dieſe Art verſchwand, gefolgt. Doch ein Menſch, der um eilf Uhr Abends in einem Lager, das zehn bis zwölftauſend Mann inne hatten, umherſchweift, iſt nichts ſo Seltenes, daß Athos und Monk über dieſes Ver⸗ ſchwinden hätten in Unruhe gerathen ſollen. „Da wir indeſſen nothwendig eine Laterne, eine Fackel oder dergleichen haben müſſen, um zu ſehen, wo⸗ 7 112 hin wir unſere Füße ſetzen, ſo wollen wir dieſe Laterne ſuchen,“ ſagte Monk. „General, der erſte der beſte Soldat wird uns— leuchten.“ 3 „Nein,“ erwiederte Monk, der beobachten wollte, d ob nicht irgend ein Zuſammenwirken zwiſchen dem Gra⸗ L fen de la Fore und den Fiſchern ſtattfinde,„nein, einer von den franzöſiſchen Matroſen, welche dieſen Abend Fiſche an mich verkauft haben, wäre mir lieber. Sie gehen morgen wieder ab, und das Geheimniß wird bei ihnen beſſer bewahrt ſein; während, wenn ſtch das Ge⸗ rücht verbreitete, man habe Schätze in der Abtei von Neweaſtle gefunden, meine Hochländer glauben würden, es liege unter jeder Platte eine Million, und dann ließen ſie vom ganzen Gebäude keinen Stein auf dem andern.“ „Macht es, wie Ihr wollt, General,“ ſagte Athos mit ſo natürlichem Ton, daß ihm offenbar Alles, Sol⸗ dat oder Fiſcher, gleichgültig war, und daß man leicht einſehen konnte, er gebe Niemand einen Vorzug. Monk näherte ſich der Chauſſee, hinter welcher der⸗ jenige verſchwunden war, den der General für Digby gehalten hatte, und begegnete einer Patrouille, welche die Runde durch die Zelte machte und ſich nach dem Hauptquartier wandte; er wurde mit ſeinem Gefährten angehalten, gab das Loſungswort und ging weiter. Durch das Geräuſch erweckt, erhob ſich ein Soldat in ſeinem Plaid, um zu ſehen, was vorgehe. „Fragt ihn, wo die Fiſcher ſeien,“ ſagte Monk zu Athos;„wenn ich dieſe Frage an ihn richtete, würde er mich erkennen.“ 3 Athos näherte ſich dem Soldaten, der ihm das Zelt bezeichnete; ſogleich wandten ſich Monk und Athos nach dieſer Seite. Es kam dem General vor, als ob in dem Augen⸗ blick, wo er ſich näherte, ein Schatten dem ähnlich, welchen er ſchon geſehen, in das Zelt ſchlͤpfte; als er ———— 113 aber eintrat, erkannte er, daß er ſich getäuſcht haben mußte, denn Alles ſchlief durcheinander, und man ſah nur verſchlungene Arme und Beine. Athos, der befürchtete, man habe ihn im Ver⸗ dacht, er ſtehe in Verbindung mit einem von ſeinen Landsleuten, blieb vor dem Zelt. „Halloh!“ rief Monk franzöſich,„aufgewacht!“ Zwei oder drei Schlaͤfer erhoben ſich. „Ich brauche einen Mann, um mir zu leuchten,“ fuhr Monk fort. Alles gerieth in Bewegung, die Einen erhoben ſich, die Andern ſtanden völlig auf. Der Anführer war zu⸗ erſt aufgeſtanden. „Eure Herrlichkeit kann ſich auf uns verlaſſen,“ ſagte er mit einer Stimme, welche Athos beben machte. „Wohin ſoll es gehen?“ „Ihr werdet es ſehen. Raſch eine Laterne!“ „Ja, Eure Herrlichkeit. Beliebt es Eurer Herr⸗ lichkeit, daß ich ſie begleite?“ „Du oder ein Anderer, das iſt mir gleichgültig, wenn mir nur Einer leuchtet.“ „Das iſt ſeltſam,“ dachte Athos,„was für eine ſonderbare Stimme hat dieſer Fiſcher!“ „Feuer, Ihr Leute!“ rief der Fiſcher,„raſch, beeilt Euch!“— Dann ſich an denjenigen wendend, welcher zunächſt bei ihm war, ſagte er leiſe: „Leuchte Du, Menneville, und ſei auf Alles gefaßt.“ Einer von den Fiſchern ſchlug Feuer und zündete mit Hülfe eines Schwefelhölzchens eine Laterne an. Sogleich war das Zelt vom Licht überſtrömt. „Seid Ihr bereit, mein Herr?“ fragte Monk Athos, der ſich abwandte, um ſein Geſicht nicht der Helle auszuſetzen. Ja, General,“ erwiederte er. „Ahl der franzöͤſiſche Edelmann,“ ſagte ganz leiſe Die drei Musketiere. Bragelonne. U. 8 114 der Anführer der Fiſcher.„Peſt! ich habe einen guten Gedanken gehabt, daß ich Dir den Auftrag gegeben, Menneville; er brauchte mich nur zu erkennen! Leuchte, leuchte!“ 4 Dieſes Geſpräch wurde im Hintergrunde des Zel⸗ tes und ſo leiſe geführt, daß Monk nicht eine Sylbe hören konnte. Ueberdies plauderte er mit Athos. Menneville machte ſich während dieſer Zeit bereit, oder er erhielt vielmehr Befehle von ſeinem Anführer. „Nun?“ ſagte Monk. „Hier, mein General,“ ſprach der Fiſcher. Monk, Athos und der Fiſcher verließen das Zelt. „Es iſt unmöglich,“ dachte Athos;„welches Hirn⸗ geſpenſt machte ich mir da!“ „Gehe voran, folge der mittleren Chauſſee und ſtrecke die Beine aus,“ ſagte Monk zu dem Fiſcher. Sie waren nicht zwanzig Schritte gegangen, als derſelbe Schatten, der im Zelt zu verſchwinden geſchie⸗ nen hatte, wieder herauskam, bis zu den Grundpfählen fortkroch und, beſchützt durch dieſe Brüſtung, welche in der Gegend der Chauſſee angebracht war, neugierig be⸗ bbachtete, wohin der General ging. Alle Drei verſchwanden im Nebel. Sie wanderten gegen Neweaſtle, deſſen weiße Steine man ſchon wie Grabſteine erblickte. Nachdem ſie einige. Secunden unter der Vorhalle Halt gemacht hatten, drangen ſie in das Innere. Das Thor war, mit Arthieben erbrochen. Ein Poſten von vier Mann ſchlief in voller Sicherheit in einer Vertie⸗ fung, ſo gewiß glaubte man ſich, der Angriff könnte nicht von dieſer Seite kommen.— „Dieſe Leute werden Euch nicht unangenehm ſein?“ ſagte Monk zu Athos.— „Im Gegentheil, ſie werden die Fäſſer wälzen hel⸗ fen, wenn es Eure Herrlichkeit erlaubt.“ 5 „Ihr habt Recht.“ Obgleich voͤllig eingeſchlafen, erwachte der Poſten doch 8 . * * 115 bei den erſten Tritten der nächtlichen Gäſte mitten un⸗ ter dem Graſe und den Brombeerſtauden, die ſich des Thorwegs bemächtigt hatten. Monk ſagte das Loſungs⸗ wort und drang, immer die Laterne voran, in das In⸗ nere des Kloſters. Er kam zuletzt, die geringſte Bewe⸗ gung von Athos überwachend, ſeinen Dirk ganz ent⸗ ablößt und bereit, ihn dem Edelmann in die Hüfte zu ſtoßen, bei der erſten verdächtigen Geberde, die er von ihm ſehen würde. Doch Athos ging feſten, ſicheren Schrittes durch die Säle und Höfe. 3 Es fand ſich keine Thüre, kein Fenſter mehr an dieſem Gebäude. Die Thüren waren verbrannt worden, einige auf dem Platz, und die Kohlen waren noch durch die Wirkung des Feuers ausgezackt, das ohne Zweifel ohnmächtig, dieſe durch eiſerne Nägel zuſammengehal⸗ tenen, maſſigen eichenen Bohlen ganz und gar zu zer⸗ ſtören, von ſelbſt erloſchen war. An den Fenſtern waren alle Scheiben zerbrochen, und man ſah durch die Löcher Nachtvögel entfliehen, welche der Schein der Laterne erſchreckte. Zugleich fingen rieſige Fledermäuſe an, um die zwei Ueberläſtigen ihre weiten ſchweigſamen Kreiſe zu ziehen, während man in dem Lichte, das an die hohen ſteinernen Mauern geworfen wurde, ihren Schat⸗ ten zittern ſah. Dieſes Schauſpiel war beruhigend für Denker. Monk ſchloß daraus, es befinde ſich kein Menſch im Kloſter, da die ſcheuen Thiere noch hier waren und bei ſeiner Annäherung entflohen. Nachdem er die Trümmer üͤberſchritten und mehr als eine Epheuranke ausgeriſſen hatte, die gleichſam als ein Wächter der Einſamkeit daſtand, gelangte Athos in das Gewölbe, das unter dem großen Saal lag, deſſen Eingang aber in die Kapelle führte. Hier blieb er ſtehen. „Wir ſind aß Ort und Stelle, General,“ ſagte er. „Hier iſt alſs die Platte?“ „Ja 2 „In der That, ich erkenne den Ring, doch dieſer Ning iſt flach eingelöthet.“ 116 „Wir brauchen einen Hebel.“ „Das kann man ſich leicht verſchaffen.“ Umherſchauend erblickten Monk und Athos eine kleine Eſche von drei Zoll im Durchmeſſer, welche in einer Ecke der Mauer emporgewachſen war und bis zu einem Fenſter reichte, das ihre Zweige verblendet hatten. „Haſt Du ein Meſſer?“ fragte Monk den Fiſcher. „Ja, Herr.“ „So ſchneide dieſen Baum ab.“ Der Fiſcher gehorchte, doch nicht ohne daß ſein Meſſer Scharten bekam. Als die Eſche abgeſchnitten und zu einem Hebel geformt war, drangen die drei Männer in das unter⸗ irdiſche Gewölbe. „Bleibe hier ſtehen,“ ſagte Monk, dem Fiſcher einen Winkel des Gewölbes bezeichnend,„wir haben Sprengpulver bei uns, und Deine Laterne wäre ge⸗ fährlich.“ Der Mann wich mit einem gewiſſen Schrecken zu⸗ rück und blieb pünktlich an dem Poſten, den man ihm angewieſen hatte, während Monk und Athos ſich um eine Säule wandten, an deren Fuß ein Mondſtrahl ge⸗ rade auf den Stein fiel, welchen zu ſuchen der Graf de la Fore von ſo fernher gekommen war. 1„Hier iſt es,“ ſagte Athos, auf die lateiniſche In⸗ ſchrift deutend. 3„Ja,“ ſprach Monk. Dann, da er dem Franzoſen noch ein Mittel, aus⸗ zuweichen, bieten wollte, fügte er bei: „Bemerkt Ihr nicht, daß man ſchon in dieſen Kel⸗ 8 gedrungen, iſt und daß mehrere Statuen zerbrochen ſind?“ „Mylord, Ihr habt ohne Zweifel fagen hoͤren, die religiöſe Ehrfurcht Eurer Schottländer gebe gern zur Bewachung den Statuen der Todten die koſtbaren Gegenſtände, die ſte im Leben beſeſſen. So muß⸗ ten die Soldaten glauben, unter dem Fußgeſtell der — 117 Statuen, welche die Mehrzahl dieſer Gräber ſchmück⸗ ten, wäre ein Schatz vergraben. Deshalb haben ſie Fußgeſtell und Statue zerbrochen; doch das Grab des ehrwürdigen Stiftsherrn, mit dem wir es zu thun haben, zeichnet ſich nicht durch ein Denkmal aus. Es iſt einfach und wurde beſchützt durch die abergläubiſche Furcht, welche Eure Puritaner ſtets vor einem Kirchen⸗ raube gehabt haben; nicht ein Stückchen von dem Mauer⸗ werk dieſes Grabes iſt zerbröckelt worden.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Monk. Athos nahm den Hebel. „Soll ich Euch helfen?“ fragte Monk. „Ich danke, Mylord. Eure Herrlichkeit ſoll nicht die Hand an ein Werk legen, deſſen Verantwortlichkeit ſie vielleicht nicht gern übernähme, wenn ſie die wahr⸗ ſcheinlichen Folgen davon kennen würde.“ Monk ſchaute empor. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte er. „Ich will damit ſagen.. Doch dieſer Menſch...“ „Wartet... ich begreife, was Ihr befürchtet, und will es Euch beweiſen.“ Monk wandte ſich gegen den Fiſcher um, deſſen Silhouette man durch die Laterne beleuchtet erblickte, und rief ihm in befehlendem Ton zu: „Come here, friend!“ Der Fiſcher rührte ſich nicht. „Es iſt gut,“ fuhr er fort,„er verſteht das Eng⸗ liſche nicht. Sprecht alſo Engliſch mit mir, wenn es Euch beliebt, mein Herr.“ „Mylord,“ erwiederte Athos,„oft ſah ich, daß Menſchen unter gewiſſen Umſtänden die Selbſtbeherr⸗ ſchung beſaßen, auf eine Frage nicht zu antworten, die man in einer Sprache, welche ſie verſtanden, an ſie richtete. Der Fiſcher iſt vielleicht gelehrter, als wir glauben. Wollt alſo die Güte haben, ihn wegzuſchicken, Mylord.“ „Offenbar wünſcht er mich allein in dieſem Ge⸗ wölbe zu behalten,“ dachte Monk.„Gleichviel, wir wollen bis zum Ende gehen; ein Mann iſt ſo viel werth als der andere, und wir ſind allein.“ „Mein Freund,“ ſagte Monk zu dem Fiſcher,„ſteige wieder die Treppe hinauf, die wir herabgeſtiegen ſind, und wache, damit uns Niemand hier ſtört.“ Der Fiſcher machte eine Bewegung, um zu ge⸗ horchen. „Laß Deine Laterne hier,“ fügte Monk bei,„ſie könnte Deine Gegenwart verrathen und Dir einen Musketenſchuß eintragen.“ 1 Der Fiſcher ſchien dieſen Rath zu würdigen, ſtellte die Laterne auf den Boden und verſchwand unter dem Gewölbe der Treppe. Monk nahm die Laterne und trug ſie zum Fuße der Säule. „Ah!“ ſagte er,„es iſt wohl Gold in dieſem Grabe verſteckt?“ „Ja, Mylord, und in fünf Minuten werdet Ihr nicht mehr daran zweifeln.“ Zu gleicher Zeit that Athos einen gewaltigen Streich auf den Kalk, der ſich, der Spitze des Hebels eine Spalte bietend, trennte. Athos drückte die Hebe⸗ ſtange in dieſe Spalte ein, und bald gaben ganze Stücke Kalk, ſich wie runde Platten ablöſend, nach. Da faßte der Graf die Steine und hob ſie durch Erſchütterungen aus, deren man ſo zarte Hände, wie die ſeinigen, nicht hätte fähig halten ſollen. „Mylord,“ ſprach er,„das iſt das Mauerwerk, von dem ich Euch geſagt habe.“ 8* „Ja, aber ich ſehe die Tonnen noch nicht,“ erwie⸗ derte Monk. „Wenn ich einen Dolch hätte, ſo ſolltet Ihr ſie Bald ſehen,“ verſetzte Athos umherſchauend.„Leider habe ich den meinigen im Zelte Eurer Herrlichkeit ver⸗ geſſen.“ 3 „Ich würde Euch wohl den meinigen anbieten, aber 3 —— b 119 die Klinge ſcheint viel zu ſchwach für die Arbeit zu ſein, für die Ihr ſie beſtimmt.“ 4 Athos ſchien um ſich her irgend einen Gegenſtand zu ſuchen, der die gewünſchte Waffe erſetzen könnte. Monk verlor nicht eine Bewegung ſeiner Hände, nicht einen Ausdruck ſeiner Augen. „Warum verlangt Ihr nicht das Meſſer von dem Fiſcher?“ fragte Monk;„er hatte ein Meſſer.“ „Ah! ganz richtig,“ erwiederte Athos,„er hat ſich desſelben bedient, um den Baum abzuſchneiden.“ Und er ging gegen die Treppe und ſagte zu dem Fiſcher: „Freund, ich bitte, werft mir Euer Meſſer herab, ich brauche es.“ Man hörte das Geräuſch des Meſſers auf den Stufen. 5 „Nehmt es,“ ſagte Monk,„es iſt ein ſtarkes Werk⸗ zeug, wie ich geſehen habe, und eine feſte Hand kann es mit Vortheil anwenden.“ Athos ſchien den Worten von Monk nur den na⸗ türlichen und einfachen Sinn beizulegen, unter dem ſie verſtanden werden ſollten. Er bemerkte auch nicht, oder ſchien wenigſtens nicht zu bemerken, daß Monk, als er wieder zu ihm kam, zurücktrat und ſeine linke Hand an den Kolben ſeiner Piſtole legte; mit der rechten hielt er ſchon ſeinen Dirk. Er ging ans Werk, wandte Monk den Rücken zu und gab ihm ſein Leben, ohne die Mög⸗ lichkeit, ſich zur Wehr zu ſetzen, preis. Athos ſchlug einige Minuten lang ſo geſchickt und ſo ſcharf auf den dazwiſchen liegenden Gyps, daß er ſich in zwei Theile trennte, und daß nun Monk zwei Tonnen erblickte, welche mit ihren Enden an einander ſtießen und durch ihr Gewicht unbeweglich in ihrer Umhüllung gehalten wurden. „Mylord,“ ſprach Athos,„Ihr ſeht, daß mich meine Ahnungen nicht täuſchten.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Monk,„und ich habe wahr?“ „Gewiß; der Verluſt dieſes Geldes wäre äußerſt allen Grund, zu glauben, daß Ihr zufrieden ſeid, nicht empfindlich für mich geweſen; doch ich war feſt über⸗ zeugt, Gott, der die gute Sache beſchützt, würde die Entwendung dieſes Geldes, das zu ihrem Siege bei⸗ tragen muß, nicht geſtattet haben.“ 3„Bei meiner Ehre, Ihr ſeid eben ſo geheimnißvoll in Worten, als in Handlungen, mein Herr,“ ſprach Monk.„Ich begriff Euch vorhin durchaus nicht, als Ihr ſagtet, Ihr wollet nicht auf mich die Verantwort⸗ lichkeit des Werkes laden, das Ihr vollbringt.“ „Ich hatte Recht, wenn ich dies ſagte, Mylord.“ „Und nun ſprecht Ihr von der guten Sache. Was verſteht Ihr unter den Worten: die gute Sache? Wir vertheidigen in dieſem Augenblick in England fünf oder ſechs Sachen, und deſſenungeachtet hält Jeder die ſei⸗ nige nicht nur für die gute, ſondern ſogar für die beſte. Welche iſt die Eurige? ſprecht unumwunden, damit wir ſehen, ob wir uber den Punkt, auf den Ihr ein ſo großes Gewicht zu legen ſcheint, derſelben Anſicht ſind.“ Athos heftete auf Monk einen von den tiefen Bli⸗ cken, die gleichſam an denjenigen, welchen man an⸗ ſchaut, die Herausforderung richten, er möge es verſu⸗ hhen, einen einzigen von ſeinen Gedanken zu verbergen; dann nahm er ſeinen Hut ab und begann mit einer feierlichen Stimme, während der General, eine Hand auf ſeinem Geſicht, dieſe lange nervige Hand ſeinen Schnurrbart und ſeinen Kinnbart umſchließen und ſein ſchwermüthiges Auge in den Tiefen des Gewölbes um⸗ herirren ließ. — 121 XII. Der Geiſt und das Herz. „Mylord,“ ſprach der Graf de la Fère,„Ihr ſeid ein edler Engländer, Ihr ſeid ein redlicher Mann; Ihr ſprecht mit einem edlen Franzoſen, mit einem Mann von Herz. Ich ſagte Euch, das in dieſen zwei Tonnen enthaltene Gold gehöre mir, ich hatte Unrecht; es iſt dies die erſte düge he ich in meinem Leben geſprochen habe, allerdings ein augenblickliche Lüge. Dieſes Gold iſt das Eigenthum von König Karl II., der, aus ſeinem Vaterland verbannt, aus ſeinem Palaſt vertrieben, eine Waiſe zugleich ſeines Vaters und ſeines Thrones, ſelbſt des traurigen Glückes beraubt iſt, auf den Knieen den Stein zu küſſen, auf dem von der Hand ſeiner Mörder die einſache Grabſchrift ſteht, welche ewig um Rache gegen ſie ſchreien wird: „„Hier liegt König Karl I.44 Monk erbleichte leicht, und durch einen unmerklichen Schauer runzelte ſich ſeine Haut und ſträubte ſich ſein grauer Schnurrbart. „Ich,“ fuhr Athos fort,„ich, der Graf de la Fore, ich der einzige, der letzte Getreue, der dem armen ver⸗ laſſenen Prinzen geblieben iſt, habe ihm angeboten, den Mann aufzuſuchen, von dem heute das Schickſal des Königthums in England abhängt, und ich bin gekom⸗ men, und ich habe mich unter den Blick dieſes Mannes geſtellt, ich habe mich nackt und unbewehrt in ſeine Hände gegeben und ſage zu ihm: „„Mylord, hier iſt das letzte Mittel eines Fürſten, den Gott zu Eurem Herrn, den ſeine Geburt zu Eurem König gemacht hat; von Euch, von Euch allein hängen 12² ſeine Zukunft und ſein Leben ab. Wollt Ihr dieſes Gold anwenden, um England von den Uebeln zu heilen, die es während der Anarchie erleiden mußte, das heißt, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht König Karl II. unter⸗ ſtützen oder ihn wenigſtens gewähren laſſen? Ihr ſeid der Herr, Ihr ſeid der König, allmächtiger König und Herr, denn der Zufall macht oft das Werk der Zeit und Gottes zu nichte. Ich bin allein mit Euch, Mylord; erſchreckt es Euch, daß der Erfolg ein getheilter ſein ſoll, bedrückt Euch meine Genoſſenſchaft, Ihr ſeid be⸗ waffnet, Mylord, und hier iſt ein geöffnetes Grab; be⸗ rauſcht Cuch im Gegentheil die Begeiſterung für Eure Sache, ſeid Ihr das, was Ihr zu ſein ſcheint, gehorcht Eure Hand in dem, was Ihr unternehmt, Eurem Geiſt und Euer Geiſt Eurem Herzen, ſo iſt hier das Mittel, der Sache Eures Feindes Karl Stuart für immer den Todesſtoß zu geben. Tödtet den Mann, den Ihr vor Augen habt, denn dieſer Mann wird zu demjenigen, welcher ihn geſchickt, nicht zurückkehren, ohne ihm das Gut zu bringen, das ihm von Karl I., ſeinem Vater, anvertraut worden iſt, und nehmt das Gold, das den Bürgerkrieg zu unterhalten dienen kann. Ach! Mylord, das iſt die unſelige Bedingung dieſes unglücklichen Prin⸗ zen: er muß beſtechen oder tödten, denn Alles wider⸗ ſteht ihm, Alles ſtößt ihn zurück, Alles iſt ihm feind⸗ ſelig, und dennoch iſt er mit dem göttlichen Siegel be⸗ zeichnet, und um ſein Blut nicht Lügen zu ſtrafen, muß eer den Thron wieder beſteigen oder auf dem heiligen Boden des Vaterlandes ſterben,““ „Mylord, Ihr habt mich verſtanden. Jedem An⸗ dern, als dem erhabenen Mann, der mich hört, hätte ich geſagt;„„Mylord, Ihr ſeid arm; Mylord, der König bietet Euch dieſe Million als Angeld eines ungeheuren Handels; nehmt ſie und dient Karl II., wie ich Karl I. gedient habe, und ich bin feſt überzeugt, daß Gott, der uns hört, der uns ſieht, der allein in Eurem für alle menſchlichen Blicke verſchloſſenen Herzen lieſt... ich 123 bin feſt überzeugt, daß Euch Gott ein ſeliges ewiges Leben nach einem glücklichen Tod ſchenken wird.““ Doch zu dem General Monk, zu dem erhabenen Mann, deſſen Größe ich ermeſſen zu haben glaube, ſage ich: „„Mylord, es gibt für Euch in der Geſchichte der Völker und der Könige einen glänzenden Platz, eine unſterbliche, unvergängliche Glorie, wenn Ihr allein, ohne ein anderes Intereſſe als das Wohl Eures Vater⸗ landes und das Intereſſe, der Gerechtigkeit die Stütze Eures Königs werdet. Viele Andere ſind Eroberer und glorreiche Uſurpatoren geworden. Ihr, Mylord, Ihr werdet Euch begnügt haben, der tugendhafteſte, der un⸗ beſcholtenſte und der redlichſte der Menſchen zu ſein. Ihr werdet eine Krone in Eurer Hand gehabt haben, und ſtatt ſie Eurer Stirne anzuſchmiegen, habt Ihr ſie auf die Stirne desjenigen geſetzt, für welchen ſie be⸗ ſtimmt war. Oh! Mylord, handelt ſo, und Ihr vermacht der Nachwelt den beneidetſten Namen, den je ein menſch⸗ liches Geſchoͤpf zu tragen ſich rühmen kann.““ Athos hielt inne. Während der ganzen Zeit, die der edle Ritter geſprochen, hatte Monk kein Zeichen der Billigung oder der Mißbilligung von ſich gegeben; kaum hatten ſich während dieſer gewaltigen, aufſtacheln⸗ den Rede ſeine Augen mit jenem Feuer belebt, das den Verſtand und den Scharfſinn bezeichnet. Der Graf de la Fore ſchaute ihn traurig an und fühlte, als er die⸗ ſes düſtere Geſicht ſah, wie die Entmuthigung tief in ſein Herz eindrang. Endlich ſchien ſich Monk zu bele⸗ ben, und das Stillſchweigen brechend ſprach er mit ſanf⸗ tem und ernſtem Tone: 4 „Mein Herr, ich will mich zur Erwiederung Eurer eigenen Worte bedienen. Jedem Andern als Euch würde ich durch die Austreibung, durch das Gefängniß oder durch etwas noch Schlimmeres antworten. Denn Ihr verſucht mich am Ende und thut mir zugleich Ge⸗ walt an. Doch Ihr ſeid einer von den Männern, mein Herr, denen man die Aufmerkſamkeiten und d ück⸗ 124 ſichten, die ſie verdienen, nicht verweigern kann; Ihr ſeid ein braver Edelmann, mein Herr, ich ſage es und ich verſtehe mich darauf. So eben ſpracht Ihr mir von einem Gute, das Euch der verſtorbene König für ſeinen Sohn anvertraut habe: Seid Ihr nicht einer von jenen Franzoſen, die, wie ich ſagen hörte, Karl aus White⸗ Hall entführen wollten?“ „Ja, Mylord, ich befand mich wäͤhrend der Hin⸗ richtung unter dem Schaffot; ich, der ich ihn nicht hatte retten können, empfing auf meine Stirne das Zlut des königlichen Märtyrers; ich empfing zu gleicher Zeit das letzte Wort von Karl I.; zu mir ſagte er: Remember! und indem er: Erinnere Dich! zu mir ſprach, ſpielte er auf das Gold an, das zu Euren Füßen liegt, Mylord.“ „Ich habe viel von Euch ſprechen hören, mein Herr,“ ſagte Monk,„doch ich fühle mich glücklich, daß ich Euch von Anfang an nach meiner eigenen Ein⸗ gebung und nicht nach Erinnerungen geſchätzt habe. Ich werde Euch deshalb Erklärungen geben, die ich noch Niemand gegeben, und Ihr werdet einſehen, welchen Unterſchied ich zwiſchen Euch und den Perſonen mache, die bis jetzt zu mir geſandt worden ſind.“. Athos verbeugte ſich und ſchickte ſich an, gierig dieſe Worte einzuſaugen, welche eines nach dem andern von dem Munde von Monk ſielen, dieſe Worte ſo ſelten und koſtbar wie der Thau in der Wüſte. „Ihr ſprecht mir von König Karl II.,“ begann Monk;„doch ich bitte Euch, mein Herr, ſagt mir, was geht mich dieſes Geſpenſt eines Königs an? Ich bin alt geworden im Krieg und in der Politik, welche heut zu Tage ſo eng mit einander verbunden ſind, daß jeder Mann vom Schwert, kraft ſeines Rechtes oder ſeines Ehrgeizes, mit einem perſönlichen Intereſſe und nicht blindlings hinter einem Officier, wie bei den gewöhnli⸗ chen Kriegen, kämpfen muß. Ich wünſche vielleicht nichts, aber ich fürchte viel. Auf dem Krieg beruht heute die „ 125 Freiheit Englands und vielleicht die jedes Engländers. Warum ſoll ich, der ich frei bin in der Stellung, die ich mir gemacht habe, die Hand den Ketten eines Frem⸗ den reichen? Karl iſt nur dieſes für mich. Er hat Schlachten geliefert, die er verloren, folglich iſt er ein ſchlechter Feldherr; er hat bei keiner Unterhandlung geſtegt, folglich iſt er ein ſchlechter Diplomat; er hat ſein Elend an allen Höfen Europas umhergetragen, folglich iſt es eine ſchwache, kleinmüthige Seele. Nichts Edles, nichts Großartiges, nichts Starkes iſt noch aus dieſem Geiſt hervorgegangen, der eines der größten Reiche der Erde zu regieren trachtet. Ich kenne alſo dieſen Karl nur unter ſchlimmen Ausſichten, und Ihr wollt, daß ich, ein Mann von geſundem Verſtand, mich freiwillig zum Sklaven⸗ eines Geſchöpfes mache, das an militäriſcher Fähigkeit, an Politik und an Würde unter mir ſteht? Nein, mein Herr⸗ hat mich eine große und edle Handlung Karl ſchätzen gelehrt, dann werde ich vielleicht ſeine Rechte auf einen Thron anerkennen, von dem wir den Vater geſtoßen haben, weil es ihm an den Tugenden gebrach, an denen es bis jetzt auch dem Sohne gebricht; bis jetzt aber erkenne ich, was Rechte betrifft, nur die meinigen an. Die Revolution hat mich zum General gemacht, mein Schwert wird mich zum Protector machen, wenn ich will. Karl zeige ſich er erſcheine und unterwerfe ſich dem Wettkampf, der Nem Genie geöffnet iſt; und er erinnere ſich beſonders, daß er einem Geſchlechte angehört, von dem man mehr verlangen wird, als von jedem andern. Sprechen wir alſo nicht mehr hievon, mein Herr, ich ſchlage weder aus, noch nehme ich an; ich behalte mir vor, ich warte.“ Athos wußte, daß Monk zu gut von Allem unter⸗ richtet war, was ſich auf Karl II. bezog, um den Streit weiter zu treiben. Es war weder hiezu die Stunde, noch der Ort.. „Mylord,“ ſagte er,„ich habe Euch alſo nur noch zu danken.“ 8 126 „Und wofür, mein Herr? Dafür, daß Ihr mich gut beurtheilt habt, und daß ich nach Eurem Urtheil gehandelt habe? Oh! wahrhaftig, iſt das der Mühe werth? Dieſes Geld, das Ihr Koͤnig Karl überbringen werdet, ſoll mir als Beweis für ihn dienen, wenn ich ſehe, was er damit zu machen verſtehen wird. Ohne Zweifel werde ich eine Anſicht faſſen, die ich nicht habe.“ „Glaubt ſich indeſſen Eure Herrlichkeit nicht zu gefährden, wenn ſie eine Summe abgehen läßt, welche beſtimmt iſt, den Waffen ihres Feindes zu dienen?“ „Mein Feind, ſagt Ihr? Eil mein Herr, ich habe keine Feinde. Ich bin im Dienſt des Parlaments, das mir den General Lambert und den König Karl, ſeine Feinde und nicht die meinigen, zu bekämpfen be⸗ fiehlt. Ich kämpfe alſo. Würde mir im Gegentheil das Parlament befehlen, den Hafen von London mit Fahnen zu ſchmücken, die Soldaten am Ufer zu verſam⸗ meln, König Karl II. zu empfangen...“ „Ihr würdet gehorchen?“ rief Athos voll Freude. „Verzeiht,“ erwiederte Monk lächelnd,„ich, ein Graukopf, war im Begriff... in der That, wo hatte ich denn meinen Verſtand? ich war im Begriff, eine jugendliche Albernheit zu ſagen.“ „Ihr würdet alſo nicht gehorchen?“ „Ich ſage das eben ſo wenig, mein Herr. Vor Allem das Heil meines Vaterlandes! Gott, der mir gnädigſt die Kraft verliehen hat, wollte ohne Zweifel, daß ich dieſe Kraft zum Wohl Aller beſäße, und er hat mir zugleich die Unterſcheidungsgabe verliehen. Fiele es dem Parlament ein, mir dergleichen zu befehlen, ſo würde ich nachdenken.“ Athos verdüſterte ſich. 9 „Ah! ich ſehe, daß Eure Herrlichkeit entſchieden nicht geneigt iſt, Karl II. zu begünſtigen?“ „Ihr fragt mich immer, Herr Graf; laßt nun die Reihe auch an mir ſein, wenn es Euch beliebt.“ „Thut es, mein Herr, und möge Euch Gott den -——— 8———- — 127 Gedanken eingeben, mit mir ſo offenherzig zu reden, als ich Euch antworten werde.“ „Welchen Rath werdet Ihr Eurem Prinzen geben, wenn Ihr ihm dieſe Million zurückgebracht habt?“— Athos ſchaute Monk mit einem ſtolzen, entſchiedenen Blick an und erwiederte: „Mylord, mit dieſer Million, welche Andere viel⸗ leicht zu Unterhandlungen anwenden würden, will ich dem König rathen, zwei Regimenter anzuwerben, ſich nach Schottland, wo Ihr den Frieden wiederhergeſtellt habt, zu begeben und dem Volk die Freiheiten zu ver⸗ leihen, die ihm die Revolution verſprochen, aber nicht völlig gewährt hat. Ich werde ihm rathen, dieſes kleine Heer, das ſich, glaubt mir, vergrößern würde, in Per⸗ ſon zu befehligen, ſich die Fahne in der Hand und das Schwert in der Scheide tödten zu laſſen und zu ſagen: „„Engländer! das iſt der Dritte meines Geſchlechts, den Ihr tödtet: nehmt Euch in Acht vor der Gerech⸗ tigkeit Gottes!““ Monk neigte das Haupt und träumte einen Au⸗ genblick.. „Wenn es ihm gelänge,“ ſagte er,„was unwahr⸗ ſcheinlich, aber nicht unmöglich iſt, denn nichts in der Welt iſt unmöglich, was wurdet Ihr ihm rathen?“ „Er möge bedenken, daß er durch den Willen Got⸗ tes ſeine Krone verloren, daß er ſie aber durch den Willen der Menſchen wieder erlangt habe.“ Ein ſpöttiſches Lächeln ſchwebte über die Lippen von Monk.. „peeider, mein Herr, verſtehen es die Könige nicht, einen guten Rath zu befolgen,“ ſagte er. „Ah! Mylord, Karl II. iſt kein König,“ entgegnete Athos ebenfalls lächelnd, aber mit einem ganz andern Ausdruck, als es Monk gethan hatte. 3 „Nun, Herr Graf, machen wir die Sache kurz; nicht wahr, das iſt Euer Wunſch?“ Athos verbeugte ſich. 8 — N 128 „Ich will alſo Befehl geben, daß man dieſe zwei Tonnen dahin bringt, wo Ihr ſie zu haben wünſcht. Wo haltet Ihr Euch auf?“ „In einem kleinen Flecken an der Mündung des Fluſſes, Eure Herrlichkeit.“ „Oh! ich kenne den Flecken: nicht wahr, er beſteht aus fünf bis ſechs Häuſern?“ „So iſt es. Ich bewohne das erſte, zwei Fiſcher haben es mit mir inne, und ihre Barke hat mich ans Land gebracht.“ 4. „Doch Euer Schiff, mein Herr?“ „Mein Schiff liegt eine Viertelsmeile im Meer vor Anker und erwartet mich.“ „Ihr gedenkt aber doch nicht auf der Stelle abzu⸗ reiſen?“ Herrlichkeit zu überzeugen.“ „Das wird Euch nicht gelingen,“ erwiederte Monk. „Doch es iſt wichtig, daß Ihr Euch von Neweaſtle ent⸗ fernt, ohne von Eurer Anweſenheit den geringſten Ver⸗ dacht zurückzulaſſen, der Euch oder mir ſchaden könnte. Morgen, glauben meine Officiere, werde mich Lambert angreifen. Ich verbürge mich im Gegentheil, daß er ſich nicht rührt; das iſt in meinen Augen unmöglich. Lambert führt ein Heer ohne übereinſtimmende Grund⸗ ſätze an, und mit ſolchen Elementen iſt kein Heer möͤg⸗ lich. Ich habe meine Soldaten dahin unterrichtet, daß ſte meine Macht einer höheren Macht unterordnen, ſo daß ſie nach mir, und nicht nur unter mir, noch etwas verſuchen. Daraus geht hervor, daß mein Heer, wenn ich todt bin, was geſchehen kann, nicht ſogleich demo⸗ raliſirt ſein wird; daraus geht hervor, daß, wenn es mir gefiele, zum Beiſpiel auf einige Zeit wegzugehen, was mir zuweilen gefällt, in meinem Lager nicht ein Schatten von Unruhe oder Unordnung entſtünde. Ich bin der Magnet, die ſympathetiſche und natürliche Kraft der Engländer. Alle dieſe zerſtreuten Schwerter, „——— „Mylord, ich werde es noch einmal verſuchen, Eure 129 die man gegen mich ſchickt, werde ich an mich ziehen. Lambert befehligt in dieſem Augenblick achtzehntauſend Ausreißer. Doch davon habe ich, wie Ihr wohl fuhlt, nicht mit meinen Officieren geſprochen. Nichts iſt nütz⸗ licher für eine Armee, als das Gefühl einer nahe be⸗ vorſtehenden Schlacht: Jedermann bleibt wach, Jeder⸗ mann iſt auf ſeiner Hut. Ich ſage Euch das, damit Ihr in voller Sicherheit leben möget. Beeilt Euch alſo nicht zu ſehr, über das Meer zurückzukehren: binnen acht Tagen wird ſich etwas Neues ereignen, ſei es die Schlacht, ſei es der Vergleich. Dann, da Ihr mich als einen redlichen Mann beurtheilt und mir Euer Geheim⸗ niß anvertraut habt, und da ich Euch für dieſes Ver⸗ trauen zu danken habe, werde ich Euch einen Beſuch machen, oder Euch zu mir bitten. Ich fordere Euch alſo noch einmal auf, reiſt nicht eher ab, als bis Ihr Kunde von mir habt.“ „Ich verſpreche es Euch, General,“ rief Athos von einer ſo großen Freude ergriffen, daß er trotz ſeiner Vorſicht einen Funken davon aus ſeinen Augen ſpringen zu laſſen ſich nicht erwehren konnte. Monk gewahrte dieſe Flamme und löſchte ſie ſo⸗ gleich durch jenes ſtumme Lächeln aus, das ſtets bei denjenigen, welche mit ihm ſprachen, den Weg abſchnitt, den ſie in ſeinem Geiſte gemacht zu haben glaubten. „Mylord,“ ſagte Athos,„acht Tage beſtimmt Ihr mir als Friſt?“⸗ „Ja, mein Herr, acht Tage.“ „Und was ſoll ich während dieſer acht Tage thun?“ „Wenn eine Schlacht ſtattfindet, haltet Euch fern, ich bitte Euch. Ich weiß, daß die Franzoſen nach der⸗ gleichen Unterhaltungen lüſtern ſind; Ihr würdet gern ſehen wollen, wie wir uns ſchlagen, und könntet dabei eine verirrte Kugel in den Leib bekommen; unſere Schott⸗ länder ſchießen ſehr ſchlecht, und ein würdiger Edelmann wie Ihr ſoll nicht verwundet auf den Boden Frank⸗ Die drei Musketiere. Bragelonne. I. 9 reichs zurückkehren. Ich will endlich nicht genöthigt ſein, ſelbſt Eurem Prinzen die von Euch zurückgelaſſene Million zu überſchicken; denn man würde dann ſagen, und zwar mit Recht, ich bezahle den Prätendenten, da⸗ mit er gegen das Parlament Krieg führe. „Geht, mein Herr, und es geſchehe zwiſchen uns, wie es verabredet iſt.“ „Ah! Mylord,“ ſprach Athos,„welche Freude wäre es für mich, zuerſt in das edle Herz eingedrungen zu ſein, das unter dieſem Mantel ſchlägt!“ „Ihr glaubt alſo entſchieden, ich habe Geheimniſſe,“ ſagte Monk, ohne den halb heiteren Ausdruck ſeines Geſichtes zu verändern.„Eil mein Herr, welches Ge⸗ heimniß ſoll ſich denn in dem hohlen Kopf eines Sol⸗ daten finden? Doch es iſt ſpät, unſere Laterne erliſcht und wir wollen unſern Mann rufen.“ „Hollah!“ rief Monk franzöſiſch, indem er ſich der Treppe näherte,„hollah! Fiſcher!“ Schlaftrunken durch die Friſche der Nacht, antwor⸗ tete der Fiſcher mit einer heiſeren Stimme und fragte, was man von ihm wolle. 3 „Gehe bis zum Poſten,“ ſagte Monk,„und beſiehl dem Sergenten im Auftrag des General Monk, ſogleich hierherzukommen.“ Das war ein Beſehl, der ſich leicht vollziehen ließ⸗ denn durch die Anweſenheit des Generals in dieſer ver⸗ Sdeten Abtei neugierig gemacht, hatte ſich der Sergent allmälig genähert und war nur einige Schritte vom Fiſcher entfernt. Der Befehl des Generals gelangte alſo unmittel⸗ bar zu ihm und er lief herbei. „Nimm ein Pferd und zwei Mann,“ ſagte Monk. „Ein Pferd und zwei Mann?“ wiederholte der Sergent. ſattel oder zwei Koͤrben verſchaffen?“ „Ja; kannſt Du Dir ein Pferd mit einem Saum⸗ 131 „Gewiß, hundert Schritte von hier, im Lager der Schotten.“ „Gut.“ „Was ſoll ich mit dem Pferd machen, General?“ „Schau.“ Der Sergent ſtieg die drei oder vier Stufen voll⸗ ends herab, welche ihn von Monk trennten, und erſchien unter dem Gewölbe. „Siehſt Du dort, wo jener Herr iſt?“ ſagte Monk. „Ja, mein General.“ „Du ſiehſt jene zwei Tonnen?“ „Vollkommen.“ 3 „Es ſind zwei Tonnen, von denen die eine Pulver, die andere Kugeln enthält; ich moͤchte ſie gern nach dem kleinen Flecken am Ufer des Fluſſes ſchaffen laſſen, den ich morgen mit zweihundert Musketieren zu beſetzen gedenke. Du begreifſt, es iſt ein geheimer Auftrag, denn dieſe Bewegung kann über das Gewinnen der Schlacht entſcheiden.“ „Ohl mein General!“ murmelte der Sergent. 3 „Wohll! laß alſo dieſe Tonnen auf dem Pferd feſt⸗ binden und geleite ſie mit zwei Mann bis nach dem Hauſe dieſes Herrn, der mein Freund iſt. Doch Du begreifſt, Niemand darf es erfahren.“ „Ich ginge durch das Moor, wenn ich einen Weg kennen würde,“ ſagte der Sergent. „Ich kenne einen,“ ſprach Athos;„er iſt nicht breit, aber ſicher, da er auf Grundpfählen angelegt iſt, und wenn wir vorſichtig zu Werke gehen, werden wir an Ort und Stelle kommen.“ M AThut, was dieſer Cavalier Euch befiehlt,“ ſagte onk. 2 „Hoho! die Tonnen ſind ſchwer,“ rief der Sergent, der eine aufzuheben ſuchte. „Jede wiegt vierhundert Pfund, wenn ſie enthal⸗ ten, was ſie enthalten ſollen, nicht wahr, mein Herr?“ „Ungefähr,“ antwortete Athos, 13²2 Der Sergent entfernte ſich, um das Pferd und die Leute zu holen. Monk, der allein mit Athos blieb, gab ſich abſichtlich Mühe, nur über gleichgültige Dinge mit ihm zu ſprechen, während er zerſtreut im Gewölbe um⸗ herſchaute. Als er ſodann die Tritte der Pferde hörte, ſagte er: „Ich laſſe Euch bei Euren Leuten, mein Herr, und kehre ins Lager zurück. Ihr ſeid in Sicherheit.“ An„Ich werde Euch alſo wiederſehen, Mylord?“ fragte hos. „Abgemacht, mein Herr, und mit großem Vergnügen.“ Monk reichte⸗ Athos die Hand. „Ahl Mylord, wenn Ihr wolltet!“ flüſterte Athos. „Stille, mein Herr, es iſt unter uns verabredet, nicht mehr hievon zu ſprechen,“ ſagte Monk. Und er grüßte Athos, ſtieg die Treppe hinauf und kreuzte mitten auf der Treppe ſeine Leute, welche eben herabkamen. Er hatte nicht zwanzig Schritte außerhalb der Abtei gemacht, als ſich ein entferntes, lange aus⸗ gedehntes Pfeifen hören ließ. Monk horchte, da er aber nichts mehr ſah und nichts mehr hörte, ging er weiter. Da erinnerte er ſich des Fiſchers und ſuchte ihn mit den Augen, doch der Fiſcher war verſchwunden. Hätte er indeſſen aufmerkſamer geſchaut, als er es that, ſo würde er geſehen haben, wie dieſer Menſch tief ge⸗ bückt wie eine Schlange an den Mauerſteinen hinſchlich und ſich im Nebel verlor, der über die Oberfläche des Moors hinſtreifte. Hätte er dieſen Nebel zu durchdrin⸗ gen verſucht, ſo würde er gleichfalls ein Schauſpiel ge⸗ ſehen haben, das ſeine Aufmerkſamkeit erregt haben müßte: es waren dies die Maſten der Barke des Fi⸗ ſchers, welche ihren Platz verändert hatte und ſich nun ganz nahe am Ufer des Fluſſes befand. Doch Monk ſah nichts, und da er dachte, er habe nichts zu befürchten, ſo wanderte er auf der oͤden Straße fort, welche nach dem Lager führte. Nun erſt kam ihm dieſes Verſchwinden des Fiſchers ſeltſam vor und —— 13³ ein wirklicher Verdacht fing an ſeinen Geiſt zu bela⸗ gern. Er hatte den einzigen Poſten, der ihn beſchützen konnte, Athos zur Verfügung geſtellt, und der Weg, den er zurücklegen mußte, um ſein Lager zu erreichen, be⸗ trug eine Meile. Der Nebel ſtieg mit einer ſolchen Dichtheit auf, daß man die Gegenſtände auf eine Entfernung von zehn Schritten kaum unterſcheiden konnte. Monk glaubte nun etwas wie das Geräuſch eines Ruders zu hören, das dumpf auf das ſumpfige Waſſer in ſeiner Nähe ſchlug. „Wer iſt da?“ rief er. Doch Niemand antwortete. Da ſpannte er ſeine Piſtole, nahm ſeinen Degen in die Hand und beſchleu⸗ nigte ſeine Schritte, ohne jedoch Jemand rufen zu wol⸗ len. Dieſes Rufen, das nicht durchaus nothwendig war, kam ihm ſeiner unwürdig vor. XIV. Am andern Tag. Es war ſieben Uhr Morgens: die erſten Strahlen des Tages beleuchteten die Teiche, in denen ſich die Sonne wie eine rothe Kugel wiederſpiegelte, als Athos erwachend und das Fenſter ſeines Schlafzimmers öff⸗ nend, das nach dem Fluſſe ging, ungefähr in einer Entfernung von fünfzehn Schritten den Sergenten und die Leute erblickte, die ihn am Abend vorher begleitet hatten und, nachdem ſie die Tonnen bei ihm niederge⸗ 134 regt auf der Chauſſee rechts nach dem Lager zurückge⸗ kehrt waren. Warum waren dieſe Menſchen, nachdem ſie ins Lager zurückgekehrt, wieder gekommen? Dies war die Frage, die ſich plötzlich dem Geiſt von Athos darbot. Den Kopf hoch, ſchien der Sergent auf den Augen⸗ blick zu lauern, wo der fremde Edelmann erſcheinen würde, um ihn anzurufen. Erſtaunt, diejenigen hier wiederzufinden, die er am Abend vorher ſich hatte entfernen ſehen, konnte er ſich nicht enthalten, ihnen ſeine Verwunderung hierüber zu bezeigen. „Darüber dürft Ihr Euch nicht wundern, mein Herr,“ ſagte der Sergent,„geſtern hat mir der Gene⸗ ral über Eurer Sicherheit zu wachen befohlen, und ich habe dieſem Befehl Fol ge geleiſtet.“ „Iſt der General im Lager 2“ fragte Athos. „Ohne allen Zweifel, mein Herr, da Ihr ihn ver⸗ ließet, als er ſich dahin begab.“ „Wohl!l ſo erwartet mich, ich will zu ihm gehen, um ihm zu melden, mit welcher Treue Ihr Euren Auf⸗ trag erfüllt habt, und zugleich um meinen Degen zu — holen, den ich geſtern auf ſeinem Tiſch liegen ließ.“ „Das trifft ſich vortrefflich,“ ſagte der Sergent, „denn wir wollten Euch darum bitten.“ Athos glaubte eine gewiſſe zweideutig treuherzige Miene im Geſichte des Sergenten wahrzunehmen, doch das Abenteuer des unterirdiſchen Gewölbes konnte die Neugierde dieſes Menſchen erregt haben, und es war daher nicht beſonders auffallend, daß er auf ſeinem Ge⸗ ſicht die Gefühle ein wenig durchblicken ließ, die ſeinen Geiſt bewegten. Athos ſchloß ſorgfältig die Thüre und übergab den Schlüſſel Grimaud, der ſeine Wohnung unter dem Schirmdache genommen hatte, unter dem man in den Speiſekeller gelangte, wo die Tonnen aufbewahrt waren. Der Sergent begleitete den Grafen de la Fore bis ins —— ,— „vier Mann ab, welche Athos geführt hatten. ſiſche Edelmann ſei, mit dem der General das Zelt ver⸗ 135⁵ Lager. Hier wartete eine neue Wache und löſte die Dieſe neue Wache wurde befehligt vom Adjutanten Digby, welcher unter Weges auf Athos ſo wenig ermu⸗ thigende Blicke heftete, daß der Franzoſe ſich fragte, woher dieſe Wachſamkeit und dieſe Strenge gegen ihn kämen, während man ihn am Tage vorher ſo völlig frei gelaſſen. Er ging nichtsdeſtoweniger weiter nach dem Haupt⸗ quartier und verſchloß in ſeinem Innern die Bemerkun⸗ gen, die ihn die Menſchen und die Dinge zu machen nöthigten. Er fand unter dem Zelte des Generals, wo er am Tage zuvor eingeführt worden war, drei höhere Officiere: dies waren der Lieutenant von Monk und zwei Oberſten. Athos erblickte ſeinen Degen; er lag noch auf dem Tiſch des Generals, an dem Platz, wo er ihn gelaſſen hatte. Keiner von den Officieren hatte Athos geſehen, keiner kannte ihn folglich. Der Lieutenant von Monk fragte, als er Athos erblickte, ob dies nicht der franzö⸗ laſſen habe. „Ja, Eure Ehren, er iſt es,“ antwortete der Soldat. „Mir ſcheint, ich leugne das nicht,“ ſprach Athos mit ſtolzem Tone;„und nun, meine Herren, erlaubt mir meinerſeits, Euch um eine Erklärung zu bitten, wozu alle dieſe Fragen und beſonders warum der Ton, in dem Ihr ſie thut.“ 1„Mein Herr,“ erwiederte der Lieutenant,„wenn wir dieſe Fragen an Euch richten, ſo haben wir das Recht, ſie zu thun, und wenn wir ſie in dieſem Ton ſtellen, ſo geſchieht dies, glaubt mir, weil dieſer Ton der Lage der Dinge entſpricht.“ „Meine Herren,“ entgegnete Athos,„Ihr wißt nicht, wer ich bin, doch ich muß Euch bemerken, daß ich hier nur den General Monk als meines Gleichen anerkenne. Wo iſt er? Man führe mich vor ihn und 136 wenn er eine Frage an mich zu richten hat, ſo werde ich antworten, und zwar, wie ich hoffe, auf eine ihn befriedigende Weiſe. Ich wiederhole, meine Herren, wo iſt der General?“ „Ei, bei Gott! Ihr wißt beſſer als wir, wo er iſt!“ rief der Lieutenant.. „Ich 20 „Gewiß, Ihr.“ „Mein Herr, ich verſtehe Euch nicht.“ „Ihr werdet mich verſtehen, und ſprecht vor Allem leiſer, mein Herr. Was hat Euch der General geſtern geſagt?“ Athos lächelte verächtlich. „Es handelt ſich hier nicht darum, zu lächeln, ſon⸗ dern zu antworten,“ rief aufbrauſend einer von den Oberſten. „Und ich, meine Herren, ich erkläre Euch, daß ich nicht antworten werde, wenn ich nicht dem General gegenüberſtehe.“ „Ihr wißt wohl, daß Ihr etwas Unmögliches ver⸗ langt,“ ſagte der Oberſte, der ſchon geſprochen hatte. „ Zum zweiten Male gibt man mir dieſelbe ſelt⸗ ſame Antwort auf den Wunſch, den ich ausdrücke,“ ſprach Athos.„Iſt der General abweſend?“ Die Frage von Athos wurde ſo treuherzig ausge⸗ ſprochen und der Graf hatte dabei eine ſo unſchuldig erſtaunte Miene, daß die drei Officiere Blicke wechſel⸗ ten. Der Lieutenant nahm durch eine Art von ſtill⸗ ſchweigender Uebereinkunft mit den zwei andern Of⸗ ſicieren das Wort und ſagte: —„Mein Herr, der General hat Euch geſtern an der Grenze des Kloſters verlaſſen?“ „Ja, mein Herr.“ „Und wohin ſeid Ihr gegangen?“ „Es iſt nicht an mir, Euch zu antworten, ſonderu an denjenigen, welche mich begleitet haben. Das ſind Eure Soldaten, befragt ſie.“ —— — 137 „Aber wenn es uns beliebt, Euch zu befragen? „Dann wird es mir belieben, Euch zu erwiedern, mein Herr, daß ich von Niemand hier abhängig bin, daß ich hier nur den General kenne und nur ihm ant⸗ worten werde.“ „Es ſei, doch da wir die Herren ſind, ſo werden wir uns zum Kriegsgericht erheben, und wenn Ihr Richter vor Euch habt, müßt Ihr wohl antworten.“ Das Antlitz von Athos drückte nur Erſtaunen und Verachtung ſtatt des Schreckens aus, den die Officiere darauf zu leſen erwarteten. „Schottiſche oder engliſche Richter mir, der ich Unterthan des Königs von Frankreich, mir, der ich un⸗ ter den Schutz der britiſchen Ehre geſtellt bin! Ihr ſeid Narren, meine Herren,“ rief Athos die Achſeln zuckend. „Mein Herr, Ihr behauptet alſo, Ihr wiſſet nicht, wo der General iſt?“ ſagten ſie. „Hierauf habe ich ſchon geantwortet.“ „Ja; aber Ihr habt etwas Unglaubliches geant⸗ wortet.“ „Es iſt dennoch wahr, meine Herren. Die Leute meines Standes lügen gewöhnlich nicht. Ich bin Edel⸗ mann, wie ich Euch ſchon bemerkte, und wenn ich den Degen an meiner Seite habe, den ich geſtern aus ei⸗ nem Uebermaß von Zartgefühl auf dem Tiſche ließ, wo er noch liegt, ſo wird mir, glaubt mir, Keiner Dinge ſagen, die ich nicht hören will. Heute bin ich entwaff⸗ net; wenn Ihr meine Richter zu ſein Euch anmaßt, ſo üt mich; wenn Ihr nur meine Henker ſeid, ſo tödtet mi 1 „Aber, mein Herr?...“ fragte mit höflicherem Tone der Lieutenant, berührt von der Größe und Kaltblütig⸗ keit von Athos. 3 „Mein Herr, ich kam hierher, um mit Eurem Ge⸗ neral im Vertrauen über wichtige Angelegenheiten zu 3 ſprechen. Es war kein gewöhnlicher Empfang, der Em⸗ pfang, den er mir zu Theil werden ließ. Die Berichte Eurer Soldaten können Euch hievon überzeugen. Wenn er mich ſo empfing, ſo wußte der General, welche An⸗ ſprüche ich auf Achtung zu machen habe. Ich denke, Ihr nehmt nun nicht an, ich werde Euch meine Ge⸗ heimniſſe oder gar die ſeinigen offenbaren.“ „Aber was enthielten denn die Tonnen? „Habt Ihr dieſe Frage nicht an Eure Soldaten gerichtet? Was haben ſie Euch geantwortet?“ „Sie enthalten Pulver und Blei.“ „Von wem erhielten ſie dieſe Kunde? ſie mußten Euch das ſagen.“ „Vom General; doch wir laſſen uns nicht bethoren.“ „Nehmt Euch in Acht, mein Herr, ich bin es nicht mehr, den Ihr Lügen ſtraft, ſondern Euer Chef.“ Die Officiere ſchauten ſich abermals an; Athos fuhr fort:. f „Vor Euren Soldaten hat mir der General ge⸗ 4 ſagt, ich möge acht Tag warten, in acht Tagen würde er mir die Antwort geben, die er mir zu ertheilen habe. Bin ich entflohen? Nein, ich warte.“ „Er hat Euch acht Tage warten heißen!“ rief der Lieutenant. 4 „Mein Herr, ich habe ein Sloop in der Mündung des Fluſſes vor Anker, ich konnte es geſtern ohne die geringſte Schwierigkeit erreichen und mich einſchiffen. Bin ich aber geblieben, ſo geſchah dies einzig und al⸗ lein, um den Wünſchen des Generals zu entſprechen, da mich Seine Herrlichken erſuchte, nicht ohne eine letzte Audienz abzureiſen, deren Zeitpunkt ſte ſelbſt auf acht Tage feſtſtellte. Ich wiederhole Euch alſo, daß ich warte.“ 3 Der Lieutenant wandte ſich gegen die zwei andern 3 Officiere um und ſagte mit leiſer Stimme: „Wenn dieſer die Wahrheit ſpricht, ſo wäre noch Hoffnung vorhanden. Der General hätte ſo geheime —= 139 Unterhandlungen pflegen müſſen, daß er es ſogar für unklug gehalten haben würde, uns davon in Kenntniß zu ſetzen. Seine Abweſenheit würde ſodann acht Tag dauern.“— Dann ſich an Athos wendend, ſprach er: „Mein Herr, Eure Erklärung iſt von der höchſten Wichtigkeit, wollt Ihr ſie unter dem Siegel des Schwurs wiederholen?“ „Mein Herr,“ antwortete Athos,„ich habe immer in einer Welt gelebt, in der man mein einfaches Wort als den heiligſten der Schwüre betrachtete.“ „Diesmal jedoch, mein Herr, ſind die Verhältniſſe ernſter als alle diejenigen, in denen Ihr Euch je be⸗ funden haben möget. Es handelt ſich um das Heil einer ganzen Armee. Bedenkt es wohl. Der General iſt verſchwunden und wir forſchen nach ihm. Iſt das Verſchwinden natürlich? Iſt ein Verbrechen begangen worden? Müſſen wir unſere Nachforſchungen bis auf's Aeußerſte treiben? Sollen wir in Geduld warten? In dieſem Augenblick, mein Herr, hängt Alles von dem Wort ab, das Ihr ausſprechen werdet.“ „So befragt zögere ich nicht,“ erwiederte Athos; „ja, ich hatte eine vertrauliche Unterredung mit dem General und bat ihn um eine Antwort über gewiſſe Intereſſen; ja, der General, der ſich ohne Zweifel nicht vor der Schlacht, die man erwartet, ausſprechen konnte, bat mich, noch acht Tage in dem Hauſe zu warten, das ich bewohne, und verſprach mir zugleich, ich würde ihn in acht Tagen wiederſehen. Ja, dies Alles iſt wahr, und ich ſchwöre es bei Gott, der der unumſchränkte Herr meines Lebens und des Eurigen iſt.“ Athos ſprach dieſe Worte mit ſo viel Größe und mit ſolcher Feierlichkeit, daß die drei Officiere beinahe überzeugt waren. Einer von den Oberſten wollte in⸗ deſſen noch einen Verſuch machen und ſagte: Mein Herr, obgleich wir nun von dem, was Ihr behauptet, überzeugt ſind, liegt doch in dem Allem ein ſelt⸗ ſames Geheimniß. Der General iſt ein zu kluger Mann, um ſo ſein Heer am Vorabend einer Schlacht zu ver⸗ laſſen, ohne wenigſtens einen von uns davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Ich, was mich betrifft, kann nichts An⸗ deres glauben, als daß ein ſeltſames Ereigniß die Ur⸗ ſache dieſes Verſchwindens iſt. Geſtern ſind fremde Fiſcher hierhergekommen, um ihre Fiſche zu verkaufen; man quartierte ſie dort unten bei den Schottländern ein, nämlich am Wege, dem der General folgte, um mit dem Herrn in die Abtei zu gehen und von dort zu⸗ rückzukehren. Einer dieſer Fiſcher hat den General mit einer Laterne begleitet... und dieſen Morgen waren Barke und Fiſcher von der Fluth fortgetragen ver⸗ ſchwunden.“ „Ich,“ verſetzte der Lieutenant,„ich ſehe darin nichts, was nicht natürlich wäre, denn dieſe Leute waren keine Gefangenen.“ „Nein; aber ich wiederhole, einer von ihnen hat dem General und dem Herrn in dem Gewölbe der Abtei geleuchtet, und Digby verſichert uns, der General habe ſchlimmen Verdacht über dieſe Leute gehabt. Wer ſagt uns aher, daß dieſe Fiſcher nicht mit dem Herrn ein⸗ verſtanden waren, und nachdem der Streich ausgeführt, ſei dieſer Herr, der ſicherlich muthig iſt, nicht geblieben, um uns durch ſeine Gegenwart zu beruhigen und es zu verhindern, daß unſere Nachforſchungen die geeignete Richtung nehmen?“ Dieſe Rede machte Eindruck auf die zwei andern Officiere. „Mein Herr,“ ſprach Athos,„erlaubt mix, Euch zu bemerken, daß es Eurem ſcheinbar ſehr richtigen Ur⸗ theil doch in dem, was mich betrifft, an Haltbarkeit fehlt. Ihr ſagt, ich ſei geblieben, um den Verdacht ab⸗ zuwenden; der Verdacht regt ſich im Gegentheil in mir, wie in Euch, und ich ſage Euch: Es iſt nicht möglich, meine Her⸗ ren, daß ſich der General am Vorabend einer Schlacht weg⸗ begeben hat, ohne irgend Jemand davon in Kenntniß —— —— —— 141 zu ſetzen. Ja, bei dem Allem waltet ein ſeltſames Er⸗ eigniß ob; ja, ſtatt müßig zu bleiben und zu warten, müßt Ihr jede Wachſamkeit, jede mögliche Thätigkeit entwickeln. Ich bin Euer Gefangener, meine Herren, auf mein Wort oder auf eine andere Weiſe. Meine Ehre iſt dabei betheiligt, daß man erfährt, was aus dem General Monk geworden iſt, ſo daß ich, wenn Ihr zu mir ſagtet: Geht, antworten würde: Nein, ich bleibe,— und daß ich, wenn Ihr mich um meine Meinung fragtet, beifügen müßte: Ja, der General iſt das Opfer irgend einer Verſchwörung, denn wenn er das Lager hätte verlaſſen müſſen, ſo würde er es geſagt haben. Sucht alſo, forſcht, durchwühlt die Erde, durchwühlt das Meer; der General iſt nicht weggegangen, oder wenigſtens nicht mit ſeinem eigenen Willen weggegangen.“ Der Lieutenant machte den anderen Officieren ein Zeichen. „Nein, mein Herr,“ ſagte er,„nein, Ihr geht Eu⸗ rerſeits zu weit. Der General hat nichts von den Ereigniſſen zu erleiden, und er iſt es ohne Zweifel im Gegentheil, der ſie lenkt. Was Monk zu dieſer Stunde thut, hat er ſchon oft gethan. Wir haben alſo Unrecht, uns zu be⸗ unruhigen; ſeine Abweſenheit wird ohne Zweifel von kurzer Dauer ſein. Wir werden uns auch wohl hüten, in einer Kleinmüthigkeit, die uns der General zum Verbrechen machen würde, ſeine Abweſenheit, welche die Armee demoraliſiren könnte, ruchbar werden zu laſſen. Der General gibt uns einen ungeheuren Be⸗ weis ſeines Vertrauens; zeigen wir uns deſſelben wür⸗ dig. Meine Herren, das tiefſte Stillſchweigen bedecke dies Alles mit einem undurchdringlichen Schleier; wir behalten den Herrn nicht wegen eines Argwohns gegen ihn hinſichtlich des Verbrechens, ſondern um auf eine wirkfamere Weiſe das Geheimniß der Abweſenheit des Generals, das wir unter uns verſchließen, zu ſichern; bis auf neuen Befehl wird der Herr auch im General⸗ quartier wohnen.“ 142² „Meine Herren,“ entgegnete Athos,„Ihr vergeßtft, daß mir der General in dieſer Nacht ein Gut anver⸗— traut hat, das ich hüten muß. Gebt mir jede Bewa- chung, die Euch beliebt, feſſelt mich, wenn Ihr wollt, doch laßt mir das Haus, das ich bewohne, als Gefäng⸗ niß. Ich ſchwöre Euch bei meinem adeligen Ehrenwort, der General würde es Euch bei ſeiner Rückkehr zum Vor⸗ wurf machen, daß Ihr ihm hierin mißfallen habet.“ Die Officiere beriethen ſich einen Augenblick; nach dieſer Berathung ſagte der Lieutenant: „Es ſei, mein Herr, kehrt in Eure Wohnung zurück.“ Dann gaben ſie Athos eine Wache von fünfzig Mann, die ihn in ſeinem Haus einſchloß, ohne ihn eine Secunde aus dem Geſicht zu verlieren. Das Geheimniß blieb bewahrt, aber die Stunden, aber die Tage vergingen, ohne daß der General zurück⸗ kam und ohne daß man ferner Kunde von ihm erhielt. —. XV. Hie Schmuggelwaare. Zwei Tage nach den von uns erzählten Ereigniſſen und während man jeden Augenblick in ſeinem Lager den General Monk erwartete, der nicht dahin zurückkehrte, ging eine kleine holländiſche Felucke mit einer Equipage von zehn Mann an der Küſte von Scheveningen, unge⸗ fähr einen Kanonenſchuß vom Lande, vor Anker. Es war ſtockfinſtere Nacht, die See ſtieg in der Dunkelheit ——— 143 und die Stunde eignete ſich vortrefflich, um Paſſagiere und Waaren auszuſchiffen. Die Rhede von Scheveningen bildet einen weiten Halbmond; ſie iſt durchaus nicht tief und ziemlich un⸗ ſicher; man ſah hier auch nur flämiſche Houques oder von jenen holländiſchen Barken liegen, welche die Fiſcher auf Rollen auf den Sand ziehen, wie es die Alten nach der Mittheilung von Virgil machten. Steigt die Woge und treibt gegen das Land, ſo iſt es nicht klug, das Fahrzeug zu nahe an die Küſte gelangen zu laſſen, denn wenn der Wind friſch iſt, verſanden ſich die Vor⸗ dertheile und der Sand an dieſer Küſte iſt ſchwammicht, er nimmt leicht, aber gibt nicht ebenſo wieder. Aus die⸗ ſem Grunde löſte ſich ohne Zweifel die Schaluppe vom Schiff, ſobald dieſes Anker geworfen hatte, und fuhr mit acht Leuten von der Mannſchaft, unter denen man einen Gegenſtand von länglichter Form unterſchied, der ein Ballen oder eine Art von Korb ſein mochte. Das ufer war verlaſſen, die paar Fiſcher, welche die Dünen bewohnen, hatten ſich ſchlafen gelegt. Die einzige Schildwache, welche die Küſte hütete(eine ſehr ſchlecht bewachte Küſte in Betracht, daß das Landen eines großen Schiffes unmöglich war), hatte, ohne das Beiſpiel der Fiſcher, die ſich niedergelegt, völlig befol⸗ gen zu können, dieſelben doch inſofern nachgeahmt, daß ſie eben ſo tief in ihrem Schilderhauſe ſchlief, als jene in ihren Betten. Das einzige Geräuſch, das man hörte, war alſo das Pfeifen des Nachtwindes, der durch das Heidekraut der Düne ſtrich. Doch es waren ohne Zwei⸗ fel mißtrauiſche Leute, die Leute, die ſich näherten, denn dieſe wirkliche Stille und dieſe ſcheinbare Einſamkeit beruhigten ſie noch nicht. Kaum ſichtbar wie ein dunk⸗ ler Punkt auf dem Ocean glitt auch ihre Schaluppe, geräuſchlos, das Rudern vermeidend, um nicht gehört zu werden, über das Waſſer hin und fuhr ſo nahe als moͤglich ans Land. Kaum ſpürte man Grund, als ein einziger Mann 144 aus dem Fahrzeug ſprang, nachdem er einen kurzen Be⸗ fehl mit jenem Tone gegeben, der die Gewohnheit des Gebietens bezeichnet. In Folge dieſes Befehls glänzten alsbald mehrere Musketen bei dem ſchwachen Schimmer des Meeres, dieſem Spiegel des Himmels, und der be⸗ reits erwähnte längliche Ballen, welcher ohne Zweifel die Schmuggelwaare enthielt, wurde mit unendlicher Vorſicht ans Land geſchafft. Sogleich lief der Mann, der die Schaluppe zuerſt verlaſſen hatte, ſchräge nach dem Dorfe Scheveningen, wobei er ſeine Richtung nach der vorderſten Spitze des Waldes nahm. Hier ſuchte er das Haus, das wir ſchon einmal durch die Bäume erblickt, und das wir als die mittlerweilige Wohnung— eine ſehr beſcheidene Wohnung— desjenigen bezeichnet haben, welchen man aus Artigkeit den König von Eng⸗ land nannte. Alles ſchlief hier, wie überall; nur ein großer Hund von der Race derjenigen, welche die Fiſcher von Scheveningen an kleine Karren ſpannen, um ihre Fiſche nach dem Haag zu bringen, ſtieß ein furchtbares Ge⸗ belle aus, ſobald die Tritte des Fremden unter den Fenſtern hörbar wurden. Doch ſtatt den Ankömmling zu erſchrecken, ſchien ihm dieſe Bewachung im Gegen⸗ theil eine große Freude zu bereiten, denn ſeine Stimme wäre vielleicht unzulänglich geweſen, um die Leute des Hauſes aufzuwecken, während bei einer Hülfsmacht von ſolcher Stärke dieſe Stimme beinahe unnöthig wurde⸗ Der Fremde wartete alſo, bis das ſchallende und wie⸗ derholte Gebelle aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeine Wir⸗ kung hervorgebracht hatte, und wagte es dann, zu rufen. Bei dem Ton ſeiner Stimme brüllte der Hund mit ſol⸗ cher Heftigkeit, daß ſich bald im Innern eine andere Stimme hörbar machte, die den Hund zu beſchwichtigen ſuchte. Als ſodann der Hund wirklich beſchwichtigt war, fragte dieſe zugleich ſchwache, gebrochene und höfliche Stimme: u „Was wünſcht Ihr?“ 145 „Ich will zu Seiner Majeſtät Koͤnig Karl II.,“ antwortete der Fremde. „Was wollt Ihr von ihm?“ „Ich will ihn ſprechen.“ „Wer ſeid Ihr?“ „Ahl Mordioux! Ihr fragt mich zu viel; ich liebe es nicht, ein Geſpräch durch die Thüren zu führen.“ „Sagt nur Euren Namen.“ „Ich liebe es eben ſo wenig, meinen Namen in freier Luft anzugeben; ſeid indeſſen unbeſorgt, ich werde Euren Hund nicht freſſen, und bitte Gott, er möge auch ſo rückſichtsvoll gegen mich verfahren.“ „Ihr bringt vielleicht Nachrichten, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte die Stimme geduldig und ausfor⸗ ſchend wie die eines Greiſes. „Ich ſtehe Euch dafür, daß ich Nachrichten bringe, die man nicht erwartet! Oeffnet alſo, wenn es Euch eliebt.“ „Mein Herr,“ fuhr der Greis fort,„glaubt Ihr bei Eurer Seele und Eurem Gewiſſen, dieſe Nachrichten ſeien es werth, daß man den Koͤnig aufweckt 2“ „Um der Liebe Gottes willen, mein guter Herr, zieht Eure Riegel, ich ſchwoͤre Euch, die Mühe, die Ihr Euch gemacht habt, wird Euch nicht verdrießen. Auf mein Ehrenwort, ich bin mein Gewicht in Gold werth.“ „Mein Herr, ich kann Euch dennoch nicht öffnen, ohne daß Ihr mir Euren Namen ſagt.“ „Es muß alſo ſein?“ „Das iſt der Befehl meines Gebieters, Herr.“ „Nun! ſo hört meinen Namen..... Doch ich mache Euch zum Voraus darauf aufmerkſam, daß Ihr durch dieſen Namen durchaus nichts erfahrt.“ 3 „Gleichviel, ſagt ihn immerhin.“ „Wohl, ich bin der Chevalier d'Artagnan.“ Die Stimme gab einen Schrei von ſich. „Ah! mein Gott!“ ſprach der Greis jenſeits der Die drei Mus ketiere. Bragelonne. Il. 10 146 Thüre, Herr d'Artagnan! welches Glück! Ich ſagte mir doch, ich kenne dieſe Stimme.“ „Halt!“ rief d'Artagnan,„man kennt meine Stimme hier! das iſt ſchmeichelhaft!“ „Ohl ja, man kennt ſie, erwiederte der Greis, den Riegel ziehend,„und das diene Euch zum Beweis!“ Und bei dieſen Worten führte er d'Artagnan ein, der beim Schimmer der Laterne, welche er in der Hand trug, ſeinen hartnäckigen Gegenredner erkannte. „Ah! Mordioux!“ rief er,„es iſt Parry, ich hätte es vermuthen ſollen.“ „Parry, ja, mein lieber Herr d'Artagnan, ich bin es. Welche Freude, Euch wiederzuſehen!“ „Ihr habt wohl geſagt: welche Freude!“ ſprach d'Artagnan dem Greis die Hände drückend.„Doch nicht wahr, Ihr werdet den König benachrichtigen?“ „Der König ſchläft, mein lieber Herr.“ „Mordiour! weckt ihn auf, und er wird Euch nicht ſchmähen, daß Ihr ihn geſtört habt, das ſage ich Euch.“ „Ihr kommt im Auftrag des Grafen, nicht wahr?“— „Welches Grafen?“ „Des Grafen de la Fere.“ „Von Athos? Meiner Treue! nein, ich komme in meinem eigenen Auftrag. Raſch, Parry, den König, ich muß den König ſehen!“ Parry glaubte nicht länger widerſtehen zu dürfen; er kannte d'Artagnan ſeit langer Zeit; er wußte, daß, obgleich er Gascogner war, ſeine Worte nie mehr ver⸗ ſprachen, als ſie halten konnten. Er durchſchritt, einen Hof und ein Gärtchen, beſchwichtigte den Hund, der im Ernſt Musketierfleiſch koſten wollte, und klopfte an den Laden eines Zimmers, das im Erdgeſchoß eines kleinen Pavillon lag. Sogleich antwortete ein kleiner Hund, der dieſes Zimmer bewohnte, dem großen Hund, der den Hof inne hatte. „Armer König!“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt, ——, ⁴ 147 „das ſind ſeine Leibwachen; allerdings iſt er deshalb nicht ſchlechter bewacht.“ „Was will man von mir?“ fragte der König aus dem Hintergrunde des Zimmers. „Sire, der Herr Chevalier d'Artagnan iſt da und will Euch Nachrichten bringen.“ Alsbald hörte man Geräuſch in dieſem Zimmer; eine Thüre öffnete ſich und eine ſcharfe Helle uüber⸗ ſtrömte den Corridor und den Garten. Der König arbeitete beim Scheine einer Lampe. Papiere lagen zerſtreut auf ſeinem Schreibtiſch umher, und er hatte den Entwurf eines Briefes begonnen, der durch die vielen Durchſtriche verrieth, welche Mühe es ihm gemacht, denſelben zu ſchreiben. „Tretet ein, Herr Chevalier,“ ſprach er ſich um⸗ wendend. Dann, als er den Fiſcher erblickte, fragte Karl: „Was ſagtet Ihr denn, Parry? wo iſt denn Herr d'Artagnan?“ „Er ſteht vor Euch, Sire,“ antwortete d'Artagnan. „In dieſer Tracht?“ „Ja. Schaut mich an, Sire; erkennt Ihr mich nicht als denjenigen, welchen Ihr in Blois in den Vor⸗ zimmern von König Ludwig XIV. geſehen habt?“ „Doch, mein Herr, und ich erinnere mich auch, daß ich mich ſehr über Euch zu freuen hatte.“ D'Artagnan verbeugte ſich. „Es war meine Pflicht, mich zu benehmen, wie ich es gethan habe, ſobald ich wußte, daß es Eure Maje⸗ ſtät war, mit der ich zu ſprechen die Ehre hatte.“ „Ihr bringt mir Nachrichten, ſagt Ihr?“ „Ja, Sire.“ i9„Dhne Zweifel im Auftrag des Königs von Frank⸗ rei h 2“. „Meiner Treue, nein, Sire,“ erwieberte d'Artag⸗ nan.„Eure Majeſtät mußte dort ſehen, daß ſich der 148 König von Frankreich nur um ſeine eigene Majeſtät bekümmert.“ Karl ſchlug die Augen zum Himmel auf. .„Nein,“ fuhr d'Artagnan fort,„nein, Sire. Ich bringe Euch Nachrichten, welche aus ganz perſönlichen ⸗ Thatſachen beſtehen. Doch ich wage zu hoffen, daß Eure Majeſtät Thatſachen und Nachrichten mit einiger Huld vernehmen wird.“ 2 „Sprecht, mein Herr.“ „Wenn ich mich nicht irre, Sire, hat Eure Maje⸗ ſtät in Blois viel von der ſchlimmen Lage der Dinge in England geſprochen.“ Erröthend entgegnete Karl: „Dem König von Frankreich allein erzählte ich...ℳ „Oh! Eure Majeſtät täuſcht ſich,“ erwiederte kalt der Musketier,„ich weiß mit den Königen im Unglück zu ſprechen; ſie ſprechen ſogar nur, wenn ſie im Unglück ſind, mit mir; ſind ſie einmal glücklich, ſo ſchauen ſie mich nicht mehr an. Ich hege alſo nicht nur die tiefſte Chrfurcht, ſondern auch die unbeſchränkteſte Ergebenhetit für Euch, und das bedeutet etwas bei mir, glaubt mir, Sire. Als ich nun Eure Majeſtät über ihr Schickſal 3 reden hörte, da fand ich, Ihr ſeid hochherzig, edel und wiſſet das Unglück gut zu ertragen.“. „In der That,“ ſagte Karl erſtaunt,„ich weiß nicht, was ich vorziehen ſoll, Eure Freiheiten oder Eure Ehrerbietung.“ „Ihr werdet ſogleich wählen, Sire,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan.„Eure Majeſtät beklagte ſich alſo bei ihrem Bruder Ludwig XIV. über die Schwierigkeiten, mit denen ſte zu kämpfen habe, um nach England zurückzukehren und ohne Menſchen und Geld ihren Thron wieder zu beſteigen.“ Hier entſchlüpfte Karl eine Bewegung der Ungeduld. „Und das Haupthinderniß, auf das ſie auf ihrem Wege ſtoße,“ fuhr d'Artagnan fort,„ſei ein gewiſſer Ge⸗ neral, der die Armee des Parlaments befehlige und dort △‿ RR ———j.. ³+— 3 nung, doch zum Glück für Euch war es nicht die mei⸗ 149 die Rolle eines zweiten Cromwell ſpiele. Hat Eure Majeſtät das nicht geſagt?“ „Ja, doch ich wiederhole Euch, mein Herr, dieſe Worte waren nur für die Ohren des Königs beſtimmt.“ „Und Ihr werdet ſehen, Sire, es war ſehr gut, daß ſie in die Ohren ſeines Lieutenants der Musketiere gefallen ſind; dieſer für Eure Majeſtät ſo läſtige Gene⸗ ral war, glaube ich, Monk; habe ich den Namen rich⸗ tig gehört, Sire?“ „Ja, mein Herr; doch ich wiederhole, wozu alle dieſe Fragen?“ „Oh! ich weiß es wohl, Sire, die Etiquette ge⸗ ſtattet es nicht, daß man die Könige fragt; doch ich hoffe, Eure Majeſtaͤt wird mir ſogleich meinen Verſtoß gegen die Etiquette vergeben. Eure Majeſtät fügte bei, wenn ſie ihn indeſſen ſehen, ſich mit ihm beſprechen, von Angeſicht zu Angeſicht ihm gegenüber ſtehen könnte, ſo würde ſie entweder mit Gewalt oder durch Ueberre⸗ dung dieſes Hinderniß, das einzige ernſte, das einzige wahre, das einzige unüberwindliche auf ihrem Wege, beſiegen.“ 3 „Dies Alles iſt wahr, mein Herr; mein Schickſal, meine Zukunft, meine Dunkelheit oder mein Glanz hän⸗ gen von dieſem Mann ab; doch was wollt Ihr hieraus ſchließen?“ „Nur Eines: iſt der General Monk in dem Grade läſtig, wie Ihr ſagt, ſo wäre es erſprießlich, Eure Majeſtät von ihm zu befreien oder ihr einen Verbün⸗ deten aus ihm zu machen.“. 4 „Mein Herr, ein König, der weder ein Heer, noch Geld hat, da Ihr nun doch einmal meine Unterredung mit meinem Bruder angehört habt, vermag nichts gegen einen Mann wie Monk.“ 1 „Ja, Sire, ich weiß wohl, das war Eure Mei⸗ nige.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß ich ohne eine Armee und ohne eine Million gethan habe, was Eure Majeſtät nur mit einer Armee und einer Million thun zu können glaubte.“ 1 „Wiel! was ſagt Ihr? was habt Ihr gethan?“ 1 „Was ich gethan habe? Nun, Sire, ich habe den für Euch ſo läſtigen Mann dort feſtgenommen.“ „In England?“ „Allerdings, Sire.“ „Ihr habt Monk in England feſtgenommen?“ „Hätte ich zufällig ſchlimm daran gethan?“ „In der That, mein Herr, Ihr ſeid ein Narr.“ „Ganz und gar nicht, Sire.“ „Ihr habt Monk gefangen genommen?“ „Ja, Sire.“ „Wo dies?“ „Mitten in ſeinem Lager.“ Der König bebte vor Ungeduld und zuckte die Achſeln. „Und da ich ihn auf der Landſtraße bei Neweaſtle gefangen genommen habe, ſo bringe ich ihn Eurer Ma⸗ jeſtät,“ ſprach d'Artagnan ganz einfach. „Ihr bringt ihn mir!“ rief der König, beinahe entrüſtet über das, was er für eine Myſtification hielt. „Ja, Sire,“ antwortete d'Artagnan mit demſelben Ton,„ich bringe ihn Euch; er iſt dort in einer großen Kiſte, an der Löcher angebracht ſind, damit er athmen kann.“ „Mein Gott!“ 4 „Ohl ſeid unbeſorgt, Sire, man hat jede mögliche Rückſicht für ihn gehabt. Er kommt alſo völlig unver⸗ ſehrt und wohlbehalten hier an. Beliebt es Eurer Ma⸗ jeſtät, ihn zu ſehen, mit ihm zu reden oder ihn in's Waſſer werfen zu laſſen?“ „Ohl mein Gott!“ wiederholte Karl,„ohl mein Gott! mein Herr, ſprecht Ihr die Wahrheit? Belei⸗ digt Ihr mich nicht durch einen unwürdigen Scherz? * Ihr ſolltet dieſen unerhört verwegenen und genialen Streich ausgeführt haben? Unmöglich!“ „Erlaubt mir Eure Majeſtät, das Fenſter zu öff⸗ 4 nen?“ fragte d'Artagnan, indem er es öffnete. Der König hatte nicht einmal Zeit, ja zu ſagen. D'Artagnan ließ einen langen, ſchrillen Pfiff verneh⸗ men, den er dreimal in der Stille der Nacht wiederholte. „Man wird ihn nun Eurer Majeſtät bringen,“ ſagte er. XVI. Worin d'Artagnan zu befürchten anfängt, er habe ſein Geld und das von Planchet mit Verluſt des Kapitals angelegt. Der König konnte ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erholen und ſchaute bald das lächelnde Geſicht des Musketiers, bald das dunkle Fenſter an, das ſich gegen die Nacht öffnete. Doch ehe er ſich einen beſtimmten Gedanken gemacht hatte, brachten ſechs von den Leuten von d'Artagnan,— zwei blieben zu Bewachung der Barke zurück,— nach dem Hauſe, wo ihn Parry em⸗ pfing, den Gegenſtand von länglicher Form, der für dieſen Augenblick das Geſchick Englands enthielt. Vor ſeiner Abreiſe von Calais hatte d'Artagnan in dieſer Stadt eine Art von Sarg, breit und tief ge⸗ nug, daß ſich ein Menſch bequem darin umwenden konnte, machen laſſen. Gehörig ausgepolſtert, bildeten der Bo⸗ den und die Seiten ein Bett, das ſo ſanft war, daß 1⁵² man in dieſem Käſftg durch das Schwanken des Schif⸗ fes keine Stöße zu erleiden hatte. Das kleine Gitter, deſſen d'Artagnan gegen den König erwähnt hatte, war wie ein Helmviſir in der Höhe des Geſichtes des Men⸗ ſchen angebracht. Es war ſo gearbeitet, daß bei dem geringſten Schrei ein plötzlicher Druck dieſen Schrei und zur Noth den, welcher geſchrieen, erſticken konnte. D' Artagnan kannte ſeine Mannſchaft und ſeinen Gefangenen ſo gut, daß er auf der ganzen Fahrt zwei Dinge befürchtete: entweder würde der General den Tod dieſer ſeltſamen Sklaverei vorziehen und ſich da⸗ durch, daß er ſprechen wolle, erſticken laſſen, oder ſeine Wächter würden ſich durch die Anerbietungen des Ge⸗ fangenen in Verſuchung führen laſſen und ihn, d'Artag⸗ nan, an der Stelle von Monk in die Kiſte ſtecken. D' Artagnan hatte auch die zwei Tage und die zwei Nächte allein mit dem General bei der Kiſte zugebracht; er hatte ihm Wein und Speiſe geboten, was er aus⸗ ſchlug, und ihn beſtändig über das Schickſal, das ſeiner in Folge dieſer ſeltſamen Gefangenſchaft harrte, zu trö⸗ ſten geſucht. Zwei Piſtolen auf dem Tiſch und ſein bloßer Degen beruhigten d'Artagnan über etwaige Un⸗ beſcheidenheiten von Außen. Sobald er ſich in Sche⸗ veningen befand, war er völlig beruhigt. Seine Leute fürchteten ungemein jedes Zuſammentreffen mit den Her⸗ ren vom Lande. Ueberdies hatte er für ſeine Sache denjenigen intereſſtrt, der ihm moraliſch als Lieutenant diente, und den wir auf den Namen Menneville haben antworten hören. Dieſer, welcher kein Menſch von ge⸗ wöhnlichem Geiſte war, hatte mehr zu wagen, als die Anderen, weil er mehr Bewußtſein beſaß. Er glaubte an eine Zukunft im Dienſte von d'Artagnan, und dem zu Folge hätte er ſich eher in Stücke zerhauen laſſen, gls daß er den vom Anführer gegebenen Befehl verletzt haben würde. Ihm hatte auch d'Artagnan, als er ſich ausſchiffte, die Kiſte und das Athmen des Generals an⸗ vertraut, Ihn hatte er beauftragt, die Kiſte, ſobald er — 153 ein dreimaliges Pfeifen hören würde, durch ſieben Mann forttragen zu laſſen. Und der Lieutenant gehorchte, wie man ſieht. Als die Kiſte im Hauſe des Königs war, entließ d'Artagnan dieſe Leute mit einem freundlichen Lächeln und ſagte zu ihnen: „Meine Herren, Ihr habt Seiner Majeſtät König Karl II., der ehe ſechs Wochen vergehen, König von England ſein wird, einen großen Dienſt geleiſtet. Eure Belohnung ſoll verdoppelt werden; kehrt zurück und erwartet mich auf dem Schiff.“ 2 Wonach Alle mit Freudenſchreien weggingen, welche ſelbſt den Hund erſchreckten. D'Artagnan hatte die Kiſte in das Vorzimmer des Königs bringen laſſen. Er ſchloß mit der groͤßten Pünktlichkeit die Thüren dieſes Vorzimmers, öffnete die Kiſte und ſagte zu dem General: „Mein General, ich habe mich tauſendmal bei Euch zu entſchuldigen; meine Manieren ſind eines Mannes, wie Ihr ſeid, nicht würdig geweſen, ich weiß es wohl; doch es war nothwendig, daß Ihr mich für einen Schiffs⸗ patron hieltet. Und dann iſt England ein für die Trans⸗ porte ſehr unbequemes Land. Ich hoffe daher, Ihr werdet dies Alles in Erwägung ziehen. Hier aber, mein General,“ fuhr d'Artagnan fort,„hier iſt es Euch frei geſtellt, aufzuſtehen und zu gehen.“ Nachdem er dies geſagt, durchſchnitt er die Bande, mit denen die Arme und Hände des Generals gefeſſelt waren. Dieſer ſtand auf und ſetzte ſich mit dem Weſen eines Menſchen, der den Tod erwartet. D'Artagnan öffnete ſodann die Thüre des Cabinets von Karl und ſprach: „Sire, hier iſt Euer Feind, Herr Monk. Ich hatte mir gelobt, dies für Euren Dienſt zu thun. Es iſt ge⸗ ſchehen, befehlt nun.“ „Herr Monk,“ fügte er bei, indem er ſich gegen ſeinen Gefangenen umwandte,„Ihr ſeid vor Seiner Ma⸗ 154 ſtät dem König Karl II., dem Gebieter und Herrn von Großbritannien.“ Monk ſchaute den jungen Prinzen mit ſeinem kalt ſtoiſchen Blick an und ſagte: „Ich kenne keinen König von Großbritannien, ich kenne ſogar Niemand hier, der würdig wäre, den Na⸗ men eines Edelmanns zu führen, denn im Auftrag von König Karl II. hat mir ein Emiſſär, den ich für einen ehrlichen Menſchen hielt, eine ſchändliche Falle geſtellt. Ich habe mich in dieſer Falle fangen laſſen, ſchlimm genug für mich! Ihr, der Verſucher,“ ſagte er zum Kö⸗ nig,„Ihr, der Vollſtrecker,“ ſagte er zu d'Artagnan, „erinnert Euch nun deſſen, was ich zu Euch ſpreche: Ihr habt meinen Leib, Ihr könnt ihn tödten, und ich fordere Euch dazu auf, denn nie werdet Ihr meine Seele oder meinen Willen haben. Und nun verlangt kein Wort mehr von mir, denn von dieſem Augenblick an werde ich nicht einmal mehr um zu ſchreien den Mund öffnen. Ich habe es geſagt.“ Und er ſprach dieſe letzten Worte mit der unüberwindli⸗ chen Entſchloſſenheit des verſtockteſten Puritaners. D'Ar⸗ tagnan ſchaute ſeinen Gefangenen wie ein Menſch an, der den Werth jedes Wortes kennt, und dieſen Werth nach dem Ton beſtimmt, mit dem die Worte geſprochen worden ſind. „Es iſt wahr,“ ſagte er leiſe zum Köͤnig,„der Ge⸗ neral iſt ein entſchloſſener Mann; ſeit zwei Tagen wollte er weder einen Biſſen Brod, noch einen Schluck Wein zu ſich nehmen. Da aber von dieſem Augenblick an Eure Majeſtät über ſein Schickſal zu entſcheiden hat, ſo waſche ich meine Hände, wie Pilatus ſagt.“ Moͤnk wartete ſtehend, bleich und in ſein Schickſal ergeben, das Auge ſtarr und die Arme gekreuzt. 3 D'Artagnan wandte ſich gegen ihn um und ſprach: „Ihr begreift vollkommen, daß Eure, übrigens ſehr ſchöne, Rede Niemand, ſelbſt nicht einmal Euch befrie⸗ digen kann. Seine Majeſtät wollte Euch ſprechen... 155 Ihr widerſetztet Euch einer Zuſammenkunft; ich aber habe dieſe Zuſammenkunft unvermeidlich gemacht. Warum ſolltet Ihr nun, da Ihr dem König von Angeſicht zu Angeſicht gegenüberſteht, da Ihr durch eine von Eurem Willen unabhängige Gewalt hier ſeid, warum ſolltet Ihr Euch zu einer Strenge zwingen, die ich als unnütz und albern betrachte. Was Teufels! ſprecht, und wäre es nur, um nein zu ſagen.“ Monk that die Lippen nicht aus einander; Monk wandte die Augen nicht ab; Monk ſtreichelte ſich den Schnurrbart mit einer bedenklichen Miene, woraus ſich ſchließen ließ, die Dinge würden eine unangenehme Wendung nehmen. Wäͤhrend dieſer Zeit war Karl II. in ein tiefes Nachdenken verſunken. Zum erſten Male ſtand er Monk gegenüber, dieſem Mann, den er ſo ſehr zu ſehen ge⸗ wünſcht, und mit jenem eigenthümlichen Blick, den Gott dem Adler und den Königen gegeben, hutte er die Tiefe ſeines Herzens erforſcht. 3 Er ſah Monk in der That entſchloſſen, eher zu ſterben, als zu ſprechen, was nichts Außerordentliches von Seiten eines ſo bedeutenden Mannes war, deſſen Wunde in dieſem Augenblick ſo grauſam ſein mußte. Karl II. faßte auf der Stelle einen von den Entſchlüſ⸗ ſen, bei denen ein gewöhnlicher Menſch um ſein Leben, — Wenarat um ſein Glück, ein König um ſein Reich pielt. „Mein Herr,“ ſagte er zu Monk,„Ihr habt in einigen Punkten vollkommen Recht. Ich fordere Cuch alſo nicht auf, mir zu antworten, ſondern mich anzu⸗ hören.“ Während eines kurzen Stillſchweigens, das nun eintrat, ſchaute der König Monk feſt an, doch dieſer blieb unempfindlich. „Ihr habt mir ſo eben einen ſchmerzlichen Vorwurf gemacht, mein Herr,“ fuhr der König fort.„Ihr habt geſagt, einer meiner Emiſſäre habe Cuch in Neweaſtle 156 eine Falle geſtellt, und das kann, beiläuftg geſagt, Herr d'Artagnan nicht auf ſich beziehen, Herr d'Artagnan, dem ich vor Allem aufrichtigen Dank für ſeine hochher⸗ zige, für ſeine heldenmüthige Ergebenheit ſchuldig bin.“ D'Artagnan verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, Monk verzog keine Miene. 4 „Denn Herr d'Artagnan,— bemerkt wohl, Herr Monk, daß ich Euch dies nicht ſage, um mich zu ent⸗ ſchuldigen,— denn Herr d'Artagnan,“ fuhr der König fort,„iſt nach England aus eigenem Antrieb, ohne In⸗ tereſſe, ohne Befehl, ohne Hoffnung gegangen,— als ein ächter Edelmann, um einem unglücklichen König einen Dienſt zu leiſten und den ausgezeichneten, erha⸗ benen Handlungen eines ſo gut angewendeten Lebens noch eine ſchöne That mehr beizufügen.“ D'Artagnan erröthete ein wenig und huſtete, um ſich rin gewiſſe Haltung zu geben. Monk rührte ſich nicht. „Ihr glaubt nicht an das, was ich Euch ſage, Herr Monk,“ ſprach der König.„Ich begreife das: ſolche Beweiſe von aufopfernder Ergebenheit ſind ſo ſelten, daß man ihre Wirklichkeit in Zweifel ziehen könnte.“ „Der Herr hätte ſehr Unrecht, wenn er Euch nicht glauben würde,“ rief d'Artagnan,„denn was Eure Majeſtät geſagt hat, iſt ſtrenge Wahrheit, und zwar ſo ſtrenge Wahrheit, daß es ſcheint, ich habe, da ich den General aufſuchte, etwas gethan, was Jedermann zuwider iſt. Verhielte es ſich ſo, ſo wäre ich wahrhaf⸗ tig darüber in Verzweiflung.“ 3„Herr d'Artagnan,“ ſprach der König, indem er den Musketier bei der Hand nahm,„glaubt mir, Ihr habt mich eben ſo ſehr zu Dank verpflichtet, als wenn Ihr meiner Sache den Sieg verſchafft hättet, denn Ihr habt mir einen unbekannten Freund geoffenbart, dem ich ſtets erkenntlich ſein, den ich ſtets lieben werde.“ G& NK —— 157 Und der König drückte ihm herzlich die Hand. „Und,“ fuhr er Monk grüßend fort,„und einen Feind, den ich fortan nach ſeinem Werthe ſchätzen werde.“ Die Augen des Puritaners ſchleuderten einen Blitz, aber einen einzigen, und einen Moment durch dieſen Blitz erleuchtet, nahm ſein Geſicht alsbald wieder ſeine düſtere Unempfindlichkeit an. „Herr d'Artagnan,“ fuhr Karl II. fort,„hört alſo, was ſich ereignet hat: Der Herr Graf de la Foͤre, den Ihr, glaube ich, kennt, ging nach Neweaſtle ab...“ „Athos!“ rief d'Artagnan. „Ja, das iſt, ſo viel ich weiß, ſein Kriegsname. Der Graf de la Fore ging alſo nach Neweaſtle ab, und er wollte vielleicht eben den General zur Unterredung mit mir oder mit den Anhängern meiner Partei bewe⸗ gen, als Ihr, wie es ſcheint, gewaltſam bei dieſer Un⸗ terhandlung ims Mittel getreten ſeid.“ „Mordioux!“ ſagte d'Artagnan,„er war es ohne Zweiſel, der an demſelben Abend ins Lager kam, an welchem ich mit meinen Fiſchern dort war.“ Ein unmerkliches Falten der Stirne von Monk offenbarte d'Artagnan, daß er richtig errathen hatte. „Ja, ja,“ murmelte er,„ich glaubte ſeine Geſtalt zu erkennen, ich glaubte ſeine Stimme zu hören. Daß ich verflucht ſeil Oh! Sire, verzeiht, ich wähnte meine Barke gut geſteuert zu haben.“ „Ich finde nichts ſchlimm hiebei,“ erwiederte der König,„wenn nicht, daß mich der General beſchuldigt, ich habe ihm eine Falle ſtellen laſſen, was nicht ſo iſt. Nein, General, das ſind nicht die Waffen, deren ich mich gegen Euch zu bedienen gedachte; Ihr werdet das bald ſehen. Mittlerweile wenn ich Euch mein Ehren⸗ wort als Edelmann gebe, glaubt mir, mein Herr, glaubt mir. Nun ein Wort mit Euch, Herr d'Artagnan.“ „Ich höre auf den Knieen.“ „Nicht wahr, Ihr ſeid mir ſehr zugethan?“ 158 „Ihr habt es geſehen.“ „Gut. Bei einem Mann wie Ihr genügt ein Work. Ueberdies ſind neben dem Wort die Handlun⸗ gen. General, wollt mir folgen. Kommt mit uns, Herr dArtagnan.“ Ein wenig erſtaunt, ſchickte ſich d'Artagnan an zu gehorchen. Karl II. ging hinaus, Monk folgte ihm, d'Artagnan folgte Monk. Karl ſchlug den Weg ein, dem d'Artagnan gefolgt war, um zu ihm zu kommen, und bald traf die friſche Seeluft die drei nächtlichen Wanderer ins Geſicht, und fünfzig Schritte jenſeits einer kleinen Thüre, welche Karl öffnete, fanden ſie ſich wieder auf der Düne im Angeſicht des Meeres, das, nachdem es zu ſteigen aufgehoͤrt, wie ein müdes Unge⸗ heuer am Geſtade ruhte. Karl ſchritt nachdenkend, den Kopf geſenkt und die Hand unter ſeinem Mantel, vorwärts, Monk folgte ihm, die Arme frei und den Blick unruhig, dann kam d'Artagnan, die Fauſt am Griffe ſeines Degens. „Wo iſt das Schiff, das Euch gebracht hat, mein Herr?⸗ fragte Karl den Musketier. „Dort, Sire, ich habe ſieben Mann und einen Of⸗ ficier, die mich in jener kleinen Barke, welche von einem Feuer beleuchtet iſt, erwarten.“ „Ah! ja, die Barke iſt auf den Sand gezogen, und ich ſehe ſie; doch Ihr ſeid ſicherlich nicht auf dieſer Barke nach Neweaſtle gekommen?“ „Nein, Sire, ich hatte für meine Rechnung eine Felucke gemiethet, welche ſich einen Kanonenſchuß von den Dünen vor Anker gelegt hat. In dieſer Felucke haben wir die Fahrt gemacht.“ „Mein Herr,“ ſprach der König zu Monk,„Ihr ſeid frei.“ Monk, ſo willenskräftig er auch war, konnte ſich eines Ausrufs nicht erwehren. Der König anachte eine beſtätigende Bewegung mit dem Kopf und fuhr fort: 4 159 „Wir wecken einen Fiſcher vom Dorfe, der noch in dieſer Nacht ſein Fahrzeug ins Meer ſetzt und Euch dahin führt, wohin Ihr ihm zu gehen befehlen werdet. Herr d'Artagnan hier wird Eure Ehren gelei⸗ ten. Ich ſtelle Herrn d'Artagnan unter den Schutz Eurer Redlichkeit, Herr Monk.“ Monk entſchlüpfte ein Gemurmel des Erſtaunens und d'Artagnan ein Seufzer. Der König ſtieß, ohne daß er etwas zu bemerken ſchien, an das tannene Git⸗ ter, das die Hütte des erſten Fiſchers ſchloß, der auf der Düne wohnte, und rief: „Holla! Keyſer, erwache!“ „Wer ruft?“ fragte der Fiſcher. „Ich, Karl der König.“ „Ahl Mylord,“ rief Keyſer, der ganz angekleidet aus dem Segel aufſtand, in welchem er lag, wie man in einer Hängematte liegt,„was ſteht zu Dienſt?“ „Patron Keyſer,“ antwortete Karl,„Du wirſt Dich ſogleich zu einer Fahrt bereit halten. Dieſer Rei⸗ ſende hier miethet Deine Barke und wird Dich gut be-⸗ 1 zahlen. Bediene ihn gut.“ Und der König machte einige Schritte rückwärts, um Monk frei mit dem Fiſcher reden zu laſſen. „Ich will nach England fahren,“ ſagte Monk, der ſo viel Holländiſch ſprach, als er brauchte, um ſich ver⸗ ſtändlich zu machen. „Auf der Stelle,“ erwiederte der Patron,„auf der Stelle, wenn Ihr wollt.“. „ Aber das wird lange dauern?“ fragte Monk. „Keine halbe Stunde, Eure Ehren. Mein älteſter Sohn macht in dieſem Augenblick mein Schiff ſegelfer⸗ tig, weil wir am Morgen um drei Uhr auf den Fiſch⸗ fang auslaufen müſſen.“ „Nun, iſt es abgemacht?“ fragte Karl hinzutretend. „Abgeſehen vom Preis, ja, Sire,“ antwortete der Fiſcher. 160 „Das iſt meine Sache,“ ſagte Karl;„der Herr iſt mein Freund.“ Monk bebte bei dieſem Wort und ſchaute Karl an. „Gut, Mylord,“ erwiederte Keyſer. In dieſem Augenblick hörte man den Sohn von Keyſer, der vom Ufer aus in ein Ochſenhorn blies. „Und nun, meine Herren, geht,“ ſprach der König. „Sire,“ ſagte d'Artagnan,„Eure Majeſtät wolle die Gnade haben, mir einige Minuten zu geſtatten. Ich hatte Leute angeworben; ich gehe ohne ſie weg und muß ſie in Kenntniß ſetzen.“ 3 „Pfeift ihnen,“ erwiederte Karl lachelnd. D'Artagnan pfiff wirklich, während der Patron Keyſer ſeinem Sohn antwortete, und es liefen vier Män⸗ ner unter der Anführung von Menneville herbei. „Hier habt Ihr eine gute Abſchlagszahlung,“ ſagte d'Artagnan und übergab ihnen eine Börſe, welche zwei tauſend fünfhundert Livres in Gold enthielt. Erwartet mich in Calais, Ihr wißt wo.“. Nach dieſen Worten ließ d'Artagnan einen tiefen Seufzer ausſtoßend die Börſe in die Hand von Menne⸗ ville fallen. „Wie! Ihr verlaßt uns?“ riefen die Leute. „Auf kurze Zeit oder auf lange, wer weiß es?“ erwiederte d'Artagnan.„Doch mit dieſen 2500 Livres und den 2500, die Ihr ſchon erhalten habt, ſeid Ihr nach unſerer Uebereinkunft bezahlt. Verlaſſen wir uns alſo, meine Kinder.“ „Aber das Schiff?“. „Kümmert Euch nicht darum.“ „Unſere Effecten ſind am Bord der Felucke.“ „Ihr holt ſie und begebt Euch dann ſogleich auf den Weg.“ „Ja, Commandant.“ D'Artagnan kehrte zu Monk zurück und ſagte: „Mein Herr, ich erwarte Eure Befehle, denn wir uf ir 161 werden mit einander aufbrechen, wenn Euch meine Ge⸗ ſellſchaft nicht zu unangenehm iſt.“ „Im Gegentheil, mein Herr,“ erwiederte Monk. „Auf, meine Herren, ſchiffen wir uns ein!“ rief der Sohn von Keyſer. Karl grüßte edel und würdig den General und ſprach zu ihm: „Ihr werdet mir die Unannehmlichkeit und die Ge⸗ walt, die Ihr erlitten habt, verzeihen, wenn Ihr über⸗ zeugt ſeid, daß ich nicht die Urſache davon bin.“ Monk verbeugte ſich tief, ohne zu antworten. Der König ſagte abſichtlich kein Wort abgeſondert zu d'Ar⸗ tagnan, laut aber ſprach er: „Ich danke Euch abermals, Herr Chevalier, ich danke Euch für Eure Dienſte; ſie werden Euch vom Herrn im Himmel belohnt werden, der für mich allein, 8 ich hoffe, die Prüfungen und den Schmerz vorbe⸗ ält. Monk folgte Keyſer und ſeinem Sohn und ſchiffte ſich mit ihnen ein. D'Artagnan kam hinter ihnen und murmelte: „Ahl mein armer Planchet! ich befürchte, wir haben eine ſchlechte Speculation gemacht.“ Die drei Musketiere. Bragelonne. II. 142 XVII. 3 Die Actien von Planchet und Com pagnie ſteigen auf Pari. Während der Ueberfahrt ſprach Monk mit d'Artag⸗ nan nur in Fällen dringender Nothwendigkeit. Zögerte der Franzoſe, ſein Mahl zu nehmen, ein armſeliges Mahl, beſtehend aus geſalzenem Fiſch, Zwieback und Wachholderbranntwein, ſo rief ihm Monk und ſagte: „Zu Tiſche, mein Herr.“ Dies war Alles. Gerade weil er bei großen Ver⸗ anlaſſungen äußerſt bündig war, entnahm d'Artagnan kein günſtiges Vorzeichen aus dieſer Kürze für den Er⸗ folg ſeiner Sendung. Da ihm aber viel Zeit übrig blieb, ſo zerbrach er ſich während dieſer Zeit den Kopf damit, daß er nachſann, wie Athos Karl II. geſehen, wie er mit ihm den Plan zu dieſer Abreiſe entworfen habe, und wie er endlich in das Lager von Monk ge⸗ * kommen ſei; und der arme Lieutenant der Musketiere riß ſich ein Haar aus dem Schnurrbart, ſo oft er daran dachte, Athos ſei ohne Zweifel der Cavalier geweſen, der Monk in der Nacht der Entführung begleitet habe. Endlich nach einer Fahrt von zwei Nächten und zwei Tagen landete der Patron Keyſer an der Stelle, wo Monk, der während der Ueberfahrt alle Befehle gab, das Ausſchiffen befohlen hatte. Dies war gerade an der Mündung des kleinen Fluſſes, in deren Nähe Athos ſeine Wohnung gewählt hatte. Der Tag neigte ſich, eine ſchöne Sonne tauchte, einem glühenden ſtählernen Schilde ähnlich, das untere Ende ihrer Scheibe an der blauen Linie des Meeres «* 163 nieder. Die Felucke ſegelte immer weiter den Fluß aufwärts, der an dieſer Stelle ziemlich breit war; doch Monk befahl in ſeiner Ungeduld, zu landen, und der Nachen von Keyſer brachte ihn in Geſellſchaft von d'Artagnan an das ſchwammige, mit Rohr bewachſene Ufer des Fluſſes. An den Gehorſam gewöhnt, folgte d'Artagnan durchaus wie der gefeſſelte Bär ſeinem Herrn folgt; doch ſeine Lage demüthigte ihn ungemein und er brum⸗ melte ganz leiſe, der Dienſt der Könige ſei bitter und der beſte von allen tauge nichts. Monk ging mit großen Schritten, als wäre er noch nicht ſicher, den Boden von England wieder er⸗ reicht zu haben, während man ſchon ganz deutlich die paar Häuſer von Matroſen und Fiſchern erblickte, welche auf dem kleinen Kai dieſes armſeligen Hafens zerſtreut lagen. Plötzlich rief d'Artagnan: „Gott vergebe mir, dort brennt ein Haus.“ Monk ſchaute empor. Das Feuer fing in der That an, ein Haus zu verzehren. Es war an einem kleinen Schoppen angelegt worden, der an dieſes Haus ſtieß, deſſen Dach es ergriffen hatte. Der friſche Abendwind kam dem Brand zu Hülfe.. Die zwei Reiſenden beſchleunigten ihre Schritte; ſie hörten ein gewaltiges Geſchrei und ſahen, als ſie näher kamen, die Soldaten ihre Waffen ſchwingen und die Fauſt gegen das angezündete Haus ausſtrecken. Es war ohne Zweifel dieſe bedrohliche Beſchäftigung, der zu Folge man es verſäumt hatte, die Felucke zu ſigna⸗ liſiren. Monk blieb plötzlich ſtehen und drückte zum erſten Mal ſeine Gedanken in Worten aus. „Eil“ ſagte er,„das ſind vielleicht nicht mehr meine Soldaten, ſondern die von Lambert.“ Dieſe Worte enthielten zugleich einen Schmerz, eine Befürchtung und einen Vorwurf, was d'Artagnan gar wohl begriff. Während der Abweſenheit des Generals 164 konnte Lambert in der That eine Schlacht geliefert, ge⸗ ſtegt, die Truppen des Parlaments zerſtreut und mit ſeinem Heer den Platz der ihrer feſteſten Stütze beraub⸗ ten Armee von Monk eingenommen haben. Bei dieſem Zweifel, der aus dem Geiſt von Monk in den ſeinigen überging, urtheilte d'Artagnan alſo: .„Von zwei Dingen wird eines geſchehen: entweder hat Monk bei dem, was er geſagt, Recht gehabt, und es ſind nur noch die Lambertiſten in der Gegend, die Lambertiſten, das heißt Feinde, die mich vortrefflich aufnehmen werden, da ſie mir ihren Sieg zu verdanken haben, oder es hat ſich nichts verändert und Monk, der ſein Lager an demſelben Platz findet, wird ganz ent⸗ zückt ſein und ſich bei ſeinen Repreſſalien nicht zu hart zeigen.“ Während er ſo dachte, gingen die zwei Reiſenden immer weiter, und bald befanden ſie ſich mitten unter einer kleinen Truppe von Seeleuten, welche mit Schmerz zuſchauten, wie das Haus abbrannte, aber eingeſchüch⸗ tert durch die Drohungen der Soldaten nichts zu ſagen wagten. 4 3 Monk wandte ſich an einen von den Seeleuten und fragte: „Was geht denn vor?“ „Mein Herr,“ antwortete dieſer Mann, der in Monk unter dem dicken Mantel, in den er gevickelt war, keinen Officier erkannte,„dieſes Haus wird von einem Fremden bewohnt, der den Soldaten verdächtig geworden iſt. Sie wollten unter dem Vorwand, ihn ins Lager zu führen, bei ihm eindringen, er aber ließ ſich nicht durch ihre Anzahl erſchrecken, bedrohte mit dem Tod den Erſten, der ſeine Thürſchwelle zu über⸗ ſchreiten verſuchen würde, und da ſich Einer fand, der das wagte, ſo ſtreckte ihn der Franzoſe mit einem Piſtol⸗ ſchuß nieder.“ „Ahl es iſt ein Franzoſe?“ ſagte d'Artagnan ſich die Hände reibend.„Gut!“ 165 „Wie, gut!“ verſetzte der Fiſcher. 8 „Nein, ich wollte ſagen... hernach?... Ich habe mich verſprochen.“ 3 „Hernach, mein Herr? Die Anderen ſind wüthend geworden wie Löwen; ſie feuerten mehr als hundert Musketenſchüſſe nach dem Hauſe ab⸗ aber der Franzoſe war hinter ſeiner Mauer geſchützt, und ſo oft man durch die Thüre eindringen wollte, war man einem Schuß von ſeinem Bedienten ausgeſetzt, der gut trifft. So oft man das Fenſter bedrohte, begegnete man der Pi⸗ ſtole des Herrn. Denkt nur, es ſind ſchon ſieben Mann zu Boden geſtreckt.“ „Ah! mein braver Landsmann!“ rief d'Artagnan, „warte, warte, ich komme zu Dir, und wir werden bald mit dieſer ganzen Canaille fertig ſein.“ „Einen Augenblick Geduld, mein Herr,“ ſagte Monk;„wartet.“ 3 „Lange?“ „Nein, nur ſo lange, als ich brauche, um eine Frage zu machen.“ Dann ſich gegen den Fiſcher umwendend, fragte er mit einer Bewegtheit, die er trotz ſeiner Selbſtbeherr⸗ ſchung nicht zu verbergen vermochte: „Mein Freund, ich bitte, wem gehören dieſe Sol⸗ daten?“ „Wem ſollen ſie gehören, wenn nicht dem wüthen⸗ den Monk?“ „Es iſt alſo keine Schlacht geliefert worden?“ „Ahl! ja wohl! Wozu denn? Die Armee von Lambert ſchmilzt wie der Schnee im April. Alles läuft Monk zu, Officiere un oldaten. In acht Tagen wird Lambert keine fünfz ann mehr haben.“ Der Fiſcher wurde von einer neuen Salve nach dem Hauſe gerichteter Flintenſchüſſe und von einem neuen Piſtolenſchuß unterbrochen, der dieſe Salve beant⸗ wortete und den Unternehmendſten von den Angreifern niederwarf. Der Grimm der Soldaten erreichte den höchſten Grad. Das Feuer ſtieg immer mehr und Rauch und Flam⸗ men wirbelten am Firſt des Hauſes empor. D'Artag⸗ nan konnte ſich nicht mehr länger halten. 5 „Mordioux!“ ſagte er zu Monk, den er von der Seite anſchaute,„Ihr ſeid General und laßt Eure Soldaten die Häuſer abbrennen und die Leute ermor⸗ den! Dabei ſchaut Ihr ganz ruhig zu und wärmt Euch 8 Eure Hände am Brand. Mordioux! Ihr ſeid kein Mann.“ „Geduld, mein Herr, Geduld!“ ſprach Monk lä⸗ chelnd. „Geduld, Geduld! bis dieſer brave Edelmann ge⸗ röſtet iſt, nicht wahr?“ rief d'Artagnan fortſtürzend. „Bleibt, mein Herr,“ ſprach Monk gebieteriſch. Und er ſchritt auf das Haus zu. Eben näherte ſich demſelben ein Officier und rief dem Belagerten zu: „Das Haus brennt, Du wirſt in einer Stunde ge⸗ röſtet ſein. Noch iſt es Zeit, ſage uns, was Du vom General Monk weißt, und Du ſollſt unverſehrt bleiben. Antworte, oder beim heiligen Patrick!...“ Der Belagerte antwortete nicht; ohne Zweifel lud er ſeine Piſtole wieder. „Man hat nach Verſtärkung geſchickt,“ fuhr der Offieier fort;„in einer Viertelſtunde werden hundert Mann um dieſes Haus verſammelt ſein.“ „Um eine Antwort zu geben, verlange ich, daß ſich Jedermann von hier entferne,“ ſagte der Franzoſe;„ich will frei hinausgehen, mich ins Lager begeben, oder ich laſſe mich hier tödten.“ 4 „Tauſend Donner!“ 1 tagnan,„das iſt die Stimme von Athos! Ah! illen.“ . Und das Schwert vo Scheide. Monk hielt ihn zurück, trat ſelbſt vor und rief mit ſchallender Stimme: 4 3. 1 167 „Hollahl was macht man hier? Digby, warum dieſes Feuer? warum dieſes Geſchrei?“ 4 „Der General!“ rief Digby und ließ ſeinen Degen fallen. „Der General!“ wiederholten die Soldaten. „Nun! was iſt darüber zu ſtaunen?“ fragte Monk mit ruhigem Ton.— Dann, als die Stille wiederhergeſtellt war: „Sprecht, wer hat das Feuer angezündet?“ Die Soldaten neigten das Haupt. „Wie! ich frage, und man antwortet mir nicht!“ ſagte Monk.„Wiel! ich tadle, und man macht nicht wie⸗ der gut! Dieſes Feuer brennt noch, glaube ich!“ Sogleich liefen die zwanzig Soldaten weg, holten Eimer, Waſſerkrüge, Fäſſer, und löſchten den Brand mit demſelben Eifer, mit dem ſie ihn einen Augenblick zuvor verbreitet hatten. Doch vor Allem und als der Erſte hatte ſchon d'Artagnan eine Leiter an das Haus gelegt, und er rief:. „Athos! ich bin es, ich, d'Artagnan; todtet mich nicht, theurer Freund.“ Und einige Minuten nachher ſchloß er den Grafen in ſeine Arme. Seine ruhige Miene behauptend, riß Grimaud mittlerweile die Befeſtigung des Erdgeſchoſſes nieder, öffnete die Thüre und kreuzte ganz gelaſſen auf der Schwelle ſeine Arme. Nur gab er, als er die Stimme von d'Artagnan hörte, einen Ausruf des Erſtaunens von ſich. Als das Feuer gelöſcht war, erſchienen die Solda⸗ ten ganz verwirrt, Digby an der Spitze. „General,“ ſagte dieſer,„entſchuldigt uns.„Was wir gethan haben, geſchah aus Liebe für Eure Ehren, die man verloren glaubte.“ „Ihr ſeid Narren, meine Herren. Verloren! ver⸗ liert ſich ein Mann wie ich! Iſt es mir zufällig nicht erlaubt, mich nach meinem Wohlgefallen zu entfernen, 168 ohne Euch davon in Kenntniß zu ſetzen? Haltet Ihr mich zufällig für einen Bürgersmann der City? Darf ein Ehrenmann, mein Freund, mein Gaſt, belagert, umſtellt, mit dem Tod bedroht werden, weil man ihn beargwohnt? Was bedeutet das Wort beargwohnen? Gott verdamme mich, wenn ich nicht Alles erſchießen laſſe, was dieſer brave Mann nicht getödtet hat!“ „General,“ ſprach Digby mit kläglichem Tone, „wir waren zu achtundzwanzig, und hier liegen acht von uns.“ „Ich ermächtige den Grafen de la Fore, die zwan⸗ zig Anderen dieſen acht nachzuſchicken,“ ſagte Monk. Und er reichte Athos die Hand. „Man kehre ins Lager zurück,“ ſprach Monk.„Herr Digby, Ihr habt einen Monat Arreſt.“ „General.. „Das wird Euch lehren, mein Herr, ein andermal nur nach meinen Befehlen zu handeln.“ „Ich hatte die des Lieutenants, General.“ „Der Lieutenant hat Euch keine ſolche Befehle zu geben, und er wird ſtatt Eurer in den Arreſt gehen, wenn er Euch wirklich dieſen Ehrenmann zu verbrennen geboten hat.“ 3„Er hat mir das nicht befohlen, General; er hat mir befohlen, ihn ins Lager zu führen, doch der Herr Graf wollte uns nicht folgen.“ „Ich wollte nicht, daß man in mein Haus ein⸗ dränge und plünderte,“ ſagte Athos mit einem bezeich⸗ nenden Blick gegen Monk. „ und Ihr habt wohl daran gethan,“ rief Monk. „Ins Lager, ſage ich Euch.“ Die Soldaten entfernten ſich mit geſenktem Kopf. „Nun, da wir allein ſind,“ ſprach Monk zu Athos, „wollt mir ſagen, warum Ihr hartnäckig hier geblieben ſeid, da Ihr doch Eure Felucke hattet.“ „ Ich wartete auf Euch, General,“ erwiederte Athos. „Hatte mich Eure Ehren nicht in acht Tagen beſchieden?“ 169 Ein beredter Blick von d'Artagnan machte Monk bemerkbar, dieſe zwei ſo braven Männer ſeien nicht im Einverſtändniß bei ſeiner Entfernung geweſen. Er wußte es ſchon.— „Mein Herr,“ ſagte er zu d'Artagnan,„Ihr hattet vollkommen Recht. Wollt mich einen Augenblick mit dem Herrn Grafen de la Feore ſprechen laſſen.“ D'Artagnan benützte dieſen Abſchied, um Grimaud guten Tag zu ſagen. Monk bat Athos, ihn in das Zimmer zu führen, das er bewohnte. Dieſes Zimmer war noch voll von Rauch und Trümmern. Mehr als fünfzig Kugeln hat⸗ ten, durch das Fenſter eindringend, die Wand beſchä⸗ digt. Man fand hier einen Tiſch, ein Tintenfaß und Alles, was man zum Schreiben braucht. Monk nahm eine Feder und ſchrieb eine einzige Zeile, unterzeichnete, faltete das Papier zuſammen, verſiegelte den Brief mit den Petſchaft ſeines Ringes, übergab ihn Athos und ſprach:— „Mein Herr, überbringt, wenn es Euch beliebt, dieſen Brief König Karl II. und reiſt auf der Stelle ab, wenn Euch nichts mehr hier zurückhält.“ „Und die Tonnen?“ fragte Athos. „Die Fiſcher, die mich hierhergebracht haben, wer⸗ den Euch dieſelben an Bord ſchaffen helfen. Seid, wenn es möglich iſt, in einer Stunde abgereiſt.“ „Ja, General,“ ſprach Athos. „Herr d'Artagnan!“ rief Monk durch das Fenſter. D'Artagnan ſtieg haſtig die Treppe hinauf. „Umarmt Euren Freund und ſagt ihm Lebewohl, mein Herr, denn er kehrt nach Holland zurück.“ „Nach Holland!“ rief d'Artagnan;„und ich?“ „Es ſteht Euch frei, ihm zu folgen, mein Herr; doch ich bitte Euch, zu bleiben,“ ſagte Monk.„Werdet Ihr es mir abſchlagen?“ „Oh! nein, General, ich bin zu Euren Befehlen.“ D Artagnan umarmte Athos und hatte kaum Zeit, 170 ihm Lebewohl zu ſagen. Monk beobachtete Beide. Dann 4 beaufſichtigte er ſelbſt die Vorkehrungen zur Abfahrt, e den Transport der Tonnen an Bord und die Einſchif⸗ z fung von Athos. Sobald dies geſchehen, nahm er d'Ar⸗ f tagnan, der ganz verblüfft, ganz bewegt war, am Arm 2 und führte ihn gegen Newcaſtle. Während er aber am Arm von Monk fortſchritt, murmelte d'Artagnan leiſe: „Ei! eil mir ſcheint, die Actien des Hauſes Plan⸗ chet und Compagnie ſteigen wieder.“ ——( 1 XVIII. Monk tritt hervor. . 1 Obgleich d'Artagnan nun auf einen beſſeren Erfolg hoffte, hatte er doch die Lage der Dinge nicht gut be⸗ griffen. Die Reiſe von Athos nach England, die Ver⸗ bindung des Königs mit Athos und die ſeltſame Ver⸗ ſchlingung ſeines Planes mit dem des Grafen de la Fere bildeten für d'Artagnan Gegenſtände ernſten Nach⸗ ſinnens. Das Beſte war, ſich gehen zu laſſen. Eine Unklugheit war begangen worden, und obſchon ihm die Ausführung ſeines Planes gelungen, hatte er doch noch keinen von den Vortheilen des Gelingens geerntet. ba Alles verloren war, wagte man nichts mehr. D'Artagnan folgte Monk mitten in ſein Lager. Die Rückkehr des Generals brachte eine wunderbare Wirkung hervor, denn man hielt ihn für verloren Doch mit ſeinem ſtrengen Geſicht und mit ſeiner eiſigen Hal⸗ . 171 tung ſchien Monk ſeine eifrigen Lieutenants und ſeine entzückten Soldaten nach der Urſache ihrer Fröhlichkeit zu fragen. Zu dem Lieutenant, der ihm entgegenge⸗ kommen war und von der Unruhe ſprach, in die ſie ſein Abgang verſetzt habe, ſagte er auch: „Warum dies? Bin ich gezwungen, Euch Rechen⸗ ſchaft abzulegen?“ 1 „Aber Eure Ehren, die Lämmer ohne den Hirten können zittern.“ „Zittern!“ erwiederte Monk mit ſeiner ruhigen, mächtigen Stimme;„ohl mein Herr, welches Wort!... Gott verdamme mich! wenn meine Lämmer nicht Zähne und Klauen haben, ſo verzichte ich darauf, ihr Hirte zu ſein. Ahl Ihr zittertet, mein Herr.“ „General, für Euch...“ 4 „Miſcht Euch in das, was Euch angeht, und wenn mir Gott auch nicht den Verſtand von Oliver Cromwell geſchickt hat, ſo beſitze ich doch den, welchen er mir ge⸗ ſchickt; ich begnüge mich damit, ſo klein er auch ſein mag. Der Officier erwiederte nichts, und da Monk ſei⸗ nen Leuten auf dieſe Art Stillſchweigen auferlegte, ſo blieben ſie alle überzeugt, er habe ein wichtiges Werk vollführt, oder ſie auf eine Probe geſtellt. Das hieß dieſen bedächtigen und geduldigen Geiſt wenig kennen. Hatte Monk den guten Glauben der Puritaner, ſeiner Verbündeten, ſo mußte er mit viel Inbrunſt dem hei⸗ ligen Patron danken, der ihn aus der Kiſte von Herrn d'Artagnan gezogen. Während dieſe Dinge vorgingen, wiederholte unſer Musketier unabläſſig: „Mein Gott, mache, daß Herr Monk nicht ſo viel Eigenliebe hat, als ich, denn ich erkläre, wenn mich Jemand ſo in eine Kiſte mit dem Gitter auf dem Mund geſteckt und wie ein Kalb übers Meer geſchleppt hätte, würde ich eine ſo ſchlimme Erinnerung an meine klägliche Miene in dieſer Kiſte und einen ſo häßlichen Groll gegen denjenigen, welcher mich eingeſperrt, be⸗ wahren, ich würde ſo ſehr befürchten, auf dem Geſichte d dieſes Boshaften ein ſarkaſtiſches Lächeln oder in ſeiner v Haltung eine groteske Nachahmung meiner Lage in der n Kiſte ſehen zu müſſen, daß ich ihm, Mordioux!.... t daß ich ihm einen guten Dolch als Entſchädigung für ſ das Gitterwerk in die Kehle ſtieße und ihn in einen n wahren Sarg nagelte, zum Andenken an den falſchen 9 Sarg, worin ich geſchimmelt.“ D'Artagnan ſprach dies in vollem Ernſt, denn un- 2 ſer Gascogner war eine empfindliche Haut. Zum Glück hatte Monk andere Ideen; er öffneke den Mund nicht über die Vergangenheit gegen ſeinen furchtſamen Sie⸗ ger, doch er ließ ihn ſehr nahe bei ſeinen Arbeiten zu,⸗ er nahm ihn bei einem Recognosciren mit, ſo daß er, was er ohne Zweifel lebhaft wünſchte, eine Wiederher⸗ ſtellung ſeiner Ehre im Geiſte von d'Artagnan erhielt. Dieſer benahm ſich als Schmeichler⸗Zunftmeiſter: er be⸗ wunderte die ganze Taktik von Monk und die Ordnung ſeines Lagers. Er ſcherzte ſehr angenehm über die Umſchanzungen von Lambert, der ſich, wie er ſagte, unnöthiger Weiſe die Mühe gegeben habe, ein Lager für zwanzigtauſend Mann zu ſchließen, während ihm ein Morgen Landes für den Korporal und die fünfzig Leibwachen, die ihm vielleicht getreu geblieben, genügt hätte. Sogleich nach ſeiner Ankunft nahm Monk den Vorſchlag einer Zuſammenkunft an, den Lambert ge⸗ macht und den die Lieutenants von Monk, unter dem Vorwand, der General ſei krank, zurückgewieſen hatten. Dieſe Zuſammenkunft war weder lang, noch intereſſant. Lambert forderte ein Glaubensbekenntniß von ſeine. Nebenbuhler. Dieſer erklärte, er habe keine andere Meinung als die Mehrzahl. Lambert fragte, ob es nicht erſprießlicher wäre, den Krieg durch ein Bündniß, als durch eine Schlacht zu endigen. Monk verlang acht Tage, um darüber nachzudenken. Lambert konnte ———,— ...G--—— —y ander in einem ſolchen Maße, daß hundert am erſten, 173 ihm dieſe Friſt nicht verweigern, und Lambert hatte doch, als er kam, geſagt, er würde das Heer von Monk verſchlingen. Da ſich in Folge der Zuſammenkunft, welche die Anhänger von Lambert voll Ungeduld erwar⸗ teten, nichts entſchied,— da weder ein Vertrag abge⸗ ſchloſſen, noch eine Schlacht geliefert wurde,— ſo fing, wie es Herr d'Artagnan vorhergeſehen, das rebelliſche Heer an, die gute Sache der ſchlechten und das Parla⸗ ment, ſo kläglich es auch ſein mochte, der prunkhaften Nichtigkeit der Pläne des General Lambert vorzuziehen. Man erinnerte ſich überdies der guten Mahle in London, des Ueberfluſſes an Ale und Sherry, den der Bürger der City ſeinen Freunden, den Soldaten, be⸗ zahlte, man ſchaute mit Schrecken das Schwarzbrod des Krieges, das trübe Waſſer der Tweed an, das zu ſalzig für das Glas, zu wenig für den Fleiſchtopf war, und man ſagte ſich: Wären wir nicht beſſer auf der andern Seite? Werden die Braten nicht in London für Monk gargekocht? Von nun an hörte man in der Armee von Lam⸗ bert nur noch vom Deſertiren ſprechen. Die Soldaten ließen ſich durch die Macht der Grundſätze fortreißen, welche, wie die Disciplin, das nothwendige Band von jedem Corps ſind, das ſich in irgend einem Zweck ge⸗ bildet hat. Monk vertheidigte das Parlament, Lambert rief es an. Monk hatte nicht mehr Luſt, das Parlament zu unterſtützen, als Lambert, doch er hatte es auf ſeine Fahnen geſchrieben, ſo daß ſich die von der Gegenpartei genöthigt ſahen, auf die ihrigen Rebellion zu ſchreiben, was in puritaniſchen Ohren ſchlecht klang. Man kam alſo von Lambert zu Monk, wie Sünder von Baal zu Gott kommen. Monk machte ſeine Berechnung: bei tauſend Aus⸗ reißern im Tag brauchte Lambert zwanzig Tage, um ſein Heer zu verlieren; aber bei den Dingen, welche ſtürzen, wachſen Gewicht und Geſchwindigkeit mit ein⸗ 174 fünfhundert am zweiten, tauſend am dritten Tag durch⸗ 6 gingen. Doch von tauſend ſtieg die Deſertion raſch 6 auf zweitauſend, dann auf viertauſend, und nach acht a Tagen faßte Lambert, der wohl fühlte, es wäre ihm unmöglich, die Schlacht anzunehmen, wenn man ſie ihm. anbieten würde, den weiſen Entſchluß, in der Nacht ſein 1 Lager zu verlaſſen, um nach London zurückzukehren und Monk dadurch zuvorzukommen, daß er ſich eine neue Macht mit der militäriſchen Partei bilden würde. 3 Frei und ohne Unruhe marſchirte Monk als Sieger, gegen London, wobei ſich ſein Heer auf ſeinem 1 Zuge durch alle ſchwebenden Parteien vergrößerte. Er ſchlug ſein Lager bei Barnet, das heißt vier Meilen von der Hauptſtadt auf, geliebt vom Parlament, das in ihm einen Beſchützer zu ſehen glaubte, und erwartet vom Volk, das ihn, um ihn zu beurtheilen, hervortreten ſehen wollte. D'Artagnan ſelbſt war nicht im Stand geweſen, ſeine Taktik zu beurtheilen. Er beobachtete, er bewunderte. Monk konnte nicht mit einem feſten⸗ Entſchluß in London einziehen, ohne dort dem Bürger⸗ krieg zu begegnen. Er temporiſirte einige Zeit. Plötzlich und ohne daß es Jemand erwartete, ver⸗ don beitraten. In dem Augenblick, wo ſich das Walt Triumph und ſeinen ſchwelgeriſchen Mahlen ——— 17⁵ Straße nach dem Herrn umſah, den es ſich geben könnte, erfuhr man, es ſei ein Schiff vom Haag mit Karl II. abgegangen. „Meine Herren,“ ſprach Monk zu ſeinen Officieren, „ich gehe dem geſetzlichen König entgegen. Wer mich liebt, folgt mir!“ Dieſe Worte, welche d'Artagnan nicht ohne einen Freudenſchauer vernahm, wurden mit einem ungeheuren Zuruf aufgenommen. „Mordioux!“ ſprach er zu Monk,„das iſt kühn, mein Herr.“ „Nicht wahr, Ihr begleitet mich?“ fragte Monk. „Bei Gott, General! Doch ich bitte, ſagt mir, was Ihr mit Athos, das heißt mit dem Herrn Grafen de la Foͤre... Ihr wißt... an dem Tage unſerer Ankunft geſchrieben habt.“ „Ich habe kein Geheimniß vor Euch,“ erwiederte Monk,„ich ſchrieb die Worte:„„Sire, ich erwarte Eure Majeſtät in ſechs Wochen in Dover.““ „ Ahl rief d'Artagnan,„ich ſage nicht, das iſt kühn, ich ſage, das iſt gut geſpielt. Das nenne ich einen ſchönen Streich!“ „Und Ihr verſteht Euch darauf,“ ſprach Monk. Dies war die einzige Anſpielung, die der General auf ſeine Reiſe nach Holland gemacht hatte. XIX. Wie Athoas und d'Artagnan abermals im Gaſthof zum Hirſchhorn zuſammentrafen. 1 er Der König von England hielt mit großem Ge⸗ ſi pränge ſeinen Einzug zuerſt in Dover und dann in London. Er hatte ſeine Brüder zu ſich berufen, er hatte ſc ſeine Mutter und ſeine Schweſter mitgenommen. Eng⸗ je land war ſeit ſo langer Zeit ſich ſelbſt, nämlich der Ty⸗ 9 rannei, der Mittelmäßigkeit und der Unvernunft preis⸗ 5 gegeben geweſen, daß die Rückkehr von König Karl II., 5 den die Engländer indeſſen nur als den Sohn eines i 3 = Mannes kannten, welchem ſie den Kopf abgeſchlagen, zu einem wahren Feſt für die drei Königreiche wurde. i Alle die Wünſche, alle die Zurufe, die ſeine Rückkehr ſ begleiteten, machten auch einen ſolchen Eindruck auf den jungen König, daß er ſich an das Ohr von Jack g bun York, ſeinem jüngeren Bruder, neigte und zu im m agte: g „Wahrhaftig, Jack, mir ſcheint, es iſt unſer Feh⸗ ler, wenn wir ſo lange aus einem Lande abweſend waren, wo man uns ſo ſehr liebt.“ 3 Der Zug war prachtvoll. Ein herrliches Wetter begünſtigte die Feierlichkeit. Karl hatte ſeine ganze Zugend, ſeine ganze frohe Laune wiedererlangt; er ſchien verwandelt; die Herzen lachten ihm zu wie die Sonne. 8 Mitten in dieſer geräuſchvollen Menge von Höf⸗ lingen und Anbetern, die ſich nicht zu erinnern ſchienen, daß ſie den Vater des neuen Königs von Whitehalle nach dem Blutgerüſte geführt hatten, betrachtete ein —— Oo—,—— e e 12 A8 ³NNRNNS 8=SS‚ 177 Mann in der Kleidung eines Lieutenants der Muske⸗ tiere, ein Laͤcheln auf ſeinen dünnen, geiſtreichen Lippen, hald das Volk, das ſeine Segnungen und Glückwünſche brüllte, bald den Prinzen, der den Gerührten ſpielte und beſonders die Frauen grüßte, deren Sträuße unter die Füße ſeines Pferdes fielen. „Was für ein ſchönes Handwerk iſt doch das eines Königs!“ ſagte dieſer Mann, in ſeiner Betrachtung fortgeriſſen und ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, daß er mitten auf dem Wege ſtehen blieb und den Zug an ſich vorüber ließ.„Dieſer Fürſt iſt in der That mit Gold und Diamanten geſchmückt wie ein Salomo, bunt⸗ ſcheckig mit Blumen überzogen wie eine Wieſe im Früh⸗ jahr; er wird mit vollen Händen aus der ungeheuren Kaſſe ſchöpfen, worin ihm ſeine heute getreuen, vor Kurzem noch ſehr ungetreuen Unterthaunen ein paar Karren voll Goldſtangen aufgehäuft haben. Man wirft ihm Sträuße zu, um ihn darunter zu begraben, und wenn er vor zwei Monaten erſchienen wäre, würde man ihm eben ſo viel Kanonen⸗ und Musketenkugeln zuge⸗ ſchleudert haben, als man ihm heute Blumen zuwirft. Es iſt offenbar etwas werth, auf eine gewiſſe Weiſe geboren zu werden, was den Gemeinen nicht mißfallen möge, welche behaupten, es liege ihnen nichts an ihrer gemeinen Geburt.“ Der Zug ging immer weiter, und mit dem König entfernten ſich die Zurufe in der Richtung des Palaſtes; deſſen ungeachtet wurde unſer Officier immer noch ge⸗ hörig herumgeſtoßen. „Mordioux!“ fuhr der Denker fort,„hier ſind viele Leute, die mir auf die Füße treten und die mich für . ſehr wenig oder vielmehr für nichts halten, in Betracht, daß ſie Engländer ſind, und daß ich ein Franzoſe bin. Wwollte man alle dieſe Leute fragen: Wer iſt Herr d'Ar⸗ tagnan? ſo würden ſie antworten: Nescio vps. Aber man ſage ihnen: Hier zieht der Koͤnig voruͤber, hier Die drei Musketiere. Bragelvnne. U. 12 8 — captain Monk!“ 178 — zieht Herr Monk vorüber, ſo werden ſie brüllen: Es lebe der König! Es lebe Herr Monk! bis ihnen ihre Lungen den Dienſt verweigern. Indeſſen,“ fuhr er fort, indem er mit jenem ſo feinen und zuweilen ſo ſtolzen Blick die Menge ſich verlaufen ſah,„bedenkt indeſſen ein wenig, Ihr guten Leute, was König Karl gethan hat, was Herr Monk gethan hat, und denkt dann auch ein wenig an das, was dieſer arme Unbekannte, den man Herrn d'Artagnan nennt, gethan hat. Es iſt wahr, Ihr wißt es nicht, weil es unbekannt iſt, was Euch vielleicht abhält, darüber nachzudenken! Doch bahl was liegt daran! Karl II. bleibt deſſen ungeach⸗ tet ein großer König, obgleich er zwölf Jahre verbannt geweſen iſt, und Herr Monk ein großer Kapitän, ob⸗ gleich er die Reiſe nach Holland in einer Kiſte gemacht hat. Da es nun anerkannt iſt, daß der eine ein großer König und der andere ein großer Kapitän bleibt: Huzza for the King Charles II! Huzza for the Und ſeine Stimme vermiſchte ſich mit den Stimmen voon Tauſenden von Zuſchauern, die ſie einen Augenblick beherrſchte. Und um den ergebenen Mann beſſer zu ſpielen, ſchwang er ſeinen Hut in der Luft. Es hielt ihm Jemand den Arm mitten in ſeinem geräuſchvollen, freudigen Loyalisme.(So nannte man 1660 das, was man heut zu Tage Royalisme nennt.) „Athos!“ rief d'Artagnan,„Ihr hier!“ Und die zwei Freunde umarmten ſich. „Ihr hier, und da Ihr hier ſeid, ſeid Ihr nicht in⸗ mitten aller dieſer Höflinge, mein lieber Graf?“ fuhr der Musketier fort.„Wie! Ihr, der Held des Feſtes, reitet nicht auf der linken Seite Seiner reſtaurirten Majeſtät, wie Herr Monk auf ihrer rechten Seite reitet? In der That, ich begreife weder Euren Charakter, noch — den des Prinzen, der Euch ſo viel ſchuldig iſt.“ „Immer ſpöttiſch, mein lieber d'Artagnan,“ ſprach 8 179 Athos.„Werdet Ihr denn dieſen häßlichen Fehler nie ablegen?“ „Aber Ihr nehmt keinen Antheil am Zug?0 „Ich nehme keinen Antheil daran, weil ich nicht wollte.“. „Und warum wolltet Ihr nicht?“ „Weil ich weder Geſandter, noch Botſchafter, noch Repräſentant des Königs von Frankreich bin, und weil es mir nicht zuſagt, mich ſo nahe bei einem andern König zu zeigen, den mir Gott nicht zum Herrn gege⸗ ben hat.“ „Mordioux! Ihr habt Euch doch ſehr nahe bei ſeinem Vater gezeigt.“ „Das iſt etwas Anderes, Dieſer ſollte ſterben.“ „Und das, was Ihr für Jenen gethan habt...“ „Ich habe es gethan, weil ich es thun mußte. Doch Ihr wißt, ich vermeide jede Schauſtellung. König Karl II., der meiner nun nicht mehr bedarf, laſſe mich in meiner Ruhe und in meinem Schatten, mehr ver⸗ lange ich nicht von ihm.“ D' Artagnan ſeufßzte. „Was habt Ihr?“ ſagte Athos;„man ſollte glau⸗ ben, dieſe glückliche Rückkehr des Königs nach London mache Euch traurig, mein Freund, Euch, der Ihr doch indeſſene ſo viel als ich für Seine Majeſtät gethan a „Nicht wahr?“ rief d'Artagnan, auf ſeine gascog⸗ niſche Weiſe lachend, nnicht wahr, ich habe auch viel für Seine Majeſtät gethan, ohne daß man es ver⸗ muthet?“ „Oh! ja, und der König weiß es wohl, mein Freund.“ „Er weiß es!“ verſetzte mit bitterem Tone der Musketier;„bei meiner Treue, ich glaubte das nicht und ſuchte es ſogar in dieſem Augenblick zu vergeſſen.“ „Aber er, mein Freund, er wird es nicht vergeſſen, dafür ſtehe ich Euch.“ „ 180 2ih„Ihr ſagt mir das, um mich ein wenig zu tröſten, os. 4 „Und worüber?“ „Mordioux! über alle die Ausgaben, die ich ge⸗ macht habe. Ich habe mich zu Grunde gerichtet, mein Freund, zu Grunde gerichtet für die Wiedereinſetzung dieſes jungen Fürſten, der ſo eben ſein iſabellfarbiges Pferd hier vorübertänzeln ließ.“ „Der König weiß nicht, daß Ihr Euch zu Grunde gerichtet habt, mein Freund, aber er weiß, daß er Euch viel ſchuldig iſt.“ „Hilft mich das irgend Etwas, Athos? Ich laſſe Euch Gerechtigkeit widerfahren, Ihr habt edel gearbei⸗ tet. Doch ich, der ich ſcheinbar Schuld geweſen bin, daß Eure Combination ſcheiterte, ich habe hier in Wirk⸗ lichkeit den Sieg verſchafft. Folgt meiner Berechnung: Ihr hättet vielleicht durch die Ueberredung, durch ein ſanftes Weſen den General Monk nicht gewonnen, wäh⸗ rend ich dieſen theuren General auf eine ſo rauhe Weiſe behandelte, daß ſich dem Prinzen die Gelegenheit bot, ſich edelmüthig zu zeigen; dieſer Edelmuth, der ihm durch die Thatſache meines glücklichen Mißgriffes ein⸗ gegeben worden iſt, wird Karl durch die Wiederein⸗ ſetzung bezahlt, welche Monk bereitet hat.“ „Dies Alles iſt eine unleugbare Wahrheit, lieber Freund.“ „So unleugbar dieſe Wahrheit ſein mag, ſo iſt es darum doch nicht minder wahr, theurer Freund, daß ich ſehr geliebt von Herrn Monk, der mich den ganzen Tag my dear captain nennt, obgleich ich weder ſein Lieber, noch ſein Kapitän bin, und ſehr geſchätzt vom König, der meinen Namen ſchon vergeſſen hat, zurückkehren werde; es iſt nicht minder wahr, ſage ich, daß ich in. mein ſchönes Vaterland zurückkehre, verflucht von den Soldaten, die ich in der Hoffnung auf einen gro Sold angeworben, verflucht vom braven Planchet, dem ich einen Theil ſeines Vermögens entlehnt habe — 7 181 „Wie ſo? Was Teufels hat bei dem Allem Plan⸗ chet zu thun?“ „Ja wohl, mein Theurer, dieſen ſo zierlichen, ſo lächelnden, ſo angebeteten König glaubt Herr Monk zu⸗ rückgerufen zu haben, Ihr bildet Euch ein, ihn unter⸗ ſtützt zu haben, ich glaube ihn zurückgeführt zu haben, das Volk wähnt ihn wiedererlangt zu haben, er denkt, er ſei ſo zu Werke gegangen, daß er ſeinen Thron wiedergewonnen, und dennoch iſt nichts von dem Allem wahr: Karl II., Konig von England, Schottland und Irland, iſt auf ſeinen Thron durch einen Spezereihänd⸗ ler von Frankreich gebracht worden, der in der Rue des Lombards wohnt und Planchet heißt. So ſteht es um die Größe! Eitelkeit! ſagt die Schrift, Eitel⸗ keit, Alles iſt eitel.“ Athos konnte ſich eines Lachens über die wunder⸗ liche Laune ſeines Freundes nicht enthalten. „Guter d'Artagnan,“ ſagte er, indem er ihm liebe⸗ voll die Hand drückte,„ſolltet Ihr kein Philoſoph mehr ſein? Gereicht es Euch nicht zur Befriedigung, daß Ihr mir das Leben gerettet, wie Ihr dies durch Eure glückliche Ankunft mit Monk in der Stunde gethan habt, wo mich die verfluchten Anhänger des Parlaments lebendig verbrennen wollten?“ „Ahl ahl“ ſagte d'Artagnan,„Ihr hattet es ein wenig verdient, dieſes Brennen, mein lieber Graf.“ „Wiel weil ich die Million von Köͤnig Karl geret⸗ tet habe?“ „Welche Million?“ „Ahl es iſt wahr, Ihr habt das nie erfahren, mein Freund; doch Ihr dürft mir deshalb nicht grollen, es war nicht mein Geheimniß. Das Wort Remember, das König Karl auf dem Schaffot ausſprach...“ „Und das Erinnere Dich heißt.“ „Gauz richtig. Dieſes Wort bedeutete: Erinnere Dich, daß eine Million in den Gewölben von Neweaſtle — — vergraben iſt, und daß dieſe Million meinem Sohn ge⸗* hört.“ „Ah! ſehr gut, ich begreife. Doch was ich auch begreife, und was mir furchtbar vorkommt, iſt, daß Seine Majeſtät König Karl II., ſo oft er an mich denkt, ſich ſagen wird:„„Das iſt ein Menſch, durch deſſen Schuld ich beinahe meine Krone verloren hätte. Zum Glück bin ich edelmüthig, groß, voll Geiſtesgegen⸗ wart geweſen.““ Dies wird von mir und von ſich die⸗ ſer junge Herr ſagen, der in einem ſehr abgetragenen Wamms in das Schloß von Blois kam und mich, ſei⸗ nen Hut in der Hand, fragte, ob ich ihm nicht Eintritt beim König von Frankreich verſchaffen wolle.“ „D'Artagnan, d'Artagnan,“ ſprach Athos, ſeine Hand auf die Schulter des Musketiers legend,„Ihr ſeid nicht billig.“ „Ich habe das Recht dazu.“ „Nein, denn Ihr kennt die Zukunft nicht.“ D'Artagnan ſchaute ſeinem Freund in die Augen und lachte. 5 „ In der That, mein lieber Athos,“ ſagte er⸗„Ihr habt herrliche Worte, die ich nur bei Euch und bei dem Herrn Cardinal Mazarin kennen lernte.“ Athos machte eine Bewegung. „Verzeiht,“ fuhr d'Artagnan lachend fort,„ver⸗ zeiht, wenn ich Euch beleidige. Die Zukunft! hu! wie ſchön ſind doch die Worte, welche verſprechen, und wie füllen ſie den Mund ſo gut in Ermanglung von etwas Anderem! Mordiour! wann werde ich, nachdem ich ſo Viele gefunden, welche verſprachen, Einen finden, der gibt! Schatzmeiſter des Königs?“ „Wie! Schatzmeiſter des Königs 2 „Ja, da der Köͤnig eine Million beſitzt, ſo braucht 8 er einen Schatzmeiſter. Der König von Frankreich, der 34 „Doch laſſen wir das,“ fuhr d'Artagnan fort. „Was macht Ihr hier, mein lieber Athos, ſeid Ihr 183 ohne einen Son iſt, hat wohl ſeinen Oberintendanten der Finanzen, Herrn Fouquet. Es iſt wahr, dagegen beſitzt Herr Fouquet eine ſchöne Anzahl von Millionen.“ „Oh! unſere Million iſt ſchon lange ausgegeben,“ ſagte Athos lachend. 1 „Ich begreife, ſie iſt in Seide, in Sammet, in Edelſteinen und in Federn aller Art und von allen Farben aufgegangen. Alle dieſe Prinzen und Prinzeſ⸗ ſinnen bedurften gar ſehr der Schneider und der Näh⸗ terinnen. Eil Athos, erinnert Ihr Euch, was wir ausgegeben haben, um uns zu equipiren, als wir bei La Nochelle im Felde lagen, und um unſern Einzug zu Pferde zu halten? Zwei bis dreitauſend Livres, bei meiner Treue; doch der Leib eines Königs iſt weiter und man braucht eine Million, um den Stoff zu kau⸗ fen. Sagt, Athos, ſeid Ihr nicht Schatzmeiſter, ſo ſeid Ihr wenigſtens wohl gelitten bei Hofe?“ „So wahr ich ein Edelmann bin, ich weiß es nicht,“ erwiederte Athos ganz einfach. „Eil geht doch, Ihr ſolltet es nicht wiſſen!“ „Ich habe den König ſeit Dover nicht wiederge⸗ ſehen.“ „Mordioux, dann hat er Euch vergeſſen, das iſt königlich!“ „Seine Majeſtät hat ſo viel zu thun gehabt.“ „Ohl“ rief d'Artagnan mit einer von jenen witzi⸗ gen Grimaſſen, wie nur er allein ſie zu machen wußte, „bei meiner Ehre, ich fange wieder an, mich in Mon⸗ ſignor Giulio Mazarin zu verlieben. Wiel mein lieber Athos, der König hat Euch nicht wiedergeſehen?“ „Nein.“ „Und Ihr ſeid nicht wüthend?“ „Ich? warum? Bildet Ihr Euch etwa ein, mein lieber d'Artagnan, ich habe für den König auf dieſe Art gehandelt? Ich kenne ihn gar nicht, dieſen jungen Mann. Ich habe den Vater vertheidigt, der einen für mich geheiligten Grundſatz vertrat, und ich habe mich 1 „ 184 zum Sohn aus Sympathie für eben dieſen Grundſatz hinziehen laſſen. Dieſer Vater war indeſſen ein wür⸗ diger Cuvalier, ein edler Sterblicher, wie Ihr Euch er⸗ innern werdet.“ „Es iſt wahr, ein braver, vortrefflicher Mann, der ein trauriges Leben, aber einen ſehr ſchönen Tod hatte.“ „Wohl, mein lieber d'Artagnan, begreift; dieſem König, dieſem Mann von Herz, dieſem Freund meines Geiſtes, wenn ich ſo ſagen darf, ſchwur ich in ſeiner letzten Stunde, treu das Geheimniß über ein vergrabe⸗ nes Gut zu bewahren, das ſeinem Sohn zugeſtellt wer⸗ den ſollte, um ihn bei Gelegenheit zu unterſtützen; der junge Mann ſuchte mich aufz; er erzählte mir von ſeinem Unglück, er wußte nicht, daß ich etwas Anderes für ihn war, als eine lebendige Erinnerung an ſeinen Vater; ich erfüllte gegen Karl II. nur, was ich Karl I. verſprochen hatte. Was liegt mir daran, ob er dank⸗ bar oder undankbar iſt! Ich habe mir einen Dienſt geleiſtet, indem ich mich von dieſer Verantwortlichkeit frei machte, und nicht ihm.“ 4 „Ich habe immer behauptet, die Uneigennützigkeit ſ die ſchönſte Sache der Welt,“ ſagte d'Artagnan eufzend. „Wiel mein lieber Freund, ſeid Ihr nicht in der⸗ ſelben Lage wie ich? Wenn ich Eure Worte gut be⸗ griffen, ließet Ihr Euch durch das Unglück dieſes jungen Mannes rühren; das iſt noch viel ſchöner von Euch, als von mir, denn ich hatte eine Pflicht zu er⸗ füllen, während Ihr dem Sohn des Märtyrers durch⸗ aus nichts ſchuldig waret. Ihr hattet ihm nicht den Preis für jenen koſtbaren Blutstropfen zu bezahlen, den er vom Boden ſeines Schaffots auf meine Stirne fal⸗ len ließ. Was Euch zu handeln bewog, iſt das Herz allein, das Ihr unter Eurem ſchernbaren Skepticismus, unter Eurem ſcharſen Geſpötte beſitzt; ich vermuthe, Ihr habt das Vermögen eines Dieners, das Eurige vielleicht eingeſetzt, Ihr geiziger Wohlthäter, und man 18⁵ mißkennt Euer Opfer. Was iſt daran gelegen! Wollt Ihr Planchet ſein Geld zurückgeben? Ich begreife das, mein Freund, denn es geziemt ſich nicht, daß ein Edel⸗ mann von einem Untergeordneten entlehnt, ohne ihm Kapital und Zinſen heimzubezahlen. Es ſei! ich werde la Fore verkaufen, wenn es ſein muß, oder wenn es nicht nöthig iſt, einen kleinen Pachthof. Ihr bezahlt Planchet und, glaubt mir, es bleibt Korn genug für uns Beide und für Raoul auf meinen Speichern. Auf dieſe Art, mein Freund, werdet Ihr nur gegen Euch ſelbſt eine Verbindlichkeit haben, und wenn ich Euch gut kenne, wird es keine geringe Befriedigung für Eu⸗ ren Geiſt ſein, daß Ihr Euch ſagen könnt:„„Ich habe einen Koͤnig gemacht.““ Habe ich Recht? „Athos! Athos!“ murmelte d'Artagnan träume⸗ riſch,„ich ſagte Euch ſchon einmal, am Tag, wo Ihr predigt, werde ich in die Kirche gehen; an dem Tag, wo Ihr mir ſagen werdet, es gebe eine Hölle, bekomme ich bange vor dem Roſt und dem Schürhaken. Ihr ſeid beſſer als ich, oder vielmehr beſſer als die ganze Welt, und ich kann mir nur ein Verdienſt zuer⸗ kennen, das, daß ich nicht eiferſüchtig bin. Außer die⸗ ſem Fehler habe ich, Gott ſoll mich verdammen, wie die Engländer ſagen, alle andere.“ „Ich kenne Niemand, der den Werth von d'Artag⸗ nan beſäße,“ erwiederte Athos.„Doch wir ſind nun ganz ſachte zu dem Haus gekommen, das ich bewohne; wolkt Ihr bei mir eintreten, mein Freund?“ „Eil das iſt die Taverne zum Hirſchhorn, wie mir ſcheint,“ ſagte d'Artagnan. 192K „Ich geſtehe, mein Freund⸗ ich habe ſie ein wenig deshalb gewählt. Ich liebe die alten Bekannten, ich ſetze mich gern an den Platz, wo ich ganz gelähmt von Müdigkeit, ganz von der Verzweiflung ergriffen nieder⸗ ſank, als Ihr am 31. Januar Abends zurückkamet.“ „Nachdem ich die Wohnung des verkleideten Hen⸗ kers entdeckt hatte? Ja, das war ein furchtbarer Tag.“ 186 „Kommt alſo,“ ſagte Athos. Sie traten in die einſt gemeinſchaftliche Stube ein. Die Taverne im Allgemeinen und dieſe Stube insbeſondere hatten große Veränderungen erlitten. Der ehemalige Wirth der Musketiere, der für einen Gaſt⸗ geber ziemlich reich geworden war, hatte ſeine Schenke geſchloſſen und aus der erwähnten Stube'eine Nieder⸗ lage für Colonialwaaren gemacht. Das übrige Haus vermiethete er meublirt an Fremde. Mit unſäglicher Gemüthsbewegung erkannte d'Ar⸗ tagnan die ganze Ausſtattung des Zimmers im erſten Stock wieder: das Täfelwerk, die Tapeten und ſogar die Landkarte, welche Porthos mit ſo viel Liebe in ſei⸗ nen Mußeſtunden ſtudirte. „Es ſind eilf Jahre,“ rief d'Artagnan,„und es iſt mir, als wäre es ein Jahrhundert.“ „Und mir, als wäre es ein Tag,“ ſprach Athos. „Seht Ihr, welche Freude es mir bereitet, mein Freund, zu denken, daß ich Euch hier habe, daß ich Eure Hand drücke, daß ich weit von mir weg Degen und Dolch werfen, daß ich ohne Mißtrauen dieſe Flaſche Peres be⸗ rühren kann. Ohl dieſe Freude vermöchte ich Euch nur auszudrücken, wenn unſere beiden Freunde hier wären, hier an den zwei Ecken dieſes Tiſches, und wenn Naoul, mein vielgeliebter Raoul, auf der Schwelle mit ſeinen großen, ſo glänzenden und ſo ſanften Augen uns zuſchauen würde.“ „Ja, ja,“ ſprach d'Artagnan ſehr bewegt,„das iſt wahr. Ich billige beſonders den erſten Theil Eures Gedankens: es iſt ſüß, da zu lächeln, wo wir ſo mit Recht ſchauerten, wenn wir bedachten, jeden Augenblick könnte Herr Mordaunt auf der Treppe erſcheinen.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und d'Artagnan, ſo brav er war, konnte ſich einer leichten Bewegung des Schreckens nicht erwehren. Athos begriff ihn und ſagte lächelnd: „Es iſt unſer Wirth, der mir einen Brief bringt.“ 187 „Ja, Mylord,“ ſagte der gute Bürgersmann,„ich bringe in der That Eurer Herrlichkeit einen Brief.“ „Ich danke,“ ſyrach Athos und nahm den Brief, ohne ihn anzuſchauen.„Sagt mir, mein lieber Wirth, erkennt Ihr dieſen Herrn nicht?“ Der Greis hob den Kopf in die Höhe und ſchaute d'Artagnan aufmerkſam an. „Nein,“ erwiederte er. „Es iſt einer von den Freunden, von denen ich deſprochen habe; er wohnte vor eilf Jahren mit mir hier!“ „Oh! es haben ſo viele Fremde hier gewohnt!“ „Ja, aber wir haben am 31. Januar 1641 hier gewohnt,“ fügte Athos bei, der durch dieſe Erläuterung das träge Gedächtniß des Wirthes aufzuſtacheln glaubte. „ Es iſt möglich,“ erwiederte der Wirth lächelnd, „doch das iſt ſchon ſo lange her.“ Er verbeugte ſich und ging hinaus. „Ich danke,“ ſprach d'Artagnan,„verrichtet Tha⸗ ten, führt Revolutionen aus, verſucht es, Euren Namen in Stein oder in Erz mit mächtigen Schwertern zu graben, es gibt etwas, was rebelliſcher, härter, vergeß⸗ licher iſt als das Eiſen, das Erz und der Stein, das iſt der gealterte Schädel eines Wirthes, der in ſeinem Gewerbe reich geworden; er erkennt mich nicht mehr! ich hätte ihn wahrhaftig wiedererkannt.“ Lächelnd entſiegelte Athos den Brief. „Ah!“ ſagte er,„ein Brief von Parry.“ „Ohol“ rief d'Artagnan,„leſt⸗ mein Freund, leſt, er enthält ohne Zweifel etwas Neues.“ Athos ſchüttelte den Kopf und las: „Herr Graf, „Den König hat es ſehr betrübt, daß er Euch heute bei ſeinem Einzug nicht in ſeiner Nähe ſah; Seine Majeſtät beauftragt mich; dies Euch zu melden und ſie in Euer Gedächtniß zurückzurufen. Seine Ma⸗ 5 jeſtät wird Eure Ehren dieſen Abend zwiſchen zehn und eilf Uhr im Palaſt von Saint⸗James erwarten. „Ich bin mit aller Ehrfurcht, Herr Graf, Eurer Ehren „unterthäniger und gehorſamer Diener „Parry.“ 3 „Ihr ſeht, mein lieber d'Artagnan,„man darf an dem Herzen der Könige nicht verzweifeln.“ „Verzweifelt nicht daran, Ihr habt Recht,“ erwie⸗ derte d'Artagnan. „Oh! theurer, lieber Freund,“ ſagte Athos, dem die unmerkliche Bitterkeit von d'Artagnan nicht entgan⸗ gen war,„verzeiht. Sollte ich, ohne es zu wollen, meinen beſten Kameraden verletzt haben?“ „Ihr ſeid ein Narr, Athos, und zum Beweis werde ich Euch bis ins Schloß, das heißt, bis an die Thüre begleiten, das iſt ein Spaziergang für mich.“ „ Ihr geht mit mir hinein, mein Freund, ich will Seiner Majeſtät ſagen...“ „Laßt das!“ unterbrach ihn d'Artagnan mit einer Miſchung von wahrem und falſchem Stolz;„wenn es etwas Schlimmeres gibt, als ſelbſt zu lügen, ſo iſt es, durch Andere lügen zu laſſen. Brechen wir auf, mein Freund, der Spaziergang wird herrlich ſein; ich zeige Euch im Vorübergehen das Haus von Herrn Monk, der mich bei ſich aufgenommen hat. Meiner Treue, ein ſchönes Haus! Wißt Ihr, in England General ſein trägt mehr ein, als in Frankreich Marſchall ſein.“ Athos ließ ſich ganz traurig über dieſe Heiterkeit, welche d'Artagnan heuchelte, wegführen. Die ganze Stadt war in freudiger Aufregung; die en⸗ Freunde ſtießen ſich jeden Augenblick an Enthu⸗ i aſten, welche ſie in ihrer Trunkenheit aufforderten: Es lebe König Karl! zu rufen. D'Artagnan antwor⸗ tete durch ein Knurren und Athos durch ein Lächeln. Sie kamen ſo bis zu dem Hauſe von Monk, an wel⸗ —— ̈⏑̈⏑—— —IeSͤdSE—SrSAhe ——,— 189 chem man wirklich vorüber mußte, um zum Palaſt von Saint⸗James zu gelangen. Athos und d'Artagnan ſprachen wenig unter We⸗ ges, gerade weil ſie, wenn ſie geſprochen hätten, ſich zu viel zu ſagen gehabt haben würden. Athos dachte, wenn er ſpräche, würde es den Anſchein haben, als of⸗ fenbarte er Freude, und dieſe Freude könnte d'Artagnan verletzen. Dieſer befürchtete ſeinerſeits, wenn er ſpräche, eine gewiſſe Bitterkeit durchblicken zu laſſen, welche ihn für Athos läſtig machen könnte. Es fand ein ſeltſamer Wetleifer des Stillſchweigens zwiſchen der Zufriedenheit und der böſen Laune ſtatt. D'Artagnan gab zuerſt dem Nucen nach, das er gewöhnlich an ſeiner Zungenſpitze ühlte. „Athos,“ ſagte er,„Ihr erinnert Euch der Stelle in den Denkwürdigkeiten von d'Aubigné, wo der treue Diener, ein Gascogner wie ich, arm wie ich und, ich hätte beinahe geſagt, brav wie ich, von den Knauſereien von Heinrich IV. erzählt? Mein Vater ſagte mir im⸗ mer, wie ich mich erinnere, Herr d'Aubigné ſei ein Lügner; doch ſeht ſelbſt, wie alle Prinzen, welche vom großen Heinrich abſtammen, dieſen nachahmten.“ „Ach! geht doch, d'Artagnan, die Köͤnige von Frankreich geizig? Ihr ſeid ein Narr, mein Freund.“ „Ohl Ihr geſteht nie die Fehler Anderer zu, Ihr, der Ihr vollkommen ſeid. Doch in der That, Hein⸗ rich IV. war geizig. Ludwig XIII., ſein Sohn, war es ebenfalls; nicht wahr, wir wiſſen etwas davon zu erzahlen? Gaſton trieb dieſen Fehler bis zum Ueber⸗ maß und zog ſich in dieſer Hinſicht den Haß von Allem zu, was ihn umgab. Henriette, die arme Frau! hat wohl daran gethan, geizig zu ſein, ſie, die nicht jeden Tag aß, ſie, die ſich nicht jedes Jahr wärmte, und ſie hat dadurch ein Beiſpiel ihrem Sohn Karl II., dem Enkel des großen Heinrich 1V., gegeben, der geizig iſt wie ſeine Mutter und wie ſein Großvater. Sprecht, habe ich die Genealogie der Geizigen gut aufgeſagt?4 ⸗„ 190 „O'Artagnan, mein Freund,“ rief Athos,„Ihr ſeid ſehr hart gegen das Adlergeſchlecht, das man die Bour⸗ bonen nennt.“ 3 „Und ich vergaß das Schönſte!... den andern Enkel des Bearners, Ludwig XIV., meinen Exrherrn. Doch der iſt hoffentlich geizig, da er ſeinem Bruder Karl nicht eine Million leihen wollte! Ahl ich ſehe, Ihr ärgert Euch. Zum Glück ſind wir bei meinem Haus, oder vielmehr bei dem von meinem Freunde Monk.“ „Lieber d'Artagnan, Ihr ärgert mich nicht, Ihr betrübt mich; es iſt in der That grauſam, einen Mann von Verdienſt neben der Stellung zu ſehen, die ſeine Verdienſte ihm hätten verſchaffen müſſen; mir ſcheint, Euer Name, theurer Freund, iſt ſo ſtrahlend als die ſchönſten Namen des Kriegs und der Diplomatie. Sagt mir, ob die Luynes, ob die Bellegarde, ob die Baſſom⸗ pierre wie wir Glück und Ehre verdienten; Ihr habt Recht, hundertmal Recht, mein Freund.“ 3 D'Artagnan ſeufzte und ging ſeinem Freund unter die Vorhalle des Hauſes von Monk voran, der mitten in der City wohnte. „Erlaubt,“ ſprach er, nich laſſe meine Börſe zu Hauſe; denn wenn unter dem Gedränge die geſchickten Spitzbuben von London, die man ſogar in Paris ſo ſehr rühmt, mir den Reſt meiner armſeligen Thaler ſtehlen würden, ſo köͤnnte ich nicht mehr nach Frankreich zurückkehren. So zufrieden ich aber von Frankreich weggegangen bin, ſo freudetrunken kehre ich dahin zu⸗ rück, inſofern ſich alle meine früheren Vorurtheile gegen Frankreich in Begleitung von vielen andern wieder in mir feſtgeſtellt haben.“— Athos antwortete nichts. „Habt alſo einen Augenblick Geduld, und ich folge Euch,“ ſagte d'Artagnan;„ich weiß wohl, daß es Euch dräugt, dorthin zu gehen, um Eure Belohnung in Em⸗ pfang zu nehmen; doch glaubt mir, es drängt mich 1191 nicht minder, mich an Eurer Freude, wenn auch nur von ferne, zu weiden... Erwartet mich alſo.“ D' Artagnan ſchritt durch das Vorhaus, als ein Menſch, halb Diener, halb Soldat, der bei Monk die Functionen eines Portier und einer Wache verſah, un⸗ ſern Musketier anhielt und in engliſcher Sprache zu ihm ſagte: „Verzeiht, Mylord d'Artagnan.“ „Nun, was gibt es?“ fragte dieſer;„verabſchiedet mich der General auch vollends? Es fehlte mir nur noch, daß ich von ihm ausgetrieben würde!“ Franzöſiſch geſprochen, brachten dieſe Worte nicht den geringſten Eindruck auf denjenigen hervor, an den ſte gerichtet waren, denn dieſer ſprach nur ein mit dem rauhſten Schottiſch vermiſchtes Engliſch. Doch Athos wurde ſchmerzlich davon ergriffen, denn d'Artagnan fing an auszuſehen, als ob er Recht hätte. Der Engländer zeigte d'Artagnan einen Brief und ſprach: „From the general.:. „Gut, das iſt es; mein Abſchied,“ ſagte der Gas⸗ cogner.„Soll ich es leſen, Athos?“ „Ihr täuſcht Euch nothwendig, oder ich kenne 6 keine ehrlichen Leute mehr außer Euch und mir,“ er⸗ wiederte Athos.. D'Artagnan zuckte die Achſeln und entſiegelte den Brief, während der Engländer ihm ganz unempfindlich, damit er durch das Licht beim Leſen unterſtützt würde, eine Laterne vorhielt. „Nun! was habt Ihr?“ fragte Athos, als er die plötzliche Veränderung in den Geſichtszügen des Leſers wahrnahm. „Nehmt und leſt ſelbſt,“ ſprach der Musketier. Athos nahm das Papier und las: „Herr d'Artagnan, der König bedauert es ſehr leb⸗ haft, daß Ihr nicht mit ſeinem Zuge nach Saint Pauls „ gekommen ſeid. Seine Majeſtät ſagt, Ihr habet ihr gefehlt, wie Ihr auch mir gefehlt habt, lieber Kapitän. Es gibt nur ein Mittel, dies Alles gut zu machen. Seine Majeſtät erwartet mich um neun Uhr im Palaſt von Saint James; wollt Ihr Euch zugleich mit mir dort einfinden? Seine allergnädigſte Majeſtät beſtimmt Euch dieſe Stunde zur Audienz, die ſie Euch bewilligt.“ 2 Der Brief war von Monk. XX. Die Audienf. „Nun?“ rief Athos mit einem ſanften Vorwurf, als d'Artagnan den von Monk an ihn gerichteten Brief geleſen hatte. „Nun!“ erwiederte d'Artagnan roth vor Vergnü⸗ gen und ein wenig vor Scham,„das iſt eine Artig⸗ keit, welche zu nichts verbindet... doch es iſt am Ende eine Artigkeit. „Ich muß geſtehen, ich konnte nicht wohl glauben, der Prinz ſei undankbar,“ ſprach Athos. 4„Es iſt wahr, ſeine Gegenwart ſteht ſeiner Ver⸗ gangenheit ſehr nahe,“ ſagte d'Artagnan,„doch bis jetzt hat Alles meine Meinung gerechtſertigt. „Ich gebe es zu, theurer Freund, ich gebe es zu! Ah! Euer guter Blick iſt wiedergekehrt. Ihr konnt nicht. glauben, wie ſehr mich das freut.“ „Seht,“ ſagte d'Artagnan,„Karl II. empfängt Herrn Monk um neun Uhr, mich wird er um zehn Uhr empfangen, das iſt eine große Audienz, eine von denje⸗ ————— nigen, welche wir im Louvre Austheilung von Hof⸗ 9* . U A 193 weihwaſſer nennen. Stellen wir uns unter die Traufe, mein lieber Freund.“ 4 Athos antwortete nichts, und Beide wandten ſich, ihre Schritte beſchleunigend, nach dem Palaſt von Saint⸗ James, den die Menge immer noch belagerte, um an den Scheiben die Schatten der Höflinge und die Reflere der königlichen Perſon zu ſehen. Es ſchlug acht Uhr, als die zwei Freunde in der von Hoͤflingen und Bittſtellern gefüllten Gallerie Platz nahmen. Jeder blickte nach dieſen einfachen Kleidern von ſeltſamer Form, nach dieſen ſo edlen und charakter⸗ vollen Koͤpfen. Athos und d'Artagnan fingen, nachdem ſie mit zwei Blicken dieſe ganze Verſammlung überſchaut hatten, wieder an mit einander zu plaudern. Plötzlich entſtand ein gewaltiger Lärmen am Ende der Gallerie: es war der General Monk, der ge⸗ folgt von zwanzig Officieren eintrat, welche auf jedes Lächeln von ihm lauerten, denn noch am Tage vorher war er Herr von England und man vermuthete einen ſchönen andern Tag für den Wiederherſteller der Familie der Stuarts. „Meine Herren,“ ſprach Monk, ſich umwendend, „ich bitte, erinnert Euch, daß ich fortan nichts mehr bin. Vor Kurzem noch befehligte ich die Hauptarmee der Republik; nun gehört dieſe Armee dem König, in deſſen Hände ich, ſeinem Gebot gemäß, die Macht, die ich geſtern beſaß, niederlegen werde.“ Ein großes Erſtaunen drückte ſich in allen Geſich⸗ tern aus, und der Kreis der Schmeichler und Bittenden, der Monk einen Augenblick vorher umſchloß, erweiterte ſich allmälig und verlor ſich am Ende in den großen Wogungen der Menge. Monk wartete im Vorzimmer wie alle Welt. D'Artagnan konnte ſich nicht enthalten, hierüber eine Bemerkung gegen den Grafen de la Fore zu machen, der die Stirne faltete. Plötzlich öffnete ſich die Thüre des Cabinets von Karl, und es erſchien der Die drei Musketiere. Bragelonne. II. 13 junge Koͤnig, dem zwei Officianten ſeines Hauſes vor⸗ aangingen. „Guten Abend, meine Herren,“ ſprach er.„Iſt der General Monk hier?“ „Hier bin ich, Sire,“ erwiederte der alte General. Karl eilte auf ihn zu, drückte ihm mit glühender Freundſchaft die Hände und ſagte laut: „General, ich habe ſo eben Euer Patent unterzeich⸗ net: Ihr ſeid Herzog von Albermale, und es iſt meine Abſicht, daß keiner Euch an Macht und Vermögen in dieſem Königreich gleichkomme, wo Euch, den edlen Montroſe ausgenommen, keiner an Rechtſchaffenheit, Muth und Talent gleichgekommen iſt. Meine Herren, der Herzog iſt Obercommandant unſerer Heere zu Waſ⸗ ſer und zu Land; wollt ihm in dieſer Eigenſchaft die ihm ſchuldige Achtung erweiſen.“ Während ſich Jeder um den General drängte, der alle dieſe Huldigungen hinnahm, ohne einen Augenblick ſeine gewöhnliche Unempfindlichkeit zu verlieren, ſagte d'Artagnan zu Athos: „Wenn man bedenkt, daß dieſes Herzogthum, die⸗ ſes Commando der Heere zu Waſſer und zu Land, mit einem Wort, alle dieſe Größen in einer Kiſte von ſechs Fuß Länge und drei Schuh Breite eingeſperrt waren!“ „Freund,“ erwiederte Athos,„viel mächtigere Grö⸗ ßen müſſen ſich mit kleineren Kiſten begnuͤgen; ſie ver⸗ ſchließen für immer...“ Plötzlich erblickteMonk die zwei Edelleute, die ſich beiſeit hielten und warteten, bis ſich die Woge verlau⸗ fen hätte. Er bahnte ſich einen Weg und ging auf ſie zu, ſo daß er ſie mitten in ihren philoſophiſchen Be⸗ trachtungen überraſchte. „Ihr ſpracht von mir?“ ſagte er mit einem Lä⸗ cheln. 3 „Mylord,“ antwortete Athos,„wir ſprachen auch von Gott.“ eN— l ——,—-— ——— — 195 Monk dachte einen Augenblick nach und ſagte dann heiter: 8 „Sprechen wir auch ein wenig vom König, wenn es Euch beliebt, denn Ihr habt, glaube ich, Audienz beim König.“ „Um neun Uhr,“ ſagte Athos. „Um zehn Uhr,“ ſagte d'Artagnan. „Treten wir ſogleich in das Cabinet ein,“ ſprach Monk und bedeutete ſeinen beiden Gefährten, ſie möch⸗ ten vorangehen, was weder der Eine, noch der Andere thun wollte. Der König war während dieſes ganz franzöſiſchen „Streites in die Mitte der Gallerie zurückgekehrt. „Ohl meine Franzoſen,“ ſagte er mit jenem Tone ſorgloſer Heiterkeit, den er trotz ſo großen Kummers, trotz ſo vieler Unglücksfälle nicht verloren hatte.„Die Franzoſen, mein Troſt!“ D'Artagnan und Athos verbeugten ſich. „Herzog, führt dieſe Herren in mein Studirzim⸗ mer. Ich gehöre Euch, meine Herren,“ fügte er in franzöſiſcher Sprache bei. Und er fertigte raſch ſeinen Hof ab, um zu ſeinen Franzoſen, wie er ſie nannte, zurückzukehren. „Herr d'Artagnan,“ ſprach er, als er in ſein Ca⸗ binet eintrat,„es freut mich, Euch wiederzuſehen.“ „Sire, ich fühle mich im höchſten Grade glücklich⸗ Eure Majeſtät im Palaſt von Saint⸗ James begrüßen zu dürfen.“ 8 2 „Mein Herr, Ihr wolltet mir einen ſehr großen Dienſt leiſten, und ich bin Euch Dank dafür ſchuldig⸗ Befürchtete ich nicht, in die Rechte meines Obercom⸗ mandanten einzugreifen, ſo böte ich Euch irgend einen Eurer würdigen Poſten bei unſerer Perſon an.“ „Sire,“ entgegnete d'Artagnan,„als ich den Dienſt des Königs von Frankreich verließ, verſprach ich mei⸗ nem Fürſten, keinem andern König zu dienen.“ „Ahl das macht mich ſehr ungluͤcklich,“ ſagte Karl, „ich hätte gern viel für Euch gethan, denn Ihr gefallt mir...“ „Sire...“ .„Laßt ſehen,“ fuhr Karl mit einem Lächeln fort, „kann ich es nicht dahin bringen, daß Ihr Euer Wort brecht? Herzog, helft mir. Wenn man Euch, oder wenn ich Euch vielmehr den Oberbefehl über meine Musketiere anböte?“ D'Artagnan verbeugte ſich tiefer als das erſte Mal und erwiederte: „Zu meinem großen Bedauern müßte ich das huld⸗ reiche Anerbieten Eurer Majeſtät ausſchlagen; ein Edel⸗ mann hat nur ſein Wort, und dieſes Wort iſt, wie ich Eurer Majeſtät zu ſagen die Ehre gehabt, dem Kö⸗ nig von Frankreich verpfändet.“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ ſagte der Kö⸗ nig, ſich gegen Athos umwendend. Und er verließ d'Artagnan, der in die heftigſten Schmerzen der Enttäuſchung verſank. „Ah! ich ſagte es doch,“ murmelte der Musketier; „Wortel Hofweihwaſſer! Die Könige haben ſtets ein wunderbares Talent, uns das, wovon ſie wiſſen, daß wir es nicht annehmen werden, anzubieten, und ſich ohne Gefahr freigebig zu zeigen. Ich Dummkopf!.. ich dreifacher Dummkopf, der ich war, daß ich einen Augenblick hoffte.“ 3 Aug Waͤhrend dieſer Zeit nahm Karl Athos bei der Hand und ſprach zu ihm: „Graf, Ihr ſeid für mich ein zweiter Vater gewe⸗ ſen; der Dienſt, den Ihr mir geleiſtet habt, läßt ſich nicht bezahlen. Dennoch gedenke ich Euch zu belohnen. Ihr ſeid von meinem Vater zum Ritter vom Hoſen⸗ Fandorden ernannt worden; das iſt ein Orden, den alle Könige Europas zu tragen ſich zur Ehre rechnen müſ⸗ ſen; durch die Königin Regentin zum Ritter vom hei⸗ ligen Geiſt, was ein nicht minder erhabener Orden iſt; ich füge den vom goldenen Vließ bei, den mir der Kö⸗ 3 8K8 8 2— A NS N 197 nig von Frankreich geſchickt, welchem der König von Spanien, ſein Schwiegervater, bei Gelegenheit ſeiner Vermählung zwei gegeben hatte; dagegen habe ich jedoch einen Dienſt von Euch zu verlangen.“ „Sire,“ ſprach Athos ganz verwirrt,„mir das goldene Vließ, während der König von Frankreich der Einzige meines Landes iſt, der ſich dieſer Auszeichnung erfreut.“ „Ihr ſollt in Eurem Land und überall allen denen gleichſtehen, welche die ſouveränen Fürſten mit ihrer Gunſt beehrt haben,“ ſprach Karl, indem er die Kette von ſeinem Halſe nahm,„und ich bin überzeugt, Graf, daß mir mein Vater aus der Tiefe ſeines Grabes zuͤ⸗ lächelt.“ „Es iſt doch ſeltſam,“ ſprach d'Artagnan, während ſein Freund auf den Knieen den hochgefeierten Orden empfing, den ihm der König übertrug,„es iſt unglaub⸗ lich, daß ich ſiets den Regen des Glückes auf diejeni⸗ gen, welche mich umgeben, habe fallen ſehen, während nicht ein Tropfen je mich getroffen hat! Bei meinem Ehrenwort, man köͤnnte ſich die Haare ausraufen, wenn man neidiſch wäre.“ Athos ſtand auf. Karl umarmte ihn zärtlich. „General,“ ſagte er zu Monk; dann ſich mit einem Lächeln unterbrechend,„verzeiht, ich wollte Herzog ſa⸗ gen... Seht, wenn ich mich irre, ſo geſchieht es⸗ weil das Wort Herzog noch zu kurz für mich iſt... Ich ſuche immer einen längeren Titel.. Ich möͤchte Euch gern ſo nahe an meinem Thron ſehen, daß ich wie zu Ludwig XV.: Mein Bruder! ſagen könnte. Oh! ich habe es, und Ihr werdet beinahe mein Bruder ſein, denn ich mache Euch zum Vicekönig von Irland und Schottland, mein lieber Herzog... Auf dieſe Art werde ich fortan keinen Irrthum mehr begehen.“ Der Herzog ergriff die Hand des Königs, aber ohne Begeiſterung, ohne Freude, wie er Alles that. Sein Herz war indeſſen von dieſer letzten Gunſt er⸗ 8 ¹ 198 ſchüttert worden. Geſchickt mit ſeiner Freigebigkeit zu Rathe gehend, hatte Karl dem Herzog Zeit gelaſſen zu wünſchen... obgleich er nicht ſo viel hätte wünſchen können, als man ihm gab.. „Mordioux!“ brummelte d'Artagnan,„der Platz⸗ regen beginnt. Oh! man könnte den Verſtand darüber verlieren!“ Und er wandte ſich mit einer ſo verdrießlichen, ſo komiſch kläglichen Miene ab, daß ſich der König eines Lächelns nicht erwehren konnte. Monk ſchickte ſich an, das Cabinet zu verlaſſen und von Karl Abſchied zu nehmen. „Wie, mein Getreuer,“ ſagte der Koͤnig zum Her⸗ zog,„Ihr geht?“ „Wenn es Eure Majeſtät erlaubt, denn ich bin in der That ſehr müde... Die Aufregung des Tages hat mich entkräftet, und ich bedarf der Ruhe.“ „Doch ich hoffe, Ihr geht nicht ohne Herrn d'Ar⸗ tagnan?“. „Warum, Sire?“ fragte der alte Krieger. „Ihr wißt wohl, warum,“ ſprach der König. Monk ſchaute Karl erſtaunt an und erwiederte: „Ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, ich weiß nicht, was ſie ſagen will.“ „Ohl das iſt möglich; doch wenn Ihr vergeßt, 4 ißt Herr d'Artagnan nicht.“ 3 3 Nun prägte ſich das Erſtaunen in dem Geſicht des Musketiers aus. „Sprecht, Herzog,“ ſagte der König,„wohnt Ihr nicht mit Herrn d'Artagnan zuſammen?“ „Ich habe die Ehre gehabt, Herrn d'Artagnan eine Wohnung anzubieten, ja, Sire.“ „Dieſer Gedanke iſt Euch von Euch ſelbſt, und Euch allein gekommen 2“ „Von mir ſelbſt und mir allein, ja, Sire.“ „Nun, es konnte nicht anders ſein, der Gefangene iſt immer in der Wohnung ſeines Siegers.“ ne 199 Erröthend ſprach Monk: „Ah! es iſt wahr, ich bin der Gefangene von Herrn d'Artagnan.“ „Allerdings, Monk, da Ihr uoch nicht losgekauft ſeid; doch macht Euch keine Sorge, ich, der ich Euch Herrn d'Artagnan entriſſen habe, ich werde Euer Loͤſe⸗ geld bezahlen.“ Die Augen von d'Artagnan gewannen wieder ihre Heiterkeit und ihren Glanz; der Gascogner fing an zu begreifen. Karl ging auf ihn zu und ſprach: „Der General iſt nicht reich und könnte Euch nicht bezahlen, was er werth iſt. Ich bin ſicherlich reicher; doch nun, da er Herzog und, wenn nicht König, wenigſtens beinahe König iſt, beträgt ſein Werth eine Summe, die ich Euch vielleicht auch nicht bezahlen könnte. Laßt horen, Herr d'Artagnan, ſchont mich: wie viel bin ich Euch ſchuldig?“ Entzückt über die Wendung, welche die Sache nahm, doch vollkommen ſich ſelbſt beherrſchend, antwor⸗ tete d'Artagnan:. „Sire, Eure Majeſtät hat Unrecht, ſich zu beun⸗ ruhigen. Als ich das Glück hatte, Seine Herrlichkeit gefangen zu nehmen, war Herr Monk nur General; man iſt mir folglich nur das Löſegeld für einen bar ral ſchuldig. Doch der General wolle die Güte mir ſeinen Degen zurückzugeben, und ich halte mi bezahlt, denn es gibt in der Welt nur den Degen Generals, der ſo viel werth iſt, als er.“ „Odds fish!“ wie mein Vater ſagte,“ rief Karl II., „das iſt ein artiger Vorſchlag und ein artiger Mann, nicht wahr, Herzog?“ 1 „Bei meiner Ehre, ja, Sire,“ antwortete der Herzog.. Und er zog ſeinen Degen. „Mein Herr,“ ſagte er zu d'Artagnan,„hier iſt das, was Ihr verlangt. Viele haben beſſere Klingen in der Hand gehalten, doch ſo beſcheiden auch die mei⸗ nige ſein mag, ſie iſt nie von mir einem Menſchen über⸗ geben worden.“ D'Artagnan nahm mit Stolz dieſen Degen, der einen König gemacht ha 1 „Hoho!“ rief Karl II.„wie! ein Degen, der mir meinen Thron zurückgegeben, ſollte aus dieſem Kö⸗ nigreich kommen und nicht eines, Tags ſeine Stelle unter meinen Kronjuwelen haben? Nein, bei meiner Seele, das wird nicht geſchehen! Kapitän d'Artagnan, ich gebe Euch zweimal hundert tauſend Livres für die⸗ ſen Degen; iſt das zu wenig, ſo ſagt es mir.“4 „Es iſt zu wenig, Sire,“ erwiederte d'Artagnan mit einem unnachahmlichen Ernſt.„Vor Allem will ich ihn durchaus nicht verkaufen, doch wenn es Eure Majeſtät wünſcht, ſo iſt es Befehl. Ich gehorche alſo; aber die Ehrfurcht, die ich dem erhabenen Krieger ſchul⸗ dig bin, der mich hört, heiſcht es, daß ich das Pfand meines Sieges um ein Drittel höher ſchätze. Ich ver⸗ lange alſo dreimal hundert tauſend Livres für den De⸗ gen, oder ich gebe ihn Eurer Majeſtät umſonſt.“ Und er nahm ihn bei der Spitze und reichte ihn dem König. Karl brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Ein artiger Mann und ein luſtiger Geſelle! s fish! nicht wahr, Herzog? nicht wahr⸗ Graf? gefällt mir, und ich liebe ihn. Hört, Chevalier agnan, nehmt dieſes.“ Und er ging an einen Tiſch, ergriff eine Feder und ſchrieb eine Anweiſung von dreimal hunderttauſend Livres auf ſeinen Schatzmeiſter. D'Artagnan nahm ſie, wandte ſich ernſt gegen Monk um und ſprach: „Ich weiß, ich habe noch zu wenig verlangt; doch glaubt mir, Herr Herzog, ich wäre eher geſtorben, als daß ich mich hätte durch den Geiz verleiten laſſen.“— Der König lachte wieder wie der glücklichſte Cok⸗ ney ſeines Reiches. 1 ͤ V R Su—— 8„ 8 201 „Ihr kommt noch einmal zu mir, ehe Ihr geht, Chevalier,“ ſagte er;„ich brauche noch einen Vorrath von Heiterkeit, nun, da mich meine Franzoſen verlaſſen.“ „Ah! Sire, bei der Heiterkeit wird es nicht ſein wie bei dem Degen des Herzogs; ich gebe ſie Eurer Majeſtät gratis,“ erwiederte d'Artagnan, deſſen Füße die Erde nicht mehr berührten. „Und Ihr, Graf,“ fügte Karl, ſich an Athos wen⸗ dend, bei,„kommt auch noch einmal, ich habe Euch einen wichtigen Auftrag anzuvertrauen. Eure Hand, Herzog.“ Monk reichte dem König die Hand. „Gott befohlen, meine Herren,“ ſprach Karl, indem er den zwei Franzoſen jedem eine Hand bot, die ſie an ihre Lippen drückten. „Nun!“ fragte Athos, als ſie außen waren,„ſeid Ihr zufrieden?“ „Stille!“ erwiederte d'Artagnan ganz bewegt vor Freude; vich bin noch nicht vom Schatzmeiſter zurück, die Traufe kann mir auf den Kopf fallen.“ XXI. Von der Schwierigkeit des Keichthums. D Artagnan verlor keine Zeit, und ſobald es an⸗ ſtändig und geeignet war, machte er dem Herrn Schatz⸗ meiſter Seiner Majeſtät ſeinen Beſuch. Es wurde ihm die Freude zu Theil, ein Stück Papier, bedeckt mit einer ſehr häßlichen Handſchrift, gegen eine wunderbare Anzahl kürzlich erſt mit dem Bildniß Sei⸗ ner allergnädigſten Majeſtät König Karl II. geſchlage⸗ ner Thaler zu vertauſchen. D'Artagnan wußte ſich leicht zu beherrſchen; doch bei dieſer Gelegenheit konnte er ſich nicht enthalten, eine Freude zu offenbaren, die der Leſer wohl begreifen wird, wenn er einige Nachſicht mit einem Mann haben will, der ſeit ſeiner Geburt nie ſo viele Geldſtücke und Rollen, in einer für das Auge wahrhaft angenehmen Ordnung neben einander gelegt, geſehen hatte. Der Schatzmeiſter ſchob alle dieſe Rollen in Säcke und ſchloß jeden Sack mit einem Stempel mit dem Wappen von England, eine Gunſt, welche die Schatz⸗ meiſter nicht Jedermann bewilligen. Unempfindlich und gerade ſo artig, als er es gegen einen mit der Freundſchaft des Königs beehrten Mann ſein mußte, ſagte er ſodann zu d'Artagnan: „Nehmt Euer Geld fort, mein Herr.“ Euer Geld! Dieſes Wort machte tauſend Saiten vibriren, welche d'Artagnan zuvor nie in ſeinem Herzen gefühlt hatte. 1 Er ließ die Säcke auf einen Karren laden und ief nachſinnend nach Hauſe zurück. Ein Mann, al hunderttauſend Livres beſitzt, kann keine tirne mehr haben: eine Runzel fuͤr jedes Hun⸗ ſend iſt nicht zu viel. Artagnan ſchloß ſich ein, aß nicht zu Mittag, verwehrte Männiglich ſeine Thüre, wachte, die Lampe angezündet, die Piſtole geſpannt auf dem Tiſch, die ganze Nacht und träumte über ein Mittel, es zu ver⸗ hindern, daß dieſe ſchönen Thaler, welche aus der kö⸗ niglichen Kaſſe in die ſeinige übergegangen waren, nicht wieder aus ſeiner Kaſſe in die Taſchen irgend eines Diebes übergingen. Das beſte Mittel, das der Gas-⸗ cogner fand, war, ſeinen Schatz für den Augenblick unter Schlöſſer zu legen, welche ſolid genug wären, daß 203 keine Fauſt ſie zu erbrechen vermochte, künſtlich genug, daß kein gewöhnlicher Schlüſſel ſie öffnen könnte. D'Artagnan erinnerte ſich, daß die Engländer Meiſter in der Mechanik und im conſervativen Gewerbs⸗ fleiß ſind; er beſchloß, ſchon am andern Tag einen Me⸗ chaniker aufzuſuchen, der eine Kaſſe an ihn verkaufen würde. Er hatte nicht weit zu gehen. Meiſter Will Job⸗ ſon, der auf Picadilly wohnte, hörte ſeine Vorſchlaäͤge an, begriff ſeine Wünſche und verſprach ihm, ein Sicher⸗ heitsſchloß zu verfertigen, das ihn jeder Angſt für die Zukunft überheben würde. 5 „Ich gebe Euch einen ganz neuen Mechanismus,“ ſagte er.„Bei dem erſten etwas ernſtlichen Verſuch, den Einer auf Euer Schloß unternimmt, öffnet ſich ein unſichtbares Plättchen, ein kleiner ebenfalls unſichtbarer⸗ Lauf ſpeit eine hübſche kupferne Kugel im Gewicht einer Mark aus und wirft den Ungeſchickten nicht ohne ein gewiſſes bemerkbares Geräuſch nieder. Was haltet Ihr davon?“ „Ich ſage, das iſt wahrhaft ſinnreich,“ rief d'Ar⸗ tagnan,„die kleine kupferne Kugel gefällt mir unge⸗ mein. Doch die Bedingungen, Herr Mechaniker?. „Vierzehn Tage für die Ausführung und vierze tauſend Livres zahlbar bei der Ablieferung,“ Handwerksmann. 4 8 1 D Artagnan faltete die Stirne. Vierzehn Tage waren eine hinreichende Friſt, daß die Spitzbuben in London die Nothwendigkeit einer Kaſſe bei ihm ver⸗ ſchwinden machen konnten. Was die vierzehntauſend Livres betrifft, ſo hieß dies ſehr ſchwer das bezahlen, vas ein wenig Wachſamkeit ihm umſonſt verſchaffen onnte. 8 „Ich danke, mein Herr, ich werde es mir überle⸗ gen,“ ſagte er. AUnd er kehrte in raſchem Lauf nach Hauſe zurück. Niemand hatte ſich ſeinem Schatz genähert. ͤ „ 204 An demſelben Tag machte Athos ſeinem Freund einen Beſuch und fand ihn ſo ſorgenvoll, daß er ihm ſein Erſtaunen darüber äußerte. „Wie, Ihr ſeid nun reich,“ ſagte er,„und nicht heiter, Ihr, der Ihr Euch ſo ſehr nach dem Reichthum ſehntet?“ „Mein Freund, die Freuden, an die man nicht ge⸗ wöhnt iſt, beläſtigen mehr als der Kummer, der zur Gewohnheit geworden war. Gebt mir einen Rath, wenn es Euch beliebt. Ich kann Euch hierüber fragen, Euch, der Ihr ſtets Geld gehabt habt: ſagt, wenn man Geld hat, was macht man damit?“« „Das hängt von den Umſtänden ab.“ „Was habt Ihr mit dem Eurigen gemacht, daß. Ihr dadurch weder zu einem Geizhals, noch zu einem Verſchwender wurdet? Denn der Geiz vertrocknet das Herz und die Verſchwendung erſäuft es, nicht wahr?“ 6 8 „Fabricius könnte nicht richtiger ſprechen. Doch 4 in der That, mein Geld hat mich nie beläſtigt.“ „Sagt, legt Ihr es auf Zinſen an?““ „Nein; Ihr wißt, daß ich ein ziemlich hübſches Haus habe, und daß dieſes Haus den beſten Theil mei⸗ ne be bildet?“. weiß es.“ 6 r werdet auf dieſe Art ebenſo reich als ich und och reicher als ich, wenn Ihr wollt, durch das⸗ Mittel ſein.“ 3 „Aber die Renten, kaſſirt Ihr ſie ein?“ — ein.“ d „Was denkt Ihr von einem Verſteck in einer Mauer?“ „Ich habe nie Gebrauch davon gemacht.“ 4 „Dann habt Ihr einen Vertrauten, einen ſichern t Geſchäftsführer, der Euch die Intereſſen zu einem mä⸗ ßigen Preiſe bezahlt?“ „Keineswegs.“ „Mein Gott! was macht Ihr dann?“ ————— 20⁵ „Ich gebe Alles aus, was ich habe, und ich habe nur, was ich ausgebe, mein lieher d'Artagnan.“ „Ah! das iſt Eure Art! Doch Ihr ſeid ein wenig Fürſt, Ihr, und fünfzehn bis ſechzehntauſend Livres Einkünfte zerſchmelzen Euch zwiſchen den Fingern; und dann habt Ihr viele Ausgaben für die Repräſentation.“ „Ich ſehe nicht ein, daß Ihr viel weniger vorneh⸗ mer Herr ſeid, als ich, mein Freund, und Euer Geld wird Euch gerade ausreichen.“ „Dreimal hundert tauſend Livres! Dabei ſind zwei Drittel Ueberfluß.“ „Verzeiht, doch mir ſchien, als hättet Ihr mir ge⸗ ſagt... ich glaubte zu hören... ich bildete mir ein, Ihr hättet einen Aſſocié.“ X „Ah! Mordiour, das iſt wahr!“ rief d'Artagnan erröthend,„Planchet. Bei meinem Leben, ich vergaß Planchet!... Ahl nun ſind meine hunderttauſend Thaler angegriffen... Das iſt Schade, die Summe war rund, wohlklingend... Es iſt wahr, Athos, ich bin durchaus nicht reich. Welches Gedächtniß habt Ihr!“ „Ja, es iſt ziemlich gut, Gott ſei Dank!“ „Dieſer brave Planchet,“ murmelte d'Artagnan, per hatte da keinen ſchlechten Traum. Teufel, welche Speculation! Nun, was einmal geſagt iſt, iſt 4 „Wie viel gebt Ihr ihm?“ „Oh!“ machte d'Artagnan,„er iſt kein ſch Burſche, ich werde immerhin gut mit ihm in Ordn kommen; ſeht, ich habe Unglück, ich habe Koſten gehabt, dies Alles muß in Anrechnung gebracht werden.“ „Mein Lieber, ich bin Eurer ſehr ſicher,“ ſprach Athos ruhig,„und ich habe nicht bange für dieſen gu⸗ ten Planchet; ſeine Intereſſen ſind beſſer in Euren Händen als in den ſeinigen; doch nun, da Ihr nichts mehr hier zu thun habt, laßt uns abreiſen, wenn es Euch beliebt. Ihr bedankt Euch bei Seiner Majeſtät, fragt, ob ſie Euch keinen Befehl zu ertheilen habe, und in ſechs Tagen können wir die Thürme von Notre⸗Dame erſchauen.“ „Mein Freund, ich brenne in der That vor Ver⸗ langen, abzureiſen, und werde auf der Stelle in Chr⸗ furcht vom König Ahſchied nehmen.“ „Und ich will noch einige Perſonen in der Stadt begrüßen und dann gehöre ich Euch,“ ſprach Athos. „Wollt Ihr mir Grimaud leihen?“ „Von Herzen gern... Was gedenkt Ihr mit ihm zu machen?“ „Etwas ſehr Einfaches, was ihn nicht ermüden 3 wird. Ich werde ihn bitten, meine Piſtolen zu bewa⸗ chen, welche hier auf dem Tiſch neben dieſen Kiſten liegen.“ „Sehr gut,“ ſagte Athos unſtörbar. „Und nicht wahr, er wird ſich nicht entfernen?“ „Ebenſo wenig als die Piſtolen ſelbſt.“, „Dann gehe ich zu Seiner Majeſtät. Auf Wieder⸗ ſehen.“ D'Artagnan kam wirklich in den Palaſt von Saint: James, wo Karl II., der gerade mit dem Schreiben 3 ſeiner Briefe beſchäftigt war, ihn eine gute Stunde im Vorzimmer warten ließ. ährend d'Artagnan in der Gallerie auf und ab, Thüren zu den Fenſtern und von den Fenſtern Thüren ging, glaubte er einen Mantel dem Athos ähnlich, durch das Veſtibule ſchreiten zu ihen; doch in dem Augenblick, wo er dieſen Umſtand bewahrheiten wollte, rief ihn der Huiſſier zu Seiner 8 Majeſtät. Karl II. rieb ſich die Hände, während er den Dank unſeres Freundes entgegennahm. „Chevalier,“ ſagte er,„Ihr habt Unrecht, mir dankbar zu ſein; ich habe Euch nicht den vierten Theil von dem bezahlt, was die Geſchichte von der Kiſte, in die Ihr den braven General.. ich meine den vor⸗ trefflichen Herzog von Albermale, eingeſperrt, werth iſt.“ n 1⸗ 207 Und der Konig brach in ein ſchallendes Gelächter D'Artagnan glaubte Seine Majeſtät nicht unter⸗ brechen zu dürfen und lächelte mit einer ſtolzen Beſchei⸗ denheit. „ Ah!“ fuhr Karl II. fort,„hat Euch unſer lieber Monk wirklich verziehen?“ „Verziehen! ich hoffe ja, Sire.“ „Ei!... der Streich war grauſam.. Den erſten Mann der engliſchen Revolution wie einen Hä⸗ ring in eine Tonne packen!... An Eurer Stelle würde ich nicht trauen, Chevalier.“ „Aber, Sire... „Ich weiß, daß Monk Euch ſeinen Freund nennt... Doch er hat ein zu tiefes Auge, um nicht Gedächtniß zu beſitzen, eine zu hohe Augenbraue, um nicht ſehr hoffärtig zu ſein, Ihr wißt grande supercilium.“ „Ich werde ſicherlich Lateiniſch lernen,“ ſagte d'Ar⸗ aus. tagnan zu ſich ſelbſt. „Hört,“ rief der König entzückt,„ich muß Eure Ausſöhnung bewerkſtelligen; ich werde mich dabei ſo benehmen...“ D'Artagnan biß ſich auf die Lippen. „Erlaubt mir Eure Majeſtät, ihr die Wahrheit zu ſagen?“ 3 1 „Sprecht, Chevalier.“ 5 „Sire, Ihr macht mir furchtbar bange.. wenn Eure Majeſtät meine Angelegenheit ordnet, wie ſie hiezu Luſt zu haben ſcheint, ſo bin ich ein verlorener Mann; der Herzog läßt mich ermorden.“ Der König ſchlug abermals ein Gelächter auf, das die Angſt von d'Artagnan in Schrecken verwandelte. „Sire, ich bitte, habt die Gnade, dieſe Unterhand⸗ lung mir zu überlaſſen... und wenn Ihr dann mei⸗ ner Dienſte nicht mehr bedürft...“ „Nein, Chevalier. Ihr wollt abreiſen?“ verſetzte 4 Karl II. mit ner jmmer: ihr beunruhigenden Heiterkeit. — icch werde es nie duld 20bu3 „Wenn Eure Majeſtät nichts mehr von mir zu verlangen hat.“ Karl wurde allmälig wieder ernſt. „Nur Eines. Beſucht meine Schweſter, Lady Hen⸗ riette; kennt ſie Euch?“ „Nein, Sire; doch... ein alter Soldat wie ich iſt kein angenehmes Schauſpiel für eine junge und hei⸗ tere Prinzeſſin.“ „Es iſt mein Wille, ſage ich, daß meine Schweſter Euch kennen lerne; ſie ſoll im Nothfall auf Euch zäh⸗ len können.“ „Sire, Alles, was Eurer Majeſtät theuer iſt, wird für mich heilig ſein.“ „Wohl.. Parry! komm, mein guter Parry.“ Die Seitenthüre öffnete ſich; Parry trat ein und ſein Geſicht ſtrahlte, ſobald er den Chevalier erblickte. „Was macht Rocheſter?“ fragte der König. „Er iſt mit den Damen auf dem Kanal,“ erwie⸗ derte Parry. „Und Buckingham.“ 8 „Auch.“ „Ganz vortrefflich! Du führſt den Chevalier zu Villiers,— dies iſt der Herzog von Buckingham, Che⸗ valier,— und Du bitteſt den Herzog, Herrn d'Artag⸗ nan Lady Henriette vorzuſtellen.“ Parry verbeugte ſich und lächelte d'Artagnan zu. „Chevalier,“ fuhr der König fort,„das iſt Eure Abſchiedsaudienz, und Ihr könnt ſodann abreiſen, wenn Ihr wollt.“ 8 „Sire, ich danke.“ 4 „Doch ſchließt Euren Frieden mit Monk.“ „Ohl Sire... 4. „Ihr wißt, daß einer meiner Vaſallen zu Eurer Verfügung ſteht.“ „Aber, Sire, Ihr überhäuft mich ſich meinetwegen bemüh 209 u Der König klopfte d'Artagnan auf die Schulter und erwiederte: „Niemand bemüht ſich Euretwegen, Chevalier, ſon⸗ ⸗ dern eines Botſchafters wegen, den ich nach Frankreich ſchicke, und dem Ihr, glaube ich, gern als Gefährte dienen werdet, denn Ihr kennt ihn.“ ⸗ D'Artagnan ſchaute ganz erſtaunt. 3 „Es iſt ein gewiſſer Graf de la Fere... der, r welchen Ihr Athos nennt,“ fügte der König bei, indem h⸗ er das Geſpräch endigte, wie er es begonnen hatte, nämlich durch ein freudiges Gelächter.„Lebt wohl, d Chevalier, lebt wohl. Liebt mich, wie ich Euch liebe.“ Hienach machte der Koͤnig Parry ein Zeichen, um ihn zu fragen, ob Jemand in dem anſtoßenden Cabinet id warte, und verſchwand in dieſem Cabinet, während der te. Chevalier ganz verblüfft über die ſeltſame Audienz an ſeinem Platze ſtehen blieb. e⸗ Der Greis nahm ihn freundſchaftlich beim Arm und führte ihn nach den Gärten. zu es g⸗ XXII. u. ne Auf dem Kanal. Auf dem Kanal mit dem undurchſichtig grünen Gewäſſer, mit der marmornen Einfaſſung, worauf die Zeit ſchwarze Flecken und Moosplatten ausgebreitet hatte, ſchwamm majeſtätiſch eine lange, flache Barke unter der engliſchen Flagge, überragt von einem Pracht⸗ himmel und ausgeſchmückt mit langen damascirten Stof⸗ en, die ihre Franſen im Waſfer ſchleppten. Acht Schife Die drei Musketiere, Bragelonne. I. 14 210 fer, welche ſachte auf die Ruder drückten, machten die Barke ſich auf dem Kanal mit der anmuthigen Lang⸗ ſamkeit der Schwaͤne fortbewegen, die, geſtoͤrt in ihrem alten Beſitzthum durch den Sog des Fahrzeugs, von fern dieſe Herrlichkeit und dieſes Geräuſch vorüberziehen ſahen. Wir ſagen Geräuſch, denn auf der Barke be⸗ fanden ſich vier Zither⸗ und Lautenſpieler, zwei Sänger und mehrere ganz von Gold und Cdelſteinen ſchim⸗ mernde Höflinge, welche nach Herzensluſt ihre weißen Zähne zeigten, um Lady Stuart zu gefallen, der En⸗ kelin von Heinrich IV., der Tochter von Karl I., der Schweſter von Karl II., welche den Ehrenplatz unter dem Prachthimmel dieſer Barke einnahm. Wir kennen dieſe junge Prinzeſſin, wir haben ſie im Louvre mit ihrer Mutter geſehen, wo es ihr an Holz, an Brod gebrach, wo ſie vom Coadjutor und den Parlamenten ernährt wurde. Sie hatte, wie ihre Brü⸗ der, eine harte Jugend durchgemacht; dann war ſie plötzlich aus dieſem langen und grauſamen Traum auf den Stufen eines Thrones ſitzend, umgeben von Höf⸗ lingen und Schmeichlern erwacht. Wie Maria Stuart, als ſie aus dem Gefängniß trat, athmete ſie daher das Leben und die Freiheit, und mehr noch die Macht und den Reichthum ein. Lady Henriette war heranwachſend eine merkwür⸗ dige Schöͤnheit geworden, welche die Reſtauration, die ſo eben ſtattgefunden, berühmt machte. Das Unglück hatte ihr den Schimmer des Stolzes benommen, doch das Glück gab ihr denſelben wieder. Sie glänzte in ihrer Freude und in ihrer Wohlfahrt wie jene Treib⸗ hauspflanzen, welche, in einer Nacht beim erſten Froſte des Herbſtes vergeſſen, ihren Kopf geneigt haben, aber am andern Tage, in der Atmoſphäre, in der ſie geboren worden, wieder erwärmt, ſich glänzender als je erheben. Lord Villiers von Buckingham, Sohn von demj 4 nigen, welcher eine ſo bedeutende Rolle in den erſten Kapiteln dieſer Geſchichte ſpielt, Lord Villiers von Bu⸗ 8 * ——— 2a2—6 8AA8rRSRN äüber eine ſolche Offenherzigkeit beſtürzt zu ſein ſchienen, ckingham, ein ſchöner Cavalier, ſchwermüthig bei den Frauen, luſtig bei den Männern, und Vilmot von Ro⸗ cheſter, luſtig bei beiden Geſchlechtern, ſtanden in die⸗ ſem Augenblick vor Lady Henriette und machten ſich das Recht, ſie zum Lächeln zu bringen, ſtreitig. Die junge ſchöne Prinzeſſin, die ſich an ein mit Gold geſticktes Kiſſen von Sammet anlehnte und die Hände träge in das Waſſer hängen ließ, horchte gleich⸗ gültig auf die Muſiker, ohne ſie zu hören, und hörte auf die Höflinge, ohne daß ſie das Ausſehen hatte, als horchte ſie auf ſie. Lady Henriette, dieſes Weſen voll Anmuth, dieſes weibliche Geſchöpf, das die Reize Frankreichs mit denen von England verband, war, da ſie noch nicht geliebt hatte, grauſam in ihrer Coquetterie. Das Lächeln, dieſe naive Gunſtbezeugung der jungen Mädchen, er⸗ leuchtete auch nicht einmal ihr Antlitz, und wenn ſie zuweilen die Augen aufſchlug, ſo geſchah es, um ſie mit ſolcher Starrheit auf den einen oder den andern Cavalier zu heften, daß ihre. Galanterie, ſo dreiſt ſte auch ſonſt war, darüber in Unruhe gerieth und ſchüch⸗ tern wurde. 1 Das Schiff ging immer weiter, die Muſiker ſtreng⸗ ten alle ihre Kräfte an und die Höflinge kamen allmä⸗ lig außer Athem. Die Fahrt kam ohne Zweifel der Prinzeſſin eintönig vor, denn plötzlich ſchüttelte ſie den Kopf mit einer Miene der Ungeduld und ſagte: „Es iſt genug, meine Herren, kehren wir zurück.“ „Ahl Madame,“ erwiederte Buckingham,„wir ſind ſehr unglücklich, es iſt uns nicht gelungen, Enre Hoheit die Spazierfahrt angenehm finden zu laſſen.“ 3„Meine Mutter erwartet mich,“ ſprach Lady Hen⸗ riette,„auch muß ich es Euch offenherzig geſtehen, meine Herren, ich langweile mich.“ Und während ſie dieſes grauſame Wort ſagte, ſuchte die Prinzeſſin jeden von den zwei jungen Leuten, welche „ 211 212 durch einen Blick zu tröſten. Der Blick brachte ſeine Wirkung hervor. Die zwei Geſichter klärten ſich auf; doch ſogleich, als hätte die königliche Coquette gedacht, ſie habe zu viel für zwei Sterbliche gethan, machte ſie eine Bewegung, wandte ihren zwei Anbetern den Rücken 3 zu und ſchien ſich in eine Träumerei zu verſenken, an der ſie offenbar keinen Theil hatten. 2 Buckingham biß ſich voll Zorn auf die Lippen, denn er war wirklich in Lady Henriette verliebt, und in dieſer Eigenſchaft nahm er Alles im Ernſt. Rocheſter biß ſich auch darauf, doch da ſein Geiſt immer ſein Herz beherrſchte, ſo geſchah dies einzig und allein, um ein boshaftes Gelächter zurückzudrängen. Die Prinzeſſin ließ an dem ſteilen Ufer mit dem zarten, blühenden Raſen ihre Augen hinſchweiſen, die ſie von den beiden jungen Leuten abwandte. Sie er⸗ blickte in der Ferne Parry und d'Artagnan. „Wer kommt dort?“ fragte ſie.„ Die zwei jungen Leute wandten ſich mit der Ge⸗ ſchwindigkeit des Blitzes um. „Parry,“ antwortete Buckingham,„nur Parry.“ „Verzeiht,“ ſagte Rocheſter,„ich ſehe, wie mir ſcheint, einen Begleiter bei ihm.“ „Ja, einmal,“ ſprach die Prinzeſſin,„und dann, ſagt, Mylord, was bedeuten die Worte:„„Nur Parry?““ „Madame,“ erwiederte Buckingham gereizt,„der treue Parry, der umherirrende Parry, der ewige Parry iſt, glaube ich, von keiner großen Bedeutung.“ „Ihr täuſcht Euch, Herr Herzog: Parry, der um⸗ herirrende Parry iſt immer im Dienſte meiner Familie umhergeirrt, und der Anblick dieſes Dieners iſt ſtets für mich ein ſüßes Schauſpiel.“ Lady Henriette verfolgte die bei hübſchen Frauen und beſonders bei gefallſüchtigen Frauen gewöhnliche Progreſſion; ſie ging von der Laune zum Widerſpruch uͤber; der Verliebte hatte die Laune ausgehalten, er mußte ſich unter dem Widerſpruchsgeiſte beugen. Bu⸗ 6 ☛— 213 ckingham machte einen Bückling, antwortete aber nicht. „Es iſt wahr,“ ſagte Rocheſter, ſich ebenfalls ver⸗ beugend,„Parry iſt ein Muſter von einem Diener; doch Madame, er iſt nicht mehr jung, und wir lachen nur, wenn wir heitere Dinge ſehen. Iſt ein Greis etwas ſehr Heiteres?“ „Genug, Mylord,“ entgegnete Lady Henriette,„die⸗ ſer Gegenſtand des Geſprächs verletzt mich.“ Dann mit ſich ſelbſt ſprechend, fuhr ſie fort: „Es iſt wahrlich unerhört, wie wenig Rückſicht die Freunde meines Bruders auf ſeine Diener haben.“ „Ah! Madame,“ rief Buckingham,„Eure Hoheit durchbohrt mir das Herz mit einem von ihren eigenen Händen geſchmiedeten Dolch.“ „Was ſoll dieſer in Form eines franzöſiſchen Madri⸗ gals ausgedrückte Satz bedeuten? Ich verſtehe ihn nicht.“ „Er ſoll bedeuten, Madame, daß Ihr ſelbſt, ſo gut, ſo bezaubernd, ſo gefühlvoll Ihr ſeid, zuweilen über das abgeſchmackte Geſchwätze dieſes guten Parry, für den Eure Hoheit heute ſo wunderbar empfindlich iſt, gelacht,— verzeiht, ich wollte ſagen, gelächelt habt.“ „Es mag ſein, Mylord,“ erwiederte Lady Henriette, „habe ich mich ſo vergeſſen, ſo habt Ihr Unrecht, mich daran zu erinnern.“ Und ſie machte eine Bewegung der Ungeduld. „Dieſer gute Parry will mich, glaube ich, ſprechen, Herr von Rocheſter, ich bitte, laßt ans Land fahren.“ Rocheſter beeilte ſich, den Befehl der Prinzeſſin zu wiederholen, und nach wenigen Minuten berührte die Barke das Ufer. „Steigen wir aus,“ ſagte Lady Henriette, indem ſie den Arm nahm, den ihr Rocheſter bot, obgleich Bu⸗ ckingham viel näher war und ihr den ſeinigen auch ge⸗ boten hatte. Dann führte Rocheſter mit einem ſchlecht verborgenen Hochmuth, der Buckingham das Herz durch⸗ bohrte, die Prinzeſſin über die kleine Brücke, welche . Schiffsleute von der königlichen Barke an das Ufer gt hatten. „Wohin geht Eure Hoheit?“ fragte Rocheſter. 8„Ihr ſeht es, Mylord, zu dem guten Parry, der, wie Mylord Buckingham ſagte, umherirrt und mich mit ſeinen durch die Thränen, die er über unſer Unglück vergoſſen, geſchwächten Augen ſucht.“ „Ohl mein Gott!“ ſagte Rocheſter,„wie traurig iſt Eure Hoheit heutel Es iſt in der That, als kämen 9 wir ihr wie lächerliche Narren vor.“ 5 „Sprecht für Euch,“ unterbrach ihn Buckingham ärgerlich:„ich mißfalle Ihrer Hoheit ſo ſehr, daß ich ihr als gar nichts vorkomme.“ Weder Rocheſter, noch die Prinzeſſin antworteten; man ſah nur Lady Henriette ihren Ritter in raſcherem Laufe fortziehen. Buckingham blieb zurück und benützte dieſe Vereinzelung, um ſo wüthende Biſſe in ſein Sack⸗„ tuch zu thun, daß das Tuch beim dritten Zahnſchlag in Fetzen zerriſſen war. 1 „Parry, guter Parry,“ ſagte die Prinzeſſin mit ihrer ſanften Stimme,„komm hierher; ich ſehe, daß Du mich ſuchſt, und ich erwarte Dich.“— „Ahl Madame,“ ſprach Rocheſter, der ſeinem, wie geſagt, zurückgebliebenen Gefährten freundlich zu Hülfe kam,„wenn Parry Eure Hoheit nicht ſieht, ſo iſt der Mann, der ihn begleitet, ein genügender Führer ſelbſt für einen Blinden, denn, in der That, dieſer Menſch hat Flammenaugen, es iſt ein Leuchtthurm mit doppelter Lampe.“ 8 „Der ein ſehr ſchönes und martialiſches Geſicht beleuchtet,“ ſagte die Prinzeſſin, entſchloſſen, jedem Scherz eine ſcharfe Spitze entgegenzubieten.* Rocheſter verbeugte ſich. „Einer von den kräftigen Soldatenköpfen, wie man ſie nur in Frankreich ſieht,“ fügte die Prinzeſſin mi der Hartnaͤckigkeit des Weibes bei, das der Strafloſig keit ſicher iſt. 3. d 1 — 4 —,— I Nocheſter und Buckingham ſchauten ſich an, als wollten ſie ſagen: „Aber was hat ſie denn?“ „Seht, Herr von Buckingham, was Parry will,“ ſprach Lady Henriette,„geht.“ Der junge Mann, der dieſen Befehl wie eine Gunſt⸗ bezeugung betrachtete, faßte wieder Muth und lief Parry entgegen, welcher, ſtets von d'Artagnan gefolgt, lang⸗ ſam auf die edle Geſellſchaft zuſchritt. Parry ging langſam wegen ſeines Alters. D' Artagnan ſchritt lang⸗ ſam und edel einher, wie d'Artagnan mit einer Drittels⸗ million gefüttert gehen mußte, nämlich ohne Prahlerei, aber auch ohne Schüchternheit. Als Buckingham, der mit großem Eifer dem Willen der Prinzeſſin entſprach, welche auf einer Marmorbank, als wäre ſie von der kurzen Strecke, die ſie gemacht, ermüdet, zurück geblie⸗ ben war, als Buckingham, ſagen wir, nur noch einige Schritte von Parry entfernt war, erkannte ihn dieſer. „Ah! Mylord,“ ſagte er ganz athemlos,„will Eure Herrlichkeit dem König gehorchen?“ „Worin, Herr Parry?“ fragte der junge Mann mit einer Art von Kälte, welche indeſſen durch den Wunſch, der Prinzeſſin angenehm zu ſein, etwas gemil⸗ dert war. „Seine Majeſtät bittet Euer Herrlichkeit, dieſen Herrn Lady Henriette Stuart vorzuſtellen.“ „Wer iſt der Herr?“ fragte der Herzog mit hof⸗ färtigem Weſen. D'Artagnan war bekanntlich leicht zum Zorn zu reizen; der Ton von Lord Buckingham mißfiel ihm. Er ſchaute dem Höflinge ſcharf in's Geſicht und zwei Blitze ſprangen unter ſeiner gefalteten Stirne hervor. Dann aber ſuchte er ſich zu uͤberwinden und antwortete ruhig: „Der Herr Chevalier d'Artagnan, Mylord.“ „Verzeiht, mein Herr, durch dieſen Namen erfahre ich Euren Namen und nicht mehr.“ 31 „Was meint Ihr damit?“ 4 216 cch meine, daß ich Euch nicht kenne.“ „Ich bin glücklicher als Ihr,“ erwiederte d'Artag⸗ „denn ich habe die Ehre gehabt, Eure Familie d beſonders Mylord Herzog von Buckingham, Euren erhabenen Vater, ſehr genau kennen zu lernen.“ „Meinen Vater?“ erwiederte Buckingham.„In der That, mein Herr, es iſt mir nun, als erinnerte ich mich... Der Herr Chevalier d'Artagnan, ſagt Ihr?“ „In Perſon,“ antwortete d'Artagnan ſich verbeu⸗ gend. „Verzeiht, ſeid Ihr nicht einer von den Franzoſen, welche zu meinem Vater in gewiſſen geheimen Bezie⸗ hungen ſtanden?“ „Ganz richtig, mein Herr, ich bin einer von jenen Franzoſen.“ 3 „Dann erlaubt mir eine Bemerkung: es iſt doch elſh daß mein Vater zu ſeinen Lebzeiten nie von Euch hat ſprechen hören.“ „Nein, mein Herr, doch er hat bei ſeinem Tode von mir ſprechen hoͤren, denn ich war es, der ihm durch den Kammerdiener von Anna von Oeſterreich eine War⸗ nung vor der Gefahr, die ihn bedrohte, zuſtellen ließ; leider kam die Warnung zu ſpät.“ „Gleichviel, mein Herr,“ ſagte Buckingham,„ich begreife nun: da Ihr die Abſicht hattet, dem Vater einen Dienſt zu leiſten, ſo wollt Ihr nun die Protee⸗ tion des Sohnes in Anſpruch nehmen.“ „Mylord,“ erwiederte d'Artagnan phlegmatiſch, „vor Allem nehme ich die Protection von Niemand in Anſpruch. Seine Majeſtät König Karl II., dem ich einige Dienſte zu leiſten die Ehre gehabt habe,—(ich muß Euch ſagen, mein Herr, daß mein Leben in dieſer Beſchäftigung hingegangen iſt),— König Karl II., der mich mit einigem Wohlwollen beehrt, wünſchte, daß ich Lady Henriette, ſeiner Schweſter, vorgeſtellt würde, der ich in Zukunft vielleicht auch nützlich zu ſein das Glück haben werde. Seine Majeſtät wußte Euch aber 217 in dieſem Augenblick bei Ihrer Hoheit und durch Parry an Euch adreſſirt. Es gibt hieb anderes Geheimniß. Ich verlange durchaus nicht Euch, und wenn Ihr mich nicht vorſtellen wollt werde ich den Schmerz haben, Eurer hiebei entbeh zu müſſen, und die Kühnheit, mich ſelbſt vorzuſtellen.“ „Mein Herr,“ entgegnete Buckingham, der durch⸗ aus das letzte Wort haben wollte,„Ihr werdet wenig⸗ ſtens nicht vor einer durch Euch hervorgerufenen Er⸗ klärung zurückweichen.“ „Ich weiche nie zurück,“ antwortete d'Artagnan. „Da Ihr geheime Beziehungen zu meinem Vater gehabt habt, ſo müßt Ihr einige Einzelheiten, einige beſondere Umſtände kennen.“ „Dieſe Beziehungen ſind ſchon ſo fern von uns,— denn Ihr waret noch nicht einmal geboren,— und ei⸗ niger unglücklicher Diamant⸗Neſtelſtifte wegen, die ich aus ſeinen Händen empfangen und nach Frankreich zu⸗ rückgebracht habe, iſt es wahrhaftig nicht der Mühe werth, ſo viele Erinnerungen wiederzuerwecken.“ „Ahl mein Herr,“ ſprach Buckingham lebhaft, in⸗ dem er ſich d'Artagnan naͤherte und ihm die Hand reichte,„Ihr ſeid es alſo! Ihr, den mein Vater ſo ſehr ſuchte, und der ſo viel von uns erwarten konnte.“ „Erwarten, mein Herr! in der That, das iſt meine Stärke, und ich habe mein ganzes Leben gewartet.“ Mittlerweile war die Prinzeſſin, müde, den Frem⸗ den nicht zu ſich kommen zu ſehen, aufgeſtanden und hatte ſich genähert. „Ihr werdet wenigſtens nicht auf die Vorſtellung zu warten haben, die Ihr von mir verlangt,“ ſagte Buckingham. Dann wandte ſich der junge Mann um, verbeugte ſich vor Lady Henriette und ſprach: „Madame, gemäß dem Wunſche Eures Bruders habe ich die Ehre, Eurer Hoheit den Herrn Chevalier d'Artagnan vorzuſtellen.“ 218 amit Eure Hoheit im Falle der Noth eine feſte lund einen ergebenen Freund habe,“ fügte Parry bei. „Artagnan verbeugte ſich. „Ihr habt noch etwas zu ſagen,“ erwiederte Lady enriette, d'Artagnan zulächelnd, während ſte das Wort aan den alten Diener richtete. „Ja, Madame, der König wünſcht, Eure Hoheit möge den Namen ſorgfältig in ihrem Gedächtniß be⸗ wahren und ſich des Verdienſtes von Herrn d'Artagnan erinnern, dem Seine Majeſtät, wie ſie ſagt, die Wieder⸗ erlangung des Königreichs verdankt.“ Buckingham, die Prinzeſſin und NRocheſter ſchauten ſich erſtaunt an. „Dies,“ ſagte d'Artagnan,„dies iſt ein anderes kleines Geheimniß, deſſen ich mich aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach nicht gegen den Sohn von König Karl II. rühmen werde, wie ich es gegen Euch wegen der Dia⸗ manten⸗Neſtelſtifte gethan habe.“ „Madame,“ ſprach Buckingham,„dieſer Herr erin⸗ nert mich zum zweiten Male an ein Ereigniß, das meine Neugierde ſo ſehr erregt, daß ich es wage, Euch um Erlaubniß zu bitten, einen Augeublick mit ihm bei⸗ ſeit treten und allein mit ihm ſprechen zu dürfen.“ „Thut das, mein Herr,“ antwortete die Prinzeſſin, „doch bringt ſchleunigſt zu der Schweſter den dem Bru⸗ der ſo ſehr ergebenen Freund zurück.“ Und ſie nahm wieder den Arm von Rocheſter, wäh⸗ rend Buckingham den von d'Artagnan nahm. „Ah! Chevalier,“ ſagte Buckingham,„erzählt mir doch dieſe ganze Geſchichte mit den Diamanten, die Niemand in⸗England weiß, nicht einmal der Sohn des⸗ jenigen, welcher der Held davon war.“ „Mein Herr, ein einziger Menſch hatte das Recht, dieſe ganze Geſchichte, wie Ihr ſagt, zu erzählen, dies war Euer Vater, Mylord; er hat es für geeignet er⸗ achtet, zu ſchweigen, und ich bitte Euch um Erlaubniß, ſein Beiſpiel nachahmen zu dürfen.“. 219 Nachdem er ſo geſprochen, verbeugte ſich d'Artag⸗ nan wie ein Mann, bei dem kein Bitlen und Drängen irgend eine Macht ausüben würde. „Wenn dem ſo iſt, mein Herr,“ ſprach Bucking⸗ ham,„ſo bitte ich Euch, verzeiht mir meine Unbeſchei⸗ denheit, und wenn ich eines Tags auch nach Frankreich ginge...“ 3 Und er wandte ſich um und ſchante noch einmal nach der Prinzeſſin, die ſich nichts um ihn bekümmerte, da ſie ganz in ein Geſpräch mit Rocheſter vertieft war oder vertieft zu ſein ſchien. Buckingham ſeufzte. „Nun, Mylord?“ fragte d'Artagnan. „Ich ſagte alſo, wenn ich eines Tages auch nach Frankreich ginge...“ „Ihr werdet dahin gehen,“ ſprach d'Artagnan lä⸗ chelnd,„ich ſtehe Euch dafür.“ „Und warum dies?“ „Ahl ich habe eine eigenthümliche Art der Vorherſa⸗ gung, und ſelten täuſche ich mich, wenn ich einmal vor⸗ herſage. Kommt Ihr alſo nach Frankreich?...“ „Wohl, mein Herr, Ihr, von dem die Könige die koſtbare Freundſchaft verlangen, die ihnen Kronen zu⸗ rückgibt... darf ich Euch um ein wenig von der gro⸗ ßen Theilnahme bitten, die Ihr meinem Vater habt angedeihen laſſen?“ „Mylord,“ erwiederte d'Artagnan,„glaubt mir, ich werde mich für ſehr geehrt halten, wenn Ihr Euch dort noch erinnern wollt, daß Ihr mich hier geſehen habt. Und nun erlaubt...“ Dann ſich gegen Lady Henriette umwendend, ſprach er:—. „Madame, Eure Hoheit iſt eine Tochter Frankreichs, und in dieſer Eigenſchaft hoffe ich ſie in Paris wieder⸗ zuſehen. Einer meiner glücklichſten Tage wird der ſein, wo miy Eure Hoheit einen Befehl ertheilen wird, der „ 220 mich daran erinnert, daß ſie die Empfehlung ihres er⸗ habenen Bruders nicht vergeſſen hat.“ Und er verbeugte ſich vorder jungen Prinzeſſin, die ihm mit einer ganz königlichen Anmuth die Hand zum Kuſſe reichte. „Ahl Madame,“ ſagte Buckingham ganz leiſe, „was müßte man thun, um von Eurer Hoheit eine ähnliche Gunſt zu erlangen?“ „Ei! Mylord,“ erwiederte Lady Henriette,„fragt Herrn d'Artagnan, und er wird es Euch ſagen.“ — XXIII. G Wie d'Artagnan, als wäre er eine Fee, ein Landhaus aus einer tannenen Kiſte zog. Die Worte des Königs in Betreff der Eitelkeit von Monk hatten d'Artagnan keine geringe Furcht eingeflößt. Der Lieutenant hatte ſein ganzes Leben die große Kunſt beſeſſen, ſeine Feinde zu wählen, und geſchah es, daß er unverſöhnliche und unüberwindliche annahm, ſo war dies der Fall, weil er unter keinem Vorwand es anders machen konnte. Doch die Geſichtspunkte verwandeln ſich ungemein im Leben. Es iſt dies eine magiſche La⸗ terne, deren Anſichten das Auge des Menſchen jedes Jahr verändert. Daraus geht hervor, daß zwiſchen dem letzten Tag eines Jahres, wo man weiß ſah, und dem erſten des andern, wo man ſchwarz ſehen wird, nur der Raum einer Nacht liegt. Als d'Artagnan von Calais mit ſeinen zehn Strol⸗ 221 chen abreiſte, kümmerte er ſich ebenſo wenig darum, ob es einen Strauß mit Goliath, mit Nebukadnezar oder mit Holofernes gegolten hätte, oder ob er ſeinen Degen mit einem Rekruten gekreuzt oder einen Streit mit ſei⸗ ner Wirthin bekommen haben würde. Er glich dem Sperber, der, wenn er Hunger hat, einen Widder an⸗ greift. Der Hunger blendet. Aber der geſättigte d'Ar⸗ tagnan, der reiche d'Artagnan, d'Artagnan der Sieger, d'Artagnan ſtolz auf einen ſo ſchwierigen Triumph, d'Artagnan hatte zu viel zu verlieren, um nicht Zahl für Zahl mit dem wahrſcheinlichen ſchlimmen Geſchick zu rechnen. Während er von ſeiner Vorſtellung zurückkehrte, dachte daher d'Artagnan nur daran, einen ſo mächtigen Mann wie Monk für ſich zu gewinnen, einen Mann, den auch Karl, obgleich er König war, auf das Scho⸗ nendſte behandelte und ſich geneigt zu erhalten ſuchte; denn kaum wieder auf ſeinen Thron geſtellt, konnte der Beſchützte noch des Beſchützers bedürfen, und würde ihm folglich vorkommenden Falles nicht die kleine Be⸗ friedigung verweigern, Herrn d'Artagnan deportiren, oder ihn in irgend einen Thurm von Middleſſer einſper⸗ ren, oder ihn auf der Ueberfahrt von Dover nach Bou⸗ logne ein wenig ertränken zu laſſen. Solche Befriedi⸗ gungen gewähren Könige den Vicekönigen, ohne ſich irgend ein Bedenken daraus zu machen. Es war ſogar nicht einmal nöthig, daß ſich der König bei der Gegenrolle des Stückes, wo ſich Monk ſeine Genugthuung nehmen würde, thätig zeigte. Die Rolle des Königs könnte ſich ganz einfach darauf be⸗ ſchränken, daß er dem Vicekönig von Irland Alles ver⸗ zeihen würde, was er gegen d'Artagnan unternähme. Das Gewiſſen des Herzogs von Albermale brauchte nicht mehr zu ſeiner Beruhigung als ein lachend aus⸗ geſprochenes: Absolvote, oder das Gekritzel Charles the king unten an einem Pergament, und mit dieſen zwei ausgeſprochenen oder drei geſchriebenen Worten „ 222 war der arme d'Artagnan für immer unter den Trüm⸗ mern ſeiner Einbildungskraft begraben. Und dann, was ein für einen ſo vorſichtigen Mann, wie unſer Musketier, ſehr beunruhigender Umſtand war, und dann ſah er ſich allein, und die Freundſchaft von Athos genügte nicht, um ihn zu beruhigen. Haͤtte es ſich nur um eine gute Austheilung von Degenſtichen gehandelt, ſo würde der Musketier aller⸗ dings auf ſeinen Landsmann gezählt haben; doch bei zarten Verhältniſſen zu einem König, wo das Viel⸗ leicht eines unglücklichen Zufalls zu der Rechtfertigung von Monk oder von Karl II. beitragen dürfte, kannte d'Artagnan hinreichend Athos, um ſicher zu ſein, er würde der Redlichkeit des Ueberlebenden den ſchönſten Theil bewilligen und ſich darauf beſchränken, viele Thrä⸗ nen auf dem Grabe des Todten zu vergießen und, falls der Todte ſein Freund wäre, hernach eine Grabſchrift für ihn mit den pomphafteſten Superlativen abzufaſſen. „Offenbar,“ dachte der Gascogner, und dieſer Ge⸗ danke war das Reſultat der Betrachtungen, die er ganz leiſe angeſtellt hatte, während wir ſie ganz laut anſtel⸗ len,„offenbar muß ich mich mit Herrn Monk verſöhnen und einen Beweis von ſeiner vollkommenen Gleichgül⸗ tigkeit in Beziehung auf das Vergangene erlangen. Iſt er, was Gott verhüten möge, noch verdrießlich und zu⸗ rückhaltend im Ausdruck dieſes Gefühls, ſo gebe ich mein Geld Athos mit, ich bleibe in England gerade lang genug, um ihn zu entſchleiern; dann, da ich ein lebhaftes Auge und einen leichten Fuß habe, ergreife ich das erſte feindliche Zeichen, mache mich aus dem Staube, verberge mich bei Mylord von Bucking⸗ ham, der mir im Grunde ein guter Teufel zu ſein ſcheint, und erzähle ihm zum Lohn für ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft die ganze Geſchichte mit den Diamanten, die jetzt Niemand mehr compromittiren kann, als eine alte Kö⸗ nigin, welche, da ſie nun die Frau eines Erzknauſers, wie Herr von Mazarin, iſt, wohl dafür, daß ſie einſt die ————-- 223 Geliebte eines ſchönen, edlen Herrn wie Buckingham ge⸗ weſen, angeſehen werden darf. Mordioux! das iſt ab⸗ gemacht, und dieſer Monk wird mich nicht übertreffen. Eil überdies habe ich eine Idee!“ Man weiß', daß es d'Artagnan im Allgemeinen nicht an Ideen gebrach. Während ſeines Selbſtgeſprächs hatte ſich d'Artag⸗ nan bis ans Kinn zugeknöpft, und nichts erregte in ihm ſo ſehr die Einbildungskraft, als dieſe Vorberei⸗ tung zu einem Kampf, von den Römern Accinctio ge⸗ nannt. Er kam ganz erhitzt in die Wohnung des Her⸗ zogs von Albermale. Man führte ihn beim Vicekoͤnig mit einer Eile ein, welche bewies, daß man ihn als zum Hauſe gehörig betrachtete. Monk war in ſeinem Arbeitscabinet. „Mylord,“ ſagte d'Artagnan mit jenem Ausdruck von Offenherzigkeit, den der Gascogner ſo gut auf ſei⸗ nem liſtigen Geſicht zu verbreiten wußte,„Mylord, ich komme, Eure Herrlichkeit um einen Rath zu bitten.“ Ebenſo moraliſch zugeknöpft, als es ſein Gegner phyfiſch war, erwiederte Monk: „Verlangt, mein Lieber.“ Und ſein Geſicht bot einen nicht minder offenen Ausdruck, als das von d'Artagnan. „M i., verſprecht mir vor Allem Geheimhaltung und Na „Ich verſpreche Euch Alles, was Ihr wollt. Sagt, was gibt es?“ „Mylord, ich bin nicht ganz mit dem König zu⸗ frieden.“ „ Ah! wahrhaftig? Und in welcher Hinſicht, mein lieber Lieutenant, wenn es Euch beliebt?“ „Seine Majeſtät überläßt ſich zuweilen für ſeine Diener ſehr compromittirenden Scherzen, und der Scherz, Mylord, iſt eine Waffe, welche die Leute vom Schwert, wie wir, ungemein verletzt.“ Monk gab ſich alle Mühe, um ſeine Gedanken nicht „ 224 zu verrathen; doch d'Artagnan belauerte ihn mit einer zu beharrlichen Aufmerkſamkeit, um nicht eine unmerk⸗ liche Röthe auf ſeinen Wangen wahrzunehmen. „Ich, was mich betrifft,“ ſagte Monk mit der al⸗ lernatürlichſten Miene,„ich bin kein Feind des Scher⸗ zes, mein lieber Herr d'Artagnan; meine Soldaten werden Euch ſogar ſagen, daß ich ſehr oft im Lager ganz gleichgültig und mit einem gewiſſen Geſchmack ſogar die ſatyriſchen Lieder anhörte, welche von der Armee von Lambert in die meinige übergingen und ſicherlich die Ohren eines empfindlicheren Generals, als ich bin, geſchunden hätten.* „Oh! Mylord, ich weiß, daß Ihr ein vollkomme⸗ ner Mann ſeid, ich weiß, daß Ihr ſeit langer Zeit über den menſchlichen Erbärmlichkeiten ſteht, doch es gibt Scherze und Scherze, und gewiſſe haben für meine Per⸗ ſon das Vorrecht, mich über allen Begriff aufzureizen.“ „Darf man wiſſen welche, my dear?“ „Diejenigen, welche gegen meine Freunde, oder gegen die Leute, die ich verehre, gerichtet ſind.A Monk machte unmerkliche Bewegung, die indeſſen d'Artagnan nicht entging. „Ei!“ fragte Monk, inwiefern kann der Nadelſtich, der einen Andern ritzt, Eure Haut verletzen? Sprecht, erzählt mir das!“ 8 „Mylord, ich will es Euch durch zwei Worte aus⸗ einanderſetzen: es handelt ſich um Euch.“ Monk machte einen Schritt gegen d'Artagnan. „Um mich?“ „Ja, und das kann ich mir nicht erklären; daran iſt übrigens vielleicht auch Schuld, daß ich ſeinen Cha⸗ rakter nicht kenne. Wie kann der Konig das Herz ha⸗ ben, über einen Mann zu ſpotten, der ihm ſo viele und ſo große Dienſte geleiſtet hat? Wie ſoll ich es begrei⸗ fen, daß er ſich damit beluſtigt, einen Löwen wie Ihr mit einer kleinen Fliege wie ich in Streit zu bringen?“ „Sch ſehe auch durchaus nichts hievon.“ — 2 nuUAN— „Doch, doch! Kurz der König, der mir eine Be⸗ lohnung ſchuldig war, konnte mich wie einen Soldaten belohnen, ohne die Geſchichte mit dem Löſegeld zu er⸗ ſinnen, die Euch berührt, Mylord.“ „Nein,“ entgegnete Monk lachend,„ſie berührt mich auf keine Weiſe, das ſchwöre ich Euch.“ „Nicht in Beziehung auf mich, das ſehe ich wohl ein; Ihr kennt mich, Mylord, ich bin ſo verſchwiegen, daß das Grab in Vergleichung mit mir ſchwatzhaft er⸗ ſcheinen würde; aber verſteht Ihr, Mylord?“ „Nein,“ erwiederte Monk hartnäckig. . en ein Anderer das Geheimniß wüßte, das ich weiß...“ „Welches Geheimniß?“ nu„Eil Mylord, das unglückliche Geheimniß von New⸗ eaſtle.“ „Ahl die Million des Herrn Grafen de la Fore.“ „Nein, Mylord, nein; das Unternehmen auf Eure Herrlichkeit.“ „Das war gut geſpielt, Chevalier, und es ließ ſich nichts dagegen ſagen; Ihr ſeid ein Kriegsmann, tapfer und liſtig zugleich, und dies beweiſt, daß Ihr die Eigen⸗ ſchaften von Fabius und von Hannibal vereinigt. Ihr habt Euch Eurer Mittel, der Stärke und der Liſt, be⸗ dient; dagegen iſt nichts einzuwenden, und es war meine Sache, mich zu hüten.“ „Eil ich weiß es wohl, Mylord, und ich erwartete nicht weniger von Eurer Unparteilichkeit; wenn es auch nur die Entführung an und für ſich geweſen wäre, 4 Mordioux! das hätte nichts zu bedeuten; doch „Was?“ „Doch die Umſtände dieſer Entführung.“ „Welche Umſtände?“ loth„Ihr wißt wohl, was ich damit ſagen will, My⸗ „Nein, Gott ſoll mich verdammen!“ Die drei Musketiere. Bragelonne. NU. 15 leichtſinnigen Handlung, die ich begangen, welche ſich indeſſen vielleicht durch die ernſten Umſtände wal hend ich kenne und ſchätze Euch.“ ſtudirte Alles, was im Geiſt des Generals, während * 226 „Es iſt wahrhaftig ſehr ſchwer zu ſagen!“ „Nun alſo?“ „Nunl die verteufelte Kiſte.“ Monk erröthete ſichtbar. „Die unwürdige Kiſte,“ fuhr d'Artagnan fort,„die Kiſte von Tannenholz, Ihr wißt?“ „Ich vergaß es.“ „Von Tannenholz, mit Löchern für die Naſe und den Mund. In der That, Mylord, alles Uebrige war gut, doch die Kiſte, die Kiſte! war offenbar ein ſchlech⸗ ter Spaß.“* Monk hatte alle Mühe, ſich zu bewältigen. „Und dennoch,“ ſprach d'Artagnan,„und dennoch iſt es ganz einfach, daß ich, ein Abenteurer⸗Kapitän, dies gethan habe, weil ich, abgeſehen von der etwas gen läßt, Umſicht und Zurückhaltung habe.“ „Oh!“ rief Monk,„glaubt mir, Herr»'Artagnan, D'Artagnan verlor Monk nicht aus dem Blick; er er ſprach, vorging. „Doch es handelt ſich nicht um mich,“ fuhr er fort. „Um wen handelt es ſich denn?“ „Es handelt ſich um den König, der nie ſeine Zunge im Zaum halten wird.“ „Nun, und wenn er am Ende ſpräche?“ fragte Monk zitternd. „Mylord,“ erwiederte d'Artagnan,„ich bitte, ver⸗ ſtellt Euch nicht gegen einen Mann, der ſo offenherzig ſpricht, als ich es thue. Ihr habt das Recht, reizbar in Eurer Empfindlichkeit zu ſein, ſo gutmüthig Euer Charakter auch ſonſt ſein mag. Was Teufels! es iſt nicht am Platze, daß ein ernſter Mann wie Ihr, der mit Kronen und Sceptern ſpielt wie ein Zigeuner mit Kugeln⸗ es iſt nicht am Platze, ſage ich, daß ein ernſter — —— ——.— e ———— ——9 R — —— 227 Mann wie eine Curioſität der Naturgeſchichte in eine Kiſte eingeſchloſſen wird; denn Ihr begreift, das wäre. um alle Eure Feinde vor Lachen berſten zu machen, und Ihr ſeid ſo groß, ſo edel, ſo hochherzig, daß Ihr deren viele haben müßt. Dieſes Geheimniß dürfte das halbe Menſchengeſchlecht vor Lachen berſten machen, wenn man Euch in der Kiſte darſtellen würde. Es iſt aber nicht geziemend, daß man ſo über die zweite Per⸗ ſon des Königreiches lacht.“ Monk verlor ganz und gar die Faſſung bei dem Gedanken, ſich in ſeiner Kiſte dargeſtellt zu ſehen. Die Lächerlichkeit, wie dies d'Artagnan richtig geahnet hatte, brachte auf ihn die Wirkung hervor, welche weder die Zufälle des Krieges, noch die Wünſche des Ehrgeizes, noch die Furcht vor dem Tod hatten hervorbringen können. „Gut!“ dachte der Gascogner,„er hat Angſt: ich bin gerettet.“ „Ohl was den König betrifft,“ ſagte Monk,„ſeid unbeſorgt, lieber Herr d'Artagnan, der König wird nicht mit Monk ſcherzen, das ſchwöre ich Euch!“ Der Blitz ſeiner Augen wurde auf dem Wege von d'Artagnan aufgefangen. Monk beſänftigte ſich ſogleich wieder und fuhr fort: „ͤSDer König iſt eine zu edle Natur, der König iſt zu hochherzig, um demjenigen übel zu wollen, der ihm Gutes gethan hat.“ ¹ „Oh! gewiß,“ rief d'Artagnan.„Ich bin ganz und gar Eurer Anſicht, was das Herz des Königs be⸗ trifft, doch nicht hinſichtlich ſeines Kopfes; er iſt gut, aher er iſt leichtſinnig.“ „Seid ruhig, der Koönig wird nicht leichtſinnig ge⸗ gen Monk ſein.“ „Ihr ſeid alſo ruhig, Mylord?“ „Von dieſer Seite, ja, vollkommen.“ „Ohl ich begreife Euch, Ihr ſeid ruhig in Bezie⸗ hung auf den Koͤnig.“ 46 228 „Wie ich Euch geſagt habe.“ „Ihr ſeid nicht ebenſo ruhig in Beziehung auf mich?“ „Mir däucht, ich habe Euch verſichert, daß ich an Eure Redlichkeit und Eure Verſchwiegenheit glaube.“ „Gewiß, gewiß! doch Ihr werdet Eines bedenken.“ „Was 24 „Daß ich nicht allein bin, daß ich Gefährten habe, und was für Gefährten!“ „Ohl ja, ich kenne fie.“ „Leider, Mylord, ſie kennen auch Euch.“ „Nun?“ „Sie ſind dort in Boulogne und warten auf mich.“ „Und Ihr befürchtet...“ „Ja, ich befürchte, daß in meiner Abweſenheit... Bei Gott! wenn ich bei ihnen wäre, würde ich wohl für ihr Stillſchweigen gutſtehen.“ „Hatte ich Recht, wenn ich Euch ſagte, ſollte es eine Gefahr geben, ſo käme ſie nicht von Seiner Ma⸗ jeſtät, wäre dieſe auch ein wenig zum Scherze geneigt, ſondern von Euren Gefährten, wie Ihr ſie nennt... Von einem König verſpottet werden, iſt am Ende noch erträglich; doch von Troßknechten... Gott verdamme mich!“ „Ja, ich begreife, das iſt unerträglich, und deshalb wollte ich Euch fragen, Mylord... glaubt Ihr nicht, daß es gut wäre, wenn ich ſo bald als möglich nach Frankreich abreiſen würde?“ „Gewiß, wenn Ihr denkt, daß Enre Gegenwart...“ „Allen dieſen Schuften imponire? Ohl deſſen bin ich ſicher, Mylord.“ 1 „Eure Gegenwart wird es indeſſen nicht verhin⸗ dern, daß das Gerücht ſich verbreitet, wenn es ſchon ein wenig laut zu werden begonnen hat.“ „Oh! es iſt noch nichts davon laut geworden, Mylord, dafür bürge ich Euch. Glaubt mir in jedem Fall, daß ich zu Einem entſchloſſen bin.“ 229 „Wozu?“ „Dem Erſten, der dieſes Gerücht verbreitet, und dem Erſten, der es gehört hat, den Schädel zu zer⸗ ſchmettern. Dann komme ich nach England zuruͤck, ſuche eine Zufluchtſtätte und vielleicht auch Beſchäftigung bei Eurer Herrlichkeit.“ „Ohl kommt zurück, kommt zurück!“ „Leider, Mylord, kenne ich nur Euch hier, und ich werde Euch nicht mehr finden, oder Ihr werdet mich in Eurer Größe vergeſſen haben.“ „Hört, Herr d'Artagnan,“ erwiederte Monk,„Ihr ſeid ein vortrefflicher Mann, voll Geiſt und Muth; Ihr verdient jedes Glück dieſer Welt; kommt mit mir nach Schottland, und ich ſchwöre Euch, ich gründe Euch in meinem Vicekönigthum ein Loos, um das Euch Jeder beneiden ſoll.“ „Ohl Mylord, das iſt zu dieſer Stunde unmoͤglich⸗ Ich habe zu dieſer Stunde eine heilige Pflicht zu erfül⸗ len; ich habe über Eurem Ruhme zu wachen; ich habe es zu verhindern, daß ein ſchlechter Spaßmacher in den Augen der Zeitgenoſſen, wer weiß? vielleicht ſogar in den, Nugen der Nachwelt, den Glanz Eures Namens trübt.“ „Der Nachwelt, Herr d'Artagnan?“ „Ei!l gewiß! Alle Umſtände dieſer Geſchichte müſ⸗ ſen für die Nachwelt ein Geheimniß bleiben; denn nehmt an, dieſe unglückliche Geſchichte mit der tannenen Kiſte verbreite ſich und man werde behaupten, Ihr ha⸗ bet den König nicht Kraft Eures. freien Willens, ſon⸗ dern in Folge eines zwiſchen Euch in Scheveningen ab⸗ geſchloſſenen Vergleichs wieder auf ſeinen Thron geſetzt... ich mag dann immerhin ſagen, wie ſich die Sache zu⸗ getragen hat, ich, der ich es weiß, man wird mir nicht glauben und ausſtreuen, ich habe einen Theil vom Ku⸗ chen erhalten und verzehre ihn.. Monk faltete die Stirne und ſprachh „Ruhm, Ehre, Reodlichkeit, Ihr ſeid nur leere Worte!“ „Nebel!“ erwiederte d'Artagnan,„Nebel, durch den Niemand klar ſchauen kann.“ „Nun wohll ſo geht nach Frankreich, mein lieber d'Artagnan,“ ſprach Monk,„geht, und um Euch Eng⸗ land zugänglicher und angenehmer zu machen, nehmt ein Andenken von mir an.“ „Immerzu!“ dachte d'Artagnan. „Ich habe am Ufer der Clyde ein kleines Haus unter Bäumen, ein Cottage, wie man das hier nennt. Zu dieſem Haus gehoören ungefähr hundert Morgen Land. Nehmt es an.“ „Oh! Mylord...“ 3 „Bei Gott! Ihr ſeid dort in Eurer Heimath, und es wird dies die Zufluchtſtätte ſein, von der Ihr vorhin ſpracht.“ „Wie, ich ſollte Euch in dieſem Grade verpflichtet ſein, Mylord! Wahrhaftig, ich ſchäme mich deſſen.“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte Monk mit einem feinen Lächeln,„nein, ich werde Euch verpflichtet ſein.“ Und er drückte dem Musketier die Hand und fügte bei: „Ich gehe und laſſe die Schenkungsurkunde aus⸗ fertigen.“. D'Artagnan ſchaute ihm nach, als er nun wirklich wegging, und blieb ganz nachdenkend und ſogar bewegt. „Ah!“ ſagte er,„es iſt doch ein braver Mann. Er iſt ganz traurig, nur weil er fühlt, daß er aus Furcht vor mir und nicht aus Zuneigung ſo handelt. Nun! die Zuneigung ſoll kommen.“ Nach einem Augenblick tiefen Nachdenkens ſprach er aber: „Bah! wozu? es iſt ein Engländer!“ Und er ging ebenfalls hinaus, etwas angegriffen von dieſem Kampf.. 8 „Ich bin alſo nun Grundeigenthümer,“ dachte d'Ar⸗ —-—,——,———— 231 tagnan, als er ſich auf der Straße befand.„Doch wie Teufels ſoll ich das Haus mit Planchet theilen? Wenn ich nicht ihm die Güter gebe und das Schloß nehme, oder wenn nicht er das Schloß nimmt und ich... Pfui doch, Herr Monk würde nie dulden, daß ich ein Haus, das er bewohnt hat, mit einem Gewürzkrämer theilte! Er iſt zu ſtolz hiezu! Warum übrigens hievon ſprechen? Ich habe dieſes unbewegliche Gut nicht mit dem Gelde der Geſellſchaft erworben, ſondern mit meinem Verſtand allein: es gehört alſo mir. Wir wollen Athos auf⸗ ſuchen.“ Und er wandte ſich nach der Wohnung des Grafen de la Foͤre. XXIV. Wie d'Artagnan das Paſſtvum orduete, ehe er das Activum feſtſtellte. „Ich bin offenbar im Glück,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt:„dieſer Stern, der einmal im Leben des Menſchen leuchtet, der für Hiob und für Irus, den unglücklichſten der Juden und den ärmſten der Griechen geleuchtet hat, leuchtet nun auch für mich. Ich werde keine Thorheit begehen, ich werde es benützen; es iſt ſpät genug, um einmal vernünftig zu ſein.“ Er ſpeiſte dieſen Abend in ſehr guter Laune mit ſeinem Freund Athos, ſagte ihm zwar nichts von der erwarteten Schenkung, konnte ſich aber nicht enthalten, während er aß, ſeinen Freund über die Einſaat, über die Pflanzungen, über den Ertrag zu befragen. Athos antwortete gefällig, wie er es immer that. Er dachte, d'Artagnan wolle Grundeigenthümer werden, nur be⸗ klagte er es mehr als einmal, daß er bei ſeinem Tiſch⸗ genoſſen nicht mehr die ſo lebhafte Laune, die ſo belu⸗ ſtigenden Witze des heiteren Gefährten der früheren Zeit fand. D'Artagnan benützte den Reſt des geſtandenen Fetts auf dem Teller, um Zahlen darein zu ſchreiben und Additionen von einer Staunen erregenden Rundheit zu machen. Der Befehl, oder vielmehr die Erlaubniß zum Ein⸗ ſchiffen traf noch am Abend bei ihnen ein. Während man dem Grafen das Papier übergab, überreichte ein anderer Bote d'Artagnan ein kleines Bündel Perga⸗ mente, verſehen mit allen Siegeln, mit denen ſich in England das Grundeigenthum ſchmückt. Athos über⸗ raſchte ihn, als er noch damit beſchäftigt war, in dieſen verſchiedenen Acten zu blättern, welche die Uebertragung der Eigenthumsrechte beurkundeten. Der kluge Monk, An⸗ dere würden geſagt haben: der großmüthige Monk, hatte die Schenkung in einen Kauf verwandelt und be⸗ ſcheinte den Empfang der Summe von fünfzehntauſend Livres als Preis für die Abtretung.. Der Bote hatte ſich ſchon entfernt. D'Artagnan las immer noch, Athos ſchaute ihm lächelnd zu. Als d'Artagnan dieſes Lächeln wahrnahm, verſchloß er alle ſeine Papiere in ſeinem Etui. 3 „Verzeiht,“ ſagte Athos. „Oh! Ihr ſeid nicht indiscret, mein Lieber,“ er⸗ wiederte der Lieutenant;„ich werde Euch ſagen...“ „Nein, ſagt mir nichts, ich bitte Euch; Befehle ſind etwas ſo Heiliges, daß der mit dieſen Befehlen Be⸗ auftragte ſeinem Vater, ſeinem Bruder nicht ein Wort davon geſtehen muß. So würde ich, der ich mit Euch ſpreche und Euch zärtlicher liebe, als Vater, Bruder und Alles in der Welt.. ⸗ 1 „Außer Eurem Raoul?⸗ — N N N A 8&☛ 8+& N VAN=ENg 233 „Ich werde Raoul noch mehr lieben, wenn er ein Mann iſt, und wenn ich ihn habe in allen Phaſen ſei⸗ nes Charakters und ſeiner Handlungen hervortreten ſe⸗ hen... wie ich Euch geſehen, mein Freund.“ „Ihr ſagtet alſo, Ihr habet auch einen Befehl, und Ihr würdet ihn mir nicht mittheilen?“ „Ja, mein lieber d'Artagnan.“ 3 D'Artagnan ſeufzte und ſprach: „Es gab eine Zeit, wo Ihr dieſen Befehl ganz of⸗ fen auf den Tiſch gelegt und zu mir geſagt hättet: „„D'Artagnan, leſt uns, Porthos, Aramis und mir, dieſes verwirrte Zeug vor.«“ „Das iſt wahr. Oh! das war die Jugend, das Vertrauen, die edle Periode des Lebens, wo das Blut befiehlt, wenn es durch die Leidenſchaft erwärmt iſt!“ „Nun, Athos, ſoll ich Euch etwas ſagen?“ „Sprecht, Freund.“ „Dieſe anbetungswürdige Zeit, dieſe edle Periode, dieſe Herrſchaft des erwärmten Blutes, ſiud allerdings lauter ſchöne Dinge; doch ich beklage ihren Verluſt, ihr Hinſcheiden nicht. Das iſt gerade wie mit den Schülerjahren... ich habe immer irgendwo einen Dummkopf gefunden, der mir die Zeit der Aufgaben, der Ruthen, der trockenen Brodkruſten rühmte... Es iſt ſonderbar, nie habe ich dies geliebt, und ſo thätig, ſo nüchtern ich war(und Ihr wißt, ob ich dies gewe⸗ ſen bin, Athos), ſo einfach ich in meinen Kleidern erſchien, habe ich darum doch nicht minder die Stickereien von Porthos mein erknappen, fadenſcheinigen Kaſake, die den Nordoſtwind im Winter, die Sonne im Sommer durch⸗ ließ, vorgezogen. Seht, mein Freund, ich werde ſtets „ dem jenigen mißtrauen, welcher behauptet, er ziehe das Schlimme dem Guten vor. Von der vergangenen Zeit aber, wo Alles ſchlimm für mich war, von der vergan⸗ genen Zeit, wo jeder Monat ein Loch mehr in meiner Kaſake und in meiner Haut, einen Goldthaler weniger in meiner armſeligen Boͤrſe ſah, von dieſer abſcheulichen Zeit;der Schwankungen beklage ich durchaus nichts, nichts, nichts, als unſere Freundſchaft, denn bei mir gibt es ein Herz, und wunderbarer Weiſe iſt dieſes Herz nicht durch den Wind der Dürftigkeit, der durch die Löcher meines Mantels ſtrich, vertrocknet, oder durch die Degen aller Fabriken, welche in die Löcher meines unglücklichen Fleiſches eindrangen, durchbohrt worden.“ „Beklagt nicht unſere Freundſchaft,“ ſprach Athos; „ſie wird nur mit uns ſterben. Die Freundſchaft beſteht hauptſächlich aus Erinnerungen und Gewohnheiten, und wenn Ihr ſo eben eine kleine Satyre auf die meinige gemacht habt, weil ich zögere, Euch meinen Auftrag in Frankreich zu enthüllen...“ „Ich? O Himmell wenn Ihr wuüͤßtet, lieber und guter Freund, wie mir fortan alle Aufträge und Sendungen der Welt gleichgültig ſein werden!“ Und er ſchob ſeine Pergamente in ſeine weite Taſche. 1. Athos ſtand vom Tiſche auf und rief den Wirth, um die Rechnung zu bezahlen. „‚Seitdem ich Euer Freund bin,“ ſagte d'Artagnan, „habe ich nie eine Zeche bezahlt; Porthos oft, Aramis zuweilen, und Ihr zoget beinahe immer Eure Börſe beim Nachtiſch. Nun bin ich reich und will es verſuchen, ob es Heldenmuth erfordert, zu bezahlen.“ „Thut es,“ ſprach Athos und ſteckte ſeine Börſe wieder in ſeine Taſche. Die zwei Freunde wandten ſich ſodann nach dem Hafen, doch nicht ohne daß d'Artagnan von Zeit zu Zeit rückwärts ſchaute, um den Transport ſeiner lieben Tha⸗ ler zu bewachen. Die Nacht hatte ihren dichten Schleier über dem gelben Waſſer der Themſe ausgebreitet; man hörte die Geräuſche der Tonnen und der Blockrollen, Vorläufer der Abfahrt, welche ſo oft das Herz der Mus⸗ ketiere in einer Zeit ſchlagen gemacht hatten, wo die Gefahr der See die geringſte von denjenigen war, wel⸗ chen ſie die Stirne bieten ſollten. Diesmal halten ſie 3 4 235 ſich auf einer großen Fregatte einzuſchiffen, die ſie in Gravesend erwartete, und ſtets zart in kleinen Dingen, hatte ihnen Karl II. eine von ſeinen Yachten mit zwoͤlf Mann von ſeiner ſchottiſchen Leibwache geſchickt, um dem Botſchafter, den er nach Frankreich abſandte, Ehre an⸗ zuthun. Um Mitternacht brachte die NYacht ihre Paſſa⸗ giere an Bord der Fregatte, und um acht Uhr Mor⸗ gens ſchiffte die Fregatte den Botſchafter und ſeinen Freund vor dem Hafendamm vor Boulogne aus. Wäh⸗ rend ſich der Graf und Grimaud mit den Pferden be⸗ ſchäftigten, um unmittelbar nach Paris abzureiſen, lief d'Artagnan nach dem Wirthshaus, wo ihn ſeinem Be⸗ fehle gemäß ſeine kleine Armee erwarten ſollte. Dieſe Herren frühſtückten Auſtern, Seeſiſche und aromatiſchen Branntwein, als d'Artagnan erſchien. Sie waren ſehr heiter, doch keiner hatte die Grenzen der Vernunft über⸗ ſchritten. Ein Freudengeſchrei empfing den General. „Hier bin ich,“ ſprach d'Artagnan:„der Feldzug iſt beendigt. Ich komme und bringe Jedem den zuge⸗ ſagten Ergänzungsſold.“ 8 Die Augen glänzten. 3 3„Ich wette, es finden ſich ſchon keine hundert Livres mehr in der Bügeltaſche des Reichſten von Euch.“ „Das iſt wahr,“ rief man im Chor. „Meine Herren,“ ſprach nun d'Artagnan,„hört den letzten Befehl. Der Handelsvertrag iſt durch den Handſtreich abgeſchloſſen worden, der uns zu Herren des gewandteſten Finanzmanns von England gemacht hat, denn ich muß es Euch nun geſtehen, der Mann, um deſſen Entführung es ſich handelte, war der Schatzmei⸗ ſter des General Monk.“ Das Wort Schatzmeiſter brachte eine gewiſſe Wir⸗ kung bei der ganzen Armee hervor. D'Artagnan be⸗ merkte, daß nur allein die Augen von Menneville nicht von einem vollkommenen Glauben zeugten. 4 „Dieſen Schatzmeiſter,“ fuhr d'Artagnan fort,„habe ich auf ein neutrales Gebiet, nämlich nach Holland ge⸗ 5 bracht; ich habe ihn den Vertrag unterzeichnen laſſen, ich habe ihn ſelbſt nach Newcaſtle zurückgeführt, und da er mit unſerem Verfahren gegen ihn zufrieden ſein mußte, da die tannene Kiſte ſtets ohne Stöße trans⸗ portirt wurde und überdies ganz weich ausgepolſtert war, ſo verlangte ich eine Belohnung für Euch. Hier iſt ſie.“ Er warf einen ziemlich anſehnlichen Sack auf das Tiſchtuch. Alle ſtreckten unwillkührlich die Hand dar⸗ nach aus. „Einen Augenblick Geduld, meine Lämmer!“ rief d'Artagnan;„wo es Beneſicien gibt, gibt es immer auch Laſten.“ „Hoho!“ murmelte die Verſammlung. „Wir werden uns in einer Stellung befinden, meine Freunde, welche für Leute ohne Gehirn nicht haltbar wäre; ich ſpreche unumwunden: wir ſtehen zwiſchen dem Galgen und der Baſtille.“ „Oho!“ rief der Chor. „Das iſt leicht zu begreifen. Ich mußte dem Ge⸗ neral Monk das Verſchwinden ſeines Schatzmeiſters er⸗ klären; ich erwartete hiezu den ſehr unvorhergeſehenen Augenblick der Zurückberufung von Karl II., der einer meiner Freunde iſt.“ Die Armee tauſchte einen Blick der Zufriedenheit gegen den ziemlich hoffärtigen Blick von d'Artagnan. „Sobald der König wieder auf ſeinem Thron ſaß, gab ich Herrn Monk ſeinen Geſchäftsführer zurück, es iſt wahr, etwas gerupft, doch ich habe ihn immerhin zurückgegeben. Der General, als er mir verzieh, denn er hat mir verziehen,, konnte ſich nicht enthalten, mir folgende Worte zu ſagen, die ich Euch Alle tief zwiſchen den Augen unter dem Gewölbe des Schädels einzugra⸗ ben auffordere:„„Mein Herr, der Scherz iſt gut, doch ich liebe natürlich die Scherze nicht; wenn je ein Wort von dem, was Ihr gethan habt““(Ihr verſteht, Herr von Menneville),„„Euren Lippen oder denen Eurer 237 Gefährten entſchluͤpfte, ſo habe ich in meinem Gouver⸗ nement Schottland und Irland ſiebenhundert und ein⸗ undvierzig Galgen von Eichenholz, welche mit Eiſen ge⸗ pflöckt find und jede Woche friſch mit Fett eingeſchmiert werden. Ich mache mit einem von dieſen Galgen jedem von Euch ein Geſchenk, und bemerkt wohl, lieber Herr d'Artagnan,““ fügte er bei(bemerkt auch, lieber Herr von Menneville),„„es blieben mir immer noch ſiebenhun⸗ dert und dreißig für meine kleinen Vergnügungen... Dabei... „Ahl ah!“ rief die Armee,„es iſt noch etwas dabei?“ „Eine Erbärmlichkeit:„„Herr d'Artagnan, ich über⸗ ſchicke dem König von Frankreich den fraglichen Ver⸗ trag mit der Bitte, alle diejenigen, welche an dem Unter⸗ nehmen Theil genommen, vorläufig in die Baſtille zu ſtecken und dann mir zuzuſenden; das iſt eine Bitte, der der König ſicherlich entſprechen wird.“. Ein Schrei des Schreckens erhob ſich von allen Ecken des Tiſches. „Ruhig, ruhig,“ ſagte d'Artagnan;„dieſer brave Herr Monk hat Eines vergeſſen; er weiß den Namen von keinem von Euch; ich allein kenne Euch, und ich werde Euch nicht verrathen, das mögt Ihr mir wohl glauben. Warum denn auch? Was aber Euch betrifft, ſo kann ich nicht annehmen, Ihr werdet je ſo albern ſein, Euch ſelbſt anzuzeigen, denn um die Ausgaben für Koſt und Wohnung zu erſparen, würde Euch der König ganz einfach nach Schottland ſchicken, wo die ſiebenhun⸗ dert und einundvierzig Galgen ſind. So ſteht die Sache, meine Herren. Und nun habe ich dem, was ich Euch zu ſagen die Ehre gehabt, kein Wort mehr bei⸗ zufügen. Ich bin feſt überzeugt, daß man mich voll⸗ kommen begriffen hat, nicht wahr, Herr von Menne⸗ ville?2“. 3 „Vollkommen,“ erwiederte dieſer. 238 „Nun zu den Thalern!“ ſagte d'Artagnan;„ſchließt die Thüren.“ Er ſprach es und ſchüttelte den Sack auf den Tiſch aus, von wo mehrere ſchöne Goldthaler herabfielen. Jeder machte eine Bewegung nach dem Boden. „Gut, gut!“ rief d'Artagnan;„Niemand bücke ſich und ich werde meine Summe ſchon wieder finden.“ Er fand ſie in der That, gab Jedem fünfzig von dieſen ſchönen Thalern und empfing ebenſo viel Segnun⸗ gen, als er Goldſtücke gegeben hatte. „Wenn es Euch nun möglich wäre,“ ſagte er,„wenn es Euch möglich wäre, ein wenig in Ordnung zu leben, wenn Ihr gute und ehrliche Bürger würdet...“ „Das iſt ſehr ſchwierig,“ ſprach einer von den An⸗ weſenden. „Warum denn, Kapitän?“ fragte ein Anderer. „Weil ich Euch wieder aufgeſucht und, wer weiß? dan Zeit zu Zeit durch einen neuen Gewinn erquickt atte... Er machte Menneville, der dies Alles mit ruhiger Miene anhöoͤrte, ein Zeichen und ſprach: „Meneville, kommt mit mir. Lebet wohl, meine Braven; ich ermahne Euch nicht, verſchwiegen zu ſein.“ Menneville folgte ihm, während die Abſchiedsgrüße der Hülfstruppe ſich mit dem ſanften Geräuſch des in ihren Taſchen klingenden Goldes vermiſchte. „Menneville,“ ſagte d'Artagnan, ſobald ſie auf der Straße waren,„Ihr ſeid kein Thor, nehmt Euch in Acht, einer zu werden; Ihr ſeht mir nicht aus, als hättet Ihr Angſt vor dem Galgen von Herrn Monk, oder vor der Baſtille von Sr. Majeſtät dem König Lud⸗ wig XIV.; doch Ihr werdet mir wohl die Ehre er⸗ weiſen, vor mir Angſt zu haben. Wohl, ſo hört: bei dem geringſten Wort, das Euch entſchlüpfte, würde ich Euch tödten wie einen Hund. Ich habe die Abſolution von unſerem heiligen Vater, dem Papſt, in der Taſche.“ „Ich verſichere Euch, daß ich durchaus nichts weiß, — ——-—— 239 Herr d'Artagnan, und daß alle Eure Worte Glaubens⸗ artikel für mich ſind.“ „Ich war überzeugt, Ihr wäret ein Burſche von Geiſt,“ ſprach der Musketier;„es ſind nun fünfund⸗ zwanzig Jahre, daß ich Euch ſo beurtheilt habe. Dieſe fünfzig Goldthaler, die ich Euch mehr gebe, ſollen Euch beweiſen, welche Stücke ich auf Euch halte. „Ich danke, Herr d'Artagnan.“ „Hiemit könnt Ihr in der That ein ehrlicher Mann werden,“ fuhr deArtagnan mit dem ernſteſten Tone fort. „Es wäre eine Schmach, wenn ein Geiſt wie der Eu⸗ rige und ein Name, den Ihr nicht mehr zu führen wagt, für immer unter dem Reſt eines ſchlimmen Le⸗ bens verſchwinden müßten. Werdet ein anſtändiger Mann, Menneville, und lebt ein Jahr mit dieſen hun⸗ dert Goldthalern; das iſt ein ſchöner Pfennig: doppelt der Sold eines Oberofficiers. In einem Jahr ſucht mich auf und, Mordioux! ich werde etwas aus Euch machen.“ Menneville ſchwur, wie es ſeine Kameraden ge⸗ than hatten, er würde ſtumm ſein wie das Grab. Und dennoch muß Einer grſprochen haben, und da es ſicher⸗ lich nicht unſere neun Geſellen waren und ebenſo wenig Menneville, ſo muß es wohl d'Artagnan geweſen ſein, der als Gascogner die Zunge ſehr nahe bei den Lippen hatte. Denn war er es nicht, wer ſollte es denn ſein? Und wie würde ſich das Geheimniß mit der tannenen [Kiſte, woran Löcher angebracht, erklären, dieſes Ge⸗ heimniß, welches ſo vollſtändig zu unſerer Kenntniß ge⸗ langt iſt, daß wir, wie man ſehen konnte, die Sache in allen ihren verborgenſten Einzelnheiten erzählt haben, welche Einzelnheiten mit einem ebenſo neuen, als uner⸗ warteten Licht dieſen ganzen Theil der Geſchichte Eng⸗ lands, der bis jetzt von unſern Collegen, den Hiſtori⸗ kern, im Dunkeln gelaſſen worden iſt, beleuchtet. 4 XXV. Worin man ſieht, daß der franzöſiſche Spezerei- Händler ſchon im ſtebenzehnten Jahrhundert zu Ehren gekommen war. Sobald d'Artagnan ſeine Rechnungen geordnet und ſeine Vorſchriften gegeben hatte, dachte er nur noch daran, ſo raſch als möglich nach Paris zurückzukehren. Athos drängte es, ſein Haus wieder zu erreichen, um dort ein wenig auszuruhen. So unverſehrt auch der Charakter und der Menſch geblieben ſein mögen, ſo ge⸗ wahrt doch der Reiſende nach den Strapazen des Mar⸗ ſches mit Vergnügen am Ende des Tags, ſelbſt wenn der Tag ſchön geweſen iſt, daß die Nacht herannaht, die ihm den erquickenden Schlaf bringen wird. Ein wenig in ihre perſönlichen Gedanken vertieft, ſprachen die zwei Freunde, von Boulogne nach Paris neben⸗ einander reitend, von keinen Dingen, welche intereſſant genug waren, daß wir ſie unſern Leſern mittheilen ſoll⸗ ten: ſeinen Betrachtungen hingegeben und die Zukunft auf ſeine Weiſe aufbauend, war Jeder von ihnen haupt⸗ ſächlich darauf bedacht, die Entfernung durch die Ge⸗ ſchwindigkeit abzukürzen. Am Abend des vierten Tages nach ihrer Abreiſe von Boulogne kamen Athos und d'Artagnan vor den Barrieren von Paris an. „Wohin geht Ihr, mein Freund?“ fragte Athos. „Ich begebe mich unmittelbar nach meinem Hotel.“ „Und ich unmittelbar zu meinem Aſſocié.“ „Zu Planchet?“. „Mein Gott, ja: zum goldenen Stößel.“ „Doch es verſteht ſich, daß wir uns wiederſehen? ⁸ᷣu☛ AI§ℳõnꝗ—6—9+₰21 1 — 241 „Wenn Ihr in Paris bleibt, ja, denn ich bleibe.“ „Nein, nachdem ich Raoul umarmt, den ich zu mir in das Hotel beſchieden, reiſe ich unmittelbar nach la Fére ab.“ „Gott befohlen alſo, theurer und vortrefflicher Freund.“ „Auf Wiederſehen vielmehr, denn ich weiß im Gan⸗ zen nicht, warum Ihr nicht bei mir in Blois wohnen ſolltet. Ihr ſeid nun frei. Ihr ſeid reich und ich werde Euch, wenn Ihr wollt, ein ſchönes Gut in der Gegend von Chiverny oder in der von Bracieux kaufen. Einer⸗ ſeits habt Ihr dann die ſchönſten Waldungen der Welt, welche an die von Chambord ſtoßen, andererſeits herr⸗ liche Moorgründe. Ihr, der Ihr die Jagd liebt und mag es Euch lieb oder leid ſein, Dichter ſeid, theurer Freund, Ihr werdet Faſanen, Kriechenten und Rallen finden, abgeſehen von den Sonnenuntergängen und, Spazierfahrten im Nachen, daß Apollo und Nimrod darüber in Entzücken gerathen könnten. Bis Ihr einen Kauf gemacht habt, wohnt Ihr in la Foͤre, und wir gehen auf die Baiße in den Weinbergen, wie es Lud⸗ wig der Dreizehn tiges Vergnügen für alte Leute wie wir ſind.“ D'Artagnan nahm die Hände von Athos und er⸗ wiederte: „Theurer Graf, ich ſage Euch weder ja noch nein. Laßt mich in Paris die Zeit zubringen, welche für mich durchaus nothwendig iſt, um meine Geſchäfte zu ordnen und mich allmälig an die ſehr ſchwer laſtende Idee zu gewöhnen, welche in meinem Gehirn ſchlägt und es blen⸗ det. Seht, ich bin reich, und bis ich mich an den Reichthum gewöhnt habe, werde ich, ſo wie ich mich kenne, ein unerträglicher Menſch ſein. Ich bin aber noch nicht ſo dumm, daß es mir an Geiſt einem Freunde gegenüber, wie Ihr ſeid, fehlen würde. Das Kleid iſt ſchön, das Kleid iſt reich vergoldet, doch es iſt neu und drückt mich an den Schultern.“ I 3. Die drei Musketiere. Bragelonne. U. 16 e gethan hat. Das iſt ein vernünf⸗ — Athos lächelte. „ Es mag ſein,“ ſagte er.„Doch was dieſes Kleid betrifft, lieber d'Artagnan, wollt Ihr einen Rath von mir hören?“ „Oh! ſehr gern.“ „Ihr werdet Euch nicht ärgern?“ „Geht doch!“ „Wenn Einem der Reichthum ſpät und plötzlich zu⸗ kommt, ſo muß dieſer Eine, um ſich nicht zu verändern, geizig werden, nämlich nicht mehr Geld ausgeben, als er vorher hatte, oder ein Verſchwender werden und ſo viel Schulden machen, daß er wieder arm wird.“ „Ahl was Ihr mir da ſagt, gleicht ungemein einem Trugſchluß, mein lieber Philoſoph.“ „Ich glaube nicht. Wollt Ihr geizig werden?“ „Bei Gott, nein! Ich war es ſchon, als ich nichts hatte, und will mich ändern.“ „Alſo ſeid ein Verſchwender.“ „Mordioux! noch weniger, die Schulden machen mir bange. Die Gläubiger kommen mir immer vor wie jene Teufel, welche die Verdammten auf dem Roſt um⸗ drehen, und da die Geduld nicht die bei mir vorherr⸗ ſchende Tugend iſt, ſo bin ich ſtets verſucht, die Teufel zu prügeln.“ „Ihr ſeid der vernünftigſte Menſch, den ich kenne, und Ihr habt von Niemand einen Rath anzunehmen. Diejenigen, welche glauben würden, ſie hätten Euch etwas zu lehren, wären Narren. Doch ſind wir nicht in der Rue Saint⸗Honoré?“ „Ja, lieber Athos.“ „Seht, dort links, das lange weiße Häuschen iſt das Hotel, wo ich meine Wohnung habe. Ihr werdet bemerken, daß es nur zwei Stockwerke hat. Das erſte bewohne ich; das andere iſt an einen Officier vermiethet, den ſein Dienſt acht bis neun Monate im Jahr ent⸗ fernt hält, ſo daß ich, abgeſehen von den Koſten, in dieſem Hauſe bin, als ob ich bei mir waͤre.. — — 9— — N A — händler, den Reiſenden betrachtend. 243 „Ohl wie Ihr das gut einzurichten wißt, Athos! Welche Ordnung und welche Umſicht! das möchte ich in mir vereinigen. Doch was wollt Ihr, das iſt ange⸗ boren und erwirbt ſich nicht.“ „Schmeichler!... Nun aber Gott befohlen, lieber Freund. Vergeßt nicht, mich bei Planchet in's Gedächt⸗ niß zurückzurufen; nicht wahr, es iſt immer noch ein Burſche von Geiſt?“ „Und von Herz, Athos. Gott befohlen!“ Sie trennten ſich. Während dieſes ganzen Geſprächs hatte d'Artagnan nicht eine Sekunde ein gewiſſes Pack⸗ pferd, in deſſen Körben, unter Heu, die Reiſetaſchen nebſt dem Felleiſen enthalten waren, aus dem Geſicht verloren. Es ſchlug neun Uhr auf Saint⸗Merri; die Ladendiener von Planchet ſchloßen eben die Bude. D'Ar⸗ tagnan ließ den Poſtknecht, der das Packpferd führte, an der Ecke der Rue des Lombards unter einem Wetter⸗ dach halten, rief einem Ladendiener von Planchet und übergab dieſem nicht nur die zwei Pferde, ſondern auch den Poſtknecht zur Bewachung; dann trat er bei dem Spezereihändler ein, der gerade ſein Nachteſſen been⸗ digt hatte und mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit in ſeinem Kalender rechnete, in welchem er jeden Abend den ab⸗ gelaufenen Tag durchſtrich. In dem Augenblick, wo Planchet, ſeiner Gewohnheit gemäß, mit der umgekehrten Feder den beendigten Tag ſeufzend durchſtrich, ſtieß d'Artagnan mit dem Fuß auf die Thürſchwelle, und dieſer Stoß machte ſeinen eiſernen Sporn klirren. „Ahl mein Gott!“ rief Planchet. Der würdige Spezereihaͤndler konnte nicht mehr ſagen; er hatte ſeinen Aſſocié erſchaut, d'Artagnan trat mit gekrümmtem Rücken und mit verdrießlichem Auge ein. Der Gascogner hatte ſeine Idee in Beziehung auf Planchet. „Guter Gott! er iſt traurig!“ dachte der Spezerei⸗ „ Der Musketier ſetzte ſich. „pLieber Herr d'Artagnan l“ ſprach Planchet mit einem furchtbaren Herzklopfen, vendlich ſeid Ihr dal und wie ſteht es mit Eurer Geſundheit?“ „Ziemlich gut, Planchet, ziemlich gut,“ antwortete † d'Artagnan, einen Seufzer ausſtoßend. „Ihr ſeid hoffentlich nicht verwundet worden?“ „Bah!!“ „Ah! ich ſehe,“ fuhr Planchet immer ängſtlicher fort,„die Expedition iſt eine anſtrengende geweſen.“ „Ja,“ machte d'Artagnan. Ein Schauer durchlief den ganzen Leib von Planchet. „Ich würde gern trinken,“ ſagte der Musketier mit kläglicher Stimme, den Kopf erhebend. Planchet lief ſelbſt nach dem Schrank und ſchenkte d'Artagnan Wein in ein großes Glas ein. D'Artagnan ſchaute die Flaſche an. 1„Was für Wein iſt das 2“ fragte er.. „Ach! es iſt von dem, welchen Ihr beſonders liebt, Herr,“ erwiederte Planchet,„es iſt der gute alte Anjou⸗ Wein, der uns Alle beinahe eines Tags ſo theuer zu ſtehen gekommen wäre.“ 4 „Ah!“ ſagte d'Artagnan mit einem ſchwermüthigen Lächeln,„ah! mein armer Planchet, ich ſoll alſo noch guten Wein trinken 12— 8 „Hört, mein lieber Herr,“ ſprach Planchet mit einer übermenſchlichen Anſtrengung, während das Zu⸗ ſammenziehen aller ſeiner Muskeln, ſeine Bläſſe und ſein Zittern die tiefſte Angſt offenbarten;„hört, ich bin Soldat geweſen, und habe folglich Muth; laßt mich alſo nicht ſchmachten, lieber Herr d'Artagnan; l nicht wahr, unſer Geld iſt verloren?“ d D Artagnan nahm ſich, ehe er antwortete, eine t Zeit, welche dem Spezereihändler wie ein Jahrhundert vorkam. Er hatte ſich jedoch nur auf ſeinem Stuhl 4 umgekehrt. 4 „ und wenn dies wäre,“ erwiederte er langſam und — *7 245 indem er den Kopf von oben nach unten wiegte,„was würdeſt Du dazu ſagen, mein armer Freund?“ Planchet wurde von bleich, wie er geweſen, völlig gelb. Es war, als hätte er ſeine Zunge verſchlungen, ſo ſehr ſchwoll ſeine Kehle an, ſo rötheten ſich ſeine Augen. „Zwanzigtauſend Livres!“ murmelte er,„zwanzig⸗ tauſend Livres.“. Den Hals ſchlaff, die Beine ausgeſtreckt, die Hünde träg, glich d'Artagnan einer Bildſäule der Entmuthi⸗ gung. Planchet entriß den tiefſten Höhlen ſeiner Bruſt einen ſchmerzlichen⸗Seufzer. „Ah!“ ſagte er,„ich ſehe, wie die Sache ſteht. Wir wollen Männer ſein. Nicht wahr, es iſt vorbei? Doch Euer Leben iſt gerettet, gnädiger Herr, und das iſt die Hauptſache.“ „Das Leben iſt allerdings etwas, doch mittlerweile bin ich zu Grunde gerichtet.“ „Ah! Herr, wenn es auch ſo ſteht, ſo darf man darum doch noch nicht verzweifeln; Ihr verbindet Euch als Spezereihändler mit mir, ich mache Euch zu meinem Aſſocié, wir theilen den Nutzen, und wenn es keinen Nutzen mehr gibt, nun, ſo theilen wir die Mandeln, die getrockneten Weinbeeren und die Pflaumen, und Wardeh mit einander das letzte Viertel holländiſcher äſe.“ D'Artagnan konnte nicht länger widerſtehen. „Mordiour!“ rief er ganz bewegt,„Du biſt ein braver Burſche, Planchet, bei meiner Ehre! Sprich, haſt Du nicht Komödie geſpielt? Sprich, haſt Du nicht dort unter dem Wetterdach das Pferd mit den Reiſe⸗ taſchen geſehen?“ „Welches Pferd, welche Reiſetaſchen?“ fragte Plan⸗ chet, dem ſich das Herz bei dem Gedanken, d'Artagnan würde ein Narr, zuſammenſchnürte. „Ei! die engliſchen Reiſetaſchen!“ rief d'Artagnan, ganz ſtrahlend, ganz verklärt. 8 „ nan mit einem Ton, als ob er ein Manveuvre befehligte; 246 „Ahl mein Gott!“ ſtammelte Planchet, vor dem blendenden Feuer ſeiner Blicke zurückweichend. „Dummkopf! Du hältſt mich für verrückt. Mor⸗ dioux! mein Kopf iſt im Gegentheil nie geſünder, mein Herz nie freudiger geweſen. Zu den Reiſetaſchen, Plan⸗ chet, zu den Reiſetaſchen!“ „Mein Gott! zu welchen Reiſetaſchen?“ D'Artagnan ſchob Planchet nach dem Fenſter und fragte: „Siehſt Du dort unter dem Wetterdach ein Pferd?“ Ja. „Siehſt Du, wie ſein Rücken beſchwert iſt?⸗. 1 „Ja, ja.“ „Siehſt Du, wie einer von Deinen Ladendienern mit dem Poſtknecht plaudert?“ „Ja, ja, ja!“ „Nun! Du weißt den Namen dieſes Burſchen, da er in Deinem Dienſt iſt. Rufe ihn.“ „Abdon! Abdon!“ ſchrie Planchet aus dem Fenſter. „Führe das Pferd hierher!“ rief d'Artagnan. „Führe das Pferd hierher!“ brüllte Planchet. „Nun zehn Livres dem Poſtknecht,“ ſagte d'Artag⸗ „zwei Diener, um die zwei erſten Taſchen heraufzu⸗ tragen, zwei für die zwei letzten, und Feuer, Mordioux! Thätigkeit!“ Planchet ſtürzte nach den Stufen, als ob ihn der Teufel in die Beine gebiſſen hätte. 4 Einen Augenblick nachher ſtiegen die Ladendiener, b ſich unter ihrer Bürde biegend, die Treppe herauf. „Artagnan ſchickte ſie in ihre Dachſtube zurück, ver⸗ ſchloß ſorgfältig die Thüre, wandte ſich an Planchet, der ſeinerſeits beinahe verrückt wurde, und ſagte: „Nun iſt es an uns Beiden.“ Und er breitete eine große Decke auf dem Boden aus und leerte die erſte Reiſetaſche darauf. Planchet that daſſelbe mit der zweiten; dann ſchnitt d'Artagnan —,— —, nun bedaure ich es nicht mehr, und Du biſt ein braver ma das muß noch ſchoͤner ſein, als das Geld.“ 247 die dritte mit dem Meſſer auf. Als Planchet das locke Geräuſch von Silber und Gold hörte, als er aus Sack die glänzenden Thaler ſpringen ſah, welche hüpf und zuckten wie die Fiſche außerhalb des Wurfnetzes, als er ſich bis an die Wade in die immer mehr ſtei-⸗ gende Fluth von gelben und weißen Stücken getaucht ſah, ergriff ihn der Schwindel, er drehte ſich um ſich ſelbſt wie ein vom Blitz getroffener Menſch, und ſank ſchwerfällig auf den ungeheuren Haufen nieder, den ſein Gewicht mit einem unbeſchreiblichen Getöſe zu⸗ ſammenbrechen machte. Gleichſam erſtickt durch die Freude, hatte Planchet das Bewußtſein verloren. D'Artagnan goß ihm ein Glas weißen Wein in's Geſicht, was ihn ſogleich wieder zum Leben zurückrief. „Ahl mein Gott! ahl mein Gott! ahl mein Gott!“ rief Planchet, ſeinen Schnurrbart und ſeinen Kinnbart abwiſchend. In jener Zeit, wie in unſeren Tagen, trugen die Spezereihändler einen ritterlichen Schnurrbart und den Kinnbart eines Landsknechts; nur ſind die Silberbäder, welche in jener Zeit ſchon ſehr ſelten waren, heut zu Tage völlig unbekannt geworden. 3 „Mordiour!“ ſagte d'Artagnan,„hier behag⸗ täuſend Livres für Euch, meinen Aſſocié. Streiche Deinen Gewinn ein, wenn es Dir beliebt, ich will den meinigen einſtreichen.“— 3 „Ohl welch eine ſchöne Summe, Herr d'Artagnan, welch eine ſchöne Summe!“. „Vor einer halben Stunde bedauerte ich es ein wenig, daß dieſe ſchöne Summe Dir zukomme, aber Krämer, Planchet. Doch machen wir nun gute Rech⸗ nung. da gute Rechnungen, wie man ſagt, gute Freunde een.“ „Ohl erzählt mir vor Allem die ganze Geſchichte; 8 248 ſprach d'Artagnan, ſeinen Schnurr⸗ e nicht nein, und denkt je ein „ um es aufzuzeichnen, ſo jen, er habe ankeiner ſchlechten Höore alſo, Planchet, ich will Dir en.“ 3„und ich will Stöße machen, fangt an, mein lieber Herr.“ 5 1„Nun alſo,“ ſprach d'Artagnan, Athem holend. „Nun alſo,“, ſagte Planchet, die erſte Hand voll Thaler zuſammenraffend. XXVI. — Das Spiel von Herrn vo In einem großen Zimmer des Palais⸗Royal, das mit dunkelfarbigem Sammet ausgeſchlagen und mit einer großen Anzahl herrlicher Gemälde in goldenen Rahmen geſchmückt war, ſah man am Abend der An⸗ kunft unſerer zwei Franzoſen den ganzen Hof vor dem Alkoven des Herrn Cardinal von Mazarin verſammelt, der dem König und der Königin eine Spielpartie gab. welche im Zimmer ſtanden. An einem dieſer Tiſche Ein kleiner Windſchirm trennte die drei Tiſche, ———— u 249 gerten, ſehr angegriffenen Geſicht im Bette lag, ließ ſich ſein Spiel von der Gräfin von Soiſſons halten und ſchaute unabläßig mit einem Blick voll Intereſſe und Habgier darein. Der Cardinal hatte ſich von Bernouin ſchminken laſſen; doch das Roth, das an den Backenknochen allein glänzte, hob nur um ſo mehr die Bläſſe des übrigen Geſichts und das ſchimmernde Gelb der Stirne hervor. Nur die Augen hatten ein lebhafteres Feuer und auf dieſe Augen des Kranken hefteten ſich von Zeit zu Zeit die unruhigen Blicke des Königs, der Königinnen und der Höflinge. 3 Es iſt wahr, die zwei Augen von Signor Maza⸗ rini waren die mehr oder minder glänzenden Sterne, in welchen Frankreich im ſiebenzehnten Jahrhundert je⸗ den Abend und jeden Morgen ſein Geſchick las. Monſeigneur gewann nicht und verlor nicht, er zeigte ſich weder heiter noch traurig. Dies war eine Verdumpfung, in der ihn Anna von Oeſterreich, voll Mitleid für ſeinen Zuſtand, nicht gern gelaſſen haben würde; doch um die Aufmerkſamkeit des Kranken durch irgend einen Schlag zu erregen, hätte ſie gewinnen oder ver⸗ lieren müſſen. Gewinnen war gefährlich, weil Maza⸗ rin ſeine Gleichgültigkeit in eine häßliche Grimaſſe ver⸗ wandelt haben würde; verlieren war auch gefährlich, weil ſie hätte betrügen müſſen, und die Infantin, welche über dem Spiele ihrer Schwiegermutter wachte, ohne Zweifel über ihre Begünſtigung des Cardinals geſchrieen haben würde. Dieſe Ruhe benützend, plauderten die Höflinge. Hatte Herr von Mazarin nicht gerade eine ſchlechte Laune, ſo war er ein gutmüthiger Fürſt, und er, der Niemand zu ſingen hinderte, wenn man nur bezahlte, war nicht genug Tyrann, um Jemand am Sprechen zu hindern, wenn man nur zu verlieren ſich entſchloß. Man plauderte alſo. Am erſten Tiſch beſchaute der junge Bruder des ee Kanis⸗ Philipp Herzog von Anjon 250 ſein hübſches Geſicht in dem Spiegel eines Kiſtchens. Sein Günſtling, der Chevalier von Lorraine, horchte, auf den Lehnſtuhl des Prinzen geſtützt, mit geheimem Neid auf den Grafen von Guiche, einen anderen Günſt⸗ ling von Philipp, der in gewählten Worten die ver⸗ ſchiedenen Wechſelfälle im Schickſal des abenteuerlichen Königs Karl II. erzählte. Er ſprach wie von fabel⸗ haften Ereigniſſen von der Geſchichte ſeiner Wande⸗ rungen in Schottland und von ſeinen Schreckniſſen, als die feindlichen Parteien ſeine Fährte verfolgten, von den Nächten, die er auf Bäumen, von den Tagen, die er im Hunger und im Kampfe zubrachte. Allmälig intereſſirte das Geſchick des unglucklichen Königs die Zuhörer ſo ſehr, daß das Spiel, ſelbſt am königlichen Tiſch, erlahmte, und daß der junge Köͤnig nachdenkend, mit irrem Blick, ohne daß er der Sache Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, der von dem Grafen von Guiche ſehr maleriſch vorgetragenen Odyſſee in allen ihren Einzeln⸗ heiten folgte. Die Graͤſin von Soiſſons unterbrach den Erzähler und ſagte: „Geſteht, Graf, Ihr ſchmückt aus.“ „Madame, ich erzähle wie ein Papagei alle die Geſchichten, die mir von verſchiedenen Engländern er⸗ zählt worden ſind. Ich muß ſogar zu meiner Schande ſagen, daß ich wortgetreu bin wie eine Abſchrift.“ „Karl II. wäre geſtorben, wenn er dies Alles hätte aushalten müſſen.“ Ludwig. XIV. erhob ſeinen geſcheiten, ſtolzen Kopf und ſprach mit einer Stimme, welche noch vom ſchüch⸗ ternen Kinde zeugte: „Madame, der Herr Cardinal wird Euch ſagen, daß zur Zeit meiner Minderjährigkeit die Sache Frank⸗ reichs auf dem Spiel ſtand, und daß ich, wenn ich größer und das Schwert zu ergreifen genöthigt geweſe wäre, dies zuweilen hätte thun müſſen, um ein Abend brod zu gewinnen.“ — —.—ʒ—ÿʒ— 1 2 ——— — 2— 251 „Gott ſei Dank,“ entgegnete der Cardinal, der zum erſten Mal ſprach,„Eure Majeſtät übertreibt, denn ihr Abendbrod war jedesmal pünktlich mit dem ihrer Bedienten gekocht.“ Der König erröthete. „Oh!“ rief Philipp unbeſonnener Weiſe von ſeinem Platze aus, ohne daß er ſich zu ſpiegeln aufhörte,„ich erinnere mich, daß einmal in Melun dieſes Abendbrod für Niemand bereitet war, und daß der Koönig zwei Drittel von einem Stück Brod aß, von dem er mir das andere Drittel überließ.“. Die ganze Geſellſchaft, als ſie Mazarin lachen ſah, brach in ein Gelächter aus. Man ſchmeichelt den Kö⸗ nigen durch die Erinnerung an ein vergangenes Miß⸗ vichic⸗ wie durch die Hoffnung auf ein zukünftiges ück. „Immerhin iſt ſo viel gewiß, daß die Krone Frank⸗ reichs gut auf dem Haupte der Koͤnige gehalten hat, während ſie von dem des Königs von England gefallen iſt,“ fügte Anna von Oeſterreich ſchleunigſt bei;„undwenn zufällig dieſe Krone ein wenig wankte, denn es gibt zuweilen Thronbeben, wie es Erdbeben gibt, ſo ſtellte jedesmal, ſo oft die Empoͤrung drohte, ein guter Sieg die Ruhe wieder her.“ „Mit einigen Kleinodien mehr bei der Krone,“ ſagte Mazarin.. Der Graf von Guiche ſchwieg; der König gab ſeinem Geſicht eine gewiſſe Haltung, und Mazarin wechſelte mit Anna von Oeſterreich einen Blick, als wollte er ihr für ihre Erfindung danken. „Gleichviel,“ ſagte Philipp, ſeine Haare glättend, „mein Vetter Karl iſt nicht ſchön, aber er iſt ſehr tapfer, er hat ſich geſchlagen wie ein Reitersknecht, und wenn er fortfährt, ſich ſo zu ſchlagen, ſo wird er ohne Zweifel am Ende eine Schlacht wie... Rocroy ge⸗ winnen.“⸗ 5 „Er hat keine Soldaten,“ unterbrach ihn Herr von Lorraine. „Der Stadhouder von Holland, ſein Verbündeter, wird ihm geben. Ich hätte ihm auch gegeben, wenn ich König von Frankreich geweſen wäre.“ Ludwig XIV. erröthete über die Maßen. Mazarin ſtellte ſich, als ſchaute er aufmerkſamer als je ſein Spiel an. „Zu dieſer Stunde,“ ſprach der Graf von Guiche, „iſt das Geſchick des unglücklichen Prinzen ſchon in Erfüllung gegangen. Hat ihn Monk getäuſcht, ſo iſt er verloren. Das Gefängniß, der Tod vielleicht werden beendigen, was die Verbannung, die Schlachten und die Entbehrungen angefangen hatten.“ Mazarin faltete die Stirne. „Iſt es ganz ſicher, daß Seine Majeſtät König Karl II. das Haag verlaſſen hat?“ fragte Ludwig XIV. „Ganz ſicher, Eure Majeſtät,“ antwortete der Graf von Guiche.„Mein Vater hat einen Brief erhalten, in welchem ihm die einzelnen Umſtände mitgetheilt werden; man weiß ſogar, daß der König in Dover gelandet iſt, Fiſcher haben ihn in den Hafen einlaufen ſehen; das Uebrige iſt noch Geheimniß.“ „Ich möchte das Uebrige wohl wiſſen,“ ſprach un⸗ geſtüm Philipp.„Ihr wißt es, mein Bruder.“ Ludwig XIV. erröthete abermals. Das war das dritte Mal ſeit einer Stunde. „Fragt den Herrn Cardinal,“ erwiederte er mit einem Ton, der Mazarin, Anna von Oeſterreich und alle Welt die Augen aufſchlagen machte. „Dies will beſagen, mein Sohn,“ rief Anna von Oeſterreich lachend,„der König liebe es nicht, daß man von Staatsangelegenheiten außerhalb des Rathes ſpreche.“ Philipp nahm gutwillig den Verweis hin und machte lächelnd eine tiefe Verbeugung zuerſt vor dem König und dann vor ſeiner Mutter. Doch Mazarin gewahrte aus dem Augenwinkel, — daß ſich eine Gruppe in einer Ecke des Gemaches bil⸗ dete, und daß der Herzog von Orleans mit dem Gra⸗ ffen von Guiche und dem Chevalier von Lorraine, die ſich nicht mehr laut ausſprechen durften, leiſe wohl mehr ſagen könnten, als nothwendig war. Er fing da⸗ her an, ihnen Blicke voll Mißtrauen und Aengſtlichkeit zuzuſchleudern, und forderte zugleich Anna von Oeſterreich auf, die Beſprechung auf irgend eine Weiſe zu ſtören, als plötzlich Bernouin unter dem Vorhang im Bett⸗ gang des Cardinals erſchien und ſeinem Herrn ins Ohr ſagte: „Monſeigneur, ein Abgeſandter Seiner Majeſtät des Königs von England.“ Mazarin konnte eine leichte Bewegung nicht ver⸗ bergen, die der König gleichſam im Flug auffaßte. We⸗ niger um eine Indiscretion zu vermeiden, als um nicht unnütz zu erſcheinen, ſtand Ludwig XIV. ſogleich auf, abgri⸗ ſich Seiner Eminenz und wünſchte ihr eine gute Nacht.„ Die ganze Verſammlung erhob ſich mit einem ge⸗ waltigen Geräuſch von rollenden Stühlen und zurück⸗ geſchobenen Tiſchen.— „Laßt allmälig die ganze Geſellſchaft weggehen,“ ſagte Mazarin leiſe zu Ludwig XIV.,„und wollt mir ſodann einige Minuten bewilligen. Ich mache eine An⸗ gelegenheit ab, über die ich noch dieſen Abend mit Eu⸗ rer Majeſtät zu ſprechen wünſchte.“ „Und die Koͤniginnen?“ fragte Ludwig XIV. 3 „Und der Herr Herzog von Anjou,“ ſagte Seine Eminenz.. Zu gleicher Zeit drehte er ſich nach dem Bettgang, deſſen Vorhänge raſch herabſtelen. Der Cardinal hatte jedoch ſeine Verſchwörer nicht aus dem Blick verloren. „Herr Graf von Guiche,“ ſagte er mit ſchetternder Stimme, während er hinter dem Vorhang den Schlaf⸗ rock anzog, den ihm Bernouin reichte. 3 iſſch bing. „Hier, Monſeigneur,“ antwortete der junge Mann ch näͤhernd. 4 „Nehmt meine Karten, Ihr habt Glück. Ge⸗ winnt mir ein wenig das Geld von dieſen Herren.“ „Ja, Monſeigneur.“ Der junge Mann ſetzte ſich an den Tiſch, von dem ſich der Koͤnig entfernte, um mit den Königinnen zu ſprechen. 1 Es begann eine ziemlich ernſte Partie zwiſchen dem Grafen und mehreren reichen Höflingen. Philipp plauderte indeſſen uͤber Putzſachen mit dem Chevalier von Lorraine, und man hörte hinter den Vor⸗ hängen des Alkoven das Rauſchen des ſeidenen Schlaf⸗ rocks von Mazarin nicht mehr. Seine Eminenz war Bernouin in das an das Schlafzimmer ſtoßende Cabinet gefolgt. XXVII. Staatsangelegenheiten. Als der Cardinal in ſein Cabinet kam, fand er den Grafen de la Fore, der, ſeiner harrend, voll Bewunde⸗ rung einen ſehr ſchönen Raphael betrachtete, welcher über einem mit goldenem Geſchirr beladenen Credenz⸗ Seine Eminenz kam ſachte, leicht und ſchweigſam wie ein Schatten, um gleichſam die Phyſiognomie des Grafen zu überrumpeln, wie er es zu thun pflegte, denn er errieth ſeiner Behauptung nach aus der einfa⸗ chen Beſchauung des Geſichtes eines Sprechenden, was das Reſultat der Unterredung ſein würde, ——9 Doch diesmal täuſchte ſich Mazarin in ſeiner Er⸗ wartung. Er las durchaus nichts im Geſicht von Athos, nicht einmal die Chrfurcht, die er in andern Geſichtern zu leſen gewohnt war. Dieſe Nuance entging der ſchlauen Eminenz nicht. Mazarin war zu ſehr mit den Menſchen vertraut, um nicht in der kalten, beinahe hochmüthigen Höflichkeit von Athos ein Anzeichen von Feindſeligkeit zu erblicken, was nicht die gewöhnliche Temperatur des Treibhau⸗ ſes war, das man den Hof nennt. Athos war ſchwarz mit einer einfachen ſilbernen Stickerei gekleidet. Er trug den heiligen Geiſt, das Hoſenband und das goldene Vließ, drei Orden von ſol⸗ cher Bedeutung, daß nur ein König allein oder ein Schauſpieler ſie vereinigen konnte. Mazarin ſuchte lange in ſeinem etwas geſtörten Gedächtniß, um den Namen zu finden, den er dieſem eiſtgen Geſicht geben ſollte, doch es gelang ihm nicht. „Ich habe gewußt, es würde mir eine Botſchaft von England zukommen,“ ſprach er endlich. Und er ſetzte ſich und entließ Bernouin und Brienne, der als Secretaire die Feder zu führen bereit war. „Von Seiner Majeſtät dem König von England, ja, Eure Eminenz.“ „Ihr ſprecht das Franzöſiſche ſehr rein für einen Engländer, mein Herr,“ ſagte Mazarin freundlich, wäh⸗ rend er beſtändig durch ſeine Finger den Orden vom heiligen Geiſt, das Hoſenband, das goldene Vließ und beſonders das Geſicht des Boten betrachtete. „Ich bin kein Engländer, ſondern ein Franzoſe, Herr Cardinal,“ erwiederte Athos. „Es iſt eigenthümlich, daß der König von Eng⸗ land Franzoſen zu ſeinen Botſchaftern wählt, und ich betrachte dies als ein gutes Vorzeichen... Wollt mir Euren Namen ſagen, mein Herr.“ „Graf de la Fôre,“ antwortete Athos, ſich weni⸗ — ger verbeugend, als es das Ceremoniel und der Stolz des allmächtigen Miniſters heiſchten. Mazarin bewegte leicht die Achſeln, als wollte er ſagen:„Ich kenne dieſen Namen nicht.“ Athos verzog keine Miene. „Und Ihr kommt, um mir zu eröffnen, mein Herr...“ fuhr Mazarin fort. „Ich kam im Auftrag Seiner Majeſtät des Königs von Großbritannien, um dem König von Frankreich zu verkündigen...“ Mazarin faltete die Stirne. „Um dem König von Frankreich zu verkündigen, Seine Majeſtät König Karl II. habe glücklich den Thron ſeiner Väter wieder beſtiegen.“ „Ihr habt ohne Zweifel Vollmachten?“ fragte Mazarin mit kurzem, zänkiſchem Ton. „Ja.. Monſeigneur.“ Dieſes Wort Monſeigneur kam mühſam über die Lippen von Athos; es war, als preßte er es zu ſehr zuſammen. 1 Athos zog aus einer Taſche von geſticktem Sam⸗ met, die er unter ſeinem Wamms trug, eine Depeche. Der Cardinal ſtreckte die Hand aus. weerfeiht⸗ Monſeigneur,“ entgegnete Athos,„meine Depeche iſt für den König.“ „Da Ihr Franzoſe ſeid, mein Herr, müßt Ihr wiſſen, was ein erſter Miniſter am Hof von Frankreich bedeutet.“ „Es gab eine Zeit, wo ich mich in der That mit dem, was die erſten Miniſter bedeuten, beſchäftigte; doch ich habe ſchon vor mehreren Jahren den Beſchluß gefaßt, nur noch mit dem König zu verhandeln.“ „Dann werdet Ihr weder den Miniſter, noch den König ſehen,“ ſagte Mazarin, der ärgerlich zu werden anfing, und ſtand auf. 1 Athos ſchob ſeine Depeche wieder in die Taſche, Herr Athos... man ſieht, daß Ihr Euch dort mit den Puritanern umhergetrieben...... Euer Ge⸗ heimniß weiß ich beſſer als Ihr, und Ihr habt viel⸗ leicht Unrecht gehabt, nicht einigermaßen einen ſehr alten und ſehr leidenden Mann zu berückſichtigen, der viel in ſeinem Leben gearbeitet und muthig das Feld für ſeine Ideen behauptet hat, wie Ihr für die Euri⸗ gen... Ihr wollt nichts ſagen? gut; Ihr wollt mir Euren Brief nicht mittheilen?... vortrefflich; kommt mit mir in mein Zimmer, Ihr ſollt mit dem König... und vor dem König ſprechen... Nun noch ein letztes Wort: wer hat Euch das goldene Vließ gegeben? Ich erinnere mich, daß man ſagte, Ihr habet das Hoſen⸗ band, doch was das goldene Vließ betrifft, davon wußte ich nichts.“ 3 „Kürzlich, Monſeigneur, hat Spanien bei Gelegen⸗ heit der Verheirathung Seiner Majeſtät des Königs Ludwig XIV. König Karl II. ein Patent vom goldenen Vließ mit weißem Raum für den Namen überſchickt; Karl II. übertrug den Orden mir und füllte das Weiße mit meinem Namen aus.“ 3 Mazarin ſtand auf und kehrte, ſich auf den Arm von Bernouin ſtützend, in ſeinen Bettgang im Au⸗ genblick zurück, wo man im Zimmer: der Herr Prinz! meldete. Der Prinz von Condé, der erſte Prinz von Geblüt, der Sieger von Rocroy, Lens und Nördlingen, trat in der That bei Monſignor Mazarin, gefolgt von ſeinen Cavalieren, ein, und ſchon begrüßte er den Kö⸗ nig, als der erſte Miniſter ſeinen Vorhang aufhob. 3 Athos hatte Zeit, Raoul zu erblicken, der dem Grafen von Guiche die Hand drückte und ein Lächeln gegen ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß austauſchte. 3 Er hatte auch Zeit, das ſtrahlende Geſicht des Cardinals wahrzunehmen, als dieſer vor ſich auf dem Tiſch eine ungeheure Maſſe Goldes ſah, die ders Graf von Guiche durch eine glückliche Hand, ſeitdem ihm Seine Eminenz die Karten anvertraut, gewonne n hatte. Botſchafter, Botſchaft und Prinzen vergeſſend, dachte er zuerſt auch nur an das Gold. „Wie!“ rief der Greis;„dies Alles iſt Gewinn?“ „Ungefähr fünfzigtauſend Thaler, ja, Monſeigneur,“ erwiederte der Graf von Guiche aufſtehend.„Soll ich nun Eurer Eminenz den Platz zurückgeben oder fort⸗ fahren?“ „Zurückgeben, zurückgeben! Ihr ſeid ein Narr, Ihr würdet Alles wieder verlieren, was Ihr gewonnen habt.“ „Monſeigneur,“ ſagte der Prinz ſich verbeugend. „Guten Abend, Herr Prinz,“ ſprach der Miniſter mit leichtem Ton;„es iſt ſehr liebenswürdig von Euch, daß Ihr einen kranken Freund beſucht.“ „Ein Freund!“ murmelte der Graf de la Fere, ganz erſtaunt, als er dieſe ungeheuerliche Verbindung in dem Wort: Freund! wahrnahm, da es ſich um Mazarin und Condé handelte. Mazarin errieth den Gedanken des Frondeur, denn 26 lächelte ihm triumphirend zu und ſagte ſogleich zum önig:. „Sire, ich habe die Ehre, Eurer Majeſtät den Herrn Grafen de la Fore, Botſchafter Seiner britiſchen Majeſtät, vorzuſtellen... Staatsangelegenheit, meine Herren!“ fügte er bei, indem er mit der Hand alle diejenigen verabſchiedete, welche im Zimmer verſammelt waren, und dieſe Leute verſchwanden auch wirklich, den Prinzen von Condé an ihrer Spitze, eiuzig und allein auf die Geberde von Mazarin. Raoul folgte Herrn von Condé, nachdem er dem Grafen de la Fore einen letzten Blick zugeworfen hatte. Philipp von Anjou und die Königinnen ſchienen ſich zu berathen, ob ſie weggehen ſollten. „Familienangelegenheit!“ ſagte raſch Mazarin, Beide auf ihren Sitzen zurückhaltend.„Dieſer Herr hier über⸗ bringt dem König einen Brief, durch welchen Karl II., völlig wieder in ſein Reich eingeſetzt, eine Verbindung zwiſchen Monſieur, dem Bruder des Königs, und Ma⸗ 261 demoiſelle Henriette, der Enkelin von Heinrich IV., vor⸗ ſchlägt... Wollt dem König Euer Beglaubigungsſchrei⸗ ben übergeben, Herr Graf?“ Athos war einen Augenblick verblüfft. Wie konnte der Miniſter den Inhalt eines Briefes wiſſen, der nicht eine Minute von ihm gekommen war? Jedoch ſtets Herr über ſich, reichte er die Depeche dem jungen Kö⸗ nig Ludwig XIV., der ſie erröthend aus ſeinen Händen nahm. Ein feierliches Stillſchweigen herrſchte im Ge⸗ mache des Cardinals. Es wurde nur geſtört durch das matte Geräuſch des Goldes, das Mazarin, während der König las, mit ſeiner gelben, vertrockneten Hand in ein Kiſtchen aufhäufte. —— Z 52 Ss be Sawe e— 8 5 1 8 —————————————