Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 von f 3 Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen.— t 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —den angenommen.— 3 d 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ] wird. 3 8 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 eträgt: fr sochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3—————— 1 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Ter 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 4 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 343.— Blafk. Roman von Alerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. G. Fink. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. I. Wo der Herr Chevalier de la Graverie unausſprech⸗ liche Beängſtigungen ausſteht. Was der Offizier Namens Gratien über die wun⸗ derbare Intelligenz des Thieres geſagt, hatte einen ganz beſondern Eindruck auf Dieudonné gemacht. Je mehr Gratien zum Lob des Thieres erzählte, um ſo ſtärker machten ſich bei dem Chevalier ſeine vorgefaßten Ideen in Betreff der Seelenwanderung geltend. Natürlich zweifelte er nicht daran, daß ſein Wachtelhund der Black Thereſens und daß Thereſe die Gebieterin Blacks ſei, d. h. das junge Mädchen das er geſehen hatte. Er beſchloß alſo unverzüglich das arme Thier den ſchlimmen Abſichten zu entziehen, welche der Unterlieutenant Louville gegen daſſelbe ausgeſpro⸗ chen hatte und noch am ſelben Abend auszuführen ſich anſchickte. Er ſchlug den Weg nach der Porte Morard ein, um das junge Mädchen vor der Gefahr zu warnen, die ſowohl ihre Tugend als den Wäö derſelben bedrohte. Ueberdieß gedachte er, da ihm das Laben Blacks 4 noch mehr am Herzen lag, als die Tugend des jun⸗ gen Mädchens, ihr eine hübſche Geldſumme für den Hund anzubieten. „Aber wenn ſie jede Trennung von Black⸗ verweigerte,“ murmelte der Chevalier, indem er dahin trippelte.„Ei was!“ fuhr er fort,„ich würde den Preis verdoppeln: ich würde drei, ja vier, ja ſogar fünfhundert Franken dafür bieten, und daß Dich der Has beiß, für fünfhundert Franken gibt eine Griſette, ſollte ich meinen, noch ganz andere Dinge als ihren Hund. Und,“ fügte er entſchloſ⸗ ſen hinzu,„wenn es mir nicht gelingen ſollte, ſo werde ich auf Mittel ſinnen, daß Dich der Has beiß! Ich will mich nicht dem Schmerz ausſetzen meinen armen Dumesnil vergiftet in der Haut meines armen Black an einem Eckſtein ſich wälzen zu ſehen.“ Der Chevalier mußte höchſt aufgeregt ſein, um in ſo kurzer Zeit zweimal hinter einander einen Schwur zu wagen, den er nur bei großen Gelegen⸗ heiten vom Stapel ließ. Aber als er an die Porte Morard kam, fand er die Promenade gänzlich verlaſſen. Er durchſtöberte ſie nach allen Richtungen, durch⸗ ſuchte alle Biegungen und Krümmungen, bemerkte aber weder Männlein noch Fräulein; es hatte ſo eben auf der Cathedrale neun Uhr geſchlagen, 8 zu dieſer Stunde begibt ſich ganz Chartres zu ette. Er begann zu fürchten, daß er ſchlecht gehört, echt begriffen habe; er zählte die Minuten und pfand alle Gemüthsbewegungen, die das Herz nes Verliebten aufrühren, wenn er den Gegen⸗ 5 ſtand dieſer Liebe erwartet und wenn dieſe Liebe ſeine erſte Liebe iſt. Endlich hörte der Chevalier Tritte im Schatten, riß ſeine Augen weit auf und bemerkte eine weib⸗ liche Geſtalt, die ſich unbeſtimmt und verworren in der Umrahmung der Porte Morard abzeichnete. Er wollte ihr entgegenſtürzen, als dieſer Geſtalt beim Vorbeigehen unter einer Laterne eine an⸗ dere Geſtalt ſich zugeſellte, die ihre Ankunft zu er⸗ warten ſchien. Es war zu ſpät; Thereſe war ſo eben erreicht worden. Von wem? Von Gratien vermuthlich. Der Chevalier empfand eine lebhafte Unruhe. Er mußte ſeine Zuflucht zu den Pfiffen und Kniffen der Waldläufer Americas, zu den Kriegs⸗ liſten eines Natty Lederſtrumpf und des Indianers Coſta nehmen, was Alles nicht zu ſeinen Gewohn⸗ heiten paßte und ſeinem Character nicht zuſagte. Unglücklicher Weiſe durfte keine Minute mit Ueberlegnng verloren werden, wenn er unbemerkt zu bleiben wünſchte; der Chevalier ſchlich ſich daher raſch auf die Böſchung, welche an den Bach führt, und legte ſich da auf ſeinen Bauch. Der feuchte und kalte Raſen, der ihr pich diente, erregte ihm Schauder, in j halm lauerte ein Rheumatismus. Dieß war wohl der Augenblick die wilde rung ſeiner Leidenſchaften zu beklagen. Der Chevalier beklagte ſie aus dem Grund ſei⸗ 6 8 6 nes Herzens, blieb jedoch auf ſeinem Platz, obſchon er gänzlich vom Thau befeuchtet war. Während dieſer Zeit kamen die zwei jungen Leute über die Brücke und gingen zehn Schritte an ihm vorüber. Ohl es war wirklich das junge Mädchen, das er am Morgen verfolgt; es war wirklich der roth⸗ haarige Offizier, deſſen vertrauliche Mittheilungen er belauſcht hatte. Black lief hinter ihnen her und zwar mit einer Gravität, welche deutlich anzeigte, daß das ehrliche Thier ſich der ſittlichen Bedeutung ſeiner dermali⸗ gen Verrichtungen volllommen bewußt war. Der Offizier ſprach, nach ſeinen Geberden zu ſchließen, zwar leiſe, aber mit einer gewiſſen Hef⸗ tigkeit zu ſeiner Begleiterin; das junge Mädchen ſchien ihn aufmerkſam anzuhören; ihre Haltung war traurig und ſchwermüthig. Von Zeit zu Zeit hob ſich die Silhouette des Wachtelhundes ſchwarz auf dem hellern Kleid ſeiner Gebieterin ab, und er reckte ſeinen Kopf bis zu ihrer Hand empor, um eine Liebkoſung zu begehren. Auf einmal hörte der Chevalier den Tritt einer Perſon, die über die Brücke kam und mit der größ⸗ ten Behutſamkeit einherſchritt. Er wandte ſeinen Kopf nach der Seite, woher kam, aber ohne Zweifel ging der neue gebückt hinter der Bruſtwehr, denn r vermochte Nichts zu entdecken. dieſem Augenblick kamen die zwei Spazier⸗ änger auf die Höhe des Poſtens zurück, wo der hevalier auf Beobachtung lag, und nun hörte 7 das Geräuſch, das der Letztere vernommen hatte, plötzlich auf. Als ſodann die jungen Leute auf ihrem Rück⸗ weg fünfzig Schritte in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung gemacht hatten, hörte Herr de la Graverie deutlich den matten Ton eines weichen Körpers, der auf den Boden geworfen wurde, und glaubte einen Gegenſtand von der Größe eines Eis einige Schritte von ſich mitten auf der Promenade rollen zu ſehen; ſodann erkannte er, daß das unſichtbare Individuum, das aber ſo handgreiflich ſeine Ge⸗ genwart verrathen hatte, ſich haſtig entfernte. Mamſell Thereſe und Herr Gratien befanden ſich jetzt am Ende der Promenade. Der Chevalier berechnete, daß er Zeit hatte die ehrliche Abſicht auszuführen, wegen welcher er ge⸗ kommen war. Er richtete ſich auf und mit einer Geſchwindig⸗ keit, deren er ſich unfähig geglaubt hätte, ſprang er auf die Straße, tappte trotz der ſchweren Uebel⸗ ſtände, die daraus erfolgen konnten, mit ſeinen Händen im Kothe umher und begann ängſtlich das⸗ jenige zu ſuchen, was nach ſeiner Vorausſehung eine Lockſpeiſe war, wodurch das Leckermaul des armen Black in Verſuchung geführt werden ſollte. Die Verrichtungen des Chevalier waren nicht der verführeriſchſten Art, aber nach zwei oder drei Selbſttäuſchungen, die ſein feiner Takt ihm ſogleich klar machte, fand er den geſuchten Gegenſtand und erkannte, daß es ein Stück Fleiſch war, das höchſt wahrſcheinlich mit Arſenik beſtreut worden. — 8 Er warf es weit weg und hörte mit Befriedi⸗ gung, wie es in den Fluß fiel. Aber Louvilles frevelhafte Idee hatte ihm ſei⸗ nerſeits eine unſchuldige und ganz ſeinem Charac⸗ ter entſprechende Idee eingegeben. Gleichwie der kleine Däumling Kieſelſteine aus⸗ geſtreut hatte, die ihn in ſein Haus zurückführen ſollten, ſo wollte er jetzt Zuckerſtücke ausſtreuen, welche Black bis zu ihm geleiten ſollten. Es regte ſich freilich ein Gewiſſensbiß in ſeinem Herzen, im Fall ſeine Kriegsliſt gelingen ſollte. Er mußte ſichs zum Vorwurf machen, daß er einen ihm nicht gehörigen Hund nahm und dadurch die Tugend des jungen Mädchens entwaffnete. Aber wenn er ſich Blacks nicht augenblicklich bemächtigte, ſo war Black verloren. Seine Abſicht war geweſen Black nicht zu neh⸗ men, ſondern ihn dem jungen Mädchen abzukaufen. Aber warum war das junge Mädchen nicht allein vor ſeine Blicke getreten? Er würde ſie dann gewarnt haben. An Gratiens Arm war dieß unmöglich. Er war alſo das Opfer der Umſtände und die Entführung Blacks wurde als durch die Nothwen⸗ digkeit geboten entſchuldbar. Ueberdieß gedachte er, wenn er ſich Blacks be⸗ mächtigen konnte, ihn nicht zu behalten, ohne ſei⸗ ner Beſitzerin eine glänzende Entſchädigung zu geben. Auf ſeiner Böſchung liegend, ſtellte der Cheva⸗ lier all dieſe Betrachtungen an, während er die Ver⸗ liebten auf ſich zukommen ſah. ——— QQ—LK‧:n—;— 82 — 9 Die Wirkung, auf welche er rechnete, wurde hervorgebracht. Als Black das erſte Stück Zucker fand, zu wel⸗ chem ſein feiner Geruch ihn hinleitete, verrieth er eine lebhafte Befriedigung. Er ließ ſeine Gebieterin vorausgehen. Statt ihr zu folgen, begann er dann nach einem zweiten Stück Zucker zu ſuchen. Endlich kam er von Zucker zu Zucker bis an den Platz, wo der Chevalier liegend mit einem Stück Zucker in der Hand ihn erwartete. Der Chevalier pfiff leiſe, während er ihm ſeine Leckerwaare darbot. Als der Hund einen Mann erkannte, deſſen Benehmen er nur loben konnte— Black war zu verſtändig und zu billig, um Mariannes Waſſer⸗ eimer mit den Zuckerſtückchen des Chevalier zu ver⸗ wechſeln— als, ſagen wir, Black einen Mann er⸗ kannte, deſſen Benehmen er nur loben konnte, nä⸗ herte cr ſich ohne Mißtrauen und ſogar mit Kund⸗ gebungen einer gewiſſen Befriedigung. Der Chevalier begann ihn verrätheriſch zu hätſcheln; dann miß⸗ brauchte er Blacks Vertrauen, nahm ſeine Zeit wahr, um ihm ſein Schnupftuch in Form eines Halsbandes über den Kopf zu ziehen, machte einen feſten Knoten und erfreute ihn fortwährend mit Zuckerſtücken, bis die Eigenthümerin, die zu ſehr in Anſpruch genommen war um ſeine Abweſenheit zu bemerken, zurückgekehrt und auf der Chauſſee weit über ihn hinausgegangen war. Er ſchlich dann an der Böſchung hin bis auf die Brücke und zog Black mit ſich. Auf der Brücke bückte er ſich, wie Lou⸗ . 10 ville gethan hatte, ſo daß er ungeſehen hinüber kam. Sodann vertiefte er ſich in der Stadt, indem er ſeine ſo ſchmerzlich erſehnte Eroberung, mochte ſie nun wollen oder nicht, hinter ſich herſchleppte. Als Herr de la Graverie vor ſein Haus kam, ſteckte er ſachte den Schlüſſel ins Schloß und ſuchte die Thüre geräuſchlos zu öffnen; aber das roſtige Eiſen knarrte und hatte Mariannes furchtbares „Wer da?“ zum Echo. Augenblicklich erſchien die Haushälterin im Gang; in der einen Hand hielt ſie ein Licht, mit der an⸗ dern ſuchte ſie die Flamme deſſelben gegen den Wind zu ſchützen, der ſich unter der Thüre verfing. „Wer iſt da?“ „Ich, zum Teufel!“ antwortete der Chevalier, indem er ſeine Eroberung hinter ſich zurückdrängte und ſich alle Mühe gab, um ſie zu verheimlichen; nkann ich denn nicht mehr nach Hauſe kommen, ohne Ihrer Spionage ausgeſetzt zu ſein?“ „Spionage,“ wiederholte Marianne,„Spionage! Wiſſen Sie, Herr Chevalier, daß nur Uebelthäter das Auge ihres Nebenmenſchen fürchten?“ Auf einmal bemerkte die Köchin die Unordnung, die in den Kleidern des Chevalier vorherrſchte. „Ach, mein Gott!“ rief ſie, indem ſie zwei Schritte zurücktrat, wie wenn ſie ein Geſpenſt geſe⸗ ſehen hätte,„ach, mein Gott!“. „Nun, was denn?“ machte der Chevalier, in⸗ dem er vorüberzukommen verſuchte. „Sie haben ja keinen Hut.“ „Was macht Das? Kann ich nicht barhäuptig ſpazieren gehen, wenn es mir gefällt?“ 11 „Ihre Kleider ſind voll von Koth?“ „Ich bin von einem Wagenrad beſpritzt worden.“ „Von einem Wagenrad beſpritzt! Heilige Jung⸗ frau, welches Leben führen Sie, um in ſolchen Zu⸗ ſtänden und in ſo ungebührlichen Stunden heimzu⸗ kommen?“ In dieſem Augenblick ließ Black, der ſich bisher ziemlich ruhig gehalten hatte, aufgeregt durch die gelle und durchdringende Stimme Mariannes, in welcher er überdieß ſeine alte Feindin erkannte, ſeinerſeits ein furchtbares Geheul vernehmen. „Nun, meinetwegen geſchehe was da wolle,“ ſagte der Chevalier.— „Gerechter Himmel! ein Hund!“ kreiſchte Ma⸗ rianne;„und welch ein Hund! eine ſchreckliche ganz ſchwarze Beſtie mit zwei Karfunkelaugen im Kopf! Halten Sie ihn zurück, Herr, halten Sie ihn zu⸗ rück! Sehen Sie nicht, daß er mich freſſen will?“ „Ei, ſo halten Sie ſich ruhig und laſſen Sie mich vorüber.“ Aber es war nicht Mariannes Abſicht auf ſolche Art nachzugeben. „Was ſoll aus uns werden?“ rief ſie, ihre Weh⸗ klagen fortſetzend und Thränen in ihrer Stimme ſuchend.„Mein Gott, aus dem Zuſtand, worin Sie ſich befinden, kann man ſchon ſchließen, was das Haus mit einem ſolchen Gaſt werden wird; glücklicher Weiſe werden Sie ihn hoffentlich an die Kette legen.“ „An die Kette legen?“ rief Herr de la Gra⸗ verie voll Entrüſtung.„Niemals!“ „Sie wollen dieſes Thier in Freiheit laſſen? 12 Sie wollen mich jeden Augenblick bei Tag und bei Nacht ſeinen Biſſen ausſetzen? Nein, mein Herr, nein, Das wird nicht geſchehen.“ Und mit ihrem Beſen ſich bewaffnend, nahm Marianne die Haltung eines Grenadiers der alten Garde an, der ſeinen Herd vertheidigt. „Sie werden mich dieſen ſchrecklichen Hund fort⸗ jagen laſſen, nicht wahr?“ ſagte ſie,„oder ich ver⸗ laſſe augenblicklich Ihr Haus.“ Die Geduld des Chevalier war zu Ende; er ſtieß ſeine Haushälterin ſo heftig zurück, daß ſie, auf einen ſolchen Angriff nicht gefaßt, das Gleich⸗ gewicht verlor und mit gellem Geſchrei zu Boden ſtürzte. Das Licht war erloſchen, aber der Gang war rei. Der Chevalier ſchritt über Marianne weg, ging durch die Halle und ſtieg mit der Leichtigkeit eines jungen Menſchen die Treppe hinan; dann ſtieß er den Hund in ſein Zimmer, ging hinter ihm hinein, drehte den Schlüſſel zweimal herum und ſchob die Riegel vor. Dieß Alles geſchah mit dem Herzklo⸗ pfen eines entzückten Liebhabers, wenn eine ange⸗ betete Geliebte die Stelle des ſchwarzen Wachtel⸗ hundes vertritt. Der Chevalier nahm die drei beſten Kiſſen von ſeinen Ruheſitzen, legte ſie neben einander und machte daraus ein Bett für Black, ſo ſchmutzig er auch war. Black machte keine Schwierigkeiten; er drehte ſich dreimal um ſich ſelbſt und legte ſich dann reifartig nieder. 13 Der Chevalier betrachtete ihn voll Liebe, bis er eingeſchlafen war; dann entkleidete er ſich, legte ſich ebenfalls nieder und entſchlummerte. Seit drei Wochen hatte ſich der Chevalier kei⸗ nes ſo guten Schlafes erfreut. 1 II. Wo die bewaffnete Macht die Ruhe im Hauſe wiederherſtellt. Als der Chevalier am andern Morgen erwachte, hatte er Schmerzen in allen Gliedern; zum erſten Mal ſeit vierundzwanzig Stunden dachte er an die Unvorſichtigkeiten, wozu ſeine Leidenſchaft ihn ver⸗ leitet, und zitterte bei der Betrachtung, daß dieſel⸗ ben ſehr leicht ein Seitenſtechen, einen Gichtanfall oder einen Rheumatismus zur Folge haben könnten. Er befühlte ſich alſo den Puls, was er ſeit einem Monat verſäumt hatte, und da er ihn ruhig, kräf⸗ tig, regelmäßig und von gemäßigter Schnelligkeit fand, beruhigte er ſich bei dem Gedanken, daß es für alle Arten von Trunkenheit einen Gott gebe. Da ihm nun ſeine Geſundheit keinen Kummer mehr machte, ſprang er aus ſeinem Bett und be⸗ gann mit ſeinem Hund zu ſpielen, ohne zu bemer⸗ ken, daß kein Feuer im Kamin war. Gegen neun Uhr trat Marianne wie gewöhnlich ins Zimmer ihres Herrn, nur war ihr Geſicht noch bärbeißiger als gewöhnlich. Aber die Nacht hatte Rath gebracht. Die kluge Perſon ſprach nicht mehr von dem Rücktritt, den ſie am Abend geſchworen hatte. 14 Der Chevalier ſeinerſeits fühlte ſich im endli⸗ chen Beſitz des Gegenſtandes, wornach es ihn ſeit einem Monat gelüſtet, allzu glücklich, als daß er nicht den Großmüthigen geſpielt hätte. Ein Gedanke jedoch vergiftete ſeine Wonne: ein Gedanke, der halb Furcht halb Reue war. Er fürchtete, die junge Eigenthümerin Blacks möchte ihren Hund auskundſchaften und zurückfordern. Er fragte ſich, was aus ſeinem Ruf eines recht⸗ ſchaffenen Mannes werden ſolle, wenn die Art, wie er ſich des Thieres bemächtigt hatte, in der Stadt verlautete. Dann kehrten ſeine Ideen von geſtern zurück. Hatte er wirklich das Recht ſich Blacks zu be⸗ mächtigen? war Blacks Leben wirklich von dem Un⸗ terlieutenant bedroht? Kurz, er war nicht ohne Gewiſſensbiſſe in Be⸗ zug auf die Folgen, welche der Raub Blacks für das Leben des armen Kindes haben konnte, und vergebens ſagte er zu ſich, daß er weiter Nichts ge⸗ than, als Black einem ſichern Tod entriſſen habe, es gelang ihm nicht ſein Gewiſſen in dieſer Bezie⸗ hung vollkommen zu beruhigen. Um es zu verſuchen, legte er einen Fünfhun⸗ dertfrankenſchein in ein Billet und adreſſirte das⸗ ſelbe an Mamſell Thereſe bei Mamſell Francotte. Der Bankſchein war von einigen Zeilen beglei⸗ tet, worin er ſie, ohne irgend einen Grund für ſeine Freigebigkeit mitzutheilen, benachrichtigte, daß ſie duch im nächſten Jahr dieſelbe Summe erhalten werde. MNiit dieſer Summe war das junge Mädchen vor — 15 den ſchlimmen Eingebungen der Noth geſchützt, des verſucheriſchen Dämons, welchen Herr de la Gra⸗ verie als den furchtbarſten aller Dämonen betrachtete. Mit tauſend Franken, ſagte er, ſei der Verluſt des Wachtelhundes vollkommen erſetzt. Blieb noch übrig für die Erhaltung des Hundes zu ſorgen. Zu dieſem Behuf beſchloß der Chevalier ihn nie⸗ mals über ſeine Thürſchwelle zu laſſen. Er ſolle ſeine Sprünge im Garten machen. Dieſer hatte ſo hohe Mauern, daß von der Neu⸗ gierde der Nachbarn Nichts zu fürchten war. Black ſollte im Zimmer ſeines Herrn ſchlafen. Wenn Letzterer genöthigt wäre ſich auf ein paar Stündchen zu entfernen, ſo ſollte der Hund im Toi⸗ lettencabinet eingeſperrt und daſſelbe durch ein Vor⸗ hängeſchloß mit verborgener Feder geſchloſſen wer⸗ den, um das arme Thier vor dem Groll Marian⸗ nes zu ſchützen, an welche der Chevalier nicht ohne Beſorgniß denken konnte. Nur die Indiscretion der Letztern konnte die glücklichen Tage trüben, welche der Chevalier de la Graverie ſich in der Geſellſchaft Blacks verſprach. Aber ſchon am erſten Abend übernahm es der Zufall die rebelliſche Köchin in gänzliche Abhängig⸗ keit von dem Chevalier zu bringen. Dieſer ging weder vor noch nach ſeinem Diner aus. Er frühſtückte mit ſeinem Freund, er dinirte mit ſeinem Freund. Dem Programn getreu, das er entworfen hatte, führte er Abends ſeinen Freund im Garten ſpazieren. 16 Während der Chevalier ſich mit einem wilden Roſenſtock beſchäftigte, welchen er im Frühling ſelbſt oculirt hatte und deſſen Trieb ihm nicht recht ge⸗ fiel, benützte Black, der trotz der liebevollen Sorg⸗ ſamkeit, womit man ihn verpflegt, Etwas zu ver⸗ miſſen ſchien, den Umſtand, daß die Gartenthüre halb offen ſtehen geblieben war, um den Weg zu ſuchen, der ihn zu dem Gegenſtand ſeines Sehnens zurückführen konnte. Zum Unglück für ſeine Fluchtentwürfe mußte er, ehe er auf die Straße kam, durch die Hausflur und an der Küchenthüre vorbeikommen.. Aus dieſer aber drang ein wahrhaft lieblicher Bratengeruch. Black ging in die Küche, die auf den erſten Blick verlaſſen ſchien. Er ſuchte die Urſache dieſes Wohlgeruchs. Auf einmal blieb er ſtehen wie ein Hund, der auf eine Fährte gekommen iſt. Er begann gegen einen großen Schrank zu bellen, als wollte er ihn beſchuldigen, daß er das von ihm Geſuchte verberge. Inzwiſchen kam Marianne dazu: ſie war auf Blacks Gebell herbeigelaufen. Schon hatte ſie ihre gewöhnliche Waffe ergrif⸗ fen, aber Herr de la Graverie, der Blacks Ver⸗ ſchwinden bemerkt hatte, kam hinter ihr her. Die Haltung des Chevalier und ſein gebieten⸗ des Weſen machten, daß der Beſen den Händen der Köchin entſank. Der Wachtelhund indeſſen bekümmerte ſich Nichts um Das was um ihn her vorging, ſo nahe er auch 17 davon berührt wurde, ſondern fuhr fort wüthend den Schrank anzubellen. Herr de la Graverie öffnete beide Thüren deſ⸗ ſelben und erblickte zu ſeiner großen Verblüfftheit einen Küraſſier, der, als er in dem Chevalier den Hausherrn erkannte, ehrerbietig an ſeine Mütze griff, was, wie Jedermann weiß, der militäriſche Gruß iſt. Marianne ſank auf einen Stuhl, wie wenn es ihr möglich wäre in Ohnmacht zu fallen. Der Chevalier begriff Alles. Aber ſtatt ſich von einem unbedachten Zorn hin⸗ reißen zu laſſen, ſah er auch ſogleich ein, welchen Nutzen er aus dieſem Ereigniß ziehen konnte. Er ſtreichelte den Hund zum Danke und gab Marianne einen Wink ihm zu folgen. Er führte ſie blos bis in die Hausflur. Hier blieb er ſtehen und hob in ernſtem Tone an: „Marianne, Sie haben bei mir dreihundert Fehnten Lohn; Sie betrügen mich um ſechshun⸗ ert...“ Marianne verſuchte es den Chevalier zu unter⸗ brechen; Dieſer aber gebot ihr mit einer Geberde feſter Ueberzeugung Schweigen. „Sie betrügen mich um ſechshundert,“ fuhr er fort,„wobei ich die Augen zudrücke, ſo daß Sie den beſten Platz in der ganzen Stadt haben; überdieß bin ich der einzige Menſch, der Ihren unerträgli⸗ chen Charakter aushalten kann; Sie haben ſo eben ſchmähliche Fortjagung verdient, ich werde Sie nicht fortjagen.“ Dumags, Black. II. 2 ihm zu danken. Marianne wollte ihren Herrn unterbrechen, um „Warten Sie! meine Nachſicht iſt an Bedingun⸗ gen geknüpft.“ Marianne verneigte ſich zum Zeichen, daß ſie bereit ſei unter den caudiniſchen Päſſen durchzuzie⸗ hen, die ihr Herr für ſie errichten wolle. „Sehen Sie,“ fuhr der Chevalier feierlich fort, „hier iſt ein Hund, den ich gefunden habe; aus Gründen, die ich Ihnen durchaus nicht anzugeben brauche, liegt mir viel daran ihn zu behalten, und überdieß wünſche ich, daß er bei mir glücklich ſei; wenn dieſer Hund in Folge Ihrer Schwätzereien zurückgefordert wird, wenn er in Folge Ihres Haſ⸗ ſes krank wird, oder auch wenn er in Folge einer berechneten Nachläſſigkeit entflieht, ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie augenblicklich aus mei⸗ nem Hauſe müſſen. Und jetzt, Marianne, können Sie, wenn Sie Luſt haben, zu Ihrem Küraſſier zu⸗ rückkehren; ich bin ſelbſt Soldat geweſen,“ ſchloß der Chevalier, ſich emporrichtend,„und ich habe keine Vorurtheile gegen die Krieger.“ Marianne ſchämte ſich dermaßen, daß ſie auf offener That ertappt worden, und in den Worten des Chevalier lag eine ſolche Feſtigkeit und Ent⸗ ſchloſſenheit, daß ſie, ohne eine Silbe zu erwidern, rechtsumkehrt machte und in ihre Küche zurückging. Der Chevalier ſeinerſeits war hoch erfreut über dieſen Zwiſchenfall, der ihm neben ſeinen andern Berechnungen den ruhigen Beſitz des Wachtelhun⸗ des zu ſichern ſchien. Er täuſchte ſich nicht, R—** 19 Von dieſem Tage an begann für Dieudonné ein Leben voller Wonne; der Genuß machte den Che⸗ valier weder lau noch gleichgiltig gegen die Reize des Thieres; im Gegentheil wurde er mit jedem Tag anhänglicher an die Eroberung, die ihn ſo viel Mühe und Sorge gekoſtet hatte; jeden Tag entdeckte er an Black ſo ausgezeichnete Eigenſchaften, daß ſeine Ideen über die beſtändige Aufeinanderfolge der Weſen ſich ihm gar häufig wieder aufdrängten; er konnte dann nicht umhin Black mit einer gewiſ⸗ ſen Rührung anzuſehen; er redete ihm von der Vergangenheit vor, er erzählte ihm vorzugsweiſe all die Epiſoden ſeines Lebens, an welchen Dumes⸗ nil Theil genommen hatte; zuweilen verirrte er ſich in dieſen holden Erinnerungen wie in einem Zau⸗ berwald, und vergaß ſich ſo weit, daß er ihm, wie der Hauptmann dem Veteran, zurief: „Denkſt Du daran?“ Und wenn in dieſem Augenblick der Hund ſei⸗ nen intelligenten Kopf erhob und ihn mit aus⸗ drucksvollen Augen anſchaute, da fielen bei dem Chevalier allmählig, wie die dürren Blätter vom Baume fallen, alle Zweifel, die er noch hegte, und während der paar Stunden, welche dieſer Anfall von Monomanie dauerte, konnte er ſichs nicht ver⸗ ſagen Black mit der dankbaren Ehrerbietung zu be⸗ handeln, die er ſonſt ſeinem Freunde gewidmet hatte. So ging es ſechs ganze Monate fort. Allerdings mußte der Wachtelhund, wenn er nicht das difficilſte Geſchöpf ſein wollte, ſich als den glücklichſten aller Vierfüßler betrachten; dennoch 2 20 zeigte er ſich und zwar oft genug, um den Cheva⸗ lier zu beunruhigen, traurig, bekümmert, befangen; er ſchaute die Wände an und betrachtete die Thüre mit einem ſehr beſtimmten Anſtrich von Schwer⸗ muth; durch alle dieſe Zeichen ſchien er dem Che⸗ valier begreiflich zu machen, daß weder die geraume Zeit die verfloſſen war, noch die gute Behandlung die er genoß, ihn dahin gebracht hatten ſeine Be⸗ ſitzerin zu vergeſſen; und dieſe Beharrlichkeit in einer Neigung, welche gänzlich außer der alten Ver⸗ bindung lag, die Dumesnil mit ihm allein verknü⸗ pfen ſollte, ſtörte den Chevalier am mächtigſten in der troſtreichen Idee, daß Black und ſein Freund Einer und Derſelbe ſeien. Eines Abends, es war im Frühling, brach die Nacht herein; Herr de la Graverie, der einige Be⸗ ſuche zu machen wünſchte, raſirte ſich. Tags zuvor und während des ganzen Tags hatte Black unruhiger geſchienen als gewöhnlich. Auf einmal hörte der Chevalier auf der Treppe ein durchdringendes Geſchrei und erkannte die Stimme Mariannes, die verzweiflungsvoll rief: „Herr! Herr! zu Hilfe! zu Hilfe! Ihr Hund entflieht!“ Herr de la Graverie warf ſein Meſſer weg, wiſchte ſein halbraſirtes Geſicht ab, ſchlüpfte in den nächſten beſten Rock, der ihm unter die Hand kam, und befand ſich in einer Minute im Erdgeſchoß. Auf der Thürſchwelle fand er Marianne, die mit unverſtellter und wirklicher Angſt im Geſicht dem Wachtelhund nachſah, der über Hals und Kopf da⸗ vonlief und am äußerſten Ende der Straße verſchwand. 21 „Herr,“ ſagte die Haushälterin in kläglichem Tone,„ich ſchwöre Ihnen, daß ich die Thüre nicht offen gelaſſen habe; der Briefträger hat es gethan.“ „Ich hatte es Ihnen vorher geſagt, Marianne,“ antwortete der Chevalier wüthend;„Sie ſind nicht mehr in meinem Dienſt, packen Sie Ihre Sachen zjammer und verlaſſen Sie augenblicklich das aus.“ Ohne die Antwort der verzweifelten Köchin ab⸗ zuwarten, ohne zu bedenken, daß er barhäuptig war und nur Pantoffeln an den Füßen hatte, machte ſich der Chevalier auf, um das Thier zu verfolgen. III. Wohin Hlack den Chevalier führt. Da der Chevalier die einzuſchlagende Richtung ſo ziemlich kannte, ſo brauchte er mit Aufſuchung ſeines Wegs keine Zeit zu verlieren. Im Gegentheil machte er ſich ohne Bedenken auf den Weg und lief ſo ſchnell, daß er Black in Bälde nur hundert Schritte vor ſich erblickte; er rief ihm nach, aber Black ſchlug allerlei Seitengäß⸗ chen ein, ſo daß der Chevalier ihn erſt in der Vor⸗ ſtadt wieder zu ſehen bekam, wo, wie er wußte, die ehemalige Beſitzerin des Hundes wohnte, deren Hausnummer er aber nicht kannte. Der Chevalier war ihm ſo nahe, daß er einen Augenblick hoffte ſich ſeiner bemächtigen zu können. Sei es nun, daß der Hund den Blicken des Chevalier nicht gänzlich entſchwinden wollte, oder 22 daß dieſer das Labyrinth von Straßen, worin Black ſich verirrt zu haben ſchien, ſo gut kannte wie ein gewöhnlicher Spießbürger von Chartres, kurz, der Chevalier kam ihm keuchend ganz nahe. Als er jedoch die Hand ausſtreckte, um ihn bei dem prächtigen Halsband zu faſſen, das er ihm hatte machen laſſen, da that Black einen Seiten⸗ ſprung und warf ſich in den Gang des dritten Hau⸗ ſes zur Linken. Der Gang war ſchmal, feucht, ſchmutzig und dunkel. Und gleichwohl nahm der Chevalier keinen An⸗ ſtand ſeinem undankbaren Koſtgänger dahin zu folgen. Er fragte ſich nicht einmal, was er antworten ſollte, im Fall das Thier ihn vor das junge Mäd⸗ chen führte, dem er es entwendet hatte. Nachdem der Chevalier einige Zeit in dem fin⸗ ſtern Cloak herumgetappt hatte, kam ſeine Hand endlich an ein Seil. Dieſes Seil, das ein Geländer vorſtellen ſollte, zeigte eine Treppe an. Der Chevalier de la Graverie ſuchte die Stu⸗ fen mit dem Fuße, und nachdem er die erſte gefun⸗ den hatte, begann er bei einem ſchwachen Schein, den er über ſeinem Kopfe durch ein ſchlechtes ſtaub⸗ bedecktes Fenſterwerk hindurch erblickte, wo die feh⸗ lenden Scheiben mit beöltem Papier erſetzt waren, die Treppe hinanzuſteigen. Er gelangte in den erſten Stock. Hier waren alle Thüren verſchloſſen. Der Chevalier horchte. 23 Man hörte kein Geräuſch aus den Zimmern kommen; es war klar, daß der Hund hier nicht Halt gemacht hatte. Der Chevalier griff von Neuem nach dem Seil und ſetzte ſeine Aufſteigung fort. Nach dem erſten Stock wurde die Treppe ſchma⸗ ler, was jedoch den Chevalier nicht hinderte den zweiten zu erreichen. Er horchte wiederum.— ter zweite Stock war eben ſo ſtumm wie der erſte. Um weiter hinauf zu gelangen, endete die Treppe als Leiter, gleich jenen Frauen Virgils, deren Kör⸗ per als Fiſch endete. Herr de la Graverie begann zu fürchten, der Hund möchte einen Ausgang, den er ſelbſt nicht geſehen, benützt haben, um aus dem Hauſe zu ent⸗ wiſchen und in einen Hof zu gelangen. Aber in dieſem Augenblick hörte er über ſeinem Kopf das traurige und anhaltende Geheul ertönen, durch welches die Hunde einem ſehr verbreiteten Glauben zufolge den Tod ihres Herrn ankündigen. Dieſes klägliche Geſchrei in dem düſtern Hauſe, das verödet ſchien, machte das Blut des Chevalier zu Eis in ſeinen Adern, die Haare ſtanden ihm zu Berge, und ein kalter Schweiß badete ſeine Stirne. Aber er dachte beinahe ſogleich, daß Black an die Thüre ſeiner Gebieterin gekommen ſei und, da er ſie verſchloſſen gefunden, durch die Thüre hindurch dieſe klägliche Aufforderung an ſie erlaſſe. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war alſo das junge Mädchen nicht daheim. 24 Der Chevalier mußte alſo Black an der Thüre treffen, und in einem engen Gange blokirt mußte dieſer ſich ergeben. Dieſe Idee gab dem Chevalier neuen Muth. Er klammerte ſich alſo an die Sproſſen der Lei⸗ ter feſt und verſuchte die Aufſteigung. Dieß erinnerte ihn an jenen Tag der Verzweif⸗ lung, wo er, ſtatt eine Leiter hinanzuſteigen, mit Hilfe ſeiner Tücher hinabſtieg. Von dieſem Punkt aus machte ſein Gedanke einen weitern Schritt: er erinnerte ſich an Mathilde, und ſo verhärtet auch ſein Herz in dieſer Beziehung war, ſo ſtieß er doch einen Seufzer aus. Aber während er ſeußzte, ſtieg er immer weiter. Als er etwa zwanzig Sproſſen hinangeſtiegen war, gerieth er mit ſeinem halben Leib in eine Fallthuͤre.. Sie ging in ein Dachkämmerchen, wo vollſtän⸗ dige Finſterniß herrſchte. Es ſchien auf den erſten Blick leer wie das ganze übrige Haus, und dennoch unterlag es keinem Bueljel daß der Lauf des Thieres hier geendet hatte. In der That hatte der Chevalier kaum den Fußboden betreten, ſo war das Thier auf ihn zu⸗ gekommen und hatte ihn mit einer Zärtlichkeit be⸗ leckt, die er noch nie an ihm bemerkt hatte. Aber als der Chevalier die Hand nach dem Hund ausgeſtreckt, wie wenn er ihn an ſeine Pflicht erinnern wollte, da hatte Black ſich raſch entfernt und ſich am Fuß eines Schragens niedergelegt, den man unbeſtimmt in der Dunkelheit erkannte. 25 Er ſtand in einer Ecke, den Dachziegeln entlang, ſo daß er von dem ſchwachen Lichtſtrahl, der durch ein ſchmales Fenſterchen in dieſes Gelaß herein⸗ drang, nicht berührt wurde. Nichts regte, Nichts bewegte ſich in dieſem Speicher. 1 „Iſt Jemand hier?“ fragte der Chevalier. Niemand antwortete; nur kam Black zum zwei⸗ ten Mal und rieb ſich an ſeinen Beinen. In dieſem Augenblick bemerkte der Chevalier, daß die Atmoſphäre des Speichers von einem her⸗ ben durchdringenden Geruch geſchwängert war, der ihm ſcharf zur Naſe ſtieg. Seine Aengſtlichkeit kehrte zurück; er wollte flie⸗ hen und rief Black. Black ſtieß ein zweites Geheul, noch unheimlicher das erſte, aus und verbarg ſich unter dem ett. Der Chevalier konnte ſich nicht entſchließen Black zu verlaſſen. Er ſuchte Licht. 4 „Bei dieſer Gelegenheit ſtieß er mit dem Fuß an eine eiſerne Wärmpfanne und warf ſie um. Beinahe zu gleicher Zeit geriethen ſeine Finger an einen phosphoriſchen Feuerzeug. Jetzt hatte er augenblicklich Feuer. Er zündete eine Lampe an, die er auf einem Stuhl bemerkte. Dann näherte er ſich dem Schragen. Er ſah eine Frau darauf liegen. Das Geſicht dieſer Frau oder vielmehr dieſes jungen Mädchens war veilchenblau; ihre Lippen 26 waren ſchwarz; ein ſtarker Schweiß hatte ihre Haare an ihre Schläfe geklebt; ihre Zähne waren feſt üͤber einander gebiſſen. Der ganze Leib ſchien bereits erſtarrt durch die Kälte des Todes und regte ſich nicht mehr. Die einzigen Kennzeichen, daß die Seele den Körper noch nicht verlaſſen hatte, beſtanden im Zittern der bläulichen Wimpern der Sterbenden ſo wie in dem ſchwachen Hauch, der aus ihrem zuſammenge⸗ zogenen Munde kam und bewies, daß ſie noch nicht ganz von ihren Schmerzen erlöst war. In dieſem halben Leichnam erkannte Herr de la Graverie das junge Mädchen, das er an einem Sonntag im vorigen Herbſt verfolgt, kurz dieſelbe, welcher er Black entwendet hatte. Er ſprach zu ihr: aber ſie war zu ſchwach, um ihm zu antworten. Gleichwohl hörte ſie ihn; denn ſie ſchlug ihre Wimpern wieder auf, richtete ihre verſtörten Au⸗ gen gegen ihn und bot ihm die Hand. Von tiefem Mitleid ergriffen, in welches ſich einige Reue zu miſchen begann, ergriff der Cheva⸗ lier dieſe Hand. Sie war eiskalt. „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte er, nach ſeiner Gewohnheit laut ſprechend,„ich kann doch dieſes unglückliche Geſchöpf nicht ſterben laſſen, und da ich ohne Hut durch die Stadt gelaufen bin, um Black einzuholen, ſo kann ich ſie wohl in demſelben Zu⸗ ſtand noch einmal durchlaufen, um Herrn Robert zu holen. Der Chevalier kannte Herrn Robert nicht; aber —,— —2,— ) 27 er wußte, daß Herr Robert der berühmteſte Arzt von Chartres war. „Ich bin ihr dieß wahrlich ſchuldig, ich bin es ihr wahrlich ſchuldig,“ wiederholte der Chevalier, indem er die Sterbende betrachtete, wobei ihm zum zweiten Mal die merkwürdige Aehnlichkeit auffiel, die das junge Mädchen mit Mathilde hatte, als die⸗ ſelbe im gleichen Alter geſtanden. Er überließ ſie nun der Obhut Blacks und ſtieg die Leiter ſchneller hinab, als er herauf geſtiegen war, obſchon ſeine jetzige Operation weit mehr Schwierigkeiten hatte. Der Arzt war ausgegangen; der Chevalier hin⸗ terließ ihm die Adreſſe des jungen Mädchens nebſt Einzelheiten, die ihm geſtatteten ohne weitere Er⸗ kundigung zu ihr zu gelangen. Dann kehrte er ſelbſt in der größten Eile nach dem Faubourg zurück. Er fand das Dachſtübchen in demſelben Zuſtand wieder, worin er es gelaſſen hatte; nur war Black, um die eiſige Kälte zu bekämpfen, worunter ſeine junge Gebieterin litt, auf das Bett geſtiegen und hatte ſich auf die Füße der Patientin gelegt. Als Herr de la Graverie bemerkte, daß der Hund ſein Beſtes that, um Thereſe wieder zu wärmen, ſo kam er auf eine Idee: er wollte dem Hund mit aller Macht in ſeinem Unternehmen beiſtehen. Er richtete den Ofen wieder her, ſammelte alle Kohlenſtücke, die er auf dem Boden zerſtreut fand, und verſuchte das Feuer wieder anzuzünden. Wir müſſen geſtehen, daß der arme Chevalier 28 dieſem Geſchäfte mit mehr gutem Willen als Ge⸗ ſchicklichkeit nachkam. Er bemerkte ſelbſt, wie ſchlecht er ſich dabei an⸗ ſtellte, und es war nichts Geringeres als der Schrei ſeines guten Herzens und das Beiſpiel Blacks nö⸗ thig, um ihn zur Nacheiferung zu beſtimmen. Aber er erfüllte ſeine vermeintliche Pflicht nicht, ohne wie gewöhnlich vor ſich hin zu brummen. „Dieſer verdammte Hund!“ ſagte er,„er hatte wohl nöthig zu entfliehen; was fehlte ihm denn? Er hatte ſeine gute Koſt, er ſchlief auf einer ſchö⸗ nen, angenehmen, weichen Wolfshaut; wie konnte ihm denn die ſonderbare Idee kommen ſich nach die⸗ ſem ſchrecklichen Neſte da zurückzuſehnen? Ahl ich hatte wohl Recht jede Art von Anhänglichkeit zu verfluchen und zu fliehen. Ohne dieſe Anhänglich⸗ keit, die Du, dummes Thier, Deiner Beſitzerin be⸗ wahrt haſt— und ſo ſprechend betrachtete er Black mit unſäglicher Zärtlichkeit— ohne dieſe Anhäng⸗ lichkeit wären wir jetzt ganz ruhig und ganz glück⸗ lich in unſerem Gärtchen; Du würdeſt auf dem Ra⸗ ſen ſpielen und ich würde meine Roſenſträuche be⸗ ſchneiden, die deſſen ſehr bedürfen... und dieſe hölliſche Kohle, die nicht brennen will! Daß Dich der Has beiß, ſie will nicht brennen. Hätte ich doch Jemand im Haus finden können, ſo hätte ich dieſes junge Mädchen verpflegen laſſen. Ich hätte dieſen Frohndienſt mit Geld abgekauft; ich hätte von Herzen gern Alles bezahlt was man verlangt hätte. Aufrichtig geſtanden, wäre es nicht aufs Gleiche hinausgekommen?“ „Nein, Chevalier,“ ſagte eine Stimme hinter +⁸ BX O A8 e NN R 29 Dieudonné,„nein, es wäre nicht aufs Gleiche hin⸗ ausgekommen, und Sie werden es ſelbſt einſehen, wenn wir das Glück haben die Kranke zu retten, für die Sie ſich intereſſiren.“ „Ah! Sie ſinds, Doctor!“ ſagte der Chevalier, der bei den erſten Worten des neuen Ankömmlings zuſammengefahren war und beim Anblick des mild⸗ ernſten Geſichtes auf den Arzt geſchloſſen hatte; „ſehen Sie, Ihnen kann ichs wohl geſtehen, ich habe einen Abſcheu vor den Kranken und große Furcht vor den Krankheiten.“ „Ihr Verdienſt und die Befriedigung Ihres Ge⸗ wiſſens werden dadurch nur um ſo größer,“ ant⸗ wortete der Arzt;„übrigens, glauben Sie mirs, ge⸗ wöhnt man ſich an Alles, und Sie würden keine zehn Perſonen wie dieſe hier verpflegt haben, ſo würden Sie keinen andern Beruf mehr wünſchen. Nun, wo iſt denn die Kranke?“ „Hier,“ ſagte der Chevalier, auf das Bett zeigend. Der Doctor trat auf das junge Mädchen zu, aber Black ſtieß, als er den Unbekannten auf ſeine Gebieterin zuſchreiten ſah, ein drohendes Gebell aus. „Nun, nun, Black, nun, nun, mein Junge!“ ſagte der Chevalier,„was ſoll Das bedeuten?“ Und er brachte durch Liebkoſungen den Hund zum Schweigen. Der Doctor ergriff die Lampe und ließ ihren fackelnden Schein über das Geſicht der Kranken chweifen. „Ah, ah!“ ſagte er,„ich dachte mirs wohl; aber ich hielt den Fall nicht für ſo bedenklich.“ 30 „Was iſt es denn?“ fragte der Chevalier. „Was es iſt? Es iſt die Cholera, die wahre Cholera, die aſiatiſche Cholera in ihrer häßlichſten Geſtalt.“ „Daß Dich der Has beiß!“ rief der Chevalier. Und er lief nach der Leiter zu. Aber bevor er an die Thüre kam, verſagten ihm ſeine Beine und er ſank auf einen Schemel. „Nun, was haben Sie denn, Chevalier?“ fragte der Doctor. „Die Cholera,“ wiederholte Dieſer, dem der Athem und die Kraft zum Aufſtehen ausging;„die Cholera! Ach, die Cholera iſt ja contagiös, Doctor!“ „Die Einen ſagen endemiſch, die Andern conta⸗ giös, wir ſind darüber nicht einig.“ „Aber Ihre Anſicht?“ fragte Dieudonné. „Meine Anſicht iſt, daß ſie contagiös iſt,“ ant⸗ wortete der Doctor;„aber wir haben jetzt nicht Zeit uns damit zu beſchäftigen. „Wie ſo! wir haben uns nicht damit zu beſchäf⸗ gen? Et, ich bitte Sie vielmehr zu glauben, Doc⸗ tor, daß ich mich mit gar nichts Anderem beſchäftige.“ Und in der That war der Chevalier leichenblaß; dicke Schweißtropfen perlten auf ſeiner Stirne, ſeine Zähne klapperten. „Ei was,“ ſagte der Doctor,„Sie, der Sie beim gelben Fieber ſo tapfer geweſen, Sie ſollten vor der Cholera Angſt haben, Chevalier?“ „Beim gelben Fieber!“ ſtammelte Dieudonné; „woher wiſſen Sie, daß ich beim gelben Fieber Muth habe?“ 31 „Ei,“ antwortete der Doctor,„habe ich Sie nicht ſelbſt bei der Arbeit geſehen?“ „Wann?“ fragte der Chevalier mit verſtörter Miene. „Als Sie Ihren Freund, den armen Capitän Dumesnil, in Papaeti verpflegten, war ich da etwa nicht zugegen?“ „Sie? Sie waren da?“ fragte der Chevalier ganz betäubt. „Ich begreife; Sie erkennen den jungen Doctor des Dauphin nicht; ich war damals ſechsund⸗ zwanzig Jahre alt, jetzt bin ich einundvierzig. Vier⸗ zehn oder fünfzehn Jahre verändern einen Men⸗ löen ſehr; auch Sie, Chevalier, haben ſich abge⸗ rundet.“ „Ci, ei, ei!“ rief der Chevalier;„wie! Sie ſinds, Doctor?“ „Ja, ich bins; ich habe den Dienſt quittirt und mich in Chartres niedergelaſſen. Zwei Berge kom⸗ men nicht zuſammen, Chevalier, wohl aber zwei Menſchen, und der Beweis iſt, daß wir uns jetzt am Bett einer Kranken zuſammenfinden, mit der es nicht viel beſſer ausſieht, als mit dem armen Capitän.“ „Aber die Cholera, Doctor! die Cholera!“ „Sie iſt das Geſchwiſterkind des gelben Fiebers, der ſchwarzen Peſt und des ſchwarzen Erbrechens; haben Sie vor der einen nicht mehr Angſt, als Sie vor dem andern hatten; alles Das gehört zu der Familie der tollen Hunde, welche nur Diejenigen beißen die entfliehen wollen. Muth, zum Henker! Ich ſehe da in Ihrem Knopfloch ein Stüͤck rothes Band, was beweist daß Sie im Feuer geweſen ſind; rufen Sie Ihre ſchönen Tage als alter Mili⸗ tär zurück und laſſen Sie uns der Cholera zu Leibe gehen, wie Sie ins Feuer gegangen ſind.“ „Aber,“ ſtammelte der alte Soldat,„glau⸗ ben Sie nicht, Doctor, daß wir uns einer nutzlo⸗ ſen Gefahr ausſetzen, und glauben Sie, daß wir einige Ausſicht haben dieſes unglückliche junge Mäd⸗ chen zu retten?“ In ſeiner Eigenliebe pikirt, ergab ſich der Che⸗ valier darein in der Mehrzahl zu ſprechen. „Wenig Ausſicht, das gebe ich ſelbſt zu,“ ant⸗ wortete der Doctor;„die Kranke befindet ſich be⸗ reits in der kalten Periode: die Nägel ſchwärzen, die Augen höhlen ſich, die Extremitäten ſind kalt, ich wollte wetten, daß die Zunge bereits wie Eis iſt. Aber gleichviel, ſie lebt noch, wir müſſen den Tod bekämpfen, Sie wiſſen, ich bin gewohnt nicht vor ihm zurückzuweichen; ich gehöre zur Race der Bulldoggen, Chevalier; ſo lange mir ein Stück zwiſchen den Zähnen bleibt, halte ich feſt; aber wir haben bereits zu viel Zeit verloren... ans Werk!“ Unter dem Eindruck des Schreckens, welchen das Wort Cholera ihm eingejagt hatte, war der Cheva⸗ lier dem Arzt im Anfang beinahe unnütz; glückli⸗ cher Weiſe hatte der Doctor, der aus einigen Wor⸗ ten des Chevalier zu ſeinem Bedienten auf einen Choleraanfall geſchloſſen, aus ſeiner Apotheke Aether und Nießwurz mitgenommen, die beiden Medica⸗ mente, womit er die Cholera bekämpfte. Der arme Dieudonné ging im Zimmer umher, wie wenn er den Kopf verloren hätte; zuletzt aber vermochten 33 doch die Ruhe und Gewiſſenhaftigkeit, womit der Arzt ſich der Kranken näherte, ihren Athem ein⸗ ſog und ſie befühlte, ſeine Beſorgniſſe zu beſchwich⸗ tigen und ſeine Angſt zu mindern. Seine Neigung zu dem armen Hund hatte be⸗ reits in das egoiſtiſche Gefühl, das er in ſeinem Herzen als Fahne aufgepflanzt, Breſche geſchoſſen; ſein ins Spiel gezogener Stolz und beſonders ſein Mitgefühl für die Leiden der Patientin vollendeten allmählig den Triumph über daſſelbe. Er trat nun gleichfalls an den Schragen der Sterbenden und half dem Doctor die Ziegel um ſie her legen, welche dieſer Letztere aus der Mauer geriſſen und gewärmt hatte. Der Wachtelhund begriff ohne Zweifel, warum man ſich um ſeine Gebieterin ſo bemühte; er ſprang vom Bett herab, um den beiden Männern freien Spielraum zu laſſen, und leckte die Hände des Chevalier. Dieſes Zeichen von Erkenntlichkeit rührte Dieu⸗ donné tief; die Viſionen von Seelenwanderung kehrten in ſeinen Geiſt zuruck, und er rief mit Be⸗ geiſterung: „Sei ruhig, mein armer Dumesnil, wir werden ſie retten.“ Der Doctor war zu ſehr mit der Kranken be⸗ ſchäftigt, um die eigenthümlichen Worte zu beachten, die der Chevalier zu dem ſchwarzen Hund ſagte; er begriff blos den allgemeinen Sinn derſelben. „Ja,“ ſagte er,„Chevalier, ja, laſſen Sie uns hoffen! Sehen Sie, die Extremitäten werden ſchon Dumas, Black. II. 3 wieder warm; aber wenn ſie davon kommt, ſo hat ſie es blos Ihnen zu verdanken.“ „Wirklich!“ rief der Chevalier. „Bei Gott! Aber Sie dürfen Ihr Werk nicht„ unvollendet laſſen; ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie zu einem Gang gebrauchen will, Che⸗ valier.“ „Ohl verfügen Sie über mich.“ „Sie begreifen, daß meine Gegenwart hier nothwendig iſt.“ „Natürlich, ich glaube wohl, daß ich es begreife.“ Der Doctor zog ein Notizenbüchlein aus ſeiner Taſche, ſchrieb mit dem Bleiſtift einige Zeilen auf ein Blatt und riß es heraus. „Eilen Sie in die Apotheke, Chevalier, und bringen Sie mir dieſe Arznei.“ „Alles was Sie wollen, Doctor, wenn ich ſie nur rette,“ rief der Chevalier, der jetzt den größten Eifer zeigte und ſeine Schiffe verbrannte. Er brauchte nicht mehr als zehn Minuten zu ſeinem Gang, und als er in den Speicher zurück⸗ kam, fand er bei dem Doctor eine lächelnde Miene, die ihn reichlich für ſeine Mühen belohnte. „Es geht alſo beſſer?“ rief der Chevalier, in⸗ dem er ſich dem Bett näherte, um die Kranke an⸗ zuſchauen, deren Geſicht wirklich Etwas von ſeiner Leichenfarbe verloren hatte. „Ja, es geht beſſer, Chevalier, und mit Gottes Hilfe hoffe ich, daß das Mädchen uns in drei Mo⸗ naten mit einem Püppchen beſchenken wird, das Ihnen gleichen ſoll wie ein Ei dem andern.“ „Mirl mir! das Mädchen, ein Kind?“ o d 00 3⁵ „Ahl Sie ſind ein loſer Schalk, Chevalier; ich habe von Ihrem Treiben in Papaeti gehört: die ſchöne Mahaouni hat mir gar Mancherlei erzählt.“ „Doctor, ich ſchwöre Ihnen...“ „Ach was, Chevalier, mir gegenüber brauchen Sie nicht den Discreten zu ſpielen; früher oder ſpäter hätten Sie mirs doch ſagen müſſen; iſt es nicht mein Beruf dem Menſchen den Eintritt ins Leben zu erleichtern, wie auch ihm wieder hinaus⸗ zuhelfen?“ „Noch einmal, Doctor, was kann Sie auf den Gedanken bringen...“ „Dieß da, zum Henker!“ ſagte der Doctor, in⸗ dem er dem Chevalier einen goldenen Trauring hinhielt, den er vom Finger der noch immer bewe⸗ gungsloſen Kranken abgenommen,„dieſer Ring da, den ich während Ihrer Abweſenheit aufgemacht und unterſucht habe; läugnen Sie alſo Ihre Vaterſchaft nicht mehr, lieber Herr, Ihr Geheimniß iſt in gu⸗ ten Händen; ein Arzt iſt zu noch mehr Discretion verpflichtet, als ein Beichtvater.“ Der Chevalier war ganz verblüfft und glaubte zu träumen: er nahm den Ring, trennte ihn, indem er den Nagel ſeines Daumens mitten in die Peri⸗ pherie ſteckte, und als er den Ring geöffnet hatte, las er:— Diendonno de la Graverie— Mathilde von Florsheim. Er war dermaßen erſchüttert, daß er ſchluchzend und betend zugleich auf ſeine Kniee fiel. 3* 36 IV. Der Chevalier als Arankenwärter. Der Arzt ſchrieb dieſe Aufregung des Chevalier ſeiner Freude über die Nachricht zu, daß Ausſicht auf Rettung der Patientin vorhanden ſei. Er ließ ihn ſein Gebet vollenden und ſeine Au⸗ gen trocknen; dann aber glaubte er dieſes geſtei⸗ gerte Gefühl zum Vortheil des armen Mädchens ausbeuten zu müſſen und ſagte: „Und nun, Chevalier, was werden wir aus die⸗ ſem Kind machen? denn in dieſer verpeſteten Spe⸗ lunke kann ſie unmöglich bleiben. Soll ich ſie ins Spital bringen laſſen?“ „Ins Spital!“ rief der Chevalier im Tone der Entrüſtung. „Nun ja, dort iſt ſie unendlich beſſer aufgeho⸗ ben als hier. Ich will Ihnen keine Lection hal⸗ ten, Chevalier, aber Sie werden mir doch erlauben Ihnen mein tiefes Erſtaunen darüber auszudrücken, daß Sie ein Mädchen, dem Sie dieſen Ring an den Finger geſteckt, in einer ſo erbärmlichen Höhle ge⸗ laſſen haben, beſonders in einem Augenblick, wo die⸗ ſes Quartier durch die Krankheit decimirt wird.“ „Ich will ſie in meine Wohnung bringen laſ⸗ ſen, Doctor.“ „Das laß ich mir gefallen, das iſt eine gute Regung; ſie kommt freilich etwas ſpät, aber, wie das Sprichwort ſagt, beſſer ſpät als nie. Die gu⸗ ten Seelen von Chartres werden allerdings ein wenig ſchreien, aber ich für meine Perſon, Cheva⸗ 37 lier, und nach der Idee, die ich von Ihnen gefaßt habe, will Sie lieber dieſe Sünde als die andere begehen, lieber gegen die Convenienz als gegen die Menſchlichkeit verſtoßen ſehen.“ Der Chevalier antwortete nicht, ſondern beugte ſein Haupt; ſeine Seele wurde von tauſend ver⸗ ſchiedenen Gefühlen aufgeregt. Er dachte an Mathilde, deren Kind dieſes un⸗ glückliche Mädchen ſein mußte; er verſetzte ſich um fünfundzwanzig Jahre zurück, er ſah jjene ruhigen, glücklichen Tage, zuerſt ihrer Spiele und dann ihrer Liebe wieder; es war ſeit achtzehn Jahren vielleicht das erſte Mal, daß er ſeine Blicke auf die Vergan⸗ genheit zu werfen wagte, und nicht ohne Beſchämung dachte er daran, daß er die kleinlichen Vergnügun⸗ gen des befriedigten Egoismus mit dieſen Freuden hatte vergleichen können, die ſo ſtark und lebhaft waren, daß ſie noch nach mehr als zwanzig Jahren ſeine Seele wieder zu erwärmen vermochten. „Wenn er die arme Kranke anſah, empfand er bittere Reue, ſein Gewiſſen ſagte ihm, daß er trotz des ſchlechten Benehmens ihrer Mutter nichtsdeſto⸗ weniger Pflichten gegen dieſes Kind gehabt habe und daß er dieſen Pflichten nicht nachgekommen ſei. Er dachte auch an die unſeligen Folgen, welche der Raub ihres Wächters für das Mädchen gehabt. Vielleicht hatte er ſie durch die Entwendung Blacks wehrlos dem Verrath preisgegeben; er gelobte ſich ſeine Fehler wieder gut zu machen, denn er erkannte in allem Dem die Hand Gottes. Als der Doctor ihn ſo tief in ſeine Betrachtungen verſunken ſah, dachte er, der Chevalier bebe vor den Folgen zurück, welche der Aufenthalt der jun⸗ gen Patientin in ſeinem Haus haben müſſe. „Ich laſſe mirs ſchon gefallen, daß Sie ſich die Sache noch einmal überlegen,“ ſagte er zu ihm, „vielleicht wird es auch möglich für Geld einige brave Leute zu finden, welche ihren Widerwillen gegen dieſe verdammte Krankheit überwinden und die arme Kleine in ihr Haus nehmen; Dieß iſt vielleicht noch beſſer und kann Alles in Einklang bringen.“ Und zum letzten Mal fand in Dieudonnés Geiſt ein Kampf zwiſchen der Sorge für ſeine Ruhe, dem Reſt von Angſt, welche ihm die Anſteckung noch ein⸗ flößte, und den guten Eingebungen ſeines Herzens ſtatt; ſagen wirs zu ſeinem Ruhm, daß dieſer Kampf nicht lange währte. Der Chevalier ſchüttelte den Kopf und richtete ſich auf. „Zu mir, Doctor! zu mir und an keinen an⸗ dern Ort!“ rief er mit der Energie, welche die ſchwachen Menſchen ſo gut zu entwickeln verſtehen, wenn ſie zufällig einmal entſchloſſen werden. Der Tag begann anzubrechen, als die vom Spi⸗ tal entlehnte Sänfte, auf welche man die Kranke gelegt hatte, ſich nach der Rue des Lices in Bewe⸗ gung ſetzte. Der Chevalier und Black folgten dem traurigen Zug, der wie gewöhnlich auf ſeinem ganzen Weg die Neugierde der Milchweiber vom Lande aufregte, die bereits nach der Stadt kamen. Vor dem Haus des Herrn de la Graverie an⸗ gelangt, fand man die Thüre verſchloſſen; der Ei⸗ 39 genthümer hatte, da er ohne Hut und in Pantof⸗ feln ausgegangen, nicht daran gedacht ſeinen Haupt⸗ ſchlüſſel mitzunehmen; er klingelte und klopfte, aber vergebens, Nichts antwortete. Jetzt erinnerte er ſich, daß er am Abend zuvor Marianne entlaſſen hatte, und er dachte, die gries⸗ grämige Haushälterin habe vielleicht, um eine letzte Rache an ihrem Herrn auszuüben, ſeinen Befehl ſich augenblicklich aus dem Staube zu machen, buch⸗ ſtäblich ausgeführt. Es blieb nur ein einziges Mittel übrig, nämlich daß man den Scohloſſer holte. Glücklicher Weiſe befand er ſich in der Nähe. Aber die Thüren waren doppelt verſchloſſen, das Oeffnungsgeſchäft dauerte lang und gab dem ganzen Quartier Zeit aufzuwachen. Die Nachbarn machten ſich an die Fenſter; die Dienſtboten kamen aus den Häuſern und befragten einander; Einige erfrechten ſich ſogar, ſo lang der Chevalier den Schloſſer holte, die Vorhänge der Tragbahre zu öffnen, um nach ihrem Inhalt zu ſehen; und dann fragten ſie ſich, wer wohl dieſes junge Mädchen ſein möge, das der Chevalier mit ſo großer Sorgfalt umgebe und in ſein Haus bringe, deſſen Eintritt er bisher dem ganzen weiblichen Geſchlecht verboten hatte. Wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich geht, ka⸗ men ſogleich zehn verſchiedene Geſchichten in Um⸗ lauf, natürlich aber lautete keine zu Gunſten des Chevalier, deſſen guter Ruf gewaltig Schaden litt. Die ganze Stadt ſchwatzte. 40 Die Lebemänner des Cafe Jouſſe und des Ca⸗ ſinos ſchrien ſich heiſer. 3 Andere Geſellſchaften ziſchten ganz leiſe, bekreuz⸗ ten ſich und erklärten, der arme Chevalier ſei ent⸗ ſchieden ein Mann, mit welchem man jede Berüh⸗ rung vermeiden muüſſe. Der Chevalier ſeinerſeits dachte an Nichts von alle Dem. Er war gänzlich von der Idee beherrſcht, daß er höchſt wahrſcheinlich die Tochter der einzigen Frau gefunden, die er je geliebt hatte. Wir ſind der Meinung, und vielleicht wird man uns für einen Optimiſten oder Einfaltspinſel erklä⸗ ren, was ſo ziemlich aufs Gleiche hinausläuft; wir ſind, ſagen wir, der Meinung, daß es wenig Her⸗ zen gebe, bei denen die Erinnerung an das Böſe über die Erinnerung an das Gute obſiege; jeden⸗ falls gehörte der Chevalier nicht zu ihnen. Allmählig ſtreiften die Bilder der Vergangen⸗ heit alles Traurige, alles Bittere von ſich ab, und Mathilde erſchien in ſeinen Augen wieder ſo, wie ſie in den Tagen ihrer Jugend geweſen, ſchön und rein, voll Liebe und Hingebung; er dachte nicht mehr an die Ereigniſſe, die ihn von ihr getrennt hatten, an ihre Undankbarkeit und Untreue; er dachte an die Vergißmeinnicht, die er für ſeine kleine Freundin am Rande des Baches gepflückt, der durch den Park floß, und deren blaue Blumen ſo lieblich das blonde Haar des jungen Mädchens umrankten; ſodann dachte er mit dicken Thränen in den Augen daran, daß er in ſeinem übrigen gan⸗ zen Leben keine Freuden gehabt, welche dieſen gleich⸗ gekommen ſeien, ſelbſt nicht die Freuden, die er der x 41 ſchönen Mahaouni verdankte; niemals hatten die Wonnen der Tafel, niemals die Genüſſe der Gar⸗ tencultur ſeine Seele ſo aufgeregt, wie dieſer ein⸗ fache Blick auf die Vergangenheit, und der Cheva⸗ lier fragte ſich, ob die Glücklichſten auf Erden nicht am Ende Diejenigen ſeien, die mit dem größten Pack derartiger Erinnerungen beim Alter anlangen. Es war noch nicht ſehnſüchtiges Verlangen, aber es war bereits Vergleichung. Inzwiſchen mußte er ſich mit der armen Kran⸗ ken beſchäftigen, und die Verpflegung derſelben ent⸗ riß ihn der Träumerei, der er ſich ſo gerne hinge⸗ geben hätte. Marianne hatte es mit ihrem Zimmerſchluͤſſel eben ſo gemacht wie mit dem Hausſchlüſſel; ſie hatte ihn mitgenommen, wie wenn das ganze Haus ihr gehört hätte. Herr de la Graverie mußte die arme Patientin in ſein eigenes Zimmer und in ſein eigenes Bett bringen laſſen.— Jeetzt ergriffen ihn ſeine perſönlichen Bekümmer⸗ niſſe wieder; er fragte ſich mit einer gewiſſen Aengſt⸗ lichkeit, wo er die nächſte Nacht zubringen und be⸗ ſonders wohin man ihn ſelbſt legen würde, im Fall die Anſteckung auch ihn ergreifen ſollte. ann mußte er, da er abſolut allein im Hauſe war, die Haushaltungsgeſchäfte beſorgen, die Tiſa⸗ nen in Bereitſchaft halten und ſich mit ſeinem eige⸗ nen Frühſtück beſchäftigen, eine Arbeit, die ihm ganz beſonders zuwider war. Er ſchwitzte Blut und Waſſer, er fluchte einmal ums andere über ſeine Haushälterin, und endlich 42 entdeckte er mitten in dem furchtbaren Chaos, worin Marianne abſichtlich die ganze Haushaltung und die Küchengeräthſchaften gelaſſen hatte, drei Eier, mit denen er ſein erſtes Mahl hielt, während er ſich voll Unruhe fragte, wie er dieſes ſo einfache Mahl werde verdauen können, da er zum erſten Mal ſeit zwanzig Jahren dabei den Thee hatte entbehren müſſen, welchen er für durchaus nothwendig hielt, um ſeinen trägen Magen in einige Thätigkeit zu bringen. Seine Unruhe war um ſo größer, als die Eier, die er ins ſiedende Waſſer gelegt hatte, zwölf Se⸗ cunden zu lang darin geblieben waren, und als er, ſtatt wie gewöhnlich drei weich geſottene Eier zu verzehren, dießmal drei harte Eier gegeſſen hatte. Gegen Mittag kam Marianne; ſie erſchien, um ihren Lohn zu fordern. 5 Als der Chevalier ſie bemerkte, leuchtete ihm ein Schimmer von Hoffnung; er dachte, die alte Spitzbübin werde um Gnade bitten, und er ſchickte ſich an dieſe Bitte mit einem Lächeln voll der beſten Vorbedeutung aufzunehmen. Er war entſchloſſen alle Exigenzen ſeiner Ex⸗ haushälterin zu bewilligen und ſogar mit Erhöhung des Lohnes einen neuen Vertrag zu unterzeichnen, um auf einmal alle Haushaltungsſorgen abzuſchüt⸗ teln, die ihm ſo ſehr zuwider waren. Der Chevalier machte ſeine Rechnung ohne den Wirth. 1 Marianne war voll von kalter, höhniſcher Würde, als ſie ihr Geld in Empfang nahm, und als der arme Chevalier ſeinen Charakter und die Gebote des 43 Anſtands, die ihm den Mund verſchließen mußten, ſo weit vergaß, daß er ſie in einem Ton, den er pathetiſch zu machen verſuchte, fragte, wie ſie ſich entſchließen könne ihn in einer ſolchen Verlegenheit zu verlaſſen, da antwortete die Exhaushälterin mit Entrüſtung, ein rechtſchaffenes Frauenzimmer könne anſtändigerweiſe nicht in einem Haus wie das ſei⸗ nige bleiben, und wenn er einer Pflege bedürfe, ſo möge er ſich nur an irgend eine beliebige Dirne wenden. Hierauf zog ſie majeſtätiſch ab. Herr de la Graverie verſank, als er allein ge⸗ blieben war, in eine tiefe Verzweiflung. Er begriff in der That, daß alle Zungen der Stadt ſich auf ſeine Koſten in Bewegung ſetzen, daß man ihn verunglimpfen, herunterreißen, mit dem Finger auf ihn deuten würde; bisher war ſein Leben ein ruhiger See, ein heiterer Himmel, ein ungetrübter Spiegel geweſen, aber jetzt ſah er dieſe Ruhe auf immer geſtört und er begann zu denken, daß es vielleicht ein großer Leichtſinn gewe⸗ ſen das junge Mädchen zu ſich zu nehmen. Vergebens lief Black vom Bett ſeiner alten Herrin an den Lehnſtuhl, in welchen ſein Herr von den ſechs letzten Monaten verſenkt war; vergebens we⸗ delte er mit dem Schweif, vergebens legte er ſei⸗ nen ſchönen Kopf auf das Knie des Chevalier, ver⸗ gebens leckte er die Hand die Dieſer hängen ließ, vergebens that er alles Mögliche um ſeine Dank⸗ barkeit und Billigung auszudrücken, Nichts vermochte den Chevalier de la Graverie den Betrachtungen zu entreißen, in die er verſunken war. 44 Der Geiſt des Menſchen hat wie der Ocean ſeine Ebbe und ſeine Fluth. Der Chevalier dachte bereits an nichts Geringe⸗ res, als ſich des jungen Mädchens und ſeines Wach⸗ telhundes zu gleicher Zeit zu entledigen und beide miteinander in ein Krankenhaus zu ſchicken. Da er ſich dieſes böſen Gedankens ein wenig ſchämte, ſagte er ſich alles Mögliche vor, um ihn zu beſchönigen, z. B. daß die anſtändigſten Leute in die Krankenhäuſer gehen, daß er ſelbſt hingehen würde, wenn er krank werden ſollte, daß die Ver⸗ pflegung daſelbſt weniger uneigennützig, aber dafür um ſo vollſtändiger ſei, daß die Gewohnheit die Stelle der Hingebung vertrete. Die Fluth der böſen Eingebungen ſtieg. Seit der Chevalier den Hund beſaß, hatte er nicht einen einzigen ſorgen⸗ und kummerfreien Tag mehr gehabt. Seit ſechs Monaten war die Ruhe ſeiner früheren Exiſtenz verſchwunden. Welcher Gefahr hatte er ſich nicht ausgeſetzt, um den Hund wieder zu bekommen! Konnte nicht die Anſteckung auch ihn ergreifen, beſonders wenn er nicht noch vor Abend eine Wärterin bekam, wenn er genö⸗ thigt war ſelbſt bei dem jungen Mädchen zu wachen und eine ganze Nacht die verderblichen Miasmen einzuathmen, die von dieſem kranken Körper aus⸗ gingen?* Immer höher ſchwoll die Fluth; wie jede Woge eine andere vor ſich hertreibt, ſo trübte jeder Ge⸗ danke den andern.„ „War es nicht möglich,“ ſagte der Chevalier zu ſich,„daß blos der Zufall Mathildens Ring an 45 Thereſens Finger gebracht hatte? Ging aus dem Beſitz dieſes Ringes mit Nothwendigkeit hervor, daß die Kranke die Tochter der Frau de la Gra⸗ verie war? und wenn am Ende auch dieſe Ver⸗ wandtſchaft ſich nachweiſen ließ, war dann der be⸗ leidigte Ehemann verpflichtet ſein Leben für dieſe Frucht des Ehebruchs auszuſetzen?“ Dieſer Gedanke, daß die Kranke nicht die Toch⸗ ter der Frau de la Graverie ſei, war ſo vorherr⸗ ſchend geworden, daß der Chevalier beſchloß ſie darüber zu fragen; allein ſie war ſo ſchwach, daß er unmöglich eine Antwort erhalten konnte. In dieſem Augenblick ſielen die Augen des Che⸗ valier auf den Toilettentiſch, wo alle Geräthſchaften des Capitäns in vollkommener Ordnung ſtanden; dann dachte er in einer ganz natürlichen Ideenfolge an das Neceſſaire, worin ſie enthalten geweſen wa⸗ ren, und beſonders an das geheimnißvolle Päckchen, das der Chevalier, im Fall Frau de la Graverie noch lebte, ihr übergeben oder aber, im Fall ſie todt wäre, ins Feuer werfen ſollte, Er dachte, in dieſem Paket werde ſich höchſt wahrſcheinlich die Löſung des Problems finden, das ihn in dieſem Augenblick ſo ſehr in Anſpruch nahm, und da man, einmal auf dem Abhang der böſen Ideen angelangt, nicht mehr ſo leicht anhält, ſo be⸗ ſchloß er das Päckchen zu öffnen und ſich Gewißheit über Thereſe zu verſchaffen, im Fall darin von ihr die Rede wäre. Da er ſich vorgenommen alle unnöthigen Ge⸗ müthsbewegungen zu vermeiden, ſo hatte er das doppelte Fach dieſes Neceſſaire niemals geöffnet, ſeit 46 5 das geheimnißvolle Päckchen darin verwahrt atte. Seit dieſem Tag hatte er ſich beſtändig bemüht dieſes Päckchen ſammt ſeinem Inhalt und der Bitte ſeines Freundes zu vergeſſen.. Aber die außerordentlichen Ereigniſſe, die ſo eben ſein Leben in wilde Gährung gebracht, hatten ihn in einen Ideenkreis geworfen, worin er ſich über alle ſeine Bedenklichkeiten erhob. Er war überzeugt, daß er in der Sendung, welche ſein Freund Du⸗ mesnil an Frau de la Graverie machte, einige Auf⸗ ſchlüſſe finden würde, die ihm über ſeine dermalige Verlegenheit weghelfen konnten. Allerdings hatte Dumesnil niemals den Na⸗ men der Frau de la Graverie ausgeſprochen; aber dennoch ſchien es dem Chevalier höchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß der Capitän etwas von ihrem Schick⸗ ſal gewußt habe. Tief bewegt ging Herr de la Graverie gerade auf den Schrank zu, in welchen er bei ſeiner Rück⸗ kehr aus Papaeti das Neceſſaire geſtellt hatte. Ganz natürlich befand es ſich noch an demſelben atz. 3 Der Chevalier nahm es, ſtellte die Lampe auf das Kamin, ſetzte ſich neben das Feuer, nahm das Neceſſaire auf ſeinen Schoos, öffnete die erſte Ab⸗ theilung, dann die zweite, und er befand ſich den famöſen Päckchen mit ſeinen großen ſchwarzen Sie⸗ geln gegenüber. Zum erſten Mal bemerkte der Chevalier die Farbe des Siegellacks, womit es verſchloſſen war. Er nahm Bedenken es zu öffnen. 47 Endlich ließ er ſich auf dem Abhang ſeiner ien immer weiter hinziehen und zerriß den Um⸗ ag. Einige Tauſendfrankennoten ſchlüpften zwiſchen den Reſten des Papiers durch und flogen auf den Teppich. Ein ganz offener Brief blieb dem Chevalier in den Händen. „Wenn Ihre Frau bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich noch lebt, ſo übergeben Sie ihr inliegen⸗ des Päckchen nebſt den begleitenden Banknoten; wenn ſie aber todt iſt, oder wenn Sie keine Hoff⸗ nung haben zu erfahren was aus ihr geworden, dann, Dieudonné, beſchwöre ich Sie bei Ihrer Ehre, gedenken Sie des Verſprechens, werfen Sie das Päckchen ins Feuer, und verwenden Sie das Geld zu wohlthätigen Zwecken. Ihr treuer Freund Dumesnil.“ Der Chevalier drehte das Päckchen einige Mi⸗ nuten lang in ſeinen Fingern hin und her; er ver⸗ ſpürte einen ungemeinen Kitzel zu erfahren, welche Art von Beziehungen zwiſchen ſeinem Freunde und ſeiner Frau ſtattgefunden haben mochten. Mehrere Male legte er die Hand an den Um⸗ ſchlag des zweiten Päckchens, wie er es mit dem erſten gethan hatte; aber da ihm die Beſchwörung des Capitäns wieder unter die Augen fiel, ſo warf er es, um nicht der Verſuchung zu unterliegen, mit⸗ ten ins Feuer. Das Päckchen wurde ſogleich ſchwarz, krümmte ſich, brach ein und ließ inmitten einer Menge von Hi— 48 Briefen eine Haarlocke zum Vorſchein kommen, wel⸗ che der Chevalier an ihrer aſchblonden Schattirung als ehemaliges Eigenthum ſeiner Mathilde erkannte. Bei dieſem Anblick konnte der Chevalier ſeine erſten Worte und ſeine erſten Regungen nicht mehr bemeiſtern. „Wie zum Teufel,“ rief er,„hat Dusmenil Haare von meiner Frau bekommen?“ Und er ſtreckte die Hand mitten in die Flam⸗ men und ergriff die Haarlocke in dem Papier, wo⸗ mit ſie umſchlagen war. Er warf das Ganze auf den Boden und ſetzte den Fuß darauf, um Haare und Papier, die beide brannten, zu löſchen. Sodann ſammelte er mit ängſtlicher Sorgfalt dieſe vom Feuer halbverzehrten Reſte und bemerkte, daß Zeilen von der Hand des Capitäns auf dem Papier ſtanden, welches die Haare verwahrt hatte. Aber das Feuer hatte ſeine Arbeit gethan. Als der Chevalier das Papier wieder aufhob, fiel es in Aſche zuſammen. Zuletzt blieb nur noch eine kleine Ecke übrig, die geröthet, aber noch nicht ganz verbrannt war. Auf dieſem Bruchſtück entzifferte er endlich fol⸗ gende Worte: Ich habe Herrn Chalier beauftragt.... ... Ihre Lochter.... in der... ... ſeine Aufſicht. Dem Chevalier ging ein Licht auf: er erinnerte ſich, daß der Schiffsarzt und nunmehrige Doctor Robert ihm bei der Erzählung des unglückſeligen Beſuchs des Capitäns am Bord des Dauphin, wo 49 Dumesnil das gelbe Fieber geholt, geſagt hatte, daß dieſer gekommen ſei, um mit Herrn Chalier von einem Kinde zu ſprechen.. Wußte alſo Dumesnil Etwas von dem Schickſal der Frau de la Graverie, ſelbſt nachdem er Frank⸗ reich verlaſſen hatte? Er hatte alſo noch immer Beziehungen mit ihr unterhalten?. Warum hatte der Capitän in dieſem Fall nie Etwas zu ſeinem Freunde geſagt?— Welcher Art war Dumesnils Rolle in dieſer ganzen Cataſtrophe geweſent, die das Leben des Chevalier zerrüttet hatte? Die Einbildungskraft des armen Dieudonné be⸗ gann ſich in Variationen über dieſes Thema zu er⸗ gehen. Die Rolle, die ſein verſtorbener Camerad bei der Trennung zwiſchen dem Chevalier und ſeiner Frau geſpielt, hatte in dem ſo vertrauensvollen Geiſt des Letztern einige ferne, argwöhniſche Ver⸗ muthungen hervorgerufen. Der gegenwärtige Um⸗ ſtand beſtärkte dieſen Argwohn, gab ihm eine Kraft, die er nie gehabt hatte, und Dieudonné fragte ſich ſogleich, ob der Capitän Dumesnil in ſeiner Freund⸗ ſchaft immer ſo uneigennützig geweſen ſei, wie in den letzten Jahren ſeines Lebens. Der Chevalier mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß ein ſchlimmer Argwohn ſein Herz zernagte.* In dieſem Augenblick ſchaute er nach Black. Black ſaß am Fuß des Bettes; aber er ſah die Kranke nicht an, ſondern ſchien im Gegentheil den Chevalier mit einer tiefen und nachdenklichen Auf⸗ merkſamkeit zu betrachten. In dieſem Blick lag zugleich Schwermuth und Beſorgniß. Der Chevalier Dumas, Black. II. 4 50 glaubte in der Art und Weiſe, wie das Thier von Zeit zu Zeit ſeine ſchwarzen Wimpern ſenkte, Ge⸗ wiſſensbiſſe, in ſeiner demüthigen und unterwürfigen Haltung eine Bitte zu ſehen; kurz, es ſchien ihm, als ob das arme Thier ein Gefühl für die Criſis hätte, in welche ſie eintraten, und als ob es ſich ſelbſt fragte: Mein Gott! wie wird der arme Dieudonné dieſe Enthüllung aufnehmen? Blacks Phyſiognomie entſchied die Lage. Der Chevalier erhob ſich von ſeinem Sitz, ging gerade auf den Hund zu, warf ſich vor ihm auf die Knie, nahm ihn in ſeine Arme und küßte ihn zu wiederholten Malen. „Ich verzeihe Dir, Freund,“ ſagte er zu ihm, wie wenn er wirklich den armen Dumesnil vor Au⸗ gen hätte,„ich verzeihe Dir. Ich vergeſſe Alles, nur nicht die ſieben Jahre des Glückes und der Freundſchaft, die ich Deiner Hingebung verdanke, die ſorgſame Pflege die Du mir geſchenkt, den Bei⸗ ſtand den Du mir in ſehr traurigen Prüfungen geleiſtet haſt. Komm, laß den Kopf nicht ſo hän⸗ gen, Bruder; zum Teufel, wir ſind ja alle gebrech⸗ liche Geſchöpfe und laſſen uns leicht durch die Ver⸗ ſuchung überwinden: die Unbeſiegten ſind Diejeni⸗ gen, die noch auf keine Gefahr geſtoßen ſind; am Ende warſt Du doch blos ein armer Sterblicher, und es iſt keine Schande für Dich, daß Du da un⸗ terlageſt, wo die Engel ſelbſt geſtrauchelt hätten. Wenn Du mir nur antworten, wenn Du mir nur ſagen könnteſt, ob Dieß meine.. ob es Deine.... 1 es unſere... kurz, ob es Mathildens Tochter iſt.“ 51 Der Hund machte ſich, wie wenn er dieſe Worte wirklich verſtanden hätte, aus den Armen des Che⸗ valier los, richtete ſich auf ſeine Pfoten, ging vom Fuße des Bettes zu den Häupten deſſelben und begann diejenige Hand der Patientin zu lecken, die über die Tücher herabhing.. Dieſes wunderliche Zuſammentreffen, das mit den Gedanken des Chevalier ſo gut übereinkam, erſchien ihm als eine Antwort der Vorſehung ſelbſt. „Es iſt alſo vollkommen wahr!“ rief er mit einer Begeiſterung, die an Wahnwitz ſtreifte,„Du biſt es alſo wirklich, mein armer Dumesnil! Und Thereſe iſt Deine Tochter! Sei ruhig, Freund, ich werde dieſes Kind lieben, wie Du es geliebt hät⸗ teſt, wenn Du am Leben geblieben wäreſt; ich werde über ſie wachen, wie Du über mich gewacht haſt; ich werde meine Lebensaufgabe darein ſetzen ſie glücklich zu machen, und Du in Deiner beſcheidenen Lage, mein armer Black... nein, ich will ſagen, mein armer Dumesnil, Du wirſt mir aus voller Kraft darin beiſtehen. Du haſt mir ſo eben einen unſchätzbaren Dienſt erwieſen, indem Du mir zeig⸗ teſt was meine Pflicht iſt. Nein, nein, hundertmal nein, ich kann dieſe arme Kleine nicht für Fehler, die ſie nicht ſelbſt begangen hat, und für den Zwei⸗ fel, der etwa auf meiner Vaterſchaft laſten mag, büßen laſſen.— Ueberdieß,“ fuhr der Chevalier, im⸗ mer wärmer werdend, fort,„was iſt denn die Va⸗ terſchaft eigentlich? Ein Wort, das von einem Factum, von der Zuneigung beherrſcht wird. Du wirſt ſehen, Dumesnil, Du wirſt ſehen, wie weit diejenige geht, die ich dieſem Kind widmen werde.“ 4* 52 Und da in dieſem Augenblick die arme Kranke mit beinahe unverſtändlicher Stimme zu trinken begehrte, ſo ſtürzte der Chevalier auf das an der Nachtlampe gewärmte Glas zu, und ohne ſich wei⸗ ter darum zu bekümmern ob die Cholera endemiſch oder contagiös ſei, ſteckte er eine Hand unter den Kopf der Patientin und hielt ihn empor, während er mit der andern das Glas an ihre Lippen hielt. Und während ſie gewiſſermaßen das Leben aus den Händen des Chevalier trank, küßte er ſie und ſagte zu ihr: „Trink, Thereſe, trink, meine Tochter! Trink, geliebtes Kind meines Herzens!...“ V. Wo ein Strahl durch die Wolken hindurchzuſchimmern anfängt Der Chevalier de la Graverie wollte im Drang ſeiner Rührung die Erfüllung des Verſprechens, das er ſo eben der Seele ſeines Freundes in Bezug auf deſſen vermeintliche Tochter gegeben, um keinen Augenblick verzögern. 4 Er ſtellte ſtatt Marianne ſogleich eine neue Haushälterin an, ohne ſich vorläufig über den Stand ihrer culinariſchen Talente ſehr zu beunru⸗ higen. Er hatte ſie auf eine einfache Empfehlung hin genommen, laut welcher ſie eine vortreffliche Krankenwärterin ſein ſollte. Obſchon die neue Dienerin ſich alle Mühe gab dieß Lob zu verdienen, ſo meinte doch der Cheva⸗ — 53 lier, daß ihr Eifer in Verpflegung der Patientin ſich nicht auf der Höhe der Umſtände befinde; er übernahm daher ſelbſt dieſe ſchwierigen Verrichtun⸗ gen und widmete ſich ihnen ſo ausſchließlich, daß er nach acht oder zehn Tagen, als Thereſe aus dem Zuſtand der Erſtarrung hervorzugehen anfing, wor⸗ ein ſie nach der furchtbaren Criſis verſunken war, es zum erſten Mal wagte ihr Bett zu verlaſſen, um einen Blick auf ſeinen Garten zu werfen. Hier aber bemerkte er mit einer ſchmerzlichen Ueberra⸗ ſchung, daß er vergeſſen hatte ſeine Roſenſträuche zu beſchneiden, deren Zweige maßlos um ſich ge⸗ wuchert und eine Länge bekommen hatten, welche nothwendig der Blüthe Eintrag thun mußte. Während der erſten Tage oder vielmehr wäh⸗ rend der erſten Nächte hatte der Chevalier einige Mühe gehabt ſich an die Anſtrengung, an die Gei⸗ ſtesſpannung und an die Nachtwachen zu gewöhnen, welche der Zuſtand der armen Patientin nothwen⸗ dig machte; aber bald hatte er mit kräftiger Ent⸗ ſchloſſenheit ſein Werk umfaßt und ungekannte Ge⸗ nüſſe darin entdeckt. „Dieſer Streit gegen den Tod mit ſeinen Schreck⸗ niſſen, ſeinen Bangigkeiten, ſeinen unverhofften Freuden, ſeinen plötzlichen Befürchtungen feſſelte das in Bezug auf große Gemüthsbewegungen noch un⸗ erfahrene Herz ungemein; es war ein Duell mit einer weit kräftigeren Triebfeder, als bei gewöhn⸗ lichen Duellen: in ſolchen kämpft man um den Tod zu geben, der Chevalier dagegen kämpfte um das Leben zu geben; bei ihm war es nicht blos Ehren⸗ ſache, ſondern auch Gewiſſensſache. Als es mit dem 54 jungen Mädchen ſchlechter ging, da regte ſich in dem Chevalier eine verbiſſene Wuth gegen das Schickſal, und während ſolcher Anfälle verdoppelten ſich ſeine Kräfte und ſein Muth, er ſtellte ſich am Bett des Kindes auf, bot der Krankheit Trotz, rief ſie herbei, um ſie zu unterdrücken und zu erſticken; er fragte ſich, warum er in ſeiner müßigen Kind⸗ heit und beſchäftigungsloſen Jugend nicht daran gedacht habe dieſe Wiſſenſchaft der Menſchenrettung zu ſtudiren, damit er Niemand als nur ſich ſelbſt allein das Leben Derjenigen zu verdanken hätte, die er ſein Kind nannte. Wenn er dann zuweilen, von Müdigkeit über⸗ wältigt und mit Verzweiflung im Herzen, einge⸗ ſchlafen war, mit welcher Angſt kam er da nicht Morgens an das Bett zurück, um den bedrückten Athem der Kranken zu ſtudiren! Nie hatte er eine ſo vollſtändige Befriedigung gekannt, wie in dem Augenblick wo er bemerkte, daß der Puls des Mädchens, der Anfangs langſam und unregelmäßig geweſen, allmählig Ruhe und Kraft gewann, daß ihre Augen ſich von der gläſernen Undurchſichtigkeit befreiten, die ihren Glanz trübte, daß ihre bleichen, ja beinahe blauen Lippen ihre roſige Farbe wieder bekamen; und dann fragte er ſich mit dem ganzen Stolz eines Triumphators und der vollſtändigſten Aufrichtigkeit, wie es Leute geben könne, welche die kleinlichen und flüchtigen Genüſſe des Egoismus dieſen warmen und unausſprechlichen Freuden eines zufriedenen Gewiſſens vorziehen. Und als er dieſe Frage an ſich ſtellte, vergaß er, daß er ſelbſt fünfzehn Jahre hindurch dieſen 5⁵ Egoismus, den er jetzt verfluchte, zu ſeiner einzigen Religion erhoben hatte.— Während der langen Tage, die der Chevalier am Krankenbett zubrachte, ohne eine andere Zer⸗ ſtreuung, als die Geſchäfte der Abwartung, ſtellte er reifliche Betrachtungen über ſeine eigene und des Mädchens Stellung An. In ſeiner Geiſtesträgheit und ſeiner Furcht vor Widerwärtigkeiten irgend einer Art hatte er ſich ſeit fünfzehn Jahren niemals die Mühe genommen daran zu denken. Er erinnerte ſich zwar, daß er ſeinem Bruder auf deſſen Verlangen eine Vollmacht ausgeſtellt hatte, um eine Trennung von ſeiner Frau auszu⸗ wirken; aber Dieß erklärte ihm ganz und gar nicht, wie Mathilde ſich hatte entſchließen können ihr Kind im Stich zu laſſen. Seit ſeinem ehelichen Unglück hatte der Cheva⸗ lier, der die giftige Betheiligung ſeines Bruders an demſelben nicht vergeſſen, ſtets einen lebhaften Wi⸗ derwillen gegen jede Begegnung mit dieſem älteren Bruder gehegt, und ſeit ſeiner Rückkehr nach Frank⸗ reich erhielt er kaum von Zeit zu Zeit einige Nach⸗ richten von ihm auch trug er Anſtand ihn um Be⸗ lehrung über die Schickſale ſeiner Frau nach ſeiner Abreiſe zu erſuchen. Thereſe erholte ſich ſehr langſam: nach der furchtbaren Erſchütterung, welche die Cholera dem menſchlichen Körper verſetzt, iſt die Reconvalescenz entweder ſehr raſch, ſo daß eine augenblickliche Rück⸗ kehr von der Krankheit zur Geſundheit ſtattfin⸗ det, wie ein plötzlicher Uebergang von der Geſund⸗ 56 heit zur Krankheit ſtattgefunden hatte; oder aber ſchleppt ſich die Reconvalescenz matt und langſam hin, ſo daß die Befürchtungen für das Leben des Patienten ins Unendliche währen. Das junge Mädchen befand ſich in dieſem letz⸗ ten Fall. Ihre Schwangerſchaft verwickelte die Lage, und Thereſe war beſtändig ſo matt, daß der Arzt dem guten Chevalier tagtäglich empfahl ihr jede Ge⸗ müthsbewegung zu erſparen, da ſelbſt die geringſte Aufrgung die bedenklichſten Folgen für ſie haben könnte. Gleichwohl ſehnte ſich Dieudonné ungemein näch dem Augenblick, wo er Thereſe ausfragen könnte. Zwanzigmal hatte er eine Phraſe begonnen, die zu einer vertraulichen Mittheilung führen ſollte, und zwanzigmal hatte er ſtammelnd innegehalten. Eines Tags endlich hatte man das junge Mäd⸗ chen aufheben können; ſie ſaß am Fenſter im gro⸗ ßen Lehnſtuhl des Chevalier; ſie empfing mit jener Wolluſt, die man an allen Kranken bemerkt, die lebhafte und durchdringende Sonnenwärme, der ſie ausgeſetzt war, und der milde ganz von den Roſen des Gartens durchduftete Wind ſpielte in einigen blonden Locken, die unter ihrem Häubchen hervor⸗ quollen. Von Zeit zu Zeit drehte ſie ſich nach dem Che⸗ valier um, der hinter ihr ſtand, beide Hände auf ihren Lehnſtuhl geſtemmt hielt und ſie voll Liebe betrachtete; ſie ihrerſeits drückte ihm die Hand und küßte ſie mit einer Ergießung kindlicher Dankbarkeit; dann verſank ſie wieder in tiefe Träumerei und ihre 57 Augen ſchweiften über den Garten, deſſen dichte Roſenbüſche in dieſem Augenblick in buntem Far⸗ benglanz prunkten. Der Chevalier neigte ſich gegen ſie. „An was denken Sie, Thereſe?“ fragte er ſie. „Meine Antwort wird Ihnen ſehr einfältig er⸗ ſcheinen, Herr Chevalier,“ antwortete das junge Mädchen,„aber ich denke an Nichts und gleichwohl gefalle ich mir in dieſer Träumerei. Fragen Sie mich, was ich ſehe, wenn ich zum Himmel hinauf⸗ ſchaue, ſo muß ich Ihnen dieſelbe Antwort geben; ich ſehe Nichts und gleichwohl iſt mein Auge auf das Größte, Schönſte und Unbegreiflichſte, was es in der Welt gibt, geheftet; nein, ich empfinde ein unausſprechliches Wohlſein, es iſt mir, als ſei ich in eine andere Sphäre verſetzt, als diejenige war worin ich bisher gelebt und ſo viel gelitten habe. Da wohin ich jetzt verſetzt bin, iſt Alles groß, iſt Alles gut, wie auch Alles ſchön iſt.“ „Liebe Kleine,“ murmelte der Chevalier, indem er eine Thräne abtrocknete, die im Winkel ſeines Auges perlte. „Ach!“ fuhr Thereſe, die dieſe Thräne nicht ge⸗ ſehen hatte, in höchſt traurigem Tone fort, indem ſie ſich gegen den Chevalier umwandte,„warum erwecken Sie mich? Dieſes Glück war wie alles Glück hienieden nur ein Traum; aber dieſer Traum war ſo ſüß und das Erwachen iſt ſo traurig.“ „Haben Sie ſich über Jemand oder über Etwas zu beklagen, mein Kind? Finden Sie die Pflege, die man Ihnen hier widmet, ungenügend? Spre⸗ chen Sie! Sie müſſen doch wohl bemerken, daß —-——“ 58 der Wunſch Sie glücklich zu ſehen mein einziger Gedanke geworden iſt.“ „Sie lieben mich alſo?“ fragte das Kind mit einer allerliebſten Naivetät. „Wenn Sie mir nicht eine aufrichtige und in⸗ nige Zuneigung einflößten, würde ich dann für Sie ſein was ich bin oder vielmehr was ich zu ſein ver⸗ ſuche, Thereſe?“ „Aber warum lieben Sie mich?“ Der Chevalier zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. „Weil Sie mich an meine Tochter erinnern,“ antwortete er dann. „Ihre Tochter?“ fragte Thereſe;„Sie haben ſie alſo verloren, mein Herr? Oh, dann beklage ich Sie, denn ich fühle, daß, wenn Gott mir das Kind entriſſe, das er in meinen Schooß gelegt hat, um mich für meine Leiden zu tröſten, Nichts mich mehr in dieſer Welt zurückhalten würde, wo mich nur der Gedanke an die Zärtlichkeit und Liebe, die ich von dieſem theuren kleinen Weſen zu erwarten habe, aufrecht erhält.“ Es war das erſte Mal, daß das junge Mädchen von ihrem Zuſtand ſprach, und ſie that es mit einer Ungezwungenheit, die durchaus nichts Schamloſes hatte, aber dennoch dem Chevalier ſonderbar vor⸗ kam. Er hielt es für geeignet dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, und er glaubte den Augenblick gekommen, um Thereſe über ihre Ver⸗ gangenheit zu fragen. „Sie ſind alſo unglücklich geweſen, armes liebes Kind?“ fragte er ſie. 59 „Ach ja, ſo unglücklich, daß ich mich oft befragt habe, ob der Gott der Armen wohl derſelbe ſei wie der Gott der Reichen. Ich bin noch ganz jung, nicht wahr? noch nicht volle neunzehn Jahre alt, und dennoch glaube ich, daß es keine Art von Elend auf Erden gibt, die ich nicht gekannt hätte.“ „Aber Ihre Familie?“ „Meine Familie, wenigſtens ſo weit ich ſie kenne, beſtand aus einer armen alten Frau, die wie ich blos leiden konnte und mit mir litt. Oh, auch dieſe hat ihre Aufgabe auf Erden wohl erfüllt.“ „Es war.. Ihre Mutter?“ fragte der Cheva⸗ lier tief bewegt. „Sie nannte mich ihre Tochter; aber jetzt, da ich im Alter der Ueberlegung angekommen bin, glaube ich nicht, daß ſie meine Mutter ſein konnte: ſie war zu alt dazu; überdieß ſehe ich, wenn ich mit geſchloſſenen Augen in der Tiefe meiner Ge⸗ danken ſuche, in weiter Ferne wie im Traum eine erſte Kindheit, die keine Aehnlichkeit mit der zweiten hatte, d. h. mit derjenigen, die ich gehabt hätte, wenn ich das Kind der alten Denniee geweſen wäre.“ „Und was ſagen Ihnen Ihre Erinnerungen über dieſe Kindheit?“ fragte der Chevalier lebhaft.„Oh, ſprechen Sie, ſprechen Sie, Thereſe! Sie können nicht glauben, Sie können nicht begreifen, welchen Werth ich auf Ihre Mittheilungen lege; denn ich zweifle nicht daran, mein Kind, daß Sie genug Ver⸗ trauen zu mir haben, um mir Alles zu ſagen was Sie wiſſen.“ „Ach, mein Herr, ich möchte Ihnen von Herzen gern Alles ſagen, aber ich beſitze keine feſten und beſtimmten Erinnerungen; nur das weiß ich gewiß, daß ich nicht immer mit den Lumpen bedeckt war, welche die Livree meiner heranwachſenden Jugend gebildet haben; beſonders erinnere ich mich, daß, wenn ich an den Tuilerien vorüberkam, meine Adoptivmutter mich immer zu tröſten hatte, denn ich bat ſie mit Thränen, ſie möchte mich wie in meiner erſten Kindheit mit dem Reif ſpielen und unter den Caſtanienbäumen über die Schnur ſprin⸗ gen laſſen.“ „Und hat ſich keines der Geſichter, welche Sie in Ihrer Kindheit ſahen, Ihrem Gedächtniſſe einge⸗ prägt?“ „Nicht ein einziges. Ich erinnere mich weder wann noch wie ich aus dem Wohlſtande oder Reich⸗ thum in das Dachkämmerchen verſetzt wurde, das die alte Denniee bewohnte. Ich habe zehn Jahre ſehr unglücklich da gelebt, das dürfen Sie mir glauben, mein Herr; gleichwohl war ſie gut, die arme Frau, ſie liebte mich ſo innig, wie arme Leute lieben können; denn was man auch ſagen mag, mein Herr, das Elend trocknet das Herz ſchrecklich aus, und wenn man kein Brod hat, wenn ſeit vier⸗ undzwanzig Stunden der Hunger an die Thüre klopft, wenn man rings um ſich ſchaut und nirgends eine Hilfsquelle, nirgends eine Hoffnung erblickt; wenn Gott gegen ſeine Kinder ſo hart iſt, dann iſt es ſchwer gegen Andere mild zu ſein. In ſolchen Augenblicken, wenn die Arbeit nicht ging, wenn wir vor irgend einem Reſtaurant der Barriere Vaugi⸗ rard betteln mußten, und wenn ich nirgends eine mitleidige Seele gefunden hatte, da ſchlug mich die 61 alte Denniee manchmal; aber es währte nicht lang, ihr Zorn legte ſich gleich bei meinen erſten Thränen, da bat ſie mich um Verzeihung und küßte mich, ich weinte mit ihr und wir vergaßen unſern Jammer auf einige Augenblicke.“ „Und warum haben Sie Ihre Adoptivmutter verlaſſen, liebes Kind?“ „Ach! ich habe ſie nicht verlaſſen, mein Herr, ſondern ſie iſt in die beſſere Welt dahingegangen. In den letzten Tagen ihrer Krankheit war ich fünf⸗ zehn Jahre alt; ſie hatte mich ſo ſehr zum Muth, zur Tugend und zur Ergebung ermahnt, daß ich, als ich ſie zu ihrer letzten Ruheſtätte begleitet, als ich ſie in das gemeinſchaftliche Grab, wo ſie ihre Unglücksgefährten auf Erden wiederfinden ſollte, ſinken geſehen und ein brünſtiges Gebet zu dem lieben Gott emporgeſandt hatte, mich beſſer und kräftiger, als ich mich je gefühlt, wieder emporrich⸗ tete; ich hatte trotz meiner zarten Jugend bereits Etwas von den Gefahren geſehen, die mich in mei⸗ ner Einſamkeit erwarteten, und da ich ihnen weder trotzen konnte noch trotzen wollte, ſo beſchloß ich ſie zu fliehen. Ich ging zu Nonnen, die mich in eine Lehre gaben; unglücklicher Weiſe wurde ich in kur⸗ zer Zeit eine ſehr geſchickte Arbeiterin.“ „Was war denn daran Unglückliches, arme liebe Kleine?“ Thereſe verbarg ihren Kopf zwiſchen beiden Händen. 4 „Ach, erzählen Sie mir doch weiter,“ ſagte der hevalier im aufmunterndſten Ton. „Allerdings muß ich ſprechen,“ antwortete das Kind,„und Sie, ein ſo guter, ſo mitleidiger Herr, Sie werden in Ihrem eigenen Namen und im Na⸗ men der Welt dem armen verlaſſenen Kind verzei⸗ hen. Sie ſagen, daß Sie Vaterſtelle an mir ver⸗ treten wollen; Sie müſſen alſo ganz beſonders die ganze Wahrheit erfahren, um Ihre Adoptivtochter zu kennen; dann ſcheint es mir auch, daß ich, wenn ich Ihnen Alles geſagt habe, wenn Sie Alles wiſ⸗ ſen was meinen Fehler entſchuldbar machen kann, mich mit leichterem Herzen bei Ihnen befinden werde.“ „Sprechen Sie, mein Kind, und rechnen Sie auf meine Nachſicht; ſie wird meiner Zärtlichkeit gleichkommen, womit ich Ihnen Alles zu erſparen wünſche, was dieſes Geſtändniß etwa allzu Pein⸗ liches haben könnte.“ „Ach ja, ja, ſeien Sie ruhig, Sie werden Alles erfahren,“ verſetzte Thereſe, indem ſie gegen den Chevalier eine Hand ausſtreckte, welche dieſer vä⸗ terlich zwiſchen den ſeinigen drückte. „Mit ſiebzehn Jahren, wie ich Ihnen ſo eben geſagt habe, war ich alſo die geſchickteſte Arbeiterin meiner Werkſtatt geworden und erhielt eine Stelle bei einer der erſten Weißzeughändlerinnen der Rue St. Honoré.“ „Eines Tags erſchien ein junger Mann in Be⸗ gleitung ſeines Vaters bei Madame Dubois— ſo hieß meine Prinzipalin— um verſchiedene Ge⸗ genſtände zu beſtellen, die er als Hochzeitsgeſchenke für ſeine Braut beſtimmte; ich kann Ihnen nicht ſa⸗ gen, wie der Vater war, ich ſah nur den jungen Mann. Auf den erſten Blick hatte er gleichwohl » —— u 2 63 nichts ſehr Bemerkenswerthes. Warum konnte ich meine Augen nicht mehr von ihm abwenden? Ich kann nur eine Sache des Verhängniſſes darin fin⸗ den; im Uebrigen ſchien es mir, als ob er mich un⸗ geheuer ſtark angeſehen hätte, und den Reſt des Tags ſo wie einen Theil der Nacht hindurch, die ich ſchlaflos verbrachte, war ich höchſt unruhig.“ „Am folgenden Tag kam er wieder unter dem Vorwand noch einige Beſtellungen den geſtrigen bei⸗ zufügen, und dießmal ſchien es mir, als ob er mich noch feſter anſchaute als das erſte Mal. Ich war an dieſem Tag äußerſt befangen und wagte es kaum ihn anzuſchauen; als er die Hand auf den Thürknopf legte, um in das Zimmer zu treten wo ich mich befand, war es mir, obſchon ich ihn noch nicht geſehen, obſchon Nichts mir geſagt hatte, daß er es ſei, ganz kalt ums Herz geworden. „Als ich ihn aber angeſehen, da war mir Etwas wie eine Flamme in die Adern gedrungen, ſo daß mir den ganzen Reſt des Tages das Herz ge⸗ waltig pochte; am dritten Tag kam er wieder, am vierten gleichfalls; er war ſo ſanft, ſo gut, ſo herz⸗ lich, daß das vage und unbeſtimmte Gefühl, das ich ſchon am erſten Tag für ihn empfunden hatte, bald einen entſchiedeneren Charakter annahm. Ich begriff, daß ich ihn liebte, und die Neigung, die mich zu ihm trieb, war ſo mächtig, daß ich keinen ein⸗ zigen Augenblick daran dachte, daß er in einigen Tagen ſeinen Namen und ſeine Hand einer Andern geben ſollte, die vielleicht bereits ſein Herz beſaß. „Und gleichwohl wünſchte ich Dieſe kennen zu lernen. Ich war in Abweſenheit der Prinzipalin Vorſteherin 64 der Werkſtatt; eines Tags als ſie ausgegangen war, legte ich einige Lappen in eine Schachtel und begab mich nach dem Hotel, wo, wie ich wußte, die Braut Deſſen wohnte in den ich ſo ſterblich verliebt war. „Ich fragte nach Fräulein Adele von Clermont. „Dieß war ihr Name. 3 „Man ließ mich lange warten. „Jedes Geklingel, das von Außen kam, hallte in meinem Herzen nach; ich glaubte immer, er ſeis. „Endlich führte man mich bei der Dame ein. „Sie mochte vierundzwanzig Jahre haben; ſie war eine große hagere Brünette; ihr Weſen war gebieteriſch, ihr Geſicht boshaft. Mein Herz klopfte vor Freude. Henri— ſo hieß er— konnte ein ſolches Weib nicht lieben. „Ich gab vor, daß ich einige Maße zu nehmen hätte, und nachdem ich ſie genommen, entfernte ich mich in tiefer Gemüthsbewegung. „Ich befand mich bereits auf den letzten Stufen der Treppe, als meine Hand, die das Geländer hielt, an eine andere gerieth. „Ich ſchaute auf und erkannte Henri. „Wahrſcheinlich war er eben ſo in Gedanken vertieft wie ich, denn wir hatten einander Beide nicht bemerkt.. „Er ſprach zuerſt. „Sie hier, mein Fräulein?“ rief er. „Oh, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir,“ erwiderte ich;„aber ich wollte Ihre Braut ſehen, ich wollte ſie kennen lernen.“ „Mit dieſen Worten ſank ich in ſeine Arme. Er drückte mich an ſein Herz, ſeine Lippen begegne⸗ 65 ten den meinigen, und in meiner Liebestollheit ſchien es mir, als ob dieſe durch einen Kuß beſiegelte Um⸗ armung uns mit einem unauflöslichen Band verei⸗ nigt hätte. „Am folgenden Tag machten wir zuſammen eine Promenade im Boulogner Wäldchen; er ſagte mir, daß er mich liebe, ich antwortete ihm, daß ich ihn liebe. Vierzehn Tage hindurch wurden dieſe Spa⸗ ziergänge jeden Abend erneuert. Dieß war die glücklichſte Zeit meines Lebens; ich armes verlaſſe⸗ nes Mädchen, dem Niemand ſagte, ob ich recht oder unrecht handle, öffnete mein Herz der Gegenwart und verſchloß meine Augen für die Zukunft; ganz meiner Zärtlichkeit gegen ihn hingegeben, fragte ich ihn nicht, was er zu thun gedenke. Ich lebte in den Tag hinein, begnügte mich mit dem Glück ihn zu ſehen, berauſchte mich in dem Vergnügen ihn zu hören und dachte keinen Augenblick daran, daß die⸗ ſes Glück mir jemals entſchwinden könnte. 4 „Eines Tages erſchien er nicht beim Rendezvous.“ „Ich ging halb verrückt vor Unruhe in meine Wohnung zurück; dort traf ich einen Brief von Henri. „Er ſagte mir ſein Lebewohl. „„Er ſchrieb, im Augenblick wo er mit ſeiner Braut brechen gewollt, habe ihm die Kraft verſagt; der Gedanke ein junges Mädchen durch den Scan⸗ dal dieſes Bruches unmittelbar vor der Hochzeit zu entehren habe über ſeine Liebe geſiegt, er könne ſich nicht entſchließen eine Unehrlichkeit zu begehen; der Gedanke, daß ich ihm hätte gehören können, werde ihn ſein Lebenlang unglücklich machen, und er bitte Dumas, Black. II. 5. 66 mich dringend ihn zu vergeſſen, damit nicht mein Unglück das ſeinige noch erſchwere. „Ach, ich vermochte es nicht mehr. „Ich fragte, wer den Brief gebracht habe. Man antwortete mir, ein junger Mann von fünfundzwan⸗ zig Jahren und in. militäriſcher Uniform; er habe eine ſolche Aehnlichkeit mit Henri, daß man Anfangs geglaubt habe, er ſei es. „Das Dazwiſchentreten dieſes jungen Offiziers gab dem Ereigniß etwas eigenthümlich Geheimnißvolles. „Aber was wirklich und handgreiflich war, das war dieſer Brief, dieſer Brief, den ich bereits zu wiederholten Malen geleſen hatte und der unleugbar von ſeiner Hand war. Dieſer Brief enthielt mein Todesurtheil; was lag mir an dem Ueberbringer! „Seit ich dieſen Unglücksbrief geleſen hatte, war die Welt leer für mich; mir war, als ob ich wie ein Schatten auf einem großen mit Gräbern über⸗ ſtreuten Kirchhof umherirrte. „Jedes dieſer Gräber verſchloß eine Erinnerung an ihn; ich blieb auf allen ſtehen und weinte. „Es war wie ein Traum. „Als ich aus dieſem Zuſtand der Geiſtesver⸗ wirrung erwachte, war der Tag gekommen, und dieſer Tag that mir weh; ich fragte mich, wie die Sonne noch die Erde beſcheinen könne, während Henri mich nicht mehr liebe; wie Männer und Frauen noch leben, ſingen, ſich mit gleichgiltigen Dingen beſchäf⸗ tigen können, während mein Herz ſo verödet ſei. „Ich beſchloß aus dieſem Lärm, dieſer Aufregung, dieſem Pariſer Leben, das mir das Herz zermalmte, zu entfliehen. 67 „Ich ging fort wie eine Närrin, ohne mich zu fragen, wohin ich ging. „Ich ſuchte die Orte auf, wo ich mit ihm ge⸗ weſen war. „Mechaniſch, inſtinktmäßig, ohne um mich zu ſchauen, ohne Notiz von Leuten zu nehmen die mich ſtießen, ſchlug ich den Weg nach dem Boulogner Wäldchen ein, wohin er mich ſeit vierzehn Tagen regelmäßig führte. „Ich irrte lange umher und verweilte an all den Plätzen, wo ich mit ihm verweilt hatte. Es war mir, als ob der Wind, der in den Blättern ſpielte, ſie die Worte der Liebe herſagen machte, die ich mit ſolcher Seligkeit angehört hatte; ich bebte plötz⸗ lich zuſammen, weil ich ſeine Stimme zu hören glaubte, die mich rief; ich blieb ſtehen, weil ich die Spur ſeiner Tritte auf dem Sand zu erkennen glaubte; er war es, den ich in jedem Mann er⸗ blickte, der noch zu fern war, als daß ich ſeine Züge zu erkennen vermochte. „So lief ich beinahe den ganzen Tag umher. „Ich hatte ſeit geſtern Nichts genoſſen; aber ich dachte nicht ans Eſſen: ein glühendes Fieber hielt mich aufrecht. „Allmählig ſiegte die Verzweiflung über dieſe Art von Luftſpiegelung, welche ich die letzten An⸗ wandlungen von Hoffnung nennen möchte; ich dachte weniger an ihn und mehr an mich; ich ermaß die Vereinſamung, worin er mich ließ, wie ein in einer Wüſte verlorener Reiſender einen unüberſchreit⸗ baren Horizont ermißt. Ich begriff nicht, wie irgend Etwas mich aus dem Abgrund zu ziehen, mich zu 5 68 tröſten, mich zum Tag, zum Leben, zum Glück zu⸗ rückzuführen vermöchte; überwältigt von Schmerz, Ermüdung und Schlafloſigkeit ſank ich unter einem Baum an einem einſamen Plätzchen auf dem Raſen nieder und fiel in Ohnmacht. „Als ich wieder zu mir kam, war ich nicht mehr allein; ein ſchwarzer Hund ſtand an meiner Seite und ſchien mich zärtlich anzuſehen. „Ich hörte mehrere Male aus der Ferne Black rufen, aber der Hund ſchüttelte ſeinen Kopf, als ob jagen wollte: Ruft ſo lang Ihr wollt, ich komme nicht. „Ich ſelbſt hatte nicht die Kraft ihn fortzujuaͤgen oder zurückzubehalten. Ich ſah ihn ſtumpfſinnig an, denn ich war noch nicht ganz wieder zu Verſtand gekommen; dann bekam ich Angſt und verſuchte ihn mit der Hand von mir zu entfernen; er leckte mir die Hand mit ſolcher Liebe, daß ich begriff, daß er mir Nichts zu Leid thun wollte.* „Ich erhob mich und er folgte mir. „Ich begann mich zu erinnern und aus der Gegenwart herauszutreten, um in die Vergangen⸗ genheit zurückzukehren. „Henri! Henri! Henri! „Dieſen Namen rief ich einmal ums andere, und jedes Mal trat mir mein Unglück ſichtbarer und ſchmerzlicher vor die Augen. „Ich fragte mich, ob ich als mutterloſe Waiſe, als ein junges Mädchen ohne alle Unterſtützung, als eine Liebende ohne Liebhaber noch leben könne, während doch mein Leben lediglich in dem Bedürf⸗ niß zu lieben und geliebt zu werden beſtand.“ 69 „Mein Herz antwortete mir Nein. „Jetzt begann ich voll Verlangen an jene andere Welt zu denken, deren Seele, Geiſt und Weſen die allumfaſſende Liebe iſt. „In dieſer beſſern Welt würde Gott, der in meine Seele dieſe unausſprechliche Zärtlichkeit für Henri gelegt hatte, mir ſicherlich nicht verweigern mich mit ihm zu vereinigen.. „Ich beſchloß ihn in dieſer Welt der Seelen zu erwarten, damit ich die Erſte wäre, die er bei ſeiner Ankunft daſelbſt fände. „Ich orientirte mich. „Ich war in der Nähe von Neuilly; ich be⸗ merkte in der Dämmerung die ſchwarze Silhouette der großen Pappeln an der Seine; der Fluß d. h. der Tod war nur zwei Schritte entfernt; Gott hatte mich alſo erhört. „Ich ging mit einer Entſchloſſenheit darauf zu, wie wenn ich mir ſchon längſt Dieß aufs Entſchie⸗ denſte vorgenommen hätte. „Der Hund folgte mir; aber ich achtete nicht einmal auf ihn. „Ich hatte ſo ziemlich das Gefühl für alle äu⸗ ßeren Gegenſtände verloren; ich weiß nicht, wie ſie vor meinen Augen erſchienen, aber zu meinem Herzen gelangten ſie nur noch wie eine Art von Viſion. „Ich blieb plötzlich ſtehen; der Fluß war vor mir; das Waſſer rollte düſter und raſch dahin. „Ich war ſa feſt entſchloſſen aus dem Leben zu ſcheiden, daß ich mich augenblicklich hineingeſtürzt 70 haben würde, wenn ich nicht plötzlich an Gott ge⸗ dacht hätte, vor dem ich jetzt erſcheinen ſollte. „Ich kniete am Ufer nieder; meine Bruſt öffnete ſich ſo zu ſagen um mein Herz und meine Seele geradewegs zu Gott gehen 8 laſſen. „Ich ſtellte ihm vor, daß er, wenn er jedem menſchlichen Geſchöpf ſein Kreuz zu tragen gebe, das meinige für meine ſchwachen Schultern zu ſchwer gemacht habe, daß ich unter ſeiner Laſt niederge⸗ drückt erlegen ſei und es unmöglich weiter tragen könne; ich flehte, er möchte mir den letzten Gang vom Leben zum Tod leicht machen, er möchte mich in ſeinen Schooß aufnehmen und beſonders im Her⸗ zen meines Henri einen Keim der Liebe laſſen, der da oben wieder blühen könnte. „Ich erhob mich ſo ruhig, wie wenn Gott ſelbſt mich mit dem Finger berührt hätte; dann machte ich einen Schritt nürts, verſchloß die Augen und ſprang in den Fluß. „Ich wurde plötzlich ergriffen, umhüllt, wie in ein feuchtes Leichentuch gerollt. „Aber mitten in dem kläglichen Getöſe des Waſ⸗ ſers, das um meine Ohren ſummte, meinte ich den Fall eines zweiten Körpers über meinem Kopfe zu vernehmen. „Beinahe unmittelbar ſpürte ich, daß man mich heftig an meinem Kleide zog. Obſchon mein Ent⸗ ſchluß feſt gefaßt war, ſo hatte ich doch Angſt, große Angſt vor dem Tode. „Einmal im Waſſer, hatte ich die Augen geöff⸗ net; die graugrünen Tiefen des Fluſſes hatten mich mit Schrecken erfüllt. — 71 „Als ich mich ſo anfaſſen fühlke, glaubte ich, es ſei die kalte Hand des Todes, die mich in den Abgrund ziehe. „Ich öffnete meinen Mund, um einen Schrei auszuſtoßen: mein Mund füllte ſich mit Waſſer, bläuliche Funken hüpften um mich her und ich fiel in Ohnmacht. „Dann und wohrſcheinlich noch lange nachher hörte ich Menſchenſtimmen um mich her; ganz mei⸗ nen Todesgedanken hingegeben glaubte ich mich todt und in jener ſo erſehnten Welt. „Endlich kehrte mein Bewußtſein allmählig zu⸗ rück, und ich machte eine außerordentliche Anſtren⸗— gung um die Augen zu öffnen. „Ich befand mich im untern Zimmer einer jener vielen Schenken auf dem Seineufer. „Ich lag auf einer Matratze auf einem Tiſch.“ „Ich glaubte noch zu träumen. „Aber vor dem Feuer, welches das Zimmer beſchien, bemerkte ich den ſchwarzen Hund auf allen Vieren ausgeſtreckt, wie er ſeine ganz feuchten Haare ableckte. „Ich begriff jetzt, daß man mich gerettet hatte. „Dann erinnerte ich mich allmählig— ein Ding kam mir ums andere wieder zum Bewußtſein— an Alles was vorgefallen war. „Hierauf murmelte ich ganz leiſe einen Namen, der in meiner Erinnerung geblieben— es war der Name des Hundes— Black. „Hörte mich Black? Errieth er mich? That⸗ ſache iſt, daß er ſich erhob und zu mir herkam. 72² „Ich ſpürte den Eindruck ſeiner lauen Zunge auf meiner eiſigen Hand. „Dieß war meine erſte Empfindung, die mir von der äußeren Welt her kam. „Ich machte eine Bewegung und ſtieß einen Seufzer aus. „Alle Leute im Zimmer gruppirten ſich um mich er. „Man goß mir einige Tropfen warmen Wein ein, legte eine Menge Kiſſen hinter mich und rich⸗ tete mich an ihnen auf. „Jetzt begannen Alle zugleich zu ſprechen, und ich erfuhr was geſchehen war. „Aufmerkſam gemacht durch das Geheule des Hundes und durch das Getöſe zweier ins Waſſer gefallener Körper, waren die braven Bewohner die⸗ ſes Hauſes ans Ufer geeilt und hatten den ſchwar⸗ zen Hund bemerkt, der mich an die Oberfläche des Waſſers zurückgebracht hatte, aber, da er nicht ſtark genug war um mich ans Ufer zu ziehen, der Strö⸗ mung folgte. „Da ich blos einige Schritte vom Ufer entfernt war, ſo hatte ein Seemann ſich ins Waſſer gewor⸗ fen und mich ans Land gebracht. Das Uebrige erklärte ſich von ſelbſt. „In dieſem Augenblick erſchien ein Beamter, ein Polizeicommiſſär oder ein Friedensrichter, ich weiß nicht was; er war von dem Ereigniß in Kenntniß geſetzt worden und eilte herbei um es zu conſtatiren. „Er fand mich lebend, ertheilte mir einen väter⸗ lichen Verweis und verlangte mir einen Eid ab, daß ich keinen Selbſtmordsverſuch mehr machen wolle. ——ÿ 73 „Man wärmte mir ein Bett, legte mich nieder und ich verließ das Haus dieſer braven Leute erſt am folgenden Tage. „Ich zog das Bischen Geld was ich hatte aus meiner Taſche, um nicht ſowohl den geleiſteten Dienſt, als vielmehr die Auslagen die ich veranlaßt hatte zu bezahlen. „Bei der erſten Bewegung, die ich machte, legte der Mann ſeinen Arm auf meinen Arm. „Ich ergriff dieſe Hand, drückte ſie und küßte die Frau. 3 „Dann ſtieg ich in einen Fiaker, den man in Neuilly geholt hatte, ließ natuͤrlich meinen Retter Black auch einſteigen und kehrte nach Paris zurück. „Aber meine beſtändigen Abweſenheiten ſeit vier⸗ zehn Tagen, und beſonders mein Ausbleiben den ganzen geſtrigen Tag, hatten Madame Dubois er⸗ zürnt, und ſie erklärte mir daß ſie meine Stelle vergeben habe. „Ich beſchloß Paris zu verlaſſen; es war mir verhaßt geworden. „Ich hatte während meines Aufenthalts bei Madame Dubois in Beziehungen zu Mamſell Fran⸗ cotte in Chartres geſtanden; ſie hatte oft zu mir geſagt, wenn ich mich einmal entſchließen könne in die Provinz zu gehen, ſo möge ich an ſie denken. Ich ſetzte mich mit Black in die Diligence nach Chartres, und nun gab ſie mir ſogleich eine Stelle in ihrem Magazin.“ „Aber Henri, Henri!“ rief der Chevalier.„Sie haben Nichts mehr von ihm gehört? Er hat Sie 74 alſo verlaſſen, als Sie auf dem Weg waren Mut⸗ ter zu werden? O, der Elende!“ „Henri? O nein, mein Herr, er liebte mich zu ſehr, um mich nicht zu reſpectiren; ich bin aus all dieſen ſüßen Herzensergießungen rein hervorgegan⸗ gen, und wahrlich ich mürde ihm Nichts verweigert haben, ich liebte ihn ſo ſehr! Aber er hat nie etwas Anderes verlangt, als die unſchuldigen Lieb⸗ koſungen, die ich ihm mit ſolcher Freude ſpendete.“ „Aber dann,“ fragte der Chevalier de la Gra⸗ verie ganz erſtaunt,„wie haben Sie mit einer ſo innigen Liebe im Herzen ihn ſo bald vergeſſen können?“ „Ach, mein Herr,“ antwortete Thereſe den Kopf ſchüttelnd,„juſt dieſe Liebe zu ihm hat mich zu Grunde gerichtet, und Sie kennen bis jetzt mein Unglück nur halb.“ „Vollenden Sie doch, liebes Kind, vollenden Sie, wenn Sie Kraft genug in ſich fühlen ſolche traurige Mittheilungen zu machen.“ „Einige Tage nach meiner Ankunft in Chartres,“ fuhr Thereſe fort,„als ich eine Schachtel in die Stadt trug und mit geſenktem Haupt einherging, begegnete ich zwei Offizieren, die aus Scherz ihre Arme zuſammenhielten und mir den Weg verſperr⸗ ten; ich richtete den Kopf auf, und als ich einen der beiden Militärs angeſehen hatte, rief ich: Henri! „Ich lehnte mich an die Mauer, um nicht zu fallen. „Als die beiden jungen Leute mich ſo blaß und einer Ohnmacht nahe ſahen, entſchuldigten ſie ſich, 75⁵ und Derjenige, auf welchen mein Blick beſtändig geheftet blieb, ſagte, ſie hätten nicht gedacht, daß ein unſchuldiger Scherz ſolche Folgen haben könnte. „Ich aber gerieth immer mehr unter die Herr⸗ ſchaft dieſer Viſion und wiederholte mit zitternden Lippen: „Henri! Henri! Henri!“ „Mein werthes Fräulein, ſagte endlich der Of⸗ fizier lächelnd zu mir, ich bedaure unendlich nicht Henri zu heißen, da dieſer Name zärtliche Erinne⸗ rungen in Ihnen erweckt; aber mein Bruder heißt Henri; ich heiße Gratien. Wie glücklich wollte ich mich ſchätzen, wenn auch mein Name in Ihrem Ge⸗ dächtniß bliebe!“ „Wenn Sie nicht Henri ſind, ſo laſſen Sie mich gefälligſt meines Wegs gehen, mein Herr.“ „Black murrte dumpf und drohte über die Offi⸗ ziere herzufallen. „Mein Fräulein, ſagte Gratien, wir haben nie⸗ mals die Abſicht gehabt Sie aufzuhalten.“ „Sehen Sie, ſagte ſein Camerad, wir ſahen ein junges Mädchen mit geſenktem Kopf auf uns zu⸗ kommen: da ſagten wir zu einander: Ein ſo ſchönes Mädchen muß gewiß auch ſchöne Augen haben. Wir vertraten Ihnen alſo den Weg, um Sie zu zwingen, daß Sie die Augen aufſchlügen; Sie haben ſie auf⸗ geſchlagen und wir ſind vollkommen befriedigt, mein Fräulein; Ihre Augen ſind noch ſchöner, als wir vermuthet hatten.“ „So ſprechend ſtrich der junge Offizier ſeinen Schnurrbart mit einer ſo impertinenten Miene, daß er mir Angſt machte. 76 „Meine Herren! rief ich, meine Herren! „Mehrere Perſonen hatten ſich, ohne Zweifel wegen des angſtvollen Tones in meiner Stimme, genähert. „Was machen Sie denn mit dieſem. Kind? fragte ein alter Herr mit einem Schnurrbart. „Nichts, abſolut Nichts, antwortete der Freund des Herrn Gratien in poſſenhaftem Ton; einige Complimente, weiter Nichts. „Zu meiner Zeit, meine Herren, und als ich die Ehre hatte die Uniform zu tragen, machten wir den jungen Mädchen nur ſolche Complimente, die ſie anhören konnten, ohne zu erblaſſen und ohne um Hilfe zu rufen.“ „Dann wandte er ſich gegen mich und ſagte: „Geben Sie mir Ihren Arm, mein Kind, und kommen Sie.“ „Ich war ſo angegriffen, ſo betäubt durch das was mir zugeſtoßen war, daß ich dem alten Herrn meinen Arm reichte und mich von den beiden Offi⸗ zieren ſo ſchnell entfernte, als die Schwäche in mei⸗ nen Beinen es mir geſtattete. „Nach fünfzig Schritten fragte mich der Greis: „Bedürfen Sie meiner noch, mein Fräulein, und Vauben Sie, daß mein Schutz Ihnen noch nützlich ei?“ „Nein, mein Herr, antwortete ich, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen.“ „Dann ſagte ich, wie wenn er wiſſen könnte was in meiner Seele vorging: „O, er glich Henri ſo ſehr!“ 77 „Hiermit dankte ich ihm zum zweiten Mal und entfernte mich. „Der alte Herr ſchaute mir erſtaunt nach; er mußte mich wirklich für eine Närrin halten.“ VI. Die Ueberrumpelung. „Als ich zu Mamſell Francotte in den Laden zurückkam,“ fuhr Thereſe fort,„ſchützte ich ein hef⸗ tiges Kopfweh vor und bat um Erlaubniß mich Keinen Augenblick in das Hinterſtübchen zurückzu⸗ ziehen. „Es war mir Bedürfniß meine Lebensgeiſter wieder zu ſammeln. 4 „Ich war ſo blaß, daß man keinen Augenblick an meiner Unpäßlichkeit zweifelte; Mamſell Fran⸗ cotte wollte mich ſelbſt verpflegen, aber ich erſuchte ſie mir nur ein Glas Waſſer zu geben und mich dann allein zu laſſen. „Sie erfüͤllte meine Wünſche. „Als ich einmal allein war, begann ich zu über⸗ egen. „ Jetzt erinnerte ich mich an jenen Brief, welchen ein Offizier, den man wegen ſeiner Aehnlichkeit mit Henri verwechſelt hatte, während meiner Abweſen⸗ heit in den Laden von Madame Dubois gebracht. „Ich erinnerte mich, wie der junge Offizier ge⸗ rufen hatte: „Ich heiße nicht Henri, ſondern mein Bruder.“ „Ich erinnerte mich überdieß, daß Henri mir einige Male von einem Zwillingsbruder erzählt hatte, der ſein leibhaftiges Abbild ſei; er gleiche ihm ſo ſehr, daß ihre Eltern, um ſie in ihrer Kind⸗ heit auseinander zu kennen, ihnen Kleider von ver⸗ ſchiedenen Farben haben anlegen müſſen. „Alles erklärte ſich. Gratien war zu Henris Hochzeit gekommen, und Henri hatte Gratien, als ſeinen beſten Freund, beauftragt den Brief, der bei⸗ nahe meinen Tod verurſacht hätte, in den Laden zu bringen. „Nach der Hochzeit war Gratien in ſeine Gar⸗ niſon nach Chartres zurückgekehrt. Ich hatte ihn Tags zuvor begegnet; ich hatte Henri zu erkennen geglaubt; Nichts einfacher, als alles Das. „Nur wurde für mich in meiner damaligen Ge⸗ müthsverfaſſung Alles eine Drohung. „In dieſem Augenblick hörte ich die Thüre nach der Straße zu ſchließen und durch das doppelte Fenſter, das mich von dem Laden trennte, ſah ich einen jungen Offizier eintreten, den ich als Gratien erkannte. „Er kam um Handſchuhe zu kaufen. „Ohne Zweifel hatte das Abenteuer ihn pillirt, er war mir nachgelaufen oder hatte Erkundigungen eingezogen, und das Handſchuhkaufen war blos ein Vorwand um zu erfahren, wer ich ſei. „Ich lehnte mich ganz zitternd an eine Com⸗ mode, deren Marmor meine glühenden Hände er⸗ friſchte. Er blieb unter verſchiedenen Vorwänden ungefähr eine Viertelſtunde im Laden und entfernte ſich endlich, indem er einen Blick getäuſchter Erwar⸗ tung um ſich her warf. 79 „Dieſes Verweilen im Laden ſetzte übrigens Mamſell Francotte durchaus nicht in Verwunderung. Da wir zu vier oder fünf jungen Mädchen waren, von denen die älteſte noch nicht zwanzig Jahre zählte, ſo machten die Herrn von der Garniſon, unter dem Vorwand Hemden zu beſtellen oder Hand⸗ ſchuhe zu kaufen, häufige Beſuche bei uns. Mamſell Francotte fand ihre Rechnung dabei und empfahl uns zweierlei: zuvorkommende freundliche Geſichter im Laden, überall ſonſt aber ſtrenge Sittlichkeit. „Da mir jetzt ein Licht aufgegangen war, ſo hatte ich keinen Grund mehr im Hinterſtübchen zu bleiben; ich ging alſo in den Laden zurück und nahm meinen gewohnten Platz am Comptoir wieder ein. „Die Mädchen ſprachen von dem ſchönen Offi⸗ zier, der ſo eben gegangen war. Es war das erſte Mal, daß man ihn bei Mamſell Francotte ſah, und Sie können ſich wohl denken, was vier Zungen von fünfzehn bis achtzehn Jahren über einen ſchönen Offizier von fünfundzwanzig Jahren zu ſagen hatten. „Man beklagte mich ſehr, daß ich nicht da gewe⸗ ſen ſei, als er gekommen. „Aber man werde ihn ganz gewiß wieder zu ſehen bekommen: er ſei eine Viertelſtunde dageblie⸗ ben und damit habe er offenbar eine Abſicht gehabt. „Ich hörte dieſes Geſchwatze mit geſchloſſenen Augen an und ſagte kein Wort dazu; ich allein hätte die Sache aufklären können, aber es ſiel mir gar nicht ein. 1 „Am folgenden Tag hatte ich einen Ausgang zu machen. Nur zitternd ſetzte ich meinen Fuß 8 über die Schwelle. Ich fürchtete eine Begegnung mit Herrn Gratien und doch ſehnte ich mich namen⸗ los ihn zu ſehen: nur mit ihm konnte ich von Henri ſprechen, und mein armes Herz dürſtete nach dieſer Freude. „Uebrigens hatte ich kaum hundert Schritte ge⸗ macht, als ich dem jungen Offizier begegnete. „Ich blieb wie angewurzelt ſtehen. „Er trat auf mich zu.. „Mein Fräulein, ſagte er, empfangen Sie gü⸗ tigſt meine Entſchuldigungen wegen des Schreckens, den mein Camerad und ich Ihnen verurſacht haben. Ich wollte damit nicht bis heute warten, und ſo bald ich erfuhr, in welchem Laden Sie ſind, eilte ich dahin. Aber Sie waren abweſend, und da ich einerſeits Ihren Namen nicht wußte, andererſeits eine Indiscretion zu begehen fürchtete, ſo wagte ich es nicht mich nach Ihnen zu erkundigen. Ich danke alſo dem Zufall, der mich heute in Ihren Weg führt, ſo daß ich Ihnen jetzt ſagen kann, mit wel⸗ chem Bedauern ich den unangenehmen Eindruck wahrgenommen habe, den meine Erſcheinung auf Sie hervorbrachte. „Mein Herr, antwortete ich ihm, Sie haben ſich getäuſcht; dieſer Eindruck, deſſen wahre Urſache Sie nicht kennen, hat ſeine Quelle in einem ganz andern Gefühl, als im Widerwillen...“ „Ei wie, mein Fräulein, unterbrach mich Gra⸗ tien, wärs möglich, daß ich ſo glücklich wäre...“ „Ich unterbrach ihn meinerſeits. „Mein Herr, ſagte ich zu ihm, eine Erklärung war nothwendig zwiſchen uns. Ich würde ſie nicht 81 geſucht haben, aber ich werde ihr auch nicht aus dem Wege gehen. Sie ſind doch Herr Gratien von Elbène, nicht wahr?“ 4 „Woher wiſſen Sie meinen Namen?“ „Bruder des Herrn Henri von Elbène? fuhr ich fort.“* „Allerdings.“ 4 „Sie ſind zur Hochzeit Ihres Herrn Bruders mit Fräulein Addle von Clairmont nach Paris ge⸗ kommen, nicht wahr?“ 77 „Sie wurden damals von ihm beauftragt einen Brief an ein junges Mädchen zu bringen, das er geliebt hatte?“ „Das er noch liebt und das er ſtets lieben wird, fügte Gratien hinzu.“. „Oh, rief ich, indem ich ſeine beiden Hände er⸗ griff und in lautes Schluchzen ausbrach, ſagen Sie die Wahrheit?“ ſei Mein Gott! ſagte Gratien, ſollten Sie Thereſe ein?“ 5 „Ach ja, mein Herr.“ „Das arme Kind, das ſich ertränken wollte?“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Von ihm. Er hatte es erfahren; er war bei Madame Dubois; aber Sie waren abgereist, und man konnte ihm nicht ſagen wohin oder was aus Ihnen geworden war. O, wie wird er ſich freuen, wenn er vernimmt, daß Sie noch leben und daß Sie ihm nicht fluchen!“ „Ich liebte ihn zu ſehr, um ihm je zu fluchen, murmelte ich.“ Dumas, Black. II. 6 82 berauben Sie mir ihm dieſe Verſicherung zu geben?“ „Henri kennt mein Herz und ich hoffe, daß er deſſen nicht bedarf.“ „Gleichviel! Morgen ſoll er erfahren, daß Sie hier ſind und daß ich das Glück gehabt habe Sie zu ſehen.“ „Ich ſtieß einen Seufzer aus und trocknete meine Thränen.. 1 „Aber es genügt mir nicht Sie jetzt zu ſehen; ich muß Sie auch wiederſehen. Sie liebten ihn?“ „O, von ganzem Herzen.“ „Nun wohl, wir werden von ihm ſprechen.“ „Es iſt mir jetzt nicht mehr erlaubt von ihm zu ſprechen, da es mir nicht mehr erlaubt iſt ihn zu lieben.“ „Es iſt immer erlaubt einen Bruder zu lieben und von einem Bruder zu ſprechen; wir werden von ihm als von einem Bruder ſprechen. „d, führen Sie mich nicht in Verſuchung, ſagte ich; ich bin bereits nur allzu geneigt, mein Gott! Laſſen Sie mich, nicht vergeſſen, das iſt unmöglich, aber laſſen Sie mich ſchweigen. „Der einzige Troſt, der bei einem nicht wieder gut zu machenden Unglück übrig bleibt, iſt, daß man weint und klagt. Klagen Sie bei mir, weinen Sie mit mir; ich werde Ihnen ſagen, wie ſehr er Sie liebte, wie er gekämpft, gerungen, gelitten hat; ich werde Ihnen ganz beſonders ſagen, wie ſehr er Sie noch liebt. „O, ſchweigen Sie, ſchweigen Sie, rief ich, in⸗ 83 dem ich die Hände an meine Ohren hielt, um nicht zu hören. „Ja, Sie haben Recht, ſagte er, hier, mitten auf der Straße, können wir ſolche Erinnerungen nicht zurückrufen; ich werde die Ehre haben Ihnen meinen Beſuch zu machen, und ich hoffe, daß Sie mir die Gunſt erzeigen werden mich zu empfangen. „Damit grüßte er und entfernte ſich, bevor ich ihm antworten konnte. „Ich kehrte, ganz in Gedanken über dieſe Be⸗ ſprechung vertieft, zu Mamſell Francotte zurück; ich erſchrack ſelbſt über den innern Wunſch, den ich empfand, Gratien wieder zu ſehen, um mit ihm von Henri zu ſprechen, aber gleichwohl begriff ich die Nothwendigkeit vor dieſer unwiderſtehlichen Verſu⸗ chung zu fliehen. Ich fragte daher Mamſell Fran⸗ cotte, ob ſie mich nicht gegen einen Abzug an mei⸗ nem Lohn in ihre Wohnung aufnehmen könnte. Unglücklicher Weiſe war das ganze Haus beſetzt, und ſie konnte meine Bitte nicht gewähren. „Ich bewohnte damals in der Hirſchſtraße ein Stübchen im dritten Stock, wohin ich mich jeden Abend gegen neun Uhr, d. h. ſo bald der Laden geſchloſſen war, zurückzog. „Den halben Sonntag hatte ich frei. „Wie Gratien meine Adreſſe erfahren hatte, weiß ich nicht; aber noch am ſelben Abend traf ich ihn, als ich eben heimgehen wollte, vor meiner Hausthüre. „Ich ſage Ihnen Alles, mein Herr, denn ich lege Ihnen eine förmliche Beichte ab; ich ſchulde Ihnen alſo Rechenſchaft über meine Gejüßle über 84 meine Gedanken ſogar, eben ſo wohl als über meine Handlungen. Nun denn, ich empfand nicht ſowohl Angſt, als vielmehr eine gewiſſe Freude, als ich Gratien erkannte. „Dieß iſt ſo wahr, daß ich eine Bewegung machte auf ihn zuzueilen. „Er ſah es und begriff von dieſem Augenblick an ohne Zweifel die ganze Gewalt, die er über mich erhalten konnte. „Ueberdieß begann er mit einigen Worten, die mir allen Muth geraubt haben würden, falls ich je die Kraft gehabt hätte ihn zurückzuweiſen. „Als ich Sie geſtern verließ, ſagte er, ſchrieb ich an Henri; ich meldete ihm, daß ich Sie geſehen habe und daß Sie ihn noch immer lieben. Ich werde übermorgen einen Brief von ihm erhalten. „Ach mein Herr, erwiderte ich ohne alle Kraft gegen dieſe Worte, was wollen Sie von mir, indem Sie ſolche Erinnerungen in mir zurückrufen und eine ſolche Liebe in mir neu erwecken? Sie richten mich zu Grunde. „Dabei lehnte ich mich an die Ecke der Thüre und begann zu weinen. „Mein Fräulein, ſagte er, ich will heute nicht in Sie dringen; der Zuſtand, worin ich Sie finde, verpflichtet mich zur Zurückhaltung; aber übermor⸗ gen am Sonntag, ſo bald der Laden von Mamſell Francotte geſchloſſen iſt, werde ich die Ehre haben bei Ihnen zu erſcheinen. „O, mein Herr! rief ich, was wird man ſagen, wenn man Sie zu mir kommen ſieht? Unmöglich! unmöglich! 8⁵ „Beruhigen Sie ſich, mein Fräulein, ſagte er; der Zufall will, daß unſer Schwadronschef in dem⸗ ſelben Hauſe wohnt wie Sie. Ich werde beinahe täglich durch meine Pflicht zu ihm gerufen und bin überdieß ſehr mit ihm befreundet; er wohnt im zweiten Stock, Sie wohnen im dritten; ich komme von ihm heraus und gehe zu Ihnen hinauf, ohne daß ein Menſch es weiß. Wenn man mich heraus⸗ kommen ſieht, ſo bin ich in Dienſtſachen bei Herrn Lingard geweſen, und Niemand findet Etwas dage⸗ gen einzuwenden. „Gratien wartete wiederum meine Antwort nicht ab, ſondern grüßte mich ehrerbietig und ging ſeines Wegs. „Meine Nacht war eine lange Schlafloſigkeit mein darauf folgender Tag ein langes Warten. „Ich wartete der Stunde, wo ich Gratien ſehen ſollte, mit eben ſo großer Ungeduld entgegen, wie früher derjenigen wo ich Henri ſehen ſollte. Frei⸗ lich war es noch immer Henri, den ich erwartete. „Zehn Minuten nach zwölf war ich zu Hauſe. Um halb ein Uhr klopfte es leiſe an meine Thüre. „Hat er geantwortet? fragte ich Gratien, indem ich ihm öffnete. „Hier, ſagte er, indem er mir einen ganz offe⸗ nen Brief hinhielt, leſen Sie und Sie werden ſehen, ob ich gelogen habe, indem ich Ihnen ſagte, daß er Sie noch immer liebe. „Ich griff gierig nach dem Brief und eilte an das Fenſter, weniger um beſſer zu ſehen, als um mehr allein zu ſein. „Während ich las, hörte ich Black dumpf knur⸗ 1 86 ren; zwei oder dreimal unterbrach ich mich, um ihm Schweigen zu gebieten; aber zum erſten Mal gehorchte er mir nicht. „Ja, der Brief war zu meinem Unglück aller⸗ dings von der Art, wie Gratien mir verſprochen hatte. Henri liebte mich noch immer, er liebte nur mich, er war unglücklich und beklagte, daß er nicht die Kraft gehabt eine Verbindung abzubrechen, die ſein Unglück ausmachte. „Nachdem ich ſeinen Brief zu wiederholten Malen geleſen, wollte ich ihn Gratien zurückgeben. „O, ſagte er, behalten Sie ihn, mein Fräulein, dieſer Brief iſt in Wirklichkeit nicht für mich be⸗ ſtimmt, ſondern für Sie; was ſollte ich damit machen? „Und er ſchob mit einem Seufzer meine Hand zurück. „Ich drückte meine Lippen auf den Brief und verbarg ihn in meinem Buſen. „Gratien blieb ſtehen. „Ich gab ihm ein Zeichen, daß er ſich ſetzen möchte. „Er begriff jetzt, daß es nur ein einziges Mittel gab ſeinen Beſuch zu verlängern, nämlich wenn er von Henri zu ſprechen anfing. „Eine Stunde verfloß wie eine Minute; um zwei Uhr war Parade. Gratien erhob ſich zuerſt. „Ich war im Begriff ihn zu fragen: wann werde ich Sie wieder ſehen? Glücklicher Weiſe hielt ich an mir. „Als Gratien gegangen war, verriegelte ich meine Thüre, wie wenn ich eine Störung befürch⸗ tete, obſchon ich keine Beſuche empfing, außer wenn 87 von Zeit zu Zeit eines der jungen Mädchen von Mamſell Francotte zu mir kam. „Als ich allein war, ſetzte ich mich auf ein kleines Canape neben dem Fenſter und begann den Brief von Neuem zu leſen, während Black ſeinen Kopf auf meinen Schooß ſtreckte und mich mit ſeinen großen Menſchenaugen anſah. „Sie begreifen, nicht wahr, daß dieſe Beſchäf⸗ tigung den ganzen Tag in Anſpruch nahm? „Am folgenden Tag ſah ich Gratien weder bei Tag noch am Abend. „Ich hörte zehn Uhr, eilf Uhr, zwölf Uhr ſchla⸗ gen, ohne zu Bette zu gehen. „Ich wartete. „Ich konnte nicht glauben, daß ich dieſen ganzen Abend zubringen müßte, ohne von Henri zu fprechen. „Ich warf mich von Neuem auf den Brief, las ihn zu wiederholten Malen und entſchlief endlich mit dieſem Brief auf dem Herzen. „ Wiederum verging ein ganzer Tag, ohne daß ich Gratien zu ſehen bekam. „Ich hoffte beim Heimgehen ihn vor meiner Thüre wieder zu finden, aber er war nicht da. „Ich ging auf mein Zimmer zurück und zündete meine Kerze an. „Zum hundertſten Mal durchlas ich Henris Brief, als ich Black murren hörte; ehe ich noch einen Tritt vernommen hatte, begriff ich, daß Gratien kam. Einen Augenblick ſpäter klopfte man an die Thüre. „Mit einer Aufregung, die Gratien leicht miß⸗ deuten konnte, rief ich: herein! „Ahl ſagte ich dann, von meinem erſten Eifer 88 hingeriſſen, wie kommt es, daß ich Sie geſtern nicht zu ſehen bekam? „Ich vollendete meinen Satz nicht einmal. Aber unglücklicher Weiſe bedurfte es deſſen nicht. „Ich wagte es nicht, antwortete Gratien. Sie hatten über die Wiederholung meiner Beſuche Be⸗ ſorgniſſe geäußert, die ich vollkommen begriff, ob⸗ ſchon ſie übertrieben waren. Ich wollte Ihnen be⸗ weiſen, daß ich ein treu ergebener Freund ſein kann, ohne indiscret zu ſein. „Ich ſchlug die Augen nieder, denn ich ſah ein, daß er ſich ganz in mich hätte verſetzen müſſen, um das Gefühl recht zu begreifen, das mich leitete; aber während ich die Augen niederſchlug, winkte ich ihm ſich neben mich zu ſetzen. „Der Abend verging wie eine Secunde; wie zwei Tage zuvor, ſprach Gratien nur von Henri. Es ſchlug zwölf Uhr, und ich glaubte noch, Gratien ſei erſt vor einigen Minuten gekommen. „Ich ging hinab, um ihm ſelbſt die Thüre zu öffnen. Er war nicht gewohnt ſo ſpät von Herrn Lingard wegzugehen, und am folgenden Tag konnte eine Befragung der Dienſtboten Alles verrathen. „Bekanntlich hat in der Provinz jeder Hausbe⸗ wohner ſeinen eigenen Schlüſſel, und ſo konnte ich Gratien aus dem Hauſe laſſen, ohne daß er von Jemanden geſehen oder gehört wurde. „Was ich Ihnen ſo eben erzählt habe, war die Geſchichte dreier Monate aus meinem Leben. Im erſten Monat ſprach Gratien— dieſe Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren laſſen— ſchlechterdings 89 nur von ſeinem Bruder. Im zweiten Monat wagte er einige Worte über ſich ſelbſt. „Bei dieſen Worten hätte ich ihm, ich weiß es wohl, Einhalt thun und, wenn er wieder begann, meine Thüre verſchließen müſſen; aber bedenken Sie doch, ich war ganz allein, ich hatte Niemand in der Welt, den ich um Unterſtützung oder Rath anſprechen konnte. Ich hatte rings um mich her das Beiſpiel aller meiner Kamerädinnen, vor denen ich in Bezug auf Vermögen und Stellung Nichts voraus hatte. Jene unbeſtimmte Erinnerung, die in meiner Jugend noch wie ein fernes Morgenroth von einer fröhlichen und glänzenden erſten Kindheit ſchimmerte, verwiſchte ſich mit jedem Tag etwas mehr. Ich wußte, was man von der Liebe leidet, und ich beklagte Gratien, daß er mich liebte. Ihm gegenüber fühlte ich mich volllommen ſicher; über⸗ dieß beſaß ich in Black einen unbeſtechlichen Wäch⸗ ter. Er durfte mich weder auf meinem Zimmer noch auf dem Spaziergang einen Augenblick ver⸗ laſſen, und bald hatte ich ihn zu einem kleinen Kunſtgriff abgerichtet, der alle Pläne Gratiens ver⸗ eitelte; aber eines Abends verließ mich der Hund...“ Der Chevalier de la Graverie ſchauderte; denn er ſah auf den erſten Blick die Folgen kommen, die ſein Raub für das arme Mädchen gehabt ha⸗ ben mußte. Seine Hand ſuchte die ihrige, er führte ſie an ſeine Lippen und küßte ſie mit inniger Rüh⸗ rung. „Fahren Sie fort,“ murmelte er, denn das Mäd⸗ chen hatte, erſtaunt über ſein Benehmen und den Aus⸗ druck ſeines Geſichtes, innegehalten und ſchaute ihn an. 90 „Nun wohl, ich will Ihnen alſo ſagen, daß mein Hund eines Abends mich verließ. Ich war untröſtlich über ſeinen Verluſt. Gratien ſchien mei⸗ nen Schmerz zu theilen und lief, wenigſtens wie er mir ſagte, die ganze Stadt um ſeinetwillen aus. Ich lief ebenfalls herum, ſo daß Mamſell Francotte unzufrieden wurde; aber was lag mir an ihrem Un⸗ willen, wenn ich nur meinen armen Black wieder fand? Es war mir, als hätte ich meinen Wächter verloren und als wäre ich, bis ich ihn wieder gefunden hätte, von irgend einem unbekannten, aber ſichern Unglück bedroht. „Eines Abends um ſechs Uhr erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand. „Er war Madame Conſtant unterzeichnet und lautete wie folgt: „Mamſell Thereſe, „Man ſagt, Sie hätten einen Hund verloren, woran Ihnen viel liege, einen ſchwarzen Wachtel⸗ hund mit einem einzigen weißen Flecken am Halſe. Mein Mann hat vor etwa acht Tagen einen gefun⸗ den, deſſen Signalement dieſem entſpricht. Wollen Sie heute Abend ſich verſichern, ob dieſer Hund wirklich der Ihrige iſt? In dieſem Fall würden wir, ſo ungern wir von ihm ſcheiden, uns beeifern ihn ſeiner rechtmäßigen Beſitzerin zurückzugeben. „Ich habe die Ehre u. ſ. w. „Fe. Conſtant. „Rue Saint⸗Michel, 17, im zweiten Stock. „Ich ſtieß einen Schrei aus, nahm, ohne Je⸗ mand eine Erklärung zu geben, meinen Shawl und meinen Hut und ging fort. 91 „Im Nu war ich in der Rue Saint⸗Michel, ging Nro. 17 in den zweiten Stock und klingelte. „Eine alte Frau öffnete. „Madame Conſtant? fragte ich. „Siud Sie Mamſell Thereſe? „Ja. S kommen wegen eines Hundes? „Jd. „Wollen Sie nur in dieſes Zimmer treten, ich will Madame ſogleich benachrichtigen. „Man ließ mich in ein Zimmer treten. „Hier war ich kaum fünf Minuten als eine Thüre aufging; das Geräuſch veranlaßte mich um⸗ zuſchauen. „Ich ſtieß einen Schrei, einen einzigen Schrei aus: „Henri! „Und ich warf mich in die Arme Deſſen der ſo eben die Thüre geöffnet hatte... „Am folgenden Morgen lag ich noch in ſeinen Armen; nur weinte ich bitterlich und war in Ver⸗ zweiflung.. „Gratien hatte eingeſehen, daß er Nichts von mir erlangen würde und daß ſein Bruder meine ganze Liebe beſaß; da ich ihn nun beſtändig als Offizier geſehen, ſo hatte er die Kleider ſeines Bru⸗ ders, und zwar dieſelben, die Henri bei unſerer letzten Zuſammenkunft trug, angezogen und war in dieſem Aufzug vor mich getreten. „Bei ſeinem Anblick hatten meine Kräfte mich verlaſſen; meine Liebe allein war in mir geblieben und hatte über mich gewaltet. „Die Aehnlichkeit zwiſchen den beiden Zwillin⸗ gen war ſo groß, daß ich mich hatte täuſchen laſ⸗ ſen. Erſt am Morgen geſtand mir Gratien Alles.“ „O, der Elende!“ rief der Chevalier de la Graverie. „Er hatte nicht auf eigenen Antrieb ſo gehan⸗ delt, ſondern auf den Rath eines Freundes Namens Louville.“ „Ich kenne ihn,“ rief der Chevalier.„Fahren Sie fort, mein Kind, fahren Sie fort.“ VII. Wo der Chevalier de la Graverie einen Entſchluß faßt. Thereſe ſetzte ihre Erzählung fort. Der Reſt der Geſchichte war eben ſo einfach als traurig, und wir können ihn dem Leſer mit weni⸗ gen Worten berichten. Gratien ſelbſt wäre eines ſo ſtrafbaren Betrugs nicht fähig geweſen, aber er hatte ſich durch Lou⸗ ville dazu verleiten laſſen. Das Regiment hatte Befehl erhalten die Gar⸗ niſon zu wechſeln. Louville hatte Gratien zu verſtehen gegeben, daß es Ehrenſache für ihn ſei Chartres nicht zu verlaſſen, ohne Thereſens wirkliche Gunſt genoſſen zu haben. Die zwei jungen Leute hatten alſo den Fallſtrick ausgedacht, worin das arme Kind ſeine Ehre ge⸗ laſſen hatte. Thereſe war vierundzwanzig Stunden lang von 93 einer Art von Wahnſinn ergriffen worden, worin die Pariſer Ereigniſſe ſich mit denen von Chartres vereinigten.. Als ſie wieder zum Bewußtſein kam, war die alte Frau, welche ihr die Thüre geöffnet und ſie 2 das Unglückszimmer gewieſen hatte, an ihrem ett. Die Alte ſagte ihr, ſie könne in dieſem Zimmer bleiben, es ſei auf ein Jahr gemiethet und alle Möbel gehören ihr.. Sie habe ihr überdieß einen Brief von Gratien und eine Geldſumme zuzuſtellen. Thereſe begriff Anfangs Nichts von Allem was man zu ihr ſagte: die Töne kamen an ihr Ohr, aber undeutlich und ohne Zuſammenhang. Allmählig wurde es Licht in ihrem Kopf und ſie begriff. Das Regiment war geſtern Abend abmarſchirt und Gratien mit ihm. Sie war verlaſſen und für ihre geſtohlene Ehre bot man ihr ein Zimmer, Möbel und Plahle Das arme Kind ſchrie laut auf vor Scham und Schmerz, ſprang aus dem Bett, kleidete ſich in aller Eile an, ſtieß die Frau, den Brief und das Geld zurück und ſtürzte aus dem Hauſe. ber was nun thun? Sie wußte es ſelbſt nicht. Zu Mamſell Francotte zurückkehren? Unmöglich! Was ſollte ſie ſagen? wie ihre Ab⸗ weſenheit motiviren? wie ihre Rückkehr erklären? welchen Grund für ihren Schmerz angeben? Sie durchſtöberte ihre Taſchen. 94 Sie hatte dreißig bis vierzig Franken bei ſich; Dieß war ihr ganzes Vermögen. Sie dachte zwar ans Sterben; aber der Muth, der ſie bei ihrem erſten Selbſtmordverſuch aufrecht erhalten hatte, verließ ſie gänzlich beim zweiten. Sie ging aufs Gerathewohl fort, indem ſie ſich an den Mauern hielt; ſie war ſo blaß, daß viele Vorübergehende ſie fragten: „Was haben Sie, mein Kind?“ „Nichts,“ antwortete Thereſe kurz. Und ſie ſetzte ihren Weg fort. Man fühlte aus dieſer Antwort einen ſolchen Schmerz heraus, daß man ſie mit einer Art von Ehrfurcht gehen ließ. Der wahre Schmerz hat ſeine Majeſtät. So ging ſie ſtrauchelnd weiter, ohne zu ſehen und zu wiſſen, wohin ſie ging. Sie kam ins Faubourg de la Grappe. Bald zeigten die in ihrer Bruſt angeſammelten Thränen einen ſolchen Drang ſich nach Außen zu ergießen, daß Thereſe einſah, ſie könne ein lautes Schluchzen nicht mehr verhalten, und daher nach einem Ort ſuchte, wo ſie ungeſtört weinen konnte. Ganz in ihrer Nähe war eine Thüre, die ſie aufſtieß. Die Thüre ging in einen düſtern, ſchmalen und feuchten Gang. Thereſe trat in dieſen Gang. Kaum war ſie darin, ſo brachen ihre Thränen ſich Bahn, und ſie konnte wenigſtens nach Herzens⸗ luſt weinen. Es war Zeit: ihr Herz war dem Brechen nahe. 8 „ t 95⁵ Wie lange ſie ſo in dieſem Gange weinte, hätte ſie unmöglich ſagen können. Sie hatte ſich ſchwach gefühlt, hatte einen Platz zum Sitzen geſucht, eine Treppe gefunden und ſich auf die erſte Stufe geſetzt. Sie erwachte aus ihrer Erſtarrung, als ſie ſich an der Schulter berührt fühlte. Es war eine alte Frau, die im Hauſe wohnte und bei ihrer Heimkehr im Halbdunkel Etwas wie eine menſchliche Geſtalt erblickt hatte. Thereſe erhob ihren Kopf, ohne daß ſie daran dachte die Thränen zu trocknen, die über ihr rei⸗ zendes Geſicht floßen. Dieſer Schmerz, der ſo wahr war, daß man ſich nicht darüber täuſchen konnte, rührte die alte rau. Sie fragte das Mädchen theilnehmend, was ſie da mache, was ſie wünſche und ob ſie ihr irgendwie nützlich ſein könne. Thereſe erlaubte ſich eine halbe Lüge. „ Sie ſagte, ſie ſei eine Weiſnäherin, ihre Prin⸗ zipalin habe ſie fortgeſchickt und nun ſuche ſie eine Wohnung. Von allem Dem war Nichts unwahrſcheinlich, als ein ſo großer Kummer über ein ſo kleines Unglück. „Und können Sie gut arbeiten?“ fragte die Alte. Thereſe zeigte ihr, ohne darauf zu antworten, einen von ihr ſelbſt geſtickten Kragen, den ſie am Halſe trug. Es war ein Meiſterwerk. 96 „Gut!“ ſagte die Alte,„wenn man ſolche Dinge mit ſeiner Nadel macht, ſo braucht man ſich nicht zu beunruhigen: man verhungert nie.“ Thereſe antwortete nicht.— „Sie ſuchen eine Wohnung?“ fragte die gute Frau. Dießmal nickte Thereſe mit dem Kopf. „Nun, es gibt juſt eine im Hauſe; ſie iſt gan möblirt und nicht theuer. Das Ding iſt frellich nicht ſchön, aber für achtzehn Franken monatlich kann man keinen Palaſt verlangen. Nur müſſen Sie die erſten vierzehn Tage vorausbezahlen: neun Franken.“; fherehe zog zwei Fünffrankenthaler aus ihrer aſche. „Da bezahlen Sie,“ ſagte ſie. „Aber Sie wiſſen ja noch nicht, ob es Ihnen zuſagt,“ meinte die gute Frau. „Es wird mir zuſagen,“ antwortete Thereſe. „Nun denn, ſo kommen Sie mit mir.“ Die Alte ging zuerſt hinauf, Thereſe folgte ihr. Die Alte hielt ſich im zweiten Stock auf, wo die Hausbeſitzerin wohnte. Der Handel war bald abgeſchloſſen; die Haus⸗ frau fragte ihre Miethleute nie etwas Anderes als: „Können Sie vorausbezahlen?“ Antworteten ſie ja, ſo waren ſie willkommen.. Zehn Minuten ſpäter war Thereſe in dem Dach⸗ ſtübchen eingerichtet, wo der Chevalier de la Gra⸗ verie ſie fand. Noch am ſelben Tag ließ ſie ſich für den Reſt ihres Geldes außer der Koſt auf eine Woche von ———— 97 der alten Frau Muslin, Nadeln und Wolle zum Sticken kaufen. Ihre Stickereien pflegte ſie ſelbſt zu zeichnen. Zwei Tage ſpäter ging die gute Frau mit einem Kragen und Manchetten, welche Thereſe geſtickt hatte, aus und brachte zehn Franken nach Hauſe. Thereſe ſchenkte ihr zwei für ihre Mühe. Die arme Unglückliche hatte berechnet, daß ſie mit fünfundzwanzig Sous täglich leben und drei Franken verdienen könne. Sie brauchte ſich alſo, wie auch die alte Frau zu ihr geſagt hatte, in dieſer Beziehung nicht zu beunruhigen. Dieß währte einen Monat lang ſo fort. Während dieſes Monats hatte Thereſe fünfzig Franken auf die Seite gelegt. Nur hielt die Alte ſeit einigen Tagen ſonder⸗ bare Reden an ſie: ſie ſchwatzte ihr beſtändig vor, wie leicht junge Mädchen ſich bereichern können, wie einfältig es von ihr ſei ſich durch Arbeiten in einer Dachſtube die Augen zu verderben; dann klagte ſie, daß ſie nicht mehr ſo gut verkaufen könne wie im Anfang; die Arbeit ſei um die Hälfte wohl⸗ feiler geworden. Alle dieſe Redensarten ließen Thereſe ziemlich gleichgiltig; ſchmolz auch ihre Einnahme um die Hälfte herab, ſo hatte ſie doch immer noch zu leben. Endlich eines Abends erklärte ſich die Alte deut⸗ licher: ſie ſprach von einem jungen Mann, der Thereſe geſehen habe, der in ſie verliebt ſei, eine Wohnung miethen wolle, ſich erbiete... Thereſe hob ihr blaſſes Geſicht empor und ſagte Dumas, Black. 7 98 mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Eckel und zugleich Willenskraft: „Ich verſtehe Sie. Entfernen Sie ſich und tre⸗ ten Sie mir nie wieder unter die Augen.“ Die Alte wollte auf ihren Anträgen beſtehen, dann ſich vertheidigen und entſchuldigen; aber The⸗ reſe, die in einer Dachſtube ſo ſtolz war wie eine Königin in ihrem Palaſt, befahl ihr zum zweiten Mal ſich zu entfernen, und zwar dießmal in einem ſo gebieteriſchen Ton, daß die Alte mit geſenktem Haupt hinausging und vor ſich hin brummte: „Ei zum Henker, Das konnte man nicht ſchmecken.“ Thereſe hatte jetzt keinen dienſtbaren Geiſt mehr und war genöthigt ihre Arbeiten ſelbſt in den Mode⸗ läden von Chartres auszubieten. Dort erkannte man ſie als die erſte Ladenjung⸗ fer von Mamſell Francotte und machte ihr alle möglichen Anerbietungen, daß ſie dieſelbe Stelle wieder einnehmen möchte, die ſie bei dieſer renommir⸗ teſten Modiſtin innegehabt; aber Thereſe wollte ſich nicht in einem öffentlichen Laden den Blicken preisgeben. Sie hatte überdieß bemerkt, daß ſie dheanger war, und verlangte in ihrem Zuſtand nichts An⸗ deres als Dunkelheit und Einſamkeit. So lebte ſie bis zu dem Augenblick, wo die Cholera Chartres heimſuchte. Die arme Thereſe wurde barmherzige Schweſter in ihrem unglücklichen Faubourg.. Aber eines Morgens, als ſie eben aufſtehen wollte, um einer kranken Nachbarin Hilfe zu brin⸗ gen, verſagten ihr auf einmal alle ihre Kräfte. N —2⁸— OC K œℳ 8 n — d.¼ 99 Der ſchwarze Engel war an ihr vorbeigekom⸗ men und hatte ſie mit dem Flügel berührt. Wir haben geſehen, in welchem Zuſtand der Chevalier ſie gefunden hatte. Dieß war die Geſchichte Thereſens. Seit fünf Monaten hatte ſie Gratien nicht ge⸗ ſehen und Nichts von ihm gehört. In Bezug auf den Ring an ihrem Finger be⸗ ſaß ſie keine andere Erinnerung, als daß er ihr gegeben worden war, mit der Empfehlung ihn hei⸗ lig zu verwahren, als ein Zeichen, mittelſt deſſen ſie eines Tags ihre Familie wieder erkennen werde. Der Chevalier de la Graverie hatte Thereſens Erzählung mit religiöſer Aufmerkſamkeit angehört. Als ſie von dem Verluſte Blacks geſprochen, war ihm die Röthe ins Geſicht geſtiegen; aber als er die furchtbaren Folgen erfuhr, welche dieſer Ver⸗ luſt für das junge Mädchen gehabt hatte, als er hörte, wie man dieſe Abweſenheit Blacks ausge⸗ beutet und ſie, unter dem Vorwand ihr wieder zu dem Hund zu verhelfen, in eine Falle gelockt, worin ſie ihre Chre und höchſt wahrſcheinlich ihr ganzes Lebensglück verloren hatte, da wurde er von den Furien der Reue gepackt, er drückte und küßte die Hände des jungen Mädchens, ſank auf ſeine Knie und ſagte zu ihr: „Thereſe! Thereſe! Der liebe Gott iſt gut; er prüft uns zuweilen, mein Kind; aber glaube mir, nicht ohne Abſicht hat ſeine Barmherzigkeit mich auf Deinen Weg geſchickt, und ich ſchwöre Dir, daß ich von heute an alle meine Bemühungen Deinem Glück widmen werde.“. 7 100 „Ach!“ antwortete Thereſe, die dieſe beinahe begeiſterte Rührung des Chevalier nicht begriff, „mein Glück! Sie vergeſſen, daß es für mich kein Glück mehr gibt... Mein Glück wäre es geweſen mit Henri zu leben, und ich bin ewig von ihm getrennt!“ „Gut, gut, gut!“ ſagte der Chevalier mit dem zuverſichtlichen Ausdruck eines Mannes, der die frohe Ueberzeugung hatte, daß das Glück, das ihn Ma⸗ thildens Tochter auf ſo unerwartete Art hatte fin⸗ den laſſen, nicht mitten auf dem Weg ſtehen blei⸗ ben werde,„gut, wir werden das Alles ins Reine bringen. Dieſer Henri iſt nicht der einzige Mann in der Welt, zum Teufel! Es iſt auch noch ſein Bruder Gratien da.“ „Dieß wäre nicht das Glück,“ ſagte Thereſe, „es wäre höchſtens eine Wiedergutmachung.“ „Nun wohl,“ ſagte der Chevalier,„Das wäre ſchon Etwas, ſcheint es mir.“ Thereſe ſchüttelte den Kopf. „Wie können Sie verlangen,“ ſagte ſie,„daß ein reicher junger Edelmann ſich dazu hergebe eine arme Arbeiterin, wie ich bin, zu heirathen? Ich war eine Kurzweil für ihn, weiter Nichts. Glau⸗ ben Sie, daß er es je gewagt hätte der Tochter eines Grafen oder Marquis, die einen Vater oder Brüder als Rächer gehabt hätte, den Schimpf an⸗ zuthun, den er ſich unbedenklich gegen eine arme Waiſe erlaubte?“ Dem Chevalier drang es wie ein Dolch ins Herz; ſeine Augen blitzten; es war das erſte Mal, daß ein Verlangen nach Rache in ihm erwachte. ——* 8NAao— 101 Nie hatte er gegen Herrn von Pontfarcy etwas Aehnliches empfunden, wie jetzt gegen Gratien. Er erinnerte ſich mit einer gewiſſen Freude, daß er während ſeiner Reiſe nach Mexico ſo gut ſchie⸗ ßen gelernt hatte, daß er von den berühmten grü⸗ nen Papageien, welche Dumesnil ſelbſt niemals fehlte, höchſtens einen auf drei fehlte. Dann machte er inſtinctmäßig jene famöſe Finte, woraus der geheime Stoß beſtand, den der Capi⸗ tän ihn gelehrt und den er ſelbſt von einem nea⸗ politaniſchen Fechtmeiſter gelernt hatte. Warum dachte er an alles Das? warum dachte er mit übereinandergebiſſenen Zähnen daran? Der Chevalier gab ſich keine Rechenſchaft darüber, aber er dachte nun einmal daran. Thereſe ſaß ſchweigend und niedergedrückt da; ſie ſah weder den grimmigen Ausdruck, welchen die Phyſiognomie des Chevalier einen Augenblick ange⸗ nommen, noch die Handbewegung womit er ſeinen geheimen Stoß in die Luft geführt hatte. Dieſe Unterredung hatte ihre Kräfte bedeutend geſchwächt, und bei den letzten Worten, die ſie ge⸗ ſprochen und die wir ſo eben mitgetheilt haben, wurde ſie wieder von jenem trockenen und tiefen Huſten befallen, der Herrn de la Graverie bereits ſo ſtark beunruhigt hatte. Der Chevalier verſchob es alſo auf einen an⸗ dern Augenblick ſie um die letzten Details zu befra⸗ gen, wenn ſie noch welche anzugeben hatte. „Es war ihm aufgefallen, daß Thereſe nicht ein einziges Mal den Familiennamen der Gebrüder 10²2 Henri und Gratien ausgeſprochen, ſondern ſie im⸗ mer nur bei ihrem Taufnamen genannt hatte⸗ Aber um Gratien wiederzufinden, ſobald er eine Erklärung mit ihm wünſchte, brauchte der Chevalier ſeinen Familiennamen nicht zu wiſſen: er kannte das Regiment, in welchem der junge Mann diente; es war ihm ein Leichtes auf dem Kriegsminiſterium zu erfahren, wo dieſes Regiment in Garniſon lag, und die Geſichter Gratiens ſo wie ſeines Kameraden Louville hatten ſich ſeinem Gedächtniß ſo tief ein⸗ geprägt, daß es ihn nicht die mindeſte Mühe koſten konnte ſie auf den erſten Blick wieder zu erkennen. Aber was dem Chevalier für den Augenblick das Dringendſte ſchien, das war eine Verſicherung über die Zuverläſſigkeit der Hoffnungen, welche er auf das Geheimniß gegründet hatte, das die Geburt Thereſens umgab; er fand in dem unbekannten Gefühl, das ſie ihm eingeflößt, ſo reine Genüſſe, einen ſo mächtigen Zauber, einen ſo tief gehenden Reiz, daß er Eile hatte dieſe Genüſſe zu legitimiren und daraus Alles zu ſchöpfen was ſie für ihn Be⸗ glückendes enthielten. Vor Allem jedoch mußte Thereſe weit genug hergeſtellt ſein, daß der Chevalier, wenn er ſie zum Behuf ſeiner Nachforſchungen verließ, in Bezug auf ihre Geſundheit oder wenigſtens auf ihr Leben ru⸗ hig ſein konnte. 103 VIII. Wo der Herr Chevalier de la Graverie einen Augen- blick ergriffen wird durch den Srandal, welchen er in der tugendhaften Stadt Chartres erregt. Gleichwohl konnte in einer Stadt wie Chartres ein ſo wichtiges Ereigniß wie die Einquartierung eines jungen Mädchens bei einem alten Hageſtolz — zumal wenn er vermöge ſeiner Geburt und ſei⸗ nes Vermögens ein gewiſſes Anſehen genoß— nicht unbemerkt vorübergehen. Jedermann machte ſeine Gloſſen darüber, ſo daß die Sache bald rieſige Verhältniſſe annahm und nach acht Tagen eine ganz veränderte Geſtalt gewonnen hatte. Der Chevalier de la Graverie, der bereits we⸗ gen der Excentricitäten, die er um Blacks willen begangen, verdächtig war, wurde nun in wenigen Tagen in Folge unermüdlicher ſpießbürgerlicher Klatſchereien ein ſchrecklich unmoraliſcher Menſch, der nicht blos ein junges Mädchen verführt hatte, ſondern auch keinen Anſtand nahm den öffentlichen Scandal eines unerlaubten Zuſammenwohnens zu geben; kurz ein Menſch, welchen Niemand der noch die mindeſte Selbſtachtung beſaß anſtändiger Weiſe kennen oder grüßen konnte. „Thereſe ihrerſeits begann, ſeit ihr Zuſtand ſich ein wenig gebeſſert hatte, nur noch darauf zu ſin⸗ nen, wie ſie dem Mann gefallen könnte, den ſie als ihren Wohlthäter betrachtete und wie einen Vater zu lieben ſich geneigt fühlte. Demgemäß hatte ſie verlangt, daß er ſeine täg⸗ 104 lichen Spaziergänge wieder beginne, die ſie für ſeine Geſundheit nothwendig glaubte. Der Cheva⸗ lier, den dieſe milde, gemüthliche Dienſtbarkeit ganz beglückte, befolgte pünktlich die Befehle des Mäd⸗ chens, und wie ein gut regulirtes Inſtrument, das nach einer augenblicklichen Störung beim erſten Gleichgewicht ſeine gewöhnliche Bewegung wieder annimmt, begann er wie früher zwei Stunden zwi⸗ ſchen ſeinem Frühſtück und ſeinem Mittageſſen einem Spaziergang auf den Hügeln zu widmen. Nur machte er dieſen Spaziergang jetzt in Ge⸗ ſellſchaft Blacks, der alle Gefühle ſeines Herrn theilte und, wenn auch nicht der allerglücklichſte, doch wenigſtens einer der glücklichſten Hunde in der geſchaffenen Welt zu ſein ſchien. Wir haben geſagt, daß der Chevalier beim Dringendſten ſtehen geblieben war, d. h. daß er be⸗ ſchloſſen hatte vor allen Dingen das Geheimniß von Thereſens Geburt zu erforſchen. Eine Beſchlußfaſſung war nichts ſo Leichtes für einen Mann geweſen, deſſen bisheriges Leben in einer gleichgiltigen und kummerloſen Schlafſucht be⸗ ſtanden hatte. Als daher der Beſchluß innerlich gefaßt war, blieb immer noch die Form zu wählen, in welcher er ausgeführt werden ſollte. Mit Gedanken über dieſe Form füllte der Che⸗ valier ſeine Spaziergänge aus. Was konnte, was mußte er thun, um das vor⸗ geſetzte Ziel zu erreichen? 8 Er ſann in tiefem Ernſt darüber nach; die Luft⸗ ſprünge und Liebkoſungen Blacks hatten allein das Vorrecht ihn einiger Maßen zu zerſtreuen. 105 Es ſtand daher lange an, bis der Chevalier die plumpe Affectation bemerkte, womit ſelbſt Dieje⸗ nigen, die am häufigſten ſeine Gäſte geweſen, ſich bei einer Begegnung die Miene gaben, als ob ſie ihn nicht ſähen, nur um ihn nicht grüßen zu müſſen. Eines Tags jedoch, als er weniger zerſtreut als gewöhnlich eine alte Wittwe, die in der Geſellſchaft des Kloſters Notre⸗Dame das große Wort führte, aufs Feierlichſte begrüßt und bemerkt hatte, daß ſie ihm blos mit einem einfachen Kopfnicken dankte und eine bedeutungsvoll verächtliche Grimaſſe dazu ſchnitt, kehrte Herr de la Graverie ſehr unruhig nach Hauſe zurück. Wie alle Leute, die ein zurückgezogenes Leben führen, kümmerte er ſich ſehr um das Gerede der Leute, und bei dem Gedanken, daß er möglicher Weiſe die öffentliche Achtung verſcherzt habe, fühlte er alles Blut in ſeinen Adern zu Eis werden. Er hatte daher auch nicht Kraft, nicht Selbſt⸗ überwindung genug, um ſeinen Kummer vor Thereſe zu verbergen, und dieſe wußte ihn ſo geſchickt aus⸗ zufragen, daß ſie in das Geheimniß ſeines Aergers eindrang. Der Chevalier erzählte ihr ganz einfach und ohne Commentare die Unhöflichkeit der alten Dame. „Sie ſehen es, mein lieber guter Herr,“ rief das junge Mädchen,„mein trauriges Schickſal wirkt auf alle Diejenigen zurück die ſich für mich inter⸗ eſſiren; aber ich werde nicht zugeben, daß Sie noch länger ein Opfer deſſelben werden.“ 3 „Wie ſo?“ rief der Chevalier unruhig. „Ja,“ antwortete Thereſe,„Ihrer Pflege ver⸗ 106 danke ich meine Rettung und kann jetzt meine Ar⸗ beiten wieder aufnehmen. Ich will mich alſo ent⸗ fernen, zuvor aber Sie um Erlaubniß bitten von Zeit zu Zeit zurückzukommen, um Ihnen für alle Ihre Güte gegen mich zu danken und zu beweiſen, daß ich nie vergeſſen werde, wie ſehr ich in Ihrer Schuld bin.“ Der Chevalier erblaßte. „Weggehen!“ ſagte er,„mich allein laſſen! Das kann nicht Ihr Ernſt ſein, Thereſe. Mein Gott, was ſollte aus mir werden, wenn ich ſo ganz allein wäre?“ „Lebten Sie denn nicht auch allein, ehe Sie mich kennen lernten?“ fragte Thereſe. „Ehe ich Sie kennen lernte, lebte ich allerdings ſo,“ antwortete der Chevalier;„aber ſeit ich Sie kenne, iſt Ihre Gegenwart zu einer ſüßen Gewohn⸗ heit für mich geworden. Oh,“ fügte der Chevalier mit einem ſchmerzlichen Rückblick auf die Vergan⸗ genheit hinzu,„ich habe auch geliebt: zuerſt Ihre...“ Er hielt inne. Thereſe ſchaute ihn erſtaunt an. „Zuerſt eine Frau,“ fuhr der Chevalier fort; „ich habe ſie ſo geliebt, daß ich ſterben zu müſſen glaubte, als ſie...“ „Als ſie ſtarb?“ fragte Thereſe. „Ja,“ verſetzte der Chevalier,„als ſie ſtarb; denn Untreue, Verrath, Vergeſſenheit, mein Kind, das iſt der Tod.“ „O, ich weiß es wohl,“ rief Thereſe, indem ſie in ein Schluchzen ausbrach. „Zum Henker!“ ſagte der Chevalier, indem er —u 8 uͤ 107 ſich auf die Stirne ſchlug,„jetzt bringe ich Sie gar zum Weinen! Bin ich denn ein doppeltes Vieh?“ „Nein, nein, nein,“ ſagte Thereſe,„Sie ſind der beſte der Menſchen, und wenn man Ihnen Leiden bereitet hat, ſo darf Niemand verlangen von den Schmerzen der Menſchheit befreit zu ſein.“ „Ja,“ ſagte der Chevalier ſchwermüthig,„man hat mir ſchwere Leiden bereitet, mein gutes Kind. Zum Glück hatte ich einen Freund... Ah!l dieſen hatte ich ſehr geliebt und ich liebe ihn noch, nicht wahr, Black?“ Black, der juſt in dieſem Augenblick den Che⸗ valier anſah, wie wenn er errathen hätte, daß die Rede auf ihn kommen ſollte, näherte ſich auf den Ruf ſeines Herrn, der den Kopf des Thieres zwi⸗ ſchen ſeine Hände nahm und zärtlich küßte. Thereſe ſuchte zu errathen, welche Verbindung zwiſchen Black und dieſem Freunde des Chevalier ſtattfinden möchte, und ſie fragte ſich, wie Black als Zeuge für dieſe Freundſchaft aufgerufen werden konnte. Aber Dieß war ganz einfach ein Problem, das ſie nicht zu löſen vermochte und deſſen Erklärung dem Chevalier ſelbſt viel Mühe gemacht haben würde. Herr de la Graverie blieb einige Zeit in die Betrachtung Blacks verſunken. Dann verdoppelte er auf einmal ſeine Liebko⸗ ſungen gegen das Thier und ſagte mit einem zärt⸗ lichen Blick auf Thereſe: „‚Nein, mein armer Dumesnil, nein, ſei ruhig, ich werde ſie niemals verlaſſen... ſelbſt wenn die 108 ganze Stadt Chartres mir den Rücken kehren und wenn alle vornehmen Wittwen der Welt Grimaſſen gegen mich ſchneiden ſollten.“ Thereſe ſah den Chevalier mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit an. Hatte dieſer ſo gute Mann Neigung zum Wahn⸗ ſinn? Jedenfalls mußte der Wahnſinn des Cheva⸗ lier von ſanfter und guter Art ſein, und Thereſe ſagte bei ſich ſelbſt, daß ſie niemals Angſt davor haben würde. Sie ergriff zuerſt das Wort wieder. „Und dennoch muß es ſein, Herr Chevalier,“ ſagte ſie. Der Chevalier erwachte aus ſeinem Traum. „Wie? was muß ſein, mein Kind?“ fragte er mit der größten Sanftmuth. „Daß ich von hier weggehe.“ „Ach ja, es iſt wahr,“ ſagte der Chevalier, „Sie haben Das geſagt. Und ich, ich antwortete Ihnen: Thereſe, mein vielgeliebtes Kind, glauben Sie, daß es mir möglich wäre künftig in der Ein⸗ ſamkeit zu leben? Ei, ſo bedenken Sie doch, mein liebes Kind, wie einſam ich in der Welt daſtände, wenn Sie von mir gingen.“ „Ich denke an alles Das, Herr Chevalier, und beſonders denke ich als Egoiſtin daran, wie ſchmerz⸗ lich es mir ſelbſt ſein wird Sie zu verlaſſen, aber dieſe Trennung iſt nothwendig. Wenn ich nicht mehr da bin, werden Sie die Freunde wieder fin⸗ den, die ſich jetzt von Ihnen entfernen; wenn ich aufgehört haben werde Ihr Daſein zu ſtören, wer⸗ 109 den Sie Ihre friedlichen Gewohnheiten wieder an⸗ nehmen.“ „Stören! mein Daſein ſtören, undankbares Kind! So vernimm denn eine große Wahrheit: erſt von der Zeit an, wo..“ Der Chevalier ſtieß einen Seufzer aus: dann faßte er ſich wieder und fuhr fort: „Erſt ſeit Du in dieſes Haus getreten biſt, habe ich das Glück gekannt.“ „Ein trauriges Glück!“ verſetzte Thereſe, indem ſie mitten unter ihren Thränen lächelte.„Beſtän⸗ dige Erſchütterungen und Aufregungen, unaufhör⸗ liche Qualen und Unruhen; denn mitten in meinem Leiden, in meiner Abſpannung und ſelbſt in meinem Fieberwahn ſah ich wohl, daß Sie ſo gut waren für mein Leben zu ſorgen, wie wenn Sie wirklich mein Vater wären.“ „ Dein Vater!“ rief der Chevalier,„wie wenn ich wirklich Dein Vater wäre! Und wer hat Dir geſagt, daß ich es nicht ſei?“ „O, mein Herr,“ ſagte Thereſe mit einem Seuf⸗ zer,„Ihre Güte gegen mich gibt Ihnen dieſe groß⸗ müthige Lüge ein; aber ſie kann mich nicht täu⸗ ſchen. Wären Sie mein Vater geweſen, hätten Sie in irgend einem Verwandtſchaftsverhältniß zu mir geſtanden, würden Sie dann als reicher und glück⸗ licher Mann meine Kindheit entblöst und elend ge⸗ laſſen haben? Und wäre meine Jugend der Unter⸗ ſtützung, der Rathſchläge, der Liebe eines Mannes beraubt geweſen, dem ich das Leben verdankt hätte? Nein, mein Herr, nein..Ach, ich bin für Sie blos eine Fremde, die Sie in Ihrer Menſchenliebe 110 aufgeleſen haben, die Sie aus zärtlichem Gefühl für alles Leidende an Kindesſtatt aufzunehmen ge⸗ denken; aber gewiß... aber unglücklicher Weiſe,“ fügte ſie mit einem Kopfſchütteln hinzu,„bin ich nicht Ihre Tochter.“ 3 Der Chevalier ſchlug die Augen nieder und ſenkte ſeine Stirne. Die Vorſtellungen des jungen Mädchens rührten ihn wie ein Vorwurf. Er ver⸗ fluchte aus tiefſtem Herzen die Gleichgiltigkeit, wo⸗ mit er ſeinem Bruder das Geſchäft überlaſſen hatte für die Zukunft ſeiner Frau zu ſorgen; er verach⸗ tete ſich, weil er in Folge eines ſchlimmen Inſtinkts der Selbſterhaltung die gewöhnlichen Sorgen für die Exiſtenz eines Menſchen verabſäumt, und er fragte ſich, wie er ſo lange Jahre habe leben kön⸗ nen, ohne ſich darum zu bekümmern, was aus ſei⸗ ner Frau und ſeinem Kinde geworden, das im Ganzen doch das Recht hatte ſeinen Namen zu führen. Das Ergebniß dieſer Beſprechung und beſonders der daraus erfolgenden Betrachtungen war ein kräftiger Antrieb für die faullenzeriſchen Bedenklich⸗ keiten des Chevalier geweſen; er fürchtete, Thereſe möchte ſich durch die Eingebungen eines empfängli⸗ chen Zartgefühls beſtimmen laſſen den Entſchluß auszuführen, von dem ſie geſprochen hatte; und das Herz des guten Männchens, das ſich in Folge der vieljährigen Ruhe verjüngt hatte, war in ſeiner neuen Liebe ſo feurig geworden, daß der Gedanke an eine Trennung von dem jungen Mädchen ihm ſo ſchrecklich erſchien, als wenn es ſich für ihn um einen nahen Tod gehandelt hätte. ——4ÿÿ&— — N ANA (0R ½.-=SBNNg==RS Sa N 8SS88AAs 111 Er beſchloß alſo um jeden Preis eine Reiſe nach Paris zu machen. Dort wollte er ſeinen Bruder aufſuchen und ihn fragen, was aus Frau de la Graverie und aus dem Kinde geworden, mit dem ſie ſchwanger gewe⸗ ſen, als er ſie verließ. Seinem Hauſe, ſeinen ſüßen Gewohnheiten, ſei⸗ nem jetzt friſchen und duftigen Garten Lebewohl zu ſagen, Das war eine Anſtrengung, deren der Che⸗ valier noch vor einigen Monaten geradezu unfähig geweſen wäre. Jetzt, da er die zwei Gegenſtände ſeiner Liebe, die ſein ſo lange Zeit leeres Herz ausfüllten, Thereſe und Black, dort zurückzulaſſen hatte, jetzt entſchloß er ſich dazu, ſo ungeheuer war die Veränderung, die in ihm vorgegangen; aber er erſchien ſich auch ſehr heroiſch, und um einen ſo harten Entſchluß zu faſſen, bedurfte es nichts Ge⸗ ringeres, als die Hoffnung ſich auf immer ein Glück zu ſichern, das ihm ſo ſüß erſchien. Nachdem dieſer Entſchluß gefaßt war, handelte es ſich noch um die Ausführung. Darin beſtand die Schwierigkeit. Jeden Tag ſagte der Chevalier: „Morgen reiſe ich ab.“ Der morgende Tag kam, und der Chevalier, der ſeinen Platz auf dem Poſtwagen nicht beſtellt hatte, ſagte: „Entweder werde ich keinen Platz finden oder werde ich rückwärts fahren müſſen.“ Und rückwärts zu fahren war für den Chevalier etwas Unerträgliches. Sein Koffer hielt ihn nicht auf; er hatte einen 112 ganz neuen von der für die Poſtwagen geſetzlich vorgeſchriebenen Größe gekauft; er hatte ihn mit Weißzeug und Kleidern vollgeſtopft; mit einem ſol⸗ ſchen Koffer konnte er nach Papaceti zurückkehren. Aber der Koffer blieb vollgepackt in einer Ecke des Zimmers ſtehen. Er brauchte blos den Deckel zuzudrücken und den Schlüſſel herumzudrehen. Der Chevalier drückte den Deckel nicht zu, er drehte den Schlüſſel nicht um, kurz er reiste nicht ab. Dieß verhinderte ihn aber nicht jeden Tag, in⸗ dem er Thereſe küßte und Black ſtreichelte, zu ſagen: „Meine lieben Freunde, Ihr wißt, daß ich mor⸗ gen abreiſe.“ IX. Wo der Chevalier nach Paris abreist. Eines Tags, als Thereſe leidender geweſen als an den vorhergehenden Tagen, und der Chevalier, der darin einen ſcheinbaren Vorwand gefunden nicht von ſeiner Pariſer Reiſe zu ſprechen, ſie unabläſſig verpflegt hatte, legte ſich das Mädchen gegen ſieben Uhr Abends, indem ſie ihm das Verſprechen abnahm im Mondſchein den Spaziergang zu machen, den er im Sonnenlicht verſäumt hatte. Der Chevalier verſprach es. Und da dieſer tägliche Spaziergang wirklich für ſeine Geſundheit nöthig, da das Wetter prächtig war, da auch Black zu gleicher Zeit wie Thereſe ihn darum bat, indem er mit dem Schweif wedelte ————— ͤ— 113 und auf die Thüre zulief, ſo nahm der Chevalier ſeine Handſchuhe, Stock und Hut und ging. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es für den Che⸗ valier de la Graverie bei Tag wie bei Nacht nur einen einzigen Spaziergang gab, nämlich um die Stadt herum. Er begab ſich alſo nach den Anhöhen. Um halb zehn Uhr führte ihn ſein Weg in die Rue du Cheval blanc zurück. Als er um die Ecke bog, die vom Stiftskirchen⸗ chenplatz aus in dieſe Straße führt, bemerkte er die Diligence, die eben ihre Pferde wechſelte. „Ah!“ ſagte er,„wenn Thereſe heute nicht lei⸗ dender geweſen wäre als geſtern, ſo würde ich mei⸗ nen Platz nach Paris beſtellt haben; Dieß wäre die Gelegenheit.“ Und er näherte ſich mechaniſch der Diligence. Warum näherte er ſich der Diligence? O, eine ſchöne Frage! Alle Provinzbewohner ſind mehr oder weniger Bummler: eine Diligence die ein Relais nimmt, ein Wagen der ankommt, haben für ihre Beſchäf⸗ tigungsloſigkeit ſo große Reize, daß in vielen Städ⸗ ten die Poſt ſelbſt oder die anliegenden Cafes der Sammelplatz aller Müſſiggänger ſind; es gibt da unbekannte Geſichter anzuſehen, Muthmaßungen auf⸗ zuſtellen, man findet Stoff zu üblen Nachreden, und wäre es nur über die Wolken; das Rädergeraſſel auf dem Pflaſter, das Schellengeklirr, das Hunde⸗ gebell ſind Zerſtreuungen für leere oder verſtopfte Köpfe; die Abfahrt und Ankunft oder vielmehr die Ankunft und Abfahrt der Reiſenden bilden den Dumas, Black. II. 8 114 Inbegriff des Unvorhergeſehenen in einer Provinz⸗ exiſtenz, und Herr de la Graverie war zu ſehr der Mann der Ueberlieferung, als daß er das gute Glück hinausgelaſſen hätte, das der Zufall ihm ſchickte. Er näherte ſich alſo dem Regierungsfuhrwerk im Augenblick, wo der Stallknecht den letzten Strang befeſtigt hatte, wo der Poſtillon die Zuͤgel zuſam⸗ mennahm und mit ſeiner Peitſche knallte, um die Pferde auf das Signal zum Aufbruch aufmerkſam zu machen, das er alsbald geben wollte. Der Conducteur ging mit ſeiner Briefmappe unter dem Arm raſch zwiſchen Herrn de la Graverie und dem Wagen durch, ſtieg in ſein Cabriolet und rief dem Poſtillon zu: „Fahr zu!“ Der Poſtillon peitſchte die Pferde, der Wagen ſetzte ſichl in Bewegung, und in Folge dieſer Be⸗ wegung ſpielte der ſchlecht geſchloſſene Schlag. Seit einiger Zeit ſtand Black vor dem Wagen, die Ausſtrömungen, die herauskamen, mit der gan⸗ zen Breite ſeiner Naslöcher einſchlürfend und ihn ſo zu ſagen ſtellend. Dieſe Aufmerkſamkeit, welche Black einer unbe⸗ kannten Sache zu widmen ſchien, beunruhigte den Chevalier. Aber ſeine Unruhe verwandelte ſich in Staunen, als er Black durch den offenen Schlag in den Wa⸗ gen ſpringen und einen in einen großen Mantel gehüllten Reiſenden, der tief im Wagen ſaß und ſich mit dem Ellbogen in die vom Chevalier ent⸗ fernteſte Ecke lehnte, mit Liebkoſungen aller Art überhäufen ſah. 115 Sagen wir's, um die Progreſſion einzuhalten, daß das Staunen des Chevalier zur Verblüfftheit wurde, als eine Hand aus dem Mantel hervorkam, den Schlag kräftig anzog und den Knopf drehte mit den Worten: „Ach, du biſt's alſo, Black!“ Der Wagen entfernte ſich. Das Rädergeraſſel, das Peitſchengeknall, die Flucht der Diligence, die ihm ſeinen Freund ent⸗ führte, brachte den Chevalier wieder zu ſich. Die Diligence war bereits zwanzig Schritte entfernt. „Man nimmt mir ja Black!“ rief er,„man ſtiehlt mir ja Black! Conducteur! Conducteur!“ Das Getöne des ſchweren Fuhrwerks auf dem Pflaſter ließ die Stimme des Chevalier nicht zu den Ohren des Gerufenen gelangen. In Verzweiflung über den Verluſt ſeines Hun⸗ des, ärgerlich über die Vorliebe, die das Thier gegen einen Fremden gezeigt hatte, pikirt durch das Geheimniß, das unter dieſer unerwarteten Wieder⸗ erkennung ſteckte, und in der Vorausſetzung, dieſes Geheimniß müſſe Thereſe intereſſiren, dachte der Chevalier weder an ſein Alter noch an die Gicht⸗ anfälle, die er zuweilen in der Zehe verſpürte, und begann wacker dem Wagen nachzulaufen. Aber die Diligence war mit ſechzehn Fauſt hohen geſunden und kräftigen vier Pferden beſpannt, wäh⸗ rend von den beiden Roſſen des armen Chevalier eines gar bald zu Schaden gekommen war. Er würde ſie alſo niemals eingeholt haben, ja nicht einmal in ihre Nähe gekommen ſein, wenn nicht ein Karren, der unter dem Chateletthor in dem 8* 116 Augenblick hereinkam, wo der Poſtwagen hinaus⸗ rollte, ihn auf einige Augenblicke aufgehalten hätte. Herr de la Graverie benützte das Hinderniß, holte den Wagen ein, ſprang auf den Tritt und klammerte ſich mit der einen Hand am Schlag, mit der andern an einem Riemen feſt. Von Sprechen war keine Rede: der Eilmarſch hatte den armen Mann dermaßen abgehetzt, daß er unmöglich ein Wort hervorbringen konnte: nur war er, als er einmal Poſto gefaßt hatte, ruhig; ſo ſchnell der Wagen gehen mochte, ſo konnte er ihm folgen; überdieß wußte er, daß der Poſtwagen eine Viertelſtunde von da ins Gebirge kam und eine Zeitlang nur noch im Schritt oder höchſtens im kurzen Trab gehen konnte. Bis dahin mußte der Chevalier offenbar wieder Athem gefaßt haben, und im Stande ſein, mit ſeinen Reclamationen hervorzutreten. Es ging, wie er vorhergeſehen hatte: während des Kilometers, den er auf dem Fußtritt ſtehend zurücklegte, ſchöpfte er wieder Athem, und an der Steigung angelangt ging der Poſtwagen zuerſt vom Galopp zum kurzen Trab, dann vom kurzen Trab zum Schritt über. Schon ſeit einiger Zeit ſchaute Black, während der Chevalier von Außen nach Innen ſchaute, von Innen nach Außen, und beide Pfoten auf die Randleiſte des Schlages gelegt, den Kopf halb aus dem Wagen hinausſtreckend, ſchlürfte er die Nacht⸗ luft mit der Ruhe und Heiterkeit eines Reiſenden ein, deſſen Name auf der Conducteursliſte mit der Bemerkung bezahlt bezeichnet ſteht.— X— 117 Herr de la Graverie, der im Grund weiter Nichts als ſeinen Hund wünſchte und ihn am liebſten ohne Streit bekommen hätte, ſprang rückwärts auf die Straße hinab, und da er hoffte, das Thier werde es eben ſo machen, rief er: „Black!“ Black machte in der That eine Bewegung, um hinauszuſpringen, aber eine kräftige Hand hielt ihn an ſeinem Halsband feſt und riß ihn wohl oder übel in den Wagen zurück. „Black!“ wiederholte der Chevalier mit einer Energie, welche dem Hund nur zwiſchen augenblick⸗ lichem Gehorſam oder gänzlichem Ungehorſam die Wahl ließ.. „He da!“ ſagte eine Stimme aus dem Innern des Wagens,„haben Sie nicht bald genug meinen Hund gerufen und wollen Sie, daß er auf dem Pflaſter Hals und Bein brechen ſoll?“ „Wie ſo? Ihr Hund?“ rief der Chevalier ganz betäubt. „Allerdings mein Hund,“ erwiederte die Stimme. „Ha, das iſt ſtark!“ rief der Chevalier.„Black gehört Niemand anders als mir, verſtehen Sie mich, mein Herr.“ „Nun ja, wenn er Ihnen gehört, ſo kommt dieß daher, daß Sie ihn ſeiner Beſitzerin geſtohlen haben.“ „ Seiner Beſitzerin?“ wiederholte der Chevalier im höchſten Grad verblüfft, indem er fortwährend neben dem Wagen hertrippelte,„können Sie mir den Namen dieſer Beſitzerin ſagen?“ „Zum Henker, ſagte eine andere Stimme,„ent⸗ ſchließe Dich zum Einen oder zum Andern; ent⸗ 118 weder gib dem alten Gimpel ſeinen Hund zurück oder ſchick ihn zum Teufel; aber tauſend Millionen Cigarren, laß mich ſchlafen! Die Nacht iſt zum Schlafen da, beſonders im Poſtwagen.“ „Nun denn,“ ſagte die andere Stimme,„ich be⸗ halte Black.“ Dieſe doppelte Herausforderung wirkte auf den Chevalier wie ein elektriſcher Schlag. Seine ſchon durch das Rennen gereizte Nerven zuckten zuſammen, und ohne die doppelte Gefahr zu berechnen, der er ſich ausſetzte, wenn er auf offener Straße Streit anfing und ſich an einen Poſtwagen anklammerte, der jeden Augenblick wieder ſeinen Galopp anfangen konnte, ergriff er den Riegel, verſuchte den Schlag zu öffnen, und als ihm dieß nicht gelang, ſchwang er ſich auf den Tritt und be⸗ fand ſich wieder auf der Höhe der Oeffnung, welche dem Innern des Wagens Luft verlieh. „Ah!“ ſagte er,„ich bin ein alter Gimpel! Ah, Sie behalten Black! Das wollen wir doch ſehen.“ „O, das wird man bald ſehen,“ ſagte derjenige der beiden Reiſenden, der ſich den äußerſten Ent⸗ ſchlüſſen zuzuneigen ſchien. Damit nahm er den Chevalier am Hals und ſtieß ihn heftig zurück.. Aber der Wunſch ein Thier zu behalten, auf das er ſo großen Werth legte, und ein ſo ſeltſamer Aberglaube verdoppelten die Kräfte des Chevalier, und trotz des heftigen Stoßes ließ er nicht nur den Schlag nicht los, ſondern ſchien ſogar nicht einmal erſchüttert zu werden. 119 „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr,“ ſagte der Chevalier mit einer gewiſſen Würde;„unter Gentlemen oder unter Militären...“ „Was auf daſſelbe hinauslauft, mein Herr,“ warf der Angreifer dazwiſchen. „Nicht immer,“ antwortete der Chevalier,„un⸗ ter Gentlemen und Militären iſt eine Berührung ſo viel wie ein Schlag.“ „Oh!l wie Sie wollen,“ ſagte der junge Mann; „wenn es ſonſt Nichts bedarf, um Sie zufrieden zu ſtellen, ſo gebe ich zu, daß ich Sie berührt habe... oder auch geſchlagen, ganz nach Ihrem Belieben.“ Der Chevalier wollte die Herausforderung da⸗ mit beantworten, daß er eine Karte aus ſeiner Taſche zog; er ſuchte ſie bereits, als der andere junge Mann, der den Frieden erhalten zu wollen ſchien, rief: „Louville! Louville! ein Greis.“ „Ei, was liegt mir an einem Menſchen, der mich aus dem Schlafe weckt, tauſend Cigarren! Ein ſolcher iſt weder ein junger Mann noch ein Greis, ſondern ganz einfach mein Feind.“ „Dieſer Greis, Herr Offizier,“ ſagte der Che⸗ valier,„iſt ein Offizier wie Sie und uüberdieß Rit⸗ ter des St. Ludwigsordens... Hier iſt meine Karte.“ Aber der junge Mann mit der verſöhnlichen Stimme war es, der ſie in Empfang nahm; er drängte ſeinen Freund aus der einen Ecke in die andere und ſagte: „Setze Dich doch an meinen Platz und laß mich an den Deinigen!“ 120 Der brutale Offizier gehorchte mit einem Murren. „Ich bitte für meinen Kameraden um Verzeih⸗ ung, mein Herr; er iſt ein wohlerzogener Burſche, aber um die Wohlthaten ſeiner Erziehung zu ge⸗ nießen, muß er wach ſein; in dieſem Augenblick ſchläft er unglücklicher Weiſe.“ „Nun,“ ſagte der Chevalier,„dieß klingt ſchon etwas artiger. Aber Sie, mein Herr, Sie haben Ihrerſeits geſagt: Ich behalte Black.“ „Allerdings habe ich das geſagt.“ „Nun wohl, ich ſage: Geben Sie mir Black zuruͤck! Ich will Black; Black gehört mir.“ „Black gehört Ihnen eben ſo wenig als mir.“ Und da der Reiſende bei dieſen Worten mit ſeinem Geſicht dicht vor den Chevalier gekommen war, ſo ſtieß dieſer, den die Anſpielung auf Thereſe ſchon ſehr betreten gemacht hatte, einen Schrei der Verblüfftheit aus, als er den jungen Mann er⸗ kannte. Der junge Mann war Gratien, der ſich des Verbrechens an Thereſe ſchuldig gemacht hatte; der andere Offizier war der Aufhetzer. Die Aufregung des Chevalier war ſo ſtark, daß er einige Augenblicke kein Wort vorbrachte. Augenſcheinlich lag in dem ganzen Zuſammen⸗ treffen etwas Providentielles. Seine erſte Regung war daher Dankbarkeit ge⸗ gen Black; er nahm ihn in beide Arme, drückte die Schnauze des Hundes an ſeine Lippen, küßte ihn und rief: „Oh! dießmal unterliegt es keinem Zweifel mehr, Du biſt es, mein guter Dumesnil! Ja, Du 121 biſt es wirklich, nachdem Du mir mein Kind wieder finden geholfen, willſt Du mir jetzt helfen ihm ſeine Ehre zurückzugeben und ſeine Zukunft zu ſichern.“ „Bei den Hörnern des Teufels!“ rief der an⸗ dere Offizier, der ſeinen gewöhnlichen Fluch für einen ſo außerordentlichen Umſtand ungenügend fand,„dieſer Mann iſt verrückt, und ich will den Conducteur rufen, damit er ihn den Fußtritt hinab⸗ wirft. Conducteur! Conducteur! „Louville! Louville!“ wiederholte ſein Freund, den dieſes grobe Benehmen um ſo mehr verdroß, als er jetzt vom Chevalier ſelbſt wußte, daß er es mit einem Edelmann zu thun habe. Aber der Conducteur hatte den Ruf gehört. Er ſtreckte ſeinen Kopf aus dem Cabriolet her⸗ vor, ſah einen Mann am Wagenſchlag feſtgeklam⸗ mert und hielt ihn für einen Räuber, der ſeinen Reiſenden das Piſtol vor die Bruſt halte. Er ſtieg alſo ab, ohne den Wagen anhalten zu laſſen, und ſtieß den Chevalier derb zurück. „O, o,“ ſagte dieſer,„ſeien Sie nur nicht ſo brutal, Pinaud!“ Nun war Pinaud einer der Curiere, die dem Chevalier ſeine Mundvorräthe lieferten, wenn er eine eigene Küche führte. Pinaud fuhr ganz erſtaunt zurück. „Nun ja,“ ſetzte der Chevalier hinzu,„wir ſind bln Bekannte, ſollte ich meinen, daß dich der Has eiß.“ Pinaud hatte angefangen den Chevalier zu er⸗ 122 kennen; aber an ſeinem Lieblingsſchwur erkannte er ihn vollends ganz. „Sie ſind um dieſe Stunde auf der Straße, Herr Chevalier?“ rief er. „Allerdings ich.“ „Nun ja, ich ſehe es wohl... aber wer zum Teufel hätte es erwarten können? Sie fürchten alſo weder die Wärme noch den Luftzug, weder Feuchtigkeit noch ſteife Glieder mehr?“ „Ich fürchte gar Nichts mehr, Pinaud,“ ſagte der Chevalier, der in ſeiner Nervenüberreiztheit wirklich wie Don Quixote mit einer Windmühle Händel geſucht hätte. „Von wem verlangen Sie denn Etwas hier auf der Straße?“ „Von Ihnen, Pinaud.“ „Wie ſo?“ „Ja, ja, ja, von Ihnen. Ich verlange von Ihnen, Pinaud, daß Sie mit dem Wagen anhalten lihd mich zehn Minuten mit dieſem Herrn ſprechen aſſen.“ „Unmöglich, Herr Chevalier.“ „Mir zu Liebe, Pinaud.“ „Ich würde es dem lieben Gott ſelbſt ab⸗ ſchlagen.“ „Was? Du vürdeſt es dem lieben Gott ab⸗ ſchlagen?“ „Allerdings; muß ich nicht zur beſtimmten Stunde ankommen? Mein Wagen iſt ohnehin ſchon etwas ſpät daran. Aber ich kann Ihnen einen guten Rath geben.“ „Laſſen Sie hören.“ N 123 „Mein Wagen iſt vierſitzig; nur zwei Plätze ſind genommen; ſteigen Sie ins Innere, dann kön⸗ nen Sie in Maintenon abſteigen und von da mit der Morgendiligence wieder heimfahren.“ „Um zwei Uhr Morgens aufſtehen? Nein, Pinaud; das iſt gegen meine Gewohnheiten, mein Freund; gleichwohl iſt Ihre Idee nicht ſo ganz übel; ich muß nothwendig nach Paris, ſchiebe aber die Reiſe von Tag zu Tag hinaus. Nun wohl, ich will in Ihren Wagen ſteigen und bis Paris fahren.“ „Sie müſſen nach Paris? Sie wollen bis nach Paris? Und Sie haben nicht ſchon vor acht Tagen ganz entſchieden Ihren Platz auf dem Bureau be⸗ ſtellt, um eine Ecke zu bekommen und nicht rück⸗ wärts fahren zu müſſen? Wahrhaftig, die Leute haben Recht, Herr Chevalier, man erkennt Sie nicht mehr. Nun, ſo ſteigen Sie ein,“ fuhr Pinaud fort, indem er den Schlüſſel ſpielen ließ und den Schlag öffnete, den der Chevalier nicht hatte öffnen können.„Wahrlich, wenn einer von dieſen Herrn ein hübſches Mädchen wäre, wie dasjenige, das Sie in Ihr Haus genommen haben, ſo würde ich das Alles begreifen, und wenn ich nicht vier Lieues in der Stunde zu machen hätte, um die Verwaltung zufrieden zu ſtellen, ſo würde ich Sie um den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß bitten.“ Herr de la Graverie ſchwang ſich in den Wa⸗ gen und ſank ganz athemlos auf den Vorderſitz, während Black, den ſein Räuber losgelaſſen, ſich gegen ihn aufrichtete und, er mochte es nun wollen oder nicht, ihm das Kinn beleckte. — ,y⁴ͦ——— 124 X. Was ſich im Poſtwagen zutrug, und welches Zwiege⸗ ſpräch daſelbſt gehalten wurde. Die beiden Offiziere hatten den Chevalier de la Graverie ohne Widerſtand im Poſtwagen Platz nehmen laſſen. Louville, der dicht in ſeinen Mantel gehüllt war und feſt in ſeiner Ecke ſaß, hatte ſich ſogar ſchlafend geſtellt. Gratien dagegen hatte mit einer Aufmerkſamkeit, die mit Neugierde und Unruhe vermiſcht war, alle Bewegungen des Chevalier beobachtet. Der junge Offizier ſchien zu ahnen, daß unter dieſer friedlichen Außenſeite ein Feind heranrückte, der furchtbarer war als er ausſah. Er wollte daher auch, als der Chevalier ſich kaum geſetzt hatte, ſogleich das Geſpräch beginnen. Aber der Chevalier ſtreckte die Hand gegen ihn aus und ſprach: „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich zuvor Athem ſchöpfe und wieder zum ruhigen Bewußtſein komme. Ich geſtehe Ihnen, ich bin an ſolche Dauerläufe und Aufregungen nicht gewöhnt; wir werden ſo⸗ gleich plaudern, wie Sie es zu wünſchen ſcheinen, aber die Sache wird vielleicht ernſthafter ausfallen, als Sie erwarten. Bei Gott: Pinaud hat mir einen großen Dienſt erwieſen, indem er ſeinen Wa⸗ gen anhielt; meine Kräfte verließen mich und ich ſah bereits den Augenblick kommen, wo ich den Griff loslaſſen mußte und auf die Straße fiel, was 125 bei meinem Alter unangenehme Folgen haben konnte.“ „In der That, mein Herr, zu ſolchen Uebungen ſind Sie nicht mehr jung genug.“ „Das kann ich meinerſeits wohl merken, mein Herr, aber ich werde nicht erlauben, daß Sie Ihrer⸗ ſeits es auch bemerken, verſtehen Sie mich?“ „Ei der Tauſend!“ rief Gratien bei dieſem Ausfall,„wenn Sie nicht ein Narr ſind, ſo ſind Sie wenigſtens ein ſpaßhaftes Original.“ „Er iſt ein Narr,“ brummte Louville aus ſeinem Mantel hervor. „Mein Herr,“ ſagte der Chevalier auf dieſe Inter⸗ pellation Louville's,„ich habe Nichts mit Ihnen zu ſchaffen und wünſche auch Nichts mit Ihnen zu ſchaffen zu haben; in dieſem Augenblick wenigſtens habe ich die Ehre nur mit Herrn Gratien zu ſpre⸗ chen, und nur ihm erweiſe ich dieſe Ehre.“ „O, o,“ ſagte Gratien,„es ſcheint, Sie kennen mich?“ 4 „Sehr gut, und zwar ſchon lange.“ „Doch nicht von der Schulzeit her?“ fragte der junge Mann lachend. „Mein Herr,“ antwortete der Chevalier,„ich möchte wünſchen, daß Sie, ob nun in der Schule oder anderswo, dieſelbe Erziehung erhalten hätten wie ich; Sie würden in Bezug auf Höflichkeit und Mo⸗ ralität dabei Nichts verlieren.“ „Bravo, Chevalier!“ lachte Louville;„waſchen Sie dieſem Schlingel da tüchtig den Kopf.“ „Ich werde dieß mit um ſo mehr Vergnügen und um ſo gewiſſenhafter thun, mein Herr, als —— 126 bei Ihrem Freund trotz ſeiner ſchlechten Erziehung das Herz gut und ehrlich geblieben iſt, was mir einige Hoffnung läßt, daß es mir gelingen werde...“ „Während bei mirx?...“ „Ich werde das Herz eben ſo wenig zu verbeſ⸗ ſern verſuchen als den Wuchs; ich glaube, daß Beide eine ſchlechte Gewohnheit angenommen haben und daß ich zu ſpät kommen würde.“ „Bravo, Chevalier!“ rief jetzt Gratien, während Louville, der die Anſpielung vollkommen verſtanden hatte, ſich die Miene gab, als ob er vergebens zu begreifen ſuchte;„Bravo! Das kannſt Du in Deine Taſche ſtecken.“ „Ja, wenn noch Platz vorhanden iſt,“ bemerkte der Chevalier. „Ei zum Henker“, ſagte Louville, indem er ſei⸗ nen Schnurrbart ſtrich,„ſollten Sie vielleicht in den Poſtwagen geſtiegen ſein, um ſchlechte Witze zu machen?“ „Nein, mein Herr; ich bin eingeſtiegen, um ernſthaft zu ſprechen, deßhalb erſuche ich Sie auch ſich gefälligſt nicht in die Unterhaltung zu miſchen, da ich, wie ich Ihnen wiederhole, nur mit Herrn Gra⸗ tien, Ihrem Freund, zu thun habe, und nicht mit Ihnen.“ „Nun, ſo werde ich mit Black plaudern,“ ſagte Louville, der den Witzigen ſpielen wollte. „Thun Sie das, wenn Sie Luſt haben,“ ver⸗ ſetzte der Chevalier;„aber ich zweifle, ob Black Ihnen antworten wird, wenn er ſich nur noch ein wenig Ihrer guten Abſichten gegen ihn erinnert.“ „Wie ſo?“ fragte Louville,„habe ich denn jetzt 1 127 böſe Abſichten gegen Black? Warum ſtellen Sie mich denn nicht ſogleich vor die Aſſiſen?“ „Weil,“ antwortete der Chevalier,„unglücklicher Weiſe die Vergiftung eines Hundes vor den Aſſiſen nicht als ein Verbrechen betrachtet wird, obſchon es meines Erachtens um gewiſſe Hunde weit mehr Schade wäre, als um gewiſſe Individuen.“ „Wahrhaftig, Gratien,“ ſagte Louville, indem er ſich anſtrengte, um zu lachen,„ich kann Dir jetzt nicht mehr gram darum ſein, daß dieſer Herr uns um Deinetwillen die Ehre ſeiner Geſellſchaft ſchenkt, und wenn die Reiſe nur zwei oder drei Tage dauerte, ſtatt daß ſie ſchon in fünf oder ſechs Stunden zu Ende geht, ſo glaube ich, daß wir bei unſerer An⸗ kunft die beſten Freunde von der Welt ſein würden.“ „O nein,“ antwortete der Chevalier mit ſeiner halb höflichen, halb ſpöttiſchen Gutherzigkeit,„ſehen Sie, das iſt der Unterſchied zwiſchen Ihnen und mir: je länger die Reiſe dauern würde, um ſo weniger würde ich Sie bei der Ankunft lieben, und ich wünſche mir aufrichtig und ganz laut Glück da⸗ zu, daß die unſerige ſo kurz ſein wird.“ „Tauſend Cigarren!“ rief der junge Offizier, indem er in feiner Ecke auffuhr,„werden Sie mit Ihren Impertinenzen bald zu Ende ſein, mein Herr?“ „Ei, ei,“ verſetzte der Chevalier,„jetzt werden Sie böſe, weil ich ein wenig mehr Grüze im Kopf habe als Sie. Bedenken Sie doch, mein Herr, daß ich noch einmal ſo alt bin; in meinem Alter werden Sie vermuthlich eben ſo geſcheidt ſein, ja ſogar noch geſcheidter; nur müſſen Sie warten. Geduld, junger Menſch! Geduld!“ „Das iſt eine Tugend, mein Herr, die Sie uns allerdings beibringen zu wollen ſcheinen, und wir müſſen bereits recht ſchöne Anlagen dazu beſitzen, da wir das alberne Geſchwätze ertragen konnten, womit Sie uns ſeit zehn Minuten behelligen.“ „Wenn der Herr jetzt, nachdem er weniger athemlos iſt,“ ſagte Gratien,„jetzt endlich an die ernſte Frage gehen wollte, die er ſo eben wegen der Aufregung ſeines Rennlaufs verſchoben hatte — einer Aufregung, die, wie ich mit innigem Ver⸗ gnügen ſehe, keine andere Folgen hatte, als daß ſie ſeine Zunge löste und ſeinen Geiſt erfriſchte— ſo wäre ich in der vortrefflichſten Stimmung, um ihn anzuhören.“ „Bei Gott, meine Herrn, Sie werden doch hof⸗ fentlich nachſichtig gegen einen alten Mann ſein und ihm die Ungebundenheit ſeiner Sprache zu gut halten. Die Zunge iſt in meinem Alter die einzige Waffe, deren Führung man nicht nur nicht verlernt, ſondern worin man auch noch Fortſchritte gemacht hat; Sie dürfen mirs alſo nicht zu ſehr verargen, wenn ich mich ihrer mit Vergnügen bediene.“ „Nun gut denn, erklären Sie ſich,“ ſagte Lou⸗ ville;„man wird jetzt ſogleich umſpannen, und ſo intereſſant auch die Sache ſein mag, die Sie uns zu erzählen haben, ſo habe doch ich meinerſeits ganz und gar keine Luſt ihr den guten Schlaf auf⸗ zuopfern, worein man ſich ſo ſanft einwiegen laſſen kann. Der Poſtwagen iſt die einzige Maſchine, die mich an meine Kindheit erinnert; das Geraſſel der Räder betäubt mich, wie einſt das Geſinge mei⸗ ner Amme. Nun alſo, um was handelt es ſich?“ 129 „Um eine ſehr ernſte und zugleich ſehr gering⸗ fügige Sache, meine Herrn, um eine jener Affairen, die für einen Garniſonshelden gewöhnlich nur eine angenehme Endentwicklung haben, obgleich häufig Verzweiflung, Elend oder Selbſtmord die Folgen ſind. Es handelt ſich um eine Verführung— ich will das gelindeſte Wort gebrauchen— deren Herr Gratien ſich ſchuldig gemacht hat.“ Gratien fuhr auf; vielleicht wollte er antworten, als Louville, ohne ihm Zeit zu laſſen, das Wort ergriff. .„Und Sie werfen ſich amtlich als Sühner der Sünden meines Freundes auf?“ ſagte er.„Das iſt eine ſchöne Rolle, und es kann Ihnen an einer anſtändigen Belohnung nicht fehlen, wenn das Opfer nur einiger Maaßen erkenntlich iſt; ſeit Don Quixote war das Geſchäft ein wenig außer Ge⸗ wohnheit gekommen; Sie bringen es wieder zu Ehren, bravo!“ „Ich habe bereits die Ehre gehabt Ihnen zu ſagen, mein Herr, daß ich mit Ihnen ganz und gar Nichts zu thun habe und auch Nichts zu thun haben wolle. Ich ſpreche mit Herrn Gratien. Zum Teufel! Hat er Ihrer Vermittlung nicht bedurft, als er den Fehler beging, ſo ſind Sie ihm, denke ich, auch jetzt nicht nöthig, wo es ſich ganz einfach um Wiedergutmachung deſſelben handelt.“ „ und wer ſagt Ihnen, mein Herr, daß ich bei lisſer Angelegenheit nicht ſein Rathgeber geweſen ei?“ „Dieß würde mich keineswegs wundern; aber Dumas, Black. II. 9 — 130 ich würde dann Ihren Freund nur um ſo mehr beklagen.“ „Und warum?“ „Weil er das zweite Opfer Ihrer böſen Inſtincte wäre.“ „Kommen Sie doch einmal zu Ende, mein Herr“, ſagte Gratien,„wer iſt die rechtſchaffene Perſon, die ich verführt haben ſoll?“ „Mein Herr, es handelt ſich ganz einfach um das junge Mädchen, deſſen Namen Sie ſo eben ausgeſprochen haben, um die Eigenthümerin Blacks, kurz um Thereſe.“ Gratien blieb einige Augenblicke ſtumm; dann ſtammelte er: „Nun wohl, was verlangen Sie in Thereſens Namen von mir? Laſſen Sie hören.“ „Daß Du ſie heirathen ſollſt, bei Gott,“ rief Louville,„dieſer Herr ſcheint mir ein Mann von Gewicht zu ſein und würde ſich um etwas Geringe⸗ res nicht bemüht haben.„Sprich Dich aus, Gra⸗ tien, biſt Du bereit Fräulein Thereſe zum Altar zu führen? Nun wohl, ſchreib an den Oberſten, bitte Deinen Vater, ſowie den Miniſter, um Er⸗ laubniß und laß uns ſchlafen; denn jetzt, da wir über die Wünſche dieſes Herrn unterrichtet ſind, können wir nichts Beſſeres thun.“ „Sie ſehen wohl ein, mein Herr,“ ſagte Gra⸗ tien, dem die Dazwiſchenkunft ſeines Freundes wie⸗ der einige Zuverſicht verliehen hatte,„daß dieß Alles nur ein Scherz ſein kann. Ich bin allerdings bereit Fräulein Thereſe gegenüber meine Pflichten als Ehrenmann zu erfüllen; aber.,.“ 131 „Aber Sie ſündigen gleich im Anfang dagegen,“ fiel der Chevalier de la Graverie ein. „Wie ſo?“ „Allerdings; beſteht nicht die erſte Pflicht eines Ehrenmannes, wie Sie ſich ausdrücken, oder eines rechtſchaffenen Mannes, wie ich ſagen würde, darin daß er ſeinem Kind einen Namen gibt?“ „Ei wie,“ rief Gratien,„ſollte Thereſe...“ „Ach ja, Herr Gratien,“ verſetzte der Chevalier, „das iſt eine der traurigſten Folgen jener lieblichen Endentwicklung, von der ich vorhin geſprochen habe.“ „Und wenn es ſo wäre, was ſollte er thun?“ fiel Louville von Neuem ein.„Würden Sie es paſſend finden, daß man jedem Regiment eine Schwadron von Ammen beigäbe? Wir haben die Garniſon gewechſelt: was wollen Sie? Das iſt ein Unglück. Die Schöne ſuche ſich einen Tröſter unter den Lanciers, die auf uns gefolgt ſind; ſie iſt hübſch genug, um nicht lange ſuchen zu müſſen.“ „Sie theilen die Geſinnungen Ihres Freundes?“ fragte der Chevalier den Andern. „Nicht ganz, mein Herr. Louville geht in ſei⸗ ner Freundſchaft für mich viel zu weit. Ich habe mich allerdings ſchwer, ſehr ſchwer gegen Fräulein Thereſe verfehlt, und ich gäbe viel dafür, wenn ſie mir nicht in den Weg gekommen wäre. Ich bin daher, das wiederhole ich Ihnen, bereit Alles zu thun was in meinen Kräften ſteht, um ihre Lage zu erleichtern, und dieſe Verſicherung ſollte Ihnen genügen: Sie ſind ein Mann von Welt, mein Herr, und Sie ſehen zu gut ein, wie unverträglich eine ſolche Verbindung mit den ſocialen Perpſlich⸗ 13² tungen eines Mannes von meinem Stande wäre, als daß Sie darauf beſtehen könnten.“ „Sie täuſchen ſich, Herr Gratien: ich werde da⸗ rauf beſtehen, und ich habe noch jetzt eine ſo gute Meinung von Ihnen, daß ich auf Erfüllung meiner Bitte hoffe.“ „In dieſem Fall laſſen Sie mich Ihnen ant⸗ worten, daß dieß unmöglich iſt.“ „Nichts iſt unmöglich, Herr Gratien,“ erklärte der Chevalier,„wenn der Mann ſich einer Pflicht gegenüber befindet. Ich könnte Ihnen Etwas da⸗ von erzählen. Sehen Sie, vor einigen Jahren konnte ich nicht ohne Beben den Anblick eines bloßen Degens ertragen; beim Gekrach einer Feuerwaffe fuhr ich zuſammen; Alles was das vollkommene Gleichgewicht meines Lebens ſtörte, machte mir Fieber. Nun wohl, in dieſem Augenblick ſehen Sie mich in einem ſchlechten Wagen auf der Landſtraße herumfahren, ſtatt angenehm und weich in meinem Bette zu ſchlafen; überdieß rückwärts, was mir be⸗ ſonders unangenehm iſt; dabei bereit noch mehr zu thun, und dieß Alles, weil die Pflicht geſprochen hat. Sie ſind jung, mein Herr, und ſehen aus, als ob Sie ganz andern Unmöglichkeiten ohne Be⸗ ben ins Geſicht ſchauen müßten.“ Gratien wollte irgend eine Antwort geben, aber Louville ließ ihm nicht die Zeit dazu. „Ei warum nicht gar, mein lieber Herr,“ ſagte er zu dem Chevalier;„Sie ſind ein Narr oder jedenfalls... Doch ja, hören Sie, ich weiß ein Mittel. Da die Verheirathung von Fräulein Thereſe Ihnen ſo dringend erſcheint; da es nach Ihrer An⸗ 828——= 133 ſicht nothwendig iſt, daß das Kind einen Namen erhalte, warum heirathen Sie nicht die Mutter und erkennen das Kind an?“ „Wenn materielle Hinderniſſe, die ich Ihnen zu verſchweigen das Recht habe, mir dieſen Gedanken nicht verböten, ſo würde ich mich in Folge der Weigerung des Herrn Gratien ſehr gerne dazu ent⸗ ſchließen.“ 4 „Tauſend Cigarren!“ rief Louville,„Sie ſind ein antiker Mann.“. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Gratien, „Sie haben ſo eben die Unmöglichkeit geleugnet, und jetzt berufen Sie ſich ſelbſt darauf. Warum dieſes Vorrecht zu Ihren Gunſten, dieſes Monopol zu Ihrem Vortheil?“ „Nehmen Sie zwei Gründe an: entweder daß ich verheirathet ſei, oder daß ich in einem zu nahen Verwandtſchaftsgrad mit Thereſe ſtehe. Im einen wie im andern Fall kann ich nicht ihr Gatte ſein.“ „Ich gebe es zu.“ „Während Sie unverheirathet und wenigſtens nicht durch Verwandtſchaftsbande mit dem jungen Mächen verknüpft ſind, mit dem wir uns beſchäf⸗ ligen... Gratien ſchwieg. „Hören Sie, Herr Gratien,“ fuhr der Chevalier fort,„laſſen Sie uns genau unterſuchen, was Sie verhindern könnte in Ihren eigenen Augen, wenn auch nicht in denen Ihrer Freunde, ein rechtſchaffener Mann zu bleiben. Warum ſollten Sie ſich weigern Ihre Hand einem jungen Mädchen zu reichen, das Sie genug geliebt haben, um ihr gegenüber eine 134 Handlung zu begehen, die ſtark einem Verbrechen gleicht, und warum wollen Sie das Kind nicht an⸗ erkennen, zu deſſen Vater das Mädchen Sie dem⸗ nächſt machen wird? Gewiß haben Sie Nichts ge⸗ gen das Aeußere dieſer Perſon einzuwenden, die ich hartnäckig als Ihre künftige Gemahlin betrachte.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Gratien. „Bah! allerdings ein artiges niedliches Geſicht⸗ chen,“ ſagte Louville. „Was ihren Charakter betrifft, ſo iſt es unmög⸗ lich ein ſanfteres Geſchöpf zu treffen, und ich ſchwöre Ihnen, daß ſie für Alles ſo erkenntlich ſein wird, daß ihre Dankbarkeit einer Liebe gleichkommt, denn Liebe empfindet ſie juſt nicht für Sie.“ „Aber ſie iſt eine Griſette!“ „Eine Arbeiterin, mein Herr, was nicht immer Daſſelbe iſt; eine einfache Arbeiterin, das iſt wahr; aber ich, der ich ſie genau kenne, kann Ihnen ſa⸗ gen, daß viele große Damen heutzutage nicht die natürliche Diſtinction beſitzen, die ich bei dieſer Ar⸗ beiterin gefunden habe. Wenn Thereſe ſich einmal etliche Monate an der vornehmen Geſellſchaft ge⸗ rieben hat, ſo wird ſie ſicherlich eine ausgezeichnete Dame werden und allgemeine Anerkennung finden.“ „Es ſteht alſo feſt,“ rief Louville,„ſie beſitzt fünfundzwanzigtauſend Franken Rente in Vor⸗ zügen.“ „Aber meine Familie, mein Herr,“ ſagte Gratien, „meine Familie, die adelig und reich iſt, glauben Sie, daß dieſe eine ſolche Verbindung je gutheißen würde, im Fall ich mich ſelbſt auf Ihre Vorſchläge einlaſſen wollte?“ 135 „Wer ſagt Ihnen, daß Thereſens Familie nicht der Ihrigen gleichkomme?“ „Laß den Herrn ſich ausſprechen, Gratien,“ ſagte Louville,„dann werden wir ſogleich ſehen, wie The⸗ reſe eine Erzherzogin wird, die nur zu ihrem Zeit⸗ vertreib als Modiſtin arbeitet.“ „Noch mehr, mein Herr,“ fuhr der Chevalier fort;„wer ſagt Ihnen, daß Thereſe nicht ein Ver⸗ mögen zu erwarten hat, das dem Ihrigen zum Min⸗ deſten gleichkommt?“ „Ei, ei,“ machte Gratien verlegen, wenn dieß der Fall wäre...“. „Ach warum nicht gar!“ rief Louville ungeſtüm; „Du läſſeſt Dich von der Narrheit anſtecken und wirſt auf Ehre ein eben ſo großer, ja noch größerer Narr, als dieſes brave Herrchen, das bei uns ſitzt. Aber zum Glück bin ich noch da und werde nicht dulden, daß Du noch tiefer in die Falle gehſt. Ant⸗ worte ihm ein für allemal mit einem ganz trockenen und entſchiedenen Nein, damit er uns ruhig ſchlafen läßt und ſammt ſeiner Infantin und ihrem Hunde zum Teufel geht.“ Und zum Schluß ſeiner Rede verſetzte Louville dem armen Thier, zu welchem er, wie man ſich er⸗ innert, nie eine große Zuneigung gehabt hatte, einen derben Fußtritt. Black ſtieß ein klägliches Geheul aus. Herr de la Graverie empfing den Gegenſtoß dieſes Fußtrittes im vollen Herzen.. „Mein Herr,“ ſagte er zu Louville,„Ihre Sprache war bisher die eines Einfaltspinſels; Ihr Beneh⸗ men verräth einen bru 136 talen ungezogenen Bengel. Wer den Hund ſchlägt, beleidigt den Herrn.“ „Ich habe Ihren Hund getreten, weil er mich zwiſchen meinen Beinen genirt. Uebrigens werde ich jetzt den Conducteur rufen und ihm ſagen, daß er das Reglement einhalten ſolle. Die Hunde ha⸗ ben kein Recht im Poſtwagen zu ſitzen.“ „Dumesnil... d. h. mein Hund iſt hier hundert⸗ mal beſſer an ſeinem Platz als Sie, mein Herr, und Sie ſollten den Fußtritt, den Sie meinem ar⸗ men Freund verſetzt haben, theuer bezahlen, wenn ich es nicht ganz beſonders mit Herrn Gratien zu⸗ thun und wenn ich mir nicht ſelbſt geſchworen hätte, daß ich mich durch Nichts von meinem Ziel ab⸗ bringen laſſe.“ Dann wandte er ſich zu Gratien und ſagte: „Laſſen Sie uns doch einmal zu Ende kommen, mein Herr, denn ich bitte Sie mir zu glauben, daß die Erörterung, wenn ſie auch von meiner Seite ruhiger iſt, weil ich ein Edelmann bin, dennoch mir eben ſo wenig gefällt, als Ihnen. Ja oder nein, wollen Sie dieſem jungen Mädchen die Ehre wieder geben, die Sie ihr geraubt haben?“ „Wenn Sie die Frage ſo ſtellen, ſo kann ich nur mit Nein antworten.“ „Sie machen ſich an ein armes Kind, das ganz allein, ohne Schutz und Vertheidigung, in der Welt ſteht. Sie haben eine ſchändliche Hinterliſt gebraucht, um ſie zu beſiegen. Ich hege noch eine ziemlich gute Meinung von Ihnen, mein Herr, ich will in Folge Ihrer erſten Weigerung noch nicht glauben, daß Sie ernſtlich entſchloſſen ſind, wie ein Feigling 137 die Mutter ihrer Verzweiflung zu überlaſſen und Ihr Kind auf das Pflaſter zu werfen, es der offi⸗ ziellen Barmherzigkeit und dem öffentlichen Mitleid preiszugeben.“. „Mein Herr,“ rief Gratien,„Sie rühmten ſich ſo eben mit Unrecht, daß Sie Edelmann ſeien; auch ich bin es: in dieſer Eigenſchaft bin ich an die Ach⸗ tung vor grauen Haaren gewöhnt worden; aber dieſe Achtung kann nicht ſo weit gehen, daß ich mich beſchimpfen laſſe. Sie haben ſo eben ein Wort zu viel geſagt; nehmen Sie es augenblicklich zurück, ich bitte Sie darum.“ Und wirklich ſprach Gratien dieſe letzten Worte wie ein wahrer Edelmann. „Ja, mein Herr,“ ſagte der Chevalier, welcher begriff, daß er zu weit gegangen war und daß das Wort Feigling zu denjenigen gehörte, welche ein Militär nicht ertragen kann,„ja, ich will Alles zu⸗ rücknehmen was Sie wünſchen; aber thun auch Sie Ihrerſeits was ich von Ihnen verlange, ich be⸗ ſchwöre Sie darum. Wenn Sie wüßten, wie ſehr die arme Thereſe gelitten hat, wenn Sie wüßten, wie ſehr ihre Geburt ſie über ſolche Leiden hätte erheben müſſen! Sie iſt ſo gut, ſo ſanft, ſo zärt⸗ lich! O, Sie thäten ein gutes Werk, das Sie nie bereuen würden. Wenn ſie eines Namens bedarf, ſo werde ich einen für ſie finden, mein Herr, einen ehrenwerthen Namen, meinen eigenen. Wenn Sie Geld brauchen, um das Leben zu genießen, ſo werde ich Ihnen mein Vermögen überlaſſen und mir blos eine kleine Leibrente vorbehalten; Sie ſelbſt wer⸗ den dieſe Rente feſtſetzen; ich werde mich mit Allem 138 begnügen, was Sie mir gütigſt laſſen wollen. Ich werde in Ihrem Glück das meinige finden; Sie werden mir erlauben Thereſe von Zeit zu Zeit zu beſuchen, und das wird uns genügen... Nicht wahr, Black? nicht wahr, mein alter Freund? Sehen Sie, Herr Gratien, hier auf den Knien be⸗ ſchwört Sie ein armer Greis... mit Thränen in den Augen fleht er Sie an.“ Der Chevalier machte wirklich eine Bewegung, als wollte er auf die Knie fallen; Gratien hielt ihn auf. „Im Grunde,“ ſagte Louville,„iſt es eine recht hübſche Speculation, die dieſer Herr Dir vorſchlägt. und an Deiner Stelle, Gratien, würde ich mich beſinnen.“ Der Chevalier merkte, wohin dieſe treuloſe Ein⸗ flüſterung des Lieutenants abzielte; er wandte ſich alſo gegen ihn und ſagte: „Ach, mein Herr, iſt es nicht genug, daß Sie durch Ihre Rathſchläge das Unglück der armen Thereſe verurſacht haben? Wollen Sie ſich auch noch der Regung einer Reue widerſetzen, die im Herzen Ihres Freundes entſtehen könnte? Was hat denn das unſchuldige Kind Ihnen gethan, daß Sie Herrn Gratien auch noch verhindern wollen, einen Fehler wieder gutzumachen, der beim Lichte betrachtet mehr auf Sie fällt, als auf ihn?“ Unglücklicher Weiſe war die Wirkung bereits hervorgebracht. „Sie haben vielleicht Recht in dem, was Sie ſo eben ſagten, mein Herr“, antwortete Gratien, nund ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Ihre ——-—— —— 139 Worte mich gerührt hatten; aber die Vernunft muß alle andere Rückſichten überwiegen, und wenn ich Alles wohl erwäge, ſo werde ich Fräulein Thereſe nicht heirathen.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Es iſt mein letztes Wort, mein Herr. Ich werde ein armes Mädchen von dunkler Geburt nicht hei⸗ rathen, ich werde keine Speculation machen, Ihre Schützlingin kann ſich nur im einen oder andern dieſer Fälle befinden, und ich weiſe beide mit glei⸗ cher Entſchiedenheit zurück.“ Der Chevalier verbarg ſein Geſicht zwiſchen ſei⸗ nen Händen. Sein Schmerz erſtickte ihn, und er beſaß nicht Selbſtbeherrſchung genug, um ihn zu verbergen. „Ihr Schmerz geht mir nahe, mein Herr,“ fuhr Gratien fort,„aber da er gleichwohl Nichts über meinen unwiderruflichen Entſchluß vermag, ſo halte ichs für das beſte Ihnen den Platz abzutreten. Es werden hier die Pferde gewechſelt; ich will mit dem Curier weiterreiſen.“ In der That hielt der Wagen beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick an, und der junge Mann ſtieg aus, ohne daß der Chevalier ein einziges Wort ſagte oder eine einzige Geberde machte, um ihn aufzuhalten. „Und jetzt, mein Herr,“ ſagte Louville, indem er ſeinen Mantel wieder über ſein Geſicht zog, „glaube ich, daß es Zeit i*ſt uns gegenſeitig gute Nacht zu wünſchen; ich meinerſeits werde, das ver⸗ ſichere ich Sie, die Zeit hereinzubringen verſuchen, um die Sie mich gebracht haben.“ 140 „Gleichwohl,“ verſetzte der Chevalier ironiſch, „werde ich noch einmal die Gefälligkeit mißbrauchen, von der Sir mir ſo viele Beweiſe gegeben haben, und ich möchte Sie um die Adreſſe Ihres Freundes itten.“ „In welcher Abſicht?“ fragte Louville. „Damit ich noch einen Verſuch mach en kann ſein Herz zu rühren.“— „Vergeblich! er hat Ihnen geſagt, daß ſein Ent⸗ ſchluß unwiderruflich ſei.“ „Ich werde noch einen Verſuch wagen, mein Herr; ein Vater wird es nie müde für ſein Kind zu arbeiten, und Thereſe iſt beinahe mein Kind.“ de S4 eas wenn ich Ihnen ſage, daß es vergeblich iſt?“ „Nun wohl, mein Herr, ſo will ich Sie um die Ihrige erſuchen.“ „Um die meinige? Sie haben doch wohl nicht auch an mich Jemand zu verluppeln? „Mein Herr, bemerken Sie, daß ich darauf be⸗ ſtehe Ihre Karte zu erhalten.“ „Tauſend Cigarren! Sie ſagen mir das in einem beinahe herausfordernden Ton; ſollten Sie nialieiit zufällig der ſelige Herr von St. Georg ein?“ „Nein, mein Herr, ich bin blos ein gutmüthiger armer Teufel, der alle Streitigkeiten haßt und alles Blutvergießen verabſcheut; ich ſchwöre Ihnen, daß es mir ſehr leid thun würde, wenn ich je genöthigt wäre das Blut meines Nebenmenſchen zu vergießen.“ „Dann ſchlafen Sie ruhig, mein lieber Herr, und quälen Sie mich nicht mehr um ein Stückchen 141 Kartenpapier, das Ihnen bei Ihren friedliebenden Geſinnungen gänzlich nutzlos wäre.“ Nach dieſen Worten lehnte Louville ſeinen Kopf in die Ecke des Wagens, und bald darauf vermengte ſich das laute Geſchnarche des jungen Offiziers mit dem Geraſſel der Räder über das Pflaſter hin. Herr de la Graverie ſeinerſeits ſchlief nicht: er verbrachte den Reſt der Nacht mit Gedanken dar⸗ über, was er ſeinem Bruder zu ſagen hätte, bei dem er ſich in einigen Stunden einfinden ſollte; er ſann hin und her, wo und wie er Spuren von Thereſens Geburt auffinden könnte; und er war ſo tief in ſeine Betrachtungen verſunken, daß er trotz ſeines Abſcheus vor dem Rückwärtsfahren nicht einmal daran dachte, ſich des Platzes zu bemächti⸗ gen, welchen Gratien durch ſeinen Abgang leer ge⸗ laſſen hatte. Am nächſten Morgen um fünf Uhr fuhr der Wagen in den Poſthof ein. Hier trafen der Chevalier und ſeine beiden Reiſe⸗ gefährten wieder zuſammen. Herr de la Graverie hätte gerne noch einen Verſuch gemacht, das Geſpräch über Thereſe von Neuem zu beginnen, ehe er ihren Verführer weiter ziehen ließ, aber Louville gönnte ihm nicht die Zeit dazu; er nahm Gratien beim Arm, und die beiden Offiziere entfernten ſich, gefolgt von einem Com⸗ miſſionär der ihr Gepäcke trug. „Einen Wagen!“ rief der Chevalier. Man brachte ihm einen Fiaker. Der Commiſſionär, der zu den Füßen des Che⸗ valier einen Koffer ſah, lud denſelben zu dem Kut⸗ 142² ſcher auf und erhielt von dem zerſtreuten Reiſenden einen Franken für ſeine Mühe. Der Chevalier ließ Black zuerſt in den Fiaker ſteigen und ſetzte ſich zähneklappernd zu ihm, denn der arme Mann war ohne Mantel abgereist, und die Morgenfriſche war ſehr empfindlich. „Wohin ſoll ich ſie führen, Herr?“ fragte der Kutſcher. „Rue Saint⸗Guillaume, Faubourg Saint⸗Ger⸗ main,“ antwortete der Chevalier. XI. Wie der Herr Baron de la Graverie die Lehren des Evangeliums auffaßte und beſolgte. Obſchon es erſt halb ſechs Uhr war, ſiel es dem Chevalier doch keinen Augenblick ein den beabſich⸗ tigten Beſuch bei ſeinem Bruder zu verſchieben. Wie alle Leute, die ſchwer einen Entſchluß faſ⸗ ſen, konnte der Chevalier, wenn er einmal aus ſei⸗ ner wollüſtigen Ruhe herausgetreten war, nicht mehr zögern noch warten. Ueberdieß ſchienen ihm die Fragen, die er dem Baron vorlegen wollte, ſo wichtig, daß er nicht daran zweifelte, alle Thore des Hotels de la Graverie müßten ſich augenblicklich vor ihm öffnen. Der Baron wohnte Rue Saint⸗Guillaume in einem jener ungeheuern Häuſer, deren Verhältniſſe ſehr häufig gegen den äußerſt ſchmal zugeſchnittenen Luxus und die ſparſamen Gewohnheiten ihrer heu⸗ tigen Bewohner gar gewaltig abſtechen. Der Fiaker des Chevalier hielt vor einer gro⸗ 143 ßen gewölbten Thüre mit dicken eichenen Flügeln, auf deren einem der Kutſcher zu wiederholten Ma⸗ len einen ſchweren Hammer ertönen ließ. Nichts regte ſich im Innern des Hotels. Der Kutſcher wiederholte ſein Geklopfe und lärmte immer ärger, bis endlich eine kläffende Stimme, aus einer Loge kommend, welche den alten Ueberlieferungen zufolge rechts vom Thore ſtand, lange parlamentirte, bevor ſie ſich entſchloß die Schnur zu ziehen. Der Chevalier benützte die halbe Oeffnung des Thors, um in den Hof zu gelangen; er bezahlte ſeinen Kutſcher, pfiff Black, der die Localität aus⸗ zukundſchaften anſing, und wandte ſich an einen mit einer baumwollenen Mütze bedeckten Kopf, der ſelt⸗ ſam vom phantaſtiſchen Schein eines ſchlechten Talg⸗ lichtes beleuchtet war, welches eine fleiſchloſe Hand aus dem Fenſterchen hervorſtreckte, um den frühzei⸗ tigen Beſucher zu erkennen. „Iſt der Herr Baron de la Graverie ſichtbar?“ fragte der Chevalier. „Was ſagen Sie?“ machte der oder die Con⸗ cierge. Der Chevalier wiederholte ſeine Frage. „Ci zum Henker, ſind Sie denn ein Narr, mein lieber Herr?“ rief der Kopf.„Erlauben Sie mir zuvörderſt die Frage, wie viel Ühr es iſt?“ Der Chevalier zog naiv ſeine Uhr heraus und bot die ganze Kraft ſeiner Augen auf, um inmitten der Dämmerung zu ſehen. „Sechs Uhr, mein lieber Herr oder meine brave Frau,“ ſagte der Chevalier;„denn Ihr Licht brennt 144 ſo ſchlecht, daß ich nicht genau ſagen kann, welchem Geſchlecht Sie angehören, und ob ich die Ehre habe mit dem oder der Concierge meines Bruders zu ſprechen.“ „Ei wie! Sie ſind der Bruder des Herrn Ba⸗ rons?“ rief der Kopf mit einem Ton der Verwun⸗ derung, welchen die Hand mit einer entſprechenden Geberde begleitete.„Ei, dann treten Sie doch in die Loge, mein Herr, ich bitte Sie, treten ſie ein! denn wahrhaftig, Sie zittern da vor Kälte in der friſchen Luft, und ich ſpüre es in meiner Naſe, daß ich einen Rheumatismus bekomme.“ „Sagen Sie, wäre es nicht einfacher, wenn Sie mich ſogleich zu meinem Bruder führten?“ „Zu Ihrem Bruder?“ rief der Kopf, indem er fortwährend durch Ton und Geberde ein ſteigendes Erſtaunen verrieth;„ei, das iſt unmöglich, mein Herr, unmöglich. Der Kutſcher ſteht erſt um ſieben Uhr auf, bei dem Kammerdiener des gnädigen Herrn wird es erſt um acht Uhr Tag, kurz es kann zehn Uhr werden, bis er zu dem Herrn Baron hin⸗ eingeht, und ehe die Toilette Ihres Herrn Bruders fertig iſt, ehe unſer Herr raſirt, gepudert und an⸗ gekleidet iſt, kann wenigſtens noch eine Stunde ver⸗ gehen; ſo iſt es. Sie müſſen nun einmal einen Entſchluß faſſen und ſich in Geduld fügen. Treten Sie doch ein, mein Herr, treten Sie doch ein!“ Bei dieſen Worten, welche der Sprecher als beweiskräftig betrachtete, wie ſie es auch in der That waren, zog ſich der Kopf von dem Fenſter zurück, das ſich wieder ſchloß. Aber beinahe ſogleich öffnete ſich die Thüre und ——J—O— 8 v 0X———— 145 bot dem Chevalier die laue, eckelhafte Gaſtfreund⸗ ſchaft der Loge. „Dennoch,“ erklärte der Chevalier, der ſich nicht entſchließen konnte die Schwelle der Baracke zu überſchreiten,„habe ich meinem Bruder ſehr drin⸗ gende und höchſt wichtige Dinge mitzutheilen.“ „Wenn ich Ihren Wunſch erfülle, mein Herr, ſo riskire ich meinen Platz. Der Herr Baron iſt gar zu ſtrenge in allen Etikettenſachen. Oh, Nie⸗ mand darf es wagen gegen ſeine Befehle ungehor⸗ ſam zu ſein.“ „Sehen Sie, meine brave Frau, da Sie doch entſchieden eine Frau ſind, ich nehme Alles auf meine Verantwortlichkeit... und hier haben Sie vor allen Dingen einen Louisdor als Entſchädigung für den Verdruß, den Ihre Gefälligkeit Ihnen ver⸗ urſachen könnte.“ Die Concierge ſtreckte die Hand nach dem Gold⸗ ſtück aus, als man auf einmal vom Hofe her ein ſtarkes Geräuſch von umgeworfenen Brettern hörte, vermiſcht mit wahnſinnigem Hundegebell und dem Angſtgeſchrei von Hühnern. Die Concierge war mit einem einzigen Sprung im Hofe und rief: „O, mein Gott, was iſt den Cochinchinahühnern des Herrn Barons zugeſtoßen?“ Der Chevalier, der Black nicht an ſeiner Seite erblickte, bebte am ganzen Leib, denn er ahnte in⸗ ſtinktmäßig, was ſich zugetragen haben mochte. In der That hatte die Concierge kaum drei Schritte im Hof gemacht, als der Wachtelhund auf Dumas, Black. II. 10 146 ſeinen Herrn zuſprang, in ſeinem Maul einen rie⸗ ſigen Hahn tragend, deſſen herabhängender Kopf ſich wie eine Uhrunruh von rechts nach links bewegte und zur Genüge anzeigte, daß er vom Leben zum Tod übergegangen war. Es war wirklich, wie die Concierge geſagt hatte, ein Hahn von der ſogenannten Cochinchinaart, die damals noch ganz neu war. Der Chevalier nahm den Hahn an ſeinen ſtel⸗ zenlangen Füßen und bewunderte ihn voll Neugierde, während Black ſein Opfer mit verliebten Augen be⸗ trachtete und über das Meiſterwerk, das er ſo eben geliefert hatte, hoch erfreut ſchien. Aber die Concierge ſchien keineswegs geneigt die Bewunderung des Einen und die Befriedigung des Andern zu theilen; denn ſie begann ein herzzer⸗ reißendes Geſchrei mit Anrufungen nach antiker Manier auszuſtoßen. Bei dieſem Geſchrei beleuchteten ſich alle Fen⸗ ſter, und an jedem zeigten ſich capriciös aufgeputzte Köpfe, die einen mit Madras⸗, andere mit baum⸗ wollenen Mützen oder Hauben, wieder andere mit zitzenen Stirnbändern, alle aber koſtbar durch das Gepräge des alten Regime, das jeden einzelnen kennzeichnete. Es war die Dienerſchaft des Herrn Barons. Aus jedem dieſer Köpfe kam eine Stimme von verſchiedenem Tonumfang hervor, und alle dieſe Stimmen fragten zugleich, was einen ſolchen Tu⸗ mult veranlaſſen könne und ſo viele brave Leute mitten in ihrer Ruhe ſtöre. Daraus entſtand ein Getöſe, welches bald vom ₰ 147 Geklingel einer aufs Heftigſte gezogenen Glocke überherrſcht wurde. Im Augenblick hörte man über ſämmtliche Lip⸗ pen mit einer Einſtimmigkeit, welche den Figuranten eines Boulevardtheaters Ehre gemacht hätte, die Phraſe kommen: „Ah, der Herr Baron iſt erwacht!“ Und der Tumult legte ſich wie durch Zauber, was dem Chevalier einen hohen Begriff von der Feſtigkeit beibrachte, womit ſein älterer Bruder ſein Inneres verwaltete. „He, Madame Willem,“ ſagte der Kammerdie⸗ ner, indem er ſeine baumwollene Mütze herabriß und ſeinen kahlen elfenbeinglatten Schädel entblößte, „kommen Sie doch herauf, erzählen Sie dem Herrn Baron was vorgefallen iſt, und erklären Sie ihm, wie es kommt, daß Fremde um dieſe Stunde der Nacht ſich im Hotel befinden können.“ „Ich werde es nie wagen,“ antwortete die arme Concierge. „Nun wohl, ich werde hinaufgehen,“ ſagte der Chevalier. „Wer ſind Sie?“ fragte der Kammerdiener. „Wer ich bin? Ich bin der Chevalier de la Graverie und komme, um meinen Bruder zu be⸗ ſuchen.“ „Ah, Herr Chevalier!“ rief der Kammerdiener, „bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich in ſo unziemlicher Haltung zu Ihnen geſprochen habe. Erlauben Sie, daß ich mich ein klein Wenig ankleide, dann werde ich die Ehre haben Sie zu Ihrem Herrn Bruder zu führen.“ dor 148 Nach einigen Augenblicken erſchien der alte Die⸗ ner an der Thüre der Vorhalle, wo er nach einer Menge ehrfurchtsvollſter Verbeugungen den Cheva⸗ lier einführte. Er geleitete ihn zuerſt über eine breite Treppe von Quaderſteinen mit eiſernem Geländer, führte ihn durch mehrere Zimmer mit Möbeln, die einſt vergoldet geweſen, jetzt aber aus Sparſamkeit weiß angeſtrichen waren, klopfte beſcheiden an eine letzte Thüre, öffnete ſie und meldete majeſtätiſch, wie wenn er einen fremden Botſchafter bei einem Mi⸗ niſter einzuführen hätte: „Der Chevalier de la Graverie.“ Der Baron de la Graverie ruhte in einem Bett von ziemlich geringem Ausſehen und ohne alle Vor⸗ hänge. Wie alle Edelleute, welche die harte Prü⸗ fungsſchule der Auswanderung durchgemacht, hatte der Baron die Gewohnheit angenommen die Ueber⸗ flüſſigkeiten des Lebens, d. h. das was man heut⸗ zutage Comfort nennt, zu verachten. Eine Commode, ein Sekretär von Mahagoni, ein Nachttiſchchen, das ſich mit einer Couliſſe öff⸗ nete, das waren nebſt dem Bett die einzigen Mö⸗ bel im Zimmer. Auf dem Kamin ſtand ein kupfer⸗ ner Theekeſſel und auf beiden Seiten deſſelben zwei verſilberte Leuchter und zwei Kannen von franzöſi⸗ ſchem Porzellan; um den Spiegel hingen verſchie⸗ dene Medaillone, den König Ludwig XVIII., Carl X. und den Dauphin darſtellend. Darauf beſchränkten ſich ſämmtliche Verzierun⸗ gen dieſes kalten kahlen Zimmers, das der wirkli⸗ chen Stellung ſeines Eigenthümers und dem Luxus 149 von Bedienten, die ihn umgaben, keineswegs ent⸗ rach.. i In dem Augenblick, wo der Kammerdiener den Chevalier anmeldete, richtete ſich der Baron auf ſeine Ellbogen auf, ſchob eine Madrasmütze, die ihm über die Augen fiel, in die Höhe und rief ohne alle weitere freundſchaftliche Kundgebung: „Wo zum Teufel kommen denn Sie her, Che⸗ valier?“ Dann ſagte er nach einer Pauſe, wie wenn er eine Höflichkeitspflicht erfüllen wollte: „Jasmin, ſtellen Sie meinem Bruder einen Stuhl hin.“ Den armen Chevalier überlief es eiskalt bei dieſem Empfang. Er hatte ſeinen Bruder ſeit etwa fünfzehn Jahren nicht mehr geſehen, und wie die⸗ ſer ſich auch gegen ihn benommen haben mochte, ſo konnte er ſich doch einer tiefen Rührung nicht er⸗ wehren, als er ſich dieſem Manne gegenüber befand, der aus demſelben Mutterleibe wie er hervorgekom⸗ men war; all ſein Blut ſtrömte gegen ſein Herz zurück, als er ſich die Gleichguͤltigkeit vergegenwär⸗ tigte, womit der Baron de la Graverie das Leben oder den Tod ſeines jüngeren Bruders behandelte. Er ließ ihn daher auch alle Koſten der Unter⸗ haltung tragen. 3 Der Baron benützte dieſen Umſtand. „Hum Henker! wie Sie ſich verändert haben, mein armer Chevalier!“ ſagte der Baron, indem er ihn mit kalter, gänzlich theilnahmsloſer Neugierde von Kopf zu Fuß beſichtigte. „Ich kann Ihnen nicht daſſelbe Compliment ma⸗ 150⁰ chen, mein Bruder,“ ſagte Dieudonné;„denn ich finde bei Ihnen daſſelbe Ausſehen, dieſelbe Miene, dieſelbe Stimme wie an dem Tag, wo ich Sie ver⸗ laſſen habe.“ In der That hatte der Baron de la Graverie, der ſtets mager und knochig geweſen war, auch früh⸗ zeitig Runzeln bekommen hatte, von der Zahl der Jahre, die ſich über ſeinem Haupte geſammelt hat⸗ ten, nur wenig gelitten. Da er wie alle recht gründliche Egoiſten ſorglos dahin lebte, ſo hatte ſich auch ſeinen vorzeitigen Runzeln keine weitere Runzel, ſeinen vor dem Alter grau gewordenen Haaren kein weiteres graues Haar beigefügt. „Und was führt Sie hierher, mein Herr Bruder?“ fragte der Baron,„denn ich nehme an, daß Sie ſich nur aus einem ſehr wichtigen Grunde entſchließen konnten zu einer ſo ungebührlichen Stunde in mein Haus einzubrechen. Woher kommen Sie? Mein Notar, bei dem ich mich zuweilen über den Stand Ihrer Angelegenheiten und zu gleicher Zeit über Ihre Geſundheitsumſtände erkundigte, hat mir ge⸗ ſagt, daß Sie, ich glaube zu Chartres in Beauce oder zu Meaux in Brie leben... ich weiß nicht mehr.. nein, ich glaube, es iſt in Chartres, nicht wahr?“ „Allerdings, mein Bruder, in Chartres.“ „Nun wohl, was macht man da? Sind die Wohldenkenden zahlreich? Hat Philipp von Orle⸗ ans viele Freunde da? In Paris, mein guter Dieudonné, beginnt die Geſellſchaft brandig zu wer⸗ den; die Gazette de France ſchlägt Chamade; Chateaubriand und Fitzjames werden liberal, eine 15¹ Menge Leute von guter Geburt ralliiren ſich. Pfui, wir leben in einer höchſt kläglichen Zeit. Sollten Sie es glauben, daß die Quotidienne uns erſt geſtern Namen von großen Herrn, von wahrhaft großen Herrn, von Leuten, deren Väter und Groß⸗ väter in den Caroſſen des Königs gefahren, aufge⸗ zählt hat, die ſich jetzt nicht ſchämen Induſtrie zu treiben? Herzoge, Marquis, die Eiſen⸗ und Kohlen⸗ händler werden... was weiß ich!“ „Mein Bruder,“ ſagte der Chevalier,„wenn es Ihnen angenehm wäre, ſo würden wir nachher von den öffentlichen Angelegenheiten ſprechen, für den Augenblick aber uns an die Privatintereſſen halten, die mich hieher führen.“ „Meinetwegen,“ ſagte der Baron etwas pikirt, „ſprechen wir von Allem was Sie wollen. Aber was krappelt denn da an Ihrer Seite im Schatten herum?“ 3 „Es iſt mein Hund, Bruder, achten Sie nicht darauf.“ „Und ſeit wann, mein Lieber, macht man einem älteren Bruder in ſolcher Geſellſchaft Beſuche? Einen Hund ſperrt man in den Hundeſtall, und wenn man ſich ſeiner bedient, oder ihn, falls er von Race iſt, Kennern zeigen will, ſo läßt man ihn durch ſeinen Rüdenknecht herführen. Er wird meinen Teppich beſchmutzen.“ „Notabene, der Teppich des Barons de la Gra⸗ verie war von oben bis unten ganz fadenſcheinig und ſchien ſich bis jetzt gegen Schmutzflecken aller Art höchſt gleichgiltig verhalten zu haben. „Fürchten Sie Nichts, Bruder,“ antwortete de⸗ 15² müthig der Chevalier, welcher wohl einſah, daß er den Baron um keinen Preis verſtimmen durfte; nachten Sie nicht auf Black: er iſt ſehr reinlich, und wenn ich ihn mitgebracht habe, ſo kommt dieß daher, weil er mich nur ſelten⸗ verläßt. Dieſer Hund iſt... iſt mein Freund!“— „Ein eigenthümlicher Geſchmack von Ihnen, Ihre Freundſchaft in der Thierwelt zu ſuchen!“ Der Chevalier hatte große Luſt zu antworten, daß man nach der Art und Weiſe, wie die Bruder⸗ liebe unter den Menſchen ausgeübt werde, Nichts dabei verliere, wenn man ſich um ein freundſchaft⸗ liches Gefühl an die Vierfüßler halte; aber er wi⸗ derſtand der Verſuchung und blieb ſtill. Unglücklicher Weiſe waren noch nicht alle Be⸗ ziehungen zwifchen Black und dem Baron de la Graverie zu Ende. „He, Chevalier!“ ſagte der Letztere,„ſehen Sie doch, was Ihr verfluchter Hund zwiſchen ſeinen Pfoten hält.“ S Der Chevalier drehte ſich ſo raſch gegen Black um, daß dieſer darin eine Einladung ſeines Herrn zu ihm zu kommen erblickte; er nahm daher den Hahn, welchen Jedermann über dem wüthenden Geläute des Barons vergeſſen hatte, zwiſchen die Zähne und kam mit dem unglücklichen Federvieh, das er im Hof erwürgt hatte, in den um das Bett her beſchriebenen Lichtkreis. Es war das Handwerk des armen Black zu würgen und zu apportiren; da er nur ſeine ihm zuſtehenden Verrichtungen ausübte, ſo glaubte er recht zu handeln. 153 Beim Anblick des todten Vogels fuhr der Baron mit einer krampfhaften Bewegung auf und ſetzte ſich. „Zum Teufel!“ rief er,„Ihr dummes Thier hat da ein ſchönes Meiſterwerk gemacht: ein Cochin⸗ chinahahn, den ich aus London hatte kommen laſſen und der mich zwölf blanke Piſtolen koſtete! Sie hatten wohl nöthig hierherzukommen, mein Herr, und zwar in ſolcher Geſellſchaft! Ich weiß nicht, warum ich nicht meinen Leuten klingle und ihnen be⸗ fehle dieſe verdammte Beſtie augenblicklich zu hängen.“ „Dumesnil hängen!“ rief der Chevalier ganz außer ſich über dieſe Drohung;„beſinnen Sie ſich wohl, Bruder, ehe Sie einen ſolchen Befehl erthei⸗ len. Ich habe Ihnen geſagt, daß dieſer Hund mein Freund ſei, und ich würde ihn bis auf den Tod vertheidigen.“ Der arme Chevalier war bei der ſchrecklichen Drohung aufgeſprungen, und während er ſeinerſeits mit einer Gegendrohung antwortete, ſchwang er ſein Tabouret, wie wenn er ſich bereits einem Feind gegenüber befände. Seine kriegeriſche Haltung ſetzte den Baron, der ihn immer als einen großen Haſenfuß gekannt hatte, gewaltig in Erſtaunen. „He da, Bruder, was für ein Rappel kommt Sie denn an?“ rief er.„Ich kannte früher dieſe heldenmüthigen Aufwallungen nicht. Wiſſen Sie, daß Sie ein eben ſo gefährlicher Gaſt ſind wie Ihr Hund? Kommen Sie her,“ fuhr er mit einem Blick auf den unglücklichen Hahn fort, welchen Black auf den Boden gelegt hatte, wie wenn er ſich bereit halten wollte ſeinen Herrn nöthigenfalls zu ver⸗ 154 theidigen;„ſagen Sie ſchnell, um was es ſich han⸗ delt, und machen wirs kurz ab.“ Der Chevalier ſtellte ſein Tabouret nieder, winkte Black ſich ruhig zu verhalten, ſammelte ſich einen Augenblick und ſagte dann: „Mein Bruder, ich wünſchte Nachrichten von Frau de la Graverie zu erhalten.“ Hätte der Blitz in den Bettgang des Barons geſchlagen, er hätte nicht heftiger erſchrecken können, als über dieſe unerwartete Frage. „Nachrichten von Frau de la Graverie 2“ rief er.„He, mein lieber Dieudonné, wenn Sie bis auf den heutigen Tag gewartet haben, um ſich nach ihr zu erkundigen, ſo iſt Ihnen dieß wahrlich ſehr ſpät eingefallen.“ „Ja, mein Bruder,“ antwortete der Chevalier demüthig,„ja, ich geſtehe, es hätte mir beſſer an⸗ geſtanden, wenn ich gleich nach meiner Ankunft in Frankreich nachgefragt hätte, was aus Mathilde geworden ſei; aber was wollen Sie? Andere Ge⸗ ſchäfte...“ „Die Geſchäfte um Ihre eigene Perſon, ohne Zweifel; denn nach dem was man mir erzählt hat, ſo wie nach Ihrer blühenden Miene und dem Speck zu ſchließen, womit Sie umwickelt ſind, ſo daß Ihre Kleider krachen, kann man leicht ſehen, daß Sie gegen das Schickſal Ihres Bruders und Ihrer Frau gleichgiltig geblieben ſind, die Pflege Ihres Magens dagegen nicht vernachläßigt haben.“ „Ein für alle Mal, mein Bruder, abgeſehen von allen Vorwürfen möchte ich heute erfahren, was 15⁵⁵ nach meiner Abreiſe nach America aus Mathilde geworden iſt.“ „Mein Gott, was ſoll ich Ihnen ſagen? Ich ſah ſie nur noch ein einziges Mal, als es ſich da⸗ von handelte die Angelegenheit ins Reine zu bringen, deren Leitung Sie mir überlaſſen hatten, und ich muß geſtehen, daß ich ſie weit ſchmiegſamer fand, als ich erwartet hatte. Das Geſchöpfchen zeigte viel geſunden Verſtand; ſie begriff ſogleich die exceptionelle Stellung, worein ihr Vergehen ſie verſetzt hatte, und gab ſich gutwillig zu Allem her, was ich als Oberhaupt der Familie von ihr ver⸗ langte.“ „Nun, was waren denn die Bedingungen, die Sie ihr auferlegen zu müſſen glaubten?“ rief der Chevalier, der mit Befriedigung ſah, daß ſein Bru⸗ der dem Verhör entgegen kam, welches er mit ihm anzuſtellen gedachte. Unglücklicher Weiſe war der Baron ein beſſerer Diplomat, als der Chevalier; er bemerkte an der verlegenen Miene ſeines jüngeren Bruders, daß ſeine Frage einen Hintergedanken barg, und er beſchloß jedenfalls Nichts von Dem zu enthüllen, was zwi⸗ ſchen ſeiner Schwägerin und ihm vorgefallen war. „Mein Gott,“ ſagte er in naivem Ton,„ich kann mich kaum mehr erinnern: ſo weit ich mich entſinnen kann, verſprach ſie Ihren Namen nicht mehr zu tragen und willigte in einen Vertrag, kraft deſſen ich Ihr ganzes Vermögen erben ſollte, im Fall Sie ohne Kinder ſterben würden.“ „„Aber,“ fragte der Chevalier,„wie konnte Ma⸗ thilde, die doch ſchwanger war, eine Verfügung un⸗ 156 terzeichnen, wodurch ſie ihr Kind dem Elend preis⸗ gab?“ „Gerade die Leichtigkeit, womit ſie darein wil⸗ ligte, könnte Ihnen, im Fall Sie noch zweifeln ſoll⸗ ten, beweiſen, wie gerecht und wohlbegründet die gegen ſie erhobenen Anſchuldigungen waren, da ſie es nicht wagte Etwas zu vertheidigen, was ſie doch als das Erbtheil ihres Kindes betrachten mußte.“ „Und was iſt aus dieſem Kinde geworden?“ fragte der Chevalier, indem er entſchloſſen die eigent⸗ liche Frage anfaßte.. „Aus dieſem Kinde? Weiß ich denn nur, ob ſie überhaupt ein Kind gehabt hat? Glauben Sie denn, ich hätte meine Zeit damit verloren einer ſolchen Dirne auf ihren Liebesſchlichen nachzugehen? Sie gebar, ich weiß nicht wo; zwei Jahre nachher ſtarb ſie. Ich habe ihren Todesſchein hier in mei⸗ nem Schreibpult. Vielleicht endete ihre Schwanger⸗ ſchaft auch mit einer zu frühen Entbindung; denn ich halte es für unzweifelhaft, daß man ſich, wenn die Frucht des Ehebruchs gelebt hätte, an meine wohlbekannte Menſchenfreundlichkeit um eine Unter⸗ ſtützung für das unglückliche Kind gewandt haben würde.“ „Nun wohl, mein Bruder, Sie täuſchen ſich,“ ſagte der Chevalier beleidigt durch den wegwerfen⸗ den Ton, womit ſein Bruder die Frau behandelte, die er ſo ſehr geliebt hatte.„Die Entbindung war vollkommen glücklich; das Kind lebt noch; es iſt ein großes ſchönes Mädchen und, Das kann ich Sie verſichern, das leibhaftige Abbild ſeiner Mutter.“ Der Chevalier, der inſtinctmäßig begriff, daß er —— ½ 2 157 ſeinem Bruder damit den ſchmerzlichſten Schlag ver⸗ ſetzte, ſtellte eine Sache, woran er ſelbſt noch zwei⸗ felte, als erwieſen hin. Der Baron konnte es trotz ſeiner Feinheit und Zuverſichtlichkeit nicht verhindern, daß er todesblaß wurde. „Irgend ein ſchlaues Dirnchen, das Ihre Leicht⸗ glaubigkeit zu mißbrauchen ſucht, mein Bruder! denn, was Sie mir da ſagen, iſt unmöglich.“ Der Chevalier erzählte jetzt lang und breit ſeine Geſchichte mit Thereſe. Das war ein Fehler. Der Baron ließ ihn ausreden; dann zuckte er die Achſeln. „Ich ſehe,“ ſagte er,„daß die Jahre, wenn ſie auch Ihrem Innern eine andere Richtung und Ihrem Aeußern das Anſehen eines Luftballons gegeben, doch an Ihrem Gehirn Nichts verändert haben, mein armer Dieudonné. Sie ſind ein Narr. Ma⸗ thilde hat kein Kind hinterlaſſen, Das kann ich Ihnen mit Beſtimmtheit erklären.“ Obſchon der Chevalier ſelbſt in dieſer Beziehung noch Zweifel hegte, ſo wollte er doch ſein Wort nicht zurücknehmen. „Verzeihen Sie,“ ſagte er,„aber trotz aller Achtung, die ich Ihnen als meinem ältern Bruder ſchulde, werden Sie mirs zu gut halten, wenn Ihre Behauptung Nichts vermag gegen meine...“ Er wollte ſagen gegen meine Gewißhei⸗ ten, aber ſeine ehrliche Natur ſträubte ſich gegen dieſe Lüge und er ſagte daher, nachdem er eine Secunde gezögert hatte, blos: 1⁵8 „Gegen meine Vermuthungen... Ich glaube im Gegentheil, daß Mathilde ein Kind hinterlaſſen hat, und ich habe beinahe die Gewißheit, daß die⸗ ſes Kind das Mädchen iſt, von dem ich Ihnen ſo eben erzählt habe.“ „Mein Herr, Sie haben doch, ich hoffe es we⸗ nigſtens, nicht die Anmaßung dieſe Eindringlingin in unſere Familie einführen zu wollen?“ „Mein Herr,“ verſetzte der Chevalier, den der Egoismus ſeines Bruders empörte,„ich gedenke meinem Kind meinen Namen zurückzugeben, ſobald ich der Welt beweiſen kann, daß Thereſe meine Tochter iſt, was für mich ſelbſt keines Beweiſes mehr bedarf.“ „Ihre Tochter! Sie ſcherzen ohne Zweifel: die Tochter des Lieutenants Pontfarcy!“ „Meine Tochter oder die Tochter meiner Frau, wie Sie es nehmen wollen, mein Bruder. Sehen Sie, ich ſetze nicht die mindeſte Eigenliebe darein und nehme dabei nicht die mindeſte Rückſicht auf die Leute; ob ſie mir gehört oder nicht, das iſt mir ganz gleichgiltig.— Nicht wahr, Black?— Vor der Welt und vor dem Geſetz iſt ſie meine Tochter. Pater is est quem nuptiæ demonstrant. Das iſt Alles was ich von meinem Latein behalten habe, ader ich weiß es gut. Mein Herz ſpricht aufs Wärmſte für ſie. Ich habe Mathilde ſo ſehr ge⸗ liebt, ſie hat mich ſo glücklich gemacht, daß ich das leibhaftige Abbild, das ſie mir hinterlaſſen, recht gerne bezahle und ſogar ſehr theuer erkaufe. Alſo, Bruder, wollen Sie mir ſagen oder nicht, was Sie von der Sache wiſſen?“ 150-— 159 „Noch einmal, mein Herr,“ ſagte der Baron, „ich weiß Nichts, ſchlechterdings Nichts. Aber wenn ich Etwas wüßte, würde ich es nicht ſagen; mir als dem älteſten Mitglied und Oberhaupt der Familie liegt es ob die Ehre meines Namens zu ſchützen, und ich will nicht, daß er durch Ihre Tollheiten blosgeſtellt werde.“ „Der Name iſt nicht Alles hienieden, mein Bru⸗ der, und oft gehorchen wir den Vorurtheilen und Convenienzen der Geſellſchaft nur auf Koſten der Lehren des Evangeliums und der Gebote des Hei⸗ lands.“ „Alſo,“ rief der Baron, indem er ſich zum zweitenmal aufſetzte, ſeine Arme kreuzte und be⸗ ſtändig den Kopf in die Höhe warf,„alſo erwarten Sie nur einen Beweis für die Geburt dieſes Mäd⸗ chens, um zu vergeſſen, daß die Mutter Ihren Namen entehrt und Ihr Leben zerſtört, daß dieſes Weib Sie gequält und aus Ihrem Vaterland ge⸗ trieben hat? Nun wohl, ſehen Sie, ich will Ihnen einen neuen Beweis von der Schändlichkeit dieſes Weibes geben. Sie glaubten bis jetzt, Herr von Pontfarcy ſei ihr einziger Liebhaber geweſen; mit Nichten, ſie hatte deren zwei. Rathen Sie, wer der zweite war. Dieſer Capitän Dumesnil, dieſer Oreſtes, deſſen Pylades Sie waren!“ „Ich wußte es,“ ſagte der Chevalier einfach. Der Baron fuhr entſetzt zurück und zerdrückte bei dieſer Bewegung ſein Kopfliſſen an der Lehne ſeines Bettes. „Sie wußten es?“ rief er. Der Chevalier nickte bejahend. 160 „Nun wohl, ſo ſuchen und entwirren Sie Ihre Vaterſchaft inmitten dieſes Zuſammenſtoßes von Ehebrüchen, wenn Sie können; verzeihen Sie, wenn Sie das Herz dazu haben.“ „Ich werde verzeihen, Bruder, weil es nicht blos mein Recht, ſondern auch meine Pflicht iſt.“ „Ganz nach Belieben! Ich dagegen ſage Ihnen, mein Herr: man muß unbarmherzig ſein gegen Leute, deren Fehler die Geſellſchaft demoraliſirt und uns dadurch in den Abgrund geführt haben, worin wir uns befinden.“ „Sie vergeſſen, mein Bruder, Sie, der Sie doch ein religiöſer Mann ſein wollen, vergeſſen, daß Chriſtus geſagt hat: Wer unter Euch ohne Sünde iſt, werfe den erſten Stein auf ſie! Nun, um wen handelte es ſich denn damals, frage ich Sie, außer um eine ehebrecheriſche Frau, um eine jü⸗ diſche Mathilde?“ „Ah, Sie wollen alſo das Evangelium buch⸗ ſtäblich nehmen?“ rief der Baron. „Ueberdieß, mein Bruder,“ verſetzte der Che⸗ valier in ſanftem Tone,„finde ich, um das Evan⸗ gelium überhaupt nicht hieherzuziehen, ganz einfach, daß es beſſer wäre, wenn Mamſell Thereſe— vor⸗ ausgeſetzt daß ſie blos Mamſell Thereſe wäre— Fräulein de la Graverie würde, als daß man ſich denken müßte, Fräulein de la Graverie könnte Mamſell Thereſe bleiben.“ „Machen Sie eine Nonne aus ihr, mein Herr; bezahlen Sie die Mitgift von Ihrem Einkommen, d Sie ſich für eine Straßendirne ſo ſehr intereſ⸗ iren.“ 8——8——— D 161 „Es iſt für Thereſens Glück von Wichtigkeit, daß ſie einen Namen bekommt, und ein Name iſt es, was ich für ſie ſuche.“ „Ei zum Henker, bedenken Sie doch, mein Herr, daß das Mädchen, wenn ſie einmal Ihren Namen hat, auch Ihr Vermögen erhalten wird.“ „Ich weiß es.“ „Und Sie würden es wagen Ihre Familie zu berauben, meine Söhne, die Ihre geſetzlichen Erben ſind, zu betrügen, um Ihr Vermögen einem Kind zuzuwerfen, deſſen Vater Sie nicht ſind und nicht ſein können?“ „Wer beweist es?“ „Derſelbe Brief, den ich Ihnen zuſtellen wollte, als ich mich entſchloß Ihnen die ſchlechte Auffüh⸗ rung Ihrer Frau anzuzeigen; der Brief, weilchen Dumesnil trotz meiner Bitten zu zerreißen wagte.“ „Dieſen Brief habe ich nicht geleſen, Sie müſſen ſich deſſen erinnern, mein Bruder.“ „Ja; aber ich habe ihn geleſen und ich kann Sie verſichern, daß Mathilde darin Herrn von Pont⸗ farcy zu einer Vaterſchaft beglückwünſchte, deren ganze Ehre ſie ihm zuſchrieb.“ „Würden Sie mir das wirklich auf Edelmanns⸗ parole ſchwören?“ fragte der Chevalier, der ſeit einigen Augenblicken in Gedanken verſunken ſchien. „Ich ſchwöre es Ihnen auf Edelmannsparole,“ ſagte der Baron. 3 „Nun wohl, großen Dank, Bruder!“ verſetzte der Chevalier aufathmend.“ „Und warum großen Dank?“ „Weil Sie mein Gewiſſen vollſtändig beruhigen; Dumas, Black. II. 11 162 denn da es mir unmöglich iſt die arme Thereſe als meine Tochter anzuerkennen, ſo will ich mich zu Etwas entſchließen, an was ich bereits gedacht hatte, nämlich ſie ſelbſt zu heirathen, und ebenfalls auf Edelmannsparole, mein Bruder, in einigen Monaten werde ich Ihnen, das beſchwöre ich, ent⸗ weder einen derben geſunden Neffen oder eine ar⸗ tige kleine Nichte geſchenkt haben.“ Der Baron ſprang wüthend in ſeinem Bette auf. „Entfernen Sie ſich, mein Herr,“ ſagte er,„ent⸗ fernen Sie ſich augenblicklich und laſſen Sie ſichs nicht einfallen je wieder hieherzukommen! Wenn Sie aber wirklich den infamen Plan ausführen wollen, von dem Sie mir vorzuſchwatzen die Frech⸗ heit gehabt haben, ſo gebe ich Ihnen mein Ehren⸗ wort, daß ich allen meinen Einfluß aufbieten werde, um Sie mundtodt machen zu laſſen.“ Der Chevalier, der ſich immer mehr emancipirte, fragte ſehr wenig nach den Drohungen ſeines Bru⸗ ders. Er nahm ſeinen Hut, pfiff Black ſo vertrau⸗ lich, wie er nur in einem Stall hätte thun können, und ſchloß die Thüre, hinter welcher der Baron allein mit ſeinem erwürgten Cochinchinahahn und in unbeſchreiblicher Erbitterung zurückblieb. XI. Wie die Piraten vom Boulevard des Italiens die Anker abſchneiden und die Fuhren rauben. Die Idee, welche der Chevalier de la Graverie ſo eben ſeinem älteren Bruder mitgetheilt und wo⸗ ͤ——. — AðAUN—,—— 80 X 3 er ie o⸗ 163 durch er das Nervenſyſtem des Letzteren ſo ſehr ge⸗ reizt hatte, ſchien unſerm Helden vollkommen aus⸗ führbar, deßhalb ſah er auch trotz der Erfolgloſig⸗ keit der Schritte, die er in weniger als zwölf Stun⸗ den gethan, ganz vergnügt aus, als er das Hotel in der Rue St. Guillaume verließ. „Der Eine weigert ſich dieſen lieben kleinen Engel zu heirathen,“ ſagte er,„der Andere will mich hindern, ihr den Namen zu geben, der ihr zukommt. Nun wohl, ich will alle Beide ſchön drankriegen. Es war meiner Seel recht einfältig von mir, daß ich Chartres verließ und mich in dieſe verdammte Poſt ſetzte, wo ich mir eine Steiſigkeit geholt habe, die ich vielleicht, wenn ich vernünftig wäre, ſo ſchnell als möglich durch Reibungen be⸗ kämpfen ſollte;— es war ſehr dumm, daß ich mich vor der Thüre dieſes egoiſtiſchen alten Narren er⸗ kältete und es darauf ankommen ließ, ſo wie ich jetzt thue, ohne Weißzeug, ohne Kleider und Ob⸗ dach das Pariſer Pflaſter zu vertreten, während es mir ſo leicht war, der armen Thereſe ein Vermögen und ihrem Kinde einen Vater zu geben... Das werde ich thun, ja bei Gott, ich werde es thun, und mein Herr Bruder, der ſo ſicher auf meine Erbſchaft rechnet, wird eine ellenlange Naſe bekom⸗ men. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich, wenn ich auch der Welt gegenüber den Gattentitel bei dem armen Kind annehme, ihr ſtets nur ein Vater ſein werde.“ So weit war der Chevalier in ſeinem Monolog gekommen, als er ſich rufen hörte. Er drehte ſich um und bemerkte den Kammer⸗ 11* —— 164 diener ſeines Bruders, der ihm mit einem kleinen Koffer auf den Schultern nacheilte. „Herr Chevalier! Herr Chevalier!“ rief der Letztere, indem er herankeuchte,„Sie vergeſſen Ihr Gepäck.“ „Mein Gepäck?“ ſagte der Chevalier ſtehenblei⸗ bend;„daß Dich der Has beiß! ich hatte meines Wiſſens gar kein Gepäck bei mir.“ 1 „Inzwiſchen, Herr Chevalier,“ ſagte der Kam⸗ merdiener, der ihn ganz athemlos einholte,„hat der Kutſcher, der Sie hierherführte, dieſes Kofferchen neben der Loge abgeſtellt. Frau Willem, die Con⸗ cierge, entſinnt ſich ganz genau.“ Der Chevalier nahm dem Kammerdiener den Mantelſack ab, drehte ihn nach allen Richtungen hin und her und bemerkte endlich auf dem obern Theil eine verbogene Karte, worauf er folgenden Namen nebſt der Adreſſe las: Herr Gratien von Elbene, Cavallerieoffizier, Rue du Faubourg St. Honoré, Nro. 42. „Bei Gott!“ rief der Chevalier,„das iſt ein Irrthum, über den ich mich nicht beklagen werde, denn ich bin jetzt überzeugt, daß ich meinen Mann wieder finden werde, ſo bald es mir einfällt.“— Dieudonné dankte dem Kammerdiener, fügte ſei⸗ ner Dankſagung einen Louisdor bei, winkte einem Commiſſionär, lud ihm den Mantelſack auf und ſetzte ſeinen Weg fort, um ein Hotel zu ſuchen, wo er von ſeinen Strapazen ausruhen könnte, Dieſes Hotel fand er in der Rue de Rivoli. Nachdem er ein Zimmer im erſten Stock genom⸗ men, um nicht zu hoch ſteigen zu müſſen, nachdem 165 er ein großes Feuer hatte anzünden laſſen, woran er ſeine Lenden und Schultern beinahe braten ließ, nachdem er Black auf Kiſſen gelegt, die er ohne die mindeſte Scham von dem Canapee von Utrechter Sammt weggenommen, legte er ſich ins Bett; aber gegen ſeine Erwartung und trotz ſeiner Müdigkeit war es ihm unmöglich einzuſchlafen. So lange ſein Geiſt durch die Erörterungen mit ſeinem Bruder warm gehalten worden war, hatte er, wie wir ihn ſelbſt ſagen hörten, gefunden, daß es die allereinfachſte und logiſchſte Sache von der Welt wäre, wenn er ſelbſt Thereſe heirathete; aber ſeit der Zufall ihm den Namen ihres Verführers unter die Augen gebracht, hatte er wieder angefan⸗ gen bei kälterem Blute zu überlegen, und bei jeder neuen Betrachtung ſtieß er auf Einwendungen die ſein Zartgefühl empörten und worunter die bedeu⸗ tendſte folgende war: Hatte er denn einen wirklichen Beweis, daß Thereſe nicht ſein Kind war? und im Fall ſie es war, lag dann, ſelbſt bei der größten Rückhaltſam⸗ keit in ſeinen Beziehungen zu der jungen Frau, nicht eine ſchreckliche Immoralität in dieſer Ver⸗ bindung?. Ferner, wer ſagte ihm, daß der Baron nicht irgend einen Beweis von dieſer Geburt hatte, einen Beweis, den er vor ihm geheim hielt, ſo lang ſein Intereſſe ihm dazu rieth, den er aber ſicherlich aus Rachſucht öffentlich machte, ſobald ein blutſchänderi⸗ ſcher Scandal dadurch ans Tageslicht kommen konnte? Angeſichts dieſer beiden Einwendungen, die ſich drohend in ſeinem Geiſt und vielleicht ſogar in ſei⸗ 166 nem Gewiſſen erhoben, verſank der Chevalier ſchnell in all ſeine Unſchlüſſigkeiten und Bangigkeiten zu⸗ rück. Er beſchloß dieſer Idee, die ihm als ein ganz gutes Damoclesſchwert über dem Haupt ſeines älte⸗ ren Bruders erſchien, nicht gänzlich zu entſagen; zu gleicher Zeit aber beſchloß er, ſo ſchwer es auch ſei⸗ ner Trägheit und Ruheliebe ankommen mochte, Alles zu thun, Alles zu verſuchen, um den Liebes⸗ angelegenheiten der armen Thereſe eine andere End⸗ entwicklung zu geben. Aufgeregt wie er war, drehte ſich der arme Dieudonné ſo heftig in ſeinem Bett um und um, daß er fürchtete ſich eine neue Steifigkeit zuzuziehen, und daher aufzuſtehen beſchloß. Er kleidete ſich an, verdeckte die zweifelhafte Friſche ſeines Hemdes, ſo gut es gehen wollte, un⸗ ter der möglichſt hoch zugeknöpften Weſte und ging aus in der Hoffnung, die friſche Luft würde ihm vielleicht die Ideen geben, die ihm in dem engen Raum ſeiner Chambre garnie nicht zuſtrömen wollten. Wir habens bereits geſagt, Herr de la Graverie war ſeiner innerſten Natur nach Bummler, und trotz der ernſten Sorgen die ihn quälten fand er in den Straßen von Paris, die er ſeit ſiebzehn Jahren nicht mehr durchwandelt hatte, zu viel Vorwände zur Bummelei, um nicht bald von ſeinen Gedanken abgelenkt zu werden. Zuerſt waren es die Omnibus, eine neue Erfin⸗ dung für Herrn de la Graverie, der ſie voll Neu⸗ gierde betrachtete. Dann kamen die Kaufleute und Magazine aller Art; die Cafes, deren Luxus ſeit einiger Zeit Ver⸗ 167 hältniſſe angenommen hatte, welche den armen Dieu⸗ donné mit dem größten Erſtaunen erfüllten und ihn bei jedem Schritt und Tritt auf das Trottoir feſt⸗ nagelten. Black ſchien inmitten dieſes Gewühls nicht min⸗ der verwundert, als Herr de la Graverie; er ſprang mit verſtörter Miene hin und her, wurde von dem Einen herumgeſtoßen, von dem Andern aufgehalten, verlor ſeinen Herrn alle fünf Minuten, ſprang dann Kopf und Naſe in die Höhe haltend über die Stra⸗ ßen, ging zu allen offenen Thüren hinein, beſchnüf⸗ felte jeden Vorübergehenden, verſchwand, kam von Neuem zum Vorſchein und verſchwand abermals, kurz er flößte dem Chevalier zuletzt die lebhafteſten Beſorgniſſe ein. „Beim Styx!“ ſagte Dieſer,„wenn das eine Weile ſo fortgeht, ſo verliere ich ganz ſicher mei⸗ nen Hund. Es iſt doch merkwürdig, wie der Menſch, ſo bald er einmal der Seelenwanderung unterwor⸗ fen iſt, die Gewohnheiten des Körpers annimmt, den Gott ihm zur Wohnung angewieſen hat. Ich frage Euch einmal, wer zum Henker würde den ern⸗ ſten Grenadiercapitän Dumesnil in dieſem Hund erkennen, der wie ein Narr herumläuft, ſtatt ſich klüglich an meiner Seite zu halten?“ . Dieſe Betrachtungen leiteten den Chevalier auf die ſinnreiche Idee eine Koppel zu kaufen; er ſteckte den Haken derſelben in den Halsbandring des Wach⸗ telhundes, zog das Thier hinter ſich her und fuhr in ſeinen Wanderungen durch die Pariſer Straßen fort, wo er, ein zweiter Chriſtoph Columbus, von einer Entdeckung auf die andere zu ſtoßen ſchien. 168 Black, der aller Sorgen enthoben war, fühlte ſich über dieſe neue Art zu reiſen entzückt und folgte ſeinem Herrn ohne den mindeſten Widerſtand. Da inzwiſchen der Abend herannahte, ohne daß Herr de la Graverie zu einem feſten Entſchluß ge⸗ kommen war, ſo dachte er, es ſei Zeit die Bedürf⸗ niſſe ſeines Magens zu befriedigen. Seine erſte Idee war geweſen, ſich in dieſer Abſicht zu Very, zu den Freres provencçaux oder in den Rocher de Cancale zu begeben, lauter Häuſer die ihm als gaſtronomiſche Erinnerung im Kopf geblieben waren; aber da bemerkte er einen Reſtau⸗ rant, welcher dermaßen mit Vergoldungen und Schnitzwerk überdeckt war, daß er dachte, die Küche des Hauſes müſſe mit ſeiner äußern Eleganz im Einklang ſtehen; er trat alſo ein und ließ für ſich und Black ein Diner auftragen, das er abſcheulich fand, während der weniger ſchwierige Black es ohne Stirnrunzeln aufzehrte. Der Chevalier bezahlte die Karte und zog ab. Während ſeiner Abweſenheit hatte die Karte einen andern Namen bekommen: ſie hieß jetzt Ad⸗ dition. Herr de la Graverie machte eine leichte Grimaſſe, als er die Addition prüfte; er hatte ein Diner von 39 Franken 60 Centimes, das nach ſeiner culina⸗ riſchen Schätzung ohne den Wein keinen kleinen Thaler werth war, verzehrt oder vielmehr aufge⸗ ſtellt erhalten. Wir müſſen mit unſerer wohlbekannten Offenheit geſtehen, daß während der Mahlzeit Herr de la Graverie, der es für gut gefunden hatte dem Kell⸗ 169 ner Bemerkungen zu machen, und zwar zuerſt über die Art, wie er die Thüre ſeines Kabinets zumachte, ohne ihn jedoch dahin bringen zu können, daß er ſie leiſer ſchloß, ſodann Erläuterungen über jede Platte, die dieſer Kellner ihm brachte, zum Beſten zu geben, zugleich mit dem Auftrag dem Chef zu erklären, daß die Sauce Tomate bei ihrer Zube⸗ reitung ein Drittel Zwiebel und zwei Drittel Liebes⸗ äpfel abſorbiren, daß das Fricandeau oben und unten gedämpft, die Krebſe in Bordeaux, der am Feuer nicht ſauer werde wie der Chablis, abge⸗ kocht und warm in ihrer Sauce aufgetragen werden müſſen, aber nicht kalt und trocken auf einer Lage von Peterſilie; wir müſſen, ſagen wir, geſtehen, daß Herr de la Graverie, während er dieſe gaſt⸗ ronomiſchen Theorien zum größten Vortheil ſpäterer Beſucher dieſes Reſtaurant auseinanderſetzte, eine Flaſche Chambertin vom beſten Jahrgang, ſo wie eine halbe Flaſche Chateau Laffitte, der die Linie paſſirt, ſich zu Gemüth geführt hatte. Dieſer Exceß lag nicht in ſeinen Gewohnheiten. Er entfernte ſich alſo ſehr echauffirt und begann ſeinen Spaziergang auf den Boulevards von Neuem, indem er den Strick, woran Black lief, zur größeren Sicherheit um ſein Fauſtgelenk gewickelt hatte. Der Chevalier befand ſich in ſehr übler Laune. Er hatte die Widerwärtigkeiten einer ſchlafloſen Nacht, gewürzt mit einem Dialog voll von Gemüths⸗ erregungen, ſo gut es ſich thun ließ, ertragen: das ſchlechte Bett, worin er Ruhe geſucht, hatte ſeine Müdigkeit noch vergrößert, ſtatt ſie hinwegzunehmen; chlechte Bett ſchnell ver⸗ 170 geſſen, die Zugwinde im Zimmer hatten ihn beinahe gleichgiltig gefunden;— aber das Diner das man ihm ſo eben aufgeſtellt, hatte ihn erbittert, und er fragte ſich, ob es nicht das Klügſte für ihn wäre, ſo ſchnell als möglich in ſeine gute Stadt Chartres zurückzukehren, wo er bei allen möglichen Wider⸗ wärtigkeiten doch wenigſtens die Gewißheit eines leidlichen Mittageſſens und die ſeinem Herzen ſo ſüße Geſellſchaft Thereſens hätte. Da der Baron und Gratien ſich Beide weiger⸗ ten ſein Verlangen zu erfüllen, um deſſen willen er gekommen war, in welcher Abſicht ſollte er da ſeinen Aufenthalt in Paris noch verlängern? Unter ſolchen Betrachtungen ſchritt der Cheva⸗ lier durch die Menge, welche zwiſchen ſieben und acht Uhr das Boulevard des Italiens bedeckt, und dabei begleitete er ſeine Betrachtungen mit Geberden und Bewegungen, die ihm mehr als eine Verwün⸗ ſchung von Seiten der geſtoßenen Perſonen zuzogen, obſchon der würdige Chevalier ſich nicht einmal die Mühe nahm ſolche Verwünſchungen zu beantworten. Endlich als das Gedränge immer mehr zunahm, wurde Herr de la Graverie von einer jener Zornesauf⸗ wallungen übermannt, die man bei den Provinz⸗ bewohnern häufig beobachten kann, wenn ſie ſich durch die gedrängten Fluthen der Pariſer Maul⸗ affenſchaft durcharbeiten ſollen; er kehrte plötzlich dieſem ganzen Gewühl den Rücken und beſchloß nach Chartres zurückzureiſen, wollte aber zuvor nach ſeinem Hotel zurückgehen, das ihm als eine unumgängliche Etappe auf ſeiner Reiſe erſchien. „Ja,“ brummelte er zwiſchen ſeinen Zähnen, 171 „ich verlaſſe Dich auf immer, du verfluchte und verpeſtete Stadt! Ich werde mich in meinem Haus einſchließen, bei meiner armen Thereſe, die meine Adoptivtochter werden ſoll, da ich ſie doch weder zu meiner Frau, noch zu meiner wahren Tochter machen kann, und ich ſchwöre, daß ich ihr, ſollte mich auch der Proceß mein halbes Vermögen koſten, meinem Bruder zum Trotz ſo viel hinterlaſſen werde, daß ſie nach meinem Tod ganz bequem leben kann. Du kannſt vollkommen ruhig ſein, Dumesnil!“ Bis jetzt hatte der Chevalier mit der linken Hand geſticulirt; die rechte, woran er die Koppel hielt, hatte er fortwährend in ſeiner Hoſentaſche ſtecken; aber dießmal geſchah es in der Hitze ſeiner oratoriſchen Aufregung, daß er ſeine rechte Hand in die Höhe hob, gleich als wollte er den Himmel zum Zeugen des Eidſchwurs aufrufen, den er ſich ſelbſt und ſeinem Freunde leiſtete. Zu ſeiner großen Ueberraſchung bemerkte er jetzt, daß er am Ende des Lederrings, der ſich an ſeinem Fauſtgelenk hin⸗ und herbewegte, Nichts mehr beſaß. Der Chevalier drehte ſich um. Black befand ſich weder an ſeiner Seite noch hinter ihm. Er näherte ſich einer Gasröhre und betrachtete die Koppel aufmerkſam. Sie war ganz hübſch ab⸗ geſchnitten. Man hatte ihm ſeinen Hund geſtohlen. Die erſte Regung des Chevalier war zu laufen und Black zu rufen. Aber wohin laufen? wo rufen? 172 Und dann, wie konnte er durch ſein Rufen das betäubende Getöſe der Wagen und das dumpfe Ge⸗ ſumme dieſer Menſchenmenge beherrſchen? Herr de la Graverie begann ſich bei den Vor⸗ übergehenden zu erkundigen. Die Einen beantworteten ſeine Fragen, die mit bewegter Stimme und unter halbem Schluchzen ge⸗ ſtellt wurden, mit einem bloßen Achſelzucken; Andere antworteten, daß ſie Nichts wüßten. Ein Blouſen⸗ mann verſicherte ihn, er habe einen Menſchen ge⸗ ſehen, der mit Hilfe eines zwiſchen dem Halsband durchgeſteckten Schnupftuchs einen Hund fortgeführt; er habe ihn nach der Rue Vivienne gezogen; der Hund habe ſich geſträubt und der Burſche habe ihn nur mit großer Mühe nachſchleppen können. Im Uebrigen entſprach der Hund Zug für Zug dem Signalement, das der Chevalier von ſeinem Wachtelhund gab. „Schnell nach der Rue Vivienne!“ ſagte der Chevalier, indem er die angezeigte Richtung einſchlug. „O, er hat einen Vorſprung vor Ihnen, und ich zweifle, daß Sie ihn einholen werden, mein lie⸗ ber Herr. Wenn Ihr Thier, wie ich glaube, von einem dieſer Schlingel abgeführt worden iſt, die ein Handwerk daraus machen Hunde zu ſtehlen und zu verkaufen, ſo iſt es bereits ſicher aufgehoben.“ „Aber wie ſoll ich meinen Hund wieder bekom⸗ men? wie ſoll ich ihn wieder finden?“ „Vor allen Dingen müſſen Sie bei dem Commiſ⸗ ſär Ihre Erklärung abgeben.“ „Gut und hernach?“ 173 „Dann müſſen Sie es anſchlagen laſſen und eine Belohnung verſprechen.“ „Ich thue Alles was man will, wenn ich nur meinen Hund wieder finde.“ „Nur Muth gefaßt!“ ſagte der Mann, dem der Schmerz des Chevalier nahe ging,„Sie müſſen nicht ſo verzagt ſein, Sie werden Ihr Thier wieder finden, und iſt es nicht daſſelbe, ſo iſt es ein ande⸗ res. Ich verſpreche Ihnen Etwas: nämlich daß, wenn die Belohnung halbwegs anſtändig iſt, mor⸗ gen vor Ihrem Frühſtück zwei ähnliche Hunde wie der Ihrige an Ihrer Thüre angeläutet haben werden.“ „Ach, ich muß meinen Hund haben— meinen eigenen Hund und keinen andern!“ rief der Cheva⸗ lier.„Sie wiſſen nicht, mein braver Mann, wie ſehr ich an meinem Hund hänge. Ach, wenn ich Dich zum zweiten Mal verlöre, mein armer Dumes⸗ nil! ich glaube, das würde mein Tod ſein.“ „Dumesnil! Ihr Hund heißt Dumesnil? Welch ein curioſer Hundename! Man ſollte meinen, es ſei ein Menſchenname. Auf! beruhigen Sie ſich: Paris iſt groß; aber ich kenne ſeine Kniffe und Pfiffe wohl. Haben Sie Vertrauen zu mir?“ „Ja, mein Freund,“ rief der Chevalier. „Nun denn, ich nehme Ihren Hund auf mich. Es iſt heute Freitag. Nun wohl, Sonntag Vor⸗ mittag mache ich mich anheiſchig Ihren Hund wie⸗ der an Ihre Schnur gehängt zu haben, Herr Du⸗ mesnil. Nur müſſen Sie ihm, wenn Sie wieder in Paris ſpazieren gehen, eine Kette anhängen: das iſt zwar ſchwerer, aber ſicherer.“ 174 „Wenn Sie Das thun, wenn ich durch Ihre Vermittlung Black wieder finde...“ „Was iſt Das, Black?“ „Nun ja, mein Hund.“ „Ei, da muß man ſich vor allen Dingen ver⸗ ſtändigen. Wie heißt Ihr Hund? Heißt er Du⸗ mesnil oder Black?“ „Black, mein Lieber, Black; nur heißt er für mich, aber nur für mich allein, bald Dumesnil und bald Black.“ „Gut! ich begreife: er hat einen Familiennamen und einen Taufnamen.“ „Nun wohl,“ verſetzte der Chevalier, der ſein Verſprechen vervollſtändigen wollte,„wenn Sie ihn mir wieder finden, ſo gebe ich Ihnen Alles was Sie von mir verlangen, mein braver Mann. Wür⸗ den Sie ſich mit fünfhundert Franken begnügen?“ .„Ei, ich bin kein Flibuſtier wie Diejenigen die Ihnen Ihren Hund geſtohlen haben, mein lieber Herr. Sie werden mir meine Zeit und meine Mühe bezahlen. Denn während ich Ihrem Hund nach⸗ laufe und meine Beine arbeiten laſſe, thun meine Arme Nichts, und von meinen Armen muß ich leben. Ich verlange blos den Werth meiner Zeit: ich thue Ihnen dieſen Gefallen ohne Nebenrückſichten. Es thut mir weh ſehen zu müſſen, wie ſehr Sie ſich um einen verlorenen Hund bekümmern. Dieß be⸗ weist ein gutes Herz, und ich liebe die guten Her⸗ zen. Sprechen wir alſo nicht mehr von einer Be⸗ lohnung; wir wollen abrechnen, wenn das Thier wieder beigeſchafft iſt.“ „Aber, mein Lieber, Sie werden Wagen nehmen -Seeehe ᷣNRNdXàaen — — NQ—— 175 und für Plakate, Druck und Papier Koſten haben; nehmen Sie wenigſtens einen Vorſchuß an!“ „Plakate, Druck und Papier! Ach ja, ich ſagte Ihnen das ſo eben, weil wir noch nicht bekannt waren; aber alles das ſind Mausfallen für Ein⸗ faltspinſel, und wir brauchen es nicht.“ „Aber dennoch, mein Lieber...“ „Laſſen Sie nur Pierre Marteau machen, mein braver alter Herr, laſſen Sie nur ihn machen! Er iſt es der Ihnen das ſagt. Nehmen wir Niemand in Anſpruch; ſeien wir ſtumm wie ein Fiſch, und ich wiederhole Ihnen, daß Sie am Sonntag, ſpä⸗ teſtens am Sonntag Ihren Wachtelhund wieder haben werden.“ „O mein Gott!“ ſeufzte der Chevalier,„Sonn⸗ tag, das iſt ſehr ſpät; wenn er bis dahin nur auch zu eſſen bekommt!“ „Ich ſage Ihnen allerdings nicht, daß er da wo er iſt, eine ſo fette Küche hat wie in Ihrem Hotel; aber ein Hund iſt am Ende doch nur ein Hund, und es gibt ſo viele Menſchen die mit har⸗ ten Brodrinden vorliebnehmen müſſen, daß man einen Vierfüßler nicht gar zu ſehr zu beklagen braucht, wenn er Kartoffeln bekommt.“ „Wann ſehen wir uns wieder, mein Wackerer?“ „Morgenz; denn heute Nacht will ich in all den Kneipen herumziehen, wo die Gauner vom Boule⸗ vard zuſammenkommen. Vielleicht erhalte ich auf dieſe Art noch vor Sonntag Nachrichten von Ihrem Thiere. Sie, mein lieber Herr, ſehen ſehr müde aus; gehen Sie jetzt zu Bette und halten Sie ſich ruhig. Wo wohnen Sie?“ 176 „Hotel de Londres, Rue de Rivoli.“ „Rue de Rivoli. Man kennt dieſe Gegend, ob⸗ ſchon man nicht oft hinkommt. Wollen Sie, daß ich Sie nach Haus begleite? denn Sie ſehen aus, als ob Sie Ihren Weg ſuchten, wie eine Schnepfe mitten im Nebel. Kommen Sie hieher.“ Der Chevalier folgte ſeinem Führer wie ein ge⸗ horſames Kind und legte ihm unterwegs noch zehn⸗ mal ſeinen Black aufs dringendſte ans Herz. Am Hotel zwang er ihm zur Erleichterung ſeiner Nachforſchungen ein Zwanzigfrankenſtück auf, dann gab er ihm noch ein Rendezvous auf den folgenden Tag und kehrte ganz traurig auf ſein Zimmer zurück. Er ſetzte ſich auf die Kiſſen, wo Black in der vorhergehenden Nacht geſchlafen hatte, und obſchon kein Feuer im Kamin war, ſo blieb er doch länger als eine Stunde in ſeine Betrachtungen verloren daſitzen. Dieſe Betrachtungen waren düſterer Art, und je mehr ſich der Chevalier darein vertiefte, um ſo jammervoller wurden ſie. Seit Dieudonné ſich an irgend Etwas attachirt hatte, war er aus einer Bekümmerniß in die andere, aus einer Enttäuſchung in die andere gerathen; er wagte es nicht ſich all die ſchlimmen Abenteuer vor⸗ zuzählen, die Black ihm ſchon zugezogen hatte, und wenn er an die junge Gebieterin des armen Hundes dachte, ſo ſtellte die Zuſammenrechnung ſeiner Lei⸗ den eine wahrhaft furchtbare Totalſumme dar. Aber ſonderbar genug, er liebte dieſe Seelenqualen; dieſe Bekümmerniſſe waren ihm ſüß; dieſe Leiden für zwei Weſen, die ſeine Liebe beſaßen, waren ihm 177 ſo theuer, daß er, wenn er ſie auch verwünſchte, gleichwohl ſichs nie einfallen ließ die Zeit zurückzu⸗ wünſchen, wo er frei von Sorgen und Befürchtungen aller Art ſeine Zeit ausſchließlich der Verdauungs⸗ arbeit und dem Studium culinariſcher Wiſſen⸗ ſchaften gewidmet. Endlich ging er zu Bette, ſeufzte beim Anblick dieſes Zimmers, das ihm zehnmal leerer und trau⸗ riger vorkam als Tags zuvor, und ſchlief ein. Im Traume erblickte er dann, wie wenige Stunden vorher in der Wirklichkeit, die ſchwarze Silhouette ſeines Wachtelhundes, die ſich beim Schimmer des Kaminfeuers abhob. Ach, es war nur ein Traum! Im Zimmer war weder Kaminfeuer noch Wachtelhund mehr. Sein Geiſt war dermaßen aus dem Geleiſe ge⸗ bracht, ſein Körper dermaßen ermüdet durch die Erſchütterungen die er ſeit vierundzwanzig Stunden ausgeſtanden, daß er zuletzt in einen tiefen Schlaf verſank. Es mochte Morgens zehn Uhr ſein, als das Getöſe von nägelbeſchlagenen Schuhen ihn aufweckte. Er ſchlug die Augen auf und erblickte vor ſeinem Bette den Mann, der ihm am Abend zuvor die Wiederanſchaffung ſeines Black verſprochen hatte. Unglücklicher Weiſe brachte Pierre Marteau bis jetzt blos Hoffnungen, denen alle ſolide Begründung abging. Vergebens hatte er das ganze Quartier St. Marceaux durchforſcht, wo gewöhnlich die Leute wohnen, die mit aufgefangenen Hunden handeln. Er hatte Nichts entdeckt. Dumas, Black. II. 12 178 Gleichwohl war er weit entfernt ſich abſchrecken zu laſſen, und ohne ſich erklären zu wollen, ver⸗ ſprach er dem Chevalier ein Mal übers andere, daß er am morgenden Sonntag wieder im Beſitz ſeines Wachtelhundes ſein ſolle. Der Chevalier verabſchiedete ihn. Dann fragte er ſich mit einem Seufzer, wie er ſeinen Tag zubringen ſolle. An eine Rückkehr nach Chartres konnte er un⸗ möglich denken, bevor er ſeinen Hund wiederge⸗ funden hatte. 1 Er ſchrieb an Thereſe, die ſehr bekümmert um ihn ſein mußte, ſie ſolle am morgenden Sonntag den Poſtwagen nehmen und zu ihm ins Hotel de Londres, Rue de Rivoli kommen; ferner an ſeinen Notar, er ſolle ihm Geld ſchicken. Endlich, da er doch vernünftiger Weiſe nicht den ganzen Tag in ſeinem Zimmer bleiben konnte, machte er ſeine Toilette und beſchloß den heutigen Tag auf ähnliche Art zu verbummeln, wie den geſtrigen. Im Augenblick, wo er ſeinen Hut nahm, den er auf einen Stuhl geſtellt hatte, bemerkte er in einer Ecke den kleinen Mantelſack, den er aus Ver⸗ ſehen von der Poſt mitgenommen. „Ei ſieh da,“ ſagte er,„jetzt ergibt es ſich ja ganz von ſelbſt, wie ich meinen Tag zuzubringen habe: ich will dieſen Mantelſack ſeinem Eigenthümer zurückbringen, und wer weiß... wenn ſein Freund Louville nicht mehr bei ihm iſt, ſo kann ich ihm die Schändlichkeit ſeines Benehmens vielleicht beſſer begreiflich machen.“ 179 Herr de la Graverie ließ alſo einen Fiaker vor⸗ fahren, ſtieg ſammt dem Mantelſack ein und ſagte zum Kutſcher: „Rue du Faubourg St. Honoré Nro. 42.“ XIII. Der Unterſchied zwiſchen einem Oeſicht mit Hackenbart und einem Geſicht mit Schnurrbart. Es war ein ſehr prachtvolles Hotel, das Hotel Elbene; es war ganz neu von einem der renommir⸗ teſten Architecten gebaut und im Innern mit einer Maſſe von Statuen und Sculpturen geſchmückt, die vielleicht nicht den beſten Geſchmack verriethen, aber einen hohen Begriff von der Wohlhabenheit des Eigenthümers gaben. Zwei Säulen von corinthiſcher Ordnung um⸗ rahmten ein eichenes Hofthor, das ganz mit Ara⸗ besken und Auskehlungen überdeckt war; dieſes Thor ging in einen Glasgang, der mit Holz ge⸗ pflaſtert war, um das Getöſe der Wagen zu dämpfen. Nach dem Gange kam der Hof, worin man die Ställe und Remiſen bemerkte; noch weiter hinweg ein Garten, der auf die Champs Elyſees ging. In der erſten Abtheilung des Ganges rechts war die Loge des Concierge; zur Linken und durch farbige Glasfenſter verſchloſſen befand ſich ein pracht⸗ volles Treppenhaus, wo man zu den Gemächern hinanſtieg: ein weicher Teppich bedeckte die Stufen. Der Chevalier de la Graverie ſtieg aus ſeinem Fiaker und blieb vor der Loge des Concierge ſtehen. „Herr von Elbene?“ fragte er. 3 12* 180 „Wünſchen Sie den Vater oder den Sohn zu ſprechen?“ fragte der Concierge dagegen. „Den Sohn.“ Der Concierge ſchlug dreimal auf eine Glocke; ein Lakai kam die Treppe herab und zeigte ſich an der Glasthüre. „Jemand für den Herrn Baron,“ ſagte der Concierge. Der Lakai zeigte Herrn de la Graverie den Weg und führte ihn im Entreſol in eine elegante Woh⸗ nung, deren Salon er ihm öffnete. Hier bat er ihn einige Augenblicke zu warten, bis er ſeinen Herrn benachrichtigen würde. Der Chevalier, als ein Mann der ſeine Zeit anzuwenden wußte, wärmte vor allen Dingen ſeine Füße, die im Jiaker ungemein kalt geworden wa⸗ ren; als er ſich dann in der Ecke des Feuers mit den Ferſen auf den Feuerböcken aufgeſtellt hatte, warf er einen Blick um ſich her. Als Mann von Welt konnte Herr de la Gra⸗ verie durch den Luxus dieſer Wohnung nicht über⸗ raſcht werden, obſchon die beſonders auf den Com⸗ fort gerichteten Verfeinerungen deſſelben für eine Perſon aus ſeiner Zeit ganz neu waren; aber was ihm auffiel, was ſeine Blicke feſſelte, was ihm ſelt⸗ ſam erſchien, das war die Wahl der Broſchüren, die auf einem in der Nähe ſtehenden Tiſche lagen; ſie ſchienen ihm keineswegs zu dem Charakter Gra⸗ tiens zu ſtimmen, deſſen Sorgloſigkeit und Leicht⸗ fertigkeit er in einer kurzen, aber ernſten Beſprech⸗ ung hatte würdigen können. Dieſe Broſchüren handelten ſämmtlich theils 181 von Nationalökonomie, theils von transcendentaler Philoſophie, theils von ſocialen Wiſſenſchaften. Sie waren nicht blos zum Prunke da. Alle waren aufgeſchnitten, mehrere waren durch täglichen Gebrauch zerknittert, an einigen bemerkte Herr de la Graverie ſogar Randbemerkungen, die er las und viel zu gelehrt fand, als daß ſie aus dem Kopf und dem Bleiſtift eines jungen Cavallerie⸗ offiziers hätten hervorgehen können. „Dieſer verdammte Bediente,“ murmelte Herr de la Graverie,„wird ſich getäuſcht und mich zu dem Vater geführt haben, ſtatt zu dem Sohne. Soll ich den Zufall benützen und ihm die Lage auseinanderſetzen? Das iſt gefährlich; denn leider kann ich einmal in Bezug auf Thereſe Nichts be⸗ weiſen. Thereſe hat keinen Namen, und wenn mein Bruder auf ſeinem Kopfe beharrt, ſo wird es mir ſauer gemacht werden dem armen Kind mein Ver⸗ mögen zu hinterlaſſen; wenn ich alſo dem Papa Alles ſagte, ſo würden dadurch die Schwierigkeiten die mich ſchon jetzt in ſo große Verlegenheit ſetzen, nur noch vermehrt werden.“ So weit war Herr de la Graverie in ſeinen Betrachtungen gekommen, als ein Thürvorhang auf⸗ ging und ein junger Manu zum Vorſchein kam. Er trat auf den Chevalier zu, ohne daß dieſer ihn hörte, da der dicke Teppich das Getöne ſeiner Tritte dämpfte. Der Chevalier richtete ſich aus dem Lehnſtuhl, in welchen er ſich ganz breit geſetzt hatte. auf, aber mehr aus Ueberraſchung als aus Höflichkeit. „Es war wirklich Gratien von Elbene, den er 182 vor ſich hatte; es war wirklich ſein Wuchs, ſeine Haltung, ſeine Phyſiognomie, der Ton ſeiner Stimme; gleichwohl fand ſich im Geſichte des Neuangekom⸗ menen Etwas was der Chevalier im Geſichte des Offiziers nicht geſehen zu haben ſich vollkommen erinnerte und was ihm ſogleich auffiel. Dieſes Etwas war ein ſchwarzer Backenbart, welcher das im Uebrigen ganz glatte Geſicht des jungen Mannes vollſtändig umrahmte. Seit geſtern konnten Schnurr⸗ und Zwickelbart verſchwunden, aber der Backenbart konnte nicht ge⸗ wachſen ſein. „Ich habe doch die Ehre Herrn Gratien von Elbene zu ſprechen?“ fragte der Chevalier einge⸗ ſchüchtert durch dieſes unvorhergeſehene Ereigniß. Der Chevalier ließ ſich bekanntlich leicht ein⸗ ſchüchtern. Der junge Mann lächelte; das Wort doch er⸗ klärte ihm Alles. „Nein, mein Herr,“ antwortete er,„ich bin Henri von Elbene; mein Bruder Gratien iſt aus⸗ gegangen: er frühſtückt mit einigen Garniſonskame⸗ raden. Aber wenn ich Ihren Dolmetſcher bei ihm machen kann, ſo verfügen Sie über mich.“ „Henri, ah! Sie ſind Henri von Elbene!“ rief der Chevalier, von einer ſichtlichen Gemüths⸗ bewegung ergriffen; denn er hatte den Mann vor ſich, welchen Thereſe ſo innig geliebt, den einzigen den ſie je geliebt hatte; und er begriff, wie leicht das junge Mädchen durch dieſe außerordentliche Aehnlichkeit hatte getäuſcht werden können. „Ja, mein Herr,“ antwortete der junge Mann 183 lächelnd.„Gratien wird Ihnen ohne Zweifel von mir geſagt haben, und trotzdem ſind Sie wie Jeder⸗ mann erſtaunt über unſere Aehnlichkeit. Man kann ſich nicht vollkommener gleichen: wir ſind Zwillinge.“ „Ich begreife,“ ſagte der Chevalier;„aber ver⸗ zeihen Sie meine Gemüthsbewegung... Dieſe Aehnlichkeit, die ich vergeſſen hatte, obſchon man mir davon geſagt, hat in mir die Erinnerung an ein Abenteuer wach gerufen, das ſo grauſam auf meinem Leben gelaſtet, daß ich nicht daran denken kann, ohne augenblicklich von einem ſtarken Eindruck überwältigt zu werden.“ „In der That, mein Herr, Sie zittern ganz. Erholen Sie ſich gefälligſt und bleiben Sie ſitzen.“ Henri nahm ſelbſt einen Stuhl und ſetzte ſich auf der andern Seite des Kamins. „In einigen Augenblicken,“ bemerkte er,„wer⸗ den Sie mir ſagen, was Sie hieherführt.“ „Ich brauche nicht mehr einige Augenblicke zu warten; ſehen Sie, mein Herr,“ ſagte der Cheva⸗ lier entſchloſſen und kühn gemacht durch den ſanften wohlwollenden Geſichtsausdruck des jungen Mannes, „da ich Ihren Bruder nicht treffe, ſo will ich meine Geſchichte Ihnen erzählen. Ich bin ein armer, ein⸗ ſam ſtehender Greis ohne Verwandte und Freunde; Sie ſehen ernſter und nachdenkender aus, als man in Ihrem Alter gewöhnlich iſt... 44 „Ich habe gelitten, mein Herr,“ ſiel Henri mit einem Geſichtsausdrucke ein, der ein Lächeln bedeu⸗ ten ſollte.„Ich habe ſomit auf meine eigene Koſten Kenntniß des menſchlichen Herzens gewonnen, die⸗ jenige Erfahrung, die ihre Beſitzer am ſchnellſten 184 iheicht und aus der man am wenigſten Nutzen zieht.“ „Nun wohl,“ fuhr der Chevalier fort,„ſo jung Sie, wenigſtens an Jahren, ſind, ſo können Sie mir doch vielleicht einen Rath ertheilen. Ich bin in meinem Alter faul und willenlos geworden; übrigens will ich Ihnen offen geſtehen, daß ich immer ein ſehr unſchlüſſiger Charakter war.“ „So ſprechen Sie doch, mein Herr!“ ſagte der junge Mann,„und obſchon ich nicht denken kann, daß mein Rath Ihnen irgendwie nützlich werden möchte, ſo glauben Sie doch, daß ich Ihnen meine vollſte Sympathie ſchenke und daß ich unſchuldig bin, wenn ſie keinen erwünſchten Erfolg hat.“ Der Chevalier faßte ſich einen Augenblick, dann ſah er den jungen Mann feſt an und ſagte: „Was würden Sie von einem Menſchen denken, der eine ſo merkwürdige Aehnlichkeit, wie diejenige die zwiſchen Ihnen und Ihrem Herrn Bruder be⸗ ſteht, mißbrauchen und mit Hilfe einer Vermum⸗ mung, der Dunkelheit oder eines beliebigen andern Mittels ein unglückliches junges Mädchen täuſchen, ſich für ihren Geliebten ausgeben und den Mißgriff dazu benützen würde, um ſie zu entehren und ſo⸗ dann ihrer Verzweiflung zu überlaſſen?“ „Nach meiner Anſicht wäre dieſer Menſch, wenn es einen ſolchen geben könnte, ein Elender, der den ſtrengſten Tadel aller rechtſchaffenen Leute verdienen würde.“ „Und wenn das junge Mädchen in Folge dieſes Verbrechens Mutter geworden wäre?“ „Das ſind unglücklicher Weiſe Verbrechen, die 185 unter kein Geſetz fallen; aber ich erkläre Ihnen auf Edelmannsparole, daß ich hundertmal lieber einem Banditen, der mit dem Dolch im Gürtel und dem Piſtol in der Fauſt in ein Haus einbricht und mit Gefahr ſeiner eigenen Freiheit und ſeines eige⸗ nen Lebens ſtiehlt und mordet, die Hand drücken, als mit dem herz⸗, treu⸗ und ehrloſen Menſchen, der eine ſolche Handlung begehen konnte, in Be⸗ rührung treten möchte.“ „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte der Chevalier, „dieſe Geſchichte betrifft mich ſelbſt; das verführte Kind, ein ſo zärtliches, ſo ſanftmüthiges und ſo gutes Kind, daß man es nicht anſehen kann, ohne es zu lieben, iſt meine Tochter.“ „Ihre Tochter?“ „Meine Adoptivtochter wenigſtens.“ „Und Sie haben keine gerechten Repreſſalien gebraucht? Sie haben den Menſchen, der Ihr Haus geſchändet, nicht getödtet?“— „Wie geſagt, mein Herr, ich bin beinahe ein Greis; ich zähle über fünfzig Jahre und bin ſchwachz meine kraftloſe Hand vermag kaum einen Degen oder ein Piſtol in die Höhe zu halten.“ „Gott würde Ihnen die Kraft verliehen haben, mein Herr; denn Gott würde für Sie geweſen ſein!“ rief Henri mit einer exaltirten Herzenser⸗ gießung.„Gott iſt mit dem Vater, der die Ehre ſeines Kindes rächt; er gibt Muth dem Sperling, der ſeine Jungen gegen den Raubvogel vertheidigt; könnte er dem Manne der ſeine heiligſte Sendung erfüllt ſeinen Schutz verſagen?“ 180 „Aber das Duell iſt von allen göttlichen und menſchlichen Geſetzen verpönt.“ „Das Duell, mein Herr— und dieß iſt ein Unglück, aber man muß ſich darein fügen— das Duell wird das Geſetz Gottes bleiben, ſo lange die Geſellſchaft nicht auf andern Grundlagen beruhen, ſo lange die menſchliche Gerechtigkeit nicht im Her⸗ zen jedes Einzelnen das Böſe ſuchen wird, um es auszurotten, das Gute, um es zu belohnen; kurz, das Duell wird nothwendig ſein, ſo lange die ſociale Welt es gerecht und zuweilen luſtig finden wird. daß der Mann die Tugend des jungen Mädchens und die Ehre der Gattin antaſte.“ „Alſo, mein Herr, wenn der Strafbare dem jungen Mädchen hartnäckig die ſchuldige Genugthu⸗ ung verweigert, ſo rathen Sie mir mich mit ihm zu ſchlagen?“ „Auf Ehre und Gewiſſen, das rathe ich Ihnen,“ antwortete Henri. „Dann, mein Herr,“ verſetzte Herr de la Gra⸗ verie,„muß ich Ihnen geſtehen, daß ich, obſchon, wie ich ſo eben ſagte, meine Gewohnheiten fried⸗ fertig ſind, obſchon ich den beſten Theil meines Le⸗ bens ohne andere Sorgen als um meine eigene alleinige Wohlfahrt zugebracht habe, dennoch eben ſo dachte und daß ich mich bereits dazu entſchloſſen haben würde, wenn nicht eine Befürchtung mich zurückhielte.“ „Worin beſteht dieſe Befürchtung?“ „Ich bin die einzige Stütze des armen Kindes; was Sie auch ſagen mögen, der Himmel iſt nicht immer auf Seiten des Rechts; das Schickſal kann 187 mich verrathen. Was ſollte aus dem armen Mäd⸗ chen werden, wenn es mich nicht mehr hätte?“ „In dieſem Falle, mein Herr,“ antwortete Henri mit edler Einfachheit,„würde ich Ihre Stelle zu vertreten ſuchen.“ „Sie verſprechen mirs, mein Herr?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Sehen Sie,“ ſagte der Chevalier mit einer Exaltation, die gänzlich gegen ſeine Gewohnheiten abſtach,„in Ihrem Zlick liegt eine ſolche Offen⸗ heit, ein ſolcher Adel und eine ſolche Biederkeit, daß ich Ihnen glauben will und jetzt meinen Ent⸗ ſchluß faſſe... Nun wohl denn, ja ich ſchwöre jetzt ebenfalls, der Frevler ſoll beſtraft werden. Aber ich werde genöthigt ſein Ihre Gefälligkeit um einen weitern Dienſt anzugehen.“ 5 „Um welchen, mein Herr? ſprechen⸗ Sie.“ „Ich kenne Niemand in Paris und ich wüßte nicht, an wen ich mich wenden ſollte, wenn Sie mir meine Bitte abſchlügen. Ich erſuche Sie alſo mein Zeuge zu ſein.“ „Gerne.“ „Sie ſchwören mir ferner, daß Sie, wer auch mein Gegner ſein und welche Kampfart gewählt werden mag, mich bei der providentiellen Sen⸗ dung, die ich zu erfüllen im Begriff ſtehe, nicht im Stich laſſen werden; denn Sie müſſen es bemerken, ich bin ſehr unerfahren in ſolchen Dingen, und da Sie die Gute hatten mir mit Ihrem Rath beizu⸗ ſtehen, ſo will ich hoffen, daß Ihre Gegenwart mir auch im entſcheidenden Augenblick nicht fehlen werde.“ „Ich gebe Ihnen auf dieſen Punkt wie auf alle 188 andern mein Wort. Aber verzeihen Sie, ich habe Sie meinerſeits um ein ſehr wichtiges Detail zu fragen. Sie. ſind, wie es ſcheint, ein Freund mei⸗ nes Bruders; aber ich— ich habe nicht die Ehre Sie zu kennen. Würden Sie die Güte haben mir Namen und Adreſſe anzugeben?“ „Ich heiße de la Graverie und bin, wie Sie ſehen, St. Ludwigsritter; ich wohne gewöhnlich in Chartres, aber für den Augenblick in der Rue de Rivoli, Hotel de Londres.“ „Das genügt, mein Herr; ſo bald Sie meiner bedürſen, thun Sie mirs durch ein Wort zu wiſſen, und ich ſtehe vollkommen zu Ihren Dienſten.“ „Ich danke Ihnen und bitte Sie dieß Alles als Geheimniß zu betrachten.“ „Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Aber apropos, Sie haben mir noch nicht geſagt, welcher Grund Sie zu meinem Bruder führte. Wollen Sie mich nicht beauftragen es ihm zu ſagen?“ „Die Sache iſt von keiner Bedeutung. Ich kam blos um ihm einen Mantelſack zurückzuſtellen, den er geſtern im Poſtwagen vergeſſen und den mein Kutſcher aus Verſehen mitgenommen hat.“ Der Chevalier erhob ſich. „Ich danke Ihnen für Gratien,“ ſagte der junge Mann.„Leben Sie wohl, mein Herr, und glau⸗ ben Sie, daß meine beſten Wünſche Sie bei Ihrer bevorſtehenden Sendung begleiten werden.“ Henri beſtand darauf den Chevalier bis ans Hofthor zu begleiten und gab ihm den letzten Händedruck, als er bereits in den Fiaker geſtiegen war. 189 Dem Chevalier ſchlug das Herz gewaltig; ſeine Aufregung war lebhaft und tief; von Zeit zu Zeit empfand er einen Schauer unter ſeiner Haut, eine Wolke zog an ſeinen Augen vorüber, und ſeine Haare ſtanden ihm zu Berge. Ein erſtes Duell im fünfzigſten Jahr konnte, das muß man zugeben, keine geringere Wirkung hervorbringen. „Ach, wenn Dumesnil da wäre!“ murmelte der Chevalier mit einem Seufzer,„er, der zu einem Duell ging wie ich zu einem Frühſtück, er, der den Degen und das Piſtol führte, wie ich meine Gabel führe! Aber leider iſt er nicht mehr da, und Black kann ſich nicht mit Gratien meſſen: ſeit dem Hund von Montargis hat man Das nicht mehr geſehen; überdieß ſchweift Black ſelbſt in der Irre umher.“ „Wohin fahren Sie, Herr?“ fragte der Kutſcher. „Ach ja, wohin ich fahre... es iſt wahr... ich weiß es nicht.“ „Wie, mein Herr, Sie wiſſen nicht, wohin Sie fahren?“ „Nein... erſuchen Sie den Concierge zu mir zu kommen.“ Der Concierge trat auf die Aufforderung des Kutſchers ehrerbietig heran. Er hatte geſehen, wie Herr Henri den fremden Herrn bis an den Fiaker begleitete. „Mein Freund,“ fragte der Chevalier,„wiſſen Sie, wo ich zu dieſer Stunde Herrn Gratien von Elbene treffen kann?“ „Im Eſtaminet hollandais, von deſſen Divanen er nicht herabkommt, ſo lang er in Urlaub iſt.“ 190 „Alſo, Kutſcher, ins Eſtaminet hollandais,“ rief der Chevalier in einem Ton, welchen der ſelige Dumesnil nicht verleugnet haben würde;„fahr tüchtig zu, ſo gibt es ein Trinkgeld.“ XIV. Worin man ſieht, daß die Philiſter manchmal eine händelſüchtige Bavaroiſe trinken. Das Eſtaminet hollandais war damals das all⸗ gemeine Stelldichein der beurlaubten Offiziere. Alles was eine Epaulette trug, vom Unterlieu⸗ tenant bis zum Oberſt incl., traf ſich unter dem bronzirten Getäfel dieſes bacchiſchen Inſtituts. Alle militäriſchen Rendezvous fanden da ſtatt, wie die Rendezvous der Schauſpieler im Garten des Palais royal ſtattfanden. Wenn ein Offizier ſein Lager verließ, um nach Algerien zu gehen, ſagte er zu ſeinem in Frankreich zurückbleibenden Kameraden: „Bei meinem nächſten halbjährigen Urlaub nach zwei Jahren treffen wir uns im Eſtaminet hollan⸗ dais.“ Und wenn nicht die Kugeln der Kabylen oder die Ruhr anders beſchloſſen hatte, ſo war es ſelten, daß er bei dem feſtgeſtellten Rendezvous ſehlte. Und gleichwohl, trotz ſeiner militäriſchen Be⸗ ſtimmung, hatten das Eſtaminet einen vollſtändig ſpießbürgerlichen Charakter. Mit Ausnahme derjenigen Zöglinge der poly⸗ techniſchen und der St. Cyrſchule, die wegen des 191. guten Tons hingehen zu müſſen glaubten, bemerkte man da weder Tſchakos, noch rothe Hoſen, noch Uniformen. Obſchon der Militär eine große Verachtung ge⸗ gen den Pékin oder Philiſter zur Schau trägt, ſo liebt er doch ungemein die Civilkleidung, wahr⸗ ſcheinlich aus dem einzigen Grund, weil dieß bei ihm eine unglückliche Leidenſchaft iſt. Und in der That ſieht mancher reizende Offizier, der mit ſeinem Dolman und ſeinem Uniformsfrack alle Epitheta der Diſtinction und Eleganz verdient, ganz gewöhnlich, ja manchmal mehr als gewöhnlich aus, wenn er den claſſiſchen Ueberrock angezogen und ſeinen coketten Colback oder ſeinen funkelnden Helm mit dem alltäglichen Gibus vertauſcht hat. Erinnert ihr euch, was die Türken früher waren und was ſie jetzt ſind, ſeit Mahmud ihnen dem Geſetz des Fortſchrittes gemäß den blauen Ueberrock und die rothe Müze aufgezwungen hat? Dann— und dieß iſt der mildernde Umſtand— bewahrt der Offizier, der wenig Gelegenheiten hat ſeine Civilkleider abzutragen, dieſelben mit der re⸗ ligiöſen Sorgfalt, die der Militär ſeinem Bazar widmet, ſo daß er ſie die Schranken des gewöhn⸗ lichen Gebrauchs der Paletots und der Ueberröcke überſchreiten läßt, und wenn er ſie wieder ans Tageslicht zieht, ganz wie ein altes Modeportrait ausſieht, das ſpazieren geht. 3 Wenn man im Eſtaminet hollandais wenig Uni⸗ formen traf, ſo ſah man dagegen an jedem Tiſch eine Menge Ueberröcke von höchſt originellem Zu-⸗ ſchnitt, unmögliche Halsbinden und jene Koſaken⸗ 192 hoſen, welche die Mode ſeit jener Zeit weislich verworfen hat. Kurz und gut, Jedermann konnte leicht erkennen, daß dieſes Etabliſſement gänzlich von Offizieren beſetzt war, die ſich mehr oder we⸗ niger als Bürger verkleidet hatten. Ein dicker Tabaksqualm erfüllte die Atmoſphäre, die noch überdieß von Dünſten überladen war, welche aus einer Menge von Punſchbowlen, dem gewöhn⸗ lichen Labſal der täglichen Gäſte, ausdampften. Fünf oder ſechs von dieſen letzteren, die man an den Sporen, welche ſie an ihren Stiefeln be⸗ halten hatten, als Cavallerieoffiziere erkannte, ſaßen in der Ecke rechts, in der Nähe des Gartens. Sie hatten im Cafe gefrühſtückt, und zwar hat⸗ ten ſie ſich, nach der Lebhaftigkeit zu ſchließen, welche ihre Unterhaltung angenommen, Nichts abgehen laſſen. Wie immer verhandelten dieſe Herren den uner⸗ ſchöpflichen Text ihrer Lieblingsgeſpräche: die Vor⸗ züge der verſchiedenen Garniſonen und die Ver⸗ gleichung derſelben unter einander. „Ach, meine Herren,“ ſagte unſer alter Be⸗ kannter, Lieutenant Louville, den wir inmitten dieſer Gruppe wiederfinden,„es lebe Tours in der Tou⸗ raine! Der Garten Frankreichs, wie die blödſin⸗ nigen Poeten ſagen, aber im Ganzen genommen eine hübſche Stadt! Vortreffliche Pflaumen, ein leidliches Theater, allerliebſte Griſetten, Tours iſt die Perle der Garniſonen.“ „Ei wahrhaftig, mein Lieber,“ verſetzte ein dick⸗ bauchiger Offizier mit karfunkelndem Geſicht und grauem aufwärts dreſſirtem Schnurrbart,„ich kenne ——— ⏑O N 193 Tours; ich war zwei Jahre dort und ich verſichere Euch, daß Tours nicht beſſer iſt als die andern Garniſonen.“ „Gut! und warum behaupten Sie das, Capitän?“ „Weil ich verſichere, daß man nach Verfluß der erſten zwei Monate ſich in der einen langweilt, wie in der andern.“ „Das Nord gefiel mir wohl,“ verſetzte ein Drit⸗ ter;„wir hatten da vortrefflichen Schmugglertaback zu rauchen, und wirklich nicht theuer.“ „Und vollends Pontivy, meine Herren!“ rief ein Vierter;„eine ausgezeichnete Penſion um fünf⸗ undvierzig Franken monatlich.“ „Und Du, Gratien, was meinſt Du?“ ſagte Louville. „Meine Meinung,“ antwortete Gratien,„geht dahin, daß ich, je weiter ich herum komme, um ſo mehr einſehe, daß unter allen Garniſonen, die wir durchgemacht haben, nicht eine einzige erträglich iſt; was mich auch ungemein in meinem Vorſatz beſtärkt meine Entlaſſung zu nehmen, um aus der einzigen guten und einzigen charmanten Garniſonsſtadt, die exiſtirt, d. h. aus Paris gar nicht mehr hinauszu⸗ kommen.“ „Ja,“ ſagte Louville,„dieſe Vorliebe läßt ſich in der That begreifen, wenn man wie Du einen mehrfachen Millionär zum Vater hat, und dennoch bin ich überzeugt, daß Du trotz all' ſeiner Millio⸗ nen und trotz aller Vergnügungen von Paris die glücklichen Stunden nicht vergeſſen kannſt, die Du beim Regiment hatteſt.“ „Wo und welche?“ fragte Gratien. Dumas, Black. II. 194 „Undankbarer Menſch! überall und immer! Sieh, ohne weiter gehen zu wollen, haſt Du nicht in dieſer abſcheulichen Stadt Chartres(Autricum, Carnutum) mit dieſer kleinen Thereſe das allerköſtlichſte Aben⸗ teuer, ein wahres Lovelaceabenteuer gehabt, Du Spitzbube?“ „Höre, Louville,“ ſagte Gratien, ſichtlich unan⸗ genehm berührt,„ſprich mir nicht von dem... ich verſichere Dich, daß dieſe Erinnerung mir im Gegen⸗ theil höchſt unangenehm iſt.“ „Warum denn? Wegen dieſes alten Narren, der unter dem Vorwand, daß Du die Erſtlinge eines jungen Mädchenherzens gepflückt habeſt, Dich, den Baron von Elbene, zwingen wollte eine Griſette zu heirathen, die keinen Sou beſitzt? Ah! das gute Männchen war wahrhaft amüſant. Ich habe ihn meinerſeits ſchön herumgedrückt, beſonders nach⸗ dem Du ins Cabriolet hinausgeſeſſen warſt.— Aber, tauſend Cigarren!“ rief Louville, auf ſeinem Stuhl aufſpringend,„da iſt er ja... er kommt eben herein... Ah, wir wollen uns luſtig machen! Seht doch, meine Herrn, die anbetungswürdige Tournüre! ſeht nur, mit welcher kriegeriſchen Miene unſer Voltigeur aus der Zeit Ludwigs XV. ſeinen Regenſchirm ſchwingt.— He, mein Herr!“ „Keine Dummheit, Louville!“ ſagte der dicke Offizier.„Dieſer brave Mann hat, das dürfen Sie nicht vergeſſen, ein doppeltes Anrecht auf Ihren Reſpect: ſein Alter, welches das Doppelte vom Ih⸗ rigen iſt, und das rothe Band, das er in ſeinem Knopfloch trägt.“ „Bah! das St. Ludwigskreuz.“ ——— 195 „Es wird immer mit Blut erkauft, Louville, und uns Soldaten ſteht es nicht zu über einen Mann zu lachen, der es trägt.“ „Laſſen Sie mich doch ruhig, Capitän! Wie mancher Emigrant, der niemals Pulver gerochen, hat nicht ſein Band dadurch gewonnen, daß er in den Vorzimmern Kratzfüße machte! Wahrhaftig, ich habe zu große Luſt darüber zu lachen, als daß ich eine ſo köſtliche Gelegenheit hinauslaſſen ſollte.“ Dann wandte er ſich an den Chevalier de la Graverie, der, nachdem er ſie erkannt hatte, zu ihnen herankam, ſtand auf, um ihm einen Schritt entgegenzutreten, und ſagte: „Ich bin entzückt Sie wiederzuſehen, mein Herr. Hoffentlich wird die vorgeſtrige Nacht Ihrer Ge⸗ ſundheit nicht geſchadet und Ihren luſtigen Humor nicht verderbt haben.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete der Chevalier mit einem Lächeln auf den Lippen,„wie Sie ſehen . außer einer Steifigkeit, die mir noch in den Gliedern geblieben iſt, befinde ich mich vortrefflich.“ „Ah, das freut mich! Sie werden ſich alſo nicht weigern, in unſerer Mitte Platz zu nehmen und die Geſundheit der reizenden Thereſe auszu⸗ bringen, von der wir juſt im Augenblick Ihres Hereinkommens ſprachen.“ „Ei wie, mein Herr,“ antwortete der Chevalier mit ſeinem unzerſtörbaren Lächeln;„Sie erweiſen mir da viel Chre, und ich werde mich wahrlich nicht weigern.“ „Würden Sie ein Glas von dieſem Punſch an⸗ nehmen? er iſt vortrefflich und Volleomnnen ſee üner, 196 die ſchwarzen Dünſte des Geiſtes und den Nebel des Magens zu verſcheuchen.“ „Tauſend Dank, mein lieber Herr; aber als friedfertiger und ruhiger Menſch fürchte ich alle alcoholhaltigen Getränke.“ „Dieſe machen Sie vielleicht wild?“ „Ganz richtig.“ „He da, Gratien, ſei doch liebenswürdig gegen den Herrn Chevalier; denn nach Ihrem Band zu ſchließen, mein Herr, trage ich kein Bedenken Ihnen dieſen Titel zu geben.“ „Er kommt mir in der That doppelt zu, Herr Louville: ich bin Chevalier von Geburt und Che⸗ valier... von Gelegenheit.“ „Nun wohl, Chevalier, ich muß Ihnen ſagen, daß Ihr Freund Gratien ſeit zwei Tagen ein Träu⸗ mer geworden iſt. Ich für meine Perſon glaube, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben wollen, daß er an den Heirathsantrag denkt, den Sie ihm gemacht haben.“ „Herr Gratien würde ungemein wohl thun da⸗ ran zu denken,“ antwortete der Chevalier mit voll⸗ endeter Treuherzigkeit. „Ja,“ verſetzte Louville,„aber es gibt nichts Bedrückenderes für den Geiſt eines wackern Jungen, als ein ſolcher Gedanke. He da, Chevalier, was wünſchen Sie zu genießen? ein Glas Limonade, Orgeade oder Himbeerwaſſer? ah, eine Bavaroiſe vielleicht?“ 2 „Ganz recht, eine Bavaroiſe.““ „Kellner!“ rief Louville,„eine Bavaroiſe für „dieſen Herrn.. ſehr warm und ſehr ſüß.“ 197 Dann wandte er ſich wieder zu dem Chevalier und ſagte: „Jetzt, mein Herr, wenn eine ſolche Frage nicht indiscret iſt, werden Sie uns wohl jetzt die Ehre erweiſen zu ſagen, was Sie in dieſe Höhle, genannt Eſtaminet hollandais, führt? Dieß iſt doch wohl ſonſt nicht Ihr Platz, vermuthe ich.“ „Sie haben immer Recht, mein Herr, und ich bewundere wirklich die Richtigkeit Ihrer Auffaſſungs⸗ kraft.“ „Es freut mich, daß Sie mir Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen.“ „Mein Herr, ich kam in der einzigen Hoffnung Herrn Gratien zu treffen, den ich nicht zu Haus gefunden habe.“ „Ach! Sie haben ſich die Mühe genommen bei mir vorzuſprechen?“ fragte Gratien erſtaunt. „Ja, und von Ihrem Concierge habe ich er⸗ fahren, daß das Eſtaminet hollandais, wenn auch nicht mein, doch Ihr Ort iſt.“ „Ei wie,“ fiel Louville ein,„Sie kamen wirklich, um Gratien zu treffen? Dieß beweist, daß Sie Ihrer Idee nicht entſagt haben. Nun wohl, um ſo beſſer. Ich liebe die hartnäckigen Leute und wahrlich, ich werde auf Ihre Seite übertreten, ſo lebhaft iſt das Mitgefühl, das Sie mir einflößen. Nun, wie die Sachen jetzt gediehen ſind, kann es ſich nur noch um den Chevertrag handeln; erörtern wir alſo die Bedingungen deſſelben. Gratien, mein Freund, Du haſt zuerſt das Wort. Wie viel ver⸗ langſt Du an liegenden Gütern? wie viel an Ver⸗ 198 ſchreibungen auf den Staat? wie viel an Eiſen⸗ bahnobligationen? wie viel an Garatpapieren?“ „Louville,“ antwortete Gratien,„ich erſuche dich in allem Ernſt dieſen Scherz, der bereits allzu lang gedauert hat, nicht länger fortzuſetzen. Ich habe dem Herrn Chevalier meinen Entſchluß bereits zu wiſſen gethan. Daß er auf ſeinem Verlangen be⸗ harrt, iſt ein Schicllichkeitsfehler, worüber ich mich bei einem Mann von ſeinem Alter und ſeiner Bildung wundern muß; auf der andern Seite wäre es von mir unzart und herzlos wenn ich das Schick⸗ ſal eines jungen Mädchens, das ich jedenfalls be⸗ klagen muß, beſpötteln wollte, wie Du es thuſt. Ueberlegen Sie dieſe meine Ertlärung, Herr Che⸗ valier; überlege auch Du die Sache, Louville, und ich hoffe, daß Ihr Beide mir Hecht geben werdet.“ „Ganz und gar nicht,“ verſetzte der Chevalier de la Graverie.„Ich finde im Gegentheil, daß Herr Louville ſehr verſtändig und ſehr anſtändig ſpricht, ſo daß ich ihm darüber nicht nur nicht böſe ſein kann, ſondern unendlich dankbar ſein muß.“ „Da ſiehſt Du's, Gratien. Ei, ſo ſprich doch und laß dieſe tragiſche Miene ſchwinden, da der Herr Chevalier— der Kämpe von Mamſell The⸗ reſe— der Erſte iſt, der Dich dazu auffordert... Du ſchweigſt?... Sehen Sie, Herr Chevalier, wenn Sie zuerſt ſprächen, ſo würde das die Sache vielleicht in Gang bringen. Fangen Sie doch an, mein lieber Herr; ſetzen Sie uns die Reichthümer Ihrer Schützlingin auseinander und treiben Sie es großartig; denn ich ſage Ihnen, daß unſer Freund Gratien, obſchon, wie Sie wiſſen, nur Unterlieute⸗ 199 nant, reich, ſehr reich iſt. Aber verzeihen Sie, da kommt der Kellner mit der verlangten Bavaroiſe. Trinken Sie, mein Herr, trinken Sie vor allen Dingen! Das wird Ihren Vorſchlägen Milde und Geſchmeidigkeit verleihen.“ Der Chevalier hörte lächelnd dieſen Wortſchwall an. Er rührte langſam mit ſeinem Löffelchen das vorgeſetzte Getränk um, führte es an ſeine Lippen, trank es ernſthaft aus, ſtellte das Glas wieder auf den Tiſch, wiſchte ſorgfältig mit einem batiſtenen Schnupftuch ſeinen Mund ab und wandte ſich dann gegen Gratien: „Mein Herr,“ ſagte er,„ich habe den Vorſchlag, den ich Ihnen vorgeſtern machen zu müſſen glaubte, genau überlegt und gefunden, daß es lächerlich von mir wäre, wenn ich auf die gerechte, loyale und ganz natürliche Handlung, die ich Ihrem Gewiſſen vorlegte, einen Preis ſetzen wollte.“ „Bei Gott Nichts einfacher als das!“ fiel Lou⸗ ville ein.. „Wenn ich Thereſe ausſtatten wollte, und be⸗ merken Sie daß ich es thun kann,“ fuhr der Che⸗ valier fort,„ſo würde ich dadurch Ihr Zartgefühl verletzen, und es ſollte mich nicht wundern, wenn mein dießfalſiger Antrag die einzige Urſache ge⸗ weſen wäre, warum Sie meine Anerbietungen ab⸗ lehnten. Heute, mein Herr, ſage ich Ihnen im Gegentheil: Thereſe hat keinen Namen, Thereſe iſt ohne Vermögen; aber Sie haben ſie entehrt.... Sie haben ſie entehrt, nicht indem Sie ſich auf den Abhang gegenſeitiger Leidenſchaft hinreißen ließen, ſondern indem Sie die abſcheulichſte, niederträch⸗ 200 tigſte Hinterliſt zu Hilfe riefen! Sie können alſo keinen Anſtand nehmen der gebieteriſchen Stimme der Pflicht zu gehorchen.“ „Bravo! Das nenne ich eine unwiderſtehliche Beweisführung. Auf! Du haſt das Wort, Gra⸗ tien; verficht Deine Sache: ſie iſt nicht gut, das ſage ich Dir zum Voraus. Bilde Dir alſo ein, Du ſteheſt vor den Geſchworenen und ich ſei der Präſident.“ „Meine Antwort ſoll kurz ſein, lieber Freund,“ ſagte Gratien mit einer gewiſſen Würde.„Ich werde dem Herrn Chevalier ſagen....“ Der junge Mann verneigte ſich leicht. „Ich werde ihm ſagen, daß ſeine Beleidigungen meinen Entſchluß eben ſo unerſchütterlich finden wer⸗ den, als ſeine Verſprechungen. Ob Fräulein The⸗ reſe reich oder arm iſt, daran liegt mir Nichts, und ich will noch hinzufügen, daß ſein graues Haupt ein großes Glück für ihn iſt; denn ſonſt würde ich mich verpflichtet glauben auf einen gewiſſen Theil ſeiner Rede ganz anders zu antworten.“ „Mein Gott, geniren Sie ſich nicht, mein lieber Herr,“ ſagte der Chevalier ruhig.„Ob mein Kopf weiß oder grau iſt, kann Ihnen gleichgiltig ſein, wenn er ſich nur dazu verſteht ſich vor die Mün⸗ dung Ihres Piſtols oder vor die Spitze Ihres De⸗ gens zu ſtellen.“ „Ei der Tauſend, weißt Du auch, Gratien, daß das gute Männchen herausfordernd wird?“ „Das ſetzt Sie in Staunen, mein lieber Lou⸗ ville?“ fragte der Chevalier mit ſeiner friedfertigen — —— 201 Miene.„Sollten Sie zufällig dafür halten, daß der Muth nur eine Unbeſonnenheit ſei?“ „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſagte Gratien. Der Chevalier drehte ſich, fortwährend mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen, gegen ihn um. „Sie haben alſo,“ fuhr der junge Mann fort, „Ihre Worte vorhin mit der feſten und beſtimmten Abſicht ausgeſprochen mich zu beleidigen?“ „Ich habe mich nicht darum bekümmert, ob Sie ſich dadurch beleidigt fühlen könnten oder nicht; ich habe ſie blos geſagt, weil dieſe Worte Ihr Beneh⸗ men vollkommen kennzeichneten, und aus keinem andern Grund.“ „Kurz und gut, mein Herr, Sie ſind heutigen Samſtag ins Eſtaminet hollandais in der Abſicht gekommen, um in Gegenwart meiner Kameraden zu mir zu ſagen: Heirathen Sie Fräulein Thereſe oder Sie haben es mit mir zu thun!“ „Ganz richtig, Herr Baron.“ Dann klopfte er mit dem Löffelchen an ſein Glas und ſagte: „Kellner, eine zweite Bavaroiſe.“ „Mit nichten!“ rief Gratien. „Wie ſo mit nichten?“ „Ein Duell mit Ihnen wäre gar zu lächerlich.“ „Ah, Sie finden?“?“ ‿ι g.“ „Sie finden, daß es lächerlich wäre einen guten Kerl zu tödten, der Ihnen im Ganzen ſehr leicht einen Degenſtich in die Bruſt verſetzen oder eine Kugel durch den Kopf jagen könnte; und doch er⸗ ſcheint es Ihnen nicht wie mir erbärmlich und ehr⸗ 202 los eine niederträchtige Hinterliſt anzuwenden, um mehr als das Leben— die einzige Sache die ich bei einem Duell mit Ihnen aufs Spiel ſetze— um einem ſchutzloſen jungen Mädchen die Ehre zu rau⸗ ben? Wahrhaftig Sie haben keine Logik, Herr Gratien.— Danke, Kellner.“. Dieſe letzten Worte waren wirklich an den Kell⸗ ner gerichtet, der dem Chevalier ſeine zweite Bava⸗ roiſe vorſetzte. „Nun denn, es ſei!“ ſagte Gratien nach kurzer Ueberlegung, und vielleicht erbitterter über die Ruhe als über die Beſchimpfungen des Chevalier;„da Sie es durchaus verlangen...“ „ So werden Sie Thereſe heirathen?“ „Nein, mein Herr, aber ich werde Sie tödten.“ „O, was Das betrifft,“ ſagte der Chevalier, in⸗ dem er ſeine Bavaroiſe aus dem Fläſchchen in ſein Glas goß, ohne daß ſeine Hand die mindeſte fieber⸗ hafte Aufregung verrieth,„ſo iſt es eine Frage. Erwarten wir ihre Löſung bis morgen, junger Mann, und ſprechen Sie nicht im Futurum. Wer im Futurum ſpricht, läuft Gefahr ſich zu täuſchen. Alſo iſt es ausgemacht, wir werden uns ſchlagen.“ „Ja gewiß, wir werden uns ſchlagen,“ antwor⸗ tete Gratien mit verbiſſenem Zorn,„wenn Sie nicht anders Ihre Aeußerungen von vorhin zurücknehmen.“ Und in der That ließ Gratien dem Chevalier dieſe letzte Thüre offen, da er ſich nur ungern zu dieſem Duell entſchloß, deſſen gehäſſigen und lächer⸗ lichen Charakter er vollkommen begriff. „Zurücknehmen?“ machte der Chevalier, indem er ſein Glas an den Mund führte und langſam 203 ſeine zweite Bavaroiſe ſchlürfte.„O wie ſchlecht kennen Sie mich, mein lieber Herr Gratien! Ich brauche lang, ſehr lang, um einen Entſchluß zu faſſen; aber habe ich mich einmal entſchieden, ſo pflege ichs wie Wilhelm, der Eroberer, zu machen und meine Schiffe zu verbrennen.“ So ſprechend ſchüttelte der Chevalier den Reſt ſeiner Bavaroiſe Gratien ins Geſicht. Der junge Offizier wollte über den alten Mann herfallen; aber ſeine Freunde, und Louville zuerſt, hielten ihn mit Gewalt zurück. „Ihre Zeugen? Ihre Zeugen, mein Herr?“ heulte Gratien. „Morgen früh werden ſie ſich mit den Ihrigen verſtändigen, mein Herr.“ „Wo?“ b „Wollen Sie ſich vor den Tuilerien auf der Terraſſe des Feuillants, gegenüber dem Hotel de Londres, wo ich wohne, zwiſchen zwölf und ein Uhr zum Beiſpiel einfinden.“ „Ihre Waffen?“ „Ah, mein Herr, als Militär kennen Sie nicht einmal die erſten Regeln des Duells? Meine Waf⸗ fen gehen weder Sie noch mich an, ſondern nur unſere Zeugen. Sie ſind der beleidigte Theil, ſa⸗ gen Sie den Ihrigen Ihre Bedingungen.“ „Es ſei! Und Sie, meine Herrn,“ rief Gra⸗ tien,„Sie rufe ich als Zeugen auf, daß, wenn dieſem alten Mann ein Unglück zuſtößt, er ſelbſt es nicht anders gewollt, ſondern es abſichtlich herbei⸗ geführt hat. Möge alſo ſein Blut, wenn es fließt, auf ſein eigen Haupt zurückfallen!“ 204 Mit dieſen Worten entfernte ſich der junge Offi⸗ zier ſammt ſeinen Freunden. Der Chevalier ſuchte, als er allein geblieben war, in ſeinem Glas einen letzten Tropfen Bavaroiſe. Dann ſagte er leiſe, indem er ſeinen Schirm aus der Fenſterecke nahm, wo er ihn beim Eintritt abgeſtellt hatte: „Mein Gott, wie viel Widerwärtigkeiten macht es mir doch, daß dieſer Dummkopf von Black ſich hat ſtehlen laſſen! Hätte Dumesnil mich ſehen können, er wäre mit mir zufrieden geweſen.“ XV. Wo der Chevalier trifft, was er ſucht und was er nicht ſucht. Der Chevalier de la Graverie verließ das Eſta⸗ minet hollandais als ein ganz anderer Mann. Sein Hut, der gewöhnlich perpendiculär über der Achſe ſeines Geſichtes ſaß und leicht über die Augen vorgeneigt war, hatte eine diagonale Haltung angenommen, die ihm ein gewiſſes wind⸗ beuteliges und händelſüchtiges Anſehen gab. Eine ſeiner Hände ſteckte in ſeiner Hoſentaſche und ließ darin mit trotzigem Behagen einige Louis klappern, während die andere ſeinen Regenſchirm ſchwang und mit der Spitze dieſes friedlichen Ge⸗ räthes die wunderlichſten Fechtfiguren ausführte. Er, der gewöhnlich geſenkten Hauptes einher⸗ ging und auf das Pflaſter hinabtrat, wenn ein Kind das Trottoir behauptete, er trug zu dieſer — 20⁵ Stunde ſeine Stirne hoch, ſeine Büſte aufrecht, ſeine Bruſt gehoben, wie ein Mann der tapfer ſei⸗ nen Platz im Sonnenlicht erobert hat und mit un⸗ zerſtörbarer Ruhe erwartet, daß die Vorübergehen⸗ den ihm ausweichen;— was ſie auch wirklich thaten, die Einen aus Achtung vor ſeinem Alter, die Andern aus Ehrerbietung vor ſeinem Kreuz, wieder Andere, weil das renommiſtiſche Ausſehen des Chevalier ihnen in Wahrheit imponirte. Einen Augenblick fühlte er ſich verſucht in einen Tabaksladen zu treten und eine Cigarre zu kaufen, obſchon er ſtets den unüberwindlichſten Widerwillen gegen allen Tabak gehegt: es ſchien ihm, als ob eine Cigarre die obligate Vervollſtändigung ſeiner neuen Haltung wäre, und er dachte voll Selbſtge⸗ fälligkeit daran, wie er, ein zweiter Cacus, unge⸗ heure Rauchwolken gegen den Himmel emportreiben und auf dieſe Art einen neuen Vergleichungspunkt mit ſeinem Freund Dumesnil darbieten werde, den er für den Augenblick zum Muſter nahm. Aber zum Glück erinnerte er ſich, daß er an einem gewiſſen Abend in Papaeti, als er von Ma⸗ haounis Lippen eine Cigarette genommen und einige Mundvoll von dem duftenden Dunſt eingeſogen, wo⸗ mit die junge Taitierin ſich gerne wie mit einer Wolke umgab, ein abſcheuliches Erbrechen bekommen hatte und in ein Unwohlſein verfallen war, woran er beinahe drei Tage zu dauen hatte. Er dachte, ein ähnliches Schauſpiel könnte, wenn er es ſeinen Feinden zum Beſten gäbe, ſeinen kaum erſt erworbenen Ruf blosſtellen, und er entſagte daher weislich dieſer ſchlecht motivirten Begierde. 206 Er begnügte ſich alſo mit dem impoſanten An⸗ ſtrich, welchen das Bewußtſein ſeiner kaum erſt zu Tage gekommenen perſönlichen Tapferkeit ſeiner Phyſiognomie verlieh, und kehrte beſcheiden ins Hotel de Londres zurück. Jetzt müſſen wir in unſerer Eigenſchaft als wahrheitsliebender Geſchichtsſchreiber geſtehen, daß der Chevalier trotz der Zuverſichtlichkeit und Ge⸗ müthsruhe, womit er Herrn Gratien von Elbene gefordert, trotz der Selbſtzufriedenheit die ihn für ſein wackeres Benehmen belohnte, in dieſer Nacht ſchlecht ſchlief. Nicht die Furcht vor Tod oder Schmerz war es, was ſeine Schlafloſigkeit verur⸗ ſachte: nein, zwei Dinge beunruhigten ihn im höch⸗ ſten Grad: erſtens das Loos das Thereſe zu er⸗ warten hätte, falls ihm ein Unglück widerführe; zweitens die Furcht daß er, einmal auf dem Platz angelangt, ſeine ſtolze Haltung vielleicht nicht be⸗ haupten und ſein kühnes Programm nicht würde ausführen können. In Bezug auf Thereſe beruhigte er ſich ein wenig beim Gedanken an das Verſprechen, das er Henri abgenommen und das für den Letzteren noch heiliger werden mußte, wenn er ſeine Schützlingin einmal perſönlich kennen lernte; überdieß hoffte er, allen Einwendungen ſeines Bruders zum Trotz, die Zukunft des Mädchens durch ein vollkommen regel⸗ rechtes eigenhändiges Teſtament ſicher ſtellen zu können. Blieb noch das Duell. Einige Stunden einſamer Ueberlegung hatten das Blut des Chevalier abgekühlt, und obſchon ſein —.— 207 Entſchluß derſelbe blieb, ſo mußte er doch ſeine ganze Vernunft aufbieten, um wieder einige Hei⸗ terkeit des Geiſtes zu erlangen. Leider war die Aufgabe ſchwer, und ſo mühſam auch der Chevalier ſich ſelbſt zu beweiſen ſuchte, daß er alle möglichen Gründe habe ruhig zu ſein, ſo tauchte doch eine Menge ſchwarzer Ideen in ſei⸗ nem Gehirn auf. Alles was ihm noch vor einigen Stunden nicht der mindeſten Anhänglichkeit würdig geſchienen hatte, erſchien ihm in dieſem Augenblick ſo hold, ſo gut, ſo verführeriſch, daß er ſich nicht entſchließen konnte ſich davon zu trennen. Alle Freuden, alle Vergnügungen, alle Genüſſe ſeines vergangenen Lebens pflanzten ſich vor dem Auge ſeines Geiſtes auf und tanzten, einander an der Hand haltend, einen verführeriſchen herausfor⸗ dernden Reigen um ihn her, wobei ſie in einem Ton voll der ſanfteſten Wehmuth zu ihm ſagten: „Leb wohl, Chevalier! Du mußt uns jetzt verlieren, während Du uns ſo gut hätteſt behalten können, wenn Du nicht den jungen Mann, den Raufbold, den Duellanten, den Rächer des Unrechts, mit einem Wort den Don Quipote hätteſt ſpielen wollen.“ Der Chevalier fand dieſe choregraphiſche Be⸗ ſchwörung höchſt unangenehm. Zu gleicher Zeit wimmelte ein Chaos von un⸗ heimlichen Ausſichten in den fernſten Ecken ſeiner Einbildungskraft und ſtimmte ein höchſt unharmoni⸗ ſches Concert an. Todeskälte fuhr ihm über die Haut und drang ihm in die Knochen ein. 208 Es war ihm, als wollten die Geiſter aus der andern Welt ſich ſeines Leichnams bemächtigen; er ſpürte auf ſeinem Geſicht den Wind von großen Fledermausflügeln, die in der Luft flatterten. Das geringſte Geräuſch, das er in der Nähe hörte, machte ihm den Eindruck, als würden die Nägel in die für ihn beſtimmte Bahre eingeſchlagen. Obſchon er vollkommen wachte, ſo träumte er doch, man ſenke ihn in die Erde ein und er höre den Thon und die Steine, die ſchwer auf ſeinen Sarg fallen. 3 Er ſpürte das kriechende Ungeziefer des Gra⸗ bes, wie es ſich zwiſchen die Falten ſeines Leichen⸗ tuches hineinſtahl, und er ſchauerte zum Voraus bei der Berührung mit dieſem klebrigen, kalten Gewürme. So kam es denn, daß die Nacht, die Mutter aller grabverwandten Erſcheinungen, ihm ſehr lang deuchte, und ſobald er den Tag anbrechen ſah, be⸗ eilte er ſich, ſeinen Gewohnheiten zuwider, aus dem Bette zu ſpringen. „Entſchieden,“ ſagte der Chevalier ganz ſchnat⸗ ternd theils vor Kälte, theils in Folge der Lage, worin er ſich befand,„entſchieden war ich nicht zum Helden geboren. Inzwiſchen werde ich in meinen eigenen Augen nur um ſo größeres Verdienſt ha⸗ ben, wenn ich mich wacker benehme; aber es iſt merkwürdig, geſtern, im Augenblick wo ich mich hätte bedenken ſollen, hatte ich nicht die geringſte Furcht, während es mich heute ein Mal ums an⸗ dere eiskalt überlauft. Ich kann doch nicht den 209 ganzen Tag lang Leute herausfordern, um meinen Muth in der gehörigen Temperatur zu erhalten.“ Um ſich von dieſen demoraliſirenden Gedanken nicht von Neuem quälen laſſen zu müſſen, beſchloß der Chevalier an Henri von Elbene zu ſchreiben, ihm aber ſeinen Gegner nicht zu nennen, ſondern nur zu melden, das Rencontre würde höchſt wahr⸗ ſcheinlich auf den folgenden Morgen um acht Uhr feſtgeſetzt werden, weßhalb er ihn erſuche ihn um ſieben Uhr abzuholen. Er wollte ihn nicht mit den Offizieren in Be⸗ rührung bringen, die ihm Alles geſagt haben wür⸗ den, und bis zum andern Morgen oder vielmehr bis zu der für das Zuſammentreffen der Zeugen feſtgeſetzten Stunde hoffte er einen zweiten Pathen zu finden, welcher die Bedingungen des Kampfes mit den Secundanten Gratiens regeln würde. Als der Brief geſchloſſen und verſiegelt war, ging Herr de la Graverie aus, um ihn ſelbſt in die Lade zu ſchieben. Bei wichtigen Gelegenheiten verließ ſich der Chevalier am liebſten auf ſich ſelbſt. Als er zum Hofthor ſeines Hotels hinausging, ſtieß er mit der Naſe auf den Mann, der ihm ver⸗ ſprochen hatte Black wieder aufzufinden. „O, oh, ſchon aufgeſtanden, Herr!“ redete Pierre Marteau ihn an.„Wahrhaftig, man kann ſagen, daß dieſer Hund glücklicher iſt als viele Menſchen. Ich zum Beiſpiel könnte mich verirren, ohne daß, Gott ſei Dank, ein Menſch darüber den Schlaf verlöre. Aber im Uebrigen wird es bald Zeit ſein.“ „Was für Zeit?“ fragte der Chevalier, deſſen Kopf immer noch nicht recht feſt ſaß. Dumas, Black. II. 210 „Die Zeit, wo ich Sie wieder in den Beſiz Ihres Hundes zu bringen hoffe.“ „Sie haben ihn geſehen? O führen Sie mich zu ihm, mein braver Mann. Wenn ich meinen lieben Dumesnil bei mir hätte, ſo glaube ich, daß ich keinen Menſchen mehr fürchten würde.“ „Geduld! Geduld! Wir wollen ganz ſachte an den Ort gehen, wo er iſt, und Sie werden ſehen, daß ich Sie nicht angelogen habe.“ „Aber wohin gehen Sie denn, oder vielmehr, wohin gehen wir?“ „Auf den Hundemarkt, bei Gott! Glauben Sie nicht, daß der Hallunke, der Ihnen Ihr Thier ge⸗ ſtohlen hat, Etwas daraus zu erlöſen wünſchen wird? Laſſen Sie uns alſo gehen.“ „Aber, aber,“ ſtammelte der Chevalier. „Die Sache iſt ganz klar: der Hund iſt nicht reclamirt worden; man hat weder einen Anſchlag, noch eine Ankündigung, noch eine große oder kleine Belohnung geſehen; man iſt alſo ganz ruhig, ſo daß ich darauf ſchwören möchte, daß Ihr Hund in dieſem Augenblick gleich uns nach der Barriere von Fontainebleau geht.“ Auf der Barriere von Fontainebleau wird in der That jeden Sonntag, Dienſtag und Freitag Pferdemarkt gehalten, wobei der Hundehandel ſo zu ſagen als Ergänzung und Anhängſel dient. Zwei Maler, von denen der Eine uns in der Blüthe des Alters entriſſen worden iſt, Alphonſe Giroux und Roſa Bonheur, das Mädchen mit dem holden Namen und dem kräftigen Talent, haben dieſes Schauſpiel in zwei Gemälden dargeſtellt, die 211 mit verſchiedenen Vorzügen die pittoreske Phyſiog⸗ nomie deſſelben vortrefflich abſpiegeln.— Nur muß man, ſagen wir dieß beiläufig zur Erbauung Derjenigen, welche die Namen buchſtäb⸗ lich nehmen, nicht auf den Pferdemarkt gehen, um die prächtigen Thiere zu ſuchen, welche die Eleganz und den Luxus in den Straßen von Paris oder in den ſandbeſtreuten Alleen des Boulognerwäldchens ſpazieren führen. Der Pferdemarkt iſt weſentlich auf den Nuzen des Publikums eingerichtet; Schönheit, feine For⸗ men, ausgezeichnete Race werden hier nicht im min⸗ deſten angeſchlagen; was man hier ſucht, das ſind Arbeitsmaſchinen, die man um den möglichſt billi⸗ gen Preis zu erhalten wünſcht. Damit iſt ſchon geſagt, daß man hier außer einigen Wagenpferden aus Perche oder Boulogne nur ſolche Thiere trifft, die auf dem Pflaſter von Paris, dieſer Hölle für die Pferde, abgenüzt, zu Grunde gerichtet und untüchtig geworden ſind; man ſieht nur arme alte, verſchlagene Klepper, denen die Speculation beharrlich alles Das zurückgeben will, was Gott ihnen an Kraft in die Muskeln, an Stärke in die Lenden gelegt hatte, bevor ſie über den Schindanger von Montfaucon ins Nichts zurück⸗ geſchickt werden. Was man auf dem Pferdemarkt am meiſten mißtrauen muß, das ſind Thiere, die geſund und kräftig ausſehen. Man kann mit Sicherheit darauf wetten, daß ſie ſtätig ſind oder den Schwindel haben. Trotz des elenden Ausſehens all der Jterdeiydividu⸗ 212 alitäten, welche dieſen Bazar bevölkern, fehlt es dem Ganzen nicht an Leben; man läßt ein Pferd von dreißig Franken traben, gallopiren, paradiren mit Begleitung von Peitſchenhieben und von Holz⸗ ſchuhgeklapper, gerade wie man es bei Cremieux oder bei Drake mit einem Halbblut von tauſend Thalern macht: es ſind dieſelben Kniffe, dieſelben Redensarten, dieſelben Schwüre, wie bei unſern renommirteſten Händlern, nur daß hier Alles unend⸗ lich mehr Farbe hat als dort, d. h. auf der Bar⸗ riere Fontainebleau mehr als in den Champs Elyſees. Wie wir ſo eben ſagten, iſt der Hundehandel ein Anhängſel des Pferdehandels. Ehrlich betrieben wäre der Hundehandel eine armſelige Induſtrie; da es ſich nun von ſelbſt ver⸗ ſteht, daß Jedermann von ſeinem Handwerk leben muß, ſo haben die Hundehändler Einrichtungen ge⸗ troffen, um das ihrige ſo einträglich als möglich zu machen. Statt Hunde aufzuziehen— was, 6 Franken per Monat als Minimum angenommen, am Ende des Jahrs 72 Franken als Werth des Thieres aus⸗ macht, ehe man noch einen Centime reinen Gewinn bekommt, haben ſie es als unendlich einfacher und profitabler erachtet, vollkommen aufgezogene Hunde auf der öffentlichen Straße wegzufangen und zum Verkauf zu bringen. Da in Folge deſſen die herrenlos umherirrenden Hunde immer ſeltener wurden, ſo hat man ihnen das Vagabundiren dadurch erleichtert, daß man für 213 ſie Dasjenige that, was wir für den Wachtelhund des Herrn de la Graverie thun ſahen. Der Hundemarkt, der uns zu dieſer gelehrten Abhandlung hingeriſſen hat, wird in den Contre⸗ alleen des Boulevard de l'Hopital gehalten, zunächſt bei der Barriere de Fontainebleau oder d'Italie. Einige dieſer intereſſanten Vierfüßler ſind an Pfähle gebunden. Die kleinen ſind im Käfig. Die großen gehen mit ihren Herren oder viel⸗ mehr mit Leuten, die es durch Umſtände ſo zufälli⸗ ger Art geworden ſind, daß wir in Anbetracht der Mannigfaltigkeit beſagter Umſtände uns gar nicht an dieſes Kapitel wagen. Man findet da Hunde von jeder Größe, jeder Dicke, jeder Haarfarbe, jeder Race, jeder Phyſiog⸗ nomie. Es gibt da Pyrenäenhunde mit falben Haaren und ganz frommem Geſicht; mißtrauet ihnen und wenn ſie Mouton hießen, wie derjenige, der mich eines Tags in die Hand gebiſſen hat. Es gibt Bulldoggen mit eingedrückten Naſen, hervorſpringenden Augen und Hauzähnen wie Eber. Es gibt Dachshunde, Mezgerhunde, Hühner⸗ hunde, Bracken, Jagdhunde, alle von mehr oder minder authentiſcher Art. Der Schäferhund und der Kings Charles finden hier ihre Vertretung. Die Jagdhunde, vom Dachs⸗ hund an bis zum Schweißhund, haben hier ihre Plätze. Die Wolfshunde weiß und ſchwarz, die wie Poſtconducteure in ihren Pelzen ausſehen; die tür⸗ 214 kiſchen Hunde, die aus ihrem Pelzwerk herausge⸗ treten zu ſein ſcheinen und immer ſchnattern; die Havannahunde, die man mit ſo großer Mühe unter ihren langen Seidehaaren findet, ſind gleichfalls hier zu treffen. Der Carlin ſelbſt— dieſer berühmte, wo nicht erlauchte Hund, von dem man behauptete, er ſei verſchwunden wie der Mammuth, und deſſen Anden⸗ ken Henri Monnier vor der Vergeſſenheit bewahrt zu haben ſich rühmte— der Carlin ſelbſt ſchickt von Zeit zu Zeit einige Exemplare. Dann kommt die große Maſſe der Baſtard⸗ möpſe, ſo zahlreich, ſo mannigfaltig und launenhaft in ihren Verzweigungen, daß Buffon bei ihrem An⸗ blick ganz gewiß ſein Verzeichniß der Hundearten, ſo wie die Genealogie, die er für jede Race ent⸗ warf und die noch heutigen Tags unentzifferbar iſt, zerriſſen hätte. Seit ungefähr zwei Stunden durchſtreiften der Chevalier de la Graverie und ſein Begleiter das Boulevard de l'Hopital, Alleen und Contrealleen nach allen Richtungen, ohne den Gegenſtand ihrer Nachforſchungen entdeckt zu haben. Schon mehr als zehnmal hatte der ehrliche Pierre Marteau dem armen Chevalier einen Hund, deſſen Signalement an Black erinnerte, gezeigt und zu ihm geſagt: „Sehen Sie, mein Herr, iſt das nicht Ihr Du⸗ mesnil?“ Und ſchon mehr als zehnmal hatte der Cheva⸗ lier de la Graverie mit einem dicken Seufzer ge⸗ antwortet: 215⁵ „Ach nein, er iſt es nicht.“ An der Ecke der Rue d'Ivry, gegen welche er Front machte, hatte er ſo eben einen Mann bemerkt, der zwei Hunde an einer Koppel führte, und einer der beiden Hunde war Black. Der Mann ſtand in Unterhandlung mit einem Herrn, welcher den Wachtelhund mit der lebhafteſten Neugierde zu betrachten ſchien. „Da iſt er ja! da iſt er ja!“ rief Herr de la Graverie.„Sehen Sie, er erkennt mich, er dreht ſeinen Kopf gegen mich.— Black! Black! Ach, mein armer Dumesnil, wie freue ich mich unter dieſen Umſtänden, daß ich Dich wiederſehe 44 Herr de la Graverie wollte über die Chauſſee eilen, aber in dieſem Augenblick ließen die Roß⸗ kämme wenigſtens zehn Pferde traben: es war un⸗ möglich über dus Boulevard zu gehen, ohne daß man riskirte überritten zu werden, und der ehrliche Pierre Marteau, der, da er nicht dieſelben Gründe zur Begeiſterung beſaß wie der Chevalier, glücklicher Weiſe ſeine ganze Kaltblütigkeit bewahrt hatte, hielt ihn ſehr zur gelegenen Zeit zurück. Während dieſer Zeit hatte der Herr ſeine Börſe herausgezogen und den Händler bezahlt. Nachdem er dann den Strick, womit Black angebunden war, e endſuna genommen, ſchickte er ſich an wegzu⸗ gehen. Der Chevalier de la Graverie, der, wie wir bereits geſagt haben, verhindert war, ſah Alles und rief: „Halt! halt! Dieſer Hund gehört mir.. Aber das Getöne ſeiner Stimme verlor ſich im 216 Geſchrei der Roßkämme, im Peitſchengeknall und im Wiederhall der Pferdehufen auf dem Pflaſter. Endlich wurde die Straße frei; Pierre Marteau ließ den Rockſchooß des Chevalier los und dieſer ſtürzte dem Käufer nach.. „Mein Herr, mein Herr!“ rief er, hinter ihm hertrippelnd,„der Hund, den Sie gekauft haben, gehört ja mir.“ Der Herr, der das Geſchrei des Chevalier An⸗ fangs gar nicht beachtet hatte, begriff endlich, daß es ihm galt, und obſchon er große Eile zu haben ſchien Black wegzubringen, ſo drehte er ſich doch um. „He?“ machte er;„was ſagen Sie, wenns be⸗ liebt?“. „Ich ſage, mein Herr,“ wiederholte der Che⸗ valier ganz keuchend,„daß Sie da meinen Hund wegführen.“ „Sie täuſchen ſich,“ antwortete der Käufer; „das Thier, das ich an der Koppel halte, gehört mir aus zwei Gründen, wovon ein einziger genügt, um mein Recht darzuthun: ich habe es aufgezogen, ich habe es niemals verkauft, und dennoch habe ich es ſo eben wieder angekauft.“ „Verzeihen Sie gütigſt, lieber Herr,“ ſagte Pierre Marteau höflich und doch zugleich mit feſtem Ton, „aber ich muß ſagen, daß das Thier dieſem Herrn hier gehört; ich bin Zeuge, daß man es ihm am Freitag geſtohlen hat, und ich ſuche es ſchon ſeit zwei Tagen.“ „Sehen Sie nur, mein Herr, ſehen Sie nur, er kennt mich!“ rief der Chevalier, indem er Blacks 217 Kopf zwiſchen ſeine Hände nahm und ihn auf die Stirne küßte. „Unglücklicher Weiſe, mein Herr,“ antwortete der Käufer kalt, aber entſchloſſen,„beweist dieß nur eine einzige Sache, nämlich daß Sie den Hund beſeſſen haben, nachdem er mir ſelbſt geſtohlen wor⸗ den war. Ich zweifle ſehr, ob Sie Ihr Chrenwort darauf geben können, daß dieſer Hund länger als zwei Jahre Ihnen gehört, und dennoch iſt er ſeine vollen acht Jahre alt.“ „Mein Herr,“ ſagte der Chevalier, der bei der Erinnerung an Thereſens Erzählung einige Ge⸗ wiſſensunruhe empfand,„ſetzen Sie einen Preis für den Hund feſt, ich bezahle Ihnen Alles.“ „Kein Preis kann mich verlocken; ich bin Gott ſei Dank reich genug, um meine Hunde nicht ver⸗ kaufen zu müſſen; ohnehin hat dieſer hier einen unſchätzbaren Werth für mich: er ruft mir theure koſtbare Erinnerungen zurück, und in den Fünfvier⸗ teljahren, ſeit ich ihn im Boulognerwald verloren habe, ſind wenige Tage vergangen, ohne daß ich an ihn dachte. Ich habe ihn wiedergefunden, ich behalte ihn.“ „Black behalten? Nein, das iſt unmöglich,“ rief der Chevalier, deſſen Kopf außerordentlich heiß wurde.„Mein Herr, dieſer Hund gehört mir. Ich werde mich nöthigenfalls tödten laſſen, um wieder in ſeinen Beſitz zu gelangen.“ „Mein Herr,“ antwortete der Käufer mit einem Stirnrunzeln,„obſchon ich einiges Mitleid mit Ih⸗ rem Anfall von Narrheit habe— denn anders kann ich mir Ihr Benehmen nicht erklären— ſo muß ich⸗ 218 Ihnen doch hiemit bedeuten, daß Sie mich lang⸗ weilen.“ „O, ob ich Sie langweile oder nicht, mein Herr,“ verſetzte der Chevalier, der allmählig wieder in ſein kriegeriſches Gebahren vom vorhergehenden Tag hineingerieth,„ich habe auf morgen ein Duell, und bei Gott, da ich gerade im Zug bin, ſo werde ich mich durch die Ausſicht auf eine zweite Affaire nicht irre machen laſſen. Ich will meinen Hund.“ Und ſo ſprechend ſteigerte der Chevalier entſchloſſen ſeine Stimme. „O, ſchreien wir nicht, mein Herr,“ erwiederte ſein Gegner mit großer Ruhe.„Sehen Sie, das Publikum ſchaart ſich bereits um uns, und für einen Mann von Ihrem Alter iſt es nicht ganz ſchicklich ſich ſo den Blicken bloszuſtellen. Hier iſt meine Karte; in einer Stunde werde ich zu Hauſe ſein. Ich hoffe, daß Sie bis dahin wieder einige Kalt⸗ blutigkeit gewonnen haben, und ich werde Sie er⸗ warten, um dieſe Angelegenheit auf irgend eine Art, die Ihnen zweckdienlich ſcheinen wird, ins Reine zu bringen.“ „Es ſei, mein Herr, in einer Stunde.“ Der Unbekannte grüßte Herrn de la Graverie kalt, und entfernte ſich mit Black, der in Sachen ſeines Beſitzes ohne Zweifel kein Prioritätsrecht anerkannte und mit Gewalt fortgeſchleppt werden mußte, während er dem Chevalier Blicke zuwarf, die ihm das Herz zerſchnitten. Endlich als der Chevalier den armen Black und ſeinen Entführer aus dem Auge verloren hatte, —— ————— —— 219 warf er einen Blick auf die Karte, die er in der Hand hielt, und las Namen und Adreſſe wie folgt: „J. B. Chalier, Kaufmann, Rue des Trois⸗ Freres, Nr. 22.“ „Wo zum Teufel habe ich dieſen Namen ge⸗ ſehen?“ ſagte der Chevalier zu ſich, indem er auf die Wagenſtation zuſchritt.„Mein armer Kopf iſt durch all dieſe Geſchichten dermaßen verwirrt, daß ich wahrhaftig glaube, ich werde mein Gedächtniß ganz verlieren. Es iſt wohl wahr, dieſer verdammte Hund hat mir Unannehmlichkeiten genug bereitet, aber mein größter Verdruß wäre doch, wenn ich ihn verlieren ſollte. Ach, das Alles ſind ſehr ſchlechte Auſpizien auf morgen!“ Und da juſt ein leerer Wagen vorbeikam, gab 8 den Kutſcher ein Zeichen, worauf derſelbe an⸗ ielt Pierre Marteau öffnete ihm galant den Schlag. „Ach, mein Freund,“ ſagte der Chevalier,„es iſt wahr, ich hatte Dich vergeſſen. Der Menſch iſt doch wirklich ein ſehr undankbares Thier.“ Er nahm drei oder vier Louisdor aus ſeiner Taſche und wollte ſie dem braven Mann geben. Aber dieſer ſchüttelte den Kopf. „Iſt es nicht genug?“ ſagte der Chevalier. „Komm ins Hotel, mein Freund, dann will ich Dir mehr geben. 3 „O, ich ſage das nicht, mein Herr.“ „Und was ſagſt Du denn?“ „Ich ſage, daß ich Ihnen noch nützlich ſein kann, und wäre es auch nur, um vor der Behörde zu beweiſen, daß dieſer Hund wirklich Ihnen gehört, 220 und daß Sie das Thier an der Koppel führten, als man es Ihnen auf dem Boulevard des Ita⸗ liens ſtahl.“ „Nun denn, ſo komm! Ein braver Mann iſt immer nützlich, und wenn Du mir dieſen Dienſt leiſteſt, kannſt Du mir auch noch andere leiſten, Aber wohin willſt Du denn?“ „Zum Kutſcher, bei Gott.“ „Ja, ſteig auf den Bock, mein Freund.“ Dann ſagte der Chevalier zu ſich ſelbſt, wie wenn er ſein Blut in Wallung bringen wollte: „Ja, ja, ja, und wenn ich mich mit dieſem Chalier übers Schnupftuch ſchießen müßte, ſo will ich Black wieder haben... und, mein armer Du⸗ mesnil, nicht wahr, Du wirſt mich nicht im Stich laſſen bei dieſer Gelegenheit, wo ich Deinetwegen mein Leben aufs Spiel ſetze?“ Pierre Marteau hatte den Schlag wieder ge⸗ ſchloſſen und war zum Kutſcher aufgeſtiegen. „Wohin fahren wir, Herr?“ fragte dieſer. „Rue des Trois⸗Freres Nro. 22,“ antwortete der Chevalier. Der Fiaker rollte dahin. XVI. Wo der Chevalier, nachdem er ſeinen Hund wiederer- kannt hat, einen Freund wieder erkennt. Voll der düſterſten Gedanken kam der Chevalier in der Rue des Trois⸗Freres an. Herr Chalier war kaum einige Minuten vor⸗ her heimgekehrt. 221 Der Chevalier erkundigte ſich beim Contierge nach Black; der Concierge hatte niemals von Black ſprechen gehört; aber Herr Chalier war mit einem Hund heimgekommen, den man noch nie bei ihm geſehen hatte. Dieſer Hund war ein Wachtelhund vom ſchönſten Schwarz. Dieß war Alles was der Chevalier wiſſen wollte. Herr Chalier bewohnte den zweiten Stock eines ſehr ſchönen Hauſes. Herr de la Graverie ſtieg haſtig die Treppe hinauf, in der Hoffnung Black wiederzuſehen und auf Redensarten bedacht, wodurch er das Herz des alten Eigenthümers ſeines Hundes rühren könnte, ein Herz, das ihm übrigens, nach Allem was er geſehen hatte, nicht ſonderlich empfänglich ſchien. Er läutete an der Thüre des zweiten Stockes ohne feſten Plan und indem er ſich wohl zum zehnten Mal die Frage wiederholte: „Aber wo zum Teufel habe ich denn dieſen Na⸗ men Chalier geſehen?“ Herr Chalier war wirklich ſo eben heimgekehrt, aber da es zehn Uhr war und er in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Kaufmann große Ordnung im Hauſe hielt, ſo hatte er ſich unverzüglich zu Tiſche geſetzt, indem er unveränderlich um zehn Uhr frühſtückte. Dabei hatte er ausdrücklich befohlen, wenn ein Mann von etwa fünfzig Jahren, klein, kurz, dick und mit einem rothen Band im Knopfloch zu ihm wolle, ſo ſolle man ihn ſogleich in den Salon führen. Das Signalement paßte ſo gut auf den Che⸗ valier, daß der Bediente, als er ihm die Thüre öffnete, rief: 222 „Ah, das iſt der Herr, den Herr Chalier er⸗ wartet.“ „Ich glaube es,“ warf der Chevalier hin. „Ich ſoll Sie einführen und Herrn Chalier ſo⸗ gleich in Kenntniß ſezen. Er frühſtückt gerade.“ Der Chevalier hatte noch nicht gefrühſtückt und, ſagen wir noch mehr, er war dermaßen in Gedan⸗ ken verſunken, daß er kaum an dieſes Mahl gedacht hatte, dem er doch ſonſt eine gewiſſe Wichtigkeit beilegte. Ganz von der Berchouxſchen gaſtronomiſchen Moral durchdrungen, der zufolge man einen recht⸗ ſchaffenen Mann, wenn er ſeine Nahrung zu ſich nimmt, mit Nichts ſtören ſoll, antwortete Herr de la Graverie daher mit rein inſtinctmäßiger Höf⸗ lichkeit: „Schon gut, ſchon gut; ſtören Sie Herrn Cha⸗ lier nicht, ich werde im Salon warten.“ Der Bediente führte den Chevalier in das be⸗ zeichnete Gemach und benachrichtigte ſeinen Herrn von der Ankunft der erwarteten Perſon, während er ihm ihre Worte hinterbrachte, welche Black, der zu den Füßen ſeines neuen Eigenthümers lag, mit der intelligenteſten Aufmerkſamkeit anzuhören ſchien. Während dieſer Zeit ging der Chevalier im Salon gerade auf das Camin zu, worin ein gutes Feuer brannte, hielt ſeine Lenden hin und begann ſeine Waden zu wärmen, während er ſich zum eilf⸗ ten Mal fragte:. „Aber wo zum Teufel habe ich doch dieſen Na⸗ men Chalier geſehen?“ In dieſem Augenblick wurde die Aufmerkſamkeit 223 des Chevalier durch ein großes Oelgemälde ange⸗ zogen, das eine deutlichere Erinnerung als die an den neuen Beſizer Blacks in ihm zu erwecken ſchien. „Ei ſieh da!“ rief der Chevalier,„die Rhede von Papaeti.“ Und er lief auf das Gemälde zu. Es war für ihn eine ganze Offenbarung. Endlich erinnerte ſich Dieudonné, wo er dieſen Namen Chalier geſehen hatte, der ihn ſo ſchrecklich quälte. Kaum war dieſe lichtvolle Erinnerung durch ſein Gedächtniß gezogen, als er hinter ſich das Knar⸗ ren einer aufgehenden Thüre hörte. Er drehte ſich um und bemerkte Herrn Chalier. Jezt erinnerte er ſich nicht blos an den Namen, ſondern er erkannte auch das Geſicht wieder. Er warf ſeinen Hut auf den Teppich, lief auf ver Chalier zu, ergriff ſeine beiden Hände und agte: „Ach, mein Herr, mein Herr, Sie ſind in Taiti geweſen, nicht wahr? „Nun ja,“ antwortete Herr Chalier ganz er⸗ ſtaunt über dieſe gänzlich veränderte Stimmung bei einem Manne, den er bereits als ſeinen Gegner betrachtete. „Sie waren im Jahr 1831 mit der Corvette Dauphin dort?“ „Ja. „Das gelbe Fieber graſſirte auf dem Schiff? „Ja. „Am achten Auguſt ließ ſich ein Mann von fünfzig Jahren, groß, braun, hager, mit ſchwarzem 224 Schnurrbart und grau werdenden Haaren von Pa⸗ paeti aus an Bord des Dauphin führen und wurde angeſteckt.“ „Ja wohl, der Capitän Dumesnil!“ „Es iſt ſo, Dumesnil! Ah, ich täuſche mich nicht, Sie haben Dumesnil gekannt?“ „Ich glaube es wohl, ich war ſein beſter Freund.“ „Nein, mein Herr, nein: ſein beſter Freund war ich, deſſen kann ich mich wohl rühmen. Ah! Sacriſti! es gibt eine Vorſehung! Ja, es gibt eine Vorſehung,“ rief der ehrliche Chevalier mit Thrä⸗ nen in der Stimme, indem er zum erſten Mal in ſeinem Leben wirklich fluchte. „Ich habe es immer geglaubt,“ antwortete Herr Chalier lächelnd. „Umarmen Sie mich, mein Herr! umarmen wir uns!“ ſagte der Chevalier, indem er ſeine Arme um den Hals des Mannes ſchlang, den er zehn Minuten vorher hatte erwürgen wollen. „Es ſei!“ ſagte Herr Chalier in einem phleg⸗ matiſchen Ton, der gegen die Exaltation des Che⸗ valier gewaltig abſtach;„erkennen Sie an, daß es eine Vorſehung gibt, und zu Ehren dieſer Vorſehung umarmen Sie mich einmal, ja ſogar zweimal, wenn Sie durchaus darauf beſtehen, dann haben Sie die Güte ſich zu erklären, denn nach Allem was ich da ſehe, habe ich große Luſt meine Commis zu rufen und Sie nach Charenton führen zu laſſen.“ „Mein Herr,“ ſagte der Chevalier,„Sie haben das Recht dazu, denn ich bin ein Narr, ja buch⸗ ſtäblich ein Narr, aber vor Freude. Im Uebrigen wird ein einziges Wort Ihnen Alles erklären.“ 225 „Nun, ſo ſagen Sie dieſes Wort.“ „Ich bin der Chevalier de la Graverie.“ „Der Chevalier de la Graverie!“ rief ſeinerſeits Herr Chalier, der zum erſten Mal aus ſeiner fro⸗ ſtigen Haltung hervortrat, welche die gewöhnliche Temperatur ſeines Charatters zu ſein ſchien. „Ja, ja, ja.“ „Der Paſſagier, der am Tag nach dem Tod des armen Dumesnil zu uns auf den Dauphin kam?“ „Allerdings, und der mit Ihnen bis Valparaiſo reiste, wo Sie die Corvette verließen, deren Verdeck ich aus Furcht vor der Seekrankheit nur ein oder zwei Mal beſtiegen hatte.“ „In der That ſtieg ich in Valparaiſo ans Land, indem ich Blacks Mutter und ihn ſelbſt, den Sie als ganz klein kannten, mitnahm. Ach, Sie ſehen jetzt wohl, daß ich Sie nicht belog.“ „Ja, aber beſchäftigen wir uns jetzt, wenn es Ihnen genehm iſt, mit etwas Anderem als mit Black.“ „Mit Allem was Sie wollen.“ „Erinnert Sie mein Name Chevalier de la Graverie nicht an gewiſſe Umſtände?“. „Das iſt wahr, mein Herr.“ „Erinnern Sie ſich nicht des Päckchens, das Dumesnil Ihnen an Bord brachte, als er die un⸗ glückſelige Krankheit erwiſchte woran er ſtarb, und des Namens der Perſon an welche es adreſſirt war?“ „Frau de la Graverie...“ „Mathilde! Ach Chevalier,“ antwortete Herr Dumas, Black. II. 4 3 15 226 Chalier,„ich habe in dieſer Beziehung den Auftrag nicht vollziehen können, den ich übernommen hatte in der Meinung, daß ich unmittelbar nach Frankreich zurückkehren würde.“ 4 „Ah!“ „Sie haben mich in Valparaiſo ausſteigen ge⸗ „Fürs Erſte blieb ich weit länger dort, als ich geglaubt hatte, dann kehrte ich nicht über das Cap Horn zurück, ſondern nahm ein Schiff, das von einer Weltumſeglung zurückkam und ſeinen Weg über das Cap machte. So kam es, daß Frau de la Graverie bereits todt war, als ich iin Frankreich eintraf.“ „Aber haben Sie nichts Näheres über ihren Tod und uͤber das Kind, das ſie hinterließ, er⸗ fahren?“ „Nur wenig... aber ich will Ihnen Alles ſa⸗ gen was ich weiß.“ „O, ich flehe Sie darum an,“ ſagte der Cheva⸗ lier, ſeine Hände zuſammenlegend. „Ihr Bruder hatte, wie Sie ohne Zweifel wiſ⸗ ſen, verlangt, daß ſie das Kind nicht anerkennen dürfe, das ſie gebären würde. Sie gebar eine Tochter.“ „Ja, ſo iſts, ſo iſts.“ „Dieſe Tochter wurde Thereſe getauft.“ „Thereſe! Sind Sie deſſen gewiß?“ „Vollkommen.“. „Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort! Ich lauſche Ihren Worten.“ 227 In der That ſchien die Seele des Chevalier an den Lippen des Erzählers zu hängen. Das Kind war einer Frau anvertraut worden Namens. Herr Chalier beſann ſich auf den Namen. „Denniee,“ fiel der Chevalier lebhaft ein. „Ja, ſo iſts. Aber vergebens ſuchte ich nach dieſer Frau, ich konnte nicht die mindeſte Spur von ihr entdecken.“ „Nun wohl, mein Herr, ich habe ſie aufge⸗ I“ „Thereſe! „Thereſe?“ „Ja, und Ihnen wird Sie es zu verdanken haben, wenn ich ſie, wie ich hoffe, bald meine Toch⸗ ter nennen kann.“ „Ihre Tochter?“ „Allerdings.“ „Gleichwohl ſchien es mir...“ Herr Chalier hielt plötzlich inne: der Boden, auf den er ſich wagte, ſchien ihm zu brennen. Der Chevalier begriff ſeinen Gedanken. „Ja, das ſetzt Sie in Erſtaunen,“ ſagte er mit einem traurigen Lächeln;„aber wenn der Tod über eine Beleidigung hingegangen iſt, mein lieber Herr, dann iſt Derjenige ein Unglückſeliger, der ſich noch ihrer erinnert. Dann habe ich, das geſtehe ich Ihnen, ſieben lange Jahre meines Lebens hindurch gar Nichts geliebt als mich ſelbſt, und mit dem herannahenden Alter wurde ich flatterhaft; ich habe angefangen wegen eines Hundes eine ntraue an 228 mir ſelbſt zu begehen, und von einem Hund will ich auf mein Kind übergehen. Strengen Sie gü⸗ tigſt Ihr Gedächtniß ein wenig an. Haben Sie irgend einen Beweis, auf welchen wir die Geburt dieſes Mädchens gründen könnten?“ „Allerdings, wenn Sie beweiſen können, daß ſie wirklich dieſelbe iſt, die der Frau Denniee anver⸗ traut wurde, ſo habe ich eine Urkunde— dieſelbe welche der arme Dumesnil mir an Bord brachte, wobei er mir Mutter und Kind dringend empfahl — ich habe eine Urkunde welche Frau de la Gra⸗ verie und zwar auf den Rath des Arztes, der ſie behandelte, ausſtellen ließ, und welche darthut, daß das Kind weiblichen Geſchlechts, das in der Taufe die Namen Thereſe Delphine Marguerite erhielt, wirklich ihre Tochter war.“ „Und folglich auch die meinige!“ rief Herr de la Graverie ganz vergnügt.„Pater is est quem nuptiæ demonstrant.“ Und niemals iſt dieſes eherechtliche Axiom, das ſchon ſo manchen Ehemann zur Wuth gebracht, mit freudigerem Geſicht und zufriedenerem Herzen als maßgebend angeführt worden. Als der Chevpalier ſeinem Vergnügen den Lauf gelaſſen hatte, hielt er es für Zeit Herrn Chalier über die Lage der verſchiedenen Perſonen aufzuklä⸗ ren, die eine Rolle in dem Drama ſpielten, deſſen Entwicklung er, Dieudonné, mit ſolcher Mühe ſuchte. Er ſchloß ſeine Erzählung mit einem Bericht über Das was Tags zuvor im Eſtaminet hollan⸗ dais zwiſchen ihm und Herrn Gratien von Elbene vorgefallen war. 229 Als Herr Chalier von dem Duell erfuhr, das am folgenden Tag ſtattfinden ſollte, bot er Alles auf, um dem Chevalier davon abzurathen. Aber der Anblick Blacks und der Anfang von Aerger, den der Chevalier am Morgen ausgeſtan⸗ den, hatten ſeinen Muth vollkommen wieder her⸗ geſtellt. 4 „Nein, mein lieber Herr,“ ſagte er,„nein, nein, nein! ich bin unerſchütterlich. Ich war zum Duell ſchon entſchloſſen, als ich blos unbeſtimmte Vermuthungen über Thereſens Geburt hatte; jetzt da ich die Gewißheit beſitze, daß ſie Mathildens Tochter iſt, würde ich ihretwegen tauſendmal dem Tode Trotz bieten. Und ſehen Sie, es iſt wiederum Egoismus— ich bin immer ein Egoiſt geweſen und werde es bis an mein Ende bleiben— ſehen Sie,“ fuhr der Chevalier fort, indem er auf Black zeigte, der die Salonthüre aufgeſtoßen und melancholiſch den Kopf auf ſeinen Schooß gelegt hatte,„ich habe in meinen Leiden für dieſe theuren Geſchöpfe ſo viel Genuß gefunden, daß ich überzeugt bin, ich würde ſelbſt im Tode für ein geliebtes Weſen eine Quelle von Annehmlichkeiten und Tröſtungen fin⸗ den, die Niemand ahnt und mit denen ich nicht ungern Bekanntſchaft machen würde.“ 3 „Nun wohl,“ antwortete Herr Chalier,„da Sie ſo feſt entſchloſſen ſind, mein lieber Herr de la Gra⸗ verie, ſo erweiſen Sie mir die Ehre mich als Se⸗ cundanten anzunehmen.“ „Ach, ich wollte Sie eben darum bitten,“ rief der Chevalier ganz freudig. „Alſo es bleibt dabei?“ 230 „Ja, es bleibt dabei, und wir haben keine Mi⸗ nute zu verlieren.“ „Wie ſo?“ „Die Zeugen meines Gegners müſſen zwiſchen zwölf und ein Uhr auf der Terraſſe des Feuillants ſpazieren gehen, um ſich mit den meinigen zu ver⸗ ſtändigen.“— Der Chevalier zog ſeine Uhr. „Es iſt jetzt zehn Uhr fünfunddreißig Minuten,“ fügte er hinzu. „Nun, Sie ſehen wohl, daß wir noch Zeit haben.“ 165 iſt wahr, aber ich habe noch nicht gefrüh⸗ ſtückt.“ „Ich würde Sie gerne zu meinem Frühſtück ein⸗ laden, aber ich muß einen zweiten Secundanten für Sie ſuchen.“ „Warum?“ „Um die Bedingungen des Kampfes zu erörtern.“ „Das iſt unnöthig; dieſen zweiten Freund habe ich bereits. Nur beſtehe ich aus höchſt wichtigen Gründen darauf, daß er meinen Gegner und ſeine Zeugen erſt auf dem Kampfplatz zu Geſicht be⸗ komme; ich werde Sie alſo erſuchen die Bedingun⸗ gen des Duells allein ins Reine zu bringen.“ „Was für beſondere Wünſche haben Sie noch?“ „Keinen.“: „Aber wenn unſer Gegner uns die Wahl der Waffen ließe?“ „Nehmen Sie Das nicht an; er iſt der Belei⸗ digte; ich will kein Zugeſtändniß.“ „Gleichwohl ziehen Sie vielleicht die eine oder andere Waffe vor?“ 231— „Eine Waffe vorziehen? O nein, bei Gott, ich verabſcheue ſie alle zuſammen.“ „Aber Sie können doch ſchießen und den Degen führen?“ „Ja; mein armer Dumesnil hat mich trotz mei⸗ nes Widerwillens gegen dieſe Zerſtörungswerkzeuge ihren Gebrauch gelehrt.“ „Und Sie wiſſen die Waffen gehörig zu führen?“ „Mein Herr, Sie kennen die kleinen grünen Papageie mit orangegelben Köpfen, die etwas grö⸗ ßer ſind als gewöhnliche Spatzen, und die man auf allen Inſeln Oceaniens trifft?“. „Sehr gut.“ 3 „Nun wohl, vom Gipfel eines Baumes ſchoß ich immer zwei unter dreien herab.“ „Dann ſind Sie nicht ganz ſo ſtark, wie Du⸗ mesnil war, der mit jedem Schuſſe traf, aber dieß will immerhin Etwas heißen. Und mit dem Degen?“ „O, was den Degen betrifft, ſo kann ich blos pariren, aber in der Parade bin ich ſehr ſtark.“ „Das iſt genug.“ 8 „Und dann kenne ich einen Stoß...“ „Ah, ah!“ „Einen einzigen.“ 4 „Wenn dieß eine gewiſſe Finte iſt, mit welcher Dumesnil mich zehnmal getroffen hat, ſo wird ſie genügen.“ „Es iſt dieſelbe, mein Herr.“ „Dann bin ich nicht mehr beſorgt um Sie.“ 12 „Ich auch nicht; aber dennoch mache ich eine Bedingung.“ „Welche?“ 232 „Erlauben Sie, daß Black uns morgen auf den Kampfplatz begleite, mein lieber Herr Chalier? Ich bin ſehr abergläubiſch, und ich glaube, daß ſeine Gegenwart mir Glück bringen wird.“ „Black wird Sie nicht blos morgen, ſondern immer begleiten, Chevalier, und ich ſchätze mich wahrhaft glücklich Ihnen ein Thier anbieten zu können, auf das Sie ſo großen Werth legen.“ „Danke, danke!“ rief der Chevalier mit Thränen in den Augen.„Ah, Sie wiſſen nicht, was für ein Geſchenk Sie mir machen! Sehen Sie, Black iſt kein Thier, ſondern.. aber nein, Sie würden mirs nicht glauben,“ fügte der Chevalier hinzu, undem er bald Black, bald ſeinen neuen Freund anſah. Dann ſtreckte er ſeine Arme gegen Black aus und rief: „Black, mein wackerer Black!“ Black warf ſich in die Arme des Chevalier, in⸗ dem er ein ſanftes Freudengeheul ausſtieß, auf welches Dieſer ganz leiſe antwortete: „Sei ruhig jetzt, mein armer Dumesnil! Nichts wird uns mehr trennen... außer jedoch,“ fügte er wehmüthig hinzu,„außer vielleicht eine Piſtolenkugel oder ein Degenſtich.“ 3 Aber wie wenn er begriffen hätte, entriß ſich Black den Armen des Chevalier und begann ſo luſtige Sprünge zu machen und ſo freudig zu bellen, daß Herr de la Graverie, der, wie er geſagt hatte, an Vorzeichen glaubte, dieß für ein höchſt günſtiges hielt und im waghalſigſten Tone Herrn Chalier, in⸗ dem er ihm die Hand reichte, zurief: 233 „Daß Dich der Has beiß! Lieber Freund, haben Sie nicht von einem Frühſtück geſprochen, das Sie erwarte und wozu Sie mich einladen wollen?“ „Ja, allerdings.“. „Nun denn, alſo zu Tiſch, zu Tiſch! und luſtig gelebt!“ Der Kaufmann ſah den Chevalier voll Staunen an; aber er begann ſich in die Excentrizitäten ſeines neuen Freundes zu finden, und mit einer Stimme, die einen höchſt wunderlichen Contraſt gegen ſeine Worte bildete, wiederholte er: „Zu Tiſch alſo und luſtig gelebt!“ Und er führte ſeinen Gaſt in den Speiſeſaal, wo ein Frühſtück aufgetragen wurde, dergleichen Herr de la Graverie nicht mehr gekoſtet, ſeit er Marianne fortgejagt hatte. Als Herr de la Graverie aus dem Haus Nr. d heraustrat, fand er ſeinen Fiaker noch vor der ür. Der ehrliche Pierre Marteau befand ſich in der Nähe und vollendete ein weniger koſtbares, aber vermuthlich eben ſo willkommenes Frühſtück, wie dasjenige, woran der Chevalier ſich erlabt hatte; der Wurſter gegenüber und der Weinwirth in der Ecke hatten ſämmtliche Ingredienzien dazu geliefert. „Ah, ah!“ ſagte der brave Mann, als er den Chevalier am Arm des Herrn Chalier und hinter ihnen oder vielmehr hinter Herrn de la Graverie den Hund erblickte,„es ſcheint, Sie haben ſich mit dem Eigenthümer des Hundes zurechtgefunden, und Alles iſt aufs Beſte geendet.“ „Ja, mein Freund,“ ſagte der Chevalier,„und 234 da auch für Dich Alles aufs Beſte enden muß wie für mich, ſo wirſt Du mich jetzt vollends bis ins Hotel begleiten, wo wir, wenn Du willſt, mitein⸗ ander abrechnen werden.“ „O, das hat keine Eile, lieber Herr; ich gebe Ihnen gerne noch Credit.“ „Gut! Und wenn ich morgen getödtet werde!“ „Ei, Sie ſchlagen ſich ja nicht.“ „Ich ſchlage mich nicht mit dieſem Herrn hier,“ ſagte der Chevalier, ſich in die Bruſt werfend,„aber ich ſchlage mich mit einem Andern.“ „Wirklich?“ ſagte Pierre Marteau.„Nein, auf Ehre, beim erſten Blick hätte ich Sie nicht für einen ſolchen Raufbold gehalten; aber glücklicher Weiſe werden Sie vorher noch einmal ſchlafen, und die Nacht bringt Rath.“ Der Chevalier ſtieg in den Fiaker, wo Herr Chalier ihn bereits erwartete. Black, der ohne Zweifel eine neue Unannehnlichkeit fürchtete, ſtieg erſt nach dem Chevalier ein. Pierre Marteau ſchloß den Schlag hinter den beiden Herren und dem Hunde; dann ſetzte er ſich wieder zu dem Kutſcher. Im Augenblick, wo der Fiaker Rue de Rivoli vor der Thüre des Hotel de Londres anhielt, be⸗ gegneten ſich zwei Offizieren, die von entgegengeſetz⸗ ten Seiten herkamen, auf der Terraſſe des Feuillants. „Gut,“ ſagte der Chevalier,„das ſind unſere Leute. Laſſen Sie nicht auf ſich warten, mein lieber Chalier, und halten Sie wacker Stand.“ Herr Chalier nickte ihm zu, daß er zufrieden ſein ſolle, und ging über die Rue de Rivoli hinüber, —— —— 235⁵ während der Chevalier Pierre Marteau erſuchte ihm zu folgen.— Pierre Marteau gehorchte.. Auf ſeinem Zimmer angelangt, ſezte Herr de la. Graverie vor allen Dingen Black wieder in den Beſiz ſeiner Kiſſen, und als er ihn comfortabel ein⸗ gerichtet ſeh, ſagte er: „Ah, jezt kommt es an uns, mein braver Mann.“ Damit zog er aus einer Schublade des ver⸗ ſchloſſenen Secretärs eine kleine Brieftaſche von rothem Saſian, deſſen abgeſchoſſene Farbe lang⸗ jährigen Gebrauch ankündigte, nahm daraus ein durchſichtiges Stückchen Papier und überreichte es Pierre Marteau. Dieſer entfaltete es mit einer gewiſſen Unſchlüſ⸗ ſigkeit, und obſchon er mit der franzöſiſchen Bank nicht ſehr vertraut ſein konnte, ſo erkannte er doch, daß das Stückchen Papier aus dieſem ſchäzbaren Inſtitut hervorgegangen war. „O, o,“ ſagte er,„unterzeichnet Garat! Dieß iſt diejenige Unterſchrift, die ſich am leichteſten dis⸗ contiren läßt und für die man am wenigſten Cour⸗ tage nimmt. Wie viel muß ich Ihnen herausgeben, lieber Herr?“ „Nichts,“ antwortete der Chevalier.„Ich hatte Dir fünfhundert Franken verſprochen, wenn ich mei⸗ nen Hund wieder fände; ich habe ihn wieder ge⸗ funden und ich halte mein Wort.“ „Für mich, für mich das Alles? Ei, machen Sie doch keine Dummheiten, mein Herr! das iſt wirklich gar zu viel.“ — 236 „Das Billet gehört Dir, mein Lieber,“ ſagte der Chevalier,„behalte es.“ Pierre Marteau kratzte ſich hinter dem Ohr. „Nun ja,“ ſagte er,„Sie geben mirs gern, nicht wahr? 27 „Ja gewiß, von Herzen gern.“ „Aber werden Sie mir mit dem Billet nicht auch einen Händedruck geben?“ „Warum denn nicht? zwei mein Lieber, zwei und mit großem Vergnügen.“ Und er reichte dem Proletarier ſeine beiden Hände. Dieſer hielt die zarten Hände des Chevalier einige Secunden lang feſt zwiſchen ſeine ſchwieligen Hände gedrückt und ließ ſie nur los, um eine Thräne wegzuwiſchen, die aus ſeinem Augenwinkel über ſeine Wange hinabrann. „Nun wohl,“ ſagte er,„Sie können ſich rühmen, daß der Pfarrer von St. Eliſabeth morgen eine Tüchtige für Sie leſen wird.“ „Eine tüchtige was, mein Freund?“ fragte der Chevalier. „Eine tüchtige Meſſe, und ich erkläre Ihnen überdieß: wenn Ihnen worgen bei Ihrem Duell ein Unglück widerfährt, ſo lebt kein Gott mehr im Himmel.“ Und Pierre Marteau entfernte ſich, indem er eine zweite Thräne abwiſchte. Der Chevalier that daſſelbe, nur wiſchte er zwei auf einmal ab. Dann trat er ans Fenſter und öffnete es, indem er ein Liedchen vor ſich hin zu pfeifen verſuchte. — — ——— 237 Er ſah Herrn Chalier in wichtiger Beſprechung mit den beiden Zeugen des Herrn Gratien von Elbene. XVII. Kapitel, welches Denjenigen unſerer Leſer wohl ge⸗ fallen wird, die ihre Freude daran finden, wenn der Polichinell ſeinerſeits den Teufel holt. Der Chevalier de la Graverie ſchlief in dieſer Nacht wie ein Seliger. Freilich hatte er auch ſeinen Freund Dumesnil unter dem Pſeudonym Black bei ſich. Morgens ſieben Uhr war der Chevalier mit Beihülfe eines Friſeurs, den er aus der Rue Caſtiglione hatte holen laſſen, nicht blos angekleidet, ſondern auch raſirt und mit einer Sorgfalt friſirt, die er ſeit langer Zeit nicht mehr auf ſeine Toilette ver⸗ wendete, und er ging ruhig, beinahe lächelnd in ſeinem Zimmer auf und ab. Black ſeinerſeits verrieth eine tolle Luſtigkeit. Es iſt wahr, daß der Chevalier nicht im Ent⸗ fernteſten an ſein Duell dachte und daß er ſich kei⸗ neswegs, wie man etwa glauben könnte, aus Höf⸗ lichkeit gegen Herrn Gratien von Elbene hatte ra⸗ ſiren und friſiren laſſen. Nein; der Chevalier dachte an Thereſe, die jeden Augenblick bei ihm eintreffen konnte und die er vermittelſt zweier Schreiben an Herrn Chalier und an Henri, nachdem die Urkunde der Frau de la Graverie erwieſen, daß ſie wirklich ſeine 238 Tochter war, gebührender Maßen als einzige und alleinige Erbin hinterließ. Seiner Thereſe zu Liebe hatte er ſich friſiren und raſiren laſſen. Er dachte, welche Freude es für Thereſe ſein würde, wenn er ihr mittheilte, daß ſie ſeine Tochter ſei, denn er war feſt entſchloſſen dieſe Freude kei⸗ neswegs dadurch zu trüben, daß er dem Kind von den Fehltritten der Mutter erzählte. Nöthigenfalls wollte er ſogar die ſo vieljährige Verlaſſenheit der armen Waiſe auf ſein Gewiſſen nehmen. Ein Viertel nach ſieben Uhr klopfte es an der Zimmerthüre des Chevalier. Es war Henri von Elbene. Herr de la Graverie warf einen flüchtigen Blick auf den jungen Mann und ſah ſeinem heitern Ge⸗ ſichte leicht ab, daß er über die Perſönlichkeit ſeines Gegners ganz und gar nicht unterrichtet war. „Sie ſehen, mein Herr,“ ſagte Henri mit einer Höflichkeit, die auf eine Meile den Edelmann ver⸗ rieth,„Sie ſehen, wie pünktlich und getreu ich mich einfinde, um mein Wort zu löſen.“. Eine Art von Gewiſſensbiß ergriff den Chevalier. War es recht gehandelt, daß er auf ſolche Art Henri als Secundanten gegen Gratien gebrauchte, daß er ſich durch den Bruder am Bruder rächen wollte?„ Mit etwas verdüſtertem Geſicht antwortete er daher dem jungen Mann: „Sehen Sie, Herr Henri, ſo herzlich ich Ihnen für Ihre Pünktlichkeit und Ihre gütige Theilnahme 4 239 danke, ſo geſtehe ich doch, daß es mir lieber geweſen wäre, wenn Sie ſich nicht bei dem Rendezvous ein⸗ gefunden hätten.“ „Warum das, mein Herr?“ fragte der Baron verwundert. „Weil die bevorſtehenden Ereigniſſe Sie weit näher berühren, als Sie vermuthet haben und als Sie überhaupt vermuthen können.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ Der Chevalier legte ſeine Hand auf die Schulter des jungen Mannes und ſagte mit vollendeter Würde: „Mein Herr, trotz der großen Verſchiedenheit unſeres Alters haben Sie mir durch Ihren feſten, von thörichten Vorurtheilen freien Character, ſo wie durch die Hoheit Ihrer Geſinnungen eine tiefe Achtung und, erlauben Sie mir es zu ſagen, eine lebhafte Freundſchaft eingeflößt. Gleichwohl haben weder dieſe Achtung noch dieſe Freundſchaft mich veranlaßt Sie in mein Vertrauen zu ziehen.“ „Und durch welchen andern Grund haben Sie ſich alſo leiten laſſen, mein Herr 9* „Hören Sie, es iſt beſſer, wenn Sie es nicht erfahren; es iſt beſſer, wenn Sie, ſo lange es noch Zeit iſt, ſich entfernen, ohne mich dahin zu beglei⸗ ten, wohin ich gehe. Ich entbinde Sie Ihres Eides, ich gebe Ihnen Ihr Verſprechen zurück und je mehr ich daran denke, um ſo mehr finde ich, daß nicht blos Rückſichten der Vernunft, ſondern auch der Biederkeit und Menſchlichkeit mir das zur Pflicht machen. Das arme Kind, das Sie geliebt haben und das Sie noch immer liebt, könnte mirs übel nehmen, wenn ich Sie bei der Züchtigung betheilige.“ 240 „Was bedeuten dieſe Halbſagereien, Herr Che⸗ valier?“ fragte Henri;„von wem ſprechen Sie denn? ich beſchwöre Sie. Das arme Kind, das ich geliebt habe und das mich noch liebt, ſagen Sie? Ei, ich habe in meinem Leben nur ein einziges Mädchen geliebt, und dieſes Mädchen iſt...“ Henri zögerte; der Chevalier vollendete für ihn. „Iſt Thereſe, nicht wahr?“ fragte er. „Woher wiſſen Sie den Namen Thereſe? woher wiſſen Sie, daß ich Thereſe geliebt habe?“ fragte der Baron lebhaft. „Weil Thereſe meine Tochter iſt, mein Herr, meine einzige Tochter, mein geliebtes Kind, und weil ihr Verführer, der Menſch der ſeine Aehnlich⸗ keit mit ſeinem Bruder zu einem Verbrechen aus⸗ gebeutet hat... Ihr Bruder iſt.“ „Gratien!“ „Er ſelbſt.“ „Alſo mit meinem Bruder ſchlagen Sie ſich?“ Der Chevalier ſchwieg; ſein Schweigen war eine Antwort. „O der Unglückſelige!“ rief Henri, indem er ſein Geſicht zwiſchen beiden Händen verbarg. Nach einem Augenblick ſagte er dann: „Aber wie hat er ſich dazu verſtehen können ein Duell mit dem Vater des jungen Mädchens anzunehmen, das er verführt hat?“ „Er weiß nicht, daß ich Thereſens Vater bin; überdieß habe ich ihn auf eine ſolche Art beleidigt, daß er keine Wahl mehr hatte, ob er ſich ſchlagen wollte oder nicht.“ „O mein Gott, mein Gott!“ rief Henri. 0 —— 241 „Ei, ſo faſſen Sie doch Muth, mein Freund!“ ſagte der Chevalier;„wahrlich, es deucht mich ſehr ſonderbar, daß ich ſo ohne Weiteres andern Leuten Muth empfehle. Gehen Sie nach Hauſe zurück, aber auf eine Ihre Verſprechungen möchte ich noch immer zählen können.“ Henri gab durch ein Zeichen zu verſtehen, daß der Chevalier ſich auf ihn verlaſſen dürfe. „Wenn ich unterliege, was möglich iſt,“ fuhr der Chevalier mit einem ſanften und traurigen Lächeln fort,„ſo vermache ich Ihnen mein Kind, meine Tochter, meine Thereſe... die Ihrige, Henri! Wachen Sie über das Mädchen, tröſten und ſchützen Sie es! Herr Chalier, deſſen Adreſſe ich Ihnen hiemit gebe, wird Ihnen die Mittel liefern, There⸗ ſens Anſprüche an mein Vermögen zur Geltung zu bringen.“ „Nein, mein Herr, nein!“ rief Henri, indem er ſich aufrichtete und ſeine Rührung bewältigte;„Ge⸗ wiſſen iſt Gewiſſen, und es läßt nicht mit ſich mark⸗ ten. Was von Seiten eines Andern ſchändlich war, bleibt es auch von Seiten meines Bruders. Ich verlaſſe Sie nicht. Wenn Ihr Gegner nicht Gra⸗ tien wäre, ſo möchte ich gerne Ihren Platz ein⸗ nehmen; denn er hat mich, mich noch weit ſchwe⸗ rer beleidigt, als Sie; aber welche Bande mich auch an ihn knüpfen mögen, ſo werde ich durch meine Anweſenheit meinen ganzen Abſcheu vor ſei⸗ ner fluchwürdigen That zu erkennen geben. Wenn Sie der Rächer ſein ſollen, ſo perſonifizire ich den Gewiſſensbiß. Gehen wir alſo, mein Herr! gehen wir!“ Dumas, Black. II. 16 242 „Dieſer Entſchluß kommt aus einem großen Her⸗ zen, mein junger Freund, und ich könnte Ihnen meine ganze Hochachtung für Ihren Geſinnungsadel nicht beſſer beweiſen; aber bedenken Sie wohl, ich habe, das wiederhole ich Ihnen, Ihren Bruder ſo ſchwer beleidigt, daß jede Hoffnung auf eine Ver⸗ ſöhnung an Ort und Stelle chimäriſch wäre.“ „Ach, wenn ich frei wäre,“ rief Henri,„ſo ſollte Thereſe glücklich ſein, ſie ſollte wieder zu Ehren ge⸗ bracht werden... obſchon... O es iſt ſchrecklich! ein Bruder! Aber obſchon wir Zwillinge ſind, mein Herr, und trotz der Aehnlichkeit in unſern Zügen herrſcht doch die größte Verſchiedenheit in unſern Characteren: er lebt im Lärm der Bälle und der Cafes, ich lebe in der Einſamkeit. Seit ſeiner Rückkehr nach Paris habe ich ihn nicht zweimal geſehen... Doch ich ſchweife von der Frage ab; ich entſchuldige mich gewiſſer Maßen bei Ihnen wegen des Verbrechens eines Andern. Kurz und gut, wenn Sie Thereſe wieder ſehen, Chevalier— denn ſo unnatürlich ein ſolcher Wunſch ſcheinen mag, ſo hoffe ich doch, daß Sie ſie wieder ſehen werden— ſo ſagen Sie ihr, daß derjenige, der ſie ſo innig geliebt hat und noch liebt, ihren Vater in dieſem entſcheidenden Augenblick nicht habe verlaſſen wollen, ſo ſchwer es auch ſeinem Herzen geworden ſei.“ Der Chevalier reichte dem jungen Mann die Hand, dann ſagte er mit einem Blick auf die Uhr: „Die Zeit rückt vor, mein lieber Henri. Dieß iſt mein erſter Chrenhandel; ich habe mir kein Recht erworben auf mich warten zu laſſen. Gehen wir alſo.— Komm her, Black!“ 243 „Nehmen Sie Ihren Hund mit?“ „Allerdings.... ich könnte in einem ſolchen Augenblick nicht wünſchen, daß mein beſter und äl⸗ teſter Freund mich verließe. Ach, wenn er nicht geſtorben wäre, der arme Dumesnil!“ Henri ſah den Chevalier verwundert an. „Achten Sie nicht darauf,“ ſagte dieſer,„ich bin mir ganz klar.“ Auf der Treppe begegneten der Chevalier und Henri Herrn Chalier, der ſo eben eingetroffen war; er war in ſeinem eigenen Wagen gekommen, einer vortrefflichen geſchloſſenen Caleſche mit zwei guten Pferden. Alle drei ſtiegen in den Wagen. „„Chatou!“ ſagte Herr Chalier zum Kutſcher. Der Chevalier ſtellte ſeine beiden Zeugen ein⸗ ander vor. „Was haben Sie mit den Zeugen unſeres Geg⸗ ners verabredet, mein Herr? 2“ fragte Henri den Kaufmann. „Die Sache iſt in allen Punkten geregelt,“ ant⸗ wortete Herr Chalier.„Dieſe Herrn wollten das, Recht des Beleidigten nicht geltend machen; der Zu⸗ fall hat Alles entſchieden. Die beiden Gegner ſtel⸗ len ſich dreißig Schritte von einander, Jeder mit einem Piſtol auf; Jeder kann fünf Schritte avan⸗ ciren, ſo daß die Diſtanz nur noch zwanzig Schritte ausmacht, und nach Belieben Feuer geben.“ „Sie können doch Piſtolen ſchießen?“ fragte Henri den Chevalier mit einem leichten Zittern in der Stimme. „Ja, ein wenig.. Dumesnil hat nich. ge⸗ 244 lehrt,“ antwortete der Chevalier, indem er mit den ſeideweichen Ohren ſeines Hundes ſpielte. „Ja wohl,“ ſagte Herr Chalier, der den Ver⸗ wandtſchaftsgrad zwiſchen Henri und Gratien nicht kannte,„in Amerika tödtete der Chevalier zwei Papageie von dreien; ein Mann iſt doch viermal ſo dick, als ein Papagei; Sie ſehen alſo, daß dieß uns einige Hoffnung verleiht.“ Der Chevalier bemerkte die düſtere Phyſiognomie Henris und ergriff ſeine Hand. „Mein armer Freund,“ ſagte er zu ihm,„wenn ich nicht Thereſe hinter mir hätte, die ich tröſten und lieben muß, ſo würde ich zu Ihnen ſagen: Seien Sie ganz ruhig über das Schickſal meines„ Gegners!“* „Thun Sie Ihre Pflicht, Chevalier,“ antwor⸗ tete Henri.„Mein Leben war ſchon vorher ſehr traurig; um ſeine Laſt ertragen zu können, habe ich im Studium Zerſtreuung geſucht. Was auch geſchehen mag, es wird künftig noch trauriger ſein; aber ich werde Gott bitten ſeine Dauer zu ver⸗ kürzen.“ Trotz aller Discretion war Herr Chalier im Begriff eine Frage zu wagen; der Chevalier gab ihm ein Zeichen, daß er ſchweigen möchte. Der Kutſcher hielt auf Befehl ſeines Herrn ge⸗ genüber der Inſel Bougival an. Ein zweiter Wagen, der am Ufer ſtand, bewies daß der Gegner des Chevalier ſich bereits zum Rendezvous eingefunden hatte. In der That erblickten der Chevalier und ſeine beiden Zeugen, als ſie in dem Nachen ſtanden, der 245 ſie auf die Inſel hinüberführen ſollte, mitten in den Bäumen die ſchwarze Silhouette der drei Offi⸗ ziere. Sie waren alle drei in Civil. Man ſtieg ans Land. Herr Chalier ging voraus und ſchritt auf Lou⸗ ville zu, der auf dem ſteinernen Tiſch, welcher noch immer am Eingang der Inſel ſteht, ſaß und ſeine Cigarre rauchte. „Verzeihen Sie, mein Herr, daß wir Sie war⸗ ten ließen,“ ſagte er, ſeine Uhr herausziehend,„aber Sie ſehen, wir kommen nicht zu ſpät. Das Ren⸗ dezvous war auf neun Uhr feſtgeſetzt, und es ſind noch fünf Minuten bis dahin.“ In der That begann es auf der Kirchenuhr von Chatou, welche der des Herrn Chalier um fünf Minuten vorging, eben neun zu ſchlagen. „Entſchuldigen Sie ſich nicht, mein Herr,“ ſagte Louville;„Sie ſind im Gegentheil pünktlich wie eine Sonnenuhr; überdieß haben wir inzwiſchen unſere Zeit gut angewandt; wir haben eine Lich⸗ tung ausgewählt, die ausdrücklich hergerichtet zu ſein ſcheint, um ſich die Hälſe abzuſchneiden. Die Regelmäßigkeit der Pappeln, welche ſie umgeben, wird vielleicht nur ein allzu gutes Viſirkorn bilden und das Rencontre noch mörderiſcher machen, äber da dieſe Herrn ja doch nicht hiehergekommen ſind, um einander mit Kirſchenſteinen zu werfen, und da dieß das Beſte iſt was wir gefunden haben, ſo hoffe ich, daß Sie unſere Wahl gutheißen werden.“ Herr Chalier verneigte ſich beiſtimmend und demaskirte bei dieſer Gelegenheit Henri, der Arm in Arm mit dem Chevalier einherkam. 246 Als Gratien ſeinen Bruder bemerkte, wurde er todesblaß, ſagte aber kein Wort zu ihm. Die kleine Gruppe begab ſich ſchweigend nach der Lichtung, von welcher Louville geſprochen hatte. „Ach, mein armer Freund,“ ſagte der Chevalier zu Henri von Elbene,„es thut mir in der Seele weh, daß ich Sie hier ſehen muß.“ „Denken Sie nicht mehr daran,“ antwortete Henri,„denken Sie vielmehr an ſich ſelbſt und laſſen Sie uns von Ihnen ſprechen.“ „O mit nichten!“ antwortete der Chevalier. „Zum Henker, Sie würden mir da einen ſehr ſchlim⸗ men Dienſt leiſten, ohne es zu ahnen. Sprechen wir im Gegentheil nicht von mir und denken wir ſo wenig als möglich daran⸗ Sehen Sie, lieber Freund, Ihnen kann ichs wohl geſtehen, ich bin kein Held, oder vielmehr, ich kann mir blos deßhalb ein tapferes Anſehen geben, weil ich an etwas ganz Anderes denke, als was jetzt vor ſich gehen wird. Und ſo eben noch wurde ich, als ich dieſe mit grüner Serſche überzogenen Etuis erblickte, welche die Waffen enthalten, deren eine mich vielleicht in zehn Minuten aufs Gras niedergeſtreckt haben wird, von einem Schauer erfaßt, der mir durchaus nichts Gutes verſpricht. Ach, mein lieber Herr; ich be⸗ ſitze in Chartres ein ſo reizendes, ſo lieblich von den Düften der Roſenſträuche, die unter meinem Fenſter blühen, parfümirtes Zimmer, daß ich in der Stille zu mir ſage: Ich möchte viel lieber dort ſein, als hier. Aber, zum Henker noch einmal, denken wir nicht mehr an alles dos; nur vergeſſen Sie meine Bitten in Betreff Thereſens nicht.“ 247 „Seien Sie ruhig.“ „Sie verſprechen mirs?“ „Brauche ich Ihnen Etwas zu verſprechen, was meinem Herzen ſüß ſein wird?“ „Ahl“ machte der Chevalier mit einem leichten Erblaſſen,„wir ſind, glaube ich, an Ort und Stelle. Der Platz ſcheint mir in der That vortrefflich aus⸗ gewählt zu ſein. Lieutenant Louville verſteht ſich entſchieden darauf beſſer als auf das Hundevergif⸗ ten; nicht wahr, Black?“ Die Zeugen machten Halt. Man zog die Pi⸗ ſtole, die dem Chevalier de la Graverie Schauer erregt hatten, aus ihren Etuis, und Herr Chalier 8 wie einer der Zeugen Gratiens begannen ſie zu aden. Während dieſer Zeit winkte Gratien dem Che⸗ valier, er möchte ſich der Gruppe der Zeugen nä⸗ hern, dann ſagte er, indem er es ſorgfältig vermied ſeinen Bruder anzuſehen: „Meine Herrn, ich bin von Herrn de la Gra⸗ verie ſchwer beſchimpft worden; die Ehre der Uni⸗ form, die ich trage, erheiſcht eine Genugthuung: gleichwohl findet zwiſchen ihm und mir ein ſolches Mißverhältniß des Alters ſtatt, daß ich, wenn er nur ein Bedauern über ſein leidenſchaftliches Beneh⸗ men ausdrücken will, mich mit ſeinen Entſchuldi⸗ gungen begnügen werde, obſchon ſie etwas ſpät kommen.“ „Ich werde Ihnen Entſchuldigungen machen, mein Herr,“ antwortete der Chevalier,„ich werde ſie kniefällig, ich werde ſie mit der Stirne im Staub und mit Thränen in den Augen vorbringen, wenn 248 Sie Ihrerſeits Ihr Unrecht gegen Thereſe de la Graverie, meine Tochter, anerkennen und durch eine Heirath wieder gut machen wollen.“ „Ei warum nicht gar!“ machte der Lieutenant Louville. „Stille, mein Herr,“ ſagte Henri von Elbene, indem er lebhaft den Arm des jungen Mannes er⸗ griff,„ſtille! Ihre Einſchreitung iſt bis zur Stunde für die beiden Herrn zu unheilvoll geweſen, als daß Sie dieſelbe hier fortſetzen dürften, wo ſie nicht blos gefährlich, ſondern auch unſchicklich iſt.“ Dann wandte er ſich an Gratien und ſagte: „Antworte, Bruder; eine an Dich gerichtete Aufforderung mußt Du ſelbſt beantworten, und nicht ein Fremder.“ „Ich habe Nichts zu antworten,“ erwiderte Gratien. „Bedenke es wohl!“ 1 „Juſt weil ich es bedenke, ſchweige ich. Wenn ich die Bedingungen des Chevalier auf dem Platz vughnne ſo würde man ſagen, ich habe Angſt ge⸗ a t.“ Eine höfliche, aber entſchiedene Verbeugung begleitete dieſe letzten Worte, und der Chevalier und Henri traten auf die Seite. „Jetzt maßen die Herren Chalier und Louville dreißig Schritte ab, welche Herr Chalier ſo groß als möglich machte, bezeichneten mit einem abgebro⸗ chenen Zweig die Grenzen, bis wohin die beiden Gegner avanciren durften, und trafen dann Anſtalt ihne die Waffen zu überreichen. ine Herren,“ ſagte Henri,„Sie verſichern 249 auf Ehre, daß die Piſtole dem Gegner des Herrn de la Graverie unbekannt ſind?“ „Auf Ehre,“ antworteten die beiden Offiziere. Einer von ihnen fügte hinzu: „Ich ſelbſt habe ſie bei Lepage gemiethet.“ „Sind ſie gezogen?“ fragte Henri. „Nein.“ 1 „Das genügt,“ ſagte Henri. he Piſtole wurden den beiden Gegnern über⸗ reicht. Dieſe ſtellten ſich auf ihre Plätze. Black folgte dem Chevalier und druückte ſich an ihn; der Chevalier konnte ihn ſpüren: er dankte ihm mit einem Blick voll Erkenntlichkeit. „He, mein Herr,“ ſagte Louville,„ſchicken Sie Ihren Hund fort.“ „Mein Hund verläßt! antwortete der Chevalier. „Und wenn man ihn tödtet?“ „Dann iſt es nicht das erſte Mal, daß er wegen allzu großer Treue in Todesgefahr kam. Sie kön⸗ nen ein Lied davon ſingen, Herr Louville.“ Dann, als Herr Chalier ihm einige letzte Rath⸗ ſchläge ertheilte, ſagte der Chevalier ganz leiſe zu ihm: „Ach, Sie wiſſen nicht, welchen eigenthümlichen ich nicht, mein Herr,“ Eindruck es mir macht auf einen Menſchen ſchießen zu müſſen: es iſt mir, als ob ich mich nie dazu entſchließen könnte.“ 4* „In der That war der Chevalier ſehr das Piſtol wackelte in ſeiner Hand, ſeine k Lippen wurden von einem krampfhaften Zitter .„ — 250 regt; von Zeit zu Zeit richtete er ſich auf und ſchüttelte ſich, als wollte er ſich der Bewegung er⸗ wehren, die ihn wider ſeinen Willen erfaßte. „Mein Herr,“ ſagte der zweite Secundant Gra⸗ tiens, indem er dem Chevalier die Hand drückte, „Sie ſind in Wahrheit ein tapferer Mann, und bei Ihnen iſt die Tapferkeit zehnmal verdienſtlicher, als bei einem Andern.“ Die Zeugen hatten ſich bereits zurückgezogen, als Gratien, der ſeit einigen Minuten höchſt aufge⸗ regt ſchien, ſeinem Bruder ein Zeichen gab, daß er ihn zu ſprechen wünſche. Henri eilte zu dem jungen Offizier. Dieſer führte ihn auf die Seite und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. Henri ſchien tief erg iſfen von Dem, was ſein Bruder zu ihm ſagte. Als Dieſer ausgeſprocſen hatte, nahm er ihn in ſeine Arme, drückte ihn an ſein Herz und küßte ihn zu wiederholten Malen. Dann verließ er ihn und ſetzte ſich auf den Boden, links von dem Chevalier, indem er dem Kampf den Rücken drehte und den Kopf zwiſchen ſeine Hände nahm. Louville fragte, ob die Gegner bereit ſeien. „Ja!“ antworteten Dieſe einſtimmig. „Achtung!“ commandirte Louville. Und er zählte: „Eins... zwei... drei!“ 3 Auf die Empfehlung des Herrn Chalier ſchritt Chevalier de la Graverie beim Worte drei 251 Gratien ſchoß im Gehen. Die Kugel des jungen Mannes flog durch den Rockkragen des Chevalier, aber ohne ihm auch nur die Haut zu ritzen. 3 Henri drehte ſich lebhaft umz er ſah beide Gegner daſtehen, die Mündung von Gratiens Piſtol rauchte. Er ſtieß einen Seufzer aus und wandte die Augen ab. Der Chevalier war ganz betäubt unbeweglich an ſeinem Platz geblieben. „Ei, ſo ſchießen Sie doch, Herr! ſchießen Sie doch!“ riefen die Zeugen. Vermuthlich ohne ſich über die wahrſcheinlichen Folgen Rechenſchaft zu geben, hob der Chevalier ſein Piſtol, das an ſeiner Hüfte hinabhing, empor, ſtreckte den Arm aus und feuerte, ohne zu zielen. „Wie Gott will!“ ſagte er. Gratien drehte ſich um ſich ſelbſt und ſiel mit dem Geſicht auf die Erde. Als Henri ſich umwandte, ſah er ſeinen Bruder auf dem Gras ausgeſtreckt. 3 Er ſtieß einen Schrei aus, dann murmelte er: „Dieß iſt in Wahrheit ein Gottesurtheil!“ Alle liefen auf den Verwundeten zu. Henri hob ihn auf und hielt ihn in ſeinen Armen. Der Chevalier war troſtlos und bat ſchluchzend Gott um Verzeihung wegen des Mordes, den er be⸗ gangen habe. Die Wunde war im höchſten Grad gefährlich. Die Kugel war unter der ſechsten Rippe rechts in die Bruſt eingedrungen und mußte ſich in die Lunge verloren haben. 25² Es floß beinahe kein Blut; der Erguß mußte innerlich ſtattfinden. Der Verwundete war dem Erſticken nahe. Herr Chalier zog eine Lanzette aus der Taſche und ließ ihm zur Ader. Er hatte auf ſeinen lan⸗ gen Reiſen dieſe bei ſo mancherlei Umſtänden noth⸗ wendige Operation gelernt. Der Verwundete verſpürte eine Erleichterung und athmete weit beſſer. Inzwiſchen trat ein röthlicher Schaum auf ſeine Lippen. Man machte in der Eile eine Tragbahre und brachte ihn ins Schiff. Während dieſer Zeit näherte ſich Henri, der ſehr blaß war, aber ſeine Bewegung beherrſchte, dem Chevalier. „Herr Chevalier,“ ſagte er,„im Augenblick, wo dieſer Kampf begann, auf welchen mein Bruder aus Rückſicht auf ein beklagenswerthes Vorurtheil nicht verzichten wollte, hat er mich beauftragt, ich möchte Sie, was auch der Ausgang dieſes Duells wäre, bitten ihm gütigſt die Hand Ihrer Tochter, des Fräu⸗ leins Thereſe de la Graverie, zu bewilligen.“ 3 Bei dieſen Worten ſtürzte ſich der Chevalier in die Arme des jungen Mannes und ſank, ſeiner Auf⸗ regung erliegend, in Ohnmacht. Als er wieder zur Beſinnung kam, hatten Henri und die Zeugen des Verwundeten ſammt demſelben ſich entfernt. Er war allein mit Herrn Chalier, der ihm in die Hände klopfte, und mit Black, der ſein Geſicht beleckte. 253 XVIII. Kapitel, welches ſich wohl hüten wird anders zu enden als die letzten Kapitel eines Romans gewöhnlich enden. Als Herr de la Graverie ins Hotel de Londres zurückkam, meldete man ihm, Thereſe ſei eingetrof⸗ fen und erwarte ihn auf ſeinem Zimmer. Die Aufregung des Chevalier war ſo ſtark, daß er nicht den Muth in ſich verſpürte dem jungen Mädchen die Ereigniſſe anzukündigen, die eine ſo durchgreifende Veränderung in ihrem Schickſal her⸗ beigeführt hatten. Er ſetzte Herrn Chalier aufs Laufende über Das was er zu ſagen hätte, und ſchob ihn ins Zimmer hinein, während er ſelbſt hinter der Thüre wartete. 3 Thereſe war ſehr erſtaunt, als ſie einen Frem⸗ den ſtatt des Herrn de la Graverie eintreten ſah; aber Herr Chalier beeilte ſich ſie zu beruhigen; überdieß folgte Black, der ſeine junge Gebieterin gewittert hatte, dem Kaufmann und liebkoste The⸗ reſe auf alle mögliche Arten. Als dieſe jedoch von der Gefahr vernahm, wel⸗ cher Herr de la Graverie ſich ihretwegen ausgeſetzt hatte, da rief ſie ganz troſtlos: „O, mein Vater! mein guter Vater! wo iſt er denn?“ Der Chevalier konnte dieſem Ruf nicht wider⸗ ſtehen. Er riß die Thüre auf und ſtürzte ſich in die Arme des jungen Mädchens, das er an ſein Herz 254 drückte, während er ihre Stirne mit Küſſen bedeckte. „Mord! Element!“ rief er, als er ſich aus die⸗ ſer Umſtrickung losgemacht hatte,„jetzt bin ich reich⸗ lich für Alles belohnt was ich für Dich gethan habe, mein Kind! O, wie wonnevoll iſt es doch ſich wieder zu ſehen und zu umarmen, während man ſo nahe daran war auf immer getrennt zu werden! Nein, bei Gott, es gibt Nichts auf Er⸗ den, was dieſem Glück gleichkäme!“ Dann hielt er plötzlich inne und fügte, als er⸗ ſchräcke er über ſich ſelbſt, hinzu: „Nun wohlan, es ſcheint mir aber Zeit zu ſein, daß ich wieder in meine gewöhnliche Stimmung komme; ſeit zwei Tagen fluche ich wie ein Heide, was mir ſelbſt bei meinen großen Zornesausbrüchen gegen Marianne nie begegnet war. Daß Dich der Has beiß! Jetzt würde die gute Stiftsdame mich nicht mehr erkennen.“ „Lieber Vater,“ ſagte Thereſe, indem ſie den Chevalier von Neuem umhalste,„ſelbſt in meinen ehrgeizigſten Träumen hätte ich niemals das zu wünſchen gewagt, was mir heute widerfährt.“ Dann ging ſie auf einen andern Ideenkreis über und ſagte: „Ach, meine arme Mutter iſt alſo todt? O, wir wollen recht oft von ihr ſprechen, nicht wahr?“ Herr Chalier warf einen Blick voll Mitleid und Angſt auf den Chevalier. Aber dieſer ſchien von der Frage des jungen Mädchens keineswegs ergriffen zu werden. „O, ganz gewiß werden wir oft von ihr ſpre⸗ chen,“ antwortete er.„Sie war ſo gut, ſie war 25⁵⁵ ſo ſchön! ganz Dein Ebenbild, mein Kind. Ach, wenn Du wüßteſt, wie glücklich ſie mich in meiner Jugend gemacht, welche liebliche Erinnerungen ſie mir von einer Zeit hinterlaſſen hat, die uns jetzt ſehr en liegt, aber meinem Herzen ſtets gegenwärtig eibt!“ 3 „Sie iſt alſo auch ſehr unglücklich geweſen?“ „Ach ja, liebe Kleine. Was willſt Du?“ fügte der Chevalier mit einem Seufzer hinzu,„ich war jung und bin nicht immer vernünftig geweſen.“ „O das iſt unmöglich, Vater,“ rief das junge Mädchen,„und wenn meine Mutter unglücklich war, ſo möchte ich darauf ſchwören, daß ſie es nicht durch Sie geworden iſt.“ „Wiſſen Sie, daß Ihr Herz gediegenes Gold iſt?“ ſagte Herr Chalier dem Chevalier ins Ohr. „Ja wohl,“ verſetzte dieſer,„mein Herz, mein Herz... ich bin ihm böſe! Wäre es nicht ſo faul und ſo feige geweſen, ſo würde ich dieſes theure kleine Weſen da ſchon ſeit acht Jahren auf meinem Schooße ſchaukeln. O wie wohl das thun muß, mein Freund, von ſo einem neunjährigen Mädchen wie Milch und Blut geküßt zu werden. Und ſehen Sie, das iſt ein Glück, um welches mein Egoismus mich gebracht hat.“ In dieſem Augenblick kam der Kellner herein und meldete Herrn de la Graverie, ein junger Mann, derſelbe der ihn ſchon am Morgen beſucht habe, warte auf dem Abſatz. Der Chevalier ging raſch hinaus. Es war wirklich Henri. 25⁵6 „Thereſe iſt da,“ ſagte Herr de la Graverie zu ihm.„Wollen Sie das Mädchen ſehen?“ „Nein,“ antwortete Henri.„Dieß würde ſich weder für ſie noch für mich ſchicken. Ich werde nicht einmal der Ceremonie anwohnen. Mein Vater, dem ich ſo eben den ganzen Vorfall erzählte und der zu dieſer allzu ſpäten Wiedergutmachung ſeine Einwilligung gegeben hat, mein Vater wird unſere Familie bei meinem unglücklichen Bruder vertreten.“ Aber Thereſe hatte eine Stimme gehört und mit jener außerordentlichen Wahrnehmungskraft, die mit tiefen Neigungen Hand in Hand geht, hatte ſie Henri erkannt. Ehe Herr Chalier ſich ihrer Abſicht widerſetzen, ehe er ſie auch nur ahnen konnte, öffnete ſie die Thüre und ſtürzte dem jungen Mann in die Arme. „O Henri, Henri!“ rief ſie,„Du weißt, daß ich nur Dir nachgegeben habe.“ „Ich weiß Alles, meine arme Thereſe,“ ſagte Henri. „O warum haſt Du mich verlaſſen!“ murmelte das junge Mädchen. „Ach! ich büße meine Schwäche ſchrecklich!“ ant⸗ wortete Henri;„aber ſeien wir eben ſo groß als unſer Unglück, Thereſe! In einigen Augenblicken wirſt Du meine Schweſter ſein. Bleiben wir Beide der neuen Bande würdig, die uns vereinigen wer⸗ den. Laß mich jetzt gehen!“ „Verlaß mich nicht in dieſem Augenblick, Henri, ich bitte Dich um Alles! Bleib bei mir, bis neue Eidſchwüre uns zum zweiten Mal getrennt haben.“ Henri, der ſelbſt ſchrecklich bei dem Gedanken b 257 litt, Thereſe verlaſſen zu müſſen, hatte nicht die Kraft ihrer Bitte zu widerſtehen, und entſchloß ſich alſo ſie zu ſeinem Bruder zu begleiten.. So ſchmerzlich der Transport ſein mußte, ſo hatte Gratien dennoch verlangt, daß man ihn nach Paris zurückführe. Man hatte ihn ins Hotel des Faubourg St. Ho⸗ noré gebracht. Der Chevalier, Thereſe, Henri und Herr Cha⸗ lier trafen Herrn von Elbene Vater und die beiden Offiziere, die als Zeugen gedient hatten, beim Bette des Verwundeten. Ein Wundarzt war gerufen worden und ver⸗ pflegte ihn. Gratien lag auf einem Ruhebett und wurde durch Kiſſen in einer beinahe ſenkrechten Stellung erhalten, damit das Blut ſich nicht in der Bruſt ſammeln konnte. Er war blaß, und gleichwohl hatten ſeine Au⸗ gen eine Ruhe und Heiterkeit, die ſeinem Blick früher gänzlich gefehlt hatten. Als er Thereſe, die ſelbſt todesblaß und durch ihre Schwangerſchaft entſtellt war, auf der einen Seite von Henri, auf der andern von dem Cheva⸗ lier geſtützt eintreten ſah, da zog Gratien lang⸗ ſam ſeine Hände unter ſeinen blutbefleckten Tüchern hervor und legte ſie zuſammen, gleich als wollte er das Mädchen um Verzeihung bitten. Sein Athem war dermaßen bedrückt, daß er nur mit der größten Schwierigkeit ſprach. Im Uebrigen war es der Graf von Elbene, der das Wort ergriff: Dumas, Black. II. 17 258 „Mein Sohn hat ſich ſehr ſchwer gegen Sie vergangen, mein Fräulein,“ ſagte er, ner büßt da⸗ für gerecht, aber ſchrecklich. Wollen Sie ihm gü⸗ tigſt verzeihen und durch Ihr Mitleid die letzten Augenblicke meines armen Kindes lindern?“ Thereſe warf ſich neben Gratiens Bett auf die Knie, nahm die bereits eiskalten Hände des Ster⸗ benden in die ihrigen und preßte ſie ſchluchzend an ihre Lippen. Bei dieſem Druck belebte ſich Gratien wieder und verſuchte es ſeiner traurigen Braut dankbar zuzulächeln. In dieſem Augenblick traten der Beamte und die Prieſter, die man beſchickt hatte, ins Zimmer. Der Erſtere nahm die geſetzliche Vermählung vor. Dann begannen der Prieſter und ſeine Gehilfen, die ihre kirchlichen Gewande angezogen hatten, die religiöſe Ceremonie. Es war ein wahrhaft impoſantes Schauſpiel, das in dieſem Zimmer aufgeführt wurde. Ueberall der Todesapparat, Leintücher mit dickem Blut geſchwängert auf den Teppichen, chirurgiſches Beſteck auf einem Tiſch; in den Ecken ſitzend oder um das Bett her ſtehend Männer mit bleichen und beſtürzten Geſichtern: mitten in all Dem das laute Schluchzen Thereſens, welches die eintönige Stimme des die Gebete herleiernden Prieſters unterbrach, und Alles übertönend das durchdringende ziſchende Athmen des Verwundeten, endlich die Phyſiognomie der Hochzeitleute; die Braut, dieſes arme Mädchen, das kaum von einer furchtbaren Krankheit wieder hergeſtellt war und, unter ſeiner Aufregung erlie⸗ ——— 259 gend, nur noch zu leben ſchien, um das Kind das ſie unter ihrem Herzen trug für das Daſein zu er⸗ halten; der Bräutigam, der ſich zu gleicher Zeit mit dem Tod und dem Mädchen vermählte und als Hochzeitbett einen Sarg bekommen ſollte; alles Das, beglänzt von dem funkelnden Schein einiger Kerzen, bildete ein Gemälde der rührendſten Art. Als der Prieſter den Sterbenden fragte, ob er entſchloſſen ſei Thereſe zur Gattin zu nehmen, ſprach Gratien ein ſo helles und ſo deutliches Ja, daß man es am andern Ende des Zimmers hörte; dann ſtützte er den Kopf auf ſeine Hände und ſchien ängſt⸗ lich Thereſens Antwort auf dieſelbe Frage abzu⸗ warten.. Im Augenblick, wo der Ofſiziant die Worte ſprach, welche die Vereinigung der beiden Gatten vor Gott beſtätigten, ließ Gratien ſeinen Kopf auf das Kiſſen zurückſinken, ſeine Hand drückte ſanft Thereſens Hand, welche der Prieſter hineingelegt hatte, dann ſuchte er mit den Augen Herrn de la Graverie, der inbrünſtig betend am Bette kniete, und murmelte mit erloſchener Stimme: „Sind Sie zufrieden, mein Herr?“ Aber die doppelte Anſtrengung, die er gemacht hatte um ja zu antworten und um dieſe Frage an den Chevalier zu richten, hatte den Verwundeten erſchöpft. Eine krampfhafte Bewegung ſchüttelte ihn; was von Röthe auf ſeinen Wangen und von Feuer in ſeinen Augen zurück geblieben war, ent⸗ ſchwand. „Madame,“ ſagte der Prieſter,„wenn Sie den 260 letzten Seufzer Ihres Gatten in Empfang nehmen wollen, ſo iſt es die höchſte Zeit.“ Die Neuvermählte warf ſich über Gratien hin, aber bevor ihre Lippen die des Verwundeten be⸗ rühren konnten, hatte die Seele den Körper ver⸗ laſſen. 3 Gratien hatte den letzten Seufzer ausgehaucht. Black, an welchen Niemand dachte, ließ eine lange grauenvolle Klage vernehmen, ſo daß ſämmt⸗ liche Anweſende von einem kalten Schauer erfaßt wurden. 4 * Der Chevalier de la Graverie brauchte lange Zeit, bis er ſich von der furchtbaren Gemüthsbewe⸗ gung erholte, welche dieſe Kataſtrophe und die Um⸗ ſtände die ihr vorhergegangen ihm verurſacht hatten. Nur andere Sorgen und andere Bekümmerniſſe vermochten ihn zu zerſtreuen. Die Frau Baronin von Elbene war Mutter geworden, und für ein ſo eindrucksfähiges Herz wie der Chevalier wurde der neue Ankömmling— das Kind war ein Knabe— Gegenſtand vielfacher Seelenangſt. Er beſchäftigte ſich zu gleicher Zeit mit der Wahl der Amme und mit der Verpflegung der Wöchnerin und des Kindes, und als ob es mit dieſen Sorgen nicht genug geweſen wäre, ſpiegelte ſeine Einbil⸗ dungskraft, die augenſcheinlich die Zeit hereinholen wollte, welche ſie in gänzlicher Erſtarrung hinge⸗ bracht hatte, ihm auf einmal die Entwöhnung, die Kindheit, die Jugend und das Mannesalter des Wickelkindes vor. Er dachte an die Mittel, die er 261 anwenden würde, um dieſes arme kleine Weſen, das noch nicht über die Gefahren des Zahnens hinaus war, vor den Gefahren der Welt zu bewahren. Eines Tags, als Thereſe wieder hergeſtellt war, beſtand der Chevalier darauf, ſie ſolle ihn auf ſei⸗ nem gewöhnlichen Spaziergang, der durch ſo viele Ereigniſſe unterbrochen worden, begleiten. Die Baronin von Elbene, die einem ſo zärtlichen und ſo zuvorkommenden Vater Nichts abſchlagen lennte, erklärte ſich mit größtem Vergnügen dazu ereit. Der Chevalier führte ſie nach der Bank auf dem Courtillehügel, auf welche er ſich früher tagtäglich geſetzt hatte, um die Landſchaft zu betrachten. Er nahm zuerſt Platz und hieß Thereſe zu ſei⸗ ner Rechten, die Amme zu ſeiner Linken ſitzen; dann nahm er Black zwiſchen ſeine Knie und ſagte: „Denk Dir nur, Herr Chalier leugnet durchaus, daß Dumesnil unter dieſer ſchwarzen Haut ſteckt... und dennoch iſt er es, der Alles gemacht hat.“ „Nein, mein Vater,“ antwortete die junge Dame lächelnd,„die Zuckerſtücke ſind es, die Sie in Ihrer Taſche gelaſſen hatten.“ Der Chevalier ſchwieg eine Weile und heftete ſein Auge auf die zwei hohen Thürme der Cathe⸗ drale, die ihr ehernes vergoldetés Kreuz bis in die Mitte der Wolken emporſtreckten. „In der That,“ rief er auf den Himmel zei⸗ gend,„es iſt weit einfacher zu glauben, daß alles Vorgefallene das Werk Deſſen ſei Der da oben thront... Aber jedenfalls haſt Du Nichts dabei geſchadet, mein armer Black.“ 262 Und während er den Wachtelhund auf die Naſe küßte, fügte er hinzu: „Mein lieber Dumesnil!“ Während dieſer Zeit beobachteten die wackeren Chartrer, die ihren Müſſiggang auf den Hügeln ſpazieren führten, den Chevalier und ſagten: „Ei ſehet doch Herrn de la Graverie, er ſtrahlt vor Freude!“ „Ich glaube es wohl! Sein Magen wurde ſchlecht: er konnte die Trüffeln nicht mehr ertragen, mit dem Hummer wollte es auch nicht mehr recht gehen; nun hat er juſt zur rechten Zeit eine neue Sünde gefunden, um die alte zu erſetzen.“ „O wie können Sie Das ſagen? Man behaup⸗ tet ja, die junge Dame ſei ſeine Tochter.“ 7 „Seine Tochter! und Sie glauben Das, Sie? Seien Sie doch nicht ſo einfältig, meine Liebe! Sie wiſſen ja, was für abgefeimte Spitzbuben dieſe alten Herrn vom früheren Regime ſind!“ Ende. 8 —— 3—